2 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von er Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenmmen 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. 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Markgraf& Comp. 1861. ——— Die Schultheißentächter von Nürnberg. —,—— Inhalt. Seite R taſieniſche Nächrichten 1 Paioten 18 T Ein Fiſchfäang 0 IV. Stiefmutter und Stieftochter..... 56 V Unbedentiche Bedenken 75 VI. Vergebliches Bemühen 93 110 129 Wiederſchen 144 X Volsuſti ,, 160 l Ein Bndüi 175 188 1 Stalieniſche Vachrichten. Willibald Pirkheimer führte eine ausgebreitete Kor⸗ reſpondenz, nicht nur mit den bedeutendſten Gelehr⸗ ten Deutſchlands, ſondern auch mit vielen Italiens und ſo empfing er denn eines Tages von einem ge⸗ lehrten Freund Andreas Grimani aus Treviſo einen Brief, der ihn über die Schlacht von Agnadello, am 14. Mai 1509, und ihre Folgen berichtete. Ludwig KII. von Frankreich, der in Perſon an dieſem entſchei⸗ denden Kampfe theilgenommen, hatte die Schlacht gewonnen, aber 6000 Todte von beiden Seiten wa⸗ ren auf dem Kampfplatz zurückgeblieben. Dieſer Tag hatte über das Los des Krieges entſchieden. Eine ve⸗ netianiſche Stadt nach der andern ergab ſich den Fran⸗ zoſen, die Kaiſerlichen beſetzten Friaul und alle klei⸗ nen benachbarten Fürſten warfen ſich auf ihre Beute. Der Senat erließ eine Verordnung, durch welche die 1861. XR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. III. 1 Republik ſelbſt diejenigen ihrer Unterthanen, die ſich nicht vertheidigen konnten, vom Eide der Treue los⸗ band und die Provinzen des Feſtlandes ermächtigte, mit dem Feinde nach ihrem beſonderen Intereſſe zu unterhandeln und den Befehlshabern auftrug, die Plätze zu räumen, welche ſie noch inne hatten. Ganz Friaul unterwarf ſich dem Kaiſer, mit Ausnahme der Feſtungen Murano, Oſopo, Treviſo und Gra⸗ diska. Die letztere fiel jedoch bald. Treviſo war ebenfalls geſonnen dem Drange der Umſtände nach⸗ zugeben. Da die reichſten Einwohner ſich am erſten unter die fremde Gewalt fügten und die Herrſchaft wechſelten, ſobald es der Vortheil ſo mit ſich brachte, ſandte die öſterreichiſche Regierung einen ge⸗ wiſſen Leonhard Triſſino im Geleit verſchiedener Rit⸗ ter als Kommiſſär dahin ab. Er hatte früher zu den Einwohnern Vicenza's gehört und war nachmals zur Partei des Kaiſers übergetreten. Die öſterreichiſchen Miniſter trauten ihm fälſchlich einen großen Einfluß zu; ſie wurden ihren Irrthum gewahr, als ſein ver⸗ meintes Anſehen, dem keine mitgebrachten Truppen zu Gebote ſtanden, vor dem Patriotismus eines Schuhmachers Caligaro in Nichts hinſchwand, der die Straße mit dem Rufe durcheilte:„Es lebe der heilige Markus!“ Das Volk rottete ſich zuſammen, ——————————— ——————— ———— 3 plünderte die Häuſer der Reichen, die den Fremdling durch ihre Voreiligkeit herbeigerufen hatten, verjagte die kaiſerlichen Kommiſſarien und erklärte, daß es ſein Schickſal nicht von dem Looſe der Venetianer trennen wolle. Im Gefolge dieſes Kommiſſärs hatte ſich auch ein deutſcher Ritter von Wolfſtein befunden, gegen den man zwar glimpflicher verfahren war als gegen den Italiener, der ſein eigenes Volk und Vaterland Jan die Fremden verrathen konnte, aber da er eine Wunde von einem Steinwurf erhalten, hatte ihn der Briefſchreiber— Pirkheimer's Freund— einige Zeit in ſeinem Hauſe verſteckt und ihm dann fortgeholfen. „Ich höre,“ ſchloß Jener,„daß er aus der Nähe von Nürnberg und Euch wahrſcheinlich bekannt iſt, Er hat geſchworen die Scharte auszuwetzen, die hier, wie er meint, ein Mann aus dem Volke ſeiner Ritterehre beigebracht, und da ich höre, daß in einem ſiegreichen Gefecht der Käiſerlichen ein Wolfſtein gefallen, ſo zweifle ich keinen Augenblick, daß es derſelbe iſt, den ich kennen lernte.“ Pirkheimer würde an dieſer Perſonalnachricht ein weit geringeres Intereſſe genommen haben, wenn nicht der Antheil an dem Schickſale ſeines Schützlings Amanda von Wildenfels es ihm geboten hätte. Nun aber war er verdrießlich über die Ungenauigkeit des 1* Btiefſchreibers— das Alter dieſes Wolfſtein war nirgend erwähnt, war es der Vater oder der Sohn? Der Tod des Erſteren würde Amanda wohl kaum ſchmerzlich berühren— aber der des Bräutigams 5 ſollte er nun ſchweigen oder ſprechen? Sie auffordern aus Schloß Birb aum Erkundigungen einzuziehen, ob man dort eine Nachricht von oder über die Beſitzer habe, das düſtere Netz einer ſo peinlichen Ungewißheit über ſie werfen oder ſie arglos dahin leben laſſen, wie ſie denn in der That jetzt zu leben ſchien? Vorerſt mit ihrem Bruder Rückſprache zu neh⸗ men, erſchien als das Geeignetſte. Er ſuchte Ul⸗ rich auf. Ein paar Wochen waren vergangen, ſeit ſich Amanda unter Pirkheimer's Dache heimiſch fühlte. Von Birbaum aus fragte Niemand mehr nach der ſchönen Flüchtigen; ſowohl aus Stolz ſich um eine „entlaufene“ Braut zu bekümmern, als aus Furcht vor den Nürnbergern, gegen welche die benachbarte Ritterſchaft einmal nichts auszurichten wußte, mochte das geſchehen. Von ihrem wirklichen Bruder, der wahr⸗ ſcheinlich auch mit in den Krieg gezogen, konnte ſie noch weniger ſchon auf ihr an ihn geſandtes Schrei⸗ ben eine Nochricht erwarten. Sie ſchien ſich auch nicht ſonderlich darum zu kümmern und zeigte ſich überhaupt 5 als ein heiteres, ſtolzes Weltkind, das durch ein zu⸗ weilen keckes Auftreten, das ſich durchaus nicht immer an das vorgeſchriebene Nürnberger Ceremoniell kehrte und dadurch wenigſtens bei Denen, die es am Ge⸗ wiſſenhafteſten damit nahmen, einigen Anſtoß erregte, ſo daß auch Euphemia Pirkheimer zuweilen freund⸗ Warnungen zur Mäßigung an ſie ergehen ieß. Ein Edelfräulein beſaß aber damals nicht oder doch nur höchſt ſelten dieſelbe Bildung, welche die Töchter der ſtädtiſchen Patrizier, vor Allen von Nürn⸗ berg und Augsburg, auszeichnete. Reiten und Jagen durften ſie freilich nicht und in dieſen ritterlichen Künſten war Amanda wohlgeübt, dagegen machte ihr Leſen und Schreiben viele Mühe, und hatte ſie ſich auch um die Welthändel mit bekümmert, welche die Perſon des Kaiſers Maximilian betrafen und in ſei⸗ nen Händen ruhten, ſo waren ihr doch alle die Ge⸗ ſpräche fremd, die hier den gelehrten Eifer der Huma⸗ niſten, wie der innigen Begeiſterung der Künſtler folgten, und ſie vermochte dabei meiſt nur eine ſtumme Zuhörerin abzugeben. Auch in jenen mühevollen und kunſtreichen Stickereien waren ihre Hände ungeübt, die ſie von den Frauen Nürnbergs ſowohl zum Schmuck der eigenen Kleidung oder des Hanſes, oder geliebter Männer oder ſogar in höchſter Vollendung zum Schmuck der Kirchen aufertigen ſah— nur ſpinnen konnte ſie, aber auch nur an der Spindel und nicht an den zier⸗ lichen, hier erfundenen Spinnrädchen, die außerhalb der Städte nur erſt wenig im Gebrauch waren. Dieſen Abſtand empfindend, würde ſie, die ge⸗ wohnt war bewundert zu werden, vielleicht weniger mit ihrem Aufenthalt zufrieden geweſen ſein, wenn ſich einmal nicht noch genug Bewunderer für ihre Schönheit und ihren Rang und eben für das gefunden hätten, was bei ihr anders war als bei den Töchtern Nürnbergs, ſelbſt wenn es ein Mangel geweſen und wenn ſie nicht dies heitere Nürnberg, das ihr des Nuuen ſo viel bot, wenn nicht dem Leben am Hof des Kaiſers, doch dem vorgezogen hätte, das ihr nicht nur in Birbaum, ſondern auch auf dem Schloß ihrer Ah⸗ nen bei ihrem Bruder beſchieden geweſen wäre. Denn in den alten Burgen ſelbſt führten die Frauen und Töchter der Ritter ein höchſt einförmiges Leben, das eben nur dann unterbrochen ward, wenn fremde Gäſte anweſend waren, oder indem man dieſelben verließ, ſich an einer auswärtigen, dann allerdings immer mehrere Tage währenden Feſtlichkeit zu betheiligen. Aber den größten Theil des Jahres ſaßen die Burg⸗ frauen und Fräulein doch daheim und führten ein — 7 Hausweſen, dem ſelbſt oft jede Bequemlichkeit, noch mehr jeder Reiz gebrach. Im Vergleich zu den Woh⸗ nungen in den Städten, namentlich den Reichsſtädten und nun zumal mit dem weit vorgeſchrittenen Nürn⸗ berg, waren die Einrichtungen auf den Ritterburgen von einer Rohheit, die eben nur von Denjenigen erträg⸗ lich gefunden werden konnte, die nie Beſſeres gekannt hatten. Die Frauen waren nur bei großen Feſtlich⸗ keiten als die reizendſte Krone derſelben geehrt— da⸗ heim mußten ſie den Rittern dienen, ihre Launen und Unbilden ertragen und in ihrer Abweſenheit blieb ihnen keine andere Unterhaltung als mit den Mägden zu ſpinnen. Kein Wunder nun, daß Amanda im vor⸗ geſchrittenen ſchmucken Nürnberg ſich gefiel, denn wenn auch die Frauen dort, die großen Feſtlichkeiten abgerech⸗ net, auf's Haus beſchränkt und von den Männern, wie der Rath ſich gerne ausdrückte,„im Zaum gehalten“, ſo hatten ſie durch ihre erhöhte Bildung und die allge⸗ mein verfeinerten Lebensformen doch ganz andere Un⸗ terhaltungsſtoffe als die Ritterfräuleins— die nur um ihren Neid zu verbergen, den Stolz zu Hilfe rie⸗ fen, trotz alledem hochmüthig auf ſie herabzublicken. Amanda's Wunſch war erfüllt worden— ſie hatte Anna und Iſolde von Weichsdorf kennen gelernt. Sobald als die Wunde an ihrem Arm ihr erlaubt hatte auszugehen, hatte ſie in Begleitung Euphemia's die Schweſtern aufgeſucht. Noch hatten ſie nicht von Wolfſtein geſprochen, aber der Gedanke an ihn hing wie ein funkelndes und drohendes Schwert trennend zwiſchen ihnen. Die beſcheidene Anna fühlte ſich gedemüthigt und erſchreckt durch Amanda's ſtolzes Auftreten und ihre auffallendere, wenn auch bereits verblühende Schön⸗ heit. Man hatte ſie ihr doch als ſeine längſtverlobte Braut genannt— konnte ſie ein früheres Recht an ihn haben als Anna, dann verurtheilte ſich dieſe ſelbſt als eine Verbrecherin— hatte ſie ein ſpäteres— dann war ihr ja Wilhelm doppelt verloren, dann war er ihr untreu geworden! Oder hatte er ſich, wie er einſt angedeutet, nur zum Schein Derjenigen verlobt, die ihm ſein Vater auserkoren— dann trieb er ja doch nur ein frevelhaftes Spiel— dann hatte er ſich an Allen zugleich verfündigt. Konnte, durfte ſie einen Mann noch lieben— ihn, der ſie ja doch wohl längſt vergeſſen und aufgegeben hatte? Aber auch neben den ſchmerzlichſten Erfahrungen und Vorſtellungen behauptet doch auch die Hoffnung in einem liebenden Herzen noch lange ihren Platz. Und ſollte ſie ſich noch ſo oft getäuſcht und vertrieben ſehen, ſie weiß doch immer noch ein verborgenes Win⸗ 9 kelchen zu finden, in das ſie ſich flüchten und von Zeit zu Zeit wieder mit ſtrahlenden Augen hervorſchauen kann. Dann bedarf es nur ein Lächeln, einen Blick— und ſie iſt wieder Königin in demſelben Reiche, aus dem ſie für ewig verbannt erſchien. So lebte auch in Anna's Herzen noch die Hoffnung: vielleicht vermöge doch noch Alles gut zu werden Vielleicht liebe Amanda Wolfſtein gar nicht, vielleicht ſei ſie nur gezwungen ſeine Braut, oder vielleicht werde durch ihre Flucht aus Birbaum das Bündniß gelöſt— und dann— ſie war ja Ulrich's Schweſter! Ulrich's, der es ihr ſagen konnte, wie Wolfſtein Anna liebe, was er ihr ver⸗ ſprochen, wie ſie ſchon mit dem Tode gerungen, um ſeinetwillen— hatte er es geſagt oder nicht? warum kam er nicht? warum klärte er nicht Alles auf? warum verweigerte er gerade jetzt ſeinen Beiſtand? Das wa⸗ ren wieder Fragen voll Angſt, vor denen die Hoffnung, auf's Neue geſcheucht, entfloh. Für Iſolde war Amanda faſt kein geringerer Gegenſtand des Intereſſes, ja des Neides, wie für Anna. Sie war Ulrich's Schweſter! O was hätte Iſolde ſelbſt um das Glück gegeben, wäre ihr dieſe Offenbarung geworden! ſie dachte wenigſtens ſo! Als ſeine Schweſter hätte ſie ja eine Erklärung gefunden für dieſe Seelenſympathie, die ſie ihm verband,“ als 10 ſeine Schweſter hätte dieſer Kampf ein Ende gehabt — wie konnte ſie jetzt anders, als mit dem günſtigſten Vorurtheil einer ſolchen entgegenkommen? Mit edlen Freimuth ſagte ſie auch, daß ſie Ulrich kenne, daß ſie ihn geſehen bei ſeiner Arbeit, die ja der Verherrlichung ihres Oheims Martin Behaim gelte, wie in ihrem Hauſe ſelbſt, da ſein hoher Gönner der Schenk von Limburg, Biſchof von Bamberg, anweſend geweſen. Amanda lächelte, wie von dem Biſchof die Rede war.—„Ich kenne ihn auch,“ ſagte ſie, und weiß, daß er keiner Dame etwas abſchlagen kann und es freut mich, wenn er Ulrich's Gönner iſt“— und dann wußte ſie auch wieder geſchickt das Geſpräch bald auf Kaiſer Maximilian zu lenken, der ihr erſt die Geſchichte ihres Vaters und Bruders erzählt, und nicht undeutlich gab ſie zu verſtehen, daß ſie ſeine Gunſt beſeſſen. Sie zeigte dabei doch ſo viel Hoffart und Eitelkeit, daß ein ſo edles Weſen wie Iſolde ſich unangenehm davon be⸗ rührt fühlen mußte und kein Herz zu ihr faſſen konnte, trotzdem daß ſie— Ulrich's Schweſter war. So war es auch bei ſpäterem Wiederſehen geblie⸗ ben und ſo war es natürlich, daß ſelbſt die Schweſter⸗ liebe Iſolden's zu Anna keine Erklärung in einer ſo überaus zarten Angelegenheit herbeizuführen vermochte. N Indeß war die Schultheißin bei ihrer vorgefaß⸗ 11 ten Meinung gegen Amanda zum Theil geblie⸗ ben, und brachte ihre Annäherung an ihr Haus mit auf das Sündenregiſter, das ſie ihrem Ge⸗ mal wieder über ihre Töchter mitzutheilen wußte. Die ehrbaren Frauen von Nürnberg, erklärte ſie, gin⸗ gen nicht mit dieſer herzugelaufenen Abenteuerin um, nur die gelehrte Familie der Pirkheimer denke, ſie könne ſich über Alles hinwegſetzen, und weil Pirkhei⸗ mer kaiſerlicher Rath ſich ſchimpfen laſſe, nehme er auch die kaiſerliche Buhlerin bei ſich auf— man wiſſe ja überhaupt, in welcher Weiſe er mit den Frauenzimmern verkehre. Man habe ja auch geſagt, daß er um Iſolde angehalten, aber er thue das nicht, und bringe ſie nur in's Gerede— nicht genug, daß ſie ihn in ſeinem eigenen Hauſe ſehe, auch bei dem Meiſter Dürer, ja ſogar im Klarakloſter, das manja doch jetzt ſo gern in den Geruch der größten Heiligkeit brächte, hätten ſie geheime Zuſammenkünfte— ja auch ſo weit erniedrige ſich Iſolde noch nebenbei, daß ſie dergleichen auch mit dem Baubruder Ulrich halte, ja ſich ſogar nächtlicher Weile von ihm nach Hauſe be⸗ gleiten laſſe— es ſei Zeit, daß der Vater nicht län⸗ ger einen ſolchen Unfug dulde. Er möge ſie entweder für immer in's Klarakloſter ſchicken, oder Herrn Pe⸗ ter Harsdörfer, der nur, weil er nicht vom Adel ſei, ſich nicht getraue um ſie zu werben, dazu ermuthigen — ſie finde, ein großes Vermögen ſei doch mehr werth als ein Wappenſchild, das nur darum oft vergoldet vorgehalten werde, um zu zeigen, daß auch gar Nichts dahinter ſtecke. Das war die verwundbarſte Stelle des Schul⸗ theißen— er beſaß ein uraltes Wappen, aber nicht viel Vermögen, indeß ſeine erſte wie ſeine zweite Gat⸗ tin bürgerlicher Abkunft waren, aber aus den reich⸗ ſten Geſchlechtern Nürnbergs ſtammten. Bei ſeiner erſten Wahl hatte mehr noch als das Geld das Herz beſtimmt, das glückliche Leben, das er mit Johanna Behaim geführt, hatte ihm über das Opfer hinweg⸗ geholfen, durch dieſe Verbindung ſeinen bisher rein gebliebenen Stammbaum befleckt zu haben, und da es einmal geſchehen, nahm er bei einer zweiten Ehe auch darauf weiter keine Rückſicht, ſondern ließ ſich vor⸗ züglich durch den Reichthum der Ebener zu ſeiner Wahl beſtimmen. Aber das ſich vorgeworfen zu ſehen, brachte ihn zur äußerſten Wuth, welche er bis jetzt ſchon immer nur gewaltſam in ſich niedergehalten. „Ich war eher der Vater meiner Töchter, als ich dein Gemal war,“ rief er aus,„und wenn du mich nicht mehr als ſolchen ehren willſt und nur fort und fort den Frieden meines Hauſes mit deiner böſen 13 Zunge vergifteſt, mir ſelbſt mein ganzes Leben, ſo kann ich auch aufhören dein Gemal zu ſein— ich habe Grund genug, um dieſe Ehe zu trennen!“ Zum erſten Male ſprach er dies Wort aus— Adelgunde ward todtenblaß, ihr Gewiſſen traf ſie, ſie glaubte ihr langbewahrtes Geheimniß verrathen und in dem Schrecken, der ſie überkam, dachte ſie nicht an das, was der Schultheiß meinte, und ſie hatte keine Kinder und von einer ſolchen Frau ſich ohne Weiteres ſcheiden zu laſſen, hatte er das Recht. Er gewahrte nur die Erſchütterung, die ſie traf, aber von der wahren Urſache derſelben hatte er keine Ahnung—„Adelgunde,“ ſagte er, ſchon wieder mil⸗ der geworden,„ich halte auf die Ehre meines Hauſes, aber es bleibt ſich gleich, ob ſie durch die Töchter oder durch dich an den Franger geſtellt wird.“ Ihr war zu Muthe als vernehme ſie ein Todes⸗ urtheil— ſie wagte nicht zu widerſprechen wie ſonſt — ſie wagte kaum zu athmen. „Ich weiß,“ ſagte er,„wer der Anſtifter von all' dieſem Unheil iſt— Martin Löffelholz— er wird mir Rede ſtehen!“ Mit einem lauten Schrei ſank bei Nennung dieſes Namens Adelgunde dem Gemal zu Füßen— ſie, die bisher ihm immer Trotz geboten. Noch niemals hatte er ſie ſo vor ſich geſehen— nichts Arges ahnend, reute ihn faſt ſchon in ſeiner Ent⸗ rüſtung über dieſe ewigen Verleumdungen feiner Töch⸗ ter ſo weit gegangen zu ſein— er hob ſie auf und ſagte nun ungeduldig:„Wir wollen einmal vernünf⸗ tig zuſammen reden— höre mich an!“ Auf ſo viel Milde war ſie jetzt nicht vorbereitet, ſie verhüllte ihr Geſicht, das konvulſiviſch zuckte. „Was im Klarakloſter vorgegangen,“ ſagte er, „weiß ich nicht nur von Iſolde ſelbſt, ſondern auch von Herrn Martin Geuder, dem Bürgermeiſter, Iſolde hat ein edles Werk gethan, daß ſie eine Waiſe, die Tochter eines ehrſamen Bürgers, die ihren Schutz gegen die Verführungsverſuche des in dieſen Künſten wohlerfahrenen Herrn Martin Löffelholz anrief, un⸗ ter den Schutz des Klarakloſters zu bringen ſuchte, er hat ſie dort, kaum angekommen, ausfindig gemacht, und wollte nun vereint mit ihrem Vormund das Klarakloſter verdächtigen, als ob es gewaltſam oder argliſtig Witwen und Waiſen, beſonders ſolche, die wie Jerta Echter Vermögen beſitzen, in ſeinen Schooß zu locken ſuche, und da der Rathebenkein großer Freund der Klöſter und der Geiſtlichkeit iſt, ſo hatte er Hoff⸗ nung mit einer ſolchen Beſchuldigung durchzudringen. 15 Zum Glück iſt es aber nicht nur durch das Mädchen ſelbſt und nicht nur durch Iſolde, ſondern durch an⸗ dere Zeugen, darunter den wackern Meiſter Albrecht Dürer, deſſen ſittliche Reinheit noch niemals Jemand in Frage geſtellt hat, ſo weit gekommen, daß die Aeb⸗ tiſſin des Klarakloſters um ſo mehr recht bekam, als ſie ſelbſt erklärte, daß niemals davon die Rede gewe⸗ ſen, Jerta ſolle den Schleier nehmen, ſondern daß man ihr nur ein paſſendes Aſyl gewährt, das ſie jeden Augenblick verlaſſen könne, was Jerta beſtätigte. Dem⸗ nach hat man dem Vormund, der ſich nicht ganz von dem Verdacht befreien konute, mit Löffelholz unter einer Decke geſpielt zu haben, die Vormundſchaft ent⸗ zogen und ſie Albrecht Dürer übertragen, Löffelholz ſei zu einer bedeutenden Geldſtrafe verurtheilt wor⸗ den, ſowohl weil er das Mädchen verfolgt, als weil er falſche Beſchuldigungen gegen das Klarakloſter vor⸗ gebracht— ſonſt habe man aber kein großes Geſchrei von der Sache machen wollen und die Rathsherren hätten ſich das Wort gegeben, ſie ſo viel als möglich geheim zu halten, damit der Pöbel kein Aegerniß nehme an den Vätern der Stadt— wie denn über⸗ haupt Viele mit im Rathe ſäßen, die auch Werg am Rocken hätten, wenn auch nicht gar ſo viel wie Löffel⸗ holz.„D'rum habe ich auch dir nicht davon geredet, 16 ſchloß er und du könnteſt es Iſolden noch Dank wiſ⸗ ſen, daß ſie ſich nicht dieſer That gerühmt hat.“ Adelgunde hatte das Tuch wieder von ihrem Ge⸗ ſichte genommen und ſchien zu lauſchen, ob das auch Alles ſei. „Löffelholz haßt nun natürlich Iſolden,“ bemerkte Schultheiß und den Verleumdungen, die er dir zu⸗ trägt, ſollteſt du keinen Glauben ſchenken. Hoffentlich wird er unſer Haus nun nie wieder betreten, und hof⸗ fentlich wirſt auch du ihn kurz abweiſen, wenn er ſich dir bei einem Feſte nähert. Am meiſten mag er ſich aber in Acht nehmen vor den Fäuſten der Plattner⸗ geſellen!“ das fügte er lächelnd, ſchon wieder beſſer geſtimmt, hinzu. Die Schultheißin athmete auf— die Entdeckung, vor der ſie eben gezittert, war ihr noch erſpart— doch ſuchte ſie noch immer vergeblich nach einem Wort der Erwiderung. Vielleicht verdroß ihn das. Wieder ſinſterer ſagte er:„Hoffentlich ändert ſich nun dein Betragen gegen Iſolde— höre ich noch einmal eine ähnliche Ver⸗ leumdung von dir, ſo kannſt du ſicher darauf rechnen, du haſt nur die Wahl ſie ihr abzubitten— oder zu gehen.“ Aber ſchon hatte Adelgunde wieder Muth, ſchon 17 fühlte ſie wieder die frühere kecke Sicherheit zurück⸗ kehren, da ihr das Schlimmſte, das ſie nur eben fürch⸗ ten mußte, erſpart war; noch nicht ganz mit dem frü⸗ heren Trotz, aber doch ſo, daß er ſchon wieder durch ihre Stimme hindurchhallte, ſagte ſie:„Abbitten! und wann hätte je Iſolde mir etwas abgebeten, mir, ihrer Mutter, deiner Gemalin?“ „Sie hat es noch nicht nöthig gehabt,“ erwiderte der Schultheiß feſt. Und was die Freier betrifft, ſo laß du dich nur unbekümmert— eine Ehe, die du ſtif⸗ ten möchteſt, behagt ihnen am wenigſten, ſo viel haſt du ſelbſt nun auch bemerken können. Von nun an ſteht es anders mit uns— ich werde zeigen, daß ich Herr im Hauſe bin, und künftig mein Hausrecht brau⸗ hen, nicht nur gegen meine Frau!“ Damit ſtand er heftig auf, ging auf die nächſte Flügelthür zu, ſtieß ſie nach ſeiner Gewohnheit lärmend mit dem Fuß auf, und warf ſie hinter ſich zu, daß die Wände bebten. Adelgunde holte tief Athem— ein triumphiren⸗ des Lächeln umſpielte ihren häßlichen Mund— jetzt hatte ſie gewonnen! das war ſeine Art, dieſen Abgang zu wählen, wenn er ſeine Kraft im Friedenſtiften des Hausherrn erſchöpft hatte— er ging, weil er ſich ſelbſt nicht mehr traute.— Das Wetter war vorüber. 1681. IR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. III. 2 Patrioten. Durch die ganze deutſche Nation zog ſich eben jetzt eine Fülle von künſtleriſcher, wiſſenſchaftlicher und chöpferiſcher Kraft, eine mächtige Bewegung hatte die Geiſter ergriffen, welche emporſtrebten und das höchſte zu erreichen trachteten Und die Nation war ſich dieſer Kraft bewußt. Mit Stolz blickten die deutſchen Schrift⸗ ſteller dieſer Periode wie alle denkenden Köpfe auf die großen Erfindungen der deutſchen Nation, auf die Erfindung des Schießpulvers, des Bücherdruckes, der Kupferſtecherkunſt zurück; mit Befriedigung erwähnen ſie die außerordentliche Regſamkeit auf allen Gebie⸗ ten der Wiſſenſchaft; mit Selbſtgefühl ſprechen ſie es aus, daß die deutſche Nation keiner anderen nachſtehe. Eine große tiefgreifende vaterländiſche Geſinnung be⸗ mächtigte ſich des Volkes, und zwar ging ſie faſt durch alle Stände hindurch. Die Gelehrten, die Bürger, die Bauern, auch der Adel— nur die Fürſten nicht, die bis auf wenige Ausnahmen eben damals alle nur 19 mit der Vergrößerung ihrer Hausmacht und der Er⸗ weiterung ihrer fürſtlichen Rechte, auch dem Kaiſer gegenüber beſchäftiget waren— ſie Alle haben das gleiche Gefühl von der Kraft, der Stärke und der geiſti⸗ gen Bedeutung der Nation. Wenn ſie nun aber das, was dieſe ſein konnte, mit dem verglichen, was ſie in der That war, ein großer Körper ohne Beweglich⸗ keit, im Innern gelähmt, weil zerriſſen, gegen Außen keum im Stande ſich vor den Angriffen der Nach⸗ barn zu bewahren, ſo mußte die vaterländiſche Ge⸗ ſinnung, welche das Volk groß zu ſehen wünſchte, von dem tiefſten Schmerze ergriffen werden, aber bei der Kraft, die im Volke lebte, verband ſich damit zugleich der Wunſch und das Streben, die Hinderniſſe von dem Aufſchwunge der Nation, die vielen Mängel und Gebrechen in der öffentlichen Zuſtänden hinwegzu⸗ räumen. Bewußt oder unbewußt legten Alle mit Hand an's Werk, die in Wort und Schrift, in Kunſt und Wiſſenſchaft thätig waren, und in Nürnberg fand ſich ein fruchtbarer Boden für ſolche Beſtrebungen. Man wünſchte die Wiederherſtellung des Reichs, ſeiner Einheit, ſeiner Stärke, man wollte ein großes mächti⸗ ges Kaiſerthum, dabei aber auch Wahrung der indi⸗ viduellen Freiheit und die Durchführung ſolcher ſtaat⸗ lichen Einrichtungen, durch welche die niederen Stände 2* eben ſowohl wie die ganze Nation als ſolche zu einer neuen, ihren Bedürfniſſen entſprechenden ſchönen Ent⸗ wicklung geführt würden. Kaiſer Maximilian ſchien eine Zeit lang zum Träger einer ſolchen Entwicklung auserſehen zu ſein vom Geſchick wie von den Sympathien des Volkes. Man ſah in ihm das Ideal eines Kaiſers verwirklicht man pries ihn als die Zierde der Nation und als Retter des Vaterlandes. Das Volk ſelbſt hatte das größte Vertrauen zu ihm, gleich den Gelehrten, die Humaniſten voran, und man hoffte, er werde den ſelbſtſüchtigen Abſichten und Beſtrebungen der Für⸗ ſten Schranken ſetzen. Aber ſchon zeigte es ſich, daß er die Erwartungen, die man von ihm hegte, nicht erfüllen konnte. Die Hinderniſſe, die ſich den Wünſchen der öffentlichen Meinung und ſeinen eigenen Planen entgegenthürm⸗ ten, waren zu groß, als daß er ſie zu beſiegen ver⸗ mochte. Dies war immer der Unterhaltungsgegenſtand der Männer, denen das Wohl des Vaterlandes am Herzen lag. Pirkheimer fühlte ſich durch perſönliche Anhäng⸗ lichkeit an den Kaiſer gefeſſelt, aber ſeine Sympathien galten Italien— er war eben jetzt in ſeiner verdrieß⸗ 21 lichſten Laune, wie man ſie nur empfinden kann, wenn man zwei ſeiner Freunde in Streit gerathen ſieht, ohne ein Wort zur Verſöhnung ſprechen zu dürfen, oder dafür Gehör zu finden. Der Brief, den er aus Italien empfangen, hatte ihn nur noch mehr darin beſtärkt. Er ging zu Ulrich, den er mit Erhard und Dürer zuſammentraf. „Nun iſt der Kaiſer wieder den Franzoſen zu Dank verpflichtet,“ grollte Pirkheimer,„und was ſie ihm in Italien gewonnen haben, werden ſie ihm im Weſten wieder zu nehmen ſuchen. Unaufhörlich bemüht er ſich ja mit den deutſchen Fürſten, namentlich den rheiniſchen, Verbindungen anzuknüpfen, welche auf die deutſchen Verhältniſſe den unheilvollſten Einfluß äußern. Die Fürſten hüten ſich wohl etwas zu thun, das die Macht des Kaiſers nach Innen wie Außen be⸗ feſtigen könnte, um nicht die eigene geſchwächt zu ſe⸗ hen, und in ihrer thörichten Eiferſucht laſſen ſie ſich lieber von Frankreich benutzen und verrathen das deutſche Vaterland an ſeinen alten Erzfeind.“ „Hielte es der Kaiſer doch lieber mit den Reichs⸗ ſtädten!“ rief Dürer. „Hielte er es lieber mit dem Volke, den Bürgern und Bauern,“ ſagte Ulrich gleichzeitig. Jetzt fühlte ſich Pirkheimer wieder verpflichtet 22 den Kaiſer zu vertheidigen.—„Mit den Reichsſtäd⸗ ten! Krief er im ſpottenden Tone.„Vielleicht dachte er eine Zeit lang wirklich daran— aber können denn die Reichsſtädte ſich jemals dauernd für etwas An⸗ deres begeiſtern als was ihrem Beutel Vortheil bringt? Die ſind am ärgerlichſten über die Geldforderungen des Kaiſers, und wenn ſie auch mit einigem Recht darüber grollen können, daß ſie bei den Reichsſteuern verhältnißmäßig viel höher als die andern Stände angeſetzt worden ſind, ſo hat das doch ſeinen guten Grund, denn eher noch bringt einmal ein Fürſt ein Opfer als ein Krämer, der beſieht ſich ſelbſt jeden Heller erſt zweimal, ehe er ihn ausgibt, und in den Reichsſtädten machte es faſt die meiſte Noth, die Reichs⸗ ſteuer, den gemeinen Pfennig, einzutreiben. Nicht die Fürſten allein, ſondern auch die Reichsſtädte ſind an der Erklärung Schuld, durch die es mit der Reichs⸗ verfaſſung wieder ſo ziemlich beim Alten gebliebeniſt. Wenn man ſich weigerte den gemeinen Pfennig zu bezahlen, iſt man wieder auf die Matrikel zurückge⸗ kommen“ die einzelnen Gebiete werden als ſolche nach ihrer Macht veranſchlagt— der Gedanke der Landes⸗ hoheit iſt wieder an die Stelle des Gedankens der Reichseinheit getreten. Auf das Reichsregiment ha⸗ ben die Stände, die Städte wie die Fürſten zugleich 23 verzichtet, dem Kaiſer erklärt: ſie wollten ihn in der Regierung nicht beſchränken, er habe bisher wohl und weiſe regiert. Das hieß jedoch nichts Anderes als die frühere Unbeſtimmtheit zurückführen, wo der Kaiſer nur dann auf Gehorſam der Fürſten und Städte rech⸗ nen konnte— wenn es ihnen beliebte.“ „Leider, leider!“ ſeufzte Dürer.„Wir ſind wieder auf dem alten Punkte angekommen! Erſt wollten die Kurfürſten eine größere Einheit mit Zurückſetzung des Königs und Vorwiegen der ſtändiſchen Macht. Dem widerſetzte ſich der König, die kleineren Reichsſtände, die öffentliche Meinung. Dann wollte der König eine Reform des Reichs mit Vorwiegen der kaiſerlichen Macht— dem widerſetzten ſich die Fürſten— und ſo iſt Deutſchland nur darin wieder einig geworden: Alles beim Alten zu laſſen— das heißt: es iſt un⸗ einig geblieben! Gott möge es beſſern!“ „Hätte es aber der Kaiſer mit dem Volke gehal⸗ ten, das es ſo gern mit ihm halten wollte— die Fürſten hätten ſchon nachgeben müſſen— und die Krämer nicht minder, die ſind ja immer gleich auf der Seite, die für den Handel die günſtigſten Zuſtände herbeiführt, und die können nur aus geordneten Ver⸗ hältniſſen hervorgehen. Schon vor ſieben Jahren 502) als der Bruch zwiſchen Marimilian und den Fürſten offenbar ward, ſollte eine Baueruverſchwö⸗ rung ausbrechen. Der Mittelpunkt derſelben war im Bisthum Speier. Ein junger Bauer, Joſt Fritz, war die Seele der Verſchwörung. Der Zweck des Aufruhrs war kein anderer als Verfolgung des Adels, der Für⸗ ſten und der Pfaffen— man wollte Niemanden über ſich haben als den Kaiſer. Man wollte weiter rücken von Ort zu Ort, bis ganz Deutſchland ſich dem Bundſchuh unterworfen— aber der Kaiſer verſchmähte einen ſolchen Bundesgenoſſen— und nun mag er zu⸗ ſehen, wie ihm die Fürſten und die Römlinge helfen, die ſich freilich noch mehr als wider ihn, wider das deutſche Volk verſchworen haben!