Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1 otensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Desepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet . wird. ₰ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: * auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 „„„„„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ *, — — Jaßob van der Mees. Zweiter Pheil. Jakob van der Uees. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. Breslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1844. Urira. Wer die Graͤfin von Caſambort im Gefolge der hohen Herrſchaften ſah, welche am ſelbigen Tage das glaͤnzende Banket der Stadt Amſterdam annahmen, konnte doch kaum die Aufmerkſamkeit fur die hoͤchſten Perſonen feſt⸗ halten, denn dieſe zog unwiderſtehlich Aller Blicke auf ſich. Die Königin trug an dieſem Tage keine bunten Steine, ſondern blos Brillanten. Sie hatte eine Krone, von rothem Sammt gehalten, in ihrem dunklen Haar, und der Purpur ihres Ueberkleides mit Hermelin beſetzt, war mit Bouquets von Brillanten an dem Unterkleide von drap d'or befeſtigt und endete um den Buſen mit einem Latz von Brillanten.— Sie wußte wohl, daß ſie hier mit einfachen Hausfrauen und Buͤrgerinnen Am⸗ ſterdams— wie Herr von Marſeeven ſie nannte— rivaliſiren mußte. Die Königin ſaß mit dem hohen Brautpaar auf einer Erhoͤhung, welche zwiſchen den zwei Hauptfenſtern ſtand, unter einem Thronhimmel, von wo aus ſie den ganzen Hauptſaal des alten prächtigen Rathhauſes 6 uͤberſehen konnte. Seine Einrichtung zeigte die ver⸗ ſchwenderiſche Phantaſie gothiſcher Baukunſt, und die Strebepfeiler deſſelben, welche wie an alten Domen breit in dem Saale vorſprangen, waren in dem Wech⸗ ſel von Holz und Stein einer feinen Elfenbeinarbeit zu vergleichen, waͤhrend die hohen Spitzbogen zwiſchen ih⸗ ren ſchoͤnen Linien Deckengemaͤlde zeigten, welche durch ihre Entfernung der Beurtheilung entzogen waren. Aber der Hauptſchmuck, der Stolz der Stadt, beſtand doch hauptſächlich in den Trophaͤen faſt aller Laͤnder, welche hier geſammelt und aufgeſtellt waren, und ſie erzählten ohne Worte die Geſchichte der muthigen Republik, und die Koͤnigin ſah neben den Bannern Frankreichs die von England wehen, denn keine Ruͤckſicht konnte dieſe ſtol⸗ zen Republikaner bewegen, dieſe Triumphe ihrer Tapfer⸗ keit anzuruͤhren. Vor den Stufen dieſer Erhoͤhung ſtand die Tafel, woran die Hofchargen der Konigin ſaßen, und von bei⸗ den Seiten vor den Strebepfeilern ſah man die langen Tafeln, an denen die uͤbrigen Gäſte ſaßen, waͤhrend dem Thron gegenuͤber am Ende des Saals die drei brei⸗ ten Balkonthuͤren geoͤffnet ſtanden, worauf die Muſik⸗ choͤre eingerichtet und die hohen Eſtraden von der Straße aus in einem Halbkreis erbaut waren, um Al⸗ les, was Amſterdam an irgend berechtigten Zuſchauern — 7 enthielt und was nicht bis zu der Ehre der Einladung im Saale ſelbſt hatte gelangen koͤnnen, einen Platz zu verſchaffen, der eine Art von Theilnahme geſtattete. Vom Thron aus blickte man durch die geoͤffneten Thuͤren auf dieſe luſtig mit Fahnen, Teppichen und Behäͤngen aller Farben geſchmuͤckten Tribuͤnen, worauf in buntem Putze die erwartungsvolle Menge gedrangt ſaß, und die Koͤnigin wußte nicht genug ihren Beifall auszudruͤcken uͤber dieſe Einrichtung, die ihren Wunſch, ganz Amſterdam um ſich zu verſammeln, zu erfuͤllen ſchien. Dabei lag der klarſte dunkelblaue Himmel des Au⸗ guſts uͤber ſie ausgebreitet, und die alten grotesken Haͤuſer des Marktes machten den Hintergrund dieſes heiteren und bunten Bildes. Die Herrn der Stadt bedienten die Koͤnigin und das Brautpaar ſelbſt und zwar in Geſchirren, welche außerdem, daß ſie von Gold waren, jedes an ſich einen Kunſtwerth hatten, und ſinnvolle Bedeutungen bald in Edelſteinen, bald in Email oder Elfenbein ausdruck⸗ ten. Zwanzig Edelknaben waren auf den Stufen auf⸗ geſtellt und empfingen von den Dienern die Speiſen und uͤberreichten ſie den aufwartenden Herrn. Die Koͤnigin fuͤhrte während der ganzen Mahlzeit die Unterhaltung, indem ſie von den langen Tafeln die 8 beruͤhmteſten Perſonen einzeln herbeirufen ließ, welche alsdann, vor der Tafel ſtehend, die Ehre genoſſen, ihre Mittheilungen zu machen. An der Tafel der Hofchargen machte Frau von Marſeeven, zwiſchen dem Herzog von Argyle und der Graͤfin Caſambort ſitzend, die Honneurs, wobei ſie von einigen der bedeutendſten Schoͤffen unterſtuͤtzt ward. Ihre ſtille, ernſte Geſtalt und die der Gräfin Comenes an der andern Seite der Gräfin Urica war wie der Rah⸗ men um ein leuchtendes Bild. Die Königin, die, wie Argyle richtig ſagte, faſt verliebt in ihre ſchöne Ehren⸗ dame war, ſagte nach der Tafel lachend zu ihr:„Du unbillige Schoͤnheit haſt mich um den Triumph meiner königlichen Wuͤrde gebracht— war denn ein Männer⸗ auge feſt zu halten, wenn ſie einmal die Linie an deiner Tafel voruͤber bis zu meinem Throne paſſirt waren? Hat mir van Tromp nicht geantwortet, als ich ihn fragte, welches das ſpaniſche Banner wäre, das er bei den Duͤnen erobert— blaßblau mit Silber— denn als er umſchaute, ſah er nur dich.“ Urica trug wirklich dieſe Farben und zwar mit dem bewunderungswuͤrdigen Geſchmack gemiſcht, der ihr eigen war. Der Latz des Unterkleides von Silberſtoff breitete ſich, nachdem er miederartig an der Taille zugelaufen war, in einem breiten Rande um Schultern, Buſen 9 und Ruͤcken aus, ſeine ſchoͤnen Formen bezeichnend, und ſein äͤußerer Rand wie der Anſchluß an der ſchoͤnen Buͤſte war mit einem Rande von Brillanten geziert und mit einer Schleife derſelben Steine an der Bruſt geſchloſſen. Von da floß der himmelblaue Sammt der Robe, mit Silber geſtickt, um den Leib eng anſchließend bis zur Erde, woran ſich die weitaufgeſchnittenen blauen Aer⸗ mel anſchloſſen, welche lang niederhingen und den ſchö⸗ nen ſchlanken, jugendlichen Arm nur durch einen feinen Spitzenaͤrmel geſchutzt zeigten, den ein breites Armband von Brillanten um den Oberarm feſthielt. Die Sitte forderte bei ſolchen Gelegenheiten einen Kopfputz— und Urica trug eine kleine, dem Kopf eng anliegende blaue Sammtmuͤtze, deren Rand um die vordere Hälfte mit Brillanten beſetzt war, und an deren Schneppe ein Tropfen wie Thau auf der weißen Stirn blitzte. Nach dem Nacken zu drängten ſich die von der Stirn und dem ſchonen Geſicht verwieſenen Locken und bildeten um den Nacken ihre kurzen vollen goldenen Ringeln— auf der Mitte dieſer kleinen Muͤtze aber und etwas nach hinten gebogen, ruhte eine mondartig in einem breiten brillantenen Ring ſich erhebende Agraffe von Brillanten, aus deren kuͤnſtlich verborgenem Ringe ein Silberflor niederfiel, welcher, mit Sternen beſäet, ſich in der Mitte theilte— und den Rand der Schultern beruͤh⸗ 10 rend, zu ſchmal, um zu verhuͤllen, erſt auf dem Rande der Sammtrobe endete. Faſt zurnend hatte Urica es bemerkt, daß Argyle ihre Farben trug, und ſie war ungewiß, ob dies Zufall oder Abſicht ſei, und dieſer Zweifel ſchuͤtzte ihn gegen ihre Ruͤge. Auch hatte der Morgen in ihr zu viel an⸗ geregt, ihr zu viel Ernſt und Schmerz gegeben, um ſich den Außendingen mit den alten Anſprüchen hinge⸗ ben zu köͤnnen. Ihr Herz blutete unter der traurigen Gewißheit, deren Beſtätigung ihr einen Stachel fuͤrs Leben gegeben hatte, und eine von Kindheit an genaͤhrte Sehnſucht nun zu einer Wirklichkeit machte, die ihr nur Schmerz verſprach. Die wehmuͤthige Erinnerung an die arme Angela lag um ihren weichen geſchloſſenen Mund, und ihre Augen ruhten ohne den ſtolzen Blick traͤumeriſch auf die Ferne gerichtet. Kein Mann iſt bloͤde in Auslegungen, die ihm guͤnſtig werden können, und Argyle wollte ſeine Niederlagen ſich ſelbſt vergeſſen machen und ſchloß von Urica's Stimmung auf eine ihm guͤnſtige Nach⸗ wirkung. Da nahte ſich Herr von Marſeeven, der beauftragt war, ſeine Gemahlin zur Koͤnigin zu fuͤhren, ſeiner ſchönen Muhme.—„Wenn ihr eure Aeuglein grade aus durch die mittlere Thuͤr richten wollt, ſo werdet ihr 11 im Mittelpunct der Tribuͤne vor uns— ein unverkenn⸗ bares kirſchrothes Wams— und einen herrlichen feuer⸗ farbenen Mantel ſehen— und erkennen, daß ich eure Befehle zu vollziehen weiß. Er kommt auch bis zur Beendigung des Feſtes dort nicht wieder herunter; denn erſtens fuhlt er ſich geehrt und zweitens laͤßt ihn Nie⸗ mand paſſiren.“ Nachdem Frau von Marſeeven ſich zur Koͤnigin be⸗ geben hatte und der Raum nun zwiſchen Urica und Ar⸗ gyle leer geworden, bog ſie ſich zu ihm und raſch fluͤ⸗ ſterte ſie:„Wollt ihr mir heute einen großen Dienſt leiſten?“ und ehe Argyle ſeine Bereitwilligkeit auszu⸗ druͤcken vermochte, fuhr ſie mit wahrem Eifer fort— „Einen wahren Ritterdienſt— Schutz und Huͤlfe, um unerkannt und unangefochten uͤber die Straßen dieſes aufgeregten Amſterdam zu gelangen?“ Argyle konnte ſein Erſtaunen nicht unterdruͤcken, und eine verraͤtheriſche Freude flammte in ihm auf, was Urica zurnend bemerkte, ohne ihn doch aufgeben zu kön⸗ nen.„Ich danke euch,“ ſagte ſie daher kalt, als er ſich faſt zu bereitwillig fand—„Ein ſchwarzer Mantel mit Kaputze und eine Larve wird fuͤr mich bereit ſein— et⸗ was Aehnliches muͤßt ihr euch ſchaffen— dann wartet, bis der Tanz eine Weile gewaͤhrt hat, und wenn ein Page der Frau von Marſeeven kommt und ſich als 12 ſolcher euch zu erkennen giebt, ſo folgt ihm, wohin er euch fuͤhrt.“ „Ich werde Alles thun, wie ihr es fordert,“ ſagte Argyle, unfaͤhig, ſeinen Triumph zu verbergen. Aber Urica konnte ihm auch dies kurze Mißverſtaͤnd⸗ niß nicht göͤnnen.„Glaubt mir,“ ſagte ſie—„ich wuͤrde euch die Gruͤnde meiner Bitte mittheilen, wenn ich nicht dabei Dinge beruͤhren muͤßte, die mich fuͤr die Anforderungen des Augenblicks zu maͤchtig erſchuttern könnten, um es wagen zu duͤrfen. Aber ihr habt ſchon mein Vertrauen uͤber die Angelegenheit, und ich erin⸗ nere euch nur daran, daß ich meine Schweſter ſuche.“ Argyle war nun voͤllig enttaͤuſcht, und ſeine ge⸗ kraͤnkte Eitelkeit konnte dies nicht verbergen.„Ich werde euch ſchuͤtzen,“ ſagte er froſtig—„und hoffe, der Page der Frau von Marſeeven wird unſer Fuͤhrer ſein, denn ich bin in Amſterdam vollig fremd.“ Einige Stunden ſpäter ſchluͤpften zwei ſchwarze Ge⸗ ſtalten, in dem Schatten der Haͤuſer ſich haltend, uͤber die Straßen Amſterdams, von einem kleinen Fuͤhrer ge⸗ leitet, welcher in einem unſcheinbaren Ueberwurfe wie ein Nachtfalter vor ihnen herflatterte. Vor dem eiſernen Gitterthor des Purmurandſchen Hauſes ſtanden endlich Alle ſtill— und nach drei leiſen Schlaͤgen oͤffnete es ſich, und Angela ſchritt ſchweigend vor ihnen her, bis die kleine Thuͤr ſich oͤffnete, die in den Luſthof fuhrte. Es war die waͤrmſte, ruhigſte Sommernacht. Der Himmel war bedeckt mit ſeinen gläͤnzenden Sternen und der Mond erhellte den kleinen Hof mit Tagesſchein. Angela's Blumen dufteten und umzogen wie ein breiter Rand den kleinen Raum des Hofes. In dem Baſſin des Brunnens fiel der Strahl, der glänzend in die Hoͤhe ſtieg, mit leiſem, melodiſchem Murmeln nieder— und unter der Linde auf einem bequemen Stuhle ſaß die arme, bleiche Mutter. Sie ſchlief ſo wenig und zeigte ſo viel Unruhe und Bekuͤmmerniß, wenn man ſie auf ihr Lager brachte, daß Angela oft bis zum Morgen hier vor ihr ſaß und die ſtille Ruhe der armen Wahnſinnigen bewachte, welche ohne Ermuͤdung die Stunden vorüber ziehen ließ. Als die Fremden den Hof betreten hatten, ſchlug Urica, welche vor Hitze und Gemuͤthsbewegung kaum mehr zu athmen vermochte, den Mantel zuruͤck, blickte um ſich und ſchritt vor, bis ſie nur noch einige Schritte von der bleichen Geſtalt entfernt war. Dieſe ward von der blendenden Erſcheinung Urica's erfaßt— ſie laͤchelte ſtaͤrker und hob die Haͤnde auf und ihre Augen ſuchten Angela, und ſie ſuchte ihr das Ver⸗ gnuͤgen auszudruͤcken, was Urica's glänzende Erſchei⸗ 14 nung ihr einflößte. Dieſe trat nun näher und ſetzte ſich auf den Lehnſtuhl neben der Ungluͤcklichen. „Ei,“ ſagte Brigitta freundlich—„ſo weiß.“— Sie hob ihre Hand und ſtrich uͤber Urica's Stirn— als die Hand niederſank, blieb ſie an einer Locke von urica's Haar ſitzen— ſie zog ſich los— Urica faßte die blaſſe Hand— die Locke war um einen kleinen goldenen Ring geſchlungen, der an dem kleinen Finger ſaß— es war ein Rubin in krauſem Goldrande. „Sie iſt es!“ rief Urica und ſturzte faſt mit einem Schrei vor der ſanften Dulderin nieder, ſie mit beiden Armen umfaſſend—„es iſt meine arme, ungluͤckliche Schweſter Brigitta!“— Sie hatte an dem kleinen Fin⸗ ger, der nur zwei Glieder hatte, den goldenen Ring der Ahnfrau erkannt, den man ihr ſo oft beſchrieben. Es war ein heftig erſchuͤtternder Augenblick— und leider war dies Wiederfinden der lang Getrennten nur ein neuer, großer Schmerz, fuͤr den alle Verſöhnung fehlte— dies fuhlte Urica mit einer Gewalt, die ihr das Herz zu brechen drohte— dies fuͤhlte Angela mit jener troſtloſen Ergebung, die dem Ungluck keinen Widerſtand bietet. Die Wahnſinnige ſpielte dabei wie ein Kind mit Urica— ſie hob das ſchone Geſicht auf und ſah es lä⸗ chelnd an— ſie ſchnellte die kleinen goldenen Löckchen 15 in die Luft und lachte wieder— ſie beruͤhrte den glaͤn⸗ zenden Schmuck und betrachtete dann ihre Finger— aber ſie ward immer heiterer und plötzlich ſuchte ſie nach dem Bande an ihrem Halſe und zog endlich das Bild ihrer Mutter hervor und kuͤßte es zaͤrtlich, und bog ſich dann noch mehr uͤber Urica und lachte hell auf und man fuͤhlte, ſie wolle ausdruͤcken, was zu ihrem Bewußtſein durchgedrungen war: die Aehnlichkeit des kleinen Bildes mit der vor ihr Knieenden. Urica's Herz wollte brechen— — ſie ſprang auf— ſie rang die Haͤnde und ergriff die arme Suſa, von der ſie, wie verabredet war, ſich alle Umſtände der Flucht noch einmal wiederholen laſſen ſollte und fuͤhrte ſie in den Schatten der Mauer, wo Argyle wartete, und ſie neben ſich auf einen kleinen Sitz ziehend, begehrte ſie den Bericht der armen traurigen Magd. „Bleibt, Argyle!“ rief ſie in der ſchmerzlichſten Aufregung, als dieſer ſich zuruͤckziehen wollte— „ihr ſollt hoͤren, wie grenzenlos unglücklich ich da⸗ durch geworden bin, daß ich wirklich die theure Schwe⸗ ſter und meine Nichte gefunden habe— ihr ſollt es ſelbſt hoͤren, wie erfullte Wuͤnſche oft grenzenlos un⸗ glucklich machen koͤnnen.“ Angela war bei ihrer Mutter zuruͤckgeblieben, welche bald wieder in ihren Stumpfſinn zuruͤckſank, und indem 16 ſie die ſeitwärts fluͤſternden Stimmen von Suſa und Urica hoͤrte, fuͤhlte ſie den träumeriſchen Zuſtand der Seele, der alle beſtimmteren Eindruͤcke verſchlingt und ihr ganzes Leben ihr wie einen Traum erſcheinen ließ, wie einen Zuſtand, den ſie ohne alles Bewußtſein durch⸗ gemacht hatte. Wir haben ſelbſt mit durchlebt, was Suſa in ihrer einfachen, traurigen Redeweiſe vor Urica entwickelte, und womit ſie ihren letzten Zweifel uͤber die Identität der Perſonen aufhob. Ergeben und tief erſchoͤttert ſtand die arme Gräfin nach der beendigten Mittheilung auf und es that ihrem Herzen wohl, als ſie den Ausdruck aufrichtiger Theil⸗ nahme in Argyle's Geſicht antraf. Sie reichte ihm die Hand und unwillkurlich faſt ſeufzte ſie hervor:„Was nun weiter?“ „Das entſcheidet ſich heute nicht, theure Gräfin!“ erwiderte Argyle warm—„die Dinge ſind zu wichtig, um ſchnell uͤber ſie beſtimmen zu koͤnnen— jetzt wißt ihr Alles und könnt an der Wahrheit nicht mehr zwei⸗ feln— goͤnnt euch aber einige Sammlung— in ſolcher Erſchuͤtterung faßt man keine gute Entſchluͤſſe— mor⸗ gen werden die umſtaͤnde mehr auseinander treten— ihr werdet ſie mit ruhigerem Blute ordnen koͤnnen.“ „Ihr habt Recht, Argyle,“ ſagte Urica—„ich fuhle 17 nicht meine alte Kraft— meine Ueberlegung iſt unklar — morgen wird mir beſſer ſein und wir verlaſſen ja erſt gegen Abend die Stadt.“ „Und jetzt,“ ſagte Argyle leiſe—„werden wir vielleicht ſchon Beide auf dem Banket vermißt werden!“ Urica ſchreckte zuſammen und ſchneller und haſtiger, als ihre Gefuͤhle es noch einen Augenblick fruͤher zuge⸗ laſſen, trennte ſie ſich von ihren ungluͤcklichen Verwand⸗ ten und eilte mit Argyle dem Orte entgegen, deſſen tu⸗ multuariſches Gepränge mehr wie je ihren Gefuͤhlen widerſtrebte. Die Koͤnigin, welche um Urica's Schritte wußte und ſehr wohl bemerkt hatte, daß deren Entfernung bemerkt ward, hatte der Gräfin Comenes durch Frau von Mar⸗ ſeeven den Rath geben laſſen, gleichfalls zu verſchwin⸗ den, und Flavia hatte es durch ihren Gemahl einrichten können, daß ſie in einem Verſteck wartete, wo Urica vor⸗ uͤber mußte und ein zweiter Page der Frau von Mar⸗ ſeeven den, der die nächtlichen Wanderer gefuͤhrt hatte, anhalten konnte. Alles gelang ſehr gut, und ſo trat jetzt Urica an der Seite der Graͤfin Comenes in den Saal, zwar vom Herzog von Argyle begleitet, doch ſo, daß er, in officieller Ruhe vor ihr hergehend, die Straße öffnete bis zum Sitz der Königin, der ſie, der Verabredung gemäß, mit tiefer Verbeugung auf ihrem Jakob v. d. Nees. Il. 2 X Federfaͤcher ein Blättchen Papier uͤberreichte, welches die Königin, wie einen vollzogenen Auftrag, mit gnädigem Kopfnicken entgegen nahm. Der Morgen erſt beſchloß ein Feſt, was bis dahin faſt in jeder Stunde eine neue Situation, eine Ueber⸗ raſchung, eine feine Schmeichelei geboten hatte, und von allen Autoritaͤten der Stadt bis zum Eingang ihrer Gemächer mit eben der wuͤrdigen, Achtung gebietenden Aufmerkſamkeit geleitet, ertrug die Königin dieſe toͤd⸗ tenden Ermuͤdungen, dieſe unausgeſetzten Anforderun⸗ gen an ihr heiteres Geſicht und an ihre hoflichen Worte mit der, nur gekrönten Haͤuptern inne wohnenden Aus⸗ dauer. Als ſich aber endlich die Vorhaͤnge uͤber die ſich ſchließenden Thuͤren ſenkten und die Königin, haſtig um ſich blickend, nur ihre getreuen und verſchwiegenen Frauen um ſich ſah— ſtieß ſie einen Schrei aus und ſturzte, in heftige Kräͤmpfe verfallend, zur Erde; denn waͤhrend das Feſt ſeine Blumenringeln um ſie gezogen, hatte die ungluckliche Frau den Faden ihrer Abſichten und Wuͤnſche klug feſt zu halten gewußt, und Alle, die ihr wichtig ſchienen, in das Intereſſe zu verflechten geſucht, was zu ihrem Zwecke noͤthig war— aber kein Troſt war in ihr Herz gedrungen. Offenen Beiſtand fuͤr ihren Gat⸗ ten gegen ſeine aufruͤhreriſchen Unterthanen zu erlangen, war nicht zu hoffen, und die geheimen Unterſtuͤtzungen, die ſie nur mit großen, demuͤthigenden Opfern zu erkaufen hoffen durfte, entbehrten des moraliſchen Eindrucks, der wichtiger war, als die materielle Huͤlfe, welche dadurch weniger dringend geworden waͤre. Die ſtolzen Re⸗ publicaner hatten ihre Uebereinſtimmung mit dem dro⸗ henden engliſchen Parlament der ungluͤcklichen Koͤnigin, welche alle die Fragen anzuregen, ſich unterzogen hatte, nicht vorenthalten; ſie hatten mit der belehrenden Weis⸗ heit einer achtzigjährigen, ſchwer durchgekämpften Er⸗ fahrung der Koͤnigin die Mißgriffe des Koͤnigs und des Hofes aufgedeckt, und warnend und weiſſagend alle Hoffnungen zerſtört, die man ſie gelehrt hatte feſt zu halten, und durch blinden Eigenſinn und ſtörrigen Wi⸗ derſtand ihr erreichbar geſchildert hatte. Sie hatte nie die Lage ihres Gemahls troſtloſer geſehen, war nie ſo an der Gewalt ihrer alten Principien, die ſie gehofft hatte alle geltend zu machen, irre geworden, da ihr keine Täuſchung gelaſſen war und ſie ſich geſtehen mußte, mit allen zuruͤckgewieſen zu ſein und eine Widerlegung ein⸗ getauſcht zu haben, die ihr zugleich eine neue Wahrheit enthuͤllt hatte. Ihr Zuſtand mußte um ſo gewaltſamer ſein, da ſie trachten mußte, ihn zu verbergen, einen moͤglichſt langen Widerſtand zu leiſten und in dieſem proteſtantiſchen Lande mit hochſter Vorſicht nur, und nie im Augen⸗ 2* blicke, wo ſie Rede ſtehen mußte, ſich des Beiſtandes ihrer katholiſchen, mit ihr gleich geſinnten, Rathgeber bedienen konnte. Wenn die Erkenntniß, die ſie gegen ihren Willen gewonnen, Wahrheit war— dann mußte ſie alles bis⸗ her Geſchehene fuͤr Mißgriffe anſehen und— als Miß⸗ griffe, die nicht gut zu machen waren, da ſie ſchon Miß⸗ trauen begruͤndet hatten und die Leidenſchaften in dem Widerſtande der Maſſe erweckt, und die Periode ruhiger Duldung, die das Volk in ſeinen Leiden dennoch zit⸗ tert zu uberſchreiten, bereits voruͤber, und die Begierde nach Selbſthuͤlfe, Rache und Umwälzung mächtiger ge⸗ worden war, als die Feſſel des Beſitzes und Erwerbes. Entſetzensvoll klangen ihr die prophetiſchen Worte der erfahrenen Maͤnner, womit ihre Zukunft unwiderruflich zu werden ſchien:„Iſt das Volk durch die Mißgriffe einer Regierung auf den Punct getrieben, ſeinen Heerd zu verlaſſen, weil es ihn nicht mehr geſichert haͤlt, und die Urſachen der Gefahr nach Außen aufzuſuchen— dann hat es die Mäßigung verlaſſen— und ſelbſt die Schritte der Regierung, die den wiederkehrenden guten Willen bezeichnen, die Uebel, die wirklich abgeſtellt wer⸗ den, verſoͤhnen nicht mehr und werden, mißverſtanden, nur noch die Glut ſchuͤren und kein Vertrau als das auf die eigene Abhuͤlfe ubrig laſſen. 21 Als die Königin aus ihren Krämpfen zu ſich kam, blieb ihr doch die fuͤrchterliche Unruhe uͤbrig, die es ihr unmöglich machte, zu Bett zu gehn. Sie wanderte auf und nieder und einzelne Ausrufungen verriethen den traurigen Gang ihrer Gedanken.— Sie hatte ſchon lange einen Beobachter, den ein geraͤuſchloſer Vorhang zu ihrem Gefaͤhrten gemacht, ohne daß ſie ihn gehoͤrt. „O!“ rief ſie jetzt—„wenn das alles Luͤge war, was ich bis jetzt fuͤr Wahrheit hielt— dann iſt unſer Schick⸗ uflich— dann“— „Was!“ rief eine harte Stimme und die duͤſtere Geſtalt Alvari's vertrat ihr den Weg— Die Koͤnigin ſchauderte zuſammen— aber von einer mächtigen Empfindung getrieben, ergriff ſie zurnend den Arm des Prieſters, und mit einer Energie, die ihr Herz erleichterte, rief ſie:„Dann war mein Gemahl und ich von kurzſichtigen Betruͤgern umgeben, die ihn uͤber die wahren Erfolge ſeiner Schritte taͤuſchten— und unter den heuchleriſchen Motiven, die wahre Kirche Chriſti auf Erden zu verbreiten, ihre eignen, ehrgeizigen Plaͤne oder ihren bornirten kirchlichen Eifer verbargen— und einem Foͤnige die Liebe und das Vertrauen ſeines Volkes ent⸗ riſſen, ohne ihn gegen die Folgen ſchutzen zu können, wenn dieſe, als entfeſſelte Maſſen, ſich uber ihn ſturzen, um ihn zu vernichten.“ 7 Zwar hatten ein paar drohende Blitze aus den duͤ⸗ ſteren Augen Alvari's ſeine Stimmung bezeichnet— aber keine Miene ſetzte die Bewegung in ſeinem ſteiner⸗ nen Geſicht fort, und als die Koͤnigin ſchwieg, ſagte er mit der ruͤckſichtsloſen Haͤrte des allmaͤchtigen Beichtvaters: „Darf eine Koͤnigin ein ſo ſchwaches, gebrechliches Weib ſein, daß ſie in jeder neuen Hand ein neues Spiel⸗ werk wird? Iſt das Henriette von Frankrei meine erhabene Koͤnigin, oder iſt es ein eitles, ſuͤchtiges Weib, welches mit den Buͤrgern von A dam ko⸗ kettirte und ſie durch ihr Lächeln aus ihrer Natur her⸗ aus zu locken hoffte? Dieſe Krämer verſtehen aber nicht, womit eine Königin hätte erroͤthen ſollen, ver⸗ ſchwenderiſch zu ſein— länger als achtzig Jahr iſt die heiligende Ehrfurcht vor einem gekroͤnten Haupte aus ihren Herzen verſchwunden— von ſeiner ſiegenden, ihm inne wohnenden Gewalt ahnen ſie nichts mehr— ihnen fehlt ſeit lange ſchon die Fähigkeit, ſie aufzufaſſen. Kraͤmer habt ihr zu Rath gezogen, einen Kraͤmerrath habt ihr empfangen und kleinlich iſt eure Seele davon beſchraͤnkt worden— und wankelmuͤthig habt ihr euren großen Beruf, eure edlen Entſchluͤſſe, eure Weltan⸗ ſchauungen eingetauſcht gegen die kleinen Aengſte eines bankerotten Kaufmanns.“ „Warum,“ fuhr er gebietend fort, als ihn die Kö⸗ 23 nigin mit gerungenen Haͤnden umhergehend unterbre⸗ chen wollte—„warum haben Euer Majeſtät von die⸗ ſem Volke mehr gefordert, als das Einzige, was es zu geben vermag: Geld, Geld!— Republicaner einer Koͤni⸗ gin Rath geben!— Fuͤhlt ihr nicht in den beiden Wor⸗ ten den Mißgriffe Kann uns der rathen, der ſeiner ganzen Natur nach der Unſern feindlich gegenuͤber ſteht? Koͤnnen wir dem glaubener ſo tief unter dem Stand⸗ punct ſteht, den wir einnehmen, daß ſein Rath jedenfalls unpaſſel wird? Kann euch— darf euch das Princip dieſer das Koͤnigthum leugnenden und verachtenden Männer ein Maaßſtab fuͤr euren königlichen Anſpruch werden? Seht ihr nicht ein, daß euer heiliges Recht Suͤnde werden muß, wenn ſie es beleuchten— daß eure großen Plaͤne, durch die England allein von ſeinem tiefen Verfall geſunden kann, Pläne ſind, n dieſe Re⸗ publicaner ſelbſt gerichtet ſind— daß, wenn ihr ſiegt, wie ihr ſiegen werdet, daß euer Sieg fuͤr alle ſouveraine Gewalt, wo ſie auf ihren Thronen wankt, mitgeltend iſt— daß er drohend daſtehen muß gegen alle kunſtlich aufgebauten Rechte dieſer Republicaner— und daß ſie in euch den Feldherrn zu bekaͤmpfen haben, der ihnen ihre eigne Niederlage verſpricht?“ Die Königin war erſchöpft in einen Lehnſtuhl ge⸗ ſunken— ein Tuch verhuͤllte ihr todtenblaſſes Geſicht. 24 „So habt ihr eure Treue hewahrt,“ fuhr ihr Rich⸗ ter fort—„ſo habt ihr dem Vertrauen Wort gehalten, was in euch geſetzt wurde— ſo habt ihr mich— der ſich fuͤr euch verbuͤrgte, zum Luͤgner gemacht, mich zum Zeugen gerufen, zum Zuſchauer eurer Niederlage— und während ihr den kuͤnſtlichen Worten eines Marſee⸗ ven horcht— habt ihr dies Herz in Schmerz und bitte⸗ rer Reue und Selbſtanklagen ſich zerreißen laſſen, da in der geheiligten Beichttochter, in der geſegneten Königin eines neuen engliſchen Reiches— das ſchwache Weib die Oberhand gewann und, die Beute weniger Stunden, den heiligen Bau langer, weiſer Berechnung mit Fuͤßen trat!“ „Schweigt, ſchweigt! wenn ihr wollt, daß ich den Verſtand nicht verlieren ſoll!“ rief die Königin und ſtreckte ihre Ml nen zu ihm auf—„ich habe keine Kraft mehr, Recht von Unrecht zu unterſcheiden— ſchont mich!“ Aber Alvari wußte, daß er ſchon gewonnen hatte. Er ſchonte ſie nicht, aber er lenkte den ermuͤdeten Geiſt wie ein wehrloſes Kind in die alte Bahn der Gedanken zuruck, die beruhigten, da ſie hier auf keinen Widerſpru trafen— und als er ſie endlich verließ, hatte er ſie Reue und Vorwuͤrfe uͤber die vorangegangenen Zuſtände zu einer erhoͤhten Hingebung gebracht, zu einer blinden 25 und treueren Anhängerin ſeines Willens gemacht, als ſelbſt vorher und er konnte die voͤllig Erſchoͤpfte ohne Furcht vor Ruͤckfällen verlaſſen. Die Koͤnigin ließ ſich am andern Morgen krank melden— vielleicht war ſie es auch— aber ſie beſtand darauf, gegen Abend abzureiſen. Es gelang ihr zwar gegen große Opfer, die Alvari alle gut hieß, Geldanlei⸗ hen zu machen; aber es gelang ihr nicht, die Vorſicht der machthabenden Herren einen Augenblick zu bethören und ſie war genoͤthigt, die ganze Unterhandlung in der Region eines Geheimniſſes, eines Privathandels zu laſ⸗ ſen, wenn ſie nicht ein officielles Verbot dagegen veran⸗ laſſen wollte, was das Mißgluͤcken ihrer Unternehmung außer allen Zweifel geſtellt hätte. Die Grafin von Caſambort hatte vielleicht keine minder unruhige Nacht gehabt, als ihre dermalige kö⸗ nigliche Gebieterin, und mit der Gräfin Comenes Rath war ſie zu einem feſten Entſchluſſe gekommen und er⸗ wartete ihre arme Nichte ſchon am fruͤhen Morgen, um ſo weit als möglich noch vor ihrer Abreiſe die Angelegen⸗ heiten derſelben feſtzuſtellen. Nees war in großer Unruhe; er fuͤhlte, die Dinge gingen anders, als er ſie erwartet hatte, und auf eine ihm unabweisliche Art war ſeine Wirkſamkeit zuruͤck⸗ gedraͤngt, daß ſie ſelbſt gegen Angela— dieſes willen⸗ loſe Werkzeug in ſeiner Hand— machtlos wurde, denn es hatte ſich ein Getriebe außer ihm geſtaltet, zu dem er gar nicht mehr gehoͤrte, was er nicht anzugreifen wußte, da es weder ein Geheimniß war, noch ihn nöthig zu ha⸗ ben ſchien. Angela ſagte ihm am andern Morgen mit ihrer ernſten, ſchwermuͤthigen Weiſe, daß die Tante von Caſambort ſie und ihre arme Mutter anerkannt habe, und daß ſie zu ihr gehen wolle, wie die Tante be⸗ fohlen. Alle die haſtigen, neugierigen Fragen von Nees beantwortete ſie der Wahrheit nach, ohne etwas zu ver⸗ heimlichen, und ſo erfuhr er auch die Anregung der Tante, daß Angela ſich von ihrem Manne ſcheiden moͤge. Dies war ein Donnerſchlag, von dem Nees wie todt und gelaͤhmt blieb, und dann in ſo heftige Verzweiflung gerieth, daß er endlich in Kraͤmpfe verfiel, die fur ſein Leben fuͤrchten ließen. Während dieſer traurigen Stunden erwachte in Angela die alte Liebe zu ihm, und ſie ſuchte ihn mit den Beweiſen derſelben zu troͤſten; denn die Wahrheit in Nees war, daß, obgleich er von dem elendeſten Geiz geleitet wurde, er doch Angela mit der groͤßten Leidenſchaft liebte und dies Gefuͤhl in ihm den duͤſtern Charakter der Habſucht annahm, worin ſich 27 Alles in ihm aufloͤſte. Die Erſchoͤpfung, die ihn end⸗ lich wider ſeinen Willen in tiefen Schlaf verſenkte, mußte Angela benutzen, um zur feſtgeſetzten Zeit ihre Tante zu beſuchen, und was ſie eben durchgemacht, war ganz dazu geeignet, ſie unter den Widerſpruͤchen ihrer Lage faſt erliegen zu machen, und ſo trat ſie duͤſter und gedankenvoll vor ihre glaͤnzende Tante. „Kind! Kind!“ rief dieſe—„wie ſiehſt du elend aus— mein Gott! Graͤfin Comenes, laſſen wir ſie erſt einige Stäͤrkung nehmen! Mein armes Kind— ja wohl magſt du viel leiden durch die Aufdeckung deiner wahren Lage! Doch faſſe Vertrauen zu mir und dieſer würdigen Dame— wir werden nicht leiden, daß du ferner das Opfer dieſes unwuͤrdigen Mannes bleibſt.“ Angela zuckte zuſammen—„Tante,“ ſagte ſie kummervoll—„könntet ihr ihn lieber etwas achten, ihn nicht ſo ſchlecht machen, wie ich bisher nicht dachte, daß er ſein könnte— ihr glaubt nicht, wie ich ungluͤck⸗ lich werde, wenſich denke, mein Mann— Nees, mit dem ich verheirathet bin, iſt ein ſo ſchlechter Menſch, daß meine Tante ihn nicht vor Augen leiden kann.“ „Oh, meine arme Nichte!“ ſagte Urica und ruͤckte ihr näͤher—„Wenn ich nicht gewiß hoffte, ich erloſte dich von dieſem Manne, dann haͤtte ich Unrecht, dir ſo die Augen uͤber ſeinen Unwerth zu oͤffnen— aber 28 zweifle nicht, es giebt Geſetze, und man kann ihm be⸗ weiſen, daß er deine Einwilligung erſchlichen hat, daß er dich nicht heirathen durfte, da er wußte, wer du warſt.“ „Ach,“ ſagte Angela—„das wußte ich ja auch. Unrecht war wohl nur, daß ich ſo gemein gehalten ward, ſo unwiſſend heranwuchs, daß ich die Vorzuͤge nicht ein⸗ ſehen konnte, wenn man vornehm iſt.“ O welch ein richtiger Verſtand!“ rief Urica und ſah die theilnehmende Graͤfin Comenes an—„wie bald wirſt du dich deinem Stande gemaß entwickeln, wenn du erſt in angemeſſene Verhältniſſe kommſt.“ „Das hofft nicht,“ ſagte Angela troſtlos aufſchau⸗ end—„das habe ich auch bedacht! Tante— ich hatte noch gar nicht gedacht und mufßte erſt ungluͤcklich wer⸗ den, wozu Gott die tödtliche Krankheit ſchickte— da kamen die Gedanken und ich lernte einen nach dem an⸗ dern kennen und ſie vergleichen— da holte ich viel nach, und es war mir, als haͤtte ich ſeit rchgang und dem Beſuch bei dem Oberſchulzen de nze Leben und — auch Nees kennen lernen.“ „Solche raſche Fortſchritte geſtehſt du dir zu, du theure Angela, und willſt zweifeln, daß du das Aeußere, was zu unſerm Range gehoͤrt, nicht auch lernen kannſt?⸗ „Das iſt gewiß nicht blos außen,“ ſagte Angela und blickte fragend in dem ſchönen Gemach umher und * 29 weilte dann auf der Graͤfin und endlich auf Urica.„Ne⸗ ben euch kann ich nie kommen— niel nie! ſeht nur,“ ſagte ſie und zeigte ihre rothen Haͤnde—„auch mein Geſicht habe ich gepruͤft— ich war ſo neugierig zu wiſ⸗ ſen, worin es lag, daß ich ſo weit von euch abſtehe! Seht, ich bin haͤßlich und ihr ſeid ſchön, wie ich bisher nur Himmelskoͤniginnen abgebildet ſah— aber häͤßlich und ſchon iſt nicht der Unterſchied, den ich meine— Frau von Marſeeven iſt nicht ſchön, und doch iſt ſie von euch nicht ſo unterſchieden— dieſe ehrwuͤrdige Dame iſt alt und dennoch kann ſie neben euch beſtehen! Ach, Tante— es iſt etwas Anderes— die Menſchen ſind hart mit mir umgegangen, ſeit ich unter ſie kam — ich habe ſchnell lernen muͤſſen, daß es etwas ſehr Verächtliches giebt, was ich und Nees an mir trage und was mehr trennt und ſcheidet als alles Andere.“ „Mein Gott! meine Liebe,“ ſagte die Grafin Co⸗ menes—„was iſt denn das— ihr quält euch viel⸗ leicht unnütz?“ „Meine Tante,“ ſagte Angela ſchwer ſeufzend— „und Viele— Viele— vielleicht ihr ſelbſt habt es aus⸗ geſprochen: Nees und ich, wir ſind gemein ausſehende Leute.“ Urica ſchloß Angela in ihre Arme.—„O vergieb mir, vergieb mir dieſen Schmerz— ich werde ihn gut 30 machen mit meiner vollen Liebe— nie— nie ſoll die Nichte der Graͤfin von Caſambort wieder einem ſolchen Worte, einem ſolchen Blicke begegnen. Ol folge mir — bleibe bei mir mit deiner theuren Mutter.“ Es ſchien, als ob Angela dies kaum hoͤrte. Sie hatte— wie ſie eben geſtanden— zu denken begonnen, und es ſchien, der geöffnete Quell drängte ſie, als muͤſſe ſie lauſchen, was er an's Licht fuͤhre. „Ueber das Wort gemein habe ich denn auch nach⸗ denken muͤſſen,“ fuhr ſie fort—„und ich habe gefun⸗ den, das muß davon herruͤhren, daß ich von Kindheit an Magd war, ohne es beſſer zu wiſſen, daß ich ge⸗ meine Kleider trug und mir darum heute noch die guten Sachen eine Laſt ſind— dann— weil Alles— Alles bei uns anders hergeht wie hier, und obwohl Nees es ſeit einem Jahre ſchoͤn aufgeputzt hat, es nicht an eure Gewohnheit reicht, und mir doch ſchon zu viel iſt, weil ich bei ſo viel ſchlechterem groß geworden bin.“ „Aber grade darum mußt du es aufgeben und in unſerer Naͤhe bleiben,“ ſagte Urica tiefer und tiefer ge⸗ ruͤhrt.—„O wie will ich und meine gute Comenes dich ſchutzen und behuͤten und deine Lehrerin ſein! Sei nur hier erſt fort in meinem fuͤrſtlichen Hauſe im Haag, in den Umgebungen, die unwillkuͤrlich dich uͤber dein Verhalten belehren werden— dann wird das Blut der 31 Caſambort in dir aufleben, dann wirſt du den edlen Namen Gröneveld, den du dann tragen ſollſt, durch nichts verunehren, kein Menſch mehr das entſetzliche Wort uͤber dich ausſprechen, was dich ſo tief ver⸗ letzt hat.“ „Mich ſchaudert davor,“ ſagte Angela, wirklich zuſammenbebend—„und ich werde mich nie darein fin⸗ den. Ich werde nie wieder ſo geſund werden, wie vor dem ſchrecklichen Kirchgang, wo ich ein kraͤftiges muth⸗ volles Herz hatte. Glaubt mir, Tante, wenn ihr von dem Blute der Caſambort und Gröneveld ſprecht und davon, daß man ſolches Blut in den Adern trägt, ſo viel hofft und erwartet, da kann ich zuerſt denken, ich ware ausgetauſcht— denn, wenn das zutrifft, daß man dadurch ſo ſchoͤn und erhaben wird wie ihr und die Gräfin Comenes und Frau von Marſeeven, was bin ich dann? Eine Betruͤgerin ſcheint es mir— die ſelbſt daran zweifeln muß, daß euch mit ihr die Wahrheit geſchieht.“ „O das iſt herzzerreißend!“ rief Urica im tiefſten Schmerze—„o ich bitte dich, gieb dich nicht ſo auf— es bricht mir das Herz— o! wir haben dir zu weh ge⸗ than— zu Anfang gleich— du wirſt es nun ſo ſchwer uͤberwinden.“ Es war ſchrecklich entmuthigend, daß Angela durch 32 nichts geruͤhrt wurde, was Urica ſprach— daß ſie im⸗ mer ernſt und ſtill ſinnend ſich ſelbſt Rechenſchaft gab, als wäre ſie allein auf der Welt— ſie hatte an ihren Gedanken eine neue Beſchäftigung, die ſie zugleich zu einer hoͤheren Autorität machten, als was Menſchen ihr ſagen konnten. „Dazwiſchen,“ fuhr ſie ſeufzend fort—„kann ich nicht durchkommen und kann nichts feſthalten von dem eurigen! Habe ich euer Blut, ſo iſt es verdorben wor⸗ den— denn es regt ſich nichts! Ach,“ ſagte ſie, als wollte ſie erſticken—„es treibt mich fort von hier— von euch— ich will nichts mehr als meinen kleinen ſtillen Hof, wo die Mutter ſitzt, die ich pflegen muß, bis ſie todt iſt.“ „Ich glaube, Angela,“ ſagte Urica plötzlich— „grade in dieſem Widerſtande verräthſt du dein ſtolzes Blut! Weil du Kränkungen erfahren haſt durch die Mängel deiner aͤußeren Erſcheinung, haſſeſt du Alles, was dich an dieſe Demuͤthigungen erinnert— du willſt deine unwuͤrdige Exiſtenz feſthalten, weil du darein paßt, die Erſte biſt und nichts zu lernen brauchſt, und furchteſt, du werdeſt eine Zeit lang die Letzte unter uns ſein.“ Dies ſchreckte Angela auf— ſie blickte Urica zu⸗ erſt an und rief dann naiv erſchrocken:„Waͤre das 33 moglich, Tante? Hätte ich dann euer Blut, wenn es ſo wäre?“ „Pruͤfe dich ſelbſt,“ fuhr Urica fort—„es ſcheint mir in deinen Aeußerungen viel Stolz zu liegen, und dies bewieſe erſtens, daß du wohl dies edle Blut ſpuͤr⸗ teſt, und zweitens, daß du verpflichtet wäreſt, ihm Frei⸗ heit zu geben, indem du ein anderes Leben ergriffeſt.“ „Aber Nees,“ ſagte Angela, denn die Worte Urica's hatten ſie wirklich zu neuen Betrachtungen uͤber ihren kuͤnftigen Lebensweg herausgelockt—„was wollt ihr mit Nees anfangen?“ „Ich gebe ihm Geld,“ ſagte Urica raſch—„und er bleibt, wo er iſt.“ „Wißt ihr,“ ſagte Angela, in ihre alte Stimmung verſinkend—„daß Nees eben ſterben wollte vor Schmerz, als ich ihm ſagte, ihr wolltet uns trennen laſſen.“ „Er furchtet dein Vermögen zu verlieren, wenn du von ihm gehſt,“ erwiderte Urica hart—„das iſt ſeine ganze Noth— bieten wir ihm Geld, wird er zufrie⸗ den ſein.“ „Wenn ihr Recht hättet!“ rief Angela plötzlich au⸗ ßer ſich, die Haͤnde ringend—„dann— dann waͤre ich ganz elend! Dann wäre ich ja umſonſt ſo ungluͤck⸗ lich geworden, dann konnte ich nicht bei ihm bleiben, Jakob v. d. Nees. 1I. 3 dann— dann möchte ich, ihr naͤhmet mich und die Mutter mit, oder ihr gäbet uns hier eine ſichere einſame Stelle, wohin Nees nie dringen koͤnnte.“ Urica ſchwieg— ſie ſah mit Trauer und doch voll ernſter Pruͤfung, was ſie in der Ungluͤcklichen angeregt hatte, und war ungewiß, ob es gut ſei. Endlich ſagte ſie nachdenkend:„Wir wollen Herrn von Marſeeven auffordern, Nees Vorſchlage zu machen und wollen hoͤ⸗ ren, was er darauf antworten wird— wenn wir ihn zu ſtreng beurtheilt haben, wird es ſich aus ſeinen Ant⸗ worten ergeben.“ „Nein,“ ſagte Angela—„ ich muß es ſelbſt thun. Ich wuͤrde immer denken, ein Anderer haͤtte Nees in Wuth gebracht, ehe er eingeſehn, daß es ſich um mich handelt. Nees verliert gar leicht die Vernunft— ich will ihn ſo behandeln, daß er das Einſehn behaͤlt— dann ſoll er entſcheiden— dann will ich ihm Geld bie⸗ ten— o Gott! o Gott!“ ſagte ſie troſtlos und ſtand auf und ging ohne Gruß nach der Thuͤr, und die Graͤ⸗ fin Comenes mußte ſie erſt einholen und feſthalten und ihr klar machen, daß ſie gegen Abend die Stadt verlaſ⸗ ſen wurden. Angela nickte, ohne vom Boden aufzu⸗ blicken, mit dem Kopfe und ging dann ſtill zur Thuͤr hinaus. Kaum war ſie verſchwunden, ſo uͤberließ ſich 35 Urica der ganzen Aufregung, die ſie bis dahin be⸗ herrſcht hatte. „Was habe ich gethan?“ rief ſie faſt verzweifelnd —„in welches Elend habe ich die geſtuͤrzt, die ich ret⸗ ren wollte und zu beglucken hoffte! Hat ſie nicht Recht mit ihrem ſchlichten richtigen Verſtand— ſieht ſie nicht ſcharfer, als ich ſelbſt es that, den Unterſchied unſerer Lage und die Schwierigkeit ihrer Verſöhnung an? Wie ſtand ich beſchaͤmt vor dieſer Aufzählung der Leiden, die ihre edle Natur zu ewiger Niedrigkeit verdammt haben! Ja— es iſt zu ſpat! es iſt zu ſpät! o ſie hat Recht! ſo ſehr ich es mir leugnen wollte— ſie— ihre einfachen Worte haben mich gegen meinen Willen uͤberzeugt. O! ich habe viel— ſehr viel verſaͤumt! Warum wartete ich meine Freiheit ab, warum zwang ich dieſe engherzi⸗ gen Menſchen nicht, daß ſie den Schritt thaten, der nun zu ſpät geſchah. „Ihr ſeid zu geſchaͤftig, euch zu quälen,“ unter⸗ brach ſie die Gräfin Comenes, bemuͤht, ihren Kummer zu mäͤßigen.—„Vergeßt nicht, wie viele Jahre ſchon — durch eure Bitten veranlaßt— eure Verwandten Nachforſchungen anſtellen ließen, und hier in Amſter⸗ dam ſchon vor drei Jahren durch eure eigenen Agenten die Schritte geſchahen, die zum Ziel hätten fuͤhren koͤn⸗ nen— verhuͤllten ſich nicht oft alle Wege, die dahin 3* 36 leiten, nach Gottes unerforſchlichem Rathſchluß vor un⸗ ſerer neugierigen Forſchung, bis der Moment eintritt, wo er den Schleier luͤftet und dann es oft anders, ge⸗ gen unſere Wuͤnſche finden läßt, was wir ſo eifrig ſuchten.“ „Ich habe eine harte Lehre bekommen, Gräfin Co⸗ menes. Ach! man hat mich aufwachſen laſſen wie zur Blutrache beſtimmt! Frage ich mich— und ich habe mich in dieſen ſchweren Tagen oft gefragt— ſo fuͤhle ich, das war nicht die reine verwandtſchaftliche Liebe, das war nicht das heilige Trachten, die Ungluͤcklichen mit ihrem Schickſal zu verſöhnen durch den Wieder⸗ gewinn ihrer alten Rechte— es war Rache an dem Tyrannen, der das Blut dieſer Martyrer vergoß, und da nicht mehr an ihm ſelbſt, ſo doch an ſeinem Nachkommen Rache, indem ich die Namen in allen Ehren ihm wie⸗ der vorfuͤhren wollte, gegen die ſein hochmuͤthiges Ge⸗ ſchlecht ſo tief verſchuldet iſt. Ausgemalt habe ich mir tauſendmal, zu welchem Glanz, zu welchen Ehren ich ſie erheben wollte— welch eine herrliche Matrone in Stolz und Wuͤrde war meine Schweſter— welch eine ätheriſche Jungfrau in Einſamkeit und Stille erbluͤht zu Geiſteswerth und Schoͤnheit— meine Nichte! Die be⸗ ſten Freiwerber waren mir zu ſchlecht fur ſie, jeder, der um den Preis warb, ſollte er wuͤrdig ſein, mußte er den Namen Caſambort Gröneveld dem ſeinigen zufuͤgen können— denn nie ſollten ſie erloͤſchen— nie ſollten ſie aufhören, das Ohr der ſtolzen Fuͤrſten zu verletzen— ſich immer nur mit dem Beſten gemiſcht zeigen! Ach! ach!— und jetzt— denkt, was ich gefunden! Ich bin zuruͤckgewieſen mit meiner Rache— ich bin tief, tief gedemuͤthigt und jene, die den zum Himmel ſchreienden Mord begingen, haben Recht behalten— und dies edle Geſchlecht iſt in ſeinen letzten Ueberbleibſeln unrettbar untergegangen.“ Die Graͤfin Comenes hatte kein chriſtliches Element in ihrem Innern, und nur immer die leeren, hohlen Troͤſtungen der Weltklugheit und die gelegentlichen Er⸗ fahrungen derſelben als Lehrer. Sie tadelte nichts in der Stimmung der Gräfin Urica, als daß ſie die Sache nicht noch geheim gehalten hatte, daß ſchon zu Viele davon Kenntniß bekamen, und uberlegte, wie der Dienerſchaft die Thatſachen zu ver⸗ heimlichen ſeien, oder ihnen anders ausgelegt werden koͤnnten, um ſie zu täuſchen. Sie hatte die feige Furcht vor dem Urtheil der Welt, welche die Geißel al⸗ ler Egoiſten, aller Menſchen ohne Gottesfurcht iſt— nicht daß ſie ihr Inneres vor der Suͤnde wahren, ſon⸗ dern daß ſie die Suͤnde dem Urtheil der Welt entziehen, das iſt die treibende Kraft, an der ſich ihr Verſtand vorbauend ermuͤdet.— Urica ſah es gern, daß Jemand ſtatt ihrer die Finger in dieſer Weiſe ruͤhrte— ſie fuͤhlte ſchon die Unwuͤrdigkeit der Richtung, aber ſie hielt ſie noch fur ein Uebel, dem man ſich nicht entziehen könne, um in der Welt zu beſtehen, und die ſie darum verach⸗ tete, weil ſie ihr keine andere Seite abgewinnen konnte. Es war ihr bequem, daß die Gräfin unter dem Schein⸗ grunde der Weltklugheit ihr die Wege bahnte, die ſie dann ſtolz und keck durchmaaß, als ahne ſie nicht, daß ihre Berechnungen wie ſchlaue Wächter um ſie ſtanden — und wenn nur Alles ihrem Egoismus ſchmeichelte, kein Widerſpruch, keine Beläſtigung irgend einer Art ſie beruͤhrte, hatte ſie nichts gegen die Bevormundung der Graͤfin, die durch ihre Prinzipien ſo engherzig und klein alle ihre Fehler nährte. Sie ließ ſich von der Gräfin in ſolchen Fällen ſchel⸗ ten, ohne ihr ein Wort zu entgegnen— hatte ſie eine halbe Stunde nicht hingehört, fand ſie die laut Den⸗ kende nun bei dem Theile, der die ſogenannten klugen gutmachenden Plaͤne enthielt— ohne ſie gradezu gut⸗ zuheißen, deutete ſie doch mit raſchen Worten an, was ihr annehmbar darin vorkam, und dies bearbeitete die Gräfin Comenes alsdann fur den Gebrauch. Verheimlichung der erlebten Täuſchung war der Hauptrath bei dieſer Angelegenheit. Ohne es zu ge⸗ 39 ſtehn, wuͤnſchte ſie heimlich, Angela und ihre Mutter moͤchten in ihrer Verborgenheit bleiben, und dann ge⸗ traute ſie es ſich, die ganze Sache in Vergeſſenheit zu bringen und die Demuͤthigung der jungen Gräfin von ihr abzuwenden. Leicht erſchien es ihr, eine kleine Ge⸗ ſchichte zu erfinden, welche im Fall einer moͤglich befun⸗ denen Erklärung der Sache ein ſchmeichelhaftes Ende zuertheilte, und ihr Geiſt arbeitete ſchon daran, ehe Angela nur die Schwelle ihres Hauſes wieder uberſchrit⸗ ten hatte. Nees war aus ſeinem todtenaͤhnlichen Schlafe zu einer Wirklichkeit erwacht, die ihn in neue Verzweiflung ſtuͤrzte. Die Entfernung Angela's, die natuͤrlich her⸗ vorgerufen war durch die ihm vollſtändig bekannt ge⸗ wordenen Umſtände, zerriß ſein Herz mit der Befuͤrch⸗ tung, ſie werde nicht wieder kommen, er werde ſie nun verloren haben— und ſo ſehr liebte er ſie, daß der Ge⸗ danke an den Verluſt ihres Vermögens nur nachkam. Immer raffte er ſich auf, um ihr nachzulaufen und ſie durch flehende Bitten zuruͤckzurufen— aber Angela hatte ihm Tags vorher das Verſprechen abgenommen, nie wieder an dem Orte zu erſcheinen, wo er ſich bei der Dienerſchaft ſo lächerlich gemacht hatte, und dies Verſprechen ebenſo wie die eigne Beſchaͤmung, woran die Erinnerung ihn zu einer Art Wuth gegen ſich ſelbſt trieb, hielt ihn von dieſer Verfolgung ab. Als aber Angela in den kalten, duͤſtern Hausflur trat, vernahm ſie ſchon ſein krampfhaftes Stoͤhnen, das er nicht abnehmen ließ, als er hindurch hoͤrte, daß Angela von der Magd in das Haus gelaſſen war, denn er hoffte ſie zugleich zu erſchrecken und zu ruͤhren, wenn er ſeinen Zuſtand ihr ſo heftig als möglich kund gab. Angela trat ſtill in das alte Gemach, den einſtigen Banketſaal der Purmurand, und ſetzte ſich ſogleich an der Thuͤr auf eine der Wandbaͤnke. Erſchopft und nach⸗ denkend blickte ſie zur Erde, und es paßte gar nicht zu den Wuͤnſchen Jakobs, daß ſie von ſeinem Zuſtande wenig ergriffen ſchien. Durch ihren Anblick ſchon zer⸗ ſtreut, konnte er nur muͤhſam ſeine lauten Ausbruͤche fortſetzen, und als ihr Schweigen noch einige Augen⸗ blicke fortdauerte, ſchnappte plotzlich ſeine Stimme ab, die Neugierde, Angela zu beobachten, machte es ihm unmoglich, ſeinen Zuſtand feſt zu halten. Er ſchlich ihr nun naͤher und ſetzte ſich endlich neben ihr nieder, hinter ſeinem Schnupftuch noch immer ein gewiſſes ſchluchzendes Seufzen feſthaltend. „Nees,“ ſagte Angela ruhig—„laß das! Wir haben ernſte Dinge zu beſprechen— du mußt zuhören können, antworten und uͤberlegen— du darfſt deinen Verſtand nicht dran geben mit dem Geſchrei.“ „Sprich, Angelchen, mein Liebſtes, ſprich!“ rief Nees—„ich will dich hören— ich will Alles, was du willſt!— Wenn du nur nicht mein Herzblut willſt— mich nicht zum Lohn meiner Treue verlaſſen und verſto⸗ ßen willſt, dann ſoll Alles geſchehen, wie du willſt, Nees will dein Knecht ſein— der Geringſte, der Un⸗ terſte im Hauſe und Alles, was du willſt.“ Nees konnte ſelbſt kriechen, wenn ihm vor etwas bange wurde. Angela hob nach einer kleinen Pauſe mit geſenktem Kopfe an:„Die Tante will mich und die Mutter mit ſich nehmen— ſie will nicht, daß ich dein Weib bleibe und deinen Namen trage.“ Kaum waren dieſe Worte aus ihrem Munde, ſo ſturzte Nees von der Bank vor ihr nieder und umklam⸗ merte ihre Knie. „Ruhig!“ rief Angela ſtreng—„behalte deine Vernunft— hier gilt's!“ Nees ſchwieg.„Sie bie⸗ tet dir dafur die Hälfte meines Vermögens, und was du damit verdient haſt ſeither, das ſoll noch überdies dein bleiben.“ „Vom Ganzen oder von der Hälfte!“ rief Nees aufſpringend und mit gehaltenem Athem Angela an⸗ ſtarrend. Dieſe ſchauderte zuſammen. Es ſchien ihr, er habe ſie mit dieſen Worten um des Geldes willen dran gegeben.„Vom Ganzen!“ ſagte ſie kaum hoͤrbar. „So,“ ſagte Nees, jetzt ganz geſammelt, mit ſei⸗ ner alten Impertinenz—„ſo— die Frau Tante iſt klug! Ja, wenn wir ſo dumm wären und nicht mit zu reden wuͤßten. Wenn es auf ihre Kratzfuͤße an⸗ kommt, ihr Scharwenzeln und Schwenzeln und Hofi⸗ ren, da kann ſie es verſuchen und kann mich von ihren Domeſtiken auslachen laſſen— aber hier? dabei? Nichts, Frau Tante— da lachen wir ſie aus! So— alſo die ganze Familie will aufpacken und abziehn, und Nees ſoll wie der Thuͤrhuͤter zumachen und ſoll ſagen: ich danke ergebenſt fuͤr den langen Beſuch— ich bin nun wieder wie vorher der arme verlaſſene Mann!— Hör', Schatz! weißt du und die Frau Tante wohl, was Ge⸗ ſetze ſind? Hel denkſt du, ſie reden darum anders, weil Nees ein Handelsmann iſt und die Tante eine Graͤfin? Ich will dir was vertrauen,“ fuhr er fort und ſprang kerzengrade in die Pöhe—„Nees will nicht, Nees braucht nicht, Nees kann kein Menſch zwingen.“ Angela hatte ihn nicht angeſehn; ſie behielt ihre duſtere gebuͤckte Stellung; kein Menſch haͤtte errathen können, was in ihr vorging. Das machte Nees ſo m m 43 toll, er mußte ſein Verhalten nach dem Ihrigen einrich⸗ ten, und ſie machte es ihm ſo ſchwer. „Nees,“ ſagte Angela—„wenn du den Wunſch der Tante erfullſt, dann kannſt du alles Geld und Gut behalten, dann ſoll ich und die Mutter leer aus dieſem Hauſe gehn, du ſollſt Alles behalten.“ „Das ſind nur Finten!“ ſchrie Nees,„dafuͤr giebt es auch Geſetze— das kann ich wieder nicht durchſetzen, oder wenn ihr vor der Thuͤr ſeid, duͤrft ihr es nur dem Perrn Schoͤffen ſagen, wir wollen ihm nicht Alles laſſen — dann ſtehe ich da— ich kann's nicht halten. He! Nees kennt die Geſetze— er laͤßt ſich nicht durch eitle Verſprechungen blenden!“ „Es kann dir verbrieft werden,“ ſtieß Angela endlich muͤhſam heraus—„wo es dann außer unſere Gewalt kommt!“ „Woher weißt du das Alles?“ rief Nees mit fun⸗ kelnden Augen— „Als ich von der Tante ging, bekam ich eine Schwaͤche— ich ſetzte mich im Hofe, wo noch die vielen Stuͤhle ſtehn; da kam der Herr Oberſchulze und be⸗ fragte mich— ich erzählte ihm Alles, und er ſagte mir, was ich dir bieten ſollte. Von ihm kommt das— alſo iſt es zuverlaͤßig, da er das Geſetz inne hat.“ „So,“ ſagte Nees—„und er rieth dir auch wohl, erſt die Hälfte zu bieten und zu ſehn, ob Nees dumm ſein wurde?“ Angela ſchwieg. Nach einer Weile ſagte ſie, da ſie ſah, daß Nees, in Gruͤbeleien verſenkt, auf und nieder rannte:„Wenn du einwilligſt, daß ich und die Mutter von dir gehn, ſo mußt du es bald ſagen, es iſt dann noch viel zu beſchicken und du mufßt ſelbſt zum Herrn Ober⸗ ſchulzen gehen und erklären, daß du dich von mir willſt ſcheiden laſſen.“ Nees blieb, wie in den Boden gewurzelt, plötzlich ſte⸗ hen. Jetzt, wo Angela mit einem Male die Frage wie⸗ der auf ſich zuruͤck lenkte, fiel ihm erſt auf, daß ſich ja Alles um ihren Verluſt handelte— jetzt trat ſeine alte, heftige Liebe wieder in ihre Rechte, und er ſtieß faſt einen an Wahnſinn grenzenden Schrei aus und ſtuͤrzte zu ihren Füßen. 6 „Willſt du mich umbringen— willſt du denn mei⸗ nen Tod!“ ſchrie er händeringend—„bin ich denn nicht elend, verachtet, gekränkt und verlaſſen genug— bin ich nicht eben vom Tode geneſen vor Gram, weil du mich verlaſſen wollteſt— und jetzt ſagſt du es ruhig heraus, als wäre es eine abgemachte Sache, daß du dich von mir ſcheiden willſt, daß all meine Bitten, meine Klagen ver⸗ geblich waren?“ „Nees,“ ſagte Angela verwundert—„du nahmſt 45 ja das Geld dafuͤr— und haſt noch eben darum gehan⸗ delt, weil es dir nicht genug war zu Anfang— du wuß⸗ teſt, daß es der Preis fuͤr mich war.“ „Fuͤr dich!“ ſchrie Nees und rannte wieder haͤnde⸗ ringend umher—„fuͤr dich! wer will das ſagen? wer kann mir das beweiſen?— dieſe Heuchler! dieſe See— lenverkaͤufer! dieſe deine Verwandten— die, die wollen dich verkaufen, die wollen deinen rechtſchaffenen Mann um Ehre und Leben bringen, die wollen dich zur gottlo⸗ ſen Frau machen, die ihren Gatten, ihre Kinder, ihr Haus und Hof verläßt.“ „Nees,“ ſagte Angela traurig—„du redeſt ver⸗ wirrt— ich kann ja nicht Alles verlaſſen, was du hier nennſt, denn unſer liebes kleines Kind liegt ja im Grabe — ſeit dem Tage, wo du zuerſt ſo hart zu mir warſt, und wir Beide ſo beſchimpft wurden.“ „Ach ja! ach ja!“ ſchrie Nees—„von dem Tage ſchreibt ſich alles Ungluͤck her— ſeit dem biſt du die Alte nicht mehr— gut und luſtig ſonſt— und hatteſt den armen Nees lieb und horteſt bloß, was die guten Paſtor's dir ſagten— da wußteſt du immer, was Recht war, und hatteſt ein gutes Gewiſſen.“ „Nees,“ ſagte Angela, plötzlich aufſtehend— „glaubſt du, daß mir der Paſtor das Rechte ſagen wird?“ 46 Nees zauderte mit der Antwort. Er wußte ſich zu erinnern, daß deſſen ſtrenge Tugend ihm auch manchen Streich geſpielt hatte; aber Angela bedurfte auch ſeine Entſcheidung nicht mehr, ſie ruſtete ſich zum Weitergehn, und blieb bloß ſo lange, um etwas Waſſer zu trinken, und ging dann auf's Neue von Nees, der nicht den Muth hatte, ſie zuruͤckzuhalten, da er am Ende nicht viel mehr verlieren konnte, als ſchon eingeleitet war, alſo eher Hoffnung war, etwas wieder zu gewinnen. Angela aber trat ihren Weg ebenfalls mit einer neuen Hoffnung belebt an. Gluͤck hatte ſie nicht mehr zu erlangen, weder indem ſie bei Nees blieb, noch indem ſie die fremde Bahn betrat, zu der die Tante ſie eingela⸗ den. Es drängte ſich ihr daher ein höheres Verlangen entgegen, welches den unverſchuldet Unglucklichen eine lichtere Bahn eroffnet, die nicht beruͤhrt wird von den darunter weglaufenden Wegen, welche ihre Spuren der Erde einprägen. Sie verlangte Recht zu thun und Gott getreu zu werden. Sie betrat ſtill und demuͤthig den Laden der Backe⸗ rin, mit der ſie nie wieder hatte gut werden können, denn ſie hatte nie vergeſſen, daß ſie Angela Brod zur Stil⸗ lung des Hungers gegeben hatte, und ſie ſpottete nun, in kleinlichen Neid verfallend, uͤber den Wohlſtand, den Angela jetzt an ſich trug, und hing der Schweigſamen 47 gern einige Spitzworte an, welche immer unerwidert blieben. Auch heute ging es nicht anders ab, denn die Kir⸗ chenſcene war Gemeingut fuͤr Alle geworden, die Nees oder Angela kannten, und ſeit der Krankheit war dieſe noch nicht im Hauſe der Baͤckerin geweſen. „Poho! Frau Nees!“ rief ſie ſogleich hinter ihrem Ladentiſch hervor—„alſo auch hier findet ihr den Weg mal wieder her? Jes! kennt ihr denn die Schwelle noch, wo ihr in eurem knappen Röckchen'ruber ſprangt und euren Hunger gern an einem Brodchen der Frau Lievers ſtilltet?“ Angela ſtand ſtill, lächelte freundlich und nickte dank⸗ bar ihrer Feindin zu. „Ja, ja,“ ſagte dieſe unverſöhnt—„das Gedächt⸗ niß hat ſeine Schliche; wenn der Hochmuth kommt mit dem Wohlſtande, da wollen wir nichts mehr wiſſen von der alten Noth und den Leuten, die uns beiſtanden, weil ſie genug hatten und nie zu den Bettlern gehoͤrten. Da kommt's denn; daß wir ſo einen Anlauf nehmen und hinein rennen, wo wir nicht hingehoören und mit Schimpf und Schande vertrieben werden.— Hoͤrt, Frau Nees! ihr waͤret auch eures Mutterglückes nicht beraubt, hättet ihr auf dem Kirchgang Demuth geſucht, ſtatt Eitelkeit und Hoffart. Eine Frau, deren Leib Gott geſegnet, 48 hat ganz andern Wandel, als eine von den Gnaden, die zu den hohen Staͤnden gehört— das bringt ſchlechte Ehre vor Gott und Menſchen.“ Angela wäre gern den biſſigen Worten entlaufen, aber ſie hatte gerade von der harten Rede wieder die alte Schwäche in den Füßen bekommen und hatte ſich nun vor ihrer Feindin hinſetzen muͤſſen. „Ja, ja,“ fuhr dieſe fort—„die Hochmuͤthigen denken immer, ſie können ihre Sache ſo klug machen, daß es kein Anderer merkt; aber weit gefehlt— wer immer was zu decken und zu vertuſchen hat, der wirth⸗ ſchaftet mit einem knappen Mantel— wenn er ihn hier hinzieht, guckt es dort heraus— deckt er da zu, fehlt's wieder wo anders, und endlich hat er nichts verborgen— Alle haben es geſehn und ſein ſchlecht Gewiſſen uͤberdies!“ Wer nur begierig auf Wahrheit iſt und ſie lieber will, als ſich entſchuldigen, der fuhlt keine Beleidigung, wo ſie erklingt, ſondern Belehrung.— Angela hoͤrte ſtill zu und war gerade von den letzten Worten gekraͤftigt. Sie ſtand daher auf—„ihr habt ganz Recht, Frau Lie⸗ vers,“ ſagte ſie ſanft—„ihr ſeid eine erfahrene Frau — es iſt viel zu lernen aus dem, was ihr ſagt.“ Als ſie nach dieſem Gruße die Treppe zum Paſtor hinaufging— war der Frau Lievers in dummem Er⸗ ſtaunen die Rede vergangen; kopfſchuttelnd ſagte ſie: — „Was iſt denn das! der Nees iſt wohl herunter— es iſt wohl mit dem Wohlſtande ſchon wieder aus— der Pochmuth iſt ja zuſammen geklappt, und wir ſind ja ſehr demuͤthig geworden. Da geht's wohl noch wieder auf meinen Brodtiſch los, und die Geſchmeide, die kein Menſch weiß, wo hin und her, und die ſtolzen Kleider, das wird wohl wieder ſeinen Weg gehn.“ Angela dagegen ſtieg nur noch befeſtigter in ihrem reinen Willen die Treppe hinauf und klopfte an die kleine, blanke, eichene Thuͤr und trat auf den bekannten Ruf:„Herein!“ in dies Aſyl des Friedens und der geiſtlichen Ruhe, wo der Menſch in ſeinen reinſten, na⸗ tuͤrlichſten Beziehungen ungetruͤbt ſeine Vollendung er⸗ halten zu haben ſchien. Der gute Paſtor und ſeine Gattin hatten, außer dem Gluͤck, zwei kleine Mädchen auferziehn zu können, weder viel Wechſel, noch viel Vortheil von Außen ge⸗ wonnen. Es war daſſelbe Zimmer, dieſelbe Einrichtung, nur in dem groͤßeren Schlafgemache daneben war ein Verſchlag gemacht, der nun zwei Schlafzimmer bildete, und davon war der Raum zunächſt der Wohnſtube außer dem großen Gardinenbett der Eltern zu einem zweiten Wohnzimmer für die Kinder hergerichtet, und ſein groͤ⸗ ßerer Kamin war jetzt der Heerd fuͤr den Mittag, ſo daß des Vaters Zimmer ruhiger und geſchonter blieb, da man Jakob v. d. Nees. 1]. 4 50 durch den Verſchlag, wo die Kinder ſchliefen, einen Aus⸗ gang nach Treppe und Flur hatte. Daran mußte es auch wohl liegen, daß Angela das Zimmer ihrer Freunde ſo auffallend behaglich, ſo glaͤn⸗ zend reinlich fand. Beide Fenſter waren nach dem gro⸗ ßen Nußbaum geoͤffnet, der das eine voͤllig mit ſeinen gruͤnen Zweigen verhing und ſeine befluͤgelten Bewoh⸗ ner halb zu Inſaſſen des Fenſters und des Zimmers ſelbſt machte, wo die kleinen Maͤdchen nicht unterließen, ihren gefiederten Lieblingen mit den holden geſangreichen Kehlen, von Allem mitzutheilen, was ſie ſelbſt zu ihrer Nahrung bekamen. Dagegen wölbten ſich die Zweige uͤber dem andern Fenſter ſo hoch, daß Licht und Luft, von der weiten See heruͤber dringend, das Zimmer und den Arbeitstiſch des guten Paſtors erhellte. Von dieſem Fenſter, welches zunächſt der Eingangs⸗ thur war, beſchienen— ſtand jetzt die arme Angela vor dem guten Herrn Harſens— und ſo groß war die Ver⸗ änderung, die auch mit ihrem Aeußern vorgegangen war, daß er ſie nicht gleich erkannte; denn ſelbſt als ſie ihn anredete, war ihre ſonſt rauhe, laute Stimme eine andere. „Ach,“ ſagte ſie—„Herr Paſtor, wißt ihr nichts mehr von Angela?“ e 4 * 9* 51 Er begriff nun ſelbſt nicht, wie er ſie habe verkennen können, und rief ſeine Gattin aus dem Nebenzimmer und ſie und die Kinder Alle begrußten ſie herzlich. Aber Angela war eine Andere geworden; ſie ließ ſich nicht mehr in gedankenloſem Taumel aus einer in die andere Stimmung hinuͤber ziehen; das Schickſal, das ſie er⸗ reicht, laſtete ſchwer auf ihr— und ſie hatte Gedanken bekommen— dieſe neue Erſcheinung in ihr war ihr am wichtigſten. „Ich brauche eine Beichte an euch, Herr Paſtor,“ ſagte ſie daher nach kurzem Geſpraͤch uͤber ihr ungluͤckli⸗ ches Kindbett—„und habe wenig Zeit, denn heute ſoll ſich danach noch viel entſcheiden.“ Die Paſtorin nahm ihre Kinder an die Hand und entfernte ſich nach freundlichem Abſchied und der gute Parſens ließ Angela an dem gruͤnen Fenſter niederſitzen, nahm vor ihr Platz und erwartete ohne Neugier, aber mit ermuthigendem Antheil die Mittheilung der jungen Frau. „Herr Paſtor,“ ſagte ſie auch ſogleich mit Eifer— „ich weiß nicht zu entſcheiden, wo Recht und Unrecht iſt, und darum will ich euch bitten, ihr nehmt es fuͤr mich zu Herzen, und macht dann, daß ich es erkenne.“ Sie erzaͤhlte ihm jetzt mit der traurigen Deutlichkeit, welche bewies, wie tief ihr die Erlebniſſe gegangen wa⸗ * ren, alles das, was wir ſeit dem Tage des Aufrufs mit ihr durchgemacht haben, und verſchwieg ihm nicht, was ſie fur Einſicht uͤber das Eine und Andere gewonnen hatte, und wie ihr Nees und die Tante begegnet waren. Die Mittheilung war fuͤr den guten Harſens uber⸗ raſchend genug und er bat Angela, ſich ein wenig zu er⸗ holen und uͤberlegte indeſſen ſinnend dies neue Ver⸗ haͤltniß. „Meine Tochter,“ ſagte er dann, nachdem die Pauſe ihnen Beiden Nachdenken gegoͤnnt—„Gott hat deinem bisherigen ſo einfachen Leben eine merkwuͤrdige Wen⸗ dung gegeben, und ich finde dich ſehr zu entſchuldigen, wenn du dich durch ſo widerſprechende Anforderungen rathlos fuhlſt. Denke dir aber das Unterſcheiden von Recht und Unrecht nicht ſo ſchwer, du haſt nur nicht die ewige Wahrheit recht feſt gehalten, denn dieſe wuͤrde in ihrer Einfachheit dir ſchon die Verwirrung geloͤſt haben.“ Sagt dieſe, daß ich mich nicht von Nees ſcheiden darf“— fragte Angela—„darf keine Ehe geſchieden werden?“ „Da wir nicht immer ſagen koͤnnen, daß jed Ehe von Gott zuſammengefuͤgt ſei, ſo iſt auch nicht jede Ehe unauflöslich, denn ſie unterfällt dem Irrthum, wie jede 4 —,— z——————— 53 andere menſchliche Handlung— und wenn ſtatt der Wuͤrdigkeit und göttlichen Liebe, welche den Eheſtand ausmachen ſoll, die Suͤnde Unrecht, Feindſchaft und Verwirrung aller Art entſtehen läßt— dann iſt die Ehe nicht die von Gott zuſammengefugte, ſondern ein menſch⸗ licher Irrthum, der weit ab liegt von der göttlichen Ab⸗ ſicht der Ehe.“ „Iſt es wahr, wie die Tante ſagt, daß wir der prd⸗ teſtantiſchen Kirche Angehoͤrenden ein Geſetz haben, das ſolche Ehe trennte“— fuhr Angela ihren Zweck verfol⸗ gend fort—„und daß wir das erſt haben— unſere Vorältern, die Katholiken, nicht?“ „Ja,“ ſagte Harſens—„aber wir verlegten nur aus der geiſtlichen in die weltliche Hand, was immer beſtand. Das, mein theures Kind, wurde immer ein⸗ geſehn, daß leider die göttliche Stiftung der Ehe, wie jeder andere Wille Gottes, nicht uberall in ſeiner reinen Bedeutung von uns ſuͤndlichen Menſchen aufrecht er— halten werden konnte, daß es eine Rettung geben mußte fur die durch dieſen Irrthum ſchwer Bezichtigten, wenn die heiligenden Gefuhle zerſtört und den böſen Leiden⸗ ſchaften dagegen Einlaß gegeben war. Da wurden ſeit Anbeginn die Ehen auch bei den Katholiſchen getrennt, aber ſie durften nicht zur vollen Lebensfreiheit gelangen, und wenn, was uͤbrig blieb, auch nicht mehr einer Ehe 54 glich, war doch der Schein erhalten und die Regiſter der Eheſcheidungen wieſen ſie nicht nach.“ „O, das hätte ich doch lieber, ich brauchte Nees nicht ganz zu verlaſſen,“ ſagte Angela traurig—„und iſt das nicht mehr— und iſt es unter uns nicht Sitte— o, wie muß ich da bedauern keine Katholikin zu ſein!“ „Verſuͤndige dich nicht an unſerer geheiligten Reli⸗ gon, in der die Wahrheit, die in Gott ruht, wieder zu Ehren gekommen iſt, und von der Willkuͤr ſäͤmmtlicher Menſchenſatzungen gereinigt, in der alleinigen Herrſchaft und zu der alleinigen gottlichen Kraft des Erloͤſers zurück⸗ gekehrt iſt. Aus der Luge ihrer Ueberlieferungen, mit denen ſie die Geiſter belaſteten, um ſie in dienſtbarer Knechtſchaft zur Forderung ihrer weltlichen Kirchenherr⸗ ſchaft zu erhalten— iſt die gereinigte Lehre des Evange⸗ liums hervorgegangen, welche in der heiligen Schrift ohne entſtellende Veraͤnderungen und abſichtliche Un⸗ wahrheiten zu uns uͤbergegangen iſt, und beglaubigt in jedes Chriſten Hand gegeben iſt, und ihm ſelbſt Lehre und Zeugniß werden darf. Darum auch, meine Toch⸗ ter, weil der Geiſt der Luge und der Kirchenherrſchaft von uns genommen iſt, wollen wir auch nicht den Schein dieſes heiligen Verhältniſſes der Ehe feſthalten, wenn der traurige Irrthum ſie ihrer Bedeutung beraubt hät. Nicht in die kurzſichtige Entſcheidung eines Beichtvaters 3 5 55 legen wir mehr die ſchwere Frage uͤber die Rechtmaͤßig⸗ keit einer ſolchen Trennung, ſondern aus dem Dunkel heraustretend, vor vielen erfahrenen Richtern, wird Recht und Unrecht gepruͤft und findet ſeine Entſcheidung— und die, welche ihre Ehe zum Irrthum und zur Suͤnde gemacht, werden aus der Gemeinſchaft der Ehelichen alsdann offen und Allen zur Warnung gewieſen. Es wird ihnen aber auch ihre menſchliche und buͤrgerliche Freiheit zuruͤckgegeben und ſie konnen ein neues Leben beginnen,— die Suͤnde kann von ihnen weichen in der freieren Bewegung, während der Katholik gebunden bleibt an das Verhaltniß und an die Perſon, gegen welche er ſich, oder ſie an ihm ſich verſuͤndigte. Meine Tochter, ich habe in katholiſchen Laͤndern gelebt— dieſes halbe Losgeben— was du als einen Vorzug bedauerſt— hat entſetzliche Folgen gehabt. Ueéber die, welche ſich aus einer Ehe trennten, iſt ſchon Irrthum und Verſuchung gekommen, ſei es von einem Theile oder von beiden— und gefaͤhrliche Leidenſchaften ſind erregt, die den Men⸗ ſchen auch ferner von der rechten Bahn abzulenken dro⸗ hen. Iſt es ihm erlaubt, gänzlich den Pfad zu verlaſ⸗ ſen, auf welchem ſeine Verſuchungen zum Boͤſen haf⸗ teten, ſo kann er mit befreiten Kraften ein neues Leben beginnen, und die Veranlaſſung zum Falle liegt ihm nicht mehr vor den Fuͤßen. Dagegen bleibt die halb 56 gelöſte Ehe bei den ſchon in Suͤnde Gefallenen die Pflanzſchule der Suͤnde. Sie wiſſen, daß ſie nie wieder ganz frei werden können, daß die Ehe wie ein Joch auf ihrem Nacken bleibt und ſie verſuchen daher kaum durch dieſen bedingten Ausſpruch der Trennung ſich den Theil der Freiheit zu gewinnen, der die Menſchen dennoch unter dem Schein einer getrennten Ehe feſthält, während ſie in jeder Beziehung, welche die göttliche Stiftung heiligt, ſchon aufgeloſt iſt. Da tritt es denn nur zu oft ein, daß in Heimlichkeit und wahrer Sittenverderbniß neue Verhältniſſe geſchloſſen werden, die jedes ſittlichen Rechts entbehren, die tauſendfaches Elend uber die buͤrgerliche Geſellſchaft bringen und die Verirrten nie wieder von dem Pfade der Suͤnde loslaſſen, ſondern ihnen immer neue Opfer zufuͤhren.“ „Alſo,“ ſagte Angela ohne Pruͤfung—„ſind wir jetzt beſſer daran, wie fruͤher, und können uns vor der Suͤnde retten, wenn wir uns ſcheiden muͤſſen?“ „Ach, meine Tochter, daß das wichtigſte und ſchwie⸗ rigſte Verhaͤltniß des Chriſten, die Ehe eben, von der beklagenswertheſten Verirrung nicht frei bleibt, iſt ein tief zu betrauernder Makel, und von irgend einer aus⸗ reichenden Maaßregel, den Verirrten zu Huͤlfe zu kom⸗ men, den Folgen zu ſteuern, den Reuigen zu retten und den nachtheiligen Einfluß auf Geſittung und buͤrgerliche Rechte abzuhalten, findet ſich in allen vorhandenen Ge⸗ ſetzen nichts vor. Sie werden auch immer nur eine ne⸗ gative Stelle behalten durfen, wenn ſie nicht in die große Fuͤrſorge Gottes eingreifen wollen— ſie werden nur buͤrgerlicher Schutz gegen rohe Gewaltthat bleiben dür⸗ fen, wenn ſie nicht aus Gottes Hand das Richtſchwert reißen wollen, und die wunderbaren Wege, die Er fuͤhrt, um ſich finden zu laſſen, mit dem kurzſichtigen, unzurei⸗ chenden Willen des Menſchen verbauen wollen.“ „Auf anderen, langſameren aber ausreichenderen Wegen muß dem Uebel entgegen gewirkt werden; nur durch ein wahrhaft kräftigendes, religiöſes Leben, was in der Jugend zu erwecken ſteht, nur indem wir das zu ſchließende Verhaͤltniß aus dem Reiche einer weltlichen Berechnung heraus reißen, es in ſeinem Ernſt und ſeiner Heiligkeit zu der wichtigſten religiöſen Pandlung erheben, an deren Vollendung und reiner Durchfuͤhrung vor Gott wir unſere hoͤchſten Kräfte wen⸗ den muͤſſen— nur ſo werden wir Geſetze gegen Ehe⸗ trennung ſchaffen und zwar im Menſchen ſchaffen, die darum ausreichende Kraft haben werden gegen dies Uebel, weil— wie es auch in tauſend verſchiedenen Ge⸗ ſtalten auftreten und nach Maaßgabe der Bildung, der Verhältniſſe anders erſcheinen mag— dennoch das gött⸗ liche Leben, wo es durchgedrungen iſt, die ausreichende Wahrheit giebt, welche Jedem verſtändlich und daher in jeder Form Jedem zur Richtſchnur werden kann. „Hochwuͤrdiger Herr,“ ſagte Angela beſonders feierlich —„da ſoll man wohl kaum geſchieden werden koͤnnen?“ „Doch,“ ſagte Harſens feſt—„man ſoll ge⸗ ſchieden werden können— doch nicht um aͤußere Noth und Qual von uns zu nehmen, nicht um eine beſſere irdiſche Exiſtenz ſich zu gewinnen, nicht um fre⸗ ventlicher Geluͤſte willen— wir ſollen geſchieden werden können um das Heil unſerer Seele willen— wir ſollen geſchieden werden können, wenn wir von den Wegen, die Gott bezeichnet, verdraͤngt wer⸗ den— wenn wir unſern Widerſacher in der Ehe nicht vermocht haben zu Gott zuruͤck zu fuͤhren— oder er uns nicht ungeſtoͤrt zu ihm hinſtreben laͤßt— dann ſol⸗ len wir geſchieden werden können nach göttlicher und menſchlicher Ordnung— dann ſoll dieſe Scheidung uns ehren, nicht verunehren, dann ſollen unſere Gefuͤhle vor Gericht ſtärkere Geltung haben, als rohe Thatſachen.“ „Davon that Nees alles nichts!“ rief Angela und ſtand mit gefalteten Händen von ihrem Sitze auf— „und nun muß mich die Tante aufgeben— ich kann nicht nach göttlichen Geſetzen von ihm geſchiedenwerden.“ Harſens hatte kaum noch daran gedacht, daß der be⸗ ſondere Fall ihm vorgelegt worden war. Er hatte ſich — ,— —,— 59 im frommen Eifer der Sache hingegeben, und ſie hatte ohne ſeine Abſicht das Reſultat herbei gefuͤhrt. „So iſt es, Angela,“ ſagte er daher nach einiger Sammlung—„und du darfſt dich weder in deiner Lage weſentlich gefährdet halten, noch darfſt du den Mann aufgeben, der an dir mit einer Liebe haͤngt, die anneh⸗ men laͤßt, daß du nicht ohne Einfluß auf ihn bleiben wirſt. Wende daher alle deine Gedanken von den Ver⸗ lockungen, welche deine Tante dir— ihrer Einſicht nach — mit gutem Herzen bot und denke, daß Gott es zu⸗ gelaſſen hat, daß du ohne dein Verſchulden in eine ge⸗ ringere Sphäre getreten biſt, als wozu dich die Geburt beſtimmte. Richte nun alle deine Aufmerkſamkeit darauf, zu erkennen, was Gottes Abſicht mit dir auf dieſem Standpunkte ſein kann, und werde freudig und getroſt in dem feſten Willen, etwas Rechtes zur Ehre Gottes daraus zu machen.“ „Ich will freudig und getroſt werden,“ ſagte An⸗ gela mit einer Stimme, die vielmehr an Kraft gewon⸗ nen hatte— ihre beklommene Bruſt war freier— ihr Auge ſah wieder grade aus— es ruhte nicht mehr duͤ⸗ ſter gruͤbelnd am Boden.„O, Herr Paſtor, ich bin nun wieder bei mir zu Hauſe!