—— emtitiiochet deutſcher, engliſcher ſranzößſcher Literatur Ednard Ottmunn in Giehen, Schloßgaſſe L Lit. A. Nr. 256. Geih- und eſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ 3 pf fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ut bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ufz Monat: T F Ff 1 Wr 50 Ff. M— Pf. 5. Auswärtige Wonhenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. 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Eine Verlorene Einzug des Schenk von Limburg. Charitas Pirkheiier Eine Schweſter Ein Verſprechen Die Schultheißentöchter . von Nürnberg. == 1. Einzug des Schenk von Limburg. Ein heller Wintertag hatte Nürnberg's Straßen und Plätze in ein wunderſam feſtliches Gewand ge⸗ hüllt. Nicht nur daß die Straßen glatt und rein⸗ lich gefroren waren und ein wenig friſch gefallener Schnee ſein glänzendes Weiß über ſie und noch ſtrah⸗ lender über die Dächer der Häuſer gebreitet hatte, auch ſtattliche Fahnen wehten von ihnen herab, die meiſten blau und golden in den Farben des Stadtwappens, andere daneben in mannigfacher Bedeutung und hoch über alle hinweg von der Heiligen⸗Geiſt⸗Kirche herab, die das Recht hatte, die deutſchen Reichskleinodien aufzubewahren(ſie ruhten in einer ſilbernen Kiſte mit eichenem Gehäus), das ſchwarz⸗roth⸗goldene Reichs⸗ banner, das Allen das gemeinſam heilige. Von allen Kirchen flatterten dazu ſchön gewirkte und gemalte Kirchenfahnen mit goldenen Quaſten und Trotteln. 1861. XIX. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. II. 1 Trotz der winterlichen Kälte wogte nicht nut eine erwartungsvolle Menge durch alle Straßen und Gaſſen, die vom Rathhaus bis zum Thiergärtnerthor ſich erſtreckten, ſondern auch viele Fenſter waren ge⸗ öffnet und nach venetianiſcher Art mit koſtbaren Tep⸗ pichen belegt. Die geſchmückten Frauengeſtalten, die darin lehnten, verriethen durch ihre Tracht, die häufig Hals und Arme bloß ließ, wie durch ihr blühendes Ausſehen, daß die großen Kamine in den Zimmern ihre Dienſte thaten und einen mächtigen Eichenklotz nach dem andern verſchlangen. Es war am 15. Januar 1509 als der Schenk von Limburg, Georg III., zum erſten Male nach Nürn berg kommen wollte, das zu ſeiner Diözeſe gehörte. Seit 1505 ſaß er auf dem Biſchofſtuhle zu Bamberg und man begann ſchon es ihm übel zu vermerken, daß . 4 — er noch nicht in die ſtolze Reichsſtadt gekommen war. Ja man fühlte ſich gerade darum um ſo mehr verletzt, als man in ihm einen Mann verehrte, der ſich auf die Höhe ſeiner Zeit geſtellt hatte und der geſammten Geiſtlichkeit zu einem leuchtenden Vorbild dienenkonnte. Er war ein eben ſo gelehrler als geiſtreicher Herr, beſeelt von echter Humanität und einer aus ihr noth⸗ wendig hervorgehenden Toleranz. . Mit ſolchen Leuten in Verbindung zu ſein, ſie bei ſich feſtlich zu empfangen und ihnen zu verſtehen zu geben, wie man in Nürnberg ſolche Verdienſte zu ſchätzen wiſſe, dabei zugleich vor ihnen mit dem eigenen Reichthum von Kunſt und Wiſſenſchaft zu prunken und alle Herrlichkeit zu entfalten, mit der man Alle in Erſtaunen zu verſetzen und zu gerechter Bewunde⸗ rung hinzureißen pflegte, die zum erſten Male nach Rürnberg kamen. Erwartete man doch vom Kaiſer ſelbſt, dein Oberhaupt des deutſchen Reiches, daß er Rürnberg mit zuerſt beſuchte und ſeinen erſten Reichs⸗ tag daſelbſt hielt— und man war nicht geneigt, einem Kirchenfürſten, zu dem man unmittelbar gehörte, eine Vernachläſſigung minder übel zu nehmen. Aber da der Biſchof denn endlich ſein Erſcheinen ankündigte, wollte man auch keine andere Rache an ihm nehmen, als eine, die ihn nur bereuen laſſen ſollte, daß er nicht früher in eine ſolche herrliche Stadt gekommen. Man traf darum die glänzendſten Anſtal⸗ ten zu ſeinem Empfange und die ganze Stadt ſchmückte ſich wie zu einem der höchſten Feſttage. Die Rathsherren Konrad Imhof und Willibald Pirkheimer ritten ihm mit einem glänzenden Gefolge entgegen und empfingen ihn zwiſchen Buch und Tan⸗ nenlohe. Sie führten einen prachtvollen Apfelſchim⸗ mel mit köſtlichem Gezäume von Leder mit kunſtreich 17* ſilbernen Beſchlägen mit ſich, den ſie dem Biſchof als ein Geſchenk des Rathes anzunehmen und zu beſtei⸗ gen baten. Der Biſchof war ein ſtattlicher Reiter und nahm die Gabe mit huldreichem Lächeln an. Der Apfel⸗ ſchimmel wieherte luſtig, als der geiſtliche Herr ihm den Hals klopfte und die Mähnen ſtreichelte und dann ſich ſelbſt auf ſeinen Sattel ſchwang. Die Rathsherren aber lächelten befriedigt, als der Biſchof nach den erſten Begeiſterungsreden und Dankesworten zu ihnen ſagte:„Ich habe es wohl im⸗ mer gehört, daß die Nürnberger die feinſten Bürger ſind im Reich und am beſten wiſſen was ſich geziemet, aber ſolcher zarten Aufmerkſamkeit hätt' ich mich doch ſelber nie zu ihnen verſehen— freilich, wo die Grazien und Muſen ſelbſt mit im Rathe ſitzen,“ fügte er mit einem freundlichen Kopfneigen gegen Pirkheimer hin zu,„ſollte man auf das Außerordentlichſte gefaßt ſein.