deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Gktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 6 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 6 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. j 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt: für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 8 M.— Pf. 1 Ver 50 Pf. 2 Ve.— Pf. 5 Auswärtige Lhonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß den Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i —— der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſoners arauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleit der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche 2 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Gohmie- Caſtle. Zweiter Theil. Godwie-Caftle. Aus den Papieren der Herzogin von Nottingham. Zweiter Theil. Fünfte Auflage. Breslau, im Verlage bei Joſef Mar und Komp. 1849. —— Wn ſind geneigt, den Leſer aus dem Familienkreiſe, in dem er ſich bereits bekannt fühlen mag, auf einige Zeit zu entfuͤhren, um ihn an einem andern Orte fuͤr die Ereigniſſe vorzubereiten, von denen wir die Familie Nottingham ſpäter erreicht ſehn werden, zugleich aber uͤber das bereits von ihr Erlebte einen Aufſchluß zu ertheilen, der ihr ſelbſt erſt am Ende der uns vorlie⸗ genden Zeit gegeben war. Da wir nicht beabſichtigen, die uns mitgetheilten Papiere und ihren einfachen In⸗ halt mit ſchlagenden romanhaften Hauptentwickelungs⸗ momenten zu verzieren, ſo hoffen wir den Leſer dadurch, daß wir ihm die Fäden in die Haͤnde geben, die er ſpä⸗ ter zu bedrohlichen Verwickelungen ſich verwirren ſieht, in die Stimmung eines beſorgten Freundes zu verſetzen, der vie Gefahren kennt, wie ſie zu vermeiden wären, weiß und doch außer Stand geſetzt iſt, ſchuͤtzend oder warnend einzuſchreiten. Dieſe Abſicht auszuführen, muͤſſen wir einige Zeit zuruͤckgehn, und treffen mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten — 6 Stadttheil von Weſtminſter, dem glänzendſten und pracht⸗ vollſten Theile Londons, ein. Es ward damals, wie jetzt, dieſer dem alten Whitehall, der Wohnung des Kö⸗ nigs, zunachſt gelegene Stadttheil als ein privilegirter Wohnſitz des hoͤhern Adels angeſehen, der ſich noch als ausſchließlich geſchaffen betrachtete, ſowohl die Perſon des Koͤnigs zu umgeben, als auch eine Vormauer zu bilden gegen das Volk. Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlafſung, die dieſer Vorſtellung in fruͤheſter Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte, durch die Entwickelung, die ſich uber alle Staͤnde nach grade zu verbreiten begann, uͤbrig geblieben war: die damit ver⸗ knuͤpften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein ängſt⸗ lich vom Adel bewachtes Gut, in dem Maaße vielleicht ängſtlicher bewacht, als eine unluſtige Wahrnehmung ſich hin und wieder aufdringen mochte, wie das Volk zu einem feſteren Verbande mit ſeinem Fuͤrſten herangereift war. Der Adel war damals jeder Zugelloſigkeit hinge⸗ geben, in ſeiner moraliſchen Kraft herabgekommen, un⸗ tereinander entzweit und ſich verfolgend bis an die Stu⸗ fen des Thrones, und nur das alte Herkommen ſicherte ihm noch ſeine Bevorrechtung. Auch fand dieſe noch wenig Widerſtand in der allgemeinen Stimmung des Volkes, welches mit großerer Langmuth, als ſeiner Ein⸗ ſicht entſprechend ſchien, ſich gegen dieſe Vorrechte be⸗ —— . 2 zeigte, denn es liegt in dem Geiſte eines Volkes, das ſich ſeiner Geſchichte bewußt wird, eine ruͤhrende und unausloͤſchliche Dankbarkeit gegen Namen, an die ſich vaterländiſche Erinnerungen und Triumphe knůͤpfen. Es erkläͤrt ſich am beſten, wie ein zum Volköbeſitze erho⸗ bener Name noch lange ein ſchuͤtzendes Panier bleibt fuͤr die Entartung des Nachkoͤmmlings, unter welchem er die ererbten Vorzuge zu genießen wagen kann, die er ſelbſt zu erwerben nimmer vermocht hätte. Eliſabeth, die kluͤgſte und eiferſuͤchtigſte Selbſtherrſcherin, hatte die Umgren⸗ zung, womit ihr ſtolzer Adel ihren Thron zu umgeben ſich fuͤr angewieſen hielt, ſchon dadurch zu durchbrechen geſucht, daß ſie den Buͤrgerſtand in ſeinen Rechten zu heben ſuchte, Talente in ihm fur moglich hielt, ſie folglich auch antraf, und zu ſich erhob. Die Stutze, die ſie auf dieſe Weiſe ſich in den mittlern Klaſſen ihres Volkes bereitete, das hierdurch mit ſchon entwickelten Kräften Ziel und Richtung ſeines Strebens fand, gab ihr, ehe der Adel in ſeiner eingebildeten hoͤheren Natur ſich dieſer ihm entgegenſtre⸗ benden Kraft bewußt ward, eine von ihm unabhaͤngigere Stellung, die ihn, als er ſie erkannte, einſehen lehrte, daß er ſeine Vorrechte an dem Throne durch etwas An⸗ deres vertheidigen muſſe, als durch die Länge des Beſitzes. Aber gegen das Ende der Regierung Koͤnig Jakobs war es kaum moͤglich, eine der unſterblichen Einrichtun⸗ S gen jener koniglichen Frau in der Geſtalt wieder zu fin⸗ den, wie ſie von ihr dieſem Nachfolger uͤberliefert wa⸗ ren. Der wohleingerichtete Mechanismus eines Staates lauft indeſſen, dem Anſchein nach, eine Zeitlang noch ungeſtoͤrt in ſeinen Gleiſen fort, wenn ſchon die leitende Hand fehlt, die ihm ſeine urſprungliche Thätigkeit gab. Es iſt dies oft wahrzunehmemde ſcheinbare Fortbeſtehn unter der Buͤrgſchaft einer geweſenen Groͤße nur allzu geeignet, diejenigen in ſelbſtgenügendes Vertrauen ein⸗ zuwiegen, die von Segnungen ſich noch erreicht fuͤhlen, welche ſie ſchon längſt aufgehoͤrt haben auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten. Koͤnig Jakob beſaß eine Menge ausgezeichneter Kenntniſſe, die aber in ihm zu keinem Reſultat von Bildung gediehen waren und ihn bloß mit der lͤcher⸗ lichſten Eitelkeit erfuͤllten, wozu ſchwache Geiſter ſich ſtets durch die Anſtrengungen berechtigt halten, die ih⸗ nen das Erlernen verurſachte, und wodurch ſie ſich ge⸗ neigt fuͤhlen, ihnen einen überſchaͤtzten Werth beizulegen, wie duͤrftig ſie auch dem leicht ſich befruchtenden Genie zur Seite ſtehn. Seine ſchwache, durch Erziehung und langiahrig beugende Verhältniſſe vollig erdruckte Natur hatte keine Kraft, ſich durch die hohe Stellung zu elek⸗ triſiren, zu welcher der Tod Elifabeths ihn rief. Ohne wahre Kraft war er eben ſo wenig fähig, ein Thrann, — —— 9 als ein Wohlthaͤter ſeines Volks zu ſein, und ſtets der Spielball Anderer, behielt er ſich ſo wenig eigne Ideen vor, daß dieſe ihm unbeſtritten verblieben, da ſie nur dienten, ihn üͤber ſeine gaͤnzliche Willenloſigkeit deſto leichter zu täuſchen. So nahm denn auch bald der Zuſtand bürgerlicher und geſelliger Ordnung die hieraus nothwendig ſich er⸗ gebende Umgeſtaltung an. Der Adel verbaute gar bald auf's Neue den Zugang, den Eliſabeth ſich zu jeglichem Verdienſt zu eroͤffnen ge⸗ wußt, und ohne Rivalität mit dieſen Emporkoͤmmlingen, ohne Aufmunterung von Oben zu einer hoͤhern Entwik⸗ kelung, abgeſchnitten durch Jakobs weibiſches Friedens⸗ ſyſtem von jeder Kraftubung nach Außen, ſank er nur zu bald in die rohe Ausgelaſſenheit zuruͤck, aus der er kaum ſich zu erheben angefangen. Alte Namen, Reichthum, aͤußere Schoͤnheit erſetzten die Eigenſchaften, die Eliſabeth noͤthig gemacht hatte. Die Folge hiervon waren Guͤnſtlinge, die ſich jeden Ue⸗ bermuth, jede Zuͤgelloſigkeit gegen das Volk, ja ſelbſt gegen ihres Gleichen, und bis vor das Angeſicht des Koͤ⸗ nigs ungeſtraft erlauben durften. Der mittlere Buͤrger⸗ ſtand, in ſeine fruͤhere Beſchrankung zuruͤckgedrängt, gab entweder ſeine freiere Entwickelung auf, oder widmete ſich ihr doch nur ohne eine belebende Beziehung zu hoͤ⸗ 10 herer Anerkennung, und der einzige Stand, welcher Vor⸗ theil dabei zu ernten ſchien, war der Handwerksſtand, der, aufgemuntert von den ausgedehnteren Lurusbedürf⸗ niſſen der Großen, Vortheil davon zog und in ſeinem äußern Aufwand bei weitem den unterdruckten Mittel⸗ ſtand uͤberbot. So war denn allmälig die feine, beſcheidene und ernſte Haltung verſchwunden, welche zur Zeit der koͤniglichen Herrſcherin ſelbſt uͤber die Feſte und Gelage des Adels verbreitet ſein mußte, ſollten ſie ihrem ſcharfen Tadel entgehen. Oft war eine ganze Straße, ſelbſt ein Vier⸗ theil der Stadt, worin ein Großer ein Feſt anſtellte, in Unruhe und Aufruhr gebracht, und man ſah zur Zeit, wo die Zuͤge der Gaͤſte mit ihren zahlloſen Gefolgen von Dienern, Pagen und Anhaͤngern ſich zum Vereinigungs⸗ punkt begaben, die Läden geſchloſſen, die zuchtige Jugend der Weiber und Mädchen verſteckt, und die Hauptthuͤren ſelbſt, die ſolche verfuͤhreriſche Beſitzthuͤmer beſchutzten, von Außen noch beſetzt mit den wehrhafteſten Männern des Hauſes. Dieſe geräuſchvollen Zuſammenkuͤnfte, mit ihrer uͤber ganze Gemeinden verbreiteten Unordnung, be⸗ guͤnſtigten nur zu oft die geheimen verbrecheriſchen Ne⸗ benabſichten, die, mit ſchamloſer Gewalt unternommen, nur der Gewalt wichen und, ungeſtraft von Oben, zu kleinen Kriegen Anlaß gaben, die leider nur zu oft zum —, —— 11 Nachtheil der Geringeren ausfielen. Das niedere Volk ſpielte dabei am haͤufigſten die Rolle der nur ſinnlichen Eindruͤcken hingegebenen Kinder. Der Edelmann, der die ſchoͤnſte Geſtalt, die ſchonſten Kleider, die zahlreich⸗ ſten und koſtbarſten Diener und die vornehmſten Anhaͤn⸗ ger beſaß, war ſicher, von ſeinem Beifallsgeſchrei jeden Fußbreit Weges begleitet zu werden. Man hätte dieſe vornehmen Herren faſt bemuͤht nennen moͤgen, dies noch zu vermehren, denn ſie uͤbten in geckenhafter Ausgelaſſen⸗ heit auf ihrem Wege tauſend Dinge, welche die gute Laune des Volkes vermehren mußten, welches entzuckt war, dieſe ihrem Standpunkte ſo weit entruͤckten Per⸗ ſonen Handlungen begehn zu ſehen, die ſie ihnen naͤ⸗ her ſtellten, wenn auch der redliche und gebildete Buͤrger ſich mit Scham und Unwillen davon wegwandte. An dem Tage, wo wir unſere Leſer in London ein⸗ fuͤhren, umleuchtete den Vorplatz eines glänzenden Pala⸗ ſtes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden Holz⸗ ſtoßen, deren Glanz die angrenzenden Straßen und den Himmel mit ſeinem duſtern Nebelſchleier erreichte. Man haͤtte waähnen koͤnnen, dem Brande einer Stadt ſich zu naͤhern, wenn man von ferne das tobende Geſchrei der Menge vernahm, die ſich dieſem Schauſpiele entgegen drängte, theils als Zuſchauer, theils als Theilnehmer. Aber es war nur eins der tw Feſte. 7 12 Der Herzog von Buckingham verſammelte zuerſt nach ſeiner Ruͤcktehr aus Spanien die Großen des Lan⸗ des, und ſeiner Einladung war man mit groͤßerem Eifer entgegen gekommen, da allerdings die Macht und Gewalt des gefuͤrchteten Mannes verdoppelt ſchien durch die aus⸗ geſprochene Freundſchaft des Prinzen, die ihm ſeine un⸗ ſelige Herrſchaft auch nach dem Tode des jetzigen Koͤnigs zu ſichern ſchien. Seine zahlloſen Feinde, unter die ſich mit Recht die Beſten der Nation zählten, gaben die Hoff⸗ nung auf, in der Zukunft das Ziel ſeines verderblichen Einfluſſes zu ſehn, und Karl der Erſte konnte ſpäter ſeine Thronbeſteigung unter kein ungluckſeligeres Zeichen ſetzen, als das ſeiner Freundſchaft fuͤr einen Mann, der in den Augen des ganzen Landes als Urſache aller daſ⸗ ſelbe heimſuchenden Uebel galt. Deſſenohngeachtet war zur Zeit, die wir erwähnen, ſein Einfluß unantaſtbar, und fur irgend einen Wider⸗ ſtand nicht der Augenblick da. Das ſagten ſich die Be⸗ ſten mit den Schlechten zugleich, und man ſah ſie die⸗ ſelben gefuͤgigen Schritte thun, bloß darin unterſchieden, daß es dem Einen ein patriotiſches Opfer duͤnkte, wäh⸗ rend der Andere ſich und ſeinen Vortheil damit zu foͤr⸗ dern oder zu ſchuͤtzen ſuchte. Buckingham kannte alle ſeine Feinde. Zahlloſe Spione durchkreuzten fuͤr ihn jeden ihm wichtig ſcheinenden Punkt; jeder ſchaͤndliche Dienſt N 1 13 der Art ward mit einem Aufwand belohnt, der die Er⸗ fuͤllung der nächſten Anforderung ſchon im Voraus ſicherte. Jeder war um ſo puͤnktlicher in ſeinem Dienſte, als uͤber den Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt, und wie Buckingham Verrath zu beſtrafen wußte, varuͤber raunten ſich ſelbſt die Mitglieder dieſer Bande nur mit Grauen ihre Erfahrungen zu. So erreichte oft den edel Zuͤrnenden in der Zuruͤck⸗ gezogenheit, die er dem fahlen Glanze des Hofes vor⸗ zog, die Strafe fur ein gerechtes Wort, welches die Noth und Verwirrung des Landes ihm abgepreßt: und das Mißtrauen, das ſich ſo in die innigſten Verhält⸗ niſſe drängte, und keine Einigkeit der Meinungen und Anſichten ſich herſtellen ließ, war eine der teufliſchen Abſichten Buckinghams, die er leicht erreichte. Zu ſeinen kleinen Beluſtigungen gehoͤrte es, bei ſeinen Feſten oft alle die zu bitten, die ihm als einan⸗ der bitter grollend bezeichnet waren. Er wußte, daß ſie lieber einen Feldzug unternommen hätten, als den kur⸗ zen Weg zu ſeinem Palaſte, und er ſchwelgte in der Freude, ſie nun doch dem Zwange ſich beugen und vor ihm erſcheinen zu ſehen. Sie hatten an einem ſolchen Tage oft alle Schat⸗ tirungen des Uebermuths zu ertragen, und waren bald der Gegenſtand ſeiner kindiſchen Neckereien, bald ſeiner 14 groͤbſten Vernachläſſigung. Man wußte oft, daß Frauen, zweideutig in Ruf und Sitte, Koͤniginnen des Feſtes, die edelſten und vornehmſten Damen ihnen nachſtehen, und ihren Launen und Wuͤnſchen unterworfen ſein wuͤrden. Dennoch wagten dieſe hier weniger wegzublei⸗ ben, als aus den Gemächern der Koͤnigin; denn welche hätte nicht einen Gatten, Sohn, Vater oder Bruder zu ſchutzen gehabt, und wer konnte nachweiſen, daß Bucking⸗ ham eine Vernachlaͤſſigung verziehen oder uͤberſehen hätte! Schon hatten ſich am erwaͤhnten Abend die glaͤn⸗ zenden Raäume in allen Richtungen mit den ausgezeich⸗ netſten Perſonen des In⸗ und Auslandes gefuͤllt. Die ſchoͤnſten Frauen in dem koſtbarſten Putze, die Männer mit Allem, was ihnen Auszeichnung verleihen konnte, und einem zahlteichen Gefolge von Pagen und Dienern, welche die Vorhallen einnahmen, Alles draͤngte ſich durch und in einander, und ſuchte mit Hoͤflichkeit oder mit Gewalt den Vortheil eines Platzes zu erringen, der dem Range oder Intereſſe des Geladenen entſprechend ſchien. Aber obgleich die Mehrzahl ſich ſchon beiſammen fand und die Zeit bedeutend vorgeruͤckt war, fehlte doch dem Gan⸗ zen ſichtlich der Mittelpunkt, der Wirth ſelbſt, der allein ſo viele ſich widerſtrebende Elemente, wie dieſe Säle um⸗ ſchloſſen, zu verbinden unternehmen konnte. Es war deutlich zu ſehen, wie bei'm langen Harren, das den — 15 Gäſten auferlegt war, und das ſie als eine neue An⸗ maßung und Kraͤnkung des übermuͤthigen Mannes an⸗ zuſehen hatten, die ſcheinbare Heiterkeit oder Ruhe und Wuͤrde, womit der denkende Theil der Geſellſchaft bei'm Erſcheinen ſich ausgeruͤſtet hatte, dem Gefühl des Ueber⸗ druſſes und des unwilligen Erſtaunens wich. Nur die voͤllig gedankenloſe Jugend ſchwärmte in gewohnter Weiſe laͤrmend und neckend umher, und brachte Bewegung um die in feſten Gruppen ſich zuſammen⸗ ziehenden Gleichgeſinnten. Vergeblich bemuͤhten ſich die zahlloſen Anhaͤnger und bevollmaͤchtigten Geſellſchafts⸗ Kavaliere mit dem glänzenden Troß vornehmer Haus⸗ diener des Herzogs, Leben in dies ſterbende Feſt zu brin⸗ gen. Der Herzog ſelbſt nur konnte die Laſt heben, die ſich, je länger, je mehr auf Alle niederſenkte. Selbſt die Marquiſe von St. Pol, die, im vollen Beſitze ſeiner Gunſt, ſich als die Koͤnigin des Feſtes anſehen durfte, und zu deren Fuͤßen Buckingham die Anordnung dazu, von ihr beſtimmt oder genehmigt, verfuͤgt hatte, unter⸗ lag allmälig der uͤbeln Laune, die dieſe Vernachläſſigung ihr gab, und ließ ſie die Bemühungen aufgeben, wo⸗ mit ſie bisher ihre und des Herzogs Anhaͤnger unter⸗ ſtutzt hatte. Die Geſellſchaft, eines allgemeinen Intereſſes beraubt, gerieth daher auf die Verfolgung ihres eigenen und be⸗ 16 ſondern, was vielleicht noch anziehender und beglucken⸗ der fuͤr die Mehrzahl war; doch waren genug unter den Anweſenden, die mit argwoͤhniſchem Haſſe aus dieſer neuen Beleidigung des geſammten hoͤchſten Adels, mit Einſchluß der Miniſter und nächſten Umgebungen des Koͤnigs, das uͤber jede Rückſicht hinaus geſtiegene Anſehn des gefäͤhrlichen Guͤnſtlings ſich prophezeiten; Andere wieder, die ſich in banger Furcht ihr Suͤndenregiſter uͤberhoͤrten und ſich ſchaudernd fragten, welche Rolle ſie in dieſer allgemeinen Verdammniß uͤbernehmen wuͤrden, waͤhrend die Edelſten und Beſten mit Scham und Un⸗ willen ſich an einem Platze ſahen, der ſie zu einer ſol⸗ chen Kraͤnkung verdammte, und den zu verlaſſen, ſie je⸗ den Augenblick von ihrem beſſern Gefuhl ſich aufgefor⸗ dert füͤhlten, wäre nicht Gefahr vorhanden geweſen, da⸗ durch eine Verfolgung uͤber ſich und die Ihrigen herbei zu rufen, welche abzuwenden, außer aller menſchlichen Macht lag. So entſtand ein faſt allgemeines, aus den verſchiedenſten Intereſſen hervor gehendes Verlangen, den Herzog zu erblicken, woran ſich die Jugend mit der Hoff⸗ nung auf die endliche Eroͤffnung des Tanzes und die ungrigen mit der Sehnſucht nach den Freuden der Ta⸗ fel anſchloſſen. Doch dies Verlangen ward immer auf's Neue getaͤuſcht, und das druckende Gefuhl der ſtolzen engliſchen Barone ſteigerte ſich noch durch das Hinzu⸗ „ 17 kommen der fremden Herren, welche Spanien und Frank⸗ reich mit großem Aufwande und in bedeutender Anzahl an dem Hofe des Koͤnigs unterhielt, welche Buckingham herbeigerufen, ſein Feſt zu verherrlichen, und welche nun die erſten Perſonen des Koͤnigreichs unter der un⸗ artigen Nachläſſigkeit eines Mannes ſich ſcheinbar beu⸗ gen ſahen, deſſen unbeſchräͤnktes Anſehen ſie dadurch anzuerkennen ſchienen. Man ſah die ſpaniſchen Herren, an deren Spitze ſich der junge und ſchoͤne Herzog von Samalen befand, nach einer ſehr ernſten Erwägung der vorwaltenden Umſtände ſich in die kalte uud ſteife Haltung begeben, die den Ur⸗ heber der Beleidigung zu erwarten ſchien, und der junge Herzog, der ſonſt gegen die blonden Schoͤnheiten Eng⸗ lands nicht unempfindlich war, wollte, ſeiner Haltung nach, nur der Geſandte Spaniens ſein. Ganz verſchie⸗ den war dagegen das Benehmen der franzoͤſiſchen Herren. Dieſe ſchienen ſich ganz ihrer heitern unbefangenen Na⸗ tur hinzugeben, und die Unbill, die ihnen nebſt der gan⸗ zen verſammelten Geſellſchaft widerfuhr, entweder noch gar nicht zu bemerken, oder ſie als einen neuen muth⸗ willigen Scherz des liebenswurdigen Herzogs anſehn zu wollen. In ihrer Mitte befand ſich ein Mann, deſſen Klei⸗ dung den Geiſtlichen verrieth, und deſſen unſcheinbare Godwie⸗Caſtle II. 2 18 Bildung, ſo wie ſein zuruͤckhaltendes Betragen, ihn leicht hätte uͤberſehen laſſen konnen, wäre er nicht der Gegen⸗ ſtand großer Aufmerkſamkeit ſeiner Gefährten geweſen, die nicht aufhoͤren konnten, ihn mit Fragen, Anreden und Mittheilungen, wie es ſchien, eher zu beläſtigen, als zu erfreuen. Sein braunes, breites Geſicht, in allen Verhaͤltniſſen verzeichnet, bewegte ſich beim Sprechen faſt gar nicht, ſeine tiefliegenden Augen waren außer ihrer Kleinheit noch halb geſchloſſen, alſo fuſt nicht ge⸗ genwärtig, und nur ein breiter Mund entwickelte bei einem ſchnell voruͤbergehenden Lachen, beinah erſchreckend zwei Reihen glaͤnzend weißer Zaͤhne, die it des Sprechens ſich niemals zeigten. Man ſah den Grafen von Salisburh ſehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit einer Auszeichnung begrußen, die er ſonſt nur in politiſcher Beziehung an⸗ zudeuten pflegte, und die augenblicklich die Stellung die⸗ ſes unſcheinbaren Mannes fuͤr die Anweſenden beſtimmte. Er mußte dem Grafen folgen, um einigen andern Per⸗ ſonen vorgeſtellt zu werden, und es ließ ſich bald er⸗ kennen, daß ſeine Heruͤberkunft aus Frankreich erſt kurz⸗ lich erfolgt ſei. Selbſt Lord Membrocke, der Gefaͤhrte Buckinghams und mindeſtens ſo ubermuͤthig, wie ſein Beſchutzer, eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen, die ihm ſelten eigen 19 war; und daß die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen konnten, zeigte der wunderlich ſchnelle und ſtechende Blick, womit er den Kavalier uͤberlief, und die feine Weiſe, womit er den Lord zwar als Bekann⸗ ten, doch mit einer kuͤhlen Zuruͤckhaltung empfing, die zum erſten Mal einen Stolz durchblicken ließ, den ſeine frhere Haltung kaum hatte ahnen laſſen. Lord Membrocke ſchien jedoch hierauf wenig zu ge⸗ ben und im Gegentheil entſchloſſen, ſich ausſchließlich ſeiner Perſon zu bemächtigen, als Lord Saville ihm et⸗ was zufluͤſterte, was die Farbe Membrockes änderte und ihn bald den Augen der Menge entſchwinden ließ. Ein unbeſchreiblich verächtliches Lächeln glitt uͤber das ſtarre Geſicht des Fremden. Sein Auge verfolgte ei⸗ nen Augenblick die Richtung, in welcher der Lord davon eilte, während ein Unbekannter an ihn ſelbſt ein Wort zu richten ſchien, deſſen Empfang er mit einem leichten Neigen des Kopfes andeutete. Doch wenn auch, wenigſtens fur einen Theil der Geſellſchaft, die Ankunft der Fremden eine Art von Zer⸗ ſtreuung gewährt hatte, ſo kehrten doch bald Alle zu dem laſtenden Gefühl der Beleidigung zuruck, die mit jeder ablaufenden Stunde druͤckender und nicht mehr durch die Verſicherung gemildert ward, daß der Herzog noch bei Hofe ſei; indem Jeder wußte, daß der Sof wohl von 2* 20 Buckingham, aber Buckingham nicht vom Hofe abhänge. Unruhe und Verdrießlichkeit erreichte ſchon die Diener⸗ ſchaften an den Portalen des Schloſſes, als plotzlich die dienſtthuenden Vorreiter des Herzogs in den Hof ſprengten, die Wachen in's Gewehr traten und alsbald die Karoſſe des Herzogs mit dem langerſehnten Gebieter daher flog. Seine erſte Bewegung war, dem Thuͤrſte⸗ her, der ſo eben ſeine Ankunft donnernd verkuͤndigen wollte, Schweigen züzuwinken, und, anſtatt die Treppen nach den Geſellſchaftsſälen hinauf zu ſteigen, bezeichnete er dem voraneilenden Diener den Weg uͤber eine Seiten⸗ treppe nach ſeinen Gemaͤchern. Erſchrocken faſt blickte Marwell, der erſtere Kaͤmmerer des Herzogs, ſeinen Herrn an, als er ihn in ungeordneter Kleidung und mit nachden⸗ kenden Mienen, ohne einen der ihn ſogleich umgebenden Diener zu ſehen, durch die halb erleuchteten Gemächer nach ſeinem Schlafzimmer eilen ſah, als habe er von der Richtung ſeiner Schritte kaum Kenntniß. Marwell, ſogleich ein beſonderes Ereigniß ahnend und eben ſo entſchloſſen, ſich allein in deſſen Kenntniß zu ſetzen, entfernte aus eigner Machtvollkommenheit die ſich ihm nachdraͤngenden Dienſtbefliſſenen. Er fand bei ſeinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denſelben bereits aller der Kleidungsſtüͤcke entledigt, welche die Bequemlichkeit hinderten, und be⸗ 21 ſchaͤftigt, einen großen ſeidenen Mantel um ſich zu zie⸗ hen, worin er ſich, von Marwell unterſtuͤtzt, ſogleich zur behaglichen Ruhe in die Kiſſen ſeines Ruhebettes warf. Marwell, der dies für die Vorbereitung einer friſchen Toilette hielt, beeilte ſich, vor den Augen des Herzogs einige neue ſehr koſtbare Anzuge auszubreiten, in ſtei⸗ gender Ungeduld das erſte Wort des launenhaften Man⸗ nes erwartend, der indeſſen mit halbgeſchloſſenen Augen und faſt träͤumend die Gegenwart ſeines Dieners nicht zu bemerken ſchien. Doch eben ſo ſchnell aus einem Zu⸗ ſtand in den andern uͤbergehend, flog er nach einigen Augenblicken wie ein Blitz empor und forderte mit ei⸗ ner bis zum Zorn geſteigerten Ungeduld ein Käſtchen, was Lord Saville abgegeben haben muͤſſe. Es ſtand vor ſeinen Augen, und ſeine unſcheinbare Huͤlle rechtfertigte ſehr wenig das grenzenloſe Entzucken, womit der Herzog es jetzt an Bruſt und Lippen druckte, und nun mit den Haͤnden und Marwells Huͤlfe und allen zur Hand ſich findenden ſcharfen Werkzeugen eine Huͤlle nach der andern loͤſte, bis endlich ein ſeidenes Tuch von Purpurfarbe, mit goldenen Lilien beſäet, dem Herzog in die Augen fiel. Er ſtieß nun die Hände Maxwells zu⸗ ruͤck, um es mit den zartlichſten Liebkoſungen zu bedek⸗ ken, die er nur unterbrach, um ein in Gold und pur⸗ purrothen Sammet gefaßtes Käſtchen hervorzuziehen, wel⸗ 22 ches beim ſchnellen Oeffnen das Bild einer ſchoͤnen Da⸗ me im glaͤnzendſten Schmucke gewahren ließ. Wir enthalten uns, die Ausbruͤche einer leidenſchaft⸗ lichen Liebe, wie ſie der Herzog von Buckingham zu em⸗ pfinden vermochte, hier aufzuzeichnen. Maxwell, an ſolche Scenen gewoͤhnt, dachte mit einem hoͤhniſchen Lächeln der Marquiſe von St. Pol, die noch geſtern in Perſon der Gegenſtand von Aeußerungen war, die jetzt einem todten Bilde und einem ſeidenen Tuche verſchwendet wur⸗ den. Zu genau dieſe Zuſtände kennend, um den Herzog früher davon abziehen zu wollen, als dieſe Empfindun⸗ gen in ihm von ſelbſt ſich erſchoͤpften, und hinreichend belehrt, daß dies ſeine Geduld nicht uͤber Gebuͤhr in Anſpruch nahm, zog er ſich hinter die Barriere der auf⸗ gerichteten Prachtkleider zuruͤck, jeden Ausruf des Her⸗ zogs mit einem Laͤcheln des Spottes und der Verachtung begleitend. Aber der Herzog ſchien dies Mal die vorwal⸗ tende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernſterer Natur vereinigen zu muͤſſen; es ſchien in ihm ein Streit zu walten, der nur dann einzutreten pflegte, wenn ihm Zweifel kamen, welches ihm das Vortheilhafteſte, Be⸗ quemſte oder Beluſtigendſte ſein moͤchte. Offenbar neigte ſich aber dem abweſenden Gegen⸗ ſtande, der ſich ihm in dem reizenden Bilde perſonifizirte, ſehr bald die Wage, und er brach in einige gottloſe Eid⸗ 23 ſchwuͤre aus, ihrem Beſitze jedes andere Intereſſe der Erde zu unterwerfen. Welche laͤcherliche Träume einer empfindſamen Knabenwelt, ſetzte er lachend hinzu, ſind uͤberdies dieſe ſogenannten Bande der Natur, und exi⸗ ſtiren ſie hier noch? Einem unbekannten Weſen, deſſen Daſein man mir zu verhehlen wagte, als es mir noch von Werth ſein konnte, ſollte ich jetzt vielleicht dieſes Wiederſehen opfern? Dieſer Knabe Karl, der die blod⸗ ſinnige Vorſtellung hegte, mir ein albernes Geheimniß zu entziehen, und die ſtrafenswerthe Kuͤhnheit, es wirk⸗ lich auszufüͤhren! Ihren Plaͤnen, nachdem ſie ergraut und in ſich ſelber zuſammengefallen, ſollte ich die Hand bieten, da ſie ſich ſelbſt dem Grabe verdammt haben, und damit zugleich dem ſuͤßeſten Gluͤcke, welches mir in Dir, Du himmliſches Bild, lächelt, ſelbſtmoͤrderiſch ent⸗ gegentreten? Die Entſcheidung iſt nicht ſchwer, und ſie iſt geſchehen, rief er mit einer gellenden Stimme, die das ganze Grauenhafte eines uͤberſchrienen Gewiſſens in ihrem Laute trug. Zuruͤck ſank er in ſeine Polſter, und indem er das Käſtchen mit dem Gemalde nach allen Richtungen drehte und ſchob, ſprang plotzlich der Deckel von einander, und ein fein geſchriebenes Blatt, eng mit farbiger Seide umſtrickt, fiel dem Herzoge entgegen. Doch das Gluck, ſich in den Beſitz des Inhalts zu ſetzen, ſollte ihm verzoͤgert werden, denn nach einem kurzen to⸗ benden Gepolter im Vorzimmer und dem Gezänk abweh⸗ render Diener ward die Thuͤr des Kabinets raſch geoffnet, und Sir John Saville ſturzte, bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt, in daſſelbe herein. Maxwell, froh uͤber eine Dazwiſchenkunft, die den langweilig werden⸗ den Zuſtand des Herzogs hoffentlich unterbrechen mußte, verſchloß ſchnell hinter dem Eingedrungenen die Thuͤr, neugierig der Bewegung Beider lauſchend. Doch keines⸗ wegs ſchien der Herzog geſonnen, das dreiſte Verfahren feines Quaſi⸗Freundes guͤtig aufnehmen zu wollen. Und darf man fragen, ſprach er, ſich in den Kiſ⸗ ſen aufrichtend und zornig blickend, was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit, die er ſich eben her⸗ auszunehmen beliebt, andeuten will? Haben meine Die⸗ ner das Verſehen gemacht, Euer Gnaden herbei zu rufen, ſo bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen, der mich veranlaßt, Euch ſelbſt jetzt ankundigen zu muͤſſen, daß ich allein ſein will. Ja, wollen Euer Gnaden ſich ver⸗ antworten oder ſich lieber entfernen? Ich habe das Erſtere nicht nothig, brauſte Saville mit roher Stimme auf, und erklaͤre, das Letztere nur in Eurer Geſellſchaft zu thun. Es uͤberſchreitet faſt das Maaß der Moöglichkeit, den von Beleidigungen ſprechen zu hoͤren, der in demſelben Augenblicke nicht allein mich, ſondern alle Herzoͤge, Grafen und Barone, inkluſive der ſaͤmmtlichen — —— 25 Großwuͤrdentrager der Kirche der drei vereinigten Koͤnig⸗ reiche mit Schmach und Beleidigungen uͤberſchuͤttet und ſeine beſten Freunde unter der Marter nutzloſer und ver⸗ achteter Hoͤflichkeitsſpenden zur Verzweiflung bringt. Euer Liebden, unterbrach ihn Buckingham, ohne al⸗ len Zorn ſich behaglich dehnend und an den Seidenfaͤ⸗ den des entdeckten Briefchens zupfend, Euer Liebden ſchei⸗ nen ſich uͤbel zu befinden. Man ſpricht in London von boͤslichen Fieberanfallen, die eine ſchnelle Zerſtoͤrung des Gehirns bewirken. Oder habt ihr an einem Schenk⸗ tiſche repräſentirt? Oder haben die nächtlichen Gelage einer Woche Euch zu einem Tags⸗Träumer gemacht? Ich nehme vielen Antheil an Euerm bedenklichen Zuſtande. Maxwell, wo ſtehſt Du, unthätiger Schuft, während mein beſter Freund in ſo betruͤbter Lage ſich befindet. Einen Lehnſtuhl! eile! eile! oͤffne ſein Wamms; wo ſind die heilſamen Tropfen der Mutter Kleratri, welche ſelbſt gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeit⸗ lichen Gerechtigkeit ſich unfehlbar zeigen! Oder ſeid ihr nuchtern, Mhlord, und durch eifrige Studien uͤber die Tiſchzeit getäuſcht? wie Gelehrte denn pflegen, aus Hun⸗ ger geiſtreich und belehrend zu werden; ich bitte Euch, befehlt!— Marxwell, Couverts! Laß auftragen, wenn in dieſem elenden Junggeſellen⸗Hotel heute ſchon Feuer auf dem Heerde brannte. 26 Spart Eure jämmerlichen Späße, Mylord, rief immer erhitzter Saville, und glaubt nicht, mich damit zu täuſchen. Ihr wißt ſehr wohl, daß ihr eure Diener mit Einladungen durch London gejagt, um heute einen Hof in Eurem Hauſe zu halten, bei dem Euch die vor⸗ nehmſten und wichtigſten Perſonen des Landes den Tri⸗ but ihrer abgeʒwungenen Unterwerfung darbringen ſollen. Ihr wißt ſehr wohl, daß Ihr die emporende Unverſchämt⸗ heit habt, dies Feſt ſeit vier Stunden ohne den Wirth beſtehen zu laſſen; Ihr wißt, daß Ihr Euch damit ſo viele Feinde macht, als dies Haus Häupter zählt, wäh⸗ rend Ihr wie ein Kind in Euern ſeidnen Windeln liegt und Seide zupft. Doch Alles wird ſein Maaß finden, und Ihr werdet dieſes Feſt mit Verfolgungen bezahlen muͤſſen, die zahlloſer ſein werden, als die Haare Eures Hauptes. An ihrer Spitze ſteht mit drohenden Blicken ſchon jetzt die entthronte Koͤnigin des Tages, die Mar⸗ quiſe St. Pol. Dies Feſt, das Ihr durch alle Kuͤnſte der Ueberredung ihr als ein Geſchenk zur Annahme auf⸗ drangt, ſie ſieht es jetzt als eine oͤffentliche boshafte Be⸗ ſchimpfung von Euch an. Der Kreis der zuruͤckwei⸗ chenden Damen, der ſie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab, wird iinmer weiter, und immer kälter wenden ſich die Blicke von ihr; denn man wagt eben ſo wenig die zu verachten, die Buckingham ehren will, als man 27 ſie zu beſchuͤtzen denkt, wenn er ſie aufgiebt. Doch alle tragen eine und dieſelbe Laſt der Beleidigung, Alles trägt mit der Marquiſe denſelben heißen Wunſch, ſich zu rä⸗ chen und zu entfernen. Die Geſellſchaft iſt in Parteien getheilt, die Miniſter des Koͤnigs, Salisburh an ihrer Spitze, die Grafen von Cumberland, Suſſex, Clifford, Sommerſet, Clarendon ſtehen als Oberhäupter und be⸗ herrſchen mit ihren zornigen Blicken ihre um ſie ver⸗ ſammelten Anhaͤnger. Die ſchottiſchen Barone, die iri⸗ ſchen Pairs blicken erſtaunt auf dies Schauſpiel einer vor ihren Augen geſchehenen Demuͤthigung ihrer ſtolzen engliſchen Nachbarn und nehmen dann, ſo viel ihr mat⸗ tes Ehrgefuͤhl es zulaͤßt, ihr Theil fuͤr ſich davon, waͤh⸗ rend die Biſchoͤfe, Dechanten und Kaplaͤne mit Naſen, an deren zorniger Gluth Ihr Eure Kapaunen roͤſten koͤnntet, umhergehen, und vergeblich den beſänftigenden Geruch Eurer Tafel erwarten. Auf, thoͤrichter Mann, fuhr Saville fort, in ſeinen fruͤheren Unwillen verfal⸗ lend, aus dem er ſich ſelbſt faſt herausgeſchwatzt hatte, auf, beeilet Euch, wieder gut zu machen, was noch moͤglich iſt! Aber ihm ſchallte ſtatt der Antwort ein ſo uͤbermaͤ⸗ ßiges Gelaͤchter des Herzogs entgegen, ſo heftig, ſo an⸗ haltend und ausgelaſſen, daß Saville, deſſen voͤllig ge⸗ haltloſer Karakter unfähig war, eine Meinung irgend ei⸗ 28 ner Art gegen den prachtvollen übermuͤthigen Bucking⸗ ham feſtzuhalten, zuletzt mit fortgeriſſen, ihm gegenuͤber in einen Seſſel ſank und, in dies Gelächter des Herzogs einſtimmend, kaum einzuhalten im Stande war, als Buckingham ſchon die thraͤnenden Augen ſich zu trock⸗ nen begann. Saville, Krone aller luſtigen Spaßmacher meines frivolen Hofſtaats, kein Koͤnigreich nehme ich fuͤr den unſaͤglichen Spaß, den Du vor mir voruͤber fuͤhrſt! Welch ein Feſt konnte die erſchoͤpfte Kaſſe Deines her⸗ zoglichen Freundes ſchaffen, welches nur den hundertſten Theil des Vergnuͤgens abwarf, das dieſe Deine unver⸗ gleichliche Beſchreibung uͤber meinen Geiſt verbreitet. Wahrlich, ich bin erquickt, als hätte ich in Aether ge⸗ badet, meine Nerven haben Elaſtizitat gewonnen, und es ſcheint mir werth, dieſem abgenutzten Leben noch einen Gedanken zu widmen. O des bezaubernden Anblicks, dieſe ſtolzen Geſellen wie die Schulknaben im Sonntagsputz gedehmuͤthigt zu haben; ſie ſich ſelbſt zuchtigen zu ſehen, Einer in der eingebildeten Groͤße des Andern; ihre ohnmaͤchtigen Ra⸗ chegedanken zu errathen, die Keiner laͤnger Muth hat zu verfolgen, als ſo lange ich fern bin; dieſe hochmuͤthigen Ladhs, die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen, meiner kleinen Favorite zu huldigen, und die nun in der Enttäu⸗ ſchung ſich ſelbſt herabgeſetzt ſehen! Hoͤre auf zu lachen, armſeliger ausgebrannter Kopf, und ſage mir, wenn es Dir moͤglich iſt, ob Du oder ich oder irgend ein Menſch der Erde ſich ein ſo reizendes Vergnuͤgen ausdenken konnte, wie hier ſich im Reiche des Zufalls geſtaltete. O Du unvergleichlich liebenswuͤrdiger Boͤſewicht, lallte hier Saville, aus ſeinem Lachen ſich heraus käm⸗ pfend, wie war es moͤglich, dieſer tragiſchen Begebenheit die allerlächerlichſte Seite abzugewinnen und mein vom Zorn exaltirtes Blut ſo abzukuͤhlen? Ja, es iſt wahr, Buckingham, ſie gehen mit tollen Geſichtern umher, und wir, Membrocke, Cork und Norris, haben uns oft die Handſchuhe in die Zaͤhne geſtopft, um nicht uͤber ihre jämmerlichen Fratzen laut aufzulachen; aber deſſen⸗ ohngeachtet ſage ich Dir, es war ein läſtiger Spaß für uns, Deine Marſchälle des Bankets! Ich dachte, ſie wuͤrden uns an die Gurgel faſſen fuͤr jede Artigkeit, die wir hervorbrachtem Beſonders ſeit die ſpaniſche Gran⸗ dezza aufgezogen iſt und ſich gleichfalls, mit ihrem Kna⸗ ben von Herzog an der Spitze, beleidigt ſtellt, wollen die Andern vor Bosheit vergehen; ſie denken, ihre Schmach koͤmmt nun in's Ausland. Nur die franzoͤ⸗ ſiſchen Herren ſind liebenswuͤrdig geblieben. Was ſprichſt Du, unterbrach ihn hier Buckingham, mit beiden Beinen zugleich vom Lager aufſpringend, 30 die franzoſiſchen Herren? Sie ſind anweſend, erſchie⸗ nen? Wie konnte ich das vergeſſen!— Kleider! Kleider, Maxwell, Kleider! Wo biſt Du? Geſchwind!— Fort, Saville, in die Säle zurück, ich bin ſo eben angekommen, aͤndere nur die Kleider, war am Bette des Prinzen von Wales, der, bis jetzt bedeutend krank, meiner Pflege be⸗ durfte. Fort! fort! Verbreite an jeder Ecke des Saales dieſe Nachrichten und ſchicke mir ſogleich Membrocke; einige Andere ſollen im Vorzimmer warten. Membrocke! Membrocke! weißt Du, was Du ſprichſt? ſagte in dumpfer Verwunderung Saville; kannſt Du die Krankheit des Prinzen beweiſen? Willſt Du eine Thorheit durch eine andere, die Dir wichtiger werden koͤnnte, gut machen? Jämmerlicher Schwätzer, ſchweig und wage es nicht, mit deinem ſtupiden Geiſte dem meinigen die Rich⸗ tung geben zu wollen! ſchrie Buckingham, außer ſich vor Ungeduld, waͤhrend er die Kleider faſt zerriß, die Max⸗ well, an dieſen Ungeſtuͤm gewoͤhnt, ihm mit der groͤß⸗ ten Schnelligkeit anzulegen ſuchte. Eile und vollziehe meine Befehle, daß nicht meine eigne Hand Dich aus dieſen Zimmern werfe; augenblicklich ſoll Membrocke hier ſein! Fort mit Dir, oder ich erdruͤcke Dich! Ich gehe, ſagte Saville mürriſch und ohne ſich zu beeilen, ob aber Membrocke koͤmmt, magſt Du erwarten, 31 enn bis jetzt macht er den frère servant bei einem breit⸗ ſchultrigen franzoͤſiſchen Kaplan, der, heute erſt angekom⸗ men, auch unter Deinen franzoͤſiſchen Herren ſich befindet. Buckingham blieb ſtehen, wie vom Blitz getroffen; die Augen traten ihm ſtier aus dem Kopfe, und eine jähe Glut überſchlug ſein ſchlaffes Geſicht. Wer iſt es? Wie nennt er ſich, den Du ſo bezeichneſt? brach er hervor, indem er Saville an beiden Schultern ergriff. Bei allen Teufeln ſprich, wie heißt der, den Du Kaplan nennſt? Laßt mich, ſagte Saville, ſich den Herzog derb ab⸗ ſchuͤttelnd, Ihr habt mich heute genug gequaͤlt, ich habe es ſatt; ſeht ihn Euch ſelbſt an, oder fragt Membrocke, mit dem er bekannt iſt, es iſt ein Monſignore und ſein Name Mar— Mas— Maezarin? ſchrie Buckingham, außer ſich. Kann ſein, ſagte Saville, ſchon halb im Vorzimmer, und die Thuͤr fiel klirrend zwiſchen Beiden zu. Aber Mazarin? dieſer Name klang noch ſo oft aus dem Munde des ſo plotzlich veränderten Herzogs, als muͤßte er ſich durch den Klang von ſeinem wirklichen Daſein uͤberzeugen. In einen Seſſel geworfen, ſchien er Alles außer dieſem Laut vergeſſen zu haben, und Maxwell wagte nicht, die halb⸗ vollendete Toilette zu beendigen. Doch währte dieſer äußere Stillſtand nicht lange, die geoffnete Thür zeigte den ſchoͤnen eleganten Grafen von 32 Membrocke, den ausſchweifendſten und fittenloſeſten Ge⸗ fahrten und Vertrauten Buckinghams. Sein beſchränk⸗ tes Vermoͤgen und ſein grenzenloſer Aufwand hatten ihn, trotz ſeines Hochmuths und bei dem Glanze eines hun⸗ dert Mal ältern und vornehmeren Namens, doch zu ei⸗ ner Art von vornehmen Miethling des Herzogs gemacht, und nur die Schoͤnheit und Anmuth ſeiner Perſon hatte ihm ein Anſehn erhalten, welches er zu ſichern ſuchte, indem er das Entehrende ſeiner Verhältniſſe zu Buk⸗ kingham in die Reihe der ſpaßhaften Verlegenheiten ei⸗ nes Mannes von Welt verwies. Mazarin? rief Buckingham, ſo wie er ihn ſah, aus ſeinem Nachdenken auffahrend und fragend auf Membrocke zueilend. So iſt es, erwiderte der Graf, mit einem ſchnel⸗ len Blick das Ruhebett uberlaufend, auf dem noch der Inhalt des empfangenen Päckchens lag, und wie ich ſehe, der Bote ſuͤßer Gaben! In Wahrheit, ich mochte wet⸗ ten, er ahnt nicht, daß er Euch als Handlanger diente, und ich muß die Feinheit eines liebenden weiblichen Her⸗ zens bewundern, die den Gegenſtand Eurer Eiferſucht wegſchickt, um Euch Alles zu ſenden, was Euch in der Ferne begluͤcken kann. Menſch, was gab Euch dieſe Gewalt uber die ſtolzeſte der Frauen! Schickt mich nach Deutſchland, Mhlord, vielleicht ſchließt dies Land noch 33 ähnlichen Zauber in ſich. Ich kenne ſie ſonſt alle und kenne die Scenen, die man mit ihnen durchzuſpie⸗ len hat, ſo auswendig, daß ich vor Langerweile dabei vergehe. Aus Buckinghams Zuͤgen verlor ſich die Starrheit in dem Maaße, als er den Worten Membrockes lauſchte. Du haſt durch Deine Worte die aufſteigenden Dämo⸗ nen dieſer Bruſt beſchworen, und mich von der Wuth und Verzweiflung der Eiferſucht erloͤſt, rief er endlich. Ha, dieſe abſcheuliche Mißgeburt, die Beleidigung der menſchlichen Geſtalt, und dieſes Meiſterwerk der Schoͤp⸗ fung, dies Weib, von jeder Schoͤnheit, jedem Zauber umgeben, den der herrlichſte Geiſt in dem ſchönſten Koͤrper zu ſchaffen vermochte! Wer hat es ausgedacht, Beide im Zuſammenhang zu glauben, ohne zugleich der ganzen Ordnung der Dinge Hohn zu ſprechen? Und doch! Und doch, Membrocke, doch iſt der Zweifel da, dennoch, dennoch zittre ich, in dieſer Mißgeburt meinen Nebenbuhler zu ſehn!— Weil Du es vorziehſt zu zittern, weil Dir der Sieg faſt zu bequem ohne Schwierigkeiten erſcheint, und der ſchoͤne glaͤnzende und ſtets ſiegende Buckingham lie⸗ ber einen Pavian, als gar keinen Nebenbuhler, haben moͤchte. Halt ein jedoch und laß die Grillen fahren, die in Wahrheit weder Grund haben, noch Dir und Godwie⸗Caſtle II. 3 34 dem Andenken Deiner Goͤttin ziemen. Jage nicht im blinden Eifer dieſer einen Phantaſie nach und laufe an dem Ziele voruͤber, das indeſſen der, der Dich wild ge⸗ macht, vielleicht ohne Hinderniß erreicht! Zu toll iſt es von Dir, den weggeſandten Neben⸗ buhler noch zu fuͤrchten; ergruͤnde lieber, was dieſer feine ſchleichende Prälat in England zu verrichten hat, — wahrſcheinlich mehr, als Dir dies Bild, dies Tuch, dies uͤberſponnene Brieflein auszuliefern.— Ha, Membrocke, Du haſt Recht! Schon wieder holt Dein ewig gegenwaͤrtiger Verſtand den meinen ein. Ich bin ein thoͤricht unbeſonnener Knabe. Wie kann ich traͤumen, der Freund, der Vertraute dieſes Teufels Richelieu betrete dieſen Boden, ohne die Fußangel vor mir auszubreiten, in der ich mich gefangen geben ſoll. Hoͤll' und Teufel! Wen ließ ich zuruͤck, mir Bericht zu ſenden uͤber jener Machiniſten reges Spiel? Wer blieb zuruͤck? Hilf mir, wer hat gewagt, ſo ſchlecht mich zu bedienen, daß dieſer Dämon die Stiegen dieſes Palaſtes betrat, ehe ich die Ahndung ſeiner Ankunft erhielt! Hier unter meinem Dache, Mem⸗ brocke, ehe ich es ahnte! Begreifſt Du es? Ich, Buckingham, betrogen, uͤberliſtet! Wer hat dies Bu⸗ benſtück erdacht? Wer hat gewagt, mir dieſen Streich zu ſpielen? So wahr ich lebe und den 35 Namen trage, vor dem die Mitwelt zittert, es ſoll ſein letzter ſein! Schreckbar von Wuth entſtellt, die zitternde Hand am Gefäͤße ſeines Degens, den er den Händen Mar⸗ wells entriſſen, ſchien ſein Auge lechzend den Gegen⸗ ſtand ſeiner Wuth zu ſuchen und ſiel auf die ſchoͤne glänzende Geſtalt des Grafen, der mit der feinen Kälte der Ueberlegenheit am Kamin lehnte und mit gleichguͤl⸗ tiger Miene fuͤr ſich zu denken ſchien. Ohne den Her⸗ zog anzublicken oder den Ton zu heben, verwies er ihn zur Ruh. Ihr werdet begreifen, fuhr er fort, daß kein Athemzug dem Kardinal Eure Ueberraſchung ver⸗ rathen darf. Eilt ſchnell, Euch als Protektor ihm auf⸗ zuwerfen, ehe wer Anders Euch zuvorkommt. Schon beugte vor dem Freunde des mächtigen franzoͤſiſchen Miniſters Salisburh den ſtarren Ruͤcken, und Clarendon und Suſſer lauſchten ſeinen Worten. Ihr muͤßt es ihnen zuvorthun, ſo eifrig ihn bewachen, daß er zum freien Athmen keinen Raum behaͤlt; um ſo ſicherer konnt Ihr ihn beobachten. Doch laßt uns zur Geſell⸗ ſchaft eilen. Marwell, thut Eure Schuldigkeit! Ich ſehe hier an dieſem Meiſterſtuͤck von Wamms und Mantel ein ſchlecht gewaͤhltes Guͤrtelband. Wozu dies matt gehaltene Geſchmeide von Tuͤrkiſſen zu dieſem pfirſichfarbnen Sammt? Warum nicht jene Smaragden 3* 36 in Juwelen? Sie ſind bei weitem paſſender. Das Neueſte iſt, man traͤgt die Quaſte auf der Schulter unter der Agraffe des Mantels; ſeht, ſo wie dieſe hier. Buckingham, Du Ideal der Mode, Du Angelpunkt aller Augen, die ſich mit Eleganz und Feinheit berei⸗ chern wollen, muß ich Dich belehren? Setze Marwell auf Penſion, in's Spital mit ihm, ſein Sinn wird ſtumpf! Doch ſag', hat Saville meine Nerven umſonſt erſchuͤttert mit der Nachricht, den Prinzen habe der Schlag geruͤhrt?— Ich hoffe, er hat dieſe Thorheit Dir nur allein in's Ohr geraunt, Dich aus dem Saal zu locken; er ſollte es ſonſt buͤßen. Doch nur zu gewiß iſt, daß ich dies Mal unfreiwillig mein Gaſtmahl ohne Wirth ge⸗ laſſen; der Prinz erkrankte plötzlich und liegt danieder. Der Koͤnig heult an ſeinem Bette, und es war ſchwer zu entkommen; auch kam ich nur, um dies Gewuͤhl von Gäͤſten aufzuloͤſen und dann zu ihm zuruͤck zu kehren. Doch es entfiel mir Vieles uͤber dem Vielen, was ich heute gehoͤrt, und endlich Alles uͤber dieſem in⸗ haltreichen Kaͤſtchen, ha! Und endlich auch dieſes uͤber dem Ueberbringer! Sag', iſt Ormond anweſend!— Er ſpielt die Rolle Joſephs auch heute meiſter⸗ haft! Und darum juſt, rief lachend Buckingham, hab' ich ihn Dir zum Gefaͤhrten erwählt. Erſtaune nicht; 3* Du folgſt mir nach Whitehall und bleibſt die Nacht, ich habe Dir viel zu ſagen. Jetzt laß uns gehn, ich bin ſo kalt jetzt, ſo ruhig und beſonnen, wie nach zwoͤlf Stunden Schlaf. Dieſe ſtolzen Herren werden an fuͤnf Stunden Aerger, hoff' ich, jetzt ſchon zu viel haben, um durch meine, leider nur zu gut begruͤndete Ent⸗ ſchuldigung ſich beruhigen zu laſſen; und das iſt mein Troſt. Nur ungern wollte ich den ſuͤßen Spaß ent⸗ behren, ſie ſo toll gemacht zu haben; und muͤßte ich dieſen Mazarin nicht heute noch umſtricken, ich hätte ihnen die volle Ladung nach Hauſe mitgegeben und lieber Verſe an den Mond gemacht, als daß ich unter ihnen noch erſchienen waͤre! In einem kleinen Thurmzimmer des franzoͤſiſchen Geſandtſchaftshauſes finden wir einige Stunden ſpäter bedeutenden Mann wieder, der durch ſeinen bloßen Namen Buckinghams Leichtſinn erſchuͤtterte. Seine Er⸗ ſcheinung, als Freund des maͤchtigen Richelieu, ſicherte ihm ſchon damals die Huldigungen aller derjenigen, die irgend die Wichtigkeit des eben auf ſeiner hoͤchſten Hoͤhe ſtehenden franzoͤſiſchen Miniſters zu beurtheilen verſtan⸗ den. Wenig ſchien Mazarin durch die Art, wie er 38 —— überall auftrat, dieſe Auszeichnungen zu unterſtützen und noch weniger zu verrathen, wie er einſt wirklicher, als irgend ein gekroͤntes Haupt Europas, die Herrſchaft fuͤhren und alles ſeinen Plaͤnen unterthan machen werde. In ſeiner unſcheinbaren, mehr geiſtlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm vornehmlich, ſein Aeußeres faſt unbedeutend erſcheinen zu laſſen, da die Natur ihn we⸗ nig mit koͤrperlicher Schoͤnheit begabt hatte. Seine athletiſche Geſtalt und ſeinen ſpäterhin beruͤhmt gewor⸗ denen Anſtand, der durch fruhere militäriſche Dienſte entwickelt war, hielt er bis jetzt noch rathſamer, vor den Augen der Welt in die ſanften gebeugten Manieren eines guten beſcheidenen Mannes einzuhuͤllen. Deſſenohngeachtet hatte Buckingham Gelegenheit genug gehabt, ſeinen weitreichenden und großen Einfluß kennen zu lernen. Sie waren ſich bei des Erſteren Anweſenheit in Frankreich auf einem Felde begegnet, wo der ſchlaue Julio Mazarini ſich um jeden Preis zu behaupten entſchloſſen war, ſo wie Buckingham 6 nerſeits in dieſer Beziehung weder einen Gegner in dieſer Geſtalt gefuͤrchtet hatte, noch ihm zu weichen dachte. Wenn jedoch dieſe Macht, die Mazarin fuͤr ſich in der Stille warb, der Welt und namentlich dem Auslande vorerſt noch ein Geheimniß bleiben mußte, ſo war in der Art, wie Richelieu wohl Mazarin als den 39 einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte, dieſem ein Anſehn zugegeben, welches ihm, auf welchem Platz Europas er auch erſcheinen mochte, eine weit uͤber ſeine aͤußere Stellung reichende Auszeichnung ſicherte. Doch war mit ſeiner Erſcheinung auch ſtets ein gewiſſes Aufmerken, vielleicht nicht ganz ohne einen Zuſatz heimlicher Befuͤrchtung, verbunden. Richelieu gebrauchte ihn ſtets zur Ausfuͤhrung von Plänen, die nur ein Ohr zur Mittheilung fanden, eben das ſeinige, und die kleinen ſchmeichelhaften Sendungen, die Ri⸗ chelieu in ſeinem oder ſeines Koͤnigs Namen durch Mazarin an die verſchiedenen befreundeten Hoͤfe ergehen ließ, hatten oft fuͤr Richelieu eine ſo uͤberraſchende Kenntniß der wichtigſten Geheimniſſe eines ſolchen be⸗ ſchickten Hofes zur Folge gehabt, daß man langſam anfing, die ſtarke Beobachtungsgabe dieſes Boten ein⸗ zuſehn und ihn wenigſtens in der moglichſt beſten Laune zu erhalten wuͤnſchte, da man in der Regel zu unge⸗ ſchickt war, ihn unſchädlich zu machen. Ruchn war dies Mal über die Ruͤckreiſe des Prinzen von Wales in ſo zärtlicher Beſorg bn geweſen und ſo entzuͤckt uͤber deſſen gluͤckliche Ankunft, daß Mazarin von ihm geſendet ward, ſeine und des Koͤnigs Frende dem Prinzen ne Alle, denen dies mit⸗ getheilt ward, ſchienen uͤber ſo vſit Antheil und Freund⸗ 40 ſchaft entzuͤckt, während Alle mit angehaltenem Athem einander fragten, was er wohl noch vorhaben moͤchte. Mazarin war über den erſten Eindruck, den er bei ſei⸗ nen jedesmäligen Sendungen hervorrief, keinen Augen⸗ blick ungewiß; aber er beſaß neben ſeiner ſchnellen und untrüͤglichen Menſchenkenntniß eine ſo ausdauernde un⸗ heſiegbaxe Ruhe, Sanftmuth und Geduld, daß die Be⸗ fuͤrchtungen ſich wie von ſelbſt an ihm entkräfteten, und er fing erſt dann ſeine Plaͤne zu verfolgen an, wenn er alle ihm in den Weß gelegten und alle im Voraus ihm bekannten Proben als ein guter harmloſer Mann beſtan⸗ den hatte. Richelieus große, erhabene Natur war einer ſolchen, ſeinem ganzen Naturell widerſtrebenden Operation unfähig, aber* benutzte an ſeinem Ge⸗ fährten dieſe Fähigkeit und wußte ſie als eine un⸗ ſchätzbare Gabe zu achten, wenn auch ohne ſie ihm zu beneiden. Mazarin hatte ſich dem Zwange der Geſelligkeit entzogen, und es war leicht wahrzunehmen. ihm dies zu einer groͤßeren Entwickelung ſeiner eigenſten Natur geholfen. Das lange geiſtliche Kleid war uͤber einen Seſſel geworfen, und die kraͤftige hohe Bruſt und die breiten Schultern wurden vortheilhaft von einem Wammſe von violetter 8 ſtickerei gehoben. Im Geſchmack der Zeit, mit ſorg⸗ ite mit feiner Gold⸗ . 41 fältiger Vermeidung jeder geckenhaften Uebertreibung, war auch ſeine ͤbrige Perſon in dieſelben Farben ge⸗ kleidet, und eine feine goldne Kette um ſeinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknoͤpft. Der Knopf indeß, der dies zuſammenhielt, haͤtte faſt den beſondern Werth deſſen, was er verſchloß, errathen laſſen; denn es war ein ungewoͤhnlich ſchoͤner und großer Diamant. Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beſchaͤftigt, die goldnen und ſilbernen Gerathſchaf⸗ ten, welche ſich in einem Reiſefutteral befanden, auszu⸗ packen, und ihre ſorgfaͤltige Vermeidung jedes Geraͤuſches ſchien ſich auf den Eifer zu beziehen, womit Mazarin an einem Tiſche, zwiſchen zwei Kerzen, mit der Abfaſ⸗ ſung eines Briefes beſchäftigt war. Doch konnte der Gegenſtand des Briefes unmoͤglich ein ernſter ſein. Die Heiterkeit, die bis zu einem breiten Zug von Lächeln um ſeinen Mund geſtiegen war, und anderſeits die Zer⸗ ſtreuung, in der er, oft aufblickend, die Augen nach einer kleinen gothiſchen Thuͤr, ihm gegenuͤber, richtete, zeigten hinreichend, der Inhalt ſei bequem und leicht ſo nebenher abzufaſſen. Ein kaum merkliches Geräuſch ließ ſich jetzt verneh⸗ men. Mazarin erhob ſich und ging auf die Pagen zu, die, mit ihrem Geſchäft zu Ende gekommen, ſchweigend 1 42 ſeiner Befehle harrten. Ich danke Euch fuͤr heute meine Lieben, ſprach er ſanft und freundlich; ich werde nur noch Venville beduͤrfen, der im Vorzimmer warten mag, bis ich ihn rufe. Bei Euch wird der Schlaf nach dem anſtrengenden Reiſetage wohl nicht auf ſich warten laſſen. Gute Nacht, gute Nacht! Der Herr ſegne Euch, ſetzte er hinzu, als die Knaben niederknie⸗ ten, um ſeine Häͤnde zu kuſſen, die er alsdann ſegnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte. Er blickte ihnen nach bis die Thure des Vorzimmers ſich geſchloſſen, und viel⸗ leicht war das Gefuͤhl, womit er die ſußen, ſchlaftrunke⸗ nen Kinder ihrer ſichern Ruhe uͤbergab, und welches unverkennbar ſeine Zuge auf einen Augenblick einnahm, ſogar der Wehmuth verwandt. Doch die Welt der Ge⸗ fuͤhle war bei ihm in den Hintergrund gedrängt; er wollte ſie nur kennen, in ſo fern ſie ihm als Menſchen⸗ kenner zu ſeinen Schluſſen und Urtheilen noͤthig waren; ſich ſelbſt gebot er als erſte Lebensregel, uber allen ihren Anforderungen bloß als Beſchauer dazuſtehn. Unläugbar hatte er von dieſem kuͤhlen Standpunkte aus ſich einen ſehr geſicherten Einfluß uͤber Andere erworben. Ob es indeſſen moͤglich ſei, ſich ſelbſt ganz dieſer großen Be⸗ herrſcherin der Menſchheit zu entziehn; ob man nicht in der Beobachtung und Erkennung der Gefuͤhle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe; ob jene gottliche — 43 Liebe, die unſere Entwickelung nie aus den Augen ver⸗ liert, eine ihrer ſchoͤnſten Gaben ganz unterdrucken laſſen moͤchte, wer wollte es fuͤrchten, und nicht lieber glauben, uns ſei bloß geſtattet, die Außenſeite von ihren Erſchei⸗ nungen frei zu erhalten, innerlich bleibe der kleine Heerd, um den, ſelbſt gegen unſern Willen, ſie, unverletzlichen Hausgöttern gleich, ihre Plätze behaupten, wenn auch bei dem Einem zur lieblich ſich mittheilenden Geſelligkeit erhoben, bei dem Andern zum ernſten Schweigen ver⸗ dammt, immer doch ihres unzerſtoͤrbaren Daſeins Zeug⸗ niß ablegend. Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Beſtätigung dieſer Anſicht, da es uͤberdies leicht die einzige ſein koͤnnte, die dieſer merkwuͤrdige Mann uns mitzutheilen veranlaßt. Denn ſchon ſehen wir ihn, weg⸗ gewendet und der alten Heimath ſeiner Gedanken zuruͤck⸗ gegeben, jene mienenloſe Ruhe gewinnen, die ſeine Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte. Er beruͤhrte nur zu einem Klange die Glocke auf ſeinem Tiſche, und langſam oͤffnete ſich die kleine von ihm beobachtete Thuͤr, und in einen weiten Mantel gehuͤllt, trat ein ältlicher Mann ein, der ſofort, Mazarin erblickend, den Mantel zur Erde warf und, auf ihn zueilend, ganz uͤberwaͤltigt, wie es Se zu ſeinen Fuͤßen nie⸗ derſank. 44 Benedicas! rief er mit leiſer, bebender Stimme. In majorem Dei gloriam! antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und ſegnete das Haupt des alten Mannes. Steh auf, Porter, ſetzte er ſanft, aber ernſt hinzu, wir duͤrfen uns nicht erweichen; es iſt lange her, daß wir uns zuletzt ſahen, aber ſo dies leibliche Auge Dich nicht erreichen konnte, traf mein geiſtiges doch ſtets auf einen getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unſerer heiligen Sache! Porter, der von uns bereits erwähnte Kammer⸗ diener des Prinzen von Wales, erhob ſich jetzt von ſei⸗ nen Knien, und zeigte eine kleine, magere und gebeugte Geſtalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen. Sein laͤngliches, blaſſes Geſicht war von einem truͤben Ernſte gefurcht, und ein ſparſames weißes Haar lag dünn um die ſchmale Stirn. Seine matten blauen Augen, die den ruͤhrenden Ausdruck des Kummers aus⸗ ſprachen, hatten ſich noch nicht zu ſeinem, in der Ver⸗ gleichung mächtiger noch erſcheinenden Gefährten erho⸗ ben, ſondern ruhten ſchwermuͤthig am Boden. Maza⸗ rin durchſchaute vielleicht nur zu ſchnell aus ihm be⸗ kannten Gruͤnden den Gemuͤthszuſtand des alten Man⸗ nes, und ſuchte durch die freundlichſte Herablaſſung ſein Herz zu ermuthigen. 45 Doch was ſeh' ich, alter Freund, wie biſt Du Deinen Jahren vorangeeilt. Weißes Haar und dieſer gebeugte Ruͤcken?— Porter ſchlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und ſie blieben auf Mazarins kräftiger Ge⸗ ſtalt einen Augenblick ruhen, indem er mit dem Aus⸗ druck des Schmerzes hinzufuͤgte: Nicht an Allen geht die Zeit ſpurlos voruber! Sage vielmehr, an Keinem, antwortete Mazarin, dieſe Worte wie einen Vorwurf empfindend; wenn auch der Himmel oft die wunderbar zu kräftigen weiß, die in ihrem ſchweren Berufe vor ihm getreu und gehor⸗ ſam und der beſondern Kraft benoͤthigt ſind! Ja wohl, ſprach Porter, der Herr mißt Jedem ſein Maaß, und ich murre nicht, daß er das meine nur gering beſtimmt zu haben ſcheint: denn mein Leben war ein nutzloſer und truber Kampf zwiſchen zwei geheiligten Pflichten, welche zu vereinigen mir nie gelang, und de⸗ nen ich dadurch vielleicht gleich unnuͤtz ward. Selbſtgerechtigkeit ſich in irgend einer Angelegenheit anmaßen zu wollen, ſprach Mazarin ſtreng, gehoͤrt zu dem Ungehorſam, welchen Deine Vorgeſetzten Dir in ihrer heil'gen Machtvollkommenheit als die gefaͤhrlichſte Klippe unſerer geiſtlichen Tugenden unterſagt haben. Welcher Hochmuth heißt Dich Dein Leben nutzlos nen⸗ 46 nen, ſo Dir noch vergoͤnnt iſt, an der kleinen Stufen⸗ leiter unſerer Befehle, Deinen Fähigkeiten gemaͤß, hinan⸗ zuklimmen? Du biſt von der Regel abgewichen, und ich koͤnnte Dich ſtrafen, wenn nicht Milde und Geduld mit den Gebrechen der Menſchheit unſer erſtes Geſetz waͤre, und wenn Du nicht die Strafe Deiner Vergehungen ſchon in jenem muthloſen Truͤbſinn truͤgeſt, womit der Beſchützer unſerer heiligen Vereinigung alle die heim⸗ ſucht, die ſich zu eigener Beſchauung verfuͤhren laſſen!— Ach, hochwuͤrdiger Herr, leget nicht die uͤrde Eu⸗ res Zorns auf mein ſchwaches und Herz! Gott, deſſen Augen die Herzen pruͤfet, er weiß allein, wie ich um Kraft und Muth gefleht, zur Vollführung des Willens meiner erhabenen Obern. Er weiß, wie ich nicht denken wollte, da es mich nur zu oft auf Abwege fuͤhrte. Aber der Verſucher iſt mir in jeder Geſtalt erſchienen; in der Geſtalt eines erhabenen Herrn zuerſt, den ich gegen meinen Willen lieben mußte, ach, ſelbſt in der Geſtalt meiner geheiligten Religion, die ich verlaͤugnen und entbehren mußte, und die mich zu fragen ſchien, ob ich das Rechte um ſolchen Preis zu thun vermoͤge. Ach Herr, Herr! ich bin ein Suͤnder und dem Zorn der heiligen Geſellſchaft verfallen. Ich fühle es, und nur Ihr koͤnnt mich retten, wie Ihr es oft thatet, indem Ihr meinen wankenden Glauben ſtuͤtzt.— 42 Ja wohl, ſprach Mazarin mit dem Tone des Vor⸗ wurfs, der doch ſchon eine allgemach zu hoffende Ver⸗ zeihung ankundigt, wohl haſt Du mir es ſchon oft zur traurigen Aufgabe gemacht, Dich mit Dir und Deinen Pflichten auseinander zu ſetzen, und Dein gebleichtes Haar und Deine gefurchten Wangen ſcheinen mich noch nicht von dieſer Sorge abloͤſen zu wollen. Hochwurdiger Herr, ſprach der Alte, faſt ihn un⸗ terbrechend, waͤhrend eine leichte Roͤthe um das blaſſe Geſicht zog und es erhellte, wie der Abglanz eines fernen, laͤngſt abhetövteten Ehrgefuͤhls, wollet wenigſtens beden⸗ ken, daß dieſe Wangen, daß dies ſpärliche Haar Geſtalt und Farbe im Dienſte des geheiligten Ordens Jeſu erhielten. Ich kam her, deſſen zu gedenken, erwiderte Ma⸗ zarin ſanft, und wenn kein Winkel der Erde den Pflicht⸗ vergeſſenen vor unſerer gerechten Strafe zu ſichern ver⸗ mochte, ſo erreicht unſer Lohn auch den treuen und ge⸗ horſamen Diener unter allen Verhältniſſen des Lebens, und die Hoͤchſten des Ordens ſteigen zu ihm nieder als Freunde und Brüder, und er ſteht den Mächtigen der Erde gleich in dem Heiligthum ihrer geheimen Welt; Ich komme und bringe Dir den Segen des gottlich er⸗ leuchteten Claudius Aquaviva; er giebt Dir ſeinen er⸗ habenen Beifall und erlaubt Dir durch meinen Mund im Namen deſſen, an den wir alle glauben, fortzufah⸗ ren in dem Dienſte, dem er Dich bis jetzt gewidmet. Er erlaubt Dir, um der wichtigen und Gott gefaͤlligen Zwecke willen, die ſein erhabener Wille, uns unbewußt, zu erreichen gedenkt, ferner die heilige Kirche zu verlaͤug⸗ nen und vor den Augen der kurzſichtigen Menge Dich jenen Verirrten anzureihn, die Gott in ihrem ſuͤndigen Verſtande aete Er ſendet Dir in dieſer goldnen Kapſel, fuhr er z. indem er aus ſeinem Buſen ein kleines wohl verwahrtes Kaͤſtchen zog, eine von Urban ſelbſt geweihte Hoſtie, die ich kraft ſeines Willens Dir zu Deiner geiſtigen Erquickung nach den Regeln unſerer heiligen Kirche zu reichen befugt bin. Der Eindruck dieſer Rede und der vrat ſn Gabe auf den alten ungluͤcklichen, ſeiner Pflicht erliegen⸗ den Mann war unbeſchreiblich; wahrhaft ſchrecklich fuͤr den, der nicht wie Mazarin damit ſein Ziel erreicht ſah, ſondern blos die furchterliche Macht dieſes halb despoti⸗ ſchen, halb ſchmeichelnden Ordens darin erkennen mußte. Die von Gewiſſenszweifeln eingeſunkenen und zernagten Zuͤge ſchienen ſich zu glaͤtten, die gebeugte Geſtalt hob ſich, den ſtarren, truͤben Augen entſpruͤhte ein fanatiſches Feuer, welches ſeinen zitternden Koͤrper in Bewegung ſetzte. Sich anbetungsvoll niederwerfend, ſtreckte er die Hände nach dem Heiligthum aus, das er ſo lange ent⸗ 49 behrt, wonach er ſich ſo inbruͤnſtig geſehnt, und das nun in hoͤchſt moͤglichſter Wuͤrde und Kraft ihm zu Theil werden ſollte. Er war mit ſ⸗ ſeinen Zwei⸗ feln und Sorgen am Ende, und in ieſem Augenblicke nichts weiter, als der eifrige und unterworfene Diener der Väter des Kollegiums zu Clermont. Mazarin hatte dieſen leichten Sieg zu oft und mit denſelben Mitteln erreicht, um etwas Weiteres, als die Beendigung eines gewoͤhnlichen Geſchäfts, darin zu ſehen. Nach einigen leichten Vorkehrungen ſchickte er ſich an, die Berichte Porters zu hoͤren, die kaum in etwas Anderem beſtan⸗ den, als in den eben vernommenen Regungen ſeines Ge⸗ wiſſens, welche er, nun ausſchließlich dem Intereſſe der Geſellſchaft Jeſu wieder zugewendet und ihre Gewalt als eine goͤttliche verehrend, als Verſuchung des boͤ⸗ ſen Feindes anſah, und welcher Qual Beſchwoͤrung er von dem Genuſſe der geweihten Hoſtie mit Zuverſicht erwartete. Mit welchen Gruͤnden Mazarin dieſe Hoff⸗ nungen zu unterſtützen ſuchte, laſſen wir unberuͤhrt. Das Reſultat genügt uns, daß Porter, indem er fort⸗ fuhr, die kleinſten von ihm ausgeſpähten Handlungen ſeines ungluͤcklichen Prinzen rückſichtslos zu verrathen, nur die hoͤchſte Verpflichtung der Erde zu erfuͤllen, und der Tugend und dem Prinzen ſelbſt in getreuſter Liebe dienen wähnte. Godwie⸗Caſtle 1. 4 —— Den Tod der Gräfin Buckingham erfuhr ich erſt bei meiner Landung, fuͤhrte Mazarin ein angefangenes Geſpräch weiter, Lazarino hatte ſich zu den Ruderern geſellt, die mein Boot heruͤber brachten. Vielleicht machte dieſe Nachricht meine Heruͤberkunft weniger no⸗ chig, und nur Deine Abweſenheit entſchuldigt dieſe ſpäte Mittheilung.