B Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſt pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepréeis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— If. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Do beiden Lords, Ormond und Richmond, hatten zwar die Gewißheit, Lady Melville werde mit ihrem Willen von Membrocke geleitet, aber bei dem lebhaften Proteſt des Fräuleins gegen jeden Gedanken einer Ent⸗ fuͤhrung hatten ſie gleichwohl ſich uͤberzeugt, daß ſie deſſenohngeachtet das Opfer einer Täuſchung ward, wofern nicht ihrem ganzen Handeln ein Geheimniß anderer Art zum Grunde lag, das ſie ihnen zu ver⸗ heimlichen geſucht hatte. Den Ruͤckweg bis zum Schloſſe legten ſie unter tauſend Plänen und Vermuthungen über dies Ereigniß zuruck, wobei ſich indeß das Herz Beider ſträubte, ihr eine innigere Verbindung mit Lord Membrocke als Grund unterzulegen, wozu ihre Handlungsweiſe an und für ſich allerdings einigen Verdacht darbot. Die Hauptfrage blieb indeß, was unter ſolchen Um⸗ ſtänden ferner für ſie zu thun ſei. Denn hätte ſie auch durch die genoſſene Gaſtfreundſchaft ſich verpflichtet hal⸗ ten konnen, Rechenſchaft von ihren Handlungen zu ge⸗ ben, ſo war ihr doch das Recht unbeſtritten, uͤber ſich 6 ſelbſt zu verfuͤgen, und hiermit auch den Nachforſchun⸗ gen ihrer Freunde eine Grenze geſetzt. Zwei ſo zartfuͤhlende Männer wuͤrden ſich dieſer Beſchraͤnkung ihres Schutzes unter andern Umſtänden unbedenklich gefuͤgt haben, waͤren nicht Beide von der Unmoͤglichkeit uͤberzeugt geweſen, Membrocke koͤnne je eine andere, als ſchlechte Abſicht mit Frauen haben, und haͤtten nicht Beide mit Zuverſicht geglaubt, er habe durch die ſchlaueſten Lüͤgen dies klare, nur zu offene Gemuͤth bethoͤrt, ihm zu folgen. Sie vermutheten, daß die Schwierigkeiten, die ſich der Familie Nottingham entgegen geſtellt hatten, ihr Auskunft uͤber ihre Verwandten zu verſchaffen, benutzt worden wären, um ihrem Vertrauen eine andere Rich⸗ tung zu geben, und auf's Neue ſtieg ihre Sorge, wo⸗ hin ſie wohl gefuͤhrt ſein moͤchte. Die Entdeckung ihrer Flucht hatte dabei die Mut⸗ ter Richmonds und die alte Herzogin ſo erſchuͤttert, daß die Beiden von Beſorgniß erfuͤllt waren, ſo ohne alle Milderung dieſes ſchmerzlichen Gefuͤhles, ja, faſt mit erhoͤhten Sorgen fuͤr die junge Ladh, zuruͤckkehren zu muͤſſen. Doch ſchon fanden Beide die Umſtände verändert. Die juͤngere Herzogin lehnte alle Erklaͤrungen durch die Kaͤlte ab, mit der ſie augenblicklich die Sache abzu⸗ 7 ſchließen trachtete. Keine Spur war mehr uͤbrig von der heftigen Unruhe, die bei der erſten Nachricht ſie faſt ihrer ſtolzen Haltung beraubt hatte. Wir ſind uns das Zeugniß ſchuldig, die Pflichten der Menſchenliebe und der Gaſtfreundſchaft an dieſer jungen Perſon vollkommen erfuͤllt zu haben, erwiderte ſie dem lebhaften Vortrage ihres Sohnes, glauben uns aber jetzt fuͤr uns ſelbſt und unſere Umgebungen ihrer vollkommen entledigt durch das Stillſchweigen und un⸗ erhorte Dunkel, worein ſie ſich zu hüllen für gut be⸗ funden hat. Ich, die ich dieſer jungen Perſon eine mütterliche Guͤte erzeigte, ich fuͤhle, daß ich die Einzige bin, die ſich von dieſer Handlung gekränkt anſehen kann. Ich gebe aber dies Gefuͤhl und das damit verbundene Recht meines fernern Schutzes hiermit auf, da ich einſehe, daß ich uͤberhaupt nur dies zartere Recht beſaß, ſie von der eigenen Lenkung ihres Schickſals abzuhalten. Ich danke Ihnen daher, Mhlord Ormond, und Dir, mein Sohn, fuͤr die Bereitwilligkeit, die Wuͤnſche meiner er⸗ ſten Ueberraſchung zu erfuͤllen; ich erklaͤre die ganze Sache damit beendigt und werde, wenn es mir ſpater⸗ hin zuläͤſſig erſcheint, aus eigenem Gutduͤnken daruͤber beſtimmen, ob noch das Eine oder das Andere in dieſer ſtoͤrenden Epiſode unſeres wuͤrdigen Familienlebens zu . thun ſei, und im Fall ich dabei der Huͤlfe beduͤrfte, die Eure jeder andern vorziehn. Du wirſt gewiß Deiner Großmutter ſelbſt Deinen Bericht machen wollen. Meine Abreiſe nach Godwie⸗ Caſtle iſt auf morgen feſtgeſetzt, und ich freue mich Deiner Begleitung, mein Sohn! In Wahrheit, wir alle haben wichtigere Pflichten und Sorgen, als die Thorheiten einer Fremden zu beleuchten oder uns zu HBerzen zu nehmen.— So entfernte ſich die Lady, jede Gegenrede ab⸗ ſchneidend, und ſo fanden die Lords auch die alte Her⸗ zogin, deren vorherrſchende Guͤte zwar eine ſo ſtolze Haͤrte nicht zuließ, aber doch von ſich ſelbſt faſt jedes Intereſſe ablehnte und mit einem leiſen Anhauch von Empfindlichkeit Alles an ihre Schwiegertochter verwies. Beide Lords trennten ſich mit der Ueberzeugung, es ſei waͤhrend ihrer Abweſenheit zu unangenehmen Er⸗ oͤrterungen zwiſchen den beiden Damen gekommen, wo⸗ bei jedoch Richmond unbekannt blieb, wie er ſelbſt durch die Aeußerungen ſeiner Theilnahme dieſer mißtrauiſchen Frau eine bedeutende Veranlaſſung geworden, gegen Lady Melville kaͤlter zu werden, und wie daraus eine Abweiſung der Vorſchläge ihrer Schwiegermutter ent⸗ ſtand, welche dieſe engelgute Frau ſelbſt nicht ohne ei⸗ nige Empfindlichkeit vernehmen konnte. 8 3 Was jedoch die Gefuͤhle anbetrifft, die Richmond in Anſpruch nahmen, ſo fuͤhlte er auf der Stelle den Vorwurf der Mutter, und wie frei er ſich auch davon wußte, ihn verdient zu haben, gelobte er ſich doch feſt, daß kein anderes Intereſſe, als das ſeines ehrwuͤrdigen Großvaters, deſſen ſchwierige Lage er beſſer noch, als ſeine Mutter kannte, ihn vorherrſchend beſchaͤftigen ſolle, bis jene Angelegenheiten eine erwuͤnſchtere Wendung ge⸗ nommen haben wuͤrden. Dann, ſprach er zu ſich ſelbſt, und eine tiefe Roͤthe drängte ſich hervor, dann ſei mir Gott gnaͤdig!— Wir finden bald nachher die herzogliche Familie in Godwie⸗Caſtle verſammelt. Die alte Herzogin hatte Burtonhall verlaſſen, um ſich zu ihrer Schwiegertochter zu begeben, welche bald nach dem letztgemeldeten Ereig⸗ niß nach Godwie⸗Caſtle zuruͤckgekehrt war. Die Jahres⸗ zeit war zu weit vorgeruͤckt, um andere Verſammlungs⸗ oͤrter zu bieten, als die, welche die geſellige Flamme von den behauenen Fichtenſtaͤmmen, in den weiten Raͤu⸗ men der hohen Kamine durch alle Gemächer heimliche Waͤrme verbreitend, darbot. Der Nordwind erreichte das Schloß durch die unbelaubten Waͤlder, die Sonne blieb verhuͤllt oder blickte nur matt durch dichte Nebel⸗ ſchleier, Licht und Waͤrme waren von außen her nicht mehr zu erwarten, und die einſamen Bewohner kehrten 10 mechaniſch in die alten Gewohnheiten der winterlichen Zeit zuruͤck. Es war kaum anzunehmen, daß die Anordnung der Zeit und die Obwaltung des Hauſes von denen ausgehe, die ihr Rang dazu berief, viel eher ſchien es, jene fuͤgten ſich in das, was von der Dienerſchaft in jahrelanger Gewohnheit und ſchweigſamen Gehorſam nach dem einmal gekannten Willen ihrer Herrſchaften auch jetzt wieder ſorgſam ohne Frage eingerichtet war. WMan verließ die eigenen Gemächer und verfuͤgte ſich in die Verſammlungszimmer, wenn die aufwartenden Die⸗ ner die Stunden dazu meldeten; man trennte ſich, wenn die Zeit 4 dieſem Beiſammenſein durch den Aufhub der Tafel oder des Fruͤhſtuͤcks angezeigt war, und der Zwang, der uͤber Allen waltete, ſchob die ſtreng gehal⸗ tenen Stunden ſelten hinaus. Es war die Zeit einer bangen Erwartung, die Alle zur Unthäͤtigkeit verdammte, wäͤhrend Sorge, beleidigter Stolz und die Bürde eines großen, erlittenen Unrechts im Geheim die Leidenſchaften Aller ſteigerte, und weder ein Abſchließen mit dem Leben zuließ, noch eine mu⸗ thige Anſtrengung fuͤr die Wiedererlangung des geſtoͤrten Friedens. Wohl wußte die erhabene, alſo geprüfte Familie, daß England den Kummer theile und uͤber die Beleidi⸗ gung murre, die jeden edeln Mann in Bezug auf die ſchimpfliche Behandlung des Grafen Briſtol zu betreffen ſchien. Aber es ſind nicht alle Gemuͤther geſtimmt, in der Theilnahme der Menge Troſt finden zu koͤnnen. Graf Briſtol war am Ende eines gluͤcklichen und ruhm⸗ vollen Lebens nicht vorbereitet, es ſo traurig zu be⸗ ſchließen, und das ſtolze Herz ſeiner Tochter widerſtand dem Ungluͤck mit ergebungsloſem Unwillen. Lord Briſtol war vom Hofe und aus London ver⸗ wieſen. Der Stolz, womit er das Parlament zum Schiedsrichter zwiſchen ſeinem Ankläger und ſich geſtellt wiſſen wollte, war eine Herausforderung zu gefährlicher Art fuͤr Buckingham, als daß er nicht eine Perweiſung vom Koͤnige erpreſſen ſollte, um alle Anſtrengungen mit einem Male zu vernichten, die von Seiten der mächti⸗ gen Familie des Grafen gemacht wurden, um ihn glaͤn⸗ zend zu rechtfertigen. Machtlos ſtand Lord Briſtol vor dieſem harten Gebot. Das Antlitz ſeines Koͤnigs war ihm entzogen; der Prinz von Wales, wie es ſchien, theilte die Meinung des verwegenen Herzogs; zu wi⸗ derſtehen war der Gewalt nicht; der Graf mußte vor den Thoren von London umwenden und in der Ver⸗ bannung ſich fuͤr beguͤnſtigt halten, daß man das Schloß der Herzogin von Nottingham als Zufluchtsort anzu⸗ ſehn, ihm verſtattete. Was ihm von hier aus zu thun moͤglich war, beſchraͤnkte ſich darauf, die Wirkſamkeit des Grafen Archimbald und des Lord Richmond durch Alles zu unterhalten, was ihm zu ſeiner Rechtfertigung an Be⸗ weiſen zu Gebote ſtand; doch der Widerſtand und die geſetzwidrigen Hinderniſſe, welche dieſe auf allen Wegen von Buckinghams Kreaturen aufgeſtellt fanden, machte ihr Streben zu dem erfolgloſen Geſchaͤft der Danai⸗ den und ſetzte ihre eigene, ſtets behauptete achtungsvolle Stellung allgemach herab. Ihre offenen Bemuͤhungen hatten zuerſt das Mißfallen des Hofes zur Folge, wel⸗ cher ſich nicht an eine Sache erinnert ſehen wollte, die nicht zu rechtfertigen war, und in Anſehung der betref⸗ fenden ausgezeichneten Perſon nicht in der Stille ſich beſeitigen ließ. Die Miniſter des Koͤnigs, obwohl von der Unſchuld des Grafen uͤberzeugt, hatten Buckinghams Willen ge⸗ genuͤber keinen Einfluß auf den Koͤnig, und Lord Salis⸗ burh hatte mit engherziger Strenge ſich von jeder Theil⸗ nahme an ſeiner Familie ausgeſchloſſen, ſobald ſie ge⸗ gen den einmal ausgeſprochenen koͤniglichen Willen lief. So geſchah es, daß der Mann, der noch vor Kurzem im Mittelpunkte der Gnade zweier großen Hoͤfe, von den Freundſchafts⸗ und Gnadenbezeigungen der ſpani⸗ ſchen und engliſchen Majeſtaͤten uͤberhaͤuft, und im Be⸗ 13 griff geweſen war, eine glänzende Allianz fuͤr ſein Va⸗ terland durch die heiligſten Bande zu befeſtigen, und ſich den Segen und den Dank ſeines Koͤnigs und ſeines Vaterlandes zu verdienen— jetzt, durch die beiſpielloſe Unverſchämtheit eines ungeſchickten und leichtſinnigen Thoren, ſich zum Spielball der boshaften Willkuͤr deſ⸗ ſelben herabgeſetzt ſah, angeklagt treuloſen Verraths des koͤniglichen Vertrauens, angeklagt oͤffentlich und laut vor ganz England, vor ganz Europa, und durch den grauſamſten Machtſpruch zur Verbannung und zu ei⸗ nem Schweigen verdammt, das dieſen geachteten Na⸗ men zu einem Gegenſtande des Zweifels machte. Bis zu dem Augenblicke waren alle Bemuͤhungen ſeiner Freunde, ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung auszuwirken, vergeblich geweſen. Ihre Bitten erreich⸗ ten Jakobs wohlverwahrtes Ohr nicht mehr. Der Prinz zeigte eine Kaͤlte dagegen, die den beſorgten Freunden des Vaterlandes die Wahrheit zu beſtätigen ſchien, es habe der Karakter des Prinzen nach der Ruͤckkehr aus Spanien eine traurige Umaͤnderung er⸗ litten, die man dem entſchieden hervorgetretenen Ein⸗ fluſſe Buckinghams zuzurechnen, ſich fuͤr berechtigt hielt. Der Koͤnig von Spanien, Briſtols unermuͤdlicher Freund und Bewunderer, hatte, trotz der feindlichen 14 Stellung, die beide Laͤnder jetzt gegeneinander annah⸗ men, ſeine gerechte Empfindlichkeit uͤberwunden, und in einem eigenhaͤndigen Schreiben an Jakob ſeinen Lieb⸗ ling vertheidigt und den Koͤnig fuͤr ihn zu gewinnen geſucht. Jakob hatte dieſen Brief nie erhalten, und dem großmuͤthigen Philipp ward angedeutet, daß ſeine Vorliebe dem Grafen eben nicht zum Beſten gereiche, da er gerade verklagt ſei, der katholiſchen Majeſtaät zu vortheilhaft geſinnt geweſen zu ſein. Ein gleiches Schickſal hatte Lord Briſtols erha⸗ bene Freundin, die edle und ungluͤckliche Pfalzgräfin Eliſabeth, die Tochter Jakobs, die, aus dem Beſitzthum ihres Gemahls vertrieben, in troſtloſer Verlaſſenheit, jetzt auch der Hoffnung beraubt war, nachdem mit Bri⸗ ſtols Sturz der ſpaniſche Einfluß auf ihr Schickſal verloren gegangen, von dem ſie ihr geſunkenes Gluͤck wieder aufgerichtet zu ſehen hoffte. Vergeblich ſagte man ihr, daß Frankreich die Rolle Spaniens erſetzen, daß ſie bei dieſer politiſchen Umwälzung nichts verlie⸗ ren wuͤrde; ihr Langmuth war erſchoͤpft, und die Ver⸗ zweiflung gab ihrer Sprache die ungeſchminkte Faͤrbung der Wahrheit. Die dringenden Briefe dieſes Inhalts an ihren Vater, die ſtets von heftigen Ausbruchen ge⸗ gen Buckingham und von Betheuerungen fuͤr Briſtols Unſchuld erfuͤllt waren, wurden nicht unterdruckt, ſon⸗ 15 dern Buckingham weidete ſich daran, wie ſie ſelbſt den Zweck zerſtoͤrten, den ſie erreichen ſollten. Jakob hatte die ungluͤckliche Verbindung ſtets als eine Plage be⸗ trachtet, wovon ſein ängſtlich bewachtes Friedensſyſtem bedroht und ſeine ſtets ſparſam gefuͤllten Kaſſen zum Oeftern gepluͤndert wurden, und wenn er ſeiner Toch⸗ ter dieſe beiden Belaͤſtigungen bisher verziehen hatte, geſchah es immer nur in ſo fern, als das Unheil eines Krieges noch wirklich abgewendet worden war. In dem Augenblicke, wo ſeine ſinkenden Lebenskraͤfte ihn herzloſer und uͤbellauniger, als je, machten, erbit⸗ terte ihn die Vorſtellung, dem Kriege mit Spanien nicht mehr entgehen zu koͤnnen, ſo heftig, daß er, getäuſcht uͤber die wahren Urheber deſſelben, ſich durch die Vertheidigung Briſtols, der ihm als ein ſolcher vorgeſpiegelt worden, wahrhaftig empoͤrt fuͤhlte; zumal, da dieſe Vertheidigung von einer Prinzeſſin ausging, von welcher er ſtets, in truͤber Vorah⸗ nung, die Veranlaſſung zu einer Kataſtrophe erwar⸗ tet hatte, die ihn jetzt eben durch ihren Schuͤtzling er⸗ reicht zu haben ſchien. Er hoͤrte daher nicht auf, ſich auf das Lauteſte uͤber die Mahnungen der Pfalzgräfin zu beklagen, und es konnte Niemandem entgehen, daß dieſe Bemuͤhungen die Sache des Grafen noch mehr verdarben. 16 Sd wenig nun unter dieſen Umſtänden ſich ein Weg zu oͤffnen ſchien, deſſen Verfolgung guͤnſtigere Re⸗ ſultate hoffen ließ, war doch Graf Archimbald eben, wie Richmond, entſchloſſen, feſten Fußes das beſtrittene Feld zu behaupten, da es außer allem Zweifel blieb, daß London und der Hof, bewacht in allen ſeinen Ab⸗ wechſelungen, Gelegenheit geben muͤßte, die nie aufzu⸗ gebende Sache an ein klareres Licht zu ziehen. So blieben Beide freiwillig von Godwie⸗Caſtle getrennt, während der junge Herzog, in einer ſtillen, leidend ruhigen Faſſung, in dem Hauſe ſeiner nunmehr anerkannten Braut in London, ſeine Zeit in gleichem Antheil dem Kummer ſeiner Familie, wie den Pflichten ſeines Berufs widmete. Die juͤngere Herzogin begriff unter den offen da⸗ liegenden Urſachen des Kummers alle Empfindungen ihres Herzens, wie manches ihnen auch beigemiſcht ſein mochte, was ſie ſich oder Andern einzugeſtehen nicht geneigt war. Sie hatte ſich mit der Angelegenheit der angeblichen Graͤfin Melville ſeit ihrer freiwilligen und heimlichen Entfernung von Burtonhall fuͤr abgefunden erkläͤrt, und ſich, wie ihren Umgebungen, mit der ihr eigenen Art, welche keine andere Meinung aufkommen ließ, jede weitere Nachforſchung nach dem fernern Auf⸗ enthalte nach Ergehen derſelben unterſagt. Der Name — ——— —. —— 12 des liebenswuͤrdigen Weſens war daher in den einſt von ihr belebten Raͤumen verklungen, oder wurde nur ſchuͤchtern in den langen Wintergeſpraͤchen der Diener⸗ ſchaft erwähnt, welche alle dem guͤtigen Fräulein zuge⸗ than verblieben. Lord Briſtol hatte die endlich geoͤffneten Gemächer des verſtorbenen Herzogs bezogen, und ſein raſtloſer Geiſt war hier mit der Abfaſſung von Memoiren be⸗ ſchaͤftigt, die ſein reiches und einflußreiches diplomati⸗ ſches Leben betrafen. So ſich in die Vergangenheit vertiefend, behielt er doch ſeine gegenwaͤrtige Stellung unverruͤckt im Auge, und auf die Liebe des Koͤnigs zu ihm bauend, die er einſt ſo vollſtändig beſeſſen, ging ſein lebhafter Wunſch dahin, ſich auf irgend eine Weiſe ihm naͤhern und ſich vor ihm ſelbſt vertheidigen zu koͤnnen. Eine einzige Vertraute dieſes Wunſches gab es fuͤr ihn; dies war ſeine Tochter. Wie ſonſt bei Lebzeiten ihres Gemahls, ruhte die Herzogin heute in dem Lehn⸗ ſtuhle, dem Arbeitstiſche ihres Gemahls gegenuͤber, von welchem her jetzt das ernſte, gefurchte Antlitz des Va⸗ ters zu ihr blickte, um deſſen hohe Stirn die Locken des ſtarken Haares, von dem Reife des Alters gebleicht, ſich majeſtätiſch bauten und den erhabenen Eindruck ſeiner ganzen Erſcheinung zu kroͤnen ſchienen. Godwie⸗Caſtle III. 2 18 Ich habe meinen Namen vor England nicht zu vertheidigen, meine Tochter, ſetzte er gelaſſen ein mit ihr gefuͤhrtes Geſpraͤch fort, und hätte ich es, ſo wuͤrde, nach menſchlicher Wahrſcheinlichkeit, die Zeit nicht aus bleiben, wo es geſchehen koͤnnte; aber zu jener Rechtfertigung, nach der, ich geſtehe es Dir, mein Herz ſich ſehnt, dazu moͤchte es bald an der Zeit ſein, oder fuͤr immer zu ſpät. Mein theurer, daß ich es ſagen muß, mißleiteter Koͤnig iſt am Ende ſeiner Tage. Soll er ſein Auge ſchließen, ohne es noch einmal verſoͤhnt und wohlwollend auf ſeinen treuen Diener, den er einſt ſeinen Freund nannte, ge⸗ richtet zu haben? Er hatte ſich während dieſer Worte erhoben und ſchritt gedankenvoll durch das kleine Gemach. Sein ſtolzes Haupt hatte ſich nachdenkend auf ſeine Bruſt geſenkt, ſeine Armen lagen gekreuzt uͤber einander. Die Herzogin begleitete ihn mit den ausdrucksvol⸗ len Blicken, die ihr ſo eigen waren, wenn ſie ſich ei⸗ nen Gegenſtand bis zur Klarheit ausdachte, und hier verfolgte ſie den Gedanken, daß die perſoͤnliche Un⸗ gnade des Koͤnigs, der Geſpiele, Freund und Vertrau⸗ ter ihres Vaters geweſen, dem dieſer mit grenzenloſer Hingebung und einer an Enthuſiasmus grenzenden Liebe gedient, dies edle Herz tiefer verwundete, als eine 19 offentliche Anklage, an die Niemand im Ernſte glaubte, wenn auch ſie zu widerlegen, außer dem Intereſſe der Mehrzahl lag. Sie hatte die ruhende Stellung aufgegeben, Ge⸗ danke an Gedanke, befluͤgelt von der Liebe zu dem edeln, innigverehrten Vater, ordneten ſich in ihrem Kopfe und roͤtheten das blaſſe, zuſammengefallene Antlitz mit einem Anhauche fruͤheren Glanzes. Nun wohl, theurer Vater, ſo laſſet uns handeln! ſprach ſie endlich und erhob ſich, lebhaft vor ihn hin⸗ tretend. Die Witwe des Herzogs von Nottingham iſt nicht vom Hofe verbannt, ihr wird der Zugang nicht verwehrt ſein zu den Stufen des Thrones. Laſ⸗ ſet Eure Tochter als Euren Boten voran nach Lon⸗ don eilen, dieſe wankenden Knie werden ſich leicht beu⸗ gen, um fuͤr den Vater Gerechtigkeit zu erflehen, und Jakob wird die Tochter horen, die von dem Herzen des Vaters zu dem ſeinigen reden will. Ich fuͤrchte dieſen Buckingham nicht, und Ihr wißt, ſetzte ſie ſtolz hinzu, ich habe ihn nie gefuͤrchtet; auch iſt ja meine Sendung eine Sendung des Friedens! Moͤge England ungewiß bleiben, ob Jakob verſoͤhnt iſt mit ſeinem edelſten Diener; ſeid nur Ihr es nicht länger, ſei nur von dieſem Herzen der Schmerz genommen, der es jetzt ergriffen hält. 2* 20 Briſtol betrachtete ſeine Tochter; ein ſanfter Aus⸗ druck glitt uͤber ſeine bekuͤmmerten Zuͤge und ſeine Arme loͤſten ſich, die Haͤnde der Tochter zu ergreifen. Ich danke Dir, Arabella, fuͤr den warmen An⸗ theil, den Du mir bewahrt haſt, ſprach er ſanft, aber vielleicht bedarf ich ihn nicht, um Dich einem ſo un⸗ gewiſſen Unternehmen auszuſetzen, deſſen Mißlingen Dich tiefer verletzen wuͤrde, als Du berechnen kannſt. Dieſe erſehnte Zuſammenkunft iſt vielleicht nicht mehr fern, und ich war eben geſonnen, Dich auf meine moͤgliche kurze Entfernung vorzubereiten, welche mit einem mir gemachten Vorſchlage, den Koͤnig zu ſe⸗ hen, zuſammenhaͤngt, und welche den Bewohnern die⸗ ſes Schloſſes zu deuten, ich Deiner Klugheit überlaſ⸗ ſen muß. Und habe ich ſo viel Anſpruch an Euer ſpätes Vertrauen, verehrter Herr, um hier mehr als ein blin⸗ der Huͤter Eurer mit Fremden verabredeten und mir bis jetzt ſo wohl entzogenen Pläne zu ſein? ſprach die Her⸗ zogin, ſich nach ihrem Seſſel zuruͤckziehend. Ja wohl, Fremde! ſeufzte hier Lord Briſtol ſchwer auf, denn in England ſcheint kein Herz mehr nach dem Takte alter Ehre und alten Rechtes zu ſchlagen, ſon⸗ dern, wie die Furcht das feige Blut regiert, im jähen Wechſel von Haſt nnd Gleichguͤltigkeit. 21 Die Hulfe, die man mir beut, ſie koͤmmt von je⸗ nen, die aus dem Untergange meiner lang gepflegten, fur England ſegensreichen Pläne ihre eigenen aufbluͤ⸗ hen ſehen. Richelien bietet ſich zum Vermittler an, durch Richelieus geheimen Einfluß ſoll ich den Koͤnig ſehen.— Richelieu! rief die Herzogin, in der Ueberraſchung ihre Empfindlichkeit vergeſſend, Richelieu, der Jeſuit! der Feind aller Freiheit, aller Tugend! Euer Feind, ſo lang Ihr England mit Spanien zu vereinen ſtrebtet, er, er wuͤrde Euren Einfluß zu heben ſuchen, nachdem ihm durch Euren Sturz der beſte Vortheil ward, und er begierig mit Eurem Feinde Buckingham die Bande ſchuͤrzte, die auf immer Alles trennen, was Ihr mit langer Weisheit in andrer Richtung angeknuͤpft! Va⸗ ter, wollt Ihr mich glauben lehren an den Ruf, der Richelieu zu dem verſchlagenſten Staatsmanne Europas ſtempelt! Wenn er Euch zu täuſchen wuͤßte, glaube ich an Alles! Eben weil ich Dich als ſo raſch in Urtheil und Aeußerungen kenne, erwiderte Lord Briſtol, entzog ich Dir, wie Du beſtätigſt, nicht ohne Grund, die lang⸗ ſam entſtehenden Beweggruͤnde, die envlich mich zu die⸗ ſem Punkte fuͤhren konnten; doch weiß ich, die Ueber⸗ zeugung wird Dir bald noͤthig ſein, daß Dein in den 22 Wegen der Politik grau gewordener Vater nicht jetzt in die Schlingen eines franzoͤſiſchen Kardinals gefallen, ſondern daß hier zum erſten Male der Fall eingetreten iſt, daß Beide in einem Intereſſe handeln. Da die Herzogin ihn nicht unterbrach, fuhr Graf Briſtol fort: Was ich zum Wohle des Ganzen mit Spanien ſo ſorgfältig angeſponnen, iſt unwiderruflich dahin. Frankreich hat mit neidiſchen Augen eine Ver⸗ bindung betrachtet, welche England einen überwiegenden Einfluß auf alle europaiſchen Beſchluſſe verhieß, und wohl wiſſend, von wem dieſer Plan ausging und gelei⸗ tet ward, und wie nach ihm Keiner ihn führen koͤnnte, war ich ſeinen geheimen Machinationen unaufhoͤrlich preisgegeben. Alle Schwierigkeiten des roͤmiſchen Ho⸗ fes wurden von Frankreich geleitet und ſcheiterten al⸗ lein an dem ſeltenen perſoͤnlichen Verhältniß, welches zwiſchen mir und Philipp beſtand, und mein einfaches Wort hoͤher gelten ließ, als alle Intriguen des ehrgei⸗ zigen Kardinals. Daß aus der unbegreiflichen Verſoͤh⸗ nung des Prinzen mit Buckingham dieſe verderbliche Reiſe entſtehen durfte, die Alles vernichten mußte, das lag außer der Berechnung ſelbſt der kuͤhnſten Wuͤnſche Frankreichs; doch ward es eben ſo ſchnell zu deſſen Vortheil benutzt, wie es außer meinen Kräften lag, es unſchadlich zu machen. Eine wunderbare Erſcheinung 23 in der Welt hat ſich hier wiederholt, daß oft die Weis⸗ heit durch die Schellenkappe von ihrem Throne gejagt wird, um das Laſter darauf zu kroͤnen. Was Riche⸗ lieu nicht zu hintertreiben gelang mit dem ganzen dro⸗ henden Apparate des roͤmiſchen Hofes, das gelang dem wahnſinnigen Uebermuthe eines boshaften Thoren, der vielleicht in toller Laune ſeine Schuhſchnallen gegen dieſe Verbindung gewettet hatte. So brutal, ſo plan⸗ los, ſo ohne Hehl ſeiner boͤſen Abſicht trat dieſer Menſch auf, und dennoch ſo unwiderſtehlich, da er kein Mittel ſcheute, um gerade das zu zerſtoͤren, worauf Al⸗ les beruhte: Treue und Glauben an engliſche Redlich⸗ keit und reine Sitte.— Und der Prinz? rief die Herzogin. Nie werde ich das Räthſel loͤſen koͤnnen, was er uns dabei auf⸗ giebt. Nicht hoch iſt meine Meinung von ihm gewe⸗ ſen, ſie iſt gerechtfertigt; ſeine erſte Handlung zeigt ihn als einen Mann ohne Haltung, ohne Guͤte und wah⸗ res Ehrgefuͤhl. Wie konnte er je die Hand Bucking⸗ hams ergreifen, die ſich einſt freventlich gegen ihn er⸗ hob, und ſich von allen denen wenden, fur die er fruͤ⸗ her nur zu leben ſchien. Der Prinz, erwiderte Briſtol, zeigt ſich freilich abweichend von dem, was fruͤher wir von ihm erwar⸗ ten durften; aber ehe ich Dir beipflichte, muͤßte ich ihn 24 naͤher beobachten koͤnnen. Ganz rechne ich ſeinem Ka⸗ rakter dieſe Verwandlung nicht zu; es liegt hier irgend ein aͤußeres Anreizungsmittel zum Grunde, das bis jetzt zu erforſchen mir nicht gelang. Doch leider iſt ſo viel gewiß, daß, ſeit er in Deinem Gemahl ſeinen guten Engel verloren, er in die Gewalt eines boͤſen Geiſtes gerieth, der mindeſtens ſeine Handlungen der Welt ent⸗ ſtellt wiedergiebt. Vielleicht hätten wir den Schluͤſſel zu allem dieſem, wenn Dein Gemahl Zeit behalten hätte, mir den Grund ſeiner Reiſe nach Spanien zu entdecken; daß ſie vom Prinzen veranlaßt war, iſt das Einzige, was mir klar geworden. Wunderbar, ſagte die Herzogin duͤſter vor ſich hin, er hat ihn mir mißgoͤnnt vom erſten Augenblicke an, er hat ihn mir entzogen, ſo viel er vermochte, er hat ihn mir endlich fuͤr immer geraubt! Briſtol umging es, dieſe bittere Anklage ſeiner Toch⸗ ter durch Widerſpruch zu ſchaͤrfen, und ſie abziehend, fuhrte er die abgewichene Unterredung auf ihren An⸗ fang zuruͤck. Frankreich hat einerſeits erreicht, was es wollte, aber indem es an die Stelle der Infantin die franzoͤ⸗ ſiſche Prinzeſſin geſetzt, betrachtet es ſchon voll Argwohn denjenigen, durch deſſen wahnſinnigen Eifer dies erreicht ward. Die Prinzeſſin ſoll eine Abgeſandte Richelieus 25 werden, ihr unbeſtrittener Einfluß auf den Prinzen muß geſichert werden, und ſchon wird Alles in Bewegung geſetzt, Vuckingham zu ſtuͤrzen oder ihm ein Gegen⸗ gewicht zu geben, und ſomit iſt Richelieu darauf bedacht, mich an das Intereſſe der Fuͤrſtin zu knuͤpfen, durch ſie mich mit dem Hofe zu verſoͤhnen und Buckingham entgegenzuſtellen.— Verzeiht, erwiderte die Herzogin, hier kalt ihn unter⸗ brechend, wenn ich Euch dies Mal nicht verſtehe. Ein⸗ fach, wie Ihr mich erzogen, habe ich von keinem andern Wege, Gluͤck und Gunſt zu erlangen, Begriff bekom⸗ men, als von dem offenen Wege des Rechts. Durch eine Kabale Richelieus den Platz Euch wieder gewinnen zu ſehen, den Euch vor ganz Europa eine Ungerechtig⸗ keit zu rauben wagte, darauf wäre ich nicht verfallen; freilich, die einfache Bitte einer Tochter um Gerechtig⸗ keit füͤr ihren Vater koͤnnte den ſtolzen Kardinal belei⸗ digen, indem der Erfolg ſeine feinen Pläne zu übereilen drohte. Arabella, ſagte Briſtol, indem er das geſenkte, ſtrenge Antlitz der Tochter lächelnd betrachtete, Du biſt dieſelbe noch, wie damals, als Du in dem großen Thurmzimmer auf dem alten Stammſchloſſe der Digbh, eine echte Erbin ihres ſtolzen Blutes, mit dem Filetſtock Deinem Vater drohteſt, wenn er in Deinen Plaͤnen, die 26 Welt zu beherrſchen, einige Abweichungen anzurathen wagte. Ohne Zwang biſt Du erwachſen, ohne Zwang geblieben bis jetzt; ſchoͤn und vollſtändig iſt Deine Na⸗ tur entwickelt, ſich ſelbſt Geſetz geworden. Mir ſchien es ſtets der einzige Weg, die tiefe Leidenſchaftlichkeit Deiner ſtolzen Natur in ſich ſelbſt ſich bezwingen zu laſſen, und viel haſt Du wahr gemacht, was das Ver⸗ trauen des Vaters Dir uͤbertrug; was damit nicht erreicht werden konnte, ſoll mich nicht uͤberraſchen, denn ich ſtellte es ſtets in Zweifel. O Vater, rief die Herzogin, ſich ſeinen Augen entziehend, es ſteht nicht wohl, die zu ſchelten, die, muͤde von Schmerz und Tauſchung, ungleich in ihrem Innern bewegt von Gleichguͤltigkeit gegen ſich ſelbſt und heißer Liebesſorge fuͤr die Ihrigen, das einfache Recht zu ihrer Richtſchnur wählt.— Auch ſchelte ich nicht, noch weniger zuͤrne ich Dei⸗ nen raſchen Worten, doch huͤte Dich, wie eben jetzt, den verletzten Stolz, der Dich hier ſo ſelbſt erhoben richten laͤßt, nicht zu verwechſeln mit dem ruͤhrenden Beduͤrfniß nach einfachem Recht. Die ſchoͤne Seele, die nur darnach lechzt, ſie ver⸗ fehle vor allen Dingen nicht, ſich ſelbſt zu pruͤfen, ob ſie rein genug geſtimmt war, um Recht von Unrecht rein zu ſcheiden. 27 Wenn ich die ſchmutzige Hand ergreife, die ſich mir bietet, wer zweifelt, und vor Allem, warum zweifelſt Du, daß es ein Opfer iſt, was ich in hoͤherer Abſicht bringe? Die Feinde meines Vaterlandes ſtehen an dem Fuß des Thrones, verloren iſt die Hoffnung Englands, verloren der Prinz, bleibt er in den Haͤnden Bucking⸗ hams. Mir fehlt, um die Ketten, worin er langſam eingeſchmiedet wird, zu brechen, jetzt die Kraft. Hat Richilieu ſich verrechnet, indem er ſie fuͤr mich zu brechen ſucht, ich habe ihn nicht getäuſcht, er kennt mein Leben, es trägt keinen Hauch von Selbſt⸗ ſucht; unvorenthalten blieb es ihm, daß dieſes Herz nichts eingebuͤßt von ſeiner warmen Liebe fuͤr England und ſein erlauchtes Herrſcherhaus. Das Antlitz, was ich wirklich trage, hat Richelieu als Maske vorgenom⸗ men; er ſpricht von Sorge fuͤr England und ſeinen Thronerben, ich empfinde ſie; er heuchelt mir Ver⸗ trauen, als ob ich allein das Unheil hindern konnte, und ich fuͤhle in Wahrheit dazu die Kruft, den Willen. So reden wir dieſelbe Sprache; er die Sprache, die mich taͤuſchen ſoll, um mich als vorlaͤufiges Mittel ge⸗ gen Buckingham zu gebrauchen, ich die Sprache der Ueberzeugung und des Herzens, an die er keinen Glau⸗ ben hat, die er fuͤr Verſtellung hält, da er nie eine Beleidigung vergeben wuͤrde, wie ich ſie erfuhr, und 28 da er wähnt, ich trachte nur nach einem Standpunkt des Herrſchens, entfernt von dem Platz, wo ich Ehre und Ruhm erlangte. Dem Koͤnige mich zu verſoͤhnen, lag außer ſeinem Willen, und hält er es fuͤr eine Grille, die mich ihm faſt veraͤchtlich macht, daß ich auf der Verſoͤhnung mit einem fuͤr ihn voͤllig abgethanen, leeren Greiſe ſo ernſt beſtand; und doch war, dieſe zu bewirken, meine erſte Bedingung. Ich erwarte die Nachrichten, die mich von hier abrufen ſollen mit jeder Stunde.— Am Abende deſſelben Tages hielt an derſelben Treppe der Terraſſe, welche einſt den lebloſen Koͤrper der un⸗ gluͤcklichen Maria trug, ein kleiner Trupp wohlbewaffne⸗ ter Reiter mit einem leeren Handpferde. Aus dem ita⸗ lieniſchen Fluͤgel glitt der Schein eines wandernden Lichtes an den Fenſtern voruber, bis es verſchwand. Bald oͤffnete ſich eine kleine Pforte nach der Terraſſe hin. Eine hohe maͤnnliche Geſtalt, in einen Mantel gehuͤllt, trat hervor, legte den Weg bis zur Treppe ſchnell zu⸗ ruͤck, rief dort ein fremdes Loſungswort, welches ſo⸗ gleich erwidert ward, ſtieg die Treppe hinab und bald verklang der Hufſchlag der ſchnell davon eilenden Roſſe in den hart gefrornen Wegen des Waldes. Die Herzogin von Nottingham brachte ihrer Schwie⸗ germutter am andern Morgen, in Gegenwart ihrer 29 Tochter und der verſammelten Dienerſchaft, die Em⸗ pfehlungen des Grafen von Briſtol, welcher ſich auf einige Tage nach Digby⸗Caſtle begeben. Sie trug da⸗ bei jene kalte abweiſende Miene, welche ihre ſanfte Schwiegermutter nie zu veraͤndern verſucht hatte, und die alle Uebrigen wie durch eine Mauer entfernt hielt, und ſo zog ein duͤſterer Schleier mehr ſich um die ein⸗ ſamen Bewohner des in Nebel gehuͤllten, von Stuͤr⸗ men umwehten Schloſſes. Noch ein Mal ſollte das alte Whitehall, das, ſeit die Geſundheit des Koͤnigs immer mehr zu ſinken be⸗ gann, veroͤdet war, den Glanz und das Gepränge einer Hofceremonie erleben. Buckingham hatte trotz des Widerſtandes des faſt ſterbenden Jakobs es durchgeſetzt, in einer feierlichen Audienz, im Angeſichte aller Großen des Reichs, vom Koͤnige ſelbſt als Stellvertreter des Prinzen von Wa⸗ les zur feierlichen Vermählung mit Henriette von Frank⸗ reich dahin abgeſendet zu werden. Es war allein eine Befriedigung ſeiner Eitelkeit, welche ihn dies Opfer von dem kranken Konige erzwin⸗ gen ließ, und die Freude an den mißlaunigen Geſich⸗ 30 tern der Lords, die zu ſeinem Triumphe erſcheinen muß⸗ ten, und denen jede Miene des uͤbermuͤthigen Mannes zurufen ſollte: Ihr empfangt durch mich Eure Koͤ⸗ nigin! Faſt haͤtte er gewuͤnſcht, Briſtol aus ſeiner Ver⸗ bannung erloͤſen zu koͤnnen, um ein Zeuge des Trium⸗ phes uͤber ihn zu ſein. Das Hotel des Herzogs glich einem Markte, auf dem alle Erzeugniſſe der Kunſt und des Lurus in der groͤßten Auswahl und Schoͤnheit auf⸗ geſtellt wäͤren, bewacht und mit ängſtlicher Sorgfalt dem Momente aufgehoben, wo ein Blick des Wohlge⸗ fallens, ein Neigen des Hauptes, Dies oder Jenes zum Eigenthum des Herzogs machen wuͤrde. Er verſagte den Tagelang Harrenden oft dieſe erſehnte Ehre, ob⸗ wohl er täglich zwiſchen ihnen durch nach ſeinen Zim⸗ mern ging, ſo hartnackig, daß ſie ihm nicht anders vor⸗ zukommen ſchienen, als die lebloſen Figuren in den Tapeten der Waͤnde. Keiner wagte ihn zu erinnern, daß ſie lebten und litten, Keiner, der Ehre und Ver⸗ moͤgen zugleich an ſelten verlangte Gegenſtände und de⸗ ren gluͤcklichen Verkauf geknuͤpft hatte, durfte um Ge⸗ hoͤr bitten, wenn er nicht erleben wollte, vertrieben, vielleicht ohne ſeine Guͤter aus dem Raume gejagt zu werden, welchen einzunehmen, Allen ſchon zur Gunſt angerechnet ward. 31 Die großen Säle des Erdgeſchoſſes waren in Packhäuſer umgewandelt, und die koſtbarſten Silber⸗ Services, die ſeltenſten Geſchirre aller Art, um ein glänzendes Haus von wenigen Wochen in Paris zu machen, wurden hier zum Transport uͤber das Meer eingerichtet. Nur Maxwell, der die Launen ſeines Herrn oft durch eben ſo hartnaͤckige zu vertreiben wußte, ließ ſich mit ſeinen Anträgen, bei dem Ankauf neuer Stickereien und Juwelen zu den zahlloſen prachtvollen Kleidern nicht ſo zuruͤckweiſen, und eine kurze Audienz, die der mächtige Kämmerling forderte, noͤthige dem Herzog ſeine Meinungen ab. Dieſem ganzen wuͤſten Treiben, welches der gro⸗ ßen Kataſtrophe der Abreiſe voran ging, fehlte zur hoͤch⸗ ſten Ungeduld des Herzogs noch immer die eine Per⸗ ſon, von der er ſich ſelbſt und alle ſeine Angelegenhei⸗ ten am liebſten beherrſchen ließ, wenn ihm dazu ſelbſt die Laune verging. Dies war Lord Membrocke. Längſt war die Zeit voruͤber, welche ihn zuruͤckfuͤhren mußte; aber weder von ihm ſelbſt, noch von dem Verlauf ſeines Auftra⸗ ges waren Nachrichten eingetroffen, und die Boten, welche Buckingham nach dem Schloſſe geſendet, welches er fuͤr den Empfang ſeiner Richte einzurichten befohlen, 32 waren alle mit der Meldung zuruͤckgekommen, daß man dort noch immer die fremde Dame erwarte und von Lord Membrocke keine Spur ſich gezeigt habe. Buckingham wuͤrde nicht gezweifelt haben, daß Membrocke ſeine Nichte entführt habe, hätte er nicht gewußt, daß derſelbe zu einer ſolchen romanhaften Ent⸗ ſchließung uͤberhaupt zu gleichguͤltig und bequem ſei, und am wenigſten in einem Augenblicke ſich dazu hinneigen wurde, wo er ihm die Ausſicht zu einer der glänzend⸗ ſten Reiſen an ſeiner Seite eroͤffnet und hiermit ſei⸗ ner einzigen Leidenſchaft, ſeiner grenzenloſen Eitelkeit, das weiteſte Feld zur Ernte dargeboten hatte. Buckingham war in der ſeltenen Lage, Geduld haben zu muͤſſen, und dies brachte ihn jeden Tag, wo er durch irgend eine Toiletten⸗Bagatelle an Membrockes Abweſenheit erinnert ward, ein paar Mal in die ent⸗ ſetzlichſte Wuth, worin er ihn verwuͤnſchte, die groͤß ten Zuͤchtigungen und Kraͤnkungen ihm verhieß, bis er es wieder vergeſſen oder ein paar neue unnutze Bo⸗ ten abgeſendet hatte, die den fruͤhern Beſcheid wieder⸗ holten. Es war am Tage vor der großen Audienz in Whi⸗ tehall, als die Thuͤr des Kabinets ſich oͤffnete, in dem der Herzog mit Marwell rathſchlagte, und Membrocke mit ſeinem eigenthuͤmlichen eleganten Anſtande und mit — 33 der Sicherheit einer vollkommen gerechtfertigten Erſchei⸗ nung hereintrat. Maxwell ſah voll Erſtaunen, wie Buckingham in ſeine Arme flog, ihn herzte und kußte, und nicht gluͤck⸗ lich genug ſich preiſen konnte, daß er eben heute komme, einen Tag vor der Audienz, die er jetzt mit der groͤß⸗ ten Geläufigkeit ihm zu ſchildern begann. Alle da⸗ bei gehofften Triumphe, von der lächerlich dargeſtellten Angſt des alten Koͤnigs bis zu dem Wamſe und den Juwelen, die ihn dabei zieren ſollten, wurden aufge⸗ zählt, und er ruhte nicht, bis er, voll Sorge, Mem⸗ brockes Toilette wuͤrde nicht glänzend genug dabei erz ſcheinen, ihm von ſeinen fertig daliegenden, noch un⸗ gemachten Stickereien aufgenoͤthigt hatte, was ſich dazu eignete, den Glanz ſeines Begleiters zu heben. Wer Beide beobachtete und die fruͤheren Ausbruͤche des leichſinnigen Herzogs vernommen, mußte glauben, er ſupplicire um die Freundſchaft und Verzeihung Mem⸗ brockes, und dieſer ſei der Beleidigte und Zuͤrnende; doch nur augenblicklich. Wer wie Marwell ſeinen Herrn kannte, den konnte es nicht befremden, denn ſo beherrſchte ihn ſtets der Augenblick. Jahrelang konnte er Menſchen und Verhältniſſe verfolgen, und mit allen Fäden der feinſten und bos⸗ hafteſten Intrigue umſpinnen, und in demſelben Au⸗ Godwie⸗Caſtle III. 3 34 genblick, wo er die verſchlagenſten Plaͤne erſonnen, zer⸗ ſtreuten ihn bis zur kindiſchſten Sorgloſigkeit und Al⸗ bernheit die kleinſten Intereſſen der Geſelligkeit und Eitelkeit. Dagegen trat Membrocke, der ſich in ſeinem Be⸗ tragen gegen ihn eine gewiſſe vornehme Zuruͤckhaltung zum Grundſatz gemacht hatte, mit einer ſehr merklichen Verſtärkung dieſes Weſens vor ihm auf, ſo daß es end⸗ lich der Herzog, aus ſeiner Zerſtreuung zu ſich kom⸗ mend, wohl merken mußte. Sogleich, wie vom Blitz von dem Gedanken getroffen, daß er ihm habe zuͤrnen wol⸗ len, ſprang er auch im Nu in dieſe Stimmung uͤber. Ha, Mhlord, rief er, hochroth vor Zorn, ich ver⸗ ſtehe jetzt, warum Ihr anſteht, Euch freundlich und offen zu betragen; Ihr fuͤrchtet die Rechenſchaft, die Ihr mir abzulegen habt. Sprecht augenblicklich, wo habt Ihr ſie? Was habt Ihr gewagt gegen meinen Willen zu thun? Ha, gegen meinen Willen! Ihr ſollt es fürchterlich beklagen,— gegen meinen Willen! Boͤſewicht! Verräther! Halt! uͤberſchrie Membrocke die wuthende Stimme des Herzogs und druͤckte den Andringenden ſo uber⸗ legen zuruͤck, daß jener mit verſetztem Athem inne halten mußte. Ich bin nicht geſonnen, hier in Eu⸗ rem Kabinette eben ſo der Spielball Eurer ungezoge⸗ 35 nen Launen zu ſein, wie Ihr bei der Angelegenheit mit dieſer Dame gewagt habt, mich außer dieſem Hauſe umher zu jagen. Von Euch begehre ich Rechenſchaft! Warum habt Ihr dieſe Dame, die ich als ein wahrer Edelmann geſchutzt und behuͤtet habe, meiner Sorgfalt entzogen? Warum mich auf das Unnützeſte umherzie⸗ hen, Euch überall vergeblich erwarten laſſen? Bis ich endlich, gegen Euern Willen ohne Zweifel, den einzigen mir zuſagenden Ausweg ergriff, hierher zu gehn und von Euch ſelbſt Rechenſchaft zu begehren. Ihr erwar⸗ tet ein freundliches Geſicht, da ich Euch in tiefem Frieden mit Euch ſelbſt beſchäftigt finde, wahrſchein⸗ lich ohne Gedanken daran, daß Ihr mich umher jagtet, faſt bis zum Augenblicke, wo Euer mir ge⸗ machtes Reiſeanerbieten nicht mehr ausfuͤhrbar gewe⸗ ſen waͤre und das Meer uns zu trennen die Guͤte ge⸗ habt haͤtte. Nein, nein! rief Buckingham hier, ernſt und be⸗ ſorgt blickend, es iſt Alles nicht ſo, wie Du ſagſt. Laß uns das Geſchwaͤtz von Vorwürfen enden, damit wir zur Wahrheit kommen; es ahnet mir, wir ſind beide betrogen, und eine Verſtändigung unter uns iſt noͤthig. Nimm mein Wort, Du haſt ſeit meinem letzten Briefe zu Burtonhall keinen weitern Auftrag von mir erhalten.— 3* 36 Aber drei Mal die Chiffern, die Deinen beſtimmten Willen andeuten, welche ein Mal mich Deine Nichte in andere Haͤnde übergeben ließen und zwei Mal mich zu vergeblichen Rendezvous fuͤhrten.— Wir ſind betrogen! fuhr Buckingham wild auf. Wo ſind die Chiffern? Man hat Dich getäuſcht. Voll Ungeduld habe ich die Anzeige Deiner Ruͤckkehr und der Sicherheit Deiner Schutzbefohlenen abgewartet. Erzähle ſchnell! Eben ſo ſchnell muͤſſen die Mittel er⸗ griffen werden, dies Bubenſtuͤck zu entlarven. Ha, von woher kann mir dies kommen? Glaubſt Du von den Nottinghams? Doch nein! Sie hätten ſie Dir mit dem Degen in der Fauſt abgenoͤthigt, groͤßere Fein⸗ heiten kennen ſie nicht. Auch haben ſie nicht unterlaſſen, dieſe Feinheit ge⸗ gen mich zu verſuchen, und nicht ich habe es gehindert, ſondern Deine erhabene Richt ſelbſt.— Sie ſelbſt? ſchrie Buckingham, halb lachend; hat⸗ teſt Du ſie ſchon am Angelhaken Deiner ſchoͤnen Au⸗ gen? Wie, Du haſt gewagt, ſie in Dich verliebt zu machen?— Ich wurde es nicht gehindert haben, ſei gewiß, wenn meine Reize dies Wunder bewirkt hätten. Doch dies Mal kann ich bei meiner ſonſtigen ziemlichen Wahr⸗ nehmung aller Schattirungen weiblicher Entzuͤckung, die 37 meine unwiderſtehliche Perſon hervor zu rufen vermag, nicht anders, als eingeſtehn, daß ich auf den erſten, ſchwachen Anfang vergeblich gewartet habe. Sie hat mich vom erſten bis zum letzten Augenblick mit Miß⸗ trauen behandelt, und nur ihre unbegreifliche Klugheit lehrte ſie, waͤhrend der Reiſe ihr hochmuͤthiges Zuruͤck⸗ ſtoßen in eine kalte Hoͤflichkeit umzuaͤndern, womit ſie mir die einzige Gelegenheit zur Vertraulichkeit abſchnitt; denn ich hatte mich jetzt nicht einmal uͤber irgend etwas gegen ſie zu beklagen.— Ganz natuͤrlich, fiel Buckingham hier ein, Deine unbegreifliche tolle Art, ein Verhaͤltniß mit ihr anzu⸗ knuͤpfen, mußte dieſen Phoͤnir, in deſſen Adern das ſtolzeſte Blut von England fließt, empoͤren und Dir den Stab brechen. Weiberkenner! ſpottete er, dies Mädchen war zu hoch fuͤr Deine verbrauchten Theo⸗ rien! Thor, rief Membrocke ärgerlich, hätteſt Du mir neue Lehren geben wollen? Sie gehoͤrte nicht zu denen, die ich durch Launen, Ueberſehn, Quälereien und einen eingeſtreuten Sonnenblick der Anbetung beſiegen konnte; ſie hätte das Alles nicht bemerkt, und ihre unbegreif⸗ liche Hoheit— ich muß es Dir geſtehn— machte ſie von Niemand abhängig. Aber wenn ich ſie nach dieſer Ue⸗ berzeugung unter die zweite Rubrik der Frauen ſtellte, 38 mußte ich aus meiner Gemaächlichkeit heraus, und ihr Verzweiflung, Wahnſinn, bleiche Wangen und todte Augen zeigen. Ha, haͤtten Euer Liebden beſſern Rath gewußt? Ich habe noch keine Frau gekannt, die dies lange mit anſah und nicht wenigſtens durch einen hol⸗ den Blick voll Theilnahme lindern wollte; keine faſt, die mit dieſem erſten Blicke, den ich blos der Tugend und Menſchlichkeit verdankte, nicht mein Eigenthum geworden wäre. Dieſe armen Kreaturen fuͤhlen ſich ſo gering, und ſehen uns ſo allgewaltig und unabhängig über ſich, daß ſie dem Wahnſinn nahe kommen, wenn wir den Glauben in ihnen erwecken, unſer Leben, unſer Gluck, hänge an der Richtung und dem Schimmer ihrer ſchoͤ⸗ nen Augen. Habe ich etwa Unrecht? Kannteſt Du eine Tugend, die nicht eben dieſer ihrer Tugend zum Opfer ward?— Aber meine Nichte, lachte Buckingham, meine Nichte! Hat der erhabene Kenner weiblicher Herzen, vor dem ich armſeliger Schuͤler mich beugen muß, hat er eine dritte Rubrik für die Nichte des ſtolzeſten Herzogs erfinden muͤſſen? Was ſagte ſie zu dem Fuß⸗ fall, zu dem Wahnſinn, zu den bleichen Wangen und todten Augen? 39 Membrocke riß ärgerlich den Mantel um die Schul⸗ ter, und ſich im Seſſel dehnend, rief er: So viel un⸗ nuͤtze Bemuͤhung! Sie ſchalt mich wie einen Schul⸗ knaben und ſah mich ſpäter ſo wenig an, daß es gleich war, ob ich roth oder blaß ausſah. Hätte ich Kuͤh⸗ neres gewagt, ſie hätte ihren Hund auf mich gelaſſen und die kleinſte Unbeſonnenheit brachte mich gleich in Gefahr, den tugendhaften Nottinghams verrathen zu werden; denn ihr Widerwillen, mir nur ein heimliches Wort zu goͤnnen, war durch die groͤßte Zuruͤckhaltung nicht mehr zu uͤberwinden. Gottlich, gottlich! rief Buckingham und rieb ſich voll Freude die Hände, als ob er nicht grade das Ge⸗ gentheil gewollt, und mit dem tollſten Leichtſinne Ehre und Tugend ſeiner Nichte an den verdorbenſten Mann, den er kannte, gewagt hätte. Aber, rief er plotzlich, nun mußteſt Du Gewalt gebrauchen, ſie zu entfuͤhren, oder ſollte ſie dem Briefe gefolgt ſein? So war es, erwiderte Membrocke. Sie glaubte fruͤher nicht an meine erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehullten Oheim; aber der unbegreifliche Umſtand, daß ſie ſeinen Namen nicht kannte, nachdem ihr die Nachforſchungen der Notting⸗ hams bewieſen, es ſei kein Graf von Marr, machte ſie empfänglich fuͤr den Namen Saville, den ich unter⸗ 40 ſchob, da ich vermuthen mußte, die Familie koͤnne ihn gelegentlich bezeichnen, als in Briſtols Angelegenheiten boͤs verwickelt. Mißtrauen gegen mich und Furcht, den zu verrathen, den ſie anbetet, und den ich bei ih⸗ rem erſten Worte an die Familie zu entdecken drohte, hielten ſich die Waage und ließen ſie allein dies Ein⸗ verſtändniß mit mir ertragen; aber unmoͤglich wäre es mir geworden, ſie auf mein Wort zu einer Flucht zu bewegen. Da kam der Brief! Erſchuͤttert ward ſie gewaltig bei ſeinem Anblick, aber es blieb etwas in ihr zuruͤck. Die Handſchrift hatten wir getroffen, nicht ſo den Ausdruck, die Art und Weiſe, woran ſie ge⸗ woͤhnt war. Ihr Gefuͤhl ward dadurch unterbrochen, zuruͤckgedrängt, doch— lache nur ihrer Unſchuld!— das Siegel des Ringes entſchied. Sie weiß noch nicht, daß man auch unfreiwillig durch Ringe ſolche Zeichen verſenden kann. Genug, dies war ſeine Hand. Sie ließ ſich ſeit⸗ dem von mir leiten. Auch ſagte ſie mir ſpäter, be⸗ muͤht, mich zu ihrem eigenen Troſt zu rechtfertigen, die Frau Herzogin ſelbſt habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond als einen Feind des Grafen Briſtol bezeichnet. Du kannſt denken, daß ſie uͤberzeugt war, den rechten Weg zu gehn, denn ſie beſtand den harten Kampf gegen Richmond und Or⸗ 41 mond, welche uns verfolgten, ihre Flucht zu verthei⸗ digen und ſich in ihrer Gegenwart auf's Neue meinem Schutze zu uͤbergeben. Die Tugendhelden zogen ab, drohend und läͤrmend und von meinem Betragen, welches Kälte und Ruhe leicht zu ſpielen hatte, auf's Aeußerſte verletzt. Sie hatten mir doch Schaden gethan; denn da ich mich den ganzen Tag von ihrer Säaͤnfte entfernt gehalten, ſagte man mir am Abend, die Ladh ſei krank. Sie hatte ein brennendes Fieber, und ich war froh, ſie der Huͤlfe jener Abigail uberlaſſen zu koͤnnen, deren Haus wir bald erreichten. Dort koſtete ſie mir eine ſchlafloſe Nacht; denn ſie ſchien todtkrank, und ich glaubte un⸗ ſere Reiſe unterbrochen. Gleichwohl ließ ſie mich am andern Morgen rufen. Ich fand ſie zwar bleich und mit verweinten Augen, aber voͤllig angekleidet und zur Abreiſe feſt entſchloſſen. Ja, ſie dankte es mir ſogar, als ich ihr bald darauf meldete, daß die Abreiſe vor ſich gehen konne. Obwohl ſie ſichtlich litt, that ſie ſich doch die groͤßte Gewalt an und beſtieg ſogar fuͤr die Hälfte des Tages ihr Pferd, welche Bewegung, ſo wie der Genuß der freien Luft ihr ſehr wohl that. Wir hatten am Abend Sir Patricks Schloß er⸗ reicht, wo ſie ſich, wie immer, nur um Ruhe und Alleinſein kittend, zuruͤckzog. Als ich am Abend aus 42 den innern Gemaͤchern Patricks trete, ſchluͤpft eine kleine graue Geſtalt uͤber die Gallerie und üͤbergiebt mir einen Brief. Er war von Dir!— Nein, nein, er war nicht von mir! ſchrie Buk⸗ kingham.— Eine Deiner unverſchaͤmten Chiffern.— Und welche? rief Buckingham geſpannt.— Sieh und gehorche! Darunter von fremder Hand, daß ich die Ladh zur ſelben Stunde an Patrick uͤber⸗ geben ſolle, mit dem Befehl, den Begleitern, die Du am andern Morgen ſenden wuͤrdeſt, ſie auszuliefern; ich aber ſolle ſchnell in demſelben Augenblick aufbrechen, und mich nach Rodwie⸗Houſe begeben, wo ich Dich ſelbſt in dringender Angelegenheit finden wuͤrde.— Und Du warſt wahnſinnig genug, dies zu thun? ſchrie Buckingham außer ſich; war es doch meine Handſchrift nicht, wie konnteſt Du Dich ſo betruͤgen laſſen? Und wann hätteſt Du Dich je herabgelaſſen, Deine Befehle ſelbſt zu ſchreiben? erwiderte Membrocke fin⸗ ſter. Wie oft habe ich ſolche thoͤrichte Botſchaften er⸗ halten, wie oft haſt Du wiederholt, daß dieſe Bot⸗ ſchaften mit einer der bekannten Chiffern Deiner Un⸗ terſchrift gleich geltend waͤren? Haſt Du in Thorheit und Leichtfinn ſie verrathen, ſo trage nun die Strafe 43 dafür, denn gewiß iſt es, mehrere, wo nicht gar alle ſind verrathen. Mich wenigſtens haben drei umherge⸗ neckt, aus einer Gegend des Koͤnigreichs in die andere, nach langem Harren wieder weiter, bis ich endlich ſelbſt der Sache muͤde ward und, ohne mich an etwas Ande⸗ res zu kehren, hierher kam. Fort, zu Patrick! ſchrie Buckingham, mit beiden Beinen aufſpringend; laß Surveillant rufen, augenblick⸗ lich muß er fort, und Patrick ſoll her, lebend oder ſterbend, gleich viel; alle Chiffern ſollen in's Feuer! Ueberall ſollen ſie eingetauſcht werden, wir muͤſſen neue erfinden. Wer, wer hat dies gethan, wer hat dies wichtige Geheimniß errathen koͤnnen, das nur wir beide wiſſen? Wer ſagt Dir, erwiderte Membrocke, daß die Nottinghams Dir nicht auf der Spur ſind? Glaubſt Du, ſie verkennen die Wichtigkeit der Perſon, wenn ſie Ahnung oder Gewißheit haben? Ich glaube es nicht, ſagte Buckingham abweiſend, dies iſt eine Weiſe, zu der ſie kein Geſchick haben und daher die hohe Miene der Gradheit annehmen, wohin⸗ ter jeder Dummkopf ſeine Beſchränktheit verſtecken kann. Sie hätten in Corpore eine Audienz gefor⸗ dert, das Knie gebeugt und in Demuth geſprochen: Wir hatten die Ehre, einer Tochter Euer Gnaden 44 das Leben zu retten, Lord Membrocke hat ſie uns aber geſtohlen, und ſo weiter und ſo weiter. Jetzt, glaube nur, ſchweigen ſie aus Hochmuth; ſie ſchämen ſich des ganzen Abenteuers. Aber laß mich jetzt, beſorge Dir anſtaͤndige Kleider und verſuche es, des Glanzes nicht unwuͤrdig zu erſcheinen, der morgen mich umſtrahlen wird. O koͤnnte ich morgen Briſtol eine Stunde hier haben zum Zeugen dieſer Audienz! Jetzt, jetzt nehme ich den Platz bei der ſchoͤnen Henriette von Frankreich ein, den er ſchon mit einem Fuße bei ſeiner ſteifen In⸗ fantin inne hatte. Es wird Zeit ſein, ſagte Membrocke phlegmatiſch, nach Orklei⸗Street zu fahren, Lord Marcliff hält dort ein Wettrennen zu Pferde, ich habe fuͤr ihn Partie ge⸗ nommen. Ich kann nicht ſagen, ob ich Zeit finden werde, an morgen zu denken, Lady Hiacinthe will mich nach ihrem Landhauſe nehmen.— Und ich maſſakrire Dich, wenn Du nicht morgen erſcheinſt, wie ich will, rief Buckingham dazwiſchen und drohte Membrocke nach, der ſehr anmuthig gruͤ⸗ ßend langſam aus dem Zimmer entglitt. Wenn Buckingham nicht feſt uͤberzeugt geweſen wäre, daß kein Mann der Erde ſich ihm vergleichen konne, er wuͤrde einem argwoͤhniſchen Gefuͤhl nicht ha⸗ 25 ben entgehen koͤnnen, indem er Lord Membrocke am Tage der Audienz in einer ſo ſorgfältigen und berech⸗ neten Toilette wiederfand, daß Lady Hiacinthe wahr⸗ ſcheinlich allein nach ihrem Landhauſe gefahren war, um der hierzu erforderlichen Geiſtesanſtrengung Raum zu laſſen. Doch Buckingham, voll kindiſcher Eitelkeit fur ſich ſelbſt, uͤbertrug dieſe auf ſeine Lieblinge, die er blos als Staffage anſah, als Träger des von ihm ſelbſt abfal⸗ lenden Glanzes. Und ſo lachte er vor Freude über Membrockes Galanterie gegen ihn, wie er's auslegte, und rief ihm blos eine Kondolenz fuͤr Lady Hiacinthe zu, die Membrocke mit einem ſo freundlich zerſtreuten Geſicht anhoͤrte, als läge ihm das Verſtändniß allzu fern. Doch Buckingham hatte ſich verrechnet, wenn er ſich als den Augenpunkt der ganzen Verſammlung dachte. Er empfing durch die grauſame Härte, womit er den todtkranken Koͤnig herausgeriſſen, ſeine Strafe. Sein boͤſes Fieber hatte den Koͤnig lang von dem An⸗ blick aller ſeiner Unterthanen getrennt, und ſein Erſchei⸗ nen unter ihnen erregte eine Theilnahme, einen Schmerz, der um ſo heftiger wirkte, da Alles ſich hier zu einem Triumph des gefährlichen Mannes vereinigt ſah, der als Quäler und Beleidiger des geliebten Monarchen 46 6 angeſehen ward. Entſetzlich war die Blaͤſſe ſeines Ge⸗ ſichts und die Abzehrung ſeiner Geſtalt. Seine Schwä⸗ che machte ihn unfähig, allein ſich aufrecht zu erhalten. Der Prinz von Wales ſtuͤtzte ihn, während Jakob nur zuweilen die muͤden Augen umher warf, und dann mit ſeiner alten, ſteifen Art die Hand ausſtreckte und mit den Fingern ſonderbar ſchnippte, was aber Alle, die ihn kannten und liebten, als freundlichen Gruß wohl verſtanden, und was eine groͤßere Bewegung unter ih⸗ nen hervorbrachte, als die ruͤhrendſten Worte es ver⸗ mocht hätten. So ward aus dem glaͤnzenden Triumphe Bucking⸗ hams eine hoͤchſt ruͤhrende Abſchiedsſcene von einem Koͤnig, der viel Liebe genoß, und den man um ſo trau⸗ riger ſcheiden ſah, als mit ihm nicht zugleich der ſchei⸗ den wollte, den zu lieben, man als ſeinen einzigen Feh⸗ ler, zumal in einem Augenblick, anſah, wo der Alles verſoͤhnende Tod über der widerſtandloſen Geſtalt des alten Koͤnigs ſchwebte. Jeder erinnerte ſich einer von ihm empfangenen Guͤte. Was man getadelt, ſeine Liebe zum Frieden, ſeine oft ſpoͤttelnde Gelehrſamkeit, ſeine Toleranz gegen die Katholiken, Alles diente jetzt zu ſeinem Lobe, und um die allgemeine Ruͤhrung und den Schmerz zu motivi⸗ ren, den der Anblick der menſchlichen Hinfaͤlligkeit, un⸗ geſchuͤtzt von Purpur und Krone, einem Jeden hervor⸗ rief. Die zahlreiche, glänzende Verſammlung draängte ſich dem Throne zu, Jeder wollte noch einen Blick ha⸗ ben oder ſeine Hand, ſein Gewand küſſen; Jeder kehrte mit Thraͤnen ſich weg, und Buckinghams Au⸗ gen, welche allein trocken blickten, ſahen nur erweichte, traurige Menſchen, die wenigſtens auf einen Augenblick unempfindlich geworden waren fuͤr den Neid und be⸗ ſchämten Stolz, womit er ſie ſaͤmmtlich zu peinigen gehofft. Uebereilt, gedrängt und faſt unbeachtet ging die ei⸗ gentliche Audienz voruͤber, und ſonderbarer Weiſe ſchien ein unbedeutendes Ereigniß mehr Antheil zu erregen, als dieſer lang vorbereitete Pomp. Einen Augenblick frei ſtehend, ſein Gefolge hinter ſich laſſend, trat der franzoͤ⸗ ſiſche Geſandte noch ein Mal dem Koͤnig nah und be⸗ mäͤchtigte ſich ſeiner Hand, indem er ihm zwei Worte leiſe zufluſterte. Der Konig ſtieß ihn faſt zuruͤck, krampfte die Hand, die der Geſandte losließ, ſchnell zuſammen und ſteckte ſie in ſein Wams. Inm ſelben Augenblicke kniete ein Juͤngling, an der Hand des Geſandten, vor dem Koͤnige nieder. Lord Richmond Derberh, ſprach der Geſandte ziemlich laut; der Koͤnig hoͤrte ſeine Worte theilnehmend an und legte, wie zum Segen, die Hand auf ſein Haupt. Aber dann zog er beide Häͤnde ängſt⸗ 48 lich in die Hoͤhe, der Prinz von Wales trat hinzu, und der Geſandte, wie Lord Richmond traten in die Menge zuruͤck. Wuͤthend uͤber die ganz mißlungene Audienz und von unbeſtimmten Ahnungen bei dem eben Geſchehenen ergriffen, ſturzte Buckingham von der Thür zuruͤck, wo⸗ hinter der Koͤnig verſchwunden, und gerade auf Rich⸗ mond zu, welcher, wie vorbereitet, feſtaufgerichtet den Herzog zu erwarten ſchien. Uebermuͤthiger Menſch, was habt Ihr Euch zu erlauben? Mit welchem Rechte nahmt Ihr für Euer armſeliges Intereſſe den wichtigſten Augenblick einer Stunde in Anſpruch, die mir allein gehoͤrte? Entſchul⸗ digt Euch, damit ich vergeſſe, daß Ihr zu den Knaben einer Familie gehoͤrt, die ich haſſe und verachte.