— ——— — ——— —— —— ——— echbiblivthel deutſcher, engliſcher Literatur Cdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeiß und eſebedingungen. 1. oſlensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhentlich 2 zucher: 4 Bücher: 6 Bücher: i 2 Monat: M M 5 Auswärtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der cher auf ihre eigenen Kyſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . . . —— ————— . 5 4 5 Jakob van der Mees. Erſter Theil. —————— Jakob van der Nees. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. w Sſt e „ Breslau, im Verlage bei Joſef Mar und Komp. 1844. Angeln. —=— Kaiſer Karl der Fuͤnfte hatte um das Jahr 1521 den Einwohnern der Stadt Amſterdam zuerſt das Verbot auferlegt, ferner ihre Hauſer von Holz aufzufuͤhren. Die Erfahrung hatte gelehrt, wie leicht dieſe Gebaͤude ein Raub der Flammen wurden, da in der großen ge⸗ werbtreibenden Stadt faſt alle Haͤuſer zugleich Speicher und Niederlagen für bedeutende Waarenvorräthe waren, die ſchnell entzundlich die Flammen verbreiteten und oft unermeßliche Verluſte herbeigezogen hatten. Dies Verbot, und die Nothwendigkeit, bei dem Wachſen der Stadt an innerem Reichthum und Macht, dafuͤr paſſende Bauten zu errichten, beſiegte endlich das bis dahin feſtgehaltene Vorurtheil, daß dies dem Meere abgerungene Gebiet keine ſteinerne Maſſen tragen könne. Es rief Erfindungen ins Leben, welche endlich ganze Walder dahin ſinken ließen, deren Rieſenſtämme, ihrer Laubkronen beraubt, eng an einander geſchloſſen, den Fluten einen feſten Boden abtrotzten, worauf dann die Steinmnſſen ohne Wanken zu ruhen verſprachen, welche Jakob v. d. Nees. I. 1 2 fortan Gewaͤhr leiſteten, die Schätze des Handels und der Induſtrie zu ſichern. Dieſer neuere Theil erhob ſich vorzuͤglich an der Abendſeite der Stadt, und ihr ward demgemaͤß auch die Benennung der Neuſeite zugetheilt, woraus dem anderen, nach Morgen gelegenen Theil der Stadt von ſelbſt die Benennung der Altſeite zufiel. Keineswegs aber wollten die Einwohner, deren Stadttheil ſo ge⸗ nannt ward, ſich dadurch als geringer bezeichnet wiſſen, ſondern ſie hielten im Gegentheil mit Protectionsmiene jener neueren Anſiedlung ihr hoͤheres Alter als einen Vorzug entgegen, und es fehlte auf dieſem Felde des muͤßigen Streites nicht an einem kampfluſtigen Völk⸗ chen, welches unter die angefuͤhrten Beweggruͤnde oft Privatſtreitigkeiten miſchte, die ſich ſo leichter der oͤf⸗ fentlichen Ruͤge zu entziehn vermochten. Allerdings beſaß die Altſtadt in ihrem Bereich den Staat der Stadt— wie ſie es nannten— das Rath⸗ haus, die Gilde und vorerſt noch alle Geld- und Mer⸗ cantilmaͤrkte, die älteſten Kirchen und eine Anzahl Klo⸗ ſter; und ſelbſt unter dieſen, von da an verponten hoͤl⸗ zernen Wohnhaͤuſern befanden ſich nicht wenige von be⸗ deutendem Umfange, kunſtreicher Ausſtattung und von Anſpruch auf Reichthum und Pracht, ſo weit ſich die Begriffe hieruͤber bei ihrer Entſtehung uͤberhaupt in —. 3 dem handelnden und rechnenden Volke verbreitet fanden. Unlaͤugbar aber hatten es die Hollaͤnder zu der Zeit, als ihre Bauten ſich ganz auf Holzwerk beſchränkten, in dieſer Kunſt zu einer ungewoͤhnlichen Fertigkeit gebracht, und eine Holzſeulptur der Art war mit Allem, was in einer ſpäteren Zeit noch darin geleiſtet wurde, keines⸗ wegs zu vergleichen, da, ſo wie nur die Moͤglichkeit des Steinbaues erwieſen war, alle Geſchicklichkeit der Handwerker und Baumeiſter ſich dieſem neuen Wir⸗ kungszweige zuwandte und daruͤber die Kunſt der Holz⸗ bauten langſam verloren ging. Auf der Altſeite von Amſterdam nun, wo dieſe Holzhaͤuſer noch mit ſtolzer Pietät erhalten wurden, b 4 fand ſich zwiſchen dem Damrack⸗ und Eiſtrome in der Warmus⸗Gaſſe ein ſehr merkwuͤrdiges Exemplar dieſer alten holzernen Haͤuſer, und man ſagt, es ſei außer ſeiner barocken Conſtruction auch ein ſo feſtes und dauerhaftes Gebaͤude geweſen, daß es noch unerſchut⸗ tert ſeine Poſition behauptete, als die Zeit ſeine Nach⸗ barn nachgrade umlegte und ſtatt ihrer geſunkenen Bal⸗ ken ſich die lichteren Raͤume des Mauerwerks erhoben. Zur Zeit, als wir es betrachten werden, etwa in dem erſten Viertel des ſiebzehnten Jahrhunderts, hatte es längſt die Bewohner verloren, die es einſt mit pa⸗ triciſchem Stolz zu ihrem Wohnſitz erbauen ließen. 1 Doch prangten noch die geſchnittenen Wappen der Wil⸗ helm Eggart, Herrn von Purmurand, an verſchiedenen Giebeln und Fenſtern des alten Hauſes, und man ſchrieb den Bau dem ſpaͤter zum Grafen erhobenen Eg⸗ gart von Purmurand zu, welcher Schatzmeiſter des Prinzen Wilhelm geweſen. Die Familie war jedoch nur in der weiblichen Linie noch nachzuweiſen; ſie hatte ſich mit der beruͤhmten Familie Barneveldt verzweigt, und das Haus, welches wir erwaͤhnten, ward noch als ein Beſitz der ungluͤcklichen Nachkommen dieſes Maͤrty⸗ rers angeſehen. Dieſem Umſtande hatte es wohl grade ſeine lang angeruͤhrte Exiſtenz zu danken. In ganz Holland herrſchte Theilnahme fur dieſe ungluͤckliche Familie, und ein Schrei des Schmerzes hatte den großen Helden der Freiheit zum Schaffot begleitet— und, wenn auch be⸗ zwungen von der despotiſchen Macht, die Moritz von Naſ⸗ ſau herauf beſchworen, blieb doch ein Gefuͤhl des Schmer⸗ zes und der Schonung in der groͤßeren Maſſe zuruͤck, die der Parteikampf nicht fortriß. Am auffallendſten zeigte ſich dieſe Stimmung, als die Soͤhne Barneveldts das entſetzliche Amt der Rache uͤbernahmen. Es blieb eine Stille in dem Urtheil der Menge, die faſt eine Ent⸗ ſchuldigung ſchien, und man weiß, daß, wenn die Re⸗ gierung auch ihre Verfolgung bis zum erreichten Ziele 5 fortſetzte, ihr doch wenig Huͤlfe von den Unterthanen zu Theil ward, und die Schergen der Regierung oft ſich mehr gehindert als gefördert ſahen. Das vorerwahnte Purmurandſche Haus nun, ward angenommen, ſei unbewohnt, und ſchwere, eiſerne Balken vor der einzigen ſichtbaren Hausthuͤr ſchienen es zu beſtätigen. Wenn aber die Nachbarn dies wirk⸗ lich glaubten, mußte es auffallend erſcheinen, wenn man nicht die Zeit mit erlebt hatte, in der dieſe Uebereinkunft ſtillſchweigend entſtanden war, welche eben mit der trau⸗ rigen Begebenheit zuſammenhing, in der die Soͤhne Barneveldts ſich zu einem Attentat auf Moritz von Ora⸗ nien verſchworen. Seit dieſer Zeit nun war es ei forterbende Idee, das Haus ſei leer, unbewohnt, doch eben ſo wenig kaͤuflich oder zu andern Zwecken zu ver⸗ wenden. Kamen Fremde nach Amſterdam, ſo war die Alt⸗ ſeite noch immer der Platz, an welchen ſie ihr Inter⸗ eſſe feſſelte, denn ſelten waren damals Vergnuͤgungs⸗ reiſen irgend einer Art, namentlich bei dem Beſuch von Amſterdam. Die Vereinigung politiſcher und mercantiliſcher Zwecke fuhrte die Fremden nach dem Mittelpunkt alles Verkehrs, der noch immer auf dieſer Seite an das Rathhaus und die ubrigen oͤffentlichen Gebaͤnde gefeſſelt blieb. Da war dann wohl Niemand, der die mitten im Verkehr liegende Warmusgaſſe paſ⸗ ſirte, der nicht ſchon von fern neugierig die Augen auf den dunklen Giebelbau richtete, der, faſt ganz von der Zeit geſchwärzt, ſein Alter bezeugen half. Wer hätte aber voruͤberkommen koͤnnen, ohne erſt durch genaue Anſchauung ſich den erfahrenen Eindruck zu beſtätigen. Freilich war dies alte Gebaͤude kein Palaſt mit ge⸗ ſelliger Raͤumlichkeit, wie ſie ſpätere Beduͤrfniſſe nöthig machten; auch ließ die vorherrſchende Bauart, die Gie⸗ belfenſter der Straße zuzukehren, nie in einer Reihe nebeneinander viel Raͤume zu; aber dies war bei einem E Gebaͤude kein Vorwurf, und die Unregelmaͤßig⸗ eit ward wenig beachtet, da das Auge darin nicht ver⸗ wöhnt war. Was aber bei den Steinbauten nachgerade zu ver⸗ ſchwinden begann, das Ueberhaͤngen der oberen Stock⸗ werke, war an dem Purmurandſchen Hauſe eine zierde zu nennen. Der obere Theil des Hauſes namlich ladete ſo 3. deutend uͤber der unteren Etage aus, daß dieſe dadurch wie unter einem niederen Dache ſteckte, und zwar ruh⸗ ten die austragenden Gebälke auf einem fabelhaften Schnitzwerk, worin man die neckende Abſicht des Bau⸗ herrn erkennen konnte, die Stuͤtzpunkte der ſchweren Laſt, die in der Luft ſchweben mußte, ſo geſchickt zu verbergen, daß es ſcheinen konnte, leichte Gitter mit Laubwerk, Voͤgeln, Hausthieren und wilden Kreaturen des Waldes, oder fabelhaften Geburten der Phantaſie, aus allen vorhandenen zuſammengeſetzt, hingen ſich, die Laſt noch zu vermehren, an dieſen ſchweren Ueberbau. Die Hausthuͤr war, hieran ſich anſchließend und durch ihre maͤchtigen vorſtehenden Pfeiler, wahrſchein⸗ lich ein huͤlfreicher Traͤger des Ueberbau's; ſie war außerdem ein wahrer Hexenſabbat, und die grollenden, lachenden, hoͤhnenden Scheuſale, die hier halb Thier, halb Menſch, wie noch halb mit der Erde verwachſen, in unvollendeter Entwicklung den Nahenden angrinzten, hatten gewiß zu den ſehr beliebten und bewunderten Scherzen jener Zeit gehört, und konnten den Vorüber⸗ gehenden, den dieſe brutalen Geſtalten anzufallen ſchie⸗ nen, zur Vertheidigung reizen. Auf der einen Seite dieſer Thuͤr waren drei große breite Fenſter mit zahllo⸗ ſen kleinen achteckigen Scheiben in Blei gefaßt; die ſtarken Baume, welche, als Palmbäume ausgeſchnitzt, dieſe Fenſter trennten, waren doch nur ſchmale Pfei⸗ ler, ſo daß ſie mehr einer Glaswand glichen, die, auf einem feſten eichenen Unterbaue ruhend, ziemlich nie⸗ drig uͤber der Erde ſich befand. Drunter waren fruͤher Baͤnke befindlich geweſen, von denen aber ſpaͤtere Be⸗ ſitzer gut befunden hatten, die Sitze abbrechen zu laſſen, ſo daß nur noch die ſchoͤn verzierten Lehnen, als eine Art Paneel, unter den Fenſtern hinliefen. Auf der an⸗ dern Seite der Thuͤr, welche mit ihren Verzierungen faſt ſo breit war, als die eben bezeichnete Glaswand, war nur ein ſchmales und niedriges Fenſter und hiermit die ganze Raͤumlichkeit des unteren Stockwerks beſchloſ⸗ ſen. Die obere Etage war eben wie die untere von an einander haͤngenden Fenſtern, aber ſie waren niedriger, und noch ſchmalere Pfeiler trennten ſie. Daruͤber er⸗ hob ſich der Giebel; aber er wich mit ſeinen feſteren Waͤnden wieder zuruͤck, und vor ſeinen Thuͤren war eine Gallerie, deren dichtes Gegitter mit kuͤnſtlichem Laube behangen war, welches an die geſchnittenen Hek⸗ ken der Gärten erinnerte, den Stolz hollaͤndiſcher Gar⸗ tenkunſt. Auch wie dort waren hier zuweilen Einſchnitte gleich Fenſterwoͤlbungen zu ſehen, welche die Ausſicht nach der Straße zuließen, und hieruͤber ruhte wieder ein eigenes Regendach, deſſen abenteuerliche Traufen Vö⸗ gel darſtellten. Der letzte Giebel enthielt die gewöhn⸗ lichen Dachluken, aber bis in den außerſten Gipfel hin⸗ auf lugten grauenhafte oder lächerliche Kreaturen aus den uͤberladen reichen Holzſculpturen hervor, womit je⸗ der Balken verſehen war. Das Haus hatte auf beiden Seiten die uͤbliche Hausgaſſe, wodurch ein Beſihthum vom andern ge⸗ ————————— — 9 trennt wurde; ein Gebrauch, der ſchon fruher in Folge der großen Brandſchaͤden eingefuͤhrt worden war. Dieſe Gaſſe war oft nur ſo breit, daß eine Perſon, von den Wanden geſtreift, ſich vorſichtig hindurch zu winden vermochte; aber es hinderte nicht, auf dieſem Wege Thuͤren anzulegen und der Aufmerkſamkeit entzogene Eingaͤnge in die Häͤuſer zu bilden. Immer die Gaſſe rechts gehörte dem Eigenthuͤmer, und bei unſerm Hauſe war dies Gäßchen mit einer ho⸗ hen, feſten, eiſernen Gitterthuͤr verſchloſſen, von der die Nachbarn auch ſagten, ſie öffne ſich nie mehr. Vor der Thuͤr ſproßte das Gras hoch auf, und Mooſe liefen mit ihren weichen Farbentonen an ihren alten Bekannten, den zierlich verſchnittenen Eichbau⸗ men, hinauf und breiteten ſich auf dem Regendache der zweiten Etage wuchernd aus. Eine Birke hing wie nickende Federn aus dem alten Helmſturz der Purmu⸗ rand, welcher das Wappen im Giebelfelde zierte, und keine Hand ſchien dem Leben der Natur zu wehren, welche uͤberall Beſitz nimmt, wo der Menſch ſie nicht verdraͤngt. Einlaß in dieſem Hauſe zu finden, gelang Nieman⸗ dem. Der Klopfer an der Thuͤr war aus dem Rachen des kupfernen Löwenkopfes gebrochen, und wenn die Fenſterläden von außen auch fehlten, war doch bei den 10 untern Fenſtern krauſes, eiſernes Gegitter daruber gezo⸗ gen, und die Scheiben geſtatteten der Neugier nicht den Blick in das Innere; doch blieb es ſchwer zu ergruͤnden, ob Vorhänge vor den Fenſtern waren, oder die Scheiben ſelbſt mit ihrer Erblindung die Durchſicht verhinderten. Da wir aber beſtimmt ſind, das Innere dieſes Hau⸗ ſes kennen zu lernen, wollen wir gleich durch die Haus⸗ thuͤr eintreten, welche uns auf einen großen Flur, mit uͤren und einer breiten eichenen Treppe, fuͤhrt, der, dunklem Getaͤfel belegt, ſein geringes Licht von dem erwaͤhnten ſchmalen Fenſter und einer Thuͤr be⸗ kommt, welche ſeitwarts von der Treppe in den kleinen Hof des Hauſes fuͤhrte. Ein hoher, bis zum Treppengebaͤlk reichender Git⸗ terkaſten mit Schiebfenſtern trennte hier einen kleinen Raum, wo der Heerd des Hauſes zu finden war; groß genug, um den fruͤheren gaſtlichen Anſpruch deſſelben zu verrathen, zu groß, um noch Raum fuͤr andere Ge⸗ ſchaͤfte der Kuͤche zu laſſen, zu deren Beſtreitung man den kleinen Hofraum hinzugezogen hatte mit ſeiner ewig ſprudelnden Ziſterne und dem weiten ummauerten Waſ⸗ ſerbehaͤlter, um welchen ſich noch jetzt Tiſche und Baͤnke befanden, die mit ihren feſten Fuͤßen der Zeit und der Vernachlaͤßigung getrotzt hatten. Im Flur, links vom Eingange, fuͤhrte eine kleine maſſive Thuͤr in den 11 Raum, zu dem die drei erwaͤhnten Fenſter gehoͤrten. Dies war fruͤher der Banquetſaal des Hauſes geweſen; er war hoch und tief, und den Fenſtern gegenuͤber be⸗ fand ſich der Kamin mit ſeinem uͤberladenen Aufſatz von runder Holzſeulptur. Er zeigte den Stammbaum der Purmurand mit allen dazu gehoͤrigen Wappenſchildern und reichte bis zur Decke. Die Waͤnde waren leer, und ihre rohere Bearbeitung bewies hinreichend, daß ſonſt Tapeten darauf gehangen, welche ſie verdeckt, denn es war das einzige in der Ausfuͤhrung Vernachläßigte. Dies Zimmer hatte nur noch einen Ausgang an der andern Seite des Kamins, der nach einem hoͤlenartigen Gange fuͤhrte, an den Kammern ſtießen, welche ſich gleichfalls nach dem Hofe öffneten. Die Treppe hinauf befanden ſich kleinere Zimmer, welche die Wohn- und Schlafzimmer der Familie ge⸗ weſen waren, und uͤber ihnen lag der Speicher, an den — durch Thuͤren verbunden— die von außen ſichtbare Gallerie ſtieß; wahrſcheinlich ein fruͤherer Luſtort fuͤr die Frauen des Hauſes, ihre Kinder und Freundinnenz denn waäͤhrend man gegen die Neugier geſchuͤtzt war, genoß man voch hier mehr wie im ganzen Hauſe den Vorzug der Sonne und Luft, welche durch die enge Gaſſe und das Uebertragen der Stockwerke unterhalb nur ziemlich ſparſam das Haus erreichten. 12 Dies Gebaͤude hatte wie die meiſten Haͤuſer dieſer Gaſſe doppelte Hoͤfe, und zwar war der unmittelbar am Hauſe liegende der kleinere. Er ward der Luſthof ge⸗ nannt, und wie bei allen Haͤuſern war hier die Zi⸗ ſterne,— das ummauerte Waſſerbecken, und nie fehl⸗ ten ein oder zwei Baͤume, und man zog auf Eſtraden in Töpfen Blumen ſeltener Art, wofuͤr die allgemeine Neigung ſich ſchon fruͤh nachweiſen läßt. Der zweite Hof hieß dagegen der Packhof. Hier waren Speicher, Ställe, Ruͤſtkammern und Niederlagen von den eben gangbaren Handelsartikeln, und dieſer Pof ſtand mit den Kanälen oder mit der Amſtel ſelbſt in Verbindung. Jeder Eigenthuͤmer hatte hier Kaͤhne oder Gondeln liegen, und ein Krahn war faſt vor jeder Hinterthuͤr aufgepflanzt. Als der letzte Graf von Purmurand ſtarb und ſeine einzige Tochter ſich in die beruͤhmte Familie der Barne⸗ veldt vermählte, ließ ſie dies Haus leer zuruͤck, und ſpä⸗ ter, zur Zeit des großen und ungluͤcklichen Olden Bar⸗ neveldt, verſorgte dieſer darin einen unbemittelten Spiel⸗ kameraden ſeiner Söhne, Van der Nees genannt, er⸗ laubte ihm auf dem Hinterhofe einen kleinen Handel zu treiben und räumte ihm auf eingehende Bitten end⸗ lich ſo viel von dem Hauſe ein, als er zu benutzen wuͤnſchte. Van der Nees beſaß nur ein kleines Kapital, welches die Mutter Barneveldts ihm nach ihrem Tode hinterlaſſen hatte, und es ging daraus ziemlich beſtimmt hervor, daß die edle Frau ihm damit eine verſaͤumte Gerechtigkeit des Schickſals gewaͤhrte, da ſeine Mutter eine Dienerin des Hauſes, und dieſer Knabe von un⸗ ehlicher Geburt war. Daß Van der Nees den Namen ſeiner Mutter fuͤhrte, wußte er freilich; aber obwohl unter beſſeren Einfluͤſſen aufgewachſen, kränkten ihn dieſe Umſtaͤnde ſeiner Geburt doch wenig, denn es lag zu viel in ſeiner Naturanlage, was ihn, jedem beſſe⸗ ren Gefuͤhl entgegen, fuͤr den Begriff der Ehre eines reinen Urſprungs unempfaͤnglich machte. Dagegen zeigte ſich von Kindheit an eine große Begierde nach dem Erwerb von Geld und Gut, und er belächelte jedes an⸗ dere in ſeinen Umgebungen verfolgte Intereſſe. Sein einziges lebhafteres Gefuͤhl, welches jedoch immer nur ſelten und bei ungewoͤhnlichen Veranlaſſungen hervor⸗ trat, war die blinde Anhaͤnglichkeit an das Haus Bar⸗ neveldt, wovon Keiner ausgeſchloſſen war, und welche er wie durch Inſtinet auf Alles uͤbertrug, was zu ihnen gehörte. Dennoch war ihm erſt leicht zu Muth, als er— kaum ein Juͤngling— daſſelbe verließ und ein elendes, einſam bruͤtendes Leben begann, worin er ſich ſeiner eignen Neigung erſt wieder uͤberlaſſen konnte, in welcher ihn die ſtolzen Sohne Barneveldts mit ihren 14 Freunden und deren Vergnuͤgungen und Gewohnheiten immer gehemmt und geſtort hatten. Die Niedrigkeit des außeren Lebens, das er nun ergriff, verzerrte ſein unſchönes Geſicht zu einem behaglichen Grinſen, und in dem großen wuͤſten Hauſe, von aller menſchlichen Kreatur verlaſſen, dachte er mit Wonne daran, wie weit ab die waren, die durch ihre ihm ſo fremde Natur ihm einen Zwang auferlegt hatten, gegen den er im⸗ mer den Widerſpruch fuͤhlte, ohne ihn geſtehen zu duͤr⸗ fen. Was er in jener Zeit durch ſeine unbezwingliche Natur mußte gelitten haben, druͤckte ſich am ſtärkſten durch ein Geloͤbniß aus, was er ſich ſelbſt that, alle Gemeinſchaft mit Menſchen von ſeiner Schwelle abzu⸗ halten, jeder Verbindung zu mißtrauen, die ihn zu na⸗ herem Verkehr mit Anderen fuͤhren koͤnnte, von nun an in Jedem einen neuen Feind ſeiner geheimſten Nei⸗ gungen zu fuͤrchten und darum allein zu bleiben in dem ausgedehnteſten Sinne. Er hielt ſich redlich Wort!— Der Packhof ward ſein Luſthof, und er keuchte hier von Morgen bis Abend unter Anſtrengungen umher, die faſt die Kräfte eines ſo jungen Menſchen uͤberboten, und unter denen er lie⸗ ber hinſturzte, als daß er ein gefurchtetes zweites We⸗ ſen an ſeiner Seite geſehen hätte. Aus dieſem raſtloſen Eifer ging aber hervor, was er außerdem bezweckte; er bekam trotz ſeiner Jugend bald den Ruf eines zuverlaͤßigen Spediteurs, und man vertraute ihm von allen Seiten eintraͤgliche Geſchaͤfte an. Hierbei entwickelten ſich auf das vollſtändigſte die ſchon angedeuteten Hauptzuͤge ſeiner Charakters: Geiz und Schlauheit! Es blieb undurchdringlich, ob er in dieſer Thätig⸗ keit erwuͤrbe, oder in dummer Beſchrankung blos fuͤr Andere knechtete. Schon war er Beſitzer des großten Theiles der Guͤter, welche in ſeinem Packhofe aufge⸗ haͤuft lagen, und noch immer konnten ihm die Makler, mit denen er verkehrte, dies nicht nachweiſen. Er täͤuſchte ſie unter einander ſo geſchickt und liſtig, daß ſie nichts an ihm zu ſchätzen wußten, als daß er ein fleißiger, tuͤchtiger Burſche war, der Alles ſelbſt that und nichts verſaͤumte, dabei aber dumm und ungeſchickt zu jeder eignen Speculation. Dem Ehrgeizigen, der die Huldigungen ſeiner Zeit⸗ genoſſen zu ſeinen Fuͤßen ſieht und ſich damit auf den Gipfelpunkt geiſtiger Groͤße verſetzt fuͤhlt, kann nicht woh⸗ ler und befriedigter zu Muthe ſein, als dem Jakob van der Nees, wenn er die tiefe Geringſchaͤtzung der Handel⸗ treibenden ſah, mit denen er verkehrte; und man hätte gewiß nicht ohne Entſetzen das kurze, rauhe Lachen hoͤ⸗ ren konnen, womit er dieſen Genuß Abends in ſeiner oden, wuͤſten Schlafkammer nachfeierte, wenn er ſich all der Demuͤthigungen erinnerte, die man den Tag uber voͤllig ruͤckſichtslos gegen ihn ſich erlaubt. Dies hatte„ er gewollt— und er hatte es erreicht— und dieſen. Druck zu ertragen— dieſe Selbſtbeherrſchung— ko⸗ ſtete ihn viel weniger Ueberwindung, als jene fruͤhere in dem Hauſe der edlen Barneveldts; denn er beherrſchte ſich jetzt, um ſeinen geheimen Leidenſchaften zu dienen, und dieſe hatten nun Freiheit in ihm und er ſchwelgte darin. Aus dieſer verachteten Stellung ging noch ein Vortheil hervor, den er wohl zu benutzen wußte; er er⸗ lauſchte Geheimniſſe, er hoͤrte Verhandlungen an, die man in ſeiner Gegenwart verrieth, ſich ſicher fuͤhlend, 6 daß der rohe, einfältige Nees keinen Zuſammenhang darin finden wuͤrde. Aber er druͤckte oft die Augen mit ſeinen groben Fingern tief in ihre Hohlen, damit ihn ihr Funkeln nicht verriethe, wenn er wieder neue Vortheile erlauſcht, wieder neues Licht auf die oft dunklen Wege der Handelsſpeculationen gefallen war. Die Nächte ſchrieb er dann mit feiner und geſchickter Handſchrift die Geſchaͤftsbriefe, die ſein geheimes Getriebe foͤrderten und von hier und dort unter fremden Namen die Gold⸗ rollen in ſeine Häͤnde zuruͤckfuͤhrten, zu deren Beſorgung man ihn nur vorhanden hielt. Wir muͤſſen hierbei noch gedenken, daß er mit einem — —— ————————————— eiſernen Körperbau begabt war. Nur klein von Statur, war er doch mit einer rieſigen Kraft ausgeruͤſtet, und die Ausdauer derſelben wurde täglich bis aufs aͤußerſte gepruͤft, und waͤre gewiß das Wunder Aller, die ihn kannten, geweſen, wenn ſie gewußt haͤtten, daß er nach den anſtrengenden Arbeiten des Tages, die ſeine volle Korperkraft zu erſchopfen ſchienen, noch halbe, oft ganze Nächte hindurch vor ſeinen Buͤchern ſaß und mit der ſorgfaͤltigſten Genauigkeit rechnete und niederſchrieb, ſein Geld verpackte und verſteckte, oder zum neuen Zins⸗ betrieb fur den kommenden Tag zurecht legte. Dabei kam nur ſelten Feuer auf den großen gaſtlichen Heerd, und eine von ihm ſelbſt bereitete duͤrftige Mahlzeit mußte oft, fuͤr die uͤbrigen Tage eingetheilt, als kalte Zugabe das grobe Brot wuͤrzen, was er ſich allein gönnte, ſeinen Hunger zu ſtillen. Und doch war dies Weſen, was ſo eifrig trachtete, ſich herabzuwuͤrdigen, unfähig, ſeine beſſere Natur gaͤnz⸗ lich zu erſticken— und ſeine Gemuͤthsbewegungen, wenn dies unterdruͤckte Leben in ihm aufgeregt ward, waren alsdann ſo entſetzlich und heftig, daß ſie ihn halb wahnſinnig machten, und nur ſeine Einſamkeit, welche dieſe Ausbruͤche verbarg, ſicherte ihn— nicht in Ketten gelegt zu werden. Einem ſolchen Eindruck unterlag er, als die Nach⸗ Jakob v. d. Nees. 1. 2 18 richt von dem Maͤrtyrer-Tode Olden Barneveldts auch bis zu ihm durchdrang. Unfaͤhig, an einer politiſchen Wendung der Dinge in ſeinem Vaterlande Theil zu nehmen, wenn ſie nicht in Handelsintereſſen verfloch⸗ ten, waren ihm theils die damals obwaltenden Ver⸗ hältniſſe des Landes unter Moritz von Oranien unbe⸗ kannt, theils gleichguͤltig. Er hoͤrte oft mit ungedul⸗ diger Verachtung den Streitigkeiten zu, welche faſt ganz Holland in zwei Parteien trennte, und welche den theologiſchen Zwieſpalt der Profeſſoren Gomarus aus Bruͤgge und Arminius aus Leyden betrafen, der den Bereich der Lehrſtuͤhle ſo weit uͤberſchritt, daß er eine gemeinſame Frage des ganzen Landes wurde und die Kaͤmpfer vor dem Staatsrath erſchienen, von wo aus der Kampf freilich nicht entſchieden ward, aber die Par⸗ teiung ſich ſo verderblich verbreitete, daß kein neutraler Boden mehr zu finden war, und es nur noch Arminia⸗ ner und Gomariſten gab, wobei das Chriſtenthum zu⸗ letzt in ſeiner Weſenheit vergeſſen zu ſein ſchien. Moritz von Naſſau war Gomariſt— Barneveldt Arminianer. Beide hatten nothwendig ihrer Natur nach gewaͤhlt, denn Franz Gomarus war ein wuͤthen⸗ der Vertheidiger der kalviniſtiſchen Orthodorie, ein Des⸗ pot des Glaubens; Arminius war ein klarer Geiſt in lutheriſcher Freiheit und Milde, feſt, aber nicht verfolgend. —— Indem ſich Moritz und Barneveldt auch hierbei ge⸗ genuber geſtellt hatten, verloren dieſe Parteiungen bei dem ſchon heftig unter ihnen erregten Zwieſpalt zum Theil den fruͤheren religisſen Charakter, und die Be⸗ nennung Gomariſten und Arminianer hatte jetzt auch eine politiſche Bedeutung. Da wir den Augenblick nicht paſſend finden, die lang unter der Aſche glimmende Glut des Haſſes in ih⸗ rem Entſtehen und Fortglimmen zu verfolgen, die aus dem Statthalter Moritz von Oranien und dem Groß⸗ penſionaͤr Olden Barneveldt ſich tödtlich verfolgende Wi⸗ derſacher machte, haben wir uns nur erlaubt, dieſe re⸗ ligiöſen Parteiungen anzudeuten, weil ſie nach langen Zwiſchenakten endlich zum Deckmantel des fuͤrchterlichen Trauerſpiels wurden, welches ſich an die ewig ge⸗ brandmarkte Synode von Dortrecht im Jahre 1619 anſchloß. Zwanzig entſchiedene Feinde des edlen Patrioten Barneveldt wurden zu einem Gerichtshof vereinigt, wel⸗ cher den edelſten und reinſten Freund der ſchwer erkaͤmpf⸗ ten Freiheit des Hochverraths ſchuldig erklärte und ſein ehrwuͤrdiges Haupt im 72ſten Jahre durch Henkershand auf dem Blutgeruͤſte fallen ließ. Als dieſe Nachricht Amſterdam erreichte und zu der Kenntniß des Van der Nees kam, ftürzte der ſonſt un⸗ 20 erſchuͤtterte Burſche wie beſeſſen von dem Strande weg, wo ſie ihn erreichte— verrammelte den Packhof, die Thuͤren und Fenſter und uͤberließ ſich dann in ſeiner elenden Kammer einem Wahnſinn des Schmerzes und der Wuth, daß ſein raſendes Geheul die Nachbarn auf⸗ ſchreckte und ſie ſich erzahlten, wie die ganze Nacht ein Gebruͤll wie von wilden Thieren zu hoͤren geweſen ſei, wofur Jeder eine geeignete Erkläͤrung ſuchte, ohne auch nur entfernt auf den dummen, verachteten Jakob zu fal⸗ len, der nie horte, wovon geſprochen ward und keiner⸗ lei Gefuͤhl beſaß. Auch daß er den erſten Tag am Strande fehlte und Niemand im Packhofe Einlaß fand, ward uͤberſehen, da er am folgenden Tage wieder ſicht⸗ bar wurde und Niemand gewohnt war, ihm das ge⸗ ringſte perſoͤnliche Intereſſe zu zollen. Und ſo ward der jahſte Zuſtand eines menſchlichen Geiſtes verdeckt gehal⸗ ten von der ſelbſt geſchaffenen Verachtung, die uber das Individuum verbreitet war— und die blutigen Haͤnde, mit denen er die Waͤnde zerkratzt, der geſchwollene Kopf, den er ſich zerſprengen wollte, um den Wahnſinn los zu werden uͤber den ſchmählichen Tod des Einzigen, den er geliebt— wurden als natuͤrliche Beſchädigungen ſei⸗ ner ſchweren Arbeit angeſehen, und nur, als ihm an dieſem Tage die Kraft nicht zu Gebote ſtand, die Alle gewohnt waren, zu ihrer Benutzung bereit zu finden, 4 21 mußte er rohen Spott erdulden, und gar zornigen Eifer und Zurechtweiſung. Dies ward ein furchterlicher Wendepunkt in ſeinem Leben, und Böſes und Gutes grub ſich tiefer. Er hatte ſein Herz gefuͤhlt— ein Intereſſe außer Geld und Gut. Die Entdeckung hatte ihm faſt das Leben gekoſtet— den Verſtand— er haßte ſie darum, aber ſie blieb doch das Saamenkorn, was Gott mit dem Erdbeben, wel⸗ ches den ſtarren Boden in ihm zerriß, eingeſenkt. Aber er haßte auch ſeitdem die Menſchen mit beſtimmterem Bewußtſein. Der erſte Augenblick, wo er die Hinfaäl⸗ ligkeit der menſchlichen Natur empfunden, war ihm mit Hohn und Spott bezeichnet worden— die erſte leiſe Regung nach Mitgefuhl, die ihn vielleicht unbe⸗ wußt unter Menſchen zuruckgetrieben hätte, war erſtickt, da er ſich wenig mehr beachtet fuͤhlte, als der Hebe⸗ baum, der ihre Laſten hob— und er haßte ſie nicht weniger bitter darum, weil er einſah, er habe ihre Gleichgultigkeit ſelbſt verſchuldet. Aber vor Allem haßte er die Menſchen, weil ſie ſchon den dritten Tag Olden Barneveldt vergeſſen hatten und Keiner den Uſurpator— den Tyrannen— den Mörder— wie er Moritz von Oranien nannte, ſo gluͤhend haſſen wollte, als er. Ach! wer ahnte, daß Jakob van der Nees haſſen könnte!— Auch jenes Gefuͤhl hatte er umſonſt, 22 und er vergrub es mit dem Andern und rächte ſich, indem er die Menſchen bevortheilte und hinterging, an dem Theuerſten was ſie hatten, an Geld und Gut. Moritz, Prinz von Naſſau, hatte zwei völlig zu tren⸗ nende Perioden in ſeinem einflußreichen Leben, und wenn die letztere nicht zu ſeinem Ruhme gereichte, duͤrfen wir doch dem Beginn ſeiner Laufbahn darum nicht minder unſere volle Bewunderung gonnen. Prinz Moritz war der zweite Sohn Wilhelms I. des großen Befreiers der Niederlande, und verlor ſeinen Va⸗ ter durch Meuchelmord, als derſelbe 1584 eben nach Delft gegangen, um dort den Lohn ſeiner vieljährigen Muͤhen, die Statthalterwürde, zu empfangen. Von ber katholiſchen Partei von Anfang bis zu Ende ſeiner gro⸗ ßen Laufbahn verfolgt, waren die fruͤheren Mordverſuche, welche alle unter der Sanction der Geiſtlichkeit unter⸗ nommen wurden, geſcheitert, bis Balthaſar Gerard, ein ſchwärmeriſcher Katholik, welcher von mehr als einem Prieſter zu dieſer That die Abſolution erhalten hatte, glucklicher als ſeine Vorgänger, die That vollbrachte.*) *) Geſchichtlich. 23 Hier an der Leiche ſeines Vaters zeigte ſich zuerſt die edle Charaktergroͤße des Prinzen Moritz— er ſchwur: nicht Rache noch Haß gegen die Moͤrder deſſelben zu tra⸗ gen, ſondern treu und fromm dem ruhmvollen Beiſpiele ſeines Vaters zu folgen! Der Mord Wilhelms I. war der vom Prinzen von Parma wohluͤberlegte erſte Schritt zu der nun mehr und mit der Hoffnung auf beſſern Erfolg neu beginnenden ſpaniſchen Feindſeligkeit gegen die vereinigten Provin⸗ zen. Seine erneuten Vorſchläge zur Unterwerfung wurden mit Energie zuruͤckgewieſen, und jetzt trat die Gewalt der ſpaniſchen Waffen an die Stelle der Unter⸗ handlungen und die Provinzen hatten ihr kein Heer ent⸗ gegen zu ſtellen. Flandern unterlag zuerſt! Bald erfolgte die Ueber⸗ gabe von Vpern und Termonde; Gent ward durch Hun⸗ ger bezwungen;z Mecheln und endlich auch Bruſſel, durch Widerſtand erſchoͤpft, folgten dem Beiſpiele der Unter⸗ werfung. So hatte ſich Spaniens Macht, ehe ein Jahr nach dem Tode des großen Wilhelm von Oranien verfloſ⸗ ſen war, uͤber ganz Flandern und die das heutige Bel⸗ gien ausmachenden Provinzen verbreitet, ohne daß dieſe unterjochten Laͤnder von ihrer Schwaͤche und ihrem Mangel an Aufkläͤrung groͤßeren Vortheil gezogen, als die zum Wi⸗ derſtand und Untergang entſchloſſenen Nachbarprovinzen. 24 Dieſe ſtellten an die Spitze ihrer wohlgetroffenen Maaßregeln den jugendlichen Prinzen Moritz von Naſ⸗ ſau, da der Prinz von Oranien, ſein älteſter Bruder, noch immer als Gefangener in Spanien zuruͤckgehalten wurde. Ihm zur Seite ernannten ſie den Grafen von Hohenlohe als General⸗Statthalter, feſt entſchloſſen, eines Sinnes, die Macht des jungen Freiſtaates zu befeſtigen. Aber ihr Heer von 3500 Mann ſtand der ſpaniſchen Armee von 80,000 Mann gegenuͤber und ſie mußten daher auswärtige Huͤlfe ſuchen, die ihnen ſowohl Hein⸗ rich IV. von Frankreich, als England unter Eliſabeth mit ſeltener Schnelligkeit gewährten. Auf den Rath Olden Barneveldts ernannten jetzt die Staͤnde den Prinzen zum General⸗Statthalter, General⸗ Capitain und Admiral von Polland und Seeland, und Barneveldt wurde zu der Stelle eines Penſionärs von Holland erhoben. Unter den Mißhelligkeiten, welche die engliſchen Befehlshaber der Huͤlfstruppen und perſonlich der Graf von Leiceſter veranlaßte, entwickelten ſich die glänzenden Eigenſchaften des Prinzen Moritz, die ihn in die ruhm⸗ volle Laufbahn einfuͤhrten, welche ſeinem Vaterlande die Unabhängigkeit und ihm ſelbſt die hochſte Stufe krie⸗ geriſchen Ruhmes ſicherte. 25 Er verſuchte ſich gegen die groͤßten Feldherrn mit gleich großer Fähigkeit, und wenn ihn der Sieg nicht überall krönte, beeinträchtigte dies bald nicht mehr ſeinen Feldherrnruhm, welcher durch einen feſten, raſch entſchloſ⸗ ſenen Charakter geſtutzt wurde, der ſelbſt unter entſchie⸗ denen Widerwärtigkeiten, Niederlagen und allen Drang⸗ ſalen des Krieges immer wieder Huͤlfsmittel fand, um das große Ziel nicht zu verlieren, nach welchem, mit ihm vereinigt, ſeine edlen Mitbürger rangen. Und dies Ziel war die Freiheit und Unabhaͤngigkeit des Vaterlandes— und als er es mit ihnen erreicht, wurde er der Feind ſeines eigenen Werkes und lehrte der Geſchichte aufs Neue die traurige Wahrheit, daß die Umſtände die glänzendſten Tugenden in die ih⸗ nen entgegengeſetzten Laſter umwandeln konnen, zwi⸗ ſchen welchen beiden keine menſchliche Weisheit eine entſchiedene, unuͤberſchreitbare Grenzlinie zu ziehen vermag. Moritz— faſt in allen ſeinen Handlungen gegen⸗ uͤber— ſtand Olden Barneveldt, einer der ächteſten Pa⸗ trioten, die je oder irgendwo exiſtirt haben und— mit Ausnahme Wilhelms, des großen Prinzen von Oranien — der ausgezeichnetſte Buͤrger, der die Annalen der Nie⸗ derlande ziert. Hundert Federn ſind thätig geweſen, dieſem Edlen zu huldigen. Jede That ſeines Lebens hat 26 ſeiner Große ein Denkmal errichtet und ſein Tod war, obgleich auf andere Weiſe herbeigefuͤhrt, als der Wilhelms, dennoch, wie jener, ein Maͤrtyrertod für die Freiheit ſeines Vaterlandes. Wir durfen uns nicht auf die ausfuͤhrliche Erzahlung von Thatſachen einlaſſen, welche im Verlauf mehrerer Jahre Moritz und Barneveldt in beſtändig feindliche Beruͤhrung zu einander brachten. Lange nach dem be⸗ ruͤhmten Abſchluß des zwölfjährigen Waffenſtillſtandes, der ſo hauptſächlich den Bemuͤhungen des Letzteren zu verdanken war, erſchienen alle inneren Angelegenheiten der Republik unbedeutend gegen den Streit des Statt⸗ halters mit dem Großpenſionaͤr. Wir haben ſchon erwaͤhnt, daß die bewegteſte Frage des Landes der heftige Streit zwiſchen den theologiſchen Pro⸗ feſſoren Gomarus und Arminius war, welcher eine Partei⸗ frage geworden, hinter der ſich die beiden maͤchtigen Widerſacher verbargen, um die eignen Intereſſen gegen die des andern durchzufuhren. Leider muͤſſen wir hier bekennen, daß bei jedem dieſer Streitpunkte das Unrecht auf Seiten des Prinzen war, jeder dem edlen Barneveldt zur Ehre gereichte. Wir haben bereits das ſchauerliche Ende dieſes Streites erwaͤhnt, welches ein dunkler Punkt in der Geſchichte der Menſchheit bleibt und dem großen und 27 beruhmten Namen des Prinzen Moritz einen ewigen Makel zugegeben hat. Nachdem der ehrwuͤrdige Feind ſeiner Plaͤne nun gefallen war, trat er mit ſeinem Streben nach unum⸗ ſchraͤnkter Alleinherrſchaft oͤffentlich auf, und durch den Tod ſeines Bruders, der keine Kinder hinterlaſſen, Prinz von Oranien, benutzte er ſeine vergroͤßerte Macht einzig zur Verfolgung ſeiner ehrgeizigen Plaͤne. Mit Huͤlfe ſeiner Truppen bemaͤchtigte er ſich der Städte, ſetzte Obrigkeiten ab, trat alle von den Vorfahren ver⸗ erbten Rechte der Provinzen mit Fuͤßen und ver⸗ kuͤndigte laut ſeine Abſicht, die Bundesverfaſſung uͤber den Haufen zu werfen. Seine Vermeſſenheit ſchuͤchterte die Generalſtaaten ein und ſie willigten nicht allein in die Aufloͤſung der Miliz, ſondern ſtatteten ihm dafuͤr einen Dank ab. Prinz Moritz hatte ohne Hinderniſſe die Fruͤchte ſeiner ehrgeizigen Vermeſſenheit geerndtet. Seine Gewalt war unumſchraͤnkt, fand nirgends Widerſtand, ward aber vom Volke gehaßt, nur die Furcht, vielleicht auch die be⸗ kannte Maͤßigung der Arminianer oder Remonſtranten, wie ſie jetzt genannt wurden, hielt den Ausbruch der Privatrache zuruͤck. Doch bildete ſich mitten in dieſer anſcheinenden Ruhe ine tiefgelegte Verſchwoͤrung gegen das Leben des 28 Prinzen. Beweggrund, Leitung und Ausgang erregten ſehr entgegengeſetzte Gefuͤhle. Nicht wie fruͤher wurden die Urheber verwuͤnſcht und ihre Beſtrafung gebilligt, und in den ſchuͤchtern geaußer⸗ ten Tadel miſchte ſich das Mitleid; denn die Anſtifter dieſes Complotts waren die Soͤhne Barneveldts— Wil⸗ helm von Stoutenberg— Renier de Gröneveld— die den ſchmählichen Tod ihres Vaters raͤchen wollten. Renier war ein ungeſtuͤmerer Charakter als ſein Bruder Wilhelm und der Thätigſte in der Verſchwörung. Statt ihren Haß zu mildern, hatte Moritz dieſen Bru⸗ dern ihre Aemter genommen, ſo daß zu ihrem Haß die Erbitterung über die Zerſtörung ihrer burgerlichen Stel⸗ lung hinzukam. Bei der allgemeinen Unzufriedenheit fanden ſich bald Mithelfer; ſieben bis acht entſchloſſene Manner vereinigten ſich mit ihnen. Anfangs wollten ſie den Angriff auf den Prinzen zu Rotterdam unter⸗ nehmenz doch bald beſtimmten ſie fur die That das unfern vom Haag gelegene Dorf Ryswick, und die Abſichten der Verſchwörer beſchraͤnkten ſich nicht auf den Tod des Prin⸗ zen von Oranien allein. Waͤhrend der Verwirrung, welche der Erfolg des erſten Streiches erzeugen mußte, wollten die Hauptverſchworenen zu Leyden, Gouda und Rotterdam, in welcher letzteren Stadt die Remonſtranten am zahlreichſten waren, gleichzeitige Aufſtaͤnde erregen. Sie hielten ſich feſt uͤberzeugt, daß dies in ganz Holland eine Revolution zuwege bringen und ſo das Land ihnen ſeine Freiheit zu danken haben wuͤrde. Allein bei aller Umſicht und Ausdauer der Verſchwo⸗ renen ſollte ihrem Plane kein beſſeres Schickſal, als das ſo vieler andern zu Theil werden. Die Helfer, die ſie unter den geringeren Ständen ſuchen mußten, hatten kein Bewußtſein fur den Endzweck ihrer Anfuͤhrer. Vier Matroſen eilten am Abend vor der Ausfuͤhrung nach dem alten Schloſſe Ryswick, wo der Prinz ſich befand, und entdeckten, unter der Bedingung höheren Lohnes, als ihnen von den Verſchworenen verſprochen war, das ganze Complott. Man ergriff augenblicklich die geeig⸗ netſten Maaßregeln zur Ergreifung der Mitſchuldigen. Mehrere wurden gefangen; Groͤneveld hatte in Fiſcher⸗ kleidern ſeine Ueberfahrt nach England faſt bewirkt, als er auf der Inſel Vlieland erkannt und feſtgenommen wurde. Funfzehn Menſchen bluteten in Folge der Ent⸗ deckung dieſer Verſchwoͤrung. Wenn es jemals einem Menſchen geziemt haͤtte, Gnade zu uͤben, ſo ziemte es Moritz bei dieſer Gelegenheit; aber er blieb unerweichlich wie ein Stein. Seit dem Tode Olden Barneveldts hatte ſich die gefuhlloſe Gleichguͤltigkeit Jakobs van der Nees gegen die politiſchen Zuſtande ſeines Vaterlandes in ein ſchar⸗ fes Aufhorchen auf die daruͤber herrſchenden Geſpräche umgewandelt. Mit Entſetzen hörte er von der geſcheiterten Ver⸗ ſchwoͤrung, in welche abermals die Familie verwickelt war, der er allein mit menſchlicher Theilnahme anhing. Zwar war ihr Schickſal noch nicht entſchieden; man ſprach zugleich von dem gluͤcklichen Entkommen beider 6 Bruͤder; aber man ſchilderte die Gefahren, die ſie ver⸗ folgten, und die Wuth des Statthalters gegen ſie ſo ent⸗ ſetzlich, daß faſt Niemand die Hoffnung feſthielt, daß ſie unentdeckt bleiben wurden, beſonders wenn engher⸗ zige Gemuͤther die Gefahren ſchilderten, worin ſich alle diejenigen ſtuͤrzen wurden, welche die Fluchtlinge aufzu⸗ nehmen wagten, da eine Bekanntmachung erlaſſen war, welche Alle— die dies wagen moͤchten— mit gleicher Strafe, als den Verbrechern zugedacht war, bedrohte. Als Jakob van der Nees an jenem Tage in ſeine elende, dunkle Kammer zuruͤckkehrte, ſaß er ſtumm und ſteif auf ſeinem duͤrftigen Bett, und vergaß wiederum ſein gewoͤhnliches trauriges Geſchaͤft des Geizes und der — 31 Habſucht. Sein Geſicht zuckte, als ob ein innerer Kampf ihn zerriſſe; ſeine Hände lagen geballt in einan⸗ der, und er ſtoͤhnte oft auf, als wollte ihm das Herz brechen. Aber er hatte eine Erfahrung mit dem Schmerze gemacht, wovor ihm graute wie vor dem gefährlichſten Feinde, und er ſetzte ſich bei Zeiten zur Wehr— auch war die Veranlaſſung nicht ſo erſchuͤt⸗ ternd. Beide Soͤhne Barneveldts waren viel aͤlter als er und hatten ihn ihr Uebergewicht in jeder Hinſicht oft fuhlen laſſen; er hatte mit dem Scharfblick des Unter⸗ druͤckten ihre Fehler erkannt und ſie deshalb weniger ge⸗ achtet.— Aus allem dieſem ging ein ſchwächeres Ge⸗ fuhl hervor, als ihm der Vater eingefloͤßt, welchen er fur ohne Fehl gehalten, und der ihm bei vielen Fällen Schutz ward und immer gerecht blieb. Aber dies hin⸗ derte nicht, daß beide Bruͤder mit Allem in ſeinem Her⸗ zen verflochten waren, was er bon Gluͤck der Kindheit und erſten Jugend genoſſen; daß er ſie wie ſein Eigen⸗ thum anſah und bis jetzt auf ſo unerreichbarer Hoͤhe menſchlichen Gluckes, daß er dieſen Zuſtand mit Ehr⸗ furcht betrachtet hatte. Das ſollte nun Alles voruber ſein— dieſer Hinter⸗ grund ſeines Lebens ſollte fehlen— und die einzigen Menſchen, die er je geliebt, in Elend und Verfolgung ſchweben! 5 32 Es war dabei ſo troſtlos um ihn, wie in ihm. Ein furchterlicher Sturm trieb Regen und Schloſſen zu gleicher Zeit gegen das zitternde Fenſter. Nebel und Kälte drangen durch die ſchlecht verwahrte Thuͤr, die auf den Hof fuhrte, deſſen Flieſen von dem niederſtuͤr⸗ zenden Regen zu ſchreien ſchienen. Seit dem vorigen Tage hatte er nichts genoſſen und ſchien es auch jetzt zu ergeſſen; aber ein Unbehagen ſchlich durch ſeine Glie⸗ 8derz die Kaͤlte ſchuͤttelte ihn, und er dachte an den Peerd— und ein heimliches Geluͤſt nach etwas Feuer ſchüch ſich in ſein zagendes Herz.— Er raffte ſich auf und unterſuchte ſeine Taſche, worin er Stroh, kleine Spaͤne und Kohlen zu ſammeln pflegte, die auf dem Lagerplatze oder am Strande abfielen, und es ſchien ihm genug, um ſich die Luſt eines kleinen Feuers zu gönnen. Er zuͤndete eine duͤſtere Lampe an, ſchlich durch den dunklen Gang, der nach dem Banquetſaal fuhrte— der einzige Weg, um zu dem Flur zu gelan⸗ gen, auf welchem der Heerd lag, ohne den uber⸗ ſchwemmten Hof zu betreten. Als er durch den Saal ging, ſah er erſchrocken, daß der Sturm in den Kamin eingedrungen und den Stammbaum erſchuttert hatte, der uber ſeinem Geſims ſtand.. Mehrere Wappenſchilder waren mnerhe und —,— 33 er buͤckte ſich, indem er die Lampe in die Fenſterniſche ſtellte, um ſie aufzuheben. Es war das wohlbekannte vereinte Wappenſchild der Purmurand und Barneveldt, als der weibliche Zweig der erſteren Familie in die letztere uberging. Jakob fuͤhlte ein ſonderbares Grauen bei dieſem Anblick und lehnte das Wappen eben gegen einen Pfei⸗ ler des Kamins, als es ihm ſchien, er hoͤre ein Ge⸗ raͤuſch, welches wie ein Klopfen an der Scheibe des Fenſters klang, wo die Lampe ſtand; er ſchritt gegen das Fenſter zu, und im ſelben Augenblick fiel die kleine Scheibe zerbrochen aus dem Blei der Bekleidung zu Ja⸗ kobs Fuͤßen. Er blieb pruͤfend ſtehn und lauſchte mit angehalte⸗ nem Athem— als er aber nach kurzem Beſinnen bis zu ſeiner Lampe vortrat, horte er eine unterdruckte Stimme ſeinen Vornamen rufen. Er blickte empor und durch die zerbrochene Scheibe blitzten ein Paar Augen. Ent⸗ ſetzt fuhr Jakob in die Höhe.—„Oeffne! oͤffne ſchnell die Thuͤr!“ rief eine Stimme, die, ſo erſtickt ſie war, ihm das Blut zum Herzen trieb. Er ſturzte auf den Flur hinaus und begann hier das ſchwierige Werk, eine Thuͤr zu oͤffnen, die wie mit ihrer Faſſung verwachſen war, da ſie ſeit Jahren ungeoffnet blieb. Nur Jakobs rieſiger Kraft konnte es gelingen, und zwar mit der Vor⸗ Jakob v. d. Nees. I. 3 34 ſicht, die noͤthig war, um durch kein Geraͤuſch die Nach⸗ barn zu wecken, denn er uͤberſah ſogleich alle Umſtände. Als endlich die ſchwere Thuͤr zuruͤckwich und die eiſernen Balken ſanken, ſchien Alles vor derſelben leer zu ſein, und nur nach einiger Zeit erkannte er im Schat⸗ ten des Ueberbaus einige Geſtalten. Muthig durch ſeine erprobte Körperkraft, ſchritt Jakob der Gruppe zu und ſah einen Mann auf ſeinen Knieen liegen, ein Weib im Arm, über das er gebeugt lag und ihrem leiſen Wimmern mit eben ſo leiſen Worten begegnete— ne⸗ ben ihm kniete eine zweite Frau, fuͤr Beide bemuͤht, wie es ſchien. „Geſchwind“— rief Jakob leiſe, denn er hatte keinen Zweifel, wen er vor ſich ſah—„das Haus iſt geffnet— tretet ein, ehe uns Jemand ſieht— ſonſt ſind wir Alle verloren!“ Vorſichtig erhob ſich der Mann von ſeinen Knieen, ſeine Buͤrde mit ſich nehmend, und ſie ſorgfältig in ſei⸗ nen Mantel huͤllend, trug er ſie in das gesffnete Haus. Die andere Frau folgte. Renier de Groneveld, denn dieſer war es, kannte die Localität des Hauſes, da er noch vor Jakobs Beſit⸗ nahme oft in Amſterdam geweſen war— und er ſchritt daher dem Banquetſaale zu, welchen er als einzigeß Raum des Erdgeſchoſſes kannte. —,— 35 Hier legte er ſeine Laſt ſorgfältig auf eine der höl⸗ zernen Baͤnke, welche das Zimmer an den Waͤnden umſchloſſen und kniete dann davor nieder, alles Andere um ſich her vergeſſend. Die junge bleiche Frau, welche, ſo hart gebettet, ihrer Leiden nicht ledig zu werden ſchien, verſuchte den⸗ noch mit zärtlichem Blicke den Mann anzulaͤcheln, der alle eigne Gefahr, alle erduldeten Schmerzen vergeſſen zu haben ſchien, allein ihren Zuſtand empfindend. Aber der ſchwache Verſuch dieſes Läͤchelns ward von wiederkehrenden Qualen erſtickt, welche ihr einen Laut des Schmerzes entriſſen. „Herr!“ rief die Dienerin, welche mit Jakob das kleine Gepack nachgebracht hatte—„hier thut andere Huͤlfe Noth, als ihr geben koͤnnt— und ein Lager vor Allem!“ Gröneveld ſprang ſogleich vom Boden auf und for⸗ derte nun mit der Haſt der Verzweiflung dies Alles von dem zitternden Jakob. „Renier!“ ſagte Jakob—„das iſt Alles da!— Du weißt da oben, wo ich nie hinkomme, da iſt noch dergleichen, und du biſt der Herr. Laß uns die Dame hinauf tragen.“ „Nein,“ ſagte die Dienerin, welche ſich indeſſen mit ihrer Herrſchaft beſchaͤftigt hatte—„ſie darf nicht 3* 36 mehr bewegt werden; wir wurden unnutz ihre Leiden vermehren. Schafft die Dinge, die nöthig ſind, hier⸗ her, und dann macht Feuer, daß der Krampf, den die Kaͤlte giebt, vergeht.“ Gröneveld ſturzte zum Zimmer hinaus und Jakob ihm nach. Da ſie die einzige Lampe zuruͤckgelaſſen, mußten ſie im Finſtern ihr Geſchaͤft beſorgen; aber Beide kannten das alte Haus gut genug, um dennoch bewirken zu koͤnnen, was noͤthig war. Und ſo wurde das ſeit langen Jahren unberuͤhrt gebliebene Schlaf⸗ zimmer der letzten Grafin von Purmurand gepluͤndert; bald ſtand der Inhalt deſſelben in dem duͤſtern Ban⸗ quetſaal, und die leidende junge Frau ward mit Huͤlfe ihrer Dienerin, ſo gut es die traurige Vernachlaͤßigung all dieſer Gegenſtäͤnde zuließ, gebettet. Fuſt ſchaudernd ſah dabei Jakob, daß die Dienerin indeſſen mit Allem, was ſich ihr dazu dargeboten, in dem Kamin des Zimmers ein Feuer angezuͤndet hatte und das Wappen der Purmurand und Barneveldt eben in luſtigen Flammen aufſchlug. Aber er behielt weder Zeit es zu retten, noch viel daruͤber zu denken, denn die junge kräftige Dienerin, die zweckmäßig und raſch bei dieſen noͤthigen Anordnungen verfuhr, forderte un⸗ ablaͤſſig von Jakob bald dieſes, bald jenes, was fur ihn aſt vergeſſene Dinge waren, die er theils gar nicht be⸗ — — 37 ſaß, theils in der großen Rumpelkammer der Purmu⸗ rand, die er mit ſcheuer Pietät verſchloſſen gehalten, unter dem wuͤſten Gerolle, welches lange Jahre darin aufgehaͤuft gelegen, ſchwer heraus zu finden waren. Nach einem qualvollen Zwiſchenraume, in welchem Jakob der Eingang verwehrt war, wurde er endlich zu neuen Dienſtleiſtungen herbeigerufen, und vor dem Ka⸗ mine knieend fand er ſeinen ungluͤcklichen Jugendgenoſſen, wie er bei den Flammen, welche unbeachtet das Wap⸗ pen ſeines Hauſes verzehrten, ein zartes, eben geborenes Kind mit Vaterzärtlichkeit betrachtete und es in die durf⸗ tige Leinwand zu huͤllen ſuchte, die das Gepäck geliefert. „Sieh!“ rief Gröneveld Jakob entgegen—„dies arme, kleine Weſen wird vielleicht bald Alles ſein, was von dem beruͤhmten Geſchlecht der Barneveldt und Pur⸗ murand uͤbrig iſt!“ Eben ſturzte der letzte Reſt des alten Wappens zu⸗ ſammen, und ein leiſer Schrei von dem Lager der jungen Mutter lenkte die Aufmerkſamkeit Gronevelds dahin. Beide Gatten fuͤhrten ein durch Klagen und Schmer⸗ zensausbruche halb verrathenes Geſpraͤch, worin die Bit⸗ ten der ungluͤcklichen Mutter mit dem Widerſtande des Gatten kämpften. Endlich rief die erſchoͤpfte Stimme der jungen Frau, Jakob an das Schmerzenslager. 38 „Hoört mich!“— rief ſie—„mein Gatte ſagt mir, daß ihr ein treuer Freund unſerer Familie ſeid— hoͤrt mich, und fuͤhrt ihn fort von hier— rettet ihn— denn bald, bald werden ſeine Verfolger auch dieſen Zufluchts⸗ ort entdeckt haben—.“ „Nein!“— unterbrach ſie van Groͤneveld—„ nein, Brigitta! hier, hier laß mich ſie erwarten, die mich ge⸗ hetzt haben, wie die Hunde das fliehende Wild— hier ſollen ſie mich finden, wenn ſie nach dem letzten Opfer verlangt. Barneveldts Sohn ſoll auf derſelben Stelle fallen, wo er den Maͤrtyrertod erlitten hat— ſein Blut ſoll ſich mit dem ſchon vergoſſenen miſchen, und konnte er ſein Vaterland nicht retten, ſo ſoll dies neue Verbrechen des Tyrannen die zaudernden Freunde des Vaterlandes wecken und mein Tod ſoll die erſter⸗ bende Freiheit ruſten!“ „O!“ rief das arme Weib, indem ſie erblaſſend zu⸗ ruͤckſank—„warum haſt du mich dann bis hierher gerettet, wenn du nun mir und dieſem armen Weſen zugleich den Tod geben willſt?“* „Nein! nein, Brigitta! Du wirſt leben!“ rief ihr Gatte—„Du wirſt unſer Kind erhalten und erziehen, und dies Kind wird die beſſeren Tage ſehen, die das Blut ſeiner Vorfahren erringen half! So wird es nicht bleiben— ſo wird ein Volk nicht untergehen, das ſeine — „ 39 heiligſten Rechte vertritt. Nein— nein— dul du und dies Kind, Ihr werdet beſſere Tage erleben!“ „Ich nicht, Renier!“ ſagte Brigitta dumpf— „und unſer Kind nicht— hier wird unſer Schickſal in der duſtern Nacht des Grabes verſinken— in mir brichſt du die letzte Kraft durch deinen Widerſtund— ſie kann unſer Kind nimmer ſtutzen und der Tod wird bald jede Verpflichtung von mir nehmen.“ „Halt ein!“ ſchrie Groneveld laut ſchluchzend und an ihrem Lager niederſtuͤrzend—„halt ein— verſprich mir zu leben— zu leben fur mich und unſer Kind!“ „Echalte dich,“ ſeufzte ſie kaum verſtändlich— „dann will ich es verſuchen.“ „Folge ihr, Gröneveld,“ ſagte Jakob leiſe—„Du biſt in großer Gefahr. Sie werden dich bald entdecken und dann ſind wir Alle verloren. Du darfſt keinen Tag hier mehr verleben; wenn du aber gleich aufbrichſt, ſo koͤnnen wir die Stunden der Nacht benutzen, und ich gelobe dir, dich auf der Amſtel in meinem eignen Boote fortzuſchaffen bis an einen ſichern Ort, von wo dich ein Schiffer, den ich kenne, nach Vlieland bringen wird; denn erſt wenn du Englands Boden erreicht, darfſt du dich ſicher halten.“ „O folge ihm!“ rief Brigitta, indem ſie ſich noch einmal aufzurichten ſtrebte, waͤhrend ihr Gatte ſtumm 40 und im ungeſtuͤmſten Schmerze ſich vor ihrem Bette wand—„wenn du mein und unſeres Kindes Leben nicht opfern willſt, ſo rette dich!“ Trotz dieſer ruͤhrenden Beſchwoͤrungen dauerte der Kampf doch lange, ehe der ungluckliche Renier ſich ent⸗ ſchloß, Gattin, Kind und Vaterland zu verlaſſen. Wir ubergehen billig dieſen Kampf der Gefuͤhle, der erſt in der Erſchoͤpfung beider Theile ſein Ende fand. Wo die Wahl zwiſchen zwei gleich ſchweren Uebeln dem bedrängten Menſchenherzen auferlegt iſt, entſtehen im⸗ mer zernagende Martern, welche die Urtheilskraft zuletzt ermuͤden und in einem troſtloſen Aufgeben des ganzen Erdengluͤckes endigen. Bis zu ſolchem Punkte gelangt, fallen wir gewoͤhnlich den Beſchluͤſſen anheim, welche andere weniger Betheiligte ſtatt unſerer faſſen, und zu deren Pruͤfung uns die Kraft gebricht. Wer hätte ſagen können, daß es der Entſchluß des ungluͤcklichen Grönevelds war, als er endlich von Ja⸗ kobs ſtarker Hand emporgeriſſen, ſich von ſeinem ohn⸗ mächtigen Weibe trennte. Er war betäubt, halb be⸗ wußtlos, und nur als die Dienerin ihm ſein Kind zum letzten Segen reichte, brach Gefuͤhl und Bewußtſein noch einmal hervor. Er ergriff Jakob van der Nees und zeigte ihm das Kind mit flammenden Blicken; dann druͤckte er es ihm in die Arme und rief mit einer Stimme, welche 7 41 von den Qualen ſeines Innern bebte:„Jakob, ſchwöre mir bei dem Heil deiner Seele, bei der Kraft der Erlöſung und der Hoffnung deiner ewigen Seligkeit, daß du mein Weib und mein Kind beherbergen, beſchuͤtzen und verbergen willſt; daß du ſie ehren und ihr hartes Schick⸗ ſal ſie nicht entgelten laſſen wilſt. Daß du ſie hier behalten willſt, bis ich wiederkehren kann, und ſie keinem Menſchen verrathen, um welchen Preis der Erde es auch ſei!“ Jakob leiſtete den Eid, indem er dumpf ausrief: „Ich ſchwoͤre!“ Dann ſtuͤrzten beide Männer ſich in die Arme— Jakob uͤbergab das Kind der Dienerin und riß den un⸗ glucklichen Renier mit ſich fort, ohne ihm einen letzten Abſchied von der Gattin zu geſtatten. Er hatte Zeit gehabt den Plan zu uͤberlegen, den er zu Reniers Rettung erſonnen, und kräftig, wie ſeine Natur war, betrieb er nun die Ausfuͤhrung. Schnell half er Gröneveld die Kleider wechſeln. Ein alter mit Theer geträͤnkter Fiſcherkittel ward ſtatt ſeiner Kleidung angelegt und Jakob ſtuͤrzte dann hinaus, um durch den Packhof hindurch den Strandweg zu belauſchen, ob ein ſicheres Entkommen moglich. Das Wetter war noch immer entſetzlich und beguͤn⸗ ſtigte das Unternehmen, denn alle Menſchen hatten die 42 Sicherheit des Hauſes vorgezogen, und die vorgeſchrit⸗ tene Nacht die meiſten ſchon in Schlaf verſenkt. Jakob machte das Boot los und richtete es ſchnell zur Abfahrt ein. Ihn ſchreckten die hochgehenden Wellen nicht, denn er war ſich ſeiner Kraft bewußt und feſt entſchloſſen, Al⸗ les an die Rettung Groͤnevelds zu ſetzen. Was ſeiner beſſeren Natur an Kraft zu dieſem Entſchluß gebrach, erſetzte der gluͤhende Haß gegen den Statthalter, den er den Moͤrder Barneveldts nannte. Dies zweite Opfer ihm zu entziehen, ſchwellte ſeine Bruſt mit der Wonne der Rachſucht. Als er zuruͤckkehrte, um Groneveld abzuholen, hielt ihn dieſer noch einen Augenblick auf.„Jakob,“ rief er—„wenn meine Ahnungen in Erfuͤllung gehen, ſo verlaſſe ich eben Weib und Kind fuͤr immer! Ich werde das Opfer dieſer heiligen Angelegenheit— und darum kurze ich ungern die letzten Augenblicke, die ich mit meiner Gattin leben könnte.— Wenn ich nicht mehr bin, werden Weib und Kind gänzlich verlaſſen ſein. Der Wuͤtherich, der unſere Familie und unſer Land zer⸗ ſtören will, wird den Fluch der Aechtung uͤber Alles aus⸗ ſprechen, was meinen Namen traͤgt— und mein Weib und mein Kind werden ihr Leben nur retten, wenn Niemand ahnt, daß ſie leben, und wo ſie verborgen ſind. Du darfſt nicht daran denken, ihren Aufenthalt meiner ungluͤcklichen Mutter oder meinen uͤbrigen Ver⸗ wandten zu verrathen; denn ſie werden nur den Zwangs⸗ maaßregeln entgehen, wenn ſie wirklich unwiſſend dar⸗ uͤber bleiben.“ „Auf den Fall, daß unſer Unternehmen mißgluͤckte, hatten mein Bruder und ich Alles, was uns noch von dem fuͤrſtlichen Reichthum unſerer Familie uͤbrig blieb, zu Gelde gemacht und redlich getheilt. Er iſt, wie ich hoͤrte, bereits in Kerkerhaft und er wird das erſte Opfer ſein!“ „Sieh hier,“ fuhr er fort und löſte einen ſchweren Guͤrtel von ſeinem Leibe—„hier iſt das Vermögen meines Kindes! Du findeſt es in ſicheren Papieren auf Frankreich und England— du findeſt eine bedeutende Summe in Gold— und hier in dieſem Käſtchen ſind die Juwelen meiner Gattin! Fuͤr mich habe ich nur eine kleine Summe zuruͤckbehalten, denn ich weiß, daß ich nicht mehr gebrauchen werde und daß ich, im Fall ich nach England entkomme, dort Hilfe und Beiſtand finde. Aber ſage es nicht meiner Mutter, daß ich dir Alles ubergab, denn es wurde ſie ſchmerzlich betruͤben, mich ohne dieſe Mittel zu wiſſen, die ſich dem Unglück⸗ lichen oft hilfteich erweiſen. Sage es ihr wenigſtens erſt dann, wenn mein Schickſal entſchieden iſt, worauf du nicht lange zu warten haben wirſt. Verwalte in⸗ deſſen dies Vermögen, denn du biſt geſchickt dazu und dem Hauſe Barneveldt treu. Sei der Vormund mei⸗ nes Kindes und der Beſchuͤtzer meiner Gattin! Dann kommen vielleicht fuͤr mein armes kleines Madchen noch dereinſt beſſere Tage, wo ſie ihren Namen nennen darf und Vermoͤgen ihr Nutzen bringen kann; denn fuͤr meine ungluͤckliche Gattin hoffe ich wenig mehr— mit meinem Schickſal iſt auch das ihrige entſchieden, und ſie wird nicht lange zu leiden haben. Aber mein Kind! meine Tochter! O Jakob! das kurze Gluͤck des Vater⸗ herzens iſt der einzige Widerſpruch, den ich gegen die Gewißheit meines baldigen Todes empfinde. Dies Kind— meine Tochter— ich lege ſie dir ans Herz“— Thraͤnen erſtickten die Stimme des ſtarken Mannes. Jakob ſtand waͤhrend dieſer Worte unbeweglich vor Renier de Gröneveld, und ſeine Hände hingen zuſam⸗ mengekrampft an ihm nieder. Der ungluͤckliche Fluͤcht⸗ ling hielt ihm noch immer den ſchweren Ledergurt ent⸗ gegen, uͤber deſſen Inhalt er ſich eben erklaͤrt, und Ja⸗ kob ſtreckte nicht die Haͤnde danach aus, ihn in Em⸗ pfang zu nehmen. Die Augen ſtarr darauf gerichtet, traten ihm vor innerer heftiger Bewegung große Trop⸗ fen auf die Stirn. Wuth, Schmerz, Begierde und das Entſetzen vor allen dieſen Anregungen feſſelte ſeine Zunge— ſeine Glieder. Als ob die Hölle ihn ver⸗ 8 45 ſchlingen wollte, als ob er am Rande ihres ſchrecklichſten Abgrundes ſtaͤnde, ſo entſetzt, ſo ſtarr und wild blickte er auf den Schatz in Reniers Hand. Gold und großes Vermögen, Diamanten von vielleicht gleichem Werth, er ſollte es nehmen— und der leichtſinnige Thor, der es ihm uͤbergeben wollte, erwartete den Tod und war der einzige Zeuge dieſer Handlung. Sein Weib und Kind konnten nie von dieſer Beſitznahme erfahren, kein Menſch konnte je beweiſen, was hier geſchehen. Mit der furchterlichen Schnelligkeit eines durch ewiges Rechnen und Bevortheilen nur in einer Richtung entwickelten Geiſtes, draͤngten ſich ihm, wie eben ſo viele Teufel, dieſe Umſtaͤnde entgegen und erſtickten ihn faſt mit der Gewalt ihrer Verſuchung. Auszuſtrecken nur brauchte er die Haͤnde und er beſaß das, wonach er bis jetzt mit dem harten Schweiß täglicher ſchwerer Arbeit gerungen. In die Reihe konnte er treten mit den beneideten Spe⸗ culanten um ihn her;z Gold konnte er nehmen und es hundertfach verdoppeln— und ſein— ſein konnte dies ſein— und er fuͤhlte, wenn er die Hand danach aus⸗ ſtreckte— dann war es ſein! Aber es regte ſich trotz dem eine Gegenwirkung in ihm. Eben hatte er ſeine Sicherheit, ſein Leben wagen wollen, um den Jugendfreund zu retten— er hatte ſelbſt den Haß gefuͤhlt, und er war edler, als was ihn 46 jetzt beſchlich. In den verfloſſenen Stunden hatten ſeine Gedanken eine andere Richtung gehabt; etwas, was an Uneigennuͤtzigkeit, an Muth erinnerte, hatte ſeine Empfindungen, ſeine Handlungen beſtimmt; die gewohnten Gleiſe waren wenigſtens augenblicklich uͤber⸗ ſchritten geweſen und er konnte es ſich ſagen, dieſe jetzt geſtörte Stimmung hätte noch fortgedauert, ohne jene grauſame Verſuchung. Es entſtand eine furchterliche Wuth in ihm, die ihn noch weiter von Recht und Wahr⸗ heit ſchleuderte, und ſie kehrte ſich, zunächſt gegen ihn ſelbſt entzuͤndet, jetzt demjenigen zu, der ihm wie der ſchnödeſte Verſucher zum Boͤſen, wie ſein haſſenswer⸗ theſter Feind erſchien. Er ballte die Fauſt und warf ihm einen der Glutblicke zu, die Renier vielleicht ge⸗ warnt, wenn er nicht die von Thraͤnen getruͤbten Augen zum Himmel gerichtet haͤtte. Das edelſte Vertrauen, das ein Menſch dem andern ſchenken konnte, das keine Sicherheit ſucht als in der Geſinnung des Andern, es erſchien Jakob wie die elendeſte, jaͤmmerlichſte Dumm⸗ heit, die ihn mit Verachtung gegen Renier erfuͤllte— und dieſe Schlußfolge erleichterte ihn, denn ſie riß die Schranke weg, hinter welcher eben ſeine Leidenſchaften noch gekämpft hatten. Was hatte er fur Pflichten gegen den, der ſein ganzes Vermögen und die Zukunft der Seinigen ſo gewiſſenlos ſelbſt Preis gab. Als er es —,— 47 aber ausgedacht, war es ihm, als ob er den Jubelſchrei der Holle hoͤre— aus ihm ſelbſt fuhr der Nachhall, ein wilder, rauher Ton, und er riß den Ledergurt und das Kaͤſtchen aus Grönevelds Händen. Als er es hielt, ſchien es ihm ſchwerer, als Alles, was er je gehalten— ſeine Knie wollten brechen— er glaubte niederzuſturzen — er dachte vielleicht an ſeinen jähen Tod. Aber der ungluͤckliche Gröneveld hob dieſen Zuſtand ſelbſt auf— es war die letzte Angſt des ſterbenden Ge⸗ wiſſens—„Laß uns jetzt fliehen,“ ſagte Renier ent⸗ ſchloſſen. Da raffte ſich Jakob empor. Eine Art Wahnſinn packte ihn— er that einen wilden Tigerſprung in die Luft und ſchleuderte mit unverſtaͤndlichem Schnauben und Bruͤllen den Gurt und das Kaͤſtchen auf einen Haufen Werg in einen Winkel der Kammer, wälzte ſich einen Augenblick daruͤber hin, um es zu vergraben und war damit ſeinen Zuſtand los. Mißtrauiſch blickte er auf ſeinen Gefaͤhrten, als er ſich aufraffte, ob dieſer den unbezähmbaren Ausbruch beobachtet; aber er war indeſſen gegen die Thuͤr geſchrit⸗ ten, hatte ſie geoffnet und nicht auf ihn geachtet in der Zerſtreutheit ſeines Schmerzes. Jakob ſturzte nun in wilder Aufregung hinaus und zog ihn nach, und ungefährdet erreichten Beide das Beot. 48 Mit geſteigerter Kraft ergriff Jakob die Ruder, und trotz dem Ungeſtuͤm der Wellen wußte er das Boot zu lenken und ihre Kraft zu bewaltigen mit der ſeinigen, die zu einem unerhoͤrten Grade geſteigert war durch die Wildheit ſeines Zuſtandes und die Qualen, in die ſein Geiſt aufs Neue verfiel, ſo wie er die teufliſche Verſu⸗ chung nicht mehr in Haͤnden hielt, und dagegen die ge⸗ beugte Geſtalt, das bleiche Antlitz des Jugendgenoſſen ſo nahe vor ſich ſah. Er verzerrte graͤßlich das Geſicht, er lachte grauſig auf und ſtöhnte jämmerlich; dann ſchut⸗ telte er wild den Kopf und endlich rief er ſich zu:„Es iſt nichts geſchehen— ich habe nichts gethan— nichts! nichts! ich habe es nicht gewollt— es war nur ein Hoͤl⸗ lenſpuk!“ 3 Unterdeſſen ſtellte ſich die Noth der verlaſſenen Frauen immer troſtloſer heraus, und trotz des kraͤftigen Wil⸗ lens der jungen Dienerin fuͤhlte ſie ſich faſt rathlos auf dieſem wůſten Boden. Wie viele Bedürfniſſe wur⸗ den fuͤhlbar unter den Umſtaͤnden, die hier obwalteten, und wie völlig unbefriedigt kam die arme Suſa von allen ihren Nachforſchungen zuruͤck. Kein Holz, um das noͤ⸗ thige Feuer zu unterhalten, kein Keſſel, um Waſſer zu ſieden, kein Geſchirr auf dem endlich entdeckten wuͤſten Heerde, was die verwoͤhnte Dienerin fuͤr mehr als un⸗ brauchbare Scherben halten konnte. Heftiger Natur, 49 wie ſie war, ſtuͤrzte ſie endlich auf den duͤſtern Gang, den ſie Jakob und ihren Herrn hatte gehen ſehen und riß die Thuͤren auf, die hier nach den Kammern fuͤhrten, um etwas Brauchbares zu finden. Doch ſie waren alle leer bis auf Jakobs elende Wohnſtätte, in der ſie mit Schau⸗ der den einzigen benutzten Hausraum entdeckte und zu⸗ gleich ein ſchreckliches Bild des Mangels, der Armuth und Entbehrung vor ſich ſah, daß ſie, gewiß, auch hier nichts zu ihren Zwecken zu finden, ſich eben voll Ekel davon abwenden wollte, als ſie hinter der Thuͤr den vor⸗ erwahnten Haufen Werg entdeckte und ihn entſchloſſen in die Höhe raffte, um ihn zuſammen zu drehen und damit die Flamme des Kamins zu nahren. Als ſie haſtig ihre Schuͤrze damit belud, fielen zwei harte Gegenſtaͤnde zur Erde— es war das Schmuckkäſtchen ihrer Herrin und der Ledergurt, worin ſie die Geldmittel ihrer Herrſchaft verwahrt wußte. Suſa blieb einige Augenblicke erſchrok⸗ ken ſtehen— ein unheimliches Grauen lichi hr Betz; ſie blickte angſtvoll umher, ſie ſuchte bei. dem matktn Scheine der duͤſtern Lampe die unheimliche Kammer zu ergruͤnden; ſie erwartete mit klopfendem Herzen etwas Entſetzliches zu ſehen und geſtand ſich zugleich, welch' einen unheimlichen Eindruck ſie von ihrem Wirth erfah⸗ ren; denn ſie dachte daran, ihr Herr konne von ihm er⸗ ſchlagen ſein und ſeiner hier verſteckten Habe beraubt. Jakob v. d. Nees. I. 1 50 Als ſich Alles ſtill und leer zeigte, faßte ſie Muth und ihre Beſonnenheit kehrte zuruͤck, wenn auch ihr Mißtrauen verſtärkt worden war durch das, was ſie fuͤr möglich ge⸗ halten hatte. Ihr erſtes Gefuͤhl war, beide Gegenſtände mit fort zu ihrer Gebieterin zu nehmenz; aber ihr ſank der Mucth, wenn ſie an den rohen Burſchen dachte, in deſſen Gewalt ſie und ihre ungluͤckliche Herrin gegeben war und wie— wenn er die Schätze geraubt habe, ihn der Verluſt der⸗ ſelben zu Gewaltſtreichen gegen ſie Beide reizen könnte. Sie entſanken ihren Haͤnden, ja ſie ſtieß ſie mit dem Fuße tiefer in die Ecke und ließ etwas Werg zuruck, ſie zu verdecken. O, mit wie viel ſchwererem Herzen kehrte ſie nach dem einſamen Schmerzenslager der armen Mutter zuruͤck, die ihr winſelndes Kind vergeblich an den Buſen druͤckte, deſſen Quellen durch den Schmerz verſiegt waren. Suſa belebte nun aufs Neue die ſcheidende Glut des Kamins und als ſie bei der hellen Flamme das Zimmer beſſer uͤberſchauen konnte, gewahrte ſie auch neue Mittel zum Unterhalt derſelben und riß mit kraͤftiger Hand die zartgeſchnörkelten, wurmſtichigen Lehnen der Baͤnke ab, die um die Wande herliefen, und ſiedete endlich in Jakobs einzigem Töpfchen das lang erſehnte Waſſer, welches durch den mitgefuͤhrten Thee bald fuͤr Mutter und Kind —. 