— Hochwuͤrdiger Herr, mein Amt iſt ſchwieriger, ſeit der Herr Herzog die Perſon des Prinzen unablaͤſſig umgiebt; deſſenohngeachtet hatte nach Euerm Befehle ich alle Mittel benutzt, Euch ſo ſchnell, wie moͤglich, zu dienen, während ich aber Pater Lorenzo bei Euch glaubte, erfuhr ich ſeinen Hingang! Die Verzweiflung des gnädigſten Prinzen bei der Nachricht des Todes der hohen Dame war grenzenlos und ich fuͤrchte, der Anfang einer großen Krankheit. Der Herr Herzog ha⸗ ben ſich gänzlich ſeiner bemächtigt, haben mich zu Bett geſchickt, den Leibarzt in's Vorzimmer. Seine Maje⸗ ſtät den Koͤnig ſelbſt haben Sie wie ein Kind, gleich welchem der alte Herr ſich auch laut weinend geberdete, durch die Gemaͤcher nach ſeinen Zimmern geſchleppt und ihn hier, wie man einen Buben bedroht, zur Ruhe verwieſen. Sie verſehen jeden Dienſt ſelbſt, und Lord 1 Membrocke bedient wieder den Herzog. Ich ſah dem Weſen lange zu von einem ſichern Plätzchen aus, fuͤgte 51 er lächelnd hinzu, bis die Stunde ſchlug, die mich zu Euch rief.— Erzähle mir jetzt genau, von welcher Zeit Du die Vertraulichkeit des Prinzen und des Herzogs rechneſt, und ob Du glaubſt, daß Buckingham von Allem un⸗ terrichtet iſt, was des Prinzen geheime Verbindung be⸗ trifft.— Ehe wir nach Spanien gingen, wußte er ſicher hier⸗ von nichts. Beide hatten ein verſchiedenes, gegenſeitig ge⸗ heim gehaltenes Intereſſe, die Bemuͤhungen des Grafen Briſtol zu verwünſchen. Der Herzog von Buckingham war beleidigt, uͤberall mit Bewunderung und Verehrung den Namen des Geſandten zu hoͤren; der alte Haß, den die Tochter Briſtols, die Frau Herzogin von Nottingham, durch ihre Vermählung gegen alle Mitglieder dieſer Fa⸗ milie in ihm angezundet, ward auf's Neue genährt durch ſo viel ſcheinbares Gluͤck und Verdienſt, und alle nur erdenklichen boͤſen und gottloſen Reden über dieſe papiſtiſche Betſchweſter, wie er die allergnädigſte Infan⸗ tin zu nennen pflegte, gingen ſo ruͤckſichtslos über ſeine Lippen, daß ſie nur zu oft das Ohr meines Prinzen er⸗ reichten, aber anſtatt den Prinzen zu kränken, was ſonſt der Herr Herzog auch eben nicht ungern veranlaßte, fand er den Prinzen auf ſeine Anſicht faſt eingehend. Ihr koͤnnt Euch denken, wie dem armen Herrn das Herz 4* 52 ſchwellen mochte, wenn er eine Schwierigkeit nach der andern ſinken ſah und, vom alten Koͤnige bedrängt, jede neue Ausflucht mit dem Zorne des Vaters erkaufen mußte. Seine letzte Huͤlfe war der Herzog von Not⸗ tingham. Sie ſahen ſich, und er, der am beſten die ver⸗ zweiflungsvolle Lage des Prinzen kannte, willigte ein, nach Madrid zu gehen. Als Schwiegerſohn des Grafen Briſtol konnte ſeine Reiſe nicht auffallen, und er war vom Prinzen zu jedem Mittel autoriſirt, das dieſe ge⸗ fuͤrchtete Verbindung trennen konnte; ja, im letzten Falle ſollte er der Großmuth der Infantin, von welcher der Prinz eine ſehr gute Meinung hatte, ſein ganzes Verhältniß vertrauen, doch vorher bei dem Herrn Grafen von Briſtol Alles erſchoͤpfen, ihn davon abzuſchrecken. Dieſe unglück⸗ lichen Ketzer beſprachen ſich in meiner Gegenwart über das beſte Mittel, dem Herrn Geſandten die Vermählung mit einer Katholikin als verderblich füuͤr's Land darzuſtel⸗ len! Ihr wißt, Hochwuͤrdiger Herr, wie der arme Her⸗ zog Madrid nur erreichte, um an einem auf der Reiſe ausgebrochenen Fieber, worin er aus Eifer fuͤr ſeinen gnaͤdigſten Prinzen ſich nicht geſchont, zu verſcheiden. Als die entſetzliche Nachricht hier eintraf, die der erleuchtete Provinzial Manzori um zwoͤlf Stunden fruher an mich ge⸗ langen ließ, ohne daß es in meiner Macht ſtand, den Prin⸗ zen vorzubereiten,— denn dies hätte den geheimen Weg 53 verrathen koͤnnen, auf welchem ich davon in Kenntniß geſetzt worden, befanden ſich eben der Herr Herzog von Buckingham bei Seiner Koͤniglichen Hoheit. Den gnaͤ⸗ digſten Herrn uͤberwaͤltigte der Schmerz auf das Heftigſte, und ich ſah ihn in die Arme des Mannes ſturzen, den er ſo lange Jahre vermieden hatte. Ach, Herr, die Hand ſtuͤtzte ihn, die ſich einſt freventlich gegen ihn erhoben! Aber der arme erſchuͤtterte Herr verrieth in ſei⸗ nem Schmerze, warum der Herr Herzog nach Spanien gereiſt; denn in der Verblendung dieſes Schmerzes nannte er ſich den Moͤrder ſeines Freundes. Von dieſem Au⸗ genblicke an vertrat Buckingham die Stelle des Vertrau⸗ ten. Er erfuhr aber dennoch nicht den verſteckten Anlaß zu dem Widerwillen des Prinzen und ahnte ihn auch nicht. Denn der Herr Herzog ſind wohl boͤswillig und ußerſt liſtig, aber auch oft von großem Leichtſinne be⸗ ſeſſen, und uͤberſehen leicht die Urſachen, die Andere lei⸗ ten, wenn Sie ſelbſt nicht in Abſichten gehindert ſind, deren Erfolg Sie eben mit Eifer betreiben. Genug, er war es, der den Entſchluß des Prinzen, nun ſelbſt nach Spanien zu gehen, zuerſt ausſprach und den gnä⸗ digen Herrn dergeſtalt zu reizen wußte, daß er ſich faſt mit Gewalt von dem Koͤnige die Erlaubniß nahm. Er verſprach dem Prinzen, daß er dieſe Verbindung ſtoren wolle, indem er unverholen ſeinen Haß gegen den Gra⸗ 54 fen von Briſtol und deſſen Ruhm und Anſehn aus⸗ ſprach; ferner, wenn ſie nach Spanien kamen, ſolle der Prinz dabei die Freiheit haben, ſich als der liebenswür⸗ digſte Herr zu betragen, wobei er tauſend Mal Ehre und Leben verpfaͤndete, den Prinzen unangefochten durch⸗ zubringen. Und Ihr wißt, wie er vollſtändig ſein Wort geloͤſt hat.— 4 Ja, unterbrach ihn Mazarin, von unwillkürlichem Verdruß ergriffen, weil die Vaͤter Jeſu ihn nicht hin⸗ dern wollten, und den eiteln Thoren unbewußt nach ihrer Genehmigung und ihrem Willen handeln ließen. Sie waren es, die ſeine Reiſe beſchuͤtzten, und die zahl⸗ loſen Gefahren von ſeinem und des Prinzen Haupte ab⸗ wendeten. Doch weiter, weiter, ſetzte er hinzu, von ſei⸗ nem Unmuthe, wie es ſchien, ſelbſt uͤberraſcht. Die Gräfin, fuhr Porter fort, ſollte uber die Reiſe Seiner Koͤniglichen Hoheit getäuſcht werden, wie man ſie ſchon früher uber die Reiſe des Herrn Herzogs von Nottingham getäuſcht, was aber damals leichter moͤg⸗ lich geweſen war, da ſie eben auf einer Reiſe nach Schottland ſich befand, um ihre Tochter abzuholen. Denn ſtets war dieſe edle Dame bereit, dem Prinzen die Freiheit wieder zu geben, und nie wuͤrde ſie ſeine Schritte gegen den Willen des Koͤnigs genehmigt haben. Seine Koͤnigliche Hoheit ſandten daher, da ihre baldige — 55 Ruͤcktehr erwartet werden durfte, ihr die Bitte entgegen, ſeine läͤngere Abweſenheit wegen Krankheit des Koͤnigs zu entſchuldigen und nicht eher Briefe zu ſenden, als er ſie abfordern werde. So war der Gefahr vorgebeugt, daß dieſe wichtigen Mittheilungen in fremde Hände kaͤ⸗ men, zugleich aber auch der armen Dame bei heranna⸗ hendem Ende jedes Mittel geraubt, ihre Lage kund zu geben und ihre Tochter in Sicherheit zu bringen. Der einzige Schritt, den ſie that und thun konnte, den Her⸗ zog von Nottingham, unter deſſen Namen alle ihre Briefe an den Prinzen gingen, zu unterrichten, brachte ihr die Nachricht ſeines Todes zuruͤck. So kam es denn, daß die Nachricht von ihrem Ende durch die Be⸗ amten ihrer Guͤter dem allein anweſenden Grafen von Buckingham mitgetheilt ward, welcher ſich ſogleich be⸗ eilte, einen wohl bedeutenden Nachlaß der Schweſter in Beſchlag zu nehmen. Bei unſerer Ruͤckkehr erfuhr ich ſofort, was ich Euch über den Tod der Frau Gräfin und die Flucht und das Verſchwinden der jungen Lady mitgetheilt habe; denn der Herr Herzog hatten Ihren alten Kammerdiener zu⸗ ruͤckgelaſſen, und Davenack wußte nichts, was ich nicht auch erfuhr. Da der Prinz ſelbſt nicht an die Reiſe zu der Frau Gräfin denken konnte, indem ihn theils Seine Majeſtät der Koͤnig, theils der Herr Herzog nicht aus 56 den Augen verloren, war er im Begriffe mich abzuſenden, um die, die er noch am Leben und ſich, vermöge ſeiner Kaͤmpfe um ſie, naͤher geſtellt wähnte, zu begruͤßen. Denn die arme Dame war ſo von der Welt vergeſſen, daß ihr Tod fuͤr den Hof nur eine Fortſetzung ihres Lebens war und Niemand davon wiſſen konnte, da Niemand mit ihr in Verbindung ſtand. Da kam der Graf von Buckingham, der indeſſen, wie gewoͤhnlich, von einem Orte zum andern geſchwelgt hatte, zuruͤck und verkuͤndete zuerſt dem Herrn Herzoge den Tod der Schweſter. Da der Herr Herzog ſie ſeit ihrer Entfer⸗ nung von London nicht wieder geſehen hatte, war ihm ihr Tod nun auch hoͤchſt gleichgultig, und ſo war es mehr der Zufall, als eine zu loͤſende Verpflichtung, daß der Herzog Seiner Majeſtät es anzeigte und nun des Anſtandes halber dem Prinzen eine gleiche Meldung machte. Da ich jeden Augenblick etwas der Art er⸗ wartete, blieb ich ſtets in der Nähe Seiner Koͤniglichen HBoheit, und ſo war ich Zeuge dieſer traurigen Scene. Der Prinz blieb ſtarr und bleich wie Marmor vor ihm ſtehen, dann fuhr er mit der Hand nach dem Herzen und ſtuͤrzte ohnmächtig zu Boden. Ich verſchloß ſogleich die Thuͤren, und wir brachten ihn beide nach langen vergeblichen Bemuͤhungen in's Leben zuruͤck; aber der Wahnſinn, in den der gnädige Herr gerieth, entdeckte 52 Buckingham das ihm lang entzogene Geheimniß. Als der arme Herr anfing ſich zu erholen, ſuchte ſein gutes Herz Troſt an dem Herzen des Bruders und fiel in die ausſchweifendſten Pläne, jetzt noch der Verſtorbenen jede Ehre zu erweiſen, die er ihrem Leben nicht mehr hatte gewaͤhren koͤnnen; namentlich aber wollte er die junge Lady fuͤr ſeine Tochter erklart haben und dem Koͤnige daruͤber ſogleich ſeine Bitte vortragen. Der Herr Herzog widerſprachen ihm nicht, denn Sie waren doch anſcheinend ſehr uͤberraſcht und wohl ganz unge⸗ wiß uber die von der Sache zu faſſende Anſicht. Doch beruhigten Sie Seine Koͤnigliche Hoheit durch die Zu⸗ ſicherung jeder Mitwirkung, die in ihren Kraͤften ſtände; auch unterſtützte ein zweiter Anfall, den der Prinz be⸗ kam, und dem eine gaͤnzliche Abſpannung folgte, das Bemuͤhen des Herzogs, vor allen Dingen Zeit zu ge⸗ winnen. Die Aerzte wurden nun gerufen, der Koͤnig benachrichtigt, und obgleich der Herzog Alles that, um muͤßige Perſonen zu entfernen, erſcholl doch bald das ganze alte Schloß von der traurigen Nachricht dieſes gefährlichen Erkrankens.— Und was, fragte Mazarin weiter, was hoͤrteſt Du von der jungen Lady, die ſo ſchnell verſchwunden, und deren Sicherheit durch den Grafen Buckingham ſo arg bedroht ſchien.— Davenack, ſprach Porter, hat mir daruͤber, was er von dem Kammerdiener des Grafen herausholen konnte, erzählt. Nachdem naͤmlich der Herr Graf die Anzeige von dem Tode ſeiner Schweſter erhalten hatte, glaubte er in Abweſenheit des Herrn Herzogs, der am ſelben Tage London mit Seiner Koͤniglichen Hoheit verlaſſen hatte, dahin abgehn zu muͤſſen, nicht undeutlich die Hoffnung verrathend, irgend einen Nachlaß zu finden, der ihn fuͤr dieſe langweilige Reiſe entſchädigen koͤnne. Er hatte dieſelbe auch ſo lange verzoͤgert, daß er die Schweſter im Sarge fand. Eines Abends, als er im Buckingham⸗ Park noch bis zur Nacht ſchwelgend an der Tafel ſaß, meldete ihm ſein Kammerdiener, es hätten ſich vermummte Geſtalten nach dem Paradezimmer, worin die Leiche der Frau Gräfin ſtand, geſchlichen. Immer ſchien er die Ahnung irgend eines Geheimniſſes zu haben. Daher gebietet er ſogleich mehreren Dienern, ihm zu folgen, und findet die junge Lady an dem Sarge ihrer Mutter; er entreißt ihr den Schleier, der ſie umhuͤllt, und die Aehn⸗ lichkeit mit ſeiner Schweſter, die ſich nun ihm zeigt, ver⸗ wirrt ihn ſo, daß er einen Geiſt zu ſehen glaubt. Feuer⸗ geſchrei giebt ihr Gelegenheit, mit Gerſem zu entfliehn. Das Feuer leitete den Grafen nach einem vorher uͤber⸗ ſehenen Theile des Hauſes; er fand eine halb verbrannte 8 „ 59 Frau; Miſtreß Hanna war es. In den Flammen, welche die von ihr im Schlaf umgeſtoßene Kerze ent⸗ zundet hatte, erwacht und von Außen eingeſchloſſen, hatte ſie ein Fenſter aufgeriſſen, wodurch das Feuer nur mehr um ſich griff, bis die Thuͤr verbrannt einſturzte und Huͤlfe von Außen kam. Kaum war die Gefahr vorüber, ſo vermißte der Graf die Fluͤchtlinge. Schloß, Garten und endlich die angrenzenden Gehoͤfte wurden durchſucht; ein Hirtenknabe verrieth die Fliehenden, die, um ſchneller zu entkommen, Pferde in einer Meierei ge⸗ nommen hatten. Die Schoͤnheit des Frauleins, das Geheimnißvolle ihrer Aufſindung und Flucht, Alles bringt den Herrn Grafen in Wuth, er ſelbſt ſetzt ſich mit mehreren Die⸗ nern zu Pferde und bald hat er ſie erreicht. Gerſem ſetzt ſich zur Wehre; ein Hieb über den Kopf ſtreckt ihn nieder und giebt das ſterbende Fraͤulein in die Ge⸗ walt des Grafen. Da ihr Leben entflohn zu ſein ſcheint, kehrt er zur Nacht in eine Huͤtte ein, um Wiederbele⸗ bungsverſuche zu machen, während der ſchwer verwun⸗ dete Gerſem nach dem Schloſſe voran geſendet wird. Aus jener Huͤtte nun iſt das Fräulein auf's Neue durch ein Fenſter entflohn, und ob nun der Herr Graf durch das bereits Geſchehene etwas die Luſt verloren hatte oder die Ungluͤckliche wirklich bald in Sicherheit kam, 60 genug der Herr Graf kehrte nach mehreren Verſuchen, ſie aufzufinden, unverrichteter Sache zum Schloſſe zu⸗ ruͤck. Er fand hier viel zu thun, das Feuer brannte noch; Gerſem und Miſtreß Hanna waren ſterbend. Er ſchickte nach einem Arzt, dem er empfahl, das Schloß nur nach der Geneſung Beider zu verlaſſen; allen Haus⸗ genoſſen aber ward uber das Geſchehene, bei Verluſt des Dienſtes, das ſtrengſte Geheimniß anbefohlen. So⸗ dann reiſete er ab, ich denke, ein wenig verlegen, wie der Herr Herzog die Sache beurtheilen werden, da dieſelben oft in Bezug auf die Handlungen Anderer kritiſcher ſind, als nach ihren eignen zu erwarten ſtande. Der Herr Graf hatte uͤbrigens gewuͤnſcht, dem Herrn Herzog Nachricht uͤber die junge Lady zu geben, uͤber deren Zuſammenhang mit der verſtorbenen Dame er nicht ohne Verdacht geblieben war. Bei Gerſems angehender Beſſerung verſuchte ein Abgeſandter des Herrn Grafen ihn auszuforſchen; aber Gerſem war ganz unerbittlich. Auf die Frage, wer ſie ſei, hat Gerſem geantwortet, daß er es nicht wiſſe; auf die Frage, wo ſie ſei, hat der Schmerz, den er geaͤu⸗ ßert, nur zu ſehr beſtätigt, daß er ſie ſelbſt verloren habe, und das Einzige, was er nicht verborgen, war ſein fruͤherer Entſchluß, die Lady nach London zu bringen. 61¹ Deſſenohngeachtet iſt es gelungen, den Aufenthalts⸗ ort der jungen Dame auszuforſchen, denn der Herr Graf wünſchten ſie wieder in Verwahr zu nehmen, und ließen daher von Alvis und ſeinen Leuten die Gegend ausſpähen, da zu erwarten ſtand, daß dieſe junge und zarte Dame nicht ſehr weit vorgedrungen ſein koͤnne, ohne Schutz und Huͤlfe in der Nachbarſchaft zu finden, was ihre Entdeckung erleichtern mußte. Dies beſtätigte ſich auch bald. In der Gegend von Cheffield ſtieß nämlich Alois in Bettlertracht auf eine glänzende Cavalcade von Herren und Damen, in deren Mitte die junge Lady Maria, die Alvis ſogleich wieder erkannte. Es waren Damen und Herren aus Godwie⸗Caſtle, und der junge Herzog von Nottingham an der Spitze des Zuges. Eingang in das Schloß zu gewinnen, war zwar leicht, da jedem Beduͤrftigen Nah⸗ rung gereicht wird, aber die junge Dame von dort zu entfuͤhren, ſchien unmoͤglich, da ſie im Schooß der Fa⸗ milie von allem, was die Gtikette und die Sicherheit erfordert, umgeben lebt, und der Herr Graf haben nunmehr das Weitere bis zur Ankunft des Herrn Her⸗ zogs aufgeſchoben.— Mazarin hatte mehrere Male, waͤhrend der Alte, ohne einzuhalten, ſeine Berichte mit der auf's Neue be⸗ ſtätigten Devotion gegen die Befehle des Ordens ihm 62 vortrug, auf einer kleinen Tafel neben ſich einige Worte notirt, waͤhrend ſein ſcharfes Auge, dann wieder halb geſenkt, keinen Zug, keine Bewegung des verfuͤhrten Greiſes verabſäumte. Auch gehoͤrte die Mimik des Al⸗ ten ſehr weſentlich zu ſeinen Worten. Obwohl zu dem blaſſen, duͤrftigen Ausdruck, der in ſeinen Zuͤgen herr⸗ ſchend war, zuruͤckgekehrt, und ohne den Blick beim Sprechen aufzuſchlagen, hatte er eine Art, mit der ſeit⸗ wärts am Leibe niederhängenden Hand hinterwärts ganz wenig und blitzſchnell in die Luft zu haſchen; und dieſe Bewegung war, von einem Lächeln um den Mund be⸗ gleitet, ſo bitter und veraͤchtlich, daß es die innere Ver⸗ dammung der Sache andeutete, wenn auch die Worte ſeines Mundes nie uͤber die devote Sprache des demu⸗ thigen Dieners ſich erhoben. Mazarin ſah ſo vor ſeinen Augen die Perſonen be⸗ zeichnen, gegen die der Privathaß des Alten den Eifer unterſtuͤtzte, zu dem er im Bunde des Ordens verpflich⸗ tet war. Wenn er auch im Ganzen einen ſolchen Ver⸗ rath innerer Meinungen tadeln mußte, als eine man⸗ gelhafte Ausbildung an einem Schuͤler der heiligen und ſtrengen Väter, deren erſte Regel die vollkommene Be⸗ herrſchung des Aeußern war, ſo glaubte er ſie doch we⸗ niger in dieſem Falle ruͤgen zu dürfen. Die Zeit hatte hier langſt jeden Verdacht entkraͤftet, da der Greis mit 63 dem vollſtändigſten Verrathe ſeines Prinzen zugleich eine Sorgfalt und aufopfernde Liebe fur denſelben verband, von der er zu viele Beweiſe gegeben, um nicht von ihm als ein vollig geprufter und bewährter Diener zum Theilnehmer an den wichtigſten Beziehungen ſeines Le⸗ bens gemacht zu werden. Auch huͤteten ſich die klugen Väter ſehr wohl, den Alten auf Proben des Gehorſams zu ſetzen, die gegen die ſcheinbare Treue, welche ſich Porter in der perſoͤn⸗ lichen Behuͤtung des Prinzen vorbehalten hatte, ſtrit⸗ ten, fuͤrchtend, der Gehorſam deſſelben konne ſich dort zu ihrem Nachtheil zeigen, da ſeine oft erregten Gewiſ⸗ ſensſkrupel ſchon jetzt der Geſellſchaft des Prinzen zu⸗ zurechnen waren, deſſen reiner, gerechter und tugend⸗ hafter Sinn auf die ſophiſtiſchen Lehren und Grund⸗ ſätze, welche Porter erzogen hatten, bedenklich einwirkte. Im Gegentheil wußte man ihm ſein ſchweres Amt ſtets aus dem Geſichtspunkt einer aufopfernden Liebe fuͤr den Prinzen darzuſtellen; derſelbe ſolle geſchutzt wer⸗ den gegen Feinde des Thrones, er ſolle dadurch dem Einfluß der heiligen Väter erhalten werden, die bei ih⸗ rer großen Liebe zu dem hoffnungsvollen Prinzen ihn aus der ſchrecklichen Gefangenſchaft der Ketzerei dereinſt zu erloͤſen hofften. 64 Weiter reichten die wohl erwogenen Fähigkeiten Por⸗ ters nicht; hierzu hatte er aber die den geringeren Stän⸗ den oft in hohem Grade eigene Beobachtungsgabe, und ſeine Meldungen haben bewieſen, daß er weder etwas Weſentliches uberſah, noch uͤber die Mittel, ſich in Kenntniß zu ſetzen, verlegen war. Er war ſo im Mit⸗ telpunkt des Hofes eine unſchätzbare Perſon geworden, die man dabei mit nichts weiter zu nähren hatte, als mit den fanatiſchen Mitteln der heiligen Kirche und der gleich großen Furcht, welche die vornehmen und mächtigen Ordensbruͤder ihm einzufloͤßen wußten. Sein natͤrlicher Hang zur Intrigue, der, von Jugend auf in ihm entwickelt, jetzt der einzige Reiz ſeines oden, von allen waͤrmeren Beziehungen des Lebens voͤllig ent⸗ bloͤßten Daſeins ausmachte, unterhielt dieſe Abſichten. Vorerſt, ſprach Mazarin mit der Kaͤlte des Obern, welcher den befohlenen Vericht angehoͤrt, wirſt Du mir jetzt zu hinterbringen wiſſen, was Buckingham uͤber das heut Erfahrene beſchließt, ob er den Aufent⸗ halt der Lady kennt, und was er ihr zugedacht? Zwei⸗ tens, ſetzte er hinzu, indem ein etwas roͤtherer Glanz um ſeine Zuͤge ſpielte und einer jener ſtechenden Blicke hervor brach, wodurch er zuweilen ſein Herz erleichterte, zweitens will ich jeden Boten, jeden Brief, den Buk⸗ kingham oder Membrocke in dieſer Zeit abſendet, vor⸗ her geſehn haben. Devenant wird dies als eine kleine vorlaͤufige Begruͤßung anſehn, ſetzte er hinzu, einen ſchweren gruͤnſeidnen Beutel Porter darreichend. Soll⸗ teſt Du, mein ehrlicher Freund, fuͤr den ſolche Dinge keinen Werth haben, ſollteſt Du nicht Auslagen ge⸗ macht haben? Der Orden wuͤrde es verweigern, Deine Rechnungen zu ſehen, da Du aber an der Kaſſe hei⸗ liger Zwecke Deinen Antheil haſt, ſo nimm dies vor⸗ laͤufig; Du darfſt ſolche elende Mittel nicht ſchonen.— Porter nahm mit Loͤllig gleichguͤltiger Miene eine ähn⸗ liche Summe, indem er mit Stolz hinzuſetzte: Be⸗ merkt wohl, nicht in meinem Intereſſe empfange ich dieſes elende Mittel, wie Ihr mit Recht ſagt. Ohne zu antworten, wandte ihm Mazarin den Ruͤcken. Er hatte Erfahrungen genug gemacht uͤber die Wirkſamkeit dieſer Mittel, und hatte nie ermangelt, die Empfaͤnglichkeit dafuͤr in ſeinen Werkzeugen zu un⸗ terhalten, wenn es auch bei Porter nur zu den Ne⸗ benwirkungen diente, die nicht ausbleiben durften. Die⸗ ſer hatte die Befehle fuͤr ſeine nächſten Dienſte mit aller Unterwürfigkeit empfangen und ſich dann auf dem⸗ ſelben geheimen Wege entfernt, der ihn ſicher hierher gefuͤhrt, während Mazarin ſich den Händen Benvilles uͤbergab, um nach einem hoͤchſt bewegten Tage ſein Lager und den Schlaf zu ſuchen, wenn er dem wil⸗ Godwie⸗Caſtle II. 5 —— 3 66 lig erſcheinen moͤchte, vor deſſen Seele das Leben gerade nur ſo viel Werth und Bedeutung hat, als er durch eignen Willen hinein legt. Dieſe Anſicht macht aller⸗ dings die Sorge fuͤr den kommenden Tag zu einer Aufgabe unſerer Willkuͤr, jenen Frieden, jene Ruhe fern haltend, welche willig nur den erreichen, dem die Ueberzeugung lvon der eignen Kraftbegrenzung zum freu⸗ digen Vertrauen wird auf eine hoͤhere, uͤberall aus⸗ reichende Kraft. Es wuͤrde ſchwer ſein, in das Chaos der Gedan⸗ ken, welche in Buckingham wogten, einzudringen; er fuhlte jedoch die Nothwendigkeit eines zu faſſenden Ent⸗ ſchluſſes, weil das wiederkehrende Bewußtſein des Prin⸗ zen ſogleich entſcheidende Anforderungen hervorrufen konnte, denen irgend eine Richtung zu geben, er als⸗ dann geruͤſtet ſein mußte. Die Ueberzeugung erbitterte ihn, daß ihm ein ſo wichtiges Geheimniß entzogen ward, daß ſeine heim⸗ lichen Spione eine ſo große Begebenheit in ſeinem naͤch⸗ ſten Intereſſe uͤberſehen konnten, daß der Prinz, den er ſo lange als einen unmundigen Knaben aus Gnade geduldet und geſchont hatte, ebenſo ſeine Schweſter, 67* die als unbrauchbar von ihm verachtet und vergeſſen war, daß Beide ihn ſo zu taͤuſchen vermocht, ihm das entzogen hatten, was ſeinem Ehrgeiz auf's Hoͤchſte ge⸗ ſchmeichelt und ihn zum Meiſter alles Glanzes erho⸗ ben haben wuͤrde. Dies Mittel, Briſtol mitten in ſei⸗ nen Operationen toͤdtlich zu treffen und die Familie deſſen auf die hoͤchſte Stufe zu heben, welchen dieſer unerſchuͤtterliche Mann ſtets mit der verdienten Nicht⸗ achtung behandelt hatte; dies Ereigniß endlich, welches er ſelbſt herbeizurufen bemuͤht geweſen war, ehe die Erhebung des Prinzen zum Thronerben ihn an der Moͤglichkeit hatte verzweifeln laſſen, welches nun ohne ſeinen Willen, ſeinen Schutz dennoch geſchehen; dies alles und die hieraus hervorgehende beſchaͤmende Ueber⸗ zeugung, daß ſeine Macht nicht uͤberall ausreiche, brachte in ihm einen Groll, eine Wuth hervor, die jeder an⸗ dern Ruͤckſicht vorherrſchen wollte. Daß dies Gefuͤhl gemäßigter in ihm geworden wäͤre, haͤtte ſeine Schwe⸗ ſter noch gelebt, und wäre das noch zu erringen gewe⸗ ſen, was ihm ſo große Befriedigung verhieß, ſcheint uns allerdings wahrſcheinlich. Ihr Tod aber machte den Prinzen wieder zu einem freien Eigenthum des Staates, und er ſah voraus, daß dieſe verſaͤumten Vor⸗ theile, wenn ſie bekannt wuͤrden, ihn in den Augen ſeiner Feinde mehr lächerlich, als beneidenswerth machen 5* 68 wuͤrden. Er mußte ſich mit Zähneknirſchen geſtehen, daß er dem Prinzen bei der Reiſe nach Spanien als Werkzeug von Plänen gedient, die ihm ſo nahe lagen, und woruͤber ihm dennoch das Vertrauen entzogen ward, während er wähnte, den Prinzen zu dieſer Reiſe in dem Intereſſe ſeiner Plane gegen Briſtol benutzt zu haben. Fuͤr ſo viele Demuͤthigungen und ſo vielen moglich geweſenen Vortheil ſchien ihm eine koͤnigliche Nichte ein trauriger Erſatz. Sie war ihm in ſeinen bis jetzt verfolgten Plänen ſogar läſtig und hinderlich, und alle Kränkungen, welche ſein ſtolzes Herz durch die Urheber ihres Daſeins empfangen zu haben glaubte, vereinigten ſich in Widerwillen gegen dies unſchuldige Weſen, das zu opfern, ihm nur eine ſehr geringe Be⸗ friedigung der Rache fuͤr ſo viele ihm zugefügte Unbil⸗ den ſchien.. Zwar mußte er ſich ſagen, daß die Erklaͤrung ih⸗ res rechtmäßigen Daſeins vor der Welt, in Spanien nur vollenden mußte, was er begonnen, aber dieſe Sache war fuͤr ihn abgemacht; denn Spanien hatte bereits Noten überreicht, die nicht nur jede Taͤuſchung uͤber etwaige freundſchaftliche Verbindungen oder nähere Ver⸗ haͤltniſſe aufhoben, ſondern ſogar auf offene Feinvſchaft deuteten; ja, er wollte dieſen Bruch, den er, uͤber Bri⸗ ſtol triumphirend, ſich allein zuzuſchreiben trachtete, nicht 69 ſcheinbar der Bekanntwerdung einer allerdings unter allen Umſtänden beleidigenden und trennenden Veran⸗ laſſung beigemeſſen wiſſen. Nan ſollte fagen: Buckingham habe dieſe Verbin⸗ dung nicht gewollt, alſo hat er ſie getrennt. Ebenſo wenig paßte die Lautwerdung dieſer geheimen Verbin⸗ dung zu den neuern Abſichten Buckinghams, die er an⸗ geknuͤpft, um das große Werk einer Vermählung des Prinzen nicht allein dem Grafen Briſtol zu entreißen, ſondern ſich ſelbſt anzueignen. Er hatte die unbeſonnene Reiſe des Prinzen nach Spanien durch Frankreich geleitet, und indem er den Hof Ludwigs des Dreizehnten durch die natuͤrlichen Vorzuͤge des Prinzen gewinnen ließ, und der Prinz die aufbluͤhende Schoͤnheit der Prinzeſſin Henriette, der rei⸗ zenden Tochter Heinrich des Vierten, kennen lernte, wußte er Richelien fur eine Verbindung Beider zu ſtim⸗ men, ihm den Prinzen ſchon jetzt liebend zu ſchildern und, was ſeinen Beſuch in Spanien betraf, der wah⸗ ren Abſicht die Lüge unterzuſchieben, daß es dabei auf Henriettens Beſitz abgeſehen geweſen ſei. Richelien hatte fuͤr den Augenblick kein Bedenken, zu thun, als ob er Buckingham Alles glaube. Dieſe Verbindung war ihm gelegen. Was ihr entgegen ſtand, kannte Richelien beſſer, als Buckingham. Er war jedoch 70 weit entfernt, dieſe Schwierigkeit hervor zu heben, die er im Gegentheil ſehr bemuͤht geweſen war Buckingham verbergen zu helfen, zumal da deren Kenntniß damals, wo die Schweſter des Herzogs noch am Leben war, nur zu gewiß in den Plänen deſſelben eine Diverſion gemacht hätte. Richelieu war daher entſchloſſen, erſt dann den Herzog die Entdeckung machen zu laſſen, wenn er weit genug die Sache betrieben haben wuͤrde, um dann aus Stolz ſie fortſetzen und nothgedrungen ſelbſt die Hinder⸗ niſſe entfernen zu muͤſſen. Wenn jedoch der Herzog von Buckingham ſeinen Stolz darein ſetzte, als eine mäch⸗ tige diplomatiſche Perſon dazuſtehn, war ſein Karakter doch zu ſehr die Beute aller Leidenſchaften, um eine ſolche Stellung mit Conſequenz und Ueberlegenheit durch⸗ fuͤhren zu koͤnnen, und der Leichtfinn und der Ueber⸗ muth ſeines ganzen Weſens verſtrickte ihn oft zur ſel⸗ ben Zeit, wo er das ernſteſte Ziel verfolgen wollte, in tauſend Nebendinge, die es dem Zufall anheim gaben, was aus der Hauptſache werden ſollte. Daß deſſen ohngeachtet ihm ſo viel gelungen, ſtand er nicht an, ſeinen Talenten beizumeſſen, wie ſehr es auch nur ſeinen geſchickteren Emiſſären oder der Furcht vor ſeiner zuͤgelloſen Rachſucht zuzuſchreiben war. Auf gleiche Weiſe wußte er dieſer mit Frankreich an⸗ geknuͤpften Verbindung auch dies Mal eine Beimiſchung 271 einer Thorheit zu geben, die allein hinreichend war, uͤber ſeine Perſon die todtlichſten Gefahren zu bringen, und ihn vollig untauglich machen mußte, die Rolle des Unterhändlers, wonach ſein ganzer Ehrgeiz trachtete, weiter durchzufuͤhren. Anna von Oeſtreich, die Gemahlin Ludwigs des Drei⸗ zehnten, lebte an dem Hofe ihres Gemahls wie eine Verſtoßene. Dreizehn Jahre lang war eine der ſchoͤn⸗ ſten und geiſtvollſten Frauen, die jemals einen Thron geziert, der Gegenſtand eines unüberwindlichen Wider⸗ willens ihres Gemahls geweſen. Jung und von ſtolzer Gemuͤthsart, ertrug ſie ihr hartes Loos nur mit tief⸗ ſtem Verdruß, und wußte ihren Wandel nicht vor dem Vorwurf zu bewahren, daß ſie ihr Loos verdient habe. Wie konnte Buckingham einer Frau, deren ſonderbare Verhältniſſe kein Geheimniß waren, und deren bezau⸗ bernde Schönheit ihn augenblicklich zum Thoren machte, gegenuber ſtehen, ohne ſich jeden Verſuch zu erlauben, den die freche Zuͤgelloſigkeit eines verwoͤhnten Wuͤſtlings erſinnen mag, das Herz und Gewiſſen eines leidenſchaft⸗ lichen Weibes zu bethoͤren. Daß Richelieu auch dies kannte, war gewiß, da er jede Verbindung der ungluͤcklichen Koͤnigin wußte, ja, leitete; aber er hatte, durch die Launen des Herzogs be⸗ gunſtigt, hier einen Wächter gefunden, wie ihn Bucking⸗ 22 ham ſich nicht traͤumen ließ, und der ihn deßhalb um ſo ſicherer durchſchaute und umſtrickte. Mazarin, deſſen unſchoͤnes Aeußere jeden Verdacht der Art von ihm zu entfernen ſchien, hatte durch den langſamen Zauber der Gewoͤhnung, durch einen vielſeitig gebildeten Geiſt, durch ein ſanftes, von kleinen Launen und Eigenheiten pikant gemachtes Weſen, und vor Allem durch den dargelegten Ausdruck einer anbetenden ungluͤck⸗ lichen Leidenſchaft für die Koͤnigin, endlich das eitle und ſtolze Herz dieſer leidenſchaftlichen Frau erweicht. So ſtark gefeſſelt, und ſtets noch mehr ſie unterjochend durch ſeine ſcharfen und launenhaften Sonderbarkeiten, die zu ertragen er ſie gewoͤhnte, blieb er, wenn auch in Wahr⸗ heit mit italieniſcher Waͤrme ſich hingezogen fuͤhlend, doch ſtets Beherrſcher dieſer Empfindung, um ſie den Umſtänden und äußern Verhältniſſen unterzuordnen. So war ihm der mächtige Einfluß geſichert, der ihm aus dieſer Empfindung fuͤr die Zukunft erwuchs. Aber er beſaß, bei aller Ruhe, womit er unter den Augen und mit der Beiſtimmung Richelieus dieſe Verbindung zu ſeinen Abſichten zu lenken wußte, doch einen Grad von Eitelkeit, der ſich bei unſchoͤnen Maͤnnern um ſo heftiger zeigt, als ſie gezwungen ſind, dieſelbe eben um der ihnen verweigerten äußern Vorzuͤge willen zu ver⸗ bergen. Er fuͤhlte ſich innerlich unſäglich geſchmeichelt, 73 dieſer ſchonen geiſtreichen und hochfahrenden Koͤnigin eine Leidenſchaft eingefloßt zu haben, durch die ihr ganzer Karakter aus den Fugen trat und zum willenloſen Spiel ſeines Willens ward. Die Gefahr eines Verlu⸗ ſtes der ſo errungenen Gewalt fuͤr unmoͤglich zu hal⸗ ten, war vielleicht die groͤßte Täuſchung dieſes klaren Geiſtes, und es konnte nur der feinen Phantasmagorie ſeiner erwahnten Eitelkeit gelingen, ihn daruͤber ſicher zu ſtellen. Wie mußte er daher Buckingham anſehen, der, ohne in ihm ſeinen Gegner zu ahnen, ihn faſt uͤberrennend, mit der ruckſichtsloſeſten Zuverſichtlichkeit und dem gan⸗ zen Ungeſtuͤm des ſchoͤnen Mannes dem Ziele zuſtuͤrmte, welches er fuͤr einen Andern faſt nicht erreichbar waͤhnte. Noch war Buckinghams Beſuch zu kurz geweſen, noch trieb die zärtliche Frau, Mazarins Eiferſucht in ihrer tödtlichen Staͤrke ahnend, nur Spott mit ſeiner tollen Leidenſchaft; aber ſchon gefiel ſich ihre Eitelkeit in der Bewunderung des wegen ſeiner Schoͤnheit und Galan⸗ terie beruͤhmten Mannes. Mazarin ſah ſie mit ihm die kleinen Kuͤnſte treiben, die ihn freilich nur verfuͤhren ſollten, um ihn zu verſpotten, aber geweckt aus ſeiner wohlgefälligen Sicherheit, ließ er ſich nicht mehr täu⸗ ſchen, und fand ſich zum erſten Male durch das maͤch⸗ tigſte Gefuhl in ſeinen politiſchen Anſichten und Be⸗ 74 ſchluͤſſen geſtoͤrt. Richelieu durchſchaute ihn ſogleich und ertheilte ihm in der Stille nur noch eine bedingte Wirkſamkeit in den Angelegenheiten, welche die Hoͤfe von Frankreich und England nach Buckinghams Abſich⸗ ten naͤher verbinden ſollten. Doch war es Buckingham bei ſeiner Ruͤckkehr vor⸗ behalten, den Gegner zu erkennen und zugleich die an's Fabelhafte grenzende Leidenſchaft der Koͤnigin füͤr dieſen faſt haͤßlichen, ernſten und abgemeſſenen Sonderling. Seine Wuth daruber kam nur dem Verlangen gleich, dieſen ihm ſo unwuͤrdig ſcheinenden Guͤnſtling zu ſtuͤr⸗ zen, und die Eitelkeit der Koͤnigin unterſtutzte nur zu ſehr die Unternehmungen des wilden Mannes. Der Herzog verließ Frankreich mit dem Verſprechen, als oͤffentlicher Geſandter und Bewerber um die koͤnig⸗ liche Prinzeſſin wieder zu kehren, und ein Verhältniß alsdann fortzufuͤhren, welches der Leichtſinn der Koͤnigin ſchon jetzt beguͤnſtigte. So uͤbetmuͤthig er aber ſeine Abſichten betrieb, fuͤhlte er dennoch, daß ſeine Lage nicht ohne Schwierigkeiten ſein wuͤrde. Richelieu war ſtets ſein heimlicher Feind geweſen, ſtellte ſich ihm jetzt aber als von gleichem Intereſſe und den ſchmeichelhafteſten Geſinnungen belebt gegenuͤber. Wie wenig er indeß dem⸗ ſelben trauen durfte, zeigten die von der Koͤnigin em⸗ pfangenen Warnungen, die ihn zwangen, vorerſt ſchneller 75 abzureiſen, um unter einem offiziellen und ſeine Sicher⸗ heit ſanctionirenden Karakter wiederzukehren. Auch war dieſer ganze Vermählungsplan vorerſt Eigenthum ſeines Kopfes, womit er jedoch leicht fertig zu werden meinte, da er damit am ſicherſten Koͤnig Jakobs Schmerz uber die Zerſtorung ſeiner Pläne in Spanien zu beruhigen dachte. Auch durfte er bei der Schoͤnheit der Prinzeſſin Henriette die Einwilligung des Prinzen um ſo eher zu erhalten hoffen, als dieſer von der freiſinnigen Bildung dieſer Fürſtin keinen nachtheiligen Einfluß derſelben als Katholikin zu fuͤrchten hatte. Schon hatte Jakob, unfähig, dem halb zürnenden, halb ſchmeichelnden Buckingham zu widerſtehen, zu Allem ſeine Einwilligung gegeben, während die Bewunderung des Prinzen fuͤr die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur Zeit die ſeinige gleichfalls zu ſichern ſchien; ge⸗ nug, der erſehnte Augenblick war nah, der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers fuͤr ſeinen Prinzen an den Hof zuruͤckrief, wo er hoffen durfte, unter dieſer äußern Beſtimmung die geheimen Wüͤnſche und Abſich⸗ ten ſeines ſittenloſen Herzens zu verfolgen. Wie mußte er daher die Hinderniſſe aufnehmen, die ſich ihm durch die Mittheilungen des Prinzen einzuleiten ſchienen, und wie die Ankunft des verhaßten Mazarin, der ſich nie ohne wichtige Abſichten einzufuͤhren pflegte, und den er 76 in ſo vielen Beziehungen zu fuͤrchten hatte. Aber Hin⸗ derniſſe ſind fuͤr intriguante Menſchen nur ein erhoͤh⸗ tes Lebensprincip, durch ſie wird dem Verlangen, ihre Abſichten zu erreichen, noch die beſondere Freude, ihre Gegner zu demuͤthigen, beigeſellt. Wir verlaſſen einſtweilen dieſen Schauplatz der Leidenſchaften, uns mit den Andeutungen begnugend, deren weitere Entwickelung dem Verfolg unſerer Mit⸗ theilungen vorbehalten bleibt. In Burton⸗Hall hatte ſich außer dem Familien⸗ kreiſe des Grafen von Dorſet eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft von juͤngern und altern Perſonen aus der Nach⸗ barſchaft geſammelt, welche das gaſtfreie Schloß der allgemein verehrten alten Herzogin in ſeiner weiten Aus⸗ dehnung anfuͤllte, und das heitere Leben eines fortlau⸗ fenden Feſtes darin verbreitete. Die ſchoͤnen Tage des Herbſtes und die großen wildreichen Forſten, die Burton⸗Hall umzogen, waren eine reiche Quelle von Vergnügungen fuͤr die Herren der Geſellſchaft, und ſelbſt die Damen verſchmähten in der damaligen Zeit keinesweges, dieſen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer perfoͤnlichen Thätigkeit beizuwohnen. 72 Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfa⸗ chem Intereſſe, da in Gegenwart ſchoͤner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt, als mit dem erſten ſichern Schuſſe den zierlich dahin fliegenden Hirſch oder den wüthend hervorbrechenden Keiler zu erlegen, und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen durfte, ſuchte man doch mit gehoͤriger Kraft und Anmuth Pferd und Waffe dabei zu regieren, ein andres Ziel noch außer dieſem im Sinne tragend. Denn wo die Schoͤnheit der Frauen in der Bruſt des Mannes ein erhoͤhtes Le⸗ ben verbreitet, da freut er ſich, ein ſtolzes, wildes Pferd zu beſteigen, das von ſeiner Kraft und ſeinem Muthe ſich bäͤndigen laſſen muß, und ſein Herz jauchzt der kleinen Gefahr, wenn er im ſchlauen Aufblick das holde Antlitz der aͤngſtlich Lauſchenden ſich entfaͤrben ſieht, oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entſchwebt. Doch war ſo leichter Ruhm in jener Zeit, in wel⸗ cher wir mit unſerer Geſellſchaft uns befinden, nicht wohl zu gewinnen, denn muthig, gewandt und mit mancher Gefahr des froͤhlichen Waidwerks vertraut, waren auch die engliſchen Damen damals gewohnt, zu Roſſe ſich luſtig zu tummeln, und es galt die volle An⸗ ſtrengung der zärtlichen Kavaliere, durch ihre Thaten Beifall oder Antheil zu erregen. 28 Dieſe Freuden, welche Burton⸗Hall ſo ſchoͤn be⸗ guͤnſtigte, wurden durch den reich begabten See, der gegen Suͤden, zunaͤchſt dem kleinen Flecken Burton, den Park begrenzte, anmuthig vervielfacht, und nach dem Umherſchwarmen im Freien luden die Hallen und Gemächer des Fuͤrſtlichen Hauſes zu anmuthigen Spie⸗ len und Taͤnzen fuͤr die Jugend, waͤhrend die älteren Männer und Frauen in den angrenzenden Gemaͤchern um die alte Herzogin in traulich ernſtem Geſpräch ver⸗ ſammelt blieben. Noch immer beobachtete die jungere Herzogin von Nottingham in dieſem Kreiſe die ernſte, verſchloſſene Haltung der trauernden Wittwe. Sie ſuchte zwar ver⸗ moͤge der feinen Weiſe ihrer Erziehung die Heiterkeit um ſie her nicht zu ſtoͤren, und wußte ſtets mit voll⸗ kommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren, verklaͤrten Aeltermutter ihr eigenes Gefühl einer anſtän⸗ digen Willfährigkeit unterzuordnen. Aber ſie konnte nicht wohl irgendwo erſcheinen, ohne den Einfluß ihres Karakters ſelbſt gegen ihren Willen um ſich zu verbrei⸗ ten, und Jeder glaubte eine Anforderung zur Beherr⸗ ſchung ſeiner eigentlichen Stimmung in ihren kalten, ſtrengen Augen zu leſen. Wenn die Jugend ſich hiervon ausgenommen zeigte, ſo war es die Unbefangenheit und die geringere Wahr⸗ 79 nehmung fremder Individualitäten, die dieſem gluckli⸗ chen Alter noch eigen iſt, auch wohl die natuͤrliche Entfernung, in der Alter und Rang die Herzogin hielt, und welche zu verringern, ſie weder die Neigung, noch das Geſchick ihrer liebenswurdigen Schwiegermutter be⸗ ſaß. Zwar vermißte ſie die Abweſenheit ihrer beiden Soͤhne in dieſem Zirkel, der ſonſt alle die einander be⸗ freundeten jungen Leute umſchloß, mit mehr Schmerz, als ſie ſich eingeſtehen wollte. Die Erweichung indeß, welche der große Gram um den Tod ihres Gemahls, und die folgenden uns bereits bekannten Umſtaͤnde in ihr hervorzurufen vermochten, war dieſem Gemuͤthe ein zu fremder Zuſtand, als daß mit der anſcheinenden Entfernung dieſer letzten, ihr bereits ſo nah geruͤckten Sorgen nicht die ſtolze Sicherheit wiedergekehrt waͤre. In der langen Verwoͤhnung des Gluͤcks war ſie ihr zu ſehr eigen geworden, ja, es mochte Augenblicke geben, in denen ſie das ruckſichtsloſe Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und voll Erſtaunen des Zuſtandes gedachte, der ſie an ihrer eigenen Kraft hatte verzagen laſſen. Sie ſuchte ſich mit ihrem Stolze, mit dem unlaͤugbar untergrabenen Zuſtand ihrer Geſundheit zu entſchuldigen, und in einem vollig entſchloſſenen und kuhlen Benehmen ſich ſelbſt der ferneren Theilnahme ihrer Schwiegermutter zu entziehn. Wie ſchonend und 80 wahrhaft gütig dieſe edle Frau auch dies Vertrauen aufgenommen hatte, ſo nahm doch keine Gewalt der Herzogin das verletzende Gefuͤhl, vor ihr als eine un⸗ geliebt geweſene Gattin dazuſtehn, die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbeſeſſenen Gatten zu er⸗ ringen gewußt. Auch laſtete die Gegenwart des We⸗ ſens, dem ſie eine ſo wichtige Beziehung geben zu muͤſ⸗ ſen glaubte, auf ihr, und hinderte nicht allein fuͤr den Augenblick das Vergeſſen dieſer ſchmerzlichen Stunden, ſondern hielt ſtets eine nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Buſen feſt. Gewiß war die ſtrenge Rechtlichkeit, welche dieſen Karakter auszeichnete, nothig, das bittere Gefuhl, wel⸗ ches ſich gegen die junge Lady in ihr regte, ſo weit zu beherrſchen, daß ſie das huͤlfloſe Weſen nicht zu entfer⸗ nen ſuchte und ihr eine Erxiſtenz geben ließ, den An⸗ ſprüchen gemäßer, die alle äußern Umſtände ihr anzu⸗ weiſen ſchienen. Der Biſchof von Edinburg hatte ſchon längſt die Ab⸗ weſenheit des Maſter Brirton angezeigt, welcher ſich mit beſonderen Aufträgen der ſchottiſchen Kirche ſeit längerer Zeit in London befand, dieſer Antwort jedoch die beſtimmte Erklärung hinzugefugt, daß der Graf und die Gräfin von Melville kinderlos verſtorben, und ihre weitlaͤuftigen 81 Beſitzungen in Schottland an eine entfernte Linie gefal⸗ len ſeien, die Verfügung uͤber ihre kleinere Beſitzung an der Grenze von Schottland befinde ſich indeß zu ei⸗ ner noch unbekannten Beſtimmung unter Adminiſtration des Staates; welches alles, nächſt den veranlaßten kirchlichen Nachweiſungen, uͤberall das Daſein eines natuͤrlichen Erben zu verneinen ſchien. So waren Ma⸗ ria's Anſpruche, dieſen Erklärungen zufolge, vorlaͤufig in ein troſtloſes Nichts zerfallen, und der Herzogin ein vollſtändiges Recht gegeben, eine junge Perſon, uͤber deren ganzer Exiſtenz ſo viel Dunkel ruhte, mindeſtens aus dem Kreiſe ihrer Familie zu entfernen. Das Ge⸗ gentheil mußte als eine faſt zu weit getriebene Groß⸗ muth erſcheinen; auch fuͤrchtete die Herzogin, dieſe Handlungsweiſe mochte ſich tadeln laſſen und der ſtreng behaupteten ariſtokratiſchen Wuͤrde ihres Hauſes nicht angemeſſen erſcheinen. Aber wenn ſie auch, ſo von äußeren Umſtänden unterſtuͤtzt, unter dem Gedanken aufathmete, ſie koͤnne wohl dieſe ſo ſchmerzlich ſtoͤrende Perſon in eine anſtändige Zuruͤckgezogenheit von ſich und ihrer Familie verbannen, dann traten wieder die geheimen, aber von ihr ſelbſt zugeſtandenen Rechte die⸗ ſer Ungluͤcklichen vor ihre Seele, und das Bild deſſen, dem ſie im Leben aus unbegrenzter Liebe ſo viel ver⸗ geben, ſchwebte ihrem Geiſte vor und unterſtuͤtzte den Godwie⸗Caſtle II. 6 82 rechtlichen Muth, der in ihr ſo oft die Regungen der Leidenſchaft beſiegte. Nach ſolchen Siegen konnte ſie ſogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit jenen erſten Regungen von Ge⸗ füͤhl ertragen, die jene ihr abzugewinnen gewußt hatte; ja, es lag, ihr vielleicht unbewußt, in dieſer milderen Faſſung noch jetzt ein mit dem Todten fortgeſetzter Kampf um das Verdienſt ſeiner alleinigen Liebe. Sie hatte vor⸗ läufig ihrem Schuͤtzlinge ohne weitere Beſchränkung den Platz gelaſſen, auf den ein von der Natur verliehenes Recht ſie anzuweiſen ſchien; und wie auch die ſtärkſten Geiſter in ihrer eigenmächtigen Schickſalsfuͤhrung an Grenzen gerathen, die ſie eine außer ſich wirkende Macht anerkennen laſſen, ſo fuͤhlte die Herzogin auch hier ſich an einer Grenze, jenſeits welcher ihr Geiſt keine Hal⸗ tungskraft mehr fand. Sich ſo haͤufig von dieſem Ge⸗ genſtande ermuͤdet fuͤhlend, kam ſie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung, dem Zufall ſeinen Antheil an dieſer Begebenheit zu goͤnnen, während ſie ſonſt ſtets ſich geſchickt geglaubt hatte, ſeine Darbietun⸗ gen zu leiten und zu benutzen. Es war ihrem geliebten Richmond gelungen, den jungen Herzog von der Unzulaſſigkeit ſeiner Verbindung mit dem unbekannten Weſen zu uͤberzeugen, welche wohl ſeine menſchliche Guͤte in Anſpruch nehmen, ihn aber 83 nie von einer ſo weit gediehenen und mit ſeiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen duͤrfte, wie ſeine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorſet war. Gluͤcklich hatte auch die wohl uͤberlegte, ſchnelle und heimliche Abreiſe der alten Ladh mitgewirkt, welche den Gegenſtand dieſer ungluͤcklichen Leidenſchaft mit ſich fuhrte, ohne daß dem Herzoge Zeit zum Abſchiede ge⸗ blieben wäre; denn Richmond ſelbſt hatte, ihren Anblick vermeidend, ſich zum beſtändigen Begleiter ſeines troſt⸗ loſen Bruders gemacht und ihn ſo am beſten von jeder neuen Erſchuͤtterung abzuhalten gewußt. Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an unſerem Leben verſuchen mag, die eigentliche Weihe zum Schmerz empfaͤngt das arme Herz erſt in dem Kummer hoffnungsloſer Liebe! Der bunte Teppich des Lebens entfaͤrbt ſich, die Schwer⸗ muth ruht wie ein großer, mächtiger Vogel mit ausge⸗ breiteten Flugeln auf unſerer Stirn. Unter ſeinem Drucke ſcheint unſer Geiſt zu ſchwinden, und die Klarheit des Himmels verhuͤllt ſich in ſeinem weichen Fluͤgelſchlag. Je wunderbarer die Erhoͤhung des ganzen Daſeins durch eine wahrhafte Liebe wird, und die Kraft und den Muth der Jugend zu den idealſten Beſtrebungen reift, deſto tie⸗ fer greift alsdann das Abſterben dieſes Antriebes in das innerſte Leben ein. Wir begreifen nicht, wie wir weiter 6* 84 teben können, und was uberhaupt noch in der Welt fuͤr uns zu thun ſein könnte, und es iſt ein dürrer, oͤder Pfad, der von da an uns zu wandeln angewieſen wird, und der nur langſam endlich in die breiten, heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt. In dieſer Stimmung folgte der junge Herzog ſei⸗ nem Bruder und dem Grafen Archimbald nach London, wohin dieſe ſich eilig zu begeben hatten, da die Lage des Grafen von Briſtol in Spanien in Thätigkeit ſei⸗ ner Verwandten in England allerdings noͤthig zu ma⸗ chen ſchien. Es war kein Geheimniß mehr, daß Buckinghams Wille die wohl eingeleitete Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte. Keinen Zweifel hatten die Freunde des Grafen Briſtol, daß dies haupt⸗ ſäͤchlich zu ſeiner Krankung geſchah, und eben ſo wenig zweifelten ſie an den weiteren Schritten des durch Bri⸗ ſtols Tugenden beleidigten Buckingham. Noch war Spanien nicht geſonnen, um der Privat⸗ Sache dieſer engliſchen Lords willen die Beleidigung we⸗ niger zu empfinden, die, nach dem auffallenden Schritt des Prinzen von Wales, eine allzu große Kränkung für die Infantin war, um nicht eine ernſte und drohende Stellung dort zu rechtfertigen. Schon waren gegenſeitige Demonſtrationen erfolgt, die Briſtols Weisheit nicht —,——,— 85 mehr hoffen durfte gegen den perſoͤnlich beleidigten Her⸗ zog von Olivarez zu friedlicher Ausgleichung zu bringen. Doch mit Schmerz mußte er gewahren, daß ihm dies unverſchuldete Unvermoͤgen durch Buckinghams Einfluß zum Verbrechen gemacht wurde, und er den Ausbruch eines Krieges, deſſen Wahrſcheinlichkeit vor Augen lag, nit ſeiner Zuruͤckberufung und Anklage wuͤrde bezahlen muͤſſen, von deren Ausgang er unter den obwaltenden Umſtänden wenig zu hoffen hatte. Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham bis dahin noch ein Geheim⸗ niß, und die politiſchen Beziehungen, die durch die Auf⸗ loſung der Verbindung beider Hoͤfe ganz England be⸗ ſchaͤftigten, motivirten auch die Gegenwart ihrer Ver⸗ wandten in London hinreichend, und waren ihr in einem Augenblick willkommen, wo es ihr um die Entfernung und Zerſtreuung des jungen Herzogs zu thun war, die nicht füglicher, als im Intereſſe fuͤr den geliebten Prin⸗ zen von Wales, zu erreichen ſtanden. Sie war daher ͤberraſcht, in einem ſpätern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden, da ſie ihn faſt lieber in der Nähe ſeines Bruders gewußt hätte, obwohl ihr der Gemuthszuſtand des letzten als gemaͤßigt und ergeben geſchildert ward. Der Schlag war indeſſen geſchehen. Briſtol war zuruͤck gerufen, und Richmond war nur von ſeinen An⸗ verwandten beſtimmt, im Fall die Nachricht ſich ver⸗ breitete, die ungluͤckliche Tochter auf das vorzubereiten, was alsdann nicht ganz mehr zu verhehlen war. Es war um eine ſpaͤtere Stunde des Nachmittags, als Lord Richmond mit ſeinem Gefolge ſich dem Schloſſe der geliebten Großmutter nahte. Das bluͤhende Kuͤſtenland, das er den letzten Tag durchzogen, die Schoͤnheit der Gegend, in der er ſich eben befand, und woran ſich ſo theure Erinnerungen ſeiner Jugend knuͤpften, endlich der Anblick des Schloſſes ſelbſt, das von den hoͤchſten Zinnen ſeines altväterlichen Baues bis in die kleinſten Winkel ſeiner innern Raͤume die heiteren Bilder einer gluͤcklichen Kindheit ihm darbot, Alles wirkte vereint, ſein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnſucht zu erfuͤllen, womit wir einem gewiſſen Gluͤck entgegen eilen. In froͤhlicher Haſt ver⸗ ſuchte er die Schnelligkeit ſeines Roſſes, welches, gleich ſeinem Herrn die behagliche Stelle ahnend, ihn im fluͤch⸗ tigen Lauf vor die Thore des Schloſſes trug. Ein eisgrauer Pfoͤrtner ruhte an dem geoͤffneten Ein⸗ gange und ließ ſich von den roͤthlichen Strahlen der 87* herbſtlichen Sonne beſcheinen. Ein Bild des tiefen Frie⸗ dens, der hier zu walten ſchien, ſtatt der Thore und Fallgatter und geſchickten Bogenſchutzen, die fruͤher in dem Haushalte eines mächtigen Herrn nicht fehlen durf⸗ ten, um den Eingang zu behuͤten. Doch alsbald weckte den friedlich Träumenden der Hufſchlag der Roſſe, und luſtig ſchwenkte er ſein Muͤtzchen, als er in dem Nahen⸗ den den Enkel ſeiner geliebten Herrin erkannte, der ſtets jedem Diener ein willkommener Gaſt war, von welchem jeder ſeinen Antheil freundlicher Worte und Blicke ge⸗ wiß hatte. Geſchäftig eilte er alsdann ihm in den in⸗ nern Hof voran, ſeine Ankunft laut verkuͤndend. Hier war das bunte, heitere Leben der Geſelligkeit auch unter den Dienern der Gäͤſte, welche das Schloß erfullten, verbreitet, und die noch theilweis gedeckten Tiſche, die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame. Die neuen Gäſte erhoͤh⸗ ten nur die allgemeine Freude, und Richmond draͤngte ſich, langſam und freundlich die herzlichen Begruͤßungen erwidernd, bis zu der großen Halle hin, in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerthen Maſter Lovelace bewill⸗ kommt ward, der, in das Innere des Schloſſes ihn fuhrend, fuͤr die Meldung ſeiner Ankunft ſich kurzen Verzug erbat, weil die beiden Herzoginnen ſich fuͤr muͤdung nachgebend. Richmond ließ ſich von dem verlegenen Diener, der faſt in Verſuchung gerathen waͤre, das Gebot bei einer ſolchen Veranlaſſung zu umgehen, ſeine Zimmer anwei⸗ ſen, und ermahnte ihn, die beſtimmte Zeit der Ruhe fuͤr beide Damen nicht zu unterbrechen. Bald hatte er dann ſeine Reiſekleider abgeworfen, und eilte nun, mit ſteigendem Vergnuͤgen, in einem Gange durch die wohlbekannten Raͤume des alten Wohn⸗ ſitzes, ganz in der Stille das Feſt der Erinnerung zu feiern. Die Stunde des Tages war ihm guͤnſtig, die Geſellſchaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt, um das ſchoͤne Wetter zu genießen, und Lord Richmond konnte ſicher ſein, den Theil des Schloſſes, wohin ſein Herz mit kindlicher Luſt ſich ſehnte, zu erreichen, ohne vor dem Beſuch bei den Herzoginnen mit den andern Be⸗ wohnern zuſammenzutreffen. Die Zimmer, die er zu beſuchen wuͤnſchte, ſtießen zunaͤchſt an die Wohnung der alten Herzogin, und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie, die eine zahlloſe Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hauſe Nottingham und den nach und nach damit verbundenen Häuſern, welche die Frauen zu dieſem beruͤhmten Geſchlecht geliefert hat⸗ ten, enthielt. In dem Alter ihres Daſeins ſtellten ſie einige Stunden zuruͤckgezogen hatten, einer kleinen Er⸗ ———— xꝛ 89 außer dem Stammbaum ihres ſtolzen Hauſes auch noch die ſtufenweiſe Entwickelung der Kunſt dar, wo hier von den naiveſten Verſuchen einer duͤrren Angabe von Kopf und Haͤnden bis zu den entzuͤckenden Schoͤpfun⸗ gen eines Holbein und van Dhk die Uebergänge zu fin⸗ den waren. Zu dieſen Studien hatte Richmond offen⸗ bar keine Andacht mitgebracht, denn er ſchlich eilig an ihnen hin, als fürchte er ihre Anſpruͤche an ſeine Theil⸗ nahme, und ſchnell ſehen wir ihn in einer Hauptthuͤr verſchwinden, die nach der Frontſeite des Schloſſes fuhrte. Er ſtand jetzt einſam und ſeinen Gefuͤhlen uͤber⸗ laſſen in dem großen Gemach mit purpurrothen Sammet⸗ tapeten, das in ſeiner ſtillen Pracht und hergebrachten Ordnung ſich behauptete, trotz der Jahre, die uͤber ihm hingegangen. Die Fenſter waren große Thuͤren, durch deren helle Scheiben ein klares Licht einfiel, und die zugleich einen Ausblick gewährten auf einen breiten, an mehreren Zimmern hinlaufenden Altan. Ein ſtei⸗ nernes Gelaͤnder umzog dieſen luftigen Raum und zeigte in regelmäßiger Entfernung ſchlanke Strebepfeiler, . welche einen leichten Ueberbau, mit reicher Stuckatur verſehen, trugen, der den Altan deckte, und ihn zu ei⸗ nem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas geſicherten Saal machte, deſſen angenehm ——————— 90 geſchutzte Lage ihn zum Lieblingsaufenthalte fur die Morgen⸗ und Abendſtunden der alten Herzogin be⸗ ſtimmt hatte. Die tiefe Stille, die hier herrſchte und nur durch den Geſang der Voͤgel unterbrochen ward, welche in den dichten Laubgebuͤſchen unter dem Altan niſteten, machte ihn zu einem Aſyl der Heimlichkeit und Ruhe. Doch beherrſchte der Blick, weit uͤber dieſe Waldeinſamkeit hinaus, das Land in großartigen Maſſen, mit dem glän⸗ zenden Bande des breiten Stromes und den ſchoͤnen Berglinien des ferneren Hochlandes, ein weites und ge⸗ räuſchvolles Bild des Lebens entfaltend, deſſen Einwir⸗ kung an der gruͤnen Oaſe dieſes friedlichen Ruhepunktes zu enden ſchien. Hierhin ſehnte ſich Richmond, hier wollte er wieder der ſuͤßen Zwieſprache lauſchen, die er als Knabe mit ſeiner Sehnſucht und ſeinen Traumen gehalten. Dieſe Raͤume ſchienen fuͤr ihn geweiht durch das Andenken an entſcheidende innere Entwickelungsmomente. Hier hatte er Stundenlang in ungeſtorter Einſamkeit geweilt, um unermuͤdet in die Ferne zu blicken und ihrem unbe⸗ ſtimmten Nebelgrunde die warmen, farbenreichen Bilder ſeiner Phantaſie einzuprägen. Hier war der Augen⸗ blick ihm eingetreten, der uns zum Selbſtbewußtſein weckt und uns dem Leben als abgeſondert gegen⸗ — ,———— ———— —— 91 uͤber ſtellt. Wer kennt die Stelle, wo dies Wunder ihm offenbart ward, und betrachtet ſie nicht als Heilig⸗ thum, geweiht fuͤr alle Zeiten? Zum Manne gereift, durch fruͤh erlangte innere Muͤndigkeit den Jahren weit vorangeeilt, ſah er ſich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle, als ob ſeit dieſen Jahren kaum eine Nacht verfloſſen; ſo hatte hier die Zeit am wohlgegruͤndeten Beſitz ihr Recht ver⸗ loren. Vor Allem aber blickte er faſt zärtlich auf den hohen, breiten Lehnſtuhl der theuern Großmutter, der mit ſeiner hohen Lehne weit uber den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug ſchuͤtzte. Auf dem Boden und auf dem Rande des ſteiner⸗ nen Gelaͤnders lag zerſtreutes Vogelfutter, die kleinen Gäſte aus dem Park zu locken, die, ihre Wohlthäterin ſchon kennend, in ganzen Schaaren zu ihren Fußen den Bedarf ſich ſammelten. Daneben ſtand das kleine al⸗ terthuͤmliche Tiſchchen mit dem Ebenholzkaͤſtchen, worein ſie Seide zupfte. Alles deutete auf kurzlichen Gebrauch, und daß dies Plätzchen noch immer in ſeinem vollen Rechte bei der Beſitzerin ſtand. Eine bunte Gedankenreihe war es, die auf dieſer Stelle an dem jungen Manne in ſehr abwechſelnden Er⸗ ſcheinungen voruͤber zog. Der weiche Ausdruck kindlicher Hingebung in ſeinem ſchoͤnen Antlitz ging langſam in ——————— 92 jene feſte, ernſte Miene uͤber, womit wir im gluͤcklichſten Falle dem Leben die Kenntniß ſeiner Ergebniſſe bezahlen, und als er den langen Blick aus der Ferne zuruͤckzog, brachen ſich die feſten Lippen in einem Hauche, einem Seufzer aͤhnlich, und ſein Auge blickte feucht. Von Stimmen aufgeſchreckt, die aus dem eben verlaſſenen Zimmer zu ihm drangen, eilte er ſchnell in das daneben liegende Kabinet, das nachſte Ziel ſeiner Wanderung. Hier hingen Bildniſſe, welche die alte Lady zu ihren koſtbarſten Beſitzthuͤmern zählte. Sie wa⸗ ren theils Geſchenke, die ihr Gemahl der hohen Gunſt ſeiner Souveraine verdankte, theils von ihm ſelbſt um hohe Preiſe von den erſten Kuͤnſtlern erworben, und Abbildungen der bedeutendſten Perſonen aus der koͤnig⸗ lichen Familie von England. Dieſe ſchoͤnen Bilder hatten auf den jungen Rich⸗ mond ſtets einen Zauber ausgeuͤbt, der zuſammentraf mit ſeinem lebhaften Intereſſe fuͤr die Geſchichte ſeines Vaterlandes, und am liebſten vor ihren ausdrucksvollen Zuͤgen rief er ſich zuruͤck, was von ihrem Leben ſchon abgeſchloſſen in dem Spiegel der Geſchichte aufgefaßt erſchien. Das ganze Zimmer war von feiner, ſorgfaͤltiger Ein⸗ richtung, daß es mit ſeinen hell polirten Wänden und Fußboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem Schmuckkäſtchen glich, wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten Cedernholzes kam, und ei⸗ nige bequeme Seſſel von purpurfarbnem Sammet, die in ſtets unverruͤckter Ordnung ſeit einem halben Säku⸗ lum voll Ehrfurcht die gewählten Gaͤſte zu erwarten ſchienen, die ſich einer ſo hohen Verſammlung zu naͤhern wagen wuͤrden. Auch war Richmond faſt der einzige unter ſeinen Geſchwiſtern, dem als Kind erlaubt gewe⸗ ſen war, allein hier einzutreten, und er fuͤhlte ſich ſelbſt heute noch mit ſcheuer Freude erfuͤllt, als er die ſchoͤn gefugte Thuͤr aufdruckte, durch deren große Scheiben das Licht in vollem Glanze dieſe Bilder zeigte. Er lauſchte dem eigenthuͤmlichen Laute, womit die glatten Angeln der Thür ſich ſtets zu drehen pflegten, und der ihn auch jetzt ſogleich begrußte, ihn einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemein⸗ ſchaft mit den lebensvollen Geſtalten des vergangenen Jahrhunderts einfuͤhrte. Er blieb am Eingange ſtehen, den Raum gleich⸗ ſam befragend, ob er derſelbe ſei, und mußte bald ſich eingeſtehen, verändert ſei nur er, um ihn dagegen ſei Alles in unerſchuͤtterlicher Ordnung geblieben. Er ſah ſie noch alle vor ſich, die großen Gefaͤhrten ſeiner da⸗ maligen Einſamkeit; ſie blickten aus ihren breiten gol⸗ denen Rahmen noch mit denſelben Blicken nieder und ————————— ——— 94 ſchienen noch jetzt zufrieden, in ſo vollkommener Ab⸗ bildung der Nachwelt uͤberliefert zu ſein. Doch an⸗ ders war der Antheil geſtellt, womit der Mann die Anſpruͤche, die ihnen in Wahrheit zuſtanden, abwog, zuerkannte oder verweigerte; und wenn er von manchen ihrer Suͤnden ſich mit Verachtung wegwandte, hatte er dagegen nicht minder fuͤr ihre Herrſchertugenden und das durch ſie bewirkte Gute ein vaterländiſch aner⸗ kennend Herz. Er wandte ſich, wie abſichtlich, von dem ihm zunächſt befindlichen Bilde und eilte dem entgegen, das, als die Krone aller, der Thuͤr gegenuͤber die Haupt⸗ wand einnahm. Es war das Bild der Koͤnigin Eliſabeth, ihr Pa⸗ thengeſchenk bei der Geburt des letztverſtorbenen Her⸗ zogs, von einer unbekannten Meiſterhand im vollſten Zauber von Farbe und Licht dargeſtellt. Die ſtolze Frau liebte auf ihrer unbeſtrittenen Soͤhe, zur fruͤhern Ungunſt des Geſchickes ſich zuruͤck verſetzt zu ſehen, und Woovſtock, wo ſie in philoſophi⸗ ſcher Zuruͤckgezogenheit und Verbannung den Wiſſen⸗ ſchaften lebte, blieb wohl zu allen ihren Bildern der ſelbſtgewaͤhlte Hintergrund. Auch hier gewahrte man das kleine feſte Schloß, von deſſen Terraſſen ſich ein breiter Weg bis zu dem ſchoͤnen Eichbaume hinzog, W 95 unter deſſen Schatten ſie einſt die Geſandten Englands empfing, die ſie auf den Thron ihrer Vaͤter riefen. Sie ſelbſt ſaß auf dieſem Vilde vor einem violetten Vorhange, der an der rechten Seite aufgezogen, die erwähnte Gegend zeigte. Ihre Phhſiognomie trug den lebhaften und geiſtreichen Ausdruck, der ihren großen und männlichen Geſichtsformen ein wahrhaft koͤnigliches Anſehen gab, und, in Betracht ihrer hohen Beſtim⸗ mung, jeden Anſpruch auf weibliche Schoͤnheit leicht aufgeben ließ. Ihr reiches Kleid von Sitterſtuf war mit einem Latz von Perlen und Juwelen um ihren vollen Koͤrper in der freien Mode damaliger Zeit ſo geordnet, daß ihre ſchonen Schultern unverhuͤllt und von dem hohen Spitz⸗ kragen zart umſaͤumt erſchienen. Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet; ihr glänzendes rothliches Haar war frei empor gekaͤmmt und zeigte die große, runde Stirn mit den hochgewoͤlbten Augenbrauen. Auf der Mitte des Kopfes nach hinten uͤber ſaß eine brillantene Krone, und die Fuͤlle von Locken, die ihr reiches Haar zuließ, ſiel von da, wie es ſcheinen ſollte, in leichter Nachläſſigkeit von beiden Seiten nieder. Die Lippen waren wie zu einer redneriſchen Bewegung geoffnet, und die rechte Hand, von großer Schoͤnheit, hielt in — ———— 96 ihrem Schvoße die Oden des Soraz. Etwas zur Lin⸗ ken zeigte ſich auf einer Terme die Buͤſte des Plato und darunter, aus dem Bilde ſchon herausgehend, ſo daß man nur einen Theil eines Tabourets gewahrte, ſah man den königlichen Hermelin, auf den Eliſabeth ſo eben, wie der Horaz in ihrer Hand andeutete, den Muſen huldigend, mit ihrer linken Hand den Zepter niederlegte. Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in ſei⸗ nen Beiwerken ſein mochte, es war dem Kuͤnſtler doch vollkommen gelungen, ſie ſammtlich der mächtigen Per⸗ ſoͤnlichkeit der koͤniglichen Frau unterzuordnen. Dieſer kuhne, üͤberzeugte Blick, dieſe ſtolz gehobe⸗ nen Lippen kuͤndigten vollkommen ſie als diejenige an, die Sirtus der Fuͤnfte nächſt ſich ſelbſt und Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbſtherrſchern rech⸗ nete, und gewiß mußte vor ihrem Bilde ein Jeder in ſeinen Ausruf einſtimmen: Un grand cervello di principessa! Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters, Heinrich des Achten, von ſeinem Liebling Holbein mit aller Kunſt und Sorgfalt dieſes großen Meiſters aus⸗ gefuͤhrt. Er war zur Zeit der Vermaäͤhlung ſeiner Schweſter mit Ludwig dem Zwoͤlften bei dem Hoflager zu Calais gemalt, zur ſchoͤnſten Zeit ſeines männlichen 92 Alters und in dem vollen Glanze des damals uner⸗ meßlichen Kleideraufwandes. Er ſaß zuruͤckgekehrt in einem thronartigen Seſ⸗ ſel, einen kleinen mit Juwelen beſetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zuruͤckgeſchoben auf dem hohen Kopfe; die eine Hand uͤber die auf ei⸗ nem Tiſche ſeitwärts ſtehende Krone gelegt, hielt er in der andern ſeine eigne Ueberſetzung des Neuen Te⸗ ſtaments. Sein Geſicht ſchaute halb lächelnd grade aus. Es lag mehr Hohn und Triumph, als Freude oder Heiter⸗ keit darin, und dem Beobachter mußte leicht der Ueber⸗ gang zu finden ſein von dieſen noch jugendlich uͤber⸗ woͤlbten Zuͤgen zu dem wilden Gepräge des ſpäter ſo blutduͤrſtigen Thrannen. Ihm gegenuͤber hingen die Bilder ſeiner beiden Kinder, Eduard des Sechſten und deſſen grauſamer Schweſter, der nachherigen Koͤnigin Maria. Koͤnig Eduard war als Knabe abgebildet, er hatte ſeinen Lieblingshund, ein großes weißes Windſpiel, mit dem rechten Arme unfaßt und ſchien die zarte, ſchwan⸗ kende Geſtalt an ihm zu ſtuͤtzen. Seine dichten brau⸗ nen Locken hingen ſchlicht um das bleiche, kranke Ant⸗ litz, und die großen dunkeln Augen blickten aus dem waſſerblauen Grunde mit einer Wehmuth, W wollten Godwie⸗Caſtle 1I. 98 ſie im Voraus das truͤbe Lvos des kunftigen ſchwachen Koͤnigs beklagen. Weit hinter ihm in der gothiſchen Halle, die den Raum des Bildes fullte, lagen auf einem kleinen Pol⸗ ſter die Inſignien der ihn nſt ſo druͤckenden koͤnig⸗ lichen Wuͤrde. Schmerzliches Loos! l Richmond, wenn die Natur im Widerſpruche mit dem Berufe, den uns der Himmel durch die Geburt zu uͤberweiſen ſcheint, die Mittel uns verſagt, ihn zu erfuͤllen; und beſſer doch Dein truͤbes, ſchwaches Walten in Kraftermange⸗ lung, als jener Mißbrauch empfangener Gewalt, um die Hoͤllengeiſter Deines Innern in's Leben zu rufen. Wer wuͤrde Dein Lvos nicht preiſen vor dem Deiner Schweſter! Sie war in ihrem acht und dreißigſten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp dem Zweiten von Spa⸗ nien gemalt. Der Hintergrund des Bildes, vielleicht durch Zufall von einem ſchlicht niederfallenden blut⸗ rothen Vorhange bedeckt, erhoͤhte wunderbar den grauen⸗ haften Eindruck, den das Ganze machte. Denn wer konnte das Bild dieſer blutdürſtigen Frau erblicken, ohne zu denken, ſie tauche aus den Bächen von Blut auf, welche ſie mit Freuden um des Glaubens willen ſtro⸗ men ließ. Sie ſaß auf einem Stuhle, auf deſſen ho⸗ her Lehne links das Wappen Spaniens, rechts das von England thronte. Nach der bigotten Weiſe ihres Le⸗ bens war ſie in das ſchwarze Gewand einer Karmeli⸗ terin gekleidet, doch uͤber der verhuͤllten Stirn war die kleine brillantene Koͤnigskrone befeſtigt, uber der wieder ein feiner ſchwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel. Zur linken Seite ſtand ihr ein rother behangener Tiſch, auf dem ein Andachtsbuch, ein Kruzifir, und zu deſſen Fuͤßen das Zepter, doch, über Alles dies hinweg, eine ſcharf gezeichnete Geißel lag. Ihr Arm ruhte auf dieſem Tiſche, und die Enden der Geißel waren durch die Finger gezogen, während ihre rechte Hand das Bild des damals ſechs und zwan⸗ zig jaͤhrigen Philipps von Spanien hielt, für den ſie eine allzu heftige Neigung naͤhrte. Ihr bleiches, ſchlaffes Antlitz, von jedem Reize der Jugend oder Schoͤnheit weit entfernt, trat in erſchrek⸗ kender Wahrheit aus den dunkeln Huͤllen hervor, und zeigte den vereinten Austritt ſtumpfen Geiſtes und fa⸗ natiſcher Bosheit. Richmond hatte ihr fuͤrchterliches Unrecht und das Elend, das ſie in fuͤnfjähriger Regierung uber ſein Va⸗ terland gebracht, mehr noch, als fruͤher, empfinden ler⸗ nen, und wenn er als Knabe ſich zwang, vor dieſem Bilde, das er haßte, ſo lange feſtzuſtehen, bis es ihm 1 ———————————— 100 ſchien, als erhoͤbe ſie drohend ſich und wolle ihn ergrei⸗ fen, ſo wandte voll Verachtung ſich der Mann von die⸗ ſen Zuͤgen, die der Nachwelt, konnte der Name auch verloren gehen, noch ſagen werden, was ſie war. Und auch wie damals, wenn der Knabe fuͤr das Schrecken, das er ſich herauf beſchworen, Beſchwichti⸗ gung ſuchte, wandte er ſich. Denn hier hing neben Heinrich dem Achten, ihrem Großohm, das Bild der ſiebenzehnjährigen Koͤnigin von neun Tagen, das erſte blut'ge Opfer der ſchrecklichen Maria, die ſchoͤne tugend⸗ hafte Johanna Grei. Wie ein Engel, als Bote eines beſſern Lebens der Welt auf kurze Zeit geſandt, ſo blickte aus dieſen tie⸗ fen blauen Augen der Himmel in der eignen Bruſt. Funf⸗ zehnjährig ſchon Gemahlin des ihrer ſo wuͤrdigen Guil⸗ ford, war ſie als Braut dargeſtellt. Im Weggehn auf⸗ gehalten, wie es ſchien, ſtand ſie mit leichter Grazie auf⸗ gerichtet vor einem Seſſel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem Bilde. Die feine jugendliche Geſtalt, die kaum die Grenzen der Kindheit berſchritten, war in die Farben des väterlichen Hauſes Suffolk, in weißen Silberſtoff mit himmelblauer Robe gekleidet. Ihr wun⸗ derſchoͤnes blondes Haar floß wie geſponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Ruͤcken entlang, und reichte uͤber die Hälfte der kindlichen Ge⸗ 101 ſtalt; an den Schläͤfen von der weißen Stirn geſcheitelt, war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden, und auf dem Hintertheile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone. Eine Säulenhalle zog bis in die weite Ferne ſich als Hintergrund, und am Ende derſelben ſah man per⸗ ſpektiviſch verkleinert Lord Guilford daher eilen. Ach, rief Richmond, von ſo viel Ungluͤck und ſo viel Tugend tief bewegt, hätte nie Dein kindlich Haupt ein ſchwereres Diadem belaſtet, als dieſe leichte Herzogs⸗ krone, das unbeſtrittene Erbtheil Deiner Väter! Noch blieb er ſinnend ſtehen, dem ſpiegelhellen Boden zugewendet. Es blieb ein Bild noch zu betrachten uͤbrig, er wußte es wohl. Doch zoͤgernd verſchob er ſeinen An⸗ blick, als můßte er erſt das eigne Herz betrachten und ſeinen ſchnelleren Schlaͤgen lauſchen. Sollt' er als Mann erfahren, was ihn als Knabe ſchon bewegt? Mußt' er es eingeſtehn, daß das wunderbare Loos ihm gefallen ſei, an ein Bild die ſuͤßeſten Regungen des Gefuͤhls ver⸗ ſchenkt zu haben? Nein, rief er, dem Knaben gehoͤrt dieſe Schwärmerei! Er wandte ſich muthig, er ſtand davor, und wie am Strahl der Sonne der leichte Nacht⸗ froſt einer Mainacht zu einem Thautropfen ſich ver⸗ wandelt, ſo verſchwamm in ſeinem erſten Blick Wille, Abſicht, jeder Widerſtand der Ueberlegung, und Hers und Seele ſogen ſich feſt an ihren alten Wahn. 102 Dicht an der hellen Eingangsthuͤr, und wie in einem Schreine, da die Holzwand herausgehoben war, es einzu⸗ laſſen, hing ein Bruſtbild, deſſen Rahmen in einem run⸗ den Medaillon das lebenvolle Antlitz der ſchoͤnen ungluck⸗ lichen Koͤnigin von Schottland umfaßte. Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelſteinen die drei Wappen, welche die ungluͤckliche Frau mit Eigen⸗ thumsrecht behauptete. Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem obern Rande, unter der drei⸗ doppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens, das Wappen Englands, das zu behaupten, ihr ſo großen, nur mit Blut geſoͤhnten Haß der eiferſuchtigen Eliſabeth zu⸗ zog, unter den beiden erſteren. Reich mit Laubwerk und Emaillen war das Kunſtwerk dieſes Rahmens ausge⸗ fuͤhrt, und enthielt in Arabesken⸗Form noch viele An⸗ ſpielungen auf den hohen Geiſt der koͤniglichen Frau. Das Ganze war umſchlungen von einem emaillirten Bande, auf dem in goldner Schrift die Namen, Plato, Ariſtoteles, Horaz, Pindar, Homer, Dante und Arioſt, als der Gefährten ihrer Einſamkeit, zu leſen waren, und wie vorzuglich auch das Bild zu nennen war, der Rahmen an ſich blieb ein ſchätzbares Kunſtwerk. Aus einem tiefen, ſaftigen Hintergrunde, einer Ta⸗ pete von gruͤnem Damaſt ähnlich, trat der in wunder⸗ barer Wahrheit aufgefaßte Kopf der Koͤnigin hervor. 103 Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schoͤnheit der königlichen Stirn. Die licht⸗ vollſte Freiheit der Gedanken ſchien dieſe ſchoͤne Woͤlbung ſelbſt gebildet zu haben, und das glaͤnzende Licht, das von Innen aus dieſe reine Form zu durchdringen ſchien, hätte auch ohne den Ausſpruch dreier Kronen ſie zur geiſtigen Beherrſcherin ihrer Zeit erhoben. Von den feinen leicht eingedruͤckten Schläfen bildete ſich der Kon⸗ tur des zarten Kopfes im reinſten Oval, bis zu dem vollen jugendlichen Kinn, uͤber dem mit allen Grazien der ſchoͤn gewoͤlbte Mund die holde Mähr von ihren Scherzen, ihrem feinen Witze zu erzählen ſchien. In den vollen leichtgefaͤrbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten Gruͤbchens, geſchaffen, um ihres Lebens Liebesgluͤck und Schmerzen zu verrathen. Ihr waren zuerſt die Augen verliehen, die, ſeitdem ein Erbtheil ihres ungluͤcklichen Stammes, mit einem Zauber jeden zu feſſeln wußten, auf wen ſie einmal in Liebe ſich geheftet. Unter einer kaum merklichen Woͤlbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und ſchoͤn geſchnitten die gro⸗ ßen braunen Augen, die klar und tief den hohen Geiſt, der ihnen inne wohnte, von Lieb' und Sehnſucht halb bezwungen zeigten. Sie ſchienen wider Willen der ho⸗ hen Abkunft von Mißgeſchick zu reden, und die langen —— 104 ſchwarzen Wimpern hingen auch beim vollſten Aufblick wie ein leichter Trauerſchleier um den vollen Glanz. Dazwiſchen hob ſich an der Stirn breit und voll die feine griechiſche Naſe, und verſtärkte mit ihrer edeln, feſten Form den hohen geiſtigen Ausdruck ihrer Zuͤge. Ihr wunderſchoͤnes braunes Haar war ohne Schmuck der Koͤnigin, ſich ſelbſt in ſeiner ſeltenen Fülle die Krone flechtend, doch zeigte es unverdeckt in einem hohen Spitz⸗ kragen die runde, ſchlanke Säule des Halſes, auf wel⸗ cher der Kopf ſo leicht und zierlich ruhte, daß beide je zu trennen, nur ein Barbar zu denken wagen konnte. Hier hoͤrte das Bildniß auf; leicht in den Schulter⸗ linien war ein ſchwarzes Sammtkleid angegeben, das unter dem Kragen mit einem in Brillanten eingelegten rothen Stein befeſtigt war. Ungezählt entflohn die Augenblicke vor dieſem Bilde, und das innere geheimſte Leben Richmonds trat hervor und ließ ſich nicht mehr zur Rechenſchaft ziehen vor dem Geiſte der Ueberlegung, der fragend, ja, mißbilligend es anſchaute. Es war da! und hatte ſich zum ſicherſten Bewußtſein in dieſen Augenblicken aufgeſchwungen; es lebte! und ſein Leben ward eingeſtandene Wonne. Still und mit Ruͤhrung gelobte ſich Richmond, der Welt, dem rohen Vertrauen der Menſchen ewig verhuͤllt, wollte er ſelbſt nimmer mehr mit dieſem Gefuͤhle hadern, ſondern 105 hoch es halten. Eine kleine glückſelige Inſel ſollte es in ihm fortan bilden, worauf er landen wollte, aus der Wirklichkeit verſchlagen. So ſich jugendlich uͤberſpannend, ftoͤrte es ihn nicht, Geſang und Harfenton vom Altan her zu hoͤren. Die ſchoͤnen vollen Frauentoͤne, das kunſtreich ausdrucks⸗ volle Spiel der Harfe, es ſchlich ſich ein in ſeine Träume, verwebte ſich darein, als ihnen angehoͤrend. Mit ſteigendem Entzucken hoͤrte er die Worte des gott⸗ lichen Shakspeare, dieſelben, welche die Frauen der Koͤ⸗ nigin in Heinrich dem Achten der ungluͤcklichen Katha⸗ rina am Vorabend des Gerichts ſingen. Orpheus ſang: 1. Der Baͤume Wipfel Und der Berge ſtarre Gipfel Beugte ſeiner Laute Macht. L Pflanz' und Blum' entſproß voll Wonne, Als hätt' Regenguß und Sonne Ew'gen Lenz hervorgebracht. 3. Jedes Weſen ward Gehoͤr, Selbſt die wilde Well' im Meer Hing das Haupt und legte ſich. Tonkunſt, deine Zauberein Hoͤrt der Gram und ſchlummert ein, Hoͤrt dich fort und ſtirbt durch dich. Mit feierlichen Akkorden ſchloſſen dieſe ruͤhrenden Worte und weckten den gluͤcklichen Traumer. Nein, ſie war es nicht ſelbſt, die ungluͤckliche Koͤnigin Maria, die dies Lied geſungen! Er war nicht zu Stirling, zu Holhrood⸗Houſe; er war in Burtonhall, in der Nähe ſeiner Familie, und nur ein paar Schritte vielleicht fuͤhrten ihn in ihre Mitte. Bewegt von der Wirklichkeit und von ſeinen Träu⸗ men, oͤffnete er die Thuͤr und ſtand am Ende des Al⸗ tans ſeinen Lieben gegenuͤber. Die jungen Damen des Schloſſes hatten ſich hier zu einiger Muße aus dem groͤßeren Kreiſe der Geſell⸗ ſchaft zuruͤckgezogen, und alle ſich mit dem Wunſche um Lady Melville verſammelt, ſie zur Harfe ſingen zu hoͤren. Dies war auf die erwähnte Weiſe geſche⸗ hen. Sie ſaß jetzt ausruhend in ihrer ſchwarzen Klei⸗ dung auf dem Lehnſtuhl der alten Herzogin. Die Harfe ruhte ſeitwaͤrts geſchoben noch in ihrem Arme; auf dem purpurrothen Sammet des hoch uͤber ihr em⸗ porragenden Stuhles hob ſich der ſchoͤne Kopf in ſei⸗ ner ganzen regelmäßigen Zierlichkeit, und belebt vom — — — Geſange und dem lobſpendenden Zuſpruch der liebli⸗ chen Gefährtinnen, leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geiſtes. Sie hatte ſich zu der ihr rechts ſtehenden Gruppe gewandt, welche Arabella und Anna Dorſet ſich im Arm haltend zeigte; zu ihren Fuͤßen, und den Kopf in zärtlichem Schmachten zu der Sängerin aufgehoben, ſaß Ollonie Dorſet, wäh⸗ rend Lucie von Hinten den Stuhl erklommen hatte und eben mit Jubelgeſchrei ihren blonden Lockenkopf heruͤberzog, um ihren Liebling von da aus zu umfaſ⸗ ſen. Schnell und leicht ſprang Lady Maria jetzt auf, zog den kleinen Engel zu ſich heruͤber, und nun ſogleich von Allen umfaßt, ſtand ſie wie die Goͤttin der Liebe und Freude da. Die reichen braunen Locken zuruckſchuͤttelnd, rich⸗ tete ſie das Haupt empor, da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenuͤber in ſtiller Anſchauung vertieft, und nachdem ſie ihn einen Augen⸗ blick betrachtet, ſtreckte ſie die ſchoͤne Hand nach ihm deutend aus und rief: Sieh da, Lord Richmond! Augenblicklich wandten ſich alle Koͤpfe, und im ſel⸗ ben Augenblick flogen die Schweſtern und Couſinen auf ihn zu, und unter den freudigſten Begruͤßungen der Ue⸗ brigen hing ſich Lucie an ſeinen Hals und verſuchte durch den lauteſten Ungeſtum ſich in ſeinen Beſitz zu ſetzen. 108 Unter den liebenswuͤrdigſten Scherzen erwiderte er die zaͤrtlichen Begruͤßungen ſeiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Gräfin Melville entgegen. In der anmuthigſten Ruhe lehnte ſie an der Bruͤſtung des Altans, während ihr Antlitz von der unſchuldigen Freude leuchtete, womit die Scene vor ihr ſie theilnehmend erfuͤllte. Hold lächelnd richtete ſie ſich jetzt dem Na⸗ henden entgegen, Richmond aber eilte den Uebrigen voran. Hier, rief Lucie hervorſpringend, hier, Rich⸗ mond, haſt Du meinen Engel Marie! Und welchem glucklichen Zufall habe ich es zu danken, der Lady Mellville bekannt zu ſein? ſprach Richmond. Bekannt? erwiderte ſie. In Wahrheit, Mhlord, ich ſah Euch nie vor dieſem Augenblick. Aber, ſetzte ſie mit dem ruhigen Ausdruck natürlicher Unſchuld hinzu, als ich Euch gewahrte, wußte ich gleich, daß Ihr es ſein müßtet. Richmond hatte unwillkurlich ſeine bewegten Au⸗ gen, waͤhrend ſie ſprach, zur Erde geſenkt, er genoß den Ton dieſer klangvollen Stimme, und ſchon ſchwieg ſie, aber der gewandte junge Mann ſchien um die Antwort verlegen. Er hob die Augen zu ihr auf, ſein Blick traf den ihrigen, und zwei ſchoͤne Seelen hatten ſich erkannt. 109 Moͤchte Lady Melville das Wohlwollen, welches ſie meiner Familie ſchenkt, auch auf den uͤbertragen⸗ der ſich erſt ſo ſpäͤt darum zu bewerben vermag, ſprach er endlich mit furchtſamer Stimme.— Es wurde mir ſchwer werden, Euch, Mhlord, als einen Fremden anzuſehen; die Liebe, die Ihr in Eurer Familie genießt, erhäͤlt Euch auch während Eu⸗ rer Abweſenheit darin gegenwaͤrtig. Ich koͤnnte Euch von Euch erzählen, waret Ihr etwa Euch fremd ge⸗ worden, ſetzte ſie lächelnd hinzu. O rief Richmond lebhaft und heiter, Ihr duͤrft nicht zweifeln! Wer bliebe nicht der Wahrheit am getreueſten, wenn er eingeſtände, von ſich am wenigſten zu wiſſen; werdet Ihr aber wirklich den ſich ſelbſt Ent⸗ fremdeten belehren wollen, wenn ich einmal um dieſe Belehrung in Wahrheit bitten will? Lord Richmond, erwiderte das ſchoͤne Mädchen, ich habe viel von der großen Kunſt gehoͤrt, die Wahr⸗ heit verſchweigen zu koͤnnen, aber bis jetzt ſelbſt noch ſo wenig Fortſchritte darin gemacht, daß Ihr viel Hoff⸗ nung habt, ſie zur Zeit von mir zu hoͤren.— Und moͤchte dieſer ſchoͤne Mund nie durch ſo fal⸗ ſche Kunſt entweiht werden, ſprach eine maͤnnliche Stimme, ehe Richmond antworten konnte, hinter ſei⸗ nem Rücken. 110 Amen! ſagte lächelnd Lady Marie, hell aufblickend, und im ſelben Augenblick lag Richmond in den Armen des liebenswuͤrdigen Grafen von Ormond, welcher, ohne von der lebhaft beſchaͤftigten Gruppe bemerkt zu werden, ſich herbei geſchlichen hatte. Bald fullte ſich nun der Altan mit mehreren Gä⸗ ſten, durch die Nachricht von Richmonds Ankunft her⸗ bei gezogen, und eben erſchien Lovelace mit der Bitte der beiden Herzoginnen, nach dem Ballſaale ſich zu verfuͤgen, welcher willkommenen Einladung man auf das Heiterſte ſogleich folgte. Der Ballſaal war eine offene weite Halle, welche mit dem Parke gleich lag und zu den verſchiedenen Spielen der Jugend diente, beſonders aber zum geſchick⸗ ten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen hatte. Der davorliegende weite Raſenplatz verſtattete eine Ausdehnung der Spiele, und ein kleines Schießhäus⸗ chen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbruſt hin, reizte ſehr oft die Geſchicklichkeit der jungen Leute beiderlei Geſchlechts. ters ſogleich zu den Spielen auf dem Raſenplatze vor dem Hauſe uber, und Alles ſchien von einer beſonders heitern Stimmung belebt. Man ſtellte Wetten an, wer Auch heute ging man bei der Schoͤnheit des Wet⸗ — 111 das Ziel in der Scheibe treffen wurde, wobei die Da⸗ men theilnehmend mitwirkten, und als Richmond von den Herzoginnen, die mit der älteren Geſellſchaft die Halle vorzogen, beurlaubt ward, ſchloß er ſich mit ſeiner anerkannten Geſchicklichkeit dem frohlichen Schwarme an. Gräfin Melville, von Jugend auf in allen moͤglichen Leibesuͤbungen erfahren, trug nicht allein üͤber die Da⸗ men ſtets den Sieg davon, ſondern uͤber die meiſten der anweſenden Kavaliere. Dies ſollte ſich jedoch bei Rich⸗ monds Ankunft ändern, denn bei dem erſten Schuß war der Mittelpunkt der Scheibe durchbohrt, und gleich nach ihm ſendete er den kleinen Pfeil von der Armbruſt, daß ſeine Spitze unverſehrt durch das von dem Schuſſe ge⸗ bohrte Loch drang. Lauter Beifall folgte dem treff⸗ lichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die Be⸗ muͤhungen der Uebrigen. Lady Melville traf zwar mit ihrem Piſtol die Federn des Pfeiles im Ziel, doch mußte Richmond fuͤr den Sieger anerkannt werden. Lord Richmond ſchien ſich zwar äußerlich der all⸗ gemeinen Geſelligkeit hinzugeben und an allen Anwe⸗ ſenden gleichen Antheil zu nehmen, er konnte ſich aber nicht enthalten, fortwährend Lady Melville zu beobach⸗ ten, deren dunkles und ſonderbares Schickſal, eben wie ihr Einfluß auf das Herz ſeines Bruders, ihn zu einem 112 nicht verringert werden konnte. Er hatte ſich trotz dem, was ihm über ihren Werth reichlich von allen Seiten mitgetheilt ward, nicht zu ih⸗ rem Vortheil einnehmen laſſen; denn die Angaben, welche ſie uͤber ihre Geburt und ihr Leben gemacht, waren von keiner Seite beſtätigt und mußten gar leicht dem Arg⸗ wohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer Perſon Raum geben. Dabei fuͤhlten ſich ſein Herz und ſeine ſtrengen Grundſätze von Ehre und Pflicht unbeſchreiblich verletzt durch den Zuſtand, worin er ſeinen zärtlich geliebten Bruder fand. Die Leidenſchaftlichkeit, worin dies ſchoͤne, geregelte Gemüth aufgeloͤſt ſchien, und die Entſchluſſe, die daraus entſtanden, und die zum Nachtheil aller ſeiner bisher beobachteten Grundſätze einzig uͤber dies fremde, namenloſe Weſen Gluͤck verbreiten ſollten, ſteigerten ſein Mißtrauen, und ließen ihn an ihrer Unwiſſenheit und Abſichtsloſigkeit einigen Zweifel hegen, welches ihm um ſo leichter ward, da hiermit die ſchmerzlich von ihm empfundene Schuld des Bruders ſich merklich ver⸗ ringerte und ihn mehr als einen Verfuͤhrten erſchei⸗ nen ließ. Das Einzige, woran er unbezweifelt glaubte, war ihre Schoͤnheit, aber auch dieſe nahm ihn gegen ſie ein, denn nur mittelſt dieſer konnte ſie ſeinen Bruder ver⸗ Intereſſe fuͤr ſie bewog, welches durch ihren Anblick — — 113 fuͤhrt haben. Nichts aber haßte er mehr, als 8 dieſe gottliche Gabe des Himmels von Frauen benutzt ward, das Herz der Männer zu beſtricken, und obwohl ſeine Gerechtigkeit ihn hinderte, dieſen Fall hier beſtimmt an⸗ zunehmen, war er doch entſchloſſen, ihn fuͤr moͤglich zu halten und ſie einer ſcharfen Beobachtung zu un⸗ terwerfen. Er fand ſich nun von ihrem Anblick ſelbſt uͤber⸗ raſcht und hatte in wenigen Stunden viel von dem, was er fruher über ſie gedacht, innerlich widerrufen. Ihre Schoͤnheit war auffallend und mußte die Bewun⸗ derung eines Jeden erregen; aber ihr Auge hatte nichts von der eiteln Verſchämtheit, womit die ihrer Schoͤnheit ſich Bewußten den Blicken der Männer begegnen. Ru⸗ hig, klar und offen ertrug ſie jedes Auge, und ſchaute wie ein Kind feſt zu Jedem guf. Sie hatte keinen Be⸗ griff von der angelernten Sitte der Frauen, gegen Maͤnner ſich anders zu betragen, als gegen Frauen; ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkruͤppelung der Gefuͤhle hervor, die mit der unbeſtimmten Furcht vor einem ungekannten Uebel die Unſchuld des Herzens be⸗ droht, ehe noch die Schuld ſelbſt es zu beruͤhren ver⸗ mochte. Die unſchuldige Neugier, womit ſie Richmond faſt aufſuchte, um mit ihm zu ſprechen, hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde, welches er ſich von Godwie⸗Caſtle MI. 8 114 der zarten Zuruͤckhaltung einer Jungfrau geſchaffen, aber es ward ihm bei ihr nicht zur Stoͤrung, ja, es ſetzte ihn in Nachdenken, ob er nicht ſein Ideal nach dieſer einfachen Natur korrigiren můſſe. Deſſenohnerachtet erfullte ihn das Fraäulein mit Erſtaunen, welches noch denſelben Abend ſich ſteigern ſollte, als die Geſellſchaft nach dem ſchnellen Ausbruch eines Gewitters in die erwähnten Prachtzimmer des Schloſſes ſich zuruͤckgezogen hatte. Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem Gemälde⸗Kabinet Beſitz, und Lady Melville lehnte ſich an die Glasthuͤr, dem Bilde der Koͤnigin von Schottland gegenuͤber. Lord Richmond konnte ſich hier eines vergleichenden Blickes nicht enthalten, und zu Lord Ormond gewendet, ſprach er ſein Erſtaunen uͤber die unbezweifelt große Aehnlich⸗ keit dieſes Bildes mit der Ladh aus. Es iſt uns allen aufgefallen, erwiderte der Lord, ſich zum Bilde der Koͤnigin wendend, und wenn Ihr es beſtätigt, der Ihr dies Bild ſo lange ſtudirtet, dann duͤrfen wir unſerm Urtheil wohl vertrauen. Marie ward dadurch aufmerkſam. Erlaubt, ſprach Richmond, Euch meine Ueber⸗ raſchung uͤber die genaue Aehnlichkeit dieſes ſchoͤnen Bildes mit Euch ſelbſt, auszudrucken. —, Es iſt mir nicht neu zu hoͤren, ich weiß es, ent⸗ gegnete ſie ruhig und blickte dabei mit einem wehmu⸗ thigen ernſten Ausdruck zu dem Bilde hin, welches die hoͤchſte Schoͤnheit repraͤſentirte, und wobei die Anerken⸗ nung der eignen Aehnlichkeit damit ein ziemliches Be⸗ wußtſein ihrer Schoͤnheit auszudrücken ſchien. Dies fuͤhlte Richmond mit der gehaͤſſigen Laune der Männer, die zwar nie unterlaſſen moͤgen, dies Be⸗ wußtſein mit verfuͤhreriſchen Worten zu wecken, doch die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann vermiſſen. Es ſchien ihm ſo ſchwer, dieſem Bilde zu ähneln. Er hatte es vor wenigen Stunden noch fuͤr unmoͤglich gehalten. Zwar hatte er es nun ſelbſt ausgeſprochen; aber es verletzte ihn dennoch, es als etwas Gewiſſes und lang Bekanntes angenommen zu ſehn. Er hätte es in dieſem Augenblick gern ſich und dem Gegenſtande ver⸗ laͤugnet, und die Kälte, die ſeine Zuͤge ſogleich ausdruͤckten, ware nicht ſchwer zu erkennen geweſen; aber die Lady merkte nicht darauf, ihre Gedanken hatten eine weit an⸗ dere Wendung genommen. Sie verließ ihren Platz und ſetzte ſich auf ein Tabouret ſeitwärts dem Bilde nieder. Dieſe Bewegung war offenbar der Aehnlichkeit noch vortheilhafter; aber Richmond, unangenehm aufgeregt, hielt dies füͤr beabſichtigt und war im Brß ſich weg⸗ 116 zuwenden, als die Graͤfin, ganz in das Anſchaun des Bildes verſunken, mit einem wehmuͤthigen Ausdruck der Stimme fortfuhr: Wie oft hat der gluͤckliche Zufall dieſer Aehnlichkeit meine theuern Verwandten beſchaͤftigt und erfreut. Man ſchmuͤckte mein Haar, wie es die Koͤnigin zu tragen pflegte, mit der kleinen Spitzenhaube, man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit, und ließ mich gehen und ſtehen und niederſetzen ie von ihr ge⸗ ſehen zu haben die Freunde und nie ſich noch ge⸗ nau erinnerten, obwohl unter meinen Verwandten nur mein Vater, der Graf Melville, ſie gekannt hatte. Er wußte Stundenlang von ihr zu ſprechen, denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit, da dieſe drei ungluͤckſeli⸗ gen Kronen noch mit vollem Rechte 4 unſchuldiges Haupt ſchmuckten. 5 Gewiß, ſprach Lord Ormond dazwiſchen, iſt und bleibt dieſe unglückliche Frau eine hoͤchſt ausgezeichnete und anziehende Erſcheinung, und die ſchwärmeriſche An⸗ hänglichkeit, welche ſie ihren Freunden und Anhängern einzufloͤßen wußte, vermehrt die Zweifel, ob ihr grauen⸗ volles Schickſal ein verdientes war. Wie tief hat mich ſtets ihr Schickſal ergriffen, fuhr ſie fort und hob die ſchwermuͤthig geſenkten Augen em⸗ por, wie habe ich meine kindiſchen Gedanken zerquält mit Plänen, wie ſie hätte gerettet werden koͤnnen, wie 1 f — hab' ich ſie geliebt und alles Gute, was ich zu faſſen vermochte, ihr beigelegt. Als nun endlich das geheim gehaltene Glück der Aehnlichkeit mir anvertraut ward, wie tief erſchuͤttert war ich da! Warum lebte ich nicht, als ſie zu Tewksburh in ihrem Kerker ſchmachtete? Ich waͤre zu ihr eingeſchlichen, in meinen Kleidern wäre ſie entflohen, ich, ihr ſo ähnlich, wäre an ihrer Statt auf jenem Blutgeruͤſt gefallen. In Wahrheit, Lady Mellville, rief hier die junge verwittwete Marquiſe Danville, Euer großmuͤthiger En⸗ thuſiasmus iſt ein um mehr als dreißig Jahr ver⸗ ſpaͤteter, ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit fuͤr das Gluck, der ſchoͤnſten Frau zu aͤhneln, die gleich der griechiſchen Helena die Welt in Brand und Unheil ſturzte. Ihr habt Recht, Myladh, ſprach die Gräfin, durch den grellen Ton der Mißgunſt unſanft aus ihren Kin⸗ derträͤumen geweckt, wohl iſt dies ein nutzloſer oder, wie Ihr ſagt, ein bequemer Enthuſiasmus. Vergeb⸗ lich ſelbſt hätte ich zu jener Zeit gelebt. Wie wuͤrde, was den Edelſten meines Landes nicht gelang, dem ſchwachen Maͤdchen durch den zufalligen Schein der Aehnlichkeit gelungen ſein? Doch ich liebte ſie fruͤher, als ich von meinen Zuͤgen wußte; inniger aber mußte ich ſeitdem mich zu ihr hingezogen fuͤhlen. Ich bin mir des erſten Einfluſſes wohl bewußt, der mich aus meinen eignen Zuͤgen mahnend anzureden ſchien. Faſt beſchämt fuͤhlte ich mich von dem Gluͤcke, ihr zu glei⸗ chen; ich fuͤrchtete, zu ſtrengerer Rechenſchaft beſtimmt zu ſein, und, fuhr ſie ſich ſelbſt belächelnd fort, ich wuͤnſche den koͤſtlichen Gefaͤßen gleich zu ſein, deren Form zerſpringt, ſobald ein Tropfen Gift hinein ge⸗ ſchuͤttet wird.— Es entſtand eine Pauſe, in der Alle, die ſie all⸗ maͤlig umgeben hatten, mit den verſchiedenſten Empfin⸗ dungen, doch voll Antheil auf ſie blickten. Lord Ormond druͤckte Richmonds Arm, und die Glut der tiefſten Em⸗ pfindungen ruhte auf ſeinem edlen Angeſicht, während Ollonie Dorſet mit erblaßten Wangen bald ihre feuch⸗ ten Augen auf die Lady, bald auf Lord Ormond und Richmond wandte, welcher letztere nicht mehr den Aus⸗ druck unbilliger Kälte trug. Doch wenn dieſe Männer, ſichtlich ergriffen, ihr eben nichts zu ſagen wußten und hiermit ſie ehrten, kam derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrockes, der ſich ihr ſogleich nä⸗ herte, um mit dem flachen Wortſchwall des eiteln Welt⸗ mannes ſie zu verſichern, Maria Stuart ſei zur rech⸗ ten Zeit geboren und geſtorben, denn die Schoͤnheit habe ſie mit ſiegreicheren Kronen geſchmuͤckt, als die preifach gekroͤnte Koͤnigin. Sogleich erhob ſich die Lady, und als ſie ſo em⸗ porgerichtet ſtand, und ihr ploͤtzlich ſo ſtolzer Blick uͤber den ſchoͤnen, ſieggewohnten Lord hinſtreifte, ſchien ſie Allen noch viel mehr der koͤniglichen Maria zu gleichen, deren hoher Sinn durch keine Gewaltthat des Schickſals zu beugen war. Sie zog leicht die ſchoͤnen Augenbrauen, und Anna Dorſets Arm ergreifend, wehrte ſie ihn mit der Hand: Laßt das, Mhlord, Ihr habt nicht Einſehen, wie ich's meine, und ich muß Euch darum verzeihn, wenn Ihr mir weh thut, denn wir ſind uns fremd. Lord Membrocke ſuchte ſeinen gekraͤnkten Stolz hinter ein lautes Applaudiren dieſer kuͤhnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu ruͤhmen, waͤhrend ihm das ſtolze Maͤdchen ſchon laͤngſt den Ruͤcken gewandt hatte und in den Nebenſaal entſchwunden war. Als ſich die Geſellſchaft getrennt, erwartete Lord Ormond, in einem Saale des Erdgeſchoſſes luſtwandelnd, ſeinen geliebten Richmond zu einem traulichen Zwiege⸗ ſpraͤche, nach dem ſich Beide ſehnten. Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorſet, und, wenn auch bedeutend juͤnger, als ſeine Schweſter, doch in der Mitte der dreißig und mit vollem Rechte in dem Beſitze der allgemeinſten Anerkennung. Als Kaͤmmerer des Konigs machte dieſe Stellung, die ihm 120 als Iriſchen Pair zur Auszeichnung gereichte, ihn zum faſt beſtäͤndigen Bewohner Londons, und den einzigen Erſatz für dieſen Zwang gewährte ihm das Haus ſeiner Schweſter, der die Wuͤrde ihres Gemahls dieſelbe Le⸗ bensweiſe aufnoͤthigte. Lord Ormond war der Liebling ſeiner Schweſter, er theilte jede Freude, jeden Schmerz dieſer ſchuchternen Frau, die, von dem erhabenen Ernſt ihres Gemahls erdruͤckt, nur an dem ſanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbeſtimmte Gefuͤhlswelt erſchließen konnte. Sein Rath, den er ſtets in ihrem wahren Intereſſe er⸗ theilte, machte ihn zum wohlthaͤtigen Dolmetſcher zwi⸗ ſchen den beiden ſich ſo ungleichen Ehegatten. Der Graf Dorſet, der, in die Intereſſen ſeiner hohen Hofſtelle vertieft, ſich gar nicht in die ſchuͤchternen Anforderun⸗ gen ſeiner Gattin finden konnte, da ſie ihm mehren⸗ theils unverſtäͤndlich blieben, fuͤhlte ſich durch ſeinen Schwager, deſſen ausreichendem Schicklichkeitsgefuͤhle er vertrauen durfte, der Sorge enthoben, ſeine Gemahlin verſtehen zu muͤſſen. Was ſie wuͤnſchte, erfuhr er meiſt durch ihn, denn aus ihrem eigenen Munde ging eine ſolche Mittheilung ſtets ſo von Nebengedanken und Ge⸗ fuhlen verwirrt hervor, daß der gute Lord, trotz einer hoͤflichen Anerkennung ihrer Rechte, doch ſelten im Stande war, in ſeinen Antworten ihr Genuͤge zu thun, 121 wodurch ihr wieder auf lange die Lippen verſiegelt wur⸗ den und der Gemahl ſich leicht fuͤr beruhigt in ſeiner Pflichterfuͤllung anſehen konnte. Die Erziehung ſeiner beiden Toͤchter hätte offenbar ſeinen Blick haͤufiger auf ſeine Häͤuslichkeit richten muͤſ⸗ ſen, waͤren ihm nicht dieſelben, da ihre Geburt ihn zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getäuſcht hatte, herzlich gleichgultig geweſen. Seine Gemahlin ſchien ihm, außer dem Fehler, keinen Sohn geboren zu haben, die leidlichſte Gefähr⸗ tin, die ein vornehmer Mann ſich nur zur Gattin wuͤn⸗ ſchen koͤnnte. Er folgerte, unter ihrer Leitung müßten die beiden Toͤchter ſich ihr ähnlich bilden, und ſo war er fertig und außerdem uͤberzeugt, daß Lord Ormond für einen etwa abweichenden Fall ſchon Alles berich⸗ tigen wuͤrde. Er war deſſenungeachtet nicht bloͤde, es ganz ſei⸗ nem Verdienſte um die Erziehung ſeiner Toͤchter zuzu⸗ rechnen, als der Herzog von Nottingham ſeinen aͤlteſten Sohn fuͤr Lady Anna vorſchlug. Den Zuſatz, im Falle die jungen Leute Neigung zu einander gewoͤnnen, acceptirte er mit dem mitleidigen Laͤcheln des uberlege⸗ nen Mannes, denn er ſchien ihm nur auf das richtige Schicklichkeitsgefuhl Beider zu deuten. Es freute ihn, Beide gleich gut auf dieſe Weiſe verſorgt zu wiſſen, ohne uͤbrigens in Bezug auf ſeine Tochter über die blinde Vorausſetzung hinaus zu gehen, daß ſie eine eben ſo ſtille Kreatur, als ihre Mutter ſei. Von Wen kuͤnftigen Gemahl Genaueres zu wiſſen, als ſeine der⸗ einſtigen Titel und Einkuͤnfte oder ſeine jetzige vortheil⸗ hafte Aufnahme bei Hofe, wuͤrde ihm ſogar unſchicklich erſchienen ſein. Lord Ormond fand um ſo noͤthiger, die lückenhafte Stellung ſeines Schwagers in deſſen Familie zu ergän⸗ zen, da es ihm in der Kinderſtube ſeiner Nichten ſchon klar ward, daß ſie Beide nicht umſonſt die Toͤchter die⸗ ſes ſtolzen und heftigen Mannes waren, und ſeine ſanfte Schweſter eine eben ſo ſchwache Beurtheilung der Ka⸗ raktere ihrer Kinder beſaß, als ihr Gemahl. Lord Ormond war durch eine bittere Taͤuſchung in der Liebe von dieſer zerſtreuenden und abziehenden Thaͤ⸗ tigkeit der Seele fruher, als ſeine Jahre es natürlich machten, auf das ernſtere Leben innerlicher Reflerionen verwieſen worden. Er erſchien dadurch aͤlter, ja, er war es; denn die Leidenſchaft hatte anſcheinend ihr Recht zu einer Zeit uͤber ihn verloren, wo gewoͤhnlich dieſer Streit noch längſt nicht abgethan zu nennen iſt. Er hatte ſich bemuht, aus der troſtloſen Veroͤdung des Schmerzes ſich durch eine muthige und vollſtändige Reſignativn empor zu heben. Er hatte dem Leben er⸗ ———————— 123 klärt, daß es ihm fur ſich nichts mehr zu gewähren vermoͤchte; er hoffte ſo ein Bollwerk aufgefuͤhrt zu ha⸗ ben zwiſchen ſich und einer moͤglichen Wiederholung ſo leidenſchaftlicher Zuſtände, an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken konnte, in dem Bewußtſein, un⸗ ter ihrem Einfluſſe, dem Himmel, ſich ſelbſt und dem Leben auf das Troſtloſeſte entfremdet geweſen zu ſein. Seine ſchoͤne, vom Himmel ſo reich begabte Na⸗ tur folgte willig der Anweiſung, ſich einem allgemeinen Intereſſe wohlwollend hinzugeben, und er erkannte die Welt als vollſtändiger und reichhaltiger in dieſer uneigen⸗ nuͤtzigen, bezugloſen Anſicht. Wer aufgehoͤrt hat, ſich ſelbſt in den Beziehungen des Lebens zu ſuchen, der gewinnt bald einen feinen und ſcharfen Blick für das Bedürfniß Anderer, und die kleinſten Anforderungen uͤben uͤber ihn daſſelbe Recht der Theilnahme, als die breit in das Leben einſchrei⸗ tenden Begebenheiten, die Jeder erkennt. Die Kinder ſeiner Schweſter erfullten ihn mit ei⸗ ner Zaͤrtlichkeit, die durch das Gefuͤhl, ihnen nützlich ſein zu können, erhoͤht ward. Als er ſeine Nichten zuerſt wiederſah, war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr. Er mußte ſich bald ͤberzeugen, daß, wenn auch Anna ihm eben ſo innig anhing, als Ollonie, doch ſein Ein⸗ 124 fluß auf ſie ein bedingter ſein wurde, da ſie, ſo alt ge⸗ worden, ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu ſein, jetzt ihn ſchwerlich noch in die Grenzen zuruͤckzufuͤhren vermochte, die doch, ihrer ge⸗ fährlichen Anlage nach, nothig ſchienen. Ihr Herz gehoͤrte zu den ſtillen Organen ihres Weſens, denen man zwar das Leben nicht abſprechen kann, die aber nicht ſtark genug wirken, um der ubermuͤthigen Verſtandesthätig⸗ keit das Gleichgewicht zu halten. Die Folge davon war ein jäh aufwachſender Egoismus, ein ſtets vorherr⸗ ſchender Stolz und ein zu allen Leidenſchaften vorberei⸗ tetes Weſen, das nur der Gelegenheit bedurfte, um in ungezuͤgelter Lebendigkeit in's Leben zu treten. Ihr Oheim, geruͤhrt durch den gefahrvollen Zu⸗ ſtand des ſchoͤnen Weſens, wollte ihre Fehler unter ein⸗ ander ſich bekaͤmpfen laſſen, und nachdem er bald durch Theilnahme ihre Liebe erworben, behandelte er ſie mit einer ſchonenden Achtung, die ſtets das Gute, das er ihr wuͤnſchte, als ſchon vorhanden annahm und die Erreichung des Beſten als in ihrer Natur liegend vor⸗ ausſetzte. Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behuͤtet, und ihr Verſtand war ein unbeſtechlicher und ſcharfer Beob⸗ achter. Sie unterlag der nicht zu läugnenden Be⸗ trachtung, daß ſie das nicht war, was dieſer geliebte —— ———— 125 Oheim ihr zugeſtand, aber indem ſie ihn ſelbſt hoͤ⸗ her achten mußte, als alles bisher Bekannte, rief ihr Stolz den Entſchluß in's Leben, ſein ehrendes Urtheil wirklich zu verdienen. Das hatte der Menſchenfreundliche gewollt. Jetzt ſah er bald, daß ſie zur Selbſtbeobachtung gefüͤhrt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte, womit er Alles eingeleitet zu haben glaubte, wodurch dieſem lang verwoͤhnten Gemuͤth aufzuhelfen war. Auch hatte er ſpaͤter die Freude, bei dem Entſtehen ihrer Liebe zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohlthaͤtige Huͤlfe zu ſehen, die dies wärmere und leb⸗ haftere Daſein ihres Herzens ihrer ganzen Natur ver⸗ lieh. Ihre Fehler waren zuſammengeſunken, der Athem des Wohlwollens hob die Bruſt, und die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem ſcheuen Glanz einer ſehnſuͤchtigen Hoffnung. Alſo, ſeufzte ihr Oheim, die Liebe, die ſo Vielen zum Verderben wird und die Lei⸗ denſchaften aus ihrem Bande reißt, legt dieſem unge⸗ zähmten Kinde wohlthätige Feſſeln an. Sie war wohl noch dieſelbe, aber gewiß blieb, daß ſie eines ſtarken Gefuhles fähig war, und ſomit für diesmal gerettet. Ganz anders war ſein Gefuhl und ſein Verhält⸗ niß zu Ollonie. Dies holde Kind hing ſich bald mit der ganzen Fuͤlle ihres zärtlichen Herzens an den gelieb⸗ 126 ten Oheim, und Ormond ſchaute mit Entzuͤcken und auch mit heimlicher Sorge in dies feurig gefuͤhlvolle Herz. Es ſchien ihm den Stempel des Leidens von der Natur empfangen zu haben, er wußte am beſten, welchen Gefahren ſie unſchuldsvoll dies zarte, empfaͤng⸗ liche Innere entgegen trug, und ſeine Zärtlichkeit, ſeine Sorgfalt fuͤr ſie, trug den Karakter der Hingebung, wo⸗ mit wir den lieben, den wir von einem harten Schick⸗ ſal bedroht wiſſen. Ganz im Gegentheil von ihrer Schweſter war der Lord hier einzig bemuͤht, die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu mäßigen und ihren Verſtand vor einer Unterdruͤckung zu behuͤten, zu der die Gelegen⸗ heit ſich ſtets geſchaͤftig zeigte. Er betrieb ſelbſt ihren Unterricht; nur aus ſeinen Haͤnden empfing ſie ihre Lek⸗ ture, ihre Noten, ihre Vorbilder zum Zeichnen. Ihre Zeiteintheilung, Arbeit und Beluſtigung, Al⸗ les war von ihm angeordnet, und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Weſen mit einer Innigkeit, von welcher der eigene Vater keine Ahnung in ſich fuhlte. Jetzt war Ollonie fuͤnfzehn Jahr, in großer Schön⸗ heit erbluht, und wenn auch ſtets noch phantaſtiſch und uͤberwallend, und einer gleichmaͤßigern Entwickelung ihrer Natur nach vielleicht nicht fähig, doch gerade um ſo intereſſanter in dieſer bewegten, geiſtvollen Wfnefung von dem Gewoͤhnlichen. 122 Ormond behielt den holden Zoͤgling ſtets im Auge, ihre Zukunft erfuͤllte ihn noch immer mit Sorge, und er kannte nur einen Mann, dem er ſie goͤnnte, nur einen, welchem er den ſo von ihm gehegten Schatz uͤber⸗ geben mochte, und dies war, ſein Liebling eben ſo ſehr als Mann, wie Ollonie als Weib, kein anderer, als Lord Richmond. Graf Archimbald hatte ebenfalls fuͤr ſeinen Neffen und dereinſtigen Erben dieſe Wahl getroffen, und es hatte Ormond ſeinen ganzen Einfluß gekoſtet, der beabſichtig⸗ ten Abſchließung dieſer Angelegenheit die naͤhere Be⸗ kanntſchaft der jungen Leute vorausgehen zu laſſen. Die Anweſenheit Aller in Burtonhall, wohin auch er mit Erlaubniß des Koͤnigs, der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte, ſich begeben durfte, ſicherte ihm die Hoffnung, ſelbſt die Herzen ſeiner jungen Freunde beobachten zu koͤn⸗ nen, da Graf Archimbald ſich ſehr bereit zeigte, ſeinen Neffen im Auftrage dahin zu ſenden, und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen dieſer ſo wuͤnſchens⸗ werthen Angelegenheit. In dieſe Gedanken vertieft, ſehen wir ihn ſeinen jungen Freund erwartend umher wandeln, als plotzlich die Thuͤren ſich oͤffneten und die junge ſchoͤne Mar⸗ quiſe Danville eintrat, die, begleitet von einem Pagen, der ihr vorleuchtete, durch dieſen zur Verbindung meh⸗ rerer Gemaͤcher dienenden Saal eilte, um ſich nach ih⸗ ren Zimmern zu begeben. Sie gab ein maͤchtiges Er⸗ ſchrecken vor, hier dem einſam wandelnden Lord zu begegnen, aber die Bewegungen des Erſtaunens kleide⸗ ten ſie ſo ungemein gut, daß ſie dieſelben uͤber Gebuͤhr verlaͤngerte, und es ſei uns der Zweifel an ihrer Wahr⸗ haftigkeit um ſo eher vergeben, da Lord Ormond vor⸗ nehm, reich und mit allen perſoͤnlichen Vorzuͤgen ge⸗ ſchmuͤckt war, die von dieſer geſchickten Frau nicht überſehen werden konnten. Auch hatte das Schickſal die Lady bisher ſchlecht bedacht. Im vierzehnten Jahre war ſie bereits dem alten Marquis Danville vermählt, und obgleich jetzt Witwe und Beſitzerin eines bedeutenden Vermoͤgens, wüͤnſchte die junge Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlaͤſſigung, die ihre Jugend erfahren, durch den Beſitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszu⸗ gleichen. Wenn nun auch Lord Membrocke ſich faſt be⸗ reit zeigte, durch Darreichung ſeiner Hand ſich in Be⸗ ſitz ihrer Reichthuͤmer zu ſetzen, und wenn ſie es auch nicht aufgeben mochte, ihn als ihren Bewunderer gel⸗ ten zu laſſen, hatte ſie doch Verſtand genug, Lord Or⸗ mond fur eine beſſere Partie anzuſehn. Sie war daher waͤhrend ihres Beiſammenſeins mit ihm ſchon alle moͤg⸗ 129 liche Verſuche, ihn zu feſſeln, durchgegangen, ohne ihrem Ziele naͤher geruͤckt zu ſein. Ha, rief ſie, Lord Ormond, Ihr ſeid boͤſe, mich arme, erſchuͤtterte Frau ſo zu erſchrecken, wie konnte ich Euch hier ahnen! Ich bin bekuͤmmert, Mhladhy, rief der Lord, ihr hoͤflich entgegen tretend, und gebe zu, daß meine Ge⸗ genwart unerwartet iſt; aber erlaubt mir nun, Euch meinen Arm zu geben, um Euch nach Euern Gemaä⸗ chern zu geleiten. Der Lady war dies zwar ganz recht, daß der Lord ſie aber nun wirklich ohne Weiteres mit aller Hoͤflichkeit und unaufhaltſamen Schrittes durch den Saal zu fuͤhren begann, zertruͤmmerte alle ihre Hoff⸗ nungen, die auf ein ſo intereſſantes Zuſammentreffen geſtuͤtzt waren, welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt voruͤbergehen ſollte. Die kuͤhlen, hoͤflichen Worte Ormonds ließen näm⸗ lich nicht die kleinſte Scene einleiten, und ſo hatten die in ſo getheiltem Intereſſe Wandelnden die Gallerie er⸗ reicht, woran die Zimmer der Dame ſtießen, als Bei⸗ der Gedanken abgelenkt wurden, durch eine vor ihren Augen ſich begebende Scene. Sie ſahen naͤmlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen, an ihrer Seite im lebhaften Geſpraͤch einen Godwie⸗Caſtle II. 9 Mann, den ſie Beide augenblicklich fuͤr Lord Membrocke erkannten. Jetzt blieb die Dame ſtehen, ſie wendete ſich und ſchien ihren Begleiter entfernen zu wollen; Lord Membrocke kniete nieder und ſchien flehend ihre Theil⸗ nahme zu fordern. Die Dame beugte ſich, ob zum Abwehren oder Er⸗ hoͤren ſeiner Bitten, blieb unentſchieden, da Beide jetzt erſchreckt auffuhren, indem Lord Richmond, der ſich zu Lord Ormond begeben wollte, ſie faſt erreicht hatte und durch ſeine abſichtlich lauten Schritte ſich jetzt kund gab. Die Dame verſchwand raſch in einer Thuͤr, und Membrocke eilte gruͤßend an Richmond voruber. Die Heuchlerin! rief die Marguiſe, dieſer Hoch⸗ muth vor den Augen der Welt, und doch eine Intrigue mit dieſem fittenloſen Lord! Wen meint Ihr, rief Ormond heftig bewegt; wie koͤnnt Ihr entſcheiden, wer dieſe Dame war, da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns irren koͤnnen, ſicher irren. Irren? rief die Ladh ſtolz und kalt, indem ſie ih⸗ ren Arm aus dem ſeinigen zog, irren? Wo wäre denn zum zweiten Mal dieſe neu erſtandene Maria Stuart, die Ihr ſelbſt wohl hinreichend kennen mußt, da Eure Augen ſie ſtets begleiten und jetzt Eure Furcht vor ihrer Beſchimpfung Euch hinreichend verrath. Ja, glaubt nur, Mhlord, dieſe Erbin von Maria's Reizen iſt auch die Erbin boͤſen Blutes, ich durchſchaute igon laͤngſt.— Um Gotteswillen, Lady, maͤßigt Euch und ſeit nicht ſo grauſam voreilig, es kann nicht ſein, ſicher Ihr irrt, es war nicht Lady Melville.— Mit Hohn blickte die erzuͤrnte Dame in das Ge⸗ ſicht des Grafen, dann rief ſie bitter laͤchelnd: Unſer Streit wird bald zu ſchüichten ſein. Dort koͤmmt Lord Richmond; er war ihnen ganz nah, er wird entſchei⸗ den koͤnnen, wer dieſe zweideutige Dame war. Hier⸗ her, Lord Richmond! Meine Schritte ſind gehemmt durch Erſtaunen und Unwillen. Wie iſt es moͤglich, daß Lady Melville ſich zu dieſem Liebhaber verſtehen konnte? Erzaͤhlt uns, habt Ihr gehoͤrt, was ſie ſpra⸗ chen? Wollte er ſie umarmen, erhoͤrte ſie ſein Flehen? — Unter dieſen ſtuͤrmiſchen Fragen der Lady war Rich⸗ mond naͤher gekommen. Aber auch die liſtige Stellung ihrer Fragen ſollte ihr zu keiner Beſtätigung helfen; denn Richmonds zartes Gefühl erkannte mit Wider⸗ willen die heftige Schadenfreude, womit ſie das Boͤſe zu vernehmen trachtete, und war ſogleich entſchloſſen, ihr dieſe nicht zu gewähren. Lord Membrocke habe ich erkannt, erwiderte er ihr daher in gemeſſenem Tone, uͤber die Dame aber, in deren Nähe er ſich befand, 9* kann ich nicht urtheilen, da das Licht in der Gallerie zu unbeſtimmt iſt, wie Euer Gnaden ſelbſt bemerken werden. Ein kurzes, bitteres Geläͤchter brach hier aus dem Munde der hoͤchlichſt getäuſchten Lady. Nun, My⸗ lords, rief ſie heftig, wenn Ihr Beide Eure Augen nur habt, wenn es gilt, dieſe Abenteuerin zu bewundern, ſo ſeid ſicher, mein Auge war ſcharf genug, dieſe an⸗ gebliche Lady Melville zu erkennen, und ich weiß jetzt genug von ihr. Ich wüͤnſche Euch angenehme Trau⸗ me, fuͤgte ſie ſpoͤttiſch hinzu und verſchwand in der Thuͤre, die zu ihrem Zimmer fuͤhrte. Die beiden Freunde kehrten ſchweigend nach dem Saale zuruͤck, wohin ſie zu kommen ſich verabredet hatten, aber ohne der erſehnten traulichen Mittheilung zu gedenken, wandelten ſie neben einander mehrere Mal auf und ab, bis endlich Lord Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anre⸗ dete: Sprich, Richmond, giebt es keinen Zweifel, biſt Du gewiß, daß ſie es war? Sie war es! erwiderte er ernſt, denn ſie i nicht zu verkennen. Großer Gott! rief Ormond heftig, nelch ein Zu⸗ ſammenhang knuͤpft dies Weſen an den nichtswuͤrdigen Buben? Ich kann nicht glauben, was dieſe Danville 133 auszuſprechen wagt; ein anderer trauriger Zwang muß ſie beherrſchen. Sie ſteht verlaſſen ohne natuͤrlichen Beiſtand da, jung und unerfahren; welch' ein Hoͤllen⸗ gedanke, daß es dem gelenken Boͤſewicht gelingen konnte, dieſen Engel zu verlocken! Und, ſagte Richmond, biſt Du wirklich ſicher, daß ſie dieſes gute Vorurtheil verdient? Haſt Du ſeither im täglichen Verkehr ſie ſo genau gepruft? Ich kann mich zum Vertrauen noch nicht ſtimmen laſſen, obwohl ich es theilnehmend anerkenne, daß es ein hartes Loos iſt, ſo da zu ſtehn, wie ſie. Der kleinſte Zweifel an der Reinheit einer Frau haäͤngt ſich verunſtaltend um ſie, wie ein boͤſes Schlinggewaͤchs um der Säule eben⸗ mäßigen Bau; und Zweifel mindeſtens hat ſie erregt. Kannſt Du die Räthſel loͤſen, die ihr Leben, ihr Er⸗ ſcheinen unter uns begleiten? Kannſt Du des Argwohns Dich uͤberheben, wenn Du ſie kennſt? Ich kenne dieſe geheimnißvollen Umſtände, ergriff nun ruhiger Ormond das Wort, und weiß ſie nicht zu loͤſen, doch fern bleibt von mir jeder Argwohn. Kenne ſie nur erſt und laß ſie ſelbſt Dir Zeugniß ablegen von der unverfalſchten Reinheit ihrer Seele! Sie fuͤhlt den Schmerz, der ihrer Lage zugetheilt iſt, nur als das troſtlos plotzliche Vereinſamen eines in Liebesfuͤlle auf⸗ gebluͤhten Kindes; doch fern liegt ihr die Ahnung einer 134 ihr dadurch aufgedruckten Zweideutigkeit. Sie hat den feſtbegruͤndeten Stolz der Unſchuld und jenes ruͤhrende Vertrauen in die Wahrheit noch, durch deren offne Enthuͤllung ſie ſich ſelbſt und uns allen glaubt Genüge gethan zu haben. Sie lebt ſo ohne Furcht vor uns in dieſem Kreiſe, daß ſie ſich um nähere Enthuͤllung ihres geheimnißvollen Lebens nur deshalb ſorgend muͤht, weil ſie der Unruhe ihrer Freunde über ihr Verſchwin⸗ den denkt und es ſich ſelig traͤumt, diejenigen der Ihri⸗ gen, die ſie noch am Leben hofft, uns zuzuführen. Daß uns das Erſcheinen dieſer Freunde zum Zeugniß uͤber ſie auch noͤthig ſcheinen könnte, ahnt ihre Seele nicht. Und wer muß ihren unbekannten Freunden nicht Zeugniß hoher Einſicht ablegen, wenn er die Erziehung dieſes Mädchens kennt? Die Natur hat an dieſer ſcho⸗ nen Huͤlle ſich nicht erſchoͤpft; frei, großartig und edel iſt jeder Trieb in dieſer Bruſt, doch wie hat auch die Erziehung mit hoͤchſter Weisheit, mit Ehrfurcht faſt vor dieſer natuͤrlichen Geſtaltung, gegen alle Verkruͤppelung ſie bewahrt! Ich kenne die Pläne, die Berechnungen ihrer Erzieher nicht, darum kann ich nur ſagen, es ſcheint, ſie iſt zu einer großen Beſtimmung auferzogen, und ihrer Natur eine voͤllig freie und eigenthuͤmliche Entwickelung gegoͤnnt. Sie hat die Formen, die wir an Frauen lieben, die von der feinſten Sitte der vor⸗ 135 nehmen Welt erzogen wurden, und dennoch iſt es, als ob ſie nichts von allem dieſen wuͤßte, als ob ihr hohes weibliches Gefuͤhl ſie jedes Mal die Formen erfinden ließe, die dann dem ſtrengſten Richter genuͤgen muͤſſen. Sie geht ruhig, arglos wie ein Kind, unter all dieſen verſchiedenen Geſtalten hier umher und weiß ſich uͤberall zu finden; aber ein unedles Wort reizt ſchnell dies ſorgloſe Kind, ſie hat ein kraͤftiges Herz, des edeln Zor⸗ nes faͤhig, und wunderbar tritt dann ein aͤchter Stolz aus ihr hervor. Dann fuͤhlt man erſt, wie voͤllig wahr und natuͤrlich ſie gebildet iſt, und denkt mit Freuden der ſchoͤnen Natur, die ſie ſo maͤßig, klar und ruhig in allen Verhaͤltniſſen bleiben laͤßt. Nein, ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft nicht aufgeben; es wird noch Licht uͤber ſie kommen; dieſe Ungerechtigkeit, ſie der Mißdeutung preis zu geben, begeht der Himmel nicht an ſeinem Liebling! Richmond druͤckte, bewegt von dem warmen Eifer des edeln Freundes, ſeine Hand, er hatte das ſchoͤne Bild, welches aus ſeinen beredten Worten vor ihm auf⸗ geſtiegen, mit einem unausſprechlichen Gefuͤhl als ein bekanntes, zum Leben auferſtandenes in ſeinem tiefſten Gemuͤthe aufgefaßt und fuͤhlte ſich davon zu ſehr ge⸗ ruͤhrt, um ruhig plaudernd, wie es die Abſicht dieſes Beiſammenſeins verlangte, auszuharren. Auch ſchien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgeſprochenem uͤberzeugt. Freundlich, innig preßten ſie ſich, Abſchied nehmend, an einander und Jeder eilte, reich mit eigenen Gedanken ausgeſtattet, zur willkom⸗ menen Einſamkeit. Erſt als Ormonds Blicke hier in ſeinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von Ollonie's Hand fielen, gedachte er, wie ſo ganz er bei jenem Zuſammenſein mit Richmond ſeine Abſicht außer Acht gelaſſen, ihn aufmerkſam auf Ollonie zu machen. Er blieb betroffen ſtehn, dann ſchien ihn ploͤtzlich Schreck und Schmerz zu uͤberwaͤltigen, er hob die Häͤnde gepreßt gegen die Stirn, und wir verlaſſen ihn, um Richmond zu belau⸗ ſchen, der, ſein Zimmer durchmeſſend, ſeufzend mehr als ein Mal zu ſich ſprach: Du armer Bruder! Längſt war das Ereigniß, das ihrer Feindin und ihren Freunden ſo auffallend ward, aus den Gedanken Maria's entſchwunden; wir finden ſie in ihrem Zim⸗ mer, halb entkleidet, auf einem Tabouret, vor dem mit ihrem Schmuck belegten Nachttiſch ſitzen, und die alte, ihr zugetheilte und ſie zaͤrtlich liebende Kammerfrau be⸗ ſchaͤftigt, das ſchone braune Haar, das wie ein ſeidner 137 Mantel um ihre Schultern hing, zur Nacht zu käm⸗ men und in Flechten aufzubinden. Doch immer zog ſie kopfſchuͤttelnd den Kamm zuruͤck; denn immer be⸗ ruͤhrte er fuͤnf weiße, ſchlanke Finger, die trotz der wie⸗ derholten Verletzung ſtets bemuͤht waren, das zarte Haupt zu ſtutzen, das, ſchwer von Gedanken, einem un⸗ ergruͤndlichen Geheimniß nachzuſinnen ſchien. Vergeblich hatte die gute alte Errol gehuſtet, bei Beruͤhrung des Kammes um Verzeihung gebeten, ihre ſonſt ſtets heitere, auf die alte Pflegerin aufmerkſame Gebieterin blieb heute den kleinen, ſonſt ſo leicht ver⸗ ſtandenen Bemuͤhungen, eine Unterredung anzuknüpfen, unzugänglich. Ihr ſeid muͤde, theure Lady, hob ſie nun endlich lauter an, und wenn Ihr Eure liebe Hand zuruckziehn wollt, will ich Euch bald zur Ruhe helfen, aber ich muß doch Eure Haare aufbinden. Ein holdes, aber ſtummes Laͤcheln war die ganze Antwort, aber die ſchoͤne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schvoß und die alte Errol eilte ungeſtort ihr Werk zu vollenden. Kein Wunder, fuhr ſie fort, noch immer bemuͤht, ihr Rede abzugewinnen, daß Ihr ſo muͤde ſeid; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht. Wahrlich, Euch kann Niemand uͤbertreffen. Die jungen Damen, ſo zierlich ſie ſind, keine weiß bei allen Spielen das zu leiſten, was Ihr vermoͤgt, und waͤre Lord Richmond nicht gekommen, auch die Kava⸗ liere haͤttet Ihr beſiegt, aber der, das liebe Kind, von Jugend auf war er der Kluͤgſte, Beſte und Ge⸗ ſchickteſte! Lord Richmond, ſo toͤnte es jetzt uͤber die Lippen der ſchweigſamen Ladh, Lord Richmond, ja wohl, Du mußt ihn kennen, Du warſt ja von Jugend auf in Godwie⸗Caſtle.— Ja, Mhladh, zu Befehl; und Anne, meine liebe juͤngſte Schweſter, die an den Maſter Jepſon verheira⸗ thet iſt, die war ſeine Amme. Es war von Geburt an ein ſchoͤnes begabtes Kind, und heute, wie er mit Euch um die Wette durch das ſeidne Tau lief, da war es mir, als ſähe ich ihn wieder als Knaben vor mir.— Aber wo warſt Du, Errol, ich ſah Dich nicht, als wir heute ſpielten?— Euer Gnaden, der Maſter Lovelace hatte uns er⸗ laubt, die obere Gallerie, die an den Speiſeſaal ſtoͤßt und gerade auf den Platz ſieht, zu beſuchen, denn Alle wollten gern den jungen Herrn ſehen.— Waͤhrend dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu Ende gekommen. Sie kuͤßte jetzt die ſchoͤnen Hände, da die junge Dame ſtets ohne Huͤlfe ihr Bett beſtieg, und entfernte ſich, froh, daß ſie ganz ſo freundlich, wie gewoͤhnlich, von ihrer jungen Herrſchaft entlaſſen wor⸗ den war. Maria fand ſich nun allein. Sie dachte, daß der Augenblick zu beten gekommen ſei, und hoffte dann durch den Schlaf ihrer ſonderbaren Stimmung entho⸗ ben zu werden. Sie kniete in hoffnungsvoller Erwar⸗ tung des Gebets vor ihrem kleinen Pulte nieder; aber es blieb Alles ſtumm in ihr, ihr ganzes Innere ſchien ſtill zu ſtehen, und ſie ſelbſt ſtand, wie vor etwas Frem⸗ dem, in erſtaunensvolle Selbſtbeſchauung aufgeloͤſt. Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feſte, ſo war ihr Herz mit dem vollſten Schmucke angethan, aber die lautloſe Stille darin zeigte an, daß der Morgen noch nicht angebrochen war, der dieſer ſtillen Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen ſollte. Kindlich geaͤngſtet von dem Gedanken, nicht beten zu konnen, hob ſie flehend ihre Hand zum Himmel. Herr, mein Gott und Vater! rief ſie aus tiefer Bruſt, ſieh mich an und ſei mir gnaͤdig! Dann ſenkte ſie ihr ſchoͤnes Haupt lange auf das Pult, kuͤßte endlich inbruͤnſtig ihr kleines griechiſches Evangelium, das ihr zur Erbauung diente, und legte ſich beklommen und ſich ſelbſt entfremdet auf ihr Lager. Da floſſen endlich die Thränen, die ſie bisher aus Scham 140 bekämpft, und ſie wehrte ihnen nicht länger, obwohl ſie es tadelte, ſo ohne Urſach zu weinen; und wie ein unſchuldiges Kind weinte ſie ſich in die Arme des Schla⸗ fes hinuͤber. Die Sonne Englands leuchtet nur ſelten am fruhen Morgen mit dem hellen, farbloſen Lichte anderer Laͤnder. In Nebel und feuchte Duͤnſte gehuͤllt, verbreitet ſie ein weniger helles und wärmendes, aber alsdann von der zarteſten Roſenfarbe magiſch verklärtes Licht. In lan⸗ gen ſchmalen Streifen ſendete ſie am andern Morgen ihren zauberiſchen Glanz durch die bunten gothiſchen Fenſter in das Schlafgemach der hold noch Träumen⸗ den. Auf dem glänzenden Tafelwerk an Wänden und Fußboden ſchienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerſtreute Blumen zu malen, gleichſam neckend, um die Schlaͤferin zu wecken. So ruhte das ſchoͤne Kind, ganz uͤbergoſſen von den bunten Lichtern, auf ihrem Lager, deſſen Vorhänge, weit zuruͤckgezogen, ihnen vollen Ein⸗ zug goͤnnten. Doch ſchon zuckten zuweilen die zarten Augenlieder, und eben wollten die feinen Hände die blen⸗ denden Lichter aus den Augen ſtreichen, da vollendeten dieſe ſelbſt das angefangene Werk, und zwei klare Au⸗ gen oͤffneten ſich dem heitern Morgen. Mit einer unbeſchreiblich ſuͤßen Empfindung ward ſie ſich ihrer ſelbſt bewußt. Wie ein Kind, das liebes Spielzeug wieder erkennt, ſchaute ſie, läͤchelnd aufge⸗ richtet, umher in das lieblich gefärbte Gemach, den Gegenſtäͤnden ihre anmuthigen, wohlbekannten Erſchei⸗ nungen auf's Neue ablauſchend. Als ſie auch ihr wei⸗ ßes Gewand und ſich ſelbſt mit bunten Lichtern uͤber⸗ goſſen ſah, entſchlupfte ſie leichten Fußes dem ſo luſtig beſtreuten Lager, und hinaus in die Friſche des herrli⸗ chen Morgens ſehnte ſich die heiße Bruſt. Jugendlich erquickt und erfreut durch den geſunden Schlaf, ge⸗ dachte ſie nicht ihrer Empfindungen am Abend, oder glaubte ſie doch, nach fluchtiger Erwaͤgung, glüͤcklich beſeitigt. Ein doppelt und dreifaches Leben an ſeliger Heiterkeit füllte ja heute die geſtern ſo beklommene Bruſt; ſie mußte ja niederknien, und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht; ja, ein Hhmnus von Dank und Liebe gegen Gott ſtroͤmte aus dem ſeligen Herzen, und als ſie, von Freude und Andacht leuchtend, aufſtand, da ſchien ſie die andächtig harrende Errol zu fragen: Iſt es nicht eine Seligkeit zu leben? Mit dem heiterſten Lächeln ſtrich ſie uͤber das alte liebe Geſicht, und ein Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forſchen, als jetzt das ſchone Fraͤulein die alte Dienerin befrug. Dazwiſchen lauſchte ſie ſtets nach den Fenſtern hin, und das erwachende Leben in der Natur entging 142 ihren aufmerkenden Sinnen nicht. Zwar war die Zeit des Sommers ſchon dahin, aber der Herbſt hatte noch ſein eigenthuͤmliches Leben nicht verloren, und ſie hoͤrte von fern den Reiher uͤber dem Moore ſich mit vereinzeltem Geſchrei erheben, der Droſſel nahen ſanften Ton und der Seemoͤwe weitgetragenen, gel⸗ lenden Ruf. Hell lachte ſie den Schwalben nach, die, aus dem Mauergeſimſe emporſchwirrend, ſich erſt an den gläͤnzenden Scheiben mit dem Kopf ſtoßen mußten, ehe ſie den rechten Weg in das Weite fan⸗ den. Hinter ihnen her ſtrebte ihre Seele mit Unge⸗ duld, und ſchnell half ſie ſelbſt ſich in die zierliche Morgenkleidung huͤllen. Dem Klima und der Sitte gemäͤß, beſtand dieſe weder in Mouſſelin, noch ſeidenem Stoffe, ſondern ſie wählte einen dunkeln Sammet, deſſen Ränder mit feiner Goldſtickerei zu dem goldnen Netze paßten, das die glänzenden Zoͤpfe umſchloß und von einem kleinen Federhute uͤberbaut wurde, der ſo leicht wie ein Heiligenſchein um den Kopf ſaß, weder der Sonne, noch dem Sturme zu wehren vermoͤgend. Waͤhrend dies in eigentlicher Schnelligkeit bald be⸗ endigt ward, hatte ſich zu wiederholten Malen ein Ge⸗ räuſch an der Thuͤre hoͤren laſſen, das zwar einen un⸗ geſtuͤn Harrenden andeutete, aber zugleich von einem Willkommenen herruͤhren mußte, denn jedes Mal blickte 143 Lady Maria mit dem ſchalkhaften Lächeln zur alten Errol auf, die dann jedes Mal lachend nach der Thuͤr hinnickte. Jetzt war das ſchoͤne Weſen von Kopf bis zu Fuße geſchmuͤckt, und trotz des dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefuͤhle bewegt, als dem der gehoͤrigen Abfertigung eines nothigen Geſchäͤfts. Raſch und von eigener freudiger Ungeduld ubereilt, flog ſie gegen die Thuͤr, und ſogleich ſtuͤrzte ſich Gaſton ihr mit dem ausgelaſſenſten Jubel entgegen, und nachdem ſie ſeine Liebkoſungen empfangen, jagte er, die kuͤhn⸗ ſten Spruͤnge wagend, und in langen Bogen ſie umkreiſend und wieder erreichend, um ſie her, waͤhrend ſie ſelbſt, wie ein fluͤchtiges Reh, uber die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den herrlich ihr ent⸗ gegen leuchtenden Park. Aber welch' ein Morgen ſchien ihr der heutige! Welch' ein Licht, welch' ein Farbenglanz und welch' eine leichte balſamiſche Luft, von der ſie ſich wie getra⸗ gen fuͤhlte! Welch' ein Gefuͤhl von Gluͤck und Muth und Hoffnung ſchien ihr von ihm auszugehen. Ihre Seele war befreit von dem Kummer, der ſeine ſchwere Hand nach ihr in der Einſamkeit auszuſtrecken pflegte, die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorfuͤhrend und ihr eigenes vereinſamtes Loos. 144 Ach! wohl gedachte ſie ihrer Lieben; aber heute mehrten ſie nur die unſchuldige Seligkeit des Herzens, und ſtatt ihrer ſonſt in Thraͤnen gehuͤllten Bilder ver⸗ klaͤrten ſie ſich jetzt in heiter blickende Engel, die aus dem gluͤhenden Morgenhimmel ſich ſchuͤtzend und ſeg⸗ nend uͤber ſie herab neigten. Ja, ich muß gluͤcklich ſein! rief e ſich zu, denn dies wollten ſie ja von mir; und zum erſten Male fiel es ihr ein, wie ſie ihr das Gluͤck, das aus einer wahr⸗ haft harmoniſchen Entwickelung des Menſchen hervor⸗ gehen muͤſſe, und das ſie jetzt empfand, als die Auf⸗ gabe des ganzen Lebens geſtellt hatten. Sie fuͤhlte, daß ſie an dieſe Aufgabe zu wenig gedacht, aber heute wollte ſie dieſelbe zugleich loͤſen. Sie hielt den Schmerz fuͤr beſiegt in ſich oder doch fuͤr aufgeloͤſt in kindlicher Ergebung, und dankte im unausgeſprochenen Gebete Gott fuͤr das Gluͤck, zu leben. Zu leben! ſetzten ihre Gedanken das Geſpräch des kindlichen Herzens fort, und zu leben unter den edelſten und beſten Menſchen. Sie ſandte ihnen allen tauſend zärtliche Gruͤße zu, als ſie ſo eben, eine Hoͤhe erſteigend, das in der Ferne uͤber den Baͤumen des Parkes ſich erhebende Schloß gewahrte. Ach, mit jenen vereint den Tag zu 145 verleben, ſchien ihr ein nun erſt von ihr verſtandenes, geſchätztes, unnennbares Gluͤck zu ſein. An dem Fuße einer großen Eiche, die noch voll⸗ belaubt mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen die Anhoͤhe beſchattete, befand ſich ein kleiner Sitz, den Lady Maria am liebſten bei ihren fruͤhen Spazier⸗ gängen einnahm. Von hier aus hatte ſie einen wei⸗ ten Blick in die reizende Gegend, die fuͤr ſie einen beſonderen Zauber trug, denn hier konnte ſie mit ihren ſcharfen Augen die fernen Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erſpaähen. Der Solwah, an deſſen Ufern ſie als Kind geſpielt, war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek; aber dieſe fernen maleriſchen Linien, dieſe erſten Grenzwarten des ſchoͤnen Landes, das ſie als ihr Vaterland anſe⸗ hen mußte, gaben ihrer Phantaſie ſtets die Bilder der Heimat, und es war ihr eine Pflicht geworden, täglich hinuͤber zu ſchauen, und ſie wie liebe Verwandte zu begruͤßen. Sie mußte ſich heute, wie manchen Morgen da⸗ mit troͤſten, die Himmelsgegend aufzuſuchen; denn ſo fern hin ruhten noch dichte Nebelſchleier um den So⸗ rizont. Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuß, denn gleich einem ungeheuern Oceane breitete ſich der Nebel⸗Hintergrund aus, waͤhrend der Punkt, Godwie⸗Caſtle II. 10 146 wo ſie ſtand, in ſeiner ſaftigen Friſche wie eine Oaſe daraus hervor leuchtete. Voll athmete ſie dem ſchoͤnen Naturbilde ent⸗ gegen, und Alles ward ihr heut zum Troſte oder zur Freude, und jeder Schatten verſank, denn ihr Bu⸗ ſen war ausgefuͤllt von einem einzigen, unendlichen Wohllaut! Gaſton, an das Ziel der Wanderung ſeit lange gewoͤhnt, hatte voranſtuͤrmend ſie hier erwartet, und ſaß nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren Fuͤ⸗ ßen und ſchaute mit ſeinen klugen Augen, wie verſtaͤn⸗ dig, in die Gegend hinein. Doch jetzt zog er die Ohren horchend an, wandte unruhig und knurrend den Kopf, und ohne ſich von der ſchmeichelnden Hand ſeines Schuͤtzlings beruhigen zu laſſen, ſchlug er ploͤtzlich hell an und fuhr, ſeinen großen Koͤrper raſch erhebend, pfeilſchnell nach dem Waldwege hin, der von dort aus gleichfalls zu der Hoͤhe fuͤhrte. Lady Marie folgte ſeinem Laufe mit den Augen und ſah, wie Gaſton ſich in ſeiner ganzen Laͤnge auf⸗ gerichtet gegen einen Mann gedraͤngt hatte, dem er auf dieſe Weiſe verwehrte weiter zu ſchreiten, da ſein wil⸗ des Geſicht, gegen das ſeinige gehalten, ihm jede Be⸗ wegung mit einem drohenden Knurren erwiderte. Gaſton, Gaſton! rief Lady Marie, furchtlos für ſich und erſchreckend uͤber des Thieres Wildheit, komm zuruͤck, komm zu mir! Gaſton wandte den Kopf nach ihr zuruͤck, und ſchnell dem Rufe der lieben Stimme gehorchend, ſtieß er den Mann, ihn eben ſo heftig woslaſſend, faſt ruͤcklings uͤber und war im ſelben Augenblicke liebkoſend zu ih⸗ ren Fuͤßen. Noch mit ihm beſchäftigt, blickte Ladh Marie erſt auf, ols ſie den Schatten des nahenden Mannes vor ſich am Boden ſah, und jetzt erkannte ſie zu ihrem lebhaften Mißvergnuͤgen Lord Membrocke. Wer die ſchnelle Verwandlung ihrer Zuge und ih⸗ rer ganzen Geſtalt jetzt betrachtete, mußte der Worte des Lord Ormond gedenken, denn mit geroͤthetem Ant⸗ litze hob ſie ſich ſo ſtolz empor, daß ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr zu bedrohen ſchien. Je mehr ſie in einer traumähnlichen Bewußtlo⸗ ſigkeit ſich den ſuͤßeſten Gefühlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem ſchmuͤckenden Gewande dieſer Stimmung erblickt hatte, deſto ferner war ihr das An⸗ denken an einen Mann getreten, der ihr ſo viel Ver⸗ anlaſſung zum Zuͤrnen gegeben hatte, und ihren Arg⸗ wohn und ihre Ungeduld unabläſſig erregte. Doch der Lord ſchien nicht geneigt, den Zorn des ſchoͤnen Fraͤuleins bemerken zu wollen, ſondern naͤ⸗ 10* 148 herte ſich ihr mit der ſchlauen Ehrfurcht und Un⸗ terwuͤrfigkeit, die ihm allein uͤbrig blieb, um ſich in der Nähe dieſes ſtolzen und klugen Kindes erhalten zu konnen. Mylady, ſprach er, ſie ehrſurchtsvoll gruͤßend, ich muß Euch ſehr fuͤr Eure Befreiung von meinem Feinde danken, da ich, allerdings uͤberraſcht, auf einem friedli⸗ chen Spaziergange ſo feſt an der Gurgel gepackt zu werden, mir wenig zu helfen wußte.— Ich erkannte Euch nicht, Lord Membrocke, als ich Gaſton zuruͤck rief, unterbrach ihn Ladh Melville, kalt ſich von ihm wendend und in die Gegend blik⸗ kend; es war eine ganz gewoͤhnliche Handlung des An⸗ theils und vielleicht uͤberfluͤſſig, da Gaſton Niemand verletzt und mir nur dieſen Platz gern einſam zu erhal⸗ ten trachtet.— Ich koͤnnte gehen, wollt Ihr ſagen, um Gaſtons handfeſte Bemuͤhungen nicht vergeblich zu machen, ſetzte er ſpottiſch hinzu; ich bin alſo offenbar hier zu⸗ viel, und hättet Ihr gewußt, das Lord Membrockes Gurgel unter ſeinen Krallen zuſammen geſchnuͤrt war, ſo hättet Ihr vielleicht es nicht der Muͤhe werth er⸗ achtet, ihn abzurufen. Mhlady, erlaubt mir Euch zu ſagen, Euer Stolz thut hier Euerm ſchoͤnen Herzen mehr Schaden, als er verantworten kann. Ihr haßt 149 Niemand ſo heftig, ſelbſt den armen Membrocke nicht, um ihn gleichguͤltig irgend einer Gefahr ausgeſetzt zu ſehen, wenn Ihr ſie mit einem Laute Eurer holden Stimme abwenden koͤnntet. Es lag zu viel Wahres in dieſem Vorwurfe, als daß er nicht das offene und beſcheidene Gemüth Ma⸗ ria's hätte treffen ſollen. Sie glaubte ohne Grund eine unweibliche Haͤrte begangen zu haben, und die fruͤheren Veranlaſſungen ihrer noͤthigen Zuruͤckhaltung uber die⸗ ſen Vorwurf vergeſſend, wandte ſie ſich mit milderem Weſen zu ihm. Mhlord, ſprach ſie, in den ruhigen Ton der Hoͤf⸗ lichkeit uͤbergehend, Ihr vertraut meinem Herzen nicht zu viel; ich hoffe, daß es ſich nie vom allgemein menſch⸗ lichen Wohlwollen zu gehaͤſſiger Ausſchließung verirren wird. Sollten meine Worte in der erſten Ueberraſchung gegen Euch das Gegentheil ausgedruͤckt haben, ſo moͤgt Ihr mir verzeihen. Lord Membrocke jauchzte innerlich, dies ſtolze We⸗ ſen gegen ſich in Nachtheil gebracht zu haben, und hätte Lady Maria das boshafte Lächeln geſehen, womit er hin⸗ ter ihr ſtehend ſie betrachtete, ſie hätte vielleicht bereut, auf ſeine Worte gehoͤrt zu haben. Was koͤnntet Ihr noch ſagen, Mhladh, erwiderte er ſanft zuruͤckhaltend, was haͤrter wäre, als das gren⸗ 150 zenloſe Mißtrauen, womit Ihr mich behandelt, ſeitdem Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgeſand⸗ ten Eurer Freunde Euren zaͤrtlichſten und ungluͤcklichſten Anbeter machte. Ihr habt mir befohlen daruber zu ſchweigen, fuhr er fort, als die Ladh ſich augenblicklich anſchickte, die Hoͤhe hinabzuſteigen, indem er ihr ehrerbietig, aber nahe genug folgte, um ihr Ohr noch zu erreichen,— und ich werde Euern Befehl befolgen, ſo lange meine ſchwache Kraft es vermag; aber ich beſchwoͤre Euch noch ein Mal, wendet um dieſer unſchuldigen, unfreiwilligen Ver⸗ gehung meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir. Denkt, ich wiederhole es Euch, daß ich der Ein⸗ zige bin, dem ſich Euer ungluͤcklicher Oheim vertrauen durfte, um Euch, dem letzten ihm gebliebenen Troſte, von ihm Kunde zu geben. Er iſt umſtellt, verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgeſetzt, ſeine Sicherheit durch Flucht bewirken zu muͤſſen. Bedenkt, was Ihr thut, indem Ihr mir verſägt, Euch zu ihm zu führen, und ſo die Zeit vergehen laßt, die ich viel nuͤtzlicher an ſeiner Seite zubringen koͤnnte.* Mhlord, ſprach hier Ladh Melville, ohne ſtill zu ſtehen, Ihr behandelt mich auf eine unverzeihliche Weiſe. Eure unſchicklichen Verfolgungen laſſen mich nichts fuͤr wichtiger halten, als wie ich mich denſelben entziehen ſoll, und das wenigſtens darf ich nicht be⸗ zweifeln, daß mein Oheim Euch nie zu ſeinem Ver⸗ mittler gewählt haben wuͤrde, hätte er ahnen koͤnnen, mich dadurch in die beleidigende Vertraulichkeit mit ei⸗ nem Manne zu bringen, der damit anfing, mich zum Gegenſtande einer unehrerbietigen Neigung zu machen. Aber davon abgeſehen, daß das Vertrauen eines der edel⸗ ſten Menſchen Euch hätte bewegen muͤſſen, mich mit Achtung zu behandeln, muß ich jedenfalls einen Mann gering achten, der eine Lage, wie die meinige, zu benut⸗ zen ſucht, um, waͤhrend ich meines natuͤrlichen Schutzes beraubt bin, mir Vorſchläge zu thun, an die ich nicht denken darf, ohne Eure Nähe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen. Seitdem Ihr meinen Zorn em⸗ pfunden habt, erſt ſeitdem tretet Ihr als Geſandter auf, und unter der Autorität der Namen, die mir heilig ſind, ſucht Ihr mein verſcheuchtes Vertrauen wieder zuruͤck zu bringen. Vielleicht hatte ich Unrecht, Euch noch ein einziges Mal Gehoͤr zu geben, aber ich bin noch zu jung, zu wenig gewohnt mich ſelbſt zu lei⸗ ten, und war zu uͤberwältigt von dem Gedanken an die Moͤglichkeit dieſes letzten, einzigen Schutzes, der mir geblieben, um dem noͤthigen und allzuſehr gerecht⸗ fertigten Mißtrauen ſogleich Gehoͤr geben zu koͤnnen. Ihr habt, auf dieſe theure Namen hin, mich mit 152 ungekannten Schreckniſſen bedrohend, eine Verſchwie⸗ genheit von mir erpreßt, die mich unaufhoͤrlich beleidigt, die mich wie eine Schuld gegen die edle Familie bela⸗ ſtet, der ich das unbedingteſte Vertrauen ſchuldig zu ſein glaube, und welche Ihr mir ohne alle Gruͤnde als Gefahr bringend ſchildern wollt. Aber ſeid ſicher, mein Herz verwirft dieſe falſche Stellung jeden Tag lebhafter, und eben heute fuͤhle ich es unerläßlich, mich wieder rein zu ſtellen; heute noch ſoll die Herzogin von Nottingham erfahren, was Ihr von mir verlangt, in weſſen geheimer Vollmacht Ihr hier zu ſein vorgebt, und hat ſie fuͤr mich gepruͤft, dann moͤgt Ihr immer⸗ hin unter dem Gefolge Euch befinden, das ſie mir er⸗ ſehen wird, um mich an den Ort meiner Beſtimmung zu fuͤhren. Nun, rief hier Membrocke mit einem Zorn, den er laͤngſt einmal gegen das muthige Maͤdchen zu verſu⸗ chen entſchloſſen war, und wozu er ſich ziemlich durch ihre wegwerfende Antwort geneigt fuhlte; nun ſo folgt denn Euerm uͤbermuͤthigen Sinn und ſeid es dann ſelbſt, welche die letzte Hand an das Schickſal Euers Oheims legt. Wiſſet, daß das erſte Wort, was mich als den geheimen Freund Eures Verwandten vor dieſer Frau bezeichnet, mich zwingen wird, ihn ihr zu nen⸗ nen und ſeinen Aufenthalt zu entdecken, und wiſſet, v— 153 daß es derſelbe iſt, der, in die Angelegenheiten des Gra⸗ fen von Briſtol verwickelt, von dieſem durch ein einzi⸗ ges Wort zum Schaffot gefuͤhrt werden kann. Lady Melville bebte hier unwillkuͤrlich zuſammen, und als ſie ihr ſchoͤnes Antlitz zu ihm wandte, war es erblaßt, und ihr großes Auge ſchaute voll Entſetzen zu ihm auf. Ja, vollendete Membrocke, die ihn erfreuende Wir⸗ kung beobachtend, ja, Ihr wollt nicht geſchont ſein, und ſollt es denn endlich wiſſen, wie ſchrecklich die Lage Euers Oheims iſt, wie ſehr ſie geſchont ſein will. Gewiß habt Ihr den Namen Buckingham nennen hoͤ⸗ ren, und muͤßt ahnen, daß Eure Verwandten nur zu nah mit dieſem erlauchten Geſchlechte verbunden ſind. Eben jetzt iſt Graf Briſtol zuruckgekehrt; wegen der ſpaniſchen Zwiſtigkeiten ſucht er ſich zu rechtfertigen, indem er den Herzog von Buckingham anklagt. Nur zu leicht wurde ihm das gelingen, koͤnnte Graf Briſtol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und ihn vor Gericht laden. Genug Zeugniſſe werden gegen ihn re⸗ den, denn ſein edles vertrauungsvolles Gemuͤth hatte ihn an Schritten theilnehmen laſſen, deren Aufdeckung, nach der gaͤnzlich verfehlten, ſicher guten Abſicht, jedem Theilnehmer den Tod bringen muß, da es die Aufloͤ⸗ ſung der ſpaniſchen Vermaͤhlung und den daraus ſich 154 * jetzt entwickelnden Krieg betrifft. Das Parlament iſt verſammelt. Graf Briſtol muß ſeine Anklagen bewei⸗ ſen, wenn er nicht das gezuͤckte Schwert uͤber ſein eige⸗ nes Haupt rufen will. Es blieb Euerem Verwandten nichts ubrig, als Flucht. In tiefſter Verborgenheit an der Grenze des Koͤnigreichs harrt er, ob die Nach⸗ forſchungen Briſtols ihm nahen werden, um dann ſo⸗ gleich allein, troſtlos und verlaſſen von aller Liebe, in ein fremdes Land zu fliehen. Die ganze Familie Not⸗ tingham unterſtutzt dieſe Nachforſchungen; denn ſie ver⸗ hehlen ſich nicht, daß ohne dieſe Beweiſe die Lage des Grafen ſehr bedenklich wird.— Geht jetzt hin und entdeckt ſelbſt der Tochter des Grafen Briſtol, wohin ſich der gefluͤchtet, den ſie um den Preis ihres halben Lebens ſuchen wuͤrde, und wenn dann das Henkerbeil ihn erreicht, ſo laßt mir wenigſtens die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich Euch warnte. Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit ge⸗ ſprochen, die er in der Ueberzeugung gewann, ſie er⸗ ſchuͤttert zu haben; aber ſeine Berechnungen ſollten im⸗ mer an einem ſolchen weiblichen Karakter ſcheitern, von dem er uͤberhaupt keine Vorſtellung hatte. Die heftige Erſchuͤtterung des erſten Augenblicks bemeiſternd, ſuchte ihr an klares Nachdenken gewoͤhnter Geiſt dieſe über⸗ raſchenden Thatſachen zu pruͤfen, und, unterſtützt von * 155 ihrem Widerwillen und ihrem Mißtrauen gegen den 6r. zähler, weigerte ſich bald ihr ganzes Suner ihm Glau⸗ ben beizumeſſen. Ich kann nicht denken, daß die Lage meines theuern Oheims ſo iſt, wie Ihr ſie darſtellen wollt, und niemals kann ich annehmen, daß dieſer ſtolze und reine Karakter in irgend eine Handlung verwickelt ſein ſollte, die ihn zu einer ſo ſchimpflichen Verborgenheit zwingen koͤnnte. Hätte dieſer Engel von Milde und Güte ſich aber zu einem Schritte weiter verleiten laſſen, den er bereuen müßte, nimmer wuͤrde er geduldet haben, daß ein Ande⸗ rer dadurch in Gefahr geriethe; er wäre der Erſte ge⸗ weſen, der dem Parlament als ſein eigner Ankläger ſich gegenuͤber geſtellt haͤtte. Graf Briſtol hätte in ihm ſelbſt ſeinen Vertheidiger gefunden, ob auch das Henkerbeil, wie Ihr ſagt, dann über ſeinem Haupte zuckte. Ha! rief ſie, begeiſtert von dem Tugendzeugniß, das ſie die⸗ ſem geliebten Andenken abgelegt, geſteht es nur, Ihr habt eine ſchlechte Maͤhr erſonnen, mich von denen zu entfernen, bei denen ich nur allein Schutz und Huͤlfe finden konnte gegen Euern boͤſen Willen, und Gott mag Euch vergeben, daß Ihr dazu mir ſo heilige Na⸗ men mißbrauchtet. Wieder eilte ſie heftig erzuͤrnt den Weg vor ihm her, welcher nun in einen breiten Laubgang einlenkte, 156 auf den Fruͤhſtuͤcksſaal zufuͤhrte, in dem bereits alle Mitglieder des Hauſes und der Geſellſchaft verſammelt waren. Nun ſo rette Euch Gott, halsſtarriges Mädchen, rief Membrocke, und Du, theurer ungluͤcklicher Freund, magſt mir vergeben, daß ich Dein mir ſo heiliges Ver⸗ trauen an ein ſo trotziges, wildes Weſen verrieth, auf deſſen Liebe Du zu viel bauteſt. Lady Melville blieb ſtehen. Trotz der Gewalt, die ſie ihrem Herzen anthat, ihre Beſonnenheit zu erhalten, ward doch durch die fruͤheren Worte Membrockes in ihr eine Angſt erregt, die ſie nicht mehr zu beſchworen ver⸗ mochte. Tief aber traf ſie der letzte Vorwurf ſelbſt aus dieſem Munde. Gott, Du biſt mein Zeuge, rief ſie, indem ihre Stimme bebte, daß, koͤnnte ich Euch glauben, ich zu Fuß als Bettlerin, ja, ſelbſt mit Euch, bis an den fern⸗ ſten Punkt der Erde wandeln wuͤrde, ihn aufzuſuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu dienen, aber— Sie ſchwieg, und Schmerz und Unruhe lagen ſo un⸗ ſchuldig ruͤhrend in dieſen holden Zuͤgen ausgedrückt, daß Membrocke, ſelbſt einen Augenblick davon ergriffen, beſchloß, ſie zu ſeiner wirklichen Gemahlin zu erheben, und nach dieſer tugendhaften Entſchließung um ſo drei⸗ ſter ſeine boͤſen Geiſter aufrief, ſie durch alle erdenkli⸗ chen Tauſchungen in ſeine Gewalt zu bringen. 157 Wie kann ich nun wieder dieſen vene glauben, ſprach er mit unverſtellter Anmaßung, da uͤberhaupt Eure ganze Theilnahme fur Eure natuͤrlichen Freunde in derjenigen untergegangen zu ſein ſcheint, womit Euch hier dieſe fremde Familie feſſelt? Einen Tag fruͤher hätte Marig dieſen Vorwurf mit Unwillen zuruͤckgewieſen; heute bebte ſie innerlich davor, aus einem ihr ſelbſt noch nicht bekannten Grunde, wie vor einer Wahrheit zuruͤck. Ich weiß, fuhr Membrocke fort, durch den Mund Eures Oheims, daß Ihr noch nicht den Namen deſ⸗ ſelben kennt, Ihr irrt, wenn Ihr ihn fuͤr einen Gra⸗ fen von Marr haltet, Ihr beginnet ſelbſt dies zu ahnen und wißt, daß Eure Beſchuͤtzer ebenſo daran zwei⸗ feln. Warum war aber Euer Antheil ſo lau, daß Ihr nicht von mir eine ſo wichtige Nachricht verneh⸗ men wolltet, die doch wohl unzweifelhaft mir bekannt ſein muß? Marie ergluͤhte bei dem Gedanken an dieſe Art von Rechenſchaft, die der fremde verhaßte Mann von ihr zu fordern ſchien. Erinnert Euch, Mhlord, rief ſie ſtolz, daß aus meinem Munde an Euch nie ein anderes Wort ergangen iſt, als was ich, von Eurer Zudringlichkeit gezwungen, ausſprechen mußte; daß ich mich nie zu einer Frage 158 ließ, die den verhaßten Zwang Eurer Nähe mir hütte verlaͤngern koͤnnen, daß ich vor Allem nie aner⸗ kannt habe, Ihr koͤnntet irgend etwas von denen wiſſen, die ich zu hoch verehre, um Euch als ihren Abgeſand⸗ ten anſehen zu moͤgen. Ein Name, wie wichtig mir auch der rechte ſein moͤchte, wurde, aus Euerm Munde gehoͤrt, für mich keinen hoͤhern Werth haben, als jener, den ich jetzt ſchon als einen von mir irrig angenomme⸗ nen anſehen muß. Laßt die Vertraulichkeit, womit Ihr mir Rechenſchaft abzufordern geneigt ſeid, Ihr ſeid und bleibt mir voͤllig fremd. Sie eilte vorwärts, bis zur Hälfte ſchon die Allee zuruͤcklegend, und Membrocke fuͤhlte nun mit Unwillen, wie ſchwer ihm hier jeder Schritt gemacht wuͤrde, wie er auch jetzt wieder einlenken muͤßte. Er ſuchte ſie da⸗ her zu erreichen, und trotz dem, daß Gaſton ſich zwi⸗ ſchen ihn und ſeine Gebieterin gedrängt hatte, verſuchte er doch ſo nah und vertraulich, wie moͤglich, neben ihr zu ſchlendern, da er im Angeſicht des angefullten Saa⸗ les hoffen durfte, bemerkt zu werden. Dies unterſtützte ſeine Abſicht, den Schein eines Einverſtändniſſes mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf ſie gefaßte gute Meinung zu erſchuͤttern, welches ihn hoffen ließ, eine Spaltung hervorzubringen, die ſie huͤlfloſer und iſolir⸗ ter machen mußte. Euer Zorn, hob er auf's Neue an, obwohl immer deſſen Ziel ſein muß, legt gegen Euern Willen Zeugniß von Euerm treuen kindlichen Herzen ab, das ich noͤthig hatte, um Euch nun bald Beweiſe geben und anvertrauen zu koͤnnen, um deren Wirkung ich ſicher bin. Bald erwarte ich meinen Pagen von da zuruͤck, wo er lebt, der mich bei Euch beglaubigen muß. Bis dahin hoͤrt auf meine letzte flehende Bitte, und um des Andenkens willen, das Ihr ſo hoch haltet, ſchweigt gegen Jeden, der Euch auch noch ſo wuͤrdig des Vertrauens ſcheint. Hoͤrt Ihr, mein Page ſei zu⸗ ruͤck, und ich weiß Euch nichts Genuͤgendes zu ſagen oder zu geben, dann ſollt Ihr ſelbſt den Tag meiner Abreiſe beſtimmen, ich kann Euch nur dem Schutze des Himmels empfehlen. Lady Melville würdigte ihn keiner Antwort, ſondern ſuchte ihm voran zu eilen, und während ſie jetzt ſich dem Saale näherte, gewahrte ſie die ganze Geſellſchaft um den froͤhlichen Genuß des Fruͤhſtuͤcks verſammelt. Wie, rief die Marquiſe Danville, ſehe ich recht? Eilt dort nicht unſer kleines Geheimniß, Lady Melville, daher, wenn ich nicht irre, am Morgen in derſelben Geſellſchaft, von der ich ſie am Abend begleitet fand? Doch man hat mir geſtern Abend bewieſen, daß ich zu ſchwach ſehe, um mich auf meine Augen laͤnger ver⸗ Hnſen zu können. Lord Ormond, wollt Ihr mir wohl ſagen, da jetzt anſtatt des Mondes die Sonne am Himmel ſteht, wer die beiden vertrauten Perſonen ſind, die dort die Allee entlang zu uns eilen? Oder Ihr, Lord Richmond? fuhr ſie in bitterem Spotte fort; denn ſeht, unſerm lieben Lord Ormond erſtirbt die Ant⸗ wort auf den Lippen. Ohne Zweifel, ergriff Lord Ormond feſt und kalt das Wort, iſt dies Lady Melville und Lord Membrocke. Lady Melville liebt fruͤh in dem Genuſſe der ſchoͤnen Natur ihr Gemuͤth zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu ſtählen, welches ihr die bezaubernde Geſundheit des Koͤrpers und des Geiſtes erhält, der wir uns alle freuen. Waͤhrend dem war Richmond faſt ungeſtuͤm von ſeinem Sitze geeilt, der nun eintretenden Lady Melville die Thuͤr zu oͤffnen, und Ormonds Aufmerkſamkeit zog ſich einen Augenblick auf Ollonie, die mit einer ſelt⸗ ſamen Ueberſpannung in Maria's Arme ſtürzte, ſie heftig kuͤßte und dann an ihr voruͤber aus der Thuͤr verſchwand. Als Maria am Eingange des Saales einen Au⸗ genblick hold gruͤßend ſtehen blieb, und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich uͤber Alle hin⸗ glitten, da war es ihr, als ob ein boͤſer Dämon ihr 161 gefolgt, der erſt hier in der Nahe dieſer edeln Menſchen* ſeine Macht uͤber ſie verliere. Ihre Bruſt entlud ſich der herauf beſchwornen Noth, und Friede und ſuͤße Hoffnung auf Schutz und Gluͤck unter ihnen, zog wie der Gruß eines Engels in ihr Herz. Mit einem unbeſchreiblichen Gefühle kindlicher Ehr⸗ furcht und Liebe näherte ſie ſich den beiden Herzoginnen, die am Ende des Saales in der Nähe des Kamins mit dem älteren Theile der Geſellſchaft ſich nieder⸗ gelaſſen hatten, und innig ihre Hände kuͤſſend, ward ſie von Beiden nach einer Jeden Art und Weiſe freund⸗ lich begruͤßt. Hierher, Mylady, rief jetzt Lady Danville; hier iſt ein Platz fuͤr Euch. Wahrlich, Ihr macht es den Leu⸗ ten ſchwer, Eure Geſellſchaft zu genießen. Heute Mor⸗ gen, als ich Euch mit Gaſton in den Park fliegen ſah, als ob Ihr wer weiß welche Eile hattet, da ſuchte ich Euch nachzukommen, begierig von Euch die Freuden eines nebligen Herbſtmorgens zu erlernen; aber ich fand bald, duß Ihr Euch für heute einen andern Schůler erwählt hat⸗ tet, und ich fuͤrchtete zu ſtoren, als ich Lord Membrocke deſſelben Weges Euch nacheilen ſah. Ich kehrte daher ſchnell zu dieſem warmen Zimmer zuruͤck, hätte auch auf keinen Fall einen ſo langen Lehrgang ausgehalten, wie Ihr mit Lord Membrocke zuruckgelegt. Godwie⸗Caſtle I. 11 162 Maria hatte ſich zu Anfange dieſer Rede der Ladh genaͤhert. Waͤhrend des Verlaufs ihrer Worte blieb ſie ſtehen und blickte voll Erſtaunen in die bitter läͤcheln⸗ den Zuͤge der Marquiſe. Sie war ſich eines gegen ſie gerichteten boͤſen Willens ſo wenig gewaͤrtig, daß ſie im erſten Augenblicke zweifelte, ob ſie recht hoͤre; als ſie ſich uͤberzeugen mußte, ihr Zuſammentreffen mit dem verhaßten Lord werde als ein verabredetes angeſehen, und laut und mit Hohn als ſolches beleuchtet, fuͤhlte ſie ſich empoͤrt. Ihr Antlitz ward von einer hohen Roͤthe uͤber⸗ deckt, ihre ſchlanke Geſtalt hob ſich zu einer edeln Ma⸗ jeſtaͤt, und der ernſt gebietende Glanz ihrer Augen ſetzte Richmond in Staunen.— Ich muß zwar annehmen, Mhlady, daß Ihr ſo eben ſcherzen wolltet; aber Ihr habt in Eurer guten Laune uͤberſehen, daß Ihr einen Gegenſtand waͤhltet, der ſelbſt im Scherze das Gefuͤhl einer Frau beleidigt, und ich bin beſchaͤmt, Euch an dieſen Mißgriff erinnern zu muſſen. Haltet zu Gnaden, ſtolzes Kind, rief die Marquiſe, hochroth von Zorn; glaubt Ihr in mir einen ſo lehr⸗ begierigen Schuͤler zu finden, wie in Lord Membrocke, ſo ſeid Ihr im Irrthum. Erlaubt, daß ich Euch auf dieſen Mißgriff Eurerſeits aufmerkſam mache. Ihr aber, Lord Membrocke, ſeid kuͤhl geworden in Euerm — — „ ——— 163 Ritteramte; warum bekennt Ihr denn nicht den Zu⸗ fall, dem wir Euer empfindſames Zuſammentreffen zu⸗ ſchreiben ſollen. Koͤnnt Ihr nicht? ſetzte ſie lachend hinzu, da Membrocke mit einem zweideutigen Lächeln die Achſeln zuckte. Wie duͤrfte mein Mund widerſprechen, ziſchelte er, wo die ſchoͤne Lady Melville ſich ſo beſtimmt er⸗ klaͤrt hat. Dieſe Worte wurden mit Willen halb leiſe geſpro⸗ chen, wenn auch deutlich genug, um von den zunaͤchſt Stehenden verſtanden zu werden, und das Gelaͤchter, welches die Marquiſe ihnen nachſchickte, vollendete das Beleidigende derſelben. Aber ſchon erreichten ſie nicht mehr das Ohr des unſchuldigen Opfers dieſer Bos⸗ heiten. Denn die alte Herzogin, auf alle ihre Gaͤſte ein wachſames Auge habend, hatte die erhoͤhten Stimmen am Ende des Saales bemerkt, und, der ſchutzloſen Maria ſtets mutterlich gewogen, hatte ſie ſchnell ihren Pagen geſandt, ſie an ihre Seite zu rufen. Schon hatte das liebliche Mädchen, ihre Leiden vergeſſend, ne⸗ ben der alten Ladh Platz genommen, ohne die Vollen⸗ dung einer Beleidigung zu ahnen, die ſie muthig von ſich abgelehnt zu haben wähnte. Richmond war ihr gefolgt. Wie auch ſeine innere Empfindung über dies neue Zuſammentreffen mit dem 11* 164 Lord ſein mochte, deſſen bekannter Karakter dem Rufe einer jeden Frau ſchaden mußte, die man in irgend einem Verhältniſſe zu ihm denken konnte: jedenfalls hatte die Art, wie Lady Melville von der boshaften Marquiſe an⸗ gegriffen ward, ihm empoͤrend geduͤnkt. Wenn er ſich ſeine Meinung auch vorbehalten zu muͤſſen glaubte, wollte er doch nimmer dulden, daß man in ſeiner Gegenwart und in dem Hauſe ſeiner Verwandten ein junges ſchutz⸗ loſes Weſen zu beleidigen wage. Der Achtung ſich wohl bewußt, die man ſeinem Karakter zollte, widerlegte er durch die ehrfurchtvollſte Hoͤflichkeit gegen die eben Be⸗ ſchuldigte in den Augen der meiſten Anweſenden das eben Gehoͤrte. Er bediente ſie ſelbſt mit der liebenswuͤrdig⸗ ſten Galanterie bei dem Fruͤhſtuͤck, und der anfängliche Zwang und die Abſichtlichkeit, die er ſich auferlegte, wichen bald dem Vergnügen, das Keinem in der Nähe Mariens fremd bleiben konnte. Ihr Geiſt beſaß heute eine beſondere Elaſtizität, und die Freude hatte zu voll⸗ ſtändig in dem lebhaft erregten Herzen Raum gewonnen, um nicht bald uͤber alle dazwiſchen getretenen Eindrücke zu ſiegen. Dieſe Erſchutterungen ſelbſt trugen bei, ſie noch lebhafter und anziehender erſcheinen zu laſſen, da. ſie ihr ganzes Weſen in Aufregung gebracht hatten. Ihre wundervollen klaren Augen wechſelten mit einem feſſelnden Ausdruck, und ihr leicht bewegtes Mienenſpiel —— * — — 165 deutete ſchon, ehe noch Worte ihn bezeichneten, den Gegenſtand ihrer Empfindungen an. Es war Richmond nicht moͤglich, die Augen von ihr zu wenden, obwohl er ſich einſtweilen mehr noch ein Beobachter, als ein Bewunderer, duͤnkte. Und warum war denn meine liebe Maria ſo er⸗ zuͤrnt, als ich ſie zu mir rufen ließ? frug jetzt die alte Lady, zärtlich Lady Melville anblickend. Unſanft beruͤhrt mitten in dem heiteren Geſpräch mit Richmond, ſchien ſie ihm faſt zuſammen zu ſchrecken, und ſchnell ernſt und erroͤthend niederblickend, blieb ſie die Antwort zu lange ſchuldig, um nicht da⸗ durch aufzufallen. Ich war unhoͤflich, fuhr die alte Herzogin guͤtig fort, ich hätte Dich nicht ſtoren ſollen, da Du eben heiter wareſt; aber das war nur die Neugierde der alten Frau, auch moͤchte ich nicht zugeben, daß Dir etwas zu Leide geſchehe; denn ohne Grund erzuͤrnſt Du Dich nicht. Innig kuͤßte Maria ihre Hand. Das Gefuͤhl dieſes Schutzes ſollte mich ſanft laſſen, unter welchen Umſtänden es ſein moͤchte, aber ich habe viel mit mei⸗ nem ungeſtuͤmen Herzen zu kaͤmpfen.— Die alte Herzogin ward ſo eben angeredet und druͤckte nur noch die Hand ihres Lieblinges zur beguͤtigenden Antwort. Ladh Melville wandte ſich aber ſogleich zu Richmond; ihr Geſicht gluhte, und ihre Augen ſtanden in Thränen. O Mhlord, rief ſie, wie haſſe ich in mir dieſe leicht veranlaßte Heftigkeit, und wie wenig vermag ich ſte noch zu zugeln, trotz dem, daß ich ihrer ſo lebhaft mir bewußt bin. Wir ſollen wohl nicht gleichguͤltig bleiben, wenn uns das Unnoͤthige aufgenoͤthigt wird, aber dieſe Selbſtvertheidigung läßt ſtets einen Stachel in uns zuruͤck; denn ſelten bleibt uns die Gelaſſenheit, die blos das Rechte uͤberhaupt vertheidigt. Leicht miſcht ſich Beſchaͤmung des Andern in unſere Worte, und ſo wird aus der Vertheidigung eine Art von Rache, die uns dann wieder ſelbſt verwundet und vor uns ſelbſt herabſetzt. Gewiß, verſetzte Richmond, iſt hierin die Lage ei⸗ ner Frau noch viel zarter, als die eines Mannes. Wir ſind in den vielſeitigeren Beziehungen unſers Lebens in viel großerer Gefahr der Mißdeutungen, und wir muͤſſen uns faſt an dieſe Vorausſetzung gewoͤhnen und ſie ertra⸗ gen lernen, um unſere Handlungen nicht endlich beſchraͤnkt zu ſehen von dem gefaͤhrlichen Ehrgeiz, jene zu vermeiden. Oft geht der Weg zu einer feſtſtehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung uns fern liegen⸗ der Anſchuldigungen, und es gehort gewiß der wahre * ———— 167 Muth der Tugend dazu, wenn wir ſchweigend unſere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit vertraun, die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Beſtreben vorbehalten iſt. Doch, wie auch dieſer Grundſatz als ein allgemei⸗ ner Jedem gelten moͤge, in den meiſten Fällen leidet eine Frau zu ſehr unter dem leiſeſten ſie treffenden Argwohn, als daß ſie nicht eilen mochte, ihn von ſich abzuwehren; und iſt der Zorn irgendwo Ihrem Ge⸗ ſchlechte erlaubt, moͤchte es hier ſein. O nein, auch da nicht! rief Maria lebhaft. Ich traͤumte jetzt ſchon von der Erreichung einer ſo ſtillen in ſich bgruͤndeten Wuͤrde, einer Sanftmuth der Seele, die in dem Ankläger oder Verläumder allein den Leidenden, den zu Beklagenden ſieht; dann aber muß der Zorn fern bleiben, und unſere Worte werden um ſo mehr den Ka⸗ rakter der Ueberzeugung tragen. Doch als die groͤßte Suͤnde ſollten Maͤnner ſich fuͤrchten, eine Frau über⸗ haupt in die boͤſe Stimmung des Zorns zu verſetzen. Denn waͤre auch das groͤßte Recht auf unſerer Seite, wir werden uns doch ſtets im Nachtheil befinden, eben weil wir aus unſerer Natur heraustreten. Es bleibt ein Mißlaut in uns zuruͤck, hätten wir auch den glaͤn⸗ zendſten Sieg davon getragen. Wuͤßten die Maͤnner doch, wie dankbar wir denen ſind, in deren Atmoſphäre wir rein und furchtlos aufathmen, und ſorgenlos unſerer 168 Natur uns hingeben koͤnnen, ihres Schutzes gewiß und ihrer edeln Beobachtung aller feinen Begrenzungen un⸗ ſerer dann ſo gluͤcklichen Erxiſtenz! Richmond hob den ſinnend niedergeſchlagenen Blick bei dieſen Worten zu ihr auf. Ein unbeſchreibliches Gefuͤhl ſagte ihm, daß er es ſei, den ſie in der Leb⸗ haftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte; es ward ihm zur hoͤchſten Suͤßigkeit, ſich ſagen zu koͤnnen, er werde von ihr verſtanden und anerkannt, und als ſein Blick, be⸗ lebt von dieſer Empfindung, den ihrigen ſuchte, da ſank er hinter den feinen Schleier der langen ſeidenen Augenwimper. Es blieb ihnen keine Zeit, dieſe zarte Verlegenheit zu bekämpfen; die juͤngere Herzogin erhob ſich und for⸗ derte Richmond auf, ſie nach ihren Zimmern zu begleiten. Er wußte es wohl, daß ihm hier das ſchwierige Ge⸗ ſchaͤft oblag, ſeine leicht gereizte Mutter mit der be⸗ drohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen, und es koſtete ihm in dem gegenwärtigen Augenblick eine beſon⸗ dere Ueberwindung, aus dem weichen Zuſtand, in dem er ſich fuͤhlte, zu all der Beſonnenheit zuruͤckzukehren, die der vorliegende Gegenſtand noͤthig machte. Es gelang ihm jedoch beſſer, als er ſich zugetraut hatte; ja, er fand heute ſogar ein faſt neues Talent in ſich, das einer leichteren Auffaſſung der verwickelteſten 162 Umſtände, und da er auch ſeine Mutter von ihrer Sorge um ſeinen Bruder erleichtert antraf, der in ei⸗ nem langen kindlichen Briefe ſeiner Verbindung mit Anna Dorſet mit der ruhigen Wuͤrde des entſchloſſe⸗ nen Mannes gedacht hatte, fand er ſie in einer anſpre⸗ chenden Stimmung. Sie ſah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und ſetzte zu viel Vertrauen in ſeinen hohen Ruf, um nicht jede Anklage dadurch entkräftet denken zu muͤſſen. Vielleicht hätte es in Richmonds Auftrage gelegen, ihr dieſe ſtolze Sicherheit um etwas zu verringern; aber ſein ſtets gegen dieſe geliebte Mutter ſo zartliches Herz vermochte es nicht, ſie auf's Neue ſchon heute zu beunruhigen, wo ſie eben erſt eines ſol⸗ chen Gefuͤhls in Bezug auf ihren älteſten Sohn ſich entledigt hatte. Er glaubte nähere Nachrichten von ſei⸗ nem Oheim abwarten und ihre ihm ſo heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu koͤnnen. Ein Verſuch, ſeine Mutter zu einiger Mitthei⸗ lung über Lady Melville zu bewegen, ſcheiterte jedoch, da ſie ihm mit der kuͤhlen Ruhe einer Selbſtherr⸗ ſcherin erwiderte, daß ſie die etwa noͤthigen Beſtimmun⸗ gen uͤber dies Fraulein ſich ſelbſt vorbehalten und da⸗ her alle anderweitigen Bemuͤhungen, ihr Schickſal auf⸗ zuklären, ſich verbeten habe, indem ſolche der Ehre und 120 dem Gluͤck des armen Weſens wenig erſprießlich ſchie⸗ nen. Sie ziehe vor, ihr auch ohne weitere Aufklärung ihren Schutz zu bewilligen; worin ſie ſich jetzt beſtärkt fuhle, da die Befuͤrchtung, durch ſie die Ehre ihrer Familie bedroht zu ſehn, nach Roberts maͤnnlicher Faſ⸗ ſung verſchwunden ſei. Dagegen ſprach die Herzogin ſich ſehr wohlwollend uͤber ihre kunftige Schwiegertoch⸗ ter aus, unterließ auch nicht der reizenden Ollonie zu erwaͤhnen. Es ward ihr leicht, zu erkennen, wie fern Richmond jeder Gedanke an die Plaͤne ſeiner Familie liege, da er von der heranbluͤhenden Jungfrau wie von einem lieben Schooßkinde ſprach und in jener gleichguͤl⸗ tigen Laune, die weder Lob, noch Tadel widerlegen mag, den Verſicherungen ſeiner Mutter zuhoͤrte, daß ſie von ausgezeichneten Tugenden des Geiſtes und Herzens ſei. Auch ſchwieg die Herzogin gar bald, denn ſie ſah in dieſer Vernachlaͤſſigung eines Mädchens, der ſie im Ge⸗ heim die Ehre zugeſtanden, ihre Schwiegertochter zu werden, eine Beleidigung ſowohl fuͤr ſich, als fuͤr Ol⸗ onie's jungfraͤuliches Gefuͤhl; und ſie konnte das ſelbſt ihrem Sohne nicht ſchnell genug vergeben, um ihn ſo freundlich zu entlaſſen, als er es erwarten durfte. Doch auch dieſer Wink ſollte dies Mal verloren ſein, denn Richmond ging in Gedanken vertieft von dan⸗ nen, er frug ſich nur, wie die Erwaͤhnung der Lady —— ————— Melville, die doch jetzt aufgehoͤrt habe, ſeiner Mutter Beſorgniß zu erregen, ſie ſo auffallend habe verſtimmen koͤnnen? Die alte Herzogin wuͤnſchte die Geſellſchaft um ſich feſt zu halten, bis ſie ſelbſt mit ihrer Familie nach Godwie⸗Caſtle zuruͤckkehren wuͤrde, und ſie war daher unermudlich, in den Vergnuͤgungen und Beſchaͤf⸗ tigungen um ſich her die angenehmſte Abwechſelung zu erhalten. Es konnte ihr das nicht fehlſchlagen, da ihr die reichſten Mittel nach Außen zu Gebote ſtanden, da ihre ſtets gleiche Laune und ihre heitere Milde uͤberall bele⸗ bend eingriff, und Jeder durch ihren Beifall ſich belohnt ſah, wenn er zur Heiterkeit des Ganzen die Hand ge⸗ boten hatte. Trotz dieſem über alle wehenden Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln, daß nicht Allen das Herz zu dieſer einen Loſung ſchlug und Viele, von eignen Betrachtungen beſchwert, nur jene ſchickliche Haltung beobachteten, die nirgends das eigene geltend zu machen ſucht. Lord Ormond befand ſich vornehmlich unter dieſen letzteren, denn er war ſich ſeiner bewußt geworden, und „ —— hatte ſich mit einer unbeſchreiblichen Erſchuͤtterung ein⸗ geſtehen muͤſſen, durch Lady Melville auf's Neue mit einem Gefuͤhl bekannt geworden zu ſein, dem er ſich nicht mehr zugaͤnglich gewaͤhnt hatte. Ja, er mußte dieſe Empfindung dies Mal in ſich von einer Hochachtung und einer Theilnahme unterſtuͤtzt fuͤhlen, wie bei ſeiner fruͤheren, ſo ungluckſelig leidenſchaftlichen Liebe niemals der Fall geweſen. Er hatte anfaͤnglich noch die Schwie⸗ rigkeiten erwogen, die bei ſeiner Stellung und ſeinem Range in der Verbindung mit einem unbekannten We⸗ ſen, uͤber deſſen Leben noch ſo viel Dunkel und Zwei⸗ deutigkeit lag, ihm zu beſiegen oblagen. Aber er er⸗ kannte jetzt nur eine Schwierigkeit, nur die eine Furcht, ob er, der ſo viel ältere Mann, das Herz dieſes Engels je gewinnen koͤnne, und war zu jedem andern Opfer bereit, wenn er dies eine erlangt haben wuͤrde. Er wollte, im Fall man etwa Bedenken truͤge, ſeine Ge⸗ mahlin bei Hofe zu empfangen, ſeinen Abſchied neh⸗ men, und ſeine Guͤter durch allen Zauber von Kunſt und Kultur zu einem wuͤrdigen Boden fuͤr ſie umſchaffen. Aber dieſen wichtigen Augenblick, der daruͤber entſchei⸗ den ſollte, wagte er nicht herbei zu fuͤhren, ja, tau⸗ ſend Bedenklichkeiten ließen ihn vielmehr denſelben ſtets weiter hinaus ſchieben. Er hoͤrte indeß nicht auf, ſie mit der zärtlichſten Aufmerkſamkeit zu bewachen, und —ii 173 erkannte nur zu bald mit Sorge, wie die kindliche Ruhe und das herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Weſens von ihr zu weichen begann, und bald einer ſchwermuͤ⸗ chigen Stimmung, bald einer uberreizten Lebhaftigkeit Platz machte, was auf einen innerlich leidenden Ge⸗ muͤthszuſtand ſchließen ließ. Er ſuchte ſie ſtets zu un⸗ terſtutzen, ſeinen Worten ohne Beziehung einen allge⸗ mein beruhigenden Karakter zu geben, ſie vor der neu⸗ gierigen Zudringlichkeit Anderer zu bewahren und ihre eigenen Aeußerungen, die immer mehr den Ausdruck des Leidens trugen, vor Mißdeutungen zu ſchuͤtzen. Sie ſchien die Nähe eines ſorgſamen Freundes in ihm zu ahnen, und es war ihm, als ob ſie ihn ſtets unter allen ihren Umgebungen ſuche und in ſeiner Nähe allein zu der harmloſen Ruhe zurückzukehren vermöge, die ſonſt ihr eigenſtes Element war. Wie konnte Or⸗ mond ſich enthalten, auf dieſe ihm ſo ſüße Wahrneh⸗ mung die Erfuͤllung der Hoffnungen zu bauen, die ihn jetzt einzig belebten. Und dennoch wagte er das ent⸗ ſcheidende Geſpräch noch nicht mit ihr einzuleiten. Zeden Verſuch, tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich ſie uber ihr, ihm ſtets unbegreiflicher wer⸗ dendes Verhältniß zu Lord Membrocke zum Vertrauen zu wecken, blieb nicht nur ohne Erfolg, ſondern ſchien ſogar jedes Mal ſo viel Unruhe, ja, Schmerz ihr zu ver⸗ 174 urſachen, daß er nicht oft ſich uͤberwinden konnte, dazu erneute Veranlaſſung zu geben. Wie nahe aber auch dieſes Intereſſe ſeinem Herzen lag, Ormond hatte ſich zu lange gewoͤhnt, ſeinen Um⸗ gebungen eine groͤßere Theilnahme, als ſich ſelbſt, zu ſchenken, um auch nicht jetzt noch fuͤr Alle theilneh⸗ mend zu bleiben, und ſo lag ihm zunächſt ob, Ollonie zu beobachten, welche ihn in die ſchmerzlichſte Unruhe verſetzte. Das holde leidenſchaftliche Kind ſchien jetzt uber alle Grenzen erregt, in einem beſtaͤndigen krampfhaften Zuſtande zwiſchen Lachen und Weinen zu ſchweben. Auch hier, wo ſonſt Ormond das unbedingteſte Ver⸗ trauen fand, ward er jetzt zuruͤck gewieſen, und ſeine vä⸗ terlich ernſten Vorſtellungen, ihr ſonderbar uͤbertriebenes Weſen mehr zu beherrſchen, hatten ſie laut weinend, wie in einem Zuſtande von Verzweiflung, zu ſeinen Fů⸗ ßen gefuͤhrt; ja, viele Tage ſpäter durfte nur ſein Blick ſie aufmerkend erreichen, um neue Thränen aus ihren Augen zu locken. Immer von der einen Idee erfuͤllt, in Richmond und Ollonie dereinſt ein Paar zu ſehen, begann Ormond ih⸗ ren Zuſtand auf ihr erwachtes Gefuͤhl fuͤr Richmond zu beziehen. Daß dies Gefuͤhl bei dem geliebten Kinde fuͤr ihr ganzes Leben bedeutend ſein wuͤrde, hatte der 175 zärtliche Freund ſtets erwartet, und nur den Himmel angerufen, ſie gluͤcklich in ihrer Liebe ſein zu laſſen, da ihm die Leiden einer unglücklichen Liebe für dies Gemuͤth hoͤchſt gefährlich erſchienen. Welches aber ihr Lvos bei Richmond ſein wurde, das blieb ihm immer, je laͤnger, je mehr ungewiß, denn Richmond hatte ein vorherr⸗ ſchend ernſtes Betragen angenommen und hielt ſich mehr, als gewoͤhnlich, von dem nähern Umgange der jungen Dame zuruͤck. Selbſt eine fruͤhere Vermu⸗ thung, daß Richmond, von den Reizen der Lady Mel⸗ ville hingeriſſen, ſein Herz an dieſe verloren habe, be⸗ ſtätigte ſich nicht, indem er auch ſie zu vermeiden ſchien, und, ſich auf ſeinem Zimmer in Buͤcher und Schriften vergrabend, den melancholiſchen Ernſt ſeiner Zuͤge hin⸗ reichend vor ihm durch die Sorge um Lord Briſtol rechtfertigte, deſſen Lage immer bedrohlicher ſich zu ge⸗ ſtalten ſchien. Ein auffallendes Ereigniß beſtimmte endlich Or⸗ mond, den letzten, ihm ſo gewagt erſcheinenden Schritt bei Lady Melville zu verſuchen. Der juͤngere Theil der Geſellſchaft hatte ſich ti eine Morgen⸗Promenade zu Pferde erheitert, und man hatte ſo eben den Schloßhof erreicht, als Lord Mem⸗ brocke ſeinem Pferde die Sporen gab und pfeilſchnell auf einen Juͤngling in Reiſekleidern zuſprengte, der im Hofe harrend unter den übrigen Dienern ſtand und, ſogleich dem Lord den Steigbuͤgel haltend, ihm beim Abſteigen ein Packet uͤberreichte. Zwiſchen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville ſtill und gedankenvoll zunächſt in den Schloß⸗ hof ein. Als ſie ſich ſo eben aus dem Sattel gehoben hatte, nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene, hob das Briefpacket in die Hoͤhe und rief, be⸗ deutungsvoll ſich neigend: Ich habe die Ehre, Mylady, Euch anzuzeigen, daß mein Page ſo eben von ſeiner Reiſe zuruͤckgekehrt iſt. Sogleich legte ſich Todtenblaͤſſe uͤber Maria's Angeſicht; aber als Membrocke noch einen Schritt näher trat, ſtieß ſie einen herzzerreißenden Schrei des Entſetzens aus und ſank, ohne daß die über⸗ raſchten Anweſenden es hätten verhindern koͤnnen, auf den Boden nieder. Sogleich ward Alles thätig. Mit einer wuͤthenden Heftigkeit ſtieß Richmond Lord Mem⸗ brocke, der ihr zunächſt ſtand und ſie beruͤhren wollte, zuruͤck und richtete ſie ſelbſt auf, indem er mit lauter Stimme nach einem Seſſel rief. Denn ob⸗ wohl ſie vom Boden aufgehoben worden, ſo zeigte ſie dennoch, daß ihre Beſinnung noch nicht voll⸗ ſtändig genug war, um ſich auf den Füßen halten zu koͤnnen. 127 Sie oͤffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an; dann ſchloſſen ſich dieſe wieder, und ſie ſchien auf's Neue ihrer Sinne beraubt. Richmond eilte, die Ladh auf den herbeigetragenen Stuhl ſanft aus ſeinen Armen niederzulaſſen, dann uͤbergab er ſie der Sorgfalt der Frauen, beſtieg ſogleich ſein Pferd und ritt, die Her⸗ ren fluͤchtig gruͤßend, langſam über den Hof, in der Richtung des eben zuruͤckgelegten Weges. Von der heftigſten Bewegung ergriffen, brachte Ormond mehrere Stunden einſam in ſeinen Zimmern zu. Nein, er durfte dies geliebte Weſen nicht laͤnger ſchutzlos den Verfolgungen des Mannes hingeben, der uͤber ſie ein unbekanntes Recht auszuuͤben ſchien, das ſie mit Entſetzen erfullte, und das ſie doch anzuerken⸗ nen gezwungen ſchien. Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten, den ſeine ehrerbietige Liebe ihr gewaͤh⸗ ren konnte; als ihr Verlobter hatte er das Recht, ihre Sorgen zu theilen und jeden ihr Ueberlaͤſtigen zu ent⸗ fernen. Laͤnger damit zuruckzuhalten, ſchien ihm feig⸗ herzige Schwäche, und er eilte hinweg, um üͤber ihr BVefinden Erkundigung einzuziehn. Lord Membrocke begab ſich indeſſen mit ſeinem wichtigen Paquet nach ſeinem Zimmer, wohin ihm ſein gewandter Page folgte. Er hob aus einem Briefe Buckinghams, zu ſeiner unſäglichen Freude, einen zwei⸗ Godwie⸗Caſtle II. 12 128 ten hervor, der, mit dem Siegelring des Prinzen von Wales verſchloſſen, die Aufſchrift: An Lady Maria Melville, zeigte. Dies ſchien ihn ſo vollſtändig zu be⸗ friedigen, daß er faſt Buckinghams Brief zu leſen ͤberſah, indem er ſeinem Pagen unaufhoͤrlich Auftrage gab, die, von dem liſtigen Knaben wohl verſtanden, auf eine ſchnelle Abreiſe hindeuteten.— Wir wollen uns indeſſen mit dem Inhalte des ungeleſenen Briefes be⸗ kannt machen, wie es der Lord, wenn auch ſpäter, doch wohl ſchwerlich unterlaſſen haben wird.. „Du haſt auf's Neue gezeigt,“ ſchrieb Bucking⸗ ham,„daß Du eigentlich zu nichts taugſt, was uͤber den Geſichtskreis einer kopfloſen Weiberintrigue reicht, und koͤnnte ich in dem alten Eulenneſt bei dieſen lächerlichen Tugendhelden, dieſen Nottinghams, einen andern meiner Geſchäftsleute brauchen, ſo würde ich Dir befehlen, angeſichts dieſes das Feld zu raͤumen. Denn wie Du auch die Sache einhuͤllſt, es iſt nur zu klar, Du haſt wie der jämmerlichſte Stuͤmper das Mädchen verſchuchtert, ehe Du ſie ſicher hatteſt. Du hatteſt vergeſſen, daß ich Dir befohlen, ſie zwar zu entfuͤhren, aber dabei eingedenk zu bleiben, daß Du meine Nichte entfuͤhrteſt, die etwas zu weit uber Deine Perſon erhaben iſt, als daß Du mit Deinen gewoͤhnlichen Planen an ihr nicht Deinen Hals wa⸗ „ ℳ 170 gen wuͤrdeſt. Genug, Dir bleibt nur das eine Ver⸗ dienſt, daß Du, als ein ausgearteter Verwandter die⸗ ſer Familie Nottingham, auf eine Zeitlang unter ih⸗ nen geduldet werden kannſt, und ich entſetze Dich Deines Amtes nicht, damit es Dir vergoͤnnt bleibe, durch Dein ferneres Betragen mir noch einige Pro⸗ ben von Deinem bis jetzt nicht verſpuͤrten Witze ab⸗ zulegen. Dein Einfall mit dem Briefe iſt nicht uͤbel, und wenn ſie Dir darauf freiwillig folgt, ſo biſt Du im Fall der Verfolgung gedeckt; und erkenne ich ſie ſpäter an, moͤchte es wenig darauf ankommen, ob auch die ganze Welt wuͤßte, ſie waͤre mit Dir davongegangen. Außer vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird die Nichte Buckinghams wohl überall ihre volle Geltung be⸗ halten. Ein Hauptſpaß iſt es dabei, daß ich ihnen ſo, ohne daß ſie es ahnen, einen Gegenſtand aus den Hän⸗ den ſpiele, den ſie jetzt mit vornehmer Pietät dulden, und der ihnen ſo wichtig ſcheinen wuͤrde in ihrer ver⸗ wickelten Angelegenheit mit Briſtol! So viel iſt gewiß, Karl ſeufzt nach dieſem Maͤdchen, wie eine Mutter nach ihrem Schooßkinde, und wären dieſe Nottinghams ſeine ärgſten Feinde, wie ſie es uͤberdies nicht ſind, er wurde ihnen den Dienſt, ihr Leben gerettet zu haben, mit nichts glauben vergelten zu koͤnnen und ſelbſt auf meine Koſten 12* 1 ————— mit dieſem Briſtol ſie bezahlen. Dute ruͤckt die Zeit immer näher, welche das Wollen und das Koͤnnen in eine Hand geben wird; denn Vater Jakob ſieht aus wie die verſchoſſenen Gobelins im Ahnenſaale, und ſelbſt die große Abſchließung von Babys Vermählung mit Frankreich vergißt er jeden Augenblick wieder, und glaubt, die Infantin werde erwartet. Beeile Dich jetzt, ſie wegzubringen; ich habe mehr zu bedenken, als dies Mädchen, und doch muß ſie in meinem Gewahrſam bleiben, bis die franzoſiſchen klu⸗ gen Herren mir ihre Prinzeſſin überliefert haben und dieſer Prozeß, der den hochmuͤthigen Briſtol ſtuͤrzen ſoll, beſeitigt iſt. Dann ſoll Frankreich, welches ſchon uber meinen Einfluß zu triumphiren glaubt, erfahren, daß Buckingham gegen die Reize ihrer Prinzeſſin ein Ge⸗ gengift in dem Befitz einer berechtigten Nichte hat, und die ſtolze Herzogin von Nottingham, die einſt Bucking⸗ ham verſchmaͤhen durfte, ſoll bejammern lernen, daß ſie Buckinghams Nichte nicht fruͤher erkannt hat, um ihren Vater damit retten zu koͤnnen. Wenn Du Dich klug und beſcheiden beträgſt, wird Dein Verdienſt beim Vater des Mädchens einzukleiden ſein; aber ſeisſchnell und laſſe mich nicht laͤnger hoͤren, daß Du ſie mit Gewalt nicht entfuͤhren darfſt. Folgt ſie Dir nicht willig, ſo befehle ich Dir, entfuͤhre ſie 181 mit Gewalt; denn ſie muß verſchwunden ſein, ehe die Ahnung ihres Werthes laut wird. Bedenke, daß ich keinen Fuß eher aus England ſetze, bis ich ſie gewiß habe. Du findeſt in Berrhſtreet Alles zu ihrem Em⸗ pfange bereit, und wie es der Rang fordert, den ſie beim Eintritte in mein Haus einzunehmen berechtigt iſt. Du aber wirſt ſogleich mir ſelbſt die Nachricht des gluckli⸗ chen Gelingens uͤberbringen, und dann die Ehre haben, mich nach Frankreich zu begleiten, wohin ich mich be⸗ gebe, die Hand der koͤniglichen Henriette zu empfangen und die ſchoͤnſte der Frauen wieder zu ſehen. Warum haſt Du mir nicht lachen helfen, als Tomſon mit ſeiner geuͤbten Feder den ruͤhrenden Brief verfaßte, der meine kleine ſproͤde Nichte in meine Haͤnde liefern ſoll. Ich ſchwoͤre Dir, daß ich, der ich täglich die Handſchrift des Prinzen ſehe, ſie nicht unterſcheiden konnte. Den Siegelring kennt ſie auch, denn Karl ſchwatzt den ganzen Tag von den Wundern, die er und der ſteife Narr, der Nottingham, an dem Dinge wollen erlebt haben. Nun, mir kann es recht ſein. Dabei merke ich wohl, daß dieſe Korporation von Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten ſelbſt in eine Art Heiligthum gehuͤllt hat, und daß ſie meinen Namen mit gehöriger Hochachtung betrachtet. Viel zu viel habe ich Dir nach —— Maßgabe Deiner geringen Verdienſte geſchrieben, ich fuͤrchte faſt, es iſt ein bischen Langeweile dabei, mitun⸗ ter denke ich, daß Du mir fehlſt. Deine Schulden ſind abermahls bezahlt, der Kaſtellan von Berrhſtreet hat fuͤr Dich einige Wechſel. Buckingh am. NB. Damit Du den Inhalt des ruͤhrenden Oheims⸗ Briefes kennſt, erfolgt hier die Abſchrift.“— Sie lautete, wie folgt: „O, weigere Dich nicht laͤnger, dem Einzigen zu folgen, der ſich dem gefährlichen Unternehmen unterzog, Dich zu mir zu fuͤhren! Ein ſchreckliches Geſchick macht die edelſten Men⸗ ſchen zu meinen bitterſten Feinden; Du darfſt Dich ih⸗ nen nicht vertrauen, ohne großes Elend uͤber mich zu bringen. Glaube nicht, daß ich uͤber die Thorheiten deſſen blind bin, dem Du Dich vertrauen mußt, aber es blieb mir keine Wahl. Mir iſt er ergeben, davon habe ich Proben; muthig und treu iſt ſein Sinn. Folge ihm ohne Verzug, ohne Sorge, nur an Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen, die mich zerreißen. Ich unterſchreibe mich nicht, Du kennſt Handſchrift und Siegel.“ Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut; doch ſein Leichtſinn ließ ihn bloß im Hin⸗ tergrunde die Reiſe nach Frankreich ſehn und im näch⸗ 183 ſten Augenblicke die Sicherheit, jetzt das ſtolze Fräulein in ſeinen Beſitz zu ziehen. Trotz Buckinghams Droh⸗ Brief behielt er ſich doch vor, die Angelegenheiten hier nach ſeiner Anſicht zu ordnen und, ſo viel ſich nur er⸗ reichen ließ, fuͤr ſich zu gewinnen, denn bei ſeinem Man⸗ gel an aller Achtung fuͤr Frauen zweifelte er nicht, daß eine Fluchtreiſe tauſend Verhältniſſe herbeifuͤhren muͤſſe, welche dann zu ſeinen Gunſten zu leiten, ihm immer noch ein Leichtes ſchien.— Fuͤr den Reſt des Tages blieb Ladh Maria in Ge⸗ ſellſchaft der Lady Arabella auf ihrem Zimmer. Lord Ormond und Membrocke mußten beide daher ihre Un⸗ geduld bis zum andern Tage zuͤgeln. Als Lady Maria am andern Morgen zum Fruͤh⸗ ſtuͤck erſchien, trug ſie den unverkennbaren Ausdruck des tiefſten Grames; ihr Antlitz war blaß, und ihre Augen ſchauten ſo groß und kalt und mit einem ſo troſtloſen Ausdrucke umher, daß ſie Niemand ohne Antheil ſehen konnte. Sie blickte von Einem zum Andern in gleicher Theilnahmloſigkeit, und ſchob ihren Sitz zwiſchen die jungen Damen ein, die ſie alle mit Beweiſen der groͤß⸗ ten Zaͤrtlichkeit uͤberhäuften. Ormond blieb in der bewegten Stimmung, die ihm der ſo nah ruͤckende wichtige Augenblick gab, lieber fern von ihrer Nähe. Membrocke aber genoß die ſtolze Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunſt, die zu erringen hier ſehr zweifelhaft war. Er kuͤndigte dagegen der alten Ladh ſeine Abreiſe nach London an, da Seine Majeſtät die Gnade gehabt habe, ihn zu der Geſandtſchaft zu ernennen, die zur hohen Vermaͤhlungsfeierlichkeit ſich mit dem Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde. Man hoͤrte die Nachricht mit ſo wenig Betruͤbniß an, als irgend die Hoͤflichkeit geſtattete, und der Lord wendete nun ſeine gnaͤdige Aufmerkſamkeit ausſchließlich der Marquiſe Danville zu. Richmond allein naͤherte ſich der Lady Maria. Als er ſie anredete, bebte ſeine Stimme, und als Maria ihre ſchwermuͤthigen Augen, von der ſeelenvollen Stimme ergriffen, zu ihm aufſchlug, da ſtrahlte ihr eine ſolche Fuͤlle des Gefuͤhls aus ſeinen Zuͤgen entgegen, daß au⸗ genblicklich das verſchwundene warme Leben in ihren Buſen zuruͤckkehrte, und ihre Zuͤge den bezaubernden Ausdruck wieder annahmen, der ihnen ſo eigen war. Richmond konnte dieſe von ihm bewirkte Veraͤn⸗ derung nicht verkennen, und er gab ſich dem verfuͤhre⸗ riſchen Vergnuͤgen hin, an dem Geiſte dieſes ſchoͤnen Weſens ſich zu erfreuen. Sie hatten beide ziemlich die Welt um ſich her vergeſſen, und Richmond gewahrte zu ſpät, daß die 185 Augen ſeiner Mutter in ſtarrer Pruͤfung auf ihm ruh⸗ ten. Er hoͤrte nicht mehr, was Maria ihm ſagte, noch ein Mal blickte er ſie an, als wollte er den Ausdruck ihrer Zuͤge mit ſich hinweg nehmen, dann verließ er ſie mit der kalten Hoͤflichkeit, die er ſeit lange allein für ihr Verhaͤltniß paſſend erachtet hatte. Maria verſank auf's Neue in die Apathie, aus der ſie nur augenblick⸗ lich geriſſen ſchien, und als Lord Membrocke ſich ihr mit Zuverſicht naͤherte und ſie um eine Unterredung bat, neigte ſie bejahend ihr Haupt mit einer Ergebung, als koͤnne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem Haupte abwenden. Was ich jetzt von Euch noch zu hoͤren habe, macht es kurz, Mhlord! ſprach Lady Melville, als ſie in einer halb offenen Säulenhalle, die der Lord zu ſeiner Audienz erbeten hatte, ihn ſich ihr nahen ſah. Sie hatte alle ihr noch mögliche Kraft und Beſonnenheit hervorgerufen, um ſich durch nichts uͤberraſchen oder verfuͤhren zu laſſen, und hoffte noch immer, er werde die ihm uͤber ſie verliehenen Rechte nicht genüͤgend be⸗ weiſen koͤnnen. Lord Membrocke fand es leicht, den beſcheidenen Mann zu ſpielen, da er im nächſten Augenblicke ſei⸗ nen Triumph feiern konnte, und indem er ihr ehrerbie⸗ 186 tig einen Seſſel zuſchob, blieb er in gemeſſener Entfer⸗ nung vor ihr ſtehen. Mhlady, hob er an, meine Worte ſollen Euch nicht länger belaͤſtigen. Ich bin nur der Ueberbringer eines Schreibens, das wahrſcheinlich beredter zu Euch ſprechen wird, und ich bin blos hier, um zu hoͤren, was Ihr, nachdem Ihr den Inhalt kennt, mir zu be⸗ fehlen haben werdet. Mit dieſen Worten entfaltete er langſam vor den ihn ſcharf beobachtenden Augen der Ladh ein Porte⸗ feuille, aus dem er den verhaͤngnißvollen Brief hervor⸗ zog. Leichenblaͤſſe und hohe Glut wechſelten in den Zuͤgen Maria's, als er ihn ehrerbietig hinhielt. Sie griff darnach, als ſie ihn aber gefaßt hatte und die ewig theuern Zuͤge der Handſchrift dieſes geliebten Oheims zu erkennen glaubte, als dieſe Ueberzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks ſeines Siegelrin⸗ ges verſtärkt ward, unterlag ſie ihren maͤchtig ſie uͤber⸗ raſchenden Empfindungen, und mit einem Strom von Thränen ſank ſie in den Seſſel zuruͤck. Ach, ſie hätte ſich verachtet, wäre noch ein Zweifel in ihrem unſchul⸗ digen Herzen geblieben; und ehe ſie noch den Inhalt kannte, war ſie ſchon entſchloſſen, jede Bedenklichkeit zu unterdruͤcken und Alles zu befolgen, was ihr darin aufgegeben wuͤrde. 187 Mit der kindlichſten Ehrfurcht las ſie nun die liebevollen Worte, die ſo viel Schmerz und ſo viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdruckten; ſie preßte ſie endlich an ihre Bruſt, hob die in Thraͤnen ſchwim⸗ menden Augen wie zu einem kurzen Gebete zum Him⸗ mel und erhob ſich dann voͤllig entſchloſſen von ihrem Seſſel. Ich bin jetzt uͤberzeugt, daß mein Oheim mich ſelbſt zu ſich beruft, daß er ſelbſt meine Verſchwiegen⸗ heit gegen meine Wohlthäter verlangt, daß mir kein anderes Mittel übrig bleibt, die Befehle meines einzi⸗ gen mir gebliebenen Verwandten zu erfuͤllen, als— Euch zu folgen und heimlich zu folgen. Sie ſprach dieſe Worte mit einem Widerſtreben, daß ſie trotz der Abſicht, den Vertrauten ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen, doch nicht zu unterdrucken vermochte. Ich war dieſes Eurer ſo wuͤrdigen Entſchluſſes gewiß, erwiderte Membrocke, und habe daher Alles zu meiner Abreiſe vorbereiten laſſen. Ich werde, wenn es Euch alſo gefällt, morgen Mittag oͤffentlich abreiſen, am Abend zuruͤckkehren, und Euch mit einem raſchen Pferde und ſicheren Gefolge am noͤrdlichen Ausgang des Parkes erwarten. Ihr muͤßt Euch dahin begeben, ſo bald Ihr Alles in Ruhe wißt; denn uns bleibt in die⸗ ſer erſten Nacht ein bedeutender Weg zuruͤck zu legen, 188 um uns vor den gewiß erfolgenden Nachſtellungen ver⸗ bergen zu koͤnnen. Er hatte ſich beeilt, Alles, was noͤthig war und ſie in ſeinen Einzelheiten erſchrecken mußte, in dieſen Augenblicken der erſten Ueberraſchung vor ihr auszu⸗ ſprechen. Sie ſtand ſprachlos vor ihm, und er haͤtte noch lange ſprechen koͤnnen, ohne daß ſie ihn unterbro⸗ chen haͤtte; denn ſie ſchauderte, waͤhrend er ſeinen Plan vor ihr entwarf, uͤber die ſchreckliche Lage, in die ſie ſich durch dieſen Entſchluß verſetzte. Ihre kindliche Liebe, ihr Pflichtgefuͤhl, alles, was einen Augenblick fruͤher ſie uͤber jede Ruͤckſicht erhoben hatte, reichte nicht mehr zu, wenn ſie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte, die ſie dieſem Manne einraͤumte, und des ſchmaͤhlichen Verdachtes, den ſie in dem Kreiſe ihrer bis⸗ herigen Beſchuͤtzer uͤber ſich zuruͤck ließ. Die theuern Geſtalten in all' ihrer ernſten Tugend gingen mahnend an ihr voruͤber. Ach, wie ſchwer war es, auf ihre Achtung zu verzichten! Wie erſchwerte es die Trennung von ihnen, die auch ohne dieſe Zugabe ihr Herz zu zer⸗ reißen drohte, ſo grauſam! Sie erwog die Moͤglichkeit, ſich rechtfertigen zu koͤnnen, ſie wollte einen Brief zu⸗ ruͤcklaſſen, der ihre Unſchuld betheuern ſollte, aber auch dazu ſank ihr der Muth, da ſie fuͤhlte, daß nur An⸗ gabe der Gruͤnde ihres Schrittes ſie rechtfertigen konnte, indem die Flucht mit dieſem Manne eine Handlung war, die jede allgemeine Verſicherung ihrer Unſchuld entkraͤften mußte. So blieb ihr denn nichts, als voͤllige Ergebung, und ihr reines Herz hob ſich voll Vertrauen zu dem empor, der ihre Unſchuld kannte, und in deſſen Hand es lag, ſie von jeglichem Verdachte zu retten. Sie ge⸗ dachte mit tiefer Wehmuth der Worte Richmonds, daß das muthige Ertragen des boͤſen Verdachts, im Gefühl einer hoͤheren Abſicht, in einzelnen Fällen als eine allgemein Jedem geſtellte Aufgabe anzuſehen ſei, und daß ſich daran die Wuͤrde des inneren Bewußt⸗ ſeins ſtärke. Dieſe Aufgabe nun war ihr ſo bald zu Theil geworden, und ach, ihm nicht einmal durfte ſie es ſagen, daß ſie ſich der Pruͤfung unterzog. Sie fühlte die ganze Vitterkeit dieſes Schmerzes, und ihre junge Bruſt ergriff ihn mit aller Kraft eines neuen Gefuͤhls. Aber der Schmerz verleiht auch Kraft, und ihn muthig in ſeiner ganzen drohenden Geſtaltung an⸗ blicken, bewaffnet uns unwillkuͤrlich gegen ihn. Maria fuͤhlte etwas dem Aehnliches. Sie hatte, wähnte ſie, das Schmerzlichſte durchgefuͤhlt; jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten wieder vor ihre Seele, und mit edelm Muthe beſchloß ſie, auch um ſo hohen Preis ihm Alles zu ſein. 190 Es mag ſo bleiben, wie Ihr ſagtet, ſprach ſie zu Lord Membrocke, der, noch immer ohne Antwort, in dem ſchnellen Wechſel ihrer Zuͤge ihre Entſchließungen zu leſen verſucht hatte. Ich bitte Euch uͤberdies um Verzeihung wegen mei⸗ nes Betragens; Ihr muͤßt mich mit den Fehlern ent⸗ ſchuldigen, die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt, wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet. Ich habe jetzt den beſten Willen, Euch zu ver⸗ trauen, ſorget durch Euer Betragen dafuͤr, daß es mir moͤglich bleibe, wozu der einzige Wunſch ſein kann, daß ich nie etwas Anderes, als den Geſandten meines Oheims, in Euch wahrnehme.— Er kniete nieder, um ſein ſpoͤtti⸗ ſches Geſicht zu verbergen, und ihre Hoheit perſiflirend, kuͤßte er den Saum ihres Kleides, indem er rief, eine gekroͤnte Koͤnigin ſolle ihm nicht heiliger ſein! Ein kurzer Schrei Maria's ſchreckte ihn auf. Sprachlos vor Schreck, deutete ſie ſeitwärts, wo eben eine weibliche Geſtalt, der Marquiſe Danville nicht un⸗ ähnlich, nach den inneren Gemachern zu verſchwand, waͤhrend am Ende des Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt ſich zeigte. Steht auf, rief ſie heftig, und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer Betragen! Lord Membrocke erfuͤllte dies ſo beleidigende Gebot gerade mit ſo viel 191 Muße, wie noͤthig war, um gewiß zu ſein, daß beide Lords ihn zu ihren Fuͤßen geſehen hatten, und entfernte ſich dann, ſie vertraulich gruͤßend. Dies entging der unglücklichen Maria, denn bei dem Anblick dieſer beiden Männer und der Stellung Membrockes war ſie einer Ohnmacht nahe, und uͤberwältigt von der ſchrecklichen Ueberzeugung, daß ihre Verurtheilung ſchon jetzt und eben damit angefangen habe. Sie fuͤhlte auf's Neue ihre Kraft ſinken, noch ein Mal fragte ſie angſtvoll ihr Ge⸗ wiſſen, ob es noͤthig ſei, ſich ſelbſt ſo grauſam anzukla⸗ gen; ja, es fiel ihr ſogar der bis dahin nicht moͤglich geachtete Zweifel an der Forderung ihres Verwandten ein. Sie fuͤhlte, daß Kummer und Ungluͤck dieſen edeln Mann etwas aus ſeiner Hoͤhe herabgezogen haben muß⸗ ten, da er nicht anſtand, ſie einer ſo zweideutigen Lage hinzugeben. Aber, rief ihr edles Herz, eben darum muß ich zu ihm; heilen muß meine Liebe dies edle Weſen! Abermals war ſie entſchloſſen, und ein lauter, tiefer Seufzer beendigte dieſen ſchrecklichen Kampf. Und warum theilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram, dem ſie zu unterliegen ſcheint, ſprach hier eine ſanfte, geruͤhrte Stimme, und Maria, die den Nahenden nicht bemerkt hatte, blickte in Lord Ormonds theilnehmendes Antlitz. Maria ſchuͤttelte nur langſam das Haupt, ihre Lippen blieben verſchloſſen. O, theure Maria, rief er jetzt lebhafter, warum hat nur ein Einziger das Recht, Euer Vertrauen zu genießen, ein Einziger, ach, und ein ſo Unwuͤrdiger! während Lady Maria von den treuſten und redlichſten Freunden umgeben iſt, die keine Aufgabe zu ſchwer halten wuͤrden, ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben. O Moylady, habt Erbarmen mit Euern Freunden, mit Euch ſelbſt! Die Buͤrde, die Ihr tragt, iſt fuͤr Euch allein zu ſchwer, waͤhlt einen von uns, daß er ſo gluck⸗ lich werde, ſie mit Euch tragen zu koͤnnen! Das ſteht in Gottes Hand! ſeufzte Maria und ſchlug die Augen in troſtvollem Glauben zum Himmel auf; dann wandte ſie ſich, uͤberwältigt von der innigen Sprache des edeln Mannes, zu Lord Ormond und reichte ihm ſanft die Hand. Doch, was auch ein unerbittliches Geſchick über meine Handlungen beſtimmen mag, ſeid ſicher, Myhlord, Euer werde ich gedenken, und dieſer Stunde Eures treuen, thätigen Mitgefühls, und ſo unmoͤglich ich Euer An⸗ erbieten annehmen kann, ſo ſicher ſeid, daß ich ſeinen Werth tief empfinde, um ſo tiefer, als ich den hoch⸗ achte, der es mir ſo großmuͤthig darbietet. O, rief Ormond dringend, wenn Ihr mich ach⸗ tet, wenn Ihr Vertrauen zu mir habt, ſo ſteht nicht an, mich zu Euerm Beſchuͤtzer anzunehmen! O ſprecht, 193 was knuͤpft Euch an dieſen ſittenloſen Mann? Warum koͤnnt Ihr Euch ſeinem Einfluſſe nicht entziehn? Glaubt mir, kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trübt meine Verehrung gegen Euch, ich bin gewiß, hoͤlliſche Täuſchungen haben Euch umſponnen, hintergangen ſeid Ihr, ein Irrthum der Tugend iſt es, der Euch von dieſem Manne abhaͤngig macht. Redet, ſagt nur ein Wort, ſagt, daß Ihr ſelbſt Euch von ihm trennen moͤchtet, und ich will ihn zwingen, daß er nie wieder von dieſem Augenblicke an Euch nahen darf. O nein, nein! rief Maria, haltet ein mit Euerem Eifer, laßt ihn in Frieden, verfolget ihn nicht, ich darf es nicht veranlaſſen, nicht zugeben. Ormond wandte ſich ab mit einem Schmerze, der ihn zu ſehr übermannte, um ſogleich wieder reden zu koͤnnen; aber das Gefuhl, daß ſie ungluͤcklich ſei, und der ſchreckliche Gedanke, daß ſie ſich in der Gewalt eines Mannes zu befinden ſchien, von dem er nur das Nachtheiligſte vorausſetzen konnte, dies uͤberwältigte jede andere Betrachtung, wie ſehr er auch durch ihre anſcheinende Theilnahme fuͤr dieſen Mann zu leiden begann. Er konnte ſie nicht ver⸗ laſſen, mit erneutem Antheil wandte er ſich zu ihr: Theure Lady Maria, ſeht mich als Euern beſten Freund an, und dann und in dieſer Beziehung wuͤrdigt meine Worte Eurer Aufmerkſamkeit! Mein Herz leidet Godwie⸗Caſtle II. 13 194 zu heftig bei dem Zuſtande, in dem ich Euch ſehe. Ich wuͤrde Euch Euerem eigenen Gutduͤnken uͤberlaſſen kon⸗ nen, wenn Ihr gluͤcklich wäret, aber Ihr ſeid es nicht, dieſer ungluͤckſelige Mann hat Euch nicht Frieden und Gluͤck mit dem Vertrauen zu ſich einfloͤßen koͤnnen, darum koͤnnen Eure Freunde nicht ruhig bleiben, und glaubt mir, wer Lord Membrocke kennt, fuͤhlt Sorge um Euch.