“ Pirkheimer antwortete beſcheiden mit der ihm ei⸗ genen Feinheit:„Ich weiß wohl, Herr Biſchof, daß man uns draußen im Reich die Stolzen nennt, aber wir beſitzen im Grunde keinen andern Stolz als den: daß man bei uns jedes Verdienſt zu erkennen und nach Gebühr zu ehren weiß mag es uns nun aus unſ'rer 5 eig'nen Stadt oder aus einer andern kommen, und Euch gegenüber iſt es unſer einziger Kummer dieſen Nürn⸗ berger Stolz Euch erſt ſo ſpät beweiſen zu können!“ „Da hat er ſeinen Hieb!“ dachte Herr Imhof be⸗ friedigt,„es iſt doch gut, daß Pirkheimer mein Be⸗ gleiter war, ich für meine Perſon allein hätte es nicht anzufangen gewußt, ohne grob zu werden, dem Biſchof zu verſtehen zu geben, daß es ſich gehört hätte, ein wenig früher als nach fünf Jahren von uns und unſrer Stadt Notiz zu nehmen!“ Der Biſchof aber ſagte zu Pirkheimer:„Es iſt männiglich bekannt, daß Ihr ſo gut mit Worten wie mit dem Degen zu fechten und zu treffen ver⸗ ſteht— und auch davon findet Ihr für gut mir gleich eine Probe zu geben,— Ihr ſeid in jedem Sattel gerecht und ein wackerer Ritter Eurer Stadt — ſollte ſie es Euch aber einmal mit Undank loh⸗ nen, ſo denkt daran, daß Ihr auch treue Verehrer und Gönner auswärts habt!“ Damit ſchüttelte er ihm die Hand und nun bewegte ſich im Weiter⸗ reiten das Geſpräch ſo ungezwungen wie die edlen Thiere, welche die Reiter trugen. Im Scheurl'ſchen Garten bei dem Thiergärtner⸗ thor ward Halt gemacht und Georg bekleidete ſich mit dem biſchöflichen Ornat. Als er wieder heraus⸗ trat, empfingen ihn die Geiſtlichen der Stadt. Koſt⸗ bare Teppiche waren vor dem Thore ausgebreitet, darauf ſtanden kleine Altäre mit Sammt behangen, auf denen in ſilbernen Schreinen die Heilthümer (Reliquien) ruhten, welche die Kirchen beſaßen, und die an hohen Feſttagen oder wenn ein großer Ablaß verkündigt war, vor dem Volke ausgeſtellt wurden. Auch der Propſt Kreß ſtand mit unter den Geiſtlichen, zu denen jetzt der Biſchof auf den Teppich trat und von ihnen in einer feierlichen Anſprache empfangen ward. Der Abt von St. Egydien beſtrich hierauf den Biſchof mit dem Heilthum und dann ordnete ſich der Zug zur großen Prozeſſion. Im Geleite der geſammten Geiſtlichkeit und des ganzen Rathes, unter einem prachtvollen Thronhim⸗ mel, ſchritt der Biſchof zur Kirche St. Sebald. Eine unabſehbare Menge ſchloß ſich dem Zuge an, die Baubrüder und ſämmtliche Zünfte mit ihren Fahnen und Zunftzeichen, dazwiſchen Pfeifer und Spielleute. Die Söldner und Stadtknechte machten nach beiden Seiten Platz, damit die drängenden Zuſchauer zu⸗ rückgehalten wurden. Plötzlich entſtand eine Störung eigenthümlicher Art— ſtatt nämlich wie vorher und wie es bei einem ſich fortbewegenden Zuge immer zu geſchehen pflegt, „ nur vorwärts zu drängen, borſt auf einmal das Pu⸗ blikum nach zwei Seiten auseinander. In dem frei gewordenen Raum ſtand Gerhaus Storch und ihr gegenüber ein Mann von athletiſchem Körperbau in dunkler Tracht und einem braunen Mantel, der ihn ganz eingehülit hatte, aber im Ge dränge nur noch loſe auf ſeiner Achſel hängen geblie ben war. Ebenſo war der breitkrämpige ſpitzzulau⸗ fende Hut von ſeinem Haupte gefallen, den er vorhin tief in's Geſicht gedrückt getragen hatte und zeigte ſcharfgeprägte Züge von kühnem entſchiedenem Aus⸗ druck; kurze ſchwarze Locken und ein ſchwarzgekräuſel ter Bart umgaben ſein Geſicht, das durch ſeine Fri— ſche und ſtechenden Feueraugen von einer gewiſſen rohen Schönheit war, die aber allerdings mehr Er⸗ ſchreckendes als Anziehendes hatte Sie war gewiſſer⸗ maßen in derſelben Art wie die der ſchönen Gerhaus, die nur finnliche Männer reizen oder zum Modell einer Bachantin oder Furie dienen konnte. So ſtand ſie auch jetzt mit dem ausgeſtreckten Arm, der auf den Fremden zeigte, ihm gegenüber— dabei war ſie ziem⸗ lich auffallend gekleidet in ſchwarze Wolle mit rothen Streifen am Saum des Rockes und der Aermel, einen hohen Sturz auf den ſchwarzen Zöpfen— ſie wieder⸗ holte die Worte, die ſie vorher geſagt und welche die Theilung des Publikums veranlaßt hatten: „Ich kenne ihn,— es iſt Hartwig Rother, der Nachrichter!“ „Ho ho!