“ Pirkheimer ſchüttelte den Kopf— wie ehr er auch für Deutſchlands Einheit und Größe begeiſtert war— ihm widerſtrebte doch, ſie als ein Geſchenk aus Bauern⸗ händen zu empfangen. Man wußte zwar, daß auch gelehrte Männer bei der Verſchwörung des Bundſchuh betheiligt geweſen waren, aber Pirkheimer hatte eben nie begriffen, wie ſolche vermocht hatten ſich mit dem niedern Volke einzulaſſen. Wohl war er ein Freund desſelben, wohl verkehrte er gern mit harmloſen Land⸗ lenten, rühmte ihre geſunden Anſichten, ließ ſich von ihnen über die Vorgänge in der Natur belehren und belehrte ſie ſelbſt wieder, ergötzte ſich an ihren unſchul⸗ 25 digen Freuden und verſchmähte wohl auch nicht mit ihren Töchtern zu ſcherzen, wenn er ſich von den Pflich⸗ ten ſeines Amtes einmal losgemacht hatte und auf das Land geeilt war die Natur zu genießen— aber es war ein rein patriarchaliſches Verhältniß, in dem er ſich dann gefiel. Ein anderes erſchien ihm vollkom⸗ men unerträglich.„Gemeinſchaft machen mit dem un⸗ gebildeten rohen Volke,“ ſagte er, das hieße dem Kai⸗ ſer denn doch zu viel zugemuthet. Wie es dann zugeht, wenn Schuſter und Schneider regieren, das hat der Kaiſer ſchon in ſeiner Jugend mit zu Brügge an⸗ geſehen, wo ſie ihn gefangen geſetzt hatten und Alles in den Niederlanden darunter und darüber ging, dann an den Schweizern, die ſich nun faſt ganz von ihm und dem Reiche losgemacht haben— die Bauern des Bundſchuh würden wahrhaftig nicht glimpflicher ver⸗ fahren ſein. Wo ſich gemeine, ungewaſchene Hände in S einmiſchen, da iſt ſie beſudelt und ver⸗ oren!“ „Ich meinte doch,“ ſagte Ulrich,„Ihr wäret in der Schweiz zu andern Anſchauungen gekommen, und wie viel ich auch von der Gelehrſamkeit und dem vaterländiſchen Sinne erwarte, die jetzt in ausgezeich⸗ neten Männern für die Sache des Fortſchrittes wir⸗ ken, ich fürchte doch, das iſt ein gar langſamer Weg —— Deutſchlands Größe und Einheit zu Stande zu brin⸗ gen, und das Wiſſen thut's nicht allein, wenn Macht und Wille fehlen.“ Erhard ſagte zu Ulrich:„Du gehörſt nur ſo zu den Unzufriedenen, die jedes Mittel zu einer Neu⸗ geſtaltung der Dinge ergreifen möchten, weil du nur dann eine Neugeſtaltung der Baubrüderſchaften glaubſt ermöglichen zu können!“ „Ja,“ ſagte Ulrich,„wer iſt ſich immer ganz klar der nächſten Motive bewußt, die ſein Denken und Fe zuerſt beſtimmen? Ich ſehe, die germaniſche aukunſt iſt im Verfalle wie das germaniſche Reich, und ich weiß nicht, welches von beiden zuerſt zu retten iſt und welches ich retten möchte. Vor hundert Jahren, gerade in der Zeit der größten kirchlichen Bewegungen, ſind die ſchönſten Werke der gothiſchen Baukunſt auf⸗ geführt worden— nicht kirchliche Dogmatik, ſondern Begeiſterung, der freie, kühne, vorwärts ſtrebende Geiſt jener Zeit führte die herrlichſten Dome auf. Der deutſch⸗nationale Geiſt, die freie myſtiſche Richtung, die eben ſo ſehr ein reines, tief religiöſes Bewußtſein wie deutſches Gefühl in ſich ſchließt, ſind das heilige Eigenthum unſerer Baubrüderſchaften— aber ich möchte eben das wäre das Eigenthum der ganzen Nation, ich möchte es gebe in ganz Deutſchland nur empfangen!“ 27 eine einzige ſolche Brüderſchaft und ihr gegenüber keine Profanen mehr— weil der Kaiſer ſelbſt uns ver⸗ brüdert iſt, ſo hoffte ich einſt auch von ihm, er werde die Einheit und Größe des Reiches aufbauen können, gleich einem Dom, der über Alle ſich wölbte— aber da er es verſchmäht, ſo möchte ich, der Baumeiſter ginge aus dem Volke hervor, der das verſtünde, und noch lieber, die Bauhütten vereinigten ſich ſelbſt zu einem ſolchen Bau— aber um das zu können, müßten ſie zuerſt bei ſich ſelbſt anfangen alles überlebte und ausſchließende Formelweſen aus ihren eigenen Kreis zu entfernen.“ „Wenn Ihr beginnen wolltet,“ ſagte Dürer, in⸗ dem er ihm mit einer Thräne im Auge die Hand reichte,„die Scheidewand niederzuſtürzen, die Euch immerhin vor den Augen der Welt von uns Andern ſcheidet, die wir der heiligen— nein, ich will geiſtlich ſagen, denn heilig iſt jede Kunſt— die wir der geiſt⸗ lichen oder kirchlichen Kunſt zugleich dienen wie der weltlichen, wir würden Euch mit offenen Armen „Wagt's,“ ſagte auch Pirkheimer,„dringt auf Aenderung von einigen Eurer Inſtitutionen, macht Euch nicht mit Seel' und Leib zu Sklaven alter In⸗ ſtitutionen, die jetzt keinen Werth mehr haben, thut 28 das mönchiſche Weſen von Euch, das Euch tauſendmal mehr als das Geheimniß Eurer Lehrſätze und Ge⸗ bräuche von Euern Zeitgenoſſen ſondert— werdet Bürger wie wir, Glieder einer Familie, gründet ſelbſt eine ſolche— und aller Beiſtand, der Euch von Pro⸗ fanen nützen kann, ſoll Euch von uns werden.“ „Ja,“ ſagte Erhard,„es iſt ein unnatürliches Geſetz, das uns zu dieſer Sondernng beſtimmt— es ſind aber auch ſchon da und dort Ausnahmen davon gemacht worden— man hat mit Recht Jeden aus⸗ geſtoßen, der ſich der Unzucht ſchuldig gemacht hat— aber der Meiſter der Haupthütte zu Straßburg hat ſchon zuweilen die Dispens zur Schließung einer Ehe ertheilt— wie Kaiſer Maximilian ja auch ver⸗ heiratet iſt.“ Ulrich vermochte nicht mehr ein Wort zu ſpre⸗ chen— er blickte ſtumm vor ſich nieder— Willibald Pirkheimer ahnte etwas von dem was in ſeiner Seele vorging— der lebenskluge Staatsmann, der ſich mit ſeinen Wünſchen für Iſolde verrechnet hatte, verfiel nicht ein zweites Mal in einen ſolchen Fehler. Die Neigung, die er für ſie empfand, hatte erſt ſein Ange geblendet, aber da er ſie jetzt als hoffnungslos in ſich zurückdrängte, hatte ſein Selbſtgefühl es wieder ge⸗ ſchärft. Seine verletzte Eitelkeit fand einen Troſt darin, 29 ſich zu ſagen, daß er dieſe abſchlägige Antwort nicht erhalten haben würde, wenn nicht doch ein anderes Bild in Iſolden's Herzen gelebt hätte— er fand Nie⸗ manden in der Schaar der Nürnberger Patrizier und der auswärtigen Edelleute, die ſich um ſie bewegten— da plötzlich fiel ihm das Geſpräch ein, das er mit ihr geführt als der Schenk von Limburg da geweſen— wie ſie bei Ulrich's Namen erröthet war und doch be⸗ geiſtert von ihm geſprochen hatte— er ſann weiter nach, beobachtete mit ſeiner feinen Art— und ent⸗ deckte den Nebenbuhler. Aber er liebte, er ſchätzte ihn ſelbſt— er war edel genug, ſich nicht dadurch gegen ihn umſtimmen zu laſſen— ja er fühlte nun mehr Mitleid mit ihm als mit ſich ſelbſt, denn er mußte dieſe Liebe als eine hoffnungsloſe erkennen, als eine, die jedes der Liebenden, ſobald ſie ſich ihrer bewußt geworden, gleich einem Verbrechen niederkämpfen mußte. Was konnte nun Pirkheimer jetzt bei der Wendung ſagen, die dieſes Geſpräch ſo unerwartet genommen? War es nicht jetzt am beſten den Sturm, der in Ulrich entſtehen mußte, abzulenken auf die ſanf⸗ teren Empfindungen für ſeine Schweſter? Jetzt erft ſprach er von dem Tode Wolfſtein's und dem Zweifel, ob der Vater oder der Sohn? und ob er ſeine Schweſter ganz unwiſſend oder nur ungewiß laſſen wollte? Einen Augenblick dachte Ulrich; das ſei ja eine Prüfung für Beide, für Anna und Amanda— wenn er Beiden zugleich dieſe Nachricht bringe; an dem Grad ihres Schreckens und ihrer Angſt müſſe man ſehen, welche für Wolfſtein die meiſte Liebe empfinde— ein ſalamoniſches Urtheil!— Aber bald verwarf er den Gedanken als zu grauſam, er bat Pirkheimer zu ſchweigen, bis man auf Birbaum Erkundigungen ein⸗ gezogen oder ſonſt auf gelegenere Zeit. Auch der ſanfte Dürer ſtimmte dem bei und meinte, ein Unglück erfahre man ja allezeit früh genug, und er wünſche nicht, daß dafür noch beſondere Staffetten etwa eingerichtet würden. Da ſie ſo ſprachen, ſtürmte plötzlich Georg Glo⸗ ckendon in das Gemach— er ſah aus, als ſei er ſolch' eine Staffette, die ein Unglück zu verkündigen habe— ſein Geſicht war bleich, ſein Anzug in Unordnung und naß, eben ſo ſein ſonſt zierlich geordnetes Haar; athem⸗ los erſchien er wie vom ſchnellen Lauf, und der Sprache kaum mächtig. Endlich ſagte er:„Verzeiht, Ihr Herren, wenn ich ſtöre— aber ich brauche Rath und Hülfe— die Sache leidet keinen Aufſchub!“ 31 „Was iſt geſchehen?“ „Was habt Ihr?“ „Welch' ein Unglück?“ fragten die Anweſenden, die ſein Anblick beſtürzt machte. „Ich ging an den Ufern der Pegnitz vor der Stadt ſpazieren,“ begann Ulrich,„als ich plötzlich ein Ge⸗ räuſch im Wäſſer hörte und einen ächzenden Schrei— ich wendete mich der Gegend zu, drang durch das Weidengebüſch und ſah ein braunwollenes Gewand über dem Waſſer— ich ſehe eine weibliche Geſtalt, ſpringe hinzu, hinein in die Wellen und es gelingt mir ſie zu erfaſſen und ans Ufer zu ziehen, aber nur unter großer Anſtrengung, denn ſie leiſtete hartnäckigen Widerſtand—“ „Eine Selbſtmörderin?“ fragte Erhard. Und Dürer;„Kanntet Ihr ſie?“ Pirkheimer:„Was iſt aus ihr geworden?“ Ulrich:„Iſt ſie noch am Leben?“— ſo drängten Alle auf einmal auf ihn ein. Wer ſie iſt?“ ſagte Georg düſter—„ach, ich kannte ſie wohl— und Ihr, Meiſter, kennt ſie auch.“ Ulrich zog die Stirn in Falten und warf einen ernſt prüfenden Blick auf den Jüngling. Der ſchien heraus zu fühlen, was dieſer Blick be⸗ * „ 6 11 2 deuten ſollte— er ermannte ſich und ſagte entſchloſ⸗ ſen:„Es iſt Gerhaus Storch.“ „Arme Gerhaus!“ ſeufzte Dürer, von ſchönem Mitleid erfüllt, das ihm ſogar die Augen feuchtete— „aber was können nun wir für ſie thun, was rathen und helfen?“ „Ihr hättet das Herrn Martin Löffelholz früher melden ſollen, denn uns,“ ſagte Pirkheimer, beinahe etwas ärgerlich geſtimmt. „Spottet nicht!“ rief Georg, der hat ſie eben ver⸗ ſtoßen, und da hat ſie ſich ein naſſes Aſyl geſucht— da ich ſie ihm wider ihren Willen entriß, bin ich ver⸗ pflichtet ihr ein anderes zuzuweiſen.“ „Wiſſen das noch Andere außer Euch,“ ſagte Pirkheimer,„ſo dürft Ihr ſie der gerichtlichen Strafe nicht entziehen, die auf dem Verſuch zum Selbſtmord ſteht— dann gehört ſie in's Loch.“ Georg ſah Pirkheimer mit großen Augen an, und ſagte dann mit einer Stimme, die vor verhaltener Entrüſtung leiſe zitterte:„Herr kaiſerlicher Rath— man rühmt überall Euere Humanität und Güte— deſſen hätt' ich mich zu Euch nicht verſehen, daß Ihr ein verzweifeltes Mädchen, das ſchon unglücklich genug iſt, noch einem hochrathpeinlichen Gericht überant⸗ ——,— 33 worten möchtet— dann freilich hätt' ich vor Euch ſchweigen ſollen.“ „Gemach, junger Freund!“ rief Ulrich,„in den Pflichten der Menſchlichkeit ſind wir hier Alle einig— aber Ihr könntet Euch in den Verdacht bringen, die Dirne ſei Euch ſonderlich an's Herz gewachſen!“ „Auch Ihr!“ rief Georg ſchmerzlich bewegt;„o freilich! das hätt' ich wiſſen können, daß auch Ihr mich verdächtigt!“ „Still! komme zu dir!“ ſagte jetzt Meiſter Dürer beſchwichtigend zu ſeinem Lehrling;„es iſt Niemand hier, der dich, noch Gerhaus verräth— aber rede die volle, lautere Wahrheit!“ fügte er noch ernſter hinzu, „und dann wollen wir entſcheiden, was zu thun iſt.“ Georg ergriff die Hand des verehrten Meiſters, die ſo weiß und ſchmal war, als ſei ſie niemals zu einer Arbeit gebraucht worden, drückte ſie halb be⸗ ſchämt, halb dankerfüllt an ſeine naſſen Augen und erzählte:„Als ich Gerhaus aus dem Waſſer an's Ufer gelegt, konnte ſie ſich lange nicht erholen, ob⸗ wohl ſie doch kaum einige Minuten darinnen geweſen und das Waſſer jetzt gar lieblich warm iſt, gleich der Luft— ſie ſchüttelte ſich wie im Fieber und geſtand, daß ſie ſchon krank geweſen und kaum vermocht habe bis hierher zu gehen, wohin ſie ein Entſchluß der Ver⸗ 1861 XR. Die Schultheißentöchter von Rürnberg MI. 3 34 zweiflung getrieben— nicht gar weit von uns ſtand eine Fiſcherhütte— ein Fiſcher zog eben ſeine Netze davor auf— ihn fragt' ich, ob er ihr nicht einen Platz darin gönnen wollte, und vielleicht andere Sachen, bis die ihrigen getrocknet, denn ich hatte geſehen, daß die Hütte von Weib und Kind bewohnt war. Mitleidig nickte er und half mir die halb Bewußtloſe hinein⸗ ſchaffen, dann folgte er mir wieder hinaus, nachdem er ſie ſeinem Weibe übergeben hatte. Aber es dauerte nicht gar lange, da hörten wir ſie jämmerlich ſchreien und meinen Namen rufen.„Ihr habt mir einen ſchlech⸗ ten Dienſt erwieſen, wenn Ihr mich hier laſſen wollt— und daß ich nicht zehn Schritte gehen kann, fühl' ich in allen Gliedern.“ Soll ich Euch nicht zu Euern Vater ſchaffen? fragte ich.„Nur nicht zu ihm,“ ſchluchzte ſie,„er hat mich verſtoßen.“„Da hat er auch recht daran gethan,“ ſagte das Fiſcherweib und überhäufte ſie mit allen möglichen Schimpfnamen— ſie kannte die Storch von dem Fiſchhandel her, da ſie ihre Einkäufe hier machten.— Soll ich's dem Rathsherrn ſagen, daß er für Euch ſorge? fragt' ich, ſeinen Namen wollt' ich nicht nennen.„Bei dem,“ hohnlachte ſie,„würdet Ihr Euch ſchlechten Dank holen für Euere Mühe; laßt ihm und alle Leute den⸗ ken ich ſei todt!“ So geh' ich in den Siechkabel,“ 35 ſagt' ich, und hole Leute, Euch da hinein zu tragen. „Aber ſeid barmherzig und tragt mich wieder in das Waſſer!“— Ich entſetzte mich wohl über ſolche Reden, wenn ich auch denen der Fiſcherfrau Einhalt zu thun ſuchte— endlich ſagt' ich, ſo wolle ich ſie in ein Kloſter bringen zu den barmherzigen Schweſtern oder in's Klarakloſter, und da ſie wieder nichts davon hören wollte, ſtieß ich ſie mit dem Fuße an, und winkte ihr, ſie möge nur zum Schein darauf eingehen bis ich andern Rath geſchafft, denn die Fiſcherleute erklärten, ſie litten ſie nur bis zur Nacht, dann würden ſie dem Gericht Anzeige machen oder ſie hinauswerfen, gleich⸗ viel was mit ihr würde—(ein Selbſtmörder war unehrlich, dem Geſetz verfallen, mochte der Selbſt⸗ mord nur verſucht oder vollendet ſein, Unehre brachte die Berührung mit ihnen; auch über die todten Kör⸗ per ward Gericht gehalten und an den Lebenden ward es natürlich vollzogen). D'rauf flüſterte ſie mir zu: wenn ich Jungfrau Iſolden von Weichsdorf von ihr ſagen könne, der werde damit gedient ſein, wenn ſie am Leben bliebe, und wenn ſie die einmal ſprechen könne, ſie werde ſchon einen Rath wiſſen— da habe ich den Fiſchersleuten verſprochen bis zur Nacht wie⸗ der zu kommen, ſie zu belohnen, wenn ſie reinen Mund hielten und Gerhaus von ihnen fortzubringen.“ 3* „Und waret Ihr ſchon bei Jungfrau Iſolde?“ fragte Ulrich. „Wie konnt' ich mich in dieſem Aufzug in das Haus des Schultheißen wagen?“ entgegnete Georg, das hätte Aufſehen erregt— die Wahrheit konnt' ich dort am wenigſten ſagen und lügen mag ich nicht, bin auch nicht geſchickt genug mir irgend ein Mährlein auszuſinnen.“ „Das iſt eine ſehr dumme Geſchichte!“ ſagte der bedächtige Pirkheimer. „Ich bin nicht dafür, das Fräulein von Weichs⸗ dorf damit zu behelligen,“ ſagte Ulrich;„dieſe Ger⸗ haus iſt nicht nur ein übelberufenes Frauenzimmer, ſondern hat ſchon mehr als einmal verſucht, ſich an ſie zu drängen und ſie zu verunglimpfen.“ „Ein paar von meinen Knechten,“ ſagte Dürer nach einigem Beſinnen,„werden bald zur Hand ſein Euch zu begleiten, dann ſchafft Ihr ſie als eine Kranke in's Hoſpital der barmherzigen Schweſtern; wenn Ihr ſagt, daß ſie der Meiſter Dürer ſende, ſo wird man ſie aufnehmen ohne weiter zu fragen— ich habe der Stiftung jüngſt ein Altarbild zum Geſchenk ge⸗ malt.“ „Warum wollt' Ihr Euern Namen mit hinein miſchen,“ ſagte Pirkheimer;„das iſt unvorſichtig.“ 37 Darauf zog er ſeine gefüllte Börſe und gab ſie Georg mit den Worten:„Daraus mögt Ihr die Leute be⸗ zahlen, damit ſie reinen Mund halten!“ „Seht,“ lächelte Dürer,„es gibt ein Jeder eben nach ſeinem Vermögen, Ihr gebt Euer Geld— ich habe nichts zu geben als meine Kunſt und meinen reinen Namen— wo mit der einen nichts gedient iſt, nützt zuweilen der andere etwas— oder vielmehr ich bin ihn ſchuldig daranzu ſetzen, wo meine Kunſt vielleicht etwas verdorben hat.— Ihr wißt, ich habe das ſchöne Frauenzimmer gemalt“— und dabei warf er einen jener wunderbaren durchdringenden Blicke, in denen ſeine ganze milde Seele lag, auf Georg, daß dieſer erſt erröthend die Angen niederſchlug, dann aber ſie frei emporhob und ſagte: „Wahrhaftig, Meiſter, ich wäre nur der undank⸗ barſte Menſch, wenn ich nicht gern bereit wäre etwas für dieſe Gerhaus zu thun, ohne die ich vielleicht meine Jerta das Opfer eines Wüſtlings hätte ſehen müſ⸗ ſen— ich darf hier davon ſprechen, denn Ihr Herren alle ſeid ja mit davon unterrichtet worden.“ Ein reines Geſchöpf iſt es freilich nicht,“ ergänzte Dürer,„doch ſind wir nichtzu ihren Richtern berufen.“ „Warum blickt Ihr nun ſo finſter?“ fühlte er ſich jetzt ermuthigt Ulrich zu fragen. 38 „Ich lobe Euere That wie Euern Eifer für eine Unglückliche,“ antwortete er,„aber ich habe ſie immer nur von ihrer ſchlimmen Seite gekannt; der Dienſt, den ſie Euch erwies, geſchah ja auch in keiner guten Abſicht— fern ſei es von mir Enuch zurückhalten zu wollen, nur davor will ich warnen, ihren Worten zu vertrauen und auf die Ausſage eines ſolchen Geſchöpfes hin andere Perſonen zu beunruhigen.“ Dem ſtimmten Alle bei, und nun verließ Dürer mit Georg die Andern, um ſeine Knechte zu beordern. III. Ein Ziſchfang. Der Propſt Kreß, Bürgermeiſter Geuder und Martin Löffelholz kamen in heiterer Weinlaune von einer Gaſterei, und da der Abend ſo ſchön war, mach ten ſie mit einander einen kleinen Umweg an den Ufern der Pegnitz Am weſtlichen Horizont verklimmte eben der letzte Streifen des Abendrothes. Im blauen Halbdunkel des Himmels begann ein Sternlein nach dem andern zu flimmern und da und dort ſchwam eines auf den grünen Wellen des Fluſſes, der ſich zum Spiegel bot. Berauſchende Düfte ſtrömten aus blühenden Lindenbäumen und ſtritien mit denen, die dem aufgeſchichteten halbgetrockneten Heu entgollen. Ein unermüdlicher Finke ſang noch ein Abendlied und die Heimchen im Graſe zirpten ſo laut dazu, als wollten ſie es auch einmal aufnehmen mit einem ge⸗ fiederten Sänger. Der Nachtthau ſenkte ſich ſanft 40 hernieder und rings umher herrſchte ein harmoni⸗ ſches Flüſtern und Duften. Es war einer jener Abende, in denen die ſchöne Gotteswelt nur Frieden und Liebe zu athmen ſcheint. So keuſch und heilig iſt ſolch' ein Abend in der freien Natur, daß er faſt ſchon verdorben wird, wenn halb beranſchte Männer achtlos für ihre Um⸗ gebung dahinwandeln, mit der Zunge ſchnalzend, als prüften ſie noch einmal den Wohlgeſchmack der im Uebermaß genoſſenen Speiſen und in derben Späſſen einander überbietend. Die Fiſcher am Ufer, die eben ihr letztes Netz zu⸗ ſammenzogen, waren auch ein wenig ärgerlich dar⸗ über, freilich in einem andern Sinne, ſie wünſchten Ruhe um ihres Fanges willen und ihr hinterliſtiges Handwerk, die luſtig ſpielenden Fiſchlein zu berücken, paßte auch nicht zu dem Frieden in der Natur. Nur der Menſch mußte die Unruhe und den Un⸗ frieden in ſolch' heilige Stille bringen. Aber jetzt zogen die Fiſcher ſchwer an ihrem Netz — ſo hatten ſie doch noch mit einem reichen Zug das Geſchäft dieſes Abends beſchloſſen und die lau⸗ ten Spaziergänger hatten die ſtummen Fiſche nicht verſcheucht. . * 41 Schwer und ſchwerer zogen die Fiſcher an ihrem Netze und wie ſie es jetzt an's Ufer gebracht hatten und den Fang ſchon mit den Augen prüften, da zap⸗ pelte und hüpfte es nicht darin wie gewöhnlich, nur wenige Fiſche hingen in den Maſchen— am Boden ruhte eine kleine Kinderleiche. Die Flüche und Ausrufe der Fiſcher, ihre Geber⸗ den, in denen ſich zugleich Aerger wie Entſetzen aus⸗ ſprach, lockten die Vorübergehenden herbei. Die Fiſcher nahmen ehrerbietig ihre Mützen ab und der eine ſagte: „Das iſt noch ein Glück für uns bei allem Un⸗ glück, das wir gerade Zeugen haben bei unſerem Fang, und zwar gerade ein paar Rathsperſonen— da ſind wir doch aller Veranwortung ledig und der hochedle Rath hat ſie allein“— er ſah dabei beſon⸗ ders Löffelholz an, der ſich verfärbte und unwillkür⸗ lich einige Schritte zurücktrat. „Armes kleines Würmchen!“ ſagte der Propſt mit⸗ leidig,—„ach, es iſt gewiß wieder ein Kind der Sünde.“ Der eine Fiſcher hatte eben eine Bemerkung hierzu auf der Zunge, die er nur unterdrückte, weil er ſich beſann, daß Herr Kreß ja auch dem geiſtlichen Stande angehörte. 42 Löffelholz aber blinzelte ihm hinter deſſen Rücken zu, als wolle er die halbangedeutete Bemerkung be⸗ ſtätigen. „Es kann noch nicht lange im Waſſer gelegen ha⸗ ben“, ſagte Bürgermeiſter Geuder,„vielleicht nur einige Stunden, es iſt ja noch ganz unverſehrt, länger iſt es wohl auch nicht todt— jedenfalls iſt es ein neugebornes Kind, das auf dieſe Weiſe hätte beſeitigt werden ſollen und es muß auf einen Kindesmord ge⸗ ſchloſſen werden— habt Ihr nichts Verdächtiges be⸗ merkt, kein Frauenzimmer am Ufer geſehen?“ Die Fiſcher verneinten.— Löffelholz athmete erleichtert auf, dann aber ſchon wieder weniger, als einer der Fiſcher ſagte: „Da müſſet Ihr wohl weiter oben nachforſchen, denn ein Körper, der nicht ſchwerer iſt als der, ſinkt nicht gleich unter, ſondern ſchwimmt langſam weiter, — uns iſt er wahrſcheinlich in das ausgeworfene Netz geſchwommen.“ „Ihr habt recht“, ſagte Löffelholz mit Eifer, dieſer Anſicht beipflichtend,„wahrſcheinlich iſt es gar kein Nürnberger Kind und man wird ſich vergeblich bemü⸗ hen die Thäterin zu ermitteln.“ „Das nun wieder nicht“, ſagte der Fiſcher, dem ſeine in der Natur geſammelten Erfahrungen mehr 43 Wiſſen von den Naturgeſetzen und Vorgängen ver⸗ ſchafft hatten als dem gelehrten Herrn da die Erfah⸗ rung,„ſo ſchnell geht es wieder mit dem Schwimmen nicht, da die Pegnitz jetzt gerade gar langſam fließt, es kaun auch ſein, daß es hie und da von den Weiden aufgehalten worden. Nürnberg wird das Kind wohl auf ſeine Rechnung nehmen müſſen.“ Löffelholz machte ein verdrießliches Geſicht und ſagte zu dem Bürgermeiſter: „Die Sache iſt doch nicht der Rede werth, uns hierbei aufzuhalten und uns um den ſchönen Abend zu bringen.“ „Herr Löffelholz“, mahnte jetzt Martin Geuder, indem er ſich mit Würde aufrichtete, im Bewußtſein, das Wohl der ganzen Stadt auf ſeinen gravitätiſchen Schultern zu tragen, und zugleich eingedenk der Fflicht vorerſt Bürgermeiſter und dann erſt Menſch und Ge⸗ ſellſchafter zu ſein, ſelbſt den Rauſch ſo weit über⸗ wand, daß davon eben nichts weiter zurückblieb, als ein erhöhter Trieb zum Handeln und eben zu zeigen mit welcher Gewiſſenhaftigkeit er bereit ſei, in jedem Moment ſeines Amtes zu warten:„Herr Löf⸗ felholz, von mir hat noch niemals Jemand ſagen kön⸗ nen, daß ich mir eine Pflicht vom Halſe ſchaffte oder vernachläſſigte, weil ſie nicht zu gelegener Zeit von, 44 mir gefordert wurde, und gerade darum werde ich Alles aufbieten, die Rabenmutter dieſes Kindes zu entdecken und auch den Rabenvater, der ſie vielleicht zu dieſer verruchten That getrieben.“ Das vom Wein ſchon geröthete Geſicht des Raths⸗ herrn flammte jetzt trotzdem noch in einem höheren Roth— er wollte etwas ſagen und doch auch wieder verſchlucken, man ſah es ihm an, daß er Empfindun⸗ gen hatte, welche ihm die Kehle zuſchnürten— end⸗ lich ſagte er mit erzwungenem Lächeln;„So viel Eifer wäreeiner beſſern Sache werth, dergleichen kommt ja faſt täglich vor.“ „Ihr übertreibt— tagtäglich“, fiel ihm der Propſt in's Wort,„ein ſolches Sodom iſt unſer Nürnberg denn doch noch nicht.“ „Nun, ſo will ich ſagen allwöchentlich, oder all⸗ monatlich, es verſchlägt nicht viel— aber welche Maßregeln gedenkt Ihr nun zu ergreifen, Herr Bür⸗ germeiſter?“ fragte Löffelholz und nahm nun ſelbſt eine dienſtfertige Miene an. „Ihr lieben Leute“, wandte ſich Geuder jetzt zu den Fiſchern, von denen ſich der eine mit ſeinen Fiſchen beſchäftigt hatte, während der andere der Herren lauſchte und überlegte, daß, wenn er dem Rath jetzt irgend einen Dienſt erweiſen könne, der traurige Fang, den 45 er gethan, am Ende doch nicht ſo übel für ihn wäre: „Wollte nicht einer von Euch dies corpus delicti da in die Stadtvogtei tragen, wohin wir folgen, um dort das Gutachten des Stadtbaders zu vernehmen — dabei fragt aber oder forſcht Beide am Ufer unter den andern Fiſchern und Bewohnern, ob ſie nicht Je⸗ mand geſehen, der dieſe Unthat verübt haben könnte, und was Ihr höret, das hinterbringt noch heute oder morgen in der Frühe uns in das Rathhaus, es ſoll Euer Schade nicht ſein.“ Der Fiſcher wickelte das Kind in einen Sack, den er mit bei der Hand hatte und ſchlug den Weg nach der Stadt ein, auf dem die drei Herren folgten. Aber nach einigen Schritten ſtand Löffelholz ſtill und ſagte:„Wollt Ihr denn wirklich gleich einer Leichen⸗ begleitung ſo hinterdrein ziehen? Der Geiſtliche bei einem ungetauften Kinde und zwei Rathsherren— es iſt ein ſtattliches Gefolge!“ „Spottet nur“, entgegnete der Bürgermeiſter, „ich thue, was meines Amtes iſi War Löffelholz noch nicht ernüchtert? war er noch trunken?— Er ſchritt jetzt ſchweigſam weiter, aber zuweilen war es, als ob ſeine Knice gewankt hätten. Inzwiſchen war der zurückgebliebene Fiſcher auf 46 einem andern Wege die Pegnitz entlang zu ſeinen Ka⸗ meraden geeilt, um zu erzählen, zu fragen, zu forſchen, vielleicht einen Preis zu verdienen durch die Ent⸗ deckung eines Verbrechens— aber auch außerdem ſchon vor Begierde brennend, etwas Neues, Unge⸗ wöhnliches, das er erlebt, weiter zu verbreiten. So kam er denn auch in die Nähe der Hütte, in der vorhin Gerhaus Aufnahme gefunden. Unweit da⸗ von ſpülte die Frau noch Wäſche im Fluß. Schon war es ziemlich dunkel geworden. „Ihr ſeid noch fleißig?“ leitete der Fiſcher ſeine Unterhaltung ein—„iſt Euer Mann ſchon ſchlafen?“ Ein mürriſches„Nein!“ war die einzige Ant⸗ wort. Der Fiſcher ließ es ſich nicht verdrießen weiter zu fragen, um endlich ſeine ſchauderhafte Hiſtorie zu erzählen— er that es nicht ohne Behagen— es war doch einmal ein ungewöhnliches Ereigniß. „Jeſus Maria!“ rief die Frau und ließ unver⸗ merkt vor Schrecken ein Stück Wäſche aus ihren Häu⸗ den ſchlüpfen, das nun die Wellen entführten—„hab' ich es nicht gleich geſagt! Und ſo Gräßliches muß mir geſchehen! Hab' ich's der frechen Dirne doch gleich angeſehen— nun ſoll mein Mann nur noch einmal 47 kommen und mir nicht recht geben, oder nicht wollen, wie ich will!“ Mit den Fäuſten nach der Hütte zuge⸗ wendet, begleitete ſie dieſe Drohung, ſo daß die Ge⸗ berde noch deutlicher ſprach als die Worte. Doch auch daran ließ ſie es nicht fehlen und, um ihrem nun ge⸗ rechtfertigten Unwillen freien Lauf zu laſſen, erzählte ſie, daß Gerhaus Stroch, die Tochter„des geſalzenen Fiſcher“, von einem jungen Menſchen lebendig aus dem Waſſer gezogen worden ſei, und daß der Fiſcher, der Mann der Erzählerin, ihr Obdach bis auf die Nacht gewährt habe— nun ſei es klar, daß ſie ihr Kind der Schande ertränkt und auch ſich ſelbſt habe ein Leid anthun wollen— und in dieſe Erzählung waren unzählige Schimpfworte verwoben für Ger⸗ haus wie für die Männer überhaupt, und die Roh⸗ heit, mit der ſie ſich dabei ausſprach, zeigte weniger Schauder über das begangene Verbrechen, als von dem Triumph, recht gehabt zu haben. In ſolcher Wuth ſtürzte ſie in die Hütte, mit ſol⸗ cher Wuth und ſolchen Schimpfworten drang ſie auf Gerhaus ein, die qualvoll in heißen Fieberphantaſien auf ihrem Lager ſich wälzte. Jetzt war auch die Barmherzigkeit des Fiſchers zu Ende, der bisher die Unglückliche beſchützt hatte— die Erzählung ſeines Kameraden mit dem zuſammen⸗ 48 geſtellt, was er ſchon ſelbſt gehört und erlebt hatte, machte es nur allzu wahrſcheinlich, daß Gerhaus eine Kindesmörderin war. Sie ſelbſt ſtand keine Rede, ſie ſuchte nur vergeblich ſich aufzuraffen, um zu fliehen, dann rang ſie die Hände, ſchüttelte ihr ſchwarzes auf⸗ gelöſtes, noch naſſes Haar, daß es in dichten Sträh⸗ nen ihr leichenhaftes Geſicht überfloß, ihr Kopf fiel hinten über und die dunklen Augen drehten ſich un⸗ heimlich im Kreiſe. „Nun will ich es dem Roth melden“, ſagte der Fiſcher, der dieſe Aufklärung gebracht hatte, und ſein Geſicht leuchtete vor innerm Vergnügen, ſich eines ſolchen Auftrages entledigen zu können.„So lange, bis ich mit ein paar Stadtknechten zurückkehre, müßt ihr die Dirne ſchon noch beherbergen.“ Aber das Fiſcherweib wollte die Hütte keine Mi⸗ nute länger von einer ſolchen Verbrecherin verunehren laſſen, ſie ſpie ſie an, trat ſie mit Füßen und wollte ſie von ihrem Lager emporreißen und zur Thüre hinaus⸗ ſchlendern.— Die Männer hatten Mühe, dies Be⸗ ginnen zu hindern— nicht durch Worte des Mitleids für eine ſo große und darum um ſo bejammernswür⸗ digere Sünderin war dies zu ermöglichen, noch ward es auch nur verſucht, ſondern allein durch die Vorſtel⸗ lung, daß, wenn ſie am Ende unter dieſen Mißhand⸗ 49 lungen ihren Geiſt aufgebe, der Gerechtigkeitspflege ein Opfer entgehe und man um das Schauſpiel komme, eine Kindesmörderin richten zu ſehen. Hauptſächlich aber leuchtete der Frau ein, daß man Gerhaus einſt⸗ weilen in der Hütte, bis die Stadtknechte kämen, darum behalten müſſe, um— nicht etwa Barmher⸗ zigkeit zu üben, daß ſie draußen ſterben könne, oder aus Beſorgniß, daß ſie entfliehe, denn um weit zu kommen war ſie doch zu ſchwach, ſondern um ihre Aufnahme in der Hütte nicht als etwas, das Unehre bringe, ſon⸗ dern vielmehr als Verdienſt erſcheinen zu laſſen. Man hatte ein Verbrechen entdeckt und die Verbrecherin feſtgehalten— das war eine Heldenthat, die jeden⸗ falls auch ihren Lohn finden mußte. Damit konnte man ſich wichtig machen und die Sache erhielt auf dieſe Weiſe ein ganz verändertes Anſehen. „Der junge Burſche, der die Dirne ſo höchſt überflüſſiger Weiſe aus dem Waſſer zog“, ſagte die Fiſchersfrau,„mag nun doch wohl dahinter gekom⸗ men ſein, was für eine ſaubere Perſon er gerettet und wird ſich nicht wieder um ſie herbemühen, es ſei denn mit den Stadtknechten— nun, und käme es anders, ſo will ich ihm ſchon die Wege weiſen, daß er Reiß⸗ aus nimmt— oder beſſer, wir halten ihn feſt und laſſen ihn mit ihr beiſtecken.