— Er hielt in der Hoffnung einer Antwort inne; aber nur bleicher und bleicher ward ihr ſchoͤnes Angeſicht, ihre Lippen oͤffneten ſich, aber ſie ſchienen keine Worte ſprechen zu koͤnnen, nur bange Seufzer entſchwebten ihnen. Jetzt ſtand der ungluͤckliche Mann vor der Ver⸗ muthung, die ihm am ſchwerſten ward auszuſpre⸗ chen, und die ſich ihm doch endlich unwiderſtehlich auf⸗ draͤngte. Ich kann Euch nicht verlaſſen, ſprach er, als ſie einen ſchwachen Verſuch machte, hinwegzugehen, und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche anzu⸗ deuten ſuchte, ich kann Euch nicht verlaſſen, Ihr habt mir Freundesrechte zugeſtanden; o zuͤrnt mir nicht, wenn ich, von meiner Sorge um Euch getrieben, Euch zu dringend erſcheine, laßt mich die groͤßte Angſt meines Herzens Euch geſtehn und rechnet auch in dieſem Falle auf meine grenzenloſe Ergebenheit, auf jeden Beiſtand, 195 deſſen Ihr benothigt ſeid.— Ich frage Euch, hat die liebenswuͤrdige Außenſeite dieſes Mannes, hat ſein mun⸗ terer Geiſt Eindruck auf Euer junges, unerfahrenes Herz gemacht, liebt Ihr ihn? Als ob ein elektriſcher Schlag das Fräulein ge⸗ troffen, ſo fuhr ſie jäh empor, und ihr ganzes Leben ſchien aus den Zauberbanden der Apathie, worin ſie im vorigen Momente gefangen lag, zu ſeiner vollen Ener⸗ gie erwacht; ihre Wangen und ihre Augen hatten Licht bekommen, hoch ſtand ſie ſogleich auf, und die Haͤnde an die Bruſt gedruͤckt, rief ſie laut und aus tiefer Bruſt: Gott ſei mir gnädig, Mhlord, wohin fuͤhrt Euch Euer erfinderiſcher Geiſt? Wie war es Euch moͤg⸗ lich, dahin zu gelangen? Nein! Nein! Seid ſicher, ich liebe ihn nicht und kann ihn nie lieben! nein, die Ge⸗ rechtigkeit laßt mir widerfahren, dies fuͤr unmoͤglich zu halten. Sie hatte ſich mit einem ſo engelreinen Unſchulds⸗ Eifer zu ihm hingebeugt, daß ſeine Seele jubelnd ihr Glauben ſchenkte, und hätte ſie fuͤr den Ausdruck ſeiner Zuͤge Sinn gehabt, ſie hätte darin das hohe Entzücken erkennen muͤſſen, das er bei dieſer Wahrnehmung em⸗ pfand. Sein Augenblick war nun gekommen. Ich glaube, ſprach er zitternd,— o vergebt mir, wenn ich Euch beleidigte, zuͤrnt mir nicht, aber laßt mich um ſo 13* 196 vringender fortfahren, wenn Euch kein Gefuͤhl an ihn bindet, Euch vor ihm zu warnen. Edler Freund, wenn Ihr Glauben an meine Un⸗ ſchuld habt, erwiderte Maria ſanft und ernſt, ſo unter⸗ werfet dieſen der Probe, mir ohne Gruͤnde zu vertrauen. Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu ſein; aber es iſt mir verſagt, ſo auch vor Menſchen dazuſtehen. Ich muß dies Mal der Stimme meines Gewiſſens folgen, ich ſtehe,— allein, ſetzte ſie voll Wehmuth hinzu, und von allem natuͤrlichen Beiſtand getrennt.— Nein, rief Ormond, hier ſie unterbrechend, Ihr ſteht nicht allein, nur von Euch hängt es ab, Euch dem⸗ jenigen, den Ihr Freund genannt, durch die heiligſten Bande auf ewig zu nähern. Ja, theure Maria, ich will es Euch nicht länger verſchweigen, ich liebe Euch— ſagt, daß Ihr mein ſein wollt, und macht mich zum glücklichſten Manne. O, vertraut mir, ich will Euch ehren, ſchutzen und lieben, und die ganze Buͤrde Eures unverdienten Schickſals, wie groß ſie auch ſein moöge, auf mich nehmen, damit Euer Engelherz wieder frei athme und Ihr das Entzucken empfinden moͤget, na⸗ menlos zu begluͤcken. Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angeſehn, der nur zu deutlich mehr Schreck als Freude andeu⸗ tete; ſie druͤckte jetzt die flache Hand gegen die Stirn, † ——— v—— ———,— — 197 als wollte ſie ſich zu einem klaren Bewußtſein wecken, während Ormond mit einer Erwartung an ihren Zuͤ⸗ gen hing, die nur zu deutlich ſeine tiefe Erſchuͤtterung ausdruͤckte. Ihr— Ihr liebt mich? ſtammelte ſie endlich ton⸗ los, und das ſchoͤne Auge floß in Thränen uͤber, die auf Ormonds gefaltete Haͤnde fielen, der, ſeiner nicht mehr maͤchtig, zu ihren Fuͤßen geſunken war. O Lord Ormond, warum liebt Ihr eben mich? fuhr ſie mit einem tiefen Schmerzenstone fort, o warum mich? Doch nein, es kann nicht ſein, es wird nicht ſein, es iſt Euer großmuͤthiger Eifer, der Euch zu dieſem Glauben fuͤhrt. Nein, nein, Ihr liebt mich nicht, aber retten wollt Ihr mich, aus der troſtloſen Vereinſamung, in der ich daſtehe, wollt Ihr mich erretten. Ihr wollt Euch zum Opfer bringen, um mich von dem Einfluß jenes Mannes zu befreien, den Ihr mir ſo verderblich ſchil⸗ dert. Oſich habe Euch errathen und erkenne den gan⸗ zen Umfang Eures großmuͤthigen Herzens! Doch, wie auch Alles kommen mag, ich kann nicht, kann dies großmuͤthige Opfer von Euch nicht annehmen. O ſteht auf! rief ſie dringend, als Ormond den Kopf ſenkte und ſeine Stellung nicht aͤnderte. Es war kein Opfer meinerſeits, was ich Euch zu bringen dachte, ich war es, der von Euch ein Opfer 198 begehrte, ſprach Ormond, nach Faſſung ringend, indem er von ſeinen Knien aufſtand. Ich, der Vereinſamte, ſuchte die Gemeinſchaft eines Engels, der alternde Mann beging die Thorheit, die Gefuͤhle der Jugend zu hegen und ihre Erwidernng für moͤglich zu halten— ich bin beſtraft, und was ich leiden werde, iſt die Buße meiner Thorheit. Ihr liebt mich nicht, ich ſehe es klar, wenn Ihr das Wort auch gern mir ſparen moͤchtet, doch verſtanden habe ich Euch und werde verſuchen, es zu überleben! O um Gotteswillen, ſprecht nicht ſo! rief Maria hier, von toͤdtlicher Angſt ergriffen, und eilte ihm nach, da er bleich und ſchwankend an einen Pfeiler ſich zu ſtützen ſuchte. Thränen des tiefſten, ſchmerzlichſten An⸗ theils ſturzten uͤber ihre Wangen. Von aller Schuͤch⸗ ternheit verlaſſen, ſah ſie nur den edlen Leidenden, ach ihrethalben Leidenden; ſie ergriff ſeine Hand und druͤckte ſie zwiſchen den ihrigen; ſie ſuchte bittend ſein Auge, um durch die zärtlichſte Theilnahme ihm Linderung zu verſchaffen, und hätte Ormond das wärmſte Gefuͤhl der Freundſchaft in dieſem ſchrecklichen Augenblick zu ſchätzen gewußt, es hätte ihn ſchon und troͤſtend aus ihren Blicken anſprechen muͤſſen. Er rang mit dem jähen Wechſel ſeiner Hoffnun⸗ gen; er verſuchte die korperliche Erſchuͤtterung, die ihn 199 ſelbſt uͤberraſchte, zu beſiegen; er richtete ſich an ihrer zarten Hand, die ſie ihm kindlich lieh, empor, er wagte es, den ſchweren truͤben Blick aufzuſchlagen und blickte, unwiderſtehlich hingezogen, zu ihrem lieben Antlitz auf. Engel, ſprach er, tief geruͤhrt, als er ihre unſchul⸗ dige, zärtliche Sorge um ihn erblickte. Du kannſt nicht weh thun, und wenn Du auch das bluͤhendſte Pa⸗ radies der Zukunft mir in einer Sekunde zur oͤden Steppe der Wuͤſte verwandelt hätteſt! Nein, ich will leben lernen und mich ſo leidlich, wie moͤglich, ſchicken, und wenn es nur waͤre, um Dir keinen Seufzer mehr zu koſten, dieſem klaren Auge keine Thraͤne! Ver⸗ geßt, was ich Euch ſagte, aber vergeßt nicht, daß ich Euer waͤrmſter Freund geblieben, verſprecht mir, ach als kleinen Erſatz füͤr das, was ich eben verlor, ver⸗ ſprecht mir, daß ich Freundes⸗Rechte auf Euch behal⸗ ten ſoll. Sie legte ſanft und ernſt die Hand in die ihr dar⸗ gebotene. Mein edler und großmuͤthiger Freund! ſagte ſie dann mit innigem Tone, vielleicht koͤmmt bald der Augenblick, wo nicht mein Mund, doch das Andenken an dieſe mir geſchenkten Rechte Euch mahnen wird. Sie ſchwieg und fuͤhlte auf's Neue die Laſt des eignen Geſchicks. Doch Ormond blieb nun wieder ſtehn, und 200 muthig von dem eignen Schmerze ſich erhebend, wendete er ihrer geheimnißvollen Lage ſich wieder ausſchließlich zu. Muß ich Eure Worte deuten, als ob uns von Euch eine Trennung drohe? Was hat man gethan, Euch von hier wegzuſcheuchen? O glaubt mir, von Al⸗ len ſeid Ihr geliebt; jedes Glied dieſer Familie achtet ſich glucklich, Euch ehrenvollen Schutz zu verleihen, bis die Zeit Euch uber Eure Verhältniſſe aufklaͤren wird. Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen, der den Gewährenden nur Freude ſchafft?— Maria lehnte, ſich immer müder in ihrem Geiſte fuͤhlend, gegen einen nie⸗ dern Fenſterſitz. Antworten konnte ſie nicht; ſie fuhlte ſich uͤbermannt von den Bildern, die in ihrem Geiſte auftauchten und verſchwanden. Ormond blieb, ſie be⸗ trachtend, vor ihr ſtehn, und ſelbſt heftig erregt, ſprang ſein Geiſt in Bezug auf ſie von einem kuͤhnen Schluſſe zum andern. Da war ihm plotzlich, als riſſe die Vinde vor ſei⸗ nen Augen. Sie liebt! rief eine Stimme in ihm, und willenlos faſt rief ſein Mund: Ihr liebt, Maria, jetzt weiß ich Alles, Ihr liebt! Maria zuckte bei dem Worte zuſammen und legte die Hand ſcheu auf ihr Herz, dann blickte ſie Lord Ormond voll Erſtaunen fragend wie ein Kind in die Augen. 201 Ihr liebt, theures Maͤdchen, ſagte er noch ein Mal mit hoͤchſter Theilnahme, denn ſie ſchien auf dieſen Laut aus ſeinem Munde zu warten, und wie begabt mit hoͤ⸗ herer Erkenntniß, ſetzte er mit uͤberzeugender Gewalt hinzu: Ihr liebt Richmond! Irr' flammte ihr Blick bei dieſen Worten auf, dann ſank ſie, die Hand ſchnell auf's Herz druckend, ohne Laut ohnmächtig nieder. Ormond bezwang, ſo mach⸗ tig in Anſpruch genommen, leicht ſeine eigne Stimmung. Er oͤffnete die Scheiben und richtete ſie ſanft in dem Fenſterſitz empor. Bleich, ohne alle Farbe, glich ſie einem ſchoͤnen Marmorbilde. Wunderbar ruͤhrend ſpielte das ſeltſame Lächeln der Ohnmacht um den zarten Mund, waͤhrend der tiefe Ausdruck des Leidens in der ſchmerz⸗ lich gezogenen Stirn ausgedruͤckt lag und die herbſtliche Sonne, mit blaſſen Lichtern eindringend, in leichten Goldſtreifen das blaſſe Heiligenbild verklärte. Bald ſchien es dem Lord, die Ohnmacht habe ſie verlaſſen. Ruhig, wie bei einer Schlafenden, hob ſich der Athem ihrer Bruſt, immer ſuͤßer ward das Lächeln ihres Mundes, und aus den ſanftgeſchloſſenen Augenlie⸗ dern drangen einzelne Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schooß; aber ſie offnete ſie nicht, und Ormond blieb, gefeſſelt von Erwartung, ihr ſtumm gegenuͤber. Fuͤrchten konnte er ihren Zuſtand nicht, denn auch die 202 Stirn begann ſich jetzt zu lichten, Engel ſchienen mit ihr zu ſpielen, ſo ſuͤß ward jeder Zug des lächelnden Geſichtes. Gewaltſam hatten Ormonds Worte das Geheim⸗ niß ihrer Bruſt entſchleiert und durch dieſen Namen ihm ein ſo mächtiges Recht verliehen, daß ſie dem ſchnellen Bewußtſein unterlag. Kaum war's eine Ohn⸗ macht zu nennen, was ſie uͤberkam, ſeltſam war Traum und Bewußtſein in ihrer Seele jetzt verſchwi⸗ ſtert. Sie wußte wohl, ſie ruhte, ſanft von der Sonne Strahl beſpielt, im Fenſterſitze, ſie nahm es wahr, daß Ormond gutig ſchutzend ihr zur Seite ſtand; doch eben ſo ohne Erſtaunen, ohne einen Uebergang von Vorſtel⸗ lungen, die ſie der Wirklichkeit entfremdeten, ſchaute ſie, wie die Bogen des Fenſters vor ihr ſich auseinander ſchoben und ihr ein freier Blick in die herrlichſte Na⸗ tur ward. Auf einer weiten Hoͤhe ſchien ihr Sitz zu ſtehen, ſie blickte in ein bluhend Land, reich an ſchoͤnen Staͤdten, mächtigen Schloͤſſern und hohen Thuͤrmen und Kathedralen. Weit in's Land hinein ſah ſie mit klaren Augen das bunte Treiben eines reichen, weit verbreiteten Vol⸗ kes, doch der vergangenen Zeit gehoͤrend. Ein Feſt⸗ tag ſchien fur Alle angebrochen; denn feſtlich glaͤnzend zog die Bevölkerung nach einer Richtung hin, und — ———— 203 aus der weiten Ferne hatte ſie Begriff von rau⸗ ſchendem Getoͤne, von Muſik, von Menſchenſtim⸗ men, vom Geraͤuſch der Waffen und vom Jubelruf der Freude. Ein ſchmelzend Gruͤn bedeckte die Hoͤhe, auf der ſie, ruhte, und einſam ſchien es hier, als reiche der Fuß des Huͤgels nicht zur Erde hin. Sie fuhlte ein ſeliges Ge⸗ nügen, ein himmliſches Erloſtſein von aller irdiſchen Sorge; nichts ſchien ihr obzuliegen, als ſelig lächelnd zuzuſchauen, wie ſchoͤn geſtaltet Alles um ſie war. Da ſah ſie eben naͤher nun am Rand des Hügels einen Ei⸗ chenwald, die Sonne ſchien hinein, der Voden ſchimmerte vom ſaftigen Gruͤn des Mooſes, und Blätterſchatten tanzten wie dunkle Blumen druͤber hin; da hoͤrte ſie den Chorgeſang der Geiſtlichen, ein Agnus Dei ſangen ſie, und bald erſchienen in den breiten Wegen ſie paarweis mit dem Allerheiligſten, mit holden Knaben, die aus Silberbecken die leichte blaue Wolke des Räucherwerks um ſich kraͤuſelten. Die Ritter folgten im goldenen Harniſch und mit langen wehenden Federn; auf ihren Schultern trugen Andere den hellen Silberſarg mit golde⸗ ner Krone, und die Zipfel des koͤniglichen Purpurman⸗ tels hielten Knaben in Gold und düſterer Seide. Viele waren, die in hoher Trauerpracht noch folgten, dann war der breite Weg des Waldes wieder leer, und nur die 204 Sonne ſpielte mit den Blaͤttern auf dem friſchen Grunde. Doch liebliche Toͤne klangen jetzt; der Wald verhuͤllte noch die neue frohe Mähr, nur Hoͤrnerharmonien in heiterer Weiſe, zu einem Hochzeitsreigen wohlgeſchickt, eilten froh voran, dann kam der Zug in bunter Pracht. Wie ſpielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und Frauen, der Edelſteine, der bunten Federn zauberiſch Farbenſpiel. Der leichte Schritt der ſchoͤn geſchmuͤckten Roſſe ſchien mehr be⸗ geiſtert von den Hoͤrnerklaͤngen, als gelenkt vom leichten Druck des goldenen Zuͤgels, taktmäßig hinzuſchreiten. Die Schoͤnheit ziert hier die Pracht, und Gluͤck und Luſt entſproß in zarter Harmonie, und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs ſich dar. Zwei ſchoͤne Knaben fuͤhrten den milchweißen Zelter, auf dem die junge Schoͤnheit laͤchelnd ruhte, die, in dem Schmuck der Koͤ⸗ nigin, wie eine Nhmphe des Waldes mit Blatt und Moos und Blumen zu tändeln ſchien, und einer lan⸗ gen Ranke zarte Fäden um einen ſchoͤnen, koͤniglichen Mann geſchlungen hatte, der innig ihr ergeben, gefeſ⸗ ſelt ſchon an ihren Augen hing. Der Zug ſchien ſich zu nahen, den Huͤgel zu erſteigen; die holde Frau nickte nach Maria hin, ſie hob die zarte weiße Hand empor und ſteckte funf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone, die ſich hoch dann ihr entgegen 205 ſtreckte. Da hob der Mann an ihrer Seite ſein Ange⸗ ſicht und ſah Maria zärtlich an. Mein Oheim! rief ſie. Verſchwunden war das Bild, der ganze ſüße Traum. Sie ſtand plotzlich auf⸗ gerichtet vor Lord Ormond, der zu ihren Fuͤßen lag, und flehend ſie beſchwor, zum Bewußtſein zu erwa⸗ chen. Sie ſah ihn an mit dem holdeſten Lächeln, ihre Augen leuchteten, wie von einem tiefen innern Lichte erhellt, und ſanfte Roͤthe ergoß ſich um ihr Angeſicht. Ja, ſprach ſie, als ob Lord Ormond jetzt erſt das verhaͤngnißvolle Wort geſprochen, Ihr habt es mir geſagt, jetzt weiß ich es, ich liebe ihn! Dies angſt⸗ volle Geheimniß iſt nun fort aus meiner Seele, ja, ich liebe ihn!— Sie hatte die Hände auf ihre Bruſt gedruͤckt, als wollte ſie ſich das Eigenthumsrecht an dieſer Ueberzeugung ſichern. Sie hatte, wie es ſchien, vergeſſen, was Lord Ormond uͤber ſich ſelbſt ihr ge⸗ ſagt, und war jetzt nur bemüht, ihn zum Vertrau⸗ ten ihres nun erſt verſtandenen Gefühls zu machen. Or⸗ mond ſenkte, noch immer kniend, ſein Geſicht auf ihre Hand, die ſie ihm willig ließ, von unnennbaren Ge⸗ fuhlen faſt betäubt. Da riß ſie aus ihren geiſterhaf⸗ ten Schwärmereien ein lautes, helles Schluchzen dicht an ihrer Seite. Ormond ſprang auf; Maria blickte hin. Ollonie Dorſet ſtand mit ſchlaff niederhängenden 206 Armen ihnen gegenuber, und mit dem Ausdruck der Verzweiftung im bleichen Geſicht weinten ihre ſchoͤnen Augen Stroͤme bitterer Thränen. Als ſie ſich bemerkt ſah, flog ſie auf Maria zu, umſchlang in voller Qual ihren Nacken und ſeufzte: Du liebſt ihn! O Du Gluͤckliche! Und Dich, wie liebt. er Dich! O nimm ihn, nimm ihn! Ollonie kann ſet ben fuͤr Euch beide. Ja, Ihr gehoͤrt zuſammen, es mußte ſo kommen; wie konnte er mich lieb behalten neben Euch. O Maria, ich ſelbſt, ich wollte Euch haſſen, wie Ihr ſo ſorglos mein Gluͤck zerſtoͤrtet; doch auch ich, auch ich konnte Euch nicht haſſen! Ja, ich mußte Euch nur heftiger lieben, denn liebenswerther ſcheint Ihr mir noch durch das Lob ſeiner Liebe. O Gott! rief Ormond hier, ganz außer ſich, das theure Weſen in dieſem Schmerz zu ſehen. So war denn ausgeſprochen, was er aus ihrem Zuſtande nur zu wahr errathen; ſie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erſt ihr Gefühl verrathen, ſeitdem ſie ihn fuͤr Maria gluͤhend wähnte. Wie theilte ſich in dieſem Au⸗ genblick ſein Herz zwiſchen dieſem geliebten Maͤdchen und dem theuren Gegenſtand ſeiner Liebe! Still hielt Maria das holde Kind an ihrem Buſen feſt, ohne Worte, tief⸗ ſinnend. Sie wird ohnmächtig, ſagte ſie dann leiſe und hob ſie mit Ormonds Huͤlfe auf ihren Sitz. S 207 O! ſeufzte Ormond tief und ſchmerzlich, mußt Du ſchoͤnes Herz auch die Qual ungluͤcklicher Liebe leiden! Wie habe ich vergeblich gefleht, es moͤchte ihr erſpart bleiben; doch immer ahnte ich ihre Liebe, ja, ich wuͤnſchte ſie, ehe ich wähnen konnte, daß meinem edlen Richmond der hoͤchſte Preis zu Theil gewor⸗ n. Still, ſprach Maria leiſe, Ihr ſeid im Irrthum, Lord Richmond liebt mich nicht, und mein Gefuͤhl, das Ihr mich kennen lehrtet, hat damit nichts gemein. Doch Ollonie liebt Richmond nicht, Euch liebt ſie, theurer Ormond, Euch! Und unbegreiflich habt Ihr Euch getaäuſcht und dies bis dieſen Augenblick über⸗ ſehen. Ohne Euch zu nennen, hat ſie mir längſt ihr Geheimniß verrathen, und ich hoffte, Ihr theiltet ihr Gefuͤhl. Ormonds Erſtaunen raubte ihm die Sprache. Ihre einfachen und beſtimmten Worte ließen keine Mißdeu⸗ tung zu, und vor ihm ſelbſt that ſich die Ueberzeugung auf, mit tauſend ſchnell gegenwaͤrtigen Beweiſen. Doch er behielt nur wenig Zeit, dieſe Gedanken zu verfolgen. Die leichte Erſchoͤpfung wich von Ollonie, ſie ſchlug die Augen auf und blickte Beide zärtlich an; dann nahm ſie Ormonds Hand, druͤckte ſie ſanft in Maria's Rechte, und lispelte leiſe und ſchwach: So gehoͤrt Euch denn! Und Du, lieber, beſter aller Menſchen, Du werde gluͤcklich! Sie wollte aufſtehen, aber matt geworden, ward ſie von Beiden unterſtutzt. Ollonie, ſagte Maria ſanft, Du haſt zwei Haͤnde vereint, die es ſchon in Freundſchaft waren; nicht Liebe wird ihr folgen.— Nun aber uͤberlaßt mir die Pfle unſerer theuern Ollonie, ich fuͤhre ſie ſicher. Ormond druͤckte in ſtummer Sprache die Haͤnde Beider an ſein Herz und eilte dann mit ſeiner vielfach angeregten Qual von dannen. Der Tag, der dieſem Morgen folgte, war nun der letzte, den Maria unter dem ehrwuͤrdigen Schutze ihrer großmuͤthigen Freunde verleben ſollte, und es war ihr die Aufgabe geſtellt, unter einem ruhigen Aeußern ihr tief bewegtes Herz zu verbergen. Wenn etwas dieſen uͤberwaͤltigenden Umſtaͤnden das Gleichgewicht zu erhal⸗ ten vermochte, war es die beſtimmte Richtung, die ſeit Ormonds Worten das Gefühl ihres Herzens erhalten hatte. Sie gewann, trotz den andrängenden aͤußern Unmſtänden Zeit, ſich hieruber mit ſich voͤllig zu verſtän⸗ digen. Wie ſie es ſo lange in ſich als unverſtandenes 209 Geheimniß hatte tragen koͤnnen, uͤberraſchte ſie, und ſie bat ſich ſelbſt um Verzeihung, daß ſie in Verworren⸗ heit und Unruhe und unverſtändlichem Wechſel von Freude und Leid hatte verderben koͤnnen, was nun, verſtanden, zu einem ſchoͤnen vollſtaͤndigen Schatz ihrer Seele gehoͤrte, ſie adelte und ihr eine neue erhebende ihe zu geben ſchien. Daß zur ſelben Zeit dieſen Em⸗ pfindungen der Eintritt in's Leben und jede gluͤckliche äußere Beziehung abgeſchnitten ward, erkannte bei fluͤch⸗ tiger Betrachtung ihr klarer Verſtand zu beſtimmt, um eine Traͤumerei daruͤber zuzulaſſen, und ſie fuͤhlte, daß ſie nur dann, ihrer ſelbſt wuͤrdig, ſich als Beſitzerin * dieſes Gefuͤhls anerkennen koͤnnte, wenn ſie eben ſo be⸗ ſtimmt und aufrichtig ihm die vollſtandigſte Reſignation zur Seite ſetzte. So heiligte ſie beide Gefühle in ihrer Bruſt, und als ſie nach dieſem feſten Abſchluß mit ſich das uͤbrige Leben anblickte, fuͤhlte ſie ſich ihm diel ruhiger gegenuͤber geſtellt, als fruͤher, und nur, ob ſie das Rechte zu thun vorhabe, das nur floͤßte ihr Bedenken oder Sorge ein, nicht mehr die damit ver⸗ knuͤpften Opfer. Nur der Brief, der die theuren Schrift⸗ zuge trug, konnte immer wieder auf's Neue die Be⸗ denklichkeiten beſiegen, die in jeder anderen Beziehung ihr der bevorſtehende Schritt einfloͤßte. Aber ihren Wi⸗ derwillen, ſich auch nur in voruͤbergehende Gemeinſchaft Godwie⸗Caſtle 1I. 14 eeee 210 mit dieſem Mann zu ſetzen, dieſen zu uͤberwinden, fühlte ſie ſich außer Stande, und ließ darin endlich ihr Herz gewaͤhren. Seltſam traf ſie Richmonds Anblick, als ſie ihn bei der Tafel zuerſt wieder ſah, und ſie wuͤrde ihn ſchwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen h ben, haͤtte ihre wahrhaft feſte und vollſtändige tion ihn nicht ohne alle Beziehungen zu ſich, blos als das ſchoͤne Urbild ihrer Liebe ihr erſcheinen laſſen. Als er ſie anblickte, drang das unausſprechlichſte Gefuhl der Befriedigung durch ihr Herz, und ſie ge⸗ wahrte den tiefen ſchwermuͤthigen Ausdruck ſeines Blik⸗. kes mit der ſchmerzlichen Ueberzeugung, daß er dem Mitleiden angehoͤre, womit er ſie in Bezug zu Mem⸗ brocke ſah. Bald, ſagte ſie ſich, wird der Schritt ge⸗ ſchehen, der mich fuͤr's Leben aus Deiner reinen Nähe treibt und meinen Namen den Verworfenen beigeſellen wird; Du wirſt erröthen, mich unter dieſem Dache einſt geſehen zu haben. Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers, das ihr auferlegt war, und ſie fuͤhlte ſich faſt getroͤſtet, daß ihr Gefühl nie in ſeinem Herzen Wiederklang gefunden, und ſo ihm der Schmerz erſpart blieb, an ihr ſich ſcheinbar geirrt zu haben. Faſt war es ein Gluͤck, daß Ollonie's Zuſtand ihre Sorgfalt erforderte. Maria beſaß vollkommen die Ei⸗ 211 genſchaft der Frauen, das eigene Intereſſe zuruͤck zu drangen, und frei und hingebend ſich einem fremden aufzuſchließen. Ihr war mit der guͤtigen Empfindung zugleich der Takt verliehen, unſcheinbar und ohne den Leidenden außer eigne Thätigkeit zu ſetzen, blos ergaͤn⸗ d oder ſtutzend einzutreten, und namentlich war ſie, jnn Olloniens Weſen uͤberſchauend, ſie zur Kraft zu wecken bemuͤht. Eine lange Unterredung, in der ſie doch, die eigent⸗ liche Vertraute zu werden, vorſichtig vermied, hatte Ol⸗ lonie nicht allein überzeugt, daß Maria ſich ihrem theuern Oheim nicht vermaͤhlen wolle, ſondern auch in ihr jene jungfräuliche Empfindung geweckt, die ſie fuͤr's Erſte zur Selbſtbeherrſchung zwingen konnte. So hoffte Maria ſie aus dem leidenſchaftlichen Zuſtand zu erloͤſen, den ihr die Eiferſucht gegeben, und fuͤr Ormond Zeit zu gewinnen, von der ſie das Gluͤck Beider hoffen zu dürfen glaubte. So dem fremden Intereſſe hingegeben, hatte die junge Heldin faſt keinen Blick für ihre eigene Zukunft uͤbrig, fiel er aber darauf, dann ſchaute ſie in ein undurchdringliches Dunkel, worin ſie nur das eine Bild ihres theuern verfolgten Oheims als Ziel und Licht⸗ punkt erblickte. Dahin wandten ſich dann alle Kräfte ihrer edeln Seele, und verliehen ihr den ruhigen Ernſt, 14* 212 der zwar alle Bluͤten des Gluͤckes verſchließt, aber deſto freier und ſtärker jede Tugend der Seele zur Reife bringt. Sie ſchien ſich ſeit dieſem Morgen weit über die Zeit der Jugend hinaus entruͤckt, und wie jede Bewegung ihrer Seele ſich ihrem Aeußeren mittheilte, ſo trug ihr ganzes Weſen jene ernſte und ruhige Wurde, welche die Abfindung mit dem bezeichnet. Membrocke konnte dies nicht überſehen, und es gehoͤrte nicht zu ſeinen angenehmen Beobachtungen; er haͤtte ſie lieber hinfällig und außer ſich erblickt. Dieſe feſte Haltung ſchien ihm wenig Rechte uͤber ſie laſſen zu wollen, und er verwuͤnſchte dies ihm ſtets neue Auf⸗ gaben bereitende Mädchen. Als die Tafel aufgehoben war und die zungeren Perſonen ſich dem frohlichen Beiſammenſein uͤberlaſ⸗ ſen wollten, fuͤhlte Maria ſich unfähig, daran Theil zu nehmen. Ihr Herz ſehnte ſich mit kindlicher In⸗ nigkeit nach dem Beiſammenſein mit der Herzogin von Nottingham. In ihrer Naͤhe wollte ſie die letzten Stunden durchleben und ſich ſtärken zu dem großen Schritt, der ihr bevorſtand. Schaudernd ſah ſie, wie Membrocke ſich nach der Tafel von Allen beurlaubte. Indem er ſich auch ihr ehrerbietig zum Abſchiede näherte, warf er ihr einen 213 vertraulichen Blick zu und fluͤſterte: Um neun Uhr bin ich zuruͤck. Maria vergaß, tief beleidigt, ihr ganzes Verhält⸗ niß zu ihm und antwortete ihm blos durch einen Blick voll Verachtung. Aber ihr Geſicht war, Allen ſichtbar, mit Blut übergoſſen, und Richmond wendete ſich von ihr ab und verließ die Geſellſchaft. Als die beiden Herzoginnen ſich entfernt hatten, blieb Maria in dem ſchmerzlichen Gefuͤhl, alle hier Verſammelten zum letzten Male zu ſehen, wie gefan⸗ gen zuruͤck. Von Allen nahm ſie im Geiſte Abſchied; ach, Keiner ſchien ihr mehr unbedeutend oder unliebens⸗ wuͤrdig. Selbſt die Pagen, die Diener, die noch mit dem Dienſte beſchaͤftigt hin und wieder gingen, Alle floͤßten ihrer Seele das ſchmerzlichſte Intereſſe des nahen Abſchieds ein. Lucie hing ſich in ihre Arme und be⸗ gehrte morgen fruͤh den Spaziergang mit ihr, und nun ward ſie von allen Mädchen umgeben, die ſie liebevoll drängten, den Jagdzug mitzumachen, den Richmond fuͤr morgen vorgeſchlagen und Maria, unfähig ihn zu beluͤgen, abgelehnt hatte.— Da entſchlüpfte ſie raſch den ungeſtuͤmen Liebesbeweiſen, die ihre Bruſt zerriſſen, und eben ſo wenig fähig, allein zu bleiben, fuͤhrte ſie ihren Vorſatz aus, zur juͤngeren Herzogin ſich zu begeben, in deren ernſter, gemäßigter Nähe . ſie gegen neue Erſchuͤtterung der Art ſich geſichert hielt. Als ſie, von dem meldenden Pagen gefuͤhrt, in das lange gothiſche Zimmer eintrat, in deſſen Fenſter⸗ vertiefung die Herzogin ſaß, gewahrte ſie zu ihrer Ue⸗ berraſchung Lord Richmond vor ihren Fuͤßen auf ine niedern Fenſterbänkchen ſitzen. Willkommen, Lady Maria, ſprach die Herzogin, waͤhrend Richmond ſchnell aufſprang. Ihr ſeid guͤtig, mir Euern Nachmittag ſchenken zu wollen, da Alle, wie ich hoͤre, ſich auf eine Cavalcade begeben. Damit reichte ſie Maria die Hand entgegen, welche dieſe mit beklommenem Herzen an ihre Lippen druͤckte. Und doch, Mhladh, ſprach Maria, fuͤrchte ich, ſeid Ihr zu guͤtig geweſen, mich anzunehmen. Ihr hattet liebe Geſellſchaft, Ihr hattet vielleicht Geſchaͤfte, ſetzte ſie hinzu, auf Richmond blickend, der, mehrere Papiere in der Hand haltend, ſtumm gruͤßend ihr gegen⸗ uͤber ſtand. Ich haͤtte in dieſem Fall es Euch aufrichtig geſagt, erwiderte die Herzogin. Wen ich willkommen heiße, der darf auch deſſen ſicher ſein. Setzt Euch, fügte ſie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Seſſel, der naͤchſt ihrem Lehnſtuhl ſtand, und Du, Richmond, nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das * 215 Ende Deines Briefes vor. Meine liebe Maria wird ſich ſo lange mit ſich unterhalten. Richmond that, wie ihm geheißen, und obwohl er erſt nach einigem Verzuge die Stelle wiederfinden konnte, bei welcher Maria's Ankunft ihn unterbrochen hatte, las er, doch mit einer Stimme, die noch lange vergeb⸗ lich nach Feſtigkeit ſtrebte, weiter: „Ich kann unter dieſen Umſtaänden nicht genau an⸗ geben, wann mir das Gluͤck zu Theil werden wird, Dich, meine geliebte Tochter, zu umarmen. Keines⸗ falls kann ich indeß wuͤnſchen, daß Du nach London kommeſt, da in der Hoffnung, die ſich uns jetzt dar⸗ bietet, mir vielleicht vergoͤnnt ſein wird, nach Godwie⸗ Caſtle zu kommen. Daß ich dieſen Zeitpunkt herbei ſehne und Alles, was in meinen Kraͤften iſt, anwenden werde, ihn zu beſchleunigen, wird Dir gewiß ſein, und meine Tochter wird nicht wuͤnſchen, daß etwas in einer Sache uͤbereilt werde, wovon die Ehre ihres Vaters abhaͤngt.“ Da ſei Gott vor, ſprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von Briſtol, den Richmond ihr reichte, ehrerbietig zuſammen: doch bin ich der Meinung, daß mir am allerwenigſten zuſtehe, mit Beſorgniß an dieſe Beweisfuͤhrung zu denken. Nicht als Tochter fuhle ich mich um die Ehre meines Vaters beſorgt, als Eng⸗ länderin bin ich beſorgt und beſchämt; denn ſagt, wohin muß es mit einem Lande gekommen ſein, in dem ſich die Männer, die ſich die Saͤulen des Staates nennen durfen, an die ſich die Verehrung zweier Generationen und die Hachachtung fremder Staaten knuͤpft, verthei⸗ digen muͤſſen, gleich als wären ſie unbekannte, dem Zweifel unterworfene Emporkoͤmmlinge, für welche keine Thaten reden koͤnnen. England wird erſtarren an der Nachricht, Briſtol ſtehe vor dem Richterſtuhle eines Parlaments, und neues Weh wird den Namen Buk⸗ kinghams treffen, der ſo grenzenloſes Elend verbreitet, und mit welchem die Nachwelt alles Ungluͤck und alle Schande dieſer Zeit bezeichnen wird. Maria ſchauderte zuſammen. Die bittern, ſtrengen Worte der gekrankten Frau bezeichneten die Kataſtrophe, in die ihr eignes Schickſal nun ſo geheimnißvoll und gefaͤhrlich verflochten war; ſie nannten zugleich den Namen Buckingham in derſelben Beziehung, als Mem⸗ brocke es gethan, und beſtätigten die Wahrheit ſeiner Angaben. Ich habe Euch, theure Mutter, noch Einiges über die Vermuthungen des Grafen Archimbald mitzuthelen⸗ hob jetzt Richmond an. Seine Thätigkeit hat keinen Augenblick geraſtet, und ſo große Hinderniſſe ihm die Wachſamkeit Buckinghams 217 auch in den Weg legte, iſt es ihm mit Huͤlfe eines mäch⸗ tigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen, dem Lord Saville auf die Spur zu kommen, der, nach der Ueberzeugung Euers Vaters, die wichtigen Dokumente entwandte, die von der Hand des Herzogs von Olivarez unterzeichnet, das beſtimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen beſtätigen. Gewiß iſt eine traurige Zeit gekommen, wo Lord Briſtol eines Do⸗ kuments bedarf, ſich freizuſprechen von dem ſchmäh⸗ lichen Verdachte, ſein Vaterland muthwillig und um perſoͤnlicher Genugthuung willen in einen ſo gefaͤhrlichen Krieg verwickelt zu haben; aber es iſt dahin gekommen, wollen wir uns immer freuen, daß es der Unſchuld nie an Freunden fehlt, und daß Lord Briſtol die Beſten des Landes unter die ſeinigen zählt.— Du ſagſt ein wahres Wort, mein Sohn; aber ich wiederhole es, ich trage Leid um England, das auf dem Wege iſt, dem Auslande ein Spott zu werden!— Graf Archimbald, fuhr Richmond fort, ſcheint uͤberdies die Aufloͤſung des Koͤnigs zu erwarten. Die Fieberanfälle haben ſich wiederholt, und die Idee des Krieges mit Spanien iſt ein Schreckbild geworden, dem der unglückliche, ſchwache Greis, deſſen ganze kleine Po⸗ litik— Zeit ſeines Lebens— in dem Buͤndniß mit Spanien beſtand, zu unterliegen droht. 218 Buckinghams Abſchluß der Vermählung unſe⸗ res Prinzen mit der franzoͤſiſchen Prinzeſſin ſoll faſt wider Willen des Koͤnigs und des Prinzen geſche⸗ hen ſein. Den Koͤnig hat dieſer verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen wäh⸗ rend einer hitzigen Krankheit erhalten, die ihn gleich nach der Ruͤckkehr von Spanien uͤberfiel und über deren Urſache, obwohl Buckingham den Prinzen faſt ausſchließlich umgab, doch ſehr ſeltſame Geruͤchte um⸗ laufen. So viel iſt gewiß, daß der Prinz, ſtets Allem gnädig, was unſere Familie angeht, Alles angewendet hat, dieſen Prozeß von dem Grafen Briſtol abzuwen⸗ den, daß der König aber, von Buckingham verhaͤrtet und außer ſich uͤber den Gedanken, am Ende ſeiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben, den er ſtets ſo angſtlich vermieden, den Grafen als die einzige Urſache davon anſieht.— Nun, rief die Herzogin, ſo erhalte Gott ſein Leben nur noch ſo lange, bis er ſeinen beſten und getreuſten Diener gerechtfertigt vor ſich ſieht. O, ich ertruͤge es nicht, wenn dies gekronte Haupt zur ew'gen Rechenſchaft gerufen wuͤrde, ehe er dem ſein irdiſch Recht geſprochen, der ſich um ihn ſo wohl verdient gemacht. — Hier entglitt dem Buſen der ungluͤcklichen, gegual⸗ ten Maria ein tiefer Seufzer. Der gerechte Wunſch, dieſer edeln Frau, ihrer Wohlthäterin, der Mutter Rich⸗ monds, dieſer heil'ge Wunſch, für deſſen Erfuͤllung auch ſie ihre Hände hätte zum Himmel erheben muͤſ⸗ ſen, er enthielt das Todesurtheil uͤber den einzig ihr gebliebenen Verwandten, über den theuern Oheim, an den ſie trotz des Scheines von Schuld, der ihn zu treffen ſchien, nicht ohne die tiefſte und zärtlichſte Be⸗ wegung des Herzens denken konnte. Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel, daß es der verfolgte Lord Saville war, dem ſie dieſe Rechte zugeſtehen mußte, daß Lord Membrocke ihr Wahrheit geſagt und ſie im Begriff ſei, zu dem zu fliehen, der den Verfolgungen ihrer Be⸗ ſchützer preisgegeben war. Rieſenhaft groß trat ihr hartes Schickſal vor ſie hin, bereit, alle die zarten Faden zu zerreißen, die ſie mit dieſen geliebten Menſchen hier verbunden hatten. Die Herzogin mißdeutete dieſes Zeichen tiefer Theil⸗ nahme, und ihre Hand ſanft druͤckend, ſprach ſie: Gott behute Euch vor ähnlichen Sorgen, liebes Kind, Euer allzu weiches Herz erlaͤge ſolchen Leiden. Die Schickſale der Menſchen, ſprach hier mit tiefer Bewegung Richmond, ſind verſchieden; nicht zweien wird ein gleiches zu Theil; aber der Schmerz 220 findet zu jeder Bruſt den Weg, und nur, wie er uns innerlich gefaßt findet, macht den Unterſchied. Doch die geringſten Schmerzen bleiben immer jene, die das eigne verfehlte Gluͤck uns giebt. Wer widerſteht aber mit dauerndem Muthe, wenn er das Edelſte und Liebſte, was die Erde fuͤr ihn trägt, in der Gewalt einer boͤſen Macht leiden und untergehen ſieht, ohne daß ihm das Recht verliehen ward, es zu ſchutzen oder zu vertheidigen. Wir wollen damit ſchließen, ſo heftige Auskunfts⸗ mittel, wie Deinem jugendlichen Eifer zuſagen, nicht fuͤr noͤthig zu halten, ſagte die Herzogin mit beſchwich⸗ tigendem Tone und ſchien nicht zu gewahren, wie Rich⸗ monds Augen an den bleichen, kummervollen Zuͤgen Maria's hingen. Maria ſah dieſe Augen nicht, denn die ihrigen hafteten melancholiſch am Boden; aber ſeine Stimme drang zu ihrem Herzen, und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte ſie. Das gebe Gott! ſeufzte er tief auf, und ver⸗ geben moͤgt Ihr meinen trüben Worten. Aber ich glaube, ſetzte er, zur Heiterkeit ſich zwingend, hinzu, der Nebel dieſer letzten Tage thut es bei mir, ich bin nicht mehr ich ſelbſt, ich fuͤhle es wohl, denn truͤbe liegt auf mir die Erwartung jedes naächſten Morgens. 221 Maria's Haupt ſenkte ſich hier auf die Armlehne des Stuhles, in dem die Herzogin ſaß. Doch dieſe ſah die fallenden Thranen nicht, die ſie zu verbergen ſtrebte, ſondern ganz Mutter, ſchaute ſie beſorgt ihrem Liebling in's Angeſicht und pruͤfte mit ihrer Hand aͤngſtlich die kalte Stirn. In Wahrheit, Du biſt krank, ich ſelbſt habe, glaub⸗ ich, uͤberſehen, daß wir vielleicht zu lange hier verweilten. Laß uns zuruͤckkehren nach Godwie⸗Caſtle. Seine hohe geſunde Lage wird Dich am beſten wieder herſtellen, auch ſind wir dort London um ſo viel näher, und leicht läßt ſich jetzt dort ein Kreis verſammeln, der Dir Zer⸗ ſtreuung und Erholung giebt.— O, ſorgt nicht um meinetwillen, theure Mutter, rief Richmond, nicht dieſe Luft iſt's, die mein Herz ſo preßt, und keine andere Luft lindert dies Weh. Glaubt und vertraut mir nur, aus mir ſelbſt muß ich mich er⸗ heben, und ich werde es! Doch Eurem Plan, nach God⸗ wie⸗Caſtle zu gehn, widerſpreche ich nicht. Wir ſind dort London näher, das ſage ich auch, und dort muß unſer aller Schickſal ſich jetzt loͤſen.— So gieb denn Be⸗ fehl zu unſerm Empfange dort! ſprach die Herzogin, noch immer ganz von Beſorgniß eingenommen. Alle hatten ſich erhoben, Richmond wollte gehen. Maria ſtand vor dem Augenblick, der ſie auf immer von 222 ihm trennen ſollte. Kaum trugen ſie noch ihre wanken⸗ den Fuͤße, und ſie hielt ſich an dem Lehnſtuhle der Her⸗ zogin, welche, an einen Tiſch getreten, noch einige Pa⸗ piere fuͤr den Sohn zurecht legte. Richmond betrachtete Maria, er ſah ihre Erſchut⸗ terung und trat ihr naͤher. Und wird Lady Maria noch laͤnger ihren beſten Freunden das bisherige Recht zugeſtehn, ſie mit ſich zu fuͤhren? Darf ich ihre Zimmer in S be⸗ reit halten laſſen?— Maria verſuchte umſonſt zu antworten. Nach eini⸗ gen vergeblichen Bemuͤhungen, die bebenden Lippen zu oͤffnen, ſchüttelte ſie leiſe das Haupt. Ihr wollt uns nicht folgen, fuhr er nun be⸗ wegter fort; Ihr verſchmäht die Herzen, die Euch ſo innig ergeben ſind, die Ihr durch Eure Naͤhe habt vergeſſen laſſen, daß ohne Euch zu leben moͤg⸗ lich ſei? Es iſt Euch Niemand etwas unter uns, Niemand darf ſich des Gluͤckes ruͤhmen, Euch ſo noͤthig zu ſein, wie Ihr es uns geworden. Ihr ſeid ſo gut, ſo großmuͤthig; aber gefuͤhlvoll wenig⸗ ſtens nicht.— Er ſchwieg; ſeine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieſer nie gehorten Sprache faſt die Sinne. Wie mit einem Siegel und nur die Angſt waren ihre Lippen verſchloſſen, 223 dieſes Verſtummens hielt ſie auftecht. Sie druckte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf, die das ganze Geheimniß ihres Herzens trugen. Ich verſtehe nicht, ſagte die Herzogin und wandte ſich, wollt Ihr nicht mit nach Godwie⸗Caſtle, Lady Maria? Ich habe keinen freien Willen, erwiderte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der Ergebung. Gewiß! ſagte die Herzogin, welche Kleinmuͤ⸗ thigkeit! Was iſt Euch? Womit haben wir es verſehen, und worin haben wir Euch Zwang auf⸗ gelegt? Beſtimmt ganz nach Gefallen, ob Ihr uns begleiten oder ſpaͤter mit meiner Schwiegermutter fol⸗ gen wollt?— Ich empfinde tief Eure Guͤte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken fuͤr die unendliche Groß⸗ muth, die Ihr mir unablaͤſſig beweiſt. Seid ſicher, daß ich nirgends lieber bin, als wo Ihr ſeid, daß es die ſuͤßeſte Empfindung meines Herzens wäre, Euch zu die⸗ nen, um nur Eure Naͤhe nicht zu entbehren.— Die Herzogin fuͤhlte ſich geſchmeichelt, vor ihrem Sohne der Gegenſtand von ſo vieler Liebe zu ſein, und ungewöhnlich freundlich zog ſie Maria zu ſich und kuͤßte ihre Stirn. 22 2 Ihr ſeid ein liebes gefühlvolles Kind, ſprach ſie dabei, ich lege gleichfalls Werth auf Euern Umgang und ſehe es gern, wenn Ihr mit uns geht. Maria's Herz unterlag hier. Sie ſank vor ihr nieder, und ihre Haͤnde ergreifend, rief ſie flehend: O, in dieſer glucklichen Stunde gebt mir Euern Segen, daß er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen moͤge! Was auch mein dunkles Schickſal über mich verhan⸗ gen moͤge, widerruft ihn nie! Dann werde ich hoffen, daß ein guter Engel mir zur Seite bleibe.— Ihre Augen vergoſſen Thräͤnen, und ſie hatte etwas ſo un⸗ widerſtehlich Dringendes, daß die Herzogin ohne Wi⸗ derſtand die Haͤnde auf ihr Haupt legte. Gott ſegne Euch, liebes Kind! ſprach ſie dabei mit ſichtlicher Ue⸗ berraſchung. Aber laßt das, ſteht auf und ſeid nicht ſo heftig! Ihr ſeid ohne Urſache ſo feierlich, als ob uns das juͤngſte Gericht bevorſtaͤnde; wir ſollen ſtets uͤber unſere Gefuͤhle ſtrenge Disziplin halten, gar leicht werden wir ſonſt bei geringen Veranlaſſungen davon uͤberraſcht. Maria ſtand auf und trocknete ihre Augen, ſie fühlte die Ruhe des Todes. Mit dieſer letzten Erſchuͤtterung ſchien ihre Seele ausgekämpft zu haben; ſie kam ſich wie eine Sterbende dieſen geliebten Menſchen gegenuber vor; ſie konnte keinen Schatten von Hoffnung haben, 225 je wieder mit ihnen vereint zu werden; ihre Trennung ſchien ihr vollſtändig und unwiderruflich, wie durch den Tod. Aber dieſes Ueberdenken ihres traurigen Geſchicks gab ihr fuͤr den nächſten Augenblick alle Faſſung wie⸗ der. Sie blickte auf zu Richmond, als er ſich jetzt ent⸗ fernte, und begleitete ihn mit ihren Augen, bis er in der Thuͤr verſchwand. Ich habe ihn zuletzt geſehn, ſagte ſie dann zu ihrem getoͤdteten Herzen. Sie blieb, bis die alte Herzogin erſchien, um ihre Schwiegertochter zur Abendgeſellſchaft abzurufen. Beide waren von Maria's Bläſſe uͤberraſcht und goͤnnten ihr, ſich auf ihr Zimmer zuruͤckzuziehn. Still kuͤßte dieſe Beiden zum letzten Mal die Hand und ging dann lang⸗ ſam an der Verſammlungshalle voruber, aus der eine Heiterkeit ſchallte, die fur ſie nicht mehr vorhanden war. Als ſie in ihr Zimmer trat, verabſchiedete ſie die gute getreue Errol und blieb dann allein, ſich zu ihrem großen Unternehmen vorzubereiten. Sie hatte nur wenig Anordnung zu treffen; alle gingen darauf hin, ſie ſo unabhängig, wie moͤglich, von Membrocke zu machen. Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende Summe Geldes, die ihr aus den Wechſeln ihres Taſchenbuches mitgetheilt war, nebſt einem zweiten vollſtändigen An⸗ zug zuſammen, kleidete ſich ſelbſt in ein feſtes Reiſe⸗ kleid und harrte dann, bis die Glocken des Schloß⸗ Godwie⸗Caſtle II. 15 thurmes Neun ſchlugen. Dann ſtand ſie auf und warf ſich vor dem Betpult nieder, an dem ſie nie wieder knien ſollte; aber fern von ihr war jede Erweichung. Ihre Zuͤge ſchienen von Marmor, hoher Ernſt ruhte auf ihrer Stirn, und die Freiheit der Seele, die aus einer klaren und unabänderlichen Anſchauung des Pfa⸗ des, den uns die Pflicht fuͤhrt, entſteht, ſelbſt wenn wir ihn mit Gefahren unſtellt erblicken, dieſe ward ihr zu Theil und ließ ſie erkennen, daß nach der Trennung von den ihr ſo theueren Menſchen nichts mehr der Ruͤhrung werth ſei. Sie flehte Gott um Schutz an: Meine Seele be⸗ huͤte und nimm ſie in Deine Obhut; gieb mir Kraft, daß ich zu Deiner Ehre vollende, was mir obliegt. Herr, Dein Wille geſchehe! Nach dieſem kurzen Gebet ſtand ſie auf, huͤllte um Kopf und Schultern ihren weiten Mantel, ergriff ihr kleines zuſammengepacktes Eigenthum und eilte aus ihren Zimmern. Sie wußte die Geſellſchaft noch beiſammen und mußte jeden Augenblick ihr Auseinandergehen erwarten; aber ſie war feſt entſchloſſen, es mit Gleich⸗ guͤltigkeit zu wagen. Als ſie, um die Geſellſchaftshalle zu vermeiden, an welcher voruͤber ſie den Park auf kuͤrzerem Wege errei⸗ ——————— 227 chen konnte, durch die Gallerie ging, in der ſie am Mor⸗ gen die entſcheidendſten Augenblicke ihres Lebens durch⸗ kaͤmpft hatte, dachte ſie noch ein Mal mit tiefer Weh⸗ muth an Ormond, und als ſie an die Stelle gekommen, wo ſie die Ergießungen ſeines edlen Herzens empfan⸗ gen, blieb ſie einen Augenblick gefeſſelt ſtehen. Da hoͤrte ſie vom Park her deutlich nahende Schritte und bald mehrere Stimmen. Ihre Lage ward ſchrecklich, den Nahenden wurden Windlichter vorgetragen, und der Fenſterbogen, in den ſie treten konnte, war ſo groß und vom Monde erleuchtet, daß ihre ſchwarze Geſtalt bei dem fluͤchtigen Blicke erkannt werden mußte. Wie durfte ſie aber an dieſem Aufblick nach dieſem Fenſter⸗ bogen zweifeln, da ſie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond erkannte, bei dem ſie daſſelbe Andenken an dieſen Platz vorausſetzen mußte. Doch blieb ihr keine Wahl, als dem Zufall zu vertrauen, und da die Nahenden ſie jetzt erreicht hatten, drückte ſie ſich feſt verhuͤllt in die Ecke des Fenſters, mit ſtarrer Erwar⸗ tung des nächſten Augenblicks. Die Herren hatten den morgenden Jagdzug ge⸗ ordnet und ſprachen von ihren Pferden. Richmond ging mit einem der Herren voran, und als er raſch an dem Fenſter voruͤberſtreifte, ſprach er: Nein, Sir Francis, wählet, welches von meinen Pferden Euch anſteht, dies 15* ———,——— 228 Pferd gehöͤrt Lady Melville, und ich hoffe, ſie wird uns begleiten. Indem ſtrich Ormond vorüber, aber das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ſchien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mächtig in ihm zu ſein, um noch Sinn fur ein aͤußeres Zeichen zu haben.— Sie waren vorüber, nur einzelne Streifen Licht glitten noch uͤber den Boden hin. Maria entfloh nun, ſo ſchnell ſie vermochte, ihrer Haft. Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht. Sie näherte ſich dem verabredeten Platze und hoͤrte bald die leiſen, im welken Laube rauſchenden Schritte ihres Gefäͤhrten. Ein unbeſchreibliches Entſetzen erſchuͤtterte ſie, als er vor ſie hintrat, ſie zu begruͤßen. Seid Ihr bereit, Mhlord? So eilt denn und fuhrt mich den dornigen Pfad der Pflicht, und denkt, daß, wie ich huͤlflos auch ſcheinen moͤge, doch uͤber mir Gott im Himmel wacht, wie uͤber Euch er einſt richten wird. 3 Eure Hulfloſigkeit, theure Lady, iſt eine eingebil⸗ dete im Gegentheil wird dies der erſte Schritt zu der ausgezeichneten Stellung ſein, wozu Euch Eure Geburt berechtigt. Der mächtige Buckingham und Euer edler Oheim werden ſiegreich hervorgehn aus allen ihnen von dieſer ſtolzen Familie bereiteten Bedrängniſſen, daran zweifelt nicht! 5 . — — O ſchweigt, ich bitte Euch, von Triumphen, die mit dem Ungluck meiner Wohlthäter erkauft ſind! Wie koͤnnt Ihr, ein Verwandter dieſer edeln Familie, an ihr Ungluͤck mit Gleichguͤltigkeit denken, da ich es ſelbſt nicht vermag, ſelbſt um den Preis nicht, den theuern Oheim gerettet zu ſehn. In Wahrheit, ich hätte nicht Vorwuͤrfe erwartet, rief Membrocke, daß ich Eurem Intereſſe lebhafter zu⸗ gethan bin, als dem meinigen; aber ich ſehe ein, daß Lady Melville für alle Bewohner der Erde mehr Groß⸗ muth und Gerechtigkeit hat, als für mich ſelbſt. Es iſt jetzt nicht der Augenblick, einen Wortſtreit zu fuͤhren, erwiderte Maria ernſt, und ich bin nicht in der Stimmung, mir eine richtige Erwaͤgung der Zu⸗ kunft zuzutrauen. Man findet fuͤr gut, ſie in ein Dun⸗ kel zu huͤllen, welches mich zu ſehr der Willkuͤr eines Einzelnen hingiebt, um mich ihm nicht ſchaͤrfer beur⸗ theilend gegenuͤber zu ſtellen, als unter geſicherten Ver⸗ hältniſſen der Fall ſein würde. Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben, und ſie ſoll nicht gering ſein, wenn Ihr mich meinem natrlichen Schutze uͤbergeben haben werdet. Laßt uns jetzt unſere Reiſe beeilen. In einer kleinen Schlucht, die ſie jetzt mit ſchnel⸗ len Schritten erreichten, fanden ſie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener. Schnell und ſicher hob ſich Lady Maria in den Sattel, und die Kappe ihres Man⸗ tels tief uͤber ihr Geſicht ziehend, uͤberließ ſie den Zuͤ⸗ gel Lord Membrocke, welcher ihr zur Seite ritt, wah⸗ rend ein Diener den Zug anfuͤhrte und der andere ihn beſchloß. So blieb Maria ſtumm in ſich ſelbſt verloren, nur des Einen ſich bewußt, daß ein neues Leben fuͤr ſie angegangen war, und daß ihre Jugend von nun an abgeſchloſſen hinter ihr lag. Als der Tag anbrach, befanden ſie ſich bei einer einſam liegenden Meierei, wo Lord Membrocke eine Saͤnfte füͤr Maria beſtellt hatte und ſie noͤthigte, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Noch war es ihm nicht gelungen, ſie in ein Geſpräch zu ziehen, eben ſo wenig ſagte ihm ihre ganze Haltung zu. Ruhig und gemäßigt waren ihre Antworten; ſie ließen eben ſo we⸗ nig Vertraulichkeit, als Vorwuͤrfe zu und hielten ihn beſtändig in der begrenzten Zuruckhaltung eines Begleiters. Die feuchte Nacht, die Kälte des Morgens und der angeſtrengte Ritt hatten indeſſen Maria eine kleine Erholung noͤthig gemacht, und ſie ſah die Ankunft einer Säͤnfte nicht ungern, da ſie ihr noch mehr Abge⸗ ſchiedenheit zu ſichern ſchien und ihrer großen Ermuͤ⸗ dung zu Huͤlfe kam. Sie benutzte die Gelegenheit, S— „ 231 dem Lord ihren Dank fuͤr ſeine ſorgfaͤltigen Reiſe⸗ anſtalten auszudrucken, da ſie ſich ſelbſt zu einer mil⸗ deren Stimmung fuͤr ihn zu bewegen wuͤnſchte. Lord Membrocke war entzuͤckt uͤber dieſe ſanfteren Worte, wie er ſie noch nie aus ihrem Munde gehoͤrt, und leichtfinnig und thoͤricht glaubte er ſich jetzt den Hoffnungen auf ihre Gunſt uͤberlaſſen zu koͤnnen. Er verdoppelte ſeine Bemuͤhungen, welche der traurige Zuſtand der Meierei wenig beguͤnſtigte. Zwar brannte ein hohes Torffeuer in dem weiten Kamine, der den Hausgenoſſen zugleich als Heerd diente, aber der Rauch ſchien keinen andern Weg zu kennen, als durch die morſchen Fenſter und Thuͤren der großen Halle ſelbſt. Ein Haufen ärmlich gekleideter Kinder, ihre duͤſter blickende Mutter und einige ſehr wild ausſehende Män⸗ ner theilten dieſen Raum mit den Reiſenden und ſchie⸗ nen in der Ueberzeugung, ſo vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu koͤnnen, auch gänzlich gleichguͤltig gegen ihre Erſcheinung zu ſein. Membrocke ließ indeſſen Alles herbeiſchaffen, was ſeine Reiſekuͤche vermochte, er bereitete ſelbſt Maria's Sitz am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel. Er durfte ihr aber keine lange Raſt goͤnnen, und Maria fuͤrchtete ſelbſt eine Unterbrechung ihrer Reiſe zu ſehr, um nicht ſogleich bereit zu ſein. 2 ſich an die Spitze des Zuges, welcher mit doppelter Eile vorwaͤrts ging, und noch um zwei Diener ver⸗ mehrt war. Es war Maria aber nicht vergoͤnnt, zu groͤßerer Ruhe zu gelangen. Sie fuͤhlte ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein ſo aͤngſtliches Klopfen des Herzens, daß ihr Athem zu ſtocken begann. Die Ruhe ihres Geiſtes verwandelte ſich in eine qualvolle Erregung von Angſt und Furcht. Sie bebte bei jedem Gerauſch zuſammen und wuͤnſchte zuletzt nur noch, das neue ungekannte Uebel moͤchte ſie erreichen, da ſie das Haͤrteſte beſſer ertragen zu koͤnnen glaubte, als dieſe Furcht, fuͤr die ſie keinen Namen hatte. Es machte ihr daher keinen ſtaͤrkeren Eindruck, als ſie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener herbei ſprengen hoͤrte, worauf ſogleich Membrocke, nachdem er ſeinen Bericht angehoͤrt, den Zug zur groͤßten Eile antrieb. Sie glaubte an den Bewegungen ihrer Saͤnfte errathen zu koͤnnen, daß man Seitenwege einſchlug, und zweifelte nun nicht laͤnger, daß ſie verfolgt wuͤrden. Doch wer verfolgte ſie? dieſer eine Gedanke loͤſchte alle uͤbrigen Betrachtungen aus. Sie wagte nicht, Membrocke zu fragen, der, wie ſie hoͤrte, unruhig hin und her ſprengte. Auch blieb ihr wenig Zeit zu Schluͤſſen uͤbrig, denn Sie beſtieg nun ihre Sänfte, und Membrocke ſetzte das wilde Heranjagen von Pferden uͤberzeugte ſie, daß ſie eingeholt wären. Nach einigen Vetſuchen, die Eile zu verdoppeln, hielt plotzlich die Saͤnfte, von einem ver⸗ worrenen Stimmengeraͤuſch umgeben. Halt! Halt! ſchrie eine wohlbekannte Stimme, und ſogleich hoͤrte ſie Membrocke in einem heftigen Wort⸗ wechſel mit Lord Richmond und Ormond. Mit ent⸗ ſetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwuͤrfe ſeiner Verfolger. Er fragte ſie mit kaltem Hohne, welches Recht ſie hätten, ihn und die Lady zu verfol⸗ gen, und ſie von ihm zuruͤck zu fordern, da es ihm doch wohl ohne den Willen der Lad h ſelbſt nicht hätte gelingen koͤnnen, ſie zu entfuͤhren. Haltet ein mit dieſer Verläumdung, rief Richmond, außer ſich; ſie iſt Euch nicht freiwillig gefolgt. Ge⸗ raubt habt Ihr ſie, mit Gewalt entfuͤhrt, und ich for⸗ dere ſie von Euch zuruͤck im Namen der Herzogin von Nottingham, deren Haus Ihr durch ſolche That zu beſchimpfen wagtet! Augenblicklich üͤbergebt das Fräulein uns und ſteht uns dann Rede uͤber die Beleidigung, die Ihr derſelben anzuthun gewagt. Ueberlaßt die Wahl dem Fräulein ſelbſt, lachte Membrocke; ſie mag beſtimmen, wem ſie folgen will; ſie mag ſagen, ob ſie mir freiwillg gefolgt, oder ich ſie entfuͤhrt habe. Wahrlich, Mhlords, wir ereifern 234 uns ſehr unnuͤtz, da ein Wort aus dem Munde des ſchoͤnen Fräuleins Euch beſſer aufklaͤren wird, als meine eifrigſten Bemuͤhungen, und glaubt mir, ich bin ganz bereit, Euch die Lady zu uͤberlaſſen, wenn ſie Euch nur folgen will! Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen, die Ormonds Herz mit den entſetzlichſten Zweifeln er⸗ ſchreckte, während ſie Richmonds Zorn nur erhoͤhte. Haltet ein mit Euern Schmaͤhungen, rief er, Euer Mund kann die reinſte Tugend nicht beſchim⸗ pfen! Er ſturzte zu der Sänfte hin und riß die Thuͤr derſelben auf. Maria hatte jedes Wort der ſchrecklichen Unter⸗ handlungen gehoͤrt und, empoͤrt uͤber Membrockes bos⸗ hafte Benutzung ihrer Lage, nur zu wohl erkannt, daß ihr keine Rettung von dem ſchmaͤhlichen Verdachte blieb. Als ſie Richmond erblickte, gluͤhend und außer ſich, mit Seelenangſt auf ihre Entſcheidung harrend, da verließ ſie ihre Beſinnung, und ihre erſte Bewe⸗ gung war, ſich aus der Sänfte zu ſturzen. Bleibt, Mhladh, ſagte Membrocke kalt, und beant⸗ wortet die Fragen dieſer geſtrengen Richter! Sagt, folgt Ihr mir aus eignem Antriebe, habt Ihr mich zum Begleiter dieſer Reiſe angenommen, oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch entfüͤhrt? „ 235 Entfuͤhrt? wiederholte mit Abſcheu Maria, nein! nein! Er entfuͤhrt mich nicht, o eher den Tod! Und doch, ſchrie Richmond, doch ſeid Ihr mit ihm! Nun ſeht Ihr wohl, lachte Membrocke, mit Gewalt er⸗ langt man nichts uͤber das ſtolze Kind. Ladh, ſprach Richmond, indem er erblaſſend ſich an den Schlag der Sänfte hielt, wie kamt Ihr in ſeine Gewalt? Nicht um meinetwillen frage ich, mir ſteht kein Recht zu; ſondern um meiner Mutter willen, die um Euch trauert, wie um ihr eigenes Kind. Ich beſchwoͤre Euch, antwortet mir, warum verließt Ihr uns, warum finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke?— Er ſchwieg, ſichtlich erſchoͤpft; ſeine abgebrochenen Reden, ſeine am Boden ruhenden Au⸗ gen zeigten nur zu deutlich die tiefe Bewegung ſeiner Serle. Maria fuͤhlte jedes ſeiner ruͤhrenden Worte als eine neue Wunde ihrer Bruſt. Auf ſeine Achtung verzichten zu muͤſſen, gegen ihn nicht die Rechtfertigung erwähnen zu duͤrfen, die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten mußte,— ſie glaubte dieſen Ge⸗ danken in ſeiner ganzen Qual ſchon fruͤher erſchoͤpft zu haben; aber wie ganz anders war es jetzt, ihm gegen⸗ uͤber, von ſeinen ruͤhrenden Worten, von dem viel rüh⸗ rendern Ausdruck ſeiner Stimme und Mienen begleitet. Noch ein Mal fragte ſie ſich, ob es hier keinen Ausweg gebe, noch ein Mal ſeufzte ſie nach Rettung; aber die Antwort, die ihr klarer gegenwaͤrtiger Verſtand ihr gab, blieb dieſelbe. Alsbald kam ihr die Kraft zuruck, die ſchon halb entſchwunden geſchienen. Sagt Eurer ehrwuͤrdigen Mutter, theurer Lord, ſprach ſie dumpf, aber feſt, mein Leben wuͤrde ein Dankgebet bleiben fuͤr meine Wohlthäter; ſagt ihr, ich verdiene noch immer den Segen, den ſie auf mein Haupt niedergelegt, noch ein Mal flehe ich ſie an, ihn nicht zu widerrufen. Ein Mehreres habe ich zu mei⸗ ner Rechtfertigung nicht. Ich bitte Euch, verzoͤgert meine Reiſe nicht und uͤberlaßt mich dem Schutze des Lord Membrocke. Großer Gott! rief Richmond mit der hoͤchſten Heftigkeit, wie ſchrecklich muͤßt Ihr betrogen ſein, da Ihr ſo im Rechte zu ſein glaubt! Wie koͤnnen wir Euch verlaſſen, da wir hieran nicht zweifeln duͤr⸗ fen! Mhlady, hier iſt Lord Ormond; er genoß Euer Vertrauen; ich beſchwoͤre Euch, laßt ihn die Umſtände pruͤfen, die einen mindeſtens ſo auffallenden Schritt veranlaßten. Ormond, tretet naͤher; ich bitt' Euch, redet, bewegt das Fraͤulein, Euch zu vertrauen. Gewiß, Ihr werdet hintergangen; o, mißtrauet Eu⸗ rer Jugend, Euerm Mangel an Erfahrung; Euer —.———— tugendhafter Muth, Euer offener Karakter haben Euch verlockt. Ormond war zwar näher getreten, aber wie ge⸗ lähmt von dem Vorgefallenen und ihren eben gehoͤrten Erklärungen. Die Worte erſtarben ihm; er hob nur ſeine Augen zu ihr auf, in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kampfte. Es iſt genug, rief Maria, allen ihren Muth ſam⸗ melnd, ich werde nicht betrogen; unlaͤugbare Beweiſe haben die traurige Nothwendigkeit beſtätigt, der ich mich jetzt unterwerfe. Ich muß ſchweigen, aber viel⸗ leicht wuͤrdigt mich noch Gott dereinſt des einzigen von mir erſehnten Gluͤckes, mich vor Euch gerechtfer⸗ tigt zu ſehen; ja, vielleicht iſt es mir durch dieſen mich niederbeugenden Schritt dereinſt noch moͤglich, meinen theuern Wohlthätern nutzlich zu werden. Laßt mich jett, Mylords, und richtet nicht, wenn es Euch mog⸗ lich iſt. Ihr wollt fort von uns, ſtammelte Richmond, fort von Euern Freunden? Ihr verſchmähet unſern Beiſtand, Maria, theure Maria? Die Ungluͤckliche verhuͤllte ihr Geſicht, ihr Muth war dahin, ihre Sinne ſchwanden, ſie hoͤrte nichts mehr. Es ſcheint mir, Mhlord, daß ich Euch alle Ge⸗ duld und Nachſicht bewieſen, auf die Ihr irgend An⸗ 238 ſpruch machen konntet, ſprach endlich Membrocke. Ich fordere jetzt, daß Ihr zuruͤcktretet und die Ladh ihrer freien Wahl uͤberlaßt, die, wie Ihr geſehen, zu mei⸗ nen, nicht zu Euern Gunſten ausfiel. Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Ma⸗ ria, die mit verhuͤlltem Geſicht auf ihren Knien in der Sänfte lag und kein Zeichen des Lebens gab, das, den Andern unbewußt, von ihr gewichen war. Ormond ergriff, von Richmonds Zuſtand geruͤhrt, ſeinen Arm und zog ihn zuruͤck, wohl einſehend, daß ihre Macht vorlaͤufig hier nicht ausreiche, doch feſt ent⸗ ſchloſſen, Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren. Membrocke benutzte dies, verſchloß die Sänfte und ſetzte den ganzen Zug in raſche Bewegung. Als ſie dahin zogen und kein Zeichen des Wider⸗ ſtandes in der Saͤnfte noch eine Hoffnung übrig ließ, ſtuͤrzte Richmond an Ormonds leidende Bruſt, und Beide hielten ſich im Bewußtſein eines großen Schmerzes feſt umſchlungen.