“ lachte dieſer und ſchlug die gewalti gen Arme trotzig in einander,„viel Ehre für mich, wenn Ihr Euch dieſer Bekanntſchaft rühmt!“ Gerhaus antwortete erglühend und um ſich vor der Menge zu vertheidigen:„Mein Vater wohnt nahe am Henkerſteig und ich habe den Nachrichter, der jenſeits desſelben wohnt, oft genng vorüber gehen ſehen— und außerdem kennt Ihr ihn ja wohl Alle,“ wandte ſie ſich an das Volk, denn der hochedle Rath hat ihn ſchon vor Euer Aller Augen genug Arbeit ver⸗ richten laſſen!“ „Nun!“ antwortete der Nachrichter,„ſolch einen üppigen Hals wie den Euern hat mein gutes Schwert noch nicht zertheilt— aber es iſt gut, wenn Ihr ihn hütet, denn noch iſt nicht aller Tage Abend— viel⸗ leicht denket Ihr noch einmal an dies Wort!“ Jetzt war es plötzlich, als ob ein Schauder Ger⸗ haus überlief, ſie wankte langſam zurück und ſuchte, von allen Blicken betrachtet, ſich erſt unter den Nächſt ſtehenden zu verbergen und dann zu entſchlüpfen. Die Stadtknechte aber riefen den Nachrichter von ferne ——— —,——— 9 im Namen des Rathes zu, daß er ſich entfernen möge und ſich nicht länger erfrechen, durch ſein Erſcheinen die Feierlichkeit zu ſtören und zu entweihen. Er bog zwar in die nächſte Gaſſe ein, in die man ihm bedeutete ſich zurückzuziehen, aber er rief trotzig mit ſeiner Stentorſtimme: „Ehe Ihr es wagt alſo mit mir zu reden, hättet Ihr billig erſt fragen ſollen, warum ich hier bin Denn ich bin nicht gleich Euch gekommen, nur um zu gaffen oder neue Kleider zur Schau zu tragen, ſon dern weil ich ein Anliegen an den hochwürdigen Bi— ſchof habe. Er ſoll mir erlauben, in der Faſtenzeit gleich andern Chriſtenkindern mit zum heiligen Abend mahl zu gehen— und wenn Ihr Alle ſo gottvergeſ⸗ ſen ſeid mir zu verwehren ſolch' Geſuch vor ihn zu bringen, ſo weiß ich nicht wer mehr aller Ehren baar iſt— der Henker oder Ihr!“ Die Baubrüder zogen eben jetzt an der Stelle vorüber, wo dieſe Sceue ſtattfand, und Ulrich, der zunächſt an der Seite ging, an welcher der Nachrich⸗ ter ſtand, antwortete laut, ſich zu ihm wendend: „Wenn Ihr thut, wie Euch dieſe geheißen“(auf die Stadtknechte deutend),„ſo werden ſie auch Euer Geſuch vor den Rath und den Biſchof bringen— und fulls ſie es unterlaſſen ſollten, ſo verlaßt Euch auf 10 mich, dann werde ich vafür ſorgen, daß Euer from⸗ mes Verlangen dem Biſchof kund werde oder daß Ihr es ſelbſt ihm vortragen dürfet!“ „Wie wagſt du ſo Etwas zu unternehmen?“ fragte Erhard, der neben Ulrich ging, faſt betrof⸗ fen ſeinen Kameraden. „Nun,“ antwortete dieſer,„war es nicht das beſte Mittel die widerwärtige Störung zu beendi⸗ gen? Der Nachrichter iſt in jenem Seitengäßlein ver⸗ ſchwunden und die Menge ſtrömt ungehemmt weiter, ohne ſich mehr um ihn zu kümmern!“ „Aber dafür kümmert ſie ſich um dich!“ flüſterte Erhard weiter,„und wundert ſich über den Baubru⸗ der, der ſich zum Fürſprecher des Nachrichters ma⸗ chen will.“ „Es iſt ein ſcheußlich' Handwerk, das er treibt,“ verſetzte Ulrich,„aber wie es vom Vater auf den Sohn vererbt, ſo mag es auch auf dieſen gekom⸗ men ſein— was blieb ihm Anderes übrig, da ja der Fluch, der auf dem Vater ruht, ſich auch den Kin⸗ dern mittheilt? Und was iſt er denn Schlimmeres, als ein Werkzeug der ſtrafenden Gerechtigkeit? Selbſt willenlos, thut er ja nur, was dieſe befiehlt! Wenn die, ſo zu Gericht ſitzen, den Mord befehlen und anordnen, ſo mögen ſie auch den nicht von ſich ſto⸗ 11 ßen, der ihn vollzieht. Die chriſtliche Kirche aber kann und darf Niemanden verſtoßen und von ſich ausſchlie⸗ ßen, der ſelbſt ſich ihr naht und kein anderes Verbre⸗ chen auf ſich geladen, als daß er unterthan geweſen ſeiner Obrigkeit! Wenn er nach dem Sakrament be⸗ gehrt, ſo muß es ihm gereicht werden— er darf nicht durch ſein Amt oder gar durch ſeine Geburt exkommunicirt ſein für ſein ganzes Leben.“ „Wenn du auch ſchon recht haben magſt“— ent⸗ gegnete Erhard„wie willſt du es anfangen zu dem Biſchof zu dringen— als Abgeſandter des Nach⸗ richters oder als Baubruder?“ „Als Baubruder, wenn du willſt— oder auch als Ulrich Wüll, genannt von Straßburg!