“ 1861. XX. Die Schultheißentöchter von Nürnbeig. 1I. 4 50 Etwa eine halbe Stunde verging, Gerhaus lag ſtumm und regungslos, gleich einer Todten, nur an den ſchweren Athemzügen, die ſie zuweilen that, war zu bemerken, daß ſie noch lebte. Der eine Fiſcher war zur Stadt gegangen, der an⸗ dere ſchnarchte in einem Winkel der Hütte, nur die Frau ging draußen aufgeregt hin und her und ſpähte immer, ob nicht bald noch Jemand, dem ſie ihre ſchaudervolle Mähr'erzählen könnte, oder noch beſſer, ob ſie nicht die Stadtknechte erſpähe, die ſie von dem überläſtigen Beſuch befreien ſollten; ſobald ſie deren Kommen nur von fern bemerkte, wollte ſie hinein, um Gerhaus das ſie ereilende Geſchick zu verkünden und ſich an der Verzweiflung und dem Entſetzen ihres Opfers im Voraus zu weiden. Jetzt knirſchten gewichtige Tritte anf dem Sande — diesmal täuſchte ſie ſich nicht wie ſchon manchmal, wo ſie die rauſchenden Weiden für menſchliche Geſtal⸗ ten nahm, jetzt tauchten wirklich Männer darüber em⸗ por— drei Perſonen konnte ſie unterſcheiden.„Sie kommen!“ rief ſie triumphirend, zur Hütte gewendet. Aber noch einmal ſchaute ſie hin— dieſe Männer hatten eine Trage mit ſich— das waren die Stadt⸗ tnechte nicht, ſo glimpflich behandelten die keines ihrer Opfer, und wäre es eine Sterbende geweſen— die 51 würden nur Stricke mitbringen, ſie zu binden und ſie damit fortzuſchleifen, falls ſie nicht Kraft haben ſollte zu gehen Jetzt erkannte ſie den Retter von vorhin. Sie eilte zur Hütte, ſtellte ſich vor die Thür, ſtemmte die Arme in die Seiten und ſtand hier wie ein trotziger Feldherr, bereit— jeden Angriff zu erwarten und zurück zu werfen. Vorerſt aber wollte ſie eine Zungenſchlacht liefern; als Georg Glockendon ſich ihr näherte und ſagte: „Da ſind wir, die Unglückliche in ein Siechhaus zu bringen,“ ſchlug ſie ein gellendes Gelächter auf, er⸗ goß ſich in neuen Schimpfreden, fragte Georg höh⸗ niſch, warum er denn ſein Werk nur halb gethan und nicht auch den Balg mit gerettet und ob er denn auch eine Kindesmörderin beſchützen wolle? Und mit einer Gemeinheit immer die andere überbietend, ſetzte ſie Fragen und Erzählen fort. Vergeblich wäre es geweſen, hätte Georg dieſe Suade unterbrechen wollen— er war auch viel zu beſtürzt es zu thun— er hatte Gerhaus wohl als leichtfertig gekannt, er hätte jetzt annehmen können, daß ſie noch tiefer geſunken und daß die Verzweiflung ſie angetrieben, den Tod zu ſuchen— das Grauen vor der Selbſtmörderin, das ſeiner Zeit gemäß war, 4* 52 konnte er überwinden— aber das vor einer Mörderin lähmte auch ſeine helfende Hand— ihn machte das Entſetzen ſtumm— ſeinen Begleitern entlockte es Flüche und der Eine von ihnen überhäufte Georg mit Vorwürfen, daß er ihn zu einem ſolchen Gang ver⸗ leitete. Das Fiſcherweib triumphirte. Endlich ſagte Georg:„Wenn es iſt, wie Ihr be⸗ richtet, ſo kann es weder dieſen ehrſamen Leuten noch mir ſelbſt einfallen, hier etwas ohne das Vorwiſſen einer hohen Obrigkeit zu thun— indeß kann ich aber nicht wiſſen, ob Eure Erzählung wahr iſt, da Ihr ſchon dieſen Nachmittag denſelben Widerwillen gegen das Frauenzimmer kund gabt, ohne daß ihn Euer Mann noch ſonſt Jemand getheilt hätte.“ „Weil mein Mann von ſchweren Begriffen iſt— oder vielmehr, weil alle Männer den liederlichen Dir⸗ nen die Partei nehmen.“ „Laßt mich ſie nur ſelbſt ſehen und ſprechen!“ verlangte Georg,„wer weiß denn ſonſt, ob ſie noch drinnen iſt?“ „Davon könnt Ihr Euch überzeugen!“ ſagte der Fiſcher, der indeß über das Lärmen erwacht war und ſeine Frau an der Thür auf die Seite ſchob. Gerhaus hatte das Geſpräch draußen zum Theil 53 gehört, ſie hob ihre Hand gegen Georg und ſagte, ihre matte Stimme ſo laut ſie konnte erhebend:„Ihr köunt mich jetzt nicht retten— und Ihr wollt' es auch nicht mehr.“ „Gerhaus!“ verſetzte Georg,„wenn es wahr iſt, was dieſe Leute behaupten—“ „So habt Ihr kein Recht mich zu verdammen!“ rief ſie,„oder ſoll ich Euch danken, daß Ihr mich dem ewigen barmherzigen Richter, zu dem ich mich und mein Kind flüchten wollte, entzoget, um mich den barbariſchen irdiſchen Richtern und ihren Henkers⸗ lnechten zu überliefern? Man wird mir die gräßlich⸗ ſten Martern bereiten und ſie werden über Euch kom⸗ men, Ihr werdet nicht mein Retter ſein, wie Ihr Euch einbilden möchtet, ſondern mein Henker. Das iſt der Dank, den Ihr mir gelobtet.“ Georg ſchlug die Augen nieder und ſagte traurig: „Was kann ich dafür— ich that nur meine Pflicht — und dann hätte ich beinahe um Euretwillen meine Pflicht übertreten.“ „Ihr könnt mir noch helfen, ohne das zu thun!“ rief ſie,„Ihr habt da einen Degen an Eurer Seite unterm Mantel verborgen, ſtoßt mich damit nieder“ „Nimmermehr!“ 54 „Nun denn— waret Ihr bei der Schultheißen⸗ tochter?“ „Nein!“ Gerhaus wendete ſich wie in Erbitterung ab. „Mein Meiſter widerrieth es mir.“ Gerhaus ſtieß einen Schrei aus.„Ihm ſagtet Ihr!“ jetzt erſt war ſie in ihrer Schande vernichtet, ſeit ſie Dürer bekannt geworden. „Er gab mir dieſe Leute mit, Euch zu helfen—“ Und nun wieder ein Schrei der ſeligſten Freude aus der geängſtigten Bruſt einer Unſeligen— eine Pauſe trat ein— dann aber ſchüttelte ſie den Kopf — ſie fühlte ſich zu verworfen, die Barmherzigkeit dieſes einzigen Heiligen anzurufen, an den ſie wirklich aus tiefſter Secle glaubte— die Verbrecherin konnte nur noch einen Verſuch mit einem Verbrecher wagen, nicht durch Bitten und Beichten, ſondern durch Dro⸗ hung eines Verrathes. „Ihr könnt etwas für mich thun— geht zu ihm — bei dem ich zuletzt war und ſagt ihm, daß ich ſchweigen will über Alles, wenn er mir hilft, daß ich loskomme— er kann es.“ Sie ſprach das ſo leiſe, daß nur Georg, der ſich ihr nahe gebeugt, es hören konnte. „Ich will es verſuchen,“ antwortete er erweicht. 55 „Eure Hand darauf.“ Er zog ſie nur weiter von ihr fort— ſeine reine Hand ſollte die Berührung einer Mörderin nicht beſudeln. Gerhaus ſank vernichtet zurück. Georg ging ſchweigend. Nicht lange, ſo kam der Fiſcher mit den Stadt⸗ knechten. „Sie hat es ſchon geſtanden!“ ſagte das Fiſcher⸗ weib triumphirend,„wir haben ſie ſchon zum Geſtänd⸗ niß gebracht!“ „So hat man nicht erſt nöthig ſie durch die Folter in der Güte zu befragen,“ meinte der eine Stadtknecht. Der Fiſcherfrau war ein Theil ihrer Freude ver⸗ gällt— hätte ſie gewußt, daß Gerhaus nach einge⸗ ſtandener That die Tortur erſpart würde, ſo hätte ſie nie dieſe Aeußerung gethan. IV. Stiefmutter und Stieftochter. Der Schultheiß war in einer auswärtigen Expe⸗ dition verreiſt. Anna lag bereits in den Armen des Schlafes, des einzigen Freundes, der ihrem zermarterten Herzen Ruhe brachte. Die Dienerſchaft hatte ſich die Abweſeaheit des Hausherrn zu Nutzen gemacht und warauch zeitig zur Ruhe gegangen— in dem ganzen großen Hauſe wa⸗ ren alle Fenſter dunkel bis auf zwei, je eines im er⸗ ſten und zweiten Stock— im erſteren brannte die helle Lampe Iſolden's, im letzteren die trübe Nacht⸗ lampe der Schultheißin, die ſich, namentlich wenn ſie allein war, fürchtete im Finſtern zu ſchlafen. Iſolde wachte noch über einem Paket Briefe und Dokumente, welche ihr dieſen Nachmittag ein fremder, zerlumpter Knabe übergeben hatte. Auf ihre Fragen 57 woher? und an wen?(denn das wohlverſiegelte Paket hatte keine Adreſſe) war nur ſeine ſchnelle Antwort geweſen, daß es ihm ein Frauenzimmer für Fräulein Iſolde von Weichsdorf gegeben, und daß ſie ſchon das Uebrige darin leſen würde— und damit war der Knabe verſchwunden. Natürlich öffnete Iſolde, die allein war, das ge⸗ heimnißvolle Paket. Der Name Adelgunde Ebener als Unterſchrift mußte zuerſt ihr in die Augen fallen— aber das Da⸗ tum war zwanzig Jahre früher. Die Blätter auch ziemlich ſchwer leſerlich— vergilbte Tinte auf ver⸗ grautem Papier— ſie las einen Brief— er war an Martin Löffelholz gerichtet und klagte ihn an ſie ver⸗ führt und dann das Kind in Hände gegeben zu haben, denen ſie es nimmer anvertraut hätte. Was war das?— Ein Moment der Verſuchung für Iſolde— wenn ſie weiter las, wenn ſie irgend ein verbrecheriſches Geheimniß entdeckte— ſchon hatte ſie die Beweiſe desſelben in Händen— ſie konnte damit vor den Rath, noch mehr, ſie konnte damit vor den Vater treten, ihre einzige Feindin, die verhaßte Stiefmutter, die Stö⸗ rerin einer ſchönen Häuslichkeit für immer daraus verbannen, vernichten! Wie ſtreng hielt der Schul⸗ 58 theiß auf Ritterehre und bürgerliche Tugend zugleich, wie wenig liebte er ſchon noch jetzt ein Weib, das ihn und ihre Umgebung nur quälte und in dem er ſich ſo arg getäuſcht! würde, mußte er ſie nicht verſtoßen? war dann nicht das ganze Haus befreit von einem Geſchöpf, das ſeinen Mitmenſchen jede heitere Stunde vergiftete? Aber um welchen Preis! Bei ſeinen Begriffen von Ehre ertrug der Schultheiß eine ſolche Beſchim⸗ pfung ſeines Namens nicht— er würde keinen Frie⸗ den finden, ſondern an der offenbar werdenden Schmach zu Grunde gehen. Von zwei Uebeln werde ihm immer noch das kleiner erſcheinen, das ihn zu einem ge⸗ quälten, als das ihn zu einem betrogenen Gatten mache— nie ſollte er erfahren, was einmal ſo lange Geheimniß geblieben, nie die Welt! Aber was ſollten dieſe Papiere ihr? Sie betrafen faſt alle Löffelholz, und Iſolde ſuchte vergeblich darin nach irgend einem an ſie oder jemand Andern gerich⸗ tetem Blatt neueren Datums, das über den Zweck dieſer Sendung Aufſchluß geben konnte. Hier mußte ein Irrthum obwalten— wahrſcheinlich war dieſe Sendung nicht für ſie, ſondern für die Schultheißin beſtimmt— ein Kind konnte ja ſo leicht ſich irren— Iſolden's Entſchluß war gefaßt— ſie wollte die 59 Ehre des Hauſes retten, wenn es möglich war— auch 2 Anna ſollte Nichts erfahren. So ging Iſolde erſt am ſpäten Abend die Treppe hinab— keine Thür war im erſten Stock verſchloſſen — ſie pochte an der letzten, die in das elterliche Schlaf⸗ zimmer führte. Ein mürriſches:„Was gibt's?“ antwortete drin⸗ nen— die Schultheißin glaubte, es ſei eine Dienerin, die noch irgend etwas zu ſagen oder zu bringen habe. Iſolde öffnete. Die Schultheißin fuhr im Beite zuſammen und i die Eintretende an, als ſehe ſie ein Geſpenſt — ſo ſchwebenden Schrittes auch trat Iſolde ein und hertt ſich dem breiten Lager, das an drei Seiten frei ſtand und an jeder Längenſeite ein kleiner Nacht⸗ liſch und ein Seſſel. Sie kam ſo ſchwebenden und langſam zögernden Trittes, daß die Schultheißin, die eben ſchon im erſten Schlaf geweſen, ſich vergeblich zu beſinnen ſuchte, ob ſie wache oder träume. „Verzeiht, daß ich Euch ſtöre,“ ſagte Iſolde, „man übergab mir dieſe Papiere; da ich ihren Inhalt aber nicht für mich beſtimmt halten kann und er Euch näher anzugehen ſcheint, ſo bringe ich ſie nun Euch, und ich glaube ſelbſt, daß es Euch lieb iſt, ſie in einer ungeſtörten Stunde zu empfangen.“ 60 Noch immer ohne ein Wort zu ſagen und zu be⸗ greifen riß ihr die Schultheißin mit einer verächtlichen und ärgerlichen Geberde das Pälchen aus der Hand und ſagte endlich:„Es iſt gut!“ wie um anzudeuten, daß ſich die Ueberbringerin entfernen könne. Dieſe aber trat nur einige Schritte zurück und ſagte dann:„Es wird beſſer ſein ich bleibe, da wir einander vielleicht noch einige Erklärungen zu geben haben, wenn Ihr einen Blick in dieſe Schriftſtücke gethan habt. Hätte ich ſie andern Händen anvertrauen wollen, ſo würde ich weder ſelbſt noch in dieſer Stunde zu Euch gekommen ſein!“ Die Schultheißin hatte das Pälchen geöffnet: „Jeſus Maria! Was iſt das?“ rief ſie und ward todtenblaß,„ich kann Nichts erkennen, es iſt zu dunkel!“ „Ich will Euch leuchten!“ ſagte Iſolde und trat wieder näher mit ihrer Lampe in der Hand. Vielleicht erſchien ſie der Stiefmutter wie eine Nemeſis, die eine ſchreckliche Fackel ſchwingt, ihr Opfer zu beleuchten oder zu verbrennen— ſie machte wieder eine abwehrende Bewegung voll Entſetzen— endlich raffte ſie ſich zuſammen und ſchrie in ihrem gewohnten ſcharfen Ton:„Durch welche Ränke kommt ihr zu dieſen Papieren? welche Teufeleien habt Ihr begangen, um das zu erreichen?“ 61 „Haltet ein!“ unterbrach ſie Iſolde mit gewohn⸗ ter Würde.„Es ſteht Euch niemals an, aber jetzt am wenigſten, eine ſolche Sprache gegen mich zu führen — ich werde Euch Rede ſtehen und dann werdet Ihr es mir auch thun!“ und einfach der Wahrheit gemäß berichtete ſie, wie ſie dieſe Briefe erhalten und fügte hinzu:„Nur zweierlei iſt möglich, entweder Herr Löffelholz wollte ſie Euch zurückſenden und wählte einen ungeſchickten Boten, der ſie, ſtatt der Gemalin, der Tochter des Schultheißen brachte— obwohl er ausdrücklich noch meinen Vornamen nannte, oder irgend ein Euch feindlich geſinntes Weſen raubte ſie ihm und ſandte ſie mir, um Eure Schande offenbar zu machen— daß es Herr Loöffelholz ſelbſt that, iſt nicht anzunehmen— er haßt mich nicht weniger, als wie ich ihn verachte.“ Halb beſinnungslos blätterte die Schultheißin in den Papieren— einige allerdings hatten gar keinen Bezug auf ſie, es waren Liebesbriefe anderer Frauen — Berrichte über ſie und ihr Ergehen von Männer⸗ hand— dann aber auch ſolche von und über Adel⸗ gunde und jener Brief neueren Datums ohne Unter⸗ ſchrift, den ſich Gerhaus von Georg hatte entziffern laſſen und in dem von dem Sohn die Rede war, der in Nürnberg als Predigermönch lebe. Und dies Alles wußte Iſolde! aber noch wußte es der Schultheiß nicht— er war ja verreiſt— erſt wenn er zurückkam, würde er es erfahren— wenn Iſolde geſchwiegen bis jetzt— vielleicht um ihr Schweigen der Schultheißin für irgend einen vortheil⸗ haften Preis zu verkaufen— wenn ſie geſchwiegen und ſie könnte jetzt für immer verſtummen— im Ne⸗ bengemach ſtand der Gewehrſchrank des Schultheißen, ſeine Frau war ſich ihrer körperlichen Stärke bewußt — ſie war ja allein mit ihr—— So k eiſten die wildeſten Gedanken im Hirn der verzweiflungsvollen Frau— ſie ſprang aus dem Bette auf Iſolde zu:„Steht Rede, wem habt Ihr dies Paket gezeigt?“ „Niemanden!“ „Kein einziges dieſer Papiere?“ „Kein einziges!“ „Könnt Ihr das beſchwören?“ „Ich kann es!“ Die Schultheißin riß ein Kruzifix von der Wand und hielt es Iſolden hin:„Beſchwört es darauf!“ „Mein Wort ſollte Euch genügen, aber ich will Euch auch dieſen Beweis geben!“ ſagte Iſolde und legte ihre Finger auf das Kreuz. Die Schultheißin athmete auf— aber das war 63 ja nur eine Gnadenfriſt— dieſer Schwur galt uur der Vergangenheit, nicht der Zukunft— aber als ſie überlegte, wie und womit ſie auch dieſen Schwur er⸗ kaufen könne, begriff ſie doch die Handlungsweiſe ihrer Stieftochter nicht, die zwar immer offen, aber auch immer klug geweſen war und hatte ſie eine Ueber⸗ eilung begangen, ſo war es eine, welche die Schwär⸗ merei ihres Herzens veranlaßt hatte— davon konnte aber jetzt nicht die Rede ſein, und ſo meinte jene, handle Iſolde in dieſem Augenblick äußerſt dumm, daß ſie dieſe Dokumente in Adelgunden's Hände gab, eine Bewegung der Hand bis zum Licht— und ſie waren vernichtet, die Beweiſe ihrer Schuld fehlten und ſchon hoffte ſie wieder durch neue Lügen ihre An⸗ klägerin vernichten zu können, wenn dieſe keine ſchrift⸗ lichen Beweiſe hatte— ſie hätte ſie ihr zeigen mögen, damit zu ſchrecken, aber nicht ſie in ihre Hände egen. Schon näherte die Schultheißin die Papiere der Flamme. Iſolde rührte keine Hand:„Ich glaube es iſt das Beſte was Ihr thun könnt,“ ſagte ſie,„auf dieſe Weiſe vernichtet ihr hoffentlich das letzte Band, das an dieſen ſchlechten Menſchen Euch knüpft, denn ich will glauben, daß Ihr nur darum noch Euch nicht ganz von ihm habt frei machen können, weil er Euch gedroht hat durch dieſe Papiere Eure Schuld zu be⸗ weiſen— daß dies der Preis war, um den Ihr einſt ihm ſelbſt Anna verkaufen wolltet.“ Adelgunde zog ihre Hand vom Lichte zurück— gab die Feindin ſelbſt dieſen Rath, ſo konnte es nur eine Falle ſein.—„Und mit welchem Preis ſoll ich Euer Schweigen erkaufen?“ fragte ſie— und die Stimme, die erſt faſt höhnend begonnen, zitterte doch am Ende. „Mit dem Eurer Beſſerung,“ antwortete Iſolde feſt. Fern ſei es von mir durch eine Anklage bei dem Vater ihm einen Schimpf zu bereiten, der ihm doch beſſer erſpart bleibt— wie ich ihn kenne, würde ein ſolcher ihn härter berühren als jedes andere Unglück — Ihr habt ihn ſo lange betrogen durch eine ver⸗ heimlichte Schmach— er wird nicht glücklicher da⸗ durch, wenn er ſie erfährt— erfährt er ſie niemals, ſo exiſtirt ſie für ihn nicht— und ſo ſeht Ihr, ich komme zu Euch— als Eure Bundesgenoſſin— „Iſolde!“ rief Adelgunde voll Staunen— und wenigſtens die Mordgedanken waren dahin—„redet Ihr im Ernſt?“ „Habe ich jemals mit Euch geſcherzt?“ fragte 65 Iſolde ziemlich ſtolz,„und würde ich es jetzt thun— und hier! Iſt es nur ein Fehltritt Eurer Jugend, den dem Vater, da er um Euch warb, nicht geſtanden zu haben Euer hauptſächlichſtes Verbrechen iſt— ich bin nicht Richterin über Euch— ich richte Euch, die Schuldige, nicht mit einem Schimpf wie Ihr Eliſabeth, die Unſchuldige, ſo oft zu richten verſuchtet— ich ziehe Euch nicht zur Verantwortung, ich fordere keine Beichte von Euch— aber ich fordere, daß Ihr Eures Vergehens eingedenk ſeid und bleibt, daß ihr das Un⸗ recht, das Ihr an unſerem ganzen Haus begangen, wenigſtens dadurch zu ſühnen ſucht, daß Ihr ſeinen Frieden erhaltet, während Ihr bisher nur darauf be⸗ dacht waret, ihn zu ſtören. Ich weiß es, daß Ihr mich haßt und ich leugne nicht, daß ich Euch nie ge⸗ liebt habe, von dem Augenblick an, da Ihr unſer Haus betratet— ich ſah einen Eindringling in Euch, ich ſah den Platz, den meine theure Mutter leer gelaſſen, durch Euch entweiht— nicht erſt der Beweis, den ich heute empfing, brauchte mein Vorgefühl zu beſtätigen, doch vielleicht bedurfte es ſeiner, daß ich offen mit Euch rede. Mich aber lernt Ihr vielleicht heute zum erſten Male kennen, Ihr ſeht, daß ich nicht Euch Bö⸗ ſes will, ſondern allein die Ehre und den Frieden un⸗ ſeres Hauſes Welche Geſinnungen ich auch immer 1861. XX. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. II. 5 66 für Euch hegen mochte— dieſe, ich weiß es, hab ich nie verletzt— und ſo geht hin und thut deßgleichen.“ Adelgunde war vernichtet auf ihr Bett zurück⸗ getaumelt— die Großmuth einer Feindin— das hatte ſie noch nicht erlebt— verſtreut lagen die Pa⸗ piere am Boden, die ihren Händen entfallen waren. „Es iſt herrenloſes Eigenthum,“ ſagte Iſolde, „und damit es Herr Löffelholz nicht zu Schaden An⸗ derer verwende, iſt es beſſer wir vernichten es, da es einmal auf ſo unerklärte Weiſe in unſere Hände ge⸗ tommen“— ſie zündete die Papiere an der Lampe an und warf ſie in den Kamin. Wohl dachte Iſolde daran, dieſe Sendung könne von Gerhaus kommen, da ihr dieſelbe ſchon vor ein paar Monaten am Frühlingsfeſt angeboten, ihr ein Geheimniß mitzutheilen, das ihre Stiefmutter ver⸗ derben möge— ſie hatte ſie zwar zurückgewieſen— aber ſie wußte, daß Gerhaus ein zudringliches Ge⸗ ſchöpf war und konnte annehmen, daß ſie den Dank für einen ſolchen Dienſt nach ihrer Anſchauung ſich ihrer Zeit ſchon holen werde. „Gute Nacht!“ ſagte ſie zu der verſtummten Adel⸗ gunde und wendete ſich, um zu gehen. Jetzt ſtürzte dieſe zu ihren Füßen nieder:„Wer⸗ ———— 67 det Ihr wirklich ſchweigen?“ rief ſie, noch immer un⸗ gläubig. „Ich redete aufrichtig mit Euch— Ihr könnt mir glauben— nicht aus Liebe oder Achtung für Euch will ich ſchweigen, ſondern aus Liebe und Achtung für meinen Vater.“ In dieſem Augenblick ſcholl von der Straße her⸗ auf der Ruf:„Kindesmörderin!“ Flüche und Hohn⸗ gelächter verworrener Stimmen folgten. Wie eine Raſende fuhr Adelgunde empor—„das iſt deine Großmuth! Schlange!“ rief ſie und ſtieß Iſolden von ſich— dieſe öffnete das Fenſter. Eine wüſte Menge zog unten vorbei— in der Dunkelheit war Nichts erkennbar— jetzt hörte man auch den Namen„Herr Martin Löffelholz.“ Ein Verzweiflungsſchrei Adelgunden's—„leben⸗ dig ſollen ſie mich nicht haben!“ rief ſie und ſtürzte in das Nebengemach. Wie Iſolde mit Licht ihr folgte, hatte Adelgunde ſchon aus dem wohlbekannten Waffenſchrank einen Dolch genommen und ſtieß ſich ihn jetzt in die Bruſt, ehe es Iſolde verhindern konnte— wie ſie mit der Lampe in der Hand auf ſie zuſtürzte, war es nur, als habe ſie ihr geleuchtet zu der gräuelvollen That. Blutend fiel Adelgunde in Iſolden's Arme—. 5* 68 dieſe klingelte, rief— es kamen Diener und Diene⸗ rinnen— auch Anna kam. Jſolde bei der Stiefmutter und um dieſe Zeit— das war ja noch niemals dageweſen— die Schulthei⸗ ßin blutete, aber ſie lebte noch— noch ſtand Iſol⸗ den's Fuß auf dem blutigen Dolch— eine Mörderin oder eine Selbſtmörderin— es war Eines ſo ſchreck⸗ lich wie das Andere— auch der Brandgeruch fiel auf, der aus dem Kamine kam— noch glimmte darin die Lohe des alten Papieres. „Sie pocken mich, ſie ſchleppen mich fort zur Tortur!“ ächzte die Schultheißin, als eine Dienerin und Anna ſie wieder hinaus auf ihr Bett trugen. „Was ging unten vor?“ fragte Iſolde, nachdem ſie vorerſt eine Dienerin nach dem Bader geſendet. „Man brachte eine Kindesmörderin ein, die Ger⸗ haus Storch,“ war die Antwort,„die Tochter des „geſalzenen Fiſchers“, ſie iſt bei Herrn Martin Löffel⸗ holz im Dienſt geweſen.“ „Werdet Ihr mich verrathen? Iſolde!“ flüſterte die Schultheißin,„gebt mich nicht der Schande preis.“ „Niemals!“ betheuerte Iſolde.„Ich hatte hier noch etwas abzugeben, berichtete ſie zu Anna und der Dienerſchaft gewendet,„und weil Fran von Weichs⸗ dorf allein war, ſchlief ſie mit dem Dolch in der 69 Hand— der Lärm auf der Gaſſe erſchreckte ſie, ſie wollte ſchnell dahin eilen, ſtieß an einen Stuhl, fiel, und fiel in den Dolch.“ „So iſt es!“ beſtätigte die Schultheißin. Sehr wahrſcheinlich klang nun dieſe Erklärung zwar nicht— indeß war ſie ja von Beiden vereint gegeben— ein Mordanfall konnte ja doch nicht geſche⸗ hen ſein— auch hätte ihn ja Niemand Iſolden zuge⸗ traut und eben ſo wenig der Schultheißin einen Selbſtmord— es war ja kein Grund dazu vorhan⸗ den— man mußte alſo ſchon das ſchnell erſonnene Mährlein glauben. Auch der Bader kam in denſelben Fall— für ge⸗ fährlich erklärte er die Wunde, doch machte er der Patientin Hoffnung, wie ihrer Umgebung. „Soll ich bei Euch wachen?“ fragte Iſolde die Schultheißin— „Ihr wolltet?“ „Wenn Ihr mich duldet?“ „Bleibt— aber ihr allein, ja Niemand ſonſt—“ Adelgunde fürchtete, ſie könne ſich durch Fieberphan⸗ taſien verrathen. Auch Anna wollte bleiben. „Nein, nein! ſie nicht!“ verlangte die Schulthei⸗ ßin gebieteriſch. 70 Iſolde winkte der Schweſter hinweg, im Neben⸗ zimmer ließ ſie zwei Dienerinnen bleiben, damit ſie dieſelben rufen könne, wenn ſie bedürfe. Im Krankenzimmer ward es noch einen Beiſtand ſtill bis auf einzelne ſtöhnende Laute der Kranken— nur zuweilen fuhr ſie krampfhaft geängſtigt empor und ließ ſich von Iſolde auf's Reue Schweigen geloben. So ging die Nacht vorüber, der Zuſtand blieb ſich ziemlich nicht vom Lager der Stiefmutter der nächſte Morgen, gleich. Iſolde wich Nach Mittag kam der Schultheiß wieder— es war ſchwer für Iſolde, auch den Vater zu belügen, noch nie hatte ſie es gethan, doch nun konnte ſie nicht abgehen von dem einmal Geſagt en, dann wäre ſie in neue Gefahr gekommen ihren Schwur zu brechen. Ihm kamen dabei doch eigene bange Gedanken— wenn er doch zu hart geweſen wäre, ein allzu rauher Mann? War es doch kurz vor ſ einer Abreiſe, wo er ihr mit Scheidung gedroht, wo er ihr aufgegeben, ſich mit Iſolde zu verſöhnen— und in welch' hohem Grade war dies nun geſchehen! wenn ſie ſich doch ſelbſt ein Leid angethan hätte, weil er noch niemals ſo ernſt und drohend ſich ausgeſ prochen?— Aber er verſchloß in ſich, was im Herzen und Gewiſſen zu⸗ 71 gleich ſich regte— wie hätte er es den eigenen Kin⸗ dern preisgeben mögen? Als der Tag ſich neigte, verlangte Adelgunde nach einem Prieſter, um ihm zu beichten. Der Pfarrer von St. Lorenz ſelbſt konnte nicht kommen— er ſandte ihr einen Subſtituten— einen jungen Predigermönch, der jetzt öfter die Beichte hören mußte in St. Lorenz. Pater Crescentius war ſchon einmal im Hauſe des Schultheißen geweſen, nicht um Beichte zu hören, ſondern um ſie abzulegen, damals, als der Schenk von Limburg ſelbſt den Ketzern Abſolution ertheilt hatte. Iſolde empfing ihn als er kam— an der Stimme, mit der er ſie begrüßte und nach der Beichte begehren⸗ den Seele fragte, erkannte ſie den Prieſter, dem ſie ſelbſt gebeichtet— daß es auch derſelbe war, für den ſie ſich ſelbſt bei dem Biſchof verwendet, wußte ſie nicht— ſie ſchlug erröthend die Augen vor ihm nie⸗ der, da ſie, ſich verneigend, ihm die gewünſchte Aus⸗ kunft gab und in das Krankenzimmer führte— auch er wußte jetzt, daß er dieſe edle Stimme ſchon gehört, ſchon ein echt weibliches und ein titanenhaftes Bekennt⸗ niß von ihr gehört hatte. Sie führte ihn zu der Schultheißin und ließ ihn 72 mit ihr allein— ſie ſelbſt nahm im Rebenzimmer um Fenſter Platz und ſchaute in Gedanken hinab auf die Straße, auf der es jetzt ſtill war, denn die Geſchäfte des Tages ruhten bereits und ein ſchöner Sommer⸗ abend hatte die Leute bereits hinaus in's Freie gelockt und noch ſchien die Zeit der Rückkehr nicht gekommen zu ſein. Sie horchte nicht, aber bei ihrem fein orga⸗ niſirten Gehör und der Stille, die ringsum herrſchte, konnte, ja mußte ſie wohl hier und da einige Worte vernehmen. Die Schultheißin beichtete ihre Sünden— ihre jüngſten, den aus Angſt und Schrecken verſuchten Selbſtmord, der ſie auf dies Kranken⸗, vielleicht Sterbe⸗ lager gebracht— und dann beichtete ſie jenes alte, ſchon längſt gebeichtete Vergehen, das durch eine lange Kette von Jahren hindurch auch die Urſache ihres jüngſten geworden war, und auf einmal rief ſie deut⸗ licher, als ſie irgend etwas vorhin geſprochen: „Ich hatte das Kind einer alten Dienerin gege⸗ ben, daß ſie es vor dem Benediktinerkloſter ausſetze, die Mönche ſchriftlich gebeten, es aufzuziehen zu ihres Gleichen und es Crescentius zu nennen— o, ſagt mir wie Euer Name iſt!“ Er verwies ihr, nach Perſönlichem zu fragen— 73 er ſei ihr wie Allen in dieſem Augenblicke ein Prieſter — alles Andere gehöre nicht hieher. „So heißt Ihr nicht Crescentius?“ „Nun denn, ich heiße ſo,“ ſagte er mit erhobener Stimme,„aber meine Mutter iſt das Kloſter, mein Vater der ehrwürdige Prior, der das ausgeſetzte Kind aufgenommen— niemals werde ich mich dazu verſte⸗ hen, die leiblichen Eltern anzuerkennen, die zwanzig Jahre nicht nach ihm gefragt haben, das antworte ich Euch als Menſch— es iſt mein erſtes und mein letz⸗ tes Wort an ein Weib, das mich vielleicht geboren hat— Ihr habt die Beichte unterbrochen und nun iſt es Eure Sache, ob Ihr ſie wieder aufnehmen wollt — wie es ſich geziemt, und nicht anders zu mir re⸗ wie Ihr zu jedem andern Prieſter reden ürft!“ Darauf ein Schrei und dann Todtenſtille. So vergingen einige Minuten, dann trat der junge Prieſter aus der Thür und ſagte zu Iſolden: „Die Frau Schultheißin iſt jetzt nicht fähig, wei⸗ ter zu beichten— wenn ſie wieder darnach verlangt, ſo ſendet nach einem andern Prieſter.“ richtete ſich Jſolde groß vor ihm auf und ſagte: 74 „Das werd' ich, denn ich habe ihr vergeben Alles, was ſie an mir gefrevelt und ich werde mich darin nicht irre machen laſſen— auch nicht durch einen Prieſter.“ Er ſah ſie betroffen an— ſie ließ ihn ſtehen und eilte hinein zu der jammernden Adelgunde. Unbedenkliche Bedenken. Unter den Baubrüdern Nürnbergs herrſchte eine Aufregung, wie ſie noch nicht dageweſen. Bei Herrn Anton Koberger in Rürnberg war eine Schrift erſchienen und an die auswärtigen Haupthüt⸗ ten, wie an die Bauhütte von Nürnberg in vielen Exemplaren geſandt worden, die einen„freien Stein⸗ metz“ zum Verfaſſer hatte. Ein Name war nicht ge⸗ nannt. Daß aber der Verfaſſer ſelbſt ein Baubruder war, ging aus der Sachkenntniß hervor, mit der ſie geſchrieben und auch wieder nur den Baubrüdern ver⸗ ſtändlich war. Sie führte den Titel:„Unbedenkliche Bedenken eines ſreien Steinmetzen“ und war in deut⸗ ſcher Sprache geſchrieben, der ſich nur erſt ſeit kurzer Zeit einige Volksdichter, namentlich Satyriker, bedien⸗ ten, indeß die meiſten Gelehrten, auch diejenigen, die mit warmer Begeiſterung für die Intereſſen des deut⸗ 76 ſchen Vaterlandes auftraten und an das deutſche Volk ſelbſt ſich wendeten, noch immer die lateiniſche Sprache für ihre Schriften wählten. Außer dem Freimuth, mit dem die Schrift abge⸗ faßt war, mußte man am meiſten das Geſchick des Verfaſſers bewundern, der weder etwas von den Lehrſätzen und Gebräuchen, weder abſichtlich noch un⸗ abſichtlich verrieth, welche die Geheimlehre der Bau⸗ brüderſchaften bildete und keinem Profanen, ja nicht einmal allen freien Steinmetzen bekannt war, da es in ihnen Grade gab, und nur die Theilnehmer des erſten Grades in Alles eingeweiht waren, was denen der untern Grade nur theilweiſe mitgetheilt ward. Jene„wiſſenden“ Leſer begriffen es, daß der Verfaſ⸗ ſer bereits alle Grade mußte durchlaufen haben— aber die unwiſſenden, wie die profanen Leſer erfuh⸗ ren nicht mehr, als ſie ſchon wußten. Dennoch richtete ſich der Hauptinhalt der Schrift gegen die allzu geſuchte Geheimnißkrämerei des Bun⸗ des, die nicht mehr an der Zeit wäre und gegen das mönchiſche Weſen und die Abſonderung der Steinmetzen von den Profanen, von dem Familienleben, von allen gemeinſamen Beſtrebungen mit Andern. Wolle man das, um ſich eine hervorragende Stellung in der Kunſt durch dieſe Geſondertheit zu bewahren, ſo ſei dieſe 77 eben nicht durch Feſtungswälle oder klöſterliche Ab⸗ geſchiedenheitt zu erreichen, ſondern vielmehr dadurch, daß man auf die Höhe ſeiner Zeit ſich ſtelle und das Panier des Fortſchrittes wie der Einheit den deut⸗ ſchen Brüdern voraustrage. Das Band, das jetzt die Diener der Kunſt umſchlinge, müſſe nicht eines ſein, ſie nur zu feſſeln, ſondern ſie emporzuziehen zu den höchſten Zielen. Wohl wäre die Baubrüderſchaft gleich aller Kunſt aus den Klöſtern hervorgegangen, wohl wären ſie in der Zeit rohen Barbarenthums die Pflanzſtätte alles geiſtigen Lebens geweſen, aber wie eben die Baubrüder ſich aus ihnen geſondert und eine Gemeinſchaft unter ſich gebildet, ſo könnten ſie auch abthun, was von mönchiſchem Weſen an ihnen haften geblieben. Vom Kaiſer und Reich, wie vom Papſte hätten ſie große Rechte und Freiheiten erlangt als Genoſſenſchaft, aber der Einzelne werde in Unfreiheit erhalten, ſo lange dieſe ſtrenge Sonderung von jedem andern Lebenselement beſtehe. Eben jetzt beginne— Nürnberg gerade ſei Zeuge— ſich neben der heiligen Baukunſt eine Profankunſt zu entwickeln, die jene zum Theil ſchon erreiche, vielleicht über kurz oder lang überflügeln werde, und was man einſt nur mit Steinen geſprochen,— das ſage jetzt gedruckte Schrift. 