— Wir muſſen Beide jedoch ſich ſelbſt uͤberlaſſen und der ungluͤcklichen Maria folgen, die wir mehrere Tage ſpäter in einer voͤllig veränderten Lage wieder finden. Lord Membrocke nämlich, nachdem er ſie bis dahin mit leidlicher Haltung gefuͤhrt hatte, uͤbergab ſie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fort⸗ ſetzung der Reiſe einem andern Begleiter, der angeblich auf einige Zeit ihre Reiſe leiten wuͤrde, da es ihm jetzt obliege, voran zu eilen, um ihren Oheim von ihrer na⸗ hen Ankunft zu unterrichten. Alles, was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite, ſchien ihr glaublich und annehm⸗ bar. Sie fugte ſich daher ohne Gegenrede in dieſe An⸗ ordnung und trennte ſich mit erleichtertem Herzen nach kurzem hoͤflichen Abſchiede. Ihrem Oheim durch die⸗ ſen Mund den Gruß ihrer Liebe voran zu ſchicken, konnte ſie ſich nicht überwinden. Der Tag, an dem wir uns ihr wieder zugeſellen, war einer der angeſtrengteſten der ganzen Reiſe. Die anbrechende Nacht verhuͤllte von Außen die Gegenſtände und geſtattete keine Wahrnehmnngen mehr uͤber den Weg, den Lady Maria in ihrer kleinen Sänfte zu ver⸗ folgen hatte. Die unwillkuͤrliche Zerſtreuung, die der Tag ihr gewährte, hoͤrte hiermit auf, und zuruck ge⸗ draͤngt in ihren Sitz, ward ſie auf's Neue von allen Bedenklichkeiten uͤber ihre Lage ergriffen. So ſehr ſie ſich durch die Entfernung des Lord WMembrocke erleichtert fuhlte, konnte ſie doch daraus kei⸗ nen beruhigenden Schluß ziehn. Auf's Neue entzog ſie ihm vielmehr ihr muͤhſam geſchenktes Vertrauen, um zu erforſchen, ob ſie endlich doch von ihm betrogen wor⸗ den ſei. Aber was ward dann aus dem Vriefe des Oheims, den ſie nicht bezweifeln konnte? Warum uͤber⸗ ließ er ſie ohne Widerſtand jetzt einer andern Ohhut; was konnte ihm eine Entführung aus dem Schloſſe ih⸗ rer Beſchuͤtzer nützen, wenn er ſich nicht dadurch ſeine Gewalt uͤber ſie ſichern wollte? Und in welcher Gewalt war ſie jetzt? Setzte ſie ihre Reiſe nach Lord Membrockes Beſtimmung fort, ſollte ſie dennoch ihren Oheim er⸗ reichen, oder war noch irgend ein ihr unbekanntes In⸗ tereſſe fuͤr ihre Perſon, das jetzt uͤber ihr waltete? Oft erſchreckte ſie der Gedanke, jener wilde Lord, welcher ſie zwang, aus dem Schloſſe ihrer Tante zu entfliehen, koͤnne jetzt üͤber ſie gebieten; aber wie wenig ſtimmte da⸗ fur die Art ihrer Vehandlung, wie wenig paßte das Weſen des Mannes, der ihr Reiſegefährte war, zu den böſen Abſichten, die ſie dann hätte furchten muͤſſen. Der Fremde, der ſie begleitete, hatte allmaͤlig ihre Achtung und ihr Vertrauen gewonnen⸗ Obwohl er erſt im mittleren Alter ſtund, war dennoch der Ausdruck ſeines Geſichts von einem tiefen ſchwermuͤthigen Ernſt, und ſeine ſcharfen edeln Zuͤge wurden durch die Blaͤſſe ſeiner Farbe noch erhoht. Er lächelte nie, aber ſein Ernſt war mit ſo viel Milde gepaart, ſein Organ ſo wohltonend, daß eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermißt ward. Er war weit davon entfernt, ge⸗ gen Lady Maria die Dienſtbefliſſenheit eines galanten ——— 241 Mannes anzunehmen. Ruhig nahm er wahr, was ihr noͤthig oder angenehm ſein konnte, und er ertheilte dar⸗ nach ſeine Befehle, ohne jemals ſelbſt ſich einer Dienſt⸗ leiſtung zu unterziehen. Ihre Anfangs dringenden Auf⸗ forderungen, ſich üͤber ſeine Abſichten und Vollmachten zu erklaͤren, und ihr zu ſagen, ob ſie noch das fruͤhere Ziel ihrer Reiſe erreichen werde, wußte er ganz von ſich abzulehnen, indem er mit der hoͤchſten Milde immer auf's Neue wiederholte, daß ſie ohne Furcht und Sorge ſeiner Fuͤhrung vertrauen koͤnne, daß keine Art von Wi⸗ derwärtigkeit ſie treffen ſolle, ſo lange ſie unter ſeinem Schutze ſei, und daß ihr wahres Wohl bei dem Ziel ihrer Reiſe jetzt mehr bedacht werde, als fruͤher. Dabei nothigte er ſie aber, ohne Unterbrechung dieſelbe fortzu⸗ ſetzen, und ihre Nachtlager waren nicht mehr in wohl eingerichteten Schloſſern, ſondern in Schlupfwinkeln und Ruinen oder unſcheinbaren Hutten, die bei ihrem erſten Anblick wenig Ausſicht auf eine menſchliche Wohnung gaben. Hier fanden ſich Perſonen, welche ſo wenig zu ihren Umgebungen zu gehoͤren ſchienen, daß Maria's edles Zartgefuͤhl erſchrak, als ſie dieſelben zu den nie⸗ drigen Dienſten ihrer Aufwartung ſich herablaſſen ſah. Sie hoͤrte hier auf den hölzernen Sitzen, bei müͤhſam verſtopften Thüren und Fenſtern, und einem elenden Gericht von grobem Mehl, die hohen wuͤrdevollen Godwie⸗Caſtle II. 16 242 Reden der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertraut⸗ heit mit allen Formen dieſer hoͤhern Kreiſe, verbunden mit einer ſtoiſchen Verachtung der daran haftenden Ei⸗ telkeit. Wenn auch haͤufig in gleichem Maaße die tiefſte Bitterkeit dabei hervortrat, erfullte doch das Elend, wozu ſo gebildete Geiſter verdammt waren, das Herz Maria's mit Theilnahme, welche ſie zur Verzeihung, ja, zur Vertheidigung jeder dadurch erzeugten Härte ſtimmte. Sie ahnete bald, daß ſie allein unter Perſonen ſich be⸗ fand, welche der verfolgten katholiſchen Kirche angehoͤr⸗ ten, die geneigter waren, im Vaterlande zu darben, als in andern Laͤndern geduldete Fluchtlinge zu ſein. Auch ſchienen ihr die koloſſalen Ruinen, in denen ſie zu ver⸗ ſchiedenen Malen einen muͤhſam geſchutzten Wohnort finde, trotz der Nacht, die ſie hinfuͤhrte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief, den zerſtoͤrten Kloſtern anzugehoren, wovon ſie in der Geſchichte von der Aus⸗ rottung der katholiſchen Religion in England ſo viel ge⸗ hoͤrt hatte. Ihr Zartgefuͤhl und die Achtung fur ihren ſchwer⸗ müthigen Gefährten hielt ſie ab, ſich daruͤber Gewißheit zu verſchaffen; ja, ſie fuhlte bald ihr eigenes Herz ſo von Theilnahme fur dieſe Märthrer erfullt, daß ſie nur der eigenen Achtung fuͤr ſie genuͤgte, wenn ſie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Anſpruͤche auf Erlaͤu⸗ 243 terungen begrub und damit das Vertrauen vergalt, das man ihr bei ihrem jedesmaligen Empfange bezeigte. Sie zweifelte eben ſo wenig, daß ihr Begleiter, ſeiner Geſinnung nach, zu jenen Ungluͤcklichen gehoͤre, und ſein Reiſegewand, obwohl es keine beſtimmte Form der Kleidung erkennen ließ, erinnerte ſie doch, ebenſo wie ſein kahles Haupt, an das Koſtuͤm der Prieſter je⸗ ner Kirche. Auch ward ihre Reiſe durch ſehr unbe⸗ ſuchte Wege fortgeſetzt, und es ſchien ihr ebenſo ſehr das Beſtreben ihres Begleiters, ſich und ſein Gefolge wie ſie ſelbſt zu verbergen. Außerdem ſuchte er, wäh⸗ rend des Tages an dem Schlage ihrer Sänfte reitend, ſie zu unterhalten, und dies auf eine ſo ausgezeichnete Art, daß der Lady oft die Stunden im Fluge voruͤber gingen. Auch wußte er ſie ſelbſt zu Mittheilungen zu veranlaſſen, und bekannt mit allen Perſonen von Be⸗ deutung, die in die Zeit ſeines Lebens gehoͤrten, beant⸗ wortete er alle ihre Fragen auf das Genugendſte und mit mancher feinen Gegenbemerkung. Hauptſächlich lenkte er oft ſeine Unterredungen auf. religioͤſe Gegenſtände und entwarf die erſchuͤtterndſten Gemälde von den Leiden und Unterdruͤckungen, welche die Katholiken in England von der Härte und Unduld⸗ ſamkeit der Proteſtanten zu erleiden hatten. 16* Er wußte die Verfolgten zu Helden ihrer Ueber⸗ zeugung zu machen, und die Stärke und Fuͤlle des Troſtes hervorzuheben, der ihnen aus ihrem Glauben erwachſe; wogegen er mit einzelnen ſcharfen Zuͤgen die Gegenpartei ſchilderte, als in einer von Gott verlaſſe⸗ nen ruchloſen Verdorbenheit verſunken. Dieſe Erzählungen ruͤhrten um ſo mehr das Herz der Zuhoͤrerin, da ſie in ihrer eigenthuͤmlichen Zuſam⸗ menſtellung den Stempel der Wahrheit trugen. Auch konnte es an Stoff hierzu nicht leicht fehlen, bei der noch friſchen Erinnerung an die wirklichen Greuel der Verfolgung, die unter Eliſabeth den vom Volke gehaß⸗ ten Glauben vertilgen ſollten. Auch Jakob war noch zu manchen ähnlichen Verordnungen durch die oͤffent⸗ liche Meinung gezwungen worden, wenn auch er, ob⸗ wohl ſelbſt eifriger Proteſtant, Toleranz gern uͤbte. Eigentliche Verfolgungen wurden gewiß von ihm weder gebilligt, noch veranlaßt, aber dennoch zu wenig gehin⸗ dert, um nicht zu den traurigſten Bedruͤckungen Gele⸗ genheit zu laſſen. Maria fand ſich bei dieſen Unterredungen auf kei⸗ nem fremden Voden; ihre Erzieher hatten die hoͤchſte Toleranz in religioͤſen Beziehungen gepredigt, und ſie kannte ſehr wohl den verſchiedenen Standpunkt des Re⸗ ligionsweſens unter den Regierungen ſeit Heinrich dem 245 Achten. Sie ſo vorbereitet und klar zu finden, erregte offenbar die beſondere Aufmerkſamkeit ihres Begleiters, und ſeinen geſchickten Bemerkungen that ſich bald die ahnungsloſe Seele ſeiner jungen Gefährtin zu einer un⸗ befangenen Erzählung ihrer Erziehung und einer begei⸗ ſterten Schilderung ihrer Erzieher auf; wodurch ihm mancher unerwartete Aufſchluß über die geheimſten Re⸗ ligionsanſichten der wichtigen Perſon kam, die das Fräu⸗ lein als ihren Oheim bezeichnete. Der Weg, den die Reiſenden an dem vorliegenden Abend zuruͤcklegten, war ſo verdorben und uneben, daß ihr Begleiter ſich voraus begeben hatte, um die Gefahren zu unterſuchen, die dem Transport einer Sänfte bevor⸗ ſtehen konnten. Langſam nur zogen die müden Thiere uber den immer ungleicher werdenden Voden. An Ma⸗ ria's Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Toͤne, die ſie zwar bei dem Fortbewegen des Zuges, dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander, nicht verfolgen konnte, die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben, um ſie nicht endlich zu uͤberzeugen, daß ſie in die Nähe der Kuͤſte gekommen, und daß es das Meer ſei, das ſein majeſtätiſches Wellengerauſch zu ihr heruͤber trug. Dieſe Ueberzeugung verſetzte ſie in eine unbeſchreib⸗ liche Aufregung. Es ſchien ihr gewiß, daß ſich jetzt ihre nächſte Zukunft entſcheiden mußte. An die Kuͤſte hatte 46 man ſie gefuͤhrt und alſo Wort gehalten, denn hier durfte ſie auch ihren Oheim erwarten. Dies geliebte Bild trat mit einem Male, mit dem ganzen Zauber kindlichet Liebe ausgeſtattet, vor ihre Seele und unter⸗ druckte darin jedes andere Bild, jede andere Beziehung zum Leben. Mit Enthuſiasmus ward ſie ſich der ſüͤ⸗ ßen Pflicht bewußt, fuͤr ihn zu leben und ſein Schick⸗ ſal mit ihm zu theilen. Indem ſie in dem kleinen Raum der Sänfte niederkniete, ſtieg ein Gebet aus ihrer Seele, welches Gott Dank ſagte fuͤr den heiligen Beruf, den er ihr verliehen, und worin ſie ihn an⸗ flehte, ihre Seele zu kräftigen, um Alles zu vollenden zu ſeiner Ehre. Sehr überraſcht war daher ihr Begleiter, als er den Zug ausruhen ließ und, zur Sänfte mit einer Fak⸗ kel zuruͤckkehrend, die Lady ohne alle Spuren der Er⸗ müdung fand, und mit ſo leuchtenden Augen, mit ſo heiterer Stirn, in ſo feſter Stellung uberhaupt, daß die Worte der Theilnahme, die in Bezug auf die Be⸗ ſchwerden des Weges ihm auf den Lippen ſchwebten, erſtarben und er, von Erſtaunen überwältigt, eine Frage nach der Urſache wagte. Denkt Ihr, Sir, antwortete ihm entzuͤckt lächelnd das ſchoͤne Mädchen, ich hore die Stimme des Meeres nicht? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe geſungen, ———— ———— 247 es war der Takt zu meinen Jugendträumen; wo ich es hoͤre, ſcheint mir die Heimath! Verwandte, Gluͤck und Sicherheit ahne ich, wo ich ſeinen Gruß vernehme, und mit der Zuverſicht, die ich jetzt empfinde, will ich Euch danken, ehrwürdiger Mann, daß Ihr Wort hiel⸗ tet, daß Ihr mich mit raſtloſer Guͤte und Großmuth beſchutztet und mich jetzt meinem großen Beruf ent⸗ gegen fuͤhrt. O ſagt offen, wann werde ich zu ihm gelangen? Iſt er mir ſchon nah? Werde ich bald ſeinen Segen empfangen? Wer den Gang ihrer Gedanken ſo wohl zu erfor⸗ ſchen gewußt, wie ihr Begleiter, konnte nicht lange miß⸗ verſtehen, was ſie jetzt bewegte, und ſein augenblickliches Erſtaunen wich einem ſehr milden Gefuͤhl von Theil⸗ nahme und Wehmuth, weſches in ſich wahrzunehmen, ihn vielleicht ſelbſt uͤberraſchte. Er mußte unwillkuͤrlich daran denken, wozu die Natur ſie berufen habe, und wozu der Wille der Men⸗ ſchen ſie jetzt beſtimme, und er ſah truͤbe zu Boden, als der fragende Blick aus dieſen klaren Augen ſeine Antwort ihm abzufordern trachtete. Habt Geduld, liebe Lady! ſagte er mit verlegenem Ausdruck, Ihr habt recht gerathen, wenn Ihr am Ziel Eurer Reiſe Euch glaubt. Das Fernere werdet Ihr dort durch Andere, als mich, hoͤren; mir ſelbſt iſt 248 nicht bekannt, ob Euern Hoffnungen die Erfuͤllung nah oder fern liegt. Nun ſo laßt uns weiter reiſen, rief das Fraulein, damit mir endlich Sicherheit werde, und ich handeln darf, oder erfahren, wer fuͤr mich ſo uneingeſchraͤnkt zu handeln ſtrebt; mein Geiſt ſehnt ſich hinaus, ich fuͤhle Kräfte und den Willen, ſie meiner Pflicht zu weihn. Die ſchnell gegebenen Befehle zur Fortſetzung der Reiſe unterbrachen dieſe kurze Unterredung, und bald erreichte der Zug einen Weg, der geebneter ſchien und, jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes ſicher erhellt, keine weitern Schwierigkeiten darbot. Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von duͤrftigem Fichtenholze, und unmittelbar dahinter erkannte die ſcharf aufmerkende Reiſende das Felſenufer des Meeres und die oberen Daͤcher und Thurmſpitzen eines Bauwerks, welches, zwiſchen die Felsſpalten hin⸗ eingedraͤngt, unterhalb den Blicken noch entzogen war. Maria druͤckte die bebende Hand auf ihr Herz⸗ Sie ſchien ſich zu entſetzen bei dieſem Anblick, der ſie mit der Ahnung einer großen Lebensentſcheidung erfaßte. Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel über den weißen Kreidefelſen, und unzaͤhlige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten Namen und Bildern 249 wie alte Bekannte. Ein ſußer Troſt zog in ihr be⸗ wegtes Herz, und als ſie gerade uͤber der hoͤchſten Thurmſpitze das Zeichen des Himmelswagens ſtehn ſah, der ſo auch uͤber den Zinnen von Burtonhall und dem Waldſchloſſe der Tante ſtand, lächelte ſie, wie Kinder, die geliebte Spielkameraden wieder ſehn. Es zeigte ſich jetzt bei dem Einzug in die felſigen Kuͤſtenſchluchten ein bequemer Weg, der faſt unmerklich anſteigend bis zum Schloſſe fort lief, welches nun auf einer Plattform großartig und geräumig ſichtbar ward. Auf der einen Seite mit ſeinem Unterbau in das Meer reichend, von der andern Seite genugſam von dem Fel⸗ ſen entfernt, um eine freie Stellung und einige An⸗ lagen von Gaͤrten zu erlauben, die, ſo gut es die Rauheit der Kuͤſte zuließ, Verſuche der Kultur zu beabſichtigen ſchienen, hatte das Ganze ein wohlerhal⸗ tenes und feſtes Anſehn. Fuͤr Ladh Maria, welche an die rauhe Lage ſolcher Beſitzungen gewoͤhnt war, zeigte ſich darin nichts Abſchreckendes. Im Gegentheil ſchweifte ihr Auge mit Entzucken uͤber das Schloß hin⸗ weg, nach dem dunkeln Spiegel des Meeres, das in majeſtätiſcher Ruhe, nur ſeinen eigenen ebenmäßigen Be⸗ wegungen gehorchend, wie erzuͤrnt von dem Widerſtand der kreidigen Ufer, ſeine dumpfe, gebieteriſche Stimme vernehmen ließ. 250 O Du lieber Gefaͤhrte meines Lebens, ſeufzte ſie ſehnſuchtsvoll, ſtehe mir bei und ſei mein Schutz! Da ward ihr der liebe Anblick entruͤckt; die Sänfte lenkte ein, und bald erreichten die Reiſenden ein wohl verſchloſſenes Bruͤckenthor, vor dem man anhielt, und das ſich erſt dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes oͤffnete, welches einer der Diener ertoͤnen ließ. Alsbald thaten ſich die mächtigen Thorflügel der innern hohen und feſten ſteinernen Mauer auf, welche von dem Fluͤgel des Schloſſes aus einen weitläuftigen, regelmäßigen Hof umſchloß, der in ſehr gefälliger Ein⸗ theilung mit Tarus⸗Hecken und geſchnittenen Baͤumen der leicht durchwinternden Chpreſſen zu Spaziergängen und Ruheplaͤtzen im Freien beſtimmt ſchien. Um den Theil aber, der ſich unterhalb des Schloſſes befand, fuͤhrte ein in offene Bogen eingetheilter Gang, der als eine ſpätere Anlage ſehr zierlich und wohlerhalten zu⸗ gleich in der Mitte das große Eingangs⸗Portal zeigte, dem ſich jetzt die Reiſenden auf einem ringsumlaufen⸗ den gepflaſterten Wege nahten. Der Begleiter der Lady, der von einigen Dienern bis hierher geleitet war, hob die Lady aus der Saͤnfte und fuͤhrte ſie ſchweigend in die wohlerleuchtete große Halle ein, die nach allen Seiten Thuͤren und zwei Haupttreppen zeigte, und die Verbindung des ganzen 25¹ Hauſes zu enthalten ſchien. Hier empfing ſie ein alter gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung, der ſich vor Maria's Gefährten bis zur Erde beugte und ſeine Hand zu kuſſen ſtrebte, welches dieſer aber zu ver⸗ hindern wußte. Dann warf er einen ſchnellen Seiten⸗ blick auf die Lady und blieb verlegen ſtehn. Nun, Miklas, ſprach der Begleiter, wie ſteht es mit unſerem Empfange? Willſt Du für die Lady auf das Beſte ſorgen? Miklas aber ſchwieg und zuckte die Achſeln, dann hob er italieniſch an, in der Hoffnung, dadurch ſeine Antwort der Lady zu entziehn: Ihr ſeid noch nicht ſo weit, wie Ihr hofft, ſie weigern ſich, die Signora zu empfangen, ihr Obdach zu geben. Ihr muͤßt das erſt bewirken, ehrwürdiger Herr, denn Ihro Gnaden ſind mehr erzurnt, als willfährig zu nennen. Genug, genug! erwiderte der Andere, welcher wohl wußte, daß Maria den Alten verſtanden hatte; fuͤhrt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin! Seid gewiß, Lady, fuhr er zu Maria gewendet fort, daß ich auch jetzt treulich für Euch ſorgen werde. Der Alte fuͤhrte die Ladh unterdeſſen gegen eine der Thuͤren des Untergeſchoſſes, und indem er ſie oͤff⸗ 252 nete, rief er laut hinein: Margarith, empfange dieſe Dame! Maria trat in ein kleines gewoͤlbtes Gemach, deſ⸗ ſen hohes Fenſter faſt bis zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Ho⸗ fes hinaus ging, und das in ſeiner uͤbrigen Ausſtattung, wenn auch reinlich und anſtäͤndig, doch das Zimmer eines Hausvogtes zu ſein ſchien, wofuͤr ſie den Alten ſogleich gehalten hatte. Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Ue⸗ berraſchung ſprang ein junges Maͤdchen aus der Fen⸗ ſterniſche ihr entgegen, die gleichfalls wohlhabend, aber in die Tracht geringerer Stände gekleidet war. Dicht vor der Ladh ſtehend, konnte ſie die Augen nach einem fluͤchtigen Blick nicht wieder erheben, und begann ein verzweifeltes Spiel der Haͤnde mit ihren ſilbernen Bruſtlatzketten. Maria vergaß, dem ſchoͤnen, verlegenen Kinde ge⸗ genuber, ſogleich Alles, was ſie ſelbſt in dieſem Augenblick bewegte, und mit der ganzen holden Freundlichkeit ihres fuͤr jeden Bedrängten ſtets offenen Herzens, ergriff ſie das verlegene Maͤdchen bei der ſich ſtrͤubenden Hand und redete ihr zu: Sei nicht bange, mein Engel, Du ſollſt in mir keinen unfreundlichen Gaſt haben; gewiß, fuhr ſie fort, biſt Du des Hauswarts Tochter, und 253 haſt wohl noch mehr Geſchwiſter oder eine liebe Mut⸗ ter, die Du mir wohl rufen kannſt? Laß doch Deine Angſt, ſieh, ich ſetze mich ſelbſt, da Du verſäunſt, mich zu noͤthigen; doch laß nur Deine Unruhe, dann wollen wir uns noch viel erzählen, bis der Vater mich abruft. Ein tiefer Seufzer ſtieg hier aus dem Buſen der Geaͤngſtigten; ſie blickte auf und dann ſchnell nach dem Fenſter zuruͤck. Es war eine ſo auffallende Qual auf ihrem Geſichte wahrzunehmen, daß Ladh Maria ſie vorerſt aufgab und ſich ohne Weiteres faſt dicht bei der Thuͤr auf einen ledernen Stuhl niederließ, um ih⸗ rer jungen Gefaͤhrtin Zeit zur Beſinnung zu laſſen. Aber es ſchien, als ob dies kleine Räthſel damit ſich nicht beruhigen koͤnnte. Denn anſtatt ſich zuruͤck zu ziehen, ſtand ſie noch immer vor Maria, und während ſie oft ſich nach dem Fenſter umſah, ſchien ſie darauf ihre Stellung vor der Ladh abzuändern, daß ſie den Anblick deſſelben ihr entzoge. Endlich brach ſie in Thraͤnen aus und lief mit der Schuͤrze vor den Augen zum Fenſter zuruͤck. Als Maria ſie ein Weilchen hatte weinen hoͤren, gewann ihr Mitleiden uͤber ernſtere Betrachtungen die Oberhand. 254 Es iſt mir leid, daß ich Dich ſo betrube, liebes Kind, hob ſie ſanft an; kann ich auch den Grund nicht errathen, will ich Dich doch gern erleichtern, wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willſt, wo ich der Ruͤckkehr meines Begleiters warten kann. Das Schluchzen hoͤrte auf, mit leiſen Schritten nahte ſich das Mädchen. Ach! ſprach ein tief be⸗ truͤbtes Stimmchen, theure Lady, was muͤßt Ihr von mir denken; ach, ich Ungluͤckliche, wie habe ich Euch ſo ſchlecht behandelt. Indem fuhr ſie erſchrocken zu⸗ ſammen und ſchaute nach dem Fenſter um, an dem Lady Maria ein leiſes Klirren gehoͤrt, wodurch aber die Angſt des Madchens ſich wieder auf's Hoͤchſte zu ſteigern ſchien. Nein, Lady, brach ſie endlich“ mit gejagter Stimme los, hier koͤnnt Ihr nicht blei⸗ ben, es iſt hier— kalt, es iſt hier ſo unwuͤrdig fuͤr vornehme Leute, ich werde Euch hinfuhren, wo es beſſer iſt. Wie Du willſt, mein Kind, ſagte Maria ſanft und ſtand ſogleich auf, der Kleinen folgend, die nun zur ſelben Thuͤr hinaus, faſt fliegend vor ihr her in einen Eingang trat, der einen erleuchteten Gang ver⸗ ſchloß, an deſſen Seite ſie eine hohe Thuͤr oͤffnete, die Lady einzutreten noͤthigte und dann eben ſo ſchnell da⸗ von lief, als ſie vorangeeilt war. Maria ſah ſich jetzt in einem ziemlich langen, aber nicht breiten Gemache, welches an der einen Seite der Laͤnge nach vier hohe Fenſter zeigte, die ſo in der Mauer verloren waren, daß ſie ſchmale Kabinette bildeten. Das Zimmer war gewoͤlbt und mit reicher Architektur ver⸗ ſehen. Vom Gebaͤlk hing eine große, ſchoͤn gearbeitete Lampe herab und verbreitete uͤber die nächſten Gegen⸗ ſtände ein klares Licht. Zwei lange Tafeln ſtanden in einiger Entfernung von einander, um den ledernen dar⸗ angeſchobenen Sitzen Raum zu laſſen. Die Tiſche wa⸗ ren mit feinen weißen Tuͤchern bedeckt, und in ſchickli⸗ chen Zwiſchenraͤumen mit leeren ſilbernen Gerathſchaften zum Gebrauch der Tafel beſtellt. Am obern Ende, wo die Tafeln zuſammenliefen, ſtand ein hoher Lehnſtuhl von Eichenholz, der, ein we⸗ nig erhoͤht, faſt einem kleinen Thron aͤhnlich ſah. Ein rothes Sammtkiſſen lag auf dem Sitze und zu den Fuͤßen, und davor ſtand ein kleines Tiſchchen, ebenfalls mit Tafel⸗Geräthen beſetzt. Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft ſein, daß ſie ſich in dem Eßzimmer des Hauſes befand, und zählte zwoͤlf Lehnſtuͤhle, woraus ſie auf die Zahl der taglichen Hausgenoſſen ſchloß, und den uͤbrig bleibenden Platz an den Tafeln auf oͤftern groͤßeren Zuſpruch be⸗ ziehen konnte. 256 Sie ging am Ende des Saales einer Fenſterniſche zu, in der ſie ermuͤdet auf einen Sitz niederſank und von hier aus noch ein Mal den Raum uͤberblickte. Ach, dachte ihr kindliches Herz mit Zärtlichkeit, iſt dies auch Dein Wohnort, geliebter Mann, den ich vergeb⸗ lich zu erreichen ſtrebe? Iſt an dieſer Tafel Dein Platz, und in welcher Beziehung lebſt Du hier? Von da hin⸗ weg fiel jetzt ihr Blick gegenuͤber auf eine ſonderbare Einrichtung. In dem ganz ſteinernen Zimmer ſah ſie am Ende des Saales, dem erhoͤhten Platze gegenuber, eine Wand von geſchnittenem Eichenholz, noch ein Mal ſo hoch und breit, als die Eingangsthuͤr, aber fuͤr einen ſolchen Zweck gewiß nicht beſtimmt; denn es war eine flache Wand, vor der eine kleine Treppe vom ſelben Holze bis zur Haͤlfte des Ganzen in die Hoͤhe lief. Oben bildete ſie einen Abſatz, der einen Balkon mit einer Bruſtlehne hatte, und daruͤber hing eine ſilberne Lampe, welche nicht brannte. So ſonderbar dieſe Einrichtung war, konnte ſie die junge Ladh doch nur voruͤbergehend feſſeln; denn das Fenſter, woran ſie ruhte, ging nach der Seite des Meeres hinaus. Die tiefen regelmäͤßigen Toͤne, womit dieſes ſich am Fuße des Schloſſes brach, drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach. Der Mond leuchtete hell, und Maria ſah nun, wie ſchoͤn das Schloß in einer Art Bucht gelegen war, an beiden Seiten von vorſpringenden Felsufern gegen das Unge⸗ ſtuͤn des Meeres geſchuͤtzt. Unter den Fenſtern, faſt dicht daran grenzend, lief eine Terraſſe, die von ver⸗ geblichen Verſuchen zeugte, den Stuͤrmen des Ozeans gegenuͤber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken. Ach, welche weit abziehenden Erinnerungen traten da⸗ mit vor ihren Geiſt! Wie gedachte ſie der Kindheit, wo ſie ſelbſt als eifrige Vlumiſtin ſo unermuͤdlich mit den rauhen Elementen ihres Wohnorts gekämpft hatte, ihm einige Bluͤthen zu erziehen. Voll Theilnahme blickte ſie nieder, um zu pruͤfen, wie weit man hier damit ge⸗ langt ſei, und ſo von Bild zu Bild gefuͤhrt, ver⸗ ſank ſie in ein tiefes Sinnen uͤber die wunderbare Ge⸗ ſtaltung ihres Lebens. Das erſte Bedurfniß zarter Jugend, ſich vertrauend anzuſchließen und die zweifel⸗ haften Schritte in's Leben nach der gereiften Anſicht ſchuͤtzender Freunde lenken zu konnen, dies mußte ſie in den ſchwierigſten Augenblicken ihres Lebens entbehren, und ihren eignen Geiſt aufrufen, ihr Stutze und Hulfe zu ſein. Wenn ſie einen Blick auf ihre Erziehung warf, mußte ſie oft glauben, ihre Erzieher haͤtten ein ſolches Schickſal fuͤr ſie geahnet, da ſie mit beſonderer Sorg⸗ falt ſie uber das Leben aufzuklaͤren bemuͤht geweſen waren, und ihren Geiſt auf Selbſtändigkeit und eigene Godwie⸗Caſtle 1l. 47 258 Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten. Ach, und doch wie wenig mochten ſie ihr Schickſal voraus ge⸗ ſehen haben. Wie war ſie aus dem Kreiſe geriſſen worden, in dem ſie ſo ſicher ſie geborgen glaubten! Wie mußte ſie ſich ſagen, daß die Umſtaͤnde hier alle Berechnungen vernichtet hatten, weil ſonſt ihre Lage nicht ſo bis auf das Letzte huͤlflos hätte ſein koͤnnen. — Mit ihrer innern Freiheit des Geiſtes hatten ſie ihr Huͤlfsmittel fuͤr das Leben geben wollen, aber alle andern Mittel, ſich ehrenvoll zu behaupten, waren ihr durch dieſelbe Liebe entzogen. Der Name, den ſie beibehielt, er ſogar war ihr in Zweifel geſtellt. Sie durfte es nicht wagen, ſich irgend Jemandem verwandt zu nennen, ohne auf ſchlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu ſtoßen, und oft hätte ſie die Stirn beruͤhren moͤgen und ſich fragen, ob ihre ganze Jugend ein ſpurlos verſchwundener Traum ge⸗ weſen, oder ob jetzt ſie ein ſolcher Zuſtand quäle, aus dem ſie vergeblich zu erwachen ſtrebe. Das erſte Zeichen, das ſie in der fremden Welt, in die ſie ſo jäh geſtoßen war, aus jener fruhern erhielt, wie ward es ihr zu Theil, und wo fuhrte ſie es hin? Konnte ſie uͤberſehen, daß ſie unermeßlich viel gewagt, dem Manne zu folgen, der damit begann, ſich frech ihr zu nähern? Konnte ſie ſich jetzt geborgen halten, da B 259 der Empfang in dieſen Mauern ſo gar kein Zeichen der Theilnahme zeigte, deren ſie doch gewiß ſein mußte, im Fall ihr Oheim ſie hier erwartete? und wo Schutz hof⸗ fen und ſuchen, wenn ſie verrathen war? Hier erfüllte ſich ihr unſchuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze, es war das Andenken an ihre großmuͤthigen Wohlthä⸗ ter auf Godwie⸗Caſtle, welche für ſie verloren waren. Sie waren fuͤr ſie verloren; ihre ſtrenge Tugend eben ſchied ſie auf immer. Heiße Thränen draͤngten ſich dieſer Ueberzeugung nach, und in ihnen tauchte das Bild des edeln Rich⸗ mond auf, wie er flehend an ihrer Saͤnfte ſtand und ſie zuruͤckzufuͤhren ſtrebte. Ach, es trat aus dieſen letzten Augenblicken ein unvergeßlicher Ton ſeiner Stimme in ihre Erinnerung, ein Blick ſeiner ſeelenvollen Augen. Wenn ſie, in heiliger Einſamkeit mit ſich, ihn jungfraͤu⸗ lich ſchuͤchtern herauf zu rufen wagte, dann oͤffneten ſich die Pforten ihres Herzens, von ſeiner ſel'gen Fuͤlle auf⸗ geſprengt, und ihr ganzes Weſen blieb lauſchend ſtehen und horchte den Wundern, die einen magiſchen Kreis, ſanft betaͤubend, um ſie zogen. Sie verhuͤllte ſchuchtern ihr Haupt. Denn eben ungerufen kam der ſuͤße Zau⸗ ber, und trocknete die bittern Thraͤnen und ließ das tief betruͤbte Herz erquickt zuruͤck, auf's Neue mit ſanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen ausgeſchmückt. 17* Ein leichter Fußtritt in der Naͤhe ließ ſie ſchlie⸗ ßen, daß ſie nicht mehr allein ſei. Sie zog den Man⸗ tel zuruͤck und erblickte nun eine ältliche Frau, welche ſich aus einem anderen Theile des Zimmers der Ein⸗ gangsthure nahte und dieſelbe ſorgfältig mit einem Rie⸗ gel verſchloß. Sodann zuͤndete ſie mehrere an den Wän⸗ den haͤngende Lampen an, doch nur auf der Wand, die den Fenſtern gegenuͤber, und ehe Maria, die ſo eben ſich erheben wollte, um ſich ihr kund zu geben, dazu gelangen konnte, rollte ſie den hohen Lehnſtuhl bei Seite und zog einen Teppich weg, worunter ſich eine Fall⸗ thuͤr zeigte, die ſie mit großer Schnelligkeit oͤffnete und ſo von einander ſchlug, daß ſie zwei Lehnen bildete, woran ſie ſichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe ſtieg. Maria fuͤhlte ſogleich, daß ſie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimniſſes geweſen, und unangenehm da⸗ von bewegt, ſchwankte ſie, ob ſie ſogleich das Zimmer verlaſſen oder die Ruͤckkehr der Frau erwarten ſolle. Sie entſchied ſich fuͤr das Letztere, da die verrie⸗ gelte Thuͤr ihr den Wunſch anzeigte, von Außen jede Stoͤrung zu verhuͤten, und ſie nicht berechnen konnte, welch groͤßeres Unheil ſie anrichte, wenn ſie durch ihre Ent⸗ fernung dieſen Eingang unbeſchuͤtzt ließe. Die Fremde erhielt das Fräulein lange in unerfuͤlltem Harren, und 261 bald draͤngte ſich ihrem Geiſte eine Moͤglichkeit auf, dies Ereigniß mit demjenigen in Verbindung zu denken, den ſie uͤberall anzutreffen hoffte. Aber wie ſchauderte ſie bei dem Gedanken, daß unter der Erde ſeine Woh⸗ nung ſei; welch ein Loos mußte ihm dann gefallen ſein, wenn ſeine Gegenwart in ſolch ſtrenges Geheim⸗ niß gehuͤllt ward. Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermuthungen, denn durch ein Geraͤuſch wurden ihre Blicke der eiche⸗ nen Wand zugerichtet, an der ſich außerhalb Schloͤſſer zu ruͤhren ſchienen. Ploͤtzlich thaten ſich vor ihren er⸗ ſtaunten Blicken oberhalb der kleinen Treppe die eiche⸗ nen Waͤnde auseinander, und zeigten eine kleine Thuͤr, welche die Einſicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewoͤlbten Gange zuließ. In dem alten Manne, der hier hervortrat, erkannte Ladh Maria den Hausvogt, der ſie empfangen hatte, und der damit beſchaͤftigt, den Eingang durch das In⸗ einanderſchieben der Holzwände zu erweitern, jetzt wieder in demſelben Augenblicke verſchwand, als ſie ihn anru⸗ fen wollte. Dennoch blieb ſie entſchloſſen, ſich um je⸗ den Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauſcherin zu ziehen. Eben erhob ſie ſich, um dem alten Manne nachzugehen, als ſich ihr ein ſo überraſchender Anblick darbot, daß ſie von Erſtaunen gefeſſelt in ihren Fen⸗ . 6 262 ſterſitz zuruͤckſank, der ſie, in tiefe Schatten gehuͤllt, jedem Blicke entzog. Es zeigten ſich nämlich plotzlich in dem kleinen Ein⸗ gange der Treppenthuͤr zwei Knaben in Chorhemden mit reich geſticktem Skapulier, welche, lange Wachskerzen tragend, die kleine Treppe hinab in den Saal ſchritten. Ihnen folgte eine große hagere Frau, welche, in der Kleidung einer Urſuliner⸗Nonne, mit dem Roſenkranze in der Hand, von einem Geiſtlichen in der Tracht des Ordens Jeſu beim Niederſteigen unterſtuͤtzt ward. Als er den Saal erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete, erkannte Lady Maria ihren Rei⸗ ſegefaͤhrten, aber ihr Erſtaunen feſſelte jede ihrer Be⸗ wegungen und machte ſie jetzt wirklich unfähig, ſich zu erkennen zu geben. Dieſen Perſonen folgten nun mehrere Frauen, alle in vorgeruͤcktem Alter, und alle als Urſulinerinnen gekleidet. Sie zogen in gemeſſener Ordnung durch den Saal der Fallthuͤr entgegen und ſtiegen ſchweigend, ohne die Koͤpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu machen, als das langſame Fortſchleppen alter ſchwacher Perſonen erfordert, die vorborgene Treppe hinab. Der Hausvogt verſchloß die Waͤnde, wie die Fall⸗ thuͤr hinter ſich, ſo daß die Ladh nach einigen Momenten, die noch der Ueberraſchung gehoͤrten, zweifelte, ob ſie dies 263 Alles wirklich geſehn oder auf's Neue von den Bildern ihrer Phantaſie uͤberwältigt worden ſei. Als ſie envlich gewiß war, ſich nicht getaͤuſcht zu haben, ſtroͤmte da⸗ mit zugleich eine Fuͤlle von Beziehungen auf ihr eige⸗ nes Schickſal uͤber ſie ein, und ahnend ſtieg in ihr der Gedanke auf, daß hier in einem ſcheinbar heimlich er⸗ haltenen Nonnenkloſter ihr Oheim unmoͤglich Schutz und Huͤlfe geſucht haben koͤnne. Dieſe Folgerungen wurden ploͤtzlich durch ein ungeſtuͤmes Klopfen und Hämmern an der verſchloſſenen Eingangsthuͤr unterbro⸗ chen, dem gleich darauf ein aͤngſtliches Rufen folgte: O oͤffnet, oͤffnet die Thuͤr, habt Erbarmen und kommt hervor, wenn Ihr noch hier ſeid! Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weiner⸗ liche Stimmchen uͤberzeugten Maria bald, daß es Mar⸗ garith ſei, welche ſich einzudraͤngen bemuͤhte, und da ſie ſelbſt nichts lebhafter wuͤnſchte, als dieſen Zufluchtsort fremder Geheimniſſe zu verlaſſen, ſo eilte ſie hervor und ſchob mit leichter Muͤhe den Riegel zuruͤck. Margarith ſtuͤrzte nun todtenblaß herein, und ver⸗ wildert die Blicke umherwerfend rief ſie: O, theure Lady, haben ſie Euch geſehen? O ſagt es mir; ich bin verloren, wenn ſie Euch ſahen! Sei ruhig, Kind, ich ward, ſehr gegen meinen Willen, von Niemand geſehen, aber bringe mich hier 264 fort, denn ich mchte dieſe, meiner ſo unwürdige Rolle nicht weiter ſpielen. Ja, ja! ich fuͤhre Euch fort, rief Margarith, noch immer bleich und zitternd: nichts will ich Euch mehr verbergen; denn Ihr werdet mich nicht ungluͤcklich machen, und ich muß ja doch verzweifeln! Angſtvoll die Haͤnde ringend und ſeufzend ließ ſie ſich jetzt von Maria zur Thuͤr hinausdrängen, und bald hatten Beide das kleine Zimmer erreicht, aus dem ſie von dem wunderlichen Kinde zu Anfang faſt vertrieben worden war. Kaum hatte ſich die Thuͤr hinter ihnen geſchloſſen, als die Kleine vor Maria auf ihre Knie niederfiel, und in Thränen ausbrechend in dem flehendſten Tone kindiſcher Angſt ſie beſchwor, ein ewiges Schweigen uͤber das Erlebte zu bewahren. Ach! Ihr wißt nicht, wie ſchrecklich ich beſtraft werden wuͤrde, wenn man wuͤßte, daß ich ſo unbeſon⸗ nen die Geheimniſſe des Hauſes verrieth. Ich duͤrfte nicht frei und, wie jetzt, um meinen guten Vater blei⸗ ben; ich muͤßte auch in die Gewoͤlbe beten gehn und mich einſperren in die kleinen Zimmer. Ach! Ihr wuͤrdet mich toͤdten, wenn Ihr Euch gegen den Vater verriethet; ach, und Euch ſelbſt träfe gewiß ein trauriges Loos. tee 265 Du brauchſt mich nicht an 6 Gefahr zu er⸗ innern, ſprach ſchmerzlich geruͤhrt Lady Maria; Dein Schmerz iſt mir genug, und ich werde ihn nicht durch unbeſonnenes Schwatzen erhoͤhen. Aber biſt Du auch ſicher, daß Niemand weiter, als Du, um meine Anwe⸗ ſenheit dort weiß? Kann mich Niemand überfuͤhren, daß ich die Wahrheit verhehle? Nein, nein! ſtammelte Margarith, offenbar wieder verlegen werdend; wenn Ihr es ſelbſt nicht ſagt, wird es Niemand erfahren.— Nun ſo nimm mein Wort, liebes Kind, daß ich ſchweige, und verſcheuche nun jede Furcht und Sorge vor mir, denn Niemanden will ich betruͤben, am we⸗ nigſten ein ſo liebes Kind, wie Dich.— Sie neigte ſich dabei, ſie ſanft emporzuheben, und druͤckte einen leich⸗ ten Kuß auf die Stirn des ſich nun verklaͤrenden lieb⸗ lichen Maͤdchens. Bei dieſer entwickelte ſich jetzt erſt ihre ganze Natur in einer hoͤchſt anmuthigen Geſchaͤf⸗ tigkeit um Lady Maria. Sie nahm ihr den Reiſe⸗ mantel ab, und ſuchte es ihr auf alle Weiſe leicht und angenehm zu machen. Die Flamme nagte bereits be⸗ haglich an einem reichlichen Torfaufſatze im Kamine. Margarith ſchob nun den großen bequemen Lehnſtuhl dahin und ein Baͤnkchen zu deſſen Fuͤßen, und ruhte nicht, bis Maria alle eigenen Bemuͤhungen fuͤr ihr Reiſegeräth aufgegeben hatte und in dem Seſſel ſich der Ruhe uͤberließ. Hierzu fuͤhlte ſie ſich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages aufgefordert. Es machte ihr Vergnuͤgen, während ſie behaglich ruhte, die Kleine mit den Augen zu begleiten, die ſo anmuthig und geſchäftig ſich umher drehte, bis ſie endlich an einem kleinen Tiſchchen ſeitwärts vom Kamine Platz nahm und an einem ſeidenen Netze eifrig zu knoͤpfeln begann. Dabei ſchauten die klugen hellen Augen oft zur Ladh lächelnd auf, und guckten dann nach dem Fenſter und ſcheu wieder auf ihre Arbeit zuruͤck. Da wir nun doch in ſo kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden ſind, liebes Kind, hob Lady Maria endlich an, ſo moͤchte ich wohl erfahren, warum Du mich zuerſt faſt aus dieſem Zimmer hinausgejagt haſt. Es muß Dich doch dazu ein wichtiger Grund getrie⸗ ben haben, indem Du vielleicht das Ereigniß voraus⸗ ſehen konnteſt, was ich erlebt. Nun, werde nicht wie⸗ der ängſtlich, fuhr ſie fort, da ſie ſah, daß Margari⸗ thens Kopf gluͤhend roth auf die Bruſt ſank, und alle Qualen der Angſt und Beſchaͤmung ſie zu ergreifen ſchienen. Wenn es Dich ſehr aͤngſtigt, will ich warten, bis Du mehr Vertrauen zu mir faſſeſt, ſollte ich hier uͤberhaupt lange verweilen. —— — —— Ach! ſeufzte Margarith und hielt die Hand an die Stirn, ich moͤchte es Euch lieber ſagen, als gegen eine ſo guͤtige Dame ſo einfaͤltig und undankbar er⸗ ſcheinen; aber Ihr werdet eine gar boͤſe Meinung von mir bekommen, und doch find wir Beide ganz un⸗ ſchuldig. Beide, ſagte Maria, was meinſt Du denn? Ja, rief Margarith, ſchnell aufſtehend, komm nur hervor, Lanci, wir wollen der lieben Dame Alles ſagen. Voll Ueberraſchung wandte die Lady den Kopf, und ſah nun aus der Fenſtervertiefung einen Juͤngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen gefiederten Muͤtzchen in der Hand hervortreten, der, gleich Mar⸗ garith, in den gluͤhendſten Purpur der Beſchämung gehuͤllt, ſchuͤchtern neben ihr ſtehen blieb. Kinder, ſagte Maria, trotz der hier am Tage lie⸗ genden Intrigue, ganz bezaubert von dem Augenblicke dieſer ſchoͤnen jungen Leute, was habt Ihr denn vor? Weiß denn Dein Vater darum? Ach, das iſt es eben, ſeufzte Margarith, glutt Ihr wohl, daß er es nicht leiden will, daß Lanci mich beſucht? Lanci iſt mein Vetter, wir wurden groß zu⸗ ſammen, und darum haben wir uns ſo lieb. Mit eins mußte Lanci aus dem Schloſſe, blos weil man zuge⸗ ſehen hatte, wie wir uns jagten auf dem Abhange. 268 Sie thaten ihn zu dem alten Foͤrſter im Walde, und er ſoll mich nicht beſuchen. Liebe Lady, da paßt er denn zuweilen auf, wenn Reiſende kommen wie oft ge⸗ ſchieht, und kommt ſo mit herein. So, ſo, lächelte Maria, und da habe ich ihn heute Abend wohl hier eingefuͤhrt? Ein ſchneller freundlicher Blitz aus ſeinen dunkeln Augen, welcher die Fragende traf, ſagte Ja, und Mar⸗ garith ſetzte nun verſchämt hinzu: Seht, liebe Lady, das war meine Angſt, als Ihr kamet. Denn Lanci der ſchnell wie ein Reh iſt, hatte mir ſchon das Zeichen gegeben, daß ich ihn einlaſſen ſollte, und er klopfte immer wieder, weil er nicht wußte, was mich hinderte zu oͤffnen. Und auf welche Weiſe wird denn Lanci eingelaſſen? fragte die Lady weiter. Beide ſchauten nach dem nie⸗ drigen Fenſter und konnten dann ein kleines Lachen nicht unterdruͤcken, was ſie als ſchuldlos ſpielende Kinder bezeichnete, daß Maria unwillkuͤrlich mitlachen mußte. Aber, ſprach ſie dann, ſich zum Ernſt zwingend, Ihr ſeid doch recht leichtſinnige Kinder. Hat es der Vater einmal verboten, ſo wird es großen Laͤrm geben, wenn er Lanci findet, und mich däucht, das kann jeden Augenblick geſchehen, und dann, Margarith, biſt Du doch immer ungehorſam. 269 Ja, ſagte hier der Juͤngling, der gute alte Vater iſt es aber gar nicht, der uns trennt; er muß es nur thun, weil es Ihro Gnaden haben wollte. Er hat es mehr als hundert Mal geſagt, wenn ich ein ordentlicher Mann wuͤrde, ſollte Margarith meine Frau werden. Schweig doch davon, Lanci, rief Margarith da⸗ zwiſchen, wer wird davon ſprechen. Aber, ſagte Lanci, die liebe Dame denkt ſonſt, wir ſind ſchlechte Kinder. Wir thun es aber blos heim⸗ lich, damit, wenn's herauskommt, der Vater ſagen kann, daß wir beide Schuld haben, und wird Margarith dann fortgejagt, ſo heirathe ich ſie gleich. Nein, ſagte Margarith, nicht eher, als bis Du Jäger biſt; das thue ich dem Vater nicht zu Leid, ſo lang Du Burſche biſt. Lanci warf den Kopf hinten uͤber, wie Jemand, der es beſſer weiß und ſeiner Sache ſehr gewiß iſt. Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts ſagen wolltet, ſetzte jetzt Margarith beſorgt hinzu. Wahrlich, ſagte Maria, lächelnd den Kopf ſchüt⸗ telnd, ich werde ganz ſchwer von allen Deinen Geheim⸗ niſſen. Wenige Stunden bin ich erſt hier, und zwei wichtige Dinge willſt Du ſchon mich zu verhehlen zwingen. Weißt Du wohl, daß das Letzte mir wichti⸗ ger ſcheint, als das Erſte? 220 Beide ſahen ſich erſtaunt und beſorgt an, und ruͤckten dann unwillkuͤrlich dem Sitze Maria's näher, ſie flehend anblickend. Sieh, ich kann es gar nicht leiden, wenn junge Leute heimlich ſind, fuhr Maria fort; gewiß habt Ihr ſchon zuweilen, um Eure kleinen Beſuche zu verbergen, allerlei Liſt und Luͤgen ſagen muͤſſen, und das iſt im⸗ mer gottlos und kann Euch verderben. Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben, wenn Ihr Euch auch nicht ſähet? Und wenn Lanei Jäger iſt und ordentlich um Dich wirbt, wird er Dich ſchon zur Frau bekom⸗ men, da der Vater ihn lieb hat. Treu bleiben, das iſt nicht ſchwer, ſprach Lanci, ſich männlich aufrichtend, und wenn ich ſie zwanzig Jahr nicht ſehn ſollte, bliebe ich ihr treu; aber wenn ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme, dann hat ſie gar keinen Spaß mehr, und muß ganz umkommen in dem alten finſtern Schloſſe. Das koͤnnt Ihr nur glauben, gnaͤdige Lady, ſo um gar nichts beſtehn wir all' die Gefahr nicht; gelogen hab' ich auch noch nie darum, und vielleicht bewahrt mich Gott da⸗ vor, da er ſieht, daß ich es aus guter Abſicht thue. Maria fuͤhlte ſich unwillkuͤrlich von dem Gemiſch von Liebe und kindlicher Reinheit geruͤhrt, das aus Bei⸗ der Weſen und Worten ſprach. Margarith dagegen 271 war durch des Geliebten Vertheidigung wieder traurig angeregt. Maria fuͤhlte wohl, wie ſchwer die Furcht einer Trennung auf ſie wirke, und da ſie den Verhalt⸗ niſſen, von welchen dieſe jungen Leute bedrängt wur⸗ den, noch ſo neu und fremd war, ſtellte ſie gern ihr Richteramt ein, hoffend, der gute Engel, der ſo lange mit ihnen war, werde ſie ferner ſchuͤtzen. Gott ſei Euch gnaͤdig, ſagte ſie ſanft, wie kann ich Euch rathen, da mir Alles hier fremd iſt? Ich kann mich nur durch Schweigen unſchädlich machen, das will ich. Betet Ihr zu Gott, daß er Euch behuͤte und Euer Herz nicht in Unwahrheit verſtricke! Ich will Euch nicht ſtoͤren, mein Kopf iſt ohnehin muͤde, laßt mich hier ausruhen, und ſagt Euch ungeſtoͤrt, was Euer Herz erfreut. Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen ſich in den tiefen Fenſter⸗ ſitz zuruͤck, während Maria ungeſtoͤrt ihren Gedanken nachhing. Aber häufig geſchieht es, daß unſere Phantaſie auf⸗ hoͤrt thätig zu ſein, wenn die Gegenwart mit ihren Er⸗ ſcheinungen uns ſo nah geruͤckt iſt, daß wir uns jeden Augenblick als ſelbſt thätig erwarten koͤnnen. Wir ſchlie⸗ ßen dann im Gegentheil uns wie eine Knospe zu⸗ ſammen, um der Wirklichkeit die geſammelten Kraͤfte darbieten zu konnen, und das ablockende Spiel der Phantaſie erbleicht mit ſeinen bunten Bildern an der Erwartung des nächſten Augenblicks. So kam es, daß es Maria unmoͤglich ward, ein Bild hervor zu heben fuͤr ihre eigene Lage, und unbe⸗ ſtimmt angeregt, ſank ihr muͤdes Haupt zuruͤck, und ſanfter Schlummer wiegte ſie bei dem leiſen Gefluͤſter der jungen Leute ein. Aus einem farbloſen Traum erweckte ſie der Strahl eines Lichtes, der ihre Augen traf. Vor dem Tiſchchen der Tochter, an dem die letztere wieder ſaß, ſtand der alte Vogt, einen Armleuchter mit Kerzen haltend, und ſprach leiſe in die freundlich aufmerkende Tochter hinein. Gern, beſter Vater, beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten, gern will ich fuͤr die arme Dame ſorgen, und viel lieber, wenn ſie nicht jenen alten Da⸗ men anheimfaͤllt, und die freundlichen Zimmer be⸗ zieht; denn ich hoffe doch, da wird ſie nicht auch ge⸗ plagt werden. Schweig, unterbrach ſie der Alte, ſtrenger blickend; thue, was vor Dir liegt, ſei danbar für das Ver⸗ trauen Ihrer Gnaden und laß Deine unſchicklichen Bemerkungen. Die gnädige Frau hat dem ehrwuͤr⸗ digen Herrn erlaubt, Alles nach ſeinem Gutduͤnken ein⸗ 273 zurichten, und wir waren bis jetzt damit beſchäftigt, und. Halt, lieber Alter, unterbrach ihn hier Lady Ma⸗ ria, unfähig, durch anſcheinenden Schlaf ſich hinter die geheimen Verhältniſſe des Hauſes zu ſtehlen, wenn Deine Worte nicht fur mich ſind, ſo fahre nicht fort, denn ich habe, wie Du ſiehſt, ausgeſchlafen. Ueberraſcht, aber mit ehrfurchtsvoller Hoflichkeit, wandte ſich der Alte ſchnell zur Lady, und ſich bis zur Erde beugend, ſagte er in der angemeſſenen Haltung eines Schloßvogts: Meine gnaͤdigſte Frau, die Beſitzerin dieſes Schloſ⸗ ſes, beehrt mich, Euch, Mhladh, hierſelbſt willkommen zu heißen, und da der vorgeruͤckte Abend der gnädigen Dame nicht mehr erlaubt, Euch eine Audienz zu er⸗ theilen, erſucht ſie Euch, die Zimmer in Beſitz zu neh⸗ men, die ſie zu Euerm Empfang hat einrichten laſſen, und üͤber Dero Diener zu befehlen, die alles Mangelnde zu erſetzen bemuͤht ſein werden. In Wahrheit, guter Alter, erwiderte Maria, in⸗ dem ſie ſich mit ihrer eigenthuͤmlichen Hoheit erhob, das Willkommen der Dame, deren Gaſt ich wider Wil⸗ len bin, kömmt ſo ſpät und nach ſo unziemlicher Ver⸗ nachläßigung, daß ich ſo einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte, als auf die Eurer Herrin beziehen Godwie⸗Caſtle 1I. 18 224 moͤchte. Doch ſei es darum, ich ſehe mich nicht un⸗ gern blos an Euch und Eure Tochter gewieſen, und bin bereit Euch zu folgen. Der alte Herr ſah mit einigem Erſtaunen auf die⸗ ſen ſtolzen Anſpruch an ſeine Gebieterin. Aber Dome⸗ ſtiken, die alt geworden im Dienſte, ſehen nicht ungern an denen, die ſie bedienen ſollen, einen hohen Anſpruch auf aͤußere Achtung hervortreten; ſie fuͤhlen ſich ſelbſt dadurch gehoben und glauben ſich weniger zu vergeben gegen Perſonen, die ſich ſelbſt zu ehren wiſſen. Der Alte mochte noch außerdem Gruͤnde haben, unſerer jungen Heldin Ehrfurcht zu bezeigen, denn es ſchien, er fuͤhle ſich nun ganz an ſeinem Platze. Er erwiderte mit ſtummer Verbeugung die Worte der Lady und ſchritt dann mit dem hoch gehobenen Leuchter vor⸗ an, als ſie, in ihren Mantel ſich huͤllend, bereit ſchien ihm zu folgen. Auf dem entgegengeſetzten Fluͤgel im Erdgeſchoß des Schloſſes oͤffnete Miklas jetzt eine Thuͤr, welche die Ladh einlud, in ein großes Vorzimmer zu treten, das an ſeinen leeren weißen Waͤnden die koſtbarſten Stucka⸗ turen, von einem großen Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet, zeigte. Der Alte durchſchritt dies gih und bat die Fol⸗ genden, in ein daran ſtoßendes Kabinet zu treten, 275 wohin nur Margarith die Ladh begleitete. Auf das Ange⸗ nehmſte fuͤhlte ſich Maria von dem erſten Anblicke deſ⸗ ſelben uͤberraſcht. Es gehoͤrte zu den Zimmern, die uns ſogleich einladen zu bleiben und uns Alles darzubieten ſcheinen, was ein ſinniges Leben erfordert. Es war an⸗ genehm erwaͤrmt, und nur ein mildes Kohlenfeuer gluhte noch in dem Marmor⸗Kamin, der den ganzen Hinter⸗ grund des ſchmalen Zimmers einnahm. Davor ſtan⸗ den auf einem ſchoͤnen Teppiche mehrere bequeme Seſ⸗ ſel, ganz, wie die Wände und Vorhaͤnge des Zimmers, mit gruͤnem Damaſt und goldenen Vorten bedeckt. Es ſchien, als hätten Freunde ſo eben von traulicher Zwie⸗ ſprache ſich erhoben, und Maria konnte ſich nicht ent⸗ halten, voll Hoffnung und Sehnſucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken. Gegenüber zeigte ſich das breite hohe Fenſter, das in ſeine tiefen Waͤnde eine kleine Bibliothek aufgenom⸗ men hatte, wovor ein ſchoͤn geformtes Leſepult ſtand, mit allen Einrichtungen zum Schreiben verſehn, und an ein kleines Ruhebett war zu ihrer freudigen Ueber⸗ raſchung eine Harfe gelehnt. Mehrere Bilder, an den Wänden paſſend vertheilt, ſchienen alte Portraits und Heiligenbilder, und entgingen vorerſt ihrer Betrachtung, da der Schein der Kerzen ihre finſteren Tafeln nur ſchwach erhellte. Auch drängte Margarith, begierig die 18* Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen, ſie in das Nebenzimmer, das eben ſo hoch und ſchmal, als das erſtere, durch ein großes damaſt⸗behangenes Bett ſich als Schlafzimmer ankuͤndigte. In der Fenſterniſche war hier eine ſchwerfällige, aber reich beſetzte Toilette angebracht, und ein ungeheu⸗ rer venetianiſcher Spiegel vortheilhaft gegen das Fenſter aufgeſtellt. Was aber ſogleich Maria's Aufmerkſamkeit anzog, war eine der Thuͤr gegenuͤber eingelegte Niſche von ſchwarzem Marmor, worin, von zwei Wandleuch⸗ tern, auf denen Kerzen brannten, erleuchtet, ſich das Bild einer Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte, von einer ſo himmliſchen Schönheit in Ausdruck und Farbe, daß Margariths Bewegung, womit ſie ſich augenblick⸗ lich davor bekreuzte und das Knie beugte, natuͤrlicher erſchien, als ihr ſchnelles Uebergehen zu den andern Ge⸗ genſtänden des Gemaches. Das Bild ruhte auf einem Unterſatz von ebenfalls ſchwarzem Marmor, welcher ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte, vor welchem ein kleines Betpult ſtand, worauf ſie ein aus ihrer Reiſe⸗Equipage entlehn⸗ tes griechiſches Neues Teſtament erkannte. So ſchoͤn und ſinnig auch dieſe Einrichtung getroffen war, fuͤhlte Maria doch mit ihrem richtigen Gefuͤhl eine Abſichtlichkeit heraus, die ſie faſt verletzte, und Seeecieiſeec 272 fruͤher als der Gegenſtand es verdiente, wendete ſie ſich davon ab, ihr kleines liebes Eigenthum von dem Bet⸗ pulte wegnehmend und es auf ein Tiſchchen neben ihr Bett legend. Nun, theure Lady, rief innig befriedigt Marga⸗ rith, ſeid Ihr denn nicht ganz zufrieden mit Eurer Wohnung, und wollt Ihr die kleine Margarith als Eure gehorſame Dienerin annehmen? Beides, beides, ſagte freundlich Maria, ſogleich jugendlich in die heitere Stimmung ihrer kleinen Die⸗ nerin eingehend, und nun bitte ich Dich, mein Gepaͤck etwas zu ordnen, welches ich hier angehaͤuft ſehe. Ja, theure Lady, vertraut das mir, erwiderte Margarith, und erlaubt vorerſt, daß ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reiſekleider wech⸗ ſeln helfe, denn das wird Euch erquicken und Luſt ma⸗ chen zur Abend⸗Mahlzeit, die mein Vater indeſſen fuͤr Euch ſervirt. Mit vielem Geſchick unterzog ſich die Kleine jetzt ihren neuen Dienſtleiſtungen, wobei ihr die unendliche Fuͤlle und Schoͤnheit von Maria's Haar manchen Aus⸗ ruf des Erſtaunens entlockte, wie ſie uͤberhaupt jetzt erſt die hohe Schoͤnheit ihrer neuen Herrin erkannte und von einer faſt ſcheuen Ehrfurcht davor erfuͤllt ward. 228 Maria fuͤhlte ſich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten weiblichen Bedienung und den klei⸗ nen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung er⸗ heitert, und ſtets ſich ihren Empfindungen hingebend, ermudete ſie nicht, anmuthig ſcherzend ihre kleine Die⸗ nerin anzuleiten, ſo daß, als endlich der erquickliche Wechſel der Kleider beendigt war, Beide mit heiterer Stirn der Einladung folgten, welche der alte Herr zum Abendbrod ergehen ließ. An der Thuͤr des Vorzimmers, welches zu ihrem Speiſezimmer beſtimmt war, ſchulterte der alte Vogt und uberreichte ihr auf einem ſilbernen Teller einen fein gebrochenen Streifen Papier, auf dem ſie in ita⸗ lieniſcher Sprache die Worte fand: Hoffet und ſeid getroſt! Dazu fuͤhlte ſie ſich in ihrem Innern vollkom⸗ men geneigt, denn ihr war in hohem Grade die gluͤck⸗ liche Gabe zu Theil geworden, mit jedem Augenblicke abzuſchließen und, immer klar in ihrer Stimmung, Je⸗ dem ſein Recht, ſei es in Schmerz oder Zufriedenheit, zu gönnen. Ihr junges, unerfahrenes Leben machte ſie noch kindlich ſicher, den guten Worten vertrauend, die man ihr bot, und dieſe jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer ſeltenen Schaͤrfe der Beobach⸗ tung und einem hoͤchſt zarten und weit reichenden Ge⸗ 279 fuͤhlsvermoͤgen. Sie verlor daher nur ſelten ihre Sicher⸗ heit und Ruhe, was, ihr unbewußt, in dieſen Eigen⸗ ſchaften begruͤndet und, vielleicht fruͤh von ihren Erzie⸗ hern erkannt, ſo ſchoͤn entwickelt worden war. Freundlich das Streifchen in der Hand zerdruͤckend, ſchritt ſie vor und ergoͤtzte ſich an den ſchoͤnen Ver⸗ haͤltniſſen des hohen, hell erleuchteten Gemachs. In der Mitte deſſelben ſtand ein kleines Tiſchchen, mit einem Couvert belegt, wovor ein unermeßlich hoher Lehnſtuhl geruͤckt war, deſſen goldene, mit bunt benaͤh⸗ tem Sammet bedeckte Waͤnde verſchiedene erblichene Wappenſchilder zeigten. In einiger Entfernung ſtand ein mit reichem Sil⸗ bergeſchirr bedeckter Schenktiſch, auf dem die angerich⸗ teten Speiſen dampften. Ei, ſprach Lady Maria, freundlich alle dieſe An⸗ ordnungen beobachtend, Du haſt ſehr angenehm fuͤr meinen Hausſtand geſorgt, lieber Alter! Ich muß Dir Dank ſagen, wenn Du Haus⸗, Hof⸗ und Kuͤchenmei⸗ ſter zugleich warſt; es iſt Alles auf's Beſte eingerich⸗ tet, um nach einer beſchwerlichen Reiſe angenehm aus⸗ ruhn zu koͤnnen. Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Mi⸗ klas und fand ihn in ihrem Anſchaun ſo ganz verlo⸗ ren, daß er kaum ihre Worte verſtanden haben mochte, 280 und wir muͤſſen es unentſchieden laſſen, ob etwa eine andere Gedankenverbindung in ihm bei dem vollen An⸗ blick des Fräuleins aufſtieg. Als ſie ſich indeß dem Tiſche näherte, eilte er herbei und ruckte ihr den Stuhl, ſie ehrfurchtsvoll bedienend. Die durch manche Entbehrungen erregte Eßluſt des jungen Fraͤuleins gewaͤhrte dem Vater und der Tochter hinlaͤngliche Genugthuung fuͤr ihre Bemuͤhungen. Sie lobte die trefflichen Seefiſche und die ſaftigen Wald⸗ ſchnepfen, indem ſie neckend einige Fragen uͤber Jagd und Jägerei des Schloßgeheges hinwarf, und die er⸗ gluhende Margarith ſogleich wegſchickte, um ihr die auf dem Schenktiſch ſtehenden in Zucker S Fruͤchte zu holen. Dem Alten ging, je länger, je das Herz auf, ſeinem lieblichen Gaſt gegenuͤber. Wie ſtolz und ernſt und ihrer Wuͤrde ſich bewußt ſie ihm zuerſt erſchie⸗ nen war, ſah er doch noch nie in einer und derſel⸗ ben Perſoͤnlichkeit ſo viel kindliche Unbefangenheit, eine ſo ſorgloſe Sicherheit und eine Heiterkeit vereinigt, welche die Umgebungen in ihren Kreis zog, ohne ih⸗ nen je eine Verwechſelung der Verhältniſſe moͤglich zu machen. Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen Silber⸗Geſchirr einen kuͤhlen Wein des uber⸗ 281 ſeeiſchen Frankreichs darbot, konnte er ſein Entzucken kaum hinter ſeiner Ehrfurcht bergen, als ſie lieblich laͤchelnd ihn auf der Zunge pruͤfte und dann dem alten Wein⸗Kenner ein wichtiges Zeugniß uͤber die Guͤte deſſelben abgab. Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Se⸗ gen werden laſſen! rief er faſt geruͤhrt. Amen! erwiderte ſie, ſich raſch erhebend, indem er mit mehr Gewandtheit, als er ſich noch zugetraut, bis zu ihrer Thuͤr voranſchritt, ſie zu oͤffnen, und ihr jede Courtviſie eines alten, wohlerzogenen Dieners zu erweiſen ſtrebte. Als Maria ſich fuͤr die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin entfernen wollte, blieb dieſe erſtaunt ſtehen und zeigte ihr an, daß ſie entſchloſſen ſei, in ihrer Naͤhe zu bleiben. Denkt Ihr, Lady, es ſei nicht beſſer, zu zweien in dieſem Schloſſe zu wohnen? Nein, weiſet mich nicht zuruck, Ihr wißt noch nichts von dieſem böſen Schloſſe. Gott ſei uns gnaͤdig, fuhr ſie fort, ſich bekreuzend, ich bin nicht befugt davon zu ſprechen, aber beſſer iſt es, Ihr behaltet mich bei Euch.— So, ſagte Maria läͤchelnd, Du willſt alſo mein Schutz und Schirm ſein, und in Deiner Raͤhe hältſt Du mich fuͤr ſicherer vor all' Deinen angedeuteten 282 Fährlichkeiten? Sage mir doch wenigſtens, ob Du Dich bei meiner Beſchuͤtzung als Geiſterbannerin zei⸗ gen mußt, oder bewaffnet mit Degen und Piſtolen, damit ich erfahre, welcher Art meine Gefahren ſein werden. Ach, theure Lady, ſpottet nicht, fuhr Margarith angſtlich fort; Ihr moͤgt wohl ſehr muthig ſein, aber was hier zuweilen geſchieht, ſträͤubt wohl Maͤnnern das Haar, und Ihr wuͤrdet es nicht ſo leicht ertragen, als Ihr glaubt.— Wenn dem ſo wäre, glaubſt Du, daß Dein alter Vater uns hier verlaſſen und uns ſchutzlos der Gefahr Preis geben wuͤrde? Geh, geh, Margarith, Du haſt zuviel Ammenmährchen gehoͤrt, ich aber kenne thoͤrichte Furcht nicht und verlange allein zu ſchlafen.— Nein, nein, liebe Lady, Ihr werdet das nicht wol⸗ len, ich muͤßte ja den Weg allein zuruͤck machen, und uͤberdies— ſie ſtockte. Nun uͤberdies? fragte die Ladh, uͤberdies biſt Du eigenſinnig und willſt nicht gehorchen. Ach Ihr zuͤrnt, theure Ladh, ich aber bin unſchul⸗ dig an Euerm Unwillen, denn ſeht, ich kann wohl dieſes und jenes Zimmer verlaſſen, aber weiter nicht, denn— denn wir ſind ja eingeſchloſſen. 283 Eingeſchloſſen? rief die Ladhy, und nie ſah Marga⸗ rith ſchneller veraͤnderte Zuͤge, als bei dieſem Worte. Gefangene! fuhr das Fräulein in hoͤchſter Uaberraſchung fort, iſt es moͤglich? Margarith, was treibt man mit mir, wer wagt es, ſo mich zu behandeln, mit welchem Rechte verfuͤgt man uͤber die Freiheit meiner Perſon? Sprich! Ich befehle Dir, mir zu ſagen, wer iſt die Beſitzerin des Schloſſes? Wo bin ich? und was weißt Du von den Abſichten auf meine Perſon? Doch Du traͤumſt, Mädchen, Deine aberglaͤubiſche Furcht will mich einſchuͤchtern, damit Du Deinen Willen behaͤltſt; ich ſelbſt werde unterſuchen, ob Du mich zu täuſchen denkſt. Mit fluͤchtigem Fuße eilte ſie, ein Licht ergreifend, durch das angrenzende Zimmer nach dem großen jetzt wieder vollig leeren Vorzimmer, das ohne Kerzen, von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt, ein odes geiſterhaftes Anſehn hatte. Aber das Fraͤulein, voll Erwartung und erzuͤrnt uͤber die Moͤglichkeit, daß Mar⸗ garith Recht haben koͤnne, nahm wenig davon wahr; ſondern froh nur, die große Eingangsthuͤr zu erkennen, eilte ſie mit ſchnellen Schritten darauf zu. Doch ſie druckte vergeblich an dem breiten eiſernen Schloſſe hin und her, und ihr Licht dazu erhebend, erkannte ſie bald den einfachen Mechanismus eines von Außen befeſtig⸗ ten Riegels. 284 Die Ueberzeugung von der Wahrheit deſſen, was ſie als eine große perſoͤnliche Beleidigung anſah, uͤber⸗ wältigte ihren Geiſt fr den Augenblick bis zu einer Art von Betäubung. Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhängnißvolle Schloß, als muſſe ſie auf dieſer Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken. Das Licht hing unbeachtet in der andern niederge⸗ ſunkenen Hand, und die kleine Flamme ſuchte an ih⸗ rem langen niederhaͤngenden Nachtkleide eben weitere Nahrung, als ſeufzend und mit unterdruͤcktem Weinen die näher geſchlichene Kleine es aus ihrer Hand zog. Ach, Lady, kommt hier weg, ſchluchzte ſie leiſe, ach, zuͤrnt nicht laͤnger. Halt! rief Maria aufſchreckend, ich höre Schritte, hoͤrſt Du es, Margarith? Heiliger Gott, ſei uns gnaͤdig! ſtammelte Marga⸗ rith und ſtrebte die Ladh mit ſich zu ziehn. Nein, ſprach Maria, ich werde dieſen ſpäten Wan⸗ derer anrufen, er ſoll augenblicklich Deinen Vater her⸗ bei holen und ſagen, daß man mich hier als Gaſt und nicht als Gefangene behandele! Nein, nein! o ſchweigt, rief Margarith, ſich vor ihr niederwerfend. Aber Maria war aufgeregt und zürnend, und als die Fußtritte jetzt vor der Thuͤr anzuhalten ſchienen, 285 als ob das Geraͤuſch, welches Maria abſichtlich an dem Schloſſe machte, ſie feſthielte, rief ſie: Wendet Euch hierher! Habt die Guͤte, dieſe Thuͤr von Außen zu oͤffnen, ſo Ihr koͤnnt, oder Miklas, den Hausvogt, zu rufen! Sogleich ſchien Jemand von Außen mit Ungeſtuͤm gegen die Thuͤr zu fahren, und nach einigen ungeſchick⸗ ten Verſuchen, ſie ſo aufzudruͤcken, raſſelte es heftig an dem Schloſſe, welches zitterte und nachgab. Maria riß der niedergeſunkenen Margarith das Licht aus der Hand, und es hoch hebend blickte ſie der aufgeſtoßenen Thuͤr entgegen. Doch voll Grauen bebte ſie zuruͤck, als ein Weib eindrang, deſſen verwildertes Anſehen eine Wahnſinnige bezeichnete. Ihre grauen Haare hingen unter einem ſchwarzen Schleier lang hervor und in duͤnnen Straͤhnen uͤber ihre furchtbar hohe Geſtalt, welche, nur von nothwendiger Kleidung gedeckt, Hals und Bruſt und Arme in widriger Abzeh⸗ rung zeigte. Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Geſichts, die ſtieren, glanzloſen Augen, und das Lächeln des Wahnſinns um den lippenloſen Mund. Schaudernd trat Maria zuruͤck, aber angezogen ſchien die gräßliche Erſcheinung von ihrem Anblick, ſie folgte ihr nach, den mehrarmigen Leuchter gegen ſie vorſtreckend, und je laͤnger ſie mit ihren furchtbaren Augen ſie an⸗ blickte, deſto mehr gewann ihr ſtarres Geſicht einen ge⸗ miſchten Ausdruck von Erſtaunen und Wuth. Wer biſt Du? ſagte ſie mit heiſerer Stimme, ich muß Dich kennen! Sie rieb die Stirn, und wie⸗ der vordringend rief ſie, hoͤlliſch lachend Du biſt ſo ein Spuk aus der großen Welt, woraus ſie mich ver⸗ trieben. Ha, jetzt kenne ich Dich! Doch von wannen kommſt Du? Wer brachte Dich hierher? Sendet Dich der Knabe Villiers, den ſie Herzog nennen? Ha, ha, ha, ha! Du biſt es, und kennſt Du mich, die ſchoͤne Franziska Howard? Komm, komm! Du entgehſt Deinem Schickſal nun nicht, biſt Du doch von ſeinem Blute! Ha, die Rache iſt ſuͤß, ſehr ſuͤß.— Gierig ſtreckte ſie die Hand aus und ergriff Ma⸗ ria's Gewand, welche, vergeblich mit dem Entſetzen kaͤmpfend, ihre Knie wanken fuͤhlte und, als die kalte Hand des Weibes ihren Hals umſpannte, ihrer Sinne beraubt zur Erde ſank. Als ſie die Augen wieder aufſchlug, leuchtete der fruͤhe Morgen matt durch das hohe Fenſter. Langſam kehrte ihr Bewußtſein zuruͤck, und ſie ſah nun, daß ſie in dem großen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag, und daß mehrere Perſonen um ſie beſchaͤftigt wa⸗ 26* . ren. Ein Verſuch, ſich zu bewegen, ließ ſie einen Schmerz und eine Laͤhmung ihres Armes fuhlen, und jetzt uͤberzeugte ſie ſich, daß man daran eine Ader geoͤffnet, woraus das Blut ſich vor ihr in ein Becken ergoß. Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmaͤchtigen Geiſtes, der ſich ſelbſt noch nicht wie⸗ der vereinigt fuͤhlt mit den Zuſtänden des Koͤrpers. Sie erkannte den Reiſegefaͤhrten, der die Lanzette gefuͤhrt hatte; ſie ſah Margarith auf ihren Knien, das Becken haltend; ſie fuͤhlte ſich in den Armen einer frem⸗ den Frau, deren mildes ſchneeweißes Geſicht ſich dicht neben dem ihrigen zeigte; aber ſie haͤtte ſich nicht gleich⸗ guͤltiger dabei fuͤhlen koͤnnen, wenn ſie eine mit dieſen Gegenſtänden bemalte Holztafel geſehen hätte. Nachdem der noͤthige Verband umgelegt war und ſie aus den Ar⸗ men der Frau ſanft in die Kiſſen ſank, und die gruͤnen Vorhaͤnge des Bettes ſie in eine angenehme Daͤmme⸗ rung huͤllten, ſanken ihre Augenlieder ermattet nieder; der Schlaf trat an die Stelle der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verſtoͤrten Geiſt mit dem geneſenden Koͤrper. Nach einem langen und erquickenden Schlaf er⸗ wachte das Fraͤulein mit der angenehmen Empfindung wieder hergeſtellter Kräfte. Die Ruhe, die außerhalb 288 der Vorhänge ihrer Bettes herrſchte, war indeß eine Wohlthat, welche ſie ſich zu verlaͤngern ſuchte, da ihr Geiſt ſogleich zu arbeiten begann, um theils die Bege⸗ benheiten der letzten Stunden ſich zuruck zu rufen, theils ihre Beziehungen zu ſich ſelbſt herauszufinden. Aber ihre Phantaſie hatte vor dem letzten Ereigniß einen zu tiefen Eindruck empfangen, um nicht immer darauf zuruͤck kommen zu muͤſſen. Der Name Franziska Ho⸗ ward, den die grauenvolle Erſcheinung ſich beigelegt, gehoͤrte einem Weſen, deſſen Name mit jenem tiefen Abſcheu in England genannt ward, womit man Ver⸗ brechen bezeichnet, die in einer zu hohen Sphaͤre ſich begeben, um in ihrer ganzen Wahrheit zur des Volkes zu gelangen. Maria war damit unbekannt, aber wenn ſie den Aeußerungen dieſer elenden Frau nachdachte, ward ihr die Ahnung eines durch Gewiſſensvorwuͤrfe geſtörten Geiſtes. Schandernd dachte ſie an die Naͤhe dieſer Furie, die in ihren Phantaſien ſie zu einem bekannten Gegen⸗ ſtande ihrer Wuth geſtempelt hatte. Ratuͤrlich prufte ſie jetzt ihre ganze uͤbrige Lage, und was unter ſo be⸗ drohlichen Umſtänden ihr etwa noch für Schutz geblie⸗ ben ſei, und bei dem Zuruͤckkommen auf dieſen Gegen⸗ ſtand, fuͤhlte ſie ſogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarith und Miklas ihr bewieſenen Sorgfalt. Es war klar, daß Miklas die Thuͤr verwahrt hatte, ſie vor dem umherwandernden Spuke zu ſchuͤtzen, daß Margarith, davon unterrichtet, vielleicht um ſie nicht zu beunruhigen, den Grund verſchwiegen, ihr eigener Ungeſtuͤm aber dieſe guͤtige Vorſorge verhindert hatte, da durch ihr Geraͤuſch an der Thuͤr und ihr Rufen offenbar der ſchreckliche Gegenſtand herbei gezogen wor⸗ den war. Erwärmt von dem Gefuͤhl, hier eine ihr zugewen⸗ dete gute Abſicht anerkennen zu duͤrfen, und lebhaft be⸗ wegt von dem Wunſche, das dabei von ihr ſelbſt Ver⸗ ſchuldete gut zu machen, griff ſie ſchnell in die Vor⸗ haͤnge des Bettes, und ſie zuruckdrängend, ſah ſie Mar⸗ garith an dem Fußende ihres Bettes auf einem niedri⸗ gen Stühlchen ſitzen und an dem Netze knoͤpfeln, das auf ihren Knien ruhte. Ein freudiger Ausruf des lieben Mädchens begleitete ihr Aufblicken, und an dem Bette niederſtuͤrzend kuͤßte ſie kindlich jubelnd die Häͤnde ihrer Ladh und konnte nicht müde werden, ſich über ihre gehoffte Geneſung zu freuen. Aber, ſetzte ſie ſchuchtern hinzu, theure Ladh, zurnt Ihr mir und meinem alten Vater auch nicht mehr? Gutes Kind, erwiderte Maria, wie ruͤhrt mich Deine Sanftmuth und Guͤte, da ich allein die bin, Godwie⸗Caſtle II. 19 — 290 die über Dich ſo viel Schrecken brachte, indem ich die Vorſorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte, in meiner Heftigkeit nur mir ſelbſt folgte und Alles dadurch herbei zog, wogegen Ihr mich zu behuͤten trachtet. Vergieb Du mir dagegen und ſei gewiß, ich werde Deine guten Abſichten nicht wieder mißverſtehn. Ach, theure Lady, Ihr ſeid wie ein heil'ger Engel, rief Margarith, wie haͤtte ich Euch wohl zu vergeben? Gottes Gnade und die heil'ge Jungfrau haben uns ihren Schutz verliehen, ſonſt wäͤren wir freilich unterlegen. Aber wie konntet Ihr auch das ahnen, was wir erlebt? Wer es kennt, glaubt es kaum— Sage mir, liebe Margarith, wenn es Deine Pflicht nicht uͤberſchreitet, unterbrach ſie Maria, wer war die graͤßliche Perſon, die uns erſchreckt hat, und warum genießt ſie bei ihrer Geiſteszerruͤttung die Freiheit, i umher zu gehn?