Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und SLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 5 AnsKärtige abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Fyſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher Gamentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S——— ———— 5 5 7 6 6 * — ——— ———,— Gohwie⸗-Caſtle. Erſter Theil. *„ Ca i — . — Godwie-Caſtle. Aus den Papieren der Serzogin bon Nottingham. Erſte r Fheil. Fünfte uflage. Mit einer Abbildung des Schloſſes. Breslau, im Verlage bei Joſef Mar und Komp. 1849. Vorwort des Verlegers. Zur erſten Auflage. Die Handſchrift des hier im Druck erſcheinenden Buches iſt aus der Ferne auf eine nicht gewöhn⸗ liche Weiſe in die Hände des Verlegers gekom⸗ men, und zwar ohne Namen des Verfaſſers, der ihm völlig unbekannt geblieben iſt. So unwahr⸗ ſcheinlich das vielleicht auch Manchem erſcheinen mag, ſo iſt es doch die volle Wahrheit. Was den Inhalt des Werkes anbetrifft, ſo werden Leſer, die nicht flüchtig, ſondern mit Geiſt und Beobachtungsgabe zu leſen gewohnt ſind, die Bedeutſamkeit deſſelben bald erkennen, und dem Urtheil ſolcher ſchärfer und tiefer Blickenden muß es denn auch anheim geſtellt bleiben, ob ſie das hier Mitgetheilte als wirkliche Erlebniſſe und eigentliche Denkwürdigkeiten, oder als Dichtung auffaſſen und betrachten wollen. „ Zur zweiten Auflage. Die günſtige Aufnahme, welche dieſes Werk bei gebildeten Leſern gefunden, ſo wie die gleich blei⸗ bende Theilnahme des Publikums, machten dieſe zweite Auflage binnen Jahresfriſt nöthig. Obſchon im Weſentlichen nichts verändert, ſo iſt doch eine ſorgfältig verbeſſerte Durchſicht der Sprache, wie der Sachen bei der jetzigen Auflage nicht unterlaſſen worden. Die Frau Verfaſſerin, die zwar dem Verleger gegenüber ihre Anonymität abgelegt, dem Publi⸗ kum aber nur ihr Werk, nicht ihren Namen dar⸗ bieten will, wird in der fortgeſetzten Theilnahme an demſelben gewiß die befriedigendſte Genug⸗ thuung und einige frohe Lebensſtunden mehr finden. Zur dritten und vierten Wuflage. Die neueſte Auflage dieſes deutſchen Dichterwerks, welches im Andenken gebildeter Leſer ſich forterhält und deſſen wiederholte Lektüre den Geiſtreichſten unter ihnen zum Bedürfniß geworden iſt, meint der Verleger nicht beſſer und würdiger einleiten zu können, als durch den Abdruck jener erſten Recen⸗ ſion, welche gleich damals erſchien, als das Werk noch kaum bekannt war, und als deren Verfaſſer Herr Braniß, Profeſſor der Philoſophie an der Univerſität Breslau, ſich unterzeichnet hat. Dieſem bleibt das Verdienſt, der Erſte geweſen zu ſein, der durch ſein tief begründetes Urtheil die hohe Bedeutung von Godwie⸗Caſtle anerkannte und klar entwickelte, den Autor, deſſen Name noch nicht einmal vermuthet werden konnte, freudigſt be⸗ grüßte und ihm jenen immergrünen Kranz, der nur Wenigen in dieſem Felde der Dichtung zu Theil geworden, zuerſt darreichte. Jene Beurtheilung, welche vor fünf Jahren, am 7. November 1836, erſchien, und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt iſt, wird denkenden Leſern gewiß eine werthvolle Beigabe ſein. VIII „Walter Scott's geiſtreiche Weiſe, im Romane 3 Dichtung und geſchichtliche Wirklichteit geſchickt mit einander zu verweben, hat mit Recht die Theilnahme der Leſewelt in hohem Grade erregt, und wenn dieſe Theilnahme jetzt ſehr geſunken iſt, ſo mag dies wohl hauptſaͤchlich von den vielen Nachahmern Scottiſcher Manier herruͤhren, welche ohne das Talent des geiſt⸗ vollen Britten, doch alle ſeine Fehler aufgenommen haben. Solcher Fehler giebt es denn freilich auch viele. Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwaͤh⸗ nen, welche, weit entfernt eine groͤßere Anſchaulich⸗ keit zu bewirken, den Leſer vielmehr nur ſeine Un⸗ faͤhigkeit empfinden läßt, alle die kleinlichen Elemente zu einem Geſammtbilde zu vereinen, ſei hier nur des großen Mißverhältniſſes gedacht, in welchem bei Scott die Dichtung zu dem gegebenen geſchichtlichen Stoffe ſteht. Nur zu ſehr in der That laͤßt der Dichter es uns merken, daß er ſelbſt ſich weit mehr fur das Hiſtoriſche) als fur ſeine eigene Schoͤpfung intereſſirt, und jemehr es ihm vermoͤge der Lebendig⸗ keit ſeiner Darſtellung gelingt, auch dem Leſer ein Intereſſe fur das Geſchichtliche einzufloßen, deſto duͤrf⸗ tiger muß dieſem der innerhalb mächtig hervortreten⸗ der Weltverhältniſſe ſich abſpinnende kleine Liebes⸗ roman erſcheinen. Ja ſelbſt der von Scott mit gro⸗ S IX ßem Erfolg gebrauchte Kunſtgriff, durch das geheim⸗ nißvolle Dunkel, darein er eine lockere Erfindung ſo lange als moͤglich zu huͤllen weiß, die Neugier des Leſers in Spannung zu erhalten, dient nur dazu, bei endlich erfolgter Entwickelung um ſo mehr das Gefuͤhl der Enttäuſchung hervorzurufen, indem der lange genäͤhrten Erwartung ſtatt einer wichtigen, weitgreifenden Kataſtrophe, zuletzt doch nichts darge⸗ boten wird, als die Vereinigung eines halbwuchſigen Liebespärchens, an dem ſich die großartigſten welt⸗ geſchichtlichen Bewegungen verkruͤmeln.— Unſtreitig iſt der unmittelbare und weſentliche Stoff des Ro⸗ mans überhaupt das Leben der Familie, wie denn dies in der Romanen⸗Literatur ſtets durch die That anerkannt worden iſt. Wir erinnern nur an die älteren engliſchen Romane; und ſelbſt unſere verrufe⸗ nen deutſchen Familiengemälde ſind nicht darum ſo ge⸗ ringhaltig, weil ſie das Familienleben darſtellen, ſondern weil ſie es in ſeiner groͤßtmoͤglichſten Duͤrftigkeit auf⸗ faſſen, weil ſie die Poeſie darin ſuchen, es aus allem Zuſammenhang mit allgemeinen Intereſſen herauszu⸗ reißen, und ſeine ganze Energie auf die ungeſtorte Erhaltung einer iſolirten Exiſtenz hinzurichten; daher denn auch Armuth bei ihnen ein ſo wichtiges tragi⸗ ſches Motiv iſt, und dauerndes Familiengluͤck haupt⸗ X ſächlich durch plotzlich hereinſcheinenden Reichthum bewirkt wird. Ein wuͤrdiger Gegenſtand fuͤr die Poeſie iſt aber die Familie erſt, wenn ſie der gemei⸗ nen Noth des Lebens durch guͤnſtige aͤußere Verhaͤlt⸗ niſſe entruͤckt, zu keiner Verzichtleiſtung auf hoͤheren und feineren Lebensgenuß gezwungen iſt. Mannig⸗ faltigere Intereſſen treten dann in ihr hervor, ſie ſelbſt oͤffnet ſich dem, was die Welt bewegt, und ohne ſich an das oͤffentliche Leben aufzugeben, nimmt ſie doch deſſen Wirkung in ſich auf, und entwickelt erſt ſo ein in Geſinnung, Charakter und Thatkraft innerlich reiches, wahrhaft ſittliches Daſein. Wird nun die Familie in dieſer Wuͤrde und Bedeutſamkeit Gegenſtand dichteriſcher Produktion, ſo kann ſie nur entweder in beſtimmten allgemeinen Beziehungen zu den Maͤchten des geſchichtlichen Lebens feſtgehal⸗ ten werden,— wie z. B. der edle Familienkreis, in welchen Wilhelm Meiſter uns einfuhrt, an Kunſt, weltbuͤrgerlicher Erziehung und großartiger Induſtrie die Bezuͤge hat, die ihn der Geringheit und Duͤrf⸗ tigkeit eines blos ſelbſtiſchen Familienintereſſes entrei⸗ ßen— oder es muß eine beſtimmte, im Leben eines Volkes bedeutſame, geſchichtliche Zeit ſein, in die der Dichter uns verſetzt, und die er am Familienleben reflektirt zu unſerer Anſchauung bringt. Eben dieſer XI letztere Gedanke liegt nun auch den Scottiſchen Ro⸗ manen zu. Grunde, konnte in ihnen aber freilich nicht“ genuͤgend zur Ausführung kommen, weil Scott die Familie durch die aſlgemeinen Intereſſen voͤllig be⸗ wältigt, weil er uns nicht die Geſchichte durch die Familie hindurch, ſondern umgekehrt die Familie nur in der Geſchichte, ſei es nun als thätiges Organ derſelben, oder als leidenden Spielball der Ereigniſſe erblicken läßt. Es liegt zwar auch in dieſer Faſſung eine Wahrheit, eine ſolche jedoch, zu der wir des Dichters nicht beduͤrfen, die uns die Geſchichte ſelbſt auf allen ihren Blättern lehrt. Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen, welche alle geſchichtlichen Kaͤmpfe und Wirren uͤberdauert, jene in allem Wech⸗ ſel des mannigfach bewegten oͤffentlichen Lebens ſich unveränderlich erhaltende ſtille Macht der Liebe, Treue, Innigkeit und heiligen Vertrauens iſt es, welche ſchon an ſich gediegene Poeſie, auch fuͤr die dichteri⸗ ſche Behandlung ein unerſchoͤpflicher Stoff iſt. Wie trefflich nun dieſer Stoff, wenn ein Meiſter ihn be⸗ handelt, ſich geſtalten läßt, zeigt das Werk, auf wel⸗ ches aufmerkſam zu machen, der Zweck dieſer Zei⸗ len iſt. Wir werden durch Godwie⸗Caſtle mit einer engliſchen Familie bekannt, deren hoher Rang ſie von XII alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrſchern des Landes gebracht, und zur Theilnahme an der Leitung des Staats berufen hat, ſo daß die Schick⸗ ſale des Hauſes vielfach durch den Gang der öoͤffent⸗ lichen Angelegenheiten, und durch innigere, perſoͤnliche Verhaͤltniſſe zur Koͤnigsfamilie beſtimmt werden. Die Perſonen, die wir kennen lernen, haben an dem Hofe der Koͤnigin Eliſabeth und ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen, und die ver⸗ traute Freundſchaft zwiſchen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales fuͤhrt Verwickelun⸗ gen herbei, welche auf das ſonſt ungetruͤbte Familien⸗ gluͤck einen duſtern Schatten werfen, der ſich erſt ſpät zerſtreut. Ueber die Begebenheiten ſelbſt enthal⸗ ten wir uns jedes Berichts, und bemerken von ihnen nur, daß ſie ganz geeignet ſind, die Theilnahme der Leſer in hohem Grade in Anſpruch zu nehmen. Deſto angelegentlicher moͤchten wir die poetiſche Treff⸗ lichkeit des Werkes hervorheben. In der That ſind darin alle oben an Scott geruͤgten Fehler auf das gluͤcklichſte vermieden. Viele hochſt intereſſante hiſto⸗ riſche Momente treten uns zwar darin entgegen: das letzte Lebensjahr Jakobs I., der finnloſe Uebermuth ſeines Guͤnſtlings Buckingham, die Verhandlungen wegen der Vermählung des unglucklichen Prinzen ————————— ———— xur Karl, Burleigh's und Briſtol's gewandte, aber in al⸗ ler Staatsklugheit den Adel der Geſinnung bewah⸗ rende Politik in ungleichem Kampſe mit Richelieu's ſchleichenden, auf Hofintriguen, Weibergunſt und Je⸗ ſuitismus ſich ſtutzenden Machinationen— alles die⸗ ſes und dem ähnliches fuͤhrt der Verfaſſer mit dra⸗ matiſcher Anſchaulichkeit unſern Blicken voruͤber. Dennoch haͤlt er es mit großer Beſonnenheit ſo ſehr als möglich im Hintergrunde, und läßt es nur ſo weit hervortreten, als es unmittelbar auf die Not⸗ tingham'ſche Familie einwirkt, fuͤr welche er unſer Intereſſe ungetheilt in Anſpruch nimmt und erhält. In das Stamnſchloß derſelben verſetzt er uns gleich beim Beginn der Erzählung, und entfaltet vor uns deſſen mannigfach kombinirte, den großen Sinn ſei⸗ ner Beſitzer ausſprechende Architektur mit ſo bewun⸗ dernswuͤrdigem Talent, ſo ungetruͤbt von jener das Auge verwirrenden antiqugriſchen Pedanterie, in welche bei ſolchem Anlaß Scott ſo leicht verfällt, daß wir darin vollig heimiſch werden. Und welchem herrlichen Menſchenkreiſe begegnen wir darin! Die alte Herzogin, eine wahrhaft verklaͤrte, von keinem Erdenſchmerze mehr beruͤhrbare Geſtalt, auf ein ab⸗ geſchloſſenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines ſchoͤnen Bewußtſeins heiter zuruͤckblickend, und jetzt ½ XIV zur Seite die juͤngere Herzogin, ein tief leidenſchaft⸗ liches, von einem großen Schmerz umnachtetes Ge⸗ muͤth, deſſen Heftigkeit dennoch ſtets von hoher Wil⸗ lenskraft gebaͤndiget, nur um ſo ruͤhrender die Fuͤlle von Liebe, die es einſchließt, und um ſo ſchoͤner die Staͤrke einer edeln Geſinnung offenbart. Wir muͤſſen es uns verſagen, dieſe andeutende Charakteri⸗ ſtik fortzuſetzen. Gleich den genannten Perſonen ſind auch die uͤbrigen, bis zur juͤngſten Enkelin, welche in ihrer Kinderunſchuld das anmuthigſte Gegenſtuͤck zu der herrlichen Großmutter bildet, ſcharf individua⸗ liſirt; wie verſchieden aber auch in Charakter und Le⸗ bensrichtung, ſind ſie doch durch gegenſeitige Liebe und Anerkennung, durch das Alle erfullende Bewußt⸗ ſein der Familienehre und einen füͤr Gemeines un⸗ nahbaren Seelenadel zur ſchoͤnſten Einheit und zu einem ſittlichen Geſammtleben verbunden, in welches hineinzublicken Genuß und Erhebung zugleich iſt. Die ſchoͤnſte Zeichnung freilich iſt die junge Fremde, an deren Erſcheinen in Godwie⸗Caſtle ſich viel Luſt und Leid knuͤpft. Der Verfaſſer hat die Fuͤlle von Lieb⸗ reiz, die er uͤber dieſe Geſtalt ausgegoſſen, zugleich ſo durchſichtig für die ihr einwohnende hohe Seelen⸗ ſchönheit zu halten gewußt, daß die herzgewinnende nur noch in der Liebe zu den Ihrigen lebend. Ihr Macht, die ſie uͤber ihre Umgebung ausuͤbt, gewiß auch jeder Leſer erfahren wird. Das liebe Maädchen muß viel leiden, ſo viel, daß wir mit dem Verfaſſer daruber rechten koͤnnten, warum er ſie uͤber manche Widerwärtigkeit nicht ſanfter hinweggefuͤhrt hat, wenn wir nicht wuͤßten, eimal daß im Romane der Zu⸗ fall ſein Recht unbeſchraͤnkt behaupten muͤſſe, und zweitens vornehmlich, daß gerade in jenen Schmer⸗ zen die groͤßere Liebe des Dichters zu ſeinem Ge⸗ ſchoͤpf ſich kundgiebt, welcher allein wir eine ſo le⸗ benswarme Zeichnung verdanken. Seltſam genug, daß im Reiche der Poeſie der Satz gilt: was der Dichter liebt, läßt er leiden. Dies zu belegen, braucht man nicht gerade an Heinrich Kleiſt zu erinnern, der ſeine Lieblinge foͤrmlich quälen kann, ſelbſt Goͤthe darf dafuͤr angefuͤhrt werden; denn ruht nicht z. B. unter allen im Wilhelm Meiſter auftretenden Perſo⸗ nen des Dichters Liebe vorzusweiſe in Marianen und Mignon? Es ſind dieſe beiden Geſtalten aber auch die ſchoͤnſten unter allen, wie ſie die leidvollſten ſind. So wollen wir denn auch unſern Verfaſſer dieſer Dichterneigung ungeſtoͤrt folgen laſſen, und ſtatt unbefugt zu tadeln, lieber auf eine beſondre Vir⸗ tuoſität deſſelben aufmerkſam machen. Dies um ſo mehr, weil er ſich in ſo ſtrenge Anonhmität zu huͤl⸗ XVI len gewußt hat, daß ſelbſt dem Verleger, wie ein Vorwort berichtet, ſein Name voͤllig unbekannt ge⸗ blieben iſt; ein kluger Leſer, der ſich auf's Rathen legen will, mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig er⸗ halten. Es verſteht näͤmlich der Verfaſſer nicht nur Gemaͤlde mit der groͤßten Gewandtheit und in an⸗ ſchaulichſter Klarheit zu beſchreiben, ſondern er giebt auch von einzelnen Gegenſtänden ſo pittoreske Dar⸗ ſtellungen, und liebt es beſonders, ganze Scenen in ſo beſtimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Le⸗ ben athmenden Tableau zu geſtalten, daß er ſich als einen in die Geheimniſſe der Malerkunſt tief Einge⸗ weihten verraͤth. Wir ſelbſt wollen uns durch dieſen Fingerzeig nicht zum Rathen verfuͤhren laſſen, ſondern uns nur des Trefflichen freuen, das die Kunſt des Verfaſſers in dieſer Beziehung uns dargeboten hat. Ein Talent, wie der Verfaſſer es hier zeigt, und wie wir es in anderer Weiſe an Goͤthe und Tieck kennen und bewundern, läßt es recht inne werden, daß, wie die Malerei in ihrer großen längſt abge⸗ ſchloſſenen Zeit die Poeſie in ſich trug, ſo umgekehrt die muͤndig gewordene Poeſie die Malerei einſchließt. Und ſo mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen, wenn eine beruͤhmte deutſche Malerſchule unſter Zeit ſich ſo gern an die Dichter lehnt und XVII ihnen in ihren Darſtellungen nachſtrebt; wiewohl es immer eine bedenkliche Frage bleibt, wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten fuͤhren koͤnne, nach einem Erreichten zumal, welches fuͤr dieſes Stre⸗ ben ein Unerreichbares iſt; denn fuͤr eine Anſchauung oder Empfindung, die der echte Dichter bereits ge⸗ ſtaltet, und der er am Worte einen geiſtigen, hell⸗ durchſichtigen Leib gegeben habt, ſind ſelbſt Farbe und Klang zu ſtoffartige, truͤbe Darſtellungsmittel. Sei dem nun wie ihm wolle, wir, die wir nichts von der Berliner Kunſtausſtellung abbekommen, wollen uns an unſerm Leſepulte der herrlichen ſeelenvollen Bilder, welche der Dichter von Godwie⸗Caſtle uns vorführt, dankbar freuen. Unerwähnt darf nicht bleiben, daß der Verfaſſer, was ihm ſehr hoch anzurechnen, es in echter Dich⸗ tervornehmheit verſchmäht hat, den Leſer mit der Auf⸗ loſung der räthſelhaften Begebenheit, die den Inhalt des Buches bildet, in beliebter Scottiſcher Weiſe moͤg⸗ lichſt lange hinzuhalten, und ſo durch Spannung ei⸗ nen voruͤbergehenden Effekt zu erzielen. Schon am Anfange des zweiten Theiles erhalten wir dieſe Auf⸗ loͤſung, und wenn der Verfaſſer, wie er ſelbſt ſehr ſchoͤn ſagt, es vorgezogen hat, den Leſer lieber„in 4 6 4 1 65 16 XVIII die Stimmung eines beſorgten Freundes zu verſetzen, der die Gefahren kennt, wie ſie zu vermeiden waͤren, weiß, und doch außer Stand geſetzt iſt, ſchutzend oder warnend einzuſchreiten“— ſo iſt es ihm mit der Erzeugung dieſer Stimmung bei den Referenten we⸗ nigſtens vollſtändig gelungen. Die Sprache des Verfaſſers hat viel Eigenthuͤm⸗ liches; ein ſehr kompakter Periodenbau, in welchem durch eine zuweilen etwas ungewoͤhnliche Wortſtel⸗ lung ein klingender Rhythmus ſich bemerkbar macht, der oft nahe an den Vers ſtreift, zeichnet beſonders die beiden erſten Theile aus. Im dritten läßt die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach; einzelne Stellen verrathen Eilfertigkeit, auch Inkor⸗ rektheiten laufen mitunter. Dieſe letzteren indeß zu ruͤgen faͤllt dem Referenten gar nicht ein, vielmehr freut er ſich uͤber ſo eine Inkorrektheit, wie Tiſch⸗ bein uͤber den Eſel. Es iſt nämlich in unſern Ta⸗ gen nichts ſo wohlfeil geworden, als ein ſogenannter guter Stil; Alles beſitzt ihn, ja je bornirter einer iſt, deſto beſſer handhabt er ihn; eine geleckte, ge⸗ ſchwaͤtzige, in beſtimmter fertiger Phraſeologie glatt und ohne Anſtoß wie auf einer Chauſſee dahin⸗ XIX rollende Redeweiſe iſt voͤllig zum Gemeingut wor⸗ den. Weil denn nun Alle einen guten Stil ha⸗ ben, und zwar Alle den naͤmlichen guten Stil, ſo ſteht zu befuͤrchten, daß darüber aller Stil zu Grunde gehe, der nämlich, von dem es heißt: le style cest Fhomme! Ein bedrohliches Zeichen, daß wir uns wirklich dem glänzenden Elend der Klaſſicität nähern, womit fuͤr eine Nation doch nichts anders geſagt wird, als daß ſie in ihrer Lite⸗ ratur das Bewußtſein einer großen Vergangenheit ausſpricht, ohne eine über ſich hinausragende Ge⸗ genwart zu haben. Mußten wir ja ſogar erſt kuͤrz⸗ lich, und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutſchlands heraus, ein Liedchen ſingen hoͤren, das die graue Nebelgeſtalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenſchildern von klaſſiſchem Muſter, Korrektheit, Geſchmack u. ſ. w. aus ihrer Vergeſſen⸗ heit heraufbeſchwoͤrt. Solcher Richtung gegenuber muß man es noch fuͤr ein guͤnſtiges Shmptom hal⸗ ten, wenn der herrliche Goͤthe nicht allgemein aner⸗ kannt, ja wenn er verunglimpft wird; beſſer ſo, als daß er, was von einer andern Seite her in kurz⸗ ſichtiger Aeſthetik geſchieht, zum Muſterpoeten ver⸗ knoͤchert wird. Es hat indeß mit der Klaſſicität keine XKX ſo große Gefahr, ſo lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedraͤngter Muße zu ſchaffen vergoͤnnt iſt, und ſo lange noch große Unbekannte, wie der Verfaſſer von Godwie⸗Caſtle, unſere Literatur be⸗ reichern.“ Braniß. — — — = — — — — — — 85 Godwie⸗Caſtle. I. De Tag neigte ſich zu Ende. Leichte Nebel ſtiegen aus den Thaͤlern und verbreiteten eine ſeltene zauberiſche Beleuchtung, indem ſie die Strahlen der Sonne, welche einen warmen Fruͤhlingstag verklärt hatten, ſanft ver⸗ huͤllten. Wer hätte nicht der Natur Momente abge⸗ lauſcht, wo die wunderbare Geſtaltung der Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht ſo phantaſtiſche Er⸗ ſcheinungen hervorruft, daß wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fuͤhlen, denen wir ſchon im Schvoß der Waͤrterin horchten, und die mit ihren goldnen Bäu⸗ men auf Wieſen von Smaragd, ihren Palaͤſten von Rubin und Edelſtein, ihren Urſprung in nichts Ande⸗ rem, als in ſolchen zauberiſchen Naturgemälden, gehabt haben moͤgen. Die weite Ausſicht von dem Standpunkt, an den wir hier unſere Mittheilungen hauptſächlich anknuͤpfen, zeigte eine entzuckende Vereinigung erhabener und lieb⸗ licher Naturgegenſtände, und das Auge konnte von kei⸗ nem unbefriedigt zuruckkehren. 1* —— 4 Wir befinden uns in dem ſchoͤnſten Theile der Graf⸗ ſchaft Nottingham, zwiſchen Cheſterfield und den anmu⸗ thigen Hoͤhen von Chefſield. Hier lag das Stamm⸗ ſchloß der Grafen von Derberh, Herzoͤge von Nottingham, und bildete mit ſeinen weitläuftigen Wäldern und rei⸗ zenden Thälern den vornehmſten Theil dieſer Gegend, indem es zugleich ein prächtiges und ausgezeichnetes Denkmal verſchiedener Jahrhunderte mit ihrem fort⸗ ſchreitenden Geſchmack und erweitertem Beduͤrfniß dar⸗ ſtellte. Es brachte ſeinen alten Namen, Godwie⸗Caſtle, aus einer ſo grauen Vorzeit herüber, daß ſelbſt das alte Geſchlecht, das ſich jetzt ſeine Beſitzer nannte, es nicht wohl erweiſen konnte, ob es einen ihrer fernen Urväter als Erbauer des eigentlichen Caſtells nennen duͤrfe, das init ſeinen von der Zeit faſt ſpurlos verwiſchten Wap⸗ penſchildern alle Bemuͤhungen der Heraldik vereitelte. Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten, von der es zweifelhaft blieb, ob ſie der Verehrung für die fruheſte Periode der Baukunſt ange⸗ hoͤre, oder den ſchmeichekhaften Glauben an einen bis in die graueſte Vorzeit reichenden Beſitz. Gewiß blieb es aber, daß die Vergrößerungen des Schloſſes, die eben ſo vielen verſchiedenen Zeiten, als Beſitzern, angehoͤrten, ſtets mit einem ſchonenden Ruͤckblicke auf die erſte, wenn auch ohe, doch von Ausdehnung zeugende Anlage unternom⸗ 5 men wurden. So war, von dem fruͤheſten Bedurfniß, nur eine geſicherte Wohnung zu beſitzen, bis zu der freieren Exiſtenz in einer Zeit, die, durch öffentliche Si⸗ cherheit, Reichthum und vorſchreitende Bildung, das Schoͤne und Angenehme forderte und zuließ, ein uͤberall beabſichtigter, wenn auch oft ſchwer zu erreichender Zu⸗ ſammenhang unter den verſchiedenen Bauwerken beob⸗ achtet worden. Das Caſtell, das ſo als der älteſte Theil bezeichnet ward, lag an dem Rande einer Hoͤhe, die unfehlbar in fruͤheren Zeiten einen Theil der Befeſti⸗ . gungen getragen hatte und den ſpäteren Beſitzern, welche hier nur unſcheinbare Truͤmmer vorfanden, den weiten 5 3 Raum fuͤr ihre großartigen Anlagen gab. Das Caſtell war noch immer der Eingang zum Schloſſe geblieben, und allerdings dazu durch den Ernſt und die Groͤße ſeiner Formen und die uͤberall noch ſichtbaren Befeſti⸗ gungen ſehr geeignet. Die breiten geebneten Wege, die das Thal und den Wald in verſchiedenen Richtungen durchſchnitten, liefen in dem weiten grünen Raume zu⸗ 5 ſammen, der ſich vor den Befeſtigungen ausbreitete und 3 gegen Norden hin von dem prächtigen de in einem Halbkreis umſchloſſen ward. Die waſſerreichen Grä⸗ ben mit ihren gruͤnen Waͤllen und befeſtigten Bruͤcken ſchienen noch jetzt einer kriegeriſchen Macht jeden Wi„ verſtand bieten zu konnen, doch blieb dem gruͤndlicheren 53 6 Beobachter nicht lange verborgen, wie dieſe ſchirmenden Waͤlle und Graͤben ſich ſanft hinter der Huͤgelreihe in den ſchoͤnen Wieſengruͤnden verloren, die dem Thal nach Suͤden hin mit dem Zauber der Kultur eine beſſere Aus⸗ ſicht auf Schutz und Sicherheit gewährten. Von dort aus zogen ſich die Meiereien und ländlichen Wohnun⸗ gen der Fiſcher und Waldheger, welche zerſtreiit ange⸗ baut waren, in einem Kreiſe um den Park, der nach Abend hin einen See umſchloß. Die groͤßte Ausdehnung hatte dieſer nach Norden und verband ſich dort mit dem Walde, der bis dicht an die Terraſſen des Schloſſes ſeine mächtigen Häupter trug und, durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden, theilweis zu den Park⸗Anlagen benutzt war. Noch immer unterhielt man auf den verſchiedenen Bruͤckenthürmen Wächter, welche die Ankunft von Frem⸗ den aus der Ferne ſchon durch den Ruf ihrer Hoͤrner verkuͤndigten. Aber an die grauen Thuͤrmchen mit ih⸗ ren Schießſcharten und Fallgattern lehnten ſich freund⸗ liche Huͤttenund bluͤhende rothwangige Kinder, in trau⸗ ter Gemeinſchaft mit den zahmen Bewohnern des Wal⸗ des, die die gruͤnenden, von der Sonne beſchienenen Wäͤlle gern zu ihren Futterplätzen erſahen, ſchienen die einzige ſtreitbare Macht dieſer erſten Feſtungslinie. Doch überſchritt wohl keiner die letzte Bruͤcke, ohne 7 —— einen Augenblick zu weilen und den Ueberblick zu ge⸗ nießen, der dieſe großartige Architektur zugleich als eine intereſſante Geſchichte der Baukunſt darſtellte. Den Eingang zum Caſtell erreichte man uͤber eine Zugbruͤcke, die unmittelbar in ein hohes gewoͤlbtes Thor fuͤhrte, das von zwei ſonderbar gewundenen und mit Gallerien verbundenen Thuͤrmen gehalten ward. Man hatte alsdann den Schloßhof erreicht, und dem Ein⸗ gangsthor gegenuͤber zeigte ſich die ſchoͤnſte, wenn auch nicht die älteſte Seite des Caſtells. Sie gehoͤrte einer ſpätern Zeit und ſchon beſtimmt der gothiſchen Bau⸗ kunſt an; aber ſie war— durch welche Begebenheiten, blieb unentſchieden,— in ihrem oberen Ausbaue der Zerſtorung am meiſten anheim gefallen und zeigte nur noch die unteren Räume erhalten, die in drei hohen ge⸗ woͤlbten Hallen beſtanden und den Durchgang nach dem zweiten Schloßhof bildeten. Mit angenehmem Erſtau⸗ nen ſah man ſich von hier aus dem praͤchtigen Wohn⸗ gebäude gegenüber, das, mit allem Glanz ſeiner ſtets reichen Beſitzer in dem reinſten Sthle errichtet, den wohlthuenden Eindruck hervorrief, als ob man die Herr⸗ ſchaft des Schoͤnen unter dem Schutze cwiliſirterer Zei⸗ ten hier aufgebluͤht ſähe. Das Schloß lag auf dem hochſten Punkte und da⸗ her hoͤher, als das Caſtell, und der Schloßhof fuͤhrte 8 in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhoͤhe hinan. Die Hinterſeite des Schloſſes lag auf der Terraſſe aus⸗ gebreitet, welche von da zu dem Parke fuͤhrte. Hier, von der Gartenſeite aus, gewahrte man den neueſten Anbau, unter dem Großvater des letztverſtorbenen Her⸗ zogs entſtanden, und zwar nach ſeiner Ruͤckkehr aus Italien von einer Geſandtſchaft an Sirtus den Fuͤnf⸗ ten, wohin ihn Eliſabeth geſendet, während ihrer kurzen Freundſchaft mit dem heiligen Stuhle. Der Erbauer hatte hier den Geſchmack ſeiner Vor⸗ fahren am meiſten beeinträchtigt. Italien hatte ſeine Phantaſie mit Bildern entzuͤckt, die keinen Raum auf dem vaterlaͤndiſchen Boden fanden. Kunſtwerke jeder Art waren ihm gefolgt; aber die hohen gothiſchen Ge⸗ maͤcher des alten Stammſchloſſes, mit ihren ſchmalen ſpitzen Fenſtern und dem ungewiſſen Lichte der in tau⸗ ſend Farben ſpielenden Scheiben, war kein Aufenthalt fuͤr die Marmorbilder, die man aus ihren heiteren Saͤulenhallen weggefüͤhrt, noch für Kunſtwerke des Pinſels, die vergeblich eine Gemeinſchaft ſuchten an den mit Zierrathen überladenen Waͤnden, wo, nächſt zahlloſen, in Stein und Marmor gehauenen Wap⸗ penſchildern, nur die duſteren Ahnenbilder, aus der Kindheit der Kunſt herſtammend, zu ihnen nieder⸗ ſtarrten. Die hierdurch erregte Beſorgniß des Herzogs 9 . um ſeine Lieblinge loſte ſich bald im froͤhlichen Ge⸗ fuͤhl ungemeiner Mittel, und er gab ihnen in einem. neuen Fluͤgel hinter hellen Scheiben und luftigen Kup⸗ peln die Heimat wieder, ſo weit dies unter Englands Nebelhimmel moͤglich war. Nahm der italieniſche Fluͤgel vom Hauptgebaͤude aus den noͤrdlichen Theil der Terraſſen ein, ſo hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs, eine Gräfin aus dem Hauſe Devereur, an der anderen Seite der Terraſſe nach Süden eine Kapelle aufgefuͤhrt, die deutlich die Einwirkung zeigte, welche der Geſchmack des Herzogs durch den Aufenthalt in Italien davon getragen. Aber es war auch nicht zu laͤugnen, daß man ſich hier von dem unreinen Geſchmack beruͤhrt fuͤhlte, der ſpäter ſeine Verwirrung der gothiſchen und griechiſchen Baukunſt uͤber halb Europa ausbreitete. Deſſenungeachtet diente auch dieſe weit aus der Erde gehobene Kapelle, mit ih⸗ ren ſchoͤnen Portalen, herrlichen Treppen und im blu⸗ menreichſten Schnitzwerk prangenden Fenſtern, nicht minder zu einer Verherrlichung des Ganzen. Es fuͤhr⸗ ten von hier ſanfte Wege ab in die angebauten Thaͤler, deren Bewohner ſich auf denſelben nach der Kirche be⸗ geben durften. Die Kapelle war durch den ſuͤdlichen Thurm unmittelbar mit dem Schloſſe verbunden. Der untere Raum deſſelben ward die Begraͤbnißkapelle ge⸗ ————— 10 nannt, weil darunter ſich die Familiengruft befand und der Raum daruͤber vor Erbauung der neuen Kapelle zum Gottesdienſt gebraucht ward. Dieſer faſt leere Raum grenzte an die fuͤrſtlichen Hallen, die in drei Abtheilungen ſowohl die Tiefe als Laͤnge des ganzen Schloſſes einnahmen. Nur um den Eingang von dem Schloßhof her zu trennen und die breiten Treppen nach den obern Gemaͤchern zu fuͤhren, war der mittlere Saal durch prachtvolle Gitter und die Decke tragende Pfeiler getheilt. Trotz ſeiner ungeheuern Groͤße und ſeiner ver⸗ ſchwenderiſchen Ausſtattung ward er weniger geachtet, und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als ſtillſchweigend geſtatteter Tummelplatz der hoͤheren Schloßbeamten und der zahlloſen Dienerſchaft angeſehn. Dagegen waren die daranſtoßenden Saͤle mit einem uberraſchenden Glanze geſchmuckt, und trugen den ganzen Stolz ihrer furſtlichen Bewohner und allen Lurus, den England damals aufzuweiſen wußte, ergänzt durch Ita⸗ liens Schätze und den Kunſtfleiß der vorſchreitenden Niederläͤnder, zur Schau. Statt der Fenſter öffneten ſich weite Thuͤren nach den Terraſſen hin, die, gegen die Annäherung der ver⸗ ſchiedenen Thiere des Waldes durch goldene Gitter ge⸗ ſchutzt, Luft und Licht gar anmuthig einließen, und bei unfreundlicherem Wetter haͤufig zu den regelmäßigen 11 Spaziergaͤngen der Frauen benutzt wurden; wie denn jene Säle uͤberhaupt allem gemeinſchaftlichen oder oͤf⸗ fentlichen Verkehr der Schloßbewohner gewidmet waren. Die Furſten gaben hier ihren Unterthanen oder dem Adel der Grafſchaſt Audienzen. Hohe Gäͤſte wurden hier bewirthet, die furſtliche Jugend mit ihren Geſpielen trieb hier ihre verſchiedenen Luſtbarkeiten; Familienfeſte und Zuſammenkuͤnfte, in guter Jahreszeit das allge⸗ meine Fruhſtuͤck und die Tafel, Alles ward hier abge⸗ halten; bis zu den pomphaften Leichenbegängniſſen die⸗ ſer Familie, welche mit ihren ſtrengen Ceremonien den Saal zunaͤchſt dem Erbbegraͤbniß fuͤllten. Dagegen ſchloß der noͤrdliche Thurm im Erdgeſchoß die prächtige Bibliothek in ſich, und durch ſie gelangte man zu den ſchoͤnen Marmorſtiegen, die den italieniſchen Fluͤgel ſo⸗ gleich als das Kind einer fremden Zone ankuͤndigten, welcher ſeit dem Tode des Erbauers, der ihn nie mehr verließ, die ſtete Wohnung der Herzoͤge blieb. Die Zimmer, welche die Herzoginnen bewohnten, hatten jedoch, obwohl die alterthuͤmliche Urgeſtalt weder entfernt werden konnte, noch ſollte, nach und nach Um⸗ geſtaltungen erlitten, welche zu ihrer urſprunglichen Pracht noch das Schoͤne und Angenehme fugten; und wenn wir den ferner liegenden Waffenſaal und den der Ahnenbilder, den man noch immer die Gallerie nannte, —— 12 abrechnen, boten dieſe Zimmer zugleich einen ſchoͤnen und impoſanten Anblick dar. Das Schlafzimmer der Herzoginnen war im ſuͤdlichen Thurm und von der Erbauerin der Kapelle durch einen verhuͤllten Eingang unmittelbar mit dem Chorſtuhl verbunden, den die Her⸗ zoginnen darin einnahmen. Außerdem waren unter dem letzt verſtorbenen Herzoge fuͤr den Prinzen von Wales, welcher in naher Verbindung mit ihm ſtand, eine Reihe Zimmer eingerichtet, eines ſo hohen Beſuches und ſo freigebigen Wirthes gleich wuͤrdig, welche, wenn auch nur ſelten geoͤffnet, doch ſtets fur die vornehmſten Gäſte ihre Beſtimmung behielten. Alle Theile des Schloſſes waren, wenn auch mit einem großen Aufwand an Raum, außerdem bewohnt, denn es gehoͤrte zu dem Lurus da⸗ maliger Zeit, außer der hoͤheren Dienerſchaft beider Ge⸗ ſchlechter noch einen unuͤberſehbaren Troß geringer Dienſtleute zu beſitzen. Der argwoͤhniſchen Politik der Koͤnigin Eliſabeth war es zwar nach und nach gelun⸗ gen, die eigentliche bewaffnete Dienerſchaft ihrer Gro⸗ ßen zu entfernen, die freilich faſt jedes befeſtigte Schloß zu einer kleinen Feſtung umſchufen, doch war kaum etwas Anderes erreicht, als daß die Waffen in den Ruͤſt⸗ kammern hingen, und diejenigen, die ſonſt darin geuͤbt wurden, jetzt noch unnuͤtzer und geſchaͤftloſer umher⸗ ſchweiften. Die nach Außen und Innen friedlichen Zei⸗ —, 13 ten hatten dieſe fruͤhere Gewalt auch von ſelbſt ihres Werthes beraubt, denn entlaſſen waren dieſe zahlloſen Bedienten nicht, und Herr und Diener ſahen dieſe Schwelgerei unbeſchäftigter Vaſallen als einen nothwen⸗ digen Tribut an, den ſie der Hoheit ihres Standes brachten. Doch war dieſer Brauch, der in die Häuſer der meiſten Großen den Geiſt der Unordnung und Zuͤ⸗ gelloſigkeit brachte, hier auch in Grenzen gewieſen, die in Uebereinſtimmung ſtanden mit der hohen ſittlichen Strenge ihrer Oberhäupter. Gepruͤfte Perſonen, an Bildung und Rang uͤber die Dienerſchaft erhaben, ſorg⸗ ten in den verſchiedenen Abtheilungen dieſes weiten Palaſtes füͤr die Befolgung der ſtrengen Vorſchriften, welche dieſe Schwelger in Ordnung hielten, und waren mit hinreichender Gewalt bekleidet, um ihren Geboten Nachdruck zu geben. So glich das Schloß mehr einem kleinen, wohlgeregelten Staate, worin durch Pflicht⸗ treue und Fähigkeiten Erhoͤhung zu erlangen, und der Dienſt im Schloſſe, endlich in den Gemaͤchern der her⸗ zoglichen Familie, ein Gegenſtand war, um den ſich der Ehrgeiz der Schloßdienerſchaft drehte; denn grenzen⸗ los war die Verehrung fuͤr ihre großmuͤthigen und er⸗ habenen Herren, durch deren Glanz ſie ſich ſelbſt uͤber die Klaſſe ihres Standes erhoben wähnten. Faſt theilte England die Meinung der Vaſallen. 14 Das Geſchlecht der Herzoͤge von Nottingham hatte durch Jahrhunderte einen ſeltenen Rang behauptet, in der Geſchichte des Vaterlandes ſowohl, als in der oͤffent⸗ lichen Meinung, die uͤber Tugend und Karakter entſchei⸗ det; und es war um ſo hoͤher zu verehren in den un⸗ ruhigen Zeiten, welche die Inkonſequenz der Beherrſcher uͤber dieſes ſo lange den ſchrecklichſten Parteiungen hin⸗ geopferte Land herbeigefuhrt hatte. War das Schickſal auch nicht, ohne Opfer zu for⸗ dern, an ihrer Schwelle voruͤber gegangen, das Hoͤchſte war ihnen geblieben: eine feſte Behauptung edler Geſin⸗ nung! Nicht dem thoͤrichten Wankelmuth zum Raube, der England ſeit Heinrich dem Achten zum religioſen und politiſchen Spielball ſeiner ſich ſtets widerſprechenden Koͤ⸗ nige machte, blieben ſie treu ihren Unterthanspflichten, aber bei freier Bewahrung religioͤſer Anſicht, und zugleich in Milde und Duldung gegen anders Denkende. So wurden ſie nie in die unſeligen Kriege und Zwiſtigkeiten verwickelt, die, der Natur und ihren heiligen Geſetzen Hohn ſprechend, die Bewohner eines Landes, oft eines Heerdes zu blutiger Verfolgung für einen Glauben be⸗ waffneten, deſſen kaum Einer unter Tauſenden ſich klar bewußt war! Sie hatten in einer ruhmvollen Reihefolge den Feinden nach Außen ſich gegenuͤber geſtellt, die Ver⸗ läumdung ſcheiterte an ihren patriotiſchen Opfern fuͤr 15 ————————— Englands Beſchutzung, waͤhrend an auswärtigen Hoͤfen zu allen Zeiten die oft wiederholten Sendungen geiſtvoller Männer dieſes Hauſes achtungsvolle Aufnahme fanden. Zur Zeit der Reformation warb Ortmar, Graf von Derbery, um die Prinzeſſin von Cleve fuͤr Heinrich den Achten. Erleuchtet von dem göttlichen Geiſte Luthers, kehrte er aus Deutſchland zuruͤck, und von ihm ging fuͤr die Familie die Aufklärung aus, welche ſie in feſter Ueberzeugung ihrem alten Glauben entfuͤhrte, und von da an zu treuen Anhängern der unter Eduard dem Sech⸗ ſten beginnenden, unter Eliſabeth endlich feſt begruͤnde⸗ ten anglikaniſchen Kirche machte. Zur Zeit der katho⸗ liſchen Maria vom Hofe verbannt, zu ausgezeichnet, um groͤßeren Verfolgungen ausgeſetzt zu ſein, entſtiegen ſie in verdoppeltem Glanze mit Eliſabeth ihrer tugendhaften Verborgenheit, und der Vater des eben verſtorbenen Her⸗ zogs genoß mit ſeinem ganzen Hauſe alle Auszeichnun⸗ gen, welche dieſe erhabene Fürſtin fuͤr die Belohnung treuer Anhänglichkeit ſo ſinnreich zu erdenken wußte. Gern hätte ſie dazu die unmittelbare Mitwirkung des Herzogs an den Regierungsgeſchäften gefugt, wäre nicht die Neigung deſſelben, bei zunehmendem Alter ſich auf den Umgang ſeiner Familie zu beſchräͤnken, ihr hinderlich geweſen, worein ſie ſich jedoch fand, ohne ihm ihre Gnade zu entziehen. Was indeſſen der Vater ihr ver⸗ ſagen gedurft, glaubte ſie deſto beſtimmter von ſeinem einzigen Sohne fordern zu koͤnnen, und ſo ward der junge und ſchoͤne Mann an ihren Hof gerufen. In den ernſten und gelehrten Cirkeln, die ſie ſelbſt umgaben, legte er, als der erſte ihrer Diener, durch Umgang mit den ausgezeichnetſten Perſonen der damaligen Zeit den Grund zu der hohen Bildung, welche ſich ſo ſegensreich fuͤ ſeine Familie zeigte. Sie ſandte ihn ſpäter mit hoͤchſt wichtigen Aufträgen an Wilhelm von Oranien und ver⸗ maͤhlte ihn bei ſeiner Ruͤckkehr mit einer Gräſin von Burleigh, welche ſie als das erſte Fraͤulein ihres Hofes angeſehen wiſſen wollte, und welche in jeder Beziehung dieſen Vorzug ihrer Koͤnigin verdiente. Sie ſah ihren ehemaligen Pagen, wie ſie ihn gern nannte, als ihr Werk an und war eitel darauf, die Erziehung eines Man⸗ nes vollendet zu haben, wie ie ſich oft ausdruͤckte. Als dem Grafen kurz hintereinander zwei Soͤhne geboren wur⸗ den, aͤußerte ſie lebhaft ihre Freude uͤber das Fortbluͤhen dieſes Geſchlechts, und machte ſich mit einem Geſchenke, welches bei ihr ſelten vorkam, zur Pathin des erſten, und ernannte den zweiten Sohn zum Grafen von Glandford, mit Wiederverleihung einer unter Maria confiscirten Be⸗ ſitzung, welche fruͤher der Familie als freies Witthum der Graͤfin Devereur mit der Beſtimmung zugefallen war, dem zweiten Sohne der Familie Namen, Rang und 17 Reichthum zu gewähren. Cliſabeth freute ſich, dieſe Stiftung auf Wunſch der Oberhäupter der Familie er⸗ neuern und ſanctioniren zu konnen, und ſo zugleich eine Ungerechtigkeit ihrer gehaßten Vorgaͤngerin wieder gut zu machen. Wenige Jahre ſpäter ſandte ſie ihn nach Frank⸗ reich an Catharina von Medicis, wo damals Trohmor⸗ ton, ihr ausgezeichneter Geſandter, ſich aufhielt. Sie ver⸗ zoͤgerte ſeine Zuruͤckberufung um ein Jahr, ihn ſelbſt und den argliſtigen Verſailler Hof, der eine Vermaͤhlung des Herzogs von Anjou mit Eliſabeth beabſichtigte, durch tauſend kleine Vorſpiegelungen hinhaltend, hinter denen ſie gern ihre wahren Abſichten verhuͤllte. Der Graf von Derberh fand bei ſeiner Rückkehr ſei⸗ nen Vater nicht mehr und das Schloß nur von ſeiner trauernden Gemahlin bewohnt; er eilte nun mit ſeinen beiden Soͤhnen nach London, um zu den Fuͤßen ſeiner Koͤnigin den Lehnseid zu leiſten und ihr die hoffnungs⸗ vollen Junglinge vorzuſtellen, die ſich ſchon in der Wiege ihrer Gunſt erfreuten, und welche ſie nun augenblicklich zum Aufenthalt an ihrem Hofe beſtimmte. Der letzte und ſicher nicht erwuͤnſchteſte Auftrag der Koͤnigin be⸗ ſtimmte den Grafen, an Jakob den Sechſten die Nach⸗ richt von dem Tode ſeiner Mutter, der ungluͤcklichen Maria von Schottland, zu überbringen. Wahrſchein⸗ lich leitete ſie, neben der Ruͤckſicht auf die Perſoͤnlich⸗ Godwie⸗Caſtle. I. 2 18 keit deſſen, der Jakob ihren Schmerzensbrief einhändi⸗ gen und ihren merkwuͤrdigen, allerdings etwas zweifel⸗ haften Zorn gegen die Urheber dieſer That beſtätigen ſollte, hauptſächlich der Wunſch bei dieſer Wahl, den Herzog mit Jakob, den ſie ſchon damals in der Stille zu ihrem Nachfolger erſehen hatte, zu befreunden. Durch die Art, wie ſie den Herzog dem Koͤnige empfahl, und der ungemeinen Hochachtung vertrauend, welche er ſich* uͤberall zu erwerben wußte, war ſie dies zu erreichen ge⸗ wiß. Sie verlangte ausdruͤcklich, daß ſeine beiden Soͤhne ihn begleiten ſollten, und berief unterdeſſen die Herzogin an den Hof. Robert, Graf von Derberh, der älteſte Sohn, benutzte eben ſo, wie Archimbald, Graf von Glaͤndford, dieſe Gelegenheit zu ſeiner Entwickelung mit ausgezeichnetem Eifer, und Archimbald, wie zum Diplo⸗ maten geboren, begleitete ſchon in den letzten Jahren der Regierung Eliſabeths die Geſandtſchaft, die mit Heinrich von Bearn wegen Sendung von Huͤlfstruppen gegen die Anſpruͤche Philipps des Zweiten auf die Thronfolge in Frankreich unterhandelte. Sein Benehmen war hier zwar ohne Einfluß, aber ſo fein und ſchicklich, daß Eliſabeth von ihm Groͤßeres fuͤr die Zukunft prophe⸗ zeite. Zuruckgekehrt, lebte er unter der Anleitung ſeines Oheims Cecil, ganz ſich dieſem Fache widmend. Er war das Bild der Selbſtbeherrſchung! Seine Figur war mitt⸗ 19 ler Groͤße und ohne Fuͤlle, doch von einer augenſcheinlich großen Kraft, die auch jeder ſeiner Bewegungen die voll⸗ kommenſte Gewandtheit gab. Sies ließ die Meiſten ſehr leicht vergeſſen, daß dem Ausdrucke ſeines Geſich⸗ tes ſowohl als ſeiner Figur jener imponirende, die Ho⸗ heit der Seele voraus verkundigende Anſtand fehlte, den man vorzuͤglich ſpäter, als ſein Name in ſeinem Vater⸗ lande, wie an faſt allen fremden Hoͤfen bekannt ward, oft mit Befremden vermißte. Er beherrſchte auf's Voll⸗ kommenſte ſeine Mutterſprache und außerdem faſt alle fremden Sprachen, ſo wie die Sitten der von ihm be⸗ ſuchten Hoͤfe ihm vollig beguem waren. Die Gabe, ohne allen Anſchein der Beobachtung auch das Geringſte wahrzunehmen, Alle durch ſeine Anreden oder Antwor⸗ ten zu befriedigen oder zu beſchwichtigen, war ihm voll⸗ kommen eigen. Im Streit, in gelehrten oder politi⸗ ſchen Unterhandlungen, bei der groͤßten Ueberlegenheit im Wiſſen, Folgern und Beſchließen, wußte er doch ſtets in die Einkleidung das beſcheidene Aufhorchen ei⸗ nes Lernenden zu legen. Man konnte ihm nichts ſa⸗ gen oder mittheilen, was er nicht im Stande geweſen wäre, als längſt bekannt und ſelbſt in ſeinen fernſten Reſultaten vorausgeſehen, zuruͤckzuweiſen. Mit hoͤch⸗ ſter Ruhe vermochte er den längſten Erörterungen zu⸗ zuhoren, ohne das kleinſte Zeichen der Ermuͤdung oder 2* 20 der Unaufmerkſamkeit zu geben, und es ſtand eben ſo⸗ wohl in ſeiner Macht, endlich den Beifall daran mit Gruͤnden zu rechtfertigen, als ihm die gefaͤhrliche Ge⸗ walt zu Gebote ſtand, in wenigen ſathriſchen oder kri⸗ tiſchen Worten die auch noch ſo kuͤnſtlich verflochtenen Gedanken ihres falſchen Scheins zu entkleiden, und in ihr Nichts zuruͤckfuͤhren. Doch konnte man ihm in ſeinem langen Leben nie nachſagen, daß er an einer guten Sache ſeinen Hang zur Sathre verſucht hätte. Sein Stolz hatte bei dem vollen Bewußtſein ſeines Ranges und Namens doch jenen freieren Karakter, der ſich in ihm mehr als Kosmopolit, denn als Englaͤnder entwickelt hatte, und den zu hegen, er mehr vielleicht noch ſeinen Eigenſchaften, als ſeinem Namen vergab. Robert, Graf von Derberh, der aͤlteſte Bruder und Erbe des herzoglichen Ranges, hatte bei mancher Ver⸗ ſchiedenheit an Geiſt und Bildung den Bruder nicht erreicht. Er hatte von Eliſabeth trotz ſeiner Jugend die Erlaubniß erhalten, den engliſchen Truppen zu fol⸗ gen, die in der Normandie bei Dieppe zur Unterſtuͤtzung des heldenmuͤthigen Heinrichs von Navarrg erſchienen, und ſo ſeinen heißeſten Wunſch erreicht, der ihn mit ſchwärmeriſcher Verehrung zu dieſem Prinzen zog. An Heinrichs kleinem Hofe, den kein anderer Glanz, als der der Waffen, ſchmuͤckte, fand er jedoch Menſchen, 21 erwärmt von der großen Empfindung fuͤr Recht und begeiſtert von dem Gedanken der guten Sache: Zu ſie⸗ gen oder zu ſterben! Ihm ward die Wohlthat, die erſte Idee, die ihn ausſchließlich erfaßte, fuͤr eine große und erhabene anſehen zu duͤrfen, fuͤr die er das Leben mit allen ſeinen Guͤtern einſetzte, und ſich in dieſem Brennpunkt aller Kräfte, noch vor den Jahren, zum Manne zu zeitigen. Bald nachher war England durch den Tod ſei⸗ ner großen Beherrſcherin in die tiefſte und gerechteſte Trauer verſenkt. Eliſabeth ſtarb am vierundzwanzigſten Mai 1603, und nachdem Jakob der Sechſte von Schott⸗ land als Jakob der Erſte den Thron von England be⸗ ſtiegen, hielten die Großen, die ihm durch fruͤhere Ver⸗ hältniſſe näher getreten waren, es für noͤthig, am Hofe zu erſcheinen, und die Familie des Herzogs von Not⸗ tingham zeigte ſich fur einige Zeit in London. Zwar war Jakob umlagert von den ſchottiſchen Großen, denen er ſich verpflichtet hatte, und die jetzt Hulfe forderten und fanden; aber er war dennoch gerecht gegen ſeine neuen Unterthanen. Mit Erſtaunen ſah man Cecil, den Sohn des Grafen von Vurleigh, ſeinen wichtigen Poſten ruhig weiter behaupten, ohne ſeines Einfluſſes auf den Tod der unglücklichen Koͤnigin Maria weiter zu gedenken; und während Jakob eben ſo eilig die Eſſer, Howards und 22 Devereur aus ihrer Verbannung rief, gab er ſeinen Prinzen die Weiſung, die Soͤhne der Graͤfin Notting⸗ ham zu ihrem Umgange zu wählen. Nicht leicht ward ein Befehl des Koͤnigs mit mehr Luſt erfullt, als die⸗ ſer. Die jungen Prinzen hatten ſchon in Schottland bei der damaligen Sendung des Herzogs, nach dem Tode der Koͤnigin Maria, wo die Jünglinge ihn beglei⸗ teten, mit den Grafen Freundſchaft geſchloſſen. Ob⸗ gleich Beide juͤnger, als die Grafen, glich ſich doch dies leichter aus durch die angeborne Wuͤrde der Koͤnigsſoͤhne. Seltſam aber und doch bei der Pruͤfung der Ka⸗ raktere ſehr natuͤrlich, ſchloſſen ſich, wie magnetiſch an⸗ gezogen, die am innigſten aneinander, die durch das Alter ſich ferner ſtanden. Heinrich, Prinz von Wales, hing ſich mit Enthuſtasmus an den Grafen von Gland⸗ ford, waͤhrend Carl, der juͤngere Bruder, ſich nicht mehr von ſeinem geliebten Robert zu trennen ver⸗ mochte. Jakob ſah die jungen Leute, unter denen er ſich ſtets gefiel, ſo viel, wie moͤglich, um ſich, doch der Wunſch, ſeinen geliebten Georg Villers ihnen zu⸗ zugeſellen, blieb unerfuͤllt. Ohne ſich auszuſprechen, ſchien es eine ſtillſchweigende Verabredung, ihn bei al⸗ Uer Hoͤflichkeit, die ſie dem Lieblinge des Koͤnigs ſchuldig zu ſein glaubten, auf eine feine Weiſe von ſich ent⸗ Fernt zu halten. Der Koͤnig war ſeltſam genug, dies 23 fur Geringſchätzung gegen ſeinen, wenn auch alten, doch nicht ſehr ausgezeichneten Namen zu nehmen, ließ haͤufig wohl verſtändliche Winke daruͤber fallen und ſagte endlich, als er ſeinen Liebling zum Herzog von Buckingham erhoben hatte: Nun werden meine ſtolzen Prinzen und ihre Grafen den Villers ſchon leiden moͤ⸗ gen. Leicht haͤtte er beobachten koͤnnen, wie wenig er ſeinen Zweck erreicht hatte, wären nicht Veränderungen in den Verhältniſſen der jungen Leute ſelbſt entſtan⸗ den. Der Herzog von Nottingham wuͤnſchte ſeinen äl⸗ teſten Sohn zu vermählen, und zwar mit der einzigen Tochter des Heinrich von Digby, Grafen von Briſtol. Lange Freundſchaft verband die Haͤupter der Familien, und allerdings ſchien es fur den jungen Grafen eine leichte Wahl, da die junge Gräfin ſo eben in dem vollen Glanze einer erhabenen Schoͤnheit bei Hofe er⸗ ſchienen war; und abgeſehen davon, daß ihrer ein furſt⸗ licher Reichthum harrte, ſchien ihr Geiſt von unge⸗ wohnlicher Bildung, und ihr Karakter an Feſtigkeit und Wuͤrde faſt ihrem Alter vorausgeeilt zu ſein. Sie war der Mittelpunkt aller Träume und Wüͤnſche, aller Intriguen und Huldigungen, während ſie ſelbſt mit ſtolzer Kälte Alle von ſich entfernt hielt, und den Herzog von Buckingham blos aus Ruͤckſicht fuͤr den Koͤnig, den Grafen von Derbery aus Gehorſam gegen 24 ihre Eltern zu dulden ſchien. Doch war leicht wahr⸗ zunehmen, wie Robert nur die Ruͤckſicht beobachtete, die ihm die Verhältniſſe beider Familien abnoͤthigten, wäh⸗ rend er mit glühendem Angeſicht einem andern Sterne ſich zugewendet hatte, der zur ſelben Zeit den Hof ver⸗ herrlichte. Der Koͤnig hatte die Mutter, den Bruder und die Schweſter ſeines uͤbermuthigen Lieblings in den Grafenſtand erhoben, und auch ihnen den Namen Buk⸗ kingham verliehen. Die neue Gräfin erſchien mit ihren Kindern am Hofe, dem Koͤnige zu danken und ihre Tochter der Konigin vorzuſtellen. Die Gräfin war eine ſchone, wuͤrdevolle Frau, aus einer vornehmen, ſchotti⸗ ſchen Familie, durch eigenen Werth und ausgezeichnete Verbindungen zu einer bedeutenden Stellung berufen. Ihr zur Seite ſtand das Fräulein von Villers, ihre einzige Tochter, in einer ſo vollendeten idealiſchen Schoͤn⸗ heit, ſo abweichend von allem, was man vor ihr dar⸗ unter verſtanden hatte, daß Jakob ſelbſt, hoͤchſt unem⸗ pfänglich fuͤr weibliche Reize, lachend ſich die Hände vor ihr rieb und, hoͤchſt verlegen um einen Ausdruck, oft wiederholte, daß ſeine hochſelige Mutter auch von großer Schoͤnheit geweſen, nicht zum Frommen und Seegen ihres armen Landes. Gott ſei ihr gnädig! fugte er ſtets hinzu. Dies indirekte Lob gab zu verſtehn, daß er die Graͤfin zu einem ähnlichen Anſpruch auf 25 Schoͤnheit berechtigt glaube. Gewiß war es, daß nicht allein der Koͤnig, der ſeine Mutter nur nach einem Bilde aus ihrer erſten Jugendzeit kannte, ſondern auch Alle, die der ungluͤcklichen Fuͤrſtin damals per⸗ ſoͤnlich näher getreten waren, die auffallendſte Aehn⸗ lichkeit der jungen Graͤfin mit jener durch ganz Eu⸗ ropa beruͤhmten Schoͤnheit fanden. Man fluͤſterte, daß, als die junge Gräfin zuerſt an dem Hofe der Koͤnigin erſchien, und zwar wegen ihres kurz vorher verſtorbenen Vaters in tiefer Trauer, der Graf von Burleigh gegen die Regeln der Etikette einige Schritte vor dem Koͤnig vorausgeeilt und, als ſie, dadurch er⸗ ſchreckt, die großen melancholiſchen Augen zu ihm auf⸗ geſchlagen, von einem jaͤhen Schwindel befallen wor⸗ den ſei, der ihn genoͤthigt, Whitehall ſogleich zu ver⸗ laſſen. Schrecken war faſt auch die erſte Empfindung, womit ſein Neffe Robert die Graͤfin anſah; aber es war das Erſchrecken, welches das unentweihte Herz er⸗ ſchuͤttert, wo die Liebe zuerſt ihren Zauber verbrei⸗ tete. Eine Sekunde ſchien ihn verwandelt zu haben. Zum ernſten Nachdenken uͤber ſich von Jugend auf gewoͤhnt, begriff er den Taumel nicht, in dem ſich ſelbſt wieder zu finden alle Bemuͤhungen fruchtlos ſchienen! Der erſte Seufzer entſtieg dieſer lebenskraͤftigen Bruſt, voll Sehnſucht ſuchte er den Freund, aber beiden Prin⸗ 26 zen hatte ihr hoher Rang an der Seite der hoͤchſten Schoͤnheit einen Platz verſchafft, und Buckingham ſtand mit uͤbermuthigem Laͤcheln und blickte auf den Tri⸗ umph, den unbewußt die Schweſter ihm erringen half. Der Platz neben der jungen Gräfin von Briſtol blieb unberuͤhrt von Robert von Derbery. Er war und blieb im Saale, der dieſen Zauber in ſich ſchloß, aber er war unfähig zu einem Worte, ja, er ſah die Grä⸗ fin kaum, die ſeltſam bleich und verändert den kuhnen Annäherungen Buckinghams ein ſo hingebendes zer⸗ ſtreutes Weſen entgegenſetzte, daß er weiter, wie je, ge⸗ kommen zu ſein ſchien und doch unzufriedener, als ſonſt, aus ihrer Nähe ſchied. Als Robert von Derberh 7 den Prinzen nach ſeinen Zimmern begleitet hatte und das Gefolge bis auf ihn entlaſſen war, blickten die Jünglinge zuerſt ſich an, und ſtumm und heftig ſan⸗ ken ſie einander in die Arme! Da fuͤhlte Carl heiße Thränen an ſeinen Wangen, erſchrocken richtete er den Freund in die Hoͤhe und ſah fragend in das glühende ſchone Geſicht ſeines Robert. Stumm blickten ſie ſich eng umſchloſſen an, und leiſe oͤffnete der Graf die Lippen. Das Geſtändniß, was ſeine vom Himmelsglanz der Liebe ſtrahlenden Augen verkuͤndigten, ſollte ihnen entgleiten, als Carl zum Tode erbleichend ſich aus ſei⸗ nen Armen riß und mit furchterlicher Heftigkeit ab⸗ 22 wehrend, die Hand nach ihm ausſtreckend, ihm faſt mit Entſetzen zurief: Schweig! Um Gottes willen, ſchweig! Kein Wort! Beim Himmel und der Erde, kein Wort! — Starr blieben ſie ſo ſtehn, alles Leben ſchien von Beiden gewichen, bis Robert, uͤber den Zuſtand Carls von zaͤrtlicher Angſt ergriffen, ſeine kalten Hände faßte und an ſeinem gluͤhenden Geſicht, an ſeinem treuen Herzen ſie zu erwärmen ſtrebte. Doch Carl lag jetzt ſtill und wortlos an des Freundes Bruſt, ſeine Augen waren tief zu Boden geſenkt; doch Beide, von Ge⸗ fuhlen uͤberwältigt, ſprachen kein Wort, bis ſchuͤchtern Porter, der Kammerdiener des Prinzen, die Thůre oͤff⸗ nete. Der Prinz kannte dies demuͤthige Zeichen, womit der treue Diener oft die langen Nachtwachen des Prin⸗ zen zu unterbrechen ſuchte; er folgte auch dies Mal ſanft, wie ein geduldiges Kind. Ohne einen Blick auf Robert zu wenden, drückte er ihm die Hand, und mit kaum vernehmlicher Stimme ſagte er ihm: Bleib mir getreu! Bis in den Tod! rief der Graf und beugte ehrfurchtsvoll ſein Knie, indem er die geliebte Hand an ſeine Lippen druckte. Der Prinz entrieß ſie ihm, preßte ſie mit Heftigkeit an ſeine Augen und war verſchwunden. So lange der Hof Zeit behielt, war man damit be⸗ ſchaͤftigt, die beiden ſchoͤnſten Damen des Hofes, die Graͤ⸗ 28 finnen von Briſtol und von Buckingham, zu vermählen. Am naͤchſten hierzu ſchienen wieder die jungen Grafen von Derberh, der Herzog von Buckingham und noch einige minder wichtige Herren des Hofes. Aber wie dies einzurichten war, blieb ein weites Feld fuͤr die verſchiedenſten Muthmaßungen. Buckingham bewarb ſich mit groͤßter Zuverſicht um die Grafin von Briſtol, und Niemand wagte an ſeinem Gelingen zu zweifeln, beſonders da ſein mächtigſter Rival, Robert, Graf von Derberh, ſeit dem Erſcheinen der Graͤfin von Bucking⸗ hai verloren ſchien fuͤr die übrige Welt. Ohne ſich ihr beſtimmt zu nähern, ſchien er doch in ihrer Nähe nur Luft und Nahrung einzuathmen. Ein Wort aus ihrem holden Munde, ein Blick aus ihren himmliſchen Augen, die ſtets ſo ernſt und freudlos umherſchauten, ſchien Kraft und Leben in ihm hervorzurufen; und wandte ſie ſich von ihm, brach er zuſammen, als ob ſie alle Kraft mit ſich hinweg geführt. Er war ſo kindlich, ſo ohne Arg ſeinen Gefuhlen hingegeben, daß er keine Ahnung davon hatte, wie kein Weſen bei Hofe lebe, das dies Gefuͤhl nicht längſt erkannt. Er ſah weder die ernſten Blicke des Grafen von Briſtol, noch hoͤrte er die ſanften Mahnungen ſeines geliebten Vaters. Seine Mutter beruͤhrte vergeblich mit zarter Frauenart die fruͤheren Wuͤnſche der Familie in Hin⸗ 29 ſicht ſeiner Vermählung. Mit ſanftem Lächeln hoͤrte er ſie ruhig an, er verweigerte nicht, er gewährte nicht.. Er ſchaute ſo ruͤhrend freundlich und doch ſo tief trau⸗ rig in ihre Augen, daß ihr das Mutterherz zu brechen drohte, und wenn er ſie verließ, wußte ſie nicht, ob er ſie nur gehoͤrt habe. Schon oft waren die Freunde zuſammen getreten, ſie hatten es gewagt, ſich das Scheitern ihrer Hoffnungen zu geſtehen, ſie liebten beide den bezauberten Juͤngling väterlich, und ein zartes Mitleiden mit ſeinem Zuſtande, den die wunderbar an⸗ ziehende Erſcheinung ſelbſt bei den älteſten Maͤnnern zu rechtfertigen ſchien, nahm ihrem Unwillen ſeine Schaͤrfe. Die junge Graäͤfin von Briſtol blieb dagegen Allen undurchdringlich. Mit derſelben Wurde erſchien ſie jeden Tag in dem ausgeſuchteſten Schmucke, mit der Behauptung einer vollig gleichen Laune, bei Hofe. Sie war beſonnen und geiſtreich, ohne Heiterkeit oder Witz zu beſitzen; ſie war prächtig, und ihre Stirn und der hohe, kalte Blick ihrer Augen wie zu einem Diadem geſchaffen. Die bluͤhende Fuͤlle der Jugend, die ſie vom Lande mitgebracht, und die ihrer Schoͤnheit faſt hinderlich war, hatte in der Stadt und von den endloſen Luſtbarkeiten, denen ſie wie einer Pflicht ſich willig unterzog, gelitten, ihren Wangen war das glů⸗ hende Licht entſchwunden und ihrer Taille der volle 30 Umfang; ſie war nur noch ſchoͤner dadurch, und Buk⸗ kingham ſchwur tauſend Mal, ſie uͤberſtrahle ſeine Schweſter, wie die Sonne den Mond! Wenige nur theilten dieſe Meinung. Man kaufte ſich mit der Anerkennung ihrer ſeltenen Schoͤnheit los, um ſich an der Gräfin von Buckingham mit allen Entzückungen der Liebe und Bewunderung zu ſättigen. Aber man frug ſich, warum dieſe himmliſchen Wan⸗ gen ſo bleich ſahen, warum dieſe tiefen ſeelenvollen Augen ſo melankoliſch blickten, dieſer ſuͤße Mund ſo ſelten lächelte, da doch aus dieſem Laͤcheln der Wohl⸗ laut eines innern Himmels hervor zu brechen ſchiei Ihre hohe vollkommene Geſtalt, ihre Bewegungen, das einfachſte Wort, was von ihren Lippen mit ſanf⸗ tem Tone drang, es ſchien ſo ganz anders, wie alles Uebrige; und wenn die holdeſte Demuth wie bittend aus ihr ſprach, ſchien ſie die Koͤnigin aller Gedanken, die Beherrſcherin der Gefuͤhle und Meinungen. Sie war der Liebling der Koͤnigin. Der Koͤnig lächelte bei ihrem Erſcheinen und ſah ihr durch die langen Rei⸗ hen nach. Man vermuthete, er hätte ſie gern angere⸗ det, haͤtte er je verſtanden, einer Frau ſich zu nähern; aber er freute ſich unter ſeltſamen Bewegungen des Geſichts und der Hände, wenn man ſie ruͤhmte, und rief oft, ſein inneres vergn Liebling zuwen⸗ 31 dend: Stenie macht mir immer Freude! Sie gleicht ſetzte er hinzu; doch ſchnell ſich beſinnend ſagte Nein, nein, ſie gleicht einer Andern! Er meinte 35 unfehlbar das Bild ſeiner Mutter, vor welches er den Herzog von Buckingham geführt hatte, in der Ab⸗ ſicht etwas zu ſagen, aber ſein geheimer und großer Stolz hielt ihn doch ab, dieſe Aehnlichkeit auszuſpre⸗ chen, und ſo ſchwieg der ganze Hof. Um dieſe Zeit fing Heinrich, Prinz von Wales, an zu kränkeln. Graf⸗Archimbald verließ ſein Lager nicht; Carl, der ſeinen Bruder zärtlich liebte, erſchien üicht mehr bei Hofe, und Robert, von Freund und Bruder verlaſſen, kannte keinen andern Platz, als den an der Seite der jungen Gräfin. Fuͤr alle uͤbrige Be⸗ obachtung verloten, gewahrte er doch mit dem klaren Blick der Liebe ihre zunehmende Schwermuth, unter der ſie faſt zu erliegen ſchien, und das ängtlich ſorg⸗ ſame Betragen der alten Gräfin, die mit den holdeſten Worten muͤtterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemuͤht war. Da trat der Augenblick ein, der England ſeiner ſtolzeſten Hoffnungen beraubte. Hein⸗ rich, Prinz von Wales, endete ſein ſchoͤnes, viel verſpre⸗ chendes Leben in den Armen ſeines verzweifelnden Bru⸗ ders. Robert hatte in dieſer ſchrecklichen Nacht zu den Füßen ſeines Carls gewacht, der in halbem Wahnſinne — ——————— — —— 32 das Leben ſeines Bruders erhalten wiſſen wollte. Mäͤnnlich feſt, obwohl vom Schmerz und der lan⸗ gen Pflege geiſterbleich, ſtand Archimbald in dieſem Sturme. Er bereitete Jakob auf den Augenblick vor, er rief die Koͤnigin an das Sterbebette ſeines koͤnigli⸗ chen Freundes, und als Heinrichs letzter Seufzer ſanft ſeinen edlen Geiſt entfeſſelte, ſank er an ſeinem La⸗ ger nieder, verhuͤllte ſein Geſicht in die kalte geliebte Hand und ſtand bald auf, Andere zu unterſtutzen. Den ungluͤcklichen Carl trug man leblos von der Leiche ſeines Bruders. Sein zerſtorender Schmerz zog den Jammer der koͤniglichen Eltern von ihrem Verluſte zu ihrem jetzt einzigen Sohne, den ſie in ahnlicher Gefahr waͤhnten. Doch Carl hatte ſich erholt, er riß ſich von ſeinem Lager auf, als ſeine koͤniglichen Eltern eintraten, er ſank von Thränen uͤberſtroͤmt zu ihren Fuͤßen, und als ſie ihn laut jammernd ſegneten, rief er gepreßt, als ob ihm das Leben mit dieſen Wor⸗ ten entſtroͤmte: Ja, ich weihe mich zu dem fuͤrchter⸗ lich erkauften Range Eures einzigen Sohnes! Hier ſank ſein Kopf auf den Boden, und nur der Angſtruf Jakobs: Rettet meinen Sohn, rettet meinen letzten Prinzen!— Er ſtirbt— riß ihn vom Boden empor und gab ihm Kraft, ſo lange zu ſtehen, bis der Arzt das bekuͤmmerte Paar entfernte, dem Prinzen Ruhe 33 empfehlend. Ohne Widerſtand ließ ſich Carl auf ſein Lager zuruckfuͤhren, er ſchien die Lippen offnen zu wol⸗ len, aber vergeblich, er ſchloß ſie wieder. So lag er halb träumend, halb wachend eine qualvolle lange Nacht; ſo oͤffnete er die Augen, unruhig ſuchend er⸗ reichte ſein Blick den Grafen von Derberh, der an ſei⸗ nem Lager mit zaͤrtlicher Angſt ihn huͤtete. Er winkte ihn näher und wies mit einer Bewegung die Uebrigen an, zuruͤck zu treten. Lange blickte er den Liebling an, pruͤfend, denkend, und endlich ſagte er ihm leiſe einige Worte, die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer fuͤhrten. Doch wer den jungen Grafen durch die Vor⸗ ſäle gehen ſah, bleich wie der Tod, mit geiſterſtieren Augen, weder Gruß erwiedernd, noch gebend, der glaubte, der Tod habe mit rieſiger Kraft auch dieſe bluͤhende Juͤnglingsgeſtalt ergriffen. Der nunmehrige Prinz von Wales, der nachmals ſo ungluͤckliche Carl der Erſte, hatte ſich bald erholt; er fuͤhlte, daß er um ſeiner Eltern willen ſeinem Schmerze gebieten mußte. Zwar ſchien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen, aber er ſtand wie ein Mann nunmehr dem Koͤnige, ſeinem Vater, zur Seite. Das Einzige, was ſeine innere Erweichung verrieth, war ſeine erhoͤhte Liebe zu den Eltern, zu den Freun⸗ den. Niemals ſchien ſeine Seele inniger an Robert zu Godwie⸗Caſtle 1. 3 34 hängen, als jetzt; aber der Graf blieb Allen ein Räthſel. Nachdem die tiefſte Trauer voruͤber war, bat er den Grafen von Briſtol feierlich um die Hand ſeiner Toch⸗ ter. Zuruͤckgekehrt zu der feſten Ruhe und Sicherheit, die ihn fruͤher uͤber Alle erhoben, ſchien die Zeit ſeiner Leidenſchaftlichkeit voruͤber. Er bat den Grafen um eine Unterredung mit ſeiner Tochter. Zu ihren Fuͤßen und mit heißen Thraͤnen hatte er lange zu ihr geſpro⸗ chen; er brachte den entzuckten Eltern ihr Jawort, und blieb von dem Augenblicke der aufmerkſamſte und freundlichſte Verlobte der ſtolzen, ſo ſchnell verſoͤhnten Gräfin. In wenigen Stunden eilten die Väter zum Koͤnige, um ſeine Erlaubniß bittend. Verlegen und erſtaunt rief Jakob: Meine Lords, was thut Ihr, ich glaubte, Stenie wollte Eure Graͤfin heirathen! Der Her⸗ zog hatte ſich nicht erklart, und als dies Jakob hoͤrte, ward er heiter, gab ſein Wort, ruͤhmte die Verlobten und überließ ſich ſeiner ganzen Gutmuͤthigkeit. So einfach die Sache ſich geloͤſt, ſo wunderlich lauteten doch manche nicht zu verhehlende Nebenum⸗ ſtände. Robert hatte an ſeinem Verlobungstage eine heftige Scene mit dem Prinzen von Wales. Der Prinz war von den flehendſten Bitten zur hoͤchſten Wuth über⸗ gegangen; man hatte von Befehlen, von Arreſigeben ge⸗ hoͤrt, bis endlich eine lange Stille das Fernere der Be⸗ 35 obachtung entzogen hatte. Als ſie ſich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorſaale erſchienen, trugen ſie wohl noch den Ausdruck heftiger Gemuͤthsbewegung im Geſicht, aber zugleich den der Verſoͤhnung. Hier erſchien unangemeldet Buckingham, und nach einigen wuͤthenden Worten gegen den Grafen, die Niemand ver⸗ ſtand, befahl der Prinz der Dienerſchaft, ſich zu entfer⸗ nen. Doch der heftig gefuͤhrte Streit, der ſich nun er⸗ hob, ſchien alle Grenzen zu uͤberſteigen. Man hoͤrte Buckinghams Stimme, wie die eines Wahnſinnigen, und wenn die Worte dem Ohre unzugänglich blieben, mußte es Augen gegeben haben, welche zu ſehen wähn⸗ ten, er habe die Hand gegen den Prinzen drohend er⸗ hoben, Robert habe ihn mit Rieſenkraft ergriffen, gegen die Thuͤr gedrängt, während der Prinz nach Wache ſchrie und den Herzog verhaften laſſen wollte. Doch dies hinderte der Graf ebenſo, und Buckingham, der etwas zur Beſinnung gekommen zu ſein ſchien, ſtuͤrzte mit wuͤthenden, unverſtaͤndlichen Drohungen aus den Gemächern des Prinzen. Nach einem augenblicklich dar⸗ auf erfolgten Beſuche des Prinzen beim Koͤnige erhielt Buckingham Befehl, auf ſeine Guͤter zu gehen. Doch zur ſelben Zeit verließ der Graf von Derberh in Beglei⸗ tung ſeines Bruders auf vierundzwanzig Stunden Lon⸗ don. Als er zuruͤck kam, hatte ein unruhiges Pferd ihn 3* 36 geſchleift und ſeinen Arm verwundet; es liefen darüͤber indeß einige andere Vermuthungen. Die Graͤfin von Buckingham hatte ihre Abſchieds⸗Audienz hei der Koͤ⸗ nigin. Sie ward mit großer Huld entlaſſen, aber die junge Gräfin war noch bläſſer, ihr Auge truͤbe und ihre Schritte wankend. Als ſie, aus den Zimmern der Koͤ⸗ nigin kommend, an dem Grafen von Derberh voruͤber ging und ihn achtungsvoll zum Abſchiede gruͤßte, ſah die Graͤfin Briſtol ſchuͤchtern zu ihrem Verlobten hin; aber ſein bewegtes Geſicht ſenkte ſich, um den Gruß der Graͤfin zu erwiedern, als ob eine gekroͤnte Furftin an ihm vorüber ginge. Schmerzlich ruhte das Auge 3 der Scheidenden auf dieſem Gruße, und ſie ſchwebte hin⸗ weg, um nie wieder die prachtvollen Säle von Whitehall zu betreten, in denen ſie der Mittelpunkt alles Schoͤnen und Vollkommenen geweſen war. Bald darauf ward die Vermählung des jungen Grafen vollzogen, und da Beide nichts lebhafter wuͤnſch⸗ ten, als den Hof zu verlaſſen, an welchem ſie ſich ge⸗ ſtehn mußten, ein Gegenſtand des Erſtaunens und der Beobachtung geworden zu ſein, gingen ſie ſogleich nach Godwie⸗Caſtle, während der Herzog von Nottingham in London verblieb, um ſich zu ſeiner großen Sendung nach Spanien vorzubereiten, wohin ſeine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten. 37 Man ſagte, die Trennung des Grafen von Derberh vom Prinzen Carl ſei von Seiten des Prinzen eine Scene des leidenſchaftlichſten Schmerzes geweſen. Er verließ einen Tag vor der Hochzeit London und ſah die Graͤfin erſt ſpäter als Frau ſeines Freundes wieder. We⸗ nige Tage nach ihrer Abreiſe kehrte er zuruͤck, aber in eine fuͤr ihn ausgeſtorbene Welt, und der Ernſt, der ſeine Stirn umhuͤllte, ging faſt in Melancholie uͤber. Deſſenungeachtet war ſeine erſte Handlung, den Koͤnig um die Zuruͤckberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten, weil er wohl wußte, wie ſchwer Jakob ſich zu einer ſolchen Demuͤthigung ſeines Lieblings entſchloſſen hatte; und die Freude, die Jakob bei dieſer Bitte zeigte, gab dem Prinzen die traurige Gewißheit, wie der Koͤ⸗ nig die groͤbſten Beleidigungen gegen ſeinen Sohn eher vergeſſen, als den uͤbermüthigen Liebling entbehren könne. Nie erfuhr ein Menſch den Grund dieſer wü⸗ thenden Scene. Gewiß war es, daß die junge Gräfin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Gra⸗ fen von Derberh den Grafen von Carlisle ausgeſchlagen hatte. Auf ungeſtuͤme Befehle ihrer Bruͤder, des Her⸗ zogs und des Grafen Buckingham, dieſen Antrag an⸗ zunehmen, hatte ſie beſtimmt erklärt, ſich nie vermäh⸗ len zu wollen. Sie fuͤgte hinzu, ihre Geſundheit habe gelitten und ſie wuͤnſche mit ihrer Mutter das Schloß 38 zu bewohnen, das der Koͤnig derſelben in Buckingham verliehen, und das ſie nie mehr zu verlaſſen gedächte. Dies Schloß lag hoͤchſt einſam an einem kleinen Flek⸗ ken, von Waldern umgeben, und obwohl es der Gräfin ein bedeutendes Einkommen gewäͤhrte, ſchien es doch zu einſam und duͤſter, um je von einem Mitgliede die⸗ ſer glänzenden Familie bewohnt zu werden. Die Brü⸗ der erſtarrten daher vor Erſtaunen und Wuth uͤber den Entſchluß einer Schweſter, deren kurze Erſcheinung zu Theil gewordenen Beifall gegruͤndet, hinreichend ge⸗ rechtfertigt hatte. Sie hielt die empoͤrendſten Vorwuͤrfe und Beſchimpfungen aus, ohne ſie abzulehnen oder zu erwiedern; als jedoch der Herzog mit dem bitterſten Hohne ihr die ungluͤckliche Liebe zum Grafen Derberh vorwarf und wie er ſie verlaſſen, um einer Andern willen, gab ſie bei dieſen Worten den erſten Schmer⸗ zenslaut von ſich, und als der Herzog, von der Er⸗ innerung ſeines eigenen Berluſtes noch hoͤher geſteigert, mit raſender Wuth Gott zum Zeugen anrief, ſich an dem Grafen raͤchen zu wollen, ſank ſie mit dem Aus⸗ bruche der Verzweiflung zu ſeinen Fuͤßen und bat ihn unter Stroͤmen von Thränen, dies nicht uber ſie zu verhaͤngen. Doch der Wuͤthende ſchien ſeine gekraͤnkte Eitelkeit bis zu Mißhandlungen getrieben zu haben; ſehr ehrgeizige Pläne, auf den ihr ſo verſchwenderiſch * 39 man fand die Graͤfin blutend am Boden, und ihre Mutter hatte dem Herzoge gedroht, ſich unter den Schutz des Koͤnigs zu ſtellen. So glaubte alſo die Welt, daß der Streit beim Prinzen eine Fortſetzung dieſer Scene geweſen war, ⸗ und daß des Herzogs Verbannung der ungluͤcklichen Mutter zu Huͤlfe kam, um mit ihrer Tochter unange⸗ fochten den Hof verlaſſen zu koͤnnen. Buckingham kam ſtolzer zuruͤck, als er gegangen war. Der Prinz ſchien ihn nie zu ſehn, doch vermied er mit faſt ängſtlicher Sorge jede Stoͤrung des Frie⸗ dens; auch dies konnte man kaum vom Herzoge ſa⸗ gen, und die groͤßte Maäßigung des Prinzen mußte oft ſich den Anmaßungen Buckinghams entgegenſtellen um den äußern Anſtand zu behaupten, den der. Prinz von ſich und ſeinen Anhaͤngern forderte. Erſt nach Verlauf mehrerer Jahre, als dem nun⸗ mehrigen Herzog von Nottingham, der ein Jahr fruͤher ſeinen Vater verloren hatte, das dritte Kind, nach zweien Soͤhnen die erſte Tochter, geboren ward, ſah Carl ſei⸗ nen Freund in Godwie⸗Caſtle wieder. Die Trennung hatte beide nicht entfremdet, ſie blieben in ſtetem Brief⸗ wechſel, und es war um ſo auffallender, daß der Prinz erſt ſo ſpät den Wunſch ſeines Freundes, ihn in God⸗ wie⸗Caſtle zu beſuchen, erfuͤllt hatte. Die Herzogin — hatte ſtets unter einer Art von Ehrerbietung die Kälte verborgen, mit der ſie das Verhaltniß des Prinzen zu ihrem Gemahl erfuͤllte. Sie hatte ſich beleidigt gefuhlt durch die Art, wie der Prinz ſich bei ihrer Vermaͤh⸗ lung betragen hatte, und die ſie fur Mißbilligung der Wahl ihres Gemahls nahm, was ihr ſtolzes Herz nicht glaubte vergeſſen zu durfen. Aber der Augenblick, den der Prinz erwählt, ſie wiederzuſehen, wat ein ſehr gluͤcklicher. Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen, und rief alle Milde und Güte deſſelben ins Leben. Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden ſchoͤnen Knaben entgegen, eine Dienerin trug das holde Maͤgdlein ihr nach; ihre Augen ſtrahlten von Gluͤck und Freude, ſie wollte ſich dem Prinzen ſo glän⸗ zend zeigen, als ſie konnte; nie war über ihre faſt unveränderte Schoͤnheit ein höherer Reiz verbreitet ge⸗ weſen. Der Prinz betrachtete ſie faſt mit Erſtaunen, und was er ihr dann ſagte, trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude, wogegen die ſtolze Frau nicht gleichgültig blieb. Doch von ihr weg eilte er, noch ein Mal den Herzog zu umarmen, und mit Thränen in den Augen rief er: Dem Himmel ſei Dank, Du biſt gluͤcklich! Dies war der Gerzog wirklich geworden, und hatte es eben ſo ſehr ſeinen eigenen Tugenden, als denen ſeiner Gemahlin zu danken. Die leidenſchaftliche 41 Liebe, welche ſie hinzufuͤgte, ward auch von ihm herz⸗ lich erwiedert. Von dieſer Zeit ſahen ſich der Prinz und der Herzog ofter, doch ſelten in Godwie⸗Caſtle. Der Prinz beſtimmte dem Herzog irgend eines von den ver⸗ theilt liegenden koniglichen Schloſſern, wo ſie ſtets meh⸗ rere Tage ohne alles Gefolge mit einander blieben. Wir üͤbergehen hier eine Reihe von Jahren, die nur eine ſtille Vorbereitung der Epoche ſind, uͤber welche wir unſere Mittheilungen zu machen haben, und indem wir uns zu dem Fruhlingsabende zuruͤck wenden, der mit ſeiner ſchönen Beleuchtung die anmuthige Gegend von Godwie⸗Caſtle ſo wunderbar verklärte, betrachten wir das bis hierher Geſagte als den Hintergrund der folgenden Erzählung, als die nothwendige Erwaͤhnung von Familienverhältniſſen, in die wir uns leichter auf dieſe Weiſe zu finden wiſſen werden. „—— S— 4 ———— ——— We ſchoͤn auch Natur und Kunſt den Raum ge⸗ ſchmuͤckt hatten, wie ſehr er zum Gluͤck und zu allen Genuͤſſen des Lebens einzuladen ſchien, die Menſchen⸗ geſtalten in dieſer froͤhlichen Außenwelt entſprachen ſol⸗ cher Hoffnung für den Augenblick nicht. Eine Dame in der tiefſten Witwen⸗Trauer der hoͤheren Stände, von zweien Pagen in ehrerbietigſter Ferne begleitet, die durch ihre ſchwarzen Kleider und wehenden Schulterblätter, welche die Farben des Hau⸗ ſes Nottingham, die Trauer über einen dieſe Familie betroffenen Verluſt anzeigten, ſchritt langſam einher an dem Rande der großen Schloßterraſſe. Wer hätte in der gebeugten Geſtalt der Trauernden die einſt ſo glänzende Gräfin von Briſtol erkannt? Ihr Auge ruhete am Boden, und die Welt ſchien ihr verſunken; ihr Geſicht blickte aus den tiefen ſchwarzen Verhuͤl⸗ lungen mit der Bleiche des Marmors, und obgleich noch immer ihre Geſtalt ſich in einer beſonderen Wuͤrde zeigte, ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf dem tief athmenden Buſen, und ſie erhob ihn nur, um 44 die ſchwermuͤthigen Blicke nach den großen Hallen des Schloſſes zu wenden, die durch ihre goldenen Gitter die ſchwarz verkleideten Waͤnde ſehen ließen, und das trübe Licht der hohen Kerzen, die den Katafalk umgaben, der zunächſt der Kapelle in der letzten Fürſtenhalle errichtet war. Ein Katafalk, ohne die geliebte Leiche in ſich zu faſſen! Welch' ein Schmerz fuͤr das Herz der zärtlichen Gattin, der es nicht vergoͤnnt ward, die freundlichen Augen zuzudruͤcken, die ihrem Leben geleuchtet. Der Herzog war in Spanien geſtorben, wohin er ſich mit ſeinem älteſten Sohne begeben hatte, und wo damals ſein Schwiegervater, der Graf von Briſtol, um eine ſpaniſche Infantin fuͤr den Prinzen von Wales unter⸗ handelte. Die Kunde ſeines Todes hatte die Herzogin ſchon vor einem Monat erreicht, und heute erwartete ſie den geliebten Sohn und die theure Leiche, welche nur langſam den weiten Weg zuruͤck zu legen ver⸗ mochten. Mit welcher Empfindung, mit welcher Sehnſucht ſah die ungluͤckliche Gattin dieſem Mo⸗ ment entgegen, welcher der letzte Troſt ihres gebeug⸗ ten Herzens ſchien. Jeder andere, den die ſtarke und fromme Frau finden zu muͤſſen ſchien, war zuruͤckgedrängt von dem zehrenden Verlangen, ſeine letzten Ueberreſte zu beſitzen. —,, —, Ja, ſie ſchien gar nichts fruͤher von ſich zu for⸗ dern und blieb jedem Worte verſchloſſen. Darum rich⸗ tete ſie ſo oft die thränenloſen Augen nach dem Schloſſe, weil ſie jeden Augenblick hoffte, die mit Trauergeſtalten angefullten Hallen wurden ſich oͤffnen und ihr den er⸗ ſehnten Anblick zeigen. Noch ein Weſen folgte un⸗ geſtort und ſo nah, daß es ihre Gewänder beruͤhrte, der trauernden Witwe; es war Gaſton, der Lieblings⸗ hund und treue Begleiter des Herzogs, der nur dies Mal von der weiten Reiſe hatte zuruͤck bleiben muͤſſen. Er war eine von den ſchoͤnſten Doggen des Koͤnig⸗ reichs, von ungewoͤhnlicher Groͤße und Schoͤnheit des Koͤrpers, und von einem ruͤhrend treuen Karakter. Seit die Herzogin in Schmerz und Trauer gehuͤllt war, hatte er ſeinen Platz in der Vorhalle verlaſſen und war nicht mehr von ihr zu entfernen. Ernſt und gravitätiſch ſchritt er jetzt dicht neben ihr, mit ſo traurig geſenkten Ohren, ſo ohne allen Antheil fuͤr ſeine ſonſtige Luſt in Garten und Wald, daß der Gedanke nicht abzuweiſen war, er wiſſe, was auch ihn betroffen. Es hatte etwas tief Ruͤhrendes, ihn zu ſehen, wie zur Wache ſeiner trauernden Herrin beſtellt. Am Ende der Terraſſe, und ſo oft die Leidtragende ſtill ſtand, ſetzte auch er ſich dicht vor ſie hin und blickte ſie an, 46 als wollten die ehrlichen traurigen Augen Thränen weinen; ſchritt ſie weiter, ohne ihn zu ſehn, raffte er ſich ſogleich auf und ſchritt ihr in gleicher Ordnung nach. Um ſo auffallender war ſein Betragen, als die Herzogin ſich jetzt noch ein Mal dem Ende der Terraſſe nach der Waldſeite zu naͤherte und ruhend einen Au⸗ genblick an einen Sitz gelehnt blieb. Plotzlich unruhig werdend und die Herzogin verlaſſend ſchien er irgend etwas zu ſuchen, was ihm ſein feiner Inſtinkt andeu⸗ tete, jeden Platz um ſeine Gebieterin durchſuchend ver⸗ ſchwand er plotzlich hinter der Bruͤſtung der Terraſſe nach der Treppe zu, welche in den Waldgrund fuͤhrte. Bald hoͤrte man ſein wohlbekanntes lautes Anſchlagen und darauf ein langes Geheul. Er ſprang mit ſolcher Gewalt uber die Terraſſe zuruͤck, daß die Herzogin, ſelbſt davon erſchreckt, aus ihrem ſtarren Nachdenken geriſſen ward. Er ſtuͤrzte auf ſie hin, bellte heftig, und indem er ein lautes Geheul ausſtieß und mehrere Mal an ihr in die Hoͤhe ſprang, kehrte er eben ſo ſchnell zuruͤck, um wieder an der Treppe zu verſchwinden. Einen Augen⸗ blick nur hatte der Ungeſtum dieſes geliebten Thieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen koͤnnen. Lang⸗ ſam wandte ſie ſich zuruͤck, als Gaſton auf's Neue herbeiſtuͤrzte, ihr faſt den Weg vertrat, immer wieder mit lautem Geheul nach der Treppe zu fliegend, im⸗ 42 mer wieder umkehrend, und, als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte, dies zu verhindern feſt entſchloſ⸗. ſen ſchien, indem er ihr Gewand zwiſchen die Zähne nahm, um ſie nach der Treppe hinzuziehen. So un⸗ geſtuͤn aus ſich herausgeriſſen, und von einem ſo treuen Gefährten ihres Gemahls, ward die Herzogin jetzt aufmerkſam und bemerkte, daß Gaſton am gan⸗ zen Leibe zitterte und den Wunſch zu erkennen gab, daß ſie ihn begleiten moͤge. Dies erkennen und ihm ſanft folgen, war eins, und nun erhob Gaſton ein Freudengebell, ſturzte nach der Treppe zu, ſtellte ſich ru⸗ hig harrend hin, bis ſie ſich naͤherte, und ſchritt vor ihr her die Stufen hinab. Eben blieb die Herzogin zwei⸗ felnd ſtehen, ungewiß, ob ſie ihm weiter folgen ſolle, als mit dem erſten Schritt auf der Treppe ſich ein Anblick ihr zeigte, der augenblicklich die ganze Stim⸗ mung der edlen Frau veraͤnderte und ihre Aufmerk⸗ ſamkeit vollig in Anſpruch nahm. In dem Ausrufe: O Gaſton! verrieth ſich das ganze Gefühl, welches die jetzt unverkennbare gute Abſicht des klugen Thie⸗ res ihr einfloͤßte. Sie ſchritt ſchnell einige Stufen weiter und befand ſich jetzt vor einer weiblichen Ge⸗ ſtalt, die, auf dem Geſicht liegend, die Arme weit vor ſich hingeſtreckt, entweder todt oder ohnmächtig war. 48 Schnell uͤberblickte ſie, ob aͤußere Zeichen der Ver⸗ letzung ſich zeigten, und gewahrte, wie Gaſton angſtvoll um den Gegenſtand ſeiner Sorge hertrat und ſich nach dem Kopfe zu, unter das lange dichte braune Haar, draͤngte, dann zuruͤck ſprang und den mit Blut überzo⸗ genen Kopf zur Herzogin aufhob. Dies entriß der er⸗ ſchutterten Frau den erſten Schreckensruf, und ihre Die⸗ ner, die nicht gewagt hatten, ungerufen herbei zu kom⸗ men, obwohl Gaſtons Betragen und das Verſchwinden der Herzogin von der Terraſſe ſie beſorgt näher ge⸗ fuͤhrt hatte, ſtürzten jetzt ſchnell herbei. Sie fanden die Herzogin, dem Umfinken nahe, an die Wand der Terraſſe gelehnt und vor ihr Gaſton mit dem Ge⸗ genſtand ſeiner Sorge. Die ehrerbietige Scheu zugelte das Erſtaunen der Herbeigeeilten, und als die Herzogin mit der Kraft eines ſchoͤnen Gefühls fur Menſchlichkeit ſich erhob, eil⸗ ten ſie blos ſtumm ihre Befehle zu erfuͤllen. Die Un⸗ gluͤckliche lag nämlich, durch ihren wahrſcheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen, ſo am Rande des tiefen und ſteilen Waldgrundes, an dem die Treppe hinauf⸗ fuͤhrte, daß die leiſeſte Bewegung ſie hinabſturzen konnte, ja, es war zu glauben, daß Gaſton durch Ver⸗ ſuche, die Geſtalt hinaufzuziehen, die Lage noch verſchlim⸗ mert hatte, da der Boden am Waldabhange friſch von —— 49 ſeinen Pfoten unterwuͤhlt ſchien, und das Gewand von dem linken Oberarm zuruͤckgeriſſen und mit fri⸗ ſcher Erde bedeckt war. Als aber die Diener ſich näherten, die Geſtalt vom Boden zu erheben, ergriff die Herzogin ein unausſprechliches Gefuͤhl von Ab⸗ neigung, die weibliche, offenbar junge und zarte Ge⸗ ſtalt von Maͤnnern beruͤhren zu laſſen, ſie winkte ſie zuruͤck und befahl, nach Miſtreß Morton und ih⸗ ren Frauen zu ſenden, den Doktor Stanloff zu ru⸗ fen und eine bequeme Bahre an den Fuß der Ter⸗ raſſe zu bringen. Sie ſelbſt blieb wie gefeſſelt vor dem Weſen ſtehn, von dem es zweifelhaft blieb, ob es noch zu den lebenden gehoͤre. Einige bange ein⸗ ſame Augenblicke ließen die Herzogin Entdeckungen ma⸗ chen, die ihr Intereſſe erhoͤhten. Obwohl nichts von der Geſtalt zu ſehen war, als Arme und Haͤnde und eine Fuͤlle des ſchoͤnſten braunen Haares, das wie ein Mantel uͤber ſie ausgebreitet war, ſo ließen ſich doch darunter lange ſchwarze Ltuueriſeier in dem Schnitt der vornehmeren Stäͤnde wahrnehmen, und die Arme und Haͤnde, die vor den Fuͤßen der Herzogin ausge⸗ ſtreckt lagen, waren, neben der zarteſten Jugend, von einer ſo außerordentlichen Schoͤnheit, daß die Herzogin ſich geſtehen mußte, nie etwas Vollkommeneres geſehen zu haben. Was aber ihr peinliches noch Godwie⸗ I. 50 erhoͤhte, war, daß wahrſcheinlich Gaſtons Bemuͤhung an dem obern Theil des linken Armes ein Armband halb enthuͤllt hatte, welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollſten Juwelen an einander gereiht war. Jetzt nahte die erſehnte Huͤlfe. Mortons ſanfte Stim⸗ me ließ ſich hoͤren, und die Herzogin ſtreckte ihr, voll Schmerz, die Haͤnde entgegen. O Morton! Morton! rief ſie, was geſchah hier? Welch' ein Ungluͤck, welch' ein Verbrechen, vielleicht im Bereiche des Schloſſes! Laß ſie ſanft anfaſſen, aber nur von Deinen Frauen. Wo iſt Stanloff, daß er mir ſage, ob ſie lebt oder hier ohne Huͤlfe verſcheiden mußte?— Miſtreß Morton ſah faſt noch mit groͤßerer Bewegung, als der weiſen und erfahrenen Frau das ſonderbare Ereigniß abnoͤthigen konnte, die wohlthäͤtige Einwirkung, welche die Stim⸗ mung ihrer Gebieterin erlitten; denn von ſich ſelber ab⸗ gelenkt ſchien ihr Herz in den Gefuͤhlen der Menſch⸗ lichkeit und der Theilnahme ganz aufgeloͤſt, und Thraͤ⸗ nen, die das Uebermaaß ihres eigenen Grames bisher zuruͤck gehalten hatte, floſſen wohlthuend, durch ein fremdes Leiden hervorgerufen. Mortons ſanfte Worte ſuchten ihre Gebieterin zu beruhigen, und waͤhrend die Kammerfrauen ihren Winken folgten, fuͤhrte ſie die Herzogin zur Terraſſe zuruͤck. Doch weiter ging ihre Ueberredung nicht; denn ſie wollte ſelbſt ſehen, ob nichts 6 8 51 verſaͤumt werde, und an die Bruſtwehr der Terraſſe gelehnt, blickte ſie mit hoͤchſter Unruhe hinab und ſah, wie Gaſton ſich zu den Fuͤßen der Ungluͤcklichen nieder⸗ gelegt hatte, und ihre nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen ſorgſam nach allen Seiten hin mit ſei⸗ ner großen Zunge leckte. O Morton! rief die Herzogin uͤberwältigt, welch' ein Herz in dieſem Thiere, welch' ein Beiſpiel fuͤr uns alle! Die Kammerfrauen naͤherten ſich jetzt mit ihrer ſorgfältig emporgehobenen Buͤrde und legten ſie ſanft auf die bereitſtehende Bahre, als Morton, von der Herzogin geſendet, heran trat, um das Haar von dem Geſicht zu entfernen, worauf ſich ein vom Tode beſchlichenes, aber wunderbar ſchoͤnes jugendliches Angeſicht enthuͤllte. Sinnend blieb ſie, von einer dunkeln Erinnerung ergriffen, ſtehen, als das ehrerbietige Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkuͤndigte, welche raſch herangetreten war. Morton wandte ſich zu ihr, die Haare zuruͤcklegend, und ward von Angſt um ihre Gebieterin ergriffen, welche mit allen Zeichen der hoͤchſten Erſchuͤtterung zuruͤck ſchauderte, nachdem ſie das bleiche Todtenbild einen Moment betrachtet hatte, und, indem ſie faſt wild in dem Kreis ihrer Diener umherblickte, mit einer lauten und heftigen Stimme rief: Heiliger Gott! wer iſt dieſes Weib? 4* Niemand wußte dieſe Frage zu beantworten, und Alle ſtanden erſchuͤttert von dem Zuſtande ihrer Gebie⸗ terin, bis Morton, die keine weitern Zeugen wünſchte, einen Wink ertheilte, ſich mit der Bahre zu entfernen. Einige Augenblicke vergingen im tiefen Sisen 9 langſam richtete ſich die Herzogin alsdann en als ob alle Spannung aus ihrem Koͤrper gewi hen, ſagte ſie mit matter Stimme: Fuͤhre mich, liebe Morton; ach! es iſt zu viel, ich bin krank, ich will mich nie⸗ derlegen. Ach! was geſchieht um mich her; wie ſoll ich leben, wie ausempfinden, was ͤber alles Maaß iſt — kannſt Du es begreifen? Morton huͤtete ſich wohl, die zerſtreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebiete⸗ rin durch Antworten zu unterbrechen. Seit der ſchrecklichen Todesnachricht hatte die Un⸗ gluͤckliche bis auf wenige noͤthige Befehle kein Wort freiwillig geſprochen, keine Thräne geweint, kein Be⸗ durfniß der Ruhe geaͤußert, und der treue Doktor Stan⸗ loff hatte mit Angſt die Entwickelung dieſer gänzlichen Erſtarrung erwartet. Morton, die ſeine Beſorgniſſe getheilt hatte, ſah nun mit einem Male dieſe gefuͤrchtete Kataſtrophe durch ein ſonderbar von Außen kommen⸗ des Ereigniß herbeigefuͤhrt: ihre geliebte Gebieterin weinte, hatte geſprochen, fuͤhlte ſelbſt das Beduͤrfniß der Ruhe. Dies ſchienen alles glückliche Zeichen, und und die treue Dienerin empfand eine Freude und einen Troſt, wogegen die ſonderbare und geheimnißvolle Ver⸗ anlaſſung ganz in den Hintergrund trat. Man nä⸗ herte ſich langſam den Schloßhallen, und Morton hätte viel darum gegeben, wenn ſie die Herzogin, die ſich wankend ſtuͤtzte, durch einen andern Weg nach ihrem Zimmer hätte fuͤhren koͤnnen, denn ſie mußte fuͤrch⸗ ten, daß die ſchwermuͤthigen Trauerzuruͤſtungen, wel⸗ che dieſe Hallen erfuͤllten, die ungluͤckliche Frau auf's Nee in ihren troſtloſen Zuſtand verſenken wuͤrden. Aber es ſchien etwas anderes tief in der Seele Er⸗ wecktes dem heftigen Schmerze der Herzogin das Gleich⸗ gewicht zu halten. Morton fuͤhlte, je näher ſie den Hallen kamen, ih⸗ ren Schritt ſich befeſtigen und beſchleunigen, und ſie richtete ſich mit ihrer gewoͤhnlichen Strenge empor, als Stanloff am Eingange ihr haſtig entgegen ſchritt, und ihn mit der Hand zuruͤckweiſend, ſagte ſie feſt: Wir beduͤrfen Eurer Huͤlfe nicht; aber wo waret Ihr, da Ihr ſo noͤthig hattet hier zu ſein, um die Ungewißheit uͤber Leben und Tod einer Ungluͤcklichen von uns zu nehmen; die Ungewißheit, ſage ich, Gott verhuͤte es, daß hier in der nächſten Nähe unſeres Schloſſes ein un⸗ erhoͤrtes Verbrechen begangen worden ſei. Sie ſchritt waͤhrend deſſen, Mortons Arm verlaſſend, feſt in den 54 mittlern Saal. Jepſon! rief ſie und winkte die Hand des Doktors zurck, als er den ſchwarzen Schleier, der als ein Theil ihrer Bekleidung von den Diene⸗ rinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt üͤber ſie ge⸗ ſchlagen war, zuruͤckziehen wollte,— dieſer Ort ſcheint uns nicht paſſend fuͤr die wichtigen Unterſuchungen, ob Leben und Tod obwaltet. Wir wuͤnſchen zu dieſem Zweck den kunſtreichen und erfahrenen Anordnungen un⸗ ſers Doktors durch eine paſſende Wohnung zu Huͤlfe zu kommen, und beſtimmen dazu die Zimmer im linken Fluͤgel, welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen, und die durch den Kapellenthurm zugleich mit den Zimmern unſe⸗ rer Miſtreß Morton verbunden ſind, welcher wir, wenn Gott unſer Gebet erhoͤrt und uns die Gnade gewährt, durch unſere wunderbar herbeigefuͤhrte Huͤlfe ein Men⸗ ſchenleben gerettet zu haben, die beſondere Pflege und Aufſicht uͤbertragen wollen.— Jepſon, der erſte Vogt des Schloſſes, mit ſeinem weißen Stabe und ebenſo weißen Haupte, hoͤrte, voll Ehrfurcht gebeugt, dieſe Befehle an, und begab ſich alsdann, von der Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen be⸗ gleitet, nach der Vorhalle des Saales, von wo durch eine verſchloſſene Gallerie dieſer Fluͤgel fuͤr außeror⸗ dentliche Fälle zu erreichen war. Auch Doktor Stan⸗ — 55 loff wollte ſich dahin entfernen, als die Herzogin ihn zuruͤck rief und mit minder feſter Stimme hinzufuͤgte: Ich kenne Euch, Doktor, Ihr werdet all' Eure ſo oft bewährte Kunſt, die uns manches theure Haupt erhielt,— ich ſage, Ihr werdet dieſe Kunſt auch heute anwenden, ſo Leben noch zu erwecken iſt, und ein ſo ſchreckliches, empoͤrendes Unglück, als ein Mord in un⸗ ſerm Bereich ſein wuͤrde, dadurch vernichten. Sobald ich meine Zimmer erreicht habe, ſoll Morton Euch bei⸗ ſtehen.— Nimm die uͤbrigen Frauen mit Dir, Mor⸗ ton, und ſorge vor allen Dingen, daß die Ungluckliche geſchont, und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt wird, was ſie noch an ſich tragt und uns vielleicht, will's Gott, zur Kunde uͤber ihre An⸗ gehoͤrigen fuͤhren koͤnnte. Stanloff, der bejahrte treue Diener dieſes Hauſes, der ſeiner großen Dienſte und ſeltenen Eigenſchaften halber mehr als Freund, denn als Diener angeſehen wurde, fühlte wohl das Verſoͤhnende in den Worten der Lady, womit ſie ſchnell zu beguͤtigen ſuchte, was ihr ſtolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verſchuldete, doch nie ungeſtraft von einem zarten Gewiſſen und einem edeln Herzen. Dies, was Allen, die ſie näher kannten, wohl bewußt war, ſicherte ihr einen leichten Sieg uͤber jeden trub' heraufgefuͤhrten Augenblick, und 56 floͤßte ihren Umgebungen eine Miſchung von Furcht und Liebe ein, die ſie mit vielem Geiſte zu benutzen wußte, und die ſie zu einer ſeltenen Herrſchaft uͤber die Gemu⸗ ther erhob. Doch weniger als je, hatte ſie Widerſtand in dem ſanften milden Herzen Stanloffs zu fuͤrchten, denn er ſah mit Freude in ſeiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht hergeſtellt, das ſo furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerſtoͤrt war und ihn für ihr Leben fuͤrchten ließ. Die Heftigkeit, die Ungerechtig⸗ keit ihrer erſten Worte, waren ſo der naturliche Gang ihrer Aeußerungen, daß er einſah, ihr ganzes Weſen ſei mit dieſer Erſchuͤtteruug in ſeine Bahn zuruͤckge⸗ treten. Er kuͤßte voll Ruͤhrung die dargebotene Hand, wagte es noch ein Mal, die oft ertheilten, kaum an⸗ gehoͤrten, noch weniger befolgten Verordnungen fuͤr ihre Geſundheit zu wiederholen, und ging getroͤſtet von dannen. Sanft wandte die Herzogin ſich zu Miſtreß Mor⸗ ton und ſagte ihr ſchmerzlich: Bringe mich hier weg, dieſer Anblick ſcheint mich und meine Vernunft vernich⸗ ten zu wollen. Sie wandte ſich von dem Trauerſaale ab, wollte ſich ſo eben nach dem Ausgange begeben, als ein ferner Ton, wie ein Horn, an ihr Ohr traf, der nach einem Augenblick des bangen Harrens von einem naͤheren an der Thorbrücke, ſodann zunächſt von 52 den Caſtellthurmen beantwortet wurde und keinen Zwei⸗ Herzogin blieb einen Augenblick wie uͤberwaltigt, mit uͤber die Bruſt gefalteten Händen und gegen die Decke gehobenen Augen ſtehn. Dann ſank ſie, wie getroffen, auf ihre Kniee nieder und beugte ihr Haupt wie zum Gebet. In einem Kreiſe umher kniete ihre noch immer die Halle erfullende Dienerſchaft, und die erhabene Feierlichkeit dieſes Augenblicks und die tiefe Stille um⸗ her ward nur durch das ſanft ausbrechende Schluchzen der Frau unterbrochen. So fanden die beiden Toͤchter der Herzogin, die mit ihren Damen herbeieilten, die geliebte Mutter, die bei ihrer Ankunft das thränenbenetzte Geſicht mit ſchwermuͤ⸗ thigem Lächeln zu ihnen aufhob, und ſie neben ſich nie⸗ der winkte. Der weite Weg, den der Zug zu machen hatte, da der erſte Ruf des Hornes noch vor der Bruͤcke, nach alter Sitte, Einlaß begehrte, fullte eine lange Zeit. Waäͤhrend er den erſten Hof betrat, erſchien Jepſon am Eingange der aͤußeren Halle, um der Herzogin Meldung zu machen. Als er die hohen Gitterthuͤren oͤffnete und ſeine erhabene Gebieterin, von ihren Toͤchtern und Die⸗ nerinnen umgeben, auf den Knieen ſah, ſank auch er ſtumm zur Erde und blieb ſo einige Augenblicke voll Andacht, dann erhob er ſich, ſeines Amtes gedenkend, fel ließ uber die Ankunft der herzoglichen Leiche. Die und den Arm mit dem Stabe vor ſich herſtreckend be⸗ gann er mit feierlicher Stimme: Es hat dem allmäch⸗ tigen Gott in ſeiner Barmherzigkeit gefallen, den Weg zu beſchuͤtzen, den der erhabene Sohn und Erbe dieſes erlauchten Hauſes in der Erfuͤllung ſeiner großen und ſchweren kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetre⸗ ten, um die ſterblichen Ueberreſte des durchlauchtigen Herzogs, ſeines erhabenen Vaters, zu den Hallen ſeiner Väter zuruͤckzufuͤhren. Vor den Thoren dieſes Schloſ⸗ ſes harrt er und begehrt voll Demuth gegen ſeine her⸗ zogliche Mutter, unſere erhabene Gebieterin, Einlaß! Von ihren Knieen ſich erhebend, von ihren Toͤch⸗ tern unterſtutzt, antwortete die Herzogin mit tiefer Stimme: Gott ſegne ſeinen Eintritt uͤber die Schwelle ſeiner Väter! Sogleich oͤffneten ſich auf einen Wink die äußern Thore und ließen einen Blick thun in den weiten Hof, der mit den ſchwarzen Geſtalten des Zuges uͤberdeckt war. Koͤnig Jakob hatte, ſowohl der Witwe ſein Beileid zu bezeigen, wie auch dem Wunſche ſeines Miniſters ſich gnaͤdig zu erweiſen, den Oheim des verſtorbenen Herzogs, Cecil, Graf von Salisburh, nach Godwie⸗Caſtle geſendet, und derſelbe war mit ſeinem großen Gefolge und in der Begleitung der naͤchſten Verwandten, die alle zum Em⸗ 59 pfang der Leiche verſammelt waren, auf die eingetroffene Nachricht, daß ſein Neffe die Grenzen des väterlichen Gebiets uberſchritten, von Godwie⸗Caſtle, wo er den Tag zuvor angekommen, ihm entgegen gegangen, und hatte ihn unterſtuͤtzt in der ſorgfältigen und wuͤrdigen Anord⸗ nung des Zuges, der von da an bis an die Gemächer des Schloſſes mit gleicher Ordnung fortgeſetzt ward. Der Sarg ward im erſten Hofe von dem Ruͤſtwagen ge⸗ nommen, auf dem er ſeinen weiten Weg zuruͤckgelegt, und ſechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schul⸗ tern. Voran ſchritt Jepſon, den Stab, das Zeichen ſei⸗ ner Wuͤrde, vor ſich hinhaltend, ihm folgten die hoͤhern Beamten des Schloſſes und der ausgedehnten herzog⸗ lichen Beſitzungen, denen ſich das Reiſegefolge des Herzogs anſchloß, zahlreiche und gepruͤfte Diener, un⸗ ter ihnen Sir Eduard Ramſeh, der als erſter Kaͤm⸗ merer ſeinen Rang vor Allen hatte. Dann erſchienen die zahlreichen Edelleute der Nach⸗ barſchaft, an ihrer Spitze Sir William Ollincroft als vornehmſter Edelmann der Grafſchaft, zu welcher das herzogliche Geſchlecht in einer Art von Oberhoheit ſtand. Zwoͤlf Pagen, mit den Achſelbändern in den Farben des herzoglichen Wappens, gingen zur Seite der jungen Edel⸗ leute und trugen die Inſignien der herzoglichen Wuͤrde nebſt den Orden und militäriſchen Auszeichnungen des 60 Verſtorbenen. Ihnen folgten unmittelbar hinter dem Sarge die Verwandten, und an ihrer Spitze Robert, Graf von Derberh, der älteſte Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges, begleitet von Cecil, Grafen von Salisburh, und gefolgt von den bedeutenden Perſo⸗ nen der nächſten Verwandtſchaft und einem glänzen⸗ den Zuge von Fremden, nebſt der vornehmeren und geringeren Dienerſchaft aller Anweſenden. Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Ueberreſten ihres hoͤchſten Gluͤckes und von dem geliebten Sohne, fuͤr deſſen Leben und Geſundheit ihre Seele ſo oft gezagt. Das Uebermaaß ihrer Empfindun⸗ gen ſiegte uͤber ihre Schwaͤche, ſtatt dieſelbe, wie ihre Getreuen fuͤrchteken, zu mehren. Als der Geiſtliche mit ſeinem Gefolge aus der Kapelle an ihr voruber ging, den Sarg an der Schwelle einzuſegnen, hatte ſie Kraft, ihm zu folgen. Feſt ergriff ſie die Hände ihrer Toͤchter, und emporgerichtet, als verſchmähe ſie es, den letzten Pfeilen des Schmerzes die blutende Bruſt zu entziehn, folgte ſie den Dienern der Kirche mit ſicherm Schritt. Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der Schwelle harren laſſen, den Segen der Kirche zu empfan⸗ gen; die Herzogin blieb in gemeſſener Entfernung ſtehn; in einem Kreiſe um ſie her ihr ſchwarzgekleidetes Gefolge. Als die Geiſtlichen auseinander traten und ſich der Bahre ——— 61 naͤherten, erblickte die Mutter zuerſt den Sohn, deſſen jugendliche Schoͤnheit wie erſtarrt ſchien in der ruͤhren⸗ den Blaſſe eines tiefen Schmerzes; aber ſein Auge ſandte einen Blick zu ihr hinuͤber, welcher das Herz erreichte und die ganze Fuͤlle des muͤtterlichen Gefuͤhls erweckte. Der feierliche Augenblick hinderte jede Annaͤherung, doch mit welcher Inbrunſt beugten die tief Erſchuͤtterten auf das gegebene Zeichen das Knie zum Geber! Wer moͤchte ſagen, es hätte der Worte bedurft, dies Gebet des in⸗ nerſten Herzens Gott verſtändlich zu machen. Ehe jetzt der Zug ſich nach dem Trauerſaal begab, lag Robert zu den Füßen ſeiner Mutter und empfing ihren Segen, und als ſie einen Augenblick lang ſich um⸗ faßt hielten, fuͤhlten Beide die unnenubare Groͤße ihres Verluſtes und zugleich den Troſt, den die Natur ihnen in einander gewaͤhrt hatte. Von Lord Salisburh und ihrem Sohne geleitet, nahm die Herzogin Platz im Trauerſaale auf einem erhoͤhten Sitze, dem Katafalk ge⸗ genüber, zu ihren Fuͤßen knieten ihre Toͤchter, am obern Theile des Sarges ihr Sohn, am untern der Graf von Salisburh. Das uͤbrige Gefolge nahm den weiten Raum umher ein, einen erhoͤhten Lehnſtuhl mit der herzoglichen Krone und Decke freilaſſend, welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch unbeſetzt geblieben war, doch nicht lange. Denn aus dem innern Raume 5 62 der Kapelle ſchritt eine Dame hervor, auf zwei Frauen geſtützt und von mehreren Pagen gefolgt, bei deren An⸗ blick die Herzogin und ihre Toͤchter ſich ſogleich erhoben, und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten. Sie war im hoͤchſten Alter, ſchneeweißes Haar umzog das feine weiße Antlitz, auf dem der neue Gram nicht mehr den Frieden hatte ſtoren koͤnnen, der die gelaͤuterte Seele ſchon zu einer Buͤrgerin hö⸗ herer Welten erhob, wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die Leiden der irdiſch Bewegten theilte. Es war die Schweſter des Grafen Salisburh, die Gräfin von Burleigh und Witwe des Herzogs Ro⸗ bert von Nottingham, die ehrwuͤrdige Mutter des eben verſtorbenen Herzogs. Schwer empfand ſie es, den Sohn vorangehn zu ſehen, aber die Hoffnung, bald mit ihm vereint zu ſein, nahm dem Schmerze ſeine troſtloſe Schwere, und nur an ihre geliebte Schwiegertochter denkend und an ihre theuern Enkel, verließ ſie, trotz der hohen Jahre und der damit ver⸗ bundenen Schwäche, ihren Witwenſitz, durch ſanften Zuſpruch die Leiden ihrer Geliebten zu mildern. Bis jetzt war es ihr wenig gelungen, auf die unglückliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken, ihr, wie Allen, blieb ſie unzugäͤnglich; ja, nachdem ſie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwurdige Mutter ihres Gemahls 63 erfullt hatte, ſo ſtumm jedoch, mit ſo traurig zerſtoͤrtem Weſen, als ob nur der Koͤrper ſich in gewohnter Ord⸗ nung bewegte, war ſie mit einer Art aͤngſtlicher Scheu aus ihrer Naͤhe entflohen. Doch vor dem Sarge ihres Lieblings ſchien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten, und die wenigen Worte, welche ſie mit Thraͤ⸗ nen⸗erſtickter Stimme der ehrwuͤrdigen Frau zurief, zeig⸗ ten auch ihr, daß die Rinde geſprungen ſei, die dies beladene Herz zu erſticken drohte. Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefuͤhl beider Frauen ſich zu faſſen, um die letzten Pflichten fuͤr den Entſchlafenen mit der Wuͤrde erfuͤllen zu koͤnnen, die den Frauen dieſes Hau⸗ ſes bei den Leichenbegaͤngniſſen ihrer Gatten die harte Nothwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte. Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze zuruͤckgekehrt, begann der Geiſtliche nach dem Ritus der hohen biſchoͤflichen Kirche die Einſegnung der Leiche, deren Verhuͤllung nun geho⸗ ben ward, um der Verſammlung die wirkliche Ueberzeu⸗ gung von ihrer Identität zu geben. Von dem kraͤftigen Geſchlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch ge⸗ blieben, daß die Witwe ſich zuerſt dem Sarge nahte und, nachdem ſie die Leiche angeblickt, die Hand zur Beglaubigung, daß ſie wirklich gegenwaͤrtig, empor hob; daſſelbe thaten dann ſofort die nächſten Ver⸗ 64 wandten, und der verſammelte Adel nahm dies als eine ihm gethane Verſicherung auf. Als dieſer Mo⸗ ment nahte, ſprang der junge Graf von ſeinen Knieen, auf denen er die ganze Zeit uͤber in tiefer Andacht ge⸗ blieben, auf, und ehe die Herzogin ſich dem Sarge naͤ⸗ hern konnte, lag er zu ihren Fuͤßen und ſchien ſie mit der groͤßten Heftigkeit um etwas anzuflehn. Die An⸗ weſenden konnten leicht errathen, daß der beſorgte Sohn ſeiner Mutter einen zu ſchmerzlichen Anblick erſparen wollte, da der vor vier Wochen erfolgte Tod des Herzogs und der weite Weg, den die Leiche gemacht, trotz allen Vorkehrungen jeden wohlthuenden Zug und Eindruck verloſcht haben mußte. Aber die Herzogin ſchien uner⸗ bittlich, ja, zuͤrnend, und wie ihr Sohn, von Salisbu⸗ ry's Worten unterſtutzt, ihre Kniee umfaßte, als wollte er mit Gewalt ſie hindern, befahl ſie ihm aufzuſtehn. Eine leichte Roͤthe belebte das blaſſe Angeſicht, und mit vernehmlicher Stimme ſprach ſie wie unwillig: Hältſt Du mich fur ſchwächer, als die edeln Frauen, die vor mir dieſen Gang gethan? Troſtlos erhob ſich der junge Mann, und ſein Blick richtete ſich, wie nach der letzten Huͤlfe, zu ſeiner Großmutter empor. Aber dieſe ſchien dies Mal nicht ſie geben zu wollen, ihr feines weibliches Gefuhl ſagte ihr, die Herzogin wuͤrde hier ſich nicht zuruͤck ziehn. Dieſe 65 Pflicht, wozu das ſehnſuͤchtige Herz ſie trieb, dieſe Pflicht, die ſie in der Gegenwart ihrer Verwandten, Befreundeten und Untergebenen erfuͤllen ſollte, konnte ſie nicht unterlaſſen, ohne eine Schwäche zu zeigen, die der Wuͤrde und Seelenſtaͤrke widerſprochen hätte, die ihren Charakter und ihren Ruf in der Welt be⸗ zeichnete. In ihren theilnehmenden, aber klaren Blik⸗ ken lag das Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter: auch ſie wuͤrde das mit Wüͤrde vollziehen, was ſie ſelbſt und vor ihr ſo Viele an dieſer Stelle vollzo⸗ gen hatten. Sie irrte ſich auch nicht, und der zärtliche Sohn hatte, ohne es zu ahnen, durch ſeinen Widerſtand eine neue Stuͤtze ihr gewaͤhrt; ihr Stolz jwar erwacht, und ein leichter Unwille uͤber die ſcheinbare Stoͤrung der ſo wichtig erachteten Trauerceremonien gab ihr die Kraft, ihre Erweichung zu beſiegen. Sie winkte ihren Sohn und den Grafen von Salisburh zuruͤck, und nä⸗ herte ſich mit langſamen, wuͤrdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges. Der Koͤrper, uberdeckt mit einem weiten Fuͤrſtenmantel, ruhete jetzt vor ihren ge⸗ ſpannten, angſtvoll geoͤffneten Augen unverhuͤllt; das theure Haupt, einſt mit allem Zauber männlicher Wuͤrde und den weichen Zügen des Gefuhls und der Guͤte geſchmuͤckt, war jetzt zu einer unſcheinbaren gel⸗ Godwie⸗Caſtle I. 5 ben Maske vertrocknet; und der Schauder, einer voͤl⸗ lig fremden, kaum Menſchen ähnlichen Bildung ge⸗ genuͤber ſich zu finden, drohte ſinnverwirrend den Geiſt der ſtarken Frau zu ergreifen. Schon durchzuckte das wildeſte Entſetzen ihre Seele, und Alles um ſie her ver⸗ ſchwand aus ihrer Erinnerung,— noch ſolch' ein Mo⸗ ment, und ſie wäre entflohn und mit ihr vielleicht das Bewußtſein des Geiſtes, das unterzugehen drohte. Schrecklich war die Angſt der ſorglich auf ſie Blicken⸗ den, denn in ihren Zuͤgen und dem ſtarren Blick ihrer Augen malte ſich ihr jäher Zuſtand. Aber Gott hielt ſeine ſegnende Hand ſchutzend uͤber dies ſchuldloſe Haupt. Sehr bald minderten ſich die ſcharfgeſpannten Zuͤge, Friede kehrte zuruck, ſich ſteigernd bis zur ſanfteſten Ruͤhrung. Ihr Blick hing mit Zärtlichkeit an dieſem grauenhaften Bilde, denn ſie hatte ihn wieder erkannt an dem ſchoͤnen, lockigen Haar, das der Tod nicht zu zerſtoren vermochte, und das er in ſeltener Schoͤnheit beſeſſen hatte. Ihre Beſinnung kehrte zuruͤck, und lange Gewohnheit einer großen Selbſtbeherrſchung kam ihr zu Huͤlfe. Das Gefuͤhl, ihn erkannt zu haben und jetzt ge⸗ wiß ſeine heiligen Ueberreſte zu beſitzen, hob ſie uͤber ihre Natur mit einer Art von Entzuͤcken, das um ſo mächtiger ſie ergriff, als es der ploͤtzliche Uebergang von —,— 67 dem troſtloſeſten Entſetzen war. Sie richtete ſich an ſeinem Haupte mit einer Art von Begeiſterung empor, noch ein Mal blickte ſie nieder, und ein Lächeln umzog die bleichen Lippen. Dann ſchauete ſie, ihrer Pflicht gedenkend, mit dem Ausdrucke der gluhendſten Ueberzeu⸗ gung umher, und waͤhrend ihre Lippen wie zu Worten ſich bebend oͤffneten, hob ſie wie eine Seherin die lilien⸗ weiſe Hand empor und blieb ſo einen Augenblickſtehn, Jeden zum Zeugen ihrer Ueberzeugung aufrufend. Un⸗ beſchreiblich war der Eindruck dieſer ſich folgenden Be⸗ wegungen; Bewunderung geſellte ſich der tiefſten Ruh⸗ rung zu, und ein unartikulirtes Geräuſch von vielen hundert Stimmen durchſtromte die weite Halle. Doch dies war vollig geeignet, die Herzogin aus ihrem uͤberſpannten Zuſtande zu wecken, ſie fuhlte ſchnell, daß ſie hier der Gegenſtand einer Aufmerkſamkeit ge⸗ worden war, die ſich nach ihren ſtrengen Begriffen mit ihrer Wurde und ihrem weiblichen Gefuͤhl gleich wenig vertrug. Sie ließ ſich von ihrem Sohne und ihrem Oheime zuruͤckfuͤhren, und ihre ſtolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre fruͤhere Bewegung. Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Uebrigen vollzogen war, traten die beiden Wappen⸗ herolde vor, die zur Seite des Thronhimmels ſtanden, vor dem der Katafalk errichtet war. Der zur linken 5*½ Seite trug das aufgerollte fuͤrſtliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur Linken des Sarges auf. Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs, mit allen ſeinen Wuͤrden und Titeln benannt, verkuͤndigte und alsdann mit lauter Stim⸗ me fortfuhr: Und ſo das erlauchte Haupt dieſes Hauſes nunmehr in ewigem Frieden hier vor uns ruhet, ſehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt, und da er leer bleibt vor unſern Augen, nachdem wir den Herrn davon als verſtorben erkannt, und als ob Nach⸗ kommen und Lehnträger dieſem erhabenen Stamme gebrächen, fragen wir die hohen hier anweſenden Ver⸗ wandten, und den hohen und niedern Adel der Graf⸗ ſchaft Nottingham, ob verbluͤht und untergegangen ſei dies edle Geſchlecht, und ob wir ſofort, kraft un⸗ ſers uns verliehenen Amtes, das Wappen zerbrechen muͤſſen und zu ewigem Vergeſſen mit dieſem Sarge verſenken ſollen? Wir fragen drei Mal: Iſt der Stamm erloſchen?— da trat der Graf von Salis⸗ burh als nächſter männlicher Verwandte mit ernſter Wuͤrde hervor, zog ſeinen Degen, hob ihn gegen den Herold empor, berührte dann drei Mal mit der Spitze die Bruſt des Verſtorbenen und ſprach drei Mal ein lautes Nein! Wo iſt der neue Herzog von Notting⸗ ham? rief nun derſelbe Herold, und in demſelben 69 Augenblicke zogen alle Anweſenden mit Blitzesſchnelle die Degen aus den Scheiden, daß die hohen Gewoͤlbe wie von einem Schreie widerhallten, und eben ſo ſchnell ſtand der Graf von Derberh von ſeinem Platze am Sarge auf, und indem er die Hand auf das Haupt des Entſeelten legte, rief er drei Mal: Hier! Augen⸗ blicklich eilten glaͤnzend geſchmuͤckte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um ſeine Schultern, waͤhrend der Graf von Salisburh den herzoglichen Reif von dem Kiſſen nahm, welches ein Page ihm reichte, und ſeinem Groß⸗Neffen damit das Haupt ſchmuͤckte. Er fuͤhrte ihn ſodann unter den Thron⸗ himmel und hieß ihn den leeren Stuhl darunter ein⸗ nehmen, waͤhrend der Freudenherold das in allen Far⸗ ben prangende Wappen der Herzoge entfaltete, und den neuen Herzog laut und feierlich proklamirte. Die An⸗ weſenden begruͤßten nun voruͤbergehend und mit dem Degen den Boden beruͤhrend den neuen Herzog, und beurlaubten ſich, tiefneigend vor den Herzoginnen, die unbeweglich während dieſer langen Ceremonie in ihren Stühlen blieben. Bis die letzten Diener den Saal verlaſſen, und nur noch von ihren Kindern, der her⸗ zoglichen Mutter, dem Grafen Salisburh und ihrem naͤchſten Kammergefolge umgeben, blieb die ſtarke Her⸗ zogin aufrecht, dann ſank ſie ohne einen Laut, ohne troſtloſen Kinder uͤber ſie, doch Doktor Stanloff, der mit huͤtendem Auge ſeiner Gebieterin gefolgt war, er⸗ klärte ihren Zuſtand fuͤr eine tiefe Ohnmacht und ver⸗ langte nichts als Ruhe, wonach ſich wohl Alle ſehnten nach dieſem angreifenden Tage. Auch war die Nacht längſt herangebrochen. Man trug die Herzogin in ihre Zimmer, und Jeder ſuchte die ſeinigen zu errei⸗ chen.— So befand ſich bald um den, der ſonſt der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in dieſen Hallen war, nur die durch eintoͤnige Worte ſich von Stunde zu Stunde abloͤſende Trauerwache! Der unbewußte Zwang, den feſtſtehende, durch lange Gewohnheit geheiligte Formen uͤber die Gemuͤther der Menſchen ausüben, wird oft eine wohlthätige Stätze fuͤr das durch Leidenſchaften oder erſchuͤtternde Ereig⸗ niſſe aus ſeiner Bahn getriebene Innere. Von dem kleinſten Standpunkte gilt dies, und macht ſich auch fuͤr den weiteren Geſichtskreis des Lebens geltend. Es be⸗ lehrt uns uͤber das lange Fortbeſtehen oft in ſich ſchon bedeutungslos gewordener Formen, welche zu durch⸗ brechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die alles Leben von ihrem Seſſel. Entſetzt ſtuͤrzten die — — 21 5 Schaale abzuwerfen, Wenige nur berufen ſind. Dieſe ſind dann der letzte Tropfen in dem zum Ueberflie⸗ ßen gefuͤllten Becher einer neuen Erkenntniß, wozu in der Stille die Beſten vieler Zeiten die einzelnen Troͤpfchen beiſteuerten. Sie haben keinen Maaßſtab, denn ſie ſind die erſten dieſer Art; aber leicht miß⸗ deuten Viele in ſich eine leidenſchaftliche Aufregung, die ihnen das Recht zu geben ſcheint, umzuſtoßen und zu durchbrechen, was, von tugendhaften Vor⸗ aͤltern erdacht, oft ganze Geſchlechter liebevoll um⸗ faßte und ſie ſchuͤtzend an der rohen Willkuͤr vor⸗ uͤberfuͤhrte. Es iſt ſo ſchwer, an die Stelle delang Be⸗ ſtandenen das Beſſere zu ſtellen, daß die hieruͤber leicht gewonnene Erfahrung uns verſoͤhnlich macht gegen das Mangelhafte; und ſo unzureichend und oberflächlich ſind die Ergebniſſe jener Umwaͤlzungen, daß ein ſtilles und in ſich geſchloſſenes Gemuͤth ſich leichter da hin⸗ neigt, wo tugendhafte Menſchen ſeit lange Buͤrgſchaft gaben für das Beſtehende. Auch reift in der Zeit von ſelbſt ſchon und allmälig eine Reformation, zu deren ſiegreichen Zwecken Jeder wohlthätig mitwirkt, der in ſich ſelbſt die freie Entwickelung ſeiner Krafte beſchloß. Was auf dieſe Weiſe von uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehoͤren will, das iſt zum Staube —— 1* 72 reif, nicht der uͤbermuͤthigen Laune, ſondern der Zeit iſt es verfallen! Die ſtärkſten Gemuͤther erreichen am leichteſten die⸗ ſen hoͤhern Standpunkt; Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefuhle der Kraft, und es iſt kein Widerſpruch, wenn wir den, der allenfalls die Form durchbrechen koͤnnte, ſich fuͤgen ſehen; es iſt blos, daß auf ſeinem hoͤheren Standpunkte ihn das Kleine nicht mehr ſtoͤrt und das Gefuͤhl, die eigne Bahn ſich brechen zu konnen, ihn zum vertraͤglichen Gefährten macht auf dem ſchon betretenen Wege. Wir fühlen uns durch dieſe freie Ergießung un⸗ ſerer Meinung unwillkuͤrlich auf die Perſon hingewie⸗ ſen, welche zunächſt unſere Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nimmt, den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham, Lord Richmond Derberh, welcher einige Tage nach der ſtill erfolgten Beiſetzung des geliebten Vaters mit ſeinem Oheim, dem uns ſchon bekannten 1 Grafen Archimbald Glandford, von einer Sendung Koͤnig Jakobs an ſeinen ungluͤcklichen Schwiegerſohn,. den Kurfuͤrſten von der Pfalz, zuruͤckgekehrt war und, von der Trauernachricht auf dem Ruͤckwege getroffen, mit geflůgelter Eile Godwie⸗Caſtle erreicht hatte. Wir vertiefen uns nicht noch ein Mal in die wehmuͤthigen und erſchuͤtternden Scenen eines ſolchen Wiederſehens. ———— 73 Ueber Perſonen, die mit eben ſo viel Hochachtung, als Liebe, an einander hingen, brachten ſolche Augenblicke den vollen Werth einer wuͤrdigen Selbſtbeherrſchung, welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle Decenz auferlegt; der tiefe Ernſt, der an die Stelle leidender Aufregung getreten, zeigte ſie wenig anders, als man ſie zu ſehen gewohnt war. Doch hatte die Ankunft beider Maͤnner einen un⸗ verkennbaren Einfluß auf die wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen. Es lag in ihrer geraͤuſchloſen Gegenwart dennoch etwas ſo Anziehendes und zugleich Anregendes, daß faſt Jeder auf ſeinem Platze etwas zu leiſten ſtrebte, wie wenig auch eine Anforderung darauf hinwies. Wenn die Unbedeutenden ſich dadurch an⸗ genehm erhoht fuͤhlten und die Beſſeren in der ſchönen Freude ehrender Anerkennung lebten, gab es doch auch Andere, welche ſich von einer Beherrſchung gedruͤckt fuͤhlten, die, wenn auch abſichtslos entſtand und nie gefordert oder beguͤnſtigt ſchien, der ſtillen Herrſchaft zu⸗ . geſchrieben werden mußte, die ausgezeichnete Geiſter un⸗ willkürlich durch ſich ſelbſt herbeiführen. Zu dieſen Letz⸗ tern, ſich gedruͤckt Fuͤhlenden, müſſen wir, obwohl mit einiger Schuͤchternheit, den groͤßten Staatsmann jener Zeit, den Grafen Salisburh, rechnen. Wir haben er⸗ zählt, daß er ſeinen Neffen, den Grafen Archimbald, bei ———— 74 ſeiner Ruͤckkehr aus Frankreich zu bilden ſtrebte und, die großen Eigenſchaften deſſelben erkennend, wohl da⸗* mals den Plan faßte, ihn zu ſeinem Gehülfen und ſpäterhin vielleicht zu ſeinem Nachfolger zu erheben. Doch wäͤhrend dieſer Entwickelung geſchah etwas, das außer dem Plane und der Erwartung des Grafen lag. Er hatte ſeinen Neffen, den er durch Verwandt⸗ ſchaft und Unterricht feſt an ſich geknuͤpft wußte, eine Zeit lang in anſcheinend unbedeutenden Aufträgen an 1 die verſchiedenen Hoͤfe, an denen ſich ſchon engliſche Geſandtſchaften befanden, geſendet, oft damit Zwecke erreichend, die auf direktem Wege Widerſtand gefun⸗ den hätten, und die ihm die Fäden in die Hände ſpiel⸗ ten, an denen er Koͤnig Jakob und die uͤbrigen Mini⸗ ſter geſchickt zu lenken wußte. Graf Archimbald hatte 1 durch dieſe verſchiedenen Stellungen faſt den Ueberblick 3 uber alle wichtigern Angelegenheiten des damals in reli⸗ gioͤſer und politiſcher Beziehung ſo bewegten Europas 1 gewonnen. Seine ungemein wiſſenſchaftliche Bildung, und vor Allem der natuͤrliche leichte und ſcharfe Blick ſeines umfaſſenden Geiſtes hatte ihn zu Anſichten ge⸗ 3 fuhrt, die ihn uͤber das Syſtem erheben mußten, nach welchem die kurzſichtige Politik Koͤnig Jakobs mit wei⸗ — biſcher Schwäche ſich von all' den hochherzigen Bewe⸗ gungen ausſchloß, die von ſo viel Seiten her ihn zur 75 Theilnahme aufforderten. Er verwarf ſie, um den Frieden zu erhalten, der während ſeiner ganzen Re⸗ gierung das durch Eliſabeth ſo hoch geſtiegene Anſe⸗ hen Englands wieder herabſinken ließ. Daß dieſer Vorwurf, den bald Europa dem Koͤnige von England machen mußte, auch ſeine Miniſter und namentlich den Grafen Salisbury traf, an deſſen Namen eine Beruͤhmtheit hing, die er nach dem Tode Eliſabeths nicht mehr behaupten zu koͤnnen ſchien, fuhlte Graf Archimbald mit tiefem Schmerze, und von dem Ta⸗ del gegen ſeinen Koͤnig, mehr noch gegen ſeinen Oheim erhitzt, wagte er es, demſelben Anſichten vorzulegen, die nur zu deutlich zeigten, daß die Meinungen des Neffen muͤndig geworden. Der Graf konnte ſich bei dieſen gewagten Mitthei⸗ lungen, trotz ſeines innern grenzenloſen Unwillens, nicht verläugnen, daß hier in dem Kreiſe, den er voͤllig zu berſehen glaubte und mit der ſchmeichelhaften Hoff⸗ nung beherrſchte, daß der ganze Continent ihn in dieſer vollkommenen Herrſchaft anerkenne, ſich Anſichten ent⸗ wickelt hatten, die ihm nicht allein entgangen waren, ſondern auf das, was er indeſſen gethan, ein tadelndes Licht werfen mußten. Je weniger der helle Geiſt des er⸗ fahrnen Staatsmannes ſich dies verläugnen konnte, um ſo unheilbarer war die Wunde, die ſein ſtolzes Herz da⸗ durch empfing, und die Perſon, die zuerſt dieſen todten⸗ den Pfeil nach ihm zu ſenden wagte, wuͤrde ſtets das Opfer dieſer erregten Empfindung geworden ſein, wie den Liebling nichts ſchuͤtzen konnte, eine mißtrauiſche Kälte erregt zu haben. Die Grenze des Vertrauens war von da an geſteckt; die nie getraͤumte Befurchtung, von ſeinem Reffen uͤberſehen zu werden, erbaute, obwohl kaum eingeſtanden, eine ewig trennende Mauer. Mit leicht erregtem Mißbehagen ſah er den Beifall, den er ſelbſt frͤher auf ihn herbeigetufen hatte, und ſein ewig gepeinigter Stolz ließ ſein Weſen mit allen Autoritäten des Miniſters und Oheims gegen ihn ſich bekleiden. Schnell hatte Archimbald ſein großes Verſehn erkannt, und die Dankbarkeit und Hochachtung, die der Belei⸗ digte ihm einfloßte, gab ihm all' die ruckſichtsvolle Er⸗ gebenheit, die uͤberall haͤtte verſoͤhnend ſein muͤſſen, nur nicht gegen ein durch Hochmuth und Schmeichelei erkaltetes Herz, deſſen eitles Selbſtvertrauen verletzt ward. Auch blieb hieruͤber bald dem Grafen kein Zweifel übrig, und ihm ſelbſt war ein zu hoher Grad des Stolzes beigemeſſen, und ein nicht zu unterdrük⸗ kendes und begruͤndetes Selbſtvertrauen, als daß er ſich länger um die Wiederherſtellung eines Verhaͤlt⸗ niſſes hätte bemuͤhen können, welches oft ſchon ſeiner Ueberzeugung Feſſeln angelegt hatte, und das ihm jetzt 77 doppelt druͤckend werden mußte, nachdem er einen ſo tiefen Blick in das kleinliche Gemuͤth ſeines Oheims ge⸗ than. Beide jedoch waren zu klug, die Welt zu Zeu⸗ gen dieſer innern Trennung zu machen. Der Graf von Salisburh hatte zu oft Lord Archimbald ſeinen be⸗ ſten Schuͤler genannt, um ihn jetzt nicht auf der oͤffent⸗ lichen Hoͤhe zu halten, die ihm unter dieſem Prädikat zukam; doch entfernte er ihn bald aus ſeiner Nähe, obwohl auf einen Platz hin, den er mit einem bedeu⸗ tenden Kopfe ausfuͤllen mußte. So begab ſich denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris. Es be⸗ gleitete ihn dahin trotz ſeiner zarten Jugend ſein zärtlich von ihm geliebter Neffe, Richmond von Derberh. Es war fuͤr den, der dieſe beiden Perſonen beobachten konnte, etwas hoͤchſt Anziehendes zu gewahren, wie Graf Archimbald an ſeinem Neffen mit einer Liebe hing, die er faſt gegen alle Andere, beſonders ſeit dem Tode ſei⸗ nes Freundes, des Prinzen von Wales, und ſeines ge⸗ liebten Vaters, zu verringern ſchien, und dies, wie es ſich oft verrieth, um ſolcher Eigenſchaften willen, wor⸗ auf einen entſchiedenen Werth zu legen, man von dem Grafen am wenigſten erwarten konnte: nämlich wegen einer hervorleuchtenden Fuͤlle des Gemuͤths und einer Zartheit der Empfindungen, welche die Bruſt einer Frau in nicht hoͤherem Maaße hätten zieren koͤnnen. Das ganze Weſen Richmonds war geleitet von einer feinen Schonung gegen Andere. Er errieth mit der ſchärfſten Empfindung eben ſo leicht das Wohlthuende, als das Verletzende, und wußte, wo es ſeine Stellung irgend zuließ, das Eine, wie das Andere ſanft zu ver⸗ mitteln, woraus eine Sicherheit in ſeiner Nähe entſtand, welche das Vorrecht einer ſchoͤnen und edlen Individua⸗ lität iſt, und ſelbſt uͤber die roheren Seelen eine ſtille Gewalt ubt, von der ſie ſich oft keine Rechenſchaft zu geben wiſſen, und die ſie unbewußt, ſich ſelbſt zu mäßi⸗ gen, zwingt. Man mufßte ſich geſtehen, daß dieſe Tugen⸗ den nicht unter die ausgezeichnetſten ſeines Oheims ge⸗ hoͤrten. Dieſer verdeckte eine gewiſſe Schaͤrfe und Kälte des Charakters durch die außerordentliche Selbſtbeherr⸗ ſchung und Politur, die das Leben in den verſchiedenſten Lagen und unter ſtets großen und repraͤſentirenden Ver⸗ haͤltniſſen ihm gegeben hatte, aber ſie ließ ſich nie ſo ganz unterdruͤcken, um nicht da hervorzutreten, wo es an einem Intereſſe, ſie zu verbergen, fehlte. Es gab Perſonen von feinem Takte, die ſich ſelbſt durch die freundlichſte Annäherung in Ton, Wort und Miene nicht von einer kleinen Erkaͤltung erholen konnten, die ſie verletzte. Indem dies eine Art Schuchternheit erregte, unterſtützte es zugleich das Anſehn, das ihm überall zu Theil ward, und welches um den Preis der eigentlichen 29 Gerzens⸗Affectionen gewonnen zu haben, ihn vielleicht nicht ſonderlich betruͤbte. Deſſenungeachtet mußten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben ſein, von denen man ſagt, daß ſie Jeden erwarien; die Augenblicke, in denen die Leerheit des Innern von den Außendingen nicht zu fuͤllen iſt und das ganze Gebaͤude ſtolzer Groͤße nicht gegen die Anforderungen ausreicht, die das Herz mahnend wiederholt, wie wenig es auch ſcheinbar dazu berechtigt ward. In ſolchen Augenblicken hatte er den Sohn des Bruders erfaßt, in deſſen Eigenthuͤmlichkeit er ſich ergänzt fuͤhlte. Er war ihm uͤberall gefolgt und von dem Vater mit Freude, von der Mutter nur mit großer Ueberwindung ihm uͤberlaſſen worden, denn ſie hing mit einer ganz beſonderen Innigkeit an dieſem Kinde, und wenn ſie auch in ihrer aͤußeren Haltung kaum je den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen ließ, war ſie innerlich klar genug, das erhoͤhte Gefuͤhl zu erkennen, das von fruh an ihren Liebling begleitet hatte. Später ſoͤhnte ſie ſich mehr mit dem Gedanken aus, ihn unter fremder Herrſchaft erbluͤhen zu ſehn, denn ſie mußte ſich ſagen, daß kein Weſen geeigneter war, die geiſtigen Vorzuͤge eines Juͤnglings zu entwickeln, als Graf Archimbald, und daß gerade das Hervorheben die⸗ ſer geiſtigen Entwickelung ein wohlthätiges Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zaͤrtliche Weichheit ſeines 80 Herzens. Graf Archimbald verſäͤumte dagegen nie, das Opfer der Mutter wohl erkennend, eine Gelegenheit, den Sohn ihr zuzufuͤhren, und die Herzogin war endlich auch nicht gleichguͤltig gegen die Ausſicht, ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald treten zu ſehen, da, wenn es auch unentſchieden blieb, ob der Oheim aus Liebe zum Neffen der Ehe entſage oder die Ent⸗ ſagung der Ehe ihn zum Neffen gefuͤhrt, doch die Hauptſache entſchieden ſchien, daß der Graf ſich nicht vermählen und Richmond ſein Erbe ſein werde. Nach mehrjährigem Aufenthalt am Verſailler Hofe wuͤnſchte der Graf auf einige Zeit in den Kreis ſeiner Familie zuruͤck zu kehren, da ſeit dem Tode Heinrichs des Vier⸗ ten er nur noch ſchwach ſich an den Hof gebunden fuhlte, und zugleich ſeine durch Eliſabeth ihm wieder verliehenen Beſitzungen zu beſuchen wuͤnſchte. Die meiſte Zeit brachte Richmond indeſſen bei ſeinen Eltern zu. Es war eine Zeit ſtiller Seligkeit fuͤr die Herzogin; denn ihr Liebling trat ihr vollſtändig gereift entgegen, und ſie hatte Zeit, in ihm ſo ſeltene Eigenſchaften verei⸗ nigt zu gewahren, daß ihr Mutterherz im frohlichſten Stolze aufſchwoll. Die Bruͤder waren ungemein ver⸗ ſchieden, ſowohl an Perſon, als an Eigenſchaften; aber war man nur nicht ſo ungerecht, den Grafen Robert mit Richmond vergleichen zu wollen, ſo blieb jener doch 81 eine liebenswuͤrdige Erſcheinung, mit ſeiner ſchoͤnen Ge⸗ ſtalt und dem heitern blonden Angeſicht. Richmond dagegen hatte die regelmaͤßige Schoͤnheit ſeiner Mutter. Er war ſo groß, wie ſein Bruder, ſeine Geſtalt war vollkommen durch die reinſte Uebereinſtimmung der Ver⸗ haͤltniſſe und eine daraus entſpringende ungemeine Gra⸗ zie jeder Bewegung. Sein erſter Anblick war ernſt, er hatte etwas Feſtes und Beſtimmtes, und man hätte glauben koͤnnen, dies waͤren die Vorboten eines ſtolzen und kalten Charakters, da er ſich üͤberdies nur wenig und mit Zuruͤckhaltung aͤußerte. Aber dieſe äußeren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklich⸗ keit und Maͤßigung in Worten und Gefuͤhlen zuſam⸗ men, die er zur Wuͤrde des Charakters rechnete, und die allerdings bei ihm die große Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt erkennen ließen, da das reichſte und gefuͤhlvollſte Herz ihn ſtets zu verführen ſtrebte. Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um ſo heiliger in ihm geblieben, da er ihnen nie durch die Details der Erziehung ſo nahe geruͤckt war, ihre menſchlichen Schwächen kennen zu lernen. Seine Mutter ſchien ihm unvergleichlich die erſte Frau der Welt, und an ſeinem Vater hing er mit zärtlicher Verehrung. Er hatte in dieſem ſtreng haͤus⸗ lichen Kreiſe eine Liebenswuͤrdigkeit, welche die ganze tiefe Empfindung ſeines Herzens verrieth, und die Her⸗ Godwie⸗Caſtle I. 6 82 zogin, die eine leichte Sproͤdigkeit ſelten ablegte, ließ ſich ſeine anmuthigen Liebkoſungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen, denn ſie wußte wohl, wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Ueberſchreiten der Grenzen unmoͤglich machte. Er hatte die hohe Stirn, das braune lockige Haar und die dunkeln Augen der Mutter, aber der Stolz dieſer Stirn hoͤrte auf an den Grenzen ſei⸗ ner Augen. Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von Außen ſanft gemildert, und der Stolz, der aus den Augen der Herzogin blickte, ward hier nur Erregung hervorgerufen und wechſelte nur ſelten mit dem ruhigen Ernſte. Beide Bruͤder hingen herzlich an einander, aber der aͤltere erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den juͤngeren uͤber ſich. Sein feſter Wille, der die ſchwerſten Opfer fuͤr das erkannte Rechte nicht einmal erwaͤhnt wiſſen wollte, legte der guthmuͤthigen Nachgiebigkeit des älteren Bruders die Geſetze auf, nach welchen er ſtets ohne Wanken zu handeln bereit war, und Robert folgte wie ein heiteres Kind, da Richmond das Schwere mit einer Liebe, mit einem Verſtehen der damit verbundenen Opfer forderte, daß der Genuß, ſich ſo verſtanden zu ſehn, faſt den Kampf überbot. Zum Grafen Salis⸗ burh verhielt ſich dieſer junge Mann äußerſt fremd. Der Gun verſtand ihn nicht, er t hute gute Berichte 83 von ihm geleſen, er ſah ihn äußerlich zum Hofmann gebildet; er wußte von ſeinen wiſſenſchaftlichen Erfol⸗ gen, und hielt ihn erſt, um nur mit ihm fertig zu wer⸗ den, fuͤr einen jungen Hofmann, der ſeinen Oheim be⸗ erben will. All zu lang wollte dies nicht paſſen, denn er ging ſeinem Oheim voran nach Deutſchland, und Cecil ſah, der Neffe habe eigne Meinungen, er ſcheue ſich nicht, ſie gegen die des Oheim geltend zu machen, er ſei gerade und feſt. Doch dieſe Weichheit wieder, die⸗ ſer Gehorſam, wo es mit etwas Stolz gelungen war, dem Oheim entgegen zu treten, wozu das? Welche In⸗ konſequenz? Er ließ ihn fallen und den Grafen ge⸗ währen, welcher ſich nicht mehr von ihm trennen mochte. Doch gerade darum, weil er ihn nicht ver⸗ ſtand und von der heimlichen Furcht in ſeiner Nähe ſich beſchlichen fühlte, daß in ihm auch ein Geiſt verſteckt liegen koͤnne, der ſich gegen den ſeinigen dereinſt auf⸗ lehnen werde, fühlte er ſich unheimlich mit Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an ſeine Ruckkehr nach London. Er hatte zu dieſem Zweck ſeiner Nichte einen Be⸗ ſuch gemacht und den Grafen Archimbald nach den Lallen beſchieden, in denen er ſich auf und nieder be⸗ wegte, die Rede überdenkend, welche er geſonnen war dem Grafen zu halten. Der ſchoͤnſte Fruͤhlinastag * 6* 84 leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Thuͤren und erhellte die duͤſtern Hallen, welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet waren. In ihrer alten Pracht auf tauſend ſchimmernden Flächen das glaͤnzende Licht empfangend und zuruͤckwerfend, boten ſie einen erfreulichen Anblick dar, da nur ſelten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren. Glanz verrieth. Wohl ſchien die ernſte und nachdenkliche Geſtalt des alten Miniſters, mit der tiefen Trauerkleidung und den glänzenden Sternen, zu dieſer Umgebung zu paſ⸗ ſen, aber die Welt, die vor den goldenen Gitterthuͤren ihr heiteres Leben begann, ging um ſo gewiſſer fuͤr ihn verloren. Die warme Luft des Fruͤhlings, das reine Licht des Himmels wollte uͤberall das ſchlummernde Leben zur Thätigkeit erwecken. Es war der Augenblick in der Natur gekommen, der uns von Stunde zu Stunde mit ſuͤßeren Freuden zu beſchenken ſcheint und eine unendliche Sehnſucht erregt, unter Bluͤthen und Blättern mitten inne zu wohnen, oder mit den geſchaftigen Wuͤrmchen und Käfern der athmenden Erde alle die kleinen Geheimniſſe abzulauſchen, die vom kei⸗ menden Halme bis zu den unſchuldigen Verſuchen der erſten Bluͤmchen unſern Antheil und unſere Zärtlich⸗ keit erwecken. Der nahe Wald, die zahlloſen kleinen — Gebuͤſche auf und an den Terraſſen waren ein Tum⸗ melplatz ſingender und bauender Voͤgel, nicht minder waren die gothiſchen Verzierungen der Hallen mit Ne⸗ ſterchen beſtellt, deren Bewohner, ſich an den Gittern haͤngend und wiegend, ihr froͤhliches Lied dem alten Staatsmann entgegen ſangen, der in ernſter Wuͤrde an ihnen daherſchritt und auf nichts ſo wenig hoͤrte, wie auf Vogelgeſang! Noch ein Mal hatte er das Ende der mittlern Halle erreicht, und in dem fragenden Blick, den er nach dem Eingange ſendete, lag aufſteigender Unwille, hier ſeit einigen Minuten vergeblich zu war⸗ ten, als er durch die Gitterthuͤren, die nach der Vorhalle fuͤhrten, den Grafen Archimbald eilig daher kommen ſah, und um ſo ſchneller, da er ihn ſo eben zu erken⸗ nen ſchien. Lord Salisburh blieb unbeweglich ſtehn, ſeinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm durchmeſ⸗ ſen laſſend, und Graf Archimbald, der nur den etwas vorgeſtreckten Fuß des Lords zu ſehen brauchte, um zu wiſſen, daß er hier länger geharrt, als er mit ſeiner Wuͤrde verträͤglich fand, fing ſchon in einiger Entfer⸗ nung an, ſich mit einer Beſcheidenheit und Hoͤflichkeit zu entſchuldigen, die ſehr oft, in einem ſo hohen Grade ausgeſprochen, eine leichte Beimiſchung von Ironie ver⸗ räth, von der wir auch jetzt den Grafen loszuſprechen uns nicht verpflichtet halten. Graf Salisburh mur⸗ melte einige unverſtändliche Worte und ſchickte ſich an, das zu beginnen, warum er ſeinen Neffen berufen; als derſelbe, mit vieler Gewandtheit dieſe geringe Pauſe benutzend, dem Grafen ſein Bedauern ausdruͤckte, in⸗ dem er, ſo eben von ſeiner Schwagerin kommend, er⸗ fahren habe, der Graf wolle dies Schloß ſchon morgen verlaſſen. Um ſo näher liege ihm aber auch nun eine Bitte, die er im Namen ſeines Neffen vorzutragen nicht aufſchieben duͤrfe, nämlich die Bitte um die Er⸗ laubniß, in dem Gefolge des Grafen ſich nach London begeben zu duͤrfen, um gegen den Koͤnig der ihm oblie⸗ genden Verpflichtung des Lehnseides ſich zu entledigen. Er würde es fur eine Ehre halten, wenn auch er ihn dahin begleiten durfe, da ſeine Schwägerin ihn vorläufig aus ſeiner Nähe entlaſſen und jedes Geſchaͤft zuruͤck geſetzt habe, bis die erſte Verpflichtung ihres Sohnes gegen ſeinen Koͤnig erfuͤllt ſei. Der Graf von Salis⸗ burh konnte kaum den unangenehmen Eindruck verber⸗ gen, den dieſe ſchnelle, äußerſt ſchmeichelhafte und un⸗ terwuͤrfige Bitte ſeines Neffen ihm machte; denn gerade dieſen ſelben Gegenſtand hatte er eben zum Vortrag bringen wollen, und zwar mit manchen von ihm wohl uberlegten Aeußerungen, welche die Bedeutſamkeit ſeiner Stellung hervor heben und die Nachläſſigkeit andeuten ſollten, die ſeiner Meinung nach in der Stille ausgeſpro⸗ 87* chen lag, mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jun⸗ gen Herzogs uͤbergangen war. Durch dieſe ſchnelle ehr⸗ erbietige Erklaͤrung des Grafen war er um die ganze Wichtigkeit dieſes Augenblicks betrogen, und mußte noch uͤberdies von der feierlichen Hoͤhe der Mißbilligung, zu der er ſich empor gehoben hatte, hernieder ſteigen, und billigend und gewaͤhrend das Vertrauen erkennen, wel⸗ ches ſeinem Großneffen wuͤnſchenswerth machte, in ſei⸗ nem Gefolge ſich nach London zu begeben. Es blieb aber nun noch brig, einen andern Anlaß zu erfinden, weshalb er ſeinen Neffen habe rufen laſſen. Wir zwei⸗ feln nicht, daß es dem feinen und gewandten Manne gelungen wäre, einen paſſenden Ausweg zu finden, wäre er nicht aus dieſer kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereigniß geriſſen worden, welches alle ſeine Gedanken von da an uneingeſchraͤnkt in Anſpruch nehmen ſollte. Gilbert, der erſte Sekretair des Grafen von Salisburh, erſchien in dem Eingange des Saales und naͤherte ſich auf das gegebene Zeichen des Miniſters, um ihm zwei Briefe zu uͤbergeben, welche ſo eben mit einem Courier von London eingetroffen waren. Graf Archimbald wollte ſich ehrerbietig zuruͤckziehn, aber der Graf von Salisburh erkannte, etwas erſtaunt, aber doch angenehm uͤber⸗ raſcht, auf dem einen Briefe das große Privatſiegel des Koͤnigs und ſeine lateiniſche Ueberſchrift, welcher Sprache — — er ſich aus Eitelkeit haͤufig zu ſeiner Privat⸗Corre⸗ ſpondenz zu bedienen pflegte. Er bat ihn daher freund⸗ lich, zu verweilen, beurlaubte Gilbert, und zu ſeinem Neffen gewendet eroͤffnete er den Brief, indem er mit einigen Worten die Gnade des Koͤnigs in dieſem eigen⸗ händigen Schreiben bemerkte. Doch er konnte nicht über die erſten Zeilen gekommen ſein, als ſein kraͤftiges Geſicht erbleichte und die hohe Haltung des alten Man⸗ nes bis zur Ohnmacht zu ſchwinden ſchien. Sein Auge ſtreifte verſchuͤchtert uͤber das Blatt weg und haftete mit einem ſolchen Ausdrucke auf ſeinem Neffen, daß dieſer voll Schrecken auf ihn zueilte und mit ſorglicher Freund⸗. lichkeit ſeinen Arm ergriff. Archimbald, ſagte der Graf mit matter Stimme, was hat man in meiner Abwe⸗ ſenheit durchzuſetzen gewagt? Wie unerhoͤrt bin ich be⸗ trogen, und welch' ein Ungluͤck iſt uͤber uns alle ge⸗ kommen! Noch ahnte Graf Archimbald die Urſache der hef⸗ tigen Erſchuͤtterung nicht, in der er ſeinen Oheim ſah, aber das unverkennbare Leiden des wuͤrdigen Mannes erweckte die volle Theilnahme, die er fruͤher ihm ſo auf⸗ richtig eingefloͤßt, und tilgte alle die Kälte und Zuruͤck⸗ haltung, welche ſpaͤter beide von einander entfernt ge⸗ halten hatte. Der alte Graf brauchte einen Vertrauten, und er wußte, daß er ihn in ſeinem Neffen zu finden vermochte. Dies war fuͤr den ſchweren Augenblick ein Troſt, den er ſich weder verſagen wollte, noch konnte. Er nahm den Lehnſtuhl an, den ſein Neffe herbei zog, und reichte ihm dann den Brief des Koͤnigs, unfaͤhig, wie es ſchien, uͤber die erſten Zeilen hinweg zu kommen. Doch waren dieſe voͤllig hinreichend, ſowohl die Er⸗ ſchuͤtterung des Miniſters, wie das in gleichem Maaße erregte Erſtaunen des Grafen zu erklaͤren. Der Koͤnig ſchrieb nämlich und, wie es dem voͤllig haltungsloſen Sthl anzufuͤhlen war, ſelber in der troſtloſeſten Stim⸗ mung:„Was werdet Ihr ſagen, mein lieber getreuer Cecil, wenn ich Euch ſchreibe, daß ich troſtlos bin und ein armer, verlaſſener Vater, denn mein lieber Sohn und Buckingham haben ſich nicht halten laſſen, und ſind auf und davon nach Spanien gereiſt, und Babi will ſelbſt freien um ſeine Infantin, wie jeder andere Mann, ſo unſchicklich das auch fuͤr ihn iſt. Ich habe Euch tauſend Mal zuruͤck gewuͤnſcht, denn Ihr hättet es ſicher ihm ausgeredet. Aber wie Ihr fort waret und Buckingham es erſt wollte, da war kein Auskom⸗ men mehr, und ich bin nun ganz troſtlos, denn mehrere Tage ſind ſie ſchon fort, aber ob meine Augen je mei⸗ nen letzten Prinzen wiederſehn, das weiß Gott. Ich wuͤnſche, Ihr wollet jetzt nicht länger mich allein laſſen. Euer Koͤnig Jakob.“ Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und beſtätigte die Nachrichten des Koͤnigs mit mehre⸗ ren Details, woraus klar hervorging, daß zwiſchen Carl und Buckingham eine Ausſoͤhnung zu Stande gekom⸗ men war, in deren Folge der Herzog den Wunſch des Prinzen, nach Spanien zu gehen, aus allen Kraͤften befoͤrdert und die wirkliche Abreiſe ſo unerhoͤrt ſchnell und heimlich in's Werk geſetzt hatte, daß der Koͤnig nicht über ſeinen Schritt zur Beſinnung kommen konnte, noch weniger einer der Miniſter und Räthe vermocht haͤtte, es zu verhindern. O, warum war ich nicht da! rief Lord Salisburh, indem er mit der alten Kraft von ſeinem Seſſel auf⸗ ſprang, o die muthloſen entarteten Menſchen, die alle an ſich mehr dachten, als an das Wohl des Staates und ihres koͤniglichen Hauſes! Und hätte ich dieſen Buk⸗ kingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes ge⸗ fangen nehmen ſollen, als Hochverräther hätte ich ihn verklagt vor dem Throne meines armen ſchwachen Koͤ⸗ nigs, und ſo wahr ein Gott lebt, nur uͤber meine Leiche hätte der theure Prinz, der Stolz unſeres Landes, die Grenzen ſeines treuen Englands überſchreiten ſollen, um unſern Feinden zum Spott in das fremde papiſti⸗ ſche Land ſeinen Fuß zu ſetzen.— O Archimbald, ſchütze uns vor Zeugen! Weißt Du uns frei von Beobach⸗ r — tung? Sieh, ich kann mich nicht faſſen, es iſt ein Schritt, der uns mindeſtens zum Geſpoͤtte des Aus⸗ landes macht. Gott verhuͤte, daß der geheiligten Per⸗ ſon unſers theuern Prinzen etwas geſchehe, was dieſe Menſchen zu vertreten haben werden; aber ſelbſt der gluͤcklichſte Erfolg wird uns um die Erreichung der wohl eingeleiteten Pläne bringen, welche Dir bewußt ſind und zum Theil Deine Sendung nach Deutſch⸗ land veranlaßten, unſere Feinde werden das Ueberge⸗ wicht zu benutzen wiſſen, was dieſe wahnſinnige Hand⸗ lung ihnen giebt, Gott gebe, nicht noch zu ſchlimme⸗ ren Anſchlägen.— Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener, um nicht ganz die Empfindungen ſeines Oheims zu theilen. Er uberſah mit ſchnellem Blicke das Gewagte und Unbeſonnene dieſes Schrittes, und konnte den Schmerz des alten Mannes daruͤber nicht allein begreifen, ſondern fuͤhlte ſich auch dadurch auf's Neue inniger zu ihm hingezogen. Die treue Anhaͤng⸗ lichkeit an das koͤnigliche Haus, dem er diente, die alle zärtlichen Gefuͤhle ſeiner Bruſt, in ſofern ſie ihm zu Gebote ſtanden, an's Licht rief, gewann ſeine Hochach⸗ tung und Anerkennung. Nur zu wahrſcheinlich zer⸗ ſtorte dies uͤbereilte Entgegenkommen des Prinzen das Gleichgewicht, welches im Fordern und Gewaͤhren bei⸗ der Hoͤfe durch die beſonnene Klugheit des Grafen Bri⸗ ſtol ſo meiſterhaft bis jetzt erhalten war. Die beiden Maͤnner ſchritten, in die ſorglichſten Mittheilungen ver⸗ tieft, auf und nieder, und das vertrauliche Du des Gra⸗ fen und der Gebrauch des Vornamens ſeines Neffens, wie in der fruheren Zeit, zeigten deutlich die tiefe Er⸗ regung des ehrwürdigen Lords. Beide kamen darin überein, ihre Reiſe unverzug⸗ lich anzutreten, da allerdings eine genaue Ueberſicht an Ort und Stelle zu erwarten war, und namentlich die Inſtruktionen fuͤr den Grafen von Briſtol hoͤchſt drin⸗ gend und wichtig wurden. Archimbald beeilte ſich demnach, die nothigen Befehle zur Abreiſe zu ertheilen, und der Graf von Salisburh begab ſich zu ſeiner Schweſter und Nichte, ſie mit dem Briefe des Koͤnigs und ſeiner dadurch veranlaßten ſchnelleren Abreiſe be⸗ kannt zu machen. Wir ſehen demnach am nachſten Morgen das Schloß von dem männlichen Theile ſeiner vornehmen Bewohner verlaſſen, und finden Zeit, uns in die innern Gemaͤcher zuruͤck zu ziehen, wo manches der Beobach⸗ tung Werthe indeſſen ſich begeben hatte. Wir wenden * 4. 93 uns zuerſt zu dem Gegenſtande, welchen Gaſtons Be⸗ muͤhungen der Herzogin hatten entdecken laſſen. Dok⸗ tor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die Nach⸗ richt, daß er annehmen duͤrfe, das Leben ſei noch zuruͤck zu rufen, da, obwohl keine Bewegung wahrzunehmen, doch eine Art von Waͤrme und Biegſamkeit der Glieder eingetreten ſei, und ſelbſt eine ſchwache Andeutung des Pulſes ſich mitunter zeige. Die Verletzung am Kopfe ſei hoͤchſt unbedeutend, unfehlbar nur die Folge des Fal⸗ les; auch koͤnne der Blutverluſt bei ſolcher Jugend und Geſundheit nicht dieſen Scheintod herbeigefuͤhrt haben. Die mit Wunden und Geſchwulſt bedeckten Füße ließen aber eine große ungewohnte Anſtrengung vorausſetzen, die Zuruͤcklegung eines weiten Weges, wobei die Fußbe⸗ deckung verloren gegangen; Alles führte ihn zu einer Vermuthung, welcher er nachzuforſchen denke, nämlich der Befuͤrchtung, daß langer Mangel an Nahrung dieſe ußerſte Erſchoͤpfung erzeugt habe. Doktor! rief die Herzogin, faſt aufſchreiend, welch' eine ſchreckliche Vor⸗ ſtellung! Großer Gott! Koͤnnt Ihr dies mit Wahr⸗ heit behaupten! Warum gleich ſo Empoͤrendes den⸗ ken, warum mich ſo unnuͤtz erſchrecken. Welche trau⸗ rige Begebenheiten muͤßten den Mangel des erſten, des am leichteſten zu ſtillenden Beduͤrfniſſes herbei⸗ geführt haben. 94 Stanloff ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er ernſt: Wer nie den Mangel der einfachſten und noͤthig⸗ ſten Beduͤrfniſſe kennen lernte, koͤmmt leicht zu dem Glauben, daß, was die Natur begehrt, auch in dem Kreiſe der willkuͤrlichen Befriedigung jedes Menſchen liege. Es iſt leider nicht ſo, und Tauſende ringen mit dem Leben um den einen Preis, auf deſſen genußreiche 5 Befriedigung man aufhoͤrt Werth zu legen, wenn man nie die Entbehrung deſſelben kannte.— Es lag etwas ſo Eindringliches in dieſen ſanften Worten, daß die Her⸗ zogin mit einem tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm er⸗ hob. Nach einem kurzen Nachdenken indeß zu ihren fruͤ⸗ heren Gedanken zuruckkehrend, fuhr ſie fort: Doch in dieſem Stande, bei dieſer Jugend, die uns noch unter die wohlthätige Vormundſchaft Anderer ſetzt, da bis zum Hungertode elend zu werden, geſteht, es liegt etwas Schreckliches, wenigſtens Unbegreifliches darin!— Ihr habt Recht, Mhlady, und ich theile Eure Anſicht, daß dieſem armen und ſchoͤnen Weſen viel zu Leide geſche⸗ 6 ben ſein muß, das vielleicht Gott mit Abſicht nun in die beſten Hände gelegt hat, um es wieder gut zu ma⸗ chen.— Gott wird mir auflegen, was ich ertragen kann, ſagte die Herzogin, während ihr ganzes Weſen von dem Wechſel der Gedanken erſchuͤttert ſchien, welche dieſe letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten. —— ——— 95 Sie ſtutzte ihr Haupt ſchwermuͤthig in ihre Hand, und große Thränen rollten einzeln in ihren Schooß. Sch bin erſchuttert, mein guter Stanloff, fuhr ſie fort, und ſchwächer, als ſonſt meine Art iſt, doch wer ſollte es nicht ſein, wen das erreichte, was mich gebeugt. Laute Klagen ſind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden, mich ergreift darum nicht minder, was an Freude und Leid dieſe reiche Welt belebt. Aber wen in der Bluͤthe des Lebens ſchon der Schmerz erreichte, wen er zwang, hoͤheren Geſetzen gehorchend, dieſe Schmerzen zu verſchlie⸗ ßen: der hat fuͤr immer den leichtern Erguß nach Außen hin verlernt, wodurch ſo Viele die Buͤrde ſchon halb ab⸗ tragen, die ein ſchweigendes Gemuͤth mit ſich füͤhrt, bis ſie langſam in ſich verzehrt iſt.— Geh, guter Stanloff, treuer verſchwiegener Diener, Du verſtehſt leicht und viel mit Deinem edeln Herzen, aber, ſetzte ſie ſchmerz⸗ lich lächelnd hinzu und zog die Hand von den thrä⸗ nenſchweren Augen, ſie ihm zu reichen, was in die⸗ ſem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede hoͤ⸗ here Mahnung kaͤmpft, erräth Dein heller Blick doch nicht, und wohl mir! Aber wenn Du mich oft fin⸗ deſt— wie ſoll ich ſagen— raſch oder heftig, ja, bitter wohl und leicht gereizt, willſt Du dann geden⸗ ken, was ich Dir heut ſagen mußte, weil ich es in meiner Erweichung nicht bergen konnte?— Auch der bewährteſte Freund ſoll Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens ſtehen bleiben, die der andere ihn nicht überſchreiten läßt, ſagte Stanloff und kuͤßte bewegt die Hand der edeln Frau, und kein Wort, und gaͤbe es die heiligſte Liebe, die innigſte Theil⸗ nahme ein, ſoll loͤſend oder bittend eindringen wollen, wo ihm nicht freiwillig aufgeſchloſſen ward. Ich bin ſtolz darauf, Euch, edle Frau, ſagen zu koͤnnen, daß ich Euch nie verkannt, oͤfter wohl erkannt habe, auch wo Ihr Euch ſelbſt mißzuverſtehen ſchien't.— Ich weiß es, ich weiß es, ſagte die Herzogin mit ſtärker rinnenden Thraͤnen, aber geh jetzt, guter Stanloff, ich kann mich ſelbſt vor Dir nicht laͤnger ſo aus allem Gleiſe gewichen ſehen. Tief ſich verneigend verließ Stanloff das Gemach, aber es lebten manche lang entſchlummerte Gedanken in ihm auf, und er gedachte der ehrwuͤrdigen Miſtreß Morton, welche die junge Graͤfin Briſtol ſchon in ihrer Kindheit beglei⸗ tet, ihre Jugend ſanft behuͤtet, am Hofe, bei ihrer Vermaͤhlung, uberall an ihrer Seite geweſen, und dem zuverläſſigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte, um ihn bei dem geheimen Uebel der Lady, welches in oft ſehr hefti⸗ gen Zufällen beſtand, in der Wahl ſeiner Mittel zu leiten. Dieſe anſcheinend koͤrperlichen Leiden waren nur zu oft blos geſteigerte geiſtige, die der ſtolze Cha⸗ rakter der Lady verborgen wiſſen wollte, und daher den Arzt und ſeine Bemuͤhungen zu täuſchen oder zu ent⸗ fernen ſuchte. Er mußte, während er durch die lan⸗ gen Gallerien ging, die zu den Zimmern ſeiner Kran⸗ ken führten, des auffallenden Eindrucks gedenken, den die Auffindung derſelben bei der Herzogin erregt hatte. Dies Ereigniß war im Stande geweſen, ſie aus der tiefſten Betäubung des Schuerzes zu erwecken, und wenn er auch mit Recht in dem ſtets menſchenfreund⸗ lichen Sinne der Ladh eine richtig motivirte Urſache ihrer Veränderung finden mußte, regte ſich doch ganz geheim in ihm die Ahnung, daß hier ein mächtiges, dem erſtern entgegen wirkendes Gefuͤhl Raum gewon⸗ nen. Er geſtand ſich leiſe ein— und ſich kaum an⸗ ders, als mit Vorbehalt— daß der ganze Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kaͤlte beſchlichen und ihr Herz, offenbar mit getheilten Empfindungen auf⸗ geſtoͤrt, zum Leben zuruck gekehrt war. Er hatte, tief ſinnend, nicht das Rauſchen des Kleides gehoͤrt, und Miſtreß Morton ſtand vor ihm, ehe er ihr Nahen gewahrte.— Kommt Ihr von der Frau Herzogin, Doktor Stanloff? Und muß ich Eure gefaltete Stirn als truͤbes Zeichen für ihr Be⸗ finden deuten? Mit nichten, ſagte Stanloff, unſere Godwie⸗Caſtle 1. 7 98 edle Frau iſt auf einem guten Wege. Wem erſt die Na⸗ tur im Schmerze Thränen giebt, den hat ſie vor ſchaͤdli⸗ cheren Ausbruchen ſchon bewahrt. Und ſie weint ſelten! ſetzte Morton ernſt und ſeufzend hinzu; ſo moͤge ihr Gott lindernde Thraͤnen gewähren! Euch, Doktor Stanloff, habe ich zu ſagen, daß unſere Kranke nach dem Gebrauch des ſtärkenden Bades und dem Einfloͤßen der Tropfen ſich merklich verändert hat. Sie erhob den Arm und die Hand, ſeitdem athmet ſie vernehmlich, ihre eingefallenen Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen, und ich glaube, ſie wird— leben! Leben! rief Stanloff, und meine edle Freundin ſagt dies Wort, das unſere Bemuͤhungen kroͤnt, mit einem ſo freudloſen Tone, als ob ein Menſchenleben ihr gering ſchiene? Miſtreß Morton hatte die Augen am Voden und ſchwieg, langſam ihren Handſchuh glatt ſtreichend. Dann ſagte ſie ſanft und mit bewegter Stimme: Deutet mich nicht falſch, geehrter Freund. Gott ſieht in mein zagendes Herz; ich weiß, er wird mich beſſer verſtehn, als ich mich in meiner Befangen⸗ heit ausdruͤcke. Auch hätte ich das Leben jedes menſch⸗ lichen Weſens gerettet, ohne ein anderes Gebot, als das vor Gott geltende, zu bedenken; aber dieſe ernſte Pflicht iſt erfullt, und die Pflicht, die meinem Herzen am näch⸗ ſten auf dieſer Welt ſteht, nimmt nun ihren Platz wieder 99 unumſchraͤnkt hier ein. Ich bin alt, habe viel erlebt, viel geſehen und gehoͤrt, daraus koͤmmt uns dann von ſelbſt ein Verſtäͤndniß noch unaufgeklaͤrter dunkel da⸗ liegender Dinge, die Jugend nennt es Ahnung. Soll ich es Erfahrung nennen? Doktor, ſagte ſie, wie von banger Unruhe ergriffen, wenn wir die Kohle an⸗ geblaſen, die dieſes Haus in Flammen ſteckte? Auch dann, ſagte Stanloff nach einem Angenblick des Er⸗ ſtaunens, indem er ſie ernſt anblickte und ſeine Hand dann feſt auf ihren Arm druͤckte, auch dann ſollte kein Zweifel meine Seele beruͤhren uͤber das, was wir gethan. Wer das Rechte thut, ſoll den Aus⸗ gang getroſt an Gott verweiſen! Amen, ſagte Miſtreß Morton, Ihr ſagtet das Rechte, ich fuͤhle es wie Staͤrkung in meiner Bruſt! So geht denn zu dem ſchlummernden Engelbilde, ich ſah nie in meinem Leben etwas Schoͤneres, nur ein Mal etwas Aehn⸗ liches. Sie entfernte ſich nach den Zimmern der Her⸗ zogin; der Doktor ſchuͤttelte leiſe den Kopf und trat zu ſeiner Kranken ein. Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend, hatte die alte Herzogin von Nottingham ihren Auf⸗ enthalt auf Godwie⸗Caſtle zu verlängern verſprochön, bis zu der Ruckkehr ihrer Enkel von London. Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen Schloſſes, denn 7* —— 100 mütterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf je⸗ dem, den ſie in ihren fruheren Verhaͤltniſſen gekannt. Huͤlfreich und Jedem zugänglich, war ſie eine reiche Quelle von Troſt und Rath, und im hoͤchſten Grade von ihren Kindern verehrt, war ihr Verſprechen, ſich zu verwenden, ſtets die Gewährung ſelbſt. Aber ihre Gute hatte auch nichts mit der Schwäche gemein, die das Rechte oder Unrechte mit dem blos Mitlei⸗ denswerthen verwechſelt. Sie erfuhr den Zuſammen⸗ hang der Dinge leichter, als Andere, weil ihr eine Sanftmuth und Geduld im Zuhoͤren eigen war, vor der die verſchuchterteſte Seele Muth gewann, ihre dunkelſten Vorſtellungen zu entwickeln, und mit die⸗ ſer ſanfteſten Art deckte ſie oft den Zuſammenhang von Dingen vor ſich auf, bei denen Andere umſonſt geforſcht hätten. Sie war ſich deſſen bewußt; ihre Kinder und Enkel ſtaunten mit zärtlicher Freude dieſe ſchoͤne Gewalt eines liebenswürdigen Gemuͤthes an, und ſie wußte mit heiterm Scherze von dieſer Gabe zu ſprechen, als ſei ſie eben nur eines Scherzes werth; aber wenn ſie lächelnd umher blickte und die lieben Hände den Enkeln zu tauſend Kuͤſſen uͤberließ, ſagte ſie wohl zuweilen: Ihr werdet ſchon noch an die alte Großmutter denken und ſie Euch zuruͤckwünſchen! Ach, wer wußte das nicht, und wer hätte es ſich nicht 101 gern verlaͤugnet, daß man ihrer je als einer Verſtorbe⸗ nen wuͤrde gedenken muͤſſen! Wir jinden ſie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales, welche ihr ſtets zur Verfuͤgung ſtanden. Die purpurnen Tapeten und Vorhänge des ſchoͤnen großen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze, den einige lichte von der Abendſonne gefärbte Fruͤhlingswolken durch die weiten offenen Glasthuͤren warfen. Sie fuͤhrten auf einen Altan, der gegen Suͤden hin einen freundlichen Blick auf die ſchoͤnen Weidetriften und Meiereien zuließ, welche dieſen Theil des Thales einnahmen. In einem großen Lehnſtuhl, dieſen Thuͤren gegenuͤber, ſaß die ehrwuͤrdige Frau in bequemer Ruhe, und ihr klares blaues Auge ſchien wohlgefaällig den Reiz der Gegend zu genießen. Sie war noch allein, aber ſie erwartete ihre Schwiegertochter und Enkelinnen, und ähnliche Seſſel waren um den ihrigen geſtellt, bereit, ſie zu empfangen. Wohl hatte der letzte Verluſt die feinen Zuͤge noch etwas blaͤſſer und durchſichtiger gemacht, aber es war, als empfände ſie den Verluſt, den ihre Geliebten erlitten, tiefer, als den eigenen. Ihre Zuͤge verriethen noch jetzt im achtzigſten Jahre eine einſt hohe und regel⸗ maͤßige Schoͤnheit, ihr ſchneeweißes Haar lag in Fuͤlle gläͤnzend und glatt wie Silber um die hohe weiße Stirn. Die einſt ſo ſchoͤnen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt ———— 102 den ſchmalen Bogen in dem Weiß des Haupthaares, aber die klaren Augen blickten noch in dem reinſten dun⸗ keln Blau, und aller Reiz, der dieſe ſchoͤne Frau einſt umſtrahlt, und den die Zeit von ihr genommen, ſchien in dieſem Blick voll Huld und Guͤte ſich vereinigt zu ha⸗ ben. Das feine kaum je verſchwindende Laͤcheln, welches um die ſchmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen aufgeloͤſten Innern ruhte, gab die⸗ ſer ehrwuͤrdigen Frau eine Anziehungskraft, daß nur ihr Angeſicht zu ſchauen ein Genuß war, der zum Seufzer um ähnlichen Frieden in der eigenen Bruſt ſich geſtal⸗ tete. Die Ruhe um ſie her und die erhabene Pracht des Zimmers paßte vollkommen zu der ehrwuͤrdigen Erſchei⸗ nung, und die leiſen Bewegungen ihrer Geſellſchaftsda⸗ me, der Miſtreß Cottington, und eines alten Kammer⸗ dieners ſchienen den Wunſch auszudruͤcken, durch kein Geraͤuſch das genußreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu ſtoͤren. Aber auch, um ſich einem ſolchen lange zu uͤberlaſſen, war ſie nicht eigennuͤtzig genug. Empfindungen jeder Art hatten das Recht ausſchließli⸗ chen Beſitzes uͤber ſie verloren; der Uebergang von einer zur andern war leicht und milde, weil ſie in leiden⸗ ſchaftsloſer Klarheit jeder ihr Recht zu geben wußte. Sie hoͤrte bald das leiſe Schaffen der beiden treuen Die⸗ ner, und indem ſie den Kopf um die Lehne ihres hohen 103 Stuhles bog, ſchaute ſie laͤchelnd der alten Cottington in die ſorglichen Augen und ſagte, halb ſcherzend:. Und wenn nun etwas bräche oder fiele, denkſt Du mich denn ſo ſchwach, daß ich erſchrecken moͤchte? Komm einmal hierher, liebe Cottington, und ſieh, wie ſchon der Blick in die Landſchaft iſt, recht ſtär⸗ kend fuͤr meine alten Augen, uͤberall das ſchoͤne Gruͤn, und die laue Luft, ſo friſch und duftig von all' den jungen Bluͤthen!— Miſtreß Cottington hatte ſich freundlich genähert, den Blick verfolgend, den die Her⸗ zogin mit kindlichem Vergnuͤgen wieder hinaus rich⸗ tete. Siehſt Du hier wohl das Neſt zwiſchen den fei⸗ nen Zweigen der Birke, die uns zunächſt ſteht? Ich habe die kleinen Thierchen beobachtet, wie ſorgfältig und froͤhlich ſte bauen; das Haͤuschen muß noch nicht fertig ſein, denn mit großem Jauchzen brachte eben eins ein weißes Flaäumchen in dem Schnabel, und hatte dann viel Arbeit, es unterzubringen.— Lovelace, ſagte ſie zu dem alten Kammerdiener, ſei nicht ſo geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote, eruͤbrige mir ein wenig fuͤr mein kleines Vogelpaar, die armen Schelme werden da draußen noch nicht viel finden und muͤſſen nach der Ar⸗ beit wol hungrig einſchlafen. Wenn meine Enkelin Lu⸗ cie kommt, fuhr ſie fort, die ihr dargereichten Kruͤmchen auf dem ſilbernen Teller zerfluͤckend, dann ſoll ſie dies 104 auf den Rand des Altans ſtreuen, die ſcharfen Aeuglein da oben werden ſchon Acht haben und es abholen. So beſchaͤftigt ward ſie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren beiden Enkelinnen über⸗ raſcht, und, ehe ſie ſich zum Gruße erheben konnte, von allen dreien zäͤrtlich auf ihrem Platze feſtgehalten. Ihr freundliches Sträuben ging bald in die Liebko⸗ ſungen uͤber, mit denen ſie alle begruͤßte, als ob ſie ſeit der Tafel lang getrennt geweſen. O komm, mein gutes Kind, ſagte ſie zur Herzogin, ſetz' Dich ſo, daß Du juſt den Blick in die Ferne haſt, wie ich. Love⸗ lace ruͤcke meinen Stuhl; ſo, und nun nimm dieſen hier ein. Wie geht es Dir denn? ſagte ſie, halb zu ihr aufblickend, doch die Herzogin hatte, ehe noch ihre Einrichtungen zu Stande kamen, ein Tabouret zu ih⸗ ren Fuͤßen geſchoben und ſich ſchnell ſo zu ihr geſetzt, daß ſie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles leh⸗ nen konnte, in dem die liebenswürdige Greiſin ſaß. Sie wollte nun freundlich dankend zu ihr aufſchauen, aber ihr Blick tauchte unter in ſchnell hervorbrechen⸗ den Thränen, und ſie ſenkte das Haupt in die zaͤrt⸗ lich ihr entgegengeſtreckten Hände. Geliebtes Kind, er⸗ hebe Dein Herz! ſagte die alte, geruhrte Mutter; die⸗ ienigen glucklich zu wiſſen, die wir lieben, iſt ein rei⸗ neres Beſitzthum, als der Genuß, mit ihnen das zu theilen, was mangelhaft iſt, wenigſtens durch den irdi⸗ ſchen Antheil, den wir ihm beifuͤgen.— Ja wohl, ja wohl! ſeufzte die Herzogin aus uͤberzeugter Bruſt, auch weiß ich kaum, ob es Schmerzensthränen ſind, die Du ſiehſt, aber Dein liebevoller Empfang, Deine Engelmilde, es loͤſt in meiner Bruſt die Herbigkeit, die,— Du kennſt mich ja, ſagte ſie, wie zagend zu ihr blickend. Ich weinte eben, ich glaube aus Sehn⸗ ſucht, Dir ähnlich zu werden!— Nun ſchwäͤrmſt Du gar, mein liebes Herz, erwiederte die alte Lady lächelnd, und willſt das ſich neigende Haupt der al⸗ ten Mutter noch ein Mal erheben, und gar mit dem boͤſeſten Feinde der Menſchen, mit dem Stolze. Sie ſtrich dabei, als ob ſie ein Kind vor ſich hätte, mit ihren weichen, duftenden Händen die Stirn und die Wangen ihrer Schwiegertochter, und tupfte mit ihrem Tuche ſanft die ſchoͤnen, thränenfeuchten Augen. Nie war die Herzogin ſo ganz ihrer edlern Na⸗ tur hingegeben, als in der Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls. Sie hatte ſo fruh die eigene verloren, daß ſie das Gluͤck, von einem älteren weiblichen Weſen ihres Standes mütterlich geliebt zu werden, erſt nach ihrer Verheirathung kennen lernte. Als die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Gra⸗ fen Archimbald aus Spanien zuruͤckkehrte, lebten beide Frauen in Godwie⸗Caſtle bis zum Tode des Herzogs, wo alsdann die Witwe das freundliche Schloß Bur⸗ tonhall bezog, welches ihr Gemahl zu ihrem Aufent⸗ halte beſtimmt hatte. Das oft Stoͤrende in dem Cha⸗ rakter der juͤngeren Herzogin war eine ihr leicht moͤg⸗ liche Haͤrte, in Geſinnung, Urtheil und Worten, eine rauhe, tugendhafte Strenge, die ſie ſich ſelbſt aufer⸗ legte, aber auch von Andern mit kalter Uebergehung deſſen forderte, was mildernd oder beguͤtigend ſolchen Anforderungen haͤtte entgegen treten koͤnnen. Ihr tief leidenſchaftliches Gemuͤth verbarg ſie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung; aber von Ju⸗ gend auf durch eine freie, uneingeſchränkte Ausuͤbung ihres Willens verzogen, uberraſchte ſie beim leichteſten Widerſtande eine Heftigkeit, die zwar nur voruͤberge⸗ hend, doch in ihren Folgen nicht immer gut zu ma⸗ chen war. Deſſenungeachtet hatte ſie eine ſchoͤne und großartige Charakteranlage, ein Herz, das in ſeinem Stolze auch eine große Reinheit bewahrte, und die Klarheit des Verſtandes, die ihr einen hellen Blick auf ſich geſtattete. Oft ward ſie dadurch unzufrieden mit ſich, doch durch zu ſchmeichelnde außere Verhält⸗ niſſe immer wieder abgelenkt, ließ ſie die Fehler al⸗ tern, bis ſie einen Theil ihres Selbſtes ausmachten und nur noch einzelne wehmuͤthige Stimmungen her⸗ ———— beifuͤhrten, die wie Sehnſucht nach einem mildern Zu⸗ ſtande ſich regten, den ſie aber, ſo lang verwoͤhnt, nicht mehr erreichen zu koͤnnen wohl ſelbſt fuͤhlte. Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meiſt auf die Bande eingeſchrankt, womit die Natur in ih⸗ ren nächſten Verhältniſſen ſie umgab; aber daß ſie die Herzogin ſich gewonnen hatte, daß dieſe ſeltne Frau, ein vollkommener Gegenſatz ihres eigenen Selbſtes, ihr Liebe geſchenkt hatte und erhielt, und nie ſich durch ihre Fehler verſcheuchen ließ, das war der ſuͤßeſte Troſt ihres Herzens, und an dieſem Gefuͤhl loͤſte ſich auch in ihrer Gegenwart am erſten die ſtarre Haltung, die ſie oft ſo ſtoͤrend gegen Andere behauptete. Nie war es dagegen irgend wem gelungen, die wahre Meinung der ältern Herzogin uͤber ihre Schwiegertochter zu erfah⸗ ren; ſie liebte ſie mit mutterlicher Aufmerkſamkeit, ihre Fehler ſchien ſie nie zu ſehn; doch wenn ſie dieſelben gut zu machen ſuchte, ſo wußte man nie, ob ſie die⸗ ſelben wirklich bemerkt hatte, oder ob es ihr blos ſelbſt eben um das Vergnuͤgen war, etwas Liebes zu thun. Dankbar fuͤhlte die junge Herzogin dieſe grenzenloſe Schonung, die in nichts ihren Stolz reizte oder ver⸗ wundete, da Alles blos von der zärtlichſten Liebe einge⸗ geben ſchien. 108 Indeſſen wuͤnſchte heute die ehrwuͤrdige Mutter nicht, die Weichheit ihrer Schwiegertochter zu vermeh⸗ ren, und leicht kehrte dieſelbe zu der durch lange Ge⸗ woͤhnung ihr natuͤrlich gewordenen ruhigen Haltung zurück. Um ihr Zeit zu goͤnnen, fuhr jene fort, von ihrem Sitze aus, alle zu begruͤßen, die ſich nach und nach in dem Zimmer verſammelten, und naͤchſt den beiden Gouvernanten der jungen Graͤfinnen aus Mi⸗ ſtreß Morton und dem Caplan des Schloſſes, dem Maſter Copleh, beſtanden. Sogleich vermißte die Her⸗ zogin Stanloff, und Maſter Copleh brachte ſeine Ent⸗ ſchuldigung, daß Geſchaͤfte ihn noch einige Stunden entfernt halten wuͤrden. Alles nahm nun Plaͤtze ein, um die alte Ladhy her; die Herzogin zu ihrer Rech⸗ ten, Arabella, ihre älteſte Tochter, ein ſchoͤnes Mäd⸗ chen in der erſten Bluͤthe, zu ihrer Linken; dann ſo fort die Damen, die, aus angeſehenen Familien und von vorgeſchrittener Bildung, ganz dazu berechtigt waren, zu dem Familienkreis gerechnet zu werden. Lucie, die juͤngſte Enkelin und ein Liebling der Großmutter, ſaß ſchon längſt mit der ruhigen Sicher⸗ heit, die Kinder ſo reizend da uͤben, wo ſie ſich ge⸗ liebt wiſſen, vor der alten Ladh auf dem rothen Fuß⸗ kiſſen. Sie hatte ihr ſchoͤnes blondes Lockenkoͤpfchen auf beide dicke Häͤndchen geſtutzt, und blickte mit gro⸗ —,— ———— —, ßen blauen Augen unverwandt in die von der unterge⸗ henden Sonne ſich färbende Gegend. Es war ein un⸗ ausſprechlich reizender Anblick, das ſchoͤne bluͤhende Kind in ſeinem Trauerkleidchen, die üppigen blonden Locken an den Schlaͤfen mit ſchwarzen Schleifen zuſammenge⸗ halten, in dieſen Ausdruck ernſten Nachdenkens vertieft zu ſehn, den Kinder wohl nur in einem holden Schlum⸗ mer der Seele annehmen, und der uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge, welches nur ſpaͤtern Tagen aufgehoben bleibt. Sie zog die Augen Aller auf ſich, und man tauſchte Blicke, die das Vergnuͤgen uber dieſen Anblick verriethen. Auch war es nicht die Art der alten Lady, ſtoͤrend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen; daher ließ ſie das holde Kind gewähren und bewahrte ihr ſelbſt ihre Lieb⸗ koſungen auf, bis ſie von ſelber erwachen wurde. Da⸗ gegen mußte Lovelace den ſchoͤnen ſilbernen Keſſel, wel⸗ cher ber einem zierlichen eiſernen Kohlenbecken ſchwebte, in den Kreis ſtellen, und daneben den mit ſilbernen Kannen, Tellern und Buͤchſen reich beſetzten Tiſch. Mit der lieblichen Heiterkeit, die Alle ſofort in ihrer Nähe belebte, begann die alte Lady, zur Herzogin ſich wendend: Du ſiehſt, meine liebe Tochter, meine alte Liebe bleibt mir getreu; Friedrich von Naſſau beſorgt noch immer meinen Theetiſch mit dem feinen Aroma 110 ſeiner Chineſiſchen Lieblinge, und ich bin ihm herzlich dankbar dafuͤr, denn wahrlich nichts ſcheint mir unter den vielen ſchoͤnen Gaben zur Labung und zur Stär⸗ kung unſers Koͤrpers mehr fuͤr mich da zu ſein, als dieſe balſamiſchen Blätter. Hoͤre ich den lieblichen Ton des Theekeſſels, ſo ſetze ich mich erſt behaglich zurecht, und mein zärtlicher Freund hätte nichts Beſſeres erden⸗ ken koͤnnen, um ſich der Geſinnung ſeiner alten Freun⸗ din zu verſichern.— Schade, liebe Mutter, ſagte die Herzogin, in den heitern Ton einzugehen ſich bemuͤhend, daß auf unſerm Boden nichts gedeihen mag, was dem liebenswuͤrdigen Herzog ein ähnliches Beduͤrfniß ange⸗ nehm befriedigen koͤnnte; denn das Neue und Erfreu⸗ liche der fremden Welttheile werden die thätigen hol⸗ laͤndiſchen Meerbeſchiffer uns immer noch zuerſt bie⸗ ten koͤnnen. Den Geiſt, den Eliſabeth bis in die Se⸗ gel ihrer Schiffe zu hauchen verſtand, und der unter Hug Willoughby's Anfuͤhrung auch dieſen lieblichen Blättchen den leichtern Weg zu erſpähn wußte, wo iſt er jetzt geblieben? Wer wird nach Walter Ra⸗ leigh mit neuen Goldminen uns beſchenken und ſo muthig die truͤgliche Waſſerflaͤche durchziehen, die er leichter befuhr, als andere den gruͤnen Plan der Wieſen! Wohl wahr, ſeufzte die alte Ladh, und eine leichte Wehmuth glitt über ihren klaren Blick. Es war ein Gruß der Liebe, den ſie dem enthaupteten Freunde ihres Gemahls hinuͤberſandte. Seinem Andenken Frie⸗ den! ſprach ſie weiter; Raleigh verlor das Ziel, welches ſeiner ſchoͤnen Jugend vorgeleuchtet, als hätte ſein Auge ſich getruͤbt; wie viel hätte er ſeinem Vaterlande ſein koͤnnen! Doch das Maaß der Schuld, dem ſein Haupt verfiel, hat vielleicht dort oben, mit Vielen getheilt, fuͤr Alle Verſoͤhnung erlangt.— Die Herzogin fuͤhlte, daß ſie hier eine ſchmerzlich nachklingende Saite bei der al⸗ ten Ladh beruͤhrt habe, und ſuchte durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen. War es nicht zur Zeit der Thron⸗ beſteigung Koͤnig Jakobs, daß Du dies Getraͤnk zuerſt kennen lernteſt? Ich dächte, Du haͤtteſt einmal deſſen erwähnt, frug ſie unbefangen weiter.— Es war aller⸗ dings damals ſchon laͤngſt in England bekannt, ſagte die Lady, doch mehr unter dem reichen Handelsſtande, der ſich die Produkte fremder Zonen faſt leichter zu ver⸗ ſchaffen wußte, als die hoͤhern Stände; die Koͤnigin Eli⸗ ſabeth liebte es nie, und ſo blieb es am Hofe unbekannt. Als damals durch die Anweſenheit der Geſandtſchaften aller Hoͤfe in Whitehall die glänzendſten Feſte mit ern⸗ ſten und ſchwierigen Unterhandlungen wechſelten, hatte ich auf einem Balle, den der Koͤnig gab, mich erkältet, denn es war ein kalter, truͤber Sommer. Als wir uns den naͤchſten Tag bei der Koͤnigin verſammelten, fuͤhlte ich ein ſchwaches Fieber, und Friedrich von Naſſau, mit dem ich mich unterhielt, errieth mein Uebelbefinden und ſprach mir zuerſt von ſeinem Lieb⸗ lingsgetraͤnk, welches er ein herrliches Mittel gegen all die klimatiſchen Uebel nannte, die der feuchte Hol⸗ laͤndiſche Dunſtkreis, wie der unſere, ſo leicht mit ſich fuͤhrt. Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten zu uns, und nachdem Rosnh, der ſtets mit Friedrich von Naſſau ſich neckte, auch dies Getraͤnk angegriffen, das Friedrich ſo heilſam fand, ſchlug mein Gemahl vor, einen gemeinſchaftlichen Verſuch in unſerm Palais zu machen. Da der Hof am an⸗ dern Tage— wie ſie es nannten— ruhte, ſo ver⸗ fammelten ſich die Herren an dieſem Abend in mei⸗ nen Zimmern. Friedrich von Naſſau; Johann von Olden⸗Barnevelt, der edle und tugendhafte Märthrer ſeiner hochherzigen Geſinnungen; der Marquis von Rosnh, jener nachmals ſo beruͤhmte Herzog von Sullh; Aremberg, der Geſandte Erzherzog Alberts; Taris, von Spanien geſandt; mein Gemahl, mein Bruder Cecil, meine beiden Soͤhne und einige andere Herren des Hofes machten einen kleinen, aber ſeltenen Zirkel aus, und von dem tieffinnigſten Ernſte bis zu dem 113 heiterſten, muthwilligſten Scherze waltet der Zauber der hoͤchſten geiſtigen Bildung und die Anmuth der feinſten Sitte. Barnevelt war nun eigentlich die Seele bei der Theebereitung, um die es ſich handelte. Seine dicken holländiſchen Lakaien trugen eine im Vorſaale mit allen dazu noͤthigen Bequemlichkeiten ſervirte Ta⸗ fel herein, die aus der Wohnung des Prinzen dazu heruͤber geſchafft war, zum ausgelaſſenſten Jubel Ros⸗ ny's. Barnevelt und Friedrich beſprachen ſich mit Ernſt uͤber die Quantität der zu nehmenden Blätier, und erregten durch ihre fingirte Gravität unſer aller Laune. Die geſchlagene Sahne, die Butter ohne Salz, die Weizenbroͤdchen und Zimmtbroͤdchen, waren nach Grundſaͤtzen hergeſtellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen. Das Ende war, daß wir das Getränk herrlich fanden, daß mein rheumatiſches Fieber ver⸗ ſchwand und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Käͤſtchen von Ebenholz zuruͤckließ, das mit dieſen koͤſt⸗ lichen Blättchen gefüllt war. Mein Gemahl hatte bald die Guͤte, mir einen ſilbernen Theetiſch zu ſchen⸗ ken, nach Barnevelts Angabe vollſtändig verſehen; außerdem noch ein an Pracht das meinige übertref⸗ fendes reich vergoldetes Thee⸗Service fuͤr meinen lie⸗ benswurdigen Freund, Friedrich von Naſſau, der nun ſeit ſo vielen Jahren ſeine Thee⸗Galanterie gegen mich Godwie⸗Caſtle I. 8 114 fortſetzt. Doch wie Lovelace dies Getraͤnk zu bereiten weiß, ſcherzte die alte Ladh weiter, findet er auch keinen Meiſter. War es nicht Barnevelt ſelber, der Dir da⸗ mals Unterricht gab?— Euer Durchlaucht, der Kam⸗ merdiener Seiner Gnaden Barnevelt hat mich darin un⸗ terrichtet, antwortete Lovelace, ſich ehrfurchtsvoll mit dem freundlichen Laͤcheln des befriedigten Ehrgeizes ver⸗ neigend.— Nun, ſo verſtand er es herrlich! Aber Lo⸗ velace wuͤrde auch Sturm laufen, wenn ich nicht gleich erſchiene, ſo wie im erſten Aufguſſe die Blume ſich ent⸗ wickelt hat, wie er es nennt, und ich laſſe mich ſtets be⸗ reit finden, dieſen Genuß mir zu verſchaffen. Doch heute hat unſere gute Cottington, fürchte ich, Deinen Haus⸗ hofmeiſter Ottweh erzuͤrnt, denn ſie hat ſich von ihm die Erlaubniß bei Deinem Kuͤchenmeiſter verſchafft, die Wei⸗ zenbroͤdchen und Zuckerroͤllchen ſelber zu backen, die ſ Dir eben anbieten wird, und wir werden uns in's Mit⸗ tel legen muͤſſen, damit. die guten Leute uns nicht un⸗ dankbar ſchelten fur die köſtlichen Backwerke, womit ſie meinen Theetiſch uberſchuͤttet haben, die ſich aber für die alte Frau nicht mehr techt paſſen wollen.— Doch ſieh, mein Liebchen, was ſpart' ich Dir hier auf, ſprach ſie, zu Lucie gewendet, und hob das ſilberne Schälchen mit den Brodkruͤmchen vom Schooße; denn Lucie hatte ihre ſinnende Stellung bei dem lieblichen Geruche der Zimmt⸗ ² 115 rollchen verlaſſen und ſpeiſte ſchon ruhig darauf los, zur Großmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde zählend. Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu, ſiehſt Du das kleine Neſt?— O Großmutter, rief Lucie entzuͤckt, und ſo eben ein Koͤpfchen!— jetzt zwei! O, laß es fangen, liebe Groß⸗ mama; guter Lovelace, fange die Vogelchen!— Nicht doch Lucie, dann muͤßten ſie ſterben; aber viel Beſſeres ſollſt Du ſelbſt ihnen thun, fuͤttern ſollſt Du ſie, daß ſie nicht Hungers ſterben. Darum nimm die Brodkruͤm⸗ chen; ſtreuſt Du ſie auf den Rand des Altans, bald kommen ſie dann, wenn Du wegtrittſt, und holen ſich die Nahrung in ihr Neſtchen.— Gieb, liebe Großma⸗ ma! rief Lucie und huͤpfte leicht hinaus, nur auf den Zehen nach dem Rande ſchleichend, hold ubergebogen, die Brockchen zu ſtreuen, wie man Engel auf alten Bil⸗ dern ſieht, die den Eingang zum Himmel mit Blumen beſtreuen. Doch von einer neuen Idee erfaßt, wandte ſie ſich um, und das leere Schälchen nachläſſig neben ſich ſinken laſſend, legte ſie beide Aermchen in den Schooß der Großmutter und ſagte, ſie ernſt anblickend: Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger?— Es mag wohl, mein Liebchen. Ob Gott ſchon freundlich fuͤr ſeine Ge⸗ ſchoͤpfe ſorgt und auch die Menſchen leitet, daß ſie ihren Mitgeſchoͤpfen Nahrung reichen, doch wohl ſtirbt manch' 8* 116 Voͤgelchen in ſolcher Jahreszeit, wo die Natur noch arm iſt an Nahrungsmitteln.— Lucie ſchwieg, dann ſagte ſie: Aber Hunde ſterben nicht aus Hunger? Die Großmutter ſah in das wehmuͤthig werdende Ge⸗ ſicht des Kindes und wollte ſie eben davon ablenken, als Lucie heftig ausrief, indem große Thränen über ihre Wangen rollten: Und Gaſton wird nie ſterben vor Hunger! Nein, ſagte die alte Ladh, freundlich be⸗ ſchwichtigend, wir wollen ihn immer fuͤttern. Doch Lucie war noch nicht mit ihren Combinationen zu Ende, denn ſie ſagte bittend, als hinge Alles von den Zuſicherungen der Großmutter ab: Aber Menſchen, liebe Großmama, die ſterben nie aus Hunger? Alle fuhlten ſich ergriffen von dieſer aͤngſtlichen, ruͤhrenden Frage des holden Kindes, und erſt nach einer Pauſe ſagte die Großmutter, indem ſie die Stirn des Lieb⸗ lings kuͤßte: Ohne Gottes Willen fällt kein Haar von unſerm Haupte; er iſt nahe Allen, die ihm ver⸗ trauen. Sanft wandte ſie ſich weg, um dem lieben Kinde nicht länger Rede zu ſtehen, als ihr Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb, die ſich mit einer Art Schauder von dem leiſe eingetretenen Stanloff, der ſich eben den Damen nähern wollte, wegwandte, indem ſie mit einem Tone, in dem eine angſtvolle Befuͤrchtung ausgedruͤckt lag, ihm zurief: O, was 117 bringt Ihr, Stanloff? Die Gewißheit Ihres Todes! und iſt dies arme, huͤlfloſe Weib wirklich den Hun⸗ gertod geſtorben? Stanloff wollte eben beruhigend er⸗ wiedern, als Lucie mit einem heftigen Ausbruche des Weinens ſich in die Arme der Mutter warf, angſt⸗ voll dazwiſchen rufend: O Mutter, Mutter, ſtirbt doch ein Menſch aus Hunger? Alle waren bewegt. Stanloff wiederholte einige Mal, daß ſie lebe, nicht aus Hunger ſterben werde, aber Luciens Phantaſie war in Schrecken aufgegangen, und die Herzogin fuͤhlte mit gemiſchten Empfindungen, daß ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Weſen ſo hingeriſſen habe. Erſt dem ehrenwerthen Maſter Copley gelang es, mit ſeinen verſtaͤndigen Worten ſich Eingang zu verſchaffen. Lucie hob das Koͤpfchen von dem Buſen der Mutter, gab Copleh ihr Haͤndchen und ſchaute gläͤubig mit den großen, in Thräͤnen ſchwimmenden Augen zu ihm auf; dann ſtieg ſie von dem Schooße herunter und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan, um nachzuſehen,% die Vögelchen ſchon die Kruͤmchen abgeholt hätten. Auch ließ ſie ſich willig finden, vom Weinen ermuͤdet, mit Miß Debington, ihrer Gouvernante, nach ihrem Zimmer zu gehen, und nahm hoͤflich mit kleinen holden Ver⸗ beugungen von Allen Abſchied. Als ſie aber an Lo⸗ 11¹18 velace voruͤber ging, bettelte ſie ihm vertraulich ein Wei⸗ zenbrodchen ab, um Gaſton noch damit zu füttern, bei dem ſie ſelbſt nachſehen wollte, ob er ſatt ſei. Nach ih⸗ rem Verſchwinden kehrte man zu dem Gegenſtande zu⸗ ruͤck, uͤber den man Stanloffs Mittheilungen erwartete. Sie lag ſeit geſtern ſchon mehr in dem Zuſtande einer Schlummernden, hob er an; ich verſuchte ihr ſtärkende Bruͤhe und Tropfen einzufloͤßen, und uͤberzeugte mich, daß ſie heute erwachen muͤßte, da ihr Schlaf immer leichter und das Athmen freier ward. Dieſen Moment durfte ich nicht verſäumen, er entzog mich der Ehre, hier zu ſein, und vor einer Stunde ſchlug ſie die Augen auf.— Ein Ausruf des Antheils unterbrach hier die Erzählung. Stanloff fuhr fort: Ihre Blicke hafteten an ihren Bettbehaͤngen, dann an dem Theile des Zimmers, der zu uͤberſehen war; ſie bewegte die Lippen, aber Schwaͤche ſchien ſie zu hindern. Ich erwartete, daß ſie Durſt empfinden wuͤrde, und hatte zu dem Ende ein an⸗ genehm ſtärkendes Getraͤnk bereitet. Alice trat an die Vorhaͤnge mit dem Becher in der Hand, ſie blickte ſie lange ohne Ausdruck an. Nachdem Alice nun einige Male gefragt, ob ſie zu trinken begehre, und nachdem jene das Geſagte verſtanden, erhob ſie die Hand nach dem Becher. Leider ſah ich an der Heftigkeit, mit der ſie trank, eine neue Beſtätigung meiner erſten Vermu⸗ — 119 thung.— Daß ſie durch Hunger ſo weit kam? rief die Herzogin. Ja, ſagte Stanloff, ich muß es wiederholen⸗ Als ſie getrunken hatte, ſagte ſie zuerſt: Bin ich denn krank? Warum liege ich zu Bette? Und warum nicht in meinem Zimmer? Ich kenne Dich nicht, gute Frau! Wo iſt Hanna?— Ihr waret krank; ſeid nur recht ru⸗ hig, ſagte Alice, legt Euch nieder. Ich bin ſehr muͤde, erwiederte jene, kaum vernehmbar, und ſchlief ſogleich wieder ein.— Und ſeid ihr nun beruhigt? fragte die alte Lady, hofft Ihr jetzt ihre Geneſung?— Ich hoffe ſie jetzt, denn ſie iſt jung, ihr Zuſtand hat ihren K Koͤr⸗ per noch nicht verzehrt; es ſcheint vielmehr, das See⸗ lenleiden den Muth des Herzens gebrochen, wie dies bei jungen Perſonen haͤufig die phyſiſchen Krafte bis zur Ohnmacht zu unterdruͤcken vermag. Man blieb noch eine Zeitlang beiſammen und be⸗ gab ſich dann durch die angrenzenden Gemächer nach der Kapelle, in der ſich die Dienſtleute ſchon verſam⸗ melt hatten, um ein hoͤchſt erbauliches Abendgebet des Maſter Copley anzuhoͤren. Die alte Lady zog es vor, von dort aus nach ihren Zimmern ſich zu begeben, und die kleine Geſellſchaft des Schloſſes trennte ſich, den Reſt des Abends fur ſich zu verleben. . Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der juͤngern Herzogin beſchäftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollen⸗ deten Teppiche, an dem die Gräfin Arabella mit den andern Damen arbeitete, indeſſen Lucie die Nadeln fuͤr alle fädelte und vorgab, ſehr viel zu thun zu haben. Die Herzogin mußte auch gearbeitet haben, doch ruhte das Blumenſtͤck, an dem ſte geſtickt, wie es ſchien, vergeſſen in ihrem Schooße, und ihr Auge blickte in die helle Flamme des Kamins, den man heute auf⸗ geſucht, da der Fruͤhling ſeine alten Neckereien begon⸗ nen, und ſich in Nebel und kalte Winde gehuͤllt hatte. — Die Theeſtunde war voruͤber, Lovelace mit ſeinem wichtigen Geſchäft entlaſſen, und Miſtreß Cottington half der alten Ladh, welche zunächſt dem Kamin ſaß, bei der beliebten Arbeit des Seidezupfens. Endlich hob die juͤngere Herzogin zu Miſtreß Morton an: Wie kommt's, daß Du uns heute noch nichts über unſern Gaſt geſagt haſt? Ich hoffe, ihr Befinden ſchreitet vor, und wir werden bald ſelbſt ihre Bekannt⸗ ſchaft machen koͤnnen.— Das moͤchte jetzt noch nicht moͤglich ſein, ſagte Miſtreß Morton raſcher, als ihre —7 121 Art war, denn die junge Lady ſteht zwar ſeit heute aus dem Bette auf, doch der Weg bis hierher wuͤrde ihr unmoͤglich fallen. Nun, nun! ſagte die leicht ge⸗ reizte Herzogin, wir werden uns zu beſcheiden wiſſen, da wir uͤber den erſten Ungeſtuͤm der Jugend hinaus ſind. Doch ſobald die junge Lady, wie Du ſie nennſt, aus dem Bette uns empfangen kann, werden wir die Geſetze unſerer gewohnten Gaſtfreundſchaft auch gegen dieſen unfreiwilligen Gaſt zu ͤben nicht ver⸗ ſäumen, und uns zuerſt nach ihren Zimmern begeben. Stanloff hat ſich heute bei mir entſchuldigen laſſen, wir ſind alſo ſehr in Ungewißheit uͤber die Angelegen⸗ heiten dieſer jungen Perſon. Ich weiß nicht, ob Euer Durchlaucht ſchon wiſſen, wandte ſie ſich zur alten Ladh, daß ſie jetzt ſpricht und viel Thränen vergießt. Miſtreß Cottington, erwiederte die alte Lady, welche ſich mit Miſtreß Morton in ihrem Zimmer abloͤſt, ſagte mir davon; wir muͤſſen uns, denke ich, der wie⸗ derkehrenden Zeichen von Leben und Gefuͤhl freuen, wenn ihre Thränen auch freilich unſere Vermuthungen beſtaͤtigen, daß viele Leiden auf dies junge Leben ein⸗ ſtürmten; ich denke dann mit Ruͤhrung an Gottes Güte, der ſie Dir zugefüͤhrt hat. Ein zärtlicher Blick ihrer lieben Augen traf den ſchnellen Aufblick der juͤn⸗ gern Herzogin und erreichte, wie immer, den ſchoͤnen Kern dieſes feſten Herzens. Lucie, die mit unbeſchreib⸗ licher Begierde jede Nachricht von der jungen Unbe⸗ kannten verfolgte, verließ ihre Arbeit, und zur Mutter tretend, ſagte ſie bittend: Gehſt Du zu ihr, liebe Mut⸗ ter? Nimm mich mit, ich moͤchte ihr ſo gern ſagen, daß Du mir verſprochen haſt, daß ſie nie wieder vor Hunger ſterben ſoll, gewiß wird ſie dann nicht mehr weinen.— Wir wollen ihr dieſe Gewißheit bald ver⸗ ſchaffen, ſagte die Herzogin; auch hoffe ich, furchtet ſie dies wohl nicht mehr. Liebe Lucie, Du ſollſt ſie ſehen, ſobald es ihre Geſundheit erlaubt; ſei indeß recht ruhig, denn Morton ſorgt ja fuͤr ſie, und ließ ſie Dich wohl je hungern?— Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geſchaft zuruͤck, und die Herzogin frug, gegen Miſtreß Cottington gewendet, weiter: Ihr, liebe Cot⸗ tington, waret bei der erſten Unterredung mit dem Dok⸗ tor zugegen, wollt Ihr uns das Bemerkenswerthe mit⸗ theilen? Wie ſcheint Euch überhaupt ihr Charakter, ihre Erziehung? Was glaubt Ihr von dem Range, zu dem ſie gehoren koͤnnte? Miſtreß Morton ſcheint allerdings damit ſchon fertig zu ſein, doch ſagt auch Eure Mei⸗ nung.— So viel ich beurtheilen kann, muß ſie eine vornehme Erziehung erhalten haben, ſagte Miſtreß Cot⸗ tington mit Ruhe, doch bleiben ihre Aeußerungen faſt noch immer ohne eigentlichen Zuſammenhang, wegen .——— — * 7 123 des großen Schmerzes, den ſie zu empfinden ſcheint. Ihre erſten wiederkehrenden Gedanken richteten ſich voll. Erſtaunen auf das fremde Zimmer, die Geräthe und Bedienung; ſie ſagte einmal hoͤchſt erſtaunt: Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem ſchoͤ⸗ nen gruͤnen Zimmer gelaſſen? Dann bat ſie, man moͤge Hanna rufen. Doch vergaß ſie das Eine bald uͤber dem Andern und blieb dazwiſchen wieder ruhig. Als Stan⸗ loff zuerſt an ihr Lager trat, ſah ſie ihn wild an, dann warf ſie ſich in meine Arme und flehte mit Entſetzen mich an, ſie vor dieſem fremden Mann zu ſchätzen. Doch der Schreck, den ſie gehabt, ſchien auch ihre Be⸗ ſinnung etwas befeſtigt zu haben; denn ſie hoͤrte meinen Worten aufmerkſam zu und ſagte, als wollte ſie es ſich recht klar machen: Ein guter alter Herr und mein Arzt, der mir mein Leben erhielt! Sie wagte es, Stanloff anzuſehen, und ſein weißes Haar ſchien ſie vollig zu be⸗ ruhigen. Denn mit einer Bewegung der Hand hieß ſie ihn naͤher treten und ſagte dann: Verzeihet meinen Schreck! Ich weiß Vieles nicht zu begreifen, mir iſt wohl ſehr viel begegnet. Stanloff hielt nun fur's Beſte, ihr zu Huͤlfe zu kommen; er ſagte ihr, indem er ſie auf⸗ forderte, ſich niederzulegen, er wollte ihr Alles erzaͤhlen, was er von ihr wiſſe, ja, er ſchien mir die Abſichtzu ſie zu erſchuͤttern, denn er hob ſogleich an: Ihr 124 ſeid nicht unter Euern Angehoͤrigen, Ihr ſeid fur todt in dem Park der Herzogin von Nottingham ge⸗ funden worden, und in einem Zuſtande von Starr⸗ ſucht geweſen. Ihr ſeid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden, und ich bin der Arzt die⸗ ſes Hauſes!— Ich muß geſtehen, daß ich den Muth Stanloffs bewunderte, der ſo kurz und rauh ihr die ſchreckliche Wahrheit enthuͤllte, und er muß ſeine ärzt⸗ lichen Urſachen dazu gehabt und darum Muth behal⸗ ten haben, denn nie ſah ich in ſolchem Grade einen ſo ſchnell wechſelnden und ſich von Augenblick zu Augen⸗ blick erhohenden Ausdruck von Erſtaunen und hoͤchſtem Schmerze. Sie richtete ſich mit Kraft auf, gluͤhender Pur⸗ pur bedeckte plotzlich das bleiche Geſicht; die Stirn zog ſich in drohende Falten, ihre Augen glänzten und waren feſt auf Stanloff geheftet. Dann hob ſie beide Arme hoch empor und druͤckte die gefalteten Hände wild vor die Stirn. Ich mußte mich abwenden, meine Kniee bebten, ich zuͤrnte auf Stanloff; ich fürch⸗ tete, Geiſteszerruͤttung wuͤrde die ſchreckliche Folge die⸗ ſer jähen Aufregung ſein. Doch im ſelben Augenblick und ſo ſchnell, daß es faſt Stanloffs letztes Wort verſchlang, rief ſie: Ja, ich weiß jest Alles, ſie iſt todt, Hanna iſt verbrannt, Gerſem erſchlagen— ich 125 — ja ich— ich bin entflohn mit Gerſem, bis der ſchreckliche Mann mich ergriff— dann—(ihre Ge⸗ danken ſchienen immer zu verſagen)— bis ich ent⸗ ftoh. Ach, wie weit war der Weg? Ich weiß nicht, wie weit, aber o Gott! meine liebe, liebe Tante!— Von da an floſſen ihre Thränen in heißen Stroͤmen, und es iſt leicht wahrzunehmen, daß es der Tod dieſer Tante iſt, der ſie ſo heftig betruͤbt. Miſtreß Morton hat mich alsdann abgeloͤſt, ſie wird Euer Durchlaucht weiter berichten konnen. Ich fand ſie noch weinend in ihrem Bette, hob Miſtreß Morton auf ein Zeichen ihrer Gebieterin an, doch ſie war ſanft und vollkommen bei Sinnen. Ich ſprach ihr zu, und ſie ſagte mit ſanfter Stimme: Ich danke Euch fuͤr Eure guten Worte, liebe Frau, doch laßt mich nur weinen, wie ſollt' ich es auch nicht! Man hat mir bisher keine Zeit gelaſſen, die zu beweinen, um die ich nie aufhoͤren kann zu trauern; Ihr wißt nicht, wie viel ich in ihr verlor; ich weiß es wohl ſelbſt nicht und denke nur an mein Herz! Liebe Frau, ſprach ſie dann weiter, als ſie mich genau betrachtet, warum trauert Ihr alle?— Auch in unſerm Schloſſe war Alles in Trauer, aber warum Ihr? Ich ſagte es, und dies lenkte ſie von ihrem Schmerze ab— ſie weinte um Euch, Frau 126 Herzogin. Sie wiederholte oft Euern Namen und frug, ob Ihr gewiß ſie ſchutzen wurdet, ſie könne ihr Schickſal noch nicht faſſen. Aber vielleicht kommt Hanna und ſucht mich, fuhr ſie fort, vielleicht finde ich irgendwo Schutz, dann— ſie ſeufzte ſchwer, ſie ſchien ſo über⸗ raſcht von ihrer Huͤlfloſigkeit und ſagte oft: Ach, Eliſa⸗ beth, ſäheſt Du Deine arme Marie ſo!— Eliſabeth! rief die Herzogin und zuckte, als ob ein giftiger Pfeil ſie beruͤhrt haͤtte. Dies, glaube ich, war der Name ihrer Tante, den ſie nannte, doch kann ich mich irren, erwie⸗ derte Morton, und Verlegenheit und Unruhe druͤckte ſich in ihren Zuͤgen aus. Ich wuͤßte nicht, warum Du Dich irren ſollteſt, ſagte die Herzogin ſtreng und gefaßt, klingt dieſer Name nicht vom Throne bis zum Volke nieder, als bekannt, oft gehoͤrt und nicht zu verwechſeln? Die peinliche Wendung, welche die Sonderbarkeit der Herzogin dieſem Moment gab, ward wohlthaͤtig unter⸗ brochen durch Ottweh, der die Thuͤren nach einem klei⸗ nen Saale oͤffnete, wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu ſpeiſen pflegte. Sir Richard Ram⸗ ſeh erſchien in derſelben und zeigte, indem er, als Sene⸗ ſchall des Schloſſes, ein ſilbernes Becken mit einer glei⸗ chen Kanne trug, den Herrſchaften an, daß die Tafel ſer⸗ virt ſei. Die Damen legten ihre Arbeit bei Seite, und die Herzogin naherte ſich ihrer Schwiegermutter und 8 3 127 fuͤhrte ſie gegen den Saal. Hier nahmen ſie die Ehren⸗ bezeigungen des Sir Ramſeh an, indem ſie die Finger in das Waſſer tauchten, welches er aus der Kanne in das Becken goß. Ottweh nahm Beides ſodann ſchnell in Empfang, Sir Ramſeh zog die Stuͤhle fuͤr die beiden Damen und begab ſich dann auf ſeinen Platz am Ende der Tafel, die Speiſen zu zerlegen und vorzukoſten. Doch blieb die Geſellſchaft ſtill und einfoͤrmig. Die Herzogin ſaß zwar in ruhiger Haltung, aber ohne Ver⸗ ſuch, das Geſpraͤch zu beleben. Die Damen wagten nicht, einer ſo duͤſtern Stimmung eine andere Färbung zu geben. Arabella gehörte zu den Seelen, die leicht er⸗ druͤckt werden von der Ueberlegenheit Anderer, und ſie fuͤhlte ſich ſtets ſo ihrer Mutter gegenuͤber. Nur die Großmukker und Lucie brachten etwas Bewegung hin⸗ ein. Lucie war in ſtets lebendigem Verkehr mit Allem, was ſie umgab. Sie redete Alle an, ſie ſcherzte, ſie neckte, und blieben die Antworten aus, hatte ſie mit der Dienerſchaft ihren Verkehr, und weil ſie der Liebling des ganzen Hauſes war, und ein Engel an Guͤte und ſteter Heiterkeit, ruhten die Blicke Aller auf ihr, und ihre leichteſte Frage blieb hier nicht unbeachtet. Heute ſchien ihre Laune doppelt heiter, da die allgemeine Stille ihr Raum gab. Sie neckte ſich unaufhoͤrlich mit Ramſeh, und der kecke Juͤngling, der ihr nichts ſchuldig blieb, un⸗ 128 terhielt das Feuer ihres kindlichen Witzes, bis er end⸗ lich, ſie zu necken, von ihrem Lieblinge Gaſton an⸗ fing, wie er von Morgen an in der Hundehuͤtte bei Waſſer und Brod Arreſt bekommen wuͤrde, weil er etwas im Dienſte verſehen habe. Gaſton! rief Lu⸗ cie und wurde glühend roth, Gaſton in die Hunde⸗ huͤtte! Wage es! rief ſie und hob die kleine Hand zuͤrnend gegen ihn auf. Aber das ſage ich Dir, al⸗ lein ſoll er da nicht liegen, Du oder ich, eins von uns beiden geht mit hinein. Bei den letzten Wor⸗ ten kam das holde Lächeln ſchon wieder um den rei⸗ zenden Mund, und ſie frug weiter: Darf man den geſtrengen Herrn fragen, was Gaſton, der ihn gar nichts angeht, verbrochen hat?— Daß er ſeinen Poſten verlaſſen und oben in den fremden Zimmern ſich herum treibt, welches ihm ſtets mit der Peitſche verboten ward, da ſein Platz in der Vorhalle iſt.— Und wohin ich ihn ſonſt mit mir nehmen will, rief Lucie, und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat. Gaſton ſoll, anſtatt in der Hundehuͤtte, heute Nacht in meinem Bettchen ſchlafen, und ich will da⸗ vor auf der Decke liegen. Allen anweſenden Dienern entfuhr ein kurzes, ſchnell unterdruͤcktes Lachen. Mi⸗ ſtreß Dedington rief ſchaudernd: Lucie, Lucie! Mein Engel, Sie ſind zu lebhaft! Aber der kleine Schalk 129 blickte ſeitwärts nach dem Antlitze der Großmutter, und da dies noch in ſeiner ungetruͤbten Klarheit leuch⸗ tete, wurde ſie dreiſter und ſagte ſchalkhaft, das rei⸗ zende Koͤpfchen gegen ihre Mutter beugend: Erlaubſt Du, liebe Mutter, daß Gaſton dieſe Nacht in mei⸗ nem Vettchen ſchlafen darf, und ich davor auf der Decke? Die Herzogin zog hier ihren Blick von ei⸗ nem alten Wappenſchilde ab, das ihr gegenuͤber an der Wand ihre Aufmerkſamkeit gefeſſelt zu haben ſchien; er fiel, wie erquickt, auf Luciens heiteres Ge⸗ ſicht, und ſie ließ das liebe Kind ſeine Worte wieder⸗ holen. Doch ſchnell zu ihrer alten Strenge zuruͤckkeh⸗ rend, ſprach ſie ernſt: Wie unſchicklich und kindiſch iſt Dein Begehren, Lucie, ich hätte nicht gefurchtet, etwas der Art von Dir zu hoͤren! Ihr Blick ſtreifte von dem beſchaͤmten Kinde die Tafel entlang und ent⸗ zuͤndete ſich an Ramſeh's lächelndem Geſicht. Ich fuͤrchte, daß Ihr, Ramſeh, mit Euren oft ſehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieſer unziemenden Bitte gereizt habt. Ramſeh wollte antworten, denn er verſchwieg nie gern, was er zu ſagen wußte, als Lucie mit Hfetigkeit rief: Nein, liebe Mutter, ſchelte ihn nicht, Ramſeh hat mich nicht darum gebeten, er iſt ganz unſchuldig, ich wollte es ſelbſt, weil Gaſton ſonſt in die Hundehuͤtte geſperrt wird. Bei dieſen Gowie⸗Caſtle I. 9 4 130 Worten drangen Thränen in die ſchoͤnen Augen des gluͤhenden Kindes, und Ramſeh hätte gern zu ihren Fuͤ⸗ ßen dem Engel ſeine Neckereien abgebeten. Die Herzo⸗ gin ſchien nicht ganz gegen den verſoͤhnenden Anblick unempfindlich, denn ſie ſagte merklich milder: Laß uns hoͤren, Ramſeh, was Gaſton verbrach, vielleicht koͤnnen wir die Sache vermitteln. Euer Durchlaucht muß ich unterthaͤnig um Vergebung bitten, ſagte nun Ramſeh, der von dem Edelmuthe Luciens ſich zu gleichen Em⸗ pfindungen erhoben fuͤhlte, ich habe es allerdings ge⸗ wagt, Fräulein Lucie mit der Nachricht über Gaſtons Uebelverhalten zu necken; er hat nichts verbrochen, als daß er mir ſeit langer Zeit aus dem Geſichte gekommen iſt. O du böſer Ramſeh, rief Lucie, hell auflachend vor Vergnuͤgen und des Kummers nicht mehr geden⸗ kend, deß Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen Thraͤne über die gluͤhenden Wangen rollte, das liebe Thier zu verlaͤumden, ich werde es Dir gedenken! Die Herzogin fühlte ſich nicht ge⸗ neigt, die Sache boͤslich zu verfolgen, aber ſie fragte, wo Gaſton geblieben ſei. In den Zimmern der frem⸗ den Lady, antwortete Ramſeh. Sogleich änderte ſich das Geſicht der Herzogin, und ſich gegen Miſtreß Morton wendend, welche auf ihren Teller blickte, rief ſie Wie koͤmmt das, wem hangt er an in dieſen Zim⸗ „ 131 mern, ich hoͤrte bis jetzt nichts davon? Euer Durch⸗ laucht halten zu Gnaden, ſagte Miſtreß Morton, in⸗ dem ihr feines Geſicht von einer leichten Roͤthe bedeckt ward und ſie den Blick nicht erhob, ich habe dieſen Um⸗ ſtand nicht der Erwaͤhnung werth geachtet. Der Herzo⸗ gin Blick lag während dieſer Worte unverwandt auf Miſtreß Morton, ſie ſchien ſich mit Muͤhe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel, um die alte Lady unter den gewohnten Formen nach den Zim⸗ mern zu fuͤhren, wo man ſich nach der Abendtafel zu trennen pflegte. Stanloff ließ ſich am andern Morgen bei ſeiner Gebieterin melden. Er fand ſie mit niedergeſchlagenen abgeſpannten Zuͤgen in ihrem Armſtuhle ruhend; ſie ſchien geſchrieben zu haben. Stanloffs ſchnell üͤberſchauen⸗ dem Blicke entging es nicht, daß mehrere beſchriebene Blaͤtter auf dem Schreibtiſche lagen, welcher in einer Fenſterniſche im Ruͤcken der Graͤfin ſtand. Sie ſchien ſich am Kamin in dieſer ruhenden Stellung erholen zu wollen; Stanloff ſah aber mit Bekuͤmmeriß den Aus⸗ druck von Leiden in ihrem Geſichte, das muͤde Auge, das ſich nicht bei ſeinem Nähertreten erhob. Doch wies 9* 132 ſie ſeine beſorgten Fragen nach ihrer Geſundheit be⸗ ſtimmt zuruͤck und hieß ihn zum Feuer ſich ſetzen. Stan⸗ loff entſchuldigte ſein geſtriges Ausbleiben mit Ge⸗ ſchaͤften in einem fernen Theile der Beſitzungen, wel⸗ ches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehoͤrt wurde. Ohne weiteren Uebergang ſagte Stanloff nun: Mein Bericht uber die Kranke iſt heute ſehr erfreulich. Er wollte fortfahren, als das Wort, das er zuletzt aus⸗ geſprochen, dumpf aus dem Munde der Herzogin wie⸗ dertoͤnte und ſie mit einem tiefen Seufzer die Augen aufſchlug. Stanloff ſchwieg, denn er ſah, ſie wollte re⸗ den. Sie richtete ſich auf, und ſogleich trat Haltung an die Stelle der Abſpannung ihres Koͤrpers, indem ſie mit einem Tone, der zwiſchen Schmerz und Unwillen ſchwankte, langſam zu Stanloff ſprach: Mein guter Doktor, dieſe Fremde nimmt uns allen viel Zeit und Gedanken. Es iſt wahrlich dahin gekommen, daß das Gefühl, das Alle in dieſem Schloſſe am naächſten erfül⸗ len ſollte, das Gefuͤhl der tiefſten Trauer um ihren ver⸗ ehrungswuͤrdigen Herrn, meinen theuern Gemahl, zu⸗ ruͤcktritt gegen die allgemeine Zerſtreuung, die dieſer Ge⸗ genſtand unter uns verbreitet. Ich fuͤhle die Pflichten, die mir hiermit auferlegt ſind, etwas druͤckend und wuͤrde mich freuen, ſie auf eine Art erfuͤllen zu können, die ſie bald zu ihren Angehoͤrigen zuruckführte.— Sie 133 ſchwieg, und ein Blick auf Stanloff ſagte ihr, daß ſie ſein edles Gefühl gekraͤnkt habe. Doch ich habe Euch mit meinen truͤben Worten unterbrochen, ſetzte ſie hin⸗ zu; es iſt eine Thorheit, zu erwarten, ſich verſtanden zu ſehen, wenn Gefuhle nach dem Maaßſtabe des Gluͤckes, das ſie uns allein im hochſten Maaße gewaͤhrten, auch einen Schetz erzeugen muͤſſen, den kein Anderer thei⸗ len und begreifen kann! Dieſe Worte verfehlten jedoch dies Mal den Zweck, den muthigen Mann zu verſoͤh⸗ nen. Ihr habt Recht, Mhladh, ſagte er feſt, wenn Ihr Gefuhle nicht getheilt glaubt, die zu Euch ſelbſt nicht gehoͤren; Eure ſchoͤne Seele müßte ſonſt erkennen, daß nichts mehr das Andenken deſſen ehren kann, an den mein Herz mit Liebe gedenken wird, bis es bricht, als eine freudige und aufrichtige Erfuͤllung der Pflichten, in denen er uns allen ein leuchtendes Vorbild war. Wenn Ihr den Antheil, den das Ungluck erregt, hier in Euern Umgebungen vorherrſchend findet, ſo denkt, daß das Verdienſt ſeiner erhabenen Tugenden hier noch fort⸗ wirkt— denkt noch mehr, denkt, daß es Euer eigenes Beiſpiel iſt, was die Härte Eurer ebengeſagten Worte widerlegt.— Er ſtand auf und wollte ſich fortbegeben, als die Herzogin bitter ausrief: So, Stanloff, miß⸗ braucht Ihr mein grenzenloſes Vertrauen, um mich zu kraͤnken? Wie wenig ſteht es Euch an, mir Vorwurfe ————— 134 zu machen, da ich Euch tiefer in mein Herz ſehen ließ, als Andere. Darum juſt, und im tiefſten Gefühle Eures Werthes, wage ich Worten zu zurnen, die Euern Geſinnungen fremd ſind, rief Stanloff mit edler Waͤrme. Wer kann Euch mehr verehren, als ich? Wer hat es Euch oͤfter und ehrfurchtsvoller gezeigt? Ich verthei⸗ dige das erhabene Bild Eurer Tugenden, das ich in Wahrheit erkenne, indem ich Aeußerungen zuͤrne, die dort nicht ihren Urſprung haben! Doch ich hatte auch Unrecht, denn mußte ich nicht wiſſen, daß Worte der Art nie bei Euch zu Thaten werden?— Genug, Stan⸗ loff, ſagte die Herzogin in milderem Tone, und vielleicht ſchon mehr, als ich verdiene; ich will jetzt Eurem Be⸗ richte geduldig zuhoͤren. Stanloff nahm ſchweigend ſei⸗ nen Sitz bei dem Kamine wieder ein und fuhr fort: Miſtreß Morton ſagte mir, daß Euer Durchlaucht von meiner erſten Unterredung unterrichtet ſind. Ich hielt dieſe Erſchůtterung fuͤr nothig, den Zuſtand von Lethar⸗ gie aufzuheben, der uͤber ſie verbreitet war, und ich habe mich nicht geirrt. Der Geiſt muß oft eben ſo den Me⸗ chanismus des Koͤrpers wieder herſtellen, als Huͤlfe noch oͤfter umgekehrt geleiſtet wird. Sie iſt ſich ſeitdem ihres Unglucks, aber auch all' ihrer Sinnes⸗ und Geiſteskräfte bewußt, und ich glaube, es tritt aus der Verwirrung, die ſie umſpann, ein ſtarker, wohlgeordneter Verſtand . te 135 hervor; ihre koͤrperliche Schwaͤche und der Gram, den ſie um den Tod einer geliebten Tante empfindet, halten ihn noch in einer Art Befangenheit. Aber ſchon nimmt man eine feine Unterſcheidungsgabe wahr, fuͤr das, was recht und ſchicklich iſt, und ihre Haltung, ihre Worte zeugen von der Gewohnheit, einen hohen Rang einzunehmen. Sie hat uns al⸗ len auf eine hoͤchſt gefuͤhlvolle und genugende Art fur unſere Pflege gedankt. Aber ſo ſehr ſie gegen Niſtreß Morton und Cottington freundlich und be⸗ ſcheiden iſt, ſcheint ſie doch keinen Augenblick im Irr⸗ thume uͤber die Verſchiedenheit ihrer Verhaͤltniſſe. Sie hält uns von ſich entfernt, ohne allen Stolz, ja, ohne Worte, ich mochte ſagen, durch den Aus⸗ druck, den ſie unabſichtlich hat, und der, wenn ich mich nicht ſehr irre, ebenſo ihrem Geiſte, als ihrem Aeußeren anzugehoren ſcheint. Ich wagte es, ſie um Aufſchluß uber ihr Schickſal zu bitten. Sie bedachte ſich einen Augenblick und ſagte dann freundlich: Ver⸗ zeiht, daß ich dieſe Forderung Euch nicht glaube zu⸗ erſt gewähren zu duͤrfen. Ihr macht mir Hoffnung, daß ich meine erhabene Erretterin bald werde ſehen durfen. Ihr, glaube ich, gehoͤren dieſe Mittheilungen, ihr, die über meine naͤchſte Zukunft entſcheiden muß; ihr muß ich auch das Vertrauen aufſparen, mit mei⸗ ——— 136 nen Entdeckungen nach Willkuͤr zu verfahren. Ich habe uberdem nicht viel zu ſagen, ich könnte Euch und Allen bald mein kurzes Ungluͤck erzählen, und ich bitte Euch nur um die Wohlthat, mir bald den Anblick der erhabenen Frau zu verſchaffen, zu deren Fuͤßen ich meinen Dank auszudrücken mich ſehne. — Stanloff hielt inne, der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche zu ihren Füßen. Da ſie nicht antwortete, fuhr er fort: Ich habe ihrer nach Euch durſtenden Seele verſprochen, Euch heute darum zu bitten. Die Herzogin ſchwieg noch immer, und Stan⸗ loff fuhr fort: Euer Durchlaucht muß ich noch eine auffallende Erſcheinung berichten, ſie betrifft Gaſton. — Merklich fuhr hier die Herzogin zuſammen.