— Blickt umher, Herr Herzog, ſagte Richmond kalt, ohne ſeine Stellung zu veraͤndern, Euch gehoͤrte dieſe Stunde nicht allein. Koͤnig Jakob hat ſie allen ſeinen Edeln geſchenkt, und ich habe einen Theil erhalten, den Ihr mir nicht rauben koͤnnt, der auch nicht gegen Euch der Entſchuldigung bedarf, am wenigſten von Einem aus dem Hauſe Nottingham, wo die Knaben frß zu Männern werden. Ha, Kind! lachte Buckingham, kannſt Du Dei⸗ nen Degen heben, oder hat ihn Dir die Mutter mit 49 Seide in der Scheide feſtgenäht? Ha, Kind, antworte doch! Ihr wißt, ſagte Richmond, daß Ihr jetzt nur eine Antwort verdient, die mir dieſe heiligen Mauern nicht zu geben erlauben; aber nehmt es hin, da Ihr es wollt: Der iſt feig, der da reizt, wo er unverletz⸗ lich iſt! Ha! ſchrie Buckingham, außer ſich vor Wuth, und Beide hatten die Häͤnde am Degen und traten ſich mit blitzenden Augen gegenuͤber, aber mit Gewalt trennten die Andern ſie, und der Prinz von Wales ſtand plötz⸗ lich unter ihnen, und rief laut und ſtreng: Der Koͤnig befiehlt Frieden und Ruhe! Schon hatte der franzoͤſiſche Geſandte, der dem Prinzen zur Seite erſchien, Richmond entfernt, und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrängt. Noch hingen die dickſten Nebel gleich grauen Vor⸗ haͤngen vom Himmel herab und huͤllten die fruͤhe Mor⸗ genſtunde des folgenden Tages in ihr trubes Licht, als ein kleiner Trupp wohlbewaffneter Maͤnner vor einem Brückenthor anhielt, welches einen Seitenfluͤgel des al⸗ ten Schloſſes von Whitehall mit dem untern Theile Godwie⸗Caſtle III. 4 50 der Stadt verband. Einem Pfeifchen wurden in be⸗ ſtimmten Abſätzen drei Toͤne entlockt, und bald hoͤrte man Tritte uber die Bruͤcke nahen, die Thuͤren drehten ſich langſam auf, und den ſtillen Gruß ſtill erwi⸗ dernd zogen die Reiter uͤber die Bruͤcke in den Hof, der hier zunächſt von den Stallgebäͤuden umſchloſſen Man ſtieg ab, und drei von den Männern folgten dem Thorwart in den mittlern Eingang, waͤhrend die Zuruͤckbleibenden die Pferde bei Seite fuͤhrten, ohne ſie abzuzäumen. Durch mehrere alte Theile des Schloſſes fuͤhrte ſie eine breite Treppe auf eine Gallerie, welche, vernachlaͤßigt, von Staub und abgefallener Stuckatur verunſtaltet, in ihrer fruͤheren Beſtimmung wohl nicht dieſe Vernachläßigung erlitten hatte. Durch dieſe Gallerie, ſprach einer der Männer, ging ich zu meiner erſten Audienz bei der Koͤnigin Eli⸗ ſabeth. Dies war damals der Haupteingang; und nicht wahr, wir kommen hier in ihr Bibliothekzimmer? fragte er, ſich zum Thorwart wendend. Euer Gnaden zu Befehl, erwiderte dieſer. Hier pflegte die erhabene Frau zuweilen, mit einem Buche die Bibliothek verlaſſend, luſtwandelnd auf und nieder zu gehen, während oft die hoͤchſten Perſonen fremder Laͤnder hinter den kleinen Fenſterchen lauſchten, die, ſonſt klar und heller, als jetzt, von den aͤußern Vorzim⸗ mern hierher die Ausſicht offneten; und ſie war ſo gnä⸗ dig, darauf Ruͤckſicht zu nehmen, und zeigte ſich oft, gar prachtvoll, wie ihrer Schoͤnheit es am beſten ſtand, gekleidet. Mit einem leichten Zucken der Achſeln ſchritt der Fragende weiter; der alte Kaſtellan oͤffnete nun die kleine, ſpitze Thuͤr, und ſie traten in den weiten Raum, an deſſen Wänden zwar noch die in Eichenholz gearbei⸗ teten Buͤcher⸗Niſchen ſich zeigten, aber leer von den Schaͤtzen, welche Eliſabeth mit ſo großem Nutzen darin geſammelt. Hier behielten die Wanderer Zeit zu ihren Betrach⸗ tungen, denn ihr Fuͤhrer verließ ſie, und ſie folgten ihm nicht. Der aͤltere der Anweſenden naͤherte ſich dem hohen, ſchmalen Fenſter, welches nur matt durch ſeine kleinen Scheiben den truͤben Tag einließ, und an deſſen tiefer Niſche der hohe eichene Seſſel ſtand, an deſſen Seitenlehnen durch einen ziemlich rohen Mechanismus ein Pult eingeſchraubt war, das man von ſich ſchieben und nach ſich ziehen konnte. Lange blieb er ſchweigend davor ſtehen. Wie viel große und weiſe Beſtimmungen ſind von dieſem rohen Geſtelle füͤr mein theures Vaterland aus⸗ gegangen, ſprach er dann, zu ſeinen Begleitern gewendet. 4* 52 Wer koͤnnte ſich der Wohlthaten bewußt ſein, die ihr großer, ihrer Zeit vorangeeilter Geiſt uͤber England aus⸗ geſchuͤttet, und noch der Schwächen gedenken wollen, die ihre Zeit leichter auffaßte, als ihre Groͤße, da jene ihr gemeinſames Theil waren, und zu dieſer ſie erſt heranreifen mußte, um ſie zu verſtehen. Nur Eins, nur Eins aus Deinem Leben weg, und Du wäreſt rein, ein Gipfel aller Herrſchergroͤße! Aber er hat Dir auch dies vergeben; er konnte nicht Dein Nachfolger ſein, nicht uͤberall die Spuren Deiner Groͤße auf ſeinem Wege finden, ohne nicht des⸗ halb Dir zu vergeben. Bald, fuhr er fort, aus ſeinem Selbſtgeſpräche erwachend, bald werdet Ihr Euch wie⸗ derfinden und rein verſtändigen, wenn Wiederfinden nicht zu den frommen Traͤumen gehoͤrt, die den Reiz der Erde zu Gunſten des Himmels entkräften ſollen. Wie ſcheint mir jede Hoffnung längerer Erhaltung des ko⸗ niglichen Lebens zu ſchwinden, wie treulos war es, ihn der Qual des geſtrigen Tages auszuſetzen.— Ja wohl, Mhlord, erwiderte hier der Zweite ſehr lebhaft; und wie viel Uebermuth, wie viel Gewalt⸗ Bewußtſein gehoͤrte dazu, dies durchzuſetzen; wenn wir den Herzog tadeln, der ewig uns zu tadeln giebt, erle⸗ ben wir nichts Neues. Doch nicht zu uͤberſehen bleibt, daß dem Koͤnig ein Sohn, wie es ſcheint, vergeblich an 53 der Seite lebt. Warum, muß man ſich mit Erſtau⸗ nen fragen, warum geſchieht, was ein Wort aus ſei⸗ nem Munde unbezweifelt hindern konnte. Soltte der Herzog auch dieſen Mund nicht mehr zu fuͤrchten ha⸗ ben? Dann, Mhlord, liegt freilich ein unabſehbar weites Feld truͤbſeliger Befurchtungen vor England und allen denen, die durch Verwandtſchaft bald nur ein Intereſſe mit ihm haben ſollen. Was meint Ihr, Mhlord, was ein Geſandter Frankreichs nach dem ge⸗ ſtrigen Tage zu berichten habe? Gewiß wird er den Verlauf des heutigen Mor⸗ gens abwarten, ehe er die Depeſche ſiegelt, erwi⸗ derte der Aeltere lächelnd; denn ſchwerlich moͤchte der geſtrige Tag ihm Notizen zu etwas Neuem, ſeinem Hofe Unbekanntem, geliefert haben. Auf alle Fälle wurde ich aber als franzoſiſcher Geſandter der konig⸗ lichen Prinzeſſin von Frankreich den Rath geben, nichts Anderes an dem Hofe ihres Gemahls ſein zu wollen, als eine gute Hausfrau, ja, ich glaube ſogar, es war dies der Rath, den der ſpaniſche Geſandte in London der damals verlobten Infantin gab, und das auf Anrathen eines in Spanien anweſenden Eng⸗ länders. Nun in Wahrheit, lachte der Andere, es waͤre dem franzoͤſiſchen Geſandten zu rathen, daß er nie einen 54 andern Rath befolgen moͤchte, als den des braven Eng⸗ laͤnders, der ſicher ſein Terrain kannte.— Wenn der Erfolg entſcheiden ſoll, ſo hätte er es ſchlecht gekannt, und ihm wäͤre wenig zu trauen.— Und dennoch wage ich es mit ihm, rief der An⸗ dere mit Wärme, naͤher tretend; ſein Stern ſteht noch uͤber England, und ſein Wohl iſt an ihn geknuͤpft; nur war es des Himmels Wille, daß er nicht Spanien, ſondern Frankreich leuchten ſollte. Eine kaum merkliche Verbeugung ward durch den ſchnellen Eintritt eines alten Mannes unterbrochen, deſ⸗ ſen kleine, feine Geſtalt und ſaubere Kleidung den wohl⸗ bekannten Maſter Porter, den Kämmerer des von Wales, anzeigte. Während der Aeltere ſich zuruͤckzog, trat der Zweite ſchnell ihm entgegen. Maſter Porter, rief er, ich hoffe, Ihr bringt uns gute Nachrichten. Dies zu beurtheilen, wuͤrde uͤber mein Verhältniß hinausgehn, erwiderte Porter, ſich tief nach allen Rich⸗ tungen verneigend; ich kann blos ſagen, daß Seine Majeſtät entſchloſſen ſind, im Bette den Herrn Geſand⸗ ten zu ſprechen, und daß die Herren, die ihn begleiten, ſehr leicht in einem Vorzimmer Zutritt erhalten koͤn⸗ nen, wenn der Herr Geſandte ſie fuͤr ſein Gefolge erklaͤrt. 55 Schon gut, Alter, ſchon gut! Wir wollen dieſe Erklärung abgeben, lachte der heitere Marquis; aber was meinſt Du, werden wir ſicher ſein? Der Alte griff ſchnellend mit der Hand in die Luft und lächelte ein wenig. Ich glaube, der Herr Herzog zurnen etwas mit Seiner koͤniglichen Hoheit, dem Prinzen, und erwarten ſeinen Beſuch wegen der Vor⸗ fälle bei der Audienz, die mein gnädigſter Herr zu miß⸗ billigen geruht haben. Ich habe in einer halben Stunde die Ehre, den gnädigſten Prinzen zu Seiner Majeſtät zu begleiten; vielleicht befehlen mir der Herr Marquis, den Prinzen auf die Gegenwart Euer Gnaden vorzu⸗ bereiten. So iſt denn Alles, wie wir es nur wuͤnſchen konnten; laſſet uns eilen, theure Lords, rief der Mar⸗ quis, ſich zum Weggehen anſchickend. Bitte unterthänigſt zu bemerken, ſprach Porter mit etwas zähem Tone dazwiſchen, daß wenig auf die Launen des Herrn Herzogs zu rechnen iſt, daß wir zur Bewachung der Vorzimmer Niemand ſiellen durf⸗ ten, um nicht unnützes Aufſehen zu machen. Mein gnädigſter Herr, der Prinz, wuͤrde es aber niemals vergeben, wenn durch ein unerwartetes Eindringen des lebhaften Herrn Herzogs eine neue Erſchuͤtterung des Konigs erfolgen ſollte, da mein gnädigſter Herr die 56 des geſtrigen Tages ſchon mit großer Bekuͤmmerniß ſah und den Herrn Herzog bis zu ſeiner Abreiſe ent⸗ fernt zu halten wuͤnſcht. Sollten der Herr Marquis dazu Jemand erſehen, wuͤrde ihn die Vollmacht des Koͤnigs berechtigen, im erſten Vorzimmer einem Jeden den Eingang zu verweigern. Machet mich zum Riegel an der Thuͤr, Herr Marquis, ſprach zetzt der Jüngere der Begleiter, und er wird halten, bis Ihr ſelbſt ihn wegſchiebt. Junger Mann, lachte der liebenswuͤrdige Mar⸗ quis, daß Ihr, von Stahl und Eiſen, leicht Fun⸗ ken ſpruͤht, erlebte ich ſchon geſtern, aber mir wäre in Wahrheit um ein ſo edles Metall leid, es dem Zerbrechen auszuſetzen. Ihr fordert einen gefaͤhrli⸗ chen Poſten. Ich ſuche die Gefahr nicht und habe Euch ge⸗ ſtern wenig kaltes Blut gezeigt, ich weiß es, ohne es zu bereuen, erwiderte Jener; aber es gilt heute ein hoͤheres Intereſſe, als mich geſtern beherrſchen konnte, leichtſinnigem Uebermuthe gegenuber. Ihr ſollt, im Falle es gilt, auch mein kaltes Blut ken⸗ nen lernen. Vertraut ihm, ſagte der Aeltere, ich weiß, er wird koͤnnen, was er verſpricht.— 57 Wohlan, ſo zeigt uns den Weg, denn die Hinter⸗ teppen in Whitehall hat meine franzoͤſiſche Verſchla⸗ genheit noch nicht erſpäht. Aber um Gott, lieber Marquis! rief der alte Ko⸗ nig aus ſeinem Bette dem eintretenden Geſandten ent⸗ gegen, ich furchtete mich geſtern nicht vor Euch, aber ſehr ſonderbar war es doch, daß Ihr meine Hand ſo oͤffentlich ergriffet, und zwar, wie mich duͤnkt, ſehr ge⸗ gen die Dehors, die man einem koͤniglichen Haupte ſchuldig iſt, obwohl ich ſehr geneigt bin, Euch als Re⸗ präſentanten meines nächſten Verwandten, meines Bru⸗ ders von Frankreich, anzuſehen. Und dieſer thut hiermit für ſeinen ungeſtuͤmen Geſandten Abbitte, ſprach der Marquis; denn mein koͤniglicher Herr war es, der mir dieſen Schritt befahl, und auf dieſer Unterredung habe ich beſtanden in ſeinem Namen. Geruhen Euer Majeſtät, aus meinen Haͤn⸗ den dies Privatſchreiben meines gnädigen Herrn zu empfangen. Er kniete nieder, es ihm zu uͤbergeben.— Ich bitte Euch, mein lieber Marquis, ſteht auf, ich bitte Euch; ich erlaube Euch zu ſitzen und bin 58 ſehr erfreut uͤber die Freundſchaft meines koͤniglichen Bruders, aber nicht ſehr uͤber deſſen Mittheilungen hinſichtlich des armen Jungen, des Buckingham, ge⸗ gen den Alle boͤſe ſind, außer mein Kronprinz und ich. Euer Zettelchen hätte mich faſt boͤſe gemacht auf Euch, und ich denke, Ihr wollt ihn ſelbſt hoͤren, er wird ſich ſehr zu rechtfertigen wiſſen. Denn daß er den Briſtol nicht leiden kann, iſt blos Liebe zu mir, weil Briſtol mich betrogen, mir den Krieg gebracht, mit dem Feinde konſpirirt und die beſte Partie in Europa fuͤr meinen Prinzen hintertrie⸗ ben, was gottlos und ſchaͤndlich iſt, da mir Briſtol ſieb war, wie mein Auge im Kopfe, und mein älte⸗ ſter Freund. Der Koͤnig gerieth hier in ein kurzes Schluchzen, deſſen erſte Laute der Marquis abwartete und dann ſchnell in die Klagen des Koͤnigs eingriff: Euer koniglichen Majeſtät zu beweiſen, daß der Herr Herzog von Buckingham die Sache falſch an⸗ geſehen hat und ſehr geneigt war, dieſen alten Freund Euer Majeſtät nicht neben ſich in dem Herzen zu dul⸗ den, davon hat mein koͤniglicher Herr unumſtoßliche Beweiſe erhalten. Es war ihm daher unmoͤglich, zu⸗ zugeben, daß Euer Majeſtät gekränkt wuͤrden durch den Verdacht gegen einen alten treuen Diener, den der 59 Herr Herzog vielleicht aus eiferſuͤchtiger Liebe zu Euer Majeſtät zu verſtärken trachtete. Ja, ja, da habt Ihr Recht, ſagte der alte Koͤnig, nachdenkend; Steeny, wie ich den Buckingham wohl nenne, liebt mich zu ſehr, er koͤnnte wohl ein bischen eiferſuͤchtig ſein. Aber, verſtärkte der Marquis die Wirkung, wenn dieſe Schwaͤche auch um des erhabenen Gegenſtondes willen verzeihlich ſcheint, was muß der treue Diener leiden, der von Jugend auf Euer Majeſtät mit Leib und Leben gedient, wenn er das Opfer dieſer Eiferſucht würde? Und ſo iſt es mit Euerm Briſtol, gnädigſter Herr! Er verſchmachtet, getrennt von Euch, ohne den Troſt Eurer Gnade, die das Sonnenlicht ſeines ganzen Lebens war. O, Herr Geſandter, rief der alte Koͤnig, und ſein Geſicht zuckte vor Ruͤhrung, Ihr ſprecht ſehr gut, aber Ihr ſeid ſehr eingenommen fuͤr den Lord. Mein Lebelang habe ich Gerechtigkeit geuͤbt, auch war es zum erſten Male, daß Briſtol gegen mich gefehlt. Ich werde Buckingham bitten, mir die Wahrheit zu ſagen, und verhaͤlt es ſich ſo, iſt mein lieber alter Vriſtol mir treu geweſen, dann ſoll er ſeinen alten Ko⸗ nig wieder finden. Und hoͤrt, Herr Marquis, wir konnten uns viel erzählen aus der alten Zeit, gute und 60 ſchlechte Tage haben wir erlebt; hatte ich nichts, da ſtand Briſtols Kaſſe offen, nachher konnte ich nicht Alles lohnen; ſeht, es hat mir immer geahnet, es mochte ſo ein bischen von Buckingham herruͤhren, daß mein alter Briſtol plötzlich ein Verräther ſein ſollte. Aber läßt er ſich wohl bedeuten? Gleich wird er wü⸗ thend, tobt und tollt, wie ein Kind, und der alte Bri⸗ ſtol glaubt es doch nicht, daß ich ihm zuͤrne. Mit dem Grämen, Herr Marquis, da iſt es nur nichts, das bil⸗ det Ihr Euch ein, weil Ihr nicht wißt, was wir fuͤr alte Freunde ſind.— Und wenn es nun doch ſo wäre, Euer Majeſtät, wenn es dem alten Lord am Leben nagte, daß ſein ko⸗ niglicher Freund ihn nicht mehr vor ſein Antlitz läßt, daß er nicht noch einmal das Wort des Vertrauens und der Guͤte hören ſoll, was von ſeiner Jugend her ihn ermuntert hat zum Leben und Wirken für ſeinen koniglichen Herrn; wenn der Gram darum ſein Haupt bleicher gefärbt, als ſeine Jahre, und die Ruhe der Nächte ſich in dem Wunſche verzehrt, noch ein Mal die Hand ſeines Herrn zu kuͤſſen, wie dann, Euer Majeſtäͤt? O, ich bitte Euch, lieber Herr Marquis, haltet mich doch nicht fuͤr ſo hart und boͤſe, gern wuͤrde ich ihn wiederſehen, beſonders wenn er, wie Ihr im Namen 61 meines koͤniglichen Bruders von Frankreich mir verſi⸗ chert, wenn er unſchuldig iſt; aber Ihr ſeht ſelbſt ein, daß das gar nicht moͤglich iſt, denn wenn es Bucking⸗ ham hoͤrte,— und ihm bleibt nichts verborgen,— wenn er hoͤrte, Briſtol wäre hier geweſen, Ihr koͤnnt denken, was dann nicht allein ich und mein Prinz leiden wuͤr⸗ den, ſondern auch Briſtol. Er ſchluͤge ihn todt, wo er ihn faͤnde, und ſeine Einwilligung zu dieſem Wiederſehn gäbe er nie, da ich ihn nun einmal habe verbannen muͤſſen. Denkt, daß Ihr ſelbſt nur durch eine Liſt bei mir ſeid, die mich zwar geſtern in der Audienz ſehr er⸗ ſchreckte, die ich aber Euch gern verzeihe, um Euers Eifers willen für meinen alten Freund Briſtol. Der Marquis fuͤhlte ſich von dem Anblick dieſes kranken, ſchwachen Mannes bewegter, als er geahnt. Sein gutes Herz und ſein ſanfter Sinn war ſo einge⸗ ſchuͤchtert, daß er keinen Begriff mehr von ſeiner ihm zuſtehenden Gewalt hatte und, ganz zum Kinde gewor⸗ den, die Zuchtruthe des uͤbermuͤthigen Guͤnſtlings mehr, als jede andere Regung, fuͤrchtete. Und dies, ſagte er endlich, ſich zuſammennehmend, ſoll mein Beſcheid ſein? Der Beſcheid, auf den Bri⸗ ſtol mit banger Sorge harrt!— Ich verſpreche Euch, lieber Marquis, ich werde Alles außerdem in Ueberlegung nehmen, und meinem 62 alten Briſtol ſagt nur,— denn Ihr, ſchlauer Herr, ſteht doch mit ihm in Verbindung,— ich laſſe ihm ſa⸗ gen, er ſolle ſich nicht graͤmen; denn wenn er unſchul⸗ dig iſt, wie ich gern glaube, ſo habe ich ihn eben ſo lieb, wie vorher. Auch ſoll er nur ſich Zeit laſſen, wir verſoͤhnen uns ſchon noch einmal! Freilich, ſetzte der alte Koͤnig nachdenklich hinzu, von ſeiner verfallenen Geſtalt, gutmuͤthig lächelnd, zum Marquis aufblickend, freilich, viel Zeit haben wir dazu meinerſeits nicht mehr! O, rief der Marquis, uͤberwältigt von Ruͤhrung, ſo benutzen Euer Majeſtät dieſen freien, ſichern Au⸗ genblick! Ja, ich ſtehe mit ihm in Verbindung, unter dem Schutze Frankreichs, den ich fuͤr ihn in Anſpruch nehme, fuͤhrte ich ihn hierher, im Nebenzimmer harrt er. O ſprecht ein Wort, und er liegt zu Euern Füßen!— Um Gott, was iſt das! Huͤlfe, Huͤlfe! Verrath, ich bin verloren, man gebraucht Gewalt! Steenh! Steeny! Babyh! zu Huͤlfe, zu Huͤlfe! So ſchrie der alte Koͤnig, indem er die Decken ſeines Bettes in ſeiner troſtloſen Geiſtesverwirrung ſich vorhielt! Der Marquis hatte Ueberwindung nothig, dieſen faſt widrigen Zuſtand gelaſſen anzuſehen; er faßte ſich aber, entſchloſſen, ſein Werk zu vollenden. 63 Ich muß Euer Majeſtät erinnern, hob er mit feierlicher Stimme an, daß hier vor Euch der Geſandte Frankreichs ſteht, beauftragt von Dero koͤniglichem Bruder, Euer Majeſtät eine Bitte in Bezug auf den Grafen von Briſtol vorzutragen. Es ſind weder Moͤr⸗ der, noch Verräther, die zu Euer Majeſtät reden; mein Auftrag iſt ein Werk des Friedens. Nun, nun, ſagte der Koͤnig, zu ſich kommend und etwas beſchaͤmt, ich verſtehe wohl, und iſt mir einen Geſandten zu empfangen, nichts Fremdes. Er ſchob ſich unruhig in ſeinem Bette umher, und ſeine Augen irrten immer nach der Thuͤr hin, durch die der Geſandte eingetreten. Endlich ſah er ihn laͤchelnd an und winkte ihm näher. Leiſe ſagte er dann: Iſt er wirklich da? Der Marquis bejahte es. Nun hoͤrt, ſagte er, freudig mit den Augen blin⸗ zelnd, dann laßt ihn ein Augenblickchen herein, ehe es Jemand ſieht, und haltet Wache, hoͤrt Ihr! Der Marquis flog in das Nebenzimmer. Der große Augenblick war gekommen, wonach Briſtols Herz ſo innig ſich geſehnt, es ſollte geſchehen. Der Marquis eilte auf ihn zu, und den Mantel ſelbſt von ſeinen Schultern ziehend, rief er: Gluͤck auf, er iſt verſoͤhnt! Doch, ſetzte er wehmüthig hinzu, faßt Euch, und vor 64 allen Dingen begnuͤgt Euch mit ſeiner wieder aufgeleb⸗ ten Liebe, vertheidigt Euch nicht! Er verſteht Euch nicht, und Ihr verliert die Zeit! Wehmuͤthig druͤckte Briſtol die Hand des Mar⸗ quis und trat ſchnell in das bekannte Zimmer ſeines Koͤnigs. Ein ununterbrochenes Weinen, mit Worten ver⸗ miſcht, drang aus dem Bette des Koͤnigs ihm entgegen. Aber Briſtol kniete vor ſeinem kaum noch kenntlichen Koͤnige, deſſen phhſiſches und geiſtiges Hinſcheiden ihm ſchmerzlich beim erſten Anblicke einleuchtete, mit der⸗ ſelben Verehrung nieder, wie einſt vor den Stufen des Thrones, als er dieſen noch in ſeiner hoͤchſten Kraft beſeſſen. Der Koͤnig neigte ſich über ihn und legte ſeine Haͤnde zartlich auf ſein Haupt. Briſtol wagte nicht zu ſprechen, er ehrte, ſelbſt allzu ſehr erweicht, die Be⸗ wegung des verehrten Monarchen. Sprich nur, Digbh, ſagte dieſer endlich gefaßter, Du haſt Deinen Koͤnig nicht zu fuͤrchten; denn ich glaube es dem guten Marquis, daß Du mich nicht haſt verrathen wollen. Da ſei Gott vor! ſprach Briſtol und hob ſein Haupt frei in die Hoͤhe, daß ein Tropfen Blutes in dieſen Adern floͤſſe, der gegen meinen gnadigen Herrn 65 ſich auflehnte; Briſtol hätte ihn ſelbſt mit der Spitze ſeines Degens hervorgelockt.— Ich dachte es wohl, mein alter Freund! Aber Du weißt wohl, die Jugend will immer kluͤger ſein, und ich muß Dir im Vertraueu ſagen, alles, was Du mit der Infantin damals abgeredet, war mir doch lieber, als was mein lieber Steenh jetzt mit der Franzoͤſin vor hat Indeß ſehe ich ein, daß, da es die Infantin nicht ſein konnte, uns nur dieſe koͤnigliche Prinzeſſin noch übrig blieb, und immer bleibt gegen Steenys Eifer nichts zu ſagen, wenn er auch darin zu weit gegangen iſt, Dein Verdienſt ſchmälern zu wollen. Doch bitte ich Dich um meinetwillen, halte Ruhe und gieb nicht zu, daß auf's Neue Streit entſteht. Sieh, Briſtol, ein Anderer wird bald an meiner Statt ſein, und ihm werde ich Dich empfehlen, aber meine Stunden ſind gezaͤhlt, und gern moͤchte ich ſie ungeſtört haben.— Und nimmer ſollen durch mich dieſe koſtbaren Stunden, die Gott verlängern mag, geſtört werden, er⸗ widerte Briſtol, tief geruͤhrt von dem vollig wieder er⸗ langten Vertrauen des theuern Koͤnigs. Ich habe nur einen Wunſch gekannt, er war, mit meinem Koͤnige ver⸗ ſoͤhnt zu ſein und noch ein Mal voll Vertrauen die Hand kuͤſſen zu duͤrfen, die huldvoll über mein ganzes Leben reichte. Godwie⸗Caſtle III. 5 66 Du haſt Recht gehabt, dies zu wuͤnſchen, und Du haſt dadurch Deinem alten Freunde wohlgethan. Sie* ſagen, mein boſes Fieber ſei jetzt zu Anfang des Fruh⸗ jahrs heilſam; aber dies gilt nur fuͤr die Jugend, ich weiß es beſſer. Geſtern, das war meine letzte Audienz! Bald hoffe ich, ſetzte er mit Andacht und Ruhe hinzu, vor dem Audienz zu haben, welcher der Koͤnig der Koͤ⸗ nige iſt. Im Ganzen, Briſtol, fuͤrchte ich ihn nicht. Denn ob ich gethan, was moͤglich war auf meinem Platze, das kann nur der wiſſen, der allein meine Kräfte richtig zu ſchätzen weiß; aber ſelten habe ich unterlaſſen, was ich als Recht erkannte, und wenn Du mir ver⸗ zeihen willſt, alter Freund, dann denke ich, wird mich ein mildes Gericht erwarten.— Briſtols lange unbenetzte Augen floſſen hier uͤber; ſchluchzend druckte er ſein Geſicht in die fieberheiße Hand des Konigs und ſtoͤhnte ſchmerzlich: O mein Koͤnig, mein theurer Herr, muß ich noch lange nach meinem theuern Koͤnige leben, ſo wird jeder Hauch Dank und Liebe fuͤr ihn ſein; aber vielleicht vereinigt mich Gottes Hand bald wieder mit dem, dem ich hier ausſchließlich meine Kraͤfte weihte. Ja, ſieh, mein Freund, fuhr der Koͤnig fort, und immer freier und ruhiger ward ſein Ausdruck, wenn wir reif ſind, hier aufzuhoren, das ſagt freilich kein ———„— —— 92 Menſch dem andern voraus, aber es giebt etwas in Bunſerm Innern, welches zum Wegweiſer dient nach je⸗ ner Welt; das Leben loͤſt ſich von uns ſelbſt ab, es ſchrumpft zuſammen, wir ſehen es in allen ſeinen Thei⸗ len verkleinert, wie aus weiter Ferne! Dann, glaube mir, iſt es Zeit, da oben wird es weiter und groͤßer, und der Trieb, der uns Zeitlebens beherrſcht, dahin zu wollen, wo wir uns freier bewegen koͤnnen, der fuͤhrt uns zuletzt ohne Scheu über die Grenze hinuͤber. Sie ziehn noch an mir herum, und Jeder will etwas an⸗ ders, und ich will nichts als Ruhe, um ſterben zu kon⸗ nen; da denke ich, es wird nicht mehr viel ſchaden, was ich zugebe, und der da oben macht es wieder gut, wenn es meinem armen Lande Schaden bringen ſollte. Ich empfehle Dir meinen Kronprinzen. Du weißt am be⸗ ſten, was für Prinzipia wir befolgt haben, es könnte ihm Noth thun. Bleibe ihm zur Seite, das heißt, wenn Du mit Buckingham verſoͤhnt ſein wirſt, wozu ich Dir Gluͤck wuͤnſchen will; aber ich ſage Dir, was er ſich einmal in den Kopf geſetzt, das hält er feſt, ich konnte Dir viel davon erzählen, ohne ihn deshalb verkleinern zu wollen. Jetzt ſtutzte der König und hielt inne, denn ziem⸗ lich vernehmlich ward im Nebenzimmer geſprochen; man unterſchied die kalte und etwas abſtoßende Sprache des 5* 68 Prinzen, und die helle und lebendige Stimme des Marquis. 7 Der Koͤnig ward etwas roth, während er horchte, vann ſchien er ſich zu beruhigen. Leiſe und heimlich ein wenig lächelnd, ſagte er: Steenh iſt nicht dabei, der wäre ſchon hereingebrochen; Carl iſt aber ein gu⸗ ter Sohn, er wird ſeinen alten Vater nicht betruͤben wollen. Doch hoͤre, Lieber, Du thuſt mir zu Gefallen ein bischen blode und ſtellſt Dich hinter den Bettvor⸗ hang, nun hoͤre, thue es! Briſtol litt empfindlich bei dem Gedanken, ſich verbergen zu ſollen; er ſtand mit gebeugtem Haupte, und ehe noch die Bitte des Koͤnigs den alten Stolz uberwinden konnte, oͤffnete der Marquis dem Prinzen die Thuͤr, und beide traten ein. Der Prinz hielt ſich abgewendet von Briſtol, als ſähe er ihn nicht, und ging auf das Bett ſeines Vaters zu, ohne daß Briſtol ſich von ſeinem Platz geregt hätte. Der König ſtreckte ihm mit unruhiger Zärtlichkeit die Hände entgegen, die der Prinz in kindlicher Ehr⸗ furcht kuͤßte. Mein lieber Sohn, mein theures Kind! Gott ſegne Dich dafuͤr, daß Dein alter Vater Dein erſter und letzter Gedanke iſt; komm ganz nahe heran, ſetz Dich auf mein Bett, mein guter Sohn;— ſo redete Jakob ——— 69 ſeinen Sohn mit dem ſichtlichſten Beſtreben an, ihn durch Liebe und Freundlichkeit milde zu ſtimmen.— Ich hoffe, mein theurer Vater befindet ſich leid⸗ lich, und was hier in meiner Abweſenheit mindeſtens Unbeſonnenes geſchehen iſt, hat, wie ich hoffen will, keinen Einfluß ausgeuͤbt uͤber die ſo leicht erſchuͤtterte Geſundheit Eurer Majeſtät.— Geſundheit, Kind! lächelte der Koͤnig, ſieh, Kind, das paßt nicht mehr; wo iſt hier noch Geſundheit? Und meine Krankheit, Kind, der wollen wir gern eine wohlthaͤtige Erſchuͤtterung goͤnnen. Wohlthätig, betonte der Prinz, wollte Gott, es gaͤbe eine ſolche; aber da ich ſie nicht herbei fuͤhren kann, werde ich Jeden ohne Unterſchied fuͤr eine nach⸗ theilige verantwortlich machen. Nun, nun, ſagte der alte Koͤnig etwas empfind⸗ lich, wenn Du erlaubſt, mein Kronprinz, wollen wir ſelbſt es noch ubernehmen, unſere Angelegenheiten zu vertreten. Hoͤre, Kind, ſo mußt Du mir nicht kom⸗ men, Frieden will ich haben, und Du wirſt um meinetwillen ihn nicht mehr lange zu halten brauchen. Nun, ſetzte er ſchnell zu ſeinem gutmuͤthigen Tone zurückkehrend hinzu, ich habe Dir nichts Unangeneh⸗ mes ſagen wollen, mein Prinz, komm naäher und thue mir die Liebe und vertrage Dich mit, dem, der » 70 hinter Dir ſteht und nach Deinem gnädigen Angeſicht verlangt. Mein gnaͤdigſter Vater, erwiderte der Prinz, ohne ſich umzuſehn, hat zu befehlen, wen ich ſehn ſoll, und aus Gehorſam werde ich ſelbſt das thun, was meinem Gefuhl widerſtrebt. Aber ich moͤchte es dem zu uͤber⸗ legen geben, der dies Opfer veranlaßt, ich koͤnnte nicht immer in der Stimmung ſein, mich deſſen mit Nach⸗ ſicht zu erinnern. Hoͤre, ſagte der Koͤnig, nach ſeiner Weiſe entruͤſtet, Du mußt nicht drohen, denn da Du bald Koͤnig ſein wirſt, iſt Dein Zorn viel furchterlicher, wie der mei⸗ nige. Abgeſehen davon, wie er mir erſcheinen muß, da ich Dein Koͤnig und Dein Vater zugleich bin, ſage ich Dir, mein Prinz, Du haſt ſchon viel von unſerm lie⸗ ben Herzog gelernt, und obwohl mir Eure Freundſchaft lieber iſt, als Eure Feindſchaft vor der ſpaniſchen Reiſe, iſt mir doch nicht ſonderlich lieb, daß Du eben ſo ſtorriſch wirſt, wie Buckingham. Aber Du wirſt jetzt gut ſein, denn Du biſt immer lenkſamer, als Bu⸗ ckingham, geweſen. Drum bitte ich, mache mir die Freude und ſieh Dich gnaͤdig um. Ich muß glauben, gnaͤdigſter Herr, ſprach der Prinz im hartnäckigen Ton einer feſtgefaßten Meinung, daß der, den Ihr mir empfehlt, weder den Wunſch hat, d——— 71 meinen Blicken zu begegnen, noch den Muth des rei⸗ nen Gewiſſens, mir, dem ſchwer Gekraͤnkten, gegen⸗ uͤber zu ſtehn. Doch dieſe Worte waren kaum ausgeſprochen, als ein paar toͤnende Schritte den Grafen von Briſtol vor den Prinzen fuͤhrten, und ihn nach einer ehrfurchtsvol⸗ len Verbeugung ruhig und feſt, wie in die Erde ge⸗ wurzelt hinſtellten. Ich konnte in Demuth harren, ſprach er ſanft und ernſt, ſo lang mein gnädiger Koͤnig für mich ſprach, aber ich kann nicht irren, wenn ich annehme, dieſe letzten Worte Eurer koͤniglichen Hoheit waren an mich gerichtet. Ich bin hier, und der Muth eines reinen Gewiſſens leitete den heißen Wunſch eines treuen Unter⸗ thanen, das Antlitz der hohen Herrſcher in Gnade zu ſchauen, fuͤr die er redlich und treu gearbeitet, bis grauſamer Verdacht ſeine Kräfte lähmte und ſein Haar bleichte! Der Prinz blieb vor ſeinem Anblick nicht ohne Eindruck. Dieſer ſchoͤne Mann hatte ſo den unver⸗ kennbaren Ausdruck einer hohen Seele, daß es faſt un⸗ moͤglich war, an Verrath und boͤſen Willen ihm gegen⸗ uͤber zu glauben. Der Prinz entging dieſem Eindruck nicht, und erwiderte faſt unwillkuͤrlich des Grafen Gruß. Aber wenn er auch nicht glauben konnte, er 72 habe ſeine Verbindung mit der Infantin getrennt, war er doch von Buckingham ſo heftig beſtuͤrmt, ihn als den Urheber des Krieges anzuſehn, und zuletzt ſo ge⸗ gen den Grafen eingenommen worden, daß er ſich faſt angewohnt hatte, die oft wiederholt gehoͤrte Luͤge we⸗ gen jener Verbindung, ſelbſt gegen die Stimme ſei⸗ nes Innern, als wahr ihm anzurechnen. So hielt der Eindruck der erhrwuͤrdigen Perſoͤnlichkeit des Gra⸗ fen gegen ſo viele eingeimpfte Taͤuſchungen nicht aus, die uͤberdies noch ein Unrecht verkleiden muß⸗ ten und ein Geheimniß, deſſen der Prinz ſich be⸗ wußt war. Ich darf jetzt nicht laͤnger uͤberſehn, Graf Bri⸗ ſtol, ſprach er kalt, daß Ihr es ſeid; doch wenn ich mich weigerte, Euch fruͤher anweſend zu glauben, denke ich, bezeigte ich damit eben meine Ehrfurcht gegen den Willen des Koͤnigs, der Euch von London verbannte, wo ich Euch dennoch jetzt anweſend finde, ohne daß mir in dem Willen des Koͤnigs eine Aenderung be⸗ kannt ward. 1 Dieſer Vorwurf Eurer koͤniglichen Hoheit trifft mich um ſo ſchmerzlicher, erwiderte Briſtol ſanft, als ich ihn mir lange genug als Einwurf gegen die wohl⸗ wollenden Abſichten meiner Freunde vorhielt. Aber moͤge ein ſanfteres menſchliches Gefuͤhl die ſtrengſte 73 Gerechtigkeit Eurer königlichen Hoheit unterſtützen und den Gruͤnden Eingang verſchaffen, die mich ungehor⸗ ſam werden ließen. Schon wandte ſich der Prinz ungeduldig ab, aber der Koͤnig, neugierig zuhorchend, bog ſich mit dem halben Leibe aus dem Bette hervor und rief leb⸗ haft: Erzähle, Briſtol, erzähle, Du haſt ſicher gute Gruͤnde, wenn Du mir ungehorſam warſt, was Dir uͤberdies ſchon vergeben iſt, aber laß nur hoören, wie das Alles zuging, ich hatte ganz vergeſſen, danach zu fragen. Der Prinz blieb nun, aber mit allen Zeichen fin⸗ ſteren Widerwillens und trotz der Bitten des Koͤnigs, ſich nieder zu laſſen, ſteif von Briſtol und dem Mar⸗ quis abgewendet. Als ich dem Befehl Euer Majeſtät gehorchend, ſprach nun Briſtol zum Koͤnige gewandt, mich von London entfernte und mich auf die Guͤter meiner Fa⸗ milie zuruͤckzog, geſchah es nur mit dem feſten Willen, von der Gerechtigkeit Euer Majeſtät die Widerrufung eines Befehls zu begehren, der den unangetaſteten Na⸗ men eines Mannes beleidigte, den Euer Majeſtät bisher durch die ſchwierigſten und gefahrovollſten Aufträge zu ehren gewußt hatten. Aber es war unmoͤglich, dieſe un⸗ ablaͤſſig wiederholten Bitten, die in Demuth nur um 74 Gelegenheit zu meiner Vertheidigung nachſuchten, bis zu Euer Majeſtät gelangen zu laſſen; ſie ſind alle an dem boͤſen Willen geſcheitert, mir dieſe meinen Feinden gefahrliche Gunſt zu verſagen. Mylord, ſprach hier der Prinz heftig, es ſteht dem Angeklagten ſchlecht, anklagend aufzutreten und Miß⸗ trauen als Vorbereitung einer ſehr zweifelhaften Recht⸗ fertigung redender Thatſachen auszuſtreuen. Angeklagt, betonte mit hoher Stimme der Graf, angeklagt und ungehoͤrt, zuruͤckgewieſen von dem Richterſtuhle meines Vaterlandes, von dem Throne meines Koͤnigs! Angeklagt und vergeblich um Raum zur Rechtfertigung flehend. Ja, ich wiederhole es noch ein Mal, Graf Archimbald Glanford brachte in meinem Namen drei Mal dieſelbe Vitte vor; meinen Koͤnig hat ſie nicht erreicht. Nein, nein! rief Jakob, es iſt ſo, Carl; ich habe nichts erfahren, zu meinem großen Leidweſen!— Da gab ich mich endlich dem großmuthigen Mit⸗ leiden des erhabenen Monarchen hin, der bald durch die heiligſten Bande dem Intereſſe Englands verwandt ſein wird und jetzt ſchon mit wahrer Freundſchaft ihm ergeben iſt. Die Zerſtorung der einſt vortheilhaft ge⸗ nannten Pläne, die den mit niederriß, der ſie in treuer Abſicht eingeleitet, ſie war der Anfang eines Glucks —.————— — 75 fur Frankreich, worauf es zu viel Werth legt, als daß es nicht milde und theilnehmend fuͤr den fuͤhlen ſollte, der darunter gelitten. Der Herr Marquis hat ſich lange vergeblich be⸗ muͤht, Gehoͤr zu finden; die geſtrige Audienz machte es ihm moͤglich, während er um die Gnade bat, den Grafen Richmond einzufuͤhren, der füͤr ſeinen Groß⸗ vater um Gerechtigkeit flehte, Euer Majeſtät ein Pa⸗ pier einzuhaͤndigen, welches von den vergeblich gemach⸗ ten Verſuchen benachrichtigte und dieſe Audienz fuͤr den Herrn Marquis erbat. Ja, ja, ſagte der alte Koͤnig, das iſt Alles ſo. Ein wenig auffallend war der Schritt, den mein lie⸗ ber Marquis that; aber wahr iſt es, und wir hatten“ nichts dagegen, auch ohne den Fußfall des jungen Lords, Deines Enkels, mein Briſtol, haͤtten wir ein⸗ gewilligt. Aber dieſe Scene, ſagte der Prinz, zum Marquis etwas bitter laͤchelnd, maskirte vortrefflich die Uebergabe Eurer Depeſche. Der Marquis laͤchelte, ſo unbefangen und hoͤflich ſich verneigend, als ob der Prinz ihm eine Galanterie geſagt haͤtte, und zeigte blos mit der Hand auf den entgegengeſetzten Eingang des Zimmers, welcher nach dem Vorzimmer des Koͤnigs fuͤhrte. Der Marquis hatte * 6 26 allein den wachſenden Sturm eines Streites vernom⸗ men, welcher von daher immer heftiger ſich hoͤren ließ, und den er nicht ungern bisher von den drei lebhaft angehoͤrt Sprechenden uͤberhoͤrt ſah. Doch jetzt ſchien die Sache auf dem Punkte, wo er nicht ſehr wuͤnſchen konnte, die Unterredung verlaͤngert zu ſehn; denn das Intereſſe Frankreichs an dem Grafen durfte nicht uͤber die leichte Theilnahme menſchenfreundlichen Wohlwol⸗ lens hinausgehend erſcheinen, und ein heftiger Schlag gegen eine Thuͤr des Vorzimmers unterbrach jetzt Alle zugleich. Da haben wir es, ſchrie der Koͤnig ganz außer ſich, das iſt Buckingham! O mein Gott, ich armer, alter Mann, muß ich ſo gequaͤlt werden! Macht Euch gefaßt, er wird wuͤthend ſein. Briſtols Namen durfte ich nicht nennen, und nun iſt er ſelbſt hier. O, Bri⸗ ſtol, wie kannſt Du verantworten, mich in eine ſo unangenehme Lage zu ſtuͤrzen! Mit welchen Empfindungen auch bisher der Prinz und Briſtol ſich gegenuͤber ſtanden, ſchnell vereinigte ſie das Gefuͤhl der Beſchaͤmung uͤber das Betragen des alten Koͤnigs. Ja, der Prinz mochte, dem edeln und treuen Briſtol gegenuͤber, vielleicht mit minderer Waͤrme an den Diener denken, deſſen Einfluß auf ſei⸗ nen Vater er unmoͤglich billigen konnte, wenn er ſah, 22 zu welcher kindiſchen Furcht ſeine fernſte Annäherung ihn verdammte. Euer Majeſtät, ſagte der Prinz raſch vortretend, wird mir gewiß den Befehl geben, den unanſtändigen Streit, den man wagt in die Zimmer meines koͤnig⸗ lichen Vaters zu verlegen, augenblicklich zu beendigen. Wenn Euer Majeſtät unterdeſſen den Grafen von Bri⸗ ſtol beurlauben wollen, wird der Herr Marquis die Hinterthuͤr wohl wieder finden, die ſich vorher ſeinen Wuͤnſchen aufthat. Ich danke Euer Koͤniglichen Hoheit! erwiderte der Marquis ſchnell, dem Geſandten Frankreichs ſollte hier jeder Weg offen ſtehen. Uebrigens muß ich bedauern, daß ein Zufall denjenigen gerade jetzt verſperrt, den ich vorzog zu kommen. Die Thuͤr jenes Kabinets iſt ver⸗ ſchloſſen, wie ich eben unterſucht habe. Doch wenn Seine Majeſtät den Grafen Briſtol beurlauben, ſo darf ich wohl nicht zweifeln, daß er durch jenen Aus⸗ gang an meiner Seite Eurer Koͤniglichen Hoheit un⸗ gehindert folgen darf. Der Prinz druͤckte die Lippen ein, und es war ſichtlich, daß er ſich keinesweges dem Herzog gegenuͤber ſo ſicher fuͤhlte, wie der Marquis in ſeiner plotzlich ſtolzen Haltung ihm aufnoͤthigen wollte. 28 Aber es war hier ein ſchneller Entſchluß noͤthig. Denn theils brannte der Prinz vor Begierde, dem Marquis den Anblick des Koͤnigs zu entziehen, der Al⸗ les, was geſprochen ward, mit Klagen bekleidete, welche die grenzenloſe Gewalt des Herzogs andeuteten, theils mußte der Prinz fuͤrchten, der Herzog erzwinge den Eingang, und vor dem Bette des Koͤnigs koͤnnten ſich Scenen ereignen, die er zu fuͤrchten hatte. Herr Graf von Briſtol, ſagte er daher plotzlich mit der ſtolzen Faſſung, die ihm ſo wohl ſtand, bittet den Koͤnig, Euch zu beurlauben. Stumm kniete Briſtol vor dem Bette nieder, und dieſer Augenblick, der ihn fuͤr immer von ſeinem ko⸗ niglichen Freunde trennte, ward ihm erleichtert durch die Ueberzeugung, daß, wie auch wenige Augenblicke vorher ihr ruhiges Beiſammenſein noch einige Sympto⸗ me ſeines fruͤhern edlen Geiſtes geweckt, doch der, fuͤr deſſen Beifall er ſo gern gelebt und gewirkt, laͤngſt von Krankheit, Alter und fremder Anmaßung unter⸗ druͤckt war. Ja, geh nur, ſagte der Koͤnig, ihm gräͤmlich die Hand gebend, ich will es Dir verzeihn, daß Du mich ſo beunruhigſt; aber Du haͤtteſt es wohl laſſen koͤnnen und abwarten, bis Carl Konig iſt, der Deine Angele⸗ genheiten dann beſſer ausfechten mag, als ich. 79 O, entlaſſen mich Euer Majeſtät nicht ſo! rief Briſtol ſchmerzlich; ich kam nur, um einen Blick der alten Gnade zu empfangen, um ein Mal mir ſagen zu koͤnnen: Ich blieb immer treu, unwandelbar. Ja, ja, rief der Koͤnig, das beſtreite ich auch nicht; aber ſieh, daran habe ich nie gezweifelt, und darum hätteſt Du nicht zu kommen brauchen, aber nun thue mir die Liebe und geh. Leb wohl, leb wohl! Es iſt Alles gut, Alles gut zwiſchen Dir und Deinem Koͤnig! Briſtol gab jeden weitern Verſuch auf; ſtumm kußte er noch einmal die Hand, womit der Koͤnig nun unablaͤſſig zum Weggehn winkte und, ſich gegen die Wand wendend, jede Unterredung abſchnitt. Vor den Zimmern des Koͤnigs hatte ſich Lord Richmond ruhig vor die Thuͤr geſtellt, die ſich nach dem letzten Zimmer vor dem Schlafgemach des Koͤ⸗ nigs oͤffnete, mit dem feſten Vorſatze, hier die Zu⸗ ſammenkunft ſeines Großvaters mit dem Könige vor Stoͤrungen zu ſichern. Doch, eingedenk der Warnun⸗ gen des Marquis, hatte er den Degen unter dem Mantel, entſchloſſen, ſich jeder Reizung gegenuber feſt zu halten, und hoffend, ſie werde ihm erſpart bleiben. 5 Doch was konnte fruͤh oder ſpät in dem Palaſte von Whitehall geſchehen und dem verborgen bleiben, der ſeine beſoldeten Aufſeher in jedem Winkel deſſelben hatte. Richmond blieb, als er den Herzog von fern hoͤrte, kein Zweifel, in welcher Abſicht er komme. Schon im Vorzimmer hoͤrte er das Veſtreben, den dienſtthuenden Kämmerer zu aͤngſtigen und die Miene ſorgloſer Un⸗ befangenheit anzunehmen. Nun, mein Kind, rief er dem alten Manne ent⸗ gegen, wie ſteht es da drinnen? Biſt Du ungeſtort auf Deinem Platze geblieben? Befand ſich mein koͤ⸗ niglicher Herr ganz wohl dieſe Nacht? Ohne die leiſe Antwort zu beachten, fuhr er fort: Ich hoffe den alten Herrn durch meinen fruͤ⸗ hen Beſuch, den er nicht mehr erwartet, angenehm zu uͤberraſchen. Sieh, ich hatte Clervon mit ſeiner Harfe ſchon um ſechs Uhr an meine Thuͤr beſtellt, um, ſo erweckt, in der roſigſten Laune von der Welt mein erſtes Fruͤhſtuͤck unter Jakobs Pantoffeln und ledernen Nachtwämſern zu verzehren. Na, ſo lache doch, bin ich denn nicht ſehr ſpaßhaft, Alter? 81 Sehr, ſehr, Euer Gnaden! ſtotterte der alte Mann, von Buckinghams Hand ſich etwas erleich⸗ ternd, die, wie eine eiſerne, den alten Mann faſt zu Boden druͤckte. Nun, nun, lachte Buckingham, geh und laß Dir einen Morgentrank geben; die Zunge klebt Dir am Gaumen. Heffne mir die Thuͤr, ich will Dich nicht aufhalten. Dies war das, was der alte Mann nicht durfte, denn der Koͤnig hatte ihm ſagen laſſen, ſie nicht fruͤher zu oͤffnen, als bis er es ihm befehlen ließe. Seine Majeſtät— ſtammelte der alte Mann. Es iſt ſchon gut, ſchrie Buckingham mit ſteigen⸗ der Wuth, denn er wußte nun, daß ihm der Eingang verſagt war; ſchon gut, ich brauche Deinen Bericht nicht mehr, oͤffne mir die Thuͤr, der Koͤnig wird mir ſelbſt das Weitere ſagen. Eben Seine Majeſtät haben jeden Eingang ver⸗ boten.— Verboten? lachte Buckingham, ja, ganz recht; aber was, denkſt Du, daß mich das angeht?— Seine Majeſtät haben keine Ausnahme befehlen laſſen.— So will ich Dir uͤber Deine Bedenklichkeiten weghelfen; aber ich werde es Dir 8 daß Du Godwie⸗Caſtle III. 82 mir gegenuͤber ſie haben konnteſt;— und fort ſchleu⸗ derte er den alten Mann und ſtieß mit den Füßen die Thuͤr auf. Voll Erſtaunen gewahrte er hier die naͤchſte Thuͤr wieder bewacht, und das von ſeinem Widerſacher vom vergangenen Tage. Dies berſtieg ſeine Erwartung. Wer zum Koͤnige gekommen, wußte er nicht, nur, daß der Marquis mit im Spiele ſei, ahnete er, ohne ſein Intereſſe für Briſtol moͤglich zu halten. Bei Richmonds Anblick durchzuckten ihn zuerſt unbeſtimmte Ahnungen, worüber er ſich nähere Auf⸗ klärung zu verſchaffen entſchloſſen war. Ohne Richmonds Stellung zu bemerken, ging er auf die Thuͤr zu, als konne ihm kein Widerſtand begegnen. Als er im Begriff war, die Hand an das Schloß zu legen, trat Richmond vor. Herr Herzog, ſprach er, ſich verneigend, der König hat fuͤr Jedermann den Eingang unterſagt. Der Herzog trat zuruͤck und betrachtete ſpoͤttiſch den Grafen. Ach, ſagte er, ſich verneigend, ein neuer Page? Ja ſo, das wußte ich nicht; gab man Dir geſtern Abend die Achſelbänder, daß Du heute Morgen noch ſo laut krähſt? Sieh Kind, Du biſt neu, darum habe ich Luſt, Dir einen Rath zu geben: Ich bin der Herzog von Buk⸗ — 83 kingham, fuͤr mich eriſtirt nie ein Verbot der Art, als Du auswendig gelernt. Ich kenne den Herzog von Buckingham, ſprach Richmond kalt, und habe ihn nicht noͤthig zu erin⸗ nern, daß ich Degen und Sporen fuͤhre, alſo nicht Page bin. Aber beauftragt bin ich von Seiner Ma⸗ jeſtät, hier auch fuͤr den Herrn Herzog von Bucking⸗ ham keinen andern Beſcheid zu haben, als den ver⸗ nommenen. Ich will Euch der Verantwortlichkeit uberheben, dieſe Thorheit zu wiederholen, ſagte Buckingham erbit⸗ tert; ich befehle Euch zuruͤck zu treten, ich verlange den Eingang zum Koͤnig. Der Herr Herzog ſind zerſtreut, erwiderte Rich⸗ mond, hier iſt nicht Buckinghams Palaſt, hier iſt Whitehall, und dieß ſind die Gemaͤcher des Koͤnigs, worin nur ein Wille gilt, den ich Euch genannt, und den ich zu vertreten habe. Was iſt das? ſchrie Buckingham jetzt auf, ſoll das Wahrheit ſein? In dieſen Räumen, vor dieſer Thuͤr, wagt ein Knabe mir den Weg zu verwehren? Ich bitte Euch, Herr Herzog, rief Richmond ſchnell und warm, mäßigt Eure Ausdrucke, daß ſie ein Edelmann ertragen kann, der wehrlos gemacht iſt durch den Dienſt fuͤr den Koͤnig.— 6* 84 Und Ihr haltet es fur möglich, im Dienſt des Konigs mir mit einem Worte entgegen ſein zu duͤrfen. Ihr glaubt, Euer Wort, das Wort von ganz England, die Worte der Welt, die Worte des Koͤnigs und aller Koͤ⸗ nige der Erde wuͤrden Buckingham hier wegtreiben, wenn er einzutreten denkt? Noch einmal, verlaßt dieſen Platz und hindert keinen Augenblick länger mich in meinem Vorſatz, oder, bei Gott! Ihr werdet es bereuen in Eu⸗ rer Unwiſſenheit, wie ich noch zu Eurer Entſchuldi⸗ gung es nehmen will, hier geweſen zu ſein!— Entſchuldigt mich mit nichts, Mhlord, entgegnete Richmond, als mit meinem Willen, hier auf dieſem Platz zu bleiben; ich will von Euch nicht entſchuldigt ſein, denn ich bedarf es nicht! Ha, Trotz! rief Buckinghum, Du ſtoͤßt die Nach⸗ ſicht zuruͤck, die ich habe, ſo füͤhle denn! Wuͤthend rannte er gegen die Thuͤr und ſchlug mit dem Griff ſeines Degens auf das Schloß. Aber eben ſo ſicher und gewandt unterlief Richmond den Herzog, und hielt ihn ruhig und eiſern mit ſteifem Arm von der Thuͤr ab. Zieh und vertheidige Dich! ſchrie Buckingham, ſeinen Degen ziehend; aber Richmond loͤſte ſein Degen⸗ gehaͤnge und ſchleuderte es mit dem Degen in die Mitte des Zimmers. — 85 Ich verſprach, nicht zu ziehn, ſagte er feſt, jetzt ſteht es Euch frei, einen Mord zu begehen; aber dieſer erſt eroͤffnet Euch den Eingang. Er ſchlug ſeinen Man⸗ tel von einander und ſtand ſo mit unbeſchützter Bruſt vor Buckingham, der von ſo viel Feſtigkeit einen Au⸗ genblick uͤberraſcht ward, aber dann, von dem Gedanken des Widerſtandes wie wahnfinnig gemacht, gegen die Thuͤr und Richmond rannte. Buckingham war füͤr einen Rieſen an Kraft be⸗ kannt, und der Juͤngling hatte ſeine volle Gewandtheit noͤthig, den Herzog zu pariren und ſeinen Poſten zu behaupten; doch im ſelben Augenblick oͤffneten ſich von Innen die Fluͤgel, und der Prinz von Wales zeigte ſich in der offenen Thuͤr. Im Namen des Koͤnigs Frieden! rief er dem er⸗ boſten Herzog entgegen und winkte ihn zurück, der auf nichts ſinnend, als die Thuͤr zu erreichen, ſich ſogleich hineinwerfen wollte. Der Koͤnig, Herr Herzog, fuhr der Prinz gegen Buckingham fort, iſt erſtaunt, Euch noch in London anweſend zu hoͤren; er hatte geglaubt, daß die geſtrige Audienz keinen Zweifel uͤber Eure ſchnelle Abreiſe zu⸗ ließe. Seine Majeſtät, entgegnete Buckingham überraſcht, wird den Wunſch nicht verkennen, ihn noch ein Mal zu 86 ſehen, und da Seine Majeſtät ſchon ſo fruͤh Audienz gaben, ſetzte er hoͤhniſch hinzu, den Marquis und Bri⸗ ſtol hinter dem Prinzen gewahrend, durfte ich nicht zweifeln, auch ich wuͤrde empfangen worden ſein, hätte hier nicht ein Unberufener die Rolle eines Thuͤrwarts uͤbernommen. Des Prinzen Auge ſtreifte an Richmond, der ſich tief verneigte. Dies hat mit dem Wunſche des Koͤnigs füͤr Eure gluͤckliche Abreiſe nichts gemein, ſagte der Prinz, ich füge den meinigen hinzu und hoffe Euch unter gluͤckli⸗ chern Umſtänden wieder zu ſehn. Buckingham erſtarrte vor Wuth. Er hatte die An⸗ weſenheit des Prinzen nicht gewußt, er wagte nie, ihn ſo zu reizen, wie den Koͤnig, da der Prinz ſeine Wuͤrde wohl kannte und ſie, war er einmal entſchloſſen, voll⸗ kommen zu behaupten verſtund. Auch legte der Mar⸗ quis ihm Zwang auf, und nur ſein lang genährter Uebermuth konnte ihn noch an Widerſtand und Bos⸗ heit denken laſſen. Ich weiß die Befehle dieſes Mundes zu achten, hob er an, und bitte nur um die Gnade, mich in dem Schutze des Herrn Marquis wegbegeben zu duͤrfen, da ich in Wahrheit mir keine beſſere Sicherheit in dieſem von jungen Raufbolden bewachten Palaſt denken kann. ——— 87 Dies ſoll Euch gewährt ſein, ſprach der Prinz ſehr ernſt. Herr Marquis, ich entlaſſe Euch! Mh⸗ lord von Briſtol lebt wohl! Ich denke, wir werden uns wiederſehn. Seid indeſſen ſicher, daß ich die Worte meines koͤniglichen Vaters nicht uͤberhoͤrt habe, und Ihr, Lord Richmond, folgt Eurem Verwandten. Ich verkenne nicht, daß Ihr die erſten Zierden eines männlichen Karakters, Muth und Mäßigung, in ſehr jungen Jahren heute vereinigt habt. Nehmt Eu⸗ ern Degen auf, Ihr wußtet beſſer, wo er in dem Pa⸗ laſte des Koͤnigs hingehoͤrt. Herr Marquis, wir wer⸗ den den Grafen von Briſtol mit unſerm Gefolge aus Euerm Palaſte abholen laſſen, und er mag ſich dann deſſelben bis zu ſeinem eigenen Schloſſe be⸗ dienen. Der Prinz gruͤßte ſtolz und ging voran durch die jetzt mit Hofleuten angefullten Säle, gefolgt von den ſo muͤhſam bezaͤhmten Parteien; er hielt, den Her⸗ zog gruͤßend, den Marquis mit einigen Worten zu⸗ ruck, bis jener mit ſeinem Gefolge uͤber den Schloß⸗ hof ſprengte. 88 Noch ſaß die Herzogin von Nottingham, nachdem ſie ſich für die Nacht zuruͤckgezogen hatte, traͤumend der allmaͤlig ſinkenden Glut ihres Kamins gegenuͤber* und ſuchte der Sorge zu wehren, die fur den geliebten Vater, je länger, je mehr ihr Herz erfuͤllte. Da oͤffnete ſich die Thuͤr hinter ihrem Ruͤcken; herein trat Lord Briſtol und weckte die Sinnnende mit leis aufgelegter Hand. Es war eine ernſte, tief empfundene Freude der bei⸗ den ſchwer Gepruͤften, und Lord Briſtol fuͤhlte erſt recht den Umfang des Erlebten in der Mittheilung an ſeine Tochter. Ich bin fuͤr immer von meinem koͤniglichen Herrn geſchieden, Arabella, ſo ſchloß er ſeine lange Erzählung, aber das Schwerſte war mir, ihn von ſich ſelbſt ge⸗ ſchieden zu ſehn! Und der Prinz? ſagte die Herzogin, an die Zu⸗ kunft denkend.— Gott wird geben, daß ſeine ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften ſich ſelbſt zu aͤchter Thätigkeit uͤberlaſſen blei⸗ ben, dann wird mein Vaterland zu beneiden ſein. Ich ſelbſt, Arabella, ſetzte er hinzu, ich werde in ihm 89 nicht den Erben des Wohlwollens finden, welches Jakob zu meinem Freunde machte. Doch laß uns dieſen truͤ⸗ ben Gegenſtand beendigen, ich habe Dir Freundlicheres vorzutragen. Anna Dorſet bittet durch mich um Deinen Segen! Sie ward in derſelben Stunde, als ich London verließ, die Gemahlin Deines Sohnes. Daß Du mir dieſe Ueberraſchung zugedacht, that mir wohl. Der An⸗ blick eines gluͤcklichen Familienkreiſes, worin wahrhaft menſchliche Tugenden walten und ungeſtoͤrt ſich ent⸗ wickeln duͤrfen, iſt der Balſam, der Noth thut, wenn der groͤßere Schauplatz menſchlicher Thätigkeit ein truͤbes Bild boͤslich ſich durchkreuzender Leidenſchaften darſtellt. Darum, erwiderte die Herzogin, iſt tugend⸗ hafte Behauptung des Rechts und der Ordnung im Schooße edler Familien ſo wichtig, weil aus ihnen die einzelnen Geiſter hervorgehn, die in das aͤußere Gewirre kleinlicher Intereſſen muthig eingreifen und ihrer Zeit den Karakter aufnoͤthigen, der das erdruckte Gute wie⸗ der belebt. Mit ſicherer Hoffnung ſehe ich auf die eben geſchloſſene Verbindung meines Sohnes; er wird den ehrwuͤrdigen Namen, den er trägt, in der Ehe mit ei⸗ nem Weſen, wie Anna Dorſet, wuͤrdig fortpflanzen und ſeinem Vaterlande ein Repräſentant alt⸗adeliger Ehre und Sitte ſein.— 90 Ich habe die beſte Meinung von meinem Enkel und freue mich ſeiner Naͤhe; denn Du darfft ſie erwar⸗ ten, ſie ſehnen ſich nach Deinem Segen. Ollonh wird ſie begleiten, und einige Wochen ſpäter denkt die Graͤ⸗ fin Dorſet mit Lord Ormond ihnen zu folgen.— Und Richmond, fragte die Herzogin, darf ich ihn nicht erwarten?— Richmond, erwiderte der Lord, ſcheint vorlaͤufig ein anderes Intereſſe zu verfolgen, welches näher, als in einigen Andeutungen, zu erfahren, weniger Mangel an Vertrauen zu mir war, als es in unſerer ungemein gedrängten Zeit lag. So viel iſt gewiß, daß der edle Juͤngling ſich fuͤr gebunden hielt in allen eignen Wuͤn⸗ ſchen und Handlungen, ehe erreicht war, was ich zu meiner Ruhe gewuͤnſcht. Ich habe dies errathen koͤn⸗ nen und muß die edle Hingebung, die er mir bezeigt, um ſo mehr verehren, da jenes Andere kein unbedeu⸗ tendes Intereſſe haben kann, indem er augenblicklich, nachdem ich mich befriedigt erklärt, ſich ihm ausſchließ⸗ lich hingab. Er ſendet Dir die ehrerbietigſten Gruͤße und läßt Dir ſagen, daß Lord Membrocke ploͤtzlich bei Hofe er⸗ ſchienen ſei, und von ihm und Lord Ormond zur Re⸗ chenſchaft gezogen, ihnen die Ueberzeugung gegeben habe, daß das Fraulein von Melville nicht mehr in 91 den Händen des Lords ſei, daß der Lord ſelbſt aber nichts von ihr zu ſagen wiſſe und in Bezug auf die ganze Sache die Verſtimmung uͤber einen geſcheiterten Plan zeige; daß er von unbekannter Hand eine Art von Notiz ber ihr ferneres Schickſal erhalten, die er zu verfolgen denke, und nicht ruhen werde, bis er Dir uͤber Deine Schutzbefohlene gute Nachricht bringen konne. Mein Sohn, fuhr die Herzogin mit ſchneidendem Tone auf, hätte, denke ich, abwarten koͤnnen, bis meine Befehle ihn zum Ritter dieſer Dame kreirt hätten. Mit Erſtaunen und Unwillen ſehe ich ihn aus eignem Willen eine Angelegenheit wieder aufnehmen, die ich fuͤr beendigt erklärt habe.— Meine Tochter, unterbrach ſie der Lord mit ei⸗ nem ſanften Lächeln, wir duͤrfen nie uͤberſehen, daß eine Zeit für unſere Kinder eintritt, wo ſie, von den Tugenden der Eltern zur Entwickelung getrieben, dieſe erreicht haben und ſich als ſelſtſtändig erkennen. Die Zeit tritt dann am entſcheidendſten hervor, wenn das Herz von der gewaltigſten Macht uͤber die Menſchen ergriffen wird, ich meine, wenn die Liebe zuerſt ihren Einzug hält. Großer Gott! rief die Herzogin mit der ihr eige⸗ nen Heftigkeit, ich will nicht hoffen, mein Vater, Ihr 92 ſprecht von einem vorliegenden Falle! Nein, Ihr habt nur im Allgemeinen bemerkt, nicht Richmond waͤhnt Ihr in dieſem Falle, von ihm glaubt Ihr dies nicht!