— Ach, theure Ladh, wer moͤchte die ihr nehmen, da ſie die Herrin des Schloſſes, unſer gnaͤdige S terin iſt.— Die Herrin des Schloſſes? rief Maria erſchrocken.— Ja, ſo iſt es. Die Ladh iſt ſehr reich, und ihr Gemahl nun ſchon viele Jahre im Grabe, obwohl ich 291 noch recht gut mich des lieben ſchwermuthigen Herrn erinnere. Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig! Gluͤcklich war er auch nicht, die Leute ſprachen Allerlei von ihm. Er mußte viel Trauriges erlebt haben; denn ruͤhrender ſeufzte kein Menſch. Ach, und dann hoͤrten wir ihn eben ſo die Nächte durch umher wandern und tief, tief ſeufzen. Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den kalten Steinen der großen Halle oder auf den Treppen eingeſchlafen liegen. Alt konnte er dabei nicht werden, das koͤnnt Ihr denken; aber er that keinem Kinde was zu Leide, ja, er liebte ſie zaͤrtlich, und ich und Lanci und einige Fiſcherkinder, wir ſaßen gern um ihn her, und er ſchnitt uns Bilderchen und knetete uns Puͤppchen von Wachs. Mit der gnaͤdigen Frau war es damals noch nicht ſo weit, wie jetzt, aber lieben thaten ſich die Herrſchaf⸗ ten nicht. Man ſagt, der gnädige Herr ſei ein Ketzer geweſen, und die gnaädige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von ſeiner Schwermuth befreien wol⸗ len; aber das ſei ihr nicht gelungen, und darum ſchrien ſie oft fürchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt. So kam es auch, daß die gnaͤdige Frau es gar nicht merkte, als Mhlord eines Morgens verſchwunden war; und als ſie ſpazieren gehen wollte, fand ſie die 19* Leiche des gnaͤdigen Herrn vor einer kleinen verſchloſſe⸗ nen Thuͤr dicht vor ihrem Schlafzimmer. Seitdem iſt Mhladh ſehr unruhig, und geht haͤufig des Nachts umher und beabſichtigt Mhlord zu ſuchen, von dem ſie jetzt noch denkt, er ſchlafe irgendwo und werde ſich erkaͤlten. Aber es ſind nun faſt zehn Jahre, daß der arme Herr zur Ruhe iſt, und Myhladh weiß dies auch bei Tage und ſo lange ſie geſund iſt, aber haͤufig ver⸗ gißt ſie es wieder.— Das Unheimliche des Eindrucks, den Maria em⸗ pfangen, ward durch dieſe Mittheilungen nicht gemil⸗ dert, und vor Allem ſchrecklich ſchien es ihr, in der Ge⸗ walt eines ſinnberaubten Weſens zu ſein. Sie fühlte die groͤßte Ungeduld, ſich uber die Verhältniſſe, in die man ſie gegen ihren Willen gezwängt, Auskunft zu verſchaffen, und ſich vollkommen geſund fuͤhlend, ver⸗ langte ſie das Bett zu verlaſſen.— Liebe Lady, verzieht einen Augenblick, Pater Cle⸗ mens will erſt Euern Puls unterſuchen, ehe er dies zugiebt; ich rufe ihn ſogleich.— Wer iſt Pater Clemens? ſprach Maria. Laß das, liebes Madchen, ich fuͤhle mich ganz wohl und wuͤnſche nur, daß Du zu Deinem Vater gehſt und ihn aufforderſt, mir meinen Reiſegefährten herzuſenden, den ich nothwendig ſprechen muß. 293 Nun, liebe Lady, ſagte Margarith, das iſt ja eben Pater Clemens, derſelbe, der Euch dieſe Nacht zu Huͤlfe kam und Euch nachher zur Ader ließ. Maria war von dieſer Entdeckung nicht ſehr uͤber⸗ raſcht, und wuͤnſchte um ſo mehr das Bett zu ver⸗ laſſen, da ſie Sehnſucht trug, ſich ſelbſt in unabhän⸗ giger Thätigkeit zu fuͤhlen, dieſem unſichern, geheimniß⸗ vollen Umherſchleichen gegenuͤber. Ehe es daher Margarith hindern konnte, ergriff ſie die ſeidene Decke ihres Bettes, und ſich hineinhuͤllend, ſtand ſie pfeilſchnell auf ihren Fuͤßen, und betrieb nun ſelbſt mit Geſchick und Schnelligkeit ihr Ankleiden, wo⸗ bei ſie doch bald Margariths Beiſtand noͤthig fand, da der Arm, an dem man die Ader geoͤffnet, noch ziemlich unbrauchbar war. Als ſie ſich dann den ſorgfältigen Händen der neuen Kammerjungfer entzogen, eilte ſie der Nebenthuͤr zu und als ſie in ihr Wohnzimmer trat, fand ſie die Lehnſtuͤhle an ihrem Kamine nicht mehr leer, ſondern in der einfachen Kleidung des Ordens Jeſu ſaß ihr Reiſegefährte einer Frau gegenuͤber, die Maria auf den erſten Blick fuͤr dieſelbe erkannte, in deren Armen ſie erwacht war. Beide ſchienen in ihr Geſpräch vertieft und nicht wenig uͤberraſcht, als Maria bluͤhend, vollſtändig ge⸗ 294 kleidet, und mit jenem klaren und feſten Ausdruck des ganzen Weſens, der vom guten Rechte zeigt, vor ſie trat. Pater Clemens, wie wir ihn nun nennen muͤſſen, ſchien auch nicht ſogleich den rechten Ton finden zu koͤnnen, und ſein Geſicht war mehr verlegen, als ernſt. Ihr überraſcht uns, Myladh, ſagte er, vor ſich niederſehend; ich will wuͤnſchen, daß Ihr Euch nicht zu früh für geſund erkläͤrt habt. Ich war geſonnen, Euch Ruhe anzurathen. Ruhe, Sir? antwortete Lady Maria, Ruhe bedarf nur noch mein Geiſt; uͤber das Gefuͤhl der Geſundheit giebt man ſich ſelbſt das richtigſte Zeugniß! Die blaſſe Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Maria's Aufmerkſamkeit dadurch auf ſich. Ich irre mich wohl nicht, fuhr ſie gegen dieſe gewendet fort, wenn ich mich Euch verpflichtet halte fuͤr Euern liebrei⸗ chen Beiſtand, den Ihr mir in dieſer Nacht geleiſtet? Ohne die Augen zu erheben, verbeugte ſich die An⸗ geredete bloß mit dem Kopfe. Pater Clemens hatte mich zu dieſem Dienſt er⸗ ſehn, erwiderte ſie leiſe; Ihr ſeid mir nicht dafür ver⸗ pflichtet.. Maria konnte, trotz dieſer kalten Antwort, ihre Blicke nicht ſogleich von der anziehenden Perſon abwenden, die 2958 dieſe Worte ſprach, und deren hohe und ſchlanke Geſtalt in der eng anſchließenden ſchwarzen Kleidung, die ſie trug, noch ſehr wohl als ſchoͤn zu erkennen war. Ihr milchweißes Angeſicht von der feinſten Regelmäßigkeit, mit ſeinem demuͤthigen und frommen Ausdruck, rief unwillkuͤrlich das Andenken an jene ruͤhrenden Heili⸗ genbilder zuruͤck, die in ihrem kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben ſchienen, um einem einzigen frommen Gedanken nachzuhäͤngen. Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen, die ſie zur Nacht ge⸗ ſehn, obgleich dieſer jetzt Schleier und Skapulier fehl⸗ ten, und allein die eng anliegenden weißen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren. Als ſie aus Schicklichkeit die Augen abzog, begeg⸗ nete ſie den Blicken des Pater Clemens, welcher mit ſichtlichem Vergnügen den Eindruck zu erwaͤgen ſchien, den Maria empfing. Sir, ſprach ſie darauf mit Feſtigkeit, Ihr muͤßt begreifen, daß ich von Euch uͤber ſehr viele Dinge Auf⸗ klaͤrung erwarte und die von Euch ſelbſt mir gewuͤnſchte Ruhe nicht fruͤher moͤglich iſt; wie es überhaupt wohl ſcheinen mag, ſie moͤchte vorerſt eben nicht mein Loos ſein! Ich bin bereit dazu, erwiderte der Pater, obwohl ich Euch im Voraus bitten muß, in mir nur den be⸗ 296 8 vollmächtigen Vollzieher hoͤherer Befehle zu erkennen, denen ich ſelbſt willenlos unterthan bin. Es beliebt Euch vielleicht, hochwuͤrdiger Herr, mich zu entlaſſen, ſprach hier die blaſſe Frau, ſchuͤchtern ſich dem Pater naͤhernd; ich wuͤrde meinen, einige andere Pflichten zu haben. Geht, liebe Tochter, ſprach Pater Clemens, hal⸗ tet Euch aber gern bereit, die Einſamkeit dieſer Eurer Schutzbefohlenen zu theilen! Ich habe weder eigene Zeit, noch eigenen Willen; ſelig, wer gewuͤrdigt wird zu gehorchen, antwortete ſie, und ohne ihr ſtilles Geſicht zu verandern, beugte ſie ihr Haupt, welches der Pater ſegnend beruͤhrte, wor⸗ auf ſie leicht wie ein Geiſt an Maria hinſchwebte, ohne ſie bei dem Gruße ihres Hauptes anzublicken. Maria ſah dieſem ganzen Abſchiede mit einem an⸗ ſchwellenden Gefuͤhle zu, welches, als die Thuͤr ſich hinter der demuͤthigen Geſtalt ſchloß, ſich Luft zu machen ſtrebte. Ich bin alſo in der Geſellſchaft von Katholiken? Ihr ſeid ein Prieſter jenes Glaubens, und jene Frau gehoͤrt zu den Schweſtern der heiligen Urſula? Mit Ruhe ſetzte ſich Pater Clemens bei dieſen Worten nieder, ihr den Armſtuhl anweiſend, der ſo eben verlaſſen worden war, und erwiderte dann, ſeine Augen andächtig erhebend: 297 Ja, Mhlady, Ihr habt es geſagt. Hierher, in dieſe verpoͤnten Mauern hat ſich eine kleine fromme Gemeinde gefluͤchtet, um, dem alten heiligen Glauben ihrer Vaͤter treu bleibend, dem vaterländiſchen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten heiligen Frucht zu behuͤten, zu Gottes allmächtiger Verfuͤgung, am Tage, der da zeigen wird, weſſen Reich die Erde Eng⸗ lands iſt! Es iſt kein Grund mehr vorhanden, Euch dies zu verbergen; denn fuͤr Verrath buͤrgt uns Eure Geſin⸗ nung mehr noch als die uͤbrige erlangte Sicherheit.— Ehrwuͤrdiger Herr, ſprach Maria, ich weiß, daß Eure Verbindungen gegen die Geſetze meines Vaterlan⸗ des laufen, und es kann mir keine angenehme Ent⸗ deckung ſein, mich fuͤr den Augenblick darein verwickelt zu ſehen. Indeß, weit davon entfernt, die Treu⸗ geſinnten Eures Glaubens zu tadeln, bedaure ich viel⸗ mehr, daß man die Wuͤrde unſerer Kirche dadurch zu erhalten dachte, daß man verfolgend gegen die Eurige aufträte. Sehr wahr, ſprach Pater Clemens, ſichtlich belebt, es war das Gefuͤhl, welches jeder Verblendung der Art folgt, daß, wer einmal aus den Segnungen un⸗ ſerer Kirche tritt, nur durch weltliche Macht Siege erringen konne. 298 Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begruͤndete Ueberzeugung und den Rath des Gewiſſens iſt zu allen Zeiten und von allen Partheien benutzt worden, erwi⸗ derte die Lady, und wir duͤrfen es ſicher dem Weſen der Kirche nicht zurechnen, was nur der Despotismus der Unduldſamkeit verſchuldete. Aber wenn ich bis ſo weit ſprach, geſchah es hauptſächlich, Euch zu üͤberzeu⸗ gen, wie ich von Innen heraus den Geiſt der Kirche, der ich angehoͤre, fuͤr unverträglich mit den harten Mit⸗ teln halte, die angewandt ſind, die Eure zu vertilgen. Ich wuͤrde aus dieſer Ueberzeugung nie die Hand bie⸗ ten, Aenliches zu veranlaſſen, und daruͤber keinen welt⸗ lichen Richter anerkennen. Jetzt aber ſagt mir, auf welche Weiſe hat mein Schickſal dieſe Wendung genom⸗ men, und was wißt Ihr mir über die Abſichten zu ſa⸗ gen, die mich hierher leiteten? Euch aus den Haͤnden des ſchwärzeſten Verraths zu befreien, erwiderte Pater Clemens mit Betonung; aus Mitleid fuͤr Eure Jugend und Unſchuld, die dem Elende beſtimmt war. Wer von Oben her ein ſo weit⸗ reichendes Intereſſe an Eurem Leben nimmt, weiß ich Euch jedoch nicht zu ſagen; ich bin ein beglaubigter Prieſter des heiligen Ordens Jeſu, mir iſt nur das blinde Vollziehn deſſen geſtattet, was jederzeit das Rechte und Beſte iſt.— 299 Was meint Ihr? unterbrach ihn Lady Maria, hef⸗ tig bewegt. Ich ward betrogen? Von wem? Sagt, ich bitte Euch, von wem? Daß nur von Lord Membrocke die Rede ſein kann, daruͤber koͤnnt Ihr gewiß nicht im Zweifel ſein, ant⸗ wortete Pater Clemens, von ihm, der, um Euch aus der Obhut der Familie zu entfuͤhren, in deren Kreiſe Ihr lebtet, kein anderes Mittel wußte, als jenen erlo⸗ genen Brief. Großer Gott! ſeufzte hier das ungluͤckliche Mäd⸗ chen, in ihren Sitz zuruckfallend, ſo hätte ich recht ge⸗ ahnet? Doch wie koͤnnt Ihr den Brief erlogen nennen, rief ſie alsbald, ſich erhebend, der ſeine Handſchrift zeigt, mit ſeinem Siegelring geſiegelt, den ich ſo oft an ſei⸗ ner Hand geſehn?— Armes Kind, es war leicht, Euch zu betrügen, denn die Hoͤllenkuͤnſte ahnet ihr nicht, womit gewandte Schreiber eine jede Handſchrift nachzuahmen wiſſen, und daß man Siegelringe ſtehlen koͤnne, war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke. Schaudernd verhuͤllte Maria ihr erblaßtes Angeſicht und ein Gefuͤhl von Troſtloſigkeit, eine Verlaſſenheit, ein Elend noͤthigte ſich ihrem Geiſte mit dieſer Ent⸗ deckung auf, wie ſie es nie empfunden, und ihre erſte Flucht, ihr Alleinſein auf der Landſtraße, an Hunger und 300 Muͤdigkeit erliegend, ſchien ihr nun ein gluͤcklicher Zu⸗ ſtand, da ſie damals die Hoffnung trug, ihr lebe der Oheim und in ihm aller Schutz, alle Liebe, aller Troſt. Nach einigen Augenblicken tiefſter Erſchuͤtterung, die der Pater Clemens, in ernſtes Sinnen verloren, nicht zu unterbrechen ſuchte, rang ſich ihr Geiſt mit neuer Anſtrengung empor, ſie zog die Häͤnde weg, und den Verkuͤndiger dieſer troſtloſen Nachrichten ſchmerz⸗ lich anblickend, rief ſie mit dem Tone der wahrſten Seelenangſt: Vergebt mir, wenn ich, ſo grauſam betrogen, wie Ihr ſagt, und verlaſſen von Allen, die mir die Natur zum Schutze beſtimmte, jetzt die Qual des Mißtrauens kennen lerne und ſie auch gegen Euch, von dem ich um ſo viel lieber Gutes dächte, da ich nur Gutes von Euch erfahren, nicht ganz zu bemeiſtern vermag. Beweiſet mir, edler Sir, was Ihr ſagtet, denkt mit Nachſicht, daß, wenn ich annehmen duͤrfte, Ihr allein betroͤgt mich jetzt, dadurch mein Leben minder hoffnungslos wuͤrde und eine Ausſicht mir bliebe, den Schutz zu erreichen, nach dem ich mich ſehne. Denkt, ſetzte ſie mit hevorbrechenden Thraͤnen hinzu, daß, wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiß, mir faſt jede Hoffnung ſchwindet, ihn aufzufinden. 301 Und nun ſprecht, ich beſchwoͤre Euch, ſprecht die Wahrheit.— Haltet ein, rief ſie angſtvoll, als Pater Clemens die Lippen oͤffnete, hoͤrt mich weiter! Man ſagt, die Theilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens fuͤr ausgeſchloſſen aus dem Verbande chriſt⸗ licher Pflichten. Ich kann es nicht denken, ich will es namentlich von Euch nicht denken; aber es koͤnnte ſich doch in Euerm Geiſte eine Geringſchätzung gegen das Schickſal eines Weſens einſtellen, das Ihr Ketzerin nennt. Ich verlange nicht, daß Ihr gegen mich wärmer fuͤhlen ſollt, als Euer Glaube zuläſſig haͤlt; aber bedenkt, Sir, daß wir die Wahrheit zu ſagen uns ſelbſt ſchuldig ſind, daß jede Seele ſich ſelbſt vergiftet, die zu Gunſten irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verlaͤßt. O Sir, alſo um Euer ſelbſt willen, um des heiligen Namens willen, den der Orden trägt, zu dem Ihr Euch bekennt, redet die Wahrheit, denkt, daß ich an dieſen Namen glaube, gleich Euch, und daß wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfan⸗ gen werden.— Der Pater hatte ſie nicht ohne Theilnahme gehoͤrt, und vielleicht hatte manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelaſſen, aber die Erinnerung an den Or⸗ den, dem er verpflichtet war, heilte ſchnell alle Verletzun⸗ gen des Gewiſſens und fuͤhrte ihn zu ſeinen Verpflichtun⸗ 302 gen zuruͤck, die, auf Gott gefällige Zwecke gerichtet, uͤber die Mittel keinen Zweifel geſtatten. Koͤnntet Ihr überſehen, hob er mit Wuͤrde an, wie vorſorglich diejenigen gegen Euch gehandelt, die Euch meiner Obhut vertrauten, wie wuͤrdet Ihr dadurch am beſten jenes traurige Vorurtheil widerlegt fühlen, wel⸗ ches die Feinde unſerer heiligen Kirche verbreitet haben, um die Seelen zu verſcheuchen, die ohne Befriedigung jener abgefallenen Kaſte angehoͤren und nach dem Mut⸗ terſchooße unſerer Kirche ſich zuruͤckſehnen. Die Diener und Dienerinnen dieſer vom Heilande ſtammenden Lehre gehen verfolgt, beleidigt und im Elende ſchmachtend noch immer, gleich den Juͤngern des Herrn, uͤber die vom falſchen Wahn ergriffene Erde, und ſuchen, wie der Hirt im Evangelium, das verirrte Schaf. Wer Euer beklagenswerthes Loos meinen Obern entdeckt habe, kommt mir zu wiſſen nicht zu. Eure Unſchuld indeß ruͤhrte die erhabenen Maͤnner Jeſu, und da ihr Einfluß eine noch unſichtbare, aber nicht geringe Macht iſt, erhielt ich das Zauberwort, welches Lord Membrocke von Euch abzuſtehen zwang. Ihr ſelbſt moͤgt durch unbefangene Aeußerungen und die daran geknuͤpften Nachforſchungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane Veranlaſſung gegeben haben, der ihm Eure Entführung gelingen ließ. Glucklicher, 303 als Eure Freunde, hatte er den entdeckt, den Ihr zu finden ſtrebtet, ſeine Handſchrift ward von einem ge⸗ ſchickten Voͤſewicht nachgemacht, der Siegelring ihm ent⸗ wendet, und Beides in des Lords Hände geliefert. Ihr ließet Euch täuſchen, obwohl keine Zeile dieſes Briefes die Geſinnungen des Mannes verrieth, deſſen Hand⸗ ſchrift man wohl nachzuahmen vermochte, aber nicht den Ton ſeiner Liebe.— O, Ihr ſprecht wahr! rief hier Maria, überwäl⸗ tigt von der fremden Beſtätigung ihrer eigenen Em⸗ pfindungen.— Und ſo triumphirte das Boͤſe, und Ihr folgtet dem elenden Verfuͤhrer, der Euch verkauft hatte an einen vornehmen Wuͤſtling, dem er Euch zufuͤhrte.— Und jetzt, rief Maria, alles Andere uͤbergehend, wie werde ich es jetzt anfangen, um mich ſo bald als moͤglich unter den Schutz meines Verwandten zu bege⸗ ben? Soll gegen Euch, Sir, der Ihr ſo viel fuͤr mich gethan, und gegen dieſe geheimen Freunde, die ſich mei⸗ nem Danke entziehen, meine Verbindlichkeit noch hoͤher ſteigen? Soll ich Euch das Gluͤck dieſer Wiedervereini⸗ gung verdanken?— Mhlady, Ihr findet mich hier an der Grenze mei⸗ ner Wirkſamkeit und Macht. Euch hierher zu fuͤhren, lauteten meine Vorſchriften, ich erwartete hier weitere Beſtimmungen zu finden, die jedoch ein ungewoͤhnlicher Zufall verſpätet haben muß, und die Euern unfreund⸗ lichen Empfang verſchuldet haben. Wenn die Vorſchrif⸗ ten ankommen, werden ſie enthalten, was mit Beruͤck⸗ ſichtigung Eurer Sicherheit in Bezug auf dieſen hoͤchſt gerechten Wunſch und ſeine moͤgliche Ausfuͤhrung zu be⸗ ſchließen iſt. Geduldet Euch bis dahin, und uͤberſeht nicht, in nutzloſer Sehnſucht nach jenem Ziele, die An⸗ nehmlichkeiten, die Euch hier ein ruhiges, ungefaͤhrdetes Leben ſichern.— Und wißt Ihr wenigſtens nicht mir zu ſagen, ob mein Oheim bereits Nachricht von meinem Schickſal und jetzigem Aufenthalte erhielt. Denn nachdem man gewagt hat, dieſen theuern Namen zur Ausfuͤhrung ſo boͤſer Ab⸗ ſichten zu mißbrauchen, wie Ihr ſagt, und wie tauſend von mir nur muͤhſam unterdruͤckte Ahnungen mir be⸗ ſtätigen, zweifle ich nicht mehr, daß die ganze Erzählung über ſeine politiſche Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verräthers gehoͤrt. Sie einen Augenblick geglaubt zu haben, gereicht mir zur tiefſten Beſchämung, da ſie den erhabenen Karakter des Mannes befleckte, den ich nie ſo anzugreifen hätte geſtatten ſollen.— Das Schickſal dieſes Mannes liegt mir zu fern, als daß ich Euch daruͤber Auskunft geben koͤnnte; aber ich glaube annehmen zu muͤſſen, daß es eine Wendung 305 genommen, die ihn vielleicht augenblicklich aus der Lage ſetzt, Euch ſelbſt Dienſte zu leiſten. Es wird ihm ſehr zur Beruhigung gereichen, Euch in einer vollkommenen Sicherheit und in den anſtändigſten Verhältniſſen zu wiſſen, da, wie ſehr auch das Letztere in dem Hauſe der Herzogin von Nottingham der Fall war, doch Eure Si⸗ cherheit ſich als unzulaͤnglich erwieſen hat.— O Sir! ſeufzte hier Maria, wen trifft der Vor⸗ wurf anders, als mich ſelbſt? Meine eigne leichtglaͤu⸗ bige Thorheit hat mich dem Schutze entzogen, der ſonſt ausreichend fuͤr alle andern Faͤlle war.— Ihr habt darin nicht Unrecht, und ich mag es Euch um ſo weniger ausreden, da Euer Selbſtvertrauen in den meiſten Fällen weiter geht, als ſich mit Eurer zar⸗ ten Jugend und dem Mangel an Vertrauen verträgt, der nothwendig damit verknuͤpft iſt.— Maria fuͤhlte ſich von dieſem ſanften Verweiſe des bejahrten Mannes, deſſen Grundſätze und Anſichten ſie mit Verehrung angehoͤrt hatte, wohlthätig beruͤhrt, und da junge und gut geartete Perſonen ſich ſtets zu denen hingezogen fuͤhlen, die ſie ſchonend auf ihre Fehler auf⸗ merkſam machen, ſo haͤtte Pater Clemens nichts vortheil⸗ hafteres wählen koͤnnen, wenn es uͤberhaupt ſein Wunſch war, ſich in der Gunſt des Fraͤuleins feſtzuſetzen. Sie hob ihre Augen mit einem ſo demuͤthigen Ausdruck zu Godwie⸗Caſtle II. 20 ihm empor, als hätte ſie ihn allein beleidigt, und ſagte mit ſanfter Stimme: Ich ſehe es wohl ein, daß Ihr ganz recht habt, und Eure Guͤte, mich daran zu erinnern, iſt ſehr groß. Ich bin viel zu ſruͤh dem Rathe meiner Verwandten entzogen worden; alle meine Fehler ſind daher unbe⸗ achtet geblieben, und ich ſelbſt habe verſaͤumt, mit Ernſt darauf zu wirken. Aber gewiß will ich von jetzt an, da Gottes Guͤte mir eine Warnung durch Euch ſchickt, dagegen nicht langer nachſichtig ſein. Darf ich Euch indeß nun einen Wunſch geſtehn, der ſehr lebhaft in mir wird, ſeit ich weiß, daß ich betrogen ward. Redet, liebe Tochter, erwiderte der Pater Clemens mit dem väterlichen Tone, in den das Fräulein ihm ſelbſt ſo eben hineingeholfen hatte, mit Antheil will ich alle Eure Wuͤnſche hoͤren und foͤrdern, was moͤg⸗ lich iſt. Maria oͤffnete die Lippen, aber ein tiefes Roth deckte plotzlich ihr unſchuldiges Angeſicht, und ihr Kopf ſank auf ihre Bruſt. Nach einigen verlegenen Augen⸗ blicken hob ſie ſchuͤchtern an: Glaubt Ihr, verehrter Sir, daß eine aufrichtige Darſtellung der Wahrheit und meiner damit verfloch⸗ tenen Thorheit die theure tugendhafte Familie verſoͤh⸗ nen koͤnnte, die ich durch meine unbeſonnene Entfernung —— — ſo tief beleidigt habe? und konnt Ihr mir, dies zu be⸗ wirken, einen Weg zeigen? Pater Clemens hielt mit der Antwort zuruͤck, und haͤtte Matia nicht eben abgeſchworen, ihrem Urtheil unbedingt zu vertraun, ſo hätte ſie nicht uͤberſehen koͤn⸗ nen, daß dieſer Gedanke ihm ſichtlich widerſtrebte. Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit ſich ſicher eine Gelegenheit finden, erwiderte er nach einigem Bedenken; doch jetzt müßt Ihr durchaus Euch von Allen Schritten nach Außen zurückhalten, da vorerſt nur die ſpurloſeſte Zuruͤckgezogenheit Euch vor den Nachſtellungen des maͤchtigen Mannes bewahren kann, gegen deſſen weitreichenden Einfluß ſelbſt Euer Oheim Euch nicht zu ſchutzen vermoͤchte.— Nennt mir, theurer Sir, dieſen furchtbaren Mann, der ſo verhaͤngnißvoll fuͤr mein armes Leben ward, und zugleich ſeine Gruͤnde, gerade mich zu verfolgen.— Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen hoͤren? Er iſt es, der Euch verfolgt. Laßt Euch damit genug ſein, daß er Euer Verderben wollte, und verlangt nicht, daß ich nähere Angaben mache, die zu erwaͤhnen weder meiner geiſtlichen Würde ziemt, noch Euch ſie anzu⸗ hoͤren. 20* 308 Maria ſchwieg, wie gelähmt vor Schrecken und Abſcheu; erſt nach langer Bekämpfung der dadurch er⸗ regten Schmerzen fuhr ſie ſchuͤchtern fort: Und bin ich hier ſicher? Werde ich hier nicht er⸗ reicht werden? und wer läßt mir hier Schutz angedei⸗ hen? Wem habe ich nächſt Euch zu danken?— Den mächtigen Obern meines Ordens, die in die⸗ ſem Hauſe, welches unter ihrer beſonderen Macht ſteht, ſchon manche von der Welt verfolgte Unſchuld gerettet haben, denen ſeid auch Ihr verpflichtet. Aber kuͤmmert Euch um dieſe Verpflichtungen nicht, Euer Verwandter wird dieſe Anſpruͤche dereinſt anerkennen und ſie zu be⸗ lohnen wiſſen.— Und, Sir, fuhr ſie fort, und Unruhe und Bekuͤm⸗ merniß malte ſich in ihren Zuͤgen, ſtehe ich nicht unter dem Einfluß der ſchrecklichen Frau, oder wie bin ich vor ihr zu ſichern?— Ihr werdet derſelben Frau im Laufe des Tages noch vorgeſtellt werden und Euch dann ſelbſt uͤberzeu⸗ gen, daß, wer nicht bei Nacht ſich muthwillig ihr ent⸗ gegen ſtellt, bei Tage nichts von einer Unglucklichen zu leiden hat, die bei uns allen den hoͤchſten Anſpruch auf Mitleiden und ſogar auf Achtung beſitzt. Ein hoͤchſt bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben ſucht ſie gut zu machen durch eine fromme Hingebung 309 an die heilige Mutterkirche, und ſie hat ihr vaͤterliches Schloß ſeit dem Tode ihres Gemahls, der ſo wirkſa⸗ mer Reue unzugänglich war, zu einem Aufenthalt der ehrwuͤrdigen Schweſtern gemacht, in deren Kloſter ſie als Kind erzogen ward, und zu denen ſie jetzt ſich mit heiligen Geluͤbden wieder bekannt hat. Ihr werdet unter den Frauen dieſes Hauſes wuͤrdige Geſellſchaft finden, und vor allen in dem Umgang mit Schweſter Electa, die Ihr hier ſaht, ein wahrhaftes Vorbild chriſtlicher Tugenden und weiblicher Demuth erkennen. Wie auch Eure Glaubens⸗Meinungen abweichen moͤgen, zweifle ich doch nicht, Ihr werdet der frommen Eintheilung des Tages Euch anſchließen, da ſie Euch eine wuͤrdige Beſchaͤftigung mit den hoͤchſten Gegenſtänden menſchli⸗ cher Betrachtungen ſichert. Um ein moͤgliches Aerger⸗ niß ſchwacher Seelen zu verhuͤten, namentlich um die ängſtliche Empfindlichkeit Eurer Wirthin nicht zu reizen, die ſich ſchwer uͤberzeugen ließ, daß Ihr Euch hier nicht als Spoͤtterin eindringen wolltet, bitte ich Euch ſogar die einfache Kleidung des Hauſes anzulegen und ſo den Frieden zu ſichern, den man Euch dann ungeſtört wird genießen laſſen. Wie, rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaf⸗ tigkeit, ich ſollte das Gewand einer Nonne anlegen? Ich, eine Proteſtantin, ſollte, wenn auch nur in dieſer 310 Arußerlichkeit, den Schein einer Handlung annehmen, die mich von der Kirche trennte, der ich durch Geburt und Ueberzeugung angehoͤre? Nein, Sir, das iſt nicht Euer Ernſt, oder Ihr denkt ſehr gering von dem Eifer, den wir unſerer Lehre zuwenden. Ich will mich der Ordnung des Hauſes, das mir Schutz verleiht, fuͤgen, aber ohne mich Gebräuchen anzuſchließen, die man mich gelehrt hat, als unverträglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzuſehn. Sicher verſpreche ich Euch, durch ein ehrerbietiges Vetragen jede Beſorgniß we⸗ gen einer unwuͤrdigen Spoͤtterei zu verbannen; aber in dem Maaße, wie ich dies thue, ſoll man auch meine Ueberzeugung ehren und ſie nicht als verächtlich anſehn, daß ſie ſich hinter einen Schein von Luge ver⸗ bergen muͤßte. Als Maria Alles geſagt hatte, was ihr aufſchwel⸗ lendes Herz ihr eingab, gewahrte ſie erſt den ernſten, vorwurfsvollen Blick des Prieſters, womit dieſer die heftigen Worte der Gereizten begleitete. Nachdem ſie ſich geſammelt, ſchien ihr, dieſem ſtillen Vorwurf ge⸗ genuber, ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer Hef⸗ tigkeit, die ſie ſonſt ſtets in ſich anfeindete. Das Stillſchweigen, welches Pater Clemens zu beobachten fortfuhr, verſtärkte den Vorwurf, den ſie ſich aufnoͤthigte, und ſchnell zu ihrer eigenſten Natur 311 zuruͤckkehrend, redete ſie mit ruhiger, doch ſchuͤchterner Stimme fort: Ich fuͤhle, was Ihr ſagen wollt, ehrwuͤrdi⸗ ger Herr, und ſehe ein, daß ich heftiger war, als Euer Vorſchlag rechtfertigt. Wenn ich Euch tadelns⸗ werth erſcheine, ſo verzeiht mir; der eigne Vorwurf hat mich erreicht, und Euch wollte ich nicht wehe thun. Schweigend ſenkte Pater Clemens das Haupt und erhob ſich langſam, indem er geſonnen ſchien, das Fraͤu⸗ lein uͤber die Aufnahme ihrer Entſchuldigung im Zwei⸗ fel zu laſſen. Sein Auge hing am Boden, er gruͤßte ſie feierlich und verließ das Zimmer ohne die geringſte Erwiderung. Als die Thuͤr ſich hinter ihm ſchloß und die un⸗ gluͤckliche Maria ſich allein ſah, da uͤberwältigte ſie das Gefuhl ihrer troſtloſen Lage, und ſie ſank in Thränen aufgeloͤſt auf den Teppich hin, ihren Kopf in den Pol⸗ ſtern des Lehnſtuhls bergend. So verlaſſen hatte ſie ſich noch nie gefuͤhlt. Das Zuͤrnen des Paters, die Art, wie auch er ſie jetzt verließ, machten ihr erſt fuͤhlbar, welch eine Stuͤtze er ihr geworden, und wie erſchreckend und troſtlos ſich ihr Leben geſtaltet hatte, da ein Blick uͤber daſſelbe ihr ſagte, daß alle ihre Hoffnungen nie⸗ dergeſunken und ſie von Allen getrennt ſei, denen ſie 312 vertrauen durfte, und die es fruher oder ſpäter jemals gut mit ihr gemeint. Zum erſten Male fuhlte ſie in ihr ſonſt ſo geſundes Herz eine Muthloſigkeit einziehn, wovor ſie bisher ihr ſtarker Karakter, ihre Jugend und alle ihr vorſchwe⸗ benden Hoffnungen bewahrt hatten. Koͤrperlich ermat⸗ tet, von den Eindruͤcken dieſes Hauſes, zu deſſen duͤſtern Geheimniſſen ſie ſobald gelangen mußte, erſchreckt, ver⸗ ſiel ſie in eine bi unbekannte Furcht, und unbe⸗ ſtimmte Sorgen füt ihre perſoͤnliche Sicherheit nahmen ihr völlig die Freiheit des Geiſtes, die ihr ſonſt eigen war. Sie fuͤhlte dies ſelbſt; aber ſie konnte nicht einſehn, wie viel ſie ihrer Koͤrperſchwaͤche davon zurechnen mußte. Doch alle Umſtaͤnde ihrer Lage ſchienen ihr allein ſchon geeignet, ſie nieder zu beugen, und dieſe Anſicht ver⸗ ſenkte ſie in eine wiederſtandloſe Betrübniß. Sie ließ ihren Thraͤnen freien Lauf, und eine Fülle von Wehmuth drängte ſich aus ihrem Buſen. Weinend liegen zu bleiben, bis alle Schmerzen ausgeweint wären und ſie ſterbend ſich aufloſe, ſchien ihr das Einzige, was ihr uͤbrig geblieben. Dies hoffte ſie in der ſchmerzlichen Abſpannung ihres Geiſtes, dahin deutete ſie die uͤberhand nehmende Schwäche ihres angegriffenen Koͤrpers, dar⸗ nach ſehnte ſich ihr ermüdetes Herz. Aber es iſt ſel⸗ ten der Wille des Himmels, unſern Koͤrper zur Zerſtoͤrung 313 an unſere Seelenſchmerzen zu uͤbergeben. Nur wer zum erſten Male den Umfang einer Troſtloſigkeit ken⸗ nen lernt, die ihn ſchnell von allen gewohnten Ban⸗ den des Lebens abloͤſt, hofft und erwartet ſie durch den Tod geloͤſt zu ſehen. Eine andere Wechſelwirkung iſt uns aufgegeben, ein anderer Sieg dem ſchmerzbeladenen Geiſte aufgehoben! Gegen unſern befangenen Willen bleibt die zarte Koͤrperhuͤlle fͤ vie in ihr tobenden Stuͤrme ausreichend, bis wir den eden mit allen Er⸗ ſcheinungen in und außer uns ſchließen, und, erſtarkt im Kampfe, weder unſere Aufloͤſung hoffen, noch ſie zu wünſchen wagen. Wer aber einen tiefen, umfaſſenden Schmerz erlebt, der ihn aus allen Freudentempeln der Vergangenheit ſcheuchte, der erwacht zum Weiterleben, wie ein Verbannter, der fern von dem Boden der Hei⸗ mat, wo ſein Gluͤck und ſeine Lieben wohnen, an der fremden Stelle nichts ſucht und erwartet, und als ein ſtiller theilnahmloſer Gaſt, als ein neid⸗ und freudloſer Beobachter die Schaͤtze der Erde nicht mehr fuͤr ſich vorhanden glaubt. Oft geht der Ungluckliche dieſen Weg, ohne zu ahnen, daß es der Weg zu einer lichtvolle⸗ ren Erkennung des Lebens iſt. Lady Maria ſtand nach einigen Stunden erſchoͤpfen⸗ den Schmerzes von ihren Knien auf, und blickte ſich kalt und gleichguͤltig an, als ihr blaſſes, leidendes Ge⸗ 314 ſicht aus dem Spiegel zuruͤckſah. Sie hätte keine Fremde gefunden, die ihr gleichguͤltiger geſchienen haͤtte, als ſie ſich ſelbſt. Nur eine dumpfe Vorſtellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach ſo vielen Anſtrengungen und Erſchuͤtterungen geblieben, nur eine klagenloſe Ergebung, eine voͤllige Muthloſigkeit, gegen ihr Schickſal anzukaͤmpfen; und haͤtte man jetzt den Schleier der Urſulinerinnen uͤber ſie geworfen, ſie wuͤrde ihn laͤchelnd als eine Wohlthat empfangen ha⸗ ben. Dieſe Stimmung hatte Zeit um ſich zu greifen, denn ob abſichtlich oder zufaͤllig, ihre Einſamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht geſtoͤrt. Margarith meldete ernſt und ſchuͤchtern, daß das Mittageſſen aufgetragen ſei, und ſie folgte ohne Erwi⸗ derung der Meldung. Aber der alte Diener, der heute in ein feſtes Schweigen gehuͤllt ſie bediente, mußte voll Erſtaunen die leidenden Zuͤge des ſchoͤnen Fräuleins und ihr gänzlich verändertes Weſen betrachten. Sie gruͤßte mit dem muͤden Haupte, ohne daß ein Läͤcheln den ſtummen Gruß belebt hätte; unberuͤhrt blieben die Speiſen vor ihr ſtehn, und ſanft wies ihre Hand den kleinen goldnen Becher zuruͤck, deſſen Inhalt ſie noch geſtern ſo wohl zu ſchätzen gewußt. Miklas und ſeine Tochter wechſelten Blicke, und auch der Vater konnte die Theilnahme nicht unterdruͤcken, die ſich in einzelnen 15 Tropfen aus den Augen der Tochter ſtahl. Laͤngſt hatte man auch die letzte Schuͤſſel unberuͤhrt hinweggenom⸗ men, und harrte, daß Maria ſich erheben wuͤrde; aber in tiefes Sinnen verloren, gab ſie kein Zeichen, daß ſie ſich ihrer Lage bewußt war. Mit der ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte dieſe Probe aus; doch ehe er es verhuͤten konnte, kniete Margarith neben dem Fraͤulein nieder. Liebe, theure Lady, wollt Ihr Euch niederlegen, ſprach ſie weinerlich, Ihr muͤßt ſehr krank ſein. Als ob ein Schuß an ihr Ohr gefallen, ſo ſchreckte die gebeugte Geſtalt Maria's bei dieſen Worten empor, und ſchnell aufſtehend rief ſie haſtig und tonlos: Was willſt Du? Wie? Wo ſoll ich hin? Wollt Ihr nicht ruhen, liebes Fräulein? ſprach Margarith, noch ſchuͤchterner durch die Aufnahme ihrer erſten Worte. Ihr ſcheint der Ruhe zu beduͤrfen. Ja, Ruhe, Ruhe! ſeufzte Maria, die habe ich nothig, ſehr noͤthig; wo aber ſagſt Du, daß ich ſie finden ſoll? Auf Euerm Bette, erwiderte die Kleine ermuthigt, laßt mich Euch dahin fuͤhren. Traͤumeriſch blickte Maria die geſchaͤftige Dienerin an, und mit einem Seufzer, der ihre Bruſt zu ſprengen ſchien, ließ ſie ſich hinwegführen. 316 Der Abend breitete ſchon ſeine Schatten uͤber das Schlafzimmer Maria's, auf deſſen Bette ſie unruhig athmend lag, in jenem Zuſtande von Fuͤhlloſigkeit, wo⸗ mit wir oft einen Zeitraum fuͤllen, in dem geiſtige und koͤrperliche Ermuͤdung uns wohlthätig gegen den Schmerz abſtumpfen, deſſen Opfer wir wurden. Maria dachte wenig, und die tiefe Stille, die ſie umgab, da Marga⸗ rith, ob aus eigenem oder fremdem Antrieb, ſchweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte, ließ ſie eine Ab⸗ findung mit dem Leben traͤumen, eine Trennung von der Welt, an die ſie mit Befriedigung dachte. Sie ſchau⸗ derte daher erſchreckt auf, als ein dunkler Schatten vor dem Fenſter voruͤber nach ihrem Bette glitt, denn ſie fuͤhlte Furcht vor neuen Erſchütterungen, und ihr erſter Gedanke war, das grauenhafte Weſen der Nacht zu ſehn. Beſchwichtigend drangen daher die ſanften Sprach⸗ laute der Schweſter Electa zu ihr nieder. Der Friede des Herrn ſei mit Euch, Mhladh, ſo redete die feine Geſtalt ſie an, indem ſie, uͤber den Fuß⸗ boden hinſchwebend, dem Bette nahte. Ich wollte Euch meine Dienſte anbieten, fuhr ſie fort, und Euern Arm verbinden. Maria richtete ſich muhſam auf, erwiderte leiſe den erſten Gruß und gab ſich willig den Bemuͤhungen hin, welche der weibliche Arzt mit großer Geſchicklichkeit uͤber⸗ 312 nahm. Als dies Geſchäft beendigt, zogerte die Schwei⸗ gende noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Geſicht ihrer Pflegebefohlenen mit Theilnahme. Ihr ſeid auch im Uebrigen leidend, liebe Ladh, und Eure Haͤnde haben Fieberwärme; ſoll ich Euch einen kuͤhlenden Trank bereiten?— Habt Dank, erwiderte Maria, mir iſt ganz wohl, und nur mein Kopf entbehrt Ruhe, Ruhe! es iſt ſchwer, ſie zu finden, daher bin ich geduldig, daß ſie mir fehlt. Ruhe, hob Electa an, Ruhe kehrt nur ein, wo wir mit frommem Vertrauen, was außer uns liegt, an die Regierung deſſen verweiſen, der uͤber alle S nungen der Erde wacht. Ich hoffe, ſagte Maria, ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens, den Ihr bezeichnet, aber ich bin jetzt keines klaren Bewußtſeins fähig. Eben mein Kopf hindert mich; es iſt Alles abgeriſſen, ohne Folge und Ausdauer; nur hier, ſetzte ſie ſeufzend hinzu, ihre Bruſt beruͤhrend, hier fuhle ich eine niederbeugende Laſt. Nichts beugt uns tiefer, erwiderte die ernſte Ge⸗ fährtin mit Sanftmuth, als wenn wir von der unruhi⸗ gen Begierde, das Leben nach unſerm Willen zu lenken, abſtehen muſſen und unſere geringen Kräfte kennen ler⸗ 318 nen, welche Jugend und Unerfahrenheit uns ͤberſchätzen laſſen. Doch dieſe Erkenntniß iſt mehr, als alles Andere, eine Gnade des Himmels, und kein ſuͤßeres Gluck iſt, als ſtill harren auf den Willen des Hoͤchſten. Ja, ſagte Maria, unwillkuͤrlich Antheil nehmend, ich habe eine Ahnung von dem Frieden der Seele, in dem jeder Widerſtand ſich aufloͤſt, weil der Einklang gefunden iſt mit uns und der Außenwelt. Aber dies iſt das Ziel, nicht der Weg. Nimmer moͤgen wir dahin gelangen, wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller unſerer Kraͤfte, kaͤmpfend und wieder kämpfend, und zu immer neuen Fragen an's Leben bereit erhalten, bis wir alle Antworten vernommen haben, die moͤglich ſind, und noͤthig zum Frieden mit uns ſelbſt; und wenn dazu Muth und Kraͤfte ſchwinden, ſetzte ſie ſchwermuͤthig hinzu, dann iſt uns das Härteſte geſchehen. Ach, ſeufzte Electa nach einer kleinen Pauſe, jun⸗ ges kuͤhnes Gemuͤth, wie gefaͤhrlich iſt ein dergeſtalt her⸗ ausforderndes Treiben. Der Frieden, den ich meine, iſt ein Gnadengeſchenk des Himmels, das hernieder fließt, ohne unſer Verdienſt, ohne unſer kuͤhnes Ringen. Ich verſtehe Euch zum Theil nicht, doch, wie mir ſcheint, glaubt Ihr dieſe Gabe Euch ſelbſt mit Euern menſch⸗ lichen Kraͤften erwerben zu koͤnnen. Vergebt, aber mich ſchaudert vor dem Gedanken, das hoͤchſte Gnadengeſchenk —— 319 durch den Hochmuth der Menſchen verunglimpft zu ſehn. Die Welt iſt die Verſuchung, der wir entſagen ſollen, um Frieden zu finden. Wir koͤnnen nicht mit der Welt im Einklang ſein und zugleich auch mit dem Willen Gottes, denn die Welt verlockt uns ſtets zum Widerſpruch gegen denſelben, ehe wir Alles in ihr als eine Verſuchung zum Boͤſen anſehen lernen und ihr gaͤnzlich abſagen. Mein Geiſt iſt muͤde und ſchwach, erwiderte Ma⸗ ria ſanft, und ich moͤchte Euch kein Aergerniß geben, da Ihr ſicher gefunden habt, was Ihr als ein unmit⸗ telbares Gnadengeſchenk Gottes anſeht. Nein, nein! unterbrach Electa hier die angefan⸗ gene Rede mit mehr Eifer, als Maria dieſem ſtillen Weſen zugetraut. Nein, glaubt nicht, daß ich zu den Gewuͤrdigten des Herrn gehoͤre, denen er ſeinen Frieden gab. Wenigen nur wird ſo großer Lohn zu Theil, We⸗ nigen nur; und ich trage den Fluch der Welt noch auf meinem verlockten Geiſt, und mein Gebet iſt unfruchtbar und kann dieſe Seligkeit nicht hernieder flehen. Zehn Jahre ſind es, daß ich in wahrer reumuͤthiger Erkennt⸗ niß einer Welt entſagt, die den Geſetzen chriſtlicher De⸗ muth Hohn ſpricht, und die empfangene Suͤnde hat noch ihren Stachel in mir zuruͤckgelaſſen. Und Ihr, armes junges Weſen, ſcheint in dieſer Welt und unter allen 320 ihren zahlloſen Verlockungen die Erlangung des Frie⸗ dens zu hoffen, der ſelbſt da ausbleibt, wo alle Verſu⸗ chungen der ſuͤndigen Welt vor dieſen heiligen Mauern umkehren. Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zer⸗ knirſchung, den peinlichen Zuſtand der armen Seele ſehn, die unter dem Schleier ſtiller Ergebung ein ſo unruhig kaͤmpfendes Herz barg. Es iſt nichts ſo wirkſam, ein edles Gemuͤth aus den Banden des eignen Kummers zu erloͤſen, als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden, welches bei jun⸗ gen Perſonen uͤberdies noch ſtets den Wunſch belebt, einwirkend zu helfen; waͤhrend längere Erfahrung uns die Unzulaͤnglichkeit dieſes frommen Eifers einſehen laͤßt und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuſchauer macht. Ihr fandet alſo auf dem eingeſchlagenen Wege nicht den Frieden, nach dem Ihr trachtet? hob Maria nach einer kleinen Pauſe gutmuͤthig forſchend an. Ihr haͤttet Euch in der Welt erſt mit ihr verſoͤhnen muͤſſen, jetzt ſteht ſie wie eine Feindin hinter Euch, und der Haß, den Ihr empfindet, ſtoͤrt eben Euern Frieden, und er koͤmmt nimmer von Gott. Seine Welt iſt eine heilige Offenbarung, und unſere Unvollkommenheit iſt es, wenn wir ſie mit Suͤnden belaſtet ſehn. 321 Sprecht nicht ſo, Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt, und daß Ihr im Irrthum ſeid! Es iſt Gottes Wille, daß wir die Welt haſſen ſollen, um uns davon los zu reißen und dem Himmel in ſeiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden. Um der Unſterblichkeit unſerer Seele willen müſſen wir den ewigen Tod der Sünde fliehen; uns kann nur Ruhe in dieſer Welt, Verſoͤhnung in jener werden, wenn wir die Verſuchung haſſen lernen und im Gefuͤhl unſerer Schwaͤche davor fliehen. Ihr ſeid noch in der ungluͤcklichen Sucht befangen, Euch ſelbſt zu berathen, daher hofft Ihr ſo weltlich, weil das Welt⸗ liche Eurer ſuͤndigen Neigung zuſagt. Erſt wenn wir uns ſelbſt verlaſſen und die ganze Laſt unſerer Verant⸗ wortung einem Gotterfuͤllten Fuͤhrer anheim ſtellen, erſt dann ſehen wir ein, wie nutzlos wir uns abmuͤhten in der eigenen regelloſen Thaͤtigkeit. Eine Gnade Gottes iſt der geiſtliche Gehorſam, dem wir allein dann angehoͤren, und von bevorrechteter geiſtlicher Erkenntniß gelenkt, werden wir von der Suͤnde entfernt.— Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr, ſprach Ma⸗ ria, daß jene Gotterfullten, bevorrechteten Füͤhrer faͤhig wurden, uns Irrende zu leiten und verantwortlich fuͤr uns zu werden? Glaubt Ihr nicht, daß ſie mit ſich ſelbſt erſt anfingen und der Selbſtberathung nicht über⸗ hoben waren, um ihren Geiſt zu der Höhe zu fuͤhren, Godwie⸗Caſtle 1I. 21 322 die ſie nun erſt fuͤr Andere zu einem ſchuͤtzenden Vor⸗ mund ihrer ſchwaͤchern Seele macht? Die heilige Kirche, erwiderte Electa, verleiht ihren Dienern, ohne ſie durch die befleckenden Wege gewoͤhn⸗ licher Menſchennoth zu fuͤhren, die Hoͤhe und Heiligkeit, von welcher den Schwaͤchern mitzutheilen ſie berufen ſind. Ein ganzes Leben, in heiliger Einſamkeit und Unſchuld zugebracht, ein Leben, an das nie ein irdiſches Verlan⸗ gen ſtreifte, ein Leben, das durch die Satzungen der Kirche uͤber uns ſo weit erhoben iſt, ſoll von uns nicht mit dem Maaßſtabe gemeſſen werden, der unſer eignes irdiſches, unvollkommenes Daſein uns giebt. Wenn ih⸗ nen Kaͤmpfe aufgegeben ſind, wie uns allerdings die Geſchichten der Heiligen ſagen, ſo ſind dieſe ſo weit uͤber denen, die wir zu beſtehn haben, daß ihrer theilhaft zu werden, ſchon eine Heiligung für uns wäre. Die Noth, die uns beugt, liegt als ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn; und doch ſuchen ſie den Seufzen⸗ den dort auf, doch wiſſen ſie ihn zu finden, und die reine Atmoſphäre ihrer Naͤhe, zu der ſie uns hinziehn, iſt der Anfang, womit ſie uns Schauder erregen vor unſerer weltlichen Geſtaltung. Denn allgemach zu dem Muthe zu erſtarken, die Seele aufzuthun, die Suͤnde auszuſprechen, von der wir uns ſelbſt nur ein luͤgenhaf⸗ tes Geſtändniß abzulegen vermoͤgen, die Wahrheit auf⸗ 323 gedeckt zu hoͤren von dem geheiligten Munde des Reinen, Untadeligen und uns ſelbſt baar von jeder Taͤuſchung zu erkennen; ferner in der Angſt und Qual der Suͤnde, die uns dann befällt, an ihn uns feſthalten und uns nicht verloren halten zu duͤrfen, ſo lange wir ihm ge⸗ horchen, ja von ihm die Laſt unſerer Suͤnde getragen zu fuͤhlen, ihn verantwortlich dafuͤr gemacht zu ſehen, wenn wir blos befolgen, was ſein heiliger Mund gebie⸗ tet— wie wäre damit die eitle Sucht zu verbinden, die Retter unſerer Seele ſelbſt auf eine Linie der Be⸗ trachtung mit uns zu ſtellen, da ſie doch ſo hoch uͤber uns ſtehn. Es muß ein ſchoͤnes Loos ſein, das gefunden zu haben, was Ihr ſchildert, erwiderte Maria. An einem hochbegabten reinen Geiſt in unſerer Nähe uns aufzu⸗ ranken und in ſeiner Klarheit leicht zu erkennen, wo in uns ſelbſt es dunkel blieb; Wahrheit gebend und em⸗ pfangend, ſich auszuheilen von dem leicht gehegten Schein derſelben, das iſt ein ſeliges Loos; wer es gekannt, und einſam dann verbleiben muß, der welkt am Boden fruͤher hin. England, rief hier Electa mit heiligem Eifer, iſt arm geworden an dem heil'gen Troſte, den ich meine, und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme Land. Der Suͤnder will vom Suͤnder Schutz, der von derſel⸗ 21* 322 ben irdiſchen Noth belaſtet ſeufzt, und der fuͤr den Lei⸗ denden an ſeiner Seite nur dieſelbe Qual zum Aus⸗ tauſch der Empfindung, nicht aber die Kraft zu ent⸗ ſuͤndigen erhalten hat. Alle, die dem neuen Geiſte froͤh⸗ nen, alle die, gleich Euch, Mhlady, wie mir daͤucht, an weltliche Bande denken bei dem, was ich auf jene hoͤhern Geiſtlichen bezog, die werden welk werden vor der Zeit. Denn es iſt zwar noch die Wurzel, die ihrer in⸗ neren Natur gemäß Zweige und Ranken treibt, aber die Hand des Gärtners fehlt, die ſonſt empor das ſtre⸗ bende Gewaͤchs gezogen hätte; ſich ſelbſt uͤberlaſſen, uͤber⸗ wäͤchſt ſich der Keim, erſtickt in eigener ungeregelter Fuͤlle und welkt am Boden hin.— Dies Gleichniß ſcheint Ihr, gute Schweſter, auf unſere Kirche zu beziehen, und fragen moͤchte ich Euch dagegen, ob Ihr denn die Eure noch auf dem Stand⸗ punkte glaubt, den Ihr ſo eben ſchildertet, und der ſich allerdings in ihrer fruͤheren Entwickelung vorfand. Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der frommen Maͤnner denken konnen, welche zuerſt die Inbrunſt ihrer Liebe und Anbetung unter jenen Formen darzuſtellen ſtreb⸗ 6 ten, worin nach ihnen ſo viele Tauſende mit gleicher. Inbrunſt ihr heißes Andachtsgefühl verſenkten, und es heiligten und heilig uͤbertrugen, durch das unſchuldige Verlangen, das Hoͤchſte, was uns gegeben ward, zu 325 ehren. Sie hatten ſicher einen goͤttlichen Ruf empfangen, und erſtaunenswuͤrdig bleibt, was ihnen in einer Welt⸗ herrſchaft gelungen, welche ohne Beiſpiel in der Ge⸗ ſchichte ſteht, und deren Segensfuͤlle in allen Richtungen nachzuweiſen iſt. Doch eben ſie, die Geſchichte, lehrt uns auch die ganze Stiftung als ein Menſchenwerk be⸗ trachten, das der Welt ſeine großen Dienſte that, und, des Inhalts entledigt, den das Beduͤrfniß erheiſchte, nun leer geworden iſt und den Gang alles Irdiſchen, allmäligem Verfall entgegen geht. Noch ſind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermoͤgend, einen Sinn hinein zu legen, dem ihrer erſten Stifter aͤhnlich. Aber dies iſt individuell, es iſt nicht mehr das Werk, der Geiſt der Kirche! Haltbar iſt nicht, was Baſis einer Weltentwickelung war, die, erreicht, nun ein anderes Beduͤrfniß ſucht und findet; und ſo, erlaubt es mir zu denken, iſt die Reformation entſtanden, nicht Menſchen⸗ werk dem Menſchenwerk entgegen, ſondern nothwendige Entwickelung der Menſchheit in ſich, das Beduͤrfniß eines hoͤheren Lebens im Geiſte, unabhängig von dem Ver⸗ hältniß berechtigter Menſchen, der Prieſter, zu unberech⸗ tigten, den Laien: mit einem Wort, ein Leben mit Gott durch den freien Genuß des Evangeliums. So bin ich gelehrt worden zu denken, und ſo ſehe ich Eure Kirche nicht tadelnd, aber als ein ehrwuͤr⸗ — diges Vergangenes an, und weiß gar wohl von ihrem wahren Inhalt zu trennen, was nothwendig mit ih⸗ rem Verfall als Suͤnde ſich von ihr aus verbreitet hat.— Ungluckſeliges Kind, ſprach hier Electa, ſich be⸗ kreuzigend, welch' ein Geiſt ſpricht aus Euch? Ach, Herr, Herr! Du pruͤfſt mich hart in dieſer Verſuchung, warum muß ich, die Schwache und Ohnmaͤchtige, un⸗ ſere heilige Kirche angreifen hoͤren? Warum muß ich in ein Gemuͤth blicken, das ſicher geworden iſt in ſo ſchrecklicher Verlaͤugnung!— Es war nicht meine Abſicht, Euch weh zu thun, unterbrach Maria die Erſchütterte in ihren Klagen; ich war eben nicht in der Stimmung, ſo ernſte Dinge mit Euch zu erwägen. Ihr ſelbſt habt mich dazu belebt, und die einmal gewonnene Ueberzeugung zu unterdruͤcken, fehlt mir jede Anlage. Glaubt nicht, in mir eine ver⸗ haͤrtete Seele zu finden, ich hoffe eine Chriſtin zu ſein, und mein Herz iſt voll von dem Glauben an die Of⸗ fenbarung. Laßt uns damit beſchließen; wir moͤchten ſonſt weit uͤber unſere Befugniß uns hinausreden. Und jetzt trat Pater Clemens zu ihnen, von dem es ungewiß blieb, ob er ein Zuhoͤrer geweſen, da ſein gelegenes und geräuſchloſes Herzutreten die Antwort der jetzt ſich entfernenden Schweſter Electa verhinderte, und es im Zweifel ließ, ob ſie nachgiebiger oder zuruͤck⸗ ſtoßender ausgefallen ſein wurde. Maria richtete, ſichtlich erfreut, ſich ihm entgegen, und es war nicht zu uͤberſehen, wie ſie, hold ihn anlaͤ⸗ chelnd, auf dem einzigen ihr gebliebenen bekannten Ge⸗ ſicht ein Wohlwollen ſuchte, das ſie bei der Fremdheit und Verlaſſenheit ihrer Lage feſtzuhalten ſtrebte. Aber Pater Elemens vermied den Blick dieſes wiederbelebten Auges, und nachdem er ſanft, aber kurz nach ihrem Befinden gefragt, kuͤndigte er ihr trocken an, daß er komme, ihr Lebewohl zu ſagen, da er vor Nacht das Schloß verlaſſen werde. Bei dieſer Nachricht fuͤhlte ſich Maria wie von einem betaͤubenden Schlage gelaͤhmt, und gleich darauf von einer Fluth ſo niederſchlagender und angſtvoller Vor⸗ ſtellungen uberwältigt, daß ſie faſt einen Schrei aus⸗ ſtieß und wie vor einem Schreckbilde ihr Geſicht ver⸗ huͤllte. Pater Clemens fuhr indeß, ohne ſich davon ſcheinbar bewegen zu laſſen, mit Ruhe fort: Ihr findet hier ehrenvollen Schutz und alle Gelegenheit, Euern Geiſt in die Simmung zu bringen, die Eurer Zukunft die entſprechendſte iſt. Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen, Ihr werdet Euch Liebe und Wohl⸗ wollen erwerben koͤnnen, und jede Theilnahme finden, die der Tugendhafte ſtets fuͤr alle wahren Intereſſen 328 des Lebens empfindet. Vor Allem aber denket mit Dankbarkeit gegen Gott daran, daß Ihr durch die Bo⸗ ten ſeiner Gnade auf Erden aus den Fallſtricken des Laſters errettet ſeid. Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet iſt, ſetzte er mit weicherer Stimme hinzu, empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten, Euerm Geiſte diejenige Stimmung zu verleihen, die Euch den Frieden in Euch und zu Euern Umgebungen ſichert. Der Herr ſegne Euch und——— Maria fuͤhlte eine kalte Hand auf Ihrem Scheitel, und den an⸗ gefangenen Segen, dem nun die ſchnelle Trennung folgen ſollte, unterbrechend, ergriff ſie die Hand des Moͤnches und zeigte ihm mit dieſer raſchen Bewegung ihr ruͤh⸗ rendes, von Schmerz und Angſt entſtelltes Angeſicht. Nein, nein! Ihr koͤnnt mich nicht verlaſſen wol⸗ len, rief ſie bebend, ſo den letzten Troſt nicht von mir ziehen; Ihr wollt mich beſtrafen fuͤr meine Ungeduld am Morgen, mich noch mehr erſchrecken. Rein! rief ſie lebhafter, ſeine Antwort unterdruͤckend, Ihr koͤnnt mich in dieſer fremden Welt nicht ohne Schutz laſſen. Bleibt nur hier, ich bitte Euch! Still will ich ſein und Euch gehorſam, wie ein Kind dem Vater; Alles will ich thun, was die ſchreckliche Gebieterin verlangt, denn mein Inneres kann ich behuͤten, und das Aeußere zu befolgen, ſoll mich Demuth lehren und Nachſicht ge⸗ gen fremden Willen. Ich will das duͤſtere Nonnen⸗ kleid anlegen, fuhr ſie fort, die ſteigende Bewegung des Pater Clemens nicht ſehend, ja, ich will hinab ſteigen in die finſtere Gruft, wo Ihr Gott dient, und hier, wie da, werde ich beten koͤnnen. Aber geht nicht fort, wenn Ihr nicht den Tod uͤber meinen geaͤngſtigten Geiſt herniederrufen wollt; oder muͤßt Ihr fort, ſo nehmt mich mit. Fuͤrchtet nicht fuͤr mich auf einer vielleicht beſchwerlichen Reiſe. Ich will Alles entbehren, was die Pflege des Koͤrpers erheiſcht, ich will mit Euch zu Fuße wandern; ich habe Kräfte, glaubt wir. Ach, er⸗ druͤckt nur nicht den Geiſt in mir, raubt dem Herzen nicht den letzten Hoffnungsſtrahl, und Ihr ſollt mich ausdauernd finden und unermüdlich in Allem, was Ihr begehrt. Pater Clemens hatte nicht ohne Ruͤhrung und Er⸗ ſtaunen ihren Worten gehorcht. Maria hatte in ihrer Angſt die Kenntniß der unterirdiſchen Kirche verrathen, und ihm zugleich eine Anhänglichkeit und ein Vertrauen gezeigt, daß er ſeinem Herzen nicht wehren konnte, zu uberlegen, ob den Geboten Genuͤge zu leiſten ſei, die ihn von ihr vertrieben. Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit ſeinem menſchlichen Gefuͤhle ſein; ſchnell kehrte der gewohnte Einfluß des Gehorſams wieder, und 330 er ſuchte ſich mit der Hoffnung zu troͤſten, ihr Schick⸗ ſal koͤnne noch in dem hoͤhern Willen ſeiner Obern eine beſſere Wendung nehmen. Ich muß Euch zwar hier verlaſſen, hob er daher bald gefaßt an, als ihr Blick ängſtlich ſeiner Antwort entgegen ſah, doch geſchieht dies mit der innigſten Ueber⸗ zeugung, daß für Euer Wohl damit geſorgt iſt. Ich habe bei dem, was Ihr mich thun ſeht, keine freie Wahl, mir ſteht nicht zu, zu ändern und zu klugeln, mir fehlt die Ueberſicht von dem, was noͤthig iſt; es wird erreicht, indem ein Jeder ohne Einſpruch auf ſei⸗ nem Platze das Befohlene thut. Dies genuͤgt uns und iſt Erfuͤllung unſeres Berufs. Ha! rief Maria, ſich erhebend und mit gluͤhenden Wangen vor ihn tretend, wo iſt die fuͤrchterliche Ge⸗ walt, die Euern hellen Geiſt in ſolche Knechtſchaft zwaͤngt? Wer ſeid Ihr, daß Ihr das hohe Recht der Menſchen aufgegeben, frei der eigenen Ueberzeugung zu folgen? Wie hat man es vermocht, Euch ſo in Feſſeln einzuſchlagen, daß Ihr Euch der freien Berathung mit Euch ſelbſt entzieht, und blind und ohne Zweck ein ab⸗ geriſſenes Daſein lebt, unwiſſend, ob der Weg, den Ihr mit feſtgeſchloſſenen Augen geht, derjenige ſein wird, auf dem Ihr vor Gott dereinſt wuͤnſchen werdet Euch be⸗ funden zu haben! Iſt das die Stimme des Gewiſſens, 331 der wir folgen ſollen, die Euch von dem verlaſſenen We⸗ ſen fortruft, welches, verlockt durch falſche Kunſt, aus ehrenvollem Schutz getrieben, hier unter grauenhaften Umſtänden von neuen, dunkel drohenden Gefahren ſich umgeben ſieht? O, werft ein ſo fremdes Weſen von Euch, gehorcht dem heiligen Geiſte, der in der Bruſt des beſſern Menſchen Thun und Laſſen richtet! O, daß ich Euch ruͤhrte, fuͤr Euch ſelbſt, fuͤr mich! Es entſtand eine Pauſe. Der Pater war in eine Stimmung gebracht, die ihn entſetzte; doch in dem Maaße, als er, was er eben vernommen, innerlich wie eine harte Verſuchung zu bezwingen trachtete, riß er ſich mit ſeiner ganzen Kraft davon los, und erwiderte mit mehr Kaͤlte und Häͤrte, als zu erwarten war: . Haltet ein mit Euern unbeſonnenen Reden; Euer Verſtand iſt ein keckes Ding und uͤberbietet mit leichten Worten ſchnell jedes Maaß, womit Ihr wenigſtens trach⸗ ten ſolltet, das zu wuͤrdigen, was fremd oder widerſpre⸗ chend erſcheint. Lernt erſt begreifen, daß, wer zu gehor⸗ chen vermag, in ſich einer groͤßern Kraft bedarf, als zum Widerſtehen gehoͤrt, daß nur der mit Ruhe die äu⸗ ßere Freiheit aufgiebt, der ſie nach Innen geſichert haͤlt, und daß der Weg kein fremder iſt, auf welchem das Panier des Heilandes weht. Eben darum verſtummt die neugierige Frage, ob ſeine Bahn auch rauh und oͤde, 332 uͤber Fels und Trümmer, durch ſtille, nie bemerkte Thä⸗ ler fuͤhre. Ihr wißt es ſelbſt nicht, wie ich in Euerm Weſen eben jetzt die Weisheit derjenigen verehre, die Euch hier zur Erkenntniß Eurer ſelbſt die Gelegenheit geben.— Scheltet mich, wie Ihr wollt, rief Maria, ſchnell ſeine weitere Rede hindernd, aber verlaßt mich nicht; ſtellt mich ſo unmuͤndig dar, wie Ihr wollt, uͤberzeugt Euch nur, daß ich um ſo mehr Eures Schutzes bedarf. Ich glaube, daß Ihr mich kennt, und Eurer Weiſung will ich gehorchen; aber ſchweigt mir von der fremden Macht, von der ich mich gekannt denken ſoll. Oder, fuhr ſie ploͤtzlich ernſter fort, ich muß glauben, wer ich bin, zu wem ich gehoͤre, iſt nur ein mir vorenthaltenes Geheimniß, und jene Obern tragen irgend eine Abſicht, mich, die Freigeborne, hier als Gefangene verſchmachten ₰ zu laſſen. O entſetzliches Loos! Koͤnnt Ihr es denken, dauert Euch meine Jugend nicht, nicht der Schmerz derer, die mich vielleicht zu finden trachten, und denen ich hier widerrechtlich vorenthalten bin? Ihr werdet mit dieſer Art, die Umſtände anzu⸗ ſehen, erwiderte der Pater, unter die Ihr Euch fügen muͤßt, Euer Loos ſchwerer machen, als es der Wahr⸗ heit nach zu nennen iſt. WMNehmt die Dinge ſo einfach, wie ſie vor Euch liegen, und uberlaßt es der Zeit, die 333 Veraͤnderungen darin hervorzurufen, die der Himmel Euch beſtimmt.— Ach, welch ein Rath, fuͤr ein Herz, das in ſo kur⸗ zer Zeit alle Gefahren einer ſchutzloſen Lage durchkäm⸗ pfen mußte, und ſich nicht verhehlen kann, daß es auf ſich, auf ſeine eignen Kraͤfte angewieſen iſt, auf eine Er⸗ fahrung, ſo jung und ungepruͤft, die, muß ich Euern Worten glauben, ſo unzulaͤnglich ſich erwies, daß es einer fremden Einwirkung bedurfte, um die ſchrecklichen Folgen des erſten ſelbſt gelenkten Schrittes abzuwenden.— Ihr ſolltet daraus lernen, wie wenig Ihr zur eig⸗ nen Lenkung Euers Schickſals berufen ſeid, und dank⸗ bar anerkennen, daß Eurer Jugend dieſe Huͤlfe von ei⸗ ner Seite koͤmmt, wo mit der reifſten und weitreichend⸗ ſten Erfahrung der Wille ſich verbindet, ſie zu Euerm Nutzen anzuwenden.— Nein, nein! Ihr uͤberredet mich umſonſt, dieſe heimlich waltende Macht als eine wohlthätige anzu⸗ ſehen; ihre Anordnungen ſind im eigenen Intereſſe, mit Beſchraͤnkung der Freiheit deſſen angeordnet, dem ſie zu helfen vorgiebt. Ich will mich frei erklären. Ich verlange uͤber mich Gewalt zu haben; dieſe Mauern will ich verlaſſen, und heute noch; ich will von Gott geſchuͤtzt den ſuchen, der allein ein Recht hat, mir zu gebieten.— Da Ihr denn ſelbſt dieſem heiligen Schutze ent⸗ ſagt, ſo danket Gott, daß Niemand in dieſen Mauern lebt, der Euch zu willfahren berechtigt iſt. Ich warne Euch noch ein Mal, ergebt Euch mit Gelaſſenheit in Eure Lage. Der Widerſtand moͤchte eine Aufmerkſam⸗ keit erregen, die Euer Schickſal auf eine Weiſe beſtimmte, wie Ihr ſie am meiſten fuͤrchtet, und wie ſie jetzt viel⸗ leicht noch abzuwenden iſt, wenn Ihr ſtill ergeben Euern aufſtrebenden Geiſt verberget.— Ihr ſprecht in Raͤchſeln und laßt doch ahnen, man habe mich zu andern Zwecken hierher gebracht, als mich der Schande zu entziehen. Ihr wißt mehr. Es iſt ge⸗ wiß, Ihr kennt die Abſicht, die uͤber mich beſtimmt, und ſeid nicht ohne Mitleid, ohne Theilnahme. Erbarmt Euch denn und thut mehr; entreißt mich dieſer Lage, die ſo viel Bedrohliches in ſich ſchließt. Ich muß Euch vertrauen, obwohl Ihr Euch ſo klein, ſo gering als Die⸗ ner jener fremden Macht bezeichnet. Ihr habt ein Herz, ich weiß es: Ihr koͤnnt es nicht ſo ſehr im Gehorſam erſticken, daß es Euch nicht ſagte, was menſchlich und ge⸗ recht iſt. Füͤrchtet nichts von meiner heftigen Weiſe, die ſtärker iſt, als ich ſie ſonſt in mir kannte, was ich jetzt wohl fuhle; denn die Kräfte des Menſchen, wenn ſie er⸗ weckt werden, treiben gute und boͤſe Fruͤchte, und, ein⸗ gehegt von treuer Liebe und belebt vom reinſten Ver⸗ 335 trauen, kannte ich den Widerſtand nicht, den ich heftig in mir ſich regen fuͤhle, wo Beides aus meinem Leben nun verſchwunden iſt. Doch ich will mich gegen Euch ganz bezwingen lernen; denn Euch muß ich am meiſten jetzt vertrauen, wenn ich auch wuͤnſche, Ihr vertrautet in hoͤherem Grade Euch ſelbſt. Es ſind erſt Stunden verfloſſen, ſeit mein Geiſt von einer Schwaͤche befallen war, die, mir ſonſt fremd, mich jetzt mit Angſt erfuͤllt. Ich glaubte ſonſt, der aͤußern Noth zu widerſtehen, ſei das Schwerſte; aber ein toͤdtliches Grauen unſchleicht mich, wenn ich denke, der Geiſt wird endlich muͤde und ſchläͤft ein; im Schlaf koͤnnte er geſchehen laſſen, wovor ihm beim Erwachen grauete. Seht, ſagte ſie leiſer und mit kindlicher Furchtſamkeit ihm nahend, ich zittere fuͤr das Heil meiner Seele! Ihr koͤnnt nicht laͤugnen, ehr⸗ wuͤriger Herr, hier wird ein andrer Glaube, als der meine, ſtreng geuͤbt, man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden, man wird den Uebelſtand durch Bekehrung heben wollen, und ſeit heute Morgen fehlt mir der gute Muth, ich koͤnnte ſiegend mir ſelbſt ge⸗ treu verbleiben. Ich ſehnte mich zu ſterben in meinem Schmerze, und konnte nicht recht beten, und jeder Troſt, der lebenskräftig ſonſt aus meinem Glauben mir entgegen trat, war mir ſo fern, wie hinter Nebeln ein Freund, den man nur ſchwach erkennt. Das koͤnnte wiederkeh⸗ 336 ren; ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll; ſterben moͤchte ich, nur nicht den Ruckſchritt thun zu Eurer Kirche, und moͤglich halte ich ihn blos, weil mir die neue Erfahrung geworden iſt von meiner Geiſtesſchwaͤche.