— Es iſt ſchlimm. wenn uns Verwandte das Herz wenden wollen— man hangt auch mit ihnen zuſammen und mochte ihnen gern 60 Recht geben— aber es ſagte immer etwas in mir: Folgſt du ihnen, da wirſt du keinen freien Athem dein Lebtag wieder in der Bruſt haben. Und nun— ſeitdem ihr geſprochen habt und ich es eingeſehn, iſt Alles wieder in Ordnung— ſeht, ich kann hoffen, daß ich was zu tragen haben werde, denn es iſt ein ſchöͤner Gedanke, daß ich was Rechtes daraus machen ſoll zur Ehre Gottes.“ Jetzt aber muß ich Alles wieder einrichten und von der Tante Abſchied nehmen— und dann ſoll mich Kei⸗ ner wieder aus meinem Hauſe herauslocken— und dann gefällt mir vielleicht Alles wieder wie ſonſt— und ich habe nicht was gegen Nees, wie jetzt.“ „Gott wird dich ſegnen, wenn du ihn bitteſt, daß er dir Kraft giebt, ſeinen Willen zu erfullen!“ rief Harſens geruͤhrt—„aber vertraue nicht deiner eignen Kraft, ſie iſt ein Rohr ohne Mark. Bete— bete, daß Gott ſeinen Willen in dir ſtetig macht, dann wirſt du durch den Glauben an ihn zur Fähigkeit gelangen.“ „Gebt Acht, wie Alles in mir wird,“ ſagte Angela —„und merkt euch ein wenig mein Thun, damit ihr mir zu Zeiten Aufſchluß daruͤber geben könnt. Ich hab's weg jetzt, daß es leicht geht mit der Weltklugheit, und daß ſie viel Recht fuͤr ſich hat, wenn man davon redet, ohne an die Gradheit Gottes zu denken— das ſoll ſchon in meinen Gedanken bleiben.“ — — 61 Voll erhoͤhten Antheils und mit dem frommen Muth, wie er in Harſens Herzen leben mußte fur jeden Entſchluß, der auf Gott ſich ſtutzte, entließ er die eilende Frau, welche nur noch abgemachte Sachen zu beſorgen hatte und in deren Seele kein Schwanken, keine Un⸗ ruhe mehr war. Frau Lievers hätte lieber ihr Haus zu Grunde gehen laſſen, als den Ruͤckzug Angela's verſäumt und ihre Augen hafteten durchbohrend auf dieſer. Doch ihr gan⸗ zer Scharfſinn ſcheiterte an dem ſtillen erheiterten Ge⸗ ſicht der jungen Frau, welche ſich gar nicht zu erinnern ſchien, wie boshaft die gute Bäckerin ſie vorher ange⸗ griffen hatte, ſondern ihr die Hand reichte und Abſchied nehmend noch hinzufugte, ſie wolle bald wieder kommen und dann laͤnger bei ihr verweilen als jetzt, da ſie heute noch viel zu thun habe. Sie wußte nicht, daß man die ganze Welt liebt, wenn man einen guten Entſchluß gefaßt hat. Als Angela uͤber die Schwelle ihres Hauſes trat, kam ihr wieder Alles anders und beſſer vor, und ſie ſah nun auch in der Hoffnung, dieſe Veraͤnderung uͤberall zu entdecken, auf jeden Gegenſtand hin. 62 Nees war nicht im Zimmer und Angela eilte nach dem Luſthof, wo ſie die Mutter wußte. Der Mittag war herangekommen; Brigitta ſaß unter der duftenden Linde und war in der warmen Luft und unter dem Summen der Bienen ſanft eingeſchlafen. Nees ſaß vor ihr und hatte den Kopf in beide Haͤnde geſtuͤtzt— er ſah furchterlich entſtellt aus und war auf⸗ fallend blaß. Angela betrachtete einen Augenblick Beide — eine Stimme ſagte ihr, ohne daß ſie wußte, woher ſie kam: dies iſt nun wieder dein Lebenskreis— das ſind die Menſchen, denen du dich widmen ſollſt mit Al⸗ lem, was an dir iſt. Still und freundlich ging ſie auf Nees zu, und als er erſchreckt in die Höhe fuhr, ſagte ſie ſanft:„Nees, ich gehe nun nicht von dir— ich bleibe bei dir— und wenn du die Hand nicht an meine Seele legſt, iſt kein Grund, daß ich dich verlaſſe. Alle haben ſich geirrt,“ fuhr ſie fort, als Nees ſie ſchon weinend umſchlungen hatte—„das einfache Wort Gottes war ihnen und uns nicht gegenwärtig— aber Gott hat mich vor dem Falle bewahrt, ehe es zu ſpät war— wir muͤſſen uns nun bemuͤhen, recht gottesfurchtig zu werden.“ „Alles— Alles will ich werden!“ rief Nees im krigtichen Ton—„Alles, was du willſt, Angela— auch gottesfurchtig, obwohl ich ja bis jett ver⸗ 63 ſäumte an meinem Kirchgange und der öſterlichen Zeit — aber wenn's noch was mehr giebt, auch das will ich noch thun— Alles— Alles, was du willſt, wenn du nur bleibſt, wenn ich nur nicht allein zuruckbleibe!“ „Ich bleibe nun gewiß,“ ſagte Angela und richtete die Augen zum Himmel.— In Jakobs Antwort hatte ſie Vieles verletzt— ſchwer war es doch, was ihr vorlag — ihre Erkenntniß hatte ſie nicht glücklicher gemacht. Sie machte ſich ſanft von Nees los und kniete vor ihre Mutter hin und kußte ihre Haͤnde und legte ihr Ge⸗ ſicht hinein— und betete. Im ſelben Augenblicke ließ ſich lautes Pochen an der Hausthur horen und Angela, die ſogleich ahnte, wer kaͤme, blieb ruhig liegen, und ihr Gebet war ein Flehen um Kraft; ſie ließ mit aller Ruhe das Fernere kommen, ſie hinderte Nees nicht, den ſie aufſpringen horte und nach der Hausthuͤr ſtuͤrzen— eine wunderbar träume⸗ riſche Ruhe feſſelte ihr Geſicht in die Haͤnde der ſchla⸗ fenden Mutter. Der Hof fuͤltte ſich hinter ihr mit mehreren Perſo⸗ nen— ſie bewegte ſich nicht. Erſt als ſie eine warme Hand auf ihrem Nacken fuͤhlte, war der Zauber zerſtört und ſie blickte auf. „So finde ich dich, Angela,“ ſagte Urica, die hinter ihr ſtand—„ſo haſt du mich vergeblich auf den hoͤchſt 64 wichtigen Beſcheid warten laſſen und weißt, daß wir abreiſen und nur wenige Zeit bleibt zu ſo Vielem.“ „Es iſt beſſer, daß ihr gekommen ſeid und die vor⸗ nehme alte Dame dort auch,“ ſagte Angela ohne auf⸗ zuſtehen—„ihr findet mich auf der Stelle, wo ich bleiben werde und wir haben nur wenig noch zu be⸗ ſprechen. „Wie?“ rief die Gräfin von Caſambort—„das iſt deine Antwort?— deine Tante mit ihren Blutsrechten ſtößt du von dir und wählſt freiwillig dieſen Mann— freiwillig,“ ſetzte ſie zornig hinzu—„Erniedrigung?“ „Muͤßt ihr es ſo nennen?“ ſagte Angela und ſtand von ihren Knien auf, indem ihr Blick Nees ſuchte, der mit jämmerlicher Armerſuͤnder-Miene neben Herrn von Marſeeven ſtand—„Tante,“ ſagte ſie dann und trat mit einer Art neugieriger Beſorgniß ihr unter die Au⸗ gen—„Tante, ſeid ihr auch wohl recht gottesfuͤrchtig?“ „Angela!“ rief Urica erſchrocken und erſchuͤttert— „Angela, wie kommſt du zu dieſer dreiſten Frage?“ „Ach,“ ſagte Angela—„daß doch Keinem von uns eingefallen iſt, daß Gott zu entſcheiden hatte bei dem, was wir vorhatten.“ Ihre Augen ſtreiften Herrn von Marſeeven— ohne Vorwurf— und der feine, edle Mann glitt doch mit ſeinem geſpannten Blick von An⸗ gela's ruhigem Auge ab. 6 „Was meinſt du, Angela?“ rief Urica—„ich bin nicht hier, um deine traumeriſchen unverſtaͤndlichen Re⸗ den zu entwirren. Sprich offen— du ſiehſt, deine Mutter iſt erwacht— ſie könnte unruhig werden.“ „Ach, meine Mutter!“ rief Angela und kniete vor der Lächelnden aufs Neue nieder— du ſollſt deine Linde behalten, unter der du ſo fanft ſchlaͤfſt— du ſollſt wie⸗ der lachen, wenn deine Angela ihre Blumen pflegt.— Nein, nein, Tante,“ ſagte ſie plötzlich, indem ſie lebhaft aufſtand—„ſagt nicht wieder von erniedrigen— Gott läßt Keinen erniedrigen, der ſeine Gebote befolgen will. Aber vornehm wie ihr und die Graͤfin und die liebe Frau von Marſeeven, das werde ich nun nimmermehr, und unſere Wege gehen kuͤnftig weit ab.“ „Wie? wie?“ rief Urica zurnend—„das ſoll nach all' der Liebe, die ich dir bewieſen, nach all' den Zuge⸗ ſtaͤndniſſen, die ich dir ohne Ruͤckſicht gemacht— mein Beſcheid ſein— damit ſollen wir von einander getrennt ſein— und dies hat Alles dein Mann in ſo kurzer Zeit bewirkt, als wir getrennt waren dieſen Morgen?“ „Nein,“ ſagte Angela traurig—„das konnte der arme Nees leider nicht bewirken, und es gereicht mir wohl zum großen Vorwurf, das ſeine Verzweiflung mich ſo kalt ließ— aber er brachte mich doch durch Gottes Beiſtand auf den Gedanken, zu dem guten Paſtor Har⸗ Jakob v. d. Nees. 11. 5 — ſens zu gehn, und als ich ihn hoͤrte, da fiel mir alles Dunkel von den Augen, und ich ſah es deutlich ein, daß ich mich nicht von Nees ſcheiden darf, da meine Seele nicht in Gefahr bei ihm iſt und Hoffnung, daß ich ihn zum Guten fuͤhre.“ „Das iſt ein Kerl!“ ſchrie Nees in ungeſchickter Freude laut auf und ſchlug ſich knallend an die Beine. Urica wendete ſich verächtlich von ihm— er zog ſich auch ſogleich noch mehr zuruck, denn er erboste ſich, daß er ſich ſo vergeſſen hatte. „Das ſoll ich anerkennen?“ rief Urica noch immer in gleicher Erregung—„das— was in dem Kopf die⸗ ſes Paſtors entſtand, der von den Verhaͤltniſſen der Großen und der Welt nichts weiß, in ſeiner kleinen jäm⸗ merlichen Exiſtenz.“ „Tante!“ rief Angela—„er weiß aber, was druͤ⸗ ber geht— er braucht ja nicht von den Vornehmen zu wiſſen— er weiß von Chriſtus— was wollt ihr denn machen, was anders iſt— macht ihr es recht und gut — wegen eures ſchönen veredelten Blutes und eurer hohen Verhältniſſe, dann muß es erſt recht nach Chri⸗ ſtus äͤhneln— und da der Paſtor das eben ſo gut weiß — ſo weiß er Alles, denn in das Eine iſt das Andere alles eingeſchloſſen.“ „Angela, was iſt aus dir fur eine hochmuͤthige Mo⸗ raliſtin geworden!“ rief Urica—„denkſt du, deine Tante ſei keine Chriſtin? War das unchriſtlich, daß ich von Kindheit an um euch trauerte, Reichthuͤmer ſammelte, um einſt euer Schickſal mit dem meinigen zu vereini⸗ gen? Verdiene ich deine Vorwurfe, weil ich nicht kalten Herzens aufgeben kann, was das Ziel und der Zweck meines ganzen Lebens war? Bin ich darum keine Chriſtin?“ „Ach nein, liebe gute Tante!“ ſagte Angela— „Aber ihr habt jetzt auch nur genannt, weshalb ihr zu loben ſeid— weshalb euch der Paſtor ſelbſt gelobt— auch hat er euch um das, wo ihr fehltet, gar nicht ge⸗ tadelt. Ich habe nur aus ſeinen Worten, die das chriſtliche Leben ſchilderten, erkannt, wo ihr und wir Alle nicht Chriſten waren— wo es ſich um das Schei⸗ den von meinem angetrauten Manne handelte, und da ich daraus und ihr Alle, wenn ihr ihn gehört, erkannt haͤttet, daß ich es nicht darf, ſo wurden alle andere Fragen auch zu nichts, denn ich muß auf der Stelle bleiben, wo Nees iſt, und Gott wird mir helfen, ſollte ich auch nicht recht gluͤcklich mehr hier ſein können, da ſo viel Erfahrung daruͤber weggegangen iſt.“— Angela hatte dieſe letzten Worte mit wankender Stimme ge⸗ ſprochen— ſie fuͤhlte ſich jetzt umfaßt, und Frau von Marſeeven zog ſie tiefgeruͤhrt an ihre Bruſt. 5* 68 „Muhme Urica,“ ſagte ſie—„dies einfache Herz hat richtig entſchieden! Huͤten wir uns, ſie zu ſtoͤren.— Gewiß werden wir grade um dieſer Geſinnung willen Angela kunftig mit Freuden als unſere Verwandte an⸗ erkennen durfen— und es furder fuͤr unmöglich halten, daß dieſe edelgeſinnte Verwandtin in der Erniedrigung wäre, wenn wir ſie auch nicht zu den äußeren Verhalt⸗ niſſen hinaufziehen können, zu welchen ihre Geburts⸗ rechte ſie beſtimmten.“ „Kommt her, Urica,“ fuhr Frau von Marſeeven fort— als ſie bemerkte, wie ſchwer es derſelben wurde, ihrem zurnenden Herzen zu gebieten—„kommt her, Urica— nehmt Abſchied von Angela— trennen muͤßt ihr euch jetzt, aber mit verſoͤhntem Herzen und mit der Hoffnung, daß ihr aus der Ferne noch Gelegenheit ha⸗ ben werdet, wohlthuend auf dies edle Weſen einzu⸗ wirken.“ Urica ſtand mit verſchrankten niederhaͤngenden Ar⸗ men, mit gluͤhendem Angeſicht die Augen auf den Bo⸗ den geheftet, und die Strafe der Verwoͤhnung bedrängte jetzt ihr Herz, denn ſie konnte gegen Liebe und Mitlei⸗ den dennoch ihren Eigenſinn nicht uͤberwinden. Da ſtieß Angela plötzlich einen Schrei aus und Aller Augen folgten den ihrigen. Die arme Wahnſinnige hatte ſich mit großer Anſtrengung ein wenig erhoben und angelte wie ein Kind lächelnd mit ihren Armen nach der glanzenden Erſcheinung Urica's— ſie ſank ſogleich, unfahig ſich zu erhalten, in ihren Sitz zuruͤck— aber Urica's Trotz war damit gebrochen. Sie ſtuͤrzte vor Brigitta nieder, umſchlang ſie mit beiden Armen und uͤber ihr wunderſchönes, nur noch Schmerz ausdruͤcken⸗ des Geſicht, was ſie zu der Schweſter aufgehoben hielt, ſtuͤrzten Bäche von Thränen. Die arme Wahnfinnige verſtand Thränen ſo gut wie Lachen und hatte die richtige Empfindung dafuͤr— zartlich und geſchaftig zog ſie Urica's Schleier hervor und trocknete ihre Wangen und ſah ſie dann an, als wolle ſie ihr den Kummer weglaͤcheln. Aber Urica weinte fort, und die Arme kuͤßte endlich ihre Stirn und blickte umher, als wolle ſie Huͤlfe ſuchen. Kein Auge blieb trocken bei dieſer Scene und An⸗ gela kniete hinter ihrer Tante und ſtreckte ihrer Mutter die Hände entgegen. Da wendete ſich Urica, riß mit dem Ungeſtuͤm des hervorbrechenden Gefuhls Angela an ihre Bruſt und kniete nun mit ihr vor der Mutter. „Segne uns, ſegne uns, Heilige!“ rief ſie mit von Thränen halb erſtickter Stimme—„ſegne uns! An⸗ gela, meine theure Nichte, bleibe hier— hier in dem Tempel, wo ihr Engelgeiſt thront— bleib! Der Dienſt fur dieſe Heilige kann keine Erniedrigung ſein— ich 70 werde dich vielleicht— zuruckkehrend in die Welt, wo⸗ hin ich mich gewöhnt— darum beneiden.“ Eine lange Umarmung verſiegelte die Verſoͤhnung beider Frauen.„Angela,“ rief die Graͤfin dann—„ich gebe dich frei deinen Pflichten zuruck, ich ſcheide ver⸗ ſöhnt und voll Achtung fuͤr dich— aber du behaltſt in mir einen Schutz, den ich ausuͤben will, auf welchem Punkt der Erde ich auch leben konnte. Wehe denen,“ rief ſie feierlich aufſtehend—„wehe denen, die eine gewaltthaͤtige Hand nach dir oder meiner Schweſter aus⸗ ſtrecken koͤnnten— meine Zuͤchtigung wird ſie errei⸗ chen.— Und euch, Muhme Marſeeven, die ihr ſo tief und richtig hier den Werth unſerer Verwandtin fuͤhlt, und euch, Herr Oberſchulze— euch mache ich zu mei⸗ nen Stellvertretern an dieſem Ort— in eure Haͤnde werde ich Rechte und Mittel niederlegen, dieſe wehrloſen Frauen zu ſchuͤtzen gegen jede Unbill. Ihr— o ihr, Muhme Marſeeven, ihr werdet zuweilen dieſen kleinen Hof betreten— und dies Lächeln ſehn— und dieſe treue Tochter ehren.“ Laut weinend ſank ſie an den Buſen der ſo feierlich Angeredeten. „Ich werde, Urica— ich werde“— erwiderte Frau von Marſeeven dann—„und mein Gatte wird thun, wie ich— wir werden beide euer Vermächtniß ehren.“ „Angela, leb wohl!“ rief nun Urica, ſie mit dem — 71 zärtlichſten Ungeſtuͤm umarmend—„leb wohl— und Gott, der ſo maͤchtig in dir wirkt, ſei dir gnädig.“ Dann ſtuͤrzte ſie noch einmal vor Brigitta hin, kuͤßte ſie zaͤrtlich und enteilte, ohne umzublicken, dem Hofe— aber in dem Augenblicke, als ſie die Schwelle uͤberſchrei⸗ ten wollte, fuͤhlte ſie ſich gehalten. Angela war es; ſie ſah ſchuͤchtern flehend zu ihr auf—„und Nees,“ ſtam⸗ melte ſie leiſe—„und wollt ihr ohne Verſohnung fort von Nees, der mein angetrauter Gatte iſt?“ „Angela, was forderſt du?“ rief Urica faſt entſetzt zuruͤckweichend—„wie ſoll ich ihm vergeben können?“ „Tante,“ ſagte Angela—„ſolltet ihr nicht jetzt eben ihm vergeben konnen, jetzt, wo ihr ganz mit Gott vereinigt ſeid?— denkt, daß es mein Gatte iſt.“ „Thut es,“ ſagte Frau von Marſeeven—„uͤber⸗ windet euch— reicht ihm die Hand zur Verſöhnung.“ Raſch wendete ſich Urica— aber Nees war von der armſeligen Rolle, die er in der ganzen vorangegangenen Scene geſpielt hatte, ſo tief zuruͤck in ſeine eigenſte Natur niedergedruͤckt worden, daß ſeine tiefe Gemein⸗ heit mehr wie je in ſeinem Aeußern ausgepraͤgt lag. Er war nachgeſchlichen, er grinſte widerlich und trat von einem Fuß auf den andern, indem er mit den Haͤn⸗ den auf ſeinen ſammtnen Beinkleidern auf und nieder⸗ ſtrich. Es war nicht möglich, gemeiner auszuſehen, — —— 72 und obwohl Urica ſich mit dem Entſchluß umgewendet hatte, auch dies letzte Opfer zu bringen, hätte ſie doch, als ſie ihn vor ſich ſah, lieber das Leben gegeben, als ihren kleinen Finger in Neeſens Hand gelegt.„Nein, nein!“ rief ſie faſt entſetzt weiter eilend—„keine Ge⸗ meinſchaft mit ihm— ich kann nicht! Ich kann nicht, Angela,“ rief ſie—„vergieb mir— ich will ihm ver⸗ zeihen— aber erſt laß Raum zwiſchen uns liegen. O, ſieh nicht ſo traurig— ich will— ich will ihm verge⸗ ben, aber laß mich erſt fort ſein.“ Gefolgt von Allen, die ſie hierher begleitet, ent⸗ eilte ſie nun dem Hauſe, wo ſie Alles zuruͤcklaſſen mußte, was ſie mit ſo leidenſchaftlichem Beſtreben, ſich zu gewinnen, geſucht hatte, mit der Ueberzeugung, darinnen den gluͤcklichen Wahn der Unwiſſenheit gegen den angeregten Kampf mit Leiden vertauſcht zu haben, die ſeine unſchuldige Bewohnerin erſt durch ſie beſtimmt war, kennen zu lernen. Angela blieb mit Liebe und Zartlichkeit im Herzen an dem Bilde der Enteilenden haͤngen, bis die letzte Spitze ihres Schleiers verſchwand, und fuͤhlte kaum, daß alle Andern ſich achtungsvoll von ihr verabſchiedeten, und das Herz that ihr weher, als ſie es fuͤr moͤglich ge⸗ halten hatte, weil eine Sehnſucht darin einzog, die ſie nicht zu nennen wußte. — — Langſam ließ ſie die ſchweren eichenen Thuͤren zu⸗ fallen; ihr war es, als koͤnnten ſie ſich nie wieder öffnen, als trennten ſie ſie von der ganzen Welt. Voll Entſetzen aber fuhr ſie zuruͤck, als Nees jetzt angerannt kam und mit großem Geraͤuſch die Thuͤren zuſchloß, die Querbalken vorſchlug und dann mit einem rohen Ausbruch von Freude in die Luft ſprang.„Nun ſind wir die ganze Sippſchaft los,“ ſchrie er, ſich kruͤm⸗ mend vor Lachen und Bosheit—„Nun komm, du gu⸗ tes, altes Weib, nun ſind wir wieder die Alten, nun wollen wir das Pack vergeſſen und auf unſere Hand lu⸗ ſtig ſein. Du biſt ein pfiffig Weib, haſt geredt wie der Prieſter auf der Kanzel— dachte ich doch, ich ſollte er⸗ ſticken vor Lachen, als die hochmuͤthige Frau Tante von deinen erbaulichen Reden ſo windelweich wurde, daß ſie heulen mußte wie beſeſſen. Das hatteſt du dir gut aus⸗ gedacht— wollteſt du einmal gern bei mir bleiben, da gings nicht anders, du mußteſt den Paſtor drein men⸗ gen und ſchwätzen wie er ſelber von der Kanzel. Sieh, daß du ſo pfiffig wärſt, hätte ich dir nicht zugetraut— na, laß gut ſein— brauchſt dich nicht zu ſchämen,“ fuhr er fort, da Angela wie in den Boden gewurzelt vor ihm ſtehen blieb und die tiefe Beſchämung uͤber die gemeinen Reden ihres Gatten ſie faſt bewältigte und das Blut nach dem blaſſen Geſicht trieb.„Sieh Schatz, eben wollte ich vortreten und wollte der Frau Tante meine Meinung ſagen auf eine Weiſe, wo ihr zum Heulen noch das Zaͤhnklappen gekommen wäre, denn natuͤrlich kenne ich mein Recht und konnte die Sache beſſer einſehen, wie duz aber da hoͤrte ich, wie du, kleine Schlange, deine Sache ganz gut machteſt, und da war es meiner Wuͤrde paſſender, der hochmu⸗ thigen Frau Tante gar keine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken. Die Närrin,“ ſchrie er nun, von der Erinnerung an ihren letzten Abſchied gegeißelt, indem er wuͤthend umher zu hopſen begann—„bildet ſich ein, ich werde ihr die Hand geben. Ich— ich! Nees hätte ſie ſich lieber abgehackt, als der Dame Hochmuth gegeben— ſolch ein Mann iſt Nees nicht! Aha, mein Schatz,“ ſchrie er immer heftiger—„ſiehſt du die Balken vor der Thuͤr? Das heißt: Hand ab. Hier kommt Keiner wieder herein, der ſeine geſunden Glieder lieb hat— Nees iſt Herr im Hauſe— Nees hat jetzt die Erbin, das Geld und das Haus.“ Er ſchlug ein lautes Ge⸗ lächter auf, vor dem Angela zuſammenfuhr. Aber plötzlich ſammelte ſie ihren Muth— ſie trat vor und faßte Nees ſtark am Arm—„Halt ein, Nees,“ ſagte ſie kraͤftig—„ſtelle deinen Wahnſinn ein und entehre dich nicht ſelbſt— ich dulde dein Geſchrei nicht.“ So wie er Widerſtand erfuhr, legte ſich ſeine Wuth, denn ſeine Feigheit war noch ſtärker.„Nun— nun!“ ſagte er noch mit einem ſchwachen Verſuch, grob zu werden—„Du thuſt ja ſehr vornehm.— Hoͤr', Angel⸗ chen, gewöhn' dir das nicht an! Siehſt du— jetzt bin ich dein Freund und habe nichts dagegen, daß du bei mir bleibſt— da du nun einmal die Liebe zu mir haſt — aber nun betrage dich auch darnach, daß Nees zu⸗ frieden ſein kann.“ „Ja,“ ſagte Angela—„ich will mich ſo betragen, daß Gott mit mir zufrieden ſein kann— dann wirſt du es doch auch ſein.“ „Ach, laß das,“ ſagte er und faßte ihren Arm, nach dem Hofe zutrabend—„mit mir laß das Geſchwätz, womit du die Frau Tante in die Flucht gejagt haſt— bei mir machſt du kein Gluͤck damit, und ich werde böͤſe, wenn du ſo altklug thuſt. Sei wieder das alte, luſtige, rothbackige Weibchen wie ſonſt— bekuͤmmere dich um Haus und Hof und lege Hand an die Arbeit, denn die Magd iſt uns jetzt unnütz, wenn wir wieder fur uns ſind— da kommſt du mit Allem wieder allein zurecht.“ Angela hatte kaum gehort, was er ſprach. Sie war mit innerlichen, viel wichtigeren Entſcheidungen beſchäftigt— ſie wollte nicht allein dulden— ſie wußte 76 jetzt, daß man eine Seele zu bewahren haben könne— und ſie wollte die ihrige bewahren— ſie wollte noch mehr: ſie wollte auf Nees einwirken, daß er die ſeinige finden lernte, und ſie hoffte eben einen Anfang gemacht zu haben, indem ſie den Ausbruch ſeiner Wildheit hemmte— und empfand nun ein tiefes Beduͤrfniß nach Ruhe, um die ungewoͤhnliche Anſtrengung von denken und ſprechen, die ſie an dieſem Tage erfahren hatte, auszugleichen. Nees aber beſchloß zu tafeln— die arme Wahnſin⸗ nige aͤußerte auch ihre Neigung dazu, und ſo ſaßen ſie bald Alle mit Suſa in dem duͤſtern Purmurandſchen Saale vereinigt, und dem Beobachter haͤtte vielleicht nur bei Angela's ſtillem gedankenvollen Weſen einfallen koͤn⸗ nen, daß es hier anders ſei, als wenige Wochen ftuͤ⸗ her— und doch konnte es nie wieder werden wie da⸗ mals— doch war die Beruͤhrung mit dem Leben eine nachhaltige geblieben, und nur der konnte ſie nicht zu⸗ gleich fuͤr eine ungluͤckliche halten, der die zufriedene Bewußtloſigkeit der Unwiſſenheit geringer haͤlt, als die höhere Erkenntniß, die uns in den Kampf fuͤhrt, der das Gluͤck von dem geiſtigen Sieg in Gott abhängig macht. i ——— Die Gräfin von Caſambort kehrte ebenfalls mit völ⸗ lig zerſtörter Ruhe nach dem Fürſtenhofe zuruͤck. Es war ihrem Charakter in aller Art Widerſtand geſchehen, und ſie war halb erſtaunt, halb erzuͤrnt uͤber die Nach⸗ giebigkeit, die ſie gezeigt, und fuͤhlte ſich eben ſo aufge⸗ regt, wenn ſie ſich eingeſtehen mußte, daß ſie noch mehr verloren, noch weniger zu ihren Wuͤnſchen gekom⸗ men wäre, wenn ſich Alles nach ihrem Kopf gefuͤgt hätte. Die Graͤfin Comenes verſchaffte ihrem jungen ver⸗ zogenen Schuͤtzling aber bei ſolchen Gelegenheiten einen Zwiſchenakt, denn indem ſich Urica ſchmollend in die Kiſſen ihres Fenſterſitzes druͤckte und nicht antwortete und alle Zeichen von Kraͤnkung und gerechtem Unwillen darlegte, bemuͤhte ſich dieſe, ihr mit langweiliger Breite und vollig aus der Bahn gleitenden Gruͤnden zu bewei⸗ ſen, es haͤtte nicht anders ſein köͤnnen— und es wäre ſo beſſer. Dadurch entſtand immer, daß Urica alle Geduld verlor, den Unſinn der gnaͤdigen Frau Gräfin wie mit der Schärfe des Schwertes kurz und buͤndig wider⸗ legte und damit gegen ihren Willen den Umſtänden, die 78 eigentlich ihren Unmuth erregt hatten, zu ihrem Rechte in ſich verhalf. Es war dies auch wieder der Fall, als Urica all die Troſtgrunde hatte hören muͤſſen, die immer das Ziel verfehlten.„Ich ſchwöre es euch, Gräfin,“ ſchloß ſie endlich ihre Rede, worin ſie ihre innere Heftigkeit los geworden war—„ich ſchwore es euch, ich werde hier⸗ her zuruͤckkehren— ich werde das Schickſal meiner Ver⸗ wandten uͤberwachen helfen, und ich will mir meine Unabhaͤngigkeit, die ihr Alle bereit ſeid, mir rauben zu wollen— ich werde ſie mir erhalten— um Keinem ein Recht uber meine Handlungen zugeſtehn zu duͤrfen.“ Die Grafin Comenes pflegte auf eine halbe Stunde empfindlich zu werden, wenn ſie ſo zum Schweigen ge⸗ bracht war, und ſich ceremoniös zu empfehlen.„Ich habe nur noch anzuzeigen,“ ſagte ſie, ſich verneigend— „daß Ihro Majeſtat Euer Gnaden vor der Tafel zu ſprechen wuͤnſcht— und daß das ganze Gefolge orange Bandſchleifen tragen ſoll.“ Urica hatte kaum noch Zeit, an dem weißen, mit Silber durchwirktem Stoff ihrer Robe, den ein Mieder von dunkelrothem Sammt um den ſchlanken Koͤrper mit Spangen von Juwelen feſthielt, die verlangte Schleife zu befeſtigen. Von derſelben Farbe des Mieders war das Unterkleid und die Schleifen des Silberſtoffs— 79 und uͤber dem, mit einem purpur und Gold durchweb⸗ ten Netze, welches das ſchone goldne Haar trug, ſchwebte eine kleine flache Muͤtze mit einer Blume von Brillan⸗ ten, aus deren Kelch zwei zart gekruͤmmte weiße Federn Nacken und Ohr umtanzten. Als ſie das Vorzimmer der Königin betrat, horte ſie aus dem Nebenzimmer, was unmittelbar vor dem Kabinet der Königin lag, lautes Gelächter. Sie blieb ſtehn und erkannte augenblicklich die Stimme der Lady Sophia Lindſay, der funfzehnjährigen Tochter des ka⸗ choliſchen Earls of Balcarras, welche als Hoffraulein zu dem engliſchen Gefolge der Königin gehorte. Dies Kind, welches alle Unarten einer verzogenen einzigen Tochter an ſich hatte, dabei aber den ganzen Zauber ver⸗ fuͤhreriſcher kindlicher Reize, war der jungen Witwe von Caſambort oft ein Stein des Anſtoßes geweſen, be⸗ ſanders da ſie ihre Liebe zu r mit dem ſorgloſen Uebermuth eines Kindes zur Schau trug, welches ge⸗ wohnt war, ſich allen ſeinen Neigungen ungeſtraft hin⸗ zugeben. So ſehr die ſtolze und kluge Urica ſich beherrſchte, hielt dies doch nicht immer vor gegen den Uebermuth der jungen Sophia, welche die Feindin ihrer Liebe in Urica ahnte, und dem klugen Argyle entging zu ſeiner großen innern Befriedigung nicht, daß er der Grund 80⁰ der ſichtlichen Antipathie unter den beiden Schoͤnheiten war, und er verdarb es mit keiner, um in dieſer an⸗ genehmen Schwebe den Vortheil zu ziehen, der nicht ausblieb. Es hemmte einen Augenblick ihren Schritt, aber da ſie uber jede Schwäche in ſich zuͤrnte, uͤberwand ſie ſich ſogleich und ging bis zur offnen Thuͤr vor. Hier war ſie jedoch nicht im Stande, ſogleich weiter zu gehn, denn ihr Erſtaunen war gerechtfertigt, als ſie die ſchöne Sophia Lindſay auf dem Fenſterbrette ſtehen ſah, Argyle auf dem Sitz hinter ihr und ſie mit beiden Häͤnden, die er um ihre Taille gelegt hatte, feſthaltend oder hebend. „Hoͤher! hoͤher!“ rief Sophia dabei unter immer⸗ waͤhrendem Gelaͤchter, welches Argyle mit den anmu⸗ thigſten Späßen zu unterſtutzen wußte— dabei angelte ſie mit ihren kleinen weißen Haͤndchen und ihrem Pfauenfaͤcher, welcher ſchon halb geknickt nieberhing, nach einem Gegenſtand außen am Fenſter, den Urica, als ſie den Blick von der Fenſtergruppe abziehen konnte, fuͤr ein Vogelneſt erkannte, was in der marmornen Roſette der Fenſtereinfaſſung ſteckte. Urica blieb gegen ihren Willen ſtehen. Eine Ah⸗ nung ſagte ihr, das Ende dieſer Scene muͤſſe erſt ihre Bedeutung entſcheiden, und eben hatte Sophia das Neſt herausgeriſſen, barg es an ihrem Buſen und ſchickte ſich an, wie ein ausgelaſſener Knabe vom Fen⸗ ſterſims herunter zu ſpringen, als Argyle mit unver⸗ kennbarer Zaͤrtlichkeit dies verhindernd, ſie in ſeinen Armen auffing und auf die Erde ſetzte; aber im ſelben Augenblick zog er ſie noch einmal an ſich und druͤckte auf ihren kleinen Mund einen lebhaften Kuß. Sophia ſchrie und ſchlug nach ihm, und er ließ ſie ſogleich los, indem er nur ihre eine Hand feſthielt und, ſein Knie vor ihr beugend, hoch und theuer ſchwur, er wolle ſie nicht eher los laſſen, bis ſie ihm vergeben habe. „Abſcheulicher, unbaͤndiger Argyle!“ rief das junge Mädchen, und ſträubte ſich, ihm ihre Hand zu laſſen, indem ſie in der andern das Neſt voll quickender Vögel an ihrer Bruſt feſthalten mußte—„ich werde dir das nie vergeben!“ Aber indem lachte ſie hell auf, und Ar⸗ gyle war nun ſeiner Verſöhnung ſo gewiß, daß er ihre Hand los ließ, aufſprang und in einer ſehr luſtigen Pi⸗ rouette, welche dem Geſchmacke dieſes. halben Kindes eine Huldigung war, die Urica wohl verſtand, ſich ein paar Mal vor ihr umdrehte. Aber die Strafe fuͤr dieſe maͤnnliche Koketterie folgte auf dem Fuße, denn mitten in dem Wirbel ſah er Urica und bedurfte ſeiner ganzen Gewandtheit, um ſtill ſtehen zu können und ſie zu begruͤßen, wie ſie es erwarten durfte. Jakob v. d. Nees. U. 6 ——— 82 Urica ließ ihn die volle Beſchämung dieſes Augen⸗ blicks durchfuͤhlen, indem ſie ihn kalt und ohne zu ſpre⸗ chen von oben herunter uͤberblickte— da aber auch So⸗ phia ihre Feindin erkannt hatte, hemmte auch dieſe ihr Lachen, und indem ſie geargert vorſchritt, ſagte ſie mit ironiſchem Ton und vielen Kniren:„Verzeiht, erhabene Witwe von Caſambort, daß zwei junge luſtige Kinder vor euren geſtrengen Augen ſich einiger Luſtigkeit uͤber⸗ ließen; ſeid gewiß, daß ſie augenblicklich entſchwunden ware, wenn wir die Gegenwart der ehrwuͤrdigen Witwe geahnt haͤtten.“ Ihr habt mich ſchon hinreichend an eure Sitten ge⸗ wöhnt, mein Fräulein,“ ſagte Urica mit kaltem gleich⸗ gultigen Ton—„und ich habe bis jetzt nicht gewähnt daß ich euch Zwang auflegte. Nach dem jedoch, was ich eben gegen meinen Willen ſah, muß ich mir Gluͤck wuͤnſchen, daß ich dieſe Art von Luſtigkeit verſcheuche, denn ſie paßt allerdings nicht zu meinen Sitten.“ „Das iſt erhaben und ſchon ausgedruͤckt,“ fuhr das unartige Kind fort—„und es gehoͤrt der mir angebo⸗ rene Muth der Grafen von Balcarras, meiner großen Ahnherren, dazu, um vor den zuͤndenden Strafpfeilen eurer blauen Taubenaugen nicht zu einem Haͤufchen Aſche zu verglimmen.“ „Mein Fraͤulein,“ ſagte Urica raſch—„treibt dieſe — Spaͤße mit eurer Kinderfrau oder Erzieherin und ſeid ſo gut, mir zu ſagen, ob ihr den Dienſt bei Ihrer Majeſtät habt und thut dann eure Schuldigkeit und meldet mich.“ „Ich— ich? Sophia Lindſay Dienſt? Dienſt? was iſt das? Ach ſo, jetzt beſinne ich mich— ja— Sophia Lindſay hat Dienſt— habt ihr's denn nicht geſehn?— Vogeldienſt hatte ich— dort auf der Stange ſaß ich mit Argyle— und jetzt habe ich wieder Dienſt, denn ich muß meinen ſuͤßen kleinen Vögeln Fut⸗ ter geben. Seht, das iſt Sophia Lindſay's Dienſt, wenn ſie es nicht vorzieht, in Geſellſchaft Ihrer Majeſtaͤt ſich zu amuͤſiren.“. „Es ſcheint alſo,“ ſagte Urica—„daß die Koͤnigin heute ohne Bedienung iſt und ich mich ihr ſelbſt melden muß.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie zu dem Kabinet derſelben vor und Sophia flog zum Fenſter, wo ſie wirk⸗ lich mit Muͤhe nur aus ihrem Buſenlatz das Neſt und die ſchreienden Voögel herausſuchte und ſie unter nicht weniger lebhaftem Schreien und Toben zur Ruhe zu bringen ſuchte und ihnen die Schnäbel zum Erſticken voll ſtopfte. Argyle näherte ſich nun Urica und fragte, ob er ſie melden duͤrfe. „Sind das heute eure Functionen, Herr Herzog?“ rief Urica ſcharf—„dann muß ich mich fugen; als 6* —— 84 Höflichkeit muß ich es jedoch ablehnen, erſtlich, um euch euren kindlichen Vergnuͤgungen nicht zu entziehen, und zweitens, weil ich deſſen nicht bedarf, denn die Königin erwartet mich.“ „Urica!“ rief Argyle mit unverkennbarem Ausdruck des Schmerzes—„geht in dieſer Stimmung nicht zur Königin— oder laßt mich nicht unter den Thorheiten eines unartigen Kindes leiden.“ „Ich verſtehe euch nicht, Milord,“ ſagte Urica ſtolz —„huͤtet euch, daß eure Worte nicht wirkliche Belei⸗ digungen werden, daß ich glauben muß, ihr hieltet die Dinge, die hier vorgefallen ſind, viel wichtiger, da ich noch geneigt bin, ſie kindiſch zu nennen. 4 Sie ſtand jetzt vor der Thuͤr des Kabinets und ſchlug drei Mal mit dem Stiel ihres Pfauenwedels an das Schloß; dann trat ſie ein, ohne auf Argyle zuruͤck zu blicken, welcher keinen Verſuch machte, ſie aufzuhalten. Die Koͤnigin war noch in ihrem Ankleidekabinet und ſo hatte Urica Zeit, ſich von der Gemuͤthsbewegung zu erholen, welche ſie erfahren, und ein fluͤchtiger Blick in einen nahen Spiegel erinnerte ſie an den bittern Scherz Sophia's uber ihre Taubenaugen, denn ſie erſchrak ſelbſt uͤber den Zorn, der noch darin blitzte. Auch blieben auf ihrem Geſichte noch Spuren ge⸗ nug; doch war die Königin geneigt, der Sache eine an⸗ 85 dere Auslegung zu geben.„Ich weiß Alles, meine arme Urica!“ rief ſie ihr bei ihrem Eintritt entgegen— „Marſeeven hat mir Alles geſagt. Faſſe dich, mein armes Kind; aber verſtelle dich nicht gegen mich, ich bin deine Freundin. Tröſte dich damit, daß du edel an deinen Verwandten gehandelt haſt, daß du recht gethan haſt, indem du nachgegeben, da du dein Schickſal unter dieſen Umſtaͤnden nicht mit dem ihrigen vereinigen konnteſt. „So iſt es,“ entgegnete Urica—„mein Eifer, ſie an mich anzuſchließen, hätte hier nur Unheil geſtiftet— aber ich fuͤhle die Enttäuſchung, als einen bittern Schmerz.“ „Du mußt deinen Blick nun abwenden von dieſer ganzen Sache,“ ſagte die Königin eifrig.„An dein Leben ergehen um ſo dringender andere Anforderungen, und du kannſt dich ihnen um ſo beſſer hingeben, da nichts mehr deine Freiheit bindet. Dieſe iſt aber auch bei dei⸗ ner Jugend und Schoͤnheit eine Gefahr, mein Kind. Wir Frauen ſind nicht beſtimmt allein zu ſtehen, am wenigſten in deinem Alter.“ „Ich will nicht hoffen,“ ſagte Urica nicht ohne Ver⸗ ſtellung—„daß Euer Majeſtät an meinem Betragen oder an der öffentlichen Stellung, welche ich meinen Verhältniſſen zu geben wußte, eine Ausſtellung zu ma⸗ 86 chen haben, die meine unfaͤhigkeit darthäte, meine Frei⸗ heit wuͤrdig zu behaupten— ich wuͤrde untroͤſtlich ſein und eifrig bemuͤht, Alles zu entfernen, was den Tadel Eurer Majeſtät wecken konnte.“ „Kleine Närrin,“ ſagte die Koͤnigin mit einem leiſen Schlag auf Urica's Wange—„du biſt ja ein Wunder von Keuſchheit und Sitte, und Alles, was dich umgiebt, iſt ohne Tadel.“ „Ich danke Euer Majeſtaͤt fur dieſes Zeugniß,“ ſagte Urica mit Wuͤrde—„die Sicherheit zu verlieren, die ich dem Gefuhle eines rein bewahrten Lebens ver⸗ danke— fuͤrchten zu muͤſſen, daß der Tadel auf Ver⸗ haltniſſe fallen könnte, die ich durch die bewährte Erfah⸗ rung einer vornehmen und achtbaren Dame ordnen ließ, würde mich um den weſentlichſten Theil meines Gluͤckes gebracht haben.“ „Das haſt du nicht zu fuͤrchten— aber mein ſchoͤ⸗ nes Kind,“ fuhr die Koͤnigin laͤchelnd fort—„ich wollte lieber, du machteſt ein paar Fehler, man konnte dir ein paar Schwaͤchen nachweiſen, du koͤnnteſt dann nicht ſo keck widerſtreben, wenn deine Freunde darauf ausgehen, dir einen Theil deiner Freiheit zu nehmen, um dein Gluͤck zu begruͤnden.“ „Ueber das, was wir Gluͤck nennen, liegt die Ent⸗ ſcheidung in jedes Einzelnen Bruſt,“ entgegnete Urica 87 gefaßt;„wer konnte zum Andern ſagen; das iſt dein Gluͤck! Je ausgepragter der Charakter iſt, je eigenthuͤm⸗ licher werden die Bedingungen daruͤber. Was den meiſten Frauen die Erfuͤllung des Lebens ſcheint— eine Vermaͤhlung— widerſteht mir; die Beeinträchti⸗ gung meiner Freiheit, welche ich nicht anſtehe nach den Geſetzen, die ich mir auferlege, einzuſchranken, wuͤrde ich mit Empoͤrung in der Hand eines Andern wiſſen— und wuͤrde meine Willkuͤr dadurch erweitert— was mir nicht mehr als mein Eigenthum zuſtaͤnde, wuͤrde keinen Reiz mehr fuͤr mich haben. Dieſe Freiheit aber iſt das Element, worin ich athme— hätte ich die Schwäche, daruͤber irgend wem Rechte zu geſtatten, er wuͤrde in Gefahr ſein meinen Haß einzuerndten, jedenfalls aber mich ungluͤcklich machen!“ „Geh, geh,“ ſagte die Koͤnigin liebkoſend—„du machſt dich ſchlechter als du biſt. Du willſt mich ab⸗ ſchrecken mit deinen Behauptungen, denn du weißt recht gut, daß ich fuͤr Argyle bitten will.“ „O, nicht dies Wort, gnaädigſte Frau!“ rief Urica —„ihr könnt, ihr werdet mich nicht um etwas bitten, was mein Ungluͤck— und— das ſeinige waͤre!“ „Das wirſt du mich nicht uͤberreden!“ rief die Koͤ⸗ nigin lebhaft—„du ſteckſt nur in deinem Eigenſinne, in deinen thoͤrichten Grundſätzen wie in einem Panzer 88 feſt, ſo daß du zu den weicheren, feineren Gefuͤhlen dei⸗ nes Herzens nicht durchdringen kannſt. Dein Gluͤck iſt ein eingebildetes, unnatuͤrliches, das Frauen aus dem Gleiſe bringt— ich glaube nicht, daß du glucklich warſt bei dieſen Anſichten, daß du es biſt, noch weniger, daß du es bleibſt; denn Unnatur raͤcht ſich am Herzen— und ſage was du willſt, das bleibt der Heerd, von deſſen Waͤrme oder Kälte das Gedeihen aller andern Zuſtaͤnde abhaͤngt.“ „Es ſei ſo,“ ſagte Urica mit einer Art bitterer Ver⸗ härtung—„Geſtehe Eurer Majeſtät, dieſen Harniſch ab⸗ zuwerfen, muͤßte mich ein Mann lehren;— ich habe ihn noch nicht gefunden,“ ſetzte ſie ſtolz hinzu, als die Königin keine Antwort gab—„und ich fuͤrchte, ich finde ihn nimmer.“ „Urica!“ brach die Königin jetzt wahrhaft uͤberraſcht los—„Urica!— Und Argyle— haſt du ihn getäuſcht — hat er ſich ſelbſt getäuſcht?“ „Erhabene Frau,“ ſagte Urica und kniete mit einer ehrerbietigen aber entſchloſſenen Miene auf einem Kiſſen vor der Koͤnigin nieder—„mir iſt von Kindheit an nicht gut geſchehen; man hat mein kindlich leichtes Blut mit der ſchweren Zuthat von Haß und Rache erfullt und dabei den aͤußern Zwang uͤber mich verhängt, der grauſam niederhielt, was man entwickelt. Freiheit!— 89 Freiheit! war der Angſtruf meines jungen gereizten Her⸗ zens— Freiheit war das Beduͤrfniß, ehe ich es zu nen⸗ nen wußte!“ „Sechs Monate vermaͤhlt war ich doch nicht frei— und der Preis meiner Hand war die Bedingung, unge⸗ hindert die ſuchen zu koͤnnen, die man mich gelehrt von Kindheit an zu beweinen. Ich wollte ſie ſuchen, nicht allein, um ſie zu begluͤcken, zu entſchaͤdigen— ich wollte ſie ſuchen, daß ſie mich und unſern Namen raͤchen ſollten an ihren Verfolgern. Bin ich wie ein Weib erzogen worden?“ fuhr Urica fort, als die Königin mit einem Seufzer ihre Hand auf den Kopf der ſchoͤnen Rednerin legte—„nein, nein! ſagt es, denn ihr denkt es— und ihr wißt jetzt die Quelle von meinen Fehlern, die viel⸗ leicht nicht ganz ohne die Beimiſchung einiger Tugenden blieben. Ich bin kein ſo kaltes, entmenſchtes Weſen, daß ich nicht von dem Gluͤck der Liebe getraͤumt hätte, daß ich nicht die Maͤnner, die ſich um meine Hand be⸗ warben, mit Hoffnung, mit Erwartung angeſchaut, ob ſie mir nicht ein hoheres Gut zu bieten haben wuͤrden, als dieſe kindiſch feſtgehaltene Freiheit, die mein hoöchſtes Gluͤck ausmachte. Kann ich dafuͤr, daß Keiner es ver⸗ mochte? Selbſt die Liebe zu mir ſtand ihnen armſelig— ſie ward kein hoherer Impuls zu Thaten, kein geiſtiges Leben, das in Rede und Bezeigen das höhere geiſtige 90 Streben aufgedeckt und die Seele mir mit Bewunderung bezwungen, das Herz mit Demuth angehaucht hätte. — Herabgedraͤngt ſah ich ſie durch die unmaͤnnliche Knechtſchaft ihrer Leidenſchaft— verarmen ſah ich ſie vor dem Weibe, deſſen Liebe ſie begehrten. Mit einem Dienſt von elenden, flachen Huldigungen hofften ſie ein Herz zu erringen, das wahr und rein ſich ſehnte einen mächtigeren anzuerkennen, und ſtolz ſich ſchloß vor der beleidigenden Zumuthung, der Preis von ſo geringer Werbung ſein zu ſollen. Seht mich an,“ fuhr ſie mit ſtolzem Lächeln fort—„ihr nennt mich ſchoͤn, denkt uͤberdies an den Reichthum der Caſamborts, der auf dieſem jungen zweiundzwanzigjährigen Haupte ruht, und beantwortet dann ſelbſt, ob Viele um mich warben — Viele, Frau Königin, Viele!“ ſagte Urica, indem ſie wie eine zuͤrnende Heilige ihres Geſchlechts von ihren Knieen aufſtand— aber Keiner, den ich nicht mit meines Herzens Kraft, mit meines Geiſtes Reichthum hätte aus⸗ ſtatten muͤſſen, um mich ſelbſt dann zu beluͤgen, er ſei der Gatte, dem ich ohne Erröthen demuͤthig werden könnte.— Weh! weh! wer die Luͤge wagt, um den Genuß des Herzens von dieſer Taͤuſchung zu gewinnen auf kurze Zeit! Fuͤrchterlich wird ſie ſich raͤchen, und Selbſtvorwuͤrfe werden die Laſt des Ungluͤcks verdop⸗ peln, denn wir haben uns ſelbſt verrathen aus ungedul⸗ 91 digem Triebe zu empfinden, wie eine geheime Stimme uns verkuͤndigt, daß es die hoͤchſte Seligkeit einer Men⸗ ſchenbruſt iſt.“ „Du biſt ſchrecklich, Urica, mit deiner Klarheit!“ rief die Königin—„und wahrlich nicht gluͤcklicher. Aber Alles, was du ſagſt, paßt nicht auf Argyle und, geſtehe es mir— du heſt ihn ſelbſt höher gehalten, du haſt ihm Achtung gezollt und deinen Geiſt gern mit ihm verſucht, und nicht immer biſt du ſeine Meiſterin geweſen.“ „So iſt es, Eure Majeſtät— und gern geſtehe ich ein, Argyle iſt nicht ohne Antheil geblieben fuͤr mein Herz, aber ohne mir Liebe einfloͤßen zu köͤnnen. Aber“— „Aber,“ unterbrach ſie die Koͤnigin—„wenn du ſo viel einräͤumſt, was ſoll da das Aber noch? Was du forderſt ganz zu gewinnen, iſt Chimaͤre, mein Kind. Kannſt du annähernde Gefuͤhle finden, ſo denke, daß du mehr erlangt haſt, als die größere Maſſe deines Ge⸗ ſchlechts. Alſo fort mit deinem Aber— geſtehe es, du liebſt ihn ein wenig.“ „Ach,“ ſagte Urica—„ein wenig— iſt das ge⸗ nug? Mir— mir darf es nicht genug ſein— aber mir ſagt eine Ahnung, daß dieſer Mann, auch ohne daß ich ihn lieben werde, Gewalt uͤber mein Schickſal bekommen wird, und daß es mein Ungluͤck ſein wird; denn kaum 1 92 vertraue ich ſeinem Geiſte, ſeinem Herzen noch weniger. Er liebt mich; aber dieſe Liebe macht ihn einerſeits zum Schwachling, und andererſeits iſt ſie doch nicht ſein tie⸗ fes, heiliges Herzensbeduͤrfniß— er hat noch Raum fur Anderes derſelben Art— er iſt falſch aus Kälte des Herzens— er iſt leidenſchaftlich in der Liebe, und es kann Habſucht des Herzens ſein, was er fur Liebe aus⸗ giebt, und ich kann denken, daß er mit leichter Muͤhe eines Tages das Alles los wird, was er jetzt fur Liebe zu mir ausgiebt.“ „Iſt das Vertrauen?“ ſagte die Koͤnigin mit Beſorg⸗ niß auf Urica blickend, welche ſichtlich erſchuͤttert mit bleicher Wange in einen Stuhl zuruͤckgefallen war.— „Nein,“ ſeufzte ſie leiſe—„und darum drängt mich nicht, erhabene Frau, und beſtimmt Argyle, ſich keine Hoffnung zu machen, mich in Nichts zu drängen. Ich halte euch vorerſt mein Wort und begleite euch nach England und bleibe gern an eurem Hofe, bis meine Pflichten mich zuruͤck nach Holland rufen. Ich werde Gelegenheit haben, den Mann, dem ihr ſo warm das Wort geredet, fuͤr den in meinem Herzen ſelbſt eine Stimme ſpricht— zu pruͤfen, und ich werde wahr ſein gegen euch, gegen mich und gegen ihn— und mehr und beſſer, wenn ich mich zu nichts verpflichtet, völlig frei anſehen kann.“ 93 „Armer Argyle,“ ſagte die Königin—„das wird eine niederſchlagende Antwort ſein. Ich geſtehe dir, er hoffte weiter mit dir zu ſein— er hatte eine Zuverſicht, die mich ſelbſt ängſtigte—“ „Natuͤrlich,“ ſagte Urica ironiſch—„die Sicher— heit, uns ſchwach und uͤberwunden zu ſehn, kommt ihnen ſchnell. Auch haͤtt' ichs errathen koͤnnen, daß er mich gewiß zu haben dachte, denn er leitete eben mit einer Andern ein aͤhnliches Verhaͤltniß ein.“ „Urica,“ ſagte die Koͤnigin ſtrafend—„du biſt in einer auffallend bittern Stimmung— was kann dich aber zu dieſem Ausfall gereizt haben? Iſt dieſer junge Mann, der die Ruhe und Feſtigkeit eines Weiſen hat, einer gewöhnlichen maͤnnlichen Untreue fähig?“ „Nein,“ entgegnete Urica—„aber der gewöhnlichen maͤnnlichen Koketterie, mit dem Beduͤrfniß, ſich uͤberall bewundern— anbeten zu laſſen. Was deucht euch,“ fuhr ſie mit ſich röthenden Wangen fort—„ſoll ich dem Herrn Herzog zu dieſen kleinen Vergnuͤgungen be⸗ huͤlflich werden?“ „Du wirſt mir ſagen, wer deine uͤble Laune gereizt hat,“ ſagte die Konigin ſtreng— Dieſe laͤſtige Antwort wurde der Gräfin erſpart. Die Prinzeſſin Marie trat mit ihrem jungen Verlobten ein, und Beide hingen ſich in die Arme der zartlichſten Mutter. 1 94 „Mama,“ ſagte die Prinzeſſin—„Alles erwartet dich im Vorzimmer— die Tafeln ſind ſchon zugerichtet und unſer ſchöner goldner Wagen wird gleich vorfahren, und wir werden noch viel Spaß haben, ehe wir aus dem Thore ſind.“ „Ein andermal alſo,“ ſagte die Koͤnigin zu Urica und drohte ihr laͤchelnd mit dem Pfauenwedel; dann befahl ſie das Gefolge eintreten zu laſſen. Urica nahm ſogleich die unangreifbare Miene der königlichen Ehrendame an, und Argyle hatte das be⸗ ſchämende Vergnugen, Sophia Lindſay einzufuͤhren. Es fand ſich aber, daß die Toilette derſelben noch alle Spuren ihres Vogelfanges trug und beſonders auf ihrer Bruſt eine kleine Schicht ſchwarzer Erde lag, ihr Kinn einen Fleck hatte, und ihre dunklen Locken von den ſchief geruckten brillantnen Schleifen nicht mehr ge⸗ halten wurden. „Lady Lindſay,“ ſagte die Koͤnigin—„wie ſiehſt du aus? wie konnte deine Gouvernante dich ſo unor⸗ dentlich zu mir ſchicken!“ Dabei legte ſie ſelbſt mit muͤt⸗ terlicher Guͤte Hand an das wuͤſte Kind, wehte mit ih⸗ rem Fächer die Erde von Kinn und Buſen und ſtrich die Locken unter die Schleifen. Es gab keinen verſoͤhnendern Anblick, als dies wun⸗ derſchöne, kleine Geſchopf, halb Kind, halb Jungfrau— 95 — jetzt beſchämt in Purpur gluͤhend, mit halb trotzigem, halb weinerlichen Ausdruck. „Was haſt du denn gemacht, du wildes Kind,“ ſagte waͤhrend dem die Koöͤnigin in ſehr verſoͤhnlichem Tone—„du haſt dir gewiß wieder alle Thorheiten erlaubt, die dir durch den Kopf gegangen ſind, und haſt ganz vergeſſen, daß du im Vorzimmer der Koͤnigin warſt?“ „Nein,“ ſagte die Kleine muͤrriſch—„das habe ich nicht, ich bin keinen Augenblick fortgegangen. Denkt ihr, daß das ſpaßhaft iſt, ſo lange ſtillſitzen zu muͤſſen?“ „Vom Stillſitzen ſiehſt du nicht ſo aus— und Ar⸗ gyle,“ ſagte die Koͤnigin forſchend—„hätte wohl bei dir bleiben und dir Geſellſchaft leiſten koͤnnen, als ich ihn entließ.“ „Das that er auch, und da hat er mir geholfen das Neſt ausnehmen, was oben im Fenſter ſaß, was ich ſchon geſtern haben wollte, wo mir aber Keiner helfen wollte.“ „Aha!“ ſagte die Koͤnigin lachend—„jetzt wird die Sache erklaͤrlich; aber wenn meine Hofleute Vogel⸗ neſter ausnehmen, werden meine hollaͤndiſchen Freunde einen guten Begriff bekommen von meinem kindiſchen Hofſtaat. O, Lady Lindſay, welch eine Caprice des Zufalls, aus dir ein Madchen zu ſchaffen und den armen 96 Earl of Balcarras um ſeine Hoffnungen zu betrugen. Ich glaube, er will es ſich nicht eingeſtehn, darum erzieht er aus dir ein ſo wildes Maͤdchen. Doch, Lady Sey⸗ mour,“ fuhr ſie fort, ſich zu ihrer Oberhofmeiſterin wen⸗ dend—„können wir das Haar hier nicht einfan⸗ gen, ohne das arme Kind fortzuſchicken? Wo haſt du denn das Netz, was du heute morgen im Haar hatteſt?“ Die arme Kleine wollte vor Unmuth und Zorn faſt vergehen— plötzlich riß ſie ihren Kopf aus Lady Sey⸗ mour's Häͤnden, ſtampfte mit dem Fuße wild auf die Erde und ſchrie in Thränen ausbrechend:„ich will nicht mein Haar zerraufen laſſen— ich will lieber fort— ich will fort— mein Netz iſt auch fort, und ich will auch fort!“ Argyle konnte nun das arme Kind nicht laͤnger in ſeiner Noth verlaſſen. „Euer Majeſtät,“ ſagte er laͤchelnd, denn Alle machten es der lachenden Koͤnigin nach—„wol⸗ len Gnade haben mit der armen Lady Lindſay— ich bin ihr Mitſchuldiger, und ein Fehler folgt aus dem an⸗ dern— ich konnte es nicht verhindern, daß das Netz dieſes ſchönen Haars zu einem Vogelnetz verbraucht ward und jetzt, ſtatt dieſe Locken zu halten, eine Geſell⸗ ſchaft junger Vogel d'rin ſchreien. 1 97 Jetzt brach ein allgemeines Gelachter aus, welches die Koͤnigin anſtimmte; nur die junge Prinzeſſin Marie umſchlang mitleidig die weinende Sophia und ſſten⸗ ihrer Mutter etwas zu. „Gut, gut,“ ſagte die Konigin—„geh, geh, So⸗ phia— meine Tochter wird befehlen, dir ein aͤhnliches Netz anzulegen— du kannſt dann uns nachfolgen.“ Sophia entfloh nach dem Ankleidezimmer der Köni⸗ gin, wo die Frauen auf Befehl der Prinzeſſin die zerſtoͤrte Toilette wieder herſtellten, und es nur weniger Sekunden bedurfte, daß Beide uͤber denſelben Gegenſtand kachten, und Sophia mit Eifer und Wichtigkeit von dieſem Spaß erzählte, der ihr eben ſo bittere Thranen ausgepreßt hatte. Die Königin begab ſich nun mit ihrem Gefolge in den Empfangsſaal, wo ſie die Gäſte fand, mit denen ſie dies letzte Mahl theilen wollte; da ſie aber immer zwi⸗ ſchen einer engliſchen und einer hollaͤndiſchen Dame ging, konnte dieſe Ehre der Gräfin Urica nie fehlen. „Urica,“ ſagte ſie waͤhrend dem Durchſchreiten der Zimmer—„ich weiß jetzt dein Geheimniß. Denkſt du nicht, ich verſchweige Argyle deine ganze ſententioͤſe Rede gegen mich und erzahle ihm bloß, daß du auf ein Kind eiferſuchtig warſt, mit dem er Vogelneſter aus⸗ nahm?“ Jakob v. d. Nees. I. 7 — ——— ———— —. 98 Urica hatte dieſen Ausfall erwartet, denn die ſpotti⸗ ſchen Augen der Koͤnigin hatten ſie ſchon vor ihren Wor⸗ ten geſucht. „Wenn Euer Majeſtät zu einer Täuſchung des Lord Argyle noch eine große Schmeichelei fuͤgen wollen, welche ſeine Anmaßung ſteigern wird, ſo erlaubt mir doch die Ehrfurcht vor Eurer Majeſtät nichts anderes, als zu verſichern, daß ich ſie in nichts beſtätigen werde.“ „Sei nicht ſo unverſohnlich,“ ſagte die unerbittliche Koönigin— und die Geſellſchaft trennte in dieſem Au⸗ genblick jede weitere Erklärung. Der Auszug der Koͤnigin, welche von den Vor⸗ nehmſten der Stadt bis zu ihrem erſten Nachtlager be⸗ gleitet wurde, war eben ſo glaͤnzend als ihr Einzug. Die hohe Frau behielt ihre bezaubernde Miene und ihre huldreichen Worte bis zum letzten Augenblick bei und nur Wenige, die ihr ganz nahe ſtanden, hätten ahnen können, wie viele Taͤuſchungen ihrer Hoffnungen ſie unter dieſem glänzenden Gepränge erlebt hatte— wie viel harte Wahrheiten ſie hatte anhoͤren muͤſſen, und welche traurige Ahnung von der wahren Beſchaffenheit der engliſchen Zuſtände ihr aus den derben Rathſchlägen „— 99 dieſer ſtolzen Republikaner geblieben war, trotz der Be⸗ muͤhung des Pater Alvari, deſſen Gruͤnden ſie ſich zwar zu beugen nicht anſtehen durfte, der aber doch die bange Furcht nicht ganz wieder zu zerſtoͤren vermocht hatte welche die Prophezeiungen dieſer in der Politik ſo be⸗ wanderten Maͤnner ihr erregt hatten. Zwar waren ihre Juwelen zuruͤck geblieben und ihr Auge hatte die Schiffe geſehn, welche ſich dafur mit Munition und allen erforderlichen Kriegsbeduͤrfniſſen anfingen zu be⸗ laden; aber ſie hatte auch nicht die kleinſte officielle Anerkennung dieſer Huͤlfe erlangen koönnen— dieſe Angelegenheit war im Gegentheil mit ſo großem Ge⸗ ſchick von den Staats⸗Behoͤrden verleugnet worden, daß ſie nie genau zu unterſcheiden vermocht hatte, ob ihnen dieſes ganz in die Sphäre des Privatverkehrs gedrangte Geſchaͤft nicht wirklich unbekannt ſei und ein ganzliches Mißgluͤcken deſſelben zu fuͤrchten ſtände, wenn auf ir⸗ gend eine Weiſe die politiſche Stellung der Republik gegen das engliſche Parlement dadurch gefährdet zu werden drohe. Argyle hatte vielleicht mit eben ſo vielen fehlge⸗ ſchlagenen Erwartungen zu kämpfen, denn trotz aller Verguͤnſtigungen der Reiſe war es ihm nicht gelungen, der Gräfin von Caſambort wieder näher zu kommen. Als die hohen Reiſenden endlich nach dem Haag 7* 100 zuruͤckgekehrt waren und das Gefolge der Königin ſich zerſtreute, begleiteten alle Cavaliere die ſchoͤne Gräfin von Caſambort nach ihrem Palaſt, und als ſich die Thore hinter der ſtolzen Schönheit ſchloſſen, war es ihm, als wuͤrde er ſie niemals gewinnen. Der duͤſtere Ausdruck von Schmerz, der einen Au⸗ genblick ſein ſchönes Geſicht uͤberzog, veraͤnderte ſich jedoch bald und die Liebe hatte ſo wenig Antheil an den zornigen hoͤhniſchen Mienen, die jetzt hervortraten, daß dem Beobachter hier ein großes menſchliches Räthſel entgegen trat— und die Frage, ob zwei ſich ſo widerſprechende Gefuͤhle, wie Liebe und Haß zugleich wahr ſein und abwechſelnd die Herrſchaft behaupten konnten— ſchwer zu beantworten geweſen wäre. Argyle empfand die heftige Leidenſchaft, die ihn zu Urica hinriß, als eine Beleidigung gegen ſeine ei⸗ genſte Natur, welche kalt, hart, Freiheit durſtend und kraͤftig war. Urica war wie ein Hinderniß in ſein Leben getreten, welches er unabhaͤngig wiſſen wollte, um ſich ruͤckſichtslos den Zuſtänden ſeines Vaterlandes widmen zu können. Er hatte ſich eine lenkende, einſchreitende Gewalt zuertheilt und war bereits nicht ohne Einfluß. Er hatte zu Anfang die kecke Sicherheit der wenigen Menſchen, die keinen Vortheil für ſich wollen und bereit ſind, ihren Ideen jedes Opfer zu bringen. Dies gab ihm fur alle Parteien eine Schrecken erregende Sicher⸗ heit und Ruhe. Seine Politik war eine brutale Auf⸗ richtigkeit, welche in dieſen untergrabenen Zuſtaͤnden, wo ſich Alle in leidenſchaftlicher Schwankung hin und her bewegten, und wo Alle grade Heimlichkeit und verdeckte Wege noͤthig zu haben glaubten, Alle verletzte. Er hatte richtiges Urtheil, und da er alle Zuſtände ſtu⸗ dirte und kennen lernte, ſtand er der abgegrenzten Hof⸗ partei beſtaͤndig mit den unwillkommenſten Nachrichten gegenuͤber und machte ſich ohne Intrigue durch ſeine Ruͤckſichtsloſigkeit gefurchtet. Er glaubte ſich zum Hel⸗ den oder zum Dictator geboren und bei der großen Selbſtbeherrſchung, bei dem kalten, ruhigen Verfolgen ſeiner Pläne, wovon er ſich bereits Proben abgelegt hatte, konnte er ſich fur berechtigt dazu halten. Aber ihm war ein kleiner Dämon beigegeben, der ihn eben darum beherrſchte, weil er ihn uͤberſah— er verfolgte ſein Ziel mit allen vorerwaͤhnten Fähigkeiten ſeines Charakters, aber die lang zuruͤckgedrängte Leidenſchaft ward immer vor dem rechten Moment entfeſſelt— er ubereilte den Zeitpunkt der Ausfuͤhrung und war un⸗ fähig umzukehren, wenn er den Irrthum erkannte. Alle Feinheiten ſeines Geiſtes gingen dann in dem rohen Muth unter, den unreifen Erfolg zu erzwingen. Die Opfer, die er dann mit Feſtigkeit und Stoicismus zu ———————— —— 102 bringen wußte, täuſchten ihn uͤber dieſen Mangel, welcher ſeine Seele nicht degradirte, ſeine Handlungen aber zum Mißlingen beſtimmte. Mit einer Energie, welche ſeine Jahre weit uͤberbot, hatte er Opfer gebracht, Wuͤnſche, Neigungen unter⸗ druͤckt und ſeinem Weſen eine kalte Unerſchuͤtterlichkeit aufgenoͤthigt, die um den Preis mancher harten lieb⸗ loſen Handlung erlangt war. Er hielt ſich mit dem Duͤnkel der Jugend fuͤr unerſchuͤtterlich— er ruͤhmte ſich der Herbigkeit ſeines Herzens und glaubte ſich ge— ſichert und ſein eigener Gebieter— und er war es geweſen und eine Ausnahme unter ſeinen jungen Standesgenoſſen, welches er nicht blöde war, ſich zu⸗ zuerkennen und welches ſeine Sicherheit hob. Sein kaltes Herz hatte ihm Zeit gelaſſen, die groͤßte Gefahr der maͤnnlichen Selbſtſtändigkeit zu erkennen und er hatte deshalb die Liebe zu den Frauen wie die ärgſte Plage ſeines Geſchlechts gefuͤrchtet. Er war auf dieſem Punkt völlig gewiſſenlos; ſeine Waffen waren eine rohe Veraͤchtlichkeit gegen das ganze Geſchlecht— er geſtand ſich einen Verbrauch der Gefuͤhle, die er Liebe nannte, zu, der ſich an ihm ſelbſt raͤchte, waͤhrend er ſich dieſe Weiſe als wohlberechneten Grundſatz zugeſtand. Er war den Frauen oft gefährlich geweſen— und ihn reizte die gewoͤhnliche Eitelkeit der Maͤnner, daß — ihm keine, die er auserſah, ſolle widerſtehen koͤnnen. Er wollte empfangen und nie den vollen Werth zuruͤck zahlen— er wollte zuerſt von ihnen bemerkt ſein, und goͤnnte ihnen dann die Schwierigkeit ſeiner un⸗ dankbaren Eroberung. So ſah er Urica und hoffte ſie zu gewinnen— und von ihrem Widerſtand uͤberraſcht, machte er ihr neue Zugeſtändniſſe, bis er ſeine Freiheit voͤllig an ſie verloren hatte und in dieſer Niederlage ihm nur noch eine Ret⸗ tung blieb— ſie ſich anzueignen. Das Eingeſtaͤndniß dieſer Leidenſchaft, das er ſo lang als moͤglich von ſich abhielt, machte ihn gegen ſich ſelbſt wuͤthend— es war eine Niederlage, gegen die er ſich geſichert gehalten hatte, und daß ſie dennoch ihn mit rettungsloſer Gewalt hinriß, bewies bloß, wie heftig er ergriffen war, da er jeden Tag den 2 erneute, ſich loszureißen. Gewiß wuͤrde ihm dies eher gelungen ſein, haͤtte er in Urica's Herzen eine gleiche Empfindung erregen koͤnnen; aber ſie ließ ihn beſtändig uber die Natur ihrer Neigung im Zweifel. Die Auszeichnung, mit der ſie ihn offen und ohne alle Einſchränkung ſuchte und ſeine Unterhaltung jeder andern vorzog, beruhigte ihn keines⸗ wegs, denn in dieſer Art lag die leidenſchaftsloſe Ruhe, die er um jeden Preis hatte haben moͤgen, und die zum 104 erſten Male das ſchönſte junge Weib gegen ihn feſthielt, waͤhrend er nur zuletzt danach ſeufzte, ihr ſeine Nieder⸗ lage zu geſtehen. Auch ward dies ungewoͤhnliche Verhältniß von ſeinen Neidern richtig aufgefaßt; nicht wie ſonſt neckte man ihn mit dem Verhaͤltniß, wobei er dann gewohnt war, von den Liebesempfindungen der Dame zu hoͤren; man ſah ihn im Gegentheil ſpoͤttiſch an und ſprach von dem uner⸗ ſchuͤtterlichen Herzen der ſtolzen Gräfin von Caſambort. Ihre langen Unterhaltungen fuͤhrte ſie mit der ruhigen klingenden Stimme, die kein Herzensgefuͤhl zuließ. Er am beſten wußte, wie ſehr ſie von allen andern abwichen, welche er mit Frauen zu fuͤhren pflegte; aber er mußte ſich zugleich in zorniger Be⸗ ſchaͤmung eingeſtehn, daß dies edle und hochbegabte Weib ihm mit geiſtesverwandter Seele von den Zu⸗ ſtaͤnden ſprach, die bisher die heiligſten und theuerſten Intereſſen ſeines Lebens ausgemacht hatten und daß er dieſe Sympathie fuͤr den kleinſten Rauſch des Her⸗ zens hingegeben hätte. Seinem vorerwaͤhnten Charakter getreu, bezwang er zuerſt ſeine Leidenſchaft vor Urica und beſchloß, da er ſie nicht von dem kuͤhlen Boden ihrer politiſchen Gruͤbeleien vertreiben konnte, ihr auf dieſem ihre Nie⸗ derlage zu bereiten. 105 Er trat mit ſeinen vollen Geiſteskräften ihr ent⸗ gegen, mit dem ganzen Reichthum ſeiner Anſichten, Erfahrungen und Schluͤſſe, und hatte den Triumph, ihren Antheil perſönlich werden zu ſehen und Wärme und Begeiſterung hervorzurufen, von welcher er zu⸗ weilen hoffte, daß ſie Liebe werden könnte. Noch nie hatte er ſo viel an eine Frau gewendet— noch nie fur ſo wenig Lohn— und noch nie hatten die Mittel zum Zweck ihn ſo abhaͤngig gemacht.„Ha!“ rief er oft, wenn er wieder von ihr getrennt war—„wuͤnſchte ich mir einen Kameraden, der Gut und Blut mit mir theilte, der kluͤger oft wie ich ſelbſt mir Rath und Stuͤtze ſein könnte, dann waͤre dies unbegreifliche Weib die Rechte, dann waͤren alle Wuͤnſche erfuͤllt— aber ſo— was fange ich mit ihr an, wenn ſie ſich ihre Un⸗ abhaͤngigkeit erhält?“ Nach nächtelangem Bruten uͤber die Mittel, ſich ſelbſt in dieſem Verhaͤltniß wieder zu ſeiner alten ſchmerzlich vermißten Freiheit zu verhelfen, beſchloß er den bis jetzt ſo ſtolz von ſich abgehaltenen Gedanken zur That zu machen— er beſchloß ſich mit Urica von Caſambort zu vermahlen. Es war eine Berechnung ſeiner wuͤrdig, daß er als ihr Gatte die Gewalt dieſer Leidenſchaft los zu werden hoffte, und da er nach wiederholter Pruͤfung immer wieder zu dieſem Schritt, als ſeiner einzigen Rettung, 106 zuruͤckkehrte, hielt er ihn endlich als unvermeidlich feſt und richtete danach ſein Verhalten ein. Wenn ſich Argyle fruͤher dieſen Schritt gedacht hatte, ſo hatte er im Geiſt ein ſanftes, ſchoͤnes Maͤdchen aus der hoͤchſten Ariſtokratie Englands vor ſich geſehn, deren gluͤhende hingebende Liebe er durch das Darbieten ſeiner Hand belohnte, um dafuͤr den hingebendſten Dienſt einer Gattin zu fordern. Mit ihrer Huͤlfe, oder vielmehr durch die ihr ohne Verdienſt zugefallene Wuͤrde einer verheiratheten Frau ſollte ſie dann nach ſeiner Leitung einen Kreis um ſich begruͤnden, deſſen politi⸗ ſche Bedeutung eine Macht werden ſollte, deren Ein⸗ fluß ſeine großen und wahrhaft patriotiſchen Geſinnun⸗ gen ſtuͤtzen ſollte— ohne daß das Weſen, welches ſeine Stellung durch die Ehe brauchbarer und vielſeitiger gemacht haben wuͤrde, zu ihm in das kleinſte Verhalt⸗ niß des Einfluſſes getreten ſein wuͤrde. Welch eine Niederlage dieſer ſo ſicher entworfenen Lebensplaͤne mußte ihm nun ſeine gegenwärtige Stellung ſein! Er forderte ein Weſen, von dem er ſich nicht mit Sicherheit geliebt wußte, und gegen das er den vollen Wahnſinn einer ſolchen Leidenſchaft tragen mußte — dies Weſen war eine Fremde, wenn auch von hohem Range, doch ohne Familienanhang in ſeinem Vater⸗ lande. Indem ſie ſein Haus begruͤnden half— war ihr darin nie eine ſeinem Willen anheimgegebene Stel⸗ luug anzuweiſen. Es konnte noch mächtiger, noch bedeutender fur ſeine Plaͤne werden und ihre Geſinnun⸗ gen, den ſeinen ſo vertraut und einig, ſchienen dafuͤr zu buͤrgen— aber von ihren Geſinnungen, nicht mehr von den ſeinigen, hing dies ab und die Rechenſchaft ſeiner Handlungen konnte er an der Seite ſolches We⸗ ſens nicht von ſich abhalten und damit war die hoch⸗ gehaltene aͤngſtlich behuͤtete Unabhaͤngigkeit verloren. „Und dennoch— dennoch mußte ſie ſein werden!“ mit dieſem Ausſpruch ſchloß er jede dieſer quälenden Be⸗ trachtungen. Wir haben ihn nun endlich, nachdem die Königin ſeine Vertraute geworden war und ihm Gelegenheit verſchafft hatte, ſich der Gräfin von Caſambort zu nahen, von der langweiligen Qual eines Tages ge⸗ peinigt, welcher durch den laͤſtigen Zwang der Etikette ihn von ihrer Seite getrennt hatte, den letzten Schritt thun ſehen und Urica ſeine ganze gluͤhende Leidenſchaft ausſprechen hoͤren. Wir erinnern dabei an das Bild, was wir zu An⸗ fang von ſeinem Charakter gemacht haben: er konnte ſeine Leidenſchaft bezwingen und ein Ziel mit Feſtigkeit verfol⸗ gen; aber ein neckender Daͤmon ſprang zuletzt dazwiſchen und er verfehlte den rechten Moment der Ausfuͤhrung. 108 Wie ſehr dies der Fall bei ſeiner Liebeserklärung geweſen, wie unbeſonnen er ſie uͤbereilt hatte, wie viel zu viel auf die Ueberredung ſeiner leidenſchaftlichen c5 Worte und die Symptome von Neigung in Urica er gerechnet hatte, das fuͤhlte er ſogleich mit einer an Haß grenzenden Erbitterung gegen ſie. Aber einen Fehler zu verbeſſern ging ihm alles Geſchick ab, und ſo forderte er die Einwirkung der Koͤnigin und bediente ſich ſo des ſchlechteſten Mittels, eine edle Liebe zu ge⸗ winnen, indem er Ueberredung an die Stelle des ſie⸗ genden Gefuͤhls zu rufen unternahm. Obwohl auf der Reiſe nach Holland Argyle der Königin ſchon ſein Herz erſchloſſen hatte, und obwohl S ſie nach Frauenart ihm ſogleich ihre Mitwirkung ver⸗ heißen und viele erleichternde Anordnungen fuͤr ihn ein⸗ geleitet— war die Angelegenheit ſelbſt doch ziemlich den Umgebungen entzogen geblieben und erſt jetzt war ein Feind dieſer Verbindung aufgetreten, der erſt durch die Unterredung der Koͤnigin mit Argyle hinter dieſe Angelegenheit kam. Don Alvari, der Kaplan der Königin, hatte aus dem Nebenzimmer, wohin ihn das Vertrauen ſeiner Gebieterin verwies, die Bitten Argyle's mit angehört, und er wuͤrde augenblicklich dem Willen ſeines Beicht⸗ kindes eine andere Richtung gegeben haben, haͤtte er P nicht beſchloſſen, auch die beabſichtigte Berathung mit Urica abzuwarten, wodurch er dann, im Beſitz des gan⸗ zen Zuſammenhangs, ſeine Forderungen erfolgreicher zu ſtellen hoffen konnte. Ein Mann wie der Herzog von Argyle mußte die Beobachtung der Partei reizen, welche ausſchließlich die Konigin regierte, und ſeine ganze Stellung, ver⸗ bunden mit ſeinem ungewöhnlichen Charakter, machte ihn zu keiner unbedeutenden Aufgabe. Er mußte ent⸗ weder der Freund ihrer Partei werden, oder er mußte untergehen. Das Erſte war wuͤnſchenswerther und vielleicht ſicherer zu erreichen als das Andere, da die Familie des Herzogs maͤchtig war und er ſelbſt ſein hohes ariſtokratiſches Anſehn durch ſeinen Charakter ſicherte. Die große Selbſtbeherrſchung, mit der Argyle bis⸗ her ſeine Leidenſchaft fuͤr Urica zu verbergen gewußt hatte und vorzuͤglich die ſichtliche Kaͤlte der Graͤfin gegen den Herzog hatte die Beobachtung Alvari's getaͤuſcht — und indem er ihm durch die Vermittelung der Koͤ⸗ nigin die katholiſche Tochter des Lord Lindſay vorge⸗ fuhrt, glaubte er bei den Aeußerungen, welche Argyle's gewoöhnliche Koketterie bewirkte, dieſer erſte Schritt ihn ſeiner Partei zu naͤhern, koͤnne durch die Verbin⸗ dung Beider geſichert werden. Jetzt ſtellte ſich die Sache anders und Urica war eine zu bedeutende Erſcheinung, als daß ſie nicht längſt die Aufmerkſamkeit Alvari's erregt haben ſollte. Jetzt wußte er alſo ſogleich, daß eine Vermaͤhlung des Her⸗ zogs mit ihr dieſen in ſeiner ganzen Richtung verſtaͤrken mußte und daß Urica vielleicht noch unuͤberwindlicher bleiben werde, als von dem Herzog zu erwarten ſtand, und auf dem einmal eingenommenen Standpunkte weder unthaͤtig noch ohne Einfluß bleiben werde. Gruͤnde genug, um Alvari's Beſchlüſſe zu beſtim⸗ men, und noch am ſelben Abend der Koͤnigin uͤber ihre unbeſonnene Einmiſchung in dieſer Sache Vorwuͤrfe zu machen und ihr ein Bild von den Erfolgen ſolcher Ver⸗ hältniſſe im Fall des Gelingens zu entwerfen, was die Koͤnigin als ihren Plaͤnen und Wuͤnſchen hinderlich er⸗ kennen mußte. Deſſen ungeachtet war die Einladung nach England an Urica nicht fuͤglich zu widerrufen, da dieſelbe der Königin jedenfalls mit der Flotte, welche ſie zuruͤckfuhrte, bis zur Ausſchiffung in England beigegeben blieb. Nach einigem Nachdenken fand Don Alvari, daß — nachdem die Sache ſo weit gekommen war, es auch paſſender ſein könne, ſie ſpiele unter ſeinen Augen noch eine Zeit lang fort. Angeregte Mißverſtaͤndniſſe, wozu der Stoff vorlag in den— durch die Koͤnigin ihm 111 mitgetheilten— kleinen Eiferſuchteleien beider Frauen, mußten unterhalten und verſtärkt werden, und er wußte, dieſe allein konnten bei dem unabhaͤngigen und ſtolzen Charakter der Gräfin zu unuͤberwindlichen Hinderniſſen werden, wenn es gelang, ihren Eigenſinn zu einem entſcheidenden Ausſpruch zu bewegen. Unter dieſen Umſtaͤnden verließ Urica, begleitet von der Graͤfin Comenes und mit einem faſt fuͤrſtlichen Glanz umgeben, ihr Palais im Haag und ſchiffte ſich mit der ungluͤcklichen Königin ein, um eine Zeit lang auf fremdem Boden den Verſuchungen des Lebens die ſo ſtolz behauptete Ruhe ihres Herzens entgegen zu ſtellen. Da wir keinen geſchichtlichen Roman zu ſchreiben haben, ſondern bloß die Zuſtände der Zeit, wie ſie auf die Begegniſſe der Privatperſonen, deren Leben wir mittheilen, Einfluß ausuͤbten, hervorheben wollen, ſo werden wir die Erinnerung an eine ſchwere und ver⸗ haͤngnißvolle Periode der engliſchen Geſchichte, welche wir in der Kenntniß jedes Gebildeten vorausſetzen duͤr⸗ fen, nur in ſofern hervorrufen, als ſie uns helfen wird, Aufſchluß zu geben uͤber den Einfluß, den ſie nothwendig uͤber dieſe Perſonen ausuͤben mußte. Waͤhrend der vorher erwahnten Anweſenheit der Königin in Holland hatte König Karl den Entſchluß 112 gefaßt, ſich aus der Naͤhe des tyranniſchen Parlements zu entfernen, und war von Dover aus mit dem Prin⸗ zen von Wales und ſeinem zweiten Sohn, dem Herzog von York, in langſamen Tagereiſen nach York gegangen, wo er auf einige Zeit ſeine Reſidenz zu nehmen beſchloſ⸗ ſen hatte. In dieſen entlegenen Theil des Königreichs war der wuͤthende Strudel der Meinungen und Parteiungen, welcher die Hauptſtadt ergriffen hatte, noch nicht in dem Maaße eingedrungen, um eine aufrichtige Ehr⸗ furcht fuͤr Kirche und Monarchie zu zerſtoͤren, und der König fand hier mehr Zeichen der Liebe und Anhäng⸗ lichkeit, als er erwartet hatte. Von dieſer ſeinem hohen Beruf angemeſſenen Stel⸗ lung gekraͤftigt, kehrte er zu einer geſammelten, feſteren und ſeiner wuͤrdigeren Verfahrungsart zuruͤck, und der traurige Streit zwiſchen ihm und der geſetzgebenden Macht ſeines Landes, der deshalb freilich nicht aufhoͤren ſollte, gewann dennoch eine Art von Gleichheit der Macht, da Karl's Feinde vielleicht ſelbſt mit Ueber⸗ raſchung die anſehnliche Partei, die ihm noch anhing, erſt jetzt kennen lernten. Es iſt merkwurdig, wie ſehr die Motive unter den beiden Parteien ſich jetzt umgekehrt hatten. Indem der König ſeinen vorigen Irrthum bekannte: die Noth⸗ — ,— —,— 113 wendigkeit als Vorwand zur Kraͤnkung der Geſetze und Staatsverfaſſung benutzt zu haben,“ warnte er jetzt das Parlement, ein Beiſpiel— welches von demſelben ſo ſehr getadelt worden— nicht nachzuahmen; und indem das Parlement ſeine ehrgeizigen und herrſchſuͤch⸗ tigen Plaͤne unter dem Schein einer bevorſtehenden Ge⸗ fahr fuͤr die Nation verdeckte, entſchuldigte es wider ſein Wiſſen denjenigen Fehler des Koͤnigs, der den Kampf eingeleitet hatte, und von ihrem groͤßten Tadel verfolgt worden war. Es war in der That ſo augenſcheinlich, daß der König ſich jetzt außer Stand befand die Staatsverfaſ⸗ ſung zu kraͤnken, daß die Furcht und Beſorgniß, welche auf das Volk wirkte und es ſo wuͤthend zu den Waffen trieb, ganz gewiß nicht von ſeiner buͤrgerlichen Stellung herruͤhren konnte, ſondern aus der erregbarſten und heftigſten Leidenſchaft hervorgerufen worden war:„aus der Furcht vor Beeinträchtigung religiöſer Freiheit.