— Gaſton begleitete den Zug aus dem Parke nach den beſtimmten Zimmern und drängte ſich überall durch, um in der Naͤhe der Bahre und ihrer Perſon zu bleiben. Als die Frauen nach meiner Vorſchrift die Lebensverſuche machten, war er nur mit Muͤhe aus dem Zimmer zu entfernen, aber er wich nur bis zur äußern Schwelle. Jeden, der heraus trat, blickte er mit einem kurzen ängſtlichen Geheul traurig an, lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu ſeinem Platze zurück. Als ſie im Bette lag, blieb die Thur einen Augenblick offen. Er hatte ſich ſchnell hinein — ů— 137 geſchlichen, und als wir aus dem Nebenzimmer traten, ſahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechſelnd eifrig ihre Hände lecken und ſeinen Kopf hineindrängen, als wollte er von ihnen geliebkoſt ſein. Ich geſtehe, daß mich der Anblick ruhrte, ich konnte ihn nicht gleich ver⸗ jagen und hoͤrte, daß er tief ſeufzte, wie Menſchen im Schmerze. So blieb er Tag und Nacht vor der Schwelle bis ſie zuerſt aus dem Bette war und er ſie ſprechen hoͤrte. Da ſtuͤrzte er die hinaus tretende Alice beinah zu Boden und flog mit ſolcher Gewalt auf die Kranke zu, daß ſie, zum Tode erſchreckt, ſogleich ohnmaͤchtig ward. Gaſton ward mit Gewalt entfernt, und ſeitdem hält er ſich auch ruhiger und in ſeinem gewoͤhnlichen Bereich.— Und wozu dieſe Erzählung? fragte die Her⸗ zogin raſch, von ihrem Stuhle aufſtehend und einen Blick ſtolzer Erwartung auf Stanloff werfend. Viel⸗ leicht, erwiderte der ruhige Diener, ſich gleichfalls er⸗ hebend, daß zwiſchen der Lady und Gaſton ein Zuſam⸗ menhang ſtatt findet, den das kluge Thier ſchnell er⸗ kannt hat, und der uns zu Entdeckungen fuͤhren koͤnnte. Die Herzogin wandte ihm unwillig den Ruͤcken, und nach dem Schreibtiſch hin gehend ſagte ſie kalt: Ich bin nicht gelehrt, Maſter Stanloff, und muß Verzicht darauf leiſten, Dinge zu begreifen, die uͤber die gewoͤhn⸗ lichen Grenzen der geſunden Vernunft zu gehen ſchei⸗ ————— 138 nen, die Gott mir allein verliehen. Ich will Euch in ſo wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht ſtoͤrend ſein, doch muß ich bemerken, daß ich nicht wuͤnſchen kann, daß ſolche Dinge ſich im Schloſſe unter den verſchiedenen ungebildeten Dienſt⸗ leuten verbreiten, als von mir oder meinen nächſten Umgebungen ausgehend. Nichts iſt anſteckender, als geheimnißvolle Traumereien, und nichts gefaͤhrlicher fuͤr das Gluͤck unverdorbener Leute niedern Standes. — Ihr habt zu befehlen, was meinen Mund anbe⸗ trifft, ſagte Stanloff. Die Thatſache der Aufmerk⸗ ſamkeit zu entziehen, lag jedoch weder in meiner Macht, noch in meinem Beruf. Die Herzogin ſtand bleich und bebend an ihrem Schreibtiſch, und Stan⸗ loffs Herz ſchmolz in Wehmuth bei ihrem Anblick, obwohl er heute ſo oft unter ihren ſcharfen Worten hatte leiden muͤſſen. Die Juwelen, welche ſie trug, und das kleine Taſchenbuch, habt Ihr's von Miſtreß Morton erhalten? hob er an, mit dem gutmuͤthigen Wunſche, ſie aus ihrem Zuſtande zu reißen, deſſen Urſache er vergeblich ſuchte und in Gaſtons unſchul⸗ digem Thun nicht finden konnte. Mit beklommener Stimme ſagte die Herzogin: Ja wohl, Juwelen, Stanloff, nicht unwerth, in dem Diadem einer Ko⸗ nigin zu glänzen, ein Armband und ein Kreuz. Das —29 Buch, ſagte ſie kaum vernehmlich, aber ſehr haſtig, war mit einer Perle von großem Werthe verſchloſſen; es lag ein Wechſel von einigen tauſend Pfund darin und noch ein paar Zeilen. Großer Gott, was iſt Euch! rief Stanloff, denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von Geſtoͤhn und tau⸗ melte gegen die Pfeiler des Fenſterbogens. Nichts! Nichts, Stanloff! rief ſie wie troſtlos, aber ruft Morton, und bei Eurer Pflicht, bei Eurer tugend⸗ haften Seele, ja, ſo lieb Euch der Friede der Mei⸗ nigen iſt, wendet Alles an, dies Mädchen zu erhal⸗ ten, ſie herzuſtellen. Ich will ſie ſehen, heute noch ſechen. Stumm verneigte ſich Stanloff, Miſtreß Mor⸗ ton zu rufen, aber ſie trat ihm in dem Vorſaal ſchon entgegen. Sie bedarf Eurer, ſagte Stanloff tief be⸗ bewegt. Die beiden treuen Diener blickten ſich einen Augenblick ſtumm und traurig an. Stanloff fuhr mit dem Tuch uͤber die Augen, und Miſtreß Mor⸗ ton ſah, der alte Herr war um ſeine Faſſung. Sie reichte ihm die Hand und ſagte ſanft: Das Rechte thun und Gott vertraun! Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem Saale. Miſtreß Morton fand ihre Gebieterin zwar blaß und ermuͤdet, doch mit wieder erlangter Faſſung. Sie war ſeit einiger Zeit an dieſe plotzlich wechſelnden Zuſtände gewoͤhnt und 140 zog es vor, ſie voͤllig unbeachtet zu laſſen, überzeugt, dadurch die ſtolze Frau am ſchnellſten auf ſich zuruͤck zu fuhren. Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewiſſer Stolz auf die Kraft und wuͤrdige Haltung ih⸗ rer Gebieterin, womit ſie manche ihrer Fehler in ihren Augen verſoͤhnte, und ſie war faſt empfindlich, die Lady ſeit einiger Zeit ſo oft mit Weichheit und heftigem und ſichtbarem Schmerze wechſeln zu ſehen, welches der Wuͤrde Abbruch that, in der ſie dieſelbe erhalten wiſſen wollte, ſelbſt um den Preis, dadurch als Dienerin in ſchaͤrfere Grenzen der Zuruckhaltung gewieſen zu ſein. Die alte kluge Dame hatte ſicher fuͤr dieſen Charakter das Paſſendſte erdacht, denn die Ladh fühlte ſich ſehr wohl mit Miſtreß Morton und ſchien ſtets zu einer ru⸗ higeren Betrachtung der Dinge in ihrer Gegenwart über⸗ zugehen. Auch heute ließ ſie ſich ihre ſtummen und an⸗ genehmen kleinen Dienſte gefallen; ſie nahm ohne Wi⸗ derſtand einige Tropfen, die ihr wie abſichtslos gereicht wurden, als ahne man kaum den Zweck. Der Seſſel war bequem gegen die ſanfte Glut des Kamins geſcho⸗ ben, die Fuße ruhten gemaͤchlich auf einem Polſter, und leiſe legte Miſtreß Morton einige Buͤcher, Arbeiten und kleine gebrauchte Geräthſchaften bei Seite, wohl wiſſend, daß das Auge der Herzogin in ihren Bewegungen unwill⸗ kuͤrlich folgte, aufmerkend, ob jedes ſeinen Platz ge⸗ 141 woͤnne, wodurch ſie ſich endlich abziehen ließ und zu einer Art von Ruhe gelangte, faſt zugleich mit der wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers. Miſtreß Morton wollte nun eben ihren Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen, als die Herzogin mit freundli⸗ chem, ſanftem Ton ſich zu ihr bog: Du ſcheinſt fer⸗ tig zu ſein mit Deiner geſchickten Ordnungsgabe, und ich will Dich bitten, mir Deine Gegenwart bei meinen beabſichtigten Beſuchen zu ſchenken. Ich freue mich, daß Euer Durchlaucht ſo angenehm uͤber mich befehlen, ſagte nun gleichfalls Miſtreß Morton heite⸗ rer, ſich dem Armſtuhle nahend, in dem die Herzo⸗ gin noch immer mit allen Zeichen der Ermuͤdung ruhte. Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort: Es wird wohl noͤthig ſein, daß Du Deine Hand an meinen Kopfputz legſt, denn ich muß, wie ich ver⸗ muthe, nicht ſehr bedacht geweſen ſein, ihn zu ſcho⸗ nen, und da wir ſo eben gehen, in der Fremden eine neue Bekanntſchaft zu machen, wollen wir uns nicht als eine Verwirrte ihr zeigen. Doch halt, laß ſehen, liebe Morton, ob ich ſtehen kann?— Es geht, fuhr ſie fort, indem ſie mit ihrer ganzen ſchoͤnen Haltung einige Schritte vorwaͤrts that, und das Lächeln, wel⸗ ches auf den bleichen Lippen, während ſie ſprach, mit den vorherrſchenden Schmerzenszuͤgen gekaͤmpft hatte, 142 brach auf einen Augenblick durch, und ſie verſuchte zu ſcherzen, indem ſie fortfuhr; Ich werde ſo ſchnell, wie Pons, die Treppe hinab und hinauf eilen. Rufe den Knaben, er ſoll zu meinen Toͤchtern und dann zur Fremden mir vorangehen. Als ſie jedoch die Handſchuhe, die ihr Morton darreichte, ergriff, ſanken plotzlich ihre Arme an ihr nieder. Sie faßte die Lehne des Stuhls, und hob Kopf und Blick mit unausſprechlichem Ausdruck ge⸗ gen die Decke. Da zog Pons den Vorhang, der die angrenzenden Zimmer trennte, und zeigte ſein heiteres jugendliches Geſicht, das er mit Muühe in die Ehr⸗ furcht ausdruͤckenden Falten zu ziehen ſuchte, indem er ſich und ſeine kleine mit Federn geſchmuͤckte Muͤtze zur Erde neigte. Schnell war die Herzogin wieder gefaßt. Nun, Pons, ſagte ſie freundlich, biſt Du munter, oder nach Pagenart ſchläfrig und unluſtig, ſelbſt den Fächer oder Schleier Deiner Dame zu tra⸗ gen? Pons ließ ſtatt aller Antwort ſein Auge zu ihr aufgehen, und dies widerlegte mächtig den geaͤußer⸗ ten Verdacht, denn was je an Schalkheit und Mun⸗ terkeit in dem Hirn eines Pagen reifte, blitzte aus dieſem kohlſchwarzen Augenpaar. So, ſo, ſagte die Ladh lächelnd, Deine tiefe Verbeugung ſollte mir blos den Schalk verbergen, der mich jetzt anblickt. Der * 143 aber nie ſchlaͤfrig und unluſtig iſt, wenn ſeine erha⸗ bene Gebieterin ihn mit ihren Befehlen beehrt, fluͤ⸗ ſterte Pons. Kind, rief die Herzogin, Mortons Arm im Hinausgehen nehmend, Du ſprichſt, als hätteſt Du John Spencers Pagen⸗Lerikon geleſen, ein be⸗ ruͤhmtes Buch, unter Heinrich des Achten wohl dreſ⸗ ſirter Pagenzunft. Pons flog wie ein bunt gefiedertes Voͤgelchen in ſeinem zierlichen Koſtuͤm von den Far⸗ ben des Hauſes durch die hohen Zimmer und Galle⸗ rien, das Nahen ſeiner Herrin an die in den Vor⸗ zimmern der jungen Gräfinnen harrenden Diener zu melden, und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie empfangen. Beide waren mit ihren Damen in der Geſellſchaft des Maſter Co⸗ pleh, der jeden Tag einige Morgenſtunden dazu be⸗ nutzte, den wiſſenſchaftlichen Theil der Erziehung der jungen Graͤfinnen zu leiten. Es war ein unbeſchreib⸗ lich heiterer und hoͤchſt ehrwuͤrdiger alter Mann, als Geiſtlicher von den gemäͤßigteſten Geſinnungen, von einer gruͤndlichen wiſſenſchaftlichen Bildung, unver⸗ heirathet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hängend, der er ſeit dem Vater des letzt ver⸗ ſtorbenen Herzogs als Schloßkaplan diente. Die Her⸗ zogin hatte heute eine anmuthige weiche Hingebung gegen Alle, ſie wußte Jedem ein guͤtiges Wort zu 144 ſagen oder einen freundlichen Blick zu geben. Miſtreß Morton war ganz glücklich, denn ſo war die Herzogin in ihrer beſten Stimmung, milde und doch mit der Wuͤrde, die ihr hoher Rang und ihr ernſter Charakter mit ſich brachte. Sie wußte dann Alles um ſich her in eine angenehme Stimmung zu verſetzen und heilte die kleinen Wunden, die ſie oft ſchlug, ſo daß ſelbſt neue weniger ſchmerzten. Doch fuhlte Miſtreß Morton wohl, daß gegen das Ende ihres Beſuches ein kleiner Kampf in ihr entſtand; ſie war zerſtreut und blickte zuweilen ernſt um ſich her. Endlich erhob ſie ſich; doch noch zau⸗ dernd trat ſie an eins der hohen Bogenfenſter, das nach dem Park hinaus ging. Sie ſchien den Sonnenblick zu verfolgen, der die trub⸗ aufgehauften Wolken eben durchbrach und langſam an den gruͤnenden Partieen des Parkes dahin ſtrich. Miſtreß Morton ſah uͤber die Schulter Copleh's, mit dem ſie eifrig ſprach, wie der Ausdruck in den Zuͤgen der Ladh ſchnell, und nichts Gutes verkuͤndigend, wechſelte, aber es ging voruber. Muthig richtete ſie ſich von dem Fenſtergeſims empor; ſie ging auf ihre Toͤchter liebreich zu, ſchloß ſie in ihre Arme und blickte ihnen lange zärtlich in die Augen, kußte ſie dann beide und ſagte ſanft: Meine geliebten Kinder, wir wollen nie Euern theuern Vater vergeſſen, ſtets ſeiner Tugenden gedenken und ih n nachleben, 145 dann werden wir alle ertragen koͤnnen, was Gott ver⸗ hangt. Sie entließ die tief geruͤhrten Kinder aus ihren Armen, gruͤßte mit einer anmuthigen Bewegung die Uebrigen und ſchritt mit feſter Haltung, ohne Mortons Arm, aus den Zimmern, die Gallerie entlang, welche ſich in einem Saale endigte, der in zwei Eingängen zu den Gemächern des Prinzen von Wales fuͤhrte, deren eine Reihe die prachtvollen Zimmer enthielt, welche die alte Herzogin fur jetzt bewohnte; in den andern dagegen befanden ſich die ſogenannten Vorzimmer, nach dem Schloßplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt, welche die Herzogin im Begriff ſtand aufzu⸗ ſuchen. Pons flog ſchon, von ſeiner Meldung zurückkeh⸗ rend, der Herzogin in dem Saale entgegen, aber ſie ſchien ihn nicht zu ſehen, ſondern ſchritt an ihm voruͤber in die geoffnete Zimmerreihe. Kaum hatte ſie das erſte Zimmer betreten, als an der Schwelle des dritten eine weibliche Geſtalt erſchien, die, ſo wie ſie die Herzogin erhlickte, raſch voreilte, ſo daß die Herzogin mit ihr in dem dazwiſchen liegenden Zimmer zuſammen traf. Ei⸗ nen Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander, dann lag die Fremde mit gebeugtem Haupte zu den Fuͤßen der Herzogin, die in demſelben Augenblicke leiſe wie ſterbend die herzueilende Morton rief, deren Arm krampfhaft ergriff und, ſtarr ihre Blicke auf die Knieende Godwie⸗Caſtle 1 10 146 heftend, unfähig eines Wortes, einer Bewegung blieb. O, meine Beſchuͤtzerin! rief jetzt die Knieende, und dieſe Worte waren von einer ſo melodiſchen Fuͤlle des Tones begleitet, daß ſie ſuͤß jedes Ohr erreichen muß⸗ ten, aber die Herzogin zuckte zuſammen, als ob dieſe Toͤne ſie zerriſſen. Doch es war das letzte Zeichen ihrer Erſchuͤtterung, ihre Beſinnung kehrte wieder, und ſie fuͤhlte mit Scham und Verlegenheit, wie die Arme noch zu ihren Füßen lag. um Gott, Mhladh, was thut Ihr! rief ſie lebhaft; ſteht auf! Knieen wollen wir, aber gemeinſchaftlich vor dem liebevollen Beſchutzer dort oben, der Euch hierher fuͤhrte, wo wir uns bemuͤhen wollen, die Euch widerfahrene Un⸗ bill gut zu machen. Da hob die Fremde zuerſt ih⸗ ren Kopf von der Bruſt zu der Herzogin empor und zeigte ein Antlitz, uͤberſtroͤmt von Thränen, aber mit dem ſanften Anhauche eines dankbaren Lächelns, das dies Geſicht, trotz ſeiner Lilienbläͤſſe, mit dem ruͤhren⸗ den Zauber weiblicher Schoͤnheit belebte. Sie richtete ſich vom Boden mit Huͤlfe der Herzogin auf und ſtund nun vor ihr, in einer voͤllig ungezwungenen und natürlichen Haltung. Aber als ſie, von der Her⸗ zogin gefuͤhrt, mit ihr nach einem Seſſel ging, wollte es ſelbſt Morton, der eiferſuchtigen Dienerin, ſcheinen, als ob die Herzogin in ſchoͤner Haltung nachſtehe 3 5 und dieſe junge Geſtalt allein Alles vereinige, was man darunter zu verſtehen pflegt. Stanloff hu uns heute endlich die Erlaubniß gegeben, Euch ſe⸗ hen zu durfen, ſagte die Herzogin, indem ſie Platz nahm, und ich bin hier, Euch willkommen zu hei⸗ ßen und Euch zu fragen, ob Ihr keine Klagen zu fuhren habt uͤber irgend eine gegen Euch verſäumte Pflicht, oder ob ich in irgend etwas perſoͤnlich im Stande bin, Euch zu dienen? O, Mhlady! rief hier die Fremde und druckte die ſchoͤnen Hände an ihre Bruſt, fragt nicht, ob es mir gut erging. Ich war, ſeit ich in dieſem Schloſſe bin, in den Händen der edelſten Menſchen. Ihr Auge richtete ſich bei dieſen Worten mit einem Glanze auf Miſtreß Morton, der aus der warmen Dankbarkeit eines ſchönen Herzens zu ſtrigen ſchien und ſo ausdrucksvoll war, daß die chrwuͤrdige Dame, ganz bewegt, tiefer ſich vor ihr neigte, als ſie es nachher in ihrem Zimmer begreiſen konnte, und die Herzogin von dieſer alten und ſtolzen Frau nie anders, als vor ſich ſelber, es erlebt hatte. Und Ihr, Mhladh, fuhr ſie fort, kommt nun zu mir armen verwaiſten Kinde. Ihr wollet den großmuthi⸗ gen Schutz beſtätigen, den ich bis jetzt genoß. Ach, ich danke Euch fuͤr die Wohlthat Eures Anblickes; Ihr werdet mir erlauben, Euch mein Herz zu off⸗ 10* 148 nen, und von Euch werde ich dann beſſer, als von mir ſelbſt erfahren, wie mein Schickſal anzuſehen iſt. — Laßt das fuͤr jetzt, liebes Kind, ſagte die Herzo⸗ gin und legte ſanft die Hand auf ihre Schultern, nicht um Euch an Euer Ungluͤck zu erinnern, kam ich hierher; ich darf, ohne Stanloffs Vorwuͤrfe zu verdienen, nicht zugeben, daß Ihr Euch erſchuͤttert. Es bedarf nicht ſolcher Mittheilungen, fuhr ſie im⸗ mer waͤrmer fort; ſchweigt uber Eure Verhältniſſe, Euern Namen, ſo lange es Euch gefällt, Ihr ſeid meines Schutzes gewiß, und ich bedarf, nun ich Euch geſehen, vorläufig keines Buͤrgen; auf dieſer Stirn ſtehen die Vorrechte der Geburt und der Unſchuld! — Der geſpannten Aufmerkſamkeit der Miſtreß Mor⸗ ton war es nicht entgangen, daß die Herzogin hier in wenig Minuten das Schickſal derer theilte, die ſich bisher dieſer jungen Perſon genaͤhert und aus ih⸗ rer Perſoͤnlichkeit denſelben Glauben geſchoͤpft hatten. Die Herzogin ſchien ſelbſt zu fuͤhlen, daß ſie dieſen eben bezeichneten Eindruck etwas ſchnell gewonnen habe; ſie liebte nicht, wenn ihr Gefuhl ihrem Ver⸗ ſtande voraus eilte, vielleicht, weil ſie ſich des erſte⸗ ren nicht als ganz zuverlaͤfſig bewußt war, und ſie ſah ein aufſteigendes Mißbehagen über ihre ſchnelle Hingebung in ſich voraus, als dieſer augenblickliche ——— 149 Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte: Ge⸗ burt und Unſchuld, welche die junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erſtaunen wiederholte. Sie ſchien hier vor einer neuen Idee zu ſtehen, die ſie nicht zu verfolgen vermochte, und es lagerte ſich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernſter werdendes Antlitz. Doch die ſtets verwoͤhnte Herzo⸗ gin, nie ſehr geneigt, die feinern Empfindungen An⸗ derer zu bemerken oder errathen zu wollen, da ſie gern ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu ſtek⸗ ken pflegte, ſchien auch dieſe unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady uͤberſehen zu wollen, ſetzte aber mit einem ſehr wohlwollenden Tone hinzu, indem ſie ſich erhob: Ich darf nun, hoffe ich, ohne Euch zu ſehr anzugreifen, fuͤr Eure Unterhaltung ſor⸗ gen. Meine Toͤchter, ihre beiden Damen ſollen Eure Einſamkeit Euch erleichtern helfen, bis Ihr ſoweit hergeſtellt ſeid, in unſerm Familienkreis erſcheinen zu können. Lebt wohl Lady und richtet Euern Geiſt auf, damit Eure Geſundheit erſtarken könne!— O, geht noch nicht! rief die Unbekannte, wie erwachend, und ſtellte ſich ſchnell von ihrem Platze vor die Her⸗ zogin, ſagt mir, edle Frau, Ihr wollt mich ferner ſchuͤtzen? Kein Menſch kann hier feindlich eindrin⸗ gen? Dieſe Zimmer ſind ganz ſicher?— Ach ver⸗ zeiht mir, liebe Miſtreß Morton, oft habt Ihr guͤtig dieſe Fragen mir beantwortet, ich glaubte Euern troͤſt⸗ lichen Worten, und doch ſehnte ich mich nach der Beſtätigung aus dieſem Munde. O, zürnt mir nicht, Mhlady, man nannte mich furchtlos ſonſt. Ach, man hat ſich ſchwer getäuſcht, meinem glucklichen Leben fehlte blos das Furchtbare, mit ihm lernte ich auch die Furcht kennen.— Seid unbeſorgt, erwiderte die Herzogin, dies ſtoͤre nimmer Eure Ruhe. Fuͤr Eure Sicherheit verburg' ich mich; im Schooß der Euern waret Ihr nicht ſicherer.— Gott lohne Euch ſo große Güͤte! rief nun das holde Weſen, und es wieder⸗ ſtrahlte ihr Geſicht von Dank und inniger Verehrung. Sie hatte lieblich ſich gebeugt und ihre Haͤnde kind⸗ lich auf die Bruſt gekreuzt. Die reichen braunen Lok⸗ ken umſchatteten in glaͤnzender Fuͤlle die hohe Stirn, das liebliche Oval. Sie hob die Augen langſam zur Herzogin empor, und wer dieſen Blick erkannt hatte, der mußte für immer ſich ihr weihn. Auch ſchien die Herzogin davon auf's Neue erſchuͤttert; noch ruhete ihr Auge darauf, als koͤnnte ſie es nicht losreißen, aber ihre Fuͤße, ihre Arme hoben ſich außer aller Hal⸗ tung wie zur Flucht. Die Farbe wechſelte auf ihren Wangen, und kaum vernehmlich ſtammelte ſie ein wenig motivirtes ſchnelles Abſchiedswort. Raſch eilte ſie durch die Zimmer und blieb dann unbeweglich vor Pons ſtehen, der im Vorſaal harrend in ſeiner tief gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte. Sie ſah ihn nicht, ſeine Worte erreichten nicht ihr Ohr. Ihre Augen blickten truͤbe in die Ferne des Saales, als gewahre ſie dort einen Gegenſtand. Pons hob bei ih⸗ rem fortgeſetzten Schweigen den Kopf empor, vielleicht in guter Hoffnung einer Fortſetzung des fruͤheren Scherzes. Aber ſo auffallend war der Ausdruck in den Zuͤ⸗ gen ſeiner Herrin, daß er zuruͤck ſprang und die Au⸗ gen ſcheu nach dem Raume warf, in den die Herzo⸗ gin hineinſtarrte.— Zur ſelben Zeit trat Miſtreß Morton vor, und ihre Stimme erreichte ihr Ohr. Was willſt Du, Morton, was habe ich gethan, wie ſagſt Du? rief die Herzogin jetzt ſchnell auf einander. Pons erwartet die Befehle Euer Durchlaucht, ſagte Morton in faſt ſtrengem Ton. Die Herzogin ſtrich mit der Hand uͤber die geſpannte Stirn und deutete dann nach den Thuͤren, welche zu den Zimmern der alten Herzogin fuͤhrten. Pons verſchwand wie der Blitz, aber die Herzogin behielt keine Zeit ſich zu ſammeln, denn die alte Lady, von ihrer Nähe unter⸗ richtet, hatte ſchon Lovelace an die Thuͤr geſchickt, den moglichen Beſuch der Schwiegertochter zu empfangen. 152 Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen, aber die freundlichen Mienen und Worte, mit denen ſie daher kam, erſtarben, als ſie die Herzogin naher anblickte. Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten ihre Lip⸗ pen nach Worten, aber nur ihre Hand konnte ein ſchwa⸗ ches Zeichen gegen die Thuͤr machen. Dieſe verſchloß ſich dem Winke, und ſie ergriff mit letzter Kraft einen Lehnſtuhl, darauf bewußlos niederfinkend. Ruft Nie⸗ manden zu Huͤlfe, Miladh, rief die beſonnene Morton, und erſchreckt nicht, es wird bald voruber gehen. Ich fuͤhre Alles bei mir, was der Frau Herzogin noͤthig iſt. Während dem loͤſte ſie geſchickt den Gurtel und die Ban⸗ den an dem Kopfzeuge, und rieb Stirn und Schlaͤfe und die zuckenden Pulſe mit fluͤchtigen Tropfen, indeß die alte Ladh, ſo ruhig und gefaßt, wie die alte Diene⸗ rin, mit mutterlicher Innigkeit zwiſchen ihren warmen Haͤnden die erſtarrten der Herzogin zu beleben ſuchte. Sah meine Tochter die Fremde?— Sie ſah ſie ſo eben.— Dies waren die einzigen leiſe gewechſelten Worte der beiden Frauen. Ihren ſtillen Bemuͤhungen entſprach bald der Erfolg. Die Herzogin ſchlug die Au⸗ gen auf, und ſich zuſammenraffend blickte ſie umher. Als ihr klar ward, was geſchehen war, ſuchte ſie ſich zu erheben. Sie wollte ſprechen, doch die alte Ladh ließ ſie nicht zu Worte kommen, ſondern ſagte, indem ſie fanft 153 ſie zu einem Stuhl am Kamin fuhrte und in ungeſtor⸗ ter Ruhe, wie es ſchien, ſich an ihrer Seite niederließ: Muß ich nicht wieder ſchelten? Wie Du Deine Ge⸗ ſundheit wagſt! Ohne Mantel biſt Du uͤber die kalten Gallerien und Säle gegangen, und die Luft iſt ſo voll Nebel heute, daß kein Fenſter dicht genug iſt, ihn ab⸗ zuhalten. Vergißt Du ganz, wie Deine Geſundheit jetzt zarter behandelt ſein will, als ſonſt? Wollten wir Dich ſtrafen, plauderten wir aus, wie leidend Du Dich machſt, aber wenn Du Deinem alten Muͤtterchen nur künftig folgen willſt, wollen wir Dich nicht verrathen, denn Deine Kinder hätten freilich groß Recht, mit Dir zu ſchelten. Die Herzogin ſenkte den Blick, den ſie, während die edle Lady ſprach, feſt auf ſie gewendet hielt, als wollte ſie die unbefangenen Worte pruͤfen. Doch wenn auch zweifelhaft blieb, ob ſie dieſe jähe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den Gallerien zuſchrieb, Wohlwollen, un⸗ gekunſtelt und rein, wie es in dieſem Herzen vorwaltete, war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zuͤ⸗ gen, ihrem Blick, im Ton der Stimme. Der ſtarre Ernſt auf dem bleichen Angeſicht der Herzogin loſte ſich, wie oͤfters an der Seite dieſes warmen, hingebenden Gemuͤths, in eine Art von Ergebung auf. Sanft zog ſie die liebende Hand an ihre Lippen und ſagte mild: Du haſt mich alſo noch nicht aufgegeben, meine wahre, liebe Mutter? Man ſchilt nur da, wo man noch auf Beſſerung hofft. Ich will Dir ſo gerne folgen, hätte ich Dir immer folgen koͤnnen, wäre ich Dir vielleicht ähnlicher. Ach, ich bin ſchwach, wie ich und Andere mich wohl noch nie geſehen. Ich bin mir fremd und kann mich in mir ſelbſt nicht finden. Welch' ein gebrechlich Ding iſt, was wir oft in uns als Kraft bezeichnen moͤchten, weil wir ertragen konn⸗ ten, was Andere um uns her erweichte; und jener eitle Wahn eines ſteten Muthes, weil uns lang ver⸗ ſchonte, was uns zu beugen aufbehalten war, wenn er verfliegt, welch' einen Blick läßt er in unſer In⸗ neres thun, von dem wir ohne Vorwurf kaum uns wenden koͤnnen! Es will uns mahnen, als hätten wir Vieles wohl in uns verſäumt zur Huͤlfe aufzu⸗ ziehen, da wir irrthuͤmlich ſo ſtolz des Einen uns ge⸗ ſichert glaubten, was wir Kraft nannten! Wo iſt die Bruſt, die menſchlich fuͤhlt, geliebte Tochter, erwiderte ernſt die alte Lady, und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Faſſung ſich ruͤhmen kann, dem Leben zu begegnen. Wir hoͤren darum nicht auf, kräftigen Gemuͤths zu ſein, wenn uns er⸗ ſchuͤttert, was Gott zur Prufung dieſer Kraft be⸗ ſchließt, ſie wird oft erſt recht wahrhaft uns zu Theil, wenn wir durchdrungen wurden von ihrer irdiſchen Gebrechlichkeit. Es hat mir oft ſcheinen wollen, als deuteten gar Viele den Begriff von Kraft wohl an⸗ ders, als es vielleicht von Gott bezeichnet ward, und Du, geliebtes Kind, ſcheinſt mir mit Deinen Klagen zuerſt Dir ſelbſt zu nahe zu treten. Kraft iſt etwas Anderes, als Härte des Gefuͤhls. Du biſt nicht ſchwach, wenn Du tief leidend fühlſt, was Gottes Hand Dir auferlegte. In Deinem Schmerze auch liegt Kraft, die Du zerſtoben wähnſt, weil ſie Dich nicht mehr ruͤſtet gegen ihn. Nicht das iſt mir als Kraft erſchienen, was uns abloͤſt von dem Allgefuhl von Schmerz und Freude, kräftig juſt ſcheint mir der Menſch geſtaltet, der Raum und Anklang fuͤr den Vollbegriff des Daſeins hat; Freud' und Schmerz muß Recht behalten uͤber ihn, und Streit und Wi⸗ derſpruche dürfen ihn bewegen. Immer wird er noch zum Bund der Starken ſich zählen duͤrfen, denn wenn Du reich begabt in's Leben trittſt, ergreift es Dich auch reich, Du trachteſt es zu beherrſchen, es reizt Dich, daß Du von ihm beherrſcht Dich fuͤhlſt. Dies Ringen um den Preis der Freiheit iſt das Ziel, das jeder ſtarken Seele vorſchwebt, und jeder Sie⸗ gende muß Kämpfer geweſen ſein. Was Dich als⸗ dann erquickt, nenn' es Frieden, nenn' es Geduld, es —3 iſt ſo ſchwer, es zu erringen, daß auch der Starke es ſpät erſt in ſeiner vollen Bedeutung ſein eigen nennt.— Geduld, geliebte Mutter, nennſt Du dies Lamm⸗ gefuͤhl, was die Natur, ohne alle Zugabe und Verdienſt, oft in die Bruſt des ſchlaffſten Weſens bei der Geburt ſchon legte? Nennſt Du es ſynonhm mit Kraft, wäh⸗ rend mir beide als Pole in der menſchlichen Natur er⸗ ſcheinen? Iſt denn Geduld nicht juſt der Mangel aller Kraft? Wird der, der Muth in ſich fuhlt, dem Leben die Geſtaltung abzuringen, die er in ſich beſchloſſen, als die rechte, wird er, anſtatt zu thun, wozu die Kraͤfte ihn beriefen, als thatenloſer Zeuge ſtehn und bloß empfan⸗ gen, gut oder ſchlecht, was Andere ſtatt ſeiner beſchloſ⸗ ſen?— Wer hat gelebt und nicht erfahren, liebe Tochter, daß jenen muthigen Beſchluſſen im Gelingen die Grenze geſteckt iſt. Wir ſchauen das Leben an, ein lieblich Rüthſel in der Jugend, von dem wir nur gluͤckliche Auf⸗ löſung hoffen. Es widerſtrebt dann ſpaͤter, und wir ent⸗ zůcken uns im Widerſtande, der unſere Kräfte weckt, im heißen, aber genuͤgenden Gefuhl ſo viel zu geben, als wir nehmen. Wer kräftig erſchaffen ward, der traumt, das Leben ſei in ſeiner kuͤhnen Hand; nach Außen hin ſieht er Soffnungen erweckt und ſuchet große Dinge; doch iſt kaum der Gipfel erreicht, wo er beginnen 157 wollte, und es bricht zuſammen, was in dem Bereiche dieſer Truͤmmer lag, was er juſt ſchaffen und erreichen wollte. Gar leicht erſcheint da dem Beſten auch der Augenblick, wo er ſich frägt, ob er die Welt, ob die Welt ihn betrogen habe. Der Kraͤftige uͤberlebt dieſen Augenblick, und was dann in ihm erſteht, beglaubigt erſt, was fruͤher er verheißen. Zwiſchen Wollen und Gelingen iſt die geheimnißvolle Tiefe ihm aufgedeckt. Die Grenze, die dem raſchen Schritte von Außen ward geſteckt, er ſteckt ſie ſelbſt ſich in die feſte Bruſt. In ſich zuruckgewieſen, ſammelt er die Schätze, die ſo rei⸗ zend aus ſich ſelber ihn herausgelockt; und was aus die⸗ ſem zuchtig eingehegten Schatze nach Außen dann wie⸗ der dringet, es will nicht ſich, es will dem Guten hel⸗ fend ſich erweiſen. Auf dieſem Wege kommt im Star⸗ ken, und juſt allein in ihm, das große Wort zu Ehren, was ich Dir nannte: Nenne es Frieden, nenn' es Ge⸗ duld!— O Mutter, wie Wenige verdienen dann Dein hei⸗ lig Wort! Wie ſchnode hab' ich ſelber auf dies Gefuhl geblickt, was aus Deinen Worten zum Heil genſchein mir wird, um eines Märthrers vernarbte Stirn!— Und wer auch, meine Tochter, ruft die Deutung dieſes Wortes uns himmliſcher zuruͤck, als dieſe Muſter hochſter Kraft und Tugend? Lohnte ihnen denn auf 158 ihrem Wege der irdiſche Erfolg? Glichen ſie nicht alle, von dem Hoͤchſten an, dem Säemann, der lang vor der Ernte dem Felde entruͤckt ward, das er in duͤrrer Zeit, den jungen Keim zu nähren, mit ſeinem eignen Blute ſanft betraͤufte? War die Geduld, mit der ſie ſchieden, nicht dieſer hoͤhere Aufſchwung ihrer See⸗ len, war ſie nicht Kraft?— Sie war es, theure Mutter! Nie habe ich dies verkannt, und doch iſt mir die Anwendung für unſer kleines Leben, ich geſtehe es Dir, nie ganz ſo klar geworden. Es iſt mir, als muͤßte ich die Bedeutung, die heute mich davon durchdrungen, in alle Welt ver⸗ kuͤndigen, daß Keiner länger wähne, er ſei in Kraft, wenn er dem Leben grolle, das von ſeinem eitlen Streben ihn verwieſen und eine Bahn ihn fuͤhrt, die minder den ſtolzen Träumen genügt, die er ſich ſelbſt erſchuf.— Der iſt der Schwache, liebes Kind, der unablaͤſſig dem Phantome ſeiner Eitelkeit nachſchleicht, der daran ſelbſt ſich zehrt, in ewig unbefriedigter Empfindung, und dem Individuum haſſend aufzubuͤrden ſtrebt, was ſeine eigne Schwäche ihm geboren. Doch laß mich ein Ziel finden, habe ich nicht zu lange in die⸗ ſem unbequemen Lehnſtuhl Dich gefeſſelt bei Deinen Leiden.— 159 Glaube das nicht, geliebte Mutter! Ein Engel fuͤhrte meine wankenden Schritte zu Dir, immer iſt Deine liebe Naͤhe der Balſam für mein Herz, doch heute haben Deine Worte mich erhoben, Du weißt nicht wie, und wie juſt zur rechten Zeit!— Gelobt ſei Gott! ſagte die alte Lady und kuͤßte der ſcheidenden Herzogin die Stirn, wir muͤſſen ſtets mit Ruͤhrung und mit Dankbarkeit es hoͤren, wenn Gott ſich unſerer bedient, denen wohlzuthun, die er liebt. Als die Damen ſich bei der Mittagstafel wieder fanden, zeigte die Herzogin ihrer Schwiegermutter an, daß ſie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren Soͤhnen habe, und daß ſie in einigen Tagen ſchon ihren Schwager und den jungen Herzog zuruͤck erwarten duͤrfe. Ihre Toͤchter und Miſtreß Deding⸗ ton und Carbhy forderte ſie dagegen auf, den Nach⸗ mittag der fremden Ladh einen Beſuch zu machen. Lucie ſchlug entzuͤckt in die Hände, und es war ſeit lange wieder das erſte heitere Mittagsmahl; denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders ſchien auf die verſchiedenen Hausgenoſſen nach Maaßgabe ih⸗ 160 rer Verhaͤltniſſe belebend zu wirken. Doch Luciens Vergnuͤgen kannte keine Grenzen. Die fremde Ladh, der Bruder, der Oheim, Alles reizte ihre natuͤrliche gute Laune, und Ramſeh und Pons und Ottweh und Jepſon und andere ihrer Lieblinge mußten durch tauſend kleine unſchuldige Neckereien der Ableiter werden, bis ſie die Fuͤßchen zu ihren Spruͤngen gebrauchen durfte. Mit einem Mal rief ſie: Liebe Mama, Du haſt uns noch nicht geſagt, wie die fremde Ladh heißt; wie ſollen wir ſie nen⸗ nen?— Darnach fragte ich nicht, mein Kind, denn es geziemt ſich nicht, den, der unſern Schutz genießt, mit Fragen der Art zu belaͤſtigen.— Aber warum ſagte ſie ihren Namen Dir nicht? fragte Lucie weiter.— Ich wuͤnſchte nicht, daß ſie Dinge ſpräche, die ſie angriffen, da Doktor Stanloff ſie geſchont wiſſen wollte.— Lucie wollte eben weiter fragen, warum die Nennung ihres Namens angreifend ſei, als die Herzogin nach einigen leiſen Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derſelben ſich erhob, mit dem Bemerken, ſie wuͤnſche, daß man ſich beim Deſert nicht ſtoͤren laſſe, welches ein Zeichen war, daß die beiden Damen allein ſein wollten. Als die 161 Herzogin ihre Schwiegermutter zum Kamin gefuͤhrt hatte, nahm ſie die empfangenen Briefe, und mit der ehrfurchtsvollen Aufmerkſamkeit gegen ein Familien⸗ haupt, als welches die alte Herzogin, trotz ihrer be⸗ ſcheidenen Zuruͤckhaltung, immer in der Familie ange⸗ ſehen ward, zeigte ſie ihr an, daß Lord Archimbald ihr einige Nachrichten gegeben habe, uͤber die ſchon vor dem Tode ihres Gemahls mit dem Grafen von Dorſet angeknuͤpften Heirathsangelegenheiten zwiſchen ihrem Sohne Robert und der älteſten Tochter des Grafen, der Lady Anna Dorſet. Beide hatten ſich, auf der Reiſe des Herzogs nach Spanien, bereits in London kennen gelernt und, wie es ſchien, ſich gefallen. Die Väter waren ſehr erfreut, ihre Wuͤnſche ſo in Er⸗ fuͤllung gehen zu ſehen, und der Oberhofmeiſter Graf Dorſet hatte den nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen, und den Grafen Ar⸗ chimbald und Salisburh alle dem verſtorbenen Herzog geleiſteten Verſprechungen in Betreff der Vermählung wiederholt. Mein Sohn jedoch, fuhr die Herzogin fort, hat es im gegenwaͤrtigen Augenblicke unpaſſend gefunden, mit ſeinen Bewerbungen vorzutreten, und obwohl er in dem Familienkreiſe des Grafen Dorſet erſchienen iſt und mit hoher Bewunderung von der jungen Lady Godwie⸗Caſtle I. 11 162 ſpricht, iſt doch ſeine Abſicht darauf gerichtet geweſen, ſich ſeiner Pflichten bei Hofe zu entledigen, um zu uns zuruͤckzukehren. Graf Archimbald wird ihn begleiten, um ihn hier in den auf ihn harrenden Pflichten zu un⸗ terſtutzen; er hat aber dagegen einwilligen muͤſſen, mei⸗ nen Sohn Richmond fuͤr einige Wochen beim Grafen von Salisburh zuruͤckzulaſſen, weil derſelbe leidend, die Unterſtuͤtzung einer zuverlaͤſſigen und ihm ergebenen Perſon wuͤnſchte. Hier iſt Richmonds liebenswuͤrdiger Brief, und hier die Einlage vom Grafen Archimbald. Ich kann Dir nur Gluck wünſchen, erwiderte die alte Herzogin, zu der Ausſicht einer Vermaͤhlung, die ich nach meiner Bekanntſchaft mit der Familie Dorſet heilbringend hoffen darf. Der Graf hat noch eine jun⸗ gere Tochter, welche Olonh heißt, und Beide, denke ich, konnten unter der Leitung einer ſolchen Mutter nur gut ſich entwickeln. Es muͤſſen uͤbrigens die reichſten Erbin⸗ nen in London ſein, Olonh jedoch bedeutend juͤnger, als Anna. Lies ſelbſi, liebe Mutter, ſagte die Herzogin lichelnd und reichte ihr Graf Archimbalds Brief, was mein Schwager mir uͤber Olonh ſagt; denn fuͤr Dich wird wohl das ſtrenge Geheimniß nicht obwalten, das er mir anempfiehlt. Du wirſt daraus ſelbſt ſehen, daß er dies junge Fraͤulein, das ihn ganz bezaubert hat, nicht um⸗ 163 ſonſt, naͤchſt Anna, fuͤr die gläͤnzendſte Partie aner⸗ kennt, und daß ſie ihm füͤr Richmond wie geſchaffen ſcheint. Doch als das Noͤthigſte erkennt er die groͤßte Geheimhaltung dieſes Wunſches, da Richmond ſich ſtets mit einer Art von Geringſchätzung uͤber geſtiftete Heirathen ausgelaſſen hat, und dies der erſte Grund ſein wurde, ihn zu entfernen. Ich war nicht ohne Gedanken darüber, ſagte die alte Herzogin, es koͤmmt vielleicht ſo, ohne unſer abſicht⸗ liches Dazuthun, was allerdings vorzuziehn iſt. Es freut mich, daß Katharine von Dorſet, die Mutter dieſer lie⸗ ben Mädchen, welche mir kindlich ergeben iſt, mir fruͤ⸗ her, als die Trauer⸗Nachricht zu uns kam, verſprach, ihre Toͤchter mir zuzuführen. Ich thue daher nichts Ab⸗ ſichtliches, wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Ruͤckkehr nach Burtonhall ſie an ihr Verſprechen erinnere.— Als man ſich an dem Abend deſſelben Tages ge⸗ trennt und die Herzogin die uͤbrigen Frauen ihrer Be⸗ dienung entlaſſen hatte, wendete ſie ſich zu Miſtreß Morton, die ſtets bis zu dem Augenblick bei ihrer Ge⸗ bieterin blieb, wo dieſe ihr Lager beſtieg, und ſagte, die Hand auf ihre Lippen legend, mit leiſer Stimme: Gehe, Morton, ſieh, ob Alles in Ruh um uns iſt, ob der Weg— ſie ſtockte und legte ſchnell die Hand⸗ 11* 1834 unter ihre linke Bruſt, als ob ſie einen Schmerz fuͤhle— ob der Weg, fuhr ſie mit bebender Stimme fort, leer iſt und ungeſtoͤrt uͤber dieſe Zimmer bis zum italieniſchen Fluͤgel. Ja, Morton, Du hoͤrteſt recht, erſchrick nicht, es iſt unwiderruflich beſchloſſen, ſetzte ſie hinzu, da Miſtreß Morton zuruͤck wich und ihr Erſtau⸗ nen faſt wie ein kleiner Ungehorſam ausſah. Schweig, ich bitte Dich! Ich moͤchte in dieſem Augenblick nicht gern ſtreng ſein, am wenigſten zu Dir, meine treue Freundin, und doch, ich wuͤrde den Dienſt, den Du mir heute noch leiſten wirſt, ſelbſt mit Härte von Dir erpreſſen.— Miſtreß Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl, um nicht an die Wahrheit dieſer Worte zu glauben, aber dies Vorhaben widerſtrebte zu ſehr ihrem treuen und vernuͤnftigen Sinn, um ſich ihm bereitwil⸗ lig zu fuͤgen. Es ſteht in Euer Durchlaucht Gewalt, meinen Gehorſam zu erzwingen, ſagte die ehrwuͤrdige Frau und ſenkte bekuͤmmert die Augen zur Erde; ich fühle dies in dieſem Augenblicke ſeit den langen Jahren, die ich Euch diene, zum Erſten Mal mit Schmerz, denn ich fuͤrchte, ihr fordert meinen gegen Euer Wohl!— Genug, genug! Mache es mir nicht ſchwer, das ohnehin ſo Schwere! rief die ohne Unwillen, —,— 165 aber mit tiefem Schmerz; ſei gut, rege nicht mein Herz auch noch durch die Furcht, Dir wehe zu thun, auf. Geh, geh! Thue, was ich Dich bat, es muß ge⸗ ſchehen! Es wird mir gut thun, laß mich nicht weiter ſprechen, und geh jetzt! Miſtreß Morton fuͤhlte, wie umſonſt ihr Wider⸗ ſtand ſein wuͤrde, aber ihr Geſicht war von den Ge⸗ fuͤhlen ihrer Bruſt mit dem Ausdruck tiefen Schmer⸗ zes umzogen, und die Herzogin wendete ſich mit ei⸗ nem Seufzer weg, als die alte Dame ſtumm eine der Kerzen ergriff und ſich aus dem Zimmer begab. Sie unterſuchte mit truͤber Ahnung die Ruhe des Schloſ⸗ ſes und kehrte, nachdem ſie uͤberall Alles ſtill und ruhig gefunden, mit ſchwerem Herzen nach dem Schlafgemach zuräck. Sie fand dies leer; aber die Thuͤre, die nach dem Chorſtuhl in der Kapelle groͤff⸗ net war, deutete an, wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen ſich gefluͤchtet. Voll Ehrfurcht, und erhoben von der Erinnerung an dieſen hoͤchſten Troſt, faltete Miſtreß Morton ihre zitternden Hände, und das kurze, aber innige Gebet ihres treuen Herzens war ſo uneigennuͤtzigen Inhalts, wie wohl ſelten zu dem Throne Gottes dringen mag. Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte, welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schluß ei⸗ 166 nes Gebetes zu ſein ſchienen, das mit ſtarker flehender Stimme geſprochen wurde: Herr, ſegne den ſchwachen Willen meines Her⸗ zens, laß mich Milde uͤben und belebe mit dem Geiſte Deiner unerſchoͤpflichen Gute dieſe erkaltete Bruſt. Du ſiehſt in die Tiefen der Seele, Du kennſt die Gedanken, ehe ſie entſtehen! Vor Dir ſinkt das Ge⸗ ruͤſt des Stolzes und der Eitelkeit, wohinter wir un⸗ ſer Gewiſſen zu bergen ſuchen. So erwecke mich denn und ruſte mich aus, Deinen Willen zu erfuͤllen. Nicht das geſchehe, was ich in meiner irdiſchen Schwaͤche begehre, ſondern das, was Du willſt, das lehre mich thun, und Dein guter Geiſt fuͤhre mich auf ebener Bahn!— Es ward ſtill, und bald erſchien die Herzogin an dem Eingang der Thuͤr, und als ihr Blick auf Miſtreß Morton fiel, die mit gefalteten Haͤnden, den Kopf in Andacht auf die Bruſt geſenkt, ihr gegenuͤberſtand, ſchritt ſie ihr entgegen und ſagte mit gehobener Stimme: Amen!— Amen! erwiderte Miſtreß Morton leiſe. Beide Blicke trafen ſich, und die Scheidewand zwiſchen Herrin und Dienerin ſank nieder in dem frommen Gefühle, womit Beide erfuͤllt waren. Die Herrin ruhte einen Augenblick an dem muͤtterlichen Buſen der edlen Frau, die in der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wuͤnſche längſt ver⸗ 167 lernt hatte. Willig ließ ſie ſich dann gefallen, was die alte Freundin zu ihrer Verhuͤllung herbei ſchaffte, und unterdruͤckte das hindernde Wort, als die Sorg⸗ liche mit geheimnißvoller Haſt nach dem Flaͤſchchen griff, deſſen Inhalt der Herzogin oft zu Huͤlfe kom⸗ men mußte. Sie nahm ſodann den Armleuchter und ſchritt der Herzogin voraus. Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenſter, das Licht der ſchwankenden Kerzen vermochte die weiten Räume nicht zu durchdringen, aber die ſeit Jahren ſo oft durchſtreiften Gemächer boten kein Hinderniß dar, und man gelangte nach dem noͤrdlichen Thurmzimmer und ſtand jetzt vor der Thuͤr, die nach dem italieni⸗ ſchen Flügel fuͤhrte. Die Herzogin reichte mit geſenk⸗ tem Blick an Miſtreß Morton den Schlſſel, den ſie unter ihrem Mantel trug, und Morton oͤffnete die Thuͤre, welche ſogleich die weiten Säle uͤberſchauen ließ, die, in ihrer innern Einrichtung ſo abweichend von den eben durchwanderten Zimmern, die Kunſt⸗ werke aufbewahrten, welche dieſem Fluͤgel ſeinen Na⸗ men gaben. Seit der Abreiſe des letzt verſtorbenen Herzogs nach Spanien waren dieſe Zimmer nicht er⸗ öffnet. Die Herzogin bewahrte den Schluſſel dazu und hatte bis jetzt jeden Gebrauch deſſelben verwei⸗ gert. Wer hätte denken moͤgen, daß ſie ſelbſt dieſe 168 Stelle zuerſt und zu einer Stunde betreten wurde, die den Geiſt empfaͤnglicher macht fuͤr die Schauer ſo ſchmerzlicher Erinnerungen. Auch ſchien die Ladh von dem ganzen Gewichte dieſes Augenblicks ergriffen und blieb wie uberwältigt an der Schwelle ſtehn, während ihr im qualvollſten Schmerze glaͤnzendes Auge die Räume durchflog, die, durch den Schein des Mondes, der hier durch farbloſe breite Fenſter drang, ganz ungemein er⸗ hellt, gegen die duſtern eben durchſtreiften Gemächer ei⸗ nen ſo auffallenden Kontraſt bildeten, daß es ſcheinen konnte, als liege hier die Wohnung eines verklaͤrten Gei⸗ ſtes, von üͤberirdiſchem Lichte erhellt, vor Augen. Der Zauber des Schoͤnen benahm ſo dem Duſtern jegliches Grauenhafte, der Geiſt hob ſich unter dem Einfluß die⸗ ſer Magie, und die Herzogin überſchritt die Schwelle, waͤhrend ihre Seele auf einen Augenblick abgezogen war von dem Schmerze ihrer Bruſt. Leiſe den Kopf ſchut⸗ telnd folgte ihr Miſtreß Morton. Das Vorhaben ihrer Gebieterin, zu dieſer Stunde die Wohnung des gelieb⸗ ten Gemahls wieder ſehen zu wollen, ſchien ihr ſo weit die Grenzen von Vernunft und Mäßigung zu über⸗ ſchreiten, die ſie ſonſt bei ihrer Gebieterin wahr zu neh⸗ men gewohnt war, daß ſie ſich geſtehen mußte, ſie knne ihr nicht mit ihren Gedanken folgen. Es ſchien eine Art von Ueberſpannung, eine Schwärmerei in ihrem Begin⸗ 169 nen zu liegen, wofuͤr die alte Dame weder in ſich, noch in den bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maaß⸗ ſtub fand, und ſie mußte hier entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung, daß noch ein anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen koͤnne. Sie behielt wenig Zeit zu ſolchen Betrachtungen, indem ſie dicht hinter ihrer Gebieterin in das Zimmer des Herzogs trat. Die ungluͤckliche Gat⸗ tin, plötzlich von all den theuern Gegenſtänden umge⸗ ben, die in ungeſtorter Ordnung noch ſeiner Ankunft zu harren ſchienen und die treuen Zeugen ſeines ſchoͤnen Lebens waren, ſank mit einem Strom von Thranen an dem Armſtuhl nieder, in dem er ſo oft vor dem mit Buͤchern und Karten bedeckten Schreibtiſch ſaß, Jedem, der in die gegenüberliegende Thuͤr trat, das helle Auge zuwendend. Welch' eine Reihe von Gedanken ergriff hier mäch⸗ tig ihr gebeugtes Herz in dieſem ihr faſt heilig ſcheinen⸗ den Gemach, von ſeinem Fuß zuletzt betreten, von ſei⸗ nem Odem noch erfullt. Die ewige ſchreckliche Tren⸗ nung, die ſie mit allen Qualen durchgefühlt, hier ſchien ſie ihr zur Lüge zu werden. Sie hob den Kopf, ſie ſchaute umher, die Täuſchung ſchien von dieſen theuern umgebungen ihr Gewand zu borgen, er mußte kommen, hier konnte er nicht fehlen. 120 Komm! rief ſie dumpf, verlaß mich nicht! Komm! O laß mich nicht allein! Sie lag noch auf ihren Knien, aber aufgerichtet mit dem Haupte, das ſie uͤber ihre Schulter nach der Seite zu gewendet hatte, wo ein dich⸗ ter Vorhang den Eingang zum Schlafgemache verbarg. Es war unaus ſprechlich ſchauerlich, wie ſie die Hand ausſtreckte, als wolle ſie die ſeinige ergreifen. Miſtreß Morton bebten die Knie, und es rieſelte kalt uber ihre Gebeine. Sie war frei von den Schwaͤchen, die der da⸗ maligen Zeit noch nicht fremd waren, an Zauber und Erſcheinungen zu glauben, aber ſie hatte den edlen Her⸗ zog geliebt, und die Erinnerungen, die dies Zimmer in ſich ſchloß, hatten ihr treues Herz auf's Neue in Trauer verſenkt. Sie begriff die Leiden ihrer unglucklichen Ge⸗ bieterin zu wohl und hegte zu viel Ehrfurcht fuͤr dieſelbe, um ſtoͤrend mit ihrem geringen Troſte dazwiſchen treten zu moͤgen. Aber ſie ſchauderte, und ihr ſorglicher Blick richtete ſich auf das Ende ſo tiefer und zerſtoͤrender Leiden. Der Ausdruck in den Zuͤgen der Herzogin war milde gewor⸗ den, und ihr Auge, in truͤbem Glanze ſchwimmend, von einer unausſprechlichen Tiefe des Schmerzes und der Zaͤrtlichkeit belebt. Aber ihr langes ſtummes Harren blieb umſonſt, der Vorhang bewegte ſich nicht, nur ein tiefer Seufzer traf ihr Ohr und riß ſie vom Boden em⸗ — ————————— 171 por. Sie ſturzte einige Schritte vorwärts und ſtand vor der bebenden Morton, die ſie vollig vergeſſen hatte, und aus deren treuem Buſen der Seufzer gedrungen war, der ſelbſt dieſe ſtarke Frau bis an die Grenzen des Geiſterreichs gefuͤhrt hatte. Doch der kurze Wahn, von dem ſie hier umſponnen ward, war alſobald zerriſſen, und die Wirklichkeit trat ſchmerzenbringender, als je, ihr nahe; denn die Sehn⸗ ſucht war in ihrer ganzen Stärke wiederum erwacht, und die unwiderrüfliche Nothwendigkeit, dies oͤde Da⸗ ſein ohne ihn zu tragen, ergriff dies ungezähmte leiden⸗ ſchaftliche Gemuͤth in ihrer ganzen Staͤrke. In bittern Thränen aufgeloͤſt, ſank ſie in einen Stuhl nieder, und vergeblich rang dies Herz nach Ergebung und Geduld. Der Augenblick war ganz verſchieden von jenem fruͤhe⸗ ren, der ſie voll Andacht der Kapelle zugefuͤhrt, und was jetzt zu Gott gelangte aus der gereizten Bruſt, wir wol⸗ len hoffen, es fand Gnade vor dem väterlichen Richter, der mild den Schmerz der irdiſch Fuͤhlenden betrachtet. Auch dieſer Wendung ihres Kummers ſah Morton lange ſchweigend zu, doch von den Thuͤrmen tonte dumpf der letzte Ruf der Wächter, verkundigend, daß Mitter⸗ nacht voruͤber ſei, und ihr Muth ward durch die pflicht⸗ getreue Sorge um dieſe ſchrecklich nächtliche Wanderung und deren Folgen fur die ſchwankende Geſundheit der 17 2 4 Ungluͤcklichen nun wiederum belebt. Sie näherte ſich und wagte mit ſanften Worten die Vitte, zurück zu keh⸗ ren, nicht länger ſo zerſtoͤrend auf ihre Geſundheit ein⸗ zuſturmen. Die Herzogin zog die kalten Hände von dem verweinten Geſicht bei dieſer unwillkommenen Mah⸗ nung, und zuͤrnend faltete ſie die hohe Stirn. Ich gebe Dir die Freiheit, zuruͤck zu kehren, da die⸗ ſer heilige Raum mit drohenden Gefahren Dir erfüllt zu ſein ſcheint. Auch ohne Dich erreiche ich hier mein Ziel, und beſſer ohne hartherzige Störung der heiligſten Empfindung! Verlaß mich, ich will ſorgen für Dich, wie Du fuͤr mich, ſo deute ich Deine Worte wohl ih⸗ rem Sinne nach.— O wie beklage ich Euch, da Ihr ſo ungluͤcklich ſeid, mich ſelbſt ſo grauſam zu verkennen, rief Miſtreß Mor⸗ ton hier mit einem ſolchen Ausdruck von Schmerz, ſo ohne allen Unwillen, indem heiße Thränen auf die kal⸗ ten Hände der Herzogin floſſen, daß dieſes ſtarre Herz, was nur allzu vft erſt im Bereuen ſich erweichte, davon ergriffen ward. Hierdurch aus ihrem maaßloſen Gram erweckt, trat auch der Zweck ihres Hierſeins auf's Neue vor ihren Geiſt, und mit ihm das wirkſamſte Mittel gegen dieſen Schmerz. Langſam erhob ſie ſich, ihre Thränen hoͤrten auf zu fließen. ——— 173 Der Zweck, wozu ich hierher kam, liegt außer dem Bereich Deiner Beurtheilung, hob ſie ernſt und tonlos an; darum ermuͤdet mich Dein Einreden mehr, als es Deine ſtets gute Abſicht wohl verdient. Ergieb Dich in meinen Willen, Du koͤmmſt mir ſo am beſten zu Huͤlfe. Zuͤnde dieſe Kerzen an, verlaß dieſes Zimmer und harre dann meiner im Vorſaal, fuhr ſie zoͤgernd und mit ge⸗ preßtem Odem fort, ich hoffe, ich werde bald Dir dahin folgen. Sollte ich jedoch in einer halben Stunde nicht kommen, ſo kehre Du hierher zuruͤck, ich bedarf dann vielleicht Deiner Huͤlfe.— Miſtreß Morton zuͤndete, während die Herzogin in ihren Mantel gehuͤllt, wie vol⸗ lig ruhig, in der Mitte des Zimmers ſtand, die Kerzen an, die in fruͤhern beſſern Tagen nur halb verzehrt dies wohnliche Gemach erleuchtet, und verließ es dann mit ſtummer Sorge. Jetzt war der entſcheidende Moment unabweisbar herangenaht. Ich bin abgefunden mit mir ſelbſt, ich bin feſt— dies lag in ihrem Sinne, es lag in ihrem Schritt, womit ſie ohne Verzug den Kerzen ſich nun näherte, ſie ergriff und den Vorhang aufhob, der ſie in das kleine Schlafgemach verſetzte, das mit dem feinſten Schmucke der in Holz geſchnittenen Wände eine ſchon gezogene Rotunde bildete. Es war auf den Zier⸗ rath dieſes ſchoͤnen Schmuckes eingeſchränkt. Alles zur Ausſtattung eines Schlafgemachs Gehoͤrige war in den 124 Niſchen angebracht, welche die Holzwände bildeten, die getrennt von den Mauerwänden ſtanden und durch fein gefugte Thuͤren, die dem Druck der Feder folgten, in ſich verſchwindend, zugänglich wurden. Die Herzogin beruͤhrte eine dieſer Federn in dem Schnitzwerke, und ſogleich theilten ſich von ſelbſt die Waͤnde und die dunkel ſeidenen Vorhaͤnge, die das Bett des Herzogs umzogen, bewegten ſich, in dem feinen Zuge wallend, ihr entgegen. Sie preßte die Hand an ihr pochendes Herz und ſchaute feſt dahin, bis der leiſe Hauch vertheilt war und die Vorhaͤnge ihr ſchwaches Leben wieder aufgegeben hatten. Sie ſah es, ſie war allein, die Vorhaͤnge hoben ſich nicht von geliebter Hand, und dennoch weilte ihr Blick, ihre ganze Geſtalt wie bezaubert auf jener Gegend. Sie zuckte, als wollte ſie ſich wenden, und doch, ſie vermochte es nicht. Sie ſchritt endlich vor, den Arm⸗ leuchter in ihrer Hand; ſie ſetzte ihn am Bette auf einen Tiſch nieder, ſchlug die Hände in einander und rief mit feſter Stimme: Noch ein Mal wiederhole ich es Dir, o mein Gemahl, ich bin gekommen, Dir zu vergeben, Deine Ehre wird mir heilig ſein! Und Al⸗ les, was Dir gehoͤrt, es ſei von mir erkannt, als hätte Deine Bitte darum mein Ohr erreicht. Hoͤre mich, kein Eid iſt unverletzlicher, als der Entſchluß, — 175 den meine Liebe meinem Stolze abgerungen, ich vergebe Dir! Dies wird zu Dir dringen, und wenn Dein Herz, mit dieſer Schuld belaſtet, unge⸗ ſoͤhnt vor Deinen Richter trat, ſo ſei die Vergebung Deines Weibes die Fuͤrbitte an Gottes Throne, und Friede ſei Deinem Geiſte!— Sie war wieder ſie ſelbſt geworden unter dieſen Worten. Ihr guter En⸗ gel neigte der Siegerin ſich zu, der Friede ſenkte hei⸗ lend ſich in ihre Bruſt; ſie hätte ſterben koͤnnen, das Irdiſche lag bekämpft zu ihren Fuͤßen. So ſei es, ſprach ſie nach einer Pauſe. Sie wandte ſich und ſchritt der gegenuber liegenden Wand entgegen. Eine Blumenſchnur in Holz geſchnitten hing darüber hin; in dem Kelche einer Roſe blitzte ein kleiner goldner Punkt, er gab dem Drucke nach, und die ſanft ver⸗ ſchwindenden Waͤnde zeigten ein lebensgroßes Bild in reichem goldnen Rahmen. Es war eine junge Dame von engelgleicher Schoͤnheit, die aus dieſem Bilde mit einer Wahrheit blickte, daß das zauberiſche Lächeln um ihren Mund ſich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen ſchien. Ein Laubdach bluͤhender Mhrten und Orangen zog wie eine Halle ſich um ſie her und ließ nur uͤber ihrem Haupte ei⸗ nen reinen blauen Himmel durchdringen, deſſen Licht die Roſenkrone zu verklären ſchien, die ſie in den 126 dunkeln Locken trug, welche glaͤnzend auf ihre ſchoͤ⸗ nen Schultern niederwallten. Ihr Kleid war weiß, ein Purpurmantel, durch Juwelen auf ihren Achſeln feſtgehalten, wallte bis zu den Fuͤßen nieder; in ih⸗ ren ſchoͤnen Haͤnden trug ſie einen phantaſtiſch ge⸗ formten Stab, halb Dolch, halb Zepter oder Kreuz, mit Lilien und Epheuranken feſt umwunden, vielleicht zum Strauße blos erdacht. Es war ein Meiſterwerk der Kunſt, und doch vergaß man das Verdienſt des Kuͤnſtlers, ſo hoch hatte er ſein Werk geſtellt. Ihm gegenuber dachte der unbefangene Beſchauer nur, wie die Natur in einem Weſen ſo alle ihre ſchoͤnſten Ga⸗ ben ausgegeben habe, eine wuͤrdige Huͤlle, wie es ſchien, fuͤr eine Seele zu erſchaffen, die wie ein En⸗ gelsgruß aus ihren Augen blickte. Schon war dies zauberiſche Bild einen Augen⸗ blick enthuͤllt, und der Blick der Herzogin ruhte noch am Boden, als wären ihre Augenlieder ſchwer bela⸗ ſtet. Doch jetzt erhob ſie dieſelben, mit Hoheit ſich emporrichtend, und fuhr dennoch in ſich zuſammen. Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an, obwohl es immer länger, immer heißere Schmerzen ſog. So haſt Du mich alſo getäuſcht! rief ſie endlich; ja, es iſt kein Zweifel, zum zweiten Male ſchuf die Natur Dich nur, durch Dich! So 172 ſei mir Gott gnädig! Doch ich vergebe Dir, ich ver⸗ gebe Dir, hoͤre mich, Gott, und vergieb Du ihm auch!— Noch ein Mal blickte ſie feſt auf dies liebliche Geſicht, das vergeblich auf ihr ernſtes Ant⸗ litz niederlaͤchelte; beſonnen verſchloß ſie es dann, und die Kerzen ergreifend verließ ſie das Gemach und eilte ohne Ruͤckblick durch das angrenzende, als fuͤrchte ſie in ihrer Kraft zu wanken. Stark druͤckte ſie die Thuͤr, die nach dem Vorſaal fuͤhrte, auf und ging ohne Aufenthalt an Miſtreß Morton voruͤber, welche zitternd ihr entgegentrat. Du frierſt, ſprach ſie feſt, laß uns eilen, meine Liebe, es wird kalt, der Morgen naht, wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgeſetzt. So ſchritt ſie weiter, bemuͤht, ruhig zu erſcheinen, nicht ahnend, wie in ihrer Hand der fremd geformte Leuch⸗ ter aus dem eben verlaſſenen Gemache unbeachtet ſchwankend hing, Zeugniß ablegend gegen ihre ange⸗ nommene Ruhe. Doch dem ſorglichen Blicke Mor⸗ tons war dies nicht entgangen. Der Leuchter mußte zuruͤck bleiben, wenn er nicht in ſeiner abweichenden Form zum Verräther werden ſollte. Doch zoͤgerte das warnende Wort auf ihren Lippen. Sie fuͤhlte, wie ſich die Stimmung der Leidenden verrieth, die ſo ſtolz ſich ihr zu entziehen ſtrebte. Bald indeß ver⸗ Godwie⸗Caſtle I. 12 128 mißte die Herzogin den folgenden Schritt der Diene⸗ rin, als dieſe zoͤgernd weilte; ſie wandte ſich, und nun ſtreckte Miſtreß Morton ihren Armleuchter ihr ſtumm entgegen. Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Verſehen; ſie loͤſte die erſtarrte Hand von ſeiner Saͤule. Miſtreß Morton eilte damit zuruͤck, und we⸗ niger feſt ging dann die Herzogin weiter, den langen duͤſtern Weg, den kein Mondlicht mehr erhellte, deſ⸗ ſen Stille kein Wort mehr unterbrach; nur das Ge⸗ raͤuſch der ſich oͤffnenden und ſchließenden Thuͤren, und das Rauſchen der langen Gewänder uͤber den ge⸗ täfelten Boden, der ſeufzend ihre Schritte wieder zu empfinden ſchien, unterbrach dieſen geiſterähnlichen Zug. Die Fremde kannte indeſſen keinen ſehnlicheren Wunſch, als der Herzogin uͤber ihre Lage die nothige Auskunft zu geben. Das Zuſammenſein mit dieſer ausgezeichneten Frau hatte ihr die Ausſicht auf ein unbedingtes Vertrauen eroͤffnet, nach dem ſie ſich leb⸗ haft ſehnte, und ihre eigne hochgeſtellte Individualität hatte ſie vor dem Eindrucke der Befangenheit be⸗ wahrt, den die Herzogin leicht machte, und der dem Erkennen ihrer uͤbrigen Vorzuͤge ſo hinderlich ward. 179 Sie fuͤhlte ſich durch die Geſellſchaft der jungen Da⸗ men des Hauſes von allen Schreckniſſen ihrer Phan⸗ taſie befreit und dem harmloſen Vergnugen hingege⸗ ben, das junge Mädchen in dem Umgange mit ein⸗ ander finden. Ihr Verſtand war jedoch zu geordnet, um die Verwirrung nicht loſen zu wollen, die in ihr Leben getreten war; ſie hoffte mit Recht, ſich klarer zu werden, indem ſie verſuchte, ſich Andern ſo dar⸗ zuſtellen. Die Aeußerungen der Herzogin über ihre Geburt, ihre Unſchuld, hatten die Bewußtloſigkeit der Jugend über dieſe Punkte in ihr zerſtoͤrt und ſie ge⸗ lehrt, auf ſich ſelbſt anzuwenden, was ſie als ferne geſicherte Zuſchauerin wohl von Andern hatte bezeich⸗ nen hoͤren, und was allerdings genuͤgend war, dieſe beiden großen Güter des Lebens ihr außer Zweifel zu ſtellen. Sie hatte dies nicht ſobald erkannt, als ihr Geiſt daran arbeitete, die Bilder ihres Lebens zu ordnen. Ein leichtes Geſchaͤft, wie es ſchien, wo in ſo zarter Jugend die hervorragendſte Begebenheit be⸗ ginnt und ſchließt, und alles Fernere ſich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt. Auch war es das erſte Mal, daß ſie ihr junges Leben uͤberdachte und ihre Vorſtellungen dar⸗ uͤber auffriſchte, und je laͤnger ſie dachte, je ſeltſamer ward ihr dabei. Widerſpruche, Dunkelheiten drängten 125 ſich ihr auf, welchen zu begegnen ſie ſich ſchämte. Das hoͤchſte Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte ſie bisher von allen dieſen Reflerionen abgeloͤſt, und ſie fuhlte ſich ſehr unvorbereitet zu einer Art von Rechenſchaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehr⸗ gefuͤhl dazu getrieben. Daß ſie aber nicht leicht ſein wuͤrde, daß Räͤthſel vorhanden ſeien, daruͤber ließ ihr folgerechter und gebildeter Geiſt keine Täuſchung mehr zu. Wenn indeß bei anderer Sinnesart dieſe Ueber⸗ zeugung von der Nothwendigkeit einer Erklärung ge⸗ gen die Herzogin ihr haͤtte Befuͤrchtungen erregen koͤnnen, erhoͤhte ſich in ihrer Seele nur das Verlan⸗ gen darnach; denn von der erfahrnen Frau glaubte ſie vielleicht geloſt zu hoͤren, was nur Mangel an Er⸗ fahrung, wie ſie hoffte, ihr ſo dunkel erſcheinen ließ. Und ſo erbat ſie am andern Tage durch Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin, welche dieſe auch ſogleich gewaͤhrte. Sie beſtimmte dazu die mittlere Schloßhalle, welche von der Sonne des Fruͤhlings anmuthig er⸗ hellt war. Auf Miſtreß Morton geſtuͤtzt, trat die lie⸗ benswuͤrdige Geſtalt ein und begegnete dem ſtrengen hohen Blicke der Herzogin, der ſich forſchend noch ein Mal auf ſie richtete, mit einem ſo klaren, ruhi⸗ gen und furchtloſen Aufblick ihrer Augen, daß die 181 Herzogin von einer kleinen Beſchämung ſich ergriffen fuhlte. Ihr oſt erprobtes Mittel, durch dieſe Haltung Andere in ſchuͤchterner Ferne zu halten, ging an der wunderbaren, faſt kindlichen Hoheit dieſes frei ent⸗ wickelten Weſens ohne alle Wirkung verloren. Das augenblicklich daruͤber in ihr entſtehende Nachdenken ließ dieſem jungen zarten Maͤdchen Zeit, die Herzo⸗ gin anzureden, und mit der Ueberlegenheit der innern Wahrheit ihr ſo liebevolle und ehrerbietige Dinge zu ſagen, daß ihr Verhältniß zu dieſer ſtets ſich uberhe⸗ benden Frau in vollkommene Gleichheit und Natür⸗ lichkeit geſtellt war, ehe die Herzogin aus ihrem kur⸗ zen Nachdenken zuruͤckkehren konnte. Der Uebergang, den ſie zu finden hatte, war ihr jedoch neu und nicht ganz klar, und ſie begleitete einige froſtige Worte mit einem bittern Lächeln und fuͤhrte die junge Dame zu einem der Lehnſtuͤhle, welche man in die Bogen der Thuren geſchoben hatte, um die liebliche Ausſicht der Terraſſen zu genießen. Es entſtand eine kleine Pauſe, indem Miſtreß Morton ſich auf einen Wink ent⸗ fernte, und die Herzogin, welche ſich erwartungsvoll zu ihrer Gefährtin wendete, ſah ietzt auf ihrem Ge⸗ ſichte den ruͤhrendſten Ausdruck einer lebhaften Em⸗ pfindung. Sogleich fuͤhlte ſie ſich in ihre beſſere Stimmung verſetzt, und mit dem gewinnenden Tone, der ſeine Modulation in einem gütig geſtimmten Her⸗ zen findet, ſagte ſie: Wir haben nun Zeit und Ruhe, uns ganz nach Willkuͤr unſere Mittheilungen zu machen; doch eilt da⸗ mit nicht, Lady. Laſſen wir die ſchoͤne Natur nicht un⸗ beachtet, die ſich dort vor uns ausbreitet. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich in den gefuͤhlvollen Zuͤgen die Liebe an ſolchen Gegenſtaͤnden leſe, auch iſt kein Balſam ſuͤ⸗ ßer fuͤr ein leidendes Herz, als der Anblick von Gottes herrlichen Werken, wie auch kein Freund das gluckliche Berz beſſer zu verſtehen ſcheint und deſſen Empfindung wuͤrdiger erhoͤht, als eben die Natur. Seht, Lady, wie ſchoͤn die Sonne die fernſten Gegenſtände erhellt! Seht Ihr den glänzenden Streifen, der zunächſt den Horizont wie ein breiter ſilberner Guͤrtel zu umſchließen ſcheint? Es iſt der Trent, der ſeine ſchoͤnen ſchiffbaren Waſſer an den Grenzen dieſer Grafſchaft voruͤber führt, und in ihm viele Vortheile, mir aber einen oft wiederholten Ge⸗ nuß in ſeinem reizenden Anblicke, da ich vor Allem die Nähe des Waſſers liebe. Ich bewohne daher auch gern Burtonhall, welches meiner Schwiegermntter gehoͤrt, und am Ausfluſſe des Trent in den Humber gelegen iſt and allen Zauber eines Waſſerſchloſſes um ſich verbrei⸗ tet hat. Auch ich fuͤhle lebhaft dieſe Neigung, hob hier die junge Fremde an, denn ich bin in einem Schloſſe ge⸗ boren und großtentheils erzogen, das meine Eltern an der Grenze von England an den ſchoͤnen Ufern des Solvah⸗ Firth in der Grafſchaft Cumberland bewohnten. Wie, Lady? rief die Herzogin, wie ſagt Ihr? In Cumberland? Bei Euern Eltern? Sie hielt inne, denn deutlich leuchtete aus den erſtaunten Blicken der ſo hef⸗ tig Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen. Doch ſich ſchnell faſſend und einen Uebergang ſuchend, fuhr ſie gemäßigter fort: Verzeiht, Lady! Lebhaft beſchaͤftigt mich Euer Schickſal, wie gern moͤchte ich Euch dies Vertrauen, das Ihr mir ſchenken wollt, erleichtern, und doch, es wird Euch ſchwer, ich fuͤhle es. Ihr irrt, Mylady, wenn Ihr es in Bezug zu Euch verſteht, erwiderte mit Sanftmuth und Ruhe die Fremde; aber Ihr habt Recht in Bezug auf das, was ich Euch zu ſagen habe. Denn dies Euch mitzutheilen, em⸗ pfinde ich eben ſo viel Scheu, als Sehnſucht. Mein Troſt iſt, daß Ihr es wiſſen werdet, und meine Furcht, ob ich im Stande ſein werde, Euch ein klares Bild von meinem jungen Leben machen zu koͤnnen. Schenket mir Nachſicht, wie Ihr mir Mitleid ſchenket. Ach, My⸗ lady, ich weiß, Ihr werdet mir Beides nicht verſagen. Doch laßt mich Euch darum bitten; es thut meinem Herzen wohl, zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor zu blicken. Ehe die Herzogin es verhindern konnte, ſenkte ſie ſich zu ihren Fuͤßen, druͤckte die Hand derſelben an ihre Lippen und mit beiden Haͤnden dann innig an ihre Bruſt, waͤhrend ein Himmel von Liebe und Ver⸗ trauen aus den thraͤnenſchweren Augen zu ihr auf⸗ blickte. Das Herz der Herzogin war in Gefuͤhlen er⸗ ſchuttert, die ſie zwar einſt mit der Zeit zu hegen ge⸗ wuͤnſcht hatte, die ſie aber jetzt faſt gegen ihren Wil⸗ len empfand, und nicht durch die Herrſchaft über ſich, wie ſie gewähnt hatte, ſondern durch die zauberiſche Herrſchaft einer ſich ihr mächtig entgegenſtellenden Individualität, von der ſie ſich bezwungen ſah. Von dieſem Augenblicke an liebte ſie ihre Schutzbefohlene, und welche Schattirungen auch dieſe Liebe ſpäterhin gewann, dieſer Moment war doch entſcheidend fuͤr Beide. Faßt Euch, liebes Kind, ſagte ſie weich; mein Herz iſt bereit, mit Euch zu fühlen; ſeid offen und wahr, wie vor Euch ſelbſt, und denket dann nicht weiter daran, wie Alles klingen mag. Alter und Er⸗ fahrung kommen verſtaͤndigend Euch wohl bei mir zu Hulfe. 5 185 Und wahr will ich ſein, wie vor Gott, der gegen⸗ waͤrtig iſt und meine Gedanken leiten wird, rief die junge Lady, ſtand bei dieſen Worten auf und ſetzte ſich dann langſam und ruhig in ihren Seſſel nieder, und das Auge in die Ferne richtend, hob ſie ernſt und ge⸗ faßt ihre Erzaͤhlung an: In Cumberland, Mhlady, wie ich Euch beſchrieb, an dem ſchoͤnen Waſſerſpiegel des Solvay-Firth, von weiten Gaͤrten umgeben, dort in dem Schloſſe meiner Eltern in Nordwighall ward ich geboren. Mein Vater war der Graf von Melville, der Nachkomme Robert Melville's, des Freundes der ſchottiſchen Koͤnigin. Meine Mutter war eine Gräfin von Marr, und ſie hatten Schottland beide verlaſſen nach dem Tode mei⸗ nes Großvaters, ſeinen Willen damit erfuͤllend, über deſſen Urſache ich nie etwas hoͤrte, vielleicht weil Nord⸗ wighall ſo wunderſchoͤn gelegen, ſo prachtvoll erbaut war und ein Geſchenk der Koͤnigin Eliſabeth an mei⸗ nen Großvater. Von der Zeit an, daß ich mir dies gluͤckliche Leben zuruͤckrufen kann, blieben mir außer meinen Eltern und den gefälligen Gäſten noch einige Perſonen zur Seite, die theils meine Erziehung oder Pflege keiteten, theils mein Gluck durch ihre Liebe und ihren Umgang erhoͤheten. Doch vor Allen nenne ich Euch die Mutter und Schweſter meiner Mutter; § 186 zwar lebten ſie nicht mit uns, aber ſie machten uns haͤufige Beſuche, und oft begleitete ich ſie nach ihrem Schloſſe, das tiefer im Innern des Landes lag. Au⸗ ßer ihnen lebte mein theurer Erzieher, der Caplan mei⸗ ner Eltern, um mich, und zu meiner Aufſicht war mir eine liebe Frau gegeben, die fruher bei meiner Tante gelebt hatte und ſo unendlich gut zu mir war, daß ſie ſtets mit Muͤhe und Sorgfalt jeden Dienſt fuͤr mich uͤbernahm und meine Perſon nie aus ihren fuͤrſorglichen Haͤnden ließ. Meine Zeit war, als ich aus den erſten Jahren der Kindheit trat, mit Sorgfalt eingetheilt. Meine Eltern beſaßen große Kenntniſſe, ſie mwuͤnſchten ſie auf mich zu uͤbertragen, und Maſter Brirton, mein guͤtiger Lehrer, zu Orford gebildet und hoch angeſehen, unternahm es, als Freund meines Vaters, mich in den alten Sprachen und den hoͤhern Wiſſenſchaften zu unterrichten. Welch' ein gluͤckliches Leben ſchufen mir dieſe abwechſelnden reizvollen Be⸗ ſchäftigungen. Die ſchoͤnen Morgenſtunden, wo ich in Brirtons kleinem Studirzimmer ſeinen liebevollen Unterricht genoß, und aus ſeinem weiſen Munde das Gute und Schoͤne vernahm, und es, von ihm oft wiederholt, endlich auch behalten lernte. Und dann, wenn die ſpaͤtern Stunden herankamen und ich ſchon von ferne den Schritt des Vaters erkannte, der nun 187 kam, mich hinaus in's Freie zu fuͤhren. Die muthi⸗ gen Pferde ſtampften den Boden und trugen uns pfeil⸗ ſchnell durch die ſchoͤne Gegend. Ich ſchoß den Vogel in der Luft, und der ſchwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir; ich lief mit den Kin⸗ dern des Schloſſes um den Preis; ich ſprang von dem Rande der Terraſſen und Waͤlle immer höher und hoͤ⸗ her, wie mein Vater es ſelbſt leitete. O, wie gern that ich das Alles, wie fuͤhlte ich ſo recht mein gluck⸗ liches Herz!