78 Die Baubrüderſchaften, die in ihren Anſchauun⸗ gen ihrer Zeit ſo weit vorausgeeilt wären, hätten vor Allem die Miſſion, das Volk ſich nach zu ziehen. Sie, die einſt das in Rohheit und Barbarei verſun⸗ kene Volk durch die Macht der Kunſt zur Geſittung und Begeiſterung geführt hätten, die durch die Stein⸗ ſprache einer erhabenen Myſtik es mit ſich fortgeriſ⸗ ſen hätten zu einem weihevollen Aufſchwung der Ge⸗ fühle, ſie ſollten jetzt auch den Aufſchwung der Gei⸗ ſter, der die Nation durchzittere, nicht allein fördern in ihrer geſonderten Gemeinſchaſt, ſondern durch ein Leben und Wirken im Allgemeinen. Nicht preisgeben ſollten ſie darum das heilige Geheimniß ihrer Lehre, gleich wie es ja die Fürſten und Herren, der Kaiſer Maximilian ſelbſt es ja auch nicht preisgegeben hätten noch dürften, die ſie mit aufgenommen in ihren Bund. Aber gleich wie viele von dieſen, ob ſie ſchon ein an⸗ deres Amt, einen andern Beruf, ja Weib und Kind hätten, im Geiſte der Baubrüderſchaften wirkten in ihrem Lebenskreis, ſo dürfe es auch den werkthätigen Steinmetzen nicht verſagt werden, dieſelbe Freiheit zu genießen. Die Eheloſigkeit ſei ihnen zuerſt aufer⸗ legt worden, weil ſie eben Mönche geweſen, darnach habe man ſie nur beibehalten, weil die Steinmetze Freizügigkeit erhielten und oft ein Wanderleben führen 79 wollten oder mußten, je nachdem es der Beruf ihrer Kunſt verlangte. Widmen aber könnten ſie ſich ihm mit derſelben Begeiſterung, ja vielleicht noch mit einer erhöhten, wenn ein edles Weib an ihrer Seite ſtünde und der Kampf wider die eigene Natur und die fin⸗ ſtern Wünſche des Herzens nicht mehr einen Theil ihrer beſten Kräfte verzehre. Gleich wie viele edte Frauen, Jungfrau Sabina voran, die mit am Mün⸗ ſter von Straßburg gebaut, ſich ſelbſt dem heiligen Werk geweiht hätten und wie gerade die Frauen es ge⸗ weſen, welche die ſchönſten Dome und Kapellen ge⸗ ſtiftet, ſo ſei es auch keine Entweihung, wenn ein freier Steinmetz mit der Begeiſterung eines from⸗ men Weibes die ſeinige in ſchöner Wechſelwirkung vereine. Das war der Inhalt einer Schrift, die ſelbſtver⸗ ſtändlich unter den Baubrüdern das größte Aufſehen erregen mußte, die wie ein Mitz unter ſie ſchlug, man⸗ chen Einzelnen blendete, erleuchtete, erſchreckte, erhitzte und in der Bauhütte zündete. Dem alten Propſt Kreß war nach Leſung derſel⸗ bin zu Muthe, als habe ihn der Blitz getroffen und gelähmt. Wer der Verfaſſer war, konnte er errathen, ob⸗ zwar er nicht genannt war und Herr Koberger, den, 80 man darnach fragte, nicht nur dem hochwürdigen Propſt, ſondern auch dem wohledlen Rath, der gleich wie jener in der Druckerei nachfragen ließ, höchlich erzürnt über ein ſolches Verlangen ſehr grobe Ant⸗ worten gegeben hatte, wodurch die Frager nur etwas erfuhren, was ſie lieber nicht gewußt hätten, was ſie aber wiſſeu wollten, den Namen des Verfaſſers nicht Dem Propſt ließ er ſagen: wenn er mit dem Drucke die⸗ ſes Buches eine Sünde begangen hätte, ſo wolle er ſie ſeinem Beichtvater ehrlich beichten— der Herr Propſt aber wäre das nicht, und Namen zu nennen wäre ja ſelbſt in der Beichte verboten. Darauf antwortete ihm der Propſt gar höflich: ihm ſei es ganz recht, wenn Herr Koberger den Ver⸗ faſſer verſchweige, er möge nur gegen Jedermann ſolches Schweigen bewahren— und die Rückantwort Koberger's lautete; er habe ſchon bewieſen, daß er dieſer Lehre nicht bedürfe und meine, daß es beſſer ſei, wenn die Herren der Kirche auf Ordnung und Recht ſehen in den Kirchen und Klöſtern, ſich aber um Ord⸗ nung und Recht in den Druckereien und Buchläden nicht kümmerten. Gegen den Rath verfuhr er nicht höflicher, als der die gleiche Anfrage ſtellte. Derſelbe hatte ſich bis jetzt wenig um die Preſſe gekümmert.— Immer auf den 81 äußern Vortheil und die Ehre der Stadt bedacht— ſchmeichelte es dem Rath, daß Nürnberg auch in die⸗ ſer neuen Kunſt den alten Eifer bewährte, daß es be⸗ reits mehrere Druckereien beſaß und verhältnißmäßig hier die meiſten Bücher gedruckt wurden. Da er der Geiſtlichkeit nicht gern große Rechte einräumte und ſelbſt in manchen Kirchenſachen die Hand ſich frei zu behalten wußte, ſo war auch das vom Papſt Alexan⸗ der VI. 1501 erlaſſene Cenſuredikt eine verhängniß⸗ volle Gabe des neuen Jahrhunderts— in Nürnberg noch gar nicht zur Ausübung gekommen. Indeß war es trotz dieſer klugen und die Intereſſen des Geiſtes wie des Gewerbes gleich fördernden Haltung des Rathes doch eine ebenſo bekannte Thatſache, daß er, wie die Redensart lautete,„gern ſeine Naſe in Alles ſteckte“, und ſo gingen denn auch bald nach dem Er⸗ ſcheinen dieſer Schrift zwei Rathsherren in die Kober⸗ ger'ſche Druckerei, nach dem Verfaſſer derſelben zu fragen. Da ging Herr Koberger mit ihnen vor ſeine größte Preſſe, hob den Preßbengel auf und ſagte:„So lang' ich noch Kraft habe, das Ding da zu regieren, ſoll mir Niemand eine Tortur für die Vertreter des Gei⸗ ſtes daraus machen. Was ſie für würdig halten, mir anzuvertrauen, das drucke ich und verſende ich in alle 1861 X. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. 11I. 6 82 Welt— denn darum hat der liebe Gott dieſe edle Kunſt erfinden laſſen, daß nicht nur wenig gelehrte Leute erfahren, was es an der Zeit iſt, ſondern Jeder⸗ mann, und ſtatt den früheren Hundert, jetzt viele Tauſende. Ihr werdet ſo Manches vielleicht auch erfahren, das Ihr nicht wiſſen wollt— was Ihr aber jetzt wiſſen wollt, das erfährt Ihr nicht, und wenn Ihr Eure Tortur an mir verſuchen wollt, einem Genann⸗ ten, der ſelbſt mit Euch zu Rath gehe, ſo ſehet zu, ob Ihr etwas von Anton Koberger erfahren könnt, das er verſprochen hat nicht zu ſagen.“ Auch die Rathsherren verfuhren dieſem entſchiede⸗ nen Manne gegenüber nicht anders als der Propſt; ſie machten gute Miene zum böſen Spiel und verſicherten nachträglich: es käme ihnen auch gar nicht darauf an, den Namen ſelbſt zu wiſſen— es wäre nur, um den etwaigen Beſchwerden des Propſtes, der zugleich „Gottesjunker“ und als ſolcher Vorſtand der Bau⸗ hütte von St. Lorenz war, zu begegnen, wenn er aber die Verantwortung bei dieſem ſelbſt übernehme, ſo wäre auch ein wohlweiſer Rath vollkommen mit ſei⸗ nem Schweigen einverſtanden. Als ſie fort waren, ſagte Herr Koberger zu ſeinen Knechten, die den unverrichteter Sache abziehenden Herren mit triumphirender Miene nachſahen und noch 83 einmal ſo viel Reſpekt vor ihrem Herrn empfanden als bisher: „Da ſeht Ihr, man darf nur immer entſchloſſen geradeaus gehen, da ſchiebt man die Feinde nach bei⸗ den Seiten weg und bleibt doch immer einen Schritt voraus. Darum nur immer hübſch vorwärts undnicht ängſtlich.“ Aber der Verfaſſer der Schrift war nicht weniger entſchloſſen und großherzig als ihr Drucker. Er hatte ſich mehr aus Beſcheidenheit, denn aus Vorſicht auf dem Titel nicht genannt. Er wollte kein Aufſehen er⸗ regen, nicht ohne Nothöffentlich hervortreten und die Aufmerkſamkeit auf ſich lenken Nur müſſiger Neugier ſeinen Namen zu verſchweigen, hatte er Herrn Kober⸗ ger, den er durch Albrecht Dürer, ſeinen Pathen,— kannte, gebeten— aber dieſer hatte ihm gleich mit einem derben deutſchen Händedruck verſichert:„Was da ſteht, gefällt mir ſo über die Maßen, daß ich es ſchon vertreten will, als hätte ich es ſelbſt geſchrieben, und ehe Ihr Euch nennt, wollen wir erſt abwarten, welche Folgen das haben könnte. Das überlaßt mir, ich verſtehe das Geſchäft.“ Aber als der Propſt zu Ulrich ſandte und da er, gleich der Mahnung Folge leiſtend, zu ihm kam, die Frage, die er erwarten konnte, an ſich gerichtet ſah:, 6* 84 „Ulrich,— iſt es wahr— oder täuſche ich mich? — Haſt du die„Unbedenklichen Bedenken“ ge⸗ ſchrieben?“ 6. antwortete Ulrich mit gewohntem Freimuth: „Ja!“ „O, Ulrich! Ulrich!“ jammerte der Propſt,„war⸗ um haſt du mir das gethan? Warum muß ich das in meinen alten Tagen noch erleben? Und gerade hier in Nürnberg!“ Ulrich ſtieß einen leiſen Seufzer aus. Daran frei⸗ lich hatte er ſchon gedacht und es hatte ihm weh gethan, dem guten Oheim Sorge zu bereiten. Er kannte ihn ja, er wußte, er war noch immer derſelbe. Gütig und hülfsbereit, wenn das geſchehen konnte ohne ſich ſelbſt in irgend einen Handel zu verwickeln und wieder ver⸗ zagt und ängſtlich, wenn nur der Schein einer Verant⸗ wortlichkeit, eines Konfliktes mit weltlicher oder geiſt⸗ licher Behörde ihn treffen konnte! Aber die Rückſicht auf einen guten, ſchwachen und jetzt nun vollends altersſchwachen Verwandten konnte doch einen Mann nicht von einer That zurückhalten, zu welcher der Geiſt ihn trieb. „Hier in Nürnberg“, antwortete er,„konnte ich am erſten darauf rechnen,— dieſe Schrift nicht nur gedruckt und verbreitet, ſondern auch verſtanden und 85 gewürdigt zu finden. Haben auch meine hieſigen ge⸗ lehrten Freunde dieſe Gedanken in mir nicht angeregt, ſo ſind wir durch ſie doch klarer geworden und ich wagte ſie um ſo mehr zu denken, weil ich Zuſtimmung dafür gefunden.“ „Wie!“ rief der Propſt,„ſo iſt die Anonymität nur ſcheinbar und man kennt deinen Namen?“ „Die Freunde, die mich ermunterten, haben noch niemals Jemandens Vertrauen gemißbraucht: der fromme Dürer und der diplomatiſche Pirkheimer.“ „Aber jeder freie Steinmetz ſieht, daß nur ein Baubruder der Verfaſſer ſein kann, am nächſten Hüt⸗ tentag wird man darnach fragen.“ werde ich antworten mit gewohntem Frei⸗ muth!“ „Was? Du willſt dich ſelbſt verrathen?“ „Könnt Ihr etwas Anderes von mir erwarten, aber verrathen iſt ein hartes Wort, wo kein Schwur zu brechen iſt?“ „Aber ein paſſendes, wo man ſich rückſichtslos in Gefahr ſtürzt; und nun höre mich an!“ fuhr der Propſt eindringlicher fort,„ich weiß es, ich bin alt geworden, ich werde vielleicht ſchwach, ich kann mich in ſo Manches in der neuern Zeit nicht finden und ſo auch nicht in deine Schrift. Bei Einigem habe 86 ich dir ganz recht gegeben— ich würde dir beige⸗ ſtimmt haben, wenn du das unter uns im vertrauten Kreiſe ausgeſprochen hätteſt. Mit Dürer und Pirkhei⸗ mer mochteſt du dergleichen beſprechen, aber es drucken laſſen und noch dazu in deutſcher Sprache— das iſt ein frevelhaftes Beginnen und ſtürzt dich in Gefahr. Und ſo bin ich auf Vieles gekommen, das mir als ein Umſturz alles Beſtehenden erſcheint, dabei mir ſchwin⸗ delt— ich kann dich nicht ſchützen, wenn ſich eine An⸗ klage wider dich erhebt, mag ſie vom Hüttenmeiſter — oder von dem Rath— oder von dem Biſchof kommen!“ „Hab' ich Euern Schutz denn ſchon verlangt?“ ſagte Ulrich zurückweiſend,„eine gute Sache beſchützt f ſ hab' ich Unrecht, ſo mag man mich wider⸗ egen!“ Der Propſt ſchien nicht darauf zu hören:„Dein Werk in der Kapelle der Behaim iſt ſo gut als voll⸗ endet. Die kleinen Seitenkapitäler, die noch fehlen, kann ein Anderer nach deinem Plane arbeiten— reiſe ab, geh' ſo weit du kannſt, du findeſt überall Arbeit; wenn du Zehrgeld auf die Reiſe brauchſt, ſo will ich dir, ſo viel du begehren magſt, mitgeben.“ „Das wäre eine Flucht!“— ſagte Ulrich zurück⸗ weiſend. 87 „Nur eine weiſe Vorſicht!“— milderte der Propſt. „Ich floh noch niemals, niemals um einer That, noch weniger um eines Wortes willen.“ Aber der Propſt drängte immer auf's Neue. Ulrich blieb bei ſeiner Weigerung— endlich brachte er den Propſt dadurch zum Schweigen, daß er ihm auseinanderſetzte, wie ja die Baubrüderſchaften in ſo innigem Zuſammenhange ſtünden, daß er, wenn er in der einen Hütte verdammt werde, er es in jeder ſei, und wenn eine Gefahr vorhanden, es ja ganz gleich ſei, ob ſie ihn in Nürnberg, Straßburg Wien oder wo ſonſt immer in und außer dem Reich erreiche— ein Baubruder, der ja überall Baubrüder fände— könne ja eben nicht fliehen und die Schmach, die ihn an einem Ort treffe, werde ihm an jedem andern wie⸗ der begegnen. So verabſchiedete er ſich von dem Propſt undging an ſeine Arbeit, in die Kapelle der Behaim. Nicht umſonſt feierte er das Andenken eines der Mitentdecker einer neuen Welt. Indem er ſich der Ar⸗ beit gewidmet, hatte er, da er ſich den regen Eifer des großen Mathematikers vergegenwärtigte, darin ſeinen Vorſatz immer mehr erſtarken gefühlt; was ſein eigener Geiſt als unumſtößliche Gewißheit er⸗ 88 kannt, auch ſeinen Mitmenſchen deullich zu machen— wenn es nöthig ſei, ſein Leben für ſeine Behauptung einzuſetzen. Er war allein und dachte an ſeine Zukunft, an die Folgen ſeiner Schrift, die dem guten Propſt ſo viel Unruhe machte. Was hatte er denn zu erwarten und was zu verlieren? Das Schlimmſte, was ihm geſche⸗ hen konnte, war eine Ausſtoßung aus der Hütte— er hatte ja guch das ſchon erlebt— für dieſe einſt an ihm begangene Ungerechtigkeit hatte er glänzende Ge⸗ nugthuung gefunden, ſollte man ſich einzweites Mal dazu hinreißen laſſen? Und ſelbſt wenn es geſchehen — nicht wie damals, ein ſchwärmender Jüngling, fühlte er dann ſich aller Ehren baar, er hatte prüfen und ruhig urtheilen gelernt und ſeine Ueberzeugung ſtund ihm höher als eine Inſtitution, die für ihn eben nur dann verehrungswürdig war, wenn er ſie von den Gebrechen heilen konnte, an denen ſie krankte. Oder konnte man ihn der Ketzerei beſchuldigen— und den Ketzerrichtern überliefern? Dazu gab ſeine Schrift wenig Grund und in Nürnberg hatte man ſich immer noch ſolchen Ketzergerichten widerſetzt. Als er ſich in ſolche Gedanken bei ſeiner Arbeit vertieft hatte, ſtörte ihn daraus ein Rauſchen weibli⸗ cher Gewänder— aufblickend gewahrte er Iſolden, 89 die aus der menſchenleeren Kirche in die Kapelle trat. Sie trug Trauerkleider, vor einigen Tagen ſchon war Frau Adelgunde geſtorben, ſie hatte ihr die Augen zugedrückt. War es, weil ſie Frieden geſchloſſen mit dieſer Frau, der einzigen Feindin, welche ſie hatte; war es, weil ſie das größte Gebot des Chriſtenthums erfüllt, und die geſegnet hatte, die ihr geflucht— oder war es nur der Eindruck der düſtern Kleidung im klaren ſonnigen Sommerwetter und des ſchwarzen Schleiers, der ſie umwallte, was ihrer Erſcheinung noch eine hö⸗ here Weihe zu geben ſchien, als ihr bisher ſchon eigen geweſen? Sie lächelte nicht, aber es ſtrahlte etwas wie innere Seligkeit von ihrer Stirne. „Ich habe Euch lange nicht hier geſehen, edles Fräulein“, ſagte Ulrich, ſie begrüßend,„und nun fin⸗ det Ihr das Werk, das ich unter Eurer Aufſicht beſſer förderte, noch zurück— ſo liegt ein Theil der Schuld nur an Euch.“ „O, nein“, antwortete ſie hoch erglühend und ſchlug die Augen nieder,„ſie liegt an Euch, weil Ihr die Feder geführt habt, ſtatt den Meißel“ 5 ſah ſie betroffen fragend an:„Wie meint Ihr as?“ 90 „Könnt Ihr Euch gegen mich und hier verſtellen,“ ſagte ſie mit ſanftem Vorwurf,„zwar habt Ihr Euern Namen nicht genannt auf jener Schrift, und es mag Euch wünſchenswerth ſein, daß er auch ſo verborgen bleibe, aber vor mir, hoff ich, bedarf es ſolcher Ge⸗ heimhaltung nicht.“ „So hatte Freund Pirkheimer doch geplaudert?“ — ſagte Ulrich halb zu ſich ſelbſt— halb zu Iſolden. Sie trat einen Schritt zurück, wie vor einer Be⸗ leidigung.„So wenig kennt Ihr mich“, ſagte ſie,„ſo wenig ſollt' ich Euch kennen, daß es erſt eines Dritten bedürfte, mir zu ſagen, was aus Eurer großen Seele kommt? Ich verſtehe die Sprache, die Ihr in den Steinen redet und ſollte die nicht kennen, die Ihr in ſchriftliche Worte gekleidet?“ „Iſolde!“ rief er entzückt;„iſt es wahr, Ihr habt dieſe Schrift geleſen— habt den Verfaſſer erkannt? aber,“ fügte er kleinlaut hinzu,„habt Ihr ihn auch verurtheilt?“ „Ulrich“, flüſterte ſie und ergriff ſeine Hand,„wie kann ich Euch darauf antworten?“ „O, ſagt es nur,“ erwiderte er mit einem Seuf⸗ zer,„ich erwarte mein Urtheil aus Eurem Munde mit größerer Ungeduld, aber auch mit größerem Bangen als aus dem meiner Richter.“ 91 „Könnt Ihr denn noch fragen,“ ſagte ſie noch lei⸗ ſer und ſchmelzender als vorhin,„was Ihr auch da⸗ von denken möget, ich mußte Euch aufſuchen, Euch ſprechen, nachdem ich das geleſen, nur um Euch zu ſagen,— daß Ihr ausgeſprochen,— was ich ſchon ſtill empfand, womit ich mich abquälte— es nicht zu denken.“ Ihre Stimme zitterte immer mehr, wie ſie das ſprach, dann lehnte ſie ſich an Eliſabeth's Sarkophag und zog mit der Hand am eigenen Schleier, ihr Ge⸗ ſicht darin zu verbergen. „So verdammt Ihr mich nicht!“ rief er jubelnd und zog ihre Hand an ſein Herz. 3 Ihr Auge ſchwam in Thränen:„O, daß ich es wagen könnte, ſo wie Ihr für meine Ueberzeugung, für menſchliche Rechte in die Schrankenzu treten“, rief ſie begeiſtert— heißer noch als vorher glühte ihre Hand, die Ulrich noch immer hielt. „Iſolde,“ ſagte er,„wollt Ihr meine Bundesge⸗ noſſin ſein?“ „Das bin ich ſchon!“ antwortete ſie. Draußen in der Kirche hörte man Schritte, das gab Beiden die Selbſtbeherrſchung wieder, nach der eben ein Jedes vergeblich rang. „Man droht mir, daß der Verfaſſer dieſer Schrift 97 werde zur Rechenſchaft gezogen werden“, ſagte er, „nicht Alle werden mich errathen, wie Ihr, aber—“ „Wenn man Euch fragt, werdet Ihr Euch nennen, das weiß ich voraus,“ ſagte ſie. „Der Propſt wollte, daß ich mich dieſer Rechen⸗ ſchaft durch Entfernung entzöge,“ warf er hin, um ſie weiter zu prüfen. „Das iſt vielleicht ein kluger Rath, aber ich weiß, daß Ihr ihn nicht befolgen werdet, und ich würde ihn Euch nicht geben.“ „Nun weiß ich, daß Ihr mich ganz verſteht,“ rief er,„und wie mich Eliſabeth weihte zum höchſten Dienſte der Kunſt, ſo weihe ich mich Iſolden zum Kampf für die Menſchheit.“ Er ſprach dieſe Worte mehr zu ſich als zu Iſol⸗ den, aber jetzt neigte er ſein Knie vor ihr und beugte ſein Haupt— ihre Lippen berührten mit ſüßem Hauch ſeine blonden Locken— dann verließ ſie eilends die Kapelle. Als ſie ſich dem Beichtſtuhl näherte, in dem Cres⸗ centius eben Beichte hörte— er war es geweſen, der vorhin vorüberging, dachte ſie daran, wie ihr zu Muthe geweſen, als ſie dort ihre Liebe zu einem Bau⸗ bruder als ein Verbrechen gebeichtet; jetzt fühlte ſie ſich entfündigt.. W — VI. bergebliches Bemühen. Georg Glockendon hatte, obwohl mit einigem Widerwillen, die Bitte erfüllt, die Gerhaus zuletzt an ihn gerichtet hatte. Wohl ſchauderte ihm vor der Kindesmörderin, wohl wünſchte er jetzt ſelbſt er ſei nicht zu jener Stunde an den Ufern der Pegnitz gewandelt, als er ein Men⸗ ſchenleben zu retten hatte— jetzt ahnte er, daß er es nur dem ſtillen Waſſer entriſſen, damit es nach Qual und Schande öffentlich ende unter'm Beil des Hen⸗ kers— aber nicht weniger ſchauderte er vor dem Manne, der einem Weibe ein ſolches Geſchick bereiten konnte! Schon immer war ihm dieſer Martin Löffelholz, dieſer Mann in Anſehen und Würden, tief verächtlich geweſen— ſeit er auch Jerta Echter verfolgt hatte, ſah er ſeinen Feind in ihm und er haßte ihn doppelt 94 und dreifach jetzt, wo er ſich ſagte, daß Löffelholz nicht nur ein Geſchöpf wie Gerhaus, von ohnehin ſchon zweideutigem Rufe und gewöhnlichem Charakter, ſon⸗ dern auch ein ſo unſchuldiges und braves Mädchen wie Jerta ruhig und ungeſtraft ſolcher Schmach zu opfern bereit geweſen. Und ſo eilte er in die Wohnung des Rathsherrn, ſo erzwang er ſich, da er abgewieſen werden ſollte, Zutritt zu ihm und ſtand vor dem gewiſſenloſen Sün⸗ der wie ein zürnender Racheengel, flammend in ſitt⸗ lichem Zorn, mit der ganzen Schwärmerei eines un⸗ verdorbenen Jünglings, der noch an den Triumph der Moral und Tugend glaubt, auch dem verworfen⸗ ſten Menſchen gegenüber. Der Rathsherr empfing ihn mit einer lächelnden Miene und behandelte ihn geringſchätzend wie einen Knaben— wie einen Lehrburſchen vielmehr, der nur in einem Auftrag ſeines Meiſters kommen könne. Georg erzählte wie er Gerhaus gefunden. Statt gerührt zu werden— warf der Rathsherr verächtlich hin:„Eurer Heldenthat wird Euch Nie⸗ mand Dank wiſſen— ſie macht der Stadt nur un⸗ nütze Koſten, wie jeder Prozeß, jede Hinrichtung—“ „Davon könnt' Ihr in ſolchem Tone ſprechen?“ rief Georg von ſolcher Antwort faſt verſteinert— 95 „Ihr, die Ihr ſie ſo weit gebracht— die Mutter Eures Kindes!“ „Gemach,“ rief der Rathsherr,„und werft Euch nicht zur Vertheidigerin eines Frauenzimmers auf, das für Jeden zu haben war. Sie hat eine Zeit lang hier im Hauſe gewohnt— aber ſie hat es oft heim⸗ lich verlaſſen— Euer Meiſter Dürer weiß ſelbſt da⸗ von, und da Ihr Euch zum Ritter der Dirne auf⸗ werfen möchtet, ſo wird ſie es wohl auch mit dem Lehrburſchen gehalten haben wie mit dem Meiſter.“ „Herr!“ rief Georg außer ſich, aber vor Zorn und Abſcheu brachte er kein Wort weiter heraus— er war gekommen den Rathsherrn in Gerhaus Namen zu bitten, daß er ihr zur Flucht helfen möge oder wenigſtens den Urtheilsſpruch mildere, der ſie erwar⸗ tete— daß ſie ihm, wenn er das verſpreche, Schwei⸗ gen gelobe über ihn ſelbft— wie ſollte er nun noch ſich dieſes Auftrags entledigen, wie ſich einen Erfolg davon verſprechen? Der Rathsherr fühlte ja weder Mitleid für ſie noch irgend ein Bedenken für ſich ſelbſt und um das Maß ſeiner Niederträchtigkeit voll zu machen, konnte er ſelbſt den ſittlich reinſten Mann Nürnbergs mit Schmutz bewerfen wollen! Dennoch verſuchte er noch ein Aeußerſtes:„Ihr werdet ſolche freche Lügen nicht vorbringen, denn Niemand wird Euch glauben“— und da verſagte faſt ſeine Stimme, weil allerdings der Schein den verehrten Meiſter gleich ihm ſelbſt verdächtigen konnte— Gerhaus war mehr als einmal heimlich bei ihnen geweſen und ſie hatten noch zuletzt ſich ihrer angenommen— nun er⸗ mannte er ſich wieder nur noch zu ſagen:„Gerhaus will Euch nicht verklagen, wenn Ihr für Ihre Rettung thut was Ihr könnt!“ Jetzt brach der Rathsherr in ein widerwärtiges Gelächter aus und ſtellte ſich breit und brutal vor Georg hin, indem er ſagte:„Verklagen! wahrhaftig ſie hat von Glück zu ſagen, wenn ich noch ſo gnädig bin das nicht zu thun. Nicht nur eine Kindesmörderin, auch eine Spitzbübin iſt ſie— in meine geheimſten Schreine und Spinden iſt ſie eingedrungen und hat mir koſtbare Dokumente entwendet— die Folter kann ich ihr anlegen laſſen, bis ſie geſteht, wo ſie die Per⸗ gamente und Papiere hingethan, die für kein Geld mir feil waren— doch das geht Euch nichts an,„unter⸗ brach er ſich—„und nun macht, daß Ihr fortkommt oder ich zeige Euch noch die Thür und die Treppe auf eine andere Art.“ Wort und Bewegung waren deutlich genug— und jetzt auf einmal fiel es wie Schuppen von Georg's Augen— der Brief, den er Gerhaus hatte leſen müſ⸗ 97 ſen— konnte ſie ihn nicht dem Löffelholz entwendet haben— wie den einen, vielleicht andere und Anderes noch— und war er nicht ſo in der That ihr Mit⸗ ſchuldiger und Helfershelfer? Jetzt zum erſten Male fühlte er, wie Ulrich recht hatte ihn zu warnen vor jeder Annäherung eines unreinen Weſens— etwas von dieſem Schlamm konnte auch den Unſchuldigſten beſpritzen— aber noch einmat ermannte er ſich zum Trotz des Rächers und ſagte, indem er ſchon zwiſchen der Thür ſtand, noch in das Himmer gekehrt:„Euere Stunde wird doch noch kommen— und wenn Ger⸗ haus nicht an Euch gerächt werden kann, weil ſie ſelbſt eine Schuldige iſt, ſo wird doch ihr Blut über Euch kommen und die reine Jerta wie die edlen Töchter des Schultheißen werden als rächende Engel vor Euch ſtehen!“ Damit ging er— und ließ doch den alten Sünder in Beſtürzung zurück, der die vorhin angenommene Maske jetzt verließ und der darüber nachdachte, was mit den Töchtern des Schultheißen gemeint atte. Daß Frau Adelgunde im Sterben lag, wußte er noch nicht. In ſeiner Aufregung fragte ſich Georg wieder und wieder, ob er denn doch nicht die Tochter des Schul⸗ 1861. XR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. UI. 7 theißen von dem was mit Gerhaus geſchehen, in Kenniniß ſetzen müſſe— ſie hatte darin ja den ein⸗ zigen und den ſicherſten Rettungsanker erblickt— vielleicht war dies ein Gnadenweg für ſie— wenn er ſie auf dem Schaffott ſehen müßte— oder gar auf dem Scheiterhaufen oder unter jenen noch grauſameren Qualen, denen die zum Tode Verurtheilten oft unter⸗ worfen worden, wenn man ihre Strafe noch glaubte verſchärfen zu müſſen— würde er nicht dann ſich Vorwürfe machen, wenn er nicht Alles verſucht hatte was das Los der Elenden erleichtern konnte, wenn es nur ein Schritt war, der den Arm der menſchlichen Gerechtigkeit nicht aufhielt, ſondern die Stärke ſeiner Schläge nur mäßigte? Als er das erſte Mal Iſolde zu ſprechen verlangte, ward er nicht vorgelaſſen— ſie war am Sterbebette ihrer Stiefmutter. Erſt ſpäter, als dieſe todt und begraben war, wagte er den Verſuch noch einmal— jetzt ward er von ihr empfangen. Iſolde hörte erſt nur mit Widerwillen auf ſeinen Bericht— aber das Mitleid mit der Unſeligen über⸗ wand doch den Abſchen vor ihrer That— jetzt erſt ahnte ſie, daß jene für ihre Mutter ſo verhängnißvolle Sendung wohl von Gerhaus gekommen ſein mochte. 99 Sie wollte ihre reinen Hände nicht mit ſo unreinen Dingen beſudeln— menſchliches Mitleid allein gebot ihr bei ihrem Vater zu verſuchen, was in ihren Kräf⸗ ten ſtand, Gerhaus vielleicht als Büßerin für ein Kloſter zu retten, daß ſie die ungeheuere Schuld beſſer ſühne, als wenn ſie mit ihr beladen die Erde ver⸗ laſſen müßte. Aber nicht immer waren die Klöſter bereit Ver⸗ brecherinnen in ihren Schooß aufzunehmen, auch wenn ſie als Büßerinnen kamen; der weltlichen Gerechtigkeit durften ſie kein Opfer entziehen— wir haben ſchon geſehen, wie ſtrenge der Rath über Alles wachte, was in den Klöſtern vorging, und ſie keineswegs allein der kirchlichen Aufſicht überließ. Nur gebeichtete, aber nicht vor Gericht offenkundig gewordene Verbrechen konn⸗ ten freilich zuweilen in den Klöſtern begraben und anders als von einem weltlichen Gericht geſtraft und geſühnt werden, wenn Diejenigen, die ſie begangen, nach einer Zeit der ſtrengen Buße ſich dem Himmel widmen wollten— keineswegs aber wollten, noch durf⸗ ten die Klöſter Weſen aufnehmen, die etwa nur, um ſich vom Tode zu retten oder ſonſt einem harten Ur⸗ theilsſpruch zu entziehen, in's Kloſter verlangten. Um im Voraus zu wiſſen, was ſie in einem ſol⸗ chen Fall für die Aufnahme einer zum Tode Verur⸗ 7* 100 theilten, aber vielleicht Begnadigten zu hoffen habe, ging ſie in's Klarakloſter, um ſich Auskunft und Rath von der Aebtiſſin Charitas zu holen. Iſolde war ſeit jener verhängnißvollen Stunde, wo ſie trotz ihres Geſtändniſſes und der geſchilderten Qual ihres Innern auf's Neue mit Beſtimmtheit er⸗ klärt hatte, nie den Schleier nehmen zu wollen, nicht dort. Sie konnte vorausſehen, daß ſie von Charitas, wenn auch in der edlen humanen Weiſe, welche die⸗ ſelbe nie verleugnete, doch nicht mit ſo viel Liebe auf⸗ genommen werden würde, als es früher der Fall war. Sie hatte ſich indeß getäuſcht. Charitas umarmte Iſolde bei ihrem Eintritt inniger als je— mit Thränen netzte ſie ihre Stirn und ſagte ſanft:„Ich wußte es, daß du wiederkehren würdeſt, wenn ich auch damals noch nicht ahnte, daß dich ſo hartes Verhängniß wieder zu mir treiben würde!“ Iſolde ſah fragend auf— ſie verſtand nicht, was Charitas meinte. Sprach ſie von dem Tode der Schul⸗ theißin? die Priorin wußte am beſten, wie viel Iſolde durch die Stiefmutter zu leiden gehabt— wie oft ſie nur, um ihr zu entgehen, eine Zuflucht im Kloſter ge⸗ ſucht, wie die Verſtorbene nur Unfrieden und Unheil in das Haus gebracht— die näheren Umſtände von 101 ihrem Tod konnte Charitas nicht wiſſen— Iſolde ehrte auch im Tode die Gattin ihres Vaters, aber fern war ſie von der Heuchelei einen Schmerz zu zei⸗ gen, den ſie nicht empfand, und ſie konnte nicht glauben, daß Andere einen ſolchen bei ihr vorausſetzen wür⸗ den— am wenigſten Charitas. Dieſe fuhr jetzt milde fort, da Iſolde betroffen ſchwieg und gerade vor ſich hinſah, als wolle ſie irgendwo— und ſei's in der Luft— den Schlüſſel finden für eine ſo befremdende Vorausſetzung, die ihr ganz in der Luft zu ſchweben ſchien:„Das Geſtänd⸗ niß mag dir ſchwer werden— und glanbe mir nur, wie lange auch jener flüchtige Liebestraum von einſt hinter mir liegt und tief unter mir— es wird mir dennoch ſchwer, einen Menſchen, den ich einſt geſchätzt, ſo in Irrthum und Lüge verfallen zu ſehen.