“ antwor⸗ tete Ulrich mit einem Lächeln, das einen Anflug von Stolz hatte,„der Schenk von Limburg iſt ſelbſt ein freier Maurer und Mitglied der Bauhütte zu Re⸗ gensburg und mir längſt ein werther Gönner. Er iſt ein Beſchützer aller Künſtler und der Kunſt, der Bau⸗ kunſt aber zumal. Als ich in der Bauhütte zu Regens⸗ burg am Dom mitarbeitete, war es zur Zeit des Reichstages, zu dem auch Georg IIM. mitgekommen. Meine Arbeit am Portale hatte zuerſt ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit erregt— mehr als durch die kunſtgerechte Ausführung durch die Idee, welche ihr zu Grunde 12 lag. Denn Georg iſt ein Freund aller Aufklärung und freut ſich, wenn die Steine vor allem Volke eine verſtändlichere Sprache reden, als ſie in den Büchern der Gelehrten zu finden iſt. Er begrüßte mich damals zuerſt an der Seite Kaiſer Maximilian's, der ſich meiner auch von Nürnberg her noch gar wohl erin⸗ nerte. Dann hat mich der Schenk öfter in ſeine Woh⸗ nuug entbieten laſſen, wo ſich immer ein Kreis von aufgeklärten, gelehrten und ſtrebenden Männern ver⸗ ſammelte, gleichviel ob dieſes Streben auf's Reich der Wiſſenſchaft oder Kunſt gerichtet war— und ſo denke ich denn auch ihn hier wiederzuſehen und, ohne daß ich nöthig habe mich an ihn zu drängen, zu ihm beſchieden zu werden— der Propſt Kreß, der meinen Wunſch bereits kennt, wird ſchon mit Sorge für ſeine Erfüllung tragen. Und ſo hab ich auch nur, weil ich den Biſchof nenne, in ſeinem Geiſte dem Nachrichter geantwortet— ich weiß, daß Georg erhaben iſt über jedes Vorurtheil!“ „So iſt es freilich etwas Anderes,“ ſagte Erhard befriedigt, und da der Schenk im Hauſe des Schulthei⸗ ßen von Weichsdorf einkehren wird, ſo haſt du ja den Zutritt zu ihm doppelt und dreifach leicht, da du für dieſen in der Kapelle der Behaim arbeiteſt.“ „Woher weißt du das?“ fragte Urich beſtürzt, 13 „ich glaubte, er ſollte bei einem der Herren Aelteren wohnen— hörte ich recht, bei Peter Imhof?“ „Der hat ihn allerdings zu ſich eingeladen, aber er hat geantwortet, daß er dem Schultheißen ſchon frü⸗ her das Verſprechen gegeben bei ihm Wohnung zu machen, wenn er einmal nach Nürnberg käme; nun läßt ſich einerſeits der Schultheiß die Ehre auch nicht nehmen,“ berichtete Erhard,„und andererſeits flüſtert man noch—“ „Was flüſtert man noch?“ fragte Ulrich geſpannt, da Erhard inne hielt. Dieſer ſah ſich erſt vorſichtig um, und da er wohl annehmen konnte, daß auch die hinter ihm Gehenden nicht auf ſeine Worte achteten und die Pickelpfeifen und Trommeln alles Geſprochene nur dem Ohr, an das es gerichtet, vernehmen ließen, fuhr er fort: „Wie der Biſchof alle Kunſt und alles Schöne liebt, ſo iſt er auch den ſchönen Frauen geneigt, zumal ſolchen, die neben dem Ruf der Schönheit auch den der Gelehrſamkeit beſitzen— und ſo zieht er das Haus des Schultheißen, in dem zwei Töchter ſolcher Art ſich finden, jedem andern vor.“ Ulrich ſchwieg, weil dieſe Worte eine ganze Ge⸗ dankenreihe in ihm entſtehen ließen, die er dem Freund nicht offenbaren wollte. Mochte der immerhin denken er ſchwiege, weil er ein lebhaftes Geſpräch und zumal ein ſolches in einem Feſtzuge nicht angemeſſen fand. Aber Erhard flüſterte nach kurzer Pauſe weiter: „Von dem hochwürdigen Biſchof mag ich nichts Uebles denken noch ſagen, ich habe auch nichts der Art von ihm gehört, und ich will gerne glauben er hul⸗ digt im ſchönen Geſchlecht nur der zarteren Sitte, dem frömmeren Sinn und der feineren Bildung, wofür ja auch ſpricht, daß er gerade nur gern mit gelehrten Frauen umgeht, die ſonſt von ſinnlichen Männern ge⸗ flohen werden.“ „Deine Rede klingt doch, als ſollte ſich noch ein „Aber“ daran knüpfen,“ warf Ulrich hin. Von der ſtolzen Iſolde von Weichsdorf hat man immer nur gehört, daß ſie eine ſpröde Männerfeindin. ſei und nicht heiraten wolle— und doch hat man ſie nächtlicher Weile aus einem Fenſter der Propſtei ſtei⸗ gen ſehen— dein Oheim, Herr Anton Kreß, iſt ftei⸗ lich ein Verehrer mit grauem Haar— du weißt das aber am Ende beſſer als ich?“ Ulrich ſchwieg wieder zu Erhard's Bericht— ja wohl wußte er es beſſer— lebendig ſtand jener Augen blick vor ſeiner Seele, indem er bei ſeiner Rückkehr nach Nürnberg Iſolde zuerſt und allein bei dem Propſt geſehen hatte— wie ſie dann geflohen, verſchwunden 15 war— er hatte es ſich ſchon kaum anders denken können, als daß ſie ihren Weg durch das Fenſter ge— nommen— aber wie hätte er je ein Wort davon ſagen mögen, wie eine Erklärung finden für etwas, das ihm ein vollſtändiges Räthſel? Er hatte es vergeſſen wol⸗ len— nun mußte er gerade jetzt und in ſo widerwär⸗ tiger Weiſe daran erinnert werden. Er hatte Iſolde inzwiſchen mehrmals wieder ge— ſehen. Am Tage nach Jauernberg's Verhaftung und Wolfſtein's Flucht hatte ſie ſich mit Ulrich wieder wie in ſtillſchweigender Uebereinkunft in der Kapelle der Behaim zuſammengefunden, er hatte ihr Wolfſtein's Grüße für Anna gebracht und erzählt, wie der Her— gang in Wahrheit bei dieſem Vorfall geweſen war, den man ihr ſogleich, aber mit den größten Entſtellun⸗ gen hinterbracht hatte. Er verſprach ihr feierlich, daß, wenn dieſe Sache zur Unterſuchung und Verhandlung ommen ſollte, er nicht dulden würde, daß man auch hierbei noch eine Schuld auf Wolfſtein wälze, da er durchaus unſchuldig ſei. Dann hatten ſie ſich noch zu⸗ weilen, wenn auch ferner, geſehen— aber in Beiden war das Bewußtſein eines geheimen Einverſtändniſſes, das ſelbſt einer flüchtigen Begegnung einen höheren Werth, eine beſondere Bedeutung verlieh. Aus den Erinnerungen, in die er verſank, weckte 1 16 ihn nach einiger Zeit wieder Erhard, indem er ſagte: „Wer das Frauenzimmer nur ſein mochte, das mit den Nachrichter zuſammengerathen war.