— Die Nachbarſchaft von Schottland, der nahe Hafen von ††f brachte dann oft Fremde. Nicht immer durfte ich erſcheinen, denn es hätte meine Zeit verdorben, die ſo ſchoͤn durch Brirtons immer bereite Guͤte ausgefuͤllt war; aber es waren oft Feſte, wo die Jugend der Gegend ſich in Tanz und Spiel auf dem Schloſſe erfreute. Doch hoͤher, als alle dieſe Freuden, galt mir die Gegenwart meiner Tante. O, Myladh, welch' eine Frau war dies! Bedenke ich, wie ich fuͤhlte, ſo muß ich ſagen, daß ich nur fuͤr den Au⸗ genblick lebte, wo ich ſie wiederſehen ſollte. An ſie dachte ich, wenn ich in Arbeiten ermuͤden wollte; ihr Andenken war meine hoͤchſte Strafe, wenn ich gefehlt hatte; ihr heiliger Ernſt umſchwebte und mäßigte die trunkene Freudigkeit meines Herzens. Und war ſie nun endlich da, die heiß Erſehnte, deren Bild mich wie mein 188 Schutzgeiſt umgab, dann fand ich keine Ruhe, ehe ich nicht zu ihren Fuͤßen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und Uebertretung. Jah⸗ relang behielt ich ihre Antworten. Ach, ſo ſprach kein Menſch außer ihr, es war nie zu vergeſſen; es waren immer nur wenige Worte, oft ein Blick, eine leiſe Bewegung des Hauptes oder ein Lächeln, wor⸗ in Lohn und Strafe lag, wie ſie Keiner ertheilte. Ach verzeiht! rief die junge Erzaͤhlerin hier, und heiße Thränen ſtuͤrzten aus ihren Augen, glaubt mir, Mh⸗ lady, ich weiß nicht, wie ich leben kann, da dieſes Ziel meines Daſeins, dieſer Zweck meines Strebens, meiner Wuͤnſche und Hoffnungen, mir geraubt iſt. Sie verhuͤllte ihr Geſicht, und die Herzogin ehrte den heißen Schmerz dieſes feurigen Gemuͤthes durch mildes Schweigen. Und doch, Mhlady, ſie iſt es allein wieder, warum ich leben kann, warum ich leben will, und Alles ertragen und handeln, als ob ihr heiliger Blick mich noch richten koͤnnte, wie ſonſt. Sie wuͤrde mir zuͤrnen, wenn ich von Gottes Erde mich weg wuͤnſchte, weil Ungluͤck mich traf; ſie haͤtte umſonſt fuͤr mich gelebt, wenn ich dem er⸗ ſten Kampfe erlaͤge, und nicht im Schmerze freudig bliebe und geduldig vor Gott. Nein, nein, ich will freudig ſein, ich will— aber unendliche Thraͤnen 189— machten dieſe Angelobung der Freudigkeit unaus⸗ ſprechlich ruͤhrend. Bemuͤht, ſie abzuziehen, hob die Herzogin an: Wie, Lady, wie verhielt ſich Eure Mutter zu dieſem Verhältniſſe? Sagt ſelbſt, trat die Tante nicht der Liebe faſt zu nahe, die Eurer Mutter, däucht mir, mehr gebuͤhrte, wie glich ſich dies in Euerm Herzen aus? Sicher ſo milde, als alles Uebrige unter dieſen Schweſtern, erwiderte unbefangen die Erzählerin, ich habe nie daran gedacht, ob ich darin fehlte, ich bin gewiß, man hätte es mir geſagt, wenn ich Unrecht damit that. Ich genoß nicht immer den Umgang meiner Mutter. Sie war kraͤnklich und hielt mich von ſich ſtets in einiger Entfernung; nur Muſik machte ich mit ihr in ihren Zimmern, ſobald ſie nicht ganz darnieder lag, jeden Abend, und aus der Ferne fuͤhlte ich mich ſtets durch die liebevollſten Anord⸗ nungen, die von ihr ausgingen, an ſie erinnert. Nein, Mylady, ſicher, ich kraͤnkte meine theure Mutter nicht durch meine Liebe zu dieſer Tante. Es wird mir recht klar daruͤber, nun ich daran denke. Dieſe theure Tante war ſo verehrt von aller Welt, daß dies ſelbſt auf ihre nächſten Verwandten uͤberging. Meine Mut⸗ ter behandelte ſie ſtets mit einer Liebe, die an Ehr⸗ 190 erbietung grenzte. Mein Vater gab ihr den Vor⸗ rang im Hauſe, ja, ſelbſt meine Großmutter, welche vor mehreren Jahren ſtarb, ſchien mit Stolz in ih⸗ rer Tochter ein Weſen hoͤherer Art zu erkennen. So fand Jeder meine Lebe natuͤrlich, und nie war die arme, leidende Mutter mir darum weniger hold. Ich habe Euch nun noch zwei theure Perſonen zu nennen, welche ich immer bei den lieben Beſuchen fand, die ich meiner Tante abſtattete. Es war der Bruder meiner Tante, mein theurer Oheim, und ſein Freund, und ſie ſind, theure Lady, die Ein⸗ zigen, die mir das Schickſal ubrig ließ. Sie hoffe ich wieder zu finden, denn ſie leben in London an dem Hofe des Koͤnigs. Die wenigen Wochen, die wir dann mit einander lebten, ſind die genußreich⸗ ſten meiner Erinnerung. Wir blieben in der tiefſten Einſamkeit. Niemand, als die alten Diener des Schloſſes, war um uns her, aber die Tage vergin⸗ gen wie Stunden, ach, und ich zu gluckliches Kind war der Mittelpunkt aller Liebe, aller Belehrung. Die Erzählungen dieſer Männer belebten die einſa⸗ men Gemächer um mich her, an den Hintergrund der alten Geſchichte meines Landes und Europa's reih⸗ ten ſie die Begebenheiten der Zeit. Ich lernte das Voſe kennen, denn ſie wollten mich davor behuten. Sie wuß⸗ 191 ten lebendig mir alle die Wunder des Lebens zu ſchildern; ſie pruͤften mich dann, daß ich in ihren Erzählungen ſelbſt das Rechte wählen und erkennen lernte. Sie er⸗ dachten tauſend Proben fuͤr mein Gefuͤhl, fuͤr meinen Verſtand, füͤr meine Kenntniſſe, und oft ſagte mir mein Oheim, ich ſei vielleicht beſtimmt, aus dieſer tiefen Stille plotzlich in das Leben am Hofe und in große Verhaͤltniſſe zu treten. Doch ſtets muͤſſe ich dort ſo ſtill und gefaßt bleiben, wie hier, und die Wuͤrde des Charakters und der Handlungen über jede äußere Wuͤrde ſtellen. Dieſe Andeutungen konnte meine theure Tante nie ohne Thraͤnen hören, wie ich überhaupt bei reiferen Jahren wohl einſah, daß dieſer Engel un⸗ ter großen Leiden gebeugt ſei. Sie war ſo fromm, daß ſie nie klagte, ſondern ſtets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb, und indem ſie mir großen Gram eingeſtund, mich doch immer aufforderte, nie zu mur⸗ ren, nie das Gluck als noͤthig zu betrachten, da das Ungluͤck oft eher unſer Herz veredle und dieſe Ver⸗ edlung doch allein der Zweck unſers Lebens ſei. Hoͤchſt ſchmerzlich war jedes Mal unſere Trennung, oft blieb ich länger, als mein Oheim, oft reiſte ich fruͤher zuruͤck. Ein Jahr iſt es jetzt, daß ich gluͤckſelig unter ih⸗ nen war, als die Nachricht von dem ploͤtzlichen Tode meines Vaters uns erreichte. Er ſtarb in Edin⸗ 132 burg, wohin meine Mutter ſich ſogleich begab, die mich indeſſen bei der Tante zu laſſen wuͤnſchte. Wir waren alle innig betruͤbt, und meine Thränen floſ⸗ ſen ungeſtort ſeinem theuren Andenken. Auch blieb ich mehr unter Hanna's Aufſicht, da meine Ver⸗ wandten wegen des ploͤtzlichen Todes meines Vaters viel zu überlegen und zu ſchreiben hatten. Endlich ka⸗ men Nachrichten von meiner Mutter. Sie war zurückgekehrt nach Nordwighall. Die Beſitzungen mei⸗ nes Vaters in Schottland waren entfernten Ver⸗ wandten zugefallen. Dies Schloß in England mit ſeinen ſchoͤnen Ländereien war als Geſchenk der Koͤ⸗ nigin Eliſabeth unabhängig davon, und das Beſitz⸗ thum der Witwe. Meine Tante fuhrte mich zurück, und da die Geſundheit meiner Mutter ſehr gelitten hatte, ſchien ſie ſich nicht von ihr trennen zu koͤnnen, wobei meine Lage ſie ebenfalls zu beunruhigen ſchien, indem ich durch die Entfernung des Doktor Brir⸗ ton, welcher eine einträgliche Caplanſtelle in Edinburg angenommen, faſt einzig auf den Umgang von Hanna beſchränkt war. Warum ſie ſich dennoch von uns trennen mußte, weiß ich nicht, da es ihr und uns allen ſo vielen Kummer machte. Von da an bezog ich Zimmer, welche an die meiner Mutter grenzten, und nur ſelten verließ ſie ſeitdem das Bett oder dieſe Zimmer. Doch auch jetzt noch hielt ſie mich bei aller Liebe, die ſie mir ſchenkte, und ſo viel meine Bitten es ihr nur moͤglich ließen, von ſich entfernt. Ich mußte, ſo oft es bei dieſem Allein⸗ ſtehen ſich thun ließ, meinen Beſchäftigungen und Vergnuͤgungen nachhängen, doch reiten durfte ich nur in dem weitlaͤuftigen Park, ſchießen nur in dem beſchränkten Schloßhof, zum Tanzen gab es keine Veranlaſſüng, und ich hatte keine Geſpielin mehr. Da⸗ gegen trieb ich fleißig meine mit Brirton begonnenen Studien, beſonders die alten Sprachen, die ich ſo gerne mag. Da brach, durch den traurigen, feuchten Winter ohne Kälte veranlaßt, bei dem erſten Hauch des Fruͤhjahrs ein ſchreckliches epidemiſches Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unſerer Nähe dahin. Ach dies war damals mein groͤßter Kummer, und vermehrt durch das ſtrenge Gebot, nicht uͤber die Grenzen der Terraſſen mich zu begeben, wo man die Luft noch am geſundeſten hielt. Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt! Unglaublich war mein Entzuͤcken, als plotzlich meine Tante eintraf. Ihr Entſchluß war, bei der Nachricht von der Epidemie, die um uns her wuͤthete, uns entweder, wenn es die Kräfte meiner Mutter er⸗ Godwie⸗Caſtle I. 13 194 laubten, von Nottinghall zu entfernen oder die Schrek⸗ kenszeit mit uns zu theilen. Meine Mutter wuͤnſchte ſehnlich uns zu entfernen, aber mit Entſetzen erfullte mich der Gedanke, die einſam Leidende zu verlaſ⸗ ſen. Man drang nach den erſten Verſuchen nicht weiter in mich; aber die ſtarke und zärtliche Mutter bot nun ihre letzten Kräfte auf, um abzureiſen. Ach, dies große Opfer ihrer Liebe raubte ſie uns auf im⸗ mer. Sie ließ ſich auf die Terraſſe fuͤhren, die lang entwoͤhnte Luft zu athmen, ach, ſie ſog den Tod ein, der in dieſer Luft ſeinen Hauch ausſandte. Noch in derſelben Nacht zeigte ſich das ſchreckliche Fieber, welchem dieſer entkraͤftete Koͤrper keinen Wi⸗ verſtand zu leiſten vermochte. Am dritten Tage war ſie dahin. Ach, ich habe ſie nicht gepflegt, nicht ihren letzten Seufzer gehoͤrt. Meine Tante, welche ihr Lager verließ, ſagte mir, mein Anblick und die Furcht einer Anſteckung wuͤrde ſie todten; ſie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Be⸗ fehl, ſogleich abzureiſen. Ich war in einer willenlo⸗ ſen Betäubung. Wir reiſten den zweiten Tag ab, denn die Fol⸗ gen dieſes Fiebers waren ſo ſchrecklich, daß meine Mutter ſchon den andern Abend nach ihrem Tode bei⸗ geſetzt werden mußte. Doch ſo tief ich auch in 195 Schmerz verſenkt war, nur zu bald gewahrte ich an meiner theuern Tante, welch' neues Leiden uber uns einbrach! Sie hatte an dem Bette ihrer Schweſter die ſchreckliche Anſteckung eingeathmet, und das Fieber brach am zweiten Reiſetage aus. Wir erreichten das Schloß, aber— laßt mich meine Gefuhle überge⸗ hen, denkt ſie Euch. Ich ſah Alles, was mir theuer war, dem Tode verfallen; der Tod bereitete ſich auch in ihren Adern vor. Sie ſagte mir, es ſei noͤthig geweſen, einem juͤngern Bruder ihrer Schweſter von dem Tode derſelben Anzeige zu machen, er werde vielleicht erſcheinen, aber ſie verlange, daß ich in der Zeit mein Zimmer nicht verließe; ich wuͤrde un⸗ ter dem Schutze meines aͤlteſten Oheims ſtehen, von dem ſie nur Nachricht erwarte, um mich alsdann in Sicherheit zu wiſſen. Außerdem ſollte ich Hanna und Gerſem, ihrem Kammerdiener, folgen, ſie hätten in allen Fällen ihre Befehle fuͤr meine Sicherheit. Sie blieb noch lange bei mir und war bemuͤht, meinen grenzenloſen Schmerz zu mäßigen, obwohl ſie ſelbſt oft ihre Thranen ſtroͤmen ließ. Gegen das Ende unſerer Unterredung ward ſie ohnmächtig. Man trug ſie auf ihr Bett; ſie verließ es nicht wieder. Ach, was von da an mit mir geſchah, ſo lang ich im Schloſſe war, weiß ich kaum. Ich lag in dem 13* —ů Ü“—“ Ü Ü˖·˖·¹ ‧˖— ů·——— 196 Vorzimmer, das zu meiner Tante fuhrte, auf den Knieen, bis ſie mir ihren Tod nicht mehr verheimli⸗ chen konnten. Mich verließ die Beſinnung. Als ich Fwachte, ſaß Hanna an meinem Bette, ich durfte nicht weinen, todtenſtille im verhängten Zimmer mußle ich bleiben, der gefürchtete juͤngere Oheim war ange⸗ kommen, Alles bebte vor ihm, man zitterte, ihm meine Gegenwart zu verbergen, man fuͤrchtete noch mehr, ſie zu verrathen. Ein mir vollig fremdes Gefuͤhl, das der Furcht vor einem Menſchen, ſo unbekannt, ſo grauenhaft, weil ich nicht errathen konnte, was ich zu fuͤrchten hatte, ergriff mit dem Schmerze zu⸗ gleich meine Seele. Noch war keine Nachricht von meinem älteren Oheim, meinem Beſchuͤtzer, ein⸗ gegangen, und ohne dieſen durften wir das Schloß nicht verlaſſen. Gerſem war in die Nähe des ge⸗ fuͤrchteten neuen Herrn gebannt, der indeß von Allem Beſitz nahm, und dem dieſe Zimmer nur entgingen, weil ſie ein Anbau in einem kleinen Seitentheil des ganz alten Schloſſes waren. Die Leiche meiner Tante war auf ſeinen Befehl ausgeſtellt, und Hanna ſagte mir, ſie ſei ſchoͤn und unverſtellt, wie lebend, denn das Fieber ſchien, wenn auch noch tödtlich, doch ſei⸗ nen zerſtörenden Charakter an dieſer ſchoͤnen Leiche ver⸗ loren zu haben. Ach, dieſe Worte vollendeten mein — ————,————————— —————— 197 Ungluͤck. Von da an ließ meine heißeſte Sehnſucht, ſie noch einmal zu ſehen, mir keine Ruhe mehr. Hanna blieb unerbittlich und ſchob endlich Alles auf Gerſem, der am Abend, wenn er ſich von ſeinem Herrn entfernen duͤrfte, zu uns kommen wollte. Er kam und blieb lange feſt, denn der Saal, in dem ſie ſtand, war nur durch eine Gallerie zu erreichen, an der die Zimmer lagen, die der Oheim bewohnte; aber ich trieb mit meinem Ungeſtuͤm mein hartes Geſchick herbei. Zu ſeinen Fuͤßen ſtroͤmten meine Thranen, meine Worte. Er willigte ein. In meine Trauerſchleier gehullt, folgte ich ihm um Mitter⸗ nacht mit zitterndem Schritt. Hanna verſchloß hin⸗ ter uns ſich in die Zimmer, die wir verließen. Gluͤck⸗ lich erreichten wir den Saal, zu dem Gerſem den Schluͤſſel fuͤhrte. Ich ſah die Zuͤge, die mein Le⸗ ben begluͤckt hatten, zu denen einer Heiligen verklärt. Lange betete ich an ihrem Sarge, gelobte ihr Alles, was ſie lebend von mir begehrt; ihr Anblick hatte mich uͤber den Schmerz erhoben, ich fühlte mich völ⸗ lig beſonnen, als ich Gerſem aufſchreien hoͤrte und eine gellende Stimme an mein Ohr traf. Ich ſprang auf, um zu entfliehen, aber ich fuͤhlte mich gehal⸗ ten, und ein Blick auf den, der mich ergriff, ſagte mir, ich ſei in der Gewalt des gefuͤrchteten Oheims. ———— 198 Ach, was er ſagte, kann ich nicht wiederholen, es wa⸗ ren wuͤthende Schmähungen, Spott, Gelächter an* dem Sarge ſeiner Schweſter! Verzweiflung ergriff mich, ich rang mit ihm, er behielt meinen Trauer⸗ mantel, und als mein erbleichtes Angeſicht vor ihm enthuͤllt war, glaubte ſeine feige Seele einen Geiſt zu ſchauen. Er ſchrie wild auf, verhuͤllte ſein Geſicht, und er war es nun, der fliehen wollte. Zugleich fühlte ich mich von Gerſem weggezogen. Doch wir hatten noch nicht die Thuͤre erreicht, da hatte der Elende ſich gefaßt. Du biſt alſo kein Geiſt, ſchrie er lachend, nun ſo ſei mir willkommen! Er entriß mich Gerſem, ich ſchien verloren, meine Sinne ſchwank⸗* ten, meine Kräͤfte brachen. Da ſtuͤrzten die Diener plotzlich herein, und der Ruf von Feuer drang uns entgegen. Er ließ mich nun los und eilte nach der Gallerie, wir ihm nach, zu entfliehen. Das Feuer ſtuͤrzte uns praſſelnd aus der Gegend, wo wir Hanna verlaſſen, entgegen. Ich wollte mich hinein ſtürzen, Hanna zu retten; aber Gerſem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel uͤber mich, rief Hanna's Ge⸗ fahr einem Andern zu und ſchleppte mich mit uͤber⸗ legener Kraft durch die Gänge nach dem Garten. Hier gab er mir Luft, aber nothigte mich, eilig weiter zu ſtiehen, bis wir, aus dem Park entkommen, einen W 199 Meierhof erreichten. Hier verhuͤllte er mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke. Er forderte zwei Pferde, die man ihm, als angeſehenen Schloß⸗ bedienten, nicht verſagte. Eine Strecke vom Hauſe beſtiegen wir ſie und jagten fort. Gerſem ſagte mir, er wiſſe kaum wohin, doch nach London muͤſſe ich. Er gab mir ein kleines ſchwarzes Buch; ich kannte es wohl, es gehoͤrte meiner Tante; ich ſolle es auf meiner Bruſt verbergen, er habe es ſeit ihrem Tode immer bei ſich getragen. Die Angſt vor der wilden Nähe jenes Mannes verſchlang bei mir jedes andere Gefuͤhl, ich fuͤrchtete nichts, als ihn. Nach London wollte auch ich, dort lebten meine Beſchuͤtzer, das wußte ich. Doch es war anders beſtimmt. Unſere Pferde trugen uns noch den andern Tag, doch dann nicht laͤnger. In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein. Ein altes gutes Weib ſuchte mich zu erquicken, obwohl ſie wenig beſaß und ich unfähig war, Nahrung zu nehmen. Gerſem pflegte unſere erſchoͤpften Pferde. Wir mußten die Nacht raſten, obwohl kein Schlaf uns erquickte, denn mein Herz war erfüllt von Schmerz, und die ſchreckliche Ungewißheit von Hanna's Schickſal fügte noch neue Leiden hinzu. Mit dem erſten Morgenſtrahl brachen wir auf, doch unſere Eile war umſonſt. Um Mit⸗ ———— 200 tag hoͤrten wir den Bufſchlag von Pferden hinter uns. Gerſem hatte keinen Zweifel, daß es unſere Verfol⸗ ger ſeien. Da ergriff ihn blinde Wuth und Ver⸗ zweiflung. Er trieb mein erſchöpftes Pferd an, und die immer näher kommenden jagenden Pferde friſch⸗ ten auch in den unſern den natürlichen Inſtinkt an, jene nicht vorkommen zu laſſen. Doch dieſer Wett⸗ lauf blieb in einer offenen oden Gegend dennoch ohne Erfolg. Verwünſchungen trafen unſer Ohr, Staub huͤllte uns ein, im Nu waren wir umringt. Der furchterliche Mann ergriff meine Zugel, er wollte mich ſelbſt ergreifen, aber mein Abſcheu benahm mir jede Furcht. Ich befahl ihm, mich nicht anzuruͤhren, und er gehorchte mir; aber er nannte Gerſem Entfuhrer, Verraͤther. Ach, noch mehr boͤſe Worte folgten, und er wollte wiſſen, wer ich ſei.— Wer ſie iſt, gehoͤrt nicht vor Euch und geziemt mir nicht, Euch zu ſa⸗ gen; aber hütet Euch, ſie zu kränken, furchterlich wird die Rechenſchaft ſein, die Ihr zu geben habt, fuͤrch⸗ terlich die Strafe, die Euch erreichen wird.— Doch dieſe muthigen Worte, die meinen Verfolger erſchrecken ſollten, erhitzten ihn nur mehr. Ich mußte ſehen, wie dies ehrwuͤrdige Geſicht von einem Schlage ſei⸗ ner wilden Hand verletzt ward, während er mich ſo⸗ gleich anrief, ihm zu folgen. Doch mich in die rohe W 201 Gewalt dieſes Mannes zu begeben, ſchien mir haͤr⸗ ter, als der Tod. Ich will nicht mit Euch, ich will nach London, dort finde ich Schutz; laßt mich wei⸗ ter reiſen! rief ich außer mir. Er ſtieß hier ein ſo wildes Gelaͤchter aus, daß ich ſchaudernd mich weg⸗ wandte. Doch in dem Augenblick fuͤhlte ich ſeinen Arm um mich. Ach, mein Angſtgeſchrei riß Ger⸗ ſem wild wie einen Loͤwen herbei. Er hatte den ſchrecklichen Mann, der mich hielt, ſchon ergriffen, als dieſer wuͤthend ſeinen Degen zog. Ich ſah nur noch, daß er blitzend uͤber Gerſems Haupt flog, und die tiefe breite Wunde in ſeinem Schädel, mit der er niederſtuͤrzte. Als meine Beſinnung wieder⸗ kehrte, hoͤrte ich ein geiſtliches Lied mit leiſer Stim⸗ me neben mir ſingen, und der feine Geruch von dem erſten Gruͤn des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet. Ich verſuchte die Augen zu oͤff⸗ nen, aber ich fuͤhlte mich ſo erſchoͤpft, daß ich es erſt vermochte, nachdem die wiederkehrende Beſinnung mir all' die erlebten Schrecken zuruͤck rief. Ich ſah mich in einem duͤſtern niedrigen Zimmer, ſpärlich von einer Lampe, mehr durch das Licht des Mondes, der in ſei⸗ ner Fuͤlle durch ein offenes Fenſter drang, erhellt und auf einem Lager ausgeſtreckt, wie man es für Sterbende von Stroh, mit weißen Tuͤchern bedeckt, zu bereiten pflegt. ——— ——————————— 202 An meiner Seite ſaß ein Weib in armſeliger Bauer⸗ tracht, ſie ſang das Lied, welches mich zuerſt erweckt, und deſſen ruͤhrende Worte mir jetzt verſtandlich wur⸗ den. Dazwiſchen drang aus einem andern Theile des Hauſes heftiges Geſpraͤch und Gelaͤchter. Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben, obwohl meine Glieder mir ſteif und todtenkalt erſchienen, als das fromme Lied meiner Gefährtin durch Männer⸗ ſchritte unterbrochen, die Thuͤr aufgeſtoßen ward, und ein Mann eintrat, deſſen erſtes Wort mich meinen Verfolger erkennen ließ. Kaum unterdruckte ich den Schrei des Entſetzens, doch meine Erſtarrung half mir; ich ſchloß ſogar meine Augen. Er fragte das Weib, ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben. Sie iſt todt, Sir, ſagte die Alte, in der ich nun diejenige erkannte, die mich am Tage zuvor gepflegt hatte; glaubt mir, das junge Leben iſt dahin. Schweig'! rief er wild, todt oder lebend, ſie muß mit fort; ſo wie der Morgen koͤmmt, breche ich auf, und Ihr geht und ſorgt fuͤr meine Leute! Er naͤherte ſich meinem Lager und bog ſich uber mich. Welch' ein Augenblick! Ich preßte den Athem zuruͤck, unbe⸗ ſtimmt noch fuͤhlte ich, dies muͤßte meine Rettung werden. Und was iſt das? rief er wild, indem e wie es ſchien, einen Zweig aus meiner Hand riß, was 203 ſollen dieſe Todtenkraͤuter? Ich beſtreute ihre Leiche mit dem erſten Gruͤn, ſprach das gute Weib; ſoll ihr junger Leib da liegen, ohne den Schmuck der Jugend? Ich glaube, ihm graute, denn er verließ ſchell das Zimmer. Ich hielt den Athem an, bis ſeine Schritte in dem Geraͤuſche der untern Stube verhallten, dann nahm ich alle meine Kraͤfte zuſam⸗ men, um zu ſprechen. Doch meine erſten Worte ergriffen die gute Frau, die ſich in den Gedanken an meinen Tod vertieft hatte, ſo heftig, daß ſie mich hätte verrathen koͤnnen. Sie ſagte mir auf meine Frage, die Leiche meines Begleiters ſei am Tage vor⸗ her ſchon weiter gebracht, mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe laſſen wollen, da er mich nicht fuͤr todt gehalten haͤtte. Doch gab ſie endlich meinen Bitten nach, mich zu befreien. Ich knuͤpfte ein Seil, welches ſie herbeiſchaffte, an den Fenſter⸗ rahmen, um meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen. Dann eilte ich, ach kaum fähig zu gehen und doch von Angſt getrie⸗ ben, an der füͤrchterlichen Thuͤr voruͤber aus der Huͤtte. Im Walde fand ich einen Knaben, den ſie mir mitgab, mich auf die Heerſtraße nach Lon⸗ don zu fuͤhren; weiter reichten meine Gedanken für's Erſte nicht. Noch ehe der Mond unterging, waren wir hindurch, denn ich fuͤhlte meine Kräfte auf's Neue erhoͤht. Als wir nach dem Verſchwinden des Mondes bei nun eingebrochener Dunkelheit die Heer⸗ ſtraße erreicht hatten, verließ mich mein letzter Troſt, der gute Knabe, den ich nicht aufhalten durfte, um nicht ſeine Mutter und mich zu verrathen. Ich war nun allein, und unter welchen Umſtänden? Aber Gott hielt mein Herz, er rief meine Gedan⸗ ken zu ſich, ich konnte zu ihm beten, und die Schrek⸗ ken meiner Lage fielen ab von mir; als ob um mich her ſichtbare Engel gingen, ſo muthig, ſo in der Ge⸗ genwart Gottes fuͤhlte ich mich. Als der Morgen anbrach, war ich weit vorgedrungen. In der Nacht mußte ich an der Stelle voruͤber gegangen ſein, wo der Mord an Gerſem veruͤbt war. Ich befand mich ſchon auf Punkten, die ich Tages vorher nicht ge⸗ ſehen, und die Straße war noch gebahnt; doch das Tageslicht erfüllte mich mit neuem Grauen. Ich bemuͤhte mich, meine Kleider unſcheinbar zu ordnen; aber endlich kamen Menſchen daher, und ich erregte doch ſo viel Erſtaunen, daß ich mich jeden Augen⸗ blick neuen Gewaltthätigkeiten ausgeſetzt glaubte. Auch ſtellte ſich bei zunehmender Mudigkeit ein unabweis⸗ bares Bedürfniß nach Nahrung ein; aber der Muth fehlte mir, bei gänzlichem Mangel an Gelde, in den 205 Doͤrfern oder Huͤtten darum zu bitten. Ich hoffte durch Schlaf mich zu ſtaͤrken und ſuchte in ei⸗ nem Gehoͤlze hinter einer hohen Hecke einen Ruhe⸗ punkt. Aber der Schlaf mag nicht erſcheinen, wo Durſt und Hunger quälen; er nahte mir nicht, und mit Entſetzen fuͤhlte ich ſo meine Kräfte immer mehr ſchwinden. Ich ſcheute den Tod nicht, ob⸗ wohl Gott es weiß, daß ich ihm gehorſam blieb und ihn nicht rief; aber meine Gedanken ſtumpften ſich immer mehr ab, ſo daß ich endlich, ganz gleich⸗ guͤltig gegen Alles, mich wieder weiter ſchleppte. Meine klarſte Vorſtellung iſt, daß ich von der Kälte des Morgens am Rande eines Waldes erweckt ward. Meine Kleider waren naß vom Thau, ich fuͤhlte Froſt; der Wald ſchien mir wärmer; darauf waren meine Betrachtungen beſchräͤnkt. Ich ging weiter, denn daß ich fort mußte, lag dunkel in mir, doch wie weit noch, ehe ich dieſe rettende Zuflucht er⸗ reichte, das weiß ich nicht, und ſelbſt daß ich die Treppe zur Terraſſe erreicht, wie man mir ſagt, wo ich gefunden ward, iſt mir voͤllig entſchwunden und muß in der Betäubung geſchehen ſein, die mich zu⸗ letzt meines Kummers und aller meiner Leiden uͤber⸗ hob. Jetzt, Mhladh, wißt Ihr Alles, was ich ſelbſt in mir hervorzurufen vermochte, und ich athme leich⸗ naee120beaee n 206 ter, nun Ihr es wißt; denn ich werde nun Eures Rathes genießen, und mein Name und meine Ehre werden außer Zweifel vor Euch ſein.— Ob dem wirklich ſo war, wenigſtens in Betreff des Namens, hätten vielleicht Alle bezweifelt, die den abgeleiteten Blick gewahrt hätten, den die Her⸗ zogin bei dieſen letzten Worten uͤber ihren Schuͤtzling warf. Er ging indeß an dieſer Seele unbemerkt vor⸗ uͤber, und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehoͤrten erſchuttert, um nicht ſanftern Gefuͤhlen Raum zu goͤnnen. Liebreich zog ſie die von der Er⸗ zählung tief Vewegte an ihre Bruſt und fuͤhrte ſie gegen das warme Licht der Sonne, und das kindliche Weſen nahm ſo ruhig an dem Buſen der Herzogin Platz, als koͤnne dieſem Haupte kein ſiche⸗ rer und wohlthuenderer Ruhepunkt geboten werden. Sanft verhieß ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz, und die Lady kuͤßte ſtumm und innig ihre Hände. Und nun, Mhlady, flehte ſie ſanft, gebt mir bald Mittel, meinen Oheim von meinem Schickſale zu unterrichten. Die Herzogin ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte ſie: Ich fuͤhle mich allein nicht ſtark genug, Euch den beſten Rath zu geben; doch morgen er⸗ warte ich meinen Schwager und meinen Sohn von „ 4 ———— 207 London zuruͤck. Wenn Ihr mir erlaubt, ſo theile ich dem Erſteren Eure Erzählung in den Haupt⸗ ſachen mit; er kennt alle Umgebungen des Hofes, alle Große des Landes, er wird Euch am Erſten ſagen, wo ihr Euern Oheim, den Grafen von Marr, auffindet. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet hier unter weiblichem Schutze lieber weilen, bis Euer Oheim fuͤr Euch eine aͤhnliche Stellung erſehen, als ihn aufſuchen, und ſo biete ich Euch noch ein Mal mei⸗ nen Schutz auf jegliche Dauer an. Nachdem die junge Gräfin Melville auch für die neue Gunſt innig gedankt hatte, ſchien ſie merk⸗ lich ruhiger; nicht ſo die Herzogin. Fuͤr dieſe un⸗ gluͤckliche Frau begann erſt jetzt der ſchwerſte Kampf. Mit ſchwankender Stimme hob ſie an: Ich habe Euch bis heute Euer Eigenthum aufgehoben und lege es jetzt in Eure Hände. Mit dieſen Worten nahm ſie ein Käſtchen, welches die Juwelen der Gräfin enthielt, und fuhr dann fort: Wollt Ihr mir wohl die Beutung dieſer ſchoͤnen kunſtvollen Gaben nen⸗ nen? Sicher theure Andenken von eben ſo theuern Perſonen. Ihr ſeid unwohl, Frau Herzogin, ſprach die Graͤfin, ihr in das Geſicht blickend, ſetzt Euch nieder; ich habe Euch ermuͤdet! Laßt mich Euch fuͤhren; * 208 ich ſetze mich zu Euch und erzähle Euch von dieſen Gaben; das wird Euch erheitern, denn es ſind nur ſchoͤne Rüͤckerinnerungen. Daß Ihr ſie gefunden und mir aufbewahrt habt, ſagte mir Miſtreß Morton; denn mit meiner Beſinnung trat auch mein Schmerz uͤber den Verluſt dieſer theuern Güter ein, die ich gelobt hatte nie abzulegen. Dies Buch, ſprach ſie weiter und hob das mit der Perle verſchloſſene Porte⸗ feuille heraus, gehoͤrt mir nicht; nur in den Händen meiner Tante ſah ich es. Habt Ihr den Inhalt un⸗ terſucht? fragte ſie, und ihre Finger ſchienen zagend auf dem Schloſſe zu ruhen; ſollte es wirklich fuͤr mich beſtimmt geweſen ſein? Hat ſich Gerſem nicht ge⸗ täuſcht? Was glaubt Ihr? darf ich es öffnen?— Es iſt nicht leer und der Inhalt wohl ſicher fuͤr Euch beſtimnt, ſagte die Herzogin. Ich muß Eure Verzeihung erbitten, daß ich die Bedenklichkeiten, die Euch jetzt bewegen, weniger obwalten ließ. Als man es mir mit den Juwelen, die Ihr trugt, uͤbergab, oͤff⸗ nete ich es, in der Hoffnung, vielleicht dadurch mit Euerm Namen oder Euern Angehoͤrigen bekannt zu werden, und den um Euch Bekuͤmmerten Nachricht von Euch geben zu koͤnnen. Doch ich fand, ſonder⸗ bar genug, nur zwei Wechſel von tauſend Pfund, ausgeſtellt auf das Handlungshaus Perriſſon, und 209 denkt Euch ſelbſt, wie ich erſtaunen mußte, die Adreſſe von unſerm Schloſſe in London und den Namen mei⸗ nes Gemahls! Wie? rief hier die junge Gräfin, undbie helle Roͤthe der Freude verſchoͤnte ihr liebliches Geſicht. So wäͤre ich zu Euch hingewieſen von meiner theuern Tante, an Euch, und Ihr wäret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl? Ich kannte nie eine Gräfin von Marr, erwiderte die Serzogin, und auch von meinem Gemahl hoͤrte ich ſie nie erwaͤhnen. Doch ſcheint mir ſelbſt hier ein Zu⸗ ſammenhang zu walten, der mir wenigſtens, bis wir ihm durch Nachforſchungen näher treten, das unbeſtreit⸗ bare Recht geben duͤrfte, Euch als an mich geſandt an⸗ zuſehen, da der nicht mehr unter den Lebenden weilt, dem zunaͤchſt die Pflicht gegönnt war. O welch' eine gluͤckliche Wendung nimmt jetzt mein troſtloſes Schickſal! rief die Gräfin, und der in der Jugend ſo leicht gefundene Uebergang vom Schmerze zur freudigen Hoffnung ſchien auch ſie be⸗ lebend zu ergreifen. An Euch ward ich geſandt, und Euch mußte ich finden, ohne die Abſicht, Euch zu er⸗ reichen. Durch Noth und Tod lenkte Gott die wil⸗ lenloſen Schritte bis zu Euch. Sagt ſelbſt, iſt das nicht recht deutlich ſeine ewig waltende Vaterhand? Godwie⸗Caſtle I. 14 210 Ja, hier bin ich am rechten Platze, Gott hat es ſelbſt vollführt, was Menſchen liebend fuͤr mich erdachten, und er wird es auch ferner nun fuͤhren, wie es das Beſte iſt fuͤr uns Alle. So wollen wir hoffen, ſagte die Herzogin, ſich unwillkuͤrlich von den begeiſterten Zuͤgen der jungen Gräfin angezogen fuͤhlend und die Zaͤrtlichkeit ſtill geſtattend, mit der ſie ihre Hände gekuͤßt fuͤhlte; und iſt mein Schwager nur erſt hier, dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmäßigſten ein. Jeder Augenblick in Eurer Naͤhe, verſetzte die Gräfin, bringt mehr Frieden und Hoffnung in meine Bruſt; mir iſt, als hätte ich nichts zu furchten, wenn Ihr mir nur hold bleibt und meine Handlun⸗ gen leiten wollt. Die Herzogin war nicht unempfindlich fuͤr dieſe Sprache der Liebe, die ſo vertrauend und zaͤrtlich ſel⸗ ten zu ihr drang, doch ihr Intereſſe war innerlich zu lebhaft auf ihre beabſichtigten Nachforſchungen ge⸗ richtet, um dieſen Gefühlen länger Raum zu gewäh⸗ ren, ſie hob ſelbſt die Verhuͤllung, welche ſie um die prachtvollen Juwelen gelegt hatte, hinweg, und ein Blick auf das obenliegende Kreuz gab auch der Be⸗ ſitzerin andere Gedanken und Gefuͤhle. Sie hob es an der Perlenſchnur empor, druͤckte es an ihre Lip⸗ pen und ſagte: Ich erhielt es von meinen theuern Eltern, Schmuckt mich damit, fuhr ſie lächelnd fort, daß es dahürch auf's Neue geſegnet zu mir gehoͤren moͤge. Die Herzogin, ihr gegenuͤber, ſchien willenlos zu werden, denn ſie ſchlang die prachtvolle Perlenſchnur um den ſchlanken Hals und ſenkte das Kreuz, das aus zwoͤlf großen Smaragden, in Brillanten gefaßt, beſtand, auf die Bruſt. Dann nahm die Gräfin die Armbaͤnder und ſagte, lächelnd den Blick darauf ge⸗ heftet: Der es mir gab, ihn liebte ich, wie meinen Va⸗ ter. Er war der Freund meines Oheims und ſein ſteter Begleiter. Ich ſagte Euch davon, und es ge⸗ hoͤrt zu den Dingen, die mir hoͤchſt auffallend ſind, daß mir entweder ſein Name entfallen iſt, oder ich ihn nie gehoͤrt habe.— Wie, Mhlady, Ihr wißt den Namen deſſen nicht, den Ihr als einen Vater liebtet, mit dem Ihr ſo oft beiſammen waret, der Euch ein ſo reiches Andenken ge⸗ ben durfte? Ihr wollt mir ſagen, daß Ihr ſeinen Na⸗ men nicht wißt?— Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch ſa⸗ gen, als ich ſelbſt wußte, erwiderte die junge Graͤfin, 14* 21¹2 zwar mit ruhigem Tone, aber in ihrem Auge, das ſie feſt auf die Herzogin wandte, lag ein voruͤberge⸗ hendes Leuchten ihres verletzten Gefuͤhles und der Verräther eines ſtolzen Herzens. Wenn ich nun, fuhr ſie fort, auch hinzufüge, daß ich nicht weiß, wie das Schloß heißt, wo meine Tante lebte, und von wo ich entflohen bin, und in welcher Gegend von England es liegt, ſo wird ſich ſicher Euer Erſtaunen noch ver⸗ mehren. Aber Ihr wuͤrdet Euch auch vielleicht mein eigenes denken koͤnnen, als ich in Gedanken mir mein Leben zuruͤckrief, um es Euch mitzutheilen, und ich zuerſt auf dieſe dunkeln, mir unerklärlichen Punkte ſtieß. Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen, Euch Alles zu vertrauen. Denn Ihr, in der Welt lebend und voll Erfahrung, begreift vielleicht eher hier einen Zuſammenhang, als ich, die ich uͤber manche Punkte weder Zeit fand zu fragen, noch nachzuden⸗ ken, uͤber andete aber voͤllig ohne Auskunft bleiben mußte. Auch begreife ich es wohl, wie die Namen mir ſo gleich waren; ich hoͤrte ihn ſtets theurer Freund oder Graf Robert nennen. Mein Aufenthalt auf dem Schloſſe aber war ſelten über vier Wochen ausgedehnt. Stets fanden wir bei unſerer Ankunft meinen Oheim und ſeinen Freund, und dieſes Wie⸗ derſehen war ſo begluͤckend für uns alle, daß fuͤr mich 213 wenigſtens die ganze äußere Welt verſank und wir außer den Stunden des Schlafes uns faſt nicht trenn⸗ ten. Wie man mich beſchäftigte, habe ich Euch er⸗ zaͤhlt, dabei lebten wir in einer großen Zimmerreihe, mit offenen Terraſſen nach dem Walde, bei ſtets ge⸗ oͤffneten Thuͤren. Wir genoſſen die Milde der Luft, aber oft hoͤrte ich ſie ſagen, daß ſie keine Spazier⸗ gange machen wollten, um keinen Augenblick unbe⸗ nutzt zu laſſen für ihre reichen und lebendigen Unter⸗ handlungen, deren Mittelpunkt ich war, und zwar oft davon ſo berauſcht, daß ich zu den Fuͤßen der Tante einſchlief und von Hanna wie ein Kind zu Bett ge⸗ fuͤhrt ward, was wieder zu den Fuͤßen des Lagers meiner Tante ſtand. Sprachen wir aber zu Nord⸗ wighall von dem Schloſſe, hieß es das Schloß der Tante, zuweilen mit dem Zuſatze: im Innern von England, und das Nennen dieſes geliebten Aufenthal⸗ tes weckte gleich eine Reihe ſo wonnevoller Gedanken in mir, und ich war mit dieſer Benennung von⸗ Kindheit an ſo befreundet, daß ich den Mangel daran erſt entdeckte, als ich das Beduͤrfniß fuͤhlte, Euch daruͤber Rechenſchaft zu geben. Das Recht des Gra⸗ fen Robert endlich, mir dies theure Geſchenk zu ge⸗ ben, gehoͤrt fuͤr mich zu den ſehr leicht erklärlichen Dingen. Denn nicht ich gab ihm jenes Recht, ſon⸗ 214 dern meine Eltern, als ſie ihn zu meinem Pathen er⸗ nannten. Dieſe Brillanten bilden einen Namenszug, den er mir ſpäter erklären wollte. Er hatte es auf mein Taufkiſſen gelegt, und als mein Arm hineinpaßte, legte er's mir ſelbſt um, und ich gelobte ihm, es nie abzule⸗ gen.— Sie ſchlug bei dieſen Worten den langen Aer⸗ mel ihres Trauerkleides zuruͤck; auf ihrem Antlitze war die ſanfte Milde wiedergekehrt, die vorherrſchend dieſe Zuͤge zu beleben ſchien. Sie blickte bittend die Herzogin an, welche, ihre Stirn in die Hand geſtutzt, ohne Be⸗ wegung zuſammen geſunken, in dem Seſſel ſaß und dieſen Blick nicht ſah. Als nun die Gräfin ſich beugte, um ihr Auge aufzuſuchen, begegnete ſie dem troſtloſen, in Thraͤnen ſchwimmenden Auge der Herzogin, und fuͤrchtend fuͤr ſie, obwohl ungewiß, warum, kniete ſie vor ihr nieder, und ſagte leiſe und zärtlich: Ihr leidet, ſeid Ihr krank, oder zuͤrnet Ihr mir? Rein, ich zurne Euch nicht, ſagte die Herzogin und blickte tief in das Geſicht der Knieenden; aber ich bin leidend. Doch ver⸗ gebt, ſagte ſie gefaßt, ich vollende Euern Schmuck. Sie ergriff hierbei ſchnell das Armband und ſagte feierlich: Eine theure, theure Hand legte dies Band zuerſt Euch an, ich thue es zunächſt und gelobe Euch, füͤr Euch zu ſorgen, wie der es thun wuͤrde, der es Euch gab, wenn es Gottes Wille ſo gefügt haͤtte. Während dieſer Worte ——— —— 215 befeſtigte ſie die Armbänder um die ſchonen Arme und erhob ſich ſogleich. Der Augenblick der Trennung ſchien gekommen, die Gräfin Molville erwartete das verab⸗ ſchiedende Wort mit ruhigem Anſtande, und die Her⸗ zogin, die es verzoͤgerte und mit ſich uneins war uͤber die Einleitung des ihr zunachſt Liegenden, ſah unruhig vor ſich nieder, und das Schweigen, welches die Beſchei⸗ denheit ihrer jungen Gefährtin nicht zu unterbrechen wagte, laſtete mit druͤckender Schwere auf ihr. Da ka⸗ men dumpfe Toͤne von dem Eingange her, welche ſich ſchon oft und wohlbekannt hatten vernehmen laſſen, ih⸗ rer Unentſchloſſenheit zu Huͤlfe. Sie folgte ihrem vor⸗ ausgeſandten Blicke und uͤberſchritt den Saal, die Thuͤre offnend, an der nun bei den naͤher kommenden Schrit⸗ ten ſich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen ließ, und durch den kleinen Spalt der ſich oͤffnenden Thuͤr drängte ſich Gaſton mit ſolcher Gewalt hinein, daß an den Rändern der Thuͤr Haare von ihm haften blieben. Er wollte ſeine ungeſtuͤme Freude an der Herzogin auslaſſen, die jedoch wenig geſtimmt ſchien, ſie zu beguͤnſtigen, und ſie durch ein paar ſtreng ausge⸗ ſprochene Worte mäßigte, während ſie ſich von ihm wandte, um zuruͤck zu kehren. Jetzt gewahrte Gaſton, der ſich ſo zuruckgewieſen ſah, die Gräfin Melville, wel— che, nach den Terraſſen gewandt, in ruhigem Nachden⸗ ken der Herzogin harrte. Er hob den Kopf und Schweif hoch empor, blickte ſchnell vorlaufend mit ſeinen klugen Augen zur Gräfin hin und war mit zwei Spruͤngen nicht allein an ihrer Seite, ſondern mit ſeinen Pfoten ſo hoch, daß ſie ſich augenblicklich von ihnen umarmt ſah, und dies mit einem ſolchen Freudengeheul, daß dieſer jähe ueberfall des großen Thieres ihr einen lauten Schrei des Entſetzens ent⸗ riß. Aber dieſe Folge der erſten Ueberraſchung ging nun ſogleich in die zaͤrtlichſten Liebkoſungen über. Gaſton, o mein lieber Gaſton! rief ſie und druͤckte das ſchwarze Geſicht an ihre Bruſt, und küßte ſeine Stirn, waͤhrend Gaſton ganz außer ſich vor Freuden ſchien, wieder von ihr abließ, ſie umkreiſete, um im⸗ mer wieder zu ihr hinan zu ſpringen, und immer wieder ihre offenen Arme fand, und eine ſolche Theil⸗ nahme an ſeiner Freude, daß Alles, was ſie beide umgab, dieſer Empfindung weichen zu muͤſſen ſchien. Sie gewahrte nicht, daß die Herzogin krampfhaft ei⸗ nen Pfeilertiſch, dieſer Scene gegenuͤber, ergriffen hielt, und mit bleichen, zuckenden Zuͤgen und ſtarren Augen hinein ſah. O Mhladh, rief jetzt die Grä⸗ fin, uͤber Gaſton wegſchauend, glühend und faſt athemlos, o ſagt mir jetzt, wo iſt er? Gaſton war nicht ohne ihn; Ihr verbergt ihn, Ihr habt mich 1 — vorbereiten wollen durch Gaſton auf ſeinen geliebten Herrn! Doch ich bin jetzt gefaßt, rief ſie voreilend, o laßt mich ihn ſehen, fuͤrchtet keine allzu heftige Erſchutterung mehr!— Gaſton unterbrach dieſe Worte noch immer durch ſeine heftigen Liebkoſungen, und dies entzog ihren ſtets dadurch abgelenkten Blik⸗ ken die Veränderung der Herzogin und verſchaffte dieſer zugleich Zeit, die Faſſung zu erlangen, die ihr jetzt doppelt nothig ſchien. Nein, Myhlady, es ſteht nicht in meiner Macht, Euern Wunſch zu erfullen, ich kann Euch den Beſitzers dieſes Hundes nicht zei⸗ gen, ja, ich muß glauben, Ihr irret, wenn Ihr dies Thier ſchon fruͤher zu kennen glaubtet.— Ich mich in Gaſton irren? In meinem lieben Gaſton, rief die Graͤfin, den ich ſelbſt pflegte, als ſein Fuß bei einem Sprunge von der Terraſſe in dem Schloß meiner Tante blutete und verletzt war? Heißt er denn nicht Gaſton? Und ſeht hier noch die Stelle, wo die Wunde war und kein Haar ſich wieder daruͤber zog. Habt Ihr nicht geſehen, daß er mich erkannte?— Und wahrlich, Gaſton ſchien mit allen Toͤnen und Bewegungen, welche dieſen edeln Kreaturen verliehen ſind, ihr oft ſo ſtarkes und feines Gefühl auszudruͤk⸗ ken, dieſen Worten Nachdruck geben zu wollen, und die Herzogin fuͤhlte ſich ſelbſt davon ſo überzeugt, daß ihr fuͤr Heuchelei nicht geſchaffenes Gemuͤth ſich von dem Vorhaben abwendete, dieſe Bekanntſchaft, an die ſie leider nur zu feſt glaubte, als eine Verwechſelung in Abrede ſtellen zu wollen. Sie gebot Gaſton Ruhe, welches ſie mit Muͤhe erlangte. Dann ergriff ſie die Hand der Gräfin und fuͤhrte ſie ſeitwärts vor. Sagt mir, ſprach ſie feierlich, wem glaubt Ihr, daß dieſer Hund gehoͤrt?— Dem Freunde meines Oheims, theure Lady. Er begleitete ihn ſtets, ich kenne ihn, glaubt mir.— Ich zweifle ſelbſt nicht mehr daran, erwiderte die Herzogin, doch ich ſtehe jetzt wie eine Bittende vor Euch. Ich fordere von Euch eine Ge⸗ währleiſtung, an der mir ſehr viel liegt, die fuͤr's Erſte noͤthig iſt, die ich vielleicht ſpäter wieder auf⸗ hebe, vielleicht auch nicht. Wollt ihr mir geloben, meine Bitte zu erfuͤllen, meine dringende Bitte?— Zweifelt Ihr, Frau Herzogin, an meiner Vereitwil⸗ ligkeit? Wollt Ihr mir nicht ſagen, was Ihr be⸗ fehlt? Wollt Ihr nicht uͤberzeugt ſein, daß dies Herz froh ſein wird, Euch zu gehorchen? Was Ihr von mir fordert, es kann nur recht ſein, und ich kann ſagen, ich werde Euch nicht gehorchen, um der großen Verpflichtungen willen, die ich gegen Euch habe, ich werde gehorchen aus Liebe.— Da ergriff die Herzogin haſtig die Haͤnde der Graͤfin, druckte ſie ——— K—————————— 219 feſt zwiſchen die ihrigen und ſagte ſchnell: Nie, nie, gegen kein menſchliches Weſen, nicht durch Blick oder Wort, nie, nie verrathet Eure fruͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit Gaſton. Mit Gaſton? ſtammelte, uͤber⸗ wältigt von Erſtaunen, die Graͤfin. Sie hatte ſich, nach dem lebhaften und feierlichen Benehmen der Herzogin, auf die Anhoͤrung irgend einer wichtigen Mittheilung gefaßt gemacht, und jetzt ſollte ſie nichts als die harmloſe Bekanntſchaft eines Hundes ver⸗ läugnen. Doch ſie beſaß zu viel Gefühl fuͤr Schicklichkeit, um, der Herzogin gegenüber, nicht ein Erſtaunen zu maͤßigen, welches dem Betragen derſelben faſt zum Tadel werden mußte. Ihre wiederkehrende Beſon⸗ nenheit aber ward bis zum ernſten Nachdenken er⸗ hoͤht, als ihrem folgerechten Verſtande zunächſt klar ward, daß dieſer an ſich unbedeutenden Bitte doch ein Umſtand anhing, der ſie zu keiner unwichtigen machte, nämlich das Verläugnen der Wahrheit, wenn der Zufall eine Erklärung daruͤber fur ſie herbeiführen moͤchte. Sie fuͤhlte hier zuerſt im Leben, daß man keines Menſchen ſo ſicher ſein darf, ihm ohne Vor⸗ behalt irgend eine heilige Angelobung zu thun, noch vor der Kenntniß des Begehrten. Der Streit in ih⸗ rem Innern daruͤber legte ihren Lippen noch immer 220 ein Schweigen auf, das durch ein etwas unbehagli⸗ ches Gefuͤhl gegen die Herzogin vermehrt ward, wel⸗ che ihr raͤthſelhaft und nicht ſo rein mehr erſchien, als einige Augenblicke fruͤher. Aber die Herzogin hatte gebeten, und dieſe ihr ſeltene Stellung ließ ſie dies Schweigen beleidigend empfinden. Augenblicklich daher auf ihre fruͤhere Hoheit zurucktretend, richtete ſie ſich empor, und ihr Blick heftete ſich nicht bit⸗ tend, ſondern zuͤrnend auf die Gräfin. Ich bat Euch, Mohladh, ſagte ſie kalt; habt Ihr mich gehoͤrt? Ich that meine erſte Bitte an Euch! Vielleicht wagte ich zu viel, Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten, wobei ich Euer Wohl mit bedachte.— Sie wollte ſich wenden, um den Saal zu verlaſſen, denn ihr einmal aufgeregter Stolz mußte ſeine Befriedi⸗ gung haben, und jede andere Sorge ſtand ſtets die⸗ ſer Anforderung nach. Da fuͤhlte ſie ſich gehalten, und eine Bittende erwartend und getheilt in ihren Empfindungen, welche ihr die Angelobung ihrer For⸗ derungen wuͤnſchen ließen, wandte ſie ſich. Aber ſie fand ein ruhiges, nachdenkendes Geſicht, ohne Sorge, wie es ſchien, uͤber ihren heftig geäußerten Unmuth. Ich bin, wie Ihr ſeht, in Unruhe und Zweifel, und Ihr muͤßt mich jetzt nicht verlaſſen, ſagte die Graͤ⸗ fin ruhig und ernſt; ich geſtehe Euch, daß mich Eure ——— 221 Aufforderung in dieſe Stimmung verſetzt hat. Ich gab Euch fruͤher mein Wort, zu willfahren, noch ehe ich den Inhalt dieſes Begehrens kannte, und wenn meine Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen laͤßt, wie unbegreiflich mir Euer Gebot iſt, und wenn ich Euch auch gern ohne Gruͤnde vertrauen moͤchte, muß ich doch glauben, Ihr bedachtet ſelbſt nicht Al⸗ les genau. Denn ſagt mir, wer rettet mich vor der Gefahr einer Luͤge, der ich faſt unerläßlich ausgeſetzt bin, wenn ich Euch unbedingt gehorche?— Ihr ſeid ſehr uͤberlegt, Ladh, in ſo jungen Jahren, ſagte die Herzogin, noch immer ſtreng, doch zu einer innern Anerkennung dieſer reinen Anſicht faſt gegen ihren Willen gezwungen. Indeß darf ich Euch wohl am wenigſten deshalb tadeln, da auch ich eine Feindin der Luͤge mich nennen darf; und ich muß es bekla⸗ gen, Euch nun nicht laͤnger verhehlen zu duͤrfen, daß Ihr ſelbſt es ſeid, die mich zuerſt vielleicht im Leben zu einer mir ſonſt fremden Heimlichkeit und Verheh⸗ lung zwingt. Aber das iſt der Fluch des Boͤ⸗ ſen, ſetzte ſie, wie zu ſich ſelbſt redend, hinzu, und es bleibt nichts in ſeiner Nähe unbefleckt davon. Ich uͤberlaſſe Euch, fuhr ſie lauter fort, was meine Bitte betrifft, Euerm Gewiſſen! Das Wort, das Ihr gabt, ſoll nur Kraft haben bis zu dieſer Grenze; doch 222 werde ich bemuͤht ſein, Euch die Verſuchungen aus dem Wege zu raͤumen. Thut Ihr ein Gleiches und denkt, daß Ihr mir damit den geringſten Dienſt leiſtet, denen aber, die Ihr die Eurigen nennt, vielleicht den groͤß⸗ ten.— Ich danke Euch, ſagte die Graͤfin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem vollen Ton ih⸗ rer melodiſchen Stimme, Ihr habt mich wieder frei ge⸗ macht, es ſcheint mir nicht ſchwer, das zu vermeiden, was Ihr befehlt, und ich wuͤnſchte, Ihr hättet allein dabei Intereſſe, ich wuͤrde gern um Euretwillen recht vorſichtig und beſonnen handeln. Ich ſehe wohl, ſetzte ſie ſanft hinzu, Euer erfahrner Blick hat ſchon tiefer in mein Leben geſchaut, ich bin deſſen froh und will durch keine kindiſche Neugierde Euch läſtig fallen über das, was Ihr mir noch verbergen zu muͤſſen glaubt.— Schreitet in dieſer Hoffnung nicht zu ſchnell vor, Ladh, entgegnete die Herzogin. Ihr legt mir zu viel Scharf⸗ ſinn bei. Mein Leben war ſehr frei von Verwickelun⸗ gen, ich verſtehe mich daher wenig darauf; um ſo mehr habe ich aber ſtets bei meinen Forderungen das Ver⸗ trauen erregt, daß man ſich ihnen ohne Vorbehalt über⸗ laſſen könne. Gehen wir jetzt, Ladhy, nach unſern Zim⸗ mern; etwas Ruhe wird uns noͤthig ſein. Ich werde Euch vor dem Abendgebet in der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham, meiner 223 Schwiegermutter, vorſtellen, und dispenſire Euch lieber von der Tafel, da Ihr bis dahin Ruhe beduͤrfen werdet. — Die Graͤfin neigte ſich ehrerbietig vor der im Ab⸗ gehn gruͤßenden Herzogin und ſtieg dann an Miſtreß Mortons Arm, die ſich ſogleich zu ihr fand, die Trep⸗ pen zu ihren Zimmern hinauf. Die endlich ſich gleichbleibende Schoͤnheit des Wetters hatte am naͤchſten Tage die Damen zu einem Spaziergange in den weitlaͤuftigen Anlagen des Par⸗ kes veranlaßt. Die Herzogin fuͤhrte ihre Schwieger⸗ mutter die Terraſſen hinauf, und man beſchloß, da⸗ ſelbſt zu verweilen und auszuruhen, während Lucie, an dem Arm der Gräfin Melville haͤngend, mit der ſanften Arabella zugleich ſich bemuͤhte, ihr von den Merkwuͤrdigkeiten von Godwie⸗Caſtle zu erzaͤhlen, und in der bereitwilligen Aufmerkſamkeit ihrer Gefaͤhrtin eine immer ſteigende Aufmunterung fuͤr ihre Bered⸗ ſamkeit fand. Da verkuͤndete der wohlbekannte Ruf der Hoͤrner von den Thuͤrmen des Kaſtells die An⸗ kunft des neuen Herzogs. Luciens Freudengeſchrei beantwortete dieſe lang erſehnte Verkuͤndigung, und . 224 huͤpfend und tanzend nannte ſie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Geſange. Hierdurch und durch die meldenden Diener ward die Gräfin Mel⸗ ville von der Ankunft dieſer nahen Verwandten des Hauſes unterrichtet, und ſie fühlte zu zurt, um ſich nicht in einem ſolchen Augenblick lieber zuruck zu zie⸗ hen, da ſie, den Erwarteten voͤllig fremd, ſich in die⸗ ſem Augenblick in dem engen Kreiſe der Familie als ſtörend betrachten mußte. Sie beurlaubte ſich daher fuͤr dieſen Tag bei den beiden Herzoginnen mit eini⸗ gen anſpruchloſen Worten, die aber doch hinreichend das feine Gefuͤhl errathen ließen, von dem ſie ge⸗ leitet ward. Sie erreichte auch den Eingang der Gal⸗ lerie, welche nach dem ſüdlichen Flugel fuͤhrte, ehe die Herren die Vorhalle betreten konnten, doch ſah ſie durch die hohen Bogenfenſter, wie der Sof von em⸗ pfangenden und ankommenden Dienern belebt war, in deren Mitte ſich neben einem ältlichen Herrn die hohe und ſchlanke Geſtalt eines juͤngern bewegte, der mit großer Freundlichkeit die ehrerbietigen und freu⸗ digen Gluͤckwuͤnſche der grauen und achtbaren Die⸗ ner zu beantworten ſich bemuͤhte, und ſo eben Sir Ramſeh, der ſeine Hand kuͤſſen wollte, mit liebens⸗ wuͤrdiger Zuvorkommenheit die Stirn küßte. Die Fräfin blieb unwillkurlich ſtehen und ſah dieſer Scene 225 mit einem Antheil zu, der nothwendig ein gefuͤhl⸗ volles Herz bewegen mußte; ſo aufrichtig war der Ausdruck dieſer Empfindungen treuer Anhaͤnglichkeit und lohnender Anerkennung derſelben. Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerkſamkeit des juͤngern auf den Eingang des Schloſſes, und die Gräfin ent⸗ eilte in ihre Zimmer. Die Herzogin, begleitet von ihrer Schwiegermutter, ihren Toͤchtern und ihren Da⸗ men, erſchien in den geoͤffneten Pforten des Schloſ⸗ ſes, um den Sohn an dez Schwelle ſeiner Väter, die er nun als rechtmäßiger Herr betrat, zu ſegnen und willkommen zu heißen. Solche Augenblicke her⸗ vorzuheben und feierlich zu machen, war ihre ganze Perſoͤnlichkeit geſchaffen. Es fehlte ihrem Herzen nicht an Empfindung, und die oft ſo ſchnell daruͤber hinglei⸗ tenden Schatten gaben ihr in den Augen der Meiſten nur das Anſehen einer vornehmen Maͤßigung, einer edeln Selbſtbeherrſchung, welche ſie durch ihre ganze äußere Erſcheinung wohl zu erhalten wußte. Als ſie auf der Schwelle ſo edel und ruhig erſchien, und doch mit ſchwimmendem Auge und vollſtem Ausdruck muͤtterlicher Zärtlichkeit dem heranſtuͤrmenden Sohne entgegen lächelte, da hätten wohl Alle mit dem ge⸗ ruͤhrten Juͤngling vor ihr das Knie beugen moͤgen, und in der lautloſen Stille, wie ſie Ehrfurcht von Godwie⸗Caſtle I. 15 226 ſelber gebot, drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernſten: So ſegne Dich Gott, mein Sohn, in dem Hauſe Deiner Väter, dem Du Herr ſein ſollſt, wie ſie es waren! Er ſegne Dich mit ihren Tugen⸗ den, die ſie zu Beſchuͤtzern ihrer Unterthanen, zum Gluͤcke ihrer Familie, zum Stolze ihres Vaterlandes, zu Freunden ihrer Koͤnige erhoben! Stehe auf, Her⸗ zog von Nottingham, und betritt Dein Eigenthum mit einem Gott geweihten Herzen!— Der junge Herzog ſprang auf, aber um ſogleich vor ſeiner Groß⸗ mutter, auch um ihren Segen flehend, nieder zu knien, und betrat dann zwiſchen Beiden die großen Hallen, die in ihrer ehrwuͤrdigen Pracht geruͤſtet ſchienen, noch einige Jahrhunderte die Geſchlechter kommen und verſchwinden zu ſehen, deren ſchon ſo viele daran voruͤbergegangen waren. Graf Archimbald konnte eben kein Freund von ſolchen feierlichen, die Empfindung hervorhebenden Sce⸗ nen genannt werden, und er goͤnnte ſeiner Schwägerin nie lange die ſtolze Hoͤhe, auf die ſie ſich nicht ungern erhoben ſah, und wo ſie von den an Geiſt und Rang ihr meiſt untergeordneten Umgebungen gewoͤhnlich ſo lange gelaſſen ward, wie es ihr ſelbſt beliebte. Er ſchritt daher mit ſehr heiterem Weſen, ſeine Nichten mit ſich fuͤhrend, hinterher und begrußte, als der mitt⸗ ⸗ lere Saal ſie alle aufgenommen und die Herzogin ſich mit den hochgeſpannten Zuͤgen, welche ihre Wuͤrde verkuͤndigten, zu ihm wendete, dieſelbe mit einer ſo heiteren und unbefangenen Freundlichkeit, als wäͤre er von einem kleinen Morgenritte ſo eben zuruͤckgekehrt, und als wäre zu einer tiefen Erregung und einer An⸗ deutung derſelben in Worten, uͤberall keine Veranlaſ⸗ ſung. Er wußte wohl, daß er ſie damit ein wenig verletzte, aber ſie ward ihm dadurch viel bequemer, und allen Umgebungen wurde zugleich die Feſſel ab⸗ geſtreift, die ſie ohnedies, wie oft, ſo auch dies Mal, länger getragen haͤtten. Es fehlte der Herzogin, ſelbſt bei beſſerem Willen, Freiheit und Heiterkeit um ſich herzuſtellen, doch ſehr oft an Geſchick dazu, und ein dunkles Gefuͤhl hiervon verwandelte nicht ſelten ihre ſteife Haltung in uͤble Laune, die ſie dann, den Ta⸗ del gern von ſich entfernend, noch immer fuͤr ihr zu⸗ kommende Wuͤrde hielt, und damit ziemlich läſtig werden konnte. Ganz anders verhielt er ſich zu ſei⸗ ner Mutter. Dieſer reine Charakter wollte und konnte nichts mehr ſcheinen und zeigen, als ſich ſelbſt; und die hoͤchſte Wahrheit und Natuͤrlichkeit verrieth nur um ſo ſicherer die harmoniſche Schoͤnheit ihres ge⸗ läuterten Innern. Dadurch ward ihre Nähe Je⸗ dem zur Wohlthat, und wenn ſie mit der Freude, 15* 228 ſie zu lieben, die Herzen begluͤckte, erfüllte ſie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer ſo hohen Entwickelung des menſchlichen Geiſtes, Graf Archim⸗ bald kannte Menſchen und Verhaͤltniſſe in den man⸗ nigfachſten Schattirungen. Er war ſparſam mit ſei⸗ ner Anerkennung und uber die meiſten Täuſchungen hinaus, aber wer um ſeine ſeltener ausgeſprochenen Gefuͤhle wußte, dem war nicht verborgen, daß er ſeine Mutter über die meiſten Menſchen ſtellte. Sie rief alle weicheren Gefuͤhle und eine zarte, achtende Unter⸗ ordnung, die ihm ſonſt ſelten einkam, in ihm hervor. So begruͤßte er ſie auch jetzt, und ſeine Schwägerin fuͤhlte dieſen Unterſchied wohl, und es mußte gerade dieſe von ihr ſelbſt ſo hoch geſtellte mütterliche Freun⸗ din ſein, um ihr die kleine Demuͤthigung zu verzei⸗ hen, welche die Frauen, im Falle ſie ſelbige vom an⸗ deren Geſchlechte empfangen, ſo gern am eigenen zu raͤchen ſuchen. Doch war der Graf entweder zu gut⸗ müthig oder zu gewandt, um ſeine Schwägerin nicht, ſo bald es ſich thun ließ, in eine angenehme Stim⸗ mung zu verſetzen. Er achtete ihren Charakter mit allen ſeinen von ihm leicht begriffenen Fehlern, und noch mehr ihren Verſtand, auf den er einen hohen Werth legte; vielleicht eine Folge ſeiner eigenen vor⸗ herrſchenden Richtung, die ihn in dieſer Fähigkeit eine —————— groͤßere Sicherheit dem Leben gegenüber annehmen ließ, als ſich wohl immer beſtätigen mag. Er motivirte daher ſeine hereinbrechende Freundlichkeit durch die Mittheilung, daß er ſo gluͤcklich ſei, ſeiner Schwaͤ⸗ gerin die neueſten Nachrichten von ihrem Vater, dem Grafen von Briſtol, zu bringen, indem bei ſeiner Abreiſe von London ſo eben ein Courier aus Madrid eingetroffen ſei, der auch Briefe fur die Herzogin ge⸗ bracht habe, welche er ihr zu uͤberreichen, ſogleich die Ehre haben werde. Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt, daß ſie am beſten ihre Haltung gegen ihn behauptete, wenn ſie anſcheinend die Rich⸗ tung, die er derſelben zu geben wußte, nicht zu be⸗ merken ſchien und ſich ihr mit einer Miene uͤber⸗ ließ, als ſei es ihre eigene Wahl. Beiden war ſo geholfen, und dieſer kleine Krieg, in dem ſie ſich vollſtändig erkannten, ward ohne eine weitere Erklaͤ⸗ rung und unbeſchadet ihres uͤbrigen Wohlverhaltens, ſtets ohne Folgen beigelegt. Auch jetzt empfing ſie ſeine Nachrichten mit der Heiterkeit, die ſie ihrer Natur nach verdienten, und man kam bald dadurch auf die oͤffentlichen Angelegenheiten, die allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung ver⸗ ſetzten. 230 Gewiß, ſagte der Graf, als man ſich niederge⸗ laſſen hatte, war man gegen die Unterhandlungen, die der Koͤnig zur Vermählung ſeines Thronfolgers mit einem katholiſchen Hauſe anknuͤpfte, nicht gleichgultig, ja, wohl eher tadelnd geſonnen. Doch war eben ſo allgemein die Anſicht verbreitet, der Prinz von Wales empfaͤnde eine eben ſo große Abneigung dagegen, wie ſein Volk, und fuͤge ſich nur aus kindlichem Gehorſam in den Willen des alten Koͤnigs, dem allerdings bei der vorgefaßten Meinung, daß jede Verbindung mit einer Prinzeſſin unter koͤniglichem Range unebenbuͤrtig ſei, keine große Auswahl blieb, da nur Frankreich und Spanien in dieſem Augenblicke Prätendentinnen der Art bereit hatten. Und glaubſt Du wirklich, mein Sohn, ſagte die alte Herzogin, daß der Grund der Weigerung des Prinzen von Wales, ſich zu vermählen, allein ſeiner Abneigung gegen die fremde, ſeinem Volke verhaßte Kirche zuzurechnen ſei? Ich erinnere mich, von die⸗ ſer Abneigung Manches ſchon gehoͤrt zu haben, ehe noch von einer Unterhandlung mit Spanien uͤber dieſen Punkt die Rede war. Allerdings, ſagte der Graf; doch ſceint ſein ra⸗ ſches nunmehriges Eingreifen in dieſe Unterhandlungen jene fruͤhere Anſicht zu widerlegen, und es iſt nicht 231 einer der unwichtigſten Nachtheile dieſer Reiſe, daß das Volk nunmehr den Vorwurf einer Hinneigung zum Katholiſchen von dem alten Koͤnige, an welchem man dieſelbe ziemlich erfolglos betrachtete, auf den kuͤnftigen HBerrſcher ſcheint uͤbertragen zu muͤſſen; was wenig⸗ ſtens unbezweifelt der Infantin, ſollte ſie unſere Koͤni⸗ gin werden, keine fteundliche Stimmung im Volke be⸗ reiten wird. Die Abneigung des Prinzen aber, ſich zu vermaͤhlen, ſtamnt aus einer fruͤheren Zeit. Meine Verhältniſſe haben mir nicht erlaubt, darin klarer zu ſehen, als die allgemeine Stimme verkuͤndigte, der Prinz habe in fruͤheren Jahren eine heftige und un⸗ gluͤckliche Leidenſchaft fuͤr ein Fräulein von Rang ge⸗ hegt, die ihn ſpäterhin dem ganzen Geſchlechte ent⸗ fremdet. Wie viel daran war, moͤchte ich ſelbſt bei der Wahrſcheinlichkeit des Geruͤchtes nicht entſcheiden, obwohl die Thatſache außer Zweifel iſt, daß der Prinz außer der allgemeinen ritterlichen Galanterie, die ſeine liebenswuͤrdige Natur bezeichnet, nie einer Einzelnen den kleinſten Vorzug einzuräumen ſchien. O, rief der junge Herzog, wie unendlich viel lie⸗ benswuͤrdiger erſcheint mir nun noch der Prinz; wenn ich mir dieſen Kern des Herzens, dieſe treue und feſte Liebe in ihm denke, die ihn gegen die Verirrungen der Jugend ſchutzte, und ihn ſo mild und ritterlich zu⸗ gleich darſtellt. Immer war es mir, als ob in ſei⸗ nen Augen ſo etwas unausſprechlich Anziehendes läge, eine Miſchung von Geiſt und Schwermuth, geſchaf⸗ fen, die Gemuͤther in der grenzenloſeſten Hingebung zu feſſeln. Er hat die Augen der Stuarts, ſagte die juͤngere Herzogin mit hervorgehobener Kälte; man hat ſtets viel und in vielen Verhältniſſen und an den verſchie⸗ denſten Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt, und obwohl ſie mir dieſen Eindruck nie machten, ſehe ich doch, die Wirkung blieb fuͤr meinen Sohn auf⸗ gehoben. Denn wahrlich, fuhr ſie fort und ſtreckte die Hand, ſich erheiternd, nach ihm hin, Du gluͤhſt in der Erinnerung dieſer Augen, und Dein kuͤnftiger Koͤnig mag mit Empfindungen zufrieden ſein, die Dich, wie es ſcheint, in grenzenloſer Ergebenheit an ihn feſſeln werden. Ja, theure Mutter! Ich wuͤrde fuͤr den Prinzen, den ich von Kindheit an liebte und durch des Vaters Erzählungen fort lieben lernte, mit Entzuͤcken mein Leben geben, und er wird in mir einen Unterthanen finden, wie er ihn hoffentlich nie beduͤrfen wird, der ſeine Rechte mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit ware.— Er wußte nicht, wie er in dieſen Worten ſo⸗ wohl ſein, als des Prinzen ſpäteres Schickſal bezeich⸗ 233 nete. So wird in unſerer Empfindung oft Jahre lang vorher die Fähigkeit vorbereitet, die das Leben ſpaͤ⸗ terhin in das Daſein ruft, und wir nehmen oft den Platz wirklich ein, den wir in der Jugend mit unſern Traͤumen und Wuͤnſchen umſchlichen, ohne ſeine Er⸗ reichung fuͤr moglich zu halten. Wer nöchte die Grenzen beſtimmen, die unſer inneres Streben, das uns oft ſelbſt nicht deutlich wird, hier in einem hoͤ⸗ hern Willen findet; wer kann ſagen, ob wir das Schickſal heranzogen durch die Richtung, die wir uns gaben; oder ob es das Schickſal war, welches uns gerade dieſe Richtung der Anſichten und Empfindun⸗ gen aufnothigte, deren wir oft nicht eher uns bewußt werden, als eben in dem Augenblicke, der ſie zugleich in Thaten hervortreten laͤßt.— Die begeiſterten Worte des Juͤnglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens veranlaßt, und vielleicht mochten in den älteren Perſonen ſich ähnliche Gedanken regen; doch die Herzogin liebte nicht, in fremde Empfindungen einzugehen, und hielt gern ſich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen. Der Prinz war der Freund meines Gemahls, hob ſie an, als ob ſie dadurch Alles ausdruͤcken wolle, was er in ihrem Antheile beſitzen koͤnnte, aber ich geſtehe, daß ich mich nie bis zu einer Bewunderung deſſen habe 234 erheben koͤnnen, was in meinen Augen ſelbſt in dem Falle, der ihn in den Deinigen, mein Sohn, ſo zu er⸗ heben ſcheint, nur eine unmännliche Schwäche war. Was iſt mehr Gottes unmittelbarer Wille, als der Standpunkt, auf dem wir uns durch unſere Geburt befinden? Moͤgen Andere mindern Ranges daruͤber noch in Zweifel ſein, der Prinz, der kuͤnftige Koͤnig, muß es wiſſen, daß er nicht ſeinen Privat⸗Empfindun⸗ gen angehoͤrt, und der hohe Beruf, der ihm geworden, daͤchte ich, muͤßte das Herz zu groͤßeren Empfindun⸗ gen entflammen und ihm wohl einen ſtarken Erſatz fuͤr jene kleinen Taͤndeleien des Herzens gewaͤhren, fuͤhlt er ſich anders wahrhaft fähig, der großen An⸗ forderung ſeiner Geburt zu genuͤgen. Koͤnige haben andere Gruͤnde, ſich zu vermaäͤhlen, ſie muͤſſen dieſe Pflicht gegen ihr Volk erfuͤllen, und muͤſſen, auch ohne ihr Herz, eine ſolche Ehe wuͤrdig zu geſtalten wiſſen. Man ſollte uͤberhaupt auch in andern Staͤnden, etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie, ſich frei zi erhalten ſuchen von einer Leidenſchaftlichkeit der Em⸗ pfindungen, die uns nur zu leicht aus dem Gleichge⸗ wicht zieht, mit dem wir allein im Stande ſein wer⸗ den, ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beiſpiele der uns Anvertrauten zu erfuͤllen. Ich moͤchte jun⸗ gen Leuten, die eine Laufbahn beginnen, immer zuru⸗ fen, erſt den Standpunkt zu pruͤfen, auf den ſie durch ihre Geburt geſtellt wurden. Was ihnen dann zu⸗ läſſig wäre, wuͤrden ſie leichter und geſchickter wählen, als wenn ſie ſich regellos entwickeln und ihren Ver⸗ hältniſſen aufnoͤthigen, was ihre Leidenſchaften ihnen nicht zu unterdruͤcken geſtatten. Welche unſelige Ver⸗ wirrungen hat dies in die ehrwuͤrdigſten Familien gefuͤhrt! Glaubet nicht, theure Mutter, erwiderte der Her⸗ zog, daß ich ſolcher Verwirrung das Wort redete, aber ein Herz, welches einer tiefen und ſtarken Empfindung in der Liebe fähig iſt, muͤßte, dachte ich, auch den warmen Impuls der Tugend und Pflichttreue da⸗ durch in ſich verſtaͤrkt fühlen. Ich wollte nicht tadeln, was Du ſagteſt, ent⸗ gegnete die Herzogin; hätte es mir Unrecht geſchie⸗ nen, wuͤrde ich Dich ohne Einkleidung meiner Mei⸗ nung gewarnt haben. Ich ehre vollkommen eine auf⸗ tichtige Liebe zu unſerm Lehnsherrn, wie ich ſie in Deinen Aeußerungen erkannt habe; ich wuͤrde meinen Sohn verkennen, waͤre es anders. Doch laß uns auf etwas kommen, was mich zu hoͤren verlangt; Du biſt mir noch Deine Aufnahme bei'm Koͤnige ſchuldig. Willſt Du der Großmutter und mir Einiges daruber mittheilen? 236 Der Koͤnig war ſehr guͤtig, und ſeine Geſinnun⸗ gen fuͤr unſere ganze Familie ſind hoͤchſt ehrenvoll; aber die eigentliche Ceremonie ward ſeiner Geſundheit halber ſehr abgekuͤrzt. Auch fand ich ihn ſo veraͤndert, daß ich ihn wohl unter andern Verhaͤltniſſen, die ihn weniger kenntlich gemacht haͤtten, kaum wieder er⸗ kannt haben wuͤrde.