51 die dringend nöthige Erquickung verſchaffte. Mit ge⸗ ruͤhrten Blicken ſah die arme troſtloſe Herrin das treue Walten ihrer Dienerin, und als ſie das zarte Weſen, das unter ſo ungluͤcklichen Umſtänden ins Leben getreten war, endlich aus den geſchickten Händen der Dienerin mög⸗ lichſt nach den Vorſchriften der Kinderpflege gewartet und verpackt zuruͤck empfing, und bei dem armen ſchwa⸗ chen Kinde das jämmerliche Winſeln in das leiſere Ath⸗ men des Schlafes uͤberging, da ſagte ſie mit zitternder Stimme:„Suſa! wenn ich leben bleibe, um dieſem armen Madchen etwas zu lehren, ſo ſoll ſie dich gleich neben ihrer Mutter ehren lernen, denn du giebſt ihr zum zweiten Male das Leben.“ Suſa kniete an dem Bette nieder und kuͤßte die theure Hand, die lie koſend uͤber ihr Geſicht glitt. Sie wagte aber nicht zu ſprechen, denn ſie wollte ſich und ihre erſchöpfte Gebieterin nicht aufregen; ſie fuhlte wohl, daß ſie die einzige Stütze der Ungluͤcklichen war und erbat ſich von Gott heimlich aber inbruͤnſtig uͤbermenſchliche Kraͤfte, um fortdaukend Wache halten zu koͤnnen, da alle Umſtände ſo bedrohend und unheimlich waren. Am Feuer ſitzend lauſchte ſie auf jedes Geraͤuſch und der fortdauernde Sturm und das heulende alte Haus, worin ſich der Zug in grauenhaften Tönen fing, erhielten die arme Suſa in beſtändig aufſchreckender Angſt. 4* Der Morgen brach endlich an, und ſo truͤbe er war, ſo leblos er durch die erblindeten Fenſter einſchlich, růckte er doch weit vor und gab dem armen Maädchen neue traurige Ueberlegungen; denn wenn ihr entſetzlicher Wirth nicht wiederkehrte, dann mußte ſie daran denken, ſelbſt ſich hinaus zu wagen, um die nöthigen Nahrungs⸗ mittel zu ſchaffen, ohne die ſie Alle verſchmachten mußten. Je laͤnger ſie harrte, je hoͤher ſtieg die Noth. Das Kind wollte ſein jammerndes Winſeln nicht mehr durch warmes Waſſer ſtillen laſſen und der bleichen Mutter verging die Fähigkeit, das kleine Weſen in den kraftloſen Haͤnden zu halten. Da kam der Augenblick, wo ſie den, vor deſſen Wie⸗ derſehn ſie noch vor Kurzem geſchaudert, mit heißer Un⸗ geduld herbei flehte, und als ſie endlich unter dem ſchon jetzt ihr bekannt gewordenen Geraͤuſch des alten ſturm⸗ bewegten Hauſes nahende Menſchenſchritte erkannte, ſank eine Centnerlaſt von ihrem Herzen. Nees war uͤber den Packhof nach ſeiner Kammer zuruckgekehrt und ſie hörte ihn jetzt nach kurzem Verwei⸗ len darin die Thuͤr heftig zuſchlagen und den Gang her⸗ auf kommen, der von dort bis zu der Thuͤr hinter dem Kamine fuͤhrte. Obwohl ſie furchten mußte, daß er den verringerten Haufen Werg ſogleich bemerkt haben und daraus die ge— — 53 furchteten Schluͤſſe uͤber ſie machen werde— eilte ſie ihm doch wie einem Engel der Rettung entgegen. Aber ſie ward faſt vernichtet, als ſie beim Tageslicht die kurze feſte Geſtalt Jakobs van der Nees vor ſich ſah in der ver⸗ wilderten Kleidung, die er bei der Ueberfahrt getragen, und als der fuͤrchterliche Blick ſeiner Augen ſie traf, in denen Wuth, ſpähender Argwohn und eine Drohung lag, die alle Kraft ihres muthigen Herzeng brach. Er uberlief das vor ihm verſtummt daſtehende Mädchen vom Schei⸗ tel bis zur Sohle mit einem Blicke, der Alles aus ihr herausziehen wollte, was er von ſeinem ſchrecklichen Ge⸗ heimniß zu ihrer Kenntniß gelangt glaubte— und ſie ſtand wehrlos dieſem inquiſitoriſchen Blicke, und wußte ihm nicht auszuweichen, bis er Alles ausgeforſcht hatte, F was er zu ſeiner Qual erfahren wollte— und wie zum Ueberfluſſe verächtlich einen kleinen Reſt Werg mit dem Fuße fortſtieß, da es das Erſte war, was er nach der Pruͤfung des Mädchens ſelbſt mit den Augen ſuchte, und was ihm ſeinen Verdacht zur Gewißheit machte. Als die ungluͤckliche Gattin ihn erkannte, drang ein Schrei uber ihre Lippen, und ſie rief den Namen ihres Gatten mit ſolchem Schmerzenslaute, daß er Jakobs Herz traf und er dem Bette naͤher trat. „Seid ruhig, edle Frau,“— ſagte er milder, als zu erwarten ſtand—„ich halte ihn fur gerettet. Ein 54 ſicherer Schiffer fuhrt ihn nach der Inſel Vlieland, wohin er Waaren zu bringen ſcheint. Ich denke, es ſoll ihm nichts mehr aufſtoßen, und nichts iſt leichter, als von dort nach England zu kommen.“ Brigitta wollte ſprechen, ihm danken, aber ſie konnte nur noch ihre Hände zum Himmel erheben, dann ſank ſie ohnmaͤchtig zurück. „Ach!“ rief Suſa—„ſie ſtirbt! ſie ſtirbt!“ und ſturzte, außer ſich vor Schmerz, neben dem Lager hin. Erſchrocken ſah ſelbſt Jakob die blaue Farbe des Ge⸗ ſichts, die Todesſtarrheit, welche ſich uͤber den Körper der ungluͤcklichen Frau verbreitete. Er ſtarrte mit den widerſprechendſten Regungen auf ſie hin und diesmal war es noch die große Unbeholfenheit, die Entwöh⸗ nung von dem huͤlfreichen Verkehr mit Menſchen, die ihn quälte, denn er fuͤhlte ſich erſchuͤttert und hätte gern geholfen. Daher kam es, daß, als Suſa alle Scheu in der Angſt vergeſſend, ihn um Beiſtand anflehte, er willig war und mit Achtſamkeit Alles merkte, was ſie ver⸗ langte, daß er einholen ſolle, und ſogar froh war, als er wußte, was er zu thun habe, und daß dadurch Huͤlfe erreicht werden könne. Dies druͤckte ſich ſo beſtimmt in ſeinem Weſen aus, daß Suſa, als er die Thuͤr hinter ſich zuzog, den troſtlichen Gedanken faßte, ſie habe ihm — ℳ unrecht gethan, und mit einigem Muthe ſich nicht mehr ſo rathlos und verlaſſen füͤhlte als fruher. Wir wollen den nun folgenden Zeitabſchnitt und die darin ſich langſam geſtaltenden Verhältniſſe in dem alten Hauſe der Purmurand nicht in der Reihenfolge kleiner Begebenheiten mit durchlaufen, die hier beſonders nöthig waren, um einen andern Zuſtand der Dinge herbeizu⸗ fuͤhren. Wenn wir nach Verlauf von zehn Jahren dies Haus wieder betreten, werden wir das Verhaͤltniß, was wir vorfinden, leicht in ſeiner Entſtehung beurtheilen können, und es wird uns weniger ermuͤden, wenn wir nur ein⸗ zelne Data nachzuholen noͤthig haben werden. Es war wieder Herbſt und jene graue, neblige Zeit, wo der Morgen kaum Licht bringt und die Haͤuſer die feuchte Kaͤlte annehmen, die empfindlicher als Froſtluft, den Koͤrper durchdringt. Suſa, die etwas blaſſer und hagerer geworden war, und deren Kleidung grob und abgetragen, ſogar geflickt war, kniete faſt, wo wir ſie verlaſſen, vor dem großen Kamin in dem Banquetſaal. Sie hatte ein kleines Feuer vor einem großen ſtarren, eichenen Holzklotz ge⸗ 56 macht, woran die Flamme vergeblich nagte, denn das Waſſer lief ziſchend an ihm nieder und nur das ſehr fein geſpaltene Holz, was ſie daran lehnte, gab ſo viel Flamme, um die Morgenſuppe daran zu kochen.— Kraft und Heiterkeit waren aus dieſem Antlitz ver⸗ ſchwunden, und tiefe Schwermuth und Schuͤchternheit waren darauf ausgeprägt. Der Raum, den wir kennen, hatte in ſeiner Aus⸗ ſtattung gewonnen. Es ſtand in der Mitte ein paſſen⸗ der eichener Tiſch, mit eben ſolchen Stuͤhlen umgeben; einige Schränke waren zu ſehen und gegen das Fenſter ſtand ein tiefer gepolſterter Lehnſtuhl, ein Paar Kiſſen mit verblichener Stickerei, ein Arbeitskorbchen und einige duͤrftige Spielſachen auf dem Boden daneben. Alte gewirkte Tapeten, die nur mit Muͤhe durch Suſa's nicht ruhende Nähnadel zuſammen gehalten waren, hingen vor den Fenſtern und waren mit einigen Verſuchen von Geſchmack aufgenommen. Die Scheiben der Fenſter waren noch eben ſo er⸗ blindet als fruͤher, und keine Ueberredung hatte die Erlaubniß erwirken können, ſie zu reinigen, ſo daß ſie faſt undurchſichtig geworden waren und die vollſtaͤndigſte Trennung von der Straße veranlaßten. In einem der Schraͤnke ſtanden einige Geſchirre und ein anderer ent⸗ hielt leinen Zeug. ———— 57 Ein duͤrftiger Vorrath von Holz lag hinter dem Vorſprung des Kamins und war in kleine Buͤndel ge⸗ bunden; nur eins dieſer Buͤndel durfte den Tag uͤber verbrannt werden, und das Steigen der Kälte machte darin keine Veraͤnderung. Noch war Suſa allein; aber ſie hörte Schritte uͤber den Gang, der von Jakobs Kammer hierher fuhrte, und daß ſie ſchnell zuſammen zuckte, ihre ſinnende Stellung verließ und ein paar Braͤnde zuruͤckwarf, verrieth eine Gemuͤthsbewegung. Sogleich trat Jakob van der Nees ein. Sein erſter Blick fiel auf den Heerd und er erwiderte Suſa's Morgengruß nicht, ſondern naͤherte ſich, um die Brände, die noch vor dem Suppentopf lagen, zuruͤckzuwerfen. „Die Suppe iſt fertig“— rief er—„und du verſchwen⸗ deſt noch den theuren Brand! Das alte feſte Zimmer enthält noch die Hitze vom Abendfeuer, und jetzt uͤber⸗ heizeſt du es noch durch deine Verſchwendung.“ Suſa loͤſchte ſchweigend die kaum glimmenden Brände, und Jakob, der dies erſt abgewartet, wendete nun ſich gegen das Zimmer in der Hoffnung, ſich uͤber neue Uebertretungen erzuͤrnen zu koͤnnen, indem er ſchon immer den Kopf ſchuͤttelte, obwohl er zu ſeiner Täu⸗ ſchung nichts entdecken konnte. Suſa war bereits aus dem Zimmer geſchluͤpft und die Treppen hinauf zu dem Schlafzimmer ihrer Gebie⸗ terin, um ihr und der kleinen Angela beim Aufſtehn und Ankleiden behuͤlflich zu ſein. Unterdeſſen wollen wir Jakob van der Nees betrach⸗ ten, der jetzt ungefaähr dreißig Jahr alt war, den man aber fur viel alter halten mußte, da ſein Ruͤcken ſchon gekruͤmmt war und ſein ſcharrender, ſchlurrender Gang ihn zum alten Manne machte. Sein Geſicht war noch duͤſterer, und gewohnlich hing, wie bei allen ſpeculirenden Leuten, der Kopf auf die Bruſt uͤber. Noch immer beſaß er die rieſige Kör⸗ perkraft und eine Abhärtung, welche unterhalten wurde, indem er ſich jeden Morgen in das ummauerte Waſſer⸗ becken des kleinen Hofes ſtuͤrzte und ſich von der eiskal⸗ ten Flut baden ließ. Er war nicht mehr der armſelige Spediteur, den wir damals kennen lernten; er fand ſich auf dem Kaufhauſe ein und war vereideter Kaufmann. So lange er gezaudert hatte dieſen Schritt zu thun, der ihn einer Unbedeutendheit entriß, die ihm viel Vor⸗ theil brachte, ließen ſich doch größere Unternehmungen, nach denen es ihn ſeither geluͤſtet hatte, nur auf dieſem Wege erlangen. Sein Anſehn war in Folge der Jahre und einer ganz zuverläßigen kaufmänniſchen Thätigkeit jetzt ungefährdet, und trotz ſeiner Vorſicht und den immer erneuten Verſuchen, ſich als armen Mann darzuſtellen, P oder Verluſte anzudeuten, welche er erlitten haben wollte, ließen ſich die gewiegten Handelsleute durch ſolche Mittel nicht verblenden, und wie es öfter zu gehen pflegt, den, welchem man fruͤher kaum ſo viel Mittel zugetraut hatte, ſeine betheerte Jacke zu bezahlen, ihn war man jetzt ge⸗ neigt, grade wegen ſeiner Heimlichkeit, für einen Millio⸗ nair auszuſchreien. Wie fruͤher, betrieb er all ſeine Geſchaͤfte allein. Kein Comptoir, kein Schreiber war bei van der Nees zu finden und unmoͤglich, in dem hermetiſch verſchloſſe— nen Hauſe eine Beſtellung zu machen. Jakob van der Nees war nur auf dem Kaufhauſe und auf den Kornmarkten zu ſprechen; nur allein dort machte er Geſchafte, nahm Beſtellungen an und unter⸗ handelte mit ſeinen Mitbewerbern, und kein Menſch durfte ihn um ſeine haͤusliche Lage befragen, ohne einem ſolchen Ausbruch von Grobheit zu unterliegen, daß einige Erfahrungen hinreichten, Alle davon abzuſchrecken. Während Suſa an dieſem Morgen, wie faſt an allen vorhergegangenen, ſich entfernte, ihre Gebieterin zu holen, arbeitete van der Nees mit großer Schnelligkeit an ein paar mäͤchtigen Schlöſſern, welche eine Thuͤr öff⸗ neten, die in der Wand einen eiſernen Geldſchrank ver⸗ wahrten. Haſtig, immer die Augen wieder auf dem Ruͤcken, und in dem Zimmer umherſpaͤhend, leerte er 60 die Taſchen ſeines groben Oberrocks und legte leiſe die ſchweren Rollen Gold zu den uͤbrigen, und ein ſcheuß⸗ lich verzerrtes Lachen und ein kleiner Luftſprung verrieth die Seligkeit, mit der ihn der Anblick des gehaͤuften Goldes erfuͤllte. Eben ſo ſchnell waren die Thuͤren wie⸗ der geſchloſſen und er blieb horchend ſtehn— und ein Glinzern von Erregtheit glitt uͤber das ſteinerne Geſicht, als er eine jugendliche Stimme hoͤrte und ein kurzes hei⸗ teres Lachen. Er rieb ſich die Hände und ſteckte ſie beide zwiſchen die Knie, indem er ſich kruͤmmend, und die Augen auf die Thuͤr gerichtet, einer Art Luſtigkeit uͤberließ. Sie ging auf, und vor den Frauen her flog die junge zehn⸗ jährige Angela mit einem fröhlichen Satz gerade auf van der Nees zu, der einen kurzen Schrei der Freude aus⸗ ſtieß und ſie in ſeinen beiden Armen empfing und mit der Habſucht, worein ſich auch dies einzige Gefuͤhl der Liebe, was er kannte, verwandelte, an ſein Herz druͤckte. „Nees! mein lieber Nees!“ rief das Kind und ſtrich mit ihren feinen Haͤndchen ſein ſtarres Geſicht— und kuͤßte ſeine niedrige Stirn und ſpielte mit der völligſten Gleichguͤltigkeit gegen ſein abſchreckendes Aeußere mit dem ihr ganz hingegebenen Manne. Unterdeſſen hatte die ungluͤckliche Mutter Angela's, von Suſa gefuͤhrt, an dem eichnen Tiſche, zunächſt dem „———, 61 Kamin, Platz genommen, und bog ſich nun zu der Gruppe, die van der Nees mit ihrem Kinde bildete, und lächelte Beide an. Aber dies Lächeln hätte dem, der es zuerſt ſah, das Herzblut ſtocken machen koͤnnen, und Nees ſchien das noch jetzt etwas zu fuͤhlen; denn er richtete ſich auf und machte ein wenig verlegen den einzigen Verſuch einer Verbeugung, dem er ſich uͤberhaupt unterzog. „Verbergt ſie, Nees!“ fluͤſterte ſie leiſe—„ver⸗ bergt ſie, damit ſie Niemand ſieht— denn ihr wißt, ſie iſt eine Renier de Gröneveld— und das taugt nicht. Unter den Tiſch wollen wir ſie ſetzen, wenn ſie kommen, und dann eſſen wir unſere Suppe und ich und wir Alle lachen, damit Keiner merkt, daß ſie unten ſitzt. Hoͤrt ihr, Nees! ſo wollen wir es machen!“ „Ja, ja, geſtrenge Frau!“ ſagte Nees—„ſo wollen wir es machen!“ Seit acht Jahren vielleicht ſagte die arme Mutter dies jeden Morgen, und Nees antwortete ihr ſo, womit ſie ſich dann beruhigt zeigte. Brigitta de Caſambort— eine Waiſe— welche nach dem Tode ihrer Eltern mit einer eben geborenen Schweſter in das Haus der Barneveldt als Pflegetochter uͤberging, war einſt von ſo bezaubernder Schoͤnheit ge⸗ weſen, daß ſie ſelbſt die Bewunderung des Prinzen von Hranien auf ſich zog, und daß vielleicht nur ihre entſchie⸗ dene Abneigung und ihre ſpätere Vermaͤhlung mit Renier de Groöneveld eine glaͤnzendere Lage von ihr abhielt; denn die Caſambort waren ein edles Geſchlecht, von großem * Kriegsruhm, dem Hauſe Naſſau durch wichtige Dienſte verbunden, und daher eine Vermaͤhlung mit demſelben nicht unmöglich. Dagegen war Brigitta ihrem Herzen gefolgt, und nur eins hatte das Gluͤck der geſchloſſenen Ehe getruͤbt — ſie hatte nach einander zwei todte Kinder geboren. Kurz vor dem Verrath der Verſchwoͤrung entdeckte ſie dieſelbe, und da alle Verſuche, ihren Gatten davon abzuhalten, mißgluckten, erklaͤrte ſie mit dem alten Muth der Caſambort, ſie theilen zu wollen, denn ſie war von Anfang an uͤberzeugt, daß ſie nicht gelingen werde, und wollte das Schickſal, welches dann ihrem Gatten nur zu gewiß war, zu dem ihrigen machen. Obwohl im Begriff, zum dritten Male Mutter zu werden, glaubte ſie dennoch ihrem Gatten uͤberall folgen zu konnen, bis die Beſchwerden und Leiden der Flucht die Kataſtrophe beſchleunigten, welche Angela das Leben gab— und ſo in dem ſchmerzlichſten Augenblick den lange vergeblich hoffenden Eltern das erſte lebende Kind geboren wurde. Renier de Grönevelds Schickſal iſt bekannt, und 63 dieſe Kataſtrophe gehoͤrt der Geſchichte. Wir deuten nur an, daß er grade da, wohin er durch die Huͤlfe des Jakob van der Nees gelangt war— auf der Inſel Bilieland im Begriff nach England zu gehen erkannt, ge— fangen genommen und nach dem Haag gebracht wurde. Als van der Nees dieſe Nachricht empfing, gerieth er in wahnſinnige Wuth. Ohne alle Beſinnung und wenig bekannt mit der Schonung Anderer, ſturzte er zu der ungluͤcklichen Gattin, welche unter den traurigen Umſtaͤnden in dieſem Hauſe ſich nicht zu erholen ver⸗ mocht hatte und ſprudelte— in wilde Verzuckungen verfallend— das entſetzliche Schickſal des Gatten vor ihr aus. Die Folgen zögerten nicht einzutreten; die verzweifelnde Gattin verfiel in eine ſchwere Krankheit, die um ſo länger und zerſtörender wirkte, da ihr wegen der Gefahr des Verraths kein Arzt zu verſchaffen war. Von dieſer Zeit an erwartete ſie nur noch den Tod des Gatten; auch zeigte ſich eine beſtimmte Abnahme ihrer Geiſteskräfte, und als Jakob endlich nicht anſtand, ihr den Henkerstod Reniers mitzutheilen, brach auf kurze Zeit ein entſchiedener Wahnſinn aus, der im Lauf der Jahre zu der ſtillen Geiſtesſtumpfheit uͤberging, die ihre Gedanken und Gefuhle kindiſch vereinfachte und den Erinnerungen, die ihr geblieben, den Stachel und die wahre Bedeutung benahm. 64 So finden wir ſie faſt heiter in den traurigen Um⸗ gebungen wieder. Ihr todtenblaſſes Geſicht iſt abge⸗ zehrt und eingefallen, und ihr ſchönes, braunes Haar liegt, erbleicht zum Schnee des Alters, um die hohe Stirn der den Jahren nach noch jugendlichen Frau. Eine grobe, wollene Trauerkleidung deckt den feinen ab⸗ gezehrten Korper, und vorzuͤglich ſind die mageren Haͤnde noch ſchoͤn, die leuchtend aus dem groben woll⸗ nen Aermel ſehen. Suſa ſucht noch immer die angebetete Herrin, die von ſich ſelbſt ſo wenig mehr weiß, in ihrer Kleidung dem Range gemäß zu erhalten, den ſie gegen Jakobs rohes Anſinnen fuͤr ſie behauptet— und unter der ſchwarzen Sammtkappe, die das zarte Oval umſchließt, und die ſchoͤnen, ſilberweißen Flechten trägt, zeigt ſich noch eine kleine Spitze oder ein fein gefaltetes Häubchen. So iſt ihre Erſcheinung mit dem ewigen ſuͤßen Lä⸗ cheln um den blaſſen Mund, mit den arglos ſanften, kindlichen Augen immer noch ein ſchoͤnes, ruͤhrendes Bild, was nicht ganz ohne Eindruck auf Jakob bleibt, und die einzige Stuͤtze der armen Suſa iſt, die allen Schmerz und alles Gluͤck aus dieſem Anblick ſaugt und das Bild der uneigennuͤtzigſten Aufopferung darſtellt, da die zahlloſen großen und kleinen Dienſte, welche ſie taglich leiſtet, nicht mehr von ihr anerkannt werden kön⸗ — w nen, und nur eine Art Angſt, wenn Suſa ſich zu lange von ihrer Gebieterin entfernt, ihr die Hoffnung laͤßt, daß ihre Naͤhe derſelben lieb iſt. Wenn Suſa die moraliſche Kraft des Herzens be⸗ ſaß zu jeder Hingebung an Mutter und Kind, ſo fehlte ihr doch die Entwicklung der Begriffe, welche ihr Ein— ſicht gegeben hätte, fuͤr die beſſere Exiſtenz Beider nach außen die geeigneten Maaßregeln zu ergreifen. Nach den ſchrecklichen Eindruͤcken, die Suſa bei der Flucht und Verfolgung ihres Herrn damals empfangen hatte, ward es Jakob leicht, ſie durch die Gefahren, die er ihr bei jedem Schritt nach außen fuͤr Mutter und Kind ſchilderte, von dem kleinſten Verſuch abzuſchrecken, ihre abgeſchloſſene Lage zu veraͤndern. Erſt nach Jahren ward es ihr erlaubt, ſich auf die Straßen Amſterdams zu wagen, und nun war ihre Einſchuͤchterung und Hoffnungsloſigkeit ſchon zu ſehr befeſtigt, als daß ſie einen andern Verkehr geſucht hätte, als den nothwendigen für den Bedarf des Tages. War ſie in dieſer Hinſicht ganz in den Händen ih⸗ res berechnenden Wirthes, ſo war er doch auch nicht frei geblieben von dem Widerſtande, den Suſa ſeinen empo⸗ renden Einſchränkungen entgegenſetzte. Sie hatte ſich gleich zu Anfang des Hauſes bemaͤchtigt und ihre erſte noch ungeſchwächte Kraft benutzt, um ihm Zugeſtänd⸗ Jakob v. d. Nees. J. 5 niſſe zu entreißen, die er ihr mit ſeinem verletzten Ge⸗ wiſſen und der Furcht, welche es ihm einflößte, ſein Geheimniß von ihr gekannt zu wiſſen, nicht ganz zu verweigern wagte. In dieſer Zeit war die Eintheilung des Hauſes geſchehen, und Suſa hatte ein Schlafzim⸗ mer fuͤr ihre Gebieterin und Angela eingerichtet, eine Kammer daneben fuͤr ſich; auch hatte das Wohnzimmer die Ausſtattung erhalten, die wir erwähnten. Ihre Gebieterin beſaß damals noch einen Vorrath von Geld, den die ſchlaue Dienerin— welche ſo bald Jakobs Leidenſchaft erkannt hatte— ſorgfältig vor ihm verbarg, aber doch ſo viel nach und nach davon trennte, daß Jakob die Beduͤrfniſſe an Lebensmitteln, Kleidern und Wäſche herbeiſchaffen konnte, die dringend nöthig waren. Eine unbezwingliche Scheu verhinderte ſie dabei, ihn zur Beſtreitung der Koſten von demjenigen aufzufor⸗ dern, wovon ſie wußte, daß es das Eigenthum ihres Herrn war, was er zu ſich genommen. Der Blick, den er ihr an jenem ſchrecklichen Morgen zugeworfen hatte, war in ihre Ueberzeugung gedrungen als ein Todes⸗ urtheil fur ſich und die ihr Anvertrauten, wenn ſie wa⸗ gen wuͤrde, ihn daran zu erinnern, und ſie fuͤhlte ſich nur beſtätigt in ihrer Furcht, als ſie ſicher war, er ſelbſt wolle keinen Gebrauch davon machen zu dem Unterhalt —— 67 derer, die Anſpruch daran zu machen hatten. Mit widerlicher Haſt ſtrich er jedes Mal das Geld ein, wenn ſie ſeine Huͤlfe brauchte, um es in die nöthigſten Be⸗ duͤrfniſſe umzuſetzen, und leicht konnte ſie ſehen, wie er dieſe Dinge ſo ſchlecht als möglich anſchaffte, um fuͤr ſich noch Einiges zu eruͤbrigen. Auch Jakobs Zuſtand war in dieſer Periode nicht beneidenswerth, und man kann in Wahrheit ſagen, daß ihm ploͤtzlich völlig unerwartet alles das uͤber den Hals gekommen war, was ihm immer als das entſetzlichſte Schickſal erſchienen war, was er ſich hatte denken kön⸗ nen. Er beſaß mit einem Male Frau, Kind und Die⸗ nerin; damit einen Hausſtand voll Beduͤrfniſſe, die ihn anekelten. Und an dem allen doch kein Eigenthums⸗ recht! Fremd, ohne ſeine Wahl befand er ſich mitten darinnen, bloß von den ihm entſetzlich ſcheinenden Laſten dieſes Verhaͤltniſſes gequalt. Oft wenn er Abends ſeine Kammer betrat, wälzte er ſich vor Wuth und Verzweiflung auf der Erde und heulte ſeinen Zorn in ſchauerlichen Tönen aus. Hun⸗ dertmal beſchloß er ſein und Gronevelds Vermögen zu⸗ ſammen zu thun und davon zu gehen, um an einem andern Orte ſein wildes einſiedleriſches Leben wieder an⸗ zufangen. Aber der Geizige iſt durch den kleinſten Vortheil an die unerträglichſte Lage gebunden und iſt 5* 68 unfähig, zu einem Entſchluß zu kommen, da ihm wohl die Dinge vorgaukeln, die er haben moͤchte, er aber ſich dennoch zentnerſchwer gefeſſelt fuͤhlt durch die Furcht, etwas von dem zu verlieren, was er ſchon ſein nennt. So ertrug er beim Erwachen, wenn ſeine Geſchaͤfte ihm ſogleich einfielen, aufs Neue die Qualen ſeiner Um⸗ gebung, bis der Tod Groͤnevelds und der Wahnſinn ſeiner Gemahlin ihn zu dem Punct fuͤhrten, ſich andere Vortheile zuzugeſtehn. Bis dahin hatte er das ihm anvertraute Gut unan⸗ geruͤhrt liegen laſſen, und der Zweifel, der uͤber dieſen Punct in ihm herrſchte, war eine von den Martern, die ihn verfolgten. Denn indem ihn das teufliſchſte Geluͤſte reizte, dies Vermögen unterzuſchlagen, beſchlich ihn immer wieder ein Grauen, wenn er ſich den Beſitz ausmalte, und er verwuͤnſchte namentlich, daß es die⸗ ſer Familie angehoͤrte, gegen die er eine ſo unbezwing⸗ liche Schwäͤche fuͤhlte, wie er es nannte, und immer noch fehlte ihm der Muth des wahren Verbrechers, der ſein Gewiſſen nicht mehr fuͤrchtet. Auch war es dies nicht allein, was ihn abſchreckte, denn er hatte durch die Anſammlung von kleinen Ver⸗ gehungen dieſe im Geheim dem Boͤſen entgegenwir⸗ kende Macht ſchon hinlaͤnglich entkraͤftet, um endlich ihr gaͤnzliches Verſtummen hoffen zu koͤnnen; es war eben 69 ſo ſehr die Furcht vor Suſa's Kenntniß der Sache, wie andern Theils das Ungeſchick, was er fuͤhlte, mit ſo großen Mitteln auch die rechte Stellung dafuͤr zu finden. Der heimliche Wucher, den er trieb, das Beluͤgen und Betruͤgen der Andern, die Niedrigkeit, in der er ſich erhielt und die ſo wenig koſtete, das waren ihm ſo reizende Situationen, daß er an dem großeren Genuſſe offen zur Schau ſtehender Reichthuͤmer zweifelte. Und doch war mit der Beſitznahme eines ſolchen Vermoͤgens dies unvermeidlich, und dieſer Kampf zehrte ihn bei ſeinen wilden Trieben faſt auf. Als der Tod Groͤnevelds und die Wirkung auf ſeine Gemahlin eintrat, uͤberſah er augenblicklich alle ſich ihm dadurch faſt aufnöthigenden Vortheile. Er konnte ſich jetzt ſogar uͤberreden— was er nicht unterließ— er muͤſſe nun Vaterſtelle an der Waiſe vertreten und ihr Vermögen verwalten, obwohl es nur der Frage bedurft hätte, ob er geſonnen ſei, es ihr dereinſt auch auszu⸗ zahlen, um den jähen Blitz, der ihm das Nein ſeiner Seele gezeigt hätte, in das ſchwarze Vorhaben zu ſen⸗ den. Es war ein fuͤrchterlicher Augenblick, als er das Erbe des Geächteten, nachdem er es ſo oft in Gedan⸗ ken geraubt hatte, nun wirklich ergriff, und zu den Maafßregeln ſchritt, die ihm endlich die vorerwaͤhnte 70 Stellung als wirklich vereideten Kaufmann von Am⸗ ſterdam zuertheilten. Suſa hatte zu dieſer Zeit aufgehoͤrt, eine gefurch⸗ tete Beobachterin ſeines Treibens zu ſein, denn ihr von Schmerz beladenes Herz hatte alle Aufmerkſamkeit auf ihre wahnſinnige Gebieterin gerichtet und entzog ſelbſt der kleinen Angela einen Theil der fruheren Sorgfalt. An dieſen letztern Umſtand knupfte ſich ein neues unerwartetes Verhaͤngniß fuͤr Jakob van der Nees an. Suſa, die das arme kleine Mädchen nicht immer Zeuge von dem Wahnſinn der Mutter wollte ſein laſſen, hatte für ſie von kleinen Stecken mit daran geknuͤpften Fä⸗ den eine Art Gehege gemacht, wo hinein ſie das arme Weſen auf eine Decke ſetzte und ſie bedrohte, oder durch Bitten bewog, nicht aus dieſem Bereich heraus zu kommen. Allein gelaſſen und von wenigen kleinen Spielereien ſchlecht unterhalten, fing das Kind oft bitterlich zu wei⸗ nen an und ſchaute betruͤbt nach der Thuͤr, aus der Suſa verſchwunden war. Da traf es ſich einſt, daß Jakob zu derſelben Thuͤr hereintrat und das arme Kind, froh uͤber ein Menſchen⸗ antlitz, und an ſein Geſicht läͤngſt gewoöhnt, zu lächeln begann und die Aermchen nach ihm ausſtreckte. Jakob blieb ſo erſchrocken vor der verſtändlichen Zu⸗ 1 muthung der Kleinen ſtehen, daß er bis zur Stirn roth wurde. Er ſetzte ſich, etwas naͤher tretend, in einiger Entfernung von ihm nieder und vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben ſah er das verlaſſene Kind an, das er beraubt hatte. Gott wollte, daß ihm dies einfiel. Es ging dabei eine große Erſchuͤtterung in ihm vor; es rang die Haͤnde und gebärdete ſich ganz ungeſtum. Angela war aber da⸗ durch unterhalten und lachte, und lallte ſeinen Namen, und ſtreckte immer wieder die Arme nach ihm aus und draͤngte gegen das kleine Gehege, um ihn zu erreichen; dadurch ſtrauchelte ſie, fiel und verletzte die Wange an einem der Stäbe ſo, daß ſie blutete. Dieſer Anblick brachte Jakob in Verzweiflung. Er ſturzte neben ihr nieder und nahm ſie vom Boden auf. Zuerſt im Leben hatte er vielleicht ein Kind im Arme, und dies Kind ſchmiegte ſich an ihn und er mußte es — verlaſſen und allein damit— zu beruhigen ſuchen. Gewiß konnte Jakob van der Nees nichts Wichtigeres erleben, denn er fuͤhlte plötzlich wie ein guter Menſch. Er weinte auf eine gräßliche Weiſe mit dem Kinde um die Wette— er druckte es an ſich— er lief damit um⸗ her— er dachte nicht an die kleine Wunde— an Mittel dagegen— er war wie berauſcht von dem, was er fuhlte, zuerſt im Leben fuͤhlte! Er fiel mit dem Kinde auf ſeine 72 ſtarren Knie— wie die Seele im Fegefeuer ſchrie er zu Gott um Gnade— er ſchwur bei ſeiner Seele Seligkeit, er wolle das Kind nicht berauben— er nannte, ſich ſelbſt unbewußt, die lang verkappte That beim rechten Namen, und rief immer fort, ſie ſolle Alles haben, was er beſaͤße, ſein Eigenthum dazu! Und das Kind beruhigte ſich, zerſtreut durch das Um⸗ herſpringen Jakobs, durch ſein lautes Geſchrei, durch ſein merkwuͤrdiges Weinen und daß er ſie dabei liebkoſte; und ermuͤdet vom Weinen ſenkte ſie das blonde Locken⸗ köpfchen und plötzlich waren alle ſeine Bewegungen ge⸗ bunden, denn das Kind ſchlief. Wie unbegreiflich ͤber⸗ raſchend kam es ihm vor, daß dies kleine huͤlfloſe Weſen ruhig auf ſeinen Armen eingeſchlafen war. Aber er fuͤhlte davon eine Einwirkung, die ihn in einen faſt träumenden Zuſtand verſetzte. Ein ſchlafendes Kind, ſagt man, habe zwei Engel bei ſich, einen,— der mit ihm ſpiele, den andern, der die Menſchen beſchwichtige, daß ihm kein Leid geſchehe. Jakob fuhlte ſich in wunderbarer Geſellſchaft und ward ganz ſtill, und dachte an gar nichts, als daran, ob er das Kind recht halte und ob er nicht noch leiſer athmen könne. Fuͤr die Dauer ſeines ganzen Lebens entwickelte ſich hier das beſte Gefuhl ſeines Herzens, und wenn es gegen die ſtaͤrkeren Verlockungen, deren er nur zu lange ſchon —— wlicii ———— 73 Gewalt über ſich gegönnt, nicht uberall Kraft behielt, ſich zu behaupten, ward es doch in dieſem felſigen Boden die Haſe, auf welcher einige beſſere Samenkoͤrner aufgingen. Erſt als Suſa ihre endlich ſchlafende Gebieterin ver⸗ ließ und leiſe zur Thuͤr hereintrat, ſah ſie die unerwartete Gruppe vor ſich, und Jakob war in dem Anblicke des ſchla⸗ fenden Kindes ſo vertieft, daß er die Eintretende nicht eher bemerkte, als bis ſie ihn anredete. Da erwachte er und häͤtte denken koͤnnen, ein Zauber habe ihn bethoͤrt. Seine rauhe Gewohnheit wollte ihn uͤberfallen, ſich das abzuſchuͤtteln, was ihm ſo fremd ſcheinen mußte; aber ſein verbannter Engel war ſchnell zuruͤckgekehrt und hatte ihm das kleine Zeichen gemacht, was ihn das eben Gewonnene nie wieder gaͤnzlich ver⸗ lieren ließ. Als er Angela der erſtaunten Suſa etwas beſchämt uberließ, blieb er zoͤgernd ſtehen und ſagte halb zankend und doch ganz leiſe, aber die Augen immer auf das Kind gerichtet:„Das arme Kind— Suſa, du ſorgſt nicht dafuͤr— es fehlt ihm— vielleicht— ſieh nur das duͤnne, kurze Röckchen!“ „Es iſt ſein einziges,“ ſagte Suſa truͤbe—„wenn ich es reinige, bleibt es ſo lange in ſeinem Bett, und weint dann immer ſehr.“ Jakob verzerrte ſein Geſicht und Suſa wußte nicht 74 ob er weinen oder lachen wollte— er huͤpfte ein paar Mal in die Pöhe und ſchlug gegen ſeine Taſche— er ward roth und blaß und ſeine Augen irrten im Zimmer umher, als fuͤrchte er Beobachter— endlich preßte er Suſa's Hand, daß ſie kaum einen Schmerzensſchrei be⸗ wältigen konnte und ſchrie wild, aber immer noch leiſe: „Suſa, ſchaff' ihr ein neues, warmes Kleid— ein recht liebes, ſchones Röckchen— aber ſei vorſichtig,“ fuhr er haſtiger fort—„geh nicht nach einem großen Laden— dinge vorher— nimm auch nicht zu viel— das Kind iſt klein— und wächſt— bald kann ſie es nicht mehr tragen.“ „Ja,“ erwiederte Suſa,„aber Geld, Herr! Geld fur Kleider habe ich nicht uͤbrig; die Nahrung ver⸗ ſchlingt Alles!“ „O Suſa! warum willſt du es leugnen, daß du noch mehr haſt, als du angiebſt— du biſt verſchlagen, du kannſt es gut verbergen— ich habe nichts finden können, ſetzte er ſich verrathend hinzu.. Suſa lächelte ſchwermuͤthig und ſagte:„Bald iſt das Wenige, was die Herrin mitbrachte, verzehrt, und dann muͤßt ihr-Rath ſchaffen, denn verhungern können wir nicht, daran denkt bei Zeiten.“ Ein Schrei, von dem Angela erwachte, entriß ſich Jakobs Munde, als er dieſe Worte hoͤrte und ein 75 ſchneller Anfall von Wuth gab ihn ſeiner alten Natur wieder hin. Drohungen, Verwuͤnſchungen entſprudelten ihm und die graͤßlichſten Schwuͤre, weder geben zu wollen, noch zu koͤnnen. Da faßte ihn Suſa dies eine Mal mit der Kraft des Zorns an dem ſtarken Arme und nöthigte ihn, ſtill zu ſtehen— dann bohrte ſie ihm ihre ſtarren, kummervollen Augen in die Seele und ſchrie mit heiſerer, bebender Stimme:„Huͤte dich, Räuber! ich weiß, daß du uns ernähren kannſt!“ Die feige Seele des Geizigen haͤlt nur ſo lange den Trotz feſt, bis er fuhlt, der Andere hat Macht, ihm ſeinen Beſitz zu verkuͤrzen. Lauernd blieb Jakob ſtehen und unſicher überlief er die zuͤrnende wackere Magd.„Was träumt dir?“ ſagte er verzagt; denn nachgerade hatte er ſich uͤberredet, Suſa, welche immer ſchwieg, ihn nie hatte ahnen laſſen, wie weit ihre Kenntniß reichte, wiſſe vielleicht nichts und er habe unnuͤtze Furcht genährt. Jetzt konnte er ſie nicht mißverſtehen und er wußte gleich, mehr durfte er ſie nicht reizen, wenn er eine Er⸗ klärung abhalten wollte, die ihm fuͤrchterlicher, wie alles Andere ſchien, weil er dann keinen Hinterhalt mehr hatte. „Iſt das eine Art, von mir den Lebensunterhalt zu fordernk“ ſprach er, jetzt nur anſcheinend noch ſcheltend— „denkſt du, ich werde euch hungern laſſen, ſo lange ich ſelbſt noch arbeiten kann? Darf ich mir aber gefallen laſſen, daß man mir mit Unverſchämtheit begegnet?“ Suſa hatte ihre Energie ſchon wieder verloren. Eine tiefe Furcht, ein unbezwingliches Grauen ſchloß ihr den Mund auf's Neue— ja ſie bereute vielleicht, ſich dem entſetzlichen Menſchen verrathen zu haben. Als er ſah, daß ſie ſchwieg, wuchs ihm der alte rohe Muth und ſeine Augen blitzten, denn er hatte ſich müſſen ſagen laſſen, daß er ein Raͤuber war, und er kannte zwar nicht die Ehre, aber er kannte den durch dieſe Worte an⸗ gegriffenen Beſitz. Ihn geluͤſtete nach Rache und er uͤberlegte und wußte, daß er Suſa niederſchlagen konnte mit dem Schwingen der Fauſt, die er ſchon geballt hatte. Sie ſah ihn nicht an, ſie bewegte ſich nicht; todtenblaß mit geſenktem Kopf ſtand ſie in ſo tiefen Gram verſun⸗ ken, daß er ſie umſonſt durch drohendes Näherruͤcken zu erſchrecken ſuchte. Dies reizte den Feigen immer mehr — und gewiß lag ihr ganzes Schickſal auf ſeinem Ge⸗ ſicht; denn jetzt blickte Suſa auf und ſtieß einen lauten Schrei des Schreckens aus, ergriff das vor ihr auf dem Tiſche ſitzende Kind mit beiden Armen und wollte ent⸗ fliehn. Aber das Kind wollte nicht fort und ſtreckte die 77 Händchen nach Jakob aus, der, ſo wie er ſie anſah, das eben gelernte Gluck ihres Beſitzes ſich wieder regen und alle rohen Triebe niederſinken fuͤhlte. „Thu' dem Kinde nichts!“ ſchrie er wie im letzten Nachhall ſeines Zuſtandes—„das arme Wuͤrmchen ſoll von deiner Bosheit nicht leiden.“ Er nahm es ihr ab, und Suſa ſah mit Erſtaunen, wie Angela ſeinen Hals umfaßte und ſich an ihm feſthielt. Sie ſchwieg zwar, aber ſie faltete die Haͤnde und brach in Thränen aus und ſo beherrſchte den ungluͤckli⸗ chen Jakob das kaum empfangene Gefuͤhl, daß er auf's Neue in ein kurzes gräuliches Weinen ausbrach. Er ſetzte das Kind auf den Tiſch, wo es mit einem alten zerbrochenen Topfdeckel ſpielte, und mit krampf⸗ haftem Zucken in ſeinen tiefen Weſtentaſchen grabend, holte er mehrere große Geldſtuͤcke heraus und ſagte: „Hier, Suſa! hier ſchaff' dem Kinde ein Kleid, daß es nicht liegen muß, wenn du das hier waſchen willſt.“ Dann ſtuͤrzte er plötzlich wie gejagt aus dem Zimmer, und Suſa hoͤrte, wie er in großen Sätzen den Gang nach ſeiner elenden Kammer zuruͤcklegte. Von da an war Jakobs Weſen getheilt und er hatte eine weiche Seite, die Suſa bald mit weiblicher Schlau⸗ heit zum Nutzen ihrer Anbefohlenen gebrauchen lernte. Er gewoͤhnte ſich, an den Mahlzeiten Theil zu nehmen, 78 weil Angela jauchzte, wenn er eintrat, und neben ihm ſiben wollte und von ihm bedient ſein. Die Kämpfe, denen er unterlag, wenn Suſa Geld forderte, endeten, wenn die naͤchſte Mahlzeit ſo durftig war, daß Angela vor Hunger weinte— dann ſtieß Jakob oft ſelbſt eine Art Angſtgeſchrei aus und ſchuͤttete Geld ohne zu zählen vor Suſa hin. Aber wenn die Nacht kam und das Kind ſchlief, duldete es ihn nicht auf ſeinem Lager; er durchſchlich das Haus, um das Geld zu ſuchen, was er ihr gegeben, und bis zu ihrem Bette kam die graͤß⸗ lich drohende Geſtalt, und zitternd erwartete ſie oft den Todesſchlag, der ihm wieder zu nehmen geſtattete, was er wohl wußte, daß ſie verſteckt hielt. Aber Suſa hatte den einzig ſichern Ort dazu gewaͤhlt, und das war An⸗ gela's kleines Bettchen. Dies, war ſie ſicher, beruͤhrte er nie. Hatte er Alles durchſucht und nichts gefunden und ſein Inſtinet fuhrte ihn zu dieſem Puncte, ſo verlor er den Muth, ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen; ja! zu Zeiten, wo der Mond ihm geſtattete, ſeinen Liebling zu erkennen, ſah ſie ihn mit abgöttiſchem Entzucken vor dem Bettchen niederfallen, ſeine Finger kuͤſſen und es belauſchen in ſeiner unſchuldigen Ruhe. Faſt jedes Mal war es dann mit den Nachforſchungen vorbei und ſie hoͤrte ihn oft laut ſchluchzend ſeinen Ruͤckweg antreten. Aber dies hinderte nicht, daß er nun jeden Tag die Ver⸗ 79 wendung des Geldes tadelte und beklagte, daß er die arme Suſa an den Vorräthen beſtahl, die ſie einholte; ihr Vorwuͤrfe machte uͤber den ſchnellen Verbrauch, und ihr das, was er ihr geſtohlen, wieder zum Verkauf an⸗ bot, um ihr ſo einen Theil des gegebenen Geldes wieder zu entlocken. Suſa wußte das Alles; aber ſie mußte es ruhig dulden, denn ſie hatte keine Mittel, ihre und der Mit⸗ leidenden Lage zu ändern, und das Kind mit ſeiner Ge⸗ walt uber ihren Peiniger ſchutzte ſie wenigſtens gegen den Hunger, und ſo ſchleppte ſie die Tage hin, die, von der ſchwerſten Arbeitslaſt erfullt, ihr wenig Zeit zur Ueberſicht des ganzen Zuſtandes ließen. Daß bei Jakob van der Nees Frauen wohnten und ein Kind— das wußten die Nachbaren laͤngſt; aber vorſichtig hatte er ihnen dennoch den Zeitpunct dieſer Veränderung zu verbergen gewußt, und ſo blieben zwar die Bemerkungen uͤber den Ruf des van der Nees weder aus, noch ſtellten ſie ſich guͤnſtig— aber doch gefahrlos fur die Betheiligten. Angela war ziemlich ſpät in einer fernen Kirche auf den Elternnamen von Suſa— Altkomm— getauft worden. Die arme zuͤchtige Magd hatte den Verdacht ihrer Unehre ruhig hingenommen und Jakob hatte man fuͤr den Vater gehalten. „ 80⁰ Sah man die noch ruͤſtige jugendliche Magd durch die kleine Hausgaſſe, die ſorgfältig mit dem Gitter ver⸗ ſchloſſen war, ausgehn, ſo hielt man ſie fur die Geliebte Jakobs und beneidete ihr Loos nicht, weil alle Nachba⸗ ren ihn nachgerade als Geizhals kannten. Ihn ſelbſt aber zu necken oder auszuforſchen, lief immer ſchlecht ab, weil er eine wuͤthende Grobheit beſaß und die Zungen⸗ fertigkeit roher Ruckſichtsloſigkeit. Dennoch ſahen die Nachbaren gegenuͤber mit viel groͤßerer Neugier in dem holzernen Laubgang der Gal⸗ lerie eine hohe ſchlanke Geſtalt, die bei noch jugendlichen Zuͤgen weißes Haar hatte und doch alle Spuren großer Schoͤnheit. Bei mildem Wetter fuͤhrte die Magd ſie auf die Gallerie und bereitete ihr einen Sitz, und da ſahen die Nachbaren das bleiche Engelsbild mit dem ewi⸗ gen Laͤcheln auf dem ausdrucksloſen Geſichte, oft unver⸗ ruͤckt den ganzen Tag unbeſchaͤftigt vor ſich hinblickend ſitzen, oder ein kleines, ſchwächliches Mädchen, was zu ihren Fuͤßen ſpielte, liebkoſen. Was auch fuͤr Gedanken dem Beobachtenden kom⸗ men mochten, es war uͤberhaupt eine unſichere Zeit. Verfolgung, Ungerechtigkeit und Kraͤnkung an allen be⸗ ſeſſenen Gerechtſamen klopften an jede Thuͤr— und daraus entſtand ein ſtilles Uebereinkommen, daß jeder Buͤrger geneigt war den andern ſchuͤtzen zu wollen, und ein Hauptubel— die Schwatzhaftigkeit— ſich in der allgemein unſicheren Zeit verlor. Später hatte man ſich daran gewoͤhnt, und da alle Verſuche, das Haus zu betreten, fehlſchlugen, uͤberließ man Jakob van der Nees und ſeine geheimnißvollen Mitbewohner ohne wei⸗ tere Verfolgung ihrem Schickſal. Zur Zeit, wo wir dies wenig erfreuliche Hausweſen wieder finden, war Angela, wie geſagt, zehn Jahr, und ſo unwiſſend Suſa ſelbſt war, wußte ſie doch ſehr wohl, daß Mädchen von Angela's Stande lernen muß⸗ ten. Angela konnte aber weder leſen noch ſchreiben, und ihre ganze Bildung beſchraͤnkte ſich auf die Geſchick⸗ lichkeit, die ihr die Natur gegeben, und die ſie Alles thun und begreifen ließ, was man ihr uͤberlaſſen wollte. Doch fehlte es ſelbſt in den meiſten Fächern weiblicher Kuͤnſte an jedem Unterricht, denn Suſa hatte zwar fein Nähen, Spitzen kloͤpfeln und noch manche andere weib⸗ liche Geſchicklichkeit verſtanden, aber wo ſollte jetzt die Zeit dazu herkommen und das Material, da das Geld, was ihr Jakob gab, ja kaum fuͤr die Beſtreitung der rohſten Beduͤrfniſſe hinreichte— und Suſa mit der Pflege von Mutter und Tochter, mit den ihr dabei obliegenden haͤuslichen Arbeiten und dem Säubern und Ausbeſſern der Kleider mehr denn genug zu thun hatte. Jakob v. d. Nees. l. 6 So war denn dies der vorliegende Streitpunct gewor⸗ den zwiſchen Jakob und Suſa; denn wie ſehr auch das niederbeugende Leben, zu welchem letztere verdammt worden, ihren Geiſt nachgrade abgeſtumpft hatte, war ihr doch ein ſo ſtrenges religiöſes Pflichtgefuͤhl einge⸗ praͤgt, und dieſes in den Leiden, die ihr auferlegt wa⸗ ren, eher zu groͤßerer Entwickelung gelangt, als daß ſie nicht zu Zeiten ſowohl die Dumpfheit ihres Geiſtes da⸗ mit zu uͤberwinden, als ihrem gefurchteten Peiniger ent⸗ gegen zu treten vermocht hätte. Sie forderte alſo, der armen kleinen Angela ſolle Le⸗ ſen und Schreiben gelehrt werden und eine ordentliche chriſtliche Religion, wie die ihrer Eltern, womit ſie die der Arminianiſchen Secte meinte. Sie verlangte, Jakob ſolle dazu den geneigten Lehrer ſuchen, und das Kind ſolle entweder zu einem ſolchen täglich hingefuͤhrt werden, oder dieſem das bis jetzt allen Menſchen verſchloſſen ge⸗ bliebene Haus geoͤffnet werden. Hätte man auf Jakob van der Nees ein Piſtol ab⸗ gefeuert, er hätte ſich nicht tödtlicher getroffen fuhlen können, als bei dieſer ernſten und ſtrengen Eröffnung der armen traurigen Magd. Mit der Habſucht eines Geizigen hatte er fuͤr Angela, das Kleinod ſeines Herzens, das einzige rein menſchliche Gefuͤhl, was in ihm aufgekommen war, feſt gehalten, 83 und wenn er ſie verlaſſen mußte, die ſchweren eichenen Thuͤren geſegnet, die ſich fuͤr Niemand öffneten, und mit liſtigen Andeutungen bei Suſa die Furcht vor Gefahr und Verfolgung unterhalten, um dieſer einzigen, von der er klarere Einſicht zu befuͤrchten hatte, jeden Verkehr mit der Außenwelt abzuſchneiden. Dies war ihm Alles zehn Jahre lang wohl gelungen; denn Suſa hatte theils im Hauſe genug zu thun, um wenig nachzufragen, theils verleitete ſie ihre Unwiſſenheit, den Befurchtungen Glau⸗ ben zu ſchenken, welche die eigene Erfahrung, die ſie im Pauſe Barneveldts gemacht, beſtätigten. Ploͤtzlich fand nun Jakob die alten Mittel gegen Suſa's Pflichtgefuͤhl unwirkſam geworden. Sie blieb dabei, daß Angela im Leſen und Schreiben und in der chriſtlichen Religion unterrichtet werden ſolle. Nachdem er ihr alle Gefahren rieſengroß vorgemalt, mußte er ge⸗ wahren, daß dies gerade anfing, entgegengeſetzt zu wirken. Prinz Moritz war geſtorben. Sein edler, milder Bruder Friedrich von Naſſau hatte ſeinen Platz einge⸗ nommen und Niemand wollte jetzt noch an Verfolgung und harten Druck glauben, und Alle bis zu den Gering⸗ ſten waren voll Hoffnung eines neuen beſſeren Lebens, und davon hatte Suſa auf dem Markt und in den Lä⸗ den auch erfahren. Erſchrocken ſah Jakob ein, daß, wenn er ihr groͤßeren Widerſtand entgegenſetzte, ſie zu groͤßeren 6* Wagniſſen verleitet werden könnte, und ſie abzuſchließen und von dem geringen Verkehr mit Menſchen, den ſie hatte, abzuhalten, mit zu großen Schwierigkeiten verknuͤpft ſchien und bei der duͤſtern Entſchloſſenheit, die ſie zeigte, vielleicht ihn ſelbſt in Gefahr bringen konnte. Wie nah ihm dies nun auch den Entſchluß ruckte, in Suſa's For⸗ derung einzuwilligen, ſo war dieſelbe doch wie ein Ver⸗ ſuch auf Leben und Gut und Blut, und er mußte immer wieder darauf zuruͤckkommen, daß es ein Verſuch ſei, den er nicht machen konne. Er uͤberwand ſich nur nach den heftigſten Stuͤrmen und ſuchte Suſa durch andere Mittel hinzuhalten oder zu beruhigen. Er ſchlug ihr vor, den Unterricht im Leſen und Schreiben ſelbſt an Angela zu ertheilen; aber Suſa wollte darauf nicht eingehen, weil ihr der Unter⸗ richt in der Religion die Hauptſache war und mit dieſem konnte dann auch das Andere gleich verbunden werden, und dies fuͤhlte Jakob ſelbſt; denn— mußte er in dem einen Puncte nachgeben, dann war nichts gewonnen. Wie nahe ihm die Sache ging, war zu erſehn, da er an⸗ fing, Suſa weniger ſtreng mit Geld zu halten, ihr ein Regentuch ſchenkte und zuweilen eine greinende Freund⸗ lichkeit gegen ſie an den Tag legte, mit der er ſie zu be⸗ ſchwichtigen hoffte. Aber mit weiblicher Schlauheit erkannte Suſa nur darin ihr gutes Recht und die damit uͤber ihn erlangte Gewalt; und da ſie nach langem, vergeblichen Harren einſah, er werde nie die nothigen Schritte fuͤr Angela's Unterricht thun, faßte ſie eines Tages den fur ſie ſelbſt uͤberraſchenden Entſchluß, ſich eigenmaͤchtig Huͤlfe zu ſuchen. Suſa hatte unter ihren Handelsleuten Lieblinge, und da ſie bei ihren Einkäͤufen oft die Nachſicht der An⸗ dern noͤthig hatte, indem ſie jeden Artikel ſorgſam pruͤfen und bedingen mußte, ſo bedurfte ſie die Zuneigung der Menſchen, die ihr auch zu Theil ward, da man ſie ſo treu und redlich fand und Jeder wußte, ſie ſei in dem Hauſe des boͤſen Geizhalſes, des Jakob van der Nees. Da war denn vorzuͤglich eine Bäckerfrau, zu der Suſa Vertrauen gefaßt hatte, obwohl dies nie bis zu Mitthei⸗ lungen uͤber ihre Verhältniſſe ging. Die gute Frau Lievers beſaß ein kleines, eignes Haus von einem Stock⸗ werk mit einigen Manſardenſtuͤbchen, die ſie gelegentlich vermiethete. Den Vorderraum nahm das Bäckerhand⸗ werk ein; aber nach dem Luſthof zu lag die Stube zur Ruhe; dieſe war gemächlich und wohlhabend eingerichtet, und die große Reinlichkeit des ganzen Hauſes hatte hier ihren Höhepunct erreicht. Wenn wir etwas ſuchen, ſo ſcheint es haͤufig, daß uns Auge und Ohr erſt aufgehn fuͤr die Dinge, die 86 wir nöthig haben und an denen wir vielleicht ſchon lange voruͤbergingen, ohne ſie zu gewahren. So kam es, daß Suſa jetzt ſchon zweimal einem jungen Geiſtlichen begegnet war, der die kleine, braune, eichene Treppe, welche zu den Manſarden fuͤhrte, her⸗ unter kam, gerade wenn Suſa Brod kaufte oder Mehl. Er ſah ſo ſtill und milde aus und gruͤßte ſo freundlich die Frau Lievers, wenn er ſein ſchwarzes Prädikanten⸗ kleid zuſammen nahm und an den feindlichen Mehlton⸗ nen voruͤberſtrich, daß in dieſem Gruße ſchon die Guͤte ſeines Herzens ausgedruͤckt war. Nun hatte Suſa vielleicht ihn ſchon oft daher kom⸗ men ſehen, aber vertieft in ihren Gram und in der An⸗ gewöhnung, mit Niemand zu reden, um ſelbſt ſo unbe⸗ achtet als moͤglich zu bleiben, war ihr die ganze Erſchei⸗ nung verloren gegangen. Nach dem vorerwaͤhnten Entſchluſſe, ſich nun ſelbſt zu helfen, ſtand ſie eines Morgens in dem Laden der Baͤckerin und dieſe ſagte, durch das tief bekuͤmmerte Ge⸗ ſicht Suſa's aufgeregt:„Suſa! Suſa! ſie zieht ſich was zu Sinn— der Gram ſchnuͤrt ihr das Herz vom Leibe ab— das thut nicht gut— ſie muͤßte was leichter Blut haben.“ „Ach, Frau!“ entgegnete dieſe, und ein paar Thra⸗ nen ſtuͤrzten aus ihren Augen—„es hat alles ſein 87 Maaß— und fuͤr den wird's am ſchwerſten, der ſtill halten muß und doch einſieht, die Huͤlfe wär' an der Zeit!“ „Nun,“ entgegnete Frau Lievers—„es geſchieht uns ofter, die wir aufwachſen unter der täglichen Laſt, daß uns der Rath ausbleibt, wenn der Gram kommt und wir der Huͤlfe beduͤrften. Hat ſie denn gar Nie⸗ mand, der ihr beiſtehen thut, wo's Verſtand koſtet?“ „Nein!“ ſagte Suſa—„ich hab' gar Niemand in der Welt, auf deſſen Verſtand und Herz ich nur ſo viel Vertrauen ſetz', als dies Mehlſtäubchen werth iſt.“ Dieſe Wahrheit nöthigte der armen Verlaſſenen ei⸗ nen bittern Thraͤnenſtrom ab; denn ſie hatte nun ein⸗ mal der Erweichung nachgegeben, was ihr ſelten kam. Den Regenmantel vor die Augen haltend, hoͤrte ſie ploͤtz⸗ lich hinter ſich eine ſanfte Stimme ſagen:„Sollte die arme Kranke, Frau Hoope, ſchicken, ſeid dann ſo gut und laßt es mir durch den Knaben nach dem Seminar ſagen; ich gehe dann noch vor der Mahlzeit hin, die arme Frau hat den Troſt ſo noͤthig.“ „Ganz rcht, Hochwuͤrden! Soll Alles beſorgt werden— Gott ſegne ihr mildthätig Herz!“ Indem ließ Suſa den Regenmantel fallen und blickte mit ihren in Thraͤnen ſchwimmenden Augen zu dem jungen Geiſtlichen auf, der bereits vor ihr ſtehen 88 geblieben war und deſſen fragend theilnehmendem Blick ſie jetzt begegnete. Im ſelben Augenblick wußte Suſa, daß dies der Rechte ſei. Aber zu lange von allem Verkehr mit Per⸗ ſonen höheren Ranges entfremdet, wußte ſie ihren Ge⸗ fuͤhlen keine Worte zu geben. Der junge Geiſtliche aber war geuͤbt, die Stimmungen der Seele zu erra⸗ then, und er fragte daher ſeine Wirthin, ob die arme Frau vor ihnen, Gram habe. „So ſcheint es,“ ſagte dieſe—„und Hochwuͤrdi⸗ ger möchten wohl gut thun, das kranke Herz zu erleich⸗ tern, denn ihr wird das Vertrauen ſchwer!“ Damit öffnete ſie eine ſtarke eichene Thuͤr, die noch außerdem ein Vorhang deckte, und waͤhrend ſie Suſa den Regenmantel abnahm, lud ſie beide ein, in das kleine zierliche Ruhezimmer zu treten, was auf den rein⸗ lichen Hof mit zwei ſchattigen Baͤumen und einem Blu⸗ mengeſtell hinſah. Als ſie hier Beide zum Sitzen genoͤthigt, ging ſie zur Bedienung ihres Ladens zuruͤck, und Herr Harſens, der nun Suſa's Zuſtand näher beobachtete, that liebevoll eine und die andere Frage, um der jetzt maaßlos gewor⸗ denen Erweichung des armen Madchens eine Ableitung zu geben. Endlich brachte Suſa ſchluchzend die Worte hervor: 89 „Sagt, Herr, ob ihr mir helfen wollt— ob ihr wollt— ob ihr wollt?“ „Gern! gern, arme Frau,“ ſagte Harſens—„ſo⸗ bald meine geringen Kräfte ausreichen und mein guter Wille!“ „Ja!“ ſchluchzte Suſa—„aber ihr muͤßt das ge⸗ wöhnliche Gewand des Menſchen austhun; wenn ihr mir helfen wollt, und wenn ihr nicht anders, ganz anders als die Andern ſein wollt, ſo helfe mir Gott, aber ihr werdet es nicht können!“ Etwas verlegen ſchwieg Harſens einen Augenblick— dann ſagte er milde:„Liebe Frau! es ware Vermeſſen⸗ heit, wenn ich, der ſuͤndige Menſch, auftreten wollte und mich uͤber meine Bruͤder erheben, indem ich ver⸗ ſpräche, beſſer als alle Andern ſein zu wollen. Aber vielleicht uͤbertreibt euer großer Schmerz die Bedingun⸗ gen; vielleicht reicht ein Menſch zu, der redlichen Wil⸗ len hat und um der Liebe Chriſti gern ſeinen Bruͤdern nachwandelt, wenn ihr Weg ſchwer und voll Verſu⸗ chung iſt!“ „Herr!“ rief Suſa, welche ihre thranenſchweren Augen auf ſeinem milden Antlitz wurzeln ließ—„Ihr ſeid demuͤthig! ihr ſeid der Rechte!“ „Ach!“ ſagte Harſens—„ſetzt die Krone aller chriſtlichen Erkenntniß nicht ſo ſchnell auf meine Stirn!“ 9⁰ Doch Suſa uberhoͤrte das.„Herr!“ rief ſie, ſich vorbiegend—„ſeid ihr uneigennuͤtzig wie die Sonne am Himmel, die Alles giebt und nichts empfaͤngt— ſeid ihr ohne Neugier— könnt ihr ſchweigen wie das Grab?“ Der Geiſtliche ſchlug einen Augenblick die Augen zur Erde— von dieſen Suͤnden fuͤhlte er ſich rein und konnte bei aller Demuth doch die freudige Zuſage ſei⸗ nes Herzens nicht üͤberhoͤren. Dann ſagte er ſanft: „Gott wird mich nicht verſuchen! Laßt euch nicht abhalten, mir zu ſagen, wie ich euch nuͤtzlich werden kann.“ „So hoͤrt!“ ſagte Suſa feierlich—„Es giebt hier ein Kind— ein Mädchen von zehn Jahren, uͤber die Gott— ihr unbewußt— ein ſchweres Loos verhängt hat. Dies Madchen iſt zwar getauft, aber in der Taufe ſchon grauſam beraubt worden— dann iſt ſie aufge⸗ wachſen in Druck und Elend und außer was eine ſo ge⸗ ringe Magd als ich ſelbſt ſie zu lehren vermochte— hat ihr Ohr keine Lehre gehoͤrt. Sie weiß von der Kunſt der Schriftſetzung nichts— ſie kennt die Buchſtaben nicht, und alle heiligen Bucher ſind fuͤr ſie umſonſt da, und das Chriſtenthum iſt ihr ſo fremd als alle andern Freuden des Lebens!“ Harſens hob Aug' und Haͤnde zum Himmel und 91 ſagte:„Warum habt ihr euch an der euch anvertrau⸗ ten Unſchuld ſo vergangen?“ „Ich nicht, Herr!“ erwiderte Suſa, zu ihrer ſtarren Faſſung zuruͤckgekehrt—„ich nicht, Herr! Gott hat viel Anderes waͤhrend dem von mir gefordert, und ich mußte froh ſein, daß ich ihr das Leben friſtete.“ „Ich muß euch eurem Gewiſſen uͤberlaſſen,“ fuhr Harſens milde fort—„und jedenfalls wollt ihr, wenn ich euch recht verſtehe, jetzt das ſchwer Verſäumte nach⸗ holen und fordert dazu meinen Rath.“ Rath! Herr!“ rief Suſa—„nein, euer Rath muͤßt ihr ſelber ſein— euch fordere ich dazu. Nun ich euch gefunden, kann ich euch nicht wieder frei ge⸗ ben, denn ſo wie ihr beſchaffen ſeid, muß der ſein, der mir hilft— aber ſelbſt!“ „Auch dazu bin ich bereit, arme Frau, und es kommt nur auf euch an, mir zu ſagen, wenn ihr meine Huͤlfe fordert, und wie ich ſie anwenden kann.“ Suſa ſeufzte tief.„Ach das iſt ſchwer zu ſagen! Aber hoͤrt erſt. Ihr duͤrft nicht daran denken, es um Lohn zu thun, denn ich weiß nicht, ob ihr ihn je em⸗ pfangen werdet, ſicher aber jetzt nicht. Dann duͤrft ihr nie forſchen, wer das arme Kind iſt, das ich euch anvertraue— wie ihr es bekommt, ſo denkt, es ſei ein Geſchenk des Heilandes; denn ſo wird es ſein. Auf welche Weiſe ich nun das arme Geſchöpf in eure Haͤnde liefern werde, weiß ich noch nicht. Aber wollt ihr, wenn es mir gelingt, in Alles willigen, was ich eben forderte?“ „Das will ich,“ ſagte Herr Parſens feſt—„denn was ihr fordert, hat noch nie eine chriſtliche Handlung verhindert, die der Herr mir auferlegte— und ihr werdet wohl thun, eure große Aufregung zu beherr⸗ ſchen, welche mit daraus entſtehen mag, daß ihr euch fuͤr allein ungluͤcklich haltet, welches immer eine ſehr falſche Stellung zu Gott und zu der Welt giebt, und eben ſo oft aus Unkenntniß der allgemein verbreiteten Menſchennoth entſteht, als aus einem Mangel an An⸗ theil fur die Schickſale Anderer, wodurch uns ihre Zu⸗ ſtaͤnde leicht geringer als die eigenen erſcheinen.“ „In welchem Fell der Suͤnde ich bin, weiß ich nicht,“ ſagte Suſa dumpf—„aber gewiß werdet ihr gut thun, mir gelegentlich das Chriſtenthum in Erin⸗ nerung zu bringen— und findet ihr mich dann zur beſſeren Erkenntniß gekommen, dann ſtärkt mich durch das Liebesmahl des Herrn, denn ich bin eine hungernde und durſtende Seele.“ Der junge Geiſtliche ſah nicht ohne Antheil den tief erregten Zuſtand der Leidenden, und weit entfernt, ein fanatiſcher Eiferer zu ſein, fuͤhlte er wohl, er habe es hier mit ungewohnlichen Lebensumſtaͤnden zu thun, welche er lieber erſt kennen wollte, ehe er das kranke Gemuͤth anzugreifen verſuchte. Auch erhob ſich Suſa und entzog ſich dem ferneren Geſpraͤch durch eiliges Davongehen; denn ihre Zeit war ſo knapp gemeſſen, daß ſie ſchon dies Geſpraͤch fuͤr zu lang geworden hielt. Suſa fuhlte vielleicht nur dunkel, daß ſie im Be⸗ griff ſtand, eine Kataſtrophe fur ihre bisherigen Ver⸗ haltniſſe herbei zu fuͤhren, denn ſie hatte weder große Naturgaben, noch waren ihre Gedanken zu klarer Ent⸗ wicklung gelangt. Aber in dem vorliegenden Falle er⸗ hielt es vielleicht ihren Muth aufrecht, daß ſie nicht vollſtäͤndig uͤberſah, wie ſchwer es Jakob nach dem bis⸗ her beobachteten Syſtem werden mußte, in ihre Forde⸗ rungen zu willigen; auch hatte er den gewoͤhnlichen Fehler der Tyrannen gemacht, er hatte Suſa zu un⸗ glucklich werden laſſen, ihr zu ſehr alle Hoffnung des Lebens geraubt, ſie hatte weder zu verlieren, noch zu gewinnen. Deshalb entſtand die feſte Empoͤrung in ihr dem Peiniger gegenuber, der zehn Jahre grenzen⸗ loſer Hingebung mit dem unermuͤdlichen Beſtreben be— zahlt hatte, ihr das Leben ſo ſchwer als moͤglich zu machen. Als Suſa am Abend in das gemeinſame Zimmer 94 trat, wo eine duͤſtere Lampe, kaum bis zum Ende des großen Tiſches, in deſſen Mitte ſie ſtand, ihr ſpärliches Licht verſendete, und wo Jakob ſeine Rieſenbuͤcher auf⸗ deckte, wenn Angela und die Mutter zu Bett waren, um ſeine Berechnungen zu machen— ſchaute Jakob er⸗ ſchrocken von ſeiner Arbeit auf, denn jede abweichende Bewegung Suſa's, welche er gewohnt war, wie ein Uhrwerk ihr ſchweres Tagewerk ablaufen zu ſehn, hemmte den Athem in ſeiner Bruſt, weil er es nie aus dem Auge verlor, daß ſie mit ſchweren Forderungen umging. Mit ihrer gewöhnlichen truͤben Kopfbeugung und der tonloſen Stimme, die ihre einſame Lage ihr gege⸗ ben, trat ſie an der andern Seite des Tiſches vor Jakob hin und ſagte: „Nees! die Huͤlfe fuͤr Angela iſt gefunden! Ich habe einen Geiſtlichen geſprochen, der das Kind unter⸗ richten wird, und ich will nur von euch erfahren, wie ihr es gehalten haben wollt, ob ich das Kind zu ihm bringen ſoll, oder er zu uns gelaſſen werden kann.“ Sie hätte noch mehr ſagen können, denn Nees hatte die Sprache verloren. Seine Augen draͤngten ſich aus der Höhle, ſeine Lippen waren ſo aſchfarben wie ſein Geſicht, und die Feder lag mit der vollen Dinte unbe⸗ achtet auf dem reinlichen Blatt. 95 Grade im ſelben Augenblick erhob ſich van der Nees langſam von ſeinem Sitz— die ſtarren Augen auf Suſa gerichtet, bog er ſich allmaͤhlig uͤber den Tiſch, und ſo oft ſie ihn auch in ſeiner ſchauderhaften Wuth geſehn, ſo furchtbar war er ihr noch nicht erſchienen; ihr erſter Gedanke war, er habe den Verſtand verloren, und es ſei um ihr Leben geſchehen. Sie ſchauderte zu⸗ ſammen, daß ihre Zähne klappten, und hielt ſich beide Hände vor die Augen. „Ungeheuer! Scheuſal!“ röchelte es dumpf an ihr Ohr—„fuͤhlſt du, was du verbrochen— fuͤhlſt du, daß dir die Strafe naht, die du ſelbſt herbeigerufen?“ Suſa ließ die Haͤnde von ihrem entſtellten Geſicht fallen und ſchrie laut auf. Jakob hatte in der krampf⸗ haften Wuth, die ihn verzerrte, die Fuͤße nachgezogen — er kroch eben uͤber den Tiſch wie ein zum Mord⸗ ſprung bereiteter Schakal. „Du willſt mich morden, Unmenſch!“ ſchrie Suſa —„und deine Schandthaten vollenden?“— Sie ſprang zuruͤck bis an die Wandz aber er war ihr in einem Satze nach, und jetzt brach eine Raſerei aus, die ihn gewiß bis zum Morde fortgeriſſen hätte, wenn nicht das ſchreckliche Geheul, das er ſelbſt dabei ausſtieß, und das Huͤlfeſchrein Suſa's, was dieſe aus natuͤrlichem Trieb der Erhaltung damit vermiſchte, obwohl ſie wußte, daß kein Menſch zu ihrer Rettung da ſei, zu laut und heftig geworden wäre, um die Scene nicht im gefahr⸗ vollſten Augenblick zu verändern. Er hatte Suſa wie einen Halm zur Erde gebogen — ſeine Fauſt donnerte auf ihrem Ruͤcken— ſeine Fuͤße hielten ſie nieder und er ſah und hörte nicht und war ſich deſſen nicht mehr bewußt, was er that. Da kehrte dies im Wahnſinn der Wuth untergegangene Bewußtſein zuruͤck, in dem Augenblicke, als er einen andern zarteren Gegenſtand unter ſeinen Faͤuſten fuͤhlte und das Schmer⸗ zensgeſchrei nicht mehr aus Suſa's, ſondern aus dem Munde des einzigen Weſens drang, was ihn bezwingen konnte. Im ſelben Augenblicke ſprang er entſetzt zuruͤck. Heiliger Gott! die mißhandelnden Hände hielten Angela, das Kind ſeines Herzens, aber blutend, mit entſtellten Zu⸗ gen und wie es ſchien, ohne Leben. Rieſengroß ſtand jetzt der Gedanke vor ihm, er ſei ein Moͤrder— ein doppel⸗ ter Moͤrder vielleicht geworden, denn Suſa lag am Bo⸗ den und gab keinen Laut mehr von ſich. Die Wuth war erloſchen, und ihm graute zuerſt vor ſich ſelbſt. Die kleinen, langſam ſchleichenden Ver⸗ brechen hatte er ſich erlaubt und ſich noch in behaglicher Selbſtzufriedenheit erhalten. Den Mord des Gluͤckes, den er uͤber ſie Alle nach und nach verhängt, hatte er 97 ſich nicht angerechnet, weil er ſich vorlog, er ſorge ſo am beſten fuͤr ſie. Wenn aber die heimlich verwilderte Natur endlich keck und roh hervorſpringt und das durch vorangegangene Handlungen vorbereitete Verbrechen be⸗ gangen wird— dann deckt ſich der Abgrund vor dem Verblendeten auf, und er fuͤhlt, das habe er nicht ge⸗ wollt. Dann glaubt er, daß er ſich zuerſt verſchuldet habe und rechnet ſich, uberraſcht durch ſich ſelbſt, bloß dieſen letzten Augenblick an, uͤberſehend, daß dieſer gar nicht möglich geweſen wäre, wenn er ſich nicht langſam durch die ganze Vergangenheit vorbereitet haͤtte. So war es nur eine viel zu ſpäte Erkenntniß ſeiner ſelbſt, die ihn jetzt ſich als Verbrecher bezeichnen ließ; aber ſie hatte doch einen erſchutternden Erfolg. Das Haar ſtraͤubte ſich ihm zu Berge, und die Augen erloſchen in ihren Hoͤhlen— vielleicht hätte er ſich ſelbſt im nächſten Augenblick gemordet— wenn nicht ein leiſer Schmerzenslaut aus Angela's Munde ſeinen Gedanken eine andere Richtung gegeben hätte. Mit der Hoffnung ihres Lebens kehrten alle Sinne zuruͤck und lenkten ihn vielleicht nur zu ſchnell von dem harten Selbſtgericht ab, was uͤber ihn gekommen war. Er trug ſie an Suſa voruber auf den Lehnſtuhl der Mut⸗ ter und ſah nun, daß der Blutſtrom aus ihrer Naſe drang, daß ſie mit bloßen Fuͤßen, nur mit ihrem duͤrf⸗ Jakob v. d. Nees. I. 7 98 tigen Nachtroͤckchen bekleidet war, daß eine dicke rothe Beule auf ihrer Stirn hervortrat, die ſeine Fauſt ihr geſchlagen. Wir muͤſſen uns ſagen, daß die Strafe des Himmels hier mit großer Strenge eingetreten warz denn was konnte Jakob van der Nees erleben, was ihn furchtbarer zuͤchtigte, als die Gewißheit, daß er das ge⸗ liebte Kind nicht allein ſelbſt gemißhandelt, ſondern ſie zum Zeugen ſeiner kannibaliſchen Wuth gegen Suſa gemacht. Ihr Leben und ihre Liebe ſtanden auf dem Spiele, und wenn der Augenblick ihn auch dies beides nicht ru⸗ hig erwägen ließ, waren es doch Stacheln, die ſeine Verſchuldung wieder aufregten. Er kniete laut jammernd vor dem geknickten Kinde nieder; er rang die Hände und wußte ihm in ſeiner ro⸗ hen Unbehuͤlflichkeit keine Huͤlfe zu ſchaffen— und ſank doch faſt vor Schreck zuſammen, als ſich uͤber ihm eine hagere Hand erhob, um den niedergeſunkenen Kopf des armen Kindes zu heben. Er ſprang entſetzt auf, und ſo entſtellt auch das Weſen vor ihm war, er erkannte doch die arme Suſa, die, blutend und halb ohnmaͤchtig, dennoch dem Liebling zu Huͤlfe kam, dem ſie ihrerſeits wahrſcheinlich das Leben dankte. „Waſſer!“ ſtammelte ſie, nur an die Rettung An⸗ gela's denkend—„ſie verblutet ſich!