“ „Mich dünkt, ich habe es bei Meiſter Dürer ge⸗ ſehen, dem es zum Modell dienen mochte,“ gab Ulrich zur Antwort. „Du biſt noch nicht lange in Nürnberg,“ bemerkt Erhard wieder,„und faſt bekannter als ich, das kommt von der vornehmen Gönnerſchaft und Freund⸗ ſchaft— hüte dich aber nur allzuſehr mit den Pro⸗ fanen zu verkehren— du möchteſt es ſonſt noch ein⸗ mal bereuen!“ Ulrich ſeufzte nur leiſe ſtatt der Antwort. Das war ja eben ſein alter Kummer, daß es noch Profane gab! daß nicht Alle gleich berufen waren zum heiligen Tempelbau wirklich und ſymboliſch, daß es Schranken gab für ihn, Schranken auch für die Andern, ein Drin⸗ nen und ein Draußen, daß von Denen, welche das Judenthum verachteten, doch wieder der Vorhang vor ein Allerheiligſtes gezogen war, ein neuer ſtatt deſſen, der vor fünfzehn Jahrhunderten zerriß! In den Bau⸗ brüderſchaften lebte und wirkte der Geiſt der Auf⸗ klärung und Humanität, aber nur untereinander, nur für die Geweihten, er trug keine Früchte mehr für die Außenwelt. Denn die Sprache, die aus den Steinen 17 — aus der gothiſchen Baukunſt— redete, war theils doch nur Denen verſtändlich, Denen ſie gelehrt, theils ward ſie überflügelt von der Sprache der eiſernen Let⸗ tern, die mehr und mehr an Ausbreitung gewann— in Ulrich aber gährte und drängte es herauszutreten aus dem eng gezogenen Kreis der alten Geſondertheit wie der alten Anſchauungen, es drängte ihn beide zu erweitern und alles Volk zu berufen zum heiligſten Tempeldienſt. Ein herrliches Ziel ſchwebte ihm vor, ein Ideal für die Menſchheit— aber er bekannte ſich ſeufzend, daß es vielleicht erſt erreichbar ſei in fernen Jahrhunderten, in die nur die Schwingen der Ahnung ihn in leuchtenden Augenblicken zu tragen vermochten. Jetzt wogte der Zug durch das geöffnete Thor der St. Sebaldskirche— ſchon ſtand der Biſchof am Altar, bekleidet mit den prächtigſten Meßgewändern, welche die reiche Schatzkammer von St. Sebald aufzuweiſen hatte, um ihn z alle die hohen Würdenträ⸗ ger der Kirche, die doch in ihm noch einen Oberen er— blickten, dem zu dienen ihnen nicht nur Pflicht, ſondern auch Ehre war; unzählige Kerzen flammten am Hoch⸗ altar, und der Duft ihres Wachſes, gewonnen aus „des Reiches Bienengarten,“ miſchte ſich mit dem des Weihrauchs, der aus den von Knabenhänden ge ſchwungenen Keſſeln emporſtieg. Die Düfte beider 1801. XIX. Die Schultheißentöchter von Rüraberg. U. 2 18 Indien, des neuen wie des alten, wirbelten durch⸗ einander mit der wunderſamen Gabe vom Oſtſee⸗ ſtrande, dem köſtlichen Bernſtein. Und mit dem Kerzen⸗ ſchein und den Weihrauchwolken ſtritten die Sonnen⸗ ſtrahlen, die in allen Regenbogenfarben durch die Pracht der buntgemalten Fenſter drangen. Dazu klang feierlicher Geſang vom Chor in langen getragenen Tönen, als käme er aus einer höheren Welt. Aber welche würdige Haltung auch die Baubrüder bewahrten, wie ernſt und gravitätiſch, im Bewußtſein auch hier wie überall die Ehre ihrer Stadt zu ver⸗ treten, die Rathsherren auf ihren Sitzen ſaßen, die ſchauluſtige Menge wogte und drängte doch auch hier noch unruhig durcheinander, und nur da das Glöckkein des Meßners das Hochamt verkündete, ſanken Alle in feierlichem Schweigen auf ihre Kniee nieder. II. Ein Zeſtmahl. Es war ſo wie Erhard geſagt hatte: der Schenk von Limburg hatte im Hauſe des Schultheißen von Weichsdorf zu wohnen gewünſcht, und war gleich aus der Kirche von der Geiſtlichkeit und den Rathsherren dahin geleitet worden. Daſelbſt war ihm auch das Feſtmahl ausgerichtet worden, und er hatte ausdrücklich verlangt, daß weder die Frau noch die Töchter des Hauſes dabei fehlen dürften. Dies Verlangen hatte Anfangs in der Familie des Schultheißen keine geringe Bewegung hervor⸗ gebracht. Frau Adelgunde ſelbſt fühlte ſich für ihre Perſon ſehr geſchmeichelt davon, aber es verdroß ſie, daß dieſelbe Ehre auch ihren Stieftöchtern zu Theil werden ſollte. Nicht nur mußte ſie fürchten von der geiſtigen wie,körperlichen Anmuth derſelben, wie ſchon 2* oft, verdunkelt zu werden— ein