“ Jetzt erſt begann Iſolde zu ahnen von wem die Rede war— ſie erröthete und ein Gefühl beengte ihre Bruſt, als ſolle ſie erſticken— ein Wort der Er⸗ widerung fand ſie jetzt am wenigſten. Auch ihren Blicken zu antworten, fuhr Charitas fort:„Mein Bruder, der mir Alles ſendet was Neues gedruckt wird, hat mir auch die„Unbedenklichen Be⸗ denken“ eines freien Steinmetz geſandt, wiewohl eine 102 ſolche ketzeriſche Schrift ſehr wenig in dieſe heiligen Räume paßt—“ „Eine ketzeriſche Schrift!“ rief Iſolde ſtaunend. „Unſelige!“ rief Charitos„warum hörteſt du nicht auf meine Warnung, warum entzogſt du dich nicht jeder Verſuchung— ja, warum mußteſt du ihn ſelbſt in ſolche Verſuchung führen?!“ „Charitas!“ rief Iſolde aufflammend. „Nimmer hätte ich geglaubt, daß der erhabene Sinn eines ſolchen Menſchen ſo ſich verirren, um einer alltäglichen Leidenſchaft willen zu ſolchen Trug⸗ ſchlüſſen ſich verleiten laſſen könnte— nimmer würde ich Ulrich in dieſer Schrift errathen haben, wäre nicht dein Geſtändniß vorausgegangen.“ Iſolde rang nach Worten— geſtern hatte ſie mit Ulrich geſprochen, hatte der Schwung ſeiner Begeiſte⸗ rung ſich mit dem ihrigen in einen heiligen Jubel vereint emporgehoben, hatte ſie ihn ermuthigt, ge⸗ weiht zu einem heiligen Kamnpfe— geſtern hatte ſie ſich entſündigt gefühlt, hatte zum erſten Mal die ganze Seligkeit des Bewußtſeins empfunden mit einem verwandten Geiſt die Schranken mit Adlerflug zu überfliegen, an denen ſie bisher nur unruhig auf und nieder geflattert— und jetzt und heute wollte ſie plötzlich eine kalte Hand wieder zu Boden ſchlagen!— 103 aber nein, das durfte nicht geſchehen! Jetzt— in dieſer Stunde vielleicht— ſie wußte es, ward ein Hüttentag gehalten— vielleicht hatte ſich da Ulrich ſchon ſelbſt genannt und war bereit auch zu vertreten was er ge⸗ ſchrieben; gewiß ſtand er entſchloſſen und unverzagt vor ſeinen Richtern— und ſie hätte beben ſollen vor ihrer, ſeiner Richterin? Aber zugleich brachte ihr dies Wort doch eine Gefahr vor die Seele, an die ſie bis⸗ her in ſolchem Umnfange nicht gedacht hatte„ketze⸗ riſch,“ das eine Wort ſagte ja genuh! Aber wie, wie war es denn möglich, daß ein ſo geiſtig bedeutendes und edles Weſen wie Charitas den Urſprung einer Schrift, deren Inhalt langſam an der Hand der Er⸗ fahrung und Erkenntniß ſich aus ſich ſelbſt entwickelt hatte, in einer Leidenſchaft ſuchen konnte, die wohl gar nicht exiſtirte?— Darüber wohl hatte Iſolde nachgedacht und ſich ernſtlich geprüft: ob ſie ſelbſt Ulrich liebe?— ſie hatte es erkannt und gebeichtet— aber daß er ſie lieben könne—daran hatte ſie nie gedacht! und daß nun gar Charitas ſchließen konnte, nur die Leidenſchaft habe ihm dieſe Schrift diktirt— ſie ſelbſt habe mit Theil daran— das ließ ſie erſt nur zürnen und dann doch— erbeben. Endlich hatte ſie ſich ſo weit geſammelt, um doch ſagen zu können, indem ſie ſich ſelbſt bezwang:„Wenn ich Euch minder 104 verehrte, würde mich dieſer Ausſpruch irre an Euch machen können— Ihr habt die Schrift wohl nur flüchtig durchblickt oder beurtheilt ſie nach dem Urtheil eines Feindes!“ „Wäre ihm etwa mein Bruder Willibald ein ſol⸗ cher?“ gegenfragte Charitas.„Ich weiß nicht einmal wie er darüber denkt, er hat ſie mir ohne jede Bemer⸗ kung mit den Schriften des heiligen Fulgentius und andern geſchickt— und ich wünſchte allerdings, er hätte es nicht gethan und ich dies unſelige Werk nicht geleſen— ich brauchte um eine ſchöne verlorene Seele weniger zu weinen!— Um eine— 0 Heiland der Welt! muß ich denn nicht zwei beweinen?“ fügte ſie plötzlich hinzu, ſich mit ſchmerzlichem Erſchrecken an Iſolde wendend— jetzt erſt ahnend, daß dieſe die ver⸗ hängnißvolle Schrift anders als die Priorin beurthei⸗ len könnte. Denn dieſe meinte bis jetzt nicht anders, als daß Iſolde gekommen ſei gleich einer Büßenden, die jetzt begriffen habe, welch' einen Frevel ſie began⸗ gen, den Baubruder nicht mehr zu fliehen, als es ge⸗ ſchehen war, zu geſtehen wie ſehr ſie bereue als ſie das letzte Mal hier war nicht geblieben zu ſein, ſondern einen Kampf aufgenommen zu haben, der nun Ulrich fortgeriſſen auf verwegene Bahnen der Neuerung, zur Abtrünnigkeit von heilig gehaltenen Satzungen — 105 Sie hatte gemeint, Iſolde geknickt, zerſchmettert zu finden von dieſem Schritte Ulrich's, ſich ſelbſt ankla⸗ gend als eine Verbrecherin oder eine Närrin, die ſich alſo in einem Manne hatte täuſchen können und ihn gleich einem Heiligen auf ein erhabenes Piedeſtal ſtel⸗ len, von dem ſie ihn nun herabſtürzen mußte— und ſo entrang ſich jetzt erſt auf einmal der Priorin die Frage: warum Iſolde gekommen ſei. Dabei athmete dieſe auf— ſie erzählte Gerhaus' Geſchick und Verbrechen— ſie knüpfte daran die Frage, unter welchen Bedingungen, nach welcher Buße das Kloſter ſich einer ſolchen Verbrecherin öffne? Charitas hörte mit Staunen— ſo plötzlich war ſie in ein anderes Thema verſetzt! ſo in ganz und gar keinem Zuſammenhange ſtand dies mit dem, von dem ſie zu hören erwartet hatte. Kein Bedürfniß des Her⸗ zens, keine Angſt der Seele, kein Zweifel des Geiſtes hatte ſie hergeführt— nur ein Geſchäft— nur eine Pflicht der Barmherzigkeit! Kaum fand Charitas den ruhigen Ton, auf dieſe Frage zu antworten. Sie war in dieſem Augenblick ſo erfüllt von Bitterkeit und Unmuth, daß eine ſolche Frage zu keiner ungelegeneren Stunde hätte an ſie geſtellt werden können. Sie antwortete mit einem Nein der Entrüſtung. Nimmermehr würde das Klarakloſter zu ſprechen, damit das arme Mädchen nicht durch Ge⸗ 106 einem zugleich ſo verwahrloſten und geſunkenen Weſen ſich öffnen, nimmer würde dies eine Zufluchtsſtätte ſein für Verbrecherinnen, die nur darum danach ver⸗ langen möchten, um den zeitlichen Strafen für ihre Verbrechen zu entgehen. Im Klarakloſter verlange man vor allen Dingen Heiligung der Seele und das glühende Bedürfniß in der Stille dieſer Mauern ſich für den Himmel zu bereiten, ihm zu nähern. Nicht ausgeſchloſſen wären die Sünderinnen, aber doch nur ſolche, die dies Bedürfniß nach Heiligung in ſich fühl⸗ ten, die aus Zerknirſchung und Reue anklopften, be⸗ reit, ſich auch den härteſten Strafen der Kirche zu unterwerfen, oder nur ſolche, die, wenn ſie einmal demweltlichen Gericht verfallen wären, auchdie Strafe bereits abgebüßt hätten, die ihnen dieſes diktirt. Dies letzte Wort ſchon genügte als entſcheidende Antwort; Iſolde kannte Charitas' feſten Sinn, ihr ſtrenges Beharren bei einmal ausgeſprochenen Grund⸗ ſätzen und Entſcheidungen— hier gab es keine Hoff⸗ nung für Gerhaus, jedes Wort, das ſolde noch für ſie hätte ſprechen wollen, wäre ein verlorenes geweſen. Das war nun abgethan; im Grunde war Iſolde auch ſchon auf dieſe Auskunft vorbereitet geweſen. Faſt ſchüchtern fragte ſie jetzt nach Zerta, ſie verlangte ſie 107 rüchte beunruhigt werde, die ihr Grund zur Eiferſucht auf Georg geben könnten, denn ja auch in die Klöſter klangen die Stimmen der Außenwelt zuweilen— wenigſtens für die Novizen. Charitas nickte ſtumme Gewährung— Iſolde erhob ſich um zu gehen— das Herz war ihr ſo voll und ſchwer— aber jetzt, fühlte ſie, fand ſie hier doch kein Verſtändniß für ſeine Stimme. Aber Charitas hatte faſt mit krampfhaftem Drucke i Hand gefaßt und zog ſie noch einmal neben ſich nieder. 2 „Iſolde“, fragte ſie mit wehmüthiger Stimme: „Iſt es möglich— haſt du dieſe Schrift geleſen— und nicht geſchaudert?“ „Ich kann nicht verleugnen was ich empfinde!“ antwortete Iſolde und blickte mitklaren Angen empor— „jede Zeile fand in mir einen begeiſterten Widerhall!“ „O Gott!“ ſeufzte Charitas,„ſo weit iſt es mit dir gekommen! gerade mit dir, die ich mir immer die Nächſte fühlte, wünſchte an meiner Seite!“ „Ich weiß,“ ſagte Iſolde mild,„Ihr habt mich immer erhoben über mein Verdienſt, und tief muß es mich ſchmerzen, wenn Ihr jetzt irre an mir werden ſolltet, wie ich es niemals werden kann an Euch! Aber eben gerade darum kann ich Euch gegenüber auch mein 108 Gefühl am wenigſten verleugnen. Und wenn dieſer Gegenſtand denn einmal zwiſchen uns zur Sprache gekommen, ſo muß ich Euch doch fragen, was Ihr Ver⸗ werfliches findet an dieſer Schrift? mir ſchien, ſie ſprach nur aus, was Tauſende längſt gefühlt, Tau⸗ ſende ihm jetzt nachſprechen werden, nachhandeln viel⸗ leicht— und welch' großes Verdienſt ich dafür immer⸗ hin Ulrich beimeſſen mag— die Gelehrten, mein' ich, können es ſchmälern, wie das des Columbus, der uns einen neuen Welttheil geſchenkt hatte, und der den Be⸗ weis, daß die Erde rund ſei, den mein großer Oheim in ſeinen praktiſchen Arbeiten gegeben, durch ſein muthiges Handeln führte, dem Allen zum Trotz, was man, was auch die Kirche bisher gelehrt. Und wie da⸗ mals ſeine Genoſſen lächelten, als er das Ei auf den Tiſch ſtellte— ſo dacht' ich, könnten ſie jetzt vielleicht auch lächeln über Ulrich's einfache Worte—“ Charitas unterbrach Iſolde heftig:„O Verblen⸗ dete— du allein verſteckſt dich und willſt nicht ſehen was Alle ſehen müſſen! Wohl vermißt ſich Ulrich nicht mit ſo frechen Händen wie einſt jene Ketzer Huß und Hieronymus gethan, am Bau der Kirche ſelbſt zu rütteln— aber wie er ſchon die Baubrüder auf⸗ ruft vom Mönchthum ganz ſich loszuſagen, mit den Profanen ſich zu vermiſchen und wie er der profanen 109 Kunſt das Wort redet— ſo ſtreckt er ſchon die tempel⸗ ſchänderiſchen Hände aus ein heilig' Bauwerk zu zer⸗ trümmern, das geſtanden hat ſeit Jahrhunderten! Aber ohnmächtig wird ſein Wort an dem Felſen ab⸗ prallen und er ſelbſt allein an ihm zerſchellen!“ Noch einmal verſuchte Iſolde Gegenbeweiſe— Charitas ſtritt heftig für ihr Prinzip kein Jota dürfe verrückt werden von geheiligten Satzungen— da läu⸗ tete wieder das Horaglöcklein— und da Iſolde ging— war ſie doch von einer Wucht von Schmerzen und Sorgen und Zweifeln halb erdrückt, von denen ſie vorher ſich nie etwas hatte träumen laſſen! VII. Bekenntniſſe. Es war ſo gekommen wie Ulrich geahnt und ſich darauf vorbereitet hatte. An einem Hüttentag hatte der Hüttenmeiſter ge⸗ fragt, ob Einem von den Steinmetzen der Verfaſſer der Schrift„Unbedenkliche Bedenken“ belannt ſei. Alle hatten geſchwiegen. Darauf war die andere Frage an ſie ergangen: Ob Einer unter ihnen ſei, der ſich zu den Grundſätzen dieſer Schrift bekenne. Da war Ulrich vorgetreten und hatte ſich ſogleich mit dem Freimuth einer gerechten Sache als ihr Ver⸗ faſſer bekannt— bereit zu vertheidigen, was er darin geſchrieben, und eben ſo ſich belehren zu laſſen, wenn man dies anders vermöge als auf Grund alter Tra⸗ ditionen und feſtgewurzelter Gebräuche. Sprecht ohne Scheu!“ ſagte der Hüttenmeiſter weiter, ſagt Euere Meinung— man ſoll nicht ſagen, 111 unter den freien Steinmetzen herrſcht kein freier Geiſt — wer ſtimmt mit für dieſe Schrift und ſtellt ſich auf die Seite des Verfaſſers, der hebe ſeine Hand empor.“ Nur Erhard und noch drei andere gaben dies Zeichen. Ulrich trat vor:„Verzeiht, wenn ich das Wort ergreife. Die ſo geſtellte Frage kann weder Euch noch mir zu einem richtigen Urtheil verhelfen. Einmal werden noch nicht Alle meine Schrift geleſen haben, leſen können“(viele Steinmetzen konnten ſchon darum nicht leſen, weil ſie es für ihre Kunſt nicht nöthig hatten zu lernen: es war Geſetz, daß nichts über die⸗ ſelbe, wie über die Verbindung aufgeſchrieben werden durfte, ſondern daß Alles, um eben ſo das Geheimniß und namentlich die verſchiedenen Grade desſelben beſ⸗ ſer zu wahren, nur von Mund zu Mund gelehrt wer⸗ den durfte—) und dann wird es Viele geben, die in manchen Stücken mir beiſtimmen, in andern wieder nicht, und endlich: ich habe ja weder eine neue Lehre entwickelt, noch eine plötzliche Aenderung verlangt— ich habe nur meine„Bedenken“ geäußert, die ich nicht mehr zurückhalten konnte, und ich bin bereit, mich über dieſelben belehren zu laſſen, ſofern es Jemand thun will und kann, nicht auf den Grund veralteter Ord⸗ nungen und Formen, ſondern im Geiſt einer Zeit, die 112 wie die unſerige auf immer neuen Bahnen raſtlos zu neuen Zielen drängt— und ſie erreicht!“ Der Hüttenmeiſter winkte mit der Hand ihm Schweigen.„Da Ihr Euch genannt, ſo tritt die Sache in ein anderes Stadium. Uns lag nur ob, den Verfaſſer zu erforſchen— was aber weiter mit ihm werden ſoll wie mit ſeiner Schrift, das möge der höchſte Maurer⸗ hof von Straßburg entſcheiden, deſſen Urtheil wir uns fügen wollen— einſtweilen werdet Ihr Alle das Eurige abgeben; ob Ihr ferner mit Ulrich von Straß⸗ burg gemeinſam arbeiten wollet, oder ob wir ihn aus⸗ ſchließen aus der Hütte, bis der oberſte Gerichtshof entſchieden?“ Ulrich neigte ſchweigend ſein Haupt und blickte dann forſchend im Kreiſe umher— ſein Mund ſchwieg — ober ſeine Blicke ſprachen beredt. Es war als ob er damit ſagen wollte:„Ich bitte nicht für mich— ſchon einmal hab' ich dieſe Ausſchließung erlebt, ſchon einmal auch ſie ſiegreich überwunden— ich bitte für die Freiheit des Wortes, der Kunſt! Ich erblicke in der Antwort, die Ihr geben werdet, die Entſcheidung, ob ihr wahrhaft freie Steinmetze ſeid, oder ob Ihr die⸗ ſem Namen Schande macht, indem Ihr Euch herab⸗ würdigt zu ſtlaviſchen Dienern alter Formen!“ Ein Lehrling ging mit einer Schale herum, in der ——— 1¹3 ſchwarze und himmelblaue Kugeln lagen— in der andern Hand hielt er eine leere Urne. So ſchritt man zur Abſtimmung. Die blauen Kugeln bedeuteten das Ja für die gemeinſame Arbeit, die ſchwarzen das ausſchließende Nein. Eine halbe Stunde verging in banger Erwar⸗ tung. Dann öffnete der Pallirer die verſchloſſene Urne. Todtenſtill war es— jetzt— im Augenblick der Entſcheidung, wagte Ulrich nicht aufzuſehen— er dachte an Iſolde,— an den Propſt, der auf dieſen Hütten⸗ kag nicht erſchienen war, ſondern ſich hatte mit Krank⸗ heit entſchuldigen laſſen, um nicht Zeuge zu ſein von Ulrich's neuer Verurtheilung, noch mehr um ſich im Voraus gegen jeden möglichen Vorwurf zu ſichern über ſeinen Verwandten ſelbſt oder über die Art wie er ihm begegnete. Leicht überſehen ließ ſich die Entſcheidung; nur zehn ſchwarze Kugeln waren unter ſechzig blauen. Ein Jubelruf folgte und jeder Einzelne, der erſt nicht gewagt hatte ſich Ulrich zu nähern, eilte jetzt auf Ulrich zu, und beglückwünſchte ihn; darunter ver⸗ ſicherte Mancher auch er würde ſeine Arbeit niederge⸗ legt haben, wenn man ihn ausgeſtoßen, wennmanſich S61. X3. Die Schultheißentöchter von Nurnberg 1 8 angemaßt hätte, über die Freiheit der Meinung zu richten gleich den verfolgungswüthigen Ketzerrichtern. „So nehm' ich auch Eure Abſtimmung!“ ſagte Ulrich dankend. Aber Andere unterbrachen ihn und ſagten:„Es galt nicht allein der Sache, es galt auch dir! wir ehren und lieben dich Alle als den Erſten unter uns, biſt du auch der Beſcheidenſten einer, wir ſind bereit für dich zu thun, was du begehrſt!“ Doch das wies er zurück mit ſaufter Entſchieden⸗ heit.—„Nicht um mich iſt es zu thun,“ rief er,„ſon⸗ dern um unſere Sache— ich feiere weniger einen Spruch, der mich frei ſpricht, als einen, der Euch Alle frei ſpricht vom blinden Beharren an ausgelebten Formen, der Euch Allen das Zengniß gibt, daß Ihr wahrhaftig freie Steinmetze ſeid, nicht nur dem Na⸗ men nach, und daß wir nach wie vor den Profanen vorangehen wollen als ein leuchtend' Beiſpiel, wie man die Freiheit der Kunſt— der Anſchauung und des Glaubens wahre und den ſchönſten Bau ihr er⸗ richten möchte!“ „Nun denn,“ ſagte der Hüttenmeiſter,„ſo iſt vor der Hand in unſerer Hütte und unter uns Nichts ge⸗ ändert, der Bruder Ulrich von Straßburg mag ſein Werk vollenden und unter uns weilen, ſo lange es 115 ihm und einer höheren Macht gefällt— denn das muß ich Euch zu Gemüthe führen: wenn der Maurer⸗ hof zu Straßburg anders über ihn entſcheidet, denn die Bauhütte zu Nürnberg, ſo ſind wir Alle ſeine Mitſchuldigen!“ Einige ſchienen vor dieſem Wort zu erbeben, es malte ſich etwas wie Reue und Schrecken, Bedenken wenigſtens über eine begangene Uebereilung auf ihren Geſichtern— ja Einige ſagten:„Das hättet Ihr cher ſagen ſollen!“ indeß Andere zu erkennen gaben, daß ſie bereit waren mit Ulrich zu ſtehen und zu fallen. Dieſer ſelbſt rief begeiſtert:„Rückſichten auf An⸗ deres, denn auf unſere Ueberzeugung dürfen ja doch nie und nirgend unſere Handlungen beſtimmen. Eines aber darf ich zum Troſt Euch ſagen: Der Ein⸗ zelne, der mit ſeiner Ueberzeugung allein ſteht, der kann viel eher einem Irrthum wirklich verfallen ſein, oder doch eines ſolchen geziehen werden als Viele, die ſich zu ihm bekennen. Stießet Ihr mich aus und lie⸗ ßet Ihr mich allein: ich würde fallen als ein Opfer im Dienſte der Wahrheit— bemitleidet, aber als ein Thor, verurtheilt als ein Verbrecher. Stehen wir aber zuſammen und verkünden wir vereint Dasſelbe, wer will dann uns richten und verdammen? Von Kuiſer und Reich, von Biſchof und Papſt haben wir 8* 116 die Erlaubniß ſchon mehr als einmal erhalten, die Statuten unſerer Brüderſchaft zu verändern und zu erweitern— wie ſollten wir je dies Recht uns neh⸗ men laſſen? wie ſollte man wagen Hand daran zu legen? Der Maurerhof zu Straßburg iſt unſere oberſte Behörde— aber ſie hat nur eine entſcheidende Stimme, wo zwiſchen den Hütten ſelbſt Streitigkeiten ausgebrochen ſind, bleiben wir unter einander einig— werdet Ihr nicht meine Ankläger, laſſen wir Allen das⸗ ſelbe Recht der Gewiſſensfreiheit, das wir für uns in Anſpruch nehmen, ſo wird auch der Maurerhof uns nicht verdammen! Er kann es nicht, will er nicht ſelbſt den heiligſten Prinzipien untreu werden, aus denen unſere Macht und unſere Kunſt erwachſen! Die Freiheit des Gedankens haben wir in der Kunſt gewahrt, da wir in Steinen Allen ſichtbar die Zeichen unſeres Glaubens aufgerichtet— wir müſſen dieſelbe Freiheit wahren auch in jeder andern Sprache, ſei es welche ſie wolle!“ Der Hüttenmeiſter ſchüttelte bedenklich den Kopf und ſagte zu Ulrich:„Wir wollen nicht auftreten als dein Ankläger, wir wollen aber auch nicht deine Mitſchuldigen ſein. Ich ſende deine Schrift an den Maurerhof, er mag entſcheiden. Inzwiſchen wollen wir uns jedes Urtheils begeben über dich und dein 117 Buch und dich als den Unſern nach wie vor betrach⸗ ten, gleichwie als hätteſt du es nicht geſchrieben.“ Dies war die letzte Entſcheidung, die Ulrich jetzt empfing— war damit auch nicht erreicht was er an⸗ geſtrebt, die Gefahr, die ihm drohte, war wenigſtens hinausgeſchoben, und er hatte das Bewußtſein ge⸗ wonnen, daß er nicht allein ſtand unter den Ge⸗ noſſen. Jetzt lenkte er ſeine Schritte, als er aus der Bau⸗ hütte trat, zunächſt zu Pirkheimer, den Freund wie ſeine Schweſter zu beruhigen. Er fand Amanda allein. „Ich habe Euch lange nicht geſehen,“ rief ſie ihm entgegen,„Ihr ließet mich im Ungewiſſen über Euch — von Andern erſt mußte ich erfahren, daß Euch Ge⸗ ſahr bedrohe— in die Ihr Euch ſelbſt geſtürzt.“ „Sie ſcheint wenigſtens weiter entfernt, als Ihr gemeint, oder Diejenigen meinten, die Euch bange um mich gemacht— wer hat das ſo unnützer Weiſe ge⸗ than?“ fragte er weiter. „Wie es immer zu gehen pflegt, ſo ward mir von zwei Seiten über Euch berichtet— mit Bedenken von der einen Seite: Ihr könntet doch in Euern Eifer zu weit gegangen ſein— mit Begeiſterung von der an⸗ dern— ich hatte zu wählen, ob ich einen unvorſichti⸗ 118 gen tollkühnen Mann— ob ich einen begeiſterten Helden und Märtyrer in Euch erblicken ſollte.“ „Die erſte Meinung kam wohl von meinem Ohm, den Propſt— das kann ich denken!“ rief Ulrich,„der gute, unvorſichtige Greis, der gern mein Thun für Alle in den Schleier des tiefſten Geheimniſſes hüllte, und doch aus lauter Angſt mich ſelbſt verräth! Doch woher kam die zweite?“ „Das weißt du nicht?“ fragte Amanda ver⸗ wundert. „Vielleicht von Dürer— denn Freund Pirkhei⸗ mer iſt doch mehr ein vorſichtiger Gelehrter, denn ſolch' ein guter Schwärmer!“ warf Ulrich hin. „Du hätteſt wirklich nicht an Iſolde gedacht?“ „Sie!“ rief der Baubruder in äußerſter Ueber⸗ raſchung. „Sie war bei mir— ich wußte es wohl, ſie kam allein um dich! Wie mir ſchien, hatte man ihr im Klarakloſter die ſchlimmſten Bedenken über dich bei⸗ gebracht,“ ſagte Amanda,„aber nur ihre Angſt hatte ſich geſteigert, ihre Begeiſterung für dich war nicht zu erſchüttern geweſen— ſie glaubte dein Geſchick ſei ſchon entſchieden— du ſeiſt verdammt, gefangen— ſchon hatte ſie einen Plan entworfen dich zu retten— vertraute ſie ſich mir.“ 119 „Amanda!“ rief Ulrich und faßte tie f erſchüttert die Hand der Schweſter. Sie drang jetzt nun in ihn, vonſich zu ſprechen, ſein Loos zu ſchildern, und was ihn erwarte. Er ſagte das Wenige, was er ſagen konnte, ohne die geheimen Verhandlungen in der Bauhütte preis⸗ zugeben. Dann forſchte er weiter nach Iſolde— was hatte ſie geſagt— gethan— was thun wollen? Amanda verrieth nichts mehr— und da ſie ſich jetzt beruhigt fühlte, weil für den Augenblick doch Nichts für Ulrich zu fürchten war, ſo begann ſie von ihren eige⸗ nen Angelegenheiten zu ſprechen.„Ich habe die Nach⸗ richt von Pirkheimer erhalten, daß beide Wolfſtein, Vater und Sohn, verwundet oder todt ſind— der Eine ſoll bei Treviſo, der Andere vor Padua geblie⸗ ben ſein— oder vielmehr nur verwundet im Heer des Kaiſers, der auf dem Rückzuge nach Deutſchland iſt. Kaiſer Maximilian beſteht ſelten auf ſeinen Ent⸗ würfen, wenn ihre Ausführung zu große Opfer koſtet oder ein anderes beſſeres Ziel ſich ihm zeigt; er hat die Belagerung von Padua aufgehoben, und den Venetianern einen Waffenſtillſtund angeboten— ob ſie ihn annehmen, ſcheint noch nicht entſchieden.“ „Ihr ſprecht vom Kaiſer— wo Ihr nicht zu wiſ⸗ 120 ſen ſcheint, ob Euer Bräutigam unter den Lebenden oder nicht?“ fragte ſtaunend Ulrich. „Iſt Euch der Kaiſer nicht mehr werth als jeder andere Ritter?“ rief ſie mit Pathos.—„Er iſt der Einzige, für den ich gezittert habe. Immer iſt er ja voran, immer mitten in der größten Gefahr— auch vor Padua gab er Allen ein erhebendes Beiſpiel von Muth und Thätigkeit. Sein Hauptquartier war nur einen halben Kanonenſchuß weit von dem Walle der Fe ſtung am Thore Cadalunga und man kämpfte immer andeſſen Füßen. Dreimörderiſche Stürme wurden ver⸗ ſucht, die kaiſerliche Fahne wehte einen Augenblick auf der Breſche aber ſie ward wieder zurückgeſchlagen — der Kaiſer hätte ſiegen müſſen— aber nur durch ein elendes Vorurtheil blieb die Feſtung verloren. Man hatte nach der herkömmlichen Sitte zum Stür⸗ men blos das Fußvolk gebraucht. Maximilian wollte auch die franzöſiſchen Gendarmen dazu ver⸗ wenden, und entbot ſie ſchriftlich. Dieſe beſtanden aus der Blüthe des Adels und lehnten das Anſinnen ab, denn ihre Ehre ſchien ihnen darunter zu leiden, wenn ſie mit dem gemeinen deutſchen Mann in Geſellſchaft tämpfen ſollten. Selbſt Bayard, der Spiegel furcht⸗ und tadelloſer Ritterſchaft, theilte dies Vorurtheil und widerſetzte ſich der Anordnung des ritterlichſten Kai⸗ — 121 ſers— was konnte er nun Anderes thun als ein Vor⸗ haben aufgeben, bei dem ihn nicht die Feinde beſieg⸗ ten, ſondern die Freunde im Stich ließen? O Schande über ſolche Bundesgenoſſen!“ Ulrich hörte kopfſchüttelnd dieſen Bericht aus dieſem Munde, wenn er auch einen Theil desſelben ſchon wenigſtens als Gerücht vernommen er ſah Amanda ſo verwundert an, daß dieſe in ihrer Erre⸗ gung fortfuhr: „O wär' es doch der letzte Kampf, in den der Kai⸗ ſer ſich geſtürzt hätte!“ „Dazu ſag' ich Amen!“ verſetzte Ulrich,„ſich— und das Reich Aber Ihr denkt nur an den Kaiſer— in demſelben Augenblicke, wo ich Euch beſorgt glaube um das Geſchick Eures Bräutigams.“ Ach, was iſt er mir gegen ihn!“ rief Amanda— „habt Ihr das nicht längſt errathen und gewußt, daß neben dem Bilde des Kaiſers kein anderes Raum hat in meinem Herzen?“ „Wenn es ſo iſt, Amanda,“ ſagte Ulrich ernſt, „warum habt Ihr das nicht früher geſagt? warum nanntet Ihr Euch Wolfſtein's Braut?“ „Nun, weil ich es bin!“ antwortete Amanda, „ſein Vater beſtimmte mich ihm— ich ſah in ihm einen Retter aus einer Lage, in der ich nicht länger 122 pleiben konnte— er geſtand mir ſeine Liebe zu Anna von Weichsdorf, ſeine heimliche Verlobung mit ihr — und daß Ihr ſein Liebesbote geweſen— ich fand durch ihn meinen Bruder!— nun denn; ich traue nicht jedem Mädchen, daß ſich ſo heimlich einem jungen Ritter verlobt— ich wollte ſie prüfen, erfahren, ob ſich Wolſſtein nicht in ihr getäuſcht.“ „Und Ihr konntet ſchweigen gegen ſie?“— gegen mich— und ſo ſie quälen.“ „Wie konnte ich ſie anders prüfen, als wenn ich ſchwieg?— und gegen Euch? Kamet Ihr etwa in dieſer Beziehung meinem Vertrauen entgegen? Wicht Ihr nicht immer aus?“ „Ihr überließet ſie der Qual an ſeine Untreue zu glauben, ja, der noch härteren ſich ſelbſt für eine Ver⸗ brecherin zu halten, als ob ſie ihm erſt zu einer Un⸗ treue an Euch verleitet hätte?“ Amanda zuckte die Achſeln:„Wie kann eine Prü⸗ fung abgehen ohne Schmerzen?— Und wie konnte es anders ſein, ſo lange Wilhelm's Vater am Leben und Jener nicht Fluch und Enterbung auf ſich laden wollte? War es nicht beſſer— ich, ſeine Freundin galt als ſeine Braut als eine Andere, die ihm mehr zu werden begehrte?“ 123 „O, es iſt dennoch ein unwürdiges, frevelhaftes Spiel!“ rief Ulrich. „Und wenn er nun todt iſt?“ rief Amanda ſchau⸗ dernd,„iſt es nun nicht beſſer, Anna bleibt bei dem Gedanken, daß er ihr ſchon vorher verloren geweſen! — der jetzige Verluſt wird ihr dann wie ein Gewinn erſcheinen!“ „Nein, tauſendmal nein!“ rief Ulrich,„keinen Betrug bis an das Grab und noch über das Grab hinaus! Ihr habt ſchon genug des frevelhaften Spiels geſpielt— jetzt hat es ſeine Grenze gefunden! tauſendmal beſſer für ein Herz, das liebt, an einer Wunde zu verbluten, die der Tod geſchlagen als an einem Verrath des geliebten Herzens! O Amanda— Ihr ſelbſt müßt zu ihr und Alles bekennen, dann werden ihre Thränen ſanfter fließen als jetzt und ſie wird glücklicher ſein in der Trauer um einen getreuen Todten, denn in der Erinnerung an einen treuloſen Lebenden!“ „Und das wißt Ihr— der freie Steinmetz?“ ſagte Amanda und maß Ulrich mit prüfenden Blicken. „Ja, das weiß ich!“ rief er,„der freie Steinmetz! ich habe nie gelogen und will nicht lügen, ich habe die Macht der Liebe empfunden und empfinde ſie wieder. Ich habe ſie niedergekämpft in der Jugend und nur 124 bekannt am Sterbebett der Geliebten— ſie hat aus mir gemacht was ich bin! Und jetzt, wo mich noch einmal in reifem Mannesalter ihr Strahl getroffen— jetzt will ich ſie bekennen vor der Welt und vor der Lebenden— jetzt will ich nicht kämpfen gegen dies Ge⸗ fühl, ſondern für dasſelbe! Erreiche ich auch ſelbſt nicht das höchſte Glück des Lebens, das der Himmel den Menſchen zugemeſſen, vielleicht kaun ich es doch meinen Kameraden erringen helfen, vielleicht die hei⸗ lige Kunſt ſelbſt auf neue Bahnen leiten, wenn ihre Jün ger nicht allein die Gottesmutter verherrlichen, ſon⸗ dern auch dem irdiſchen Weibe den ſüßen veredelnden Einfluß auf ſich ſelbſt geſtatten dürfen.“ Amanda lächelte.„Sieh, daran erkenn' ich Euch als meinen Bruder— Ihr ſchwärmt für ein Weſen, das mit allen erhabenen Eigenſchaften Euch aus⸗ gerüſtet erſcheint, und wundert Euch, daß ich für den Kaiſer ſchwärme, der es wirklich iſt.“ „Loßt jetzt den Kaiſer aus dem Spiele,“ ſagte Ulrich,„geht zu Anna— doch Ihr wißt nichts Ge⸗ wiſſes über die Wolfſtein— dann freilich iſt es beſſer Ihr laßt ſie nach wie vor im Ungewiſſen, als daß Ihr ſie mit Gerüchten quält— gebt Ihr nur die Gewiß⸗, heit, daß Ihr nicht Wilhelm Wolſſtein's Braut— denn ſelbſt die, daß Wilheim ſie liebe, ſie ſich erkämpfen —— 125 wolle, vermögt Ihr nicht zu geben. Ja, ich glaube ſelbſt, es iſt gut für Anna, wenn ſie durch ſeinen Tod dieſe Liebe mit der Zeit überwinden kann— denn von einem Manne, der die Geliebte ſo zu quälen, ihrem Schickſal zu überlaſſen und dabei noch eine Prüfung über ſie zu verhängen vermag, wie die Ritter von König Artus' Tafelrunde ſie nicht peinlicher zu erſin⸗ nen vermochten für ihre erwählten Schönen oder Ehe⸗ frauen— von einem ſolchen iſt nicht zu erwarten, daß er ein Weib ſich zu erkämpfen und nach Gebühr zu ſtützen und zu würdigen verſtehe— ein ſolcher Mann iſt freilich für Euch nicht!“ „Gemach, mein Freund!“ rief plötzlich eine bekannt klingende Stimme und eine in einen Mantel gehüllte Männergeſtalt mit einem tief in's Geſicht gedrückten runden Hut trat durch eine heftig aufgeriſſene Seiten⸗ thür in das Zimmer.—„Ihr ſolltet nicht ſo vor⸗ ſchnell mit Euerm Urtheil ſein, wär' es meine Art nur mit dem Schwerte zu entſcheiden— ich müßte von Euch Rechenſchaft für ſolche Worte verlangen— doch ich will Euch durch Thaten eine beſſere Meinung von mir beibringen!“ damit warf er Hut und Mantel ab— man ſah jetzt, daß er den rechten Arm in der Binde trug. „Wolfſtein!“ rief Ulrich—„Ihr ſeid es— aber 126 warum dieſe neue Täuſchung?“ fragte er finſter Amanden. „Weil ich verſprach ſeine Anweſenheit zu verſchwei⸗ gen,“ erklärte ſie,„und weil in der That Pirkheimer die Nachrichten empfing, die ich Euch mitgetheilt.“ „Ich ward vor Padua nur verwundet,“ erklärte Wolfſtein,„mit dem Kaiſer kehrte ich zurück nach Deutſchland— mein Vater fand ein Grab in Ita⸗ lien! Ich kann nun frei über mich verfügen— will der Rath von Nürnberg den Prozeß, den er wider den Vater geführt, auch auf den Sohn vererben, oder will er mich noch als einen Geächteten betrachten, trotzdem daß der Ritter von Jauernberg begnadigt ward—: ſo biete ich ihm gütlichen Vergleich, dem Rath einen Theil des Waldes, der an den Nürnber⸗ ger grenzt und immer die Veranlaſſung zu unſern Streitigkeiten war; dem Schultheißen aber biet' ich mich als Eidam, nun ich von Euch gehört, daß mir Anna dennoch treu geblieben! Aber erſt muß ich ins⸗ geheim ſie ſprechen, daß wir gemeinſam unſer Glück erkämpfen!