— Und wenn ich eben ihn bezeichnet haͤtte, liebe Ara⸗ bella, was erſchreckt Dich daran ſo heftig? Unmöglich kann Richmond eine unedle Wahl treffen, Melville iſt ein alter Name, er nennt ſie Deine Schutzbefohlene, er verweiſt mich an Dich, um uͤber ihren Werth, ihre Tugenden Auskunft zu erhalten. Robert ſpricht mit Entzuͤcken von ihr; er treibt den Bruder zur Thätig⸗ keit,— wie? Legt dies nicht Alles ein gutes Zeugniß für ſie ab?— Laßt das, beſter Lord! ſagte die Herzogin mit be⸗ bender Stimme und bleicher Stirn, laßt das und ſagt, ich beſchwoͤre Euch, ſagt, was Ihr glaubt, ob Rich⸗ mond eine ſolche Neigung bekannte, oder ob Ihr ſie wahrgenommen?— Richmond iſt zart, faſt jungfraͤulich in ſeinen Aeußerungen, aber dennoch glaube ich, er liebt das Fraͤulein, und Robert hat es mir beſtätigt, und ſein heißeſter Wunſch ſcheint dieſe Verbindung. Doch was iſt's mit dieſer jungen Perſon? und Gott! weshalb er⸗ ſchuͤttert Dich dies ſo heftig, meine Tochter?— —— Die Herzogin hatte ſich bei den letzten Worten des Lords erhoben, ſie wollte ihre Verzweiflung dem väterlichen Auge entziehen, aber es ſtroͤmte ein ſolches Uebermaaß von Schmerz und bangen Gedanken auf ſie ein, daß ſie nicht fähig war, Faſſung zu behalten. Sie ſtuͤtzte ſich betäubt auf die Lehne ihres Stuhles, unfä⸗ hig, ein Wort auf die dringenden und beſorgten Bitten des Vaters zu erwidern. Muͤhſam wehrte ſie endlich ſeinem Forſchen mit der Bitte um Ruhe, und dieſe ihr als nothwendig erkennend, eilte der Lord, Miſtreß Morton herbei zu rufen. Wir haben Lord Richmond, ſeit ſeiner letzten An⸗ weſenheit in London, nur in oͤffentlichen Beziehungen wiedergefunden und kehren um ſo lieber zu ihm zu⸗ ruͤck, da uns durch die eben erwähnte Mittheilung des Grafen Briſtol eine Andeutung uͤber ihn zukoͤmmt, die wir um ſo lieber verfolgen, da ſie uns wieder mit un⸗ ſerer eigentlichen Schutzbefohlenen in Verbindung zu bringen ſcheint. Als er eines Abends ſpaͤt nach dem Palaſte ſeines Bruders zuruͤckkehrte, meldete man ihm, es harre auf 94 ihn ein Fremder, der nur ihm ſelbſt ſeinen Namen ſa⸗ gen wolle. Richmond begab ſich nach ſeinen Zimmern, und alsbald fuͤhrte man den Fremden vor, der durch ſeinen wuͤrdigen Anſtand, wie durch ſeine Kleidung ſogleich den Geiſtlichen der herrſchenden proteſtantiſchen Kirche ver⸗ kuͤndigte. Sein freundlich ernſtes Geſicht und der ru⸗ hige Aufblick ſeiner Augen nahmen ſogleich Lord Rich⸗ monds Theilnahme in Anſpruch, und dieſer fuͤhrte ihn ſelbſt in ſeine innern Zimmer, ihn hier verbindlich zu ſeinen Mittheilungen einladend.— Ich weiß nicht, Mhlord, ob ich die Angelegenheit, die mich zu Euch führt, eine eigene oder eine fremde nennen ſoll; gewiß aber bin ich dazu berufen, mich der⸗ ſelben mit allen meinen Kräften anzunehmen. Mein Name iſt Brirton und Euch vielleicht in Bezug auf eine junge Dame nicht unbekannt, deren ſich Eure verehrungswuͤrdige Familie auf das Gnädigſte ange⸗ nommen hat.— Brirton, rief Richmond freudig uͤberraſcht, Ihr ſeid derſelbe wuͤrdige ſchottiſche Geiſtliche, an den uns Lady Melville verwies, um naͤheren Aufſchluß uͤber ihre Verhältniſſe zu erhalten?— Derſelbe, Mylord, entgegnete Brirton, der durch die unglucklichſte Verflechtung von Umſtänden, durch 95 eine lange Abweſenheit in Irland, an der großen und heilig gelobten Pflicht verhindert ward, dem Fraͤulein allen Beiſtand zu leiſten, den ihre hoͤchſt unerwartete Lage noͤthig machte. Erſt als ich wieder in Edinburg war, erhielt ich die Briefe, welche man mir nachzu⸗ ſenden bei der Unſtätigkeit meiner Reiſe fuͤr unmoͤg⸗ lich gehalten hatte, zugleich aber die Erlaubniß meines ehrwuͤrdigen Biſchofs, mich nach Godwie⸗Caſtle ſelbſt zu begeben. Hier ſtockte er und eine fluͤchtige Verlegenheit zeigte ſich auf ſeinem Geſichte. Sodann fuhr er mit Hoͤf⸗ lichkeit fort: Ich habe die Ehre gehabt, die Frau Herzogin ſelbſt zu ſprechen, und von ihr die niederſchlagende Nachricht erhalten, daß dies ungluckliche verlaſſene Fräulein einen Schritt gethan hat, der ſie nicht allein der Mißdeutung ausſetzt, ſondern wahrſcheinlich auch in die ungluͤck⸗ lichſten Verhältniſſe geſtuͤrzt hat, wenn nicht bald et⸗ was zu ihrer Rettung geſchieht. Es gab eine Zeit, an die ich mit Schmerz als eine voruͤbergegangene denke, wo alle Macht und alles An⸗ ſehn der erlauchten Familie Nottingham ſich vereinigt haben wuͤrde, um dieſe Rettung zu beſchleunigen. Ich mache der Frau Herzogin aus ihrer Weigerung keinen Vorwurf; ich konnte mich ihr nur mit halbem 96 Vertrauen mittheilen, da ich durch fruͤhere Verſprechun⸗ gen gehindert bin, mich uber das ganze Verhaͤltniß der jungen Dame genuͤgend auszuſprechen; ich mußte daher auf eine Theilnahme rechnen, die ſich vielleicht fuͤr ſie hier vorfand, auf ein Vertrauen, welches mir, dem Fremden, um dieſes Kleides willen vielleicht geſchenkt ward. Frauen ſind zu einer größeren Vorſicht bei Ver⸗ ſchenkung ihres Vertrauens berechtigt; auch ſind die eig⸗ nen Familienangelegenheiten ganz geeignet, das größere Intereſſe der Frau Herzogin in Anſpruch zu nehmen. So habe ich allerdings ſehr wenig Erläuterndes über den ungluͤcklichen Schritt des Fraäuleins erfahren koͤnnen. Ich mußte mich darein finden und that es um ſo eher, da mir eine Reiſe nach London jedenfalls den Schutz zu gewähren verhieß, deſſen ich bedurfte. Die Sache hatte ſich hier jedoch anders geſtaltet. Unfaͤhig, die Perſonen zu erreichen, die ich als huͤlfreich kannte, bin ich von einer mir verborgen bleibenden Partei in allem, was ich vorhabe, beobachtet und gehindert; ja, ich habe Urſache zu glauben, daß ſelbſt meine perſoͤn⸗ liche Sicherheit gefaͤhrdet i Sir, rief hier Richmond, deſſen anſchwellendes Herz aufathmete, dieſem Manne, der wahrſcheinlich in Godwie⸗Caſtle keine freundliche Aufnahme erfahren hatte, und der ihm doch ſo über Alles hinaus wichtig erſchien, — 9⁵ ſein Wohlwollen bezeigen zu koͤnnen, nehmt denn vor Allem den Schutz an, den dies Schloß und der Name Nottingham zu leihen vermoͤgen; mein Bruder, der die⸗ ſen Namen von ſeinem verehrungswuͤrdigen Vater erbte, trägt ihn nicht mit minderer Ehre. Freundlich ſich neigend nahm der Geiſtliche dieſen Antrag auf. Ich kann nicht läugnen, daß Eure Guͤte die Bitte erfullt hat, die ich um ſo ſicherer an Euch thun wollte, als ich mich ſelbſt, ſetzte er lächelnd hinzu, fur wichtig erklären muß; doch, fuhr er ernſter fort, ein Blättchen vorzeigend, ich hatte nicht den Muth, das Intereſſe Eurer Familie ſo fortdauernd in Anſpruch zu nehmen, glaubte aber in einer unſichern Lage den von einem Unbekannten und anſcheinend Wohlwollenden mir an⸗ gezeigten Weg nicht verſchmaͤhen zu duͤrfen. Kennt Ihr die Handſchrift? Richmond nahm das Blättchen. In unorthogra⸗ phiſcher Schrift ſtand darauf: „Eure perſoͤnliche Freiheit iſt bedroht, ſucht das Palais der Nottinghams auf, Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen.“ Sonderbar! rief Richmond, wer kann Eure Si⸗ cherheit bedrohen? Habt Ihr daruͤber Wn gen Godwie⸗Caſtle Ml. 7. 98 Ich kann in dieſem Augenblicke nicht daruͤber ur⸗ theilen, Mylord; es iſt ſo Vieles, ſo Unerwartetes in meiner Abweſenheit geſchehen, daß ich nicht im Stande bin, zu uͤberſehen, welche Ausdehnung dadurch ein Mit⸗ wiſſen um Verhaͤltniſſe erhielt, die bisher wohl berech⸗ net in ein wohlthaͤtiges Dunkel gehuͤllt waren.— Und gehen dieſe Verhaͤltniſſe die junge Dame aus⸗ ſchließlich an, die ſich Eure Schuͤlerin nannte? fragte Richmond.— Sie war bis zu dem entſetzlichen Augenblicke, der ſie ploͤtzlich aller ihrer Stutzen beraubte, der Gegenſtand der zartlichſten Sorgfalt und Liebe, der ſtolzeſten Hoff⸗ nungen, der gluͤcklichſten Ausſichten fuͤr die Zukunft; und alle, die ſie kannten, fuͤhlten ſich durch Pflicht und Liebe berufen, ihr die groͤßte Verehrung zu weihn. Ach! ich bin in dieſem Augenblicke der einzige, der von ſo vielen und wuͤrdigen Perſonen ihr geblieben iſt. Aber es lebt noch außer mir ein Weſen, beſtimmt, ihr Schutz zu ſein von Gott und Rechtswegen, und dies zu errei⸗ chen, iſt die Abſicht meines Hierſeins.— Ihr ſprecht von dem Oheime des Fraͤuleins, den wir vergeblich getrachtet haben ihr wieder zu finden, nach dem ſie ſich unabläſſig ſehnte. Sagt, Sir, habt Ihr ihn entdeckt, lebt er hier, und konnen wir uns mit ihm vereinigen, das Fräulein aufzufinden?— ———— 99 Wie ſehr beklage ich, Mhlord, Euerm wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit dem vollen Vertrauen be⸗ gegnen zu koͤnnen, von dem ich mich zu Euch durch⸗ drungen fuͤhle; aber, mag es zu Anfang unſerer Bekannt⸗ ſchaft gleich ausgeſprochen ſein, daß ich Euch auf alle Fragen die Antwort ſchuldig bleiben muß, wenn ſie gegen Verpflichtungen ſtreiten, die ich nicht aufzuheben vermag. Koͤnnt Ihr Euch entſchließen, mir ohne dies Euer Vertrauen zu ſchenken, koͤnnt Ihr Euch mit mir verei⸗ nigen, wo ich Huͤlfe bedarf, zur Rettung der unglückli⸗ chen jungen Dame, ſo darf ich Euch bei der Wuͤrde mei⸗ nes Amtes ſchwoͤren, Ihr weihet Beides keiner unedeln Sache, vereinigt Euch mit keinem Unwuͤrdigen.— Genug, Sir; ich achte Eure Zuruͤckhaltung und werde ſtets nur das Vertrauen von Euch verlangen, was ſich mit jenen fruͤheren Verpflichtungen verträgt. Glaubt indeſſen nicht, daß wir ſo ſchnell das Fräu⸗ lein aus den Augen verloren. Ihr Weg iſt verfolgt worden von einer Perſon, auf deren Treue wir uns verlaſſen konnten, und ſie iſt, von Lord Membrocke ge⸗ trennt, in einem Schloſſe in Nordhampton zuruͤck ge⸗ laſſen worden, waͤhrend der Lord ſeinen Weg allein fortgeſetzt hat, doch zur Zeit noch nicht in London ein⸗ getroffen iſt, wo er indeſſen von ſeinem Freunde, dem 71 100 Herzog von Buckingham, erwartet wird, da er auf der Liſte der Cavaliere ſteht, die dem Herzog nach Frankreich folgen werden. Mein Diener iſt übrigens dem Lord Membrocke gefolgt, bis er von dem Aufent⸗ halte des Fraͤuleins zu entfernt war, um ſeine Ruͤck⸗ kehr dahin erwarten zu koͤnnen. Unbezweifelt iſt jedoch, daß auch dort ihre Gegenwart mit der groͤßten Sorg⸗ falt verbehlt wird, da es ihm bei ſeiner Ruͤckkehr ſogar nicht möglich ward, uͤber die Anweſenheit der Lady die geringſte Spur zu erhalten, viel weniger ſie ſelbſt zu ſehen. Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf, die mich an London band; ſonſt wuͤrde ich viel fruher geeilt haben, die Spur zu verfol⸗ gen, die wir dadurch gefunden, und die mich wenig⸗ ſtens in der einen Beziehung beruhiget, ſie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrſam zu wiſſen, obwohl ich ihn noch dabei im Spiele glauben muß, da der Edelmann, der Beſitzer jenes Schloſſes, ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham iſt.— Des Herzogs von Buckingham! rief mit ſichtlicher Ueberraſchung Maſter Brixton. Wie? Hat der Her⸗ zog Kunde von dem Fräulein? Glaubt Ihr, Mhlord, daß Lord Membrocke blos als Agent des Herzogs handelte? —————— 101 Ich muß dies dahin geſtellt ſein laſſen, erwiderte Richmond, doch rechne ich es mehr der verliebten Thor⸗ heit Membrockes zu, womit er das Fraͤulein, obwohl Anfangs ſehr zu ihrer Mißbilligung, verfolgte. Anfänglich? erwiderte Brirton. Zweifelt nicht; dieſer Thorheit, wie Ihr es richtig nennt, unterlag die Lady auch ſpäter nicht, wie Ihr anzudeuten ſcheint. Auf eine andere Weiſe hat man ſie zu dieſem Schritte veranlaßt. Ich kenne ſie zu genau, um nicht zu wiſſen, daß dringende Anforderungen an ſie ergan⸗ gen ſein muͤſſen, ſie zu dieſem gehaͤſſigen Schritte zu bewegen. Sir, rief Richmond bewegt, Ihr habt ein ſo fe⸗ ſtes Vertrauen! Denkt Ihr auch ihrer Jugend, ihrer leicht gereizten heftigen Natur? Dieſe Quelle ihrer eigenthuͤmlichen Seelenſchoͤnheit iſt zugleich einer Frau ſo verderblich, fuͤhrt ſie ſo leicht uͤber die Grenzen hin⸗ aus, ach, die ſie nicht mit ihren Augen uͤberſchreiten darf, ohne in Gefahr zu ſein. Ich ehre Euer feines Gefuͤhl fuͤr die heilige Atmo⸗ ſphaͤre der Sittlichkeit, worin Ihr die weibliche Ehre einhuͤllet, und theile dieſe Anſicht ganz, erwiderte Brix⸗ ton; aber Lady Maria iſt die ſchoͤnſte Miſchung kind⸗ licher Unſchuld und eines ſtarken Bewußtſeins von Recht und Unrecht; ſie hat fuͤr ihre Jugend eine 102 Selbſtſtaͤndigkeit des Karakters, die man nur begreift, wenn man ihre Erzieher und den Zweck ihrer Erzie⸗ hung kennt. Es iſt wahr, Mhlord, ſie gehoͤrt nicht zu den ſchoͤnen bewußtloſen Seelen ihres Geſchlechtes, die aus dem Bereiche einer rein gebliebenen Empfin⸗ dung alles unwillkurlich entfernt halten, was ſie ver⸗ letzen koͤnnte, inſtinktartig ſich bewahren und eine ſchoͤne ehrenwerthe Erſcheinung bleiben. Lady Maria iſt mit Abſicht geweckt und zum Bewußtſein gefuͤhrt worden. Was wahrhaft rein und vor Gott beſtändig iſt, hat ſie ſcheiden lernen von dem leeren, inhaltloſen Formen⸗ weſen, wohinter verkruͤppelte Seelen ſich mit allen An⸗ ſpruͤchen auf Achtung zu fluchten vermoͤgen, und wobei das reinere und hoͤhere Gefuͤhl des Menſchen oft mit erdruͤckter Ueberzeugung dem Banne der thranniſchen Gewalt unterliegt. Sie ſteht mit dem Maaße ihrer Hingebung oder Verſagung ſtets vor dem Throne ei⸗ ner großen Idee, die, rein entwickelt, ſtets unerreich⸗ bar, ſie demuͤthig erhaͤlt vor Gott, kalt und voͤllig ab⸗ weiſend gegen die von anderswo kommenden Weiſungen der Menſchen. Sie iſt dadurch gerade wärmer und nachgiebiger gegen den großen Verband, den die Natur unter den Menſchen knuͤpfte, ſie iſt voll Ehrfurcht ge⸗ gen die geſelligen Pflichten, die erganzend eintreten, wo dieſer nicht ſtattfindet. Aber ſie iſt dies Alles mit ei⸗ 103 ner Feinheit und einem Bewußtſein, was eben noth⸗ wendig ſie ruckſichtslos erſcheinen läßt nach gewoͤhn⸗ lichen Vorausſetzungen. Richmonds Augen ruhten waͤhrend dieſer Worte am Boden; er gedachte des Ideals ſeiner Bruſt, er wollte pruͤfen, ob es ſich mit den Worten des Geiſt⸗ lichen vertrug; er konnte nicht damit fertig werden; unſicher wogten die Bilder durcheinander, und endlich fühlte er, daß ſein Nachdenken ſchon zu lange gewährt. Mit einer deſto bereitwilligeren Miene eilte er, das Schweigen zu unterbrechen. Es ſteht mir in keinem Falle zu, Sir, ſprach er raſch, an Worten Zweifel zu hegen, die durch die Er⸗ ſcheinung des Fraͤuleins ſelbſt beſtätigt ſind, und jedes Mißtrauen, das ein ſo außerordentliches Schickſal an dem Karakter der Perſon ſelbſt mit ſich fuͤhrt, wuͤrde um ſo unedler ſein, feſt zu halten, als es ohne Zwei⸗ fel die ſchmerzlichſte Zugabe deſſelben iſt. Noch ein Mal nehmet die Verſicherung, daß ich zu jeder Mit⸗ wirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen darf, mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu ſein, um dann die Spur der Ladh verfolgen zu konnen. Erhaltet Euch der Sache, Sir, der Ihr ſo nuͤtzlich werden koͤnnt; es iſt mit Euerm Erſcheinen ein Hin⸗ derniß gehoben, deſſen Bedenklichkeit ich ſtets empfand. Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu folgen einwilligen, wenn wir ſo glucklich ſind, ſie aufzufinden; was wir jetzt kaum hoffen durften, nachdem es uns ſchon ein Mal verweigert wurde, wo die eigene Ueber⸗ zeugung von Membrockes boͤſem Willen vielleicht noch nicht eingetreten war.— Seid daher vorſichtig und verlaßt den Schutz dieſes Hauſes nicht, bis zu unſerer Abreiſe. Kennen wir die Abſichten des unbekannten Warners nicht, hat er ſich doch darin nicht geirrt, Euch hier geſichert zu halten.— Lord Richmond gab nun ſelbſt Befehl, einige Zim⸗ mer, die an die ſeinigen grenzten, füͤr einen Gaſt in Bereitſchaft zu ſetzen, und ließ deſſen Reiſegepaͤck von einem verſchwiegenen Domeſtiken, der die Livree ablegte, aus der Herberge herbeiſchaffen, ohne zu erlauben, daß er die Mauern des Schloſſes wieder verlaſſe. Der andere Tag ward dazu verwendet, mit dem jungen Herzoge die nöthigen Verabredungen zu treffen und Brirton mit denſelben bekannt zu machen; zu welcher Berathung ſich auch Lord Ormond einfand. Außer Zweifel waren die Empfindungen der hier zu⸗ ſammentreffenden Männer ganz geeignet, Brirton die Hoffnung eines kräftigen Beiſtandes zu verheißen, und er beſchloß innerlich, mit denſelben erſt Alles zu verſuchen, um ſeine junge Freundin ihren falſchen 105 Beſchutzern zu entfuͤhren, da er ſich in jedem ander⸗ weitigen Schritte, der ihm Ausſicht auf Huͤlfe ver⸗ lieh, mannigfach gehindert ſah, und er die Warnung, fuͤr ſeine Freiheit zu ſorgen, nicht unbegruͤndet finden mochte. Der Widerſtand, den er erfahren, ſchien ihm von einer gemachten Entdeckung uͤber das Fräulein herzu⸗ ruͤhren, und er konnte ihr Verſchwinden mit ſeiner eigenen Verfolgung in Zuſammenhang bringen, obwohl es ihm hoͤchſt unwahrſcheinlich blieb, daß dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen ſollte, den er unmoͤglich mitwiſſend und doch verfolgend den⸗ ken konnte. Einen Schritt bei Letzterem zu thun, ſchien ihm bei der Veraͤnderung der Dinge, die uͤber Alles ſo viel Dunkelheit gebracht, ein zu gewagtes Unternehmen, da ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, ſchon Gefahr brachte, ein ihm bisher heilig gehaltenes Geheimniß bloszuſtellen. Er beſchloß demnach, zuerſt ihre Befreiung als das Noͤthigſte anzuſehen und der Zeit alle fernere Entwicke⸗ lung anheim zu ſtellen. In der groͤßten Zuruͤckgezogenheit wartete er daher die Zeit ab, die ſeinem jungen Beſchuͤtzer erlauben wuͤrde, ſich ganz der Sache ſeines Schuͤtzlings zu wid⸗ men, die aber fuͤr den Augenblick noch in Anſpruch 106 genommen war von den uns bereits bekannten Vor⸗ gängen in der Familie Nottingham. An dem Hochzeittage ſeines Bruders begleitete Richmond ſeinen Großvater, den ehrwuͤrdigen Lord Bri⸗ ſtol, trotz des prinzlichen Gefolges, bis an die Grenz⸗ ſteine der vaͤterlichen Beſitzungen, und eilte dann mit dem gluͤhendſten Eifer zuruͤck, um ſich zu Brirtons Beſtimmung zu ſtellen. Sein erſter Schritt war jetzt, Lord Membrocke auf⸗ zuſuchen, da nur noch wenige Stunden bis zu deſſen Abreiſe blieben, indem dem Herzoge von Buckingham, zu deſſen nächſter Umgebung er gehoͤren ſollte, keine Zoͤgerung mehr geſtattet war. Doch fand er dies eitle Kind der Welt in ein ſolches Gewirre der gewoͤhnlich⸗ ſten Lebensbeziehungen verwickelt, ſo von Schneidern, Juwelieren, Stickern und Handelsleuten aller Art um⸗ geben, daß ihm keine Beziehung zu Lord Richmond in Erinnerung geblieben ſchien und er dieſen aufforderte, der Tanzſtunde beizuwohnen, die ein franzoͤſiſcher Tanz⸗ meiſter ihm geben wolle, um ihn in den neueſten zu Pa⸗ ris bei Hofe gebraͤuchlichen Tänzen zu unterrichten. Ich denke, Mhlord, ſprach Richmond mit dem vollſten Ausdrucke der Geringſchätzung, Euch wird nicht ganz entfallen ſein, daß ich Euer Haus nicht betreten haben kann, um Euern Späßen beizuwohnen, daß es — 107 unter uns ernſtere Beziehungen giebt, die erortert ſein wollen, ehe ich Euch erlauben kann, in dieſem Tone Euch zu vergnuͤgen. Richtig! rief Membrocke mit ſehr natuͤrlichem Erſtaunen, da ihm wirklich im Augenblicke erſt die Veranlaſſung zu Richmonds Beſuch einfiel. Wir ha⸗ ben, ſetzte er lachend hinzu, über die kleine ſchlaue Miß eine Zwieſprache zu halten, die ich Euer Liebden ſtren⸗ ger Aufſicht entfuͤhrte. Richmonds Stirn brannte bei der geringſchätzigen Art, wie er hier ein Weſen erwaͤhnen hoͤrte, gegen das er ſich ſelbſt noch jeden Zweifel vorwarf. Ich bin nicht gewohnt, Mhlord, rief er, ungedul⸗ dig ihm naͤher tretend, in der Gegenwart ſolcher Tho⸗ ren ernſte Angelegenheiten zu beſprechen; zeigt mir Euer Kabinet. Allerliebſt, lachte Membrocke mit ſchon annehmen⸗ der guter Laune, allerliebſt! Ihr hier verſammelte Ge⸗ ſellſchaft von Thoren, Ihr meine liebenswuͤrdigen Ge⸗ fährten, amuͤſirt Euch wohl, indeſſen ich in meinem Kabinet ein paar Fledermaͤuſe jagen will, die uͤber Nacht herein geflogen. Wollt Ihr mir dabei helfen, Mhlord, ſo nehmt den Vortritt. Mit ſtolzer Heftigkeit trat Richmond an ihm vor⸗ uͤber in das Kabinet, welches der Lord ihm geoffnet, 108 und trug dies auch eben ſo den Stempel der Thorheit, wie das erſtere, ſo waren es doch nicht Menſchen, ſon⸗ dern lebloſe Gegenſtaͤnde, die hier ſich jeder ernſteren Beziehung zu widerſetzen ſchienen⸗ Laßt mich ſtehn, rief Richmond, als der Lord ihn auf ein mit allerlei Kram belegtes Ruhebette einlud; was ich mit Euch zu reden habe, muß bald abgethan ſein. Erklaͤrt Euch, ob Ihr der Familie Nottingham, die durch mich zu Euch redet, den angethanen Schimpf gut machen wollt, aus ihrem Kreiſe ein von ihr be⸗ ſchuͤtztes unbeſcholtenes Mädchen entfuͤhrt zu haben, ob Ihr es gut machen wollt, indem Ihr mir bekennt, zu welchem Zwecke und wohin Ihr ſie entfuͤhrt; oder ob Ihr es vorzieht, zu jeder Euch beliebigen Stunde mit mir Euern Degen zu kreuzen? Wahyrlich, rief Membrocke, der bei aller Verwor⸗ fenheit die gewoͤhnliche Kavalier⸗Bravour hatte, um jeden Preis moͤchte ich das Letztere waͤhlen, um des Vergnuͤgens willen, Euern jungen Degen kennen zu lernen. Wohlan, die Bekanntſchaft ſoll Euch werden, er⸗ widerte Richmond, er iſt nicht jung genug, um die Sache der Unſchuld nicht vertheidigen zu koͤnnen, und, unentweiht, noch nie gezogen worden, um die Laſter ſeines Beſitzers zu vertreten. Dies liegt außer Zweifel, lieber Lord, ſpoͤttelte Membrocke, die Nottinghams ſind alle wahre Tugend⸗ helden, Ihr ſeid alle, glaube ich, von Eurer geſtren⸗ gen Frau Mutter erzogen worden; man ſagt, ſie habe ihre Erziehungsmethode bei Euerm Vater eingeuͤbt bis ſie Euch dann uͤbernommen. Nennt den Namen meiner Mutter nicht! rief Richmond heftig; ihr erhabener Karakter und ihre Tugenden liegen außer Euerm Bereich; ich kann nicht zugeben, ihn von Euch zu hoͤren. Wahrlich, unterbrach ihn Membrocke zuruͤckwei⸗ chend, Ihr beſchneidet ſehr den Stoff unſerer Unter⸗ redung! Wovon beliebt es Euch zu ſprechen, wenn nicht von den lieben Angehoͤrigen? Ich dachte, wie gut ich es gemacht hätte. Wir haben uͤberhaupt nichts mehr zu ſprechen, Mhlord, erwiderte Richmond kalt; was wir noch vor⸗ haben, wird mit wenig Worten abzuthun ſein. Wo werden wir uns finden? Ja ſo! ſagte Membrocke, und ſein Geſicht ward plotzlich nachdenkend, das iſt eine ſchlimme Sache, wo ſoll ich dazu Zeit finden? Dieſen Abend reiſt der Her⸗ zog ab, ich habe noch unabſehbar viel vor bis dahin, Ihr ſetzt mich wahrlich in Verlegenheit. 110 Iſt das die Sprache eines Mannes von Ehre, ſprach Richmond, oder beabſichtigt Ihr eine neue Be⸗ leidigung gegen mich durch Eure Ausflucht? Ihr wer⸗ det Zeit finden, und ſollte es der gegenwaͤrtige Augen⸗ blick ſein und dies Zimmer unſer Kampfboden! Halt! Halt! rief Membrocke, wir muͤſſen nicht mit der Thorheit anfangen, an unſerer gegenſeitigen Bravour zu zweifeln; die hat jeder Edelmann unſeres Namens, ſo viel wie noͤthig, um wegen ein paar Un⸗ zen Blut mehr oder weniger ſich nicht zu kuͤmmern. Ich habe nicht die Abſicht, Euch zu beleidigen, ja, eigentlich, ſetzte er gutmuͤthig hinzu, achte ich alle Maͤn⸗ ner Eures Stammes wegen ihrer makelloſen Ehre, aber Ihr muͤßt Euren Maaßſtab, zu handeln, nicht den hei⸗ teren Kindern der Welt aufnoͤthigen, die andere An⸗ ſichten von Lebensgenuß haben, und darum nicht gleich einen ganz gewoͤhnlichen kleinen Liebesroman als eine Ehrenſache anſehn. Richmonds Herz zog ſich krampfhaft zuſammen. Es lag das Eingeſtaͤndniß eines ſolchen Verhaͤltniſſes mit Lady Melville in dieſen Worten, und er ſchauderte zuruͤck, ihrer ſo erwaͤhnen zu hoͤren. Halb abgewendet, um ſeine Erſchuͤtterung zu verbergen, rief er mit dem tiefſten Ausdruck von Zorn und Schmerz: 111 Es kann kein Streit unter uns ſein über Dinge, woruͤber wir zu verſchieden denken, als daß unſere Meinungen ſich je erreichen werden. Doch ſollen Eure Worte ein ſolches Verhältniß zur Gräfin Mel⸗ ville andeuten, ſo ſehe ich Euer Verhalten dabei als eine Beleidigung fuͤr unſer unbeſcholtenes Haus an und beſtehe auf der einzigen Genugthuung, die Ihr geben koͤnnt.— Mhlord, ſagte Membrocke, hätte ich Zeit, ſo wurde ich mich nicht bemuͤhen, Euch mit Worten aufzuklären, denn ich liebe, gleich Euch, die prompte Sprache von zwei guten Klingen; ſo aber will ich, der Aeltere, auch der Gemäßigtere und Verſtändigere ſein. Aufrichtig geſagt, es iſt mir die Sache, fuͤr welche Ihr mein Blut fordert, herzlich gleichgultig geworden, und ich habe die Pruͤderie der kleinen När⸗ rin laͤngſt vergeſſen. Sie iſt nicht der Muͤhe werth, daß zwei Mäͤnner, wie wir, uns darum raufen. Gut, rief Richmond, der einige troſtreiche Worte vernommen, mit mehr Ruhe. Auch ich bin kein Kind, das blos ſeine Waffen verſuchen will; doch fordere ich dann von Euch einen offenen Beſcheid daruͤber, wo Ihr das Fraͤulein hinfuͤhrtet, in welcher Lage ſie ſich befindet. So weit reicht mein guter Wille nicht, Mhlord, erwiderte ruhig Membrocke; nun aber ſeid ruhig und hoͤrt mich, fuhr er fort, da Richmond heftig auf⸗ fuhr. Ihr ſollt Alles wiſſen, was Euch intereſſiren kann, ich verſpreche es Euch; aber ſeid nicht wie ein gereizter Loͤwe, ich bin meines Lebens ja nicht ſicher mit Euch⸗ Etwas beſchämt uͤber ſeine Heftigkeit, die ihn dieſem gering geſchätzten Manne gegenuͤber faſt in Nachtheil brachte, zog ſich Richmond kalt zuruͤck, ent⸗ ſchloſſen, genau und ſcharf, aber ohne Unterbrechung zu hoͤren. Wir wiederholen hier nicht eine Mittheilung, de⸗ ren Gegenſtand wir bereits kennen. Membrocke ließ der Tugend des Fräuleins Gerechtigkeit widerfahren; ohne Buckingham zu nennen, verrieth er, daß ſie ihn als Begleiter zu ihrem Oheim gewählt, und legte ziemlich aufrichtig die Machinationen dar, womit er das Fräulein entfernt hatte, wobei er jedoch den Brief verſchwieg und dadurch ihre Leichtglaubigkeit dem Er⸗ ſtaunen Richmonds uͤberließ. Das Ende und ihren Verluſt in Sir Patricks Schloß, von wo ihn eine Einladung des Herzogs zu der vorhabenden Reiſe weg⸗ gefuhrt, wußte er gleichfalls von der eigentlichen Wahr⸗ heit fern zu erzahlen, und ihre Flucht von dort, die 113 ihm bis jetzt wirklich ein Räthſel war, in das uͤber⸗ zeugende Licht der Wahrheit zu ſtellen. Richmond hatte einen Troſt empfangen, der ihn willfährig machte, die übrigen Umſtände günſtig zu finden, er glaubte Membrocke alles Uebrige, da er ſo gern an deſſen Unſchuldserklärung des Fräuleins Glauben hatte. Ihre zugleich dabei hervortretende Unbeſon⸗ nenheit ſchien ihm nur zu ſehr mit ſeinen eigenen Wahrnehmungen uͤber ſie zu ſtimmen, als daß er dieſen Theil der Erzählung hätte in Zweifel ziehen ſollen. So erklaͤrte er ſich denn innerlich zufrieden und ſtand auch nicht an, es auszuſprechen, da er es aufgeben mußte, der verworfenen Moral des Lords das Unwuͤrdige ſeiner Handlungsweiſe bemerklich zu machen. Ja, Mhlord, ſprach Richmond auf deſſen Frage, ich will mich zufrieden geben mit Eurer jetzigen Mit⸗ theilung und danach handeln, aber ſeid ſicher, Ihr bleibt mir verantwortlich fuͤr die Folgen Euers ſtrafba⸗ ren Verfahrens; und hoͤrte ich hier nicht die Wahr⸗ heit, ſo werdet Ihr nach Eurer Ruͤckkehr wohl Zeit finden, mir Antwort zu geben auf das, was ich Euch dann zu ſagen haben werde. O, ſicher und gewiß! rief Membrocke, wieder in ſeinen nachläßigen Ton verfallend; was kann mir ange⸗ Godwie⸗Caſtle III. 8 nehmer ſein, als eine ſo ehrenvolle Ausſicht bei meiner Ruͤckkehr. Mit der groͤßten Kaͤlte und Hoͤflichkeit trennten ſich Beide, und es ſei uns nur noch erlaubt, hinzu zu ſetzen, daß Membrocke ſeinem Freunde, dem Herzog von Buckingham, nichts von dieſer Unterredung mit⸗ theilte. Sein Betragen ließ keinen Beifall hoffen, da des Herzogs Haß gegen die Nottinghams ſtets nach Gelegenheit trachtete, ſie anzugreifen; vielleicht auch war es eine gewiſſe Schadenfreude, die dieſe edeln Ge⸗ fährten gegen einander hegten, und welcher eine moͤg⸗ liche Befriedigung bevorſtand, wenn es den Notting⸗ hams gelang, das Fräulein aufzufinden und damit die ehrgeizigen Pläne des Herzogs zu durchkrenzen. Mem⸗ brocke zweifelte nicht, Richmonds leidenſchaftliche Stim⸗ mung wuͤrde ihm bei ihrem Auffinden ſchon eingeben, das zu thun, was ſie fuͤr den Herzog alsdann ziem⸗ lich verloren machte; genug, der Lord entſchloß ſich, daruͤber zu ſchweigen. Lord Richmond dagegen eilte in groͤßter Eile zu⸗ ruͤck, um mit ſeinen Freunden nach dieſen empfangenen Mittheilungen die nächſten Beſchluͤſſe nehmen zu koͤn⸗ nen. Dies war nicht minder ſchwierig, als früher, ge⸗ worden, und die einzige zu verfolgende Spur mußte ſich von dem Schloſſe des Sir Patrick aus anknuͤpfen laſſen, wohin ſie ſich zuvörderſt zu begeben beſchloſſen, und zwar Brirton und Richmond, von einigen bewähr⸗ ten Dienern begleitet. —— Wir fuͤhren unſere Leſer an einem⸗Nachmittage durch die weitläuftigen Gänge und Gallerien des alten koniglichen Schloſſes an manchem anſcheinend einladen⸗ den Eingange voruͤber, und oͤffnen am Ende eines ſol⸗ chen Ganges eine kleine unſcheinbare Thuͤr, die uns in ein leeres und duſteres Vorgemach fuͤhrt. An dem ſchwachen Torffeuer des Kamins finden wir einen Jüng⸗ ling in haͤuslicher Tracht knieend, in einigen Tiegeln ei⸗ nen Teig ruͤhrend, der, nach dem daneben ausgebreite⸗ ten Leinenzeuge und dem ſtarken Geruch von Kraͤutern zu ſchließen, einen Umſchlag fuͤr irgend einen Leidenden zu enthalten ſchien. Schnell und geſchickt ſehen wir ihn jetzt eben den hinreichend erwärmten Teig in die Tucher ſchlagen, und leicht und geräuſchlos mit der vollen Elaſtizität der Ju⸗ gend in ein Nebenzimmer ſpringen, deſſen kleine Thuͤr uns, hinter ihm her, in ein groͤßeres Zimmer fuͤhrt, was an Hoͤhe, Umfang und Bauart dem beſſern Theile des Schloſſes angehoͤrt. 8* 8 116 Seine innere Einrichtung bietet die ſeltſamen Wi⸗ derſpruͤche von geſchmacklos geordneten und unreinlich gehaltenen Gegenſtänden des Lurus zu den noͤthigen Verrichtungen der geringeren Beſchaͤftigung eines nie⸗ dern Standes dar. Alles zeigt uͤberdies von lange⸗ rer Vernachlaͤßigung, denn wir finden Fleider und Wäſche in unſaubern Zuſtaͤnden über einander gewor⸗ fen, und dieſe Zerſtorung bald erklaͤrt, wenn wir den Seufzern folgen, die uns nach einem Winkel des Gemaches zu einem Lager ziehn. Hinter ſeinen zu⸗ ruͤckgeſchlagenen Vorhaͤngen ſehn wir die bleiche ab⸗ gezehrte Geſtalt eines Greiſes, die ſich ſeufzend den Handreichungen des geſchickten Juͤnglings unterzieht, der eben ſeine erwärmten Unſchläge um den Leib des Kranken legt. Nun werden die Schmerzen nachlaſſen, Ohm, ſpricht er alsdann mit der ſicherſten Zuverſicht; Du wirſt dann einſchlafen; wenn Du aufwachſt, wirſt Du Hunger haben und Dich ſatt eſſen, und wenn morgen fruͤh die Sonne ſcheint, ſchleppe ich Dich nach Deinem Fenſterſitz, und dann biſt Du geſund. Trotz der kuͤhnen Reihefolge der zu hoffenden Zuſtände und der wenigen Wahrſcheinlichkeit ihrer Er⸗ füͤllung, richteten ſich die kleinen, truͤben Augen des Kranken doch einen Augenblick voll Hoffnung nach dem —— 7—— 112 jugendlichen Troſter, als läge in ſeinen Worten ſchon ein Balſam, deſſen Wohlthat nicht ganz ohne Wirkung bleiben koͤnne. Doch nach der Art alter Leute, der Jugend ihre glucklichen Kombinationen nicht zu geſtatten, ſelbſt wenn ihre Erfullung die eigenen geheimen Hoffnungen aus⸗ ſpräche, ſchuͤttelte der Alte unwirſch das Haupt, und unter vielen Seufzern hob er faſt ſcheltend an: Thorheit, Thorheit! Siehſt Du ſo wenig ein, wie ich leide und herunter gebracht bin, um mich in zwoͤlf Stunden durch Deinen Brei wieder auf die Beine brin⸗ gen zu wollen? Alles ſteht zwar in der Macht des Herrn, ſetzte er beinah weinerlich hinzu, und iſt mein giel noch nicht gekommen, werde ich geneſen, aber viel⸗ leicht, vielleicht erſtehe ich auch nimmer mehr von die⸗ ſem Schmerzenslager. O ſchweig doch! rief der Juͤngling mit jugendli⸗ cher Ungeduld, wie wirſt Du doch ſterben, Du biſt ja noch gar nicht alt und bekoͤmmſt ja ſo ſchoͤne Arznei, wie der Koͤnig ſelbſt. Der Menſch kann viel aus⸗ halten, ſagte immer Dein Bruder, Margarithens Va⸗ ter, und da mußt Du Geduld haben. Ich gebe Dir auch bald wieder Tropfen, und der Brei wird ſicher Deinem Leibe gut thun. 118 Dies ſchien in Wahrheit der Fall zu ſein, den das leidende Geſicht des Alten zog ſich ruhiger zurecht, und dem ängſtlichen Stöhnen folgte eine Ermattung, die in einen leichten Schlummer uͤberging. Still ſaß der Jüngling und blickte in die wohl⸗ thäͤtige Ruhe, die ſich nach und nach um ihn verbreitete. Sein jugendliches Geſicht trug, trotz der eben bewaͤhrten Thätigkeit, die Spuren der Uebermudung, die vielleicht einige Nächte, an dem Schmerzenslager durchwacht, ihm zugezogen hatten. Seine Augen ruhten erſt mit aller Anſtrengung weit geoͤffnet auf ſeinem Pflegebefoh⸗ lenen; als aber deſſen ruhiger Athem anzeigte, daß die Sußigkeit des Schlafes ihn beſchlichen, wurden ſie im⸗ mer matter, und von dem Bilde der Ruhe vor ſich ſympathetiſch ergriffen, ſenkten ſich die ſchweren Augen⸗ lieder. Bald fand er eine Stuͤtze auf den weichen Decken des Fußbodens, und es ſank ein feſter und an⸗ haltender Schlaf auf ſeine beduͤrftige Natur. Nicht lange hatte ſo die Stille gewährt, da ſchli⸗ chen leiſe Schritte durch das Vorzimmer, und in einen weiten Mantel gehullt erſchien eine maͤnnliche Geſtalt, die, mit ſchnellen Blicken das Zimmer uͤberfliegend, die ganze Lage aufzufaſſen ſtrebte und dann leiſe den Arm⸗ ſtuhl an dem Bette des Kranken einnahm, zu deſſen Füßen der Jüngling den Schlaf der Unſchuld ſchlief. 119 3 Seine lebhaften kleinen Augen flogen von einem Schläfer zum andern, und es war nicht ohne In⸗ tereſſe, die Gedanken darin zu leſen, welche unbewacht ſich ganz den ſo eben empfangenen Eindruͤcken hinzu⸗ geben ſchienen. Den Greis vor ſich pruͤfte er mit der geringſchäti⸗ gen Miene eines ſicheren Kenners von Leben und Tod, und zog die Lippe gleichguͤltig empor, als er ihm in⸗ nerlich das Letztere zuerkannt hatte. Auf den Juͤngling zu ſeinen Fuͤßen ſtarrte er da⸗ gegen mit einem Ausdruck von Neid und Neugierde hin. So ruhig, ſo heiter ſchlafen koͤnnen! War es ein Gluck, das er nicht mehr begriff, und das ihn doch heimlich an ſeine verlorne Seligkeit mahnte; war das Geringſchaͤtzung gegen ein ſo unbewegtes Leben, gegen eine ſo unbedeutende Exiſtenz? Er zuckte mit dem Fuße, der faſt dicht an dem lockigen Haupte des vom Schlaf Gerotheten ſtand, und zog ihn mit verächtli⸗ chem Laͤcheln zuruͤck. Doch der Alte hatte nur wenig Augenblicke Ruhe gefunden, vielleicht hatte ihn der ſtechende Blick des Ankommenden aus dem Nebellande der Träume zuruͤck gelockt. Unwillkommen ſchien das Bild des Harrenden dem muden Auge; es ſchloß und hob ſich nur mit einem Seufzer. 120 Es geht bedeutend beſſer, wie ich ſehe, Alter, rief der Angekommene, ich denke, Du haſt uͤber⸗ wunden. Etwas Ruhe und Schlaf wuͤrden vielleicht bei ſo geſchwächten Kräften das Noͤthigſte ſein, doch wie Ihr befehlt, ich bin Euch zu gehorchen be⸗ reit, was ſteht zu vollfuͤhren? erwiderte ergeben der Kranke. Deine Geneſung iſt allerdings noͤthig und gern geſehn, erwiderte der Angeredete, und die Wohlge⸗ neigtheit Deiner Freunde wuͤnſcht ſie zuerſt um Dei⸗ netwillen, weniger machen die aͤußern Angelegenheiten fuͤr jetzt ſie noͤthig. Seufzend legte der Alte ſein Haupt auf die Kiſſen zuruͤck. Nach einer kleinen Pauſe hob er an: Iſt es mir erlaubt zu hoͤren, auf welche Weiſe man mit Maſter Brirton fertig wurde? Porter! Porter! drohete der Andere mit der er⸗ hobenen Hand; Deine erſte Frage iſt nach dieſem Schleicher, den wir Deiner Obhut anvertrauten, und nun, da wir ihn faſt erreicht hatten, um ihn unſchäd⸗ lich zu machen, iſt er verſchwunden, und bis jetzt bleibt jede Auskunft uͤber ihn uns aus. Man arg⸗ woͤhnt nicht ohne Grund, daß er von Dir ſelbſt eine Art Warnung oder gar irgendwo Sicherheit empfing, —, — 121. und es iſt nicht mein letzter Auftrag, hieruͤber Dein Gewiſſen zu ruͤhren. Die lauernde Aufmerkſamkeit, womit Porter— denn dieſen uns wohlbekannten Diener des Prinzen von Wales haben wir vor uns— den drohenden Worten gehorcht hatte, ermäßigte ſich gegen das Ende derſelben zu einer ſtillen Duldermiene. Mein ganzes elendes Leben iſt dem Gehorſam ge⸗ widmet geweſen, fuͤr die erhabenen Zwecke, denen ich blind dienen mußte, da ſie zu erkennen, mein ſchwaches Vermoͤgen nicht ausreichte. Wo bin ich gegen den hoͤhe⸗ ren Willen mit dem meinigen eingeſchritten? Warum läßt man jetzt am Siechbette des Unterliegenden ſo harte Worte wie an einen Treuloſen ergehen?— Nicht immer ſind wir Deines blinden Gehorſams geſichert geweſen; ſehr viel hatte man Dir vertraut, und ſieht man auf die endlich zu hoffenden Reſultate zuruck, ſind ſie ausgeblieben. Prinz Carl, denke ich, verräth wenig Neigung, ſeinen ungluͤcklichen katholiſchen Unterthanen dereinſt Schutz zu verleihen; die erhabene Frau, die wir dieſer großen Rache zur Beſchuͤtzerin er⸗ koren, wird hier einen einſamen Sitz finden und das Herz ihres Gemahls mehr gegen ihre Abſichten ver⸗ ſchloſſen, als darauf vorbereitet. — 122 Hochwuͤrdiger Herr, erwiderte Porter zuruͤckgehal⸗ ten, Ihr ſeid gekommen, Euch um jeden Preis zu er⸗ zuͤrnen; darum haͤuft Ihr Verbindlichkeiten auf mich, die nothwendig unerfuͤllt bleiben mußten, da ſie bei wei⸗ tem meine Fähigkeiten und meine Stellung uͤberſtiegen. Habt Ihr ſelbſt je mehr von mir gewollt, als die Ab⸗ neigung, die man dem gnädigſten Herrn durch unſere gebenedeite Kirche einzufloͤßen trachten koͤnnte, zu ermit⸗ teln und die hochwuͤrdigen, zu ſeinem geiſtigen Wohl verbuͤndeten Herren in Kenntniß der geheimen Handlun⸗ gen zu erhalten, die einem ſo geringen Diener, wie ich, zur Kenntniß kommen konnten? Und doch denke ich, daß Vieles uns davon ent⸗ gangen iſt, entgegnete der Zuͤrnende, was bei beſſerer Bedienung Deinerſeits uns jetzt nicht ſo bedeutende Muͤhe machen wuͤrde. Wann erfuhren wir denn die wahren Verhaͤltniſſe der Gräfin von Buckingham? Etwa, wie es noch Zeit war, ihre wichtige und ge⸗ fährliche Beziehung zu hindern? Nein, erwiderte der alte Mann bitter lächelnd, erſt da erfuhrt Ihr ſie, als der Prinz uberhaupt ein werthvoller Gegenſtand ward durch den Tod ſeines er⸗ lauchten Bruders. Bis dahin mußte ich zwar aushor⸗ chen, aber ſelten wurden meine Notizen abgefordert, denn die Augen der hohen Bruͤder waren nur auf den derein⸗ 123 ſtigen Thronerben gerichtet, und Graf Archimbald war damals gefährlicher, als alle ſchoͤnen Graͤfinnen des Koͤ⸗ nigreichs. Den Poſten bei dieſem erlauchten Prinzen hattet Ihr aber einem Andern anvertraut, den ich gern ſpäterhin zu meinem geſtrengen Herrn haͤtte uͤbergehen laſſen, hatte die unverdient mir geſchenkte Gnade des Prinzen dies zugelaſſen. Es mag ſein, erwiderte in einiger Verlegenheit über den zuruͤckgewieſenen Vorwurf der Fremde, daß Deine Dienſte erſt ſpaͤter Wichtigkeit erhielten, doch nimmt das den Vorwurf einer läſſigen Bedienung nicht von Dir; vielmehr ſind Deine Obern der Meinung, daß Du viel gut zu machen habeſt, wenn nicht die Folgen der frühern Vernachläßigung Einfluß gewin⸗ nen ſollen. Mit dem kläglichſten Ausdruck wandte ſich der Kranke, wie unter wiederkehrenden Koͤrperſchmerzen, auf ſeinem Lager, und die Erdfarbe ſeiner Zuge wech⸗ ſelte mit einzelnen rothen Streifen, wie ſie Zorn oder Angſt hervorrufen. Er ſchien die ſtrengen Worte des Redenden eben ſo wenig ertragen zu koͤnnen, als ſich hinreichend rechtfertigen zu duͤrfen, und ließ uͤbellau⸗ nig ihn dadurch im Vortheile ͤber ſich. Indeſſen konnte dieſer Zuſtand von Gegenwehr ge⸗ gen einen fremden despotiſchen Willen, wodurch er auch 124 hervorgerufen war, immer nur eine voruͤbergehende Er⸗ ſcheinung in dem durch lange Gewohnheit zum Knecht geſtempelten Geiſte ſein. Das Joch, wenn auch abge⸗ ſchuttelt, umſchloß doch bald um ſo feſter wieder ſeinen Nacken, und es war, als ob der, den wir ſo rauh ver⸗ fahren ſehn, keinen Zweifel hegte an dieſer Unterwer⸗ fung, denn er ſah mit anſcheinend vollkommener Ruhe den Konvulſionen der Empoͤrung zu, die den Alten be⸗ wegten, bis ſie, in ſich erſterbend, nichts zuruͤckließen, als die aſchgrauen, mienenloſen Geſichtszuͤge blindeſter Unterwerfung. Porter, hob er an, nachdem er dem Alten die noͤthige Zeit gegoͤnnt, wann ſaheſt Du den Prinzen zu⸗ letzt, und wie war damals ſeine Stimmung? Der gnädige Herr, erwiderte leiſe der Kranke, be⸗ nutzen ſeit meiner Krankheit den Durchgang durch dieſe Zimmer, um zu Seiner Majeſtät zu gelangen, und ſo geſchieht es, daß ich ihn jeden Morgen einige Augen⸗ blicke die Gnade habe zu ſehn, nicht ſelten einige Worte zu hoͤren, die allerdings weit uber mein Verhältniß rei⸗ chen und nur dem fruͤheren Vertrauen in Bezug auf Dinge zuzuſchreiben ſind, die dem armen Herrn das Herz beſchweren. Gut, gut, unterbrach ihn ziemlich ungeduldig der Andere. Wie weit ſind wir? 125 Nicht ſehr weit, erwiderte beſorgt der Alte, kei⸗ nesweges ſo weit, wie zu wuͤnſchen ſtaͤnde, und ein al⸗ ter Diener, der Jahre lang von fruͤh bis ſpät ſeinen Herrn ſieht und beobachtet, kann wohl wahrnehmen, was ſich verändert und umwandelt in wichtigen Augen⸗ blicken. Nun, nun, rief der Fremde dringend, was meinſt Du damit?— In bin ein kurzſichtiges Werkzeng meiner Obern, aber wenn mir nach menſchlicher Schwäche eigne Ge⸗ vanken über die Angelegenheiten kommen wollen, die freilich in den beſten Haͤnden ſind, moͤchte mir oft ſchei⸗ nen, es ſei nicht gerathen, dem gnaͤdigſten Herrn das Herz ſo zu zerreißen und ihn ſo ohne Troſt zu laſſen. Still und ſehr tiefſinnig war ſeine Gemuͤthsart immer, aber ſehr milde, guͤtig und fuͤgſam, wohlwollend gegen alle Menſchen zu gleicher Zeit; und die hohe Dame, die bis dahin im Geheim den gnädigſten Herrn begluͤckte, und das ſchoͤne Kind dieſes Bundes erhielten neben mancher Sorge doch das Herz des Herrn in dieſer ge⸗ ſegneten Stimmung. Seit aber dieſes geheime Gluͤck durch Gottes Willen dem⸗ gnädigſten Prinzen genom⸗ men, ſeit auch das holdſelige Kind verſchwunden, wel⸗ ches die troſtreiche Unterſtuͤtzung bei ſeinem Gram hätte werden koͤnnen, iſt die Gemüthsart des armen A. ee 126 Herrn ſehr veraͤndert, und ſeine Anlagen ſcheinen eine ſehr uͤberraſchende Entwickelung zu erleiden.— Wie meinſt Du das? rief aufmerkſam wer⸗ dend der Fremde und ruͤckte dem Bette näher, den feſt ſchlafenden Juͤngling leiſe mit dem Fuße weiter rollend. Es iſt nicht gut, fuhr Porter vorſichtig fort, wenn einem verwohnten Herrn, wie unſerm gnädigſten Prin⸗ zen, ploͤtzlich Alles fehl ſchlägt. Nicht alle Gemüther halten derlei Erſchutterungen aus, ohne große Umwand⸗ lungen, am oͤfterſten nachtheilige, zu erleiden. Der Schreck, wenn wir erfahren, wie ohnmächtig unſere eigenen Kraͤfte dem Schickſale gegenuͤber ſind, wird ſehr haͤufig ein Zuͤrnen und nicht ſelten ein Erzuͤrnt⸗ bleiben gegen die ganze Welt, was Weh erzeugt um uns her, Weh zuruckfuͤhrt in das alſo gemarterte Herz — und Wehe! Wehe! ehrwuͤrdiger Herr, wenn es dem inne wohnt, der einen Thron beſteigen ſoll. Den Widerſtand, den er gefunden, laͤßt er erleiden, das Gluͤck, an das er nicht mehr glaubt, verſagt er um ſo leichter Andern; und menſchliche Mittel als unwirk⸗ ſam erfahren zu haben am eignen Schickſal, vertritt der Menſchenachtung den letzten Zugang, und ein eigen⸗ williges, ſtolzes Selbſtvertrauen bleibt der Vertraute ſolcher gefaͤhrlichen Seeleneinſamkeit.— 12² Alter! Alter! unterbrach ihn hier ſein Zuhoͤrer mit einem lebhaften Ausdruck der Theilnahme, der eben ſowohl der Sache ſelbſt, als der ſchlauen Beob⸗ achtung deſſen galt, der ſo gern als unbedeutend er⸗ ſcheinen wollte und doch nur zu haͤufige Proben der tiefer gehenden Menſchenbeobachtung gab, die ihn zu dem Werkzeuge jener umſichtigen Machthaber geſtem⸗ pelt hatte, welche kein Talent in ihrem Bereich ver⸗ kannten oder unbenutzt ließen. Sprich, fuhr er fort, ſind dies Wahrnehmungen, die Du mit Deiner Schlau⸗ heit kombinirſt? Stuͤtzen ſie ſich auf Thatſachen? Ge⸗ horen die Winke und Andeutungen dazu, die uͤber die Folgen der Krankheit des Prinzen von Dir ſchon ofter gegeben wurden, die ſogar unter dem Volke ſich ver⸗ preitet finden? Wäre es mehr, als dies launiſche Uebel⸗ befinden eines Geneſenden? Oder ſind es nur von Dir herbeigeführte Schluͤſſe, die Deiner Lieblingsidee die⸗ nen ſollen? Der Alte zog die Decke uber ſeine hagern Schul⸗ tern und ſagte ſo gleichgultig, wie er vermochte: Legt meine Worte aus, wie Ihr wollt, was huͤlfen mir weitere Betheuerungen; ſeid Ihr doch einmal dar⸗ auf geſtellt, mich zu kränken und mir zu mißtrauen! Lieblingsideen verlernt der am erſten zu hegen, dem kein freier Wille blieb, den kleinſten Wunſch zu for⸗ 128 dern; es iſt lange her, daß ich von Lieblingswünſchen traͤumte, ich weiß nichts mehr davon. Du täuſcheſt mich nicht, fuhr der Unerbittliche fort, ich weiß ſehr wohl, wie Du uns uͤberreden moͤchteſt, dies Ungluͤckskind konne der Welt und ſeinem Vater er⸗ halten werden, ohne unſere groͤßern Abſichten zu durch⸗ kreuzen. Laugne, wenn Du kannſt, daß ſich alle Deine Beobachtungen bequemen muͤſſen, um dieſer Idee un⸗ ſchädlich zu werden; laͤugne dieſe Schwäche, dieſe Thor⸗ heit für ein junges unbedeutendes Maͤdchen, fuͤr die Schwaͤche eines väterlichen Herzens, welches doch, zu dem reichſten Erſatze beſtimmt, nur dieſe leichte Kriſis von Schmerz zu überſtehen haben wird, um dann die endloſen Sorgen, die an dieſem Weſen ihm gegeben wären, in rechtmäßige Freuden verwandelt zu ſehn. Wer koͤnnte wagen wollen, Euch zu täuſchen, Hochwuͤrdiger, erwiderte der Alte unterwuͤrfig, die Hauptſachen koͤnnen Euerm ſcharfen Blicke nimmer entgehn, nur traut Ihr meiner Aufrichtigkeit zu wenig. Was ich Euch über eine große, ſehr ernſt ſcheinende Karakterumwälzung des gnädigen Herrn geſagt, ver⸗ werft es nicht! Denn der Todesſchweiß auf Koͤnig Jakobs Stirn prophezeihet, daß Alles bald zu Tage kommen wird, was in dieſem armen Herrn gluͤht und gährt. Gedenket daran! Er hat die Ungeduld des Un⸗ —,— 129 gluͤcklichen; er wird handeln, um ſich zu zerſtreun. Gebt Acht, wie ſeine erſten Schritte ſein werden; denn was Ihr hofft, wird vorerſt Euch taͤuſchen. Ein Weib legt ihm ſo bald, nach dieſer, keine Zuͤgel an; Henriette von Frankreich wahrſcheinlich nimmer, wenn irgend Eine, ſo wäre es vielleicht das gefangene Maͤdchen, das ſich mit vollem Rechte Maria Stuart nennt, und das Ihr vielleicht zu Euerm eignen Nachtheil zuruͤckhaltet. Nachdenkend ſchob der Moͤnch die Kappe von der breiten Stirn und zeigte damit fuͤr einen Augenblick das Antlitz des Pater Johannes, des Beichtigers auf dem Schloſſe der Lady Howard. Er bemerkte die lau⸗ ernden Augen des alten Porters nicht, der die Wirkung ſeiner Worte auf dem enthuͤllten Antlitz ſuchte, und er⸗ kannte, daß ſie mit großer Sorgfalt gepruͤft wurden. Ja, hob der Pater dann nachdenkend an, wenn dies Mäͤdchen, die Du ſo gern Maria Stuart nennſt, den glaubensvollen Eifer ihrer großen Ahnfrau hätte, dieſe unbeſiegbare Liebe zu unſerer heiligen Kirche, die ihr Haupt fallen ließ und ſelbſt ihren gemordeten Schat⸗ ten noch zu einem drohenden Panier gegen dieſe After⸗ kirche machte, was denkſt Du, daß wir Deines Rathes beduͤrften, ihr einen bedeutenden Platz anzuweiſen und eben ſie der Welt zu erhalten? Aber ketzeriſches Blut von beiden Eltern in den Adern, ketzeriſch genährt und Godwie⸗Caſtle III. 9 130 erzogen, iſt ſie ſtarr geblieben gegen die Segnungen mei⸗ nes Unterrichts, meiner Belehrungen, gegen die über⸗ zeugenden Beiſpiele täglicher kirchlicher Feier, gegen Al⸗ les, was ein Gemuͤth ſonſt empfänglich macht, wie ſtrengſte Einſamkeit, Entziehung von Luft und Bewe⸗ gung und jener eiteln weltlichen Geiſtesbeſchäftigung, durch deren Angewoͤhnung ihre laſterhafte Erziehung aus dieſem Kinde an Jahren, einen Mann an Feſtigkeit in ihren Irrthuͤmern gemacht hat. O, o! ſprach hier mit vieler Theilnahme der Kranke, ſteht es ſo ſchlimm mit dem armen Kinde? Ja, ſo ſchlimm ſteht es, erwiderte recht innerlich entruͤſtet der Andere, und ſo, fuͤrchte ich, wird es blei⸗ ben und damit ihre Zukunft von ihr ſelbſt herbei ge⸗ fuͤhrt ſein. Gluͤcklich muͤſſen wir uns peiſen, daß uns daruͤber die Verfuͤgung geſtellt iſt, denn in Bucking⸗ hams Haͤnden, mit der Zuthat hoͤfiſcher Weltklugheit, die er nicht ermangelt haben wuͤrde ihr zu geben, hätte die erhabene katholiſche Fuͤrſtin, die ſich hierher begiebt und als eine wahre Geſandtin des Herrn dies Ketzer⸗ land betritt, die Maͤrthrer⸗Krone früh genug um ihre Schlaͤfe fuͤhlen koͤnnen. Und unſer ſo ſpärlich gedei⸗ hender Einfluß?— Er hielt inne, als fehle ihm die Er⸗ gebung, um den Gedanken zu vollenden, der ſich ihm nur wider Willen aufgedrängt hatte. Auch Porter 131 ſchien von ernſter Unruhe bei dieſen Worten ergriffen, denn zu tief hatten ihn die zu verpflichten gewußt, die ſein Gewiſſen und ſeine Stellung mißbrauchten, als daß er ſein Intereſſe von dem ihrigen hätte ganz ab⸗ wenden koͤnnen. Die Liebe zu ſeinem Prinzen, die vielleicht das einzige warme Gefuͤhl dieſes abgetoͤdte⸗ ten Herzens war, trat doch immer wieder verſchuͤch⸗ tert zurüͤck, wenn dieſes mächtige Intereſſe aufkam. Der geheime Wunſch, den Prinzen endlich ſeiner Kirche zuzuwenden, verdeckte ihm dabei die boͤſen Wege, die er ging, und die Treuloſigkeit, die er in jeder andern Beziehung ſich gegen ihn weder erlaubt, noch verziehen haätte, erſchien ihm durch ſolchen Zweck geheiligt. Es iſt freilich dabei Manches zu bedenken, fuhr der Moͤnch fort, und nicht unwichtig iſt die Hartnäckig⸗ keit des Sinnes, den Du, eben daher abgeleitet, bei dem Prinzen wahrzunehmen vorgiebſt. Aber es duͤrfte dies Alles eher zu beſtätigen ſein, als dies Mädchen, ſo wie ſie jetzt iſt, hervortreten zu laſſen und Buckinghams Einfluſſe, der gebrochen werden ſoll, damit eine neue Verſtärkung zu geben. Hochwuͤrdigſter, hob hier der Alte an, wie von einem friſchen Gedankenſtrome belebt, ſagt mir doch, beabſichtigten nicht fruͤhere Plaͤne, das Fräulein der 9* gnädigſten Prinzeſſin zu uͤbergeben, als ein Geſchenk fur den Vater, ſein Herz damit ganz der großmüthigen Gemahlin zuzuwenden. Man hat auch dies bedacht, allerdings, erwi⸗ derte Pater Johann, doch blieb es nur damals er⸗ wunſcht, als ihr Beſitz noch nicht entſchieden war. Seit ſie unſer geſichertes Eigenthum geworden, iſt der Plan wenigſtens nicht weiter in Anregung ge⸗ weſen, und ſelbſt unter dem Einfluſſe der Prinzeſ⸗ ſin bleibt ihr Hervortreten gefaͤhrlich; denn Bucking⸗ ham hat unbeſtreitbare Rechte über ſie, und wird ſie ſich ihm nicht leichter zuwenden, als der katholiſchen Fuͤrſtin? Der Alte ſchwieg und vertiefte ſich in ſeine Ge⸗ danken, bis er endlich an einer neuen Frage, die ſich ihm aufdraͤngte, angelangt war, die er ſich jedoch huͤ⸗ tete, als ſolche zu ſtellen. Der Einfluß und die Geſchäftigkeit einer großen Anzahl von Perſonen, die ihm aus Furcht und Ge⸗ winnſucht dienen, ſetzten den Herrn Herzog oft auf eine ſehr uͤberraſchende Weiſe von Dingen in Kenntniß, die man weislich verborgen hält. Ich habe eine ſchmerz⸗ liche Sorge fur das heilige Schloß und ſeine Bewoh⸗ ner. Seit lange, glaube ich, gehen uber daſſelbe, bis jetzt freilich mehr verlachte und gering geachtete Ge⸗ 133 ruͤchte; käme aber der Herr Herzog bei vergeblicher Nachforſchung auf den Gedanken, von welcher Hand dieſe ihm wichtige Perſon ihm entzogen worden und verborgen werde, ſollte er da nicht im Weiterſchließen dieſen Ort finden koͤnnen und denſelben dann der bru⸗ talſten Nachſuchung ausſetzen? Alter, erwiderte der Angeredete, Du ſchießeſt an Deinem Ziel voruͤber. Alles zu uberſehn, iſt Dir nicht verliehn, und Deine Vorſorge macht Dich hier kurzſich⸗ tig und einfältig, als ſtänden Dir keine Erfahrungen zur Seite. Wer hat denn bisher ſpielend dieſe Ver⸗ hältniſſe geleitet, wer dieſe Verbindung, dies Kind ge⸗ huͤtet, und ſtets ſie bereit gehalten zum beliebigſten Ge⸗ brauche, zur Hintertreibung oder Erreichung noͤthiger Zwecke, und zwar mit ſo feſter und doch ungeahneter Hand, daß ſie ſich in volliger Freiheit und Sicherheit träumte? Sm, erwiderte der Alte mit dem boshafteſten Lä⸗ cheln, welches er in ſeiner ganzen Schaͤrfe vortreten ließ, ich weiß, Sir, daß es dieſelben ehrwuͤrdigen und weiſen Herren waren, die endlich die Lady, ohne Ah⸗ nung ihres Todes, von ihrem eignen Bruder, der blos zufällig nicht der Herr Herzog ſelbſt war, begraben, und den lang bewachten und feſtgehaltenen Schatz entwiſchen ließen, in ziemlicher Ungewißheit, wo er eine Zuflucht gefunden, oder ob ihm uͤberhaupt noch eine Zuflucht auf dieſer Erde noͤthig ſei. Ein Fehler, unlaͤugbar ein Fehler, ſtotterte verwirrt Pater Johann, aber ſehr verzeihlich und durch die Um⸗ ſtände entſchuldigt. Der hoͤchſt weiſe Hilarius, der dieſe Aufſicht uͤbernommen hatte, ward abgefordert nach des Hoͤchſten Rathſchluß. Pater Clemens, der uns allge⸗ mein wuͤrdig ſchien, das große Geheimniß zu theilen, noch in Frankreich, der Prinz und der Herzog in Spa⸗ nien, das Kind in Schottland— es ſchien wenig Ge⸗ fahr vorhanden. Gewiß war es ein merkwuͤrdiges Bei⸗ ſpiel, wie das kleinſte Verſaͤumniß oft zur Zerſtoͤrung der klägſten Unternehmungen fuͤhren kann. Indeſſen fehlen dem Klugen ſelten die Mittel, eine ſolche blos menſchliche Befaͤhrniß wieder abzuwenden, wie der Er⸗ folg gelehrt. Wohl, ſagte trocken Porter, aber es war freilich eine eigne Befaͤhrniß, Sir, daß das Fraulein, wie durch Inſtinkt getrieben, zu dieſen Nottinghams, ihrem alten Schutze, fluͤchten mußte und es endlich der Kabalen des Herrn Herzogs bedurfte, ſie aus dieſer ſtrengen Ob⸗ hut zu locken. Ja, rief der Andere kurz auflachend, es war ein Meiſterſtüͤck, dieſen eiteln Lord, dieſen Membrocke, ſo blos als Handlanger unſerer Pläͤne handeln zu ſehen, 135 und Veide, Buckingham wie ihn, Einen um den An⸗ dern, anzufuͤhren. Denkt Ihr, rief warnend Porter, der Herr Her⸗ zog habe dies nicht erkannt? Denkt Ihr, er werde es ruhen laſſen? Wie Viele haben jetzt ſchon den Verrath ſeiner Chiffern bußen muͤſſen; er ſtürmt in Wuth gegen alle Verdächtige an, nur immer an dem Einen voruͤber, der ihm zu nah ſteht, um ihm verdaͤchtig zu ſein; aber darum iſt doch die Entdeckung nicht unmoͤglich, und Marwell wuͤrde ſich durch nichts retten, als indem er uns alle verriethe, daran zweifelt nicht. Kann ſein, erwiderte gleichgültig Pater Johann, fur's Erſte hat er Alles vergeſſen, und das Spielzeug, das wir ihm gegeben, der Glanz und die Ehre dieſer Brautſendung, die ſeiner Thorheit eben ſo viel Nah⸗ rung als Gefahren giebt, wird ihn, denke ich, auch nach ſeiner Ruckkehr hinreichend beſchäͤftigen. Die Ge⸗ witter, die über ihm ſtehen, und die er für blauen Him⸗ mel haͤlt, werden den Wind aus Frankreich haben und hinter ihm herziehen, bis ſie ſich in England uͤber ihm entladen. Die Scene, die der Prinz durch Buckinghams Unverſchaͤmtheit in Whitehall, in Gegenwart des fran⸗ zoſiſchen Geſandten, bei Briſtols Zuſammenkunft er⸗ lebte, hat ihn uͤber Vieles nachdenkend gemacht, und 136 er forſcht in der Stille, ob wohl an Briſtols ſogenann⸗ tem Verrathe wirklich etwas ſein moͤge. Abweſenheit iſt immer Verluſt fuͤr ſolche Guͤnſtlinge; Buckingham wird, denke ich, die Verhaͤltniſſe verändert wieder finden.