Grund, de ſie frei⸗ lich nicht dagegen geltend machen konnte— ſondern ſie meinte auch, daß man die Mädchen mit beſonders neugierigen, wo nicht verächtlichen Blicken betrachten werde, die im Mechelndorfer Walde die Veranlaſſung zu neuem Streit zwiſchen der ritterlichen Nachbarſchaft und den Nürnbergern gegeben hätten, und in ſolchem Vorfall auf eine Art verwickelt wären, der ſie ſogar verdächtig mache, den Rittern geneigter zu ſein als den Bürgern— und dieſen Grund hob ſie auch bei ihrem Gemahl hervor. Seit Jauernberg verhaftet und Wolfſtein ent flohen, war dieſe Sache in ein neues Stadium ge treten. Jetzt war es nicht mehr ein Handel, der, wenn auch auf Nürnberger Gebiet, ſich doch außerhalb der Ringmauern der Stadt begeben hatte, wo es immer erſt ſtreitig war, ob der Rath oder der Burggraf von Zollern in Kaiſers Namen Gericht zu hegen hatte und jetzt das Reichskammergericht ein Urtheil ſprechen ſollte— aber keines ſprach. Denn die meiſten Fürſten und Räthe, die ihm vorſtehen ſollten, waren in ihre Lande heimgereiſt, da ſie weder Diäten noch ſonſt eine Vergütung vom Reiche erhielten, noch weniger aber eine bewaffnete Macht zu ihrer Verfügung hatten, um nöthigenfalls die Beſchlüſſe und Urtheile auch zu — — 21 vollſtrecken, da ſonſt die, deren Intereſſen ſie entgegen⸗ liefen, ſich nicht nach ihnen richteten. Eine wirkliche, weder geſetzlich befohlene, noch beſchloſſene, noch ge⸗ waltſame Auflöſung des Reichskammergerichts fand nicht ſtatt— es hörte nur thatſächlich, nicht aber ge ſetzlich auf zu exiſtiren, und verlief ſich gleich ſo man⸗ cher gemeinſamen Beſtrebung, dem deutſchen Reiche zu einem feſten Haltpunkt zu verhelfen und gleich dem deutſchen Rhein— im Sande. Es hieß, es werde zu gelegener Zeit wieder zuſammentreten und ein paar Räthe blieben noch zurück, bis dahin in dem Archiv Berge von Akten zu hüten, die doch keine andere Be⸗ ſtimmung hatten als in Staub zu zerfallen oder den Mäuſen zur Nahrung zu dienen. Nun aber, da der Ritter von Jauernberg in der Stadt ſelbſt und noch dazu ein Rathsmitglied be— ſchimpft und der Rath ihn in feſten Gewahrſam ge bracht hatte, konnten die Nürnberger ſelbſt über ihn richten. Viele im Rath hatten nicht ſbel Luſt einmal wieder ein Exempel zu ſtatuiren und ſich ſeiner auf die kürzeſte Weiſe zu entledigen, d. h. ihn öffentlich hinrichten zu laſſen— indeß die gemäßigteren Stim⸗ men waren doch dagegen Bewieſen werden konnte ihm nur, daß er mit bei einem Jagdzug geweſen, der zwar das Nürnberger Gebiet„ungebührlicher Weiſe“ be⸗ 22 treten, aber doch nicht darauf gejagt hatte, und daß er Herrn Löffelholz auf offener Gaſſe der Stadt beſchimpft und ſich darauf den Dienern der Gerechtigkeit zur Wehre geſetzt habe— daß er früher ſchon frevelhaften Straßenraub zu wiederholten Malen verübt und„Ab⸗ ſagebriefe“ geſchickt, die ſeit Stiftung des„ewigen Land⸗ friedens“ verboten waren, jedoch konnte man ihn nicht durch Zeugniſſe Anderer noch ſonſt überführen— und ſo zögerte man ein Urtheil zu fällen, da es eben nicht wohl eines ſein konnte, das ihn„vom Leben zum Tode beförderte.“ Mochte er indeß im Loch kampiren bei Waſſer und Brot, vielleicht machte er noch Geſtänd⸗ niſſe oder fanden ſich noch andere Anklagen wider ihn. Um ſich an Wolſſtein zu rächen, der, wie ſich Jauern⸗ berg ausdrückte, ihn„ohne Beiſtand hatte im Straßen⸗ ſchmutz ſitzen laſſen“ und von deſſen inniger Liebe zu Anna er nichts wußte, hatte er ausgeſagt, daß dieſer die Töchter des Schultheißen unziemlich auf den Buchenklingen verfolgt und auch ſonſt ſich allerlei Un⸗ bilden daſelbſt erlaubt habe. Iſolde und Anna waren nun nochmals, wenn auch aus Rückſichten für ihren Vater und noch mehr auf Anna's Krankheit, die dieſer noch nicht geſtattete das Zimmer zu verlaſſen, über die Ritter verhört worden, und Letztere hatte in ihrem Eifer Wolfſtein zu entſchuldigen, wenn nicht ihr Lie⸗ besgeheimniß geradezu verrathen, doch ahnen laſſen, daß ſie ihn wohl von einer andern Seite kennen möge als nach der man ihn beſchuldigte— ſeitdem war auch der Vater mißtrauiſch geworden, und die Stief⸗ mutter ſelbſt ſuchte am eifrigſten unter den Leuten auszubreiten, daß„die Töchter ihres Gemals“ es vorzögen auf heimlichen Wegen mit übermüthigen Rittern zu verkehren, ſtatt einem Nürnberger Patrizier die Hand zu geben— weßhalb denn dieſe nun auch von keinem mehr begehrt werden würden, Auf dieſe Weiſe hatte ſie auch immer mehr Gift im eigenen Hauſe um ſich geſtreut und ſelbſt die nur langſam geneſende Anna nicht geſchont. Gleich dieſer war inzwiſchen auch Iſolde nicht aus dem Hauſe