— Wie? ſagte die alte Herzogin, iſt er leidend, oder iſt ſchon wirklich Gefahr fuͤr unſern guten Herrn? Dies moͤchte ich nicht jgerade behaupten, nahm Graf Archimbald das Wort, doch hat er eben ein boͤſes Fieber uͤberſtanden, und in ſeinen Jahren bleibt allerdings eine gaͤnzliche Herſtellung zweifelhaft, oder doch nur langſam zu erwarten. Ich habe die Veraͤnde⸗ rungen ſeiner Geſundheit auch bemerklich gefunden. Auch ſcheint ihn Gram und Sorge uͤber die Reiſe ſeines Sohnes ſehr erſchuͤttert zu haben, ſetzte der junge Herzog hinzu; denn er redet Jeden an, um ihm daruͤber ſeinen Schmerz und ſeine Beſorg⸗ niß auszudruͤcken. Dieſe große Reizbarkeit läßt auf eine allgemeine Schwäche ſchließen, fuhr Graf Archimbald fort, denn wenigſtens bis jetzt ſind die Nachrichten aus Spanien ſo glaͤnzend, daß es ſcheinen will, das Gluͤck wolle es uͤbernehmen, die kleine Uebereilung unſers theuern 237 Prinzen wieder gut zu machen. Wir haben dies alle dem unvergleichlichen Benehmen des Grafen Briſtol zu verdanken, der dem Prinzen eigentlich den Boden bereitete, auf welchem er ſiegend einher zu gehen ſcheint, und der auch bei der uͤberraſchenden Ankunft des Prinzen mit der groͤßten Geiſtesgegenwart ſeine Maaß⸗ regeln beſſer nahm, als unſere nachkommenden Depe⸗ ſchen ſie ihm angeben konnten. Und ſo wäre dieſe Sache alſo wirklich durch den raſchen Entſchluß des Prinzen befoͤrdert? fragte die alte Herzogin. Dies zu beſtimmen, möchte ich vor der Ruͤckkehr des Prinzen nicht uͤbernehmen, ſagte laͤchelnd Graf Archimbald, denn der Herzog von Buckingham be⸗ gleitet ihn, und wer weiß, ob der Graf von Briſtol ſeine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll betreibt. Wie verſtehſt Du das? fragte, unſchuldig ihn anblickend, die alte Herzogin. Wozu, theure Mutter, ſagte der Graf, faſt zaͤrt⸗ lich ihre Hand nehmend, wozu willſt Du mit Dei⸗ nem reinen Geiſte Dich zu den Schlangenwegen der Politik, des Neides und Stolzes herablaſſen? In Deiner Nähe vergeſſe ich am liebſten den wunder⸗ lichen Verkehr der Außenwelt, wenn ich ihr nach⸗ her auch wieder angehoͤre, durch Erziehung und ein⸗ 238 mal uͤbernommene Stellung. Meldet man uns ja doch in dieſem Augenblicke aus Madrid noch die glänzendſten Dinge. Dem Prinzen iſt koͤniglicher Rang eingeraͤumt, die Infantin hat den Titel ei⸗ ner Prinzeſſin von Wales angenommen, und der Koͤnig, ſein Hof und das ganze hochherzige und rit⸗ terliche Volk uͤberhaͤufen ihn mit enthuſiaſtiſcher Liebe, da ſie allerdings dieſe Handlung, ſie in ihrer ganzen Originalität auffaſſend, als den hoͤchſten Be⸗ weis des Zutrauens zu ihrem National⸗Charakter anſehen. Wenn ich Hofdame wäre oder noch am Hofe lebte, verſetzte die alte Herzogin lächelnd, ſo wuͤrde ich mir die Stoffe zu meinen Roben ausſuchen, in denen ich den Vermählungs⸗Feierlichkeiten beiwohnen wollte; ſo ſicher erſcheint mir die erlauchte Infantin unſere Prinzeſſin von Wales zu werden, und ich ſehe wohl, daß ich trotz meines politiſchen Gemahls, Sohnes und Bruders wenig Kenntniſſe geſammelt habe, da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderniß einleuchten will.— Sie erhob ſich freundlich von ihrem Seſſel, denn die Mittagszeit war nahe, und man hatte über der Freude des Wiederſehens nicht daran gedacht, ſich umzukleiden. Jeder begab ſich in ſeine Zimmer. Der Herzog wei⸗ gerte ſich, die im italieniſchen Flugel anzunehmen; . —————— 239 wodurch er ſeiner Mutter eine groͤßere Wohlthat er⸗⸗ zeigte, als ſie eingeſtand. Die Geſellſchaft des Schloſſes hatte, obwohl nun ein längerer Zeitraum zwiſchen dem Tode des Herzogs verfloſſen war, doch ein ſo gedrücktes, ſchwermuͤthiges Leben fortgefuͤhrt, daß ein Bedurfniß freieren Auf⸗ athmens, lebhafteren Treibens bei den Meiſten ſich vringend einſtellte. Auch trat die Zeit als mildernde Vermittlerin ſelbſt fuͤr diejenigen ein, die am nächſten dabei gelitten, und machte ſie wenigſtens geneigt, dem wiederkehrenden Leben ſtille Zuſchauer abzugeben. Das ewige Ergänzungs⸗Shſtem in der Natur laͤßt auch eine ſo endlos ſcheinende Lücke, als der Gram uͤber den Verluſt eines geliebten Gegenſtandes uns ſchein⸗ bar oͤffnet, nicht ohne dieſen wohlthätigen Einfluß. Muͤſſen wir auch oft einen bis dahin uns theuer oder doch bequem gewordenen Kreis abſchließen, ohne daß wir Grund oder Boden für einen neuen ſehen— die kleine, rettende Inſel ſteigt doch endlich aus dem leeren, wüſten Raum empor, auf der wir einen neuen Kreis ziehen, wenn auch endlich immer kleiner, wenn auch unſichtbarer, ſtiller und einſamer. Das große 240 Geſchaͤft, zu leben, loͤſet uns vor unſerm letzten Athem⸗ zuge niemals ab; und wer aus freier Kraft die Wuͤn⸗ ſche abloͤſt, die dem ſchoͤnen, ruhigen Lauf des Da⸗ ſeins mit Verwirrung drohen, der fuhlt endlich, daß uͤber ihm der Kreis ſich vergroͤßert, der da unten in der Welt ſich verengt; und hat er mit dieſem endlich abgeſchloſſen, ſo gähnt ihm keine bodenloſe Tiefe entge⸗ gen, ſondern ein heller, lichter Strahlenkreis, worin er wieder finden wird, was er verdient. So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Her⸗ zogs und des Grafen Archimbald den zaghaften Ge⸗ wiſſen zur Entſchuldigung der Freude, die nun bald wieder in den ſchicklichen Grenzen ſich zeigte, welche hier mehr, als ſonſt, beobachtet wurden. Die anſpruch⸗ loſe Natürlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl ſehr viel bei; er kannte es nicht, ſich ein Gefuͤhl auf⸗ zubuͤrden, was er nicht hatte. Seinen Vater je zu ver⸗ geſſen, gleichgultig gegen ſeinen Verluſt zu werden, ſchien ihm ſo außer dem Bereich der Möglichkeit zu liegen, daß er nicht fuͤrchtete, damit beargwoͤhnt zu werden. Daher athmete ſeine Bruſt in neuer jugend⸗ licher Luſt empor, er freuete ſich deſſen, und es ſchien ihm dies recht naturlich, da er ja noch viel zu thun hatte, um ſeines Vaters willen, wozu ihm ein geſundes Herz vor Allem noͤthig ſchien. Darum ſah man ihn 241 auch auf das Anmuthigſte mit Arabella und Lucie ſcherzen, und Alles um ſich her durch die klare, heitere Miene beleben, die nicht der Ausdruck des Leichtſinns iſt, ſondern eines ſichern naturlichen Gefuͤhls, das Alles eingeſteht, weil es nichts zu verbergen hat. Man hätte denken koͤnnen, die alte Herzogin habe dieſe wohlthätige Diverſion vorausgeſehen oder herbei gewuͤnſcht; denn offenbar unterſtuͤtzte ſie mit ihrer lie⸗ benswuͤrdigen Laune das Betragen ihres Enkels, und ſchien ſich des Erfolges zu freuen, der ſelbſt uͤber ihre Schwiegertochter ſich langſam verbreitete, welche zu muͤtterlich fuͤhlte, um ſich nicht endlich dem Einfluß zu uͤberlaſſen, den ihr Sohn zu verbreiten wußte, nach⸗ dem ſie den unangenehmen Eindruck uͤberwunden hatte, dieſen Sohn den hoͤchſten Rang behaupten zu ſehen, der ihr ſelbſt an der Seite ihres Gemahls, in ſeiner milden, gegen äußere Vorzuge gleichgultigen Stimmung, ſo unbeſtritten geweſen war. Der junge Herzog nahm uͤberall willig das Recht in Empfang, was mit ſeiner Wuͤrde ihm verbunden ſchien. Wie deshalb aber ſeine Mutter einen niedern Rang, als fruͤher, einnehmen konne, vermochte er nicht einzuſehen; und eben dies, daß der Herzog dies fuhlte, verſoͤhnte ſie mit den un⸗ vermeidlichen Einſchränkungen ihres Einfluſſes und ihrer Macht.— Als man ſich zur Tafel hatte Godwie⸗Caſtle I. 2 und Lucie noch immer ihren Liebling vermißte, hrach ſie ſich mit ihrem klaren Stimmchen nd ſich zu ihrer Mutter wendend, rief ſie: O, liebe Mama, wo iſt aber unſere L, warum kommt ſie nicht zu uns, iſt ſie wieder krank? Nein, Lucie, ſagte die Herzogin, und die Erinne⸗ rung an dieſes geheimnißvolle Weſen weckte die ſtillen Qualen ihrer Bruſt und veraͤnderte ſchnell die Farbe ih⸗ rer Wangen; fuͤrchte nichts, ſie iſt wohl auf, aber zu beſcheiden, ohne Vorbereitung vor dieſen Herren zu er⸗ ſcheinen. Meinem guten Bruder Robert, meinem lieben Oheim? rief Lucie, vor denen hätte ſie immer erſchei⸗ nen koͤnnen, die hätten ihr ſicher nichts uͤbel genom⸗ men, wenn ſie auch fremd iſt, wie Du ſagſt. Nicht wahr, Oheim? Nicht wahr, Robert? Was meinſt Du, Lucie? Wen haſt Du, dem Du Protection gewaͤhrſt? fragte Graf Archimbald, während Roberts Blicke ſi ſi h fragend zu ſeiner Mutter wendeten. Wir haben einen Gaſt, mein Sohn, hob die Her⸗ zogin gezwungen an, uͤber den ich noch nicht den paſ⸗ ſenden Augenblick finden konnte, Dir meine Mitthei⸗ lungen zu machen. Ich habe waͤhrend Deiner Abwe⸗ ſenheit ihr den Schutz dieſes Hauſes gelobt, den ſie, ungluͤcklich und verlaſſen, fuͤr den Augenblick zu be⸗ 1 F durfen ſcheint. Du wirſt mich ſehr verbinden, wenn Heure Mutter, rief der Herzog, und über ches Antlitz flog die Roͤthe der Ueberra⸗ ſchung und der Beſchaͤmung, Euer Durchlaucht ſind hoffentlich vollkommen uͤberzeugt, daß es hier keine Au⸗ torität giebt, Ihre Anordnungen und Befehle zu beſtä⸗ tigen.— Es war vielleicht das erſte Mal, daß ihn der Gedanke flächtig beruͤhrte, wohin der ſtolze Sinn ſei⸗ ner Mutter ſich verirrte, den er aber mit Erſchrecken aufzunehmen ſchien. Die Herzogin war mit dieſer Huldigung zufrieden, und ohne ſie weiter zu beantworten, fuhr ſie ſichtlich freier, gegen die Hauptperſon ſich wendend, fort: Ich habe geſtern ihre ruͤhrende Geſchichte gehoͤrt, ſie iſt von vornehmer Geburt, eine Graͤfin von Melville, eine En⸗ kelin des Sir Robert Melville, und obwohl ihre Eltern geſtorben ſind, lebt ihr doch noch ein Oheim, füͤr deſſen Auffindung wir Eure Gute, Graf in An⸗ ſpruch zu nehmen denken. Graf Archimbald verbeugte ſich und wiederholle blos den Namen Melville, als ſäh' er in Gedanken in der großen Namenliſte ſeines Gedächmiſſes nach dieſem ſich um. Die Herzogin erzählte alsdann kurz und mit vieler Geſchicklichkeit die Geſchichte der Auf⸗ 16* 244 findung und der Krankheit der jungen Dame, und ſchloß mit einem faſt unwillkurlichen Lobe ihrer Schoͤnheit und feinen Erziehung. Die die⸗ ſer Erzählung auf beide Männer war auffallend, we⸗ nigſtens fuͤr die Uebrigen, an dieſe ſeltſame Erſchei⸗ nung bereits Gewoͤhnten. Man ſah hier recht, wie das Geheimnißvolle uͤber alle Menſchen eine Gewalt uͤbt, welche zu läugnen, eben ſo vergeblich wäre, als ihr gänzlich entgehen zu wollen. Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekom⸗ men war, wuͤnſchte die Herzogin nunmehr auch die perſonliche Bekanntſchaft mit ihrem Schuͤtzlinge einzu⸗ leiten, und gab zu dem Ende ihren Töchtern den Auftrag, die Ladh am Nachmittage zu beſuchen und ſie, wenn es ihre Geſundheit erlaube, um die Thee⸗ ſtunde nach ihren Zimmern mit heruͤber zu fuͤhren. Dieſer Auftrag ward mit Freude von den Toͤchtern empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein Picht zu erreichendes Ziel; während es die Herzogin ſelbſt beruhigte, weil ſie mit ihren eigenen Gedanken über die Gräfin außer Zweifel kom⸗ men wollte. Ihre Schwiegermutter hatte, trotz ihrer argwoͤhniſchen Aufmerkſamkeit bei der Vorſtellung der jungen Dame, ihr durchaus keine Aufſchluͤſſe gewährt, indem ſie jene nur mit dem freundlichen Antheil em⸗ 245 pfangen hatte, der ſowohl ihrer Lage, als ihrer lie⸗ benswuͤrdigen Perſoͤnlichkeit billig zuzukommen ſchien. Als daher die Theeſtunde herangeruͤckt war, die um der alten Herzogin willen mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit gehalten wurde, obwohl dies keineswegs da⸗ mals ſchon zu den Sitten Englands gehoͤrte, und ſie ſich, von ihrem Sohne gefuͤhrt, bei ihrer Schwieger⸗ tochter eingefunden hatte, konnte dieſe die Ankunft des Herzogs in ſteigender Ungeduld nicht erwarten, und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink da⸗ hin, die jungen Damen abzuholen. Die Herzogin hatte in der Naͤhe eines der hohen Bogenfenſter, wel⸗ ches, geoͤffnet, einen heitern Blick auf die Gebuͤſche der Terraſſen und die dahinter ausgebreitete Land⸗ ſchaft gewaͤhrte, die Seſſel ſtellen laſſen, welche die Familie aufnehmen ſollten. Man ſaß ſo dem mit ſchoͤnen Gemaͤlden und koſtbaren Geräthen geſchmuͤck⸗ ten Saal gegenuͤber, der mit dieſem Zimmer durch einen hohen und breiten gothiſchen Spitzbogen ver⸗ bunden war; dieſen hatte man, Sſeines kunſtreichen Schnitzwerkes und ſeiner prachtvollen Vergoldungen wegen, ohne Thuͤren gelaſſen, und nur durch einen reichen ſeidenen Vorhang die Zimmer nach dem Be⸗ dürfniß der Bewohner getrennt. Jetzt war derſelbe von einander gerollt und gewährte eine ſchoͤne Aus⸗ 226 ſicht in den eben erwähnten Saal, an deſſen Ende ſich, dem Bogen gegenüber, die breiten vergoldeten Eingangs⸗ thůren befanden. Die Herzogin hatte, ihre Schwieger⸗ mutter an ihrer Seite, ihren Teppich vorgenommen und arbeitete, wie es ſchien, mit der vollkommenſten Ruhe an der Bildung einer kuͤnſtlich verſchlungenen Blume, während Graf Archimbald, vor ihr ſtehend, mit großer Veredſamkeit ihr die verſchiedenſten Mittheilungen machte uͤber Freunde und Verwandte in London. Die Herzogin hatte ihm einige Mal ſchon den Seſſel ange⸗ boten, der ihm die Richtung gegen den Saal zu gegeben und ihn fuͤr ihre Beobachtung bequemer geſtellt haben wuͤrde, aber außer einer ſtummen Verbeugung hatte er ſich nicht unterbrechen laſſen, da er, wie es ſchien, zu ſtehen vorzog. Jetzt oͤffneten ſich die Thuren. Die Erwarteten zo⸗ gen in bunter Ordnung durch den Saäl, und Graf Ar⸗ chimbald ſprach noch immer, mit dem Ruͤcken dahin ge⸗ wandt, lebhaft und zu laut, um das Geraͤuſch der Na⸗ henden zu horen, als die Herzogin in voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff, und mit Hand und Augen und freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein gruͤßte, fuͤr den Augenblick unbekuͤmmert über die ſonderbare Huld, und einzig beſtrebt, ihren hartnaͤckigen Schwager zu wenden. Dies gelang, er — — trat zuruͤck und folgte der Richtung mit den Augen, welche ſeine Schwägerin ſo lebhaft anzugeben bemüht war, und der Blick, den der Graf jetzt pruͤfend und immer pruͤfender dahin ſandte, und die auf ſeinem Ge⸗ ſichte unverkennbare Spur innerlicher Ueberraſchung be⸗ friedigte die Herzogin zu ihrem eigenen Nachtheil voll⸗ kommen uͤber die Liſt, die ſie ſich erlaubt hatte, und uͤber das davon erwartete Reſultat. Die jungen Damen, von ihren Gouvernanten und Maſter Copley begleitet, naͤherten ſich nur lang⸗ ſam, ſprechend und mit Lucie taͤndelnd, welche die Zipfel des langen durchſichtigen Schleiers ergriffen hatte, den die Graͤfin Melville trug, und den ſie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte. Dadurch aber draͤngte ſie dieſelbe vor, und es ſchien wirklich, als ob die ſie Begleitenden ihr Gefolge aus⸗ machten. Die Graͤfin trug noch immer Trauerklei⸗ dung, welche von ſchwarzem ſeidenen Stoff auf ihren Wunſch erneut war, und nach der damaligen Mode in einem Mieder beſtand, welches die Schoͤnheit der Taille ſehr vortheilhaft bezeichnete, und Schultern und Nacken enthuͤllte, während der Rock in feinen Falten ſich bis zu den Fuͤßen ſenkte. Dazu gehoͤrten noch die weiten lang niederhaͤngenden Oberärmel, welche, ₰ 248 aufgeſchnitten, den zierlichen Unterärmel zeigten, der eng anliegend, die Form des Armes umſchloß. Der einzige Schmuck dieſer einfachen Kleidung be⸗ ſtand in dem uns bekannten Kreuze, welches an der Per⸗ lenſchnur von ihrem Halſe hinab bis auf die Spitze des Mieders hing, und deſſen Werth die Beſitzerin wenig kannte, obwohl vielleicht kaum ein aͤhnliches Geſchmeide ſich in dem Beſitz der reichen Edelfrauen des Landes be⸗ finden mochte. Das Haar trug ſie nach franzoͤſiſcher Sitte uber die Stirn geſcheitelt und von den Schlaͤfen an in vollen Locken bis zu den Schultern hinabwallend. Das dunkle und glaͤnzende Braun dieſes Haares hob die Lilienweiße ihrer Haut, welche nur einen leichten Anhauch von Roͤthe auf den lieblich geformten Wangen zuließ und dem Lichte auf dieſem Antlitze faſt etwas Strahlendes gab. Es lag außerdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und feinen Geſtalt etwas Ungewoͤhnliches, ſo daß ſie die Aufmerkſamkeit feſſeln mußte. Sie ſchien jetzt ganz mit Lucie beſchaͤftigt, und in ihren Scherz eingehend, hatte ſie den ſchoͤnen Kopf halb zuruͤckgebogen, um mit ihrem kleinen lieblichen Pa⸗ gen zu koſen. Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine Linie von Stirn und Naſe, und zeigte das geſenkte Auge mit ſeinen langen ſchwarzen Wim⸗ pern nur in der hohen nud ſchoͤnen Woͤlbung, zu einer 1½ * —,— ——— 249 Vollendüng der Form erhoben, welche auch ohne die Entſchleierung des vollen Blickes eine Verheißung un⸗ endlichen Liebreizes war. So hatten ſie ſich dem Ein⸗ gange ſpielend genaht, da erwachte Graf Archimbald aus ſeinem Anſchaun. Wer iſt das? rief er lebhaft, unfähig, ſein auge von dem Eingange zu wenden. Meint Ihr die Graͤfin Melville? ſagte die Herzogin mit einer ſolchen Käͤlte und Gleichguͤltigkeit, daß der Graf wegen des Kontraſtes mit ihrer eben geäußerten Theilnahme ganz erſtaunt zu ihr ſah,— und die beiden ſich ſo wohl Kennenden be⸗ durften hier nur eines fluchtigen Blickes, um ſich gegen einander verrathen zu ſehen. Aber es war nicht Zeit zu näheren Eroͤrterungen, denn ſo eben trat die Gräfin unter den Bogen des Ein⸗ gangs. Sie wendete ihr Geſicht zu den Anweſenden und ſuchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier àus Lu⸗ eiens Häͤnden zu ziehen. Dadurch woͤlbte ſich der ſchwarze Flor zu einer Niſche um ſie her, und als ſie langſam und mit ſteigender Roͤthe die großen dunkeln Augen aufſchlug und einen Augenblick ſtillſtehend ihre naͤchſten Schritte zu bedenken ſchien, glich ſie eher den idealiſchen Traumen eines Raphael, als einem menſchli⸗ chen lebenden Weſen. Die Herzogin hoͤrte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne, der leiſe hereingetreten war, 250 einen Ausruf der Bewunderung, ohne dadurch uͤber⸗ raſcht zu ſein; ward doch auch ſie von dem Weſen be⸗ herrſcht, welches dazu beſtimmt ſchien, durch dieſelben Reize, durch die ſie die truͤbſten Gedanken der Herzogin erweckte, ſie auch zu bewältigen und zu verſoͤhnen. Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls, den wir einfloͤßen, iſt, wenn auch nur in Blick und Mienen ausgedruͤckt, eine ſo leicht ſich mittheilende Sprache, daß ſie ſich auch denen verſtaͤndlich macht, die mit der erſten jugendlichen und ſo gluͤcklichen Unbefan⸗ genheit ſie nicht durch ihre Vorzuͤge herbeigefuͤhrt waͤh⸗ nen, aber dennoch von dem Wohlwollen ſich gehoben und erfreut fuͤhlen, das ihnen entgegentritt. Es iſt dies einer der ſchoͤnen Genuͤſſe jenes Alters, wo wir weder Auszeichnung erwarten, noch verlangen, und was uns davon gewaͤhrt wird, mit großmüthigem Enthuſiasmus dem Ideale zurechnen, welches wir uns von den bruͤder⸗ lichen Liebesbanden der menſchlichen Geſellſchaft ent⸗ warfen,— gluͤckliche Traͤume! welche uns noch frei und lebendig in unſerer eigenen Geſtalt mit froͤhlichem Ver⸗ trauen hervortreten laſſen, waͤhrend wir ſpaͤter oft nur den Wunſch behalten, durch gaͤnzliche Unbemerktheit ſo⸗ wohl dem Lobe, als der Verfolgung zu entgehen. Die Graͤfin Melville fuͤhlte in dem Kreiſe, in den ſie trat, und aus den auf ſie gerichteten Augen etwas — 251 ihr entgegen dringen, das ihre Seele mit Vertrauen und der unſchuldigen Heiterkeit erfullte, deren Urſache wir eben erwaͤhnten. Er belebte ihre Zuͤge und zog den feinen Anfang eines ſuͤßen Lächelns um ihren Mund, während ſie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte, der juͤngern Herzogin die vorge⸗ ſtreckte Hand zu kuſſen, welches dieſe jedoch lebhaft ver⸗ weigerte. Haben wir Euch wieder? ſagte ſie dabei ſehr freundlich, ich ſehe, Lucie hat das Sicherſte erwählt, ſie hielt Euch feſt und that Pagendienſte, daß Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet. Weigerte ſie ſich denn, zu uns zuruͤck zu kehren? ſagte die alte Herzogin und kuͤßte das liebliche Mäd⸗ chen auf die Stirn, während ſie einen Augenblick vor ihr auf den Fußſchemel ſich neigte; dann ſoll ſie zur Strafe neben uns ſitzen und mir Seide zupfen helfen. Ich moͤchte gefehlt haben, um dieſer Strafe nicht zu entgehen, ſagte heiter und mit holdem Laͤcheln die Graͤfin, machte mich der Fehler nicht der lieben Strafe unwerth. Doch lieber ſag' ich, daß Arabella und Lucie meiner Sehnſucht zu Hulfe kamen; es war mir ſo bang und traurig dort oben allein, und mich ver⸗ langte die Freude zu ſehen, die ich hier nun verbrei⸗ tet wußte.— Hier ſtreifte ihr helles Auge den jun⸗ 3 252 gen Herzog, der immer noch unbeweglich hinter ſeiner Mutter ſtand und den Blick vergeblich von einem Ge⸗ genſtande zu wenden ſuchte, der ſeine jugendliche Phan⸗ taſie mit allen ihren Träumen uͤberflugelte. Von dem Ausdrucke betroffen, womit der Herzog ſie anblickte, wandte ſie ihre Augen ſchnell, um ſie einen Augen⸗ blick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu laſſen. Erlaubt, Lady Melville, daß ich Euch meinen Sohn, den Herzog von Nottingham, vorſtelle, ſagte jetzt die juͤngere Herzogin, er freut ſich, den Schutz zu beſtätigen, den ich,ſo gluͤcklich war Euch zu gewähren. MWhlord, ſagte die Graͤfin, als der Herzog zu antworten zoͤgerte, und neigte ſanft ihr ſchoͤnes Haupt, ich bitte Gott, daß er Euch ſegnen wolle in dieſem ehrwuͤrdigen Hauſe, und danke Euch, daß Ihr mir den Schutz nicht entziehen moͤget, den Eure erhabene Mutter mir ſo großmuͤthig gewäͤhrte. Die Graͤfin Melville, hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefuͤhl uͤberfuͤllten Stimme an, iſt nicht in dem Falle, um Schutz bitten zu muͤſſen; wo ſie ſich zeigt, wird ſie uͤber das zu gebieten haben, was Jeder zu leiſten vermag. Ihre Gegenwart iſt eine Gunſt des Schickſals, die zu verlaͤngern der ein⸗ zige Wunſch bleiben moͤchte.— Er hatte ſich ihr bei dieſen Worten mit einer Ehrerbietung genähert, die auf ſeinem gluͤhenden Geſicht einen Ausdruck hervorrief, der ſeine Worte noch verbindlicher machte. Seine Mut⸗ ter fuͤhlte ſich unwillkuͤrlich geneigt, ihn zu unterbre⸗ chen, und eilte, ihr den Grafen von Glanford, ihren Schwager vorzuſtellen. Beide Herren ſchienen, ob⸗ wohl in ſehr verſchiedenem Verhaͤltniß, doch jeder in ſei⸗ ner Art, der Schoͤnheit ihren Tribut zahlen zu muͤſſen. Graf Archimbald wußte nämlich fur den erſten Augen⸗ blick ſich nicht mit ſeiner gewoͤhnlichen Politur in eini⸗ gen Worten auszudruͤcken, ſondern ſchien, zerſtreut und abgezogen, und doch ganz mit der Graͤfin beſchäftigt, kaum einige Ausdruͤcke der Hoͤflichkeit finden zu konnen. Nicht ſo die Graͤfin, welche von einem angenehmen Erſtaunen ergriffen, ſogleich ausrief: Graf Archimbald Glanford, Ihr ſeid der beruͤhmte Graf Glanford, der Freund des Prinzen Heinrich von Wales! Wie gluͤcklich macht es mich, Euch kennen zu lernen! O Mylord, wie oft hoͤrte ich von Euch erzählen, wie wurdet Ihr geliebt von meinem Oheim, meiner theuern Tante! Wie lange verehrte ich Euch ſchon vor dieſem Augenblicke!— Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit geſprochen, von welcher ſie jetzt ſelbſt uͤberraſcht ſchien, und die Furcht, zu dreiſt hervorge⸗ treten zu ſein, übergoß ihr Geſicht mit Purpur und ſenkte ihr Auge mit wachſender Verlegenheit zur Erde. 254 Doch der Graf war durch dieſe verſtändlichen Zeichen und die ſchmeichelhafte Beziehung, die darin fuͤr ihn lag, angenehm zu ſich ſelber gekommen und eilte mit ſeiner ganzen Gewandtheit, ihr zu Huͤlfe zu kommen. Er fuͤhrte ſie, hoͤchſt verbindliche Dinge ſprechend, zu ihrem Seſſel, und die Art von Vergnügen, wel⸗ ches er uͤber ihre Mittheilung auszudruͤcken verſuchte, beruhigte leicht das erſchrockene Fraulein, welche nun die Augen mit Vertrauen und mit der holden Klug⸗ heit einer jugendlichen Beobachtung auf ſein unſchoͤ⸗ nes Antlitz wandte, und vielleicht nicht ganz ohne Erſtaunen die ſehr gewoͤhnliche Bildung des beruͤhm⸗ ten Mannes erkannte. Doch war, was wir mit dem Worte gute Erziehung bezeichnen, bei ihr Bildung des Herzens und des Verſtandes geworden. Sie un⸗ terdruckte daher nicht allein das wenig befriedigende Reſultat ihrer Beobachtung, ſondern ihr edles Gefuͤhl milderte ſelbſt gleich im Entſtehen eine Regung der Art, weil ſie die unſichtbare Schoͤnheit der Seele verehren und die zufaͤllige Huͤlle vergeſſen gelernt hatte. Auch beſtuͤrmten zugleich ihre Bruſt die ver⸗ einten Gefuͤhle, welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und geachteten Mannes erregte, und die troſtloſe Trennung von all dieſen Lieben, und das Gefuͤhl der Gute, des Schutzes, des Wer⸗ 3 ——— thes ihrer neuen Umgebungen, machte ſie vielleicht nur deſto weicher. Es giebt ein unendliches Weh des Herzens, das ſich von einem graßen und beſtimmten Kummer dadurch unterſcheidet, daß es zuſammengeſetzt iſt aus einer Mi⸗ ſchung von Leid und Freude, die das klagende Wort vergeblich auszudruͤcken ſtrebt, deren Suͤßigkeit wir mit dem Thau unſerer Thraͤnen netzen, die Gott uns eben fuͤr dieſes halbverſtandene Gefuͤhl des Herzens verliehen zu haben ſcheint. So fuͤhlte ſich die junge Grafin, aus ſo großem Elend errettet, unter die edelſten Menſchen verſetzt, ih⸗ res Wohlwollens gewiß. Welch ein Gluͤck! Welch' eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Guͤte! Und doch getrennt von Allem, was ihr Herz bis jetzt Gluͤck genannt hatte, von einer Unſicherheit, einer Einſamkeit ihrer Lage üͤberfallen, von der die Ahnung fruͤher ſie nicht hatte beruͤhren koͤnnen— welch' eine Fuͤlle von Schmerz zugleich! Unſer Geiſt beſitzt oft eine wunderbare Schnellig⸗ keit, uns Alles im ſelbigen Momente vorzufuͤhren, was unſer Leben ferner oder naͤher bewegte. Ueber die Saiten in unſerer Bruſt ſtreift die Gedankenflut da⸗ her, ſie alle beruͤhrend, des erregten Chaos ſpottend, welches dann in ihrer Tiefe aufgährt. Wie von koͤr⸗ 256 perlichem Schmerze, ſo dehnte ſich das junge Herz in dieſer bangen Qual, als der Graf von Glanford, nach den Ihrigen liebreich forſchend, ſie um die Namen ſeiner unbekannten Freunde fragte. Sie hob das Auge, wel⸗ ches redender, als ihr im Schmerz geſchloſſener Mund, zu ihm ſich wandte, doch bald in große Tropfen ſich ver⸗ huͤllte, die bebend auf ihre heiße Wange ſich entluden und ſtets von Neuem aus der Fülle des gepreßten Her⸗ zens ſich erſetzten. Es war etwas Unausſprechliches in der Theilnahme, womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum Schmerze getrubt ſah, um ſo mehr, da man es einen Augenblick fruͤher in ſeiner urſpruͤnglichen freien Schoͤnheit und Klarheit geſchaut hatte. Graf Glanford war dazu beſtimmt, zum zweiten Male verlegen zu wer⸗ den; denn er ſah ſich als die unſchuldige Urſache ihrer aufgeregten Wehmuth an, und war doch wenig darauf eingerichtet, in dieſen zarten Keimen des Gefuͤhls ſich zurecht zu finden, und doch zugleich wie dazu aufgefor⸗ dert, ſich hier vermittelnd zu erweiſen. Gewiß wären ihm die Damen, die ihre Theilnahme nicht laͤnger zuruck halten wollten, zu Hülfe gekommen, hätte nicht der klare und ſtarke Verſtand des liebens⸗ wuͤrdigen Mädchens ſich ſelbſt die Hulfe verſchafft, die ihrem überwallenden Gefuͤhle das Maaß zu geben ge⸗ neigt war. 257 S Zuͤrnet mir nicht, Mhlord, ſagte ſie und brach mit Gewalt die ſchoͤnen Lippen zum bittenden Lächeln, waͤh⸗ rend ſie die heißen Tropfen in ihren Augen erdruckte, ich bin fremd und neu in der Fulle der Traurigkeit, in die mich Gottes Wille gefuͤhrt hat; aber meine theuern Erzieher ſollen nicht vergeblich in Sorge und Liebe ſich um mich bemuͤht haben, ich will ſtark werden auch im Ungluͤck. Vergebt mir, ich ward jetzt uberwältigt, weil meine Gedanken an Allen hinglitten, die ich geliebt und verloren habe. Aber, fuhr ſie voͤllig geſammelt und mit einem ruͤhrenden Eifer fort, ich war undankbar, ſo viel Schmerz zu empfinden, wo ich auf's Neue nun Urſache zu danken hatte, da ich in Euch, Mhlord, eine hochver⸗ ehrte und von den Meinigen gekannte Perſon fand. Ihr werdet den Grafen von Marr, meinen theuern Oheim, kennen, Ihr werdet ihn zu mir fuͤhren; Ihr ſahet ihn vielleicht jetzt, denn Ihr kommt ja aus Lon⸗ don, Ihr mußtet ihn ſehen, denn er lebt im Gefolge des Koͤnigs. Sie hatte dieſe Worte mit Haſt geſprochen, während ihre Augen immer mehr vom Glanze der ſteigenden Hoffnung ſich belebten, und jetzt zur Gewißheit einer ſchnellen Nachricht von dem theuern Oheime gelangt, hing ihr Blick mit freudiger Erwartung am Munde des Grafen. Aber es ſtand nicht in ſeiner Macht, dieſe Godwie⸗Caſtle I. 17 258 erſehnte Auskunft zu geben, ja, er verbarg nur mit Muͤhe ſein Erſtaunen über einen Namen, den er aller⸗ dings unter dem ſchottiſchen Abel als angeſehen kannte, den er aber am Hofe des Koͤnigs nie unter denen hatte nennen hoͤren, die ihn dort umgaben; viel weniger noch war eine ſolche Perſon ihm ſelbſt bekannt. Mein Aufenthalt in London, Mhladh, ſagte der Graf mit aller Schonung, welche das ungeduldige Ver⸗ langen der Fragenden ihm auferlegte, war in dieſer Zeit nur kurz und wenig um die Perſon unſers gnaͤdigen Koͤnigs. Seine Geſundheit beſchränkte ihn auf das faſt nur augenblickliche Erſcheinen bei hochſt nothigen Feier⸗ lichkeiten; er blieb ſonſt auf ſeine innern Gemächer und ſeine gewohnteſten Umgebungen beſchränkt, und da ich — wie meine Schwägerin vielleicht ſchon die Güte hatte Euch zu erwähnen— fruͤher meinen Aufenthalt in Deutſchland nahm, ſo konnte leicht mir unbekannt blei⸗ ben, daß der Graf von Marr ſich am Hofe befindet. Ich kann Euch alſo leider fuͤr dieſen Augenblick keine erwünſchte Auskunft geben. Aber, ſiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen, zu dienen, ein, Euer Wunſch ſoll auf das Schnellſte in Erfuͤllung gehen. Ich eile meinem Bruder Richmond Eure Befehle zu uͤbergeben, er lebt durch meinen Großoheim in unmittelbarer Beruhrung 259 mit der Perſon des Koͤnigs, er wird ſo glüͤcklich ſein, Euern Oheim aufzuſuchen, und ihn von dem Aufent⸗ halt benachrichtigen, den Ihr hier anzunehmen uns wuͤrdigt. Habt die Gnade, unterrichtet mich, ob Ihr noch weitere Mittheilungen zu machen habt, beſtimmt, wann ich den Boten abſenden ſoll. Sehr verſchieden war der Eindruck, den dieſe ganze Scene bis auf die letzten Worte des Herzogs, auf die Anweſenden hervorbrachte. Die junge Graͤfin wandte ſich von der unterge⸗ henden Hoffnung in dem Grafen, der neu erweckten in des Herzogs thätigen Verheißungen zu, und wer hätte auch nicht aus dem aufrichtigen, zuverlaͤſſigen Ausdruck dieſes Geſichts Hoffnung ſchoͤpfen wollen! Die Gräfin ſelbſt, ſo hingebend und empfänglich ge⸗ bildet, fühlte ſogleich ein froͤhliches Vertrauen zu ihm aufleben, und ihr ſchoͤnes Auge dankte ihm, noch ehe die holden Lippen es vermochten: Ihr ſeid ſo großmuthig, ſo mitleidig mit meiner kindiſchen Unſchuld! Er wird ja ebenſo, wie ich, ſich beſtreben, mich zu ſuchen. Ich koͤnnte es erwarten, aber viel freudiger wird mir doch ſein, wollt Ihr gu⸗ tig thun, wie Ihr ſo eben ſagtet; dann wird ſich leichter und ſchneller dies erſehnte Wiederfinden tref⸗ fen, und ich werde Euch viel danken, ach, unendlich 17 260 viel, ſetzte ſie innig hinzu, unendlich viel, wie dieſem ganzen Sau e!— Deſſenohngeachtet, ſagte die juͤngere Herzogin, moͤchte ich bitten, die Sendung, die Du zu machen denkſt, noch ſo lange aufzuhalten, bis daß ich die mir mitgetheilte hoͤchſt anziehende Geſchichte unſerer jun⸗ gen Freundin dem Grafen Archimbald, ihrer Erlaub⸗ niß gemäß, mitgetheilt haben werde; denn es wird dann, denke ich, die Art, wie die Nachfragen nach den Verwandten der Gräfin einzuleiten ſind, beſſer ſich beſtimmen laſſen. Mit dieſem Ausſpruch ſchien Niemand zufriede⸗ ner, als Graf Archimbald, welcher lebhaft darein ein⸗ ſtimmte. Unverkennbar war dagegen ein leichter An⸗ flug von Erſtaunen in den Zuͤgen der jungen Gräfin, welches zu ſagen ſchien, was es noch einer beſondern Art der Nachfrage beduͤrfe, wo der Weg ſo einfach vor Augen liege; und der junge Herzog, dem dies in der geſpannten Aufmerkſamkeit, mit der er ſie betrach⸗ tete, nicht entging, fuͤhlte ſich eben nicht dadurch zu einer unbedingten Beiſtimmung veranlaßt. Wenn die Gräfin Melville gern und ohne Zweng in dieſe Zoͤgerung willigt, ſagte er ernſt, aber ehr⸗ erbietig gegen die Herzogin geneigt, wird Euer Wille, wie immer, mir Befehl ſein; doch bitte ich Euch, 261 chut Euerm Herzen nicht Zwang an, ſagt ein Wort, und ich eile in dieſer Stunde noch, Boten nach Lon⸗ don abzuſenden. Nein, Nein! Mhlord, ſeid nicht ſo raſch, rief hier die Gräfin, denn ihr kluges Auge hatte ſchnell den ſtolzen Blick der Herzogin aufgefaßt, der der kleinſte Widerſtand zur Kränkung ward. Nie moͤchte ich ge⸗ gen den Willen Eurer verehrten Mutter handeln wol⸗ len. Wie kann ich uͤberſehn, was ſie in ihrer weiſen Guͤte als Recht erkennt? Nein, Mhlady, beſtimmt es ſelbſt, wann dieſer Schritt geſchehen ſoll, ich will nicht mit kindiſcher Ungeduld Euch läſtig werden, und Euch vertrauen, lieber und ruhiger, als mir ſelbſt. Dieſe Worte, ſo wahr und rein aus dem Innern kommend, gingen wie ein Engelgruß von Herz zu Herzen. Der ernſte Anflug, den die Erwähnung ſo wichtiger Umſtände hervorgerufen, ſchien von ihr, die ihn veranlaßt hatte, ebenſo wieder gebannt zu wer⸗ den. Die alte Herzogin half ſtets eine freie und ru⸗ hige Stimmung begünſtigen, die juͤngere Herzogin war verſohnt und ſuchte ihre innere Unruhe zu be⸗ kämpfen. Graf Archimbald miſchte ſich um ſo ſchnel⸗ ler in das Spiel leichter Worte und Scherze, als er alle Gefuͤhlsſcenen gern vermied, und die beſcheiden zuruͤckgezogenen Tochter und Damen des Hauſes fuͤhl⸗ ten ſich zur willkommenen Theilnahme angeregt; nur der junge Herzog war verändert, und ſeine ganze Fä⸗ higkeit ſchien in ein tiefes Anſchauen der Graͤfin Mel⸗ ville aufgeloͤſt. Aber auch er widerſtand dem Zauber nicht, den ſie uͤber Alle uͤbte. Sein Intereſſe weiblich zart errathend, ſah ſie darin nur eine willkommene Veranlaſſung, guͤtig den zu behandeln, der ſich ihr theilnehmend gezeigt. Unſchuldig begegnete ſie ſeinem Blicke, fragte das Wort ſo oft ihm ab, daß er, ſelbſt endlich redend, heiter zum ſeligſten Gefuͤhle ſeines er⸗ hoͤhten Selbſtes kam, und nun in einer Belebung der Gedanken und Gefuͤhle dahin wogte, daß er wie⸗ der Allen, die ihn kannten, veraͤndert erſchien, nur der jungen Gräfin nicht, die ihn recht lieb haben mußſte und ſich recht froh geſtand, wie gut doch Alle waren, die dies Haus umſchloß. Die Geſellſchaft nahm am andern Morgen in der ſchoͤnen mittlern Halle, von der Lieblichkeit des heitern Tages angelaͤchelt, das Fruͤhſtuͤck ein, das in unge⸗ zwungeneren Formen, als die Mittagstafel, den Da⸗ men kleine Geſchäfte, den Herren Gelegenheit zu tau⸗ ſend hoͤflichen Dienſtleiſtungen verſchaffte, die nicht durch Vorſchneider und Mundſchenk beſorgt werden durften, wie es die Etikette der Tafel verlangte. Man ſaß, weil man wollte, man ſchluͤpfte von Einem zum Andern, es war erlaubt, und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich uͤber Allen. Die in der Haus⸗Livree, nicht in Gala, die erſt zu Mittag eintritt, verſammelten Diener find um dieſe Zeit, von den Stuͤhlen entfernt, zu der Bedienung des Schenktiſches verſammelt, oder paradiren in ſtummer Aufmerkſamkeit, bis ein Pfeifchen, ein Wink, ein Ruf von der Tafel herſchallt, der ihre Huͤlfe begehrt. Jeder kennt den ihm eigen zugehoͤrigen Dienſt, und tein unruhiges Sauſen der ſich uͤberrennenden Die⸗ ner ſtoͤrt die freie Bewegung der Herrſchaften und ihre heiter waltende Laune. Die Dienſte, welche dieſe ſich leiſten und dadurch in das Amt der Diener ein⸗ greifen, werden auch fuͤr dieſe Klaſſe der Anweſenden eine unendliche Quelle ſcherzhafter und launiger Be⸗ merkungen und Beobachtungen. Was beim Fruͤhſtuͤck geſchah, wird für ſie oft die Veranlaſſung frohlicher Geſpraͤche fuͤr den übrigen Theil des Tages, wo die Schloßbedienten endlich am Kaminfeuer mit der gerin⸗ geren Dienerſchaft im Kleinen die vornehmen Manie⸗ ren und herablaſſenden Scherze nachahmen, die ſie am Morgen ausſpenden ſahen. 264 Seit lange ſchien kein Tag froͤhlicher zu beginnen, als dieſer. Die jungen Damen fuͤhlten ihre Laune be⸗ lebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen Herzogs. Graf Archimbald verſtärkte durch einzelne eingeſtreute Worte die harmloſen Witzfunken der jungen Leute. Die alte Herzogin ſaß mit ihrem feinen Angeſichte, wie die Quelle unſchuldiger Heiterkeit, oben an. Sie erzählte kleine Zuge von alten, längſt vergeſſenen Sit⸗ ten, ja, ſie ſang ſogar mit einem feinen Silberhauche der Stimme den Vers einer Vallade, den ſie oft ih⸗ rer Mutter, der Graͤfin Burleigh, von der armen Spinnerin Joſſeline ſingen mußte, welche fuͤr ihren Fleiß dadurch belohnt ward, daß ihre eignen ſchoͤnen blonden Locken ſich in Goldfäden verwandelten, die ſie täglich unverringert ſpinnen durfte und ſo die Ge⸗ mahlin eines Fürſten ward. Nicht ohne Wahrſchein⸗ lichkeit, ſagte ſie lachend, daß ſie nicht gar unſere Stamm⸗Mutter iſt; denn mutterlicherſeits war es ein angeſehenes altes Geſchlecht, dem mein Vater ſeine Tugenden zugeſellte. Wer hätte bei dieſer Erzählung nicht unwillkuͤrlich auf Lucie geblickt, deren goldlockiges Koͤpfchen aus dem Arme der Großmutter uͤber die Tafel ſah und an die Ahnfrau denken ließ, die ſo lieb⸗ liches Lockengeſpinnſt auf dieſen reizenden Nachkoͤmm⸗ ling verpflanzt zu haben ſchien. Doch Luciens Seele 265 hing mit Begierde an der Erzählung von Joſſeline. Sie wußte nicht, daß ſie blonde Locken habe, und kannte das Daſein derſelben nur aus den Bemuͤhungen der Miß Dedington, wenn dieſe ſie glänzend zu kaͤmmen und mit Schleifen zu durchſchlingen pflegte, auf Unkoſten der ganzen Geduld der dadurch ſehr ſich gequält fuͤhlen⸗ den Kleinen. Du ſiehſt, Lucie, ſagte ihre Mutter, zu ihr hinüber lächelnd, wie Fleiß und Tugend immer be⸗ lohnt werden, Du ſollſt mir kuͤnftig den Vers von Joſ⸗ ſeline ſingen, wenn Miß Dedington Dir ein gutes Zeugniß giebt, und kann ich Deine Locken auch nicht in Gold verwandeln, zum Lohne finde ich doch wohl Manches, was ſtatt des koſtbaren Geſpinnſtes Dir Freude macht. Das entzuͤckte Laͤcheln Luciens ver⸗ ſchwand, als ſie die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Miß Dedington wandte, welche, zwar nicht unguͤtig, aber doch Lucien bemerklich, ſchnell mit dem Finger drohte und dann fortfuhr, ihr Fruhſtuͤck zu halten. Ein breiter kindiſcher Seufzer machte ſich aus Lu⸗ ciens kleinem Herzen Luft, und ſie ſagte ganz ernſt und nachdenklich: Das iſt Alles lang her; muͤſſen wir denn immer im⸗ merfort fleißig ſein, iſt denn nicht Einer, der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu arbei⸗ ten braucht?— Graf Archimbald hatte ſchon einige ketze⸗ riſche Worte in BVereitſchaft, unendlich ergotzt durch die unbewußte Ironie, womit Lucie ſich gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte, aber der lächelnde Mund wendete ſich ab, als die alte Herzo⸗ gin mit liebender Haſt ihr ſanftes Nein ſprach und einige Worte hinzufuͤgte, die das holde Kind wieder aufblicken ließen. Beſonders half dazu das Verſpre⸗ chen, ihr die Ballade von Joſſeline zu lehren, damit ſie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Ver⸗ ſprechen erinnern koͤnne. Und dann, rief Lucie, wenn ich zuerſt Joſſeline ſinge, was ſchenkſt Du mir dann? Nun? ſagte die Mutter wieder fragend, was moͤchte wohl Luciens Herz erfreuen? Lucie hielt die kleinen Häͤnde jauchzend vor den Mund und blickte ſchelmiſch zu ihrer Mutter heruͤber, dann rief ſie uͤberlaut, die Händchen hoch ausſtreckend: Ein Pferd, Mama! ein ſchoͤnes kleines Pferd! Ein Pferd? rief es von allen Sei⸗ ten, und lautes Lachen toͤnte den Worten nach, und Lu⸗ cie flog im frohen Jubel um die Tafel, ihren Wunſch unabläſſig wiederholend, den ſie von Allen mit Scherz und Lachen aufgenommen ſah. Hat man je geſehen, daß ein ſolches Kind ein Pferd beſteigt, rief der junge Her⸗ zog und fing Lucie in ſeine Arme auf, mit zärtlicher Liebe ſie an ſein Herz druͤckend. Du wildes Kind, ſo erwarb Joſſeline ihre goldenen Locken nicht. hehit — —————— 262 O ſcheltet ſie nicht, Mhlord, ſagte Lady Melville und zog Lucie, ſtrahlend von eigener jugendlicher Hei⸗ terkeit, zu ſich heran; ich, Lucie, bin ganz Deiner Mei⸗ nung. Nichts Schoͤneres giebt es, als ein muthiges, leichtes Pferd, welches uns mit ſeinem raſchen Fluge dahin trägt, als ob Schwingen uns entfuͤhrten, deſſen klugem Blicke wir vertrauen koͤnnen, das unſere Liebe verſteht, und den feurigen Willen mit Treue und Guͤte dem leichten Zucken unſers Fingers fuͤgt; ein ſchoͤnes, herrliches Geſchoͤpf Gottes! Zu Pferde! Zu Pferde! rief der junge Herzog und ſprang mit lauter Freude von ſeinem Seſſel, entzuckt von der Lobrede, welche von ſo ſchoͤnem Munde ſeinem Lieblingsvergnugen gehalten ward. Alles erhob ſich. Die ſchoͤne reine Morgenluft, der ſonnige Himmel, die gruͤnende Erde im zarteſten Schmucke des Fruͤhlings, Alles ſchien die Stunde zu einem froͤhlichen Ritt zu be⸗ guͤnſtigen. Die ältern Damen gewaͤhrten freundlich den juͤngern dies Vergnuͤgen, an dem ſie nicht mehr Theil nahmen; ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zuruͤck, und ſo wurde dem jungen Herzoge die Anordnung uͤbergeben, welcher ſogleich mit Ramſeh fortſturmte, ſelbſt die Befehle dem Stallmeiſter zu er⸗ theilen und das ſchoͤnſte Pferd fur die zu wählen, die ſo feurig ſeine Tugenden zu erkennen wußte. 268 Die jungen Damen entfernten ſich mit Miſtreß Corby, um ſich zu dieſem Vergnuͤgen zu ruͤſten. Lu⸗ cie bekam von Miß Dedington das Verſprechen, die Damen von dem Altan der Großmutter in das Thal reiten zu ſehen. Dahin begaben ſich auch die drei älte⸗ ren Perſonen, da die juͤngere Herzogin um Erlaub⸗ niß gebeten hatte, ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geſchichte der Gräfin Melville mitthei⸗ len zu duͤrfen. Kaum hatte man den Altan erreicht, als die froͤh⸗ liche Cavalcade um die Wälle des Kaſtells herum kam und ſich in der freieſten Bewegung in dem lieb⸗ lichen Thale ausbreitete, welches mit ſeinem gruͤnen Wieſengrunde den leichten Hufſchlag der Pferde ela⸗ ſtiſch wieder zu geben ſchien. Arabella war eine geſchickte Reiterin, ſie ſaß mit Ruhe und Feſtigkeit im Sattel, und wußte ihr ſcho⸗ nis, frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr gefällige Richtung zu lenken. Sie ſah ſchoͤn aus, wenn ihr bluͤhendes Antlitz unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Geſtalt ſich leicht im Sattel trug. Auch liebte ſie voraus zu reiten, und ihr Stallmeiſter, der, ſtolz auf ſeine Schuͤlerin, ihr gern zur Seite blieb, durfte ihr Kuͤnſte vormachen, die ſie geſchickt nachzumachen wußte. Man gewahrte ſie auch jetzt beide zuerſt um den Vorſprung der Mauer biegen; ſie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeigun⸗ gen nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein ab⸗ geſchoſſener Pfeil in den Thalgrund. Der Herzog hatte der Gräfin Melville die Wahl gelaſſen zwiſchen drei gleich ſchoͤnen Pferden. Aber wie hätte ſie, die Kennerin, unter ihnen das weißgeborne zarte Roͤßlein mit dem hohen ſchlanken Halſe und den feinen Beinchen ſehen konnen, und nicht mit Entzuͤcken ſeinen Zuͤgel ergreifen ſollen. Es ſchnaubte ſie an und warf den Hals koͤniglich zuruͤck, und die roſenrothen Nuͤſtern und das volle, ſchäumende Gebiß, die zucken⸗ den roͤthlichen Oehrchen und die hellen braunen Augen, womit es klug und treu die Grafin anblickte, waren füͤr die Bewunderin dieſer herrlichen Thiere eben ſo viele Reize, an denen ſie ſich erfreute. Als die eben ſo gerd⸗ theten Hufe wie auf gluͤhendem Boden ſich ſpielend ab⸗ löſten, nirgends mehr Ruhe habend, ſtrich ſie mit den zarten Händen die feinen, aus den Flechten gekämmten Maͤhnen zuruck, und ehe der Herzog hinzueilen konnte, den Steigbugel zu halten, flog ſie leicht, ohne Sprung oder heftige Bewegung, als ob eine Feder den Boden un⸗ ter ihrem Fuße leicht gehoben, in den Sattel, hatte eben ſo den Zugel beſonnen gefaßt und belohnte mit einem Aus⸗ ruf der Freude den Bogenſprung des lebhaften Thieres. 220 Die ſind einander werth, ſagte der alte Stallmei⸗ ſter des Herzogs, ihr wohlgefällig nachſehend, indem er ihm ſein Lieblingspferd zufuͤhrte, jedes in ſeiner Art ein Meiſterſtuͤck! Meinſt Du? lächelte entzuckt der junge Herzog, und ſchon flog er dem leichtfußigen Schimmel nach, welcher, der geſchickten Hand ſich be⸗ wußt, ein Muſter war an Muth und leichter Bewe⸗ gung, an Gehorſam und Beobachtung des leiſeſten Winkes. Als ſie nun beide ſchnell hinter einander um den Vorſprung bogen, empfing ſie Luciens Freuden⸗ geſchrei, die an ihrer geliebten Lady Maria mit gan⸗ zer Seele hing. Die Gräfin hielt ſogleich den ſtuͤr⸗ menden Galopp ihres Pferdes an und ließ es zier⸗ lichen Schrittes unter dem Altan dahin tanzen, indeß ſie das ſchoͤne Antlitz, von unſchuldiger Freude belebt, empor hob und ihnen ihre Gruße zurief. Dann eilten ſie froͤhlich, Arabella einzuholen, die ihnen jedoch umkehrend entgegen flog, und ſo bildete ſich der kleine Zug, an den ſich Maſter Corbh, Stan⸗ loff, der Stallmeiſter des Herzogs und einige Diener anſchloſſen. Die Zuruͤckgebliebenen konnten ſich von dem reizenden Anblick nicht trennen. Der MWorgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets, in der rei⸗ nen Luft zeigten ſich die Umriſſe der feinen Geſtalten; Anmuth und Heiterkeit ſchien über Alle verbreitet, und 271 der etwas ſchwere Nachtrab verdarb dieſen Eindruck nicht, den die drei Voreilenden erregten. Man ſchien ohne Verabredung auf dem Altan blei⸗ ben zu wollen, bis die Huͤgelreihe von Cheffield die Rei⸗ tenden dem Nachblicke entziehen wuͤrde, als die Herzo⸗ gin einen kurzen Schrei ausſtieß, unwillkuͤrlich eine hef⸗ tige Bewegung gegen die Bruͤſtung des Altans machte und dann ſchnell verſuchte, Gaſton zuruͤck zu rufen, der die ferne Stallhütte bei dem Geraͤuſch der Abreitenden geſprengt hatte und jetzt zum Nachſetzen mit wilder Haſt ſich auslegte, faſt mit ſeinem Leibe den Boden beruͤh⸗ rend. Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz ver⸗ loren, und Luciens kleine Stimme unterſtutzte ihn maͤch⸗ tig, doch Gaſton ſtutzte wohl einen Augenblick, ſah nach dem Altan hinauf und außerte ſeine Freude durch einige ungeſchickte Spruͤnge; als er aber einſah, er ſolle blei⸗ ben, ſtieß er eine Art Jammergeſchrei aus, blickte hin⸗ auf, als bäte er um Gnade, und ſtuͤrzte im ſelben Au⸗ genblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach. Die Herzogin hielt den Athem an und die Augen auf die Scene vor ihr gewendet, denn nur zu bald hatte er den Hintertrab durchbrochen, und im ſelben Augen⸗ blick ſprang er an dem Pferde der Gräfin Melville hoch in die Hoͤhe, ſie ſelbſt, wie es ſchien, umarmen wollend. Doch das Pferd der Gräfin, nicht wenig erſchreckt, 222 machte einen Satz vorwaͤrts in die Luft, ſo daß es der ganzen Geiſtesgegenwart der Graͤfin bedurfte, um nicht aus dem Sattel zu fliegen. Der zweite Schrei, den hier die Herzogin vernehmen ließ, motivirte ſchnell den erſten. Das wilde Thier! rief ſie, ich furchtete gleich Ungluͤck von ſeinem Ungeſtͤm. Ga⸗ ſton fuhr indeſſen, nachdem er ſeinen Herrn und Arabella gleichfalls begruͤßt hatte, immer fort, der Graͤfin alle moͤglichen Liebkoſungen zu machen, und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten gegen ſeine Schwäͤgerin dieſe auffallende Freude an einer Fremden. Die Herzogin mußte nun antworten, und fuͤhlte ſie, daß die ängſtlichen Zweifel der Gräfin uͤber dieſen Gegenſtand nicht ohne Grund wa⸗ ren; denn ſie ſelbſt konnte nur mit der hoͤchſten Ueberwindung und abgewendetem Geſicht ſich zum Antworten entſchließen. Gaſton, Mhlord, ſagte ſie gedrängt, war' es, der die Gräfin auf der Terraſſe entdeckte, und ſeitdem durch ſein mitleidiges Herz und die dankbaren Liebkoſungen der Gräfin ſich außerordentlich an ſie attachirt hat.— Ja, Oheim! rief Lucie, davon will ich Dir erzählen, wie Gaſton, mein lieber, guter Gaſton, nicht von ihr ging, bis ſie erwachte, und dann— Laß das jetzt, Lucie, ſagte die Herzogin freundlich, aber unabweisbar, —.— 273 nicht umſonſt ſind die Brodkruͤmnchen wohl in Dein Schuͤrzchen gepfluͤckt; füttere jetzt Deine kleinen Schuͤtz⸗ linge, ſie harren ſchon dort und haben mit ihren klu⸗ gen Aeuglein laͤngſt geſehen, daß ihre kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt. Lucie ging ſogleich in dieſe er⸗ freuliche Gedankenreihe ein, jauchzend huͤpfte ſie an den Rand, wo die nun ſchon belaubtere Birke das liebe Neſtchen beſchuͤtzte, ſtreute ihr Broͤckchen und ging dann, von Miß Dedington ſanft erinnert, wie ein ſehr artiges Kind, unter hoͤflichen Gruͤßen von dannen. Man nahm an den geoͤffneten Thuͤren Platz, und die Herzogin erzaͤhlte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geſchichte der Gräfin Melville, wie ſie uns bereits bekannt iſt. Die Pauſe, die nach Beendigung derſelben ein⸗ trat, und worin der Graf eine Bemerkung ſeiner Mut⸗ ter zu erwarten ſchien, ward endlich von ihm ſelbſt unterbrochen. Es ſchien ihm nicht ganz leicht, das rechte Wort zu finden, denn auf den eingefallenen Wangen und erſchoͤpften Zügen ſeiner Schwägerin, welche ſich auffallend ſchnell während ihrer Erzaͤhlung gebildet hatten, lag fur den feinen Beobachter ein Com⸗ mentar zu der Mittheilung, die ſie mit der ſtrengſten Wahrheit wieder zu geben bemuͤht geweſen war, den er aber noch nicht zu enträthſeln vermochte. Man ſpricht Godwie⸗Caſtle I. ¹8 ———— 224 indeß haͤufig am eheſten das aus, was ſich eben unſern Gedanken mittheilt, wenn es uns zweifelhaft bleibt, wodurch wir die Anweſenden ſchonen oder beſchwich⸗ tigen koͤnnen, und es ſcheint, der Graf befand ſich in demſelben Falle. Ich glaube, ſagte er mit der hoͤflichen Miene, wodurch er ſtets ſeine Anreden eroͤffnete, uns allen kann es nicht entgehen, daß die junge Dame uͤber ihre wahre Lage entweder ſelbſt getäuſcht worden iſt oder, was ich ungern hinzufuͤge, uns zu taͤuſchen verſucht hat. Was ſie von Namen und Ort mitgetheilt hat, fürchte ich, wird ſich eben ſo wenig beſtätigen, als ihre Unbekanntſchaft mit denen, die ſie nicht zu nennen weiß, ſich einigermaßen wahrſcheinlich zeigt. Ich glaube, daß es dem Scharfblick der Damen nicht entgangen iſt, daß ich mit einer Antwort uͤber den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte, denn allerdings hätte ich ihr ſogleich beſtimmt ſagen konnen, daß Kei⸗ ner dieſes Namens am Hofe und in der Nähe des Koͤnigs lebt. Die Familie wird Ihnen, wie mir ſelbſt, ſehr wohl bekannt ſein; ſie ſpielte keine unbedeutende, wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den Unru⸗ hen Schottlands unter der Regierung ihrer ungluͤcklichen Koͤnigin Maria. Ich habe einen Grafen von Marr gekannt, aber er war ein Greis, als ich in der erſten ——— X Jugend mit meinem Vater, auf Befehl der Koͤnigin, nach Schottland ging, wo er an Jakobs Hofe, ge⸗ beugt und kaum noch lebend, ſich zuweilen zeigte. Doch nachdem die traurige Botſchaft des Todes der Koͤnigen Maria, welche mein verehrter Vater ſo un⸗ gern uͤberbrachte, von ihm gehoͤrt ward, zog er ſich auf ſein Stammſchloß nahe bei Edinburg zuruͤck, und man ſah ſeinem Tode alsbald gewiß entgegen. Die⸗ ſer Graf hatte aber nur zwei Toͤchter aus zwei ver⸗ ſchiedenen Ehen. Seine erſte Gemahlin war eine franzoͤſiſche Dame, welche mit Marie von Guiſe, der Gemahlin Jakobs des Fuͤnften, nach Schottland ge⸗ kommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin der Koͤnigin war. Die alteſte Tochter aus dieſer Ehe kennen wir. Sie heirathete den Ritter Villers, wie ich glaube, gegen den Willen ihres Vaters, und lebte in tiefer Abgeſchiedenheit, man ſagt ſogar in Armuth, bis nach dem Tode ihres Gemahls ihr Sohn an un⸗ ſerem Hofe eine Stellung einnahm, die auch ſeine Verwandte erheben mußte, und wir haben dieſe Dame als Gräfin von Buckingham damals geſehen. Die zweite Gemahlin war eine Englaͤnderin, fuhr er raſch fort, aber ich bin unſicher über ihren Namen. Auch dieſe gab ihm eine Tochter; die Mutter ſtarb jedoch bei der Geburt derſelben, ſo daß der Graf ohne wei⸗ 18* tere Erbin blieb, ſich aber, glaube ich, ſpäter in ſo⸗ weit mit ſeiner älteſten Tochter ausſoͤhnte, daß er ihr die viel juͤngere Stiefſchweſter zur Erziehung uͤber⸗ gab. Dies iſt Alles, was ich ſeit geſtern mit mei⸗ nem Nachdenken uͤber dieſe Familie habe herausbrin⸗ gen koͤnnen, und es ſcheint wenig zu der Erzählung der jungen Dame zu paſſen. Denn ſelbſt angenom⸗ men, die juͤngſte Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville geheirathet, und ſie ſei die Tochter aus dieſer Ehe, welches leicht zu erfahren ſein wird, wo bekam die Graͤfin Melville eine juͤngere Schwe⸗ ſter und zwei Bruͤder her, da ſie nur eine ältere Stiefſchweſter hatte? Und doch, fuhr der Graf fort, immer lebhafter in die Auseinanderſetzung dieſer Ge⸗ ſchichte ſich vertiefend, doch iſt dieſer unwahrſcheinliche Theil ihres Geſtändniſſes noch der bei weitem klarſte deſſelben; denn allerdings hat ſie großes Recht, ſelbſt uͤber ihre Unwiſſenheit hinſichtlich des zweiten Theils zu erſtaunen. Sie kennt den Namen eines Ortes nicht, welcher das Ziel ihrer Wuͤnſche, ihres Strebens war, den ſie jaͤhrlich ein Mal, vielleicht ofter beſuchte; ſie hoͤrte nie den Namen des beſten Freundes, ihres Verwandten, ſie begnugt ſich damit, ihn Graf Robert zu nennen. Eine wahrlich ſehr naive, vertrauensvolle Hingebung, die aber, daucht mir, nicht verletzt worden wäre durch die natur⸗ — 222 liche und einfache Bitte um die Namen ſo geliebter Ge⸗ genſtände, als hier beide, Ort und Perſon, ihr waren⸗ Die unnaturliche Verfolgung des einen Oheims, waͤh⸗ rend der andere ſo liebevoll erſcheint, iſt auch ſchwer in Uebereinſtimmung zu bringen und ſcheint auf eine merk⸗ wuͤrdige Unkenntniß des Individuums ſich zu gruͤnden, die durch den alten Kammerdiener ſo leicht gehoben wer⸗ den konnte, wenn man auch annehmen will, daß das Fräulein ſelbſt durch Schreck und Furcht abgehalten ward, ſich als die Nichte dieſes erzuͤrnten Mannes an⸗ zugeben. Iſt ſie wirklich eine Gräfin Melville, mußte ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben, und dies konnte auch ihrem Diener bei der groͤßten Einfach⸗ heit nicht entgehen.— Nimmt man nun leicht wahr, daß dieſe letzten Umſtände, wie der Tod des Kammer⸗ dieners, vollig dazu geeignet ſind, über ihre Ankunft hier ein räthſelhaftes Dunkel zu verbreiten und jede unſerer Nachforſchungen unſicher zu machen, da alle Beſtätigung des Einen oder Andern nur in der jun⸗ gen Lady uns aufbehalten ward, ſo finden wir uns dadurch unläugbar ganz in ihrer Hand, und wenn ich damit auch keineswegs gegen ein ſo liebenswuͤrdi⸗ ges und junges Weſen Verdacht erregen moͤchte, ſchei⸗ nen doch ſo viele Widerſpruͤche eine ſehr ſorgſame Nachforſchung zu verlangen. 228 Er wandte ſich gegen das Ende ſeiner Worte aus⸗ ſchließlich gegen ſeine Schwägerin, wie es ſchien, ſie zur Theilnahme aufzufordern, aber die Herzogin blieb unbeweglich, die Augen auf die Erde geheftet, mit vol⸗ lig entfaͤrbten Wangen, die Spitzen der Finger an ihr Finn gelegt, es gleichſam ſtützend. Doch ſchien die alte Herzogin bemuͤht, die Aufmerkſamkeit ihres Soh⸗ nes von der geliebten Schwiegertochter abzulenken. Sie richtete ſich in ihrem Stuhl empor. Gewiß, mein Sohn, ſprach ſie, giebt s hier ein Dunkel, welches, zum Nach⸗ theil fuͤr dies liebenswürdige Mädchen, uͤber ihre An⸗ gelegenheiten verbreitet iſt. Aber gegen den Verdacht einer abſichtlichen Taͤuſchung ihrerſeits ſchutzt ſie, däucht mich, ihre eigene Aufzählung dieſer Widerſprüche, ihre ſo natuͤrliche Betruͤbniß daruͤber, ihr kindlicher Wunſch, von uns über alles das, was ſie beunruhigt, Aufſchluß zu erlangen. Sollte man wohl annehmen koͤnnen, ſelbſt wenn wir das beredte Zeugniß ihres unſchuldigen Ant⸗ litzes und ganzen Betragens verwuͤrfen, ſie habe einen Vlan gemacht, unſer Intereſſe zu erwecken, da der⸗ ſelbe uns doch nicht zu überſehende Data angiebt, der Wahrheit nachzukommen, die ſelbſt durch den ploͤtz⸗ lichen Tod der nachſten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren, ja, wie mir ſcheint, uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben; denn wir hoͤr⸗ — 229 ten ja von dem traurigen epidemiſchen Fieber, welches in Folge der bedeutenden Ueberſchwemmungen ausge⸗ brochen war. Wohl, ſagte Graf Archimbald lebhaft, faſt alle Kuͤſtenlaͤnder ſind davon heimgeſucht geweſen, und namentlich in Cumberland ſind oft ganze Familien ausgeſtorben; aber allerdings liegt in der allgemein ver⸗ breiteten Kenntniß dieſer traurigen Umſtände auch eine große Leichtigkeit, ſie für die eigenen Begebenheiten anzufuhren.— Laß mich Dir weiter bekennen, fuhr die alte Lady fort, daß die vorerwaͤhnten Unwahr⸗ ſcheinlichkeiten fuͤr mich eigentlich nicht da ſind. Wohl iſt es lange her, daß ich jung war; dennoch kann ich mir ſehr gut ein junges, feuriges Weſen denken, die über der Liebe zu den Perſonen, die ihre Auf⸗ merkſamkeit, wie mir ſcheint, abſichtlich ſo ausſchließ⸗ lich in Anſpruch nahmen, Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergeſſen koͤnnte. Du lächelſt, Archimbald, ſetzte ſie ſelbſt lächelnd hinzu, aber wer uͤber ſiebzig Jahr hinausreicht, dem dämmert wieder die Jugend auf. Mir iſt, als konnte ich heute noch durch den Werth von Perſonen, zu denen ich käme, ſo entzuckt werden, daß ich Ort und Namen zu erfragen vergäße. Dies iſt ja ein Haupt⸗ vorzug der Jugend und gerade dieſem liebreizenden 280 Weſen, in welchem ſich ſogleich beim erſten Anblick ein innig hingebendes und tiefes Gefuͤhl ausſpricht, am leichteſten zuzutrauen. Dies gab ſie wohl ohne Vorbehalt den Anregungen hin, die ſich ihr darbo⸗ ten; ihr vor Allen traue ich dieſe kindliche Hinge⸗ bung ganz zu, die man auch unfehlbar benutzt hat, ſie, ohne gerade Luͤgen zu erdichten, an der Wahrheit voruͤber zu führen. Moͤchte doch der Himmel Jedem, den er lieb hat, einen Vertheidiger zufuͤhren, wie Dich, ſagte Graf Archimbald, zärtlich ſeiner Mutter in die klaren Sterne ihrer ſanften Augen blickend. Ich bin zu Allem erboͤtig, bereit, mich in Alles zu fuͤgen, was die Damen in der Art beſtimmen wollen, wie ſie mich zu gebrauchen denken, und wie ich ihnen den Umſtänden nach etwa nützlich werden kann. Ich glaube allerdings, daß unſer Schuͤtzling mehr das Opfer von Planen geworden iſt, die entweder ſchlecht berechnet waren oder durch unvorhergeſehene Fälle eine jähe Wendung nahmen. Denn, wie ich hoͤre und zum Theil auch ſah, iſt ſie im Beſitz von Koſtbarkeiten, welche auf eine reiche Ausſtattung und hoͤhern Stand ihrer bisherigen Beſchutzer ſchließen laſſen, und es iſt zu erwarten, daß wir bei der zärtlichen ihr erwieſe⸗ nen Liebe, obgleich dieſelbe nur noch in der Perſon —————— 281 des einen Oheims exiſtirt, doch uns entgegen kom⸗ mende Nachforſchungen hoffen duͤrfen! Nur am we⸗ nigſten moͤchte ich ſie fur eine Graͤfin Melville halten. Nicht ſo raſch, Mhlord! rief hier die Herzogin ſtark und rauh, und riß ſich mit Gewalt in ihrem Stuhl empor, während in ihrem bisher ſo todten Auge ein Strahl der verſchiedenſten Empfindungen ſich Bahn brach. Welche Conſequenz kann uns zwin⸗ gen, an ihr den härteſten Raub zu begehen, ihr ſogar das Vorrecht eines Namens zu nehmen? Damit muͤſſen wir nicht anfangen, ihrem Schickſale zu Huͤlfe zu kommen; das hieße im Voraus Alles werthlos machen, was wir ihr Liebes thun moͤchten im Uebri⸗ gen! Und nicht edel iſt es von Euch, auf dieſe Weiſe Eure Huͤlfe anzubieten.— Sie verſank nach dieſen Worten wieder in ſich, unbekuͤmmert, wie es ſchien, uͤber den Eindruck, den ihre Heftigkeit erregen mußte. Auch war dieſe Wirkung ſehr verſchieden bei den beiden noch anweſenden Perſonen. Waͤhrend nämlich die alte Herzogin mit dem hoͤchſten Ausdruck von Liebe und Beſorgniß auf ſie blickte, lagerte ſich die eiſigſte Kaͤlte auf die Geſichtszuͤge des Grafen Archim⸗ bald, und ſeine breiten, unſchoͤnen Lippen verfeiner⸗ ten ſich und zogen ſich unter einem Laͤcheln zuſam⸗ men, das nur noch verwunden konnte. 282 Und will Euer Durchlaucht mich belehren, hob er mit froſtiger Hoͤflichkeit an, uͤber die Conſequenz, von der dieſe ſo eben gehoͤrte Anſicht ausgeht? Es iſt allerdings hoͤchſt wichtig, ſo ſie zu erweiſen, daß ſie fuͤr Alle, die meine geehrte Schwäͤgerin ſich zur Huͤlfe erſehen, erwieſen daſtehe, und wir ſind uͤber die groͤßte Schwierigkeit hinweg, wenn ich meine Nach⸗ forſchungen mit der Gewißheit anfangen kann, daß ſie die Graͤfin Melville iſt. Indeß, ſetzte er mit einer Art Verneigung hinzu, darf ich nicht verhehlen, daß Euer Durchlaucht ſich zu einigen Gruͤnden werden herablaſſen muͤſſen, da ich nicht Scharfſinn genug be⸗ ſitze, dieſen Punkt weniger ſchwankend, als die uͤbrigen zu finden. Graf Archimbald beſaß die furchtbare Waffe der Hoͤflichkeit, womit man tiefer reizt und beleidigt, als mit dem offenen Worte des Zorns. Sie iſt die ſchillernde Hulle ganz entgegengeſetzter Gefuhle, in der feigen Atmoſphäre der Soͤfe anerzogen und durch die Bedingung der aͤußern Sitte herbeigefuhrt, die nur zu oft in keinem ſichtlichen Innern wurzelt. Die Herzogin ſchauderte, von Jemand ſich in ſo kalter Weiſe uͤbertroffen zu ſehen; aber es mußte ſo ruͤck⸗ ſichtslos zuͤchtigend kommen, wie der Graf, und er al⸗ lein, es ihr zuweilen bot, um ſie nachgiebig zu machen. — * 283 Zerſtreut blickte ſie auf, aber ihre Heftigkeit, ihr Trotz war gebrochen, es war, als ob uͤber ihre feſte Stimme ein leiſer Anhauch von Furcht ſchlich, und als ob jetzt erſt die Anſpannung nachließ, womit ſie maͤchtig erregte Empfindungen niedergekämpft hätte. Ich hoffte dennoch, Ihr wuͤrdet einen Grafen Marr kennen, welcher der Oheim dieſer Ungluͤcklichen ſein konnte, hob ſie an, ſich mit einem tiefen Seufzer und troſtloſen Ausdruck zu dem Grafen wendend, und, wie es ſchien, ganz uͤberſehend, wie außer Zuſammen⸗ hang mit dem Vorangegangenen dieſe Worte waren. Ich habe mich zu ſehr darauf verlaſſen, ich weiß nichts weiter. Erſchoͤpft ſank ihr Kopf auf die be⸗ bende Bruſt, und Graf Archimbald war entwaffnet; denn Perſonen, die ſelten vom Gefuͤhle ſich uͤberwal⸗ tigt zeigen, wie dies bei der Herzogin der Fall war, behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen deſto ſicherern Einfluß auf ihre Umgebungen. Der natuͤr⸗ liche Ausdruck ſeines Geſichts, dem es nicht an einem guͤtigen Zuge fehlte, kehrte wieder, und es war, als ob nun Alle erſt zu einem Zweck wirkend ſich zu⸗ ſammen faͤnden, als ob aus dem bisher gefuͤhrten Wortgefecht ſich jetzt erſt die wahre Meinung Aller entwickelte. Aber trotz des wiedergekehrten beſſern Willens der beiden Hauptberathenden, war es den⸗ 284 noch keine freie Mittheilung, welche mit einem auf⸗ richtigen Tauſch der Gedanken üͤber die zweckmaͤßigſten Mittel, das Beſſere zu erreichen ſucht. Die Herzogin befand ſich in einem Falle, wo man nur zu leicht ſich und Andere mit Tadelſucht und läſtigen Schwierigkei⸗ ten quält, ſie wußte ſich ſelbſt nicht zu rathen. Sie verwarf daher vft mit rückſichtsloſem Tadel, was Graf Archimbald oder ihre Schwiegermutter ihr vorſchlugen, und Beide beſtanden ſicher keine kleine Probe ihrer Geduld, wenn die zweckmäßigſten Mittel, welche unläugbar zum Ziele fuͤhren mußten, von ihr mit Ungeduld verworfen wurden. Hatte Graf Archim⸗ bald aber einmal fuͤr irgend eine Sache ſeine Stellung genommen, ſo beſaß er die zäheſte Geduld; man hätte ſie fuͤr das etwas ſchadenfrohe Bewußtſein einer Ueber⸗ legenheit nehmen koͤnnen, die ihm um ſo eher ward, je mehr Heftigkeit er zu bekämpfen vorfand. Er ſah ſehr wohl, ſeine Schwägerin lag im Verſteck; er ging daher mit dem groͤßten Scharfſinn alle irgend zu er⸗ greifende Mittel durch, um ſie durch die Art, wie ſie darauf einging oder ſie zuruͤckwies, herauszulocken. Doch fand er eine gefaßte Gegnerin, die ihn genug kannte und ſich hier lieber zum Nachtheil ihres Cha⸗ rakters einige Launen mehr aufbuͤrden ließ, als daß ſie ihn hätte allzu tief blicken laſſen. w ₰ —285 Die alte Lady war zwiſchen Beiden wie das gute Princip; ſie hätte das kaum Geduld genannt, was ſie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter ent⸗ gegenſtellte, da ihr die heftige Aufregung derſelben nicht entging. Es war ihr allerdings auffallend, ihre Vorſchläge verwerfen zu hoͤren, die mit der Vernunft im Bunde ſchienen; aber warum ſollte man nicht verſchiedener Meinung ſein? Vielleicht konnte in die⸗ ſer Stimmung jener Manches anders erſcheinen, als ihr oder dem Grafen; ſo hatte ihr mildes Herz tau⸗ ſend Entſchuldigungen fur die geliebte Schwiegertoch⸗ ter. Nun, Myhlady? fragte der Graf endlich und zog ſeinen Stuhl, nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte, was befehlen Euer Durch⸗ laucht zunächſt? Ich dächte doch, meine liebe Tochter, hob hier die alte Lady ſanft vermittelnd an, Ihr erlaubtet, daß mein Sohn an Maſter Brirton nach Edinburg ſchreiben, und ihn um die naͤheren Lebensumſtände der Familie Marr und Melbille befragen duͤrfe. Es ſcheint damit doch ein Anfang und ein richtiger ge⸗ macht, da es immer das Weſentlichſte bleibt, ob ſie das iſt, wofuͤr ſie ſich hält und ſich uns angegeben hat.— Dies wird leicht geſchehen koͤnnen, wenn Euer Durchlaucht darein willigen, wiederholte Graf Archim⸗ 286 bald mit der groͤßten Geduld das oft Geſagte, denn da Maſter Brirton eine Caplanei in Edinburg uber⸗ nommen, wie das Fraulein angiebt, wird durch den Biſchof von Lincoln, der mir befreundet, mein Brief leicht in ſeine Haͤnde kommen, und ohne ferneres Auf⸗ ſehen die Antwort zu uns zuruͤckkehren.— So ſei es denn, ſagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Ueberwindung, doch wuͤnſche ich, daß Ihr es ſo geraͤuſchlos, wie moͤglich, einrichten wollt. Es ſcheint mir, als koͤnnten die Anfragen vorzüglich ſo geſtellt werden, daß der Aufenthalt derjenigen, die ſie betreffen, nicht genannt, und hauptſächlich, daß jede Art von gerichtlicher Einmiſchung vermieden wuͤrde.