“ Die kranke Einbildungskraft der Unterthanen wurde in beſtändigem Schrecken und ängſtlicher Furcht vor Pabſt⸗ thum und Prälaten erhalten und mit Haß gegen Cere⸗ monien und Liturgien erfuͤllt. Der fanatiſche Geiſt einmal angeregt, bahnte ſich bald zugellos die ausſchwei⸗ fendſten Wege, um Gegenſätze zu ſchaffen, worauf er ohne Nachdenken fortſtuͤrmte und zuletzt nur noch Jakob v. d. Nees. I. 8 114 durch den Abſcheu gegen das Beſtehende gelenkt wurde und ſeine Berechtigung behauptete, wenn er ſich im Gegenſatz fuͤhlte. Heuchelei ganz rein von Schwärmerei iſt vielleicht eben ſo ſelten, als Schwärmerei von aller Vermiſchung der Heuchelei gereinigt. Es liegt in der Groͤße des erhabenen Gegenſtandes der Religion, es liegt in ihrer Naturnothwendigkeit zum Menſchen, daß Niemand ſich als Verſuch oder aͤußeres Huͤlfsmittel zu dem Gebrauch ihres Dienſtes hingeben kann, ohne davon die Ahnung eines höheren Zuſtandes zu gewinnen— der ihm— gegen ſeine anfaͤngliche Abſicht— zu einiger Wahrheit verhilft und den Namen des Heuchlers von ihm zu nehmen ſcheint. Auf der andern Seite aber ſind Reli⸗ gions⸗Entzuͤckungen auch in den frommſten Menſchen voruber gehende Lichtblicke, welche die Seele mit gluͤ⸗ hender Dankbarkeit, aber noch mit viel tieferer Devotion erfuͤllen ſollen, da ſie unmittelbare Beruͤhrungen mit dem Geiſte Gottes ſind, und wer ſie feſtzuhalten ſtrebt, und ſie als ſein tägliches Geruͤſt auch andern zur An⸗ ſchauung vorfuͤhren will und danach Worte, Mienen, Zuſtände um ſich her modeln will, um ſich äußerlich zum Empfangniß dieſer Gnade bereit zu erklären, der wird bald den Weg der Wahrheit verlaſſen haben, und wird annaͤhernde Zuſtaͤnde in ſich erzwingen, und 11⁵ wenn er ſie eine Zeit lang gebraucht, wird er ſie nur noch nachmachen und die gewöhnlichen Beweggruͤnde des Vortheils und des Ehrgeizes, welche ſich unbemerkt der Seele bemaͤchtigen, werden dieſen Zuſtand unterhalten. Dies iſt in der That der Schluͤſſel zu den meiſten beruͤhmten Charakteren jener Zeit. Dieſe frommen Patrioten, gleich voll von Betrug als Andacht, redeten beſtäͤndig davon, den Herrn zu ſuchen und verfolgten doch immer ihre eignen Abſichten, welche ſie zuletzt durch die abergläͤubigſten Erfindungen als höhere Ein⸗ gebungen zu rechtfertigen ſuchten, und ſie haben der Nachwelt die Lehre gegeben, wie betruͤglich, wie ver⸗ derblich der Grundſatz iſt, wodurch ſie ſich beſeelt hiel⸗ ten, welchen Gefahren uͤberall die höchſte Befähigung des Menſchen— die unmittelbaren Eingebungen des göttlichen Willens empfangen zu können— ausgeſetzt iſt, wenn ſie damit aus der geheimen Ruͤſtkammer des Perzens hervortritt, um durch Berechtigungen, die von der hoͤchſten Gnade zeugen ſollen, weltliche Macht und weltliche Behörden zu vertreten. Jede Partei war jetzt geſonnen, der Gegenpartei den Haß aufzuladen, den der entzuͤndete Buͤrgerkrieg dem Volke eingeflößt hatte, und jede ſuchte die gute Meinung deſſelben zu gewinnen. Der Krieg der Federn ging vor dem Krieg der Waffen her und verbitterte die 8* 116 Gemuͤther der ſtreitenden Parteien täglich mehr. Das anſcheinende Ziel des Streites— die Verſöhnung und der Frieden aller Parteien— mochte nur noch Wenigen vorſchweben; in dem Streite ſelbſt verloren ſich alle klare Anſchauungen, und indem beide Parteien durch die verſchiedenſten Anſichten und Abſichten in ſich ge⸗ ſpalten waren, fanden ſich in beiden die allerwider⸗ ſprechendſten Meinungen vor, und Wenige haͤtten zu⸗ letzt noch nachweiſen koͤnnen, welcher Geſinnung ſie angehorten. Die verſchiedenen Religionsſekten, die aus der ſchwaͤrmeriſch bigotten Richtung bis zu den wahnſinnigſten Verzerrungen des Aberglaubens und der Inſpiration uͤbergingen, miſchten dem weltlichen Kampfe die allergefaͤhrlichſten Elemente bei und gaben den Uebelwollenden, die mit Bewußtſein beobachteten, eine fanatiſirte Maſſe in die Häͤnde, die ſie zu ihren Zwecken lenken konnten, wenn ſie in ihrem uͤberſpannten Duͤnkel erhalten wurde. Ihnen gegenuͤber ſtanden die kriti⸗ ſchen Reformatoren durch Feder und Preſſe, die ſich nicht minder wie jene Fanatiker der Religion exaltirten und in ihrem kritiſchen Verſtande das Heil darin ge⸗ funden zu haben glaubten, wenn alles Beſtehende uber den Haufen geworfen werde. Ihre Selbſtanbetung hob ihre eigne Autorität uͤber jede andere und ſie waren gleichfalls eine von dem böſen Willen der im Finſtern 117 ſchleichenden Machthaber zu ihren Zwecken leicht zu verwendende Partei, da— ſobald man ihnen ihre Feder und ihre gelegentlichen Reden ließ— ſie in der Maſſe mit fortzureißen waren, wenn Zerſtörung und Auflo⸗ ſung aller Formen ihrer wahnſinnigen Eitelkeit Aufſehn und Anhang verſprach. In dieſer Zeit war ohne allen Zweifel der moraliſche Vortheil auf Seiten des Koͤnigs. Er hatte Unrecht eingeſtanden und ſuchte mit Mäßigung und Wuͤrde die Gegenpartei vom Unrecht warnend abzuhalten. Auch er bediente ſich der Feder und der Preſſe, aber der Vor⸗ theil der Wahrheit ſtellte ſich darin ſo auf ſeine Seite, daß das Parlement dieſe Gegenſchriften auf alle Weiſe zu unterdrucken ſtrebte. Der Entſchluß des Königs, nach York zu gehen, ſtellte ihn uͤberdies auch aͤußerlich in guͤnſtigere Ver⸗ hältniſſe; der Anhang einer ſo großen und mächti⸗ gen Provinz mußte Eindruck machen, wo man dem Volke Glauben gemacht hatte, der König habe ſich mit ſeinem Hofe iſolirt, um die Staatsverfaſſung des Landes durch die ungeſetzlichen Gewaltmittel der Waf⸗ fen uͤber den Haufen werfen zu können. Das ge⸗ ſunde Urtheil des Volkes machte ſich auf einige Zeit Bahn und es erweckte Nachdenken, daß eine ſo mach⸗ tige Provinz wie York den König mit Liebe und 118 Ehrfurcht aufnahm und fuͤr ſeine Privilegien nichts zu fuͤrchten ſchien. Ueber vierzig Pairs vom erſten Range verſammelten ſich um ihn, und Karl erklaͤrte ihnen: er wuͤrde ihnen nie andere Befehle geben, nie Gehorſam fordern, als wofuͤr die Geſetze des Landes ſtimmten. Dieſe offene Erklärung beantworteten die Pairs mit dem Schwur, daß ſie nie Andere befolgen wuͤrden, und durch dieſe wuͤrdigen Beſchluͤſſe hofften ſie die wuͤthenden und auf⸗ ruͤhreriſchen Entſchließungen des Parlaments zu be⸗ ſchämen. Aber es ſcheint eine geheimnißvolle Wahrheit zu ſein, deren Enthuͤllung durch keine pſychologiſchen Schluſſe näher zu treten waͤre, als durch die Thatſache, welche uns die Geſchichte liefert, daß es einen Grenzpunkt in dem Schickſal der Völker und der Herrſcher giebt, bis wohin eine gegenſeitige Sorgloſigkeit Alles erlaubt und alles verzeihlich zu machen ſcheint— und die groͤßten ſchon begangenen Verſchuldungen vergeſſen ſein wuͤrden, wenn die Einſicht fruͤh genug auf der einen oder andern Seite kame, den verderblichen Fortgang aufzuhalten; daß aber, wenn dieſer ahnungslos erreichte Grenzpunkt uͤber⸗ ſchritten iſt, eine daͤmoniſche Gewalt alle Betheiligte zu ergreifen ſcheint und alle erwachenden, alle in's Le⸗ ben tretenden beſſeren Beſchluſſe der Menſchen erfolglos — 119 bleiben und kein Damm mehr die fortſtuͤrzende Gewalt ſiegreich aufzuhalten vermag. Wenn wir ſolche Zuſtaͤnde am Ende ihrer erſchoͤ⸗ pfenden Laufbahn wiederfinden, ſo ſehen wir voll Nach⸗ denken und Schmerz, daß Alle beſiegt wurden; daß Keiner das Gut beſitzt, um das er den Andern bekaͤmpft — daß der entfeſſelte Däͤmon der Willkuͤr Allen die Adern offnete und ein entkräͤftetes Volk zuruͤckließ, was ſich von dem Gluͤck der geſetzloſen Freiheit, was es ertraͤumt und erſtrebt, wie von einer Buͤrde losſchuͤttelt und der aus ſolchem Chaos ſich immer zunaͤchſt gebäh⸗ renden Despotie ermudet in die Haͤnde fällt. Der Grenzpunkt in dem Schickſal Karl des Erſten und ſeines Volkes war uͤberſchritten— es traten nur noch voruͤbergehende taͤuſchende Ruhepunkte ein— die Macht und das Gluͤck flog truͤgeriſch von einer Partei zur andern uͤber— Verſöhnung— Frieden blieb nur die truͤgeriſche Huͤlle, mit der Alle ſich gegen einander zu rechtfertigen ſuchten— ſie trat in Wahrheit nie mehr ein. Die Zeit, die wir erwaͤhnten, als der König in York Hof hielt, war einer von den Momenten, welcher aͤußere Ruhe, den alten Glanz des Königthums und berechtigte Hoffnungen fuͤr die Zukunft vereinigte. Die Koͤnigin begab ſich dahin und ihr folgten bald die in Holland fuͤr ihre Juwelen erlangten Kriegsvor⸗ räthe, die mit vielem Gluͤck den Gefahren entgingen, die ihrer Ankunft drohten und eine wichtige Zugabe fuͤr die Ruͤſtungen des Königs wurden, welcher genöthigt war, ſich gleichfalls waffenfaͤhig— dem Parlament— wel⸗ ches ein Heer verſammelt hielt, entgegen zu ſtellen. Nicht mit Unrecht nannte man die Grafſchaft York den Garten von England. Berge und Wälder wech⸗ ſelten maleriſch ab und der theilweis moraſtige Boden war mit Seen und Teichen unterbrochen und wie die Wälder zur Jagd, ſo luden ſie zum Fiſch- und Vogel⸗ fang ein. Die Hauptſtadt, eine der größten Städte nach Lon⸗ don, liegt an dem Fluße Ouſe in einer Ebne gelagert. Sie iſt groß und prachtvoll erbaut und ihr Erzbiſchof, deſſen Kathedralkirche fur eine der prächtigſten im Reiche gilt, iſt der zweite in England. In dem erzbiſchöflichen Palaſt, welcher mit ſeinen ſchattenreichen Gärten an den Ufern der Ouſe endigte, ſaß die Königin von England in einem kleinen Biblio⸗ thekzimmer, welches mit ſeinen offnen Balkonthuͤren einen weiten Blick uber die herrliche Landſchaft gewährte, angenehm begrenzt und unterbrochen durch die Wipfel dor Bäume, welche vom Garten aus ſich erhebend den Balkon beſchatteten und einſchloſſen. Die Koͤnigin blickte immer wieder von ihrer Arbeit 121 auf und ließ ihr Auge auf der Gräfin von Caſambort ruhen, welche etwas von den andern Damen getrennt näher den Thuͤren des Balkons an einem kleinem Rah⸗ men auf einem niedrigen Stuͤhlchen ſaß und mit ge⸗ ſchickter Hand einen kunſtreichen Guͤrtel von Perlen, Goldfäden und Seide webte. Sie ſchien ſchon lange nicht geſprochen zu haben, denn die Koͤnigin ſagte endlich „Nun Gräfin Urica! wollt ihr mir nicht Eure Meinung ſagen uber dieſen neuen Anhaͤnger des Königs?“ „Ueber den Marquis von Montroſe?“ rief die Gräfin lebhaft aufſchauend—„ich ſah ihn noch nicht, Euer Majeſtät.“ Die Damen ließen ein ſchelmiſches Lachen hören und die Königin ſelbſt verzog den Mund und ſagte:„Da ſind wir Alle zwar im ſelben Fall, weil er einmal noch nicht hier war, aber er ſoll von ſeiner äußern Erſcheinung nichts fuͤr die gute Meinung unſeres Geſchlechts zu fuͤrchten haben!“ „Und dennoch zweifle ich, daß er damit wird gut machen können, was ſein ſtolzes wankelmuͤthiges Be⸗ tragen bereits verſchuldet hat!“ ſagte Urica und wen⸗ dete ſich wieder ihrer Arbeit zu. K „Wir ſind geneigt, uns der milden und weiſen Ge⸗ ſinnung unſeres Gemahls anzuſchließen“ ſagte die Kö⸗ nigin—„welcher Jugendfehler nicht dem Manne zum 122 ewigen Makel anrechnen will. Auch lag außer der Ei⸗ telkeit, die wir hier unter Jugendfehler verſtehen, in ſeinem damaligen Empfang bei Hofe wirklich manches, was einer abſichtlichen Demuͤthigung aͤhnlich ſah. Dieſer junge Mann, durch ſeine Geburt ſchon ausgezeichnet, hatte von Jugend auf durch die glaͤnzendſten Eigenſchaf⸗ ten Verwandte, Lehrer und Unterthanen entzuͤckt; auf ſeinen Reiſen hatte er uͤberall die groͤßten Erfolge erlebt und er durfte ſo gereift und entwickelt allerdings hoffen, ſeinem Koͤnige eine erwuͤnſchte und annehmbare Perſon geworden zu ſein. Welche unguͤnſtige Umſtände ſich vereinigten, ſeine Erwartungen zu täuſchen, mag ich um ſo weniger ſtreng verfolgen, da ohne Zweifel dadurch auf einem uͤbrigens treuen und ergebenen Freunde des Königs— auf Hamilton— ein Vorwurf bleiben wuͤrde. Aber dieſer Fall lehrt die Freunde der Könige, wie nö⸗ thig es iſt, daß ſie ihre perſönlichen Verhaͤltniſſe und daraus entſtehende Abneigungen fur Perſonen beherrſchen und ſich frei davon machen, wenn von ihren Handlungen die Meinung der höheren Perſonen abhaͤngt, denen ſie darum beſonders Wahrheit ſchuldig ſind, weil ihr Stand ihnen verbietet, in jedes Privatverhaltniß einzudringen— und ſie allein werden es ſchulden, wenn ihr Vergehen ihrem Herrn angerechnet wird. Hamilton, welcher Ober⸗ hofmeiſter und Freund des Königs war, verſaͤumte mei⸗ 123 nen Gemahl auf die gerechten Anſpruche des jungen Mannes aufmerkſam zu machenz der König uͤberſah ihn — mir ward er gar nicht vorgeſtellt— und ſo wurde der im Auslande Gefeierte in ſeinem Vaterlande nicht allein nicht anerkannt, ſondern im Gegentheil aus ſeiner ganzen ihm gebuͤhrenden Stellung getrieben.“ „Wo der König entſchuldigt, haben wir nicht weiter mit zu ſprechen,“ ſagte Urica ſanft—„denn er iſt wahr⸗ lich der einzige Beleidigte. Doch ſollte einen edlen und wahren Patrioten keine perſönliche Zuruͤckſetzung von ſeiner heiligſten Pflicht, der Treue gegen ſeinen König, abwendig machen können.“ Die Königin ſeufzte, in ihren traurigen Erinnerun⸗ gen ſich verlierend, tief auf— dann fuhr ſie in ihrer großmuͤthigen Vertheidigung fort:„Man ſagt, er kam mit den aufrichtigſten Geſinnungen an den Hof und wollte dem Koͤnige ſeine großen Faͤhigkeiten und ſeine maͤchtigen Mittel zur Verfuͤgung ſtellen; aber als er wahrzunehmen glaubte, daß man weder das Eine noch das Andere wollte, verkannte er ſeine Pflichten— und durch dieſe perſönliche Erfahrung ward der junge Mann geneigt, an den Mangel der Einſicht des Königs zu glau⸗ ben, welchen die Gegenpartei zur Entſchuldigung ihrer Ueberſchritte nöthig hatte zu verbreiten, und es ſchien ihm zuletzt die Handlung eines tugendhaften Mannes ohne Vorurtheile, den Koͤnig zu verlaſſen und ſich den Feinden deſſelben zuzugeſellen. „O,“ rief die Graͤfin von Seimour, indem ſie ihre Thränen trocknete—„welch' edle großmuͤthige Ver⸗ theidigung nach ſo großer erfahrner Verſchuldung! Euer Majeſtät haben den Pfeilen des Ungluͤcks die Spitze abgebrochen— wer keine Bitterkeit kennt, kennt das Ungluͤck nicht. O wäre das undankbare in dieſem Zimmer!“ Die Koͤnigin reichte der alten Gräfin lächelnd die Hand, welche dieſe mit Inbrunſt kuͤßte.—„Auf dieſe Weiſe hat ſich Montroſe gegen den Koͤnig vertheidigt— und ich habe nur wieder erzählt, was ich durch meinen Gemahl weiß. Gewiß aber ſpricht es fuͤr ihn, daß er ſeinen angeſtammten Herrſcher, obwohl von den Covenants mit ganz andern Vorſchlägen abgeſandt, nicht ſehen konnte, ohne mit voller Ueberzeugung zu ſeiner Pflicht zuruͤckzukehren. Jetzt, denke ich, hat ihn der Koͤnig um ſo ſicherer; denn nichts bindet feſter, als ein eingeſtandener Irrthum gegen eine Perſon, die wir dann plötzlich in allen ihren von uns geleugneten Tu⸗ genden vor uns ſehen!“ „Ja,“ ſagte die Gräfin Urica—„und zu Hof⸗ intriguen werden die Herrn vorerſt nicht mehr viel Zeit haben!“ „Ach! auch im Feldlager kann die Eiferſuͤchtelei noch verderblich werden und Argyle ſteht auch in vollen Flammen gegen Montroſe!“ ſagte die Königin trube. „Ach,“ rief Sophia Lindſay—„Argyle kann bloß die fatalen dickköpfigen Covenanters nicht leiden, von denen ſich, wie er ſagt, Montroſe wie Brei hat druͤcken laſſen, in welche Form ſie wollten.“ „So,“ ſagte Urica ſpöttiſch—„iſt der Unterſchied zwiſchen dem Herzog von Argyle und dieſem Montroſe ſo groß, da er— denke ich— dem Koͤnig gegenuͤber und grade im Verein mit dieſen beruͤhmten vier Tafeln, oder wenn ihr wollt, dieſen Covenanters, eine ſehr un⸗ beſonnene Stellung eingenommen hat!“ „Pah!“ rief Sophia ſchnippiſch—„wer ſagt euch, daß er dieſe Stellung eingenommen hat, um ſie zu be⸗ haupten? Argyle iſt noch auf dem Wege zu dem Platze, der ihm gebührt— unterwegs hat er bald hier bald dort zu thun!“ „Dankt Gort! Sophia Lindſay,“ ſagte Urica gereizt, —„daß ihr ein Kind ſeid, deſſen Geſchwaͤtz nicht ſchwer in die Wage fällt— eure Worte wuͤrden ſonſt euren Liebling mehr verdächtigen, als er es vielleicht verdient.“ „Es iſt hinreichend fur euch, Frau Graͤfin,“ rief die Kleine erboſt—„daß Sophia Lindſay eine Meinung äußert, damit ſie Euer Gnaden kindiſch, ungeziemend oder derlei Art haͤlt! Ich freue mich uͤbrigens, diesmal ſagen zu können, daß aus mir nicht das Kind ſprach, ſondern der klugſte, beſte, umſichtigſte Mann in Alt⸗ England, der, welcher Argyle's wahres Beſte im Sinne hat, ihn an allen euren Covenants, Presbytern und Puritanern voruͤber ganz wo anders hinfuͤhren wird, wohin eure Weisheit nicht reicht, und daß dieſer eben von mir geaͤußerte kindiſche dumme Gedanke aus dem Kopfe Alvari's entſprungen iſt!“ „Sophia Lindſay,“ rief die Königin hier heftig und drohend—„du biſt das unerzogenſte Fraulein meines Hofes und dabei eine ſo confuſe Schwätzerin, daß die Ehre keines Mannes in deinem Munde ſicher iſt, weil du— unfähig ihre Meinungen zu verſtehen— ihre Worte ohne Sinn zuſammenhaͤngſt! Geh' zu deiner Gouvernante und ſag' ihr, ſie ſoll dich uͤberall lehren zu ſchweigen, wie es einem jungen Madchen zukommt!“ Dieſe Heftigkeit der Konigin, die allerdings in ihrem Charakter liegend, nur ſelten noch ausbrach, verſtärkte in Urica den Eindruck, den Sophia's Worte in Bezug zu Alvari ihr gemacht, und ſie ſenkte den Kopf nur noch tiefer nachdenkend auf ihre Arbeit. Nun konnte man den Befehl der Königin, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, nicht ungezogener ausfuͤhren wollen, als das kleine erboste Fraulein! Sie ſprang auf, ſtieß 127 ihren Stuhl geraͤuſchvoll hinter ſich fort, und wollte trotzig fortrennen, ohne ſich der Koͤnigin zu empfehlen; ſchon bis zur Thuͤr gelangt, fuhlte ſie ſich aber nachdrück⸗ lich am Arm gehalten, und die alte Graͤfin Seimour ſagte ſtreng:„Wenn junge Hoffräulein ſich ein unpaſſen⸗ des Betragen zu Schulden kommen laſſen, ſo bitten ſie bei Ihrer Majeſtät um gnädige Verzeihung!“ So trotzig nun Sophia war, lag in der Art der alten Dame etwas, wovor ſie ein wenig erſchrak; ſie ließ ſich daher, nun in Thränen ausbrechend, bis zur Königin hinziehen, und da dieſe ſchon der Graͤfin Sei⸗ mour beguͤtigend winkte und bei der weinenden Sophia auf Worte nicht zu rechnen war, ſagte die Oberhofmei⸗ ſterin zur Königin:„Die Gräfin Lindſay bittet Euer Majeſtät um Gnade fuͤr ihr unpaſſendes Betragen mit dem Verſprechen, kuͤnftig ſchweigſam und beſcheiden zu ſein und nie wieder Dinge in den Mund zu nehmen, die ſich fuͤr eines ſo jungen Madchens Einſicht nicht paſſen.“ Sogleich verſiegten Sophia's Thränen— ſie zog die Hände von dem Geſicht und heftete ihre Augen trotzig auf die alte Grafin:„Sol alſo ich habe die Ein⸗ ſicht nicht! Warum wird mir denn das, was ich geſagt, den ganzen Tag wiederholt— und noch viel mehr— und viel, wovon ich nichts geſagt habe und was Alles 128 der kluge Alvari fuͤr meinen jungen Kopf nicht zu viel haͤlt?“ „Fort! fort! mit dem ungezogenen Madchen!“ rief die Konigin ſchnell und ungeduldig, indem ſie aufſtand —„bringt ſie fort— ich habe genug von ihren Al— bernheiten!“ Die Koͤnigin war hinaus auf den Altan getreten, und die Gräfin von Devonſhire, ihre erſte Hofdame, welche zum großen Aergerniß öffentlich zur katholiſchen Kirche uͤbergetreten war, folgte ihr dahin, wahrend alle Damen ſich erhoben hatten und zwiſchen der Koͤnigin und dem trotzigen Fraulein eine Barriere bildeten. Das arme Kind hatte nun ganz die Faſſung verloren und ſtraͤubte ſich und weinte und redete verworrenes, heftiges Zeug, bis ſie nach der Thuͤr gedrängt war; ehe ſie aber die Schwelle betrat, ſprang ſie mit beiden Fuͤßen auf Urica's geſtickte Schleppe und flog von dieſer letzten Unart gejagt und befriedigt zur Thuͤr hinaus. Alle Damen, und Urica zuerſt, konnten das Lachen nicht unterdruͤcken, obwohl Urica fuͤhlte, was die Kleine in ihrem Zorn verrathen, ſei ſehr ernſter Natur. Ein Blick nach dem Altan zeigte ihr die Königin, welche ihren Kopf auf die Schulter der Graͤfin von Devonſhire gelegt hatte, welche lebhaft und beſchwich⸗ tigend zu ſprechen ſchien. Das feine Ohr der Königin 129 hatte aber das beſcheidene Lachen der Damen gehoͤrt und dies ſchien ſie mehr abzuziehen, denn ſie wendete ſich ſogleich nach dem Zimmer zuruͤck und rief mit ihrer alten Milde:„Nun— hat das tolle Maͤdchen auch noch gegen Euch Unarten ausgeubt?“ „Sie hat der Graäfin Urica faſt die Schleppe abge⸗ treten!“ ſagte eine der Damen. Die Foͤnigin lachte.„Es geſchieht ihr Recht!“ rief ſie—„Ich behaupte, ſie iſt an all den wilden Streichen des armen Maͤdchens Schuld, denn in dieſem jungen leidenſchaftlich aufgegluͤhten Herzen thut es hauptſächlich die Eiferſucht, die ſie auf die Grafin hat, fur die Argyle ſo vergeblich ſchmachtet!“ „Welche unnuͤtze Beſorgniſſe!“ ſagte Urica gereizt —„Denke ich doch, meine Stellung zu Argyle iſt ſo klar und ausgeſprochen, daß ſie demjenigen keine Be⸗ ſorgniß einflößen kann, der ſich alleinige Rechte uͤber ihn wuͤnſcht.“ „Unerbittliches Herz!“ ſagte die Koͤnigin— und ihre einmal aufgeregte Stimmung machte es vielleicht, daß ein gewiſſer Blitz von Unwillen aus ihren Augen drang. Zu viel hatte die unglückliche Frau erfahren, um noch ihre fruheren ſanguiniſchen Hoffnungen feſt⸗ halten zu köͤnnen— und erſchuͤttert in ihrem Vertrauen zu ihren fruͤheren Rathgebern, ſehnte ſie ſich nur noch Jakob v. d. Nees. 1I. 8. danach, ihrem Gemahl ſeine Anhaͤnger zu erhalten, ſie unter einander in Frieden und Eintracht zu ſehen und ſein Anſehn zu heben und zu ſtuͤtzen. Argyle gehoͤrte zu den ſchwierigen Anhaͤngern des Koͤnigs, die ſich jeden Augenblick in einen Widerſacher verwandeln, wenn ihr Rath nicht befolgt oder gegen ihre Anſichten gehandelt wird. Er war mit der Ver⸗ ſicherung der treuſten Liebe fur die koͤnigliche Familie jetzt ſchon einige Male in eine Stellung getreten, die ſich wenig von der eines Feindes unterſchied, und in dieſem Augenblick, wo der Krieg mit Schottland aus⸗ gebrochen war, hatte er ein Armeecorps von den Cove⸗ nants angenommen und befand ſich zugleich mit Mont⸗— roſe, der bisher eine vollkommen feindliche Stellung gegen den Koͤnig behauptet hatte, als Abgeſandter in York, um, wie er ſagte, die Vorſchläge der getreuen Schotten zu uͤberbringen. Dabei wußte Niemand, welcher Religions⸗Partei er angehoͤrte— er beſpoͤttelte und verhoͤhnte die Autoritaͤt der vier Tafeln(wie ſich die Covenanter nannten) und doch ſchien er ein An⸗ haͤnger ihrer eraltirten presbyteriſchen Gebraͤuche, doch auch dies mußte man mit unter bezweifeln und es mehr fur einen Widerſpruch gegen die Biſchofliche Kirche an⸗ ſehn; eben ſo verachtete er offen die Puritaner, welche in Altengland mit finſterem Eifer dem Goͤtzendienſt der ——— 131 Biſchöflichen Kirche, wie ſie ihn nannten, entgegen kämpften. Was nun endlich Argyle war, welcher Partei er anhing, blieb nicht zu ermitteln, und ſeit ſeiner Ruͤckkehr aus Holland war ſein Verhalten uͤbermuͤthig und alle Verhältniſſe bravirend geweſen; dabei ſo ge⸗ jagt von Leidenſchaften und ſophiſtiſchem Verſtandes⸗ Pochmuth, daß, außer den in dem Zuſtande der Zeit liegenden Veranlaſſungen, auf einen ihm tiefer in⸗ wohnenden Grund zu dieſer Aufregung zu ſchließen war. Fuͤr die Königin konnte es nicht ſchwer ſein, dies Allen bemerkbare Betragen zu erklären, denn ſie hatte das Spiel mit angeſehen, welches leider von Menſchen, die ihr ſehr nahe ſtanden, getrieben worden war, um Argyle aufzuregen und von ſeinen Zwecken abzuziehen. Er war nicht allein der Gegenſtand von leiſe heran⸗ ſchleichenden Bekehrungsverſuchen der katholiſchen Par⸗ tei geweſen, wozu ſeine fruhere Anhänglichkeit an den ſo nah grenzenden Kultus der engliſch⸗biſchoflichen Kirche die bequemſte Bruͤcke war, ſondern man hatte im ſelben Maaße ihn in Verhaltniſſe zu Sophia Lindſay gebracht, die faſt ſeine Ehre bedrohten, wenn er ſie nicht anerkennen wollte, ſo wenig ſein Herz auch dabei betheiligt war;— denn dies Herz war zu ſeiner maaß⸗ loſen Verzweifelung mit ſteigender gluͤhender Leidenſchaft 9* 132 fuͤr Urica von Caſambort erfullt— und wie nothwendig aus all' den Fehlern, die er in faſt bewußtloſer Betäu⸗ bung um dieſer Liebe willen machte, das ſtolze und ſtrengere Zuruͤckziehn der Gaäfin von Caſambort entſtand, ſo ſteigerte ſich im ſelben Maaße das raſendſte Begehren nach ihrem Beſitz und druͤckte allen ſeinen Handlungen nach Außen die groͤßte Zweideutigkeit auf, da dieſe im⸗ mer durchkreuzt wurden von Plänen, die ſich um Urica's Beſitz drehten. Die Graͤfin wuͤrde unter dieſen Umſtänden langſt England verlaſſen haben, haͤtte ſie nicht der Koͤnigin in einem erſchuͤtternden Augenblick, wo dieſe ungluͤck⸗ liche Frau von der immer ſchwieriger werdenden Lage ihres Gemahls zu dem höchſten Ausbruch des Schmer⸗ zes getrieben ward— das Verſprechen gegeben, ſie nicht zu verlaſſen, ſo lange die Koͤnigin ſelbſt ihren Platz behaupten wuͤrde. Ihr fruͤheres Verhaͤltniß zu Argyle war gänzlich aufgelöſt, denn Urica that nichts halb, und ſo wie ihre Achtung abnahm, verringerte ſich auch ihre fruͤhere Zuneigung fuͤr ihn, und ſie hob ihre Geſinnungen unverhohlen hervor, um ihm jede Hoff⸗ nung zu benehmen und ſeine läſtigen Bewerbungen abzuhalten. Daß ſie ihren Zweck nicht erreichte, verſtaͤrkte ihre Abneigung und verringerte ihr Mitleiden, da ſie in W ihrem feſten, mit männlichen Eigenſchaften ausgeſtatte⸗ tem Charakter eine unbeſchreibliche Empoͤrung gegen einen Mann erregt fuhlte, der um einer Neigung willen ſeinen Geſinnungen untreu wurde und ſeine Zwecke aus den Augen verlor. Die Koͤnigin ward in dieſer Zeit gedrängt, ſich nach Frankreich zu begeben, wo Karl der Erſte ſich durch eine an ſich edle, aber in ſeinen Verhältniſſen unpoliti⸗ ſche Erklaͤrung in Bezug einer Neutralitatsfrage den Zorn Richelieu's zugezogen hatte, wovon der Einfluß auf alle Verhaͤltniſſe des Königs bereits ſehr fuͤhlbar wurde— und das entſetzliche irlandiſche Blutbad, welches gegen die engliſchen Koloniſten angerichtet wor⸗ den war, und was die Feinde des Königs ohne Beden⸗ ken auf ſeine Rechnung ſetzten, ziemlich nachweisbar durch franzoͤſiſche Agenten angefacht worden war. Die Konigin ſchauderte vor der Schwere dieſer ihr zugemutheten Aufgabe, die ſie nicht allein vor dem ubermuͤthigen Richelien mit ſeinem boͤſen Willen gegen ihren Gemahl bloßſtellte, ſondern auch eine Trennung von dem Koͤnige forderte, deſſen Verhältniſſe ſie mit Schreck, Beſorgniß und den truͤbſten Ahnungen erfuͤll⸗ ten, und dem ſie die einzige Vertraute, der einzige Troſt war. Sie zögerte daher mit ihrer Einwilligung zu dieſer 134 Reiſe und Montroſe's wahrſcheinlicher— wenn auch noch nicht ausgeſprochener Uebertritt, zum Könige— ſchien ihr eine neue Hoffnung, durch die Macht der Waffen, ohne fremde Huͤlfe die Ruhe des Landes und die Sicherheit des Koͤnigs wieder herzuſtellen. Deſſen⸗ ungeachtet mußte Argyle nicht uͤberſehen werden, denn blieb er nicht zu feſſeln, ſo hob ſich Montroſe's Ueber⸗ tritt dadurch faſt wieder auf, und durch dieſe Stellung ward Urica die bei weitem wichtigſte Perſon, denn es blieb kein Zweifel— Argyle war durch ſie zu Allem zu bringen, was ſie mit dem Preiſe ihres Beſitzes bereit ſein wuͤrde zu belohnen. Die Koͤnigin hatte beſchloſſen am Abend dieſes Tages, der durch ſeinen milden Fruhlingsreiz ſo guͤnſtig war, einen Hofzirkel in den Gartenſälen des Biſchöf⸗ lichen Palaſtes zu halten, welche mit den ſchönen Gaͤrten verbunden waren, die ihre Terraſſen bis an die Ufer der Ouſe erſtreckten und eine freiere Bewegung der Geſellſchaft zuließen, welche die Konigin in mehr als einer Abſicht zu beguͤnſtigen wuͤnſchte. Sie entließ da⸗ her jetzt ihre Damen, daß ſie ſich zum Feſte ſchmuͤckten, welches vor Sonnenuntergang ſeinen Anfang nehmen ſollte. Einige Stunden ſpäter hatten ſich die Räume des Gartens zunachſt den Sälen des Untergeſchoſſes mit den . — — 135 Gäſten des Hofes gefuͤllt, der in den kleinen Zwiſchen⸗ räͤumen, welche der eröffnete Buͤrgerkrieg zuließ, keines⸗ wegs von unbedeutendem Anſehn war, da unter den Großen Englands die Meinung Eingang zu finden be⸗ gann, daß es noch beſſer ſei, mit einiger Einſchraͤn⸗ kung unter dem Willen eines Monarchen zu leben, als unter der despotiſchen Gewalt eines Parlaments, welches unter dem Schein der Geſetzlichkeit ein aufgewiegeltes Volk zu ſeiner Nachhulfe bereit hatte. So fehlten we⸗ der beruͤhmte noch alte Namen an dem Hofe des Kö⸗ nigs, von denen ſehr Viele, ja die meiſten, bereits eine Rolle in den jetzigen Unruhen des Landes geſpielt hatten, und die unter den Augen des edlen Königspaares voll⸗ ſtaͤndig vergeſſen zu haben ſchienen, wie ganz anders noch vor kurzem ihre Anſpruͤche an dieſe jetzt von ihnen anerkannte und verehrte Majeſtät geweſen waren. Seit der Periode, die mit ſeinem Entſchluſſe nach York zu gehen, anfaͤngt— zeigte ſich in Karls des Erſten Leben bis zu ſeinem Ende kein Symptom der traurigen Charakterſchwaͤche mehr, die ſeine fruͤhere Le⸗ bensperiode mit ſo verhaͤngnißvollen Mißgriffen bezeich⸗ nete. Er blieb wuͤrdig, königlich gefaßt und von weiſen und maͤßigen Geſinnungen gelenkt, die die fanatiſche Verfolgungswuth ſeiner Gegner nur noch mehr zu ſteigern ſchien, da ſie jetzt, um Recht an ihm durch ſeinen 136 Widerſtand zu gewinnen, zu den brutalſten Anſinnen ihre Zuflucht nehmen mußten. Er trug ſchon in dieſer Zeit die Verklaärung einer vollſtändigen Reſignation auf ſeinem Geſicht und zeigte die Geiſtesfreiheit eines Mannes, der ſeinem Schickſal wie ein Held zu ſtehen beſchloſſen hat. Die Koͤnigin unterſagte an dieſem Abend, um ſelbſt mehr Freiheit zu gewinnen, ihren Damen ſcherzend jeden Dienſt um ihre Perſon und dieſe ſchoͤnen Frauen und Maͤdchen in dem heiteren Putz, den die Jahreszeit ge⸗ ſtattete, wandelten durch die Gaͤnge des Gartens oder ruhten in reizenden Gruppen in den zartbelaubten Niſchen und Bosquets, welche die Gartenkunſt vor⸗ bereitet hatte, um nun mit dem weichen Laub der befederten Buche und den kleinen zierlichen Fächern der Kaſtanie bekleidet zu werden. In der Hauptallee, welche viele kleine Berceau's an ihren Seiten abzweigte und auf einer breiten mar⸗ mornen Terraſſe endigte, von der man bis zum Fluſſe von Gartenanlagen begleitet hernieder ſtieg, und welche mit Werken der Skulptur reich geſchmuͤckt war— be⸗ wegte ſich langſam hin und her der aͤltere vornehmere Theil des Hofes, und unter ihnen ſah man Koͤnig und Königin, die jungen Prinzen, und die Prinzen Moritz und Friederich von der Pfalz, die Neffen des Koͤnigs, 3 ₰ 137 die durch muthige Thaten bereits ihre dem Oheim an⸗ gebotenen Dienſte wichtig gemacht hatten. Urica, die ſich durch die Zwiſchenkunft des Koͤnigs von einer peinlichen Unterredung mit Argyle erlöſt ſah, eilte mit der jungen Graͤfin von Devonſhire und dem Fraͤulein von Cavendiſh die Lindenallee hinab, um ſich auf der marmornen Platform in der Abendluft zu baden, und den Blick an der von dort aus Stadt und Land beherrſchenden Ausſicht zu erfriſchen. Es that ihr wohl, daß die beiden geiſtreichen Mäd⸗ chen an ihrer Seite die Koſten der Unterhaltung trugen denn auf ihr laſtete eine truͤbe Beſchraͤnkung des Gei⸗ ſtes, wie ſie Argyle's bitteres, gereiztes, unverſtaͤndiges Betragen jetzt oft bewirkte, und aus der ſie ſich wie aus einer ſchweren Betäubung erſt nach und nach heraus reißen konnte. „Unſere arme Urica,“ rief Ellen, die junge Gräfin von Devonſhire—„leidet noch unter dem Alp Argyle, der ihren geſunden Blutumlauf ſtoͤrt— ſeht, Käthchen, wie die ſchoͤne Stirn noch bewolkt iſt.“ „Wir wollen es nicht leiden,“ rief Käthchen, das Fraͤulein von Cavendiſh—„ſie muß heute noch wieder laͤcheln und wir wollen uns das Wort geben, daß wir wie eine Mauer zwiſchen ihr und Argyle aufwachſen, wo er auch heranziehen mag!“ „Ach! thut das, liebe Maͤdchen,“ rief Urica weich und leidend—„ich bin zu ſehr gequaͤlt und darum ſo ſehr, weil mich in meiner Handlungsweiſe, die ſo ge⸗ neigt zu ſchnellen Entſcheidungen iſt, die Blicke der Ko⸗ nigin hindern, die auf mir ruhen und mich beherrſchen, ſo wie Argyle ſich mir naht— ach! die immer noch eine Feſſel aus mir zu machen wuͤnſcht, fuͤr dies werth⸗ loſe Weſen.“ „Werthlos?“ fragte Ellen mit dem Kopfe ſchuͤt⸗ telnd—„werthlos— ach! fuͤr unſere arme Königin nicht! Das wißt ihr auch beſſer, als ich es euch ſagen koͤnnte— auf euch ruht noch der Druck der eben ge⸗ fuͤhrten Unterredung— doch laßt uns hier ſeitwärts in dies Bosquet fliehen, dort kommt der König mit einigen Herren, ich glaube gar, das muß Montroſe ſeyn, mit dem er einige Schritte voraus geht— da iſt es ſchoͤn, wenn wir dieſen Phoͤnix hier belauern und ſeine Perſon kritiſiren, ehe wir uns ihm zeigen muͤſſen.“ Die Maͤdchen huſchten mit Urica in die ſie verber⸗ gende Umgitterung, von der aus ſie aber den ganzen Weg, auf dem der König daher kam, uͤberblicken konnten. Der Konig ſchien heiter und belebt— und er feſſelte die Aufmerkſamkeit der Damen zuerſt, denn er war ge⸗ liebt und verehrt von Allen, die ihm nahe ſtanden. 139 Wie gewoͤhnlich trug er ſchwarzen Sammt mit ſchwar⸗ zer Seide verziert, um den Hals die Kette des golde⸗ nen Vließes und den Stern des St. George-Ordens. Auf ſeinem Kopf hatte er eine runde, ſteife Sammtmuͤtze mit ſchmalen Rande, die nach oben enger wurde, daran eine Reiherfeder mit einer brillantnen Agraffe. Das Kreuz des Degens trug er eigenthuͤmlich mit der linken Hand umſpannt und faſt heraufgezogen bis unter die linke Bruſt— ſeine Haltung war frei und majeſtatiſch, gemildert von ſeinem lebhaften Geiſt, der jede Steifheit unmoͤglich machte. Dieſe Zeit, die mit ihren ſchweren Pruͤfungen tägliche Anforderungen machte, hatte erſt ſeine Kraͤfte vollſtändig entwickelt und zum Bewußtſein gebracht— die Wirkung war ſeinem Aeußern aufgeprägt— er war ſeinen Umgebungen nie ſchoner erſchienen. Doch nahmen die vorerwaͤhnten Damen nur den laͤngſt erfahrenen Eindruck vom Könige in Empfang, da⸗ gegen der Fremde an ſeiner Seite nun ihre gruͤndlichere Pruͤfung erfuhr; denn dies mußte außer allem Zweifel der mit vieler Neugierde erwartete Montroſe ſein. Der Marquis von Montroſe war vielleicht im drei⸗ ßigſten Jahre und zu einer Reife der maͤnnlichen Schoͤn⸗ heit gediehen, welche die Jugend mit allen Vorzuͤgen in den Augen der Frauen nicht erreichen kann. Was er mit 140 dem Koͤnige erlebt, indem er ſich von ſeiner herrlichen Erſcheinung hingeriſſen, ihm und ſeinen natuͤrlichen Unterthanspflichten hingegeben hatte, ſtreifte von dieſem Heldengeſicht den letzten Schatten, denn jetzt war Alles wieder in Uebereinſtimmung in ihm— kein geheimer Widerſpruch gegen ſeine Handlungen verfinſterte mehr dieſe kuͤhnen Augen! Mit der eigenſten Natur ſeines edlen Charakters war die Treue gegen ſeinen Konig ſo innig verbunden, daß er zu dieſer ihn allein befriedigen⸗ den Stellung zuruͤckgekehrt, die heitere freie Ruhe em⸗ pfand, die ſeinem großen Geiſte allein genuͤgen konnte. Ihn unter dieſen Umſtaͤnden zuerſt kennen zu lernen, mußte zugleich der guͤnſtigſte Moment fuͤr ihn ſein, denn ſein geiſtiges Leben war zu ſtark in ihm ausgeprägt, um nicht auf ſeinem Aeußern hervorzutreten. Er war groß und maͤchtig gebaut und ſeine Formen von der Schoͤnheit geregelt und gemaͤßigt— ſeine im⸗ mer lebhaften Bewegungen hatten in der ungewöhnli⸗ lichen Aufregung und von der Gegenwart des Koͤnigs, den er nun mit ſchnell entſchiedener Zaͤrtlichkeit liebte, einen Ausdruck, der des Wortes nicht bedurfte und die ruͤhrende Mimik des Herzens war. Sein lichtbraunes, ſtark gelocktes Haar war von der hohen Stirn geſcheitelt; er trug das Baret in der Hand und die gebräunten Wangen gluͤhten von Geſundheit 141 und Gefuhl. Nichts machte ihn ſo ſchon, als die Har⸗ monie ſeiner Zuͤge— der ſtolz gewoͤlbte Mund hatte wie die Augen den ruhrendſten Ausdruck der Guͤte; aber der ſcharfe, denkende Geiſt, der Blitz des Genies, der ihnen den feſſelnden Zauber gab, umzuckte auch den Mund, welcher das wechſelvollſte Mienenſpiel zeigte— dieſe Augen waren dabei rothbraun, weit geſchnitten, mit breit deckenden Augenliedern und mit dichten geho⸗ benen Wimpern— die ſchoͤne ſtarke Naſe war gebogen mit ſchwellenden Nuͤſtern, aber von ſcharfer fleiſchloſer reiner Form. Er hatte vorzuglich ſchone Haͤnde und die feinen Geberden, welche damit zuſammen zu haͤngen ſcheinen. Seine Kleidung war von weißer Seide, der Mantel von violettem Sammt. Nichts konnte einfacher und paſſender ſein, als dieſer vornehme, jeden Zierrath ver⸗ ſchmähende Anzug. Als er daher kam neben dem Monarchen, ganz zu ihm gewendet durch das Gefuhl des Herzens, womit er dem gekraͤnkten König nun alle verſäumte Liebe nach⸗ zahlen wollte, ſprach er nicht, ſondern hoͤrte mit der ganzen Zuſage ſeiner Ueberzeugung— als er aber nä⸗ her kam, erhob ſich ſeine klingende, feurige Stimme und er rief:„Aber es thut Noth, daß auf der einen heil'gen Stelle, wo ſich das Recht und die Wahrheit be⸗ 142 findet, ſich auch die materiellen Kräfte ſammeln, um beiden zu ihrem Recht zu verhelfen. Auf dem Wege der Unterhandlung wird nur noch Zeit verloren, aber kein Reſultat mehr erzielt werden— Unterhandlungen fuhren nur zum Zweck, wenn der gegenſeitige Wider⸗ ſtand erſchopft, der Vortheil beider Parteien die Aus⸗ ſohnung erwuͤnſcht macht. Davon weiſt der gegenwär⸗ tige Standpunkt noch nichts auf. Die Waffen Eurer Majeſtät, die Gott ſegnen wird, muͤſſen erſt dieſe Stellung herbeifuͤhren und dann koͤnnen wir erwarten, daß jedem Unterthan das Herz ſo gewendet werde, wie dem gluͤcklichen Montroſe!“ „Ich werde nicht oft ſo viel wieder gewinnen kön⸗ nen,“ ſagte der Koͤnig milde—„aber ihr werdet gehoͤrt haben, Montroſe, daß ein Vater ſeine ungerathenen oder ihn kraͤnkenden Kinder eben ſo zartlich liebt, als ſeine wohlgerathenen!“ „Und doch bleibt dem beſten Vater in ſolchem Falle nichts anderes uͤbrig, als zu zuͤchtigen und ſie mit Ge⸗ walt auf den verſchmähten Weg des Guten zuruͤckzu⸗ fuͤhren.“ Pier endigte der wichtigere Theil des Geſprachs und der König lud Montroſe ein, mit ihm die Terraſſen hinab zu ſteigen, wodurch ſie den nachſchauenden Frauen ent— zogen wurden. 143 „Nun“, rief die lebhafte Katharine—„ſo lang mein Leben dauert, habe ich keinen ſtattlichern, vorneh⸗ mer ausſehenden Mann erblickt, als dieſen Montroſe — aber ich moͤchte mich lieber vor ihm verbergen, als unter der Linie ſeiner Augen paſſiren!“ „Ja! das ſage ich auch!“ rief die Graͤfin von De⸗ vonſhire—„das iſt eine großartige Schönheit— ein Heermeiſter— vor dem hält nur der Koͤnig Stand! Ich mochte nur wiſſen, ob er jung iſt oder alt— aber furchten könnte ich mich auch vor ihm— das iſt kein Mann, in den man ſich ein wenig verlieben koͤnnte— er weiß ſicher nichts von der Macht unſerer Schoͤnheit! Doch ihr, Urica— was ſagt ihr— nun laſſen wir euer Schwei⸗ gen nicht mehr gelten— ihr habt wieder Farbe und eure Augen ſtrahlen wie Sterne! He, Urica! wo ſeid ihr,“ rief ſie neckend und die Gräfin am Arm druͤckend— „ihr muͤßt uns ſagen, was ihr von Montroſe denkt!“ „Von Montroſe?“ ſagte Urica, wie aus einem Traum erwachend und ihre Augen noch immer der Ter⸗ raſſe zugewendet—„Montroſe,“ ſagte ſie mit dem Lächeln eines Engels—„Montroſe iſt endlich einmal ein Mann! Selbſt neben dem König— hättet ihr es fuͤr möglich gehalten? Es iſt ein Held— oder ein Dichter— oder ein Geſetzgeber— oder der beſte treueſte Menſch— ein Unterthan, ein Sohn, ein Bruder— 144 er muß das Alles ſein, um daran den Begriff von allem dieſen wieder herzuſtellen!“ „Aber er hat doch was zum fuͤrchten!“ rief Katha⸗ rina. „Nein, nein!“ ſagte Urica—„dieſe hohen ge⸗ waltigen Herrſcher unter den Menſchen ſind nicht zu fuchten! Fuͤrchte die Schwaͤchlinge, dieſe halb Guten, halb Böſen, die den Egoismus noͤthig haben, ihre jammerliche Natur zuſammen zu halten— ſie— die an unſerm Lächeln mit ihrer ſeichten Willenskraft zer⸗ ſchmelzen und doch damit kein hoheres Beduͤrfniß ihrer Seele befriedigen, ſondern den fluͤchtigen Reiz des Au⸗ genblicks! Fort! fort! wie können mir die Gedanken kommen an dieſe, da ich Montroſe geſehen! Die Nachbarſchaft ſolcher Gedanken beleidigt ſchon. Wie könnte ich ihn fuͤrchten? In ſolcher mächtigen Seele iſt die Gute ſo ſicher gebaut, wie das Neſt in den Zweigen der koniglichen Eiche! Habt ihr nicht den Reichthum ſeiner Stimme gehoͤrt? Er könnte den Saͤugling an ſeiner Bruſt damit einſchläͤfern, er wird die Schlacht unterbrechen mit ſeinem Donnerruf und die Volksmaſ⸗ ſen in ihrer Wuth damit beherrſchen! Das ſind die Menſchen, welche Aufruhr der Voͤlker hervor rufen und ihn beendigen! Montroſe wird England und ſeinen König retten— nun er mit ihm iſt— iſt der Sieg mit ihm!“ „Ach, Urica! du ſchone hochherzige Prophetin, hät⸗ teſt du doch Recht!“ rief eine wohlbekannte Stimme, und die Königin, auf die Graͤfin von Seimour gelehnt, trat vor Urica hin und ſtrich mit ihrer ſanften Hand uͤber ihre gluͤhende Stirn. „Ja, ja, ich werde Recht haben!“ rief Urica von einer ſchnellen Bewegung hingeriſſen, knieend die Hand der Königin kuſſend—„es hat dem Könige ein Organ gefehlt, um ſeine großen Gedanken und Entſchluͤſſe in's Leben zu rufen, ſie zu verbreiten und ihnen den Nerv der Bewegung einzuſetzen— die Hand hat ihm gefehlt, die muthig in die wildrollenden Räder dieſer wahnſinnig dahintreibenden Volksmaſchine greift— und ihm hat gerade der gefehlt, den er gefunden, der durch die Prü⸗ fungsſchule ging, ein Anhaͤnger derſelben Partei zu ſein, aus der er jetzt gelautert, glänzend, den Staub von ſeinen Fluͤgeln ſchuttelnd, hervorgeht, und die nicht fuͤrchten kann, uͤber die ſein Geiſt ſchon geſiegt!“ „Jede, auch die beſte Sache geht verloren!“ rief ſie, von Niemand unterbrochen—„wenn wir nicht den Geiſt haben, ſie in ihrer Geſammtheit uͤberſchauen zu koͤnnen, und mit unſicherer Hand bald hier bald da eine kleine Huͤlfe verſuchen! Das iſt der Stein in den Wellen, der ſie aufbrauſen und bald ihn verdeckend daruber hin⸗ fluthen laͤßt, keine Spur nachlaſſend— ich habe, ſeit ich Jakob v. d. Nees I. 10 146 dies ſchöne zerriſſene Land bewohne, trotz dieſer ſchwa— chen weiblichen Bruſt ein Draͤngen und Sehnen em⸗ pfunden, es möchte ſich endlich ein Strom bilden, in den alle zerſtreuten Krafte, die hier und da ſich ohne Erfolg verbrauchen, einmuͤndeten und eine wirkliche Gewalt wuͤrden, welche die Geſammtverwirrung durch⸗ ſchnitte und zuruͤckdrängte von den regellos zerriſſenen Ufern. Nur einem feſten einigen Willen beugt ſich die ſtets uneinige Empörung— nur ſo iſt Sieg mög⸗ lich— nur ſo Untergang ertraglich!“ Urica war von einer Begeiſterung ergriffen, die ſie völlig iſolirte— außer den Augen der Königin, vor der ſie ſtand, ſah ſie nichts— nicht das leiſe Zuruͤck⸗ weichen der Damen, nicht das lächelnde uͤber ihre Schul⸗ tern Blicken des Koͤnigs— und jetzt ſchwieg ſie und fuhlte im ſelben Augenblick ihren aufgeregten Zuſtand und wollte vor der Königin ſich entſchuldigen, da ſagte der König mit ſeiner ſanften Stimme:„Ihr ſollt Sitz und Stimme in meinem Geheimen Rath haben, Graͤfin von Caſambort— nur bitte ich mit der Sammtmaske, ſonſt werdet ihr zu ſchnell meine Räthe zu eurer Mei⸗ nung bekehren.“ Urica wendete ſich zuſammen zuckend— der König hatte den letzten Theil ihrer Rede gehoͤrt— er ſtand dicht hinter ihr— ſie hob das treue, begeiſterte Auge 147 zu ihm auf, den ſie ſo innig verehrte— aber ſchnell ſank es zur Erde, denn Montroſe ſtand wie eine ſtrah⸗ lende Sonne hinter dem Koͤnig und ſein Antlitz trug jetzt noch einen neuen nicht minder anziehenden Aus⸗ druck, den Urica zuerſt mit Herzklopfen auf dem Geſicht eines Mannes ſah— denn auch die Bewunderung kleidete ihn anders, als andere Maͤnner. „Montroſe,“ fuhr der Koͤnig fort—„ihr ſeht, ihr findet hier eine Frau, welche euer Glaubensbe⸗ kenntniß theilt und daher eure natuͤrliche Alliirte iſt— ich halte ſie uͤberdies fuͤr meine beſte Freundin— nur glaube ich— daß grade meine Verhaͤltniſſe dazu gehö⸗ ren, um eine ſolche Freundſchaft nicht zu einem ſehr gewagten Unternehmen zu machen!“ Er bot damit der Königin lächelnd die Hand, indem er Montroſe eine ſehr verſtändliche Bewegung machte, die dieſer benutzte, indem er Urica die Hand bot. Beide gingen eine Zeit lang ſtumm neben einander, endlich ſagte Montroſe wie zu ſich ſelbſt:„Eine Frau und dieſe Energie— dieſe Anſichten, die ein Land retten könnten.“ Urica ſchoͤpfte tief Athem— ſeine Worte gaben ihr ihre Faſſung zuruͤck. Sie hob den geſenkten Kopf — und jetzt ſahen ſich Beide an und ſie vergaßen, ohne es zu wiſſen, einen Augenblick, daß ſie nicht ſprachen. 10* „Warum nennt man das unweiblich?“ fragte Urica ſchuͤchtern und leiſe— „Unweiblich?“ rief Montroſe—„wer nennt es ſo? ich nicht!“ „Ihr nicht,“ ſagte Urica im ſelben Ton—„ich dachte es wohl— aber ſolche Betrachtungen liegen auch weniger in unſerer Natur, als in der Zeit, der wir an⸗ gehoͤren. Ich bin keine Unterthanin des Koͤnigs der Geburt nach, aber ich bin es um der Liebe willen. Was eine Frau in ſolcher Zeit denken und fuͤhlen lernt, wo ſie Alles theilen muß an Verwirrung, Widerſpruch, Irrthum und Leiden jeder Art, das hebt ihre iſolirte Stellung mehr oder weniger auf— indem ſie mehr Unterthanin wird, bekommt ihr weibliches Leben mehr äußere Beziehungen— ſie bekommt Kenntniſſe von den burgerlichen Zuſtänden, die ihr ſelbſt nicht fehlen dur⸗ fen, ohne ihr zum Vorwurf zu gereichen.“ „Und doch ſeid ihr die Erſte, die ich ſo ausgeruͤſtet finde,“ ſagte Montroſe—„ihr ſeid nicht allein ſo, ſondern ihr wißt ſogar, warum ihr ſo ſein muͤßt— glaubt mir, Lady, mein Erſtaunen iſt gerechtfertigt, denn ich finde in dieſem armen England wenig Männer, die euch das nachthun— die wirklich wuͤßten, was ſie wollen!“ „Aber jetzt wißt ihr es— und daran haftet viel ————————— 149 Troſt,“ rief Urica mit Ruͤhrung und Innigkeit— „o! verlaßt nie dies edle Koͤnigspaar, das ſo wuͤrdig jeder Aufopferung iſt!“ Montroſe zog mit raſcher Bewegung das Kreuz ſeines Degens vor die Bruſt—„O Milady— nie iſt der Schwur unverbruͤchlicher Treue in feſterer Ueber⸗ zeugung mit dem ganzen Menſchen geleiſtet worden, als der Meinige! Wenn ihr an Montroſe, bis er hier⸗ her kam, als an einen Gegner des Königs denken mußtet, ſo weiß ich doch, wenn Gott mir auch nur kurze Zeit laͤßt, ſie wird dennoch beweiſen, daß ich die heiligen jetzt uͤbernommenen Pflichten des Unterthanen kenne und vertreten werde.“ „Gott erhalte euch und ſegne euer Vorhaben,“ entgegnete Urica mit bebender Stimme—„aber leicht wird es Keiner haben, der ſich zu des Koͤnigs Partei wendet— und viel iſt verſaͤumt, vielleicht zu viel, als daß es gut gemacht werden koͤnnte.“ „Dieſe Wahrheit hat mich lange in meinem Trotz erhalten,“ ſagte Montroſe—„denn die zahlloſen Feh⸗ ler und Vergehungen der königlichen Partei entſchul⸗ digten nicht allein die Gewaltthaten ihrer Gegner, ſie flößten auch den Patrioten, die das Beſte, ohne Partei zu nehmen, erreichen wollten, ein gerechtfertigtes Miß⸗ trauen gegen den Koͤnig und ſeine Anhaͤnger ein— 15⁰ und es konnte ſich mit einer hoͤheren patriotiſchen Anſicht vertragen, ihn ſelbſt aus ſeinen Umgebungen heraus⸗ zwingen zu wollen, und mit Gewalt, ohne ihn den Zuſtanden und ihrem geſunden Verlauf zuruckzugeben. Dies Alles konnte ſich vereinigen, wie es hier in meiner Bruſt in Wahrheit vereinigt war, mit der Treue fur den Koͤnig, mit der feſten Anhänglichkeit fuͤr die Mo⸗ narchie! Dieſe in ihrer vollen Bedeutung nach echt engliſcher Freiheit und Wuͤrde herzuſtellen, war der Zielpunkt, nach dem mein Herz hinſtrebte, aber ich hielt dafuͤr, daß es ein Gut ſei, das erſt außer der Macht des Königs wieder gewonnen werden muͤßte, um es ihm dann zu Fuͤßen zu legen!“ „Ich kann das faſſen,“ erwiederte Urica bewegt— „und ſo habt ihr vielleicht in den Mitteln geirrt, aber euch blieb ein großer Gedanke, der zu veredelnd war, um euch nicht in die rechte Bahn zuruͤck zu leiten, und ihr langt hier an, ohne die geſenkte Stirn des Verrä⸗ thers, denn euer Herz hatte keinen Tropfen davon.“ „Ich danke euch, Milady,“ ſagte Montroſe ernſt. „Dies Zeugniß iſt ein Schild gegen die Blicke, die mich hier treffen und die mich jedenfalls zum Verräther ſtempeln, ſei es gegen den Koͤnig, ſei es gegen die Partei, von der ich geſandt ward.“ „Ihr meint Argyle?“ rief Urica ſchnell— und Beide blickten ſich forſchend an—„Wollte Gott! er durfte von ſich ſagen: das habe ich unverruͤckt gewollt — von Anfang bis jetzt!— aber er dient ſich mit der Sache— was ihm dient— iſt ihm immer wieder zweifelhaft und ſo wird es die Sache, die er damit verbindet, gleichfalls.“ WMontroſe lachte kurz auf— Urica erroͤthete— „Ihr ſprecht mit dem Pinſel in der Hand,“ fuhr er fort —„Argyle's Portrait iſt fertig— nur geſtehe ich, daß ich nach den Geruͤchten, vielleicht auch nach Argyle's Aeußerungen ſelbſt, dies Portrait nicht ſo von euch er⸗ wartet haͤtte.“ „Ich könnte jetzt thun, als ob ich euch nicht ver⸗ ſtaͤnde,“ ſagte Urica laͤchelnd—„doch das iſt nicht meine Art und ich habe ſeit lange zu viel uͤber denſelben Gegenſtand horen muͤſſen, um nicht jede Aeußerung, die ſich darauf bezieht, leicht heraus zu fuͤhlen— aber“ fuͤgte ſie ſchnell hinzu—„ihr ſeht, es iſt nicht mehr Zeit, euch darauf zu antworten.“ Dies beſtätigte ſich— denn Beide, obwohl zu An⸗ fang dicht hinter dem königlichen Paare gehend, waren, ohne daß ſie es gemerkt haͤtten, etwas zuruͤckgeblieben, ſo daß das Gefolge, denſelben raſcheren Schritt wie die Herrſchaften haltend, zwiſchen Urica und Montroſe gekommen war. Als die Saͤle die Vorangehenden auf⸗ 152 nahmen, zeigte ſich ein etwas weiter leerer Raum, den nun Beide uͤberſchreiten mußten, aber im ſelben Augen⸗ blick traten ihnen ſchon Argyle und Hamilton entgegen, und Argyle, der Montroſe mit zuſammen gepreßten Lippen und pruͤfenden Blicken uberlief, neigte ſich kalt vor Urica und ſagte:„Die Konigin vermißt euch!“ Urica, die gewiß dieſe Aufforderung Argyle's, die ſie ſogleich fuͤr ſeine Erfindung hielt, zu jeder fruheren Zeit mit ſcharfen Worten zuruͤckgewieſen haben wuͤrde, kam wie aus einem Traum zu ſich, indem ſie ihren Arm von Montroſes Arm zuruͤckzog, und ohne ein Wort zu erwidern, ohne zu gruͤßen, ging ſie voran dem offnen Saale zu und als Argyle's eiferſuchtige Augen ihr folg⸗ ten, ſagte er ſich: Wie iſt ſie ſo veräͤndert— der Nacken iſt gebogen, der Kopf geſenkt— ſie zurnt mir nicht ein⸗ mal— ſie ſtraft mich nicht mit ſcharfen Worten. Es traf ſich aber, daß auch Montroſe und Hamilton jeder an der Dahineilenden mit beſonderm Nachdenken ſeine Blicke haften ließ— Montroſe dachte: Geſtehe es dir nur, du haſt ein ſolches Weib nicht möglich gehalten— Hamilton dachte: Ein Verhaͤltniß zwiſchen Beiden wuͤrde des neuen Guͤnſtlings Stellung ſehr verſtärken— Argyle— ſollen wir annehmen, daß er dachte? Ein von gluͤhender Liebe leidenſchaftlich zerriſſe⸗ ner Mann, zu dem plötzlich auch noch die Eiferſucht 153 tritt— ſollen wir das nachweiſen, was in ihm vorging, da er es ſelbſt nicht zu nennen gewußt hätte? Alle drei folgten ihr ſtumm und Keiner merkte das Schweigen des Andern— und doch lag ihnen Allen mehr oder weniger daran, die Gedanken des Gegners zu kennen; denn Gegner waren ſie im entſchiedenſten Sinne des Wortes. Obwohl die Konigin nicht nach Urica geſendet hatte, traf es ſich doch, daß ſie ihr etwas zu ſagen wuͤnſchte, und ihre Annäherung bemerkend, trat ſie vor und zog Urica's Arm nehmend, dieſen gegen ein ſeltenes aus⸗ ländiſches Gewächs, welches eben bluhend kuͤnſtlich auf⸗ geſtellt war. „Urica,“ ſagte die arme, immer ſchmerzlich von ihrem Schickſal bewegte Koͤnigin—„ſprich mit Montroſe und frag' ihn, ob er die entſetzliche Reiſe nach Frankreich nicht von mir nehmen kann— ich ſelbſt kann es nicht, ich kann keine geheime Unterredung mit ihm erlangen, ich bin von allen Seiten bewacht und der König iſt ſo gegen mich in dieſem Punkt, daß mich das grade in Verzweiflung bringt, denn ich ahne, er will mich von ſich trennen, weil er ſeine Lage fur gefaͤhrlich hält!“ „Sagen mir Euer Majeſtat genau, was Ihre Anſicht iſt— ich will es verſuchen ihn zu ſprechen.“ „Es muß heute noch geſchehen— der Koͤnig hat 154 morgen Geheimenrath— dort ſoll die ſchreckliche Frage entſchieden werden; aber ich weiß gewiß, er wird auf Montroſe horen, uberhaupt muß auch auf die Andern ſeine Anſicht, welche mit ſeinen Mitteln die Macht verſtäͤrken wird, Einfluß haben— aber er muß es wiſſen, daß ich davon den Todesſtoß empfangen werde, ſonſt kann er es uͤberhören, es unwichtig halten, o Gott! Urica— und es uͤberſteigt doch meine Kraft, meine Geduld, meine Nachgiebigkeit!“ „Faßt euch!“ ſagte Urica ernſt—„denn gewiß werden wir jetzt ſchon beobachtet— ich werde Alles wagen, um Montroſe allein zu ſprechen und ihn bitten, Alles zu thun, was ſich mit ſeiner Pflicht verträgt.“ „Sage ihm, Urica— mein Einfluß in Frankreich ſei eine Täuſchung— Richelieu wird ſich von meinen Vorſtellungen nicht beugen laſſen, ich werde ihm eine Geißel ſein, ich werde ihm ein Mittel werden, bald dieſe, bald jene Partei zu taͤuſchen oder zu züchtigen. Ich werde hier Alles verlaſſen, was mir die Buͤrde des Lebens ertraͤglich macht und dort umſonſt leben, keine der Hoffnungen erfuͤllen können, die man darauf baut.“ „Und ſind euch die Räthe des Königs, iſt vor Allen Hamilton euch ſo entſchieden entgegen?“ „O grade er,“ rief die Koͤnigin mit einem leichten Schauer,—„grade er, Urica! und“— fuhr ſie noch 155 leiſer fort, indem ſie ihr blaſſes kummervolles Geſicht in die Bluͤten der Pflanze verbarg,—„ich kann ihm nicht trauen, er iſt falſch— er will es mit keiner Partei ver⸗ derben— dabei kennt er mich, er weiß, daß ich ihm mißtraue und er weiß, daß der Koönig auf mich hoͤrt. Urica!“ rief ſie faſt ſich vergeſſend aus—„begreifſt du den wahnſinnigen Schmerz, den verlaſſen zu ſollen, der uns gehoͤrt mit ſeiner ganzen Liebe, ſeinem ganzen Vertrauen— der außer uns Niemand hat, dem er beides geben kann— den verlaſſen zu ſollen in einem Augenblick, wo die höchſten Gefahren ihn umgeben,— dies Alles von einer Gattin zu fordern, die nichts will als alle ſeine Leiden theilen, oder mit ihm ſterben!“ Urica's Lage war ſehr peinlich, denn je mehr die Koͤnigin ſich in ihren Schmerz vertiefte, je weniger hatte ſie ihr Aeußeres beherrſcht und der Graf von Hamilton war mit der alten Gräfin Seimour, die ſelten etwas merkte, immer naͤher heran gedrungen und ſah uͤber die kleine Dame bequem weg gelegentlich auf die Koͤnigin und Urica. Der König war dagegen mit Mont⸗ roſe im Geſpraͤch, während Argyle's Blicke an der Seite der kleinen Sophia Lindſay wie der Alp auf Uricas Be⸗ wegungen hafteten. „Ich beſchwoͤre euch, gnädigſte Frau,“ rief ſie endlich leiſe—„laßt uns zuruͤckkehren, ſonſt koͤnnte die 156 Aufmerkſamkeit, die dies Geſpraͤch erregt, jede ſpätere Unterredung mit Montroſe erſchweren.“ „Du haſt Recht,“ ſagte die Koͤnigin—„Du biſt immer beſonnen und ruhig— o Urica! glaube mir— nur ſo lange iſt man ſeiner Handlungen, ſeiner Grund⸗ ſätze ſicher, als das Herz ruhig iſt, ſo wie das zu ſeiner Gewalt kommt, ſind wir nur noch ſeine Sclaven. Du biſt gluͤcklich mit deinem freien Herzen— vergieb mir, daß ich ſo oft wuͤnſche, du hatteſt es gegen Ar⸗ gyle verloren— gewiß Urica, dann hätten wir ihn auch ſicher— aber ſo— weißt du, ob er Freund oder Feind iſt?“ „O was liegt eurer heiligen Sache an einem Manne, der ſo wenig dieſen Namen verdient, daß er ſeine Geſinnungen, ſeine Handlungen abhaͤngig macht von der Liebe einer Frau.“ „Ach mein Kind,“ ſagte die Koͤnigin—„wenn du ihn liebteſt, wurde dich die Stärke ſeines Gefuͤhls, die daraus hervorgeht, entzuͤcken und du wuͤrdeſt ihm dies Zeichen der Unmaͤnnlichkeit leicht verzeihen.“ „Nimmermehr,“ rief Urica mit Heftigkeit—„ich kann nur lieben, nur mich geliebt wuͤnſchen von dem Manne, der nicht an dieſem einen Gefuͤhle ſich ſelbſt verliert.“ „Woruͤber ſtreiteſt du ſo heftig mit unſerer ſchoͤnen 157 Freundin?“ ſagte der König, der mit Montroſe und Argyle zur Koͤnigin trat. „Ach,“ entgegnete dieſe, ſeinen Arm nehmend„uber das alte Lied! Dieſe ſtolze kalte Frau erträumt ſich fuͤr den Mann, den ſie einſt wird lieben können, ein eben ſo felſenfeſtes Herz als das ihrige— und da nun Alle vor ihren ſchoͤnen Augen zerſchmelzen, raubt ſie Allen die Feſtigkeit und behält die ihrige unerſchuͤttert. Iſt das nun nicht unbillig?“ fuhr die Koͤnigin lächelnd fort, und ſtrich uͤber Urica's gluͤhende Wangen mit dem kleinen Federwedel in ihrer Hand.— „Wir wollen die Betheiligten auffordern, ſie anzu⸗ klagen!“ rief der Konig auf den Scherz eingehend— „dann wollen wir ſie vor unſern geheimen Rath fordern und ſie verurtheilen, die zum Nachtheil meiner armen Lords gemißbrauchte Freiheit, an einen oder den andern zu verlieren!“ Urica lächelte— aber ſie bemerkte, daß ihr Va⸗ terland nicht England ſei—„den Geſetzen Englands kann ich mich entziehen,“ fuhr ſie fort—„aber nicht dem Unterthanen⸗Gefuͤhl gegen ſeinen König! Wen man von ganzer Seele verehrt, dem muß man von ganzem Herzen treu bleiben— und damit bin ich aller⸗ dings die Unterthanin Eurer Majeſtät— aber wenn ich mich auch vor den geheimen Rath ſtellen wollte, es wuͤrden keine Kläger erſcheinen, denn dazu gehoͤrte eine entzogene Berechtigung!“ „Wer ſo eiferſuͤchtig ſeine Freiheit bewacht, muß nicht vergeſſen, daß ſeine kleinſten Beguͤnſtigungen ſo viel Werth haben, ſo viel Hoffnung und Berechtigung geben, als die entſchiedenſten Verſicherungen unter an⸗ dern Umſtaͤnden!“ rief Argyle, und ſeine Stimme, der Ausdruck ſeines Geſichts, zeigte, wie alles in ihm lei⸗ denſchaftlich bebte. „Damit, Milord, machtet ihr es aber einer Frau unmöglich, je ſich ſicher zu ſtellen vor falſchen Anma⸗ ßungen,“ entgegnete Urica ernſt—„und ihr Betragen fiele immer der willkurlichen Auslegung der Betheiligten anheim. Was bliebe dann einer Frau uͤbrig— wel⸗ cher Schutz, welche Sicherheit?“ „Die anbetende Liebe eines Mannes!“ rief Argyle hingeriſſen—„der ſie ſich anvertraute— die ſie ſchutzen wuͤrde gegen die ganze Welt, und ſie von der unausrei⸗ chenden Stellung der eigenen Bewachung abloͤſen, durch das Gefuͤhl ausreichender Sicherheit.“ „Ich glaube, Milord,“ ſagte Urica—„wenn ei⸗ ner Frau das Gefuͤhl der Liebe durch einen Mann ein⸗ gefloͤßt wird— wird ſie ihm auch die Beweiſe des Ver⸗ trauens nicht vorenthalten, die damit gewiß innig ver⸗ bunden ſind!“ 159 Auch dieſe Worte, die ſo ablehnend, ſo bedingungs⸗ weiſe waren, regten in Argyle Hoffnungen an, und mit kaum zu unterdruͤckendem Widerwillen mußte ſie es dulden, daß er, da eben die Tafel gemeldet ward und der Koͤnig mit der Königin aufbrach, ihr den Arm gab, und ſie nun in ſeiner unheimlichen Naͤhe gefeſſelt blieb. Dabei war es ihr nicht entgangen, daß Montroſe ein ſchweigender aber aufmerkſamer Beobachter der Be⸗ gegnung zwiſchen ihr und Argyle geweſen war, und ſie dachte mit Ungeduld, wie er es verſtanden haben konnte und merkte nicht, daß es zum erſten Male vielleicht ihre Gedanken bewegte, wie ein Mann ihre Worte beur⸗ theilt haben könnte. Sie hoͤrte nicht, was Argyle ſprach, ſie antwortete ihm verkehrt oder gar nicht— der Auf⸗ trag der Koͤnigin, glaubte ſie, ſei zu wichtig, um nicht all' ihre Gedanken zu erfordern, und dieſer Auftrag machte eine Unterredung mit Montroſe noͤthig, die ſie noch außerdem der Aufmerkſamkeit entziehen mußte. Argyle fand ſie durchaus verändert und der Wahn⸗ ſinn ſeiner Leidenſchaft verleitete ihn zu Anfang, ſich dieſe Veränderung günſtig zu deuten, aber er hatte zu⸗ gleich die reizbarſte Eiferſucht, und als er ſich endlich nicht leugnen konnte, Urica ſahe und höre ihn gar nicht, oder nur mit den ſchwachen Erforderniſſen der Hoflich⸗ keit, da war es ihm plötzlich wie mit Donnerworten zu⸗ gerufen: Montroſe habe Eindruck auf ſie gemacht! Welch' ein Haß zugleich mit dieſem Gedanken ſich in ihm verbreitete, ſchildern keine Worte.— Augenblicklich hatte er ihn fordern moͤgen— nur in ſeinem Blute ſchien ihm Erledigung— und jetzt erſt war er ihm Ver⸗ raͤther, Heuchler— jetzt erſt ſah er mit uͤbertriebener Strenge auf ſeine Handlungen und fand ſie alle ab⸗ ſcheulich. Ohne Bedenken leitete er das Geſpraͤch darauf, und als er damit Urica's Theilnahme weckte, machte ihn dies ſo heftig, daß ſeine Aeußerungen gaͤnzlich alles Maaß uͤberſtiegen. Wie natuͤrlich verfehlte dies ganz die Wirkung, und Urica gab den ſchwachen Verſuch, ihn zu vertheidigen, bald auf, und brach zuletzt in ein nicht zu beherrſchendes Lachen aus, da Argyle's Worte faſt burlesk geworden waren. Vielleicht war es gut, daß die Koönigin im ſelben Augenblick die Tafel aufhob, denn Argyle bekam nun einige Zeit ſich zu faſſen und einzuſehn, wie gaͤnzlich er ſich vergeſſen hatte. Urica eilte ſo ſchnell als möglich von ſeiner Seite weg und miſchte ſich unter die Damen der Koͤnigin, welche derſelben nach dem Garten folgten, wo die erha⸗ bene Frau noch einen Augenblick in der herrlichen Mond⸗ nacht ſich erfriſchen wollte. 161 Sie drängte ſich ſo nah als moͤglich zur Konigin, da ihr dies einige Sicherheit vor Argyle verſprach, und ſah auch bald, daß Montroſe ſich nahte und der König den Erſteren anredete. In dem Augenblick aber, als Montroſe ſie erreicht hatte, war ſie wie gelähmt von dem Gedanken, wie ſie ihm ihre Abſicht mittheilen ſollte, und dies machte ſie ſo zerſtreut und verlegen, daß ſie in Gefahr ſtand, den guͤnſtigen Augenblick zu verlieren. „Einer ſolchen Nacht gegenuͤber,“ ſagte jetzt Mont⸗ roſe, indem ſeine Augen auf Urica wurzelten—„werde ich faſt meiner Vorliebe fuͤr den Morgen ungetreu— in Wahrheit eine Mondſcheinnacht iſt majeſtaͤtiſch und ſcheint die Gebrechen der Welt zu verhuͤllen, und nur das Weſen der Schönheit zu erhalten— dieſe verhuͤll⸗ ten Fernen, die uns iſoliren, die grandioſe Schoͤnheit der Maſſen in den Bauwerken, wie in der Natur— wo man eingeſtehen muß, der Mondſchein thut noch etwas hinzu, was ſie eben nur durch ihn haben, der Anblick beruhigt und erhebt zugleich!“ „Und doch“ ſagte Urica—„ macht mich eine ſolche Nacht oft träumeriſch, wehmuͤthig— ich fuhle leicht ein Erkranken des Herzens, eine Aengſtlichkeit— in dieſem feuchten Nebelmeer ſcheinen mir Geſtalten ver⸗ borgen, vor denen ich mich zu fuͤrchten habe— aber Jakob v. d. Nees. 11. 11 dies Gefuͤhl liegt in meinem Charakter mehr, als in der mondhellen Nacht— Alles was unbeſtimmt— in halben Anregungen auf mich eindringt, giebt nur be⸗ klemmende Gefuhle; ich will klar ſehen, beſtimmt er⸗ kennen, was ich in mich aufnehmen muß, und alle Zu⸗ ſtände, die mir die Kraft dazu nehmen, thun mir nicht wohl!“ „Vielleicht ſprecht ihr aus, Milady!“ ſagte Mont⸗ roſe—„was ſeither meine Vorliebe fuͤr den Morgen beſtimmt hat— die Schoͤnheit dieſer fruͤhen Stunden des Tages entzuͤckt, ohne weich und traͤumeriſch zu machen— im Gegentheil ſie regt an, ſie entwickelt Thatkraft, und dem langen Tage gegenuͤber, ſcheint ſogleich ausfuͤhrbar, was wir angeregt fühlen, und— verwerfen und beſchließen— die Moͤglichkeit und ihre Grenze— Alles wird uns bewußter, und wir hoffen zum Gebrauch der Mittel zu gelangen, wo die Thaͤtig⸗ keit Aller um uns her erwacht iſt, und unſere Wirk⸗ ſamkeit nicht durch phyſiſche Geſetze aufgehalten wird.“ „Ich mache es ſchon dem Abend zum Vorwurf,“ ſagte Urica—„daß ich dieſelben Dinge, die ich am Abend kennen lernte, am Morgen anders anſehe— meine Gefuͤhle, meine Handlungen oft nicht wieder er⸗ kenne und ſie widerrufen muß. Das beweiſt, daß ein geheimnißvoller Zauber im Abend liegt, der uns beſtrickt, 163 vielleicht auch darum, weil unſere geiſtigen Funktio⸗ nen ſchwächer ſind und durch die Laſt des Tages ver⸗ braucht.“— „Es darf ſich alſo Niemand eines am Abend er⸗ rungenen guten Eindrucks auf euch erfreuen,“— ſagte Montroſe leiſer—„ehe er erfahren, ob der Morgen ihn euch beſtätigen will.“ „Sollte das auch fur Menſchen gelten?“ ſagte Urica lebhaft—„ein ſolch' geſtörtes Bewußtſein wäre doch ein Fehler, den ich nicht allein dem Einfluß des Abends aufbuͤrden koͤnnte.“ „Alſo Montroſe wird euch Morgen fruͤh noch ein treuer Unterthan erſcheinen?“ „Ich bin genöthigt euch, Milord, von dieſer mei⸗ ner unerſchutterlichen Ueberzeugung ein ausreichendes Zeichen zu geben— ich wuͤnſche euch in Angelegenheit der Königin zu ſprechen— aber ich ſehe ein, daß es hier und jetzt eben unmöglich ſein wuͤrde, denn wir werden beobachtet. Da wir Beide die fruhen Morgen⸗ ſtunden lieben, ſo lade ich euch ein, Morgen um 6 Uhr die Terraſſen hinab, bis zu den Ufern der Ouſe zu ſtei⸗ gen, und mich dann in dem Pavillon zu erwarten.“ Urica's Wangen hatten ſich, während ſie ſprach, da ihr raſcher Entſchluß, ihm dieſe Zuſammenkunft anzu⸗ bieten, faſt mit ihren Worten eins wurde, hoch geroͤthet, 11* 164 und ſie blickte jetzt mit klopfendem Herzen mißtrauiſch zu ihm auf— aber auch dieſe Probe hielt Montroſe ohne die kleinſte geckenhafte Erregung aus, ſein Ge⸗ ſicht war belebt von Antheil und Gefuͤhl, aber Urica erkannte, daß er ſie ſo ſehr achtete, daß er ihr Anerbie⸗ ten fuͤr keine ihm zugeſtandene Gunſt hielt. „Wieder zeigt er ſich als Mann“— fluͤſterte es leiſe in ihrem Herzen— und ſie hatte kaum noͤthig ſeine ernſten ehrfurchtsvollen Worte zu hoͤren, die ihr die Zuſage gaben ſich einzufinden— aber daß er nach dem Austauſch dieſer Reden ſie noch ehrerbietiger behan⸗ delte, daß er empfand, er duͤrfe jetzt keine weichere An⸗ regung auf ihr Gefuͤhl mehr wagen, das hob ihn hoch in ihrer Achtung; denn eine Ahnung ſagte ihr, er habe ſich ihr mit dem Verlangen genaht, ihr ſeine Bewunde⸗ rung auszudruͤcken und daß er ſich augenblicklich zu be⸗ zwingen wußte, machte ihre Bruſt ſo frei und leicht, als ob ein neuer Lebensſtrom ſie gehoben. Als Montroſe am andern Morgen durch die ange⸗ lehnte Thuͤr in den bezeichneten Pavillon trat, ſtutzte er einen Augenblick und eine ſtolze Erregung glitt uͤber ſein ausdrucksvolles Geſicht, denn er fand Urica nicht — 165 allein, ſondern an ihrer Seite ſaß die ſtrenge Geſtalt ihrer Duenna, der Graͤfin Comenes. Urica ſah augenblicklich, daß er ſich verkannt fuhlte und ſich zugeſtand, dies durch ſeine Haltung nicht ver⸗ ſchuldet zu haben— aber die Gräfin eilte, ihm ihre volle Anerkennung zu gewaͤhren, denn nachdem ſie ihn der Frau von Comenes vorgeſtellt, öffnete ſie eine Thuͤr, welche nach einem ſchmalen Salon fuͤhrte, der mit einer von hängenden Weiden berſchatteten offenen Gallerie nach dem Fluſſe zu lag— und indem ſie hindurch ſchritt und die alte Dame ihr nicht folgte— gab ſie dem nach⸗ ſchreitenden Montroſe ein Zeichen die Thuͤr zuzumachen, und ſich der Gallerie nahend, nahm ſie ſogleich auf einem Seſſel Platz, dem Grafen den gegenuͤber ſtehen⸗ den anweiſend. „Die Königin hat mir den Schluſſel zu dieſem Pa- villon uͤbergeben, um unbemerkt euch von ihren Wuͤn⸗ ſchen unterrichten zu koͤnnen— und ſie will, daß ihr euch nach unſerer Unterredung in einer unter dem Bal⸗ kon befeſtigten Barke nach dem andern Ufer rudern moͤgt und euch des Mantels bedienen, den ihr in der Barke finden werdet.“ Montroſe verneigte ſich ſtumm und ehrerbietig zum Zeichen ſeines Gehorſams— dann ſagte er, da Urica ſinnend vor ſich nieder ſah:„Laßt mich meine Betruͤb⸗ 5 niß ausdruͤcken, daß Ihro Majeſtät ſich ſelbſt hier, wo ich ſie in Mitte ihrer treuſten Anhaͤnger glaubte, genöthigt ſieht, ihre Handlungen der Beobachtung zu entziehen!“ „Die Konigin hofft, daß dies wenigſtens in Bezug zu ihrem Gemahl zutrifft, Milord— die Königin aber wird uberall mit einem Mißtrauen verfolgt, welches die Gerechtigkeit gegen ſie ſchon laͤngſt aufgehoben hat— ſie findet nur noch ſtaͤrkeres und minderes Mißtrauen — Mißtrauen aber uͤberall!“ „Ja!“ rief Montroſe—„ſo verfahren die Men⸗ ſchen mit einander! Denn obwohl ſich Jeder ſowohl die Fähigkeit als das Recht den Andern gegenuͤber zuge⸗ ſteht, begangene Fehler durch eine wahrhaft veränderte Geſinnung gut machen zu konnen, werden wir doch ſelten eine edle vertrauende Anerkennung finden, wenn wir den gemißbilligten Weg verlaſſen, und unſere rein⸗ ſten Handlungen werden von blinden Augen angeſchaut werden und nur das Gedächtniß fruͤherer Verirrungen wird die Richtſchnur des Urtheils uͤber uns bleiben.“ „Das iſt eine traurige Wahrheit, Milord“— ſagte Urica—„aber iſt es auch zugleich ein Urtheil uͤber die ungluckliche Koͤnigin? Wollt ihr mir ſagen, ob ihr jetzt der Meinung ſeid, ſie habe den gemißbilligten Weg verlaſſen?“ „Es lag eine vielleicht ungerechte Befriedigung da⸗ — 167 rin“— entgegnete Montroſe—„der katholiſchen Koͤ⸗ nigin, die von den ewigen Feinden unſerer geretteten Kirche umgeben blieb, einen Theil der Mißgriffe aufzu⸗ buͤrden, von denen die Hondlungen unſeres Koͤnigs nicht frei zu ſprechen waren, und ich ſah nicht ohne Ueberzeugung und nicht ungern, daß die Laſt der Vor⸗ wuͤrfe dadurch getheilt ward.“ „Und jetzt, Milord“, ſagte Urica—„und jetzt?“ „Ich habe nicht gewartet, bis ich hierher kam, um dies Unrecht gut zu machen!“ ſagte Montroſe mit edler Waͤrme.—„Von dem Augenblick an, daß die Koͤnigin Muth hatte, ſich von ihren verdächtigen Rathgebern zu trennen— von dem Augenblick an, habe ich ihre Hand⸗ lungen mit Gerechtigkeit gewuͤrdigt und habe nur noch eine zärtliche Mutter und die treue Gattin und Freun⸗ din meines theuren Königs in ihr gefunden.“ „Dann darf ich mich gegen euch meines Auftrags entledigen,“ ſagte Urica—„und es wird uͤberfluͤſſig ſein, euch zu ſagen, daß ich eure Meinung uͤber dieſe unglückliche Frau theile. Aber nur in dem Falle, daß ihr mit euren Geſinnungen von dem allgemeinen Miß⸗ trauen abwichet, hatte ich Erlaubniß, euch das zu ſa⸗ gen, was die Koönigin jetzt am meiſten kraͤnkt, und nur in dieſem Falle konnte dieſe Mittheilung einigen Erfolg verſprechen.“ wenn ihr mich in dem Irrthum der den haͤttet— ihr haͤttet keinen eine Augen der Wahrheit zu Menge tefang g Verſuch gemacht oͤffnen?“ n, Milord— daß ich nicht euch Alles der Wahrheit ge⸗ eeigene Ueberzeugung befeſti⸗ e dazu wenig Vertrauen ge⸗ ſteht es ein, in der Ueberzeu⸗ gelten die Beobachtungen und icht ſo viel, um ſeine Mei⸗ Erfahrungen einer nung zu veraͤndern? „Wir haben eine große Verantwortlichkeit fur un⸗ ſere Geſinnung, durch die wir mit Andern zuſammen haͤngen, ihr Vertrauen genießen und ihr Schickſal ſo⸗ gar leiten,“ ſagte Montroſe—„und wir halten unſere Meinung oft grade da am feſteſten, wo wir uns am meiſten einer Verſuchung ausgeſetzt fuͤhlen, ſie erſchuͤt⸗ tert zu ſehn— aber Milady— es ſtunde ſchlecht mit dem Manne, wenn er die Wahrheit von der Perſon, die ſie ihm ſagt, abhängig machte— und ich verſtehe weder maͤnnliche Wuͤrde noch Feſtigkeit, wenn ſie ſich beeintraͤchtigt halten kann, indem ſie der Wahrheit aus dem Munde einer Frau folgt.“ ——————— 169 „Ich konnte das denken,“ ſagte Urica errothend— „und nur Schwächlinge fuͤrchten, ſich uͤberzeugen zu laſſen, und halten ihren kurzſichtigen Eigenſinn fuͤr Maͤnnlichkeit.“ „Und ihr“— ſagte Montroſe—„ihr, die ihr die Koͤnigin der Wahrheit ſeid!— Nein! ich will es nicht denken, ihr konntet mich keines Bekehrungsverſuches werth geachtet haben!“ „Es iſt beſſer, daß ich euch ſo gefunden habe, wie es die Koͤnigin wuͤnſchen konnte,“ ſagte Urica lächelnd —„aber wenn ihr es wiſſen wollt— auch im andern Falle hatte ich Alles in meinem Geiſte geſammelt, was euch der Königin jetzt gerecht machen konnte!“ Montroſe kniete einen Augenblick nieder und be— ruͤhrte den Rand ihrer Schleppe mit den Lippen— dann nahm er ſeine vorige Stellung ihr gegenuͤber ein und rief bewegt:„Und ihr haͤttet geſiegt, denn auch euch uberfuͤhrt nur die Woahrheit, und ihrer Macht mich ſtets zu unterwerfen, dazu habe ich Kopf und Herz mir frei erhalten.“ „So hoͤrt denn!“ ſagte Urica.—„Aus dem Miß⸗ trauen, was keiner gegen die Königin ganz aufgegeben hat, aus der ewig wiederholten Meinung, den König völlig frei, völlig unabhaͤngig und ohne nachtheiligen Einfluß in die Mitte ſeiner Nation zu ſtellen, geht das 17⁰ in allen Formen ſich erneuernde Complot, die Königin von ihm zu trennen, hervor. Es hat ihr nichts ge⸗ holfen, daß ſie ſich von Allem losgeſagt, was man nennen konnte und womit man ſie als treulos bezeichnete gegen das Volk ihres Gemahls,— die offene Redlich⸗ keit, die Kraft, mit der ſie es gethan, glaubt ihr Nie⸗ mand— man iſt grade ſicher, daß ſie im Geheim Alles feſthaͤlt, da ſie aͤußerlich ſo ruhig ohne Haß und Bitter⸗ keit geblieben, und ſie ſieht ſich unabläſſig beobachtet, auf das brutalſte belauſcht und von Verräthern ihrer unſchuldigſten Handlungen umgeben, ohne daß ſie ſich beklagen darf oder ſich ihrem Einfluß entziehn!“ „Ihr werdet die Mißhelligkeit kennen, die in dieſem Augenblick zwiſchen dem Koͤnige von Frankreich, oder — wahrer geſagt— zwiſchen Richelieu und eurem Könige obwaltet. Wie ich hore, iſt die dadurch erregte Verfolgung des Erſteren auf Vieles nachweisbar, was dies ungluckliche Land verwuͤſten hilft, und das entſetz⸗ liche Blutbad in Irrland, ſoll durch die Unterſtuͤtzung Frankreichs dieſe Schrecken erregende Ausſchweifung erlangt haben. Jetzt wird die Frage mit dem Koͤnige beſprochen, ob die Koͤnigin nicht als franzoͤſiſche Prin⸗ zeſſin geeignet wäre, dieſe Mißhelligkeiten durch ihre perſoͤnliche Dazwiſchenkunft mit Richelieu auszugleichen — und der Koͤnig iſt diesmal nicht der Vertreter von 17¹ den Wuͤnſchen ſeiner Gemahlin, welche an dieſe Tren⸗ nung mit Entſetzen denkt und ſie als eine ewige an⸗ ſieht.