“ Wie ein Ra⸗ 99 ſender ſturzte Jakob fort und brachte ſogleich das eiſige Waſſer, was nun Suſa verſuchte, mit einem einge⸗ weichten Tuche auf Stirn und Kopf zu legen. Nach kurzer Zeit ſtand das Blut, und bald darauf ſchlug das arme Kind die Augen auf. Jakob hatte vor dem Kinde gekniet wie ein Gerich⸗ teter; er hatte nicht an ihr Wiederaufleben geglaubt; als er das Aufſchlagen der Augen bemerkte, ergriff ihn die Freude faſt noch wahnſinniger, als der Schmerz. Er ſchrie und weinte, er kuͤßte Angela's Fuͤße, er holte ſeinen Mantel herbei und wickelte das todtkalte Kind hinein. Angela ſchien nicht gleich ihre volle Beſinnung wie⸗ der zu haben, denn ſie ſah ſtarr und theilnahmlos auf alles ſie Umgebende; aber plotzlich, nachdem ſie begierig das dargereichte Waſſer getrunken hatte, ſchien ſie Al⸗ les mit einem Male zu wiſſen. Ihre erſte Bewegung war, daß ſie Jakob mit ihren kleinen Fuͤßen von ſich ſtieß und, obwohl ſie noch keine Worte finden konnte, ihn mit einem Blicke anſah, in welchem ſeine ganze Verurtheilung lag; dann warf ſie ſeinen Rock von ſich, und als er ganz vernichtet ſie flehend umfaſſen wollte, ſchrie ſie ſo heftig auf und ſtieß mit Händen und Fußen ſo giftig nach ihm, daß er entſetzt zuruͤckwich. Jetzt ſprang ſie von dem Stuhle herunter, um 100 Suſa zu ſuchen, deren Dienſte ſie nicht wahrgenom⸗ men. Als ſie ſie nicht mehr auf der Stelle fand, fing ſie jämmerlich zu weinen an, und nun erwachte Jakob aus ſeiner ſtarren Verzweiflung und fand fruͤher, was Angela vermißte. Die arme Suſa war leiſe neben dem Stuhle niedergeſunken, als ſie Angela's wiederkehren⸗ des Leben gewiß hatte— nur ſo lange dauerten ihre grauſam erſchuͤtterten Kräfte. Sie war ein Bild des Jammers, und Jakobs Er⸗ ſchrecken groß, als er ſah, was er angerichtet. Das Kind verhinderte dabei, etwas fuͤr ſie zu thun, denn es warf ſich uber ſie und ſchutzte ſie gegen ihn, wie er wohl unterſcheiden konnte, und ſtieß das fuͤrchterlichſte Ge⸗ ſchrei aus, ſo wie er ſich Suſa nahen wollte. In dieſer Todesangſt wußte Jakob keine andere Huͤlfe, als die arme wahnſinnige Mutter, gegen die Angela ſtets gehorſam war, und die mild und nachgiebig zu klei⸗ nen mechaniſchen Dienſten leicht zu bewegen war. Eben raffte er ſich auf, um ſie herbei zu holen, da öffnete ſich die Thuͤr, und ſie trat ſelbſt ein, denn auch ſie war von dem Geſchrei ihres Kindes inſtinctmäßig herbeigezogen, wie Angela fruͤher durch Suſa's Stimme. Jakob ſchauderte zuſammen, als er dieſe blaſſe Lei⸗ densgeſtalt leiſe und mit dem ſtehenden Lächeln des Wahnſinns auf dem Schauplatz ſeiner Vergehungen 101 ankommen ſah. Er hätte ſich ſagen koͤnnen, daß ſie ihn nicht richten werde; aber er ſah ſie nie ohne eine unheimliche Bewegung, und heute, fuͤhlte er, ſchurte ihre unſchuldsvolle Naͤhe die Glut der Schuld auf ſei⸗ nem Haupte. Sie glitt nach der Stelle hin, wo ihre Angela ſchrie, und blieb dann verwundert ſtehen und ſchlug die Hände ein paar Mal zuſammen. Als Angela ihre Mutter erkannte, ſchrie ſie:„Mut⸗ ter! Mutter! Jakob hat Suſa geſchlagen! Halt ihn ab — halt ihn ab— er will ihr noch mehr thun!“ Die Mutter lächelte wieder und ſchuͤttelte den Kopf; da ermannte ſich Jakob; er faßte die arme, geiſtes⸗ ſchwache Frau an der Hand und machte es ihr klar, daß ſie ihm beiſtehn muͤſſe, Suſa zu Huͤlfe zu kommen und zu dem Ende Angela vom Boden aufheben. Wie er gehofft, ſo geſchah es. Angela widerſtand nie dem Willen der armen Mutter; aber ſie weinte herz⸗ zerreißend fort, als Jakob Suſa nun wie ein Kind auf den Arm nahm und auf den Stuhl trug. Dieſe kind⸗ lichen Thränen brannten ihn aber wie das Feuer der Hölle, und als er Suſa mit blutendem Kopf und bleich wie eine Leiche vor ſich ſah, verwuͤnſchte er ſich und ſchien ſich ſelbſt ein Teufel. Suſa erholte ſich nur langſam von ihrer Ohnmacht, 102 an der Schrecken und Kummer noch größeren Antheil als die Verletzungen hatten, da der blind Wuͤthende oft ſein Ziel verfehlt hatte. Als ſie erwachte und ihr Bewufßtſein fruͤher wiederkehrte als ihre Kraft, ſah ſie Jakob und Angela Beide vor ſich knien und um die Wette herzzerreißend ſchreien, waͤhrend die arme Wahn⸗ ſinnige die Haͤnde rang und immerfort ihren Namen ru⸗ fend, ſichtlich mit ihrem Geiſte um das Verſtändniß dieſer Scene rang. Suſa ſammelte in der lähmenden Ermattung, welche ſie fuhlte, ihre Gedanken, und indem ſie ſich klar machte, was Alles geſchehen ſei und mit Grauen und Schrecken den erſchuͤtterten Verbrecher vor ſich ſah, uͤberwand ſie mit einem Heldenmuth, der den großten Geiſt geziert haben wuͤrde, ihren Abſcheu vor Jakob, um den Zweck zu erreichen, um deswillen ſie dies Alles gelitten, und nachdem ſie ſtill ihren Entſchluß gefaßt hatte, richtete ſie ſich auf und bog ſich zu Angela. Dieſe ſtuͤrzte in ihre Arme und erdruckte ſie faſt mit Liebkoſungen, indem ſie immer ein zuͤrnend wachſames Auge auf Jakob gerichtet behielt und dieſem die unver⸗ holene Strafe des groͤßten Mißtrauens zeigte. „Vergieb ihm,“ ſagte Suſa endlich zu Angela mit der groͤßten Selbſtbeherrſchung. Aber Angela zog ſich vor Jakob zuſammen und verbarg ſich ganz in Suſa's Armen. 103 Dies ertrug der Verzweifelnde nicht laͤnger; er ſturzte vor Angela nieder und flehte mit wahrer Todes⸗ angſt, ihm ihre Liebe wiederzuſchenken. „Suſa! Suſa!“ ſchrie er dazwiſchen—„rette mir die Liebe des Kindes— rette mich— rette mich! wenn du willſt, daß ich den Verſtand behalten ſoll!“ Da richtete ſich Suſa wie ein gefaßter Richter auf und rief:„Wollt ihr dem armen Kinde gerecht werden und ihm Unterricht ertheilen laſſen, wie ich euch vorher geſagt— wollt ihr weder Hinderniſſe erheben, noch fer⸗ nere Bosheiten erdenken, ſie davon abzuhalten?“ Jakob ſchlug hart mit dem Kopf auf die Stuhllehne — dies kam ihm aufs neue wie ein Todesurtheil vor, was er unterzeichnen ſollte; aber er hoͤrte einen Schrei aus Angela's Munde, und dieſer uͤberſtuͤrzte ſeinen za⸗ genden Willen.„Ja! ja!“ rief er faſt erſtickt—„ich will— ich will Alles, was du willſt, Suſa!— nur das Kind!— ſorge, daß das Kind Alles vergißt!“ „Nun gelobt ſei Gott!“ ſagte Suſa—„ſo ſchwört in die Hand des Kindes, daß ihr Wort halten wollt— ſchwört bei dem Andenken an ihren gemordeten Vater— bei dem Schwur, den ihr einſt auf dieſer ſelben Stelle ihm geſchworen und den ihr in keinem Stuͤcke gehalten, daß ihr jetzt Wort halten wollt und mich nicht weiter hindern!“ 104 Suſa mußte ſich mit dem Nicken ſeines Kopfes be⸗ gnugen, mit dem matten Feſthalten von Angela's Hand. Zu viel ſtraͤubte ſich dagegen in ſeinem Herzen; er haßte zu ſehr irgend ein bindendes Wort, einen Handſchlag zu geben; er hatte ſich die welke Fingerberuͤhrung, die unbeſtimmte Kopfbewegung dafuͤr angewoͤhnt, die im⸗ mer noch fuͤr Freund und Feind eine Hinterthor offen hielt; er konnte ſich auch jetzt zu nichts Anderem verſte⸗ hen, wie brennend heiß er auch die Verſohnung mit dem Kinde wuͤnſchte. Auch erreichte er nichts weiter bei demſelben, als daß ihre Thränen verſiegten, und Suſa nahm ſie auf ihren Arm und betrieb es, daß Alle noch die grauſam geſtoͤrte Ruhe der Nacht nachzuholen ſuchten. Ehe ſie ſich aber entfernte, ſagte ſie, ihr Uebergewicht benutzend, drohend zu Jakob:„Seid gewiß, Nees, wenn ihr nicht gut macht, was in dieſer Nacht hier geſchehen iſt, ſo werde ich mir Huͤlfe ſuchen und ſie finden, verlaßt euch drauf!“ Jakob van der Nees blieb noch lange in dem jetzt einſamen duͤſtern Saale unbeweglich auf der Stelle ſitzen, wo ihn Angela ohne Nachtgruß, an Suſa's Buſen vor ihm vorhuͤllt, verlaſſen hatte. Er horchte auf das Ge⸗ rauſch, was uͤber ihm entſtand, in dem Schlafzimmer, was die Frauen nun betreten hatten, ob er noch einmal 105 Angela's Stimme oder ihre kleinen, tappenden Schritte horen könnte. Als alles endlich verſtummte, blieb er dennoch ſitzen. Nicht wie ſonſt, wenn er ſeinen wilden Neigungen Zwang angethan, raſte er in der Einſamkeit nach, was er hatte zuruͤckhalten muͤſſen. Man hätte auch ihn erſchöpft nennen können, und wer ihm als Zeuge des eben Geſchehenen eine Strafe gegonnt, hätte ſich befriedigt halten konnen; denn Jakob hielt ſich fur den Unglucklichſten der Menſchen und wuͤnſchte ſich eher den Tod, als den morgenden Tag zu erleben. Doch muͤſſen wir leider hinzuſetzen, er klagte nicht ſich deshalb an, ſondern Suſa— Renier— Alle— er wußte nicht, was und wen— nur Angela nicht! Er ſagte:„Wie ſollte ſie anders? wußte ſie doch nicht, wie gerecht mein Zorn warz alſo mußte ſie mich fuͤrchten— das arme Kind!“ Dann wollte er noch Pläne machen, um Suſa's Hartnäckigkeit zu uͤberwinden; aber ſein intriguanter Geiſt verließ ihn dabei. Alles hatte zwei Seiten und ſeine Schlatzheit und Menſchenkenntniß ſagte ihm— er beuge ſie nicht. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Ge⸗ danke, ſie bei Nacht und Nebel zu entfuͤhren, Schiffern mitzugeben weit ab— ha! welch' eine Luſt war dieſer Gedanke! Aber er mußte vor der Verlockung muthlos umkehren, wenn er dann an Angela's und der armen 106 Wahnſinnigen Huͤlfloſigkeit dachte, und wie er ohne ſie Beide nicht erhalten könne— ach! und Angela's Schmerz — er hatte ihn gewiß! und damit war die Sache fur ihn als unausfuͤhrbar abgethan. So wollte es ihm vorkom⸗ men, als haͤtte die Welt nun keinen Troſt mehr fuͤr ihn, und faſt taumelnd ſchlich er mit der verglimmenden Lampe an den Waͤnden fort nach ſeiner elenden Schlaf⸗ ſtelle. Da ſtreifte ſeine Schulter die großen Schloͤſſer des Geldſpindes und ein Lebensfunke ſprang davon uͤber in die todte Bruſt. Ein widriges Grinſen verzog ſein ſtarres Geſicht und er legte ſich viel behaglicher nieder, als er gehofft, und indem die Lampe erloſch, begann er zu zählen und die Reſultate hoben ſein Selbſtgefuhl; er ſchlief ſanft ein und wir verfolgen ſeine eklen Traͤume nicht. Am andern Morgen hätte es ſcheinen koͤnnen, die Scene der Nacht wäre ein Traum geweſen. Suſa war wieder die demuͤthige Magd, die in dem geſaͤuberten Zimmer alle Spuren der Nacht vertilgt hatte und ruhig am Heerde die gewohnte Suppe kochte. Nees ſprang wie gewöhnlich, um zu uͤberraſchen, in die Thuͤr, und hatte ſich bereits Alles ausgeredet, was ihn in Nach⸗ theil zu Suſa ſtellen konnte. 1 Den gewöhnlichen kalten Morgengruß Suſa's be⸗ antwortete er heute beſonders nicht, ſich gleich mit Pa⸗ pieren beſchaͤftigt zeigend, die er aus der Taſche zog. Da Suſa weder leſen noch ſchreiben konnte, ſah er ohne großen Schreck ſeine Handelsbuͤcher noch offen auf dem Tiſche liegen, daß er ſie aber vergeſſen, ſchrieb er doch Suſa an. Sie war ſchon fort und jetzt blieb Jakob nicht ſo ruhig wie vorher. Er horchte— er hoͤrte Angela uͤber ſich tappeln— er hoͤrte ihre Stimme etwas kläglich ge⸗ gen Suſa's ermahnende Worte ankaͤmpfen— er lachte kurz in ſeine geoͤffnete Fauſt et wußte gleich, daß Suſa ihm Angela's guten Empfang vorbereitete.— Wo ein Menſch unterließ, ſich zu rächen, wo er Böſes mit Gutem vergolten ſah, hoͤhnte er mit Verachtung den Schwachkopf, dem er den Muth zum Trotz abſprach; oder er hielt Nachgiebigkeit fuͤr ein Mittel, Anderes zu erreichen— und hierbei blieb er fuͤr Suſa ſtehen und irrte ſich vielleicht nicht ſehr. Die ungluͤckliche Magd fuͤhlte nur zu beſtimmt, wie wichtig es war, das wunderbare Verhältniß Jakobs zu Angela zu unterhalten, da die Liebe in dem ſonſt ſtein⸗ hart befundenen Herzen des Erſteren die einzige Stuͤtze fuͤr ein ſonſt vollkommen troſtloſes Verhaͤltniß war. Darum uͤberredete ſie Angela, welche nicht zu Nees hin⸗ 108 unter wollte, mit widerſtrebendem Herzen, ſie ſei unar⸗ tig geweſen und muͤſſe nun wieder freundlich ſein, es gut zu machen. Sie mußte das Erſtaunen des Kindes uͤberſehn, welches ſich wie aus einem Traume der That⸗ ſachen erinnerte, ſie immer nennen wollte, noch ihre ge⸗ ſchwollene Stirn mit einigem Schmerz bei Suſa's Waſchen empfand und doch immer von ihr abgelenkt wurde, als habe dies Alles nicht exiſtirt, und die Ein⸗ druͤcke dadurch ſchwächte und verwirrte. Aber es that ihr zugleich weh, in dem Kinde das natuͤrliche Gefühl fuͤr Recht erſticken zu muͤſſen, und nur die Gewißheit, damit großeres Unheil von dem geliebten Weſen abzu⸗ haiten, bezwang ihre Abneigung. So gewann ſie es uͤber Angela, daß dieſe, unſicher in ihrer Erinnerung, ſich endlich geneigt zeigte, hinunter gehen zu wollen. Zwar hoͤrte der ängſtlich horchende Nees nicht ihr fröhliches Lachen auf der Stiege, und als die Thuͤr aufging, flog ſie ihm nicht entgegen, um ſich an ſeinen Hals zu haͤngen; aber ſie kam doch— wenn auch ſchuchtern und langſam— auf ihn zu, gab ihm das Händchen, und obwohl das Köpfchen oft nach Suſa uͤber die Schulter blickte, ſetzte ſie ſich doch zu ihm und ließ ſich ſeine Dienſtleiſtungen gefallen. Was fur ein großes und merkwuͤrdiges Räthſel in Bezug auf die Geheimniſſe der Menſchenbruſt mußte aber 109 Nees dem Beobachter darſtellen und gewiß die tief er⸗ ſchuͤtternde Wahrheit lehren, daß kein Menſch gaͤnzlich und auf allen Puncten verderben kann; daß irgendwo ein klei⸗ ner Raum geſichert bleibt, wo wir das Ebenbild Gottes ſchimmern ſehen, und wo dem, in dem Elende ſeiner Ver⸗ dorbenheit Hinkeuchenden eine Ahnung der Tugend zu kommt, die ihn an Gott feſthaͤlt, wenn auch das mangel⸗ hafte Bewußtſein und das baldige Wiederaufhaͤufen des Lebensſchuttes an dieſem Beſitz zweifeln läßt. Wir haben uns vielleicht noch lange nicht genug ge⸗ woͤhnt, faſt bei jedem Menſchen auf dieſen unveraͤußer⸗ lichen Beſtandtheil ſeiner goͤttlichen Natur zu bauen— darnach zu ſuchen mit der Treue des Hirten. Wir fin⸗ den im Gegentheil uns gern mit einem entſchiedenen Urtheil ab von dem ungewiſſen Zuſtande, den wir faſt unſeres Verſtandes oder Charakters fuͤr unwürdig halten. Wir nennen es Menſchenkenntniß, wenn wir von Eigen⸗ ſchaften wie von mathematiſchen Figuren ſagen: ich weiß, wenn dies vorhanden, muß das folgen! Ja, wir werden uns betreffen, daß uns eine ſpätere Entdeckung guter Eigenſchaften, die uns eines Irrthums zeihen, faſt be⸗ leidigt, oder längeren Zweifel in uns erregt, weil ſolche nicht ſtimmen wollen mit dem Abſchluß, den unſere Men⸗ ſchenkenntniß machte, der vielleicht nichts fehlte— als die Liebe— als das Beduͤrfniß, das Gute zu finden. — 110 Dies Nebeneinander von Gut und Boös'— dieſe In⸗ conſequenz, auf die Jeder beim Andern rechnen ſollte, der demuͤthigen Herzens iſt, wird nur zu oft, einmal der groͤßte Vorwurf, den wir auszuſprechen wagen, an⸗ dererſeits der entſcheidendſte Grund, warum wir uns mißtrauiſch von dem Guten wenden, was wir neben dem Boöſen finden und doch zuerſt feſthalten ſollten. Wie viele Lebenskeime werden auf dieſe Weiſe zertreten, ohne daß auch nur der leiſeſte Gewiſſensvorwurf den ſicher darüber Hinſchreitenden trifft, der ſich damit in eine Glorie von Tugendſicherheit huͤllt, welche die ſchwa⸗ chen Nachbeter fremder Gedanken anerkennen, und da es ſo viel leichter iſt, zu verachten, als zu ertragen und anzuerkennen, bald den Schwankenden allein laßt, welcher dem verkannten Guten in ſich ſelbſt zu mißtrauen beginnt, und ſo wenig ermuntert durch ſeine ſchlecht erprobte Wirkſamkeit, den verrätheriſchen Vortheilen des Boͤſen ſich hingiebt. Jakob van der Nees ſchämte ſich zwar etwas vor Suſa; aber die uberſtrömende Wonne, das Kind wieder neben ſich zu ſehen, riß ihn zu Aeußerungen hin, die Suſa ſich beſtrebte zu uͤberſehen, die aber dennoch in dem wenig zum Nachdenken kommenden Geiſte des ar⸗ men Mädchens ein nicht maͤßiges Erſtaunen erregten. Dagegen war die arme Wahnſinnige die Einzige, 111 welche in dieſem ſcheinbar wiederhergeſtellten Verhaͤltniß die Mahnung an das Vorgefallene erhielt. Sie war unruhig und hlieb nicht wie ſonſt auf ihrem Platze— ſie ſah Alle mit ihren lebloſen, verglaſeten Augen for⸗ ſchend an und ſtand immer wieder auf und ſuchte hinter dem großen Stuhle. Suſa und Nees wußten Beide recht gut, daß der Eindruck, den ſie in der Nacht empfangen, doch zu ſtark geweſen war und ihr eine Erinnerung gelaſſen, der ſie keinen Namen zu geben wußte. Suſa— ſo gaͤnzlich ſie auch ſelbſt auf jede Vergeltung gegen Nees verzichtet hatte, goͤnnte ihm doch die Erregung, die es ihm machte, daß gerade dieſe arme, verwirrte Seele, die er nicht ſtra⸗ fen konnte, ihn an ſein Vergehn erinnern mußte. Dabei qualte ihn offenbar noch eine unbeſtimmte Angſt uͤber Suſa's Entſchluͤſſe. Waäͤhrend er länger wie gewoͤhnlich mit dem Kinde ſpielte, behielt er immer die arme Magd im Auge, um zu erlauſchen, ob ſie auch nicht das geringſte Abweichende that, woraus er einen Schluß auf ihre Abſichten ziehen könnte. Endlich mußte er fort und Suſa, die laͤngſt alle Ge⸗ ſchirre bei Seite geräumt hatte und zur Bereitung ihres kärglichen Mittagsmahles Zeit genug behielt, ſaß wie gewoͤhnlich ruhig neben ihrer Gebieterin und ſpann den feinen Faden, der ihr kleiner Erwerb war, um manche Huͤlfe zu Kleidern oder beſſerer Nahrung zu liefern, wenn der rohe Geiz ihres Wirthes jedes Maaß uͤberſtieg. In welchem Kampfe Nees war, als er ſich endlich, eben ſo gebieteriſch von dem Triebe nach ſeinen Geſchaͤf⸗ ten fortgeriſſen, erhob, wollen wir nicht verſchweigen; denn es war ihm eine Qual, die wir billig als ſeine Zuͤchtigung anſehen duͤrfen. Wie wuͤrde es ihm nur allein genugt haben, gegen dies Weib, das er fuͤrchtete, ſeine unmenſchliche, in ihm kochende Wuth auszulaſſen— ſie einzuſperren— ſie lahm zu ſchlagen;— ſeine Raſerei irrte in ſchrecklichen Grenzen der ihn befriedigenden Genugthuung umher. Aber da ſaß ſie ſo ſtill und bleich, ſo entſtellt noch von ſeiner Mißhandlung, vor ihm, und doch ſo ſicher vor neuen Gewaltthaten ihres Feindes; denn das Kind kniete auf der einen Seite neben ihr und die edle Geſtalt von Grönevelds Gattin ſaß an ihrer andern Seite, und fuͤr Beide war ſie der Mittelpunct ihrer Exiſtenz— ihr Lebensborn— ihre ewig geduldige Magd— ihre Freundin— ja ſie mußte die Gedanken haben, die ihnen fehlten. Is Nees vor dieſer unzerreißbaren Gruppe ſtehen blieb und dies Alles mit empörtem Herzen erwog, that er doch etwas ungewöhnliches, und ſo muͤde und matt an Geiſt und Herz auch Suſa war, weckte es doch ihre Aufmerkſamkeit, und als ſie die truͤben Augen zu ihm aufſchlug, konnte er ſich nicht enthalten, blitzſchnell die Fauſt zu ballen und ſie ihr drohend zu zeigen. „Was wollt ihr, Nees?“ ſagte darauf Suſa düſter —„macht, daß ihr fortkommt und euer wildes Blut auslaßt— Angela und ich bleiben zu Hauſe! Sehen wir Beide aus, um unter Menſchen zu treten? Sie zeigte auf die angeſchwollene Stirn des Kindes, von wo aus ſich ein blauer Rand um Auge und Wange geſenkt hatte, und ſtreifte ſchnell von ihrem zerſchlagenen Arme den rauhen Aermel, daß er die Zeichen ſeiner Schand⸗ that ſah. Nees fuͤhlte, daß ſie ihn angegriffen hatte und daß er ſich nicht raͤchen durfte; aber auch, daß er entfliehen mußte, wenn er nicht Alles vergeſſen und die einmal ge⸗ koſtete Befriedigung ſeiner Wuth wiederholen wollte. Mit ein paar fürchterlichen Saͤtzen und einem raſenden Gemurmel von unverſtändlichen Verwuͤnſchungen ſtürzte er zum Zimmer hinaus— und horte das laute kindliche Gelächter von Angela zuerſt wieder, welche ſeine Caprio⸗ len fuͤr Späße nahm und ſich zuerſt dadurch wieder un⸗ terhalten fuͤhlte. Wir uͤbergehen die folgenden Tage, in denen Suſa die Bäckerin nicht beſuchte und fuͤr die Heilung von Angela's Stirn und ihren Arm den ſanft ſprudelnden Jakob v. d. Nees. I. 8 Brunnen des Hofes ſorgen ließ, deſſen eiſiger Quell die leidenden Theile erquickte. Es gehörte der durch das Erfahrene abgeſtumpfte Sinn der armen Suſa dazu, um mit Ruhe an die Aus⸗ fuhrung ihres Entſchluſſes denken zu koͤnnen; denn es war nicht allein die Kraft des Pflichtgefuͤhls, die ſie ſtaͤrkte, es war eben auch, daß Jakob ſie zu unglucklich hatte wer⸗ den laſſen, und nun nichts mehr zu ſchonen uͤbrig blieb. Jakob van der Nees aber lebte in der Hölle. War man im Kaufhauſe und auf den Maͤrkten ſein wahnſin⸗ nig unruhiges Treiben gewohnt und vergalt es halb mit Lachen und Spott, halb mit Grobheit und Beleidigung, wovon er dann viel hinnehmen konnte, ſo fiel doch ſelbſt dieſen an ihn gewoͤhnten Männern ſein ſonderbares Weſen auf. Mitten in einer Rede, in der ernſten Ver⸗ handlung um ein Geſchaͤft ſprang er wie raſend davon, rannte ſchnell, wie ein abgeſchoſſener Pfeil, durch die Straßen und kam in Schweiß gebadet vor dem Gitter an, dem einzigen Ausgang fuͤr Suſa, und ſah nach, ob der Flicken Papier, den er in das Schloß geklemmt hatte, noch darin ſtecke; dann ſturzte er zuruͤck und kam an, um die Geſchaͤfte fortzuſetzen, bis er wieder fortgetrieben wurde, und nun oft den naher liegenden Bäckerladen waͤhlte, wo er wie raſend hinein ſturzte und die Frau fragte, ob Suſa dort ſei, und nur beſänftigt zuruckkehrte, wenn die — 115 erzuͤrnte Bäckerin, die zu den offenen Naturen gehorte, die den Unterdruͤcker haſſen, ihm barſch den Ungeſtum verwies und ſeine Fragen trotzig verneinte. Es that ihm dann immer gut, wenn er Widerſtand erfuhr; das dämmte ſeine Zuͤgelloſigkeit ein. Suſa wartete ruhig ab, bis die Wange ihres lieben Zöglings wieder ſo weiß wie die andere warz dann hullte ſie eines Morgens, bald nachdem Nees das Haus ver⸗ laſſen hatte, Angela in ein zu dieſem Zwecke heimlich an⸗ gefertigtes Regentuch und bereitete nun das uberraſchte Kind, was noch nie das Haus verlaſſen hatte, darauf vor, daß ſie mit ihr auf die Straße hinaus ſollte, und zu einem lieben Geiſtlichen, der ihr Leſen und Schreiben und das Chriſtenthum beibringen wuͤrde. Angela's Freude war ſo grenzenlos, daß Suſa ihren Weg verzö⸗ gern mußte, um erſt in das Kind einige Ruhe zuruͤck⸗ kehren zu laſſen. Dann ließ ſie Angela die Mutter kuͤſ⸗ ſen und legte die Haͤnde der Lächelnden auf das Haupt des knieenden Kindes und bat Gott, das gewagte Unter⸗ nehmen zu ſegnen, als ob die arme Mutter ſelbſt ihn darum bitte. Es war ruͤhrend, die Aufregung der Erwartung in Angela zu beobachten; denn die Straße zu betreten, das war ihr als ein Gluck erſchienen, wofuͤr ſie keinen Namen hatte. Nun ſollte ſie uͤberdies ſchreiben lernen, wie 8* 116 Nees; ſie ſollte in den großen Buͤchern, worin ſo ſchoͤne Bilder waren, und in denen das Chriſtenthum ſtand, wie Suſa ſie gelehrt, und die noch aus der Purmurand⸗ ſchen Zeit in einer Kiſte ſich vorgefunden hatten, leſen können— das war mit einem Male ein ſo mächtig er— weiterter Ideenkreis, ein ſo reicher Zuwachs an Gluͤck, daß das arme Kind in ſeiner großen Iſolirung keine Faſſung dafuͤr finden konnte. Die Bäckerin hatte laͤngſt fuͤr Suſa Partei genom⸗ men, und es erwaͤrmte ſie der Gedanke, ſie unter ihren Schutz nehmen zu wollen gegen den wahnſinnigen Nees, den ſie von Herzen verabſcheute. Sie liebkoſte daher das jetzt erſchrockene Kind und ſchenkte ihm einen Wecken und leitete Beide, nachdem ſie mit bedeutungsvollen Blicken und Gebärden den Laden verſchloſſen, die kleine Stiege hinauf, wo Herr Harſens, der junge Huͤlfsgeiſtliche bei dem Seminar der Stadt⸗ kirche, wohnte. Harſens erhob ſich, als die kleine braune Thuͤr ſich oͤffnete und ſeine gutige Wirthin die Beiden faſt gleich Verſchuͤchterten nachfuͤhrte. Harſens bewohnte mit ſeiner jungen Frau und einem erſten Kinde die beiden Manſardenzimmer der guten Frau Lievers und genoß die ganze Liebe und Achtung der verſtändigen Frau, welche die Familie 117 fur Heilige und ihr Haus durch ſolche Bewohner fuͤr geſegnet erklaͤrte. Da Frau Lievers ſelbſt ein Muſter der Reinlichkeit war, ſo konnte ſie auch nur Menſchen anerkennen, welche dieſe Eigenſchaft beſaßen, und gewiß noͤthigte ſich dies dem Eintretenden ſogleich auf; denn in der kleinen Wohnung des jungen Geiſtlichen, ſchien es, koͤnne auch der Verwohnte nichts entbehren, und der Entbehrende mußte hier die größten Vorzuge des Lebens kennen lernen, die von äußeren Mitteln unabhängig blieben. Die Zimmer waren klein und niedrig, und wie in dieſen hölzernen Häuſern gebräuchlich, zeigten die Wäͤnde die Sparren und die Decke das Gebalk mit brauner Oelfarbe, ſo daß ſie bei ei⸗ niger Sauberkeit glaͤnzten. Zwiſchen den kleinen Fenſtern ſtand an dem Spiegelpfeiler ein eichener Tiſch, vor dem Herr Harſens ſaß und ſchrieb; druͤber hing ein Geſtell mit Buͤchern. Der Himmel ſchien klar und hell hinein, denn das kleine Haus hatte keine Hintergebaͤude und ſo hatte man den ganzen Blick bis zu dem Kanale der Amſtel hin frei. Dazwiſchen lag der ſchon erwähnte Luſthof der Frau Lievers und die ſchönen Baͤume, die jebt zwar entlaubt waren, bildeten fuͤr dies kleine Zim⸗ mer mit ihren ſingenden Vogeln ein natuͤrliches Son⸗ nendach. Auch jetzt im Winter ſaß der duͤrre Baum voll kleiner lebendiger Gefaͤhrten, die ſich in ganzen Reihen aneinander gedraͤngt, alle mit den Köpfen nach den kleinen Fenſtern gewendet hatten, weil allerdings die Bewohner ihre einfachen Mahlzeiten niemals hielten, ohne das Fenſterbrett mit einigen Brocken fur ihre klei⸗ nen Gaͤſte zu beſtreuen. Im Hintergrunde des Zimmers war der Kamin, und Frau Lievers hatte ihn der jungen netten Paſtorin zu Ehren recht zierlich mit ſchwarzen Flieſen auslegen laſſen, und einen ſchmucken blanken Feuerbock nebſt Gitter hinzugefuͤgt. Vor dieſem Kamin lag eine bunte Strohmatte, wie die Schiffer ſie aus fernen Landen mitbrachten und billig verkauften; darauf ſtand ein Raͤd⸗ chen, und auf einem runden Lederſtuhl davor ſaß die junge Frau des Geiſtlichen und ſpann. An der Wand neben dem Kamin hing zwiſchen zwei eichenen Gabeln, die in dem Boden feſtgemacht wurden, ein gefutterter Korb, und in dieſem Schwebebettchen ruhte der Reich⸗ thum des Hauſes, das Gluͤck der jungen Gatten, das erſte holdſelige Kind. Der jungen Frau gegenuͤber lief eine Bank an der Wand hin, und vor dieſer ſtand der Familientiſch— der Träger aller Mahlzeiten und aller größeren Arbeiten. Der Wiege an der andern Seite des Kamins entgegen hing ein Bordchen mit blankem Zinn, einigen Kannen und Bechern mit Deckeln; drunter ſtand ein Tiſch mit 119 Vorhängen, der die Kuͤchengeräthe verbarg, und an der ſanften Glut des Kamins, welche das Zimmer behag⸗ lich erwärmt hatte, brodelte in einem Töpfchen die be⸗ ſcheidene Mittagsmahlzeit. Das Nebenzimmer ward zum Schlafen und zu Schraͤnken benutzt, und hierhin wußte ſich Frau Har⸗ ſens zuruͤckzuziehen, wenn es ihr ſchien, daß die Per⸗ ſonen, die ihren Mann beſuchten, mit ihm allein zu ſein wuͤnſchten. Perr Harſens erkannte Suſa ſogleich wieder, und ging ihr freundlich und hoͤflich entgegen, da er ihren bedrängten Gemuͤthszuſtand leicht bemerkte. „Ach! Ehrwuͤrden,“ ſagte Frau Lievers—„das iſt ein arm bekuͤmmert Ding— und hat wohl Urſach. Seid nicht zu ſtreng— das arme Kind iſt einmal da— ſoll's um der Eltern Suͤnde kein Chriſt werden?“ „Gewiß nicht!“ ſagte Herr Harſens milde.— „Auch wiſſen wir von der Suͤnde der Eltern noch nichts— und dies wäre doch ein Grund des Erbar⸗ mens mehr.“ „Ja! ja! ſo ſeid ihr!— Seht ihr, arme Frau“ — fuhr Frau Lievers zu Suſa fort—„ſagt' ich euch zu viel? So iſt er— dem vertraut— der hilft euch gewiß und macht euch das Herz frei— ihr tragt zu ſchwer, alle Tage geht ihr gebeugter— wo ſoll das 120 hinaus? Doch ich gehe, wenn ihr erlaubt, denn unten bedient Niemand den Verkauf wie ich; aber ſeid ſicher, ich ſchuͤtze euch. Gott befohlen, Frau Paſtorin— Gottes Seegen, Ehrwuͤrden!— Ihr ſollt ungeſtört bleiben— verlaßt Euch auf mich; ich kenne mein Haus⸗ recht.“ Sie machte, ſich entfernend, eine ſehr ver⸗ ſtaͤndliche Bewegung, wenigſtens fur die Frau Paſtorin, der ſie ihre Noth mit Nees geklagt. Suſa faßte ſich nun, und wie ſehr ihr auch das Perz ſchlug, auf dieſer Stelle, die ihren Frieden ſogleich auf ſie ubertrug, fuhlte ſie doch auf's Neue, wie ſehr ſie im Recht warz ſie holte daher das verhuͤllte zitternde Kind von der Thuͤr weg, zog ſeinen kleinen Regen⸗ mantel von dem Kopf und ſagte mit der Feierlichkeit, die ihr der wichtige Augenblick einfloͤßte:„Im Namen des Heilandes, unſeres Erretters und Verſoͤhners, nehmt dies arme, verlaſſene Kind in euren Schutz, floͤßt ihm ein dauerhaftes Chriſtenthum ein, und die weltlichen Dinge, das Leſen und Schreiben dazu.“ Dem armen Kinde brannte eine dunkle Röthe auf den Wangen, und Thraͤne auf Thraͤne perlte aus den geſenkten Augen. Voll Ruͤhrung ſah der gute Paſtor das arme vernachläßigte Weſen an, und indem er die Pände ſegnend auf ihren Kopf legte, gelobte er ſich, es nicht zu verlaſſen. 121 Angela, von derem Aeußern wir bisher noch nicht ſprachen, war nicht ſchön. Sie hatte eine bleiche kraͤnk⸗ liche Farbe und unregelmaͤßige Zuͤge; ihre Große war fur ihr Alter bedeutend, wodurch ihr Koͤrper aber abge⸗ zehrt erſchien. Obwohl ſie feine Glieder und eine ge⸗ ſchmeidige Figur hatte, gereichte ihr dies noch wenig zum Vortheil, und nur ihr volles Haar und ihre großen nußbraunen Augen mit langen ſchwarzen Wimpern waren ſchoͤn, und von dieſen Augen verbreitete ſich auch der eigenthuͤmliche Ausdruck, der ihr Geſicht ſo lieb und anziehend machte, daß man den ſonſt auffallenden Mangel regelmaͤßigerer Formen uberſehen konnte. Zu Harſens war theilnehmend ſeine junge, bluͤhende Gattin getreten, weil ihr der weibliche Tact ſagte, hier koͤnne ſie helfen. Sie reichte dem Kinde die Hand, ſtrich ihm die Wangen, und zog Stuͤhle herbei, um das zitternde Kind zum Sitzen zu bringen, und Angela war ſo Huͤlfe beduͤrftig, daß ſie ploͤtzlich, da ihr Frau Parſens am nächſten blieb, beide Arme um den Hals der lieblichen Frau ſchlang, und an ihrem Buſen in einen Strom von Thranen ausbrach. Suſa ſaß zuſammengefallen vor dieſer Scene, und tiefe Seufzer drangen aus ihrem Munde. Eine Fremde hielt das arme verwaiſte Kind im Arm, und Suſa ſagte 122 ſich: So iſt es gut— Gott hat ihr Schutz erweckt— bis jetzt beſtand er nur in mir, und das war zu wenig in dem traurigen Hauſe. „Herr!“ ſagte ſie, wahrend eine Andere die Thra⸗ nen ihres Lieblings ſtillte—„dies Kind iſt von ehelicher Geburt und ich bin nicht ſeine Mutter. Aber Gott hat mich an ſeine Wiege geſtellt, und ich habe, obwohl ſeine Mutter noch lebt, nach Gottes Rathſchluß, den wir nicht faſſen, mehr als dieſe dafuͤr thun muͤſſen. Denkt daher nicht zu gering uͤber das arme Weſen, wenn ihr ſie in Geſellſchaft einer ſo niedrigen Magd ſeht, als ich bin. Vielleicht, daß ich euch— da ihr ein Armi⸗ nianer ſeid— wie ich hoffe, noch einmal ſagen kann, von wie hoher Abkunft ſie iſt.“ „Laſſen wir vor allen Dingen dieſe Bezeichnungen weg,“ ſagte Harſens—„ich will weder ein Gomariſt, noch ein Arminianer ſein, ſondern ich ſtrebe danach ein Chriſt zu ſein, und durch den Glauben an meinen Er⸗ löſer, meine ſchwache, ſuͤndige Natur, deren Unzuläng⸗ lichkeit ich jeden Tag auf's Neue fuhle, auszugleichen. Das iſt mein chriſtliches Bekenntniß, gute Frau, und ich frage wenig danach, ob ich damit Gomariſt oder Ar⸗ minianer bin. Auch ſind dieſe beklagenswerthen Haͤndel durch die Weisheit unſeres Statthalters Friedrich von Oranien ſeit den letzten Jahren in ſich erſtorben, wovon 123 ihr vielleicht nicht ſo viel gehört habt, als von dem fruͤ⸗ heren Unfrieden.“ „Wie ſollte es anders ſein?“ ſagte Suſa—„Kein Kloſter verſchließt ſeine Bewohner ſtrenger, als uns das harte unverſchuldete Schickſal. Doch, Herr! das gehoͤrt nicht hierher. Denkt, daß ich eine ungebildete Magd bin, die vom Schickſal in dieſe Lage gebracht, wenig weiß, wie ſie ſich zu benehmen hat.“ „Gott legt in demuͤthige Herzen das Verſtaͤndniß fur das, was Noth iſt; darum ſeid getroſt, arme Frau, und ſagt mir, wie ich das Kind nennen ſoll.“ „Fuͤr's Erſte, Herr!“ ſagte Suſa—„nennt mich nicht Frau— nach Gottes Willen bin ich eine Jung⸗ frau geblieben; aber laßt das auch weg; denn ich muß es mir um des Kindes Willen gefallen laſſen, daß man meine Ehre beargwohnt. Nennt mich Suſa, wie ich heiße, und damit ſeid ihr uber Alles fort; das Kind aber nennt Angela.“ „Angela!“ wiederholte der Paſtor—„und wie wei— ter?“ Suſa ſchwieg und ſeufzte. „Habt ihr keinen Taufſchein?“ fuhr er fort— Jä Herr! der iſt da, aber in dieſem Taufſchein ſteht mein unwuͤrdiger Name, weil meine arme Herrſchaft das Kind nicht auf den rechten Namen zu taufen wagte.“ Raſch ſtand Suſa nach dieſen Worten auf.„Herr! ℳ 124 Herr!“ rief ſie—„lang' bin ich nicht mit Menſchen geweſen, und weiß nicht, was man zu antworten hat, wenn man die Wahrheit verbergen will. Darum fragt mich nicht weiter, denn ich kenne euch noch nicht genug; und an dem Schritt, den ich gethan, indem ich euch dies Kind mit Gewalt gebracht habe, darf kein Vorwurf haften, denn ich kann daheim ſo wenig lugen, als hier.“ „Gott ſegne euch, Suſa,“ ſagte Harſens— als wollte er ihr damit den Mund ſchließen—„zu dem, was wir vorhaben, brauchen wir wenig zu wiſſen, und haben bereits genug gehoͤrt. Da ihr in ungewöhnlichen Verhaltniſſen zu leben ſcheint und ich nicht uͤberſehen kann, was euch ſchaden koͤnnte, werde ich auch ſelbſt bei vorkommender Gelegenheit nichts von dem außern, was ihr mir geſagt. Und nun laßt uns uͤber Angela ſprechen— ſoll das junge Maͤdchen zu mir zum Unter⸗ richt kommen oder ich zu ihr?“ „Laßt es hier ſein,“ ſagte Suſa, und ihr Auge glitt uͤber das friedliche Stubchen und folgte Angela, die, von der jungen Mutter geleitet, von den Vögeln am Fenſter, welche durch die kleine geöffnete Scheibe aus der Hand gefreſſen hatten, ſich wegwendend, jetzt vor dem Schwebekorbe ſtand und mit leuchtenden Augen und leiſem Jauchzen das kleine roſenrothe Kind anſtaunté, was ihr größtes Entzucken erregte, da ſie noch nie ein ſolches geſehn hatte.„Laßt es hier ſein,“ ſagte ſie noch einmal. „Hier wird ſie was Menſchliches erleben, und das blieb ihr bis jetzt fremd. Morgen bringe ich ſie euch wieder!“ „Gut,“ ſagte Harſens—„dann um dieſelbe Stunde.“ Suſa ſtand auf; ſie trat bis in die Fenſter⸗ niſche und noͤſelte etwas an ihrem Halſe herum; dann brachte ſie ein ſchmales, ſchwarzes Sammtband hervor, an welchem, tief in das Mieder verſenkt, ein Goldſtuͤck hing. Dies reichte ſie Harſens hin und ſagte mit zit⸗ ternder Stimme:„Ob ich je mehr thun werde konnen, weiß ich nicht. Das habe ich noch und habe es immer für den letzten nothigſten Fall aufgehoben— der iſt nun da, und ich bin froh, daß ich etwas habe!“ Harſens wies es zuruͤck.„Der Fall iſt nicht da, liebe Suſa, und ich nehme eure Gabe nicht. Ich habe längſt beſchloſſen, das Kind in meinen Schutz zu neh⸗ men ohne allen Lohn, und ich darf nicht zweifeln, daß eure Lage euch dieſen kleinen Schatz vielleicht noch ſehr wichtig machen koͤnnte. Ich bedarf ihn aber nicht,“ ſetzte er hinzu und blickte mit einer freudigen Genug⸗ thuung auf den behaglichen Ueberfluß, den fuͤr ſeine be⸗ ſchrankten Wuͤnſche der kleine Raum ihm zu umſchließen ſchien— und Suſa dachte, er habe Recht; ihr kam aber ein neuer Gedanke. „Vielleicht,“ ſagte ſie daher nach kurzem Schwei⸗ 126 gen—„nehmt ihr es doch, da es einmal von meinem Herzen los iſt, und verwechſelt es in kleine Muͤnze— und kaufet dem Kinde gelegentlich, was ihm Noth thut — oder“— fuhr ſie zagend fort—„ſie iſt abgezehrt und hat nicht viel Kräfte— das kann an der Nahrung liegen— vielleicht zuweilen eine kleine Erquickung wenn ſie den Weg gegangen iſt— die Luft griff ſie heute an, Herr— ſie ſchwankte ein paar Mal. Zu Hauſe geht das nicht, ſie wurde es wieder ſagen, wenn ich ihr heimlich zu gut thäte, und das wuͤrde auf ge⸗ heime Schaͤtze ſchließen laſſen, die doch nur noch darin beſtehen, und mir viel Qual bereiten, und wieder will ich ihre Unſchuld nicht mit unnuͤtzen Verboten und Luͤgen vielleicht beflecken. Was ſie aber hier empfinge, koͤnnte ſie ſagen, das wäre eure Wohlthätigkeit, und euch wird nie Jemand danach fragen. Aber wenn ihr auch dem Kinde Lehren umſonſt geben wollt, habt ihr doch kein Recht, ihr auch Brod dazu zu geben— Brod, was eu⸗ rer Gattin und eurem Kinde gehoͤrt, und wovon ein Huͤlfsprediger ſelten das doppelte hat— und“— fuhr ſie noch eifriger fort—„fur den aufheben muß, der gar nichts zu brechen hat, was hier nicht der Fall iſt.“ Harſens laͤchelte zwar uͤber das Anerbieten, aber er hatte ein ſtilles und anſpruchloſes Aufmerken fuͤr die Abſichten und Wuͤnſche Anderer, und es ward ihm leicht, 127 dabei willfaͤhrig zu bleiben, wenn es ihm auch neu war oder weit ablag von ſeiner eigenen Anſicht. Hier kam dazu, daß viel Rechtliches und Verſtändiges in der Rede der armen Suſa hervortrat, und ſo unbekannt mit ih⸗ rer wahren Lage, hielt er es vorlaͤufig fuͤr das Beſte, ih⸗ ren Wunſch zu erfuͤllen. Er nahm daher das Goldſtuͤck zu ſich und ſah da⸗ durch einen kurzen Sonnenſchein auf Suſa's Geſicht entſtehn; vertraulich trat ſie ihm etwas naͤher und ſagte leiſe:„Giebt's recht viel kleine Muͤnze, wenn ihr es umſetzt?— Ich denke zum Beiſpiel, etwas Milch und ein kleiner Wecken, das ſollte ihr das Blut verſuͤßen— bei uns haben wir nur die grobe Brodſuppe.“ Harſens wurden die Augen feucht. Wie hoch ach⸗ tete er das arme geringe Mädchen und wie traurig war der Blick, den er in ihr Leben that. „Seid ſicher, Suſa,“ ſagte er—„meine liebe Frau wird das Geld redlich verwalten, und es wird viel kleine Muͤnze geben und lange vorhalten.“ Suſa fuͤhlte über dieſe letzte Einrichtung wahre Freude, und die Hoffnung, dem armen Kinde beſſere Nahrung zu verſchaffen, waͤlzte einen Stein von ihrem Herzen. Langfam oͤffnete ſich jetzt hinter ihr die Thuͤr; Frau Lievers trat ſehr feierlich ein, und nachdem ſie einen lan⸗ 128 gen forſchenden Blick uͤber das ganze Zimmer geworfen und damit den Verlauf des Beiſammenſeins ſich aufzu⸗ klären getrachtet, ſagte ſie bedeutungsvoll:„Suſa, es wird Zeit ſein, daß ſie nach Hauſe geht mit ihrem Maͤd⸗ chen; denn hier ſind ſchon unnuͤtze Dinge vorgefallen, und wer weiß, was geſchehn, hätte ich nicht mein Haus⸗ recht gebraucht.“ Suſa's Geſicht erblaßte und der kurze Schimmer von Freude machte wieder dem verzagten Ausdruck des Schreckens Platz, der ſich darauf eingefurcht hatte. Raſch griff ſie nach Angela's Hand, gruͤßte zerſtreut die beiden beſorgten Ehegatten, gab keine Antwort auf Harſens Anfrage uͤber den morgenden Beſuch und eilte verſtört aus dem Hauſe, Angela mit ſich ziehend, welche Muͤhe hatte zu folgen, da ihr das und der fuͤr ſie ſchon weite Weg viel Beſchwer achte. Suſa ſah zu ihrem großen Schreck das eiſerne Git⸗ terthor der Straße offen, ebenſo den kleinen Hausein⸗ gang von der Gaſſe, und je weiter ſie vordrang, fand ſie alle Thuͤren offen— und als ſie alle hinter ſich verſchloſ⸗ ſen hatte, hörte ſie auf dem großen Hausflur ſchon ein lautes bruͤllendes Geheul und fand nun auch die Thuͤre nach dem Saale offen. Hier ſaß Jakob van der Nees hinter dem eichenen Tiſch, den Kopf auf beide Hände gelegt, und ſtieß dies thieriſche Geheul. das mit — 129 einem Schluchzen verbunden war, welches ihn faſt zu erſticken drohte. Ueber ihn gebeugt ſtand die arme Wahnſinnige und weinte bitterlich und ſah troſtlos um⸗ her und rang die feinen blaſſen Hände. Suſa's Herz, ſo muthig ſie ſich auch geruͤſtet fuͤhlte, blieb doch vor Schreck ſtehen, und ihr kam ein Gedanke an Flucht, den ſie jedoch ſogleich wieder ſchwer bereute. Aber ſie konnte doch ihre Furcht nicht uͤberwinden und zu keinem Entſchluß kommen, als ihr dieſer ſchon er⸗ ſpart ward, denn Angela riß ſich im ſelben Augenblick von ihrer Hand los, ſturzte in das Zimmer und fiel uber Jakob her, der ſie bei ſeinem verhuͤllten Geſicht und ſei⸗ nem Geheul weder gehort noch geſehn hatte. Als er ihre kleinen zarten Finger ſich um ſeine gro⸗ ben Haͤnde on fuhlte, verſtummte plötzlich das Geheul, un Angela die nicht mehr widerſtrebenden Haͤnde von ſeinem Geſicht wegzog, konnte ſelbſt Suſa nicht ohne Ruͤhrung den Ausdruck deſſelben ſehen, als er Angela dicht vor ſich und mit dem kindlich zartlichen Ausdruck der Liebe und Angſt uber ihn gebuͤckt erblickte. „Nees! Nees! mein lieber Nees!“ rief ſie und ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals—„du wirſt doch nicht krank ſein? Nees! Nees! was iſt dir denn— was fehlt dir denn?“ Und immer druͤckte ſie ihn wie⸗ der und 3 ihn und trocknete ſeine Thränen mit ih⸗ Jakob v. d. Nees. I. 9 130 rem Halstuch. Waͤhrend dem ging wie mit Zauber⸗ ſchlagen die größte Veraͤnderung in Jakobs Zuͤgen vor. Entſtellt von den entſetzlichen Gemuͤthsbewegungen, die er von dem Augenblick an durchgemacht, als er entdeckt hatte, daß Suſa das ausgefuͤhrt hatte, was ihm wie ein Todesſtoß erſchien— hatte er alle Grade der Wuth ſo⸗ wohl fuͤr ſich allein, als bei der Baͤckerin durchgeſpielt, und da er endlich eingeſehn, er könne die Feſtung, welche die mannhafte Frau Lievers vertheidigte, nicht einneh⸗ men, obwohl ſie das ganze Gluͤck ſeines elenden Lebens umſchloß, war er zuruckgeſturzt, und beinahe ohnmächtig vor Wuth und Erſchoͤpfung war er endlich in dies maaß⸗ los krampfhafte Weinen verfallen, worin ihn Angela unterbrach. Mit jedem Male nun, daß Angela mit ih⸗ rer kleinen Hand uͤber ſein entſtelltes Geſicht fuhr, ſtrich ſie eine neue Laſt von Gram daraus fort, und als er ſich endlich uberzeugt hatte, ſie ſei wirklich zuruͤckgekehrt, er halte ſie in ſeinen Armen, ſie haſſe ihn nicht, ſie liebe ihn noch ebenſo wie fruͤher, ja zärtlicher jetzt als die Tage vorher, wo noch ein Reſt von Scheu ihr ge⸗ blieben war— da ſtieg das Gluͤck ebenſo leidenſchaft⸗ lich und ungeſtuͤm in ihm und er pluſterte ſich auf und ſchnitt einige Geſichter, die Angela immer zum Lachen zu reizen pflegten und auch jetzt ihre Wirkung nicht ver⸗ fehlten. Die arme Mutter ſaß ſchon längſt vieder nichts 131 beachtend in ihrem Lehnſtuhl, denn nur Jakobs unge⸗ buͤhrliches Gebäͤrden hatte ſie der Theilnahmloſigkeit ent⸗ ziehen können, in welche ſie gewoͤhnlich verſenkt war— und nun hörte Suſa, welche ſich noch immer zuruͤckhielt, wie Angela, uͤberfullt von dem, was ſie erlebt hatte, mit der großten Lebendigkeit und Ausfuͤhrlichkeit Nees Al⸗ les mittheilte, was vorgefallen war, und dabei ihr Gluͤck, ihre Freude ihm auf eine Weiſe ſchilderte, die auch dieſen Stein erweichte, denn das Gluͤck des Kin⸗ des riß ihn zur Vergeſſenheit der Veranlaſſung hin und Suſa ſah ihn lachen, in die Hände ſchlagen und poſſier⸗ liche Geberden machen, wodurch Angela's Freude noch zu ſteigen ſchien. „Morgen fruͤh gehe ich wieder hin,“ fuhr Angela fort—„ach Nees, bringe du mich hin, damit ich dir Alles zeigen kann, die Voͤgel, das kleine Kind und die weite, weite Ausſicht. Dann ſollſt du ſehn, wie gut Herr Harſens iſt, was er mich all' lehren wird— und hilfſt mir die Voͤgel zählen, denn Frau Harſens ſagte, ich könne nicht ordentlich zählen, es wuͤrden immer zu viel, und ich wuͤßte nicht, wie die Zahlen folgten.“ Es war gewiß wohl begruͤndet, daß Nees hierbei zuerſt mit einiger Erregung die Unwiſſenheit ſeines Lieb⸗ lings erkannte. Der Gedanke, daß ſie die Zahlen ver⸗ wechſelte und ſich verzählte, nöthigte ihm ein mißbilli⸗ 9* 132 gendes Kopfſchutteln und ein gewiſſes Knurren ab; er bruͤtete daruͤber etwas ernſt vor ſich hin, und es war der kleine Anfang, der ihn mit der ganzen Maaßregel endlich ausſoͤhnte. Nur als Suſa eintrat, wußte er nicht recht, welche Partie er nehmen ſollte. Er hatte ſich während ſeiner Qualen mit der Vorſtellung geſättigt, wie grauſam er ſich an ihr rächen wollte, und die einmal gekoſtete Luſt an Mißhandlungen gab ihm die wildeſten Gedanken ein. Nun trat ſie ruhig und demuͤthig wie immer ein, ohne den Blick auf ihn zu richten— und wo war die Kraft der Rache in ihm geblieben, in ihm— der Angela in ſeinen Armen hielt, mit ihr geſcherzt, gelacht und ih⸗ res Gluckes froh ſie von Allem hatte ſprechen horen, was er beſchloſſen zu verwuͤnſchen und zu verbieten. Zwar verfolgte er ſie mit drohenden Blicken, ballte die Fauſt und grunzte, während er mit den Füßen ſcharrte. Aber Angela hatte die gluckliche Gabe der Kindheit, alles Vorkommende in ihren Bereich zu zie⸗ hen, zu ihren Zwecken anzuwenden, und ſo fing ſie auch augenblicklich an, ihn entgegen zu necken— ihm nach⸗ zubrummen— ſich zu ſchuͤtteln und immer darauf zu beſtehen, nicht Suſa, ſondern er ſolle ſie morgen zum Herrn Paſtor bringen— und damit mißriethen Jakobs Verſuche, ſich zu erzuͤrnen— alle. Und er hatte end⸗ lich ſogar eine Art Einwilligung gegeben, Angela's Wunſch fur den andern Morgen zu erfuͤllen, womit die Sache, daß ſie uͤberhaupt hinginge, gegen ſeinen Willen außer Zweifel kam. Nun traf es ſich, daß es grade einer von den oft wiederkehrenden Tagen war, wo bei Suſa das Geld wie die Lebensmittel ausgegangen waren— und da Jakob außer dem immer vorhandenen Grunde ſeines Geizes diesmal noch den doppelten gehabt hatte, erſtlich Suſa von dem Beſuche bei der Bäckerin abzuhalten und ſie durch die Sorge um dieſe Nahrungsmittel zu aͤngſtigen und zu quälen, ſo hatte er ihre Anſprache um Geld mit Haͤrte zuruͤckgewieſen. Suſa hatte ihren kleinen Reſt Mehl mit Waſſer verduͤnnt und mit etwas Salz gekräftigt, in einem viel zu kleinen Töpfchen zubereitet; und daran gewoͤhnt, bei ſolchen Gelegenheiten ſich von der Mahlzeit auszuſchlie⸗ ßen, ſetzte ſie traurig die elende Suppe mit dem Geſchirr auf den Tiſch. Jakobs funkelnde Augen uberliefen den geringen Inhalt, und er fragte gleich heftig und barſch, ob das die ganze Mahlzeit ſei. „Ja, Herr!“ ſagte Suſa—„und ihr wißt es und koͤnnt euch nicht wundern, denn ich ſagte es euch ſchon vor zwei Tagen.“ „Ach!“ rief Angela troſtlos—„und ich bin ſo hungrig! O, gieb doch nur Suſa Geld, lieber Nees, damit wir Brod bekommen!“ Jakob ſah in großem Kampfe vor ſich hin. Er hatte gewiß eine Ahnung ſeiner Abſcheulichkeit, denn die arme Mutter naͤherte ſich auch mit der Hoffnung, zu eſſen, dem duͤrftigen Speiſetiſche, und ſagte naiv:„Es iſt ſehr lange, Suſa, daß wir nicht aßen— hier thut es mir ſo weh“— ſie zeigte auf ihren Magen. Da kam wieder die entſetzliche Stimme, die Jakob in ſolchen Fällen anrief, vor der er ſich nicht wahren konnte, und die ihm ſeine Gewiſſenloſigkeit vorhielt, und ihn ſo lange ſtachelte und reizte, bis er das Geld mit einer Art von Entſetzen von ſich gab. Sein feiger Sinn hielt dieſe Aufregung von Reniers Geiſt bewirkt, und dieſe Furcht machte, daß die innere Stimme oft Geſtalt annahm und er Renier vor ſich zu ſehen glaubte, und immer die entſetzliche Benennung hörte, die Suſa einſt ausgeſprochen, naͤmlich das Wort„Raͤuber!“ In dem Augenblick, den wir bezeichnen, hoͤrte Ja⸗ kob ploͤtzlich, wie aus der Erde herauftönend, die Worte: „Räuber— meine Schätze liegen in den Waͤnden dieſes Zimmers aufgehaͤuft, und du läßt mein Weib und mein Kind faſt verhungern?“ Die Wirkung hatte Suſa ſchon oft mit heimlichem Erſtaunen bemerkt. Auch heute duckte Nees ploͤtzlich 135 vorne uͤber, ſtieß einen Schrei aus, ſah ſich wild um, und leerte dann feine Taſche aus, ohne zu wiſſen, was er that, und mit rollenden Augen um ſich ſchauend.— Angela ſammelte jauchzend das blanke Geld, was über den Tiſch rollte, und ſchuͤttelte es in Suſa's Schuͤrze, die augenblicklich damit verſchwand, da ſie wohl wußte, wie bald Nees die Reue ergreifen wuͤrde. Als er ſie mit dem Gelde forteilen ſah, war es ihm, als muͤſſe er nachſturzen. Er fing an zu zittern und that einen Sprung nach der Thuͤr; aber ſolchen Scenen hatte Angela oft mit beigewohnt und ſchon kleine Liſten gelernt, ihn vom Nachlaufen abzuhalten, und ſo hing ſie ſich auch jetzt wieder um ſeinen Hals und bat ihn, er ſolle Suſa das Geld laſſen, ſie muͤßten ſonſt ſo hungern. Dies Wort erſchoͤpfte ihn, und matt ſetzte er ſich nieder, und ſtumm ſtarrte er vor ſich hin.„Wer das Vorangegangene erlebt hatte und ihn jetzt ſah mit dem zernagten, eingefallenen Geſicht, der durfte wohl ſagen: Es ſuͤndigt Keiner umſonſt— kein Verſtand iſt liſtig genug, uns rein zu reden— und der, welcher ſich zu erleichtern hofft, indem er Andere uber ſeine Handlungen zu tauſchen ſucht, wird doch durch den Unglauben, den er findet, durch den Widerſpruch gezuchtigt werden, der der Engherzigkeit uberall entgegentritt— und das Urtheil der Welt, was er durch ſeine Leidenſchaften herausfor⸗ dert, wird doch der ſtachelnde Daͤmon ſein, den er furch⸗ tet, den er ſich gewinnen moͤchte, und deſſen ewigen Vorwurf er zu ſeiner Zuͤchtigung lauter hoͤrt, als ſelbſt wahr iſt. Hiervon paßt wenigſtens auf Jakob van der Nees, daß er auf's Tiefſte den Widerſpruch empfand, dem er ſelbſt in dieſem kleinen Kreiſe, den er nur um ſich ge⸗ laſſen, nicht entging. Dennoch ſehen wir ihn den andern Morgen Angela's Wunſch erfullen, und ſie ſelbſt zu Herrn Harſens hin⸗ bringen. Freilich diesmal von Suſa begleitet, welche dem kuͤnſtlichen Labyrinth in Jakobs Gedanken nicht fol⸗ gen konnte, und es daher ſehr unwahrſcheinlich fand, daß er das Kind wirklich bei Herrn Harſens abliefern wuͤrde. Aber Nees wandelte ruhig, wie es ſchien, mit Angela des Weges; gruͤßte hoͤflich die erſtaunte Baͤckerin und erkundigte ſich, wie ein ſtiller geſetzter Mann, ob man ohne Weiteres zu Sr. Ehrwuͤrden herauf gehen duͤrfe. Der guten Bäckerin verging die Sprache. Sie blinzelte mit den Augen und glaubte, dieſer verſtändige Mann ſei Nees nicht, derſelbe, der geſtern vor ihrem Laden ſich wie ein Wahnſinniger gebärdet hatte. Aber es war Nees, und ſie ſah auch bald das nicht ganz zu unterdruͤckende boshafte Lächeln auf ſeinem Geſicht, wo⸗ mit er ſich uͤber ihr Erſtaunen innerlich beluſtigte. 137 „Einen anſtaͤndigen Beſuch nimmt Se. Ehrwuͤrden iederzeit an,“ ſagte ſie daher ziemlich gereizt—„wo⸗ nach ſich diejenigen zu richten haben, die den Anſtand nur zu oft vergeſſen.“ „Nun,“ ſagte Nees, und grinſte die gute Frau, welche hochroth ihren Kopf wiegte, hoͤhniſch an—„ſo können wir denn ohne Weiteres vordringen.“ „Ja,“ rief die Baͤckerin—„aber wenn ihr gedenkt, dort oben eins von euren Stuͤckchen aufzufuͤhren, und rechnet etwa auf die Sanftmuth des guten Herrn Pa⸗ ſtors, der ſich ſo was nicht vermuthen koͤnnte, ſo vergeßt nicht, daß mir das Haus da oben eben ſo gut gehört, wie hier unten, und ich uberall mein Recht be⸗ haupten werde!“ „Ihr ſcheint heute ſehr böſer Laune zu ſein,“ erwi⸗ derte Nees fortwaͤhrend grinſend und die Zuͤrnende mit ſeinen Augen verfolgend—„und das paßt nicht zu un⸗ ſerer Stimmung. Nicht wahr, Angela! wir ſind luſtig und wollen uns uͤber nichts erzuͤrnen— darum komm zu dem guten Herrn Paſtor, das wird beſſer fuͤr uns ſein.“ So zog er mit dem Kinde, das ſo heiter und gluͤck⸗ lich an der Seite des geliebten Nees war, der ſie aus einem Scherz in den andern verflochten hatte, die Stiege hinauf, und Beide traten mit völlig heiterem Geſichte und Nees mit geſetztem Weſen zu dem guten Paſtor ein, den wir in derſelben Situation finden, als den Tag vorher. Dennoch war Herr Harſens nicht wenig uͤberraſcht, Angela an der Seite des Mannes zu ſehen, den er nach der ihm aufgedrungenen Beſchreibung der Frau Lievers zwar zu erkennen glaubte, aber als einen halb Wahnſin⸗ nigen und den Peiniger und Tyrannen der armen Suſa und des Kindes anſehen mußte. Daß die Anſicht uͤber ihn keine andere ſein konnte, wußte Nees recht gut, und die Ueberzeugung, daß ſeine boshafte Strenge das Uebel nicht von ihm habe abhal⸗ ten können, was er ſo ſehr gefuͤrchtet, lehrte ihn, daß die rohe Gewalt fruͤher eine Grenze findet, als der fuͤr mög⸗ lich haͤlt, der damit lange haushielt. Er war zu klug, um ſich länger zu tauſchen, und als er von dieſer nieder⸗ ſchlagenden Ueberzeugung Beſitz nahm, erwuchs ihm auch bald ein neues Hilfsmittel, und er beſchloß nachzu⸗ geben; aber, indem er nachgab, die Sache ſelbſt zu uͤber⸗ nehmen, und ſie damit in ſeiner Gewalt zu behalten. Dieſe ſich abgerungene Verfahrungsweiſe ward aus be⸗ ſonderen, ihm nur allein bekannten Gruͤnden, immer dringender noͤthig, wenn er die Aufmerkſamkeit von ſich und ſeinen Hausgenoſſen abhalten wollte, da Suſa ein⸗ mal die Schranke durchbrochen hatte und im Fall ſei⸗ nes fortdauernden Widerſpruchs ſich andere Vertheidiger ——,———. —,——— N 139 finden konnten, die dann ſeine ganze Exiſtenz in Gefahr zu bringen drohten. Nun beſaß er ſo viel Verſtand und Verſchlagenheit, daß er im vorkommenden Falle ſich ganz zu benehmen wußte, wie es paſſend war.„Herr Paſtor,“ ſagte er, ſich anſtändig verneigend—„ich hoͤre durch meine ehr⸗ liche Magd Suſa, daß ihr als ein wahrer Chriſt euch groß⸗ muͤthig entſchloſſen habet, dies geliebte Kind in euren Schutz zu nehmen und ihm den heilſamen Unterricht der Religion und der dazu nöthigen Hulfswiſſenſchaften zu ertheilen, und ich konnte nicht anders, als euch dafuͤr ſelbſt den geruͤhrteſten Dank eines Herzens auszuſpre⸗ chen, welches wahrhaft väterliche Liebe fur dies arme We⸗ ſen empfindet. Moͤge Gott euer frommes Vorhaben ſegnen und euch das große Unrecht, was ein unverſchulde⸗ tes Schickſal ihr that, durch euren heilſamen Unterricht auszugleichen ſuchen.“ Perr Harſens ſchwieg noch immer, und das war Nees ganz angenehm, obwohl er wußte, daß es die Folge des Zweifels und des Erſtaunens war.„Laſſet euch demnächſt dies geliebte Kind empfohlen ſein,“ fuhr er ſchnell fort, da ihm daran lag, ihm den ganzen Eindruck zu machen, den er hervorzurufen wuͤnſchte—“ und hel⸗ fet mir uber ihr Schickſal wachen; denn bis jetzt habe ich es mit der Hinopferung meines eigenen Lebens ge⸗ 140 than, indem ich Tag und Nacht fur ſie gearbeitet habe, um ihren noͤthigen Unterhalt anzuſchaffen; und wie die Mutter ihr Kind habe ich ſie bewahrt vor den Gefahren, die ihrer harrten. So kann ich ſagen, ihr bekommt ſie unverdor⸗ ben und rein wie einen Engel— und wenn ihr mich zit⸗ ternd und zagend ſeht und eben ſo troſtlos als doch auch zufrieden, daß ich ſie nun aus meiner eigenen treuen Ob⸗ hut entlaſſe, um ſie euch zu ubergeben, ſo vergebt das dem treuen Herzen, welches nur dies eine hochſte Gluck beſitzt.“ Pier hatte ſich Nees ſo geruͤhrt und dies letzte, was er ſagte, fiel ſo mit der Wahrheit und der einzigen Schwäche, die er kannte, zuſammen, daß ſeine plötzlich hervorſtuͤrzenden Thraͤnen als wahre und ſichtliche Er⸗ ſchutterung nicht zu verkennen waren. Dieſen Eindruck verſtarkte Angela noch dadurch, daß ſie ſich mit ihrem alten Ausruf:„Nees! lieber Nees! weine doch nur nicht!“ um ſeinen Hals warf und ihn mit kindlicher Zaͤrtlichkeit zu beſaͤnftigen ſtrebte. Herr Harſens ſah ſtill beobachtend dieſer Scene zu, und ſagte dann: Ihr ſeid, wie ich glaube, ein heftiger, reizbarer Mann— und der Schritt, den ihr mit dem armen Kinde gethan, ſcheint euch ganz um eure Maͤnn⸗ lichkeit zu bringen; denn geſtern, wie mir Frau Lievers ſagte, habt ihr euch gar großer Heftigkeit hingegeben, und heute vergeht ihr in Weichheit!“ — „Ja, ja!“ ſtammelte Nees— ich fuͤhle das ſelbſt zu meiner großen Beſchaͤmung, und gewiß, ich leide ſehr an Heftigkeit und bitte euch, mich ſchonend zu beurthei⸗ len. Aber ihr wißt nicht, wie heilig ich gelobt habe, uber das Kind zu wachen, und wie noͤthig es iſt, daß es vor aller Augen verborgen bleibt.“ „Ich kann das nicht beurtheilen,“ ſagte Harſens, „und ihr duͤrft nicht furchten, daß Schwatzhaftigkeit euch von hier aus in Verlegenheit bringen wird. Doch kann ich immer nicht glauben, daß ihr durch die angedeuteten Ruckſichten entſchuldigt ſeid, daß ihr dies arme Kind ohne allen Unterricht ſo hoch habt aufwachſen laſſen und euch dem frommen Entſchluſſe der guten Suſa ſo nach⸗ drucklich zu widerſetzen getrachtet habt!“ Ein kurzer, brennender Blick ſchoß aus Jakobs Au⸗ gen; aber ſchnell ſenkte er ſie wieder und mit derſelben maßigen Stimme ſagte er ſeufzend:„Wir muͤſſen es oft ertragen, falſch beurtheilt zu werden, wenn wir nicht alle Gruͤnde nennen durfen, die uns entſchuldigen wuͤrden: aber gewiß trifft ſich dies am erſten da, wo wir mit Ro⸗ heit und Beſchränktheit der niederen Stände zu thun haben. Modelt euer Urtheil nicht nach dem Bericht dieſer guten, aber einfältigen Magd; ſie kann nicht uber⸗ ſehn, was ich thun muß.“ „Es ſei ſo,“ ſagte Herr Harſens, entſchloſſen, ein 142 Geſpraͤch abzubrechen, von dem ihm ein inneres Gefuhl ſagte, es werde zu keinem andern Reſultate fuͤhren. Beide Maͤnner trennten ſich, ohne ſich näher gekommen zu ſein, froh einander los zu werden, und Jakob ließ Angela zuruck, indem er eben ſo ſtill und beſcheiden, die Bäckerin gruͤßend, das Haus verließ, und Suſa lächelnd mit der Hand winkte, da dieſe arme Seele in aͤngſtlicher Sorge vor der Thuͤr harrte, um zu ſehen, ob er Angela zuruͤcklaſſen wuͤrde oder mit ſich fuͤhren. Von dieſem Tage an ging Angela ungehindert jeden Morgen zu Herrn Harſens, theils von Jakob ſelbſt ge⸗ leitet, theils von Suſa, ſpäter oft ganz allein. Sie war kein von der Natur bevorzugter Geiſt und der lange Druck, die Vernachlaͤßigung, in der ſie bis zum zehnten Jahre gelebt, wo die erſte Stufe der Entwicke⸗ lung gemacht ſein will, blieb fur ihr ganzes Leben fuͤhl⸗ bar. Herr Harſens hatte bald erkannt, wie weit die Entwickelung ſeiner Schuͤlerin gehen durfe, und es ſchien ihm bei ihrer uͤbrigen traurigen Lage, die ihm nachgerade nicht verborgen blieb, kein Gluͤck, ſie in ein hoͤheres gei⸗ ſtiges Wiſſen einzuweihen. Sie lernte mit großer Muͤhe leſen, ſchreiben und rechnen, und trotz ihres guten, folgſamen Charakters konnte ſie nicht ganz den Ueberdruß bezwingen, den ihr die ungewohnte Anſtrengung verurſachte. Dagegen . 143 war es ihre großte Luſt, der Frau Harſens geſchaͤftig zur Hand zu gehen, das Kind zu warten, naͤhen, klöpfeln und weben zu lernenz und da ſie ungeſtoͤrt den täglichen Beſuch bei dem Paſtor machen durfte, erlangte ſie den⸗ noch eine Bildung, die ihr ſonſt fremd geblieben ware. Harſens belebte durch den Religionsunterricht alle die naturlich guten Gefuͤhle ihres Herzens und ſah mit Freude, daß ſich ein ſtarker, wahrer Charakter entwickelte, eine grade Anſchauung der Dinge und eine Feſtigkeit in Be⸗ zug auf das einmal als guterkannte, welche unerſchuͤttert blieb bei jeder Gegenwirkung und auch ſeinen Grund in der Begrenzung ihres Geiſtes hatte, welcher von der gro⸗ ßen Verſchiedenheit menſchlicher Anſichten nicht hören wollte, oder dieſelben neben den einmal aufgefaßten nicht aufnehmen konnte. Wie aufrichtig nun auch ihre Liebe zu dem Paſtor und deſſen Familie ward— kein Gefuhl ihres Herzens kam doch der Liebe zu Nees gleich. Selbſt als ſie mit zunehmendem Alter und wachſender Einſicht ſeine Fehler erkannte, erſchotterte das ihre Liebe zu ihm nicht. Sie waren Beide wie durch einen Zauber aneinander gekettet, und die Gewalt, die Angela uͤber Nees ausuͤbte, mußte dieſe Bande gerade durch die Zeit verſtaͤrken, da ſie erſt mit dem klareren Bewußtſein den Einfluß erkannte, der ſo merkwuͤrdig und ſchmeichelhaft zugleich war. 144 Der Paſtor und ſeine Gattin hatten durch keine Aeuße⸗ rung dieſe Gefuhle zu erſchuͤttern geſucht; denn ſie wußten nach vielen Jahren noch eben ſo wenig von den eigent⸗ lichen Verhältniſſen Angela's wie zu Anfang und ſahen daher den Schutz, den ſie unbezweifelt an Jakob hatte, als ein Gluͤck fuͤr das verlaſſene Kind an. So war Angela neunzehn Jahr alt geworden und wir Nuͤbergehen alle in dieſe Zeit fallenden politiſchen Bewe⸗ gungen Hollands, welches noch immer nicht den Rieſen⸗ kampf um ſeine Souverainitat ausgekampft hatte, da wir dieſe Beziehungen nur beruͤhren werden, wo ſie ſich mit den Privatverhältniſſen vermiſchten, welche wir mitzu⸗ theilen haben. 3 Auch beſaß Jakob ein vhih Talent der Liſt, womit er von ſich und den Frauen ſeines Hauſes die faſt auf alle Buͤrger Amſterdams einwirkenden Zuſtände ab⸗ zuhalten wußte, und ſo wurden bei dem nie dafuͤr in An⸗ gela erweckten Intereſſe auch die hinzukommenden Ver⸗ änderungen kein Gegenſtand der Neugier oder des An⸗ theils fur ſie. Es waren aber nicht allein dieſe offentlichen Verhält⸗ niſſe, welche Jakob's Aufmerkſamkeit in Anſpruch nah⸗ 145 men und ſeine Thätigkeit weckten, es waren ihn näher angehende Umſtaͤnde eingetreten, welche, wenn er nicht die Gewandtheit behielt, ſie von ſich abzuhalten, ſein gan⸗ zes, muͤhſam aufgebautes Gluck zu verſchlingen drohten. Wir haben erwähnt, daß die Gattin Gronevelds als eine Waiſe, aber bereits erwachſen, mit einer eben gebo⸗ renen Schweſter in das Haus der edlen Barneveldt uͤbergegangen war. 1 Obwohl Groneveld vor ſeinem Tode langen Verhoͤ⸗ ren ausgeſetzt war und das grauſame Geſtaͤndniß von ihm verlangt wurde, den Zufluchtsort ſeiner vom Prin⸗ 2 zen Moritz gehaßten Gattin anzugeben, blieb doch Renier unerſchuͤtterlich dabei, ihm denſelben zu verſchweigen, und behauptete dieſe Feſtigkeit auch gegen ſeine Mutter und Verwandte, um ſie nicht den inquiſitoriſchen Verfol⸗ gungen auszuſetzen, welche die Ahnung ihrer Mitwiſſen⸗ ſchaft ihnen zugezogen haben wuͤrde. Er verſchwieg ihnen aber nicht, daß ihm in der entſetzlichen Stunde der ewigen Trennung ein lebendes Kind geboren ſei, und daß er Mutter und Kind in den beſten Haͤnden gelaſſen habe. Groͤneveld zweifelte an Jakob nicht. Er war uber⸗ zeugt, daß dieſer ruhig die beſſeren Zeiten, auf die Re⸗ nier ſo beſtimmt hoffte, abwarten und dann Weib und Kind ihren Rechten zuruͤckgeben werde; und dieſe Hoff⸗ nung verſuͤßte ſeine Sterbeſtunde und uͤberzeugte ſeine Jakob v. d. Nees. 1. 10 146 Familie, daß er das Schickſal der Seinigen geſichert hielt. Obwohl der Prinz Friedrich von Oranien dem ent⸗ flohenen Bruder Renier's— Wilhelm von Stouten⸗ berg— welcher in Bruͤſſel unter dem Schutze der Erz⸗ herzogin Iſabella lebte, wiederholentlich die Ruͤckkehr nach Holland verweigerte, war er doch zu edel und milde geſonnen, um dies länger als nöthig auf die uͤbrig ge⸗ bliebenen Mitglieder der unſchuldigen Familie beider Verſchwörer auszudehnen. Die Schweſter der Brigitta Groöneveld, das Fräulein von Caſambort, war daher un⸗ angefochten, aber unter den Kummerthraͤnen der Familie Barneveldt, zu der ſie durch die Vermaͤhlung ihrer Schwe⸗ ſter mit Groͤneveld gehoͤrte, aufgewachſen. Das Schickſal dieſer zärtlichen Schweſter Brigitta, deren Erinnerung durch alle Verwandte, Warterinnen und Freunde des Hauſes in dem kleinen Mädchen er⸗ halten blieb, war die Spindel, um die das heftig füh⸗ lende Kind ſein ganzes Leben drehte. Schon als ſchwa⸗ ches, unmuͤndiges Weſen wollte ſie ſelbſt gehen, ſie auf— zuſuchen. Als kaum erbluͤhte Jungfrau kniete ſie vor Friedrich von Oranien und begehrte ſo ſtolz und heftig, daß ihre Freunde zitterten und Friedrich läͤcheln mußte, die Amneſtie fur ihre Schweſter und fuͤr das Kind Groͤ⸗ nevelds. Aber dieſe war ſchon längſt in dem Statthal⸗ 147 ter beſchloſſen und die Gelegenheit ihm willkommen, ſie zu gewaͤhren. Mit befeſtigtem Selbſtgefuͤhl erhielt Urica de Caſambort was ſie begehrt, und ihr unterneh⸗ mender Geiſt uͤberbot mit ſeinen Plaͤnen zur Auffindung der Schweſter alle Beſchluͤſſe ihrer Umgebungen. Es war die Leidenſchaft, die ſie ſich geſtatten durfte, und um die ſich zuletzt Alles in dem jungen Maͤdchen drehte, und unbeachtet und ungelenkt in dieſem Gemuͤthe Fur⸗ chen zog, die manches mit fortriſſen, was zur Milderung ihres heftigen Blutes beſtimmt geweſen wäre. Dabei ſtachelte ſie ein Widerſpruch in ihren Verhält⸗ niſſen. Als ob man ſie zur Rache und zur Suͤhnung des erfahrenen ſchweren Geſchickes auferziehen wollte, ſo hatte man in Gegenwart des fruͤhreifen Kindes all' die Gewaltthaten aufgezählt, welche das Haus Barne⸗ veldt erlitten. Wenn aber das arme Kind dadurch bis zur thätigſten Rachſucht gereizt war, ſo fuͤhlte ſie ſte⸗ chend den Widerſpruch, welcher dieſe Aufregungen ohne Unterſtutzung ließ; denn die, welche dieſe Gefuͤhle er⸗ weckten, waren alte, kranke, in Gram dahinwelkende Menſchen, die dem eignen Schmerze genug thaten, ohne in der finſtern Beſchränkung, die der unausgeſetzte Gram giebt, zu ahnen, was ſie damit in dem jungen Herzen fur Gluten anfachten. Dabei hörte ſie von der That⸗ kraft, von dem Widerſtande Olden Barneveldts, von 10* 148 der Rache ihres Schwagers und deſſen Bruders— und indem ſie glaubte, ſie könne ihnen das Alles nachma⸗ chen, ſie wuͤrde daſſelbe vermoͤgen, ſah ſie um ſich un⸗ thaͤtige, hochbejahrte, von Gram und Kummer ge⸗ ſchwächte Menſchen, die keinen Gedanken mehr an Wi⸗ derſtand hatten, der auch in Wahrheit in der Gegen⸗ wart keinen Gegenſtand mehr finden konnte. So mußte das gluͤhende zuͤrnende Mädchen zwiſchen Kran⸗ kenbetten verſchmachten und behielt keinen andern Troſt, als Plaͤne fuͤr die Rettung und Wiederauffindung ihrer Schweſter zu machen. Mit ungemeſſenem Stolze ſchlug ſie alle Verbin⸗ dungen aus, welche der Statthalter ſelbſt ihr mit den erſten Familien vorſchlug, und vermählte ſich endlich . vor dem Krankenbette ihrer Wohlthäterin, der Witwe Olden Barneveldts, mit dem Grafen von Caſambort, ihrem Vetter aus der älteren beguͤterten Linie ihrer Fa⸗ milie, welcher das lang zögernde Jawort ſeiner Braut nur mit dem Verſprechen eintauſchte, nach dem Tode der Witwe des Großpenſionairs ſich in alle Plane ſei⸗ ner Gemahlin zu fuͤgen, wodurch dieſe die Wiedererlan⸗ gung ihrer Schweſter oder deren Tochter zu erreichen hoffen könnte. Ohne die Liebe zu kennen, hatte Urica ſich ihrem Vetter vermaͤhlt und nach wenigen Jahren, welche noch . * an dem Krankenbette der kummerbeladenen Greiſin ver⸗ floſſen, ſah ſie ſich an der Bahre derſelben zu gleicher Zeit, als die Witwe des jugendlichen Gemahls, den ein ſchneller Tod auf der Jagd erreichte. Durch beide Todesfälle ward die Geſundheit der Graͤfin Urica ſo ernſtlich erſchuͤttert, daß eine ſchwere Krankheit und ein langes darauf folgendes Siechthum die Pläne, mit denen ſie ihre Jugend genaͤhrt, zuruͤck⸗ drängten. Doch blieb ſie, nachdem ein Aufenthalt in Italien ſie in etwas gekräftigt, nicht ganz unthätig und entſchloß ſich endlich zu einem oͤffentlichen Aufruf in al⸗ len Laͤndern, und namentlich in ganz Holland, worin die Amneſtie-Erkläͤrung fuͤr die Familie Groͤnevelds mit den Aufforderungen der einzigen Schweſter der Ver⸗ ſchollenen der verwitweten Gräͤfin von Caſambort ſich vereinigten. Große Belohnungen waren darin denen zugeſagt, welche uͤber den Aufenthalt von Mutter und Kind Nachricht zu geben vermoͤchten— und der Ver⸗ ſchwundenen die liebevollſte Aufnahme der zärtlichen Schweſter verheißen. Es konnte natuͤrlich nicht fehlen, daß Amſterdam zu den erſten Städten gehorte, wo dieſe Aufforderung verbreitet ward; denn außerdem, daß ein ſo großer Ort und eine ſo bedeutende Hafenſtadt viele Hoffnun⸗ gen auf ſich dort ſammelnde Nachrichten geben mußte, 15⁰ blieb der Gräfin Urica Aufmerkſamkeit beſonders auf dieſe Stadt gerichtet, weil aus den Verhoͤren Groͤne⸗ velds eine Schlußfolge hervorging, er koͤnne von dort aus ſeine mißgluͤckte Flucht nach England bewirkt ha⸗ ben. Nie zwar beſtätigte eine Antwort des eiſernen Renier dieſe Wahrſcheinlichkeit; aber ſie war ſeinen Richtern nicht entgangen, war in den Acten, deren Ab⸗ ſchrift ſich Urica verſchafft hatte, hervorgehoben, und wurde ihr jetzt der Anhaltpunct, auf den ſie immer wie⸗ der zuruͤckkam, da es erwieſen war, daß Groͤneveld ſeine Flucht zur See allein fortgeſetzt habe. In welchen Zuſtand obige Bekanntmachung Jakob van der Nees verſetzte, wird aus dem bisher Mitge⸗ theilten ziemlich zu errathen ſein. Er hielt im erſten Augenblick Alles verloren und ſteigerte die Gefahren, die hieraus fuͤr ſeine Exiſtenz erwuchſen, hoͤher als er zu erwarten hatte. Aber der verwegene Speculant, der den unredlichen Muth hat, jedes Mittel zur Foͤrderung ſeiner habſüchti⸗ gen Pläne zu ergreifen, wird zu ſeiner ihn verfolgenden Strafe von der Feigheit belauert, die ihn bei der klein⸗ ſten Gefahr mit ihren Schreckbildern geißelt, und von deren Eingebungen er ſich faſt mit Willen beherrſchen laͤßt, um die Größe ſeiner Verzweiflung zu rechtfertigen. Gluͤcklicherweiſe war er allein, als er auf dem Kauf⸗ 151 hauſe von dem Huiſſier dieſe Bekanntmächung empfing, und er behielt Zeit, ſeine erſte fuͤrchterliche Erſchuͤtte⸗ rung den Augen ſeiner Bekannten zu entziehen. Doch war er außer Stande, an dieſem Orte, der ihn der Beobachtung bloßſtellte, zu bleiben oder ſich auf den Kornmaͤrkten zu zeigen. Er ſtuͤrmte nach Hauſe und vergrub ſich, von Niemand geſehn, in eins ſeiner Packhaͤuſer. Hier ſturzte das volle Maaß der hierdurch entſtehenden Gefahren auf ihn nieder, und er blieb noch lange unfähig, ſeine Gedanken zu ordnen oder zu einem Entſchluß zu kommen. Die Zeit war ihm ſchnell vergangen und er hoͤrte plötzlich, wie der Schiffer durch den heulenden Sturm⸗ wind die Stimme des rettenden Piloten— Angela's klangreiche Worte und den alten zartlichen Ruf:„Nees! Nees! lieber Nees!