— Um ſo mehr, ſprach der Alte bedaͤchtig, wird er das Mittel wieder zu erlangen ſuchen, was ihm ein großes Gewicht ſichert und ſein Anſehen wieder herſtel⸗ len, wenn nicht erhohen muß. Denkt, Sir, daß zur Zeit, als Ihr Mutter und Kind in der ſelbſt gewaͤhlten Lage nur bewachen durf⸗ tet, der Herzog von ihrer Wichtigkeit, ja, theils von ih⸗ rer Exiſtenz keine Ahnung hatte; jetzt iſt es anders, und ſelbſt der Groll, ſo lange daruͤber getäuſcht worden zu ſein, ſchärft das Intereſſe. Es war eine ſchwarze Stunde und folgenreich in allen Beziehungen, als mein gnädig⸗ ſter Herr ungewarnt und gerade durch den Herzog die Nachricht des Todes derjenigen erhalten mußte, um de⸗ ventwillen er eben ſo große Opfer gebracht, ſo große po⸗ litiſche Pläne hatte ſcheitern laſſen, ſelbſt eine Verbin⸗ dung mit dem fruͤher ſo gehaßten Herzog eingegangen war. Von da an ſchreibt ſich Alles, was die hoch⸗ wichtigen fruͤheren Plaͤne verwirrt und gefaͤhrdet hat, und der Herzog hat, wohl erkennend, welchen ungeah⸗ neten Vortheil er verloren, ſchnell uͤberſehn, wie wir „——— 137 anerkennen muͤſſen, was ihm nun zu thun oblag. So haben wir ihn ſehr richtig wurdigen ſehn, daß jetzt ihm vorlaͤufig nur Schaden daraus erwachſen und ſeinem hochmuͤthigen Plane, ſich zum Schopfer einer eben ſo glänzenden Verbindung zu machen, als der, wegen wel⸗ cher Graf Briſtol unterhandelt hatte, dieſe Entdeckung jetzt keineswegs wuͤnſchenswerth ſein koͤnnte. Darum mußte das Weſen, deſſen Werth fur die Zukunft er wohl fuͤhlte, fur den Augenblick, da der zärtliche Schmerz des Vaters ihr eine gefährliche, Frankreich beleidigende Legitimität geſchenkt haͤtte, zuruͤck gehalten werden, aber glaubt mir, er wird es, wenn nur erſt die Vermaͤhlung vollzogen, nicht vergeſſen, daß ſie ihm entwandt iſt, um ſeine ſpäteren Plaͤne zu vereiteln. Wer weiß, ob er nicht ſchon jetzt ihren Aufenthalt kennt und Euch blos eine Aufſicht über ſie läßt, welche ſelber zu fuͤhren, ihm be⸗ ſchwerlich ſein wuͤrde.— Eine ungeduldige Bewegung des Pater Johannes unterbrach die ſchnellen fieberiſch geſprochenen Worte des Alten. Ich bin nicht gekommen, Deine Weisheit zu ho⸗ ren, rief er ziemlich ͤbellaunig, und mich Schwätzereien hinzugeben, die von zu ungleichen Perſonen gefuͤhrt werden, um irgend zu einer Ausgleichung fuͤhren zu koͤnnen. Mein Auftrag an Dich geht dieſen Brirton an, der jedenfalls jetzt entfernt und um jeden Preis von dem Prinzen zuruckgehalten werden muß. Dies habe ich, antwortete mit voͤllig geſenkter Stimme der Kranke, ſo lange gethan, als es mir moͤg⸗ lich war, den Prinzen allein zu beobachten. Es iſt ihm nicht gelungen. Seine Briefe ſind in meine Haͤnde ge⸗ kommen, ſeine täglichen Beſuche an allen Zugängen zu den Gemächern des Prinzen vereitelt worden, zwei Mal, kurz vorher, ehe der gnädigſte Herr ſich aus den⸗ ſelben begeben, iſt er auf meinen Befehl von den Wa⸗ chen weggetrieben und hiernach von allen Bewohnern des Schloſſes verjagt worden, wo er ſich zeigte. Von meinem Lager aus habe ich noch Warnungen und Be⸗ fehle gegen ihn ergehen laſſen, und er zeigt ſich jetzt nicht mehr; doch, daß er aus ſeiner Herberge ver⸗ ſchwunden, war mir neu. Seine Wichtigkeit iſt nicht zu uͤberſehn, ſprach der Pater; wir wuͤrden ihm zwar ſeinen ſo wohl unter⸗ richteten Zoͤgling zu entziehn wiſſen, wie einem Jeden, doch iſt es beſſer, wenn ſie dort unter ſtrenger Aufſicht ihr Leben beſchließt, als daß wir zu dem aͤußerſten Be⸗ ſchluß ſchreiten mußten. Uebrigens ſichert die nahe Küͤſte von Frankreich ihre ſchnelle, und dann unerreich⸗ bare Entfernung und Trennung von allen Verbindun⸗ gen mit ihrem Vaterlande. . 139 Brirton wuͤrde indeſſen durch die Spuren, die er ſelbſt von ihrer Flucht und ihrem Aufenthalte bei den Nottinghams entdeckt hat, dem Prinzen ein willkomm⸗ ner Vote ſein und wenigſtens die Gedanken ihres To⸗ des, die ihm nach und nach einzufloͤßen ſind, von ihm entfernen; auch iſt es nicht rathſam, ſetzte er fluchtig hinzu, einen Mann zu ihm zu laſſen, der, einer der gefährlichſten Feinde unſerer Kirche, eben jetzt ſich nach⸗ theilig zeigen könnte. Wohl, wohl, bekräftigte der Alte; er darf nicht in Verbindung treten mit dem gnaͤdigſten Herrn, dies ſehe ich ſelbſt ein, und überhaupt alie muͤſſen entfernt blei⸗ ben, die ihn daran erinnern, was er verloren; weshalb auch Gerſeh und Hanna mit allen ihren Geſuchen ab⸗ gewieſen ſind. Dieſe Beiden, ſprach der Pater, hat der Herzog ſelbſt fuͤr gut befunden, unſchädlich zu machen. Zur Ruhe gebracht, in der vortheilhaften Stellung, das leere Schloß zu huͤten, worin ſie ein langes Leben der nun zerronnenen Hoffnung widmeten, einſt mit dieſem ge⸗ hegten Kinde ſelbſt einen hoch vermoͤgenden Platz einzu⸗ nehmen, hat Alter und uͤberſtandene Gefahr ſie fuͤgſam gemacht, und ſie werden Dich nicht mehr beläſtigen. Du haſt für's Erſte den Prinzen fortwaͤhrend auf den Tod der Geſuchten vorzubereiten. Unſere erſten Berichte 140 uͤber die Hoffnungen, die ſie zu geben ſchien, ſind durch Pater Clemens nach Frankreich gegangen; doch konnte ich ſeine Anſichten von Anfang an nicht theilen, denn der gute Herr ſieht die Dinge ſelten in ihrer naturli⸗ chen Geſtalt. Meine folgenden Berichte ſind daher ganz anders ausgefallen, und ich denke die Antwort wird ſo ſein, daß ſie es einſt bereuen wird, meinen hohen und anerkannten Ruf in Bekehrung ketzeriſcher Gemüther durch ihren Widerſtand angegriffen zu ha⸗ ben. Wenn's nach mir geht, verlaͤßt ſie nie wieder die Mauern dieſes guten, feſten Schloſſes!— Die Glut des Zorns war am Ende dieſer Rede auf die breite Stirn und die duͤſter funkelnden Augen des hochmuͤ⸗ thigen Paters getreten, und Porter erkannte genau, was das Fräulein zu erwarten hatte, vertrauten näm⸗ lich die hoͤhern Lenker dieſes Gewebes den Berich⸗ ten des in ſeinem geiſtlichen Hochmuth verletzten Prieſters. Aber Brirton, unterbrach der alte Mann den Gang des Geſpraͤchs, was denket Ihr mit ihm zu thun? Vielleicht hat er, abgeſchreckt durch die ver⸗ geblichen Verſuche, bereits ſeine Ruckreiſe angetre⸗ ten.— Damit wirſt Du uns wenigſtens nicht rathen wol⸗ len, die Verſuche zu ſeiner Wiederauffindung einzuſtel⸗ 141 len. Ich werde ſeine Spur finden, verlaß Dich darauf und gehabe Dich bis dahin wohl! Offenbar in der uͤbelſten Laune, die er ſich erregt, theils durch die Erinnerung an die Verletzung ſeines Hochmuths, theils durch den ſtets wieder auflebenden Verdacht, Porter moͤchte ſie nicht redlich bedienen, er⸗ hob ſich der Pater. Stolz gruͤßend verließ er das Krankenlager des Vertrauten, dem er in einer durch Alter und Einſamkeit genährten Geſchwätzigkeit wohl mehr mitgetheilt hatte, als er bei einer ruhigen Be⸗ rathung mit ſeinem Verſtande und den Gruͤnden des Verdachts gegen ihn fuͤr rathſam gehalten haben wuͤrde. Porter blickte dem Abgehenden mit einem Ausdrucke nach, der an das boshafte Spiel der Katzen erinnerte, welche, in ruhiger Stellung ihrem ſchon getroffenen Feinde gegenuber, blos mit der Schärfe ihres Blickes ihn huͤten, ſicher, daß ihnen der beliebige Augenblick zu Gebote ſteht, wo das Ausſtrecken der bekrallten Pfote ſeiner Freiheit Grenzen ſetzt. Deſſen ungeachtet ſehen wir dieſen Ausdruck ge⸗ mäßigt durch die Betrachtungen, die dem Alleingelaſſe⸗ nen ſich aufnoͤthigen, und nicht undeutlich zog man⸗ cher ſchwere Seelenkampf uͤber dies gefurchte Geſicht, und konvulſiviſch ſehen wir ihn ſeine Decken druͤcken, 142 und ſich ſelbſt zuſammen ziehn und ſtrecken, ſo daß es ſchwer wurde, an die Wirkſamkeit des Umſchlages zu glauben, den der ruhig ſchlummernde Juͤngling ſo vertrauungsvoll ihm umgelegt. Doch wir wiſſen, daß die Seele des Menſchen in eine Zerruͤttung verfallen kann, die Konvulſionen zu erregen vermag, unzugäng⸗ lich den Linderungen von Außen und in uns ſelbſt den Arzt fordernd, der mitleidend vft lange die noͤthige Huͤlfe verſagt. Der innere Streit, den wir hier zu ſchildern ſu⸗ chen, ging, wie immer, dahin, ob die Liebe zu dem von ſeiner Jugend auf ihm anvertrauten Prinzen, dem er die einzige warme Regung ſeines Herzens verdankte, und der ihm eben darum vielleicht in der Stille als ſein Wohlthäter erſchien, ſiegen ſollte. Eben ſo mächtig war der Einfluß dieſer Prieſter, durch Erziehung, Ge⸗ wohnheit, Religion und den fanatiſchen Eifer der Kirche, ein ſo mächtiges Werkzeug des Ruhmes zu gewinnen, in ſeinem tiefſten Leben gewurzelt. Es findet ſich in der innern Geſchichte aller Men⸗ ſchen mehr oder weniger ein Streit zwiſchen den Ein⸗ druͤcken der Erziehung und den ſpatern Ueberzeugun⸗ gen, und es mochte nicht ſchwer ſein, die Macht der erſteren in jedem Individuum wieder zu erkennen, wie ſehr ſie auch oft in dem entwickelten Geiſte verarbeitet ———— 143 erſcheint. Eben ſo häͤufig aber tritt uns die Erſcheinung entgegen, eine gänzlich ihr hingegebene Natur zu finden, die, thranniſch beherrſcht von den erſten Eindruͤcken, jede freiere Entwickelung ſogar von ſich ſtoßt und wie ein Sklave im ſelbſt gewählten Joche durch's Leben keucht. Beſchränkt und der edlen Beſtimmung entge⸗ gen, das durch Erziehung uͤberliefert Erhaltene blos als Baſis hoͤherer Entwickelung zu benutzen, ſcheint uns ein ſolches Weſen verächtlich und unbeachtens⸗ werth; wie oft aber wuͤrden wir von dieſem zuverſicht⸗ lichen Verwerfungsurtheile abſtehen muͤſſen, ware uns ein freier Blick in das Innere erlaubt. Es wächſt unter der Laſt befeſtigter alter Gewohnheiten und Vor⸗ urtheile oft dem Allen entgegen, immer zum geheimen Widerſpruche geneigt, ein kleiner zarter Keim freierer Ueberzeugung empor, die vor der ſchweren Erde, die hoch daruͤber laſtet, nicht bis zur Entwickelung an das äußere Leben gedeiht; aber wenn das nahe Ende den Hochbejahrten aus dem irdiſchen Sein, wörin ſeine Feſſeln haften, hinausgefuͤhrt, dann erblicken wir zu⸗ weilen eine ploͤtzliche Veränderung, von der wir uns angewoͤhnt haben zu ſagen: Er iſt ſo ſanft, er wird bald ſterben. Es ſind aber nicht die letzten Tage, die erſt dies hohere Leben erzeugen, es ſind die verhuͤllten ſchwachen Verſuche der ganzen unfruchtbaren Vergan⸗ * genheit, die in den letzten Tagen an dem ferner geruͤck⸗ ten Leben keinen Widerſtand mehr finden, und nun den kleinen Keim gedeihen laſſen, den Gott alſobald zum Verpflanzen hinwegnimmt. Von dieſer Betrachtung aus finden wir uns viel⸗ leicht in den Zuſtand des Greiſes zurecht, deſſen zucken⸗ des Geſicht zuletzt von einer dieſen Zügen ſonſt ſo frem⸗ den Ruͤhrung zeugt. Bald iſt es uͤberwunden; er ſchaut uͤber den Rand des Bettes nach dem Schlaͤfer, und endlich, nachdem er die Nothwendigkeit, ihn zu wecken, erkannt, ſtreckt er die durre Hand uͤber das bluͤ⸗ hende Geſicht. Tief in die Suͤßigkeit des Schlafes verſenkt, wehrt der Jüngling die Stoͤrung ab, ſich anders wendend, um im Schlummer fortzufahren, und bald auch dahin verfolgt, kehrt er aus dem Taumel ſeiner unſchuldigen Traͤume zuruͤck und ſtrengt ſich an, zu erwachen. Er richtet ſich endlich empor und ſieht und hoͤrt nicht viel, und muß immer wieder von der kalten, duͤrren Hand gereizt werden, ehe er Alles zuſammenfindet, was zum Erwachen noͤthig.„ Armer Schelm, ruft der Alte ihm mitleidig zu, haſt noch lange nicht ausgeſchlafen, wie ich ſehe, und wirſt boͤſe genug ſein, daß ich Dich wecke! Setze Dich auf mein Bett und erhole Dich; ſieh, da ſind ſchoͤne 145 geſottene Fruͤchte, erquicke Dich erſt, ich habe einen Auftrag fuͤr Dich. Gern, gern, rief der wieder ermunterte Knabe freundlich! ach, ſage mir doch, wie geht es Dir, Ohm, biſt Du geſund, hat der Brei geholfen? Helfen thut Alles, ſo lange es an der Zeit iſt, lächelte truͤbe der Alte: der Tod aber hilft ſich auch, wenn er die Arbeit in Empfang nehmen will. Doch laß das, guter Lanci, und nimm Deine Sinne recht zuſammen, denn Du mußt zeigen, daß Du ein kluger und verſchwiegener Junge biſt. Verſchwiegen bin ich, rief Lanci zuverſichtlich, das hat meine gute Mutter oft geruͤhmt, und klug koͤnnt Ihr mich ja machen, Ohm, denn Ihr habt's in Fuͤlle, wie ich weiß. Wir wollen ſehn, mein Kind, ſprach Porter, doch ſag' mir ein Mal, moͤchteſt Du wohl Margarith wiederſehen? O Ohm, ſprach der Juͤngling verſchaͤmt, wie kannſt Du davon ſprechen, Du weißt, daß ich hier bin, Dich zu pflegen; Du ſelbſt haſt es gewollt, einen von Deinen Verwandten wollteſt Du um Dich haben, und ich bin gern gekommen, denn in's Schloß durft' ich mich ſo nicht mehr wagen, und da hab' ich Dich gern gepflegt, bleibe auch bei Dir, bis Du umherlaͤufſt, wie Godwie⸗Caſtle III. 10 146 ſonſt, aber dann redeſt Du mit dem alten Miklas uͤber die Margarith und mich, denn zu Weihnachten werde ich Jäger, und dann will ich ſie auch. Was ich verſprochen, werde ich halten, erwiderte der Ohm, ſei aber verſichert, daß Alles davon abhängt, wie Du Dich jetzt zeigſt. Das beſte Loos harrt Dein, wenn Du treu und klug meine Befehle erfulleſt, und das Gegentheil kann Dein unabwendbares Schickſal ſein, zeigſt Du Dich hier nicht, wie es noͤthig iſt. Ach Ohm, Ihr macht mich aͤngſtlich. Wie ſoll ich ſo große Gefahr beſtehen? Werde ich das koͤnnen? Die arme Margarith, was ſoll aus ihr werden, wenn ich ſie nicht befreie! Befreie? wiederholte der Alte, weißt Du denn, ob ſie jetzt Dir folgen wuͤrde, da die junge Lady, von der Du mir ſagſt, ihr Herz ganz beſitzt und ſie nicht von ihr will⸗ Ach, ich kann's nicht glauben, rief Lanci betruͤbt. Geſagt hat ſie es freilich, und die arme ſchoͤne Dame, ſie muͤßte ſich auch todt weinen, wenn Margarith nicht um ſie waͤre, die ſie immer troͤſtet. Das glaube ich auch, Lanci, ſagte Porter, darauf eingehend, und darum ſollſt Du die junge Dame retten helfen, dann haſt Du Margarith obenein und keine Noth weiter. 147 Jeſus, Maria, Joſeph! rief der Juͤngling und machte einen Freudenſprung durch die Stube. Rede, Ohm, ſage, was ich thun muß, alles und klug dazu; verſchwiegen obenein will ich ſein; Du ſollſt Dich ſehr freuen uber mich; aber nun ſage auch, damit ich dar⸗ nach thun kann. Porter blickte den Aufgeregten nachdenklich an und ſchien noch einmal den Entſchluß zu pruͤfen, der ihm darum ſo bedenklich daͤuchte, weil er dies junge Weſen, halb Kind, halb Juͤngling, darein verwickeln mußte; und doch blieb ihm keine Wahl. Ihm, der zu jeder Intrigue ſonſt mehr als eine Hand bereit hatte, ihm fehlte es zum erſten Male an einer ſolchen, da ſeine Handlungen abweichen ſollten von dem bisher befolgten Syſteme; ihm koſtete auch dies noch einen Seufzer, dann zog er den Juͤngling naͤher. Es mußte, was geſchehen ſollte, ſchnell geſchehen. Du mußt noch heute abreiſen, doch ganz im Ge⸗ heim. Wenn die Dunkelheit einbricht, ſo nimm Dei⸗ nen Mantel und ſchleiche Dich aus dem Schloſſe. Nimm die weſtliche Seite des Schloſſes wahr und gehe durch den breiten Weg um Buckinghams⸗Lodge herum; einen weiten, unangebauten Platz mußt Du in noͤrdlicher Richtung durchſchneiden, dann kommſt Du auf den Weg, der Dir bald die großen, weitlͤufti⸗ 10* 148 gen Gebaͤude zeigen wird, die Dich zu dem Schloſſe des Herzogs von Nottingham fuͤhren. Hier melde Dich beim Thorwart und bitte ihn, daß er Dich zu Lord Richmond fuͤhrt; will man nicht, ſo dringe ſo lange, bis man nachgiebt; iſt er nicht anweſend, ſo harre am Thore, bis er erſcheint. Sodann verlange, daß er Dich allein ſpricht, und geſchieht dies, wie ich nicht zweifle, denn es iſt ein her⸗ ablaſſender Herr, ſo ſage ihm, die Reiſe, die er mor⸗ gen antreten wolle, fuͤhre zu nichts, mit Dir muͤſſe er gehn, wolle er erreichen, was er vorhabe.— Aber was will er denn erreichen? unterbrach Lanci den Ohm. Schweig, fuhr der Alte fort, Du mußt ohne Un⸗ terbrechung hoͤren. Er will eben die Lady im Schloſſe Howard befreien, und will durch die Welt, und weiß nicht wohin und wo ſie zu finden iſt. O, lachte Lanci freudig, dazu bin ich gut, Ohm! Da ſoll er nur mit mir kommen. Siehſt Du es ein, wozu ich Dich beſtimme? fragte der Alte milder. Ja, ſo iſt's. Fragt er Dich nun, ſo vertraue ihm, wo ſie iſt, aber was er auch anſtellen mag, von wo Du kommſt, ſage ihm nicht, nie komme mein Name uͤber Deine Lippen, nie verrathe ein Wort Dein Verhältniß zu mir; aber alles Andere 149 wende an, um den Lord von der Wahrheit deſſen zu uͤberzeugen, was Du ſprichſt; Alles thue, damit er Dir ſchnell und unbedingt vertraue, und ſeine Abreiſe auf's Lebhafteſte beſchleunige. Sage ihm, der unbekannte Freund, der Dich ſende, laſſe ihm die hoͤchſte Vorſicht, die groͤßte Eile empfehlen; nur durch Liſt wuͤrde er das Fraͤulein retten. Offene Gewalt wuͤrde ſie ſogleich aus dem Schloſſe, ſelbſt aus ihrem Vaterlande fuͤhren. Meinem Bruder Miklas wirſt Du einen Brief uͤber⸗ bringen, den ich ſogleich ſchreiben werde, Du wirſt ihn in ſeine Hände zu ſpielen wiſſen und dann genau voll⸗ ziehn, was er, dadurch veranlaßt, Euch zu thun hei⸗ ßen wird. Iſt die Ladh befreit, ſo ſage dem Lord Richmond, es gebe nur einen Ort, wo ſie ſicher ſei, dies ſei in dem Schloſſe ſeiner Mutter, doch ſelbſt da nur, wenn uͤber ihren Aufenthalt das tiefſte Geheimniß beobachtet werde, da ſie von vielen Seiten bedroht ſei und jede Kunde von ihrem Aufenthalte ihre nachdruͤcklichſte Ver⸗ folgung herbeifuͤhren koͤnnte. Jetzt uͤberlege das Gehoͤrte, wiederhole es mir dann, bevor Du fortgehſt, noch ein Mal, und dann gieb mein Schreibzeug und ein Blatt her, worauf ich an Miklas ſchreiben will.— Der lang erwartete Augenblick war gekommen, der Ste April des Jahres 1625 huͤllte England in Trauer. Koͤnig Jakob war dem Fieber unterlegen, das er ſo richtig ſelbſt als den Verkuͤnder ſeines nahen Endes er⸗ kannt hatte. Der Tod verſoͤhnte auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeſchiedenen, an den ſich zahlloſe Vorwuͤrfe und Klagen hefteten, als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte. Milde und Gute ſchien jedes Wort auszuſprechen, und es beſtaͤtigte ſich aber⸗ mals, daß der Tod allein die Haͤrte und den Unfrie⸗ den der Menſchen verſoͤhnt, daß nur, was den Kreiſen des Lebens entruͤckt wird, aus dem Bereich ihrer An⸗ feindung tritt.. Schnell kehrten ſich Aller Augen auf das neue Ge⸗ ſtirn, das ſeine Laufbahn beginnen ſollte, und es fehlte nicht an argwoͤhniſcher Zergliederung, an Befuͤrchtungen moͤglicher Uebel, um fuͤr das, was wirklich geſchah, die Laune zu verderben. ₰ Das ſchreckenvolle Loos, welches Carl beſchieden war, hat fuͤr Mit⸗ und Nachwelt ein weites Feld der„ Betrachtung eroͤffnet. Doch gewiß bleibt es, ſo fuͤrch⸗ terliche Kataſtrophen in der Geſchichte eines Volks ſind nicht von dem einen Haupte verſchuldet oder herbei ge⸗ fuhrt, das als Suͤhne des Kampfes fällt. Das lang⸗ ſam ſchleichende Uebel vieler Generationen, worin zu⸗ letzt ein Volk verwickelt wird, macht es zum erzuͤrnten Manne, der ſich rächen will fuͤr ein tief empfundenes Leid und, blutend aus vielen Wunden, Linderung ſucht, und den zuerſt opfert, der ihm zunaͤchſt die Farben des Feindes trägt, wäre das Individuum auch der Schuld fremd geblieben. Fremd war Carl wohl nicht der Schuld, aber jeden⸗ falls der Schuld fremd, die eine ſolche Strafe verdie⸗ nen konnte, und wenn wir ihn, in Widerſpruͤche ver⸗ ſtrickt, bald mit gluͤhendem Eifer ſeine Pflichten erful⸗ len, und milde und voll guten Willens alle Mittel zur Beſeitigung wachſender Uebel ergreifen, bald wieder du⸗ ſter und eigenwillig Menſchen uns Verhältniſſe verken⸗ nen, und die keimende Empoͤrung durch ſeltſame Miß⸗ achtung reizen ſehen, ſo muͤſſen wir der Worte des alten Porters gedenken: Er wird mit der Heftigkeit eines Unglucklichen handeln, der ſich zerſtreuen will. Wenn es uns geſtattet wäre, die geheime Geſchichte der Menſchen zu kennen, die auf der großen Buͤhne der Welt uns ihre Rolle vorſpielen, und deren Motive zu ergruͤnden, waͤhrend wir oft nur das zu erwägen ver⸗ moͤgen, was eben wieder als geſchichtliche Thatſache vor 152 unſere Sinne tritt, wir wuͤrden erſtaunen, wie tief aus dem feſt verſchloſſenen Raume des Herzens oft die Farbe geſtiegen iſt, die ihre Handlungen tragen! Nachdenkend halten wir ein vor dieſer Betrachtung auf der glatten Bahn des Urtheils. Ein ſchmerzliches Gefuͤhl drängt ſich uns auf, wie getrennt der Menſch vom Menſchen ſteht, wie eher alle Guͤter der Erde ſich mittheilen laſ⸗ ſen, als dies geheimnißvolle Gut des Innern, wofur keine Sprache zum Verſtändniß gegeben ſcheint, wofür es vielleicht eine giebt, die aber wenig mehr als ein Traum der Jugend ſcheint, und deren Laute bald ver⸗ klingen in der Verhärtung des Herzens und des Lebens! Dieſe Einſamkeit jedoch, die wir uns eingeſtehen muͤſ⸗ ſen, oft in den reichſten Kreiſen des Lebens, ſie iſt viel⸗ leicht die Heimat unſerer Andacht, unſeres Zuſammen⸗ hanges mit Gott, deſſen ausreichendes Verſtändniß wir empfinden, und das uns erquickt durch die Ahnung einer unverlierbaren Gerechtigkeit! Das äußere Leben Carls des Erſten zu verfolgen, finden wir keine Spuren in den Familienpapieren, die wir hier der Welt ubergeben. Wenn ſie auch, Man⸗ ches von dem geheimen Geſchick des Prinzen in leichten Andeutungen verrathend, uͤber ſeinen Karakter einen Aufſchluß geben konnten, ſo liegt es doch außer dem Bereich unſerer Abſicht, darauf weiter einzugehen. — 153 Carl empfand den Tod ſeines Vaters mit einer rein kindlichen Hingebung; er hatte bis zum letzten Au⸗ genblick ihm Zeit und Ruhe gewidmet, und ſeine Pflege bis zu den geringſten Handreichungen mit den übrigen Umgebungen getheilt. Gewiß hatte ſo viel Liebe das Ende des Koͤnigs erleichtert und ſelbſt in das gequälte Herz des Sohnes jenen Frieden, jene Stille gebracht, die aus der Erfuͤl⸗ lung einer heiligen Pflicht entſpringt. Sein dunkles melancholiſches Auge blickte um ſo ruͤhrender aus dem bleichen Geſicht, und als er an der Leiche des Vaters den gleich ihm ermuͤdeten Hofſtaat entließ, um die Vorkehrungen zur Beiſetzung nicht zu behindern, konnten die treuen Diener kaum dem Gedan⸗ ken entgehn, daß der neue Traͤger der Krone, gleich dem verſchiedenen, wie die Zierde eines Paradeſarges ausſehe. Langſam, von Wenigen gefolgt, durchſchritt er die oͤden Zimmer, bis er das uns bekannte Gemach des kranken Porters erreicht hatte, wo er allein, ſchweigend und geſenkten Hauptes, an das Bett des immer noch Leidenden trat. Dein Herr und Koͤnig iſt nicht mehr, wiederholte er die ſchon bekannt gewordene Nachricht. Ich habe keine Eltern mehr, der Grabſtein auf dieſer Erde wird immer breiter fuͤr mich. Sprich es jetzt aus, was Du 154 ſeit langer Zeit andeuteſt, habe ich auch das Letzte, was mich an dieſe Welt band, verloren? Fuͤrchte nicht, fuhr er fort, da Porter in entſetzlichem Kampfe nach einer Antwort rang; eben jetzt bin ich bereit Alles, auch das Schwerſte zu hoͤren. So troͤſte Gott Euer Majeſtät, ſtammelte der Alte und oͤffnete die Lippen, mehr zu ſagen, als der Koͤnig, kurz zuſammenfahrend, ſeinen Degen feſt an die Seite druckte, ihm Stillſchweigen zuwinkte, und wie ein Nachtwandler ſtarr und ſteif aus dem Zimmer ſchritt. Porter blieb in Verzweiflung zuruͤck; nicht dies hatte er gewollt; aber Carls ſchnelle Auslegung vermoͤge der im Augenblick des Schmerzes ihm zunächſt liegenden Weiſe, und ſeine Entfernung machten es Porter, der ſelbſt ans Bett gefeſſelt blieb, unmöglich, den Koͤnig zu beruhigen. Ein laͤngeres Nachdenken drängte endlich ſeine Theilnahme ziemlich in den Hintergrund und ließ ihn ſogar Sicherheit fuͤr ſeine eigenen Schritte in dieſer Annahme finden, wobei er den Vorſatz feſt hielt, bei der Nachricht von ihrer Ruͤckkehr nach Godwie⸗Caſtle dem Koͤnige die Hoffnung zu geben, daß ſie noch lebe. ——,— Von der Leiche eines Fuͤrſten, deſſen Tod der An⸗ fang einer eben ſo wichtigen Epoche fuͤr England ward, als ſein Leben bei ſeinem ſtillen Gange und ſeinen we⸗ nig hervortretenden Ereigniſſen kaum eine Spur hinter⸗ ließ, wenden wir uns zu dem letzten Ruhebette eines Greiſes, zu gering, um in den Regiſtern der Geſchichte einen Raum fuͤr ſeinen Namen zu finden, wichtig ge⸗ nug fuͤr den Mittelpunkt, fuͤr die Hauptperſon unſerer Erzählung, um ihn nicht zu uͤberſehen. Wir treten in ein leeres Zimmerchen, welches uns ſchon bekannt iſt, und mit ſeiner hochgewoͤlbten Decke, ſeinen tiefen bis an den Boden reichenden Fenſtern uns die Wohnung des alten Miklas, im Schloſſe der Her⸗ zogin von Sommerſet, zeigt. Leer ſehen wir die Waͤnde und mit ſchwarzen Vorhaͤngen bezogen; kein gaſtliches Feuer in dem leeren Kamin verbreitet Helle und Wärme; im truͤ⸗ ben, matten Lichte umgeben zwoͤlf Wachskerzen den erhoͤhten Sarg, wo wir die erblaßte ehrwuͤrdige Ge⸗ ſtalt des alten Miklas gewahren, deſſen gefaltete Haͤn⸗ de, in denen der Roſenkranz haͤngt, und die ſtille Miene des Gebets und der ſanfteſten Ruhe eher einen 6 156 in heilige Andacht Verſenkten, als einen Geſtorbenen ankuͤndigen. Laut hoͤren wir ſeitwaͤrts ſchluchzen und ſehn Mar⸗ garith, in Trauer gehuͤllt, auf der Erde vor Lady Mel⸗ ville knien, die, auf einem ſchlichten Stuhl am Sarge ſitzend, die Todtenwache mit der troſtloſen Tochter thei⸗ len will. Auf der andern Seite hoͤren wir ein leiſes Murmeln von Gebeten, mit der lauteren Betonung einzelner heiliger Namen, und finden Schweſter Electa, welche ſich dem Dienſte unterzogen hat, die Sterbege⸗ bete an der Leiche herzuſagen. Sanft hoͤren wir dazwiſchen die Stimme Marias, die, mit der eignen Wehmuth kämpfend, ein liebevolles linderndes Wort fuͤr die arme Margarith ſpricht. Aber wie ſind die Zuͤge verwandelt, in die ſonſt mit dem Schmelz der Jugend und Schoͤnheit zugleich die friſche, kraͤftige Natur ſolche Fuͤlle des Ausdrucks legte, eine Beweglichkeit der Mienen, den Blick faſt wider Willen feſſelnd. Die ſchoͤnen gerundeten Wangen ſind länglich und kränklich verfeinert, die Bläſſe der Haut geht in das Weiß der kleinen Binde uͤber, die der Kloſterhaube ſich anſchließt, keine Spur des reichen Haares zeigend. Der ſchoͤne Mund hat den tiefen Ausdruck des Leidens mit ſeinen geſenkten Winkeln, ſeiner erblaßten Farbe, und die ſchoͤne Naſe ſcheint wie 157 durchſichtig in Feinheit und bläulichem Schein. Druͤ⸗ ber ruhen die groͤßer blinkenden Augen, wie troſtloſe Gefäͤhrten, nichts mehr von Außen ſuchend, von In⸗ nen nichts mehr findend, um ihr voriges Licht anzufa⸗ chen, nichts bewahrend, als den Abglanz einer reinen erhabenen Seele. Von der ſchluchzenden Margarith richtet ſich ihr Auge zu dem lieben Greiſe, von ihm zu ihr zuruͤck. Sie theilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden al⸗ lein, ſondern in dem Gefuͤhl des großen Verluſtes, den auch ſie an dem edlen, guͤtigen Greiſe erlitten, welcher ſtets beſtrebt war, die Haͤrte ihrer Lage durch ſtille Wohl⸗ thaten zu erleichtern. Er hatte ſie mit Margarithen oft zur Nachtzeit durch geheime Gaͤnge und Thuͤren an die ihr verſagte Luft gefuͤhrt, und ſie ſah nun eine Exiſtenz vor ſich, die wenig von der in einem Kerker unterſchie⸗ den war, und dieſer an Luft und Bewegung Gewoͤhn⸗ ten ein baldiges Siechthum zu drohen ſchien. Ergeben ſieht ſie in die Zukunft; nach und nach ſind alle ihre Hoffnungen auf Rettung zuſammen ge⸗ fallen. Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch kein anderes Leben, als eben in der Erinnerung mit ihren Ankläͤngen von Seligkeit, die den tiefen Schmerz ihrer Bruſt naͤhren und den Giftbaum wachſen laſſen, unter deſſen weit ſich ausbreitenden Zweigen die Bluͤten 158 ihres jugendlichen Lebens welk werden und niederſinken. Sie koͤmmt ſich alt vor und denkt, es ſei lange her, daß ſie jung war; ſie koͤnnte denken, ſchon einmal gelebt zu haben, und zwiſchen ihrer fruͤheren Exiſtenz und ih⸗ rer jetzigen liege ein Grab, aus dem ſie geſtiegen, um als ein wankender Geiſt umher zu gehen, nicht lebend und nicht todt. Ihr ward nicht der Troſt zu Theil, der den ſchiff⸗ bruͤchigen Lebenswanderer auf's Neue anſiedelt, um in irgend einer Thätigkeit, in der ungeſtorten Andacht einer reinen Religioſität die Vergangenheit zu uͤberwinden. Die ausgeſuchteſte ihrer Qualen war der Zwang, der ihr auf⸗ erlegt war, in der Nähe und ſteten Umgebung von Per⸗ ſonen zu leben, die in ſinn⸗ und geiſtloſe Beſchäftigun⸗ gen ſie zu verflechten trachteten, und deren Religioſität bei näherer Bekanntſchaft die Abneigung beſtätigen mußte, die ſie gleich bei den erſten Verſuchen des Pater Johan⸗ nes dagegen empfunden hatte. Der Haß, den ihr bloßer Anblick in dem Herzen der Ladh Sommerſet erregte, da ſie die ſchoͤnen Zuͤge der Schweſter Buckinghams trug, desjenigen, der die Stelle eines Lieblings, wie Sommerſet dem Koͤnige war, nach deſſen Fall erſetzte und damit ihr toͤdtlicher Feind ward,— dieſer Haß trat in jedem Augenblick hervor. Er entlud ſich mit Schadenfreude an dem unſchuldigen 159 Abkömmling, ja, Gelindigkeit ſchienen ihr noch ſtets die niederbeugenden Maaßregeln gegen die Arme, und entſchloſſen war ſie im Innern, daß Buckingham ſeine Pläne auf ſie nie erfuͤllt ſehen ſollte, und ſollte ſie auch zum Aeußerſten ſchreiten und dies Leben hinwelken laſſen, ihm ſollte es nie Nutzen ſchaffen können. Pater Johann, der ſein Beichtkind vollkommen kannte, wenn auch die Beichte ſelbſt ihm daruͤber nur mittheilte, was ſie ſelbſt für gut fand, ſchutzte Anfangs, wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorſpiegelte, ſeinen Zoͤgling gegen die offen⸗ baren Verfolgungen der Lady. Aber ſeine uble Laune ſtieg in dem Maaße, als ihm jenes Ziel entruͤckt ward, und ſchnell benutzte die ſcharfe Beobachterin die ſchwache Seite des Prieſters, um ſtrengere Einſchränkungen über ſie zu verfuͤgen. Sie ſchritt ſo, wenig Widerſtand mehr findend, in ihren thranniſchen Anforderungen fort, bis ſie jede kleine Gemächlichkeit, jede Beſchaͤfti⸗ gung des Geiſtes, jede Erquickung des Koͤrpers ihr entzogen ſah, und ſuchte die Demuͤthigung des Gei⸗ ſtes, die Troſtloſigkeit des Herzens durch die harteſten Worte und Reden zu vollenden. Maria ſetzte Anfangs dieſen Dingen den jugend⸗ lichen Muth, den Stolz ihres edeln Blutes entgegen und fuͤgte ſich auf eine Weiſe, die ihre Beobachterin 160 unſicher machte, ob ſie es vermocht hätte, ſie zu demuͤ⸗ thigen. Als aber ihr Geiſt in ſeiner Thätigkeit unter⸗ druͤckt war, als die Entbehrung der freien Natur ihre Geſundheit untergrub, zeigten ſich in ihrem Aeußeren jene Spuren, die wir bereits andeuteten, und ihre Fein⸗ din ſah den Erfolg ihrer Beſtrebungen und fuhr fort, ſie danach zu behandeln. Maria bewohnte längſt nicht mehr die reich aus⸗ geſtatteten Zimmer, die Pater Clemens im gutmuͤthigen Cifer fur ſie eingerichtet hatte. In einem uberhängen⸗ den Thurm des äalteſten Theiles des Schloſſes, nach dem Meere hinaus, war ein oͤdes, leeres Zimmer ihr ange⸗ wieſen, worin ſie nichts als ihr Lager, ein Betpult und einen Schrank fand, ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelaſſene Gepäck zu verwahren. Kein Buch, kein Schreibgeräth ward ihr geſtattet. Schon am fruͤhen Morgen ward ſie von ihrem har⸗ ten Lager durch die Glocken aufgeſchreckt, die im In⸗ nern des Schloſſes, faſt neben ihrem Zimmer hingen und ſo mächtig zur Frühmeſſe riefen, daß der Thurm zu ſchwanken ſchien, der keine andere Baſis hatte, als einen kleinen Pilaſter, der ihn an eine niedere Fenſter⸗ fronte anlehnte. Sie ſtieg dann, dem Sinne verwirrenden Geraͤuſch entfliehend, und von boͤſen Worten uͤber Ketzerei und —— 161 Lauigkeit der Andacht empfangen, in die Gruft, welche die Kirche der Fanatiker war, mit allem Glanze des katholiſchen Kultus ausgeſchmuckt und auf den ermuͤ⸗ deten Geiſt Marias oft wohlthätig wirkend, da ihr Herz doch auch hier in ſeiner Sprache zum Himmel ſich erheben konnte und die Schoͤnheit des Raumes, mit dem uͤbrigen durren Geiſtes⸗Leben kontraſtirend, den Mißlaut beſchwichtigte, in dem ihr Herz den Tag uͤber zitterte. Seufzend ſtieg ſie dann an's Licht zuruͤck, denn ſie konnte von da an ſich nicht mehr von ihren Um⸗ gebungen trennen, und mußte mit ihnen widrige Hand⸗ arbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geſchwätz an⸗ horen. Bei Tafel ſaß ſie an einem geſonderten Tiſche, um die ehrwuͤrdigen Frauen nicht zur Zeit ihrer Er⸗ holung zu ſtoren durch ihre unheilige Nähe. Hier war es, wo Lady Sommerſet mit allen Stachelreden der Verachtung und des Haſſes ihre geringe Koſt zu ver⸗ giften ſuchte, und wenn die Thraͤnen des Schmerzes die holden Wangen der Verfolgten immer mehr aus⸗ zubleichen ſchienen, verſtärkte die Unerbittliche ihre Worte, in der Gewißheit des Erfolgs. Spät am Abend erſt ward ſie auf ihren Thurm entlaſſen, der, ſeiner oͤden Wände und ungaſtlichen Godwie⸗Caſtle III. 11 162 Einrichtung ungeachtet, ihr wie eine Freiſtatt des Frie⸗ dens erſchien. In den ſchmalen Raum des Fenſters gedruͤckt, blickte ſie oft ſtundenlang in das melancholiſch rauſchende Meer hin, und rang in der Ermattung ihres ganzen Weſens nach Kraft und Geduld vor Gott. Da ſtellte ſich dann der heimliche Troſt ein, der ihr aufoffenen Wegen laͤngſt entzogen war, und Miklas mit ſeiner Tochter erſchien, und Beide ſchuͤtteten in das verwaiſte Herz der Dulde⸗ rin den Troſt einer Theilnahme, einer Liebe und Ver⸗ ehrung, der ſie nirgends mehr begegnete. Miklas war es, der ſich der Gefahr freiwillig un⸗ terzog, dem verſchmachtenden Weſen die Wohlthat der friſchen Luft zu verſchaffen. Durch eine unſcheinbare Thuͤr, auf dem Vorplatze dieſes luftigen Baues, ſtieg man eine ſchmale Treppe hinab, vielleicht nur von Mi⸗ klas gekannt, und erreichte dadurch einen kurzen ver⸗ deckten Weg, der, von dem ehemaligen Feſtungswerk herruͤhrend, unmittelbar in den jetzt ausgetrockneten und zur Weide benutzten Schloßgraben fuͤhrte, wo, von bei⸗ den Seiten durch Wälle verdeckt, jetzt die Spazierenden gegen die Unfreundlichkeit der Nachtſtuͤrme und der Jah⸗ reszeit in etwas geſchuͤtzt waren. Unbeſchreiblich war das Entzuͤcken und die Dank⸗ barkeit Marias für dieſe Wohlthat, die ihr zwar nicht 164 oft zu Theil ward, aber ſie dann auf das Wunderbarſte ſtärkte, wozu das herzliche, liebevolle Geſpraͤch mit Mar⸗ garith beitrug, deren ganze Seele an der geliebten Ladh hing und nebenbei ihren kleinen Kummer ausſchuͤttete, da Lanci zum Ohm nach London berufen war und das unſchuldige Sehen der beiden Liebenden dadurch ſein Ziel gefunden hatte. Tief erſchuͤtterte Maria daher die Nachricht, daß WMiklas von einem boͤſen Fieber befallen darnieder läge, und überwältigt von dem Gefuͤhl, wie Margarith lei⸗ den moͤge, wagte ſie die erſte Bitte an Lady Sommer⸗ ſet, die Pflege des Alten mit der Tochter theilen zu duͤrfen. Die Lady ließ ihren Falkenblick mit allem Ausdruck hoͤhniſcher Schadenfreude auf der Bittenden ruhen; dann gewährte ſie mit einem boshaften Lächeln; denn bereits war Maria dazu auserſehn, dieſe Pflege zu uͤbernehmen, da man das Fieber fuͤr boͤsartig und anſteckend hielt. Furchtlos und freudig eilte ſie zu ihrem alten Freunde, aber er kannte ſie nicht mehr, und Maria hatte bald keinen Zweifel, worauf ſie Margarith vorzu⸗ bereiten habe. Dieſe Sorge nahm ihren Geiſt ſo in Anſpruch, daß ſie faſt uͤberſah, was ihr ſelbſt damit auferlegt ward, und erſt an dem Sarge, wo wir ſie wieder fin⸗ 11* 164 den, ergriff ſie das troſtloſe Gefuͤhl, wie viel ſie ver⸗ loren habe.— An dem erwähnten Tage ritt in das Städtchen Borhall, welches zunaͤchſt dem Schloſſe der Lady Ho⸗ ward lag, eine kleine Anzahl Maͤnner ein, deren er⸗ muͤdete Pferde hinreichend zeigten, daß ſie nicht geſchont worden waren, und deren fragende Blicke, die ſie an den elenden Haͤuſern des öden, kleinen Staͤdtchens um⸗ herwarfen, deutlich ihr Verlangen nach einer Herberge andeuteten, die den Reitern, wie den Roſſen gleich noͤ⸗ thig ſchien. Ein ſolcher Aufenthalt fand ſich allerdings, wie in jedem kleinen Orte, auch hier, und die Herberge zum weißen Lamm, wie ſie ſich nannte, obgleich ohne große Unterſtutzung durch haͤufigen Verkehr mit Frem⸗ den, uͤbertraf durch äußere und innere Einrichtung die geringe Erwartung, womit die Reiſenden ſich ihr ge⸗ naͤhert hatten. Maſter Harford, der Wirth, erſchien wohlgekleidet mit großer Gravitat an der Thuͤr des zweiſtoͤckigen, ge⸗ räumigen Hauſes, als das Getrappel der Pferde die ſel⸗ tene Erſcheinung von Gäſten verkuͤndigte, und lugte un⸗ ter ſeinen dicken Augenbrauen pruͤfend nach den An⸗ kommenden hin, wäͤhrend er zuweilen, ihre Beduͤrf⸗ niſſe ſchon von fern tarirend, einzelne Befehle in das Haus zurück rief. — 165 So fanden die Reiſenden bei ihrer Ankunft den Haus⸗ flur mit mehreren Domeſtiken angefuͤllt, deren weib⸗ licher Theil von einer Frau kommandirt ward, welche das empfehlendſte Schild aller Wirthshaͤuſer, eine im⸗ menſe Korpulenz und eine glaͤnzende, faſt prunkhafte Reinlichkeit, an ihrer kleinen Geſtalt zeigte. Die Reiter, die ſich demnach erwartet ſahn, ſtiegen ohne Weiteres ab, wobei Maſter Harford mit Genauig⸗ keit und Schlauheit ihr Rangverhaͤltniß zu ermitteln trachtete, da ihre durchaus unſcheinbare Kleidung ſie nicht von einander unterſchied. Es kam daruͤber ſpaͤter unter den Eheleuten zu einem Streit, indem Miſtreß Harford den älteren Herrn fuͤr den vornehmſten halten wollte und die Kurzſichtig⸗ keit ihres Mannes, der den juͤngern dafuͤr nahm, be⸗ lächelte, weil dieſer ſich beeilt habe, vom Pferde zu kommen, um den ältern ehrerbietig herunter zu heben. Weib, rief der Wirth vom Lamme, ich kenne dieſe Vornehmen beſſer, als Du. Jetzt macht er ſich nichts aus ſeinem Range, eben weil kein Vornehmer dabei iſt, den er damit ärgern kann, daß er ſich bruͤſtet. Das ſind immer die Herablaſſendſten gegen die Geringeren, wo ſie Niemand ſieht, die nachmals die Hochmuͤthig⸗ ſten werden. Herabgehoben hat er ihn, aber uͤber die Schwelle ging er zuerſt, nach dem Gepäck ſah er ſich 166 nicht um, wäͤhrend der alte Herr ſich aufhielt, ſelbſt Einiges davon mitzunehmen. Und der ſchoͤne Page, hob die Wirthin an, iſt das nach Deiner Klugheit vornehmes oder geringes Blut? Vornehm oder gering, fuhr der Wirth ihr entge⸗ gen, alle haben ſie Magen, alle ſind ſie hungrig und durſtig, und Dein Platz iſt in der Kuͤche. Er ſelbſt aber ſtieg mit einem Schluͤſſelbunde und kleinem Later⸗ nenſtock durch eine Fallthuͤr in den wohleingerichteten Keller, und entging dadurch den Worten ſeiner beleidig⸗ ten Ehefrau, die in der That keinen ungegruͤndeteren Vorwurf bekommen konnte, als den der Verſaͤumniß der wichtigen Kuͤchenangelegenheit, da ſie dieſer in einer ſeltenen Vollkommenheit vorzuſtehen verſtand. So ſahen die Reiſenden bald zu ihrem Vergnuͤgen in dem hellen und wohnlichen Gemach, wo ſie das Feuer eines großen Kamins ſchon empfangen hatte, auch Vor⸗ kehrungen zum Mittagsbrote machen, die ihnen eine ziemliche Bekanntſchaft mit den feineren Beduͤrfniſſen der Tafel zu verrathen ſchienen, vervollſtändigt durch mehrere ſtaubige und wohlverpichte Flaſchen, die Maſter Harford ſelbſt ſorgfältig auf den Schenktiſch niederſetzte. Eine kurze Pauſe bis zum Auftragen der Speiſen, welche die Diener entfernte, benutzten die Reiſenden zu einem Austauſch ihrer Gedanken. „ 162 Jetzt, Mylord, redete Brirton Richmond an, der in ſchwermüthiges Hinbruͤten verloren, in die Glut des Kamins ſtarrte, jetzt, wo wir ſo nah an unſerm Ziele ſind, muß ich mit Betruͤbniß eine Veraͤnderung in Eu⸗ rer Stimmung wahrnehmen, die, verzeiht mir, faſt mich frchten läßt, es finden ſich Hinderniſſe in Euch ein, die Ihr vorher nicht erkannt hattet, oder Euch leuchten Schwierigkeiten ein, die mir entgangen ſind. Fuͤrchtet dies nicht, theurer Sir, erwiderte Rich⸗ mond, ſich emporraffend und freundlich zu ihm hin⸗ blickend, weder ein Zweifel, noch die kleinſte Aenderung meines feſten Entſchluſſes, Euch um jeden Preis in Euerem Vorſatz beizuſtehen, iſt in mir eingetreten; im Gegentheil, ſo nah dem Ziele, fuͤhle ich es lebhafter, als früͤher, wie noͤthig es iſt, alle unſere Gedanken auf die Erreichung deſſelben zu richten. Mir bleibt nur ein Zweifel, doch geht dieſer nicht die Sache ſelbſt, ſondern das Verfahren an, das uns durch dieſen unbekannten Rathgeber aufgenoͤthigt und mein⸗ ner Natur ſo widerſtrebend iſt, daß ich fur mein Verhalten faſt beſorgt ſein moͤchte. Erhält mich et⸗ was bei der Ueberzeugung, daß wir uns dieſer Vor⸗ ſchrift fuͤgen ſollen, ſo iſt es Eure Nachgiebigkeit, be⸗ ſter Sir, da Ihr allerdings beſſer, als ich, uͤberſehen koͤnnt, ob dies einem geraden und offenen Verfah⸗ 168 ren, wozu ich immer die Neigung behalten werde, vorzuziehen ſei. Nachdenkend hoͤrte Brirton dieſe Worte an und ſchien noch ein Mal verſtändig die Umſtände zu pruͤfen. Mhlord, hob er darauf an, meine Einſicht iſt nicht ſo klar, wie Ihr denken moͤgt. Ich habe dies fruͤher bekannt, ich muß es wiederholen, wie weit die Entdeckungen ſich erſtrecken, die durch den Tod ihrer Beſchuͤtzer uͤber das Fräulein gemacht ſind, weiß ich nicht. Ob Wahrheit oder neue Täuſchungen ihre Verfolgung herbeifuͤhrten, ob eine elende Galanterie dieſen Lord Membrocke leitete, oder eine tiefere, von naͤher Unterrichteten herruͤhrende Abſicht, ich kann es nicht wiſſen. Jedenfalls iſt jedoch hier eine Partei thaͤtig geweſen, die liſtiger und mächtiger vielleicht ihm entgegen wirkte, und in deren Gewalt wir ſie uns denken muͤſſen. Auffallend, erwiderte Richmond, iſt das hartnäk⸗ kige Schweigen des Juͤnglings, deſſen Wahrhaftigkeit ich uͤbrigens vertrauen muß, und der doch diejenigen oder den einen nicht nennen will, der ihn uns geſen⸗ det; welche Abſicht kann da zum Grunde liegen? Tau⸗ ſend Mal haͤtte ich Alles fur eine Falle gehalten, in die man uns lockt, gerade um uns abzuziehen, waren die Erzählungen zu bezweifeln, die der Knabe in der 1— 169 hoͤchſten Unſchuld und mit der vollen Geſchwätzigkeit der abſichtsloſen Unbefangenheit giebt, und die ſo glaubwuͤr⸗ dige Nachrichten uͤber das Fraulein enthalten, daß wir nicht zweifeln können, ſie zu finden, wohin wir ihm folgen, wenn, was Gott verhuͤten moͤge, ihre Verfolger ſie nicht ſchon weiter gefuͤhrt haben. Ich bin vollkommen Eurer Meinung, entgegnete Vrirton, ich kann nicht zweifeln, daß uns der Knabe redlich bedient; ſeine eigene zärtliche Sehnſucht nach Margarith, die er ſeine Geliebte nennt, iſt nicht erheu⸗ chelt und iſt in vollkommener Uebereinſtimmung mit allen uͤbrigen Ausſagen. Auch muß ich noch bekennen, daß mir ſeit ſeiner kindiſchen Heimlichthuerei, die jedoch alles verräth, was er verhehlen moͤchte, uͤber die Ge⸗ heimniſſe des Schloſſes eine Ahnung koͤmmt, die in Bezug auf das Fraͤulein allerdings einen neuen Feind bezeichnen koͤnnte.: Ihr meint, rief Richmond, daß die Einwohner von Howards Schloß Katholiken ſind? Habe ich das geſagt? rief eine uberraſchte Stimme, und Lanei, der leis hereingetreten war und dieſe letzten Worte gehoͤrt hatte, ſtand gluͤhend vor Schreck vor bei⸗ den Männern. Du haſt es unendlich oft verrathen, doch wohl nie eigentlich beabſichtigt, es zu ſagen, ſprach Brirton 170 ruhig; ſei aber unbeſorgt, es ſoll von uns nicht weiter gebracht werden. Es thut mir leid, wenn ich es verrathen habe, ſagte Lanci, Ihr werdet mich aber nicht ſo unglucklich machen, davon zu ſprechen. Doch hier im Hauſe, muß ich Euch ſagen, paſſen ſie alle ſehr auf uns auf; die dicke Wirthin wollte durchaus, ich ſollte ihr ſagen, wer der Vornehmſte ſei, ſie wollte mich mit Kuchen und Aepfeln futtern, wie einen Affen, ich habe ſie aber lau⸗ fen laſſen und habe geſagt,— verzeiht Mhlord— wir waͤren alle nicht vornehm. Richmond und Brixton konnten ein Laäͤcheln nicht unterdruͤcken, welches ſich noch verſtaͤrkte, als der Knabe wichtig fortfuhr: Es iſt aber Zeit, daß wir jetzt beſchließen, wie wir die arme Lady loskriegen, und da denke ich, daß ich den Vorläͤufer mache.— Dabei werde ich Dich begleiten, unterbrach Rich⸗ mond ihn raſch, jeder Schritt, der jetzt geſchieht, iſt zu wichtig, ihn allein Deiner jungen Ueberzeugung an⸗ zuvertrauen. Maſter Brirton mag ſich hier einige Er⸗ holung gefallen laſſen, bis wir ihm Nachricht geben kön⸗ nen und ſeine Gegenwart noͤthig wird. Der Knabe ſchwieg; nach einem Augenblicke ſah er beide Herren an und ſchuͤttelte den Kopf. 171 Nun, Lanci, ſprach Richmond, gefaͤllt Dir der Plan nicht? Ich muͤßte lugen, wenn ich Ja ſagte, erwiderte er offen; ich moͤchte nicht, daß Einer hier bleibe, nicht, daß Einer jetzt mit mir ginge. Und weshalb? fuhr Richmond fort, ſei offen, mein Kind, wir wollen gern hoͤren, was Du Dir ausdenkſt, da Du bis jetzt Dich treu und geſcheidt gezeigt. Seht, Mhlord, hob Lanci an, ich denke, ich muß noch heute weiter. Es iſt Freitag, morgen ganz fruͤh liefert der Wildmeiſter das noͤthige Wild fur den Sonn⸗ tag in die Schloßkuche, dabei muß ich ſein, es iſt die einzige Art, wie ich oder mein Brief mit herein kom⸗ men. Unterdeſſen, dachte ich, muͤßtet Ihr aber doch nachrucken, damit Ihr zur Hand ſeid bei den Vorſchla⸗ gen, die Vater Miklas austheilen wird, und die ich nicht wiſſen kann. Auch ſehe ich jetzt wohl, wo ich bin, und hätte beſſer gethan, uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern zu laſſen, als Euch hierher zu bringen. Was beunruhigt Dich hier, rief Richmond auf⸗ ſtehend; haltſt Du es fur moͤglich, daß man uns hier vom Schloſſe aus beobachten koͤnnte? Ja, erwiderte Lanci, ſo denke ich; der alte Wild⸗ meiſter hat mir immer von einer Herberge erzählt, wo 172 es hoch hergeht, und wo die Katholiſchen, denn Ihr wißt es ja nun einmal, aus⸗ und einziehen, die von und nach dem Schloſſe wollen. Dieſe iſt hier, jetzt habe ich das Schild geſehn: Zum Lamm; ſo hieß ſie, aber der Wildmeiſter wußte auch nicht, daß ſie im Städtchen liegt, er ſagte immer in den Huͤgeln. Und glaubſt Du, ſprach Richmond, daß dieſe Leute im Solde des Schloſſes ſind, daß man die Fremden an⸗ zeigt, die hier einkehren?— Ja, ſo ſagte der Wildmeiſter, und er weiß es am beſten.— So laßt uns ſogleich wieder aufbrechen, rief Rich⸗ mond, und ſie auf alle Weiſe uͤber unſern Weg täu⸗ ſchen, damit wir ſie unſicher machen oder fruͤher, als ihre Nachricht, eintreffen. Brirton ſtand auf, ſeine Bereitwilligkeit zu zeigen, als die Thuͤren ſich oͤffneten und die Diener mit den Speiſen eintraten, der Wirth mit einer wehenden Ser⸗ viette voran und mit großer Geſchicklichkeit beiden Gä⸗ ſten zu gleicher Zeit die Stuͤhle herbeiziehend. Ein Blick tauſchte die Gefinnungen der Beiden aus. Um jedes Aufſehn zu vermeiden, nahmen ſie die Mahl⸗ zeit an; auch ſagte ſich Richmond bei einigem Nachden⸗ ken, daß jedenfalls den Pferden Ruhe zu gönnen ſei, ohne welche jedes weitere Unternehmen Gefahr liefe. 173 Sie hatten ſich kaum niedergelaſſen, als neues Pferdegetrappel ſich vor der Thuͤr hoͤren ließ und der Wirth nach einem fluchtigen Blicke durch das Fenſter dem Ankommenden entgegen eilte. Freundliche und ehrerbietige Begruͤßungen hoͤrte man wechſeln, und es erhob ſich eine ziemlich lange Zwieſprache im Hausflur. Dann hoͤrte man die Treppe hinanſteigen, und zuletzt erſchien der Wirth, den neuen Gaſt hinter ſich, in der Thuͤr und bat um Erlaubniß, den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit Theil nehmen zu laſſen. Es war wenig dagegen zu ſagen, da der Fremde ſogleich eintrat, und ſehr hoͤflich und mit vielen Wor⸗ ten die Gaſtfreundlichkeit der Anweſenden in Anſpruch nahm. Kalt ward ihm zugeſtanden, was nicht gut verwei⸗ gert werden konnte, und er nahm ſehr gemaͤchlich an der andern Seite des Tiſches Platz, wo ihm auch An⸗ fangs die Stillung ſeiner Eßluſt hinreichende Beſchafti⸗ gung gewaͤhrte, was ihn jedoch nicht abhielt, ſeine klei⸗ nen ſtechenden Augen mit großer Beweglichkeit auf al⸗ len anweſenden Perſonen herumfliegen zu laſſen. Waͤhrend er, um Athem zu holen, ſeine Kravatte einen Augenblick luftete, begann er, ſich gegen ſeine Tiſchgenoſſen verneigend: 124 Es iſt ſelten, an dieſer Tafel mit ſo geehrten Gaͤ⸗ ſten zuſammenzutreffen; die Gegend iſt ſonſt unbeſucht, hat keinen Verkehr; die Nähe des Hafens von Dover zieht dorthin alle Reiſenden von Bedeutung. Dieſe Rede blieb eine Zeitlang unerwidert. End⸗ lich fragte Richmond, halb zum Wirthe, halb zum Fremden gewendet: Wie weit rechnet man Dover, und wie iſt der Weg dahin? Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beab⸗ ſichtigt haben, rief der Fremde, muß ich ſehr erſtaunen uͤber einen ſo bedeutenden Umweg; da, wie ich aus Klei⸗ dung und Art zu ſchließen wage, Dero Weg von Lon⸗ don herkommt. Nicht Jeder beabſichtigt gerade den kuͤrzeſten Weg, erwiderte Richmond, und jedenfalls wird Dover erſt in einiger Zeit lebhaft werden, wenn die Prinzeſſin von Frankreich dort anlangt. Es wird wenig Feierlichkeiten geben, ſagte der Fremde nachdenkend, die Landestrauer verbietet jedes Geraͤuſch. Die Landestrauer? rief Brirton, was meint Ihr damit, mein Herr, wo iſt Landestrauer? Wann habt Ihr denn London verlaſſen, werthe Herren, ſprach der Fremde, daß Ihr den Tod des Ko⸗ nigs nicht mehr erfuhret? —, 125 Des Koͤnigs! riefen Alle auf ein Mal. Und wann ſtarb der theure Herr? fuhr Rich⸗ mond fort. Am Abende des achten dieſes Monats, erwiderte der Fremde. Alſo am Tage unſerer Abreiſe, ſagte Brirton me⸗ chaniſch. Ich reiſte am andern Morgen ab, fuhr der Fremde fort, bin alſo doch etwas raſcher gereiſt, als die geehr⸗ ten Herren. Handelsleute, wie ich, fuhr er fort, die meiſt auf Reiſen ihr Leben zubringen, ſind aber auch beſſer mit all den kleinen Vortheilen vertraut, die das Fortkommen erleichtern. Dieſe Worte blieben wieder ohne Entgegnung, da Richmond wie Brirton ſich tief erſchuttert fuͤhlten von der Nachricht, die ſie ſo eben erfahren hatten. Die Gedankenfolge errathend, nahm der Fremde das Ge⸗ ſpraͤch wieder auf. Die Trauer in London war ſehr groß und allge⸗ mein; ſo lange die guten Leute auch darauf vorbereitet waren, ſchien es doch, als habe der Tod den Koͤnig im Juͤnglimgsalter, in der Fuͤlle der Kraft hinweggenom⸗ men. So geht es aber, was man lange beſeſſen, denkt man nie verlieren zu koͤnnen; dieſelben, die jetzt weinen und ſtoͤhnen, ſprachen fruͤher frevelhaft uͤber ein ſo weit ausgeſponnenes Lebensziel; nun es da iſt, ſchreien ſie wieder uͤber die neuen Ausſichten fuͤr den Thron und ſehen uͤberall Geſpenſter. Thoren giebt es immer, zu allen Zeiten, bei al⸗ len Veranlaſſungen, ſagte Richmond gleichguͤltig, die Stimme des Volkes war anders uͤber Jakob, und die Hoffnungen fuͤr ſeinen Nachfolger laſſen ſich nicht von Geſpenſtern verſcheuchen, die nur Kinder oder Narren ſehen. Wohl, wohl! erwiderte der Fremde mit niederge⸗ ſchlagenen Augen, eine treffliche Scheibe Schinken zer⸗ legend; aber dieſe Vermählung, dieſe ungluͤckliche Ver⸗ maͤhlung! Es mag immer eine gute Dame ſein, dieſe nunmehrige Koͤnigin von England, die unter Papiſten geborene und erzogene Prinzeſſin von Frankreich; eine verhaßte Katholikin bleibt ſie doch, und daß der junge Koͤnig dieſe mit ſich zieht bei ſeiner Thronbeſteigung, hat ſeine Nachtheile, glaubt mir Sir. Ich glaube Euch weder, ſprach Richmond ſtolz, noch halte ich es für ſchicklich, uͤber die Gemahlin mei⸗ nes Koͤnigs mich in Kluͤgeleien einzulaſſen. Ihr Glau⸗ ben iſt Sache ihres Herzens, worüber ihr nicht ſchon jetzt von jedem muͤßigen Geſchwaͤtz das Gift zubereitet werden ſollte. Ich haſſe derlei Vorausſetzungen, wie ich das Boͤſe haſſe, das es iſt. 1772 Er ſtand bei dieſen Worten auf, ſich gegen Brix⸗ ton ehrerbietig, gegen den Fremden fluͤchtig verneigend, und verließ das Zimmer, da er ſchon ſeit dem Eintritte des Fremden Lanci vermißte, mit dem er jetzt ihre Ab⸗ reiſe verabreden wollte. Lanci war jedoch nicht zu finden, und er hoͤrte von ſeinem herzukommenden Bedienten, daß derſelbe ſchon vor einer halben Stunde, nach einer fluͤchtigen Mahl⸗ zeit, zu Pferde geſtiegen und eilig durch die Hinterthur davon geritten ſei. Als Richmond nach ſeinem Zimmer zuruͤck wollte, naͤherte ſich ihm ſein Kammerdiener, und er merkte bald, daß dieſer ihm etwas zu ſagen habe, was keine Zeu⸗ gen litt. In den Hausflur zuruͤcktretend, erzaͤhlte ihm der⸗ ſelbe, wie Lanci ihm geſagt, er muſſe eilen, das Schloß fruher zu erreichen, als der angekommene Fremde, denn waͤre der erſt dort mit der Nachricht von der Anweſen⸗ heit einer ſo ſtarken Geſellſchaft, als die Euer Gnaden hier, ſo wuͤrde es gewiß unmoͤglich ſein, in das Schloß einzudringen. Euer Gnaden ſollte ich dies ſagen, und vor dem Fremden warnen, zugleich moͤchtet Ihr den an⸗ gekommenen Herrn ſicher machen, als ob ihr zu verblei⸗ ben gedächtet, vielleicht verzoͤgere er dem zu Folge wohl ſelbſt ſeine Abreiſe, in der Hoffnung, Euch zu beobachten. Godwie⸗Caſtle III. 12 128 Den Leuten im Hauſe aber habe er weiß gemacht, er habe ein Stuͤck unſerer Reiſeequipage im letzten Nacht⸗ quartier zuruͤckgelaſſen, was er eilig holen muſſe, ehe es die Herrſchaft vermiſſe. Richmond uͤberſah ſchnell das geſcheidte und treue Verhalten des ehrlichen Lanci, und der hoͤchſt unange⸗ nehme Eindruck, den auf ihn der Fremde gemacht, fand nun ſeine Beſtätigung. Er glaubte nämlich in ihm den Kaplan des Schloſſes zu erkennen, von deſſen boͤſer Autorität Lanci genug verrathen hatte, um ihn als einen Feind und Verfolger der ungluͤcklichen Lady Maria anzuſehen. Es war ihm daher faſt unmoͤglich, ihn in der erſten Aufregung, die in ihm durch dieſe Entdeckung bewirkt wurde, wieder zu ſehen. Er eilte nach ſeinem Schlafzimmer und ließ Maſter Brirton dahin beſcheiden. Nachdem er ihm alles Erfahrene mitgetheilt, be⸗ ſchloſſen ſie, der ferneren Weiſung des ehrlichen Juͤng⸗ lings zu harren, da es allerdings gewiß ſchien, daß ih⸗ nen bei der Anweſenheit des Pater Johannes kein Schritt moglich werden durfte, auf den ſie nicht ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gerichtet fanden. So peinlich dieſe Lage, beſonders fuͤr Richmonds wärmeres Blut, war, beſchloß er doch mit dem An⸗ ſcheine der Ruhe, den Pater zu taͤuſchen und ihn da durch bis zum morgenden Tage aufzuhalten; ob er ſelbſt länger auszuharren vermoͤgen wuͤrde, wagte er ſich nicht zu verſprechen. Von dem Augenblicke an, wo Miklas zur Beerdi⸗ gung fortgetragen war, fuͤhlte Maria eine Schwaͤche uͤber ihre Glieder ſich verbreiten, daß ſie nicht ohne Un⸗ terſtutzung zu gehen vermochte. Electa, die zwar bigott und in fanatiſchen Gefuͤh⸗ len gluͤhend, doch ſtets mitleidig und theilnehmend ge⸗ gen Maria blieb, leitete die halb Ohnmäͤchtige die ho⸗ hen Stiegen nach ihrem Thurmzimmer hinauf, da Margarith in faſt gefühlloſer Troſtloſigkeit auf ihrem Lager ruhte und ſelbſt die geliebte Lady nicht mehr ſah, die ihrer Huͤlfe beduͤrftig wurde. Electa, die noch nie das verpoͤnte Gemach der unglücklichen Maria betreten hatte, konnte kaum ihr Erſtaunen bei deſſen Anblick unterdruͤcken. Unruhig ſuchten ihre Blicke nach irgend einer Bequemlichkeit fuͤr die Kranke; ſie fand nichts als das duͤrftige Lager, das, in dem kleinen Gemache in der Nähe des loſen Fen⸗ ſters ſtehend, von dem unabläſſig eindringenden Winde beſtrichen ward, der in dieſer Hoͤhe und von dem Meere 12* aus nie einen Augenblick ſeine heulende Stimme un⸗ terbrach. Sie legte die jetzt in Ohnmacht Verſunkene auf dieſe elende Lagerſtätte und neſtelte ihren eigenen Schleier los, um ihn gegen das Fenſter aufzuhängen. Alber nur etwas kaltes Waſſer fand ſie in einem irdenen Kruge, die Ohnmächtige zu erfriſchen. Doch that dies einfache Mittel ſeine Wirkung, und die Un⸗ gluckliche oͤffnete die Augen und blickte in die mitleidi⸗ gen Zuͤge Electas. Ihr hier? fragte ſie ſanft; wie iſt mir geſchehen? Nachfinnend brach ſie ploͤtzlich in ſanfte Thränen aus, die in etwas die Laſt von ihrer Bruſt wegnahmen. Wie iſt Euch nun? fragte Electa. Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe bringen? Liebe Electa, ſagte Maria, bedenkt wohl, was Ihr thut. Man will hier nicht, daß ich Huͤlfe finde, ich moͤchte Euch nicht Verweiſe zuziehen, laßt mich lieber allein; Gott wird mir Kraft geben, oder ſein Wille hat es auch anders vor, nun denn——— Electa ſchlug die Augen nieder, ſie fuhlte ſich be⸗ ſchaͤmt von der Lage des armen Weſens, dem ſie nicht zürnen konnte, fuͤr wie verderblich ſie auch ihre Gei⸗ ſtesverkehrtheit hielt. Ihr Beiſtand bei ihrer Hinfällig⸗ keit zu leiſten, ſchien ihr doch nicht zu viel. Ich zweifle nicht, ſprach ſie daher ſich ermannend, unſere ehrwuͤrdige Oberin wird geſtatten, daß ich Euch beiſtehe, und ich gehe, ihre Erlaubniß zu holen. Maria fuͤhlte ſich zum Widerſtande zu ſchwach, und kaum ſah ſie ſich allein, als der furchtbare Geiſt des Fiebers uͤber ſie kam, und ihrem Gehirn jene ſchmerzhaften Bilder von Angſt und Grauen eindruckte, die das Blut verzehren und alle Nerven zu zerreißen drohen. Angſtvoll, ſtohnend, ohne Kraft und Gegen⸗ wehr, nagte ſo der ſchreckliche Wahnſinn an der Un⸗ gluͤcklichen, ohne daß Electa oder eine andere Huͤlfe zu ihrer Linderung erſchien. Schon war die Nacht weit vorgeruͤckt, ſchon brach ſich die Wuth des Fiebers, da nahete auf's Neue ein wildes Geheul ihrer Thuͤr. Selbſt in der Verwilderung ihres Geiſtes erkannte ſie die grauenhaften Toͤne, die ſo oft zur Nacht das Schloß aufſtörten durch den Wahnſinn der furchtbaren Lady Sommerſet, und ein heller Schrei des Entſetzens ent⸗ fuhr ihren Lippen, als ſie die Thür aufreißen ſah, und die Wahnfinnige mit einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinſtuͤrzte. Langſam heulend nahte ſie ſich lauſchend; vorge⸗ bogen ſtreckte ſie den Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit ſtarren, trüͤben Augen das Schlachtopfer ihrer Wuth. 182 Ich komme, Dich ſelbſt zu pflegen, rief ſie hoͤh⸗ niſch, da ich Dir Electa eingeſperrt habe. Ja, Du wirſt bald geneſen, koſte nur erſt von meiner Arznei! Ein ſchauderhaftes Lachen folgte dieſen Worten. Sie ſetzte den Leuchter taumelnd auf die Erde und rieb ſich wie in großer Angſt die Haͤnde. Arznei war es! ſchrie ſie plotzlich furchtbar auf, über Maria hinaus blickend, wie nach einem andern Gegenwärtigen. Ich ſage Dir, Arznei war es, die ich Overburh ſchickte, nicht Gift! nicht Gift! nicht — nicht Gift! Furchtbar roͤchelnd wiederholte ſie dies letzte Wort viele Mal hintereinander, während ſie, ſtarr zum Boden blickend, alles Andere vergeſ⸗ ſen zu haben ſchien und ſo furchtbar zitterte, daß ihre duͤrren Glieder zu kniſtern ſchienen. Doch plotz⸗ lich, mit dem ſchnellen Wechſel des Wahnfinns, fuhr ſie empor. Aber Du, Du, rief ſie, auf Maria einſtuͤrzend, ſollſt mir buͤßen! Er war ſo ſchnell, den Platz einzu⸗ nehmen, von dem er ihn verdrängt; Herzog mußte der Bube Villers werden, Herzog, Herzog! wie mein Som⸗ merſet, und ich ſollte mich nicht räͤchen? Habe ich doch Dich, auf die er neue Pläne des Ehrgeizes baut, biſt Du mir doch ſicher. Nie, nie ſollſt Du ſie wie⸗ derſehn! Nennt mich die ganze Welt Giftmiſcherin, 183 Moͤrderin, wohlan, ich will den Ruf verdienen, an Dir verdienen. Mit dieſen Worten flog ſie auf Maria zu und umklammerte ſie mit der Stärke des Wahnſinns. Starr vor Entſetzen hatte die Unglückliche den gan⸗ zen Vorgang mit angeſehn und, von der eignen Qual des heißen Fiebers beherrſcht, kein Gebein geregt. Als ſie ſich aber jetzt in der Todesnoth von den wuͤthend eingegrabenen Haͤnden des ſchrecklichen Weibes faſt erwurgt fuͤhlte, erwachte alle Kraft der Jugend, erhoͤht durch die Ueberſpannung des Fiebers, und ſie riß ſich mit der ſchrecklichen Laſt empor und ſchleuderte die wuͤrgenden Haͤnde von ihrem Halſe los. Doch wenn auch ihr erſtes Erſtaunen, Widerſtand zu finden, die Wahnſinnige abgewieſen hatte, mit neuer Wuth fuͤhlte ſich Maria bald umklammert, und ihre eignen Kraͤfte, vom Fieber verzehrt, ſchienen zu erlahmen, ihre Beſin⸗ nung ward undeutlich, ihr Haupt heiß und ſchwer, ihr Auge ließ ſie alle Gegenſtände im Kreiſe tanzend ſehn. Noch eine angſtvolle Bewegung, ſich loszuwinden, machte ſie, dann brachen ihre Knie, ſie ſank mit ihrer Verfolgerin zur Erde, ſo daß ſie den Armleuchter um⸗ warf und die Kerzen erloſchen. Die tiefſte Dunkelheit, welche jetzt beide Ringende umfing, aͤnderte ploͤtzlich die Scene. Die Wahnſinnige 184 ſchien zu vergeſſen, was ſie vorhatte, als ſie Maria nicht mehr ſehen konnte; ſie ließ ſie los und richtete ſich auf. Wo biſt Du, Sommerſet? ſprach ſie leiſe; ſprich, mein Gemahl, wo ſoll ich Dich finden? Warum gehſt Du ſo einſam durch die Nacht? Over⸗ burh ſtarb ja nicht an Gift, Du, Du wenigſtens biſt ja unſchuldig; ich werde Dich ſuchen, Du darſſt nicht ohne Beichte ſterben. Komm in Dein Zimmer, heulte ſie von Neuem furchtbar auf, ſtirb nicht auf der Treppe, ehe Dir die Kirche vergab!— Seine Leiche, ſeine Leiche! ſchrie ſie plotzlich auf, als ſie an Marias daliegenden Koͤrper ſtieß, und eilte, ſich aus der Thuͤr zu ſturzen, die eben von Außen geoͤffnet ward und einen matten Lampenſchein eindringen ließ. Wuͤthend und blind für jeden Gegenſtand ſtürzte die Elende an der Eindringen⸗ den voruͤber, den langen Gang in grauenvoller Schnel⸗ ligkeit hinabfliegend, von dem aus ſie einen erleuchteten Vorplatz erreichte. Zum Tode erſchreckt trat Margarith nun naͤher; denn dieſe arme Leidtragende hatte nach der Ermüdung in ihrem Kummer voll Sorge ihres Fraͤuleins gedacht und ſich einſam durch die langen Wege geſchlichen, die Einzige zu erreichen, bei der ſie Linderung hoffte, die Einzige, die ihr in dieſem Schloſſe geblieben. — 185 Doch wie fand ſie dieſelbe, todtenbleich und einer Leiche aͤhnelnd, mit zerriſſenen Kleidern, mit blutender Stirne! Margarith zweifelte nicht, das entſetzliche Weib habe ſie erdroſſelt. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten ſie anfaͤnglich zu uͤberwaͤltigen, aber das Ge⸗ fuͤhl, wie viel darauf ankame, daß ſie bei Beſinnung bliebe, und die gänzliche Huͤlfloſigkeit ihrer Lage riefen ihre Kräfte in's Leben und gaben ihr die Mittel ein, eine Rettung zu verſuchen. Sie brachte die Ungluͤckliche nach ihrem Bette, ſie wuſch das Blut ab und verband die Wunde, deren Urſache ſie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter erkannte, und hatte die unausſprechliche Genugthuung, bald einen Seufzer, dann ein leiſes Athmen wiederkeh⸗ ren zu hoͤren und endlich die Augen ſich oͤffnen zu ſe⸗ hen, die nun keinen Zweifel ließen, daß ſie lebe. Aber wie wenig ſchien damit erreicht, als Margarith nun erſt erkannte, wie zerſtoͤrt die geliebte Herrin war. Angſtvoll und unſicher irrten die Augen der Er⸗ wachten umher, ſie verſtand keine Frage, die Marga⸗ rith that, oder konnte doch die krampfhaft verſchloſſenen Lippen nicht oͤffnen; nur zuſammenſchaudern ſah man ſie oft und Margarith verſuchte, den faſt ſtarren Koͤr⸗ ver auf das elende Lager zu legen und ihn mit Allem zu bedecken, was in dem elenden Zimmer ſich vorfand. * 186 Doch hiermit ſah ſie auch ihre Huͤlfsmittel er⸗ ſchoͤpft, denn wie ſie ihr weiteren Beiſtund verſchaffen oder einen der Schloßbewohner zur Huͤlfe bewegen ſollte, da ihr Vater nicht mehr lebte, der Einzige, der es ge⸗ wagt, die ſtrengen Befehle der Schloßfrau hinſichtlich der Ungluͤcklichen zu umgehen, ſah ſie nicht ein und ſchien ihr ein hoffnungsloſer Verſuch. Dabei kam es ihr vor, als fürchte die Kranke ihre Entfernung, als erkenne ſie den Schutz ihrer Nähe, denn ſo ſtarr die Zuge waren, druckten ſie doch Angſt aus, wenn Mar⸗ garith nach der Thuͤr ging. Schon brach der Morgen an und ſendete ein fahles troſtloſes Licht auf dieſe Ver⸗ laſſenen, und noch ſaß Margarith in Plänen zu Ma⸗ rias Rettung vertieft, und verwarf, was ſie beſchloſſen, und beſchloß, was ſie auf's Neue verwerfen mußte. Dabei blieben die Augen der Kranken ſtarr und truͤbe, aber weit offen; der Schauder durchrüttelte, wie es ſchien, hochſt ſchmerzhaft zuweilen ihren kalten, gelähm⸗ ten Koͤrper, und laͤngſt hatte Margarith aufgehoͤrt zu fragen, denn angſtvoll aber vergeblich war die gung, zu antworten. Endlich in immer ſteigender Angſt kniete 865 an ihrem Kopfkiſſen nieder und rief: Ihr braucht nicht zu antworten, liebe Lady, ich werde Euch nur ſagen, was ich thun will; denn — ſo koͤnnt Ihr nicht laͤnger liegen bleiben; ich will in's Schloß gehn, Eure Thuͤre unterdeſſen verſchließen und Euch herbeiſchaffen, was Gott mich vielleicht finden laͤßt. Auch hier blieb die Antwort aus, aber der Aus⸗ druck von Angſt und Betruͤbniß kehrte ſtärker zuruͤck, als vorher, und hätte beinahe Margarith zuruckgehal⸗ ten, haͤtte ſie ſich nicht ſchnell entſchloſſen, davon zu laufen. Ihre Sorge war nur, wie ſie die Thuͤr, die ohne Schloß war und nur von Innen einen Riegel hatte, verwahren ſollte. Sie ſchleppte einiges Geruͤmpel, was den fruͤher erwähnten Eingang verbarg, zuſammen. Sie hatte dadurch wenigſtens den erſten Verſuch ver⸗ hindert, einzudringen, und durfte um ſo mehr auf einige freie Zeit hoffen, da Lady Sommerſet den auf ſolche Nachtzuſtände folgenden Tag uber gewoͤhnlich in ihrem Bette blieb. So eilte ſie nun fluͤchtigen Fußes zuruͤck in den bewohnten Theil des Schloſſes und hatte in ihrem from⸗ men Eifer, zu helfen, ſo ganz vergeſſen, was ſie ſelbſt betroffen hatte, daß ſie faſt vor Entſetzen zuruͤcktaumelte, als ſie in das ſchwarz behangene Zimmer trat, deſſen ganze fruͤhere Einrichtung verſchwunden war, nur das leere hoͤlzerne Geſtell zeigte noch den Ort, von wo, am 188 Abend vorher, der Sarg des Vaters zu ſeiner Beſtat⸗ tung abgehoben wurde. Gott ſei mir gnädig! rief ſie und wäre faſt zu⸗ ruͤckgewichen, aber ein unſchuldiges junges Gemuͤth rech⸗ net ſich die Furcht vor einem verehrten Verſtorbenen immer als ein Unrecht an, auch war mit der gaͤnzli⸗ chen Verlaſſenheit ihrer Lage und den Anſpruͤchen, die eben jetzt an ihre Entſchloſſenheit gemacht wurden, der zarte Uebergangspunkt zu einer hoͤhern Periode des ju⸗ gendlichen Daſeins eingetreten, wo die erſte Anforderung an eigne Wahl und eigne Entſcheidung jenes Gefuͤhl von Selbſtſtändigkeit hervorruft, das die Seele ſuͤß und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen hoͤhern Le⸗ bens durchſchauert. Ach, mein Vater! rief ſie, kindlich die Haͤnde' fal⸗ tend und an dem leeren Geruſte niederſinkend, als truͤge es noch den geliebten Todten, lenke Du meine Schritte, fuͤhre Du die Rettung herbei, die uns Noth thut, Du, der Du Alles ſegnen wirſt, was ich fur die Arme thue. Muthig und geſtärkt erhob ſie ſich, und durchmaß furchtlos das kleine Gemach, das der Morgen ſchon mit einzelnen Sonnenſtrahlen erhellte. Sie ſelbſt loͤſte die ſchwarzen Vorhaͤnge an der Hinterwand und offnete das dahinter verborgene Schraͤnkchen. 189 Da hoͤrte ſie das Anſchlagen der Hunde an der äußeren Mauer; die Eingangsglocke laͤutete, und ſie uͤber⸗ legte nun, daß die Thaͤtigkeit im Schloſſe erwacht und ihr Ruͤckzug nicht ohne Gefahr ſei. Sie horchte, und die kleine Pforte drehte ſich, ein lautes Hundegebell geſellte ſich innerhalb zu dem fruͤhern von Außen. Ach! nie konnte ſie dies Gebell hoͤren, das ihr faſt ſo lieb war, wie bekannte Menſchenſtimmen, ohne der ſuͤßen Zeit zu gedenken, wo mit dem Wildmeiſter, deſ⸗ ſen muntere Ruͤden es anſchlugen, Lanci einzuziehn pflegte und bei der Ablieferung des Wildes die Gele⸗ genheit wohl zu benutzen wußte, ihr einen zaͤrtlichen Gruß zuzufluͤſtern. Seufzend dachte ſie ſeiner weiten Entfernung, und Thränen traten in ihre Augen über ſo viel Mißgeſchick. Doch, ſich zuſammenraffend, nahm ſie ein Sackchen mit Kräutern, welche, gekocht, der Vater oft bei plotzlichen Erkrankungen für ſich und Andere angewendet hatte; ſodann auch noch eine große, warme Decke von bunter Seide mit den Abbildungen von Adam und Eva, ein Prachtſtuͤck aus dem Nachlaß ihrer Mutter, wo⸗ mit ſie nun die arme erſtarrte Lady zu erwärmen be⸗ ſchloß. Ferner legte ſie in einen kleinen Tragkorb den Torf, der am Kamin unverbraucht lag, ſteckte ein Toͤpf⸗ chen dazu, um die Kräuter zu kochen, nahm das Feuer⸗ 190 zeug des Vaters und wollte eben den Ruͤckweg an⸗ treten, da ſie aus dem lauten Geſpräche im Hofe ſchließen konnte, daß der Weg im Schloſſe noch frei ſei: als ihr Auge durch das uns bekannte Fen⸗ ſter blickte und theilnehmend an der großen Geſtalt des guten Wildmeiſters hängen blieb, der ihr Pathe war, Lanci geliebt und das Liebesſpiel der unſchuldi⸗ gen Kinder nie geſtoͤrt hatte. Er ſtand mit dem Geſichte nach dem Fenſter gekehrt und zählte aus einem Korbe, den ein Bur⸗ ſche, gebeugt unter der Laſt, auf der Schulter trug, dem Koche ſeinen Vorrath zu. Sie ging faſt me⸗ chaniſch näher und druͤckte ihr blaſſes Geſicht gegen die Scheiben, faſt wuͤnſchend, er moͤge ſie ſehn, ihr ein Wort des Troſtes ſagen uͤber den Vater, den er ſo geliebt. Da war es ihr, als zeige der Alte nach ihr hin, der Koch wandte ſich um und nickte, wie zur Beſtäti⸗ gung. Er hatte ſie erkannt, er wollte ſie ſprechen, das war gleich zu ſehn, denn er betrieb die Ablieferung ei⸗ lig und warf das große, innen gegerbte Fell, das den Vorrath verdeckt hatte, ungeduldig uͤber den leeren Korb, daß der Burſche ſelbſt faſt danit bedeckt ward. Dann ſchritt er, ihn mit ſich nehmend, feſt uͤber den Hof dem Fenſter zu, das Margarith ſchon offnete, um, mit 191 Thränen uͤberſchuͤttet, den alten Freund des Vaters zu erwarten. Armes Maͤdchen, ſagte der Wildmeiſter, ihr nä⸗ her tretend, weine nur, kaum weint man genug um ſolchen Ehrenmann, ſolchen Vater! Du biſt jetzt ſchlimm dran, armes Ding! In dem verwuͤnſchten alten Eulen⸗ neſt kannſt Du ohne Schutz nicht bleiben, fuͤgte er hinzu, als ein Blick auf den Hof ihn uͤberzeugte, daß der Koch beſchaͤftigt war. Ach, unterbrach Margarith das Schluchzen, ich bin noch viel ſchlimmer dran, als Ihr denkt; koͤnntet Ihr mir doch nur Rath geben. He, Gumpricht! rief der Wildmeiſter den Koch an, laß mir ein Maß Gewuͤrzſuppe kochen, es iſt klamm heut Morgen; ich komme zu Dir, wenn ich das Ma⸗ del ein wenig getroͤſtet. Schon gut, ſchon gut, entgegnete Gumpricht, ſollſt wohl ſonſt noch einen Biſſen zur Stärkung finden, komm nur, am Heerde iſt's nicht klamm. Zugleich zog er mit ſeinen beiden beladenen Knechten in das Schloß hinein. Margarith, deren Thranen an dem Entſchluſſe in's Stocken gerathen waren, den Wildmeiſter um Rath fuͤr ihr Fräulein anzugehn, hoͤrte jetzt erſt mit Erſtau⸗ nen, wie heftig der Burſche ſchluchzte, der, noch immer 192 von dem Felle verhangen, ſich an die Mauer des Fen⸗ ſters lehnte. Was fehlt Euerm Burſchen, Pathe? Hoͤrt, wie er weint, hat er den Vater auch gekannt?— Ich glaube wohl, ſagte der Wildmeiſter trocken, und zog ihm Korb und Fell vom Kopfe, und zugleich hielt er ſeine große Hand auf Margarithens Mund, die mit einem Schrei zuſammen fuhr, als ſie Lanci's theure Zuͤge jetzt erkannte. Schweigt alle Beide oder ich jage Euch von ein⸗ ander, rief der Wildmeiſter, die eigne Ruhrung unter angenommenem Zorn verbergend; willſt Du mit Dei⸗ nem Geſchrei das Schloß zuſammen rufen, dummes Mädchen?— Und Du, laß das Heulen! ſchrie er auf Lanci ein, der es ſchon ließ und bereits das Fenſter⸗ geſims erſtiegen hatte, Margarith in ſeine Arme ſchließend. Jetzt mußt Du nicht wie ein Maͤdchen, ſondern wie ein Mann thun, ſetzte er hinzu, die jun⸗ gen Leute, die ſich ſtumm umfaßt hielten, gutmuͤthig mit ſeiner durch einen Mantel breiter gemachten Ge⸗ ſtalt deckend. Ach Margarith, rief jetzt Lanci, unſer guter, alter Vater, war er auch ſterbend noch boͤs auf mich? Niemanden hat er mehr gekannt, Lanci, weinte Margarith. Keinen Segen hat er mir gegeben, aber 193 als er lebte, hat er oft von Dir geſprochen, hatte Dich ſehr lieb und ſagte immer, der Onkel Porter wuͤrde Alles ſchon machen mit Dir und mir. Hat er das geſagt! ſchrie Lanci freudig auf, o, dann thue auch, was Dir Onkel Porter befiehlt, und folge mir mit Deinem Fräulein, wozu wir Alles be⸗ reit haben!— Großer Gott! Lanci, Du biſt ganz verwirrt, wo ſollen wir hier fortkommen, wo Du weißt, daß die Lady Alles bewachen läßt.— Sei ruhig, erwiderte Lanci, iſt uns auch viel dadurch verdorben, daß Dein guter Vater uns keinen Rath mehr geben kann, muͤſſen wir doch fort, und das ſobald als moͤglich, und ehe Pater Johann zuruck koͤmmt, der ſchon im Städtchen angelangt iſt.— Nun dann ſei uns Gott gnädig, wenn der ſchon im Städtchen iſt! Lanci, wir können, fuͤrchte ich, auch wenn die Thore aufſtuͤnden und Keiner uns aufhielte, ſobald nicht fort.— Seht Ihr wohl, ſprach Lanci mit ausbrechendem Zorn zum Wildmeiſter, habe ich es Euch nicht geſagt, daß das Mädchen nicht fort. will, daß ſie ihr altes Schloß lieber hat, als mich! Aber, wendete er ſich zu ihr, die Ladh ſoll ja mit, um ihretwillen geſchieht ja Alles. Godwie⸗Caſtle 1II. 13 194 Wenn Du vernuͤnftig zuhoͤrteſt, was Dir geſcheidte Leute zu ſagen haben, dann wuͤrdeſt Du nicht ſo un⸗ finniges Zeug von mir reden, rief Margarith, nun auch ſchmollend; eben um der Lady willen geht es nicht, denn ſie liegt ſterbenskrank darnieder. Großer Gott, welch' ein Ungluͤck! rief Lanci, nun ſind wir Alle ſchoͤn dran! Die arme Lady, was fehlt ihr denn, ſie wird doch nicht ſterben, wo iſt ſie denn, kann ich nicht zu ihr? Ach, ſprach Margarith, ich weiß Dir nicht auf alle Deine Fragen zu antworten, koͤnnteſt Du nur hier bleiben und mir helfen! Denke nur, ſie liegt im Thuͤrmchen nach dem Meere zu, hat ein hartes Lager, kein Feuer, keine Arznei, und vorige Nacht wollte die alte Ladh ſie erwuͤrgen, als ich dazu kam und ſie dadurch gerettet ward. Ach, wenn Du ſie ſieheſt, kein Menſch erkennt mehr das ſchoͤne Fräulein; ſo haben dieſe Unmenſchen ſie mißhandelt. Selbſt der Wildmeiſter ſchlug vor Erbarmen die Haͤnde zuſammen, und Lanci gebehrdete ſich ganz troſtlos. Was ſollen wir denn thun? rief er endlich, hier ſtirbt ſie gewiß, und was werden die Herren ſagen? Wildmeiſter, ſprecht doch, rathet uns doch! 195 Hoͤrt, ſagte der Alte, das Ding iſt ſchlimm und, wie mich duͤnkt, nicht viel zu machen. Lanci habe ich einmal hier, beim Koch will ich bis Mittag ver⸗ weilen, indeß, Margarith, ſuche Du Lanci hinauf zu bringen, daß er ihr ſagt, wie's ſteht. Hoͤren wird ſie ihn doch konnen, und verſtändig iſt ſie auch, wie Mi⸗ klas ſagte, da laßt ſie ſelbſt den Beſcheid uͤberlegen; auch thut ein Bischen Hoffnung oft ſo gut, wie Arznei. Alſo fort, macht leiſe und geſcheidt, und haltet Euch nicht unnuͤtz auf mit Euch ſelbſt; länger als bis Mit⸗ tag kann ich nicht bleiben. Die jungen Leute waren ſogleich bereit, zu folgen, und wenn der Weg über den Flur zuruͤckgelegt war, blieb nicht viel mehr zu fürchten. So ſchickten ſie ſich mit ihrer kleinen Laſt an, den Verſuch zu ma⸗ chen, und der Wildmeiſter ſchritt uͤber den Hof zuruͤck, nach dem Wirthſchaftsflugel, wo der Koch ſein Reich hatte, der ihn luſtig und heiter empfing, und am Heerde niederſetzen ließ. Die erſten Schritte der beiden jungen Leute wa⸗ ren zagend und unſicher, dann flogen ſie wie gejagte Rehe und hatten bald den gefährlichen Platz hinter ſich. Da es in den Gaͤngen erſt ſpät Tag ward, und heute der im ganzen Schloſſe ſchon bekannt ge⸗ wordene Zuſtand der Lady Allen längere Ruhe gonnte, 13* ſo erreichten ſie ohne Hinderniſſe den kleinen Thurm, deſſen Thuͤr ſie noch zu ihrem großen Troſte mit dem⸗ ſelben Geruͤmpel verſetzt fanden, wie Margarith es an⸗ geordnet hatte. Nun laß mich erſt hinein und verkrieche Dich indeß, ſonſt moͤchte ſie bei Deinem ploͤtzlichen An⸗ blick zu ſehr erſchrecken, rief die Kleine, und nahm, was er trug, und ſchluͤpfte hinein, ſo leiſe ſie es nur vermochte. Noch lag die Kranke auf derſelben Stelle, mit dem⸗ ſelben ſtarren Blick, der nur einen beſtimmteren Aus⸗ druck von innerer Angſt zeigte. Ach, ſeufzte Margarith ſchmerzlich, indem ſie ihr näher trat, immer noch ſo ſehr krank, nicht ein wenig beſſer, liebe Lady? Der Verſuch, zu antworten, den die Kranke mach⸗ te, wißlang wieder, und das verſtändige junge Maͤd⸗ chen erkannte bald, daß hier keine Nachrichten hel⸗ fen wuͤrden. Sie breitete daher ihre ſchoͤne, warme Decke aus, und huͤllte Schultern und Fuͤße beſorg⸗ lich ein, dies Alles mit liebreichen Worten begleitend. Dann aber flog ſie zum Kamin und legte auf den lange Zeit ungebrauchten Roſt die trockenen Torf⸗ ſtuͤcke, machte an kleinen Bundeln Stroh das Feuer an und war entzuͤckt, als es luſtig aufloderte, ſie nun 197 ihr Toͤpfchen mit Waſſer hineinſchob und die Kräu⸗ ter bereit hielt, ſie in das ſiedende Waſſer zu ſchuͤt⸗ ten. So gelang es ihr endlich, der Leidenden das warme Getränk einzufloͤßen, welches dieſelbe mit be⸗ ſonderem Beſtreben zu ſich nahm, nnd deſſen wie⸗ derholter Gebrauch zu Margariths unausſprechlicher Freude die Starrheit der Zuͤge zu loͤſen ſchien, ja, es ihr endlich moͤglich machte: Gute Margarith, zu ſtammeln, was auszuſprechen, ſich ihr ganzes Herz geſehnt hatte. Ihr Blick ward nun milder, ja, die Augenlieder ſenkten ſich und blieben endlich ruhen. Margarith lauſchte mit angehaltenem Athem; ſie war nach einiger Zeit vollig gewiß, daß der Schlaf ſeinen ſtillen Segen über die Leidende geſenkt hatte⸗ Nun ſchob ſie ſich leiſe zum Heerde, ſchurte das ſanfte Torffeuer, das die kalte Luft des Thur⸗ mes wohlthätig veraͤnderte, und blickte ſehnſuchts⸗ voll nach der Thuͤr, tauſend Mal die Wonne, ſie zu oͤffnen, gegen die Gefahr abwaͤgend, die Kranke dadurch zu erwecken. Sie bezwang ſich lange, dann verſtaͤrkten ſich die Ueberredungsgruͤnde, es zu wa⸗ gen, ſie glaubte die Ladh tiefer eingeſchlafen; ge⸗ gen Mittag mußte ſie ja ohnehin erweckt werden, um zu entſcheiden uͤber Lancis Mittheilungen. Ge⸗ nug, ſie oͤffnete leiſe, und der dicht davor lauſchende 198 Lanci, der ſich ziemlich den Zuſammenhang gedacht, ſchluͤpfte leiſe herein, und Beide kauerten ſich nun, ſich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verſtän⸗ digend, am Heerde hin und blickten ſich an, ſtumm lächelnd vor Seligkeit. Wohl miſchten ſich Margariths ſanfte Lhrinen und Lancis leiſe Wehklagen um den Vater ein, aber wer wußte nicht, daß kein Gefühl des Schmerzes lange Raum findet in der Bruſt, die von dem Wohl⸗ laut begluckter und vereinigter Liebe erfullt wird! Jede Lage, welche die Glücklichen vereinigt, und wäre es das letzte Brett des geſcheiterten Schiffes in der to⸗ benden Fluth, wär' es unter dem Ausbluten der tödt⸗ lichen Wunde, die Beiden den Tod ſichert, wär' es in der tiefſten Gruft des Kerkers, die ſie ſchiede von der übrigen Welt, wenn nur ſie Beide nichts ſchei⸗ det:— jeder Ort iſt ihnen dann die kleine gluͤckſe⸗ lige Inſel, auf der ſie ſich befinden, als zur Selig⸗ keit beſtimmt, nichts wahrnehmend, was ihnen gebraͤche, durchdrungen von der Atmoſphäre innigſter Befriedi⸗ gung! Wer nach dieſer letzten geretteten Frucht des Paradieſes greifen, und ohne Furcht und ohne Reue ihren geheimnißvollen beſeligenden Inhalt genießen darf: er ſchweige ohne Klagen ſtill, wenn das Leben andere Opfer fordert; zu einer Ewigkeit von Leiden wuͤrde er das Gegengewicht finden.— Bald fluͤſterten ſie lau⸗ ter, und wechſelten ſchneller Frage und Antwort, in der glucklichſten Sicherheit die ganze Welt vergeſſend. Da hoͤrten ſie ploͤtzlich leiſe uud endlich lauter wieder⸗ holt die Worte: Wo bin ich? Margarith, biſt Du hier? Wer um⸗ giebt mich? Erſchrocken ſprangen Beide auf, und Margarith flog nach dem Bette. Aufgerichtet ſaß hier Lady Ma⸗ ria, und blickte matt und fragend in Margariths treue Augen. Theure Lady! rief das gute Maädchen heiter, o Gott ſei gedankt, daß Ihr ſo weit ſeid, Ihr konnt ja ſprechen und Euch bewegen, nicht? Euch iſt beſſer? Beſſer, gutes Kind, erwiderte Lady Maria ſanft, wenn auch nicht geneſen; ich bin ſehr matt, aber Dei⸗ ner liebevollen Muͤhe danke ich, daß der qualvolle Zu⸗ ſtand endete, in den mich die ſchreckliche Lady verſetzt hatte. Wie hat man Dich aber zu mir gelaſſen, und wie werde ich zu ſichern ſein gegen die ſchreckliche Frau, deren Anblick ich furchte wie den Tod. Doch ſage mir, fuhr ſie fort, ſind wir allein, oder bewegt ſich hinter Dir Jemand? 200 Margarith trat ſchuͤchtern ſeitwärts und zeigte Lanci, der ſich auf den Knieen hinter ihr verborgen hatte. Zuͤrnt ihm nicht, theure Lady, ſprach ſie dabei, er meint es gut, will uns Beide retten⸗ Lanci, ſagte Lady Maria, biſt Du aus London zuruͤck? Gutes Kind! hier ſind ſchlimme Zeiten indeß eingetreten; Margarith und ich haben unſern einzigen Beſchuͤtzer verloren. Ja, Ladh! rief Lanci, noch immer auf ſeinen Knieen liegend und zugleich überwältigt von Verehrung und Betruͤbniß uͤber ihren Anblick; ja, es iſt viel Trauri⸗ ges geſchehn, aber hat Gott Euch einen Beſchuͤtzer ge⸗ nommen, ſo hat er Euch zwei dafuͤr wiedergegeben, die Alles anwenden, Euch hier wegzufuͤhren. Lady Maria ſchwieg einen Augenblick, und ſah ihn truͤbe und nachſinnend an; dann ſprach ſie muthlos: Niemand von Allen, die mir einſt Schutz gaben, kennt mein Gefaͤngniß, guter Lanci, wer ſollte außer ihnen ſich mein erbarmen wollen? Doch, doch, ſprach Margarith eifrig und zog Lanci näher, indem Beide vor dem Bette niederknieten, es ſind alte Freunde von Euch, liebe Ladh! Nicht wahr, fragte Lanci, recht begluckt lächelnd, Maſter Brirton iſt ein alter Freund von Euer Gna⸗ den? ——— 201 Brirton! rief Maria, und die Ueberraſchung goß ein lang verſchwundenes Purpurlicht uͤber ihr Ge⸗ ſicht. Mein Lehrer! Mein Freund! Mein zweiter Vater! Ja, Ladh! rief Lanci, er iſt in Eurer Naͤhe, und fuͤr Eure Flucht wird geſorgt ſein, ſo bald Ihr gehen koͤnnt; werdet nur geſund. Geſund? rief Maria, als fruͤge ſie ſich ſelbſt, ob ſie noch krank ſein koͤnne bei dieſer Botſchaft. Ich bin geſund, geſund genug, um dieſem Kerker entfliehen zu koͤnnen. Steht auf, Kinder, damit ich meine Kräfte pruͤfe, ſie können mich nicht verlaſſen wollen, wo ſie mir dienen ſollen. Sie warf die Decke weg und ſtand plotzlich in ih⸗ rem groben Nonnenkleide vor dem erſtaunten Lanci. Aber dieſer ſchnelle Aufſchwung der Kräfte, dem Ruf des ſtarken Geiſtes gehorchend, war nur voruͤbergehend; ſchwindelnd fuͤhlte ſie ihr Haupt von heftigen Schmer⸗ zen durchzuckt und ſank faſt eben ſo ſchnell erbleichend auf ihr Lager zuruͤck. Betruͤbt ſahen die jungen Leute dieſen Zuſtand mit an und mochten daraus bange Schluͤſſe fur ihre Lage ziehn, als Lady Maria ſich anſtrengte, ſich aufzurich⸗ ten, und, von Margariths Armen unterſtützt, auf⸗ recht zu ſitzen ſuchte. 202 Sprich, mein Kind, ſprach ſie zu Lanci, Du mußt mir viel zu ſagen haben. Schickte er mir kein Zeichen ſeines Daſeins, haſt Du keine Zeile von ihm an mich?— Nein, theure Lady, das nicht. Ich mußte heim⸗ lich von da fort, wo wir zuletzt raſteten, um Euerm Feinde zuvorzukommen, denn Pater Johannes iſt im Anmarſch. Hätte der mich geſehn, ſo wär' ich und vielleicht der ganze Plan verloren geweſen. So bin ich nun vorangeeilt, damit Ihr nur erſt wuͤßtet, daß wir da ſind, und in der Hoffnung, daß wir eher, als er, ankämen.— Ach, rief Maria ſchmerzlich, warum verlaͤßt mich meine Kraft! Wie dringend noͤthig ſcheint ſie mir, um aus dieſem wohlverwahrten Kerker zu entfliehn, wo die Lady mich bald vermiſſen wird und ich dann auf's Strengſte bewacht ſein werde, erfährt ſie mein Unwohlſein. Denkt denn aber Maſter Brirton nicht daran, mich von der Ladh ſelbſt zu fordern? Wie darf ſie mich zuruͤckhalten, da ſie kein Recht uͤber mich ha⸗ ben kann?— Nein! Nein! liebe Lady, das duͤrfen ſie nicht, das wuͤrde uns alle ungluͤcklich machen. Einer, der Alles angeordnet hat, dem ſie folgen, weil er es am Beſten verſteht, er hat es ſtreng verboten.— —— Und wer iſt dieſer Eine? fragte Maria.— Ich darf ihn nicht nennen, liebe Lady, fraget mich nicht, aber er meint es gut mit Euch, und ich bin ſein Bote, und Ihr werdet mir doch vertrauen?— Ach! ſprach Maria, wenn Brirton Dir vertraut und es alſo will, wie darf ich da noch zweifeln. Doch was kann geſchehn, damit ich entkomme, wie ſoll ich es anfangen?— Dieſe Frage ward durch einen ſchleichenden, ſchlep⸗ penden Schritt auf dem Gange unterbrochen, den Alle zugleich mit nicht geringem Entſetzen hoͤrten. Es nahte Jemand, dies war gewiß, und Lanci durfte nicht entdeckt werden, ohne Verdacht zu erregen, da er uͤberdies aus dem Schloſſe verwieſen war. Das Ge⸗ mach hatte nur die eine Thuͤr, welcher man ſich jetzt von Außen immer mehr näherte. Kein Schlupfwin⸗ kel, kein Raum war zu erſehn, und beinah außer ſich ſchweiften die Blicke der Verrathenen umher. Da zeigte Maria ſprachlos auf das Fenſter, wovor noch Electas Schleier ausgebreitet hing, und Lanci ſchluͤpfte ohne Bedenken dahinter, da ſchon an die Thuͤr gepocht ward und jede Zoͤgerung beim eßen Verdacht er⸗ wecken konnte. Maria legte ſich ſchnell nieder, und Margarith eilte zu oͤffnen, doch fuhr ſie faſt mit einem Schrei 204 zuruͤck, als ſie Pater Johannes vor ſich ſah, der mit ſeinem tuͤckiſchen, lauernden Blick ſie und das Zimmer, in das er einſchritt, uͤberflog. Nichts als Kranke finde ich, rief er, Maria's Lager naͤher kommend, wahrlich große Unordnungen, man kann nicht wohl abweſend ſein, ohne es bereuen zu muͤſſen! Nun was fehlt denn? Bloße Einbildun⸗ gen, nicht? Frauentuͤcken? Kenne dergleichen, wird ſich finden. Maria war im erſten Augenblick vom Schreck und Schwaͤche ſo uͤberwältigt, daß ſie nicht zu ſprechen ver⸗ mochte; der Unmuth ſtieg aber heiß empor, und ab⸗ gebrochen, aber deutlich ſprach ſie jetzt: Pater Johann, ich glaube, wir haben uns Beide zu genau kennen gelernt, als daß Ihr mich einer Ver⸗ ſtellung faͤhig halten ſolltet oder ich Euch zu täuſchen ſuchen moͤchte. O! rief Margarith, Muth gewinnend, Hochwuͤr⸗ diger Herr, glaubt doch dies nicht! Sterbend war die arme Ladh dieſe Nacht; ſie hatte ganz ſtarre Glieder und war ganz ſprachlos, und wär' ich nicht dazu ge⸗ kommen, hätte die hochwuͤrdige Ladh ſie erwuͤrgt. Ihr ſeht noch das Blut am Kopfe von ihrem Falle, als die Ladh ſie nieder warf. 205 Schweig, rief der Pater ihr zu, wer fragte Dich, und wie kommſt Du uͤberhaupt hierher? Wer hat Dir erlaubt, hier Pflege zu übernehmen? Ihr eigenes menſchliches Herz, Sir, rief Maria, da ich, von aller Huͤlfe verlaſſen, den grauſamſten Mißhandlungen preisgegeben war. Habt Erbarmen und laßt ſie nicht buͤßen dafür, daß ſie mir vielleicht das Leben rettete; ich will alles dulden, was Euer Unmuth uͤber mich verhaͤngt, nur dies Maͤdchen treffe nicht Euer Zorn. Pater Johannes warf einen finſtern Blick auf Margarith, aber er hielt inne, als ſpare er ihr Theil ihr wenigſtens noch auf. Sodann zu Maria ſich wen⸗ dend, ergriff er ihre Hand und pruͤfte lange ſchweigend ihren Puls. Unruhig geht er, fieberiſch, vollbluͤtig, murmelte er abgeriſſen; hat nichts zu bedeuten, fuͤgte er hinzu, ſie loslaſſend. Etwas Seeluft wird gut thun. Steht nur auf und haltet Euch zu einer kleinen Waſſerfahrt bereit; um Mittag wird der Wind gut gehen, dann werdet Ihr dies Schloß, was Ihr ſo haßt, verlaſſen, und die kleine Ueberfahrt nach Frankreich wird Euch ſchneller herſtellen, als Ihr denkt, ſetzte er hoͤhniſch hinzu, das tödtliche Erſchrecken, das ſich auf Marias Zuͤgen zeigte, mit Schadenfreude bemerkend. 206 Großer Gott! ſchrie Magarith, das Fräulein ſoll ſterbend, wie ſie iſt, auf die See? Iſt das zu glau⸗ ben? Erbarmt Euch doch, hochwuͤrdiger Herr, ſie ſtirbt Euch ja unterwegs! Schweig! rief er, wild auffahrend und gegen Mar⸗ garith ſo anlaufend, daß dieſe voll Entſetzen zuruͤckwich, bei dem engen Raume des Zimmers aber ungluͤcklicher⸗ weiſe in den Schleier Electas ſich verwickelte, und nun, doppelt entſetzt fuͤr die Folgen zitternd, zu ſchwanken be⸗ gann und nach manchem Verſuche, ſich aufrecht zu er⸗ halten, vor dem keifenden Pater niederfiel. In dieſem Augenblicke riß der Schleier von ſeiner ſchwachen Befe⸗ ſtigung und zeigte dem Pater einen Anblick, der ihn in ein ſo ungemeſſenes Erſtaunen verſetzte, daß ſeine ſchel⸗ tenden Worte augenblicklich verſtummten. Er wandte ſeine Blicke von Maria zu Margarith und Lanci, und Erſtaunen, Wuth und Freude, ſie ertappt zu haben, ſprachen gleich ſtark aus ſeinem anſchwellenden Geſicht, während Lanci mit einem kräftigen Sprunge uber das verhuͤllende Gewand ſetzte und Margarith die Hand reichte, aufzuſtehen, ohne dem Pater eine groͤßere Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, als noͤthig war, ihn eben bei ſeinem Sprunge nicht umzuwerfen.. Man ſah dagegen deutlich, daß der Pater Jo⸗ hannes faſt verwirrt war von dem reichen Stoffe, der 202 ſich hier darbot, um Zorn und Verfolgung und alle boͤſen Abſichten, die er fuͤr die Anweſenden in ſeinem Herzen trug, auszulaſſen. Zweifelhaft, wie er vernich⸗ tend genug ſich ſogleich ausdrucken ſollte, ließ er als Vorſpiel in Augen und Mienen leſen, was ſie zu er⸗ warten hatten. Das Demuͤthigende dieſer Lage machte aber eine ſo lebhafte Anforderung an Marias Gefuͤhl, daß ſie alle ihre Kraͤfte aufbot, um Schreck und Schmerz zu uͤberwinden. Ihr habt nicht noͤthig, Pater Johann, ſprach ſie ernſt und zuͤrnend, indem ſie ſich aufrecht ſetzte, die Beleidigungen auszuſprechen, die Euer muͤßiges Erſtau⸗ nen genugſam angekuͤndigt. Dieſer Jungling iſt allerdings vor Euch verborgen worden, wißt es aber Euch ſelbſt Dank, daß ſelbſt die unſchuldigſten Dinge dem, der ſie thut, noch Furcht vor Eurer Auslegung einfloͤßen, ich ſage Euch, jedoch——— Und ich ſage Euch, bruͤllte Pater Johann, in na⸗ menloſer Wuth ſie unterbrechend, daß jetzt uber Euch alle der Stab gebrochen iſt, daß ich genug von dieſem Buben weiß, um einzuſehn, in welcher Verbindung Ihr mit ihm ſtehn moͤgt, daß mir Krankheit, Pflegerin und Geſellſchafter, alle dieſe verſchiedenen Machinationen, mich zu hintergehn, ganz klar ſind und Alles geſchehn 208 wird, zweifelt nicht, Euch ſo zu ſtellen, daß Ihr es bereuen werdet. Ganz gut, ſagte Lanci trotzig, aber mich koͤnnt 3hr nicht halten; ich bin des Wildmeiſters Burſche, gehoͤre gar nicht in dies Schloß und verlange, daß Ihr mich augenblicklich ungehindert fortlaßt. Fort? bruͤllte der Pater, fort? Eher wollte ich Dich mit eigenen Haͤnden erdroſſeln, als Dich fortlaſ⸗ ſen, Du Bube, den ich ſchon haͤtte zertreten muͤſſen, als Du, Dich ſchlafend ſtellend, vor dem Bette Deines al⸗ ten heuchleriſchen Oheims lageſt. Ha! wenn ich denke, daß er Dich herließ, daß Du ihm nicht entſprungen biſt, ha, welch' ein ſchnoͤder Verrath ahnet mir dann, und wie zur rechten Stunde bin ich da gekommen, Euch alle zu vernichten! Das ſoll Euch ſchwer werden! ſchrie Lanci, ſich aus den Händen der zitternden Margarith losreißend, den Pater bei Seite ſtoßend und wie ein Pfeil durch die Thuͤr in den langen Gang entſpringend. Eben ſo ſchnell flog Margarith nach der Thuͤr und ſuchte ſie vor dem nachdringenden Pater wenigſtens augenblick⸗ lich zu verſchließen, um Lanci einen kleinen Vorſprung zu gonnen. Aber ihre Kräfte reichten gegen die des Paters nicht aus, und Ladh Maria eilte ihr nicht zu Huͤlfe, obwohl ſie ſich von ihrem Lager erhoben 209 hatte; denn lieber wollte ſie das Kommende ertragen, als in ein perſoͤnliches Handgemenge mit dem ver⸗ achteten Manne gerathen. So unterlag Margariths Widerſtand nur zu bald, und nun ſetzte das Geſchrei des Paters dem armen Lanci ſchneller nach, als es ſein ſchwerfaͤlliger Schritt vermochte. Bald ſah ſich der ungluͤckliche Juͤngling von mehreren herbeigerufe⸗ nen Aufpaſſern des Schloſſes ergriffen und zu einem der feſten Zimmer gefuͤhrt, welche gelegentlich dienten, die aufzunehmen, die dem Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren. Indeſſen blieben die beiden ungluͤcklichen Frauen in einem Zuſtande von Kummer zuruͤck, den beide nach ih⸗ rer Art aͤußerten. Während Margarith in Verzweiflung die Hände rang, blickte Maria ſtumm und ohne Worte vor ſich nieder, und fühlte die vollige Veroͤdung, die nach großen Gemuͤthserſchuͤtterungen uns das Gefühl gaͤnzlicher Hoffnungsloſigkeit laͤßt. Jeden Augenblick erwarteten ſie ihren Peiniger zuruͤckkehren zu ſehen, und eine Stunde nach der an⸗ dern ſchlich träge in dieſer bangen Erwartung dahin, ohne ihn oder einen Andern herbei zu fuͤhren. Mit⸗ tag war vorüber, Beide fingen an, aus der erſten Be⸗ taͤubung zu erwachen, Margariths Thraͤnen hoͤrten auf zu fließen, Maria begann ihre Lage auf's Neue Godwie⸗Caſtle III. 14 210 5 zu betrachten, und die Nähe eines Weſens, das fuͤr ſie ſorgte und handelte, wie ſie auch bedroht war, ihm ent⸗ fuͤhrt zu werden, unterließ doch nicht, einiges Leben in ihr aufzuwecken. Da ſeufzte Margarith ſchwer auf und trat vom Fenſter zuruͤck, woran ſie ſich ſo lange gelehnt hatte. Denn tief unten an dem kleinen Vorſprunge der na⸗ tuͤrlichen Bucht, in der das Schloß lag, ſah ſie das Segel⸗Boot ruͤſten und Pater Johannes mit dem alten Kuͤſten⸗Schiffer, der ſeine Leute antrieb, im eifrigen Geſpraͤche begriffen. Der Plan wird alſo ausgefuͤhrt werden, rief hier Maria mit neuem Schmerz, als auch ſie ſich von jenen Vorkehrungen am Ufer uͤberzeugt hatte, und ehe mich die väterliche Liebe meines Wohlthaters erreichen kann, werde ich ihm entriſſen, auf immer nach einem fremden Lande entfuͤhrt, wo mir Tod oder ewiges Gefaͤngniß droht, und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird. Welch' ein unerklärlich trauriges Loos iſt mir be⸗ ſchieden, und wer bin ich, daß ſelbſt Fremde ſich die Hand zu bieten ſcheinen, mich zu verfolgen und in ei⸗ ner grauenvollen Abgeſchiedenheit zu erhalten? Warum giebt man mir nicht lieber den Tod, als mich ſo lang⸗ ſamen Qualen preiszugeben? O Margarith, armes Weſen! was wird aus Dir werden, und wie habe ich 211 Dein und Lancis Schickſal zu Euerm Ungluͤck mit in das meine verflochten!— O denkt nicht an uns, theure Lady, rief hier wei⸗ nend Margarith, denkt doch nur, ob wir nicht ent⸗ kommen koͤnnen, da uns doch außerhalb des Schloſſes Huͤlfe harrt. Ich kann die Moͤglichkeit nicht finden, erwiderte Maria äͤngſtlich umherblickend; Du weißt, wie alle Aus⸗ gänge bewacht ſind, und wie man in dieſem Augenblicke auf uns beide Acht haben wird. Dazu koͤmmt, daß es Tag iſt, daß man uns hier nicht laſſen wird, bis die Nacht eingebrochen, und doch waͤre der einzige Aus⸗ weg zu entkommen ſicher nur, wenn uns die Nacht deckte. Ihr meint auf dem Wallwege, den der Vater Euch ſo oft gefuͤhrt hat, ſagte Margarith, ja, hundert Mal habe ich daran ſchon gedacht, aber wie ſollen wir die kleine eiſerne Thuͤr oͤffnen, da alle Schluͤſſel des Vaters längſt in die Hände des neuen Kaſtellans uͤbergegangen ſind, der ſie alle, wie Gold im Beutel, an ſeinem Guͤr⸗ tel trägt. Dies iſt alſo auch nicht moͤglich, ſprach Maria, und wir wollen uns troͤſten, da das Gelingen dennoch ſehr zweifelhaft bliebe; denn der Schloßgarten liegt noch innerhalb der Schloßmauer, obgleich ein Theil derſelben 14* 212 wahrſcheinlich wegen der Hirten und der Weide in den Graͤben abgetragen iſt. So iſt es allerdings, erwiderte Margarith. Außer meinem Vater, glaube ich, kannte auch Niemand dieſe Verbindung mit dem Schloſſe, und ein Ent⸗ kommen waͤre ſicher moͤglich, hätten wir nur den Schluͤſſel. Nach einigem Nachdenken rief Ladh Maria, ploͤtz⸗ lich aufſtehend: Und doch, Margarith, verſuchen muͤſ⸗ ſen wir es. Laß uns jetzt gleich die Thuͤr unterſuchen, was kann uns geſchehen, wenn man uns entdeckt? Uebleres, als man ſchon vor hat, ſchwerlich, und wer kann mir wehren, die Freiheit zu ſuchen, die Niemand ein Recht hatte mir zu rauben? Sie erhob ſich, doch war ihr Geiſt ſtärker, als ihr Koͤrper. Die unleidlichen Schmerzen am Kopfe traten ſtarker hervor, und die Steifheit ihrer Glieder hatte ſich noch nicht gaͤnzlich gehoben. Mit tiefem Kummer machte ſie die traurige Wahrnehmung, ohne ſie jedoch zu aͤußern, und verſuchte Margarith zu folgen, die ruͤſtig vor ihr herſchritt und, als ſie den Gang leer fand, ſich uͤber das Geruͤmpel hermachte, welches vor dem Treppenthuͤrchen aufgeſtellt war. Lady Maria war bemuͤht, ihr dabei zu helfen, aber ihre Schwaͤche und ihr krankhaftes Gefuͤhl ließen 213 ſie faſt unterliegen. Sie gab daher Margariths Bit⸗ ten nach und bewachte blos den Gang, um, wenn ſich etwa Jemand nähern wuͤrde, ſogleich es anzeigen zu koͤnnen. Gedankenvoll ſchlich ſie bis zu einem kleinen Vorſprung, der einen Blick auf die groͤßere Treppe zu⸗ ließ, ohne ſie ſelbſt zu verrathen. Sie ſah an der un⸗ ruhigen Bewegung der verſchiedenen Schloßbewohner, daß etwas Ungewoͤhnliches geſchehen ſein muͤſſe, und bald erſchien Pater Johannes, von Außen herbei ge⸗ rufen und von einem athemloſen Diener begleitet, eilig die Treppe herauf ſteigend. Warum hat man meine Vorſchrift uͤberſehn? rief er wild und mit allen Toͤnen des Zornes; hatte ich nicht ausdruͤcklich befohlen, daß Hände und Fuͤße ge⸗ bunden bleiben ſollten? Ja, antwortete der angſtvolle Diener, wo aber Stricke hernehmen, die der Kraft widerſtanden, welche die Lady anwendete? Wir alle flogen wie Spreu im Winde, als ſie auf uns zulief, und wer konnte denken, daß ſie gerade nach der Treppenthuͤr laufen wurde, wo⸗ vor ſie ſonſt ſich ſo fuͤrchtete. Es hat wohl ſein ſollen, daß beide Herrſchaften auf derſelben Stelle— In dieſem Augenblick ſchloß ſich die Thuͤr, die Worte waren verhallt, und nur einzelne Diener ſchoſſen noch zuweilen in großer Eile über die Treppe hin. 214 Von unbeſtimmtem Grauen beſchlichen, ſtieg die Ahnung in Maria auf, daß der Wahnſinn der Nacht bei Lady Sommerſet angehalten habe, und daß in die⸗ ſem Zuſtande etwas von ihr unternommen ſein muͤſſe, was an den Unfall und Tod des unglucklichen Lords erinnere. Die Treppenthuͤr und deren Beziehung auf dieſe ſchreckliche Kataſtrophe kannte ſie nur zu wohl, und eilte daher, ſo ſchnell ſie es vermochte, zuruͤck, um Margarith eine Nachricht zu bringen, die einige Hoffnung gab, man werde ihnen bei der Verwirrung im Schloſſe Zeit zur Ausfuͤhrung ihres Planes goͤnnen, welche vielleicht die Aufmerkſamkeit des Pater Johan⸗ nes mehrfach in Anſpruch nahm und ihn an der beab⸗ ſichtigen Entfuͤhrung jetzt hinderte. Margarith nahm zwar an der Hoffnung Theil, aber ihr Herz war doch betruͤbt, da ſie die kleine Thuͤr zwar erreicht, aber jeden Verſuch, ſie zu oͤffnen, ver⸗ geblich geſehen hatte. Verlieren wir nur jetzt nicht den Muth, ſprach dagegen Maria, da uns ein kleiner Hoffnungsſchein dämmert. Laß es uns wagen, und den Armleuchter der Lady anzuͤnden und hierher bringen, vielleicht entdek⸗ ken wir noch irgend ein Mittel gegen dies hartnäckige Thuͤrchen, wenn wir den ganzen Raum unterſuchen koͤnnen. 215 Margarith zeigte ſich gleich bereit und eilte zuruͤck, während bis zu ihrer Wiederkehr Maria noch ein Mal den Gang hinabſchlich, ihre Beobachtungen anzuſtellen. Die Ruhe war wieder hergeſtellt, Flur und Trep⸗ pen leer, und alle Thätigkeit, wie zu hoffen ſtand, in dem Innern der Gemaͤcher vereinigt. Froh ging ſie jetzt dem Scheine des Lichtes ent⸗ gegen, der ihr Margariths Annäherung verkuͤndigte, und Beide unterſuchten nun mit groͤßter Aufmerkſam⸗ keit die kleine Thuͤr und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels. Aber die Thuͤr war zu feſt, um an ihre Oeffnung auf andere Weiſe, als vermittelſt des Schluͤſſels, denken zu konnen, und die Mauer umher ſo dick und von ſo ſtarken Steinplatten, daß Beide muthlos von ihren Bemuͤhungen abſtanden. Als ſie in das kleine Thurmgemach zuruͤckkehrten, mit dem Gefuͤhl, ſich in ihr Schickſal ergeben zu muͤſ⸗ ſen, wenn ihnen von Außen nicht Hulfe kaͤme, ſahen ſie, daß der Abend herangeruͤckt war, und uͤberließen ſich nun der Hoffnung, daß die Vorfälle im Schloſſe die Abſichten des Paters durchkreuzt und die gefuͤrch⸗ tete Abreiſe verſchoben haben könnten. Zeit zu gewin⸗ nen, ſchien ihnen jetzt das Wichtigſte, denn ſie durften hoffen, daß der Wildmeiſter, der von allen Vorfällen des Schloſſes unterrichtet ſein konnte, mit ihrem Be⸗ 216 ſchuͤtzer in Verbindung ſtehe, und daß vielleicht von dort Verſuche gemacht wuͤrden zu ihrer Rettung. So hielten ſie ſich hin, Eine in der Andern Hoff⸗ nung naͤhrend, waͤhrend dieſelbe immer ſchwaͤcher wurde in der eignen Bruſt. Da der Sturm zur Nacht heftiger ging und die Brandung an der Stelle, wo das Segelbvot lag, ſich zu mäͤchtig brach, ſahen ſie deſſen Segel einziehen und es langſam in die große Bucht lenken, die es vom Schloſſe einige hundert Schritt entfernte und lihren Blicken entzog. Schon wollten ſie der Hoffnung Raum geben, die Reiſe ſei heute ganz aufgegeben, indem die Nacht mit ſchrecklicher Dunkelheit anbrach und der Sturm ſich ſteigerte; da ſcheuchte plotzlich ein Schlag an die Thuͤr ſie auf. Beim Oeffnen derſelben trat Pater Johannes in Begleitung zweier Diener herein. Es blieb ihnen nun kein Zweifel daruͤber, was ihnen be⸗ vorſtand, da die Diener einige warme Mäͤntel trugen, welche Pater Johannes ihnen anzulegen befahl. So ſchrecklich dieſer Augenblick war, konnten ſie doch beide nicht uͤberſehn, in welchem Grade das ganze Weſen des Pater Johannes ſich noch verfinſtert hatte, und wie blaß und unruhig ſein Ausdruck war. — 217 Eilt! rief er oft dazwiſchen, es iſt keine Zeit zu verlieren, die See geht immer hoͤher. Du kannſt auf der Reiſe weinen, rief er Margarith zu, wel⸗ che, die Haͤnde ringend, ihre Lady und ſich ſelbſt umhuͤllte, und beobachtete unterdeß die Zuͤge Marias, die, zu ſtolz um ihr Gefuͤhl zu verrathen, weder Wort, noch Blick an ihren Peiniger richtete, ſon⸗ dern mit Ruhe, und ſo weit koͤrperliche Schwaͤche es geſtattete, ſelbſt ihre Kleidung befeſtigte und ihm nicht den Triumph goͤnnte, worauf er noch immer zu hoffen ſchien, daß ſie naͤmlich verzweifelnd ihn anflehen wuͤrde. Doppelt erzuͤrnt uͤber dieſe Täͤuſchung, ließ er nach den noͤthigen Vorkehrungen keine Zeit weiter ver⸗ gehn, ſondern ſchritt nun voran, die Frauen in Be⸗ gleitung der beiden Diener ihm nach, durch den un⸗ bewohnten Theil des Schloſſes, endlich eine ſchmale Wendeltreppe in der Mauer niederſteigend und dann eine Thuͤr aufſtoßend, die unmittelbar in's Freie fuͤhrte. Pater Johannes blieb hier einen Augenblick ſtehn und ſchien irgend etwas zu erwarten. Maria behielt Zeit, um wahrzunehmen, wie ſie auf einem ſchmalen gepflaſterten Wege ſtanden, der ſich hinabſenkte bis zu den Duͤnen, welche mit ihrem weißen Kalkſande wie ein leuchtendes Band das ſchwarze Meer umſäumten, welches hochkochend, ziſchend und im raſchen Takte ſeine Wellen gegen die Kuſten peitſchte. Nach einem Weilchen vernahm ſie ein leiſes Pfei⸗ fen, Pater Johannes erwiderte es, und Maria ſah, daß unterhalb des Steinweges, auf dem ſie ſtanden, zwei Maͤnner ſich näherten, denen Pater Johannes entgegen ging. Nach einer kurzen Unterredung mit dem einen derſelben, rief er den Begleitern der Frauen zu, ſie hinabzuführen.. Maria ſchritt abwärts, ohne Huͤlfe anzunehmen, waͤhrend Margarith, von Schmerz uͤberwältigt, kaum mit der Huͤlfe beider Maͤnner ſich auf den Fuͤßen zu erhalten vermochte. Es ſind Umſtände eingetreten, die mich verhindern, Euch zu begleiten, rief Pater Johannes, hier habt Ihr dagegen Euern Fuͤhrer, der mich erſetzen wird, und dem Ihr unbedingt gehorchen muͤßt. Er wird Euch auf der Reiſe mit allem Noͤthigen verſorgen und nach Eurer Landung an den Ort bringen, wo es fuͤr's Erſte raͤthlich befunden worden iſt, Euch zu bewahren. Nur ſtrenger Gehorſam kann Eure Lage erleichtern, der ge⸗ ringſte Widerſtand wuͤrde ſie verſchlimmern und den⸗ noch nutzlos ſein! Wenn etwas der Verzweiflung in Marias Buſen ein Gegengewicht lieh, ſo war es der Unwille, ſich ſo beleidigend behandelt zu ſehen. Stolz wendete ſie ſich von dem grollenden Pater, der jedes ſeiner Worte mit Gift hätte tränken moͤgen, um ſeinen Unmuth an ihr auszulaſſen. Eure Erinnerungen ſind uͤberfluͤſſig, rief ſie kalt, Alles, was ich in dieſem Schloſſe und von Euch erfuhr, war widerrechtlich und verbrecheriſch. Ge⸗ gen Mißhandlungen der Art hat der Machtloſe nur die Waffe der Verachtung. Ich muß mich in Euern boͤſen Willen fuͤgen, aber vor Gott und Menſchen proteſtire ich feierlich gegen die eben beabſichtigte Ent⸗ fuͤhrung aus meinem Vaterlande. Die Folgen, welche zu lenken, in einer hoͤhern Macht ſteht, als in der Eu⸗ rigen, kommen über Euch; denn ſo es Gott gefällt, wird die Stunde nicht ausbleiben, die Euch zur Re⸗ chenſchaft zieht, und vielleicht iſt ſie Euch naͤher, als Ihr denkt. Mit dem hohen Anſtande eines geſicherten Selbſt⸗ gefuͤhls, und als wäre ſie die Freie und Befehlende, ſchritt ſie jetzt vor, ſo daß die Maͤnner zuruͤckwichen und Pater Johannes, den ihre Worte wie die Stimme einer Prophetin ſeltſam erſchutterten, einen Augenblick wie gelaͤhmt daſtand. Dann fuhr er wild ihr nach 220 und ſchien ſie ergreifen zu wollen, aber es lag in der hohen, ruhig voran gehenden Geſtalt die furcht⸗ loſe Wurde der Unſchuld, die ſelbſt den Pater zuruͤck⸗ hielt, als wäre er durch eine fremde Atmoſphaͤre von ihr getrennt. Sie ſchaute nicht mit einem Blicke zuruͤck und verfolgte den Weg nach den Duͤnen, wo, wie ſie wußte, das Schiff lag, ohne Zoͤgerung oder Schwache zu ver⸗ rathen. Pater Johannes winkte den Andern, zu folgen, er ſelbſt ſtarrte dem Zuge ſprachlos nach, und ein kalter Schauer lief über ihn hin, als ſaͤhe er einem Leichen⸗ zuge nach, deſſen Geſpenſt ihn beruͤhrt habe. Er ver⸗ ſuchte zu rufen, doch die Laute erſtarben ihm in der Beaͤngſtigung der keuchenden Bruſt. Ein heimliches Gericht ward uͤber ihn gehalten, der Augenblick, der wie ein Blitzſtrahl die Seele des Suͤnders erreicht und im Nu Alles ausbrennt, womit er ſein Gewiſſen ver⸗ huͤllt hatte, er war eben jetzt gekommen und erhellte das ſchnoͤde Gewebe, welches er bis dahin blos Klug⸗ heit genannt. Die wenigen Worte, womit die gemiß⸗ handelte Unſchuld ſich vor ihm geltend gemacht hatte, ſie waren der zuͤndende Blitz geworden. Es rief ihm zu, daß er ſie in ihr Verderben, in ihren Tod ſende, der, naͤhme ſie das wilde Meer nicht auf, ihr ſicherer 221 noch an dem Orte zu Theil werden wüͤrde, wo er ſie hinſendete, ſeiner eigenen Rache genuͤgend und ſie jedem andern Bekehrungsverſuche entziehend, der, ihm miß⸗ lungen, keinem Andern wenigſtens Ruhm geben ſollte. Aber die Gewohnheit, zu ſuͤndigen, läßt Gewiſſens⸗ qualen alt werden, ehe ſie Handlungen umgeſtalten: oft bleibt es dabei, daß ſie neben einander ſich wechſel⸗ weis bekämpfen, und wer Sieger ward, bleibt uns dann unenthuͤllt. Er verſuchte, ſeines Gewiſſens zu ſpotten, er wollte zuruͤckkehren nach dem Schloſſe, und ſein Auge ver⸗ folgte doch noch den letzten ſchwarzen Schatten der Geopferten, bis er in dem Umwenden nach dem Anker⸗ platze verſchwand. Er athmete auf und wendete ſich ſo eben, um den Steinweg zu erſteigen, der nach dem Schloſſe füͤhrte. Lange blieb er hier wie angefeſſelt ſtehen, als es ihm ſchien, er hoͤre einen Schuß aus der Gegend, die er eben mit ſeinen Blicken verlaſſen. Das Geraͤuſch des Meeres machte jedoch Alles unſicher, bis endlich ein zweiter Knall, ganz deutlich von einem Feuergewehre, den Lauſchenden uͤberzeugte, daß er ſich nicht getaͤuſcht. Muthig und ſeiner athletiſchen Stärke vertrauend zogerte er keinen Augenblick, nach der Gegend hinzu⸗ ſtuͤrzen, wo er jetzt einen Ueberfall fuͤrchten mußte deſſen Abweiſung allein von ihm ſelbſt das unvermeid⸗ liche Verderben abwenden konnte.— Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zuruͤck, welche bei dem tiefen Gefuͤhle ihres harten, unver⸗ ſchuldeten Geſchicks jene Innerlichkeit zu finden wußte, welche das Vertrauen auf uns ſelbſt als eine Stuͤtze erkennen läßt, die uns erhalten wird, und den Wuͤr⸗ digen uns zugeſellet, von deren geiſtiger Gemein⸗ ſchaft kein Druck der aͤußeren Welt uns zu trennen vermag. Unter dem zeriſſenen, duͤſtern Gewoͤlke des weiten Nachthimmels, der mit der lauten Stimme des Stur⸗ mes, mit dem Brauſen des aufgewuͤhlten Meeres ein zuͤrnendes Wechſelgeſpraͤch zu fuͤhren ſchien, ſchritt die verlaſſene Jungfrau dahin. Ihre Gedanken waren Ge⸗ bete, und ihr Haupt hing auf der Bruſt mit dem hei⸗ ligen Ausdrucke innern Friedens. Hoch hob der Wind den Schleier, als wollten Himmel und Wellen das ſchoͤne Antlitz betrachten, wel⸗ ches, zur Lilie erblaßt, in dem Glanze der Unſchuld zu leuchten ſchien. Ihre Begleiter folgten zwar, aber ſie näherten ſich ihr nicht, als ahneten ſie den erhabenen Zuſtand von Einſamkeit, in den ſie ſich verſenkt hatte, als trugen ſie Scheu vor einem Weſen, welches ſie nicht verſtehn 223 konnten, das aber den Zauber einer hohen und vollen⸗ deten Individualität um ſich verbreitete. So mit jedem Schritte ſich aͤußerlich mehr dem troſtloſen Ziele nähernd, ſtieg innerlich reiner und rei⸗ ner, geſchieden von Furcht und Bangen, ihre Seele freier empor. Das Ringen mit der Außenwelt hoͤrte auf, ſie fuͤhlte ſich auf der Welt allein, aber im ſelben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere ſich ungetheilt auf die ausreichende Fuͤlle goͤttlicher Gemeinſchaft; die Bluͤthen ihres Geiſtes, die welk hernieder hingen, rich⸗ teten ſich auf, und ſie bedurfte nichts mehr, weder Gluͤck, noch Tod. So innerlich geſichert, kehrte ſie mit der ſtillen Theilnahme nach Außen zuruͤck, die am erſten da ein⸗ trifft, wo wir uns ſelbſt nicht mehr darin ſuchen. Sie hoͤrte bald hinter ſich zwei bekannte Stim⸗ men, die zuſammen klagten und in dieſem Zuſammen⸗ klagen wohl den ſuͤßeſten Troſt für ihre Klagen fanden. Auch taͤuſchte ſie ſich nicht, es war Lanci's und Mar⸗ gariths Stimme. Wie, Lanci? ſagte ſie, ſanft zuruckblickend, ſollſt Du mit uns entführt werden? Hat man die Gruft des Meeres für ſicherer gehalten, als die Haft des Schloſ⸗ ſes? Armer Schelm! Dich hat Dein treuer Eifer fuͤr mich in's Verderben geſturzt, und ich kann nichts thun, als leiden, wie Du und Deine Margarith, und damit iſt Euch wenig gedient. Brirton, mein theurer Lehrer, Du wirſt in unſerm eine traurige Ant⸗ wort empfangen! Ach, theure Lady! rief Lanei, lieber ſterbe ich mit Euch und Margarith, als getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung thun zu koͤnnen. Die uns verfolgen, haben mir einen groͤßeren Dienſt gelei⸗ ſtet, als ſie dachten und wollten. Gott behuͤte, fuhr Lady Maria fort, daß Maſter Brirton ſich zu Schritten verfuͤhren laſſe, die ſeiner Sicherheit nachtheilig wuͤrden. Auch dies, fügte ſie hinzu, muß ich ergehen laſſen, wie Gott es verhaͤngt; es wird Alles ein Ziel haben, auch ſein Schmerz, ſeine Leiden um mich. Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo ſich der Weg nach dem Ankerplatze herum zog, und da ſie zu⸗ gleich ſich den Fiſcherhuͤtten näherten, die hier zerſtreut hinter duͤrftigem Geſtruͤppe verſteckt lagen, trat der von Pater Johannes bezeichnete Fuͤhrer, welcher Lanci mitge⸗ bracht hatte, hervor und noͤthigte die Lady, in eine der kleinen Huͤtten einzutreten, aus deren niedern Fenſtern ein mattes Licht von dem naſſen Torffeuer drang, das vom Heerde aus den winzigen Raum he wohin ſie jetzt dem Führer folgten. 225 Bleibt hier einen Augenblick, ſprach er, bis ich ſehe ob Alles zur Abfahrt bereit iſt. Ihr koͤnnt ein wenig Wärme ſammeln zur Reiſe, es wird Noth thun. Er zog ſich zuruͤck, die beiden Bootsknechte an die Thuͤr zur Wache ſtellend. Gedankenvoll ſetzte Maria ſich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der Huͤtte nieder, deren abwe⸗ ſende Bewohner ihre geringe Habe ohne Aufſicht zuruck⸗ gelaſſen hatten, da ſie auf die langſamen Fortſchritte des Feuers an den naſſen Torfſtuͤcken ſich verließen. Nicht lange ſaß ſie ſo in ſich gebuͤckt, da hoͤrte ſie Hufſchlag von Pferden, gleich darauf aber einen hefti⸗ gen Wortwechſel vor der Thuͤr der Huͤtte, welcher eben ſo ſchnell damit endete, daß der Eingang erzwungen ward und Lady Maria einen Mann gewahrte, der mit der groͤßten Kraft die Bootsleute zurückſtieß, die ſich an ihn haͤngten, um ſeinen Eintritt zu hindern. Bewegt ſprang ſie auf, eine unbeſtimmte Ahnung erſchuͤtterte ſie, und im ſelben Augenblicke ſtürzte ſich Lanci aus dem Winkel der Huͤtte in die Gruppe der Ringenden und unterrannte den einen der Schiffer mit ſolcher Wuth, daß er ſtrauchelte und von ſeinem Geg⸗ ner abließ. Mit der groͤßten Gewandtheit verfolgte die⸗ ſer den nun wieder gleichgewordenen Kampf und ſchleu⸗ derte den andern Schiffer fort, während er ſein Piſtol Godwie⸗Caſtle III. 15 226 zog, welches zu gebrauchen ihm bisher unmoͤglich ge⸗ weſen war. Indem er es auf den Schiffer, der, von Lanci nur augenblicklich abgehalten, ſich nun zum neuen Anfall anſchickte, abdruͤckte, ſtreckte er dieſen, an der Schulter verwundet, zur Erde nieder. Rettet Euch, Mhlady! rief er im ſelben Augen⸗ blick, gegen Maria gewendet, die, nunmehr Lord Rich⸗ mond erkennend, eine Schwaͤche und Vetaͤubung fuͤhlte, die ſie willenlos und bebend ohne Bewegung auf ihrem Platze ließ. Habt Vertrauen, mir zu folgen, fuhr er dringend fort, ſanft ihr ſeine Hand reichend; es iſt Brirton, der mich ſendet, den Ihr finden werdet. O, um Got⸗ tes willen vertraut mir! Er ſah ſie ſchmerzlich be⸗ wegt und angſtvoll an, da hob ſie die Augen zu ihm auf, verſuchte aufzuſtehn und ſchwankte. Doch er faßte ſte auf, ſchnell gewann ſie ſich Kraft und reichte ihm die kalte, zitternde Hand. Indem er ſie gegen den Ein⸗ gang hinzog, ſtuͤrzte ſich der zweite Schiffer vor ihn hin, nach Huͤlfe rufend und vergeblich von Lanci daran verhindert. Zuruͤck! rief Richmond, indem er ihm das zweite Piſtol vorhielt, oder theile das Schickſal Deines Ka⸗ meraden. Doch hinderte ihn an ſchneller Ausfuͤhrung dieſer Drohung die Sorgfalt fuͤr die zitternde Maria, und das Huͤlfegeſchrei durchdrang die Luft im Augen⸗ blick, als Richmond mit ihr ins Freie trat. Lanci, rief Richmond entſchloſſen und zog Maria nach dem Walde zu, Du findeſt dort ein Pferd, wel⸗ ches Lady Maria Dir erlauben wird mit ihr zu thei⸗ len, Du kennſt den Duͤnenhort im Walde, links von der Straße. Vorlaͤufig findeſt Du dort Schutz, wah⸗ rend ich hier ihre Verfolgung hindern werde, ſo lange wie moͤglich. Triffſt Du meinen Diener auf dem Wege, ſo laß ihn zu mir eilen; Du aber verfolge Deinen Weg, deſſen er unkundig iſt. In dieſem Augenblick ſtieß Maria einen Schmer⸗ zensſchrei aus, denn die Hand, die Richmond noch hielt, ward durch einen heftigen Schlag aus der ſeinigen ge⸗ worfen, und ſie mit ſolcher Staͤrke umfaßt und fort⸗ getragen, daß ſie ſich ohne Widerſtand darein fand. Die Dunkelheit hatte nachgelaſſen, und der Himmel leuchtete mit großen weißen Windwolken, ſo daß Maria, die beim erſten Hinaustreten aus der Huͤtte, vom Feuer geblendet, das Nahen ihres Feindes nicht bemerkt hatte, jetzt in ihm den Anfuͤhrer erkannte, dem Pater Johan⸗ nes ſie uͤbergeben hatte. Aber ihr Auge durchdrang auch den nächſten Raum, und ſie ſah, wie Richmond von zwei Maͤnnern gehalten ward, gegen deren Staͤrke er vergeblich ankaͤmpfte. 15* 228 Jeder Augenblick entfuͤhrte ſie weiter von ihm, nach dem Strande hin, und der Kummer, den ſie fuͤhlte, drohte ſie zu todten. Jetzt verſchwanden in der duͤſtern Nacht zu im⸗ mer undeutlichen Umriſſen die Geſtalten der Kaͤmpfen⸗ den, und verzweifelnd rang ſie mit ihrem Entfuͤhrer. Da hoͤrte ſie einen Schuß und wenige Augenblicke dar⸗ auf eine Stimme, die ſie angſtvoll beim Namen rief und ſich ihr zu nähern ſchien. Sie antwortete mit einem lauten Huͤlferuf, ward aber im ſelben Augenblick von ihrem Träger mit den wüthendſten Fluͤchen ſo unſanft in ſeinem Mantel faſt erſtickt, daß ihr kaum Athem zum Leben uͤbrig blieb. Dabei verdoppelte er ſeine Anſtrengungen, und ſie hoͤrte nun ganz nah das Geräuſch der Wellen und fuͤhlte durch ihre Umhuͤllung den ſcharfen Seewind, ſo daß ſie ſich uͤberzeugte, jetzt hinter den Duͤnen, dicht am Meere angekommen zu ſein. Auch mußte ihr Fuͤhrer ſich ſicherer fuͤhlen, da er in ſeiner Eile nachließ, ja, endlich ſie niederſetzte und ihr zu gehen befahl. Lady Maria warf den erſtickenden Mantel zu⸗ ruͤck, als ſie Boden unter ihren Fuͤßen fuͤhlte, und raſch nach allen Seiten blickend, ſah ſie ſich in einem kleinen Verſteck, den eine Spalte in den Duͤnen —— 229 bildete, und vor ſich das Meer und das unruhig darauf tanzende Boot in kaum fuͤnfzig Schritten Ent⸗ fernung. Ich werde Euch nicht folgen, rief ſie entſchloſſen, ſich zu ihrem Fuͤhrer wendend, ſondern jeden Wider⸗ ſtand leiſten und, ſo nah der Huͤlfe, die mir Gott ſen⸗ dete, nichts unverſucht laſſen, Eurer Willkuͤr zu ent⸗ kommen. Habt Ihr aber Mitleiden mit dem Looſe, welches man mir zugedacht, und wollt Ihr mir folgen und mich zu meinen Beſchuͤtzern zuruͤckkehren laſſen, ſo ſollt Ihr fordern duͤrfen, und kein Preis wird mir zu hoch ſcheinen. Was Ihr werth ſeid, weiß ich ſchon, lachte der Füͤhrer, und hab's in der Taſche. Dem Pater Johann zu dienen, wird mir wohl beſſer bekommen, als Euch zu folgen, wo ich nicht Haus noch Hof faͤnde, oder erſt kriegen muͤßte, was ich hier ſchon habe. Geht nur! Geht! An Euch iſt nichts gelegen, und was den Wi⸗ derſtand betrifft, den Ihr leiſten wollt, da ſeht Euch vor, meine Vollmacht reicht weit.— Er hielt ihr grin⸗ ſend ein Piſtol vor und fuͤgte hinzu: Seht, ſo viel ſeid Ihr werth, wenn Ihr Luſt kriegt, zu ſchreien; ich ſteche dann in die See, und Euch ſuchen die Raben! Dabei pfiff er leiſe nach dem Boote zu, was ſogleich beantwortet ward. Nun, rief Maria, ſo ſei mir Gott gnädig! Iſt der Tod mein Lvos, habe ich mich um ſo weniger zu ſcheuen, und ergeben will ich mich nicht und fürchte Euer Piſtol nicht. Mit einer Schnelligkeit und Kraft, die nur der Ueberreizung ihres ganzen Weſens möglich werden konnte, hatte ſie ſich ihrem Waͤchter entriſſen, und von der großen koͤrperlichen Gewandtheit unter⸗ ſttzt, die ihre Erziehung ihr gegeben hatte, erkletterte ſie den ſteilen Abhang der Duͤnen und hatte im An⸗ geſichte des überraſchten Fuͤhrers die Höhe faſt er⸗ reicht, als das Piſtol knallte und ſie getroffen in den Sand ſank. Doch dieſer Schuß gab ihrem Retter die Richtung wieder, die er bei dem Dunkel der Nacht verloren hatte. Lord Richmond und Lanci, welcher unabläſſig ſeine Kraft zur Verſtärkung des Erſteren anſtrengte, erreichten die Hoͤhe der Dunen und ftuͤrzten ſich den ſteilen Abhang hinab, in deſſen Grunde ſie das Boot erblickten, und am Rande des Meeres die dunkle Ge⸗ ſtalt des Verfolgten, welcher, Lady Maria auf ſeinen Armen tragend, in wilder Eile das Boot zu erreichen ſtrebte. Wuͤthend ſturzte ſich Richmond ihm entgegen. Ihn ergreifend, ſchlug er ihm das nicht mehr geladene Pi⸗ ſtol, das er noch in der Hand hielt, in's Geſicht und riß ihm Lady Maria aus ſeinen Armen. Dem Schmerze, der ſchweren Laſt und der vorangegangenen Anſtren⸗ gung weichend, uͤberließ er dem Lord faſt ohne Gegen⸗ wehr die jetzt werthlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen, ehe die Entdeckung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgäbe. Erſchrocken uͤber den lebloſen Zuſtand der Ladh, die keine Frage beantwortete, kein Zeichen der Selbſt⸗ huͤlfe machte, wandte Lord Richmond auf den Entflie⸗ henden keine Aufmerkſamkeit und eilte den Weg zuruͤck⸗ zunehmen, den er gekommen, als ſich abermals die Scene aͤnderte und ein neuer Gegenſtand ſich ihm entgegen ſetzte. Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht, und von demſelben Schuß, der Richmond leitete, hierher gezogen, erkannte und uͤberſchaute ſein Falkenauge augenblicklich die Lage der Dinge. Während er bruͤl⸗ lend den fliehenden Schiffer zuruͤck rief, lief er ge⸗ gen den Lord an, und Beide erkannten ſich nun ſo⸗ gleich als die Tiſchgefahrten des verfloſſenen Tages. Halt, mein Herr, rief der Pater, den Arm des Lords ergreifend, unſere Freundſchaft von geſtern Mittag iſt wohl nicht ausreichend, Euch eine Einmiſchung in meine Angelegenheiten zu geſtatten; darum geht, wohin Ihr wollt, und bald, rathe ich Euch.— Dieſe Dame aber bleibt bei mir, ſie iſt mir anver⸗ traut. k Da ſei Gott vor, rief Richmond, ehrloſer Pfaffe, daß ſie Dir uͤberlaſſen bliebe. Der letzte Blutstropfen in mir wird ſie noch gegen Dich vertheidigen. Und ohne ihn weiter zu beachten, eilte er, ſo ſchnell es ihm der immer ſchwerer werdende Koͤrper der Lady erlaubte, der eben verlaſſenen Gegend zu, da die bangen Ahnungen, die in ihm über den Zuſtand ſei⸗ nes Schuͤtzlings aufſtiegen, vor allen Dingen es ihm wichtig machten, Menſchen und Huͤlfe fur ſie zu er⸗ reichen. Doch war Pater Johann kein ſo ſchnell zu beſie⸗ gender Feind, und Richmond war kaum einige Schritte vorgedrungen, als Lanci aufſeufzte, denn er hoͤrte das kleine Hoͤrnchen blaſen, welches der Pater ſtets auf ſei⸗ ner Bruſt trug, und welches den ihm untergebenen Huͤttenbewohnern ein unüberhoͤrbares Zeichen war, ſich ſeinem Schalle nach zu ſammeln. Der Sturm hatte die Mehrzahl zu Hauſe gehal⸗ ten oder in der Nähe der Huͤtten beſchäftigt; doch auf⸗ merkſam gemacht durch die gefallenen Schuͤſſe und das wiederholte Huͤlferufen, hatten ſie ſich ſchon in der Stille geſammelt, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Ton des wohlbekannten Horns uͤberzeugte ſie nun, daß 233 ihr maͤchtiger Zwingherr, in deſſen Haͤnde ihr beſchei⸗ denes Loos gelegt war, ihrer Huͤlfe beduͤrfe, und in groͤß⸗ ter Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt ſchwarze Schatten heran, die ſich durch Anrufen kund gaben, während Andere, von Weibern und Kindern geſchaͤftig begleitet, nach den Huͤtten liefen, um Kienfackeln an⸗ zuzuͤnden, welche dort für den Gebrauch der Fiſcher be⸗ reit lagen. Richmond uͤberſah die Gefahr ſeiner Lage ſehr wohl, und die Ahnung, ihr unterliegen zu muͤſſen, wenn ihm keine wirkſamere Huͤlfe wuͤrde, als Lanci's ſchwa⸗ cher Arm, miſchte in das Gefuͤhl des Muthes und der Entſchloſſenheit, das ihn beſeelte, jenen bittern Tropfen der Verzweiflung, der die Kraäfte ſteigert, aber die Be⸗ ſonnenheit unterjocht. Er faßte krampfhaft den bewegungslos bleibenden Koͤrper der Ladh in ſeinen linken Arm, und ſeinen De⸗ gen in der Rechten, ſchickte er ſich an, die Gruppe der Maͤnner zu durchbrechen. Doch es war ein Leichtes, ihn, der nur einen Arm zur Vertheidigung behielt, durch zehn ſtarke Arme, die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen, zu entwaffnen, und er fuͤhlte ſich uͤbermannt und ſeines Schwertes beraubt, binnen weniger Augenblicke. 234 Hoch auf ſchäumte ſein Blut bei dem Gedanken dieſer Gewaltthat, und das Schickſal, welches nun Lady Maria bevorſtand, ſteigerte ſeine Kräfte bis zum Uebermenſchlichen. Er riß ſich noch ein Mal los und ſchlang beide Arme ſo feſt um den lebloſen Koͤr⸗ per, den er trug, daß er den Bemuͤhungen trotzte, ſie zu trennen. Da durchdrang plotzlich eine helle Stimme das dumpfe Gemurmel der Wuth, und Lanci erkannte Margarith, welche laut rufend herbei lief und unab⸗ läſſig ein Wort ausſtieß, das plotzlich die geſchäftigen Hände von Richmond abzog und den ungleichen Kampf unterbrach. Die Miliz! Die Miliz aus Dunferling! Rette ſich, wer kann! ſchrie das brave Maͤdchen, athemlos neben Richmond niederſtuͤrzend, der bei der augenblick⸗ lichen Stille ſogleich das Pferdegetrappel erkannte, wel⸗ ches ihm Rettung verhieß. Ha! rief Pater Johann, wie ein gereizter Tiger vorſpringend, wer that mir das? Woher kommt dieſe Gaunerbande und ſo ſchnell herbei? Die Fackeln, die, zu andern Zwecken herbeigeſchafft, jetzt aus den Huͤtten ihr blutrothes Licht näherten, beleuchteten die wilden Zuͤge des Verrath ahnenden Prieſters, deſſen rachegluͤ⸗ hender Blick wie ein Pfeil hervorſchoß. 235 Sorgfältig ſich noch immer ſchuͤtzend, aber freier in der Hoffnung der Rettung, ſtreckte Richmond den Nahenden den verhuͤllten Arm entgegen. Wahret Euch! rief er, ſo laut er vermochte, Eure Stunde hat geſchlagen, der Tod der Herzogin von Sommerſet iſt bekannt, die Milizen nahen, Euch und das Schloß im Namen des Koͤnigs in Beſchlag zu nehmen. Alle wichen entſetzt bei dieſer lauten Rede zuruͤck. Pater Johannes warf einen Blick umher, in wel⸗ chem er mit Wuth und Entſetzen zu fragen ſchien, ob der Augenblick gekommen, der ſeiner hier ſo lang geuͤbten Macht Grenzen ſetzte. Er fand auf allen den rauhen Geſichtern, die, von den Fackeln erhellt, ihn anglotzten, nur den Ausdruck der ſcheuen Furcht, welche die achtbare und ſtrenge Miliz von Dunferling ſich erworben hatte, verbunden mit der dumpfen Vor⸗ ſtellung von der unbeſtreitbaren Macht des koͤniglichen Namens. Pater Johann hatte mit einem Blick die Wahr⸗ heit erkannt; er durfte auf ihren Beiſtand nicht mehr rechnen, aber ſein zweiter Gedanke, welch' eine Hoͤlle ward er ihm jetzt! Die Ruͤckkehr zum Schloſſe ge⸗ währte ihm keine Sicherheit mehr; das Boot, die bruͤllende See, auf deren unſichere Wellen er vor 236 wenigen Augenblicken das unſchuldige Opfer ſeiner be⸗ leidigten Eitelkeit ſchonungslos hinaus zu ſtoßen dachte, blieb jetzt ſeine zweifelhafte Zuflucht, wenn er es er⸗ reichen koͤnnte, ehe die dem Fackelſchein zueilenden Milizen ihn daran verhinderten. Aber mit der Ueber⸗ zeugung, daß ſein Schickſal nun entſchieden ſei, ſchoß die wilde Glut der Wuth und Rache ſo gewaltſam in ihm auf, daß er, anſtatt zu fliehen, wie ein Wuͤthen⸗ der ſich auf Richmond ftuͤrzte. Muß ich weichen, bruͤllte er mit gräßlichem Ge⸗ heul, ſo ſoll es Euch wenigſtens nichts helfen; Du widerſpenſtiges Weib ſollſt untergehn! Mit dieſen Wor⸗ ten zog er einen langen blitzenden Dolch aus ſeinem Buſen, um ihn der von ihrem Schleier uͤberdeckten Maria in die Bruſt zu ſtoßen. Doch Richmond, ſtets ihn beobachtend, ließ ſie aus ſeinem Arm zur Erde ſinken und unterlief den Pater, waffenlos, nur von ſeinem Mantel geſchuͤtzt. Die Miliz, die Miliz! riefen jetzt mehrere Stimmen. Die Gefahr war nahe, keine Zeit zu verlieren. Wuͤthend ſtieß der Pater die Menge zuruͤck und floh dem Strande zu, in der Dunkelheit bald dem Auge entſchwindend. 23 Richmond dachte nicht daran, ihn zu verfolgen. Raſch kehrte er zu dem Kreiſe zuruͤck, der, von den Fackeln erhellt, ihm die Lady am Boden liegend zeigte, Margarith und Lanci neben ihr kniend. Ein lauter Schrei Margariths, die ſo eben den Schleier geluͤftet, richtete Aller Blicke dahin. Sie iſt todt! ſchrie dieſe krampfhaft auf, ſie ſchwimmt im Blute, er hat ſie doch getroffen! Unmoͤglich! rief Richmond, näher fliegend. Aber wie hätte der noch zweifeln duͤrfen, welcher die ſchoͤne Leiche ſah, uͤberſchuͤttet von ihrem Blute, mit dem blauen Schein des Todes auf Mund und Wangen. Richmond ſtand ſtarr und betäubt, ſein mäͤnnli⸗ ches Herz kaͤmpfte gegen ein bisher ungekanntes Gefuͤhl, das ihn zu erſticken drohte. Er hoͤrte nicht, was um ihn geſchah; alle Kräfte ſeiner Seele ſchienen in dem einen Bewußtſein untergegangen, daß ſie todt ſei. Erſt als einige Perſonen ſich anſchickten, die Todte zu be⸗ ruͤhren, erwachte er aus ſeiner Betäubung. Ruͤhrt ſie nicht an! ſchrie er heftig auf, den Per⸗ ſonen ſich zur Abwehr entgegen ſtuͤrzend, die bisher, von ihm unbemerkt, ſich genaͤhert hatten, Keiner varf ſie beruͤhren, Keiner! Er blieb wieder ſtehn und betrachtete ſie, und der Ausdruck ſeiner Zuͤge veränderte ſich von Minute zu 238 Minute, als ob Jahre an ihm voruͤberzoͤgen, die Blü⸗ then der Jugend von ſeinen Wangen raubend. Da erhob ſich ſeufzend eine knieende maͤnnliche Ge⸗ ſtalt an ihrem Haupte, und ſich zu n wendend, ſagte Brirton tief bewegt: Ich halte ſie nicht für todt, aber ihren Tod fuͤr ge⸗ wiß, wenn ſie hier ohne Huͤlfe bleiben muß. Ich bitte Euch, Sir, ſprach der Anfuͤhrer der Milizen, Oberſt Crawford, erlaubt, daß wir die Verwundete nach dem Schloſſe bringen, was be⸗ reits von meinen Leuten beſetzt iſt und ganz zu Ih⸗ rer Verfuͤgung ſteht; wir werden dort der Kranken al⸗ len Beiſtand leiſten konnen und gewiß in den Hütten hier Matten von denen eine Bahre zu machen wäre. Ich danke Euch, Herr Oberſt, erwiderte Brir⸗ ton, Ihr gewährt mir mit dieſer Nachricht großen Troſt; ich wußte nicht, daß Ihr ſo ſchnell Euer Recht wargenommen hattet. Meinen Leuten Eingang zu verſchaffen, ſprach der Oberſt, hat leiter meine Ankunft hier verſpätet und, wie ich fuͤrchte, mehr Unheil zugelaſſen, als mit der Beſitznahme des Schloſſes gut gemacht werden kann; doch laſſet uns keine Sorgfalt ſparen. 239 Er gab ſogleich ſeinen Leuten die noͤthigen Be⸗ fehle zur Beſorgung einer Bahre und eilte ſelbſt, durch ſeine Gegenwart die Eile zu befluͤgeln. Richmond hatte ſich indeſſen erholt; die Moͤglich⸗ keit, ihr Leben noch zu erhalten, hatte ihn zu ſich ſelbſt gebracht. Sein Gefuͤhl ſchnell mit der alten Kraft beherrſchend, gewann er nun Thaͤtigkeit und Aufmerk⸗ ſamkeit fuͤr das, was Noth that. Er unterſtuͤtzte Brirton in ſeiner Bemuhung, die Ladh in eine ſitzende Stellung zu bringen, und eilte als⸗ dann, die Anordnungen des Oberſten zu unterſtutzen, durch welche auch bald eine vortreffliche Bahre von weichen Matten, an Stangen gebm herbei geſchafft ward, worauf man, mit Brirtons und Margariths 5 Hulfe, den lebloſen Koͤrper legte, der nun, durch viet Milizen getragen, langſamen Schrittes nach dem Sun gebracht ward. Welch' eine Veränderung war im Verlauf u Stunden hier eingetreten. Die Thore, die, ſonſt ſtreng verſchloſſen, Keinem den Eingang verſtatteten, der nicht vorher ſchon erwar⸗ tet ward oder eine Beglaubigung brachte, wie ſie der Lady Howard oder dem Pater Johann genuͤgte, ſtunden weit geoͤffnet; im Thorwart⸗Haͤuschen ſaß der alte Huͤter neben einem Miliz⸗Soldaten und blickte auf die geoff⸗ — neten Thore, als necke ihn ein Traum mit verſaͤumter. Dienſtpflicht. Der Zug ging, ohne ihm Rede ſtehen zu muͤſ⸗ ſen, an ihm voruͤber, die Bruͤcke entlang über den weiten Hof und verſchwand endlich in der Halle des Schloſſes. Hier ſtand der neue Kaſtellan in unfreiwilliger Er⸗ wartung der Befehle, die eine fremde, ſonſt ſo verach⸗ tete Autorität ihm geben wuͤrde, und wagte nicht die bunte Menge zuruͤck zu weiſen, die ſich dem Zuge nach⸗ drängte, in doppelter Neugierde, das unzugängliche Schloß, das wie ein bezauberter Schatz zu den unerhoͤr⸗ teſten Hiſtorien Anlaß gegeben, in Augenſchein zu neh⸗ men und zu ob der gefuͤrchtete Pater Johann das ſchoͤne Madchen wirklich erſtochen habe. Längſt hatte Richmond hieruͤber Brirton ſeine Mei⸗ nung mitgetheilt; Beide hielten dieſe Verwundung ſuͤr unmoͤglich. Richmond kam der Wahrheit näher, indem er den Schiffer, dem er ſie am Strande abgenommen, für ih⸗ ren Moͤrder hielt; auch hatte Oberſt Crawford bereits Befehl gegeben, die Fluͤchtigen zu verfolgen und das Abgehen des Bootes zu verhindern, was durch den mit neuer Wuth ſich erhebenden Sturm wahrſcheinlich auch außerdem unmöglich geworden war⸗ 241 Als ſie in der Halle angekommen waren, entſtand die Frage, wohin man das Fraͤulein bringen ſollte. 9 Margarith trat ſogleich dazwiſchen und empfahl die Zimmer des Erdgeſchoſſes, die uns bereits bekannt ſind und von Maria, auf Veranlaſſung des wohlmeinenden Pater Clemens, bei ihrer Ankunft bewohnt worden waren. Der Kaſtellan eilte daher, von mehreren Dienern, die Lichter trugen, begleitet, voran, und bald zog der blutige, entſtellte Koͤrper derjenigen in dieſe Räume ein, welche ſie einſt glaͤnzend und in aller Fuͤlle jugendlicher Schoͤnheit und Geſundheit betreten hatte. Eine zweite ſchwierige Frage war die nach ärztlicher Huͤlfe; denn der Arzt, nach welchem Richmond mit Er⸗ laubniß des Oberſten einen reitenden Boten geſendet, war nicht vor Tage zu erwarten und bei dem ſtarken Blutverluſte ſchnelle Huͤlfe dringend noͤthig. Margarith, welche in ununterbrochener Aufmerk⸗ ſamkeit ihrer geliebten Lady zur Seite blieb, wußte auch hier Auskunft zu geben. Sie bat Lord Richmond, die Schweſter Electa von dem Kaſtellan herbei fuͤhren und ihr wiſſen zu laſſen, daß eine toͤdtlich Verwundete ihrer Huͤlfe beduͤrfe. Sie verſicherte zugleich, daß dieſe fromme Schweſter ſtets, in Abweſenheit des Pater Johann, die Kranken des Godwie⸗Caſtle III. 16 242 Schloſſes beſorgt, und große Kenntniſſe von ſchweren Verwundungen und deren Behandlung habe. Dieſe Nachricht, die viel Glaubhaftes hatte, da ſie mit dem wohlbekannten Gebrauch in Haͤuſern der Art uͤbereinſtimmte, wie man hier vorgefunden zu haben nicht mehr bezweifeln konnte, erregte eine neue Hoff⸗ nung fuͤr die bekuͤmmerten Freunde der Lady, und als ſich nach einiger Zeit die Thuͤr oͤffnete und Electa, von zwei Frauen begleitet, welche verſchiedene Spezereien trugen, eintrat, eilte ihr Richmond mit einer Lebhaftig⸗ keit entgegen, vor der das ſchuͤchterne Weſen faſt ent⸗ ſetzt zuruͤckbebte. O, fürchtet keine Beleidigung, fromme Frau, fugte er ſchnell hinzu mit dem herzgewinnenden Tone, der ihm ſo eigen war. Ihr findet hier hoͤchſt bekuͤmmerte Freunde, die von Eurer Huͤlfe Troſt und Hoffnung erwarten, wenn nicht den Ausſpruch, daß Alles ver⸗ loren ſei. Schweſter Electa antwortete nicht, angſtvoll ſtrebte ſie nur, ſich den Blicken ſo vieler Männer zu entzie⸗ hen, und wagte nicht den Fuß vorwaͤrts zu ſetzen, nicht ſich zu bewegen, noch zu fragen, wer ihrer Huͤlfe bedurfte. Da ſchluͤpfte Margarith um Richmond herum und rief, an Electa's Kleid zupfend: — O eilt, eilt, Schweſter Electa! Eure Huͤlfe iſt noͤthig, es iſt Lady Maria, die Pater Johannes erſto⸗ chen hat. Mit einem matten Tone des Entſetzens fuhr die bebende Geſtalt empor, aber damit ſchien auch alle Scheu von ihr genommen. Sie ſchaute angſtvoll auf und glitt nun raſch, hinter Margarith her, nach der Bahre hin, die noch in der Mitte des Zim⸗ mers ſtand. Einen Augenblick kniete ſie nieder und ſtarrte mit dem tiefſten Schmerze in die Zuͤge der Lady, wahrend ſie krampfhaft ihre Haͤnde rang; dann ſtand ſie auf, und indem ſie geſenkten Blickes vor Lord Richmond trat, ſprach ſie leiſe: Ich muß allein ſein. Entfernt Eure Gefährten! Augenblicklich befolgte Richmond ihr Begehr, und bald ſah ſich Electa, blos von Frauen umgeben, mit der Huͤlfsbedürftigen allein. Ihre ganze beſonnene Thaͤtigkeit trat ſogleich auf das Vortheilhafteſte hervor. Während ſie eine der Frauen entſendete, ein Kraͤuterbad zu beſorgen, mußte die andere gegen den Kamin, deſſen helles Feuer alsbald entzuͤndet war, das feine Leinen zum Umkleiden, die Kompreſſen und Binden des chirurgiſchen Apparats aus⸗ breiten, und mit feinen Eſſenzen durchraͤuchern; waͤhrend 16* ₰ 244 ſie ſelbſt mit Margariths Huͤlfe die in Blut getränkten Kleider der Verwundeten abloͤſte, um erſt zu entdecken, wo die Urſache dieſes Zuſtandes zu finden ſei. Bruſt und Schultern zeigten ſich geſund, und bald entdeckte ſich uͤber der linken Huͤfte die von der Kugel zerriſſene Stelle, die eine Ader oder ſonſt ein bedeuten⸗ des Blutgefaͤß gefaßt, und den heftigen Blutverluſt ver⸗ anlaßt haben mußte, deſſen Folgen noch nicht zu be⸗ ſtimmen waren. Unablaͤſſig weinend, rief Margarith bei Be⸗ wegung Electa's: Sagt, iſt ſie todt, wird ſie ſterben? Lebt ſie nicht wieder auf? Electa war vertieft in ihre Unterſuchungen, und da ſie die Kugel am Huͤftknochen ſitzend fand, eilte ſie zu ihrer Inſtrumententaſche und ſchickte ſich an, mit ſiche⸗ rer Hand den tieferen Einſchnitt zu machen, nach wel⸗ chem die Kugel augenblicklich zur Erde rollte. Ein Schrei der Freude drang aus Margariths Munde, waͤhrend ſie ihre Fragen nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte. An dieſer Wunde ſtirbt ſie nicht, ſprach Electa, jetzt zum erſten Male die Lippen oͤffnend; aber was der Blutverluſt bereits gethan, iſt nicht zu beſtimmen. Sie legte jetzt einen vorläufigen Verband um die 245 Wunde und brachte den ſtarren Koͤrper in das duf⸗ tende, ſtaͤrkende Bad, deſſen gelinde Waͤrme die Kaͤlte und Starrheit des Todes zu loͤſen ſchien. Auf das Sorgſamſte legte alsdann Electa den zweiten Verband an, und ließ ſie in die mitgebrachte erwaͤrmte und von geiſtigen Wäſſern belebte Waͤſche huͤllen, und nach ih⸗ rem Schlafzimmer tragen, deſſen Luft, wie das Lager ſelbſt, Leben kräftigende Duͤfte und ſanfte Waͤrme zu athmen ſchien. Noch hatte kein Zeichen des Lebens dieſe verſtändi⸗ gen und ſorgfaͤltigen Bemuͤhungen gelohnt, und jetzt erſt begannen Electa's Verſuche, ihren geſchloſſenen Lippen einige Tropfen zur innern Belebung einzufloͤßen. Schlaͤ⸗ fe, Pulſe und Wangen wurden dabei ſanft mit geiſti⸗ gen Waſſern gerieben, und der Mund, welcher jetzt, geoͤffnet, groͤßere Portionen einfloͤßen ließ, gab nicht mehr willenlos zuruͤck, was er empfangen. Electa konnte nicht umhin, durch ein Zeichen dieſe Veraͤnderung kund zu thun, bald zeigte ſich auch ein leiſes Roͤcheln, ein Kampf des ſchwachen Athems mit der aͤußern Luft, ein Hoͤherſteigen der Bruſt, ein leiſes Zucken, ein Seufzer, eine matte Bewegung, endlich ein plotzliches Aufſchlagen der großen Augen. Electa's ſtrafender Blick hielt Margariths Freuden⸗ geſchrei zuruͤck; denn Beſinnung war der Erſchoͤpften 246 noch nicht wiedergekehrt, und leiſe fuhr Electa fort, den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre ſtärkenden Tropfen einzufloßen. Margariths volles Herz trieb ſie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer, und nun ſtuͤrzte ſie von Freude gejagt durch die Nebengemaͤcher, die Frauen faſt uͤberrennend, die das Vorzimmer aufräumten, und ſo laut Lord Richmond rufend, daß, als ſie die Halle er⸗ reicht, er ihr ſchon entgegenſtuͤrzte, in namenloſem Ge⸗ fuͤhle der Angſt. Sie lebt! rief ſie, ihm in die Arme fliegend, eben hat ſie die Augen geoͤffnet! Tief erſchuͤttert druͤckte er das treue Mädchen, die ſo bald mit weiblicher Feinheit ihn errathen hatte, ſo unſchuldig ihm ihre Entdeckung verrieth, an ſeine Bruſt und ſetzte ſie dann ſanft zur Erde, zu Brirton eilend, der in banger Qual, zum Tode erſchoͤpft, ihm ent⸗ gegen harrte. Eine dankbare Rührung verbreitete ſich bei der gluck⸗ lichen Botſchaft auf allen Geſichtern, und Margarith weinte in Lancis Armen, von ſeinen eigenen Thränen begleitet, die Bewegung aus, die ſeit den letzten Stun⸗ den das arme Maͤdchen erſchüttert hatte. Da trotz der Erſchoͤpfung, die Brirton fühlte, eine eigentliche Ruhe fuͤr den Reſt der Nacht ihm undenkbar 24* ſchien, entſchied man ſich, nach dem Vorzimmer zuruͤck zu kehren, das an das Zimmer Maria's ſtieß. Bald waren hier einige Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt, und Brirton willigte ein, ſo ruhend, ſich einige Erholung zu goͤnnen, während Richmond und Oberſt Crawford, in Seſſeln ſitzend, durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen wollten, und Margarith theils die Botin fuͤr die Nachrichten aus dem Krankenzimmer machte, theils mit Lanci in einem Eckchen die reichen Begebenheiten ihrer letzten Vergan⸗ genheit durchſprach. Schon ſeit langer Zeit, Mhlord, erwiderte Oberſt Crawford eine Frage Richmonds, war unſere Auf⸗ merkſamkeit auf den geheimnißvollen Inhalt dieſes Schloſſes gerichtet. Es ſtand meinen Vorgaͤngern ein Recht zu, hier in beliebiger Friſt einzukehren und ſich der wirklichen Gegenwart dieſer Verwieſe⸗ nen zu verſichern. Eine lange Reihe von Jahren hatte indeſſen ſowohl ihre Verbrechen, als ihre Per⸗ ſonen zu der Gleichguͤltigkeit herabgeſetzt, die ihnen eine Art von Freiheit zuruͤck gab. An ihre Ent⸗ weichung war um ſo weniger zu denken, da ihnen in ihrem Eigenthume Reichthum genug geblieben war, um ein bequemes Leben zu fuͤhren, und die Kraͤnk⸗ lichkeit Beider, die allgemein bekannte Geiſteszerrut⸗ 248 tung des Lords einen ſolchen Schritt nicht wahr⸗ ſcheinlich machte. So hatte man nach gerade Beſuche unterlaſſen, die immer etwas Gehäſſiges behielten, ungern empfan⸗ gen, mit widrigen Eindrͤcken für den Beſucher en⸗ digten und in allen Beziehungen zwecklos waren. Dagegen blieb unſere Aufmerkſamkeit ſtets rege in Bezug auf dieſen Theil des Kuͤſtenſtrichs, weil hier der Schleichhandel mit einer Unverſchaͤmtheit getrieben ward, die ſehr nah an ſeerauberiſche Ueberfaͤlle ſtreifte und doch von einem Ruͤckhalte gedeckt war, der unſere Aufmerkſamkeit endlich auf das Schloß richtete und den Lord Devenant, der vor mir hier befehligte, zu dem Entſchluß brachte, das faſt verjaͤhrte Recht wie⸗ der in Anwendung zu bringen und ſeinen Beſuch im Schloſſe mit einer Unterſuchung der Seite, die nach der See zu geht, zu verbinden. Ich uͤbergehe die zahlloſen Schwierigkeiten, die ihm entgegengeſetzt wur⸗ den, und die, wenn ſie auch ſeinen Verdacht ver⸗ mehrten, ihn dennoch zu keiner Entdeckung kommen ließen. Er berichtete daruͤber nach London, ehe jedoch die Antwort fur ihn eintraf, wurde ihm eine indeſſen aus⸗ gewirkte Erlaubniß des Koͤnigs präſentirt, welche jede Beunruhigung des Schloſſes bei Lebzeiten der Herzo⸗ 249 gin von Sommerſet verbot, die man offenbar als todt⸗ lich leidend dargeſtellt hatte. Indeſſen hatte der Bericht des Lord Devenant doch zur Folge gehabt, daß mir nach ſeiner Abberufung der Befehl ward, das Schloß aus der Ferne ſtreng zu beobachten, beſonders die Verbindung, die es mit der Umgegend unterhielte, und genau den Augenblick wahr⸗ zunehmen, wo die Ladh mit Tode abgehen wuͤrde, wo⸗ nach der Koͤnig, dem die Beſitzungen als Lehnsherrn zufallen, berechtigt wäre, ſogleich davon Beſitz zu neh⸗ men, und dies, unter Vorzeigung der mir dazu be⸗ haͤndigten Vollmacht, augenblicklich in's Werk zu ſetzen, um wo moͤglich zu entdecken, ob der Argwohn, den die Beſtimmung des Schloſſes erregt, wirklich begruͤn⸗ det ſei.— Wir duͤrfen nicht laͤugnen, Sir, ſprach Rich⸗ mond, daß, wenn wir auch nicht alles Ungluͤck haben verhuͤten koͤnnen, wir doch einer gluͤcklichen Kombina⸗ tion von Zufälligkeiten unſere gemeinſchaftliche Wirk⸗ ſamkeit verdanken. Es iſt mir nicht vergoͤnnt, die Verhaltniſſe der Dame, zu deren Rettung ich dem ehrwuͤrdigen Herrn hier meine Huͤlfe lieh, ganz klar zu uͤberſehn, und der Grund, warum man ſie hierher fuͤhrte, bleibt mir des⸗ halb gleichfalls dunkel. Jedenfalls jedoch haben wir ihre Entführung verhindert, welche, zur Nachtzeit und bei ſo heftigem Sturme unternommen, entweder das Intereſſe zeigt, das man an ihren Beſitz knuͤpfte, oder bei der Gefahr, der man ſie ruckſichtslos ausſetzt, auch die empoͤrende Abſicht verrathen kann, ſie lieber aufzu⸗ opfern, als in ihre fruͤheren Verhältniſſe zuruͤckkehren zu ſehn.— Und glaubt Ihr, Mhlord, fragte der Oberſt, daß man die Nähe ihrer Freunde ahnete, daß Eure Abſicht, ſie hier aufzuſuchen, errathen war? Ich darf daran nicht zweifeln, erwiderte Rich⸗ mond; langſamer, als ich gewuͤnſcht, iſt unſere Reiſe von London hierher vor ſich gegangen; ſie mehr zu be⸗ eilen, waͤre mit Gefahr fuͤr das Alter und die Geſund⸗ heit des ehrwuͤrdigen Herrn verbunden geweſen, dem ich wiederum eben ſo wenig voraneilen durfte, da ich ſei⸗ ner vollſtändigen Kenntniß des Schickſals der Ladh in iedem Augenblick bedurfen konnte und auch zweifeln mußte, ob die junge, oft ſchon bitter getaͤuſchte Dame mir ohne den Schutz ihres anerkannten Freundes fol⸗ gen wuͤrde. Meinen Entſchluß, uber Dunferling zu gehen, wo, wie ich aus Lanci's Erzählung wußte, die einzige bewaffnete Macht vorhanden war, dir wir zu Huͤlfe rufen konnten, wenn der Weg heimlicher Unterhandlung, ————————— 251 die uns von einem wohlmeinenden Unbekannten empfoh⸗ len ward, nicht zum Zwecke fuͤhren ſollte, muß ich jetzt als ein großes Gluck anſehn, obwohl er durch die noth⸗ wendige Verzoͤgerung, die er mit ſich fuͤhrte, unſer Zu⸗ ſammentreffen mit dem Pater Johannes herbeifuͤhrte, welchem unſere Abſicht zu verbergen, ich gleich fuͤr eine Unmoͤglichkeit hielt und daher den Entſchluß faßte, durch eine ſchnelle Ausfuͤhrung, wo moͤglich, ſeinen Einwirkun⸗ gen zuvor zu kommen und die Huͤlfe eines Ehrenman⸗ nes in Anſpruch zu nehmen; welches Vorhaben dann durch die Ehre meiner Bekanntſchaft mit Euch ſo ſehr beguͤnſtigt ward. Der Oberſt verneigte ſich. Richmond fuhr fort: Lanci vorlaͤufig blos durch meinen perſoͤnlichen Beiſtand zu unterſtuͤtzen, trieb mich die Ahnung einer nahen Gefahr. Wenige Stunden nach Ankunft des Pater Johann, und nachdem ich ihn uͤber mein Ver⸗ bleiben getäuſcht hatte, eilte ich ohne alle Begleitung fort, dem Maſtor Brirton die Bitte zuruͤcklaſſend, fer⸗ neren Beſcheid abzuwarten, und hoffend, durch die Ge⸗ genwart deſſelben und meiner Leute den Pater Johann uͤber meine Entfernung zu taͤuſchen. Auch war damals meine Abſicht, den Anſpruch an Eure Huͤlfe nur fuͤr Deckung unſerer Flucht geltend zu machen, welche ich, ungewiß uͤber die Mittel, die dem Pater Johann zu 252 Gebote ſtanden, um des Fräuleins willen keiner Gefahr ausſetzen durfte. Da der Weg jedem Kinde bekannt iſt und bei Erreichung der erſten Anhoͤhe nach Lanci's Be⸗ ſchreibung leicht zu finden war, und endlich auch zu Anfang des Waldes ein glüͤckliches Zuſammentreffen mit einem Jägerburſchen mich beguͤnſtigte, ſo erreichte ich die Wohnung des alten Wildmeiſters, wohin mich Lanci verwieſen, von wo aus er ſelbſt alles Weitere zu unternehmen dachte, und wo ſich die bequemſten Ver⸗ ſtecke vorfanden. Ueberdies war es mir klar geworden, welch' unbedingtes Vertrauen in den Alten geſetzt wer⸗ den konnte. Da ich erſt am Abend meine Wanderung ange⸗ treten hatte, ſo war es bereits Nacht, als wir die Wohnung des Wildmeiſters erreichten, und als mich Lanci empfangen und mit dem Alten bekannt gemacht hatte, hoͤrte ich den wenige Tage vorher erfolgten Tod des alten Kaſtellans, an den wir von unſerem unbe⸗ kannten Freunde hauptſächlich empfohlen waren, und durch deſſen Mitwirkung mir die Sache allein ausfuͤhr⸗ bar ſchien. 8 Von dieſem Augenblick an gab ich die Hoffnung einer heimlichen Entfuͤhrung auf und war entſchloſſen, mich am andern Tage in Begleitung Brirtons, den ich erwarten durfte, und deſſen Gegenwart jeden Arg⸗ 253 wohn fern halten mußte, nach dem Schloſſe zu bege⸗ ben, Einlaß zu begehren und das widerrechtlich gefan⸗ gen gehaltene Fraͤulein zuruͤckzufordern. Als ich jedoch meine Abſicht mittheilte, mußte ich entſchiedenen Widerſpruch erleiden. Lanci warf ſich mir faſt zu Fuͤßen und berief ſich auf ſeine beſtimm⸗ ten, dem zuwiderlaufenden Befehle, mit einer ſeltſa⸗ men Miſchung kindiſcher Furcht vor dem Zorn des⸗ jenigen, der ihn ausgeſendet, und einer großen Fe⸗ 8 ſtigkeit, die ſein Alter zu uͤberſchreiten ſchien, in Verſchweigung des Namens, den ich ihm nochmals abforderte. Der alte Wildmeiſter, deſſen ſchweigſame Wuͤrde mich ſehr anzog, ſchlug ſich endlich, von mir zur Er⸗ klärung aufgefordert, auf Lanci's Seite; er ſagte, mit dem Finger auf den Brief zeigend, den Lanci an den alten Kaſtellan uͤberbringen ſollte: Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen deſ⸗ ſen, der ihn geſendet; aber ich kenne die Handſchrift, und der dies ſchrieb, wußte Zeitlebens mehr, als an⸗ dere Menſchenkinder, und man hat gut gethan, ſich genau nach ſeinen Vorſchriften zu richten. So willigte ich endlich ein, den Beſuch des Wild⸗ meiſters auf dem Schloſſe, wobei er Lanci mitzunehmen verſprach, abzuwarten, da dem Fraͤulein eine Andeutung 254 der Verſuche, die zu ihrer Rettung gemacht wurden, zu wuͤnſchen war, auch mit Margariths Huͤlfe ſich vielleicht ein Mittel erdenken ließ, die Flucht heimlich einzuleiten, wogegen ich nichts einzuwenden hatte, da Maſter Brirton dies ſtets vorzuziehen ſchien. Wir alle kuͤrzten die Zeit der Nachtruhe ab, und der Wildmeiſter entfernte ſich, beladen mit dem Wild⸗ vorrath fuͤr das Schloß, worunter er Lanci als Traäͤger zu verbergen hoffte. Der todtlichen Spannung, worein Unthaͤtigkeit vor einer wichtigen Kataſtrophe den Geiſt verſetzt, zu ent⸗ gehn, verließ ich die Wohnung bald nach meinem Wir⸗ the und ſuchte das Schloß auf, das ſo wunderbar ver⸗ borgen, und gleichwohl eine ſo kuͤhne und ſichere Po⸗ ſition gefaßt hält. Vergeblich ſuchte ich von Außen eine Moͤglichkeit zu erſpaͤhen, die unſerm linternehuun gůn⸗ ſtig werden koͤnnte. Der Sturm hatte vom Morgen an mit wuthen⸗ der Heftigkeit getobt, die kleinen, elenden Huͤtten, welche zerſtreut hinter den Duͤnen am Strande liegen, gewähr⸗ ten ein troſtloſes Bild von Armuth und Elend, und waͤhrend ich an ihnen hinſtrich, ſah ich, wie die Fiſcher aus der See zuruͤcktehrten, und als ich mich unter fie— miſchte, hoͤrte ich, daß der Sturm zu hfi ſei, um ſich hinaus zu wagen. 255 Um ſo mehr fiel es mir auf, daß nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging. Ich redete den Trupp der zuruckbleibenden Schif⸗ fer an, die ihn mit Theilnahme auf der See verfolg⸗ ten, und ſeine Gefahr oder ſeine Geſchicklichkeit mit ein⸗ zelnen Ausrufungen begleiteten, und fragte ſie nach der Urſache dieſes Wagniſſes. Meine ganze Gegenwart ſchien unangenehm oder verdächtig. Sie wichen meinen Fragen aus, und nur als ich endlich das Unternehmen als thoͤricht tadelte, fuhr mich ein alter Fiſcher ziemlich unſanft an, indem er ausrief: Er muß wohl fort, der arme Junge, es iſt Be⸗ fehl gekommen, den Kuͤſtenſchiffer mit ſeinem Fahrzeug zu holen. Vom Schloſſe? fragte ich ploͤtzlich von der Wahr⸗ heit ergriffen; alſo iſt Pater Johannes ſchon zuruͤck? te, ſagte ein Anderer, gewiß, denn wer ſollte ſonſt ein ſolch' Wagſtück befehlen, wem ſonſt wurde der Kü⸗ ſtenſchiffer gehorchen? Ich war von dem Augenblick an uͤberzeugt, daß man die Ladhy zur See entführen wollte, und eben dieſe Ueberzeugung, daß unſere Huͤlfe, wenn nicht gleich, dann vergebens kommen wuͤrde, trieb mich vom Ufer zurück, nach der Wohnung des Wildmeiſters, den ich nun in der groͤßten Unruhe erwartete. Muthlos ſah ich ihn endlich nahen. Nach dem, was er auf dem Schloſſe erlebt und erfahren, hielt er Alles für verloren, da Lanei entdeckt und gefangen war, die Lady am Morgen im Wahnſinne ihren Wächtern entſprungen, und eben die Treppe, auf der ſie ihren Gemahl vor Jahren todt gefunden, und auf der ſie ihn beſtändig in ihrem Wahnſinn ſuchte, hinabgeſtuͤrzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod gefunden hatte, wodurch, ſeines Erachtens, die ganze Herrſchaft an Pater Johann uͤberging und keine Gnade mehr zu hoffen ſchien. Von Euch, Herr Oberſt, unterrichtet uͤber Eure Vollmachten in Bezug auf dieſen Tod, brauche ich Euch nicht zu ſagen, daß dies mir jetzt gerade die groͤßte Hoffnung für uns alle gab. Doch überzeugt, wie ſehr im Intereſſe des Pater Johann es ſein wuͤrde, die Nachricht zu verheimlichen, beſchwor ich den alten Wildmeiſter, ſich nach Dunferling zu begeben, Euch die wichtige Nachricht von dieſem Tode mitzutheilen und Euch um ſchnelle Huͤlfe zu bitten. Ich ſelbſt aber kehrte nach der Kuͤſte zuruͤck, Alles anzuwenden entſchloſſen, um eine Entführung der Lady, wenn man ſie noch beabſichtigen ſollte, zu verhindern. 257 Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel, als meine Piſtolen und mein Degen; denn da ich Eure Ankunft fuͤr wichtiger hielt, als die des Maſtor Brir⸗ ton und meiner Leute, ſo ſollte der Wildmeiſter erſt auf der Ruͤckkehr nach dem Staͤdtchen gehn, um ihre Ankunft zu veranlaſſen. Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen, um den Verdacht der Schiffer nicht auf's Neue zu reizen, und ſah bald das Kuͤſtenboot vor Anker liegen, das zu einer längeren Fahrt geruͤſtet zu werden ſchien.— Die Unterredung der beiden Männer ward hier durch eine Meldung unterbrochen, die ein Unter⸗Lieutenant der Milizen dem Oberſten machen wollte. Der Oberſt beurlaubte ſich von Lord Richmond und unterredete ſich eine Zeitlang mit dem Offizier, dann ver⸗ abſchiedete er ihn und kehrte wieder in's Zimmer zuruͤck. Das Richteramt, Mhlord, iſt vollſtreckt ohne menſchliche Zuthat. Eine furchtbare und erſchuͤtternde Fuͤgung hat das, was Pater Johannes zum Untergang der ungluͤcklichen jungen Dame beſtimmte, zu ſeinem eigenen herbeifuͤhren laſſen. Wie, Sir! rief Richmond aufſpringend, wie meint Ihr dies? Der anbrechende Tag, erwiderte der Oberſt, hat die zerſchellten Leichname des Pater Johann und des Godwie⸗Caſtle III. 17 258 Kuͤſtenſchiffers an den Strand getrieben, während das Wrack des Schiffes auf der hohen See ſeinem Unter⸗ gange entgegen treibt. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe unter den beiden Maͤnnern, die dem Gefuͤhl der Ehrfurcht Raum gab, welches den Menſchen ergreift vor dem mächtigen Einſchreiten einer goͤttlichen Gerechtigkeit, das die Kom⸗ binationen des Menſchengeiſtes uͤberbietet und ſeine Ab⸗ ſichten durchſchneidet. Es iſt ein gerecht Gericht gehalten, Sir, hob Richmond nach einer kleinen Pauſe an. Der boͤſe Menſch uͤberſieht in dem hochmuͤthigen Duͤnkel, womit er die Mittel zu ſeinen Zwecken herbeifuͤhrt, daß er ſelbſt die Gewalt entwickelt, die in zerſtoͤrender Gegen⸗ wirkung ſich auf ihn wälzen wird, daß der Keim des Untergangs nothwendig dem Unrecht inne wohnt und dieſelben Mittel, die ihm dienen ſollten, ihn zerſtoren werden. Ich habe Befehl gegeben, ihre Koͤrper zu beerdi⸗ gen, begann endlich der Oberſt und beurlaube mich, 3 meinen Bericht nach Hofe zu machen, da mir nähere Befehle uber mein ferneres Verhalten fehlen. Bei dem Tode der beiden hauptſächlich Betheilig⸗ ten, verſetzte Richmond, iſt allerdings zu erwarten, daß man eine ſtille Beilegung der hier vorgefundenen An— 259 zeigen üͤber die Beſtimmung des Schloſſes vorziehen wird. Ich muß Euch noch außerdem bitten, alle An⸗ deutungen uͤber die Anweſenheit und Verhältniſſe der Lady Melville und unſerer Gegenwart aus Euerm Be⸗ richte weg zu laſſen, da dies auf's Neue Verfolgungen veranlaſſen koͤnnte, denen wir das Fräulein zu entziehen trachten muͤſſen. Ich willige um ſo eher in Euern Wunſch, er⸗ widerte der Oberſt, als ich dies als eine Privatſache anſehen muß, die zu meinen Dienſtpflichten in keiner Beziehung ſteht. Maſter Brirton hatte eine kurze Ruhe gefunden, und erblickte bei ſeinem Erwachen ſeinen jungen Freund, der bereit war, ihm die troͤſtlichen Nachrichten zu wie⸗ derholen, welche Margarith von Zeit zu Zeit aus dem Krankenzimmer heruͤber brachte. Der Morgen war indeſſen vollends angebrochen, und die Männer hielten eine Berathung uͤber ihre näch⸗ ſten Schritte. Eine ſichere und jede Bequemlichkeit darbietende Zuflucht gewaͤhrte ihnen das Schloß, und dies war das augenblicklich noͤthigſte Beduͤrfniß fuͤr Lady Maria. Ein kurzer Aufenthalt ſchien ſelbſt dem Maſter Brirton noͤthig, da ſeine Geſundheit offenbar gelitten hatte, und ſo entſchloſſen ſie ſich, den Oberſten Craw⸗ 17* — ford, den ſie offenbar vorlaͤufig als ihren Wirth anſe⸗ hen mußten, um dieſe Verwilligung zu bitten. Dagegen ſuchte Brirton es zu verhindern, daß Richmond Nachrichten an ſeine Familie ſende, oder ſuchte doch ſie zu verzoͤgern, indem er ihn bat, den Ausſpruch Electas abzuwarten, wann ihre Abreiſe moͤg⸗ lich ſein werde. Richmond willigte um ſo lieber ein, als er eine Art Scheu fuͤhlte, ſich uͤber das Fraulein gegen ſeine Familie zu äußern. Oberſt Crawford kehrte unterdeß zu ihnen zuruck, und nachdem er ihren Wunſch auf das Zuvorkom⸗ mendſte bewilligt, folgten ihm die Herren, um das Schloß in Augenſchein zu nehmen, und fuͤr ſich und ihre Leute die Zimmer zu waͤhlen. In dieſe zogen ſie ſich dann zu einiger Ruhe zuruͤck, während Oberſt Crawford in aller Stille die Ueberreſte der Herzogin in den ſchon ſeit lange bereit ſtehenden Sarg legen und in das Erbbegräbniß neben ihrem Gemahle beiſetzen ließ, und damit das dritte Vegraͤbniß ſeit ſeinem kurzen Aufenthalt beſorgte. Den Frauen des Schloſſes machte er jeder ein⸗ zeln in ihrem Zimmer einen Beſuch, und forderte ſie auf, ihm ihre Verhältniſſe zur Welt und zur verſtor⸗ benen Herzogin zu entdecken. 261 Er bekam hier genug Veranlaſſung, ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß die meiſt aus Frankreich ſtammenden Frauen, welche hier der Herzogin eine Beſchaͤftigung fuͤr ihre boͤſen Launen gewährt hatten, bis auf zwei, die in fanatiſcher Stupidität von jeder Mittheilung ſich abwendeten, ohne alle Empfindung fuͤr das Ableben ihrer Patronin waren, und daß die Furcht vor der Strafe, die ihrer Korporation harre, ihr einziges Ge⸗ fuͤhl blieb. Der Oberſt verhieß ihnen Fuͤrſprache und empfahl ihnen ein ruhiges Verhalten in ihren Zimmern. Eben ſo verſammelte er die Dienerſchaft der Herzogin, und nachdem er ſie von der Straffälligkeit ihres bisherigen Lebens unterrichtet hatte und von den Verhaͤltniſſen, in denen er vorlaͤufig zu ihnen ſtehe, ſchickte er ſie an ihre Plätze zur Obwaltung des Hauſes, ließ dann mit mi⸗ litäriſcher Strenge von ſeinen Milizen die aͤußeren Po⸗ ſten beſetzen und Keinem den Ausgang geſtatten. Zur Verſorgung der zahlreichen Bewohner war ein bedeu⸗ tender Vorrath aller Beduͤrfniſſe vorhanden, und die reichgefullten, nach der See hin gelegenen Gewoͤlbe beſtätigten vollkommen den Verdacht, deſſen Oberſt Crawford, in Bezug auf die Kontrebandirer, bereits erwaͤhnt hatte. 262 In dem Krankenzimmer der Lady Maria ging das Geſchaͤft der Pflege und Heilung ſeinen ſtillen geräuſch⸗ loſen Gang. Electas Geſchicklichkeit und Sorgfalt zeigte ſich ſo vollkommen ausreichend, daß der herbeigerufene Arzt nur täglich den Puls zu fühlen übrig behielt, wonach er ſtets Gefahrloſigkeit und baldige Geneſung prophezei⸗ hete, und endlich wohlbeſchenkt das Schloß verließ. Es war ein hoͤchſt ergreifender Anblick, als Electa endlich den ehrwuͤrdigen Brirton an das Bett ſeines geliebten Zoͤglings fuͤhrte. Maria wollte ſeine Hand kuͤſſen; er legte ſie ſeg⸗ nend auf ihr Haupt. Aber was er ihr ſagen wollte, konnte ſeine bewegte Stimme nicht hervorbringen. Still ſetzte er ſich ihr gegenuͤber, blickte ſie an und fuhlte die Thränen nicht, die uͤber ſein ehrwuͤrdiges Geſicht floſſen. Mein Wohlthater! mein Vater! mein Erretter! rief das erſchuͤtterte Mädchen welchen Gefahren, welchen Beſchwerden habt Ihr Euch ausgeſetzt, mich zu retten. O Ihr, mein einziger Schutz auf dieſer Erde! 263 Beruhigt Euch, Lady Maria, erwiderte ſanft der ehrwurdige Geiſtliche, Ihr durft Euch nicht Euern Ge⸗ fühlen uͤberlaſſen; Eure Geneſung iſt zu wichtig. Aber Ihr werdet es bald erkennen, daß Euch noch viele Freunde geblieben ſind. Ach, Sir! ſeufzte Maria, wißt Ihr denn alle, die der unerbittliche Tod von meiner Seite nahm? Koͤnnt Ihr ſagen, daß mir außer Euch noch irgendwer ge⸗ blieben iſt, da der Einzige, den ich zu meinem Ungluͤck vergeblich zu erreichen ſtrebte, ſich mir gegen meine Hoffnung entzieht? Vertraut mir, theure Lady, ſprach Brirton drin⸗ gend, vertraut mir jetzt Euer Schickſal an, da ich un⸗ fehlbar klarer darin ſehe, als Ihr ſelbſt. Ihr ſeid fuͤr den Augenblick in ſicherem Schutze, und nichts als Eurer Geneſung bedarf es, um Euch wuͤrdigen und begluͤckenden Verhältniſſen zuruͤck zu geben. Maria's Auge hatte erwartungsvoll auf Brirton geruht; es ſenkte ſich jetzt von einer unbeſtimmten Ah⸗ nung erfaßt zur Erde, und die dringenden Worte ver⸗ ſtummten in einer ſuͤßen Ruhe, die der Hoffnung ver⸗ wandt war. Brirton behielt Zeit, ſie unterdeß zu betrachten und mit Schmerz zu bemerken, wie die uͤberſtandenen Leiden und die ſie beherrſchende Erſchoͤpfung dieſen 264 ſchonen jugendlichen Zuͤgen eingeprägt waren. Er ge⸗ dachte derer, die dies Kind mit ſo grenzenloſen Hoff⸗ nungen erzogen hatten, und ihren jetzigen Zuſtand we⸗ der ahnen, noch verhindern konnten; er erinnerte ſich, wen er eigentlich vor ſich ſah, zu welchen Anſpruͤchen er ſelbſt ſie hatte entwickeln helfen, und daß von allen dieſen Anſpruͤchen in ihm jetzt nichts uͤbrig geblieben war, als das Verlangen, ihr ein unbemerktes Loos zu ſichern, keinem fruͤher genaͤhrten Wunſche, nur dem des Herzens entſprechend. Dann fuͤhlte er mit einer wahrhaft demuͤthigen Beruhigung, daß es das erreichte Ziel nicht iſt, ſondern der Weg dahin, der uͤber den Werth des zuruckgelegten Lebens entſcheidet, daß im Verfolgen dieſes Weges ein hoͤheres Reſultat der Vernunft ſich entwickelt und das Ziel vertritt, welches wir mit den eiteln Kombinationen unſers Verſtandes zu erreichen trachteten. Und darf ich die Frage wagen, ohne Euch zu erzuͤrnen, hob ſie ſchuͤchtern nach einer Pauſe an, wohin Ihr mich zu fuͤhren denkt, verehrter Sir? wann meine Abreiſe moͤglich ſein wird? Darf ich es wiſſen?