“ Ulrich reichte Wilhelm die Hand, und ſagte mit, edlem Freimuth:„Ich wünſche Euch Glück zu Eurer Rückkehr wie zu Euerem Entſchluß, doch von dem, was ich vorhin ſprach, kann ich nur zurücknehmen, was 127 nun dadurch zurückzunehmen iſt. Nicht aber mag ich's billigen, daß der Mann ſich anmaßen mag die weib⸗ liche Treue ſo zu prüfen, und dann noch darauf pocht wie auf eine ſtolze That, wenn er ſeine Hand nach ſolcher Prüfung bietet, von der er ſelbſt verſchont ge⸗ blieben!“ „Nennt Ihr das keine?“ ſagte Wilhelm, indem er Amanden's Hand ergriff—„ſie war mir die be⸗ ſtimmte Braut, und es gab keinen Ritter am Hofe des Kaiſers— ja den Kaiſer ſelbſt nicht ausgenom⸗ men, der mich nicht um ſie beneidet hätte. Vielleicht, vielleicht hätte ſie ſich doch ergeben, es mehr als nach dem Schein zu werden, ich erkannte ihreedle ſtolze Seele, vertraute ihr meine Liebe zu Anna und Alles in Be⸗ zug auf ſie— für mich ergab ſie ſich darein ſich nach Schloß Birbaum zu begeben— für mich ging ſie nach Nürnberg, ſuchte Euch auf und Anna— zu ihr ſtahl ich mich heute zuerſt, unerkannt und verborgen vor Allen bleibend, auch vor Pirkheimer— nur Euch hab' ich mich jetzt entdeckt.“ Ulrich umarmte ſeine Schweſter.„Und was wird die Welt jetzt richten über Euch?“ „Dieſe Nürnberger Krämer über ein freigebornes Edelfräulein?“ fragie ſie lächelnd mit dem ihr eigenen Hochmuth—„was kümmert's mich.“ 128 „Und kümmern Euch auch die Ritter nicht am Hofe des Kaiſers?“ fragte Ulrich bedeutſam „Nein, auch ſie nicht!— ich kehre nach Schloß Wildenfels in meine einſtige Verborgenheit zurück— doch— jetzt denkt an Anna— Ihr habt recht, ich allein kann ihr die Erklärung bringen— Wolfſtein aber darf unterm Dach meines Gaſtfreundes nicht weilen ohne ſeine Güte zu mißbrauchen— er könnte dadurch Unannehmlichkeiten haben bei dem Rath— nehmt Ihr ihn mit Euch, Ulrich, und verwahrt ihn gut!“ Ulrich reichte Wolfſtein die Hand zur Verſöhnung. „Um meiner Schweſter willen— kommt!“ „Nein— um Iſolden's willen!“ ſagte dieſe. VIII. Auf dem Schuffot. „Werfen wir doch ein hüllendes Tuch über jede Leiche, ſchließen den Sarg mit dem hohen ſilberbeſchla⸗ genen Deckel, darauf das Wappenſchild glänzt, bergen ihn dann in der unterirdiſchen Gruft, die wir nur wieder öffnen, wenn es gilt ein neues Glied der Familie im ſchauerlichen Steingewölbe zu verwahren — warum ſollen wir dann die Todten nicht eben ſo behüten vor der Annäherung Uebelwollender, vor böſer Nachrede, vor einem Wühlen in ihrer Vergangenheit? Das Wort des Friedens bei ihrer Seelenmeſſe gelte für uns Alle!“ ſo ſagte Iſolde zu Allen, ſelbſtzu dem Vater und zu Anna, die nach dem Tode Adelgunden's ſich noch in Vermuthungen erſchöpfen wollten über ein ſo plötzlich herbeigeführtes Ende.— Iſolde hatte ver⸗ geben und vergeſſen— gleich einem Cherub mitflam⸗ mendem Schwert hielt ſie auch an dieſem Grabe Wache, 1261. XR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. MI. 9 130 daß es keine Schande offenbar werden laſſe, kein Schimpf es entweihe. So ehrte ſie in ihr die Gema⸗ lin ihres Vaters und bewahrte im tiefſten Innern ein Geheimniß, das in ſeinen wie in Anderer Augen ſie wie ihn entwürdigt hätte. Für ſie war der Tod ein Verſöhner— die Hingegangene ſtand nun vor einem höhern Richter— mochte er ihr gnädiger ſein als der irdiſche, vor dem ſie geſtanden— der Sohn, der ſie verläugnet und von ſich geſtoßen hatte, gleich wie einſt die Mutter ihn. Als die Schultheißin begraben ward, war Cres⸗ centius mit unter den Prieſtern geweſen, die ihrem Sarge folgten und ihn umſtanden, da das Seelenamt gehalten ward— ſeitdem aber hatte ihn Iſolde nicht wiedergeſehen. Im Hauſe des Schultheißen war nun ein ſtiller Friede eingezogen. Es gab kein ſtörendes Element mehr zwiſchen dem Vater und ſeinen Töchtern. Er⸗ fuhr er auch nicht Alles von Iſolde, ſo hatte er doch geſehen wie das Krankenlager ſchon ſie mit der Stief⸗ mutter verſöhnt hatte, wie ſie Alles für ſie gethan, was nur ein Kind thun kann für die eigene geliebte Mutter— und Iſolde, die ſo ihrer heftigſten Feii⸗ din vergeben und ein Weſen ſegnen konnte, daß ihr faſt nur geflucht, erſchien ihm nun im verklärten 131 Lichte. Noch nie war er ſo ſtolz auf ſeine Töchter ge⸗ weſen, wie jetzt auf Iſolde. Dennoch aber verſuchte dieſe vergeblich ihn milder gegen die Kindesmörderin Gerhaus Storch zu ſtim⸗ men, die ihres Urtheils harrte— er blieb dabei, daß er der Gerechtigkeit freien Lauf laſſen müſſe, ſie habe ihr Verbrechen bekannt und könne ihrer Strafe nicht entgehen Das Gericht habe eigentlich nur zu entſchei⸗ den, ob ſie lebendig begraben oder„geſäckt“ werden ſollte, d. h. gleichfalls kebendig in einen Sack genäht und unter entſprechender Feierlichkeit in die Pegnitz geworfen— die höchſte Gnade, die ihr zu Theil wer⸗ den könne, ſei die, wenn ſie durch den Nachrichter vom Leben zum Tode befördert werden dürfe. Iſolde ſchauderte, trotzdem daß zu ihrer Zeit noch ſo unmenſchliche Strafen an der Tagesordnung wa⸗ ren, und das rohe Rechtsgefühl noch nicht einmal darin eine ausreichende Genugthuung für eine begon⸗ nene Unthat zu ſehen glaubte, wenn Diejenigen, die getödtet hatten, wieder getödtet wurden, ſondern es mußte auch noch in einer, allem menſchlichen GefühlHohn ſprechenden Art und Weiſe unter den qualvollſten Martern geſchehen. Auch ſelbſt Gerhaus' Kerker zu be⸗ treten oder nur irgend eine Erleichterung ihr zu bereiten, blieb Iſolde verſagt, eben ſo wie Georg Glockendon. 9* 132 Nur dem Prieſter war vergönnt zu ihr zu gehen. In Gerhaus'ſchrecklicher Kerkernacht war es wie ein flammender Blitz, daß es gerade Crescentius ſein mußte, den man ihr ſandte. Ihm war wohl der Name der Kindesmörderin genannt worden— aber den Namen ſeines Beichtkin⸗ des, das in ſeine Seele das erſte Licht über ſeine Her⸗ kunft geworfen, hatte er nicht gehört— erſt jetzt, als er bei Gerhaus weilte und mit ihr ſprach, erkannte er ſein Beichtkind von einſt— nun wußte er ja Alles! Aber er hatte ſeine Mutter ſterbenlaſſen ohne ſeine Vergebung— nun drückte es doch auf ſeine Seele faſt wie das Gefühl eines Mordes und zu den Qualen und Zweifeln, die den Unglücklichen ſchon immer gefoltert, mußten ſich neue geſellen— er ſtand Gerhaus milder jetzt gegenüber als es ſonſt der Fall würde geweſen ſein. Sie aber meinte in ihm ihren Retter und Rä⸗ cher zu erblicken. Noch einmal beichtete ſie ihm alle ihre Sünden, die alten, die ſchon einmal gebeichte⸗ ten, wie die neuen. Beichtete, wie Löffelholz ſie verſtoßen und ihr erklärt habe, daß ſie nicht ferner bei ihm weilen dürfe mit dem Kinde, das ſich nicht länger werde verheimlichen laſſen. Ihr Vater hatte 133 ſich ſchon längſt von ihr losgeſagt, da er ihre Schande erkannt und im hochmüthigen Trotz hatte ſie ihm geſchworen, daß er ſie auch nicht eher wie⸗ derſehen ſolle, bis ſie Frau Löffelholz geworden— zu ihm konnte ſie nun ſich am wenigſten flüchten, und da ſie nirgends eine Freiſtatt für ſich wußte, ſo warf ſie ihr Kind in's Waſſer und ſprang ihm nach. Ein Werk der Rache aber hatte ſie vorher vollbringen müſſen— ſie hatte Löffelholz ſorgfältigſt aufbewahrte Papiere an Iſolde von Weichsdorf ge⸗ ſandt— das vielleicht ſo die Welt erfahre, daß auch Frau Adelgunde einſt ihre Vorgängerin geweſen. „Noch ſag' ich Euch das als Beichtgeheimniß,“ ſagte ſie—„aber wenn Löffelholz nicht jetzt ſich meiner er⸗ barmt, in ſich geht und mich vom Tode rettet, ſo will ich es auch vor Gericht ſagen. Schon acht Tage ſind vergangen und er hat nicht nach mir gefragt, bleibt es ſo noch über acht Tage, ſo ziche ich ihn mit mir in's Verderben. Noch ſah Crescentius von allem Perſönlichen ab, noch bekämpfte er nicht nur dieſen Vorſatz der ihm ja ſchon mehr als zur Hälfte ausgeführt erſchien, mit den Waffen des Chriſtenthums— er mahnte ſie nur an die eigenen Sünden zu denlen, nicht an die fremden — bereitete ſie zum Büßen und Dulden einer verdien⸗ 134 ten Strafe, wies ſie hin auf die Sorge allein um ihr ewiges Heil, damit ſie mehr Gnade finde bei dem ewigen Richter als bei dem irdiſchen— von dem ſie keine zu erwarten habe. Aber wie peinigte ihn der Ge⸗ danke, daß es ein Opfer ſeines Vaters war, das er zum Tode bereitete. Daß er nun erfahren hatte, wer ſein Vater ſei— um zu wiſſen, daß er ein unverbeſ⸗ ſerlicher Lüſtling und Schurke! Wie er ſeine Mutter nicht anerkannt hatte— ſelbſt auf ihrem Sterbebette— ſo wollte er auch ſei⸗ nen Vater nicht anerkennen— aber auch ſein Anklä⸗ ger wollte er nicht werden, wie er der Richter— viel⸗ leicht der Mörder ſeiner Mutter geworden! Alles was Gerhaus zu ihrer Rettung verſuchte, war vergeblich— auch als ſie zu dem Mittel griff, das ſie für das äußerſte hielt, und den Rathsherrn Martin Löffelholz als den Vater des gemordeten Kin⸗ des verklagte und alle möglichen Schmähungen auf ihn häufte. Ohnmächtig verhallte ihre Wuth in den dumpfen Kerkerwänden— ohnmächtig verhallte ihre Anklage ſelbſt in der Gerichtsſtube— für Löffelholz war es ein Leichtes ſich bei ſeinen Kollegen zu rechtfer⸗ tigen und mit einer verhältnißmäßig geringen Geld⸗ ſumme ſich abzufinden. Gerhaus ward zum Tode des Säckens verur⸗ 135 theilt, aus beſonderer Gnade aber und weil man um dieſe Zeit in Nürnberg ſich ſchon mehr zur Menſchlich⸗ keit hinneigte, zum Tode durch das Schwert be⸗ gnadigt. — — Der Tag der Hinrichtung war gekommen— eine große Menſchenmenge wogte vor das Thor nach dem Richtplatze, der ſchon ganz mit Menſchen erfüllt war. Kannte doch faſt Jedermann in Nürnberg die ſchöne Gerhaus Storch, die Tochter des„geſalzenen Fiſchers“, 3 der ſein Krämlein unter der Barfüßerbrücke hatte, das nun verödet ſtand, denn nur Wenige kauften noch dort, ſeit die ſchöne Verkäuferin fehlte. Hatten doch Unzählige der Schönen ein ſolches Ende prophezeit und triumphirten ſie nun, daß ihre Prophezeiung ein⸗ getroffen— da wollten ſie doch auch perſönlick dabei gegenwärtig ſein! Andere meinten gerade wieder 4 1 umgekehrt: das hätten ſie doch nicht gedacht, daß es 1 ſo weit mit Gerhaus kommen würde, und dieſe hielten ſich wieder aus dem entgegengeſetzten Grunde für verpflichtet zu erſcheinen. Viele folgten nur dem Kitzel der Grauſamkeit, ein ſchauerliches Schauſpiel zu ge⸗ nießen, das um ſo mehr Intereſſe verſprach, als kein gemeiner häßlicher Verbrecher, ſondern ein ſchönes Weib das Opfer war, und als man von den Bezie⸗ 136 hungen murmelte, in denen ſie zu einem der Raths⸗ herren geſtanden. In rother Kleidung, auf prächtig gezäumtem Rap⸗ pen, das blank gezogene Richtſchwert an der Seite, ritt Hartwig Rother, der Nachrichter von Nürnberg, eine ſchöne athletiſche Geſtalt mit trotziger gebietender Hal⸗ tung, Jugendkraft und Kühnheit in den Zügen, die ein blühendes Kolorit hervorhob. Ihm folgten die Henkersknechte— ein langer Zug, und in ihrer Mitte das unſelige Opfer auf einem Karren. Gerhaus in weißer Kleidung und eine ſchwarze Schnur um den ib; das ſchwarze aufgelöſte Haar, zu beiden Seiten niederfallend, war trotzdem, was ſie ausgeſtanden, noch eine ſchöne Erſcheinung. Die Wangen, die Krant heit, Kerker und Angſt gebleicht, erglühten jetzt im Roth der Scham und des Sonnenſcheins, der ſo lange dies Angeſicht nicht getroffen. Das Haupt Ferugt und die Augen niedergeſenkt auf die gefalteten weißen Hände, wagte ſie nicht aufzuſehen, und die Menge, die ſonſt leicht geneigt war die unglücklichen Opfer einer nur ſtrafenden Gerechtigkeit auf ihrem Todes⸗ wege noch zu beſchimpfen, verſtummte diesmal unwill⸗ kürlich vor dieſem Anblick So ſtill war's, daß man. nur das Armenſünderglöcklein läuten hörte, und das Gebetemurmeln der Mönche, die den Zug begleiteten. 137 Neben Gerhaus ſchritt Pater Crescentius— bleicher und elender als ſie ſelbſt. Dem Richtplatz gegenüber war eine Tribüne er⸗ richtet, auf der ein wohledler Rath und der Schultheiß inmitten der Schöppen Platz genommen, damit ihr Urtheilsſpruch auch unter ihren Augen vollzogen werde. Auch Herr Martin Löffelholz fehlte nicht. Kei⸗ neswegs waren alle Rathsherren zugegen und er hätte ſich können, gleich wie Pirkheimer und Dürer gethan, entſchuldigen kaſſen, aber er fürchtete dadurch dem Ge⸗ rede der Leute, das ſeinen Namen mit dem dieſes Opfers in Verbindung brachte, neue Nahrung zu geben, und ſo hatte er die Freiheit, ſich perſönlich einzufinden und all' den Blicken auszuſetzen, die verklagend und neu⸗ gierig nach ihm ſuchten, indeß ſie mancher Mund mit leiſen Ziſcheln zum Ohr des Nachbars begleitete. Gerhaus erſchien auf dem Richtplatze und ſtand dem Henker gegenüber— athemlos lauſchte die Menge— dieſe Blicke, mit denen er ſein Opfer be⸗ trachtete— jie glichen nicht denen, die man an ſolcher Stätte zu ſehen gewohnt war. Sie ſah noch mehr erglühend und feurig zu ihm auf, und flüſterte:„Ja, ja— Ihr erkennt mich— Ihr habt ein Recht, Euch Eures Triumphes zufreuen, denn noch iſt kein Jahr in's Land gegangen, daß Ihr 138 mir prophezeitet, wie wir uns ſo einſt gegenüber ſte⸗ hen würden— und weil wir denn Bekannte ſind, ſo macht es kurz— verbindet Ihr mir ſelbſt die Augen, daß mich Eure rohen Knechte nicht berühren— ich habe den Tod verdient, und es iſt noch eine Milderung von Eurer Hand zu ſterben!“ „Ich will Alles thun nach Euern Willen!“ ant⸗ wortete Hartwig Rother vernehmlich,„vergebt auch Ihr mir, daß ich Euch thun muß wie das Geſetz be⸗ fiehlt!“ Sie gab ihm die Hand und ſagte laut:„Ihr ſeid nur ein Werkzeng, nur der blinde Vollſtrecker einer Strafe, die das Geſetz über mich verhängt hat— ich habe Euch Nichts zu vergeben und vergebe Euch doch zuverſichtlicher als ich ſelbſt im Jenſeits auf Vergebung hoffe! Ja, Euch vergebe ich lieber als jedem Andern!“ Er winkte ihr ſtumm mit der Hand— ſie kniete nieder an den Block und faltete die Hände— Cres⸗ centius trat dichter zu ihr und ſprach das letzte Ar⸗ menſündergebet— ein Henkersknecht nahte mit einem Tuche ihr die Augen zu verbinden, und das Haar vom Nacken zu entfernen. Der Nachrichter ſtieß ihn zurück, riß das Tuch aus ſeiner Hand und band es ſelbſt um Gerhaus' Augen 139 — ehe er es that, ſandte ſie einen letzten jener zauber⸗ haften Blicke zu ihn empor wie er ſelbſt Meiſter Dü⸗ rer faſt beſtrickt hatte. Die Menge hielt den Athem an. Der Schultheiß gab das verhängnißvolle Zeichen. Der Nachrichter ſchwang das blanke Schwert dreimal über Gerhaus Haupt, als das Opfer bereit auf dem Blocke ruhte. Crescentius trat mit einem letzten„Amen!“ einige Schritte zurück. Todtenbleich ſaß Martin Löffelholz auf ſeinem Sitz und ſtarrte vor ſich nieder— war ihm dennnicht zu Muthe, als wenn das Schwert ihn ſelber treffen ſollte? hätte er es denn nicht in dieſem Augenblicke für eine Wohlthat gehalten? „Was iſt das?“ ſagte der Schultheiß zu ſeinem Nachbar,„Hartwig Rother hat bisher immer auf den erſten kräftigen Hieb das Haupt vom Rumpfe getrennt, und jetzt ſcheint es, als zittere ſeine Hand.“ Aber der Angeredete hatte nicht Zeit weiter zu antworten, als:„Da ſeht nur!“ Und wie aller Augen auf das Schaffot gerichtet waren, ſo machten jetzt alle Kehlen in Murmeln und Schreien ſich Luft. Aber das waren nicht jene grauſamen Töne einer 140 nahen Wenge, die Blutfließen ſieht und beim Anblick eines zuckenden Weſens noch Bravo brüllt— das war mehr ein Ruf der Ueberraſchung, der Neugier, des Staunens, ein Jauchzen, das bei aller Rohheit doch eine menſchliche Freude zeigte. Der Nachrichter hatte ſein Schwert von ſich ge⸗ ſchleudert und bat um Gehör: „Ich bin bereit geweſen meines Amtes zu warten und das Urtheil des Geſetzes zu vollſtrecken— aber ich vermag es nicht— ich habe dies Weib ſchon ge⸗ kannt, und jetzt erſcheint mir ſeine Schönheit größer als ſeine Schuld, alſo, daß mein Arm unfähig gewor⸗ den das Schwert zu führen und dies Haupt von ſeinem Rumpfe zu hauen. Und ſo laſſet denn Gnade für Recht ergehen, gebt mir Gerhaus Storch zum Weibe— ſo iſt ſie auch ausgeſtorben von Euch, und beſtraft!“ Das Volk jauchzte dieſer Rede Beifall, und rief unter Hohngelächter und Hallohgeſchrei zur Raths⸗ tribüne gewendet:„Gebt ſie ihm! gebt ſie ihm! Eine Hochzeit auf dem Schaffot!“ Der Schultheiß bedachte ſich nicht lange— er⸗ dachte an Iſolden's Fürſprache, und winkte mit einem weißen Tuche das Zeichen der Gnade. 141 „Euere Bitte ſei Euch gewährt!“ lautete der kurze Beſcheid für den Nachrichter. Und nun neues Vivat⸗ und Bravorufen und ein nicht zu beſchreibender Tumult unter der Menge, die ſich freute zu dem gräßlichen Schauſpiel, das ihr ſchon geworden, ſich nun doch ein luſtiges Ende fügen zu ſehen. Ein Fall wie dieſer war kein ganz außergewöhn⸗ licher. Dergleichen kam vor da und dort im deutſchen Reich, wenn auch vielleicht in einer Stadt wie Rürn⸗ berg trotz den maſſenhaften Todesurtheilen und öffent⸗ lichen Hinrichtungen nur einmal im Jahrzehent. Die Nachrichter, überall geächtet und als unehrlich ausge⸗ ſchloſſen von jedem Verkehr mit Andern aks ihren Zunftgenoſſen, konnten ihre Gattinnen entweder nur aus den Töchtern derſelben wählen oder aus den Opfern, die unter ihre Hand gegeben wurden. Gerhans wußte nicht, wie ihr geſchah— ſchon hatte ſie das Schwirren des Schwertes gehört, ſchon geglaubt, es berühre ihren Hals und der letzte Augen⸗ blick ihres Lebens ſei gekommen, ſchon war ihr gewe⸗ ſen, als ob ein jeher Ruck ihr Inneres zerriſſe und nun plötzlich die Erde unter ihren Füßen verſchwinde mit Allem was ſie trug und ſie ſelbſt ſtürze in eine boden⸗ loſe nächtige Tiefe. 142 Und uuf einmal fühlte ſie die Binde wieder von ihren Augen genommen, ſpiegelte Licht und Leben ſich auf's Neue in ihnen— fühlte ſie von einem ſtarken Arm ſich erfaßt und emporgeriſſen und ruhte ihr Haupt, ſtatt auf dem kalten ſchrecklichen Block, an einer liebewarmen, pochenden Mannesbruſt. Im Augenblick waltete doch nur ein Gefühl in ihr, ein jauchzendes, gerettet zu ſein, verſchont von dem tödtlichen Streich— und ſo klammerte ſie ſich mit einer Art Entzücken an den Mann, durch den ſie es war, der ſie hätte tödten ſollen und ſie doch dem Le⸗ ben wiedergab. Der Preis, um den ſie gerettet, daß ſie nun das Eigenthum des Henkers, der allgemeinen Verachtung nicht minder preisgegeben war für ein ganzes Leben lang als in dem Augenblick, da ſie auf dem Karren zur Richtſtatt fuhr— das konnteihr, auch wenn ſie es nicht ſchon vorher gewußt hätte, klar wer⸗ den durch das Hohngelächter der Menge, das ſie jetzt umtobte— aber ſie konnte nicht Alles in ſich aufneh⸗ men, was jetzt in ſie eindrang, und überwältigt von all' den Erſchütterungen, die ſie in dieſer einen Stunde erlebt, wäre ſie zu Boden geſunken, wenn nicht Hart⸗ wig die Bewußtlosgewordene mit ſtarken Armen er⸗ faßt und vom Schaffot herab bis zu ſeinem Rappen getragen hätte. Dann ſchwang er ſich auf denſelben 143 und jagte mit ihr im Galopp davon, um je eher, je lieber in ſein einſames Bereich zu kommen. Die verſammelte Menge war, wie geſagt, ſehr zu⸗ frieden mit dieſem Ausgang, die noch nicht ganz ent⸗ menſchte Natur freute ſich doch, die arme Sünderin mit dem Leben davonkommen zu ſehen und dem rohen Rechtsgefühl, das ſtrenge Strafen für jedes Vergehen verlangt, war vollkommen Genüge geſchehen.— Das Todesurtheil war gefällt und die Todesangſt ausge⸗ ſtanden worden, der größte Schimpf traf nun doch die Verurtheilte, denn es gab keinen härteren als das Weib des Henkers zu werden. Von derſelben Anſicht gingen auch der Schultheiß und die Rathsherren aus, die Gerhaus unter dieſer Bedingung begnadigt hatten— nur Einer blickte fin⸗ ſter d'rein, der Einzige, der ihre Begnadigung hätte wünſchen ſollen, damit die Laſt der Schuld, die ihn drückte, nicht auch durch dieſen Tod noch vermehrt worden wäre: Herr Martin Löffelholz empfand mehr Schrecken als Troſt und Freude darüber,— ſo lange Gerhaus lebte, mußte er die Rächerin in ihr fürchten, nun um ſo mehr, als er ihr Todesurtheil ſo gut wie mit unterſchrieben hatte. Hätte er ſie ſterben ſehen— vielleicht wäre dann ſein Gewiſſen erwacht— aber er ſah ſie leben, ſah ſie 144 ſelbſt auf dem Schaffot noch einen Triumph ihrer Schönheit feiern— da legte ſich ſein Gewiſſen wie⸗ der ſchlafen und Haß und Furcht, ja ſogar auch ein wenig Eiferſucht gelangten wieder in ihm zur unum⸗ ſchränkten Herrſchaft. IX. wiederſehen. Gerade in der zu einer öffentlichen Hinrichtung beſtimmten Stunde mußte es nach Amanda's Berech⸗ nung nicht nur in den Straßen von Nürnberg, ſon⸗ dern auch im Hauſe des Schultheißen ſo ſtill ſein, daß ſich da am eheſten ein ernſtes Wort in ſicherer Unge⸗ ſtörtheit ſprechen ließ. Sobald es alſo auf den Gaſſen und Plätzen faſt menſchenleer geworden, weil faſt Alle, die nicht irgend ein nothwendiges Geſchäft daheim feſſelte, die Weni⸗ gen, ſelbſt von dem zarten Geſchlecht ausgenommen, die aus wahrhaft weiblicher Empfindung ein ſolches Schauſpiel mieden, das von vielen ihrer Schweſtern gerade am begierigſten aufgeſucht ward— auf den Richtplatz hinausgeſtrömt waren, begab ſich Amanda in das Haus des Schultheißen, um ſeine Töchter zu ſprechen. 145 Sie hatte Mühe, im Hauſe Jemanden zu finden, der ſie zu ihnen führte— denn auch die Dienerſchaft war der Hinrichtung nachgelaufen, um ſo begieriger, als ſie ſich gleichſam ſelbſt bei vorkommenden Fällen mit zur Juſtiz rechnete und ſich gelegentlich berufen fühlte, in entſprechender Weiſe ihre Herrſchaft zu re⸗ präſentiren. Nur der alte Bertram, der ſeit dem Tode der Schultheißin ſich wieder zu einer Art von Haus⸗ hofmeiſter emporgeſchwungen hatte, war zugegen, das Haus und die Töchter desſelben zu bewachen, die ſich heute— in ihre innerſten Gemächer zurückgezogen hatten. Anna und Iſolde empfingen die Ankommende zu dieſer Stunde beinahe herzlicher als ſonſt. Als das Armenſünderglöcklein läutete, hatten ſie unwillkürlich ſchaudernd weder Gedanken noch Worte, von dem ar— men Opfer wegwenden können, dem es zum letzten Stündlein läuten ſollte. „Weiſt Du noch,“ ſagte Anna bewegt,„wo ich dieſe Gerhaus zuerſt geſehen?— an den Buchenklin⸗ gen— o, ich weiß es nur zu gut— es war an dem verhängnißvollen Tage, an dem ich Wilhelm zuletzt geſprochen— ach, es wird wohl für immer zuletzt ge⸗ weſen ſein!“ In dieſem Augenblick ward Amanda gemeldet.. 1681. Xx. Die Schultheißentöchter von Rürnberg. u. 10 146 „Ich habe Euch Grüße zu bringen,“ ſagte ſie hald nach ihrem Eintreten zu Anng. „Von wem?“ fragte dieſe unbefangen. „Von Wilhelm von Wolfſtein!“ lautete die Ant⸗ wort. Anna entfärbte ſich— und im nächſten Augen⸗ blick glühte ſie wieder im hellſten Roth. Iſolde aber fragte für ſie im möglichſt gleichgül⸗ tigen Ton:„Iſt der Ritter wieder zurückgekehrt?“ „Sein Vater iſt todt und er ſelbſt verwundet— er muß ſich ausruhen auf Birbaum“, berichtete Amanda. „Ihr kommt um Abſch ed zu nehmen und ihn zu pflegen?“ brachte Anna mühſam nach Faſſung ringend hervor. „Die Pflege von Euren Händen wird ihm will⸗ kommener ſein!“ verſetzte Amanda und ergriff Anna's Hand, neben der ſie Platz genommen hatte. Aber Anna ſprang jetzt empor:„Genug!“ rief ſie,„es iſt genug! Bin ich eine Schuldige, ſo macht ein ſchnelles Ende mit mir, wie es jetzt jener Gerhaus geſchieht, für die das Armenſünderglöcklein läutet— o ich wollte, ich könnte auch ſo ſchnell ſterben wie ſie, dann hätte dieſer unſelige Kampf ein Ende.“ „Vergebt ihr“, ſagte Iſolde begütigend im Flüſter⸗ 147 ton gedämpft zu Amanda—„ſie hat unſäglich ge⸗ litten.“ „Vergebt Ihr mir?“ wendete ſich Amanda zu Anna.„Ich habe Euch ein Bekenntniß abzulegen: Wilhelm von Wolfſtein war Euch treu und fügte ſich nur zum Schein in ſeines Vaters Willen, weil auch ich mich ihm fügte— jetzt bindet uns keine Fflicht, kein Verſprechen mehr, Wilhelm iſt frei und er hofft, daß Ihr es auch ſeid und ſtill geharrt habt wie er ſelbſt.“ Anna wußte nicht ob ſie wache oder träume, ob es denn Wahrheit ſei was ſie hörte, oder irgend ein grauſamer Spott— wie im Fieber zitternd ergriff ſie Amanda's Hand und ſie mit faſt irren Augen anſe⸗ hend, rief ſie:„Ich kann mein Gefühl nicht länger verbergen— ich will ja all' meine Schwachheit einge⸗ ſtehen und jeden Triumph Euch gönnen, aber redet die Wahrheit.“ „So hört ſie von meinem Diener, der Euch die⸗ ſelben Nachrichten beſtätigen mag, wenn Ihr mir nicht glaubt,“ ſagte Amanda und wendete ſich zur Thür. Fſolde eilte ihr nach und wollte ſie mit den Wor⸗ ten zurückhalten:„Bedenkt wo Ihr ſeid und daß Ihr den Töchtern des Schultheißen mindeſtens Achtung ſchuldig!“ 10* 148 Aber ſchon war Amanda durch die Thür und in das Nebenzimmer geſchritten und hatte, auf Iſ olden's Wort nicht achtend, ihren Begleiter gerufen;— in einen alten Mantel gehüllt und mit einer Kopfbedeckung die, halb Helm, halb Hut, damals von den untern Klaſſen getragen ward— eine Form nach Art der Biſchofmützen, nur niedriger und ringsum von einer breiten Krempe umgeben, die halb herabfallend das Geſicht beſchattete— trat der Gerufene ein. „Beſtätigt meine Ausſage!“ befahl ihm Amanda. Anna war auf den Stuhl zurückgeſunken, deſſen gewaltig hohe Lehne die zarte Geſtalt weit überragte, ihr Geſicht glühte und ihre Hände zitterten— Iſolde ſah mit beſorgten Blicken auf die Schweſter, für die ſie bei deren kränkelnden Zuſtand unn in jeder Art das Schlimmſte befürchtete. Da warf ſich der Eingetretene zu Anna's Füßen, und indem er Hut und Mantel weit von ſich ſchleu⸗ derte, mußten die Schweſtern Wilhelm von Wolfſtein erkennen, obwohl ein Jahr voll Kriegsſtrapatzen ſeine Züge männlich feſter geformt und ſeine Hautfarbe ge⸗ bräunt hatten. „Wilhelm!“ rief Anna, und ein unveſchreiblich ſe⸗ liges Entzücken lag in dieſem Worte, lag in dem be⸗ lebten Ausdruck ihres ſanften Geſichtes, lag ſelbſt in 149 der plötzlichen Lähmung, die ſie unfähig machte, auch nur ein Glied zu rühren. Amanda nahm Iſolden's Arm und ſagte:„Laſſen wir ſie allein— im Arm der Liebe ſtirbt ſie nicht und wird ſich ſchon wieder erholen!“ „Allerdings wird es gut ſein,“ ſagte Iſolde, „wenn Ihr mir dieſe Räthſel löſt— indeß es Wolf⸗ ſtein bei Anna verſuchen mag— und ich hätte ge⸗ wünſcht, daß Ihr es längſt gethan; vielleicht wäre uns Allen viel Kummer und mindeſtens die quälendſte Sorge erſpart geweſen.“ Wie gern glaubte und vergab Anna dem geliebten Manne! Hing doch einmal ihr ganzes Herz an ihm mit unauflöslichen Banden und fühlte ſie, wie dieſe Liebe ihr Leben war und dies ſelbſt entweder jählings beendet oder allmälig hingeſchwunden ſein würde, wenn er nicht wieder zu ihr zurückgekehrt wäre. Wie gern vergab ſie ihm ſelbſt die Schwäche, mit der er ſich ſei⸗ nem Vater untergeordnet, wie gern glaubte ſie ihm, daß Amanda ihre Vollmachtüberſchritten und ſie einer härtern Prüfung unterworfen habe, als er ſelbſt gut geheißen hätte. Wurzelte ſie ſelbſt doch noch feſt in der alten Anſchauung ihrer Zeit, die trotz allen immer mehr ſich Bahn brechenden Neuerungen es in man⸗ chen Stücken doch immer noch mit der untergehenden 150 Ritterſitte des Mittelalters hielt und ſo auch das Weib noch halb zur verehrten Herrin, halb wieder zum un⸗ tergeordneten Eigenthum des Mannes machte. Er konute abenteuern im Lande umher, konnte alle ſeine galanten Spiele und Verhältniſſe mit andern Frauen mit der Pflicht des Ritters dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht gegenüber en'ſchuldigen— dafür aber von ſeiner Erkorenen die reinſte Unſchuld und die unver⸗ brüchlichſte Treue erwarten, die jeder Lockung wider⸗ ſtand— er konnte die ſchwerſten und peinlichſten Prüfungen über ſie verhängen und hatte dann— ſelbſt dem Gefühl der Gerüften gegenüber— nicht einmal die Pflicht der Abbitte, noch das Bedürfniß der Vergebung. Die ſiegreich beſtandene Prüfung war der Triumph des Weibes, wie der Triumph des ſtol⸗ zen Mannes, der ſie— wenn eben auch mit der Vor⸗ ausſicht dieſes doppelten Triumpfes— für nöthig ge⸗ funden, der Lohn dafür war die erhöhte Liebe des Mannes, war ſeine Hand. Wie auch die Minne⸗ und Meiſterſänger das Weib als Herrin und Göttin prei⸗ ſen mochten— in Wahrheit war es doch dem Manne untergeordnet, ward in der Ehe gewiſſermaßen erſt durch ihn erhoben und galt es auch für die Ehre ſeines Hauſes, ſo galt doch ſklaviſche Unterwürfigkeit unter 151 des Mannes Willen meiſt als des Weibes höchſte Tu⸗ gend. Gleich andern einzelnen Ausnahmen, wie es die⸗ ſelben zu allen Zeiten gegeben hat und wie ſie ſich mehrten in einer Zeit ſo gährender Elemente, wie ſie zu Anfang des ſechzehnten Jahrhunderts ſich geltend machten, war Iſolde über dieſe Anſchauungen faſt von früheſter Jugend an hinausgeeilt, indeß Anna ganz und gar in ihrem Befangen geblieben. So hing ſie auch jetzt demüthig und hingebend, voll ſeligem Bewußtſein in Wolfſtein's Armen und fand volle Genüge in ſeinen halben Erklärungen, indeß Jolde viel weniger be⸗ friedigt war von den ganzen Amanda's. Aber wie hätte ſie mögen das Glück der Schwefter trüben nur durch ſolch' eine Bemerkung, viel weniger durch eine Einwendung und Störung? War ſie be⸗ friedigt, fand ihr ſo lange und vielfach gequältes Herz endlich einen Augenblick des Glückes, der ſüßen Ge⸗ nugthuung, wie hätte ſie ihr den verbittern mögen? Was ſie aber gegen Amanda allein darüber laut wer⸗ den ließ, das veranlaßte dieſe zu der Bemerkung: „Ihr denket auch in dieſem Punkt wie Ulrich und ſo ſeid Ihr auch in allen Stücken ſeine Geiſtesver⸗ wandte!