“ Er ſprang vom Boden auf und that einen fuͤrchter⸗ lichen Schwur, um jeden Preis ſich zu bewahren, was er bis jetzt ſein genannt— dann rannte er der lieblichen Stimme entgegen. Angela war jetzt neunzehn Jahr und eine jugend⸗ kräftige, bluͤhende Jungfrau. Sie war nicht ſchoͤner geworden; ihre Zuͤge hatten im Gegentheil immer mehr hervortretende Unregelmißigkeiten bekommen; Stirn und Augen allein konnten den edlen Urſprung verrathen. 152 Dem uͤbrigen Geſicht war wie Gewalt geſchehen; der feinere Beobachter hätte ſagen muͤſſen: ſie iſt nicht zur Reife gekommen, die Verhältniſſe haben die zarteren Keime vergraben, ſie haben ſich hinter grobere Stuͤt⸗ puncte zuruͤckgezogen. Gewiß iſt es aber noͤthig, daß wir hier die Verän- derungen hervorheben, welche Angela mit und ohne ih⸗ ren Willen im Hauſe bewirkt hatte. Zum Theil wenigſtens war eingetreten, was Nees immer gefurchtet, ſo wie er den Einfluß Anderer nicht mehr von Angela abzuhalten vermochte— ihr Geſichts⸗ kreis hatte ſich erweitert, und damit hatte ſie einen vergleichenden Blick bekommen und den ſchauderhaften Mangel erkannt, in welchem Alle ſchmachteten. Es entſtand dadurch ein merkwuͤrdiger Kampf zwiſchen An⸗ gela und Nees, den Nees mit dem entſchiedenſten Nach⸗ theil fuͤhrte; denn Angela war, ohne es zu ahnen, ein völlig verzogenes, ungeſtuͤmes, hartnaͤckiges Madchen geworden, und Nees hatte ſich an dieſe Fehler, die er ſelbſt entwickelt, allmälig ſo gewöhnt, daß er ihre Exi⸗ ſtenz gar nicht merkte. Als nun Angela auf Verbeſſe⸗ rungen drang und Alles ſo gut und ſo heimlich und ſo wohlhabend wie bei dem guten Paſtor haben wollte, ſchlug ihm das Gewiſſen, was⸗ ſich unter keiner andern Beruͤhrung als der ihrigen regte. Ihm fiel ein, wie 153 viel beſſeres ſie verlangen könnte, als jene kleine be⸗ ſchraͤnkte Wirthſchaft, die das Ziel ihrer Wuͤnſche war, und er zögerte zwar und kampfte gegen ihre Anſpruͤche; aber er ließ ſich eines nach dem andern entreißen und fuhlte ſelbſt eine ſich furchtſam zugeſtandene Luſt, wenn Angela, ſtatt der von ihm noch immer ſo bitter gehaßten Suſa, die Einrichtungen betrieb und ſich im Vortheil träumte und ihre Zufriedenheit aͤußerte. So war von eigentlichem Hunger nicht mehr die Rede, und Kleidung und Geräth trat dazu in anſtändi⸗ gere Verhaͤltniſſe, und es fehlte bloß Angela an dem Beduͤrfniß mehr haben zu wollen, ſo wuͤrde ſie auch dies nach und nach erreicht haben. Deſſenungeachtet blieb dies Haus ein öder und trau⸗ riger Aufenthalt, und Nees wuͤrde in immer gleich un⸗ erbittlicher Strenge jeden Umgang davon abzuhalten gewußt haben. Dies Beduͤrfniß kannte Angela auch kaum und vermißte es nicht, da ſie täglich zur Paſtorin ging, mit ihren Kindern ſpielte, oder von der Baͤckerin uͤber den ganz gewoͤhnlichen Betrieb des Marktes und der Schiffer und Fiſcher ihre Unterhaltung ſchoͤpfte. Kam Nees nach Haus, ſo war das der Glanzpunct des Tages, denn er brachte jedesmal etwas zu erzählen mit und hatte eine natuͤrliche Komik, die er nicht verlernte, da Angela jeden Tag darauf rechnete, und wenn er ſich 154 von verdrießlichen Gedanken wollte beherrſchen laſſen, mit einem ſehr hartnackigen Schmollen auftreten konnte, was er unfaͤhig war zu ertragen. Seit langer Zeit war der Zuſtand der armen Mut⸗ ter derſelbe geblieben; aber ſeit den letzten Monaten ſchuͤttelte Suſa oft den Kopf, wenn ſie die raſche Ab⸗ nahme der Krafte gewahrte und auch die wenige ihr gebliebene Wahrnehmungskraft nach und nach erloſch und das Lächeln in eine ſtarre Mienenloſigkeit ber⸗ ging, die ihr bei geſchloſſenen Augen das vollſtändige Anſehn einer Leiche gab. In Angela waren durch die Lehren und das Bei⸗ ſpiel der guten Frau Harſens— der Einzigen, welche zuweilen dies öde Haus betrat— alle Empfindungen kindlicher Liebe geweckt und wahres Pflichtgefuͤhl, wie auch eine ſchöne weibliche Thätigkeit entwickelt. Mit großem Geſchick und unermuͤdetem Fleiße ſorgte ſie fuͤr dieſe von ihr zärtlich geliebte Mutter, und die gute Suſa, fuͤr welche ſie nicht minder zaͤrtlich fuͤhlte, und welche ſich bei einſtellender Kraͤnklichkeit oft von ihren Geſchaͤften belaſtigt fand. Ihre jugendliche Kraft, die nicht mehr durch Hunger zuruͤckgehalten wurde, ließ Angela jede Anſtrengung leicht ertragen, und ſie war nie heiterer und zufriedener, als wenn ſie recht viel zu beſchaffen hatte. 155 An dem Tage, den wir eben bezeichneten, wo Nees den drohenden Angriff auf ſein Gluͤck erlebte, ſollten ſich die Umſtände ſammeln, um auch ihn die uͤberall und in jedes Menſchen Leben vorkommende Erfahrung zu lehren, daß kein Ungluͤck allein kommt. Angela kam ihm in Thraͤnen entgegen und bat ihn, zur Mutter zu kommen. Als er den Saal betrat, der viel an ſeiner Ausſtattung gewonnen, ſah er Suſa ne⸗ ben dem Stuhl der Mutter knieen, welche leblos mit allen Zuͤgen des Todes darin niedergeſunken lag. Ja⸗ kob glaubte wirklich im erſten Augenblick, ſie ſei ver⸗ ſchieden, und Schreck und Entſetzen erfaßten ihn, denn er uͤberſah ſchnell eine neue durch ihren Tod entſtehende Gefahr. Aber Suſa's Ruhe und die Ueberzeugung, daß ihr Koͤrper noch warm und biegſam ſei, zerſtreuten dieſe Furcht, und er ſchlug Angela vor, ſie auf ſeinen Armen nach ihrem Bette zu tragen. Dort kam die arme bewußtloſe Dulderin zwar wieder zum Leben zu⸗ ruck, aber ihr Zuſtand blieb zu ſchwach und zu gelähmt, als daß man ſie wieder aus dem Bette haͤtte bringen koͤnnen; denn ein zweiter Nervenſchlag, der wie der erſte unbenannt blieb, weil Niemand daran dachte, einen Arzt zu fragen, hemmte noch mehr die Thaͤtig⸗ keit dieſer langſam Sterhenden. Nach mehreren Stunden erſt gelang es den verein⸗ 156 ten Bitten von Nees und Suſa, Angela dahin zu brin⸗ gen, daß ſie mit ihm hinunter ging, und nachdem ſie ihr einſames Mahl allein und traurig zu ſich genommen hatte und ihre Thraͤnen zu fließen aufhörten, da die Mutter in einen natuͤrlichen Schlaf geſunken war, wollte Nees eben ein zerſtreuendes Geſpraͤch mit ihr beginnen— da erhob ſich plötzlich ein Tumult auf der Straße, und in einem Zuge von Straßenjungen und geſchäftsloſen Muͤßig⸗ gangern kam ein Reiter daher, der ſich mit einer Trom⸗ pete Achtſamkeit verſchaffte und dann bei jedem zehnten Hauſe die uns bekannte Aufforderung der Gräfin von Caſambort ablas. Angela horchte einen Augenblick und lief dann ge⸗ gen die Fenſter. Dadurch gewann Jakob Zeit, ſich zu faſſen, denn der Athem ſtockte ihm bei dem erſten Schmettern der Trompete in der Bruſt, weil er ſehr wohl die beobachtete Procedur bei ſolchen Ankuͤndigun⸗ gen kannte und keinen Augenblick zweifelte, es ſei die von ihm gefuͤrchtete. Obwohl Angela zum Fenſter gelaufen, blieb ſie doch nicht lange daran ſtehen und erzaͤhlte Jakob, wie ſie den Ausrufer heute Morgen ſchon bei der Bäckerin gehort habe: wie eine vornehme Dame ihre Schweſter und ihre Nichte ſuchen laſſe, und große Belohnung an diejenigen verſpräͤche, die ihr Nachricht uͤber beide geben könnten. „Ach, Nees! begreifſt du, wie das zugeht?“ fuhr ſie fort—„wie Menſchen von ſo hohem Range, was man ſagen kann, verloren gehen können, wie eine kleine un⸗ beachtete Stecknadel?“ Nees ſchwieg, und die Qualen, die ihn durchwühl⸗ ten, raubten ihm ganz die Gedanken. Angela war auch in ihre eigenen Betrachtungen vertieft und achtete nicht auf ihn.„Ich fragte ſchon den Paſtor,“ ſagte ſie noch.— „Den Paſtor?“ ſchrie Nees und ergriff krampfhaft Angela's Arm—„du fragteſt den Paſtor?“ „Nun ja!“ ſagte Angela, ſich unwirſch losmachend —„er hat ſo viel Einſicht! Da erzaͤhlte er mir, was vor meinen Lebtagen fuͤr Verfolgung im Lande geweſen, und wie ganze Familien um ſchlechter Gruͤnde willen auseinander geſprengt worden waͤren und ſich nie wieder zuſammen gefunden hätten; auch Viele elendiglich um⸗ gekommen ſeien in fremden Landen oder unter fremden Namen noch wie Bettler umherſchlichen; denn nicht Allen lebe eine ſo gute Schweſter und Tante wie die Frau Graäfin, welche ſo eben ihre Verwandten ausrufen läßt. Ach, Nees! wir mußten die Kinder recht herzen und kuͤſſen, und konnten uns gar nicht denken, wenn ſie ſo verloren gehen könnten, was das fuͤr ein Schmerz ſein muͤßte! Sieh, Nees! koͤnnte ich der armen Schweſter 158. die Ihrigen auffinden helfen, da wollte ich weit drum gehen, und du ſicher auch!“ rief ſie, ſich gegen ihn wen⸗ dend.— Doch ſie fuhr zuruck vor dem gerichteten Verbrecher, der eben den fuͤrchterlichen Schwur gethan, dieſer un⸗ glucklichen Schweſter die Ihrigen, die er in Mangel und Elend faſt hatte zu Grunde gehen laſſen, während er ihr geraubtes Eigenthum fuͤr ſich zu großen Schaͤtzen auf⸗ geſummt, nie zuruͤck zu geben. Die Nichte dieſer durch Rang und Reichthum ſo mächtigen Gräfin von Caſam⸗ bort ſaß in Magdsgeſtalt, ahnungslos uͤber ihre ange⸗ borenen Rechte, vor ihm, und ihr Herz regte ſich theil⸗ nehmend bei der erſten Kenntniß von dieſer ihr entzoge⸗ nen Tante— und ihn fragte ſie, ob er ihr helfen wolle, die Verſchollenen aufzufinden. „Nees, lieber Nees!“ rief ſie, als ſie ſeine Bewe⸗ gung ſah. „Du willſt mich verlaſſen?“ ſchrie er, halb erſtickt von ſeiner Qual—„du willſt fuͤr Andere leben— du willſt mich toͤdten?“ Angela war, obwohl ſolche Anfalle ſich verringert hatten, doch nicht unbekannt damit, und wußte wohl, daß ſie die Macht beſaß, ihn zu beruhigen.„Nees,“ ſagte ſie ermahnend—„ſei nicht ſo wirr und un⸗ vernuͤnftig! Heißt das dich verlaſſen, wenn ich die ſuchen 159 moͤchte und gern wieder vereinigen, die ein trauriges Geſchick getrennt hat? Wie trennt mich denn das von dir ſelbſt, wenn ich ſuchte— mit wem ſoll ich mich denn vereinigen— wo gehoͤre ich denn anders hin als hierher zu dir, mein guter Nees?“ Er hatte ſich bald gefaßt, aber ſein Dämon trieb ihn heute, zu neuen Qualen ſelbſt die Hand zu bieten. „Ach,“ ſagte er—„Angela, wirſt du ſo immer denken? Wirſt du nicht doch einmal Neigung bekommen, dies Haus und uns zu verlaſſen?“ „Du meinſt,“ ſagte Angela ruhig—„wenn ich mich verheirathen werde?“ Nees polterte von ſeinem Stuhle auf, als ſchnellte er ihn in die Luft— dann ſtuͤrzte er darauf zuruͤck, und ſchrie, während er die Haͤnde uͤber dem Kopfe rang: „Heirathen— du willſt heirathen?“ „Nun ja!“ ſagte Angela—„was meinſt du Bun — wie ſoll ich denn ſonſt aus dem Hauſe kommen? Pfui!“ rief ſie dann barſch, als ſie Nees um den Tiſch herum ſetzen und ſich die Haare raufen ſah—„ſei gleich vernuͤnftig und ſetz dich hierher, damit wir ein verſtändig Wort ſprechen konnen!“ und Nees folgte ihren Worten, aber er zitterte wie ein Espenlaub.— „Nun ſprich,“ fuhr Angela fort—„meinſt du das nicht? Die Bäckerin und auch Frau Harſens ſagt: das 160 bliebe nicht aus, daß wir Mädchen heiratheten— und mir wäre das ſehr zu wuͤnſchen, denn ich könnte nicht glauben, wie viel beſſer es Frauen hätten, die gute Maͤn⸗ ner bekämen, als ſolche Mädchen, die ſo lebten, wie ich!“ Jakob wand ſich auf ſeinem Stuhle und winſelte wie unter Schmerzen, aber er ruhrte ſich nicht, denn An⸗ gela hatte ihre Hand auf ſeine Fauſt gelegt; nur eine grimmige Wuth gegen die beiden Verfuͤhrerinnen ent⸗ ſtand in ſeiner ungezähmten Bruſt. „Und nicht wahr,“ ſagte er giftig—„ſie haben dir ſchon einen Bräutigam ausgeſucht— und werden hin⸗ ter meinem Rücken, ehe ich es ahne und weiß, dich rau⸗ ben— mir wegnehmen?“— die Stimme ſchnappte ihm ab. „Ja freilich“ ſagte Angela ſorglos lachend.„Jede hat einen, den ſie mir empfehlen moͤchte! Die Bäckerin hat ihren Sohn— Frau Harſens ihren Bruder! Aber den Bäcker, der noch in der Fremde iſt, den mag ich nicht, obwohl die Wirthſchaft viel ſchöner iſt, als bei uns, und ſolche Luſtſtuben, wie die der Frau Lievers, mein ganzes Gluck waäre. Aber ich mag die Laſt nicht mit dem Verkauf und den vielen fremden Leuten, die da kommen und gehn. Mir waͤre ſo ein kuͤnftiger Pa⸗ ſtor lieber— ſo eine ſtille Wirthſchaft wie die Hac⸗ ſensſche.“ 161 „O mein Gott, mein Gott!“ ſchrie der verzweifelnde Nees. „Aber der junge Mann, den ich nur einmal geſehen habe,“ erzählte Angela weiter—„iſt blutarm und dient noch im Seminar als Unterlehrer,— dem muͤßteſt du alſo ein gutes Stuͤck Geld geben, wenn du den lie⸗ ber als den Baͤcker zu meinem Manne haben wollteſt. Uebrigens“— fuhr ſie haſtig fort, da Nees ſie zu un⸗ terbrechen trachtete—„die Baͤckerin ſagte auch, bei der Gelegenheit wuͤrdeſt du wohl bekennen muͤſſen, ob mir was von deinem Reichthum zugehoͤrte; denn ſie glaubt, du ſeiſt ſehr, ſehr reich!“ Das war zu viel. Wuͤthend ſprang Nees auf.— „Reich, reich!— ich reich— reich!— ich Geld geben — du Vermögen— du heirathen? Die Ungeheuer! Die Beſtien! Die wilden Thiere! Wollen ſie mich denn zerreißen— zerfleiſchen? In welchen Haͤnden biſt du? Du, die ich von meinem Herzblut genaͤhrt— du— du haſt dich mit dieſen Nichtswuͤrdigen verſchworen, mich ins Grab zu ſtuͤrzen— mehr wie das— du willſt mich berauben— du willſt mich um Alles brin⸗ gen, was ich erworben— was ich um deinetwillen er⸗ worben habe!“ Er brach in ein wildes Geheul alls. „Angela,“ ſchluchzte er—„Angela, du willſt ſo gleich⸗ guͤltig von mir gehen— du willſt dieſen Höllenweibern Jakob v. d. Nees. I. 11 162 trauen— und glauben, daß es anderswo beſſer iſt, als bei mir? Angela! Angela ich uberlebe es keine Stunde, wenn du weg gehſt! Ich ſturze mich in die Amſtel— ich renne mir den Kopf an der Wand ein, wenn du mich verlaͤßt! Bleibe, bleibe!“ ſchrie er wie wahnſinnig und ſtuͤrzte vor ihr auf's Knie—„ich will dir Alles ge⸗ ben— Alles, was du willſt— du ſollſt reich ſein— du ſollſt es tauſendmal beſſer haben, als dieſe Teufelswei⸗ ber! Auch eine Luſtſtube, ſchoͤner wie die Bäckerin, ſollſt du haben— ich kann das Alles geben— ich will es dir geben, aber bleib bei mir— bleibe bei mir! Auch reich ſollſt du ſein— reich!— reich! Da ſieh' her“— rief er wie ein Raſender in Convulſionen—„da ſieh'— das Alles ſoll dir gehören!“ Damit riß er die Schluͤſſel hervor und wollte die Geldſpinden öffnen, aber er er⸗ reichte die Wand nicht, ſondern fiel in ſeiner Aufregung ſchwindelnd davor nieder. Angela blieb noch einige Augenblicke unbeweglich auf ihrem Platze ſitzen; denn Schreck und Betruͤbniß, den armen Nees ſo gekränkt zu haben, hatten ſie ganz uͤberwaͤltigt. Dann kniete ſie weinend neben ihn, ſtützte ſeinen Kopf auf ihre Arme und erweckte ihn durch ihre Thränen, durch ihre zaͤrtliche Stimme.— Als er ſich auf der Erde von ihren Haͤnden gehalten ſah, brach t in einen Strom von Thraͤnen aus. Er ſprang vom Boden auf, er breitete ſeine Arme ihr entgegen, und ſie ſturzte an ſeine Bruſt, und er hielt ſie feſt an ſich ge⸗ druͤckt, indem er ſie mit aller Sanftmuth, die ihm moͤg⸗ lich war, fragte: ob ſie bei ihm bleiben wolle. „Ach, Nees,“ ſagte ſie—„wie konnte ich denken, daß du mich ſo lieb hätteſt? Wie mochte ich doch je wo anders lieber leben, als bei dir— ich habe ja auch Nie⸗ mand lieber als dich— wollte blos heirathen, weil ich dachte, es muͤßte ſo ſein, und du wuͤrdeſt es auch wollen.“ Nees fragte ſich nicht, ob er das Gluͤck, das er em⸗ pfand, verdient hatte; er vermochte es, unter der Laſt ſeiner Gewiſſensbiſſe glucklich zu ſein, da ihm Angela ge⸗ lobt, ſie wolle ihn nicht verlaſſen. Es war aber eine natuͤrliche Gedankenfolge, daß Nees, als er wieder allein war, aus dieſer voruͤbergehen⸗ den Beruhigung zu der Ueberzeugung erwachte, daß die⸗ ſes Verſprechen Angela's ihm keine Sicherheit gaͤbe, ſo⸗ bald ihr Aufenthalt verrathen werde, und daß er gegen die Verwandtin der armen Brigitta Groͤneveld keine Macht beſitze, daß Angela ſchwerlich gegen ihn ſo wie jetzt geſinnt bleiben werde, wenn ihr durch die vor⸗ nehme reiche Tante ein Verſtändniß fur dasjenige auf⸗ gehen werde, was er ihr bis jetzt ſo ſorgfältig entzogen hatte. Was fuͤr Fragen mußten da zur Sprache 11* 164 kommen! Suſa wußte, daß das Vermoͤgen Grönevelds in ſeine Hände uͤbergegangen war; alſo der Verrath war zu erwarten, denn— durfte er zweifeln, daß Suſa ihn eben ſo haßte, wie er ſie? Was er auch gethan, ſei⸗ nen Reichthum zu verbergen, er wußte, daß eine Frage bei der Kaufmannsgilde uͤber ſein Vermoͤgen ihn zum reichen Manne ſtempeln wuͤrde, wenn er ſich auch mit heimlicher Luſt geſtand, er war es noch mehr, als ſie ihm nachrechnen konnten. Aber dann blieb keine Aus⸗ rede fur die Rechenſchaft uͤber das empfangene Gut und damit trat die entſetzliche Verantwortung hervor, daß er die ihm als das heiligſte Gut anvertrauten Erben dieſer Schaͤtze, in Elend und Mangel hatte zu Grunde gehen laſſen. Zu ſeiner Strafe fiel ihm Alles ein, was dieſe Rechenſchaft Fordernden ſagen könnten. Ob die arme Wahnſinnige nicht zu retten geweſen wäre bei arztlichem Zuſpruch und beſſerer Pflege, welches er Beides ihr aus Geiz entzogen— ob Angela nicht ihrem Range nach und als reiche Erbin zu einer dieſen Anſpruͤchen gema⸗ ßen Erziehung berechtigt geweſen wäre.— Und zuerſt verglich er das arme unſchuldige Weſen mit den edlen hochgebildeten Frauen aus dem Hauſe Barneveldt, die er in ſeiner Kindheit mit ſcheuer Ehrfurcht bewundert, und ſchauderte zuſammen, als er ſich geſtehen mußte, er habe aus der Enkelin dieſes Hauſes eine geringe Magd werden laſſen, welche die roheſten Arbeiten ohne Ruͤck⸗ ſicht fuͤr ihn zu thun bereit ſein mußte! Wie wenig haltbar war dagegen der einzige Grund, womit er die Anſpruͤche der armen kurzſichtigen Suſa verſcheucht, ge⸗ gen Perſonen, die ihm leicht beweiſen konnten, daß nach dem bald erfolgten Tode des Prinzen Moritz von Gefahr uberhaupt gar keine Rede mehr ſein konnte, und Jakob jedenfalls verpflichtet war, der Familie die Anzeige von dem Leben und Aufenthalt dieſer nahen Verwandten zu machen.— Wie viel unabweisbarer ward aber dieſer Vorwurf fuͤr ihn, wenn er nicht jetzt dieſe Anzeige machte, da der Aufruf ihm durchaus bekannt geworden ſein mußte, und wenn er es dennoch unterließ, ſein böſer Wille entſchieden und Verantwortung und ſtrenge Strafe unausbleiblich war. Und wie war die Gefahr des Verraths hierdurch geſtiegen, wie unwahrſcheinlich, daß bei der erregten Aufmerkſamkeit, die ſich gewiß auf alle Häuſer wenden wuͤrde, ſein geheimnißvolles Treiben der Nachforſchung entgehen werde, da er ſo viele Feinde und Neider hatte, und von den Beſſeren ſelbſt als ein ſuͤndhafter, hinterliſtiger Menſch angeſehen wurde. Wenn ſein ſcharfer richtiger Verſtand ihm keine der Gefahren verſchwieg, die durch dieſen Schritt der Gräfin von Caſambort ihm faſt überwältigend nahten— wik⸗ den wir uns doch ſehr irren, wenn wir erwarteten, daß 166 ſein hartnaͤckiger Charakter dadurch zu einer Verände⸗ rung ſeiner Beſchluͤſſe getrieben worden waͤre. Sein ganzes Nachdenken ging nur darauf aus, wie er ſeinen Beſitz ſchutzen und befeſtigen ſollte, und er ſchlich allen Moöglichkeiten dazu mit einer Sorgfalt und einem Scharfſinn nach, um endlich vor dem einzigen Rettungs⸗ mittel ſtille zu halten, welches allein im Stande war, alle ihm drohenden Gefahren abzuhalten. Aber wir durfen die pfychologiſche Merkwurdigkeit nicht verſchwei⸗ gen, daß der Gedanke an dies Mittel ihn wie ein Fieber ergriff, ſein Koͤrper zitterte, ſeine Zaͤhne ſchlugen zuſam⸗ men und ſein Haar ſträubte ſich zu Berge. Aber er uͤberwand dieſe Erſchuͤtterung und ſetzte nun als Vor⸗ ſatz das feſt, was ihn als erſter Gedanke faſt uͤberwäl⸗ tigt hatte— er beſchloß: Angela zu heirathen. Sie, das arme ahnungsloſe Weſen, hatte ſelbſt den Weg zu dieſer Gedankenfolge gebahnt. Ihr unſchuldi⸗ ges Geſtaͤndniß, daß ſie uͤberhaupt daran gedacht habe, hatte ploͤtzlich den Vorhang zerriſſen, hinter dem Jakob mit Angela gelebt hatte, und die noch bis jetzt fuͤr ihn ein Kind geweſen war. Auch da, als er dieſe Anſicht durch ihr Geſpräch aufgehoben fuͤhlte, wäre Angela vor ſeinen weiterſchreitenden Gedanken geſichert geblieben, haͤtten nicht die Umſtande ſeinen Verſtand geſpornt, auf Rettungsmittel zu denken. Es war ausreichend, das mußte er ſich triumphirend geſtehen. Es ſicherte ihm ſeine habſuͤchtige Gier auf das angeeignete Vermogen; es entkraͤftete jeden An⸗ griff der zuͤrnenden Familie; es band Angela's Willen gegen jede Verſuchung, die ihr von dort bevorſtand— und— es ſicherte ihm ihren Beſitz fuͤrs Leben! Die⸗ ſes einzige Gluͤck, das in ihm einen hoͤheren Werth hatte— dieſes einzige Gefuͤhl, das nicht ſo verdorben und beſchmutzt wie ſeine uͤbrigen Neigungen war— und das er vielleicht grade deshalb mit der ganzen fuͤrchterli⸗ chen Energie ſeines Charakters feſt hielt, weil er dabei ausruhte, wenn ihn alle uͤbrigen Regungen hetzten und verſuchten und die Qual des boͤſen Gewiſſens beimiſch⸗ ten. Erſt heute war ihm eine Ahnung ſeiner Verſchul⸗ dung auch gegen Angela aufgetaucht. So ſehr hatte er ſie geliebt, daß er geglaubt, gegen ſie habe er nichts zu bereuen. Auch dieſe Ahnung der Schuld blieb nicht ohne Einwirkungen, und er kam endlich mit einem bis in die kleinſten Nebendinge wohlgeordneten Plane zu Stande, welcher ihm allerdings viele kaum fuͤr moͤglich gehal⸗ tene Zugeſtaͤndniſſe entriß—„aber nicht umſonſt!“ ſetzte er laͤchelnd hinzu—„denn ſie ſichern mich alle in meiner, dadurch unbezwinglich werdenden Stellung!“ Erſt jetzt fiel ihm ein, ob Angela ihn werde heirathen 168 wollen. Wie ſchwer mußte es Jakob van der Nees wer⸗ den, ſich ſelbſt zu pruͤfen mit der von ihm ſo grenzenlos verachteten Frage, ob er ſo viel äußere Annehmlichkeiten beſitzen möchte, um ſich die Liebe einer Braut zu erwer⸗ ben. Er lachte hohniſch auf, als er ſeiner Häßlichkeit gedachte, von der er eine feſte aber gleichgültig bei Seite gelegte Ueberzeugung hatte. Er verſpottete ſich ſelbſt, indem er ſich rieth, dies vernachlaßigte Aeußere durch etwas mehr Sorgfalt zu heben, und er mußte ſich bei dieſen Betrachtungen gewiß ſchauderhaft ausnehmen, denn es war Nacht und er ſaß bei der duͤſteren Lampe auf einem Haufen alten Leders, das ſeine Schlafkam⸗ mer einnahm, und ſprudelte ſein kurzes hoͤhniſches La⸗ chen dabei vor ſich hin. Und dennoch hielt er den verachteten Gedanken feſt. In dieſem felſenharten Charakter, in deſſen tiefem Schacht nur nach Geld gegraben wurde, ruhrte ſich ploͤtz⸗ lich der Feind der Menſchheit, die Eitelkeit— und der Geiz hatte in dieſem Augenblicke den einzigen Feind gefun⸗ den, von dem er jemals bezwungen worden iſt. Zuerſt fing er an, ſeine Jahre zu zählen, Angela war neunzehn Jahr, er war vierzig, die Rechnung ſchien ihm nicht uͤbel, darin lag nichts unmogliches. Er ſtand auf und ging mit feſten Schritten auf und ab, er vertiefte ſich ſo, daß er ſich nicht mehr verhöhnte, und doch prufte er ſein ganzes Aeußere wie 169 die koketteſte Frau, die mit den verbluͤhenden Reizen noch Herzen erſchuͤttern will. Er fuͤhlte ſich unverbildet— — ohne Fehler— ſeine rohen Begriffe waren damit beſchwichtigt— etwas beſſere Kleider— das Haar un⸗ ter Kamm und Scheere— den Bader zum Zuſtutzen des Bartes— neue feinere Waͤſche— das wird einen Mann geben wie alle andern! ſagte er nicht mehr la— chend, ſondern ſich hochmuͤthig aufrichtend, denn die Eitelkeit ſaß mit ihrer Geißel auf ſeinem Ruͤcken und lachte behaglich den Geiz aus, der zitternd auf ſeine gefuͤllten Säaͤcke blickte; denn ſie war geſonnen, ihren neuen Zoög⸗ ling ſo toll als möglich zu machen und die Schlingen der Goldſäcke zu löſen und das Gold dahin rollen zu laſſen. Dann laſſ' ſie kommen— fuhr er in ſeinen Ge⸗ danken fort— die hohen Verwandten— die Barne⸗ veldt und Caſambort— was wird denn geſchehen ſein, woruͤber ſie mir zu Leibe duͤrften? Das Vermogen Grö⸗ nevelds hat ſich hundertfach verdoppelt— und wer kann ſagen, daß es der Erbin nicht gehoͤrt— bloß, ſetzte er mit einem Sprunge und einem kurzen Lachen hinzu, daß die Erbin mir gehört! Dagegen wird die Spur bald verſchwunden ſein, wie man bisher hier gelebt— brauche ich doch nur das Lager aufzuſchließen und die Tapeten aus Arras und Bruͤgge an den Wänden aufzu⸗ haͤngen— die Gläſer von Venetia— die Geſchirre aus 170 Frankreich und England— ich brauche ja nur van der Nees auf die Ballen und Kiſten zu ſchreiben, ſo werden ſie nicht weiter verſendet. Und meine Braut! Ha! kann ich nicht Sammet und Seide und Stickereien ha⸗ ben wie alle Andern— und iſt der Schmuck ihrer Mut⸗ ter nicht bloß verſetzt, und kann ich ihn nicht wieder ho⸗ len, ſo wie ich eingeſtehe, daß ich das Geld habe ihn ein⸗ zuloͤſen? Dann moͤgen ſie kommen— dann wird die Gattin des reichen Nees in dem ſchoͤnen Hauſe in Wohl⸗ habenheit und mit allem Anſtande lebend, keine Perſon ſein, deren ſie ſich zu ſchaͤmen haben werden; und wollen ſie mir ein Wappen geben, ſo mogen ſie an meinen Na⸗ men anhaͤngen, was ihnen beliebt— ja! deſto beſſer, wenn der, welcher im Lurus lebt, ein Anderer heißt, als Jakob van der Nees, der die Geſchaͤfte betreibt! Morgen muß Alles ausgerichtet und entſchieden ſein — denn— er hielt inne— und einen Augenblick war er wieder der lauernde, finſtere Geizhals, der mit Grauen und Schrecken pruͤfte, ob keine andere Rettung für ihn, keine andere Sicherheit fuͤr das ſchmählig erworbene Ei⸗ genthum ſei. Aber ſein Verſtand war ein treuer Refe⸗ rent— er ſagte nein— und abermals nein! Er ſagte ihm, das Feuer brenne ihm auf den Nägeln— und wäre es auch nur durch die Baͤckerin— verrathen mußte er jetzt werden. In dieſem Hauſe, von dem es vielleicht noch 17¹ nicht ganz vergeſſen war, daß es ein Eigenthum der Bar⸗ neveldt geweſen, hier mußten gewiß die Spione zuerſt Nachfrage halten und dann war Alles verloren. Nein! Angela— die Erbin— ſie mußte ſein Weib werden und die ſtattliche Frau des Kaufherrn van der Nees. Dann, wenn die Zeit die erſte Aufregung beru⸗ higt, ließ ſich vieles nach und nach wieder einſchränken, was jetzt nicht geſchont werden durfte, was ihn vertreten helfen mußte. Und der Gedanke, Angela ſein Weib zu nennen, war von großem Einfluſſe dabei. Seit die⸗ ſem Morgen, wo das ungluͤckſelige Wort„heirathen“ uͤber Angela's Lippen gedrungen, hatte er erkannt, was ſie ihm war. Er liebte ſie von dem Augenblicke an, daß er es ſich eingeſtanden, mit der heftigſten Leidenſchaft, mit der ganzen fuͤrchterlichen Energie ſeines Charakters. Es war ihm, als hätte er das zehnjaͤhrige Mädchen ſchon ſo geliebt, als waren die Gefuͤhle, die ihn damals antrie⸗ ben, den Unterricht des armen Kindes zu verhindern, brennende Eiferſucht geweſen, als habe er nie anders als ſo ungeſtuͤm fuͤr das Kind, das Mädchen, fuͤr die Jung⸗ frau gefuͤhlt. Und doch hatte ihm die Sicherheit ihres Beſitzes und ſeine in Geiz und habſuͤchtige Speculatio⸗ nen verſunkene Seele ſo lange ſeinen eigentlichen Zuſtand verdeckt. Was war natuͤrlicher, als daß, jetzt eingeſtan⸗ den und von allen wichtigen Beziehungen ſeines Lebens 172 getrieben und genährt, dies Gefuhl die hochſte Kraft er⸗ hielt und er die zoöͤgernde Nacht verwünſchte, welche ihn von der Ausfuͤhrung ſeiner Pläne noch abhielt. Alles ſtellte ſich indeſſen am andern Morgen zu ihrer Ausfuͤhrung guͤnſtig. Die arme Mutter bedurfte Suſa's ungetheilte Pflege; ſie kam nicht mit Angela herunter, und als Nees um die Thuͤre ſprang— kniete die Enke⸗ lin der Barneveldt, die Tochter der Caſambort, vor dem durftig genährten Kamin und kochte die grobe Brodſuppe fuͤr Nees. Doch fur die ihre Erniedrigung nicht Ahnende war der Anblick Jakobs die einzige Erheiterung, und Beide ſahen ſich freudig an. Angela war nach der durchwach⸗ ten Nacht traurig von dem Bette geſchlichen, auf dem die Mutter endlich entſchlummert war, und auch Suſa hatte ſich, erſt jetzt einige Ruhe findend, auf ihrem Lager niedergeſtreckt. Nees war freilich die einzige Hoffnung, welche Angela hegen konnte, um ihre Gefuͤhle zu erleich⸗ tern und dieſer verſchlang wie ein haſtig abzumachendes Geſchäft die ihm vorgeſetzte Suppe und ſchritt dann ohne alles Zagen zur Ausfuͤhrüng ſeines wohlgeordneten Plans. Zuerſt mußte er aber Angela's Thränen fließen ma⸗ chen, denn er ſtellte ihr den nahen Tod der armen Mut⸗ ter vor; und nachdem er ihr mit großer Ungeduld einige Zeit zu ihrem Schmerze gegoͤnnt, fing er an, ſie mit dem Gedanken fuͤr ihre Zukunft zu aͤngſtigen;„denn ſieh,“ fuhr er fort, als Angela erſchrocken zu ihm auf⸗ ſah:„du biſt weder meine Schweſter, noch meine An⸗ verwandte— alſo koͤnnte ich dich nicht im Hauſe be⸗ halten!“ „Nees!“ rief ſie lautweinend—„nun willſt du mich verſtoßen? du mein einziger Beiſtand und Schutz, wenn die arme Mutter ſterben ſollte. Aber ſage mir doch, wer bin ich denn eigentlich? Iſt es denn wahr, daß Suſa's Bruder mein Vater war— und daß ich nach ihm hieße? Und ſag' mir auch, wie es zugegangen iſt, daß Suſa nie gewollt hat, daß ich ſie Tante nenne und doch ihren Namen fuͤhre?“ Nees kam dies etwas unvorbereitet— er rausperte ſich und gerieth dann in folgende ſchwuͤlſtige Auseinan⸗ derſetzung:„Hör' Angela— ſag' mal— hat dich der kluge Herr Paſtor nicht das vierte Gebot gelehrt? He! wie heißt es, wenn ich bitten darf?“ „Du ſollſt Vater und Mutter ehren,“ erwiderte An⸗ gela, imponirt von dieſem Anfang— „Nun, nun!“ fuhr Nees triumphirend fort—„da haben wir es! Vater und Mutter ehren, das heißt ihnen gehorſam ſein— ihnen gehorſam ſein heißt, die Naſe weghalten von dem, was die Kinder nichts angeht— S 174 und Kinder, die ſollen Gott danken, daß ſie geboren ſind— wie und wo— von wem und weshalb— fragen beſcheidene, gehorſame, demuͤthige Kinder nie⸗ mals ihre Eltern.— Haſt du's jetzt weg, Angela?“ Dieſe ſchwieg beſchaͤmt, wiewohl ſie nicht recht ein⸗ ſah weshalb— und Jakob, der mit dieſem Eindrucke zu⸗ frieden war und ſich etwas mehr geſammelt hatte, fuhr nun fort:„die Hand kannſt du uns allen küſſen, daß wir dir verſchweigen, was dir Kummer machen wuͤrde— Brigitta iſt deine Mutter— damit Baſta! Dein treuer, dich liebender Nees hat mit Gefahr ſeines eigenen Lebens gewacht, daß du nie mehr erfahren ſollſt, und, wenn es von ihm abhaͤngt, wirſt du daruͤber ſo unſchuldig aus der Welt gehn, wie du hinein gekommen biſt! Nun ſei huͤbſch dankbar dafuͤr— und quaͤle weder dich noch mich mit ſolchen Gedanken und halte dir die böſen Schwatzer ab— ich meine die Bäckerin und die Paſtorin.“ „Lieber Nees“ ſagte die arme Angela weich—„ich werde dir gehorſam ſeinz aber ſage mir nur, was aus mir werden ſoll, wenn die Mutter ſtirbt— und warum ich nicht vor wie nach bei dir bleiben kann?“ Nees wollte das Herz ſpringen.„Du liebe Un⸗ ſchuld du“— ſagte er und ruͤckte ihr näher—„weißt du nicht, daß ich noch ein junger Kerl bin, der alle Tage heirathen kann?“ „Du biſt noch jung, Nees?“ fragte Angela erſtaunt, und als ſie ihn anſah, lachte ſie trotz ihrer Betruͤbniß laut auf und ſagte:„Ich habe immer gedacht, wie du, ſo ſahen die alten Männer alle aus.“ Das war allerdings nicht ſehr ermunternd fuͤr Nees; aber er war auf einiges der Art gefaßt und feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich durch nichts von ſeinem Plane abwendig machen zu laſſen. Er lachte daher auf und klopfte An⸗ gela auf die Schulter, dann ſagte er:„Ja, Angela, das kommt dir ſo vor, weil du mich von Klein auf kennſt— aber ich bin darum doch erſt grade in das Alter getreten, wo man an's Heirathen denkt.“ „Und denkſt du denn daran, Nees?“ ſagte Angela unruhig—„und muß ich deßhalb aus dem Hauſe, weil du eine andere Frau fuͤr die Wirthſchaft nehmen willſt?“ „Nun,“ ſagte Nees,„warum ſollte ich nicht an's Heirathen denken, da du doch daran denkſt— und deine Freunde, die Frau Bäckerin und die Paſtorin, doch fur dich ſchon den Bräutigam ausgeſucht haben! Dadurch ſind mir erſt die Heirathsgedanken gekommen— denn was ſollte denn aus mir werden, wenn du mich verlaßt?“ „Aber ich verlaſſe dich ja nicht,“ rief Angela eifrig —„wir hatten es geſtern ja ſchon ausgemacht und heute quälſt du mich nun auf's Neue! 176 „Hoͤr', Angela! du weißt nichts von der Welt und wie es darin zugeht,“ ſagte Nees.„Ein junger hei⸗ rathsfaͤhiger Mann wie ich— und ein junges, heiraths⸗ fähiges Mädchen können nicht in einem Hauſe beiſam⸗ men bleiben, wenn die Mutter ſtirbt, bei der die Tochter ein anſtaͤndiges Unterkommen hatte. Verſtehſt du mich, mein Kind?“ und dabei ſah er Angela ſehr ſonderbar an und dieſe wurde, vielleicht zum erſten Male in ihrem Leben, vor Jakob blutroth; denn ſie hatte durch die ge⸗ ſchwätzige Bäckerin grade Tags vorher einige Andeutun⸗ gen bekommen, die jetzt ihr Verſtaͤndniß fuͤr die dunkle Rede Jakobs öffneten. Da ſie ſchwieg, wurde Jakob muthiger.„Du kannſt, Suſa, deine Bäckerin und deine Paſtorin fragen, ſie werden dir Alle ſagen muͤſſen, daß Jakob van der Nees wie ein rechtſchaffener Mann handelt, daß er dich auf die Gefahren aufmerkſam macht, und nicht will, daß dein Ruf von unnuͤtzen Schwätzern angegriffen werde.“ „Mein Gott!“ rief Angela— das iſt ja ſchrecklich! Mein Gott! mein Gott! wie ungluͤcklich werde ich dann ſein— wo ſoll ich dann hin? Wie verlaſſen werde ich auf der Welt ohne dich ſein!“ Dabei hielt ſie beide Haͤnde vor's Geſicht und weinte bitterlich. „Du machſt mir rechten Kummer, Angela,“ ſagte Nees, der mit Wohlgefallen beobachtete, wie ſie der offenen Falle, die er aufgethan, immer naͤher taumelte.„Wenn ich dir helfen koͤnnte, mit meinem Herzblute wollte ich es thun— ſag' mir nur, was du wuͤnſcheſt, ich will Al⸗ les, Alles thun!“ „Ach, Nees!“ rief Angela troſtlos—„thue es— hilf mir! hilf mir— gewiß du kannſt es, wenn du mich lieb haſt, denn du biſt ja kluͤger als alle Andern!“ „Angela,“ ſagte Nees—„zwar wird es mir das Herz brechen— aber ſage mir offen, willſt du den Baͤk⸗ ker oder den Bruder der Harſens heirathen?“ Er wufte genau, ſie wollte es nicht mehr und hoͤrte auch ſogleich, wie ſie heftig rief:„Nein! nein! Nees! ich will nichts thun, was dir das Herz brechen kann. Nein! nein! ich laufe heute noch hin und ſage, daß ich ſie nicht will.“ „Alſo das wäre abgemacht,“ fuhr Jakob fort— „und ich weiß, wenn du einmal etwas ſo beſtimmt geſagt haſt, da bleibſt du feſt dabei. Aber ſieh, armes Mäd⸗ chen, damit verſchließt du dir auch das einzige Haus, wo du außer dem Meinigen noch Zuflucht finden koͤnnteſt; denn natuͤrlich kannſt du nicht bei dieſen Leuten leben, wo du bald mit zwei Maͤnnern zuſammen kommen muͤß⸗ teſt, die dich heirathen wollten. Oder meinſt du doch, daß du dahin könnteſt?— Mochteſt du zur Frau Lievers ziehen und ihr ein wenig im Laden helfen, oder bei der Jakob v. d. Nees. I. 12 Frau Harſens wohnen, wo der Paſtor dir noch weitere Wiſſenſchaften beibringen konnte?“ „Ach nein! ach nein!“ rief Angela außer ſich, denn der Laden und die Wiſſenſchaften waren ihr gleich ſehr zuwider, wie das Nees richtig vorausgeſehn—„nein! nein! ich will zu keinem von Beiden— und uͤberhaupt ich will nicht fort von hier. Ach Gott! Nees! verſtoße mich doch nur nicht! Was habe ich dir denn gethan ſeit geſtern, daß du ſo grauſam biſte Ich habe ja Alles wi⸗ derufen, was dich ſo kränkte— und von Heirathen haſt du geſtern noch nicht geſprochen und heute ſagſt du das nun auch, um mich recht ungluͤcklich zu machen.“ Nees riß die Augen weit auf; aber obwohl er ſchon im Begriff war die Falle zuſchlagen zu laſſen, doch zwei⸗ felte er noch an ſeinem uͤbermaͤßigen Gluͤcke und bezwang ſich auf's Neue und ſagte, ſo ruhig er konnte:„Warum macht dich denn der Gedanke ſo ungluͤcklich, daß ich eine Frau nehmen könnte? Vielleicht könnte ich ſie bereden, daß ſie dich im Pauſe behielte— und dann ginge es, daß du bliebeſt— wie etwa Suſa bei deiner Mutter!“ „Nein, nein!“ rief Angela—„das will ich auch nicht! ich will deine Wirthſchaft fuͤhren, Nees— nach wie vor— keine andere ſoll für dich ſorgen— keine Andere ſoll hier zu befehlen haben.“ „Nun,“ ſagte Nees—„ich habe jetzt all' meine Vorſchlaͤge erſchopft— alle haſt du verworfen— im⸗ mer beſtehſt du darauf, hier im Hauſe bleiben zu wol— len. Was ſoll ich nun als treuer redlicher Mann thun? mir bleibt gar keine Ausflucht uͤbrig— du muͤßteſt mich denn ſelbſt heirathen wollen—“ ſetzte er leicht und mit einem ironiſchen Lächeln hinzu. Angela fuhr hoch empor— doch lächelte ſie auch, verfiel in Gedanken, ward ſehr roth und rief end⸗ lich:„Sag', Nees, ginge das wohl? thateſt du das wohl?“ „Ach geh!“ ſagte Nees und konnte kaum ſprechen vor Aufregung—„ich bin dir ja zu alt— du wuͤrdeſt mich bald verachten und denken, du hätteſt einen huͤb⸗ ſcheren und juͤngeren Mann kriegen können.“ Angela ſchwieg und Nees glaubte zu erſticken. Auch uberlegte ſie wirklich, daß ſie immer gedacht habe, ihr Mann muͤſſe jung und huͤbſch ſein und jedenfalls— daß es ihr nie eingefallen war, ſie könne Nees heira⸗ then, der ihr ſehr alt erſchienen war. Aber, dachte ſie weiter, Nees ſagt doch ſelbſt, daß er noch jung iſt, und er hat doch ſo viel Erfahrung— dann könnte ich doch bleiben, wo ich bin. Ach, dachte ſie plötzlich, wenn er mich doch heirathen wollte und die fremde Frau dann nicht einzöge, der ich gehorchen ſoll, und die die Wirthſchaft 12* 180 fuͤhren wuͤrde— und all' das Ungluͤck,“ ſetzte ſie, von unbeſtimmten Sorgen ergriffen, hinzu. Jakob ſtörte ſie mit keinem Laut in ihrem Nachden⸗ ken, denn er wußte, es wuͤrde ihm guͤnſtig ſein; aber er wollte in ſeiner Heftigkeit vergehn und biß ſich die Zunge blutig und krallte die Naͤgel in den eichenen Tiſchfuß. Plotzlich ſagte Angela:„Ach, Nees, ich habe das ja nicht verſtanden mit deinem Alter. Du ſagſt, daß du nicht ſo alt biſt, wie ich Lachte, und dann iſt es ja gut; uͤberhaupt wenn ich es mir recht uͤberlege, wen könnte ich wohl lieber haben, als dich, Nees! Darum, weil ein Anderer huͤbſcher und juͤnger waͤre— haͤtt' ich ihn ſicher noch nicht lieber wie dich.“ „Angela,“ ſagte Nees jetzt und ließ den Zuͤgel et⸗ was ſchießen—„Angela, was giebſt du mir da fuͤr einen prächtigen Gedanken ein. Du willſt mich heira⸗ then, meine Frau ſein, wir ſollen Zeit des Lebens bei einander bleiben: Angela! liebes Mädchen, iſt das dein Ernſt?“ Angela freute ſich, wie ſie Nees ſo vergnügt ſah, und reichte ihm die Hand, die er wie in einem Schraub⸗ ſtock feſtdruͤckte, und laͤchelte ihn dabei liebevoll an. „Hoͤr,“ rief Nees und ſammelte noch einmal ſeine taumelnde Beſinnung, denn er hatte ſich gelobt, ſeinen 181 Plan bis zum letzten Ende durchzuführen, ohne ſich von ſeiner heftigen Leidenſchaft hinreißen zu laſſen.„Hoͤr' mich, Angela, weißt du, daß du da was hoͤchſt Wichti⸗ ges geſagt haſt? Weißt du, daß du deinen beſten treu⸗ ſten Freund, der dich zartlich liebt, in eine ſchreckliche Verſuchung gefuͤhrt haſt? Denke dir, wenn ich jetzt auf deine Vorſchlaͤge eingehe, wenn ich mich dadurch ra⸗ ſend gluͤcklich fuͤhle und nun, um dich als meine Frau zu ehren und recht gluͤcklich zu machen, dies ganze alte Haus umwandele, daß es ſtrahlt von Glanz, Reich⸗ thum und Schoͤnheit— wenn ich nun mich gewoͤhne, ein gluͤcklicher Mann zu ſein, und du bereuſt dann, was du mir gelobt, du hörſt auf Suſa, auf deine Freunde, die dir abrathen, die dir bange machen vor mir— und du folgſt ihnen und kommſt einen Tag zu mir und ſagſt:„Nees! ich kann dir mein Wort nicht halten, es iſt mir Alles wieder leid geworden!“ Nees ſchwieg— er erſtickte faſt bei dem bloßen Schattenbilde, das er ſelbſt malte. Aber Angela ließ ihm keine Zeit—„O, Nees!“ rief ſie—„wie kannſt du das denken? Nein, wenn du mich zur Frau haben willſt, dann will ich dich zum Mann nehmen, und die Andern koͤnnen reden, was ſie wollen.“ „Ha!“ ſchrie Nees, indem er aufſprang und An⸗ 182 gela mit in die Höhe riß—„ſchwore mir das! ſchwoͤre mir, daß du auf Keinen hören willſt, als auf mich— Keinem vertrauen willſt als mir— daß du feſt dabei bleiben willſt, mein Weib zu werden— ſchwöre es An⸗ gela— und brichſt du den Schwur, ſo haſt du mich gemordet— keine Minute uͤberlebe ich das— darum ſchwoͤre, ſchwoͤre!“ „Ich ſchwore es!“ ſagte Angela— aber ſie wurde todtenblaß dabei, denn ſie war vor Jakobs Heftigkeit erſchrocken und verſtand ihn nicht, weil jetzt erſt die lang bezaͤhmte innere Leidenſchaft hervorbrach und ſie nicht wußte, ob er glucklich oder wuͤthend war. Als er ihren Schwur horte, faßte ihn eine wahn⸗ ſinnige Freude— er riß ſie in ſeine Arme— er ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen— er erdruckte ſie faſt und lief dann wie⸗ der jauchzend im Zimmer umher! Angela hatte ſich in⸗ deſſen zufrieden wieder in ihren Stuhl geſetzt und ſah ihm hoͤchſt heiter zu und ſagte immer:„Nees, lieber Nees! da haben wir uns recht unnuͤtz gequält— mir ſind Berge vom Herzen herunter— und ni du ſo vergnugt biſt, da bin ich auch ſo ſehr zufrieden! Koͤnn⸗ ten wir's nur der armen Mutter begreiflich machen, und daß Suſa nicht ſchilt— ich furchte mich etwas davor.“ Dieſes Vorgefuͤhl war nicht ohne Grund, denn Suſa hatte beſtändig mit ihrem tiefen Widerwillen ge⸗ — gen Nees zu kämpfen; und hatte ſie nicht zugleich ge⸗ fuͤhlt, daß er dennoch der einzige Schutz fuͤr Angela war und dieſe wenigſtens durch ſeine Liebe gegen allzu große Leiden geſichert blieb, wuͤrde ſie nicht angeſtanden haben, ihr ſchon laͤngſt Alles zu entdecken, was ihr Herz oft bis zum Rande ſchwellen machte. Aber wir finden bei ungebildeten und beſchraͤnkten Perſonen, daß— was ſie aus Gewohnheit ſtetig fort⸗ thun, ihnen den Anſchein von Charakter und Grund⸗ ſätzen giebt, was haͤufig auf nichts Beſſerem beruht, als daß ſie in der Richtung, die ihnen oft ganz gegen ihren Willen und gegen ihre Ueberzeugung aufgedrun⸗ gen ward, weiter leben, weil ihnen der freiere Blick fehlt, ſich eine andere Stellung zu erſehen, und die Kraft der Geſinnung, das zu ergreifen, was ſie erkennen. Man haͤtte Suſa's Stillſchweigen bewundern koͤn⸗ nen, da ihr weder bei Angela noch bei den Bewohnern des Lieversſchen Hauſes die Veranlaſſung zu Mitthei⸗ lungen gefehlt hatte— aber es war dennoch nichts wei⸗ ter, als die Angewohnheit zu ſchweigen, die ſie zu An⸗ fang aus Furcht angenommen hatte, und die dann von der langſam ſich einſtellenden Dumpfheit ihres Geiſtes unterſtutzt wurde, und jetzt nach beinah zwanzigjähriger Entwöhnung, ihre Gedanken auf das Erlebte zu richten, nur noch einen unvollſtaͤndigen Zuſammenhang in ihr 184 hatte, woran ſie nicht anders, als an ein muͤßiges Gruͤbeln, das zu keines Menſchen Nutzen und Huͤlfe gereichen könnte, dachte. Aber an die Möglichkeit, daß der edle Name, den Angela trug, in dem kleinen Krämernamen van der Nees untergehen ſollte, daß Angela, die hochgeborene Jungfrau, mit dieſem niedrigen verachteten Geizhals, mit dem Raͤuber ihres Vermogens ſich vereinigen ſollte. daran hatte ſie doch nie gedacht, und es empoͤrte ſie bis zu einem Grade, der ihr dumpfes Bewußtſein weckte und das jahrelange Stillſchweigen brach, obwohl ſie kaum wußte, wie ſie ihr Geheimniß los werden ſollte, da ſie es aus ſo verſchuͤtteten Schachten der Erinnerung hervorholen mußte. War es nun der verworrene Vortrag Suſa's, der hieraus entſtand, oder lag es noch mehr in Angela's Charakter und Erziehung— genug— die Wirkung, die Suſa erwartete, blieb aus. Angela haftete mit tauſend Thränen an dem Schickſal ihres Vaters, ihrer Mutter; aber von der Bedeutendheit ihres Namens und Ranges ging nicht viel in ſie uͤber— und Suſa erſtaunte nicht wenig, als ſie Angela nach dieſer ſchwer⸗ fälligen Entdeckung, mit der ſie Alles gegen Nees hoffte entſchieden zu haben, noch eben ſo entſchloſſen fand, ihn zu heirathen wie vorher. „ 185 „Denn Suſa,“ ſagte ſie—„was hat Nees nicht fuͤr meinen Vater gethan, als er ihn verbarg und mit eignen Haͤnden hinuͤber ruderte nach dem Fiſcherdorfe, von wo er weiter floh— dann daß er uns ſo ſorgfältig verbarg und uns damit das Leben erhielt.— O! Nees iſt ſehr gut— ſehr gut! und wie kannſt du ſagen, er habe mir mein Vermoͤgen geſtohlen? Hat er uns denn nicht ernaͤhrt, gekleidet— hat er nicht, wenn er reich iſt, dies Vermoͤgen doch allein fuͤr uns geſammelt, da er ſich nie etwas Beſſeres erlaubt hat, als wir ſelbſt hatten? Und warum hat er es denn geſammelt? Um mich jetzt zu einer reichen Frau zu machen! Hoͤr' nur, was er Alles vorhat— wie ſchoͤn es hier werden wird — Alles fuͤr mich— ich werde es beſſer haben wie die Baͤckerin und die Harſens— das ganze Haus wird um⸗ gekehrt— die Mutter bekommt ein ſeidenes Bett mit Daunen und ein ganz neues Zimmer— wir beide ha⸗ ben eine Magd wie die großen Kauffrauen— werden Sonntags oͤffentlich in die Kirche gehn in Seide und Sammt und im Winter in Pelz.— Siehſt du! das will Nees Alles aus Freude thun, weil ich ſeine Frau werden will; alſo ſind alle deine Vorwuͤrfe ungerecht, alle deine Beſchuldigungen treffen ihn nicht, denn er hat es immer nur gut mit uns gemeint, und wir ſind ſehr undankbar, wenn wir ihn nicht dafuͤr lieben. 186 Suſa war betäubt, wie ſie das Alles horte und am Rande mit ihren Einwendungen. Da dies eine Mittel nicht geholfen hatte, was ſie fuͤr eine Pulvertonne ge⸗ halten, die Alles in Angela in die Luft ſprengen wuͤrde, fuͤhlte ſie ſich um den ganzen Vorrath ihres Wider⸗ ſpruchs gebracht und blickte muthlos auf die Zukunft, die ſie nicht mehr zu lenken vermochte. Dabei ſtand ihr Verſtand formlich ſtill, als ſie von Jakobs Verſpre⸗ chungen und Plaͤnen in Bezug auf ſo viel Glanz, ſo viel eingeſtandenen Reichthum horte. Es verwirrte ſie vollig uber ihre Pflichten, denn ſie kam gegen ihren Willen zu dem Gedanken: vielleicht aͤndert er ſich, vielleicht hat ſie Gewalt uͤber ihn und es geht ihr gut. Manches war ja ſchon geſchehen, ſeit ſie herangewachſen; warum konnte nicht, war ſie erſt ſeine Frau, dieſer Einfluß noch ſteigen. Ihr Mißtrauen und ihr Widerwille ge⸗ gen Nees machte aber doch, daß ſie der Wahrheit ziem⸗ lich nahe kam; denn ſie ſagte immer:„was muß denn geſchehen ſein, was muß ihn denn drangen, daß er los⸗ laͤßt von ſeinen Laſtern.“ Nees war ein ſo vortrefflicher Menſchenkenner, daß er ohne die kleinſte Sorge dieſe Unterredung Angela's mit Suſa erwartete; denn ſelbſt, wenn Suſa ſprach, was er vorausſetzte, wußte er, daß der Eindruck auf Angela nicht groß ſein könnte. Ihre Erziehung hatte ihr keinen Maaßſtab fur die Vorzuͤge der hohen Staͤnde, zu denen ſie ſich dem Namen nach zählen konnte, ge⸗ geben; und Dank der Vernachläßigung und Beſchraͤn⸗ kung, worin er ſie hatte aufwachſen laſſen, ihre Be⸗ griffe und ihre Neigungen gingen ſo Hand in Hand, daß ſie einen Wohlſtand, der ſich uber das Lieversſche Haus erheben ſollte, faſt ihre Wuͤnſche uͤberſteigend fand, und ſeit lange den von Nees empfangenen Ge⸗ danken nährte, daß mit den hoͤheren Staͤnden nur aus⸗ zukommen ſei, wenn man die Wiſſenſchaften inne habe — und dieſer verworrene Begriff ſchien ihr die größten Quaͤlereien des Lebens zu umſchließen. Er lachte ſo— gar vor ſich hin, als er ſich dachte, welchen neuen Vor⸗ theil es ihm bringen mußte, wenn Angela— in Kennt⸗ niß geſetzt von ihrem Namen und Stande— ihm den⸗ noch freiwillig ihre Hand gaͤbe; denn dann wufßte er, ſie werde bei ihrem feſten Charakter und ihrer unbeſtech⸗ lichen Wahrhaftigkeit ſpater bei der Entdeckung nie ihre freiwillige Zuſtimmung zu ihrer Ehe verlaͤugnen— und wo blieb dann der letzte Schatten des Vorwurfs oder des Unrechts! Dabei arbeitete ihm der Zufall offenbar in die Haͤnde. Die Krankheit ihrer Herrin, an deren Bett Suſa ſeit jenem verhaͤngnißvollen Morgen gefeſſelt blieb, hatte verhindert, daß ſie in ihrem geringen Ver⸗ 188 kehr mit der Außenwelt geblieben war, und ſo hatte ſie in dem nach dem Hofe liegenden Krankenzimmer nichts von dem Aufruf der Graͤfin von Caſambort gehort, wel⸗ cher gewiß größere Erſchuͤtterungen bei Suſa und viel⸗ leicht auch bei Angela erregt haben wuͤrde, wenn er zu ihrer Kenntniß gekommen waͤre. Angela hatte aber an demſelben Morgen ſo viel wichtigere Dinge erlebt, daß ſie hiervon wenig mehr wußte, und Nees hatte außer⸗ dem mit großer Verſchlagenheit ein Mittel ergriffen, auch Angela's Verkehr mit dem Lieversſchen Hauſe ab⸗ zuſchneiden, wenigſtens fur die erſte Zeit nach dem Auf⸗ ſehn, welches jener Schritt der Gräfin von Caſambort erregen mußte. Auch wuͤnſchte Nees, daß Angela mit der Nachricht von ihrer Verlobung mit ihm, zugleich von den Veränderungen im Hauſe erzählen koͤnnte, welche das Erſtaunen der Frauen ſehr wahrſcheinlich in eben dem Maaße aufregen mußte, als die Verlo— bungsnachricht ſelbſt, und die Angriffe darauf ſchwächen. Es iſt eine alte ſehr merkwuͤrdige Erfahrung, daß der wahre Geiz ſehr haͤufig fuͤr Augenblicke als Ver⸗ ſchwender auftreten kann— wenigſtens daß es ihm leichter wird, Hunderte und Tauſende ſich zu entreißen, um irgend einen Zweck zu erreichen, als daß er ſich die Bequemlichkeit des täglichen Lebens zugeſtaͤnde. Dem Gebildeten ſcheint der Beſitz des Geldes werthvoll, weil 189 er es als Mittel anſieht, eine Menge kleinlicher Störun⸗ gen von ſich abzuhalten, die dem Unbemittelten Zeit und Gedanken koſten, auf deren freien Gebrauch ohne Druck und Zerſtuckelung der höhere Geiſt ſo vielen Werth legt. Wogegen der Geizige ſich in lange Gruͤbeleien vertieft, wie er der Ausgabe einiger Kreuzer entgehen ſoll, und durch allerlei kleine Liſten und Kniffe, die ſelbſt die Ehre verletzen und ſicherer noch die Feinheit des Gefuͤhls, ſich losmacht von der Beiſteuer einer kleinen Summe— und wir wollen dies oft von derſelben Perſon kaum glauben, die ohne Zaudern große Summen Preis giebt. Gewiß ſind dieſe ſich ſo oft widerſprechenden Erfahrungen ſchon haͤufig ein Gegenſtand des Nachdenkens fuͤr die Pſychologen geweſen, und wir erwaͤhnen in dieſem Falle blos die bekannte Erfahrung, die wir eben in unſeren Mittheilungen beſtaͤtigt finden. Es iſt gewiß, daß Jakob van der Nees am Abend ſeines Verlobungstages, als er wieder allein war, ſeine Geldſpinden öffnete und mit dem ſchauderhaften Lä⸗ cheln, welches ihm der Anblick dieſes baaren Beſtandes jedesmal abnothigte, ein paar ſchwere Säcke mit Gold⸗ ſtuͤcken herausriß, ſie mit dem Fuße auf der Erde vor ſich hin ſtieß, als verachtete er ihren Inhalt— und doch im Kamin einige Spane vom Verbrennen gerettet hatte, als ihn Angela verlaſſen. 190 Er beſtimmte dieſe Summe ohne Zaudern fuͤr die neue Einrichtung des Hauſes; er beſchloß, ſie durch jede Aufopferung zu beſchleunigen, und in wenigen Wochen der Gatte Angela's zu ſein. Wenn er die Gefahr, Alles wieder zu verlieren, was er erreicht hatte, von ſich ab⸗ wenden wollte, ſah er ein, daß dieſe Eile nöthig ſei, und er war zu klug und erfahren, um nicht zu wiſſen, daß man in ſchwierigen und gefahrvollen Verhaͤltniſſen nicht mit halben Maßregeln einſchreiten muß. Sein eiſerner Sinn, der ſich noch mehr ſtäͤhlte, wenn er einmal einen Entſchluß gefaßt hatte, kam ihm zu Hilfe, ſeinen Geiz zum Schweigen zu bringen, und wir haben ſchon fruͤher geſagt, daß ſeine Eitelkeit plötzlich erwacht war, und dieſe findet ſich am haͤufigſten neben dem Geiz ein, und entreißt ihm die laͤcherlichſten und widrigſten Zugeſtand⸗ niſſe.— Angela erſtaunte nicht wenig, als ſie am andern Morgen, wie ſie im Saal erſchien, um die grobe Suppe zu kochen, Jakob neben einer jungen ruͤſtigen Magd am Kamine fand, der er Anleitung gab, dieſe zu be⸗ reiten. Er hatte ſich beim Grauen des Tages mit einigen kraͤftigen Ruderſchlägen nach einem kleinen Fiſcherdorfe auf einer der Amſtel-Inſeln gebracht und aus einer ihm wohl bekannten Fiſcherfamilie die aͤlteſte Tochter geholt, 191 von der er wußte, daß ſie eben aus Bruͤſſel zuruͤckgekehrt war, wo ſie in der Kuͤche eines Pralaten gedient hatte. Dieſe folgte ihm gern, als er ſie mit bedeutendem Lohn anwarb, und ſie ſollte ſtatt ſeiner Braut die Einkaͤufe uͤbernehmen, wodurch dieſer die Beſuche in dem Hauſe der Frau Lievers erſchwert wurden, was er ihr auch uͤbri⸗ gens durch neue Zerſtreuungen aus dem Sinne zu brin⸗ gen trachten wollte. Angela ward von ihm mit einer gewiſſen Wuͤrde empfangen und die neue Magd ihr vorgeſtellt, als zu ihren Befehlen. Aber ſeine Braut konnte ſich ſchwer in dieſe Veraͤnderung finden; ſie war blöde und verlegen mit der jungen raſchen Magd, die ſo wenig unter ihr zu ſtehen ſchien in Kleidung, Betragen und Bildung. Sie mußte immer von Nees unter dem Tiſche feſtgehalten werden, denn ſie wollte ſich immer erheben, um den neuen Ankömmling zu bedienen. „Beſſere Kleider muß ſie haben,“ ſchmunzelte Nees —„das hebt das Selbſtgefuͤhl; ſie wird, ſo lange ſie denſelben Rock und daſſelbe Mieder traͤgt wie die Magd, nie glauben, daß ſie mehr iſt.“ Er nahm ſie daher mit ſich zu einer Schneiderwerk⸗ ſtatt und ließ ihr mehrere Anzuͤge anmeſſen von koſtba⸗ rem Camblot und ſchwerem gemuſtertem Seidenzeuge, wie es damals von Italien aus uͤber alle Luxus treibende 192 Länder verbreitet war. Dazu kamen Spitzen aus Bra⸗ bant, und eine Muͤtzenmacherin lieferte ſammtne Käpp⸗ chen mit Stickerei und feinen Barben. Als ſie zuruͤckkehrten, war feine Wäſche angekom⸗ men, welche damals in großen Vorraͤthen von Amſter⸗ dam, als von einem Stapelplatze, nach England geſen⸗ det wurde, und Nees wählte an Menge und Schoͤnheit — wie es Angela erſchien— wie fuͤr eine Fuͤrſtin aus, wobei die Mutter und Suſa nicht vergeſſen wurden. Dann fanden ſich Arbeitsleute ein, welche das Holz⸗ zimmer ausbeſſerten, reinigten und mit glaͤnzendem Ueberzug wieder zu ſeiner alten Holzfarbe zuruͤckbrachten. Dann wurden die Tapeten zugeſchnitten, neue Fenſter mit bunten Scheiben eingehaͤngt, der Eſtrich mit dicken wollenen Teppichen bedeckt. War man bei vielen Ar⸗ beitern, hohem Taglohn und einigem Treiben Jakobs mit den unteren Räumen bald zu Stande, da ſchoͤne und bequeme Meubles von Außen hinzu geſchleppt wurden, ſo ging nun der Tumult in den oberen Raumen an, wo Jakob, vielleicht mit wenig Geſchmack, aber deſto mehr Prunkſucht, ſein und ſeiner kuͤnftigen Gattin Privatzim⸗ mer einrichten ließ, und endlich durch die abermalige Ge⸗ neſung der armen Mutter, welche nun wieder das Bett verließ, in Stand geſetzt wurde, auch hier alle Reſte der grauſamen Duͤrftigkeit zu entfernen, welche ihm bei der immer uͤber ihm ſchwebenden— Entdeckung gegruͤndete Vorwuͤrfe zuziehen mußte. Auch die Treppe und der große duͤſtere Hausflur waren der Reform nicht entgangen. Arbeiter gingen durch die in ihren Angeln verroſtet geweſene große Ein⸗ gangsthuͤr— und die arme Wahnſinnige glitt lächelnd, mit dem Fuße fuͤhlend, und in warme ſeidene Kleider ge⸗ huͤllt, uͤber die mit weichen Decken belegten Stufen und den Vorflur zu dem prachtig neu eingerichteten Wohn⸗ zimmer, wo der weichſte Lehnſtuhl mit ſeidenem Sitz ſie am Kamine aufnahm, an deſſen polirten Stäben der von der Magd genaͤhrte Kohlenberg lehnte, der nicht mehr die Mahlzeit zugleich kochte, welche reichlich und verbeſ⸗ ſert an dem fruͤher erwähnten gaſtlichen Heerd der Pur⸗ murand bereitet ward. Man kann den Eindruck dieſer Veränderungen auf Angela und Suſa betäubend nennen, und, wir muͤſſen hinzuſetzen, in Beiden eine Art Widerſpruch erzeugend. Suſa hatte ſich in ein ſo tief begruͤndetes Zuͤrnen mit Nees eingelaſſen, daß ſie ſich durch den Anſpruch, den er jetzt auf ihren Beifall machte, gekränkt und halb geaͤr⸗ gert fand. Sie ſah Alles mit finſteren tadelnden Blicken, war mehr abweiſend als annehmend in ihren Handlungen, hielt Alles fur Heuchelei,„um das Huhn⸗ Jakob v. d. Nees. I. 13 194 chen zu pfluͤcken,“ ſagte ſie, auf Angela anſpielend, und nahm gegen Nees gelegentlich den Ton an, daß dies nur ſeine Schuldigkeit, ihm laͤngſt zugekommen ſei, und ſich nicht Alles gut machen laſſe, was er bis dahin verſchul⸗ det habe. Anders war der Eindruck bei Angela, aber darin aͤhn⸗ lich, daß ihr auch nicht ganz wohl dabei war. Um einen ſchoͤnen Beſitz zu lieben, um Beduͤrfniſſe des Luxus zu haben, muß der Menſch auf einem gewiſſen Punct der Bildung ſtehen. Wird der Ungebildete mit den Gegenſtänden des hoöheren Wohllebens umgeben, oder umgiebt er ſich ſelbſt damit, gedraͤngt faſt von ſei⸗ nen Geldmitteln, die den materiellen Beſitz fordern, ſehen wir doch, daß damit das Geheimniß des Wohllebens nicht ergruͤndet iſt. Der Ungebildete ſchafft an, wie dieſer oder jener es beſitzt; er entwickelt Thätigkeit, ja ſelbſt Geſchick bei dieſer Aenderung, aber es bleibt eine Handwerksthaͤtigkeit, in der er zuletzt ſtecken bleibt. Was dem Gebildeten nur der läſtige Uebergang iſt zu einer ruhigen Form, worin er ſich dann mit dem Beſitz ſeines geiſtigen Lebens niederlaͤßt, befreit von jeder Stö⸗ rung, belebt von dem Gebrauch der Gegenſtände, deren Anwendung ſein höheres Beduͤrfniß ſucht— erlahmt der Ungebildete ſogleich, wenn das Beſchaffen beendigt iſt, worin eigentlich die Wuͤrze lag und die ſeiner Bil⸗ 195 dung angemeſſene Beſchaͤftigung. So wie er aus ſei⸗ ner Handwerksthätigkeit heraustritt, weiß er nicht mehr, was er mit dem Entſtandenen machen ſoll, und wir finden ihn entweder unluſtig, darin zu dem geringen geiſtigen Leben zurückkehren, aus welchem er ſich heraus gelockt hat, was nun uͤberdies ihn ärgert, und ſich ſchlecht in der äußeren Veränderung ausnimmtz oder wir finden ihn ſummend in dieſer Handwerksthäͤtigkeit forttau⸗ meln, zu dem Vorhandenen das Neue fuͤgen, oder es umaͤndern, immer in der Hoffnung, ein Ziel zu finden, welches er aber nie erreicht, da ſeine Beſtrebungen nicht in den Forderungen höherer Bedurfniſſe wurzeln, die zu ihrem Endpunkt genußreiche Ruhe in dem Gebrauch des Beſitzes ſuchen, der dem Beſitzer nicht imponirt, ſondern ihm dienſtbar iſt. So konnte Nees der armen Angela wohl die Be⸗ duͤrfniſſe des hoheren Lebens geben, aber er konnte ihr nicht zugleich das geben, was er beinah bis zu ihrem zwanzigſten Jahre conſequent in ihr unter⸗ druckt hatte— die Bildung, die den Wohlſtand nöthig hat zu ihrer Befriedigung, die Beduͤrfniſſe, die aus einem geiſtigen Anſpruch hervorgehn, und von ſelbſt die materielle Beſchraͤnkung und Thätigkeit zu entfer⸗ nen ſuchen. Angela ging ſcheu und unruhig in den koſtbar ge⸗ 135 196 wordenen Raäumen umherz ſie ſah neidiſch auf die Tha⸗ tigkeit der Magd, die das that, was ihr ſonſt oblag; denn ſie hatte keine andere Beſchaftigung an die Stelle zu ſetzen, und beengt von neuen und ſchoͤnen Kleidern dachte ſie immer an einen Vorwand, ſie wieder auszu⸗ ziehen, und gab Nees nicht ſehr Acht und ſchalt gele— gentlich, ſo fand er ſie lieber bei dem Geſchäft, in ihrem armen groben Rock und Jäckchen die ſchoͤnen Sachen in die Schraͤnke zu packen und feſt zu verſchließen. Man haͤtte denken können, Nees habe mit Angela die Rollen getauſcht. Er gab ſich die groͤßte Muͤhe, ſie an den be⸗ abſichtigten Wohlſtand zu gewöhnen und ihn uͤberall ein⸗ zufuͤhren, waͤhrend Angela jede Ausgabe mit einer Art Schrecken ſah, die Einkaͤufe namentlich der armen Magd — die in dem Hauſe ihrer Eltern an beſſere Nahrung gewoͤhnt war, als Angela kannte, und der Nees alle Be⸗ duͤrfniſſe der Haushaltung nannte und vorſchrieb— im⸗ merfort tadelte, und aus einer Mahlzeit wenigſtens drei oder vier machen wollte. Sie weinte faſt, wenn Nees dazu kam und es hinderte, und Alles verbraucht wiſſen wolſte, und ſo kam es natuͤrlich, daß die Magd ſagte: „Der Herr iſt wohl gut, aber die Braut iſt ſchrecklich geizig.“ Keiner ſchien unter dieſen Umſtaͤnden zufriedener, als die arme Wahnſinnige. Sah man den Eindruck, 4 197 den dies Wohlleben auf ſie machte, konnte man Suſa's unverſöhnliches Herz wohl begreifen, und die Frage konnte nicht ausbleiben: ob dies arme erſchuͤtterte We⸗ ſen, was plotzlich aus allen Gewohnheiten des Reich⸗ thums bis zu ſo grauſamen Entbehrungen hatte herun⸗ terſteigen muͤſſen, nicht bei einiger Pflege zu retten ge⸗ weſen wäre. Es erſchuͤtterte Suſa— ja nicht ſelten Nees ſelbſt — wenn ſie ſo freundlich laͤchelte und ihnen Allen die ſchoͤnen feinen weichen Stoffe, das warme Feuer, das ſchoͤne Bett und den bequemen Stuhl zeigte— wenn ſie, von den guten Speiſen auf ihrem Teller uͤberraſcht, den Andern davon mittheilen wollte, und ſie ſo lange fragend anſah, ob ſie ihr Vergnuͤgen dabei theilen wuͤrden. Nees fuhlte recht gut den entſetzlichen Vorwurf, der darin fuͤr ihn lag, und er ſchlug die Augen nieder, um Suſa's duͤſterem, anklagenden Blick zu entgehen, oder ihre Thraͤnen zu uͤberſehen. Angela aber, die in der neuen Lage ſo vielen Irrthuͤmern anheim fiel, fand in dieſen Aeußerungen der geliebten Mutter den einzigen Grund der Freude daran, und die natuͤrliche Folge war, daß ſie gegen Nees die großte Dankbarkeit fuhlte, und ihn den beſten Mann der Erbe nannte, und ſich die gluͤcklichſte Braut dazu. 198 „O Nees! lieber Nees!“ ſagte ſie oft, wenn ſie die arme Mutter mit all' dieſen kleinen Gemaͤchlichkeiten verſehen hatte—„daß du die arme Mutter noch ſo gluck⸗ lich machſt; ach! das iſt doch mehr werth als Alles, was du mir giebſt. Sieh, mein ganzes Leben lang will ich es dir danken und dich dafuͤr lieben, ſo viel ich nur kann; denn das große Gluͤck, die gute Mutter ſo laͤ⸗ cheln zu ſehn— das, dachte ich, wuͤrde ich nicht mehr erleben!