“ „Dabei glaubt ſie feſt und hat triftige Gruͤnde da⸗ für, daß Richelien auch nicht die kleinſte Ruͤckſicht auf ihre Bitten nehmen und ſich freuen wird, durch Demu⸗ thigungen aller Art, den Koͤnig in ſeiner Gemahlin zu beſtrafen. Ihre Unterredungen mit dem König über dieſen Gegenſtand haben ſie uͤberzeugt, daß auch Karl einen politiſch gunſtigen Erfolg von ihrer Reiſe nicht erwartet, obwohl ihm daruͤber eine entſchiedene Aeuſ⸗ ſerung nicht zu entreißen war; daß er aber deſſenunge⸗ achtet mit immer gleicher Hartnäckigkeit darauf dringt, daß die Konigin dies Opfer bringe, giebt ihr die Ueber⸗ zeugung, daß er ſelbſt ſeine Lage gefahrlich und bedroh⸗ lich hält, und ſeine Beſtrebungen, ſie und ſeine Kinder zu entfernen, auf der Ahnung nahender groͤßerer Uebel beruhen, denen er ſie dadurch zu entziehen hofft.“ Eine lebhaft ſchmerzliche Bewegung Montroſe's, die doch nur zu ſehr eine Beſtätigung ausdruckte, unter⸗ brach hier einen Augenblick Urica's geſammelten Vor⸗ trag— bewegter fuhr ſie nach einer Pauſe fort:„Ihr könnt denken, daß die Königin von da an nichts ſo furchtet, als dieſe Reiſe; daß wenn die Nothwendigkeit ihr nicht bewieſen werden kann, ſie ihren heil'gen— * 172 ehrenvollen Platz an der Seite ihres Gemahls nicht ver— laſſen will,— daß ſie dagegen ihre Kinder lieber nach Holland zu ihrer Tochter, der Prinzeſſin von Oranien, ſchicken will, als nach dem treuloſen Frankreich, und daß“ ihr dann das ehrwuͤrdige Recht gelaſſen werde, an der Seite des Koͤnigs, deſſen ganzes Schickſal mit tragen zu helfen. Die Hoffnung, dies durchzuſetzen, iſt ge⸗ wachſen, ſeit euer mächtiger Einfluß in die Waagſchale des Königs gelegt worden iſt; fremde Huͤlfe wird da⸗ durch weniger dringend, dieſe durch die Koͤnigin bei Richelieu zu erbitten, welches bisher immer als wich⸗ tiger Hauptgrund gegolten, dadurch von ſelbſt aufge⸗ hoben! Sie hofft alſo wieder, Milord— und ſie hofft, wie ihr ein indirektes Mittel geworden ſeid, die Gruͤnde zu ihrer Entfernung zu ſchwächen, ſo werdet ihr durch direkten Einſpruch gegen dieſe Maaßregel im heutigen Geheimen⸗Rath des Konigs, wo ſie entſchieden werden ſoll, ſie zu Gunſten der ungluͤcklichſten Gattin und Mut⸗ ter entſcheiden helfen!“ Urica ſchwieg und ihr Auge haftete geſpannt auf Montroſe— das war nicht der Ausdruck einer ihr guͤnſtigen feſten Ueberzeugung— und wo blieb das tröſtliche Wort der Einwilligung, das ſchon die letzte Silbe ihrer Rede hätte abſchneiden muͤſſen, wenn die Ueberzeugung mit dem Willen eins geweſen waͤre? 173 Dagegen lagen duͤſtere Wolken auf ſeiner hohen maͤchtigen Stirn, ſeine Augen wurzelten am Boden, dem im Seſſel zuruͤckgeſunkenen waren die Haͤnde feſt um das Barett gekrampft, und er ſchien es nicht zu bemerken, daß Urica ſchwieg und ihn ſinnend beobachtete. „Das ſind traurige Anzeichen!“ ſeufzte ſie endlich — faſt unwillkurlich laut ſprechend.— Montroſe fuhr erſchrocken empor. Als ſeine Augen Urica ſtreiften, brach ein Glanz hervor, der die ihrigen zur Erde ſenken machte, denn ſie fuͤhlte, an dieſem Blick hatte ſie beſondern Antheil. „Mißdeutet mein Schweigen nicht,“ rief, ſich leb⸗ haft vorbeugend, Montroſe—„und denkt nicht, daß ich zerſtreut war— aber dieſer einzelnen Beziehung, die ihr eben angeregt habt, ſtuͤrzte ein Gedankenſtrom uͤber die ganze Lage des Königs und meines Vaterlandes nach, von dem ich mit fortgeriſſen ward, waäͤhrend alte Schmerzen, alte Befurchtungen in mir aufgeregt wurden!“ „Der König und die Konigin— Beide haben Recht! und ich fragte mich zuletzt, ob ich dem Könige bei einer Veranlaſſung entgegen treten duͤrfe, wo alle Stimmen meines Herzens mir ſagen, ich wuͤrde im ſelben Fall, um ein geliebtes Weib zu ſchuͤtzen, auf dem ſchweren Opfer der Trennung ſelbſt beſtehen! Aber zu meiner Qual muß ich mir ſagen, daß ich eben ſo das Gefühl der Königin verſtehe, daß ich die Seligkeit faſſen kann, zu leiden, wenn wir nur mit dem Weſen ver⸗ bunden bleiben, in deſſen Beſitz wir uns wie durch einen Pulsſchlag geeinigt fuͤhlen, welches uns die Erfuͤllung aller Sehnſucht unſerer Bruſt gewährt, alle Träume unſeres Lebens zur Wahrheit macht!“ Montroſe brach ploͤtzlich ab.— Urica's Augen waren von ſeinem Antlitz abgeglitten und zur Erde geſunken— ſie hörte jedes Wort mit ſtockendem Athem— mit gluͤhender Stirn— es drängte ſich unbezwinglich das Geheimniß ſeines Herzens uͤber die Lippen, indem er nur von Andern ſprechen wollte— und Urica verſtand ihn, und ſie hatte den bezaubernden Ausdruck, den ſein ſchönes Geſicht in dieſer Ueberraſchung des Gefuͤhls trug, nicht ertragen können, ohne die betäͤubende Ge⸗ walt zu fuͤhlen, die er uͤber ihr Herz gewonnen! Aber er ermannte ſich, als er die entzuckende Ver⸗ wirrung Urica's ſah und fuͤhlte den Vorwurf, daß er zur Theilnahme fuͤr das bedrohte Lebensgluͤck Anderer aufgefordert, fortgeriſſen worden war, ſein eigenes In⸗ tereſſe zu verfolgen. Dies gab ſeiner Stimmung die Feſtigkeit zuruͤck und er fuhr nach einer kurzen Pauſe fort:„Außerdem habe ich andere Anſichten uͤber die politiſche Wichtigkeit dieſer Reiſe, die mit meiner Kennt⸗ 175 niß der franzöſiſchen Zuſtaͤnde zuſammen haͤngen, und mich guͤnſtige Folgen hoffen laſſen, wenn die Tochter Heinrichs des Vierten die Theilnahme ihres Vaterlandes aufruft— und was kann ſie en ch dort erleben, was ſich mit dem vergleichen läßt, was ihr hier vielleicht be⸗ vorſteht.“ „Großer Gott!“ rief Urica lebhaft aufſtehend— „was fuͤrchtet ihr, Lord Montroſe— was ſteht dem Koͤnige bevor— jetzt noch, da ihr auf ſeine Seite getreten ſeid?“ Beide ſtanden dicht vor einander— Beide blickten ſich an und mit dem redlichſten Willen, ſich allein der Sache des ungluͤcklichen Koͤnigspaares zu widmen, wa⸗ ren ſie doch dazu beſtimmt, ihr eigenes Gefuͤhl immer wiederkehrend in dieſem fremden Gegenſtand einander zu verrathen. „Ha!“ rief Montroſe, ihre Hand an ſeine Bruſt ziehend—„achtet mich Urica ſo hoch, um mir ſo große Macht, ſo ausreichenden Einfluß zuzutrauen?“ Uurica hatte ihm nichts zu antworten— Beide wurden auf's Neue von ihrem ſtarken Pflichtgefuhl zuruckgefuhrt. „Sprecht,“ ſtammelte die Gräfin, und zog ihre Hand zuruͤck—„was furchtet ihr fur den unglucklichen König, was ſo viel harter fur ſeine Gattin zu ertragen waͤre, als dieſe Trennung, dieſe beleidigende Stellung in ihrem eignen Vaterlande.“ „Ich kann es nicht bezeichnen und weiß euch kein Beiſpiel der Geſchichte fuͤr meine vielleicht zu weit ge⸗ triebenen Befuͤrchtungen anzufuͤhren— ich weiß nur, daß Keiner das Ende ieſes Kampfes beſtimmen kann, daß die Parteien ungleich in ihrer Macht daſtehen und daß es hier nicht mehr auf das Recht der Wahrheit, auf die heil'gen Vorrechte der Monarchie ankommt, ſondern auf materielle Gewalt, auf das Gluͤck der Waffen einer fanatiſirten halb wahnſinnigen Maſſe gegenuͤber, welche aber in allen Vorrechten materieller Ueberlegenheit iſt! — Behalten wir nicht die Macht, mit unſern vereinig⸗ ten Kraͤften zu ſiegen, dann koͤnnte es ſein, daß der Fanatismus, der die geheiligte Perſon des Koͤnigs ſchon ihrer Unantaſtbarkeit beraubt hat, ſich an ihn hielte, wie der Richter an den Verklagten!“ ₰ Urica war todtenblaß geworden, ſie deckte jetzt beide Haͤnde vor ihr Geſicht und die Knie ſchwankten. Montroſe fuͤhrte ſie achtungsvoll zu ihrem Seſſel und obwohl er neben ihr nieder kniete, um weiter zu ſprechen, war doch ſein tragiſcher Ernſt in dieſem Au⸗ genblick weit ab von jeder Vertraulichkeit. „Wenn der Koͤnig, den ich von allem fruͤheren Leichtſinn gereinigt wieder gefunden habe, deſſen Scharf⸗ blick das Ungluͤck geklaͤrt hat, und welcher jetzt richtiger urtheilt, weiter in die Ferne ſchließt, als einer ſeiner 177 Räthe, wenn der König dieſelbe, oder eine Schlußfolge, der meinigen annaͤhernd, gemacht hätte, dann muͤßte ich ihm Recht geben, daß er die Konigin und ſeine Kin⸗ der zu entfernen trachtet, denn um ſeinem Geſchick mit allen Kräften ſtehn zu koͤnnen, muß er ſie in Si⸗ cherheit wiſſen, ſonſt wird er nie den Muth haben, Alles auf einen Wurf zu ſetzen— was doch vielleicht nöthig waͤre!“ „O Gott!“ ſagte Urica und ließ die Hände von ih⸗ ren Augen ſinken, die traurig auf Montroſe's nahem — aber ernſtem und wehmuͤthigen Geſicht hafteten— „ſo weit ſind meine Sorgen fuͤr die Zukunft dieſer koͤniglichen Martyrer nie gedrungen— am Ende dieſer Leiden habe ich Verſoͤhnung und Wiederkehr des fruhe⸗ ren rechtmäͤßigen Zuſtandes geſehn, Lohn fuͤr den tu⸗ gendhaften Willen Beider, nachdem die Strafe fur die Verſchuldung ſie ſo herrlich gelaͤutert hat.“ „Auch wollen wir einer völlig unſichern Zukunft nicht dies traurige Bild allein unterſchieben,“ rief Montroſe lebhaft—„wir wollen hoffen, daß Gott un⸗ ſere Waffen ſegne und wir mit dem Banner unſerer heiligen und gerechten Sache das Ungeheuer des Volks⸗ aufſtandes beſiegen und mit der gewonnenen Weisheit dieſem armen Volke dann wirklich geben, was es jetzt ſich ſelbſt zu erringen hofft und in ſeiner zerriſſenen, Jakob v. d. Nees. 11. 12 178 unklaren und wuͤſten Zuſammenſtellung niemals er⸗ reichen wird!“ „Aber die Koͤnigin! o denkt die Gattin! denkt, wenn auch ſie ſo ſchlöſſe wie ihr— und dann Trennung! Kann das ein weiblich Herz uͤberleben? Koͤnnt ihr nicht wenigſtens den Augenblick noch aufhalten— viel⸗ leicht—“ „Ach,“ unterbrach ſie Montroſe—„wird ſie ihn ſpäter verlaſſen können, wenn jetzt nicht, wo noch Hoffnungen es ihr erleichtern, ſie täuſchen können, die Forderung des Königs unterſtuͤtzen? Zuruͤckkehren kann ſie leicht, aber nicht weggehn, wenn die Gefahren uͤber Karl's Haupt ſich ſammeln!“ „Der heutige Geheime⸗Rath wird wichtig ſein und wir— Argyle und ich— treten darin als Geſandte des eigenmächtig zuſammengetretenen ſchottiſlhen Par⸗ laments auf und machen den Koͤnig mit den neuen For⸗ derungen deſſelben bekannt. So herb dieſe Forderungen ſind, muß ſie der König vorlaͤufig doch bewilligen, denn das engliſche Parlament geht mit der Abſicht um, das ſonſt ſo gehaßte und angefeindete Schottland zu ſeinem Alliirten zu machen und die wahnſinnige Hoffnung der Presbyterianer, ihre Lehre den Puritanern England's aufzunöthigen, wozu man ſchlau einige Ausſicht zeigt, macht ſie ihren Annaͤherungen nur zu empfänglich. * 179 Dies muß vorläufig aufgehalten werden, dadurch, daß ſich der Koͤnig ſcheinbar oder wirklich mit den Covenants verſoͤhnt, wodurch ein öffentlicher Beitritt zu dem eng⸗ liſchen Parlament nicht mehr ſtatthaft wird. Geht dann meine Anſicht durch und der Koͤnig faßt mit Macht alle ſeine Kräfte zuſammen, dann können wir durch Erfolge der Waffen in eine Stellung zuruͤckkeh⸗ ren, die den verſoͤhnenden Abſichten des Koͤnigs Ein⸗ gang verſchaffen wird.“ „Alſo auf jeden Fall Krieg,“ ſagte Urica ſinnend —„Krieg auf vaterlaͤndiſchem Boden— Krieg zwiſchen Unterthanen— Krieg gegen ihren angeſtammten Ko⸗ nig! Ol welch' ein heilloſer Zuſtand!“ „Ich furchte,“ ſagte Montroſe—„ihr werdet ein Volk, ein Land verachten, was ſo aus ſeiner Bahn ge⸗ wichen— ich furchte, ihr werdet davor fliehen und nach eurem ruhigen, weiſen Vaterlande zuruͤckkehren, da euch vielleicht nichts hier perſoͤnlich feſſelt!“ Abermals errothete Urica und ſagte leiſe:„Ich werde die Königin nicht verlaſſen, ſo lange ſie hier bleibt— ihr zu folgen wird vielleicht unzulaͤſſig ſein, und dann kann natürlich England nicht mehr mein Auf⸗ enthalt bleiben— aber— man liebt nicht am wenig⸗ ſten was man leiden ſieht und in Gefahr— ich habe fuͤr England ein Gefuͤhl, welches mich dem Herzen nach 12* — 180 zur Mitbuͤrgerin dieſes ſchnen Reiches macht, und muß ich es verlaſſen, werde ich zu ihm hinuͤber ſehen wie zu einem Vaterlande.“ „Thut das,“ ſagte Montroſe tief bewegt und wagte es, ihre Hand an ſeine Lippen zu druͤcken— „thut es, damit die, welche ihr verlaßt, mit eurem Bilde im Herzen Muth behalten, den ſchweren Kampf zu beginnen, der in ſeinen Sieg ein beruhigtes Vater⸗ land einſchließt, ein Land zu ſeiner alten Wuͤrde und Ordnung zuruͤckgekehrt, alsdann werth, daß ihr wie⸗ derkommt und ſeinen Siegern den Lohn eures Anblicks gönnt. Urica!“ ſagte er nach einer Pauſe, in der Beide bewegt zur Erde blickten, ohne daß die verſchlun⸗ genen Haͤnde ſich trennten—„es iſt eine ſchwere Pru⸗ fung, daß ich euch jetzt finden mußte, in einem Augen⸗ blick, wo ich der vollſtaͤndigſten Sammlung fuͤr das Wohl meines Vaterlandes beduͤrftig war— aber ich bekam zugleich mit dem Gefuͤhl, welches ihr mir einge⸗ flößt, eine heiligende Glut, die mich vielleicht um ſo beſſer ruͤſtet, denn ich fuͤhle es ſchon ſeit geſtern, das Leben, welches mich ermuͤdet, kalt und verachtend ge⸗ macht hatte, iſt wieder reich geworden— aus dem ab⸗ geblaßten Bilde treten wieder Farben hervor! O Urica — ich liebe die Welt, das Leben wieder— ſeit geſtern — ſeit ich euch ſah— ſeit ich euch liebe mit der ſiche⸗ 181 ren feſten Gewißheit, daß ich noch nie geliebt— daß ich fuͤr euch allein das in alle Ewigkeit fuͤhlen werde, was Liebe heißt!“ Urica's geſenkter Kopf hob ſich bei dieſen Worten, und als ſie ihre Augen auf das ſchoͤne, ernſte und feurige Antlitz Montroſe's richtete— da fuͤhlte ſie ſich an dem Wendepunkte ihres Lebens und ſie war geſchaffen, die heil'ge Wuͤrde eines Augenblicks zu verſtehen, wo ein edler Mann von ſeinen Gefuͤhlen uͤberwältigt, mit Ernſt und Wuͤrde das Schickſal ſeines Herzens offenbart. „Montroſe,“ ſagte ſie mit feierlicher Bewegung— „ihr ſollt eine ſo edle Hingebung und das große Ge⸗ ſchenk eurer Liebe nicht gegen mich verſchwenden, ohne daß ich euch Alles dafur zuruͤckgebe, was ich vermag— dieſelbe Ueberzeugung: daß ich euch allein lieben werde in alle Ewigkeit!“ Es folgte dieſen offenen Geſtändniſſen kein ſtuͤrmi⸗ ſcher Ausbruch der Gefühle— obwohl ſie vielleicht von Anbeginn ihres Geſpraͤchs ihrer Liebe gewiß geweſen, war doch das ausgeſprochene Wort ein Gluͤck, welches ſie mit ſeiner Fuͤlle erſchuͤtterte— aber es war ihnen eine Höhe der Empfindung gegeben, welche ſie in einen faſt träͤumeriſchen Zuſtand verſetzte— ſie betrachteten Beide mit Entzucken die Seligkeit ihres Herzens, ſie wollten das Wunder dieſes Zuſtandes ergruͤnden. 182 Es weckte ſie ein leiſes Klopfen an der Thuͤr und als Montroſe aufſtand, trat auch die Gräfin Comenes ein, und ſagte ihnen, daß die Zeit raſch verfloſſen ſei, und daß man jetzt den Herzog von Argyle und mehrere Cavaliere des Koͤnigs auf der Terraſſe ſähe, daß ein Page ſuchend ſich gezeigt und ihr geſagt, der Marquis von Montroſe werde vermißt und man komme ihn zu ſuchen, da der Koͤnig ſich ſchon nach dem Staatsrath begeben habe und die kleine Miniſter-Conferenz bald voruͤber ſein werde. „Darin erkenne ich Argyle,“ ſagte Urica gefaßt— „es beweiſt mir, daß er unſer Zuſammenſein erfahren hat.“— „Lebt wohl, Graͤfin,“ ſagte Montroſe ſchnell— „wir wollen ihm den Triumpf nicht gönnen!“ Montroſe verneigte ſich ehrfurchtsvoll und eilte die Treppe hinunter, die nach dem Waſſer fuͤhrte, wo er die verſprochene Barke zu finden hoffte; aber ein Blick uͤberzeugte ihn, daß die Waſſerflaͤche wie ein ruhiger Spiegel vor ihm lag und die Barke, wenn ſie hier ge⸗ legen, entfernt worden war. Noch einen Augenblick zögerte er, um ſich mit einem gewagten Sprunge bis zu dem Ankerpunkt zu bringen, wo ein Pfahl im Waſſer wahrſcheinlich die Kette der Barke gehalten hatte; die Kette ſpielte mit den kleinen Wellen, aber auch von 183 dieſem Punkt, der einen noch weiteren Blick geſtattete, war nichts als die ruhige, leere Waſſerflaͤche zu bemerken. Er gab nun die Hoffnung auf, ſich auf dieſe Weiſe ent⸗ fernen zu konnen und unterſuchte die Moͤglichkeit, eine andere Stelle deſſelben Ufers zu erklimmen, um ſo von einer ferner liegenden Gegend aus das Schloß zu er⸗ reichen; aber hier ſenkten ſich ſteile Mauern in's Waſſer hinein, von wo aus ſich die Terraſſen erhoben. Dabei war keine Zeit zu verlieren— und ſein nächſter Ent⸗ ſchluß war, zu den Damen zuruͤck zu kehren, die vielleicht durch die beſſere Kenntniß des Locals einen Rath zu geben vermochten. Er ſtand ſogleich wieder auf der Treppe, aber er zögerte einen Augenblick und vergaß ſeine Verlegenheit; denn vor ihm noch in demſelben Seſſel ruhte Urica, das holde gluͤhende Geſicht mit den geſenkten Augen von der kleinen Hand geſtuͤtzt— ein Lacheln, ſo zart wie ein Hauch ſpielte um ihren Mund— ſie traͤumte den Traum der Liebe! Wer hätte es nicht errathen, der ſie ſah— wer konnte es beſſer, als der gluckliche Montroſe! Er eilte vor und lag zu den Fuͤßen der Ueberraſchten, und die Liebe, die durch die kurze Zeit eiferſuchtig geworden, forderte nun all ihre Rechte und er zog ſie an ſeine Bruſt. „Aber wie kommt ihr hierher“— rief Urica, ſich ſanft dem Ungeſtuͤm entziehend—„warum ſeid ihr nicht laͤngſt fort?“ Einige Worte reichten hin, Urica den Zuſammen⸗ hang zu erklaren und ſogleich ihren Geiſt in Thätigkeit zu ſetzen. Doch fehlte es ihnen Beiden an kalter Be⸗ ſonnenheit.— Montroſe kniete noch immer und hielt ſie in ihrem Seſſel feſt und ſeine Gedanken wurden von ſeiner Bewunderung des ſchoͤnen Geſichts verſchlungen, was ihm ſo nah war. So hoͤrten ſie ein paar Ruder⸗ ſchläge nicht und erſt als der Schatten einer männlichen Geſtalt den Eingang verdunkelte, erwachten Beide, um Argyle zu erkennen, der zitternd, bleich— entſtellt von Leidenſchaft— mit einem Ausdruck von Spott und Wuth vor ihnen ſtand, der ihn wahrhaft entſetzlich machte. „Wie, mein Lord!“ rief Montroſe aufſpringend— „was veranlaßt euer Erſcheinen?“ „Ich zweifle nicht, daß es euch unwillkommen iſt“— ſtammelte Argyle vor Wuth knirſchend—„aber ich denke, ich habe nur dieſer ſo unangenehm geſtörten Dame meine Entſchuldigungen zu machen!“ „Mehr wie das, Milord,“ ſagte Urica, ſchnell auf— ſtehend—„ihr habt mir Rechenſchaft zu geben, warum ihr die Barke der Koͤnigin, die zu meiner Verfuͤgung geſtellt war, von ihrem Ankerplatz entfernt,— mit wel⸗ chen Mitteln ihr in den einzigen Aufenthalt, den man 185 bisher als Ruhepunkt der Königin zu ehren gewußt hat, eingedrungen ſeid— ich frage euch, Milord, gilt eure Spionerie mir oder der Königin?“ „Vielleicht Beiden!“ ſagte Argyle teufliſch lächelnd —„und ich muß mir ſchon gefallen laſſen, daß es euer Gnaden ſo nennen— ich bin zu ſehr belohnt fuͤr meine geringe Beobachtungsgabe, als daß ich nicht einen kleinen Grad eures Zorns zu ertragen haͤtte— die ſtolze, kalte, unerbittliche Lady Urica iſt in kaum zwölf Stunden die Beute der Gefuͤhle geworden, die ſie bis jetzt nur ein⸗ zuflößen gewußt hat— das iſt ein merkwuͤrdiges, in⸗ tereſſantes Schauſpiel!“ „Genug, Milord!“ rief hier Montroſe, ſich in ſeiner ganzen majeſtätiſchen Höhe erhebend—„dies wird euer letztes Wort ſein! Gräfin von Caſambort, ihr werdet die heil'gen Rechte, die ihr mir ſo eben zugeſtanden, nicht leugnen— ſie geben mir die Macht, euch gegen jede Anmaßung zu ſchuͤtzen und ich fordere euch auf, Milord von Argyle, mir zu folgen und zwar durch dieſen Ein⸗ gang— gebt mir die Freiheit, theure Urica! im Fall die Umſtände es wollen, dem Koͤnige mein Gluͤck melden zu durfen.“ „Ja, mein Verlobter,“ ſagte Urica mit Wuͤrde und Selbſtgefuhl—„ich werde der Königin dieſelbe Mit⸗ theilung machen.“ 186 „Verlobt! verlobt!“ ſchrie Argyle außer ſich, vor⸗ ſtuͤrzend und mit einem ſo entſetzlichen Ausdruck den Arm des Marquis von Montroſe faſſend, daß ein un⸗ willkuͤrliches Mitleiden dieſen ergriff—„Verlobt,“ fuhr er zitternd zu Urica fort—„ihr— ihr— und mit einem Male alle Hoffnung fort, und das Ende dieſer jahrelangen Leiden bis zur Vernichtung erreicht! Urica! fuͤrchterliche, gottliche Schönheit— ſo kalt und ohne Hoffnung— ſo ohne Antheil und Ruͤhrung, konnte dich die gluͤhendſte, aufopferndſte Liebe laſſen, und warum Argyle mit allen Kraͤften ſeines Weſens rang, warum er ſich ſelbſt verleugnet, ſeine Natur, ſeine Zwecke, das Ziel ſeines Lebens verruͤckt hat— das raubt Montroſe in der Zeit von wenigen Stunden vor meinen Augen, und läßt mir nicht mehr den einzigen Troſt, daß das Herz, was ſich mir ſo hart verſchloß, überhaupt der Liebe unfähig ſei— denkt ihr, daß ich leben kann und euch in den Armen eines Andern wiſſen? denkt ihr, ich werde nicht den Tod oder den Wahnſinn ſegnen, der mich dieſer entſetzlichen Ueberzeugung ent⸗ reißt?“ Urica war erſchuͤttert in ihren Seſſel geſunken— gluͤhende Roͤthe und Todtenbläͤſſe wechſelten auf ihrem Antlitz, und ſie fuhlte in Argyle's verzweifelnden Worten vieles heraus, was ihr ihre Handlungsweiſe und den —,—— wunderbar ſchnellen Gang ihrer Empfindungen, als ein ungewohnliches Ereigniß gegenuͤber ſtellte und ſie war uberraſcht, daß ſie es war, die dies erlebte, und jung⸗ fraͤuliche Beſchaͤmung beſchlich ihr Herz und verſchloß ihre Lippen! „Faßt euch, Milord! und bezwingt dieſe erſte un⸗ gerechte Aufregung,“ ſagte Montroſe theilnehmend aber ernſt.—„Ihr werdet bald eure edle Ruhe und Faſſung wieder gewonnen haben und dann Jedem danken, der die weiteren Ausbrüche eurer Ueberraſchung gehindert hat. Ich bitte euch, folgt mir jetzt— ein kurzes Nach⸗ denken wird euch lehren, daß ihr Niemand Vorwuͤrfe machen konnt, fur die unabweislichſte und unabſichtlichſte Handlung des Gefuͤhls!“ Aber Argyle hörte ihn nicht— ſeine Augen wur⸗ zelten auf Urica und er ſchien nur ihren entſchiedenen Verluſt empfinden zu können.„Luͤge! Luͤge! war es,“ ſtammelte er—„als man mir ſagte, ich ſei der Mann, der dein Herz ruͤhren wuͤrde— o dieſe Koͤnigin— hat ſie mich getäuſcht oder hat ſie ſich in dir geirrt?“ „Argyle,“ ſagte Urica, geruͤhrt von ſeinem Zuſtande, „ſchont mich! ich empfinde tiefen Kummer bei eurem Schmerz und fuͤhle mich unfähig, ihn von euch zu neh⸗ men— aber ſeid wenigſtens gerecht und geſteht es ein, daß ich unſchuldig daran bin— nie habe ich euch Hoff⸗ nungen gemacht— immer war ich bemuͤht, euren Ge⸗ fuhlen die Mäßigung zu geben, die euch allein geziemte, unerwiderter Neigung gegenuͤber!“ „Ach! es iſt wahr und ich habe nur mich ſelbſt an⸗ zuklagen,“ ſtohnte Argyle—„aber das kann mich nicht hindern,“ fuhr er im wilden Ausbruch des Zorns fort— „mit Haß und Abſcheu auf Alle zu blicken, welche aus meinem glänzenden Looſe, ein ſo elendes gemacht haben. Urica— ich haſſe dich, du boſer Geiſt meines Lebens— ich verwunſche dich! Dieſer ſpäte Fruͤhling deines Herzens werde verheert von den Stuͤrmen des Geſchicks— begraben mußt du werden, in dem Grabe aller deiner Hoffnungen, von ſeinen Bluͤten begraben— den Becher des Gluͤcks, den du mir entreißt, um ſeine Lippen zu berauſchen, er muß nie ſeinen Durſt löſchen, — er muß zu Gift fuͤr euch Beide werden! Montroſe, wir ſind Feinde von jetzt an— ich verfluche dich und dein Gluͤck— und mein Leben ſoll nur noch eine Frage ſein, wie ich dir ſchaden kann, wie ich dich verfolgen und dem Elende ausliefern kann!“ Halb wahnſinnig ſtuͤrzte er nach dieſen Worten aus dem Gemach und Niemand verhinderte ihn daran. Urica hatte ſich, bei ſeinem Bannfluch uͤber Montroſe entſetzt, erhoben; wie von Pfeilen durchbohrt, fuͤhlte ſie die ſchrechichen Worte des Wuͤthenden; ganz Weib 189 geworden durch ihre Liebe, verzagte ihr Herz in Furcht und Schrecken und ſie ſank in Montröſe's Arme, welcher nur ſie beachtend, ihr plotzliches Zuſammenbrechen ge⸗ wahrte. So wie die Gräfin Comenes Argyle's Stimme er⸗ kannt hatte, war ſie eingetreten und ſuchte durch ihre damit angedeutete Naͤhe, die Scene, die er vorfand und die ſie ſeit einigen Augenblicken, vielleicht nicht minder uͤberraſcht, geahndet hatte, zu rechtfertigen. Ob er ſie bemerkt, war nicht zu ermitteln; jetzt aber forderte Urica ihre ganze Aufmerkſamkeit, denn ſie lag in einem ohn⸗ machtartigen Zuſtande in Montroſe's Armen und die Graͤfin war nicht wenig erſchrocken, denn ſie hatte am Morgen deſſelben Tages von einer ſolchen Hingebung ihres Schuͤtzlings noch keine Ahnung gehabt. Doch Urica erhohlte ſich mit einem Schauer, der ihr Nervenſyſtem wieder belebte und ihr erſtes Gefuhl war, Montroſe um ſeine Entfernung zu bitten.„Ihr durft nicht fehlen in dieſer wichtigen Conferenz, von der mir die eben erlebte Scene ſagt, ſie wird euch auf alle Weiſe erſchwert werden. O mein Freund! das iſt der erſte Schmerz, den euch eure großmuͤthige Hingebung fur Urica koſtet— Gott gebe! daß es nicht der Anfang dauernder Leiden iſt!“ „Beruhigt euch!“ ſagte Montroſe mit Faſſung— 190 „Was ich hier gewonnen, ſtaͤhlt meine Lebenskraft, von der ich nicht berechtigt bin, gering zu denken. Ich kann Nachſicht gegen Argyle empfinden, denn wer ſoll ſeine Schmerzen, die ihn halb wahnſinnig machen, ver⸗ ſtehen, wenn nicht ich— ich will ihn ſchonen, aber er ſoll es nicht wagen, mir aberwitzig in den Weg treten zu wollen, wo es ſich um meine höheren Pflichten han⸗ delt— ich werde ihn dann zertreten und unſchädlich machen, denn er wird nichts anderes werth ſein— und ſeine Raͤnke fuͤrchte ich nicht, denn ich halte ihnen die Wahrheit entgegen, die immer uͤberlegen bleibt und ſich immer Bahn bricht.“ Er kniete nieder und kuͤßte Urica's Hand, um ſich„ zu entfernen; als er aufſtand, fuͤhrte ſie ihn der etwas verwirrten Graͤfin Comenes zu:„Meine muͤtterliche Freundin,“ ſagte ſie achtungsvoll—„ſei die Erſte, der ich meinen Verlobten vorſtelle.“ Montroſe hatte die vollſtaͤndigſte Herrſchaft uber ſich, die der Stempel der Kraft iſt; er war uͤberall in den verſchiedenſten Lagen ganz ungetheilt, mit dem Ueber⸗ blick des Genie's uͤberſah er die Beduͤrfniſſe der ihm zu⸗ naͤchſt liegenden Anforderungen, ſein Geiſt trat frei und ohne Beimiſchung ihnen entgegen und er wufte ſie ſchnell zu ordnen. Als er hoch aufgerichtet mit heller Stirn und ſcharfem Blick in die Rathsverſammlung. 191¹ trat, wohin ihm Argyle voran geeilt war, welch' ein verſtändlicher Unterſchied war da unter Beiden! Mit der zuͤrnenden Haſt, die einen Ausbruch ſucht fur den leidenſchaftlichen Zuſtand, war Argyle in die Rathsverſammlung geeilt, mit dem Vorſatz, ſich als einzigen Vertreter und Geſandten der Covenants dadurch anzuzeigen, daß er Montroſe's Gegenwart nicht abwar⸗ tete, den er nicht zweifelte als Verraͤther an der Corpo⸗ ration bezeichnen zu können, die ſie Beide an den Konig abgeſendet. Es gab ihm einen augenblicklichen Erfolg, daß die Stunde, wo der König die Herren hatte empfangen wollen, um ein weniges uͤberſchritten war und die Edel⸗ leute der Bedienung, nur froh einen der Erwarteten zu ſehen, ihn eilig in das Rathszimmer drängten. Aufgeregt wie ein Wahnſinniger, von Rache und Zorn bewältigt, begann Argyle ſeinen Vortrag und entlud faſt gegen ſeinen Willen an dieſem Gegenſtande die ganze finſtere Wuth ſeines Innern. Die Vorſchläge der Covenants waren an ſich ſchon eine Haͤufung von falſchen Anmaßungen und Beeinträchtigungen des gu⸗ ten Rechts des Königs— eine Sprache von Untertha⸗ nen gegen ihren rechtmäͤßigen Herrſcher, die dies Ver⸗ hältniß wie einen Pohn darſtellte und die unendlich geſtählte Geduld des unglucklichen Karl auf eine dieſe faſt uͤberbietende Weiſe pruͤfte. Wie unerträglich muß⸗ ten ſie aber erſcheinen in dem Munde eines Mannes, der daran ſeinen eignen tiefen Groll auszulaſſen ſuchte, der ſein Mißgeſchick durch Befriedigung zu rächen trach⸗ tete, an den ſich haͤufenden Leiden eines Andern, den er in ſeiner wahnſinnigen Unklarheit eben ſo wie die Königin fuͤr Mitſchuldige des eben erfahrenen Todes⸗ ſtoßes hielt. Sein Vortrag erregte öfteres Murren und dieſe Unzuftiedenheit nahm noch zu, als Argyle's Zuſtand ſich ſteigerte, nachdem Montroſe eingetreten, ſich mit ruhiger Wuͤrde vor dem Könige verbeugt und dann den Platz neben Argyle eingenommen hatte, der fuͤr beide Geſandten in Mitte des Saales dem Throne gegenuͤber aufbehalten war. Die vollſtändig ruhige, klare Haltung des Letzteren gegen Argyle's fieberhafte anſtößige Heftigkeit machte den guͤnſtigſten Eindruck, und Argyle fuͤhlte, wie das brennende melancholiſche Auge Karl's ſich auf Montroſe richtete mit der Zuverſicht, einem edlen Gegner gegen⸗ uber zu ſtehen. Montroſe verhielt ſich zuerſt in der ruhigen Haltung eines aufhorchenden Zuhoͤrers— aber bald aͤnderte ſich ſein Ausdruck und ging zu einem ſtrengen Ernſt uͤber, der entfernt von aller Heftigkeit eine vollige Sammlung 193 des Geiſtes ankuͤndigte. Er ſtand jetzt gleichfalls auf, und ſich neben den Redner auf einen halben Schritt vorſtellend, ließ er ihn nur noch den angefangenen Satz vollenden, dann fiel ſeine maͤchtige Hand ſchwer und erſchuͤtternd auf Argyle's Arm und mit einer feſten Stimme, die alle Winkel des Saals erreichte, rief er: „Halt Milord, nicht weiter, ihr bereitet euch Reue!“ „Fort,“ rief Argyle mit faſt entſtelltem Geſicht— „fort! Ich erklaͤre euch fuͤr unfaͤhig, an der Verhandlung Theil zu nehmen, ich erkläre euch fur einen Verräther an der ehrwuͤrdigen Verſammlung unſerer Landsleute, welche ihr Vertrauen als treue Vertreter ihrer Forderun⸗ gen in uns ſetzten!“ „Das habt ihr nach Beendigung dieſer Audienz, welche die Gnade unſeres Königs uns bewilligt, zu be⸗ weiſen,“ ſagte Montroſe mit volliger Ruhe—„ihr zwingt mich aber— mit gleichem Vertrauen wie ihr von meinen Landsleuten beehrt— zu erklaͤren, daß ihr in jeder Hinſicht eure Vollmachten uͤberſchritten habt und ich muß an eurer Statt das Wort fordern, um aus der Beimiſchung eures unbilligen und leidenſchaftlichen Vor⸗ trages die Thatſachen in ihrer urſpruͤnglichen Faſſung hervorzuheben— meinem Gefuͤhl nach hinreichend ſchwere Forderungen von Unterthanen an ihren Koͤnig, daß der Vortragende mit der Gewiſſenhaftigkeit des Ehrenman⸗ Jakob v. d. Nees. 11. 13 194 nes jede beleidigende Form davon abzuhalten trachten ſollte.“ „Ha!“ rief Argyle mit Augen, die von Haß leuch⸗ teten—„ſeid ihr der Vertreter, den man wuͤnſchte, da ihr ſchon, ehe ihr die Sache beruͤhrt, ſie als unge⸗ rechte Forderung mit eurem Tadel belegt? Glaubt ihr, daß man euch darum zu dieſer Sendung gewaͤhlt, um ſie verrathen zu ſehen durch die offne Mißbilligung, die ihr euch nicht entblödet auszuſprechen.“ „Milords!“ ſagte der Lord Hamilton vortretend— „ich muß euch erinnern, daß in Gegenwart Seiner Ma⸗ jeſtät des Koͤnigs, in Mitte ſeines Geheimen Raths, kein paſſender Ort fuͤr eure Privatſtreitigkeiten iſt.“ „Ihr habt vollkommen Recht, Milord,“ entgeg⸗ nete Montroſe,„und ich fordere nur von euch, daß ihr Seine Majeſtät bittet, zu entſcheiden, wer den Vortrag fortfuͤhren ſoll, den ich geſtoͤrt habe in der Ueberzeugung, daß der bisherige die vorgeſchriebenen Grenzen uͤber⸗ ſchritt.“ Hamilton nahte ſich dem Koͤnige, und nach einer kurzen Beſprechung kehrte er zuruͤck und entgegnete mit lauter Stimme:„Milords von Argyle und Montroſe! Seine Majeſtät waren bereits uͤberzeugt, daß, was Sie in ihrer Langmuth ohne Unterbrechung ſich unterzogen von Milord von Argyle anzuhoͤren, unmoglich die —— —— ———,— 195 Sprache einer Verſammlung ihrer Unterthanen ſein konnte, welche ihren angeſtammten König um Abhuͤlfe ihnen als Beſchwerden erſcheinender Umſtände angehen; Sie finden demnach in den Worten des Milord von Montroſe eine Beſtätigung ihrer Ueberzeugung und be⸗ fehlen demſelben, den Vortrag zu uͤbernehmen.“ „Dann,“ rief Argyle mit kaum bezwungener Hef⸗ tigkeit—„wird Seine Majeſtät vielleicht erlauben, daß ich mich augenblicklich nach Glasgow zuruͤckbegebe.“ „Dies kann ich keinen Falls zugeben,“ ſagte Mont⸗ roſe mit voͤlliger Beſonnenheit—„denn Milord von Argyle muß meinen Vortrag anhören, um ihn aner⸗ kennen zu können, und er iſt viel zu ſehr Ehrenmann, um die Wahrheit verleugnen zu wollen, wenn ihn die augenblickliche Aufregung verlaſſen haben wird, welche die Gnade des Königs vielleicht geneigt ſein wird, zu vergeſſen.“ „Milord! ich bedarf eurer Vertretung nicht,“ rief Argyle zitternd,„huͤtet euch, mich noch weiter zu reizen.“ „Das iſt in Wahrheit meine Abſicht nicht,“ ſagte Montroſe mit einem ſolchen Ausdruck der Aufrichtigkeit, daß ſelbſt Argyle's Wahnſinn davon getroffen ward, und Hamilton, welcher ſich indeſſen dem Könige aber⸗ mals genaht hatte, kehrte mit dem Befehl an Argyle zuruͤck, der Verhandlung beizuwohnen. 13* 196 ₰ Montroſe trat nun vor, und Argyle ſank, von ſeinen heftigen Gemuͤthsbewegungen koͤrperlich faſt uͤberwäl⸗ tigt, in ſeinen Sitz zuruͤck. Zwar hatte nun Montroſe weder andere noch mil⸗ dere Thatſachen dem Könige vorzutragen, aber indem er es mit ehrerbietigem Ernſt that, indem er mit pſy⸗ chologiſcher Feinheit den langſam angewachſenen Zwie⸗ ſpalt und die jetzt herrſchende Mißſtimmung entwickelte, vereinigte er die Treue eines Abgeſandten mit der Sorge eines ergebenen Unterthanen, der mit den Sſe die Mittel zur Abhuͤlfe andeutet. Mit Mißtrauen und Feindſchaft hatte die Verſamm⸗ lung anfäͤnglich auf Montroſe geblickt, indem ſich die Meiſten von Hamilton hatten uͤberreden laſſen, er ſpiele ſowohl mit ihnen, als mit ſeinen Landsleuten falſches Spiel. Aber Montroſe erfuhr einen Triumph, den er weder erwartete noch erſtrebte; waͤhrend er ſprach, hatte er nach den erſten Worten ſich, Argyle und das Be⸗ wußtſein des Mißtrauens, womit er ſich beobachtet wußte, vergeſſen; der Sache hingegeben, von der Ge⸗ walt der Umſtaͤnde ergriffen, hatte ſeine Entwicklung eine Klarheit, welche ihren rauhen verletzenden Inhalt mehr dem Verſtande wie dem Gefuͤhle zufuͤhrte und jedenfalls die Gehaͤſſigkeit eines dafuͤr parteiiſch gewor⸗ denen Referenten davon trennte. — — 197 Deſſenungeachtet war der Gegenſtand dieſer Mit⸗ theilung nicht dazu geeignet, das Herz des Koͤnigs oder der ihn umgebenden Patrioten zu erleichtern und der Widerſtand erhob ſich im ſelben Maaße ſtark, als aus dem Vortrage Montroſe's klar zu erkennen war, daß dies die unverfälſchte Meinung des eigenmaͤchtig zuſam⸗ men getretenen Parlaments war und Montroſe nicht allein Referent dieſer einen Partei geweſen war, ſon⸗ dern eine allgemeine Auffaſſung der Zuſtaͤnde des Lan⸗ des damit verknuͤpft hatte, uͤber welche leider die ge⸗ theilteſten und je näher zum Könige hin die beſchränkte⸗ ſten Anſichten herrſchten. Jeder hatte nun ſeine und ſeiner Partei Meinung zu vertheidigen und wollte vor dem Koͤnige damit gegen die eben angefuͤhrten Gruͤnde Montroſe's nicht zurückweichen. Vor Allem war. es Hamilton, der ſeinen Privatgroll gegen den, den er bisher durch die gröblichſten Beleidigungen ſo kunſtlich von der Perſon des Königs zu entfernen gewußt hatte, jetzt zu dem Widerwillen hinzu fuͤgte, den er gegen jede entſcheidende energiſche Maßregel empfand, wozu doch Montroſe's Vortrag hinter der vorliegenden Frage zu draͤngen ſchien, und welcher er nun, der Beredſam⸗ keit des eben vernommenen Redners zum Trotz, den entſchiedenſten Widerſpruch entgegen ſtellte. Er wußte bald ein falſches Schaugeruͤſt von Wor⸗ 198 ten aufzurichten, hinter dem alle beſchränkten Patrioten der Verſammlung wie hinter ihrem Banner ſich ver⸗ einigten. Es klang gut und war unzweifelhaft, daß man die erhabenen Rechte des Königs gegen die empö⸗ renden Anmafungen dieſer rebellirenden Covenants auf⸗ recht erhalten muͤſſe, daß Nachgeben hier heiße, ſie in ihrer Abtruͤnnigkeit beſtätigen, und daß baldkeine Schranke mehr bleiben werde, wenn ein neues Beiſpiel der Nach⸗ giebigkeit, worauf das engliſche Parlament nur warten werde, eine Schwäche der Koniglichen zu beſtätigen ſchiene, worauf ſich dann die geſteigertſten Anſpruͤche begruͤnden ließen. Jeder Edelmann könne nicht anders als auf's tiefſte die Beleidigung fuͤhlen, welche dem Könige in dieſen Forderungen der Schottlander Zugeſtändniſſe ab⸗ zupreſſen verſuchten, welche die Würde ſeiner geheilig⸗ ten Perſon auf das entſchiedenſte verletze, und jeder wahre Patriot werde mit ihm einig ſein, daß es beſſer ſei, zu den Fuͤßen des Konigs mit dem Degen in der Pand zu ſterben, als feigherzig in Zugeſtaͤndniſſe einzu⸗ gehen, deren Ueberbringung die engliſchen Lords billig erſtaunen muͤßten, von zweien ihrer Standesgenoſſen uͤbernommen zu ſehen. Dieſe Rede hatte fuͤr die Mehrheit einen guten Klang und vorerſt konnte ſich ihr jeder Edelmann, ohne „ 199 in eignes Nachdenken zu verfallen, ohne Bedenken an⸗ ſchließen, denn dieſe verſtandlichen Anregungen waren die gangbaren Ideen, mit denen jeder eine Stellung einnahm, die der aͤußeren Bedeutung nicht entbehrte. Man hoͤrte daher ein Gemurmel des Beifalls, ein Raſſeln der Schwerter, die jeder empor zog, und eine Art Beſtä⸗ tigung der eben ausgeſprochenen Worte damit ausdruͤckte. Der Koͤnig verfehlte daher nicht, gnaͤdig den Kopf nach der Seite zu neigen, wo dieſer kriegeriſche Klang ſein Ohr zu ſchmeicheln verſuchte, obwohl ihn ſeine tie⸗ fere, klarere Auffaſſung der Dinge verhinderte, ſich da⸗ durch beſchwichtigen zu laſſen. Er wollte aber, daß Montroſe Gelegenheit finden ſollte, alle ſeine Anſichten vor der Verſammlung zu ent⸗ wickeln, und als ein Zeichen verrieth, daß der Koͤnig ſprechen wolle, folgte das tiefſte Schweigen der eben ausgedruͤckten Aufregung. „Milord von Montroſe,“ ſprach der Koͤnig—„wir wiſſen den treuen Unterthan von dem Auftrag zu tren⸗ nen, den die Umſtände ihn nöthigen zu uͤbernehmen. Vielleicht kann es als ein patriotiſches Opfer angeſehen werden, uns einer Volksſtimmung, die wir weder auf⸗ halten noch bewältigen koͤnnen, durch Uebernahme ſol— cher ſchweren und gewagten Aufträge an die Spitze zu ſtellen und ſie damit Böswilligeren zu entziehen, und ————— 200 durch die perſoͤnlich ehrenhafte Geſinnung eine Stuͤtze des bedrohten beſſeren Zuſtandes zu werden. Wir ſehen für unſere Perſon eure Sendung ſo an, und haben da⸗ durch fur unſere getreuen engliſchen Lords jeden Zweifel uͤber die Wuͤrdigkeit der beiden Lords von Montroſe und Argyle beſeitigt. Was euren Auftrag ſelbſt angeht, ſo ſcheint er uns allerdings ſo weit das Maaß der Be⸗ rechtigung von Unterthanen gegen ihren Koͤnig zu uͤber⸗ ſchreiten, daß wir fragen möchten, was ein ſiegreicher Feind, der unſer Land bekriegte und ſeine Banner in unſeren Provinzen wehen ließe, anderes fordern koͤnne, um uns als Vaſall, als Unterjochten und Beſiegten zu bezeichnen.“ „Ein Parlament, das ſich gegen unſern Willen konſtruirt, ſendet ſolche Forderungen an ſeinen König, Forderungen— die ihn zum Unterthan, die Uſurpato⸗ ren der Volksvertretung zu Herrſchern machen würden! Kann es uns geziemen, kann es vom geringſten Nutzen ſein, die einzelnen Punkte dieſer Forderungen durchzu⸗ gehen, da kein einzelner milder als der andere iſt— alle den Grundſatz unbeſchraͤnkter Freiheit ſtuͤtzen, mit deſſen Beſtätigung ſich mein angeſtammtes väterliches Königreich von ſeinem Herrſcherſtamme losreißen wuͤrde und einen leeren Namen zuruͤcklaſſen, der uns mehr beſchimpfen als ehren wuͤrde?“ 201 „Was kann uns näher liegen, als das Gefuhl un⸗ ſerer edlen Lords zu theilen und lieber mit den Waffen in der Hand dem frechſten Uebermuth entgegen zu ge⸗ hen und die Entſcheidung durch das Gluͤck der Schlacht in die Hand Gottes zu legen, als in feigen Verhand⸗ lungen Zeit und Ehre zu verlieren.“ „Indem wir vorausſetzen, Milord von Montroſe, daß ihr die Gefuͤhle eures Königs theilt, fragen wir euch als getreuen Unterthan und als wahrhaften Edel⸗ mann, ob ihr uns rathen könnt, auf die Bedingungen einzugehen, welche ihr uns zu uberbringen hattet und wir geſtehen euch völlige Freiheit der Rede zu.“ Die Schönheit von Montroſe's edlem Geſicht ward jetzt noch erhöht durch den mächtigen geiſtreichen Aus⸗ druck, der bei dieſer Aufforderung des Königs hervor⸗ brach und die letzten Schranken wegzuräumen ſchien, die der Entwicklung ſeiner Gedanken noch entgegen ge⸗ ſtanden hatten. Er richtete auf ſeinen edlen, ungluͤck⸗ lichen König den feurigen Blick einer Liebe und Hinge⸗ bung, die im voraus von der Geſinnung des Heraus⸗ geforderten uͤberzeugten— dann orhob er die Stimme, in der die tiefe Bewegung ſeines Inneren ausgeſprochen lag und ſagte feſt:„Euer Majeſtaͤt muͤſſen dennoch nachgeben!“—— Ein Schrei des Unwillens durchbrach die Luft— 202 nur Karl blieb ohne ein Zeichen in ſeinem Seſſel zuruͤck⸗ gelehnt— er hatte Montroſe's Entſcheidung erwartet. Ruhig und ohne ſeine Stellung zu ändern, ertrug Montroſe dieſen zuͤrnenden erſten Anlauf der Menge— als der König die ſchone laͤngliche Hand erhob und Ruhe winkte, fuhr Montroſe, während lautloſe Stille eingetreten war, fort: „Ja, ich muß es noch einmal wiederholen, der Kö⸗ nig muß nachgeben, und ich ſchwoͤre es zu Gott, dem Allmächtigen, daß ich nur als treuer Unterthan des Koͤ⸗ nigs handele, wenn ich um dies Zugeſtändniß ſeines erhabenen Willens mit allen meinen Kräften ringen werde. Unterhandlungen ſind hier nicht möglich, mein Koͤnig hat es geſagt und damit die Lage der Sache voͤl⸗ lig erkannt. Hier liegt in einer Bewilligung ſo viel als in der Bewilligung des Ganzen. Indem ihr, Mi⸗ lords, daruͤber berathet, kann gar nicht von der Natur der Forderungen die Rede ſein, ihr muͤßt ſie unerörtert in ihrer ſtarren Maſſe ſtehen laſſen; ſie ſind an ſich un⸗ veränderlich und ob es euch gelaͤnge, ſie umzugeſtalten, kann nicht die Frage ſein, erſtens: weil, wenn dies möglich geweſen wäre, Milord von Argyle und ich dies an Ort und Stelle bewirkt hätten und ſie nicht ſo uber⸗ bracht haben wuͤrden;— zweitens: weil blos daran verändern, immer noch ein Zugeſtändniß wäre, fur die —,—— 203 Berechtigung des Grundgedankens, in welchem doch vor allem das beſteht, was den Rechten des Königs entgegen tritt. Ich wuͤrde daher nicht gewartet haben, bis ich vor dem hohen Tribunal meines Königs geſtanden, ſon⸗ dern dem ſchottiſchen Parlament ſchon meinen entbloͤßten Degen ſtatt Antwort auf ſeine Beſchluͤſſe gezeigt haben, wäre mir, außer dieſer zunaͤchſt liegenden Abnormität der Zuſtände, nicht ein Blick uͤber die Geſammtver⸗ wirrung meines Vaterlandes zu Huͤlfe gekommen, wel⸗ cher alle raſchen Entſchluſſe zuruͤckgedraͤngt haͤtte.“ „Mein König!— Milords!— Huͤten wir uns einen, der unſerer Entſcheidung jetzt aufgedrungenen Punkte vom Ganzen zu trennen, um uͤber ihn beſonders entſcheiden zu wollen! Mit einem klaren Blick auf Alt⸗ England, Kuͤſſen wir die Forderungen Schottlands pruͤfen, mit Schottland verfahren, wie die dermalige Stellung des engliſchen Parlaments, es noͤthig macht. Der König hat Getreue auf beiden Seiten, und einzelne Provinzen, wie das edle York, bewahren die richtige Stellung zu ihrem Herrn; aber uͤber dieſe Ehren⸗ garde des Thrones muß der Blick der Rathgeber ſich erheben, denn dahinter ſtehen unlenkſame Maſſen im Beſitz ausreichender, materieller Mittel, geſteift in ſtarren Prinzipien. Durch fanatiſch⸗religiſe Aufregungen zu einer Sicherheit ihres Rechts gelangt, welche die Macht 204 geiſtiger Beweisfuͤhrung zu einem muͤßigen Verſuch unſerer Polemik machen wuͤrde, und der gegenuͤber wir es uns muthig eingeſtehen muͤſſen, daß wir immer im Nachtheil bleiben, immer Unrecht behalten werden!“ „Deſſenungeachtet iſt in dieſem Augenblick noch eine Moglichkeit zur Rettung dieſer Zerwuͤrfniſſe uͤbrig, die hoͤchſte uns drohende Gefahr iſt noch abzuwenden, und hat uns wenigſtens noch nicht erreicht; aber jeden Augenblick naht ſie ſich uns mehr und es fehlt nur die eben gebotene Veranlaſſung:„die Weigerung des Koͤnigs, die Forderungen der Covenants zu erfuͤllen,“ und England hat, was es will: Schottland vereinigt ſich mit dem bis jetzt mißtrauiſch beobachteten Nachbar und das Koͤnigthum wird dazwiſchen erdruckt!“ Die Aufregung nach dieſen Worten lisß ſich nicht ſchnell bewältigen, obwohl die Urſache derſelben nicht ganz verſtändlich war. Der Koͤnig blieb in ein tiefes, melancholiſches Sinnen verſenkt und ſchien zu uͤberſehen, was um ihn her vorging. Montroſe war ſtehen ge⸗ blieben; auf ſein mächtiges Schwert geſtutzt, ruhte ſein Auge— theilnahmlos fuͤr alles Andere— auf dem Antlitz ſeines Koͤnigs. Jetzt hob Karl die Augen und ſie begegneten ſich mit Montroſe's Blick— er gab das Zeichen zur Ruhe und ſagte dann mit gefaßter Stimme:„Aber, Milord — von Montroſe, wenn ihr uns jetzt entwickelt habt, warum wir eurer Anſicht nach, den Forderungen der ſchottiſchen Covenants nachgeben ſollen, ſo fragen wir euch, welche Rechte uns nach einem ſolchen Schritt in einem Lande noch uͤbrig bleiben, welches dann, und anſcheinend mit unſerm eignen Willen, eine vollkommen republikaniſche Verfaſſung erlangt hat?“ „Euer Majeſtaͤt behalten dann keine Rechte mehr“— ſagte Montroſe feſt,„doch dieſe Rechte waren auch jetzt nur noch dem Namen nach da, und es wird nur als verloren bezeichnet, was in Wahrheit ſchon nicht mehr exiſtirte; aber Euer Majeſtät haben ihren uͤbermuͤthigen Unterthanen einen unwillkommenen Auf⸗ ſchub auferlegt, den Vorwand zur Vereinigung mit den engliſchen Mißvergnuͤgten geraubt, und dieſer Still⸗ ſtand kann wichtig werden! Außerdem wird die kaum fuͤr moͤglich gehaltene Nachgiebigkeit Eurer Majeſtät bei den Beſſeren nicht ohne Eindruck bleiben, es läßt ſich eine Hoffnung daran knuͤpfen, fuͤr das Aufleben alter Ge⸗ ſinnungen, fuͤr die königliche Sache. Wenn ſich dann die rechte Energie fuͤr die nächſten, wichtigen Schritte Eurer Majeſtät von allen Seiten entwickelte, ſo ließe ſich mit dem ruhigen Schottland zur Seite eine kräftige Ausgleichung mit England erwarten!“ 4 206 „Ha,“ rief Argyle aufſpringend—„gehört das auch zu euren Vollmachten?“ „Gewiß, Milord,“ entgegnete Montroſe—„und ich erwarte eure Meinung als Unterſtuͤtzung des eben Geſagten zu hören, denn ihr muͤßt eben ſo von der Wahrheit meiner Anfuͤhrungen uͤberzeugt ſein, als da⸗ von, daß ſie der einzige Weg ſind, unſerm Auftrage die von unſern Landsleuten verlangte Genehmigung zu ſichern!“ „Aber,“ unterbrach Lord Hamilton den Verſuch Argyles zu einer heftigen Entgegnung—„aber, Milord von Montroſe, wollt ihr wohl, ſo gewiegt, wie ihr euch zeigt in politiſchen Combinationen, wollt ihr wohl eure Weisheit noch uͤber einen Gegenſtand erſtrecken, fuͤr den weder in unſerer Erfahrung, noch in unſerm Gefuͤhl ſich eine Rubrik vorfindet,— nämlich uͤber die Form, wie der König, unſer theurer Herr, ſich auf Anſuchen ſeiner Unterthauen bereit erklären ſoll, ſich ſeiner Sou⸗ veraͤnität, als König und Herr, zu Gunſten der repu⸗ blikaniſchen Geluͤſte dieſer Patrioten verluſtig zu er— klären, ohne Schaden und Beläſtigung der Antragſteller naͤmlich?“ „Ach, Milord,“ ſagte Montroſe—„nehmt die Sache ernſt! Sie iſt es in Wahrheit! und dieſer Punkt grade— dieſer ſchwere Punkt— wird bei der Aus⸗ ———— 207 fuͤhrung euren ganzen Scharfſinn erfordern.— Doch befiehlt mein gnaͤdigſter König vielleicht jetzt, daß wir, die Abgeordneten dieſer Sendung, uns zuruͤckziehn, um die Berathung mit den Vertrauten dieſer Verſammlung nicht zu hindern.“ „Nein,“ rief der König lebhaft—„bleibt, Milord— bleibt! Hier iſt nicht von feindlicher Gegenuͤberſtellung der Intereſſen die Rede; was Schottland auch eben wagt an uns gelangen zu laſſen, wir duͤrfen es noch nicht als unſern Feind anſehen, ſeine Geſandten nicht als Fremdlinge und Uebelwollende behandeln, welchen wir unſere Verlegenheiten zu verbergen haͤtten.— Sie ſollen ſie theilen— und wir rufen in Argyle die alte Geſinnung herauf, welche uns eine voruͤbergehende Uebereilung nicht ſoll vergeſſen machen, und wir fordern euch demnach Alle auf, die wir euch Alle fuͤr unſere treue Unterthanen und Freunde unſerer Perſon halten, mit eurem offenen Rath uns in dieſer ſchweren Stunde der Entſcheidung beizuſtehn!“ Vergeblich erging dieſe großmuͤthige Aufforderung an Argyle! So wie der König ſeinen Namen nannte, erhob er ſich, verneigte ſich kalt und nahm dann ſeinen Platz wieder ein, ohne durch irgend ein Zeichen ſich der Abſicht des Königs geneigt zu zeigen. Seinen An⸗ hängern war dies ſehr empfindlich, denn ſie waren be⸗ 208 muht geweſen, ihn gegen Montroſe in einem uͤber⸗ wiegenden Vertrauen zum Koͤnige zu erhalten, und ſein eigenes Betragen that nun Alles, um dieſe Voraus⸗ ſetzung zu zerſtören und Montroſe Raum zu geben zur Befeſtigung ſeiner neuen von Allen beneideten Stellung. Der König forderte jetzt ſeine Raͤthe auf, ihre Mei⸗ nung zu ſagen, und obwohl der Vortrag Vieler unklar und unſicher blieb, war es doch endlich allein Hamilton, der als entſchiedener Widerſacher der von Montroſe be⸗ abſichtigten Nachgiebigkeit auftrat. Aber es war nicht zu uͤberſehen, daß ihn eine perſoͤnliche Aufregung gegen Montroſe leitete und dies wurde um ſo eher vom Koͤnige erkannt, da er bereits von dieſer Abneigung unterrichtet war und den Verluſt dieſes bedeutenden Unterthanen faſt dadurch zu erleiden gehabt hatte. Auch war der König nicht der Einzige, der die Perſoͤnlichkeit in Ha⸗ milton's Worten fühlte— auch er hatte ſeine Feinde in der Verſammlung und auch Andere waren da, welche, wenn auch keine Redner, doch Geſinnungen und Grund⸗ ſätze frei zu erhalten wußten, genug Kenntniß der Zu⸗ ſtände hatten und das wahre Wohl wollten und zu foͤr⸗ dern geneigt waren. Der Koͤnig ſichtete in einer klaren, vortrefflichen Rede voll Einſicht und Maͤßigung die auf ihn einſtuͤrmenden Meinungen, indem er alle kurzſichtige Beſchränkung, 209 alles perſoͤnliche Uebelwollen davon trennte, und als er dieſelbe beendigt hatte, lag das Reſultat, ohne daß er es genannt, als eine nothwendige Schlußfolge vor ſeinen Zuhoͤrern da und Montroſe's Meinung hatte geſiegt. Zwar erhob ſich Hamilton und proteſtirte feierlich dagegen, erklaͤrte ſich aber bereit, die Verhandlungen nicht weiter aufzuhalten und blieb ein ſtillſchweigender Zuhörer. Jetzt trat die zweite Frage ein: In welcher Weiſe der König ſeine Bewilligung ertheilen ſollte? und die Meinungen waren daruͤber eben ſo unſtät und ab⸗ weichend, da unbezweifelt hier eine neue, ſehr gerecht⸗ fertigte Aufregung fuͤr die getreuen und ſtolzen Lords eintrat, die ihren Koͤnig durch jede Form tödtlich ver⸗ letzt fanden. Es war endlich halb zurnend, halb anerkennend, daß man ſich an Montroſe, den Urheber der vorangegangenen Entſcheidung wendete, als wolle man ihm ſagen: Fuͤhre jetzt weiter, was du angeregt! Montroſe war bis dahin ein ſtiller Zuhörer geweſen, der ohne alle Bemerkungen aber mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit den Gang der Sache verfolgt hatte. Ob er die Aufforderung an ſich endlich erwartete, wußte er vielleicht ſelbſt nicht; aber grade und offen, und belebt von dem Geiſt der Einſicht, ſchien ſie ihn keinen Augen⸗ Jakob v. d. Nees. II. 14 210 blick in Verlegenheit zu ſetzen. Lebhaft ſtand er auf, und die freie, leichte Bewegung ſeiner königlichen Ge⸗ ſtalt hatte etwas zuverſichtliches, was nicht ohne Ein⸗ druck blieb. „Sire— und Milords,“ ſagte er—„wenn die ſchwere Nothwendigkeit dieſer königlichen Genehmigung eingeſtanden iſt, ſo liegt darin der Beweis, daß augen⸗ blicklich keine Mittel vorhanden ſind, die Forderungen zuruͤck zu weiſen. Dies muß der Koͤnig ausſprechen!“ Ein lautes Murren hob an— Montroſe's klingende Stimme beherrſchte es aber:„Meine Lords! in dieſem Geſtändniß der Schwäche, das euch verletzt, liegt die einzige Stärke, das einzige Mittel, was die Wuͤrde des Koͤnigs rettet. Er darf aufruͤhreriſchen Unterthanen dann zugleich ſagen: ich erkenne eure Maaßregel als vollkommen geſetzwidrig und mit meinen Rechten unver⸗ träͤglich— und ich greife weder das Eine noch das Andere darin an, denn ſie ſind zuſammen Alle verwerf⸗ lich! Aber ihr ſeid in einer ſo krankhaften Stimmung, daß ich materielle Gewalt haben muͤßte, um euch von eurem Willen abzubringen; dieſe ſteht mir nicht zu Ge⸗ bot, und ich habe kein anderes Mittel als einzuwilligen und die Strafe, die in euren Forderungen ſelbſt liegt, uͤber euch kommen zu laſſen, da ich euch in eurem jetzigen Wahnſinn nicht aufzuhalten vermag. Ich ſehe mit üdieetied eiti—— Bedauern voraus, wie viel Leiden und Mißhelligkeiten ihr euch untereinander bereiten werdet und wie bald die Zeit kommen wird, wo ihr meine väterliche Re⸗ gierung zuruͤck wunſchen und meine koöniglichen Rechte wieder anerkennen werdet. Damit hält der König,“ fuhr Montroſe fort, der unwillkrlich die ganze Depeſche diktirt hatte—„ſeine verirrten Unterthanen feſt,— das väterliche Verhältniß der Monarchie tritt an die Stelle der königlichen Gewalt und dieſe Erhabenheit der Geſinnung, ſtellt den König uͤber ſeine verletzten Rechte, macht ſie zugleich unangreifbar, und wird das Band zwiſchen ſeinem Königreiche und ſeiner erhabenen Perſon bleiben, von dem ſich Viele umſchloſſen fuͤhlen wer⸗ den— und die Beſten!“ „Ha!“ rief der Graf von Huntley, bis jetzt Mont⸗ roſe's Gegner—„Weiß Gott! Montroſe, ihr ſeid ein ganzer Mann, und ich wäre nicht redlich, wenn ich nicht ſagte, ihr habt das Rechte getroffen!“ Viele ſchloſſen ſich ſogleich dieſer ehrenhaften Er⸗ klärung an und nach einem langen, tiefſinnigen Blick, welchen der König auf Montroſe haften ließ, ſagte er: „Ihr, meine Getreuen, habt die Worte des Lord von Montroſe gehort— ich befehle, daß danach die Antwort ausgefertigt werde, welche die Abgeſandten nach Schott⸗ land zuruͤck zu bringen haben!“ 14* Es entſtand nach dieſer Erklärung eine Unter⸗ brechung der Sitzung, in der die Miniſter die Arbeiten an ihre Secretaire vertheilten und dem König anzeigten, was zunachſt vorlag. Die Abgeſandten hatten nun ihre abgeſonderten Seſſel verlaſſen und unter ihren Standes⸗ genoſſen Platz genommen. Der König, welcher ſich in ein Nebenzimmer zuruͤck⸗ gezogen hatte, erſchien jetzt wieder und nahm ſeinen Platz unter dem Thronhimmel ein; die Lords ſetzten ſich und der Miniſter, Graf von Straford, kuͤndigte der Verſammlung an, daß der Koͤnig den Rath ſeiner Ge⸗ treuen in einer Angelegenheit hoͤren wolle, welche ihn zu nah anginge, mit zu theuren Intereſſen ſeines Her⸗ zens verknuͤpft ſei, um die Entſcheidung allein auf ſich nehmen zu wollen, da ſie anderſeits eine politiſche Be⸗ deutung habe, welche ſie mit den Vortheilen des Landes in Beruͤhrung brächte. Der Sprecher erinnerte hierauf die Verſammlung an die Mißhelligkeiten mit Frankreich, ſeit der edlen und mannhaften Antwort des Königs gegen den Mar⸗ quis von Eſtrades, welcher damals die unwuͤrdige Zu⸗ muthung gemacht habe, mit Frankreich und Holland vereinigt, Spanien die Niederlande wieder zu entreißen und untereinander zu theilen, worauf Se. Majeſtät er⸗ klart, mit einer Flotte von 15,000 Mann zum Schutze 213 Spaniens bereit zu ſein.— Dieſe Zuruͤckweiſung habe den Cardinal Richelieu ſeitdem zu einem Feinde des Landes gemacht, deſſen Einfluß uberall nachzuweiſen ſei, da nicht allein der ungluͤckliche, irlaͤndiſche Aufruhr von franzoſiſchen Emiſſars genaͤhrt und zu dieſer entſetzlichen Höhe der Ausſchweifung getrieben worden ſei, ſondern auch die Covenants ſich ganz offen einer Unterſtuͤtzung ruͤhmten, die offenbar auf heimliche Verträge und Verſprechungen mit Frankreich hinwieſe. Obwohl nun von Seiten des Koͤnigs ſeitdem nichts verſäͤumt worden waͤre, dieſe ſo nachtheilig wirkende Stimmung des franzoſiſchen Kabinets zu veraͤndern, muͤſſe doch ein⸗ geſtanden werden, daß bis jetzt ſich alle Verſuche erfolg⸗ los bewieſen, wozu der zunaͤchſt liegende, Allen eben be⸗ kannt gewordene Vorfall mit den ſteigenden Anſpruͤchen des ſchottiſchen Parlements einen neuen traurigen Beleg gäbe.“ „Se. Majeſtät haben daher in ihrer großmuͤthigen Aufopferung fuͤr das allgemeine Wohl, an das vielleicht einzig noch ubrig bleibende Mittel, die Geſinnungen des franzöſiſchen Kabinets zu erweichen, gedacht— und Ihro Majeſtät die Koͤnigin erſucht, in Begleitung ihres Sohnes des Prinzen von Wales nach ihrem Vaterlande zuruͤckzukehren und durch ihren perſoͤnlichen Einfluß, die Herzen ihrer hohen Verwandten zu ruͤhren, und den Cardinal von Richelieu zu Gunſten der koöniglichen Sache von England zu gewinnen.“ „Dieſem ſchweren Entſchluſſe ſtelle ſich indeſſen der unbezwingliche Widerwille ihrer Majeſtät der Koͤ⸗ nigin entgegen, welche nicht allein Ihren hohen Gemahl unter obwaltenden, ſchwierigen Verhältniſſen nicht zu verlaſſen wuͤnſche, ſondern auch uͤberzeugt ſei, daß ihr Einfluß bei der feſten und unfreundlichen Stimmung des Premier-Miniſters voͤllig unwirkſam ſein werde, ja ſelbſt die Befuͤrchtung aͤußere, derſelbe könne die Ge⸗ genwart der Koͤnigin dieſes Landes benutzen, um in ihrer Perſon neue Kraͤnkungen uͤber uns zu verhaͤngen, wel⸗ ches dann erſt recht den Muth der Gegner heben werde.“ „Ihro Majeſtät habe ſich aber dem Willen ihres erhabenen Gemahls gefuͤgt und dieſe höchſt ehrwuͤrdige und zarte Angelegenheit dem Ausſpruch der hier ver⸗ ſammelten, edlen Peers unterworfen, uͤberzeugt, daß keiner dieſer wahrhaft treuen Diener des Koͤnigs ein ſo ſchweres Opfer von der edlen Fuͤrſtin fordern werde, wenn nicht uͤberwiegende Gruͤnde zum Wohl des Staates einen ſolchen Schritt als nothwendig dar⸗ ſtellten.“ Lord Digby, Graf von Briſtol, trat nun auf und bemuͤhte ſich die Wuͤnſche der Königin zu unterſtutzen, indem er die Nutzloſigkeit der Maaßregel zu beweiſen, —————— 215 und alle Hoffnung auf den Schutz Frankreichs als ver⸗ geblich darzuſtellen ſuchte. Gegen ihn ſtritten der Herzog von Northumberland und der Graf von Herford, der Gouverneur des Prin⸗ zen. Beide zeigten Briefe aus Frankreich vor, die auf eine guͤnſtigere Stimmung bei dem hohen Adel der Fronde ſchließen ließen, welche Richelieu genöthigt war zu ſchonen, und welche durch die Gegenwart der Koͤnigin und ihrer Kinder erhoͤht, ihr eine Stuͤtze werden mußte. Dieſe Meinungen, welche ſich entſchieden gegenuber ſtanden, wurden durch den Marquis von Hamilton ver⸗ mittelt— Convay Arundel und einige Andere, welche die Gefahren hervor zu heben ſuchten, die namentlich in der Begleitung des Prinzen von Wales liegen koͤnnten, und im Fall ſie zugeben mußten, daß die Anweſenheit der Königin in Frankreich von Nutzen ſein koͤnnte, doch dafuͤr waren, den Prinzen von Wales und ſeine Bruͤder zur Prinzeſſin von Oranien unter den Schutz des Statt⸗ halters zu ſenden, da man erſt die Stellung Frankreichs abzuwarten habe, ehe ihm die Erben der Krone anzu⸗ vertrauen waͤren. Der König hatte, ungewoͤhnlich blaß und mit dem Ausdruck einer großen, ſchwer bekaͤmpften Bewegung, dieſen ſich ſtreitenden Meinungen zugehoͤrt. Er forderte nun noch einzelne in der Verſammlung auf, ihre Mei⸗ 216 nung zu ſagen und regte durch Fragen und Bemer⸗ kungen die offenen Mittheilungen Aller an— jetzt rief er den Herzog von Argyle auf, ſeine Meinung zu ſagen. Wie aus einem ſchweren Traume erwachend, fuhr dieſer empor und rief alſobald mit eiſiger Kaͤlte und ironiſcher Bitterkeit:„Warum Ihro Majeſtät die Königin ſtören— ihr Einfluß wird hier wie dort von gleicher Wichtigkeit fur den Koͤnig ſein— ich bin der Meinung, daß die Konigin das Land nicht verlaſſe!“ Nach dieſen Worten ſetzte er ſich, mit dem Lächeln des befriedigten Haſſes im Angeſicht und die kurze, leichte, halb ver⸗ ächtliche Weiſe des Herzogs einen Gegenſtand abzu⸗ machen, der Alle, von welcher Meinung auch, mit Ernſt erfaßte, erregte den unangenehmſten Eindruck. „Milord von Montroſe,“ ſagte der König mit halber Stimme—„ihr ſeid uns eure Anſicht noch ſchuldig!“ Montroſe erhob ſich langſam und ſeine Geſtalt ſchien ſchwer von den Gedanken, die wie Wolken ſeine Stirn bedeckten. „Wie muͤſſen wir beklagen,“ rief er faſt hervor ge⸗ ſtoßen—„daß es nöthig wurde, die heiligſte Frage des Herzens und Familienlebens unſeres erhabenen Herrn zu einer politiſchen Wichtigkeit gelangt zu ſehn, die ſie dem Richterſtuhl eines Staatsrathes zufuͤhrt und uns 217 verpflichtet, uber denſelben Gegenſtand, der uns ruͤhrt und mit Ehrfurcht vor dem uns bekannten, gerechten Schmerz unſerer erhabenen Königin erfuͤllt, die kalte Betrachtung des Verſtandes, die Berechnung des politiſchen Vortheils geltend machen zu muͤſſen. Wer dieſe zarteren Be⸗ ziehungen, wie es von der Mehrheit zu erwarten ſteht — empfindet, bedarf eines feſten männlichen Willens, um nichts zu aͤußern, was dem heiligen Intereſſe des Vaterlandes entgegen iſt. Im Gegentheil, dieſes allein beruͤckſichtigend und uͤber den veranlaßten Schmerz des Augenblicks hinweg, an die erhabene Befriedigung zu denken, welche in der Erfullung einer ſchweren Pflicht zum Beſten des Vaterlands, dem großen Herzen unſerer Königin ſicher bleibt— dies muß uns gegen jede Nach⸗ giebigkeit ſtählen, die mit unſerer Ueberzeugung ſtreitet, und da mein gnädigſter König mich fragt— ſo ſtimme ich fur die Abreiſe der Königin nach Frankreich und fuͤr den Beſuch der Prinzen in Holland!“— Nach einer Pauſe fuhr Montroſe fort:„Was wir auch von der zweideutigen Stellung Frankreichs bis jetzt erfahren haben, wir muͤſſen ſagen, daß es Gruͤnde gehabt hat, nicht in offene Feindſchaft zu uns uͤberzugehn. Da wir auf eine moraliſche Schonung dabei nicht ſchließen duͤr⸗ fen, liegt es am Tage, daß der Cardinal Richelieu irgend eine Partei in ſeiner Nähe zu fuͤrchten hat. 218 Dies kann nur der im ewigen Aufruhr ſich befindende Adel des Landes ſein, deſſen Einfluß zu zerſtoͤren und unſchaͤdlich zu machen, das Rieſenwerk iſt, woran der große Staatsmann Frankreichs mit all' ſeinem Scharf⸗ ſinn arbeitet. Wir wiſſen, daß der Adel keine Gele⸗ genheit unbenutzt voruͤber gehen laͤßt, um dem Cardi⸗ nal Verlegenheiten zu bereiten, und ſeine ritterliche Stimmung wird, ohne alle Ruͤckſicht auf die Geſin⸗ nungen Richelieu's, ſich in dem lebhafteſten Antheil fur die Tochter Heinrich des Vierten, ihres Abgottes, bei deſſen Andenken Alle ihr Heldenblut fuͤhlen, aus⸗ ſprechen. So wie der Cardinal eine Bewegung nicht verhin⸗ dern kann, pflegt er ſich an die Spitze derſelben zu ſtel⸗ len, und wir werden es erleben, daß er dem Adel, welcher ihn durch ſeine Courtoiſie verſuchen wird zu kraͤnken, vorauskommen und ihn in die Lage bringen wird, ihm ſcheinbar bei ſeinen eigenen Beſtrebungen zur Hand gehn zu muͤſſen. Dadurch wird Ihro Ma⸗ jeſtät aber nicht allein keine perſoͤnliche Beleidigung zu erfahren haben, ſondern ſie wird bei ihren Forderungen und Wuͤnſchen eine Partei zur Seite haben, welche der Cardinal nothgedrungen zu ſchonen hat, da ihm Alles daran liegt, ihren offenen Widerſtand zu vermeiden, der ihr die Waffen in die Hand giebt, mit denen ſie die —,,—— 219 Macht zu der endloſen Untergrabung der buͤrgerlichen Ruhe und Ordnung behaͤlt, an der die Plaͤne Riche⸗ lieu's immer wieder ſtranden. Aus allen dieſen Gruͤn⸗ den halte ich es politiſch wichtig, und bei den großen geiſtigen Eigenſchaften der Koͤnigin einen guͤnſtigen Erfolg fuͤr wahrſcheinlich, und das Ganze jedenfalls fuͤr ein Mittel, was nicht unverſucht bleiben darf.“ Obwohl nach dieſer Rede noch Mehrere ſich hören ließen, ergab ſich doch keine neue Anſicht des Gegenſtandes. Der Koͤnig, der immer bleicher, mit feſt geſchloſſenen Lippen nach Montroſe's Rede nicht mehr geſprochen hatte, erhob ſich jetzt und ſagte mit der feierlichen Ruhe eines Märtyrers:„So willige auch ich in die Reiſe meiner theuren Gemahlin und erwarte Gottes Schutz und Segen fuͤr das ſchwerſte Opfer, was ich meinem armen Lande zu bringen vermag!“ Er wies den Lordkanzler zuruͤck, welcher ihn am Weggehn durch die Vorlegung neuer Berathungsge⸗ genſtande verhindern wollte— er grußte mit königlicher Ruhe die Verſammlung, und das brillantne Kreuz ſei⸗ nes Schwertes feſt gegen das leidende Herz druͤckend, wie er in heftigen Gemuͤthsbewegungen zu thun pflegte, verließ er den Saal und begab ſich ſogleich in die Ge⸗ macher ſeiner Gemahlin.— eeeegete 220 Die Königin hatte in der fieberhafteſten Aufregung den Morgen zugebracht, denn ihrem ahnenden Herzen war es das Todesurtheil, welches ſie fuͤr immer von dem angebeteten Gatten trennen wuͤrde, wenn der Be⸗ ſchluß durchging, ſie nach Frankreich zu ſenden. Unfä⸗ hig, laͤnger über den Gegenſtand zu denken oder zu ſprechen, hatte ſie ihre vertrauteſten Frauen um ſich verſammelt, und von einer zur andern gehend, mit Allen ſprechend, Kleinigkeiten beachtend und im ſelben Au⸗ genblick vergeſſend, ſteigerte ſich dieſer Zuſtand noch, als endlich ein Page eintrat, den Lord Briſtol verſpro⸗ chen hatte in dem Augenblick zu ſenden, wo die Ver⸗ handlungen die perſoͤnliche Angelegenheit der Koͤnigin beruͤhren wuͤrden. „Wer biſt du?“ rief die Königin dem ſtill ſich ver⸗ neigenden Pagen zu— und ihre Stimme hatte etwas rauhes und wildes.— „Der Page des Lord von Briſtol,“ entgegnete der Knabe ſchuͤchtern.— „Es iſt gut— entferne dich!“ ſtieß die Koͤnigin hervor und ſtarr blieb ſie ſtehen, als die Thuͤr ſich ſchloß; unbeweglich hafteten ihre Augen auf derſelben und bald uͤberzeugten ſich ihre trauernden Frauen, un⸗ ter denen die Graͤfin von Caſambort nicht fehlte, daß 221 ſie ein Starrkrampf ergriffen habe, der ſie vollig der Gegenwart entzog und ſie unempfindlich machte fur die Thränen und Bemuͤhungen ihrer Umgebungen. So blieb die ungluͤckliche Gattin ſtehn, und ihr Koͤrper hielt die Anſtrengung aus, die ihr kranker Geiſt uͤber ihn verhaͤngte, bis zu dem Augenblick, als dieſelbe Thuͤr ſich oͤffnete und der Konig, blaß mit der entſchloſ⸗ ſenen Miene voͤlliger Reſignation, in ihr ſichtbar wurde. Ein Blitz ſchien die Königin zu erſchuͤttern— ein Ge⸗ murmel drang zuerſt uͤber ihre ſchwere Zunge— dann ſtieß ſie einen Schrei aus, als fuͤhlte ſie ihren Tod und Karl faßte die Ohnmaͤchtige in ſeinen Armen auf. Mit Huͤlfe der weinenden Frauen, welche ebenſo wie die Koͤnigin in den Zuͤgen des ungluͤcklichen Gatten die Entſcheidung geleſen, die ſie uͤberwaͤltigt hatte— brachte man die Königin, welche einer Leiche glich, auf ein Ruhebett und luͤftete ihre Kleider, wodurch der ver⸗ ſchwundene Athem in einzelnen Seufzern wieder ein⸗ trat. Fruͤher als ſie die Augen oͤffnete, ſtieg eine plötzliche tiefe Röthe auf ihren Wangen empor, heftig riſſen die Augenlieder ſich auf, ſie ſuchte ihren Gatten, der neben ihr kniete und ſie ſtuͤtzte, und ſo heftig war ihr Seelenzuſtand, daß augenblicklich alle korperliche Schwaͤche damit uͤberwunden war, und ihn erkennend, ſturzte ſie ſich von dem Ruhebette herab zu ſeinen Fu⸗ 5 X 222 ßen und rief mit dem herzzerreißenden Tone wahrer Seelenangſt:„Karl, ich bleibe bei dir— du wirſt mich nicht verſtoßen— nicht verbannen. Sage es— ſage es, daß ich bleibe! und nie ſoll eine Klage wieder meine Lippen beruͤhren— nie ſoll mein verrätheriſches Herz mir noch von Kummer ſprechen— nie ſoll dieſer feige Körper wieder zuſammen brechen duͤrfen— nie dieſe Wangen erblaſſen— dieſe Augen Thraͤnen weinen— aber ſage, daß ich bleibe— mit dir unzertrennlich und ewig vereint, wie es Gott gemeint hat, da er mich zu deinem Weibe machte. Sage, daß dieſe Maͤnner, die du befragt, wie Menſchen, wie Chriſten fuͤhlten, als du ſie fragteſt, ob du ſelbſt dein Weib opfern muͤßteſte ſage nicht, daß ſie anders handelten,“ rief die Königin aufſpringend, denn ſie zweifelte, je laͤnger der König ſchwieg, nicht mehr an ihrem Schickſal—„ſage es nicht, denn ich wuͤrde mit Schaudern denken, daß ſie mit dieſer unmenſchlichen Entſcheidung den Fluch des erbarmenden Gottes uber ihr Haupt herab gezogen, daß ſie mein unſchuldiges Herz vergiftet und mit dem heili⸗ gen Haß uͤber die groͤßte Mißhandlung, die ein Weib nur erfahren kann, bis zum Rande erfuͤllt. Und du, du! mein Karl— mein Gemahl— der Vater meiner Kinder— du haſt ſie nicht gehort, als ſie wie wilde Thiere mein Herzblut begehrten— du biſt gegen ſie 223 aufgetreten— du haſt ihnen zugerufen: Zuruͤck— zu⸗ ruͤck! was für ein Recht habt ihr, auch nach meinem Herzen zu langen, wenn eure gierigen Haͤnde ſich ſchon nach meiner Krone ausſtrecken?“ „Sprich, Karl, ſo war es,“ fuhr ſie mit ſinkender Stimme fort—„ſie ſind verſtummt vor Deinem Her⸗ zensſchrei, ſie ſanken dir zu Fuͤßen, ſie gaben dir dein Weib zuruͤck, ſie ſagten: ſie ſoll den Schweiß von dei⸗ ner Stirne trocknen, ſie ſoll lächeln, wenn du ſeufzeſt, ſie ſoll dein muͤdes Haupt an ihrem Buſen ſtutzen, ſie ſoll mit dir wandern— ſinken— ſterben“— was ſie noch ſagte, endigte in einem unverſtaͤndlichen Murmeln — ſie fiel abermals in eine tiefe Ohnmacht! Der König bat die Damen, ſich zuruͤckzuziehen und ihm allein die ſchwere Pflicht zu uͤberlaſſen, die Koͤnigin bei ihrem Erwachen von der nothwendig gewordenen Masßregel zu unterrichten— aber er bat Alle, in der Nähe zu bleiben, da er ihren liebevollen Beiſtand ſpäter nöthig haben werde. Im Vorzimmer hatten ſich die Hofleute verſammelt, die zu den näheren Freunden der Königin gehörten. Als die Damen alle mit verweinten Augen und erſchuͤt⸗ tert von der Scene, die ſie ſo eben mit durchgemacht, eintraten, nahten ſich ihnen die Lords, die nicht min⸗ der traurig nach Nachrichten von der Konigin fragten. 224 Die Gräfin Comenes fuͤhrte der Marquis von Mont⸗ roſe zu Urica, welche blaß und ſo ſchmerzlich weinend, wie ſie es fruͤher nie gekannt, auf einen Balkon hinaus getreten war. „Madame,“ ſagte die Gräfin Comenes—„erlaubt, daß ich von hier die Ausſicht genieße; es wird euch nicht hindern, hoffe ich, Milord von Montroſe aufrichtig zu ſprechen.“ „Ach nein,“ ſagte Urica, als dieſer ernſt und ſchweigend zu ihr trat—„bleibt meine wuͤrdige Freun⸗ din. Wer koͤnnte einen andern Gedanken haben, als den Schmerz der edelſten und ungluͤcklichſten Frau? O ſagt mir— habt ihr gegen ſie geſprochen, tratet ihr der entſetzlichen Entſcheidung bei, die vielleicht zu ſchwer iſt, die ihr vielleicht das Leben koſtet?“ „Urica,“ ſagte er ſanft, aber ernſt—„könnt ihr die Wahrheit vertragen?“ Urica ſah ihn mit troſtloſen Augen an und ſagte dann:„Ach, Montroſe, noch nie war ich ſo weich, ſo tief ergriffen, als jetzt; ich fuͤrchte, ich werde Alles ver⸗ dammen, was das Herz dieſer ſo zartlichen, ſo vollkom⸗ menen Gattin brechen half. O, mein Freund— ich zweifle nicht, ich weiß es vielmehr, was ihr gethan habt— und doch— o! dachtet ihr mit keinem Gedan⸗ ken an Urica?