“ Es war geſchickt von Amanda, das Geſpräch von 152 ſich ſelbſt und Wolfſtein ab und auf Ulrich zu lenken — jetzt war Iſolde an einen andern Gegenſtand ge⸗ feſſelt jetzt war ſie ſelbſt das liebende Weib, das kein anderes um ſeiner Liebe willen zu verurtheilen wagte. „Er hat Wolfſtein bei ſich beherbergt“, ſagte Amanda,„aber nicht er ſelbſt wollte ſein Führer hier⸗ her ſein, ſondern er ſandte mich, Euch vorzubereiten. In demſelben Augenblick empfing er die Nachricht, als er mir die tröſtliche brachte, die wenigſtens für jetzt Euer Bemühen für ihn überflüſſig machte.“ „Ihr habt doch geſchwiegen?“ „Ich habe es!“ antwortete Amanda,„aber es iſt mir ſchwer genug geworden— dies Wort von mir hätte ihn zum glücklichſten Sterblichen gemacht— denn ſchon das eine, das ich von Euch ſprach, reichte hin, ihm ein Geſtändniß von Empfindungen zu ent⸗ locken, die er ſonſt mir ſchwerlich würde vertraut ha⸗ ben— und die er wohl Euch ſelbſt bisher ver⸗ ſchwieg!“ Iſolde ſenkte die langbewimperten Augenlider zu Boden und ſagte, indem ſie ſich den Schein geben wollte, als habe ſie die letzten Worte überhört und darum eben mit um ſo größerer Beklommenheit:„Er verſuchte mich zu ſehen, da ich ihn gebeten, wenn es 153 ihm möglich, mir den Ausgang jenes für ihn ſo ver⸗ hängnißvollen Hüttentages wiſſen zu laſſen— aber er hat mich verfehlt und ſo bin ich nur im Allgemei⸗ nen beruhigt.“ Iſolde hatte an dem Tage vor dem erwähnten Hüttentage den Propſt Kreß geſprochen— ihr hatte dieſer all' ſein Bangen um Ulrich mitgetheilt,— wie ſchlimm es mit ihm ſtände durch jene Schrift und wie das Traurigſte für ihn zu fürchten ſei— daß er wohl kaum ein zweites Mal dem ſchimpflichſten Loſe ent⸗ gehen könne— zumal diesmal keine Eliſabeth mehr für ihn bei dem Kaiſer bitten könne.— Dieſe Worte hatten bei Iſolde gezündet— warum konnte denn ſie ſelbſt das nicht? Sie beſaß ja die Nadel Eliſabeth's deren Ueberbringerin der Kaiſer ja ein für allemal Gewährung ihrer Bitte zugeſichert! So von Angſt und Hoffnung zugleich durchdrungen, war ſie zu Amanda gleich geeilt— ſie kannte ja den Kaiſer— vielleicht wußte ſie einen Weg zu ihm, wenn es Noth thut, vielleicht ſchlug er ihr ſo wenig etwas ab, wie einſt Eliſabeth, gewährte er um ſo lieber die Bitten einer Schweſter. Amanda kannte ſchon die Geſchichte der ſilbernen Roſe, die einſt Ulrich wieder zur Freiheit, wie zur Aufnahme in die Hütte verhalf, kannte ſie durch 154 den Kaiſer ſelbſt— aber noch war er in Trient— indeß ging die Sage, daß er wohl bald einen Reichs⸗ tag in Augsburg halten und ſelbſt dahin kommen werde. Dort war er ſchon erreichbar und ſie konnte hoffen, eine Fürbitte für den Bruder an ihn bringen zu können. Aber jetzt hatte ſich ja Iſolden's Angſt als über⸗ trieben erwieſen— ja jetzt war für den Einzelnen ſo⸗ wohl wenig zu fürchten, als ſelbſt, wenn zu fürchten, zu thun— jetzt ſtand er nicht allein mehr, ſondern gewiſſermaßen an der Spitze einer Bewegung, von der es ungewiß war, welchen Ausgang ſie nehme, und ob ſelbſt ein Kaiſer ihr gebieten, oder den, der ſie veranlaßt, beſchützen konnte. Und ſo hatte Iſolden's Schritt bei Amanda jettt keine andere Folge, als daß ſie durch ihre Angſt für Ulrich ihre Liebe zu ihm, wie ihr geiſtiges Einverſtändniß mit ihm verrieth. Doch Iſolde dachte immer weiter; beim Maurer⸗ hof von Straßburg einen Fürſprecher für Ulrich und ſeine Schrift zu finden, erſchien ihr am unerläßlichſten. Ein Kirchenfürſt und ein freier Maurer zugleich mußte es ſein. Daß ſie von dem alten Propſt Kreß in dieſer Beziehung nichts erwarten konnte, wußte ſie, nicht allein, weil er Ulrich's Oheim war und ſein Fürwort als das für einen Verwandten kein anderes 155 als parteiiſches Gewicht haben konnte, ſondern weil ſie ſeine Aengſtlichkeit bei allen Dingen, die ihn mit Andern, beſonders mit geiſtlichen und weltlichen Be⸗ hörden in Konflikt bringen konnten, fürchtete. An ihn alſo dachte ſie nicht. Aber wohl erinnerte ſie ſich Georg's III., Schenk von Limburg und Biſchof von Bamberg, der auch als Mitglied in die Baubrüder⸗ ſchaft aufgenommen, ein aufgeklärter und unterneh⸗ mender Herr, Ulrich's ſpezieller Gönner und Freund — und auch der ihrige war. Hatte er ihr doch geſagt, da er der Gaſt ihres Hauſes war und ſie für viele Andere bei ihm bat, nur für ſich ſelbſt keinen Wunſch ausgeſprochen hatte, daß es ſeine größte Freude ſein würde, wenn er ihr einmal ſelbſt einen Dienſt leiſten und ihr ſeine Verehrung durch eine Handlung für ſie bezeugen könnte. Dem Biſchof alſo ſandte ſie Ulrich's Buch, be⸗ ſchwor ihn, es zu prüfen, ſetzte voraus, daß er ſeinen Anſichten beiſtimmen und Alles thun müſſe, um den⸗ ſelben Geltung zu verſchaffen.„Ich bin nur ein ſchwa⸗ ches Weib,“ ſagte ſie,„aber ich fühle, daß ich jedes Opfer mit Freuden hringen würde, das man von mir fordern könnte, um meine Ueberzeugung zu beſiegeln. Leider bin ich nur ein ſchwaches Weib— und darum nicht in dieſer Lage— ich kann nur bitten und Euch 156 beſchwören, mein Flehen zu erhören, wie Ihr mir einſt verſpracht. Ihr werdet nicht geſchehen laſſen, daß der edelſte Mann, weil er die Wahrheit redet und für eine gerechte und erhabene Sache im Dienſte des Chri⸗ ſtenthums, der Kunſt und der Menſchheit kämpft, darum leiden und vor der Welt als ein Ausgeſtoße⸗ ner und gefährlicher Neuerer erſcheinen müſſe. Ihr, der hochwürdige Biſchof, werdet die Sache, für die der arme Bruder kämpft, zu der Eurigen machen und dadurch wird ſie ſiegen und Millionen werden Euch ſegnen! Den wärmſten Dank dafür wird Euch aber widmen Eure gehorſame Tochter Iſolde.“ Niemand wußte etwas von dieſem Brief und Iſolde hütete ſich wohl, auch Amanda davon zu ſagen, da ſie aber wußte, daß dieſe auch den Biſchof kannte, ſo fragte ſie nur dieſelbe, ob ſie glaube, daß der Schenk wohl auf Ulrich's Seite ſtehen werde. Amanda zuckte die Achſeln und ſagte nur:„Man weiß das bei großen Herren niemals voraus. Bei harmloſer Unterhaltung, wohl gar bei einem Bankett oder noch mehr einer ſchönen Dame unter vier Augen gegenüber ſprechen ſie ſo, daß wir darauf ſchwören möchten, ſie würden jedes kühne Wort unterſtützen, wohl gar ihm Geltung verſchaffen und einer Dame keine Bitte, und wäre es die allerkühnſte, abſchlagen 157 — in ihren Kanzleien aber und auf ihren Synoden oder noch höher geſtellten und gekrönten Häuptern ge⸗ genüber klingt die Sache nachher ganz anders und ſie verſichern uns, daß wir von den öffentlichen und all⸗ gemeinen Angelegenheiten ſo wenig verſtünden, daß ſie ein uns nur aus Artigkeit gegebenes Verſprechen in ſolchen Dingen nicht zu halten brauchten— ſo möcht' ich auch nicht wagen, den Biſchof für meinen Bruder in eine ſolche Verſuchung zu führen.“ Iſolde mußte Amanda ſeufzend bei dieſer für ſie wenig tröſtlichen Anſicht beipflichten— aber ſie ver⸗ rieth nicht, daß ſie den Biſchof ſchon in dieſer Weiſe — in Verſuchung geführt. Als ſo die Beiden zuſammen ſprachen, hatten ſie ganz überhört, daß es unter ihren Fenſtern ſchon wie⸗ der lebhaft herging— die Menge kam vom Richtplatz zurück— das Schauſpiel war durch den Zwiſchenfall früher beendet als außerdem— die Schweſtern ſelbſt hatten gemeint, noch ein paar Stunden Zeit zu haben bis zur Rückkehr des Schultheiß— Anna zählte die Stunden noch weniger als Iſolde und hatte alles An⸗ dere vergeſſen, als das Wiederfinden des Geliebten. Da plotzlich nahten der Thür gewichtige Männer⸗ tritte— gegen ſeine Gewohnheit trat der Schultheiß nei ſeiner Rückkehr gleich in die Zimmer ſeiner Töch⸗ 153 ter, die außergewöhnliche Begebenheit zu berichten, die ja für Iſolde beſonderes Intereſſe haben mußte, da ſie einſt die Fürſprecherin des Nachrichters Hart⸗ wig Rother bei dem Biſchof und bei ihrem Vater die für Gerhaus geweſen. So trat er ein und fand Amanda und Iſolde. Auf ihr erſchrockenes:„Schon zurück?“ das eben ſo gut ſich noch hinter der Verwunderung dar⸗ über verſtecken konnte, erzählte er in beſter Laune den ſeltſamen Vorfall. „So gibt es ſtatt einer Hinrichtung eine Hoch⸗ zeit!“ endete er lachend, und jetzt fügte er hinzu: „Wo iſt Anna?— drinnen— wer ſpricht mit ihr?“ und er ging auf die Nebenthüre zu. Da trat ihm Iſolde entgegen, faßte ſeine Hand und ſagte: „So warſt du kein ſtrenger Richter auf dem Richtplatz— ſei es auch nicht in deinem Hauſe— eine Hochzeit ſtatt dem Todesurtheil!— Ein Wort der Gnade auch hier! Anna liebt einen Verurtheil⸗ ten oder Begnadigten! er iſt gekommen, bei dir zu werben, doch erſt mußte er ihr ſelbſt ſich erklären, er wartet auf deine Rückkehr— o, zürne nicht— ſei ein gnädiger Vater, wie ein gnädiger Richter!“ Aber der Schultheiß zog die Stirne in Falten 159 und ſtieß nach ſeiner Gewohnheit die Thür mit dem Fuße auf. Anna und Wolfſtein ſanken zu ſeinen Füßen. „Wolfſtein!“ rief er drohend,„ſo mißbraucht Ihr mein Hausrecht!“ „Ein Verurtheilter, der ſich freiwillig ſtellt,“ ſagte Wilhelm,„ein Sohn, der gekommen, um jede Schuld zu ſühnen, die ſein Vater auf ſich geladen, der Euch und dem Rathe von Rürnberg jede Sühne bietet, die er verlangen mag, aber nur um dieſen Preis!“ Er ergriff Anna's Hand, die, tief erſchüttert, kein Wort zu ſprechen wagte. Amanda und Iſolde legten ihre Hände auf die Arme des Schultheißen und flehten für das Paar. „Ihr auch?“ ſagte er zu Amanda,„Ihr hießet ja ſeine Braut?“ „Ich auch,“ antwortete ſie.„Wir erklären Euch Alles— aber zürnt nur nicht.“ „O, über die Weiber!“ rief der Schultheiß mit dem Fuße ſtampfend, und ſagte doch milder:„Ein Richter verurtheilt weder, noch begnadigt er ungehört — wir werden vorerſt ein ernſtes Worte zuſammen ſprechen, Junker von Wolfſtein— jetzt ſeid Ihr mein 160 Gefangener. Ich verhöre Euch allein und ohne Mäd⸗ chenthränen!“ Die Jungfrauen blickten den Beiden hoffend nach, die das Zimmer verließen. Volksjuſtiz. Philipp Echter, der Plattnergeſell und Jerta's Bruder war endlich von der Wanderſchaft, auf der er ſo ſpät erſt die Kunde von dem Tode ſeines Vaters erhalten hatte, zurückgekommen, und zwar nur kurz vor dem zu der Hinrichtung anberaumten Tage. Sein erſter Gang, nachdem er von den Plattner⸗ geſellen in ſeiner Werkſtatt gehört hatte, daß Jerta noch im Klarakloſter ſei, war zu ihr geweſen, um ſie zu ſich in die Wohnung ihres Vaters wieder heim zu holen. Er ſelbſt hoffte nach abgelegtem Probeſtück hier Meiſter zu werden und die Werkſtatt ſeines Vaters übernehmen zu können. Mit Staunen und Entrüſtung hörte er, wie nicht nur Jerta von Martin Löffelholz verfolgt worden, daß vielleicht nur das Kloſter ihr habe Schutz gewähren können, ſondern wie auch durch ſeine Anordnung der Rath dem Geſchäfte die ſchon 161 beſtellte Arbeit entzogen habe und allerlei nachtheilige Reden darüber in Umlauf geſetzt, ſo daß beinahe das Geſchäft zu Grunde gegangen, wenn nicht der Schul⸗ theiß, wahrſcheinlich auf Veranlaſſung ſeiner Tochter, daſelbſt größere Beſtellungen gemacht und ſomit das Zeugniß abgelegt habe, daß auch nach dem Tode des Meiſters die Geſellen noch wacker zu arbeiten ver⸗ ſtünden. Und immer noch mehr ſtaunte er, wie ohne dies Beiſpiel und ohne die Verwendung eines Maler⸗ lehrlings von Meiſter Dürer bei dieſem und deſſen mächtigeren Freund Pirkheimer die Werkſtatt geſchloſ⸗ ſen und alle Arbeiter entlaſſen werden ſollen, gleich als ob gar kein Erbe da ſei ſie in Kurzem zu über⸗ nehmen. Als aber vollends Jerta Alles ſchilderte, was ſie durch Löffelholz gelitten und wie Georg Glockendon ihr einziger Beiſtand geweſen, da rief Philipp entrüſtet: „Und wo blieben die Fäuſte und Fäuſtel der Platt⸗ ner? Du hätteſt nicht nöthig haben ſollen dich vor einem ſolchen Schuft zu verſtecken! kurz und klein, blau und braun hätten ſie ihn prügeln müſſen, wäre ich da geweſen! und mir ſcheint, dazu iſt noch alle Tage Zeit— ob Rathsherr oder nicht— wenn eben der Rath nicht hilft gegen eine ſolche Kreatur, dann muß ſich un⸗ ſereins ſelber helfen und ihm zeigen, was es zu bedeuten hat gegen ehrliche Handwerker alſo zu verfahren!“ 1861. XR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. UI. 11 162 Georg und Jerta feierten in der alten traulichen Wohnſtube, in der ſonſt Georg ſo oft am Kranken⸗ bette ihres Vaters geweilt, ein ſeliges Wiederſehen, wenn ſie auch für gut befanden, um der beiderſeitigen Jugend willen dem Bruder noch nicht zu verrathen, was ſie einander waren. Erſt wollte ſich ihn Georg zum Freund gewinnen, ehe er wagte ſich ihm zum Schwager anzubieten. An die Gründung eines häus⸗ lichen Herdes konnte er ja doch ſo bald noch nicht den⸗ ken, und ſo war es beſſer, es blieb Geheimniß, was erſt einer künftigen Ernte entgegenreifen wollte. Aber um ſo mehr ſuchte Georg bei dem Bruder ſeines Liebchens ſich einzuſchmeicheln. Und es gab ja auch ſo Manches, das für ihn ſprach. Er hatte Jerta unter den Schutz der edelſten und angeſehenſten Jung⸗ frau gebracht und damit dem ererbten Geſchäft die Protektion des Schultheißen zugeführt— er hatte ſelbſt trotz dem Opfer ſie nicht mehr oder doch nur höchſt ſelten in dieſer Zeit ſehen zu können, ſie durch dieſelbe Beſchützerin in das Klarakloſter gebracht— das mußte ja auch für ſeine fromme Geſinnung, ſeine edlen und uneigennützigen Abſichten ſprechen. Georg war ſchlau genug auf dieſe Weiſe alle kleinen Vor⸗ theile auszubeuten, die ſich ihm boten, ohne daß er ſich dadurch zu offenbaren Lügen herabwürdigte und —— 163 wie er von dem Vater Echter wohl gelitten geweſen, ſo war er es auch von dem Sohne. An dem Tage, der zu Gerhaus' Hinrichtung be⸗ ſtimmt war, befand ſich Georg in der aufgeregteſten Stimmung. Der Fluth hatte er ſie entriſſen, aber dem Henker vermochte er ſie nicht zu entreißen. Der Tod in den Wellen, den ſie ſich ſelbſt gab, mochte eine Sühne ſein für das Verbrechen, das ſie begangen, eine Flucht aus dem Leben und von noch tieferem Fall— aber für eine in Verzweiflung verübte That erſchien Georg dies ſchimpflichſte Urtheil zu hart und doppelt, ſo lange der, welcher ſie zu dieſer That getrieben, nicht nur frei ausging, ſondern geehrt in Amt ünd Würde blieb und ungeſtraft neue Schandthaten verüben konnte, wie er ſchon viele verübt und noch mehr verſucht hatte. Georg's Haß gegen Löffelholz, der Anfangs nur von der Eiferſucht erzeugt worden, aber nachdem er bei ihm vergeblich für ſein Opfer gebeten und, ſtatt ſeinen Zweck zu erreichen, nur Schimpf und Hohn von ihm empfangen hatte, zur Verachtung geworden war, ſtei⸗ gerte ſich nun zu einer Art von Wuth, und in ſolcher Stimmung ſchilderte er alle Verbrechen des Raths⸗ herrn Löffelholz, die faſt er allein durch Gerhaus kannte, Philipp Echter mit der beredteſten Zunge— und es bedurfte nicht viel dieſen zu einem gleichen 11* 164 Zorn zu entflammen, der bald keine Grenzen mehr kannte— oder vielmehr auf ein beſtimmtes Ziel los⸗ arbeitete. Georg arbeitete auch an dieſem Morgen wie ge⸗ wöhnlich in Meiſter Dürer's Werkſtatt, der auch nie⸗ dergeſchlagen vor ſeiner Staffelei ſaß, von dem Ge⸗ danken gefoltert, daß ein Meiſterwerk der Schöpfung, wie Gerhaus Körper, eben von rohen Menſchenhänden vernichtet werden ſollte, und daß in einer ſo ſchönen Hülle eine verlorene Seele gewohnt, indeß Frau Dü⸗ rerin es ſich nicht nehmen ließ, in ihrem beſten Staat mit andern Frauen ihrer Art hinaus auf den Richt⸗ platz zu eilen, um den Triumph zu haben ein Geſchöpf ſterben zu ſehen, dem ſie ſtets ein ſolches Ende nicht nur prophezeit, ſondern auch vom Herzen gegönnt hatte. Auch noch jetzt hatte Dürer um Gerhaus willen einen ſchweren Strauß mit ſeiner Rechenmeiſterin zu beſtehen gehabt: ſie wollte, er ſolle das Bild, das er von Gerhaus gemalt, noch fleißig kopiren oder in Holzſchnitt vervielfältigen und auf dem Richtplatz feilbieten laſſen, um doch, ſo wie ſie ſagte,„von dieſer ſchimpflichen Bekanntſchaft noch einen erklecklichen Nutzen zu ziehen.“ Er aber weigerte ſich deſſen ſtand⸗ haft und erklärte, daß er ſeine Kunſt nicht zur Gemein⸗ ſchaft mit dem Henker herabwürdige, auch nimmer 165 Nutzen ziehen möge weder vom Verbrechen noch vom Elend ſeiner Mitmenſchen. Auch Philipp Echter war zur Gerichtsſtätte ge⸗ gangen— er ſah Martin Löffelholz auf der Tribüne dem Schaffot gegenüber— und der frechen Stirn des alten Sünders gegenüber, gerieth der heißblütige, aber unverdorbene junge Handwerker in eine Stimmung, in der er am kiebſten gleich auf den Rathsherrn ein⸗ gedrungen wäre, ihn mit Schimpf und Schande von ſeinem Platz zu verjagen. Aber da er im Augenblick eine ſolche Handlung doch auch für unthunlich erkannte, ſo bemühte er ſich nur ſeine Umgebung auf Löffelholz aufmerkſam zu machen, und die ohnehin ſchon gegen ihn gereizte Menge noch mehr zu reizen. An Schimpf⸗ worten und Schmähreden, von denen ſo manche bis zu ſeinen Ohren drangen, fehlte es ohnehin ſchon nicht, und vielleicht wäre es gleich jetzt und hier trotz des Reſpektes, den ſelbſt der Nürnberger Pöbel vor dem Rath empfand, zu einem Ausbruch der damals noch oft geübten Volksjuſtiz gekommen, wenn nicht der Ausgang des Schanſpiels auf dem Schaffot ein anderer geweſen wäre, als man erwarten konnte. Das von Allen unvorhergeſehene Ereigniß gab der allgemeinen Stimmung einen andern Ausdruck, dem Intereſſe eine andere Richtung— und ließ ſelbſt in dieſem Augen⸗ 166 blick den Fluch, den man für Löffelholz bereit hatte, zurückgehalten werden: denn jetzt war er ja kein Mör⸗ der, wenn man auch hinterher ſich wieder ſagte, daß dies keineswegs ſein Verdienſt war und ſeine Schlech⸗ tigkeit nicht aufhob. Aber der Tag einer Hinrichtung war ſtets ein Volksfeſt. Fremde waren dazu von nah und fern her⸗ zugeſtrömt, die Werkſtätten blieben meiſt geſchloſſen, die Arbeit feierte und in den Trinkſtuben herrſchte ein reges Leben. Da fand auch Philipp Echter Gelegenheit genug, die Volksmenge, die einmal in der Erwartung eines grauſamen Schauſpiels aufgeregt war und ſich noch nicht befriedigt fühlte, ſondern noch irgend einen neuen Exzeß, einen neuen Skandal begehrte, dazu auf⸗ zuſtacheln— einen ſolchen ſelbſt zu verüben. Einem grauſamen und ungerechten, dabei unvoll⸗ ſtändigen und parteiiſchen Richterſpruch gegenüber fühlte ſich das Volk um ſo mehr in ſeinem Rechte, auch ſelbſt zu verurtheilen und zu richten. Als daher Philipp Echter in der Dunkelheit mit ſeinen und an⸗ dern Plattnergeſellen vor das Haus des Rathsherrn Löffelholz zog ihn zu verhöhnen und zu beſchimpfen, ſo hatte ſich bald ein großer Pöbelhaufen davor ge⸗ ſammelt, der Spottlieder ſang und ſie mit allerlei Gelärm begleitete. 167 Daß der Rathsherr heimgegangen war, wußte man und konnte es auch an dem Licht ſehen, das in ſeinem Zimmer brannte— jetzt ſah man einen Schat⸗ ten an demſelben vorüberhuſchen und es verlöſchen— aber in dem nämlichen Augenblick, wo er ſichtbar ward, flog auch aus der Volksmitte nach ihm geſchleudert ein Stein klirrend durch das Fenſter. Und wie es bei ſolchen Anläſſen immer geht: es liegt etwas Anſtecken⸗ des in jeder kecken, ſogar in jeder verruchten That— nachdem einmal der erſte Stein geſchleudert war, ſo folgte ihm ein garzer Hagel von Steinen nach. Pirkheimer war gerade bei ſeinem Schwager, dem Bürgermeiſter Martin Geuder, als dieſer die Mel⸗ dung erhielt, daß ein Volkshaufe das Haus des Herrn Löffelholz ſtürme und die Wuth gegen denſelben in ungebändigtſter Weiſe äußere. Der Bürgermeiſter ſtampfte unwillig mit dem Fuße und ſagte zu Pirkheimer:„Hätte man uns doch mit dieſer Meldung verſchont! nun müſſen wir ein⸗ ſchreiten um das Anſehen des Rathes zu retten, denn was würde denn aus uns, wenn wir ſolche Volks⸗ juſtiz unbeſchränkt und ungeſtraft dulden wollten. Ver⸗ dient aber hat er eine Strafe, die wir ihm nicht auf⸗ erlegen konnten— und nun ſollen wir ihn auch noch beſchützen!“ 168 Pirkheimer pflichtete dem vollſtändig bei— ihm war der ungebildete Kollege, der nur für die materiell⸗ ſten Genüſſe Sinn hatte und durch ſein Betragen dem Rathe wenig Ehre machte, ſtets ein Dorn im Auge geweſen. Unter ſolchen Anſichten war es nun wohl nicht anders zu erwarten, als daß die Anſtalten, den Tu⸗ mult vor dem Hauſe des Rathsherrn Löffelholz zu ſtillen, zwar getroffen, aber ziemlich läſſig betrieben wurden. Man ſandte erſt nur einige Stadtknechte da⸗ hin, die Menge zum Auseinandergehen zu bewegen, und da dies nichts fruchtete, ſollten die Stadtſoldaten herbeigerufen werden, den Platz zu räumen. Aber ſie erſchienen erſt wie ſchon geſchehen war, was ſie ver⸗ hindern ſollten. Die einmal aufgeregte Menge ließ ihrem Un⸗ und Uebermuth immer mehr die Zügel ſchießen. Wie den Spottliedern und Schimpfreden die Steinwürfe gefolgt waren, ſo folgte dieſen ein förm⸗ licher Sturm auf das Haus. Philipp Echter ſelbſt drang mit Andern durch die aufgeſchlagene Hausthür hinein. Die meiſten Häuſer der reichen Patrizier in Nürn⸗ berg hatten doppelte Treppen— eine größere Treppe, die von Außen in alle Stockwerke führte, und eine 169 kleinere, die, innerlich meiſt gleich in den Zimmern mündend, klein und ſchmal, nur zum innern häuslichen Verkehr angebracht war. Auf einer ſolchen war Martin Löffelholz aus dem obern Stockwerk in's Erdgeſchoß und in den Hof ge⸗ eilt; dort hatte er ſich vor der andringenden Menge in einen Waarenſchuppen geflüchtet und ſuchte da ein Verſteck, bis er entweder einen geeigneten Augenblick finde durch das Hinterpförtchen in ein Seitengäßlein zu entſchlüpfen oder wagen konnte ſich wieder unge⸗ fährdet in ſeine Gemächer zu begeben. Jetzt ſchien ihm der Augenblick zum Erſteren gün⸗ ſtig— in der Dunkelheit tappte er in dem ihm wohlbekannten Lokale bis nach dem Ausgang— da auf einmal ward es vor ihm hell— mit einer bren⸗ nenden Kerze trat eine Geſtalt durch das Pförtchen— es war ein junger Prieſter, bleich wie der Tod und mit irren Augen— aber er erkannte den Rathsherrn. „Man hat mich geſchickt, Euch für Gerhaus Storch zum Schaffot zu führen; Ihr ſeht, man iſt Euch gnä⸗ dig, auch Ihr ſollt nicht ohne den Beiſtand eines Prie⸗ ſters ſterben, dem Ihr noch eben Zeit habt alle Euere Sünden zu beichten.“ Löffelholz ſank zitternd vor dem unbeweglich ſtehen⸗ den Pater nieder— wie graute ihm vor dieſer Er⸗ 170 ſcheinung— faſſen konnte er dieſe Worte nicht— das war ja nicht möglich— das war ja allem Rechts⸗ gang in Nürnberg zuwider und ein ſolcher Fall noch niemals dageweſen— dageweſen war es freilich auch eben ſo wenig, daß ein Pöbelhaufe das Haus eines Rathsherrn geſtürmt hatte— wenigſtens war das ſeit langer Zeit wieder der erſte Fall dieſer Art— noch vor einer Stunde hätte er ihn für unmöglich gehalten— ja ſchon den ganzen Tumult vor ſeinem Hauſe hielt er ſo lange für unmöglich, bis er ſich unmittelbar desſelben bemächtigte. Konnte es mit ſeiner Perſon nicht derſelbe Fall ſein wie mit ſeinem Hauſe? Zitternd ſank er in ſeine Kniec, von den Schlägen ſeines Gewiſſens wie von der Angſt des Augenblickes gleich ſehr betäubt—„Erbarmen!“ rief er mit faſt erſtickter Stimme— wohl erkannte er den Prieſter, der heute Gerhaus auf das Schaffot begleitet hatte. „Wißt Ihr von wem Ihr Erbarmen verlangt?“ fragte Crescentius;„von Euerm Sohn, den Ihr aus⸗ geſtoßen habt gleich dem Kinde, deſſen Mutter heute für Euere Miſſethat büßen ſollte— von dem Sohne Adelgunden's! Sie wollte mich in ihrem letzten Stünd⸗ lein als ihren Sohn erkennen, aber ich wies die Mut⸗ ter zurück, die mich ſo lange verleugnet hatte, von der 171 Stunde meiner Geburt bis auf dieſen Tag, bis zur Stunde ihres Todes— ich verweigerte ihr den Segen, den ſie forderte, und ſo iſt ſie in ihren Sünden ge⸗ ſtorben— ſeitdem verfolgt mich ihre ruheloſe Seele, die im Fegefeuer nach Erlöſung vergeblich ſchmachtet, durch meine Schuld— und ſo kam ich zu Euch in Euerem letzten Stündlein, es ſoll Euch nicht auch alſo ergehen— ich will Euere Beichte hören!“ „Crescentius!“ ſtöhnte Löffelholz. Jetzt wurden die Tumultuanten im Hauſe durch eines der in den Hof hinausgehenden Fenſter auf den Lichtſchein im Hofe aufmerkſam, und eine Stimme rief ſo laut, daß man es auch im Hofe durch das offene Fenſter hören konnte: „Wahrhaftig! da unten iſt er— und noch dazu mit Licht!“ Judeß Einige ſofort hinabſtürzten, riefen andere Stimmen:„Laßt ihn, ein Prieſter iſt bei ihm!“ Bei der Bemerkung über das Licht ermannte ſich Löffelholz plötzlich und rief zu Crescentins:„Um Gotteswillen löſcht die Kerze, hier lagert ein Pulver⸗ fäßlein.“ Crescentius blickte mit irren Augen um ſich— auf einmal ſchlug er ein helles Gelächter auf und rief: „Danniſts ja gleich geſchehen und uns Allen geholfen!“ 172 Er ſchleuderte die Kerze zur Seite. Löffelholz ſchrie auf und ſprang dahin. Es war zu ſpät. Ein plötzlicher Krach erfolgte. Es war nur ein Moment— Flammen ſchlugen empor, ein erſtickender Qualm verbreitete ſich rings⸗ um— das Gebälk krachte— eine furchtbare Exploſion ſtürzte das ganze Haus zu einem Trümmerhaufen. Crescentius und Löffelholz und viele der Tumul⸗ tuanten waren darunter begraben. Philipp Echter und Andere wurden aus dem Schutt hervorgezogen und kamen mit ſchweren und geringen Verwundungen davon. Nicht Alle begriffen Alles. Nur Georg Glockendon und Ulrich erriethen die ganze Wahrheit. Crescentius war wahnſinnig geworden. Schon lange hatte er ſich in einer traurigen Ge⸗ müthsverfaſſung befunden. Dem Wahnſinn nahe war er ſchon damals geweſen, als ihn Ulrich in Italien aus einem Sumpfe gerettet hatte. Crescentius hatte ſich von Zweifeln gequält gefühlt, die er nicht zu be⸗ wältigen gewußt hatte. Er vermochte weder einen rechten Kampf für, noch gegen ſie zu wagen— und ſo ging er an ihnen zu Grunde. Als er Ulrich kennen 173 gelernt und ihm ſeine Qualen geſtanden hatte, waren ſie für einige Zeit gemildert worden durch Ulrich's zugleich aufgeklärten Geiſt und reinen Sinn, durch die Begeiſterung und Gemüthswärme, die er hier in ſeltener Vereinigung traf. Aber indeß Ulrich ſich nicht mit nutzloſen Zweifeln quälte, ſondern den Kampf aufnahm für die Wahrheit, und von den Formen, die er für überlebt erkannt, ſich loszumachen ſtrebte, beſaß Crescentius weder die Kraft zu einem gleichen Stre⸗ ben, noch die Demuth ſich blind zu unterwerfen, und ſo fühlte er ſich auf's Neue in innere und äußere Kämpfe durch ſeinen Beruf verwickelt, denen er nicht gewachſen war. Es gab für ihn nach beiden Seiten hin nur Niederlagen und keinen Sieg! Und ſo wie in ſeinem innern Leben rang er auch in ſeinem äußern. Er entdeckte das Geheimniß ſeiner Geburt, und hätte Alles darum gegeben es nicht zu wiſſen— er fand ſeine Mutter, und wenn er auch nicht wagte ihr zu fluchen, ſo verlengnete er ſie doch und war weit davon entfernt ſie zu ſegnen— er fand ſeinen Vater und floh ihn, weil er ihn verachtete. Als er von dem Tode ſeiner Mutter hörte, wach⸗ ten Stürme in ihm auf, die ihn der Schuld on ihrem Tode ziehen oder ihn doch um ſeiner Liebloſigkeit als Sohn, ſeiner Härte als Prieſter willen verklagten— 174 er war ſeitdem von Gewiſſensbiſſen gequält, und ſchon kamen ihm jene Anfälle von Wahnſinn wieder, die er bereits gehabt hatte, als er Ulrich kennen gelernt. Nun kamen noch die Erſchütterungen hinzu, die ihm Gerhaus bereitete. Sie klagte ſeinen Vater an und er mußte ihn verdammen— aber ſchon fühlte er ſich verfolgt von dem Geſpenſt ſeiner Mutter— es war der Wahnſinn, der ſeine Krallen nach ihm aus⸗ ſtreckte. Nun mußte er Gerhaus zur Richtſtatt begleiten. Es war zum erſten Male in ſeinem Leben, das ſolch' ein trauriges Amt ihm ward— er ſah in ihr das Opfer ſeines Vaters— ſah dieſem Vater ſelbſt ſich gegenüber— ſo hatte ſeine Seele ſchon ſo viel Qual⸗ volles empfunden, daß er kaum noch ein Gefühl hatte bei der veränderten Situation auf dem Richtplatz. Am Abend hörte er, daß man das Haus ſeines Vaters ſtürme— es trieb ihn auch dorthin— der Wahnſinn bemächtigte ſich ſeiner vollſtändig, und ſo geſchah durch ihn das Schreckliche. 