— Ich hoffe, Lord Richmond, der mit großmuͤthigem Eifer mich unterſtuͤtzt hat, wird Euch und mich zur Herzogin, ſeiner Mutter, zuruͤckfuͤhren, bis natürli⸗ cher Schutz Euch Rang und Unabhäͤngigkeit zuruck⸗ geben kann. Gewiß, rief Maria, ich irrte mich alſo nicht, als ich Lord Richmond zu erkennen hoffte? Und zu mei⸗ ner Wohllhäterin ſoll ich zuruͤck? Sagt, hat ſie mir verziehen, wird ſie der fluͤchtigen Thoͤrin ihre Hand noch ein Mal reichen? Wer hat ſie uͤber den Betrug aufgeklärt, dem ich unterlag? Schont Euch, theure Ladh, ſprach Brirton be⸗ ſorgt, da er ſie ſo erregt und die Farben wechſeln ſah. Werdet erſt geſund und erwartet dann das Weitere. Ich will, ſagte ſie ſanft und lehnte, Electas Er⸗ mahnungen folgend, ſich in die Kiſſen zuruͤck. Ruhe und Einſamkeit war jetzt ein willkommenes Gebot fuͤr das reiche Leben der Hoffnung in ihrer Bruſt. Electa erſtaunte ſelbſt uber die ſchnellen Fort⸗ ſchritte, welche die Kranke in ihrer Geneſung machte. Die Wunde heilte ſchnell unter ihren ſorgſamen Haͤnden. Maria ſtand und ging bald, ohne weitere Huͤlfe zu beduͤrfen, als Margariths jeder Zeit bereiten Arm, und in ihrem Antlitze leuchtete durch die Lilienweiße ein feiner Anhauch wiederkehrender Lebenskraft. So trug Electa denn ſelbſt in ihrer ſchuͤchternen Weiſe die Bitte der Herren vor, der Lady ihre Gluͤck⸗ wuͤnſche darbringen zu koͤnnen. Nach einem ſtill ver⸗ lebten Morgen, den Maria, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, in ernſtem Nachdenken und einer damit verknuͤpften tiefen Bewegung ihres Herzens zugebracht, empfing ſie die Nachricht, daß die Herren in ihrem Wohnzimmer ſie erwarteten. Sie blieb noch einen Augenblick mit niedergeſchla⸗ genen Augen ſitzen, dann erhob ſie ſich, und auf die harrende Margarith ſich lehnend, ſchritt ſie langſam der Thuͤre zu. Wie das erſte Mal, als ſie hier eintrat, ſtanden die Lehnſeſſel um das gluͤhende Feuer des Kamins, zu traulichem Beiſammenſein einladend. Aber nicht leer waren ſie; nicht Fremde, nicht feind⸗ lich Geſinnte hatten Platz darauf genommen. Die ſich jetzt erhoben und ihr entgegen gingen, waren theure Freunde, Beſchuͤtzer, die mit einem Mal die Buͤrde, ſich ſelbſt ſchuͤtzen zu muͤſſen, von ihr genommen hatten. Dem Oberſten Crawford, als Fremden, als Sene⸗ ſchall des Schloſſes, gebuͤhrte der Vorzug, von Brirton ihr zuerſt vorgeſtellt zu werden und ihre erſten ſchuͤch⸗ ternen Worte des Dankes zu hoͤren, die der Oberſt mit Ehrerbietung erwiderte, aber ſichtlich uͤberraſcht von der Erſcheinung der Lady, die ſelbſt im blaſſen Kolorit der Krankheit noch allen Zauber ihrer ruͤhrenden Schönheit und Anmuth uͤbte. Richmond hatte waͤhrend deſſen verſucht, ſich zu faſſen, als ihr erſter Aufblick ihn aber traf, näherte er ſich ihr, ohne Worte finden zu koͤnnen. Beide fanden ſie nicht, aber ſich gegenuͤber zu ſtehn, das Bewußtſein dieſer Nähe, verſenkte ſie auf einen Augenblick in ein ſo ſuͤßes Gefuͤhl von Befriedigung und Ruhe, daß ſie der Worte nicht bedurften. Es giebt Augenblicke im Leben, die alle Schmerzen der Vergangenheit ausloͤſchen, ſprach Richmond mit be⸗ wegter Stimme, ein ſolcher iſt der gegenwärtige. Mein Retter! ſtammelte Maria, waͤhrend einzelne Thraͤnen aus ihren geſenkten Augen fielen. O nennt mich nicht ſo! rief Richmond, ſchmerzlich aufſeufzend, ich habe Euch nicht ſchuͤtzen koͤnnen, nicht retten vor den grauſamen Mißhandlungen, denen Euer Leben faſt erlegen waͤre!— Erlegen waͤre, fiel Maria raſch ein, wenn Ihr mich nicht gerettet; das zerſchellte Boot hätte mich nicht geſchutzt, da es ſeine Beſitzer untergehen ließ, und doch häͤtte man mich trotz meiner Verwundung darin fort⸗ zuſchleppen geſucht, hättet Ihr nicht großmuͤthig mich meinem Entfuͤhrer abgekämpft.— 268 Laſſen wir dieſe grauenhaften Erinnerungen, fiel Brirton ſanft ein, nehmt bei uns Platz, theure Lady, daß wir des Gluͤckes inne werden, Euch geneſen zu ſehn. Sanft lächelnd reichte Maria dem ehrwuͤrdigen Herrn den Arm und nahm einen der Lehnſtuͤhle ein, die nun um ſie her von ſo theuern Perſonen beſetzt wurden. Mein Herz ſehnt ſich, theurer Sir, hob Maria an, ſich zu Brirton wendend, Euch Rechenſchaft zu geben von meinem Leben, ſeit ich durch den Tod mei⸗ ner Tante mir ſelbſt uberlaſſen blieb, und Euch, Mh⸗ lord, fuhr ſie gegen Richmond fort, bin ich ebenfalls Rechenſchaft ſchuldig uͤber die traurige Verblendung, die mich aus dem Schutze meiner großmuͤthigen Wohl⸗ thaͤterin, Eurer Mutter, fuͤhrte, die mich ſo hartnäckig widerſtehn ließ, wie Ihr und Lord Ormond einen großmuͤthigen Verſuch machtet, mich derſelben zu ent⸗ ziehen. Moͤchtet Ihr in dem, was ich hieruber zu ſagen haben werde, einigen Anlaß finden, mich mild zu richten. Ich hatte mit einem ploͤtzlichen Lebens⸗ wechſel nicht die Schaͤrfe des Urtheils, den Schatz der Erfahrung erhalten, die meine Handlungen hätten lei⸗ ten konnen, mit Beſchämung habe ich die thoͤrichte Sicherheit erkannt, womit ich geneigt war, meiner jun⸗ gen Ueberlegung zu folgen; laßt es Euch ruͤhren, wie 269 ſehr ich dafür beſtraft ward, ſetzte ſie mit einem Lä⸗ cheln voll Anmuth hinzu, das die ſanfteſte Bitte um Nachſicht ausſprach.. Es iſt wenigen Menſchen ein ſo außerordentliches Schickſal zu Theil geworden, als Euch, erwiderte Richmond, wer koͤnnte wuͤnſchen, daß Euer unſchul⸗ diges Herz, Euer hochgeſtellter Geiſt eine Ahnung ge⸗ habt hätte von den boͤſen Abſichten, die man Euch ſicher mit groͤßerer Schlauheit zu verhuͤllen ſuchte, als Ihr vorauszuſetzen vermochtet. Wir konnten nur be⸗ klagen, daß uns kein Recht zuſtand, in Euern miß⸗ leiteten Willen mit hoͤherer Gewalt einzuſchreiten, als eben das einer kurzen Freundſchaft, die das Gluͤck uns gegoͤnnt. Daß ich dieſe nicht ausreichend fand, erwiderte Maria, daß irgend etwas mich abhalten konnte, ſie fuͤr meine Autoritaͤt anzuerkennen, muß ich mir zum ſchmerzlichſten Vorwurf machen und kann Eure gütige Abſicht, mir Beſchaͤmung zu erſparen, nicht weglaͤug⸗ nen; aber gewiß iſt es, und ich halte dies zu meiner Rechtfertigung gern feſt, daß meine Lage traurig und ungewoͤhnlich war, und gewiß geeignet, Neigung und Pflichtgefuͤhl in einem unerfahrenen Weſen in Ver⸗ wirrung zu bringen. Ganz, fuhr ſie nun ruhiger fort, iſt es mir noch nicht moͤglich, den Plan und die Ab⸗ * ſicht zu durchſchauen, um derentwillen man mich dem ehrwuͤrdigen Schutze Eurer Familie, Lord Richmond, entzog. Betrogen ſcheint mir aber jedenfalls von mei⸗ nen ſpaͤtern Feinden der geweſen zu ſein, der mich zuerſt betrog. Doch betrogen werden um Freiheit und Lebensgluͤck ſollte ich, und vielleicht erhielt dieſe erſte Abſicht hier noch eine Ausdehnung durch den Haß der Ladh Sommerſet, welche ſelbſt meinen Tod herbei zu fuͤhren ſuchte. Es wird mir ſchwer, fuhr ſie nach einigem Nach⸗ denken fort, welches keiner der geſpannt Lauſchenden zu unterbrechen wagte, unter meine Feinde einen Mann zu zählen, der mir Hochachtung und Vertrauen, ja, Dankbarkeit eingefloͤßt hat, da er mich von der verhaß⸗ ten Nähe des Lord Membrocke befreite. Er war es zwar, der mich hier in mein Gefaͤngniß fuͤhrte, aber es ſchien mir nur zu oft, daß er wider Neigung und Gefuͤhl einem Zwange gehorchte, der ſeinen lichtvollen Geiſt in Feſſeln hielt, den er mir auch ſpaͤter andeu⸗ tete, und der ihn als einen Anhäͤnger des Ordens Jeſu bezeichnete. Er war Moͤnch und nannte ſich mit ſeinem Ordensnamen Clemens. Mußte er mich auch hier begraben, ſo war er doch freundlich bemuͤht, mich im Schutze meiner Beſchäf⸗ tigungen und einiger wohlthuenden Aeußerlichkeiten zu 221 erhalten, denn dieſe Zimmer beſtimmte er mir ſelbſt und endlich die groͤßte Wohlthat, Margarith theilte er mir zu. Lange habe ich gehofft, er wuͤrde es ſein, dem ich meine Befreiung danken koͤnnte, und habe ich mich da⸗ rin getauſcht, ſo kann ich die Ueberzeugung nicht auf⸗ geben, daß er nur gehindert ward, vielleicht durch eben die Autorität, der er ſich ſo willig beugte, obſchon ſein Geiſt uber ihr ſtand. Ich habe ihm daher geglaubt, als er mir die Tau⸗ ſchungen enthullte, die mich in mein Verderben ſturz⸗ ten, obwohl ich nicht einzuſehn vermochte, warum ich ſo wichtig war fuͤr einen der maͤchtigſten und, wie Pa⸗ ter Clemens ihn nannte, einen der verdorbenſten Gro⸗ ßen des Landes, von dem Lord Membrocke nur als Mittelsperſon gebraucht worden war, mich zu entführen, und den er den Herzog von Buckingham nannte.— Herzog von Buckingham! rief Brirton, ſo hef⸗ tig aufſpringend, daß Maria zuſammenfuhr, iſt es moͤglich, großer Gott, in deſſen Haͤnden waret Ihr? Und kannte er Euch, ſagt, wußte er, wen er in Euch hatte? Theurer Sir, ſagte Maria in ſanftem Vorwurf, Ihr vergeßt, daß ich ſelbſt mich nicht kenne, daß ich nicht zu ſagen wiſſen wuͤrde, ob er mich kannte, hätte er mir ſelbſt einen Namen beigelegt. Doch jedenfalls wußte er mehr von mir, als ich erwarten konnte, denn betrogen hat er mich nur durch dieſen Brief und die⸗ ſes Petſchaft, denen ich zu folgen für Pflicht hielt, wie ich denn fruher jede andere Art, mich zu uͤberreden, zuruͤckgewieſen hatte. Maria zog hier Beides hervor, es Brirton uͤber⸗ reichend. Großer Gott! rief Brirton, als ſein Blick auf dieſe Gegenſtaͤnde fiel, es iſt Alles verrathen! Pater Clemens, fuhr Maria mit dem Beſtreben, den Erſchrockenen zu beruhigen, ſchnell fort, ſagte mir, dieſer Brief ſei nicht von meinem Oheim, deſſen ge⸗ liebte Handſchrift er trägt, er ſei nur nachgeahmt, und der Inhalt haͤtte mich warnen ſollen, trotz ſeiner liebe⸗ vollen Worte: und dieſer Ring, den ich ſo oft ſpielend von ſeinem Finger gezogen, er ſei ihm heimlich ge⸗ nommen. Ach theure Lady, ſagte Brirton, es aͤndert we⸗ nig; war der Herzog unterrichtet, daß Beides von Be⸗ deutung ſei, ſo mußte eine hoͤchſt wichtige Entdeckung bereits geſchehen ſein, und Eure Sicherheit bleibt dann noch von einer gefährlichen Seite her bedroht! Ich hoffe, rief Richmond mit gluͤhender Stirn, keine Gefahr, welche den freien Willen der Lady Ma⸗ 223 ria bedroht, kann eintreten, ſo lange ſie Euch vertraut und mir vergoͤnnt, ihren Willen gegen jede Anmaßung zu vertreten. Wobei Ihr über ein ſo ſtarkes Gefolge von Mi⸗ lizen, als Euch gut duͤnkt, ja, uͤber meine eigene Per⸗ ſon, ſo weit es meine Dienſtpflicht erlaubt, gebieten moͤgt, rief Oberſt Crawford, mit tiefer Ehrerbietung ſich vor Lady Maria neigend. Unſere Abreiſe muß ſo ſehr beſchleunigt werden, als es Eure Geſundheit erlaubt, theure Lady, ſprach Brirton, von Gedanken, wie es ſchien, uͤberfüllt. Ich hoffe, die Frau Herzogin, Eure Mutter, Lord Rich⸗ mond, wird dem Fraͤulein vorlaufig einen Schutz ver⸗ leihen, den die hochgeehrte Frau dereinſt nicht bereuen wird, gewährt zu haben; während ich dafür Sorge tragen will, ihr den maͤchtigen und ehrenvollen Schutz zu verſchaffen, zu dem ihre Geburt ſie berechtigt. Seid ſicher, Mhladh, ſprach Richmond, Eure frei⸗ willige Ruͤckkehr wird jeden Zweifel bei meiner Mutter verſoͤhnen, und jetzt, wie fruͤher, werdet Ihr uͤber uns alle zu gebieten haben. Wir muͤſſen uns dieſer Hoffnung um ſo mehr freuen, unterbrach Brirton Marias Verſuch zu dan⸗ ken, da wir nicht zweifeln duͤrfen, daß der geheime Obere, deſſen Geſandter unſer junger Lanci iſt, Godwie⸗Caſtle III. 224 und deſſen Namen er uns ſo hartnäckig verſchweigt, nicht nur ein wohlmeinender Freund iſt, indem er uns das Fräulein wirklich finden ließ, ſondern zugleich auch weit mehr unterrichtet ͤber das, was man mit ihr vor hatte, als uns fuͤr's Erſte erlaubt iſt zu uͤberſehen. Wir find ihm daher das Vertrauen ſchuldig, ſeiner drin⸗ gend empfohlenen Anweiſung zu folgen, welche eben dahin ging, den Schutz Eurer Familie, Mhlord, vor⸗ laufig in Anſpruch zu nehmen. Ich hoffe, Lady Maria wird kein Bedenken tragen, entgegnete Richmond, durch die Befolgung dieſer An⸗ weiſung meine Familie zu ehren und zu begluͤcken. Ich habe nur die Nachſicht und Verzeihung derſel⸗ ben in Anſpruch zu nehmen, erwiderte Maria, und zu erwarten, ob meine Jugend und Unerfahrenheit mir Fuͤrſprecher ſein werden. Babt indeſſen die Guͤte, hob Brirton an, uns auf's Genaueſte, wenn es Euch beliebt, Alles mitzutheilen, ſowohl wodurch man Euch zu dieſer Flucht beſtimmte, als was Euch in deren Verfolg begegnete. Mein Herz ſehnt ſich nach dieſer Mittheilung, er⸗ widerte Lady Maria, und es ſoll Euch nichts davon entgehen, denn mein Gedächtniß iſt mir treu. Doch erlaubt mir, verehrter Sir, ehe ich beginne, Euch eine Frage vorlegen zu durfen, welche immer dringender wird, 4 je mehr mein Bewußtſein in Bezug auf die Verhaͤlt⸗ niſſe der Welt durch das, was ich erlebte, geweckt iſt. Wer bin ich? fuhr ſie mit bebender Stimme fort, als Brirton in ahnungsvoller Verlegenheit ſchweigend zur Erde blickte. Bin ich des Namens berechtigt, den ich jetzt nur beſtritten trage? Leben mir Angehoͤrige, und durfen meine Verhaͤltniſſe jemals aus dem Dunkel tre⸗ ten, das ſie bis jetzt zu einem Gegenſtande des Ver⸗ dachtes macht und ihre Ehrbarkeit in Zweifel ſtellt? Ich kann nicht zweifeln, Ihr muͤßt mir Aufſchluß geben koͤnnen, denn Ihr waret der Freund, der Ver⸗ traute der geliebten Menſchen, welche meine Jugend behuteten. Ihr habt Recht, Lady Maria, ſprach Brirton mit Faſſung, aber auch mit tiefem Ausdruck wehmüthi⸗ ger Empfindung. Ich bin unterrichtet von allen Euern Verhältniffen, aber es iſt mir nicht vergonnt, Euch jetzt ſchon daruͤber Aufſchluß zu geben, ſo wuͤrdig Ihr trotz Eurer Jugend es ſeid, Eure Geburt und alles damit Verknuͤpfte zu kennen. Meine Ueberzeugung darf hier nicht entſcheiden, mich bindet ein Schwur, deſſen Lo⸗ fung mir nicht zuſteht. Habt noch eine kurze Geduld, der Augenblick iſt von Außen unterdeſſen ſchon gekom⸗ men, der, wie ich hoffe, jedes Hinderniß beſeitigen wird, und hat ſich Eure Zukunft auch anders geſtaltet, 18* 6 als Eure Freunde träumten, Ihr werdet Gerechtigkeit finden, verliert nur nicht das Vertrauen darauf. Maria ſchwieg, aber in ihren zarten Zuͤgen war der ſchmerzliche Kampf zu leſen, den ſie mit ihrem Zartgefuͤhl für Ehre zu kämpfen hatte, da, über die wichtigſten Beziehungen derſelben auf's Neue in Un⸗ gewißheit zu bleiben, ſie, je laͤnger, je mehr herab zu ſetzen ſchien. Ihr ſelbſt, Sir, ſprach ſie dann mit dem tiefen Ausdruck eines bekämpften Gefuͤhls, Ihr ſelbſt und alle meine Umgebungen, denke ich, haben, ſo viel ich mir bewußt bin, darauf hingewirkt, ein ſtarkes Ehrgefuͤhl in mir zu wecken, und jede Unklarheit zu haſſen und von mir fern zu halten. Vergebt mir daher, daß ich, im Begriff in die Welt zuruͤck zu kehren, mit Wider⸗ ſtreben einwillige, mich namenlos und geheimnißvoll ihr wieder darſtellen zu muͤſſen.— Jedoch, fuhr ſie fort, mit kindlicher Hinneigung zu Brirton ſich wen⸗ dend, der ſichtlich zu leiden ſchien, ich will den einen Gedanken feſthalten, daß ich Euch durch nichts beſſer mein unbegrenztes Vertrauen, meine Hochachtung be⸗ zeigen kann, als indem ich mich dieſer peinlichen Lage unterziehe, ohne Euch weiter zu beläſtigen. Seid ſicher, erwiderte Brirton geruͤhrt, ich werde mit allem, was mir zu Gebote ſteht, eilen, Euch der⸗ 227 ſelben ſobald wie moͤglich zu entziehen, jetzt aber ver⸗ ſucht, uns Eure Mittheilungen zu machen. Ich bin bereit dazu, ſprach Maria mild, wenn anders mein guͤtiger Arzt, der ſich dort an der Thuͤr ſchon einige Mal gezeigt hat, es nicht anders beſtimmt. Ich wuͤrde wagen, Euch eine kurze Ruhe vorzu⸗ ſchlagen, ſprach Electa, ſich ſchuͤchtern nähernd und den Puls fuͤhlend; Ihr ſeid ſehr bewegt und eine Wie⸗ derkehr des Fiebers wäre nicht erwuͤnſcht. Gewiß nicht! rief Richmond, lebhaft aufſtehend, beurlaubt uns, Mhlady, bis wir uns ohne Furcht, Euch zu ſchaden, wieder nähern duͤrfen. Lady Maria willigte ein, und die Herren zogen ſich nach dem Vorſaal zuruͤck, indeß ſie auf ihrem Bette ruhte. Doch mußte Electa ihr bald den Wunſch zugeſtehn, zuruͤck zu kehren, und nachdem ſich Alle um ſie verſam⸗ melt hatten, erzaͤhlte ſie, was uns bereits bekannt iſt ſo weit ihre eigene Kenntniß der Umſtaände reichte. Wir unterlaſſen es, ausfuͤhrlich den Eindruck zu ſchildern, den dieſe Mittheilungen in ihren verſchiedenen Beziehungen auf die Zuhoͤrer machen mußten, und er⸗ waͤhnen nur, daß, während ſich Richmond gelobte, Membrockes ehrloſe Betruͤgereien zu ſtrafen, Brirton ſich in Beſorgniſſe geſtuͤrzt füͤhlte, die um ſo quaͤlender 278 waren, je weniger es ihm möglich war, die ſich durch⸗ kreuzenden Abſichten in Uebereinſtimmung zu bringen mit einer Entdeckung der Geburt des Fraͤuleins, die Buckingham hoͤchſt unwahrſcheinlich zu ihrem Feinde ma⸗ chen konnte. Er fuͤhlte, daß ihm nur eine Annäherung an die hoͤchſte und dabei zumeiſt intereſſirte Perſon ge⸗ nuͤgend Aufſchluß geben koͤnnte, und er kehrte aus ſei⸗ nem tiefen Nachdenken mit einer Aeußerung zurück, die alle ſeine Wuͤnſche einſchloß, indem ſie die mogliche Beſchleunigung ihrer Abreiſe empfahl. Electa's Entſcheidung war hiebei die wichtigſte. Sie bat noch um zwei Tage Ruhe, und die Herren, ſich dieſem Ausſpruch fugend, eilten alle Anſtalten ſo zu treffen, daß jede Sorgfalt mit der moͤglichſten Eile ſich vereinigte. Dieſe Tage, die Lady Maria in ungeſtoͤrtem Um⸗ gange mit ihren Freunden verlebte, hatten einen ſo auffallenden Einfluß auf ihre Geſundheit und Stim⸗ mung, daß ſich kein weiterer Aufſchub der Reiſe nö⸗ thig zeigte und ſie dies Haus des Schreckens mit vol⸗ lig leichtem Herzen verlaſſen haben wuͤrde, hätte ſie das Schickſal ihrer Wohlthäterin Electa nicht mit Sorge erfuͤllt. Dies zarte Weſen, deſſen Gemuth ohne Kraft und eigne Beſtimmungsfähigkeit, den ein⸗ zigen Anhalt ihres verfehlten Daſeins in der ſelbſt . 229 gewählten Knechtſchaft gegen ihre geiſtlichen Oberen gefunden hatte, und jede unſchuldige Sehnſucht nach der Welt als die ſchnoͤdeſte Suͤnde in ſich verfolgte, der ſie doch immer wieder unterlag, fuͤhlte ſich nun ſogar erſchuͤttert in ihrem Glauben, in ihrer Ergebung gegen dieſe ihre bisherigen Vorbilder durch die Kennt⸗ niß ihrer wahren Geſinnungen, wie ſie die letzten Be⸗ gebenheiten ihr von allen Seiten ſchonungslos gege⸗ ben hatten. Sie lebte nur ſo lange noch in leidlicher Faſſung, als die Wunde der Lady Maria ihr eine ihrer fruͤheren Eriſtenz gemäße Beſchäftigung gab. Fetzt, als von dieſer Seite ihre Thätigkeit auf⸗ hoͤrte und die nahe Abreiſe der Lady ihr das einzige Weſen zu rauben drohte, zu dem ſie ſich noch hinge⸗ zogen fuͤhlte, von dem ſie ſich geſchutzt ſah, da ſank ihr ganzes Weſen in Troſtloſigkeit zuſammen, und Vergangenheit und Zukunft ſchien ihr eine ununterbro⸗ chene Kette von Ungluͤck und Leiden. Mit zarter Theilnahme ſuchte Maria den Zu⸗ ſtand der Leidenden nach und nach zu erforſchen, und wagte es endlich, den Gedanken einer Ruͤckkehr in die Welt in ihr anzuregen. Aber ſie fand hier das einzige entſchiedene Gefuͤhl der Armen in beſtimmter Abnei⸗ gung dagegen und erfuhr genug, um ein ſchmerzlich ver⸗ 280 rathenes Herz zu ahnen, das nur durch gänzliche Flucht aus jeder Beziehung des Lebens Rettung gefunden hatte. Sinnend ſaß ſie der unentſchloſſenen Leidenden nach dieſer gewonnenen Ueberzeugung gegenüber, muthlos ſelbſt ihrer Zukunft gedenkend, als ſie ploͤtzlich von ei⸗ nem Gedanken ergriffen ward, dem ſie ſchnell die Frage folgen ließ, ob ſie den Aufenthalt des Pater Clemens kenne? Electa ſchien von dem bloßen Namen wie electriſirt, und augenblicklich gab ſie das Kloſter in Frankreich an, wohin der Pater ſich zuruͤckgezogen hatte. Nun, rief Maria lebhaft, ſo geht zu ihm und un⸗ terwerft Euer Leben ſeiner ferneren Beſtimmung! Engel des Himmels! rief Electa, ſich mit Begei⸗ ſterung vor Maria hinwerfend, welche Eingebung ſprach aus Euch. Ja, Ihr habt das Rechte getroffen; doch wie ſoll ich ihn erreichen? ſprach ſie plotzlich, zur größ⸗ ten Muthloſigkeit zuruͤckkehrend. Dafuͤr laßt mich ſorgen, ſprach Maria heiter und ſicher; ich gebe Euch mein Wort, Ihr ſollt ihn errei⸗ chen ohne Faͤhrlichkeit und Noth. Zugleich ſtand ſie auf, druͤckte das ſchuͤchterne Weſen liebevoll an ihre Bruſt und begab ſich in das Nebenzimmer, wo ihre Freunde ſie bereits erwarteien. 281 Mit der ganzen Wärme des Gefuͤhls, das ihr ſo eigen war, trug ſie ihnen ihre Abſichten und Wünſche in Bezug auf Electa vor, und beſchwor ſie, die Mittel dazu ihr anzugeben und einzuleiten. Auch fand ſie bei Richmond die lebhafteſte Bereit⸗ willigkeit, bei Brirton die wohlmeinendſte Abſicht. Nur Oberſt Crawford beobachtete ein ängſtliches Schweigen und geſtand endlich, als ihn Maria zur Theilnahme aufforderte, er bezweifle, daß er einen der Bewohner des Schloſſes entlaſſen duͤrfe, bevor ſeine Inſtruktionen aus London angekommen ſein wuͤrden, da er ſich genoͤ⸗ thigt ſehe, bis dahin alle Vorgefundenen als gleich ſchul⸗ dig und als Gefangene zu betrachten. Er ſetzte hinzu, wie er hoffe, daß man nach ſeinem Berichte geneigt ſein werde, dieſe ganze Angelegenheit, da ſie in ſich als auf⸗ geloſt anzuſehen ſei, der Vergeſſenheit zu uͤbergeben, und wie er alsdann zu der Erleichterung der Reiſe des Fraͤuleins alles beitragen wolle, was in ſeinen Kräf⸗ ten ſtehe. O Sir! rief Maria hier mit lebhafter Unruhe, denkt, daß wir morgen das Schloß verlaſſen, denkt, welch ſchmerzliche Unruhe ich mit mir nehme, wenn uber dem Schickſal dieſes armen Weſens eine troſtloſe Ungewißheit ſchwebt und mir nicht ſelbſt vergoͤnnt iſt, ſie zu ihrer Reiſe auszuruͤſten. 282 Vertraut ſie mir als Euer Vermächtniß, ſprach Crawford ehrerbietig, und heilig ſoll mir das Intereſſe des Weſens ſein, dem wir zum Theil Euer Leben dan⸗ ken. Mit der puͤnktlichſten Sorgfalt erfuͤlle ich Eure Befehle, und will ihre Reiſe, der ſich hochſt wahrſchein⸗ lich keine Hinderniſſe entgegenſtellen werden, ſo ſorg⸗ ſam und anſtändig einleiten, daß außer dem Meere ſelbſt, dem ich nicht zu gebieten vermag, nichts ihren eigenen Wuͤnſchen nachſtehen ſoll. Ich glaube, theure Lady, ſprach Brirton, wir duͤr⸗ fen nicht weiter in Oberſt Crawford dringen, da ſei⸗ ner Neigung hier ſeine Pflicht entgegen tritt, und gewiß koͤnnen wir ohne Sorge dem edlen Manne un⸗ ſere Freundin anvertrauen; Euch wird jetzt nur oblie⸗ gen, ſie ſelbſt mit dieſer einzigen und bleibenden Aus⸗ kunft zu verſoͤhnen. Da auch Richmond, auf den alles, was Pflicht hieß, ſtets eine ſtarke Gewalt ausuͤbte, ſchwieg, ſo fuͤhlte Maria ſich bald ſelbſt zu jener Mäßigung ihrer Wüͤnſche geſtimmt, und ſie eilte nun, Electa davon zu unterrich⸗ ten, welche ſie bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand, als ſie erwartet hatte. So empfingen denn am nächſten Morgen, als der erſte Sonnenſtrahl die mit Thau bedeckte Erde zu ei⸗ nem blitzenden Himmel unzähliger glaͤnzender Sterne 283 umſchuf, ſämmtliche Herren das Fräulein in der Halle des Schloſſes, wo ſie, von Electa und Margarith be⸗ gleitet, in ihren Reiſekleidern ihnen entgegen trat. Einen Augenblick blieb ſie noch ſtehn, und indem ihr Auge die Gegenſtände noch ein Mal überflog, ge⸗ dachte ſie ernſt des Abends, als ſie hier mit Pater Cle⸗ mens eingetroffen und von Margariths Vater empfan⸗ gen ward, deſſen Tochter ſie nun für immer mit ſich hinwegführte, und ſie hoffte eine Zeit der Leiden abge⸗ ſtreift hinter ſich zu laſſen, der ſie faſt unterlegen waͤre. Mit Thraͤnen dankte ſie noch ein Mal dem Oberſten Crawford, umarmte Electa und beſtieg mit Margarith dieſelbe kleine Sänfte, die ſie, von Pater Clemens ge⸗ leitet, hierher gefuͤhrt haite, waͤhrend die Herren und Rnci mit den uͤbrigen Dienern ſich zu Pferde ſetzten, und Crawford den Reiſezug bis zu dem nächſten Ruhe⸗ punkt begleiten zu duͤrfen ſich ausbat, da ein ferneres Geleit ſeiner Milizen von beiden Herren abgelehnt war, um jedes Aufſehn zu vermeiden. Godwie⸗Caſtle, als Familienſitz der Nottinghams, erfullte in dem Augenblick, wo wir jetzt uns demſelben ieder nähern, ſeine Beſtimmung in ſeltenem Maaße. 284 Zwar hatte der Graf Briſtol ſeine eigenen Beſitzungen fuͤr die naͤchſte Zeit eingenommen, doch ward ſeine Ge⸗ genwart, an die man bei ſeiner langen Abweſenheit ſich keineswegs gewoͤhnt nennen konnte, kaum vermißt, am meiſten wohl nur von der empfunden, die es ſo wohl verſtand, uͤber alle Empfindungen ihres Innern den Schleier zu ziehn, wir meinen ſeine Tochter, die juͤn⸗ gere Serzogin von Nottingham. Es lag in der Stimmung ihres Innern zu den von Außen ſich ihr darbietenden Umſtänden ein Widerſpruch, den die ſtolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden Schmerze fuͤhlte, und dieſe Stimmung ſteigerte ſich um ſo mehr, da es ihr an allen Mitteln fehlte, ſich derſelben zu entledigen, was ihrem ſtets einſchreitenden und an's Beherrſchen gewoöhnten Sinn einen Zwas auflegte, der ſie grollend ihren uͤbrigen Verhältniſſen gegenuͤber ſtellte. Dagegen war der Himmel blau über allen uͤbrigen zahlreich verſammelten Bewohnern von Godwie⸗Caſtle. Anna Dorſet, nunmehr berechtigt, die Liebe zu wickeln und zu geſtehn, die ſie zu ihrem Gemahl hin⸗ zog, zeigte ihre ganze Natur zu einem Reichthume und einer Fuͤlle weiblicher Anmuth entwickelt, die ihren jun⸗ gen Gemahl feſſelte und mit ähnlichem Erſtaunen er⸗ fullte, als uns wohl ergreift, wenn wir eine Knospe, 285 welche, feſt verſchloſſen, unſern Antheil wenig erregen konnte, am warmen Licht der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden; gewiß ward dieſer mit Gefuͤhlen vertraut, wie ſie einer ſolchen Ueberraſchung gegenuͤber nicht ausbleiben! Die Graͤfin Dorſet hatte mit ihrer Tochter Ollonh die Neuvermaͤhlten begleitet, und auch Graf Ormond war, nach einer Trennung von mehreren Monaten, in Godwie⸗Caſtle wieder eingetroffen. Graf Archimbald ordnete mit großer Sorgfalt die Papiere ſeines Bruders und gab ſich dazwiſchen mit vielem Geſchick den geſellſchaftlichen Stunden hin, wel⸗ chen Alle mit Vergnuͤgen beiwohnten, und uͤber denen die alte Herzogin von Nottingham wie das Prinzip der Guͤte und Liebe mit ihren ewig klaren, theilnehmenden Augen waltete. So ſchien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetre⸗ ten und fuͤr die Zukunft nur erfreulichen Hoffnungen Raum geſtattet zu ſein. Dennoch gab es ſo manche friſch geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stel⸗ len faſt in jeder Bruſt, daß gerade ſo viel guter Wille, ſo viel Liebe, ſo viel wohlverſtandene gute Erziehung, als alle beſaßen, dazu gehoͤrte, um nicht jeden Tag neue Stoͤrungen des Gefuͤhls und der Ruhe, welche zu ſchutzen, Alle inniges Verlangen trugen, herbeizufuͤhren. 286 Richmonds Abweſenheit, der Zweck derſelben, der Jedem bekannt war, und das, was damit zuſammen hing, war ein hauptſächlich zum Stillſchweigen verwie⸗ ſener Punkt fuͤr Alle. Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwil⸗ len uͤber dies Unternehmen auf eine Weiſe geaußert und ſelbſt gegen ihren Vater mit einer ſolchen hartnaͤk⸗ kigen Entruͤſtung durchgefuͤhrt, daß Beide daruber in eine Art Spannung gerathen waren, welche die Abreiſe des alten Lords erleichterte; und dies wohbekannte Er⸗ eigniß ließ freilich alle Uebrigen völlig darauf Verzicht leiſten, die Meinung der Herzogin milder zu ſtimmen. Sie unterließ es vollig, den Namen Richmond zu nen⸗ nen, Niemand wagte, ihr darin voran zu gehn, und das Andenken der ungluͤcklichen Graͤfin Melville ſchien bis auf die fernſte Erinnerung erloſchen. Und dennoch ſtand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden, nur vorſichtig umgangen in Wort und Andeutung. Mit der tiefſten Seelenqual erwartete die ungluͤck⸗ liche Mutter Nachrichten, die ihr hartes Geſchick erleich⸗ tern oder erſchweren mußten, und mit der ganzen Groͤße der Gefahr, wie ſie ihr erſcheinen mußte, bekannt, be⸗ handelte ſie ihr ungleiches und finſteres Betragen mit der ganzen Nachſicht einer ſolchen Berechtigung. 3 —— Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Or⸗ mond, der ſo eben aus London eingetroffen war, Nach⸗ richt zu erhalten gehofft; auch ihm war ſie gaͤnzlich ausgeblieben, und er ſelbſt hatte ſich nur ungern ent⸗ fernt, ehe ihm Kunde zugekommen. Die Mittheilungen beider Maͤnner uͤber dieſen ih⸗ nen gleich intereſſanten Gegenſtand waren aber dabei von einer Zuruͤckhaltung geleitet, die nur zu beſtimmt ihre Verletzlichkeit in dieſem Punkte andeutete, und das Gefuͤhl, wie ihre Stellung zu jenem Gegenſtande ſich veraͤndert habe, unterſtuͤtzte den Wunſch Beider, in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu ſuchen. Konnte ſich auch Graf Ormond nicht, wie der junge Herzog, durch die heiligſten Intereſſen abgezogen hal⸗ ten, war dennoch auch ihm in den Worten der un⸗ gluͤcklichen Maria uͤber Ollonh ein Aufſchluß gewor⸗ den, der ihn mit der groͤßten Sorgfalt uͤber ſich zu wachen veranlaßte. Er hatte bei ſpäterem Nachdenken, trotz ſeiner wahrhaften Beſcheidenheit, doch ſich die Wahrheit die⸗ ſer Entdeckung kaum verbergen koͤnnen und nicht ohne Vorwurf gefuͤhlt, wie die Befangenheit ſeines Her⸗ zens in anderer Richtung ihn ſo ganz um die Beobach⸗ tung des ſeine Sorgfalt ſo nahe angehenden Weſens gebracht hatte. Er hatte ſich eine ſchnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt, und ſeine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei theure Weſen getheilt. Er zitterte, Ollonh wieder zu ſehn, und durfte es doch nicht laͤnger verſchieben, da ſeine Schweſter dieſe unbegreiflich lange Trennung mit einer Ungeduld und Betrubniß erfuͤllte, von deren Folgen er ſie befreien mußte. Wenn wir mit uns ſelbſt unſicher werden, ſo ma⸗ chen wir Plaͤne, wie wir uns betragen wollen. Der beſſere Menſch giebt ſie gewoͤhnlich auf, ſobald er in die Lage koͤmmt, fuͤr die er ſich ausrüſtete, denn nur uͤber haupt und einem großen Prinzip getreu ſich dem Leben gegenuͤber zu ruͤſten, iſt die Aufgabe, in der ſich alle andern loͤſen muͤſſen, wenn wir uns ſelbſt getreu bleiben wollen. Schon bei Ollonhs Anblick wollte keine ſeiner An⸗ ſichten paſſen. Das ſchoͤne Kind hatte den letzten Punkt ihrer Entwickelung, und an Hoͤhe und Feinheit der Ge⸗ ſtalt, wie an innerer Haltung und zarter Zuruͤckgezogen⸗ heit den Standpunkt erreicht, auf dem es uns klar wird, daß das Fluͤgelkleid der Kindheit mit dem Schleier der Jungfrau vertauſcht ward und die Fluͤgel nur noch nach Innen dem Geiſte angehoͤren, verrathen von dem weit⸗ ſichtigen, tiefen Blicke des ernſten Auges. 5 „ 289 Ormond fuͤhlte im erſten Moment, ſie ſei auch von ihm geſchieden, und was auch der innere Kern ih⸗ rer Bruſt bewahren mochte, ſie ſei mit ſich allein ge⸗ worden, und dies Finden ihrer ſelbſt ſchuͤtzte ſie ge⸗ gen Aufregungen und Aeußerungen, wie ſie Ormond noch wenige Monate fruͤher zu beherrſchen ſich ver⸗ pflichtet fand. Die Stille, die ihn von ihr aus anwehte, betrog aber auf's Neue den ſonſt ſo geſchickten Menſchenkenner und unterſtutzte die beſcheidene Stimmung ſeiner Seele, die ihn uͤberredete, jedes Gefuͤhl, das fruͤher hier gelebt, als voruͤbergegangen anzuſehen. Deſſenohngeachtet fuͤhlte er zu ſeiner eigenen, oft großen Beſchaͤmung ſich auf dem Wege, Ollonh jetzt ſeinerſeits in dieſer Beziehung zu beobachten, und je fremder, getrennter und veranderter ſie ihm er⸗ ſchien, deſto oͤfter fuͤhlte er das Verlangen, dies lieb⸗ liche Geheimniß zu ergruͤnden, in dieſem ihm einſt ſo offen darliegenden Gemuͤthe den Veränderungen nachzuſpuͤren, die ihm ſo anziehend und wichtig er⸗ ſchienen, daß er ihnen den groͤßten Theil ſeiner Ge⸗ danken zuwandte. Es war zuletzt ein eignes Gefuͤhl von Unbehagen, wenn ſeine beſcheidenen Bemerkungen ihn uͤberzeugen wollten, ſie ſei ihm kindlich abgewendet und jungfraͤu⸗ Godwie⸗Caſtle UI. 19 290 lich nicht wieder zugekehrt, und er fuͤhlte ſich endlich in einer Art Aufregung, die ihm einzig von der Beſorg⸗ niß eingegeben ſchien, dies junge Weſen ſo abgeſchloſſen ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu wiſſen, woraus ſich leicht der Vorſatz geſtaltete, ſich ihr zu naͤhern und ihr Vertrauen zu gewinnen. Wir wollen uns vorläufig jeder Vorausſetzung bei dieſem gewagten Unternehmen enthalten, von weſentli⸗ chen Ereigniſſen in anderer Beziehung getrieben. Der Fruͤhling hatte indeſſen die weiten Thore auf⸗ gethan und verſendete ſeine reichen Schaͤtze uͤber die ſchmachtende Erde. Es draͤngte ſich froͤhlich ein junges Leben neben dem andern hervor, Platz ſuchend und fin⸗ dend in dichter Gemeinſchaft. Die Bruſt des Menſchen theilt bewußt oder un⸗ bewußt ſo ſuͤßen Eifer; etwas ſoll anders in ihr werden, zur Klarheit, zur Bluͤthe ſoll es ſich durchbrechen, was im Winterſchlaf uns eingehuͤllt erſcheint, wir fordern von uns, und die Gewaͤhrung iſt ſchon bereit. An Licht und Sonne haͤngt nicht blos das Bluthenleben mit ſei⸗ ner zarten Exiſtenz, der Menſch ſelbſt hofft in dieſem freieren Spielraum etwas Groͤßeres zu leiſten und zu vollbringen. Auch ſollten wir nicht immer nach dem Geleiſteten fragen; es braucht nicht Erxiſtenz nach Außen zu gewinnen, was darum doch als Errun⸗ 291 genes, als Wahrheit in ſolchen Epochen der Seele verbleibt. Alles genoß nach Maßgabe ſeiner Empfaͤnglichkeit dieſe ſchoͤne Jahreszeit und ließ ſich locken von ihr, hin⸗ aus in die uͤberall einladende Gegend. Ein ſtattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte, nach einem weiten Ausfluge, als ſchon der Tag ſich neigte, durch die breiten Wege des duften⸗ den Waldes dem Schloſſe entgegen. Arabella, Ollonh und die junge Herzogin ritten in leichter Zierlichkeit vor den folgenden Herren, doch in⸗ dem ſie die Heerſtraße uͤberſchreiten wollten, entfuhr ih⸗ nen Allen zugleich ein freudiger Ausruf der Ueberra⸗ ſchung, Arabella gab ihrem Pferde die Zugel und flog in jagendem Laufe die Heerſtraße hinab. Richmond, Richmond! rief dagegen Lady Anna ih⸗ rem herbeieilenden Gemahle entgegen, und bald fanden ſich Alle um den ſehnlich Erwarteten verſammelt, der nicht ſäumte, ihrer froͤhlichen Eile zu begegnen. O Richmond, rief der junge Herzog, wie biſt Du von uns Allen herbei geſehnt, und wie lange haſt Du uns ohne den Troſt gelaſſen, von Dir zu hoͤren! Rechne mir nicht zu, was unvermeidlich in den Umſtäͤnden lag, rief Richmond, und denkt nicht gerin⸗ ger deshalb von meiner Liebe gegen Euch. Aber ſagt 19* 4 — mir jetzt, um mich von jeder Sorge zu befreien, wie ich unſere theure Mutter finden werde? Die augenblickliche Pauſe, die hier eintrat, und welche der aufſteigenden Sorge uͤber die Stimmung der Herzogin galt, ergriff Richmonds zärtliches Herz und druͤckte ſich in ſeinen Zuͤgen aus, als der junge Herzog ihn zu beruhigen eilte, indem er ihm die Ver⸗ ſicherung gab, daß ſie wohlauf ſei, aber in ihrer Stimmung geſchont, erſt auf ſeine h vorbereitet werden muͤſſe. Richmond fuͤhlte leicht, daß hier eine kleine Ver⸗ legenheit obwalte, und es ward ihm nicht ſchwer, die Veranlaſſung von ſich herzuleiten, da er wohl wußte, wie ſeine Mutter auf jeden Schritt zur Auffindung der Graͤfin Melville ein Interdikt gelegt, dem er durch ſeine Bemuͤhungen allerdings entgegen gehandelt. Nun, ſo bitte ich denn, rief er, ſich ſeiner gu⸗ ten Sache bewußt und der Liebe ſeiner Mutter ver⸗ trauend, eilt mit dieſer Vorbereitung, ſobald Ihr es vermoͤgt, denn mir folgen auf dem Fuße zwei Per⸗ ſonen, deren beſonderes Verhaͤltniß ihr mitzutheilen ich mich ſehne, und, indem ich ſie indeſſen Eurer Liebe empfehle, ſie zugleich als alte Bekannte nenne, naͤmlich die Gräfin Melville und Maſter Brirton, ihr Erzieher. 293 Ein Ausruf der Theilnahme war die Antwort auf dieſe Ankuͤndigung, und wir uͤberlaſſen es dem Leſer die verſchiedenen Veranlaſſungen in den betheiligten Perſo⸗ nen ſich ſelbſt hinzu zu denken. Nach einem kurzen Kampfe entſchied ſich der junge Herzog, ſeinen Bruder ſelbſt nach dem Schloſſe zu be⸗ gleiten, und erſuchte den Grafen Ormond, den Reiſen⸗ den mit Sir Ramſeh entgegen zu reiten, ſie in ſeinem Namen zu begruͤßen und in Godwie⸗Caſtle einzu⸗ fuͤhren. Dann lenkte er ſein Pferd an die Seite ſeiner Gemahlin, und mit beſonderer Aufmerkſamkeit ihren Zuͤgel faſſend, ſchien er ſich recht ihrer Gegenwart ver⸗ ſichern zu wollen. Graf Archimbald beſchloß gleichfalls ſeinen Lieb⸗ ling zu begleiten, da es ihm hoͤchſt unangenehm vor⸗ ſchwebte, ihn der uͤbeln Laune ſeiner Schwägerin ver⸗ fallen zu ſehen. Er eilte ſogar dem jungen Herzoge voran, ſich bei der Herzogin einzufuͤhren, und wir glauben, daß der Neffe dies Geſchaͤft dem Oheim gern uͤberließ. Ein kurzes Geſpraͤch mit Richmond hatte ihm zu einer gedraͤngten Ueberſicht des Geſchehenen verholfen, und er hoffte, dieſe Mittheilungen wuͤrden verſoͤhnend das Herz der Mutter erweichen. 294 Er fand ſie in der ſtrengen und ernſten Haltung, die einen weniger gefaßten Mann als Graf Archimbald von jeder Annäherung zuruͤckzudrängen geeignet war. Im Gegentheil aber reizte ihn dieſe Wahrnehmung in einzelnen Fällen noch zu einem ſtärkern Hervortreten der eigenen kalten Schärfe, und ſie begannen gewoͤhnlich damit, einander beim erſten Anblick wegen deſſen zu zuͤrnen, was ſie im Laufe des Beiſammenſeins gegen einander zu verſchulden gewärtigten. Ich hoffe, meine theure Schwägerin, hob er, ihr zuvorkommend, an, ich finde eine gute Stunde zur beſten Botſchaft, die ich glaube bringen zu koͤnnen. Richmond, der verlorne Sohn, nähert ſich dem Schloſſe, und ich bin voran geeilt, mir vor allen den Lohn ſo guter Botſchaft von Euerm freundlichen Geſichte abzu⸗ fordern. Der jähe, plotzliche Schreck, der mit einer hohen Rothe das ſtrenge Geſicht der Herzogin uͤberflog, raubte ihr, tief ihr Herz erſchutternd, für einen Augenblick die Sprache. Sichtlich jedoch den Antheil von Freude be⸗ kämpfend, den dieſe Nachricht in ſich ſchloß, zeigte ſie bald einen Ausdruck, gemäß der Stimmung, die ſie glaubte zeigen zu muͤſſen. Ihr uͤberraſcht mich, Mhlord! Laßt mich hinzu⸗ ſetzen, dies iſt vorläufig das einzige Gefuhl, dem ich 295 Raum geben kann. Zu fruͤh lernen Muͤtter die Noth⸗ wendigkeit kennen, ihre Kinder als fremde, ſich von ih⸗ nen losſagende Perſonen anſehen zu muͤſſen. Mein Sohn hat mir in ſeinem letzten Verfahren darin den Unterricht gegeben, der mein Herz zu ſchmerzlich traf, um mich ganz frei ihm gegenuͤber zu fuͤhlen, da ich außerdem von der Schwaͤche frei bin, darum, weil es eben mein Sohn iſt, ſeinen Handlungen eine blinde Bewunderung zu zollen. Auf ſolchen Anſpruch ſcheint er ſich auch nicht beſchränken zu duͤrfen, erwiderte Graf Archimbald mit kuͤhler Gleichguͤltigkeit, im Gegentheil ſcheint er mit maͤnnlicher Feſtigkeit erreicht und beſeitigt zu haben was fuͤr uns alle eine Verpflichtung geworden, deren Loͤſung jedoch von ſo mannigfacher Schwierigkeit war, daß ſie, wie billig, das Maaß von Thätigkeit einer Frau uͤberſteigen mußte.— Ich erinnere mich nicht, dieſe Sache, inſofern Ihr von dem Schickſale der jungen Abenteurerin ſprecht, der wir Schutz gewaͤhrten, uͤber meine Krafte hinaus gehalten, wohl aber ſie vollſtändig für meine Angelegenheit erklaͤrt und Niemandem die Verantwort⸗ lichkeit auferlegt zu haben, womit dann der Gegen⸗ ſtand fuͤr alle Andern erledigt und ich, jede unbe⸗ rufene Einmiſchung als Anmaßung und beleidigende 296 Bevormundung meines Willens anzuſehen, befugt war.— Es iſt nicht anzunehmen, ſagte Graf Archim⸗ bald, daß wer in der Nähe Eurer Durchlaucht lebt, ſich nicht von der Schwierigkeit ſolcher Einſchreitun⸗ gen uͤberzeugt haben ſollte.— Erlaubet mir jedoch, Euch aufmerkſam zu machen, daß wir nie ſo feſt uns ſelbſt vertrauen duͤrfen, um nicht die Moͤglich⸗ keit anzunehmen, es koͤnne außer unſerm Bereich eine Denk⸗ oder Handelsweiſe ſtattfinden, die den einen oder andern Gegenſtand fruͤher entwickelt, als uns vielleicht vorbehalten war; wenigſtens, ſetzte er hoͤf⸗ lich laͤchelnd hinzu, habe ich mich oͤfter in dieſem Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an An⸗ derer Thätigkeit die Grenzen der meinigen erkennen gelernt. Verzeiht, ſagte die Herzogin gereizt, ich bin nicht begierig geweſen, eben von meinen Kindern hieruͤber Belehrung zu empfangen und, um aus dieſer Allge⸗ meinheit zu dem beſondern, vorliegenden Falle zu ge⸗ langen, am wenigſten in einer Sache, deren Verfol⸗ gung nichts Ehrenhaftes mehr fuͤr meine Familie ha⸗ ben kann, da Sittenloſigkeit und Unwuͤrdigkeit des Gegenſtandes durch ihr eigenes Betragen außer Zweifel geſtellt iſt. 292 Auch daruͤber moͤchten ſich die abweichendſten An⸗ ſichten vertheidigen und ſogar beweiſen laſſen, be⸗ tonte Graf Archimbald ſeinerſeits ziemlich ſtark, und ich freue mich, hinzufuͤgen zu koͤnnen, daß Richmond, den wir immer nur in der Wahrheit und der richtig⸗ ſten Auffaſſung aller Verhaͤltniſſe fanden, mir darüber die buͤndigſten Verſicherungen gab, deren guter Grund ſchon dadurch mir bewieſen ſcheint, daß er die ungluck⸗ liche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwuͤrdigen Ma⸗ ſter Brirton ſeiner Familie wieder zuführt, ſie ihrem Schutze empfehlend. Was ſagt Ihr? rief hier die Herzogin, ſchnell aufſtehend, mein Sohn, Lord Richmond, fuͤhrt das Maͤdchen, welches ſich unſerm Schutze entzog, um mit einem ehrloſen Manne die Flucht zu ergreifen, dies Maͤdchen, deren Namen wir nur mit Errothen vor unſern Toͤchtern koͤnnten nennen hoͤren, dies Mäd⸗ chen fuͤhrt er in den Kreis ſeiner Familie zuruͤck, und Ihr, Lord Archimbald, Ihr nehmt es uͤber Euch, mir dieſe Nachricht zu bringen? O geht, geht, Mhlord, Ihr ſpottet der alternden Frau, Ihr benutzt ihren durch Gram ſtumpf gewordenen Verſtand und verſuchet die Macht Eurer Fabeln; jedoch iſt jener noch hell genug, und dieſe ſind ſchlecht erſonnen. Ich glaube viel eher an Eure ſchlechte Erfindungskunſt, als daß ich durch 298 1 den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in mei⸗ ner Bruſt zerſtören muͤßte. Weder zum Fabeln⸗Erfinden habe ich Talent, Mh⸗ lady, ſagte Archimbald kalt, noch fuͤhle ich mich geneigt, Euern ſehr gegenwaͤrtigen Verſtand auf Proben zu ſtellen. Hier iſt nicht von ſo tragiſchen Momenten die Rede, als Eure Worte andeuten. Die Sache iſt ſehr einfach die, daß ein junges Mädchen hintergangen ward durch die Tuͤcke eines erfahrenen Weltmannes, daß ſie nur anſcheinend Unrecht that und, bei unbefleckter Sitte, erloͤſt aus einer ſchmäligen Gefangenſchaft, voll Ver⸗ trauen die aufſucht, von denen ihr ſchon ein Mal Schutz und Huͤlfe zu Theil ward. Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede ent⸗ gegnen, als ſchnelle Schritte ſich den Vorhängen der Thuͤr näherten und im ſelben Augenblick ſich Richmond zeigte, der mit dem ganzen Enthuſiasmus kindlicher Liebe zu den Fuͤßen ſeiner Mutter ſturzte. Das heftige Wort der zuͤrnenden Frau erſtarb in ihrem Munde. Der Zauber, den der Anblick eines geliebten Weſens uͤber alle Kraͤfte unſerer Seele uͤbt und ſie aufzuloͤſen ſcheint in dem Entzucken des Anblickens, der Wohllaut, der unſere Seele erfuͤllt, wenn wir das Bild in der Fuͤlle des Lebens vor uns ſehen, was den Hintergrund unſeres Herzens mit tiefen, unausloͤſchlichen Farben ein⸗ nimmt— dieſem Zauber unterlag das Mutterherz, und Stille kehrte fuͤr einen Augenblick in die aufgeregte Bruſt ein. Doch Richmond kannte ſeine Mutter zu wohl, um nicht in ihren Zuͤgen den kaum bezwungenen Zorn zu erkennen, und außer Zweifel uͤber die Urſache, war er Mann genug, den Gegenſtand nicht zu ſcheuen, ſon⸗ dern, ſobald als moͤglich, zu eroͤrtern. O ſeht mich guͤtig an, meine theure Mutter, rief er mit dem tiefſten Ausdruck der Liebe, und ſeid ſicher, Ihr duͤrft es ohne Ruͤckhalt! Was ich Euch zu ſagen habe, verdient nicht Euern Zorn, nicht Eure Beſorg⸗ niß! Ich fuͤhle mich ſtark in dem Bewußtſein, ſo ge⸗ handelt zu haben, wie Ihr es von Euerm Sohne ge⸗ fordert haben wüͤrdet. Die Herzogin ſchwieg, unwillkurlich lauſchte ihr Ohr den uͤberredenden Worten des Lieblings, aber das Phantom ihrer Angſt trat wieder dazwiſchen. Schwäche ſchien ihr die verfuͤhreriſche Hoffnung, und ſie riß ſich mit Anſtrengung davon los. Und iſt es wahr, was Lord Archimbald behauptet, ſprach die Herzogin dumpf und ihn mit duͤſterem Auge anblickend, iſt es wahr, fuͤhrſt Du die, die ſich unſerm Schutze entzog, und Ruf und Sitte gleich ſtark belei⸗ digte, fuhrſt Du ſie dieſem ehrwuͤrdigen Hauſe zuruͤck? — So iſt es, rief Richmond lebhaft aufſtehend, und in Wahrheit, ich rechne es zu dem Beſten, was ich zu leiſten vermochte. Denn ein edles, vom Schickſal ver⸗ folgtes Weſen, unſchuldig und rein wie das Licht des Himmels, habe ich aus den Haͤnden der Bosheit be⸗ freit, und die grauſamſte Gewaltthat an menſchlicher Freiheit und Wuͤrde verhindert. Dieſe Behauptung, mein Sohn, rief die Herzo⸗ gin gepreßt, wirſt Du mir beweiſen muͤſſen, und dieſe Beweiſe werden bei mir eine ſcharfe Pruͤfung zu be⸗ ſtehen haben. Nicht uͤberreden werden mich die klu⸗ gen und geſchickten Sophismen eines ſchoͤnen Mäd⸗ chens, oder ihre ruͤhrenden Thraͤnen, oder was ihr ſonſt gelungen ſein mag, gegen Dich zur Unterſtuͤtzung anzurufen. Die Graͤfin Melville, ſagte Richmond mit Ernſt, hat nie ihr ungluͤckliches Schickſal zu einem Gegenſtand beſonderer Unterredungen mit mir gemacht, ſie ahnet wohl kaum das Daſein der Kuͤnſte, die Ihr eben an⸗ deutet, und uͤberließ es ihrem Lehrer, dem Maſter Brir⸗ ton, der ſie mit mir auffand und ſie keinen Augenblick ſeitdem verlaſſen hat, nachdem ſie uns beiden das von ihre Erlebte einfach mitgetheilt hatte, mit mir die noͤ⸗ thigen Schritte zu uͤberlegen. Das Dunkel, wel⸗ ches t ngemt daruͤber verbreitet iſt, das je⸗ 301 doch allein den Motiven gilt, warum man ſie um jeden Preis unſerer Obhut entziehen wollte, und warum ihre Perſon ſo wichtig gehalten wird, daß man ihr lieber den Tod geben, als ein Hervortreten an das Licht ge⸗ ſtatten wollte, iſt theils Brirtons Geheimniß, theils ihm ſelbſt noch unaufgeklaͤrt. Nun wahrlich, rief die Herzogin, in die wider⸗ ſprechendſten Empfindungen aufgeloͤſt, die Aufſchluſſe, die nach ſo viel Ausnahmen uͤbrig bleiben, koͤnnen nicht von Belang ſein und ſchwerlich mein Mißtrauen gegen ihre Triftigkeit aufheben. Aber ich empfinde es als eine Haͤrte des Schickſals und kann Dir dafuͤr nicht dank⸗ bar ſein, daß Du dies in Geheimniſſe gehullte Mäd⸗ chen meinem Kreiſe wieder zuzufuͤhren trachteſt, der ſich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten ſollte. Und der es bleiben wird, entgegnete Richmond, wenn Ihr das Zeugniß des Maſter Brirton, eines ehr⸗ wuͤrdigen, angeſehenen Geiſtlichen, wenn Ihr das Zeug⸗ niß Eures Sohnes, wenn Ihr das Zeugniß der himm⸗ liſchen Unſchuld ſelbſt nicht zuruckſtoßen wollt, eine vor⸗ gefaßte Meinung lieber feſthaltend. Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine ſo feſte Sprache von ihrem Sohne gehoͤrt. Sie erſchrak inner⸗ lich, und wie Mütter in ihren Soͤhnen oft leichter die Autorität der Maͤnnlichkeit anerkennen, als in deren 302 Vätern, ſo fuͤhlte ſie ſich davon aufgehalten, und das Gefuͤhl, hier nur die Wahl zwiſchen einem ernſtlichen Erzuͤrnen und einem großmüthigen Nachgeben zu ha⸗ ben, ließ ſie, aus dem Erſteren verſchuͤchtert, ſich in das Letztere hineinfinden. Ich gebe Deine eben geſprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim, ſprach ſie mit jener milden Art, die dem Stolzen ſo befriedigend wird, weil ſie den Andern in Nachtheil ſetzt, und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach ſeinem Ermeſſen ſtellt, will ich die Mäßigung und Selbſtbeherrſchung, die ich von mei⸗ nen Angehoͤrigen fordern muß, ihnen vorangehend zeigen. Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert, indem man mich zwingt, ein junges Frauenzimmer wiederzuſehn, deren Ruf durch ihre ei⸗ genen zweideutigen Handlungen gelitten hat, uͤber welche mir Aufklärung zu geben und daran billig meine Ein⸗ willigung zu ihrer Wiederaufnahme zu knuͤpfen, man verweigert und es vorzieht, ſich vor mir in ein aben⸗ teuerliches Dunkel zu huͤllen. So willigt Ihr ein, theure Mutter, den Maſter Brirton zu ſprechen, rief Richmond, immer das Ziel im Auge behaltend und die zwiſchenliegenden Schwie⸗ rigkeiten verſchmerzend; alſo darf ich ihn Euch zu⸗ fuͤhren? 303 Sollte das noͤthig ſein? ſagte die Herzogin kalt, ich denke, daß der Herzog, mein Sohn, bereits ſeine Einwilligung zu ſeiner Aufnahme gegeben hat und wir uns nichts weiter zu ſagen haben, da ich allerdings nicht in der Stimmung bin, mich gelehrig fuͤr geheim⸗ nißvolle Hiſtoͤrchen zu erweiſen.— Maſter Brirton und Lady Melville wuͤrden ſich deſſenohngeachtet nicht als Gäſte dieſes Hauſes anſehn wollen, bevor ſie die Einwilligung meiner verehrten Mutter dazu erlangt.— Lady Melville, Lady Melville! rief die Herzogin raſch, weißt Du nicht, mein Sohn, daß der Graf Mel⸗ ville, den ſie zu ihrem Vater erhob, kinderlos ſtarb? Ich weiß es, ſagte Richmond feſt, doch Brirton giebt ihr mit voller Ueberzeugung dieſen Namen, er muß ihr verbleiben, bis wir das Schweigen des ehr⸗ wuͤrdigen Mannes aufgehoben ſehn. Nun, ſagte die Herzogin mit jenem Lächeln, wel⸗ ches den Andern verwundender, als das Wort trifft, es wird Keiner in Abrede ſtellen, daß mir viel zuge⸗ muthet wird, und an den endlichen Mittheilungen dieſes Maſter Brirton viele und ſehr wichtig ſcheinende Er⸗ klaͤrungen haften.— Keiner wird das in Abrede ſtellen, verehrte Mut⸗ ter, aber auch Keiner in mir das Vertrauen zer⸗ 304 ſtören koͤnnen, daß dieſe uns einſt genuͤgend ſein werden.— Genug, genug und ſchon zu viel! erwiderte 1⸗ Herzogin, ich bin geſonnen, was man von mir fordert, bald zu leiſten, um alsdann meine Gedanken von einer ſo empfindlichen Sache ableiten zu koͤnnen. Lord Richmond fuͤhlte, wie paſſend es ſei, hier eine Unterredung abzubrechen, welche jeden Augenblick ihn in Gefahr ſetzte, die heilige Verpflichtung der Ehr⸗ furcht gegen ſeine Mutter zu verletzen, die zu erfullen, ihm jederzeit wahres Bedurfniß des Herzens war. Beide Maͤnner zogen ſich, mit hoͤflicher Kälte ent⸗ laſſen, zurüͤck, im üͤbrigen Kreiſe der Familie ſich fuͤr den Zwang entſchaädigend, den die Unterredung ihnen auferlegt, und die Herzogin verblieb in ihren Gemaä⸗ chern, eine Unpäßlichkeit vorſchuͤtzend. Die Unterredung, die ſie am andern Morgen dem Maſter Brirton gewährte, konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen. Die vorgefaßte Meinung der Herzogin über dieſe Angelegenheit, die halben Mittheilungen, die der wür⸗ dige Mann, gebunden durch ſein gegebenes Wort, faſt nur auf Verſicherungen, die den Glauben an ſeine Perſon bedingten, machen konnte, fanden wenig An⸗ klang bei der Hartnäckigkeit ſeiner Gegnerin und be⸗ ſchränkten ihn faſt auf die einfache Erzaͤhlung, wie es dem Lord Membrocke gelungen ſei, das Fraͤulein zu täͤuſchen, und wie es ihr ferner im Schloſſe der Ladh Sommerſet ergangen. Ganz ohne Eindruck blieben dieſe letzten Mitthei⸗ lungen nicht, und dieſer wurde verſtärkt durch den ru⸗ higen Bericht uͤber den Fortgang der Reiſe, woraus die Herzogin abnahm, daß kein ausgeſprochenes Ver⸗ hältniß zwiſchen ihrem Sohne und der Ladh obwalte, und die ganze Reiſe durch Brirtons und Margariths Näͤhe vollkommen in den Grenzen ſchicklicher Zuruͤck⸗ haltung verblieben ſein mußte. Sie willigte ein, das Fraͤulein zu ſehn, und ſagte Brirton den Schutz zu, den er fuͤr ſie bis zu ſeiner Ruͤckkehr von London, wohin er ſich zu begeben trachtete, erbat. Jener Empfang war nicht ohne kraͤnkende Aeuße⸗ rungen und mit der ſtolzen Kälte verbunden, die wenig Muth uͤbrig läßt. Aber Lady Maria hatte ſeit lange ſchon die glück⸗ liche Sicherheit der Jugend verloren, die ſie in der er⸗ ſten Zeit ihres Ungluͤcks ihre ganze Lage klar und ehren⸗ haft anſehn ließ. Sie erkannte nur zu wohl, wie zweifelhaft ihre Geburt, Name und Zukunft geworden; und fuͤhlte ſie Godwie⸗Caſtle. III. 20 ſich auch innerlich gehalten durch die zuverſichtlichen Troͤſtungen Brirtons, ſo entging es ihrem klaren Blicke doch nicht, wie voll Sorge der ehrwuͤrdige Mann war fur die naͤchſten Schritte, die ihm zu thun oblagen, und ob dieſe Dinge ſich je bis zu der Klarheit entwik⸗ keln wuͤrden, um Andern als Beweis und Ueberzeu⸗ gung dienen zu koͤnnen, das ſtellte ſich ihr in immer zweifelhafterem Lichte dar. Sie verlernte daher auch in demſelben Maaße, An⸗ ſpruͤche an die Gunſt der Menſchen zu machen, da ſie ſich durch ſo viel Mißgeſchick von ihnen ausgeſchieden und aller Berechtigung beraubt ſah, die ihr unter ihnen einen ehrenvollen Platz anweiſen konnte. Sie hatte es daher nur mit tiefer Beſchaͤmung geduldet, ſich der Fa⸗ milie Nottingham aufgedrungen zu ſehn, und war nur den vereinigten Bitten Richmonds und Brirtons gefolgt, als ihr Beide außerdem keinen ſchuͤtzenden Aufenthalt zu nennen wußten und Brirton nicht aufhoͤrte, ihr die Hoffnung zu erhalten, daß ſie aus dieſer mißlichen Lage bald in aller Ehre hervorgehen werde. Sie empfand daher die Kaͤlte der Herzogin als eine nothwendige Zugabe ihres Ungluͤcks und trug ſie mit um ſo ſtillerer Ergebung, als ſie es auf's Tiefſte bereute, durch ihre fruͤhere Unbeſonnenheit das Ver⸗ trauen dieſer edlen Frau ſelbſt erſchuͤttert zu haben. 307 Es war freilich dies auch die einzige Pruͤfung, die ihr in dieſem Hauſe auferlegt war; denn keiner der An⸗ dern ſtand an, ihr Vertrauen und die alte Liebe zu be⸗ zeigen, ja, das Ungluͤck, das ſich in den Augen der Ju⸗ gend ſo leicht von dem Verdachte des Unrechts reinigen läßt, ſchien ihr nur noch groͤßeres Anrecht auf die ſcho⸗ nende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben. In welchen Begrenzungen uͤbrigens Lady Maria ſich gegen ihren Retter, Lord Richmond, gehalten hatte, waͤhrend einer Reiſe, wo fie täglich Beweiſe ſeiner Guͤte und Hingebung, ſeiner gegen jede Zufälligkeit ſie ſchuͤtzen⸗ den Vorſorge empfing,— hier traten dieſe Grenzen doch noch beſtimmter hervor, und nicht mehr, wie auf der Reiſe, war es eine ſelbſtgewählte Entfernung, die ſie doch immer in dem Bereich ſeiner ausſchließlichen Sorg⸗ falt ließ, ſondern es mußten alle Beziehungen der Art nothwendig aufhoͤren, wo in der voͤllig geſicherten Lage und ungeſtörten Ordnung des Hauſes— Veranlaſſung dazu wegſiel. Beide geriethen in eine Entfremdung, die ſie faſt mit Zweifel erfullte, ob ſie beide jemals ſich näher ge⸗ ſtanden. Maria fuhlte, wie ſie nur angewieſen ſei, dieſe Zuruͤckhaltung zu unterſtuͤtzen, aber es ſchien ihr bald, als käme ihr Richmonds Gefuͤhl darin nur zu ſehr 20* 308 zu Huͤlfe. Sie fuͤhlte ſich von einer Schwermuth beſchlichen, die ſie zwar wohl unter den vor Aller Au⸗ gen daliegenden Umſtänden ihrer Lage verbergen, von der ſie ſich ſelbſt aber nicht abläugnen konnte, daß ſie einer andern Urſache angehoͤrte, und dieſe begann ihres Herzens ſich mit einer Gewalt zu bemächtigen, die al⸗ len andern Kuͤmmerniſſen die Kraft, ſie zu beugen, raubte oder doch in dieſem einen Gefühle ſie alle zuſam⸗ men treffen ließ. Sie war zu fromm, zu Gott ergeben, ſich den Tod zu wuͤnſchen, aber es verging kein Tag, an dem ſie nicht dahin kam, mit einem ſehnſuchtigen Laut ihrer Bruſt an ihn, als an die ſuͤßeſte Erquickung, hinzudenken. Sie machte ſich Vorwuͤrfe, daß ſie allgemach gleich⸗ gultig ward gegen ihr ganzes verwickeltes Schickſal, ge⸗ gen ihre Zukunft; das Einzige, was noch einen Anſpruch an ihre Theilnahme geltend machte, war das Andenken an ihren ungluͤcklichen Oheim, deſſen Exiſtenz ihr auf's Neue durch Brirton beſtätigt ward, und zwar in jener vollen Glorie der Tugend, worin ſie ihn von Jugend an vor Augen gehabt.