“ 22⁵5 „So wahr mir Gott helfe,“ entgegnete Montroſe —„ich kann nicht luͤgen— nein! nein— Urica! ich dachte nicht an euch. Was wollt ihr auch,“— fuhr er fort—„ſollte der, den ihr eben ſo namenlos gluͤck⸗ lich gemacht hattet, ſo hoch geehrt, der eine Wuͤrde, eine Berechtigung fuͤhlte, die der edelſte Stolz war, ſollte der vor etwas Anderm ſtehen, als vor Gott und der durch ihn gewordenen Ueberzeugung? Mit welchem Recht haͤtte mir der Muth kommen ſollen, das härteſte und ſchwerſte Opfer von meinem vielgepruͤften edlen Koͤnig zu fordern, wenn nicht mit dem der freiſten un⸗ abhaͤngigſten Ueberzeugung? und wie durfte ich ihr um ſo mehr vertrauen, als eure Vorſtellungen ſie ſo wenig erſchuͤttert hatten, daß ſie im Augenblick der Entſchei⸗ dung ganz dieſelbe wie fruͤher war. O, Urica! denkt ihr, ich möchte jetzt vor euch ſtehen, wenn ich das Ge⸗ fuͤhl des Rechts, das Gott in die Bruſt des Mannes legt, gebeugt hätte aus Liebe zu euch? Urica,“ fuhr er weicher und waͤrmer fort—„jetzt, jetzt bin ich berech⸗ tigt euren Schmerz zu theilen— jetzt darf ich den tie⸗ fen Kummer geſtehen, den mir unſere theure Koͤnigin macht— jetzt, da ich weiß: hätte es blos ein Opfer ge⸗ koſtet, auch das ſchwerſte hätte ich gebracht, dieſen Schlag von ihrem Herzen fern zu halten. Urica, laßt mich nicht denken, daß ihr zurnt.“ Jakob v. d. Nees. I. 15 — 226 „Nein, nein,“ rief Urica, ſich aus ihrem Schmerz empor ringend und tief ergriffen von Montroſe's Wor⸗ ten, ihm ihre Hand reichend—„ich verſtehe euch zu meinem Leidweſen— ich will nicht, daß ihr anders handelt, als euer edles Selbſt es will— aber es iſt entſetzlich doch, daß ihr— ihr Montroſe es ſein muͤßt, der dieſe Entſcheidung herbei gefuͤhrt.“ „Ob das iſt, wuͤßte weder ich noch ein Anderer zu beſtimmen. Es haben Viele mit mir in einem Sinne geſprochen— ich war der Letzte, den der Koͤnig aufrief und nach meinen Worten hat er den Entſchluß ausge⸗ ſprochen, der das Opfer entſchied.“ „Was liegt daran,“ ſagte Urica—„Ihr wart ent⸗ ſchloſſen, ſo viel an euch war, die Entſcheidung ſo zu lenken, wie ſie ausgefallen iſt. Ach, Montroſe,“ fuhr ſie ploͤtzlich mit voͤlliger Hingebung fort—„und ich achte euch nur noch hoͤher darum.“ Als Montroſe ſich niederbeugte und Urica's Hand kuͤßte, hatte ſich ſein edles blaſſes Geſicht mit dem al⸗ ten Glanz ſeiner ſchönen männlichen Farbe geſchmuͤckt —„dies Zeugniß hat mich gluͤcklich gemacht,“ ſagte er leiſe—„es durfte mir nicht fehlen.“ „Aber,“ ſagte Urica mit einem halben Lächeln— „wenn es gefehlt, hätte es euch nicht erſchuͤttert?“ „Nein,“ erwiederte Montroſe einfach und ruhig— und Urica fuͤhlte, wie die Liebe zu ihm mit ſtarken Wellen ihr Herz hob. Montroſe theilte nun Urica ſowohl ſeine fruheren Verhältniſſe mit, als ſeine augenblicklichen. urica hatte ſich nicht getäͤuſcht, wenn ſie erwartet hatte, daß mit ihm ihr Schickſal auf das Theater des Krieges ver⸗ pflanzt worden ſei, daß ſie in Montroſe zugleich den Feldherrn lieben mußte. Aber weder dies, noch die mit näheren Anſpruͤchen auftretenden haͤuslichen Verhältniſſe Montroſe's konnten ihr Gefuhl, ihre Ueberzeugung er⸗ ſchuͤttern, daß er allein der Mann ſei, der ihre Liebe verdiene und gewonnen habe. Montroſe war in ſeinem neunzehnten Jahre zuerſt vermählt geweſen mit der Tochter des Grafen von Southhesk; er beſaß einen einzigen Sohn von elf und eine einzige Tochter von zehn Jahren aus dieſer Ehe, welche Beide nach ihrer Mutter katholiſch waren. Beide lebten nach dem fruͤhen Tode der Mutter unter der Pflege der alten Lady Southhesk; aber Montroſe ſehnte ſich, ſie Urica zu uͤbergeben und dieſe willigte mit Freu⸗ den in die Erfullung dieſer ihr von Montroſe geſchenk⸗ ten Pflicht. Die Hofleute blieben lange ſich ſelbſt uͤberlaſſen. Spaͤter wurden die Kammerftauen gerufen, doch Karl blieb noch in dem Zimmer ſeiner Gemahlin. Ploͤtzlich 15* * 228 erſchuͤtterten die Pagen der Koͤnigin die ganze Verſamm⸗ lung mit der Meldung, ſie werde erſcheinen, den Hof einen Augenblick zu ſehen. Die Thuͤren oͤffneten ſich und das ungluͤckliche, ſo ſchwer gepruͤfte königliche Paar zeigte ſich im Ein⸗ gang. Unbeſchreiblich war der Eindruck, den Beide mach⸗ ten und die ganze Verſammlung ſtand lautlos und un⸗ beweglich. Der Koͤnig ſtutzte ſeine Gattin, welche kaum vor⸗ zuſchreiten vermochte. Sie war ſo todtenblaß, ſo ver⸗ aͤndert, daß man haͤtte ſagen koͤnnen, wenige Stunden haͤtten den Einfluß vieler Jahre uͤber ſie ausgeuͤbt. Sie hatte ſich bemuͤht, die Wirkung ihrer Leiden zu verber⸗ gen— ihr dunkles Haar war wie gewoͤhnlich von der Stirn geſcheitelt und fiel in Locken bis auf ihre Schul⸗ tern— ein Band von Edelſteinen umſchloß die bleiche Stirn— ſie trug ein ſchwarzes Sammtkleid mit bril⸗ lantnen Schleifen und Alles war von ihren Frauen nach der Vorſchrift geordnet.— Aber ſie ſelbſt!— Welche Kaͤmpfe der Selbſtuͤberwindung mußten ihr die⸗ ſen Grad von Faſſung zuruͤckgegeben haben— und wie ruͤhrte ſie grade durch dieſen bezwungenen Schmerz auch das kaͤlteſte Herz. Sie ſchritt von Karls zärtlichſter Sorgfalt geſtutzt, 229 langſam vor und verſuchte, mit der blaſſen Hand gruͤ⸗ ßend, ein holdes verſoͤhnendes Lächeln hervorzurufen. Der Koͤnig wollte ſie zu ihrem Stuhl fuͤhren, aber ſie blieb ploͤtzlich ſtehen— ſie öffnete die Lippen mit dem Verſuch zu ſprechen— erſt nach einer langen Pauſe, die das Beben ihres ganzen Koͤrpers verrieth — trat ihre Stimme ein— ſo leiſe und matt, ſo voͤl⸗ lig ihren fruͤheren ſonoren Tönen unähnlich.—„Meine Freunde,“ ſagte ſ„ich komme euch zu ſagen, daß ich eingewilligt habe— nach— Frankreich zu gehen. — Mein edler Gemahl,“ fuhr ſie fort und ihr Geſicht zuckte im hervorbrechenden Schmerz—„hofft durch meinen Einfluß dort guͤnſtige Stimmungen zu erwek⸗ ken fuͤr unſer armes England— ihr Milords und meine Peers,“ ſagte ſie plotzlich ſich aufrichtend mit einem Anfluge der alten Kraft—„ihr— die ihr dieſe Meinung theilt— geht denn hin und ſagt dem Volke, das euch zu ſeinen Vertretern waͤhlt:— Seine Königin brächte mit dieſem Dienſte das groößte Opfer, was je von einem Weibe verlangt worden, je eine Königin zum Wohle ihres Landes vollbracht habe— und wenn die Erkenntniß uber die Große dieſer Forderung an uns, bei meinen Unterthanen eintritt, und einige Dankbar⸗ keit dafuͤr in ihren Herzen auflebt, dann ſagt ihnen: hier, hier ſei die Stelle, wo die Schuld an ihre Köni⸗ 8 gin abzutragen ſei— Henriette von England verweiſe ſie damit an ihren Herrn und König!“ Gegen das Ende ihrer Rede lebte ſie auf mit ihrer klangreichen Stimme und als ſie— hier! hier! rief und die Bruſt ihres Gemahls mit ihrer Hand beruͤhrte, hatte ſie ſich von ihm losgemacht und ſtand frei und in erhabener Stellung vor der Verſammlung. Der Eindruck war uͤberwältigend. Im ſelben Au⸗ genblick ſanken Maͤnner und Frauen auf ihre Knie— ein Murmeln des Beifalls— einzelne Worte der Exal⸗ tation— lautes Schluchzen ward gehört— ſie hätte alle drei Koͤnigreiche ſo bezwungen, wenn ſie ſo ſie ge⸗ ſehen haͤtten. Die Konigin fuͤhlte den Eindruck, den ſie gemacht hatte und es ſtaͤrkte ihre uberreizte Kraft. Sie ging feſten Schrittes von Einem zum Andern— ſie reichte Allen die Hand, die ſie kniend mit Thraͤnen benetzten — Allen ſagte ſie einige erſchuͤtternde Worte uͤber ihren Gemahl— fuͤr ſich hatte ſie kein Wort, keinen Wunſch — ihr Leben war aufgegangen in dem ſeinigen— der letzte Kampf hatte ſie wie todt fuͤr ſich ſelbſt zuruͤck⸗ gelaſſen— ſie weinte nicht mehr und jetzt ſchien ſie auch die körperliche Schwäche beſiegt zu haben. Vor Montroſe und Urica blieb ſie ſchweigend ſtehen — Beiden uͤberließ ſie ihre Hände, aber ſie ſprach nicht. 231 Im Wegwenden ſagte ſie:„Dort erwartet mich“— ſie zeigte auf ihre Privatzimmer. Als ſie zu Karl zuruͤckkehrte, welcher mit feſtem Blick und einer tiefen Ehrfurcht den Handlungen der angebeteten Gattin zuſah, nahm ſie ſeinen Arm und ſagte:„Ich nehme Abſchied von Euch, denn die Stun⸗ den, die ich noch hier zu verleben habe, gehoren meinem Gemahl, meinen Kindern, welche ich ſelbſt nach Hol⸗ land bringen werde. Gottes Segen ſei uͤber Euch— damit ihr nie verkennen moͤgt, von welchem Punkt aus euch allein Heil kommen kann.“ Sie gruͤßte dann mit vollkommener Faſſung und verließ gleich darauf den Audienzſaal. Ein Page winkte unmittelbar darauf Montroſe und Urica, und Beide traten zum großen Erſtaunen der Zuruͤckbleibenden vereint in die Gemächer der Koͤnigin. So wie dieſe ſich aber ſchloſſen, trat die Graͤfin Comenes vor und machte im Kreiſe herum wandelnd, die Verſammlung mit der Verlobung der Graͤfin von Caſambort und des Marquis von Montroſe bekannt. Als die Verlobten in das Zimmer der Koͤnigin tra⸗ ten, ſaß dieſe allein in einem Seſſel und ihr Kopf war auf die Bruſt geſunken, ihre Arme hingen uͤber die Lehne des Stuhls— ſie war entweder in tiefe Ge⸗ danken oder in voͤllige Abſpannung verſunken. 232 Urica und Montroſe blieben einen Augenblick an der Thuͤr ſtehn, dann eilte Urica von ihrem Gefuͤhl ge⸗ trieben vor, und kniete neben der Konigin nieder, Mont⸗ roſe folgte ihr. „Ah ſieh,“ ſagte die Königin erwachend—„das biſt Du!“ Ihre todtkalte Hand glitt dabei uͤber Urica's Geſicht— dann blickte ſie zu Montroſe auf, hob ploͤtz⸗ lich die andere Hand gen Pimmel und rief tief bewegt: „Montroſe! Montroſe! war das nöthig?“ „Gott wird nicht wollen, daß die reinſte und treuſte Ueberzeugung eines Mannes zur Luͤge wird,“ ſagte Montroſe, indem er neben Urica niederkniete. Die Königin ſah Beide an, wie ſie vor ihr knieten — Beide ſo ſchoͤn mit dem Geprage des edelſten Gei⸗ ſtes.„Wie iſt es“— ſagte ſie milde—„ſagte mir nicht die Graͤfin Comenes, du Urica habeſt deinen Mei⸗ ſter gefunden— in Montroſe gefunden? Erroͤthe nicht, du biſt auch ohne dem ſchoͤn genug! Nicht wahr,“ fuhr ſie fort—„er iſt dein Ideal— er hat dir eben eine Probe gegeben, daß er ſelbſtſtaͤndig bleiben kann? O, Montroſe, kann das Eure Meinung ſein, wenn ihr Frankreich kennt— ſo zerriſſen— ſo Jeder fuͤr ſich ſorgend“— „Und ſo leicht zu trennen,“ fuhr Montroſe fort, „ſo zugaͤnglich fur die Lockung auf fremdem Boden dem 233 Cardinal— ihrer ewigen Zuchtruthe— die Kraͤnkun⸗ gen zu bezahlen, die ſie unter ſeinen Augen hinnehmen muͤſſen!“ „Urica,“ ſagte die Königin—„ich gehe zuerſt mit meinen Kindern nach Holland— wirſt du mich dorthin begleiten?“ „Urica,“ rief Montroſe—„will die Unterthanin Euer Majeſtät werden— Urica wird in dieſer Zeit nicht Bedenken tragen, meine gewonnenen Rechte zu beſtä⸗ tigen, die allein unſerm Verhaͤltniß die freie Bewegung, die Benutzung der Zeit, welche die Zuſtände des Lan⸗ des zulaſſen werden, moͤglich machen— ich bitte Euer Majeſtät, nicht abzureiſen, ohne mir Urica's Hand am Altar zu geben.“ „O Montroſe,“ ſagte die Königin—„wie biſt du ſchnell, fur dein Gluͤck zu ſorgen und deine Königin zur Huͤlfe herbei zu rufen. Montroſe— hatteſt du mit dieſer Liebe im Herzen keine Ahnung, wie weh es thut, wenn ein ſolcher Bund zerriſſen wird? Mann!“ rief ſie plötzlich heftig und leiſe—„Gott behuͤte dich, daß du ie dieſem ſchoͤnen Weſen gegenber fuhlen lernſt, wie es thut, wenn alle Rechte des Herzens von den Macht⸗ geboten despotiſcher Gewalt erdruckt werden.“ „Gott gebe mir dann ein ſo ruhiges Gewiſſen, als ich es in dieſem Augenblick habe,“ ſagte Montroſe 234 ernſt und milde—„der Schmerz um das eigene Miß⸗ geſchick wird nicht tiefer ſein koͤnnen, als der um meine leidende Konigin!“ „Urica,“ ſagte die Koͤnigin—„ſage mir, ob du ihm auch Alles glaubſt, was er ſagt? Mir— mir hat er ſo unſäglich weh gethan, mich bis in's tiefſte Leben getroffen und ich glaube ihm doch, daß er nicht anders gekonnt hat! Es iſt etwas wunderbares mit der Wahr⸗ heit! Sprich doch, Urica— wie biſt du ſo weich geworden— ſiehſt du denn, daß ich weines— Sage mir— wann willſt du Montroſe deine Hand geben?“ „Wann er es will!“ ſagte Urica tonlos und wei⸗ nend.—„Alſo,“ fuhr die Konigin fort—„er iſt der Rechte! er iſt der, dem du dich ohne Erroͤthen beugen kannſt— ihm brauchſt du nicht Geiſt und Herz auszu⸗ ſtatten mit dem eignen Reichthum?“ „Nein,“ ſagte Urica gefaßter—„zu ihm kann ich aufſehen, denn er ſteht weit uͤber mir— ſeine Liebe be⸗ reichert mich und ich erroͤthe nicht vor meiner Liebe zu ihm!“ „O, Urica, halt ein,“ ſagte Montroſe leiſe—„wer ſagt dir, daß ich Kraft haben werde, ſo hohen Lohn wuͤrdig zu empfangen?“ „Du!“ ſagte Urica— und ſie legte eine Wuͤrde 235 und Heiligkeit in dies eine Wort, daß Alle einen Augen⸗ blick verſtummten. „Alſo werde ich ohne dich nach Holland zuruͤck⸗ kehren,“ fuhr die Königin fort—„und wo werdet ihr Urica hinbringen, Montroſe— iſt in dieſem revoltirten Lande, wo ſich Alles zum Kriege ruͤſtet auch Raum, wo die Liebe ihre Schätze bergen kann?“ „In dem alten Stammſchloß der Montroſe— an der Grenze zwiſchen Schottland und Northumberland, wo die maͤchtigen Grahams die Verwandten der Stuarts und meine Urahnen ihre Herrſchaft begruͤndeten, in Caſtletown, dort wo Sicherheit ſich mit den Reizen der Natur und mit dem Glanz und der Wuͤrde meines alten Stammes vereinigt— dort wird Urica leben, und dort werde ich mit ihr leben koͤnnen, da der Punkt der ge⸗ legenſte bleibt bei meiner augenblicklichen, militairiſchen Stellung. Dorthin werde ich ihr meine Kinder bringen und ſie wird aus dieſen ſchoͤnen, unſchuldigen Weſen, Menſchen erziehen, wie ſie die Zeit fordert— Menſchen, welche durch innern Werth gegen die Wechſelfälle des Lebens geſichert bleiben!“ „So ſichere euch Gott dies Gluͤck!“ ſagte die Koͤnigin mit der alten Guͤte ihres ſchoͤnen Herzens.— „O meine Freunde! Ihr thut mir wohl! Fuͤhle ich doch, indem noch Antheil fuͤr euch erwacht, daß dies ge⸗ 236 brochene, erdruͤckte Herz in ſeinem maaßloſen Schmerz noch Kraft behielt fuͤr Andere zu fuͤhlen! Urica! geſtern Morgen zuͤrnteſt du noch und zweifelteſt an Montroſe— heute biſt du ſeine Braut und morgen wirſt du ſeine Gattin ſein— verſtehſt du dich ſelbſt?“ „Ja,“ ſagte Urica mit wieder erlangter Faſſung— „ich habe Zeit meines Lebens erwartet, daß dies mein Schickſal ſein wuͤrde— ich habe ihn lang vorher in meinem Geiſt gekannt— ich wußte, daß ich gegen Solchen keinen Zweifel haben wuͤrde. Als Euer Ma⸗ jeſtät geſtern von ihm ſprachen, ſelbſt als ich ihn angriff, horchte ich nach der großmuͤthigen Vertheidigung meiner Koͤnigin, und immer fort ſagte es in mir: er iſt es und du wirſt ihn erkennen als deinen Herrn!“ „Wunderbar offnes, liebes Weſen,“ rief die Königin, waͤhrend Montroſe mit Entzuͤcken auf die ernſten, feierlichen Zuͤge ſeiner Braut blickte, deren ge⸗ ſenkte Augen ſeinen Blicken nicht begegneten.„Sag' mir,“ fuhr die Koͤnigin fort:„hoͤrteſt du nie von Mont⸗ roſe vor dieſer Zeit?“ Eine ſchnelle Roͤthe belebte das blaſſe Geſicht der ſchoͤnen Braut.—„Ja,“ ſagte ſie leiſe—„mehrere Mal! Montroſe kennt fremde Laͤnder, wie Ihr wißt— ich hoͤrte in Frankreich und Italien von ihm— doch vor Allem half ſein groͤßter Feind ſein Bild in meinem Her⸗ 237 zen zu vervollſtändigen— Argyle ſchilderte den Nach⸗ theil, den Montroſe's Abfall vom Koͤnig der Sache gethan— und ſein Tadel ſchilderte ihn als einen Mann, wie ich ihn bis dahin nicht gefunden. Stumm und er⸗ ſtaunt, horchte ich, wenn Argyle ſein Bild entwarf— ich ſah wohl ein, wie nachtheilig es werden mußte, ihn zu den Gegnern zählen zu muͤſſen, aber ich fuͤhlte, daß er auf jedem Punkt der Welt ein Mann bleiben mußte, dem zu vertrauen war!“ „Gluͤcklicher,“ ſagte die Königin—„genieße denn dein Gluͤck! ihr Beide werdet weder das Vertrauen, was ihr euch jetzt beweiſt, noch die Liebe, die ihr fuͤhlt, an einander verrathen— was das Schickſal thut, das be⸗ ſtimmt heute Keiner von uns— und wer iſt geſichert, wer bleibt es— aber an eure Treue will ich glauben, denn was du erfahren, iſt mein Schickſal! Von Karl hatte ich gehoͤrt und ihn bewundert und verehrt— und als ich ihn ſah, liebte ich ihn nicht minder vom erſten Augenblick an— und die Liebe, die er theilte, hat uns nicht belogen!— O moͤchte in Nichts dein Schickſal ſonſt dem Meinigen gleichen,“ rief ſie auf ſich zuruͤck⸗ kommend und weckte mit dieſem Ausruf die ganze ſchreckliche Erinnerung an ihre Leiden. In dieſem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr und der Koͤnig trat ein, als habe der Inſtinkt der Liebe ihm 238 geſagt, daß das Weib ſeines Herzens einem neuen Schmerzesausbruch unterliegen werde. Die Koͤnigin erhob ſich ſogleich, trotz ihrer Schwache, obwohl mit Anſtrengung, und ſuchte ihrem Gemahl ent⸗ gegen zu gehen. Einen Augenblick ruhte ſie an ſeiner Bruſt, als ſie aber aus einem Geräuſch aufmerkſam darauf wurde, daß Montroſe und Urica ſich zu entfernen, fur ſchicklich hielten, wandte ſie ſich in Karl's Armen und ſagte:„Bleibt! bleibt und kommt naͤher! Sieh' Karl,“ ſagte ſie mit bezaubernder Guͤte—„wie ſie ſich lieben! Montroſe iſt es gelungen— Urica wird kuͤnftig deine Unterthanin ſein!“ „Wie,“ ſagte der Koͤnig uͤberraſcht—„ſo ſchnelle Seit geſtern?“ „O Farl,“ ſagte die Koͤnigin—„du wirſt ſie doch nicht um das ſchelten, was wir ſelbſt thaten? Sag! haͤtteſt du mich gern nach Frankreich zuruͤck geſchickt, als ich an Englands Ufern von dir empfangen wurde? Bedurften wir mehr Zeit als dieſe?“ Beide blickten ſich an und es trat ein glucklicher Au⸗ genblick der Selbſtvergeſſenheit ein.„O wer hätte mir geſagt,“ fuhr die Konigin endlich mit Schmerzenstönen auf—„daß ich auf dieſem Wege dereinſt mit Gewalt gezwungen werden wuͤrde zuruͤck zu kehren!“ „Henriette,“ ſagte der Koͤnig mit dem zärtlichſten 239 Ton des Vorwurfs— die Koͤnigin barg ſchaudernd ihr Haupt an ſeine Bruſt. „Verzeiht, Montroſe,“ ſagte der Koͤnig, bemuͤht, ſeine Faſſung zu erhalten—„daß mein Gluͤckwunſch ſo lang ausblieb— und ihr Graͤfin von Caſambort— ich wuͤßte wenig Frauen, die ich mit ſolchem Stolze zu meinen Unterthanen zählen wuͤrde— Gott gebe euch ungetrubtes Gluͤck!“ „Und wir, Karl,“ ſagte die Königin ſanft—„wir werden ihnen, ſo lange wir noch beiſammen ſind, be⸗ huͤlflich ſein! Urica wird morgen vor meiner Abreiſe nach der Abendandacht in der Kapelle mit Montroſe einge⸗ ſegnet werden, wenn du deine Einwilligung dazu giebſt.“ „Die iſt in deinem Wunſche eingeſchloſſen, meine Liebe,“ entgegnete der Koͤnig—„und ich willige um ſo leichter ein, da ich ſo eben durch Hamilton die Mel⸗ dung erhalten habe, daß Argyle ohne Abſchied zu nehmen fuͤr gut gehalten hat abzureiſen; wie er vorgiebt— und Hamilton mir wiederholte— hielt er ſich als Abge⸗ ſandter durch euch, Montroſe, vielleicht auch durch mich ſelbſt beleidigt in ſeiner Freiheit und Wuͤrde, in ſeinem Leben bedroht und er iſt auf dem Wege nach Glasgow, wo die ſchottiſchen Covenants ſich verſammelt haben, um dort ſeine Rechtfertigung vorzubringen— und viel⸗ leicht auch, um euch gelegentlich anzuklagen. 240 „Dies war zu erwarten und es überraſcht mich nicht,“ ſagte Montroſe mit großer Ruhe.—„Doch zweifle ich fur jetzt noch nicht, durch meine perſonliche Erſcheinung den böſen Willen Argyle's zerſtoͤren zu koͤnnen, und ich bin doppelt glucklich, daß das edle Ver⸗ trauen meiner Braut jedes Hinderniß aus dem Wege räumt, da ſie entſchloſſen iſt, mir ſogleich zu folgen; ich werde in meiner jetzigen Stellung nichts verſäumt haben, wenn ich uͤber Caſtletown gehe, wo die Gräfin einwilligt, vorlaͤufig zu leben!“ „Wir werden ſorgen, daß eurer Entlaſſung nichts hinderlich werde,“ ſagte der Konig—„und indem ihr die Vollſtreckung der Forderungen bringt, um die euch eure Landsleute abſandten, ſcheint mir auch eure Recht⸗ fertigung leicht und Argyle's Rache unwirkſam.“ „Doch ſeid ſicher,“ ſagte die Koͤnigin—„und richtet euch darnach— Argyle wird auch um dieſer ſchonen Augen willen euer unverſohnlichſter Feind bleiben! Denn verbergen werdet ihr ihm grade nicht, daß ihr in wenigen Stunden erlangtet, warum Argyle Jahre lang vergeblich mit einer an Wahnſinn gren⸗ zenden Leidenſchaft geworben hat!“ „Er weiß es bereits,“ ſagte Montroſe.—„Er ſtorte dieſen Morgen die ſchoͤnſten Augenblicke unſerer Liebe!“ „Nun,“ ſagte der König—„dann iſt mir ſeine unverantwortlich wilde Aufregung, als er in dem Ge⸗ heimen Rath ſeinen Vortrag hielt, erklärt!“ Urica behielt Zeit zu der nothig werdenden Umge⸗ ſtaltung ihrer Angelegenheiten. Die Gräfin Comenes willigte ein, in dem Gefolge der Königin nach Holland zuruͤckzugehn, und die Angelegenheiten der Graäfin von Caſambort dort als Intendantin zu verwalten, bis die⸗ ſelbe zu einer Ueberſicht ihrer gegenwaͤrtigen Lage ge⸗ langt ſein werde, und zugleich durch die Beobachtung jeglicher ͤußeren Form der officiellen Anzeigen bei Hofe und bei den Verwandten der Gräfin, allen Geruͤchten vorzubeugen, welche durch die uͤbereilt geſchloſſene Ver⸗ bindung ſich verbreiten konnten. In dieſe Anordnun⸗ gen war die Sorge fuͤr Angela van der Nees und deren Mutter mit eingeſchloſſen und in einem Brief an Frau von Marſeeven, worin Urica bemuͤht war, dieſer ihrer theuerſten Verwandtin eine klare Anſicht ihrer gegen⸗ wärtigen Verhaͤltniſſe zu geben, empfahl ſie ihr, das Schickſal dieſer armen Weſen zu uͤberwachen und ſtellte ihr alle ihre Mittel dazu zur Verfuͤgung. Die Königin ſprach nur noch einzeln die Perſonen, welchen ſie irgend eine Pflicht fuͤr ihren zuruͤckbleibenden Gemahl aufzutragen hatte— ſie erlaubte aber, daß ſich der ganze Hof zur ſtummen Abſchiedsaudienz, wie es Jakob v. d. Nees. Jl. 16 Tod ſie nicht ſicherer, als dieſe Abreiſe trennen werde. 242 genannt wurde, beim Abendgottesdienſt in der Kapelle einfinden duͤrfte, um ſie noch einmal zu ſehen. Dies war in Wahrheit eine erſchuͤtternde Stunde, welche die verſchiedenſten Beziehungen gewann. Es war befohlen, daß Niemand die Koͤnigin an⸗ reden duͤrfe, aber die Kirche war ſo gedrängt voll, daß die Logen und Chorſtuͤhle nicht mehr die vornehmen Herrn und Damen des Hofes faſſen konnten, und ſie auf ihren Knien liegend, ſchluchzend und betend nur eine kleine Gaſſe ließen, zwiſchen der die Koͤnigin an der Seite ihres Gemahls, gefolgt von ihren Kindern und ihrem Reiſegefolge, endlich daher kam, um mit ihnen die Stuͤhle vor dem Altar einzunehmen. Alle richteten die von Thranen uberſtroͤmenden Augen auf die erhabene Dulderin, und Alle ſagten ſich, der Schmerz der verfloſſenen Stunden habe den Raub jahrelanger Leiden an ihrem Aeußeren vollbracht. Sie hatte jetzt keine Thränen mehr! Sie war ein Bild thranenloſer Ergebung, aber indem ſie ſich der Ge⸗ walt der Umſtaͤnde beugte, fehlte ihr doch die Erhebung der Ueberzeugung, daß ſie zugleich das Beſte thun ſollte, und vor Allem war ihrem Herzen keine Hoffnung auf eine gluͤckliche Wiedervereinigung mit ihrem Gemahl einzuflößen. Eine ahnende Stimme ſagte ihr, daß der 243 Der Erzbiſchof von York hielt ſelbſt die Abendandacht und ſegnete endlich die Königin mit erſchuͤtternden Worten zu ihrem großen Unternehmen ein und beendigte mit der Anſtimmung eines Pſalmes, in den die be⸗ wegten Zuhoͤrer und die Accorde der Orgel einfielen, den Gottesdienſt. Der Altar wurde dann etwas veraͤndert; es wurden zwei Kiſſen auf die Stufen gelegt und ſobald der Erz⸗ biſchof und die aſſiſtirenden Geiſtlichen ihre Plätze da⸗ hinter eingenommen, fuͤhrte der Marquis von Montroſe die Graͤfin von Caſambort vor den Koͤnig und die Koͤ⸗ nigin, welche beide die Kniebeugung des ſchönen Paares mit großer Huld verhinderten, worauf ſie zum Altar traten und der Erzbiſchof mit kurzer Feierlichkeit ihre eheliche Einſegung vollzog. Beide waren in der ernſteſten und erhabenſten Stim⸗ mung, Beide ohne allen Schmuck in Silberſtoff geklei⸗ det und nur durch ihre glaͤnzende Schoͤnheit ausgezeichnet — und es war kaum möglich ſie neben einander zu ſehen, ohne uͤberzeugt zu werden, die Natur habe ſie ſelbſt fur einander beſtimmt. Das erſtaunte, ironiſche, uͤbel⸗ wollende Gemurmel des Hofes uber dieſe ſchnelle Ver⸗ bindung erſtarb faſt vor der Gewalt des Eindrucks, der von Beiden ausging und eine Rechtfertigung in ſich zu ſchließen ſchien, von der ſich Niemand ganz unberührt 16* 244 fuhlte, und den Freunden und Wohlwollenden die Be⸗ herrſchung der Meinung wieder zuwandte. Wie Urica ſich als die eingeſegnete Gattin Mont⸗ roſe's von ihren Knien erhob, warf ſie ſich mit ſolcher Heftigkeit vor der Königin hin, daß ihre Stirn einen Augenblick derep Fuß beruͤhrte. Die Königin aber war durch nichts mehr zu er⸗ ſchuͤttern— ſie hob Urica vom Boden auf, kuͤßte mit ihren blaſſen, kalten Lippen ſtumm ihre gluͤhende Stirn — reichte Montroſe die Hand zum Kuſſe, gab ihrem Gemahl einige Secunden Zeit, Beide zu entlaſſen und wandelte dann ſtill mit geſenkten Augen durch die jetzt laut weinende Menge, und hatte fuͤr Niemand mehr einen Blick, eine Bewegung, obwohl ſie fuͤhlte, daß ihr Kleid oft ihren Schritt aufhielt, weil es von Jedem, der es erreichen konnte, mit Thränen und Kuͤſſen bedeckt wurde. In ihrem Gedenkbuch fand man lange nachher uͤber dieſe Stunden verzeichnet:„Vergebe der Allbarmherzige „Gott meinem gebrochenen Herzen die Gefuͤhle, die un⸗ „uberwindlich trotz Altar, Gebet und dem Segen des „Erzbiſchofs mit bitterm Widerwillen gegen Alle, welche „mir ihre Theilnahme ausdruͤcken wollten, mich er⸗ „fuͤllten.— Ihre Schwäche, Untreue und Eigennuͤtzg⸗ keit waren Flecken, die ihre Thränen nicht abwaſchen 245 „konnten, und nicht ein Gefuͤhl der Ruͤhrung, der „Milde oder der Verzeihung bezwang die erſtarrende „Kaͤlte, von der ich mich gelähmt fuͤhlte, und es war „mir, als muͤßte ich ſie ſchon jetzt um neue Verſchul⸗ „dungen haſſen, welche die Zukunft noch vor uns Allen „verhuͤllte und welche ich ihnen mit der richtigen Vor⸗ „ahnung ihrer ſpäteren Verbrechen ſchon jetzt bezahlte!“ Urica blieb im ſtummen Gebet neben Montroſe auf ihren Knien liegen, bis alle Andern die Kapelle verlaſſen hatten— und in dem Gebet dieſer beiden vereinten Liebenden, ſtieg doch kein Gedanke an das eigene ſo ſchnell erlangte Gluͤck herauf— ihre Bitten um Schutz und Huͤlfe drangen in uneigennütziger Hingebung fuͤr das Schickſal der ungluͤcklichen Koͤnigin zum Himmel. Als ſie ſich endlich erhoben, ſahen ſie, daß die Nacht herein gebrochen war und Montroſe fuͤhrte Urica vor die kleine Seitenthuͤr, welche durch einen Laubweg des Gartens mit ihren Zimmern zuſammenhing. Die Sterne bedeckten den dunklen Himmel, die duftendſte Fruͤhlingsnacht goß ihren Balſam uͤber ſie aus! Beide blieben uͤberwältigt ſtehen— als ſie ſich endlich anblickten, erfaßte ſie das Gefuͤhl des großen Gluͤckes, was ſie fuͤhlten in einander erlangt zu haben, und ein erhabenes Entzuͤcken verklärte Beider Blicke— und Urica ſank an Montroſe's Bruſt— und ſie hatten 246 keine Worte, als ihren Namen! Dann gingen Beide vereint nach den Zimmern, wo Urica und Montroſe ſich auf kurze Zeit trennten, um ihre Reiſekleider anzulegen, denn die Nacht ſollte Urica noch ihrer neuen Heimat entgegen tragen. Der Abſchied von der Gräfin Comenes erſchuͤtterte Urica weniger, als ſie gefuͤrchtet; er war uͤbereilt, da die alte Dame zu dem Gefolge der Königin ge⸗ hoͤrte, mit dem ſie genothigt war, ſogleich voranzuge⸗ hen, weil die Koͤnigin noch in derſelben Nacht mit ihren Kindern und in einer kleinen Begleitung nachzufolgen wuͤnſchte. Montroſe hatte Urica's Wunſch, einen Theil der Reiſe zu Pferde an ſeiner Seite zu machen, mit Entzuk⸗ ken erfullt und die ſchwerfalligen Kutſchen und Pack⸗ wagen waren Tages vorher voran gegangen. Sie ſoll⸗ ten mit den Courieren, die Montroſe abgeſendet hatte, ihre Ankunft anzuzeigen, der jungen Herrin alle gewohn⸗ ten Bequemlichkeiten vorbereiten helfen. Zwiſchen hohen Bergketten ſenkte ſich der Weg der Reiſenden endlich und zeigte ein reizendes Plateau, wel⸗ ches ſeinen geſegneten Boden durch den Anbau von Doͤr⸗ 247 fern, einzelnen ſtattlicheren Pacht- und Meierhoͤfen und kleinen grauen Kirchthuͤrmen verrieth, welche aus ihren nie fehlenden Laubumgebungen hervorſahen. Gegen⸗ uͤber war dies Tableau von einem bewachſenen Mittel⸗ gebirge begrenzt, woruͤber die ſchönen ſchrofferen Ge⸗ birgslinien des Hochgebirges aufſtiegen und gegen den klaren Himmel wie Wolken gelagert waren. Nachdem der Weg ſich durch Wieſen und Laubwälder maleriſch geſenkt hatte, nahm die Gegend einen ernſteren Charak⸗ ter an, und die Kultur hatte den verſchwenderiſchen Mit⸗ teln, welche die Natur bot, das Gepräge eines ariſto⸗ kratiſchen Willens aufgenöthigt. Ein herrlicher Wald von Eichen und Buchen war mit breiten Wegen, Ruhe⸗ ſiten und kleinen Anſiedlungen der zahlloſen Dienſtleute eine Vorbereitung zu den großen Eingangsthuͤrmen, welche die Gitter des mächtigen Parkthores beſchirmten. So wie man ſie hinter ſich hatte, ſah man einen Augen⸗ blick aus einem Meere von Laubkronen das alte weit⸗ laͤufige Schloß ſich erheben, welches wie von grauem Marmor mit zwei mächtigen Thuͤrmen ſich uͤber die Landſchaft erhob. Dann verbarg eine Allee uralter Ahornbaͤume, welche die Reiter aufnahm, die weitere Ausſicht— bis dieſe endlich ſich theilte und nun einen gelichteten Punct des Parks zeigte, von wo aus mit einem Male die ganze großartige Anlage des prachtvol⸗ 248 len Baues vor Uricas uͤberraſchten Blicken ausgebrei⸗ tet lag. Obwohl das Schloß auf zwei Terraſſen erhoͤht lag, uͤberragte es doch der Wald, der es nordoͤſtlich einſchloß, und zu ſeinen ſchonſten Parkanlagen benutzt war, weil derſelbe an einer Hügelreihe langſam hinaufſtieg. Ge⸗ gen Suͤden erweiterte ſich das Thal und das Schloß lag an dieſer Seite an einem ſteilen Felſenabhang, der die romantiſche Wildniß eines Waſſerfalls zeigte, der dann durch einen tiefen Thalgrund ſich ſturzend, bis zu einem lieblichen See fuͤhrte, deſſen heller Spiegel durch das ſchimmernde Grun glänzte. Vor dem Schloſſe zeigte ſich die breite gemauerte Anfahrt mit Gartenanlagen, worin Marmor und Sta⸗ tuen wechſelten bis zu den breiten Treppen, welche zu den Terraſſen führten, worauf das Schloß lag. Das Gebaͤude ſelbſt war aus verſchiedenen Zeiten herſtammend und der mittlere Theil, der jetzt die beiden Thuͤrme verband, war der neuere Theil. Montroſe und Urica hatten in gleicher Empfindung jede Empfangsfeierlichkeit ihrer Unterthanen verbeten, und ſo fanden ſie bloß die zahlreiche Dienerſchaft des Schloſſes in ihrem höchſten Staate auf den Terraſſen aufgeſtellt, und dieſen alten und jungen Dienern ſah man die große Liebe zu ihrem Herrn an, und die Freude, ihn 249 an der Seite einer ſo ſchoͤnen und hochgeborenen Gattin in die alten Raͤume des Familienſitzes einziehen zu ſehen. Urica verſtand in dem neuen Gluͤcke ihres Herzens jeden Einzelnen; ſie errieth jedes Gefuhl, und vielleicht war ſie nie ſchoͤner, als da ſich dieſe ſanfte Liebeswarme zu dem königlichen Weſen ihrer angeborenen Natur hinzufuͤgte. Ihr glänzendes Gefolge, ihr reiches Gepäck, hatte den beobachtenden Dienſtleuten ſchon eine ehrerbietige Stimmung gegen ihre neue Herrin eingeflößt; jetzt be⸗ fahl Urica noch ihrem Haushofmeiſter eine große Summe unter dieſelben zu vertheilen, und haͤndigte dem alten Pfarrer, welcher ſich zur Bewillkommnung einfand, für die Armen und Kranken der zahlreichen Gemeinde eine eben ſo bedeutende Summe ein. In der großen und ſchönen Halle, welche ſich nach den Terraſſen oͤffnete, fanden die Neuvermaͤhlten einige von den Nachbaren des Marquis von Montroſe, und Urica hatte die Freude zu hören, wie belebt von Beſitzun⸗ gen befreundeter Edelleute dieſe herrliche Landſchaft war. Uricas Zimmer lagen nach dem romantiſchen Klip⸗ pengrunde, uͤber deſſen mooſiges Geſtein die Kunſt das uppige Waſſer des Bergſturzes geleitet hatte. Aus ihrem Zimmer trat ſie auf eine Platform, woran hun⸗ ð 250 dertjährige Föhren, aus dem Thale aufſteigend, eine ſcͤtzende Wand bildeten, während junge Buchen an dem ſanft plaͤtſchernden Waſſer nickten und an den Vorſprung, welchen der maͤchtige Suͤdthurm bildete, ein paar rieſige Eichen ihre ſchoͤnen, ſäulenartigen Stämme lehnten. Das Innere des Schloſſes zeigte die furſtlichen An⸗ ſpruͤche, welche die Beſitzer zu allen Zeiten gemacht hat⸗ ten, und der Luxus aller Laͤnder war in den wohl erhal⸗ tenen Raͤumen verbreitet. Der Reſt des Tages bot Zeit zu der angenehmen Unterhaltung, die Kunſtſchätze und Familien⸗ Reliquien zu betrachten, welche ſich hier vereinigt fanden, und Urica hörte es nicht ungern, daß die erſte Gemahlin Mont⸗ roſes nie dies Schloß betreten, ſie die wenigen Jahre, welche dieſe Konvenienz-Ehe gedauert, nie ihre Eltern verlaſſen habe, und Urica nun in die Rechte, in die Zim⸗ mer ſogar der Mutter ihres Gemahls eingetreten war, von keiner Erinnerung an die dazwiſchen regierende Herrin getruͤbt. Jenſeits der Halle, nach dem waldigen Theile des Parks, lagen die Zimmer von Montroſe, und es gab nichts einladenderes zum Nachdenken und zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien oder den Traͤumen der Poeſie, als die koſtbare Bibliothek, welche in dieſe grunen Schatten „ hinaus ſah, an das Kabinet des Marquis ſtieß und ihm im Voraus die Naͤhe ſeiner ſchoͤnen Gemahlin zu ſichern ſchien. Dagegen hob Urica die Schönheit ihrer Zimmer ſcherzend hervor— die herrlichen Gemälde, welche den Hauptſaal einnahmen, die heimlichen kleinen Zimmer, wo muſikaliſche Inſtrumente, eine erleſene Handbiblio⸗ thek und eine mit Kunſtwerken erſten Ranges gezierte Betkapelle, die an ihr Wohnzimmer ſtieß, den Zim⸗ mern ihres Gemahls den Vorrang ſtreitig zu machen ſchienen. Aus den oberen Zimmern des Schloſſes, welche von den Großeltern des jetzigen Beſitzers bewohnt worden, 5 hatte man den weiteſten Blick uͤber die herrliche, in man⸗ nigfachem Wechſel ſich zeigende Landſchaft, aus der einige von den bedeutenderen Nachbarſchlöſſern ſich charakteri⸗ ſtiſch erhoben. Mit welcher Ehrfurcht betrachteten Beide dieſe wohl⸗ erhaltenen Einrichtungen, welche in ihrer Eigenthuͤm⸗ lichkeit das ganze Leben einer langſt zu Staub geworde⸗ nen Generation aufbewahrt hatten und den jungen Nachkommen, welche ſo eben auf demſelben Boden ein neues Leben zu beginnen vorhatten, eine ſtille, ernſte Er⸗ mahnung an die haͤuslichen Tugenden zu enthalten ſchien, wodurch ſie der Seegen fuͤr ihre Unterthanen ge⸗ weſen, ſich ſelbſt das hausliche Gluͤck bewahrt und den — 252 großen Anſpruchen ihres Ranges und Reichthums eine Achtung gebietende Berechtigung beigelegt hatten. Als beide Gatten nach der Abendtafel ihre Gaͤſte entlaſſen und aus der Halle auf die große Hauptterraſſe hinaus traten, empfing ſie der hellſte Mondſchein, der den freien Blick von dieſem mäßig erhobenen Stand⸗ punkt in das reizende Thal zuließ, welches hinter den Gehegen des Parks ausgebreitet lag, und jetzt erloͤſt von der Unruhe der Reiſe und dem ſie umgebenden Ge⸗ folge ruhte Beider Gefuͤhl in der Sicherheit des er⸗ reichten Zieles aus, und Beide ſehnten ſich, die ſchnelle Umwandlung ihres Lebens und all' die daran geknuͤpf⸗ ten erſchuͤtternden Ereigniſſe zu beſprechen. Es war ſelbſt dieſen klaren ſtarken Geiſtern nicht zu verdenken, daß ſie auf ihr Verhaltniß wie auf einen Traum, wie auf ein faſt mährchenhaftes Gluck blick⸗ ten, und es konnte im Gefuͤhl ihrer Liebe, welche Beide ſich geſtanden, zuerſt kennen gelernt zu haben, nicht fehlen, daß ſie trotz dieſem raſchen Verlauf ihrer Pandlungen eine Sicherheit in einander fuͤhlten, welche ihren ſchoͤnen grofartigen Charakteren die entzuͤckendſte Begeiſterung einflößte. Hochherzig und ohne in weibliche Verzagtheit zu ge⸗ rathen, hoͤrte Urica von ihrem Gatten die großen und ſchweren Pflichten entwickeln, welche ihm vorlaͤufig noch 253 eine ſorgenvolle Zukunft verhießen, da er der Kriſis, die uber ſeinem Vaterlande ſchwebte, nicht unthaͤtig zuſe⸗ hen konnte noch wollte. Auch jetzt mußte er ſie am an⸗ dern Tage ſchon verlaſſen, um in Glasgow die Depe⸗ ſchen des Koͤnigs zu uͤbergeben und wo moͤglich dem böſen Willen Argyle's entgegen zu wirken. Aber er hoffte auch alsdann einige Wochen der Ruhe fuͤr ſie zu haben, da er die nächſten Beſtimmungen fuͤr das von ihm gebildete und befehligte Armee-Corps noch nicht uͤberſehen konnte und er feſt entſchloſſen blieb, durch eine vom König genehmigte Korreſpondenz Alles an⸗ zuwenden, um ihn zu raſchen entſcheidenden Kriegs⸗ operationen gegen England zu bewegen, wobei er noch immer hoffte, ſein Armee⸗Corps mit Bewilligung der Covenants als Huͤlfe der königlichen Truppen benutzen zu koͤnnen; ja es machten ſich Aeußerungen Luft, welche darauf hinwieſen, wie er dieſe Huͤlfe nach den eben er⸗ langten Zugeſtändniſſen des Königs, als eine heilige Pflicht anſah, die dem muthigen und entſchloſſenen Manne vielleicht anrathen konnte, dieſe Pflicht auch ge⸗ gen den Willen ſeiner Landsleute und im Vertrauen, daß dereinſt ihre beſſere Ueberzeugung nachkommen werde, auszufuͤhren. Dies waren verſtändliche Anſichten fuͤr Urica— und Dank den fruͤheren Beſtrebungen Argyle's— er fand 254 zu ſeiner Ueberraſchung ſeine junge Gemahlin viel beſ⸗ ſer in den politiſchen Zuſtand ſeines Vaterlandes einge⸗ weiht, als er jemals bei einer ſeiner Landsmänninnen angetroffen. So kam es, daß ſie ſich wie Freunde ver⸗ banden, den Anforderungen ihrer großen und verhaͤng⸗ nißvollen Zeit mit all ihren geiſtigen und materiellen Mitteln Stand zu halten, und von ſelbſt ſchien es ſich ihnen aufzunöthigen, daß ihre Jugend leicht in Opfern, Stuͤrmen und Leiden voruͤber ziehen könne— und lä⸗ chelnd blickten ſich die jugendlichen Gatten in die ſcho⸗ nen Geſichter und prophezeiten ſich nur die Ruhe des haͤuslichen Beſitzes, wenn das Alter Ihnen vielleicht ſchon den Reiz der Jugend genommen. Trotz der ſtarken Willenskraft Urica's fühlte ſie ſich doch am andern Tage nach Montroſe's Abreiſe von einem ſchauerlichen Gefuhl der Einſamkeit erfullt, und gab dem Beduͤrfniß der ungeſtoͤrten Ruhe um ſo mehr nach, da ſie ſeit der maͤchtigen Umgeſtaltung ihres Le⸗ bens kaum Zeit gefunden hatte, mit ſich ſelbſt allein zu ſein. Dies blieb bei ihrem geſaßten Charakter nicht ohne Erfolg, und am Morgen des andern Tages brachte ſie ihren neuen Pflichten ein ruhiges und klares Bewußt⸗ ſein entgegen. Sie lernte nun alle Dienſtleute des Schloſſes ken⸗ ————— 255 nen und fuͤhlte ſich im Kreiſe ſo anſtändiger, pflicht⸗ getreuer und lang bewährter Diener nicht mehr verlaſ— ſen, und nachdem ſie mit dem alten Sir Crafton, dem Intendanten des Hauſes, und ſeiner eben ſo alten und ehrwuͤrdigen Gattin, welche ihm bei Verwaltung der Angelegenheiten behuͤlflich war, ſich berathen hatte, wurden ihre eigenen Leute mit Umſicht unter die uͤbri⸗ gen Domeſtiken vertheilt, um Jeden in ſeinen Rechten zu ſchonen. Ihr nachſtes Geſchaͤft war alsdann, fur die Ankunft von Montroſe's Kindern die geeignete Wohnung auszu⸗ wählen und einzurichten, und es machte ihr beſonderes Vergnuͤgen, fur dieſe in ihre Sorgfalt uͤbergehenden Weſen eine muͤtterliche Liebe zu entwickeln. Die Groͤße des Schloſſes und die doppelte Zimmerreihe, die jeder Theil einſchloß, machte es leicht, die Wohnung dieſer jungen Kinder und ihrer Wärterinnen ganz in die Naͤhe ihrer eignen Gemacher zu legen und ihr dadurch eine muͤtterliche Aufſicht zu erleichtern. Auf Montroſe's Wunſch empfing ſie ſpaͤter den Adel der Grafſchaft, welcher von ihrer Anweſenheit un⸗ terrichtet worden war, und erwiderte durch Gegenbeſuche und gelegentliche Einladungen dieſe Höflichkeiten. Mit vielem Takt aber wußte ſie bei ſolchen Gelegenheiten Sir Crafton und ſeine Gattin, welche in hoher Ach⸗ 256 tung in der Nachbarſchaft ſtanden, an ihre Perſon zu feſſeln, und ihre gewohnliche Tafel zeigte immer dieſe beiden ehrwuͤrdigen Geſtalten, wozu der alte gelehrte Kaplan des Kirchſpiels, der Erzieher Montroſe's, ein ſtets willkommener Gaſt war. Nachrichten aus Glasgow von Montroſe, die alle guͤnſtig lauteten, wenn auch die Ankunft ſich verzo⸗ gerte, trugen dazu bei, Urica's Herz zu erheitern, und ſie fuͤhlte eine Jugend und Heiterkeit, einen Lebens⸗ muth in ſich erwachen, daß es der vierundzwanzigjähri⸗ gen Gattin ſchien, ſie waͤre fruͤher alt geweſen, jetzt erſt beginne ihre Jugend— der Genuß des Daſeins. Montroſe war dagegen unruhig und unzufrieden uͤber dieſe ſich immer aufs Neue als nothwendig zeigende Trennung von Urica, und es bekuͤmmerte ihn, daß auch ſeine Kinder, welche er ihr indeſſen als Erſatz gehofft hatte zuzufuͤhren, noch nicht eintrafen; er ſchickte Bo⸗ ten uͤber Boten zu ſeiner alten finſtern Schwiegermut⸗ ter, mit der Bitte, ſeine Kinder der väterlichen Hei⸗ mat zuruͤckzugeben, ohne auch nur die kleinſte Ant⸗ wort darauf erreichen zu koͤnnen, ſo daß er faſt zwei⸗ felte, auf gewoͤhnlichem Wege ſein Eigenthum wieder zu erlangen. So waren vier Wochen vergangen und Urica hatte ebenfalls ſich an den Gedanken zu gewoͤhnen geſucht, — 257 daß die alte ſtolze Lady Southhesk die Kinder ihrer Toch⸗ ter mit eiferſuͤchtiger Abneigung gegen jeden fremden Einfluß an ſich zu feſſeln ſuchen werde; da ward ihr eines Tages von Sir Crafton die Meldung gemacht, daß man in der Ferne einen Reiſezug beobachte, wel⸗ cher ſich in einer ſchweren Karoſſe von reitenden Dienern begleitet, dem Schloſſe nahe. Freudig bewegt von der Hoffnung, nun Montroſe's Kinder ſich nähernd zu wiſſen, unterbrach Urica den Be⸗ richt an deren Vater, mit dem ſie ſich eben beſchaͤftigte, und als man ihr meldete, daß der Wagen vorgefahren, eilte ſie mit freudeſtrahlendem Angeſicht an ihrer feierlich aufgeſtellten Dienerſchaft voruͤber, um die Kinder, fuͤr welche ſie ſo zärtlich fuͤhlte, auf der Terraſſe zu em⸗ pfangen. Als ſie bis an den Rand vorgeeilt war, ſah ſie da⸗ gegen mit einiger Beklemmung dieſe Kinder, die ſie fuͤr Montroſe's hielt, an der Hand einer alten Dame die Stufen erſteigen, von der ihr Gefuͤhl ihr beim erſten Blick ſagte, ſie werde eine Feindin an ihr haben. „Es iſt die alte Gräfin von Southhesk,“ ſagte Mrs. Crafton— und in dem Tone, womit ſie ſprach, lag ebenfalls eine unangenehme Ueberraſchung. Urica, welche die Abſicht gehabt hatte, den Kindern entgegen zu gehen, blieb unwillkuͤrlich ſtehen— die At⸗ Jakob v. d. Nees. 1I. 17 258 moſphäre dieſer alten Dame war ſo hochmuͤthig, daß ſie augenblicklich Urica erreichte. Es war eine große wohl⸗ beleibte Geſtalt, ungebeugt vom Alter, mit einem ſtar⸗ ren vollen Geſicht, welches die tief eingegrabenen Linien der Verachtlichkeit von der Naſe bis zum geſenkten Munde zeigte; ſie hatte ein paar runde dunkle Augen, die in dieſem Augenblicke eine kalte, hochmuͤthige Ent⸗ ſchloſſenheit ausdruͤckten. Lange ſchwere Trauerkleider umhuͤllten ſie; das Bonnet umſchloß mit einer Flebbe das Geſicht, und der lange Schleier, der daran niederfiel, bedeckte faſt die ganze Geſtalt. An jeder Hand fuͤhrte ſie ein Kind— beide von Trauerkleidern unnatuͤrlich be⸗ ſchwert, der elfjahrige Knabe ſogar mit ſchwarzem De⸗ gen und Mantel, das zehnjährige Mädchen, im Kleinen, die treue Kopie des Coſtuͤmes der alten Lady. Hinter ihnen erſtiegen zwei Maͤnner in ſchwarzen Talaren die Treppe und Urica erkannte ſie ſogleich fur katholiſche Geiſtliche. Neben ihnen ging eine große hagere Dame, welche alt und haͤßlich war, in eben ſol⸗ cher Trauerkleidung, und dann folgten die Frauen der dienenden Klaſſe, endlich die Diener, Alle in tiefe Trauer gehuͤllt, welche ſeit dem Tode der Lady Montroſe in die⸗ ſem Hauſe nicht wieder aufgehoben worden war. Sir Crafton, der ihr bis an den Wagen entgegen gegangen, ging mit der alten ſtolzen Dame redend mit ——„ — 259 entbloößtem Kopfe neben ihr her, und es war unverkenn⸗ bar, daß ſie ihm abſichtlich Auge und Antheil zuwendete, um jede Aufmerkſamkeit von der harrenden Urica ab⸗ wenden zu können. Dies hatte jetzt ſein Ziel gefunden, denn die Ter⸗ raſſe war erreicht und Urica ging ihr nun einige Schritte entgegen.„Milady,“ ſagte ſie verbindlich—„erlaubt mir, indem ich euch als Großmutter dieſer Kinder zu er⸗ kennen glaube, daß ich euch in Abweſenheit des Mar⸗ quis von Montroſe willkommen heiße.“ Es war nicht möglich, zerſtreuter, gleichguͤltiger Je⸗ mand mit den Augen zu uberlaufen, als die Gräfin von Southhesk dies an Urica verſuchte— ohne ihr zu ant⸗ worten, ſagte ſie zu Sir Crafton:„Wer iſt dieſe Frau?“ Erſchrocken entgegnete der arme Intendant:„Euer Gnaden— ich bitte unterthänigſt— es iſt unſere gnaͤdige Herrin— die Gemahlin des Marquis von Montroſe!“ Sie nickte mit dem Kopfe und ſagte eben ſo gleich⸗ gultig:„Ich hörte von ſolcher Liebſchaft— ich glaube eine Auslaͤnderin?— Es iſt nicht fein von dem Wit⸗ wer der Gräfin von Southhesk— doch will ich ihn ſelbſt horen, ehe ich richte!— Es iſt gut,“ ſagte ſie zu Urica—„ich werde eure Gegenwart nicht annehmen, 17* 260 und damit werdet ihr zufrieden ſein!— Crafton! Es bleibt dabei— wir beziehen die Zimmer der Großeltern — verſteht mich— der Großeltern des Marquis von Montroſe— die Zimmer in dem oberen Stock des Hauſes, und ich werde euch nach einigen Stunden meine Befehle zukommen laſſen uͤber die Ordnung der Tafel und die Eintheilung unſerer Zeit. Auch muß ein Cou⸗ rier an den Marquis von Montroſe abgeſendet werden, der ihm meine Ankunft meldet— es iſt nicht ange⸗ nehm, an einem Orte einzutreffen, wo wir keine Wirthe finden.“ Nach dieſen Worten, welche die Beſtuͤrzung Aller vermehrte, da Urica Zeit gehabt hatte, ihre Rechte in dieſem Hauſe durch ihr ganzes Verhalten zu bekraͤftigen, verſuchte die Gräfin von Southhesk, ohne ſie weiter zu beachten, an ihr voruͤber nach dem Schloſſe zu gelangen. Sie fand ſich aber plotzlich aufgehalten, denn Urica's anfaͤngliches Erſtaunen konnte nicht verhindern, daß ſie zu ihrer vollen Faſſung zuruͤckkehrte in dem Gefuͤhl, daß ihre ganze Stellung hier unverantwortlich angegriffen ſei, und durch die kleinſte Nachgiebigkeit in der Mei⸗ nung aller ihrer Untergebenen bedroht werden koͤnne. „Milady,“ ſagte ſie daher, ihr den Weg vertretend und mit ihrer ganzen ſtolzen Haltung:„Ich mußte allerdings annehmen, daß ihr davon unterrichtet wart, W 261 daß ihr hier bei mir, der Gemahlin des Marquis von Montroſe, nur als Gaſt erſcheinen konntet— da es aber ſcheint, daß ein unbegreifliches Mißverſtändniß euch uber mein wahres Verhaͤltniß irre gefuͤhrt hat, waͤre es Unrecht, euch eure unbeſonnenen Vorurtheile fruͤher anzurechnen, ehe ich mich bemuͤhte, ſie euch zu beneh⸗ men!“ Vergeblich hatte ſich die zornige Frau, welche mit dem feſten Entſchluß gekommen war, eine neue Mar⸗ quiſe von Montroſe nicht anzuerkennen, und durch alle erdenkliche Kränkungen ſich fuͤr eine Verbindung, die ihr die groͤßte Beleidigung ſchien, zu rächen, während Urica's Rede bemuͤht, dieſe zu unterbrechen und deren kleine weiße Hand von ihrem Arm zu ſchuͤtteln— es lag aber in Urica's feſtem, ſtolzen und maͤßigen Weſen eine Gewalt, die ihr gegen ihren Willen zurief, daß ſie eine ihr an Rang und Ruf gleich ſtehende Gegnerin vor ſich habe, und ihre Bewegungen waren wie Wellen, die in ſich zuruͤck ſchlagen, ſie murmelte heftig und ihre Au⸗ gen rollten halb zornig, halb verlegen unruhig umher. „Ich glaubte nicht, in dem Hauſe meines Schwie⸗ gerſohnes einen ſo beleidigenden Empfang zu erleben,“ ſtieß ſie endlich, mit dem Verſuch, zu ihrem fruͤheren Hochmuth zuruͤckzukehren, heraus. „Milady,“ ſagte Urica noch immer mit feſter Stimme, welche jedes Wort Allen verſtändlich machte —„wenn ihr die Gnade gehabt hättet, mir euren Be⸗ ſuch ankuͤndigen zu laſſen, wuͤrde ich Befehle gegeben haben, euren Empfang ſo ehrenvoll vorzubereiten, als es die Großmutter dieſer Kinder zu erwarten hatte. Dies Verſäumniß koͤnnt ihr mich nicht entgelten laſſen, und ich hoffe, eure jetzige Stimmung wird es mir nicht wei⸗ ter erſchweren, euch all' die Hochachtung zu erweiſen, die ihr berechtigt ſeid, von der Herrin dieſes Hauſes, von der Gemahlin des Marquis von Montroſe und der Stiefmutter dieſer Kinder zu erwarten!“ Kaum hatte Urica dieſe letzten Worte ausgeſprochen, als beide Kinder in ein lautes Geſchrei und Weinen ausbrachen, und während der Knabe ſich in die Schleier der Großmutter verbarg, ſprang das kleine zehnjahrige Maädchen vor und ſchlug mit ihrem Fächer auf Urica's ſchoͤne Hand, indem ſie mit dem heftigſten Ausdruck des Haſſes ausrief:„Pfui! pfui! wir wollen keine ab⸗ ſcheuliche Stiefmutter— pfui! du biſt abſcheulich— haͤßlich— eine Ketzerin— und ſollſt uns niemals von unſerer lieben Großmutter trennen!“ Nach dieſer empoͤrenden Scene, welche Allen ein Ge⸗ murmel des Unwillens entlockte, ſchlug die Gräfin von Southhesk die Augen gen Himmel, zog beide ſchreiende Kinder an ihre Bruſt und rief in emphatiſcher Freude: 263 „O, meine Kinder! Eure Liebe wird die Wunde heilen, welche meinem Mutterherzen geſchlagen worden!“ Ueberwältigt von dem beleidigenden Verfahren rief Urica mit Schmerz:„Das alſo hat man in den Herzen dieſer Kinder gegen mich angeregt?“ Nach einer kurzen, lebhaften Beſprechung der beiden Kaplane und deren Begleiterin, bemaͤchtigte ſich die Letz⸗ tere mit einigen drohenden Worten der Kinder, welche dieſe ſogleich zum Schweigen brachten. Einige leiſe geſprochene Worte des aͤlteren Paters gegen Lady Southhesk bewirkten ebenfalls eine ſichtliche Umſtim⸗ mung bei derſelben, und Urica, welche dieſe letzte ſchmerz⸗ liche Täuſchung zu bekaͤmpfen trachtete, behielt immer im Auge, daß die Scene auf derſelben Stelle, wo ſie an⸗ gefangen, auch beendigt werden muͤſſe, und trat noch einmal mit großer Selbſtuͤberwindung naͤher, indem ſie ſagte„Wie auch die Herzensgeſinnungen eurer Herr— lichkeit gegen mich ſein mögen— als Frau von Stand und Rang werdet ihr gewiß meiner Meinung ſein, daß wir unſerer Dienerſchaft bereits ein unpaſſendes Schau⸗ ſpiel dieſer Mißverſtaͤndniſſe gaben, und ich biete euch, Milady, meinen Arm, um euch in das Schloß einzu⸗ fuͤhren.“ „Gewiß,“ ſagte der hinzutretende Pater—„werdet ihr, Milady von Montroſe, mit Nachſicht das gereizte 264 Gefuͤhl einer Mutter beurtheilen, welche nach dem Tode einer anbetungswuͤrdigen Tochter nur in dieſen Kindern lebte! Die Mißverſtäͤndniſſe werden hiermit beendigt ſein und das ſchöne Verhäaͤltniß der beiden Damen fuͤr die Zukunft nicht geſtort werden.“ Wie ein Kind unter der Ruthe des Zuchtmeiſters, die uber ihm ſchwebt, zuckt, mit dem heißeſten Verlan⸗ gen des Widerſtandes, ſo bebte der ganze Körper der ſtolzen Frau in ihrer heftigen Aufregung. Ihre Augen hoben ſich, von Urica abgewendet, gegen ihren Zucht⸗ meiſter auf und nieder, und es war eine ſo boͤſe Leiden⸗ ſchaft darin ausgedruͤckt, daß es der feſten entſchloſſenen Miene des Andern bedurfte, um ſie zu beherrſchen. Ihr Gegner ſchien aber kein Bedenken uͤber ſeine Verfah⸗ rungsart zu tragen, denn er ſagte jetzt, nur zu ihr ge⸗ wendet, kurz und abgebrochen:„Ihr werdet gewiß ein⸗ geſtehen, daß ich eben eure wahren Geſinnungen ausge⸗ ſprochen habe, und Milady von Montroſe wird erken⸗ nen, wie die edle Tugend der Mutterliebe ein Herz zu einiger Leidenſchaftlichkeit hinreißen kann, und dafuͤr doch Nachſicht erwarten darf!“ „Nachſicht!“ ſagte die alte Lady grollend— dann entwickelte ſich ein hoͤhniſches Laͤcheln um ihren Mund, und ihre boͤſen, feuerſpruͤhenden Augen plötzlich auf Urica heftend, ſagte ſie:„Darin habt ihr Recht, Ma⸗ 265 dame, daß ich hier ſchon zu lange in einer unpaſſenden Lage aufgehalten werde, und bis wir die Sachen unter uns auf den rechten Punkt gebracht, will ich euren Arm annehmen und mich in das Schloß begeben.“ Urica fuͤhlte den Arm dieſer Frau zentnerſchwer den ihrigen belaſten und mit ſtolzen, unruhigen Schritten ging ſie, kaum mit dem Kopfe nickend durch die Reihen der ſich ehrfurchtsvoll verneigenden Dienerſchaft, bis ſie die Halle, wo bereits die Abendtafel ſervirt war, erreicht hatte. Waͤhrend dieſes ſchweren Weges behielt Urica den⸗ noch ihre Geiſtesgegenwart, um ſich in ihren Rechten zu wahren. Sie rief den Sir Crafton an ihre Seite und ſagte ihm ſo laut, daß es Alle hoͤren konnten:„Ich wuͤnſche, daß ihr, Sir Crafton, die oberen Gemaͤcher des Schloſſes der Milady von Southhesk zur Auswahl ſtellt und jede Einrichtung trefft, welche die Herrſchaften zu ihrer Bequemlichkeit noͤthig haben werden. Auch erlaube ich, daß man die Einrichtung fuͤr dieſe Kinder, welche neben meinen Zimmern getroffen war, in die oberen Gemaͤcher, nach der Beſtimmung der Frau Gräfin für die Zeit ihrer Anweſenheit hierſelbſt ver⸗ legt!“ Während dieſer Worte zuckte der Arm der Graͤfin von Southhesk, wie von Nadelſtichen verwundet, heftig hin und her, und nur, daß der Kaplan ihren Arm viel⸗ leicht noch nachdruͤcklicher hielt, verhinderte einen neuen Ausbruch. Als ſie ſich aber in der Halle angekommen ſah, machte ſie ſich eilig von Urica's Arm los und ſagte: „Ich gruͤße euch, meine Dame— und werde den heuti⸗ gen Abend fur mich bleiben!“— Nach dieſen Worten eilte ſie, ſich der Ausgangthuͤr zu nähern. Urica fuͤhlte keine Neigung, ſich ihr weiter aufzu⸗ draͤngen, und blieb in der Halle ſtehen, um noch einen Augenblick Montroſe's Kinder zu betrachten. Aber trotz des ſichtlichſten Beſtrebens der alten Dame, welche ſie jetzt üͤbernommen hatte, gelang es ihr nicht, das kleine haͤßliche Mädchen zu der geringſten Nachgie⸗ bigkeit zu bringen. Sie hielt ſich die Augen mit einer Pand zu und ſchlug mit der andern nach Allem, was ihr nah kam, während ſie ein tuͤckiſches, giftiges Geſchrei ausſtieß. Den Knaben dagegen erfaßte der aͤltere Kaplan ſehr nachdruͤcklich, riß ihn aus den Kleidern der alten Dame, worin er ſich begraben hatte, heraus und ſchleppte ihn faſt vor Urica hin. Dieſe begann am ganzen Leibe zu zittern, Todten⸗ bläſſe lagerte ſich um ihre bluͤhende Wange und ſie mußte den Stuhl annehmen, den ihr Mrs. Crafton zuſchob. Der Knabe ſtand jetzt zitternd und bebend vor ihr 267 und Urica ſah ein ſchwaches, abgezehrtes aber unver⸗ kennbar ſchoͤnes Kind vor ſich, das trotz ſeiner Thränen einmal die Augen aufſchlug und hiermit ihre Schoͤnheit ahnen ließ, obwohl ſie in einem dunklen Mond von bläulich ſchwarzer Färbung lagen, welches die traurige Ueberzeugung eines kranken Korpers gab. Dieſer Knabe ſchien mehr aͤngſtlich und furchtſam, als tuͤckiſch und böſe, wie ſeine Schweſter: doch Urica unterbrach ſelbſt, indem ſie aufſtand, um ſich weg zu begeben, die traurige Scene, in welcher er uͤberredet werden ſollte, ihr die Hand zu geben, wozu er ſich bis zuletzt nicht uͤberwinden konnte. Schnell gruͤßend und ihre beſorgten Frauen zuruͤck⸗ winkend, eilte ſie in ihre Zimmer, und hier in dieſen kurz zuvor mit ſo zärtlichen Gefuͤhlen füͤr die Angekom⸗ menen verlaſſenen Raͤumen, ſank ſie, in einen Strom von Thränen ausbrechend, vor dem unbeendigten Brief nieder, in welchem ſie dem geliebten Gatten gehofft hatte, nur gluͤckliche Nachrichten mittheilen zu koͤnnen. Jetzt erſt fuͤhlte ſie, wie grauſam ſie von der erlebten Scene erſchuͤttert war, wie unbegreiflich es ihr noch immer ſchien, daß ſie, die hochgeehrte, vom Gluͤck wie von den ehrenvollſten Verhaͤltniſſen verwoͤhnte Frau, eine ſolche Beleidigung hatte erleben koͤnnen! Zuerſt fuͤhlte ſie ſich, mehr wie ihr recht und erlaubt ſchien, verlaſſen 268 und ohne Schutz— zuerſt ſehnte ſie ſich nach ihrem Vaterlande, wo ihre anerkannten, feſtſtehenden Ver⸗ haͤltniſſe uͤber jeden Zweifel, jedes Mißverſtändniß er⸗ haben waren. Sie mußte dies Alles um ſo mehr fuͤhlen, da wenn man Zweifel gegen ſie erheben wollte, ſie fuhlte, daß ihre raſche Handlungsweiſe, ihr uͤbereiltes Eingehn in ihr voͤllig fremde Verhaͤltniſſe, Vorwuͤrfe waren, die heimlich an ihrem Zartgefuͤhl nagten und nur ertraglich blieben, wo die Perſönlichkeit Montroſe's und die oͤffent⸗ liche Anerkennung des königlichen Paares alle Mißdeu⸗ tungen von ihr abgehalten hatten. Wie fehlte ihr die Gräfin Comenes, die immer drohend gegen jeden moͤglichen Angriff, gegen ſie zu Felde geruͤckt war. Mit dieſer Gegnerin ſelbſt zu kaͤmpfen, ſchien ihr eine Beleidigung ihrer Wuͤrde; immer mußte ſie ſich ſagen, die Graͤfin Comenes waͤre allein dazu paſſend geweſen, und bitter bereute ſie es, ſich von ihr getrennt zu haben und jetzt ſchutzlos ſolchen Beleidigungen allein gegenuͤber ſtehen zu muͤſſen. Es ſchien ihr zu Anfang, ſie duͤrfe nicht an einem Ort mit dieſer Frau bleiben— ſie muͤſſe abreiſen, um ſich unter Montroſe's Schutz zu begeben, und ſie hob eben die Feder auf, um ihm mitzutheilen, was vorge⸗ fallen war, und ihn um ſeinen Beiſtand zu bitten, als ſich plötzlich die Wellen ihres Innern legten und ſie nach 269 einem ruhigeren Nachdenken alle Plaͤne auf Montroſe's Einmiſchung aufgab, denn die Liebe gewann wieder uber die alte Urica— das ſtolze verwoͤhnte Weib— die Oberhand, und ſie dachte nur noch an den Schmerz, den er empfinden werde, wenn er erfahren muͤßte, wie verwahrloſt an Geiſt und Leib er ſeine Kinder, an denen er ſo vaterlich hing, finden werde. Noch einmal bedachte ſie alles Erlebte, und endlich beſchloß ſie großmuthig auszuhalten und zu verſuchen, was ſie Montroſe von ſeinem theuerſten Beſitzthum retten könnte. Urica's Nachdenken ward ſchmerzlich durch das widrigſte Kindergeſchrei unterbrochen, welches ſich uͤber ihr erhob und bei den geoͤffneten Fenſtern zu ihr drang. Sie konnte ſich nicht taͤuſchen, wenn ſie dies Ge⸗ ſchrei von einer anhaltenden koͤrperlichen Zuͤchtigung er⸗ regt hielt, denn ſie glaubte die Hiebe und die zornige Stimme erwachſener Perſonen zu unterſcheiden. Dies brachte in Urica eine Aufregung hervor, daß ſie haͤnde⸗ ringend ihr Zimmer durchmaß und ein Gefuͤhl von Zorn und Verzweiflung ſich ihrer bemächtigte, welches ſie faſt um ihre Beſinnung brachte. Mitleiden und Empörung wurden noch dadurch ver⸗ mehrt, daß Urica ſich zuerſt in einer unthaͤtigen und Ohn⸗ maͤchtigen Stellung befand, daß ſie in ihrem eigenen Hauſe dem Unrecht zuſehen mußte, ohne daß ihr Wille 270 und ihre Macht die geringſte Gewalt auszuuͤben ver⸗ ſprach. Dabei fuhlte ſie, wie ſie ſchon unter den beiden Kin⸗ dern entſchieden hatte; denn als ſie die flehende Stimme des Knaben unterſchied, war es ihr, als ſolle ihr das Herz brechen, und ſo kam es, daß ſie ſich lautweinend in die Arme der alten Mrs. Crafton warf, als dieſe ſchuͤch⸗ tern eintrat— und mit herzzerreißenden Toͤnen ausrief: „Wie retten wir ſie— was koͤnnen wir thun, um dieſe Ungeheuer zu zuͤgeln!“ Mrs. Crafton hatte richtig den Zuſtand ihrer jungen Gebieterin vorausgeſehen, da ſie das Geſchrei der Kinder ebenfalls gehoͤrt.„Ja,“ ſagte ſie ſanft—„darum kam ich zu Euer Gnaden, denn das emport das Herz, und ich moͤchte glauben, die Lady von Southhesk weiß auch nichts davon, denn ſie iſt in der Kapelle mit den Geiſtlichen und dieſe liegt auf dem andern Fluͤgel, wenn Euer Gnaden ſich erinnern wollen, uͤber der Bibliothek — die fromme, proteſtantiſche Kapelle der lieben Frau Großmutter, die ſchnell durch eine ganze Kiſte voll Kirchen⸗ geräth zum katholiſchen Heidendienſt umgewandelt iſt.“ „Aber was iſt da zu thun?“ rief Urica—„Wer ſind dieſe Zuchtmeiſter und was fur ein Plan liegt hier zum Grunde, wenn es nicht die falſche Erziehungs⸗ methode einer boshaften Gouvernante iſt?“ 271 „Nein! nein,“ ſagte die alte Dame eifrig—„das iſt keine Gouvernante, das iſt eine Lady Huntley, die unvermaͤhlte Schweſter der alten Gräfin! Glaubt nur, wenn ſie gewußt häͤtte, daß eure Zimmer hier unten liegen, das hätten wir heute Abend nicht gehört— und geben Euer Gnaden Acht— morgen wird ſie es wiſ⸗ ſen, und dann werden wir es nicht wieder hoͤren.“ „Aber ich bitte euch, ſprecht nicht ſo geheimnißvoll — ſagt mir, was ihr davon haltet— wir werden doch Mittel und Wege finden, einzuſchreiten?“ „Ach!“ ſagte die Alte traurig—„ſein Euer Gna⸗ den vorſichtig; die Frau Gräfin von Southhesk iſt es nicht allein; die ſie umgeben, helfen ihr in allen Be⸗ ziehungen. Wie man mir erzählt hat, ſind das kluge und boͤſe Menſchen, die ſie regieren und die nur ein Ziel haben— die fanatiſchen Zwecke ihrer Kirche! Ver⸗ geblich haben ſie verſucht, unſern gnädigen Herrn durch ſeine erſte Gemahlin ihrer Kirche einzuverleiben; ſo wie ihr Unvermoͤgen bei ihm entſchieden war, haben ſie die Kinder in's Auge gefaßt— und Euer Gnaden können leicht denken, wie ſie die Nachricht ſeiner zweiten Ver⸗ maͤhlung mit einer Dame aus dem bekannten Ketzer⸗ lande aufnehmen mußten.“ „O mein Gott!“ rief Urica im ſchoͤnen Eifer— „da du mich auf dieſen traurigen Boden verſetzt haſt, ſo 272 gieb mir auch Kraft, nicht feige vor den Schwierigkei⸗ ten, die ich finde, zuruͤck zu weichen, damit ich dieſen armen verfolgten Kindern, ſelbſt gegen ihren Willen ein muͤtterlicher Schutz werde.“ Mit dieſen frommen kräftigenden Worten fuͤhlte Urica Stille und Faſſung zuruͤckkehren. Zur ſelben Zeit legte ſich auch uͤber ihr das qualvolle Angſtgeſchrei, und Urica bat die alte Dame, ihren Gemahl und den alten Kaplan zu ihr einzuladen, um in ihrem Zimmer eine kleine Erfriſchung fuͤr die Nacht einzunehmen. Sir Crafton erſchien auch bald darauf mit ſeiner Gattin und dem alten Pfarrer, und die große Aufre⸗ gung des Erſteren, der Anflug von Verlegenheit und Beſchämung, den er vor Urica nicht bewaͤltigen konnte, zeigte hinlaͤnglich, wie tief er die Beleidigung empfun⸗ den hatte, die ihr zu Theil geworden war. Als die Bedienten ſich zuruͤckgezogen hatten und ungeſtörte Ruhe eingetreten war, bat Urica den Sir Crafton, ihr zu ſagen, was er von den Verhältniſſen der armen Kinder wiſſe, und ſeine Meinung auszuſpre⸗ chen uͤber die Schritte, welche ihr bis zur Ankunft des Marquis zu thun uͤbrig blieben. „Frau Marquiſe,“ ſagte er—„hier iſt es auf einen Kampf abgeſehen, aber man hat das Lager nicht mehr zu vertheidigen gewußt, und ſie ſind ausgeruͤckt, um den Feind zu recognosciren“, mit einem Lächeln, welches das militäriſche Gleichniß ihm ſelbſt und den Damen abnothigte, fuhr er fort:„Erlauben mir Euer Gnaden in dem Gleichniß fortzufahren. Wir konnen nur Kenntniß ihrer Abſichten und Kräfte erlangen, wenn wir ſie ihre Manövres ruhig um uns her machen laſ⸗ ſen, als merkten wir ſie nicht; nur ſo werden wir moͤg⸗ licher Weiſe hinter ihre Plaͤne und Kräfte kommen. Treten wir ihnen gleich entgegen, oder machen Euer Gnaden Rechte geltend, ſo werden wir gefaßte Gegner finden, die darauf vorbereitet ſind, hier alle Mittel ſpie⸗ len zu laſſen, die ihnen den Zweck ſichern, und darin werden ſie immer ſtaͤrker ſein und uͤberlegener, denn ihr alter Spruch, der einen Grundpfeiler ihrer Hand⸗ lungen ausmacht, iſt: daß der Zweck die Mittel heilige.“ „Aber der Zweck— der Zweck“ ſagte Urica, ſich zum Pfarrer wendend—„was können ſie fuͤr einen neuen Zweck zu erreichen ſtreben— die armen Kinder ſind ja ſchon katholiſch— alſo dies iſt nicht mehr zu bewirken.“ „Erſtlich, Milady— moͤchte der junge Herr darin zu erhalten ſein; denn ob nicht uber die Nachfolge im Marquiſat Montroſe Zweifel erhoben werden koͤnnten, wenn derſelbe katholiſch bleibt— ob nicht zu Gunſten proteſtantiſcher Nachkommen dieſes Hauſes Entſcheidun⸗ Jakob v. d. Nees. 11. 18 274 gen zu machen wären, ſteht noch dahin. Wenn man alſo erwäͤgt, daß der Herr Marquis, als er ſich mit der Graͤfin von Southhesk vermählte und ſeine Kinder der katholiſchen Kirche uͤberantwortete, noch zu jung war, noch unfähig, die Wichtigkeit der Verpflichtung einzu⸗ ſehen, konnten ſich in dem muͤndig gewordenen Herrn Marquis wohl Zweifel regen, ob er das Recht hatte, ſeinem älteſten Sohne dieſe Richtung zu geben— dann wird es allerdings wichtig, daß der Sohn den Wider⸗ ſtand gegen den Vater zu fuͤhren vermag, und dann tre⸗ ten Wahrſcheinlichkeiten ein, die zu weitlaͤufig wären hier zu entwickeln.“ „Aber dies arme Kind zu mißhandeln!“ rief Urica —„Habt ihr nicht geſehen, Crafton, wie elend und krank der arme Knabe ausſah? und dieſe Mißhand⸗ lungen!“ „Es iſt nicht das Erſtemal,“ ſagte Sir Crafton— „daß, um zum Zweck blinden Gehorſams zu gelan⸗ gen, dieſe Fanatiker erſt den Körper und dann den Geiſt brechen. Ein kraͤftiger, muthiger Knabe, wuͤrde der ſich nicht lieber ſeinem edlen Vater, dieſem vollendeten Vorbilde aller Maͤnnlichkeit, anſchließen?“ „Das iſt ſchauderhaft und verbrecheriſch! Rohe Ge⸗ walt— Mord, iſt dagegen eine edle That— ſie zerreißt den Lebensfaden eines Menſchen in ſeiner vollen Frei⸗ 275 heit— er kann bis dahin ſeine Entwicklung nach ſeinen Gaben bewirkt haben; aber hier iſt es der hochſte, ſchändlichſte Raub, denn ſein Geiſt wird bewältigt, ge⸗ mordet, ehe er ſich ſeiner bewußt ward—“ „Und Kraͤfte zum Widerſtande ſammelte,“ unter⸗ brach ſie Crafton faſt—„ſolcher Mord iſt aber leichter — er iſt ſchwer zu beweiſen, er ſichert dem Mörder Strafloſigkeit, ja nicht ſelten den unbeſtrittenen Platz eines ſorgſamen Vormundes uͤber den Verwahrloſten, der eines ſolchen beduͤrftig bleibt und ihn ſelbſt begehrt. Glaubt mir, es iſt ein gutes Syſtem, was ſich erfolg⸗ reich bewieſen hat im Großen, wie im Kleinen, mit der Jugend und ihren ſchwachen, ahnungsloſen Seelen an⸗ zufangen und in der Bluthe ſchon die kräftige Frucht zu erſticken. Wer weiß nicht, daß Jugendeindrucke gegen alle ſpätere Beweisfuͤhrung beſſerer Ueberzeugung am längſten ſtatthaft bleiben und gewöhnlich die Hand⸗ lungen lenken, wenn auch das Urtheil ſchon daruͤber ſteht. Eine Bevormundung, die ſich um die Wichtigkeit dreht, ein kuͤnſtlich erbautes Syſtem zu ſchutzen, kann nur Erfolge hoffen, wenn ſie die geſunde Urtheilskraft der Jugend durch der Wahrheit untergeſchobene Täu⸗ ſchungen ſchwächt, und durch das Einflößen einer feigen Furcht vor Verſuͤndigung von der Forſchung in den rei⸗ nen Quellen der Wahrheit abhält.“ 18* „Ihr habt ſchwere Erfahrungen gemacht, Sir,“ ſagte Urica—„ſie uͤberſteigen Alles, was ſich mir im Verlauf meines Lebens darbot. Den Rieſenkampf mei⸗ nes edlen, großherzigen Volkes um die Freiheit ſeines Gewiſſens und den gereinigten Gottesdienſt nach den unverfaͤlſchten Offenbarungen des Evangeliums— den kenne ich aus den unſterblichen Wahrheiten unſerer Ge⸗ ſchichtsuͤberlieferungen, und ihr moͤgt glauben, daß ich danach mit gerechter Abneigung auf die despotiſche und unlautere Gewalt dieſer Prieſterherrſchaft blicke, wegen deren Erhaltung jede Gräuel, jede Miſſethat erlaubt ward.“ „Mein Haar iſt weiß,“ ſagte der Pfarrer—„und ich bin vielleicht dreimal ſo alt als ihr, Milady.— Von Jugend auf ward ich durch die beſondere Richtung mei⸗ ner Familie in die Kämpfe und Parteiungen beider Kir⸗ chen verflochten. Jede Parteiung, Milady, entfernt vom Chriſtenthum, denn es entſtehen gehaſſige, unlau⸗ tere Beſtrebungen, wenn die Begierde des Sieges gegen den Andern ſich unterſchiebt, wo nur der Streit fuͤr die Behauptung unverkuͤrzter Gewiſſensfreiheit gelten ſollte. Ich habe dieſe Parteiungen getheilt und gefehlt wie meine Gegner; aber das ſind die Gährungen, welche die menſchliche Zuthat bleiben— druͤber ſteht eine ewige Wahrheit. Die Frage, wo ſie zu finden ſei, die — 277 Darſtellung, daß Jeder ſie auf ſeiner Seite zu haben glaubt, und das Recht eines Jeden, ſeine Meinung dafür zu halten, drängt dieſe hoͤchſte Angelegenheit anſcheinend aus aller Moͤglichkeit einer geltenden Entſcheidung. Aber es giebt Unterſcheidungen auf beiden Seiten, die, wenn wir ſie feſthalten wollen, beiden Parteien ihren Charakter aufdruͤcken. Die katholiſche Kirche iſt die Kirche von dieſer Welt— ſie iſt ein despotiſch-politiſches Sy⸗ ſtem, welches die Weltherrſchaft fordert und in dem un⸗ geſtörten Lauf der Jahrhunderte eine Uſurpation des menſchlichen Geiſtes begruͤndete, worauf zuletzt ihre ganze Berechtigung beruht. Sie hat daher uͤberall zu fuͤrch⸗ ten, uͤberall zu verbergen, überall zu verfolgen, und keucht, ewig gemiſcht in die Handel der Welt, dahin— und ihre Forderungen ſind Herrſchaft uber die materielle Eriſtenz der Menſchen— ihre Mittel, ſie an dem Zuͤgel der Bornirung, der Geiſtesknechtſchaft zu halten.“ „Eine Weſenheit des Proteſtantismus iſt die Zer⸗ ſtörung der weltlichen Kirchenherrſchaft; die unſichtbare Kirche, die Kirche im Geiſte iſt ſeine Region.— Dieſe will von dem weltlichen Regiment nichts— ſie will, daß jedes Individuum eine Kirche ſei, in der Gott ge⸗ dient werde— und ſo hat ſie nichts zů furchten, nichts zu verbergen, nichts zu verfolgen, und die weltlichen Paͤndel liegen ihrer ganzen Natur weit ab. Ueber den 278 ganzen Wuſt, den die katholiſche Kirche in Jahrhunderten aufgehaͤuft, ſchritt die proteſtantiſche Kirche hinweg und kniete durſtend vor den heiligen Quellen nieder, die das Evangelium zu ihrer Sättigung fließen ließ. Dort iſt von keinem berechtigten vermittelnden Prieſter den Laien gegenuͤber die Rede, dort, wo der Erloſer ſelbſt Jeden einladet durch den Glauben an Ihn, ſein eigner Prieſter zu ſein, die Conſecration in jedem Einzelnen verrichtet wird, durch die Hingebung im Glauben an ſeine gött⸗ liche Erloͤſung.“ „Das iſt die Organiſation beider Kirchen, und wer die Symptome pruft, muß ſagen, daß die Symptome der Wahrheit von ihr gewichen ſind, daß ſie viel zu ver⸗ lieren und zu uͤberwachen hat, dieſe nichts zu furchten, nichts Angreifbares zu beſchuͤtzen. Nie hat die prote⸗ ſtantiſche Kirche den Kampf eroͤffnet, ſie hat Duldung gefordert und iſt, als man ſie ihr verweigerte, zur Ver⸗ theidigung gezwungen worden. Warum— wenn unſere Kirche ein Irrthum war— uͤberließ ihre Gegne⸗ rin ſie nicht ihrem ephemeren Leben; warum— wenn ſie ſie beſiegen wollte— ergriff ſie nicht dieſelben Waf⸗ fen, womit jene ſich vertheidigte, und ſchlug mit der hei⸗ ligen Schrift, was ſie den Irrthum der Andern nannte? Warum fuͤrchtete ſie den Grundpfeiler aller chriſtlichen Erkenntniß zur Erkenntniß Aller zu bringen und gegen 279 ihre darauf geſtuͤtzten Gegner geltend zu machen, und verſcheuchte durch ihre ſcheußlichſten, die Menſchheit ent⸗ ehrenden Kirchenſtrafen von der Erforſchung ihrer Lehre? War das die Sicherheit, die ſich auf wahre Ueberzeugung, auf das Recht der Wahrheit ſtutzt? Es war die Furcht, daß die frei gewordenen Seelen, die ſich zum wahren Chriſtenthum gerettet, ihnen nun beweiſen konnten, daß ſie nicht Petrus, ſondern Judas gefolgt, der den Herrn verrathen, um den Seckel zu fuͤllen.“ „Aber,“ fuhr der alte, ehrwuͤrdige Mann fort— „ſie haben ein politiſches Syſtem begruͤndet, das iſt ein Meiſterſtuͤck von Schlauheit und tiefer Menſchenkenntniß, das erhalt ihrer Kirche eine Einheit, die ſie nöthig haben, um ihre weltlichen Zwecke zu ſchuͤtzen— das macht ſie mächtig und wird ſie lange im Vortheil gegen uns er⸗ halten, denn unſer erſter Grundſatz iſt die Freiheit, die Verwerfung alles aͤußeren Kirchenzwanges. Indem wir von der Anbetung im Geiſt und in der Wahrheit predigen, indem wir von der Gemeinſchaft mit unſerm Heilande und Erlöſer im Geiſte Alles erwar⸗ ten, Alles fordern, und indem wir dadurch allein den Namen Chriſten wieder zu Ehren gebracht haben, haben wir dadurch auch die Prieſterherrſchaft, die Chri⸗ ſtus in tauſend Stellen ſeines heiligen Teſtamentes ver⸗ wirft, und den damit gleichſtehenden Kirchenzwang auf⸗ 9 gehoben, und was uns jene Kirche zum Vorwurf macht, den Mangel aller Form, die vielfaͤltigen Abweichungen des äußeren Kirchendienſtes, das ſollten ſie uns beneiden, denn es iſt unſere heilige Freiheit, die nur Exiſtenz im Glauben an Gott und unſern Erloſer bedarf und durch jede Symbolik aus der reinen Gemeinſchaft der unſichtbaren Kirche verdraͤngt wird.