ge⸗ kommen, außer in die Kirche oder zu einem Beſuch in's Klarakloſter— bei keiner öffentlichen Feſtlichkeit erſchien ſie mit, auch nur ſelten an der Familientafel, wenn die Verwandten oder Freunde der Hausfrau zu Gaſt waren. Zum erſten Male denn ſeit langer Zeit erſchie⸗ nen die Töchter des Schultheißen mit bei einem Feſt⸗ banquett, das zwar in deſſen Hauſe ſelbſt ſtattfand, aber doch einen mehr öffentlichen Charakter trug, denn mit dem Schent von Limburg war ein ſtattliches Ge⸗ folge von Geiſtlichen und Rittern gekommen und die 24 höhere Geiſtlichkeit der Stadt war gleich den vor⸗ nehmſten Mitgliedern des Rathes zugegen. Im Hauſe des Schultheißen hatte man Alles auf⸗ geboten, ſo ſeltene und zahlreiche Gäſte würdig zu em⸗ pfangen. Treppen und Säle waren mit Fahnen, Wappen und unzähligen Werken nürnbergiſchen Kunftfleißes auf's Sinnigſte drapirt und die mit loſtbaren Servicen und Trinkpokalen reich beſetzte Tafel ließ ſchon darauf ſchließen, daß ſo herrliche Gefäße auch nur für einen trefflichen Inhalt beſtimmt ſein konnten. Frau von Weichsdorf erſchien in ein ſtrahlendes, mit goldenen Fäden durchwirktes Gelb gelleidet, mit ſchwarzem Pelz beſetzt, dazu überladen mit Putz und Flitter, wie er am wenigſten für ihre hagere Geſtalt wie für ihr Alter ſich eignete. Dazu geriethen die Schnäbel ihrer Schuhe oft mit ihrem Gewand in eine für die Trägerin höchſt unbequeme Colliſion. Nach Rürnberger Sitte wollte ſie am unteren Ende der Tafel zwiſchen ihren Töchtern Platz neh⸗ men, obwohl für alle Drei eine ſolche Anordnung höchſt peinlich war, aber der galante Biſchof, der in Italien mit einem feineren Brauch vertraut geworden, begnügte ſich nicht damit, ſie als ſeine angenehme Wirthin zu begrüßen, ſondern führte ſie ſelbſt zur 25 Tafel und wies ihr den Ehrenplatz an ſeiner Seite an. Hoffärtig wie ein Pfau und auch gleich ihm mit einigen Kratzfüßen und ſie begleitenden Worten der Ablehnung folgte ſie ſeiner Einladung und ſah nur mit Mißvergnügen, wie ſeine bewundernden Blicke auf den Schweſtern weilten und er zu ihnen ſagte: „Auch die edlen Töchter des Hauſes, von deren ſeltenen Geiſtesgaben ich ſo viel Bewunderungswür⸗ diges vernommen, als mich jetzt der Augenſchein von ihren äußerlichen Gaben beſtätigt finden läßt, dürfen nicht ſo entfernt von uns und urzertrennlich ihren Platz da unten behaupten— ich hoffe ſie mir gegen⸗ über zu erblicken und unſere Mitgäſte werden ſich be⸗ eilen ſie auf einen würdigeren Platz zu geleiten!“ „Ihr ſeid allzu gütig, hochwürdiger Herr,“ ant wortete Iſolde, indeß ſich Anna nur ſtumm verneigte, „Euer Wille muß Befehl ſein in dieſem Hauſe, aber wenn man Euch von uns ſo Günſtiges berichtet ha⸗ ben ſollte, ſo wäre es beſſer, Ihr ließet uns mit die— ſem Nimbus in einer verborgenen Ecke ſitzen, denn daß Ihr Euch in größerer Nähe überzeugt, wie wenig Eure gute Meinung ſich beſtätigt.“ Gelber als ihr Kleid ward Frau von Weichs⸗ dorf's Geſicht bei ſolchen Worten und noch mehr vor Neid, als ſie ſah, wie die meiſten der Gäſte, die aus⸗ wärtigen zumal und von den heimiſchen nur die ihrer Sippe und einige Rathsherren nicht, die dieſe ganze Anordnung unziemlich fanden, weil ſie uraltem Her⸗ kommen entgegenlief, ſich zu den Schweſtern dräng⸗ ten und um die Ehre baten, ſie neben ſich auf einen andern Platz zu führen. Ein Blick auf ſie und ein zweiter in den Spiegel, konnte Frau von Weichsdorf belehren, daß ſie ihnen eigentlich nur zur Folie diente. Anna freilich ſah noch ſehr leidend aus. Ihre klei⸗ nen Hände waren weiß wie Wachs und ſo abgezehrt, daß man meinte, hindurch ſehen zu können. So war auch ihr ganzes Geſicht, und die ſanften Augen erhiel⸗ ten durch die blaucn Ringe, die ſie umgaben, einen eigenthümlichen ſchwärmeriſchen Glanz. Ein Schleier⸗ tüchlein, das, mit goldenen Nadeln angeſteckt und un⸗ ter dem Kinn zuſammengeknüpft, von dem glatt ge⸗ ſtrichenen Haar nicht viel ſehen ließ, umwob ſie vol⸗ lends wie ein nebelhafter Heiligenſchein, ſo daß man ſie nur voll Andacht oder voll Mitleid betrachten konnte. Auch ihre übrige Tracht bezeichnete ſie noch als eine langſam Geneſende, die ſich zu ſchonen hatte. Zwar trug ſie ein prächtiges Roſakleid mit Silber⸗ ſtickerei, aber darüber ein halblanges Jäckchen von dunklem Sammt mit weißem Pelz beſetzt, das, oben 27 am Hals mit goldenem Schloß zuſammengehalten, ſie vor jeder Zugluft ſchützte. Ein Ritter aus des Biſchofs Gefolge, der ſich als Wilsko von Helffenburg ihr vorſtellte, führte ſie zur Tafel. Trotz dem, daß der Stiefmutter Augen hämiſch auf ihn ruhten, hatte ſie deſſen Arm doch