— Ich will nicht weiter widerſprechen, ſagte Graf Archimbald, doch waͤre dies vielleicht der ſicherſte Weg, ſich ſchnellen Aufſchluß zu verſchaffen. Aber, ſprach die Herzogin, es würde gerade das herbeifuͤhren, was ich aus vielen Gruͤnden vermieden wuͤnſche. Es ſcheint mir auch, als läge es ziemlich außer unſerer Machtvollkommenheit. Die Fügung des Himmels hat ſie einſtweilen unter unſern Schutz geſtellt, wir haben unſere Pflicht und unſer Recht erfuͤllt, wenn wir die Verwandten ihr auszuforſchen ſuchen, die ſie zu haben vorgiebt. An dieſen wird es dann ſein, ihre uͤbrigen Rechte wahrzunehmen; — 287 die unſern erſtrecken ſich erſt dann ſo weit, wenn ſie unſerer Huͤlfe uͤberlaſſen bleiben ſollten. Die alte Herzogin lächelte dieſen Worten, welche bei weitem das Folgerechteſte ihrer Aeußerungen dieſes Morgens waren, ihren Beifall zu, und es ſchien, als habe die Herzogin ſich mit denſelben aus ihrer Unent⸗ ſchloſſenheit herausgeſprochen. Graf Archimbald hatte noch immer das Lächeln um den Mund, welches andeutete, er habe noch etwas im Ruͤckhalt. Er fugte auch bald hinzu, daß es doch nicht unwichtig ſei, wenn man einmal den in der Er⸗ zählung angefuͤhrten Thatſachen folgen wolle, uͤber den letzten Aufenthalt des Fräuleins Erkundigungen einzu⸗ ziehen, auch konne dies eigentlich nicht ſchwer ſein. Durch die Angabe der Zeit, die das Fräulein auf dem Wege zugebracht, laſſe ſich einigermaßen die Entfer⸗ nung beſtimmen. Fehle auch die Richtung, ſo ſei doch abzunehmen, daß er von der Kuͤſte entfernt, ohngefähr drei Tagereiſen von Cumberland, etwas weiter als eine Tagereiſe von der Heerſtraße nach London liegen muͤſſe. Bis zum Waldhaͤuschen habe das Fraͤulein, zu Pferde und nach Mitternacht das Schloß verlaſſend, dieſen Reſt der Nacht und den folgenden Tag im ſtrengſten Ritte gebraucht. Dahin zuruͤckgefuhrt, habe ſie, wie aus dem nur unvollſtändigen Bericht ſich annehmen laſſe, zwei Nächte und zwei Tage zugebracht, und zwar zu Fuß und äußerſt erſchoͤpft. Am dritten Tage aber ſei ſie, wie es ſcheine, ſchon Morgens am Forſte des hieſigen Parkes erwacht, da es nicht wahrſchein⸗ lich ſei, daß ſie in dem Zuſtande von Bewußtloſig⸗ keit, den ſie geſchildert, noch einen weiteren Weg habe machen koͤnnen, als etwa durch dieſen zunächſt liegenden Wald bis zur Terraſſe, welches auch eher denkbar ſei, da leicht zu erkennende breite Wege bis dahin durch ihn hinfuͤhrten. Fangen wir nicht zu viel auf einmal an, unter⸗ brach ihn die Herzogin mit ſichtlicher Unruhe. Ich habe ihr namentlich verſprochen, ſie zu ſchutzen gegen ihren wuͤthenden Oheim, wer weiß nun, wen wir bei dieſen Entdeckungen mit aufſcheuchten, und ehe wir den Beſchutzer entdeckt, auf den ſie hofft, hätten wir dann nicht einmal das Recht, ſie dem Manne zu verweigern, der ſo wild in ihr Leben griff, und bei deſſen Andenken ſie das hoͤchſte Entſetzen befällt. Wir wollen nicht unterſuchen, wie lange Graf Archimbald das Beſchneiden und Zuruckweiſen aller ſeiner Aeußerungen von einer Frau ertragen hätte, mit der er gern zu gleichen Waffen kämpfte, hätte nicht die alte Ladh ſanft das Wort genommen, be⸗ muͤht, die nächſten noͤthigen Schritte, unter dem 289 Wuſt von Fuͤr und Wider, Verwerfen und Anneh⸗ men, hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu bringen. Uebrigens ward eingeſehen, daß man das Fräulein davon unterrichten muͤſſe, es lebe kein Graf von Marr am Hofe, zweitens wollte man es ihr freiſtellen, einen Einſchlußbrief an Maſter Brirton zu ſchreiben, und ihr dieſen beabſichtigten Entſchluß als den zunächſt nothigen darzuſtellen ſuchen. Die alte Ladhy erbat es ſich, am andern Tage ihr dieſe Mittheilungen machen zu duͤrfen. Denn, ſetzte ſie liebreich hinzu, meine liebe Tochter hat ſchon zu viel allein in dieſer Sache uͤbernehmen muͤſſen, und wohl mag ſie der alten Mutter auch ein kleines Verdienſt da⸗ bei goͤnnen. Ich werde meine Sachen ſchon ordentlich machen, fuhr ſie lächelnd fort, bemuͤht, der allzu ernſt gewordenen Unterredung ein milderes Ende zu geben. Die Herzogin ſchien ſehr willig, ja erleichtert bei dieſem Vorſchlag, und Graf Archimbald uͤber⸗ nahm es, dem jungen Herzog das Wichtigſte mitzu⸗ theilen, um ſeinem Eifer Grenzen zu ſetzen und ihn zu bewegen, das fernere Verfahren dem Grafen und den beiden Damen zu uberlaſſen. Man trennte ſich in leidlicher Stimmung, und Graf Archimbald fuͤhrte die Herzogin nach ihren Zimmern, in denen ſié eingeſchloſſen bis zur Tafel Godwie⸗Caſtle I. ¹9 — —— blieb, blos von Miſtreß Morton umgeben, deren lei⸗ ſes wohlthätiges Walten uns bekannt iſt. Wer ſich damit begnugte, die Perſonen zu zaͤhlen, die Stunden des Beiſammenſeins oder der Geſchäfte zu beobachten, mußte behaupten, es ſei nach einigen Wochen auf Godwie⸗Caſtle noch Alles in eben dem gleichmaͤßigen Gange, wie wir es an jenem Morgen unſerer letzten Mittheilung verließen. Die ſchickliche Form, in welcher ſich ſeit langer Zeit zu bewegen, eine Familie gewoͤhnt iſt, iſt ein wohlthätiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leiden⸗ ſchaft. Wenn auch jene Macht nur bis zu gewiſſen Grenzen reicht, ſchtzt ſie doch gegen die gaͤnzliche traurige Aufloͤſung des Individurz, welches ſich immer dadurch gehalten fuͤhlt, daß Andere ruhig das Langgewoͤhnte thun und an ihn ſelbſt dieſe ſtille For⸗ derung täglich ſich erneut. Gewiß waren in dieſem Falle minder oder mehr einige der bedeutendſten Mit⸗ glieder des Familienkreiſes in Godwie⸗Caſtle. Verändert in ihrem Innern, veraͤndert in ihren Beziehungen zu einander, veraͤndert endlich in ihren Plaͤnen und Hoffnungen fuͤr die Zukunft, finden wir die — 291 Familie nichts deſto weniger um das Fruͤhſtuͤck in der Halle ohne Ausnahme verſammelt, und die wenigen Unbefangneren mußten den Uebrigen zu Huͤlfe kom⸗ men, um ſich leidlich zu zeigen und den Anſchein des Frohſinns zu erhalten, der ſonſt hier ſo natürlich waltete. Wer hat nicht Aehnliches erlebt, wer kennt nicht die ernſten zerſtreuten Zuͤge der muͤhſam Gehal⸗ tenen, zer die das Lächeln, welches ſie ſich abringen, wie ein Schmerz hinzieht, den Blick, der eben auf nichts mit Nachdenken geheftet iſt, die zerſtreuten Antworten und ſelbſt die unheimliche Luſtigkeit welche die Wun⸗ den innerlich groͤßer reißt und doch keine Huͤlle wird fur den leidenſchaftlich bewegten Kern des Herzens. Die alte Lady hatte ihre Aufgabe ſo ſchoͤn geloſt, als zu erwarten ſtand. Die Gtäfin Melville war nun unterrichtet, daß ihr kein Oheim um Hofe lebte, den ſie zu nennen wußt) Obwohl man ihr es ſchonend vor⸗ enthalten hatte, ſie mit dem Zweifel an dem Daſein der Grafen von Marr uͤberhaupt bekannt zu machen, da man die Antwort Maſter Brirtons abwarten zu muͤſ⸗ ſen glaubte, ſo fühlte ſie doch mit dem tieſſten Schmerze dieſe fehlgeſchlagene Hoffnung, und mit einer Art von Schauder das Verlaſſene ihrer Lage. Doch wußte ſie auch hier, nach einem warmen und gerechten Erguſſe ihres Gefuhls gegen die alte Lad, in dem Danke Gren⸗ 19* 292 zen zu finden, welchen ſie fuͤr den Schutz empfand, den Gott ihr in ihren neuen Wohlthaätern angewieſen; und die alte Herzogin konnte nicht ohne Thränen den ruͤh⸗ renden Brief leſen, den die Gräfin demnächſt ihrem Lehrer Brirton ſchrieb und mit kindlichem Vertrauen in ihre Haͤnde legte. Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefuͤhls. Dies mußte um ſo werthvoller erſcheinen, da ihr Ver⸗ ſtand eine Schärfe und Conſequenz zeigte, die ihrer Jugend nach unbegreiflich war. Doch erinnerte es von ſelber an die Erziehung, welche ausgezeichnete Perſonen ihr zu geben vereint bemuͤht geweſen waren, mit beſon⸗ derer Ruͤckſicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urtheils, wie wir das ſchon aus den eigenen Mitthei⸗ lungen der jungen Gräfin wiſſen. Sie war vollkommen einverſtanden mit dem Willen ihrer Beſchuͤtzer, Maſter Brirton's Rath zu vernehmen, und hätte ſie mit Graf Archimbald unterhandelt, wuͤrde ſie auch um jeden Preis das Schloß aufgeſucht haben, aus dem ſie entftohen war. Sie wagte darum ſogar eine ſchuͤchterne Bitte, welche die alte Ladh aber, und vielleicht auf Koſten ihrer Ueber⸗ zeugung, mit der Befürchtung zuruͤckwies, daß ſie da⸗ durch dem Manne verrathen werden koͤnne, der ſie ſo gemißhandelt habe. Die kleinſte Erwähnung dieſer Per⸗ ſon, die ſie ſo ſehr erſchreckt und empoͤrt hatte, war 293 hinreichend, die Phantaſie des armen Kindes mit tau⸗ ſend neuen Schrecken zu erfuͤllen und ſie von jenem Wunſche abzuziehen. Graf Archimbald faßte, nach der Mittheilung, die ſeine ehrwuͤrdige Mutter uͤber das Geſchehene ihren bei⸗ den Anverwandten machte, eine ſehr vortheilhafte Mei⸗ nung von dem Verſtande der jungen Dame, da die alte Ladh es ihr ſchuldig zu ſein glaubte, ihre geaͤußerten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben, obwohl ſie da⸗ mit den ſtreitigen Punkt zwiſchen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern beruͤhrte. Doch war Graf Archimbald zu großmuͤthig, um ſich eines erlangten Triumphes zu uͤberheben. Er ſchien im Gegentheile kaum darauf zu merken, berichtigte aber innerlich von dieſem Augenblicke an ſeine Meinung uͤber die junge Lady, wie wir erwaͤhnt haben. Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzaͤhlung nicht ſchließen, ohne daran zu erinnern, daß nun wohl keine Urſache mehr zu einem perſoͤnlichen Verdachte gegen die Ladh vorhanden ſei. Nicht ſo leicht war der junge Herzog mit dem zu beſchwichtigen, was ſein Oheim über die Gräfin ihm anvertraute. War es das Gefuͤhl einer neu erlangten Macht, die er zu pruͤfen wuͤnſchte, war es jugendlicher Ungeſtuͤm, war es uͤberhaupt ſein gutes edles Herz — oder ein anderes geheimes Gefüͤhl, das ihm die Sorge und Thätigkeit fuͤr ſie zum Genuſſe umſchuf, genug, es ſchien ihm Alles viel zu langſam, viel zu theilnahm⸗ los, was ſeine Verwandten beſchloſſen hatten. Wir wollen nicht unterſuchen, welches Motiv den Grafen leitete, als er endlich, da, wie es ſchien, durch nichts mit ſeinem Neffen zu Ende zu kommen war, ihm Vor⸗ ſicht anempfahl; indem ſie ja kein Recht beſäßen, das Fraͤulein zuruͤckzuhalten, wenn der fernſte Angehoͤrige ſich zu ihr meldete, und ſie dadurch nicht allein von einem Orte entfernt wuͤrde, wo ſie Schutz und Troſt fande, ſondern auch in Hände kommen koͤnne, in denen ſie ungluͤcklicher wuͤrde, als man es bis jetzt anzunehmen hätte. Dies wirkte. Graf Archimbald goͤnnte ihm über⸗ dies noch den Troſt, die Briefe an den Biſchof von Lincoln nach Edinburg ſelbſt abzuſenden, und dazu den treueſten Diener und das raſcheſte Pferd zu wählen. Was uns indeſſen nicht länger zu verbergen ge⸗ ſtattet iſt, ſprach ſich allen Andern ſchon längſt als Ueberzeugung aus, die von Stunde zu Stunde ſich ſteigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville. Er gab ſich dieſer Empfindung mit einer Naivität hin, daß man faſt glauben mußte, er ſei ſich ſelbſt derſel⸗ ben nicht bewußt. Aber wer je in eigener Bruſt einen Anklang dieſer ſchmerzlichen Seligkeit gefuhlt, mußte wohl ſagen, die Stunde des jungen Mannes habe geſchlagen. Mit der tiefſten Erſchutterung mußte ſeine Mutter endlich ſich das Geſtändniß hieruͤber machen. Sie ſah ſich hier in ein Labhrinth verſtrickt und ſo unerwartet, daß ihr Geiſt den Sorgen zu unterliegen begann, die ſich um ſie her thuͤrmten, und die ſie allein tragen mußte; denn jeden Tag er⸗ ſchwerte ſie ſich ihre Buͤrde durch das innere Ge⸗ luͤbde, in keinem Falle durch Kundgebung der Wahr⸗ heit eine Entſcheidung zuzulaſſen. Ob Graf Archimbald, der wenigſtens aus Beob⸗ achtung das Gefuͤhl der Liebe kennen mußte, es bei ſeinem Neffen errieth; ob ſein Schweigen die Klug⸗ heit war, mit der man den taumelnden Nachtwand⸗ ler nicht anruft, hoffend, er finde ohne dieſe er⸗ ſchreckende Huͤlfe wohl beſſer den Ruͤckweg; ob es uͤberall Gleichguͤltigkeit gegen Herzens⸗Affectionen war, — wer konnte das beſtimmen! Er bekam reichlich Briefe von Richmond, ſchrieb viel und eifrig dieſem zuruͤck, und ſeine allgemach aufſteigende Verſtimmung konnte leicht politiſcher Natur ſein, da man ſehr wohl wußte, dies ſei doch eigentlich der Kern ſeines Lebens. Nur die alte Herzogin und der Gegenſtand, der alle dieſe Sorgen veranlaßte, die junge Gräfin Mel⸗ 296 ville ſelbſt, ſchienen an alles das nicht zu glauben. Die Herzogin hatte die Idee aufgefaßt, ihr Enkel liebe Anna Dorſet. Wie dabei noch von einem zwei⸗ ten, gar ſtärkeren Gefuͤhle die Rede ſein koͤnne, be⸗ griff ihr reines Engelherz nicht, und was ſie ſah, glaubte ſie auf Rechnung der ausgezeichneten Perſoͤn⸗ lichkeit eines Mädchens ſetzen zu müſſen, der ſie ſich ſelbſt ganz ergeben fuͤhlte, und welcher der Herzog als Herr des Hauſes allerdings Beweiſe der hoͤchſten Achtung ſchuldig ſchien. Doch entging ihr die überhandnehmende Mißſtim⸗ mung ihrer Schwiegertochter nicht, und es trubte ihre ſonſtige Heiterkeit, ſie von Sorgen bewegt zu ſehen, die ſie mit Niemand theilen zu wollen ſchien. Die Gräfin WMelville dagegen war das vollkommenſte Bild eines jungen unſchuldigen Mädchens und eines ganz freien Herzens; ſie ſah ſich uͤberall von der zärtlichen Auf⸗ merkſamkeit des Herzogs umgeben und erſtaunte oft ſelbſt, wenn er ihre Wuͤnſche, ihre Gedanken errieth. Sie kannte dieſe Empfindungen nur aus den ſehr discreten Mittheilungen ihrer Anverwandten und aus ihrer eigenen gewählten Lektüre, woraus wir doch ſel⸗ ten dies Gefuͤhl wieder erkennen lernen, ehe aus un⸗ ſerm eignen Herzen die gleichen Anklänge ſich den ver⸗ wandten Gefuͤhlen, gleichſam ſuchend, entgegendrängen. — 297 Die Beobachtungen, welche die juͤngere Herzogin unabläſſig anſtellte, und welche ihr immer die voll⸗ kommene Ueberzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria gaben, troſteten ſie zwar etwas, aber ſie haͤtte gewuͤnſcht, es waͤre die Kenntniß ſeiner Neigung da⸗ mit verbunden geweſen, denn ſie wußte, daß dies ſich immer gleich edel und liebenswerth zeigende We⸗ ſen alsdann in ihrem Betragen gegen den Herzog Manches geaͤndert haben würde. So aber legte ſie ihm die Dankbarkeit, die er ihr einfloͤßte, mit einem ſo unſchuldigen freundlichen, oft innigen Betragen an den Tag, daß der junge Herzog dadurch nur hoͤher erregt ward und, von den ſuͤßeſten Hoffnungen belebt, ſeinen Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte. Dazu kam, daß die Gräfin, ſeit der letzten Unterredung mit der alten Lady, ſich einer wehmuͤthig ernſten Stimmung nicht mehr erwehren konnte, und die holden Zeichen fruͤhe⸗ ren jugendlichen Frohſinns immer ſeltener ein Ueber⸗ gewicht über die milde, aber tiefe Wehmuth ihres Wi geltend zu machen vermochten. Welch' eine reiche Gelegenheit fur ihren jungen zäͤrt⸗ lichen Verehrer, Alles anzuwenden, die Stimmung zu verſcheuchen, die den zarten Roſen ihrer Wangen das Leben zu koſten ſchien. Es gelang ihm oft, dies unbe⸗ fangene, lebhaft und tief fuͤhlende Weſen, welches ihren Kummer nicht mit kränklichem Eigenſinne feſtzuhalten ſtrebte, zuweilen zum jugendlichen Frohſinn zu erwecken; deshalb war ſein Bemuͤhen darum auch unablaͤſſig. An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald ſo eben Briefe empfangen, und waren beſchäͤftigt, ſich mit dem Inhalt bekannt zu ma⸗ chen. So ſtorte nichts das Geſpräch, welches der junge Herzog mit Lady Maria angeknüpft hatte, und worin er mit einem uͤbervollen Herzen die tiefe, ſehnſuͤchtige Zärtlichkeit deſſelben fur ſie auszudrücken ſtrebte. Er ſagte ihr, daß er Plaͤne fuͤr den Park gefunden habe, zu Erweiterungen und neuen Anlagen um den See her, die ſein Vater fuͤr die Arbeit dieſes Sommers be⸗ ſtimmt gehabt; daß er die Arbeiter dorthin beſtellt, und ſie bitte, an Ort und Stelle dieſe Pläne zu beſichtigen, da er ſie ganz nach ihrem Geſchmacke einrichten moͤchte und ſie vielleicht Einiges zu ändern wuͤnſche. Lady Maria willigte zwar ein, mit Arabella und Lucie dahin zu gehen, abet ſie ſagte ihm unbefangen, daß, ihr Ur⸗ theil daruͤber gelten zu laſſen, wohl in keiner Art ihr wunſchenswerth ſein koͤnne, da der Plan ſeines Vaters ihm ſicher heilig ſein muſſe und ihr Geſchmack in die⸗ ſer Ruͤckſicht ganz ungepruft ſei. Ach, Mhlord! ſetzte ſie ſchwermuthig hinzu, wie habt Ihr mir mit Euern * „ 299 freundlichen Worten doch nur zu ſehr verrathen, wie Ihr meine Lage anſeht! Deuten dieſe Plaͤne, in die Ihr mich zu verflechten ſucht, nicht darauf hin, wie unbeſtimmt Ihr meine Zukunft ſeht, wie wenig Ihr glaubt, ich faͤnde noch eine andere Heimath, als dieſe, die ich helfen ſoll auszuſchmuͤcken? Nicht ganz lag dies in meinem Sinne, ſagte der Herzog, und das Herz ſchlug ungeſtuͤm den entſcheiden⸗ den Worten entgegen, die jetzt Raum gewonnen zu ha⸗ ben ſchienen; ich ſehe der Aufklärung Eurer Verhält⸗ niſſe mit der ruhigen Ueberzeugung entgegen, daß ſie nicht ausbleiben kann. Aber ſollte ich darum nicht doch hoffen und heiß wuͤnſchen duͤrfen, Ihr ſuchtet nie eine . andere Heimath, als dieſe, die Ihr dadurch zum Pa⸗ radieſe ſchmuͤcken wuͤrdet, und wo Euch die treueſten Herzen in der zärtlichſten Liebe ſchlagen? Der junge Herzog glaubte ſich deutlich genug aus⸗ geſprochen zu haben, er hoffte, ſie wiſſe jetzt, daß er ſie liebe und ſie zur Beherrſcherin ſeines Lebens begehre. Aber er irrte. Ein junges weibliches Herz, das noch nicht beſchlichen iſt von dem Wunſche, ſolche Empfin⸗ dungen zu erregen, kann die deutlichſten Liebeserklärun⸗ gen anhoͤren, ohne ſie zu verſtehen, wenn ihr eigenes Herz nicht in verwandten Anklängen dem Worte entge⸗ genſchlägt. Es giebt bis dahin eine unendlich froſtig⸗ 300 jungfraͤuliche Fähigkeit, alle ſolche Worte in die Weite und Ferne und aus der intimen Beziehung zu ſich ſelbſt hinweg zu deuten. So ſah Maria in den Worten des Herzogs nichts als ſeine holde gaftfreundliche Gute und die Beſtätigung, daß ſie von allen den Theuern ſeiner Familie und ſo auch von ihm ſelbſt geliebt ſei, und ſie wollte eben in dieſem Sinne ihm antworten, als die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zu⸗ rief: Hierher, mein lieber Freund! Ich habe Dir will⸗ kommene Nachrichten zu geben. Die Gräfin von Dor⸗ ſet wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall beſuchen, und wie zu hoffen ſteht, ſetzte ſie laͤchelnd hinzu, wird ſie nicht gerade Anna Dorſet davon aus⸗ ſchließen, und ſo darf ich wohl auf Deine Gegenwart unter all den lieben hieſigen Gäͤſten am erſten rechnen, und verdiene mir hoffentlich mit dieſer Nachricht ein ſehr freundliches Geſicht von meinem lieben Enkel.— Der junge Herzog fühlte ſich wie durch tauſend Schmerzen aus dem ſuͤßeſten Traume ſeines Lebens zu einem Da⸗ ſein erweckt, das ihn mit Erſtaunen und Verwirrung zu Verhältniſſen zurückführte, welche ihm gänzlich aus den Gedanken verſchwunden zu ſein ſchienen. Wir wollen nicht unterſuchen, wodurch er in der letzten Zeit zu der Ueberzeugung gelangt uß, Annn Dorſet ſei ihm ſo fremd, wie jede andere Dame des — Koͤnigreichs. Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet, hatte ſich auch nie mit einem Worte dagegen erklärt, ja, er ſchien ſie beſtaͤtigt zu haben, durch den Beifall, den er der Lady Anna ertheilte, und der ihm vielleicht fruͤher ganz hinreichend erſchienen war, um ſie ſeine Braut zu nennen. Jetzt aber war dies Verhältniß weit zuruckgetreten, und die Kenntniß des wahren Gefuhls der Liebe, das ihm Worte eingab, die Anna Dorſet nie von ihm gehoͤrt hatte, uͤberredete ihn, ſo oft er gemahnt ward, deſſen zu ge⸗ denken, daß er nie Hoffnungen erregt habe, die er als rechtlicher Mann genoͤthigt ſei zu erfullen, und die Sehnſucht, ſich den zartlichen Empfindungen ſeiner Bruſt gegenuͤber frei zu ſehen, uͤberredete ihn, es zu ſein. Was hätte die eigenthuͤmliche Logik der Liebe, die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefuhle ſelbſt findet, nicht fertig gebracht, ſelbſt in noch verwickelteren Fällen, als der vorliegende! Auch war er nach einem Augenblicke voͤllig geruͤſtet und entſchloſſen, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, anzu⸗ nehmen, gerade das harte Nebeneinanderſtellen der erwaͤhnten Momente habe von ſeinem Entſchluſſe die letzte Unſicherheit abgeſtreift. Meille theure Großmutter, ſprach er mit ernſter Feſtigkeit, iſt ſicher immer uͤberzeugt, die freundlichſten 302 Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen, und es be⸗ darf dazu nie eines Nebenumſtandes, wozu überdies die Graͤfin Anna Dorſet mir am wenigſten geeignet ſchei⸗ nen wuͤrde, da ich nicht wußte, wie ſie die Liebe thei⸗ len oder erhoͤhen koͤnnte, die mich fuͤr Euch erfullt. . 6 Gewiß, lachte ſorglos die alte Herzogin, verlangt ſie ſelbſt auch nicht darnach, eben die Gefüͤhle, wie Du . für die alte Großmutter bewahrſt, zu theilen; doch wirſt Du ihr vielleicht ein anderes Plaͤtzchen in Dei⸗ nem Gerzen einraͤumen koͤnnen, mit dem ſie beſſer zuftieden ſein wird. ₰ Ihr irret, theure Lady, erwiderte ſchnell der Serzeg. Anna Dorſet iſt ein edles, achtungswerthes Mädchen, doch in meinem Herzen kann und wird ſie nur den Platz einer ehrenden Anerkennung ein⸗ nehmen; ich kenne kein Verhaͤltniß, was mich an⸗ ders oder näher zu ihr ſtellte. Verzeih'! ſagte die alte Ladh, jetzt ernſter wer⸗ dend, daß ich mich habe von meiner guten Laune hinreißen laſſen, Dich mit Verhaltniſſen zu necken, bei deren Behandlung Du mich mit Deinem Zart⸗ gefuͤhl weit uͤbertriffſt; Du mußt der alten Großmut⸗ ter ſchon etwas zu gut halten, und biſt doch wohl ein gutes Kind und beſuchſt mich in Burtonhall, wo ich mich dann beſſer betragen will. 303 Der Herzog ſprang auf, die gütige Hand zu kſ⸗ ſen, die ſie ihm mit einem Engelslächeln darbot, und gern haͤtte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt und ſein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntniß ſeiner Liebe; aber er hatte noch kein Recht dazu, denn das er⸗ ſehnte Wort war von den Lippen der Geliebten noch nicht gedrungen. Er wendete daher ſeine Blicke mit dem ganzen Verlangen einer endlichen Entſcheidung auf die junge Graͤfin, die mit ſo unſchuldig klaren, faſt kindlich neugierigen Augen in dieſe Scene ſchaute, daß wohl fuͤr den unbefangenen Beobachter kein Zweifek blieb, wie wenig ſie ſich in dieſelbe verflochten wähnte, und wie ſie das ruhig kuͤhle Herz noch unentzuͤndet in ſich trug. Er nahm ſeinen Platz neben ihr ein. Doch Graf Archimbald ſagte, ſichtlich erheitert, indem er ſeine Briefe zuſammen legte: Wir duͤrfen Richmond erwarten; gleich nach der Ruͤckkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen, und jene erwartete man bei Abgang dieſes Briefes ſchon binnen zwei Tagen. Gott Lob, ſprach die Herzogin aus tiefer Bruſt und von der Erſtarrung ſich erholend, worein die vorange⸗ gangenen Vorfalle ſie verſetzt hatten; ſo wird mir Troſt und Freude kommen. So auffallend dieſe Worte ſein mußten, ſo wenig 5 wurden ſie beachtet, da die meiſten Anweſenden von eigenen Gefuͤhlen und Gedanken in Beſchlag genom⸗ men waren. Die jungen Leute erhoben ſich, um nach dem See ſich zu begeben; die alte Lady und Lord Archim⸗ bald wollten ihre Briefe beantworten, und die Her⸗ zogin begab ſich mit Stanloff, welcher einige Tage abweſend geweſen war, nach ihren Zimmern. Was bringſt Du uns fuͤr Nachrichten, Stanloff, ſprach die Herzogin und ſetzte ſich abgewendet von ihm in einen Seſſel; warſt Du gluͤcklich in Deinen Nachforſchungen? Euer Durchlaucht zu Befehl, erwiderte Stanloff, alle Nachforſchungen, die ich anſtellte, treffen mit den Einzelheiten in der Geſchichte der jungen Dame uͤberein; es muß das Schloß der Graͤfin von Bucking⸗ ham ſein, aus dem ſie entflohen. Gruͤnde, Gruͤnde! rief die Herzogin, Gruͤnde will ich wiſſen.— Sie ſing in meiner Erzaͤhlung. Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte den großen parkartigen Wald, in deſſen Mitte das Schloß liegt, am Mittage des dritten Tages. Den Park umgiebt, nach der Land⸗ ſtraße zu, eine Meierei. In dieſer ſprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie, die verheiratheten Kin⸗ der der noch lebenden Eltern, die ſich in die Herrſchaft — des Hauſes und in die Geſchaͤfte getheilt hatten. Man hatte ſich bei meiner Ankunft um eine große Tafel ge⸗ lagert, um zu Mittag zu eſſen, und mir ward ohne weitere Bemerkungen an derſelben ein Platz angewie⸗ ſen, der mir Muße gab, eine Unterredung uͤber die Bewohner des Schloſſes anzuknuͤpfen. Doch war dies nicht leicht; meine Frage, ob die Herrſchaft gegenwaͤr⸗ tig, beantwortete man mit Nein und fuhr ſogleich fort, unter ſich uͤber eigene Angelegenheiten zu ſprechen. Schnell war die Mahlzeit von den juͤngeren Leuten geendet; ſie ſtanden auf, um ſich an die verſchiedenen Stellen zu vertheilen, die ihrer Sorgfalt uͤbergeben waren, und die Eltern blieben allein zuruͤck. Ich fragte auf's Neue, ob das Fieber dieſe Gegend auch verheert habe, und die alte Frau nannte nun ſo⸗ gleich als das einzige dieſer Krankheit gefallene Opfer die Graͤfin von Buckingham. Weniger gluͤckte es mir, uͤber andere Dinge Auskunft zu erhalten, und noch bleibt es mir ungewiß, ob Unkunde oder andere Gruͤnde dies ſo erſchwerten. Den jetzigen Beſitzer des Schloſſes kannten ſie nicht; ſie gaben zu, daß es der Bruder ſein konne; dagegen beſtätigten ſie, Gerſem zu kennen; ob er aber lebe oder todt ſei, wußten ſie nicht. Von dem Feuer jedoch ſprachen ſie, vaß es den alten Theil des Schloſſes verheert habe; daß Jemand zu Schaden gekommen ſei, Godwie⸗Caſtle I. 20 306 verneinten ſie. Meine Fragen nach der fruhern Lebens⸗ weiſe der Graͤfin, die ich in der Hoffnung einleitete, dann zu den Gäſten des Schloſſes ubergehn zu können, beantworteten ſie blos mit dem großen Lobe ihrer Wohl⸗ thätigkeit und Güte; doch Gäſte, behaupteten Beide, ſeien nie auf dem Schloſſe geweſen, die Herrſchaft habe jedoch oͤfter Reiſen gemacht. Ich ſuchte nun von ihnen los und in den Park zu kommen, und erreichte ſo das Schloß ſelbſt, wovon nur ein kleiner Theil, der in einem ganz verſteckten Hofraume lag, vom Feuer gelitten hatte, deſſen Spuren uͤberall deutlich zu ſehen waren, ohne daß, wie es mir ſchien, man irgend Sorge getragen hatte, ſie zu beſeitigen. Ich naͤherte mich dem Eingange des voͤllig 2 einſamen Schloſſes, aber meine Bemühungen, hinein zu dringen, waren umſonſt. Ich wollte eben zurückkehren, als eine kleine Thuͤr unter einer Treppe aufſchlug und ein junges Mädchen in laͤndlicher Tracht herausflog, in der Richtung uͤber den Hof laufend, in der ich mich be⸗ fand. Sie ſtand vor mir, ehe ſie mich ſah, ſchrie jetzt laut auf und wollte entfliehn, ich hielt ſie aber mit ſiche⸗ rer Hand feſt und bat ſie, mir Einlaß in das Schloß zu verſchaffen. Um Gott, Herr! was denkt Ihr? Es darf Niemand hinein, Alles iſt verſchloſſen, und der Herr Aufſeher verreiſet.— Iſt das Gerſem? fragte ich ſchnell. Gerſem? wiederholte das Mädchen, ſihtlich erſchrek⸗ 307 kend; nein, Herr, ſprecht nicht ſo, laßt mich los, ich darf Euch nichts von Gerſem ſagen, kein Menſch darf von ihm ſprechen!— Gut, ich will Dich nicht quaͤlen; aber das darfſt Du mir doch ſagen, ob er im Schloſſe iſt?— Gerſem? O Herr, laßt mich, ich bin des Todes, wenn Ihr mich nicht los laßt!— Nun, ſagte ich, ich will Dich gleich los laſſen, ſo wie Du mir ſagſt, ob ich nicht die Frau Hanna ſprechen kann?— Miſtreß Hanna? Großer Gott, ſie will täglich ſterben. Kein Menſch darf zu ihr, und ſie erkennt Niemand; nein, Herr, das geht um die Welt nicht.— Ich ließ ſie jetzt und habe mich vorläufig damit begnugt, Euch dieſe Nachrichten zuruͤck zu bringen, da mir Euer Durch⸗ laucht Befehle nicht weiter zu gehen ſchienen.— Ich weiß genug! ſagte die Herzogin, winkte ihm, ſich zu entfernen, und blieb in ihrem Stuhle ſitzen, daß, wer ſie einige Zeit lang beobachtete, in ihr kein lebendes Weſen zu ſehen gewähnt hätte. Doch ward ſie bald genoͤthigt, ſich an dem Leben langſam wieder aufzurichten. Pons flog herein, den Grafen Archimbald zu melden, der ſo unmittelbar hinter ihm eintrat, und mit ſo ſichtlichen Zeichen von Ge⸗ müthsbewegung, daß die Herzogin nur eines muͤhſam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte, um von der Ahnung neuer Leiden ergriffen zu ſein. Ihr erſter Gedanke wen⸗ . 20* 308 dete ſich auf Richmond, dieſen letzten Hafen, in dem ſie Ruhe und Schutz hoffte, dieſen Balſam auf die brennenden Wunden ihres Herzens. Es ſchien ihr ge⸗ wiß, ihm mußte etwas begegnet, auch in ihm ſie noch verwundet worden ſein, und ſie blickte in die gaͤnzliche Troſtloſigkeit dieſes abgeblaͤtterten Daſeins faſt mit Ge⸗ nuß; mit dem Genuß, den dann die Gewißheit des Un⸗ tergehens noch im Stande iſt zu gewaͤhren. Graf Ar⸗ chimbald hinderte ſie aufzuſtehen, er ſchob ein Tabouret an ihre Seite; er ſah ihr verändertes Geſicht, er fühlte, daß ſie litt, und er konnte nicht annehmen, daß das, was er kam ihr zu ſagen, ſie ruhiger ſtimmen werde; aber dieſe Wahrnehmungen gaben ihm die Guͤte und Waͤrme des Gefuͤhls, die ihn ſeine Worte bedenken ließ. Sagt es ſchnell, Mylord, ich bin auf Alles gefaßt, ſagte ſie tonlos und kalt, und vernehme lieber das Un⸗ vermeidliche ohne alle Einkleidungen. Ich kann allerdings annehmen, daß Ihr ſchon laͤngſt eine Ahnung von dem habt, was ich geſandt werde Euch mitzutheilen, erwiderte der Lord, doch bitte ich Euch dringend, Euch nicht ſo davon zu erſchuttern, vielmehr den Antheil vorwalten zu laſſen, den Euch die Wuͤnſche Euers Sohnes, die an ſich nichts Unwürdiges und Euch Kraͤnkendes enthalten, einfloͤßen duͤrfen. Ich muß allerdings mich als uͤberraſcht bekennen; denn ich 309 tann nicht läugnen, daß ich die Verbindung zwiſchen Robert und der Lady Anna Dorſet fuͤr entſchieden hielt. Und was, Mhlord, rief die Herzogin und richtete ſich heftig empor, was hat dieſe Ueberzeugung, die ich mit Euch theilte, was hat ſie in Euch geaͤndert? So ſehe ich alſo, ſagte Graf Archimbald, daß ich mich irrte, indem ich Euch auf die Wuͤnſche vorbe⸗ reitet wähnte, die allein jetzt noch Euern Sohn er⸗ fullen, und welche die Graͤfin Melville zur ausſchließ⸗ lichen Beſitzerin ſeines Herzens erhoben. Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort, ſie ſank ſo⸗ gleich leblos zuſammen, und wahrlich unter wenig glucklichen Umſtaͤnden. Denn der Graf fuͤhlte ſich hochſt verlegen. Die Sorge abgerechnet, welche ihm die heftigen Gemuthsleiden ſeiner edeln Schwaͤgerin gaben, wußte er ſich wenig bei ſolchen Zufaͤllen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmaͤchtige einige Augenblicke in der Hoffnung, ſie werde ſich erholen. Als er ſich hierin aber getäuſcht und nun zur Thaͤ⸗ tigkeit aufgefordert ſah, oͤffnete er die hohen Fenſter⸗ flugel und überließ dem Strom der Luft das Wieder⸗ velebungsgeſchäft, da er einmal entſchloſſen war, die⸗ ſen Zuſtand nicht zur Kenntniß eines Andern außer ihm ſelbſt kommen zu laſſen. 310 Er hatte ſich auch nicht getäuſcht. Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer Ohnmacht empor; ihr Auge P ſtreifte wild umher und blieb an Graf Archimbald haften, indem hiermit alle die traurigen, abgeriſſenen Gedanken zuruͤckkehrten, womit ſie ſich gezwungen ſah ihren Geiſt zu beſchäftigen, ſo ſehr ſie ſich dagegen ſtraͤubte. Sie winkte, die Fenſter zu ſchließen, und, wohl ahnend, was geſchehen, dankte ſie in der Stille dem Grafen fuͤr ſeine kuͤhle Beharrlichkeit bei ihrem Zuſtand, wodurch dieſelbe einer groͤßeren Aufmerk⸗ ſamkeit entzogen geblieben war. Sagt mir jetzt, hob ſie leiſe an, was iſt geſche⸗ hen? Was ſeid Ihr gekommen mir zu ſagen? Ich— bin gefaßt, auch das Haͤrteſte zu vernehmen. Ich kenne Eure Anſichten nicht genug, verehrte Schwägerin, um zu wiſſen, in wiefern Euch meine Mittheilungen beunruhigen moͤgen; daher muß ich mich auf den Bericht der Thatſachen beſchränken und nur wuͤnſchen, daß es Euch bald gelingen moͤge, die beſſere Seite daran hervor zu heben. Robert ließ mich um eine Unterredung bitten und erklaͤrte mir, daß er entſchloſſen ſei, der Gräfin Melville ſeine Hand an⸗ zubieten, da ſie ſeine ganze Zuneigung beſitzt, und er ſei in der Abſicht zu mir gekommen, fuͤr die nun fol⸗ genden Schritte Rath und Beiſtand von mir zu er⸗ bitten, da ihm allerdings nicht entgehe, wie die Angele⸗ genheit mit der Familie Dorſet von einigen Schwierig⸗ keiten begleitet ſein moͤchte. Ich geſtehe, Mhlord, hob nun die Herzogin an, daß der Grad von Erſtaunen, den mir Eure Erzählung er⸗ regt, faſt dem Unwillen gleich köͤmmt, womit ſie mich er⸗ fullt. Doch wird dies Alles bertroffen von dem gekränk⸗ ten mütterlichen Gefühl, Euch, Mhlord, an der Stelle zu ſehen, die einzig nur mein Sohn einnehmen durfte, hätte dieſe unſelige Leidenſchaft nicht, wie es ſcheint, je⸗ des beſſere Gefuͤhl in ihm erſterben laſſen. Wo und wie ich anfangen ſoll, meinen Tadel uͤber das Vergan⸗ gene auszudruͤcken, bin ich verlegen. Mein Sohn hat Euch zur Mittelsperſon zwiſchen ſeiner Mutter und ſich gewählt. So geht denn und ſagt ihm, nie wird ihm meine Einwilligung zu dieſer empoͤrenden Verbindung zu Theil werden. Ich werde ſie zu hindern ſuchen mit aller Macht und allen Kraͤften, die Gott und Menſchen in meine Haͤnde gelegt haben, um Schande und Ver⸗ derben von einem Hauſe abzuwenden, deſſen Ehre ich berufen ſcheine noch langer aufrecht zu erhalten, da die, denen ſie zunächſt anvertraut ward, wenig mit ihren hohen Anforderungen bekannt ſcheinen. Graf Archimbald eilte nicht, ſie zu unterbrechen. Einige etwas zu ſtark aufgetragene Aeußerungen abge⸗ rechnet, fuhlte er ihren Unwillen natürlich und wohlbe⸗ gruͤndet; er konnte ſogar nicht laͤugnen, daß ſie ſchneller auf den wahren Standpunkt gelangt ſei, als er, da er, mit ganz anderen und oͤffentlichen Dingen beſchaͤftigt, in großer Zerſtreuung ſeinem Neffen zugehoͤrt und, von deſſen jugendlichem Ungeſtüm uͤberjagt, keinesweges die Umſtaͤnde ſo ſcharf erfaßt hatte, um darin etwas Ehren⸗ ruͤhriges fuͤr das hohe Haus oder Beleidigendes fuͤr das Herz der Mutter zu entdecken. Nichtsdeſtoweniger hielt er es fuͤr unzweckmäßig, daß die Herzogin ihrem Sohne ſo ſtolz und beſtimmt widerſprechend entgegen trete, da ſanfte Gemuͤther, wenn ſie einmal Muth gefaßt, einen beſtimmten Willen zu haben, ſelten durch ſtolze Härte, welche ihnen nichts geſtatten will, davon abgebracht wer⸗ den, vielmehr um ſo hartnäckiger im Widerſpruch ſich zeigen, als dieſe Stimmung faſt den ganzen Charakter aus ſeiner Bahn treibt. So ungern er ſich auch zum Lenker dieſer heftigen Frau aufwarf, ſo glaubte er doch dies nicht unterlaſſen zu durfen, um eine wirklich befrie⸗ digende Ausgleichung herbei zu fuͤhren. Er ſammelte ſich daher und ruckte der Erzuͤrnten naher, um ſie mit der ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerkſam zu machen, wie noͤthig es ſei, dem jungen Herzoge milder entgegen zu treten. Man koͤnne ihm doch unmoͤglich und namentlich in ſeiner jetzigen Stellung das Recht b 3 beſtreiten, die wichtigſte Wahl des Lebens nach eige⸗ ner Ueberzeugung zu treffen. Hierbei unterſtuͤtze ihn ſogar das Teſtament ſeines Vaters, welches ausdruͤck⸗ lich verfuͤge, daß alle ſeine Kinder ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheirathungen uͤberlaſſen bleiben ſollten. Die Unterhandlungen mit der Graͤfin von Dorſet betrachtete er nur dann als ſeinem Wunſche gemaͤß, wenn die Neigungen beider jungen Leute eben⸗ falls hierin uͤberein kämen. Er verkenne uͤbrigens nicht die Schwierigkeiten einer Erfuͤllung des eben ge⸗ äußerten Wunſches des jungen Herzogs, und er glaube gewiß, daß die liebevolle Stimme der Mutter ſein Herz erreichen und ſeinen Willen beugen werde. Ja, Mhlord, erwiderte die Herzogin mit mehr Ruhe, deren Nothwendigkeit ihr ſelbſt aus den klu⸗ gen Worten ihres Schwagers klar geworden war, ich will meine Stimme flehend an ſein Herz dringen laſſen, ja, der Sohn ſoll ſeine Mutter als Bittende vor ſich ſehen; denn niemals, niemals darf ſie ihm gewaͤhren! Doch ſagt mir, fuhr ſie fort, erzaͤhlte er Euch von der Gräfin? War ſie von ſeinen Ab⸗ ſichten unterrichtet und theilte ſie ſeine unſeligen Wuͤnſche? Er hatte ſich noch nicht erklärt, und ich erinnere mich, ihn aufgefordert zu haben, es bis dahin aufzu⸗ 314 ſchieben, wo ich Gelegenheit fände, Euch ſeine Wün⸗ ſche mitzutheilen.— So gebe Gott, daß er dieſer Forderung willfahre, denn je wenigere um ſeine Verirrung wiſſen, deſto leichter wird ſie auszuloͤſchen ſein!— Es entſtand eine augenblickliche Pauſe, in der die Herzogin nicht undeutlich wahrnahm, wie Graf Ar⸗ chimbald von irgend einer Idee beſchäftigt, keine An⸗ ſtalten machte, ſie zu verlaſſen. Sie glaubte bei eini⸗ gem Nachdenken die Urſache darin zu finden, daß es ihr noch oblag, ihren lebhaft ausgeſprochenen Wider⸗ willen näher zu bezeichnen und deſſen Gruͤnde ſcharf genug hervorzuheben, um jeder weiteren Erwägung ih⸗ rer Wichtigkeit vorzubeugen. Wir ſind gewiß alle einig, Myhlord, hob ſie an, ihn ſcharf beobachtend, daß die Natur kaum je ein weibliches Weſen reicher ausſtattete, als eben dieſe Fremde, die der Wille des Himmels an unſern Schutz verwies; aber wie unſer Eifer und unſte Menſchlich⸗ keit ſich auch abmuͤhe, ihr einen buͤrgerlichen Stand⸗ punkt einzuräumen, Ihr koͤnnt gewiß nur mit mir die Befuͤrchtung theilen, dies werde nie ſo vollſtändig gelingen, um jeden Schatten von ihrem Namen, wenn ſie auf irgend einen Anſpruch hat, zu verſcheuchen, und brauche ich Euch an den, ſeit Jahrhunderten flek⸗ — — 315 kenloſen Glanz dieſes Hauſes zu erinnern, um Euch meine Abneigung gegen eine ſolche romaneske Verir⸗ rung des nunmehrigen erſten Trägers dieſes erlauchten Namens anſchaulich zu machen? Dies waͤre allein hin⸗ reichend, fuhr ſie ſtolzer fort, als Graf Archimbald noch immer abgezogen, wie es ihr ſchien, ſich blos ſtumm ge⸗ gen dieſe hochbegeiſterten Anſichten verneigte, aber mein Sohn iſt durch ſein Erſcheinen im Hauſe Dorſet, nach⸗ dem er zur herzoglichen Wuͤrde und Selbſtſtäͤndigkeit er⸗ hoben war, und durch den oͤffentlichen Beifall, den er der Gräfin Anna gezollt, ſtillſchweigend in die Wuͤnſche der Familien eingegangen, und Herzoge von Notting⸗ ham feilſchen nicht, wie ehrloſe Spekulanten, um die Deutung eines Wortes; die Geſinnung, die ſie in einer ehrenvollen Sache andeuten, bindet ſie ſo ſtark, wie das Wort der rohen Menge. So muß ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Graͤfin Dorſet betrachten, ſo lange ſie nicht zuruͤcktritt, und der Bruder meines Gemahls wird meine ſchwachen Kraͤfte unterſtützen wol⸗ len, dieſe innere Ehre unſeres Hauſes zu erhalten. Gewiß, Mylady, ſagte der Graf etwas ungeduldig, war ich nie im Zweifel, was ich dem Namen, dem ich angehoͤre, ſchuldig bin, und es giebt allerdings in dem Leben eines Mannes, der mit ſeiner Thätigkeit der Oef⸗ fentlichkeit verfallen iſt, oft Gelegenheit, die Stärke ſol⸗ 316 cher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit wurdigen zu lernen. Sollte die Gräfin namenlos oder eines befleckten Namens ſein, wuͤrden die Familienge⸗ ſetze dieſes Hauſes ſie ſchon hindern, zu uns zu gehoͤ⸗ ren; doch ſah ich dieſe Befuͤrchtung noch nicht beſtä⸗ tigt, und Ihr ſelbſt hattet mich ja gewarnt, hierin zu ſchnell zu ſein. Doch, denke ich, iſt vorläufig dieſe Un⸗ gewißheit Grund genug, meinen Neffen aufzuhalten, und eine ſo kluge und guͤtige Mutter wird indeſſen Mittel finden, ihre Wuͤnſche und Anſichten dem Sohne geltend zu machen. Auch duͤrfen wir Richmonds Bei⸗ ſtand entgegen ſehn, der ſtets beſſer, als ich, ſich ver⸗ ſtand, auf Herzen einzuwirken, und obwohl ein Jahr juͤnger, als Robert, ſtets den Einfluß eines Aelteren uͤber ihn behauptete.— Der Graf ſah nach dieſen Worten, die Richmond beruͤhrten, wie ſie dieſem Troſte horchte und ihn wirklich ergriff. Er ſchob nun ver⸗ traulich ſeinen Stuhl näher, indem er fortfuhr: Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Briſtol geſendet, die auch Euch angehen, und die väterliche Autorität, die ich mit mir fuͤhre, mag mich entſchuldigen, wenn ich Euch mit einigen Fragen läſtig werde. Ihr ſeid meiner Aufmerkſamkeit ſtets gewiß, und mein Vater hat uͤber mich zu befehlen, erwiderte die Herzogin in wieder gewonnener Faſſung. 317 Nun, ſagte Graf Archimbald lächelnd, ſo muß ich Euch zuerſt in ein Staatsgeheimniß einweihen, wel⸗ ches, wie ich furchte, nur zu bald eine nicht mehr zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird. Unſere An⸗ gelegenheiten in Spanien haben eine ſehr unguͤnſtige Wendung genommen, und die jahrelangen, weiſen, nicht genug zu ruͤhmenden Unterhandlungen unſeres groͤßten Geſchaͤftsmannes, des Grafen Briſtol, ſcheinen ganz gegen ihr Verdienſt erfolglos zu werden!— Aber um Gott, Mhlord, rief hier die Herzogin er⸗ ſchrocken, was ſagtet Ihr und alle uͤbrigen officiellen Nachrichten uns denn bisher ſo verſchwenderiſch vom Gegentheil? Welche chimaͤriſche Träume waren dies, wer hat denn hier betrogen ſein wollen, daß man ſo geſchaͤftig war, es zu thun? Weder das Eine, noch das Andere, antwortete der Graf; Alles ging von Seiten des Prinzen und des Hofes in Wahrheit ſo vor ſich, wie es uns gemeldet ward. Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern, wie die Begleitung des Herzogs von Buckingham mich ſogleich uͤber die ganze Angelegenheit in Zweifel ſetzte, da es wohl unmöglich war, einen ungeſchicktern und übel⸗ wollendern Begleiter für den Prinzen aufzufinden. Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Briſtol erregten Beſorgniſſe beſtätigt, und ſchon nach 318 den erſten Tagen war der Herr Graf, der Bucking⸗ ham beobachten ließ, uͤberzeugt, daß es der beſtimmte Wille des Herzogs war, durch die zugelloſeſte Auffuͤh⸗ rung und die abſichtlichſte Beleidigung aller hoͤheren dabei intereſſirten Perſonen, den Prinzen trotz ſeines eigenen makelloſen Betragens in Mißkredit zu brin⸗ gen. So bewundernswuͤrdig klug Graf Briſtol alle dieſe Dinge fuͤr den Prinzen unſchaͤdlich zu machen ſuchte, ſo wenig vermochte er doch die gerechten Be⸗ füͤrchtungen der koniglichen Familie zu unterdrucken, daß der unläugbare Einfluß dieſes Mannes auf den Prinzen die Lage der Infantin hoͤchſt bedenklich ma⸗ chen muͤſſe.— Woher aber dieſer Einfluß ſo plotzlich? unterbrach ihn hier die Herzogin; weiß ich doch, daß der Prinz fruͤher eine in der That nur allzu furchtbare Be⸗ leidigung ihm nie vergeben zu koͤnnen glaubte, und ſpä⸗ ter nur aus kindlicher Ruͤckſicht für ſeinen Vater ihn er⸗ trug, ohne doch ſeine 2 gegen ihn unterdruͤk⸗ ken zu koͤnnen. Graf Archimbald wußte entweder hieruber ſelbſt noch nichts, oder zog vor, dieſe Aufklärungen nicht zu geben; genug, er begnuͤgte ſich, ſeine Abſicht weiter ver⸗ folgend, ruhig fortzufahren. Deſſenungeachtet iſt die Thatſache nicht zu laͤugnen, Buckingham iſt im Ver⸗ trauen des Prinzen, und ſo doppelt mit Anſehen ausge⸗ 319 ruſtet, uͤberſchreitet ſeine Unverſchäͤmtheit alle Grenzen. Er hat ſich dem vortrefflichen Herzoge von Olivarez, der bisher unſer eifriger Freund und der Beſchuͤtzer dieſer Bewerbung war, oͤffentlich als Feind erklärt und ihn dabei ſo beleidigend behandelt, daß der Herzog, da man Buckingham vor der Abreiſe des Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf, dieſen bis dahin vermeidet. Des Grafen Briſtol Einmiſchung hat die Sache nur ver⸗ ſchlimmert, obwohl ſie mit ſeiner gewohnten Umſicht ge⸗ ſchah. Denn Buckingham hat ſich die abſcheulichſten Ausbruͤche gegen die Geſandtſchaft des Grafen erlaubt, und der Graf zog ſehr richtig, fuͤrchte ich, daraus den Schluß, daß des Herzogs Neid im boͤſeſten Grade er⸗ regt ſei, in Bezug auf das durch den Grafen ſo glucklich eingeleitete gute Vernehmen beider Hoͤfe, und daß er die⸗ ſes Verdienſt nicht durch eine Vermaͤhlung noch erhoͤht ſehen wollte. Wie dem auch ſei, der Hof hat ſogleich nach Abreiſe des Prinzen die Unterhandlungen, um hoͤchſt unbedeutender Urſachen willen, fuͤr's Erſte bei Seite gelegt, wenn man ſie nicht ſchon jetzt richtiger ab⸗ gebrochen nennen ſoll. Graf Briſtol fuhlt ſich dadurch äußerſt gekränkt und wuͤnſcht, wie natuͤrlich, irgend ei⸗ nen neuen Anknüpfungspunkt aufzufinden. Hierzu moͤchte er durch Euch einige Nachrichten erhalten, die ihm jetzt wichtig werden koͤnnten. Durch mich? fragte die Herzogin faſt ſpottend. Wie kann ich meinem theuern Vater, entfernt vom Hofe, gehuͤllt in Trauer, über dieſe Angelegenheiten, die auch den dort Lebenden nicht immer klar ſein moͤgen, den geringſten Aufſchluß geben? Nein wahr⸗ lich, ich kann nur als Tochter und Englaͤnderin ſei⸗ nen Unwillen theilen, aber ihm Licht uͤber das Dunkle dieſer Sache zu geben, iſt außer meinem Bereich.— Es beziehen ſich die Nachrichten, die der Graf wuͤnſcht, auf die Reiſe meines theuern Bruders, Euers Gemahls. Der Graf, dem über die eigentliche Urſache Zweifel entſtanden, glaubt bei dem ausgezeichnet ver⸗ trauten Verhältniß zu Euerm Gemahl von Euch Nähe⸗ res erfahren zu koͤnnen.— Schwermüthig ſank der Kopf der Herzogin nieder, und mit einem Seufzer hob ſie an: Mylord, Ihr be⸗ ruͤhrt hier eine ſchmerzliche Erinnerung! WMein Ge⸗ mahl durfte von mir einer Treue gewiß ſein, die ſeine Geheimniſſe, ſo er mich wurdigen wollte, ſie zu thei⸗ len, zu einem Heiligthume gemacht haben wuͤrden, an dem ſelbſt der mächtige und ſtets ehrwuͤrdige Wille meines Vaters hätte ſcheitern muͤſſen. Aber ich habe bei ſeiner ungluͤcklich uͤbereilten und durch nichts ge⸗ rechtfertigten Reiſe dieſen Vorzug nicht genoſſen, und ich darf daher nach dem Willen meines Vaters han⸗ 321 deln, deſſen Scharfblick ſich nicht trog, denn auch mir ward es eine unlaͤugbare Gewißheit, daß ihn ein an⸗ deres Motiv, als das der Sehnſucht, meinem Vater ſeinen Sohn vorzuſtellen, trieb. Er fuͤhlte auch ſelbſt zu wohl, wie wenig mir dieſer Grund zur Befriedi⸗ gung dienen konnte, und er achtete mich und ſich zu ſehr, um ihn vor meinen Ohren zur Wahrſcheinlich⸗ keit aufſchmuͤcken zu wollen, wohl wiſſend, daß mir die Ehrfurcht vor ſeinem ſtets reinen Willen nicht er⸗ lauben würde, ein Vertrauen erzwingen zu wollen, welches ſeiner treuſten Freundin vorzuenthalten, er wichtige Gruͤnde haben mußte. Und, rief Graf Archimbald, auf's Hoͤchſte geſpannt, hatte er kurz zuvor eine ſeiner gewoͤhnlichen Zuſam⸗ menkuͤnfte mit dem Prinzen? Verhehlt mir nichts! Euer Scharfſinn hat Euch koͤnnen errathen laſſen, ob der Prinz vielleicht Einftuß auf ſeinen Entſchluß hatte. Dies gerade iſt es, was Euern Vater beſchaͤf⸗ tigt, woruͤber er von Euch Auskunft hofft.— Da ich einmal angefangen habe zu ſprechen, in der Hoffnung, meinen Gemahl dadurch nicht zu belei⸗ digen, und in der Gewißheit, daß mein Vater ſtets die Gefuͤhle der Gattin in mir ſchonen wird, ſo will ich jetzt, wofern ſich auch meinen Worten irgend etwas gegen die Abſicht meines Gemahls laſ⸗ Godwie⸗ Si I. 322 ſen ſollte, Euch Alles ſagen, was mir ſelbſt davon bekannt werden konnte, ohne die Grenzen uͤberſchrei⸗ ten zu dürfen, die mir wohlanſtändig waren. Der Herzog empfing in meiner Gegenwart einen Courier vom Prinzen und reiſte ſchon am Abende ab, indem er mir ſagte, daß der Prinz ihm Dinge von Wichtig⸗ keit mitzutheilen habe. Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zurückhaltung in unſern Mittheilungen geherrſcht, die man ſich auch in den nächſten Verhältniſſen ſchuldig iſt, wenn das Intereſſe Anderer dabei betheiligt iſt, oder eine uns bekannte und nicht auszugleichende Verſchiedenheit der Meinungen obwaltet. Ich ſuchte nie meinen Gemahl von dieſen Zuſammenkuͤnften abzuhalten, die ihn mir oft und auf lange raubten. Ich fragte nie nach der Zeit ſeiner Ruckkehr, wenn er nicht die Guͤte hatte ſie mir ſelbſt anzuzeigen; aber eine lange Erfahrung ließ mich ſtets eine Trennung von mehreren Wochen fuchten. Ich ward daher ſehr ͤberraſcht, als ich ihn den nächſten Tag zuruͤckkehren ſah, und der unwillkuͤr⸗ liche Schrecken, der mich ahnend zuruͤckbeben ließ, fand ſich nur zu ſehr gerechtfertigt durch das veraͤn⸗ derte Anſehen meines Gemahls. Seine edeln, offenen Zuge waren der Verſtellung unfähig, und ich ſah in ihnen einen ſanften Schmerz, einen Ausdruck von Un⸗ — — ruhe und eine beſorgte Zärtlichkeit um mich, die mir das Herz um ſo mehr belaſtet, da ich vergeblich ei⸗ ner Aufklaͤrung entgegen ſah. Erſt nachdem er ſich und mich bis zum andern Tage mit ſeinem Schwei⸗ gen beunruhigt hatte, erhielt ich durch die Anzeige ſei⸗ ner Reiſe nach Spanien eine theilweis traurige Auf⸗ loͤſung. Er ſagte mir nämlich, er wolle den lang ge⸗ naͤhrten Wunſch meines Vaters erfullen und ihm Ro⸗ bert vorſtellen. Nach dieſen Worten ſchwieg er, und ich mit ihm, denn von dem Augenblicke an ergriff mich der namenlos bittere Schmerz ſeines Verluſtes, und die Qual des Geheimniſſes, das uͤber dieſem Er⸗ eigniſſe ruhte, zerſchnitt mir das Herz. Ich wagte ihn an die Jahreszeit, an die Abweſenheit Richmonds zu erinnern, wodurch der Wunſch meines Vaters nur halb erreicht werden koͤnnte. Er ſchwieg, nahm liebe⸗ voll meine Hand und ſagte mit einem Tone der Weichheit, der nie aus meinem Gedächtniß kommen wird: Ich muß dennoch reiſen! Ich nahm nun all meinen Muth zuſammen und erwiderte ihm: So ſei Gott mit Euch, ich werde aller Welt ſagen, daß Ihr unſern Sohn meinem Vater vorſtellen muͤßt. Nach die⸗ ſer Ergebung in ſeinen Willen ſagte er mir tauſend Worte der Liebe, die mir ſeine Dankbarkeit verriethen, daß ich ihn ſchonen wollte. Aber ich täuſchte mich ſo 21 wenig, als er ſelbſt. Wir wußten bei unſerer Trennung, daß wir uns nicht wieder ſehen wuͤrden; unſer Schmerz konnte durch nichts als durch dieſe Ahnung gerechtfertigt werden. Ihr wißt jetzt Alles. Es blieb mir nie ein Zwei⸗ fel, daß der Prinz ihn zu dieſer Reiſe beſtimmt, zu wel⸗ chen Zwecken jedoch, iſt mir, wie Ihr ſeht, unbekannt und muß auch meinem Vater unbekannt geblieben ſein, denn er kam ja nur zu ihm, um ſein Sterbelager zu beſteigen. Graf Archimbald fuͤhlte ſich nach der Beendigung dieſer Erzählung von Theilnahme und Achtung fuͤr ſeine edle Schwaͤgerin erfuͤllt; dies verlieh ihm jene Waͤrme und Guͤte des Ausdrucks, der, leicht verſtändlich, dem Herzen ſo wohlthuend, beſonders wenn er von Perſonen kommt, zu deren Gefuhl man ſonſt ſchwer Zugang ge⸗ winnt. Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und Edelſinn, womit die Herzogin ge⸗ ſprochen, faſt ganz den politiſchen Zweck der Sache ver⸗ geſſen, und die gefuͤhlvollen Worte, womit er die Lei⸗ dende zu ehren wußte, fuͤhrten dieſe beiden einander ſo wuͤrdigen Perſonen für einige Zeit ohne das gewohnliche Ruͤſtzeug ihres Verſtandes zu einander. Die Herzogin erinnerte ihn ſelbſt an ſeinen Zweck, indem ſie ihn bat, ihr zu ſagen, ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme ſei⸗ ner Krankheit, die ſo bald ſeinen ſchoͤnen Geiſt verdun⸗ kelte, uͤber ſeine eigentlichen Abſichten habe Schluſſe machen koͤnnen, und Graf Archimbald theilte ihr nun, cheils erzaͤhlend, theils leſend, Stellen aus den Briefen des Grafen mit. Der Herzog war erkrankend angekom⸗ men, dennoch nach einer kurzen Zwiſchenzeit, die er dem Erguß der verwandtſchaftlichen Gefuhle gegoͤnnt, hatte er nach allen, auf die im Werke ſtehende Vermählung des Prinzen und der Infantin bezughabenden Umſtän⸗ den gefragt. Als aber der Graf ſeinerſeits von ihm, als dem genaueſten Freunde des Prinzen, uͤber deſſen Stim⸗ mung habe Auskunft haben wollen, ſei er von ihm auf ſpätere Mittheilungen verwieſen worden, die nachher nicht mehr erfolgen konnten. Während ſeiner Phantaſien war er ſtets mit ſeiner Vorſtellung bei Hofe und einer Privat⸗Audienz bei der Infantin beſchäftigt. Zuletzt rief er noch mit qualvoller Angſt den Prinzen, bis Alles ohne Deutlichkeit in der Nacht ſeines zerſtoͤrten Geiſtes untertauchte. So furchte ich, hob die Herzogin nach einer Pauſe an, wird mein Vater ſeinem eigenen Scharfſinn uͤber⸗ laſſen bleiben. Aber ſagt mir Mhlord, ſo ihr es duͤrft, iſt uber die Wünſche des Prinzen, die er, wenn ich of⸗ fen mich erklären darf, ſo abenteuerlich durch ſeine Reiſe 326 nach Spanien an den Tag gelegt, ein Zweifel? und woruͤber? und wohin gewendet? Wie ſonderbar und widerſprechend es auch erſchei⸗ nen moͤge, erwiderte Graf Archimbald, ſo glaubt den⸗ noch Graf Briſtol, daß gerade der Prinz in ſeinem In⸗ nern am entſchiedenſten gegen dieſe Verbindung iſt, daß ſeine Reiſe ſowohl, wie ſeine Verſoͤhnung mit Bucking⸗ ham das letzte Mittel war, um eine Stoͤrung in dieſe Angelegenheit zu bringen, ohne durch eine offene Wei⸗ gerung den Koͤnig, ſeinen Vater, zu beleidigen. Der Graf konnte während der ganzen Zeit ſeiner Anweſenheit den Prinzen zu keiner offenen Erklärung über eine Sa⸗ che bringen, die ihn doch allein dorthin gefüͤhrt zu haben ſchien. Er erzählte dem Grafen unaufhoͤrlich, wie es ihn uͤberraſcht habe, in Spanien, das juͤngſt noch gegen Eng⸗ land entbrannt war, bei ſeiner ploͤtzlichen Ankunft, auf die das Land von Hofe aus unmoͤglich vorbereitet ſein konnte, auf kein Hinderniß oder irgend eine Beleidigung geſtoßen zu ſein. Es glich dies Erſtaunen faſt einer ge⸗ täuſchten Erwartung. Ebenſo war, bei der ͤbrigen Kälte des Prinzen, ſein Verlangen, um jeden Preis die In⸗ fantin allein zu ſprechen, ſo dringend, von Buckingham ſo unſchicklich heftig unterſtutzt, daß man eine geheime, damit verknuͤpfte Abſicht dahinter hätte ahnen moͤgen; und Graf Briſtol wußte es der unuͤberwindlichen Eti⸗ ——— 322 kette Dank, daß ſie die Sache unmoͤglich machte. Eben ſo wenig ſuchte der Prinz den Zuͤgelloſigkeiten Bucking⸗ hams entgegen zu treten. Er theilte ſie zwar nicht, aber es fiel ihm doch unläugbar zur Laſt, daß die nächſte Per⸗ ſon ſeines Gefolges, und die einzige von Range uͤber⸗ haupt, unter ſeinen Augen dergleichen wagen durfte. Vergeblich aber war des Grafen Bitte, wenigſtens den Herzog von Olivarez zu verſohnen, gegen den der Prinz ein hoͤchſt unzeitig beleidigtes Weſen annahm, und die⸗ ſen ſtolzen Mann, den des Grafen Briſtol unendliche Klugheit uns eben erſt gewonnen, zum unverſoͤhnlichſten Feinde umſchuf. Der Courier, den der Graf mir mit dieſen Andeutungen geſendet, uͤbereilt den Prinzen um einige Tage, da der despotiſche Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zuruͤckfuͤhrt, als ob er die Hoͤfe Europas, denen es am vortheilhafteſten ſchei⸗ nen koͤnnte, eine ſo wichtige Perſon, als den Thronerben von England, bei ſich feſt zu halten, dieſe Probe ihrer volkerrechtlichen Tugend zu ſeiner eigenen Beluſtigung beſtehen laſſen wolle. Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine ſeltene Probe unſerer Klugheit auf, und einer Lächerlichkeit des Betragens, die uns um ein Jahr⸗ hundert vor Eliſabeth zuruͤckverſetzt, deren Nachfolger zu ſein, wir uns doch ruͤhmen wollen. Der Graf hielt hier inne, er beſaß nicht die Pedan⸗ — 328 terie politiſcher Geheimnißkraͤmerei, und am wenigſten vor einer Frau, die ihm eben Proben ihrer Selbſtbeherr⸗ ſchung gegeben. Aber er fuͤhlte ſelbſt ein gewiſſes Unbe⸗ hagen, die Handlungen in's Licht treten zu laſſen, die ſeinem Altengliſchen Herzen ſo kränkend waren. Er mußte indeß der ſehr dadurch beſchäftigten Herzogin noch Rede ſtehen, die nun zuwiſſen wuͤnſchte, ob man ihrem Gemahl dieſelbe Anſicht mit Buckingham und dem Prinzen beimeſſen koͤnne. Wir koͤnnen nur Thatſachen an einander ſtellen, er⸗ widerte Graf Archimbald. So viel duͤrfte fuͤr uns Ge⸗ wißheit ſein, daß der Prinz die Veranlaſſung zur Reiſe meines Bruders ward, welches eine aͤhnliche Abſicht an⸗ zudeuten ſcheint, wie der Prinz ſpäter ſo dringend ver⸗ folgte. Eben ſo ſcheint die letzte Zeit, wo er ſich noch aͤußern konnte, eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen hinlaͤnglich zu verrathen, wozu ich rechne, daß er ſich gegen Graf Briſtol uͤber den Prinzen aus⸗ weichend äußerte, und daß ſein Beſtreben gleichfalls dar⸗ auf ausging, die Infantin allein zu ſprechen. Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die Verſoͤhnung mit Buckingham und die Reiſe des Prinzen ein. So ſcheint es, daß der Prinz, als der Herzog nicht vollziehen konnte, was er von ihm gehofft, eines andern Vertrauen bedurfte, der 329 ihn dann zur eignen Ausfuͤhrung antrieb. Doch wer⸗ det Ihr ſelbſt einſehen, daß wir hier nur unbeſtimmte Muthmaßungen haben, eine aus der andern geleitet, aber ſaͤmmtlich des Hauptanhalts entbehrend, der Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieſer Anſtren⸗ gungen!— O Gott! ſeufzte hier die Herzogin ſchmerzlich auf ſo wäre alſo das Gluͤck meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertruͤmmert, der ſtets als ein finſterer Geiſt neben dem Lichtbilde meines Ge⸗ mahls ſtand, und mit dem ich das Recht des Beſitzes zu theilen ſtets gewärtig ſein mußte. Wir wollen den⸗ ken, Graf Archimbald, fuhr ſie fort, indem ſie ſich faſt geiſterhaft bleich von ihrem Seſſel erhob, daß in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menſchen ruht, und ich ſage mir, daß dies geliebte Weſen reif war, hinuber zu gehen, und hier im Schvoße der Seinigen ſo ſicher ereilt worden wäre, wie unter den Beſchwer⸗ den und Sorgen dieſer Reiſe. Dennoch mag vielleicht ſtolzes Ueberbieten geiſtiger und phhſiſcher Kraͤfte ſcheller den Augenblick herbei fuͤhren koͤnnen, den Gott ohne ſolche menſchliche Verſchuldung noch ent⸗ fernter geſtellt haben wuͤrde, und vielleicht war das der Fall auch hier. Mhlord, o begreift es, wie ſchwer bei dieſen Gedanken mir die Ergebung wird, wie der 330 Gram die ſchreckliche Zugabe des Vorwurfs gegen die Verſchulder deſſelben erhält! Geht hierin nicht zu weit, Mylad9, ſagte der Graf Archimbald milde, laßt den Gedanken vorwalten, daß Gottes Hand hier lenkte und beſtimmte, und machet den Dienſt der Freundſchaft, der wohl ohne Vorahnung dieſer Folgen gefordert und gewährt werden konnte, den Beiden nicht zum Vorwurf, die ſtets ein wahr⸗ haft ſchoͤnes Bild dieſer reinen Empfindung darſtellten. Es ſei ſo, ſagte die Herzogin ſich empor ringend, und es mag Zeit ſein, den Gedanken ihr Ziel zu ſetzen, die mich ergreifen wollen uber den geheimniß⸗ vollen Einfluß, den dieſer Freund meines Gemahls auf ihn ausuͤbte. Denn ich darf ja jetzt am wenig⸗ ſten vergeſſen, daß die Stelle leer iſt, die er zum Schutz und zur Leitung ſeiner Familie ſo wuͤrdig einnahm, und, ſetzte ſie leiſer hinzu, vielleicht ſollte ich ſchon jetzt die Guͤte Gottes erkennen, die wenig⸗ ſtens ſein Herz vor dem Schmerz bewahrte, der mir in der Verirrung meines Sohnes droht,— ach! welch' ein Schmerz waͤre das fuͤr ihn geworden! Ihr Blick voll duͤſterer Melancholie traf hier Graf Archimbald, der trotz aller zarten Theilnahme, die ihm bis dahin gegen die edle Leidende ſo natuͤrlich geweſen war, dennoch den Schmerz ſeiner Schwägerin über 331 vie Anſichten ihres Sohnes etwas übertrieben finden mußte. Sie gewahrte augenblicklich dieſe Gedanken, wenn auch faſt unmerklich in ſeinen Zuͤgen ausge⸗ druͤckt, und wider ihren Willen rief ſie wie uͤberwäl⸗ tigt aus: Ich gelte Euch ſo eben als eine Thoͤrin, die, den Anforderungen ihres Schickſals nicht gewach⸗ ſen, ſie phantaſtiſch vergroͤßert, ihr Unvermoͤgen da⸗ mit zu verhuͤllen; aber koͤnntet Ihr die Groͤße dieſes Schmerzes ſo durchſchauen, wie es mir aufbehalten war, Ihr hieltet mich nicht fuͤr ein allzuſchwaches Weib. Und deſſen ſeid in jedem Fall geſichert! Ihr habt mir eben durch Eure verehrungswuͤrdigen Mittheilun⸗ gen eine Lehre der Mäßigung in Bezug auf die Ge⸗ heimniſſe Anderer gegeben, die Euch zu hoch in mei⸗ nen Augen ſtellt, als daß Ihr ſie nicht gegen Euch zuerſt befolgen moͤchtet. Aber vergeßt nicht, daß es der Bruder Eures Gemahls iſt, der ſtets mit allen ſeinen Kraͤften Euch zur Seite bleibt, und dem Ihr ver⸗ trauen duͤrft, wie der es that, den ich mit Euch ſo ſchmerzlich vermiſſe.— Der ſtarke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verſchloſſenen Gefuhl ſeiner Bruſt einen ehrenvollen Tribut, aber er kurzte gern ſolche, ihn ſtets üͤberraſchende Momente ab, und Beide trennten ſich ſtumm gruͤßend, mit dem Gefuͤhl einer erhoͤhten Achtung und Freundſchaft. 332 Weniger genugend für beide Theile fiel eine Unter⸗ redung der Herzogin mit ihrem Sohne aus. Sie hatte nur zu viel Veranlaſſung, der Menſchen⸗Kenntniß des Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen und ſeine Befurchtung wegen der hartnaͤckigen Entſchloſ⸗ ſenheit ſanfter Gemuͤther, die durch Leidenſchaften in ih⸗ ren Empfindungen erhoͤht ſind, zu theilen. Es ward ihr manche, bis dahin noch vorenthaltene Kenntniß der Grenzen aͤlterlicher Macht uͤber die Gewalt individueller. Empfindungen, der Ohnmacht des Willens und der Bitte bei anders Fuͤhlenden. Ihre Lage war um ſo druk⸗ kender, da ihr nicht vergoͤnnt war, mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden. Denn wiewohl gluhend uͤberzeugt von der Unmoͤglichkeit der Sache, mußte ſie es ſich doch verſagen, ihren Sohn durch dieſelben Gruͤnde. zu überzeugen, welche in ihr dies Reſultat hervorge⸗ bracht. So blieb ihre Lage ihm gegenuber von der Halb⸗ heit beſchlichen, die kraͤftige Gemuͤther um ſo tiefer ver⸗ letzt, je nothiger ihnen ſtets in Rede, wie in That jene rechtfertigende Conſequenz iſt, wovon ſie ſich des oft ge⸗ pruften Erfolges geſichert wiſſen. Sie ſah ihren Sohn dadurch, daß er ſeine volle Seele in Wahrheit und ohne allen Ruͤckhalt vor ihr entlud, in einem ihr nachtheiligen Vortheil uͤber ſich, und mußte auch das ſonſtige Ueber⸗ gewicht ihres Verſtandes vor ihm einbuͤßen, da ſein gan⸗ 333 zes Weſen, in Liebe erhoͤht, ſeinem Geiſte eine Glut und Kraft der Combinationen verliehen hatte, die dem kindlich ſchlummernden fruͤheren Zuſtande nicht mehr gleich kam. Ein fuͤr die Herzogin namenlos ſchmerzliches Ge⸗ ſpräch mehrerer Stunden hatte ſie um nichts ihren Wuͤnſchen näher gebracht. Es war noch immer der liebevolle, ehrende Sohn, der treffliche Menſch, aber zu⸗ gleich ein zum erſten Mal im Leben Wollender, un⸗ terſtutzt in dieſem Willen von der ganzen Ueberre⸗ dungsgabe eines zuerſt liebenden Herzens. Dagegen ſchien die Herzogin wenig Anderes als Vorurtheile und Stolz in die Waagſchale legen zu konnen, und gegen das Ende dieſer qualvollen Unterredung mußte ſie entmuthigt ſich das ihr ſo neue Geſtändniß machen, ſie ſei ſich ſelbſt hier nicht genug und ihr Einfluß auf ihn nur noch bedingt. Sie hatte nur die Verſicherung von ihm erlangt, daß er ſein Geſuͤhl der Gräfin verſchweigen werde, bis die Familie Dorſet mit ſchonender Achtung entfernt ſein werde, und bei dieſer Bitte fand ſie den Sohn ſo nachgiebig, ſo durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanſtändigkeit, daß ſie ihm nicht einmal zurnen konnte, ſondern ihn ſeiner edeln Erzie⸗ hung vollkommen entſprechend finden mußte. Der Her⸗ zog verließ endlich ſeine Mutter mit weit mehr Hoff⸗ nung, als er naͤhren durfte. Denn er hielt ihren faſt er⸗ ſchoͤpften Zuſtand fur Nachgiebigkeit in ſeine Wuͤnſche, und fuͤr ihn lagen alle Schwierigkeiten allein in der moͤglichen Beleidigung der Familie Dorſet. Zu einer milden Ausgleichung dieſes Punktes hoffte er ſeine geliebte Großmutter zu beſtimmen und vertraute dieſe Abſicht auch der Herzogin, von der er ſo kindlich liebevoll ſchied, daß die Thraͤnen der zärtlichen Mut⸗ terliebe uͤber das ſchoͤne Geſicht des knieenden Juͤnglings floſſen. Aber kaum war er ihren Blicken entſchwunden, ſo rang ſich die Klarheit ihres Geiſtes aus der weichen Betäubung empor, worein ihr Herz ſie verſtrickt hatte, und der jaͤhe Schmerz, den ihr der Ueberblick der wirk⸗ lichen Lage der Sache gab, erſchien ihr jetzt um ſo ſchreck⸗ licher, da die Unterredung, von der ſie ſo viel gehofft, vorüͤber war und ſie ſich ſagen mußte, ſie ſei dadurch eher zuruͤck, als dem Ziele näher geſchritten. Sie machte ſich in ihrer Heftigkeit ſelbſt die bitterſten Vorwuͤrfe, ih⸗ rem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung fuͤr dieſe Verbindung gelaſſen zu haben; ſie glaubte ſich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimniſſes nahe ge⸗ bracht, und rief in fieberhafter Angſt Gott auf ihren Knieen um Beiſtund an und um Herbeifuͤhrung eines Ausweges. Thränen fandte ihr vorerſt Gott, und als 335 dieſe ihr banges Herz erleichtert, ſtand auch der rettende Engel, den Gott geſandt, ihr zur Seite. Sie hob den Kopf empor, ſich von ihren Knieen zu erheben, und ſtand vor ihrer ehrwurdigen Schwiegermutter, die, von ihr ungehoͤrt, das Zimmer während ihres heftigen Weinens betreten und, uber den Zuſtand, worin ſie die Herzogin ſah, erſchrocken, ſo eben ſich ihr genähert hatte. Die Herzogin fuhr zuſammen, und dann mit einem ſo uͤberſpannten Ausdruck zuruͤck, daß ihre ſtar⸗ ren Augen zu fragen ſchienen: Biſt du ein Menſch? Ach, biſt du der Ausweg, um den ich Gott anrief? ſeufzte ihr Herz, und ſogleich wiederholten es auch ihre Lippen, und vor der alten Herzogin auf's Neue niederfinkend, rief ſie wie begeiſtert: Du biſt es, ja, Du biſt es! Dich ſendet mir Gott, vor Dir ſoll ich mein Herz von ſeiner erdruckenden Buͤrde befreien, Du biſt der Ausweg, den er mir ſandte; in Deiner reinen Seele wird ſich das Rechte vom Unrechten ſcheiden, und was ſein muß, wird meine rathloſe Seele von Dir erfahren.