“ „Und,“ ſagte Urica—„wir haben ja Formen— heilige Ueberlieferungen—“ „Ja,“ fuhr der Geiſtliche fort—„und von ihm ſelbſt eingeſetzte, die untruͤglich in ſeiner Offenbarung wurzeln und in ihrer Einfachheit und geringen Zahl uns grade die gottliche Kraft des innewohnenden göttlichen Geiſtes verkuͤndigen, der Jedem zugänglich ſein wollte, und uberall den ſuͤndlichen Weg der Vermittlung durch ſuͤndliche Menſchen, welche erluͤgen, goͤttliche Kraft vor⸗ weg zu haben, verwirft und ſtark dagegen warnt und ſie mit heil'gem Eifer verjagt!“ „Aber wo wir lockende weltliche Vortheile ſehen“— fuhr Sir Crafton fort—„dahin finden wir immer die Aufmerkſamkeit der ewig thaͤtigen und erwerbenden Prie⸗ ſterſchaft gelenkt, und darum, Frau Marguiſe, werdet 6 ihr die gefaßteſten Gegner finden, wenn es ihre Abſicht iſt, die Kinder des Milord von Montroſe erziehen zu wollen, denn euren Einfluß können Jene nicht zugeſte⸗ hen, wenn die Kinder ein Werkzeug in ihrer Hand blei⸗ ben ſollen! Da nun aber die Graͤfin von Southhesk ein bedeutendes Vermoͤgen beſitzt, was dieſen Kindern zu⸗ faͤllt, und das Vermoͤgen des Marquis, ſelbſt wenn das Marquiſat wegfallen ſollte, ihnen ſtets verbleiben muͤßte — welche Stiftungen ließen ſich da erwarten, wenn es gelaͤnge, dieſen hoffnungsvollen Teſtatoren ſchon von Jugend auf die Anſicht einzuflößen, daß ſolche Schen⸗ kungen und Vermächtniſſe nothwendige Handlungen der Religion ſind zur Verwahrung ihrer ewigen Se⸗ ligkeit!“ „Die Klugheit des alteren Prieſters hatte ich ſo⸗ gleich Gelegenheit, kennen zu lernen. Die alte Graͤfin handelte ohne allen Zweifel nach der vorlaͤufigen Verab⸗ redung mit ihrem Seelſorger, als ſie Euer Gnaden ſo⸗ gleich auf die beleidigendſte Art zu entfernen trachtete, aber ihre eigene Leidenſchaft, welche durch dieſe Verbin⸗ dung ihres Schwiegerſohnes über die Gebuͤhr gereizt iſt, verblendete ihren Verſtand und raubte ihr ſelbſt bei dem Anblick von Euer Gnaden die Urtheilskraft. Dage⸗ gen änderte ihr Beichtvater augenblicklich ſeinen Plan, ſo wie er euch geſehen und eure ernſten, entſchloſſenen Worte gehoͤrt hatte, und da er die Leidenſchaftlichkeit der alten Graäfin nicht mehr zugeln konnte und ſie im Sinne ihres fruͤheren Planes ſich immer gefährlicher ubereilte, 282 ſchritt er ſelbſt ein und ſprach zu euch, und ich kann euch verſichern, es hat unter den vier Verſchworenen ſo eben einen heftigen Streit gegeben, deſſen einzelne Symp⸗ tome mir nicht entgehen konnten, da meine Anordnun⸗ gen ein Durchſtreichen der Gemaͤcher noͤthig machten. Die Gräfin iſt in eiferſuͤchtigem Haß gegen eine Frau entbrannt, von der ſie ſich ſagen muß, daß ſie ihre kränk⸗ liche, unſchöne Tochter ſo weit uͤberragt; und jetzt iſt es ein perſoͤnliches Gefuͤhl, welches in der alten Lady die boͤſen Neigungen anreizt, und welches ihnen viel ſchwe⸗ rer zu bekaͤmpfen wird.“ „Aber wenn dieſe Menſchen hierher gekommen ſind, um mich mit gehaͤſſigen Intriguen zu umſpinnen,“ ſagte Urica—„was kann dieſer Prieſter jetzt wollen, wenn er doch bemuͤht iſt, die Lady Southhesk zu einem milderen Verfahren zu bereden?“ „Das muͤſſen wir beobachten,“ entgegnete Sir Crafton—„gewiß daſſelbe, denn es giebt nichts, was ſie von ihren ehrgeizigen oder habſuͤchtigen Plaͤnen ab⸗ wendig machen koͤnnte; aber ſie fuͤhlen, daß Euer Gnaden nicht mit gewohnlichen Mitteln angegriffen werden können— und ſie werden daher andere er⸗ denken!“ „Welchen unangenehmen Beruͤhrungen geht der Marquis entgegen,“ ſagte Urica traurig—„und wie —,—————, ——————— 283 unſicher bin ich, ob ich ſeine Anweſenheit wuͤnſchen oder furchten ſoll!“ Am andern Tage traf der erwartete Bote von Mont⸗ roſe ein, der ſeine Verzweiflung ausdruͤckte, abermals auf laͤngere Zeit von Urica getrennt zu ſein, da er gens⸗ thigt ſei, das Armeekorps, welches er befehligte, an den Ufern des Tweed zuſammen zu ziehen. Er bat ſie mit einer faſt ängſtlichen Dringlichkeit, einem beifolgenden Pakete, worin ein tuͤrkiſcher Shawl enthalten ſei, beſon⸗ dere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Nachdem Urica einige Zeit gebraucht hatte, um den Schmerz der Täuſchung zu uͤberwinden, entfaltete ſie das kuͤnſtlich verſchlungene Paket, und dem feinen Ge⸗“* ſpinnſt des Shawls wenig Aufmerkſamkeit ſchenkend, durchſuchte ſie mit ahnender Unruhe die kuͤnſtlich ge⸗ ſchlungenen Falten, und das Geraͤuſch eines kniſternden Pa⸗ pieres fuhrte Urica auf die rechte Spur, und ſie nahm zwei Briefe heraus, welche darin verſteckt waren. Der Eine, an Urica gerichtete, bat ſie, daß in der zweiten Nacht nach dem Empfange deſſelben Urica ſich an das Ende des Parks bege⸗ ben ſollte, wo das ſogenannte Jagdhaus ſtaͤnde, und dort unter der dritten Linde von der linken Seite an der Ein⸗ gangsthuͤr einen Boten erwarten, dem ſie den zweiten einliegenden Brief an den König uͤbergeben moͤge, wenn derſelbe ſie frage: wie nahe Mars der Sonne ſtaͤnde — ſie habe dann nur zu ſagen: ſo nah wie die Sonne am Mars, und duͤrfe dann dem Boten vertrauen. Der Brief an den König war noch unverſchloſſen— Urica ſollte dies erſt thun, wenn ſie ihn geleſen— und Urica fuͤhlte tief dies ehrende Vertrauen ihres Gatten. Der Brief benahm dem Koͤnig jede Hoffnung, die augenblickliche Hilfe Schottlands zu erlangen. Es hatte offenbar beſchloſſen, abzuwarten, ob der König gegen England mit den Waffen gluͤcklich ſein werde, und Montroſe war feſt uͤberzeugt, daß es die Partei des Stärkeren ergreifen werde. Er ſchilderte dem Koͤnige ſeine beſondere Lage— Argyle häͤtte zwar vorläufig nicht Recht bekommen, aber dies waͤre doch kaum ein Zeichen des Vertrauens gegen ihn zu nennen, denn er werde mit dem großten Argwohn beobachtet und wenn man einen Soldaten hatte, der ihn erſetzen könnte, wuͤrden ganz andere Maaßregeln gegen ihn hervortreten. Argyle hatte ſich zuruͤckgezogen; er hatte auch hier, wie fruͤher in York, die lächerliche und doch von Vielen glaub⸗ haft gefundene Behauptung aufgeſtellt, ſein Leben ſei von den Anhängern Montroſe's bedroht, und dieſer leugnete nicht, daß er ihn jeder Bosheit fähig halte, und —— ——— ———— gewiß ſei, von ihm in aller Weiſe beobachtet und ver⸗ folgt zu werden. Schließlich beſchwor er den Koͤnig mit der feurigſten Inbrunſt, mit den ſcharfſichtigſten Gründen, zu einer kräftigen Thaͤtigkeit uͤberzugehen, das Joch abzuſchuͤtteln, was Hamilton uͤber ihm feſthalte— und hier kamen Aeußerungen, die fuͤr dieſen kaum noch eine andere Bezeichnung, als Hochverraͤther uͤbrig ließen, wenn er in ſeinem Syſtem der Unthätigkeit verharrte. Als Urica den Brief durchleſen, war es ihr erſtes, ihn ſo ſorgſam als moöglich zu verſiegeln und ihn mit dem an ſie gerichteten in ein Kaͤſtchen zu ver⸗ ſchließen, wovon ſie den Schluͤſſel an einer Kette um den Hals trug. In tiefe Gedanken verſunken, blieb ſie dann zuruͤck gelehnt in ihrem Seſſel liegen; ein Grauen durchſchuͤttelte ein paar Mal ihren Koͤrper und ein unbeſchreiblich banges Zuſammenziehen der Bruſt machte ihren Athem kurz und ungleich. Sie war zu wohl bewandert in allen von Montroſe beruͤhrten Ver⸗ haͤltniſſen, um nicht ſeine richtige Politik wuͤrdigen zu koͤnnen, aber was ſie ſonſt, wenn Argyle mit ihr ſprach, allein von der einen Seite aufgefaßt hatte— bekam ietzt fuͤr die liebende Frau eine zweite Beziehung, von der ſie bald allein eingenommen war, und welche ihr die großen Gefahren zeigte, denen ſich Montroſe durch dieſe Mittheilungen ausſetzte. 286 „Gottlob! daß er dir Alles anvertraut“ ſagte ſie endlich, etwas leichter athmend—„und der Bote, den der Konig ſendet, iſt natuͤrlich ſicher!“ Ein Geraͤuſch auf der Terraſſe vor der Thuͤr ihres Zimmers, welches geoͤffnet ſtand, unterbrach ihr Selbſt⸗ geſpraͤch— es war ihr, als gleite der Schatten einer männlichen Geſtalt uͤber den ſonnigen Kiesboden. Er⸗ ſtaunt erhob ſich Urica— dieſer Platz war von außen faſt unerreichbar, da er ein Klippenplateau bildete, worunter der Waſſerfall wegſtuͤrzte; der Thurm reichte mit glatten Wänden bis in den Strudel der Wellen, und die Föhrenwand an der entgegengeſetzten Seite ſtieg an dem ſteilſten Abhang hinan. Als Urica hinaus trat, ſchien es ihr, als verſchwaͤnde die Geſtalt nach jener Seite; aber der Eindruck war ſo ſchnell, ſo unſicher und ſpurlos, daß Urica der Gedanke kam, ſie habe ſich getaͤuſcht. Dennoch eilte ſie der Föhrenwand zu und faſt hätte ſie aufgeſchrien, als ſie in dem Augenblick, wo ihre Schritte ſich vernehmbar näherten, plötzlich den ſchlanken Stamm einer derſelben ſich beugen ſah, ein leiſes Kniſtern wie von dem Brechen von Zweigen hoͤrbar ward, und dann Alles in unbeweglicher Ruhe wieder vor ihr lag. Wie eingewurzelt blieb die Gräfin ſtehen und der Athem in ihrer Bruſt ſtockte; ſie hatte nicht den Much, ſich der durchbrochenen Marmorbruͤſtung zu nahen und 287 hinuͤber zu ſchauen, denn was ſie ſonſt ſo gern ſah, den wilden Waſſerſtrudel, die ſchroffen Klippenſchichten, er⸗ ſchien ihr heute, als muͤßte es das Grab des verwegenen Menſchen zeigen, der es gewagt, dieſen Ruͤckzug anzu⸗ treten. Aber wer konnte das ſein?— Oder war das Ganze eine Täuſchung— war es ihre aufgeregte Empfindung— war es der Schatten eines Thieres— eines Raubvogels?—„O Gott nein! es war ein Menſch,“ ſo rief ihre ganze Ueberzeugung und ſchlug die kleinen Einwendungen, die ſie gegen ſich verſucht hatte, fuͤr immer zuruͤck. Da hoͤrte ſie Stimmen und ein ziemlich verſtaͤndliches Gekicher!— Erſt jetzt fiel ihr ein, daß ſie das Schloß nicht mehr allein bewohnte, daß uͤber ihren Zimmern die Kinder eingezogen waren. Sie blickte hinauf; die Frauen und das kleine häßliche Maͤdchen lagen im Fenſter, und ſchienen ſie zu beob⸗ achten. Ihr erſter Gedanke war, dieſe zu fragen, ob ſie von ihrem hoͤheren Standpunkt eine eben ſolche Wahr⸗ nehmung gemacht hätten; aber als ſie ihnen einen zweiten Blick zuwarf, war eine ſo unehrerbietige Drei⸗ ſtigkeit, eine ſo ſpottiſche Luſtigkeit in dieſen Weibern ausgedruͤckt, das kleine Madchen ſtieß ſogar einige Worte aus, die nur durch ſchnelles Zuhalten des Mundes unterdruͤckt wurden, daß die Graͤfin mit Stolz und Verachtung ſich von ihnen wendete und nach ihren Zimmern zuruͤckkehrte. Es war aber eine Beklemmung und ein Gefuͤhl von Unſicherheit in ihr erwacht, welches ihr die Einſam⸗ keit unertraglich machte; ſie eilte durch mehrere Zimmer, die ſie ungewöhnlicher Weiſe leer fand, da hier ſonſt eine dienſthabende Frau und in dem folgenden Zimmer der Kammerdiener zu warten pflegte. Dies erklaͤrte ſich jedoch ſogleich. Sie hoͤrte ein gellendes Pfeifen vom Flur aus, und als ſie hinaustrat, ſah ſie durch eine geoffnete Thuͤr, daß auf dem Hofe ein paar Affen nach Pfeife und Querſack eines Gauklers tanzten, und alle Dienſtleute zuſammengelaufen waren, dem lächer⸗ lichen Schauſpiel zuzuſehen. Da ſie auch den dienſt⸗ thuenden Kammerdiener und ihre Kammerfrau un⸗ ter ihnen erkannte, wollte ſie umkehren, um ſie nicht durch ihren Anblick zu beſchämen, als ſie im ſelben Augenblick den ehrwuͤrdigen Sir Crafton durch das Schloßgitter der Hofſeite herein reiten ſah, gefolgt von ihrem Stallmeiſter, der ihr Reitpferd am Zuͤgel fuͤhrte. Wie gluͤcklich ſchien der alte Herr ihren beklomme⸗ nen Zuſtand errathen zu haben, wie wohl mußte ihr ein Ritt durch die ſchoͤne Gegend thun! Soo trat ſie nicht zuruͤck, ſondern ihm faſt entgegen, da er, ſie erkennend, 289 ſich ſchnell vom Pferde geworfen hatte, um ſie zuruck⸗ zufuͤhren. Er fragte ſie, wohin ſie zu reiten befehle, und Urica bat ihn, jedenfalls den Weg am Jagdhauſe im Park voruber zu nehmen, welches ſie noch nicht kannte. Crafton blieb ſogleich ſtehn, obwohl ſie Urica's Zimmer noch nicht erreicht hatten, und ſagte:„Kennt ihr das Haus noch nicht?“ „Nein,“ ſagte Urica—„und ich will es jetzt ken⸗ nen lernen.“ „Habe ich euer Vertrauen?“ fragte Sir Crafton. —„Das habt ihr,“ ſagte Urica—„und Montroſe's Brief hatte kaum noͤthig, mich beſonders darum zu bit⸗ ten. Doch ſagt mir, wie es kam, daß ich dies Haus noch nicht kennen lernte— in welchem Theil des Parks iſt es verborgen?“ Crafton ſagte, es liege entfernt, ſei lange unbe⸗ wohnt geblieben, und der Marquis habe es nicht geliebt. Es war Urica ſichtbar, daß der alte Herr mit eini⸗ ger Beklommenheit von dieſem Aufenthalt ſprach und entweder geſonnen war, den Gegenſtand ganz fallen zu laſſen, oder den gegenwärtigen Augenblick doch nicht zu näheren Mittheilungen paſſend fand. Urica ſchritt ſtill bis zu ihrem Zimmer voran, und Jakob v. d. Nees. II. 3 290 hier erzäͤhlte ſie dem alten Herrn den ſonderbaren Ein⸗ druck, den ſie ſo eben gehabt, ohne doch auf der Wahr⸗ heit deſſelben zu beſtehen. „Glaubt mir, Milady,“ ſagte der alte Herr mit ſanfter Heiterkeit und väterlicher Guͤte—„ihr habt zu viel ſeit geſtern gelitten, ihr muͤßt einen kleinen Ritt machen, das wird euer dickes Blut erleichtern und euch von der Belaͤſtigung eures Hausſtandes etwas abziehn. Wie waͤr' es, wenn ihr der liebenswuͤrdigen Lady Ho⸗ ward einen Morgenbeſuch machtet— ſie hat die ſanfte Laune, euch ein wenig aufzuheitern— und Lady Southhesk laßt ſich durch mich bei euch entſchuldigen, indem ſie den heutigen Tag fur ſich und ihr Gefolge zu der noͤthigen Ruhe nach der Reiſe zu verwenden denkt. Glaubt mir,“ ſetzte er mit ſchlauem Lächeln hinzu— „ſie ſind mit dem neuen Plane noch nicht fertig, oder ſie haben die alte Gräfin noch nicht zu voͤlliger Fuͤgſam⸗ keit breit ſchlagen können.“ „Laſſen wir ſie,“ ſagte Urica.—„Ich glaube, ihr habt Recht— ich fuͤhle einen Druck auf meinem Kopf, daß es mir ſcheint, die Balken ſind zu ſchwer ge⸗ worden, ſeit dieſe zurnenden Gäſte uͤber mir hauſen— und vorläufig muß ich doch wohl ſelbſt bei den Kindern mich meiner Rechte begeben.“ „Unterwegs, Euer Gnaden, wollen wir mehr da⸗ 291 von ſprechen,“ ſagte Sir Crafton—„jetzt zu Pferde — zu Pferde!“—— Der heitere erfriſchende Morgen, der herrliche Park, durch den Sir Crafton ſeinen Weg nahm, die ſchoͤnen Pferde, worunter ſich Urica's Lieblingspferd in anmu⸗ thiger Bewegung und feuriger Jugend auszeichnete, verfehlte nicht, die beklommene Stimmung, in der ſie ausgeritten war, nachgrade aufzuheben, und mit ihrer gewoͤhnlichen Lebhaftigkeit begann ſie die Dinge um ſich her zu bemerken, und Sir Crafton, der an ihrer Seite dem Gefolge vorausritt, ward nicht muͤde, ihre Fragen zu beantworten. Durch ein paar ſchattige Al⸗ leen, die vom Schloſſe aus den Park durchſchnitten, gelangten ſie jetzt zu einem maleriſchen Wieſengrunde, auf dem nur einzelne Gruppen alter herrlicher Eichen ſtanden, welcher, wieder durch Gitter getrennt, einen Obſt⸗ und Blumengarten und dann unter dem Schat⸗ ten hoher Linden ein einfaches einſtöckiges Haus zeigte, deſſen Dach faſt von den Zweigen der Baͤume verdeckt war und nur ſeine hohen Schornſteine daruͤber weg⸗ ſtreckte. Urica hielt ihr Pferd an und blickte fragend nach Sir Crafton.— Dieſer hing zwar auch, wie ſie be⸗ merkte, feſt mit den Augen an dieſem Hauſe, aber es war ſo viel traurige Erinnerung in dieſem Blick ausge⸗ 19* 292 prägt, daß ſie fuͤhlte, dies Haus habe fur ihn eine be⸗ ſondere Bedeutung, welches ihr ein achtungsvolles Schweigen aufnothigte. Sie umritt daher ſchweigend das Gitter, welches den Gultur⸗ und Blumengarten trennte, und ſah, daß dies Haus von der andern Seite von einem jungen Buchenhaine begrenzt war, deſſen architektoniſche Lich⸗ tung dazwiſchen Raſenplätze, Baſſins und hoͤhere, aber verfallene Gartenanlagen zeigte, mit Marmorverzie⸗ rungen und Statuen, die, verwachſen und mit Moos bekleidet, lange Vernachläſſigung verriethen. Dahin⸗ ter lagen einige Wirthſchaftsgebaͤude, und dieſe lagen an den feſten mit Gräben umzogenen Hecken, welche die gleich dahinter liegende Landſtraße bavon trennten. Sir Crafton ließ Urica aber nicht ſogleich bis dahin vordringen, ſondern, indem er dem Gefolge befahl, auf der Landſtraße ihrer zu warten, forderte er Urica auf, einen Augenblick abzuſteigen und das Haus ſelbſt zu beſehen, da ihr Weg ſie einmal hierher gefuͤhrt habe. Urica willigte ſogleich ein, und da ein alter Kaſtel⸗ lan, auf ſeine junge Tochter geſtutzt, ihnen jetzt ſeit⸗ waͤrts das Haus öffnete, ſagte Urica raſch:„Das iſt alſo das Jagdhaus?“ a ſagte der Kaſtellan— „hier ſtarb Lady Juliane, die einzige Schweſter unſe⸗ res gnaͤdigen Herrn Marquis.“ 293 Erſtaunt blickte Urica nach Sir Crafton um, wel⸗ cher mit einem leiſen Neigen des Hauptes die ſtumme Frage beantwortete. „Es iſt gut,“ ſagte Sir Crafton mit beſonderer Ungeduld zum Kaſtellan—„wir werden der Lady jede nöthige Erklärung ſelbſt geben.“ „Es ſteht uns dennoch zu, die Frage der Dame der Wahrheit nach zu beantworten,“ ſagte ziemlich trotzig der Kaſtellan, wendete ſich aber dann und zog ſich in ſeine Wohnung zuruͤck. Das Haus war lange unbewohnt geweſen, aber ſeine Einrichtung war noch wohl erhalten, und in der dauerhaften Art, welche den Jahrhunderten zu trotzen ſcheint, und, wenn Eine aus dem Hauſe Montroſe hier gelebt, den Reichthum berſelben erklaͤrte. In einem runden Bibliothekzimmer fuͤhlte Urica das Beduͤrfniß einiger Ruhe, und indem ſie die ſchweren Vorhänge von einem Eckfenſter zuruͤckſchlug, lag ein Garten⸗ tableau von ſo ausgeſuchter Schonheit vor ihr, wie nur engliſche Gaͤrten mit ihren herrlichen Baumgruppen und ihren wuͤrzigen Wieſengrunden darzubieten ver⸗ moͤgen. Erſt nachdem ſich Urica lange dem Anſchaun dieſer entzuckenden Ausſicht uberlaſſen, wendete ſie ihr Auge, um das Innere zu betrachten. Die Bibliothek ſchloß ⸗ 294 die Zimmerreihe und war ein rundes, unbeſchreiblich be⸗ hagliches Kabinet mit rund gewoͤlbter Decke in Holz⸗ ſculptur. Auf den ſchoͤn geſchnittenen offnen Buͤcher⸗ geſtellen, welche die Tapete der Waͤnde bildeten, waren koſtbar gebundene Werke aufgeſtellt; drei Fenſter wa⸗ ren mit ſchweren gruͤnen Vorhaͤngen bedeckt, einige be⸗ queme Lehnſtuͤhle und ein kunſtreich verzierter Tiſch in der Mitte des Zimmers, um Buͤcher und Schreibereien auszubreiten, machten die ganze Ausſtattung des Kabi⸗ nets aus, bis auf den Kamin von dunkelrothem Mar⸗ mor, uͤber dem das Bild einer jungen Dame in Le⸗ bensgroͤße hing. „Sir Crafton,“ ſagte Urica bewegter, als ſie es be⸗ greifen konnte—„ſagt mir, wenn es euch nicht zu weh thut, was fuͤr ein Bewandtniß hat es mit der Dame, die ihr eine Schweſter des Marquis nennt, an deren Schickſal ihr ſo viel Antheil nehmt und die viel⸗ leicht dies Gemaͤlde vorſtellt?“ „Es iſt Lady Juliane Graham, die Tochter des Grafen von Montroſe— und lange die einzige Erbin, das einzige Kind des verſtorbenen Herrn Marquis— das iſt der Anfang ihrer traurigen Geſchichte, ihrer Verirrungen, ihres Ungluͤcks!“ „Wie unbegreiflich, daß mein Gemahl mir nie von dieſer Schweſter ſprach,“ ſagte Urica, ohne zu uͤberlegen, wie wenig Zeit ihr uͤberhaupt geblieben war, mit ihm zu ſprechen. Vielleicht lag ein ahnlicher Gedanke in Craftons Blick, als er etwas laͤnger ſchwieg, und Urica wendete ſich, leicht erroͤthend, dem Bilde zu. Es war eine große, uͤppige Geſtalt, mit großen leb⸗ haften, blauen Augen, rabenſchwarzem Haar, vollen Lippen, einer ſtolzen, gebogenen Naſe und der gebiete⸗ riſchen Haltung einer Kaiſerin. Sie ſtand und war prachtvoll gekleidet; das Schloß lag hinter ihr, ein Vor⸗ hang deckte die Gegend halb; ihr ſchoͤner, weiß und ro⸗ ſenroth gefaͤrbter Teint hob ſich, vom Kuͤnſtler gut ge⸗ waͤhlt, von der warmen violetten Färbung der Draperie. „Ihr werdet wohl nicht glauben, daß die Lady ſchon ſo in ihrem funfzehnten Jahre ausſah! Nie entwickelte ſich ein Kind ſchneller, nie ſah ich die Bluͤte der Jung⸗ frau ſo bis zur vollſten Entwicklung eilen.“ „Man konnte ſie mindeſtens fur zwanzig Jahr hal⸗ ten,“ ſagte Urica ſinnend.— „Damals war ſie noch Graͤfin von Montroſe— die einzige Erbin— und die guten Eltern verſäumten nicht, ihre hohen Anſpruͤche ihr damit einzuprägen. Ach— ſie war ein gar ſehr verwoͤhntes Fräulein— auch im Guten, Milady! denn ich hätte den Ungluͤck⸗ lichen ſehen wollen, den Armen, der ſich vergeblich an ſie 296 gewendet hätte! Sie hielt es fur eine Beleidigung, wenn jemand in ihrer Nähe unglucklich ſein wollte— darin be⸗ ſtärkten die guten Eltern das mächtige Kind— wenige Fuͤrſten auf ihrem Thron werden ſo ſicher ſein uͤber ihre Macht und Gewalt, als dieſe junge Dame. Und nun dieſe Schönheit— dieſe fruͤhe Geiſtesreife— was fuͤr Familien warben ſchon in dieſen Jahren fur ihre Soͤhne um ſie— und ſie lachte ſie Alle aus! Oft ſagte ſie: „ſie hoffe, König Jakob werde ſich noch um ihre Hand bemuͤhen fuͤr ſeinen Thronerben!“ Die Mutter der guten Lady war, wie ihr wiſſen werdet, eine katholiſche Dame, die Schweſter der Graͤfin von Southhesk; ſie konnte es in ihrem Eifer nicht laſſen, um das Seelen⸗ heil ihrer Tochter beſorgt, ſie zu ihrem Glauben uͤber⸗ fuͤhren zu wollen; aber die junge Dame wußte ſich wohl von ihren Geburtsrechten zu unterrichten, und als ſie hörte, dieſer Wechſel der Religion könne ſie das Mar⸗ quiſat koſten, welches ihr zuſtand, hatte ſie eine lachende Weiſe, ihre Mutter abzuweiſen, und ich war oft dabei, wenn ſie die Bedenklichkeiten der Frau Marguiſe aus Gruͤnden ihrer ͤußern Stellung, die ſie ſich verpflichtet hielt, feſtzuhalten, mit harten Worten zuruͤckwies.“ „Da, Milady! mit einem Male— uͤberraſchte uns Alle die Frau Marquiſe durch die Nachricht von ihren na⸗ hen Entbindungshoffnungen. Niemand hatte das nach ſo langer Zeit noch erwartet, obwohl die arme Dame noch jung genug war, und wir hatten ſie, ſeit Monaten kränkelnd, ſich uberall zurückziehen ſehen, ohne Ahnung der wahren Veranlaſſung. Ich zweifle nicht, daß die Sorge, wie ihre Tochter, welche eine gefuͤrchtete Macht im Hauſe geworden war, dies Ereigniß aufnehmen werde, großen Antheil an ihrer langen Verſchwiegen⸗ heit hatte, denn auch der Herr Marquis ſoll nicht viel fruͤher, als wir Andern, davon Kenntniß erlangt haben.“ „Auch hatten die Eltern wirklich nicht den Muth, der jungen ſicheren Grafin dieſe Nachricht zu geben, und ſo zögerten ſie, bis der allerſchrecklichſte Moment ohne alle Vorbereitung fur ſie eintrat— und mit der plötz⸗ lich ihr hinterbrachten Nachricht von dem Zuſtande ih⸗ rer Mutter zugleich die Ankuͤndigung eintraf, daß ihr ein Bruder, dem Hauſe ein Erbe geboren war.“ Urica hatte dem Bilde gegenuͤber Platz genom⸗ men.— Sir Crafton ſaß neben ihr— Beider Blicke ruhten auf der lebhaften Geſtalt, und Urica fuͤhlte die⸗ ſer gebietenden Perſoͤnlichkeit gegenuͤber ſogleich die ganze Größe der damit uͤber ſie gekommenen Ver⸗ ſuchung. „Man kann nicht ſagen,“ fuhr Sir Crafton fort— „daß die junge Lady nicht Alles um ſich her mit verſchwenderiſcher Großmuth beſchenkt und ſie nicht Anſpruch auf Dankbarkeit gehabt hätte— aber ſie ward ihr doch nicht zu Theil, und von keiner Seite Liebe!“ „Der grauſame Stolz, womit ſie Alle behandelte, die zugelloſe Heftigkeit, womit ſie das kleinſte Verge⸗ hen gegen ſich ruͤgte, machte, daß ihre Wohlthaten wie eine Suͤhne fur die erfahrenen Beleidigungen keinem das Herz gegen ſie erweichten; ja, es ließ darum faſt eine Erbitterung zuruͤck, daß die Beleidigten, um ihr Recht zu zurnen, betrogen wurden, indem ſie ihre Wohltha⸗ ten annehmen mußten. So muß ich ſagen, wie grau⸗ ſam es klingt, ſie fand keine Theilnahme, ſondern man verbarg ihr die laute Freude nicht, die im ganzen Hauſe ausbrach, als an ihrer Stelle ein Erbe verkuͤndigt war, ſie mit dem Leben dieſes jungen Kindes von ihrem mit ſo großer Sicherheit behaupteten Platz verdraͤngt wurde.“ „Laßt mich den Zuſtand dieſer ungluͤcklichen jungen Dame verſchweigen! Es laͤßt ſich nicht ſchildern, was ſie that und litt— ihre Anfälle ließen fuͤr ihren Ver⸗ ſtand zittern, hartnackig verweigerte ſie, ihre Eltern oder ihren Bruder zu ſehen, und dieſe waren unfähig, ihr Gluͤck zu genießen, da ſie es als eine Beleidigung fuͤr ihre Tochter anſahen.“ „Vielleicht haͤtten ſich die Verhältniſſe dennoch mil⸗ der geſtaltet, wäre die Frau Marquiſe am Leben ge⸗ 299 blieben; aber ſie ſtarb den vierten Tag nach der Geburt des jungen Erben, und ihre Verfuͤgungen, mit denen ſie ſich allein beſchäftigte, ſollten das Ungluͤck ihrer Tochter vollenden!“ „Nur der Beichtvater der Mutter gewann end⸗ lich bei Lady Juliane Zutritt und er legte den Weg zwiſchen Beiden oft zuruͤck. Die Frau Margquiſe beſaß ein bedeutendes Vermögen, woruͤber ihr Gemahl ihr freie Verfuͤgung ließ— ſo wenig es gegen die fruheren Anſpruche einer Erbtochter gelten konnte, war es doch eine geſicherte, ihrem Rang angemeſſene Einnahme. Wollte Gott, die arme ſterbende Mutter hätte ſich uber⸗ winden koͤnnen, oder ihr wäre die Freiheit gelaſſen wor⸗ den, ohne Bedingungen ihrer Tochter dieſe Schadlos⸗ haltung zu uͤberlaſſen! Es ſteht aber zu vermuthen, daß dies nicht der Fall war, denn das Teſtament ging ſo⸗ gleich in die Hände des Beichtvaters uber und derſelbe— blieb, gegen die Rechte des Vaters, allein mit der Voll⸗ ziehung beauftragt. Es hat Niemand mit Beſtimmt⸗ heit den Inhalt deſſelben erfahren und der Herr Mar⸗ quis, der es hätte verlangen konnen, war durch das Geſchenk eines Sohnes, den hoöchſten Ehrgeiz eines maͤchtigen Barons, doch in all ſeinem ubrigen Gluͤck ſo vollſtändig erſchuttert, in eine troſtloſe Gleichguͤltig⸗ keit gegen die ganze Welt verfallen— denn Lady Juliane 300 ſah nicht allein ihre ſterbende Mutter nicht wieder, ſie entfloh auch heimlich ihrem Vater, gegen den ſie faſt Haß zu fühlen ſchien, und ſchrieb ihm erſt, als ſie bei ihrer Tante, der eben damals ſich vermählenden Lady Southhesk angekommen war, daß ſie kuͤnftig bei dieſer leben werde.“ „O das iſt troſtlos!“ ſagte Urica tief bewegt— „Unterbrecht meine Erzählung mit dem Befehl weiter zu reiten, ſagte Sir Crafton—„in Wahrheit! mit einem Male greifen euch dieſe Mittheilungen zu ſehr an.“— Urica gab dem redlichen Wunſche des ehrwuͤrdigen alten Herrn nach, deſſen väterliches Wohlwollen ſie nicht verkennen konnte und bald hatten ſie die Landſtraße er⸗ reicht und nach einem muntern Ritt von einigen Meilen, ſahen ſie das anmuthige Landhaus des Lord Howard aus einer reizenden gruͤnen Huͤgelkette herauf tauchen und bei dem gebahnten Kieswege, der zu dem Parkthore fuͤhrte, trafen ſie eine luſtige Cavalcade von Herrn und Damen, aus der Lord und Lady Howard ſogleich her⸗ vorritten, um Urica mit ſichtlicher Freude und Achtung zu bewillkommnen. Da die Geſellſchaft n von einem Waldhauschen zuruͤckkehrte, wo man das erſte Fruͤhſtuck genommen, weigerte ſich Urica nicht, jetzt mit ihnen nach dem Schloſſe zuruͤck zu reiten und unter heitere und liebens⸗ wuͤrdige Menſchen verſetzt, die ihr Alle mit Achtung und Offenheit begegneten, fuͤhlte ſie den truben Druck, der auf ihr laſtete, allgemach verſchwinden, und die fanfte Heiterkeit, die ihr eingefloßt wurde, machte ſie Allen nur noch ſchoͤner und lieber. Als Urica nach einer kleinen Erfriſchung in einem ihr ſchnell angewieſenen Toilettzimmer wieder zu der Geſellſchaft zuruckkehrte, trat ihr Lady Howard mit komiſchem Pathos entgegen, während die Geſelſſchaft ſich dicht hinter ihr aufſtellte und kundigte ihr an, daß ſie eine Verſchworung gegen ſich vorfände, indem Alle mit der Abſicht umgingen, ſie feſt zu halten und ihren Beſuch fuͤr einige Tage zu verlaͤngern, bitten wollten. „Milady!“ ſagte Urica—„wie ruͤhrt mich dieſe Guͤte und wie gern nahme ich ſie an— aber ich kann nicht, und faſt“ ſetzte ſie lächelnd und leicht errothend hinzu—„faſt moͤchte ich um Erlaubniß bitten, meine Gruͤnde verſchweigen zu durfen, denn wenn ich ſie nenne, werden ſie Alle mich ſehr unliebenswuͤrdig finden und ich werde ihre gute Meinung verlieren.“ „Wollen Euer Perrlichkeit uns nicht in dieſe Ver⸗ ſuchung fuͤhren?“ ſagte Lady Howard verbindlich.— „Ich zweifle nicht, wir werden ſelbſt dieſen Widerſpruch Euer Gnaden zu unſerm Vortheil kehren!“ „Nun denn,“ ſagte Urica—„ich habe ſelbſt das Haus voll Gaͤſte und muß daher annehmen, daß dieſer Morgenbeſuch mir ſchon ihren Tadel zuzieht.“ „Gefangen!“ rief die heitere liebenswuͤrdige Haus⸗ frau—„das wußten wir bereits! und grade darum verſchworen wir uns Alle, euch, theure Lady, ihrem Hauſe zu entziehen; denn wo Lady Southhesk einkehrt, iſt wahrlich fuͤr unſere junge, ſchoͤne Nachbarin kein paſ⸗ ſender Platz!“ „Ich kann nicht widerſprechen,“— ſagte Urica, ein wenig befangen von dieſer offnen Erklärung—„da ich die Gräfin noch nicht kenne, und ich beklage, daß ſie ſo wenig in Gunſt bei meinen lieben Nachbarn ſteht; aber ich weiß doch meine augenblickliche Stellung zu der Schwiegermutter meines Gemahls nicht zu aͤndern und gewiß kann mich ihre Perſoͤnlichkeit nicht von der Pflicht abloͤſen, ihr in meinem Hauſe alle Ehrfurcht zu be⸗ zeigen.“ „Ach,“ ſagte Lady Howard—„bei euch zieht man immer das kuͤrzere— was ſollen wir nun einwenden,“ ſagte ſich mit komiſcher Traurigkeit umblickend—„wo⸗ mit uns ſchadlos halten fur dieſe verſagte Freude?“ „Huͤtet euch, daß ich euch nicht beim Wort halte,“— rief Urica, mit dem beſten Willen, dieſe treu⸗ herzige Guͤte nicht zuruͤck zu ſcheuchen—„ich erde 2 303 Allen gleich ein Mittel angeben, ſich meiner Perſon zu verſichern: ich lade Alle zu mir nach Caſtletown und will eure Guͤte fuͤr mich pruͤfen, indem ihr mir meine Verwandtin etwas erheitern helfet.“ Dagegen erhoben ſich zwar auch Schwierigkeiten; doch endlich entſchieden ſich Alle, wenigſtens den morgenden Tag dort zuzubringen, wogegen Urica einwilligte, erſt nach dem Mittagbrod zuruͤckzukehren. „Vergebt mir, liebe Marquiſe,“ ſagte Lady Howard, als ſie Urica zur Tafel abholte—„daß ich meine Mei⸗ nung uͤber Lady Southhesk ſo unumwunden ausſprach — aber wir kennen ſie Alle länger und wiſſen, daß wenig Gutes von ihr ausgeht!“ „Sie hat in dem Hauſe Montroſe viel Unheil ge⸗ ſtiftet und vieles, was hervor getreten iſt, iſt doch nicht das Einzige und hindert nicht den Argwohn uͤber Vieles, was nicht zu beweiſen bleibt.“ „So allgemein iſt die unguͤnſtige Meinung uͤber ſie?“ rief Urica mit einer Bewegung, die ihre Wirthin faſt erſchreckte.— „Mich tröſtet die Nähe des edlen, vortrefflichen Crafton,“ ſagte Lady Howard—„er kennt dieſe Dame genau, und wird euch, ſo lange der Marquis abweſend iſt, gegen ihre Abſichten zu ſchuͤtzen wiſſen— aber gut ſind dieſe nicht, darauf verlaßt euch— wo ſie mit ihren 304 Helfershelfern in Perſon einzieht, hat ſie entſchiedene Schritte zu thun.“ Es ward Urica nicht leicht, ſich nach dieſen Anre⸗ gungen in die heitere Stimmung der Geſellſchaft zu finden, wozu noch die Wichtigkeit des Auftrags kam, der ihr noch in derſelben Nacht durch Montroſe's Beſtimmung bevor⸗ ſtand und gegen deſſen Wirkung ſie ſich vergeblich durch ihren Muth zu ſtählen ſuchte, da das Gefuͤhl der Heim⸗ lichkeit ihr die Sicherheit nahm, die ſie ſonſt beſaß. Nach der Tafel hinderte ſie indeſſen auch Niemand, ihren Ruͤcktritt anzutreten, die Herrn ließen es ſich aber nicht nehmen, ihr bis zur Grenze das Geleit zu geben. Als man ſich endlich trennte, fuͤhlte ſich Urica un⸗ beſchreiblich abgeſpannt, und dennoch durch die nun ein⸗ kehrende Ruhe um ſich her erleichtert, ritt ſie langſam an Crafton's Seite weiter und der alte Herr ſchien eben ſo wenig als Urica geneigt, das Schweigen zu unter⸗ brechen. Endlich ritt der Stallmeiſter aus dem Gefolge an Sir Crafton heran und machte ihn auf die Anzeichen in der Luft aufmerkſam, die ein ſchnell heraufziehendes Gewitter anzudeuten ſchienen. Sir Crafton uͤberzeugte ſich leicht von der Wahrheit dieſer Bemerkung und fuhlte es, wie einen Vorwurf, nicht fruͤher darauf geachtet zu haben, da bei ihrem langſamen Ritt die Furcht be⸗ gruͤndet ſchien, daß ſie einer der heftigen Orkane, die in dieſen Gebirgsgegenden immer mit den Gewittern ver⸗ bunden waren, grade erreichen werde, wenn ſie die kleine Huͤgelreihe, welche ſie jetzt ſchuͤtzte, verlaſſen haben wuͤrden. Sir Crafton bat Urica langſam ihren Weg fortzu⸗ ſetzen, während er zuruͤck ritt, um mit den andern Dienern, von ihr ungehoͤrt, den zweckmäßigſten Weg zu verabreden, da es ihm allerdings wuͤnſchenswerth er⸗ ſcheinen mußte, ſo lange als möglich im Schutz der Huͤgelkette zu bleiben. Der Stallmeiſter und die beiden Jäger des Gefolges, die am beſten den Weg kannten, ſchlugen vor, von der Landſtraße, die ſie ſogleich erreichen mußten, abzu⸗ weichen und einen kleinen Hohlweg, der ſich ſchon vor ihnen zeigte, einzuſchlagen, da er, wie alle drei behaup⸗ teten, nicht weit von den erſten Wildhuͤter-Huͤtten des Waldes von Caſtletown endigte. War das Gewitter bis dahin herangezogen, ſo konnte man dort Schutz finden, wogegen die grade Landſtraße bei dem zu er⸗ wartenden Sturm und den Hagelgewoͤlken groͤßere Ge⸗ fahren fuͤrchten ließ. Alle waren aber der Meinung, daß das Unwetter zu nah ſei, um auch ſelbſt bei dem raſcheſten Ritt und auf dem gradeſten Wege vor deſſen Ausbruch das Schloß erreichen zu koͤnnen. Jakob v. d. Nees. il. 20 306 Als ſich Sir Crafton umwendete, um der Marquiſe dieſen Vorſchlag zu machen, ſah er ſie halten und an ihrer Seite einen Mann, mit dem ſie ſprach, und der ein paar Mal nach dem Hohlweg zeigte— als Sir Crafton näher kam, fand er ſie bereits von der ihr dro⸗ henden Gefahr unterrichtet und durch den alten Schafer an ihrer Seite war ihr derſelbe Rath gegeben worden, moͤglichſt ſchnell auf den Hohlweg zuzureiten, da er ver⸗ moͤge der Erfahrung ſolcher Leute ihr ein heftiges Un⸗ gewitter prophezeite. „Kennſt du den Weg dort genau?“ fragte ihn Sir Crafton.—„Nun wie unſer Einer thut,“ antwortete der Andere in einer etwas fremden, kaum verſtändlichen Mundart, wie ſie tiefer hinein gegen die Hochgebirge ge⸗ ſprochen wurde. „Ich furchte, du kennſt gar nicht den Weg,“ fuhr Sir Crafton fort—„denn du biſt ein Fremder—“ „Aber alle Jahre zur Sommerweide hier,“ entgeg⸗ nete der Andere— und das war ein Gebrauch, der al⸗ lerdings aus den unfruchtbaren Gegenden ganze Heerden mit ihrem Schaͤfer in die milderen und beſſeren Futter⸗ gegenden ziehen ließ, wozu einzelne Wieſen von den Pächtern gegen einen kleinen Zins uͤberlaſſen wurden. Sir Crafton bat Urica zu eilen, da er ſie ebenfalls entſchloſſen fand, die Landſtraße zu vermeiden. Alle 307 trieben nun ihre Pferde an und durchſchnitten im leich⸗ ten Fluge den Wieſenplan, der ſie noch von dem be⸗ ſchloſſenen Wege trennte. Sie hatten ſich aber nicht hundert Schritt entfernt, als eintrat, was Urica noch nicht kannte und ihre Beglei⸗ ter ſo viel Urſache hatten zu fuͤrchten; es fiel Blitz und Schlag zugleich, und, wie die Introduction zu einem maͤchtigen Trauerſpiel, ſo war damit die Natur in einer Sekunde voͤllig veraͤndert und bot den wildeſten Kampf der Elemente dar, wogegen die Kraͤfte der Menſchen faſt eben ſo ſchnell gebrochen und bis zur Unfähigkeit des Widerſtandes erlahmt waren, als die gebogenen und ge⸗ brochenen Stämme und Zweige der Bäume. Sir Crafton behielt nur noch Zeit, in die Zuͤgel von Uricas zuruͤckweichendem Pferde zu greifen, der Stall⸗ meiſter ritt ſchon ſeit einigen Minuten neben ihr, und ſo verſuchten die muthigen Maͤnner die Pferde nah an ein⸗ ander zu druͤcken, um Uricas Pferd in der Richtung zu erhalten und ſo raſch als möglich dem Wege zuzueilen, der ihnen einigen Schutz verſprach. Aber es war unmöglich die Richtung nochzu erkennen, denn Schloſſen und Regen wurden ihnen von dem wuͤthen⸗ den Sturme ſo entgegen gepeitſcht, daß die Beſinnung des Staͤrkſten darunter leiden mußte— dabei blieb es unmoͤglich, ſich verſtändlich zu machen— es war ein ſo 20* 308 furchtbares Gepraſſel und Geheul in der Luft, daß es unmoͤglich blieb, eine menſchliche Stimme vernehmbar zu machen. Uricas erſtes Entſetzen hatte ſie allerdings einen Augenblick ihre Beſinnung gekoſtet, waͤhrend es ihr ſchien, als wuͤrden die Pferde aus einander getrieben und als floͤge das ihrige ohne Zuͤgel dahin. Aber ſie war nicht ſchnell zu uͤberwältigen und bald hatte ſie gefuͤhlt, daß eine moͤgliche Rettung von ihrer Geiſtesgegenwart abhaͤngen werde. Sie ſtreckte daher nach einigen entſetz⸗ lichen Augenblicken die Hand nach dem verlorenen Zuͤ⸗ gel aus, fuͤhlte ihn aber in ſtarker und ſicherer Hand, und ſie ſelbſt ward in dieſem Augenblicke von dem Or⸗ kan auf ihrem Pferde niedergebeugt, der Athem in ihrer Bruſt zuruͤckgedraͤngt, und ſie glaubte zu erſticken. Ein Angſtſchrei befreite mit entſetzlicher Gewalt den zuruͤck⸗ gedrängten Athem und es ſchien ihr ploͤtzlich, als ſei ſie etwas mehr gegen die Wuth der Elemente geſchuͤtzt. Ihre Beſinnung kehrte wieder, ſie fuͤhlte, daß man einen Mantel um ſie geſchlagen hatte, der ſelbſt ihren Kopf bedeckte, ein ſtarker Arm hielt ſie umſchlungen und auf ihrem Pferde feſt, welches gegen ein zweites gedruckt war, wodurch ihr eine unerträgliche Belaͤſtigung wurde. — Es ſchien, die Schloſſen und der Sturm erreichten ſie nicht mehr, ſie hatte den Schrei ihrer befreiten Bruſt —,———— 309 gehört—„Sir Crafton!“ rief ſie jetzt, ſo laut ſie ver⸗ mochte—„haltet an! ich beſchwore euch! wenn ihr nicht wollt, daß ich aus Schmerz ſterben ſoll!“ Aber er ſchien ſie nicht zu hoͤren; zwar fuhlte ſie augenblicklich das Pferd etwas erleichternd von dem ih⸗ rigen zuruckgedraͤngt; aber deſto feſter ward ſie um⸗ ſchlungen, deſto raſcher ihr Pferd davon getrieben. Dieſe Lage war unerträglich— mit Gewalt befteite ſie ihren Kopf von der Umhuͤllung des Mantels— die Luft, die mächtig auf ſie einſtrömte, erleichterte ſie und ſie blickte auf, um zu ſehen, wo ſie ſich befand. Im erſten Augen⸗ blicke ſchien es ihr, als wäre ſie in gänzlicher Dunkelheit, aber zugleich in der Tiefe des Hohlweges, uͤber wel⸗ chen der ſchwarze Himmel und die laubenartig zu⸗ ſammen gewachſenen Baͤume faſt Nacht verbreiteten. Nach und nach gewann ihr Auge wieder Kraft zu erken⸗ nrn, und noch einmal redete ſie Sir Crafton an und bat ihn einen Augenblick anzuhalten, als ihr plotzlich eine fremde Stimme faſt unverſtandlich zurief, ſich bei ihrer Liebe zum Leben ruhig zu verhalten. Mit einem kräftigen, unerwarteten Stoß hatte ſich Urica aus den Armen des Fremden befreit, in welchem ſie den Pirten erkannte, der ſie fruͤher angeredet. Sein großer, grauer, breitkrämpiger Hut, der nur nach vorn etwas aufgebogen war, hing wie ein Dach 310 um ihn her, und er ritt eins von den kleinen ſtarken Gebirgspferden, welche an ſolche Kämpfe mit der Natur gewoͤhnt ſind. „Wer ſeid ihr?“ rief Urica heftig—„und wer hat euch erlaubt, den Zuͤgel meines Pferdes zu len⸗ ken?“ „Dankt Gott, daß ich ihn ſicher gelenkt,“ rief eine gellende Stimme—„ſonſt läget ihr wie ein gebroche⸗ ner Halm unter demſelben!“ Urica fuhlte ſich von dieſer Stimme wie von einem Pfeil durchbohrt, obwohl ſie ſie nie vorher zu hoͤren ge⸗ glaubt hatte. Eine Unſicherheit und Furcht, die nicht mehr dem Ungeſtuͤm des Gewitters galt, erſchuͤtterte ihr muthiges Herz, und ohne ſich zu beſinnen, wie unwirk⸗ ſam ihr Widerſtand gegen den ſtarken Fuͤhrer ihres Pferdes ſein wuͤrde, verſuchte ſie in die Zuͤgel zu greifen und ihr Pferd zum Stehen zu bringen. Doch ein Ruck entriß ihr ihn wieder und ein kurzes Lachen folgte dieſer Bewegung. „Haltet, haltet!“ rief Urica voll Verzweiflung— denn dies Lachen war ihr verſtäͤndlicher, als die verſtellte Sprache—„haltet! oder ich werfe mich unter die Hufe der Pferde!“ Die Antwort war, daß ſie aufs Neue von einem ſtarken Arm umſchlungen auf dem Pferde feſtgehalten wurde. urica erſtarrte einen Augenblick von der Furcht uͤberwältigt, welche ihre Lage, die ſie nun zu verſtehen begann, ihr einflößte, aber faſt zur ſelben Zeit bemerkte ſie, daß die Natur aus dem raſendſten Aufruhr zu der lautloſeſten Stille uͤbergegangen war, und hierdurch fuhlte ſie ihren Muth neu belebt. Mit großer Beſonnenheit ſuchte ſie an ihrem Kleide nach der kleinen ſilbernen Pfeife, welche damals alle Damen zur Herbeirufung ihrer Frauen und Pagen an einem Kettchen in den Falten ihres Kleides tru⸗ gen; als ſie es gefunden, bog ſie ſich ſchnell auf ihrem Pferde zuruͤck und ſtieß ein paar Mal einen gellenden Ton aus. Ein wilder Fluch ihres Begleiters und eine raſche Bewegung, womit er ihre Hand von ihrem Munde zu⸗ ruͤck und feſt auf den Sattelknopf gedruckt hielt, beſtaͤ⸗ tigte ihre Furcht, daß ſie mit Gewalt von ihren Beglei⸗ tern entfernt werde, und das heftige Antreiben der Pferde ließ ihr faſt keinen Zweifel, in weſſen Gewalt ſie war. Aber die plötzliche Ruhe in der Natur war auch ih⸗ ren Begleitern zu ſtatten gekommen; ſie hatten, obwohl ſie durch das jähe Abſpringen ihrer Pferde und durch einen heftigen Schlag, den Sir Crafton auf ſeiner Hand gefuͤhlt, den Zuͤgel von Urica's Pferd verloren hatten, dennoch den Hohlweg erreicht und ſich bei der eintreten⸗ den Ruhe uͤberzeugt, daß die Marquiſe denſelben Weg geritten war. Aber ſie hörten jetzt auch den Ton ihrer Pfeife, und Beide waren zu gute Reiter, um nicht die Kräfte ihrer ſtarken Pferde zu einem wahrhaften Fluge zu beleben. Als Urica's Fuͤhrer die ſich nähernden Hufſchläge hörte, ſchien ihn raſende Wuth zu erfaſſen.„Ha!“ rief er—„was haͤlt mich ab, euch nicht lieber in den Ab⸗ grund zu ſchleudern?“ Dabei drängte er ihr Pferd gegen die Seite des Weges, wo die Felswand aufhoͤrte— aber eben ſo plötzlich ließ er ſie und den Zuͤgel ihres Pferdes los und jagte vor ihr voraus den Weg hinab und faſt augenblicklich Urica's Blicken. Was Urica waͤhrend der letzten Minuten empfunden, hielt auch, nachdem ihr furchtbarer Begleiter ſie verlaſ⸗ ſen, ihre Beſinnung wie gelaͤhmt, und als Crafton und der Stallmeiſter ſie erreichten, ſtieß ſie einen Schrei aus, weil ſie Beide einen Augenblick verkannt hatte. „Milady,“ rief Sir Crafton außer ſich—„ſeid ihr unbeſchaͤdigt— unverletzt? Um Gotteswillen beruhigt uns durch ein Wort— ging das Pferd mit euch durch oder habt ihr es ſelbſt in dem ſchrecklichen Augenblick der Verwirrung ſo angetrieben?“ 8 7 313 Bei dieſen letzten Worten fand Urica mit ihrer alten Faſſung auch ihre Sprache wieder. „Gottlob!“ ſagte ſie—„daß ich euch auch unver⸗ letzt ſehe! Fordert aber keine Rechenſchaft von mir, wie ich hierher gekommen bin— ihr ſeht, auch ich bin un⸗ verletzt— doch war ich gewiß in großer Gefahr! Ich bitte euch nunmehr, laßt uns den kuͤrzeſten Ruͤckweg antreten, denn ich fuhle mich aͤußerſt angegriffen!“ Ohne Unfall und Alle der Ruhe beduͤrftig, erreichten ſie mit dem Untergang der Sonne das Schloß, und Urica zog ſich, fuͤr Niemand mehr zugänglich, in ihre Zimmer zuruͤck. Sie fuͤhlte das Beduͤrfniß eines ungeſtoͤrten Nach⸗ denkens uͤber ihre Lage, welche mit jedem Tage, wie es ſchien, an Verwickelung zunehmen ſollte. Das druͤk⸗ kende Gefuͤhl, ſchutzlos fremden feindlichen Abſichten loß zu ſtehen, war ſelbſt fur einen ſo feſten und ent⸗ oſſenen weiblichen Charakter niederbeugend; aber die eben uͤberſtandene Scene, uͤber deren Urheber ſie außer Zweifel war, empoͤrte ihren Stolz auf das lebhafteſte, und ſeltſam genug, flößte ihr am wenigſten Furcht ein — ſie war gewiß, daß, wenn ihre Sinne nicht durch den heftigen Naturzuſtand betäubt geweſen wären, ſie keine Gewalt zu furchten gehabt hätte, die ſie nicht durch die Kraft ihres Geiſtes und ihrer Worte wuͤrde haben von 314 ſich abweiſen können. Mit Zufriedenheit war ſie ſich ihrer Geiſtesgegenwart bewußt, dem Sir Crafton die wahre Veranlaſſung ihrer Trennung verſchwiegen zu haben. Auch jetzt, nachdem ſie in Ruhe uͤber den Vor⸗ fall nachdachte, mußte ſie es billigen, die Aufmerkſam⸗ keit des Sir Crafton nicht geweckt zu haben, weil als⸗ dann zu erwarten war, daß die Bewachung ihrer Per⸗ ſon dem alten Herrn als die dringendſte Pflicht wurde erſchienen ſein, und dadurch alle Möglichkeit, Montro⸗ ſe's ihr allein uͤbertragenen Auftrag auszurichten, abge⸗ ſchnitten worden wäre. Dennoch blieb die Naͤhe dieſes Mannes, der jedes Maaß uͤberſchreiten zu wollen ſchien, eine Buͤrde und eine Gefahr— und ſo ſehr liebte Urica, daß ſie ſich erleichtert fuhlte bei dem Gedanken, daß Montroſe durch ſeine Pflichten von einem Ort ent⸗ fernt gehalten wurde, wo er vielleicht in gefaͤhrliche Beruͤhrung mit ſeinem erbittertſten Feind kommen konnte. Dieſe letzten Betrachtungen hatten ihre Gaͤſte faſt aus Urica's Gedanken verdraͤngt, und es ſchlug eilf Uhr, als ſich ihre Kammerfrauen meldeten, um ſie an die Nachtruhe zu erinnern. Das war ein ſehr empfindlicher Augenblick fur Urica, denn ſie ſtand mit einer Heimlichkeit vor ihren Dienerinnen belaſtet, und mußte an eine Unterbrechung 31⁵5 des gewöhnlichen Dienſtes denken und eine Täuſchung erfinden, um ihre wahren Abſichten zu verbergen. Dieſe fremde und neue Stellung fiel Urica unerträglich ſchwer, und ſie war daruͤber faſt erſtaunt und blickte beide Maͤd⸗ chen ſchweigend und ſinnend an, als konne ſie nicht die ſonderbare Forderung begreifen. „Auch iſt es etwas kalt nach dem Gewitter gewor⸗ „ ſagte Ulla, die langjährige Dienerin—„Euer te ſollten mir erlauben, die Thuͤren nach der Ter⸗ raſſe zu ſchließen.“ „Thue das, Ulla,“ ſagte die Marquiſe—„ich habe aber noch Geſchaͤfte— Briefe zu—“ ſie hielt inne— erſchrocken uͤber ihre Ungeſchicklichkeit—„ge⸗ nug, ihr mogt dieſen Putz von mir nehmen— mein Haar in Binden legen— dann will ich uͤber mein Nachtkleid ein warmes Morgenkleid ziehen und ſpäter allein zu Bett gehn— ihr moͤgt euch immer indeſſen niederlegen.“ „Euer Gnaden!“ ſagte Ulla, die älteſte der Frauen, und zu einiger Vertraulichkeit durch eine Jahre lange Stellung bei der Gräfin berechtigt, und in dem Ton, mit welchem ſie bloß dieſe Worte ſagte, lag doch ein ſo demuͤthiger, aber beſtimmter Widerſpruch, als fuͤhlte ſie ſich an ihrer Dienſtehre gekränkt. „Doch! doch, Ulla!“ ſagte Urica verlegen—„doch 316 wirſt du dich diesmal meinem Befehle fuͤgen— du wirſt damit am beſten deine Pflicht erfullen.“ Urica konnte in dem ſchweigenden Gehorſam, der nun erfolgte, die Beimiſchung von Erſtaunen nicht ver⸗ kennen, und dieſe kleine Zwiſchenſcene verletzte ſie mehr und reizte ſie tiefer, als die eben beſtandene viel größere Gefahr, gegen die ſie ihre ganze Kraft geſetzt hatte. Als ſie ſtill ſinnend ihr ſchönes Haar in die Haͤnde ihrer Frauen lieferte und während dieſer Zeit durch Nachdenken zu einer feſteren Haltung kam, erſtaunte ſie uber ſich ſelbſt, daß ſie einen Schatten von Vorwurf gegen Montroſe fuͤhlte, daß ſie ſich ſagte: er hätte ſie nicht in eine unſchickliche zweideutige Lage zu ihren Do⸗ meſtiken bringen duͤrfen— ſie dachte daran, daß ein Mann, der, in Mitte eines Buͤrgerkrieges ſtehend, von den großen Zwecken fuͤr das Schickſal ſeines Vaterlan⸗ des erfullt, die zarte Stellung einer Frau vergeſſen habe, welche die kleinſte Verdächtigung ihrer Handlungen ſcheuen muͤſſe— ſie wollte ihn vertheidigen damit, und ſie hatte ihm doch grade damit einen Vorwurf gemacht. Dahin konnte die ſtolze Urica kommen, bei der Gefahr, ihren Frauen eine Unwahrheit ſagen zu muͤſſen, ſie uͤber eine ihrer Handlungen taͤuſchen zu wollen. Indeſſen war ihre Nachttoilette, wie ſie ſie anbe⸗ fohlen hatte, und wie ſie ſich fuͤr ihr Vorhaben eignete, vollendet, die Frauen kuͤßten ſchweigend ihre Hand und zogen ſich zuruͤck. Urica hatte nur noch ſo viel Zeit, zu warten, bis ſie annehmen konnte, daß die Maͤdchen ihre Zimmer jen⸗ ſeit des Corridors, ihrem Schlafzimmer gegenuͤber, er⸗ reicht haben konnten und ihren Befehlen gemaͤß zur Ruhe gegangen waren. Während dem ordnete Urica noch einen langen dunklen Schleier uͤber ihren Kopf, in welchen ſie ihre ganze Geſtalt verhuͤllen konnte, ohne dadurch beläſtigt zu werden; dann pruͤfte ſie das Wetter, welches milde und ruhig, aber ohne Sternen- und Mondenlicht war, und nahm den Schluͤſſel zu dem Käſtchen, worin der verhaͤngnißvolle Brief an den Koͤnig lag. Doch faßte er das Schloß nicht, er wollte ſich nicht umdrehen, und indem Urica ſich niederbog, um das Hinderniß zu erforſchen, zog ſie den geoͤffneten Deckel in die Hoͤhe— dies gab ihr eine unangenehme Ueber⸗ raſchung— ſie wußte gewiß, daß ſie das Käſtchen, wel⸗ ches von Silber und mit Emaille ausgelegt und auf ihrem Schreibtiſche feſt geſchraubt war, feſt verſchloſſen hatte— ſie wußte gewiß, daß ſie es jetzt nicht aufge⸗ ſchloſſen, daß der kleine Schluͤſſel eben Widerſtand ge⸗ leiſtet, weil das Schloß ſchon geoͤffnet war. Haſtig hob ſie das ſeidene Kiſſen auf, welchzs ſie ſelbſt uͤber 318 beide Briefe gelegt, und zu ihrer großen Erleichterung lagen beide auf derſelben Stelle, wo ſie ſie hingelegt, und ihr ſorgfaͤltig auf dem Briefe des Koͤnigs ange⸗ brachtes Siegel war vollig unverletzt. Jetzt beruhigte ſie ſich uͤber die Hauptſache, aber nicht ohne einigen Vorwurf fur ſich, da ſie es ſich zur größten Unbeſonnenheit anrechnete, Montroſe's wich⸗ tigſtes Geheimniß, wie ſie annahm, durch das Nicht⸗ verſchließen des Käſtchens in Gefahr gebracht zu haben. Es iſt faſt ſuͤß, ſich bald nachher eines Unrechts gegen den, den man liebt, anklagen zu koͤnnen, wenn wir kurz vorher einen Vorwurf gegen ihn nicht unter⸗ druͤcken konnten— und was uns dann von ihm auf⸗ erlegt iſt, wird zu erfuͤllen ein heiliger Dienſt, an dem wir uns nur genug thun durch die bereitwilligſte Er— fuͤllung. Urica verbarg den Brief in einer Taſche ihres Klei⸗ des, und jetzt ging ſie ohne Aufenthalt muthig durch die lange Zimmerreihe, welche endlich in einem großen Bedientenzimmer endete, welches ſich außer den ver⸗ ſchloſſenen Gittern des Hofes nach dem Park zu öͤffnete. So wie ſie ſich von der dunklen ſtillen Nacht um⸗ geben fuͤhlte, von keinem unangenehmen Begegniß ge⸗ ſtört, kehrte ihre Ruhe zuruck, und ſie fing an, die er⸗ auickende Luft zu genießen, ohne daß ihre Gedanken 319 recht bei dem Vorhaben weilen konnten, und es ſchien ihr ſelbſt, ſie wäre nach den unangenehmen Stoͤrungen des Tages ganz dazu berechtigt, in der ſchoͤnen Nacht einen beruhigenden Spaziergang zu machen. Als ſie den Weg hinabging, der vom Schloſſe ab⸗ wärts in die Alleen fuͤhrte, blickte ſie, ehe ſie in ihre dunklen Schatten trat, noch einmal nach demſelben zu⸗ ruͤck und ſah, daß in den Zimmern des Sir Crafton noch ein Lichtſchein zwiſchen halb geſchloſſenen Vorhän⸗ gen durchſchimmerte; alle uͤbrigen Fenſter waren vollig dunkel, und dies erleichterte ihr Herz noch mehr, denn von ihm hatte ſie am wenigſten zu fuͤrchten, ſelbſt wenn er ſie ſähe oder traͤfe; ja, es war ihr heute waͤhrend ih⸗ rer allgemeinen Mittheilungen aus Montroſe's Brief an ihn, als habe ſie etwas nachdenklich Pruͤfendes an ihm bemerkt, welches vielleicht auf einer Schlußfolge beruhen konnte, die bei ihm, der Montroſe ſo genau kannte, wahrſcheinlich war. Deſſenungeachtet hatte ihr Gemahl ihr allein in dieſer Angelegenheit vertraut, und ſie konnte dies Vertrauen nicht ohne ſeinen Willen, ſelbſt gegen eine ſo bewaͤhrte Perſon, als Crafton war, erweitern. Der Weg, der ihr ſchon zu Pferde weit abfuͤhrend erſchienen war, verlängerte ſich jetzt ſo ſehr, daß ſie ein paar Mal ausruhend ſich gegen einen Baum lehnen mußte, und als ſie endlich aus der Dunkelheit dieſer Al⸗ leen heraustrat und das Jagdhaus uͤber den Wieſen⸗ grund vor ſich ſah, ſchien es ihr, als könne ſie es nicht mehr erreichen, ſo fuͤhlte ſie ſich plotzlich halb entmu⸗ thigt, halb uͤbermuͤdet. Der Himmel hatte ſich aufge⸗ klärt, es lag ein ſanftes Licht uͤber der Gegend und ſie konnte die Fenſter und die Lindenbäume zaͤhlen, welche vor dem Hauſe ſtanden. Jetzt aber kam ihr Alles entſetzlich ſchwer und ge⸗ wagt vor, und der Gedanke, dort mit einem fremden Manne zuſammen treffen zu ſollen, ſchien ihr eine uner⸗ trägliche Qual. Sie ruhte auf einem Sitze am Ausgange der Alleen und ſuchte ihren Muth durch Montroſe's Andenken zu be⸗ leben, und eben wollte ſie ſich erheben, um vorzuſchreiten, da fiel in geringer Entfernung ein Schuß, und die mu⸗ thige Urica ſank, wie davon getroffen, auf ihren Sitz zuruͤck. Als ſie ſich einen Augenblick erholt, ſchien es ihr, daß ſie den Schuß auf der andern Seite des Jagd⸗ hauſes nach der Landſtraße zu gehoͤrt habe und die Ge⸗ wißheit, daß die Gegend nicht ruhig und ſicher ſei, daß vielleicht Landſtreicher, Wilddiebe oder andere umher⸗ ſtreifende Perſonen ſie und ſelbſt den Boten des Konigs in Gefahr bringen konnten, beſtuͤrmten ſie mit gleich großer Beſorgniß. 321 Deſſenungeachtet war ſie auch zugleich durch die Zeit gedrängt; die Stunde mußte da ſein oder ſchon ver⸗ floſſen, wo ſie den Boten finden ſollte; war er genoͤthigt laͤnger zu warten als verabredet war, konnte er grade jetzt entdeckt werden, da die Gegend unſicher wurde, und der ganze Auftrag unmoͤglich werden. Ploötzlich hatte ſie ihren Muth wieder; kräftig ſchritt ſie uͤber den Plan der Wieſe vor, mit dem Auge auf dem Hauſe, um den Weg nicht zu verlieren, und ohne Stö⸗ rung hatte ſie das Gartengitter erreicht, als ſie im ſelben Augenblick, wie aus der Erde auftauchend, dicht neben ſich die Geſtalt eines Mannes erblickte, der ſogleich ſei⸗ nen Arm ausſtreckte, um ſie am Weitergehen zu ver⸗ hindern.. Die Geſtalt war in einen langen ſchwarzen Mantel gehuͤllt, deſſen Kaputze den ganzen Kopf verhuͤllte; er hatte nichts Rohes in ſeinen Bewegungen, aber etwas Entſchiedenes, und Urica war zu lebhaft erſchrocken, um nicht dem ſtummen Verbot weiter zu gehen gehorchen zu muͤſſen. „Ihr ſeid lange geblieben,“ fluſterte er leiſe— „und habt mich dadurch in große Gefahr gebracht; es blieb mir nichts uͤbrig, als meinen Standort zu ver⸗ laſſen, denn es geht außer unſerm Geſchaͤft auf der Landſtraße noch etwas vor und das Jagdhaus war auf Jakob v. d. Nees. 1I. 21 322 kurze Zeit von bewaffneten Männern umſchwärmt— ich hielt es daher fuͤr's Beſte, euch nicht bis dahin vor⸗ dringen zu laſſen, und bin euch entgegen gekommen.“ Der Fremde ſchien durch eine Maske zu ſprechen— Urica konnte ihn kaum verſtehen, aber ſie hatte ſich eben wieder gefaßt und ſagte, ſo muthig ſie konnte:„Was wollt ihr von mir, und was treibt euch hierher?“ „Daſſelbe, was einer ſo hochgebornen Dame Ver⸗ anlaſſung wird, bei Nacht und Nebel einen Fremden im Walde aufzuſuchen! Darum, ſchoͤne Lady, ſpielt nicht laͤnger die Unbefangene— ich will den Brief de Milord von Montroſe an den König— iſt das beurlich genug, oder habt ihr noch eine andere Pruͤfung fuͤr mich?— heraus damit!— oder iſt die Nacht hell ge⸗ nug, um aſtronomiſche Beobachtungen machen zu kön⸗ nen, und wollt ihr mir ſagen, wie weit Mars von der Sonne entfernt iſt?“ Er war ihr zuverſichtlich bei dieſen Worten näher getreten, und Urica durfte nun nicht zweifeln, daß ſie den beglaubigten Boten vor ſich habe— aber dennoch trat ſie ein paar Schritte zuruͤck und ſagte mit ernſter, drohender Stimme:„Wer 3 ihr?— wovon ſprecht ihr?“ „Oho!“ ſagte der„ſo lautet die Ant⸗ von nicht!— Beſinnt euch, was ihr thut, damit ich * 3 — 323 nicht zu der Befurchtung komme, mich geirrt zu haben — es wuͤrde unangenehme Folgen haben, da ich das Stichwort ſchon verrathen habe. Doch will ich mich tröſten,“ fuhr er, wieder näher tretend, fort—„wenn ihr mir verſichert, daß ihr die Lady nicht ſeid, von der ich einen Brief zu empfangen habe; denn jedenfalls ſeid ihr dann ein reizendes, auf Abenteuer ausziehendes Weib, und dann beginnt das Abenteuer mit mir, denn — legitimirt ihr euch nicht, nehme ich euch wie eine Feder vom Boden auf und trage euch mit mir davon, denn dann habe ich euch ſchon zu viel verrathen.“ Urica wich ganz entſetzt zuruͤck; aber dennoch kaͤmpfte eine unnennbare Angſt in ihrem Herzen gegen die letz⸗ ten Worte, die den Boten anerkennen und das wich⸗ tige Geheimniß ihres Gemahls in ſeine Haͤnde liefern ſollten. „Entſcheidet,“ ſagte der Fremde, ihr wieder naͤher tretend—„ich habe nicht viel Zeit und fuͤrchte, daß euer unuͤberlegtes Zögern meine Gefahr vermehren wird — wenn ihr die Rechte ſeid, wenn ihr euch als die Rechte ausweiſen könnt, ſo ſprecht— ſonſt— ich ſchwoöre es euch— ich nehme euch mit, im Guten oder mit Ge⸗ walt, gleich viel, denn dann wißt ihr zu viel.“ „Ich bin es,“ ſagte Urica, von den Umſtaͤnden ge⸗ drängt und uͤberzeugt, daß ſie ihre Bedenklichkeiten nicht 21* 324 länger durfe geltend machen—„und ihr habt es allein eurem unbeſcheidenen Betragen zuzurechnen, daß ich zwei⸗ felte, man konne zu einem ernſten Geſchaͤft einen ſo an⸗ maßenden Boten waͤhlen.“ Sie trat wieder zuruͤck und mufßte jetzt den Schleier zuruck ſchlagen, um den Brief hervor zu ſuchen. Der Bote ſchwieg während dem und ſeine Augen ſchienen jede ihrer Bewegungen zu beobachten. Endlich zog ſie mit dem widerſtrebendſten Herzen den Brief hervor und noch hielt ſie ihn voll banger Ahnung mit beiden Händen feſt, als ſie ſah, wie der Bote ſich vor ihr auf ein Knie niederließ und demuͤthig um hun ſeines Betra⸗ gens bat. Ohne ſich darauf weiter iniluſen, faßte Urica doch wieder einigen Muth, trat ihm naͤher und reichte ihm endlich den Brief. Er nahm ihn, aber er hielt einen Augenblick ihre Hand feſt und ſchien ihn aufmerkſam zu pruͤfen. „Fort! fort!“ rief Urica, von unbeſtimmter Furcht ergriffen—„verliert jetzt keine Zeit!“ Sie war ganz außer ſich und, Alles vergeſſend, ſprach ſie dies ſo laut, daß die Stille der Nacht weithin davon unterbrochen ward. Da endigte der Bote ſeine Pruͤfung, ließ ihre Hand los und ſtuͤrzte davon.— Im ſelben Augenblicke hörte Urica eine anrufende Stimme in der Ferne— ein —— 325 namenloſes Gefuͤhl von Furcht ergriff ſie, und wie ein gejagtes Reh ſturzte ſie uber den Wieſengrund den Al⸗ leen zu und hatte ſie eben halb ohnmächtig erreicht, als ihr aus dem Schatten derſelben ein Mann entgegen ſturzte, in dem ſie ſogleich Sir Crafton erkannte. „Nehmt mich in Schutz,“ ſtammelte Urica und hielt ſich krampfhaft an ſeinen Arm—„fuͤhrt mich zuruͤck!“ „Heilger Gott!“ ſchrie der alte Mann—„ihr ſeid es, Frau Marquiſe— ihr— in der Nacht ſo weit vom Schloſſe! und ihr wurdet angefallen— ich beſchwoͤre euch, laßt mich los— ſetzt euch hier— ich ſehe den ent⸗ flichenden Boͤſewicht noch— laßt mich ihm nacheilen, ſo etwas darf nicht möglich werden im Bereich des Schloſſes! Ein Anfall! Der Schuß— mein Gott! war er auf euch gerichtet— wurdet ihr vielleicht aus dem Schloſſe mit Gewalt bis hierher geſchleppt? Laßt mich fort— ich muß den Böſewicht einholen und zuch⸗ tigen!“ Urica mußte noch einmal ihre wachſende Erſchöpfung bekämpfen, um ſich dieſem Vorſatze des unſäglich auf⸗ geregten und beleidigten Intendanten zu widerſetzen, und da ſie ihm die wahren Gruͤnde ihrer auffallenden Handlung nicht nennen durfte, litt ſie unſaͤglich unter der Schwierigkeit, Gruͤnde zu erfinden, wogegen ſich ihr 326 ſtolzer und wahrer Sinn bis zur Unfähigkeit eine Er⸗ findung zu machen, ſtraͤubte. Sie ließ daher ſeinen Arm nicht los und ſagte immer fort:„Nein, nein! Ihr duͤrft nicht! Nein, nein! Ihr koͤnnt mich nicht verlaſſen— ich darf euch das nicht erlauben! Plotzlich gab der alte Herr, wie von einem Gedan⸗ kenblitz beruͤhrt, nach, und fuͤhrte Urica ſogleich wider⸗ ſtandslos mit ſeiner gewoͤhnlichen Courtoiſie nach dem Ruheplatz zu Anfang der Allec. Als ſie faſt niederſank, blieb er ſchweigend und ge⸗ dankenvoll vor ihr ſtehen, und Urica goͤnnte ſich nur we⸗ nige Augenblicke der Erholung, denn der ehrwuͤrdige Mann, der gewiß in einem ſchmerzlichen inneren Zu⸗ ſtande war, erregte ihre achtungsvollſte Theilnahme. „Sir Crafton,“ ſagte ſie mit ſchwacher, aber gefaßter Stimme—„es waͤre mir unmoͤglich, euch uber dieſen Vorfall, ſo weit ich ihn erklären kann, taͤuſchen zu wol⸗ len— ich ging freiwillig, aus Pflichtgefuͤhl dieſen Weg, und es war meine Aufgabe, mit dieſem Manne, den ihr entfliehen ſaht, hier zuſammen zu treffen.“ „O, warum hattet ihr kein Vertrauen zu mir?“ ſagte Crafton.—„So weit es von mir abhing, beſaßet ihr es vollſtändig,“ ſagte Urica mit Waͤrme—„man hatte aber dieſe Angelegenheit allein in meine Hand ge⸗ 8 327 tegt— ich hatte kein Recht, meine Vollmacht zu erwei⸗ tern, obwohl es vielleicht nur vergeſſen worden iſt, wie nöthig ich Schutz haben koͤnnte, wie ausreichend der eurige ſein mußte.“ „Aber der Schuß, Milady?“ fragte Crafton.— „Er hat beſtätigt, wie gewagt mein Unternehmen war, mich allein hierher zu begeben; denn offenbar hat ſich auf der Landſtraße ein Abenteuer zugetragen, und dies nah dabei gelegene Haus hat mit zum Schauplatz irgend einer Verfolgung gedient— es war der Grund, weshalb die Perſon, die ihr eben davon eilen ſaht, mir bis hier⸗ her entgegen kam.“ „Aber Milady,“ ſagte Crafton zögernd—„o, ver⸗ gebt dem alten, für euch, fur den theuren Marquis ſo beſorgten Mann ſeine Zudringlichkeit— was veran⸗ laßte euren Huͤlferuf— oder doch euer lautes, ängſtli⸗ ches Sprechen?“ „Dieſer Mann betrug ſich nicht, wie ich erwarten durfte,“ ſagte Urica ſchaudernd— „Und ihr habt ihm doch vertraut?“ fuhr Crafton angſtvoll hervor— Urica ſchwieg und ſeufzte— dann ſagte ſie lang⸗ ſam:„Er hatte das Wort.“ „Milady!“ rief Sir Crafton—„Gott gebe, daß hier nicht ein entſetzlicher Betrug obwaltet!“ 328 „Heil'ger Gott,“ rief Urica—„ſagt, was ihr denkt— haltet ihr es möglich, daß ich betrogen worden bin— daß es Einen giebt, der das Wort kennen kann—?“ „Ihr fragt mich zu viel,“ antwortete Crafton— „ihr wißt es ja, ich bin nicht im Vertrauen,“ ſetzte er ſanft und wehmuͤthig hinzu—„ach! vielleicht haͤtte euch meine Vorſicht ſchuͤtzen können.— Erlaubt jetzt, daß ich euch erinnere, daß es Zeit iſt, nach dem Schloſſe zuruͤck zu gehen, wenn ihr verhuͤten wollt, daß euer nächtlicher Weg nicht verrathen werde.“ Ein kurzes Nachdenken uͤberzeugte Urica, daß dies der beſte Rath ſei, da weder ihre eigenen, noch Craftons Bedenklichkeiten jetzt noch zu etwas helfen konnten und ſie ſich, trotz ihres lebhaften, faſt phyſiſchen Widerwillens gegen die Perſon des Boten, doch ſagen mußte, er habe das Loſungswort und alle Umſtände gekannt, und in dem Zuſammentreffen mit dem Abenteuer, wozu der Schuß gehoͤrte, lag vollſtaͤndig die Abweichung von der Verabredung, ihr entgegen zu kommen, erledigt. Beide gingen nun, ſo raſch es Uricas Kraͤfte erlaub⸗ ten, die duͤſteren Alleen zuruͤck, und es gereichte ihnen zu großer Erleichterung, daß ſie das Schloß noch eben ſo dunkel und ruhig vor ſich ſahen, als es Urica verlaſſen! hatte. — 329 „Milady,“ ſagte Crafton, als er ſich an ihrer Zim⸗ merthuͤr ehrfurchtsvoll verabſchiedete—„ich werde euren Kammerfrauen morgen meinen Beſuch machen und ihnen empfehlen, euch lange Ruhe zu gönnen, da ihr von dem Schuß, der gewiß trotz des dunklen Schloſſes gehoͤrt worden iſt, veranlaßt worden ſeid, hinaus zu eilen, wo ihr mit mir etwas weiter gegangen ſeid— eure Kleider wuͤrden dieſen neugierigen Weſen jedenfalls eure Wanderung verrathen und ihr habt dann nur noch wenige Worte hinzuzufuͤgen.“ „O wie ſeid ihr guͤtig, Sir!“ rief Urica geruͤhrt von dieſer väterlichen Vorſorge, die ihr eine Verlegen⸗ heit erſparte, die ſie noch vor kurzem ſo empfindlich ge⸗ kraͤnkt hatte—„ſeid gewiß, wenn ich je Rath oder Vertrauen während der Abweſenheit meines Gemahls gebrauche, ich es nirgends lieber ſuchen werde, als bei euch.“ Sie reichte ihm ihre ſchoͤne Hand, die er ehrerbietig kußte, und dann eilte Urica ihr Lager zu erreichen, wo ſie erſt die todtliche Erſchoͤpfung fuͤhlte, die dieſer erſchut⸗ ternde Tag nachgelaſſen hatte. Deſſen ungeachtet erwachte Urica doch wenig ſpäter als gewoͤhnlich und indem ſie ihre Frauen rief, naͤherten ſich dieſe beſtuͤrzt und verlegen und baten ſehr beſchämt um Vergebung, nicht gehoͤrt zu haben, als Urica nach 330 hnen gerufen, und verſprachen, nie wieder ſich zur Ruhe begeben zu wollen, ehe ſie nicht von dem Schlaf ihrer gnaͤdigen Herrin uͤberzeugt ſein wuͤrden. „Ich mache euch keine Vorwuͤrfe,“ ſagte Urica— „ihr habt gethan, was ich befohlen hatte;— das thut immer, ſo bleibt ihr ohne alle Verantwortlichkeit. Doch ſagt mir, ob ihr ſchon etwas uͤber die Veranlaſſung die⸗ ſes Schuſſes gehoͤrt habt?“ „Ach ja, Euer Gnaden!“ ſagte Ulla—„Sir Craf⸗ ton hat ſchon das Verhoör— ſie haben die Leiche dicht vor dem Jagdhauſe gefunden, unter der dritten Linde vom Eingang; und dennoch will der alte Kaſtellan nicht geſtehen, daß er was davon gehört hat.“ Urica lehnte ſich erbleichend in ihre Kiſſen zuruͤck— das Herz wurde ihr wieder zuſammengezogen, daß ſie kaum athmen konnte— nach einer Pauſe ſagte ſie: „Alſo wirklich ein Mord!— Kennt man die Leiche— iſt es ein Mann aus der Gegend?“ „Nein, Euer Gnaden! Niemand kennt ihn— er träͤgt ſogar fremde Kleider, wie ſie an der Grenze tragen — die Leute ſagen es ſei ein Englaͤnder! Die Kugel iſt ihm von hinten am Ruͤckgrad vorbei mitten durch's Herz gegangen und da ſteckte ſie noch— er iſt gleich todt geweſen, ſagt der Herr Doktor, der ſchon dabei iſt— ſonſt ſoll es ein rieſenartiger Mann ſein, den ſie ſo bald nicht uͤberwältigt hätten— aber ein Schuß von hinten— das kraͤnkt auch den Herrn Intendanten ſo— er iſt nicht einen Schritt mehr gegangen— er lag auf dem Geſicht vorn uͤber auf den hohen Baum⸗ wurzeln.“ „Unter dem dritten Baum!“ ſagte Urica mechaniſch. —„Ja, Euer Gnaden! Grade ging ich vor dem Ge⸗ richtsſaal voruͤber, wo Alles hinein draͤngte; da ward grade laut zum Niederſchreiben gerufen: Unter dem dritten Baum!“ Urica ließ ſich ankleiden und befahl Ulla, Miſtriß Crafton zum Fruͤhſtuͤck einzuladen. Dann begab ſie ſich nach der Halle und ging, waͤhrend ſie die alte Dame er⸗ wartete, auf der großen Terraſſe davor auf und nieder. Es war ein warmer, ſtiller Morgen, mit dem bedeckten Himmel und der feuchten Luft, welche einem heftigen Gewitter nachzuziehen pflegt. War es dieſe beſchwe⸗ rende Atmoſphaͤre, war es ihr Seelenzuſtand, Urica fuhlte eine Bangigkeit, eine Weichheit und Unſicherheit, die ſelbſt in einigen Thraͤnen ſich erleichtern mußte. „Ach!“ rief ſie ploͤtzlich, als ſie unter die Schatten der alten Taxusbaͤume trat, welche das Ende der Terraſſe bildeten.—„Montroſe, komm zu mir zuruͤck! du haſt mir Alles genommen, was mich ausruͤſtete, um allein ſtehen zu koͤnnen— die Liebe hat alle weibliche Schwach⸗ S———— heiten in mir geweckt— jetzt bedarf ich der Stutze, des Schutzes und vor allen Dingen, der Liebe!“ Lange blieb ſie gegen einen Baum gelehnt, und wer haͤtte Urica wieder erkannt, in dieſer träumeriſchen, auf⸗ gelöſten Stellung, mit dieſem blaſſen, weichen Geſicht, uͤber das große Thränen niederfloſſen? Eine Bewegung vor ihr, weckte ſie aus ihrem dumpfen Bruͤten; die Geſtalt der wuͤrdigen Miſtriß Crafton näherte ſich ihr, und Urica ging ihr mit Eilfer⸗ tigkeit entgegen. „Euer Gnaden ſollten ſich die Vorfälle nicht ſo zu Herzen nehmen,“ ſagte die alte Dame kopfſchuttelnd, da Urica's Anblick ihr ſogleich die Gewißheit gab, daß ſie deshalb gelitten habe.„Sir Crafton bittet um Er⸗ laubniß, nach dem Verhor ſogleich ſeinen Bericht machen zu durfen, und ich möchte bitten, indeſſen in der Halle ein wenig auszuruhen— Euer Gnaden erlauben mir, eine kleine Stärkung zu bereiten— ihr habt ſicher die Pflege des Leibes uͤber euren unruhigen Gedanken vergeſſen!“ Wie ein williges Kind ließ ſich Urica von der alten muͤtterlichen Dame nach der Halle zuruͤckfuͤhren und nahm an der Fruͤhſtuckstafel in einem bequemen Lehn⸗ ſtuhl Plat und von der Nahrung, die ihr mit ſo be⸗ dächtiger Guͤte zubereitet ward, wenigſtens ſo viel, um die ruͤhrende Theilnahme nicht zuruͤckzuweiſen. 333 Endlich bat ſie Miſtriß Crafton, die Diener zu ent⸗ fernen und dann ihr zu ſagen, was ſie von den Vor⸗ fallen wiſſe. Es war nicht viel mehr, als Urica bereits von Ulla erfahren; nur erſtaunte ſie, als ſie bemerkte, mit welchem böſen Verdachte Miſtriß Crafton den Kaſtellan des Jagd⸗ hauſes belegte.„Sir Crafton,“ fuhr ſie fort—„hat ganz recht, daß er ihn grade ſo ſtreng in's Verhör nimmt; denn wo waͤre ein Schelmſtuͤck vollfuͤhrt worden, wobei dieſer alte Suͤnder nicht geholfen oder wozu er nicht geſchwiegen haͤtte! Denkt euch Milady! ihr ſelbſt— Sir Crafton— und Viele, die es jetzt eingeſtehen, haben hier im Schloſſe den Schuß gehoͤrt und er— vor deſſen Hauſe die Unthat geſchehen iſt, will nichts geſehen und gehoͤrt haben, und leugnet hartnäckig, daruͤber Auskunft geben zu koͤnnen.“ „Das iſt allerdings nicht wahrſcheinlich,“ ſagte Urica unwillkurlich erröthend—„aber was hat es mit dieſem alten Manne fuͤr eine Bewandtniß— warum ſteht er in ſo boͤſem Ruf? Sein Weſen fiel mir als be⸗ ſonders muͤrriſch auf, als wir geſtern im Vorbeireiten das Haus beſahen— er hatte auch gegen Sir Crafton ein wenig ehrerbietiges Weſen.“ „Jal ja, Milady! er mochte gern jedes Recht, was meinem Manne noch uͤber ihn zuſteht, abſchuͤtteln, und 334 wäre die Pecke mit dem Graben vor dem Hauſe, wie ſie nun, Gottlob! hinter ihm iſt, er wuͤrde ſich wie ein ſelbſtſtändiger Herr betragen. Gewiß aber iſt es, daß Sir Crafton nicht ſo viel Recht uͤber ihn hat, wie uͤber die andern Beamten der Herrſchaft. Solltet ihr es wohl denken, Frau Marquiſe, daß das Jagdhaus und der ganze Bezirk umher dem Herrn Marquis nicht ge⸗ hoͤrt, daß er kein Recht daruͤber hat und es noch nicht lange her iſt, daß derſelbe Kaſtellan dem gnädigen Herrn, als er ihm ankuͤndigen ließ, daß er es beſehen wolle, ihm antworten ließ: Dies Haus offne ſich nur auf Befehl der Gräfin Graham und ihrer Erben? Da entbrannte der junge Herr in ſolcher Wuth, daß er ihm drohen ließ, das Haus niederbrennen zu laſſen, wenn er nicht augenblicklich es den Befehlen des Herrn Mar⸗ quis öffnete und daß er ihn in den Stock ſpannen laſſen wuͤrde.“ „Der Gewalt gab er nun nach, und der gnaͤdige Perr legten in ihrem Zorn vier Wochen ihre Jägerſchaft hinein, ohne es ſelbſt zu betreten. Der tuͤckſche Menſch aber beklagte ſich bitter uͤber dies Verfahren; doch bekam er damals nicht Recht, denn der Lady Southhesk, welche eben dieſe Erbin der Lady Juliane war, ſchwebten damals die Heirathspläne mit ihrer Tochter und dem Herrn Marquis vor, und da gab ſie uberall nach, und er ward angewieſen, da die Beſitzung im Bereich des Schloſſes und des Parkgebietes läͤge, die Befehle des Herrn Marquis und ſeiner Gerichtsbar⸗ keit zu reſpektiren und zu keiner Art von Verdrießlich⸗ keit mehr Veranlaſſung zu geben. Deſſenungeachtet wußte man, daß er zur ſelben Zeit ein groß Stuͤck Geld und ſeine Tochter viel ſchoͤne Kleider von der Lady Southhesk bekommen hatte, mit denen ſie, nicht ſo vorſichtig wie ihr Vater, beim Kirchgang öffentlich prunkte und den ſtaunenden Weibern erzaͤhlte, woher ſie bezogen waren.