— Ungluͤckliches Kind! ſprach nach einer Pauſe der Geiſtliche mit mehr Gefühl, als er ſich geſtatten wollte, Ihr ruͤhrt mich, ſo ſehr ich Euch im Irrthume ſehe, und darum deſto mehr. Warum ward Euerm fähi⸗ gen Geiſte nicht von Jugend auf die ſanfte Lenkung unſrer Kirche zu Theil? Nicht Furcht, nicht Zweifel beugten dann Euern Muth; Ihr wuͤrdet in jedem Glau⸗ bensbruder die Verwandten wieder finden, die Euch ent⸗ riſſen ſind, wie Tauſenden vor Euch. Das iſt der Fluch von jener Spaltung der wahren, vom Heilande einge⸗ ſetzten Kirche, daß Menſch vom Menſchen geſchieden ſteht im irren Zweifel, daß der Eine ſeiner Seele Heil nur dann behuͤtet glaubt, wenn er gering hält und ver⸗ achtet, was dem Andern heilig erſcheint. Wo iſt der Anhalt in Eurer Kirche, wenn der Geiſt ermuͤdet un⸗ terliegt, wie Ihr eben an Euch ſelbſt gewahrtet? Der Hochmuth Eurer Selbſtgerechtigkeit treibt Euch hinaus, weit uͤber die Grenzen Eurer wahren Kraſt. Ihr un⸗ terliegt in dem eiteln Treiben der Welt, und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieſer Wuͤße, nirgends den ſichern Port, in dem ihr ausruhen konnt, und Schutz 33* und Huͤlfe findet. Er iſt nur im Schvoße unſerer Kirche, nur Eigenthum der frommen Maͤnner, die in heiliger Betrachtung der goͤttlichen Dinge den Maaßſtab fur die richtige Wuͤrdigung irdiſcher Noth gefunden. Sie allein vermoͤgen uns zu ſtützen, wo wir erlahmen in dem wil⸗ den Jagen nach eitler Luſt; und Ihr fuͤrchtet dieſe Stütze, Ihr fuͤrchtet ſie in dem Augenblicke, wo Ihr Euch ſchwankend fühlt in Eurem ſtolzen Alleinſein.— Genug, ehrwuͤrdiger Sir, unterbrach Maria hier den Eifernden ſchnell; zu ſehr mahnt mich Eure Rede daran, daß ich nicht umſonſt furchtete, in dieſem Hauſe den Angriffen Eures Glaubenseifers ausgeſetzt zu ſein. Nicht zum polemiſchen Kampfe fuͤhle ich mich geruͤſtet, und billig ſolltet Ihr meinem Geſchlechte und meiner Jugend dies erlaſſen wollen, obwohl, verhehlen will ich's Euch nicht, mir Einiges beifällt, das darthun moͤchte, die Erde ſei uberall des Herrn, und Hinfällig⸗ keit druͤcke ihren Stempel auf alles Menſchen⸗Werk. Der Glaube, dem ich angehoͤre, giebt mir Kraft, und eben jetzt, mich aufzulehnen gegen falſches, unklares Trei⸗ ben. Frei bin ich geboren, und einem hohen Geſchlechte gehoͤre ich an, wenn uͤber ſeinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen iſt, in welchem ich Wahrheit von Trug nicht mehr zu trennen weiß. Dem gemaͤß darf ich nicht leiden, daß ich zu unbekannten Zwecken unbekann⸗ Godwie⸗Caſtle II. 22 ter Menſchen diene und muͤßt Ihr mich verlaſſen, ſo begehre ich mindeſtens durch Euch die kennen zu ler⸗ nen, die hier gebieten, auf daß ich mich offen mit ihnen ſelbſt verſtändigen könne. Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt; ihr ſchoͤnes Antlitz zeigte Licht und Farben, ihr ſchlanker Wuchs hob koͤniglich ſich hoͤher, und der Ton ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe, die aus einem ge⸗ kränkten Herzen koͤmmt. Pater Clemens uͤberſah dies nicht und führe wohl, wie wenig fuͤr's Erſte dieſe Stimmung geeignet ſei, ih⸗ rem Schickſal eine beſſere Wendung zu geben; aber dieſe Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefühl der Theilnahme verbunden und machte es ihm unmoͤglich, ihren Vortheil ganz zu uͤberſehen, ja, ihn beſchlich ſogar ein Gefuͤhl von Furcht vor derſelben Macht, der er diente, als muͤßte er ſie davor zu ſchutzen ſuchen. Viel⸗ leicht haͤtte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn dieſer menſchlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven ſeiner aufgenommenen Pflicht gemacht. Häufig indeß uͤbt eine wahrhaft edle Natur auf ein muͤhſam be⸗ zwungenes Gemuͤth, worin der edle Keim, uͤberbaut von Abſicht und Sophiſterei, begraben liegt, die magiſche Ge⸗ walt, belebend zu dem halb Erſtorbnen einzudringen⸗ Es entſtehen ſo oft Zeichen eines hoͤhern Daſeins in ei⸗ nem ſonſt leer davon befundenen Leben, wunderbarer, als die Haſen in der Wuͤſte, und vergaͤnglicher und leichter uͤberſchuͤttet von dem heißen Sande des ringsum herrſchenden Bodens. Genug, der Pater zoͤgerte nicht, ein Menſch zu ſein. Wuͤnſcht dieſe Zuſammenkunft nicht in dieſer Stim⸗ mung, ſagte er leiſer, und laßt Euch warnen, den Geiſt nicht zu zeigen, der Euch belebt. Man fuͤrchtet eben Euer hochſtrebendes Gemuͤth, und wenn man ſich da⸗ von uͤberzeugt hielte, wuͤrdet Ihr nie mehr dieſe Mauern verlaſſen duͤrfen. Erſchreckt nicht ſo heftig, ſprach er beguͤtigend weiter, da er die blaße Stirn, den Schreck des edeln Weſens ſah, Ihr ſollt nicht umſonſt mir Ver⸗ trauen geſchenkt haben. Haltet mich nicht zuruͤck. Ich kann Euch nuͤtzlicher ſein in der Ferne, und ich will es, wenn Ihr mir dagegen feierlich gelobt, Euch hier mit Klugheit zu verhalten, durch keinen Widerſpruch eine zurnende Aufmerkſamkeit auf Euch zu lenken, ſtill eh⸗ rend Electa's und der Andern Glaubenseifer zu be⸗ gegnen, und ruhig den kuͤhnen Geiſt in Feſſeln ein⸗ zuſchlagen. Dann, fuhr er ſchwankend fort, glaubt man vielleicht, wenn ich zu Eurer Freiheit Euch das Zeugniß des beſchränkten Sinnes gaͤbe— doch genug, unterbrach er ſich ſichtlich beängſtigt. Die Theilnahme macht mich geſchwätzig; ich hoffe, Ihr werdet mich nicht mißverſtehn. Ich ehre jede Abſicht meiner Obern und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten, daß ich zu Duldung und Gehorſam Euch ermahnte. O, bereut nicht, edler Mann, was Euer menſchlich Herz Euch ſagen ließ, rief kindlich zärtlich hier Maria. Ihr habt genug geſagt. Kann ich auch den Grund von dieſem Verfahren nicht erkennen, ſo weiß ich doch die Abſicht und will mich wahren, mit Gottes Bei⸗ ſtand, obwohl ich niemals abſichtlich zu täuſchen gelernt, ſondern es ſtets verſchmaͤht habe. Ich will Gott bitten, daß er mir eingebe, was noͤthig iſt, die Feinde hier zu taͤuſchen; denn Freiheit iſt ſo ſuͤß, und jenſeits dieſer Mauern lebt noch ſo manche heitere Hoffnung. Ach, helft mir ſie erringen, und glaubt mir die ſchoͤne Welt, die Gottes Offenbarung war, ſie iſt nicht ſuͤndig, und Suͤnde nur iſt, was ſie von Gottes Ebenbild trennt. Thräͤnen floſſen auf die Hand des Prieſters, die Maria mit den ihrigen feſt umſchloſſen hatte, und ſo lebensvoll, ſo uͤberzeugt ſprach ſie ihm zu, daß es faſt ſchien, als habe ſie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm verſucht und ſei weiter darin vorgedrungen, als mit ſeinem Berufe ſich vertragen wolle; denn das niedergeſchlagene Auge konnte nicht ganz verbergen, was ſeine ausdrucksvollen Zuͤge von innerem Widerſpruch und tiefer Ruͤhrung ſagten. So laßt uns ſcheiden, ſagte er fanft, und Gott be⸗ huͤte Euch und lenke Alles nach ſeinem Wohlgefallen. Sanft beugte Maria das Haupt, und ſegnend be⸗ ruhrte er es einen Augenblick. Leiſe, aber feſt, verließ er das Gemach, und Maria blieb nicht ſo troſtlos zu⸗ ruͤck, wie er ſie gefunden. Ein Strahl von Hoffnung erhellte die duͤſtern Räume ihres Herzens, in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen wiederkehrte und der Muth, dem Widerwärtigen zu begegnen.— Wir wollen nicht behaupten, daß Maria's Muth derſelbe blieb, als ſie am nächſten Morgen die Augen aufſchlug und ihre Gedanken darauf fielen, daß Pater Clemens laͤngſt aus dieſen Mauern entfernt ſei und ſie allein Allem gegenüber ſtehe, was ihr fremd und be⸗ ſorglich erſchien. Aber der geſunde Schlaf der Jugend hatte nicht umſonſt ihren Koͤrper erquickt; frei lebte er auf, und in ihm fand die Seele Ruhe. Margariths Vater bereitete das Fruͤhſtüͤck an dem lodernden Feuer des Kamins, während Maria ſich mit Huͤlfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete. Bei ihrem Eintritt empfing ſie eine ſehr feierliche Einladung des alten Dieners, der Herrin des Schloſſes ſich vorzuſtellen. Ich bin bereit, erwiderte Maria mit leichtem Wech⸗ ſel der Farbe; ſagt Eurer Dame meine Wilffährigkeit, ihr aufzuwarten. Sie wird die Stunde Euch vielleicht beſtimint haben, wann ſie mich empfangen will, denn wenig kenne ich noch die Ordnung des Hauſes. Ihro Gnaden beduͤrfen einer langen Morgenruhe, ſprach der alte Diener, die Augen niederſchlagend. Schweſter Electa wird Euch, Mhladhy, abrufen, wenn Ihro Gnaden dazu bereit ſind. Schoͤn, mein guter Alter, erwiderte Maria; wir ſind erſt kurze Zeit Bekannte, ich habe Euch aber Dank zu ſagen fuͤr die Sorgfalt und Guͤte, die Ihr mir bei einigen Zufaͤlligkeiten erwieſet. Schuldigkeit, durchaus Schuldigkeit, murmelte der alte erfreute Mann und ſchob den Seſſel zu dem Tiſch⸗ chen, worauf ein Fruͤhmahl bereitet ſtand, das der Schloßkuͤche Ehre machte und nicht vergebens auf⸗ geſtellt war fuͤr Maria's angeregte Eßluſt. Sie beſchaͤftigte ſich alsdann damit, die Einrichtung ihrer Zimmer zu muſtern, und unterſuchte beſonders ihre Bibliothek, die, allerdings von einſeitiger Auswahl, Maria auf's Neue die unheimliche Ueberzeugung gab, daß man auf alle Weiſe ihrem Geiſte jene Richtung zu geben trachte, welche in dieſem Hauſe die allein geduldete war. Eine kleine Ausgabe des italieniſchen Homers war hinter andern Buͤchern verborgen, offenbar eine Abwei⸗ chung vom vorgeſchriebenen Plan, die Pater Clemens ſich erlaubt. Es erfreute ſie dies um ſo mehr, da ſie eine 343 troͤſtliche Zuſage ſeiner milden, wohlwollenden Geſin⸗ nungen darin wahrnahm, das einzige Unterpfand aller Hoffnung fuͤr ihre Zukunft. Dieſe Veſchaͤftigungen wurden von der Schweſter Electa unterbrochen, welche erſchien, ſie zu dem bevor⸗ ſtehenden Beſuche abzurufen. Maria empfing ſie mit der ihr eigenen huldvollen Guͤte, und feſt entſchloſſen, den Rath des Pater Clemens nicht zu vergeſſen, ſo lange es ſich mit ihrer Wuͤrde vereinigen ließe, eilte ſie mit Margariths Huͤlfe, ihre Kleidung in eine ernſte Form zu bringen, was ihr leicht gelingen konnte, da ſie, zum Wechſel ihrer Reiſekleider, nur die bei ſich fuͤhrte, die ſie als Trauer fuͤr ihre Verwandte getragen. Ihre Juwelen ließ ſie zuruck, und die Fuͤlle ihrer ſchonen Lok⸗ ken verbarg ſie unter einer ſchwarz ſammetnen Haube, die, an der Stirn mit einer Spitze anliegend, in zwei kleinen Bogen bis zu den Wangen ſie umſchloß, und wenn auch allerdings zur herrſchenden Welttracht ge⸗ hoͤrend, doch ein ungemein einfaches und ernſtes Anſehn verlieh. Sie ſuchte waͤhrend dieſer Anordnungen ihr Gemuth zu ſammeln und den Schauer zu uͤberwinden, der jeden Augenblick, bei dem Andenken an das Er⸗ lebte, ihre Faſſung zu uͤberwältigen drohte; ja, ſie er⸗ mahnte ſich, hoͤchſt vorſichtig in ihren Aeußerungen zu ſein und Alles genau zu beobachten, was um ſie her vorgehe. Als ſie bereit war, folgte ſie der in großen Ernſt verſenkten Gefährtin, welche ſie zu dem Hausflur führte, von wo breit geſchwungene, ſchwerfällig verzierte eichene Treppen in die obern Zimmer des Schloſſes gingen. Ueberall zeigte ſich der prachtliebende Sinn der Er⸗ bauer oder Bewohner, und die polirten Stufen ſtimm⸗ ten vollkommen mit den dunkeln eichenen Waͤnden uͤberein, an denen in goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen, unterbrochen von kuͤnſtlich verzierten Wandleuchtern, welche doch ſchwerlich mit ihren dik⸗ ken gelben Kerzen die dunkeln Räume erhellen moch⸗ ten, die keinen lichten Gegenſtand zum Refler ihrer Strahlen darboten. Der truͤbe Morgen erhellte nur ſparſam dieſe Gegenſtände, denn ſein an und für ſich ſchwaches Licht fand keine Unterſtützung in den Schei⸗ ben von gemaltem Glaſe, die keinen Blick nach der Gegend geſtatteten, wohin ſie fuͤhrten. Auf der breiten ſaalartigen Bruͤſtung, wo ſich beide Treppen oben vereinigten, brannten ein paar ſchwache Kaminfeuer, und hier fand ſich ein Diener, der, dem leiſen Be⸗ fehl der Schweſter Electa folgend, hinter einem gro⸗ ßen, ſehr roh gezeichneten Gobelin verſchwand, welcher den Haupteingang zu den innern Gemaͤchern zu ver⸗ bergen ſchien. 345 Mit einem ſchrillenden Ton fuhr alsbald dieſe Vor⸗ wand zuruͤck, und von dem ſtummen Diener angewie⸗ ſen, traten Beide in das Innere ein. Der große Saal, der ſie aufnahm, ſchien gaͤnzlich unbenutzt, denn der weiße Marmor ſeiner Waͤnde zeigte ſichtlich die truͤbe Farbe des Staubes und der Feuch⸗ tigkeit, wovon die Luft durchdrungen war, und die faſt erſchreckend die Eintretenden anfiel. Es folgte auf der rechten Seite, wohin ſie ſich wen⸗ deten, eine Reihe von Zimmern, die reich mit Sammet, ſeidenen und goldenen Tapeten behaͤngt und ausgeſtattet waren, zugleich aber, ohnfehlbar aus einer neuern Zeit herſtammend, eine Reihe Gemälde aus der Heiligen⸗ und Legenden⸗Geſchichte enthielten, die jedes feiner ausgebil⸗ dete Gefuhl fur Kunſt empoͤren mußten. Vor der letz⸗ ten Thuͤr blieb Electa, welche alle dieſe Raͤume mit geſenktem Haupte durchwandert und bei ihrem raſchen Vorſchreiten Maria nur wenig Zeit gelaſſen hatte, Beobachtungen zu machen, einen Augenblick ſtehn, und Maria's Naͤherkommen erwartend, ſagte ſie leiſe: Ehr⸗ würdige Frau wird ſie genannt. Sie druͤckte die Thuͤr auf, und Maria ſtand in einem kleinen leeren Raum, der, von oben Licht em⸗ pfangend, einen Flur bildete, von wo eine ſchmale Wendeltreppe aus den untern Räumen in die Hoͤhe fuͤhrte. Augenblicklich rief dieſer Anblick ihr die Erzaͤh⸗ lung Margariths von jener Treppe zuruͤck, wo der ungluͤckliche, wahnſinnige Herr des Schloſſes ſeinen verzweifelnden Geiſt ausgehaucht hatte, und die kleine ſpitze Thuͤr, der ſie ſich naͤherten, ſchien mit ihrer brei⸗ ten Schwelle und tiefen Niſche das Sterbelager des Ungluͤcklichen zu ſein, auf dem ſeine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken ſuchte. Schaudernd blieb Maria ſtehn, und nahm wahr, wie Electa's Schritte gleichfalls zoͤgernd inne hielten, und ſie erſt nach einem kurzen Gebet, einer Bekreuzigung und Beſprengung aus dem an der Thuͤr aufgehaͤngten Weihkeſſel ſich zum Vorſchreiten anſchickte. Faſt wider Willen folgte ihr mechaniſch Maria, und ſie ſtanden nun wirklich in einem duͤſtern Schlaf⸗ gemach, mit dunkeln gruͤn⸗damaſtenen Tapeten und ei⸗ nem ungeheuern Himmelbett verſehn. Das Zimmer, in enger, halbrunder Form, durch einige ſchmale, hohe Fen⸗ ſter matt erleuchtet, war das Innere eines Thurms, zu deſſen anderer Hälfte eine etwas groͤßere Thuͤr fuͤhrte, der ſie ſich jetzt näherten. Dies zweite Gemach war von einem hellen Kamin⸗ feuer ſowohl erwaͤrmt, als erleuchtet, denn der Tag blickte auch hier nur ſparſam, kaum eingelaſſen, durch die ho⸗ hen, aber ſchmalen gothiſchen Fenſter. Das hell vor⸗ 347 ſpringende Feuer bewirkte aber, daß Maria, im erſten Augenblick geblendet, außer Stand war, die ſie um⸗ gebenden Gegenſtaͤnde zu erkennen, und mit gebeugtem Kopfe an der Thuͤr ſtehn blieb. Als ihre Augen ſich von dem ſchnellen Wechſel erholt hatten, ſah ſie ſich in einem etwas groͤßeren, runden und gewoͤlbten Zimmer, an deſſen getäfelten Waͤnden und Fußboden das Licht des Feuers zu erblinden ſchien, da das dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war, welche gefuͤhl⸗ verletzende Darſtellungen von Märthrergeſchichten enthiel⸗ ten, die eben keinen vortheilhaften Begriff von dem Sinn und Geſchmack der Bewohnerin erwecken konnten. Eine Niſche von kunſtreich durchbrochenem Holze umſchloß ein beſſer gelungenes Bild des Erloͤſers, vor dem zugleich ein Altar und ein Betſchemmel ſtanden. Einige hohe Sitze, welche gleich Chorſtuhlen zwiſchen den Fenſtern hinliefen und ein eben ſo verzierter Schreibtiſch waren der zunächſt zu uͤberſehende Inhalt des Gemaches, wovon Maria's Aufmerkſamkeit indeß abgelenkt wurde, da Electa ſie er⸗ muthigte vorzuſchreiten. Zunaͤchſt dem Kamin, doch ſo, daß ſein Schatten ſie deckte, gewahrte ſie nun in einem der hohen Chorſtuͤhle eine weibliche Geſtalt, welche mit hohler trockener Stimme ſie noͤthigte, näher zu treten. Kein Ton erinnerte Maria an die ſchrecklichen Laute des Wahnfinns, die ſie gefuͤrchtet hatte zu vernehmen, und 348 der Anblick der Perſon, ſo traurig und abſchreckend er war, paßte zu keiner der furchtbaren Erinnerungen. Sie war ohne alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehuͤllt, deſſen koſtbare Stoffe aus ihrer hoͤhern Wuͤrde ſich erklaͤren ließen, welches uͤbrigens blos ihr ſchlaffes, gelbes Angeſicht und ihre hagern, langen Haͤnde ſehen ließ, die von einem Ro⸗ ſenkranz umſchloſſen, muͤde vor ihr niederhingen. Maria, die eine Anrede erwartete, ſah ſich den pruͤ⸗ fenden, ſtechenden Blicken der duͤſtern Erſcheinung aus⸗ geſetzt, die, ohne alle Ruͤckſicht auf Gaftfreundlichkeit, blos das helle Licht des Kamins, in deſſen Beleuchtung Maria ſtand, zu benutzen ſchien, um die Perſoͤnlichkeit ihres Gaſtes vollſtändig zu erforſchen. So beleidigend dies auch war, ſo fuͤhlte Maria doch eine Beklemmung und Bangigkeit, die es ihr un⸗ moͤglich machten, ſelbſt dieſen kraͤnkenden Empfang zu unterbrechen; ja, ihr Auge hing faſt mit derſelben Achtſamkeit an dieſer unheimlichen Geſtalt, als muͤßte ſie ihre Bewegungen bewachen, um ſich vor ihr zu ſchuͤtzen.. Dies lange Examen ihrer Augen kuͤndigte ſich als beendigt an durch ein verächtliches Lächeln, welches plotz⸗ lich das lebloſe Geſicht der alten Ladh uͤberſchlich. Halb ſich ſeitwaͤrts wendend, redete ſie ſodann einen Mann 349 an, der hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf ver⸗ borgen ſaß: Es iſt dieſelbe eitle Schoͤnheit, die ich an ihr wahr⸗ nehme, und die ihre Herkunft mehr beſtätigt als die Verſicherungen der Betheiligten. Eine gute Aufgabe, wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau ſich auf ſie uͤbergetragen hat! Ihr koͤnnt dann Eure Weisheit zuſammen nehmen, denn zur Zeit reichten alle feſten Schloͤſſer von Schott⸗ land und England nicht hin, das zu huͤten, was unter ſo einer weltlichen Haube hockte.— Ein kurzes heiſeres Lachen vollendete die unverſtaͤndliche Rede. Wir vertrauen auch keiner weltlichen Huͤlfe, er⸗ widerte der Angeredete, ſondern dem Einfluß und der Fuͤrbitte unſerer gebenedeiten Mutter Gottes, welche Vorſorge traͤgt fur die Verirrten ihres Geſchlechts, wie Ihr in Demuth anerkennen werdet. Ein ziemlich mißlauniges Geſicht bog ſich von dem Antwortenden weg, waͤhrend die Haͤnde ohne Säumniß ein paar Kreuze ſchlugen und einige Kuͤgelchen des Roſenkranzes abzählten. So iſt es, hochwuͤrdiger Herr, ſprach ſie ſodann ſehr gleichgultig; die Heiligen haben das Vollbringen, und wer dies Geſchlecht kennt, wie ich, der muß hoffen, daß ſie ſich alle vereinigen werden, es zu vertilgen. Bei den letzten Worten zuckte ein wildes Feuer aus ih⸗ 350 ren Blicken, und fie ſchleuderte ſie wie einen Blitz auf Maria hin. Es iſt zwar nicht meine Wahl, daß Ihr hier ſeid, begann ſie jetzt, zu dieſer gewendet; denn dies Haus genießt eine Heiligung, die durch profanen Be⸗ ſuch nicht verletzt werden ſollte. Da man mich aber verſichert, Ihr wuͤrdet durch das Beiſpiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euern Irrthuͤmern zuruͤckgebracht werden, ſo darf ich die Hand zu ei⸗ nem Werke nicht verweigern, deſſen Verdienſtlichkeit ich in Demuth erkenne. Ich habe Euch demnach vor mich gefordert, um Euch die Erlaubniß zu ertheilen, unter uns zu erſcheinen und durch das, was Ihr ſehen werdet, Euern Geiſt in die Stimmung zu bringen, die Euch mit Eurem Gewiſſen verſoͤhnen wird. Maria kämpfte waͤhrend dieſer trocknen, unfreund⸗ lichen Rede mit aller Macht gegen ihr beleidigtes Ge⸗ fuͤhl; ihre Wangen roͤtheten ſich, und ihre Augen full⸗ ten ſich von dieſem ſchmerzlichen Kampfe. Ihr werdet ohne Zweifel wiſſen, erwiderte ſie jetzt mit bewegter Stimme, wie ich hierher gekommen, und wie wenig es in meine Willkuͤr geſtellt worden iſt, Euer Haus zu ſuchen oder zu vermeiden; wenn Ihr aber Gruͤnde habt, den Anordnungen derer, die mich 351 hierher fuͤhrten, zu folgen, ſo rechnet es mir nicht an, wenn ich Euch läſtig bin. Ich werde Eure Gaſt⸗ freundlichkeit, wenn Ihr mir ſie gewähren wollt, nicht durch ein ſtoͤrendes Betragen vergelten und, ſo lange ich hier bleiben muß, ehren, was Andern ehrenwerth erſcheint, wenn meine Erziehung mir auch eine andere Richtung gab.— Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte. Lange Erwiderungen ſind überall unpaſſend, wo ſtrenger Ge⸗ horſam das Einzige iſt, was verlangt wird, und man Eurer Verſicherungen nicht bedarf, da ſich von ſelbſt verſteht, daß Ihr keinen Einwand zu machen habt.— Ich muß bekennen, ehrwuͤrdiger Herr, fuhr ſie fort, mit demſelben kalten, verächtlichen Tone ſich wieder ruͤckwärts wendend, ich finde mich blos aus Achtung fuͤr Eure und des Pater Clemens hoͤhere Erkenntniß darein, dieſer jungen und, wie mir ſcheint, aͤußerſt uber⸗ muͤthigen Perſon eine Bevorrechtigung zu gewaͤhren, die nur alle jene eiteln weltlichen Gedanken nähren wird, von denen ihr Kopf ſichtlich erfullt iſt; auch muß ich mir einige Beſtimmungen über die Dauer ſolcher Nachſicht vorbehalten. Die Beſtimmungen, denen wir beide gehorchen muͤſſen, werden nicht ausbleiben, erwiderte eben ſo trocken der Angeredete; und die vorzuͤglichſte Dienerin 352 der heiligen verfolgten Kirche wird uͤber ihre Stellung zu dieſen Willens⸗Meinungen nicht im Zweifel ſein. Auf dem Geſichte der Ladh zeigte ſich waͤhrend die⸗ ſer Worte ein Kampf widerwilliger Art, und es koſtete ihr ſichtliche Muͤhe, eine Mäßigung zu behaupten, wie dieſer aufgenoͤthigte Gehorſam ſie ihr auflegte. Doch war es unverkennbar, daß die ältere Gewohnheit thran⸗ niſcher Eigenherrſchaft ſich mächtig gegen die ſtrengen Anforderungen eines Gehorſams auflehnte, an den ſie ſich nie ohne Bitterkeit erinnert ſuͤhlte.— Genug, genug! Ich ſage nicht, daß es fuͤr jetzt anders ſein ſoll; nur, wie lange, werde ich mit Eurem geiſtlichen Rathe in Ueberlegung ziehn; denn allerdings iſt es das Schloß der Howards, in dem wir uns befinden.— Ja, vollendete der Hochwuͤrdige dieſe Rede, und im Beſitz der hochwuͤrdigen Aebtiſſin zur heiligen Urſula. Hoͤhniſch warf ſie den Kopf zuruͤck, und die immer noch ſtehende Maria nun wieder in's Auge faſſend, ſprach ſie heftig und rauh: Die weltliche Haube will ich nicht wieder ſehen; Schweſter Electa wird Euch einen paſſenden Kopfputz bringen. Eure Kleider habe ich Euch noch fuͤr einige Zeit geſtattet. Ihr werdet fruͤh zur Meſſe erſcheinen, im Refectorium zu Mittag eſſen und die Vesper hal⸗ ten; dazwiſchen wird der hochwuͤrdige Pater Johannes 353 Euch Unterricht ertheilen, und in dem Maaße, als Ihr fortſchreiten werdet in der Entſagung von Euern Irr⸗ thuͤmern, werdet Ihr—— Ueberlaßt mir das Weitere, unterbrach ſie Pater Johannes, der die Vollendung ihrer Rede nicht zu wuͤnſchen ſchien, und wahrnahm, wie Maria, von dieſer übeln Behandlung erſchuttert, kaum aufrecht zu ſtehen vermochte. Er naͤherte ſich, aus ſeinem Verſteck her⸗ vortretend, dem zitternden Maͤdchen und führte ſie ſelbſt, von Electa unterſtützt, zur Thur hinaus. In dem kleinen Schlafzimmer hielt er ſie an. Laßt Euch, ſagte er beruhigend, durch den lobenswerthen, aber etwas heftigen Eifer der hochwuͤrdigen Frau nicht erſchrecken. Ihr werdet darunter nicht zu leiden haben, ſo Ihr Euch ſanft und aufmerkſam zeigt. Maria wollte reden, gleich auf der Stelle wollte ſie jeden Zweifel aufheben uͤber das, was man von ihr zu erwarten habe, aber ein krampfhaftes Schluchzen war der Tribut, den ihre geaͤngſtigte Natur verlangte. Ver⸗ geblich bemuͤhte ſie ſich, deutlich zu ſprechen, ſie brachte nur abgeriſſene und unverſtaͤndliche Worte hervor. Ich ſehe Euch wieder, unterbrach Pater Johannes dieſe mißgluͤckenden Verſuche; uberlegt wohl, was Ihr ſagen wollt, Euch wird weder Rath, noch Troſt feh⸗ len, aber huͤtet Euch, durch Widerſtand in Kleinig⸗ Godwie⸗Caſtle II. 23 —254— keiten Eure Verhaͤltniſſe hier muthwillig ſchlimmer zu machen.— Schweſter Electa, ich vertraue die Bekuͤm⸗ merte Eurer Vorſorge und Euerm Troſte.— Geht, geht, ſetzte er abwehrend hinzu und verſchwand hinter der Thuͤr in das Gemach, das ſie verlaſſen, waͤhrend Maria, von Electa geführt, den Weg nach ihren Zim⸗ mern zurucklegte. Ich denke, man hat uns da eine ſchwere Poͤnitenz auferlegt, hochwuͤrdiger Herr, begann die erzuͤrnte Ladh, vollig ihrer uͤbeln Laune hingegeben, als der Pater Jo⸗ hannes mit ernſtem und ruhigem Antlitze eintrat. Ein Aergerniß, denke ich, fuͤr Alle, die zu einer hoͤhern Be⸗ gnadigung in dies Haus gelangt ſind. Wenn die Aufgabe ſchwer iſt, die man uns gab, ſo iſt es nicht an Euch, dies zu rügen, erwiderte in gänzlich verändertem, ſtrengem Tone der Geiſtliche, da nur ſchwierige und widerſtrebende Ausuͤbungen Euch die Wohlthat erzeigen koͤnnen, Euern Geiſt von den Makeln der Welt zu erretten, die noch in zu großer Staͤrke Euch anhaͤngen. Ich denke, es gehoͤrte nicht zu Euern Auf⸗ gaben, die junge Perſon, die wir Euch zufuͤhrten, mit einer Strenge zu empfangen, die ſie verſchuͤchtern und gar zum Widerſtand reizen wird. Sie mußte zilraulich gemacht werden, ſie mußte die wohlwollendſten Geſin⸗ nungen bei uns annehmen koͤnnen, dann ſicherten wir 355 uns ihre Aufmerkſamkeit, ihre Nachgiebigkeit und Ge⸗ wöhnung, und der Einfluß eines einformigen, von aller Zerſtreuung fernen Lebens, dem ſie hier anheim fiel, ward dem heiligen Vorhaben guͤnſtig. Ihr habt jedoch, gleich dem hochmuthigen Kinde der Welt, Euerem eiteln Herzen und ſeiner Luſt, zu kränken und zu verachten, Genuͤge gethan, und wahrſcheinlich mehr Unheil in we⸗ nigen Minuten angerichtet, als in unſerer Macht liegen wird, je wieder gut zu machen. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, wie weit Ihr dadurch Euch von den Pflich⸗ ten entfernt habt, deren ſtrenge Erfullung doch das ein⸗ zige Mittel iſt, Euch hier den Schutz zu ſichern, deſſen Ihr beduͤrft, dort aber die Vergebung Eurer Suͤnden und die Errettung von ewiger Verdammung. Dieſe harte und ſtrenge Rede wirkte gleich einer Bannformel uber das gereizte Weſen der Lady. Er⸗ ſchreckt von dem bloßen Tone ihres Beichtigers, ſenkte ſie beim Anfange ſeiner Rede ſchon das Haupt, aber die harten Worte verletzten ſo ſichtlich ihr verwoͤhntes Ge⸗ muͤth, daß ſie bald wieder auffuhr, und mit Blick und Mienen ihre Empoͤrung anzudeuten ſuchte. Da der Geiſtliche aber die Streiche ſeiner Worte ſchaͤrfte, trat nach und nach die Furcht ein, welche man durch die ſtärkſten Mittel als das einzig moͤglich Joch ihr uͤber⸗ geworfen hatte, und alsbald zeigte ſich auch Zerknirſchung, 23* welche ihr die zuletzt gebrauchte Drohung um ſo lebhaf⸗ ter erregte, als ihr entnervter Geiſt, von den Vorwuͤr⸗ fen eines ſchwer belaſteten Gewiſſens bedraͤngt, nur zu empfaͤnglich fuͤr die Androhung kuͤnftiger Strafe war. So geſchah es, daß ohne Gegenrede ſich angſtvolle Seufzer aus ihrem Munde draͤngten, und zu allen Troſtmitteln ihrer Kirche ſchreitend, murmelte ſie die Gebete ihres Roſenkranzes und ſchlug mit blindem Ei⸗ fer Stirn und Bruſt. Pater Johannes ging indeſſen mit langen Schrit⸗ ten auf und nieder, und ſchien, nachdem er ſie zur Ruhe verwieſen, ſie ganz vergeſſen zu haben; und in der That ſuchte er ſeine Gedanken in Bezug auf die Per⸗ ſoͤnlichkeit der jungen Lady, uͤber deren fernere Leitung ihm Vollmachten geworden waren, zu ordnen. Die Lady hatte indeſſen ihre Andacht beendigt. Nicht wagend, das Nachdenken des wandelnden Prie⸗ ſters zu unterbrechen, und zu einem muͤßigen Hinbru⸗ ten auf ihrem Lehnſtuhl verdammt, fand ihr Geiſt all⸗ gemach den bequemeren und oft betretenen Weg zur Zeitlichkeit und zu jenen irdiſchen Zwecken wieder, die ihr, trotz aller aͤußern Form kloͤſterlicher Strenge, un⸗ moͤglich ſo fremd werden konnten, als man es zuwei⸗ len, um ſie in Furcht und Gehorſam zu erhalten, von ihr erzwang. 35* Der ungluͤckliche, verfͤhrte Herzog von Sommerſet war dem Henkerbeile nur durch Jokobs unbeſiegbare Liebe zu ihm entflohn. Dies Schloß war ihm zu einem Gefängniſſe der mildeſten Art angewieſen. Von der Theilnehmerin oder eigentlichen Urheberin ſeiner Verbrechen, ſeiner katholiſchen Gemahlin, Lady Fran⸗ ziska Howard, war dies alte Beſitzthum der Howards zum Heerde des in ihrem Vaterlande verpoͤnten und vielleicht eben darum von ihr beſchutzten Katholicismus gemacht worden. Von der klugen Herrſchaft ihres jeſuitiſchen Beichtvaters geleitet, ſtand ſie bald in Ver⸗ bindung mit allen Machinationen der dem alten Glau⸗ ben anhängenden und noch immer ſehr mäͤchtigen katho⸗ liſch⸗jeſuitiſchen Partei, woran ſich nur zu viele welt⸗ liche Haͤndel anſchloſſen, die ſie zu theilen oder zu er⸗ ſpaͤhen unabläͤſſig bemuͤht war. Die ungemein einſame und doch feſte Lage des Schloſſes, die Kuͤſten des nahen Frankreichs, in dem dieſe Partei ihre mächtigſten Anhaͤnger unter dem da⸗ mals Europa beherrſchenden Richelieu zählte, und das unabhaͤngige, immer noch bedeutende Vermoͤgen der ver⸗ bannten Ladh, machten es zu einem unſchaͤtzbaren Schutz⸗ vunkte. Nachdem die Herrſchaft uͤber die Eigenthuͤmer bis zur gänzlichen Nullität des ungluͤcklichen Hausherrn erreicht war, wurden die Anordnungen darin mit einer Ueberlegung und Verſchlagenheit getroffen, daß dadurch das Daſein dieſes Verſtecks und ſeiner von den Zeitgenoſſen faſt vergeſſenen Bewohner der Welt ent⸗ zogen blieb. Kein gebahnter Landweg wies dahin, und die hohen Ufer, hinter denen das Schloß verſteckt war, hinderten den Anblick deſſelben aus der Ferne. Es warzunehmen, blieb nur vom Meere aus moͤglich, bei Umſchiffung eines ſehr gefaͤhrlichen Punktes, der, von allen erfahrenen Schif⸗ fern vermieden, eine von den Spitzen der Bucht bildete, in welche das Schloß ſeine feſten Mauern ſenkte. Während es kaum einem Hauſe ähnlich ſah, das einigen von den ſtrengen Geſetzen dahin verſchlagenen Katholiken zur Zuflucht diene, hatten die geſchickten Lenker dieſer Angelegenheit hier eine kloſterliche Stiftung begruͤndet, welche in ihrer Form die Strenge behauptete, die ihnen bei der Beherrſchung eines faſt unbezähmba⸗ ren Geiſtes in der Lady Franziska zu Hülfe kam. Ihr war eine gewiſſe Wurde zugetheilt worden, die ihrer zuͤgelloſen Herſchſucht Befriedigung goͤnnte, ohne ſie der geiſtlichen Zucht zu entziehn, die ſo noͤthig war, ſie mit allen ihren Plaͤnen und Anforderungen dem Willen derer unterzuordnen, die ſich die Lenkung ihrer Angele⸗ genheiten ſo vollſtändig angemaßt hatten. Sie ward auf dieſe Weiſe ganz zu den Zwecken gebraucht, die 359 ihre geiſtlichen Vormuͤnder verfolgten, und zuweilen wurden dieſelben Leidenſchaften, die ſie zu beherrſchen trachteten, ihrer eignen Richtung berlaſſen, je nachdem das Eine oder Andere zweckmaͤßiger ſchien. Nicht zu uͤberſehn war dabei in der Ladh ein großer Hang, ſich dieſem Einfluſſe zu entziehn, obwohl ihr gedrängtes Ge⸗ wiſſen ſie zur Sklavin derſelben Maͤnner machte, gegen die ſie wiederum ihre ganze Liſt zeigte, um eine uͤber ihre Erlaubniß reichende Gewalt auszuuͤben. Mitten in dieſer Stimmung, die am haͤufigſten nach einer ihr abgezwungenen Zerknirſchung eintrat, be⸗ fand ſich jetzt die Lady, als ſie ſich endlich zu einer Anrede entſchloß, die das verdrießliche Schweigen auf⸗ heben ſollte.— Wenn man mir ſo gaͤnzlich die Macht entziehen will, die ich meiner Wuͤrde nach uͤber den weiblichen Theil dieſes Hauſes beſitze, ſo ſehe ich nicht ein, was eben dies Haus ihr nutzen ſoll, und warum man ſie, die doch ſchon bis zur Kuͤſte vorgedrungen iſt, nicht noch den kurzen Weg uͤber das Meer machen ließ, wo ſie in Frankreich, denke ich, beſſer, als hier, aufgehoben werden konnte.— Vielleicht wird dies ſpäter noch ni werden, er⸗ widerte Pater Johannes nachdenkend; wir ſetzten vor⸗ läufig auf Eure Weltklugheit und Euern guten Wil⸗ 360 len Vertrauen, und hatten keineswegs die Abſicht, dieſe junge Perſon Euerm Einfluſſe zu entziehn. Ob ſie uns nutzlich oder hinderlich werden kann durch den Anſpruch ihrer Geburt, iſt noch zu unentſchieden bei der beſtimm⸗ ten Richtung, die ihr die fruͤhere Erziehung gab, als daß wir ſie jetzt ſchon unabänderlich aus dem Lande ent⸗ fernen ſollten. Wenn ſie uns aber nutzlich bleiben oder werden ſoll, ſo bedenkt, daß ſie nur entlaſſen werden kann als unſere Freundin, als die Theilnehmerin aller unſerer Intereſſen, daß ſie ihre hohe Geburt nur dann kennen lernen darf, wenn ſie damit das ſchwache Herz zu regieren gelobt, das, durch den Tod ihrer Mutter erſchuͤttert, unempfindlich bleiben koͤnnte fuͤr den Beſitz der ſchoͤnſten Fuͤrſtin, der erlauchten Henriette von Frankreich.— Und dies hofft Ihr wirklich zu erreichen bei einem Geſchoͤpfe, das neben dem Fluche ihres Geſchlechtes einerſeits den unbezwinglich trotzigen Karakter der Buckinghams trägt, und andrerſeits die ganze weltliche Thorheit ihrer Aeltermutter, dieſer beruͤchtigten Maria von Schottland, in jedem Zuge ihres glatten Geſichts? Sperrt ſie lieber heute als morgen ein, und laßt jede Hoffnung auf ihre Bekehrung fallen. Damit werdet Ihr wenigſtens ſo viel erreichen, daß Ihr dieſem ver⸗ abſcheuungswerthen Buckingham ſeinen auf ſie berech⸗ 361 neten Triumph entzieht; Ihr werdet über ſie keinen feiern. Dafuͤr nehmt das Wort einer Frau, die nicht umſonſt Menſchen geſehen hat. Pater Johannes ſchwieg nach dieſer Rede, und es war ihm deutlich anzuſehn, daß er nicht viel beſſere Hoffnungen naͤhrte. Pater Clemens, ſagte er dann, ruͤhmte uns die Guͤte ihres Herzens und die kindliche Hingebung in den Willen älterer Perſonen. Darauf mußten wir bei un⸗ ſerer Behandlung hinzuwirken ſuchen, und darum habt Ihr mit Euerm rauhen Empfang ſo ganz verkehrt gehandelt. Ha! rief die Ladh mit ziemlichem Ungeſtuͤm, wenn ich nur nicht verſtändige und erfahrene Männer von Guͤte des Herzens und Hingebung in Anderer Willen muͤßte ſchwatzen hoͤren. So lange der Wille Anderer den Geluͤſten des eigenen Herzens ſchmeichelt, ſo lange findet er uns bereit, ihm zu folgen, ſo lange ſind wir guͤtig und nachgiebig; und fremde Leiden erwecken un⸗ ſere Theilnahme ſo lange, bis wir fuͤr unſere eigenen ſie vergeblich ſuchten. Leerheit des Herzens wie des Lebens, mit einem Worte die Zeit der Jugend, verbrei⸗ tet nach Außen dieſen thoͤrichten Schein, aber wer hat ihn nicht weichen ſehn, ſobald die Begierden des Herzens erwachend dem Willen eine Richtung geben. Daſſelbe gute Herz, das mit ſeiner Leerheit Euch täuſchet, un⸗ terſtuͤtzt dann die Vorſchläge der Leidenſchaften, und kein fremder Wille wird es nachgiebig finden, von dem Wege abzuweichen, auf dem dies gute Herz fort ſtuͤrmt, unbe⸗ kuͤmmert um die Niederlagen, die es dabei anrichtet. Franziska Howard hat nicht umſonſt gelebt: Damals hieß ſie auch ein gutes, ſanftes Kind, als der alte, ſchwachkoͤpfige Koͤnig die Familien Eſſer und Howard vereinigen wollte, und man mir die Puppe und Eſſer das hoͤlzerne Schwert wegnahm, unſere Häͤnde zu einer ſpaͤtern Vermaͤhlung an einander zu ſchmieden. Als aber Franziska den ſchoͤnen Sehmour ſah und Herzogin von Sommerſet werden wollte, da ruhmte Niemand mehr ihr ſanftes Herz; denn ſie hatte einen Willen bekommen, und unbeſiegbare Wuͤnſche ließen ſie den Willen Anderer verſpotten. O, fruͤh, ſehr fruh hat man mich gelehrt, was es mit dem Guten im menſchlichen Herzen fuͤr eine Bewandtniß hat, und von ganzer Seele verachte ich die Heuchler, welche eine Stimmung zeigen, die ihnen mit dem erſten Hauch der Leidenſchaft verloren ging. Gebt Acht, fuhr ſie fort, da Pater Johannes der Verſuchung, ſolche ſuͤndliche Rede ſeines Beichtkindes mit dem Donner der Buße zu erwidern, nicht nachgeben zu wollen ſchien, gebt Acht, wie lange ihre Nachgiebigkeit aushalten wird, 363 wenn man ſie hindert, in die Welt zuruͤckzukehren, wo⸗ hin jeder Pulsſchlag ihres eiteln Herzens ſich draͤngt. Darum, hob Pater Johannes jetzt an, ſei der Widerſtand, den ſie erfahre, ein unmerklicher, daß ſie nicht im Streite Kraͤfte finde, die am erſten abſterben werden in der oͤden Gleichmäßigkeit einer Geiſt todten⸗ den Lebensweiſe. Ein kurzes widriges Lachen aus dem Munde der Lady gab ziemlich verſtaͤndlich Kunde von ihrer Wuͤr⸗ digung dieſer Worte. Pater Johannes ließ dies unbeachtet voruͤber gehen und fuhr mit Ruhe fort: Unſere nächſten Nachrichten werden uns den Tod des Koͤnigs melden und die Ankunft der neuen Koͤni⸗ gin; dann werden Stuͤrme beginnen, unabſehbarer viel⸗ leicht, als wir jetzt ahnen koͤnnen. Die Koͤnigin wird unſeres Einfluſſes beduͤrfen; denn Mißtrauen empfaͤngt ſie um ihres heiligen Glaubens willen an der Grenze dieſes Landes. Es iſt nicht unbekannt geblieben, daß geheime Artikel Karls Macht in ſeinem Hauſe beſchraͤn⸗ ken, und abenteuerlich genug malt man das Unbekannte aus. Jetzt gilt die Frage, ob ſie Karls Herz beſitzen wird. Zwei Leidenſchaften theilen ſich in ihn, die Sucht des Selbſtherrſchens, und der duͤſtere Gram um den Tod der Jugendgeliebten und um das einzige Kind die⸗ 364 ſer Ehe. Hält Karl die Gattin deshalb fern von ſei⸗ nem Herzen, dann waͤre der große Wurf zu wagen, ſeine Tochter der Koͤnigin zum Geſchenk zu ſenden. Wer ſie ihm bringt, wird großes Recht an ſeine Liebe haben, und die Koͤnigin wird die ſeltene Gelegenheit erhalten, eine Großmuth ihm zu zeigen, fuͤr die er dankbar ſein muß.— Und die Tochter, unterbrach ihn die Lady, die Tochter wird der katholiſchen Gemahlin das Widerſpiel halten, Buckingham wird die weltlich geſinnte Nichte in ſein Intereſſe ziehn und fur ſein grenzenloſes Reich der Gewalt eine neue Stuͤtze finden.— Um daruͤber entſcheiden zu koͤnnen, muß man etwas Hoͤheres glauben, als Ihr es noch vermögt. Dies Mädchen wird nicht mit dem laſterhaften Buk⸗ kingham gegen ihren Vater ſich verbinden.— Aber, fiel ſie raſch ein, gegen die katholiſche Koͤnigin wird die Ketzerin den Vater zu ſichern ſuchen.— Dies wäͤre eher moͤglich, und dies bleibt noch zu erwaͤgen. Um aber uͤber dieſen Punkt voͤllig ſicher zu werden, wird ſie hier feſt gehalten und Proben unterworfen, die jeden Zweifel daruͤber aufheben koͤn⸗ nen.— 365 Gut, gut, ich wuͤnſche Euch Gluͤck dazu. Doch die Welt iſt erſt der Magnet, der aus dem Schacht des Herzens die verborgenen Erze ans Licht zieht, und zwar von ſolchem Gehalt, als dieſer mächtige Magnet allein zu wecken und feſtzuhalten weiß. Seid Ihr au⸗ ßerdem aber ſo voͤllig ſicher, daß ſie hier verborgen bleibt? Fuͤrchtet Ihr nicht die tauſendarmige Macht des gut bedienten Buckingham, nicht dieſe Notting⸗ hams, die, den liſtigen Archimbald an der Spitze, viel vermoͤchten, wenn ſie wollten?— Wenn ſie wollten, betonte ſpoͤttiſch lächelnd der Hochwurdige, aber ſie wollen nicht. Kennt Ihr den Irrthum nicht, an dem der hochmuͤthige Geiſt dieſer Herzogin von Nottingham hinkrankt? Er hin⸗ dert ſie, die Flucht des Fräuleins zu ruͤgen, wie ſie ſonſt nicht unterlaſſen wuͤrde. Streng hat ſie jede Nachforſchung gehindert und verpoͤnt, und dennoch hat dieſe Ausflucht, die ſie ſich geſtattet, der Welt ein Ge⸗ heimniß zu entziehn, das ihrem Hochmuthe ſo ver⸗ letzend wurde, ihr Gewiſſen in ein Heer von Vorwuͤrfen geſtuͤrzt. Sie glaubt ſich halb und halb verpflichtet, die geträumte Suͤnde ihres Gatten an dieſem Weſen gut zu machen, und daß ſie der Lockung nicht wider⸗ ſtand, dieſe ſaure Pflicht von ſich abzuſchuͤtteln, reizt ihren ſtolzen Geiſt, der vor ſich ſelbſt bewundernd da⸗ 366 ſtehn moͤchte. Und daß ſie jede wirkſame Verfolgung hinderte, daß ſie von Archimbald, der leicht ſich zu be⸗ ruhigen weiß, ſtreng begehrte, ihre Soͤhne zuruckzuhal⸗ ten, beweiſt genug, daß ſie der Verſuchung unterlag. Denn allerdings muß ſie dieſelbe in Membrockes Haͤn⸗ den jetzt nach ſo langem Zoͤgern fuͤr verloren halten, und der Gedanke daran guält ſie und entfernt ſie doch eben immer mehr von dem Wunſche, ſie wieder aufzu⸗ finden. Das goͤnne ich ihr von Herzen, rief behaglich freund⸗ lich die Lady; in ihre eignen Fallen muͤſſen dieſe Heuchler ſich verſtricken; beſſer moͤchten ſie ſein, als Andere, um hochmuͤthig herabſehen zu koͤnnen. Wenn wir der reizen⸗ den Suͤnde in unſern Wegen nicht auszuweichen wiſſen, ziehn dieſe Heuchler ſelbſt das Bild der Tugend, womit ſie prunken, zu dem Dienſt ihrer Suͤnde hin. Ja, ja, es iſt Alles eins. Nur wird der Eine von der Welt gezuͤchtigt, der Andere dagegen in ſeinem ſchwachen Her⸗ zen, und der Zufall iſt bei Beiden der geſchaͤftige Wirbel⸗ wind, der daruͤber fährt, und nach allen Ecken hin ver⸗ wechſelt und durcheinander wirft, was die jaͤmmerliche Klugheit der Menſchen geſondert zurecht legte. Kann man ſich Tolleres denken, als daß dieſer neckiſche Zufall das Maͤdchen, auf deſſen Haupte ein unſichtbares Diadem gerubt, welches behuͤtet und bewacht 367 war von Allem, was Schlauheit und Liſt nur erdenken konnten, nun verſchmachtend, mit Wunden bedeckt und ausgeſtoßen aus aller menſchlichen Verbindung, eben auf die Schwelle derjenigen niederlegt, die ihre natuͤrliche Feindin ſchon um ihres Antlitzes willen iſt, und welche nun ſogleich geſchaͤftig Alles in ihrer Einbildung ſo an⸗ ordnet, daß ihr daraus die hoͤchſte Zuͤchtigung ihres eiteln Herzens erwachſen muß.— Auch. uns, erwiderte der Pater, überraſchte dies Ereigniß, das ſo wenig vorher zu ſehen war. Immer war dies Kind uns wichtig, und unſere Abſichten mit ihr und dem ganzen Geheimniß haben oft gewechſelt. Um die ſpaniſche Verbindung zu hindern, wäre ſie eine vortreffliche Erſcheinung geblieben, denn ehelich war Karl verbunden, daruber ſind die Beweiſe vorhanden; doch allerdings war es nur ein letztes Mittel, welches zwar jene, aber auch die Verbindung mit Henriette von Frankreich gehindert oder doch verzoͤgert hätte, vielleicht bis zu dem ungelegenen, ſich nahenden Moment ſeiner groͤßeren Freiheit als Koͤnig. Und es iſt nicht zu laͤugnen, Buckingham hat uns gedient, indem er ſich zu dienen glaubte, in unſerm Solde. War der Prinz nicht auf dieſer tollen Reiſe, wo Jeder heimlich ſein verkapptes Intereſſe unter dem Scheine von Vertrauen barg, mit Buckingham, ſo 368 konnte Vieles nicht geſchehen, und hoͤchſt wahrſchein⸗ lich war das Maͤdchen unſerer Macht entzogen, wenn wir durch Porter auch in Kenntniß ihres ferneren Schickſals blieben. Eben ſo war es noͤthig, daß Lord Nottingham in Madrid ſtarb und ſonach im Hauſe ſeiner Gemahlin ihr der wahre Schutz fehlte, der einzige, der alle Zweifel der gekräͤnkten Gattin hätte loͤſen, und damit eine uns hoͤchſt unwillkommene Entdeckung veranlaſſen koͤnnen, die dem Prinzen augenblicklich zu ihrem Wie⸗ derbeſitz verholfen haͤtte. Uns war der Ort, den der Zufall ihr angewieſen, nicht erfreulich, bis wir uͤber ihr ferneres Loos Befehle einzogen. Kaum war zu erwarten, daß Buckingham, obwohl ſehr gegen unſern Plan, durch die Ueberraſchung, die der Prinz erlitt, Theilnehmer des Geheimniſſes, ſie gerade bei den Nottinghams ſuchen wuͤrde. Doch be⸗ ſtand der Kardinal damals, da der Tod der Mutter das Hinderniß fuͤr Frankreich aufgehoben hatte, darauf, daß wir dieſe Stoͤrung beſeitigten. Es war nächſt der gehei⸗ men Klauſel des Ehekontrakts nicht der unwichtigſte Theil von Mazarins Sendung, ſie ſelbſt mit hinweg zu fuh⸗ ren; denn ſchon fuͤrchtete der ſchlaue Staatsmann die neue Unterjochung des neuen Koͤnigs durch den alten Einfluß Buckinghams, und wollte eine moͤgliche Steige⸗ S— 369 rung nimmer wagen. Doch verzichtete er endlich auf die ſchnelle Ausfuͤhrung dieſes Planes, da wir ihm Nach⸗ richt gaben, wie der ſchlaue Herzog mit großer Liſt ſie aufgefunden und unter tauſend Thorheiten ſeines Freun⸗ des Membrocke einen Plan entworfen, ganz dazu ge⸗ ſchaffen, ſie uns ohne das geringſte Aufſehn in die Haͤnde zu liefern. Ein Kinderſpiel war es fuͤrwahr, da die Chiffern des Herzogs uns alle durch Maxwell bekannt ſind, den tollen Tropf, den Membrocke, ſo lange umher zu ja⸗ gen, bis wir ſie unterdeſſen mit aller Sicherheit ſeiner Nachforſchung entzogen.— Alles gut bis dahin, ſprach Lady Sommerſet, aber Ihr ſpielt gewagtes Spiel. Hier ſollen wichtige In⸗ tereſſen, wie unlaͤugbar Buckinghams Macht iſt, wenn ſie auf den naͤchſt zu erwartenden Monarchen uͤbergeht, durch ein Weib aufgewogen werden, die da jung, mit einer ſeltenen Schoͤnheit und dem Anſpruch einer hohen Geburt begabt, ſobald ſie ſich deſſen in der Welt be⸗ wußt ſein wird, gewiß Alles, was Ihr auch bei ihr eingeleitet zu haben glaubt, von ſich werfen wird, wenn es ihr hinderlich ſcheint. Und was dann? Wo wird dann Eure Macht bleiben? Unſchaͤdlich ſie zu machen, erwiderte mit eiſiger Kälte der Pater Jöhannes, bleibt uns in jedem Au⸗ Godwie⸗Caſtle II. 24 370 genblick mitten in dem Glanz der Welt, wie zwiſchen dieſen Mauern, und was die ihr zugedachte große Ge⸗ walt betrifft, ſo iſt gegen Buckingham bereits eine an⸗ dere heraufgefuhrt, die von jener nur unterſtutzt zu wer⸗ den brauchte. Koͤnig Jakob wird ſich mit Briſtol verſöhnen, und er wird, gehoben durch allen Einfluß des franzöſiſchen Hofes, eine Rolle ſpielen, die nie unbedeutend ſein kann, wo er ſie uͤberhaupt zu ſpielen Luſt hat. Mit ſeinem Intereſſe ließe ſich das Mädchen ſelbſt verflechten; denn mir ſagte Pater Clemens, daß ſie ihm in ihren Geſpraͤchen, ohne Ahnung dieſes Geſtändniſ⸗ ſes, eine Herzensneigung zu dem Enkel Briſtols ver⸗ rathen, die befoͤrdert werden muͤßte, wenn ſie der Welt zuruͤck gegeben werden ſollte; denn die Nichte Buk⸗ kinghams wuͤrde dadurch Familien⸗Mitglied ſeiner Feinde.— Ha, der Plan iſt gut! Doch ſoll ich Euch ſagen, was ich denke? Sperrt ſie ein, vertilgt ſie, gleichviel wie, da habt Ihr den Vortheil ſicher. Und Karl? Ich müßte die Stuarts nicht kennen, wenn ich ſo thoͤricht ſein ſollte zu denken, Liebesgram und Vaterſorge um Zwei, die da nicht mehr ſind, werde der bluhenden Gattin, von deren Schoͤnheit Ihr ſo viel Aufhebens macht, hinderlich ſein. Doch ſagt mir, fuhr die Ladh fort, ſagt mir nur das Eine, ſeid Ihr ſicher, daß Karl vermaͤhlt war mit dieſer Buckingham? Sind Dokumente daruber? Iſt durch die Offenbarwerdung dieſer Tochter keine Schande zu hoffen fuͤr Buckinghams ſtolzes Herz?— Der Prinz war fruͤher vermählt, als er hoffen konnte, Prinz von Wales zu werden, erwiderte der Prieſter, Beide waren noch im zarteſten Alter; doch der leidenſchaftlich aufgeregte Karl wollte wenigſtens die Ga⸗ rantie dieſer Vermaͤhlung haben, und der Graf und die Graͤfin Melville waren die Zeugen. Der Schloßkaplan Maſter Brirton vollzog die Ce⸗ remonie, die Dokumente ſind doppelt ausgefertigt, das eine im Beſitz Brirtons, und das andere verwahrte der Herzog von Nottingham hinter dem Bilde der Graͤfin von Buckingham, welches der Prinz von Wales ihm einſt, während eines Aufenthaltes in London, heimlich in die wohlverborgene Niſche des Schlafgemachs ſetzen ließ, und deſſen Daſein wohl ſchwerlich ein Menſch au⸗ ßer dem Herzog kennen mag.— Aber wie konnte Nottingham deſſen ohngeachtet dieſe raſende Leidenſchaft faſſen, da er doch wiſſen mußte, daß ſie ſchon als Gemahlin des Prinzen nach London kam.— 24* 372 Dies erfuhr er erſt nach dem Tode ſeines Bruders, als der Prinz krank darnieder liegend keinen treueren Boten kannte, als eben ihn, der keinen Augenblick ſein Bett verließ. Er ſendete ihn zur troſtloſen Gemahlin, noch auf dieſer Hoͤhe ſie ſeiner treuen Geſinnung ver⸗ ſichernd; denn feſt entſchloſſen blieb er, ſie auf den Thron zu heben, und verrieth ſomit dem Freunde das Geheimniß.— Ha! ha! lachte die Lady, das war ein guter Auf⸗ trag; und daher wurde dann die verſchmähte Gräfin Briſtol ſchnell in Gnaden zur Braut erhoben! Doch es ſei ſo! rechtmaͤßiger Geburt oder nicht, vertilgt ſie, vertilgt Alles, was den Namen Stuart oder Buckingham trägt; nur dann habt ihr den Er⸗ folg ſicher.— Mit dieſen Worten erhob ſich die Ladh und ſchritt nach ihrem Bet⸗Pult, den Reſt des Morgens einer vorgeſchriebenen Andacht zu weihn, die uͤber den felſen⸗ harten Inhalt dieſes Weſens auch nicht den kleinſten Einfluß ausuͤbte. Die Zeit, die jetzt für die ungluckliche Maria an⸗ hob, war ganz dazu geſchaffen, ein ſo junges und leb⸗ haftes Gemuͤth nieder zu beugen und in eine ſchwer⸗ muͤthige und dumpfe Stimmung zu verſenken. * Sie mußte nach einer Zuſammenkunft mit Pater Johannes, worin ſie nicht ermangelt hatte, ihr Glau⸗ bensbekenntniß abzulegen und zu vertheidigen, doch dem Rathe des Geiſtlichen nachgeben und ſich der Ordnung des Hauſes fuͤgen. Er ſah wohl ein, daß der boshafte Geiſt der Lady nicht ſo weit gezähmt werden moͤchte, um mit ihr ge⸗ meinſchaftlich handeln zu koͤnnen, und ſo wußte er ſich dem Fraulein als eine wohlthuende Mittelsperſon anzu⸗ deuten, an die ſich die Huͤlfloſe um ſo lieber anſchloß, da ihr ſonſt nur Margariths kindiſches Geſchwätz oder der beſchraͤnkte Geiſt der verſchuͤchterten Schweſter Electa fuͤr die Stunden blieb, die ſie nicht in Gemeinſchaft mit der Ladh ſelbſt oder im ſogenannten Arbeitsſaal mit den übrigen Schweſtern zubringen durfte. Dieſe Stunden waren ihr faſt die unleidlichſten, denn wenn der Kultus, dem ſie beiwohnen mußte, auch abweichend und, ihren empfangenen Begriffen nach, un⸗ zuläßig war, konnte es ihr doch nicht ſchwer werden, daran ihre eigenen Gefuͤhle anzuknuͤpfen und ſo die Widerſpruͤche, die ihr von Außen drohten, in ſich aus⸗ zugleichen. Hier aber war ſie Stundenlang dem ermuͤdendſten Geſchwaͤtze ausgeſetzt, welches ſich um die widerlich ent⸗ ſtellten und ubertriebenen Schilderungen merkwuͤrdiger Marthrien oder die Wunder von Heiligen⸗Bildern und Reliquien drehte, und im Munde beſchraͤnkter Perſonen eine Verzerrung und Kraßheit erhielt, welche zu ertra⸗ gen, ihr die haͤrteſte Geiſtesqual dauchte; und doch blieb ihr dagegen nur der geringe Schutz, ihre Gedanken auf die Handarbeit zu richten, die hauptſaͤchlich in der An⸗ fertigung der groben Kleider und der Sandalen⸗ aͤhnli⸗ chen, von Stricken geflochtenen Schuhe beſtand, welche die Kleidung der Nonnen ausmachten. Es entging Maria nicht, daß das Schloß außer den Nonnen oft Gaſtbeſuch hatte, der zu dieſer kloͤſter⸗ lichen Form wenig paßte. Die Mittagszeit im Refek⸗ torium zeigte fremde geiſtliche Theilnehmer, von denen ſie ſich beobachtet ſah, ja, auf ihrem Zimmer mußte ſie den Beſuch von Perſonen empfangen, die ſich weiter nicht zeigten, und bei deren Gegenwart auch Lady Som⸗ merſet gewoͤhnlich auf mehrere Tage ausblieb, die ſonſt, als Priorin, beſtändig den großen Lehnſtuhl einnahm, der den geheimnißvollen Eingang zur Kirche bedeckte, mit welcher Maria jetzt durch tägliche Theilnahme voöl⸗ lig vertraut geworden war. Ueber den Zweck dieſer Beſuche, die außerdem von dem konſequenten Verfahren des Pater Johannes un⸗ terſtuͤtzt wurden, blieb kein Zweifel. Sie ſollten Ma⸗ ria nicht allein bekehren, ſie ſollten ſie zu einem gewiſ⸗ —— ſen Zwecke, zu einer theilnehmenden Verpflichtung fuͤr den Orden bekehren. Sie verſuchte anfäͤnglich dem Rath des Pater Cle⸗ mens zu Folge, auf dem ihre einzige Hoffnung beruhte, eine voͤllig duldende Haltung zu behaupten, die weder zugeſtand, noch verweigerte, ſo daß man ſie wirklich fuͤr bekehrt hielt; doch als man nun anfing, ihr in dieſer Beziehung naͤhere Mittheilungen zu machen, empoͤrte ſich gegen dieſe Taͤuſchung ihr ſtolzes und reines Herz. Sie trat nun beſtimmter entgegen, verdoppelte aber da⸗ durch nur die Bemuͤhungen um ſich und zog ſich eine peinliche Scene zu, die mit einem Eidſchwur endete, den man von ihr uͤber die Geheimniſſe dieſes Schloſſes begehrte. Nach langem Weigern willfahrte ſie endlich, da ſie ſich kaum denken konnte, daß, außer dem Fana⸗ tismus der Einzelnen, irgend ein boͤſer Zweck dieſen Din⸗ gen zum Grunde liege, und da ſie wohl einſah, daß ihr keine Wahl bleiben wuͤrde, wenn ſie nicht ſelbſt jede Hoffnung zum Heraustreten aus dieſem Hauſe damit zerſtoren wollte. Ihr Verhaͤltniß zu der Ladh des Hauſes blieb gleich widrig und beklemmend fuͤr ſie. War auch eine ähn⸗ liche Nacht⸗Scene nicht wieder vorgefallen, hatte dieſe doch ein ſo tief reichendes Entſetzen in ihr zuruͤckgelaſ⸗ ſen, daß durch ungewoͤhnliche Toͤne, die oft Nachts an 376 ihr Ohr drangen und durch eine Nachlaͤſſigkeit Marga⸗ riths einſt an die Thur ihres Schlafgemaches vorruck⸗ ten, ihr hinreichend der grauenvolle Eindruck unterhal⸗ ten ward, den jene furchtbare Frau ihr eingefloͤßt hatte. Faſt räthſelhaft ſchien jedoch bei ſolcher Geiſteszer⸗ ruͤttung die korperliche Stärke ſowohl, als die Schaͤrfe und Klarheit des Verſtandes, die ihr nach ſolchem Pa⸗ rorismus verblieb. Wie abſchreckend und empoͤrend die Richtung dieſes Geiſtes auch war, ſetzte ſie doch oft ihre gelehrten Umgebungen in Erſtaunen, und fuͤhrte mit ihrem ſchlagenden Verſtande Geiſtes⸗Kämpfe, wobei ihre Gegner, wofern ſie nicht meiſt zu der durch Weltklug⸗ heit beruͤhmten Geſellſchaft Jeſu gehoͤrt hätten, ihrem durch weitreichende Erfahrungen entwickelten und uber⸗ legenen Scharfblick hätten weichen muͤſſen. Maria war die Rolle, die ſie fruͤher in der Welt geſpielt, verborgen, aber ſie bekam ein treues Vild von den Qualen, dem ein durch Suͤnden zerſtoͤrtes Gewiſ⸗ ſen auch bei der groͤßten Härte des Gemuͤths nicht entgeht. Sie gewahrte mit Erſtaunen, wie dieſe ſtolze, jeden Augenblick Widerſtand leiſtende Frau, wie ein Kind eingeſchuͤchtert und bebend vor dem angedrohten Fluch der Kirche, ſich den harten Worten des Geiſt⸗ lichen und ſeinem Willen unterwarf, den ſie, wenn ſie ſich von dieſer innern Qual mit allen Huͤlfsmitteln 372 ihres ſophiſtiſchen Verſtandes wieder befreit hatte, ihrer⸗ ſeits zu unterdruͤcken, eifrig bemüht war.— Was jedoch unſere junge Heldin nicht erfuhr, ſei uns erlaubt, fuͤr den Theil unſerer Leſer, denen das Leben der Franziska Howard nicht bekannt iſt, mit eini⸗ gen Worten hier einzuſchalten. Nach dem Willen Jakobs des Erſten, die beiden Familien, denen er gleich verpflichtet war, an einander zu knüpfen, wurden Lord Eſſer und Ladh Franziska, wie ſie uns ſelbſt ſchon angedeutet hat, ſchon als Kin⸗ der, und beſchäftigt noch mit Puppe und hoͤlzernem Schwert, mit einander vermählt, und der vierzehnjäh⸗ rige Gemahl mit ſeinem Gefolge nach Italien geſchickt, um dort ſeine Erziehung zu vollenden. Ladhy Franziska erbluͤhte indeſſen zu einer ſeltenen Schoͤnheit, und als Hofdame der Konigin fuhrte ſie der tägliche Umgang in die Arme eines koͤniglichen Guͤnſt⸗ lings, der, aus dem niedrigſten Stande durch bluͤhende Schoͤnheit und Liebenswuͤrdigkeit zu den hochſten Wuͤr⸗ den und Ehrenſtellen von Jakobs lächerlicher Vorliebe emporgehoben, endlich zum Herzoge von Sommerſet erklaͤrt ward. Beide Liebende zweifelten nicht, daß Jakob eine Scheinehe, wie ſie Lady Franziska feſſelte, leicht den Wünſchen ſeines Lieblings opfern wurde, und waren 328 daher ſehr erſtaunt, dem ungemeſſenſten Zorne des Kö⸗ nigs bei dieſer Entdeckung zu begegnen. Durch die Gunſt des Kanzlers Lord Overburh war Sommerſet dem Koͤnige bekannt geworden, und von dem ausgezeichneten Geiſte und den großen Kennt⸗ niſſen dieſes Staatsmannes unterſtuͤtzt, war es dem vollig unwiſſenden Juͤnglinge allein moͤglich geweſen, die Stelle eines Miniſters auszufuͤllen, die Jakob ihm aufnoͤthigte. Er ſtand auch hier, in ſein Vertrauen gezogen, großmuͤthig dem Verirrten zur Seite und belebte ſeine Hoffnung füͤr die Zukunft. Jakob beſtand indeſſen darauf, daß Ladh Franziska ihre Verpflichtungen gegen Eſſer, der nun voll Liebe gegen ſeine junge Gattin zu⸗ ruckgekehrt war, erfuͤllen ſolle, und verbannte ſie bei ih⸗ rer hartnaͤckigen Weigerung vom Hofe. Hier unterhielt Overburh den Briefwechſel der Ge⸗ trennten und blieb ihr S gegen Jakobs haͤrtere Maaßregeln. Aber die zuͤgelloſe Leidenſchaft der durch Wider⸗ ſpruch Gereizten hinterging die vorſichtige Sorgfalt ih⸗ res edeln Freundes; ſie fanden Mittel, ſich ohne ſeine Huͤlfe zu ſehen, und vollzogen, gegen den Rath ihres Wohlthaͤters, ihre in jeder Beziehung unrechtmaͤßige Vermaͤhlung. 329 Mit dem ganz edeln Zorn eines boshaft hintergan⸗ genen Freundes ſagte ſich Overburh nach dieſer Ent⸗ deckung von den bisher Beſchuͤtzten los, und ihrer eig⸗ nen Thorheit uͤberlaſſen, ward ihr Geheimniß nur zu ſchnell dem Koͤnige verrathen, und Beide wurden in den Tower geſetzt. So aus dem glaͤnzenden Leben ausgeſtoßen, dem Beide ganz ergeben, entwickelten ſich alle die gehäſſigen, ſchon bereit liegenden Laſter Franziskas, und ihren Ge⸗ mahl, deſſen indolenter Karakter mehr gewährend, als mit handelnd war, gaͤnzlich beherrſchend, ſchwur ſie ih⸗ rem Wohlthaͤter Overburh eine unverſoͤhnliche Rache, da er ihr den Schutz verweigerte, den zu leiſten ſie ſelbſt unmoͤglich gemacht hatte. Die Sammlung ihrer Briefe unter Overburhs Adreſſe, die Summen, die er ihnen vorgeſtreckt, wur⸗ den die ſorgfältig geordneten Dokumente, womit die Lady ihre eigene Mutter an den Koͤnig abſendete, ihren Wohlthaͤter zu ſtuͤrzen. Der Erfolg ward von einem Gelddefekt unterſtutzt, den der ungluͤckliche Mann nicht nachweiſen konnte, und der ebenfalls durch die Agenten der Lady ihm ge⸗ macht war. Unlaͤugbar hatte er den Zorn des Koͤnigs verdient, indem er den beiden Verliebten ſo ganz gegen den Wil⸗ len ſeines Monarchen Vorſchub geleiſtet. Vergeblich verſchwor Overburh ſeine Theilnahme an der endlichen Vermaͤhlung; Ladh Franziska hatte durch nachgemachte Briefe auch dies voͤllig außer Zweifel geſtellt, und Overburh betrat den Tower an dem Tage, an welchem Lord Sommerſet mit ſeiner Gemahlin ihn verließ, welche, vom Koͤnige begnadigt, ihren ehemaligen Platz bei Hofe wieder einzunehmen hofften. Hier entſtand aber ein wuͤthender Kampf der Eiferſucht zwiſchen dem indeſſen heimiſch gewordenen Herzog von Buckingham, dem neuen Guͤnſtling, und dem zuruckgekehrten, der, von ſei⸗ ner Gemahlin unterſtützt, Alles verſuchte, die alten Rechte wieder zu gewinnen. Overburh hatte indeſſen Freunde gefunden, die, von Buckingham begunſtigt, das Recht der Verurtheilten auf's Neue beleuchteten, und Jakob fing ſelbſt an auf⸗ merkſam zu werden, als der Beweis ſich zuerſt kund gab, Overburh habe die Summen, die er nicht nachzuweiſen wußte, nicht veruntreut. Dies war die Loſung fuͤr Lady Franziska, welche, vom Laſter einmal ergriffen, jetzt keine Handlung mehr ſcheute, die ſie der oͤffentlichen Schande entziehen und ihre geheime Rache befriedigen konnte. Overburh ward vergiftet in ſeinem Kerker ge⸗ funden, mit ihm zur ſelben Zeit ſtarb eines gewalt⸗ ————— — 381 ſamen Todes ſein Sekretair, derſelbe, der durch die genaue Ordnung und Darlegung aller ſeinen Herrn vertheidigenden Papiere der Sache dieſe Wendung gegeben. Dieſe wichtigen Dokumente ſelbſt waren verſchwun⸗ den, aber eine furchtbare Gerechtigkeit erſtand gleich nach Lautwerdung dieſer Greuel in der oͤffentlichen Mei⸗ nung. Mit Fingern wies man auf Lady Franziska und ihren Gatten, und es bedurfte nur geringer Anzeichen, um ihnen auf's Neue die Wohnung des Towers anzu⸗ weiſen, auf deſſen duͤſterer Schwelle ſie nun der Schat⸗ ten ihres gemordeten Wohlthaͤters empſing. Hier bildete ſich in dem unglucklichen Verbrecher, dem kaum dreißigjaͤhrigen Lord Sommerſet, die furcht⸗ bare Verwirrung des Geiſtes aus, die, durch ſo viel Schuld veranlaßt, ſpäterhin der rächende Begleiter ſei⸗ ner Tage ward; und ſo hartnäckig der Widerſtand ſei⸗ ner Gemahlin blieb, ſo leicht waren doch ſeinem erſchüt⸗ terten Geiſte die Ausſagen entriſſen, die das Oberhaus bedurfte, um Beide des Lebens fuͤr verluſtig zu erklären. Lange zoͤgerte Jakob, obwohl die Richtigkeit des Urtheils anerkennend, mit der Vollziehung. Die Zeit verwiſchte das Andenken dieſer Greuel erſt aus den Kreiſen der Unterhaltung, dann aus den Gedanken der Menſchen uͤberhaupt. Ob ſie lebten, ob 28 heimlich das Urtheil an ihnen vollzogen, oder ob ſie in einer ſtrengen Verbannung gehalten wuͤrden, war zwei⸗ felhaft, zuletzt gleichgultig; und Jakobs Räthe, die den Kampf ihres Herrn kannten, durften zuletzt wagen, ihm ſelbſt vorzuſchlagen, die Gefangenen nach dem al⸗ ten Schloſſe der Howards an der Oſtkuͤſte von England zu bringen. Sein Wunſch ward dadurch erfullt; denn es kraͤnkte ihn zu ſehr, ein Mitglied aus der Familie Howard und 3 ſeinen ehemaligen Liebling den oͤffentlichen Verbrecher⸗ Tod ſterben zu laſſen. So fuhrte ſie ein ſicheres Geleit dahin, wo ſie den † Strafen der Einſamkeit und ihren Suͤnden uͤberlaſſen †. blieben. Man behielt lange die Gewohnheit, zuweilen durch koͤnigliche Kommiſſarien von ihrer Gegenwart ſich zu überzeugen, und dies Recht blieh auch noch immer dem naͤchſten Gerichtshofe, zu jeder beliebigen Stunde das Schloß und die Bewohner zu beſuchen, und von ihrer Gegenwart ſich zu überzeugen. Nach dem Tode des ungluͤcklichen Herzogs, deſſen Wahnſinn, durch die harte Behandlung ſeiner Gattin vermehrt, ihm ſo fruͤh den Tod gab, wie wir ſchon aus Margariths Bericht erſehen haben, hoͤrten die läſtigen Beſuche immer mehr auf; ſie blieben aber die Haupt⸗ 383 veranlaſſung einer ſo ſorgfältigen Verheimlichung der katholiſchen unterirdiſchen Kirche, da dieſe nicht ſo ſchnell als die Kleider oder die Perſonen, die Verdacht erregen konnten, zu verbergen war. Ladh Franziska hatte auf den Rath ihrer geiſtlichen Freunde mit dem letzten Richter der Stadt Gerſeh, dem dieſe Obliegenheit ward, eine Abkunft durch Ent⸗ richtung einer Summe Geldes getroffen, und ihr vor⸗ ruͤckendes Alter als Motiv ihres Wunſches genannt, unbehelligt von jenen läſtigen Nachweiſungen verblei⸗ ben zu koͤnnen. Dies hatte den beſten Erfolg gehabt, da der Richter, ſelbſt in hohen Jahren, ſich gern die⸗ ſer Verpflichtung uͤberhoben ſah, und ihm die Gegen⸗ wart der Verbannten viel angenehmer veranſchaulicht ward durch einen monatlichen Revers, den er ihr fuͤr die empfangene Abfindung ausſtellte. Denn die Noth⸗ wendigkeit, ſich einer Frau gegenuͤber zu ſtellen, uͤber deren Verbrechen ſeit dem Tode ihres Gemahls, wie uͤber ihre Geiſteszerruͤttung ſo uͤbertriebene Geruͤchte in der kleinen Stadt herrſchten, daß Jeder das Schloß als einen Pfuhl der Hoͤlle floh, war ſtets eine läſtige Pflicht.— Dies iſt die Geſchichte einer Frau, in deren Nähe wir unſere junge Heldin haben fuͤhren muͤſſen, und indem uns der Wahrheit nach nur vergoͤnnt war, ihre Lage als unguͤnſtig und unerfreulich zu bezeichnen, ja, als von einer Unſicherheit umgeben, die unſere Theil⸗ nahme erregen koͤnnte, muͤſſen wir ſie doch auf einige Zeit verlaſſen, um uns in Zuſammenhang mit den Dingen zu ſetzen, die anderswo ſich als einflußreich auf ihr Schickſal erzeigen werden. Und zwar muͤſſen wir in manchen Beziehungen uns erlauben, eine Zeit fluͤchtig zu beruͤhren, in welche wir unſere Leſer früher bereits eingefuͤhrt haben. Ende des zweiten Theils. Druck der F. A. Eupel'ſchen Hofbuchdruckerei in Sondershauſen. — F 8 . 2 4 * 2 3 —— 5 3 ſiſſ 7 9 10 11 12 13 14 8 ſſ 1 15 165 1 * 2 2 6— * ℳ —.