“ Nees ließ ſich das gern gefallen, ja er ward ohne ſeinen Willen etwas beſſer dadurch, und vielleicht kann Niemand ſo gluͤhend lieben, als er Angela liebte, ohne etwas gereinigt zu werden. Hatte er dagegen zu Anfang liſtig vorgebeugt, daß Angela nicht zu ihrer Freundin ging, konnte er ſie jetzt nicht dazu bewegen, da er es heimlich wuͤnſchte. Mit einem Worte, Angela ſchamte ſich, in den guten Kleidern uͤber die Straße zu gehen und das Erſtaunen und das Anblicken der Baͤckerin wie der Frau Harſens zu erleben. Und doch wollte Nees, daß ſie den Paſtor zuerſt um die Trauung anſprechen ſollte und dabei Alles erzählen und bei zu erwartendem Widerſpruche auf ihrer Meinung beharren, was er ihr zutrauen konnte. End⸗ lich mußte er, nachdem er alle andern Verſuche durchge⸗ macht hatte, auf ein fuͤr ihn ſehr merkwuͤrdiges Mittel fallen, indem er ihr kleine Geſchenke fuͤr die Bäckerin, wie fuͤr Frau Harſens und ihre Kinder gab und ſie auf⸗ forderte, ſie hinzubringen. Dieſes Mittel hatte ſogleich Erfolg; uͤber die Freude, die zu bereiten, ſie ganz taumelnd war, vergaß ſie den neuen Anzug, nahm den ſchoͤnen Straßenmantel an, den Nees um ihre Schultern hing und lief mehr, als ſie ging, nach dem gefuͤrchteten Hauſe. Allerdings hatte ſie hier noch mehr zu erfahren, als ſie fuͤrchtete; denn die Bäckerin wollte Angela gar nicht kennen, waͤhrend ſie das arme Mädchen mit kalten, ſchar— fen Blicken uͤberlief— da ſie es endlich doch thun mußte, uberſchuͤttete ſie ſie mit Vorwuͤrfen uͤber ihr langes Aus⸗ bleiben, uͤber ihr Vergeſſen der alten Freunde, die doch manches Loch in dem hungrigen Magen zugemacht haͤt⸗ ten— nun der Hochmuth eingekehrt ſei, aber vergeſſen wuͤrden. Dabei ward Nees nicht geſchont, die be⸗ reits bekannte Verlobung verſpottet, ihr eigennuͤtzige, hochmuͤthige Abſichten untergelegt, und ſehr zweideutige Anſpielungen auf Jakobs mit einem Male hervortreten⸗ den Reichthum gemacht, welche Angela, Gottlob! nicht verſtand, weil ſie, ſchon in Thränen gebadet, vor ihrem eigenen Schluchzen die Worte der Bäckerin nicht mehr hoͤrte. Endlich ermannte ſich die arme Gemißhandelte und 200 ſturzte an ihrer zuͤrnenden Freundin voruͤber die Treppe hinauf zu der guten Paſtorin. Schon daß die Kinder, als ſie ſie erkannten, Alle uber ſie herfielen und ſie mit der alten Liebe begruͤßten, erleichterte das Herz der armen Angela. Auch die El⸗ tern reichten ihr mild die Hand und hießen ſie willkom⸗ men, wenn auch in beider Weſen ein gewiſſer Ernſt lag, den Angela in ihrer Aufregung uͤberſah. Das Herz der Frau Harſens wurde auch noch weicher, als Angela die kleinen Geſchenke ſelbſt an die Kinder vertheilte; und ſo fand Angela, als ſie ihre Augen trocknete, ſie liebevoll wie immer an ihrer Seite ſitzen und ihr mit dem alten Antheil die Fragen uber ihre neue Lage vorlegen, die ſo den Ausdruck wahrer und beſorgter Freundſchaft trugen, daß der armen Geaͤngſtigten das Herz aufging und ſie beiden Ehegatten alles Erlebte mittheilte, wobei nicht fehlte, daß Angela durch die Beleidigungen der Bäckerin gegen Nees noch lebhaft aufgeregt, dahin ſtrebte, gerade ihn und ſeine Guͤte und Liebe, wie ſie ihr erſcheinen mußte, hervor zu heben. Die beiden Eheleute ſchwiegen, nachdem Angela zu Ende war, und ſelbſt der Paſtor mußte bei großerer Er⸗ fahrung doch geſtehen, daß er Nees nicht verſtaͤnde und uͤberhaupt das ganze Verhältniß ihm wohl ein Geheim⸗ niß bleiben werde. Nur das Eine war klar, daß Angela „ . 201 eine große, aufrichtige Liebe zu Nees habe— hier von Zwang und Ueberredung nicht die Rede ſein konnte; daß bei Nees eine gleiche Empfindung vorauszuſetzen war, da nicht einzuſehn war, warum Nees das arme unbemit⸗ telte Mädchen hätte wählen ſollen, wenn es ihm nicht eine Herzensſache war. Als daher Angela hoͤchſt ſchuͤch⸗ tern mit dem Antrage hervorruͤckte, daß Herr Harſens die Ehe einſegnen und alle Formalitaäten beſorgen möge, ſah der gute Mann nicht ein, wie er das verweigern ſollte; er fand ſelbſt den geheimen Widerſpruch in ſich unrecht und ging um ſo bereitwilliger auf Angela's Bitte ein, da er ſich ſeine Abneigung gegen Nees zum Vor⸗ wurf machte. Nur uͤber Angela's Taufſchein hatte er Bedenken, da es offenbar ein erborgter Name war, den ſie fuͤhrte und der darin verzeichnet ſtand. Aber Angela bat den Paſtor, unter dieſem Namen alles Noͤthige ein⸗ zuleiten und geſtand ihm, daß ſie ihren rechten Namen kenne, aber aus hoͤchſt wichtigen Gruͤnden, die Suſa nicht unterlaſſen hatte, geltend zu machen, ihn nie duͤrfe bekannt werden laſſen, da er ihr Gefahr und Anderen Kummer bereiten wuͤrde. So verlangte denn endlich Herr Harſens bloß noch mit Nees zu ſprechen, und Angela wagte die ihr von ihm eingegebene Bitte ſchuͤchtern vorzutragen, daß der Herr Paſtor ſich ſelbſt einmal in das erneute Haus be⸗ geben möchte, was er ihr zuſagte, da es ihm Pflicht ſchien, ſich ſo weit als moͤglich von dem Thatbeſtande ſelbſt zu unterrichten. Da es ſich hier um das wichtige und folgenreiche Ergebniß handelt, daß Nees und Angela wirklich ehelich verbunden wurden, wollen wir die kleinen und wenig intereſſanten Details, bis es dahin kam, als beſeitigt uͤberſpringen. Wie wenig es auch zu den befriedigenden Eindruͤcken gehoͤren kann, duͤrfen wir doch nicht verſchwei⸗ gen, daß den gegenſeitigen Anſpruchen gemaͤß kaum eine gluͤcklichere Ehe zu denken war, und namentlich Nees einige Male nahe daran war, den Verſtand zu verlieren. In dieſer Aufregung that er ſich dadurch genug, daß er auf ſeinen haßlichen, ungeſchickten Körper eine Laſt von geſchmackloſen und koſtbaren Kleidungsſtuͤcken häufte, und Angela, die dies ſehr bewunderte, ihn ſogar zu ihrem Erſtaunen huͤbſch fand und ſicher war, ſie habe nie eine beſſere Heirath thun können. Wir müſſen auch hinzufuͤgen, daß der tiefbegruͤndete Wahnſinn dieſer lang genährten Liebe Nees eine Zeit⸗ lang von den Verhältniſſen abzog, die ſonſt ſeine ſtete Aufmerkſamkeit feſſelten, und er ſich zuweilen beſinnen mußte, wenn er, wie aus einem Traume erwachend, die Pracht ſeines Hauſes anſtarrte, bis ihm einfiel, daß dies Alles um eines ganz andern Zweckes willen, als um die Behaglichkeit des Wohlſtandes uͤber Angela und ihre Mutter zu verbreiten, entſtanden ſei. Nachdem er aber drei viertel Jahr bereits verheirathet war, ſollte er auf's Neue daran erinnert werden. Denn die Graͤfin Urica von Caſambort ließ in allen Landen und in allen Städten ihres Vaterlandes ihren Aufruf wiederholen, jetzt ſchon mit manchem noch dringenderen Zuſatz verſehen, welcher unter anderem fuͤr Amſterdam die Wahrſcheinlichkeit erwaͤhnte, daß dort die erſte Zuflucht der Verfolgten ge⸗ weſen ſein muͤſſe— und die beſagte Graͤfin Urica von Caſambort daher geſonnen ſei, ſich nach Ablauf eines Monats nach der Stadt Amſterdam in eigener Perſon zu begeben, um ihre Nachforſchungen daſelbſt durch ihre Gegenwart zu unterſtutzen. Nees war nach dieſer Bekanntmachung, die er er⸗ wartet hatte, keinen Augenblick ungewiß, was er zu thun habe. Mit dem Ruͤckhalt vollig geſicherter Verhaältniſſe mußte er nun ſelbſt die Entdeckung bewirken, die ſonſt ein Anderer machen konnte, wodurch dann der Verdacht — verheimlichen zu wollen— ihn unabweislich traf. Dennoch uͤberlegte er auf's Neue alle Umſtände, alle ihm zuſtehenden Schritte— und ſein liſtiger Verſtand 204 hatte ihm bald die Stelle angegeben, wo er anfäñgen mußte. Suſa, welche diesmal nicht an das Krankenbett ihrer Herrin gefeſſelt war, hatte den Aufruf mit angehoͤrt, und wie aus einem Traum erwachend, hoͤrte ſie die Namen ihrer ungluͤcklichen Herrſchaft, die Amneſtie⸗Erklärung, und die liebevollen Anerbietungen der Graͤfin von Ca⸗ ſambort. Zwar wußte ſie dies letztere nicht recht zu faſſen, da ſie vielleicht nie gehört oder beachtet hatte, welchen Geburtsnamen ihre Gebieterin fuhrte; aber daß Brigitta eine Schweſter, die bei ihrer Flucht noch bei der Wärterin war, beſeſſen hatte, das wußte ſie und das war in dieſem Falle genug. Sie rang wie wahnſinnig die Haͤnde, als ſie Alles gehoͤrt und der Zug voruͤber war, und ſtieß ſo heftige, verworrene Reden aus, daß ſie ein Gegenſtand des Grauens ward, fur die mit ihr horchende Magd. Suſa war aber nach der gemachten Entdeckung in einen ſolchen Strudel von Gedanken geſturzt, daß ſie zu der Ausfuͤh⸗ rung eines Entſchluſſes, den ſie vorhatte, nicht kommen konnte— und ſo erfaßte ſie der heimkehrende Nees, dem ſie zornfunkelkd entgegenſturzte; denn ihre Gedan⸗ kenfolge zeigte ihr trotz der Schwäche ihres Verſtandes deutlich genug, wie viel jetzt dadurch verloren gegangen war, daß Nees die Erbin geheirathet. 205 Nees hatte eine ironiſche Ruhe, wenn er den Macht⸗ loſen drohend vor ſich ſah, und ohne ihre Rede, deren Abſicht er kannte, durch Fragen erläutern zu wollen, zog er ſie mit ſich, damit ſie von den Frauen unbeachtet allein bleiben konnten und redete ſie dann heiter wie bei einer erfreulichen Gelegenheit an. „Siehſt du, Alte!“ rief er mit frecher Luſtigkeit und ſchwenkte das arme Maͤdchen zur Befriedigung ſeines Haſſes ſchmerzhaft herum— ſiehſt du, daß nun alles Gluͤck auf einmal bei uns einkehrt? Haſt immer gezwei⸗ felt, daß ſich die hohe Familie um unſere Schuͤtzlinge bekuͤmmern wuͤrde— nun ſiehſt du, wie du Recht ge⸗ habt haſt— Alles vergeben und vergeſſen und die hohe Tante hält ihren Einzug! Nun iſt die letzte Laſt von meinem Herzen herunter— nun kann ich allen Men⸗ ſchen bekennen, wer mein liebes Weib iſt— und das Kind, was ſie mir ſchenken wird, tritt gleich in ſeine vollen Rechte ein.“ „Schweigt, ſchweigt, Nees!“ wimmerte Suſa, die zwar erfuhr, er wolle den Anſpruch der hohen Verwand⸗ tin erfuͤllen; aber die Erniedrigung der armen Tochter durch die Verwandtſchaft mit Nees ſo tief fuͤhlte, daß ihr das Herz brechen wollte—„ſchweigt, Nees! denn jetzt wäre es vielleicht beſſer, die Arme bliebe in ihrem troſtloſen Dunkel, als daß ſie vor die hohe Verwandte treten muß, 206 durch einen ſo elenden Namen verunſtaltet, wie durch den eurigen. O! barmherziger Gott! wie haſt du zu⸗ laſſen können, daß eine Tochter des hohen Hauſes an einen ſolchen Knecht weggeworfen wurde!“— ſie brach dabei in ein jämmerliches Klagegeſchrei aus, wovon Nees auch nicht im mindeſten erſchuͤttert wurde, auch weder erzuͤrnt noch beleidigt. Er hatte ſich behaglich in einen Seſſel geworfen, ließ ſich immer tiefer herunter rutſchen, waͤhrend er die Haͤnde in die Weſtentaſchen ſteckte und die beſchnallten Schuhe ſeiner Rieſenbeine aneinander klappen ließ. „Wenn du's Heulens genug haſt,“ ſagte er dann pruſtend vor Lachen—„dann ſag's, du Gans! denn dann hole ich mein Weibchen Angela van der Nees, ge⸗ borene van der Groͤneveld, und wir freuen uns dann uͤber die neue Tante, die hochgeborne Graäfin von Caſambort! Ja, ja, Suſa— Nees iſt ein ganzer Kerl! und er wird nun nicht länger ſeinen guten Namen muͤſſen verdäch⸗ tigen laſſen, dadurch, daß er ein namenloſes Weib zur Frau van der Nees erhoben hat. Siehſt du, alte Katze! das ſahſt du nicht ein, daß Nees ſich herabließ, als er die Verbannte ehelichte, und daß dieſer Nees jetzt ein Kerlchen iſt, der's aushalten kann mit der hohen Tante Graͤfin.“ „O, ſchreckliche Beſchimpfung!“ rief Suſa—„Du 207 elender Knecht des großen Hauſes, zu dem ſie gehort— mit was— mit welchem Gute biſt du denn dieſer reiche Kerl geworden? Vergißt du, daß du das Gut und Erbe des armen Groͤneveld dazu genommen haſt?“ Nees hoͤrte mit beſonderer Luſt alle die Vorwuͤrfe jetzt aufzählen, die er fruͤher zu fuͤrchten gehabt hatte und die nun alle durch ſeine kluge und gluckliche Ehe in Nichts zerfielen. Er zog einen Augenblick vor uͤbergroßer Luſt ſeine Knie faſt bis zum Kinn, ließ die beiden Fuͤße dann feſtgeſchloſſen knallend vor Suſa niederpatſchen und rief hoͤhnend: „Nein, du alte giftige Spinne— das hat Nees nicht vergeſſen! Wie ein treuer Vormund hat er das Vermogen des armen theuren Freundes Groͤneveld ver⸗ waltet, und ich denke, die hohe Familie wird ſehr verle⸗ gen ſein, wie ſie den redlichen, fleißigen Arbeiter, der ſo das ihm Anvertraute zu ſchuͤtzen und zu mehren wußte, belohnen ſoll, da es ihr nicht mehr freiſteht, ihm die ein⸗ zige, ſeiner wuͤrdige Belohnung zu geben: nämlich die Erbin ſelbſt, die er ſich bereits genommen hat— und mithin“ rief er, indem er aufſprang und auf Suſa ein— rannte—„den vollen freien Beſitz des ihr gehoͤrenden Gutes! Hoͤrſt du, alte Eule? Ich bin redlicher, unan⸗ greifbarer, durch den Willen der Erbin beſtätigter Be⸗ ſitzer alles Gröneveldſchen Vermögens und habe weder den Teufel, noch dich, ſeine Großmutter, noch die Nar⸗ rin, die Frau Gräfin von Caſambort, zu fuͤrchten! Und nun,“ fuhr er fort, als er bemerkte, daß Suſa mit er⸗ bleichenden Wangen ploͤtzlich die Größe ſeiner Gewalt einſah und ihr in dieſem Entſetzen die Thraͤnen ſtill ſtan⸗ den—„und nun, alte Hexe, da du aufhörſt zu heulen, will ich lieber zu meinem Weibe hingehn, die eben im Pofe ihre Blumen pflegt und von dem Praſch der Auf⸗ forderung noch nichts gehoͤrt haben wird— da ſollſt du ſehn, wie ſie ſich uͤber die neue Tante freuen wird, und ob ſie geneigt ſein wird, ihren Nees zu verachten und zu verlaſſen, wenn die hohen Verwandten anruͤcken!“ Mit dieſen Worten ergriff er das arme, abermals in ihrer Kurzſichtigkeit uͤberwältigte Mädchen und ſchuͤttelte ſie noch ein wenig, an ihr voruͤber nach dem Hofe ſtuͤrzend, wo Angela einen kleinen Blumengarten angelegt hatte. Wie immer, wenn ſie Nees ſah, lief Angela auf ihn zu und ohne recht auf ſeine Worte zu hoͤren, zeigte ſie ihm ihre ſchoͤnen, zierlich an kleine gruͤne Stäbe ge⸗ bundenen Nelken und Jakob mußte in der Stille denken, wie uͤberfluſſig ihr die hohen Verwandten wären bei die⸗ ſem gänzlich befriedigten Herzen—„aber,“ ſetzte er ſchmunzelnd hinzu,„ſie buͤrgt mir auch, daß ſie keine Gewalt uber ſie bekommen, und ich und dies Haus ihr immer das Liebſte bleiben.“ Die arme Wahnſinnige ſaß in der warmen Auguſt⸗ ſonne unter dem breiten Schattendache der alten Linde und folgte jeder Bewegung ihrer Tochter mit den Augen, und bemuͤhte ſich, ein undankbares, milchweißes Kaͤtzchen auf dem Schooße feſtzuhalten, welches immer herunter wollte, um mit dem taͤnzelnden Rocke der ſich buͤckenden Angela zu ſpielen; denn Kätzchen glauben immer, daß Alles fur ſie und zu ihrer Unterhaltung geſchähe. „Nun laß das,“ ſagte Jakob mit wohlbehaglicher Ehemanns⸗Miene, die Sicherheit und Anſehn vereinigte —„wir haben was Wichtiges zu beſprechen, und wa⸗ reſt du nicht ein arger Leichtſinn, ſo wuͤrdeſt du mir ſchon davon erzählen koͤnnen und ich muͤßte mir nicht den Athem ausrennen, um dich ſchnell von der Freude zu unterrichten, die uns bevorſteht.“ Angela hing noch mit den Augen an ihren Blumen, aber folgte ihrem Manne ſchon lächelnd nach der Bank, worauf die Mutter ſaß— etwas Neues war ihr gleich⸗ gultig; ſie hatte noch immer mit dem zu thun, was ihr bis dahin geſchehen war, doch ſagte ſie, ſtets durch Jakobs gute Laune erfreut:„Nun Nees, erzähle— ich höre.“ „Haſt du nicht die Trompeten gehoͤrt?“ fragte die⸗ ſer—„Ja,“ ſagte Angela—„was wollte der Aus⸗ rufer— iſt was verloren gegangen? Es war ein langes Gewäſch, aber ich hab's nicht bis hierher verſtanden.“ Jakob v. d. Nees. I. 14 220 „Ja“ ſagte Nees behaglich—„vor zwanzig Jah⸗ ren iſt was verloren gegangen— das ſuchen die Leute und wollen es entdecken. Was meinſt du, Angelchen, wenn wir ihnen behuͤlflich waͤren?“ „Ach Nees! das iſt lange her— ſollte es da noch vorhanden ſein— und wie ſollten wir es juſt finden?“ „Nun denk' dir, was der Nees fuͤr ein glucklicher Kerl iſt— er hat's gefunden!“ „Du?“ ſagte Angela erſtaunt—„Ei, das iſt ein Spaß! Wo haſt du's denn— was iſt es denn— oder haſt du's ſchon wiedergegeben?“ Nees lachte wieder behaglich; dann ſagte er:„Wie⸗ dergeben— wiedergeben! Sieh, Angelchen, der Hauptſpaß iſt, daß ich's zwar habe, was die Leute heut als ihr verlorenes Eigenthum austrompeten laſſen, daß ich's ihnen aber nicht wiedergeben will.“ Angela ſah ihn etwas dumm an und ſagte ganz verwirrt:„Nun das geht ja nicht! Wenn's dir nicht gehoͤrt, kannſt's ja nicht behalten!“ „Wir wollen mal ſehn,“ erwiderte Jakob und pru⸗ ſtete lachend auf—„endlich wenn's erfährſt, ſagſt du auch, ich ſoll's behalten.“ Angela hatte noch nicht viele Verſuche im eignen Nachdenken gemacht. Sie war wirklich an Jakobs ſchnellen durchdringenden Verſtand mit allen Entſchei⸗ dungen gewieſen, die uͤber den beſchraͤnkten Raum ih⸗ res Hauſes reichten, und hatte das groͤßte Vertrauen zu ihnen, obwohl dieſe Unterordnung mehr die Trägheit war, die der Mangel an Bildung und die Furcht vor Anſtren⸗ gung erzeugte, als daß es ihr an Einſicht oder Charakter⸗ ſtarke gefehlt haͤtte. Beides war nur nicht zum Bewußt⸗ ſein gekommen, und die von Nees geleiteten Umſtaͤnde gaben keine Veranlaſſung zu einer ſolchen Entwicklung. „Soll ich's denn wiſſen?“fragte ſie nach einer kleinen Pauſe, in der Hoffnung, vielleicht ganz davon loszu⸗ kommen. Nees wollte ſich ausſchuͤtten vor Lachen— und das milchweiße Kätzchen war uͤberzeugt, er lache bloß des⸗ halb ſo heftig, damit das Troddelchen an ſeiner Sammt⸗ kappe huͤpfen ſolle und ſie es ergreifen könne— ent⸗ ſprang im Nu den Haͤnden der armen Brigitta und ſetzte uber Jakobs Schulter weg auf ſeinen Kopf hin⸗ auf und rollte im ſelben Augenblick mit ſammt der ergrif⸗ fenen Sammtkappe uͤber ſein entſetztes Antlitz auf die Erde, von wo ſie ein paar weite Spruͤnge den zornigen Verfolgungen entzogen, die Nees nachjagend verſuchte. „Lache nur,“ ſagte Nees etwas empfindlich zu An⸗ gela—„das Beeſt hat mir gewiß das Geſicht zer⸗ kratzt! Da werde ich mich gut ausnehmen, wenn ich der gnädigen Tante Graͤfin die Hand kuͤſſen ſoll!“ 14 212 „Ach!“ rief Angela unter lautem Lachen—„das war luſtig!“ Aber Nees ward es jetzt faſt zu viel, daß ſie nicht neugierig werden wollte, ihn nicht das abzu⸗ fragen ſuchte, was er los werden mußte. „Nun hoͤr', Angela! du biſt eine ſonderbare Sorte Frauenzimmer! die Mutter Eva hat vergeſſen, dir das Hauptſtuͤck in den Kopf zu ſetzen, ich meine die Neu⸗ gier. Willſt du denn gar nicht wiſſen, was ich gefun⸗ den und nicht wieder herausgeben will?“ „Doch, doch Nees!“ ſagte Angela und ruͤckte ihm näher—„denn ich denke, das muß ein beſonderer Ge⸗ genſtand ſein.“ „Das iſt er,“ rief Nees uͤber ſeine ihm ſehr witzig erſcheinenden Doppelreden in ſchmeichelhafte Luſtigkeit verſetzt—„und zwar ein Gegenſtand, den ich ſo lieb habe, wie dich ſelbſt und wie die Mutter und wie die allerliebſte Suſa dazu!“ „Nun! nun! wird's nicht zu viel?“ rief Angela. „Nein,“ ſagte Nees, ſchmunzelnd ſich dehnend— „denn du biſt es ſelbſt, mein Schatz! du— du und die Mutter, ihr werdet geſucht und austrompetet von der gnadigen Tante Caſambort. Die hat ſich's in Kopf geſetzt, ſie will euch finden— und das iſt der ganze Spectakel!“ „Heil ger Gott!“ ſchrie Angela, die Hände zuſam⸗ menſchlagend, laut auf—„Heil ger Gott! und da läßt ———————˖— 2¹13 ſie ſolchen Laͤrm drum machen? Wir— wir ſollen am Markte ausgerufen werden zum Spaß der ganzen Stadt? Heil'ger Gott! Nees, du wirſt uns doch ſchuͤtzen. Du wirſt doch nicht zugeben, daß wir auf's Rathhaus oder auf den Markt muͤſſen? Was will denn die alte Tante, die ich nicht kenne und nie leiden werde, was will ſie denn uns und die arme Mutter in's Ungluͤck ſturzen? Nees! lieber Nees! du wirſt doch das nicht zu⸗ geben. Du wirſt uns doch nicht verlaſſen?“ Nees wußte ſeine Frau wie ein Rechenexempel aus⸗ wendig und ließ ſie Alles herſagen, was er ſchon im voraus wußte, daß ſie ſagen wuͤrde, und patſchte dazu behaglich mit ſeinen eng und ſtraff an einander gedruͤck⸗ ten Beinen und deren beſchnallten Schuhen auf die Flieſen des Hofes. „Da haben wir's,“ rief er lachend—„da haben wir's! Jetzt giebſt mir ſelber den Rath, das gefundene Gut, was jene verloren hat und austrompeten läßt, nicht wieder herauszugeben! He! hat Nees nun Recht? Hel ſoll Nees es hintragen, weil er es vor zwanzig Jahren, wo's Keiner haben mochte, von der Straße auf⸗ genommen hat— ſoll er es nun hintragen, da keine Gefahr mehr fuͤr die hohe Familie dabei iſt und ſie ſich nun melden thut, zur gnaͤdigen Annahme bereit? He? ſoll Nees jetzt hingehn und ſoll ſagen: Hier, Euer Gna⸗ 214 den! Nees hat kein Recht an die, die er mit Lebens⸗ gefahr in ſchrecklich unſicherer Zeit geſchuͤtzt und behuͤtet hat, die er gerettet und verborgen hat, als die hohe Familie Gefahr lief bei der Anerkennung der armen Fluͤchtlinge! Soll Nees ſagen: Er hat nun weder Weib noch Schwiegermutter und das gedoppelte und gedreifachte Vermogen des armen Groͤneveld, was Nees mit dem Seinigen gemiſcht hat, um es zu erhalten. Das Alles gehoͤrt ihm nicht, weil nach zwanzig Jahren der Herr Trompeter ſagt— der Tante Caſambort, einer vornehmen hochmaͤchtigen Grafin fällt es ein, daß ſie eine Schweſter und Nichte haben koͤnne.“ „Ach Nees! lieber Nees!“ rief Angela heftig ge⸗ ängſtigt durch dieſe Rede—„du wirſt doch ſo nicht handeln? o denke doch das Ungluͤck! Denke doch, daß ich dein Weib bin, daß du zuerſt und allein Rechte an mich haſt, daß mich kein Menſch von dir trennen darf! O Nees! verſprich mir, daß du mich nicht ausliefern willſt— verſprich es mir aus Cn fuͤr mich und die arme Mutter.“ „Du biſt ein liebes, treues Weib,“ ſagte Nees her⸗ ablaſſend—„und ich weiß wohl, daß du ohne mich nicht mehr leben kannſt. Aber die Sache will darum doch uͤberlegt ſein, mein Schatz! und wir kommen mit Stillſchweigen dabei nicht fort.“ „ 2¹⁵ „Wenn du mir nur verſprichſt, daß ich bleiben ſoll, wo ich bin,“ ſagte Angela um Vieles beruhigter— „damn wirſt du das Andere ſchon nach deiner Art ma— chen, Vnd da iſt mir Alles gleich, wie du es thuſt.“ „Das iſt nicht leicht,“ ſagte Nees wichtig.„Je⸗ denfalls muß ich der Frau Graäfin von Caſambort, der rechten Schweſter deiner Mutter, ſagen, wo du zu fin⸗ den biſt; denn ſie will in Zeit eines Monats gen Am⸗ ſterdam kommen, und da muß ſie wiſſen, wo ihre Nichte lebt; denn Nees iſt ein ehrlicher Mann, hat ſich nicht zu verkriechen, und ihre Nichte iſt die Frau eines ange⸗ ſehenen Handelsherrn in Amſterdam, das denke ich, hoͤrt ſich nach was an.“ „Gewiß! gewiß Nees!“ ſagte Angela— ich will nie mehr ſein, und die Frau Tante kann mich wegen ihrer Vornehmheit gar nicht gebrauchen, da ich nicht die Wiſſenſchaften inne habe, von denen dieſe Leute le⸗ ben, wie du ſagſt.“ „Das hat Alles ſeine Richtigkeit,“ erwiderte Nees —„aber wie geſagt, mein Angelchen, wir dürfen uns auch nicht verkriechen; denn das ließe, als haͤtten wir kein gut Gewiſſen. Nun hoͤre: Es iſt angezeigt, daß der Herr Oberſchulze von Marſeveen beauftragt iſt von der hohen Dame, deiner Frau Tante, die Anmeldungen von denen anzunehmen, welche Auskunft ertheilen wol⸗ 216 len uͤber die beſagten Fluͤchtlinge. Zu dieſem alſo muͤſ⸗ ſen wir morgen, Sonntags nach der Kirche, wo Seine Gnaden einen Raſttag haben, uns hinbegeben und ihm Alles anvertrauen.“ „Ich? was ſagſt du, Nees? ich— ich ſoll zu der großen Kreatur, zu dem Herrn Oberſchulzen hingehn?“— rief Angela, ganz außer ſich die Hände zuſammenſchla⸗ gend—„Nein, Nees, das wirſt du nicht wollen— ſo wirſt du mich nicht quälen— da weiß ich auch nichts mit anzufangen, und du haſt nur zu erleben, daß ich dir Schande mache; denn von dem großen Leben da weiß ich kein Wort und will 85 Leibe nichts mit zu thun haben.“ „Kleine Närrin!“ ſagte Nees, ſich ſpreizend und hochmuͤthig grinſend—„haſt du mich nicht? Werde ich dir nicht ſagen, was du zu thun haſt: Wann du vor und zuruͤcktrittſt? Wann du deine Reverenz ſchnei⸗ deſt— das Niederſitzen annimmſt nach der gehörigen Zeit der Einladung dazu— und wie das Zeugs Alles heißt, was bei ſolchen großen Herrſchaften hinzugehoͤrt? Ueberdies,“ ſetzte er mit Ehemanns⸗Gravität hinzu— „hier haſt du dich zu fuͤgen, mein Schatz— die Sache iſt abgemacht, und du weißt, Nees ſpaßt nicht. Du kleideſt dich, wie ich es beſtimmen werde, und dann ziehen wir Beide aus; ich werde dich im Auge behalten, und weißt du nicht weiter, ſo ſieh mich nur an, da werde ich dir ſchon Zeichen machen, wie du dich zu ge⸗ baͤrden haſt.“ Angela ſchwieg zwar, aber ſie ſah ſo niedergeſchla⸗ gen aus, daß es ſelbſt die arme Blödſinnige merkte und ihr das Kätzchen brachte, welches ſich wieder bequem auf ihrem Schooße eingerichtet hatte, weil ſie es wol für ein großes Vergnuͤgen hielt und Angela damit zu erheitern hoffte. 3 Daß Nees vollkommen Herr in ſeinem Hauſe ge⸗ worden war, konnte Niemand bezweifeln, der auch nur das eine Beiſpiel mit anſah, wie Angela mit tiefen Seufzern und in bloͤdem Schweigen am andern Tage, welcher ein Sonntag war, in ihrer Kleiderkammer an ſich arbeitete, um durch glänzendes Waſchen und Käm⸗ men ſich der koſtbaren Kleider wuͤrdig zu machen, die Nees ausgewaͤhlt und zu welchen er noch einige werth⸗ volle Geſchmeide gefuͤgt hatte aus dem wieder einge⸗ löſten Schmuckkäſtchen der armen Brigitta von Caſam⸗ bort. Nees beſaß in ſeinem Hauſe, den kurzſichtigen Frauen deſſelben gegenuͤber, eine unerſchuͤtterliche An⸗ maßung, die vielleicht ſelbſt von groͤßeren zerſtreuende⸗ ren Verhaͤltniſſen nicht erſchuͤttert worden wäre, die aber in dem engen Kreiſe, den er um ſich feſthielt, in nichts geſtoͤrt werden konnte. Je älter er wurde, je mehr entwickelte ſich in ihm ein ſpähender, weit voraus ſchlie⸗ ßender Verſtand; und die Gabe, aufhorchend ſeine Um⸗ gebungen auszubeuten zu dem Verbrauch ſeiner Zwecke, hatte ihn erfahrener in den Zuſtaͤnden des Lebens ge⸗ macht— als ſeine gemeine Erſcheinung vermuthen ließ. Er hatte dabei die brutale Sicherheit, in die der rohe Menſch ſo leicht verfällt, den höheren Anforderun⸗ gen der Bildung gegenuͤber, indem er ihre aͤußeren Formen fuͤr uͤberfluſſiges angenommenes Zeug hält, was man gelegentlich, wo es Einem grade recht iſt, mit⸗ macht und es dann wieder wie uͤberfluͤſſigen Plunder in den Winkel wirft. Er glaubte, alle die, welche ſich in dieſen Formen bewegten, muͤßten ſich dadurch beläſtigt fuhlen und nahm das gewoͤhnliche Verhoͤhnen der Unge⸗ bildeten an, und hielt ſich fuͤr ſehr klug, indem er ſie auslachte und ſich ſeiner bequemen Manieren erfreute. Obwohl nun Nees ſich unverholen erlaubte, Jene auszulachen, war es ihm doch ein wuͤthend machender Gedanke, er konne eben daſſelbe uͤber ſeine Manieren zu erfahren haben. Denn die Eitelkeit und Ehrſucht dringt in jede Stellung des Lebens ein und erfaßt um ſo eher den, der ſich nicht in Gefahr damit glaubt, weil er ſie ausſchließlich jenen vornehmeren Verhältniſſen an⸗ gehoͤrend haͤlt, und was er davon ſich zugeſteht, auf das noͤthige Selbſtbewußtſein abrechnet, was ihm zu —. — 219 behaupten zuköͤmmt gegen dieſe von ihm beſpöttelte Flaſſe. Dennoch ſtraft eine heimliche Unruhe und eine ſtille, aber aͤngſtliche Berechnung aller moͤglichen Fälle den rohen Uebermuth des Spoͤtters, und die Kenntniß da⸗ von muͤßte jenen ſcheinbar Verachteten zeigen, daß ihre vernachlaͤßigten Formen dennoch einen Werth haben, deſſen Vorzug Jeder den Anſchein haben will zu kennen, welches Beſtreben ſich dann rächt, da das Geheimniß, dieſe Formen zu beherrſchen, nur dem zufällt, der ſie taͤglich uͤbt und zu ehren weiß. Alles Geſagte fand auf Nees volle Anwendung, und der letzte Theil unſerer Bemerkungen ward noch dadurch erhoͤht, daß Angela nicht als vernachläßigte Magd, wozu er ſie ſo lange verbraucht hatte, erſchei⸗ nen ſollte; denn dieſer Vorwurf war nicht ſo ſchnell ab⸗ zuwenden oder zu verbergen wie die Armſeligkeit des Hauſes, die er energiſch genug zu verdecken gewußt hatte. Doch ſtand ihm jetzt hierzu kein anderes Mittel mehr offen, als das aͤußerliche, was er auch dort an⸗ gewendet, und er behing ſich und Angela mit Kleidern, bei deren Wahl er die vornehmen Frauen der Patrizier nachgeahmt zu haben glaubte, die in dem reichen Am⸗ ſterdam von faſt fuͤrſtlichem Vermoͤgen einen Kleider⸗ 220 aufwand trieben, der im Verhaltniß ſtand zu der Pracht ihrer Haͤuſer. Aber der armen Angela fehlten alle inneren Stutzen fur die Beläſtigung der ihr aufgedrungenen Pracht, und obwohl ſie mit gehorſamer Ehrfurcht vor der hohen Ein⸗ ſicht ihres Mannes Alles mitſammen anlegte, was er ihr vorgeſchrieben, kam ſie ſich doch ſo kläglich darin vor, daß Jakobs Freude bei ihrem erſten Anblick bald verſchwand vor dem Eindruck, den ihr gebuͤckter, ſchuͤchterner Gang und der gedruͤckte Ausdruck ihres über⸗ rothen Angeſichts ihm machte. Er ſträubte ſich vergeblich gegen den Einfluß, der davon zu ihm uͤberging, denn er hatte ſich bis dahin in ſeiner bunten, koſtbaren und ge⸗ ſchmackloſen Kleidung vor Suſa und der Bloͤdſinnigen ſehr luſtig und uͤbermuͤthig gebärdet und es fehlte bloß der Beobachter, der ihm gerade hieraus hätte beweiſen koͤnnen, daß ihm eben Sicherheit fehlte. So bedurfte es auch nur einer aͤußeren Veranlaſſung, um ſein auf⸗ geſpreiztes Weſen ſogleich zuſammen klappen zu machen, aber die uneingeſtandene Demuͤthigung, die er durch den Anblick Angela's nicht von ſich abwehren konnte, weckte ſeine boͤſen Neigungen. Nachdem er mit ſteigender Heftigkeit Angela betrach⸗ tet, zurecht geruckt, gezogen und geſcholten hatte, und ſich dadurch von ſeinem Zweck, Geſchick in ſie hinein zu bringen, immer weiter entfernt ſah, da jetzt die arme Geaͤngſtigte ſogar in Thränen ausbrach, ergriff ihn ſeine alte Wildheit, die Angela mehr gegen Andere wie gegen ſich erfahren hatte, und er machte ein paar Sätze durch das Zimmer, ſtieß ein rauhes Gebruͤll aus und duckte die zitternde Angela auf die Baͤnke an den Waͤnden hin, und ſchrie ihr verworrene heftige Drohungen zu, denn jetzt mußte er ſich gegen ſie rachen, da ſie die Einzige blieb, die ſeine Plane nicht unterſtuͤtzte, ſie in Gefahr brachte, und ihm die Strafe aufnöthigte, daß hier mit Befehlen und Gebieten, mit der Vergeudung ſeines koſt⸗ baren Geldes doch nicht hatte erreicht werden koͤnnen, was er wollte, und der Widerſtand ihm von der Seite kam, auf der er ihn gänzlich unterdruͤckt glaubte. Wer mit ſo geringer Achtung vor dem menſchlichen Willen, wie Nees, dieſen zu den Dingen gerechnet hatte, die ſtets zu handhaben ſind nach den Abſichten des Kluͤgeren und Maächtigeren, der konnte gewiß unabweislichen Groll em⸗ pfinden, wie er ſich nun uͤberzeugen mußte, daß weder Tugenden noch Fehler, wo ſie einmal Beſitz genommen, dem ſchnellen Gebot eines fremden Willens weichen, wo⸗ mit ihm eine Ahnung menſchlicher Freiheit kam, die zu beherrſchen andere Mittel nöthig ſind, als die despotiſchen Anforderungen des Augenblicks. Angela's unſchuldiges, nur immer ihm zugewende⸗ tes Perz, hatte ihm bisher Alles gelingen laſſen, was er gewolt. Dieſer erſte Widerſtand, an welchem ſie ſo un⸗ ſchuldig war wie an ihrer Willfahrigkeit gegen ihn, er⸗ bitterte ihn bis zu einem Grade des Haſſes, und da ihn ſeine eben ſo wilde Liebe zu ihr dennoch abhielt, ſie zu mißhandeln, kehrte ſich ſeine ganze Wuth gegen die arme Suſa— ihr gab er Schuld, Angela verwahrloſet zu ha⸗ ben, ſie in Dummheit und Ungeſchick erhalten zu haben und ein ſo verbuttetes unerzogenes Frauenzimmer aus ihr gemacht zu haben, daß er, van der Nees, ſich ſchämen muͤſſe, mit einer ſolchen Gans vor vornehme Leute zu treten.— „Wer wird es denn glauben, daß ſie ſo vornehm iſt, als ich ſage, wenn ſie ſich hat und thut, wie eine Guͤr⸗ telmagd bei der Frau Schoͤffin! mit dem glutrothen Geſicht, den groben Häͤnden und dem krummen Ruͤcken!“ Suſa ſtand wie Loots Frau, als ſie Sodom und Gomorra brennen ſah— uͤber ſie kam das Ungluͤck, was dort verſchuldet war, und obwohl ſie die Laſt der Schuld des Andern kannte, war ihre Zunge doch ſteif, und ihre Gedanken erlahmten, denn die Anwendung auf ſie war ein neues Verbrechen ihres Peinigers gegen ſie, und ſie hätte es nicht anzufangen gewußt, um bei ſo viel Gefuͤhl der Unſchuld ſich zu vertheidigen. Auch ging dieſe ganze traurige Scene ſchneller vor⸗ 223 uber als gewoͤhnlich, denn die Glocken aus der Stadt⸗ kirche, die ihnen nahe war, ſchlugen plötzlich mit ihrer lauten Stimme dazwiſchen. Nees ſammelte ſein ver⸗ loren gegangenes Bewußtſein, denn ſie riefen ihm zu, was er gewollt hatte, und die widrige Erfahrung, daß rohe Wuth, nachdem ſie ſich durch den Ausbruch erleich⸗ tert hat, ſich kriechend zur Erde legt, wenn die Beſin⸗ nung zuruckkehrt, und ſie den angerichteten Schaden be⸗ merkt— wurde auch hier wahr— denn Nees lief ſo⸗ gleich klaglich und erſchrocken zu der armen halbtodten Angela und uͤberredete ſie mit brutalem Ungeſchick, er habe recht gehabt, boͤs zu werden, da ſie ihm von An—⸗ fang an widerſtrebt habe, immer geneigt geweſen ſei, dieſem noͤthigen Beſuch ſich zu entziehn, und wie dies wohl aufbringen muͤſſe, wenn man ſo gute Abſichten habe wie er, und immer nur bedacht ſei, als redlicher Mann fuͤr ihr Gluͤck zu ſorgen. Die arme Angela war ganz betäubt von dem Vor⸗ gefallenen und ſeiner Rede, und unfähig, klar einzuſehen, wie hier Recht und Unrecht vertheilt war, ließ ſie ſich, ohne den Gruͤnden nachzuftagen, gern von Nees beru⸗ higen, und hörte mehr auf den Ton ſeiner Stimme, die wieder in die alte Weiſe einlenkte, als auf ſeine Worte. Nees kam ſo wohlfeil genug davon, und ließ ihr nur noch wenig Zeit, ſich zu erholen; dann trug er ihr 224 das prächtige, in rothen Sammt gebundene und mit dem Wappen der Caſambort verzierte Geſangbuch der armen Brigitta zu, welches unter den Schmuckſachen Groͤnevelds bis dahin ſorgſam von ihm verborgen wor⸗ den war, und womit ſie heute zur Kirche gehen ſollte, um Aufſehen zu erregen und ihre großeren Anſpruͤche einzuleiten. Der Kirchgang war damals fuͤr alle Stände, neben der gewiſſenhaft beobachteten Andacht, eine hochſt prun⸗ kende Ausſtellung des vorhandenen Reichthums und des weit und breit bekannten Kleideraufwandes. Die Frauen aus den alten Familien der Regenten der Stadt fanden es nicht unter ihrer Wuͤrde, ſich auf dieſem Wege zur Schauſtellung herzugeben fuͤr ihre geringeren Rivalinnen, die, obwohl nur aus dem vornehmen Buͤrgerſtande, doch nicht ermangelten, ſich ihnen ſo viel als moͤglich gleich zu ſtellen. Sammt und Seide waren die gewöhnlichen Stoffe; Gold⸗ und Silberſtickereien, kunſtreiche Gold⸗ und Ebelſtein⸗Arbeiten machten den Schmuck, und aben⸗ teuerliche Formen und Zuſchnitte der Kleider ergaͤnzten das Beſtreben, aufzufallen und Beifall oder Neid zu erregen. — 225 Die Schoͤffen, die Senatoren und Rathmaͤnner die⸗ ſer ſtolzen und herrſchſüchtigen Stadt konnten ſich mit Fuͤrſten in ihrem Aufwande meſſen, und ſie thaten es gelegentlich und bewirtheten ſie dann als ihre Gaͤſte— als wären ſie einander gleich⸗ Sie hatten ihre eigene Politik, und verfolgten ſie mit unerbittlicher Strenge, wenn es die Bewahrung ihrer Handelsintereſſen galt, und obwohl ſie dem Hauſe Oranien treu und ergeben waren, fand ihre Nachgiebig⸗ keit gegen daſſelbe doch immer die Grenze in der Be⸗ hauptung ihrer Intereſſen. Wachſam, tapfer und von vortrefflich gebildeten Köpfen geleitet, welche mit der äußern Politik wohl vertraut waren, mißlangen alle Verſuche, ſie ihrer Souverainitat zu entkleiden, und wie egoiſtiſch und eigenwillig die Charakterrichtung der gu⸗ ten Amſterdamer auch ſein mochte, der Aufruf zur Be⸗ wahrung ihrer Rechte vereinigte ſchnell alle Kraͤfte zu einem Intereſſe und öffnete die Geldquellen, welche da⸗ mals wie jetzt die wirkſamſten Alliirten der Angegriffe⸗ nen wurden. Im Guten, aber auch drohend und mit Gewalt, hatte Friedrich Heinrich gegen ſie Verſuche ge⸗ macht, und es ſteigerte ihr Selbſtvertrauen, daß ſie uͤberall nur ſo viel nachgegeben hatten, als ihnen ſelbſt gelegen geweſen war, und daß dieſer kluge, mäͤchtige und kriege⸗ riſche Furſt gegen ihre vorſichtige Klugheit nichts aus⸗ Jakob v. d. Nees. I. 15 226 zurichten vermocht, und ſie oft aus ſolchen Conflic— ten neue Vortheile zu entwickeln gewußt hatten, da ihre mercantiliſchen Kenntniſſe durch den hochgeſtiegenen Umfang ihrer Handelsverbindungen ihnen eine höhere Einſicht in die vortheilhaft zu verfolgenden Unterneh⸗ mungen ſicherten, als eins der Nachbarvolker ſich zu ruͤh⸗ men hatte. Lange war Friedrich Heinrich bemuͤht, nach dem Tode der Erzherzogin Iſabella von dem ſchlecht verwalteten und beſchuͤtzten Belgien das ſeiner Lage nach ſo wichtige Antwerpen loszureißen, nicht ohne die rachſuͤchtige Poffnung, ſich in dieſer ihm dann ganz untergeordneten Stadt eine mächtige— Amſterdam bewältigende— Rivalin zu begruͤnden. Aber es war ihm nicht gelun⸗ gen, denn mit dem Geſchick, was dieſe erfahrenen Loot⸗ ſen der Handelspolitik auszeichnete, hatten ſie ſeinen Plan und ihre Gefahr erkannt, und die gefuͤrchtete Ri⸗ valin wurde mit allen Mitteln unterſtutzt, ſich ſieg⸗ reich gegen die Angriffe ihres Feindes zu vertheidigen, und damit Friedrich Heinrichs Plaͤne zu vernichten. Zwei Jahre fruͤher hatte der Prinz durch die Gene⸗ ralſtaaten um die Tochter Karls des Erſten von England fur ſeinen Sohn Wilhelm werben laſſen, und jetzt er⸗ wartete man die Uebergabe der jungen Prinzeſſin, und zwar hieß es: die Mutter derſelben, eine Tochter Heinrich des Vierten von Frankreich, werde ihr das Ge⸗ leit geben. Obwohl nun Holland und namentlich Amſterdam mit eiferſuͤchtigen Augen Alles beobachtete, was die Groͤße und das Anſehen des Statthalters vermehren konnte, und ihre religioͤſe Richtung ſie eigentlich zu Anhaͤn⸗ gern des puritaniſchen Parlaments und geneigt machte, die Schritte deſſelben gegen Karl den Erſten zu billigen, ſo wußten ſie ihrer Conſequenz doch immer Einhalt zu thun, wenn der Vortheil fuͤr ihre Handelsſpeculationen eine kleine Abweichung noͤthig machte. Sie erlangten bald Kenntniß, daß die Königin die Uebergabe ihrer Tochter nur als Vorwand benutzte, um fuͤr ihre mitgefuͤhrten Juwelen Kriegsbedurfniſſe zu er⸗ werben und die nöthigen Geldanleihen bei den reichen Kapitaliſten Hollands zu bewirken. Solche Angelegen⸗ heiten ganz von ihren uͤbrigens behaupteten politiſchen Grundſätzen zu trennen, waren ſie nun ſtets geneigt, außerdem aber dieſe Gelegenheit zu benutzen, um— gegen das durch die Vermählung ſich mehrende Gewicht des Prinzen— mit ihrem Anſehen und ihrem Wohlſtande in die Schranken zu treten. Admiral van Tromp, der große gefurchtete Seeheld der Republik, ging mit zwanzig Schiffen zur Escorte der zwolfjährigen Braut nach England, um ſie in das Land 15* ihres kuͤnftigen Gemahls zu fuͤhren. Der Prinz Statt⸗ halter empfing die Mutter ſeiner kuͤnftigen Schwieger⸗ tochter mit der groͤßten Auszeichnung, und die Haupt⸗ ſtaͤdte der Republik gaben den fremden Gäſten Feſte und ſchienen von den uͤbrigen Abſichten der ungluͤcklichen Mo⸗ narchin nichts zu wiſſen, ſondern zeigten unverholen ihre Sympathien fuͤr das fanatiſche engliſche Parlament, was in allen ſeinen Beſtrebungen raſchen Schrittes der entſetzlichen Kataſtrophe der Revolution entgegen draͤngte, deren blutiges Ende ein unausloͤſchlicher Flecken fuͤr England werden ſollte. In dieſe Periode, um das Jahr 1642, faͤllt die vor⸗ erwaͤhnte Kataſtrophe in dem van der Neesſchen Hauſe. Die Stadt Amſterdam hatte ſo eben eine feierliche Ein⸗ ladung an die junge furſtliche Braut, welche ſie ſelbſt ge⸗ worben hatte, nach dem Haag ergehen laſſen, und in der ſicheren Vorausſetzung der Annahme, beriethen die Hochmoͤgenden Herren des Senats mit diplomatiſcher Schaͤrfe, wie der hoͤchſte Glanz des Empfanges, der ihren großartigen Reichthum und ihre ſocialen Krafte darthun mufßte, ſich mit der öffentlichen Behauptung ihrer republikaniſchen Grundſätze vereinigen ließe. Der gluͤckliche Erwerb, der Reichthum einer Nation wird der geſicherte Hafen, von dem ſie dann erſt nach den hoͤheren Guͤtern ausſchaut, deren Beduͤrfniß erſt eintritt, 2290 wenn der Ueberfluß um ſeine Anwendung fraͤgt. Poli⸗ tiſch und welterfahren, hatten dieſe handeltreibenden Voͤlker dies Beduͤrfniß empfunden, und die Geiſter, welche dieſem hoͤhern Leben ſich widmeten, gehoͤrten der⸗ ſelben Nation an, die ihren mercantiliſchen Vortheil ſo wohl zu betreiben verſtand, und es blieb kein Zweig des hoͤheren Wiſſens von ihnen unbeſetzt, und viele derſelben haben einen ewigen Ruhm erworben und gehoͤren mit ihren Erfolgen in Werken und Entdeckungen der Welt⸗ geſchichte an. Wie unlaͤugbar der Hauptcharakterzug eines ganz durch Handel epiſtirenden Volkes auch der des Geizes und der Engherzigkeit werden muß, haben die großen Republiken des Mittelalters, dieſe Koöniginnen der Meere, dennoch ſich immer als Beſchuͤtzer der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften erwieſen; und die Ueppigkeit ihres Lebens, der ungeheuere Luxus, den ſie ſich geſtatteten, und wozu die wachſenden Guͤter ſie faſt gegen ihren Willen hinriſſen, trieb ſie den Maͤnnern der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften entgegen, die ihre Lehrer wurden in der begierig geſuchten Kunſt zu genießen, und von denen ſie neue Mittel empfingen, deren Beſitz die Nation verfei⸗ nerte, und dieſen hoͤheren Geiſtern zu ihrem Range verhalf. Es ſind auf dieſem ſonnigen Boden des Reichthums unermeßliche Guͤter fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft geſam⸗ melt und erhalten worden, zu den troſtloſen Zeiten, wo die furchtbaren Kriege der Feſtlande mit wahnſinniger Rohheit die Tempel ihrer bluͤhenden Cultur einäſcherten und von dem angebauten Boden nichts als eine rau⸗ chende Truͤmmerſtätte uͤbrig ließen. Amſterdam verdiente dieſen Dank wie Venedig und Genua. Es pflegte und ermunterte in allen Zweigen des Wiſſens das ſich regende Leben ſeiner Mitbuͤrger, und fing an, ſeinen Stolz in die Herbeirufung von ſchon berüͤhmt gewordenen Namen zu ſetzen, und ſie mit verſchwenderiſcher Großmuth zu belohnen. Wir enthalten uns, ein Verzeichniß der Männer aufzufuͤhren, welche in dem Andenken der Nachwelt zu bekannt geworden ſind, um einer fluͤchtigen Bezeichnung zu beduͤrfen, wie ſie hier nur zulaͤßig waͤre, und haben uns dieſe Erwaͤhnung nur erlaubt, um die Zugeſtänd⸗ niſſe zu rechtfertigen, die uns dadurch zufallen. Es traf ſich, daß die Hauptkirche Amſterdams, die alte Kirche, in der Naͤhe des Purmurandſchen Hauſes lag, und dieſes derſelben eingepfarrt war. Auch unter andern Umſtaͤnden, welche diesmal die Anwendung natuͤrlich und gewohnt gemacht hatten, wuͤrde Nees ſeinen Kirchgang dorthin gelenkt haben, denn er wußte, daß es die Kirche der Patricier, der Schoͤffen und ihrer Familien war, und Angela ſollte wo — ———————— möglich geſehen werden, die Aufmerkſamkeit erregen. Seine Rohheit ließ ihn bald den Zuſtand vergeſſen, in welchen er ſie ſo eben verſetzt, und erſt von dem Schwarm der Kirchgaͤnger mit ergriffen, vergaß er bald, ſie einer genaueren Aufſicht zu unterwerfen. Es war die wenig andaͤchtige Sitte, daß grade die reicheren und vornehmeren Buͤrger mit ihren Familien fruͤher als die Schoͤffen und Patrizier vor der Kirche an⸗ zulangen ſuchten, und dort eine Art Zuſammenkunft bildeten, wo neben ſorgfältiger Pruͤfung des großen ſonn⸗ täglichen Putzes viel kurzweilige und oft gar unheilige Dinge geſchwatzt wurden. Bei ſchlechtem Wetter be⸗ dienten dieſe Kirchgänger ſich dazu einer geraumigen Vorhalle, welche in katholiſchen Zeiten eine Bußkapelle geweſen, und worin jetzt Teppiche lagen und Bänke ge⸗ ſtellt waren, welches ſie wenig mehr von einem Geſell⸗ ſchaftszimmer unterſchied. Dieſe vornehmere Corporation beſetzte dadurch den Haupteingang zur Kirche ſo vollſtändig, daß die ärmere und geringere Klaſſe der Einwohner genoͤthigt war, durch die anderen Eingänge zu ihren Plaͤtzen zu gelan⸗ gen, da der Reiche ſo leicht ein Recht gegen den Aerme⸗ ren ſich anmaßt. Kamen nun die Hochmoͤgenden Ober⸗ haͤupter der Stadt in ihren ſchwerfälligen Karoſſen da⸗ her gefahren, ſo bildeten die Verſammelten eine Art Pofſtaat für dieſelben, und ſie zogen in ihrer fürſtlichen Pracht mit gnaͤdigem Kopfnicken durch die Gaſſe, die ſich zu ihrem Empfange in der bunten Verſammlung bildete. So hielten ſie ihren Einzug in das Gotteshaus, gefolgt von der ſich ihnen anſchließenden Menge und hier wurden ſie noch mehr wie vor der Kirche, eine mißliche Stoͤrung der religiöſen Andacht; denn die bereits ver⸗ ſammelte, viel größere Gemeinde harrte neugierig auf den Eintritt der Vornehmen, und verfolgte ſie, bis Alle nach viel unnutzen Wendungen bis zu ihren Plätzen ge⸗ langt waren, mit der dummen Verwunderung, die den Uebermuͤthigen ſo ſchmeichelhaft iſt, und ihnen die Ach⸗ tung erſette, um die ſie ſich ungeſtraft und ungeahndet durch ihr eitles Gebaͤrden gebracht hatten. Niemals war Angela anders als durch eine Neben⸗ thur in die Kirche gekommen, und es gehorte ihr leiden⸗ der beſchwerter Zuſtand, ihre Betäubung dazu, um zu uͤberſehen, daß Nees ſie heute an dieſem Eingang vor⸗ uͤber zu der Hauptthuͤr unter die ſchon zahlreich verſam⸗ melten Honoratioren der Stadt fuͤhrte. Erſt, als ihren geſenkten Augen die goldnen Falbeln eines ſammtnen Kleides am Boden begegneten, ſchrak ſie auf, und ſah ſich nun, um ſich blickend, unter den gefuͤrchteten Vor⸗ nehmen, vor denen ſie bisher gelaufen war, oder die ſie doch nur neugierig aus der Ferne beobachtet hatte. — 233 „Nees! Nees!“ rief ſie erſchrocken—„wir ſind irr' gegangen— hier ſind die Gnaden verſammelt“— da⸗ mit wollte ſie ſchnell umwenden, denn ein Blick ſchon hatte hingereicht, ihr auf mehreren Geſichtern ſpottiſches Erſtaunen zu zeigen, und wie man ſie von Kopf bis zu Fuß anfing zu muſtern. Dies war ein kritiſcher Moment fuͤr Nees, denn er, der verſucht hatte, ſich mit brutaler Gleichguͤltigkeit ge⸗ gen die Gefahren zu ſtählen, die er hier erwartete, hatte ſich nur auf die Nachgiebigkeit der Ueberraſchung bei An⸗ gela verlaſſen, weil er wohl wußte, daß ſie lieber durch die Amſtel geſchwommen, als in dieſen Kreis eingedrun⸗ gen wäre. Doch, wer die Gefuͤhle Anderer verachtet, iſt ſchneller entſchloſſen, wenn die Kraͤnkung derſelben den Erfolg verſpricht. Sein Zorn wirbelte ſich bei Angela's Aus⸗ ruf empor, und er griff heimlich, aber ſehr nachdruͤcklich, in ihren Arm, und als ſie ihn erſchrocken anſah, langten ſeine kleinen blitzenden Augen wie Geier nach ihrem Herzen, und der Widerſpruch erſtarb darin; ſeit heute wußte ſie, daß er auch gegen ſie in Wuth gerathen konnte. „Wer iſt das abenteuerliche Paar, das ſich hier in unſere Reihen drängt?“ riefen Mehrere.—„Dieſe Kleider ſind auf dem Markt gekauft, von ſechs Eigen⸗ thuͤmern— kein Stuck paßt zum andern— es ſind Schauſpieler— der alte, haͤßliche Kerl iſt der Poſſenrei⸗ ßer— aber die Frau— wie verbuttet und haͤßlich ſie iſt und in ihrer Lage kann ſie doch kein Madchen vor⸗ ſtellen!“ „Herr Gott, das iſt Nees!“ ſchrien einige Männer, die ihn vom Kaufhauſe her kannten—„bildet ſich der Narr ein, er gehoͤre zu uns, weil er Geld zuſammen ge⸗ wuchert hat? Das muß ihm gelegt werden— aber ſollte denn das buntbehangene Schauſtuͤck ſein Weib ſein?— Ein Weib, das Niemand kennt— die Tochter ſeiner Magd, ſagt man— ohne Namen— wie kann der grobe Filz ſich unterſtehen, das Weib unter unſere edlen Frauen zu fuhren, als gehörte ſie zu ihnen— ich werde ihn anreden— die Luſt muß ihm gelegt werden! Man kann nicht ſagen, daß dieſe feinen Bemerkun⸗ gen ſo leiſe gemacht wurden, daß ſie Nees nicht vernom⸗ men hätte; ja, was er nicht hörte, konnte er gut ergän⸗ zen, wenn er ſah, wie Alle vor Angela zuruͤckwichen und Maͤnner und Frauen halb zuͤrnend, halb lachend, ſie Beide beobachteten. Endlich nahte ſich ihnen einer von den Rädelsfuh⸗ rern, an denen es in keiner Corporation fehlt, der jetzt fur Alle die Sache abmachen wollte. „He, Nees!“ rief er in wegwerfender Vertraulich⸗ 235 keit—„du alter Gelddrache, wie biſt du denn heute auf den frommen Einfall gekommen, wie ein Chriſtenmenſch zur Kirche zu gehn?“ Der Ausfall war fuͤr Nees noch nicht zu ſtark, denn er war an brutale Späße auf den Maͤrkten, wo dieſe Herren ebenfalls in ihrem Intereſſe verkehrten, gewöhnt; auch war es ihm faſt um jeden Preis lieb, angeredet zu werden, denn er war wuͤthend und grob, aber völlig ungeſchickt ſich zu behaupten, wo er beides nicht ſein konnte. „Oho!“ rief er daher in ſeiner Unruhe lachend— „fehlgeſchoſſen, Herr Lörs— ich bin ein guter Kirch⸗ gänger und fuͤhre mein Weibchen jeden Sonntag hierher.“ „Hierher?“ entgegnete Herr Lörs mit großem Erſtaunen— hierher? Du meinſt zur Kirche, alter Narr, aber nicht hierher, denn da hätten dich die Edlen laͤngſt gelehrt, wo du hingehoͤrſt. Kehr' um— zieh ab — und geſtehe es zur gnädigen Verzeihung, daß du den Eingang fuͤr die Maͤkler verfehlt haſt. Hier erwarten die Patrizier ihre Schultheißen und Schoͤffen, und hier ſind lauter edelgeborene Frauen, die leiden keine Ein⸗ dringlinge.“ Das fuͤhlte Nees ſchon etwas ſtaͤrker.—„Nun,“ ſagte er, ſich ſteifend—„dann kann die Frau des van 236 der Nees hier ganz ihren Platz finden, denn ſie iſt eine Edle wie Eine.“ „Hör',“ ſagte Loͤrs—„ſo lange du im Dunkeln bleibſt und Niemand in den Weg trittſt, kannſt du thun, was du willſt, denn wir haben mit dir nichts zu theilen und in Geſchaͤften kann man dich brauchen. Dabei aber mußt du bleiben— und willſt du ſo gemein ſein und die Tochter deiner Magd heirathen— in Gottes Namen thue das— nur uns und unſern edlen Frauen bleib' damit vom Halſe, ſonſt werden wir dich's lehren, wo du hingehoͤrſt.“ Wozu eine Antwort von Nees gefuͤhrt haben wuͤrde, deſſen Hochmuth erwacht war, iſt bei ſeiner kannibali⸗ ſchen Wildheit und der drohenden Stellung ſeiner Geg⸗ ner, da ſich zu Herrn Loͤrs noch einige Andere geſammelt hatten, nicht voraus zu ſagen, wäre nicht eben an der Spitze einer Reihe prachtvoller Karoſſen der Wagen des Oberſchulzen mit vier bunt aufgeputzten Schimmeln heran gekommen, und wären nicht die ſogenannten Edlen nun Alle vorgedrungen, um das Spalier fur die erlauch⸗ ten Ankömmlinge zu machen. Hierbei wurden Nees und Angela ſo wirkſam geſto⸗ ßen, gedraͤngt und getreten, daß dies nur zu fehlen ſchien, um die Ungluckliche ganzlich zu vernichten, und nur die herkuliſchen Kraͤfte Jakobs behuͤteten ſie vor dem Um⸗ ſinken. Er ergriff ſie und hob ſie wie ein Kind auf ſeinen Arm, und nach einer freien Stelle umher ſpaͤhend, lief er halb bewußtlos mit ſeiner Buͤrde nach den Stufen vor der Kirchthuͤr, in ſeiner Aufregung uͤberſehend, wie ihm eben erſt dieſer Eingang ſo roh verſagt worden war. Das Intereſſe, welches die Ankunft der hochſten Perſonen der Stadt erregte, nahm auch gänzlich die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Verfolger in Anſpruch und ſelbſt durch die aufgeſtellten Kuſter und Kirchendiener drängte er ſich unbeachtet durch, und vielleicht lag in der Neuheit dieſer Scene etwas, was ihn ſchuͤtzte, denn keiner hatte fuͤr den Fall eine Erfahrung, keiner wußte, wie er einſchrei⸗ ten ſollte. So hatte Nees mit ſeiner Buͤrde die vorerwähnte Halle erreicht und legte Angela auf eine der Baͤnke am Eingang, denn ſie hatte jetzt voͤllig die Beſinnung ver⸗ loren. Von Jakobs Zuſtande konnen wir uns kaum ohne Schaudern eine Vorſtellung machen, denn ſeine Wuth war von wilden Gefuͤhlen der Rachſucht durchzuckt. Er ſuchte einen Gegenſtand, an dem er ſie befriedigen konnte und blickte zuerſt mit Grimm auf die arme wehrloſe Angela, zeigte ihr die Zahne mit grinſender Wuth und ballte vor ihr ſeine nervigen Fäuſte, obwohl ihre geſchloſſenen Augen ihn um jede Befriedigung brach⸗ 238 ten.— Solche Menſchen werden bei ihrem thieriſchen Rachedurſt gewoͤhnlich durch die niedrigſte Feigheit ge⸗ quaͤlt, die ſie verhindert, an der rechten Stelle, da, wo ſie die Beleidigung erfuhren, ihre Befriedigung zu ſu⸗ chen. Dieſe knechtiſchen Geſinnungen haben Gewalt uber den Daͤmon ihrer Leidenſchaften— aber er gräbt ihr moraliſches Verderben nur um ſo tiefer; denn das Laſter bleibt in ihnen in voller Stärke und ſie ſuchen bloß den ſchwachen Gegner, der ſie nicht in Gefahr bringt. Es ſind fuͤrchterliche Convulſionen, in die dieſe ringen⸗ den Triebe den Feigling ſtuͤrzen, wenn er einen Entſchluß faſſen ſoll, wenn er gezwungen wird, eine Wahl zu tref⸗ fen, wenn er handeln muß und der Augenblick ihn drängt. Nees ſchrie ein paar Mal wie ein wildes Thier auf und ſprang in die Hoͤhe, daß ſeine Hacken ſeine Fäuſte ſtreiften, und als Angela von dieſem Geraͤuſch oder von der kuͤhlen Luft der Halle erwachte, ſchauderte ſie unwill⸗ kuͤrlich vor Jakobs Anblick zuruͤck. In dieſem Augen⸗ blick fullte ſich die Halle mit den erwähnten vornehmen Kirchgängern und in ihrer Mitte erſchien zuerſt Frau von Marſeeven, die Gattin des regierenden Buͤrgermei⸗ ſters oder Oberſchulzen. Sie war uͤber die Mitte des Lebens hinaus— kränklich— die Mutter von zwölf Kindern— eine milde, blaſſe Frau, welche, wenn auch die Würde ihres Ranges und ihrer Geburt ſorgſam be⸗ —N —— obachtend, doch von dem kleinlichen Hochmuth, der um ſie herrſchte, wenig abbekommen hatte, und von ihrer Guͤte, Mildthätigkeit und wahren Religioſität ſtets uͤber die Grenzen hinweg gehoben wurde, hinter denen Andere ſich nur geſichert hielten. Sanft und freundlich mit dieſem und jenem re⸗ dend, ſchritt die gefeierte Frau vor und der Glanz ihrer Kleidung, der ihr nicht fehlen durfte, ſchien ihre große, ſchwache Geſtalt faſt zu beugen. Abgewendet von Nees und ſeiner Gattin hatte ſie weitergehend zu Jemand geſprochen; als ſie ſich aber jetzt wendete, war es noch eben Zeit, vor den reſpektvoll Nachſchreitenden die todtenblaſſe Angela und Nees zu bemerken, welche Beide eine auffallende Gruppe bildeten, ſowohl ihrer koſtbaren und unpaſſenden Kleidung, als des beſondern Ausdrucks wegen; denn man konnte von Nees ſagen, daß ihm die thieriſchen Geluͤſte, die ihn eben durchraſt hatten, auf dem Geſichte ſtehen geblieben waren, wie er ſich plotzlich erſchrocken vor der hohen Frau des mächtigen Buͤrgermeiſters ſah. Vielleicht hätte dieſe durch den abſchreckenden Anblick des widrigen Mannes ſich alſobald von ihm gewendet, wären ihre Augen nicht auf Angela gefallen, die ſo tiefes Leiden in ihren Zuͤgen ausgepraͤgt trug, daß eine ſo gute Frau als dieſe ſie nicht ohne Antheil ſehen konnte. 240 Frau von Marſeeven richtete daher ihre Schritte auf Beide zu und jetzt erkennend, in welchem Zuſtande An⸗ gela war, weckte dies in ihr, als Mutter von zwoͤlf Kin⸗ dern, noch mehr ihre Theilnahme und ſie ſagte milde zu Nees:„Die arme Frau iſt wohl krank geworden in der Kirche?“ „Nein, Euer Gnaden,“ ſagte Nees, den Augenblick zu ſeiner Rache findend—„meine Frau iſt durch die rohe Art, wie man ſie vor der Kirche behandelt hat, ohn⸗ maͤchtig geworden.“ Die Frau von Marſeeven ward hier von Jemand angeredet, der ihr in wenigen Worten den ſehr gemiß⸗ billigten Anſpruch des Maklers van der Nees erzählte, und wie er eben da die ihm gebuͤhrende Zurechtweiſung erfahren. Wir muͤſſen nun geſtehen, daß Frau von Marſeeven dagegen nichts einzuwenden hatte, denn ſie war, wie alle ihres Standes, daran gewöhnt, dieſe excluſiven Rechte fur vollguͤltig zu halten. Sie neigte daher wie zuſtim⸗ mend den Kopf und wollte ſich ſchon zum Weitergehen wegwenden, da ihr die kleinen, grimmigen Augen, mit denen Jakob die eben erfolgte Erklaͤrung belauſchte, recht widrig ſchienen; als aber ihre Augen noch einmal auf Angela fielen, hielt ſie wieder an, denn dieſe blickte mit dem gebrochenen Ausdruck der Ohnmacht wie flehend auf die milde Frau. Als ſie noch näher trat, ſagte Nees:„Nehmen Euer Gnaden dieſe arme Frau ſchon jetzt unter ihren Schutz— nach der Kirche hatte ich ſo vor, ſie Euer Gnaden aufzufuͤhren; denn ſie iſt von hoher Geburt und bald wird genug Redens von ihr ſein!“ Die Frau von Marſeeven ſah Nees pruͤfend an und ſagte dann wenig ſchmeichelhaft:„Wäre das moͤglich, da ſie doch eure Frau ſein ſoll? Sagt ihr auch noch die Unwahrheit, um eure Anmaßung zu entſchuldigen?“ „Nein! Nein! Euer Gnaden— die reine Wahr⸗ heit— ſie iſt meine Frau und von ſo hoher Geburt wie Eine!“ „Sagt ihr ſelbſt, arme Frau“— rief Frau von Marſeeven—„ſeid ihr wirklich die Gattin dieſes Mannes — dann ſeid ſo beſcheiden,“ fuhr ſie fort, da Angela's Zunge wie gefeſſelt war—„wie ihr ausſeht und betragt euch eurem Stande gemäß— duldet nicht die Thorhei⸗ ten eures Mannes— wo man nicht hingehoͤrt, erfaͤhrt man leicht Geringſchaͤtzung.“ „Ich bin die Frau von dieſem Manne,“ ſtammelte Angela.—„Das glaube ich wohl, aber dann betragt euch auch dem gemäß und redet nicht von falſchen Anſprüchen. Seid ihr aber krank, wie mir ſcheint, ſo wagt euch bei eurem Zuſtande nicht in die Kirche— das kann uͤble Folgen haben— und eine Mutter werden iſt eine hei⸗ Jakob v. d. Nees 1. 16 242 lige Sache— der Herr vergiebt darum den verſaͤumten Kirchgang.“ „und in die Kirche muß ſie,“ ſprach Nees rauh— „denn die Schande ſoll Keiner uͤber mich verhaͤngen kön⸗ nen, daß es hieße: ſie haben Nees aus der Kirche gejagt. Ihr und alle dieſe“ rief er, drohend nach vorn blickend —„die werden gute Geſichter machen, wenn heraus⸗ kommt, wer meine Frau iſt, und ich will's gleich ſagen, wenn Euer Gnaden ſich die Zeit nehmen wollen.“ Der Oberſchulze, Herr von Marſeeven, nahm nun naͤher tretend von dem Vorfall Kenntniß. Er wußte die große Milde und Hingebung ſeiner Gattin gelegent⸗ lich zu maͤßigen, und indem er ihre Hand faßte, ſagte er mit der liebevollen Achtung, die er ihr immer bewies: „Wir zögern vielleicht zu lange, Flavia, da auch unſere geehrten Freunde ſich dadurch aufhalten laſſen!“ Sogleich wandte ſich die ſanfte Flavia, aber ſie ſagte: „Mein lieber Herr! hoͤrt ihr wohl, welche Anſpruͤche dieſer Mann hier vorbringt, auch ſcheint er uns in Rath nehmen zu wollen?“ Der Oberſchulze war ein kluger, erfahrener Mann mit ſcharfem, prüfendem Blick, der ſchnell das Weſent⸗ liche auffaßte. Er kannte Nees und theilte die Gering⸗ ſchaͤtzung der Andern uͤber ihn, obwohl er auch wie dieſe von ſeiner brauchbaren und zuverlaͤßigen Geſchaͤftsfuͤh⸗ 243 rung untertichtet war. Er blickte daher Nees nur fluͤch⸗ tig wie eine abgemachte Sache an, und Angela kaum minder beachtend, haftete ſein ſcharfes Auge auf dem praͤchtigen, mit dem Wappen der Caſamborts verſe⸗ henen Gebetbuch in den zitternden Haͤnden der beaͤngſtig⸗ ten Frau. Er konnte freilich das Wappen nicht erkennen; aber Gebetbuͤcher waren damals Familienſchätze, die wie Stammbaume und Dokumente durch alle Generationen durchgingen— ſchnell compenſirte dieſe Wahrneh⸗ mung den eben vernommenen Anſpruch und er ſagte daher, ſich gegen Jakob wendend:„Nees, wenn ihr mir etwas zu ſagen habt, könnt ihr mich nach der Kirche aufſuchen.“ Flavia verfiel in den unſchuldigen Irrthum der Liebe, ſie druͤckte ihrem Gatten zärtlich die Hand, denn ſie hoffte, er gabe ihrer Verwendung nach, und Angela ſanft gru⸗ ßend, ging ſie willig mit ihm durch die ſich öffnenden Kirchthuͤren. Nees ſteifte ſich nun ſogleich in ſeiner alten Drei⸗ ſtigkeit und obwohl er die Vornehmſten voruͤberziehen ließ, reihte er ſich doch dem Zuge kühnlich an und zog die arme Angela ziemlich mit heimlicher Gewalt nach; jetzt fand er auch keinen Widerſtand, denn theils war durch dieſen Aufenthalt der Anfang der Kirche herange⸗ 16* 244 ruͤckt, theils waren viele unſicher geworden, da das Ge⸗ ſpraͤch mit den hohen Perſonen der Stadt nicht uͤber⸗ ſehen werden konnte. Jakob hatte fuͤr ſeine groben Gefuͤhle einen Triumph erlebt, und er zeigte die Miene der Schadenfreude auf ſeinem hochrothen Geſicht und drehte und wendete ſich, ungeſchickt ſich ſpreizend, nach allen Seiten, Allen be⸗ merkbar machend, daß er da ſei. Angela dagegen war ganz in ihren Kirchſtuhl verſunken, und der Pfarrer bedurfte nur einer kleinen Erſchuͤtterung, um aus ih⸗ rem gepreßten Buſen eine Laſt von Thraͤnen zu erloͤſen, welche ihren koͤrperlichen Leiden jedoch Erleichterung ge⸗ währten. In ihr geſchah heute etwas Neues— Un⸗ gekanntes— ſie ſtand ploͤtzlich vor einer neuen Erkennt⸗ niß; aber ſie hatte nicht denken gelernt, und ſo verſtand ſie nichts von dem, was ſie erſchuͤttert hatte, ſie war nur davon uberwaͤltigt, und Alles ſauſte und brauſte in ihrem Kopfe, denn ſie wufßte ſelbſt nicht, daß es ihr er⸗ ſter Kummer war, den ſie empfand. Es kam ihr ſehr zu Huͤlfe, daß ſie hinter einem hohen Gitter ſaß, welches Nees dadurch doppelt ge⸗ macht hatte, daß er es vor ſeinem Sitze, um geſe⸗ hen zu werden, weggeſchoben hatte— hier forderte bei der gleichmäßigen Stimme des Predigers und ſei⸗ nem lang ausgeſponnenen Vortrage die Natur ihr —, 245 Recht, und ein kurzer Schlummer erquickte das arme Weſen. Nees ſah zuweilen nach ſeiner Beute hin, und ihr Schlaf war ihm ſchon recht, denn er berechnete, daß ſie Kraͤfte beduͤrfe, um den Weg nach der Kirche zuruͤck⸗ zulegen, der bis zur Kaiſersgruft, wo das Haus des Oberſchulzen ſtand, ziemlich entfernt war. Auch zog er es vor, jetzt, da man ſeinen Eingang nicht hatte ver⸗ hindern können, ſeinen Auszug beſcheidener einzurich⸗ ten, und er fuͤhrte Angela durch eine Seitenthuͤre, die dem Wege bequemer lag, den ſie einzuſchlagen hatten. So gelang es ihm, daß Beide kurze Zeit nach der Ankunft des Oberſchulzen vor deſſen Thuͤr ankamen und von der Dienerſchaft nach dem Luſthofe gewieſen wur⸗ den, da die Herrſchaften erſt einige Raſt bedurften. Angela war noch nie in einem ſo vornehmen Hauſe geweſen und hatte von der hier waltenden Pracht keine Vorſtellung. Obwohl ſie nur den Weg uͤber den Haus⸗ flur gemacht hatte, glaubte ſie doch ſchon in einem Prunkſaale geweſen zu ſein, und dies Anſchauen und die große Ueberraſchung und Bewunderung, die ſie em⸗ pfand, ward eine wohlthätige Zerſtreuung und machte ihre Stimmung wieder natuͤrlicher. Auch iſt es ziem⸗ lich bekannt, daß auf dieſen erſten Hausraum ſchon ein ſo großer Aufwand verwendet wurde, daß er billig den mit dieſer verſchwenderiſchen Sitte Unbekannten als ein fuͤr die Geſelligkeit beſtimmter Raum erſcheinen mußte. Gewoͤhnlich erhob er ſich in der ganzen Hoͤhe des Hauſes und zeigte an ſeinem Plafond irgend ein pracht⸗ volles Deckenſtuͤck in Gold und Stukaturen; der Fuß⸗ boden dagegen war mit einer Moſaik von Marmor in kunſtreichen Muſtern bedeckt. Die Wände, an denen, von großen Fenſtern erhellt, die Treppen hinan liefen, waren mit eingelegten Hölzern verziert, und die mar⸗ mornen Stufen mit den kunſtreichſten Gelaͤndern verſe⸗ hen, welche, halb vergoldet, dazwiſchen die ſeltenen Farben der ebenfalls fremden Holzer zeigten. Nach dem Luſthofe zu öffneten ſich große hohe Thuͤren, und hier ſah man zwiſchen geſchnittenen Hecken und frem⸗ den Geſträuchen aller Art den Marmorbrunnen, der mit ſchönen Verzierungen umgeben war, die hier eine Gruppe bildeten, aus deren Fußgeſtell vier ſtehende Lö⸗ wen den plaͤtſchernden Strahl in das kunſtreiche Becken goſſen. Der ganze Hof war mit den ſchönen Hinter⸗ gebaͤuden im Viereck umgeben, und da dieſe nur Fami⸗ lienzimmer enthielten, wurde dieſer Luſthof von allen Mitgliedern, vorzuglich von den Kindern, zum Aus⸗ ruhen benutzt, und aus dem Mittelpuncte des Gebaͤudes fuͤhrte eine Marmortreppe, mit Statuen und Blumen⸗ 247 vaſen beladen, in dieſen kleinen Raum. Hier nun la⸗ gen auf dem ſauberen Getaäfel des Bodens vor beque⸗ men Armſtuͤhlen Teppiche ausgebreitet, und Alles deu⸗ tete an, daß der Tag hier die Mitglieder des Hauſes ſchon verſammelt gehabt hatte. Doch Angela betrat endlich, von boſtbar gekleideten Dienern gefuͤhrt, die Zimmer und traute kaum ihren Sinnen, als die Pracht der Teppiche, der Gemaͤlde und Tapeten ſich vor ihr ausbreitete. Die kunſtreichen Schränke mit den fabelhaften Porzellangebilden aus Japan und China; die wunderbaren Käſtchen und Ge⸗ ſtelle aus Gold, Elfenbein und Edelſteinen, worin die ſchoͤnſten Arbeiten in Amſterdam ſelbſt geliefert wurden; die Lehnſtuͤhle mit Sammt und goldenem Leder bezo⸗ gen, die Vorhänge mit koſtbarer Seidenwirkerei oder in Gold geſtickt— dieſer Aufwand, der in dem ausge⸗ ſuchteſten Wechſel ſich durch ſolch' ein Patrizier-Haus damaliger Zeit ergoß, betäubte die arme Angela ſchon, indem ſie nur durch einige Zimmer zu gehen hatte, und ſie ſtand vor den beiden Ehegatten von Marſeeven, ohne ſie gewahr zu werden, ſo ſehr irrten ihre Augen noch immer an den Waͤnden auch dieſes letzten, ganz in dun⸗ kelrothen Sammt gehuͤllten Zimmers umher. „Nees,“ ſagte grade jetzt die ſonore vornehme Stimme des mächtigen Oberſchulzen—„habt ihr und 248 eure Frau ein Anliegen an uns, ſo ſteht es euch frei, ſolches jetzt auszuſprechen.