“ „Das iſt hochſt auffallend!“ ſagte Urica—„Wart ihr ſchon in dem Hauſe meines Gemahls, als ſeine Eltern und dieſe Lady Juliane lebten?“ Ein leichtes Roth bedeckte einen Augenblick die fei⸗ nen blaſſen Wangen der alten Dame; dann hob ſie die Augen bedeutungsvoll zu Urica empor und ſagte:„Ja, Milady! ich war ſchon hier und verheirathet mit Sir Crafton— wer weiß, wie ſonſt Alles gekommen wäre! So habe ich meine groͤßten Schmerzen doch nicht um⸗ ſonſt empfunden, ich kann ſagen, ich habe den edelſten Mann, den es vielleicht giebt, vom ewigen Verderben gerettet, und ein langes, gluͤckliches Leben hat mich da⸗ fuͤr belohnt!“ Als Urica ein wenig unſicher uͤber die Deutung die⸗ 336 ſer Worte ſchwieg, fuhr Miſtriß Crafton fort:„A Lady Juliane nach dem Tode ihres Vaters dies m wieder bezog, war der Herr Marquis noch ein Knabe und lebte unter der Aufſicht des Herrn Kaplan und un⸗ ter der Vormundſchaft des Grafen Douglas, der aber wenig um den Knaben ſorgte. Ach! ihr könnt ſchwer⸗ lich denken, wie ſchön Lady Juliane war, als ſie, nun zwanzig Jahr alt, hierher zuruckkehrte und den alten Lord Douglas, welcher ſie, umgeben von einem wah⸗ ren Hofſtaat, hierher fuͤhrte, anhielt dies Schloß zu einem Tummelplatz verſchwenderiſcher Vergnuͤgungen zu ma⸗ chen. Man hätte denken können, Lady Juliane ſei noch immer die Erbtochter, denn der Herr Vormund verſchwendete zu Gunſten dieſer auf ihre eigenen Re⸗ venuͤen angewieſenen Dame die Revenuͤen ſeines Mün⸗ dels, und er hatte Niemand, der einſchreiten durfte, als meinen Mann, den er zu ſchonen hatte, da der verſtorbene Lord unſern hochſeeligen Konig Jakob, wel⸗ cher Pathe des jungen Herrn war, auch zu deſſen Ehren⸗Vormund eingeſetzt hatte, und dieſer— gewiſ⸗ ſenhafter als Lord Douglas— meinen, ihm einſt als Pagen dienenden Mann, den er ſelbſt an den Platz auf Lord Montroſe's Guͤter beförderte, beauftragt hatte, ihm alle Jahr einen Bericht zu uͤberbringen, ſo⸗ wohl uͤber den jungen Erben ſelbſt, als uͤber den 337 Stand ſeiner Guͤter und die Verwendung ſeiner Re⸗ venuͤen.“ „Als dies mein Mann zuerſt that, nachdem dies neue Leben auf dem Schloſſe angefangen und Lord Dou⸗ glas vielleicht eine kleine Erinnerung an ſeine Pflichten vom Könige erhielt, ward mein Mann in Lady Julia⸗ nens Augen eine wichtige Perſon, und ſie beſchloß, ihn ganz in ihre Gewalt zu bekommen, und ſchwur, es ſolle ſeine letzte Reiſe nach London geweſen ſein; denn man ſagte, ſie habe den Schwur gethan, das Erbe, was ihr nicht mehr gehoͤren ſollte, zu verſchwenden, ehe es in die Hände ihres Bruders käme. Es war nicht leicht, was ſie beſchloſſen, denn Sir Crafton war zwar jung und ſchön, aber ein Ehrenmann durch und durch!— Aber ich hatte ein Wochenbett gehabt, was mir wie alle fruͤheren Male ein todtes Kind gegeben hatte, und die Gefahr, mein Leben zu verlieren— ich ſiechte im Bette hin und war in tiefe Traurigkeit verſenkt.“ „Die Pflichten meines Gemahls feſſelten ihn da⸗ gegen an das taͤgliche Leben im Schloſſe, und Lady Juliane hatte ein freies Feld fur ihre Abſichten. Schön, geiſtreich, mit allen Kuͤnſten der Gefallſucht ausgeruͤſtet, ſoll es ihr mit jedem Manne, den ſie zu beſitzen wuͤnſchte, gelungen ſein. Wenn ſie ihre Abſichten auf ſie richtete, geriethen ſie gegen Pflicht, Willen und Jakob v. d. Nees. 1l. 22 — Vernunft in eine Art Zauber; die fruͤhere Anſicht der Dinge verſank vor ihnen, und ſie hatten keinen Gedan⸗ ken, kein Gefuͤhl weiter, als die gluͤhendſte Sehnſucht nach dem Beſitz dieſer furchterlichen und ewig neckenden Schoͤnheit.“ Die wahrhaft verzweifelte Stimmung, worin ſich mein Mann mir endlich zu auffallend zeigte, um von mir uͤberſehen werden zu koͤnnen, weckte mich aus mei⸗ ner eignen Troſtloſigkeit. Meine Bitten, mir zu ent⸗ decken, was ihm fehle, blieben umſonſt, und ich ver⸗ ließ mit einer muthigen Anſtrengung mein Kranken⸗ zimmer, um ſelbſt die Urſache aufzuſuchen. Lady Ju⸗ liane hatte von ihrer Mutter das Jagdhaus geerbt, wel⸗ ches die ſeelige Lady, welche fuͤrchtete, ihren Gemahl zu uͤberleben, aus ihren eignen Mitteln hatte erbauen. laſſen und ſelbſt das Grundſtuͤck als freies Eigenthum von ihrem Gemahl erſtanden.“ „Die einfache Einrichtung, die darin dem Ge⸗ ſchmack der Erbauerin gemaͤß vorherrſchte, war natuͤr⸗ lich nicht paſſend für die Anſpruͤche der jetzigen Beſitze⸗ rin, und Lord Douglas ließ es in einem ſo glänzenden Geſchmack einrichten, daß es ihm wohl ſehr zu Huͤlfe kam, daß er nie Rechnungen nachſah oder aufhob, denn ſie moͤchten ihn ſtark angeklagt haben.“ „In dieſem Hauſe iſt viel vorgegangen— die Ruhe 330 des Lebens manches Menſchen verloren worden, ohne daß es ſchien, daß die grauſame Beſitzerin etwas Ande⸗ res koͤnnte, als zu dem Wahnſinn, den ſie ertegte, la⸗ chen und ſpotten.“ „War ſie denn katholiſch geworden?“ fragte Urica, die ſich von der Erzaͤhlung lebhaft angezogen fuͤhlte— „Wer hatte das ſagen können? ſie ſpottete uͤber das Eine, wie uber das Andere— ihre Stunde hatte noch nicht geſchlagen! Aber in dem Jagdhauſe ward eine roͤmiſche Kapelle mit großen Koſten angelegt, und ſie ſchleppte ihre Opfer hin, und wenn ſie ſprach und verfuhrte, wider⸗ ſtand Keiner, und hatten ſie den ſchrecklichen Schritt gethan— dann lachte ſie ſie aus, und ich habe ſie ge⸗ kannt, die dies Haus der Suͤnde verließen, wenn ſie ſie bis zum Wahnſinn getrieben hatte, und ſie dehnte ſich behaglich auf ihrem Lager, und wenn man ihr von ge⸗ ſchehenem Ungluck, oder der Verzweiflung ihrer Opfer erzaͤhlen wollte, ſagte ſie, wie zu einer ekelhaften Ge⸗ ſchichte: Pfui! pfui! ich will nie wieder davon hören.“ „Aber, Sir Crafton?“ fragte Urica aͤngſtlich— „Als ich ploͤtzlich in dieſer ausgearteten Geſellſchaft erſchien, erkannte ich die Urſache ſeiner Leiden. Sie achtete meine Nahe nicht, und bewarb ſich mit allen Fuͤnſten ihres falſchen Herzens um ſeine Liebe. Ein Blick ſagte mir, daß er die glühendſte Leidenſchaft fuͤr 22 340 ſie fuhle, daß ſie ihn durch die freigebigſten Gunſtbe⸗ zeigungen zu feſſeln gewußt habe, und der wunderbare Zauber, von dem ich zu Anfang ſprach, auch dieſen Ehren⸗ mann ſo völlig verblendet hatte, daß die fruhere Anſicht der Dinge ihm ganz verloren gegangen war.“ „Ich werde den Blick nie vergeſſen, mit dem ſie mich maaß, wie ich zuerſt als ihre Gegnerin ihr entgegen trat— ach! ich mußte ihr eine ſehr verachtliche Rivalin ſcheinen; denn dieſer bluͤhenden Schoönheit gegenuber, die ihren Geiſt wie eine wirkſame Schminke betrachtete, die ihre Reize erhoͤhte, ſtand die blaſſe, kranke Frau, die nie viel Geiſt gehabt, die nie viel Bildung erhielt! Vielleicht war aber dies unſcheinbare Aeußere mein Gluͤck— ſie hielt es nicht der Muͤhe werth mich zu entfernen, und in meiner Gegenwart ſetzte ſie die Liebes⸗ ſcenen mit meinem Manne fort, vielleicht um mir ihre ſchrankenloſe Herrſchaft zu zeigen, um mir Gewißheit zu geben, daß ich ihn verloren hatte.“ „Wenn ſie auf ganze Tage das Schloß verließ und das Jagdhaus bezog, wußten Alle, daß nun die letzte Hand an das Opfer gelegt ward, und gewohnlich kam dazu dann Lady Southhesk heruͤber, die immer in ihrem Gefolge ein paar Geiſtliche hatte. Lady Southhesk war nicht viel älter als Lady Juliane, und beide Frauen hielten feſt aneinander, obwohl ſie ſich Beide haßten; denn als Lady 341 Juliane als funfzehnjähriges Mädchen zu ihr floh⸗ wollte ſie ſelbſt mit harten Zwangs⸗Maaßregeln das junge Maͤdchen zum Religionswechſel treiben, und dies vergab ihr Lady Juliane, als ſie ſich ihre Freiheit ſo theuer wieder erkauft hatte, nie, und zuͤchtigte dieſe boͤſe Frau dafur mit ihren ſchrecklichen Eigenſchaften ſo lange, bis dieſe endlich froh war, ſie an Lord Douglas uͤber⸗ laſſen zu können.“ „Lady Julianen's Hauptvergnuͤgen war nun, die Lady Southhesk damit zu ängſtigen, daß ſie nicht katho⸗ liſch ſei, oder bleiben werde, daß ſelbſt ihr Uebertritt nicht gultig wäre, wenn er durch Mittel erzwungen wäre, welche— wenn ſie bekannt wurden— Lady South⸗ hesk ſtark anklagten. Auch ſagte man, das Vermoͤgen, welches jetzt Lady Juliane von ihrer Mutter unter der Bedingung beſaß, katholiſch zu werden, fiele an ihren Bruder, wenn ſie dieſen Willen nicht erfuͤllte; naͤhme aber Lady Juliane den Schleier, was ihre Mutter ge⸗ wuͤnſcht, ſo fiele Alles an Lady Southhesk, oder ihre älteſte Tochter, und bliebe ſo immer fur die älteſten Toͤchter in der Nachfolge.“ „Alſo,“ ſagte Urica—„waͤre jetzt meine Stief⸗ tochter die Beſitzerin des Jagdhauſes?“ „Ja,“ ſagte Miſtriß Crafton—„wenn es erwieſen werden koͤnnte, daß Lady Juliane todt iſt!“ 342 „Das iſt nicht erwieſen?“ rief Urica uͤberraſcht— „Nein, Milady,“ ſagte die alte Dame—„entweder ſie lebt, oder ſie dehnt ihre Bosheit noch durch Beſtim⸗ mungen nach ihrem Tode aus— denn von Zeit zu Zeit, wenn Lady Southhesk aufathmet, in der Hoffnung, ſie werde jetzt todt ſein, und ſie das Erbe antreten koͤnnen — ſo koͤmmt dann, bei dem kleinſten Schritt, ſich in Beſitz zu ſetzen, eine Warnung an, Niemand weiß wo⸗ her, noch wohin, und die Lady iſt auf dem alten Punkt, denn erſtlich, furchtet ſie ſich vor Lady Juliane ſelbſt, zweitens bekommen die Gerichte immer zur ſelben Zeit eine Verwahrung gegen jeden Anſpruch.“ „Nun, das iſt ſeltſam genug— und dieſe Schwe⸗ ſter meines edlen Gemahls iſt ein wahrer Dämon!— Sagt mir doch, wie alt ſie ſein könnte.“ „Nun, ſie iſt funfzehn Jahr aͤlter als der Herr Marquis— Seiner Gnaden werden dreißig Jahr ſein, alſo iſt ein Alter von 45 Jahren noch nicht um das Leben abzuſprechen; aber allerdings ſind eben ſo viele Beweiſe ihres Todes vorhanden, und der Kaſtellan, den Euer Gnaden geſehen haben, zeigte eine Leiche vor, die Lady Juliane ſein ſollte, die aus ihrem Kloſter hierher gekommen ſein ſollte, um zu ſterben, aber an einer fuͤrchterlichen Krankheit, die ihr Geſicht zerſtört hätte, ſo, daß Niemand die Leiche daran erkennen konnte, obwohl 343 ſie in der Statur, und der Hand mit dem Ringe, der das Familienwappen zeigte, ſich als Lady Juliane auswies.“ „Die Leichenſchau und mein Mann, der Kaplan und alle Domeſtiken, die herbei gerufen wurden, Alle konnten den Eid nicht ſchwoͤren, daß es die Lady ſei— die Einzigen, die es thaten, waren der Kaſtellan und die Kammerfrau; aber dieſen war nie zu trauen— doch das bleibt gewiß, daß ſie im Kloſter nicht mehr war, daß ſie nur noch Novize— mit dem Entſchluſſe abgereiſt war, in ihrem Hauſe zu ſterben, doch ob ſie wirklich an einer Geſichtskrankheit der Art gelitten, iſt nie beantwortet worden.“ „Aber,“ ſagte Urica—„wir ſind weit abgekom⸗ men, liebe Miſtriß Crafton! wie rettetet ihr euren armen verlockten Gemahl?“ „Ach,“ ſagte die alte Dame geruͤhrt—„eine un⸗ ſchuldige Frau behalt immer Gewalt uͤber das Herz ihres Mannes!— Ich will euch nicht ermuͤden— ich folgte ihm nach dem Jagdhauſe und mein bloßer An⸗ blick rettete ihn im entſcheidenden Augenblick! Was mir dabei fuͤr die Dauer zu Huͤlfe kam, war, daß Lady Southhesk um jeden Preis die Niederlage ihrer Feindin beſchloſſen hatte und diesmal in ihrem Gefolge der ſchönſte Mann war, den meine Augen jemals geſehen haben,— ein Mann, der einen Feuergeiſt hatte, ſchla⸗ 344 gend, wo er es der Muͤhe werth hielt, zu ſprechen, mit einem uͤberlegenen Tugendſtolz ſich uͤber Alle erhebend, jede Frau gering achtend, bloß, wie es ſchien, gekommen, um die Bibliotheken des Schloſſes zu ſtudiren oder wie der Waldgott ſelbſt zu reiten und zu ſchießen, wie es kein Menſch ihm nachthat.“ Da war Lady Julianens Stunde gekommen, er rächte alle die ſchmählich vor ihm Geopferten und ließ ſie ohne Hoffnung und Erwiderung empfinden, was ſie nur Andern bis jetzt eingefloͤßt hatte.“ So beſchaͤftigend dieſe Nachrichten fuͤr Urica waren, konnten ſie ſich doch gegen die Theilnahme nicht behaupten, welche ihr die Begebenheiten des Tages einfloͤßten, und als Sir Crafton und der Kaplan mit dem Arzt, der ſich ihr vorzuſtellen wuͤnſchte, herein traten, vergaß ſie Alles uber der gefurchten Stirn des Erſteren. Der Arzt war ein Mann in mittleren Jahren, deſſen Aeußeres guͤnſtig fuͤr ihn einnahm. Er hatte Ruhe und Sicherheit in ſeiner Haltung und eine gewiſſe Sorg⸗ falt in Kleidung und Benehmen, welche den gebildeten Mann verrieth. Lord Montroſe hatte ihn als Arzt fur ſeine Herrſchaft angeſtellt; er bereiſte die Guͤter und lebte dazwiſchen in der kleinen Stadt Caſtletown oder auf dem Schloſſe ſelbſt und hatte guͤnſtige Proben fuͤr ſeine Einſicht und Geſchicklichkeit abgelegt. 345 „Sir Crafton,“ ſagte die Marquiſe, nachdem ſie den Arzt begruͤßt—„ſagt mir jetzt, was ihr von dem traurigen Vorfall in der Nacht heraus gebracht habt!“ „Milady,“ ſagte Crafton muͤhſam und mit ſicht⸗ licher Ueberwindung—„ich muß bekennen, Nichts was auf irgend eine Weiſe Licht in die Sache brächte! Der Gemordete iſt bis auf die Kleidung fremd, und in irgend zu ermittelnden Umſtäͤnden liegen keine Gruͤnde vor, weshalb die That veruͤbt ſein ſollte. Wir haben die Leiche unterſucht und außer einer Summe Geldes, die ihm gelaſſen worden, nicht das kleinſte Anzeichen ge⸗ funden, welches auf eine Spur fuͤhren könnte. Wir haben alsdann das Jagdhaus ſelbſt unterſucht, die Stäalle, den Erdboden rings herum. Allerdings iſt der Stall gebraucht geweſen, aber der Kaſtellan behauptet, von unſern eignen Pferden, die allerdings untergefuͤhrt waren, obwohl gegen meinen Befehl! Hinter dem Baum, wo der Gemordete gefunden ward, ſind viele Fußtapfen, aber da ich augenblicklich mit zwei Jägern nach dem Hauſe zuruͤckkehrte und ſo ankam, wie die Leiche noch kaum eine Stunde gelegen hatte, beweiſen dieſe friſchen Fußtapfen nichts, denn ſie konnen unſere eigenen ſein, und nur daß der alte Kaſtellan und ſeine Enkelin hart⸗ näckig leugnen, den Schuß und die Unruhe vor dem Hauſe gehoͤrt zu haben, beweiſt mir, daß der alte Boͤſe⸗ 346 wicht darin verflochten iſt, aber wir können es ihm nicht beweiſen.“ „Das ſind traurige Nachrichten,“ ſagte Urica— „und ich bedaure, nach einem ſolchen Vorfall Geſellſchaft empfangen zu muͤſſen, denn meine freundlichen Nach⸗ barn und ihre Gäſte werden dies Haus wenig einladend finden. Ich wuͤnſche jedoch dieſe Veranlaſſung feſt zu halten, um Lady Southhesk und ihre Begleiter dazu einzuladen, denn ſo lange wie moͤglich will ich die Stel⸗ lung, wie zu geehrten Verwandten meines Gemahls feſthalten, und das Dazwiſchentreten fremder Perſonen und alter Bekannten wird unſer etwas unangenehmes Wiederſehen erleichtern. Ich wuͤnſche daher, daß der Lady dieſe Vermehrung der Gäſte mitgetheilt werde und hoffe, ſie wird ſich dadurch geneigter fuhlen, dieſen noͤthigen Schritt der Annaͤhrung nicht abermals zu verweigern.“ Sir Crafton war ſogleich bereit, dieſe Botſchaft der Lady Southhesk zu uͤberbringen, wobei er jedoch be⸗ merkte, die Lady habe ſich wirklich noch nicht aus dem Bett erhoben ſeit ihrer Ankunft, da einer der Kaplane aber zugleich ihr Arzt ſei, ſo habe man keine nähere Nachricht uͤber die Art ihres Uebelbefindens. „Um ſo weniger habe ich mich dann uͤber ihr Betra⸗ gen zu beklagen,“ ſagte Urica—„und um ſo natuͤr⸗ licher iſt mein Entgegenkommen— ſolltet ihr aber auch 347 nochmals von Lady Southhesk eine abſchlägige Antwort erhalten, ſo fordert wenigſtens, daß die Kinder ſich zu mir herunter begeben, denn dieſe ſind von der Verpflich⸗ tung mir entgegen zu kommen nicht los zu ſprechen.“ Als ſich Urica nach ihren Zimmern begeben hatte, äußerten Alle ihr Vergnuͤgen uͤber ihre feſte und ſichere Haltung, der Arzt konnte ſeine Bewunderung uͤber ihre glaͤnzende Schoͤnheit nicht lebhaft genug ausdruͤk⸗ ken, und ſelbſt der Kaplan lobte ihre fromme und klare religiöſe Geſinnung. Die Glocke laͤutete zum zweiten Mal, die Mittags⸗ ſtunde zu melden, und die Zimmer zum Empfang der Gaͤſte hatten ſich gefullt, denn auch nicht Einer, ſagte Lady Howard, haͤtte zuruͤckbleiben moͤgen. Urica ſaß mit Lady Howard und einigen Damen in einem ver⸗ traulichen kleinen Kreiſe, und die Begebenheiten des geſtrigen Tages, das Gewitter und der Mord, beſchaͤf⸗ tigten die guten Damen ſo lebhaft, daß Urica genug zu antworten und zu erzaͤhlen hatte. Die Herren gingen und ſtanden in Gruppen umher in Erwartung der Ta⸗ felfreuden, welche Alle nach dem raſchen Ritt zu begeh⸗ ren anfingen. Da öffneten ſich plotzlich die Thuͤren, und der ganze Raum, der ſich zeigte, verfinſterte ſich durch die ſchwar— zen Geſtalten, die ſich langſam daraus hervorhoben. 348 Lady Southhesk fuͤhrte wieder die Kinder und die beiden Kaplane und Lady Franziska Huntley, die be⸗ reits erwähnte Schweſter der Lady Southhesk, folgten. Die Lady war todtenblaß, mit blauen, zuckenden 8 Lippen— ihre Augen waren kalt und ſtolz weit geoff⸗ net, und Anmaßung und uͤble Laune war auf ihrer gan⸗. zen Geſtalt ausgeprägt. Urica ging ihr entgegen und fuͤhrte Lady Howard am Arm.„Ich fteue mich, Milady,“ ſagte Urica— daß eure Geſundheit erlaubt, meine Gaͤſte durch eure Gegenwart zu erfreuen, denn ich glaube, Alle ſind alte Bekannte von Euer Gnaden.“ Dieſe Anrede blieb ohne Erwiderung, aber die Lady* neigte leicht gegen Urica den Kopf, und Lady Howard erkennend, ſagte ſie zu dieſer: „Willkommen, Lady Howard— ich wußte nicht, daß ihr in Allsborne ſeid, ich hätte euch meine Ankunft ſonſt melden laſſen— ich befinde mich ſehr ſchlecht, aber* es giebt Lagen, worin uns nicht einmal erlaubt iſt, ohne Beläſtigung krank zu ſein. Nun, ich bin aufgeſtanden, wir werden ſehen, was daraus wird. Guten Tag, Lord Howard,“ ſo fuhr ſie fort, Herrn und Damen aus der 5 Geſellſchaft anzureden und zu begruͤßen, als wäre ſie die Herrin des Hauſes und Urica nicht vorhanden. Dagegen hatte Lady Franziska die Kinder von der ——————. 349 Hand ihrer Schweſter losgeneſtelt, wofuͤr ihr ein wu⸗ thender Blick zu Theil ward, und fuͤhrte ſie jett Beide zu Urica, welche ruhig und ohne eine Miene zu verzie⸗ hen, auf den Arm der theilnehmenden Lady Howard geſtuͤtzt ſtand und die Verfahrungsart der Lady South⸗ hesk beobachtete. „Milady,“ ſagte Lady Franziska mit leiſer, heiſe⸗ rer Stimme—„ich ſtelle euch Lord Harry und Lady Graham, die Kinder des Lord Montroſe, vor.“ urica blickte jetzt auf beide Kinder; der ſchöne elfjaͤh⸗( rige Knabe richtete ſeine großen blauumränderten Augen 3 auf ſie, und trotz dem, daß der arme Knabe heute noch kraͤnker und melancholiſcher ausſah, erkannte Urica doch die Grundzuge ſeines Vaters in dieſem kleinen Geſicht, und geruͤhrt von dieſem Anblick rief ſie, ihre Hand liebe⸗ voll auf ſeine Schulter legend—„O du liebes Kind, wie ſiehſt du deinem herrlichen Vater ſo aͤhnlich!“ Bei dieſen Worten glitt ein mattes Lächeln uͤber des Knaben Angeſicht, und er betrachtete Urica mit ſichtlichem Vergnuͤgen; dieſe bog ſich von dieſem erſten Zeichen der Annäherung geruͤhrt, zu ihm nieder und kuͤßte ſeine Stirn, als ſie im ſelben Augenblick auf ih⸗ rer Wange eine kleine feuchte Hand fuͤhlte, und ſich aufrichtend ſah ſie noch, wie das kleine, häßliche Maäͤd⸗ chen ihr Geſicht von ihrem Bruder abdrängen wollte. 35⁰ „Lady Graham iſt eiferſuͤchtig,“ ſagte Lady Fran⸗ ziska, etwas verlegen laͤchelnd—„ſie wuͤnſcht von euch nicht uͤberſehen zu werden.“ Als ihr Urica aber die Hand reichte, machte ſie die ungeſittetſte Bewegung mit dem Munde uͤber dieſer ſchoͤnen Hand, lachte boshaft auf und ſteckte beide Haͤnde auf den Ruͤcken. Sie bekam einen kleinen Stoß von ihrer Tante, drehte ſich aber plötzlich um und ſchlug nach deren Hand, indem ſie wild aufſchrie. Urica war uͤber dieſen Auftritt empört, und mit der ganzen Wuͤrde und Strenge, die ſie ſo wohl annehmen konnte, ſagte ſie:„Du biſt ein ungeſittetes Kind, wel⸗ ches dem Namen, den es traͤgt, durch ſein Betragen Schande macht. Verlaß mich augenblicklich— du ge⸗ hörſt nicht in anſtaͤndige Geſellſchaft.“ Zur ſelben Zeit reichte ſie dem kleinen Harry die Hand, doch ſeine Schweſter warf ſich wie ein Daͤmon uͤber ihren ſchwaͤ⸗ cheren Bruder, draͤngte ihn unter heftigem Geſchrei zu⸗ ruͤck, und als Urica die Hand des Knaben näher zog, um ihn zu ſchutzen, biß ſie plotzlich mit der groͤßten Wuth in dieſe Hand. „Mein Gott, Lady Franziska, wie kommt es, daß dies Kind ſo entſetzlich unartig iſt,“ ſagte Urica— „und warum entfernt ihr das boͤſe Madchen nicht, es mißhandelt ja förmlich ſeinen Bruder?“ ———— ,— 351 „Es ſind beſondere Umſtaͤnde,“ ſagte Lady Fran⸗ ziska beleidigt—„die beruckſichtigt werden muͤſſen. Lady Graham iſt gereizt worden, und Euer Gnaden haben Lord Harry ſo auffallend den Vorzug gegeben, daß dies wohl beleidigend wirken mußte. Meine Nichte hat hohes Ehrgefuͤhl— ſie fuͤhlt ihre falſche Stellung.“ „Was ihr hier aͤußert, Lady Huntley, wird aller⸗ dings nicht der Weg ſein, dies arme Kind zu beſſern; denn ſo unverſtaͤndlich mir das iſt, was ihr ſagt, wird ſie doch fuͤhlen, daß ihre Unarten vertheidigt werden.“ Etwas beſchaͤmt gebot Lady Franziska Stille, die aber nicht erfolgte, denn das Maͤdchen hielt den Knaben, den Urica losgelaſſen, umklammert und ſchlug mit den Fuͤßen hinten aus, indem ſie ein wahrhaft daͤmoniſches Geſchrei ausſtieß— „Lady Graham,“ fuhr die Tante fort—„iſt kränk⸗ lich geweſen— ſie mußte geſchont werden, und ihre Reizbarkeit ſtammt noch daher— wir werden ſchon zu⸗ geben muͤſſen, daß ſie ihren Bruder mit wegfuͤhrt, ſie wird ſonſt nicht fortzubringen ſein, und der Kleine wird nachher darunter zu leiden haben.“ Empoͤrend war es zu ſehen, wie Lady Southhesk in einiger Entfernung zwiſchen zwei Herren ſtehend, mit den ſichtlichſten Zeichen der Befriedigung auf dies wi⸗ drige Schauſpiel blickte, ohne den kleinſten Verſuch, die⸗ 352 ſen Zuſtand zu beendigen, mit der Miene, als ginge ſie Alles dies nichts an. Dabei nahte ſich ihr der eine Kaplan einige Male und fluͤſterte ihr einige Worte zu, auf die ſie mit keiner Miene, mit keinem Worte ant⸗ wortete, ſondern entſchloſſen und unbeweglich auf dieſe Scene ihre Augen heftete. Urica war aber nicht geſonnen, ſich dieſen geheimen Kampf, der mit ihr durch dieſe Kinder gefuͤhrt ward, leidend gefallen zu laſſen— mit ſonorer, klingender Stimme rief ſie plötzlich zwei Lakaien, die kochend vor Wuth an den Thuͤren dieſen Beleidigungen ihrer Her⸗ rin zugeſehen hatten—„Nehmt dieſe Kinder auf den Arm und tragt ſie zu ihren Waͤrterinnen! Erſt wenn ſie verſprechen, ſich ganz anſtändig zu betragen, wird es ihnen erlaubt ſein, wieder zu kommen.“ Nun trat nur noch ein kurzer Widerſtand ein, und faſt im ſelben Augenblicke ſaß Lady Graham hoch auf dem Arme des rieſigen Lakaien, während Lord Harry weinend nachzugehen verſprach, und Beide waren in we⸗ nig Augenblicken zur Thuͤr hinaus. „Wiel“ rief Lady Franziska, hochroth die Hände zuſammen ſchlagend—„die Kinder von Lord Mont⸗ roſe zur Thuͤr hinaus geworfen?“ „Milady,“ ſagte Urica feſt— ich werde jetzt ver⸗ langen, die Kinder meines Gemahls täglich zu ſehen, 353 um zu erfahren, ob ſie wirklich ſo verwahrloſt ſind, als es das Anſehen hat— ſeid aber ſicher, ich werde ſie je⸗ desmal zur Strafe aus meiner Naͤhe verweiſen, wenn ihr Betragen ſich nicht aͤndert.“ „Und mit welchem Recht?“ fragte Lady Franziska hoͤhniſch. „Mit dem Recht der Gemahlin des Marquis von Montroſe,“ entgegnete Urica feſt. Dieſe entſchloſſene Handlung hatte Lady Southhesk nicht erwartet, obwohl der Kaplan ſie Urica zugetraut und ſchon einige Male die Lady gebeten hatte, einzu⸗ ſchreiten. Aber die rachſuͤchtige Frau dachte an nichts, als Urica durch dieſe Kinder zu demuͤthigen und in ihren Rechten zu beeintraͤchtigen; als ſie ſah, daß ſie gerade dazu dienten, Uricas Rechte zu heben und außer Zweifel zu ſtellen, als ſie Lady Graham auf dem Arm der La⸗ kaien mit dem wahnſinnigſten Geſchrei und mit feſt ge⸗ haltenen Händen und Beinen zur Thuͤr hinaus tragen ſah, da uͤberwaͤltigte der Zorn einen Augenblick ihre Be⸗ ſinnung, und ſie machte ein paar lange Schritte, als wollte ſie ſich auf Urica ſtuͤrzen. Aber der Kaplan hatte ſie gut im Auge behalten, er trat ihr ſo entſchieden in den Weg, daß ſie nicht weiter konnte, und Urica wendete ſich ſchnell zu den uͤbrigen Damen, die ihre Beleidigung zu theilen ſchienen und ſah, daß ſie der Lady Southhesk Jakob v. d. Nees. 11. 23 —=—————— 354 den Ruͤcken kehrten, um ihr Zeit zu geben, zu der Hal⸗ tung zuruͤck zu kehren, die fur Alle nöthig war, um dieſe Störung zu vergeſſen. Lady Franziska hatte aber die Halle verlaſſen und Urica beſchloß, dies zu uͤberſehen. Eine wohlthuende Veränderung brachte es hervor, daß die galonnirten Diener, an ihrer Spitze der Haus⸗ hofmeiſter mit weißem Stabe, herein zogen und die Tafel anmeldeten. Urica naherte ſich nun mit ihrem herrlichen Anſtande dem Lord Howard und bat ihn, der Lady Southhesk den Arm zu geben. Wir wollen die Stunden uͤberſpringen, die durch die Spannung, welche in der Geſellſchaft hervorgerufen war, ſich unmöglich zu der harmloſen Heiterkeit erheben konn⸗ ten, welche hervorzurufen in der natuͤrlichen Richtung der größeren Zahl von Uricas Gäſten lag. Die Nähe der Lady Southhesk, obwohl ſie ſich bis zu einer gewiſſen ruhigen Haltung uͤberwunden hatte, lag doch wie ein Alp auf allen Anweſenden, und ihr Ruf war bei den Meiſten ſo ſchlecht angeſchrieben, daß ſich die geheimnißvollen Scenen der Nacht an ihre Gegenwart anknuͤpften und man eine Art Grauen empfand und die geſellige Höflich⸗ keit kaum ausreichen wollte, um den Verdacht zu be⸗ waͤltigen, wodurch man ihr eine ganz abweichende Be⸗ handlung zuerkannte. Urica, die feſt entſchloſſen war, ſich durch nichts irren zu laſſen und ihre ganze Stellung zu behaupten, hatte ſogar den andern Platz an Lady Southhesk's Seite ein⸗ genommen und bewies ihr alle Hoͤflichkeit der Wirthin, und ſuchte, da ein Privatgeſpraͤch zu unterhalten un⸗ moͤglich war, die allgemeine Unterhaltung auch auf ihre Nachbaren zu lenken und ſie darin zu unterſtuͤtzen. Als die Damen jedoch die Tafel verließen, erklaͤrte Lady Southhesk, ihre Geſundheit erlaube es ihr nicht, läͤnger in Geſellſchaft zu bleiben, und mit dem hoͤhni⸗ ſchen Lächeln der Verachtung entfernte ſie ſich zur gro⸗ ßen Erleichterung der ganzen Verſammlung. Als Urica am Abend allein in ihre Gemächer zuruͤck kehrte, offnete ſie mit der großten Sehnſucht nach Ruhe und Luft die Thuͤren nach der ſchoͤnen einſamen Fels⸗ terraſſe, uͤber welche der Mond ein ſanftes Licht verbrei⸗ tete und woruͤber die pittoresken Schatten der ſpitzigen Kronen der alten Fohrenwand lagen. Nur das ſanfte Rauſchen des Waſſerfalls, der kunſtreich geleitet am Fuße des Felſens hinglitt, drang durch die Stille des Abends, der wie Balſam Uricas gepreßtes Herz beruͤhrte. Wie klein, wie gering wurden ihr die Quälereien, welche die Leidenſchaften der Menſchen uͤber einander verhaͤngtenz wie fuhlte ſie, daß in ihr ſelbſt große Veraͤnderungen vor⸗ gegangen waren; daß ihre Seele mit der Erkenntniß 23* 356 ihrer eignen Fehler aus dieſem beleidigenden Zuſam⸗ mentreffen mit boͤſen Menſchen hervor gegangen war, und indem ſie in kraͤftiger Auffaſſung dies feſthielt, fuhlte ſie mit einer Andacht, wie ſie erſt jetzt in ihr Herz kam, daß ſie Gott fuͤr dieſe Schmerzen danken muͤſſe. Wenn dieſe Auffaſſung ſie gegen eine entnervende Be⸗ trubniß uͤber die ihr zufallenden Belaͤſtigungen ſicherte, blieben ihre Gedanken mit mehr Sorge dabei haften, wie ſie es Montroſe mitzutheilen habe, was hier geſche⸗ hen war, ohne ihn zu heftigen Ausbruͤchen des Zorns und zu großer Unruhe uͤber ihre Lage zu treiben, und immer wieder kehrten ihre Gedanken auf die Scene dieſer Nacht zuruͤck und die verſchiedenſten Vermuthungen ſtiegen daruͤber in ihr auf, wobei Argyle, den ſie in dem alten Schaͤfer, der ihr Pferd durch den Hohlweg gefuͤhrt, wieder erkannt hatte, ſeinen Platz bekam, und der Gedanke, daß er in ihrer Naͤhe und zu ſo kuͤhnen Wagniſſen entſchloſſen ſei, ihr eine unheimliche Unſicher⸗ heit gab. Urica verließ endlich ihr Zimmer und wandelte in der friſchen, erquickenden Nachtluft gedankenvoll auf und nieder; aber die ſchwermuͤthigen Gedanken verfluchtigten ſich endlich— ein unausſprechlich zärtliches Gefuhl fuͤr Montroſe blieb allein in ihrer Bruſt zuruͤck, und mit ihm ein Gefuͤhl von Gluͤck, von Befriedigung, daß es 357 ihr ſchien, ſie allein durfe uber keine äußeren Stoͤrungen klagen, da ſie ihn liebe— von ihm geliebt werde. Sinnend blieb ſie, mit dem Geſichte dem Schloſſe zugewendet, gegen die Bruͤſtung des Felſens gelehnt, als ſie ploͤtzlich die dunkle Fenſterreihe, die bis zu ihrem Ge⸗ mache lief, von ſchnell eilenden Lichtern erhellt ſah, meh⸗ rere Geſtalten folgten durch die Zimmer. Vor ihrem Kabinet hielten Alle an— nur eine Geſtalt machte ſich nach kurzer Beſprechung mit den Andern aus dieſer Gruppe los und betrat alsdann ihr Kabinet. Urica's Athem ſchwand— ſie blieb an den Boden gefeſſelt, obwohl ſie wußte, daß ihre weißen Nachtkleider ſie augenblicklich verrathen wuͤrden. Sie behielt aber wenig Zeit— im hellen Mondlicht ſah ſie eine hohe unverkenn⸗ bare Geſtalt uber die Terraſſe eilen, ein Schrei entglitt Urica's Lippen und Montroſe ſchloß ſie an ſein hoch⸗ klopfendes Herz. Unmoöglich hatte er den Weg zu den Ufern des Tweed, wo er ſein Armeecorps ſammeln ſollte, zuruck⸗ legen koͤnnen, ohne durch eine Combination, welche in der Schnelligkeit, mit der er gereiſt war und ſeine Reiſe fortzuſetzen dachte, beſtand— ſich vierundzwanzig Stunden fuͤr Urica zu ermitteln, nach der ſeine Sehn⸗ ſucht ihm faſt ſeine Ruhe geraubt— und vierund⸗ zwanzig Stunden— wie kurz mußten ſie unter Men⸗ ———————— 358 ſchen werden, die ſich noch ſo wenig geſagt hatten, und ſchon in die reichſten und innigſten Beziehungen des Lebens getreten waren. Aber ſie waren auch Beide dazu geſchaffen, das koſtbare Geſchenk dieſer kurzen Zeit zu benutzen und neuen Grund fuͤr ihr Gluͤck in einander zu finden und fuͤr die Zukunft neue Sicherheit in ihre Entſchluͤſſe zu bringen. In dieſen erſten Stunden hielt Urica jede Mitthei⸗ lung von Montroſe ab, die ihn uͤber die Schwierig⸗ keiten in ihrer Lage hätten aufklären können; auch lag es in Beider höherer Natur, daß der Zuſtand ihrer Herzen, die Erlebniſſe ihres Geiſtes in dieſer neuen Welt ihrer Liebe, ſich den Mittheilungen uͤber außere Begebenheiten voran draͤngten, und ihnen der wichtigſte und zugleich entzuckendſte Gegenſtand ihrer Mitthei⸗ lungen ward. Erſt am andern Morgen, als der Tag Handlungen von ihnen forderte und Montroſe den erfreuten Sir Crafton zu ſich beſchied, benutzte Urica deſſen Anweſen⸗ heit, um ihm die Art, wie Lady Southhesk hier ein⸗ gezogen war, ſo ſchonend als moͤglich mitzutheilen. Montroſe horte ſinnend lächelnd und ſeine junge Ge⸗ mahlin beobachtend dieſe Nachricht an; in ſeinen Mie⸗ nen lag ausgedruͤckt, daß er ſehr wohl zu ergaͤnzen wußte, was Urica verſchwieg oder milderte. —,——— „Alſo dieſe Angelegenheit muͤſſen wir zuerſt be⸗ richtigen“— ſagte er dann lächelnd—„und ich werde der Lady Southhesk zuerſt meinen Beſuch ma⸗ chen.“ Als Beide wieder allein waren, theilte ihr Montroſe uber die öffentlichen Verhältniſſe ſeine Anſichten mit, und dieſe waren allerdings aͤußerſt truͤbe und Urica hatte Gelegenheit zu bemerken, daß ſein Vertrauen zum Könige wieder im Abnehmen war, da ſich Hamilton's zweideutiges Syſtem wieder Geltung verſchafft hatte und er hieraus den Untergang des Koͤnigs prophezeite. Seine eigne Stellung erwaͤhnte er zwar dabei nicht, aber daß ſie gefährlich und unſicher und bei ſeinen freien Geſinnungen durch die Vermittlung zwiſchen Schott⸗ land und dem Koͤnige, die er immer feſthielt, ſelbſt zweideutig und ihm druͤckend war, konnte er nicht ver⸗ bergen, und nöthigte ſich Urica wie die einzige wahre Sorge auf. Sie theilte ihm der Wahrheit nach ihr Zuſammentreffen mit dem Boten in der Nacht des Attentats mit und ſie ſah, wie die nahe Beruͤhrung dieſer beiden Begebenheiten ſchnell eine drohende Falte auf ſeiner Stirn zuſammenzog und er ihr Zuſammen⸗ ſein abkuͤrzte, um ſich Sir Crafton's Berichte daruͤber vorlegen zu laſſen. Seine Abweſenheit ſchien ihr ſehr lang und Sir — ————— —————————= Crafton kam, um ihr zu ſagen, daß der Marquis ſich zugleich zu Lady Southhesk begeben habe. Als er endlich zu Urica eintrat, fuͤhrte er an ſeiner* Hand den jungen Lord Harry, deſſen ſchoͤnes leidendes Geſicht von einem ruͤhrenden Ausdruck der Freude belebt 2 war, und der ſich mit Vertrauen und Liebe an die Hand ſeines Vaters drängte, die er wiederholentlich kuͤßte. „Hier, Urica, bringe ich euch vorlaͤufig, was ich von meinem Eigenthum habe retten köͤnnen. O! glaubt mir, Harry iſt ein lieber Knabe, der eurer mutterlichen Liebe werth iſt!“ Urica zog den ſanften hingebenden Knaben an ihre Bruſt und kuͤßte zaͤrtlich ſeine Stirn.„O Montroſe! wie gluͤcklich wuͤrde es mich machen, wenn dieſer holde Knabe ſich meine Liebe gefallen ließe und ſie nur in etwas erwidern wollte.“ „Wie iſt es Harry“— ſagte Montroſe—„wirſt du meiner guͤtigen Gemahlin, die jetzt deine Mutter geworden iſt, nicht gern kindliche Liebe erweiſen wol⸗ len?“ Der Knabe erroͤthete und ward dadurch noch viel ſchoͤner; aber nachdem er Urica einen Augenblick zartlich angeblickt hatte, trat er ſchuͤchtern zuruͤck, blickte angſt⸗ lich im Zimmer umher und ſagte ſeinen Vater bittend anſehend:„Wirſt du mich auch ſchuͤtzen?“ ——— 361 Montroſe ſeufzte und ſagte ſchwermuͤthig:„Ja, mein Sohn!“ Da wendete ſich der Knabe, ſturzte vor Urica nieder und barg weinend ſein Geſicht in ihren Schooß. Dies erſchuͤtterte Beide tief und Urica ſtrich uͤber ſeine weichen braunen Locken, ohne zu ſprechen. „Ich wußte es wohl, daß du gut biſt,“ ſagte der Knabe dann ſich aufrichtend—„und ich werde nie thun, was dich betruͤbt, wenn die Andern mich auch ſchlagen und du wirſt nicht zu meinem Ungluck helfen, du wirſt mich nicht haſſen!“ Der Knabe verrieth all' die Einfluͤſterungen, die ihn von Urica hatten trennen ſollen, ohne zu ahnen, wie viel er dadurch ſeinem bekuͤmmerten Vater verrieth; aber Beide waren bemuͤht, die Aufregung des armen Kindes zu beſchwichtigen und ſie fuͤhrten ihn in die Luft hinaus, und als ſie ihm verſprochen hatten, daß er den Tag uͤber bei ihnen bleiben ſollte, gab ihm Urica ihre ſchoͤnen Gebetbuͤcher mit feinen Miniaturen angefuͤllt und uͤberließ ihn in einem Nebenzimmer ſich ſelbſt. „Urica,“ ſagte Montroſe—„wenn ich nicht zu den haͤrteſten Maaßregeln ſchreiten will, ſo komme ich nicht hinter die Wahrheit der Zuſtände dort oben. Meine Schwiegermutter verſteht die Verſtellung ſo vollſtändig, — 362 daß ich ſie zu keiner offnen Erklärung in Bezug auf dieſe Kinder habe bringen koͤnnen. Ich fand ſie im Bette, bei meinem Anblick in Thraͤnen zerfließend, und nur von ihrer Tochter, der ungluͤcklichen Mutter dieſer Kinder, ſprechend. Lady Franziska iſt wirklich abgereiſt, weil ſie behauptet, ihre Ehre haͤtte es nicht laͤnger er⸗ laubt zu bleiben. Meine Tochter liegt allerdings im Fieber in ihrem Bette und ich habe nicht ergruͤnden koͤnnen, ob es Krankheit oder Bosheit war, daß ſie mich nicht erkannte. Der Kaplan fuͤhrte mir dagegen augen⸗ blicklich Harry zu, den ich im Unterricht bei ihm fand und der mich durch die treuherzigſte Freundlichkeit zu be⸗ ruhigen ſuchte.“ „Mein kaltes und nicht zu erſchuͤtterndes Betragen hat ſie dennoch uͤberzeugt, daß ſie Alle wenig Eindruck gemacht haben, und nachdem ich eine Zeit lang mit meinen Kindern geweſen war und alle Bemuͤhungen, meine arme kleine Jane zum ſprechen zu bringen, miß⸗ gluͤckt waren, ward ich zu Lady Southhesk zuruͤck ge⸗ rufen und ſah, daß ſie unterdeſſen einen Entſchluß ge⸗ faßt hatte. Sie erklaͤrte mir, daß ſobald es die Ge⸗ ſundheit von Lady Jane erlaube, ſie abreiſen werde und 5 daß ſie mich an mein Verſprechen erinnere, meine Toch⸗ ter ihrer Erziehung zu uͤberlaſſen, daß ſie dieſelbe daher mit zuruͤck nehmen werde. Wenn ich aber darauf be⸗ ————— 363 ſtande, meinen Sohn ihr zu nehmen, ſo wuͤrde ich mich doch meiner Verpflichtung nicht entziehen und wuͤrde ihm ſeinen geiſtlichen Fuͤhrer beigeben und der Kaplan O Reil waͤre erbötig, mit dem Knaben alsdann zuruͤck zu bleiben.“ „Urica,“ fuhr Montroſe fort—„ich habe bei dieſer kurzen wohl uͤberlegten Mittheilung alle Stra⸗ fen durch empfunden, die mein jugendlicher Leichtſinn uͤber mich brachte. Es iſt eine Warnung fuͤr Alle, die geneigt ſind, die einflußreichſte Verbindung des Lebens fruher zu ſchließen als Vernunft und Einſicht zur Reife gekommen; immer werden ſolche Unmuͤndige das Opfer derjenigen werden, die ihre Verhältniſſe zu ihren Zwecken auszubeu⸗ ten trachten, und wir werden durch Verſprechungen, die wir leichtſinnig und ahnungslos in der Jugend machen, uns in ſpäteren Jahren gefeſſelt finden, wo wir zugleich die boͤſen Folgen derſelben einſehen und die Unverletzlich⸗ keit unſeres Wortes noch höher achten gelernt haben.“ „Lady Southhesk hat zu Allem Recht, was ſie for⸗ dert; ich muß es als eine Nachgiebigkeit anſehen, daß ſie mir Harry laͤßt, ich wuͤrde es ihr ſogar anrechnen, waͤre ich nicht uͤberzeugt, daß ſie ihren Vortheil wohl dabei gepruͤft haͤtte und in dieſer Anordnung die An⸗ knüpfung irgend eines neuen Plan's verborgen laͤge; denn es iſt dieſer ewig intriguirenden Partei um jeden ————— 364 Preis wichtig, nur erſt auf einem Platz, den ſie ein⸗ nehmen wollen, Fuß zu faſſen; ſie fangen mit den kleinſten Vortheilen an, die ihnen nicht beſtritten werden und enden mit der Beſitznahme des Ganzen! Dennoch gewährt es mir Troſt, dies Kind, wenn auch eurem ganzen Einfluß entzogen, dennoch unter euren Augen lebend zu wiſſen; dies wird wenigſtens verhindern, daß die ſtarre, finſtere Bornirtheit in ihm vorwaltend bleibe, die ſo lange als moglich ihren auserſehenen Opfern er⸗ halten wird, um ſie ihren Zwecken bequem zu machen.“ „Faßt Muth, theurer Freund,“ ſagte Urica— „wir wollen uns die Hand geben, um auf jedem Schritte unſeres Lebens das Rechte zu thun. Wir wollen nicht zu weit in die Zukunft blicken, ſie verwirrt leicht mit ihren verworrenen Eindruͤcken unſere nöthige augenblickliche Stimmung, und aus dieſer allein erwächſt die Zukunft, wie wir ſie ertragen können, ſelbſt wenn ſie nicht eine gluckliche bliebe!“ Montroſe kuͤßte mit innigem Dankgefuͤhl Urica's Hand und fuhr dann fort—„Lady Southhesk bat mich zuletzt, ſie gegen euch zu entſchuldigen, da ſie krank und traurig, vielleicht den rechten Ton gegen euch ver⸗ fehlt, ſie werde, ſobald ſie das Bett verlaſſen könne, ihre begangenen Fehler gut zu machen ſuchen, doch fuͤr heute muͤſſe ſie ſich entſchuldigen.“ i——— 365 „Ich hoffe,“ ſagte Urica—„ihr habt euch mit dem Allen vollſtaͤndig zufrieden erklaͤrt; mir ſcheint es eine unendliche Wohlthat, daß wir von den wenigen Stun⸗ den, die uns gegoͤnnt ſind, nicht noch einige zu ſo laſti⸗ gen Förmlichkeiten, wie ein Beſuch von Lady Southhesk waͤre, verſchwenden muͤſſen!“ „So dachte ich auch!“ rief Montroſe, ſeine Sorgen einen Augenblick bei Urica's ſtrahlenden Augen vergeſ⸗ ſend. Aber wie leicht und belebt den Liebenden nun auch die Stunden hinſchwanden, Urica fuͤhlte doch, daß ſich zu ſchnell eine kleine Wolke auf der Stirn des Ge⸗ liebten zu ſammeln vermochte— und auch in ihrem Herzen blieb eine Sorge zuruͤck, uber die Beide zogerten, ſich auszuſprechen; endlich ſchien das Vertrauen und die Hingebung Alles, was in ihnen lebte, erörtert zu ha⸗ ben und nun vor dieſem letzten Ruͤckhalt ſtill zu halten, mit der Forderung, dies ebenfalls durch Mittheilung aus ſeiner ſchweren Belaͤſtigung hervor zu heben. Urica nannte zuerſt Argyle— und ſie achtete Montroſe zu ſehr, um ihn durch eine furchtſame Schonung laͤnger in Zweifel zu laſſen uͤber ihre Befuͤrchtungen hinſichtlich ſeiner. Sie fand ihn auch, wie ſie es erwartet hatte, maͤßig, ohne Heftigkeit, mit mehr Betruͤbniß als Zorn. „Unſere arme Koͤnigin wird nur zu ſehr Recht haben,“ ſagte er dann—„wir werden in ihm einen unverſoͤhn⸗ 366 lichen Feind haben. Verſuchen wir es, uns zu wehren. Ich muß mit Sir Crafton uͤber die Sache ſprechen, und ich hoffe, ihr, theure Urica, werdet euch den Maaßregeln, welche die Vorſicht nöthig machen, nicht widerſetzen, aus Liebe zu mir.“ „Aber,“ rief Urica, nachdem ſie eingewilligt hatte, plotzlich von ihrem Gefuͤhl hingeriſſen— was denkt ihr von dem Attentat in der Nacht— und daß dies grade zuſammentreffen mußte mit der Ankunft des koͤniglichen Boten?“ Montroſe bog ſich ein wenig bei dieſen Worten zu⸗ ruͤck und ſein ſchoͤnes Geſicht ergluͤhte einen Augenblick — Urica ſprang mit einer Lebhaftigkeit, wie ihr Ge⸗ mahl ſie zuerſt an ihr ſah, empor, und die Hände angſt⸗ voll zuſammenſchlagend, rief ſie bleich und in Thränen ausbrechend:„O, meine Ahnung! Ihr haltet euch fur verrathen!“ „Faßt euch, Urica,“ ſagte Montroſe mit Ernſt und Ruhe, ſie in ſeine Arme ziehend—„es ſind alle Maaß⸗ regeln getroffen, die möglich ſind! Der Gemordete iſt der Bote— das iſt außer Zweifel!“ Ein Schrei Urica's unterbrach ihn.—„Dann— dann,“ ſtammelte ſie—„dann war der Bote, dem ich euer Geheimniß auslieferte, Argyle!“ „Ich zweifle daran nicht,“ ſagte Montroſe mit Ruhe—„aber auch Crafton hat an Verrath gedacht, ohne von dem Zuſammenhange mehr als Ahnungen zu haben, und hat ſeinen tuͤchtigen, entſchloſſenen Charak⸗ ter bewährt, indem er ſogleich die Spur des Verraͤthers mit dem ſchnellſten und ſtärkſten Pferde und dem zuver⸗ läſſigſten Reiter verfolgen ließ.“ „Und,“ rief Urica, da Montroſe ſchwieg. „Wir erwarten ihn noch zuruͤck!— Aber, Urica, dieſe Umſtände werden ſich wahrſcheinlich nicht mehr guͤnſtig ſtellen, dieſe Liſt iſt unſerm Feinde gelungen, obwohl es zu enträthſeln bleibt, wie er das Loſungs⸗ wort erfuhr— daruͤber aber müſſen wir als uͤber eine unwiderrufliche Sache abſchließen und den Folgen mit der muthigen Frage begegnen, was wir dann zu fuͤrch⸗ ten haben, wenn dieſer Brief bekannt wird!— Ich werde angeklagt werden,“ fuhr er entſchloſſen fort und zog die zitternde, zuſammenbebende Urica feſter an ſeine Bruſt—„aber wenn ſie dieſen Mißgriff begehen, wer⸗ den ſie ihn bereuen, denn er wird ſie eben ſo bloß ſtellen, wie ſie es fuͤr mich hoffen.“ „Wir ſind mit dem Koͤnige nicht im Kriege— im Gegentheil hat Schottland eine heuchleriſche Stellung gegen ihn angenommen, welche Dankbarkeit fuͤr ſeine Nachgiebigkeit ausdruͤcken ſoll— wenn meine Feinde daher wagen, mich wegen der Rathſchläge anzuklagen, 368 die ich dem Konige gebe, ſo werde ich ſie aus ihrer fal⸗ ſchen Heuchelei heraustreiben, und ſie werden in ihrer entehrenden Hinterliſt daſtehen, oder ich werde ſie zwin⸗ gen, meine Handlung als mit der Pflicht jedes loyalen Unterthans uͤbereinkommend anerkennen zu muͤſſen.“ „Dagegen, Urica, wird meine Stellung in der Mitte meines Armeecorps, welches mir blind, ich darf ſagen enthuſiaſtiſch anhaͤngt, eine ſolche ſein, die ſie zu ſchonen haben werden, und— genug, Urica, ſo wenig mir mein Gewiſſen Vorwuͤrfe macht uͤber dieſe Handlung, ſo ru⸗ hig gehe ich den Folgen entgegen, und bin jetzt froh, daß auch dies letzte Vertrauen unter uns nicht ausblieb, da es mir nur noch ſelbſt zuſteht, euch eine wahrhafte Anſicht der Sache zu geben, die euch vielleicht unnothig erſchreckt haͤtte, wenn der Verlauf zu eurer Kenntniß gekommen waͤre, ohne die Vorbereitung.“ Montroſe hatte Urica richtig beurtheilt; ſo wie ſie aus dem unbeſtimmten Dunkel der Sorge geriſſen ward, kehrte Ruhe und Faſſung in ihr Herz zuruͤck. Nach der ſchmerzlichen Trennung von Montroſe war der erſte lindernde Gedanke an ſeinen Sohn, und die Hoffnung ſeiner Naͤhe und der ihr vergönnten mut⸗ 369 terlichen Aufſicht nahm das Gift der Gleichguͤltigkeit, was ſie beſchleichen wollte, aus ihrem geſunden Herzen. Sie ſandte zu ihm hinauf, und ließ bitten, wenn ſein Unterricht beendigt ſei, ihn ihr zu ſenden. Statt deſſen ließ der Kaplan um Erlaubniß bitten, Urica ſeine Auf⸗ wartung machen zu duͤrfen. Urica erkannte ihn kaum wieder; die kleine, duͤrftige Geſtalt war ganz zuſammen gekruͤmmt, und augen⸗ ſcheinlich war ſeine gegenwärtige Stimmung nicht er⸗ borgt— ſie druͤckte Aengſtlichkeit aus und eine gewiſſe Rathloſigkeit. „Was habt ihr mir zu ſagen?“ fragte ihn Urica, ſo wie ſie ihn gewahr wurde—„iſt den Kindern meines Gemahls etwas zugeſtoßen?“ „So iſt es in Wahrheit!“ rief der Kaplan—„nun ſind Beide erkrankt— und heftig genug!“ Urica ſtand ſogleich auf.„Fuͤhrt mich zu ihnen!“ ſagte ſie lebhaft—„aber vor Allem, mein Herr, uͤberlegt es euch wohl, ob ihr euch als Arzt vollſtändig geſchickt fuͤhlt, die Krankheit zu behandeln! Ihr habt hier im Hauſe einen wuͤrdigen Collegen, uͤber deſſen Einſicht keine Zweifel ſind— wollt ihr ihn nicht wenigſtens zu Huͤlfe rufen? Jedenfalls aber will ich die Kinder ſehen!“ Der Kaplan ſchwieg verlegen— dann ſagte er Jakob v. d. Nees. ll. 24 etwas gefaßter:„Ich bedaure, daß euch dieſe Krankheit zu Ohren kommen mußte— haͤtte ich gewußt, euer Begehr nach dem Knaben anders abzulehnen, ſo hätte ich euch dieſen Verdruß erſpart!“ „Verdruß— nennt ihr ein bedeutendes Erkranken der Kinder, die ich berechtigt bin, jetzt auch als die Mei⸗ nigen anzuſehen?— Doch wir wollen nicht um dieſes Ausdrucks willen hadern— die Hauptſache iſt, daß ich mich ſogleich ſelbſt von dem Zuſtande der armen Weſen unterrichte.“ „Ach! Milady,“ ſagte der Kaplan demuthig— „nun werdet ihr mich erſt verſtehen, denn das iſt es eben, daß ihr das nicht koͤnnt, daß die Lady Southhesk eben ſtreng verboten hatte, euch von dieſer Krankheit zu unterrichten— da ſie nun ſelbſt krank iſt, hat ſie beide Kinder nach ihrem Zimmer bringen laſſen, um vom Bette aus ihre Pflege zu leiten.“ „Und die meinige abhalten zu koͤnnen,“ ſagte Urica mit einem Ausdruck des Unmuths, den ſie nicht beherr⸗ ſchen konnte— „So ſcheint es, Milady,“ ſagte der Kaplan—„denn gewiß iſt die Lady nicht ſo krank, um nicht das Bett verlaſſen zu können; aber ſie achtet es fur einen guten Vorwand, euch von den Kindern abzuhalten— und außerdem haͤlt ſie ſich auch ſtets viel kraͤnker, als ſie iſit, 371 denn nie habe ich eine ſolche Todesfurcht geſehen, als die Lady empfindet— alle Krankheiten, die es nur giebt, glaubt ſie zu haben, oder glaubt ihnen ausgeſetzt zu ſein, und da fallen oft Dinge vor, die kein Menſch moͤglich halten ſollte!“ Urica hatte bloß ſo lange geſchwiegen, weil das Er⸗ ſtaunen ſie genothigt hatte, dieſe Rede ganz anzuhören. Sie glaubte in dieſer gemeinen Ausſchuͤttung uͤber ſeine Gönnerin den ganzen Menſchen, die ganze Stellung deſſelben zu ſich ſelbſt, herauszuhoͤren. Nein! das war kein feiner Kopf, der ſie ſogleich errathen hatte, wie der ehrliche Crafton glaubte— dieſe plumpe, ſichtliche Be⸗ muͤhung, auf Koſten ſeines Beichtkindes ſich in ihre Gunſt einzuſchleichen, durch dieſen Verrath der Abſichten gegen ſie ihr Vertrauen gewinnen zu wollen, bewieſen, daß er ſie nicht erkannt, und die gemeinſten und gewoͤhn⸗ lichſten Mittel fuͤr ſie paſſend hielt. Aber was war das gegen den Schmerz, ſich von den Kindern in einem Moment getrennt zu ſehen, wo es ihr die heiligſte Pflicht ſchien, ihnen alle ihre Dienſte zu widmen. „O, das iſt hart! ſehr hart!“ ſagte ſie faſt gegen ihren Willen—„und ich bin entſchloſſen, ſelbſt das Zimmer der Lady Southhesk zu betreten, und for⸗ dere euch auf, mich bei ihr zu melden, und ihr meine 24* Abſicht, die Pflege der Kinder theilen zu wollen, anzu⸗ kuͤndigen.“ „Ich muß das freilich ausrichten, wenn ihr es be⸗ fehlt,“ ſagte der Kaplan—„aber warum wollt ihr offe⸗ nen Widerſtand erregen, der euch ohne Zweifel entgegen geſetzt wird?— Nach einer ſolchen Beleidigung ſeid ihr es euch faſt ſchuldig zuruͤck zu treten, waͤhrend ſo, ohne daß ein ſolches Ueberwuͤrfniß eintritt, ich euch behuͤlflich ſein koͤnnte, die Kinderchen zu ſehen, und euch oft und gern mit Nachrichten verſorgen wuͤrde.“ Urica wendete ſich mit unbeſchreiblicher Verachtung von der ſchleichenden, kriechenden Seele, und ſie zuͤrnte um ſo mehr, da ſie ſich nicht verleugnen konnte, daß eine Wahrheit darin lag, welche die Klugheit befahl, die ſie aber gern verſchmäht hätte gelten zu laſſen. „Aber der Arzt!“ fuhr ſie fort—„Herr Weſton wird doch Erlaubniß erhalten, die Kranken zu beſuchen?“ „Ach, wo denkt ihr hin?“ antwortete laͤchelnd der Kaplan— die Lady wuͤrde glauben, er ſei abgeſandt, die Kinder zu vergiften— ſie wuͤrde dies den Kindern ſelbſt einbilden— und wenn ich an Lady Jane denke, die ſchon gegen jedes Mittel, was ich ihr reiche, ankaͤmpft, wie ſollte da ein anderer Arzt ausreichen, der nicht das Zutrauen der Lady beſaͤße?“ Wieder hatte dieſer gemeine Menſch Recht, und 373 Urica, von der Wichtigkeit ſeiner Mittheilungen beherrſcht, wußte nicht, wie ſie ſeine beleidigende Vertraulichkeit von ſich abhalten ſollte. „Es iſt gut,“ ſagte ſie—„und ich werde es euch ſpäter mittheilen, wenn ich zu einem paſſenden Ent⸗ ſchluß gekommen bin; aber denkt, daß ihr nicht allein der Lady Southhesk verantwortlich ſeid, denkt, daß der Vater dieſer Kinder einſt ſtrenge Rechenſchaft von euch fordern wird, wenn ihr aus Furcht vor dem kurzſichti⸗ gen Willen dieſer Frau etwas vernachlaͤſſigt, was das Leben und das Wohl ſeiner Kinder bedrohen koͤnnte!“ „O Frau Marquiſe!“ ſagte der Kaplan—„wie bin ich geruͤhrt, in euch ſo wahrhaft muͤtterliche Geſin⸗ nungen fuͤr meine Zoͤglinge zu finden! Da es mir ge⸗ ſtattet ſein wird, mit Lord Harry hier zuruͤck zu bleiben, werde ich es fuͤr ein Gluͤck halten, mich euren muͤtter⸗ lichen Gefuͤhlen anzuſchließen und mit euch das Wohl des jungen Lords zu bedenken.“ „Erhalten wir ihm erſt ſein Leben,“ ſagte Urica, mit ihrer tiefen Verachtung gegen den Heuchler km⸗ pfend—„und ſeid dann gewiß, ich werde, ſo lange es Gottes Wille iſt, uͤber das Wohl dieſes mir anvertrau⸗ ten Kindes wachen helfen.“ Beide trennten ſich nach Urica's ſchneller Verabſchie⸗ dung mit beſtätigter Abneigung, denn auch dem Ka⸗ 374 plan ſchien es keineswegs, ſeine ſonſt ſo wirkſam befun⸗ denen Schmeicheleien hätten auf dies ſtolze hochfahrende Gemuͤth Eindruck gemacht— und doch war es ſein feſter Vorſatz, Urica zu gewinnen, da er ihrem Einfluß zu entgehen nicht hoffen konnte. Nachdenkend, wie ein ſo ſchönes, junges, ſtolzes und hochfahrendes Weib zu beſtricken ſei, war ihm nichts Wirkſameres eingefallen, als die Schmeichelei— dies Mittel— hoffte er, könne nicht fehlen, beſonders wenn er ihr die Frau ſcheinbar Preis gab, von der ſie beleidigt worden war. Jetzt mußte er furchten, damit noch nicht viel ge⸗ wonnen zu haben, und er pruͤfte ſeine Kenntniß weib⸗ licher Schwaͤchen, um eine andere Wendung zu entdecken. Er fand aber in dem Krankenzimmer, wohin er zuruͤckkehrte, genug Zerſtreuung fuͤr ſeine Gruͤbeleien, denn die Krankheit der Kinder war offenbar noch im Steigen, und er bemerkte zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß ſich Lady Jane's Geſicht mit dunkel⸗ rothen Flecken zu bedecken anfing. Dieſe Beobachtung wagte er noch nicht der Lady Southhesk mitzutheilen, welche nach der Unterredung mit Montroſe durch heftige Kraͤmpfe ziemlich 3uih hatte, und nicht ohne Fieber war. Welche bange Stunden durchlebte aber indeſſen Urica, die mit ihren traurigen Befuͤrchtungen zu einer Unthätigkeit verdammt war, welche ihr wie eine Pflicht⸗ verletzung erſchien. Nur die treue, liebevolle Nähe der Miſtreß Crafton unterbrach die traurigen Gedanken Urica's, welche in der Erwartung, Nachricht von den Kindern zu bekom⸗ men, ſich nicht uberwinden konnte, das Schloß zu ver⸗ laſſen. Dabei blieben die oberen Raͤume hermetiſch verſchloſſen, und die Domeſtiken gaben, wenn ſie von der Dienerſchaft des Schloſſes befragt wurden, auswei⸗ chende Antworten; vor allen Dingen aber blieb es Urica ſehr auffallend, daß der Kaplan ihr keine Nachricht brachte und ihre Sendung an ihn immer mit der Ant⸗ wort zuruͤckkam, daß der Herr Kaplan weder die Kinder noch die Lady verlaſſen duͤrfe. um ihre Gedanken abzuziehen, bat ſie Miſtreß Craf⸗ ton, ihr noch das Fehlende aus dem Schickſal der Lady Juliane Graham mitzutheilen, wobei ſie ihr erzählte, daß der Margquis ihre Frage nach ſeiner Schweſter mit einer ſo ſchmerzlichen Aufregung beantwortet habe, daß ſie augenblicklich ihn davon zu zerſtreuen bemuͤht geweſen ſei. „Die Jugendeinbruͤcke, die Milord von dieſer Schweſter empfangen, ſind zu traurig geweſen— der arme junge Herr war verfolgt und gekraͤnkt, wohin er ſich wendete, da Lord Douglas all' ihre Befehle erfullte 376 und dieſe immer mit großer Schadenfreude darauf aus⸗ gingen, den armen jungen Lord zu beleidigen. Zur Zeit, wo ich meine Erzählung abbrach, trat eine große und einflußreiche Veraͤnderung fuͤr Lady Juliane ein. Der Herr, den ich erwähnte, welcher ſich durch ſeine Schoͤnheit auszeichnete und unter den Gäſten der Lady Southhesk hierher kam, war der Lord Comvay— der juͤngere Sohn des Grafen von Hamilton, der Bruder des jetzt ſo mächtigen Miniſters unſeres armen Koͤnigs. Er ſoll ſeine ganze Erziehung im Auslande, namentlich in Frankreich, erhalten haben und lebte ſpäter lange in Rom. Seine Familie war uͤber ſein Glaubensbekennt⸗ niß ſehr unſicher; aber man ſagt, Lord Comvay ſei kluͤ⸗ ger geweſen, als all ſeine Verwandte, und der ſolle noch erſt geboren werden, der ihm mehr ablauſchte, als er zu verrathen wuͤnſchte.“ „Obwohl die Freundſchaft der Lady Southhesk ſei⸗ nem Ruf in dieſer Hinſicht nicht günſtig war, konnte man doch an ihren Einfluß wenig Glauben haben, wenn man ſah, wie auch ſie ſich die hochmuͤthige Weiſe des jungen Lord mußte gefallen laſſen, und wie er ſei⸗ nen ſchlagenden Verſtand nur zu haben ſchien, um alle mit ihm Kämpfenden nieder zu legen. Aber Keiner blieb uͤber Lady Julianens Gefuͤhle im Zweifel! Erſt war es ein Ueberbieten an Hochmuth und gegenſeitiger 377 Geringachtung— dann brach die Leidenſchaft bei Lady Juliane hervor und er ließ ſich ihre Liebe mit einiger Herablaſſung gefallen— das dauerte vom Fruͤhjahr bis zum Herbſt!“ „Milady!“ unterbrach ſie ploͤtzlich die alte Dame— „ich will etwas erzählen, was doch Niemand mit Si⸗ cherheit hat ſagen können— Jeder von uns hat Ver⸗ muthungen gehegt, und wir Alle, die wir nicht von dieſer Partei waren, haben daſſelbe geglaubt; alſo dieſe Vermuthungen ſind es nur, die ich euch mittheile— Niemand hat Gewißheit! Niemand kann ſeine Ueber⸗ zeugung beſchwoͤren.“ „Lady Southhesk, Lady Juliane, Lord Comvay ver⸗ ſchwanden plotzlich, wir hoͤrten von einem Beſuche in der Nachbarſchaft. Mit einem Male wußten wir, daß Alle im Jagdhauſe verborgen waren— Lord Douglas, der um dieſe Zeit in finſtere Schwermuth verfiel und etwas auf die Warnungen meines Mannes uͤber den Verfall des Vermogens zu hoͤren begann, das er als erſter Vormund zu ſchuͤtzen hatte— wußte wohl um den ganzen Zuſammenhang, und ſeine heftige Leidenſchaft fuͤr Lady Juliane, die ſein Alter ſo troſtlos, ſo veraͤcht⸗ lich machte, ſchien bei der Entſchiedenheit, mit der ſie ſich jetzt von ihm wendete, die Urſache dieſer ſpaͤten Vorwuͤrfe und ber daraus erwachſenden Schwermuth.“ 378 „Geſagt hat man, Lady Juliane ſei im Jagdhauſe mit Lord Comvay getraut worden, Lord Comvay habe dabei eingeſtanden, zur römiſchen Kirche zu gehoͤren, und nur der Mann Lady Julianens werden zu koͤnnen, wenn auch ſie vorher feſt und beſtimmt erklaͤre, dieſem Glauben anzugehoͤren. Da war es mit den Neckereien der armen Lady vorbei— ſie verſtand ſich zu Allem und ward nun erſt foͤrmlich in die katholiſche Kirche aufge⸗ nommen und dann mit Lord Comvay getraut.“ „Nach vierzehn Tagen kehrte Lady Southhesk mit Lord Comway ohne Lady Juliane nach dem Schloſſe zuruͤck, und die Heftigkeit der Lady Southhesk machte mich gegen meinen Willen in meinem eignen Zimmer zur Zuhoͤrerin, als ſie Lord Comvay Vorwuͤrfe machte uͤber die Entbindung der Lady Juliane. Beide ſtanden auf einem Balcon uͤber meinem Zimmer, und ich hoͤre noch heute die hoͤhniſche Antwort des Lords, womit er ſie fragte: ob ſie es denn anders gewollt, ob ſie glaube, daß er anders Dispens erhalten haben wuͤrde, ſie zu heirathen, und auch dies nur in der Hoffnung, daß Lord Montroſe ſterblich ſei und ſie alsdann die Erb⸗ tochter.“ „Bald darauf verließ Lady Southhesk mit ihrer ganzen Geſellſchaft das Schloß; zu eben dieſer Zeit trat der junge Lord eine Reiſe an, um andere Hochſchulen zu ——— 379 beſuchen, von denen er erſt im neunzehnten Jahre zuruck⸗ kehrte und bald darauf die ſanfte Lady Clariſſa, die Toch⸗ ter der Lady Southhesk, heirathete.“ „Lord Douglas bewohnte bis an ſein Ende zu langen Zeiten dieſes Schloß, und obwohl er keine Ver⸗ anlaſſung mehr hatte, die Revenuͤen ſeines Muͤndels fuͤr Lady Juliane zu verſchwenden, hielt er doch uͤber ſie Wache, und gelegentliche Anordnungen bewieſen, daß ſie, wenn ſie etwas von ihm begehrte, noch immer es mit Erfolg that.“ „Aber wo lebte ſie?“— fragte Urica—„kehrte ſie nach dem Schloſſe zuruͤck?“ „Wir glauben, daß ſie im Jagdhauſe wohnte— ja dies koͤnnte ich beſchworen, denn ich ſah ſie öͤfter als ſie mich. Aber wenn es euch jetzt wundern koͤnnte, daß die Lady ein ſo verborgenes Leben in jenem frei da⸗ liegenden Hauſe fuͤhren konnte, ſo denkt euch die Ge⸗ gend ganz veraͤndert, und ihr werdet es begreifen.“ „Der Wald ſchloß ſich damals dicht an die Alleen an, ja dieſe waren bloß aus ihm ausgehauen; was jetzt Wieſengrund iſt, war undurchdringliches Gebuͤſch, was ſeitdem abſichtlich ſeiner Verwilderung uͤberlaſ— ſen wurde; die Alleen waren uͤberdies mit hohen Bret⸗ terwaͤnden verſchlagen, wo ſich ein Ausweg nach dem Schloſſe oͤffnete, war ein Verhack gemacht, der Nie⸗ 380 mand durchließ. Von der Straße aus war daher nur dies iſolirte Haus zu erreichen, und dieſe Seite war gleich bei dem erſten Aufbau durch Graͤben und Hecken ge⸗ ſchuͤtzt worden, und der Wald lag dahinter, wie er heute noch iſt und mit ſchoͤnen Gartenanlagen verſehen.“ „Und lebte Lady Juliane dort mit ihrem Gemahl?“ ſagte Urica— „Zu Zeiten wenigſtens gewiß; doch hat dies wohl Niemand beſtimmen koͤnnen; gewiß aber iſt, daß Lady Southhesk nach der Vermaͤhlung ihrer Tochter mit Lord Montroſe in offene Feindſchaft mit Lady Juliane getre⸗ ten war. Nach Jahr und Tag war die Lady endlich ge⸗ kommen, um ſie mit einer Verbindung zu verſoͤhnen, welche ſo fruh geſchloſſen und nach der bereits erfolgten Geburt des kleinen Lord Harry alle Hoffnungen Lady Julianens zerſtorte. Aber alle Bemuͤhungen der Lady, in das Jagdhaus einzudringen, wurden vereitelt— als aber Lady Southhesk eines Tages mit Lord Douglas, ihren Prieſtern und uns Allen bei Tafel ſaß, oͤffneten ſich plötzlich die Thuͤren und Lady Juliane ſtand vor uns — die wir Alle bei ihrem Anblick ganz verſteinerten.“ „Sie war ſich nicht mehr ähnlich— erſt funf und dreißig Jahr, ſchien ihr Geſicht völlig verbluͤht; ihr Koͤr⸗ per war noch ſchoͤn, aber ſie war ſtark, und dies um ſo auffallender, da ihre Kleidung kaum befeſtigt ſchien; 381 ihr Haar, einſt ſo glänzend und rabenſchwarz, war ſchon mit weißem Haar gemiſcht— ihre Augen eingeſunken, und, obwohl ſie jetzt in Zorn funkelten, doch von Kummer gedruckt, Lippen und Wangen bleich und die ſchoͤne Naſe ſo todtenaͤhnlich blaͤulich.“ „Zuerſt befahl ſie mit ihrer alten, trockenen, herri⸗ ſchen Weiſe, daß ſich alle Diener entfernen ſollten. Noch hatte ſich Niemand geruͤhrt und unſer Aller Augen ſtarr⸗ ten ſie an. Jetzt erhoben ich und Sir Crafton uns in der Abſicht, uns zu entfernen— aber mit rauher, harter Stimme rief ſie:„Halt— ihr bleibt, ihr ſeid die ein⸗ zigen redlichen Menſchen hier bei Tiſche— ich will, daß ihr erfahrt, wie mir geſchehen iſt!“ „Seht mich an!“ rief ſie und ſchritt um den Tiſch herum, zu dem Platze, wo Lady Southhesk ſaß, welche blaß und wie eine gerichtete Verbrecherin an ihren Stuhl gefeſſelt ſchien und die Augen nicht von ihrer Feindin abzuwenden vermochte.„Seht dies Haar, was mit dem Gefieder des Raben verglichen wurde— ich bin zehn Jahr juͤnger als ihr, es iſt bei euch noch nicht erbleicht — ſeht! ſeht dieſe weißen Faͤden— wißt ihr wovon? Seht meine Wangen! Bluͤhten nicht einſt Roſen darauf? Seht dieſe Geſtalt— ſie traͤgt kaum noch den weichen⸗ den Fuß— dieſe eingeſunkenen Augen— dieſe bleichen Lippen— habt ihr die euch ſo lange entzogene Geſtalt 382 der einſt ſo bluͤhenden Juliane Graham darin wieder erkannt? Zweifelt nicht, liebe Tante, ich bin es— es iſt die euch von eurer Schweſter anvertraute Nichte. Der Saamen, den ihr ſtreutet, iſt vortrefflich aufgegangen, und ihr habt dafuͤr geſorgt, daß die Fruͤchte ſo giftig wurden, daß ſie den Stamm zerſtorten.“ „Den Verfuͤhrer habt ihr eingefuͤhrt und als die Schande, die ich mit ihm eingekauft, mich dem Wahnſinn nahe brachte, da habt ihr dieſem widerſtrebenden Herzen durch dieſe gottloſen Prieſter da das Glaubensbekennt⸗ niß entreißen laſſen, das ich verachtete um der Menſchen willen, die ich von dieſer Secte hatte kennen lernen. Aber der Verfuͤhrer wollte mir nur um dieſen Preis meine Ehre wiedergeben— und ich liebte ihn!“ „Und wißt ihr, wem ihr mich hingeopfert habt? Wißt ihr, wer mein Gemahlwar?“— Beidieſen in dem heraus⸗ forderndſten Ton geſprochenen Worten, erwachten ſo⸗ wohl Lady Southhesk wie die beiden Kaplaͤne— ſie ſturzten ſich uͤber ſie, ehe wir unſere Beſinnung wieder erhielten; mit einer Schnelligkeit, die jeden Entſchluß ver⸗ eitelte, war Lady Juliane uͤberwältigt, aus dem Zimmer geſchleppt und ihr Geſchrei ſo ploͤtzlich erſtickt, daß wir hätten denken können, ſie waͤre augenblicklich gemordet worden, haͤtten nicht die Lakaien, welche ſie bald darauf in einen Wagen trugen, verſichert, ſie habe gelebt!“ 383 „Sir Crafton ſturzte ſich gegen die Thuͤr und for⸗ derte Eiulaß— doch Lady Southhesk trat ihm mit dem empoͤrendſten Stolz entgegen und befahl ihm, ſich nicht um fremde Familienangelegenheiten zu bekuͤmmern — er forderte jedoch Lord Douglas auf, Lady Juliane in Schutz zu nehmen, da man ihn ſelbſt daran ver⸗ hindere; aber ehe der Streit mit Lord Douglas voruͤber war, ehe meinem Mann die geſchloſſenen Thuͤren ge⸗ öffnet wurden, war die Ungluͤckliche verſchwunden und wir haben ſie nie wieder geſehen, bis nach einigen Jahren das Geruͤcht verbreitet ward, ſie ſei geſtorben.“ „Mein Mann machte jedoch den Lord Montroſe mit den Vorfällen bekannt und danach geſchahen alle Schritte, welche die Geſebe unterſtuͤtzen konnten. End⸗ lich aber bekam der junge Marguis von ſeiner Schweſter ſelbſt eine Erklaͤrung, worin ſie ihn bat, alle Nachfor⸗ ſchungen einzuſtellen, indem ſie in Begriff ſei, in einem irlaͤndiſchen Frauenkloſter den Schleier zu nehmen, und iede Gewaltthat, jeden unrechtmäßigen Schritt gegen ſich leugnete und von ihm das gerichtliche Verfahren gegen ihre Verwandte eingeſtellt wiſſen wollte. Daß dies uͤberhaupt ſeine Schwierigkeiten gehabt hatte, da der Herr Marquis gegen ſeine Schwiegermutter auf⸗ treten mußte, war ſchon empfunden worden; uͤberdies war die arme, junge Lady Montroſe damals ſchon dem 384 Tode ſehr nahe und fand nur Ruhe, als die Streitig⸗ keiten beigelegt wurden. Man denke ſich aber, wie es den armen, jungen Herrn ſchmerzen mußte, daß der ihm abgelockte Ehekontrakt ihn zwang, ſeine Kinder unter der Leitung ſeiner Schwiegermutter laſſen zu muͤſſen, denn dieſe kluge Frau hatte ſich nicht geſcheut, uͤber den Tod ihrer Tochter hinaus zu denken.“ „Das iſt eine wahrhaft ſchreckliche Begebenheit,“ ſeufzte Urica—„und wie mir ſcheint, noch nicht be⸗ endigt! Aber habt ihr nie wieder von der Lady gehört?“ „Nur was ich fruher mittheilte und was immer auf ihr Leben zu deuten ſcheint, obwohl der alte Kaſtellan ihren Tod behauptet und wahrſcheinlich mehr davon weiß, als wir Alle!“ urica mußte den Tag verleben, ohne andere Nachricht von den Kindern erhalten zu koͤnnen, als ſolche, die ſie überzeugte, man fertige bloß damit ihre Boten ab. Obwohl ſie nicht ihre nächſten Schritte uͤberſehen konnte, bat ſie doch Herrn Weſton im Schloſſe zu bleiben und die mehrfach angeregten Beſorgniſſe ihres Herzens verhinderten Urica ſelbſt zur Nacht Ruhe zu finden, und von einer Bangigkeit beſtimmt, der ſie keinen Namen zu geben vermochte, verließ ſie endlich ihr Bett, kleidete ſich wieder an und offnete die Thuͤren, um auf der Felſen⸗ terraſſe Luft zu genießen. 385 Bis zu der Bruſtwehr vorgehend, fuͤhlte ſie ſich er⸗ quickt durch die herrliche, feuchte Waſſerluft, die in einem feinen Thau zu ihr aufſpritzte; als ſie ſich um⸗ wendete, fielen ihre Augen mit melancholiſcher Traurig⸗ keit auf die Fenſter, hinter welchen fruͤher die armen Kinder gewohnt, von denen man ſie jetzt ſo boshaft ge⸗ trennt hatte. Im erſten Augenblick glaubte ſie ſich zu täuſchen, denn ſie ſah in den Schlafzimmern der Kinder, die neben einander lagen, Licht— doch genauere Pruͤfung uͤber⸗ zeugte ſie, daß ſie ſich nicht tauſchte. Die Vorſtellung, daß man die Kinder zuruͤckgebracht haben koͤnnte, ergriff ſie mit nicht mehr zu berwingender Lebhaftigkeit, und ſie eilte, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, um ſich ſelbſt davon zu unterrichten. Von dem Gang aus, der an ihren Zimmern hin⸗ lief, fuͤhrte eine Treppe in die oberen Gemaͤcher, und mit einer Kerze in der Hand, und ohne ſich Zeit zu nehmen, ihre Frauen zu wecken, eilte Urica die Treppe hinauf. Das Vorzimmer war leer und dunkel, in den Wohnzimmern der Kinder war die widrigſte Unordnung und Zerſtörung, und die Thuͤr nach dem Schlafzimmer des kleinen Maͤdchens nur angelehnt. In der Stille, die herrſchte, glaubte Urica ein jämmerliches Winſeln Jakob v. d. Nees. II. 25 386 und einzelne Worte zu hoͤren— und jetzt ganz deutlich einen wahren Angſtſchrei!— Sie ſturzte in das Zim⸗ mer hinein und ihr drang gleich eine dumpfe, übelrie⸗ chende Luft entgegen, vor der ſie faſt zuruͤckwich. Es brannte eine Lampe, die auf dem Fenſter ſtand, und Urica ſah ſogleich auf dem Bette die kleine Jane ſich winden, hoͤrte ſie ſtoͤhnen, und zuweilen aufſchreien. Sonſt war das Zimmer leer, keine Waͤrterin, kein Arzt zu ſehen. Sie flog auf das Bett zu, und als das Kind ihre Schritte hoͤrte, ſtieß es wahrhaft wuͤthende Schimpfreden und Fluͤche aus, daß ihrem Rufen Nie⸗ mand geantwortet, Niemand ihren Durſt gelöſcht habe! Dieſe heftigen Ergießungen gingen gegen ihre Kam⸗ merfrau, die nicht vorhanden war, als aber Urica den Becher, der noch gefullt neben dem Bette ſtand, ergriff, und ihn dem Kinde in die Hand druͤckte, ſchauderte ſie unwillkurlich zuruck, denn Lady Jane war uͤber Geſicht, Haͤnde und ganzen Körper mit großen, bösartigen Pok⸗ ben bedeckt, ihre Augen bereits erblindet, und von dem heftigſten Fieber ganz verdorrt! „Großer Gott!“ ſtammelte Urica voll Entſetzen— und ihr erſter Gedanke war an Harry! Als das Kind ſeinen gluͤhenden Durſt geſaͤttigt, ſturzte ſie in das Ne⸗ benzimmer— achl ſie hatte ſich nicht geirrt— Harry lag bitterlich weinend, ebenfalls von Pocken bedeckt, auf 387 ſeinem Bettchen, und Niemand war zu ſeiner Pflege im Zimmer. „Ach! ach!“ rief er, als er Urica ſah—„du wirſt uns nicht verlaſſen— du wirſt dich nicht vor uns fuͤrchten— ach! die arme Jane ſtirbt gewiß, wenn Alle von ihr laufen!“ Urica faßte ihren ganzen Muth zuſammen— ſie unterdruͤckte ihre Empörung uͤber die Treuloſigkeit, die hier ſichtlich ausgeuͤbt worden war, und dachte nur da⸗ ran, wie hier zuerſt das Leiden und die geiſtige Aufre⸗ gung der Kinder zu beſchwichtigen ſei. Muthig trat ſie an das Bett des armen, kleinen Kranken, und uͤberſah bald, daß ſeine Krankheit noch nicht ihren Hoͤhepunkt erreicht hatte, wie bei der kleinen Jane, da ſeine Augen und ſeine Beſinnung noch nicht angegriffen waren. „Nein, Harry!“ ſagte Urica—„du und deine Schweſter, ihr werdet nun nicht verlaſſen ſein— ihr werdet in mir jetzt die Mutter finden, die euch euer Vater gegeben hat!— Faſſe nun Muth— ihr werdet nicht ſterben— ihr werdet bald Erleichterung be⸗ kommen!“ „Aber du!“ rief Harry—„du liebe Mutter— wirſt du nicht ſterben? Die Großmutter ſagte doch, ſie muͤſſe ſterben, wenn wir bei ihr blieben, und der Kaplan 25* 388 wollte doch einen andern Arzt ſchicken, weil er ſonſt die arme Großmutter mit unſerer Krankheit vergiftete— und Jane's Kammerfrau und mein Kammerdiener ſind doch fortgelaufen, weil ſie ſagten, ſie muͤßten eben ſo gut ſterben wie die Großmutter, wenn ſie bei uns blieben— ſie wollten im Dorfe Leute dingen, die bei uns bleiben ſollten— darum ſind Beide fortgegangen!“ „Sei ruhig, mein Kind,“ ſagte Urica—„ich habe keine Gefahr zu fuͤrchten; denn wie ich noch juͤnger wie du ſelbſt war, habe ich deine Krankheit uͤberſtanden— man bekommt ſie nur einmal, und hat dann keine An⸗ ſteckung mehr zu fuͤrchten.“ „Ach, dann bleibe bei uns! Niemand will ich lieber ſehen, als dich— Alles will ich thun, was du ſagſt— und Jane will ich bitten, gut gegen dich zu ſein!“ Urica legte nun ſelbſt ſeine Kiſſen zurecht, ſtillte noch einmal ſeinen Durſt, ſah ihn ſanft und beruhigt zu ihr aufblicken, und ſich gehorſam zuruͤcklegen. Dann kehrte Urica zu der kleinen, tobenden Jane zuruͤck, welche von der Krankheit, von dem Mangel an Pflege, und dem Zorn uͤber ihre unerfuͤllt bleibenden Befehle, in einem bedenklichen Zuſtande war. Um ihr Geſchrei nur zu unterbrechen, mußte Urica ihre Stimme erheben, und das kleine, böſe Maͤdchen erkannte ſie augenblicklich, und es erhob ſich eine wahrhaft ſcheußliche Scene, indem ſie 389 ſich zum Bette hinaus werfen wollte, nach Huͤlfe ſchrie, und Urica mehrere Male unter ihren giftigen Haͤnden war, wenn ſie verſuchte, ſie im Bette zuruͤckzuhalten. Urica, die ſich nach Huͤlfe ſehnte, die ſo gern einen Bo⸗ ten zu Weſton geſchickt, konnte das durch Fieber bis zum ſchaͤumenden Wahnſinn getriebene Maͤdchen nicht einen Augenblick allein laſſen, ohne eine gewaltſame Hand⸗ lung fuͤrchten zu muͤſſen, die ihr bei dieſer gefäͤhrlichen Krankheit den Tod geben konnte. Nur die Erſchoͤpfung endete gegen Morgen dieſen heftigen Zuſtand, und die krampfhafte, todtenähnliche Betäubung, die jetzt folgte, gereichte zwar nicht zur Beruhigung fuͤr Urica, gab ihr aber die Moglich⸗ keit, ſich auf kurze Zeit zu entfernen, um Hilfe zu ſuchen. Jetzt erſt fuhlte ſie, wie ſchwer ihr dieſe, außer durch den Arzt zu ſchaffen ſein werde, da vielleicht auch ihre Domeſtiken die Anſteckung ſcheuen wuͤrden. Sie gab daher ihren fruͤheren Vorſatz, zu ihren Frauen hinunter zu gehen, auf, und da der Morgen bereits heran gekom⸗ men war, eilte ſie ohne Bedenken nach dem gegenuͤber liegenden Flügel, wo die Zimmer des Sir Crafton la⸗ gen, und als ſie hier in dem Fruͤhſtucksſaal ſchon einen Diener bei geoͤffneten Thuͤren fand, befahl ſie dem maaßlos Erſchrockenen, ſogleich ſeinen Herrn zu wecken, 390 und ihm zum ſchnellen Aufſtehen behilflich zu ſein, da ſie ſeines Beiſtandes augenblicklich beduͤrfe. Bis jetzt hatte Urica keine Ermuͤdung gefuͤhlt, hier aber, in der tiefen ſchoͤnen Ruhe des herannahenden Tages, wo ſelbſt die Voͤgel noch ſchliefen und der Thau in großen Perlen dicht verhuͤllend uͤber dem Boden lag, wandelte ſie ein Gefuͤhl von Erſchoͤpfung an, und ſie ſank an den geoͤffneten Thuͤren in einen Seſſel und ein leichter Schlaf fiel wie Balſam auf ihre erhitzten Augen. Mit großem Erſtaunen und lebhafter Beunruhigung fand der bald darauf eintretende Sir Crafton die geliebte Herrin in dieſer auffallenden Situation. Urica's Schlum⸗ mer war aber zu leicht, zu wenig ihr Wille geweſen, als daß ſie nicht augenblicklich bei ſeinem Eintritte erwacht wäre. „Naht mir nicht,“ rief ſie aufſtehend und ſich noch mehr zuruͤckziehend—„wenn ihr mir nicht verſichern könnt, daß ihr und eure Gattin die Pocken gehabt habet!