— Sie ſprang zugleich mit einer Heftigkeit auf, welche dem krankhaften Zuſtande zu widerſprechen ſchien, in dem ſie ſich befand, und war bemuͤht, ihre erſtaunte und bekuͤmmerte Schwie⸗ germutter zu einem Ruhebette zu ziehen, auf dem ſie ſich ſogleich mit einer Haſt dicht neben ihr nieder⸗ 336 ließ, welche von der regelloſen Aufregung ihres In⸗ nern zeugte. Die alte Herzogin war ihr willig in all' ihren ſtummen Anordnungen gefolgt, aber die Beſorgniſſe, die dies ſeltſame Verfahren ihr gab, raubten ihrem ſtets gegenwärtigen Geiſte dies Mal die Leichtigkeit, ſich in lindernden Worten auszudruͤcken. Sie fuͤhlte ſich unfähig, einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden, das die geliebte Leidende mit einer räthſelhaf⸗ ten Angſt und Uebereilung ihr zu ſchenken bereit ſchien, und ſie blickte blos, in unendliche Liebe und das tiefſte Mitgefuͤhl aufgeloͤſt, in die zerſtorten Zuge der Herzogin. Dieſe ſchwieg ebenfalls noch; dicht ne⸗ ben der muͤtterlichen Freundin ſitzend, ihre Haͤnde zwiſchen den ihrigen druͤckend, die von Thraͤnen ge⸗ ſchwollenen Augen an den Boden geheftet, ſchien ſie von eigenen Gedanken noch zu uͤberfullt, um reden zu koͤnnen; ſie ſchien in ſich vor allen Dingen die Ord⸗ nung herſtellen zu wollen, die ihr noͤthig war. Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwieger⸗ mutter auf, und ward durch einen Blick in dies liebe⸗ voll beſorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die Arme gezogen, die ſich ihr ſo muͤtterlich oͤffneten. Hoͤre mich erſt, ſeufzte ſie dann, ehe Du mich thoͤricht ſchiltſt; aber hoͤre mich! Länger kann ich die Qual die⸗ 337 ſes Geheimniſſes allein nicht tragen, ich bedarf auch Deines Beiſtandes, und Du haſt ja faſt daſſelbe hei⸗ lige Intereſſe, wie ich ſelbſt, geheim zu halten, was ich Dir ſagen muß. Aber dennoch, ſetzte ſie bang und flehend hinzu; dennoch kann ich nicht eher das mir ge⸗ thane Geloͤbniß ewiger Verſchwiegenheit brechen, ehe Du nicht großmuͤthig Dich meiner Angſt erbarmſt und mir heilig gelobſt, das, was ich Dir ſagen muß, als unverbruͤchliches Geheimniß in Dir zu be⸗ wahren, ſo, als haͤtte Dich nie eine Ahnung davon erreicht. Alles gelobe ich, was Dich, mein armes Kind, beruhigen kann, ſagte ſchnell die bekuͤmmerte alte Dame, und bin gewiß, Du wirſt mir nun ohne Sorge vertraun und mich die Buͤrde mit Dir tragen laſſen, die Dich ſo grauſam zerſtoͤrt. O eile, gelieb⸗ tes Kind, Dein Herz zu erleichtern, und Gott wird mir Kraft verleihen, Dir eine wahrhafte Stutze zu ſein. Ach, ſeufzte die Herzogin, wie weit in die Ver⸗ gangenheit muß ich zuruͤckgehen, denn wie ſehr iſt das, was ich Dir ſagen will, in das Gewebe meines gan⸗ zen Lebens mit einem unabgeriſſenen, mir allein ſtets ſichtbaren Faden verflochten. Wie hat es mit ſeinem ſtillen und doch unlaͤugbaren Daſein mir den Muth zur Klage, wie zum voͤllig reinen Genuſſe des Lebens Godwie⸗Caſtle I.. 22 338 geraubt! O, wie tief fühle ich ſeinen Einfluß auf mein ganzes Weſen, wie ließ es in mir die Fehler ergrauen, von deren Daſein ich zu meiner Qual mir ſtets bewußt blieb, während ich ihnen doch die Herr⸗ ſchaft wieder goͤnnte, die mich zu verhaͤrten ſchien gegen die geheimen Schmerzen dieſer Bruſt. Mut⸗ ter, wenn es ein Frevel werden kann, ein menſch⸗ liches Weſen zu ſehr zu lieben, ſo hab' ich ihn viel⸗ leicht begangen; aber, den ich ſo uͤber alle Grenzen hinaus liebte,— es war Dein Sohn, und an Dei⸗ nem Herzen rufe ich um Nachſicht. Du weißt, daß mein verehrungswuͤrdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das zehnjährige Maͤd⸗ chen ganz in ſeine Obhut nahm, nur Miſtreß Morton blieb mir als weiblicher Schutz zur Seite, und ſie war, obgleich noch jung und ſchoͤn, doch nur in der Liebe zu mir lebend, allen den Pflichten vollkommen gewachſen, die mein Vater ihr mit vollſtändigem Vertrauen uͤber⸗ trug. Wir theilten jede Stunde, die ich entfernt von meinem Vater lebte, aber dem fruͤh vereinſamten Manne war es fuͤßer Troſt, das einzige Andenken ſei⸗ ner Liebe um ſich zu haben, und meine Tage ſchwan⸗ den in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkar⸗ ger Einfoͤrmigkeit. Der Ernſt dieſes Lebens wider⸗ ſtrebte jedoch meiner Sinnesart nicht; ich fuͤgte mich —,—————— ———.— 339 nicht allein, ſondern ich ahmte bald in Wort und Zei⸗ chen einen Ernſt und eine Wuͤrde nach, die mein Va⸗ ter in ſeiner reichen Natur mit einer heiteren Lebendig⸗ keit des Geiſtes und einer zärtlichen Empfänglich⸗ keit des Herzens verband. Von dieſer war mir nur wenig verliehen, und ſie wurde daher unter ſeinen Ei⸗ genſchaften leichter von mir uͤberſehen, als ſein Ernſt und ſein Stolz, der in meinem Gemuͤthe reichern An⸗ klang fand. Alle meine Umgebungen huldigten bald den Anforderungen dieſes jugendlichen Duͤnkels, der mich bei der Strenge meines Charakters nie zu Be⸗ vruͤckungen verleitete, die im Stande geweſen wären, meinen Vater aus dem zärtlichen Liebestraum uͤber die Vorzuͤge ſeines Kindes zu wecken. Meine theure Mor⸗ ton war das lindernde Prinzip. Sie liebte ich, und an ihrer zärtlichen Bruſt verſchwand der Ernſt, den ich uͤberall feſt hielt; ich ward jung in ihrer wohlthä⸗ tigen Nähe und lernte weiblich fühlen. Vielleicht ſchon damals ſtimmte der bloße Name des Mannes, den ich ſpaͤter ſo grenzenlos lieben ſollte, mein Herz ſo empfänglich für Mortons weiblich heitere Geſpräche, denn ſie, von den Plänen zu dieſer Vermählung un⸗ terrichtet, bereitete in ſorgloſer Geſchwätzigkeit mein Herz zu dieſem Gluͤcke vor. Mein Vater, der ſeit dem Tode meiner Mutter dem oͤffentlichen Leben 205 340 ſtandhaft entſagt hatte, bis zu meiner Vermählung, glaubte endlich mit Deinem Gemahle, der Augen⸗ blick hierzu ſei gekommen. Morton ſagte mir, daß beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorſtellen woll⸗ ten und ich den ſehen wuͤrde, der in mir ſeine Braut zu finden hoffte. Aehnliches, obwohl fer⸗ ner angedeutet, ſagte mir mein Vater, und ich zurnte jedes Mal dem ungeſtümen Schlage meines Herzens, als der ſtolzen Wuͤrde widerſprechend, die überall zu behaupten ich mir auferlegt. Ach, nur zu bald und immer mehr ward dieſer angenommene Grundſatz in mir erprobt. Wir ſahen uns, nach⸗ dem ich zuerſt Deinen Segen, als von der Freun⸗ din meiner Mutter, in Deinem Hauſe empfangen, zuerſt am Hofe. Obwohl der Augenblick, wo ich zuerſt ihn ſah, mir deutlich iſt, als wär's der ge⸗ genwaͤrtige, koͤnnte ich Dir doch die ſtuͤrmiſche Ge⸗ walt nicht ſchildern, womit auf ewig ſich dies heiß⸗ geliebte Bild in meine Seele ſenkte. Was ich ge⸗ hofft, getraͤumt, geahnet, lag wie ein Schattenbild, verſchmolzen mit dem ganzen Zeitraum der Jugend, den ich durchlaufen, wie leblos hinter mir. Er nahte mir, ſein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein un⸗ endlicher Wohllaut mich, wir redeten, und tauſend Mal gab ich an dieſem Abend ihm die Seele hin. 341 Als bei der Ruckkehr mich der Vater mit einem Se⸗ genskuſſe lächelnd von ſich ließ und Morton mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte, trat ſie erſtaunt zuruͤck, die Arme, die ich ihr entgegen⸗ ſtreckte, erreichten ſie nicht, denn ſie ſchien ungewiß, ob ich es ſei, und trat nun, mich zu ſehen, vor meiner Umarmung zuruͤck; aber ich ſuchte das liebe⸗ vollſte Herz, und mit einer an Triumph grenzenden Freude rief ich ihr zu: Ich habe ihn geſehen!— Welche Tage begannen nun! Ach, es waren nur wenige, aber ſelige Tage.— Auch Ihr theiltet wohl in älterlicher Zärtlichkeit die Beſtätigung Eurer Hoff⸗ nungen. Denn nahte Robert mir auch nicht in Liebe, war ich doch die Liebſte in dem weiten Kreiſe des Hofes ihm, und ich, ſo ſicher ihn als mein betrach⸗ tend, erſetzte mit dem Reichthum meiner Empfindung die Lücken, die damals ſich ſchon haͤtten finden laſſen. Da rief der Koͤnig die Familie ſeines uͤbermuͤthigen Lieblings an den Hof, und Ihr wißt, was da geſchah. Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimniß. An jenem Abend, wo die ſchoͤne Schweſter des Herzogs von Buckingham am Hofe erſchien, geſchah in meinem Innern eine gewalt⸗ ſame und fürchterliche Umänderung. Ich kann ſagen, daß meine Entwickelung, gehemmt und fuͤr immer aus F 342 dem ſchoͤnen Reiche ſanfter, leidenſchaftloſer Weiblichkeit verdrängt, den kalten Maͤchten wieder anheim fiel, de⸗ nen die Liebe mich entzogen, vielleicht fuͤr immer entzo⸗ gen hätte, wäre es mir beſchieden geweſen, ſie zu der ungetrubten, tugendhaften Hoͤhe führen zu koͤnnen, de⸗ ren ſie werth und fahig war. Aber geſtoͤrt, ſo grauſam geſtort, bei ſo grenzenloſer Hingebung, war mein Cha⸗ rakter nicht geſchaffen, in Milde dieſen heißen Schmerz zu wandeln, und ich bin es mir bewußt, daß ein ganzes folgendes Leben, reich an ſuͤßem Gluͤcke und jeglicher Be⸗ friedigung, den jaͤhen Umſturz meiner damals keimenden beſſeren Natur nicht wieder in's Gleiche bringen konnte. O Mutter, wende Dich nicht von mir, rief die Herzogin hier in Thränen der ſichtlich erbebenden muͤt⸗ terlichen Freundin zu, und zuͤrne nicht, daß ich Dich zum Beichtiger meines ganzen Lebens mache. Das Andenken dieſer Tage, ja, das nie vordem Geſchehene, daß meine Lippen zur Enthuͤllung ihrer Leiden ſich oͤff⸗ nen, reißt mich mit ſich fort, daß ich, ſo innig Dir vertrauend, ſo nie von Dir zuruͤckgeſchreckt, nicht mehr verhindern kann, zu ſagen, was mir in trauriger Er⸗ kenntniß meiner ſelbſt nur zu oft zur ſchmerzlichen Gewißheit wurde. Kaum hatte dieſe Schoͤhnheit ſich gezeigt, ſo ſah an meiner Seite ich an Robert die Wirkung, die 343 bald Allen kein Geheimniß blieb. Ach, der mich durch ſich gelehrt, was Liebe ſei, ließ jetzt an ſich daſſelbe mich erkennen, von einer Andern eingefloͤßt, was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu for⸗ dern berechtigt ſchien! Ich kam nach einem kurzen Wehe namloſer Schmerzen ſchnell zur Ueberzeugung, daß ich verloren ſei, daß der, den ich noch wenig Stunden fruͤher mit jubelndem Entzuͤcken mein Ei⸗ genthum genannt, von mir gewendet war, mich voͤllig zu ſehen aufgehoͤrt. Sorglos, wie ein Kind den Schmet⸗ terling erjagt, und vor und neben ſich nichts mehr ge⸗ wahrt, den Blick allein gefeſſelt an das Ziel, ſo folgte er den Schritten dieſer Gräfin Buckingham, als wäre dies das einzige ihm aufgegebene Geſchäft des Lebens. Denkt Euch, daß hier zuerſt jene wilde, dämoniſche Feindin unſerer Ruhe, die Eiferſucht, in mir aufſtand; daß mir ein unausſprechliches Gefuhl von Kälte gegen der Gräfin leuchtendes Verdienſt, ein bitteres, ſtolzes dunkelvolles Etwas die Seele vollig truͤbte; denkt Euch, daß ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte, daß ich den wilden Buckingham, unfähig in meiner ſchmerz⸗ lichen Aufloͤſung, die fruhere ſtolze Kraft ihm entge⸗ gen zu ſtellen, durch mein ſterbendes Stammeln zu einem kuͤhnern Betragen berechtigte, und malt Euch dann den Zuſtand, worin ich bei der Ruckkehr leblos 344 meiner edlen Morton in die Arme ſank. Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnſinns zu. Morton erfuhr nur langſam, unter Convulſtonen, die ſeitdem mir blieben, das eben Erlebte, und nur der Hoff⸗ nung, die ſie mehr liebevoll, als klug in mir wieder zu beleben wußte, verdankte ich die Wiederkehr meines Verſtandes und den Entſchluß, ferner am Hofe zu er⸗ ſcheinen, ganz entgegen meiner erſten heftigen Ent⸗ ſchließung. Ach, ich kehrte wieder, um mit jedem Male gewiſſer von meinem Ungluck mich zu über⸗ zeugen. Ich erhielt von dieſem Augenblick nicht einen ſeiner holden Blicke mehr. Er ehrte mich nur mit bruͤderlichem Wohlwollen, während ich die gluͤhend heiße Liebe, deren er fähig war, an ihr erkennen mußte. Sie, die unter den ſie umrauſchenden Hul⸗ digungen kaum einen Blick, ein Lächeln fuͤr den brig fand, der, dieſe ſeltene Gunſt nicht zu entbeh⸗ ren, doch an den Saum ihres Kleides gefeſſelt, ver⸗ loren fuͤr die ganze übrige Welt, ſich kaum der Eri⸗ ſtenz bewußt war! Meine Naͤchte brachte ich in Thranen in Mortons Schooße hin, aber wenn der Tag und die Stunde erſchien, wo der Hof ſich ver⸗ ſammelte, dann rief ich allen Geſchmack der Mode herbei, meine nach und nach verfallende Geſtalt, meine bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines 345 Grams zu ſchutzen. Denn gewaltig war mein Stolz erwacht. Verſchmäht zu ſein im Angeſicht des gan⸗ zen Hofes, als verſchmäht bezeichnet durch die kuͤh⸗ nen Schritte Buckinghams, ach, ſelbſt von Deiner zarteren Liebe und den ſchwermüthigen Blicken mei⸗ nes Vaters als ſo bezeichnet, war es die Aufgabe, die ich mir ſtellte, wenigſtens uͤber meine geringe Theilnahme an dieſer Kränkung keinen Zweifel uͤbrig zu laſſen. Die Ueberreizung, in die ich ſo nothwen⸗ dig kommen mußte, gab mir, wenn der oft fürch⸗ terliche Schritt aus meinen Gemaͤchern gethan war, eine groͤßere Leichtigkeit und mehr Leben und anſchei⸗ nende Heiterkeit, als wohl fruͤher, wo ich natuͤrlich ſein durfte. So trat die Trauerzeit ein, die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte. Der Hof hatte aufgehoͤrt, in Feſten ſich zu vereinigen, die Trauer hob jede Ver⸗ bindung auf. Nur die befreundeten Familien ſahen ſich ohne Geraͤuſch, und ich ſah Dich in Deinem Hauſe, aber nie mehr dort Deinen Sohn, der den Prinzen nicht mehr verließ. Doch dieſe Zeit gaͤnzlicher Trennung belehrte mich erſt vollſtändig uͤber die Stärke meines Gefuͤhls fuͤr ihn; denn ihn nicht zu ſehen, erſchoͤpfte all' meinen Muth. Es. gab Augenblicke, wo ich mir denken konnte, daß ich das Leben eher ertra⸗ 346 gen wurde, wenn ich ihn ſelbſt als Gemahl dieſer Buckingham nur ſprechen koͤnnte. Die Trennung raubte mir all' die Energie, mit der ich mein Leiden beherrſcht hatte. Es kam eine bit⸗ tere, toͤdtende Verzweiflung uber mich; in London blieb ich nur, weil dieſelbe Stadt auch ihn noch umfing. So, theure Mutter, fuͤhlte ich mich, als mir Morton den Grafen von Derberh anmeldete, der mich um eine geheime Unterredung bitten ließ. Ich war ſo überwaͤl⸗ tigt von der Ausſicht, ihn zu ſehen, daß ich faſt an das Auffallende dieſer Bitte nicht dachte. Morton entfernte ſich. Ich hoͤrte ihn eintreten, ich blickte nach ihm hin und ſank mit einem Schrei in meinen Stuhl zuruͤck; denn aus dem bluͤhenden, hochgefärb⸗ ten Juͤnglinge mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher, ernſter Mann geworden, in deſſen friſchen Zuͤgen der Schmerz ſeine erſten Furchen ge⸗ zogen hatte. Er ſah mein Erſchrecken, aber er ließ ſich auf keine Deutung ein, ſondern lag im ſelben Augenblick zu meinen Fuͤßen und flehte mich an, die Wuͤnſche unſerer Familie zu erfuͤllen und ihm meine Hand zu reichen. Ich war ſprachlos vor Erſtaunen, und Liebe und Stolz kämpften hart in mir, aber nur zu wohl fuͤhlte ich, daß Liebe ihn nicht zu mir geleitet, und ich raffte 342 all' meinen Muth zuſammen, ihn von mir zu weiſen. Nach dieſen erſten Worten gewann ich das volle Ueber⸗ gewicht meines beleidigten Stolzes, ich hielt ihm in kalten Worten ſeine voͤllige Entfremdung von mir vor, ich erinnerte ihn endlich, geſteigert in Schmerz und Zorn, an ſeine Liebe zur Buckingham, die der ganze Hof mit mir geſehen. O Mutter! ich glaubte, ich hätte ihn mit dieſen Worten getodtet; ſein Kopf ſank in ſeine Hand, ſeine Figur brach zuſammen, und ein krampf⸗ hafter Laut entglitt ſeinen todtenbleichen Lippen. Dieſer Anblick entriß mich all' meinen ſtolzen Vorſätzen; ich eilte auf ihn zu, ich zwang ihn, ſich nieder zu ſetzen⸗ Ich haͤtte jetzt zu ſeinen Fuͤßen ſinken moͤgen, und was der nächſte Augenblick mich haͤtte thun laſſen, mag ich nicht bedenken. Aber er erholte ſich und zeigte ſich nun in der ganzen Glorie ſeiner edeln wahrhaften Na⸗ tur! Er ſelbſt geſtand mir jetzt ſeine Liebe zur Graͤfin Buckingham, und daß ſie in ihm noch jetzt lebe, wo er mich um meine Hand bitte; aber unuͤberwindliche Hinderniſſe, die er mir jedoch nie nennen duͤrfe, trenn⸗ ten ihn von der Gräfin. Nie koͤnne ſie ſeine Gemah⸗ lin werden, und dieſe Ueberzeugung haͤtte ihn von all' ſeinen Wuͤnſchen geheilt und zu der heiligen Pflicht zu⸗ ruckgefuͤhrt, welche verehrte Verwandte ſo großmuͤthig und begluckend fuͤr ihn erſonnen. Er fragte mich, ob 348 ich es wagen wolle, ihm zu vertrauen; er ſagte mir, daß er mich hoͤher achte und verehre, als alle andern Frauen der Erde; daß nur dies Gefuhl ihm Muth ge⸗ geben zu dem außerordentlichen Schritte, den er gewagt zu thun; daß er nur an meiner Seite, nur in Er⸗ fuͤllung dieſer Pflicht, nur indem er ſich beſtrebe, Al⸗ les zu verguten, was er verſchuldet, Ruhe finden koͤnne, nur Gluck hoffen duͤrfe, wenn ich ihn aufnähme, und mit ſchweſterlicher Liebe ſein Herz dulden und hei⸗ len wolle. Er erinnerte mich an die Wuͤnſche unſerer Eltern, die wir dadurch zu begluͤcken vermochten, und ich— liebte! Was er mir bot, ſicherte mir fur's Leben ſeine theure Nähe! Was er mir entdeckt, er⸗ hoͤhte nur meine Achtung fur ihn, und gab meiner Seele das ſüßeſte Vertrauen zu den Verſicherungen hochachtender Freundſchaft, die nach der troſtloſen Ver⸗ armung, in der ich mich gefuͤhlt, ſo unendlich viel mir ſchien. Mein Stolz war für den Augenblick ver⸗ ſchwunden, er empfing mein Jawort, und Du weißt es, daß der König, von beiden Vätern angeſprochen, noch denſelben Tag ſeine Einwilligung gab; doch was Du vielleicht nicht ſo beſtimmt weißt, erfahre es jetzt: Buckingham erſchien eine Stunde ſpaäter bei mir, bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eiteln Mannes ſeine Hand. Mit welchem innern 349 Triumph durfte die Braut des Grafen von Derberh ihn jetzt zuruͤckweiſen! Wie genoß ich das Erſtau⸗ nen, womit er aus meinem Munde den Grund ſeiner Zuruͤckweiſung erfuhr! Es war ein kurzer, ſehr unweiſer Triumph, der die ſchrecklichſten Folgen hatte, indem er dieſen verzo⸗ genen Mann zum Wutherich machte. Er hielt ſeine Schweſter fuͤr entehrt, weil die Welt ſie mit Robert verlobt dachte, welchen er nun uͤberdies fuͤr die Ur⸗ ſache ſeiner eben erlebten Zuruͤckweiſung anſah. Erſt mißhandelte er die ungluckliche Schweſter; dann ſuchte er in Wuth den Grafen auf, und Du weißt, daß ſein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweiſung und ein Duell mit meinem Verlobten zuzog. Wir wurden vermählt. Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien, wir nach Godwie⸗Caſtle. Dein Sohn war ein Engel. Ach, nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen an mein Betragen denken. Ich be⸗ ſaß ihn jetzt, und dieſes heiße Verlangen meines Her⸗ zens war erfullt; aber es lebte in mir fort, daß er aus Liebe ſich mir nicht vermaͤhlt, und daß ich all⸗ zu ruͤckſichtslos mein gluͤhend Herz ihm hingegeben. Mein Stolz erwachte, ein nie zu todtender Verdacht lebte in mir auf, und Geringes war genug, mich ungerecht gegen ihn zu machen oder mich im Ge⸗ 350 heim den heftigſten Zuſtänden der Eiferſucht zu über⸗ liefern. Jetzt werde ich Dir ſagen muͤſſen, theure Mutter, was zur Nahrung dieſer ungluͤcklichen Em⸗ pfindung diente, damit nicht allzu hart meiner eige⸗ nen Thorheit die Leiden anheim fallen, die heimlich an mir nagten. Gewiß weißt Du, daß des Prinzen auffallen⸗ des Betragen bei unſerer Vermählung zu tauſend thoͤ⸗ richten Vermuthungen Anlaß gab, gewiß bleibt es, daß der Prinz bis zur Wuth gerieth, bei der ihm von Robert ſelbſt gebrachten Nachricht ſeiner Wahl: aber der Grund blieb mir ſo fremd, wie jedem An⸗ dern. Da verrieth ein Zufall mir, daß vor unſerer Vermählung der Graf mit dem Prinzen die Gräfin von Buckingham, die ich auf ihren Guͤtern glaubte, in der Naͤhe von London, in einem dem Prinzen ge⸗ hoͤrigen Schloſſe, geſehen hatte, und daß ſich dann Alle nach verſchiedenen Seiten hin mit großem Schmerz getrennt. Es war an meinem Hochzeittage, als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir, unbefangen ſchwa⸗ tzend, dies erzählte, was die Kaſtelanin jenes Schloſſes, ihre Tante, ohne Arg ihr mitgetheilt. Mein Herz er⸗ ſtarrte und umzog ſich mit einer Rinde; ach, wie viel verſchuldete dieſer Augenblick. 351 Vergeblich hoffte ich hieruͤber eine Erklärung von meinem Gemahl; er ſchwieg, ja, er wich der Gelegen⸗ heit, die ich ihm gab, ſich zu erklaͤren, mit Aengſtlich⸗ keit aus. Einige Jahre gingen daruͤber hin, in denen ſich mein Gluͤck immer mehr zu befeſtigen ſchien; aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl war, ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts. Reiſen von einigen Tagen, deren Urſache er verſchwieg, Briefe, die ein Bote brachte, der in den Zimmern mei⸗ nes Gemahls blieb, bis dieſer ihn ſelbſt mit Briefen zuruͤckſendete, ließen mir ſtets die Ueberzeugung eines geheimen Verhältniſſes, das er meinen Blicken entzogen wuͤnſchte, und welches fuͤr mich nur die eine ungluͤck⸗ liche Deutung zuließ, die meine eiferſuͤchtigen Qualen vermehrte. Vergeblich zogen Liebe und Achtung fuͤr den ſtets mir verehrungswuͤrdiger erſcheinenden Gemahl mich von dieſem beleidigenden Verdachte ab; mein Herz krankte an ihm fort. Wir waren auf Euern Wunſch nach London gegangen und brachten ſchon Richmond, unſern zweiten Sohn, mit uns, während ich noch eine neue Hoffnung nährte. Mein Gemahl zeigte hier eine geſteigerte Unruhe, die an Bekuͤmmerniß grenzte, und die durch nichts aus unſerm Verhältniſſe zu erklären war. Es herrſchte nicht die unbefangene Offenheit un⸗ ter uns, die eine Bitte oder Frage unter ſolchen Um⸗ 352 ſtänden wagt, denn jedes Unverſtändliche beantwortete mein ungluͤcklicher Verdacht ſtets ſo genügend, daß ich mir großmuͤthig erſchien, an ihn keine Frage zu thun. So hoͤrte ich es auch mit bitterem, aber ihm voͤllig ver⸗ borgenen Schmerze, als er mir abermals eine kleine Reiſe ankuͤndigte, deren Dauer er nicht beſtimmen konne. Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zärt⸗ lich innigen Brief, worin er mir acht Tage ſpäter ſeine Ruͤckkehr ankuͤndigte. Denſelben Tag ließ ſich der Ju⸗ welier meines Gemahls bei mir melden, und da ich ihn nicht annehmen wollte, brachte mir Morton die von meinem Gemahle beſtellten Armbaͤnder. Es waren zwei Brillant⸗Armbaͤnder, deren ausgezeichnete Schoͤn⸗ heit und ganz wunderbare Arbeit mir ſo auffallend war, daß ich ſie lange Zeit mit der Hoffnung betrachtete, es ſei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Ueberra⸗ ſchung. Aber nicht lange uͤberließ ich mich dieſer ruhig begluͤckenden Vorſtellung. Wohin ſich meine Gedanken auf's Neue verirrten, koͤnnt Ihr denken. Morton mußte die Armbänder zurücktragen; dem Juwelier, wel⸗ cher betheuerte, der Herr Graf habe ſie ſelber ſo ausge⸗ ſucht und die Zeichnung verändert, um einige koſtbare Juwelen noch hinzuzufüͤgen, wurde das ſtrengſte Ver⸗ bot auferlegt, nicht die Ueberſendung an mich zu ent⸗ decken, da mein Gemahl mich damit zu uͤberraſchen 353 dächte; und der Juwelier, der ſelbſt eigenmächtig ge⸗ handelt hatte, indem ihm von einer Ablieferung nichts geboten war, hielt um ſo ſicherer Wort. Er kam zuruͤck mit der alten Liebe, ſtrahlend von Güte und Zärtlichkeit, ſorgſam und edel fuͤr mich und Alle, die ihm anvertraut,— aber ich em⸗ pfing die Armbänder nicht. Morton gab mir die traurige Gewißheit, daß ſie wieder in die Haͤnde meines Gemahls gekommen waren, der Juwelier hatte es ihr voll Freude erzählt, und Morton, die ſie nun am ſelben Tage in meinen Haͤnden glaubte oder die Freude mir doch nahe wähnte, ſagte mir, daß mein Gemahl ſie ſelbſt abgeholt habe. Wir kehrten nach Godwie⸗Caſtle zurüͤck. Doch mein Gemahl, welcher Pferde in London gekauft und ſie mit ſich führen ließ, hatte mit einem derſelben kurz vor Godwie⸗Caſtle einen Unfall, der ihn heftig am Kopfe beſchaͤdigte. Er ward nach ſeinen Zimmern ge⸗ bracht; da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem Abende das Licht fehlte, die Wunde zu un⸗ terſuchen, ward mein Gemahl in dem angrenzenden Saale verbunden. Ich entfernte mich während deſſen * auf die dringende Forderung Stanloff's wegen meines 8 9 ſſ 8 Zuſtandes, aber nur bis zu ſeinem Schlafgemache, wo 3 ich ihn erwarten wollte, und zwar ließ mich Schmerz Godwie⸗Caſtle I. 23 354 und Sorge, die ich empfand, Niemanden mir zur Seite dulden. Ich war allein und lehnte dem Bette gegen⸗ uͤber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand, und unruhig in meinen Bewegungen, matt und abgeſpannt von Sorge, ergriff ich eine vorſpringende Blume in den Verzierungen, um mich daran zu halten. Aber wie groß war mein Schrecken, als ſie nachgab, das Getä⸗ fel hinter mir ſich in die Wände ſchob und mich, die Schwankende, faſt zur Erde geworfen hätte. Ich eilte den Lehnſtuhl an dem Bette meines Gemahls zu errei⸗ chen und ſank ſo ermattet hinein, daß ich meine Au⸗ gen ſchloß. Aber die Furcht, ihn, wenn er mich ſo fände, zu erſchrecken, raffte mich auf, ich richtete mich empor, ich ſchlug die Augen auf. O Gott, was er⸗ blickten ſie! Eine weiße hohe Geſtalt, mit Blumen ge⸗ ſchmuͤckt, in dem Glanze einer mir nur zu wohlbekann⸗ ten Schoͤnheit, ſchien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu mir hernieder zu ſchweben; ja, Mutter, es war das voͤllig gleiche Bildniß der Gräfin von Bucking⸗ ham, welches dem Bette meines Gemahls gegenuber mich anlächelte, und welches Du heute noch auf derſelben Stelle finden kannſt. Ich weiß nicht, wie es koͤmmt, daß oft der groͤßte Schmerz, der unſer Leben zu zerſto⸗ ren droht, uns eine Wiederbelebung geben kann, die uns, im Falle der Nothwendigkeit zu handeln, phhſiſche 355 und geiſtige Kraft dazu verleiht. Es ging ein kurzes Gelaͤchter, das mich vor mir ſelber ſchaudern ließ, aus meinem Munde; dann fiel mir ein, das Bild wieder zu verhullen. Ich ſturzte auf die Wände zu und erkannte die Blume, welche mich die Entdeckung machen ließ. Es gelang; die Waͤnde fugten ſich ſo leiſe und feſt in einander, daß nichts verrathen ward, und ich ſtand vor der Wand, die dies Geheimniß barg, als hätte ich ge⸗ träumt. Als man meinen Gemahl in ſein Bette fuͤh⸗ ren wollte, lag ich auf dem Voden ohne alles Leben. In der Nacht gebar ich Arabella; ein hitziges Fieber ſchloß ſich daran und brachte mich an den Rand des Grabes. Als mein Bewußtſein wiederkehrte, erkannte ich meinen Gemahl und Morton. Er hatte ſeine Wunde nicht in ſeinem Bette, ſondern an dem meini⸗ gen geheilt, wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege geweſen. Ach, meine Phantaſien mußten ihm oft meine geheimen Qualen verrathen haben! Wir erklärten uns dennoch nicht, und Mortons Lippen wa⸗ ren verſiegelt. Aber nie hat ein menſchliches Weſen ohne Worte beredter zum Herzen geſprochen, als mein Gemahl; ſein ganzes Weſen flehte Verzeihung, ſein ganzes Thun bezeugte Liebe und Treue. Ja, ich hätte von da an mich gluͤcklich nennen koͤnnen, haͤtte der Prinz, der uns nun beſuchte, nicht mir als ewig ſtoͤ⸗ 23* 356 render boͤſer Geiſt dageſtanden, da er nicht abließ, meinen Gemahl zu Reiſen zu verfuͤhren, die mich nie ohne ſchmerzlichen Verdacht ließen. Ich wußte näm⸗ lich, die Gräfin von Buckingham war unvermaͤhlt geblieben und hatte das Schloß bezogen, das dem un⸗ ſrigen zunaͤchſt gelegen iſt. Muß ich mich nun auch uͤberzeugt halten, daß der Prinz die Veranlaſſung zu jener geheimnißvollen Reiſe nach Spanien ward, die uns auf immer trennte, und bedenke ich, daß meines theuern Gemahles ganzes übriges Leben keinen Schat⸗ ten des Vorwurfes zuließ, war er auch in dem einen, mir Kummer und Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande geweſen— ſo ſagt mir eine innere Stimme, dem Haſſe verwandt, dieſer Prinz leitete und befoͤrderte das einzige, was ihm zum Vorwurfe gereichen kann.— Theures Kind! unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter, welche dieſe lange und angrei⸗ fende Erzählung mit einem Eifer und einer Glut der Gefuͤhle bis hierher gefuͤhrt hatte, die kein Wort dazwi⸗ ſchen einzuſchalten zuließ, theures Kind, wie tief er⸗ ſchuttern mich Deine Mittheilungen! Wie ſchmerzlich und als ein Verſäumtes will mir die Vergangenheit erſcheinen! So habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrüͤbten Gluͤckes gewiegt, indeß Dein edles Herz ſo manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn, der mir jetzt mit dem beſten Theile ſeines Daſeins in ein unheimliches Dunkel gehullt erſcheint! Großmu⸗ thiges edles Weſen, das lieber den Schmerz in ſich durch Verſchließen verdoppelte, als den dennoch gelieb⸗ ten Gemahl in den Augen Anderer herabgeſetzt ſehen wollte! Auch als Mutter fuͤhle ich mich Dir ſo in⸗ nig verpflichtet; Du haſt in Wahrheit meinen gelieb⸗ ten Sohn beſchuͤtzt.— Und habe ich das, gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Euerm liebevollen Glauben? rief hier lebhaft die Herzogin, habe ich das bisher allein und in eigener Kraft? O, ſo kommt mir nun zu Huͤlfe, da mein Werk noch nicht vollendet, da, nachdem ſein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr ſtaͤrken und jedes ſtille Opfer verſuͤßen kann, mir doch noch das groͤßere und ſchwerere auferlegt iſt. Mutter! ſagte ſie leiſer mit ſtroͤmenden Augen und gluͤhenden Wangen, die un⸗ ſtäten Blicke umhergleiten laſſend, Mutter! das Maͤd⸗ chen, das der Wille des Himmels mich retten ließ, das ich todt zu meinen Fuͤßen fand, ſie, die wir Graͤfin Melville nennen, iſt— wenn Gott nicht ein Wunder ſchickt, einen Lichtſtrahl, um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen, iſt ſeine und der Gräfin Buckingham Tochter! Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zittern⸗ den Mutter, und die Herzogin druͤckte ihr erhitztes Haupt in den Schooß der ungluͤcklichen Greiſin; aber ſogleich fuhr ſie wieder empor. Zu heftig war ſie erregt, ſie konnte noch keinen Ruhepunkt finden, und wenig den heftigen Eindruck beruͤckſichtigend, den ſie bei ihrer Zu⸗ hoͤrerin hervorgerufen, fuhr ſie immer ſchneller fort: Ein Blick auf dieſe Zuͤge, obwohl noch von Ohn⸗ macht entſtellt, zeigte mir eine ſo voͤllige Gleichheit mit denen jener ſchoͤnen Gräfin, daß ich wähnte, ſie ſelbſt zu ſehen; aber kurzes Nachdenken ließ mich erkennen, daß die Zeit ihr nicht ſtill geſtanden haben konne, und daß dies ſchoͤne Weſen vor meinen Augen noch in der zarteſten Jugend ſei. Da ergriff mich ein unaus⸗ ſprechliches Gefuͤhl. Wenn ſie es nicht ſelbſt iſt, ſo kann es nur ihre Tochter ſein, ſo riefen alle Stim⸗ men meiner Bruſt. Aber mehr noch, als dies, nenne es Ahnung, nenne es den nie bekampften Argwohn dieſes Herzens, daß ſie auch ſeine Kochter ſei, das toͤnte zugleich ohne Aufhoͤren in mir, und dies Gefuͤhl leitete all' meine Schritte. Ach, ich hatte ein ahnen⸗ des Herz! Als man ſie entkleidet, Prachte mir Morton mit allen Zeichen ſchwer bekämpfter Unruhe die Juwe⸗ len, die man an ihr gefunden. Da ſahen meine Au⸗ gen die Armbaͤnder wieder, die mein Gemahl ſo kunſt⸗ 359 reich beſtellt hatte, die mir vom Juwelier uͤberbracht waren, und die man nicht verwechſeln kann, wenn man ſie je geſehen. Auch Morton hatte ſie erkannt; aber die edle beſcheidene Freundin ehrte meine ſtummen Ge⸗ fhle. Als ich ſie entlaſſen, offnete ich ein Portefeuille, was dazu gehoͤrte. Ich fand einen unvollendeten Brief mit der Adreſſe an meinen Gemahl; er enthielt nur dieſe Worte: Der Tod ereilt mich, eile und rette unſer Kind, ehe es in die Hände meiner Bruͤder faͤllt! O, warum wird mir nicht der Troſt, in Deinen Ar⸗ men zu ſterben, und warum ſuchen Dich meine Ge⸗ vanken uͤberall vergeblich, ſo lange ohne Nachricht.— Hier hoͤrten dieſe Zeilen auf, die in der hoͤchſten Er⸗ ſchoͤpfung geſchrieben ſchienen. Dabei lagen zwei Wech⸗ ſel, jeder von tauſend Pfund, auf den Banguier mei⸗ nes Gemahls. Ich habe den Brief herausgenommen. Zu dieſem Dokument ſeiner Verirrung durfte ich mich als Erbin erklären. Doch waͤren mir noch Zweifel geblieben, was wohl unmoglich iſt, ſo hat Gaſton uͤbernommen, mich völlig zu enttäuſchen. Er entdeckte und erkannte ſie, und war dann nicht mehr von ihr zu trennen. Aber vor meinen Augen wiederholte ſich die Erkennungsſcene, und ſie ſelbſt nannte ihn mir als den ſteten Begleiter der beiden einzigen Maͤnner, die je ihre Tante beſuchten. Außerdem ſendete ich Stanloff, 360 auf deſſen ſchweigſame Treue ich bauen kann, nach dem Schloſſe der Graͤfin von Buckingham, und alle Anzei⸗ chen treffen hier vollſtaͤndig mit der Erzählung des un⸗ glucklichen Maͤdchens überein; aus dieſem Schloſſe iſt ſie entflohen! Ach, und trotz alle dem, wirſt Du es glauben, trotz dieſer Zeichen, deren eins ſchon mich überzeugen mußte, dennoch hoffte ich auf Ret⸗ tung von dieſer Ueberzeugung! Daher meine Hoff⸗ nung, Archimbald ſolle ihren Oheim kennen; darum die Pläne, in die ich einging, Näheres von ihrer Ge⸗ burt zu erfahren, und dann wieder die gualvollſte Angſt, dieſe Nachforſchungen würden die von mir ſo gefurchtete Wahrheit an's Licht fuͤhren. Graf Archim⸗ bald erkannte ſie überdem ſchn als das Ebenbild der Gräfin Buckingham; dies ſh ich ſeinem Erſtaunen an. Er fuͤhlte auch, daß ichi m nicht offen bin. Aber was iſt dies alles gegen die Jerzweiflung, die mir die Nachricht giebt, daß Robert, mnh. einer ſcheußlichen Verirrung der Natur, ſeine Schweßer liebt und ſie von mir zum Weibe begehrt, Dich zur Loͤſung ſeiner fruͤhern Verpflichtung gegen Anna Dorſet zu gewinnen hofft.— Großer Gott! was ſprichſt Du aus, Tochter! 1* Kind) halt ein! Mein alter Kopf erfaßt es nicht, und mein Herz droht zu brechen, rief hier erblaſſend die alte Herzogin und ſank in die Kiſſen zurck. 361 Faſſe Dich, theure Mutter, entgegnete die Herzo⸗ gin mit der Haſt und Ungeduld, welche, eine Folge ihrer Ueberreizung, ſie verhinderte, die Leiden zu erken⸗ nen, die ſie ihrer Schwiegermutter erregt hatte; faſſe Dich, wir muͤſſen uns nicht trennen, ohne zu beſchließen. Ich bedarf Deines Muthes, Deiner Kraft, Deiner Be⸗ ſonnenheit. Es iſt ſo, wie ich Dir ſagte, Robert ver⸗ ließ mich ſo eben, voll dieſer Vorſätze. Ein zwei Stun⸗ den langer Kampf, in dem er mir uͤberlegen war, da ich ihm die entſetzliche Urſache meiner Weigerung nicht entdecken durfte, hat uns um nichts weiter gebracht, und ich muß das Empoͤrendſte, was die Natur in ſich ſchließt, vor meinen Augen ſehen, ohne ihm wirkſam Einhalt thun zu koͤnnen. Die alte Herzogin bemuͤhte ſich mit großer An⸗ ſtrengung, ihre Faſſung wieder zu gewinnen, aber dies war nicht ſo leicht. Denn nächſt der dringenden Lage des Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden, daß das Andenken des geliebten, ſo hoch ge⸗ ſtellten Sohnes durch einen Verdacht getrubt ward, deſſen Gewicht ſie ſich nicht läugnen konnte, den ſie vielmehr, gleich ihrer ungluͤcklichen Schwiegertochter, nur zu begruͤndet finden mußte. Aber ihr ſrommes und ſtarkes Gemuͤth fand doch bald einen Ausweg; mit einem tief gefühlten Schmerze nahm ſie von dem .. 5 362 ungetruͤbten Bilde ihrer Vergangenheit Abſchied. War an dieſer nichts mehr zu retten, waren doch vielleicht die Folgen von dem, was ihr daraus ſo eben entgegen getreten, noch fuͤr die Zukunft zu mildern, indem neues Unheil verhuͤtet ward, eine Schuld vielleicht verringert, die ihr muͤtterliches Herz ſo nahe anging. Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der gluͤhen⸗ den Herzogin und ſagte mit dem ernſten Tone der Er⸗ gebung: Nimm zuerſt die Verſicherung erhoͤhter Liebe und Hochachtung, meine edle Tochter! Gott hat Dir ein großes und tiefes Leid gegeben, mitten in einem reichen Leben voll vielſeitiger Befriedigung. Vielleicht iſt es eine unerkannte Wohlthat mehr, wenn wir Ge⸗ legenheit fanden, Geduld und Großmuth zu uͤben, und wir wollen hoffen, daß Gott der Seele deſſen gnädig iſt, der ſo ſich vor ihm verſchuldete— um des unläug⸗ bar Guten und Edeln willen, das ja Dich ſchon ver⸗ zeihlich gegen ihn ſtimmte, wie viel mehr den Vater aller Liebe und Erbarmung. Aber da uns Gott ſicht⸗ lich auffordert, das Verſchuldete in ſeinen verderblichen Folgen aufzuhalten, ſo haſt Du Recht, mich aufzuru⸗ fen. Es iſt nicht die Zeit, n Raum zu ge⸗ ſtatten, wir muͤſſen klar in die Gegenwart ſchauen, um das, was uns Gott als Recht wird anerkennen laſſen, mit feſtem Muthe zu vollführen. 363 So hoͤre denn, was ich gefuͤhlt und fruher ſchon mir angelobt, ſprach die jungere Herzogin mit ſchon feſterem Tone. Das Kind, das ich als das ſeinige mir denken muß— und iſt auch ſeine Mutter jene Bucking⸗ ham, die mir den erſten Kampf des Boͤſen in dies Herz geſchickt,— ich kann es nimmer laſſen! Heilig iſt mir, was von ihm ſtammt, theuer ſelbſt, wie ſelt⸗ ſam auch mit Grauen faſt gepaart. Es iſt mir oft, als ob im Traume, ja, wachend ſelbſt, ſein freundliches Auge flehend mir begegne; ich weiß, er bittet um mei⸗ nen Schutz für ſeine Waiſe. Ich weiß, er baut im Himmel ſelbſt auf die Liebe dieſer treuen Bruſt, in der er ſich nie trog, und ich koͤnnte keinen Frieden finden, wenn ich dies mir faſt theure Weſen, das ich ja jetzt an meine Großmuth einzig noch verwieſen weiß, waͤh⸗ rend ſie in unſchuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz träumt, ihrem unverſchuldet harten Schickſale berließe. Ich will daher ihr muͤtterlich geſinnt ver⸗ bleiben, aber das Geheimniß ihrer ungluͤcklichen Geburt, das darf ſie nie und Keiner, wer es ſei, erfahren. Es ſcheint, wir werden keine Antwort von Maſter Brirton erhalten; ſchon zu lange blieb ſie aus, um noch erwar⸗ tet werden zu koͤnnen, und weiter duͤrfen unſere For⸗ ſchungen nicht gehen. Zu uns im ſtillen Kreiſe der Familie dachte ich ſie zu zählen, geſchwiſterlich geliebt von 364 meinen Kindern, ich wollte die Zukunft ihr zu ſichern ſuchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unſers ir⸗ diſchen Beſitzes, und ſo des Weiteren harren, hoffend, daß Gott an meiner Statt ihren ſeltenen Reizen und ihrem Seelenwerth einen dauernden Beſchuͤtzer zu finden wiſſen werde. O, wie bald ward dieſer friedliche Plan zerſtort, der an uns allen und Dir zugleich, die ich ſo gern mit dieſem Leid verſchont haͤtte, dies drohende Un⸗ gluck ſanft voruͤber zu fuͤhren beſtimmt war. Was thun wir jetzt, um Robert zu entfernen, ohne unſer Geheimniß zu verrathen? Denn er iſt hier allein zu beachten. Die Graͤfin, an Gedanken und Gefuhlen unſchuldig wie ein Kind, theilt auch nicht die Ahnung des Verlangens, das Robert ihr in jedem Worte, in jedem Blicke geſteht. So laß uns denn, erwiderte die alte Herzogin, den Augenblick erwarten, wo Robert mir ſein beabſich⸗ tigtes Vertrauen ſchenkt, ich will alsdann mit all' dem Ernſte, der hier nur zu ſehr gerechtfertigt iſt, meine Meinung über ſeine Verpflichtungen gegen die Gräfin Anna ihm vorhalten. Ich würde ſo in Wahrheit han⸗ deln muͤſſen, wenn ich auch nicht Theilnehmerin Dei⸗ nes traurigen Geheimniſſes geworden wäre; denn ich kann Robert den Brief der Graͤfin Dorſet zeigen, worin ſie von dieſem verwandtſchaftlichen Verhältniſſe, das 365 uns näher noch zu vereinen beſtimmt ſei, als von einer ausgemachten Sache ſpricht. Beweis genug, wie ſie durch das Benehmen Roberts über jeden Zweifel ſich erhoben waͤhnt. Auch duͤrfen wir, wo dies nich⸗ aus⸗ reichen ſollte, auf Richmond hoffen, der ſtets ſo viel Gewalt uber ſeinen Bruder hatte, und deſſen zartes Ehr⸗ gefuͤhl und richtiger Verſtand uns ſeine Mitwirkung ver⸗ buͤrgt. Doch ſcheint mir vor Allem eine Trennung noͤthig. Hier bei einander, verfuͤhrt durch jeden Augenblick, gelingt Robert der Sieg über ſein Herz ſo leicht wohl nicht, be⸗ ſonders da die Gräfin unſchuldig freundlich, unbewußt ihm ſtets neue Nahrung giebt, und ſie aus ihrer Sicherheit zu wecken, mochte zweifelhaft fuͤr uns alle ſein. Ich habe wohl gehoͤrt, daß keine groͤßere Gefahr dem edeln weib⸗ lichen Herzen droht, als die Liebe zu erkennen, die ſie in einem edeln Manne unbewußt erregte! die ſuͤße lockende Gewalt, die dadurch in ihre Macht gegeben wird, ihn zu begluͤcken, verfuͤhrt zur Theilnahme. Daher glaube ich, daß meine nahe Abreiſe eine leichtere Gelegenheit bietet, ſie zu entfernen, ohne ihre Lage dabei zu gefaͤhrden. Du vertrauſt mir wohl Deinen ungluͤcklichen Schuͤtzling an. Sie, die mir ſo freundlich ergeben ſcheint, folgt meinen Bitten wohl, mich zu begleiten; Robert und Ihr alle ge⸗ winnt indeſſen Zeit, Euch in das Unabänderliche zu ſchik⸗ ken, und nach Maaßgabe ſeiner Faſſung begleitet er Euch 366 dann zu mir, wo er die ſchoͤne Anna zum Erſatze findet; oder Ihr denkt, iſt ſeiner Heilung noch nicht zu trauen, ei⸗ nen andern Weg aus, ihn länger noch von ihr zu trennen. So ſei es! rief die Herzogin und athmete tief, als habe eine ſchwere Buͤrde ſich von ihr gehoben, ſo bleibe ich ihr gerecht und ſchutze den Namen des theuern Freundes vor den Zweifeln ſeiner Kinder! Jedoch wenn auch die nächſte Zeit damit gerettet ſcheint, das muͤſſen wir uns immer ſagen! es wird der letzte Kampf nicht ſein, den wir in dieſer truben, dunkeln Sache zu beſte⸗ hen haben. Zunachſt wird uns jetzt der Vorwurftref⸗ fen, daß wir dem Schickſale unſers Schuͤtzlings den fuͤr ſeine Loͤſung noͤthigen Eifer entziehen. Dies wird nicht ohne große Schwierigkeiten zu vermeiden ſein, und wir werden gar leicht mit ihr ſelbſt dafuͤr zu ſorgen haben, außerdem aber mit Archimbald und Robert; und hier will meine Seele ſich empoͤren gegen die mir ſo frem⸗ den und meinen Charakter ſo wenig paſſenden Ausflüchte, deren ich dann nicht entbehren kann, um die Wahrheit dem Auge zu entziehen. O Mutter, kann es eine hei⸗ lige, dringende Anforderung der Tugend werden, von der Wahrheit uns zu trennen! Truͤgt dieſe Stimme nicht, die mir gebietet, um dieſen großen Preis den Gatten in ſeinem groͤßten wichtigſten Beſitzthume, in ſeiner Ehre, die nach ſeinem Tode noch bedroht wird, zu beſchutzen? 362 Mutter! wenn ich mich dennoch taͤuſchte, wenn die Motive, die mich leiten, nicht alle rein, wenn der Stolz in dieſer Bruſt, der nur zu viel Gewalt darin geuͤbt, wenn er mich triebe, gleich ſtark vielleicht, die Verirrung des Geliebten zu verhehlen, um ſelbſt nicht offenkundig als Verſchmäͤhte, Vergeſſene zu erſcheinen, die mit langer, nur zu wohl bekannter Liebe, mit ihrem ganzen Werthe, den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu feſſeln vermochte?— Es iſt wohl ſchwerer, als wir waͤhnen, erwiderte die alte Herzogin, die Motive unſerer Handlungen ganz zu beherrſchen und ſie frei zu erhalten von ſelbſtiſchem Einfluß! Der ſchoͤnſte Zuſtand, der das Rechte ſowohl in Handlungen, als Gedanken vereint, ſcheint vollkom⸗ men hier nicht errungen werden zu koͤnnen, und unſerer Seele ſcheint die Fähigkeit, ihn uns zu denken und herbei zu ſehnen, nur verliehen, um auf dem Wege da⸗ hin nicht allzufern hinter ihm zuruͤck zu bleiben. So moͤchte ich, Dir Dein Gefuͤhl, wie menſchlich und weib⸗ lich gerecht es auch ſei, auslegend, Dich gegen jeden nachtheiligen Einfluß geſichert halten. Der Fall, der uns ſo ungewoͤhnlich in Anſpruch nimmt, kann uns gar leichte Befurchtungen fuͤr unſere eigene reine Selbſtbe⸗ hauptung eingeben, ja, vielleicht erregt Gottes Guͤte ab⸗ ſichtlich ſolch' Bedenken in uns, um von verderblicher Sicherheit uns abzuhalten, denn allerdings bleiben bei unſerer faſt zweifellos guten Abſicht die Schritte, die wir vielleicht genoͤthigt ſind zur Täuſchung Anderer zu thun, ein ſchwer zu loſendes Problem! Doch laß uns jetzt enden. Nur zu ſehr, will es mich beduͤnken, be⸗ darfſt Du der Ruhe. Beide Frauen wollten ſich jetzt erheben, aber nur der alten Lady gelang es. Denn die Anſpannung, welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte, war in dem Maaße verringert worden, als ſie ihre Sorge von der wuͤrdigſten Seite her gecheilt ſah. Daher trat ihre bisher und ſeit lange vorbereitete phhſiſche Erſchoͤpfung eben in dem Augenblick ihrer geiſtigen Er⸗ leichterung unabweisbar hervor; ohne einen Laut ſank ſie zuruͤck. Die alte Herzogin hatte Gelegenheit genug, hier ihre Beſonnenheit zu zeigen. Die eigene Erſchuͤtterung uberwindend, eilte ſie, Miſtreß Morton herbeizurufen. Es zeigte ſich aber bald, daß dieſe Huͤlfe nicht ausrei⸗ chend war, und daß an die Huͤlfe Stanloffs gedacht werden mußte. Seine Beobachtungen ſagten ihm auch bald, daß dies ein Zufall ſei, der die hoͤchſte Scho⸗ nung und ſtärkere Mittel noͤthig mache. Vor allen Dingen verordnete er daher g6 Ruhe der Herzogin im Bette. 369 Erſt hier und nach mehreren Stunden, unter immer ſteigendem Gebrauch der ſtärkſten Mittel und nach Oeffnung einer Ader, erwachte die Herzogin aus ihrer Starrſucht, die jedoch eine faſt ebenſo gefähr⸗ liche Erſchoͤpfung und Reizbarkeit des ganzen Koͤrpers zuruͤck ließ. Es war bei der Huͤlfe, die man in Anſpruch neh⸗ men mußte, unmoͤglich geweſen, den Zuſtand der Her⸗ zogin den üͤbrigen Bewohnern des Schloſſes zu ver⸗ bergen, und ſo fanden ſich bald ihre Kinder, ſo wie Graf Archimbald, der nie eine angemeſſene Theil⸗ nahme verabſäumte, im vordern Raum des Schlafzim⸗ mers ein, mit beſorgtem Herzen dem Ausſpruch Stan⸗ loffs horchend, der noch immer in ſchweigender Thä⸗ tigkeit mit den Kammerfrauen um die Kranke be⸗ ſchaͤftigt blieb. Der junge Herzog ſtand bleich mit un⸗ tergeſchlagenen Armen und krampfhaft geſchloſſenen Lippen dieſer bangen Scene zunächſt, und die Qual ſeines Herzens zeigte ſich in jedem Zuge, wie er auch maͤnnlich ringen mochte, ſie zu bekämpfen. Er ſchien fuͤr Alles um ſich her verloren und, weggewendet von der ruͤhrenden Gruppe ſeiner Schweſtern, die in den Armen der weinenden Graͤfin Melville ihren Schmerz ergöſſen, fuͤr dieſe keinen Blick zu haben. Graf Ar⸗ chimbald ſaß neben ſeiner erſchutterten Mutter, liebe⸗ Godwie⸗Caſtle I. 24 370 voll eine ihrer kalten Haͤnde in den ſeinigen haltend, und 5 halb geruͤhrt und halb verlegen uͤber eine Lage, in der er ſich ſo wenig Geſchick zutraute, ſchaute er zuweilen nach dem ernſten, geſenkten Auge der alten Lady empor, die, in truͤben Gedanken verloren, mit Ergebung, aber tie⸗ fem Kummer der Entſcheidung harrte. Der Abend war indeß herabgeſunken, nur undeutlich hoben ſich noch die einzelnen Figuren aus dem dunkeln Raume, und ver⸗ mehrte das Bange und Beklommene des Augenblicks. Eben hatte Gräfin Melville ihre jungen Freundinnen, auf Stanloffs Bitte, aus dem Zimmer geleitet, da ſcho⸗ ben ſich behutſam die Vorhaͤnge von dem Eingange zu⸗. ruͤck. Eine maͤnnliche Geſtalt trat haſtig hindurch, und, ohne von den Anweſenden abgehalten oder nur bemerkt zu werden, hatte der Eintretende in leichten, raſchen Schritten das Bett der Herzogin erreicht. Man ſah ihn Stanloffs Arm ergreifen, man ahnte den Inhalt der Zeichen, in denen Antwort und Frage ſich begegneten, und ſah im nächſten Augenblick den jungen Herzog an ſeine Bruſt ſich ſturzen. Richmond iſt angekommen, ſagte in dieſem Augen⸗ blick Graf Archimbald mit einer ploͤtzlich von Freude be⸗ wegten Stimme zu ſeiner Mutter, die nun zur Bewe⸗ F gung wiederkehrend die Augen erhob, um beide Bruͤder in einer Umarmung zu ſehen, die der Schmerz um die — 371 geliebte Mutter faſt unaufloͤslich zu machen ſchien. Ich habe ſie getoͤdtet, Richmond, ſeufzte der Herzog, ich habe über dies noch ſo tief bekuͤmmerte Herz neue Leiden gebracht, von mir werdet Ihr die Mutter for⸗ dern! Unverſtändlich, wie dieſe Worte fuͤr Richmond ſein mußten, ſah er in ihnen blos die Exaltation des Schreckens und der Beſorgniß, und erwiderte ſchnell und leiſe: Faſſe Dich, Robert; Stanloff verbuͤrgt ihr Leben, ja, ihr Zuſtand ſcheint ihm kaum gefährlich. Doch laß uns eilen, die hier Verſammelten zu ent⸗ fernen, Stanloff verlangt bei ihrem nahen Erwachen die hoͤchſte Ruhe, und keiner der Anweſenden wuͤrde in der Stimmung ſein, ſie ihr zu gewaͤhren.— Doch auch die Worte wurden ſogleich unterbrochen, denn von dem Bette her drangen plotzlich die weichſten Toͤne der Liebe heruͤber, welche den Namen Rich⸗ mond zwar leiſe, aber deutlich ausſprachen. Faſt im ſelben Moment kniete der ſo ruͤhrend Gerufene an dem Bette der mit dieſem Namen aus ihrem Todes⸗ ſchlaf erwachten Herzogin, und das von Erſchoͤpfung faſt blinde Auge ſuchte den Liebling und fuͤhlte von ſeinen Kuͤſſen ihre Hände belebt, von ſeinen zärtlich kindlichen Worten das kranke Herz erquickt, und der feine Zug eines Laͤchelns, womit ſie ihm lohnen 24* wollte, bannte wenigſtens die ſtarren Zuͤge des Kram⸗ pfes von ihrem Geſicht, wenn auch der Verſuch, zu ſprechen, ſich auf's Neue nur auf ſeinen geliebten Namen beſchränkte. Stanloff, der die Ergießung des Gefuͤhls nicht ungern ſah, drang doch jetzt darauf, ſie abzukuͤrzen. Die Herzogin ließ ſich dies auch ſo⸗ gleich gefallen, und Richmond, zu tief erſchuͤttert, um ſich jetzt ſeiner Familie mitzutheilen, enteilte durch eine ihm wohlbekannte Thur in die Zimmer der Miſtreß Morton. Graf Archimbald und Stanloff hatten indeß ge⸗ nug zu thun, um den jungen Herzog zu entfernen, der, von unbeſtimmter Angſt getrieben, an ihrem Bette bleiben, und jede Pflege mit Stanloff und den Frauen theilen wollte. Er gab endlich nach, von den erſten Worten ſeiner Großmutter ergriffen, die, zu einer ihr ſonſt fremden Strenge ſich erhebend, ihn fragte, ob es noch Liebe ſei, wenn man durch hartnaͤckige Be⸗ hauptung ſeines Willens Gefahr laufe, mehr zu ſcha⸗ den, als zu helfen? Aber als die Familie ſich nun in den untern Sälen beiſammen fand, fuhlte Jeder die traurige Stimmung des Andern zu ſehr, als daß eine leidliche Haltung hätte eintreten koͤnnen, und man ſah ſehnſuͤchtig der Ruͤcktehr Richmonds entgegen, dem alle Herzen entgegen ſchlugen; durch ſein Aus⸗ — — 373 bleiben ward namentlich die Ungeduld der Schweſtern, die ſich auch von dem Troſte der Ladh Maria ver⸗ laſſen ſahen, auf's Hochſte geſteigert. Doch war eine ungeſtoͤrte Ergießung ihrer Liebe ihnen heute nicht vergoͤnnt, denn Ottweh erſchien mit ſeinem ceremo⸗ nioſen Weſen, der alten Herzogin, in Abweſenheit ſeiner Herrin, die Meldung eines Reiſezuges zu ma⸗ chen, der zwei Pagen zur Ankuͤndigung ſeiner unver⸗ zuglichen Ankunft vorangeſendet habe. Die alte Her⸗ zogin erlaubte, mit Zuziehung des Herzogs, die Ein⸗ fuͤhrung der Pagen, Graf Archimbald ſchlich ſich leiſe davon, in der Hoffnung, auf Richmond zu ſtoßen, nach dem er faſt ein ungeduldiges Verlangen trug. Er ſehnte ſich uͤberdies mächtig aus dieſer ſchwuͤlen Luft, in der er nur auf leidenſchaftliche Gefuͤhlsauf⸗ regungen ſtieß, zuruͤck in die kuͤhle Atmoſphäre des Verſtandes, die ihm den Gebrauch ſeiner wahren Na⸗ tur verſtattete. Aber ſie verfehlten ſich, denn Rich⸗ monds Herz trieb ihn ſchnell von jener erſten Erwei⸗ chung zu den Pflichten gegen ſeine uͤbrige Familie zu⸗ ruck, um ſo mehr, da er ebenfalls ihnen uber die na⸗ henden Reiſenden, denen er nur vorangeeilt war, ſeine Mittheilungen zu machen hatte. Mit den Pagen zu⸗ gleich von verſchiedener Seite eintretend, faßte er ſich kurz im herzlichſten Empfang der Seinigen und eilte 374 dann, die beiden jungen Edelleute ſeiner Großmutter und dem Herzoge, ſeinem Bruder vorzuſtellen. Sofort trat einer der jungen Pagen hervor und redete die Lady an: Mein Gebieter, Seine Herrlich⸗ keit, der Graf Ormond, und ſein verehrlicher Beglei⸗ ter, der Lord Membrocke, haben die Ehre genoſſen, von Seiner Koͤniglichen Hoheit, unſerm erlauchteſten Prinzen von Wales, zu dem ehrenvollen Auftrag er⸗ wählt zu ſein, der Durchlauchtigſten Familie ſeines von ihm tief betrauerten Freundes, des verſtorbenen Herzogs von Rottingham, ſein tiefſtes Beileid zu be⸗ zeigen, und in dieſer hohen Eigenſchaft wagen die Grafen, unſere Gebieter, ſich dieſem Schloſſe zu naͤ⸗ hern, und bitten durch uns, ihre Ehren⸗Pagen, um eine gnaͤdige Aufnahme. Bezeige Du, mein Sohn, in Abweſenheit Deiner Mutter, dieſen Herren unſere Geſinnungen in mei⸗ nem und Deiner Mutter Namen, ſprach die alte Her⸗ zogin ſich erhebend. Indem ich zugleich den Herren mein Vergnuͤgen uͤber ihre Ankunft ausdruͤcke, muß ich mir fuͤr heute die Ehre verſagen, die Bekannt⸗ ſchaft der Herren Abgeſandten zu machen, da meine Geſundheit mir Ruhe gebietet.— Holdſelig Alle be⸗ gruͤßend, und von ihren Enkelinnen und den Damen gefolgt, ward ſie mit der hoͤchſten Ehrfurcht vom Her⸗ 375 zoge und von Graf Richmond bis an den Ausgang ge⸗ fuͤhrt, wo ſie Beide zuruͤckſendete, um ihre Pflichten gegen die Fremden zu erfuͤllen. Der junge Herzog eilte nunmehr, die beiden jungen Edelleute mit den ſchmeichelhafteſten Worten zu entlaſ⸗ ſen, und Sir Richard Ramſeh ward ſogleich mit einem zahlreichen Gefolge den Ankommenden entgegen geſchickt, indeſſen Ottweh mit einer ganzen Armee ihm unterge⸗ bener Diener ſich zur Einrichtung der Zimmer anſchickte, die fuͤr die ausgezeichneten Gäſte beſtimmt wurden. Der junge Herzog fuͤhlte ſich jedoch wenig in der Stimmung, die gaſtliche Freundlichkeit mit der ſorgloſen Heiterkeit auszuüben, die allein den Gäſten die Ueber⸗ zeugung des Willkommenſeins verleiht, welche durch keine äußere Beobachtung der ſchicklichen Formen erſetzt wird, wenn ſie ihrer Beſtätigung in den Augen des Wirthes ermangelt. Richmond, von der beſonders be⸗ wegten Stimmung ſeines Bruders, die ihm nun, da er mit ihm allein geblieben, zum zweiten Male auffiel, uͤberzeugt, bat ihn mit liebevollem Ernſte, uͤber Leben und Geſundheit ihrer Mutter nicht länger beſorgt zu ſein, da Stanloff, dem er auf dem Wege zu dieſem Saal begegnet, ihn noch ein Mal verſichert, daß der ruhige und ſuͤße Schlaf, in den ſte jetzt verfallen, ihre vollige Geneſung vielleicht ſchon auf Morgen er⸗ 376 warten laſſe, da ihr ganzer Zufall mehr erſchreckend, als gefaͤhrlich geweſen. Und dennoch, Richmond! rief der junge Herzog, dennoch zerreißt dieſer ungluckſelige Vorfall mit tauſend Schmerzen mein Herz, und wirft mich in ein Chaos widerſtrebender Empfindungen! Ich muß furchten, daß Wuͤnſche, die ich ihr einige Stunden fruͤher mittheilte und trotz ihres Widerſtandes vor ihr behauptete, ſie, die noch erſchoͤpft von Gram und Kummer uͤber un⸗ ſern theuern Vater iſt, in dieſen Zuſtand verſetzt haben. Wie kann das ſein? rief Richmond lebhaft, ich verſtehe Dich nicht in dieſer ausſchweifenden Erwei⸗ chung. Was kann ſie, die ſtets liebevolle Mutter, in einem Begehren, das ſchwerlich unmoͤglich oder gar kraͤnkend ſein konnte, finden, was ſie zu dieſer Aufregung hätte fuͤhren koͤnnen, die, nur zu wahr⸗ ſcheinlich aus fruͤheren geiſtigen Leiden hervorgegangen, jetzt rein phhſiſch zu nennen iſt. Nein, nein! ſagte der Herzog mit dem troſtloſe⸗ ſten Ausdruck; ſie nimmt das heißeſte Begehren mei⸗ nes Herzens faſt mit Abſcheu auf und macht mich da⸗ durch zum ungluͤcklichſten Manne der Erde! Ich verſtehe Dich nicht, mein theurer Bruder, ſprach Richmond, aus ſeiner ſorgloſen Ruhe erwa⸗ chend und wohl begreifend, daß hier mehr zum Grunde 377 liegen muͤſſe, als ihm bis jetzt bekannt. Er hielt fra⸗ gend inne, des Vertrauens gewiß, das ihm noch nie von dieſem geliebten Bruder verſagt worden. Aber es ſchien diesmal nicht ſo leicht, wie bei ihren fruͤheren kleinen Geheimniſſen. Der Herzog verfiel in ein Schweigen, welches nicht undeutlich eine Verlegenheit durchblicken ließ, die, zwiſchen ihm und Richmond ſonſt ſo ungewohnt, dieſen nur noch aufmerkſamer machte. Schon dachte er ihm durch eine Bitte um Vertrauen die Mittheilung zu erleichtern, als der Her⸗ zog mit einem unausſprechlichen Gefuͤhl von Ruͤhrung ſeine Hände ergriff, ſie zwiſchen die ſeinigen druckte und mit unſicherer Stimme rief: Sei mein Schutz, ſei Ver⸗ mittler zwiſchen dieſem Herzen und der Welt, die deſſen Gefuͤhle anfeindet! Richmond, ich liebe! Zum erſten Male ergreift dies wunderbar mächtige Gefuͤhl meine Bruſt, und ſchon treffe ich auf Widerſpruch und Verfol⸗ gung, obwohl ich die Welt mit ihren Schätzen heraus fordere, mir einen Gegenſtand zu zeigen, der wurdiger wäre, jedes Gefuͤhl des Herzens in Anſpruch zu nehmen! Robert, ſagte Richmond ſchnell, was kann geſche⸗ hen ſein? Eile, mir mitzutheilen, was hier die Geſin⸗ nungen gegen eine Wahl erregt hat, in der Du ja fru⸗ her, ehe Dein Herz ſie heiligte, die Wuͤnſche Deiner Fa⸗ milie erfullteſt, und die durch Deine letzten Auszeichnun⸗ 378 gen fuͤr jene Familie zu einer Gewißheit erhoben ſind, daß man mich ſchon als naͤchſten Verwandten anſah und dem gemaͤß behandelte. Großer Gott! rief der Herzog hier, indem er mit Heftigkeit beide Hände vor ſeine Augen druͤckte und dann mit ſteigendem Eifer fortfuhr, was ſprichſt Du aus, auf wen beziehſt Du mein Gefuͤhl, was fuͤr Verpflichtungen machſt Du geltend, mich auch um den Troſt Deiner Theilnahme zu betruͤgen? Rich⸗ mond! nicht dieſe Grafin Dorſet, die Du unbezweifelt meinſt, die ich nie geliebt, der ich keine Hoffnungen er⸗ regt, die mir gänzlich fremd iſt, nicht die meine ich. Den Engel, den ich anbete, umſchließt dies Schloß; es iſt die Graͤfin Melville, deren wunderbare Auf⸗ findung auf den Terraſſen dieſes Gartens meiner Mut⸗ ter aufgehoben war. Ach, und gerade dieſe wendet nun von ihr, die faſt durch ein Wunder uns geſendet, die geſchaffen ward, das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu beglucken, ihr Herz weit ab, als koͤnnte ſie den ehrwuͤrdigen Platz entehren, den ich ihr anbie⸗ ten will! Du, Robert? rief Richmond, und Ueberraſchung und Erſtaunen malten ſich gleich ſtark in ſeinen Zuͤ⸗ gen, Du wollteſt dies ungluͤckliche Mädchen zu Dei⸗ ner Gemahlin erheben? Iſt es moͤglich, mein theuer⸗ —— ———— 379 ſter Bruder! Wie viel hat ein unbewachtes Gefuͤhl Dich uͤberſehen laſſen, daß Dir ein ſolcher Schritt moͤglich und wuͤnſchenswerth erſcheinen konnte. Ver⸗ gieb, ſetzte er ernſt hinzu, dem Herzog nachgehend, der halb zuͤrnend, halb ſchmerzlich ſich von ihm gewendet hatte, wenn ich Dich kränken muß; aber was wären wir beide, und wo faͤnde ich mich wieder, wenn die Stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr gälte? Laß es nie zu! rief er mit warmer Liebe, daß uns eine entgegengeſetzte Meinung zum Schweigen brächte; Robert, wende Dich zu mir, mache es Deinem treuſten Freunde nicht ſo ſchwer, Dir nuͤtzlich zu ſein! Robert widerſtand nicht länger; er wandte ſich, ergriffen von dem tiefen melodiſchen Ton dieſer ſcho⸗ nen und ihm ſo theuern Stimme, und ſchaute mit ſeinem gluͤhenden Angeſicht und dem von Schmerz getrubten Blicke in ſo lichte, offene Augen, in ſo edle, ernſte und doch mitleidige Zuͤge, daß er, davon er⸗ ſchuͤttert, jenen ſchnell umſchloß und mit dem vollen Ueberſtrömen eines zaͤrtlichen Bruderherzens ſeinen Na⸗ men unter tauſend liebevollen Zunamen ausrief. Ja, Richmond, ſeufzte er dann, ich bin außer mir, ich fuͤhle es; ich kannte vor wenigen Wochen dieſen Zu⸗ ſtand nicht; ja, ich hätte ihn fuͤr mich ummoͤglich ge⸗ halten. Aber ſieh' ſie nur erſt, dann wirſt Du mich 380 begreifen und ſie des Platzes werth halten, den ich ihr bieten will. Es war, als ob Richmond zuruͤck⸗ ſchauderte; der Gedanke, eine namenloſe Fremde, wie er die Gräͤfin aus den Briefen ſeines Oheims hatte anſehen lernen, auf dem Platze zu ſehen, den ſeit Jahrhunderten nur die edelſten Frauen aus den vor⸗ nehmſten Geſchlechtern des Landes eingenommen, er⸗ ſchreckte ſein ſtolzes Herz. Dem Haupte des erlauch⸗ ten Stammes ſchien in ſeinen Augen eine Verpflich⸗ tung auferlegt, die ihm gegen jede Affection des Her⸗ zens, die dieſer Wurde zu nahe träte, eine Art von Schutzwehr geben muͤſſe. Es kam ihm zugleich un⸗ männlich vor, ſo in die Gefuͤhle fuͤr ein Weib ſich zu verlieren. Denn ungeachtet einer hohen Verehrung fuͤr dies Geſchlecht, liebte er es doch bis jetzt faſt noch ausſchließlich in ſeiner Mutter und Großmutter, und nur die Reife, die er in Beiden antraf, ſchien ihm befriedigend; ein juͤngeres Weſen dagegen, wie er die zahlloſen Schoͤnheiten der Mädchen im In⸗ und Auslande beobachtet, ſchien ihm ganz außer Stande, eine ſo unmaͤnnlich erſcheinende Hingebung zu rechtfertigen. Er hatte ſehr haͤufig im Ernſte geäußert, was man ihm als Scherz ausgelegt, daß er viel lieber ſeine Großmutter heirathen wuͤrde, als die reizendſte Schoͤn⸗ — — 5—— ———— 381— heit unter zwanzig Jahren. Ihm ſchien eine Verbin⸗ dung in den feſten Grenzen vollkommener Hochach⸗ tung vollſtändig genuͤgend, da er ſtets uͤberzeugt war, mit den zärtlichen Gefuͤhlen ſeines Herzens bis zu dem ſpäteren und reiferen Alter ſeiner einſtigen Gemahlin verwieſen zu ſein. Es war ihm daher ein zuͤrnender Schmerz gegen ſeinen Bruder um ſo weniger zu ver⸗ argen, als Robert, zu eigener Feſtſtellung ſeiner Mei⸗ nung nicht ſo geneigt, mit der ſorgloſen Laune ei⸗ nes, der da denkt, es habe damit wenig auf ſich, bis⸗ her den Anſichten ſeines Bruders ſich angeſchloſſen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte, daß jede Gefahr dieſer Art fuͤr ihn aufgehoͤrt habe. Die zärtliche Liebe jedoch, die Richmond für ihn trug, und die wohl etwas den Charakter eines Beſchuͤtzers hatte, veranlaßte dies ſonſt ſo edle und gerechte Ge⸗ muͤth wohl zu dem Verſuch in dieſer Angelegenheit, den großeren Theil des Vorwurfs von ſeinem Bru⸗ der ab und auf jenes fremde Mädchen hinuͤber zu leiten. Ihre ganze Lage erſchien ihm ſo zweifelhaft, daß es ihm beinahe unmoͤglich ward, ſie anders, als in einem zweideutigen Lichte zu ſehn; ja, es ſchien ihm, in dieſer Empfindung weiter gehend, beinahe gefährlich und unbeſonnen, daß dies unbekannte Weſen zur Ge⸗ ſellſchaft des Schloſſes und namentlich zum Umgange 382 ſeiner Schweſtern gezaͤhlt ward. Dieſe Gedankenfolge bildete ſich freilich ſchneller in ihm, als wir Zeit ge⸗ brauchten, ſie hier nieder zu ſchreiben, und ſie be⸗ ſtimmte die Antwort, die er, erhoben durch die Wich⸗ tigkeit dieſer ungluͤcklichen Verirrung, mit Schonung und Feſtigkeit ausſprach. Laß mich hoffen, mein theurer Robert, daß, wie ausgezeichnet auch an Naturgaben dieſe fremde Dame ſein moge, ihr Anblick doch in mir nicht die Grund⸗ ſaͤtze erſchuͤttern wird, die wir beide zu gleichen Thei⸗ len von unſern verehrten Eltern zuerſt, und in einer ferneren, nicht minder dringenden Mahnung von den unbefleckten Tugenden unſerer makelloſen Vorfahren empfingen. Robert, ſagte er freundlicher, ſeinen Arm ergreifend, was nuͤtzt das Geheimniß eines Stammes, deſſen hohes Alter bis in die graueſte Vorzeit reicht, wenn es nicht das Andenken ihres wohlverdienten Ruh⸗ mes wäre, das ſich noch den ſpäteſten Enkeln war⸗ nend vor jede Handlung ſtellt, die da Gefahr brächte, ihren Namen nicht in voller Reinheit weiter zu ver⸗ erben. Du, ſetzte er, immer heiterer werdend, hinzu, Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen, ein geborner Nottingham, in deſſen jugendli⸗ chem Angeſicht die Zuͤge des erſten Ahnherrn liegen, als Gewaͤhr fuͤr ſeine auf Dich verpflanzten Tugen⸗ 383 den, Du ſollteſt der Erſte werden, der dem eben ſo glorreichen Geſchlechte unſerer Ahnmuͤtter ein, wenn auch noch ſo ſchoͤnes, doch ein namenloſes, ein zwei⸗ felhaftes Mitglied zugeſellte? Sag, was Du willſt, ich glaube dieſen Worten nicht, ich glaube Deinem beſſern Selbſt und Deiner männlich feſten Seele. Du wirſt ſiegen; denn es mag ſein, daß die Gefuͤhle des Herzens eine ſeltſame Thrannei über uns ausuͤben, aber wo wäre die männliche Bruſt, die ſich nicht gegen jede Gewalt aufgelehnt fuͤhlte, die uns zu beherrſchen droht? Laß uns mit einander Alles wohl bedenken, entziehe Dich mir nicht. Richmond, erwiderte der Herzog, es iſt dies das Einzige, was ich Dir verſprechen kann, aber ich hege eben ſo feſt die Hoffnung, Dich zu meiner Meinung uͤberzufuͤhren, wie Du jetzt von mir daſſelbe hoffeſt; ich ſage Dir noch ein Mal, ſieh ſie nur erſt!— In ihrer Liebenswuͤrdigkeit werde ich gewiß die Rechtfertigung Deines Gefuͤhls finden, denn das Un⸗ edle und Gemeine konnte Dich nie verfuͤhren. Doch nie werde ich in ihr die Rechtfertigung eines Wun⸗ ſches finden, der die Grenzen anerkennender Gerech⸗ tigkeit gegen ſie uͤberſchreitet und Dich gegen Ver⸗ pflichtungen blind macht, die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorſet eingegangen biſt, und an deren ——— 384 Erfuͤllung Niemand mehr zweifelt. Du ſelbſt, mein „theurer Freund, hätteſt nicht zugegeben, daran zu zwei⸗ feln, bevor dies ungluckliche junge Maͤdchen Dein na⸗ turliches Rechtsgefuͤhl umwandelte.— Der Herzog ſchwieg und wendete ſich in einem unbeſchreiblichen Zuſtande von ſeinem Bruder. Es giebt vielleicht kein Gefuͤhl der menſchlichen Bruſt, welches ſo grauſame Widerſpruͤche zu erregen ver⸗ noͤchte, als dies eine der Liebe. Es theilt gleichſam unſer Weſen in zwei ſtreitende Perſonen, und waͤh⸗ rend uns die Liebe mit ihren geſteigerten Anforderun⸗ gen ein heiliges unbeſtreitbares Recht zu beſitzen ſcheint, Alles umzuſtuͤrzen, was ihr ſtoͤrend entgegen tritt: bleibt uns oft zu unſerer groͤßten Qual ein rich⸗ tiges Wahrnehmungsvermoͤgen füͤr die Wichtigkeit ſol⸗ cher Schwierigkeiten. Der junge Herzog fuͤhlte ſich in dieſer Lage. Er mußte ſich geſtehn, daß ſein Bruder ihm nur in Er⸗ innerung brachte, was er ſelbſt einſt mit Ueberzeu⸗ gung anerkannt hatte; aber das Verlangen ſeines Herzens, dem er ſich ſo unbeſonnen hingegeben, uͤbte eine Gewalt uͤber ihn, die er nicht anders als uͤberwaͤl⸗ tigend nennen konnte. Richmond merkte den unſtaͤten Bewegungen und Blicken des Herzogs dieſen Zuſtand des unbehaglichſten Schwankens nur zu ſehr an. Es war eben ſowohl Klugheit, als jenes liebevolle Vertrauen, welches edeln Menſchen anraͤth, die Vollendung des Angeregten in der eigenen Entwickelung des Andern zu erwarten, was Richmond abbrechen ließ. Beide Bruͤder gaben ſich alsdann den ußeren Pflichten hin, welche die An⸗ kunft der Gaͤſte ihnen auferlegte. Ende des erſten Theils. Godwie⸗Caſtle I. Druck der F. A. Eupel'ſchen Hofbuchdruckerei in Sondershauſen. 9 „ ¹ S ſ 8 9 10 11 12 13 6 1 18 .— — 3 * 3 1—