“ Erſchrocken erwachte Angela bei dieſen Worten aus ihrem Erſtaunen und die tiefen Diener bemerkend, die Nees zu machen verſuchte, fuhlte ſie beſchamt, daß ſie ſich noch niemals verneigt habe und dieſe Sitte gar nicht in den Bereich ihres jetzigen Lebens eingedrungen war — ſie ging daher, von ihrem natuͤrlichen Gefuhl ge⸗ trieben, auf die milde Frau Flavia zu, die neben ihrem Gemahle ſaß und kuͤßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand. Wir haben ſchnell eine innere Zuſage, wenn wir uns richtig benommen haben; ſie blieb auch Angela nicht aus und erleichterte heut zum erſtenmale ihr be⸗ klommenes Herz. „Wie alt ſeid ihr, liebe Frau?“ ſagte Flavia freundlich— „Ich bin zwanzig Jahr geweſen,“ ſtammelte An⸗ gela—„Zwanzig Jahr,“ wiederholte Flavia— und ihr Blick haftete vorwurfsvoll auf Nees, der ihr ſo ſehr viel älter noch erſchien, als er wirklich war—„und wie kommt ihr zu eurem Manne?“ „Das iſt es eben, hochmögende Frau,“ ſprudelte ietzt Nees, wie ein Krater dampfend, heraus—„das iſt es eben, was wir bereit ſind zur Kenntniß der hohen Verwandten zu bringen, welche endlich auf Kundſchaft gehen nach den armen Fluͤchtlingen. Meine Frau iſt eben die Nichte der vornehmen Graͤfin von Caſambort, ein ebenbuͤrtiges, ehelich geborenes Fraͤulein Renier de Gröneveld aus dem großen Hauſe Barneveldt.“ „Heil'ger Gott!“ rief die gute Flavia—„Wann ihr das beweiſt— und ſie dann eure Frau iſt!“ „Ich kann das beweiſen,“ ſagte Nees ohne die un⸗ willkurlich herausgeſtoßene Beleidigung der Frau von Marſeeven zu verſtehen—„und ebenſo, daß ſie mit eigner Wahl ſeit Jahr und Tag mein angetrautes Weib iſt!“ „Ungluͤckliche!“ ſagte Flavia, ſich zu Angela wen⸗ dend—„Iſt das wahr?“ und da Angela in der un⸗ verſtandenen Angſt ihres Herzens bloß mit dem Kopfe nickte— fuhr Frau Flavia ſtrafend fort—„So konn⸗ tet ihr Alles vergeſſen, was ihr eurer Familie— euren hohen Verwandten ſchuldig ſeid— ſo leichtſinnig und höricht ſolltet ihr ſein, da ihr doch ſo ſanft und ſittſam ausſeht?“ Der Oberſchulze hatte ſchon bei dem Zuſammen⸗ treffen in der Kirche eine Ahnung gehabt, daß mit die⸗ ſen Perſonen die geſuchten Fluͤchtlinge zuſammenhän⸗ gen koͤnnten, und er ließ abſichtlich ſeine Frau die erſten Reden wechſeln, beobachtete unterdeſſen beide Ehegat⸗ ten und war ſchnell mit der Ueberzeugung fertig, daß, 25⁰ wenn hier keine untergeſchobenen Anſpruͤche obwalteten, dies wirklich die geſuchte Nichte ſei, ſie ſo de⸗ gradirt ein unwillkommenes Geſchenk fur die ſtolze und mächtige Graͤfin von Caſambort ſein werde. Aber Nees galt fur einen verſchlagenen Kopf, fur einen hinterliſti⸗ gen Burſchen, und Herr von Marſeeven war entſchloſ⸗ ſen, jede Angabe deſſelben ſtreng zu pruͤfen. „Setzt euch, Frau Nees,“ ſagte er daher ruhig— „Die Unterſuchung dieſer Sache wird mit allem Ernſt betrieben werden, und ich rathe euch, Nees, laßt von Anfang an die Hoffnung fahren, uns oder die Gerichts⸗ perſonen, die wir damit beauftragen werden, hinter's Licht fuͤhren zu wollen; es werden euch alle Umſtände auf eine Weiſe abgefragt werden, daß ihr euch nirgends mehr verſtecken koͤnnt— ich hoffe, Nees, ihr kennt mich und wißt, daß ich Wort zu halten weiß.“ Nees verbeugte ſich und behielt volle Faſſung, da ihn die größten Beleidigungen— von Mächtigen gegen ihn ausgehend— vermoge ſeiner vorherrſchenden Feig⸗ heit erſt lange nachher erzuͤrnten und die unbezähmbare Wuth erregten, fuͤr deren Ausbruch er dann eine ge⸗ fahrloſe Gelegenheit ſuchte. „Wenn Euer Hochmoͤgenden mir geſtatten wollen, will ich Alles klar und offen mittheilen, daß es Euer Gnaden ſein ſoll, als haͤttet ihr dabei geſtanden.“ —— — ————— — „Ihr könnt ſprechen, ſobald der Schoffe, Herr Cor⸗ nelius Hooft, anweſend ſein wird,“ erwiderte der Ober⸗ ſchulze, und Nees zog ſich kriechend bis zur Thuͤr zu⸗ ruͤck, waͤhrend Angela mit niedergeſchlagenen Augen und klopfenden Pulſen an dem unbeſtimmten Weh ih⸗ res Perzens faſt zu erliegen dachte und die beiden Ehe⸗ gatten, leiſe ſprechend, nicht ohne Theilnahme vor ihr ſtanden. Als der Schoffe Cornelius Hooft hereintrat, un⸗ terrichtete der Oberſchulze denſelben mit wenigen ſcharf⸗ ſinnigen Worten, wovon die Rede ſei, und forderte Nees dann auf, ſeine Entdeckungen zu machen. Woas wir jedoch mit durchlebt, wollen wir nur in den liſtigen Abweichungen verfolgen, welche Nees nicht unterließ, mit großer Geiſtesgegenwart da anzubrin⸗ gen, wo er es ſich bei Entwerfung ſeines Planes vor⸗ genommen hatte. Er hob es mehrere Male hervor, daß er ſeine Ar⸗ muth mit den Fluchtigen getheilt, und welcher Gefahr er ſich ausgeſetzt habe, um die Geaͤchteten— auf deren Auslieferung Belohnungen geſetzt waren— zu verber⸗ gen und zu ſchutzen; welchen ſchweren Stand er dadurch im Kaufmannshauſe, auf den Märkten und bei den Nachbarn gehabt, und wie ſein ganzes Leben in den zwanzig Jahren eitel Sorge und Kummer geweſen ſei. 252 „Aber warum ſo lange?“ unterbrach ihn der Ober⸗ ſchulze—„ihr mußtet wiſſen, daß die Gefahr lange voruber war, daß die Verwandten nicht mehr zu fuͤrch⸗ ten brauchten, die ungluͤcklichen Geachteten anzuerken⸗ nen— warum machtet ihr, der ihr dieſelben zu finden wußtet, ihnen nicht fruͤher eine Anzeige, von der ihr wiſſen mußtet, daß ſie hoch erfrkulich ſein wuͤrde?“ „Zu welcher Zeit ich uͤber die Sicherheit meiner mir auf Seele und Leben empfohlenen Schuͤtzlinge durch das allgemeine Geruͤcht unterrichtet ward,“ antwortete Nees—„kann ich jetzt nicht genau beſtimmenz als ich es endlich mit meinem heil'gen Eide, ſie zu verber⸗ gen, vertraglich hielt, gegen die Verwandten damit hervortreten zu koͤnnen, hatten ſich traurige Umſtaͤnde ereignet, und ich mußte mich fuͤr menſchlicher halten, wenn ich fortfuhr, die Ungluͤcklichen der Welt zu ver⸗ bergen, nicht neuen Jammer auf die ſchwer gepruͤfte Familie zu bringen.“ Hier zog Nees ein großes gebluͤmtes, ſeidenes Schnupftuch aus der Taſche und verhuͤllte ſein vorher weinerlich verzogenes Geſicht, indem er ein kurzes dum⸗ pfes Schluchzen ausſtieß, waͤhrend Angela, ohne recht zu wiſſen, wohin Nees zielen wollte, doch die willkom⸗ mene Gelegenheit benutzte und in ſehr natürliche Thrä⸗ nen ausbrach. — ,— ——————————— 253 Der Oberſchulze blickte von Einem zum Andern, ſah den Schoͤffen an und ſchuͤttelte leiſe den Kopf. „Nees!“ hob er dann mit etwas ſtrenger Stimme an —„macht euch nicht unnuͤtz zum weichen Mann! Eine Natur wie eure unterliegt nicht der Erinnerung an Er⸗ eigniſſe, die zwanzig Jahr oder laͤnger her ſind.“ „Ach waͤr' es ſo lange!“ rief Nees, merklich von ſeiner Wehmuth abſtehend—„aber den feſteſten Mann untergräbt es zuletzt, wenn er täglich daſſelbe große Leid vor Augen ſieht.“ „Heraus mit der Sprache!“ rief der Schoͤffe Cor⸗ nelius Hooft—„Ihr ermuͤdet die Geduld des hochmö⸗ genden Herrn.“ „Nun, ſo ſoll es denn ſein,“ rief Nees—„was ich wie ein Ehrenmann bis jetzt vor aller Welt verbor⸗ gen habe— es muß geſagt werden. Angela— meine liebe Gattin, vergieb mir, daß ich dich kränken muß und hoͤre mit Faſſung.“ Wir muͤſſen bekennen, daß Angela bei dieſer Anrede ihres Gatten mit etwas einfaͤltiger Neugier im Aus⸗ druck aufſah und daß demnächſt ihre Thränen verſieg⸗ ten, da ſie begierig war zu hören, was er denn nach die⸗ ſer Einleitung vorbringen werde. Dieſe ſtumme Scene ging weder dem Oberſchulzen noch dem Schoͤffen verloren, und der Blick, den ſie tauſchten, verrieth ihre Gedanken. Nees wuͤnſchte ſehr, ſeine Gattin weine fort, es war ihm das bequemſte Accompagnement zu ſeiner Rede, und als er grade das Gegentheil bewirkt ſah, ballte er unwillkurlich die Fauſt, ſteckte ſie aber, als er den beobachtenden Blick des Schulzen bemerkte, ſchnell in ſeine Taſche. „Angela, du warſt noch ein zartes Kind, was ich junger zwanzigjähriger Burſche damals wie meinen theuerſten Schatz ſelbſt hegte und pflegte, aber deine ungluͤckliche Mutter erkrankte immer bedenklicher nach dem ſchrecklichen Tode deines Vaters und endlich— endlich, Herr— ach Gott Herr! daß es uͤber meine Lip⸗ pen muß— endlich verfiel ſie in unheilbaren Wahn⸗ ſinn!“ „Wahnſinn!“ wiederholten unwillkuͤrlich Alle er⸗ ſchrocken— und Frau von Marſeeven ſtand erſchuttert auf und reichte Angela die Hand, indem ſie ihr ſanfte, mitleidige Worte ſagte. Da hatte Nees, was er wollte— Angela weinte wie vorher. „Ja, hochmögender Herr— erſt war es böſer, hef⸗ tiger Wahnſinn, nun iſt es ſtiller Bloͤdſinn geworden— und was will man am Ende klagen— ſie fuͤhlt bei gu⸗ ter Wartung und Pflege ihr Ungluͤck nicht, und nur wir, die wir ſie täglich umgeben, tragen das Leiden davon.“ 7 255 „Aber,“ rief der Schöffe Cornelius Hooft—„wo⸗ mit wollt ihr denn beweiſen, daß dieſe beiden Frauen⸗ zimmer die in Rede ſtehenden Fluͤchtlinge ſind?“ „Nun,“ ſagte Nees, ſchon etwas dreiſter gegen den Schöffen auftretend—„ihr, Herr Cornelius Hooft, ſeid ja, wie alle Welt weiß, ein großer Gerichtsmann— unterſucht die Sache, wenn's euch beliebt! Hier ſteht der ehrliche Mann, der euch nicht fuͤrchtet, der bloß wuͤnſcht, ihr mögt Alles, was wahr an der Sache iſt, zu Tage fördern— an den noͤthigen Papieren ſoll's nicht fehlen.“ Der Oberſchulze und auch vielleicht der erfahrene Schoͤffe wußten gleich, daß dieſer Punct der Ausſage ſich wahrſcheinlich richtig befinden werde— und den⸗ noch fuhren ſie fort, Nees fuͤr einen argen Spitzbuben zu halten, und der Schulze ſagte ſogleich:„Gut, Nees, angenommen, ihr koͤnnt beweiſen, daß dieſe hier an⸗ weſende Frau und deren Mutter die eben von ihrer ho⸗ hen Verwandtin geſuchten Fluͤchtlinge ſind— wie konntet ihr, der ihr den hohen Urſprung Beider kann⸗ tet, euch erfrechen, aus dieſem edlen Fräulein eure Gattin zu machen und ſie damit auf immer ihrer hohen Rechte zu berauben, ehe ſie nur ahnen konnte, wie viel ſie damit aufopferte?“ „Herr“ ſagte Nees demuͤthig—„ihr ſeid ſehr 2⁵6 ſtreng— man ſollte denken, ihr haͤttet nie die Gefah⸗ ren eines jungen Mannes kennen gelernt, der neben einem ſchoͤnen Maͤdchen leben muß, die er von Kindheit an zärtlich geliebt hat, die mit einem Male eine Jung⸗ frau iſt und ihn ſelbſt— der ſchon mit ſeiner Liebe zu kämpfen hat— nun eingeſteht, auf das zaͤrtlichſte zu lieben.“ Der Schulze ſchuͤttelte den Kopf— Nees trat aber gegen Angela vor und ſagte:„Vergieb, daß ich genoͤ⸗ thigt bin, dein Zartgefuͤhl zu beleidigen, indem ich hier offen geſtehe, wie du mir deine Liebe bekannt und mit ſo großer Feſtigkeit darauf beſtandeſt, daß ich die Ehe mit dir ſchloß! Doch wollt ihr ſie nicht ſelbſt befragen, Herr Schoͤffe? ſie wird als eine treue, chriſtliche Ehefrau euch die Wahrheit nicht vorenthalten!“ Bei dieſen Worten trat Nees mit einem Diener zuruͤck, konnte aber eine höhnende Grimaſſe nicht hinlaͤnglich be⸗ kaͤmpfen. Die Genehmigung des Oberſchulzen mit einer Be⸗ wegung fordernd, trat der Schöffe zu Angela und ſagte:„Ihr liebt alſo euren Mann recht ſehr, Frau Nees?“ Da geſchah das Wunder, daß Angela, die noch am fruͤhen Morgen deſſelben Tages ein herzensfrohes Ja zu ſagen gehabt haͤtte, vor der Frage erſchrocken ſtill 257 ſchwieg und doch ſich nicht bewußt ward, warum ſie ſie nicht beantworten konnte. „Ueberwinde deine Bloͤdigkeit, mein liebes Angel⸗ chen,“ ſagte Nees, der große Tropfen ſchwitzte, mit ſußlicher Stimme—„ſie iſt ſo verſchaͤmt wie eine Jungfrau.“ „Schweigt jetzt, Nees,“ ſagte der Schulze her⸗ riſch, und Jener wich entſetzt zuruͤck. „Liebe Frau Nees,“ ſagte Flavia jetzt, ihren Stuhl näher an Angela heranſchiebend—„faſſet euch doch! Wir meinen es ſo gut mit euch, und ob man ſeinen Mann liebt, kann die ſittſamſte Frau eingeſtehen.“ Es entſtand abermals eine Pauſe. Nees hatte ſich eben vor Wuth die Weſtentaſche ausgeriſſen und in dem ſtil⸗ len Zimmer hoͤrte man das Zerreißen des ſchweren Stoffes.— Alle ſahen nach ihm hin, und er zog ſchnell ſeinen Mantel daruͤber, aber ſein belauſchtes Geſicht vermehrte das Mißtrauen der Maͤnner, in dem Augen⸗ blick aber, wie ſie ſich umſahen, fuhr der armen Angela das kurze trockene Ja aus dem Munde. „Sie hat Ja geſagt,“ rief nun Frau von Marſee⸗ ven,„quält ſie damit nicht weiter.“ „Gut,“ ſagte der Schoͤffe—„aber wußtet ihr von eurer hohen Geburt, als ihr euch dem Jakob van der Nees antrauen ließet?“ Jakob v. d. Nees. 1. 17 258 Ohne zu ſtocken, ſagte Angela:„Ja, Herr. Eine alte Magd, die mit meiner Mutter floh, entdeckte mir Alles, weil ſie mich von der Ehe mit ihm abhalten wollte.“ „So,“ ſagte der Schöffe—„alſo noch ein Zeuge lebt— und warum wollte ſie dieſe Heirath nicht zu⸗ geben?“ „Sie kann den armen Nees nicht leiden und ſchimpft und verleumdet ihn den ganzen Tag.“ „Aber ihr beſtandet feſt auf euren Abſichten, und Nees beſtaͤrkte euch darin?“ „Nein,“ ſagte Angela—„ich hatte auch mit Nees meine Noth. Denn Gelegenheit gab, daß die arme Mutter ſterben wollte, und da wollte mich Nees aus dem Hauſe bringen, weil er zu jung war, daß ich bei ihm bleiben konnte, und da haätte ich entweder den Baͤcker oder den Bruder der Paſtorin heirathen muͤſſen, und da kamen wir von ſelbſt darauf, uns lieber ſelbſt heira⸗ then zu wollen, wodurch ich im Hauſe bleiben konnte.“ Nees zog vor Freude uͤber Angela's Rede die Knie bis an den Leib und grinſte wie ein Satyr— Niemand beachtete ihn. „Schrecklich!“ rief Frau Flavia—„man ſieht deutlich, wie unſchuldig Beide dazu gekommen ſind.“ Ermuthigter fuhr Angela fort:„Da ließ Nees das * ganze Haus neu einrichten, ſchaffte uns koſtbare Klei⸗ der an, und eine Magd mußte reichlich und alle Tage Fleiſch kochen— ſeitdem haben wir es wie vornehme Buͤrger.“ Dieſer Nachſatz war Nees wieder nicht ganz recht; aber er mußte ſchweigen. „Lebtet ihr vorher nicht ſo reichlich?“ fragte Herr Hooft. „Ach, bei Leibe nicht,“ erwiderte Angela—„wo⸗ von ſollte es denn der arme Nees beſchaffen? Erſt als nun das Vermoͤgen meines Vaters durch Heirath an ihn kam, konnt' er den Aufwand beſtreiten.“ Beide Männer wurden durch dieſe Aeußerung ſicht⸗ lich nachdenkend und in ihrer Meinung uͤber Nees un⸗ ſicher, denn ſie konnten nicht ſehen, welche ſchauder⸗ haften Grimaſſen höhniſcher Freude er hinter ihnen ſchnitt. „Wißt ihr, wie groß die Summe war, die Renier de Gröneveld— angenommen euer Vater— eurem jetzigen Manne auszahlte?“ „Ach nein,“ ſagte Angela—„aber Nees hat da⸗ mit Handel getrieben und das Vermögen vielfach ver⸗ doppelt, ſagt er, und die ſchönen Juwelen meiner Mut⸗ ter und ihr Gebetbuch,“ fuhr ſie fort und blickte dabei ſcheu auf den Schmuck, den ſie trug—„das hat er 17* — 260 Alles aufgehoben bis zu meiner Hochzeit— aber er hatte nicht gedacht, daß ich ſie mit ihm feiern wuͤrde.“ „Ihr habt euch alſo nicht uͤber Nees zu beklagen— und er hat weder euch noch eurer Mutter etwas zu Leide gethan.“ Das war eine verhängnißvolle Frage, und Nees traten vor Erwartung der Antwort faſt die Augen aus dem Kopf, und mit zwei geballten Faͤuſten lehnte er den ganzen Oberkoͤrper nach vorn heruͤber, wie ein Ti⸗ ger, der einen Sprung thun will. Aber er hatte nichts zu fuͤrchten— Angela hatte ſich durch das Hervorrufen alter Verhaͤltniſſe das Herz wieder leicht geredet gegen Nees, und die Eindruͤcke des Tages waren dahinter zu⸗ ruͤckgetreten—„Nein, nein,“ ſagte ſie daher ruhig— „nichts, nichts als Gutes— Nees iſt der beſte Mann, und uns fehlt gar nichts.“ „Wir muͤſſen es vorläufig dabei bewenden laſſen,“ ſagte der Oberſchulze nach einem kleinen Nachdenken, „und ihr, Herr Schoͤffe, uͤbernehmt die Sache und be⸗ gebt euch nach dem Hauſe des van der Nees, um die Ausſagen mit dem Thatbeſtande zu vergleichen. Die Papiere, die Nees bei ſich fuͤhrt, koͤnnen hier deponirt bleiben, und wir werden dann nach eurem Bericht uͤber⸗ legen, ob die Sache ſich zur Mittheilung an die Frau Gräͤfin von Caſambort eignet.“ „Ach!“ ſeufzte Flavia unwillkuͤrlich—„das wird jedenfalls eine traurige Entdeckung werden! Mein Gott! mein Gott! welch' ein Kummer ſteht der armen Dame bevor— ihre Schweſter im Wahnſinn und ihre Nichte die Frau eines ſolchen Mannes.“ Auf's Neue erſchuͤtterten dieſe Worte Angela. Das war eine Frau ſo edel und guͤtig, ſo vornehm, wie ſie noch keine geſehen, und ſo gut dabei— und dieſe hielt ſo unverholen ihre Ehe mit Nees fuͤr ein Ungluͤck, fuͤr eine Schande. Was die Bäckerin, was Suſa geſagt, daruͤber konnte ſie ſich erheben— aber, während ſie den geheimnißvollen Nimbus hoher Verhaͤltniſſe fuͤhlte und ihr Herz davon ergriffen ward, wie ſie vielleicht nur Aehnliches bisher in der Kirche erfahren hatte, wurde ſie hier tief niedergebeugt durch die Art, wie man ihre Verhältniſſe bezeichnete, die fern war von rohem Spott oder gemeinem Zorn— aber viel ergreifender durch den tiefen Ausdruck von Mitleid und Kummer, den Frau Flavia nicht verhehlte. Eine Ahnung kam in ihr un⸗ bewachtes Herz, daß ſie ihre Verhältniſſe nicht beurthei⸗ len koͤnne und ein unerhörter Makel daran haften muͤſſe, der von Nees ausgehe. Sie ſtand vor einem Geheimniß. Zum erſtenmal gewannen andere Menſchen neben Nees Einfluß auf ſie, zum erſtenmal fuhlte ſie ſich von Charak⸗ terwuͤrde imponirt, und leicht mußten die furſtlichen Um⸗ 262 gebungen dieſer höheren Weſen den Eindruck verſtaͤrken, — zum erſtenmal wendete ſie ſich von Nees etwas ab— er konnte ihr nicht mehr wie bisher der Erſte, der Mäch⸗ tigſte der Zauberer bleiben, der Alles ausreichend ſchuf, was nothig ſchien. Die Verachtung, die er vor ihren Augen von dieſen Perſonen erlitt, war ein fuͤrchterliches Abzeichen, was ihm aufgeheftet blieb, und ihr erwach⸗ ter Inſtinct ſagte ihr, nicht wie ſonſt bei Allem, was ſie bedruͤckte, könne ſie bei ihm hieruͤber Aufſchluß er⸗ halten— ſomit wendete ſich ihr Vertrauen von ihm ab, denn ſie dachte nur, Frau Flavia konne ihr ſagen, wa⸗ rum ſie ſo entſetzlich zu beklagen ſei. Nees glaubte, er habe viel, ja Alles gewonnen, als er das Haus des Oberſchulzen verließ— und er ahnte nicht, daß er im Begriff war, große Verluſte zu ma⸗ chen und in der ſtillen leidenden Geſtalt an ſeiner Seite ſich die Strafen fur ihn vorbereiteten, denen er auf der andern Seite zu entgehen hoffte. Berechnend, unruhig, von dem Erlebten heftig auf⸗ geregt, lief Nees ſeiner unſicher dahin wankenden Frau immer ein gutes Stuͤck voran, kehrte dann um, war aber in einigen Augenblicken von dem ungeſtuͤmen Tact ſeiner Gedanken wieder vorwärts getrieben. So uͤber⸗ ſah er, daß Angela mit jedem Schritte hinfaͤlliger wurde, und nur der dumpfe Druck, der alsbald ihren 263 Geiſt erfaßte, ſie verhinderte, ihn um ſeine Hilfe an⸗ zuſprechen. Es kommt aber, daß eine inſtinctartige Anſpannung den Koͤrper ſo lange erhält, bis der Punct erreicht iſt, der ihm Ruhe verheißt— ſo war es auch bei Angela. Nees war ihr voraus in das Haus gelaufen und wollte eben großſprecheriſch das Erlebte erzählen, da hörte er einen ſchweren Fall und Suſa's Huͤlfegeſchrei— und als er aus dem Zimmer ſturzte, lag die arme Angela ohnmachtig auf den Flieſen des Hausflurs. In dieſem Augenblicke wurde es ihm erſt klar, daß ſie gelitten hatte, und wie gefährlich dies bei ihrem Zu⸗ ſtande werden konnte. Außer ſich ſtüͤrzte er auf Angela zu, hob ſie in ſei— nen Armen hoch auf und trug ſie die Treppe hinan in ihr Schlafzimmer. Aber Angela erwachte nur, um unter großen Qua⸗ len, die ſie an den Rand des Grabes fuͤhrten, ein todtes Kind zur Welt zu bringen, und von dem unna⸗ tuͤrlichen Verlauf der Sache in ihrer friſchen Kraft ge— brochen, ſchien es Allen während mehreren Wochen, als konne ſie ſich nie wieder erholen— auch war und blieb ſeit dieſer Kataſtrophe Angela eine Andere. Während dieſer Zeit hatte Nees viel erlebt, und es lag in dem Rathſchluß des Himmels, daß Alles ſich vereinigen mußte, ihn in den Augen der Perſonen, de⸗ ren ſcharfer Beobachtung er ausgeſetzt war, zu recht⸗ fertigen. Die Miſchung von Wahrheit und Luͤge, die in ihm zur Schau lag, mußte den Erfahrenſten tauſchen, be⸗ ſonders wer, wie der Oberſchulze, Herr von Marſeeven die edlen Bedenken der Gerechtigkeit walten ließ. Als Herr Cornelius Hooft ſich andern Tages zu der anbefohlenen Unterſuchung in das Purmurandſche Haus begab, fand er die Vorfälle, die wir bereits erzählt— aber Nees in einem Zuſtande von ſo unverkennbar wah⸗ 7 rer Verzweiflung, daß der Schöffe glauben konnte, er habe den Verſtand verloren. Er wollte zu Anfang das Zimmer, in welchem An⸗ gela litt, gar nicht verlaſſen— als er endlich hervor⸗ ſtuͤrzte, ſtieß er wilde gebrochene Reden aus, raufte ſich das Haar und heulte dazwiſchen unter Thränenſtrömen, indem er ſich auf die Erde warf und den Kopf auf die Bank im Zimmer hart niederſchlagen ließ. Der Schoͤffe forderte ihn endlich ſelbſt auf, zu ſeiner Gattin zuruͤck zu kehren, da er fur den Augenblick jede . 4 ———— Verhandlung mit ihm fuͤr unmoͤglich hielt und ließ ſich zu der armen Wahnſinnigen fuͤhren, welche, unberuͤhrt von dem, was um ſie vorging, in dem Luſthof unter dem Schatten ihrer Linde mit dem Kaͤtzchen auf dem Schooß ſaß und die Blumen Angela's ſinnend betrachtete, als wolle ſie ſich erinnern, was denn heute dabei fehle, und doch nicht ausdruͤcken konnte, daß ſie ihre Tochter, die treue Pflegerin derſelben, vermißte. Das Fraͤulein von Caſambort war, wie ſchon er⸗ wähnt, einſt eine beruͤhmte Schönheit geweſen. Seit ihrer letzten Krankheit hatten ſich ihre körper⸗ lichen Zuſtände ohne heftige Erſchuͤtterungen in eine langſam vorruͤckende Abzehrung aufgeloͤſt; aber ſie litt nicht mehr, und obgleich ſie nur noch getragen von einer Stelle zur andern zu bringen war, fuͤhlte ſie dieſe Ver⸗ aͤnderung nicht mehr und war auf jeder Stelle zufrieden. Als ſie die Schritte des Herrn Cornelius Hooft hörte, ſchaute ſie freundlich laͤchelnd auf, denn ſie hoffte nun Angela zu ſehen; als ſie den fremden Herrn ſtatt ihrer bemerkte, ſchaute ſie gleichguͤltig weg und auf ihr milchweißes Kätzchen, welches, reizbarer als ſie ſelbſt, er⸗ wacht war, ſich auf den Ruͤcken warf und behaglich alle vier Pfoten in die Luft ſtreckend, ſich kollerte und dadurch das entzuͤckte Lächeln ihrer Gebieterin erregte. Cornelius Hooft hatte waͤhrend dem, völlig unbeach⸗ 266 tet von der armen Blödſinnigen, Zeit, dieſe pruͤfend zu betrachten. Sie war in dem hoͤchſten Stadium der Ab⸗ magerung und todtenblaß— ihr glaͤnzendes weißes Haar, welches unter einer ſaubern ſchwarzen Sammt⸗ * kappe geordnet war, zeigte die ganze Form des Kopfes, und ſo unverwuͤſtlich war die ſchoͤne Bildung dieſer For⸗ men, daß Herr Cornelius nach einiger Betrachtung ihr dies Zugeſtaͤndniß machen mußte. Sie trug ſchoͤne ſeidne Kleider nach dem damals uͤblichen Schnitt und aus den offnen lang niedergehenden Aermeln ſähen die abgezehrten Hände hervor, die ſo fein und ſo blendend weiß waren, daß ſie mit dem weißen Felle des Kätzchens rivaliſirten. Ihre Augen waren eben zu dieſem Lieb⸗ linge auf ihrem Schooße geſenkt; als aber Herr Corne⸗ lius ſich neben ſie auf die Bank ſetzte, ſchlug ſie dieſel⸗ ben auf und ſah ihn läͤchelnd an. Blaue Augen werden immer ſchoͤner, je kraͤnker ihr Beſitzer wird, und die an der Auszehrung Leidenden be⸗ kommen einen faſt uͤberirdiſchen Glanz und eine an Veil⸗ chen erinnernde Farbe. Die arme Wahnſinnige war ſo von allem Leid erloͤſt, daß ſie in ihrem Ausdruck die harmloſe heitere Unſchuld des Kindes bekommen hatte. Herr Cornelius war faſt uͤberwältigt von dieſem verklaͤr⸗ ten Bilde einer Heiligen, und als ſie furchtlos ſeinen Arm beruͤhrte, um ihn auf die kleinen unverſchämten 267 Bequemlichkeiten des Kätzchens, welche ſie entzuckten, aufmerkſam zu machen, wurden ſeine Augen feucht und er fuͤhlte unwiderruflich, dies ſei das ungluͤckliche Opfer des grauſamſten Geſchicks, dies Weſen ſei von Nees nicht zur Verfolgung habſuͤchtiger Abſichten untergeſcho⸗ ben, dies ſei die ungluͤckliche Gattin von Renier de Gro⸗ neveld, die Schweſter der Graͤfin von Caſambort. Damit mufßte er ſich fur heute begnuͤgen, denn das ganze Haus war zum Dienſte Angela's in den oberen Räumen verſammelt und namentlich die alte Magd der Groͤneveld, mit der er gern ein Examen vorgenommen haͤtte, war voͤllig unſichtbar und taub fuͤr jeden andern Anſpruch. So mußte er, blos von der Dienſtmagd begleitet, endlich dies ungluͤckliche Haus verlaſſen und kam in tiefe Gedanken verſenkt bis in das Kabinet des Schulzen, worin er auch deſſen Gattin fand, welche mit gleich gro⸗ ßem Intereſſe erfullt, die Erlaubniß erhalten hatte, den weitern Verlauf der Sache mit verfolgen zu duͤrfen. „Verehrter Freund!“ ſagte der Schoͤffe nach den vertraulichen Begruͤßungen beider Männer—„das, was ich am wenigſten erwartet habe, iſt mir geſchehen: ich komme mit dem Gedanken zuruͤck, ob dieſer Spitzbube und Raͤnkeſchmieder, dieſer Jakob van der Nees, nicht am Ende ein ehrlicher Mann ſein ſollte.“ 268 Beide Gatten lachten und Hooft lachte mit, denn es reizte ihn, ſich uber ſich ſelbſt dabei luſtig zu machen. Ernſter wurde er, als er nun, mehr der guten Frau Flavia zugewendet, das Ungluck der armen Angela er⸗ zählte, und dieſe ward ſo geruͤhrt davon, daß ſie in Thrä⸗ nen ausbrach.„Mein Gott, lieber Herr,“ ſagte ſie— „wenn wir annehmen, daß dieſe arme Frau das Fraͤulein von Groͤneveld iſt, wäre es da nicht gut und ſchicklich, wenn ich mich nach dem Hauſe begäbe und das durch ſo viel Leiden erſchuͤtterte Gemuͤth der Armen zu troͤſten ſuchte?“ „Ich rechne auf deine mildthaͤtige Guͤte, meine Liebe, wenn der geeignete Augenblick dazu gekommen ſein wird“— entgegnete der Oberſchulze ausweichend, denn er hielt den Augenblick fuͤr durchaus noch nicht gekommen—„aber wir wollen Hooft weiter erzählen laſſen.“ Dieſer ſchilderte nun die Verzweiflung von Nees mit komiſchen und lebhaften Farben; aber er konnte nicht umhin, ſpaͤter ernſthaft zu verſichern, daß kein Menſch ſeines Dafuͤrhaltens in ſolchen Zuſtand ſich durch Verſtellung verſetzen könne, denn er wäre wie von Sinnen geweſen und die Ausbruͤche ſeines Schmerzes bewieſen hinreichend, wie außerordentlich groß die Liebe zu ſeiner Frau ſein muͤſſe. „Und nun,“ fuhr Herr Cornelius fort—„mehr wie alles Andere hat mich der Anblick der armen Wahn⸗ ſinnigen uͤberzeugt, daß wir vor die rechte Thuͤr gekom⸗ men ſind. Heil'ger Gott, welch' ein Anblick!“ Flavia ruͤckte ihren Stuhl näher und ſagte aͤngſt⸗ lich!„So ſchrecklich, lieber Freund? O ſprecht doch. Die arme Graͤfin Caſambort, was fuͤr Schmerzen fuͤr ſie!“ „Schrecklich? nein, edle Frau,“ ſagte der Schoͤffe —„ſchrecklich iſt nicht das Wort; Thraͤnen der tiefſten Ruͤhrung ſind mir in die Augen getreten, als ich dieſe Heilige laͤchelnd, und mit dem Ausdruck eines Kindes auf dem ſchoͤnen, abgezehrten Geſicht, erblickte. Wahrlich, es ware fuͤr euer weiches Herz zu viel, dieſen hinreißend traurigen Anblick zu haben, denn ich hatte, wie ich ein⸗ geſtehe, damit zu thun. Wenn die Katholiken das Bild einer ſolchen Madonna auf ihren Altarſtellten, ſo koͤnnten ſie hoffen, ihre Fuͤrbitte erloſte ſie von ihren Suͤnden. Wie ſie da ſaß mit der geſenkten leuchtenden Stirn, und dem Silberhaar— mit dem kaum noch ſichtbaren Ge⸗ ruͤſt von Fleiſch und Blut, und doch alles ſo ſchoͤn, ſo edel— und faſt ſchon eine Leiche— und doch die goͤtt⸗ lichen blauen Augen mit einem Feuer, als beherberge ſie unbewußt den himmliſchen Funken darinnen. Ja, Gott weiß— ihr lächelt ob der Widerſpruche, die ich 270 euch aufzähle— aber ich will ſchwoͤren, das iſt das Opfer des ſchrecklichen Schickſals, was wir Alle kennen, das iſt die Gattin des unglucklichen Renier de Groͤneveld. „Und ſo wahr ich lebe,“ ſagte laͤchelnd der Ober⸗ ſchulze—„ſie hat eurem Herzen was angethan— ihr habt euch in ein Feuer hinein geredet, daß ich denken könnte, ihr machtet ein Reimgedicht.“ Hooft lächelte wieder, aber noch jetzt war ihm die Bewegung anzuſehen, und er forderte Herrn von Mar⸗ ſeeven auf, die gemachte Entdeckung der Graͤfin von Ca⸗ ſambort mitzutheilen. „Wir wollen es noch einige Tage anſtehen laſſen,“ erwiderte jener—„denn wir haben es da mit einer ſcharfen, haſtigen Dame zu thun, die gewohnt iſt, die Dinge ſelbſt zu beleuchten, da ſie durch ihre fruͤhe Unab⸗ haͤngigkeit fuͤr eine Dame einen auffallend ſichern Ge⸗ ſchaͤftsblick hat. Ich muß ihr ganz andere Dinge als Vermuthungen und Wahrſcheinlichkeiten vorlegen koͤn⸗ nen, um ſo mehr, da ihr viel daran gelegen ſein wird, an ſo unwillkommnen Verwandten zweifeln zu konnen, und trotz ihres rechtlichen Charakters ſich viel gegen dieſe Verhältniſſe in ihr ſträuben wird— am wenigſten aber auf eine ſo weiche, poetiſche Inſpiration in ihr zu rechnen iſt, als ſie unſern Freund Hooft ergriffen hat, und ihr ſeine ahnungsvollen Schmerzen durchaus nicht ſo uber⸗ 271 zeugend ſein werden, als einige unzweifelhafte Docu⸗ mente mit Unterſchrift und Siegel.“ „Ich muß mir euren Spott gefallen laſſen,“ ſagte der Schoͤffe laͤchelnd—„und wuͤnſche bloß, mich durch den Anblick dieſer Heiligen an euch rächen zu koͤnnen. Außerdem habt ihr Recht, und ich muͤßte mich ſehr irren, oder ich glaube, Jakob van der Nees erhaͤlt ſeine Faſſung zur Verfolgung ſeiner Geſchäfte bald wieder und wir werden nicht lange auf die Beweiſe zu warten haben, die er behauptet uns vorlegen zu können. Es iſt und bleibt aber außer Zweifel— dieſer Nees iſt ein zweideutiger Kerl und Alle, die mit ihm verkehren, ſind auf ihrer Hut, da er liſtig und berechnend iſt wie Keiner, und obgleich man ihm nichts anhaben kann, iſt doch jeder uͤberzeugt, er werde betrogen, oder Nees habe doch ſeinen eignen Vortheil nebenher viel beſſer verfolgt.“ „Wir muͤſſen,“ fuhr der Schulze fort—„faſt damit abſchließen, vollen Ausweis uͤber das eigentliche Vermoͤgen der Groͤnevelds zu bekommen, denn was er uͤbernommen, wird genau nicht mehr zu ermitteln ſein.“ „Das iſt gewiß,“ erwiderte der Schoͤffe—„aber es hindert ihn auch nichts, die genaue Rechenſchaft dar⸗ uͤber zu einem Paradepferde zu benutzen, was er vor uns herumgallopiren laͤßt und uns heimlich dabeiauslacht; denn hat er wirklich damit den fuͤr die ganze Kaufmannſchaft 272 ſo uͤberraſchenden Aufſchwung ſeiner Geſchaͤfte bewirkt, wer kann tadeln, daß er das ihm Anvertraute vermehrt hat, wer kann ihm beweiſen, daß er es fuͤr ſich gethan hat?— Das einzige, was ihn fangen wuͤrde, waͤre, wenn man ihn uͤberfuͤhren könnte, er habe unredliche Mittel angewendet, die Erbin zu ſeinem Eigenthume zu ma⸗ chen; aber wir muͤſſen geſtehen, daß dieſer allerdings ſehr gegruͤndete Verdacht faſt ſchon von ihr ſelbſt wider⸗ legt worden iſt— ja, denkt an die unbegreifliche Aeuße⸗ rung, daß Nees ſie bis dahin kuͤmmerlich von ſeinem Erwerb ernaͤhrt hat, und erſt, als die Erbin ſeine Braut wurde, er es ſich erlaubte, von ihrem Vermoͤgen einigen Wohlſtand zu verbreiten.“ „Vergeßt nicht,“ ſagte der Schulze„daß Nees ein ſchmutziger Geizhals iſt, daß das die Geluſte geweſen ſein konnen, die ſolchen verwahrloſten Seelen das Haͤufen der Schätze ſchon zur Wonne machen— was er vorher uͤber das Vermoͤgen der Groͤneveld beſchloſſen hatte, das wird ſicherlich ſein Geheimniß bleiben— und der liſtigſte Streich iſt immer, daß er die Erbin geheirathet hat!“ „Ach, und ſo unwiderruflich!“ ſeufzte die gute Flavia — und ſo troſtlos fuͤr die Verwandten.“ „Wie ich hoͤre,“ erzählte der Oberſchulze,„hat der Prinz die Gräfin Caſambort unter die Ehrendamen ge⸗ waͤhlt, welche die Koͤnigin von England außer ihrem 273 eignen Pofſtaat umgeben; ſie wird demnach die hohe Frau hierher begleiten und ſo wird die Sache dann fruͤher erledigt. Wir wollen indeſſen Beweiſe ſammeln, ſie pruͤfen— und dann uͤberlaſſe ich dir, meine liebe Flavia, die ſanften Mittel, die dein edles Herz immer gegen⸗ wärtig hat, um die arme Graͤfin von Caſambort bei die⸗ ſer ſchweren Verſuchung ihres Stolzes zu ſtuͤtzen.“ Herr Cornelius Hooft hatte ſich nicht in van der Nees geirrt— er fand in ihm den andern Tag ſchon einen gefaßten Mann und dennoch lag auf ſeinem An⸗ geſicht der unverkennbarſte Ausdruck eines wilden Schmerzes, und ſelbſt dieſe eiſerne Geſundheit hatte unter der Qual des verfloſſenen Tages gelitten, ſeine Augen waren truͤbe und ſein Geſicht farblos und welk, man haͤtte es gefurcht nennen konnen, was ſeine Haͤß— lichkeit erhoͤhte. Mein Gott, dachte Hooft, der ſo empfaͤnglich für Schonheit war, wie tief in der Einſamkeit mußte das arme Maͤdchen leben, daß es ihr möglich wurde, einen ſolchen Mann zu heirathen— und wieder ſtieg in ihm der Verdacht auf, ſie muͤſſe durch hölliſche Kuͤnſte dazu verfuͤhrt worden ſein. Nees wurde dagegen nicht geſtört von ſolcher Anſicht der Dinge und empfing den Herrn Schoͤffen mit aller ſchuldigen Ehrfurcht und ſchleppte Alles herbei, was ſeit Jakob v. d. Nees. 1. 18 274 lange fuͤr dieſen Fall in ſeinen Kiſten wohlgeordnet da lag. Daß er damit ſeit geraumer Zeit fertig war und es faſt auswendig wußte, was er zu zeigen, zu ſagen und zu verhehlen hatte, kam ihm ungemein zu Hilfe bei der wirklichen Abſpannung, in die er ſich verſetzt fuͤhlte; denn wir duͤrfen noch weniger wie Herr Hooft daran zweifeln, daß die Furcht, das einzige Weſen, das er je geliebt, zu verlieren, ihn in Wahrheit zu einem troſtlo⸗ ſen Manne gemacht hatte. Er hatte Gemuͤthszuſtände durchgelebt, deren Aeu⸗ ßerungen wir uns nach den bisherigen Erfahrungen den⸗ ken koͤnnen, und die diesmal noch eine geheime Beimi⸗ ſchung von Gewiſſensbiſſen hatten, da er ſich in dieſem einen Falle wenigſtens der Rohheit ſeines Betragens gegen ſie bewußt wurde, und daher einen Theil ſeiner heftigen Anfälle gegen ſich ſelbſt kehrte. Am Abend deſſelben Tages zeigte es ſich jedoch, daß Angela zwar ihrer Hoffnungen durch die Geburt eines todten Kindes verluſtig gegangen war, aber doch außer der großen Schwäche, die ihr geblieben, keine weiteren Befuͤrchtungen fuͤr ihr Leben obwalteten. Nach dieſer Ueberzeugung ſetzte ſich Nees am andern Tage wieder ſo ziemlich mit ſich zurecht, und wir wollen nicht dafur ein⸗ ſtehen, daß er ſelbſt einen guten Theil der geſtern an ſich 275 verſchwendeten Vorwuͤrfe heute wohlfeil genug wieder einhandelte, indem er ſich viel von natuͤrlichen Folgen der hoͤchſt noͤthigen Schritte, welche ihm als Pflicht ob⸗ gelegen, vorerzaͤhlte, und wie ungluͤcklich ein Mann zu halten ſei, der bei Gelegenheiten, wo es gelte, ſich zu benehmen, von einer Frau gequält wuͤrde, die ſich durch kindiſche Furchtſamkeit endlich Alles ſelbſt zubereitete. Tags vorher fühlte er die ganze thieriſche wilde Liebe gegen ſein ihm ſogleich wieder entriſſenes Kind— heute kratzte er ſich hinter den Ohren und ſagte ſich: Das waͤre eine Sicherheit weniger gegen die anruͤckenden Verwandten; ja, Angela's zweifelhafter Zuſtand, fiel ihm ein, konnte ihn am Ziel ſeiner Wuͤnſche, im kri⸗ tiſchſten Augenblick der Gegenwehr, aller ſeiner Rechte berauben. Dieſe heute ihm wieder bequem werdenden Betrach⸗ tungen machten ihn zu dem gefaßten Mann, wie wir ſchon erwaͤhnt haben, und gaben ihm ſo viel Stärke, daß er das vollig geordnete Syſtem ſeiner Verfahrungs⸗ art unverruckt, trotz ſeiner ihn ſelbſt uͤberraſchenden Ab⸗ ſpannung, durchfuͤhren konnte. Der Schöffe, der uͤber die ſich vorfindenden Beweiſe ſogleich durch zwei ihn begleitende Gerichtsperſonen ein Protokoll aufnehmen ließ, erſtaunte uͤber die klare Auf⸗ ſtellung und Darlegung aller Beweiſe, welche die Iden⸗ 18* 276 titt der Perſonen darthat, und mußte ſich geſtehn, daß nur ein mit dem Geſchaftsgang wohl vertrauter Mann ihnen ſo in die Haͤnde arbeiten konnte. Die Papiere, worin ein großer Theil des Vermoͤ⸗ gens beſtand, wurden in ſo bedeutendem Werthe von Nees angegeben, daß es kaum wahrſcheinlich blieb, daß er unterſchlage, da man ungefaͤhr vorher berechnet hatte, was Groͤneveld beſitzen konnte— was Nees ſehr gut wußte. Eben ſo war es eine bedeutende Summe, die Nees an baarem Gelde angab— dann kamen die Ju⸗ welen und Perlen, und das Verzeichniß, welches unter den Papieren war, bezeugte, daß auch kein Stein fehlte. Nees erzählte dann der Wahrheit gemaͤß, die ihm in dieſem Falle das Nuͤtzlichſte war, noch einmal den gan⸗ zen Pergang der Sache, und nannte, der eignen Ueber⸗ fahrt Groͤnevelds gedenkend, den Fiſcher, der noch lebte, und der aus Ruͤckſicht für Nees den Fluͤchtling weiter ge⸗ bracht hatte. Dann verlangte er noch, man ſolle Suſa herbei rufen; damit ihr die Beſtätigung aller eben zu Protokoll gegebenen Mittheilungen abgefordert werde. Dies war, wie er ſehr wohl wußte, ein unerläßlicher Punct, und er hätte dieſe Ausſagen ſicher zu fuͤrchten gehabt; aber die Umſtaͤnde waren ihm auch hierbei heute grade ſehr guͤnſtig, denn an dem vorangegangenen ſchrecklichen Tage, den Beide verlebt, als Angela mit — ee dem Tode rang, hatte der Schmerz und die vereinte Un⸗ terſtuͤtzung, die Einer am Andern fand, in Suſa mildere Gefuͤhle fuͤr Nees erweckt, und er hatte es nicht vergeſ⸗ ſen, daß Suſa ihm in ihrer muͤrriſchen Weiſe geſagt: „Ja, Nees! um eurer Liebe zu Angela willen kann man euch viel vergeben.“— Suſa ward von dem Kranken⸗ bette Angela's faſt mit Gewalt fortgerufen, und ſie trat endlich, von Nees geſtuͤtzt, da ſie kaum zu gehen ver⸗ mochte, vor den Schoͤffen. Abgeſpannt zum Hinſinken, reizbar und empfindlich bei der ganzen Procedur, die erſt beſtätigen ſollte, wovon ſie ſo feſt uberzeugt war, bekamen die Richter lauter ſchmollende, verächtliche Antworten, die— ohne daß ſie die Ausſagen von Nees kannte, doch dieſelben vollkom⸗ men beſtätigten. Als das Protokoll endlich geſchloſſen wurde, war der Schoͤffe auf's Neue feſt uͤberzeugt, daß er die Fluchtlinge gefunden, daß hier lauter Wahrheit verhandelt worden, und— was ihm am ſchwerſten ward, was er doch als redlicher Mann nicht laͤnger zuruͤckhalten wollte— daß Nees ein ehrlicher Kerl ſei. Nach dieſen, dem Oberſchulzen gemachten Mitthei⸗ lungen hielt es Herr von Marſeeven nach einigen Ta⸗ gen, welche ihn uͤber Angela's Befinden beruhigten, fuͤr unerlaͤßlich, der Gräfin von Caſambort den Bericht zu machen, der ſie von der Auffindung der nahen Verwand⸗ ten unterrichten ſollte— und dies Geſchaͤft, das der Natur nach ſo erfreulich haͤtte ſein muͤſſen, ward durch die Erwähnung der Nebenumſtaͤnde etwas ſchwierig, weil er den Charakter der Graͤfin Urica zu wohl kannte, um nicht zu wiſſen, daß dieſe Botſchaft eine toͤdtlich ver⸗ letzende Beimiſchung haben werde. Er lehnte es daher auch ab, einen Brief, den Nees, der zum vollkommenen Selbſtgefuͤhl zuruͤckgekehrt war, großſprecheriſch vor⸗ ſchlug, der neuen Tante beizufuͤgen, anzunehmen, und ſuchte die gemeine Geſpreiztheit des rohen Men⸗ ſchen durch einige demuͤthigende Bemerkungen zuruͤckzu⸗ drängen. Nach einiger Zeit erhielt der Herr von Marſeeven folgende Antwort von der Gräfin Urica: „Großmoͤgender Herr!“ „Lieber und getreuer Vetter!“ „Ich war darauf gefaßt, daß die Verwickelungen nicht beendet ſein wuͤrden, wenn ſich Perſonen mit dem „Anſpruch auf meine Verwandtſchaft meldeten, und „dies machte, daß mich eure unwillkommenen Mit⸗ „theilungen gefaßt und bei klarer Beſonnenheit fan⸗ den.“ „Ich habe kaum Luſt, die Pläne aufzudecken, die „ein elender Wucherer, ein gemeiner Geldmakler ent⸗ —————— — „worfen hat, um wahrſcheinlich meine Kaſſe durch ſeine „Bethörungen pluͤndern zu wollen, muͤßte mir nicht „billig der Verdacht kommen, dieſer Menſch könne zu „den Beweiſen, die er zu beſitzen ſcheint, auf dem Wege „des Raubes— ja! noch des Mehreren gelangt ſein! „Auffallend iſt es mir, daß ich, die Frau, von deren Ge⸗ „ſchaͤftsunkunde viel Spoͤttereien verbreitet ſind, auf „dieſen Gedanken kommen mußte, welcher— ſcheint es „— dem Herrn Schoͤffen Cornelius Hooft und ſelbſt „Euer Hochmoͤgenden Gnaden, meinem lieben Vetter „von Maarſeeven, entgangen zu ſein ſcheint.“ „Ihr hättet, duͤnkt mich, damit anfangen muͤſſen, „den Mäkler van der Nees einſtecken zu laſſen, um ihm „und ſeinen Weibern die Geſtändniſſe abzufordern, die „den Betrug aufgedeckt hätten, ich wuͤrde dann nicht „noͤthig gehabt haben, ſelbſt davon Kenntniß zu neh⸗ „men. Seid ihr ſicher, daß dieſe Betruͤger meine etwas „ſtrengere Rechenſchaft abwarten werden, ſo ſeid wenig⸗ „ſtens ſo vorſichtig, Documente und Juwelen in Be⸗ „ſchlag zu nehmen, denn daß dieſe ächt ſind, leidet viel „weniger Zweifel, und die Stelle, wo ſie gefunden wur⸗ „den, muß allerdings bei einer ſorgfältigen Beachtung „der Anfangspunct der Nachforſchungen ſein.“ „Ihr werdet wirklich nur wieder gut machen, was „ihr mit dem mir verurſachten Schreck verſchuldet habt, 280 „wenn ihr mir dieſe gemeinen Weiber vom Halſe hal⸗ „tet und ihnen ſagt, daß es nicht ſo leicht ſei, eine Ca⸗ „ſambort vorzuſtellen, die durch alle Generationen hin⸗ „durch ſich mit dem unverlöſchbaren Stempel ihres ho⸗ „hen Ranges und Charakters bezeichnet fanden.“ „Ich umarme zaͤrtlich meine edle ſchoͤne Muhme von „Marſeeven, und bedauere, daß ich ihr Anerbieten, ihr „Gaſt in Amſterdam zu ſein, ablehnen muß.“ „Seine Hoheit, der Prinz Statthalter, hat mich zur „Geſellſchaftsdame Ihrer Majeſtät, der Koͤnigin von „England ernannt, in deren Gefolge ich verbleiben muß, „wenn ſie eure erhabene Stadt beſucht. Die heute em⸗ „pfangene Deputation mit der ſchoͤnen hoflichen Einla⸗ „dung fuͤr die Prinzeſſin Braut und deren erhabene „Mutter, hat aber verlauten laſſen, daß der Fuͤrſtenhof „zum Empfang ſämmtlicher hohen Herrſchaften und de⸗ „ren Gefolge ſich eingerichtet finden werde, und ich weiß, „daß dieſer groß genug iſt, den ganzen Haag aufzu⸗ „nehmen.“ „Schelten aber muß ich, daß meine liebe allzuweiche „Muhme ſich bei ihrer zarten Geſundheit hat hinreißen „laſſen, den Betruͤgern, welche meine Verwandtſchaft „begehren, ein geneigtes Ohr zu leihen, und ſich ſelbſt „hat erſchuttern laſſen, von dem Geſchwätz der gemeinen „Frau.“ *1 „Wir, mein hochmoͤgender Herr und Vetter, brin⸗ „gen jetzt eine feſte Geſundheit mit, und ſind nicht ge⸗ „neigt, uns leicht erſchuͤttern zu laſſen, wir denken den „guten Cornelius Hooft noch etwas zu necken dafuͤr, „daß er ſo leicht ſich ſeinen poetiſchen Phantaſien uͤber⸗ „ließ.“ „Gott zum Gruß, mein edler und lieber Vetter, und auf ein freudiges Wiederſehen, wie ich hoffe!“ „Eure getreue Muhme“ „Urica, Gräfin von Caſambort.“ Der Oberſchulze, Herr von Marſeeven, brach in ein unaufhaltſames Lachen aus, nachdem er den Brief ſei⸗ ner lieben getreuen Muhme geleſen hatte, und nachdem er denſelben Herrn Cornelius mitgetheilt hatte, begab er ſich zu Flavia, und las ihr den Beſcheid der Muhme Urica ſelbſt vor. Solch' ſicheres Verfahren, und ſelbſt ihrem hochge⸗ ſtellten Gemahl gegenuͤber, konnte nicht anders, als den Tadel der ſanften Frau Flavia erfahren, aber ſie theilte dennoch zu viele Empfindungen der gekränkten Urica, als daß ſie nicht auch Einiges zu ihrer Entſchuldigung verſucht haͤtte. „Meine theure Flavia,“ ſagte ihr Gemahl— „glaube mir, weder ich noch Freund Hooft zuͤrnen ihr, denn wir haben den erſten Anlauf nicht anders erwartet. 282 Daß ſie uns den Text lieſt und unſere Geſchaͤftsumſicht in Zweifel zieht, hat mir ein unbeſchreiblich wohlthuen⸗ des Lachen bewirkt, und daß Juwelen und Documente bereits hier ſind, hatte ich in der That vergeſſen zu er⸗ waͤhnen, darin iſt alſo ihre Ruͤge ſogar begruͤndet. Aber nach dieſem Briefe, in welchem ſie nicht einmal die Moͤglichkeit zugeſtehn will, daß ſolche gemeine Verhaͤlt⸗ niſſe ihr nah kommen koͤnnten, ſehe ich die großen Kaͤmpfe voraus, denen ſie hingegeben ſein wird, wenn ſie ſich uͤberzeugen muß, daß der Anſpruch gegruͤn⸗ det iſt.“ „O, dann zweifle ich nicht an Urica's Herzen,“ ſagte Frau Flavia ſchnell—„denn wir wiſſen, wie gut und edel und ſtark ſie iſt, und wie ſehr ihre große männ⸗ liche Selbſtſtaͤndigkeit durch die Verhältniſſe verſchuldet iſt, in denen ſie gelebt hat.“ „Meine Freundin!“ ſagte Herr von Marſeeven— „dies wird ihr eine neue Erfahrung ſein. Ein gutes Herz, was ich im Allgemeinen deiner Couſine nicht ab⸗ ſprechen will, bekommt durch lange und große Verwoͤh⸗ nungen des Glucks nicht allein Schattenſeiten, ſondern völlig ungekannte, unbebaute Theile. Vielfache Pruͤfungen ergruͤnden erſt, wie weit die Guͤte reicht, womit wir dieſe Eigenſchaft oft ſehr allgemein bezeichnen.— Guͤte iſt die ſchnelle Gerechtigkeit des Gefuͤhls, die ungehindert von ———— 283 eigenſuͤchtiger Verhaͤrtung, den Anforderungen deſſelben zu entſprechen trachtet. Dieſe Faͤhigkeit des Herzens wird ſelbſt da immer ſiegreich wieder hervortreten, wo die Vor⸗ urtheile der Zeit und des Standes die reine Anſchauung von Recht und Unrecht truͤben; das gute Herz iſt der Hausaltar des Menſchen— er empfaͤngt von ſeinem Segen das Beſte, er opfert ihm die Daͤmonen der Au⸗ ßenwelt. Aber, meine theure Flavia— was bauen die Menſchen nicht fruͤher, als dieſen Hausaltar? Erſtlich glauben die Meiſten, weil ſie einige Schwächen haben, von denen ſie bei bequemen Gelegenheiten geruͤhrt wer⸗ den, das käme von dem, was man ein gutes Herz nennt — dann ſagen ſie weiter, man muͤſſe den Verſtand uͤber dem Herzen Wache halten laſſen, und dieſer hat ein ſo verengtes kleines Ding zu bewachen, daß er natuͤrlich aus einem Waͤchter ein Herrſcher wird— unter ſeiner Herrſchaft mehrt ſich die Begierde zur Befriedigung boͤ⸗ ſer Geluͤſte, und ſie halten den argliſtigen Rath, den ſie von da her erhalten, noch immer fur die noͤthige Lebens⸗ klugheit, ohne die man in ſchweren Verhaͤltniſſen nicht fortkommen koͤnne.“ „Du ſtellſt ein trauriges Bild auf, mein Lieber,“ ſagte Flavia—„und ich bedaure beſonders, daß deine ausgedehnten Erfahrungen dich dahin gefuͤhrt haben, dies fuͤr wahr zu halten. Ach! ich kann nicht ohne 284 Schmerz denken, daß es Viele geben ſollte, die in ſo aus⸗ geſponnener Taͤuſchung befangen ſind.“ „Ja,“ fuhr Herr von Marſeeven fort—„und was haben ſie aufgeopfert! Sie ſind in einem Netz von Widerſpruͤchen gefangen, worin ſie bald hier bald dort feſtſitzen— ihr Leben iſt ein Leben des weitausgeſpon⸗ nenſten Selbſtbetrugs, und weil ſie mochten, daß ihre Exiſtenz Freiheit wäre, der Preis der Selbſtſtändigkeit, die ſie ſo hoch halten, erkennen ſie nicht, daß ſie Sclaven der zuſammengeſetzteſten Berechnungen ſind, in denen ſie ſich alle Augeublicke ſelbſt verwirren; denn es iſt eine ewige Gerechtigkeit, daß die Schlauheit ſich ſelbſt Alles fertig machen muß, die Wahrheit Alles fertig findet, was ſie braucht.“ „O, mein Lieber,“ ſagte Flavia, nachdem Beide einen Augenblick geſchwiegen hatten—„ſage mir nur das Eine, ob Du auch nicht alles eben Geſagte auf un⸗ ſere arme Muhme Urica anwendeſt? Du ſahſt ſie zu⸗ letzt nach ihrer Ruͤckkehr aus Italien— wie erſchien ſie dir da— und wie weit hat ſie damals deine Befuͤrch⸗ tungen uͤber ihren Charakter aufgeregt?“ „Deine Couſine gehort zu den ſehr auffallenden be⸗ deutenden Erſcheinungen, ſowohl äußerlich als geiſtig. Wir muͤſſen uns huͤten, namentlich uͤber ſolche Frauen ſchnell ein feſtes Urtheil haben zu wollen; ihr Vorzug iſt grade, daß ſie nicht leicht zu ergruͤnden ſind— die Widerſpruche ſelbſt, die uns entgegentreten, deuten oft blos die Bewegung an, in welcher noch all ihre Eigen⸗ ſchaften ſind, denn der hoͤher begabte Menſch wird ſchwe⸗ rer mit der Ausgleichung ſeines Innern fertig, als der Geringere. Sie iſt ſo auffallend ſchon, daß ſie an die durch Titian unſterblich gewordenen venetianiſchen Schoͤnheiten erinnert— ſie hat einen raſchen Verſtand, und ich glaube, einen unbeugſamen Sinn. Man ſagt, die Liebe habe ihr noch nichts angehabt, und doch iſt ſie einige zwanzig Jahr! Ihre Geſundheit iſt in Italien ganz hergeſtellt und ſie weiß ihren Reichthum ins Licht zu ſtellen.“ „Du findeſt, daß dies ein ſehr oberflaͤchliches Bild iſt, fuhr Herr von Marſeeven laͤchelnd fort, da ſeine Gemahlin ihn noch immer horchend anſah—„und ich will noch hinzufuͤgen, daß ſie ſich am Hofe des Statt⸗ halters wie eine ſelbſtſtaͤndige Prinzeſſin betraͤgt, und daß ihr doch dieſe Verhaͤltniſſe läſtig ſind, und ſie Pläne macht, ihren Wohnort zu veraͤndern, wobei doch die nah⸗ liegende Idee einer Vermaͤhlung ihr ganz fremd zu ſein ſcheint. Sie ſoll wohlthätig, großmuͤthig, gegen ihre Freunde der größten Opfer fähig ſein— und ſie hat einen ernſten, wuͤrdigen Hausſtand rechtlicher Diener⸗ ſchaft, die ihr Alle auf Leben und Tod ergeben ſind. In 286 ihrem Hauſe wohnt eine Witwe— eine Ehrendame fur ſie— eine arme aber vornehme Grafin Comenes— ſie ſoll ihr verwandt ſein— man ſieht Urica nie ohne dieſe ernſte, ſteife Dame, die auch Einladungen in dem Hauſe der Gräfin macht, und alle Nuͤancen des An⸗ ſtandes ſo weg hat, daß deine Muhme in dem voll⸗ ſtändigſten Rufe einer hoͤchſt tugendhaften Dame ſteht.“ „Dies ſind die äußeren Umriſſe— wenn du ſie hier ſehen wirſt, dann wirſt du mit weiblichem Tact auch bald dem Inhalt näher ruͤcken, und ich werde von dir hinterher erfahren, wie hoch wir die begabte Muhme zu ſtellen haben.“ „Ach,“ ſagte Flavia—„zu ſolchen Frauen paſſe ich ſchlecht; ſie wiſſen noch weniger, was ſie mit mir an⸗ fangen ſollen, als ich mit ihnen, und genieße ich ein⸗ mal das Vertrauen ſolcher hochfahrender Geiſter, dann kann ich wohl fuͤhlen, ſie wollen bloß in dem Augen⸗ blick ihre eignen ſtachelnden Gedanken und Gefuͤhle los ſein und halten mich unbedeutend genug, daß ich wie ein leeres Gefaͤß bloß ſtill empfangen werde, was ſie auszuſchuͤtten trachten.“ „Und,“ ſagte ihr Gatte lächelnd, indem er ſich ein wenig herausfordernd zu ihr niederbog—„meine Flavia rächt ſich im Geheim durch die Feinheit ihrer Be⸗ 287 obachtungen und Schluſſe und iſt eine größere Menſchen⸗ kennerin, als dieſe hochmuͤthigen Damen ahnten.“ Flavia erröthete vor Vergnuͤgen im Gefuͤhl, daß das feine Lob ihres Gemahls ſie richtig traf, und daß ſie ſich ſeiner Anerkennung damit geſichert fuͤhlen durfte.„Du biſt immer bereit, mein Lieber, meing Schwaͤchen zum Guten auszulegen, und ich könnte mich zuweilen uͤber mich taͤuſchen, wenn ich nach deiner Anerkennung ſchlie⸗ ßen wollte; aber es iſt genug, daß ich dir zur Seite lebe— dies höchſte Gluͤck hat mich darum gerade ſtets demuͤthig erhalten und ich beneide dieſe ſtarken, nach Freiheit und Selbſtſtaͤndigkeit ſtrebenden Frauen nicht um ihr unnatuͤrliches Gluͤck— das Hoͤchſte iſt doch, zu dem Manne, demwir angehoͤren, mit zaͤrtlicher Ehrfurcht aufblicken zu können und uns ſeiner benoͤthigt zu fuͤhlen zur Ausgleichung unſerer ſchwaͤcheren verletzlicheren Natur.“ „Das iſt ächt weiblich! und das Gefuͤhl in euch, was uns zu unſerer vollen Wuͤrde verhilft, was wir euch ſo innig danken, und was die Zartlichkeit in uns erweckt, die wahres Zartgefuͤhl iſt.— Aber laß mich dir geſtehen, daß ich eigentlich glaube, ihr Frauen wuͤrdet ſelten von dieſem Wege, der euch zur edelſten Hingebung fuͤhrt, abweichen, wenn wir euch haͤufiger die Sicherheit des Vertrauens einzufloßen wuͤßten, die doch natuͤrlich eurer Unterwerfung vorangehen muß. 288 Die meiſten Maͤnner zwingen ihre Frauen dazu, ihr eigener Schutz zu werden, da ſie ſie vernachlaͤßigen, und ihre Stellung roh herabwuͤrdigen. Trifft ein ſolches Schickſal nun ein edles Weib, das mit dem Bewußt⸗ ſein ihrer Wuͤrde eine klare Verſtandesanſchauung verbindet, und die Mißgriffe ſich nicht abzuleugnen vermag, die der thut, dem ſie dem Naturrecht nach ge⸗ horchen ſoll, ſo ruft das gegen ihren Willen die ſtaͤrkeren Kräfte in ihr auf, und ſie wird dann ſelbſtſtändig, eigen⸗ mächtig— und wir ſehen endlich die Fehler der Herrſch⸗ ſucht, die uns bei Frauen ſo widerwärtig beruͤhren. Ich glaube feſt, jede Frau— die kräftigſte, die be⸗ fähigtſte, trägt die Sehnſucht in ſich, dem Manne ſich anzuſchließen, ihn uber ſich zu erkennen— und faͤnde ſie nur ihren Meiſter, ſie waͤre weiblich und dann gluͤcklich!“ „O, mein Lieber!“ ſagte Flavia—„wie groß⸗ muͤthig wendeſt du deine Menſchenkenntniß fuͤr die Vertheidigung meines Geſchlechtes an— und wie giebſt du damit meinen Erfahrungen und Ueberzeugungen Worte! Verzeih mir nun, wenn ich hinzufuͤge, daß ich ausgezeichnete Befähigung des Geiſtes für unſer Geſchlecht kaum fur ein Gluͤck anſehen kann, und glaube nicht, daß es allein meine eigene Beſchränkung iſt, welche mich wuͤnſchen ließ, Frauen möchten überall nur einen kleinen Geſichtskreis haben.“ 289 „Du gute Flavia!“ erwiderte ihr Gemahl laͤchelnd —„mit dieſem Wunſch, den dir gewiß dieſelben trau⸗ 8 rigen Erfahrungen abgenoͤthigt haben, machſt du meinem Geſchlecht einen großern Vorwurf, als ich ſelbſt. Du fuhlſt, es iſt nur in Behauptung ſeiner Wuͤrde zu ret⸗ ten, wenn Dein Geſchlecht unfaͤhig iſt, es in Wahrheit zu beurtheilen.“ „O nein! o nein!“ ſagte Flavia erſchrocken—„ich glaube nicht, daß ich das ſagen wollte, wozu ich ſo we⸗ nig Recht haͤtte, da ich ſo viel ausgezeichnete Maͤnner kenne.“ „Erſtlich duͤrfen wir wirklich dieſen Troſt feſthalten, daß es noch Viele meines Geſchlechts giebt, welche der begluͤckende Meiſter ſelbſt hochbefähigter Frauen werden koͤnnen— und dann, meine theure Flavia, will ich als Menſch, der Geſammtentwicklung des ganzen Men⸗ ſchengeſchlechts gegenuͤber, doch lieber, daß euch dieſer Antheil des Leidens und des Kampfes, um eurer höheren Befähigung willen, zufaͤllt, als daß ihr in eine unwirk⸗ ſame Sphare zuruͤckgedraͤngt, euren Antheil an dem Fortſchritt der Geſammtentwicklung der Welt ſchuldig bliebet. Laß uns geſtehn, daß es der ideale Begriff der menſchlichen Geſellſchaft iſt, daß das Weib in der vollſten Befahigung ihrer Natur geſchirmt und geſtutzt wird von der höheren, das äußere Leben beherrſchenden Jakob v. d. Nees. l. 19 290 Kraft des Mannes. Es iſt ſchon, daß dies ein feſt⸗ ſtehender Begriff iſt, der ſich den vortrefflichſten Be⸗ ſtimmungen der Religion und Moral gleichſtellt, und zu dem wir, als zu einem ewigen Gedanken, immer wie⸗ der zuruͤckkehren können, wenn wir von dem, was das wirkliche Leben nun daraus macht, verwirrt werden, und von dem Wenigen uͤberraſcht, was davon übrig bleibt.“ „Aber wir muͤſſen uns nicht in Mißmuth dabei ver⸗ lieren— wo bleibt von Idealen uͤberall viel mehr uͤbrig als der Triumph, daß ſie aus dem menſchlichen Geiſt ent⸗ ſprangen, daß ſie uns ein lockendes Ziel bleiben, daß ſie feige Selbſtzufriedenheit von geringen Erfolgen abhal⸗ ten?— Ein Anderes tritt nun ein— die Gegenſeitig⸗ keit der Aushuͤlfe, das ſchoͤne Ergaͤnzen der Eigenſchaften, das Uebertragen der Mängel— es iſt vielleicht ein maͤnnlicher Gedanke, Flavia, aber es iſt auch ein Troſt fuͤr euch. Es kommt viel mehr auf den Geſammtfort⸗ ſchritt der Menſchheit an, als auf das naher beſtimmte Verhaͤltniß der Geſchlechter zu einander. Daraus kommt denn das, was du meine Toleranz nennſt— ich ſehe ohne Kritik zu, wenn nur geſchaffen, geleiſtet wird, wenn auch nicht Jeder auf dem eignen Felde ar— beitet, oder vielmehr die Arbeit des Andern mit uber⸗ nimmt und man ein äſthetiſches Unbehagen fuͤhlt, daß kleine Haͤnde nach großen Laſten faſſen.“ „Nun wieder auf deine Couſine zuruck zu kommen. Sie wird nicht umſonſt leben— ſie wird ſich auch durch⸗ arbeiten— und wird eine ehrenwerthe Erſcheinung bleiben, wenn der Wuſt ihrer Capricen, Selbſtbetruge⸗ reien und ihres tief eingeprägten Egoismus ſie auch nie ganz verlaſſen wird.“ „O mein Lieber! auch fuͤr egoiſtiſch hältſt du die arme Muhme?“ „Mein gutes Kind,“ lachte ihr Gatte—„das iſt der alte Feind, der Jedem auf dem Nacken ſitzt— aber ich halte ihn fuͤr den boͤſeſten, fuͤr den, den wir am ſchwerſten los werden, weil er uns mit tauſend Liſten und Raͤnken fuͤr unſere Lieblingsfehler warm erhaͤlt und ein teufliſches Kunſtſtuͤckchen mit uns macht, was ihm faſt immer gelingt— daß grade, wenn wir recht vollſtaͤn⸗ dig in jeder Handlung, in jedem Gefuͤhl dieſem Fehler unterliegen, wir uns am ſicherſten ruͤhmen, frei von ihm zu ſein, die Wirkungen nur an Andern erkennen und fuͤr dieſelben Erſcheinungen in uns mit höchſtem Scharfſinn andere Namen erfinden.“ „Dieſe Anſicht kannte ich ſchon in dir,“ ſagte Fla⸗ via—„und ſie hat mich recht aͤngſtlich wachſam ge⸗ macht.“ „O meine theure Flavia!“ rief Herr von Marſee⸗ ven geruͤhrt—„ein Weib, was Mutter ward— iſt 19* 292 nur in halber Gefahr, dieſer Plage zu unterliegen. Dies göttliche Gefuͤhl der menſchlichen Bruſt macht den Born der Liebe nach außen rinnen und verwiſcht das Suchen nach dem eignen Wohlbeſtehen in dieſer reinen Hinge⸗ bung. Aber es iſt ofter, als es bei der erſten Anſicht ſcheint, daß die waͤrmſten und ſchönſten weiblichen Herzen ohne dieſe Heiligung uͤber die Erde gehen muͤſſen, und ſie retten ſich dann in eigne Wuͤnſche, von denen ſie Erſatz hoffen fuͤr verſagtes Gluͤck, und ſie bleiben nie ohne Egoismus, und ſie werden ihn ſelten los und werden nur zu oft durch ihre Umgebungen immer mehr darin befeſtigt, denn es bilden ſich leicht ſtarre Verhaͤltniſſe, wo die natuͤrlichen nicht zu ihrem Recht kamen.“ In der Geneſung Angela's trat kein nachzuweiſen⸗ des Hinderniß hervor, und dennoch wollte die junge Frau noch nicht wieder in die gewohnten Kreiſe eintre⸗ ten. Es war natuͤrlich, daß man Alles auf koͤrperliche Schwäche ſchob, und da Angela dieſer Annahme nicht widerſprach und Nees Furcht hatte, ſie gaͤnzlich erkran⸗ ken zu ſehen, wie er es nach dem Wochenbette der un⸗ gluͤcklichen Mutter erfahren hatte, ſo ward ſie nicht eigentlich gehindert zu leben, wie es ihr Beduͤrfniß war, 293 und Nees raſte lieber ſeinen Unmuth daruͤber in der Stille aus, da es ihm eine unerträgliche Laſt war, eine Kranke im Hauſe zu haben und plötzlich der harmloſen kamerad⸗ ſchaftlichen Geſellſchaft Angela's entbehren zu muͤſſen. Angela trug aber nicht allein die Folgen ihres un⸗ gluͤcklichen Wochenbettes— der Tag, der ihr dieſe Hoffnungen genommen, war uͤberhaupt von entſchei⸗ denden Folgen. Körperliche Leiden duͤrfen ſich nicht mit geiſtigen Erſchuͤtterungen vereinigen, ſonſt halten beide einan⸗ der feſt, und die vermittelnde Kraft, die das Eine oder Andere zu heben vermochte, iſt gebunden. Wie weit Angela mit ihren Schmerzen uͤber die Behandlung, welche ſie und Nees erfahren hatte— gekommen wäre, wenn ihr korperliches Befinden ihr den Gebrauch ihrer alten Thätigkeit gelaſſen haͤtte, iſt nicht vorher zu entſcheiden; jetzt aber, wo ſie von nie gekannter Schwaͤche, wie es ſchien, halbtodt und unbe⸗ weglich in ihrem verhangenen Bette lag, entwickelte die geiſtige Kraft, als ſie fruher zuruͤckkam wie die körper⸗ liche, ungeſtört von dem gewöhnlichen materiellen Ge⸗ triebe, ein ſchärferes Denken. Der Schmerz um den Verluſt ihrer Hoffnungen leitete ſie zu einer Schlußfolge, die eben ſo kränkend war— ſie ſagte ſich näͤmlich: wie groß muß das Un⸗ 294 gluͤck, wie ſchwer die Beleidigungen geweſen ſein, die ich an dieſem Tage erfahren habe, da ſie ſogar mein armes Kind getödtet haben und mich faſt zur Leiche ge⸗ macht; ſie fuͤhlte ſich wie verpflichtet, das Erfahrene groß und ſchwer anzuſehen, da die Folgen das Härteſte ſchienen, was ſie erleben konnte. Dieſe Betrachtungen nicht loslaſſend, kam ſie zu Schluͤſſen, die eben dadurch wichtig wurden, daß ſie Zeit hatte, ſie zu pruͤfen. Frau von Marſeeven war die erſte Frau hoͤheren Standes, die ihr je vorgekom⸗ men warz ſie faßte im erſten Augenblick eine an Anbe⸗ tung grenzende Liebe zu ihr, aber dies Gefuͤhl, was ſie uͤberhaupt noch nicht gekannt, was ihr Herz in ſeiner groͤßten Qual empfangen, was ſie erhoben und be⸗ gluͤckt hatte, ward ihren Gefuͤhlen fuͤr Nees ſehr nach⸗ theilig, denn während ſie der ſanften edlen Frau die Erhabenheit und Untruͤglichkeit einer Heiligen beilegte, ward ſie niedergebeugt und gedemuͤthigt durch die Er⸗ innerung, wie unverholen ſie ihre Verachtung gegen ihn ausgeſprochen habe, wie grade ſie die Verbindung mit ihm als eine Schande fuͤr ihre Geburt gehalten habe und ein Mitleiden gezeigt, welches ſie als eine un⸗ gluͤckliche Perſon bezeichnet habe. Sie mußte ſich ſa⸗ gen, daß es ihr bis jetzt nicht eingefallen war, es koͤnne ihr etwas fehlen, etwas abgehen von den Anſpruͤchen, 295 die ſie zu machen habe— alſo— gruͤbelte ſie weiter, es muß etwas da draußen in der Welt, zu der ich bisher nicht gehoͤrte, vorhanden ſein, was ganz anders iſt, als Nees es mich gelehrt, etwas, wozu Nees gar nicht paßt, etwas, was Nees entweder ſelbſt nicht gekannt hat, oder— was Nees mir verborgen hat, ſetzten plötzlich ihre Gedanken faſt gegen ihren Willen fort, und damit fuͤhlte dies arme Herz den erſten Anhauch von Bitterkeit, dieſen Fluch der Welt. Nees hatte nicht fur möglich gehalten, daß Angela ſich durch das Bewußtſein ihres angeborenen Ranges erheben koͤnnte, jetzt trat es hervor. Wos ſie an Frau von Marſeeven geſehen, hätte ihr, als der niedrig gebo⸗ renen Gattin Jakobs van der Nees den Eindruck einer unerreichbaren Höhe gemacht, und ſie hätte ſich dadurch in ihren Verhältniſſen nicht geſtört und beunruhigt fuh⸗ len koͤnnen. Durch die Ueberzeugung, demſelben Stande anzugehören, dieſelben Anſpruͤche machen zu konnen, traten dieſe Eindrucke eines höheren burger⸗ lichen Standpunctes fuͤr ſie als ein Verluſt hervor, und als ſie weiter kam und ihr Blut ſtärker wallte, ſagte ſie:„Es iſt ein Raub, der an mir gemacht worden iſt, ich wäre daſſelbe, was Sie ſind, wenn mich Nees nicht uber meine Verhältniſſe getaͤuſcht und,“ fugte ſie— ihren eignen Willen nicht dabei zur Entſchuldi⸗ gung nehmend— hinzu,„mich nicht geheirathet hätte.“ Sie weinte ſehr lange und heftig, als ſie dieſe Kluft zwiſchen ſich und Nees ausgedehnt hatte, und als er an ihr Bett geſchlichen kam, ſtellte ſie ſich ſchlafend, um ihn weder zu hören noch zu ſehen. Unter dieſen Umſtaͤnden war es nur die verhängniß⸗ volle und natuͤrliche Folge, daß ſie die von Nees an je⸗ nem Tage zuerſt erfahrenen Rohheiten ſo nachwirkend empfand und ſie zu den Urſachen rechnete, die ihr den Verluſt ihrer Hoffnungen bereitet. Endlich kam es ihr vor, als habe ſie Niemand, zu dem ſie wahrhaft gehoͤre, als ihre arme wahnſinnige Mutter— und damit ſchlich ein tiefer Gram in ihr krankes Herz und den vertreibt ein erſchoͤpfter Korper nicht wieder. Mit der Geneſung, die faſt gegen ihren Willen ein⸗ trat, erfuhr dieſer bitter aufgeregte Zuſtand in Angela doch einige Milderung. Das Wiederkehren der Geſund⸗ heit nach gefaͤhrlichen Leiden iſt an ſich eine beguͤtigende Kraft, die auf die Verhältniſſe mildernd einwirkt, die wir uns haͤufig ſchmeicheln nun beſſer zu benutzen, oder um⸗ zuwandeln, nachdem wir an uns ſelbſt eine kaum noch zu hoffende Umwandlung erfahren. Obwohl nun An⸗ gela dadurch Freundlichkeit und Milde wieder gewonnen, war ſie doch bei weitem eine Andere, als die bei dem Aufruf der Tante Caſambort ihre Blumen begoß. 297 Aber es verſtand und beobachtete ſie Niemand, und das war das zweite Ungluͤck, denn es vergrub ſie immer tiefer in ihre eigenen nicht allzu klaren Betrachtungen. Nees dagegen glaubte ſich nun fuͤr's Leben fertig mit all den kuͤnſtlich geleiteten Angelegenheiten und wir muͤſſen ſagen, daß nun der alte Feind ſeines Innern, der in ſeiner aͤußeren Erſcheinung zuruckgedrängt war, durch die Furcht vor der ihm nahenden Verantwortlich⸗ keit mit neuer Staͤrke erwachte, und er auf den ihm ab⸗ gedrungenen Wohlſtand um ſich her mit neidiſchen Au⸗ gen blickte und mit der Hoffnung, daß, wenn nur erſt die läͤſtige Tante Caſambort durch das aufgerichtete Schaugeruͤſt gehoͤrig getaͤuſcht worden wäre, er dann ſeine Weiber, wie er ſie bezeichnete, an ihre fruͤhere aus⸗ reichende Oekonomie zuruck verweiſen werde. Dies nun bald herzuſtellen, plagte ihn die wildeſte Ungeduld und der Zwang, den er noch uͤber ſich fuͤhlte, machte ihn hef⸗ tig, muͤrriſch, zänkiſch und ſo unliebenswuͤrdig wie mog⸗ lich— und er verblieb in dieſer Stimmung; denn das verſoͤhnende:„Nees, lieber Nees!