5 Der Tod vereinigte Vater und Sohn zum erſten kale. 5 ſi 175 XI. Ein Bündniß. Als der Schultheiß von Weichsdorf die Anerbie⸗ tungen, die ihm Wolfſtein gemacht, und noch mehr Anna's rührende Bitten, wie die Vorſtellungen Iſol⸗ den's gehört hatte, machte er ihm die Pflicht, ſich zu⸗ förderſt dem Rath zu ſtellen und mit ihm zu unter⸗ handeln, denn nur einem Freunde Nürnbergs, aber keinem übermüthigen Ritter könne er ſein Kind ver⸗ trauen. Darin lag wohl eine Prüfung, aber auch eine Gewähr, denn es war vorauszuſetzen, daß der Rath, der einen Jauernberg begnadigt hatte, um ſo lieber einen Wolfſtein begnadigen werde, der nicht als ein Bittender kam, ſondern mit vortheilhaften Anerbie⸗ tungen, die Niemand weniger geneigt ſein konnte von der Hand zu weiſen als der Rath von Nürnberg, der auf jede auch noch ſo kleine Gebietserweiterung, jede neue Gerechtſame, die er ohne Opfer erlangen konnte, einen ſo außerordentlichen Werth legte. Bis zu dieſer Entſcheidung verlangte der Schul⸗ theiß, daß ſich die Liebenden nicht ſähen und ihr Ver⸗ hältniß ein Geheimniß bliebe, damit man auf ihn * — —— —— 176 ſelbſt keine Rückſicht nehme und er bei dieſem Handel ganz aus dem Spiel gelaſſen ward. Wolfſtein kehrte darum, nachdem er ſeine Anerbie⸗ tungen gemacht und ſein Ehrenwort gegeben hatte ſich nicht aus ſeinem Beſitzthum zu entfernen, nach Birbaum zurück. Der Rath ging in allen Stücken mit. gewohnter Umſtändlichkeit zu Werke, und ſo brauchte er auch Zeit, um dieſe Sache zu überlegen und zu ordnen. Indeß konnte Wolſſtein dieſelbe auch benutzen, ſeine Muhme günſtig für Anna zu ſtimmen. Konnte er ihr doch mit gutem Gewiſſen Anna faſt in Allem als ein Gegenſtück von Amanda ſchildern, welche die Muhme freilich erſt als Wolfſtein's Braut gewünſcht und betrachtet hatte, von dem Augenblicke aber ſchon, wo ſich dieſe der ſtrengen Hausordnung auf Schloß Birbaum nicht hatte fügen wollen, Abneigung gegen ſie empfand. Als aber Fräulein von Wildenfels auf ſo auffallende Weiſe aus Birbaum geflohen war und im ſtolzen Nürnberg Zuflucht ſuchte und fand, da be⸗ durfte es nicht erſt noch anderer abenteuerlicher Ge⸗ rüchte über ſie, die ſpäter bei Fräulein von Wolfſtein einliefen, um dieſe zu ihrer offenbaren Feindin zu machen, bereit Alles aufzubieten, daß nicht ein ſolches wildes Reis dem edlen Stamme von Birbaum ein⸗ verleibt werde. Zwar hätte ſich Wilhelm durch keine 177 Rückſicht auf die alte Muhme beſtimmen laſſen ihrer Zufriedenheit ſein Herzensglück aufzuopfern, allein da er gewohnt war ſie faſt wie eine zweite Mutter zu betrachten, hätte es ihm doch weh gethan ihrem Wil⸗ len entgegenhandeln zu müſſen. War es ihr nun ſchon auch nicht recht, daß Wolfſtein im übermüthigen Nürn⸗ berg die Gemalin ſuchte, ſo war doch Anna's Vater mit einer hochmüthigen Krämerſippe. Das alte Fräu⸗ lein fügte ſich mit einem tiefen Seufzer in dieſe Wahl, aber ſie fügte ſich doch und gab weitere Intriguen auf, weil ſie geſehen hatte, wie ein hochadeliges Fräulein durch ſein Betragen der Familie auch keine Ehre gebracht. Indeß that auch Iſolde, immer auf das Glück der Schweſter bedacht, das Ihrige, um die Hoffnungen darauf nicht wieder ſcheitern zu ſehen. Sie ging zu Pirkheimer, vertraute ihm die Ge⸗ ſchichte von Anna's und Wolfſtein's Liebe, und bat ihn Gunſten ordnen zu helfen. Pirkheimer verſprach das Seinige zu thun, und fügte hinzu, daß ſchon zwei andere Fürſprecher, Amanda und Ulrich, ihn mit dieſer Sache betraut, und daß es nicht erſt noch ihres eigenen Vortrags bedurft hätte, 1561 Xx. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. IMI. 12 178 ihm dieſe Angelegenheit an das Herz zu legen„Ich bin glücklich Euch dienen zu können!“ ſchloß er,„und dabei nimmt mich nur Eines Wunder:„Ihr ſelbſt bietet Alles auf, einem liebenden Paar zu ſeinem Glück zu verhelfen— und doch haben ſowohl immer Euere Worte als Enuere Handlungen die Welt— und nicht minder Euere Freunde glauben gemacht, daß Ihr die Liebe wie die Ehe in gleicher Weiſe gering achtet und nichts davon wiſſen möget. Wie ſoll ich mir das zu⸗ ſammenreimen?“ Iſolde erröthete und ſenkte die langbewimperten Augenlider herab, den feuchten Glanz der Augen zu verbergen.—„So ſeht Ihr jetzt, wie ich mißverſtan⸗ den worden!“ entgegnete ſie ihm. Er blickte ſie fragend an— hätte Freund Dürer ihn doch vielleicht ihr verrathen? aber auf keinen Fall wollte er ſich ſelbſt ihr gegenüber etwas vergeben— ja er wollte die Gelegenheit benutzen, ſie um jeden Preis zu der Ueberzeugung zu bringen, daß es ihm nie ernſtlich in den Sinn gekommen, ihr etwas Anderes als Freund ſein zu wollen, und daß er das Glick, von ihr geliebt zu werden, gern einem Andern, natür⸗ lich nur einem ſolchen, den er ſeiner Freundin für würdig hielt, gönnen wollte, darum ſagte er:„Ihr habt allerdings im Intereſſe Eurer Schweſter ſo ent⸗ 179 ſchieden für das Recht der Liebe gekämpft, daß man nicht anders glauben möchte, denn daß Ihr auch für Euch ſelbſt einen gleichen Kampf zu kämpfen entſchloſ⸗ ſen wäret— und dann ſeid verſichert, daß Ihr auf meinen Beiſtand noch viel entſchiedener rechnen könnt, als in der Angelegenheit Eurer Schweſter— ich trete damit denſelben nicht zu nahe, aber wer das Glück hat die Töchter des Schultheißen zu kennen, der weiß auch, daß die ſanfte Jungfrau Anna mehr zum ſtillen Dulden, die ſtolze Iſolde aber zum öffentlichen Han⸗ deln beſtimmt erſcheint.“ Iſolde warf einen fragenden Blick auf ihn, als wolle ſie auf ſeiner Stirn den Sinn dieſer Worte ent⸗ räthſeln. Vielleicht zum erſten Male in ihrem Leben fehlte es ihr ſelbſt an Worten; eine peinliche Pauſe entſtand. Vielleicht hätte dies Geſpräch noch eine bedenkliche Wendung genommen, wenn man nicht Amanda und Euphemia im Nebengemach hätte lachen hören. Iſolde deutete darauf und ſagte:„Erlaubt, daß ich mich zu den Damen begebe und Euere koſtbare Zeit nicht länger in Anſpruch nehme!“ Ihm blieb nichts Anderes übrig als ihr die Thür zu öffnen und dabei nur zuzuflüſtern:„Seid verſichert, daß ich auch bei dem entſcheidenſten Schritt auf Eurer 12* 180 Seite ſtehen werde, und zürnet nicht dem bewährten Freunde Eures Hauſes wie dem treueſten Verehrer Eures Selbſt!“ Iſolde war zu bewegt, um noch lange zu weilen; ſie widmete auch den Beiden nur kurze Zeit, und eilte dann in die Stadt in das Freie zu kommen. Ihr Herz war zu unruhig, ſie wußte kaum wovon, und ſie be⸗ durfte der Einſamkeit um ſich zu ſammeln. Es war ein wolkenloſer Herbſttag, ein blauer Baldachin wölbte ſich der Himmel über die Stadt und zeichnete ihre vielen hohen Thürme und zierlichen Thürmlein ſcharf ab in ſeinem klaren Aether. Ein wenig vor dem Stadtthor ſtand eine Kapelle auf einem ſanften Hügel, deren Altar Meiſter Dürer jüngſt mit einem neuen Gemälde geſchmückt hatte. Majeſtä⸗ tiſche uralte Buchen umgaben ſie und wölbten gleich⸗ ſam ein zweites Dach gleich einem erhabenen Dom über ſie hinweg. Ihr grünes Laub hatte ſich ſchon mit Roth und Gold geſchmückt, und ein Theil desſelben bedeckte den Boden— Iſolden's kleiner Fuß und die lange Schleppe ihres veilchenfarbenen Kleides raſchel⸗ ten darin, als ſie ſich der Kapelle näherte— es war der einzige Ton, den man hören konnte— ſonſt lag eine wunderbare Stille über der ganzen Gegend, die 181 im auffallenden Kontraſt ſtand zu dem regen Leben drinnen in der geſchäftigen Stadt. Iſolde kniete vor der Kapelle nieder und betete. Ein Echo von Pirkheimer's Worten miſchte ſich in dies Gebet. Nicht zum ſtillen Dulden, zum öffent⸗ lichen Handeln hieit ſie Pirkheimer beſtimmt— dies Wort war wie ein erhellender Blitz in ihre Seele gefallen. Frei von jedem Vorurtheil, jedem Bande, auch von dem der Liebe, hatte ſie durch's Leben gehen wollen, der Kunſt und allem Großen und Schönen dienen, ſelbſt es fördern helfen und keine Schranke dulden für den Genius— ihre Jugend war vorüber und ſie fragte ſich, was ſie gethan und ob ſie glücklich ſei, ob ſie jemals erreichen werde, wonach ſie geſtrebt: eine große, ſchöne That?— Brünſtiger faltete ſie die Hände auf das klopfende Herz und hob die begeiſterungs⸗ voll glänzenden Augen zur Decke des Gewölbes empor. Aber da hörte ſie Jemand hinter ſich eintreten— bald darauf erhob ſie ſich, denn ſie liebte es nicht, bei ihrem Gebet beobachtet zu werden. Mit niedergeſchlagenen Augen war ſie aufgeſtan⸗ den und wandte ſich dem Ausgang zu. Da grüßte ſie Ulrich mit dem bewegt geflüſterten Namen:„Iſolde!“ S Sie ſtand ſtill vor ihm und reichte ihm die Hand. 182 Er drückte ſie an ſeine Lippen., Stören wollt' ich Euch nicht,“ ſagte er;„aber ich muß Euch bekennen, daß ich nur Euretwegen kam.“ Sie ſah ihn fragend, aber innig an. „Ich folgte Euch ſchon vor das Thor, und da ich ſah, daß Ihr Euere Schritte hierher lenktet, ſo hoffte ich Euch hier zu erreichen—“ bekannte Ulrich. „Habt Ihr mir etwas Wichtiges zu ſagen?“ fragte Iſolde theilnehmend.—„Wißt Ihr Etwas über Wolſ⸗ ſtein's Angelegenheit?“ fügte ſie mit Ueberlegung hinzu. Er trat einen Schritt von ihr zurück.„Nicht von fremden Angelegenheiten wollte ich ſprechen.“ „O ſo ſprecht von Euch!“ ſagte ſie innig,„habt Ihr zu fürchten oder zu hoffen?— Dürft Ihr von Euren Beſtrebungen einen günſtigen Ausgang erwarten?“ Er ergriff ihre Hand wieder und ſagte:„Ihr weihtet mich zum Kampf für die Wahrheit— aber Ihr habt mich dennoch ſeitdem geflohen!“ „Ich— Euch?“ fragte ſie mehr ſtaunend als ver⸗ wirrt. „Oder Euch doch von mir zurückgezogen— Ihr ſeid mir ausgewichen, noch mehr, oder doch nicht we⸗ niger als vorher.“ Sie ſchlug die Augen nieder und ſagte nur wie verweiſend:„Ulrich!“ 183 „Freilich,“— fuhr er fort,„war die Hoffnung allzu vermeſſen, in Euch eine Bundesgenoſſin zu finden.“ „O,— daß ich es zu ſein vermöchte!“ rief ſie begeiſtert,„aber was vermag denn ein ſchwaches Weib!“ „Alles, wenn es Euch gleicht an Hoheit der Ge⸗ ſinnung und Stärke des Charakters!“ unterbrach er ſie voll Feuer. „So ſaget mir, was ich thun kann, zeigt mir den Weg, den ich wandeln ſoll, und ich werde Eurer Wei⸗ fung folgen, aber Ihr ſeht, ich ſelbſt ſehe noch zu un⸗ klar, um den rechten zu finden.“ „Iſolde,“ ſagte er unendlich ſanft,„Ihr kennt die Geſchichte meiner Vergangenheit— und Ihr habt mich nicht verkannt und verdammt.“ „Ich habe nie anders, als mit der innigſten Be⸗ wunderung zu Euch aufgeblickt.“ „O, ſaget nicht ſo, wo ich ſelbſt vor Euch auf den Knieen liegen und zu Euch beten möchte, als zu einer Schutzheiligen, unter deren Augen ich allein gewagt den Kampf mit dem Vorurtheil und mit alten herge⸗ brachten Formen zu beginnen.— O, Iſolde! möget Ihr dem Frevler zürnen oder ihn verdammen; die Liebe hat ſich in mein Herz geſchlichen und ich habe nur einen kurzen Kampf dagegen gekämpft— im höch⸗ ſten Heiligthume ſelbſt war mir die Himmelserſchei⸗ 184 nung geworden— das war keine Prüfung mehr, wie einſt jene Jugendliebe, mit der ich einen guten Kampf gekämpft— das war ein Zeichen himmliſcher Be⸗ gnadigung— und wie ſich mir im Laufe der Zeit die Kunſt geoffenbart als eine Vereinigung der Wahrheit mit der Schönheit, ſo offenbarte ſich mir das Weib als die erhabenſte Prieſterin für den Tempeldienſt meines Herzens! Nicht eine Entweihung der heiligen Kunſt konnte die Liebe dem freien Steinmetz bringen, der nur dem Scheine nach frei war, wenn er das mächtigſte und lauterſte Gefühl aus ſeiner Bruſt ver⸗ bannte und alten Satzungen opferte— nicht eine Entweihung, ſondern die höchſte Weihe, denn das Weib ſeiner Vollendung iſt dem reinen Mann eine Heilige, aber nur in ſeiner Nähe vermag der Diener der Kunſt nicht allein ſein Werk, ſondern auch ſich ſelbſt zu vollenden? Iſolde— erſcheint Euch der Baubru⸗ der als kein Feevler, der ein ſolches Geſtändniß vor Euch ablegt?“ Sie vermochte nichts zu antworten, erröthend zit⸗ ternd und mit niedergeſchlagenen Augen ſtand ſie vor ihm.— Er ſah ihre Rührung:„O, Iſolde, daß Ihr meine Mitkämpferin wäret!“ rief er noch einmal—„Ihr waret beſorgt um mein Geſchick, Ihr wolltet für mich 185 handeln, o, wäret Ihr an meiner Seite, ſo fühlte ich mich ſtark genug, eine Welt zu überwinden.“ Ihre Augen leuchteten:„Ulrich,“ rief ſie im Tone der höchſten Begeiſterung,„gebietet über mich!“ „Gebieten!“ rief er,„nimmermehr! Ich habe nur die Eine Frage an Euch: Könnt Ihr dem Baubruder vergeben, der, da er Euch kennen lernte, der Liebe nicht mehr ſein Herz verſchließen mochte?“ „Ich kann es!“ hauchte ſie. „Und könnt Ihr dem Baubruder vergeben?“ fuhr er fort,„der ſein Auge bis zu Euch erhoben und wie er jede Sympathie des Geiſtes bei Euch fand, nun auch von einer Sympathie des Herzens zu träumen wagt? Wollt Ihr ſeine verwegene Hoffnung auf Ge⸗ genliebe verdammen oder— beſtätigen?“ Da legte ſie Ihre Hand auf ſeine Schultern und ihr Haupt an ſeine Bruſt—„Ihr ſeid der erſte und einzige Mann, den ich zu lieben vermag!“ flüſterte ſie ihm zu,„ich weiß, daß dieſe Liebe vom Himmel ſtammt und zum Himmel führt, ich bin geheilt von dem Wahne, der den Diener der heiligen Kunſt ausſchlie⸗ ßen wollte von dem ſüßeſten Glück der Erde; geheilt von dem Wahne, daß es für ein Weib ein höheres Glück geben könne, als mit dem Manne ihrer Liebe vereint dem Ziele der eigenen Vollendung, wie der 186 Menſchheit zuzuſtreben— ich habe der Liebe mein Herz verſchloſſen bis auf den Tag, da ich Euch geſehen — oder vielmehr: ich habe Euch, nur Euch geliebt— ſchon von Ewigkeit her. Ich kannte Euch ja ſchon längſt — im Klarakloſter lernte ich Eure edle Mutter ken⸗ nen, dort ſprach man nur von Euch— o, ſelbſt die edle Charitas Pirkheimer war Eures Lobes voll. Die ſtolze Eliſabeth Scheurl hatte Euch geliebt und war ſelig in Euren Armen geſtorben— und wie Ihr ſie in Eurem Kunſtwerk fortleben ließet für die Unſterblich⸗ keit auf Erden ſchon, ſo feierte ich nie das Andenken des theuerſten Weſens, das ich jemals kannte, ohne dabei auch Euer zu gedenken. Geſehen hatte ich Euch ſelbſt, da Eliſabeth's Grabmal vollendet war und ein Todtenfeſt für ſie gefeiert ward— ſo lebtet Ihr auch unvergeſſen fort in mir. So ſeid Ihr meine erſte und einzige Liebe! Was ſoll ich Euch nun weiter ſagen, was in mir vorging, ſeit Ihr wieder zurückgekehrt nach Nürnberg und ich Euch öfter ſah— erſt ſucht' ich Euch, dann floh ich Euch, daun beichtete ich mein Ge⸗ fühl für Euch als ein Verbrechen— und fand keinen Troſt, keine Ruhe, weder im Beichtſtuhl, noch am Altar, weder in der Kirche, noch im Kloſter.— Da las ich Eure Schriſt und Fluch und Qual waren von mir genommen und das höchſte Gefühl meines Lebens 187 durfte mich wieder zum Himmel emportragen und über alle Schranken und Nebeldünſte des Lebens!“— ſie vermochte nicht weiter zu ſprechen, weil er ſie feſt in ſeine Arme ſchloß und ſagte: „Niemals hätte ich gewagt Euch meine Liebe zu geſtehen, wenn ich nicht zuweilen gehofft hätte dieſen Kampf in Euern Augen zu leſen— ja wenn nicht Amanda mir dieſe ſtolze Hoffnung beſtätigt hätte! Aber ſo fragte ich mich, ob es nicht auch Euch leichter ſei mit der Welt und ihren veralteten Formen im Dienſt des Geiſtes und des eigenen Herzens zu kämpfen als wider dieſes eigene Herz und die eigene Erkennt⸗ niß! O nicht allein um unſerer Liebe willen— ſondern um der Menſchheit und ihrer Rechte willen laßt uns Alles daran ſetzen, um Alles zu gewinnen. Wie die Kunſt ſelbſt da iſt für Alle und das ganze Leben zu verſchönen und zu verklären, ſo ſollen auch ihre Die⸗ ner ſich nicht ſelbſt abſchließen vom Leben, nicht aus⸗ geſchloſſen ſein von ſeiner ſeligſten Beſtimmung! So rein wie die Hand des Baubruders zum heiligen Tem⸗ pelbau, die nie ein Weib berührte, ſo rein iſt auch die, die ſich ein Weib des Lebens heiligſtes Kunſtwerk für immer verbunden! Nun weiß ich, Euch beſeelt derſelbe Muth wie mich und dasſelbe Ziel, und ſo fordere ich Euch noch einmal auf, meine Mitkämpferin zu wer⸗ 188 den— nicht die meine allein, ſondern die aller Bau⸗ brüder, die ſich mir angeſchloſſen, trotzdem daß noch ein drohendes Schwert über mir hängt!“ „Eurer Liebe gewiß und von dem Bewußtſein getragen, daß mein Beiſpiel auch Euern Brüdern und der Menſchheit zu nützen vermag, fühl' ich mich ſtark genug dies Schwert ſelbſt herabzureißen und zu zerbre⸗ chen!“ rief Iſolde mit begeiſtertem Blickgegen Himmel. „Und wie meint Ihr, daß Euer Vater zu ge⸗ winnen?“ fragte er nach zärtlichen Ergüſſen. „Ob zu gewinnen, weiß ich nicht,“ ſagte ſie ſeuf⸗ zend,„doch weiß ich auch, daß er ſeinen Töchtern nie⸗ mals flucht!“ „So laßt uns noch bis auf die Entſcheidung des Maurerhofes warten,“ ſagte Ulrich,„und einſtweilen noch Niemanden uns vertrauen als unſern Schweſtern.“ Schon war der Abend hereingebrochen, als Beide wieder nach Nürnberg zurückkehrten. XII. Schluß. Noch kein Jahr war vergangen, ſeitdem Georg III., Schenk von Limburg und Biſchof von Bamberg, gegen Nürnberg gekommen war, als er zum Neujahrsfeſt 189 ſich abermals dort anmelden ließ und auch wieder im Hauſe des Schultheißen zu wohnen begehrte, obwohl er den Tod der Hausfrau erfahren hatte. Ein neuer Triumph für die Nürnberger: „Wer einmal nur in Nürnberg war, Der käm' gern wieder jedes Jahr!“ Das Sprüchlein bewährte ſich. Erſt war der Schenk ſchon fünf Jahre Biſchof geweſen, ehe er Nürn⸗ berg,— das doch die größte Stadt ſeiner Diözeſe war, wenn auch Bamberg der Biſchofsſitz,— eines Beſuches gewürdigt hatte, wodurch er den Rath und alle Patrizier ſchon ſehr verſtimmte— und nun kam er wieder! ſo hatte es ihm doch damals ſo gut gefal⸗ len! Schon damals hatte ſeine Leutſeligkeit und Milde, ſein ganzes, zugleich erhabenes und gemüthreiches Weſen ſelbſt Diejenigen für ſich eingenommen, die ihm gern gegrollt hätten, weil er Nürnberg ſo ſpät erſt berückſichtigte, um wie viel mehr mußte nicht das erſt der Fall ſein als er nun ſo unerwartet wieder kam und zu einem ſo wichtigen Feſttag. Im Hauſe des Schultheißen gab es nun gar eine doppelte Feſtzeit. Anna feierte ihre Vermälung mit Wilhelm von Wolfſtein. Der Rath von Rürnberg hatte gern die fried⸗ lichen und vortheilhaften Bedingungen angenommen, 190 die dieſer ihm geboten für die Uebergriffe, die eigent⸗ lich nur ſein Vater ſich ſonſt in's nachbarliche Ge⸗ biet erlaubt— nun konnte auch der Schultheiß ſich mit dem Nachbar verſöhnen und ihn zur Beſiege⸗ lung ſolcher Verſöhnung ſogar die Tochter zum Weibe geben. Anna ſelbſt war in den letzten Monaten, ſeit ſie die Beruhigung über die Treue des Geliebten und die Hoffnung auf eine glückliche Vereinigung mit ihm empfangen, in erneuter Geſundheit und Lieblichkeit erblüht, ſo daß man die Braut nur zu ſehen brauchte, um zu wiſſen, daß hier ein liebendes Herz nach langem geduldigen Harren endlich zu ſeinem Rechte gekommen. Mancherlei Hochzeitsgäſte gab es da, die ſelbſt im Hauſe des Schultheißen mit Wohnung genommen, auch Amanda von Wildenfels war darunter. Sie hatte vor einiger Zeit Pirkheimer's gaſtfreies Haus verlaſſen und ſich nach Augsburg begeben— nun aber war ſie zu Anna's Hochzeit wieder zurückgekehrt, um ihre Brautjungfer abzugeben, und wohnte ſelbſt mit im Hauſe der Braut. So auch Andere noch von den Verwandten der Weichsdorf und Wolfſtein. Faſt erſchrak man da über die Meldung des Biſchofs, denn wenn er auch gleich ſelbſt erklärte, daß er nur 191 ein Kämmerlein gleich einer Kloſterzelle für ſich in Anſpruch nehme, ſo konnte man doch nach altem guten Brauch ein ſolches Wort nicht gelten laſſen, ſondern räumte ihm dennoch die Paradezimmer ein, die er das vorige Mal inne gehabt, nur daß die Dienerſchaft ſich ein wenig enger behelfen mußte. Iſolde aber ſah von Allen in Nürnberg der An— kunft des Biſchofs mit der größten Spannung entgegen. Auf den Brief, den ſie ihm fürbittend für Ulrich geſchrieben, hatte er ihr lakoniſch genug geantwortet: „Schon da mir das Glück ward, in Eurem Va⸗ terhauſe zu herbergen, und als Ihr dort bei mir die Fürſprecherin von Leuten waret, die Euch ganz und gar nichts angingen, hab' ich mal Euern Willen ge⸗ than, aber Euch doch geſagt, daß ich es lieber ſehen möchte, wenn ich einmal Euch perſönlich einen Dienſt leiſten könnte, denn nur anderen Leuten, die ſich Eures ſchönen Mundes nur wie eines Sprachrohrs, oder Eurer zierlichen Hand nur zu einer Empfehlungs⸗ ſchrift bedienen. Könntet Ihr ſelbſt ein Intereſſe daran haben, daß die Baubrüder ſich noch ein wenig mehr von der Kirche befreiten, als es im Laufe der Jahrhunderte ſchon geſchehen iſt, daß ſie z. B. auch lieben und heiraten dürften u. ſ. w., ſo wollte ich lieber zuſehen, wie ich Alles für den Verfaſſer der * 192 „Unbedenklichen Bedenken“ zum Guten wendete, da aber dergleichen nicht abzuſehen, ſo weiß ich nicht, wie Ihr von Euerem Briefe an mich Euch eine ab⸗ ſonderliche Wirkung verſprechen könnt, und noch we⸗ niger kann ich ſie ſelbſt Euch verſprechen.“ Dies Schreiben, das mit den üblichen höflichen Redensarten ſchloß, hatte Iſolde Anfangs in die bangſte Unruhe verſetzt. Zuerſt erſchien es ihr wie eine Nichtachtung Ulrich's, deſſen Gönner ja bisher der Biſchof geweſen. Hatte ſie doch in Ihrer Liebe wie in der Schwärmerei ihrer Ueberzeugung gedacht, es ſei genug, dem Biſchof Ulrich's Schrift zu ſenden, um ihn, den Freund der Aufklärung wie jeden Fort⸗ ſchrittes in Kunſt und Wiſſenſchaft zur begeiſterten Theilnahme für Ulrich zu entflammen und Alles zum Beſten zu lenken— und nun ließ ſich der Biſchof auf eine Erörterung dieſer Frage gar nicht ein und ließ im Brief ſo wenig durchblicken, daß er für, als daß er gegen Ulrich ſei. Aber beim Wiederleſen glaubte ſie mehr und mehr noch Etwas zwiſchen den Zeilen zu erkennen— der Biſchof grollte ihrem Mangel an Vertrauen— und errieth die Wahrheit. Sie ſchrieb ihm noch einmal— zuerſt ihren Dank, daß er ſie überhaupt einer Antwort gewürdigt, dann fügte ſie hinzu:„Euer Hochwürden erklärt, eine 193 Bitte für mich ſelbſt lieber zu erhören, denn die für einen Andern: ſo treibt mich denn Euer Hochwürden zu dem Geſtändniß, daß dieſer Andere, den ich diesmal Dero Huld empfahl, mein beſſeres Selbſt iſt, und mir theurer als mir ſelbſt, daß meines Lebens gan⸗ zes Glück von einer gütigen Entſcheidung in dieſer Angelegenheit abhängt. Ich bekenne vor Euer Hoch⸗ würden wie vor Gott ſelbſt, daß ich dieſen Baubruder liebe, und daß ich bereit bin, ihm meine Hand zu geben, dafern ihn dafür der Fluch der Kirche nicht trifft, noch die Ausſtoßung aus der Bauhütte— denn das iſt ferne von ihm, daß er auftrete gegen dieſe oder jene, er will nur in ihr eine Neugeſtaltung, die für Alle zum Segen iſt.“ Dann ſchloß ſie in üblicher demüthiger Weiſe. Dieſer zweite Brief war ohne Antwort geblieben. So waren Monate vergangen. Nun aber kam der Biſchof ſelbſt. Es war eine Zeit des Harrens und Kämpfens geweſen. Im lichthellen Nürnberg war aber doch von der Mehrzahl der Gebildeten dem kühnen Baubruder beigeſtimmt worden. Wir haben geſehen, wie ſich gerade dort neben der heiligen Bau⸗ kunſt eine Profankunſt entwickelte, die mit in jenes Gebiet hinüberſpiegelte. Weder Adam Kraft, der das herrliche Weihbrotgehäuſe in St. Lorenz gleich 1861 TR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. III. 13 vorragendſten an der ſonſt ſo edlen Charitas Pirk⸗ 194 onderen heiligen Kunſtwerken hinterlaſſen, noch Pe⸗ ter Viſcher, der mit ſeinen Söhnen am Grabmal des Schutzpatrons von Nürnberg in St. Sebald ar⸗ beitete, waren Baubrüder, ſie waren verheiratet in den glücklichſten Ehen und Niemand achtete darum ihre Werke für geringer. So begreift man, daß es weder dem Anſehen der Bonbrüder ſelbſt, noch dem ihrer Kunſt ſchaden würde, wenn ſie nicht mehr in mönchiſcher Abgeſchloſſenheit lebten, ſondern auch das häusliche Glück genießen durften; da die meiſten Verhältniſſe ſich ja doch einmal anders ge⸗ ſtaltet hatten als in den alten Zeiten, in welchen dieſe Beſtimmung hervorgerufen worden. Da nun inmitten der Bauhütte ſelbſt ſich Stimmen für Ulrich erhoben hatten und ſeine Sache beim Maurerbof von Straßburg ſchwebte, ſo hatte ſich der Rath vollkom⸗ men beruhigt, daß dieſe Schrift in einer einheimiſchen Druckerei erſchienen war, und ſelbſt der Propſt Kreß ward wieder geſund, als er für jetzt wenigſtens noch Ulrich jene Schmach erſpart ſah, die er ſchon einmal erlebt hatte. Die Geiſtlichkeit ſelbſt fühlte ſich von dieſen„Bedenken“ wenig berührt, und nur einzelne Fanatiker unter ihnen wie unter den Banbrüdern und unter dem weiblichen Geſchlecht, wie ſich das am her⸗ * 195 heimer zeigte, entſetzten ſich über die Schrift wie über deren Urheber, beſonders Diejenigen, die ſie nicht ſelbſt geleſen und nur von Böswilligen oder Unver⸗ ſtändigen Einzelnes daraus in verdrehter Weiſe wie⸗ dergegeben erhalten hatten. Der Schultheiß war auf der Seite des freiſinni⸗ gen Rathes. Der Bürgermeiſter Martin Geuder, Pirkheimer und vor Allem der edle Dürer thaten Alles, um ihre Sympathie für Ulrich zu zeigen, ja Pirkheimer ließ ſelbſt eine Schrift drucken, in welcher er den„Bedenken“ beiſtimmte, und den Baubrüdern empfahl, auf einem ſolchen Grunde weiter zu bauen als wahrhaft freie Steinmetze. Wie nun Ulrich ſo plötzlich ein Held des Tages ward, bemühte man ſich auch immer mehr, ihn in die Kreiſe zu ziehen, in denen man der Kunſt und der Wiſſenſchaft, und zwar deren Fortſchritt auf beiden Gebieten huldigte. So fiel denn auch nicht auf, daß er zuweilen im Hauſe des Schultheißen erſchien, um ſo mehr, als man wußte, daß er das Erinnerungs⸗ mal Martin Behaim's eben jetzt vollendet, und damit Nürnberg mit einer neuen Zierde der kunſtreichſten Steinarbeit geſchmückt hatte. Etwas von den Lob⸗ preiſungen, die man dem Künſtler widmete, fiel ſo ja auch mit auf den zurück, der ihm die Ausführung 13* 196 dieſes Denkmals übertragen hatte, auf den Schultheiß ſelbſt, und ſo zeigte ſich dieſer ihm jetzt freundlicher als je vorher. War doch auch, ſeit Amanda von Wildenfels in Nürnberg geweſen und Ulrich nun öfter als Ulrich von Wildenfels bei ſeinem ritterlichen Namen, denn bei ſeinen Steinmetznamen als Ulrich von Straßburg genannt worden war, ein Theil der Schranke gefallen, die ihn von den ſtolzen„Geſchlech⸗ tern“ Nürnbergs ſchied, und hatten ſie ſich erinnert, daß Albertus Magnus, der Gründer der gothiſchen Baukunſt und der Bauhütten, ein gar großer und vornehmer Herr wie der erſte Baumeiſter ſeiner Zeit geweſen war, und daß manche ſeiner Schüler, in ſeinen Fußtapfen ihn nachfolgend, auch eine hohe Stufe er⸗ reichen könnten— warum denn nicht dieſer Ulrich von Wildeufels, der ſchon einmal die Huld des Kai⸗ ſers empfangen? Unter ſolchen Verhältniſſen konnten Iſolde und Ulrich ſich öfter ſehen und immer mehr erkennen, wie ſie für einander geſchaffen waren und immer feſter in dem Entſchluſſe werden, von keiner Macht der Erde ſich jemals trennen zu laſſen. Anna und Amanda waren die vertrauten Be⸗ ſchützerinnen ihrer Liebe Pirkheimer und Dürer waren ſtillſchweigend mit in dieſem Bunde. * ——— 197 Am Nachmittag des Sylveſter hielt der Biſchof Georg ſeinen Einzug in die Stadt. Als er das Haus des Schultheißen betreten hatte, flüſterte er bald demſelben zu:„Ich komme als Hoch⸗ zeitsgaſt— aber nicht als das allein. Schon als ich das vorige Mal hier war, ſagte ich, daß ich wohl bald einmal den Freiwerber bei Euch machen würde — ſo iſt es nun heute: ich habe für einen der edelſten Männer um Euere Iſolde zu werben.“ Der Schultheiß ſchüttelte niedergeſchlagen das Haupt und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung.„Da richtet ſelbſt Euer Hochwürden nichts aus— ſie will ledig bleiben und ich mag ſie nicht zwingen, ſo widerwärtig mir auch der Gedanke iſt, daß es dereinſt heißen wird, ein Fräulein von Weichs⸗ dorf ſei ſitzen geblieben— ans lanter Hochmuth und Ueberſchwenglichkeit.“ „Aber wenn ſie dennoch einwilligt und den Freier erhört, den ich ihr zuführe— werdet Ihr dann auch einwilligen?“ „Ein Eidam, den Euere Hand mir zuführt, wird mir ſtets willkommen ſein— nur zwingen mag ich Iſolde nicht,“ antwortete er feſt. „Nein!“ ſagte der würdige Biſchof und nahm die Hand des Schultheißen,„hintergehen will ich Euch 198 nicht!— Ich werbe bei Euch für Ulrich von Wil⸗ denfels—“ „Unmöglich!“ rief der Schultheiß—„ein Bau⸗ brise „Das iſt er,“ verſetzte der Biſchof ruhig;„aber er iſt zugleich mein Baumeiſter, als ſolcher nehme ich ihn mit mir nach Bamberg, wo er den Riß machen ſoll zu einer neuen Kirche und nur die Arbeit leiten als erſter Bauherr nach mir ſelbſt.“ Der Schultheiß ſchüttelte das Haupt:„Unmög⸗ lich— und wenn ich auch die Hand meiner Tochter nicht für zu gut hielte für einen Steinmetz— wo bleibt ſein Gelübde?“ „Der Maurerhof von Straßburg gibt es ihm zurück,“ berichtete der Biſchof.„Die Eheloſigkeit der Baubrüder hat aufgehört Geſetz zu ſein— und die Kirche hat dieſen Beſchluß ſanktionirt. Sie bleibt zwar noch empfohlen, aber nicht befohlen. Ulrich's Schrift hat Anklang gefunden und man wird auf einem Hüttentag ſie diskutiren und einige darin ge⸗ machte Vorſchläge annehmen, andere widerlegen und verwerfen. Die freie Steinmetzzunft ehrt den Frei⸗ muth in jeder Geſtalt! Nun kommt und laßt mich als Freiwerber zu ihr und gedenket Eures Wortes!“ 199 Der Schultheiß ſtand betroffen— er ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte noch einmal:„Unmöglich!“ Da trat Amanda ein und auf den Schultheiß zu — ihre Hand hielt eine Schrift mit dem kaiſerlichen Siegel— er griff erſtaunt darnach und las die Worte: „Kaiſer Marimilian wirbt bei Euch um die Hand Eurer Tochter Iſolde für ſeinen lieben Banbruder Ulrich von Wildenfels. Dieweil der Kaiſer ſelbſt ver⸗ mält iſt, und dennoch die erſten Grade der freien Steinmetze erlangt hat, darf er auch für ſeinen Bruder ein gleiches Recht verlangen!“ Der Schultheiß zitterte einen Augenblick— dann raffte er ſich mit ſeiner ganzen Kraft empor und ſagte: „Und wenn auch Kaiſer und Biſchof zugleich bei mir werben, ſo ſoll mein theures Kind doch ſeinen eigenen Willen haben!“ Man rief Iſolde— wenige Worte erklärten Alles— flehend ſank ſie zu den Füßen des Vaters.— Er legte ſegnend nach kurzem Kampfe ſeine Hand auf ſie— dann auch auf Ulrich, der auf einen Wink Amanda's eingetreten. Nun kamen auch Anna und Wolfſtein und ein Theil der ſchon verſammelten Hochzeitsgäſte. „Statt einer Hochzeit gibt es nun zwei“— er⸗ klärte der Biſchof. 200 „Und einen verlaſſenen Vater!“ ſagte der Schultheiß. Amanda faßte ſeine Hand:„Wenn Euch mein Bruder die Tochter entführt— darf ich Euch nicht Tochter ſein?“ Er faßte ihre Hand wie die einer Retterin. „Ja,“ rief er,„bleibt bei mir, wenn dieſe nach Birbaum und jene nach Bamberg zieht. Aber wie lange— dann werdet auch Ihr einem Freier folgen!“ Amanda ſchüttelte ſtolz das Haupt.„Laßt mich bei der Erinnerung leben an Kaiſer Maximilian!“ Als unter den Hochzeitsgäſten auch Pirkheimer und Dürer waren, ſagte Iſolde Beiden Dank und dann noch zu dem Letzteren gewendet:„Was der hoch⸗ würdige Biſchof für Ulrich und mich gethan, das thut bei Philipp Echter für ſeine Schweſter Jerta und Georg Glockendon!“ „Wenn er ſo tüchtig ſein wird in ſeiner Kunſt wie Ulrich in der ſeinen,“ ſagte Meiſter Dürer,„ſo will ich für ihn werben— doch denk' ich es wird über⸗ flüſſig ſein, denn Echter iſt ſein Freund!“ Ende. ſſ 6 5 6 5 8 9 10 11 12 13