— Ollonh nahm den gewohnten Platz in der Nähe † ihrer theuern Lady Maria ein; ſie war ihr ſo viel nä⸗ her indeſſen getreten, man konnte ſagen, ſie war 309 zu der Freundſchaft herangewachſen, die ſie ſchwärme⸗ riſch zu ihr hinzog. Beide ſahen ahnend einander in die ſwormüthigen Augen, aber das heiligſte Siegel war auf die jung⸗ fraͤulichen Lippen gedruͤckt, und das Verſtändniß des gemeinſamen Gefühls gab ſich nur kund in der Anzie⸗ hungskraft, die Beide, an allen Andern voruͤber, zu einander hinzog Dies ſchoͤne Verhältniß gewann eine Art Heiligung und ward von Allen unterſtutzt, denn keine der uͤbrigen Frauen rivaliſirte mit Ollonh. Lady Anna, die ſonſt dazu am nächſten ſtand, hatte eine zu ausſchließliche Beziehung zu ihrem Ge⸗ mahl gewonnen, um fuͤr das Gefuͤhl der Freundſchaft in ſolchem Maaße noch zugaͤnglich zu ſein. Ja, ſie hatte den feinen Takt, der den Frauen in der Liebe ſo eigen iſt, und der bei der Anerkennung von Marias Werth ihr die kaum zu bezwingende Schlußfolge aufnoͤthigte, ein ſolches Weſen eben muͤſſe auch ihrem Gemahl ſehr nahe zu ſtehen vermoͤgen. Die ungemein feſte und edle Haltung jedoch, die der junge Herzog in dieſer gefahrvollen Lage behauptete, ließ weder im Herzen ſeiner jungen Gemahlin, noch bei andern ihn beobachtenden Familien⸗Mitgliedern die lei⸗ ſeſte Unruhe aufſteigen. 310 Maria fand an ihm, jetzt wie früher, ihren wohl⸗ wollendſten Beſchutzer, ſtets bemüht, ihr Godwie⸗Caſtle als ihre Heimat lieb zu machen, ſie durch die feinſte Auszeichnung an ſeine Familie zu knuͤpfen und mit dem Gedanken zu verſoͤhnen, daß ihr vielleicht keine andere lebe. Hierin ſah er ſich von ſeiner Gemahlin und allen ſeinen Geſchwiſtern unterſtutzt, und bei der dauernden Vorliebe ſeiner Großmutter, und da ſelbſt Lord Ar⸗ chimbald ein beſonderes Wohlgefallen nicht verhehlte, ſchien ſich einer ſolchen Hoffnung fuͤr die Zukunft nichts entgegen zu ſtellen. Maria ſah dies mit der groͤßten Anerkennung und bemuͤhte ſich, ihr niederge beugtes Leben ſo gütigen An⸗ forderungen gemaͤß zu erhalten. Aber ſie war nie durch das, was ſie Andern ſchien, zu beruhigen; ihre Seele wollte mit ſich ſelbſt im Ein⸗ klang ſein, und nur was ſie wirklich war, ſchien ihr wuͤrdig, nach Außen hervortreten zu laſſen. So entſtand ein Kampf, ein Zwieſpalt in ihrem Innern, der ſie ungleich erſcheinen ließ und ihren Freun⸗ den oft die ſchmerzlichſte Beſorgniß einfloͤßte. Tauſend Mal wollte ſie ſich den begeiſternden Zuruf wieder⸗ holen, womit ſie ihr Gefühl fuͤr Richmond zuerſt als freies Eigenthum ihres Herzens ſich zum Gluͤck und 311 zum Segen anerkannt, und alle Anſpruͤche des Lebens daran ausgeloͤſcht hatte, im Gefühl ſelbſt Alles ſu⸗ chend und findend. Der Augenblick war voruͤber, und fuͤr immer war dieſer freie Standpunkt der Reſignation ihr mit der Ahnung einer Seligkeit verſchwunden, die Richmonds Hingebung an ihr Intereſſe ihr mit einer Sie Hoffnung eingefloßt. Es gab freilich fuͤr ſein ſchuͤchternes 6 eine Auslegung, welche ihrem ſcharfen Blicke nicht ent⸗ ging und in der beſtimmt kalten Stellung der Herzo⸗ gin gegen ſie liegen konnte, die zu abſichtlich üͤber das Verhalten Richmonds bei ihrer Rettung und der da⸗ mit verknupften Reiſe eine blos zuruͤckgehaltene Miß⸗ billigung ausdruckte. Es ließ ſich wahrſcheinlich anneh⸗ men, daß Richmonds ſtrenges Ehrgefuͤhl, fuͤr ſich und vielleicht auch fuͤr ſie beleidigt, durch ſein blos ehrer⸗ bietiges Betragen auch den Schatten eines Verdachtes entfernen wollte, gegen welchen auf andere Weiſe ſich aufzulehnen, ihn die Stellung des Sohns zur Mutter verhinderte. Aber ein wahres Gefuͤhl der Liebe iſt ſelten bereit, die Entfremdung und Kilte des geliebten, hochgeſtell⸗ ten Gegenſtandes in äußeren Umſtänden zu ſuchen. In ſich ſelbſt, in dem eigenen geringen Werth findet es mit ſanfter herzzerreißender Schwermuth den trennenden Grund und zürnt nicht, und will nicht gewinnen und beſitzen, wozu es, mit dem Lächeln eines Sterbenden, die Fähigkeit ſich verſagt haͤlt. So Maria. Ohne alle Gegenwehr ſtand ſie dem Schmerze ſtill, der nach und nach jeden geſunden Athemzug ihrer Bruſt verwandelte, und ſie hielt zuletzt dieſen Schmerz fuͤr ihr Leben, und wehrte ihm nicht einzuziehn und uͤber alle Hoffnungen der Zukunft das Leichentuch zu werfen. Der Geſichtskreis ihrer Wuͤnſche, ihrer Hoff⸗ nungen ward ſo klein, daß ſie zuletzt an dem Gedanken haͤngen blieb, hier im Bereich ſeiner Augen ſterben zu koͤnnen, ſei das hoͤchſte ihr noch gebliebene Gluͤck, und daß ſie kaum einen andern Wunſch mehr hegte, als den, es moͤge keine Veränderung ihrer Lage ſie um dieſen Vorzug bringen. So ſah ſie Brirtons Reiſe und deren Zweck mit ſehr gemiſchten Empfindungen, die ſich endlich von ihr ab dem Andenken des ihr immer noch theuern Oheims zuwandten. Um ſie her geſtaltete ſich das Leben dagegen in allen Beziehungen, ſo vielen Anſprüchen gemaͤß, lich und befriedigend. Der junge Herzog durchzog ſeine reichen Beſitzun⸗ gen, und belebte die ganze Geſellſchaft zu Streifereien 313 mit ihm in den ſchoͤnen Forſten und entfernteren Anſie⸗ delungen. Es verging kein Tag, an dem man nicht theils zu Pferde, theils zu Wagen ſolche Unternehmun⸗ gen vollfuͤhrte, wobei ſich das Intereſſe der verſchieden Betheiligten vielfach anregte und ausſprach. Lord Ormond blieb der faſt ausſchließliche Begleiter von Lady Maria und Ollonh, waͤhrend Richmond nicht ſelten den Wagen ſeiner Mutter begleitete oder ſich den Fremden anſchloß, die, ſtets im Schloſſe anweſend, die Geſellſchaft verſtäͤrkten. Eine kleine Grenzſtreitigkeit mit Maſter Allincroff, gutlich durch die wohlwollenden Geſinnungen des jun⸗ gen Herzogs beigelegt, hatte die Bitte dieſes Maſter Allineroff unabweislich gemacht, auf der neugeſteckten Grenze, welche in dem ſchoͤnſten Eichen⸗Forſte ſich be⸗ fand, ſeine nachbarliche Begruͤßung anzunehmen und un⸗ ter Zelten auf dem feinen Teppich der Mooſe einen Tag zu verleben. Nur die ältere Herzogin und Ladh Dorſet hatten ſich der wohlgemeinten Einladung entziehen kon⸗ nen, alle uͤbrigen Bewohner von Godwie⸗Caſtle aber ſich zu Pferde dahin aufgemacht. Die Herzogin und Lucie fuhren in der Mitte der Kavalkade auf dem etwas un⸗ gebahnten und ſteinigen Wege, der, von den bekannten Pfaden ablenkend, endlich in einen Hohlweg führte. BVerg ab gehend zeigte ſich eine hoͤchſt maleriſche, aber 314 4 auch nicht ohne Gefahr zu paſſirende Straße, die ſo ſchmal war, daß der Wagen der Herzogin nur mit Muhe ſich durcharbeiten konnte, die Reiter aber geno⸗ thigt waren, am Rande des Hohlweges die ſchmalen Jagdwege zu erklimmen. Maſter Allincroff hatte den Damen viel von der Schoͤnheit dieſer von Gießbaͤchen und den ſchroffſten Felſenabhängen durchſchnittenen Ge⸗ gend zu erzählen gewußt, und Alle fühlten ſich mit einer Art von Erregung dieſen wildromantiſchen Scenen ge⸗ genuͤber, wobei die Schwierigkeiten, welche der Boden veranlaßte, die Heiterkeit und das Leben des ganzen Zuges erhoͤhten, und tauſend kleine Reckereien und Scherze herbeifuͤhrten. Dadurch, daß die Reiter die Hoͤhe des ohlnee erſtiegen hatten, war der Zug in Stocken und Unord⸗ nung gekommen, und Ladh Maria hatte ſich, ihres klu⸗ gen Pferdes Fuͤhrung vertrauend, von Ormond und Ollonh getrennt, die, bei einander haltend, mit den Uebrigen die Einfahrt der Kutſche in den tief darunter liegenden Hohlweg abwarteten. In ihre Gedanken vertieft, hatte ſie einen be⸗ deutenden Vorſprung gewonnen und eben eine gelich⸗ tete Höhe erreicht, von wo aus ſie uͤber den Felſen hinweg einen Blick auf die Waldgrenze gewann, der ſie eine Reihe bunt geſchmuckter Zelte und die zum 315 Empfang bereiten Gaͤſte des Maſter Allincroff erken⸗ nen ließ. Auch mußte ſie als Vorbotin der Erwarteten er⸗ kannt ſein, denn ſie ſah, wie man ſogleich mit einer weißen Fahne in die Luft wehte, und im ſelben Au⸗ genblick erhob ſich ein luſtiges Gewehrfeuer aus allen Gebuͤſchen des Waldes und Weges. Marias Pferd ſtieg einen Augenblick erſchrocken in die Hoͤhe. Doch beſaͤnftigt von der liebkoſenden Hand und der ſanften Stimme der Reiterin, ſchnob es nur muthig, war bald vertraut mit dem muntern Geplaͤnkel, und trug nur deſto ſtolzer ſich und ſeine Fuͤhrerin. Bei ſeinem erſten Schrecken hatte es ſich jedoch gewendet, und nachdem Maria es zur Ruhe gebracht, ſchlug ſie die Augen auf und nach dem Hohlwege hin, wo ſie den Wagen der Herzogin erwartete. Doch welch' ein Anblick bot ſich ihr dort dar! Die Pferde der Herzogin waren gleichfalls von dem unbeſonnen angeordneten Luſtfeuern erſchreckt worden, aber nicht von beſonnener Hand, wie Maria's Pferd, be⸗ ruhigt, ſtuͤrzten ſie ſich mit raſender Eile den gefahrvol⸗ len Weg hinab, warfen Vorreiter und Kutſcher von ihren Plätzen, und jagten uͤber den ſteinigen, ungleichen Felspfad dahin, der, bald nach der entgegengeſetzten Seite 316 ſeine hohe, ſchirmende Wand verlierend, hier an einer Tiefe entlang ſich fortzog, die den ſchäumenden Gieß⸗ bach in einem reißenden Bergſtrome ſammelte. Ein Blick ließ Maria's klares Auge die Gefahr uͤberſehen, die hier faſt unabweislich den Untergang der Herzogin und Luciens herbei fuͤhren mußte, wenn ſie ohne Huͤlfe und Aufenthalt dieſen entſetzlichen Punkt er⸗ reichten. Noch waren ihre Pferde trotz der Gedankenſchnel⸗ ligkeit ihres Laufes davon entfernt; es blieb eine Moͤg⸗ lichkeit, ſie aufzuhalten, wenn eben in dem gefahrvollen Wege ſich Jemand ihnen entgegen werfen konnte. Aber wo fand ſich dieſe Huͤlfe? In weiter Entfernung jag⸗ ten die Reiter vergeblich dem raſenden Sturze nach, der ſich unaufhaltſam und unerreichbar ihnen voranwälzte, und ſie nur zu Zeugen des entſetzlichſten Ungluͤcks, nicht zu deſſen Abwendung herbei zu rufen ſchien. Maria war die einzige, die Vorſprung gewonnen hatte; noch ein Mal ſchaute ſie nach Huͤlfe umher— kein lebendes Weſen nahte den Weg hinauf. Da trat der Gedanke, der die angſtvoll zuckende Bruſt erbeben ließ, mit begeiſterter Klarheit hervor. Fuͤr Richmonds Mutter das Leben zu wagen, welch' ein Hochgefuͤhl in dieſer liebenden Bruſt! Mit Blitzes⸗ ſchnelle druckte ſie das elaſtiſche Thier, das ſo ſtolz ſich „ 317 von der geſchickten Hand ſeiner Gebieterin leiten ließ, in die Seiten; es ſchuͤttelte ſich vor der Tiefe, aber ſchnell geleitet von der begeiſtert blickenden Fuͤhrerin, er⸗ reichte es mit einem leichten Satze einen kleinen Fels⸗ vorſprung, der die Tiefe zur Hälfte theilte, der zweite Sprung auf den Weg trieb ſich von 6 und war unaufhaltſam. Faſt ohne Beſinnung von der doppelten Erſchutte⸗ rung des Sprunges, erreichte Lady Maria den Boden, aber gegen jede phhſiſche Schwäͤche lehnte ſich das hel⸗ denmäßig pochende Herz ſo mächtig auf, daß die Kraft ihr ward, die ihr noͤthig war. Ganz nahe ſchon ſchaͤumte der Zug daher. Die wuͤthenden Vorderpferde an den Zugeln zu ergreifen, das war die Aufgabe einer zarten Frauenhand, aber in dieſer Hand lag die ganze Kraft des Herzens concentrirt, das zu lieben und zu ſterben verſtand. Ihr eignes zit⸗ terndes Pferd in halber Richtung lenkend, ſtreckte ſie ſich, von ihm ſeitwaͤrts gebogen, dem entſetzlichen Laufe entgegen. Er hatte ſie ſchneller erreicht, als Worte es auszudrucken vermoͤgen. Wohl ſtutzten die wilden Roſſe ob des Widerſtandes, aber wie haͤtte er ſie aufhalten koͤnnen, hätte nicht Lady Maria's Pferd, in ſo nahe Beruͤhrung mit ſeinen ſchäumenden Gefäͤhrten verſetzt, erhitzt und erſchreckt, einen angſtvollen Satz in die Mitte * 318 des Weges gemacht und dadurch, gleichſam ſich entge⸗ genbäumend, ſich mit den Vorderpferden verwickelt, wodurch das linke Pferd ſtuͤrzte und nun von ſelbſt ſich gleichſam ein Knäuel der daruͤber hin ſtrauchelnden Pferde bildete. Der Wagen ſtand, blos zuckend noch hin und Ser⸗ geriſſen von den arbeitenden Pferden. Ladh Maria war einen Augenblick in dieſem Kniuel verwickelter Pferde faſt vergraben. Aber das edle Thier, das ſie trug, und auf dem ſie noch immer, Beſinnung behaltend, ſich krampfhaft feſthielt, doch ohne ihm eine Richtung geben zu koͤnnen, riß ſich ſelbſt mit ſtolzer Wildheit von ſeinen tollen Gefährten los, und frei ſich machend durch einen weiten Satz, tauſchte es jetzt ſeine Freiheit um die ſcheueſte Angſt, ſie wieder zu verlieren, und flog in gejagter Flucht den eſt Weg hinab. Maria's Beſinnung unhůlſt ſich, ihr Kopf ſtreifte ein paar Mal gegen die niederhängenden Aeſte der Bäume, ſie ſah nichts mehr deutlich und fuͤhlte nur eine heftige ſchmerzhafte Erſchuͤtterung, die ſie von da an ihres Bewußtſeins gaͤnzlich beraubte. Die nachfolgenden Reiter, unter ihnen Richmond zuerſt, hatten mit dem größten Schreck das Ungluͤck geſehen, das die unzeitigen Hoflichkeiten des Maſter 319 Allincroff uber ſie verhängten. Es blieb ihnen nichts uͤbrig, als der Verſuch, den Wagen zu überreiten, und dies war ein Verſuch, den alle Maͤnner unternahmen, alle mit troſtloſer Gewißheit der Unmoͤglichkeit des Ge⸗ lingens. Doch hatte Richmond in verzweifelter Anſtren⸗ gung faſt ſein Ziel erreicht; da ſah er das fabelhafte Unternehmen der Lady Maria, welche wie ein Geiſt aus der Luft in zwei gewagten Spruͤngen auf ihrem Schimmel die Luft durchſchnitt; er ſah ſie im näch⸗ ſten Augenblicke ſich in einen faſt gewiſſen Tod ſtuͤr⸗ zen, ſah ſie verwickelt in den Knäuel der wuͤthenden Pferde, und ſah um dieſen hohen Preis den Still⸗ ſtand des Wagens erkauft, jetzt aber auch ſie empor⸗ geriſſen durch ihr wild gewordenes Pferd und von dem⸗ ſelben Schickſal erreicht, welches ſie von ſeiner Mutter abgewendet. Im ſelben Augenblicke ſah er dieſe von den Nach⸗ eilenden erreicht, ſie ſelbſt in der Mitte des Wa⸗ gens geſund, lebend aufgerichtet, in ihrem Schvoße Lucie, in ihre Kleider ſchuͤtzend gehuͤllt, das blaſſe, be⸗ thraͤnte Lockenkopfchen hervorſtreckend. Ein fluͤchtiger Blick gab ihm hieruͤber Sicherheit; er uͤberſprang da⸗ her mit ſeinem fluchtigen Pferde dieſe Gruppe, Maria nacheilend. 320 Es war vergeblich; er konnte ihr Schickſal nicht mehr abwenden. Ehe er ſie erreichte, ſah er ſie wider⸗ ſtandslos vom Pferde herabhaͤngen, dann bei einer un⸗ geſtuͤmen Bewegung deſſelben zur Erde fliegen. Im nämlichen Augenblicke hatte er ſie faſt erreicht, ſich vom Pferde herab neben ſie niedergeworfen. Ein Strom von Blut quoll ihr aus dem bleichen Munde, die Beſinnung hatte ſie gänzlich verlaſſen. Als Maria zuerſt die Augen aufſchlug und die geſtoͤrte Geiſteskraft ſammelte, glaubte ſie, der Tod habe ſie wirklich von allen Qualen erloͤſt und der Him⸗ mel ſeine Seligkeiten aufgethan. Auf duftigem MWooſe, uͤber ihr ein luftiges Zelt von Laub und Blumenkrän⸗ zen, in den Armen der Herzogin ruhend, die ſie mit Blicken der Liebe und Angſt betrachtet, zu ihren Füßen Richmond knieend, ihre Hände in den ſeinigen gefaßt, bleich mit dem Ausdruck der Zuͤge, fuͤr den es nur eine Auslegung giebt, ſich ſelbſt in einer himmliſchen Ermättung fuͤhlend, in einem Zuſtande, der alle Kraͤfte gebunden haͤlt und doch der ſfuͤßeſte Traumzuſtand iſt, — ſchien ſie, verſoͤhnt, aller Noth entladen, den Seli⸗ gen ſchon zugeſellt. Indem trat Stanloff hervor und erkannte das wiederkehrende Leben, welches Beide, in Schmerz ver⸗ ſenkt, nicht wahrgenommen. Sie lebt! ſagte er leiſe. Großer Gott! rief Richmond, iſt es Wahrheit, Moͤglichkeit? Sie lebt! rief er, einen Blick auf ſie werfend, dann ſprang er auf, und die Arme hoch em⸗ por gehoben, ſtuͤrzte er zum Zelte hinaus. Maria hoͤrte, wie er es dort noch ein paar Mal den wohrſcheinlich ſeiner Botſchaft Harrenden wieder⸗ holte, und faſt im ſelben Augenblicke lag er wieder zu ihren Fuͤßen und blickte ſte an mit dem Jubel der ſe⸗ ligſten Freude. Ein paar warme Tropfen fielen auf Marias blei⸗ ches, kaltes Geſicht. Sie blickte auf, und die ſtren⸗ gen Augen der Herzogin, in Liebe gebrochen, waren der Quell. Seid vor Allem ganz ruhig, theures Kind; Euer Leben und unſer aller Ruhe haͤngt daran! ſagte ſie mit weicher Stimme, als Maria einen Verſuch zum Sprechen machen wollte. Stanloff verſuchte jetzt, ihr Tropfen einzufloͤßen, und redete die Herzogin mit der Bitte an, ſich ſelbſt einige Ruhe zu goͤnnen, da die beſchwerliche Stellung, der ſie ſich unterzoͤge, ſie zu ſehr angreifen wuͤrde. Redet mir nicht von Ruhe, erwiderte ſie ernſt; ſie hat nicht an ſich gedacht, als ſie ihr Leben wagte, das meine zu retten; jede Bewegung kann den ſchreck⸗ Godwie⸗Caſtle II. 21 322 lichen Blutſtrom erneuen; ich danke Gott, daß ſie Ruhe in dieſer Stellung findet. O, meine Mutter! rief hier Richmond und druͤckte ſein Geſicht in die Hand der Herzogin. Etwas lebhaft zog ſie die Hand zuruͤck. Wir haben alle, denke ich, Faſſung und Mäßi⸗ gung in unſer Betragen zu legen, da jede Gemuͤths⸗ bewegung der Kranken toͤdtlich werden kann.— Das werde ich auch koͤnnen, rief Richmond und ſtand von ſeinen Knien auf; ſagt nur, Stanloff, wenn ich gehen muß, ich will alles thun, was noͤthig iſt. Es moͤchte allerdings die hoͤchſte Ruhe zu empfeh⸗ len ſein, erwiderte Stanloff. Nun, ſo ſei Gott mit Euch, rief Richmond, ſich zu Maria beugend, und die Engel, die Euch lieben, moͤgen Euch erretten. Maria ſah ihm nach, und ihre Seele ſagte: Du biſt mein Engel, und du heileſt mich! Das Feſt des Maſter Allincroff war nach allen Seiten hin zerſtoben. Man hatte die luſtigen Zelte im Waldgrunde nur zu erreichen geſtrebt, um die ſterbende Lady Melville dort ſanfter zu betten. Niemand dachte nur des Feſtes; Alles war in Aufregung und Bekuͤm⸗ merniß, in geſpannter Erwartung des Ausſpruchs Stanloffs, dem keine vorzeitige Aeußerung zu entlocken war, und der Alles davon abhängen ließ, ob die ge⸗ waltſam geſprengte Ader der Bruſt ſich geſchloſſen haben oder fortbluten werde. Die Herzogin ſchien auf's Tiefſte von dem Opfer erſchuttert, welches Maria zu ihrer Lebensrettung ge⸗ bracht; ſie hatte, ihre voͤllige Beſinnung behauptend, mit unbeſchreiblicher Angſt das verzweifelte Unterneh⸗ men vor ihren Augen ſich begeben ſehen. Ihre da⸗ durch bewirkte Rettung ſchien ihr keinen Antheil zu erwecken, und ſie machte ſich faſt ungeduldig von ihren Kindern los, ſogleich zu Fuße Richmond nach⸗ eilend, indem ſie raſch rief, er habe das Zweckmaͤßigſte gethan. Stanloff folgte, und als man Maria in ihrem Blute fand, das wie ein Quell aus ihrem Munde floß, ſchien ſie, einen Augenblick von Troſtloſigkeit uͤberwäl⸗ tigt, ſympathetiſch mit Richmond zu fuͤhlen, der, die Verungluͤckte am Boden ſttzend, mit allen Ausbruͤchen des Schmerzes und der Liebe ihren Namen rief. Es ward, von Allen betrieben, bald eine Bahre von den Polſtern des Wagens verfertigt, auf der man Maria ſanft in das Thal zu den luſtigen, blumenge⸗ ſchmuͤckten Zelten niedertrug, wo ſie der troſtloſe Geber des Feſtes empfing, der ſich als die nur zu gegruͤndete urſi dieſes Ungluͤcks anſehen durfte. Stanloffs Be⸗ W 324 muͤhungen war es gelungen, den entſetzlichen Blutſturz zu hemmen. Seit vier Stunden hatte ſich das Blut nicht mehr ergoſſen, er verlangte aber vier und zwanzig Stunden Ruhe, ehe irgend eine weitere Transportirung zuzulaſſen ſei. Die Herren ertheilten nun die Anordnungen, wie das luftige Zelt zu einer Herberge fuͤr die Nacht einzu⸗ richten ſei, und alle uͤbrigen Zelte wurden ihres Inhalts entkleidet, um dies eine damit auszuſtatten. Die Herzogin, Ollonh, Richmond und Stanloff waren entſchloſſen, die vorgeſchriebenen vier und zwan⸗ zig Stunden bei der Kranken zu bleiben. Der Herzog und die ubrigen Damen ſollten gegen Abend nach dem Schloſſe zuruͤckkehren, und alles herbeiſchaffen laſſen, was zum Transport der Kranken fuͤr den andern Tag noͤthig wäre. Maſter Allincroff entließ ſeine uͤbrigen Gäſte und erklärte ſich entſchloſſen, mit ſeinen Leuten das Zelt der Herzogin zu bewachen und zu jeder nothigen Veran⸗ ſtaltung waͤhrend der Nacht bereit zu ſein. Die Herzogin geſtattete endlich, da Maria's Zuſtand ſich gleich blieb, daß Ollonh ihre Stelle an deren La⸗ ger einnahm, und Richmond hielt ſich am Eingange des Zeltes bereit, Stanloff mit jeder Dienſtleiſtung zu unterſtuͤtzen. B Gegen Morgen fiel die Kranke in einen ſanften Schlaf, und als der Geſang der Voͤgel ſie mit der Sonne erweckte, wurden Alle uͤberraſcht und erfreut, als ſie mit kräftiger, klarer Stimme Ollonh anredete und laͤchelnd fragte, ob ſie wirklich lebe oder im Pa⸗ radieſe ſei? Stanloff gab nun einige freundliche Worte der Hoffnung, und als die langen vier und zwanzig Stunden ohne neues Oeffnen der Ader voruͤber gegan⸗ gen waren, trat man, mit vorſichtig eingerichteten An⸗ ſtalten vom Schloſſe hinreichend verſehen, den gefuͤrch⸗ teten Ruͤckweg an. Als Maria auf ihrer Bahre in den Schloßhof getragen ward, hatten ſich alle Bewohner deſſelben in ſchmerzlicher Unruhe verſammelt, ſie zu empfangen, und die lauteſte Theilnahme, das Schluchzen der Frauen und Kinder, zeigte hinreichend, wie geliebt das Fraͤulein von Allen war. Die Herzogin, die kurz vorher zu Wagen eingetroffen war, ſtand mitten unter ihnen, ſie war ſelbſt ſo mit dem Ereigniſſe beſchäͤftigt, ſchien ſo beſorgt und geaͤngſtigt uͤber den Erfolg der Bewegung, die der Kran⸗ ken, trotz des ſorgſamſten Tragens, nicht zu erſparen war, daß ſie alles Andere um ſich unbeachtet ließ. Maria, mit offenen Augen, aber todtenbleichem Angeſicht, lächelte hold wie ein verklaͤrter Engel zu —— nw ——— 326 Allen. Sie fuͤhlte einen Frieden, eine Seligkeit in ihrem Innern, worauf ſelbſt der Gedanke ihres noch moͤglichen Todes keinen Einfluß uͤben konnte. Ach! der Thränen werth ſchien ſie ſich, als ſie Tages vorher anſcheinend bluͤhend und geſund uber die Hoͤfe ritt, und als ob ſie jede Theilnahme, jeden Schmerz un⸗ rechtmäßig errege, bemuͤhte ſie ſich, in ihren Zuͤgen den Zuſtand ihrer Seele auszudruͤcken. Die Herzogin befahl, die Bahre nach ihrem Schlaf⸗ gemach zu tragen, und Maria fand dort Alles zu ihrem Empfange ſorgfältig geordnet. Die Herzogin erklärte, die Pflege der Kranken mit Morton allein uͤbernehmen zu wollen, und Maria konnte nichts, als die ſorgfältig ordnende Hand an ihre Lippen druͤcken. Der Erfolg lohnte ſo mätterliche Sorgfalt. Es erfolgte kein neuer Blutverluſt, die Krafte erſetzten ſich ſchnell, und Maria verließ bald Bett und Zimmer, und ſtreifte, nicht minder ſchoͤn bei der bläſſeren Farbe der Wangen, durch Schloß und Park. Das Ereigniß ſchien ein neues Band um Alle ge⸗ knuͤpft zu haben. Die Herzogin hatte, von Dankbarkeit hingeriſſen, in ihrer Liebe gegen Lady Maria, die immer nur wie unterdruͤckt in ihr fortbeſtanden zu haben ſchien, ſo lebhaft und ohne Ruckhalt ſich gezeigt, daß Alle, be⸗ lebt durch das Gefühl ihrer großmuthigen Aufopferung 6 327 fur das Leben der theuern Mutter, ſich um ſie als den Mittelpunkt aller Bemuͤhungen verſammelten. Auch ſchien nichts mehr den eigenen Frieden ihr zu ſtoͤren. Ein ſtilles Genuͤgen an Allem, wie es war, eine Anhaͤnglichkeit an den Platz, wo ihr ſo viel Liebe ent⸗ gegentrat, eine kaum verhehlte Scheu vor jeder moͤg⸗ lichen Veraͤnderung dieſer Lage, troͤſtete ihre Freunde ſelbſt uber das Mißlingen von Brirtons Unterneh⸗ mungen mit der Hoffnung, das Fräulein werde eine ſolche Nachricht mit minderem Schmerze ertragen, wenn ſie ſich in ihrem jetzigen Verhältniß gluͤcklich fühle. Die Geſundheit der jungen Lady ward aber von ihnen allen als ein Gut betrachtet, fuͤr das ſie einſtehn muͤßten, und zu ihrer Schonung und Pflege erſchien ſie noch nicht bei den groͤßeren Verſammlungen der Fa⸗ milie, und blieb, mit Ausnahme kleiner Spaziergänge, auf ihre Gemaͤcher beſchraͤnkt. Ein groͤßerer Kreis von Fremden, der im Schloſſe verſammelt war, hatte ſich bereits zerſtreut, und man genoß der groͤßeren Stille, die der Familienkreis dar⸗ bot, zugleich mit der Hoffnung, Stanloff werde dem Fraͤulein bald darin einzutreten erlauben. Man hatte ſich an einem ſchoͤnen Abend auf den Terraſſen verſammelt, und heiter mit Stanloff um das —————— — 228 Gewuͤnſchte ſtreitend hatte man ihm eben die Zuſiche⸗ rung entlockt, das Fräulein bald zu ihnen hinab zu fuͤh⸗ ren, als die Hoͤrner auf den Wart⸗Thuͤrmen neue Fremde ankuͤndigten und dem Herzog die Meldung gemacht wurde, daß ſich ein kleiner Trupp Reiter dem Schloſſe naͤhere. Sir Ramſey, der dazu beauftragt war, die Fremden zu bewillkommnen und ihnen entgegen zu reiten, ent⸗ fernte ſich zu dieſem Ende, und Stanloff, ſeines Auf⸗ trags unter dieſen Umſtänden entlaſſen, eilte; ſeine Schutz⸗ befohlene in ihren Gemaͤchern aufzuſuchen. Doch mußte Sir Ramſeh ſeinen Weg in kurzer Zeit zuruͤck zu legen ſich beeilt haben, denn mit glu⸗ hendem Geſicht und in der vollſten Aufregung ſehn wir ihn uͤber die Terraſſen zuruck eilen, und ſich dem Her⸗ zoge nähern, der im Kreiſe der Uebrigen der neuen An⸗ kuͤndigung harrte. Nun, ſagte er läͤchelnd, Ramſehs Eile bemerkend, Du ſcheinſt uns ſehr Wichtiges mitzutheilen zu haben. Wer beehrt uns mit ſeinem Zuſpruch? Ich hoffe an⸗ genehme Nachrichten zu empfangen. Der Beſuch, der Euer Durchlaucht beehrt, folgt auf dem Fuße; die Meldung kam zu ſpät, ihn mit allen Ehren empfangen zu koͤnnen. Es iſt mir unter⸗ ſagt, ihn zu nennen; doch bitte ich unterthaͤnigſt, daß Euer Durchlaucht ſich bis in K. Schloßhof ihm ent⸗ gegen bemuͤhn.— In Wahrheit, fuhr der Herzog mit guter Laune fort, Du biſt ſehr feierlich und auf die Ehrenbezeigun⸗ gen Deiner Gäͤſte ſehr bedacht; doch wir folgen Dir, denn Du biſt ein zu guter Seneſchall, um Deinem Rathe nicht vertrauen zu duͤrfen. Thut dies, gnaͤdigſter Herr! ſagte Ramſeh, unru⸗ hig nach den Hallen blickend. Es zeigte ſich jetzt, daß die Ungeduld des eifrigen Seneſchalls nicht ohne Grund war, denn mehrere Herren, denen einer mit der vollen, ſchnellen Hal⸗ tung, welche den gewohnten Vortritt verkuͤndigt, voran⸗ ſchritt, traten ſo eben aus der Halle auf die Terraſſe. Der Herzog eilte ihnen entgegen, aber der Herr, der das Barett tief in die Augen gedruckt hatte, uͤber⸗ ſah fluͤchtig, faſt abwehrend gruͤßend die Bewillkomm⸗ — des Herzogs, und dem Kreiſe der Damen ent⸗ gegen eilend, näherte er ſich ſo ſchnell der verwitweten Herzogin, daß er faſt allein ploͤtzlich vor ihr ſtand. Wollt Ihr erlauben, daß ein alter Freund unan⸗ gemeldet alte Freundſchaft und Gaſtlichkeit in Anſpruch nimmt, ſprach der Fremde, indem er raſch den ſchwar⸗ zen Mantel, der ihn faſt verhuͤllte, zuruͤckſchob, den Kopf entbloͤßte und ruͤberraſchten Herzogin das ſchoͤne, ernſte Antlitz Carls des Erſten zeigte. Mein Koͤnig! rief die Herzogin in der hoͤchſten Bewegung. Der Koͤnig! wiederholten Alle. Der Koͤnig wandte ſich nun, mit Anmuth grußend, zu allen Anweſenden, und mit beſonderer Sochachtung zu der edlen Mutter ſeines verſtobenen Freundes. 7 Die augenblickliche Verlegenheit, die dieſem uner⸗ warteten, faſt unerklärlichen Ereigniß folgte, da man den Koͤnig ſeiner jungen Gemahlin harrend glaubte, jeden Augenblick die Meldung ihrer Landung ih dann ihr entgegen nach einer ganz andern fuhren mußte, wich doch bald der Nothwendigkeit, je⸗ des Erſtaunen zu unterdrucken und allein das Gefuͤhl von Freude zu zeigen, welches der Koͤnig erwarten durfte erregt zu haben. Derſelbe ſchien jedoch ſo ernſt nachdenkend und wie von einem Gedanken vorherrſchend be daß man ſich unbeachtet in ſeiner Gegenwart glauben nur die verwitwete Herzogin und Lord Richmond ma ten davon eine Ausnahme.* Die Herzogin hatte den ganzen Abend ſeh zahl⸗ loſen Fragen zu beantworten, welche unverkennbar ir⸗ gend einen Zweck hatten, und ſich alle um die Reiſe ih⸗ 331 res Gemahls, ſeinen letzten Willen und ihr eigenes Le⸗ ben ſeit deſſen Tode drehten. Eben ſo Lord Richmond. Der Koͤnig blickte ihn mit langen prüfenden Blicken an, während er mit der Herzogin redete, und Jeder ſah, daß dieſer ſeine vorzuͤgliche Aufmerkſamkeit feſſele. Unſer erſtes Zuſammentreffen, Lord Derbery, ſprach er freundlich, war ernſter Art, gereichte Euch aber ſo ſehr zur Ehre, daß Ihr es nicht anders wün⸗ ſchen koͤnnt. WDer erſte wichtige Moment meines Lebens, unter den Augen Euer Majeſtät beſtanden, erwiderte Rich⸗ ond bewegt, moͤge alle folgenden der Art heiligen! So! ſagte der Koͤnig mit beinahe wankender Stimme; habt Ihr ſeitdem fortgefahren, das Werk ritterlichen Schutzes zu uͤben? Richmond blickte uberraſcht den Koͤnig an und traf auf das pruͤfende, ausdrucksvolle Auge deſſelben, worin etwas lag, das er nicht verſtand. Die Gelegenheit ſoll mich entſchloſſen finden, hoffe ich, erwiderte er; doch zu ſuchen braucht ſie der Mann nicht. Brav, brav! rief der Koͤnig, und ich glaube, der WMuth, der zu ſeiner Befriedigung die Gefahren veran⸗ laßt, die er zu beſtehen trachtet, fuͤhrt mehr Unheil her⸗ bei, als ihm abzuwenden geſtattet iſt. Er ward nach dieſen Worten auf's Neue ſtill und † nachdenkend, und erhob ſich ſodann, um ſich fruͤh in † ſeine Zimmer zuruͤck zu ziehn, kuͤndigte ſeine Abreiſe auf den andern Tag an und erbat ſich, die Zimmer des verſtorbenen Herzogs bewohnen zu duͤrfen. Das zuruͤckbleibende Gefolge des Koͤnigs beſtätigte vollkommen die Anſicht, daß dieſer auffallenden Reiſe eine Abſicht von der hoͤchſten Wichtigkeit zum Grunde liegen muͤſſe, da die alle Kraͤfte anſpannende Schnellig⸗ keit, wie das anbefohlene ſtrenge Geheimniß, den un⸗ paſſenden Zeitpunkt derſelben ſchien vermitteln zu ſollen, und ſie vom Könige beſchloſſen ward, als er vo Stet⸗ bebette ſeines alten Kammerdieners, des Maſter e Por⸗ ter, kam.— Die Herzogin ſah, trotz ihrer kalten Faii mit einiger Spannung dem andern Morgen entgegen, der ihr in einer vom Könige erbetenen geheimen Unter⸗ redung den wahrſcheinlichen Grund Reiſe offen⸗ bar machen ſollte. Der Koͤnig, der ſchon beim Einnit⸗ in die Ge⸗ maͤcher ſeines Freundes eine lebhafte Bewegung gezeigt hatte, entließ, ſich nach Einſamkeit und Ruhe ſehnend, ſobald es moͤglich war, die Herren des Hauſes, wie ſei⸗ nes eigenen Gefolges und durchſchweifte nun mit Schritten die ſchoͤnen Räume. 1 333 Porters naher Tod und die Qualen der Sterbe⸗ ſtunde, die den Ungluͤcklichen im doppelten Kampf des Geiſtes und Koͤrpers zu Theil wurden, hatten endlich das lang unterdruͤckte Gefuͤhl fur Recht uͤber alle So⸗ phismen einer jeſuitiſchen Erziehung ſiegen laſſen. Er ſah wohl ein, daß die Spur zur Auffindung der un⸗ gluͤcklichen Lady Maria, die er durch Lanci gegeben, ihr nur eine hoͤchſt bedingte und zweifelhafte Rettung werden wuͤrde, ſo lange der Koͤnig an ihren Tod glaubte und ihr nicht unmittelbaren Schutz verleihen konnte. So uͤberwand er jede andere Ruͤckſicht und offenbarte ſeinem grauſam betrogenen Herrn ſein ganzes tief ver⸗ worrenes Leben in allen ſeinen Beziehungen zu der un⸗ gluͤcklichen jungen Dame. Mit welchem Exzuͤrnen auch der Koͤnig eine ſolche empoͤrende Beichte anhoͤren mochte, der Gedanke, ſie lebe und ſei ihm wieder zu gewinnen, loͤſchte jede andere Regung in ihm aus, und er ſah Porter als ſeinen groͤßten Wohlthäter an, als habe mit dieſem letzten Dienſt ein ganzes Leben voll Verrath und Lüge die Weihe der Tugend bekommen. Porter empfahl noch mit ſterbender Stimme dem Koͤnige, Niemandem zu vertraun, ſelbſt Godwie⸗Caſtle aufzuſuchen, wo er ſie— gelang Lord Richmonds Ver⸗ ſuch— finden muͤßte; denn Porter hatte nur zu vie — — ———— 8 334 Urſache, zu glauben, die heiligen Väter hätten, ihm un⸗ bewußt, den Platz bereits mit andern Kundſchaftern be⸗ ſetzt, von dem ſie ihn bald durch den Tod abgeſetzt wähnten. Der Koͤnig gab ſich nach dieſer Entdeckung ganz ſeinem ungeſtüͤmen Herzen hin, in deſſen Folge wir ihn in einem ſo kritiſchen Augenblick den Weg antreten ſehn, von deſſen glucklichem Erfolg er ſich alles Gluͤck verſprach, deſſen er ſich noch fäͤhig hielt. Nachdem er die Geſuchte unter den verſammelten Damen nicht gefunden und durch Lord Richmonds An⸗ weſenheit ſich doch überzeugt hatte, es muͤſſe irgend etwas ſich ergeben haben, fuͤhlte er eine Muthloſig⸗ keit des Geiſtes, die es ihm unmoͤglich machte, ſich an demſelben Abend noch Gewißheit zu verſchaffen. Er hatte uͤberdies in den Gemächern ſeines Freundes noch ein wichtiges Dokument aufzuſuchen, und wir ſehn ihn jetzt in das Schlafgemach treten, wohin wir fruͤher die Herzogin begleitet haben. Derſelbe Gegenſtand war auch das Ziel des Koͤ⸗ nigs; die Holzwand wich dem bekannten Drucke, das ſchoͤne Bild lächelte ihm entgegen und machte alle Wunden ſeiner Bruſt auf's Neue bluten. Wir enthalten uns, eine Stimmung der Seele zu belauſchen, worin dieſer zum Ungluͤck beſtimmte Monarch 335 von ſeiner Jugend und allen ihren Hoffnungen Ab⸗ ſchied nahm. In ewiges Dunkel begraben blieb der Welt dieſe ſtille und einflußreiche Geſchichte ſeines Herzens. Wir ſehen ihn in ſeiner oͤffentlichen Erſcheinung nur noch zwiſchen den zwei verderblichſten Fehlern eines Herrſchers getheilt, Schwäche und Eigenſinn. Die Zeit, der er verfiel, hatte keine Langmuth mehr. In ſich kreißend und gährend, zerriß ſie die Zuͤgel einer Herrſchaft, die nicht mehr Schritt hielt mit ihren Forderungen. Sie mußte ſich in der Willkuͤr muͤde ſchwelgen, um die eiſerne Ruthe eines Cromwell kuͤſſen zu konnen. Nicht ohne Theilnahme denken wir uns den Koͤ⸗ nig auf einem Wendepunkte, wo er ſich noch ein Mal weich und traumeriſch an die Ideale ſeiner Jugend hängt, freudlos die Zukunft vor ſich erblickend, doch nicht ahnend, wie furchtbar ſie ſich geruͤſtet hatte, ihn zu vernichten. Jetzt dachte er, wie er ſeinem Robert einſt dies Ur⸗ bild ihrer Herzen, worin ſie ſich wie in einem Brenn⸗ punkte ihrer Liebe begegnet waren, heimlich, waͤhrend einer Abweſenheit des Herzogs in London, in dies ſtille Gemach hatte einſetzen laſſen,— dies Bild, woran der Herzog nicht mehr die Gefuͤhle heißer Liebe knuͤpfte, ſon⸗ 336 dern eine Begeiſterung, eine Staͤrkung fuͤr Erſtrebung alles Guten und Edlen. Er hatte es wagen duͤrfen, ihn zum ſtillen ſegenbringenden Engel in ſeine Einſamkeit zu fuͤhren. Er wußte, daß Robert von dem Augenblicke an, wo der Prinz in jener verhaͤngnißvollen Nacht, als der Tod des Bruders ihn ſo viel hoͤher ſtellte und ſo viel ferner der fruͤh ihm Vermählten, und er keinen Boten fand, der fernen Leidenden das Wort der Treue zu ſen⸗ den, als Robert, den er ſie liebend wußte,— daß von dem Augenblicke dieſer Entdeckung an er den maͤnnlichen Kampf begann, um über Gefuͤhle zu ſiegen, die er ſich nicht mehr glaubte geſtatten zu duͤrfen. Er gedachte, wie ſtolz und muthig er ihn bis zur Vermählung mit Arabella Briſtol durchgekampft; er gedachte des harten Streites der Liebe mit ihm, als er trachtete, den Liebling von einem Schritte zuruͤck zu halten, der ihm von der Verzweiflung eingegeben ſchien; er gedachte aller guten Stunden, aller treuen Dienſte, die ihm dies ſeltene Freun⸗ desherz geleiſtet in Behuͤtung und Bewahrung des gefahr⸗ vollen Geheimniſſes, und zugleich mit dieſer Erinnerungs⸗ feier zog der Schmerz der Einſamkeit durch ſein Herz, und er rettete es nur aus allzumaͤchtigem Weh, indem er des Kindes gedachte, das ihm vielleicht noch geblieben. Schnell nahte er ſich dem Bilde, eine Feder bewegte es langſam aus der Wand hervor, dahinter zeigte ſich 332 eine Niſche, in deren Raum der Koͤnig das vom Freunde behuͤtete Käſtchen fand, welches alle wichtigen Dokumente für die Legitimität des theuren Kindes ent⸗ hielt, deren Durchſicht er nunmehr ſich mit dem be⸗ wegteſten Herzen hingab. Der Koͤnig ließ ſich am andern Morgen zu dem gemeinſchaftlichen Fruͤhſtuͤck melden und ward von der ganzen Familie mit der ehrfurchtsvollſten Freude em⸗ pfangen. Er wandte auch jetzt ſeine Reden faſt aus⸗ ſchließlich an Richmond und äußerte endlich, er ſei, wie er hoͤrte, ſo eben erſt von einer Reiſe nach der Oſtkuͤſte von England zuruckgekehrt. Als dies Richmond beſtätigte, fragte der König, was ſeinen Geſchmack eben nach dieſer wenig ange⸗ bauten Gegend hingezogen? Mich beſtimmten bei dieſer Wahl nicht die ge⸗ woͤhnlichen Anforderungen einer Vergnuͤgungsreiſe, er⸗ widerte Lord Richmond, es war mehr eine Pflicht⸗ erfullung, die mich gegen andere Beziehungen gleich⸗ guͤltig machte. Eine eigne Angelegenheit? ſagte der Koͤnig, ſcharf ihn anblickend. Doch, unterbrach er ſich, Richmonds Godwie⸗Caſtle. III. 22 338 ſichtliche Verlegenheit gewahrend, ich dränge mich in Familiengeheimniſſe und will Euch nicht in Verlegen⸗ heit ſetzen, nur herzlich wuͤnſchen, daß der beſte Er⸗ folg dieſe außerdem wenig belohnende Reiſe kroͤnte. So, darf ich in Wahrheit hoffen, iſt geſchehen, wie Euer Majeſtät die Gnade haben mir zu wuͤnſchen, rief Richmond. Aber erſtaunt ſahen die Andern mit ihm, wie der Koͤnig bei dieſen Worten ſchnell aufſprang und, mit dem lebhafteſten Ausdruck der Freude aufihn zueilend, ausrief: O ſagt! ſagt! Ihr waret glucklich! Grenzenlos wird mein Dank ſein! Es blieb keine Zeit, dieſe unzuſammenhaͤngenden Worte zu deuten; der naͤchſte Augenblick hob den fruͤ⸗ hern in Ueberraſchung auf. Lady Maria hatte, von Sehnſucht, den Koͤnig zu ſehen, getrieben, Stanloff vermocht, ſie nach den Ter⸗ raſſen an dem Saal vorüber zu fuͤhren, worin der Koͤnig fruͤhſtuͤckte, da ſie ſich der Familie nicht anſchlie⸗ ßen wollte, um einer Präſentativn vor dem Koͤnige zu entgehen, bei der Alle in Verlegenheit kommen mußten, indem dem ungluͤcklichen Maͤdchen noch immer kein Recht zu irgend einem Namen zuzuſtehen ſchien. Gaſton, ihr ſteter Begleiter, hatte ſich auch dies Mal aus den Zimmern ihr nachgeſchlichen, und mit 339 ihr die Naͤhe des Saales erreichend, zeigte er ſich plotzlich aufhorchend und eine Spur ſuchend, die ihn, trotz des leiſen Ruf's Maria's, von ihrer Seite weg dem offenen Saale zuzog. Er hatte ihn kaum erreicht, als der Koͤnig, wie bereits erwähnt, von ſeinem Platze aufſprang und ſich gegen den ſtehenden Lord Richmond wendete. Im ſelben Augenblicke hatte Gaſton den Freund ſeines Herrn erkannt und ſtuͤrzte jetzt mit der leiden⸗ ſchaftlichſten Heftigkeit auf den Koͤnig zu. Die angenblickliche Ueberraſchung des Koͤnigs en⸗ dete ſogleich, indem er Gaſton erkannte, ſeine Liebko⸗ ſungen erwiederte, und, mit ihm dadurch vorgedraͤngt, jetzt in eine offene Thuͤr der Hallen trat und dadurch der Lady Maria ſichtbar ward, die ihn bisher nicht zu erkennen vermocht hatte. Seht! rief Stanloff, jetzt konnt Ihr den Koͤnig ſehen, dort ſteht er mit Gaſton an der Thuͤr. Maria blickte einen Moment hin, dann ſtieß ſie einen Schrei aus und mit dem Ausruf: O Gott, mein Oheim! ſtͤrzte ſie dem Koͤnige zu Fuͤßen. Unausſprechlich war die Ueberraſchung aller An⸗ weſenden. Ahes ſprang auf und eilte dieſer uner⸗ warteten Scene entgegen. 2* —— —— —— 340 Um Gott, Lady Maria! Was begeht Ihr? rief die Herzogin, auf's Tiefſte verletzt und erſchrocken uͤber den ploͤtzlichen Anblick eines Gegenſtandes, den ihr ſtol⸗ zes Herz eben dem Koͤnige zu entziehen getrachtet hatte. Aber ſchon änderte ſich die ganze Scene. Der Koͤnig, zu ihr niedergebeugt, muͤhte ſich, ſie in ſeine 3 Arme zu ziehen, indem er auf's Lebhafteſte ihren Namen unter den zärtlichſten Ausdrucken rief. Lady Maria richtete ſich auf und ſagte, an ſeine Bruſt ſich lehnend, ernſt und zärtlich i Jetzt habe ich wieder eine Heimat auf Erden gefunden. Du wirſt mich von allen den Räthſeln erloͤſen, die mich bisher verfolgten, ich werde jetzt einen Namen haben! O! rief der Koͤnig mit dem Laut des Schmer⸗ zes, o Du theures, unglückliches, verfolgtes Kind! Meine ganze Macht kann nicht ausreichen, was Du gelitten, auszuloͤſchen, Dir wieder zu geben, was Du indeſſen verloren. Aber einen Namen ſollſt Du haben, auf den Du mit Stolz blicken kannſt, eine Heimat ſoll 1 Dir werden, des Namens wuͤrdig, den Du mit Recht fuͤhrſt!— Frau Herzogin, fuhr der Koͤnig fort, erfahrt jetzt, daß Ihr in den Wohlthaten, die Ihr dieſem theuern Kinde gewährt, Euern Koͤnig Euch zu Euerm lebens⸗ länglichen Schuldner gemacht habt. Hier ſei der erſte Augenblick, wo ich das ſuͤßeſte Gluͤck meines Lebens ausſpreche. Sie iſt meine Tochter, und ihre recht⸗ mäßige Mutter iſt Eliſabeth von Buckingham, die Gott fruͤher von dieſer Erde rief, als ich vor dem Angeſichte der Menſchen ihre heiligen Rechte anerkennen durfte. Du der Koͤnig? Eliſabeth meine Mutter? rief Ma⸗ ria. Die Ueberraſchung ſchien ihr alle Kraft zu rauben. Der Koͤnig fuͤhrte ſie nach einem Lehnſtuhle, ſie zaͤrtlich ſtuͤtzend, waͤhrend um ihn her das Erſtaunen und die Ueberraſchung Aller ſich in den verſchieden⸗ ſten Erſcheinungen kund gab. Doch wir werden das muͤtterliche Gefuͤhl ver⸗ ſtehen, wenn wir ſagen, daß die Herzogin, deren lange ſchmerzvolle Befuͤrchtungen wir kennen, ihre Augen zu Richmond erhob, und, zaͤrtlich ſich an den Herzueilenden lehnend, ihn feſt und mit einem ſeligen Laͤcheln an ihre Bruſt druckte. Mit ſtummem Entzuͤcken blickte die alte Herzogin auf dieſe Scene, die ſie ſo wohl verſtand, denn der Augenblick, der dem Koͤnige die Tochter, hatte auch ihr den verklaͤrten Sohn, ſein in reiner Tugend ſtrahlendes Bild zuruͤckgegeben. Dieſer ruͤhrende und uͤberraſchende Moment, der alle Anweſenden auf's Tiefſte und Verſchiedenartigſte bewegte, ward unterbrochen, indem Sir Walther 342 Ramſeh mit feierlicher Amtsmiene erſchien. Vor dem Koͤnige, der noch immer uber Lady Maria, ſie um⸗ ſchlingend, gebuckt ſtand, beugte der Ankommende die Knie und redete ihn auf folgende Weiſe an: Ein königlicher Bote erreicht ſo eben dies Schloß, beauftragt, Euer Majeſtät in tiefer Ehrfurcht anzu⸗ zeigen, daß dem Lande das erſehnte Heil geſchah und der Boden Englands die Koͤnigliche Henriette von Frankreich, unſere nunmehrige Koͤnigin, empfangen hat. Der ungluckliche Carl ſchreckte zuſammen, lebhaft druckte er die zitternde Maria an ſeine Bruſt, dann riß er ſich empor. Ich danke Euch, Sir Ramſeh, fuͤr die erfreuliche Botſchaft, Ihr werdet mich von Euern Wuͤnſchen un⸗ terrichten muͤſſen. Dem erſten Ueberbringer ſolcher Nachricht darf keiner unerfullt bleiben, den zu befrie⸗ digen in unſerer Macht ſteht.— Die Augenblicke ſind uns alſo gezählt, ſprach er darauf, zur Herzogin ge⸗ wendet. Goͤnnt mir eine kurze Unterredung, Mhlady, ich bin ſie mir, ich bin ſie Euch ſchuldig und dieſem theuren Kinde. Er bat Maria, ihn zu begleiten, und fuͤhrte Beide in die innern Gemaͤcher. Was er hier der Herzogin und ſeiner Tochter zu ſagen hatte, kann kein Gegenſtand fernerer Mitthei⸗ lung ſein; wir ahnen es aus der Erinnerung aller 343 im Laufe dieſer Erzaͤhlung vor uns entwickelten Ein⸗ zelheiten. Auch brauchte der Koͤnig dazu wenig Zeit. Er bewirkte einen vorlaͤufig verlaͤngerten Aufenthalt fuͤr ſeine Tochter bei der Herzogin, da er ſelbſt ſich außer Stande fuͤhlte, vor der beabſichtigten Entdek⸗ kung an ſeine Gemahlin derſelben einen Platz anzu⸗ weiſen, der ihren Anſpruͤchen gemäß war. Als er in den Saal zuruͤckkehrte, naͤherte er ſich mit beſonderer Huld Lord Richmond. Was Ihr, Mhlord, fuͤr meine Tochter gethan, hat ein Vaterherz gehoͤrt und tief empfunden; ich wuͤßte keinen Wunſch, den Ihr mir nennen koͤnnt, deſſen Er⸗ fuͤllung, ſo weit es von mir abhaͤngig, nicht eine Be⸗ friedigung fuͤr meine Dankbarkeit ſein muͤßte. Ueber⸗ nehmt, bis wir uns wiederſehen, ſetzte er laͤchelnd hinzu, das ritterliche Amt, das Ihr ſo trefflich verſteht, bei meiner Tochter! Euch allen, meine Freunde, em⸗ pfehle ich meine Tochter, Ladd Maria Stuart. Zu den Hof⸗Feierlichkeiten hoffe ich Euch alle als meine liebſten Gäſte in London zu ſehen. Der Koͤnig entfernte ſich, ſie alle gruͤßend, und bald ſah man, wie ſeine ſchwarze Geſtalt, umgeben von dem glaͤnzenden Zuge der Herren des Schloſſes, auf ſchnellem Roſſe dahin ſprengte. Die koͤniglichen Boten hatten die erſte Audienz der Koͤnigin von England verkuͤndigt. Das Land ſchien die Wanderung nach London angetreten zu haben. Das Volk ſtand in dichten Maſſen an einander gedraͤngt, der ſeltenen Luſt gewärtig, die das Schauſpiel ſolchen Feſtes auch den Straßen verhieß. Zwiſchen durch bewegte ſich der Zug des ſtolzen Adels von England, Schottland und Irland, mit allem Glanze und allen Anſpruͤchen ausſtaffirt die Vermoͤgen und Rang jedem Einzelnen geſtatteten. Die Heiterkeit der Jugend, die ſich mit tauſend Hoffnungen noch nie erlebter Freuden dem Ziele entge⸗ gendrängte, umgaukelte mit ihrer anmuthigen Lebendig⸗ keit den ſtilleren Zug der Aelteren, welche, ſolche Freuden und ihre Täͤuſchungen kennend, den erfahrnen Blick, uͤber die erſten Augenblicke dieſer neuen Kataſtrophe hin⸗ weg, ihrer Zukunft entgegenrichteten und manche An⸗ zeichen fanden, welche die ernſte Erwartung rechtfertig⸗ ten, womit ſie ſich dem neuen Herrſcherpaare nahten. Die Säle des alten prachtvollen Whitehall hatten ſich bereits mit den Perſonen gefuͤllt, welche an die Auszeichnung Anſpruch machen durften, hier zu er⸗ 345 ſcheinen. Henriette von Frankreich hatte fuͤr jeden beruͤhmten Namen ihres neuen Vaterlandes ein an⸗ muthiges Wort, eine ſchmeichelhafte Bemerkung. Sie ſchien die gekroͤnte Anmuth zu ſein, und ihr Auge leuchtete ſo heiter und kräftig auf Jeden nie⸗ der, wie eine Verheißung gluͤcklicher Zeiten. Kaum widerſtand einer der alten finſtern engliſchen Barone der jugendlichen Koͤnigin. Die Abſicht, ihr zu miß⸗ trauen, die jene, ſie ſich als Klugheit anrechnend, mitgebracht, war den Meiſten entfallen, und ein un⸗ freiwilliges Geſtndniß neu gewonnener Hoffnung malts ſich auf ihrer geglaͤtteten Stirn, waͤhrend die ritterliche Jugend am Griffe ihrer Degen mehr der ſchoͤnen Frau, als der Koͤnigin ihr Leben vereidete. Carl der Erſte ſah nicht ohne Theilnahme den Eindruck, den ſeine ſchoͤne Gemahlin hervorrief. Er ſelbſt hatte einen erhoͤhten Ausdruck von Heiterkeit und Ruhe, und ſeine von der Natur zur Schmermuth ge⸗ ſtempelten Zuge ſchienen mit dem Lächeln der Befriedi⸗ gung der jungen Koͤnigin ein heiteres Leben zu verheißen. Doch blieb eine Unruhe ſichtbar, die ſeine und der Koͤnigin Blicke oͤfter dem Eingang entgegenrichtete, durch den ſich noch ſtets Neuangekommene hinein⸗ drängten, welche alle bemüht waren, der neuen Lan⸗ desmutter ihre Huldigung darzubringen. — e Die Verſammlung, die keinen andern Augen⸗ punkt, als das koͤnigliche Paar, hatte, erkannte bald, daß ſich hier etwas begeben ſolle, welches der unge⸗ duldigen Erwartung ſich noch zu entziehen ſchien und mit doppelter Spannung horchte man auf jeden neuen, von den Herolden verkuͤndigten Namen. Da entſtand ſchon im Vorzimmer Gerauſch und lauter werdendes Gemurmel des Beifalls. An der Hand des Herzogs von Buckingham er⸗ ſchien ein weibliches Weſen, deſſen bezaubernde Schoͤnheit mehr, als der Glanz ihrer Kleidung, alle Anweſenden in gleich großer Theilnahme bewegte So viele laut ausgeſprochene und gar nicht über⸗ hoͤrbare Zeichen der Bewunderung hatten der edlen und hochgetragenen Geſtalt der ſo Empfangenen je⸗ 5 nen leichten Anflug von Schüchternheit gegeben, wel⸗ cher der Jugend ſo bezaubernd anſteht und den zarten Wangen ein tieferes Roth verleiht. Sie trug in den dunkeln Locken ein herzogliches Diadem von den koſtbarſten Steinen; ihr purpurnes Sammtkleid war mit dem fürſtlichen Hermelin beſetzt, welcher, von zwei Pagen in der koͤniglichen Livree getragen, ſeitwäͤrts des ſilberſtoffenen Unterkleides niederfiel und den reichen Beſatz von Juwelen zeigte, womit das Mieder befeſtigt war. 34* Sie mußte eine Verwandte des koͤniglichen Hauſes ſein, denn nur ihnen kam dieſe Auszeichnung zu; aber wer konnte ſie ſein? Wer hatte ſie je geſehen, und wie kam ſie an die Hand des Herzogs von Buckingham, welcher, ſtolz auf ihre Nähe, mit hohnlachender Befriedigung das Erſtaunen und die Bewunderung der Anweſenden als einen ihm gehoͤrigen Triumph aufzunehmen ſchien. Ihr folgte unmittelbar der junge Herzog von Nottingham mit ſeiner Gemahlin, ſeinem Bruder und dem Grafen Archimbald von Glanford. Aber Alles ward ſtill, als die wunderſame Erſcheinung ſich dem Eingange des Audienzzimmers nahte; denn jetzt mußte ihr Name proklamirt werden. Sie ſelbſt ſchien, die⸗ ſen Moment kennend, mit leichter Schuͤchternheit ihn verzoͤgern zu wollen; denn einen Augenblick hielt ſie inne, und eine tiefe Bewegung malte ſich in ihren Zuͤgen. Da hob ſie die großen dunkeln Augen vom Boden, und ſie fielen ſogleich auf den Koͤnig, der im ſelben Augenblick, die Hand ſeiner Gemahlin er⸗ greifend, mit lebhaftem Ausdruck der Freude nach der Fremden hindeutete. Da erhellte das ſeligſte Lächeln das ſchoͤne Geſicht der Unbekannten, ſie zog die Hand von dem Arme des Herzogs von Buckingham, und in voller Selbſt⸗ 348 vergeſſenheit ihrer herrlichen Natur zuruckgegeben, eilte ſie mit freudiger Haſt, von aller Schuchternheit ent⸗ kleidet, groß und leuchtend aufgerichtet, wie eine Koͤ⸗ nigin uͤber die Schwelle des Saales. Maria Stuart, Nichte des Herzogs von Bucking⸗ ham! rief der Herold, und zugleich gewahrten die uͤberraſchten Zuſchauer, wie das Koͤnigliche Paar, den Thron verlaſſend, der jungen Herzogin bis zur Mitte des Saales entgegenging, ihrem Fußfall zuvorkom⸗ mend, ſie umarmte und ſie zwiſchen ſich dem Throne zufuͤhrte, wo zur Linken der Koͤnigin auf der zweiten Stufe des Thrones ein Seſſel ihr angewieſen ward, den ſie, nachdem die Monarchen ſich niedergelaſſen, mit der unſchuldvollſten Sicherheit einnahm. Der Herzog von Buckingham nahm ſeinen Platz hinter dem Stuhle ſeiner Nichte, und der Thuͤrſteher proklamirte die Familie des Herzogs von Nottingham, mit dem Zuſatze: Richmond, Herzog von Glanford! Als der junge Herzog ſich dem Konige näherte, umarmte ihn derſelbe; die Koͤnigin reichte ihm die Hand zum Kuſſe, und der Ceremonienmeiſter, Graf Dorſet, wies ihm das Tabouret an, das, eine Stufe niedriger, neben dem Lehnſtuhle der Herzogin von Buckingham ſtand. 349 Die Verſammlung erfuhr jetzt, daß ſie in beiden ſo hochbeehrten Perſonen ein Brautpaar ſehe, deſſen feierliche Vermählung in der Kapelle des Koͤnigs gleich nach beendigter Audienz ſtatt haben werde. Aber was fuͤr ein weites Feld fuͤr die Muthmaßun⸗ gen blieb nach dieſer ungenuͤgenden Nachricht zuruͤck! Wie wenig hatte ihr Name die aufgeregte Neu⸗ gierde befriedigt! Warum gab man ihr den Platz der Prinzeſſin⸗ nen von Gebluͤt? Wo war ſie bisher geweſen? Welche Rolle wird ihr ferner zugetheilt ſein? Es ſteht nicht zu erwarten, daß dieſe Fragen der Wahrheit gemäß beantwortet wurden. Sie beſchäf⸗ tigten eine Zeitlang die Neugierigen; doch als das baldige Verſchwinden der Betheiligten allmälig dieſer erſten Anregung alle weitere Nahrung entzog, gerieth Alles nach und nach in Vergeſſenheit. Die junge Herzogin von Glanford folgte ihrem Gemahl nach Godwie⸗Caſtle und verblieb dort im Kreiſe ihrer Familie, bis die Beſitzungen, die der Koͤnig ihr in der Nähe des ehemaligen Schloſſes ihrer Mutter verliehen, zu dem Empfange des jungen Paares mit koͤniglicher Freigebigkeit eingerichtet waren. Die meiſte Zeit des Jahres bewohnten ſie Bucking⸗ ham⸗Park, ſo reich an glucklichen Erinnerungen, ſo § S 350 nah an Godwie⸗Caſtle, ſo leicht erreichbar für den Koͤnig, der nie aufhoͤrte, in Maria das Gluck ſeiner Jugend zu lieben. Nur ſelten erſchienen ſie bei Hofe, ein reicheres Leben ſich ſchaffend in ihren weitlaͤuftigen Beſitzungen, in dem begluͤckten Kreiſe ihrer Familie. Ein Jahr ſpäter fuͤhrte Maria den Grafen Or⸗ mond mit Ollonh Dorſet zum Altare. Ormond glaubte, er habe bisher nur geliebt als Verſuch, endlich vollſtändig ſeine begluͤckte Braut zu lieben; Maria hatte eine erfuͤllte Hoffnung mehr erlebt. Bald ruhte die ſchoͤne heitere Leiche der alten Her⸗ zogin von Nottingham in der Todtenhalle von Godwie⸗ Caſtle. Ihr herrliches Ende war, wie ihr Leben, ein Segen fuͤr ihre Angehoͤrigen. hrer Schwiegertochter war es beſchieden, die hei⸗ tere Ruhe der Verklaͤrten zu ererben. Der Stachel, der ihr ganzes Leben verwundet und dem Blute ſei⸗ nen ſcharfen Inhalt gegeben hatte, war mit der Ent⸗ deckung von Maria's Geburt verſchwunden. Sie fuͤhlte mit Reue und Beſchämung, wie grauſam ſie Zeit ihres Lebens den verkannt, den ſie ſo grenzenlos geliebt. Dieſe ſpäͤte, aber tiefe Reue, die ihr doch ohne Beſchämung zu Theil ward, da auch nicht ein Blick 351 aus dem Auge der einzigen Vertrauten, ihrer ehr⸗ wuͤrdigen Schwiegermutter, ſie mehr an ihr Vergehn erinnerte, erſchutterte ihr ſtolzes, hartes Selbſtgefuͤhl und rief eine langverſaͤumte Weichheit der Gefuhle hervor, die den Abend ihres Lebens mit einem ſanft leuchtenden Glanz umzog. Brirton gab den Bitten ſeines Zoͤglings nach und beſchloß, noch immer thätig und ſeinem Berufe getreu, Segen ſpendend, wo er erſchien, ſein Leben auf Buckingham⸗Park. Lanci war als tuͤchtiger Jägersmann uͤber die her⸗ zoglichen Waldungen geſetzt, und Margarith hatte keine Bedenklichkeiten mehr, ihm ihre Hand zu reichen.— Nach einigen Jahren, als Lady Maria der Köni⸗ gin aufwartete, druckte ihr dieſe ein Blatt in die Hand. Es war aus Frankreich. Pater Clemens ſchickte ihr ſeinen Segen und Electas letzten Gruß. Als Ur⸗ ſulinerin war ſie in frommer Stille, bald nach ihrer feierlichen Aufnahme in das Kloſter St. Clara, dem der Pater Clemens als Beichtvater vorſtand, verſchieden. Maria ſchickte ihr den wehmuͤthigen Gruß der Liebe nach, mit dem wir gern ein hinubergegangenes Leben begleiten, das hier in dem zu hart befundenen Boden nicht wurzeln konnte, deſſen Bluͤthen dem er⸗ ſien Nachtfroſt erliegen, und uͤber deſſen zarte Ranken 352 3 wir gern den leichten Himmel ſich wolben ſehen, unter 3 deſſen Decke, dem Auge entzogen, wir die Verpflan⸗ zung hoffen in ein milderes, fruchtbareres Land. Der Herzog von Buckingham hatte nichts weiter mit einer Nichte zu thun, aus der ſich ſo wenig machen ließ, und welche die Thorheit beging, ihre glänzende Geburt durch eine ganz gewoͤhnliche Ehe um allen Einfluß zu bringen. Der Graf von Briſtol gehoͤrt der Geſchichte an. Sein Leben und ſein Tod iſt zugleich die Kataſtrophe der Geſchichte Englands, an deren verhäͤngnißvoller Schwelle wir eine Familie geſichert und begluckt durch innere und außere Verhältniſſe verlaſſen müſſen, ohne weiter verfolgen zu konnen, wie die Rollen ihnen zugefallen ſein mögen in dem großen Trauerſpiel ihres Vaterlandes. —— — Ende. Druck der F. A. Eupelſchen Hofbuchdruckerei in Sondershauſen. b.. 12 1 6 17 18 .. S 1* *— — ſ 1 —— —