“ der fruͤheren Angela ertönte nicht mehr, ſondern dieſe ſaß ſtill und beobachtend ihm gegenuͤber, und wenn ſie ihm auch keinen Wider⸗ ſtand leiſtete, trachtete ſie auch nicht, ihn zu verſöhnen oder verlangte wie fruher zu ihrer Erheiterung eine andere Stimmung, die er dann um ihretwillen ſo oft in ſich 298 bewirkt hatte. Nees furchtete auch, entſchloſſen zu der neuen Gewaltthat an ihrer Gemaͤchlichkeit und ihren kleinen Freuden, ihren Einfluß auf ſich, der ihn ſo oft ganz gegen ſeinen Willen bezwungen und ihm fuͤr ſeine Kaſſe ſo nachtheilige Zugeſtaͤndniſſe entlockt hatte. Er ließ es lieber geſchehen, daß ſie ſich entfernt von ihm hielt und er etwas weniger verliebt in ſie ward, und hoffte, wenn er erſt durchgeſetzt, was ihm noͤthig ſchien, ſolle ſich das gute Vernehmen ſchon wieder finden. Den hoͤflichen Anfragen des Oberſchulzen und ſeiner Frau nach Angela's Befinden folgte nun, da Angela wieder aus dem Bette war, die Anmeldung des Beſuchs der Frau von Marſeeven, und dieſe Nachricht, die mit dem gebuͤhrenden Danke erwidert ward, erſchuͤtterte die arme Angela ſo heftig, daß ſie faſt ohnmächtig wurde. Nees dagegen ſprang aus einem Winkel in den an⸗ dern, um zu ſehen, wie ſich ſein Haus ausnaͤhme, und ob alle die ſo widerwillig angeſchafften Gegenſtände nun auch ihren Zweck erfuͤllen wuͤrden. Endlich mußten alle Frauen bis auf Suſa hin ſich in ihre guten Kleider ſtecken, und es war ein gemiſchtes Gefuͤhl, wenn er an das Erſtaunen der Nachbaren dachte, da ein ſo hoher Beſuch nicht ohne Aufſehn abgehn konnte, der ſeinem Stolze zwar ſchmeichelte, aber ihn doch auch beunruhigte, denn der Geizige liebt nicht Aufſehn zu erregen; er furch⸗ —,—————— 299 tet den Anſpruch, der ihm dadurch kommen koͤnnte, und möchte die Menge, die ihn bedurfen möchte, uͤberreden, er habe nichts und doch ſeines Gleichen weiß machen, er vermoͤge viel. Diesmal mußte er es kommen laſſen, wie es wollte, und er hatte ſich in der letzten Zeit uberredet, die ganze Komoͤdie, wie er es innerlich nannte, dauere nur noch kurze Zeit— dann, dachte er, duͤrfe er nur noch von Verluſten ſprechen, dieſer ewig gehandhabten Ausflucht des reich werdenden Geizhalſes, um Entſchuldigung zu finden fuͤr das Wiederzuſammenkruͤmmen ſeiner Ver⸗ haͤltniſſe. Die gute Frau von Marſeeven hatte zu ihrem Be⸗ ſuche kaum die Erlaubniß ihres Gemahls erhalten koͤn⸗ nen; denn obwohl er er eben ſo wenig wie ſie ſelbſt an der Identität der Fluchtlinge zweifelte, wuͤnſchte er doch, dieſer Schritt, der offenbar eine officielle Anerkennung ihrer Seits war, wäre ausgeſetzt geblieben, bis die ſtolze Gräfin von Caſambort dieſe ausgeſprochen, da er dieſer dreiſten Frau keinen Anlaß zum Tadel geben wollte, wo⸗ mit ſie niemals zuruͤckhaltend war. Dennoch ſchien ihm dieſe Befurchtung nicht wichtig genug, ſeiner edlen mil⸗ den Gemahlin bei ihrem guͤtigen Vorhaben ganz hin⸗ derlich zu werden und ſo begab ſich dieſelbe mit ſeiner Bewilligung nach dem Purmurandſchen Hauſe. 300 Angela gefiel ihr heute beſſer, als das erſte Mal; ſie hatte durch Krankheit und geiſtige Leiden etwas edle⸗ res bekommen und die rothe entſtellende Farbe der Haut verloren. Sie war nicht beladen mit Kleidern und Schmuck, ſondern einfach, wie es ihr als Wöchnerin zu⸗ kam, gekleidet. Frau von Marſeeven war durch den Anblick des merkwuͤrdigen Hauſes in ſo großes Erſtaunen verſetzt worden, daß ſie Nees und Angela uberſah, die ihr bis an den Schlag des Wagens entgegen gekommen waren. „Mein Gott, welch' merkwuͤrdiges Haus!“ rief ſie und ließ ihre Augen vom Giebel bis zum letzten Bal⸗ ken gleiten—„wer kann das gebaut haben— und wie alt muß es ſein!“ „Zu Befehl, Hochmogende Frau,“ ſchnarrte Nees —„das Haus baute unter Wilhelm dem Erſten, dem Schweigſamen, ſein Schatzmeiſter, ein Herr von Pur⸗ murand— ein Verwandter meiner Gemahlin, welche mit der letzten weiblichen Nachkommin in das Haus Bar⸗ neveldt uͤberging, woraus die Frau van der Nees ent⸗ ſproſſen.“ Angela hatte während dieſer Rede das Geſicht der edlen Frau Flavia ſcharf beobachtet, ſie wollte ſehen, ob dies noch eben ſo viel Verachtung gegen Nees ausdruͤckte wie fruͤher, und der Augenblick war ungluͤcklich genug gewählt, denn die großſprecheriſche Art des ſo auffallend gemein ausſehenden Nees hatte ſo das Zartgefuͤhl der edlen Frau beleidigt, daß ſie ſich mit auffallendem Wi⸗ derwillen von ihm wendete— aber ſogleich Angela freundlich an die Hand nahm und dem Hauſe zuging, nicht ohne daß ihr eine Ahnung kam von der Bedeu⸗ tung des Blicks, den ſie in Angela's Augen noch aufge⸗ fangen. So viel nun auch fur die innere Ausſtattung dieſer alten Wohnung geſchehen war, paßte ſie doch wenig fuͤr das hoͤhere Beduͤrfniß der Frau des Oberſchulzen, daß ſie dadurch ganz gegen Jakobs Hoffnungen eher beſtuͤrzt und traurig ward und ſein Hauptlaſter, welches er damit verhehlt glaubte— ſein Geiz— ihr klar ward. Jedes Wort der edlen Frau gegen Angela war nur von Guͤte und Liebe eingegeben. Sie ſah auf dieſem kranken Geſicht, wie es ihr ſchien, den Ausdruck tiefen Grams, und ihr ſchien, es habe kaum ein Weib mehr urſache dazu, als ſie, wobei ſie in den Irrthum verfiel, Angela's Leiden nach ihrem Standpunct zu ſchätzen, wodurch ſie hoͤher ſtiegen, denn Angela fehlte die durch Erziehung gewonnene Feinheit des Gefuͤhls und ihre bisherige Unbekanntſchaft mit den edleren Verhältniſſen des Lebens nahm erſt ihren Anfang. Aber auch dies Zuſammenſein mehrte die Erfahrungen der armen 302 Angela und der Drang, die Räthſel, in die ſie ſich ge⸗ rathen fuͤhlte, aufzukläͤren, uͤberwand ihre Schuchternheit ſo weit, daß ſie mit einigen Fragen an Frau von Mar⸗ ſeeven ſich zu wagen beſchloß, welche Nees ungeſchickt genug durch die dreiſte Frage einleitete, ob der Herr Oberſchulze an die Graͤfin von Caſambort geſchrieben habe, und welche Antwort darauf erfolgt ſei. Flavia ſah, daß Angela bei dieſer Frage blutroth ward, aber unwillkuͤrlich ihren Stuhl naher zog und fragend zu ihr aufſah. Nun unterdruͤckte die gute Frau ihre Empfindlichkeit uͤber die rohe, faſt Rechenſchaft for⸗ dernde Art des Mannes, um die Erwartung der armen Angela nicht zu täuſchen und ſagte milde:„Ich wuͤrde dieſe Auskunft ſicher nicht unterlaſſen haben, euch zu ge⸗ ben, Herr Nees, wenn ihr mir Zeit dazu gelaſſen hättet, denn ihr könnt denken, daß mein Gemahl die einmal ubernommene Pflicht nicht verſäumt haben wird. Seit einigen Tagen iſt die Antwort der edlen Gräfin von Ca⸗ ſambort auf die ihr gemachte Anzeige zuruͤck.“ Sie hielt hier etwas ein; denn es that ihr doch leid, daß ſie ſo wenig eingehendes Vertrauen zu berichten hatte— aber als Angela ſich den Schweiß von der Stirn trock⸗ nete, ſagte ſie ſchnell, da ſie glaubte, Angela erriethe ſchon das Folgende:„Faßt nur Muth, liebes Kind, wenn die geſtrenge Frau herkommen wird, kann ſich vieles in ihrer —————— Ueberzeugung ausgleichen. Mein Gemahl und ich ſelbſt werden alles mögliche thun, euch zu eurem Rechte zu verhelfen.“ „Hochmoͤgende Frau,“ erkuhnte ſich nun Angela zu fragen—„zweifelt denn die Frau Graͤfin, daß meine arme Mutter ihre Schweſter iſt?“ „So iſt es zwar,“ ſagte Frau von Marſeeven— „ihr muͤßt aber nachſichtig ſein, denn dieſe Dame iſt eine der vornehmſten Perſonen des Hofes, und Herr Nees wird hinreichend wiſſen, daß ihr da manches in den Verhaͤltniſſen, wie ſie nun einmal— ſind, anſtößig ſein muß.“ Nach dieſen Worten ſchrak die gute Frau Flavia zuſammen, denn Nees lachte roh auf und ſagte hohniſch: „Die Gnaden wird ſich aber doch darein finden muͤſſen, denn geheirathet iſt geheirathet— ihre Nichte iſt mein liebes Weibchen und dabei bleibt es.“ „Und wollt ihr mir wohl ſagen,“ ſtammelte An⸗ gela—„ob dies gerade die Frau Graͤfin ſo beleidigt— und warum ich mit dieſer Heirath ſo viel Unrecht an meiner Familie gethan habe?“ Das war eine gefaͤhrliche Frage, der ſich Frau von Marſeeven wenig gewachſen fuͤhlte; ſie ſah ver⸗ legen zur Erde und ſagte nach einiger Zeit:„Ihr habt nun jetzt einen andern Namen und der iſt mit 304 einem andern Range verbunden, als der eurer Fa⸗ milie.“ „Ja,“ ſagte Angela unſchuldig—„Nees meinte aber, als er mich heirathete, mir ein Opfer zu bringen, denn er durfte nicht ſagen, wer ich ſei, weil er es noch fur gefährlich hielt, und nun dachten die Leute ſchlecht von meiner Geburt— ſie hielten mich fuͤr die unehe⸗ liche Tochter der Magd Suſa.“ Da richtete die Frau von Marſeeven ihre 3 zuͤrnend auf Nees und ſagte:„Nehmt euch in Acht, Nees! daß dieſer Punct nicht näher unterſucht wird! Ihr konntet nicht denken, daß ihr dieſem edel geborenen Fräulein eine Ehre erzeigtet— ihr hättet ſie als ehrli⸗ cher Mann nicht ohne Einwilligung ihrer Familie heira⸗ then duͤrfen— und ihr wußtet, wo dieſe Familie zu finden war, und daß keine Gefahr mehr obwaltete, da vor eurer Vermahlung der erſte Aufruf der Gräfin er— ging, wenn ihr nicht, wie alle Menſchen, es ſchon fruher gewußt hättet, daß die Gronevelds Amneſtie hatten.“ „Schon vor unſerer Heirath hatte die Tante uns ausrufen laſſen?“ rief Angela und wendete ihre Augen erſchrocken auf Nees—„und das wußteſt du und ſag⸗ teſt es nicht?“ Nees war um alle Faſſung— dies nachträgliche 305 Eramen kam ihm grade von dieſen beiden gleich gering geachteten Frauen völlig unerwartet— und diente nun der beobachtenden Frau von Marſeeven zu traurigen Aufſchluſſen. „Wer kann mir beweiſen, daß ich den erſten Aufruf gehoͤrt habe— ich war verreiſt— hatte auf den Inſeln Geſchaͤfte!“ rief er, während Wuth und Verlegenheit in ihm kaͤmpften und durch rohe Dreiſtigkeit jetzt verdeckt werden ſollten.„Was bildet ſich denn dieſe vornehme Frau Tante ein, was ſie mir bieten kann? He! bin ich der Mann, der verachtet werden darf? Iſt van der Nees nicht ein Name wie die Caſamborts? Sie ſoll mir nur kommen, dieſe vornehme Sippſchaft— dann ſoll ſie er— fahren, wer Nees iſt.“— Er vergaß ſich ſo, daß er die Fauſt ballte, ſeine Augen ſchoſſen wilde Blicke, und Frau von Marſeeven ſtand erſchrocken auf, denn da ihr ein ſolches Betragen vollig fremd war, furchtete ſie, hier in Gefahr zu gerathen, und die Unſicherheit ihres Gemahls uber den Erfolg ihres gewuͤnſchten Beſuchs fiel ihr jetzt als ein Vorwurf fuͤr ihren Ungehorſam ein. Schuͤchtern trachtete ſie nur, die Thuͤr zu erreichen, und hörte die ſchwache flehende Stimme der armen An⸗ gela nur unſicher, welche ſchon ſo viel traurige Erkennt⸗ niß gewonnen hatte, um zu fuͤhlen, daß ſich ihr Mann vergangen habe. Jakob v. d. Nees. l. 20 306 Als Beide auf dem Hausflur ſtanden, und Nees, welcher unter den Dämonen ſeiner Leidenſchaften halb vor Wuth und Scham, halb vor Schrecken und Verlegenheit, zu keinem Entſchluß kommen konnte, durch die Thuͤr von ihnen getrennt war, ſammelte ſich Frau von Mar⸗ ſeeven, als ſie Angela bitterlich weinen hörte, und wen⸗ dete ſich noch einmal mitleidig zu ihr hin; aber ſie war von den vielen Vorſtellungen, die ſie ergriffen hatten, zerſtreut, und konnte nicht waͤhlen, was die arme lei⸗ dende Frau erleichtern konnte.„Armes, armes Kind,“ ſagte ſie daher, ihre Hand auf Angela's Schulter legend —„das ſind ſchlimme Verhältniſſe! Mein Gott, die arme Graͤfin von Caſambort— was ſoll ſie anfangen — mein Kind! wie haſt du die Gemuͤthsart deines Mannes nicht einſehen konnen!“ Angela weinte fort— ach! was hätte ſie ſagen koͤnnen— wie kurz war erſt die Zeit, ſeit ihr Bewußt⸗ ſein erwacht war— wie unvollſtaͤndig noch ihre Be⸗ griffe— wie nur noch Ahnung und von dem täglichen Leben immer wieder unterdruckt. Und doch— das Ge⸗ fuhl iſt fruͤher vorhanden, als der Begriff, der es be⸗ nennt— fuͤr dies traurige Geſchenk, das ihr die Beruͤh⸗ rung mit der Welt gegeben, hatte ſie noch keinen ande⸗ ren Ausdruck, als Thränen. O, hatte Frau von Mar⸗ ſeeven ahnen koͤnnen, wie ungluͤcklich ihr Beſuch die 307 arme Angela machen werde, zu welchem Abgrunde ihres Gluͤcks die Erkenntniß ihres Mannes, die ihr heute erweitert wurde, ſie fuhren mußte— wie ſie bisher an ſeiner rohen Gemeinheit bewußtlos voruͤber gegangen war, und ſie erſt fuͤhlte durch den Gegenſatz in der edlen Natur ihrer neuen Bekannten. Hätte Frau von Mar⸗ ſeeven— dieſe ſo traurige Wirkung ihres Beſuchs auf Angela ahnen koͤnnen, ſie wuͤrde ſich noch mehr Vor— wuͤrfe gemacht haben, den Wunſch ihres erfahrenen Ge⸗ mahls überhoͤrt zu haben. Obwohl ſie dies nun nicht erkannte, fuhlte ſie doch tiefes Mitleiden, und nur die Furcht, Nees koͤnne ihnen nachkommen, ließ ſie bei milden Worten dennoch der Hausthuͤr ſich nähern. „O,“ ſeufzte Angela—„und meine arme Mut⸗ ter? Wollt ihr ſie nicht ſehen— ſie, die zu mir gehört, und euch gewiß uͤberzeugte, daß wir die Rechten ſind.“ Grade dies zu vermeiden, hatte ſie ihrem Gemahl verſprochen— und außerdem, wenn Nees jetzt hervor⸗ brach! Die ſchwache kränkliche Frau fuͤhlte eine unbe⸗ ſtimmte Furcht, unwillkurlich richteten ſich ihre Augen auf die Thuͤr.— Angela ſagte dagegen, ſie errathend: „Die Mutter iſt im Hofe— da kommt Nees nicht hin!“ 20* 308 Der halbe Wunſch der armen jungen Frau, ihre Bitte nicht abzuſchlagen, haͤtte Frau von Marſeeven vielleicht beſtimmt, nachzugeben, aber indem ward die Thuͤr aufgeriſſen und Nees trat raſch hervor, und rannte ungeſchickt auf Frau von Marſeeven zu, in der Abſicht, ſie um Verzeihung zu bitten, da er endlich zu der Ueber⸗ zeugung gekommen war, ſein rohes Auffahren konne ihm ſchaden, und dieſe Furcht ſeine Wuth gezugelt hatte. Aber ſo wie die gute ſchwache Frau Flavia ihn ſo ungeſchickt hervorbrechen ſah, zuckte ſie zuſammen, un⸗ terdruckte nur mit Muhe einen Schrei und lief unauf⸗ haltſam nach ihrem Wagen, nur gefolgt von Nees, denn Angela ſank, im Hausflur zuruͤckbleibend, auf die Bank hin, und ein duſteres troſtloſes Bruten erfaßte ihren ſchwachen Geiſt. Als Nees von ſeiner faſt verfolgenden Begleitung der fliehenden Frau von Marſeeven zuruckkehrte, ver⸗ wahrte er ſorgſam die Hausthur und wendete ſich dann gegen die arme Angela und uͤberſchuͤttete ſie mit einer Flut von Vorwuͤrfen, worin er ſo lächerlich tolle Un⸗ wahrheiten anbrachte, daß die Ungluͤckliche ihm nicht zu folgen vermochte, und er ſelbſt nicht mehr wußte, was er ſprach, denn er hatte blos ſeine Wuth los ſein wol⸗ len, die, gegen die Frau des Oberſchulzen maͤßigen zu muͤſſen, ihn ſo tief gekränkt hatte. 309 Endlich ſagte Angela:„Warſt du es denn nicht, der mich gegen meinen Willen zu dieſen vornehmen Leuten hinzwang— ich wollte es ja ſo ungern, wie du weißt!“ Hier ſchwieg Nees verdutzt— denn er bemerkte nun, er habe ihr die Bekanntſchaft mit dieſen Per⸗ ſonen vorgeworfen, und es mußte ſeinem Plan nach doch ſcheinen, als habe er dies gewollt und be⸗ trieben. „Ich— ich bin derjenige, der es gewollt!“ rief er nach einer Pauſe—„denn ich habe dies nicht zu furch⸗ ten— ich bin aber der Mann darnach, und weiß, wo ich hingehöre! Du aber— du machſt mir Schande, wo du auftrittſt, und ſogar Vorwuͤrfe, Anklagen in Gegen⸗ wart dieſer Aufpaſſer, dieſer Spione der gnadigen Frau Tante! Aber gieb Acht, was geſchehen wird— laß ſie erſt fort ſein, dann denke an Nees! Dann ſollſt du's er⸗ leben, du ungehorſames, undankbares Weib! In mei⸗ ner Gewalt biſt du— in keines Andern— hörſt du? Da können ſie vor der Thuͤr bleiben— du haſt kein an⸗ deres Dach, als dies— dafuͤr giebt es Geſetze! Und nun geh— thue was— viel zu lange haſt du ſchon die Hände im Schooß— aber das muß anders werden! Du ſollſt wieder arbeiten lernen, das vertreibt boͤſe Ge⸗ danken, und die haſt du! Die haſt du, ich weiß es, 31¹⁰ und gegen mich, gegen Nees, der dich groß gezogen und vor dem Verbrecher-Tode deines Vaters bewahrt hat!“ Wuͤthend ſtuͤrzte er fort, und man hoͤrte ihn noch lange in ſeiner Kammer bruͤllen und ſchreien, und An⸗ gela war nach dem Hofe geſchlichen und kniete vor der armen Wahnſinnigen, und barg ihre weinenden Augen in den Schooß der Mutter, die kein Mittel hatte, die Leiden ihres Kindes zu lindern, und nur von unbe⸗ ſtimmten Ahnungen geleitet, ſanft mit ihren Händen uͤber Angela's Kopf ſtrich, und wenn ſie zu ihr aufſah, ihre Thraͤnen trocknete, und ihr milde zulachelte. „Ach,“ ſtoͤhnte Angela—„wenn ich dich nicht mehr haben werde, dann werde ich ganz elend ſein!“ ——— Nach reiflicher Erwaͤgung in dem hohen Rath der Stadt war ein einiger Entſchluß gefaßt, die Empfangs⸗ feierlichkeiten fuͤr die hohen Gaͤſte, welche der Einladung zu folgen verheißen hatten, mit verſchwenderiſcher Groß⸗ artigkeit anzuordnen— und dieſer Beſchluß ward um ſo ſicherer gefaßt, da es ſich hier um die Ehrenbezeigun⸗ gen fur zwei Frauen königlicher Abkunft handelte, welche auf keine Weiſe zu der eiferſuͤchtigen Stadt in Rechte treten konnten, und der erleichtert ward durch die ableh⸗ nende kluge Antwort des Statthalters, der zwar verhieß, ſeinen vierzehnjährigen Sohn, den Braͤutigam der eng⸗ liſchen Prinzeſſin zu ſenden, ſich ſelbſt aber davon zuruͤck⸗ zuhalten wuͤnſchte. Damit war die letzte Zweideutigkeit von den beab⸗ ſichtigten Ehrenbezeigungen genommen, denn zweien Frauen konnte man ja nicht zu viel thun, und die Stadt trachtete heimlich nach einer Gelegenheit, ihren Reich⸗ thum und ihre ziemlich nutzlos geſammelten Schaͤtze an das Licht der Sonne zu fuͤhren. Es war daher der Fall eingetreten, daß die reichen * Machthaber der Stadt ſich ihrer Dichter, Kuͤnſtler, Ge⸗ lehrten und geſchickten Mechaniker, als einer ihnen un⸗ erläͤßlich nöthigen Unterſtuͤtzung erinnerten, und eine Art Heerſchau uͤber die vorhandenen Kraͤfte dieſes Corps gehalten ward. Bald gingen alle Intereſſen Hand in Hand— die reichen Herren der Stadt wollten ihr Geld los ſein— die Kuͤnſtler ihre Gedanken. Beides ſollte ſich in erha⸗ benen großartigen Einrichtungen manifeſtiren und die * gluckliche Vereinigung ſolcher Mittel zauberte die groͤß⸗ ten Erfolge ins Leben. Deſſenungeachtet enthalten wir uns hier, Beſchrei⸗ bungen dieſer Ausſchmuͤckungen zu geben. —— — Wenn die Anſichten uͤber Schoͤnheit und Geſchmack durch Jahrhunderte getrennt ſind, muͤſſen wir wenig⸗ ſtens Beſchreibungen von den Ausſchmuͤckungen ver⸗ meiden, die, nicht nach den ewigen Geſetzen der Kunſt gebildet, ins Leben traten, welche eben ephemer— der Zeit entſprechend waren— wogegen die Empfindungen der Menſchen dabei, die Abſichten, die damit erreicht werden ſollten, fur die ſpäteſte Nachwelt ihr Intereſſe behalten und ihr Recht auf unſere Wuͤrdigung. Die Geſchichte der menſchlichen Gefuhle, der daraus hervor⸗ gehenden Handlungen und Erfolge, iſt das alte tiefſin⸗ nige Buch, worin wir auf jeder Seite ewige Geſetze fin⸗ den, nach denen ſich die Zuſtaͤnde ihrem inneren Getriebe nach immer wiederholen. Der Faden, der ſich um die Spindel dreht, wird mannigfach und in wechſelnder Guͤte geſponnen werden, das Gewebe, was aus dem Ge⸗ ſpinnſt entſteht, wird andere Stoffe bilden— aber die kleine Spindel, die den Faden bildet, wird dieſelbe blei⸗ ben, denn ſie dreht ſich nach unabaͤnderlichen Bedingun⸗ gen, und iſt, wie die Natur des Menſchen, ewigen Ge⸗ ſetzen unterworfen. Alte Inſtitutionen, Gebräuche, Raͤumlichkeiten, behalten immer einen Achtung fordern⸗ den Antheil. Was kann anziehender fuͤr die denkenden Nachkommen ſein, als daraus den geiſtigen Standpunct des verſchwundenen Geſchlechts zu ergruͤnden— was iſt 313 belebender, anregender fuͤr die Gegenwart, als ihre erha⸗ benen Kaͤmpfe mit dem ſchwierigen Material, das ihnen noch roher vorlag— was iſt in Zeiten der Erſchlaffung zu⸗ gleich ſtrafender und beſchämender, als die Anſchauung ihrer erreichten Erfolge, ihrer rieſigen Kraftanſtrengungen nach Außen, ihres tief innerlichen Stilllebens, wo die Kunſt und die Wiſſenſchaft Probleme löſten, ohne nach Kategorien zu ſuchen— wo Alles, was heran bildend entſtand— jedes Werk der Wiſſenſchaft, der Kunſt und Mechanik immer den Menſchen, der es ſchuf, zugleich manifeſtirte, der als Spitze aus der Maſſe hervorragte, der oft nur ein Product eines langen Lebens als Ver⸗ mächtniß der Nachwelt uͤbergab, und welches zu Schluͤſ⸗ ſen uͤber ſein Leben fuͤhrt, welche uns erſchuͤttern, mit Ehrfurcht und Liebe— nicht ſelten mit Sehnſucht er⸗ fuͤllen. Dagegen iſt es anders mit ihren Vergnuͤgungen. Ihre Schilderung ſchadet oft dem Eindruck, den die uͤbrigen Berechtigungen uns machen, und werfen nicht ſelten einen Schein der Albernheit und der Geſchmacklo⸗ ſigkeit auf Zuſtände, die in allen weſentlichen Beziehun⸗ gen uns anſprechen und unſere Achtung erwerben. Wir beruͤhren daher nicht, in welchem gewagten Verhaͤltniſſe heidniſche und bibliſche Heroen bei Ehren⸗ pforten, Mummereien, öffentlichen Theatern und Tän⸗ 314 zen vereinigt waren, von denen der lang dauernde Zug der hohen Herrſchaften bis zu dem Prinzenhof unterbro⸗ chen ward, und erwaͤhnen nur den ehrwuͤrdigen Theil deſſelben, der eben von dem Aufzug der Buͤrger und des hohen Magiſtrats ſelbſt herruͤhrte und die wohl errun⸗ gene Macht der Stadt darſtellte, die in der Kraft des Nationalcharakters beruhend, durch weiſe Maaßregeln befeſtigt, eine impoſante menſchliche Stellung ein⸗ nahm.— Die Kavallerie dieſer freien Stadt war kein ſtehen⸗ des organiſirtes Corps beſoldeter Reiter, ſie beſtand im⸗ mer nur aus den jungen Buͤrgerſöhnen, welche ſolche Gelegenheiten benutzten, um ſowohl den Uebermuth der Jugend als den Reichthum ihrer Väter ins Licht zu ſtellen, und einen Aufwand entfalteten, der in dieſem Falle dem Tadel der Eltern entging, ja nicht ſelten auf ſplendide Weiſe von ihnen unterſtuͤtzt wurde, da es ihnen unter Anderem ſelbſt eine geheime Luſt war, eine Reihenfolge der herrlichſten Pferde zu ſtellen, wovon jedes einzelne oft werth geweſen wäre, unter der Satteldecke eines Fuͤr⸗ ſten ſich zu heben. Mit anſcheinend gleichguͤltiger Miene beobachteten ſie dann die Blicke der Vornehmen, die zerſtreut von dem Anblick dieſes bei ihnen ſo belieb⸗ ten königlichen Prunkes Blicke mit einander tauſch⸗ ten und mit ihrem hochmuͤthigen Spott uͤber die Rei⸗ 315 ter ſelbſt etwas einhielten, da hier in ihren Augen das Pferd den Reiter nobilitirte. Dieſes Corps bildete nun die Escorte der goldenen, mit acht milchweißen Pferden beſpannten Kutſche, welche die junge Braut aufnehmen ſollte, und die jugendlichen Reiter hatten diesmal um ſo weniger angeſtanden, allen nur erdenklichen Glanz an ſich zu verſchwenden, da die Galanterie gegen zwei furſtliche Frauen jede Maaßregel der Art zu fordern ſchien, und keine politiſche Ruͤckſicht ſie dabei ſtoͤren konnte. Ihre Kleider waren nach den Farben der fuͤnf Heer⸗ ſchaaren der Stadt in Orange, Weiß, Blau, Gelb und Grun und von dem koͤſtlichſten Sammt, mit Atlas und Seide gefuttert, und mit den reichſten Stickereien in Gold, Silber, Perlen und Edelſteinen ſo bedeckt, daß die Farbe der Abtheilung kaum an etwas Anderem, als an ihren Standarten zu erkennen war. Die Zahl dieſer Reiter belief ſich auf fuͤnfhundert, und jede Fahne hatte vier und zwanzig Trompeter. Sie waren ſo eingetheilt, daß die Hundert in den Farben des Hauſes Oranien den Zug anfuͤhrten, daß hinter ihnen die ſechs und dreißig Raͤthe der Stadt, dann die neun Schoͤffen, dann die acht Buͤr⸗ germeiſter kamen, in deren Mitte das Haupt der Stadt, der Oberſchulz, Herr von Marſeeven, ritt. Vor dieſem ritten zwei Schatzmeiſter, in ihrer Mitte 4 316 wieder der Stadtwächter, die angeſehene Perſon, wel⸗ cher nichts zu thun oblag, laͤngs ſeines Lebens, als bei feierlichen Gelegenheiten die Schluͤſſel der Stadt auf reichgeſchmuͤcktem Kiſſen zu tragen, wodurch wir ihn auch im vorliegenden Augenblick bezeichnet ſehn. Hinter dem Schulzen ritten der Oberſchenk und der Mundvorleger— beide zwar in Gold und Seide ſtrotzend, aber dennoch mit dem Zeichen ihrer Wuͤrde, einer blen⸗ dend weißen Schuͤrze von dem feinſten holländiſchen Lei⸗ nenzeug. Sie hatten Jeder zwei Diener hinter ſich, welche in köſtlichen, vergoldeten, mit Edelſteinen ge⸗ ſchmuͤckten Gefäßen den nothwendigen Imbiß und Will⸗ kommentrank trugen, ohne welchen die hohen Fremden das Weichbild der Stadt nicht paſſiren durften. Auf den Pferden hinter dieſen Dienern ſaßen auf eigen dazu eingerichteten Reitkiſſen vier der ſchoͤnſten Knaben aus den vornehmſten Geſchlechtern der Stadt in dem reichen phantaſtiſchen Pagencoſtuͤm jener Zeit, welche beſtimmt waren, den hohen Frauen am nächſten zu kommen und aus ihrer Hand den dargebotenen Imbiß zu empfangen. Dann folgte die große goldene Staatskutſche der Stadt, welche mit großen venetianiſchen Spiegelſchei⸗ ben einem in der Luft ſchwebenden Throne zu gleichen ſchien. Purpurne Sammtkiſſen, mit Hermelin ver⸗ ziert und den kunſtreichſten Stickereien, zierten das In⸗ nere, während das Aeußere zwiſchen den reichen Ver⸗ goldungen Malereien zeigte im Geſchmack der Zeit, voll von Anſpielungen feinerer und groͤberer Minnenſcherze. Die Portieren an dieſem maͤchtig breiten Wagen, die kleinen Häuſern glichen, waren auf beiden Seiten wie Balkons herausgebaut und von ihnen aus hingen breite ſammtne Stufen bis zur Erde heraus, reiche Teppiche hingen uͤber die Bruͤſtung dieſer Portieren, und zum Schutz gegen die Sonne ſchwebte eine Art Baldachin daruber, denn ſie waren hauptſachlich dazu beſtimmt, um aus dem Spiegelkaſten des Wagens herauszutre⸗ ten, wenn ein Mummenſcherz oder eine andere ernſtere Feierlichkeit den Zug aufhielt, wodurch die hohen In⸗ ſaſſen der Kutſche eben ſowohl beſſer ſahen und hoͤrten, als geſehen wurden. Auf jeder Stufe ſtanden zwei Pagen, welche ſich an einer goldenen Schnur feſthiel⸗ ten, wodurch das Gelander der Treppe gebildet ward. Trotz der acht milchweißen Pferde, welche mit Blu⸗ men und Federn und köſtlichen Decken an goldenen Zu⸗ geln gelenkt, dies kleine Feenpalais fortbewegten, lag es doch in der Natur des ſeltſamen Wagens, ſeine Schoͤne und Wuͤrde nur durch ein langſames, kaum bemerkliches Fortrollen behaupten zu können, und dies gelang auch vollkommen, denn die Wege waren auf der ganzen Strecke bis zum Empfangspunct mit Dielen ———— furniert und dieſe mit dickem flandriſchen Fries von ſcharlachrother Farbe belegt. Nach zwei ähnlichen, doch einfacheren Wagen, welche dieſem nachfahrend fuͤr das Gefolge beſtimmt waren, folgten noch zwei Fahnen der Buͤrgerkavallerie, waͤhrend zwei derſelben, jede hundert Pferde ſtark, den hohen Reiſenden eine Meile vor der Stadt entgegen geritten waren und die Reiſewagen bis zu dem Weich⸗ bilde der Stadt escortirten, wo ſie ſich dann dem Nach⸗ trabe anſchloſſen. Wenn wir uns erlaubt haben, die Art zu verra⸗ then, wie man den Weg zubereitet hatte, duͤrfen wir nicht unterlaſſen, zu verſichern, daß die Haͤuſer, welche an dieſer Straße lagen, im ſelben Verhältniß ſich aus⸗ geſchmuͤckt zeigten und Geruͤſte und Balkone und Fen⸗ ſter in dem Wechſel, wie die Localität dies grade be⸗ dingte, mit den Frauen und Kindern derſelben und Be⸗ kannten und Verwandten der ferneren Stadttheile be⸗ ſetzt waren und das zwar in ihrem reichſten Putz, und daß die Männer aller Häuſer auf den Straßen waren, theils in wirklichen Amtsverrichtungen, theils zum beſ⸗ ſeren Genuß wohl gelaunter Kurzweil. Die hohen Herrſchaften hatten ihre Reiſe durch die gaſtliche Vermittlung der Stadt ſo eingerichtet, daß ſie kurz vor Amſterdam am Abend vorher geraſtet hat⸗ 319 ten, und daß ſie jetzt den vollen Tag, der ſo viele Feier⸗ lichkeiten in ſich ſchließen ſollte, vor ſich hatten und von dem herrlichen Wetter des Auguſtmonats beguͤnſtigt, ſchon fruͤh ihren glaͤnzenden Einzug hielten. Die Königin Mutter befand ſich mit dem kindlichen Brautpaar und den vornehmſten holländiſchen Damen, die ihr zugegeben waren, in einer Reiſekaroſſe. Als ſie nun bei Annaͤherung des beſchriebenen Zu⸗ ges dieſelbe verließen, nahm ſie ein Pavillon am Wege auf, der zu dieſem Behuf gebaut war und worin ſie die Begruͤßungen des hohen Raths empfingen und den Ehrentrunk und den Imbiß vom feinſten weißen Brote einnahmen.— Dann beſtiegen ſie ihren kleinen rollen⸗ den Feenpalaſt, und zwar fordertè die Koͤnigin von England dazu die Hand des Oberſchulzen von Marſee⸗ ven und bat zwei von den regierenden Buͤgermeiſtern, ihrer Tochter, der Prinzeſſin Marie, gleiche Gunſt zu erzeigen. Als ſie nun an der Seite des hochverehrten Schulzen die hohen Treppen des Pavillons hinunter ſtieg und mit ihren königlichen Augen um ſich ſchaute, ward ihr fuͤr ihre kluge Wahl der jauchzende Zuruf der dicht gedrängten Bevölkerung zu Theil, und ihr hold⸗ ſeliges Lächeln und ihre herablaſſenden Gruͤße zeigten dem jubelnden Volke, daß ſie ihren Beifall gern habe und Werth darauf lege. 320 „Hohe Frau!“ ſagte Herr von Marſeeven— „Euer Majeſtaͤt ſind dazu geſchaffen, ein Volk in an⸗ betender Liebe zu berauſchen. Die alten Republikaner wuͤrden ihre eiferſuͤchtig bewachten Rechte einer ſolchen Königin zu Fuͤßen legen.“ „Marſeeven!“ rief die Koͤnigin, indem der Blitz des Schmerzes eben ſo ſchnell uͤber ihr ſchoͤnes Antlitz glitt—„Mir das! und von euch! von dem feinſten Politiker ſeiner Zeit, der in meinem armen England ſo genau Beſcheid weiß, als in den Ringmauern ſeines ſouverainen Amſterdams! Iſt das nicht Spott? Und verdiene ich das heute als Mutter, indem ich voll Ver⸗ trauen meinen hochſten Schatz in eure Mauern fuͤhre— und verdient es die Koͤnigin, welche von eurer Weisheit zu lernen und Rath und Troſt zu empfangen hofft?“ „Hohe Frau!“ ſagte Herr von Marſeeven—„die Weisheit einer Republik paßt wenig fuͤt die Beduͤrfniſſe eines Königreichs— unſer Rath wuͤrde einen zu frei⸗ heitliebenden Beigeſchmack haben, um Euer Majeſtät nicht das Unbehagen einer fremden unverdaulichen Koſt zu geben— wir ſind auf dieſem Punct immer unge⸗ ſchickt.“ „Heuchler!“ ſagte die Königin und zwang ſich zu lächeln—„Wer den Reichthum von Europa beherrſcht, iſt heimlich oder öffentlich der Koch, der alle Gerichte 31 bereiten läßt, zu denen wir armen gekroͤnten Haͤupter uns hinſetzen muͤſſen, um das zu verzehren, was ihr angeordnet.“ „Nun dann,“ erwiderte der Oberſchulze ebenfalls läͤchelnd—„wuͤrde die alte hollaͤndiſche Hauptſtadt fuͤr Euer Majeſtät doch gern einen Zuckertheil bereit halten.“ „Ich werde euch beim Wort halten, Hert von Marſeeven!“ rief die Koͤnigin lebhaft, und Beide blickten ſich einen Augenblick mit blitzenden Augen an, denn Herr von Marſeeven war ein großer Kenner und Bewunderer des weiblichen Geſchlechts, und der konig⸗ liche Rang der ſchoͤnen Frau machte ihn nicht verlegen. Henriette von Frankreich, die Tochter Heinrich des Vierten, die Gemahlin Karls des Erſten von England, hatte faſt den Sommer ihres Lebens ſchon zuruͤckgelegt und verdiente dennoch den Namen einer Schoönheit, wenn damit auch nur der vereinte Zauber eines edlen Ganzen gemeint ſein konnte, erhalten durch den Geiſt, der durchſtrahlend uͤber die Form zu taͤuſchen vermochte. Das harte Schickſal, das ihr und ihrem Hauſe bevor⸗ ſtand, äußerte ſich ſchon in drohenden Symptomen— und die ungluͤckliche Königin verſtand genug von Poli⸗ tik, um die Fehler ihres Gemahls einzuſehn, aber in⸗ dem ſie ſich von ihren katholiſchen Rathgebern leiten ließ, verbeſſerte ſie dieſelben nicht, und vielleicht waͤre Jakob v. d. Nees. I. 21 ——— —— 322 uͤberhaupt Niemand mehr im Stande geweſen, den Strom aufzuhalten, der, angewachſen von Mißver⸗ ſtändniſſen und vernachlaͤſſigten Uebeln, beſtimmt war, verheerend uͤber das ganze Land dahin zu brauſen— und nothwendig eine Dynaſtie mit hinwegreißen mußte, welche zu ſpaͤt die Nothwendigkeit einſah, in den heili⸗ gen Intereſſen des Volks, in ſeiner Liebe und in ſeinen Beſtrebungen zu wurzeln— und indem ſie ſich iſolirt hatte, auch demſelben fremd geworden war und das Mißtrauen ſelbſt uber ſich herab gerufen hatte, womit jetzt ihre Handlungen zu Verbrechen geſtemßelt wurden. Dennoch war die ungluckliche Königin gekommen, um durch Anleihen die jetzt nöthig gewordenen Maaß⸗ regeln ihres Gemahls zu unterſtuͤtzen, und Herr von Marſeeven, der vollkommen richtig von der Koͤnigin be⸗ urtheilt wurde, kannte die Zuſtaͤnde Englands genau und konnte die ſtolzen Masßregeln der Gewalt, wohin Karls Ruͤſtungen wieſen, nicht billigen und mußte der Natur der Verhaͤltniſſe nach auf Seiten des Parlaments ſein, denn in dieſem Streite wiederholte ſich nur, was auf dem republikaniſchen Theater der alten hollaͤndiſchen Freiſtadt oft genug aufgefuͤhrt worden war. Doch hatte die Koͤnigin aus ſeinen Antworten Hoff⸗ nung geſchöpft, und vielleicht nicht ohne Grund, denn die Politik eines Handelsſtaates hat nie ſo feſte Conſe⸗ 8 — 323 quenzen, daß ſie nicht eine öffentliche Stellung gewiſſen Verhältniſſen gegenuͤber annehmen, und alle officiellen Schritte mit Ernſt und Energie danach regeln könnte, und dennoch die Freiheit ihrer handeltreibenden Buͤr⸗ ger ungefaͤhrdet zu erhalten wuͤßte, wenn deren Ge⸗ triebe auch oft der anerkannten politiſchen Richtung des Staates grade entgegen liefe. Aus dieſen Hoffnungen der königlichen Frau ent⸗ ſprangen nun auch ihre erfolgreichen Bemuͤhungen, die allgemeine guͤnſtige Stimmung ſich zu gewinnen, und das trotzigſte, abgeſchloſſenſte Volk bleibt immer em⸗ pfanglich fur den Nimbus fürſtlicher Perſonen und ſieht ſie gern ſich um ihre Gunſt bemuͤhen und will ſich da⸗ gegen liebenswuͤrdig zeigen durch Darlegung ſeiner Eigenſchaften, auf die es ſich auch einbildet und womit es den Eindruck von Ueberraſchung und Vergnuͤgen, den es empfing, zu vergelten ſucht. So hätte man das gemeine Volk kokett nennen koͤnnen und die kluge Königin dazu ermunternd, denn ſie ſchien fur jeden Ausbruch der Laune Augen und Ohr zu haben, und dies unbeſchreibliche Lächeln der Großen, was ſie den Herzen des Volks ſo nahe ruckt, weil es ſo menſchlich iſt, ſo allgemein, lohnte jeden kuͤhnen Ver⸗ ſuch ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Sie wußte dabei mit großer Feinheit die Huldigun⸗ 324 gen dieſes Einzugs von ſich ab auf das junge Braut⸗ paar an ihrer Seite zu lenken und ſtand doch beſtaͤndig bereit mit ihrem Tact und ihrer klugen Rede, das zu verrichten, was die jungen Leute uͤberſehen konnten. Als ſie die Kutſche, die wir beſchrieben haben, be⸗ ſtiegen hatte und dieſe ſich auf dem erſten Ruhepunct, wo eine feierliche Begruͤßung der Stadt angeordnet war, befand, ordnete es die Königin, daß Alle, in den Bal⸗ kon der Kutſche tretend, ſich ſo ſtellten, daß Heinrich und Marie, das reizende junge Brautpaar, an die Bruͤſtung des Balkons traten und die Koͤnigin ſich hin⸗ ter ſie ſtellte, ſie uberragend und vollkommen im Cha⸗ rakter einer Mutter ſie zu beſchutzen ſchien. Die Koͤnigin trug zu dieſem Einzug ein amarant⸗ farbenes offenes Sammtkleid, welches mit den Farben des Hauſes Oranien, mit orange Atlas aufgeſchlagen war, von welcher Farbe auch ihr Unterkleid war. Die Uebergaͤnge beider Farben waren dadurch gemildert, daß die Königin ihren ganzen beruͤhmten Perlenſchmuck zu Stickereien auf dieſem Kleide hatte verwenden laſſen und ſo der Geſchmack diesmal durch die Pracht gerettet wurde. Ebenſo ſchwebte in ihrem dunklen nur erſt mit wenig Weiß gemiſchtem Haar eine Krone dieſer Perlen, und ein duftiger Schleier von Goldflor hing vom F aus uͤber die Schultern bis zur Erde. — ,—— 325 Sie wußte recht gut, daß dieſer auserleſene Schmuck von vielen ſachkundigen Augen taxirt wurde— und die heldenmuͤthige Frau, welche ihre weiblichen Schwächen auf dieſem Punct beſiegt hatte, wollte das— denn ſie war entſchloſſen zu veräußern und zu verpfaͤnden, ſoviel es ihr geſtattet wurde. Ihre Tochter wie der Prinz Heinrich waren dage⸗ gen in weißen Silberſtoff gekleidet, und die junge Prin⸗ zeſſin hielt ihre ſchoͤnen Locken mit Schleifen von Bril⸗ lanten. Als nun die Deputirten der Zuͤnfte ſie mit herz⸗ lichen Worten begrußt hatten und die jungen Herrſchaf⸗ ten mit der heiteren Unbefangenheit luſtiger Kinder ge⸗ dankt hatten— ſtreckte die Koͤnigin ihre Hand nach einer Bandroſe aus, welche die Farben der Stadt ent⸗ hielt, und die der praͤchtig gekleidete Sprecher der Fleiſch⸗ hauer-Zunft, welche die vornehmſte und reichſte Ge⸗ noſſenſchaft der Stadt war, auf ſeinem Mantel trug, neſtelte ſie ſelbſt los und heftete ſie der Prinzeſſin Marie auf die Schulter. Dieſer Act, der ſo wohlberechnet der Eitelkeit Aller ſchmeichelte, erregte einen grenzenloſen Jubel, und der Name der Königin und des Brautpaares erſchuͤtterte mit dem Tuſch der gehaͤuften Muſikchoͤre die Luft. Im ſelben Augenblick aber regnete es von allen 326 Seiten die bedeutungsvollen Bandſchleifen, und die Koͤnigin nahm aus der Hand des Herrn von Marſeeven eine zweite und befeſtigte ſie an ihrem Handſchuh, in⸗ dem ſie ihr Gefolge aufforderte, ein Gleiches zu thun. Die gegenſeitige Zufriedenheit ſteigerte ſich durch dieſe feinen Aufmerkſamkeiten der Königin, und die ungluͤckliche Frau, die in ihrem eignen Lande von den duͤſter zurnenden Blicken ihres Volks verfolgt ward, nicht ſelten unter ihren rohen Ausfaͤllen der Mißbilli⸗ gung leidend, fand in einem fremden Lande noch ein⸗ mal die Zeichen der Liebe und des Enthuſiasmus wie⸗ der, der wie die Beglaubigung ihres hohen Berufs den gekrönten Haͤuptern der Erde eine Kraft wird, mit der ſie die großen Zwecke ihrer Stellung verfolgen. Wir erwaͤhnen nur, daß der Einzug bis gegen den Nachmittag des Tages währte, daß den hohen Herr⸗ ſchaften eine Art fliegender Mittagstafel auf dem Wege ſervirt ward, und daß die Feierlichkeit erſt auf dem Schloßhof des Fuͤrſtenhauſes ſchloß, der zu dieſem Be⸗ huf eigen eingerichtet war. Das Fuͤrſtenhaus lag auf der Seite des Burgwalls unfern der Freiſchule und war ehemals das Kloſter der heiligen Cacilie geweſen. Seine Beſtimmung als Fuͤrſtenhof hatte es zur Zeit des Moritz von Otanien erhalten, welcher nach der 327 glucklichen Eroberung und Einverleibung der Stadt Gröningen mit den Amlaͤndern von der Stadt Amſter⸗ dam durch einen prachtvollen Einzug geehrt ward, zu deſſen Ende man dies weitläͤufige Gebaͤude, welches eine ſchone großartige Anlage war, ausſtattete, wie es dem furſtlichen Range des Gaſtes und dem Reichthum der Stadt gemäß war. Nach dieſer Zeit blieb es zu dieſem Behuf erhalten, und erſt ſpäter wurde es zu den Ver⸗ ſammlungen der See⸗Räthe der vereinigten Niederlande verwendet. Dies große Gebäͤude war im Oblongum gebaut und in zwei große regelmäßige Hoͤfe durch einen bedeck⸗ ten Säulengang getheilt, welcher einen luſtigen Spa⸗ ziergang darbot.— Um den erſten Hof liefen die vor⸗ nehmſten Gebäude herum, und rechts vom Eingang befand ſich der prachtvolle Hauptflugel, der mit marmor⸗ nen Treppen, Gelaͤndern, Erkern und Gallerieen allen Luxus des damals herrſchenden Baugeſchmacks um⸗ ſchloß.— Zu dieſem erſten Hof gelangte man von der Straße aus durch ein mächtig breites und hohes Por⸗ tal, welches in freien Wölbungen die ganze Tiefe der vorderen Fronte durchſchnitt. Dieſer Theil des ehemaligen Kloſters war der al⸗ teſte uͤberhaupt, und wenn er auch ſchöne und lichte Raume genug enthielt, war ihm doch nicht ſein ur⸗ 328 ſpruͤnglicher Vorzug als Hauptfront des Gebaͤudes ver⸗ blieben— aber immer noch trennte er dies maͤchtige Haͤuſercarré von der Straße durch ſeine ehrwuͤrdigen ſteinernen Maſſen und ſein impoſantes Portal mit den uͤberladenſten Verzierungen machte es zu einem ſchätzens⸗ werthen Eingangspuncte. Als der praͤchtige Wagen der hohen Gäſte endlich durch dies Portal bis zu dem erwähnten großen Hof gelangt war, ſahen ſie den weiten Raum deſſelben ſo gedrängt voll Menſchen, daß er mit Köpfen gepflaſtert zu ſein ſchien. Vor dem jetzt auffahrenden Wagen aber war ein Halbkreis abgezweigt, der einen wahrhaft königlichen Glanz entwickelte. Es befand ſich nämlich in der Mitte dieſes Raumes ein Thron gebaut, der mit einigen Stufen uͤber den Boden erhoͤht war. Die Niſche des Thrones, der ſo breit war, um die Koͤnigin und das Brautpaar aufzunehmen, war wie aus golde⸗ nen Harfen gebaut, dazwiſchen die purpurnen Behäͤnge golddurchwirkter Seide niederfloſſen. Die Sitze waren mit Sammt- und Hermelin-Beſaͤtzen geziert, wie die Stufen damit belegt waren, und von beiden Seiten des Thrones zog ſich um den erwaͤhnten Halbkreis ein goldenes Gitter, woruber die bedeutungsvollen Oran⸗ genbaͤume in goldenen Kuͤbeln mit in leuchtenden Fruͤchten ſich erhoben. 329 Vor dieſem Gitter ſtanden auf beiden Seiten gol⸗ dene Lehnſtuhle mit ſammtner Bekleidung, worauf die Frauen des hohen Rathes Platz genommen hatten, und in Mitte dieſes Raumes ſtieg aus einem koloſſalen Blumenkorbe, deſſen ſeltene Gewaͤchſe die Luft mit ih⸗ rem Duft balſamiſch erfuͤllten, eine ſchlanke marmorne Säule empor, auf deren oberem Rande vier Genien in ſchaͤkernden Stellungen mit ihren Haͤndchen den hohen Waſſerſtrahl aufzufangen ſchienen, der von ihnen herab in reizendem Gekrauſel in das prachtvolle Broncebecken niederfiel, deſſen Rand und Politur ein ſeltnes Kunſt⸗ werk war. Der ganze Raum dieſes großen prachtvollen Salons in freier Luft war mit den koſtbarſten Teppichen belegt, und die vornehmſten Jungfrauen der Stadt— Meiſterwerke der Schoͤnheit— ſtanden hier in Silber⸗ ſtoff, mit orange Schleifen verziert, zum Empfang der hohen Gäſte. Als die Königin in dieſen Raum eintrat und ihre Augen von den ſchoͤnen Jungfrauen zu dem Halbkreis der Mütter uͤberſchweifte, welche, vor ihren Stuͤhlen ſtehend, ſich ehrfurchtsvoll verneigten, ward ſie von der hier ſich zeigenden Pracht ſo uͤberwaͤltigt, daß ſie, zu Herrn von Marſeeven gewendet, raſch ausrief:„Was iſt das, Herr Oberſchulze— bin ich in einer Verſamm⸗ lung von Fuͤrſtinnen?“ 8 „Es ſind unſere demuͤthigen Hausfrauen, Euer Majeſtät“— antwortete der feine Marſeeven lächelnd —„die Buͤrgerinnen dieſer Stadt! Die armen Frauen fuhlten, wie ſchwer es ſei, wuͤrdig vor einer Konigin zu erſcheinen— ſie haben ein wenig Putz zuſammen⸗ geborgt.“ „Ha!“ rief die Koͤnigin lachend—„ ſie werden zum Schutzſchein Indien verpfaͤndet haben.“ Dann nahm ſie aus den Häͤnden der Jungfrauen die leichten Gaben an Blumen und Fruͤchten, die ihr und der jungen Braut dargebracht wurden und ging, die Hand des Oberſchulzen fordernd, indem ſie diesmal das Brautpaar Hand in Hand vorangehen hieß, bis zu dem Throne, von wo aus ſie mit hinreißender Freund⸗ lichkeit rechts und links die Damen und dann auch das vor dem Gitter geſchaarte Volk begrüßte und ihnen ihre Tochter zeigte, indem ſie dieſelbe vortreten ließ und nun die letzten Ehren erwartete, welche diesmal in der Ueber⸗ gabe koſtbarer Geſchenke beſtanden. Dieſe Geſchenke waren vaterlaͤndiſche Erzeugniſſe, und ſie umſchloſſen alle Zweige der in Flor ſtehenden Induſtrie und Kunſt, und das feinſte Leinen, deſſen glattes Wundergewebe keine Frau ohne Entzucken be⸗ trachten konnte, war die Grundlage dieſer reichen Ga⸗ ben, die endlich bis zu den herrlichen Silber- und Gold⸗ ——— 331 arbeiten des kunſtfertigen Amſterdam ſtiegen, welche den Inhalt einer Toilette geliefert hatten, welche auf einem kleinen Wagen daher gerollt kam und deren Kan⸗ nen, Becher, Becken und unzählige Käſtchen und Buͤch⸗ ſen eines ſolchen Gegenſtandes jedes fur ſich ein Kunſt⸗ werk zu nennen waren. Nachdem dieſe Vergnuͤgungen, welche bereits bis in den Nachmittag hineinreichten, hiermit fuͤr den Tag geſchloſſen waren, zeigte Herr von Marſeeven der Kö⸗ nigin an, daß ihre Zimmer bereit wären zu ihrem Em⸗ pfang, und indem er ſie nach ihren Befehlen fuͤr den Reſt des Tages fragte, deutete er ihr die Wuͤnſche der Stadt an, daß ſie am andern Tage ein großes Ban⸗ quet in dem Rathhauſe annehmen moͤge und bemerkte, daß Niemand geladen ſei— daß dies eine von ihr und der Prinzeſſin Braut ausgehende Gnade ſein werde. „Da werden Wir, meine Tochter und ich, uns als verſchwenderiſche Hausfrauen zeigen,“ rief die Koͤnigin, und indem ſie ſich erhob und mit ihrem Schnupftuch in der Luft wehte, rief ſie laut:„Ganz Amſterdam ſei unſer Gaſt!“ Sie ſtieg nach dieſen Worten, die von einem grenzenloſen Jubel des Volks und den rauſchenden Fanfaren der Muſikchore beantwortet wurden, die Stu⸗ fen des Thrones herunter, ihre Tochter an der Hand, und ließ ſich nun, in dem Halbkreiſe umhergehend, dieſe 332 wie Fuͤrſtinnen geſchmuͤckten Buͤrgerfrauen vorſtellen, lud ſie Alle zum Feſte und wußte mit großem Tact, welcher zugleich bewies, daß ihr die Verhaͤltniſſe der Stadt und dieſer vornehmen Familien nicht fremd waren, einige zu dieſer Ehre Berechtigte fur die kleinere Abendtafel auszuwaͤhlen, die ihr mit Ruͤckſicht der Ermuͤdung die⸗ ſes Einzugstages in ihren Gemächern angeboten wor⸗ den war. Frau von Marſeeven mußte natuͤrlich in der Reihen⸗ folge die Erſte ſein, und obwohl ohne Schoͤnheit und Jugend, lag doch in der Erſcheinung dieſer edlen Frau etwas ſo Ausgezeichnetes, eine ſo vollkommene Feinheit und vornehme Ruhe, daß die Königin ihr augenblicklich ihre Zuneigung zuwendete, und von der oft gemachten Erfahrung geleitet, die hier vielleicht nicht zutraf, wie nöthig es oft alternden Frauen iſt, durch fremde Aner⸗ kennung in der Erinnerung ihrer Männer aufgefriſcht zu werden, unterließ ſie nicht, Herrn von Marſeeven glucklich zu preiſen uͤber den Beſitz einer ſo ausgezeichne⸗ ten Frau. Erſt nachdem ſich die Königin, ohne die kleinſte Ab⸗ ſpannung zu zeigen, dieſem lang dauernden Umgang unterzogen hatte, erlaubte ſie ſich an ihre Erholung zu denken, und nun öffneten ſich die Gitter, und die Kö⸗ nigin fand von den Stufen des Thrones links abfuͤh⸗ 333 rend bis zu der marmornen Freitreppe, die zu ihren Zimmern fuͤhrte, einen Laubgang bluͤhender Gebuͤſche gewoͤlbt, die zu einem kurzen Leben verdammt, den ſtarren Marmorboden des großen Hofes in einen bluͤ⸗ henden Garten umgewandelt hatten. Wir wollen uns der ermuͤdenden Beſchreibung der innern Einrichtung dieſer Räume enthalten— wir duͤr⸗ fen ihr nach den gemachten Erfahrungen nicht miß⸗ trauen, und die Koͤnigin genoß nun einer kurzen Ruhe, um ſich zu der fruͤhen Abendtafel vorzubereiten. Einige Stunden ſpäter, nachdem das frühe Abend⸗ brot in den Zimmern der Koͤnigin voruͤber war, finden wir in einem etwas entlegenen Gemach zwei Damen wieder, von denen die eine Frau von Marſeeven iſt. Ihr gegenuͤber in der breiten und tiefen Fenſter⸗ niſche, die ein kleines Zimmer fuͤr ſich bildete, ruhte eine Dame, die wir näher beſchreiben muͤſſen, da Ju⸗ gend und Schoͤnheit ihr dazu ein volles Recht geben. Es war Urica, Gräfin von Caſambort.— Witr erin⸗ nern an die Beſchreibung des Herrn von Marſeeven, und ſie war ſo richtig, daß man faſt augenblicklich bei ihrem Anblick an das wundervolle Titianiſche Meiſter⸗ 334 werk erinnert ward, wodurch der ſtolze Vater ſeine Tochter der Nachwelt erhalten hat. Die Gräfin Urica hatte ein bewundernswuͤrdiges Maaß der Größe und es verhielt ſich zu der jugendlichen Fuͤlle ihrer Formen in dem ſchonſten Verhältniß. Sie hatte die Farbe des Haar's, welches das Ge⸗ heimniß der venetianiſchen Schoͤnheiten iſt, da nur die Bilder dieſer Frauen dies goldene Blond zeigen, wel⸗ ches zugleich den warmen Teint zu geben ſcheint, der bei leuchtender Weiße von wallendem Blute durch⸗ ſtroͤmt wird. Urica trug die reiche Fuͤlle dieſer goldenen Flechten mit Perlen durchzogen, weit von der Stirn zuruͤckgeſtrichen, um den Hinterkopf gewunden und durch zwei goldene, mit Smaragden uud Rubinen verzierte Nadeln gehalten. Die Wellen dieſes uͤppigen Haares waren auf der Mitte des Kopfes durch einen ſchmalen Reifen von großen Smaragden und Rubinen gehalten, woran eine Tropfen⸗ Perle von unſchätzbarem Werthe auf dem Rande der Stirn hing. Vielleicht war es die Abſicht, dieſe frei zu erhalten, aber es hatten ſich von dem weggeſtriche⸗ nen Haare kleine Ringeln losgelöſt— kaum Löckchen zu nennen, ſo durchſichtig, ſo wie Goldfäden glän⸗ zend, ſo leicht, daß der Athem des Nachbars ſie zittern machte. 335 Die Stirn war hoch und rund— ein Sitz des Nach⸗ denkens; eine lichte Tafel, worauf das Leben ſchon eine ſtolze Schrift geſchrieben. Die Form des Kopfes, das volle Oval des Geſichts mit der kleinen feinen Naſe war entzuͤckend— das Kinn rund und etwas gehoben, dar⸗ uͤber ein voller bluͤhender Mund, der mit geſenkten Mundwinkeln, trotzig geſchloſſen, doch wie der Bogen des Amors auf alle Männerherzen wirkte, und der, wenn er ſich öffnete, wenn ein Lächeln ihn milderte, einen wun⸗ derbaren Liebreiz aufſchloß— die Augen waren jene runden, halb geſchloſſenen Venusaugen, blau mit langen braunen Wimpern— ein tiefer, unergruͤndlicher Brun⸗ nen— eine Qual— weil man ihnen Alles zutraute und immer voll Erwartung hineinſah, um das Geheim⸗ niß nicht zu verſäͤumen, wenn es auftauchen werde— daruͤber ſtanden die feinen Linien der Augenbraunen, ſie thaten auch, als waͤren ſie bloß da, den ſchoͤnen Bau der Stirn zu begrenzen, aber wie verſtärkte ihre eben⸗ mäßige Linie den Eindruck dieſer Schoͤnheit. Sie trug ein roſenfarbenes Unterkleid, welches mit Silber geſtickt war und daruͤber von goldbraunem Sammt ein offenes Ueberkleid, worauf die Stickerei von Gold war— die Aermel bildeten über dem feinſten Spitzengrund ein Netz von braunem Sammt, den am Handgelenk ein breites Band von Rubinen und Sma⸗ 336 ragden hielt— die ſchoͤnſte jugendliche Buͤſte war mit einem kaum wahrnehmbaren Schleier uͤberſpannt, der ſich in den mit reichen Spangen von den erwäͤhnten Steinen gehaltenen Buſenlatz verlor. Der kleine Fuß in dem goldenen Schuh war auf ein ſammtnes Kiſſen geſtemmt— zuruͤckgebogen in ihre Kiſſen ſtuͤtzte ſie den geſenkten Kopf, während das Kinn in der reizenden Hand ruhte. Wolken lagen verſtäͤnd⸗ lich auf ihrer Stirn, der Mund zeigte hartnaͤckigen Wi⸗ derſtand und wir konnen außer Zweifel daruͤber ſein, wo⸗ von Frau von Marſeeven mit ihrer ſanften, bittenden Stimme zu ihr redete. „Was kann es euch ſchaden, wenn ihr die arme bekummerte Frau ſprecht,“ fuhr ſie ſo eben fort—„es liegt oft in dem Anblick einer Perſon eine Ueberredung, gegen die alle andern Beweisgruͤnde gering ſind.“ „Ich will mich aber nicht uberreden laſſen!“ rief die Grafin von Caſambort, einen Augenblick den Kopf auf— richtend—„ich haſſe es, mich durch dieſe unbeſtimmten Eindrucke leiten zu laſſen; ich kann mein Gefuͤhl be⸗ zwingen, wenn die Anerkennung der Wahrheit dies von mir fordert; aber ich will zur Wahrheit auf anderm Wege kommen, als auf dieſen luͤgenhaften Mitleids⸗ und Gefuͤhlswegen.— Auch irrt ihr euch, Muhme, wenn ihr glaubt, ich erfuhre leicht von perſoͤnlichen Ein⸗ 337 druͤcken Umwandlung meiner Ueberzeugungen, vielleicht koͤnnte ich— wenn ich ſo unglucklich ſein muͤßte, ſolchen gemeinen Menſchen verwandſchaftliche Rechte zugeſtehen zu muͤſſen— ihnen eher gerecht werden, wenn ich ſie nie zu ſehen brauchte— mein Widerſtand wird aber un⸗ uͤberwindlich werden, wenn ich den Greuel ſolcher per⸗ ſoͤnlichen Beruͤhrungen ertragen muß.“ „Urica,“ ſagte hier Frau von Marſeeven, ſo ſtreng die ſanfte Frau es vermochte,„habt ihr auch das Recht, euch ſo eigenwillig Zugeſtaͤndniſſe zu machen, und habt ihr allein Rechte? Haben dieſe vom Leben gemißhandel⸗ ten Frauen nicht ein noch heiligeres Recht nach ſo langer, ſchwerer Verſchuldung des Schickſals gegen ſie?“ „Das iſt es eben,“ ſagte Urica und nahm ihre vorige Stellung wieder ein—„Heil'ger Gott! wenn ich denke, ſie wären es! und ich— ich, die vom erſten Be⸗ wußtſein meiner Kindheit an fuͤr ihr grauſames Schick⸗ ſal die Gerechtigkeit des Himmels anflehte— die mit der ganzen lammherzigen Sippſchaft haderte, die zu ver⸗ zagt war, ſie aufzuſuchen, zuruͤckzufordern— und jetzt — jetzt, da ich ſie finde, gemißhandelt, unterlegen dem fuͤrchterlichen Einfluß— jetzt erfullt mich ihre Nähe mit Abſcheu, Widerwillen und mit dem heißen Wunſche, ſie verleugnen zu koͤnnen; das iſt furchterlich— fuͤrch⸗ terlich!“ Jakob v. d. Nees. 1. 22 338 „Nun alſo,“ ſagte Flavia—„wenn ihr das Un⸗ recht fuhlt, dem ihr unterliegen könntet, ſo wahrt euch, uͤberwindet euch— denn ſo bleibt ihr in Widerſpruche verſtrickt.“ „Und dieſe ſind nicht fuͤr mich“— ſagte Urica, ſich gegen das Fenſter biegend—„Unentſchloſſenheit entſteht daraus und ich will lieber einen Irrthum zu bereuen haben, als dies entnervende Gefuͤhl herrſchen laſſen.— Aber ich ſchwoͤre euch zu Gott, Muhme, noch bin ich unſchuldig; mein Widerſtand iſt Ueberzeugung— ich glaube feſt, das ſind geraubte Papiere; Alle ſind Betru⸗ ger. Wer weiß, wo meine theuren rechten Verwandten ſchmachten oder gar als Maͤrtyrer zum ewigen Schlafe in kuͤhler Erde ruhen.“ „Arme Urica!“ ſagte Frau von Marſeeven, zu ihrer alten Sanftmuth zuruͤckkehrend—„das müſſen ſchreck⸗ liche Bedenken ſein— und wie ſoll man euch darin noch ferner zu Huͤlfe kommen. Cornelius Hooft, der die Mutter der jungen Frau ſah, iſt ganz bezaubert von der edlen Erſcheinung.“ Urica hatte ſich forſchend zu Flavia vorgebogen— ſie pruͤfte ohne boͤſen Willen die Angabe.„Ja,“ ſagte ſie dann muthlos zuruͤckfallend—„wenn nur dieſer weiſe, kluge, erfahrene Cornelius Hooft nicht ein ſo un⸗ ertraͤglicher Narr mit Frauen waͤre, daß er ihnen gegen⸗ —— — 330 uͤber all' ſeine Kardinaltugenden umſonſt hat— eine weiße Stirn— ein breites Augenlied— weg iſt er.“ Flavia konnte ein Lächeln nicht bezwingen; aber ſie ſchuͤttelte den Kopf— es ſollte eine kleine Vertheidi⸗ gung ſein. Urica aber ſtreckte ihr beide Hände entge⸗ gen und ſagte mit ihrem gewinnendſten Blick:„Muhme, du biſt ein wahrer Engel und um deinetwillen zermartere ich mein armes Herz, um es nachgiebig zu machen.“ Die edle Frau wollte nun gerade nicht bitten, da Urica ihr die Gewalt dieſer Bitten verrathen— ſinnend nahm ſie eine der kleinen, ſchoͤnen Haͤnde Urica's und betrachtete ſie, wie man ein Kunſtwerk anſchaut und tuppte in die zart gerötheten Gruͤbchen unter jedem Finger. „Sonderbar,“ ſagte ſie dann—„ihr, Urica, habt daſſelbe Zeichen, wie alle Frauen des Hauſes Caſambort — euch fehlt an eurem niedlichen kleinen Finger jeder Hand das dritte Glied. Eure Urahnfrau, wird erzählt, habe dies Glied eingebuͤßt, indem ihr eine Elfenkönigin, welcher ſie in ihrer Geburtsnoth beiſtand, einen kleinen Rubinring an den Finger ſteckte, der ſo klein und zierlich war, daß die kleine Koͤnigin das Fingerchen der Ahnfrau darnach einrichtete. So lange ich die Frauen eurer Fami⸗ lie kannte, fehlte ihnen immer, wie auch euch, dies dritte Glied, ja, was noch mehr iſt, man erzählte, immer die 22 älteſte Caſambort bekäme den Ring vererbt, aber ſie könne ihn bei Lebzeiten nicht verſchenken, denn er wiche nie wieder von dem Finger, dem er einmal angeſteckt waͤre — erſt der Leiche zog man ihn ab, und dann paßte er der Aelteſten, welche der Entſchlafenen nachkam, ſie mochte nun eine Frau, ein Mädchen oder ein Kind ſein.“ „Solche Familien⸗Legenden finden ſich faſt in allen alten Geſchlechtern vor, aber ſie haben etwas Geheim⸗ nißvolles, was ſie der Wahrheit naͤher bringt, wenn fort⸗ erbende äußere Zeichen in der Familie wahrnehmbar werden. Kanntet ihr dieſe Ueberlieferung?“ „Ob ich ſie kenne,“ rief Urica lebhaft, indem ſie raſch aufſtand—„ob ich ſie kenne? Wie oft iſt ſie mir erzählt worden. Jetzt— jetzt, Muhme Marſeeven, will ich die beiden Frauen ſehen— morgen ſo fruh als moͤg⸗ lich. Hier— hierher kann die jungere Frau kommen — dann— wenn das gewiß iſt, gehe ich und ſehe die andere. „O, es wäre entſetzlich— entſetzlich!“— rief ſie und warf ſich der Frau von Marſeeven in die Arme —„aber eben ſo entſetzlich, wenn ich ſie verleugnete!“: „Das denke ich auch und bin froh, daß euer beſſeres Gefuͤhl ohne Ueberredung zum Durchbruch gekommen iſt,“ ſagte Frau von Marſeeven, ahnungslos, daß ſie doch die Entſcheidung herbeigefuͤhrt hatte. ——— Beide Frauen behielten keine Zeit zu Erklärungen, denn die Graͤfin Comenes trat ein und kuͤndigte ihnen an, daß die Koͤnigin wuͤnſche, die Damen zur Nachtruhe zu entlaſſen. Beide gingen nun nach den Zimmern der Königin, wo bereits die engliſchen und hollaͤndiſchen Herren und Damen des Gefolges aufgeſtellt waren und die Königin erwarteten, die mit Herrn von Marſeeven in ihrem Ge⸗ heimzimmer eine Unterredung hatte, welche die Ungeduld der Hofleute in Bewegung ſetzte. Jetzt aber oͤffneten ſich die Thuͤren und die ungluͤck⸗ liche Henriette trat an der Seite des Herrn von Marſee⸗ ven, deſſen letzten Worten ſie noch mit geſenktem Kopfe zu horchen ſchien, langſam in die Verſammlung. Sie hatte den unverkennbarſten Ausdruck der Er⸗ ſchuͤtterung, und ihre auffallende Bläſſe hob ſich gegen ihr dunkles Haar noch mehr, welches ohne Schmuck war— wie beklommen ihre Bruſt war, verriethen die Alles beobachtenden Hofleute an den aufgeneſtelten Agraffen ihres Mieders— wie zerſtreut ſie war, an den entbloͤßten Armen und dem feuchten Schnupftuche, wel⸗ ches ſie in der Hand behalten hatte. Aber Alle, die ihre dermalige ſchwierige Lage kannten, mußten geruͤhrt ſein von der Selbſtuͤberwindung, womit ſie ihren Schmerz niederzudrucken ſchien, um der Gegen⸗ — wart und den verſammelten Perſonen gerecht zu werden. Jedes Wort, was ſie ſprach, bebte leiſe und war ſo ruͤh⸗ rend und weich, wie der Ton, mit welchem eine Mutter ihr Kind entlaͤßt.„Meine edle, liebe Caſambort“— ſagte ſie und legte auf Urica's Arm ihre Hand, ſo er— ſchöpft, als wolle ſie ſich ſtuͤtzen—„du biſt meinem muͤden Herzen Erquickung— du bluͤhſt wie eine Roſe im Juni— und man koͤnnte an unvergängliche Reize glauben, wenn man deine Schoͤnheit betrachtet. Der Sonnenſchein, meine Liebe, gluͤht noch uͤber deinem Scheitel— du haͤltſt Mißgeſchick noch fur eine Fabel alter Leute oder fuͤr eine Dummheit einiger Schwach⸗ koͤpfe, die du nicht zu fuͤrchten haſt.“ „Und Euer Majeſtät gelten fur die großte Menſchen⸗ kennerin?“ entgegnete die Grafin herausforbernd— „Nun,“ ſagte die Koͤnigin und blickte noch einmal und pruͤfender auf Urica—„willſt du ſagen, ich habe das eben nicht bewieſen? O, geh— geh, was du wohl Kummer nennſt? Wollte dein Schooßhuͤndchen heute keinen Biscuit eſſen— oder bellte er aus Eiferſucht den ungluͤcklichen Argyle an, als er dir knieend ſagte: du ſeieſt ſchoͤn wie die Goͤttin der Liebe?“ „Solche Veranlaſſungen zum Kummer wollten wir uns ſchon verbeten haben,“ unterbrach faſt zu haſtig die Gräfin dieſe Scherzrede—„eure unterthaͤnige Dienerin 343 — hält ſich ziemlich entſchloſſen Thorheiten vom Herzen ab— aber ernſtere Veranlaſſungen bleiben dem Leben keines Menſchen fremd und der Kummer erreicht fruh oder ſpät das feſteſte Herz.“ „O, du haſt Recht— du haſt nur zu Recht!“ rief die Königin mit einem ſo erſchuͤtternden Tone, als ſtrömte ſie darin die ganze Qual ihres Herzens aus.—„Sonſt — ſonſt träͤumte man von einzelnen Menſchen, die Gott auf eine Hoͤhe ſtellte, wo der Schmerz ſie nicht erreichte, damit ſie geſchickt blieben, den Kummer und die Leiden Anderer zu lindern; aber das iſt lang her— oder immer eine Fabel geweſen— und doch ſind wir ſo ſchlechte Troſter, wenn wir ſelbſt ungluͤcklich ſind!“ Sie hielt noch immer den Arm Urica's, und man fühlte, ſie war wieder zerſtreut von eignen Gedanken. Urica blickte voll Theilnahme auf die ungluͤckliche Frau, die nun eben ihre Augen zu ihr aufſchlug— „Vergieb mir,“ ſagte ſie, ihre Hand zuruͤckziehend— „das Alter moͤchte ſich an der Jugend erwaͤrmen— der arme Menſch will ſo gern das Gluͤck entdecken und irgendwo, wenn auch nur fuͤr einen Andern feſthalten können, aber es bebt wie Bluͤthenſtaub durch die Luft— jeder ſtreckt nach ſeinem Beſitze die Hand aus, aber in jedes Hand wird es zum Staube, der hoͤchſtens in einem leicht verſchwindenden Duft unſere Sinne auf kurze Zeit belebt. Ach! Urica— es iſt lang her, daß ich jung war— ich dachte, als ich dich ſah, Jugend bekame viel⸗ leicht mit dem Duft die Blume.“ „Jung bin ich,“ entgegnete Urica, um die Koͤnigin abzulenken—„aber Alle habe ich begraben, die zu mir gehoͤrten— und bin eine Witwe! Welch ein Irrthum, die Jugend fur gluͤcklich zu halten!— Jedes Leiden, was wir zuerſt erleben— und ſei es gering— findet einen tieferen Eingang in unſerm weichen ungepruͤften Herzen— o wie ſchwer— mit welchem leidenſchaftli⸗ chen Schmerz fugen wir uns grade in das erſte Ungluͤck! — ein Ungluͤck, ſo klein und gering, daß, wenn wir es am Abend eines Lebens wieder erkennen, es uns ſo wich⸗ tig erſcheint, wie das, was Euer Majeſtät erwähnten: daß etwa das Schooßhuͤndchen keinen Biscuit eſſen wollte.“ „Argyle,“ ſagte die Königin zu dem jungen Her⸗ zog, der an ihrer Seite ſtand—„iſt ſie nicht weiſe wie eine Matrone? Aber hat ſie auch Recht?“ „Die Grafin hat das Ungluͤck geſchildert, und ihm zu einer Gerechtigkeit verholfen, die mich zweifeln läßt, ob ſie es wirklich kennen lernte,“ ſagte der junge Mann —„ich im Gegentheil behaupte, nichts iſt klein und unbedeutend, was wir in der Jugend erleben, und nur die Jugend kennt den Schmerz— das Ungluͤck! ſie 345 ſpielt mit Allem, Gewinn und Verluſt um Leben und Tod— nicht mit halber Reſignation erfaßt ſie, was ſie begehrt— ganz oder nichts iſt ihre Looſung!— und dieſer Sinn erweckt auch große Widerſpruͤche im Leben und die chaotiſchen Umwälzungen, deren Geſtaltung ſie handhabt. Nein! auf das wahre Ungluͤck in unſerer Jugend werden wir auch im Alter nicht mitleidig hin⸗ blicken, als wäre es eine Thorheit des Augenblicks ge⸗ weſen!“ „Wenn man dieſe jungen Leute ſprechen hört, Grä⸗ fin Comenes,“ ſagte die Königin lächelnd—„ſo muͤſ⸗ ſen wir alten Leute bei ihnen in die Schule gehen, denn ſie wiſſen durchaus Alles zu nennen, was wir Zeit unſe⸗ res Lebens mit ſtiller Pruͤfung anſahen.— Aber trotz ihrer vorgeſchrittenen Gedanken ſuchen ſie doch gern Schutz unter unſern ruhenden Fluͤgeln— was wuͤrde aus ihnen, wenn wir ſie eben ſo ausgebreitet hielten, als ſie?— Vertraut mir doch, liebe Come⸗ nes, ob das ſtolze Kind hier auch, wenn ſie handeln ſoll, ſo von Weisheit ſtrotzt, wie wir eben vernah⸗ men?“ „O, in Wahrheit,“ ſagte die Gräfin Comenes— „dieſe junge Dame beſchaͤmt das Alter. Euer Maje⸗ ſtät ſehen in mir, als Rathgeberin, eine ſehr unnuͤtze Perſon— ich behalte blos das Vergnuͤgen, zuzuſehen, wie Jugend und Verſtändigkeit ſo ſchön neben einander kleiden.“ „Und du willſt, ſo begabt, nicht gluͤcklich ſein?“ ſagte die Koͤnigin faſt zärtlich, indem ſie einen Augen⸗ blick die Hand auf Urica's Stirn druckte. „Die Grafin vergißt das einzige Mittel, gluͤcklich zu werden!“ rief Argyle—„ſie will nicht glucklich ma⸗ chen! Wer das uͤberſieht, wozu er beſtimmt iſt, wird das auch nicht fuͤr ſich ſelbſt nuͤtzen können, was eben erſt dadurch volle Kraft fuͤr den Beſitzer gewinnt, daß es zum wahren Leben gelangt!“ „Welche Anklage, Argyle?“ rief die Koͤnigen la⸗ chend—„Heil'ger Gott, Mann! Du laßt mich furch⸗ ten, daß du Richter und Partei in einer Perſon biſt!— Und womit vertheidigſt du dich, ſchoͤne Witwe!“ „Vertheidigen?“ rief Urica, und wendete ſich halb zum Herzog von Argyle, um ihren vollen Stolz von der Koͤnigin ab, und ihm zuwenden zu können—„verthei⸗ digen? Kann davon die Rede ſein, wo keine perſoͤnliche Beziehung ſtattfindet, und jede Bemerkung unpaſſend wird, die dies Geſpräch aus der Allgemeinheit der Be⸗ trachtungen heraus lenken will? Euer Majeſtät haben gewiß allein das Recht, meine Antworten zu erwarten, wenn ſich dieſe Unterhaltung auf mich zu beziehen an⸗ faͤngt!“ — „Nun haben wir ſie boͤſe gemacht!— Frau von Marſeeven, helft mir, eure reizbare Muhme beſänf⸗ tigen!“ „O, Verzeihung!“ ſagte Urica ſchnell, indem ſie ſich zu der Hand der Koͤnigin niederbeugte— und dieſe ging laͤchelnd und ihr drohend voruͤber, um dann Alle zu verabſchieden, und ſich in ihre Gemächer zuruͤckzu⸗ ziehen.— Auch Urica betrat ihr Zimmer und eilte, nach Luft ſich ſehnend, zu dem großen Bogenfenſter, deſſen weit geöffnete Fluͤgel den Blick gewaͤhrten in den Hof. Es war der waͤrmſte duftendſte Sommerabend, und uͤber die niedrige Haͤuſerreihe der gegenuͤber liegenden Hofſeite wehte ein belebender Wind von der See her, deren wei⸗ ßes Spiegelbild gegen den dunklen Himmel zu entdecken war. Auf dem Hofe ſelbſt herrſchte jetzt tiefe Stille, aber in der Stadt lebte noch eine heitere Aufregung fort, und ferne Muſikchoͤre wechſelten in muntern Weiſen mit einander ab. Urica's Auge hing an dem hellen Streifen am Horizont, der ihr das Meer verkuͤn⸗ digte, und ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Bruſt, und ſie druͤckte dann einen Augenblick ihre Haͤnde gegen die heiße Stirn. „Er hat Recht! er hat Recht!