“ „Milady,“ rief Crafton—„was bedeutet das?“ „Erſt eure Antwort,“ entgegnete Urica feſt— „und der Wahrheit nach, dann ſollt ihr Alles wiſſen!“ „Nun wohl,“ ſagte Crafton—„wir hatten als Kinder dieſe 4. 391 „Gottlob!“ rief Urica und trat ihm nun näher— „dann werdet ihr mir eure Hilfe nicht entziehen! Beide Kinder ſind von Lady Southhesk in ihre alte Wohnung zuruͤck geſchickt worden, weil bei ihnen Beiden die Pok⸗ ken ausgebrochen ſind. Von einer bangen Ahnung ge⸗ trieben, ſtand ich in der Nacht auf, entdeckte von der Terraſſe aus in ihren Zimmern Licht und fand, als mich eine unerklaͤrliche Unruhe zu ihnen hinauf trieb, beide Kinder gänzlich verlaſſen und von dieſer Krankheit be⸗ fallen.“ Nach dieſen Worten unterdruͤckte ſie die lebhafte Erregung des Sir Crafton, indem ſie ihn bat, ſogleich Herrn Weſton zu rufen, da ſie die kleine Jane in einem ſehr gefaͤhrlichen Zuſtande verlaſſen habe und gleich zu ihr zuruͤckkehren muͤſſe, da auch bis dieſen Augenblick keiner von den Domeſtiken ſich habe ſehen laſſen, und ſie vorausſetze, daß die Furcht vor Anſteckung ſie eben ſo wie den Kaplan entfernt halten werde. „Aber eure Frauen,“ ſagte Crafton—„ich hoffe, dieſe haben euch bereits unterſtutzt?“ „Ich hätte faſt vergeſſen, euch zu bitten, daß Mi⸗ ſtreß Crafton mit meinen Frauen ſpricht, und ſich unter⸗ richtet, ob ſie dieſe Krankheit uͤberſtanden haben. Da ich mich ſchon fuͤr angeſteckt halten muß, kann ich es nicht ſelbſt thun.“ 392 „Aber, Milady, ihr konnt doch nicht annehmen, daß euch einer eurer Dienerſchaft verlaſſen wird?“ „Mein lieber Sir Crafton,“ ſagte Urica milde— „wir koͤnnen wohl von unſern uns ergebenen Dienern erwarten, daß ſie uns mit Treue und Eifer bedienen, aber wir haben kein Recht, weder zu verlangen noch zu wuͤnſchen, daß ſie fuͤr uns ſterben ſollen. Nein, nein! ich will nur ungefaͤhrdete, freiwillige Hilfe bei meiner Krankenpflege— doch wir reden ſchon zu lange— eilt — eilt, mir Maſter Weſton zu ſenden, denn ſeiner Hilfe will ich ſie nun ganz anvertrauen.“ Crafton bot ihr den Arm, ſendete denſelben Diener, Mr. Weſton herbei zu rufen, und entfernte ſich an der Treppe zu den Zimmern der Kinder auf Urica's aus⸗ druͤcklichen Wunſch. Die Scene hatte ſich indeſſen unangenehm veraͤn⸗ dert. Lady Jane lag zwar noch eben ſo regungslos, wie zur Zeit, als Urica ſie verlaſſen, aber ein altes, ge⸗ mein ausſehendes Weib, ſchmutzig und in bäuriſcher Tracht, ſaß vor dem Bette und ſtarrte das entſtellte Kind gedankenlos an, wäͤhrend eine offene Flaſche in ihrer Hand und der Geruch des Branntweins hinreichend ver⸗ riethen, womit ſie ſich gegen die Anſteckung zu ſchuͤtzen ſuchte.— Mehr noch ergriff Urica das jammervolle Weinen des kleinen Harry, welcher ſich mit Jemand zu 393 ſtreiten ſchien und immer rief:„O, wo iſt denn meine liebe, liebe Mutter— wo habt ihr ſie hingeſchleppt— ſie wuͤrde mich nicht verlaſſen, wenn ihr ſie nicht wegge⸗ ſchleppt hättet!— Fort, fort!— ruͤhr mich nicht an— o, meine Mutter! meine liebe Mutter!“ Urica ſtuͤrzte ſich dieſem Rufe entgegen, der, wie ſie nicht zweifeln konnte, ihr galt, und ſie ſah ein wo moͤg⸗ lich noch ſcheußlicheres, roheres Geſchopf, welches mit dem armen kleinen Harry unter groben zornigen Wor⸗ ten rang und ihn uͤberwunden mit der Decke im Bette feſthielt. „Harry, Harry! ich komme!“ rief Urica mit dem Ton einer vor Liebe und Schmerz faſt undeutlich gewor⸗ denen Stimme. Aber Harry hatte ſie ſchon erkannt — ein Schrei der Freude drang aus ſeinem Munde und mit den Worten:„Mutter, Mutter!“ ſank er, von aller Noth erloͤſt, bewußtlos in ſeine Kiſſen zuruͤck. Das Weib hatte erſchrocken bei Urica's Anblick ihr rohes Verfahren ſogleich aufgegeben und ſtand nun furchtſam hinter dem Bette. „Was wollt ihr hier?“ ſagte Urica, deren Herz von Unmuth ſchwoll, da ſie den Zuſammenhang nur zu rich⸗ tig erkannte—„entfernt euch ſogleich und nehmt das Weib aus dem Nebenzimmer mit euch— ihr habt hier nichts weiter zu thun.“ „So,“ ſagte das Weib, plötzlich grob vortretend— „aber unſere Bezahlung? Wir ſind von Lady South⸗ hesk gedungen worden, die Kinder zu warten— und ſo umſonſt ſchlucken wir das Gift nicht ein und ſetzen uns der Gefahr aus, die kein Anderer wagt, als wir, um etwas zu verdienen.“ „Geht,“ rief Urica—„und fordert euch den Lohn von denen, die euch gedungen haben!“ Aber ſchnell ſich beſinnend, zog ſie mehrere Geldſtuͤcke aus ihrer Taſche, warf ſie dem Weibe zu und athmete erſt leichter auf, als dieſe nun befriedigt mit ihrer Gefaͤhrtin ſich ent⸗ fernte. Urica blieb nicht lange mehr in ihrer traurigen Lage allein. Herr Weſton ſtand bald an ihrer Seite, und ſein ruhiges, feſtes Verfahren, ſeine ſchnell beſchloſſenen Beſtimmungen beſtaͤtigten bald den vortheilhaften Ein⸗ druck ſeiner erſten Erſcheinung. Tief geruͤhrt ward Urica aber, als ſie von Miſtreß Crafton in das Vorzimmer gerufen ward und dort alle ihre Domeſtiken verſammelt fand, welche erſchrocken und bekuͤmmert in ehrerbietiger Ruͤhrung den alten Haushofmeiſter zu ihrem Redner gemacht hatten, der vor Ruͤhrung kaum verſichern konnte, daß keiner ſich von dem Dienſt, welcher Art er auch ſein moͤge, aus⸗ ſchließen wolle. Ulla aber fiel mit lautem Schluchzen ———— ——— — ————— 395 zu Urica's Fuͤßen, und ſie und ihre Gefaͤhrtinnen wa⸗ ren ganz troſtlos, wenn ſie an die Nacht dachten, die ihre geliebte Herrin, welche ſie wie ein Juwel hegten, ohne ihren Beiſtand hatte verleben muͤſſen. Urica dankte mit Ruͤhrung den treuen Dienern, und verſprach ihnen, ihre Dienſte anzunehmen. Dann wählte ſie ihren Kammerdiener, einen ältlichen aber ruͤ⸗ ſtigen und ſehr verſtändigen Mann zur Huͤlfe in Lord Harry's Zimmer und gab Befehl, ſich und ihre Frauen in den Vorzimmern einzurichten, da ſie alle Anerbie⸗ tungen der Miſtreß Crafton liebevoll zuruͤckwies und die Krankenpflege ganz unter ihre Aufſicht zu ſtellen ent⸗ ſchloſſen war. Dies blieb um ſo nöthiger, da es die Geduld und Einſicht einer hoͤheren Bildung erforderte, um an Lady Jane's Bett auszuhalten und mit der Huͤlfe und Er⸗ leichterung, die nöthig war, die dämoniſche Bosheit dieſes Kindes abzuhalten und unſchaͤdlich zu machen. Dabei ſchwebte ihr Leben die erſten Tage nach Urica's Einmiſchung immer in Gefahr, und dies hauptſächlich erregt durch die maaßloſe Wuth, in die ſie jedesmal gerieth, wenn ſie ſich uͤberzeugen mußte, daß ſie von ihren Dienern verlaſſen ſei, ſie auf ihr wuͤthendes Ge⸗ ſchrei nicht herbei zu rufen waren, und ſie von Fremden und namentlich von der von ihr ſo bitter gehaßten Urica, 396 die Dienſte annehmen mußte, die ſie oftmals zuruͤckſtieß und lange jede Entbehrung ertrug, ehe ſie die Huͤlfe aus ihrer Hand annahm. Niemand, fuͤhlte Urica, konnte ihr dieſe anhaltende Pflege nachmachen, denn das ungluͤckliche Kind war ein Gegenſtand des Haſſes geworden, vielleicht auch der Scheu und des Widerwillens, denn die Pocken hatten dies ſchon wenig anziehende Kind ſo unglaublich ver⸗ heert, daß ſie einem kleinen Ungeheuer glich und ihre Ausduͤnſtung faſt unerträglich war. Nur als endlich der Schlaf die fuͤrchterlichen Leiden der Krankheit unterbrach, konnte Urica ſich zuweilen einige Stunden an dem Bette ihres Lieblings, des klei⸗ nen Parry, erholen. Dieſer ſanfte, liebenswuͤrdige Knabe hatte die Krankheit viel milder, er erblindete nicht, das Fieber war leicht und ſeine Dankbarkeit, ſeine be⸗ ſcheidene Guͤte gewannen ihm ſo ſehr Aller Herzen, daß Jeder ihn zu bedienen wuͤnſchte. Während dieſer Zeit hatte Urica auch ihr Verhält⸗ niß zu Lady Southhesk feſtſtellen muͤſſen. Schon am naͤchſten Tage, als alle Einrichtungen dem Zwecke ent⸗ ſprechend getroffen waren, ſtellte ſich der Kaplan in dem erſten Vorzimmer ein, und ließ bei der Frau Marquiſe um eine Unterredung bitten. So emport dieſe ſich auch fuhlte, ſah ſie es doch bald als einziges Mittel an, um —————— zu einer feſten Erklaͤrung mit Lady Southhesk zu kom⸗ men, und ſie fand den Kaplan auf einem offnen Bal⸗ kon in der größten Unruhe bei ihrer Annaͤherung. „Meine Lage iſt ſehr ſchwierig,“ ſtammelte er ſo⸗ gleich, als Urica ihm ruhig gegenuͤber ſtehen blieb, ohne ihn anzureden—„denn kein Alter ſchuͤtzt gegen An⸗ ſteckung, und ſowohl ich wie Lady Southhesk ſind un⸗ ſicher, ob aͤhnliche Jugendkrankheiten, die uns zugeſto⸗ ßen, Pocken zu nennen waren, da meine Kenntniſſe als Arzt mir ſogar die Moͤglichkeit zeigen, daß man zweimal von dieſer bei erwachſenen Perſonen faſt immer todtlichen Krankheit befallen werden kann.“ Als er ſchwieg, ſagte die Marquiſe:„Es iſt gut, mein Herr, daß nicht Alle dieſe Ueberzeugung theilen. Sagt der Lady Southhesk in meinem Namen, daß ich in dieſer Nacht ihre armen Enkelkinder in dem heftig⸗ ſten Anfall dieſer Krankheit, verlaſſen von aller menſch— lichen Huͤlfe, im Zuſtand der Verzweiflung gefunden habe— daß ich von dieſem Augenblick in meine voll⸗ ſtaͤndigen muͤtterlichen Rechte getreten bin, daß jetzt ein Arzt die Kinder bedient, welcher nicht fuͤrchtet, dieſe Kinderkrankheit noch einmal zu bekommen— daß ich, von meiner Dienerſchaft unterſtuͤtzt, mich an die Spitze ihrer Pflege geſtellt habe, und die elenden und ſchmutzi⸗ gen Bettlerinnen aus dem Dorfe, die, halb betrunken, 398 geneigt waren, dieſe Kinder zu mißhandeln, und welche man zum Erſatz ihrer entflohenen Dienſtboten ſpäter, als die Nacht ſchon voruͤber war, hergeſchickt hatte, ent⸗ laſſen habe, und daß ich nun hoffe, Lady Southhesk wird vor der Gefahr der Anſteckung geſchutzt bleiben und ſich dabei getroͤſten koͤnnen, daß dieſe armen Kinder nicht mehr von pflichtvergeſſenen Miethlingen verwahr⸗ loſt werden.“ Von peinlicher Unruhe gefoltert, mit niedergeſchla⸗ genen Augen hoͤrte der Kaplan dieſe Worte an, die fern von Zorn, eine ſo tiefe Verachtung ausdruͤckten, daß er ſich vergeblich davor zu retten verſuchte.„Milady! Ihr ſeid ſtreng und erzuͤrnt!— Durch die eilige Abreiſe der Lady Franziska iſt unſer Perſonal geſchwächt— ich bin der einzige Kaplan und Arzt— ich natuͤrlich koͤnnte Lady Southhesk's Zimmer, worin ſie ſelbſt ſo bedeutend erkrankt danieder liegt, nicht betreten, wenn ich die Kin⸗ der zugleich beſuchte.— Die armen Domeſtiken, welche von mir wohl unterrichtet, wie die Krankheit zu leiten ſei, mit den Kindern entlaſſen wurden, hatten uͤberlegt, daß ſie ſelbſt ſich die Krankheit noch einmal holen könnten, und waren gegangen, um zuverlaͤſſige Waͤr⸗ terinnen, von denen ſie im Dorfe gehoͤrt hatten, zur Pflege herbeizuholen.“— „Laſſen wir das jetzt,“ unterbrach ihn Uriea hier 399 ſtreng—„ihr werdet nicht verlangen, daß ich nach euren Entſchuldigungen die Gewiſſenloſigkeit, womit man dieſe kranken Kinder behandelt hat, weniger ſtrafbar finden ſoll, als fruͤher! Entzieht euch jetzt der Gefahr der Anſteckung, welcher ihr in dieſen Raͤumen ausgeſetzt ſeid und ſagt der Lady Southhesk, daß ich täglich zwei⸗ mal genaue Nachrichten uͤber das Befinden der Kinder an meinen Haushofmeiſter ſenden werde, von dem die Lady ſie ſich abfordern laſſen kann!“ „O Milady! wie edel— wie großmuͤthig ſeid ihr! wie muß man euch in allen euren Handlungen verehren!“ Schon hatte ihm Urica mit leichtem Gruß den Ruͤcken gekehrt und ſchenkte, ſich ihm ſchnell entziehend, ſeinen heuchleriſchen Worten kein Ohr mehr. So ſchmerzlich die Veranlaſſung auch war, welche Urica's Gedanken in Anſpruch nahm, ſie zogen ſie doch wohlthuend von der großeren Sorge um Montroſe ab, von dem ſie auch nach einigen Wochen noch keine Nach⸗ richten hatte. Jett verließen die Kinder ſchon wieder die Betten und nur noch Vorſorge war noͤthig, um auch die Folgen dieſer verheerenden Krankheit glucklich vor⸗ uber zu fuͤhren. Es war aber Urica nur voruͤbergehend gelungen, auf Lady Jane's Herz einzuwirken. Wenn einzelne Aeußerungen oft in ihr die Hoffnung erweckt hatten, ſie könne dies boͤſe Kind von ihrem guten Willen uͤberzeugt, und einen beguͤtigenden Einfluß auf ſie gehabt haben, zeigte es ſich doch nur zu bald wieder, daß Lady Jane eine daͤmoniſche Freude empfand, ſie zu kraͤnken und zu beleidigen, daß ſie ſich mit Scharfſinn allerlei ausdachte, was ſie dann oft mit dem boshafteſten Gelaͤchter unter ihren Augen that und ſagte. Ihren Bruder haßte ſie formlich wegen ſeiner Nach⸗ giebigkeit und Dankbarkeit gegen Urica und wenn ſie alle Mittel fehlſchlagen ſah, um dieſe aus ihrer Ruhe zu bringen, vergriff ſie ſich an ihm thätlich und ſah da⸗ bei Urica hoͤhniſch lachend an, weil ſie wußte, daß ſie dann von ihr mit Strenge zuruͤckgewieſen wurde. Ueber⸗ haupt ſchien es, daß dies ungluͤckliche Weſen ſchon ſo fruh den Haß gegen alle Menſchen kennen lernen ſollte, denn gegen ihre Großmutter und den Kaplan ſtieß ſie Dro⸗ hungen und Schimpfreden aus, und als ſie ſich endlich uͤberwand und nach langen Bitten der zuruͤckgekehrten Kammerfrau erlaubte, zu ihr zu kommen, ſchlug ſie ihr ſo wuͤthend in's Geſicht, daß dieſe zur Erde taumelte. Da Urica hiervon nicht Zeuge war, indem ſie bereits anfing, den Bitten des Arztes und der ehrlichen Crafton's nachzugeben, und theilweiſe in ihren Zimmern verblieb, ſo entging ſie der Strafe; aber Urica mußte ſich bald uͤberzeugen, daß dieſe treuloſe Perſon, die das arme 401 Kind in der Gefahr verlaſſen konnte, nun die niedrigſte Schmeichelei anwendete, um ihre Gunſt wieder zu ge⸗ winnen, wodurch alle Untugenden bald genug geſteigert † hervortraten, und Urica faſt muthlos werdend dies boͤſe Kind mit Ergebung in die Hände der Großmutter zu⸗ ruͤckkehren ſah und ſich ganz an Lord Harry hingab, der leider noch kraͤnkelte und zwar nicht wie Lady Jane entſtellt war von ſeiner Krankheit, aber von Geburt an weit weniger kraͤftig als ſeine Schweſter, ſich jetzt viel ſchwerer erholte. Der Arzt verhehlte ihr nicht, daß wenn dieſer Knabe nicht mit hoͤchſter Schonung be⸗ handelt werde, ſeine angegriffene Bruſt ihm wenig Aus⸗ ſicht ließe, groß zu werden und ſein reizbares Gemuͤth ſchon jetzt ein gefährliches Symptom ſei. Und dennoch ſollten Urica's Gedanken von ihm ab⸗ gezogen werden, denn der Schlag war gefallen— Urica erhielt aus Edinburg die erſten Nachrichten von Mont⸗ roſe— er war angeklagt: das Vertrauen des ſchottiſchen Parlamentes verrathen zu haben, und durch eine geheime Correſpondenz mit dem Koͤnige, dieſen in Kenntniß ge⸗ ſetzt zu haben von den Erwartungen, die er von ihren Beſchluͤſſen hegen duͤrfe. Zwar war der Brief des Lord Montroſe an den König, welcher durch ihre— Urica's — Haͤnde einem falſchen Boten anvertraut worden war, dennoch an ihn gelangt; aber die genaue Abſchrift deſ— Jakob v. d. Nees. I1. 26 402 ſelben war ihm bereits durch eine Art Kriegsgericht vorge⸗ legt worden, und er hatte ſich keinen Augenblick beſonnen, dieſelbe als gleichlautend mit dem Original anzuerken⸗ nen—„und,“ fuͤgte Montroſe hinzu—„das war „ihre erſte Zuͤchtigung; denn meine Sicherheit bei dieſer „Erklärung hat ſie um die ihrige gebracht, und obwohl „ich nicht meine volle Freiheit behalten, ſind die Verhoͤre „doch unterbrochen und ihre fruͤhere Anklage auf Hoch⸗ „verrath und die Einſetzung eines kurzen Militair-Ge⸗ „richts iſt ihnen geſtört und ſie ſcheinen die Sache zu „uͤberlegen.“ „Doch kann mich das troͤſten?“ fuhr Montroſe's Brief fort—„wenn ich hier unthaͤtig, durch elende Ka⸗ „balen gehalten, meine Tage zubringen muß, anſtatt zu „deinen Fuͤßen zu ſitzen und in den Himmel deiner Au⸗ „gen zu blicken? Wie ich unter meinen wackeren Sol⸗ „daten ſtand, die meine ganze Thätigkeit forderten, und „ich ein wuͤrdiges Ziel vor mir ſah, was ich nur mit „Anſtrengung erreichen konnte, da lebte ich ſelbſt in dieſer „Trennung von dir ein ſchönes Leben mit dir, aber jetzt „haftet jede Sekunde wie eine bleierne Laſt an mir— „und jede ſcheint mir ein unerhoͤrter Raub an deinem „Beſitze— und ich möchte die Waͤnde des alten Holy⸗ „rood, worin man mich eingeſchloſſen, mit meiner Sehn⸗ „ſucht ſprengen.“ Urica ſtand auf, und als Sir Crafton gerade jetzt die Thuren öffnete und mit ängſtlicher Miene zu ihr trat, ſagte ſie feſt und innig:„Nicht wahr, Sir, ihr begleitet mich zu meinem Gemahl nach Edinburg und ſorgt dafur, daß ich in wenigen Stunden aufbrechen kann?“ „Alſo iſt es wahr!“ rief Crafton erſchuͤttert—„Mi⸗ lord von Montroſe iſt angeklagt und im Gefaͤngniß?“ „So iſt es, mein Freund,“ ſagte Urica—„Leſ't ſelbſt— vor euch habe ich kein Geheimniß; aber wo mein Platz jetzt iſt, das werdet ihr mit mir fuͤhlen und ich kann Gott nicht genug danken, daß mich meine Pflicht hier nicht mehr an das Krankenbett der Kinder feſſelt. Ich werde mit Herrn Weſton ſprechen; Harry wird eine ſo ſchnelle Reiſe, als dieſe ſein muß, nicht mit mir ma⸗ chen könnenz aber ich werde ihn eurer Gattin uͤbergeben, und unſer lieber, alter Kaplan wird, wie bei ſeinem Va⸗ ter, auch bei ihm den Unterricht leiten, Herr Weſton ſeine Geſundheit uͤberwachen.“ Crafton war zu Allem bereit, er hatte eine Art von Begeiſterung fur ſeine Herrin und fuhlte ſich gluͤcklich, daß ſie ihn zu ihrem Begleiter erkoren hatte. Er ver⸗ ſprach alle nöthigen Anordnungen ſo ſchnell als möglich zu treffen, und Urica, welche hoffte, fruͤher als Mont⸗ roſe's Bote das Ziel zu erreichen, eilte ihre inneren An⸗ gelegenheiten zu ordnen. 26* 404 Sie fand hier uͤberall und beſonders bei Miſtreß Crafton das liebevollſte Entgegenkommen; nur die Thraͤnen Harry's beſchwerten ihr Herz, und ſo weit war Urica ſchon gekommen, daß ſie die heißen Wuͤnſche, das ungeſtume Draͤngen nach Montroſe, mit ſtrengem Pflichtgefuͤhl fuͤr dies weinende Kind pruͤfte, und ſich ſelbſt fragte, ob es ihr zuſtehe, dem Drange ihres Her⸗ zens nachzugeben. Aber ſie entſchied mit der Zuſage ihres Gewiſſens, daß ſie dorthin muͤſſe, wo das Schickſal des edelſten Mannes bedroht war, wo die zarteſte Ruͤckſicht die For⸗ derung des Gatten zuruͤckgedrängt hatte, und fur ſie die Aufgabe eintrat, das zärtlichſte und beſcheidenſte Ge⸗ ſtändniß zu verſtehen und zu deuten. Endlich ſchrieb ſie an Lady Southhesk und zeigte ihr in hoͤflicher Form an, daß ſie genothigt ſei, Caſtletown zu verlaſſen, daß ihr Sohn unter der Pflege der Miſtreß Crafton zuruͤck bleiben werde, und daß, im Fall Lady Southhesk beabſichtige, unterdeſſen ihre Ruͤckreiſe an⸗ zutreten, ſie doch darauf beſtehen muͤſſe, daß Lord Mont⸗ roſe's Sohn bis zu einer naͤheren Beſtimmung des Va⸗ ters unter der Aufſicht der von ihr erwaͤhlten Perſonen verbleibe. Da Urica ſeit der Krankheit der Kinder außer aller direkten Verbindung mit der Lady geblieben war, er⸗ 405 wartete ſie auch hierauf keine Antwort. Dieſe blieb auch wirklich aus; aber es hätte Urica vielleicht beſorgt gemacht, wenn ſie das laute, hohniſche Lachen der Lady gehoͤrt hätte, womit dieſe Urica's Brief zur Erde warf. Lady Southhesk hatte jetzt noch einen Grund mehr zu haſ⸗ ſen— das kleine, boͤſe Madchen hatte naͤmlich es ſich aus⸗ gedacht, ihre Großmutter dadurch zu zuͤchtigen, daß ſie ihr immer fort vorwarf, daß ſie ſie bei ihrer Krankheit verlaſſen habe— und wieviel beſſer ihre Stiefmutter Urica ſei, welche ſie gepflegt und ohne deren Huͤlfe ſie geſtorben ſein wuͤrde. Der Zorn, in den die alte Dame dann jedesmal gegen Urica gerieth, war es gerade, was Lady Jane ſo viel Spaß machte, daß ſie, ſo lange er dauerte, lachend zuſah und ſich freute, dieſe beiden von ihr ſo gehaßten Frauen ſo verfeinden zu koͤnnen. Ob nun in Folge dieſer boͤsartigen Neckereien, oder aus einer Neigung, die bei dieſem verſteckten und uber⸗ legenden Kinde nie ergruͤndet werden konnte, beſtand ſie darauf, von ihrer Stiefmutter, wie ſie Urica nun zum Trotz der alten Lady immer nannte, Abſchied zu nehmen. Da ſie von Niemand dazu die Erlaubniß bekommen konnte, und ihre Leute ſich weigerten, ſie zu melden, ent⸗ ſchlupfte ſie ihnen mit großer Gewandtheit und ſturzte ſich faſt in die Halle, wo Urica eben mit ihren Hausge⸗ noſſen an der Tafel ſaß. 406 Lady Jane, die von Natur häßlich war, hatte durch die Pocken ſo grauſam gelitten, daß ſie ein Gegenſtand des Entſetzens geworden war. Füͤrchterlich ſtand ihr dazu das ewige boshafte Lachen, wobei ihre verſchwol⸗ lenen Augen blitzten und ſie wie ein kleiner Teufel allerlei Kapriolen mit Händen und Fuͤßen zu machen pflegte. Plötzlich nun ſturzte dies kleine Geſchöpf in die Halle hinter Urica's Sitz und klammerte beide Arme ſo wild um ihren Hals, als wolle ſie ſie erdroſſeln. Auch ſtieß Urica in der Ueberraſchung einen Schrei aus, und als Jane ihr abſcheuliches Geſicht ihr entgegenhielt, ſchau⸗ derte ſie unwillkuͤrlich. „Aha,“ ſagte Jane lachend—„ich bin wohl ſehr haͤßlich, ſchöne Frau Stiefmutter— habe nicht ſo glatte Wangen und bin nicht ſo weiß und roth wie Euer Gnaden. Es ſchadet aber nichts— ich bin darum doch was ich bin, die Tochter einer Graͤfin und eines Mar⸗ quis, und ich werde eben ſo gut einen Peer heirathen, wie andere Leute. Nach dieſen Worten lachte ſie wild auf und verſuchte aufs Neue, Urica's feinen Hals zu umklammern. Dieſe aber zog ſich zuruͤck und ſagte:„Wie kommt es denn, daß man dich bei dem kuhlen Tage aus den Zimmern laͤßt, da du noch nicht über alle Folgen deiner gefährlichen Krankheit hinaus biſt?“ 407 „Geſtrenge Frau Stiefmutter,“ ſagte Jane—„das hat man auch nicht gethan; Alle weigerten ſich, mich herunter zu laſſen, und die Großmama hat zehnmal vor Wuth mit dem Fuße geſtampft und meiner wie ihrer Jungfer mit Ohrfeigen gedroht, wenn ſie mich nicht bewachten. Nun, hoffe ich, bekommen ſie ſie recht or⸗ dentlich, denn ſo wie ich wieder zuruͤck bin, ſage ich es der Großmutter, daß ich ihnen fortgelaufen bin, grade wie ſie dachten, ſie hätten mich recht ſicher, weil ich mich ſchlafend ſtellte.“ „Jane!“ ſagte Urica— und es lag in dieſem Wort, in dem Ton, mit welchem ſie ſprach, vorzuglich aber in dem Ausdruck von tiefer Betruͤbniß, der ſich auf ihrem ſchoͤnen Geſicht verbreitete, und ihre Augen fullte, ein ſo ergreifender Vorwurf, daß ſelbſt Lady Jane nicht ohne Eindruck davon blieb. „Nun, nun!“ ſagte ſie—„ich ſehe ſchon, mein allerliebſtes Stiefmuͤtterchen wird ſchelten, und davon habe ich gar nichts. Warum bin ich denn gekommen? — Was will ich denn? Blos dich ſehen, weil die Leute ſagen, du willſt wegreiſen— wenn du aber ſchelten willſt, dann kann ich das auch laſſen und lieber gleich wieder weggehen.“ „Gewiß, Jane,“ ſagte Urica—„wenn ich denke, du biſt gekommen, um mir Lebewohl zu ſagen, ſo haͤtte 408 mir das wohlgethan, aber ich furchte, du haſt es haupt⸗ ſächlich gethan, um dort oben recht vielen Verdruß und Aerger zu verbreiten.“ Jane lachte laut auf— dann rief ſie, in die Haͤnde ſchlagend:„Sage ich es doch immer denen da oben, du ſeiſt kluger wie ſie Alle! Alle Andern kann ich anfuͤhren und zum Beſten haben— du aber— du biſt ſo ſchlau, da muß ich mir's lange uͤberlegen, wenn ich dich betruͤ⸗ gen will.“ Muthlos blickte Urica vor ſich hin, und Thraͤne auf Thrane rann uͤber ihre Wange. Daß dies Montroſe's Kind ſei, erdruͤckte faſt ihr Herz, vorzuglich, wenn ſie dachte, daß ſie dies verwahrloſete Weſen in Häͤnden zu⸗ ruͤcklaſſen muͤſſe, die ſich wie zu ihrem völligen Verder⸗ ben vereinigt hatten. „Jane,“ ſagte ſie endlich—„ſage mir nur das Eine, ob du denn gar nicht weißt, daß dies Alles unrecht iſt, daß davon die Menſchen ſchlecht werden und ſich an Gott verſuͤndigen?“ „Die Andern ſind noch ſchlechter als ich, aber ſie ſind dumm!“ ſagte Jane.—„Seit ich dich kenne, da weiß ich, daß man gut ſein kann— aber,“ ſetzte ſie hinzu, als bereute ſie es—„ich kann dich darum doch nicht leiden, denn du ſchiltſt mich und wirſt heimlich wohl ſo boͤſe ſein als die Andern.“ 409 „Nein,“ ſagte Urica—„heimlich bin ich nicht an⸗ ders, wie jetzt, und wenn du das gut nennſt, ſo wiſſe, daß es mir noch lange nicht genug iſt, daß es noch viel beſſere Menſchen giebt als mich.“ „Ach, das glaube ich nicht,“ ſagte Jane—„du willſt mich nur bange machen, weil du weißt, daß ich dich ſchon um dein Haben und Thun nicht leiden kann.“ „Nun,“ ſagte Urica—„dann biſt du gewiß froh, daß ich reiſe, und wir uns vielleicht nie wiederſehen?“ Jane ſchwieg, und es ging etwas in ihr vor— dann ſagte ſie:„Aber wenn ich krank werde, und ſie wie⸗ der Alle von mir laufen, dann wirſt du mir einfallen, und darum wollte ich das glatte Geſichtchen nochmal wiederſehen, was ich zuerſt an meinem Bette ſah, als ich die Augen wieder oͤffnen konnte— da dachte ich, du wäreſt ein Spuk— aber ſo oft ich die Augen auf⸗ machte, ſaßeſt du da— und bald gabſt du mir dies, bald jenes— denn du verſtehſt es— und da wurde ich recht boͤſe, wie ich dich erkannte, denn ich hätte dich faſt lieb bekommen!“ Als Urica hierauf unwillkuͤrlich ſeufzte, ſchrie Jane wild auf, griff nach ihrer Hand und verſuchte ſie unſanft zu druͤcken— dann ſturzten ploͤtzlich Thränen aus ihren Augen, ſie warf ſich an Urica's Bruſt, und ſchluchzte krampfhaft, während ſie mit den Fuͤßen ausſchlug— 41⁰ eben ſo plötzlich riß ſie ſich los, blickte noch einmal Urica an, und ſtuͤrzte mit wildem Gelächter zum Zimmer hinaus. „Das iſt furchterlich!“ ſagte Urica, und lehnte ſich erſchuͤttert in ihren Seſſel zuruͤck—„und doch waren dabei Symptome eines beſſeren Gefuͤhls! Und das arme Kind ſoll ich nun aufgeben— und ihr Verderben iſt faſt gewiß!“ „Eben ſo gewiß, aber iſt es Milady,“ ſagte Sir Crafton—„daß die Lady Southhesk lieber ſterben wuͤrde, als euch Lady Jane überlaſſen, und wahrſchein⸗ lich auch dieſe nicht willig zu euch zuruͤckkehren wuͤrde.“ „Und,“ ſagte Urica—„ſie ſcheint alle ihre Umge⸗ bungen zu beherrſchen und vor Niemand Furcht oder Achtung zu haben!“ „Ja gewiß!“ ſagte Miſtreß Ctafton—„aber das hindert nicht, daß dies ungluckliche Kind zuweilen auf das Entſetzlichſte gemißhandelt wird, und durch Schläge und Hunger oft zu Dingen gezwungen, die ſie außer⸗ dem nicht thun wuͤrde— aber dieſe Forderungen ſind ſelten ſo, daß ihre Unarten dadurch gebrochen werden; man hat auch nicht die Abſicht dazu, ſondern ihre Um⸗ gebungen rächen ſich, fuͤr von ihr empfangene Belei⸗ digungen und Bosheiten, und Lady Southhesk, welche mindeſtens ſo heftig rachſuͤchtig und eigenſinnig als Lady Jane ſelbſt iſt, treibt oft mit dieſem Kinde einen Verfolgungskrieg, bei dem das Kind zuletzt unterliegen muß, und das immer zum neuen Nachtheil ihres völlig verbitterten Charakters.“ Urica bat Miſtriß Crafton noch einmal, den armen kleinen Harry vor dieſem böſen Beiſpiel zu bewahren; aber ſie fuhlte eine tiefe, aufrichtige Beunruhigung uber beide Kinder, und trennte ſich von dem armen, kleinen Harry mit großer Bekuͤmmerniß, da dies arme Kind, durch ſeinen Gram uͤber ihre Abreiſe, ſichtlich in ſeiner Geſundheit zuruͤckgekommen war, und nur das muͤtter⸗ liche Betragen der guten Miſtreß Crafton konnte Urica beruhigen, und die Nähe eines ſo ſorgſamen Arztes, als Herr Weſton, der nothgedrungen auch Lady Jane's Arzt geblieben war, da dieſe mit Entſchiedenheit den Kaplan zuruͤckwies, und nur von Herrn Weſton Arznei nahm und ihm einigen Gehorſam leiſtete. Lord Montroſe befand ſich indeſſen in einer Lage, die ſeine vollſte Ungeduld reizte; denn indem er ein Ver⸗ hoͤr, die Verſammlung ſeiner Richter mit wahrer Sehn⸗ ſucht erwartete, ſchien Niemand zu einer ſo offentlichen 412 Scene rechten Muth zu haben, da die entſchloſſene Ruhe des Angeklagten bei ſeinen Gegnern bereits ein Nach⸗ denken erweckt hatte, was ſie gegen ihre Abſichten un⸗ ſicher gemacht hatte. Dazu kam, da Montroſe ihnen faſt unentbehrlich war, da ſie gewiß wußten, ſein Ar⸗ meecorps hielt nur zuſammen durch ſeinen perſoͤnlichen Einfluß, und ſchon jetzt nach ſeiner kurzen Entfernung trafen Nachrichten ein, daß die Soldaten anfingen, ohne Weiteres nach Hauſe zu gehen, daß es ihnen ſchien, daß ſie da auch nichts zu thun hätten, wo ihr Feldherr fort⸗ bleiben koͤnnte. Somit war es faſt jetzt ſchon eine Art Verlegenheit, welche ſie ihrem Gefangenen gegenuͤber belaͤſtigte, und ſie wußten es den Lords Argyle und Hamilton, welche Beide beeilt geweſen waren, den verrathenen Brief an den König in ihre Hände zu liefern, wenig Dank, weil ſie einſahen, daß ſie ſich dennoch mit Demjenigen ver⸗ ſohnen mußten, den ſie ſo leichtſinnig als Hochverrä⸗ ther angeklagt. Es waren daher alle Ruͤckſichten gegen ihn beobach⸗ tet, um ihn äußerlich durch nichts zu reizen, und es erſchien eine erträgliche Haft, die Zimmer des Koͤnigs in Holyrood einzunehmen und, von dem eignen Ge⸗ folge bedient, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens verſehen zu ſein. Nur fuͤr Montroſe konnte dies keine Beſchwichtigung ſein, denn er uberſchaͤtzte ſeinen Werth nicht, wenn er ſeine jetzige nothgedrungene Unthaͤtigkeit fur einen Verluſt in der großen Sache des Vaterlandes hielt, und er zuͤrnte mit Recht dem Unverſtande und dem böſen Willen ſeiner Gegner, die nur ihn zu krän⸗ ken hofften, und wie viel mehr der Sache ſchadeten. Unthätigkeit war eine von Dante's Höͤllenſtrafen, einem ſolchen Geiſte auferlegt, der mitten in der wirk⸗ ſamſten Betriebſamkeit geſtört worden war und mit ſeiner Erfahrung erwartete, was ſchon eingetreten war, namlich die Auflöſung des bereits geſchaffenen Armee⸗ corps. Vergeblich verlangte er von ſeinen Richtern Verhöre— mit nichtigen Gruͤnden wurde ſeine Forde⸗ rung zuruͤckgewieſen, und Montroſe durchwanderte Tag vor Tag wie ein Alterthumsforſcher die Raͤume des al⸗ ten Holyrood und verſenkte ſeinen Geiſt in die truͤben Erinnerungen, welche die Geſchichte dieſes Wohn⸗ ſitzes eines ungluͤcklichen Königsgeſchlechtes aufdraͤngen mußte. Da die Zimmer des Schloſſes nicht in ihrer ganzen Ausdehnung erhalten wurden, traf es ſich von ſelbſt, daß diejenigen die bewohnbarſten geblieben waren, welche ſchon bei ihrer erſten Einrichtung die meiſte Sorgfalt genoſſen hatten, und man ſah ſich daher genöthigt, auch Montroſe die ehemaligen Zimmer des Heinrich 414 Darnley und der Maria Stuart anzuweiſen, da dieſe zum Gebrauch fertig waren. Das Haus Graham, woraus Montroſe ſtammte, war mit den Stuarts verwandt, und die Zeit hatte be⸗ reits die ſcharfen Urtheile uͤber die Verſchuldungen der ſchonſten und unglucklichſten Königin dieſes Stammes gemildert. Montroſe hatte bis dahin, wo er Urica fand, das Bild dieſer bezaubernden Koͤnigin mit einer eigenthuͤm⸗ lichen Schwärmerei feſtgehalten. Er machte ihr Schick⸗ ſal mehr den Maͤnnern zum Vorwurf, die ſie gefun⸗ den, als ihrem immer wieder ins Licht geſtellten Leicht⸗ ſinne. Indem er ſich ihre, die Zeit und ihre Umge⸗ bungen weit uͤberragenden, Geiſtesvorzuge vergegen⸗ wärtigte, dachte er ſich, wie das ruheloſe Suchen dieſes ewig unverſtandenen Weibes ihren Irrthuͤmern und Vergehungen die Bahn gebrochen haben muͤßte, und der Uebermuth, die Verachtung gegen die, welche ſie in ih⸗ rem Leben fand, faſt die unausbleibliche Folge ſein mußte. Allein bleibend auf dem Felde des Geiſtes, was ihr Element war, verſchmachtet und ohne Gefaͤhr⸗ ten zuruͤckkehrend, wurde ſie endlich den roheren Genuͤſſen entgegen getrieben, die ſie dem Urtheil der Welt befleckt zuruͤckgeben mußten. Er geſtand ſich den kleinen Triumph des Selbſtgefüuhls zu, ſich zu denken: Wäreſt 41⁵ du ihr Zeitgenoſſe geweſen, ſie haͤtte dich geliebt, und ſie waͤre mit dir nicht geſunken! Jetzt Urica's Gatte, ſchien es ihm, wie verwandt Beide ſich mußten geweſen ſein, und aus Darnley's Zimmer in die ihrigen wandelnd, beſchlichen ihn die wunderbaren Traͤumereien der Einſamkeit, und er wußte oft nicht, ob Darnley zu Maria Stuart gehe, oder Montroſe ſeine Urica ſuche. Neben ſeinem Schlafzimmer lag das große, mit Gobelins behangene Schlafzimmer der Koͤnigin Maria. Dieſelben Vorhänge von buntem Damaſt deckten noch das öde Lager, worauf eine Decke von goldener Wirke⸗ rei, mit Seide durchzogen, ein buntes Deſſin zeigte; ihr Betſchemmel und Pult waren noch vorhanden, und eine Toilette, woraus natuͤrlich der koſtbare Inhalt ver⸗ ſchwunden war, und deſſen truͤber Metallſpiegel mit einem queruͤberlaufenden Roſtſtreifen zu trauern ſchien, daß ſeit Maria's lieblichem Angeſicht kein aͤhnliches ſchoͤnes Frauenbild in ſeinem Rahmen aufgefaßt ward. Eine kleine Thuͤr fuͤhrte neben dieſer Toilette in das oft erwaͤhnte, durch ſchwere Verbrechen bezeichnete kleine Boiſeriezimmer, wo neben dem Kamin, wie ein fuͤrch⸗ terlicher Gedenkſtein, der kleine, ſchwere, eichene Eßtiſch ſtand, den Niemand fortgeſchafft hatte, an dem Rizzio fiel, und um den vier hohe eichene Stuͤhle ſtanden, von 416 denen nur der eine, gegen die Wand geruͤckte, Seiten⸗ lehnen, ein Kiſſen von dunklem Sammt, und oben auf der Lehne eine Krone hatte. Von dieſem unheimlichen, und doch, ſeiner Natur nach ſo einladenden Zimmer, fuͤhrte eine Thuͤr in den Audienzſaal, wo der Thron ſtand, der dieſe Schoͤnheit, dieſe Schutz beduͤrfende Frau nicht vor der Gewaltthat ihres Volkes ſchuͤtzen konnte. In dieſem Saale, wo die Gemalde der ſchottiſchen Koͤnige hingen, und am Ende der Reihe Maria's Bild in ihrem ſchwermuͤthigen Reiz, wandelte Montroſe oft, wenn die untergehende Sonne dieſen Raum belebte. Dieſer Saal hatte eine Thuͤr, die nach einem kleinen freien Platz mit hohen Lin⸗ denbaͤumen fuͤhrte, welcher auf den Befeſtigungen iag, und von wo aus man von außen dieſe Zimmerreihe er⸗ reichte, die ſich mit Darnley's Zimmern ſchloß, welche wieder mit der Wohnung des Gouverneurs zuſammen⸗ hingen. Montroſe hatte lange unter dem Schatten der Linden geträumt; er wandelte jetzt durch den gro⸗ ßen Saal, und ſeine Augen ſchweiften von einem Bilde zum andern; er fragte ſich ihre Geſchichte ab, und ſeine Gedanken wurden durch Jakobs lange Geſtalt gefeſſelt. Mit tiefer Empfindung dachte er an das Schickſal ſeines Sohnes, und ein ironiſcher Seufzer glitt aus ſeiner Bruſt, wenn er Beider Hand⸗ lungsweiſe verglich, das Urtheil der Menge daruͤber und das Maaß ihrer Verſchuldung an den gegenwaͤrtigen Zuſtänden uͤberdachte—„ja!“ rief er unwillkuͤrlich, indem er in das behaglich lächelnde Geſicht des ſelbſt⸗ zufriedenen Jakob ſah—„du haſt mit deiner eng⸗ herzigen Sicherheit deinem Sohne ſein gegenwaͤrtiges Geſchick ſo ſicher vorbereitet, daß man den rohen Scherz kaum bezwingen kann zu ſagen: daß dies deine wirk⸗ ſamſte Thätigkeit geweſen iſt. Aber unter einer Laſt, ſie ſei noch ſo ſchwer, die nach und nach durch Gewohn⸗ heit, durch die Ueberlieferung von Vater auf Sohn heran ſchleicht, wehrt ſich die Maſſe nicht, ſie erlahmt, ſie ergraut mit den Zuſtänden und hält ſtill, weil es das Alte iſt.— Wehe aber dem, der auf den Truͤmmer⸗ haufen ſteigt und ſagt: So geht es nicht mehr— ich bin die neue Zeit!— Keiner wird daran denken, daß es eben Truͤmmer ſind, uber die er ſich erheben will, die er wieder aufbauen will.— Niemand wird ſich ſagen: Truͤmmer brechen und werden Schutt, wenn ſie ange⸗ ruͤhrt werden, und wenn der Schritt unſicher wird unter ihren Reſten und der Weg von ihnen verſperrt, oft nicht in ebener Gleichmäßigkeit, die jeder Zuſchauer mit uͤberſehen kann, zuruckgelegt werden kann, dann fuͤhlt ſich Jeder beeinträchtigt und ſchreit nach dem alten, Jakob v. d. Nees. II. 27 418 bequem gewordenen Wege und verwuͤnſcht den neuen und vergißt, daß ihm nur Truͤmmer genommen ſind, die reif zum brechen, uͤber ihn hätten zuſammen ſtuͤrzen muͤſſen— und anſtatt kräftig die Hände zum Auf⸗ raͤumen mit zu ruͤhren, heben ſie ſie zum Klagen empor, endlich zum Rachedrohen gegen den, der fuͤr ſie handeln muß, und mit ihnen leidet durch die Bedingniſſe der Zeit, die zu ihrer Entwicklung nothwendige Zugeſtändniſſe bedarf, und die Keiner in ſeinem Wahn ihm geben will! Deine Sicherheit, Jakob! war das furchtbarſte Ver⸗ maͤchtniß fuͤr deinen Sohn!“ Unter traurigen Gedanken betrat er das Kabinet— und indem er die große Thur öffnete, fiel die volle Glut der untergehenden Sonne, die hinter ihm her durch die Thuͤr eindrang, blendend auf die gegenuberliegende, welche geoffnet mehrere eintretende Perſonen zeigte, die ihn im erſten Augenblick das blendende Licht, ſeine in Träume verſenkte Seele und die Ueberraſchung ver⸗ kennen ließ. Es war Urica, die in einem ſchwarz ſammtnen Reiſe⸗ kleide mit eben ſolcher Sammthaube, von der ein langer golddurchwirkter, ſchwarzer Florſchleier niederfiel, in ihrer vollen Schoͤnheit vor ihm ſtand— hinter ihr mit abgezogenen Barets, der Gouverneur von Holyrood und Sir Crafton. 419 Nie konnte Montroſe— lange nachdem er das Gluck begriffen hatte, daß er Urica ſehe— aufhoͤren von dem wunderbaren Eindruck zu ſprechen, den ihm ihr Anblick gemacht! Es ſchien ſogar, als habe er einen Augenblick länger als nöthig den Zweifel feſtgehalten, und er geſtand ihr oft nachher in der Sicherheit ſeines Gluͤckes ein, wie es ihn faſt wie eine wahr werdende Geiſtergeſchichte mit Grauen und Entzuͤcken erfullt habe, auf derſelben Stelle, wo er oft Maria Stuart zu ſehn geglaubt, nun eine eben ſo ſchoͤne konigliche Frau zu erblicken, die ſogar in ihrer Kleidung ihn an ſie er⸗ innern mußte. Die Gegenwart der Herrn verhinderte den ganzen Ausbruch des Gefuͤhls, von dem Montroſe und Urica bei ihrem Anblick ſich ergriffen fuͤhlten— aber der Blick, den ſie ineinander verſenkten, ſagte ihnen Alles. „Wir hätten den Verſuch nicht machen muͤſſen, uns in dieſer bewegten Zeit zu trennen!“ ſagte Urica mit edler Waͤrme—„ich hatte meine gottlichen Rechte dir uberall zu folgen noch nicht vollſtändig gewuͤrdigt!“ „O Urica!“ ſagte Montroſe—„wer kann dich ſelbſt, ſo wie ich dich liebe, vollſtändig wuͤrdigen— eben haſt du mich gelehrt, daß du meine Phantaſie uberbieteſt!“ Ermuͤdet ſuchte Urica einen Platz und es ſollte ſo 27 420 ſein, daß der Gouverneur ſelbſt den hindernden Stuhl wegzog und Urica auf dem Seſſel der Koͤnigin Platz nahm. Montroſe's Schwaͤrmerei wollte ſein Herz ſprengen, er ſah die Maͤnner an, die ſchon Blicke wechſelten und Beide denſelben Eindruck, halb Scheu, halb Entzucken zu theilen ſchienen. Der Gouverneur, der bezaubert von Urica's Schoͤn⸗ heit, nur wuͤuſchte ihr dienen zu können, wartete ihrer Befehle in Hinſicht der Wohnung, die ſie einzunehmen gedächte, und Urica, welche ſich ſehnte, mit Montroſe allein zu bleiben, bat Sir Crafton, der es ſo wohl ver⸗ ſtehe, wie ſie dankbar hinzufuͤgte, fuͤr ihre Pflege zu ſorgen, darüber mit dem Herrn Gouverneur Verab⸗ redung zu treffen.„Doch,“ ſagte ſie ploͤtzlich, indem ſie das Zimmer der Königin betrachtete, das allen Zauber einer häͤuslichen Behaglichkeit hatte—„darf ich hier nicht bleiben? Wie ſchön ſind dieſe eingelegten Waͤnde, dieſer prachtvolle Kamin— und dieſer Platz mit Stuͤhlen ſchon umgeben, er ladet zu gemuͤthlicher Ruhe mit einigen theuren Freunden ein, und dieſer herrliche Fenſterbogen mit ſeinem magiſchen bunten Scheibenlicht— ich bliebe hier am liebſten!“ „Euer Gnaden haben zu befehlen,“ ſagte der Gou⸗ verneur ſtockend—„aber— es iſt— es wäre das erſte Mal, wenn es bewohnt wuͤrde!— Se. Herrlich⸗ 21 keit der Herr Marquis bewohnen die koͤniglichen Apar⸗ tements— Milord von Darnley bewohnte einſt die Zimmer des Herrn Marquis— hier— hier.“ Urica war blaß geworden— ſie ſtand auf und ſich mit ehrerbietiger Scheu umblickend, ſagte ſie leiſe: „Und hier wohnte ſeine Gemahlin die ungluckliche Kö⸗ nigin Maria— hier“— ſagte ſie ſtockend—„hier,“ und zeigte auf den verhängnißvollen Platz, den ſie ver⸗ laſſen—„hier— ich verſtehe jetzt— und beſtehe nicht mehr darauf, in dieſen Raͤumen zu wohnen, obwohl ich ſie oft beſuchen werde. Der Ort, woran ſo verhaͤngniß⸗ volle, geſchichtliche Kataſtrophen haften, wie an dieſem Zimmer, ſoll die Nachkommen mit Scheu erfuͤllen, und mit der heiligen Ehrfurcht vor den unergruͤndlichen Wegen der Vorſehung— ſolch ein Platz gehoͤrt allen Nachkommen— ich wuͤrde erroͤthen, ihn zum haͤus⸗ lichen Leben der Gegenwart zu verbrauchen.“ Dieſe Erklaͤrung war fuͤr Alle eine Art Erleichterung, und der Gouverneur ſchickte ſich ſogleich mit Sir Craf⸗ ton an, die beſte Einrichtung fuͤr die Wohnung der jungen, ermuͤdeten Marquiſe zu treffen. Als Beide allein waren, brach Urica in Thraͤnen aus, und Montroſe verſtand ſie ſo wohl, daß er ſie ſanft aus dem Zimmer fuͤhrte und erſt ihren an ſeiner Bruſt verhuͤllten Kopf aufhob, als ſie den Audienzſaal 422 bis gegen die Thuͤren, welche nach dem ſchattigen Garten⸗ platz fuͤhrten, durchſchritten hatte. Hier hielt er ſie auf; er wußte, es wuͤrde ihr das Herz erquicken, wenn ſie den gruͤnen Schatten der duftigen Linden, den herrlichen Blick dahinter in die weite Ferne ſehen werde; aber ſie ſtanden zugleich in einer Linie mit dem ſeitwärts von ihnen haͤngenden Bilde der Koͤnigin Maria, und er wuͤnſchte ſein ſchoͤnes, junges Weib in die Reihe zu ſtellen mit dieſer maͤchtigen Helena! Urica folgte ſeiner liebevollen Abſicht und ihr thrä⸗ nenſchweres Auge haftete erquickt an dem erquickenden Tableau, was in dem Thuͤrrahmen vor ihr lag.„Ich verſtehe dich, theurer Montroſe,“ ſagte ſie mit ſanftem Lächeln „Iſt das ein Gefaͤngniß?“ ſagte Montroſe und beugte das Knie, indem er innig zu ihr aufſah—„wo Urica erſcheint, wo ich ſie willkommen heißen kann unter dem Schatten gruͤner Baume?“ „Montroſe,“ ſagte Urica—„vergieb mir meine Weichheit, von der ich gegen meinen Willen uͤberraſcht wurde— ich will dich durch Erwähnung der heimlichen Vorwuͤrfe, die ich mir mache, nicht ermuͤden, denn du wuͤrdeſt bemuͤht ſein, ſie mir auszureden, und das Eine wie das Andere nimmt die Folgen nicht zuruͤck, die uͤber dich gekommen ſind— aber, wenn der Anblick deiner Urica, wenn ihre Naͤhe dies Gefängniß erweitern und ſeine Zuſtände erleichtern kann, dann verſprich mir, daß du mich von nun an nie mehr von dir trennen willſt, daß ich dich begleiten ſoll, unter welcher Geſtalt und zu welchen Forderungen es ſein moge.“ „Urica,“ ſagte Montroſe unſicher und druckte ſein Geſicht in ihre Hand—„vielleicht uͤberſiehſt du meine Verhaͤltniſſe noch nicht genauz laſſ' mir Zeit zu einer Antwort, von der ſo viel abhaͤngt—“ „Nein, nein!“ rief Urica mit einem ſchönen Ungeſtum —„nein, Montroſe! die Umſtaͤnde haben kein Recht uͤber den freien Entſchluß unſerer Herzen, von denen allein die Beantwortung der Frage abhängt. O, ehre mich, indem du einwilligſt— mache mich ſtolz, indem du mir mehr wie Andern vertrauſt— ſtähle meine Kraft, indem du ihr zutrauſt, daß ſie die Probe aushalten wird! O, Montroſe, liebe mich ſo, daß du nicht meine weiblichen Schwachen dazu nöthig haſt— theile mit mir wie ein Freund, wie ein Kamerad dein ganzes Leben— ach! was ſuche ich nach Bezeichnungen, theile es mit mir als das, was ich bin, worin alle andern Rechte eingeſchloſſen ſind, als dein Weib.“ Urica widerſtand nicht, als Montroſe ſie nach dieſen Worten mit Entzuͤcken an ſeine Bruſt zog— er ſprach nicht— aber Beide waren nun aufs Neue einge⸗ 424 ſegnet fuͤr jedes Verhängniß der Zukunft, und ſie fuͤhlten in dieſer ſeligen Stunde nichts, als daß in der Fähigkeit ſich zu lieben, die Ausgleichung aller aͤußeren Zuſtaͤnde liegt. Dann zog Montroſe ſie vor das Bild Maria's hin und Beide betrachteten es lange mit tiefer Wehmuth, und indem ſie ſich in pſychologiſche Abwaͤgungen ein⸗ ließen, kamen ſie zu dem Schluſſe, daß Maria Stuart nie die Liebe habe kennen lernen, daß ſie danach ge⸗ ſucht habe mit dem gluͤhendſten Beduͤrfniß, mit der Ge⸗ wißheit in ihr die Vollendung des Lebens zu finden, aber daß ſie keinem der Männer, von denen ſie, ſo unvollkom⸗ men wie ſie ihrer Natur nach waren, geliebt wurde, dies Gefuͤhl anders, als mit der Taͤuſchung, die ſie ſich ſelbſt gewebt, erwidert habe, daß ſie darum ſo untreu erſchie⸗ nen ſei, weil ſie mit der Klarheit ihres Geiſtes die Tau⸗ ſchung uͤber das erbaͤrmliche Individuum nicht feſtzu⸗ halten vermocht und ſich dann der Verrath, den ſie an ſich begangen habe, mit Haß gegen das in ihre Verſchul— dung verflochtene Individuum gewendet, und ihr die dä⸗ moniſche Wildheit einer raͤchenden Nemeſis gegeben habe. Dabei ſtanden dieſe beiden gluͤcklich Liebenden, die ihr aus der eigenen beſeligenden Erfahrung das Schick⸗ ſal ihres mißverſtandenen Herzens erklären wollten, vor ihr, und es war ihnen, als ob in den ſchwermuͤthigen 425 Augen, die ſie feſt auf ſie richtete, ein alter Seelenſchmerz aufgluͤhte, als ob dieſen lebenathmenden Mund ein ſanftes, dankbares Lächeln umzöge fuͤr die ſpäte Gerech⸗ tigkeit— ſie ſtand ſo erhaben und edel unter dem Throne, ſie ſchien ihre Hoheit ſo zu fuͤhlen, und das pur⸗ purrothe Sammtkleid hob gegen den Hermelin des Kö⸗ nigsmantels die ſchlanke reizend geformte Geſtalt. Das ganze reine Oval ihres vollkommenen Geſichts trat frei unter der Spitzenhaube von rothem Sammt hervor, woruͤber die Krone leuchtete und der lange Gold⸗ flor des Schleiers niederfiel— dieſe ſchlanken weißen Haͤnde, die ſo viel Wunder ihres Geiſtes an das Licht zaubern halfen, hielten die ſchweren Verſuchungen ihres Lebens, den Zepter und den Roſenkranz, und es ſchien, als ob ſie den Erſteren nur zum Schutz des Letzteren gefaßt hielte. „O Montroſe,“ rief plötzlich Urica—„wenn ſie dich gekannt hätte, hätte ſie die Liebe gekannt!“ Betroffen und errothend ſich ſo verrathen zu ſehen, ſagte Montroſe:„Und ſie war meine Muhme“— dann fuͤhrte er ſeine ſchoͤne Gemahlin auf ihren Wunſch zuruͤck, und ſie betrachtete noch einmal die Zimmer der königlichen Frau, und Urica ſank nachdenkend auf den kleinen Ankleideſtuhl vor der Toilette hin und blickte in den Spiegel, als muͤſſe er noch die Spuren der Schoͤn⸗ „W 426 heit verrathen können, die er aufzufaſſen gewußt— aber ſie ſah nur ihr eignes Bild und von dem truͤben Stahl faſt farblos wiedergegeben, und Montroſe, der, jetzt eben herantretend, ſich uͤber ſie neigte, erſchrak faſt, als er dies bluͤhende Geſicht wie die Leiche deſſelben ſah — als Urica aber zu Montroſe's Spiegelbild aufſah, ſtieß ſie einen Schrei aus, druͤckte beide Hände vor die Augen und rief, außer ſich, aufſpringend, indem ſie ihn mit ſeltſamer Verwirrung anblickte:—„Dein Hals — dein Hals durchſchnitten!“ Sie ſank zitternd an ſeine Bruſt— er aber hob ihr blaſſes entſetztes Geſicht lͤchelnd auf und uͤberredete ſie noch einmal, in den Spiegel der Maria Stuart zu blicken, wo ſie dann, ob⸗ wohl noch immer ſchaudernd, den großen ſchwarzen Roſtſtreifen gewahrte, der quer uͤber den Spiegel lief und ſich um Montroſe's Hals gelegt hatte, als er uͤber ihr hinein ſah. „Ach,“ ſagte Montroſe lächelnd und doch nachden⸗ kend—„Keiner halte ſich ſicher, wenn er ſo kuͤhn wie wir Beide die Phantaſie herausfordert— ſie wird gleich verſuchen, wie weit ſie es treiben kann, und wir ſehn, daß wir unſerer Geiſtesſtärke vielleicht zu viel zu⸗ getraut!“ S Er fuͤhrte ſeine holde Gemahlin, welche angegriffener war, als ſie es gern eingeſtehen wollte, nach ſeinem Zimmer, um ſie der Magie der Erinnerung zu entzie⸗ hen, und bald erſchienen die Herrn wieder, um Urica ihre Zimmer zu zeigen, welche ſie nicht von ihrem Ge⸗ mahl trennten und doch die nöthige Bequemlichkeit fur ihre Bedienung zuließen. Es begann nun fuͤr Beide ein wunderbar ſeliges Leben, ein Gluck, wie es nur die monarchiſche Gewalt der Liebe zu geben vermag, ein Gluͤck, was völlig iſo⸗ lirt, was nichts nothig hat, als ſich ſelbſt, und ihm jede Berechtigung zugeſteht. Montroſe war von der Wichtigkeit ſeines jetzigen Gluͤckes ſo uͤberzeugt, daß, wenn er zu einer Betrach⸗ tung daruͤber kam, er oft mit dem kuhnen Uebermuth ſeiner Gefuͤhle ausrief:„Urica, giebt es einen ſeelige⸗ ren Aufenthalt fuͤr gluͤcklich Liebende, als ein Staats⸗ gefaͤngniß, was die ganze Welt abhält mit ihren läſti⸗ gen Störungen— was dieſe gluͤckliche Unthaͤtigkeit noͤthig macht, die den Geliebten alle Rechte an Zeit und Gedanken gönnt?“ „Montroſe,“ ſagte Urica—„du biſt in Allem ganz! Auch die ſchöne Unvernunft der Liebe empfin⸗ deſt du vollſtändig, und darum ſo rein ihr hingegeben, weil du dich ſo wohlbegruͤndet fuͤhlſt in deiner ganzen Natur, daß du auch unſerem jetzigen Gluck ohne Scheu allen Einfluß uͤber dich zu geſtatten den Muth haſt. 428 Montroſe, ich nehme mit derſelben Sicherheit dieſe ſchoͤne Zeit von dir an— aber ich werde dich verſtehen, wenn du die Roſenkrone von deinem Haupte nimmſt und den Helm aufſetzeſt— Du wirſt dann deiner Urica eben ſo ſicher ſein, wie ſie deiner jetzt!“ „So wird es ſein,“ entgegnete Montroſe mit Ruhe und Sicherheit—„und wie ich höre, iſt Argyle einge⸗ zogen, und er wird die Dinge zur Entſcheidung brin⸗ gen, denn er weiß gewiß deine Anweſenheit— dann wird er hoffen, uns trennen zu koͤnnen— dann wird er abwägen, was mir am empfindlichſten ſein könnte, und das wird er mir zu rauben ſuchen— dann wird ihm meine öffentliche Stellung unwichtig erſcheinen, und er wird ſie mir lieber goͤnnen und trachten, ſie mir zuruͤck zu geben, weil ſie mich von dem höchſten Gluͤck zu trennen verſpricht, wogegen ihm alles Andere gering erſcheinen wird. Dies Verhor, warum ich ſo lange vergeblich gebeten habe, es wird mir bald angekuͤndigt werden, und es wird meine Kraft nicht ſchwaͤchen,“ ſetzte Montroſe, die königliche Bruſt mit einem Lächeln dehnend, hinzu—„daß ich ihn zu meinem Gegner haben werde.“ „Ha,“ ſagte Urica, gleichfalls lächelnd—„mein edles Schlachtroß, hörſt du den Schlachtruf und ſchuͤt⸗ telſt die Mähne und ſchnaufſt in dein Gebiß?“ 5 „Nein,“ ſagte Montroſe und ſetzte ſich zu ihr un⸗ ter den Schatten der Linden—„ noch nicht! Laß uns den ſchoͤnen Chor der Eumeniden des Aeſchylus leſen— das ſind ewige Schoͤnheiten— der edle Geiſt des Men⸗ ſchen bleibt in Ewigkeit derſelbe!“ Ein Diener unterbrach dieſe genußreiche Ruhe, er kundigte eine Deputation des hohen ſchottiſchen Parla⸗ ments an Milord von Montroſe an— Waͤhrend er befahl, ſie einzufuͤhren, blickten Beide ſich lächelnd an:„Ein Gruß von Argyle“ ſagte Urica. Montroſe wußte die Verhaͤltniſſe ſeiner Landsleute, und ihre Stellung zu ihm, und der von ihm vertretenen Sache, zu richtig zu beurtheilen, um durch den Erfolg, den er bei ſeinen Richtern erwartete, ſehr getaͤuſcht wer⸗ den zu können. Doch mehr noch, wie der Marquis es in ſeiner Abgeſchloſſenheit vorausſetzte, hatte ſich die Auflöſung in ſeinem Armeecorps gezeigt, und es hochſt bedenklich gemacht, ihn laͤnger davon zu entfernen, da ein ſo bedeutendes Streitcorps, eben ſo wenig zu ent⸗ behren war, wie nach den eben mißgluͤckten Verſuchen, durch andere Ofſiziere zu erhalten. Dieſe eben erſt ge⸗ worbenen Truppen, die ihre Dienſte wie eine Privatan⸗ gelegenheit mit Montroſe betrachteten, deſſen Genie die Mittel kannte, ſie an ſich zu feſſeln, und ſich gehorſam zu machen, waren jetzt, da ihr Feldherr fehlte, zu ganzen 430 Schaaren in ihre Heimat zuruckgekehrt, und alle er⸗ dachten Beſtrafungen und Belohnungen blieben erfolg⸗ los, da ſie, als ob ſie die ihnen vorgehaltene Verſchul⸗ dung nicht begriffen, immer zur ſelben Zeit ruhig und bequem ihre Entſchluͤſſe ausfüuhrten, die in nichts weni⸗ ger, als der Abſicht beſtanden, nicht mehr Soldaten ſein zu wollen, ſondern bloß ſo lange, als Montroſe abweſend ſei, nach Hauſe zu gehen und dort bis dahin, daß er ſie zuruͤckrufen werde, etwas fuͤr Haus und Hof zu ver⸗ richten. Montroſe erfuhr, ehe er zu den verſammelten Cove⸗ nanters gefuͤhrt ward, von Einigen ſeiner Anhaͤnger dieſen troſtloſen Zuſtand ſeiner geliebten Truppen, und die volle Entruͤſtung erfaßte ihn gegen den Unverſtand ſeiner Gegner, die ein ſo ſchon und erfolgreich eingelei⸗ tetes Werk, als dieſes Armeecorps bereits war, durch ihre haͤmiſchen und thörichten Maaßregeln muthwillig zerſtoͤrt hatten. In dieſer unwilligen Auftegung trat Montroſe vor die, die ſich anmaßen wollten, ſeine Handlungen zu pruͤ⸗ fen, zu tadeln und ihn zu richten, und er konnte in den Zuſtäͤnden, wo ſeine ſtarken Gefuhle aufgeregt waren, etwas Fuͤrchterliches haben, wogegen ſich zu behaupten, wenigſtens ein eben ſo gutes Recht, als das Seinige gehörte. So kam es, daß er kaum eingetreten, als er — die vor ſich ſah, die mit ihrem kleinlichen, hämiſchen Willen ſo Großes zerſtört hatten, plotzlich von dem tiefſten Unwillen ergriffen, die Stille, die ſein Eintritt bewirkt hatte, benutzte, und indem er ſtolz und drohend bis zur Tafel vorſchritt, ihnen mit feurigen Worten ihren Unverſtand, ihre Treuloſigkeit gegen die Sache des Vaterlandes, und ihr unverzeihliches Zögern, die Folgen ihrer Thorheit gut zu machen, vorwarf— und indem er den eben vernommenen Zuſtand ſeines noch vor Kurzem ſo wohlgeordneten Armeecorps ihnen vorhielt, ſie mit harten Worten fur die Folgen verantwortlich machte. Das Erſtaunen, die Verwirrung, die wäͤhrend Montroſes Vortrag ſeine Widerſacher erfullte, war in dem Maaße ſteigend, als Niemand zuletzt mehr wußte, wie nach dieſer raſchen Wendung das eigentliche Verhaͤltniß der ſich Gegenuberſtehenden war. Die Abſicht, Mont⸗ roſe anzuklagen, die doch zum Grunde ihrer Verſamm⸗ lung gelegen, war faſt nicht mehr feſt zu halten, denn ſo lebhaften, gerechtfertigten und durch Thatſachen, die ihnen Allen nur zu wohlbekannt waren, unterſtuͤtzten Vorwuͤrfen gegenuͤber, ſahen ſie ſich in dem Fall der Vertheidigung— und es war eine Zeitlang ein macht⸗ loſes Ringen, ſich aus dieſer umgekehrten Stellung heraus zu bringen, denn Montroſe war durch ſeinen Schmerz, uͤber die Auflöſung ſeines ſchönen Corps, mit ſolcher zornigen Geiſtesſcharfe bewaffnet, daß er, wie im Fluge, als elende, nicht der Beachtung und der Beant⸗ wortung werthe Einwuͤrfe, die Beſchuldigungen abfer⸗ tigte, welche die Muthigeren unter ſeinen Gegnern ihm entgegenſtellten, um ihn zur Erkenntniß zu bringen, daß er ſeine Abberufung, und die daher entſtandenen Folgen ſich ſelbſt ſchulde. Aber wie der Sand am Meere gegen die ungeſtuͤmen Wellen Stand hält— ſo das Parla⸗ ment gegen Montroſe— er war weder in die geſetzliche Form zu bringen, noch zu einem ruhigen Anhören ihrer vorher uͤberlegten Reden! Unvorbereitet auf dieſe Wen⸗ dung war er ſelbſt, und er dachte mit keinem Gedanken mehr an das, worauf auch er ſich vorbereitet hatte— hier galt nur die eine Frage:„Wollt ihr mir meine Feldherrnſtelle zuruͤckgeben oder nicht?“ Das hatten ſie allein zu beantworten, ohne Vor- und Gegenrede, und Montroſes zorniger Schmerz ließ keine andere Diskuſ⸗ ſion aufkommen. Das wollten ſie nun Alle— Freund und Feind— ſie wollten es um ſo mehr, da ſie voraus⸗ ſahen, daß eine nur ſchwankende Antwort, eine Bedin⸗ gung— und er verließ ſie augenblicklich und ſchloß ſich entſchieden dem Könige an. Wenn ſie nun erfahren hatten, wie dieſer eine Mann ein ganzes Armeecorps war, wie ſie nur durch ihn es beſaßen, und durch ihn allein Hoffnung hatten, es wieder zu gewinnen, ſo — — 433 mußten ſie bei ihrer zweideutigen Stellung zum Könige furchten, ihn durch ſolch' einen Mann auf ihre Unkoſten zu verſtärken. Dazu kam, daß Argyle das Zuſammentreffen mit ihm vermieden hatte, und nicht im Parlament gegen⸗ wärtig war, weil er die kuͤhne Offenheit Montroſes furchtend, nicht wuͤnſchte, daß deſſen Ausſagen das Dun⸗ kel aufhellen moͤchten, worin er bis jetzt die Briefange⸗ legenheit, die er vor das Parlament gebracht, gehuͤllt hatte— damit entging aber der feindlichen Partei, die Hauptſtutze eines geſchickten und muthigen Redners— und das Ende war eine durch Montroſe faſt diktatoriſch herbeigefuͤhrte Entſcheidung, welche ihn in ſeine vollen Rechte einſetzte, mit faſt erweiterter Macht, oder viel⸗ mehr ohne alle Bedingungen und Einſchraͤnkungen, wo⸗ gegen er es unternehmen wollte, ſeine braven, ihm ver⸗ trauenden Soldaten zuruͤck zu rufen, und dies Corps alsdann gegen die von den engliſchen Parlaments⸗ Truppen bedrohten Grenzen aufzuſtellen. Wie ein Sieger verließ Montroſe das Parlament — aber weder Triumph noch Freude lag auf ſeiner gluͤhenden Stirn. Ein ernſter Unwille verdunkelte dieſe ſchoͤnen Zuͤge, eine tiefe Traurigkeit wohnte in ſeinem Herzen, denn er hatte mit ſeinem großen Scharfblick die traurige Schwäͤche, die planloſe Zerriſſenheit der Jakob v. d. Nees. 11. 28 434 Korporation erkannt, welche ſich an die Spitze ſeines Vaterlandes geſtellt, mit der Anmaßung, es unter den ſchwierigſten Umſtänden zu leiten. Welche Gedanken dieſen kuͤhnen Geiſt beruͤhrt, verrieth er ſich ſelbſt, als er auf die große Freitreppe vor dem Rathhauſe hinaus trat, und von dem Jubelruf einer unabſehbaren Volks⸗ menge begrußt, in die Worte ausbrach:„So entſtehen uſurpatoren!“ Niemand hoͤrte dieſe Worte— die Offiziere ſeines Corps, die, von ihren Soldaten verlaſſen, das Parlament ſeit lange mit ihren Klagen beſtuͤrmt hatten, ſturzten jetzt die Treppen hinan— ſie kuͤßten ſeine Haͤnde, ſeine Füße, und nur der mächtige Ernſt, mit dem Montroſe dieſe ungeſtuͤmen Ausbruche in ihre Schranken zuruͤckwies, verhinderte einen förmlichen Triumphzug, der Montroſe, getragen auf den Haͤn⸗ den ſeiner Getreuen, zu Urica zuruͤckgebracht haben wuͤrde. Doch ſtets die Zeit nutzend und richtig wuͤrdigend, was jeder Augenblick darbietet, redete er mit lauter klin⸗ gender Stimme bald zum Einzelnen, bald zu Mehreren ernſte, ermahnende Worte, die oft von maͤßig und richtig gebrauchten Vorwuͤrfen begleitet, zu gleicher Zeit Alle zu ſchneller Thätigkeit fur die neu zu begruͤndende Or⸗ ganiſation des ſo ſchmälich aufgelöſten Armeecorps an⸗ trieben. Während er ſich langſam durchdraͤngte, um bis * 435 zu ſeinem Pferde zu kommen, hatte er ſchon wichtige Befehle ertheilt, und ein zweckmäßiger Plan, das Ver⸗ ſäumte einzuholen, hatte ſchon angefangen ins Leben zu treten, ehe er ſich in den Sattel warf, und nur der ſtolze Eifer, den geliebten Feldherrn bis nach Holyrood zu begleiten, verhinderte um einige Stunden, daß nicht die von Montroſe's Maaßregeln ausreichend unterrich⸗ teten Officiere ſogleich in die vollſte Thaͤtigkeit uber⸗ gingen. Montroſe konnte nicht verhindern, daß ſich ihm Alle nachdraͤngten— nicht mehr der Gefangene an der Seite des Gouverneurs, ſondern jetzt ehrerbietig von ihm ge⸗ folgt, ritt der Liebling des jubelnden Volkes auf ſeinem, ſich ſtolz hebenden Pferde nach dem Schloſſe, bei deſſen Anblick ihm erſt die Gedanken an Urica und ſeines Her⸗ zens Gluͤck zuruͤckkehrten. Schnell ſtieg ſein Pferd unter einer haſtigen Bewegung ſeines Reiters in die Hoͤhe, als theile es die wiederkehrende Empfindung ſeines Herrn, und nach einigen haſtigen Befehlen an ſeine Umgebungen, flog er die Reihen durchbrechend, dem Stern ſeines Lebens entgegen. Urica ſtand in Mitte des Audienzſaales, in dem ſie umher wandelnd, ihre gefaßte Stimmung zu erhalten beſtrebt geweſen war. In dem Augenblick, als die Thuͤren ſich offneten und ſie Montroſe in ſeiner leuch⸗ 28* 436 tenden Schonheit und von der geiſtigen Aufregung der vergangenen Stunden auf das ſeelenvollſte be⸗ lebt eintreten ſah, ſank der letzte Schatten der Be⸗ füͤchtung in ihre Bruſt zuruͤck, und ihr ſchien es, an dieſem Helden habe der böſe Wille der Menſchen keine Macht. „Montroſe,“ ſagte ſie, ihm die Hand entgegen⸗ ſtreckend—„mein Sieger! wie konnten ſie auch ver⸗ ſuchen, an dich die Hand zu legen!“ „Ich habe dir alſo nichts mehr zu ſagen?“ rief Montroſe, innig begluckt durch die Zuverſicht Urica's, und kuͤßte knieend die geliebte Hand— dann fuͤhrte er ſie unter die Schatten der Linden und, indem er dieſer wuͤrdigen Vertrauten den Verlauf des Vormittags mit⸗ theilte, bemächtigte er ſich des Inhalts aufs Neue, um damit zugleich einen feſten Plan fur ſeine naͤchſten Schritte ins Leben zu rufen. Urica war an den Punkt gekommen, den ſie ſich ſelbſt richtig prophezeit hatte— Montroſe nahm die Roſenkrone ab und ſchon hatte er den Helm auf ſein ſtolzes Haupt gedruͤckt. Aber ihr Herz erbebte nicht in kleinlicher Selbſtſucht, ſondern ihre kräftige Bruſt dehnte ſich, um Raum zu gewinnen fur die hochherzigen Ge⸗ fuhle, die ſie mit ihm zu theilen entſchloſſen war; denn nichts wollte ſie von ihm fordern, nichts von ihm an⸗ 437 ——— nehmen, was fortan nicht beſtehen könne mit den wich⸗ tigen Forderungen ſeines Berufs. Eben ſo ſchnellen entſchloſſenen Sinnes, als ihr Ge⸗ mahl, folgte ſie mit einem farbigen Stift in der Hand den Reiſeplänen Montroſes, die ihn an verſchiedene Punkte des Landes hinriefen, und welche er in ſeinem Taſchenbuche aufſchrieb— und ein kleines Zeichen, wel⸗ ches ſie an verſchiedenen Punkten daneben machte, ent⸗ ging zu Anfang ganz der Aufmerkſamkeit Mont⸗ roſe's. „Gut,“ ſagte Urica, als er dieſe Beſchaͤftigung mit der Bemerkung ſchloß, daß er im Laufe des andern Ta⸗ ges abzureiſen gedenke—„ ſo werde ich einige Stun⸗ den fruͤher aufbrechen und du wirſt mich alsdann auf dieſem Ruhepunkte bei Lord Napier von Merchiſton, wo du deinen erſten Sammelplatz zu machen denkſt, finden.“ Voll Erſtaunen blickte Montroſe in die ernſten und feſten Züge ſeiner Gemahlin, und er vermochte zuerſt nur ihren Namen herauszubringen. Aber ſie waren Beide dazu beſtimmt, dadurch, daß ſie ſich ſo vollſtändig verſtanden, von ihren Bedenklichkei⸗ ten fuͤr das Wohl des Andern durch die Kenntniß ihrer unbezwinglichen Natur zuruͤckgebracht zu werden— und der Widerſtand, den auch jetzt Montroſe leiſtete und der 438 Urica's Willen unbeſiegt ließ, dauerte nicht ſo lange, um Beide zu ermuͤden, ſondern in voller Kraft und Macht⸗ vollkommenheit gaben und nahmen Beide von einander die heiligen Gaben ihrer edlen und innigen Liebe. Montroſe begab ſich ſodann nach einem, auf ſeinen Befehl ſchnell zugerichteten Bankett in die untern Saͤle des Schloſſes, wo er ſich, weniger ſtreng aufgeregt, die enthuſiaſtiſchen Liebesbeweiſe ſeiner Officiere gefallen ließ und indem er auch hier den Genuͤſſen der Tafel das Maaß zu halten wußte, benutzte er dieſe Gelegenheit, um ſie in der Geſammtheit anzureden und von ihnen einen unverbruͤchlichen, unwandelbaren Gehorſam gegen ſeine Befehle zu verlangen und ihnen mit erſchuͤtternden Worten ihre Fehler vorzuhalten.— Dann belebte er ihr gedemuͤthigtes Gefuͤhl wieder durch ein ſchönes, warm und offen ausgeſprochenes Vertrauen zu ihren neuen Dienſten, und als er ſie endlich entließ, ſandte er dieſe auf Leben und Tod ihm ergebenen Anhaͤnger, gleich feurigen Kometen in allen Richtungen fort, deren raſtloſen Lauf keine Macht aufzuhalten vermocht hätte. Als Montroſe am Abend zu Urica zuruͤckkehrte, fand er einen ruͤhrenden Schatten von Wehmuth auf ihrem lieblichen Geſicht, und ſie nahm mit einigen Thraͤnen, die ſie bei ſeiner Anfrage auf's Neue vergoß, einen — 439 Brief und ein kleines Käſtchen aus ihrem Kleide und ſagte ihm, daß es Nachrichten aus Holland ſeien. Der Brief, durch die Gräfin Comenes befoͤrdert, war von Angela, und ihm beigegeben ein alterthuͤmliches Käſtchen, worin Montroſe einen kleinen, ſehr ſchoͤn gearbeiteten Ring von Gold und Rubinen ſah, deſ⸗ ſen ungewoͤhnliche Form die Aufmerkſamkeit feſſeln mußte. „Wem gehoͤrt dieſer Ring?“ fragte Montroſe leb⸗ haft.—„Jetzt mir,“ ſagte Urica beſonders feierlich— „denn ich bin nun die älteſte Frau der Caſambort und meine ungluckliche Schweſter Brigitta lebt nicht mehr!“ Nach einiger Sammlung, welche die zarte Theil⸗ nahme ihres Gemahls um ſo ſchneller herbeifuͤhrte— ſchritt Urica zu der Uebernahme des geheimnißvollen Ringes, indem ſie ihn nicht ohne geheimes Herzklopfen an den kleinen, ihr, wie die Sage üͤberlieferte, dazu ver⸗ liehenen Finger ſchob— und das eine Wunder blieb wenigſtens gewiß, daß, obwohl er an Brigitta's abge⸗ zehrten Finger gepaßt hatte, er doch eben ſo ſicher den runden, weichen Finger Urica's umſchloß, und daß er ebenfalls nicht wieder abzuziehen war, welches Montroſe jedoch liebkoſend auf die kleinen zarten Gruͤbchen dieſes ſchoͤnen Fingers ſchob. Angela's kurzer Brief lautete wie folgt: 44⁰ „Geliebte Muhme von Caſambort! „Theure Urica!“ „Nachdem meine geliebte Mutter, Eure theure „Schweſter, in ihren Frieden dahin gegangen iſt, ohne „ihre Seele wiederzufinden, die erſt am Throne unſeres „ewigen Vaters zum Bewuftſein erwachen wird— „gedenke ich in Demuth, daß Ihr o! meine ſo ſpät ge⸗ „fundene Muhme, die Aelteſte des Hauſes Caſambort „ſeid und ſende, wie es Sitte in unſerer Familie, den „Ring, welcher leicht von dem todten Finger meiner „armen Mutter zu nehmen war, an Euch, da Ihr allein „befugt ſeid, ihn fortan zu tragen.“ „Ihr wißt, daß Gott mir ein ſuͤßes, kleines Mid⸗ „chen geſchenkt, welches durch meine Liebe zu Euch und „meine inbruͤnſtige Sehnſucht in ſeiner Bildung von „beiden Eltern weit abweicht und Eure goldenen Locken, „Eure veilchenblauen Augen hat— ich nannte es „nach unſerer ſpaniſchen Aeltermutter Floripes, und „Frau von Marſeeven hielt es uͤber die Taufe und be⸗ „ſtand darauf, daß in dem Kirchenbuche verzeichnet „ward: Floripes, Caſambort, Gröneveld— und dann „erſt der den Ihr kennt und der Euch ſo weh „that— „Wie ich durch unſere Muhme von Marſeeven „weiß, habt Ihr eine Heirath geſchloſſen, die Euch be⸗ 44¹ „glückt und voll Ehre und Wuͤrdigkeit iſt; ich gedenke „deſſen zur Erquickung meines Herzens, und die Pflicht, „fuͤr Euch zu beten, wird mir dadurch eine noch reichere „Zugabe meines Lebens, da ich auch Euren mir unbe⸗ „kannten Gemahl darin einzuſchließen habe. Gott ſeg⸗ „net meine Seele mit dem Frieden, der uͤber die Vor⸗ „falle dieſer Erde reicht— wenn Ihr in Eurem ſchoͤnen „Gluͤck meiner gedenkt, ſo laßt es in Vergebung und „Verſöhnung geſchehen, wir haben ja alle unter dem „Willen des Himmels geſtanden immerdar.“ „Voll Inbrunſt flehe ich den Seegen des erbar⸗ „mungsvollen Gottes uͤber Euch und Euren hohen Ge⸗ „mahl herab und gewähre mir die Befriedigung, mich „zu nennen Eure demuͤthige Muhme Angela van der Nees, geb. van der Groneveld.“ „Ich fuͤhle, daß dies von mir durch ſo grauſame Schickſale getrennte Weſen eine warme Theilnahme in meinem Herzen beſitzt,“ ſagte Urica—„und daß in dieſer unſcheinbaren Huͤlle ein Kern iſt, der ihr zu der Wuͤrde des Innern verhilft, die ſie vor jeder weiteren De⸗ muͤthigung ſicher ſtellt— ich wenigſtens empfinde fur ſie eine Zärtlichkeit, die an Ehrerbietung grenzt, und wenn ich denke, wie dies arme Weſen vom erſten Hauche des 29 442 Daſeins an erdruͤckt und zu dem niedrigſten Leben ver⸗ braucht ward, ſo fuͤhle ich voll Achtung, daß es eine ſtarke und ſehr edle Natur ſein mußte, die ſo mit einem Male unter tauſend Schmerzen zu einem an⸗ dern Daſein geweckt ward und ſich mit ſich ſelbſt ſo vollſtaͤndig zurecht finden konnte.“ „Wir wollen ihr immer dieſe achtungsvolle Liebe erhalten,“ ſagte Montroſe—„ich bitte dich, ſuche ihr meinen Namen beizubringen und verſichere ihr dann, wie ſehr ich ſie ehre, und wie ſie in mir an deiner Seite ſtets einen treu bereiten Verwandten haben wird.“ „Weiter,“ ſagte Urica—„ſind hier Briefe von Miſtreß Crafton. Mit der Geſundheit beider Kinder geht es fortdauernd gut, und Harry ſcheint unter der Aufſicht des Maſter Weſton ſich korperlich vortheilhafter zu entwickeln. Dagegen,“ fuhr Urica fort—„ſcheint Lady Southhesk, von meiner Nähe befreit, Caſtletown viel angenehmer zu finden. Sie hat ſich, wie es ſcheint, fuͤr laͤngere Zeit dort eingerichtet und behaͤlt ſo Harry unter ihrer Leitung. Deſſenungeachtet laͤßt ſie es zu, daß unſer wuͤrdiger Kaplan den Unterricht Harry's mit dem Pater OReil theilt, doch immer in ſeiner Gegenwart. Daß der Knabe aber unter der jetzigen Behandlung ge⸗ deiht, ſcheint ſie nicht zu uͤberſehen, und iſt daher im Ganzen ziemlich herablaſſend gegen Weſton. Jane iſt 443 dagegen die Alte— wenn ſie ihre Großmutter ärgern will, hält ſie ſich zu Miſtreß Erafton— erzurnt dieſe ſie mit irgend etwas, ſo folgt ſie wieder der Lady South⸗ hesk— und mich gebraucht ſie noch immer als Zank⸗ apfel, denn nun ſie mich ſicher los iſt, hoͤrt ſie nicht auf, Allen, die ſie damit zu ärgern hofft, zu erklaͤren— ich wäre die einzige Perſon, die ſie lieben koͤnne und wolle— die Beſte, die Kluͤgſte, und ſie wurde Alles be⸗ halten, was ich ihr geſagt.— Dies ſoll oft gewaltige Scenen zwiſchen Großmutter und Enkelin erregen, woran Jane leider ihren Spaß zu haben ſcheint.“ „So traurig dieſe Nachrichten uͤber Jane klingen,“ ſagte Montroſe—„wird es doch meine Ueberzeugung nicht erſchuͤttern, daß dein kurzes Beiſammenſein mit dieſem unglucklichen Kinde dennoch einen Keim zu etwas Beſſerem in ihr entwickelt hat, deſſen ſie ſich ſelbſt ſehr wohl bewußt geworden iſt, wenn auch ihre ubrigen boͤſen Ange⸗ woͤhnungen daruͤber ſtärker empor wuchern. Wir muſ⸗ ſen jetzt dieſen Zuſtänden noch zuſehen, und ich bin, da wir nicht entſchieden einſchreiten koͤnnen, im Ganzen damit zufrieden, daß Lady Southhesk es vorzieht, in Caſtletown zu bleiben, da Jane nun auch von einigen Perſonen einer beſſeren Richtung umgeben bleibt, und ſelbſt Harry's ſo viel lenkſamerer Charakter wohl nicht ganz ohne Einfluß auf ſie bleiben wird.“ 29* 444 Am andern Morgen, ehe noch die Nebel der Nacht die Gegend enthuͤllten, trennten ſich beide Gatten fur kurze Zeit, und ſelten vielleicht iſt Holyrood, welches ſo oft der Grenzpunkt ſchwerer und wichtiger Lebensab⸗ ſchnitte wurde, mit dankbarerem Herzen verlaſſen worden, als von Urica und Montroſe.— Sie hatten den ſchoͤn⸗ ſten Triumph der Liebe daſelbſt erfahren, das höchſte Gluck des Beiſammenſeins— ein leichtes Vergeſſen der äußeren Verhältniſſe, welche ihre ſeltene Lage herbeige⸗ fuͤhrt. Ende des zweiten Theiles. Druck v. C. H. Storch u. Comp. in Breslau. ————— —— m ſ ſſmſſſſſi 8 19 . 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 1 5— — 8. 3 1 * 7 3