“ ſagte ſie dann ge⸗ preßt—„aber ich kann nicht— ich kann nie anders! Eine geheime Stimme ſagt mir, er iſt nicht der Rechte — was ich fuͤhle, iſt keine Liebe! Er iſt ſo ſtolz und ſelbſtſuͤchtig, ſo eitel und ſicher mit Frauen! Es geht nicht! Wenn er das Recht hätte, ſo ſtolze und anma⸗ ßende Worte ſagen zu duͤrfen, wie eben— wenn ich ſchweigen muͤßte, wegen ſeines Rechtes an mir— ich wuͤrde todt hinſturzen vor Qual!“— Sie ſetzte ſich in eine der Fenſterbänke und ihre Blicke richteten ſich in den Hofraum. Der Mond verklärte den weiten Raum mit ſeinem klarſten Licht und die ganze Ausſtattung deſ⸗ ſelben, wie ſie heute der glaͤnzenden Empfangsſcene ge⸗ dient hatte, war davon erhellt. Urica wurde gegen ihren Willen davon angezogen; die Scenerie machte jetzt— leer von all den treibenden Menſchen, die ſie vorher be⸗ lebt, einen wunderlichen Eindruck. Die Stadt hatte nicht fur nöthig gefunden, ihre glanzenden Ausſtattun⸗ gen gegen die Nacht zu ſchutzen, denn in dem gewölbten Bogen des Portals ſtand eine Ehrenwache der Buͤrger⸗ miliz. Um den goldenen Thron hingen die golddurch⸗ wirkten Vorhänge, der Boden und die Sitze waren be⸗ deckt mit ihren koſtbaren Kiſſen und Teppichen, und vor Allem die leeren Armſtuͤhle, welche den Thron umgaben, in der magiſchen Beleuchtung des Mondes, machten einen unheimlichen Eindruck. Sie ſchienen ein Geiſter⸗ gericht zu erwarten, und ſie machten auf Urica den Ein⸗ ————— druck, als wäre ihr Anblick mehr ernſthaft drohend, als erheiternd feſtlich. Dies waren ihre Empfindungen, als ſie ſich in den Anblick vertiefte, und ſie hatte Muͤhe, ein kleines Grauen zu uͤberwinden, denn ihre Phantaſie war heute nicht zu zugeln. Alte Eindrucke erwachten— ſo in der Mitte eines Platzes pflegte man das Schaffot zu errichten— da ſaßen die Richter umher—„mein Gott, wohin gerathe ich,“ rief ſie plotzlich ſchaudernd—„wie konnten dieſe Wahnſinnigen gerade ſo ihre Huldigung anordnen— ſo gerade in einem Halbkreis umher die Richter— Gott, ſo — ſo muß es geweſen ſein, wie ſie mir's ſo oft beſchrie⸗ ben, als Barneveldt fiel und du— armer, ſchuldiger Groͤneveld!“ Ihr ſinnendes Auge ſuchte durch feſten Blick die Geiſter zu verſcheuchen, die aufgeſtiegen waren, und unter den lebloſen Gegenſtänden, die ſie angeregt, bewegten ſich jetzt zwei Perſonen, welche von ihr fruͤher unbemerkt, aus dem Seitengebaͤude getreten ſein mußten und ſo geraͤuſchlos wie möglich hinter dem Throne herumſchli⸗ chen und ſich der Haupttreppe nahten. Die Schildwache an den erſten Stufen rief ſie an und ſie horte die Parole „Königin“ von einer bekannten Stimme erwidern. Als ſie auf der weißen Marmortreppe emporſtiegen, bog ſich Urica vor und ſah neben dem jungen Herzog von Argyle 35⁰ eine große männliche Geſtalt, die einen Mantel verhuͤl⸗ lend, um ſich geſchlagen hatte, aber dennoch das Prieſter⸗ kleid einen Augenblick verrieth.„Es iſt der Beichtvater der Königin,“ ſagte ſie traurig—„o, Henriette, biſt du nicht aus den Fängen dieſer unerbittlichen Partei zu retten? Du ahnſt ihren verderblichen Einfluß— du fuͤhlſt, daß ſie dich auf Abwege lenken— du ſuchſt andern Rath, weil du das Verderbliche des ihrigen furchteſt; aber kaum haſt du dich ihnen gegenuͤber geſtellt, ſo packt dich die Reue— tief halten ſie dich feſt— du hoffſt vergebens, dich von ihnen loszumachen. Alvari — kalter, ſtolzer Heuchler— du wirſt alle Weisheit des edlen Marſeeven einpacken und ſie in deiner Kutte mit dir forttragen. Du haſt die arme, ſchwache Koͤnigin mit dem Lichte ſpielen laſſen, du wufßteſt es vorher, ſie ſank mit gebrannten Fluͤgeln zur Erde— wer einmal ſich in eure truͤgeriſchen Arme warf, dem habt ihr die Kette an⸗ geſchmiedet, die kein Hammerſchlag, keine Feile wieder trennt— ihr macht ſie lang und kurz und laßt euren Gefangenen daran forttaumeln, daß er ſich frei wahnt — endlich zieht ihr ſie an und er fuͤhlt, es iſt keine Ret⸗ tung— das ewige Zeichen der Knechtſchaft wuͤrgt an ſeinem geſunden Leben und er muß ſich ergeben, um nicht von euch geopfert zu werden.“ Schmerzlich keng ſank Urica in ihre Kiſſen zuruͤck 351 — wie viel Erfahrungen hatten der fruͤh Gereiften die bittern Worte eingegeben! Da öffnete ſich die Thuͤr und eine der Frauen Urica's trat ein und meldete, der Herzog von Argyle ſei mit einem Befehle der Königin vor der Thuͤr. Urica ſchreckte empor—„ um dieſe Stunde?“ fragte ſie erſtaunt—„und von der Königin?“ „Von Ihrer Majeſtaͤt der Konigin,“ erwiderte das Maͤdchen—„der Herr Herzog haben einen Auftrag an Euer Gnaden— es ſei auf Befehl.“ „Ich zweifle nicht,“ ſagte Urica, von einer unbe⸗ zwinglichen Empfindlichkeit erfaßt—„aber die Stunde iſt dennoch nicht paſſend.— Wo iſt die Gräfin Co⸗ menes?“ „Sie hat ſich gleich zur Ruhe begeben und klagt uͤber Unwohlſein—“ „Bitte den Herrn Herzog, dir ſeinen Auftrag mit⸗ zutheilen— ich werde ihn durch dich erfahren konnen,“ ſagte Urica nach einer Pauſe—„doch,“ ſetzte ſie ſchnell hinzu—„merke dir wohl jedes Wort— er kommt von der Königin.“ „Der Herr Herzog Bſn dieſen Befehl Euer Gnaden vorausgeſehen haben, denn er hat mir gleich geſagt, er könne ſeinen Auftrag nur Euer Gnaden ſelbſt abgeben.“ „Wie hartnaͤckig!“ ſagte Urica vor ſich hin—„er ahnt meinen Widerſtand— aber auch hier wie uͤberall will er ſeinen Willen durchſetzen und doch— wenn die Königin etwas Dringendes wuͤnſchte— darf ich mich ihren Befehlen entziehen?“ „Gertha,“ ſagte ſie entſchloſſen—„fuͤhre den Herzog ein— und du und Ulla nehmt mit eurer Spin⸗ del an jenem Fenſter nach dem Wall hinaus Platz. Doch erſt zuͤnde die Kerzen uͤber dem Kamin an und ſetze dem Herzog hier vier Schritt vom Fenſter ab einen Seſſel hin.“ Schnell hatte Gertha Alles beſorgt und der eintre⸗ tende junge Mann bedurfte nur eines Blickes, um alle Anordnungen der vorſichtigen Urica zu uͤberſchauen. Ein kaum merkliches ironiſches Lächeln zog um ſeinen Mund — an dem Lehnſtuhl voruͤber, den ihm Urica, indem ſie aufſtand ihn zu begruͤßen, andeutete, ging er, ohne dar⸗ auf zu merken, voruͤber und dem Fenſterſitz gegenuͤber Urica ſich nahend, verneigte er ſich, kniete nieder und ſagte zwiſchen Spott und Zaͤrtlichkeit:„Hetzet nicht euer Schooßhuͤndchen auf mich, geſtrenge Schoͤnheit— ich habe den Auftrag von der Foͤnigin, euch dieſe Roſe zu bringen.“ „Von der Koͤnigin?“ ſagte Urica und in ihrem Tone lag ein unwillkuͤrlicher Zweifel— 353 „O, zweifelt nicht! Argyle haͤtte nie den Muth zu ſo verwegener That— es iſt auf Befehl, ich bin der Bote.“ Die Gräfin Urica fuͤhlte ſich ungemein gekraͤnkt durch dies ganze Verfahren— ſie ſah ſich wie verſpottet und in ihrer weiblichen Zartheit gekraͤnkt an— ſtolz erhob ſie ſich, und indem ſie die Roſe mit einer Verbeu⸗ gung nahm, ſagte ſie:„Da der Herr Herzog Boten⸗ dienſt uͤbernommen hat, ſo bringt er wohl der Koͤnigin meinen unterthaͤnigſten Dank— und nun, Herr Herzog, haben wir Beide den Befehl Ihrer Majeſtät erfuͤllt.“— Damit verneigte ſie ſich abermals und ſchritt langſam gegen die Thuͤr des Nebenzimmers vor, und der Her— zog konnte natuͤrlich nicht in Zweifel ſein, daß gemeint ſei: ſie habe nun auch mit ihm weiter nichts zu ſprechen und er ſei verabſchiedet. Doch dieſer junge Mann war einer von den gefaßten Gegnern der ſchoͤnen, ſtolzen Graͤfin, und er begleitete ſie daher, ruhig neben ihr herwandelnd, bis zur Thuͤr, wo ſie ſtehen blieb— dies that er auch— Urica fuͤhlte, daß er ihre Ruhe bravire und der Zorn ſtieg kaum be⸗ zaͤhmbar in ihr auf. „Auf morgen denn, Herr Herzog,“ ſagte die Grafin und legte ihre Hand auf den Druͤcker der Thuͤr— „O nein, theure Grafin,“ ſagte er jetzt in leichtſin⸗ Jakob v. d. Nees. 1. 23 niger Weiſe—„nicht das war die Abſicht der Koͤnigin, als ſie mir in dieſer Roſe den Schluͤſſel zu eurer Thuͤr ubergab— ſie wollte mir Gelegenheit geben, euch zu ſehen und zu ſprechen.“ „Wenn die Konigin eine Unbeſonnenheit beabſich⸗ tigte,“ ſagte Urica und biß unwillkuͤrlich in ihre Lippen —„ ſo bedingt das nicht, daß ich ſie durch mein Betra⸗ gen anerkenne.“ „O, um Gotteswillen!“ rief der Herzog im ſelben Ton—„haltet ein; wie entſtellt dieſer Tugendaufwand eure Schönheit— ich— der ich verſchmachte nach einem Lächeln eures goͤttlichen Mundes, ich, der ich dieſen ſchrecklich langweiligen Tag hingekeucht habe unter die⸗ ſen geſteiften Buͤrgern mit ihren vergoldeten Späßen und gellendem Jubelgeſchrei— ich verdiente in Wahr⸗ heit eine kleine Erquickung, um nicht auch den Abend hinzuſterben an Ueberdruß und ungewohnter Plage.“ „Ich glaube, Mylord,“ ſagte Urica mit gleichem Stolz—„daß euch der Anblick eines freien Volkes ein ungewohnter Anblick iſt— und ich bedaure, daß euch die Ergießungen harmloſer Freude, welche meine edlen, ſtolzen Landsleute blos nach dem Willen ihres Herzens abmeſſen, langweilig waren— freilich iſt in dem Lande, woher ihr kommt, die Stimme des Volkes erſtorben und ſtatt der geſteiften Buͤrger ziehen zuͤrnende Rotten durch 355 die Straßen— und nicht vergoldete Spaͤße, wie ihr es nennt, ſind zu ſehen, nicht Jubelgeſchrei wird gehoͤrt— ſondern der traurige Ton eiſerner Waffen.“ Urica hatte ſich geraͤcht— aber es iſt eine alte Er⸗ fahrung, daß, wer ſeinem zuͤrnenden Herzen vollſtändig genug thut, ſchon das Maaß der Vergeltung uͤberſchrit⸗ ten hat, und daß wir zu unſerer Strafe faſt in dem Mo⸗ ment, wo wir unſerm Zorn genug gethan, ſchon ein⸗ ſehn, daß wir zu weit gegangen, und daß wir dadurch gegen den in Nachtheil getreten ſind, der uns heraus⸗ forderte. „Woran erinnert ihr mich ſo ſchonungslos?“ ſagte Argyle und wendete ſich von ihr— langſam ging er dem Fenſter zu, ſank auf dem Sitz darin nieder und ſtuͤtzte den Kopf in die Hand. Argyle war eine maͤnnliche Schönheit, die geiſtrei⸗ chen Frauen am gefaͤhrlichſten wird. Er war keine von jenen regelmaͤßigen Antinousbildungen, die in ihrem vollkommenen Ebenmaaß, ihrer reinen Farbenpracht faſt zugleich den unerlaͤßlichen Anſpruch ihrer makelloſen Schoͤnheit zur Schau tragen und durch die ſich ſchonende pflegende Sicherheit, womit ſie jeden Triumph uͤber weibliche Herzen ohne weitere Bemuͤhung erlangt glau⸗ ben, ein ſittſam ſtolzes Herz zu einem meiſt glůcklichen Widerſpruch reizen, der ihre Schoͤnheit unſchädlich macht. 23* 356 Argyle mußte man erſt haͤufiger ſehn, um zu begrei⸗ fen, daß er gefaͤhrlich ſein konnte, und ſein gleichguͤltig anſpruchsloſes Weſen, was alle Aufmerkſamkeit von ſich abzuhalten ſchien, bewirkte grade bei den Frauen, daß ſie ſich, ohne Gefahr zu fuͤrchten, mit ihm beſchäftigten. Er war von mittler Größe, und obwohl noch jung, doch mehr kraͤftig und feſt, als zierlich gebaut— dieſe Figur konnte aber ſeinen Jahren voraus in der Haltung etwas hochmuͤthig gebietendes haben, wenn auch ge⸗ wöhnlich eine gleichguͤltige Nachläßigkeit dieſe Eigenſchaft verdeckte. Er hatte langes, rabenſchwarzes Haar, welches ſchlicht von der Stirn geſcheitelt niederfiel. Dieſe Stirn war hoch und ſchmal und eine charakteriſtiſche Naſe, die fein gebogen und lang, faſt zu ſchmal erſchien, gab der Stirn eine noch groͤßere Bedeutung— die langen, weitgeſchnit⸗ tenen Augen waren dunkel, mit langen Augenwimpern, graden Augenbrauen— ihr Ausdruck war nicht im Zuſammenhang mit dem des Mundes, der, ſchmal aber ſchongeformt, etwas geheimnißvolles hatte. Sie konnten hinreißen in Weichheit, in Guͤte und Zaͤrtlichkeit— ſie konnten Flammen und Blitze ſchleudern und es blieb in ihnen etwas tuͤckiſch Lauerndes zuruͤck— ſie konnten hoͤhnen und in Kälte und Uebermuth ſchauen— ſie waren nie dieſelben, aber ſie zogen eben deshalb an und —— 357 man war neugierig bei jeder Veranlaſſung zu erfahren, was ſie ſagen wuͤrden. Seine Farbe war blaß und gelb⸗ lich von der Stirn bis zum Kinn— nur ſelten rötheten ſich bei Gemuͤthsbewegungen ſeine Wangen— er ward dann faſt ſchoͤn. Er hatte noch etwas unregelmaͤßiges, was ihm nicht zum Nachtheil gereichte— ungewohnlich ſchmale, fein gebaute Häͤnde, die aber eine uͤberra⸗ ſchende Muskelkraft beſaßen. Aehnlich ſeiner ganzen Erſcheinung war ſeine Klei⸗ dung; man haͤtte ihn nicht beſorgt darum halten können, und dennoch verſtärkte ſie immer die Bedeutendheit ſeiner Erſcheinung. Heute trug er ein ſchwarzes Sammtwamms mit Gold geſtickt und mit violetter Seide durchzogen— der Mantel von violettem Sammt mit Goldſtoff gefuttert — Beinkleid, Struͤmpfe und ſelbſt Schuhe nach der damaligen Mode von weißer Seide mit Goldſtickerei— das Degenband war eine bunte Moſaik von Edelſteinen — Kragen und Manſchetten von feinen Spitzen— das Barett mit einer weißen Feder geſchmuͤckt. Urica haͤtte Zeit gehabt, dieſe Bemerkungen ſelbſt zu machen, denn ſo wie der Ausbruch ſeines Schmerzes die hoͤhnenden Stachelreden Beider unterbrochen hatte, ging in ihrem Herzen eine maͤchtige Veraͤnderung vor. Auch ſie ſandte immer erſt den Pfeil ab, ehe ſie uͤber die 358 blutende Wunde ſich entſetzte und mit dem heißen Ver⸗ langen erfullt ward, ſie heilen zu koͤnnen. Urica blieb an der Thuͤr ſtehen und blickte zu ihm hinuͤber, und in ihren Augen lag eine Offenbarung der Gewalt, die ihr geworfener Gegner eben darum uͤber ſie erlangt hatte. Aber ſie kaͤmpfte mit der Nachgiebigkeit nicht mehr aus Stolz, ſondern aus Beſchaͤmung. Da richtete ſich Argyle auf— ſeine Augen ſuchten ſie— o, wie ſchoͤn war ſie, als er ſie fand; ſo blaß wie der Schnee ihrer Schultern, die Arme niederhaͤngend, und dieſe Augen, die ſo groß, ſo maͤchtig werden konnten, auf ihn gerichtet mit einer ruͤhrenden Bitte um Ver⸗ zeihung. „Urica,“ rief er und im Augenblick war er bei ihr und fuͤhrte ſie zu ihrem Sitz zuruͤck und knieete vor ihr nieder und ſie blickten ſich verſoͤhnt in die Augen. Beide verhaͤrteten ſich ſo leicht und es bedurfte dann erſt eines maͤchtigen Schlages, daß die weicheren Quel⸗ len des Herzens floſſen; ſolche Menſchen und ſolche Situationen bekommen dann leicht etwas uͤberſchweng⸗ liches, ſie fuͤhlen ſich in ihrer endlichen Niederlage wohl, die Anſtrengung des Widerſtandes macht einer ſuͤßen Hingebung Platz, in der ſie ſich ausruhen, und als ob ſie fuͤhlten, der Zuſtand werde nur vorubergehend ſein, 359 ergrunden ſie ihn wie zum Andenken; Leidenſchaften hat Jeder nur wider Willen.. „Koͤnnt ihr mir vergeben, Argyle?“ ſagte Urica mit bebender Stimme—„ich fuhle es tief, was ich ge⸗ than, darum bitte ich euch, hindert meine Reue nicht— ſie iſt groß—“ „Urica!“ rief er mit der hochſten Weichheit— „edles hochherziges Weib— erſt vergebt mir, denn ich bin allein der Schuldige— ich habe euch muthwillig gekränkt, verletzt— ich habe wie ein roher Knabe euer edles Blut gereizt, bis ihr den edlen Schrei der Rache ausſtießet. Nein, nicht ihr,“ fuhr er fort, Urica unterbrechend—„ich— ich muß eure Ver⸗ gebung anflehen.“ Argyle bewies, daß harte Maͤnner am hingebendſten ſind, wenn ſie endlich den Uebergang gefunden— auch klagen Maͤnner uͤberall ſich dann am heftigſten und un⸗ erbittlichſten gegen Frauen an, wenn ſie ihres zärtlichen Widerſpruchs gewiß ſind und ſie ihre Rechtfertigung kaum zuruͤckweiſen können, und ſich nur zu erleichtern brauchen, uns ihre Liebenswuͤrdigkeit darzulegen. O,“ ſagte endlich Urica mit der tiefen Wahrheit ihres Gefuͤhls—„es wird mich nie rechtfertigen, daß ich— die Freundin, die Vertraute eurer edlen Schmer⸗ zen um euer ungluͤckliches Vaterland— daß ich dieſen 360 Schmerz benutzte, um euch zu ſtrafen fur eine kleine Neckerei.“ „Hab' ich euch nicht ſelbſt herausgefordert, indem ich euer Geburtsland angriff, ja lacherlich zu machen ſuchte, gegen meine Ueberzeugung, da Alles, was ich heut ge⸗ ſehn, erlebt, mir ſo ehrwuͤrdig, ach— ſo beneidens⸗ werth erſchien?“ „Durfte mich das irren?“ ſagte Urica—„ſah ich euch nicht? ſtand ich nicht an eurer Seite bei unſerm Einzug— mußte ich nicht Alles wiſſen, was in euch vor⸗ ging— ach und konnte ich den Tadel uber mein freies geſegnetes Vaterland wohl ſo tief empfinden, als ihr den leiſeſten Vorwurf uͤber das eure, an deſſen Gebre⸗ chen ich euch krank darnieder liegend weiß?“ „Ja eben, weil ihr wußtet, wie ich empfand, muß⸗ ten meine Ausfälle noch perſönlicher werden— euch noch tiefer kraͤnken, denn ſie galten nicht der Sache, ſie galten als Mittel meiner böſen Laune gegen euch.“ Dies Eingeſtändniß war zu wahr, als daß es nicht Urica ohne Erwiderung hätte laſſen ſollen— nach einer Pauſe ſagte ſie mit einer Milde, die ſie unendlich ver⸗ ſchönerte:„Und womit hatte ich euren boſen Willen verdient?“ „Mit nichts— als mit eurer göttlichen Schönheit ſelbſt— mit Allem, was mich entzuckt, elend, gluͤcklich, verzweifelnd und berauſcht macht! Ich, der ich das Mur⸗ meln der Bewunderung hoͤre, wo ihr erſcheint, die bezau⸗ berten Männer ſehe vom Hoͤchſten bis zum letzten Knecht im Volke, und daß ſelbſt Frauen in euch verliebt werden wie dieſe Koͤnigin, die euch liebkoſt, als wäre ſie euer Ge⸗ liebter; das macht mich raſend— weil ich fuͤhle— ich— ich unter Allen liebe, bete euch am meiſten an und zuͤrne mir doch deshalb, weil ich mich in meiner Kraft dadurch gebrochen fuͤhle— weil meine Gedanken von Allem, was ſie denken ſollten, umwenden, um uͤber das Löckchen auf eurer Stirn, uͤber das Blinzeln eurer Venus⸗Augen nachzudenken. Mit Verzweiflung fuͤhle ich mich ſo ver⸗ ſtrickt durch euch, ſo ums Leben gebracht durch euch und will es zuletzt nicht dulden; ich verſuche es, euch zu haſſen— ich will euer Goͤtterbild zertruͤmmern, um wieder frei zu werden— ein Mann, wie ich vorher war— dem Gluͤck entſagend, dem Vaterlande geweiht, gefaßt, mit ihm und ſeinem Geſchick verſchlungen zu werden. Dann ſuche ich durch harte Worte euch zu reizen, daß ihr zuͤrnen, mich wieder kraͤnken ſollt— aber wie ſchoͤn ſeid ihr in eurem Zorne— zu euren Fuͤßen moͤchte ich niederſinken, wenn ich euch zu kränken ſcheine, und mich ſelbſt ver⸗ wuͤnſche ich im geheim, weil es Einen giebt— obgleich ich es ſelbſt bin— der euch zu widerſtehen unternimmt.“ Er hatte bei den letzten Worten ſein Angeſicht verhuͤllt 362 und der leidenſchaftliche Ausbruch ſeines Gefuͤhls hatte ihn verhindert, die Wirkung auf Urira zu beobachten. Sie war nicht durch die ungeſtuͤme Darlegung einer ſo gluhenden Leidenſchaft zu gewinnen. Es zog ſich etwas in ihrem Herzen wieder zuſammen, welches erweicht ge⸗ weſen war durch den Vorwurf unedler Rache, den ſie ſich glaubte machen zu muͤſſen. Ihr nur in Freiheit leicht athmendes Herz fuͤhlte die Leidenſchaft Argyle's wie heiße, ſchwere Luft, wie eine ihr aufgebuͤrdete Laſt, wie eine Verantwortlichkeit. Gewohnt Liebe zu erregen und uͤberall bewundert zuwerden, hielt ſie in ihrer wahrhaft jungfräulichen Sprodigkeit doch die Annäherungen der Maäͤnner, wozu die Meiſten Luſt hatten, von ſich ab und darum grade hatte ſich die ſtolze, kalte Seite ihres Aeu⸗ ßern mehr noch entwickelt. Sie wuͤrde erſtaunt, viel⸗ leicht gekränkt geweſen ſein, wenn ihr irgendwo die Hul⸗ digung verſagt worden ware— aber dieſe ſollte wie ein Eultus aus weiter Ferne ſie beruͤhren. Dennoch hatte Argyle eine andere Stellung gegen ſie angenommen— und dennoch ſprach er zum erſten Male von ſeiner Liebe zu ihr— und nachgiebiger mußte er Urica getraumt haben. Urica hatte den Grafen in England kennen lernen und in ihm einen weitlaͤufigen Verwandten gefunden. Der Zuſtand Englands war ſo auf die Spitze ge⸗ —. 363 trieben, daß ſeine Verwickelungen jebes Privatverhaͤlt⸗ niß beruͤhrten und das herrſchende Geſpräch des Tages waren. Argyle mißbilligte im hoͤchſten Grade die Schritte des Hofes und war dennoch ein Anhaͤnger der koͤnigli⸗ chen Familie. Er hatte Verſtand, Scharfſinn und ihm war durch fruͤhere gluͤckliche Entwickelung eine richtige und vorurtheilsfreie Beurtheilungskraft zu Theil gewor⸗ den. Urica's ganze Richtung zog ſie zum Nachdenken üͤber politiſche Zuſtände hin— und der junge Herzog fand in ihr eine aufmerkſame, theilnehmende Zuhoͤrerin, und erſtaunte uͤber ihre Auffaſſung, die ſie weit uber die gewöhnliche Bildung ihres Geſchlechts erhob. Hier glaubte Urica den Mann gefunden zu haben, der es nicht ſein erſtes Geſchäft ſein ließ, einer Frau zu huldigen. Sie glaubte ihn ſo von hoͤheren, heiligeren Vaterlandsgefuͤhlen beherrſcht, daß er ein junges Weib zu ſeiner Vertrauten machen koͤnne und ihre Reize dar⸗ uber vergeſſen. Dies war die Art der Huldigung, die ſie noch nicht erlebt, und ſie fuͤhlte gegen den Mann, der ſie ihr mit Behauptung ſeiner eigenen Wuͤrde dar⸗ brachte— zum erſtenmale das ſchone weibliche Gefuhl der Hochachtung, der Demuth.— So ſollte der Mann ſein, dem ſie ohne Entwuͤrdigung ſich unterordnen konnte — frei, wie ſie ſich ſelbſt fuͤhlte und behaupten wollte 364 — uͤber das kleine perſoͤnliche Intereſſe der Liebe hinweg, von großen Weltintereſſen bewegt und ihnen zugewendet in That und Gedanken— das mußte die Atmoſphaͤre ſein, in der ſie ein innigeres Verhältniß zu einem Manne denken konnte. Argyle ſchien es ihr zu bieten— er hatte, glaubte ſie, den erſten Eindruck ihrer Schonheit uͤberſtanden, ohne, wie alle Andern, in eine jämmerliche Auflöſung von Liebesnoth zu gerathen— er hatte ihr ſtatt Liebe Geiſt— ſtatt der Verſe Politik— ſtatt Heirathsanträgen Verbindungen geboten für die hochſten Intereſſen des bedrängten Vaterlandes. Ja, das war der Mann, der endlich feſt ſtand fuͤr ſich— nicht ab⸗ hangig von dem Zucken ihres Mundes— und das war der Mann, von dem ſie ohne Errothen die Liebe wollte kennen lernen, wie ſie dies Gefuhl verſtand— die groß⸗ artige, feſte, erhabene Liebe, die uneigennutzig, ohne Pläne und Wuͤnſche fuͤr den Beſitz in der Freude uber die Exi⸗ ſtenz des Gegenſtandes beſteht. Wenn Argyle nicht auf dieſer erſten kuhlen Höhe des Gefuhls zu bleiben vermochte— bemerkte doch Urica die Uebergaͤnge nicht, die ihn ſchon davon entfernt hatten, denn ihr Verhaͤltniß war noch von ihrem Charakter beſchutzt, in deſſen Natur Selbſtſtändigkeit, Freiheit und Unabhäͤngigkeit lag. Durch die Vertraulichkeit, die der Austauſch ihrer Gedanken, ihrer Sorgen, ihrer Plane 365 veranlaßt, war aber unwillkuͤrlich eine Reibung entſtan⸗ den, die gefahrlicher als Jugend und Schönheit die Lei⸗ denſchaftlichkeit in ihnen reizte. In dem Maaße, wie Argyle fuͤhlte, daß Urica zugleich ein vollkommen ſchö⸗ nes Weib ſei und das erſte Gefuͤhl gluͤhender Liebe in ihm werde, in dem Maaße war er faſt erzuͤrnt uͤber ſeine Niederlage und beſtrebt, das Weſen zu beherrſchen, deſ⸗ ſen Herrſchaft er furchtete. So wie Urica ſich durch Argyle in gewoͤhnliche Männerkuͤnſte, Wechſel der Laune, unberechtigte Ver⸗ traulichkeiten, kalte Zuruͤckſetzung und launenhafte Wiederkehr der fruͤheren ſchoͤneren Haltung verflochten ſah, unterlag ſie nicht wie ſo Viele und ſo viele Liebens⸗ wuͤrdige ihres Geſchlechts, ſondern ſie nahm mit Faſ⸗ ſung den Kampf an— und das Strankett in der ſichern Hand flogen die Federbälle des guten Herzogs meiſt auf ſeine Stirn zuruͤck. Dennoch blieb Urica uͤber dieſe Kaͤmpfe hinaus im Verbande einer Freundſchaft zu ihm, die aber ſchon mehr dem gemeinſchaftlichen Intereſſe angehoͤrte und ihm noch immer das begluͤckende Verſtaͤndniß erhielt, das nur eines Blickes bedarf, um die Uebereinſtimmung zu verrathen. Die letzte Zeit hatte Urica in dieſer Be⸗ ziehung wieder ſicherer zu ihm geſtellt, weil ſie ihm be⸗ reits auf dem vaterlaͤndiſchen Boden Dienſte zu leiſten 366 vermocht hatte und Worte und Handlungen nun in ihr ſich vereint zeigten und den feſten Ernſt, den ſtarken Willen eines Mannes beglaubigten. Urica wollte nicht von Argyle geliebt ſein, und ſie mußte es ſich immer mit zuͤchtigem Ernſte wiederholen, daß es nicht Liebe ſein könne, was ſie ihm zu bieten habe— ſie wollte daher ſein Gefuͤhl— großmuͤthiger als der ſtolze egoiſtiſche Sinn eines Mannes es zu ah⸗ nen vermag— ſie wollte ſein Gefuhl fuͤr ſie nicht zur Liebe ſteigern, nicht um den Preis ſeiner männlichen Selbſtſtäͤndigkeit erweckt ſehen. Wir kommen nun auf den Moment zuruͤck, der plotzlich den von einer lang unterdruͤckten Leidenſchaft uͤberwältigten Mann vor Urica verrieth— und wir wer⸗ den ſie jetzt vielleicht verſtehen, wenn wir ſagen: Urica fuhlte ſich durch dieſen Ausbruch, der ſie zur Herrſche⸗ rin uͤber ihn ſetzte, weder erfreut noch erhoben— ſon⸗ dern merklich abgekuͤhlt, und die Wahrheit ihres Cha⸗ rakters und die damit ſo leicht vereinte Ruͤckſichtsloſig⸗ keit ließen ſie nur daran denken, dieſe Scene zu been⸗ digen. „Steht auf, Mylord von Argyle,“ ſagte ſie— „ihr vergeßt meine und eure Stellung— laſſen wir dieſe gewoͤhnlichen Ausbruͤche des Gefuͤhls, die uns Beide auf einen Boden hintreiben moͤchten, auf den wir nicht hingehoͤren und auf dem die großen Intereſſen, die uns vereinigen und beſchaͤftigen, ſich ſchlecht aus⸗ nehmen moͤchten.“ Argyle horchte auf dieſe Worte, und der jähe Ueber⸗ gang, den ſie in ihm bewirkten, drohte ihn zu erſticken. Er ſprang auf und ſah ſie an, als muͤſſe ihr Anblick ihm die Wirklichkeit des eben Gehoͤrten erſt beſtätigen— er fand, was er fuͤrchtete— die Ruhe, die ohne allen Kampf erlangt wird und auf Kalte ſchließen läßt. Und er hatte ſich eben ihr hingegeben wie noch nie, er hatte ſich ſchwach ohne allen Ruͤckhalt gezeigt, er war nichts geweſen als ein verliebter Knabe, der alle ſeine Mittel, ſie zu quälen, ihr verrathen und ſie ihr ſelbſt als Urſache der Ausbruͤche ſeiner raſenden Leidenſchaft aufgedeckt. Nach dieſen Geſtändniſſen mußte ſie ihm fuͤr immer mit dem vollſten Gegengeſtändniß ihrer Liebe angehören— oder das ſeinige blieb eine unerträgliche Profanation, ein ewiger Widerhaken in ſeiner Bruſt, der die Wunde aufgeriſſen erhalten mußte. Ha! dachte er— iſt es nicht möglich, ſie zu haſſen— dann waͤre ich zu retten — haſſen! haſſen— verfolgen— mich dann rächen fur dieſe verſchmähten Augenblicke— das ſchien ihm Rettung— aber ſie war auch aufgeſtanden und lehnte uͤber den Sitz am Fenſter, als habe ſie weder geſehn noch gehoͤrt, was ihn ſtachelte. Der Mond warf ſein volles Licht auf ihr Geſicht— und darin war keine Spur von Hohn, Triumph oder Verachtung— es war ein ruͤhrender Ausdruck von Trauer darin, ein Kum⸗ mer faſt und ein Nachdenken ſo ernſt und tiefſinnig. „Heil'ger Gott!“ mußte er gegen ſeinen Willen denken—„und dies Weib konnteſt du mit dem Wahn⸗ ſinn der Liebe zu ruͤhren hoffen— von dieſer erhabenen Seele die Hoffnung der Erwiderung fordern. Sie ſoll fuͤhlen, wie Tauſende um ſie her— an Empfindungen ſich verlieren, die ſie der großen Sphaͤre des Gedankens entreißen!— Ha! welch ein Wahnſinn, das zu wol⸗ len!“— ſtieß Argyle gegen ſeinen Willen laut heraus— „Was?“ fragte Urica und wendete ſich ernſt zu ihm— „Ha!“ rief Argyle—„zu wollen, daß ihr fuͤhlen ſollt wie ein liebend Weib.“ Urica ſenkte die Augen und ſchwieg einen Augen⸗ blick—„Argyle,“ ſagte ſie dann ſanft, aber mit einem Ehrfurcht gebietenden Ausdruck—„verwirrt nicht die einfachen Anſchauungen, die mich mein Geiſt, mein Herz lehren. Macht mich nicht wankend durch eure Aeußerungen in dem, was ich fur Liebe halte— das Eine muͤßte ich furchten als eine gemeine Knechtſchaft der edlen menſchlichen Natur— das Andere moͤchte ich gern feſthalten als eine heiligende Kraft der Seele, in Se. 369 deren Beſitz der Menſch ſich erſt recht ſeiner göttlichen Natur in freier Thätigkeit zu ſeiner Selbſtvollendung utwickeln kann— ich moͤchte dieſe letzte Art der Em⸗ pfindung gern als Liebe anerkennen, ich moͤchte ſie em⸗ pfinden und feſthalten— ob fuͤr euch? Vergebt mir— aber ich weiß es noch nicht und muß bezweifeln, daß meine antheilvollen Gefuͤhle fuͤr euch ſo zu nennen ſind — aber ich widme ſie auch bis jetzt keinem andern Manne.“ „Urica!“ rief der Herzog uͤberwaltigt und verſoͤhnt. —„Entfernt euch,“ ſagte Urica—„kein Wort weiter.“ Die Frauen erhoben ſich, ihm das Geleit zu geben. Als Urica allein war, hob ſie Haͤnde und Augen gen Himmel und verdeckte dann ihr Angeſicht damit. „O, daß es keinen Mann giebt, der es werth iſt, geliebt zu werden!“ rief ſie dann mit dem ſchneidendſten Ton des Schmerzes— und lange hing ſie noch, vom Monde beſchienen, in dem einſamen Fenſterſitz, und als ſie aus ihrem Sinnen erwachte, fiel ihr mit Erſtaunen auf, daß ihr Tuch feucht war und ſie geweint haben mußte. Da die Koͤnigin das große Banquet im Stadthauſe angenommen hatte, behielt ſie den Morgen zur Ruhe Jakob v. d. Nees. l. 24 wenigſtens ſcheinbar, denn im Gegentheil benutzte ſie dieſe weniger beobachtete Zeit, um den bei weitem ſchwerſten Theil ihres Beſuchs zu erreichen— um Geld, Kriegsvorraͤthe und Verſprechungen zu fortdauernden Subſidien von der reichen Stadt Amſterdam zu erlan⸗ gen, da ihr der Prinz Statthalter darin durch ſein Pri⸗ vatvermogen, welches ihm zu eignen Zwecken ſo nöthig war, nur ungenuͤgende Aushilfe hatte bieten können. Dadurch kam es, daß ſie ihrem vornehmen Hof⸗ ſtaat volle Freiheit gegeben hatte— und dieſe freie Zeit ſollte nun fuͤr Urica beſtimmt werden, die Perſonen zu ſehen, die ſich ihre Verwandten nannten. Frau von Marſeeven hatte gewuͤnſcht, von dieſer erſten Begegnung Nees abhalten zu können, weil ſie den nachtheiligen Eindruck dieſes Menſchen vorausſah — aber ſie fand in dem Widerſpruch, den ſie erfuhr, Nees und die Gräfin Urica ganz einig; denn Nees wollte mit grober Sicherheit ſogleich ſein Recht feſtſtel⸗ len und Angela uͤberwachen, ihre Antworten vielleicht lenken— und Urica wollte in ihm den Betruͤger ent⸗ decken, den ſie noch immer zu entlarven hoffte und dazu traute ſie nur ihren eignen Augen. Sie hatte der Gräfin Comenes am Morgen die ganze Lage der Dinge mitgetheilt und ſie zu der Mit⸗ wirkung vermocht, die ſie ſich ausgedacht hatte. 371 Die alte Dame war auf's tiefſte beleidigt durch den Gedanken, daß ſo gemeine Menſchen in ein Verhaͤltniß zu ihrer jungen Grafin treten koͤnnten, und hielt erſt die Sache unmoͤglich— dann aber jeden Schritt er⸗ laubt, um ſolche Anſpruͤche herabzudrängen bis auf die allgemeinſten Pflichten etwa der Wohlthaͤtigkeit— ſie unterließ nicht mit den ſtolzen harten Worten ariſtokra⸗ tiſcher Beſchraͤnktheit die Pflichten vor der Befleckung durch ſolche Verbindungen hervorzuheben, und Urica— die ſo unendlich höher ſtand— hoͤrte dieſen Worten, die ſie verachtet haben wuͤrde, wenn ſie ihrem Willen entgegen geweſen waren, nicht ohne einige Genug⸗ thuung zu, denn, wenn ſie auch nicht die Abſicht hatte, grade ſo zu handeln, wurde ſie doch zur Zeit gern an die ſtarr behaupteten Rechte ihres Standes erinnert, von denen ſo leicht ſelbſt der Beſte glaubt, er könne ſich ohne Nachtheil nicht ganz entfernen. Die Gräfin Comenes wollte erſt die ganze Sache, wie ſie ſich ausdruͤckte, fur ſich abmachen; dies wies aber Urica beſtimmt zuruͤck, wogegen ſie ihren Beiſtand gern ſah, da ſie ihr ein Gegengewicht gegen die zu ſanfte Frau von Marſeeven zu ſein verſprach. So war denn die Aufforderung an Nees und ſeine Gattin ergangen, ſich in einer fruͤhen Morgenſtunde nach dem Prinzenhof zu der Gräfin von Caſambort zu 2 begeben, und ob Angela auch einen guten Theil ihrer Kräfte wieder erlangt hatte, fuͤhlte ſie ſich doch ſehr be⸗ ſtuͤrzt, als die Entſcheidung ihr ſo nah geruͤckt war. Nees hoffte— ſeine keineswegs viel ſicherere Stim⸗ mung zu verbergen, aͤußerte ſeit der Einladung eine rohe Luſtigkeit und einen großſprecheriſchen Hochmuth, mit dem er ſich vertraut machen wollte, um ihn vor den vornehmen Leuten feſthalten zu können. Er verſpottete die beklommene Miene der armen Angela und erzählte viel Luͤgen, die darthun ſollten, wie er ſchon oft bei ſolchen Gelegenheiten geweſen und wie er ſich dabei be⸗ nommen habe, was natuͤrlich ihm immer zum Vor⸗ theil, den Vornehmen zum Nachtheil gereicht hatte. Ach!— Angela war keine lachende glaͤubige Zuhoͤrerin mehr, und dies fuͤhlte Nees mit einem Aerger, der ſo unedel wie alles Uebrige in ihm, doch Mitleid verdient haͤtte! Als ſie endlich geruͤſtet waren, eilte Angela noch einmal in den Luſthof, wo die arme Wahnſinnige mit ihrem Kaͤtzchen tandelte, kniete vor ihr nieder, legte ihre abgezehrten Haͤnde auf ihr Haupt und kuͤßte ſie ehrerbietig— dann trat ſie den ſauern Weg an Jakobs Seite an. In dem Vorzimmer, das zu den Gemächern der Graͤfin von Caſambort fuͤhrte, ſtanden die Bedienten derſelben, deren Scharlachroͤcke von oben bis unten mit — Silber geſtickt waren— ein alter Herr in ſchwarzem Sammt, mit einem weißen Stab in der Hand, ſtand unter ihnen— an der gegenuͤber liegenden Thuͤr ſtan⸗ den zwei Pagen, und in einer Fenſterniſche ſaßen die beiden dienſthabenden Frauen. Hier wollte das Ungluͤck, daß Nees ſich au sein de sa famille waͤhnte— die Verſammelten, die Alle ein ſehr wuͤrdiges Anſehn hatten, für Herrn des Hofes— den ſchwarzen Herrn fuͤr einen Verwandten und die Da⸗ men am Fenſter, welche halb verdeckt waren, unfehlbar fuͤr die Gräfin von Caſambort und— etwa noch eine Muhme der Art anſah. Er fing zu dem Ende ſogleich an der Thuͤr ſchon zu ſchwänzeln und zu dienern an und gab Angela das Zeichen zu ihren leider ſehr ungeſchickt ausfallenden Knixen. Das Aeußere von Nees war nun ſo auffallend ge⸗ mein, daß ihn die verſammelten Diener fuͤr einen Marktſchreier, Gaukler oder noch Geringeres gehal⸗ ten und weder ihm noch ſeiner leider ſich eben ſo unſcheinbar anlaſſenden Gefährtin Einlaß geſtattet ha⸗ ben wuͤrden— waͤre nicht der alte Mann in ſchwarzem Sammt, welches der Haushofmeiſter war, am Mor⸗ gen durch die Gräfin Comenes in myſtiſchen Worten auf einen moͤglicher Weiſe eintreffenden Beſuch zweier 374 geringen Perſonen aufmerkſam gemacht worden, welche die Gräfin von Caſambort ſich vielleicht herablaſſen werde mit ihrem Geſuch anzuhoren. Er behielt daher eine ruhig ernſte Haltung und trat Nees, welcher noch immer Diener machte, muthig ent⸗ gegen, indem er ihn fragte, was zu ſeinen Dienſten ſtaͤnde. „Ach,“ ſagte Nees, nun ebenfalls vordringend— „Euer Gnaden ſind ſehr guͤtig und ich werde ſpäter mir ein Vergnuͤgen aus Ihrer Bekanntſchaft machen; aber vorerſt hat Jakob van der Nees und ſein liebes Weib⸗ chen, die Edle von Groͤneveld, nichts weiter zu thun, als der lieben Frau Tante pflichtſchuldigſt die Hand zu kuͤſſen.“— Nees hatte dieſe Rede, welche ihm ſehr wohl⸗ gelungen ſchien, mit einem ſo widrigen Grinſen und mit ſo gemeinen Manieren an Haͤnden und Beinen be⸗ gleitet, daß die behauptete Ruhe des Haushofmeiſters nöthig war, um die in ihrem Lachen faſt erſtickenden Diener zu mäßigen. Nees dagegen ergriff Angela mit ſeiner gigantiſchen Hand, und indem er mit ein paar Rieſenſchritten das Zimmer durchmaß, ſtand er jetzt mit großem Wohlgefallen vor dem Fenſter, worin die bei⸗ den reichgekleideten Frauen ſaßen und hob hier auf's neue ein ſo uͤbermaͤßiges Dienern an, daß die Mädchen vor Lachen zu erſticken glaubten, endlich ſich aber erho⸗ 375 ven und eben ſo lächerlich tiefe Knixe vor Nees und An⸗ gela machten, die zwar, ſo gut ſie vermochte, dieſelben erwiderte, aber in ihrem Herzen fuͤhlte, wie verſchieden dieſe ihre Tante, welche es auch ſein mochte, von der edlen Frau von Marſeeven war. „Ich ſehe,“ ſagte Nees ermuthigt—„unſere liebe Frau Tante befindet ſich nicht allein recht wohl und mun⸗ ter, ſondern iſt an ſich noch ein junges ſtattliches Frauen⸗ zimmer in beſonders munterer Laune— nun das iſt brav“— fuhr er fort, als Alle ihm unter lautem La⸗ chen zuhörten—„ich habe es dir gleich geſagt, mein liebes Weibchen, wenn wir nur erſt ſelbſt mit der lieben Frau Tante unterhandeln koönnen, da muͤßte doch der Teufel drein ſchlagen, wenn ſie uns nicht anerkennen ſollte. Doch nun bitte ich, doch mir zu ſagen, wer denn von den kleinen runden Dingerchen unſere liebe Frau Tante iſt?“ „Oh! ohne Zweifel ich!— o nein, ich!“ riefen Beide zu gleicher Zeit, denn ſie zweifelten nun nicht laͤnger, daß ſie einen Poſſenreißer vor ſich hatten und ſelbſt der alte Haushofmeiſter konnte ein anſtändiges Lachen nicht zuruͤckhalten, indem er nicht mehr daran dachte, daß dies die von der Graͤfin Comenes bezeichne⸗ ten Leute ſein könnten. „Was das ein Scherz und ein Leben iſt, Angel⸗ chen,“ lachte Nees, indem er ſeine große Fauſt vor den lachenden Mund hielt—„das ſind mir noch Leute, mit denen ſich was reden laͤßt— ja! hier fuͤhle ich mich unter Verwandten; das iſt nicht ſo die Marſeevenſche Ziererei!“ Er machte darauf ein paar poſſenhafte Nach⸗ äffungen, wie er hoffte, der Frau von Marſeeven nach, welches wieder großes Lachen und Beifallrufen nach ſich zog. „Aber nun genug des Lachens,“ fuhr er fort— „ietzt heraus mit der Sprache— wer iſt unſere liebe Frau Tante, daß wir ihr die Hand kuͤſſen können— nachher wollen wir weiter lachen.“ „Mir— mir, Herr Neffe,“ ſagte die Aeltere— und die Jungere trat zuruͤck, um zu ſehen, was weiter werden würde. Nees ſtuͤrzte nun auf die Hand und kußte ſie, dann zog er Angela vor und dieſe beugte ſich ebenfalls ſchuchtern auf die Hand und kuͤßte ſie, wonach Nees vertraulich rief:„Nun, Frau Tante, zur Verſoͤh⸗ nung auch ein Kuͤßchen— umarmt meine Angela, dann ſeid ihr auch eine brave Tante, die Vernunft an⸗ nimmt.“ Gravitätiſch umarmte jetzt die Angeredete unter gro⸗ ßem Lachen der Andern die arme Angela; dadurch ward dieſe aber mehr ins Licht gedräͤngt, und beide Kammer⸗ frauen ſahen als gute Kennerinnen, daß Angela große — und ſchone Juwelen und Perlen trug und ein Andachts⸗ buch in der Hand hielt, wie das ihrer Herrin. Ein Wink verſtändigte ſie, und es kam ihnen eine unheimliche Ahnung, daß hier am Ende ein anderer Zuſammenhang obwalten könnte, obwohl Angela's ro⸗ thes unſchönes Geſicht und ihre ganze ungeſchickte Ge⸗ ſtalt wenig die Anſpruͤche ihrer Kleidung zu rechtfertigen ſchien. Die Luſtigkeit, welche indeſſen etwas zu gerauſch⸗ voll geworden war, dämpfte ſich augenblicklich, als die Thuͤr nach den innern Zimmern ſich offnete und ein kur⸗ zes Geſprach mit den Pagen vorfiel, welche ſogleich den Haushofmeiſter herbeiriefen, welcher in der Thuͤr ver⸗ ſchwand. Die ſtrenge Graͤfin Comenes hatte von der Unruhe im Vorzimmer etwas vernommenz die Pagen ſagten ihr, es ſei ein Gaukler da, der Spaͤße mache, und die Graäfin ließ ſogleich den Haushofmeiſter rufen, da ihr die Zulaſſung ſolcher Perſonen ſehr unſchicklich ſchien. Der Haushofmeiſter entſchuldigte ſeine Nachgiebig⸗ keit gegen die Heiterkeit der Dienerſchaft, indem er her⸗ vorhob, daß es zwar ein gemeiner haͤßlicher Burſche ſei, der ſich eingedrängt, aber daß er die läͤcherlichſten Spaße getrieben, den beiden Kammerfrauen die Hände gekuͤßt habe, verlangt, eine davon ſolle ſeine und ſeines Weibes 378 Tante ſein und alle Bedienten und ihn ſelbſt fuͤr Ver⸗ wandte gehalten habe und Ulla endlich gezwungen, das arme dumme Ding, ſein Weib, zu umarmen. Urica, die ſinnend in ihrem Fenſterſitz ſaß, ohne an den Er⸗ mahnungen der Graͤfin Theil zu nehmen, die ſie ihr ſtets uͤberließ, fuhr ahnungsvoll ploͤtzlich in die Höhe und rief der Gräͤfin Comenes lebhaft zu:„Was kann das ſein?“— Als die Thuͤren ſich ſchnell oͤffneten und Frau von Marſeeven blaß und aufgeregt hereintrat und ohne weiteres vorwurfsvoll ausrief:„Urica! Urica! in welche entſetzliche Lage bringt ihr die arme Angela— unter euren Domeſtiken ſteht ſie im Vorzimmer, von ih⸗ rer Vertraulichkeit belaͤſtigt, waͤhrend ihr Mann ſie wie ſeines Gleichen behandelt und bereits glaubt, mit euch zu verkehren, waͤhrend eure Kammerfrauen eure Rolle ſpielen und ihn verhoͤhnen.“ „Alſo doch,“ ſagte Urica mit einem tiefen Seufzer —„alſo doch— ſo gemein und roh, daß ſie eine Belu⸗ ſtigung meiner Domeſtiken werden konnten. Oh! das iſt hart, Muhme— häarter, als was Sie dort erfuh⸗ ren— dies beweiſt nur, wie unmoͤglich Sie zu mir paſſen köͤnnen. O— ich bitte euch— koͤnnt ihr dies nicht noch von mir abwenden— denkt, welche Lage, jetzt dieſe Menſchen in meine Nähe zu rufen, die eben mei⸗ nen Dienern als gemeine Gaukler dienten, ſie zu belu⸗ ſtigen— denkt, daß ſie dadurch noch eine Staffel tiefer geſunken ſind.“ „Graͤfin Urica,“ ſagte Frau von Marſeeven unge⸗ wöhnlich gereizt und beleidigt—„thut, was ihr wolit. Ich habe euch, ebenſo wie mein Gemahl, redlich in die⸗ ſer Sache gedient— vergeßt nicht, daß ſie uns perſoͤn⸗ lich nicht angeht, daß wir kein Intereſſe an den un⸗ glucklichen Leuten haben, die ſich zu dem ſchweren Po⸗ ſten eurer Verwandten gemeldet haben, und handelt nun ſelbſt nach Pflicht und Gewiſſen— nur verlangt meine Thaätigkeit nicht weiter gegen ſie, das iſt gegen mein Gewiſſen.“ „Ihr ſeid auftichtig boͤſe,“ rief Urica—„aber nehmt mir nicht uͤbel, wenn ich die Sache doch perſon⸗ lich zu euch mache.— Gewiß, Muhme, Sie ſollten meine Schwelle nicht uberſchreiten, furchtete ich nicht, euch zu erzuͤrnen und“— ſetzte ſie hinzu—„hoffte ich nicht, euch von eurem Irrthum zu heilen.“ Der Haushofmeiſter, der ſich bis an den Rand der Thuͤr der fluͤſternden Unterredung entzogen hatte, be⸗ kam nun Befehl, das fremde Paar einzulaſſen und ih⸗ nen vorher zu ſagen, daß ſie jetzt erſt der Gräfin von Caſambort vorgeſtellt werden wuͤrden, und der Diener⸗ ſchaft anzudeuten, daß ſie ſich uber ihre ſcherzhafte Ver⸗ traulichkeit zu entſchuldigen habe. 380 Unbeſchreiblich niederſchmetternd war der Schlag, den Nees von der Nachricht bekam, wie gemein er ſich mit den Domeſtiken der vornehmen Verwandtin gemacht, welche er beſchloſſen hatte, grob und anmaaßend zu be⸗ handeln, weil er gehoͤrt hatte, das ſei vornehm. Alles glaubte er hinter ſich zu haben, alle Noth be⸗ ſiegt, und ſich als ganzer Mann luſtig und gewandt be⸗ nommen zu haben— und nun ſollte nach dieſer uner⸗ hörten Demuͤthigung, daß er und Angela der Kammer⸗ frau die Hand gekuͤßt und ſie um eine Umarmung fuͤr ſeine hochgeborene Frau gebeten hatte— da nun ſollte die Begegnung mit der rechten Tante erſt angehen, und wenn das nur ihre Dienerſchaft war— wie mußte ſie dann ſein. Er wurde aſchfarben und zitterte— er blickte nach der Thuͤr und es reizte ihn zu entſpringen und Angela ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen— dann vergingen ihm alle Gedanken und er ſtand dumm vor ſich hin. Aber was ging indeſſen in Angela vor? Ihr Gatte verlor den letzten Reſt von Vertrauen— und es faßte ſie eine Verſtocktheit und ein Gefuhl von Vereinſamung, als wenn ſie am Rande des Grabes ſtände. Der Kammerdiener durfte ihnen nicht viel Zeit laſſen — er erinnerte ſie, daß die Damen ſie erwarteten und iett ſtuͤrzte Nees, um alle ſeine Ueberlegung gebracht, 381 planlos und außer ſich auf die Thuͤr zu, von der armen Angela in einer ähnlichen, troſtloſen Stimmung gefolgt, und ſo traten Beide in der unguͤnſtigſten Lage vor ihre ſtrenge Richterin. „Seid ihr der Mann, der ſich Jakob Nees nennt?“ ſagte eine ſtrenge, hohle Stimme.— Nees war ſo be⸗* ſturzt, daß er die Anrede uͤberhoͤrte— er ſah entſetzlich widrig aus. Seine Kleider ſaßen auf dem kleinen ſtämmigen Koörper, als paßte kein einziges Stuͤck— ſie waren von kirſchrothem Tuch, mit Silberborten und hellgruͤnem Vorſtoß aufgepufft— der Mantel war von ſcharlachrother Seide mit gelbem Futter, der Hut mit einer gelben Feder, die Struͤmpfe eben ſo von gelber Seide, die Schuhroſen feuerfarben. Angela hatte auch eine traurige Wahl der Farben getroffen, trug gebluͤmte Stoffe, eine ungeſchickte Haube, und die Geſchmeide, deren Anwendung ſie gar nicht kannte, ſaßen oft am ganz unrechten Orte. Nach der Muſterung, die waͤhrend der Pauſe vor⸗ ging und Beiden ſo unguͤnſtig ſein mußte, wiederholte die Stimme noch ſtrenger:„Seid ihr der Mann, der ſich Jakob Nees nennt?“ Jetzt hatte Nees ſich ſo weit gefaßt, daß er die Dinge wieder um ſich her erkannte. Er ſah nun, wie er feſt wähnte, die geſtrenge Tante von Caſambort vor ſich— und in Wahrheit ſtreng genug ſah die Dame vor ihm aus; denn es war die Gräfin Comenes, die in der Mitte der Stube auf einem machtigen Armſtuhl ſaß und dieſe Anrede hielt. Sie konnte ein unerhoͤrt ſtolzes Aeußere annehmen, und ihre Kleidung und ihre jetzige Stim⸗ mung verſtärkten den Ausdruck ſo, daß er Nees faſt die Kehle zuſchnuͤrte. Von einem prächtigen Unterkleide, welches reich mirt Gold geſtickt und von goldgelbem Atlas war, fiel ein Ueberkleid von ſchwarzem Sammt mit Goldſtickerei und weißem Atlas gepufft, ſeitwarts nieder. Eine goldene Haube mit lang niederfließendem ſchwarzen Schleier deckte den Kopf, und das regelmaͤßige Geſicht war todten⸗ blaß, und kaum die ſchmalen Lippen bewegten ſich bei den Worten, die ſie ſprach. „Ja, ja, Gnaden!“ ſtammelte Nees—„wir ſind die, die ihr ſuchtet— ja, ja, wir ſind es! ſtraf' mich Gott, wenn Nees luͤgt!— Dies bin ich, Jakob van der Nees, wenn euch gefällig iſt— und dies iſt Angela, mein Weibchen, die wahre, rechte Tochter von Renier de Gröneveld, alſo eure Nichte, von den Caſamborts ab⸗ ſtammend— eure Nichte, Frau Tante— euer Gnaden — wir ſind die, die ihr ſuchtet.“ „Euch ſuchte Niemand,“ ſagte die Gräfin Come⸗ nes—„und wenn dieſe Frau die eurige iſt und ihr be⸗ 383 weiſt, daß es das verlorene Fraulein von Groͤneveld iſt, ſo findet man in euch doch immer mehr, als man wuͤnſcht.“ Nun hatte Nees mit den erſten Worten, die er ſprach und wie immer ſehr gelungen hielt, ſeinen rohen Muth wieder bekommen, und der erſte Schreck war we⸗ 3 nigſtens ſo weit uͤberwunden, daß er zu der alten Ueber⸗ legung kam, er muͤſſe ſich muthig halten. Seine Au⸗ gen ſchweiften ſchon wieder forſchend umher, und er ſah die Frau von Marſeeven hinter der Dame vor ihm auf der Ruͤcklehne des Stuhls ruhend, und ſein widriges gemeines Satyrlächeln beſchlich ihn, als er neben ihr auf ihrem Arm ruhend, den wunderſchoͤnen Kopf Urica's bemerkte, welche ſinnend und ſtumm beobachtend auf ihn nieder ſah. „Habt ihr denn nicht die Papiere alle geleſen,“ ſagte er hierauf ſchon in anmaßenderem Tone—„was wollt ihr denn mehr— was braucht's denn weiter— bin ich der Mann, der betruͤgen will? Das fehlte noch! Sagt mir doch in aller Welt, was nur Jakob van der Nees, Buͤrger von Amſterdam, vereideter Kaufmann, in Be⸗ ſitz eines Vermoͤgens, das mehr iſt als die Groneveld⸗ ſche Lumperei— was mir, ſage ich, daran liegen kann, ob dieſe da von hoher oder niederer Sippſchaft iſ i In dieſem Augenblick machte Angela eine wankende 384 Bewegung auf ihren Mann zu, und Frau von Mar⸗ ſeeven rief hinter dem Stuhle vor:„Nees, holt eurer Frau einen Stuhl!“ Nees ſprang gemein geſchaͤftig zuruͤck und ſchleppte einen der ſchweren Seſſel herbei, den er ungeſchickt hin⸗ ſtellte und Angela niederzuſitzen zwang.—„Setz' dich, Angelchen, mein Weibchen! ſetz' dich, du armes, ſchwa⸗ ches Ding— die Frau Tante erlauben es!“ „Frau Nees, redet ihr jetzt,“ ſagte die ſtrenge Stimme der Graͤfin Comenes—„antwortet offen und ohne Furcht— ſeid ihr auf keine Weiſe mit eurem Manne einverſtanden, einen Betrug gegen die Ver⸗ wandten des Herrn Renier de Groͤneveld zu ſpielen?“ Angela richtete zuerſt ihr geſenktes Antlitz auf und richtete es mit einem ſolchen Leidensausdruck auf die Fragende, daß darin ſchon die Antwort gelegen hätte; aber ſie ſtammelte auch noch:„Nein! nein— ich habe nie betrogen!“ „Und,“ fuhr die unerſchutterliche Frau fort—„ſeid ihr ſicher, die Tochter des edlen Gröneveld und des Fraͤu⸗ lein von Caſambort zu ſein?“ „Ich weiß dies noch nicht lang,“ entgegnete An⸗ gela,„aber Nees ſagt es, und als ich ihn heirathen wollte, vertraute es mir die alte Magd meiner armen Mutter, welche nicht wollte, daß ich Nees heirathete.“ 385 „Und was weiter— als ihr es wußtet— warum heirathetet ihr dennoch einen Mann, der ſo weit unter eurem Stande war?“ „Ich wußte nicht, daß es ſo viel Unterſchied iſt— und Nees wußte es auch nicht.“ „Seid ihr gewiß,“ rief die Graͤfin ſtreng—„daß euch dieſer Mann in nichts betrogen hat— daß ihr nicht von ihm hintergangen ſeid?“ Angela verſtummte— das konnte ſie nicht mit Ja beantworten, denn ſeit ſie wußte, er hatte den Aufruf der Graͤfin von Caſambort vor der Hochzeit gehört, ſeitdem wußte ſie, daß er ſie betrogen hatte. Nees trat bei ihrem Verſtummen von einem Fuß auf den andern und preßte ſeinen Mund auf die geballte Fauſt. „Sie iſt ſo blöde, Gnaden, ſo bloͤde,“ ſtotterte er —„Mein Weibchen, mein Angelchen— ſag's doch, geſtehe es ein, wie du mich liebſt und wie redlich Nees an dir und deiner armen Mutter gehandelt, dich verbor⸗ gen in der Gefahr, dich ernährt von ſeinem Wenigen — ſag's doch,“ fuhr er fort, immer mehr vergeſſend, daß er beobachtet wurde, und uͤber Angela's Schweigen in ſteigende Wuth gerathend—„Sag's, Angela— ſag's, ich befehle es dir!— Sag's, oder wir werden uns ſprechen!“ Die Beine hoben ſich ſchon vor Wuth — Angela ſchauderte zuſammen. Jakob v. d. Nees. I. 25 „Schweigt!“ rief die Graͤfin Comenes, daß es Nees wie einen Blitz fuͤhlte—„und tretet zuruͤck— fort von dieſer Frau!“ Er wich von Angela mit einem wilden Satz abſeiten, und indem verhuͤllte dieſe ihr Ge⸗ ſicht mit beiden Haͤnden und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. „Da haben wir die Närrin!“ ſchrie Nees ganz wuͤ⸗ thend—„Hier zu heulen— hier! hier— wo es gilt, den hohen Verwandten dich zu zeigen. Ach, Madame— Euer Gnaden— ein Mann wie ich in der Stadt am Kaufhauſe iſt recht zu beklagen bei eigener Befähigung, wo man wuͤnſchte, und Rechte behauptet, ſolche Gruͤnde fuͤr den Schwachkopf, wo zum Betragen was gehoͤrt— keine hohle Nuß ſein muß, wo dann Ungluͤck entſteht— ſchweig!— antworte— heule nicht.“ Er wußte nicht mehr, was er ſprach, er wußte nicht, daß er ſchon vor Wuth zu hopſen begann, denn die Verzweiflung, wenn Angela die kritiſche Frage gar nicht oder mit „nein“ beantwortete, machte ihn ganz närriſch. Eben wollte die Gräfin Comenes wieder ein⸗ ſchreiten, da ſtieß Urica hinter ihrem Stuhl bei⸗ nah ſchreiend die Worte aus:„Heil'ger Gott, ſie iſt es!“ Erſtaunt blickte die Gräfin nach ihr um und ſah, daß Urica ihr Geſicht mit ihrem Tuch verhullt hatte und 387 ſo heftig zu zittern begann, daß Frau von Marſeeven ſie ſtuͤtzen mußte. Die Graͤfin Comenes ſprang ſogleich auf, und Beide fuhrten ſie nach einem Ruhebett, denn Urica's Erſchut⸗ terung ſchien ſie einer Ohnmacht nah zu bringen. Aber Nees, der Urica's Ruf nicht verſtanden hatte und dieſen Aufbruch der Damen fuͤr ſich nachtheilig hielt, ſturzte, als er ſich unbemerkt waͤhnte, auf An⸗ gela zu, riß ihr die Häͤnde vom Geſicht und ſchrie wuͤ⸗ thend:„Antworte— antworte, daß dir kein böſer Ver⸗ dacht kommt gegen mich! oder ich verſtoße dich, ich bringe dich um!“ „Nein, Nees,“ ſagte Angela klagend—„das kann ich nicht ſagen, denn ich kann nicht luͤgen.“ Nees prallte zuruͤck, als haäͤtte er einen Schlag be⸗ kommen, denn in dieſen einfachen Worten lag ein fuͤrchterlicher Ausſpruch, eine Anklage, die er ſich ge⸗ leugnet hatte, daß ſie dazu Urtheil, Verſtand und Urſach finden werde. Er fuͤhlte, er habe nun einen neuen Weg mit ihr einzuſchlagen— welchen, wußte er noch nicht. „Um Gotteswillen,“ hob indeſſen Urica an, die ſich zu erholen begann—„ſchafft den pöbelhaften Menſchen aus dem Zimmer— ihn allein— ich werde durch ſeine Naͤhe um alle Kraft gebracht— ihn allein!— Sie— 25* 388 muß bleiben— denn es iſt entſchieden— ſie iſt eine Caſambort.“ „Das wißt ihr jetzt? Das glaubt ihr?“ rief die Graäfin Comenes—„das muß ein Irrthum ſein, meine Liebe— wie ſieht die Frau aus— nicht weniger ge⸗ mein faſt.“ „O verſchont mich,“ entgegnete Urica—„ſie iſt es — ſie iſt es doch— nur fort mit dem Menſchen.“ Die Graͤfin Comenes trat nun zu der verlaſſenen Gruppe zuruͤck und ſah, wie Nees, auf und ab rennend, das Bild eines abweſenden Menſchen war, wäͤhrend Angela wie die Ergebung ſelbſt den Kopf auf die Bruſt geſenkt hatte. „Jakob Nees,“ ſagte ſie ſtreng—„zieht euch zu⸗ ruͤck und wartet im Vorzimmer, bis man euch rufen wird.“ Nees blieb ſtehn, und eine brutale Antwort ſchwebte auf ſeinen gerollten Lippen; aber die Gräfin Comenes war eine Dame, der man nicht leicht widerſtrebte, wenn ſie befahl— und bei dem Widerſtande, der in ihres Gegners Gebärde lag, kam ſie ſo wenig aus der Faſ⸗ ſung, daß ſie mit ihrer langen gebieteriſchen Hand ihre Worte wiederholte, indem ſie nach der Thuͤr zeigte. Nees trollte murrend und ſich wild ſchuttelnd dieſer Wei⸗ ſung nach, und endlich lag die Thuͤr zwiſchen ihnen. „Jetzt, Graͤfin,“ ſagte die alte Dame, zu Urica zu⸗ ruͤckkehrend—„ſind wir mit der armen jungen Frau allein! Doch bitte ich euch noch einmal, uͤberlegt es wohl, uͤbereilt nichts— jede Anerkennung eurerſeits wird ſo ſchwer zu widerrufen— ſie iſt ſo bedeu⸗ tungsvoll.“ „Graͤfin Comenes— und ihr, Muhme Marſeeven,“ ſagte Urica mit ſtockendem Athem—„ich will nichts thun— Ihr ſollt entſcheiden— ihr ſollt ſagen, ob ich mich irre, ob nicht! Ihr, Flavia, habt mich geſtern an eine Eigenthuͤmlichkeit unſeres Geſchlechts erinnert. Al⸗ len Frauen des Hauſes Caſambort fehlt an dem kleinen Finger jeder Hand das dritte Glied. Eine alte Sage und ein goldner Ring, der dieſe unterſtuͤtzt, gehoͤren ſeit undenklichen Zeiten zu dieſer ſich fortpflanzenden Eigen⸗ thuͤmlichkeit.— Als ihr mich geſtern daran erinnertet, beſtimmte dies meinen Entſchluß, dieſe Frauen zu ſehen — dies Kennzeichen zu den vorhandenen Beweiſen hin⸗ zukommend— fuͤhlte ich— wuͤrde meine Unglaͤubig⸗ keit uͤberwinden. Dennoch— muß ich geſtehen— uͤberwaͤltigte mich der entſetzliche Anblick und das rohe Betragen dieſes Mannes und die brandmarkende Scene im Vorſaal, die ſie zum unaustilgbaren Gegenſtand des Gelaͤchters meiner Dienerſchaft macht— ſo gänzlich, daß ich vergaß, was ich beſchloſſen hatte, zu beobachten 390 und mein Herz mit Abſcheu von Beiden abwendete.— Da thatet ihr die Frage, ob dieſe ungluͤckliche Frau ſich von ihrem Mann betrogen hielt. Ihr ehrenhaftes Schweigen ſchon erregte meine Theilnahme, denn wer konnte zweifeln, daß ſie ſich fuͤr betrogen hielt— aber indem meine Augen mit dieſem milden Gefuͤhl auf ihr haften blieben, hob ſie beide Haͤnde empor und verhuͤllte ihre weinenden Augen. Dieſe Haͤnde— ſo roh und verdorben— ſie trugen das Zeichen der Frauen von Caſambort.“ Urica lehnte nach dieſen Worten ſich einen Augenblick erſchoͤpft in ihren Sitz zuruͤck.—„Jetzt bitte ich euch,“ unterbrach ſie das verlegene Schweigen der Damen—„thut etwas fuͤr die Ungluͤckliche— miſcht etwas Waſſer mit dieſen belebenden Tropfen und reicht es ihr— ſie hat es noͤthig— und dann beobach⸗ tet ihre verarbeiteten Hände, ob ſie das Zeichen der Ab⸗ ſtammung tragen.“ Die Frauen folgten mechaniſch der Anweiſung, und der Ton der Graͤfin Comenes hatte ſich ſo ſehr geandert, daß Angela die verweinten Augen klagend zu ihr auf⸗ hob und das Getraͤnk willig annahm, was ihr ſo ſanft geboten wurde. Als Beide zu Urica zuruͤckkehrten, welche mit hoch⸗ athmendem Buſen in ihrem Sitz lag— nahm Frau von Marſeeven mit tiefer Ruhrung Urica's ſchoͤne Hand, * zeigte auf den kleinen Finger und nickte mit dem Kopf. „Ja,“ ſagte die Graͤfin Comenes—„dieſe Haͤnde, welche die Spuren der Anſtrengung tragen, ſind doch noch ſchoͤn geformt, und ihnen fehlt das dritte Glied des kleinen Fingers.“ Mit einer muthigen Anſtrengung erhob ſich die Graä⸗ fin Urica im ſelben Augenblick, und feſt entſchloſſen ging ſie auf Angela zu. Als dieſe ſie auf ſich zueilen ſah, ſtand ſie auf, fiel im ſelben Augenblick vor ihr nieder und rief in einem von Schmerz zerriſſenen Ton:„O, meine Tante, vergebt mir, was ich unwiſſend an euch und meiner Fa⸗ milie verſchuldet habe!“ „Du kennſt mich?“ rief Urica heftig erſchuͤttert „und gabſt dich mir nicht fruͤher zu erkennen?“ „Ach, wie hätte ich euch in der Gegenwart von Nees ſo beleidigen können!“ rief Angela— „Großer Gott!“ rief Urica—„Seht! ſeht— habt ihr es gehoͤrt— iſt ſie nicht werth, meine Ver⸗ wandte zu ſein? Doch wie konnteſt du mich kennen, da dieſe Dame doch nur zu dir redete?“ „Ich habe eine Mutter,“ ſagte Angela—„einen Engel— aber einen Engel, deſſen Seele nicht mehr auf Erden iſt— was ihr von Bewußtſein uͤbrig geblieben 392 iſt— das iſt die Liebe zu mir und zu einem kleinen Bilde, was auf ihrer Bruſt haͤngt— wenn ſie mich liebkoſt, zieht ſie oft das Bild hervor und kußt es auch und laͤchelt es an.— Suſa, ihre Magd, ſagte mir, daß das ſchone weibliche Portrait ihre Mutter ſei— das auf der andern Seite das Bild meines Vaters. Dieſem Portrait gleicht ihr vollkommen, und als ich euch ſah, wußte ich, daß ihr meine Tante waret und nur aus Ver⸗ achtung gegen uns die andere Dame ſprechen ließet.— Da beſchloß ich zu ſchweigen und ſollte mir das Herz brechen.“ Aber im ſelben Augenblicke lag ſie in den Armen dieſer Tante und fuͤhlte ſich feſt an das ſo lang wider⸗ ſtrebende Herz gedruͤckt, und waͤhrend Urica's Thraͤnen floſſen, rief ſie immer wieder:„Ja, du biſt meine Nichte! du biſt eine Caſambort— das iſt das Zartgefuͤhl, der edle Stolz meines Geſchlechts— o, wie bin ich froh, daß ich dich auch an deinen Geſinnungen erkennen kann!“ Angela feierte den Silberblick ihres Lebens— der Moment, der dieſe zärtliche, achtungsvolle Anerkennung enthielt, erhob dies unterdruͤckte, gemißhandelte Weib in Wahrheit zu einem höheren Range— die edelſte Erhebung des Menſchen, die Selbſtachtung, erfaßte dies bis jetzt ſo bewußtloſe Weſen, und was ſie damit ein⸗ 393 bußte an der harmloſen Heiterkeit und Ruhe ihrer bis⸗ herigen Unwiſſenheit, das tauſchte ſie ein fuͤr eine hohere menſchliche Wuͤrde. Kam ihr damit auch der Schmerz und der Widerſpruch, konnte ihre Bewußtloſigkeit, die ſie auf der unterſten Stufe der Entwicklung gehalten, doch nicht anders aufgehoben werden. Liebevoll aber beſcheiden erwiderte Angela die Lieb⸗ koſungen der ſchönen Tante— und die beiden Damen nahmen an der ruͤhrenden Scene nach Maaßgabe ihres Charakters aufrichtigen Antheil. Urica eilte bald in die Arme der guten Frau von Marſeeven, um ſie um Ver⸗ zeihung zu bitten und ihr zu danken, und die Grafin Comenes begann nach den erſten Augenblicken ſchon die ferneren Schritte nach außen zu uͤberlegen. Dieſe waren in Wahrheit nicht leicht, denn die Gerechtigkeit forderte einen Act, gegen den der Stolz und die Scham ſich ſträubte und deſſen wahre Wohl⸗ thätigkeit fuͤr die Betheiligten noch ſehr in Zweifel zu ziehen war. Da horte die Grafin Comenes, daß Urica zu ihrer Nichte ſagte:„So weiſeſt du mich zuruͤck, Angela— das ſoll unſer Verhaͤltniß fuͤr die Zukunft werden— fuhlſt du denn nicht, daß ich Rechte habe?“ „Aber was wollt ihr mit Nees machen?“ ſagte An⸗ gela ieich—„ihr werdet ihn nie wohl leiden kön⸗ nen— und ich weiß, daß es mein Tod ſein wuͤrde, wenn ich noch einen Tag das erleben mußte, was heute hier geſchehen iſt.“ „Angela,“ ſagte Urica—„ſei auftichtig mit mir— glaubſt du jetzt nicht ſelbſt, daß Nees dich betrogen hat, indem er meinen erſten Aufruf kannte, ihn dir aber ver⸗ ſchwieg, um dich zu einer Heirath mit ihm zu bewegen, die ihm dein Vermoͤgen ſicherte?“ „Ach,“ ſagte Angela aufrichtig—„nichts iſt ge⸗ wiſſer— aber vergebt mir dieſe Heirath, die euch ſo kraͤnken muß— ich kannte ja Niemand als die Paſtor's und die Baͤckerin— Beide wollten mich zur Frau ihrer Anverwandten machen— von höheren Staͤnden— von Allem, was ich jetzt weiß, hatte ich damals nie gehört, denn wir geringen Leute ſehen wohl die vornehmen Kirchgänger und mögen es gern, wenn ſie geputzt ſind und ganz anders als wir— aber damit fällt nichts auf unſere Lage zuruͤck— das läßt uns ganz gleichguͤltig— es iſt zu weit von uns.“ Wie ſchmerzte Urica dieſe demuͤthige Rede der ar⸗ men Angela— wie fuͤhlte ſie den alten Zorn in ſich entbrennen, und wie ſchnell gab ſie ihm Worte. „Angela,“ ſagte ſie—„du biſt das Opfer eines abſcheulichen Betruges geworden, und ich werde nicht leiden, daß du es bleibſt. Es giebt noch Geſetze, und — chx 395 ich werde ſie anwenden, um dich von dieſem Betruͤger zu befreien.“ „Meint ihr, Nees? Tante“— rief Angela lebhaft— „Nees, der mein angetrauter Mann iſt?“ Was lag nicht in dieſen einfachen Worten! Welch' ein ruͤhrender Widerſpruch— die Erledigung eines gan⸗ zen Rechtsſtreites. Urica fuͤhlte es und ſchauderte zuſammen.„Gro⸗ ßer Gott,“ ſagte ſie endlich—„denke doch, Angela, daß es ſolche Trennungen giebt, daß unſere Religion ſie nicht verbietet, daß es in allen Laͤndern unſeres Be⸗ kenntniſſes bereits Geſetze giebt, die dir zu gut kommen wuͤrden, und dich frei machen, und dich uns zuruͤckgeben, deiner Familie zuruͤckgeben wuͤrden.“ „Davon hat der Paſtor nichts geſagt, der uns traute,“ ſagte Angela unſchuldig.—„Er ſagte: was Gott zuſammenfuͤgt, ſoll der Menſch nimmer trennen! Tante,“ fuhr ſie fort—„ſeit das Alles vorgeht, habe ich viel gelitten und mehr Gedanken gehabt, als all“ die Jahre vorher. Da hat es Nees und mich gerettet, daß der Paſtor das geſagt hat, denn es wollte ſich was in meinem Perzen anſetzen gegen Nees— waͤre das ſo fortgegangen, waͤre ich nie wieder aus dem Bett ge⸗ kommen— ich wäre daran geſtorben. Aber eine Trau⸗ rede muß wohl was vermoͤgen, denn ſie fiel mir immer 26* wieder ein, wenn's am ſchlimmſten war— und dann konnte ich es aushalten, und es nahm nachgrade was mit weg.“ „Aber,“ ſagte Urica und kämpfte gegen ihre Ueber⸗ zeugung an—„aber was ſollen wir denn mit deinem WMann machen— ich kann doch Nees nicht als Ver⸗ wandten anſehen.“ „Nein, das könnt ihr nicht,“ entgegnete Angela ſchnell—„denn muͤßte ich ihn oft mit euch zuſammen ſehn— dann koͤnnte ich's nicht ertragen— dann wuͤrde das hier mein Tod,“ ſagte ſie und zeigte auf ihr Herz. „Aber ihr muͤßt bleiben, was ihr vorher wart und ich desgleichen. Kein Menſch hat vorher von mir gewußt, kein Menſch frägt weiter nach, wenn ich wieder zuruck⸗ ⁰ kehre in mein altes Haus,“ und doch erſtickte jetzt Schluchzen Angela's Stimme. Urica ſtand händeringend auf.—„Helft mir— 6 rathet mir!“ rief ſie in Thränen ausbrechend und warf ſich in die Arme der Frau von Marſeeven. „Ach, meine theure Muhme,“ ſagte dieſe traurig— „wird hier zu helfen ſein: Denkt, daß Angela uͤber⸗ dies die arme wahnſinnige Mutter pflegt— was ſoll aus dieſer werden— welchen Platz ſollen Beide in der Welt finden, wenn ihr ſie jetzt aus der gewohnten Lage herausreißt?“ 397 „Ich muß ſie ſehen,“ rief Urica—„o meine arme, arme Schweſter, nach der ich mich mit tauſend Schmer⸗ zen geſehnt, ſo lange ich denken kann— ſo ſoll ich dich wieder finden?— Ja— dabei mag's bleiben— ich muß ſie ſehen— und zwar heute— ſogleich.“ 5 „Peute möchte es zu ſpät werden,“ ſagte die Grä⸗ fin Comenes—„da wir die Königin gleich zum Ban⸗ kett begleiten muͤſſen.“ „Du ſiehſt,“ ſagte Urica ungeduldig, ſich zu Angela 2 wendend—„ich bin nicht mein eigner Herr! ich muß mich der mir aufgenoͤthigten Verpflichtung unterziehen. — Aber es wird ſich dennoch machen laſſen— denke nur daran, daß ich die Mutter ſehe, ohne von Nees be⸗ läſtigt zu werden.“ Da Angela ſchwieg, ſagte Urica nach einigem Sin⸗ nen:„Es wird ſich machen laſſen! Hoͤr' mir zu, An⸗ gela: Wenn dir ein Page dieſe kleine bunte Feder bringt, dann bezeichne ihm genau, wo ich auf geheime Weiſe dein Haus betreten und zur Mutter gelangen kann— und nun gruͤß' dich Gott bis auf Wieder⸗ ſehn.“ Die Graͤfin Comenes begleitete Angela mit vielem Anſtande und im Vorzimmer mit hervor gehobener Ach⸗ tung bis zur Treppe, jedoch ohne von Nees weiter Kenntniß zu nehmen, der endlich einſah, er muͤſſe, ohne Jakob v. d. Nees. 1. 27 398 auf weitere Einladung hoffen zu duͤrfen, ſeiner geehrten Gattin folgen. Knurrend und zuͤrnend lief er hinter Beiden her, und es gelang ihm auch beim Abſchied* nicht, wo Angela mit großer Höflichkeit entlaſſen wurde, einen ſeiner Diener bemerkbar zu machen, denn die Gräfin Comenes hatte das Talent, ihn fuͤr Luft zu hal⸗ ten und gänzlich uber ihn weg zu ſehen. Ende des erſten Theiles. Bruck v. C. H. Storch u. Comp in Breslau — ſſſſſſſſiſſſſſſſſſſſiſſſſſſtſſſſſſſiſiſſſſiſſſſiſſſiſm 8 9 10 11 12 13 14 18 16 17 18 un n