ſchneller er⸗ griffen als den der Nürnberger Rathsherren, die gleichfalls um dieſe Ehre baten;— ſich entſchuldigend, ſagte ſie zu dieſen:„Verzeiht— es hieße das immer treu bewahrte Gaſtrecht unſeres Hauſes verletzen, wollte ich nicht den Wunſch dieſes edlen Ritters er⸗ füllen, der zum erſten Male unſere Schwelle betreten und ein Fremdling in unſerem Rürnberg iſt. „O wir wiſſen ſchon was ſich geziemt“ ſagte Peter Harsdörfer, der eine dieſer Rathsherren, ein ſtattlicher Mann in den Vierzigen und gegenwär⸗ tig Witwer weßhalb Frau von Weichsdorf ihn be— günſtigte als möglichen Eidam durch eine ihrer Töch⸗ ler, die ſie nun gern um jeden Preis aus dem Hauſe gehabt hätte Harsdörfer, der auf dem Veilhof eine Pulvermühle beſaß und mit Pulver bedeutende Ge⸗ ſchäfte machte, hatte dadurch ein großes Vermögen erworben, war aber der Erſte ſeines Geſchlechtes, das bisher dem niedern Bürgerſtande angehörte, der zu Rath ging und dadurch ſeinen Namen den bevor⸗ 28 rechteten„Geſchlechtern“ Nürnbergs einverleibt ſah. Gleich den meiſten Parvenues drängte er ſich nun gerade an die Vornehmſten, hielt ſtrenger als ſie auf Alles, was zu den Vorrechten ſeines neuen Standes gehörte und fühlte ſich darum viel leichter in ihren Beſitz angetaſtet als Diejenigen, die durch ſo lange Jahrhunderte mit ihnen verwachſen waren, daß es ihnen gar nicht in den Sinn kam, dieſelben angezwei⸗ felt zu ſehen. Er wiederholte daher jetzt empfindlich: „Wir wiſſen ſchon was ſich geziemt und daß es edie Sitte in Nürnberg iſt, fremden Gäſten vor den hei⸗ miſchen den Vorzug zu geben und wollen darum auch nicht glauben, eine ehrenwerthe Nürnbergerin zöge den adeligen Ritter als ſolchen einem Nürnberger Patrizier vor.“ Anna verſtand wohl, was dieſe Rede gerade für ſie bedeuten ſollte,— ihre geiſterhafte Bläſſe wich einer momentanen Röthe, aber ſie antwortete nur mit einer leichten, höflichen Handbewegung, indeß Wilsko von Helffenburg lächelnd ſagte: „Gewiß habt Ihr nicht Urſache mißgünſtig zu ſein, da mir das Glück ſolcher Nachbarſchaft bei der Tafel nur einmal wird, da ich nur kurze Zeit hier weile, indeß die Bewohner einer Stadt ſich ja leicht öfter zuſammenfinden. Doch will mich auch bedünken, Ihr wiſſet ſolch' ein Glück minder zu ſchätzen— denn wenn nicht mein hochwürdiger Herr die Ordnung dieſer Tafel geändert, Ihr hättet ruhig die edlen Da— men am unterſten Ende der Tafel ſitzen laſſen, wohin ſie nicht allein weibliche Beſcheidenheit, ſondern die un⸗ galaute Sitte dieſer vornehmen Herren von Nürnberg, die ſich ſo feiner Bildung rühmen, verwieſen.“ „Wir ehren unſere Frauen beſſer als mit galan ten Aeußerlichkeiten, durch die Ihr und Eures Glei chen ſie nur vergiften könnt!“ rief Martin Löffelholz, um den doch etwas unbeholfenen Harsdörfer zu un⸗ terſtützen und dabei einen verwundenden Pfeil auf Anna abzuſchießen. Auch der einſtige Bewerber war gekommen, weil er ſich bei dem Biſchof bemerkbar machen wollte und auch annehmen durfte, daß er durch ſein Nichterſcheinen dem Gerüchte, daß ihm Anna einen Korb gegeben, die ſicherſte Beſtäti gung gäbe. Herr Martin Geuder von Hersbruck, der jetzt re gierender Bürgermeiſter war, hatte nicht ſo bald den beginnenden Wortwechſel gehört, als er hinzueilte um zu ſchlichten, zu vermitteln;— er, ein beſonderer Schützer der humaniſtiſchen Studien, ein Bewunde⸗ rer der Griechen und Römer in den Werken ihres Geiſtes wie ihrer Hände, liebte es ſeine Billder der Antike zu entlehnen und rief darum jetzt dazwiſchen: „Daß die Schönheit doch immer einen Erisapfel in ihre Nähe geworfen ſieht, auch wenn ſie ſelbſt ſich gar nicht um ſeine Deutung kümmert— dann heben ihn die Männer auf, wenn ihn die Frauen liegen laſſen. So etwas muß man vergeben— auf beiden Seiten, es iſt eben ein Verhängniß, ein Erbe, das eben ſo gut von Frau Eva wie von den griechiſchen Göttern kommen kann— der Klügſte zieht den beſten Theil aus ſolchem Streit, ſagt man es doch den Ad vokaten nach, daß ſie da am ſchnellſten verſöhnen, wo ſie den Löwenantheil für ſich ſelbſt behalten kön⸗ — und ſo, mit Verlaub, nehme ich an Eurer andern Seite Platz.“ Mit dieſen Worten hatte er Anna und den Ritter ſauft weiter geſchoben und rückte nun die Stühle ſo, daß ſie zwiſchen dieſen und den Bürgermeiſter zu ſitzen kam, indeß Harsdörfer und Löffelholz wieder zu ihren vorigen Plätzen zurückkehrten. Sein Schwager Willibald Pirkheimer erbat ſich Iſolden's Nachbarſchaft— und an weſſen Seite hätte ſie auch unter all' dieſen Herren am liebſten weilen mögen, als an der des geiſtreichen Gelehrten und hochgeehrten Staatsmannes, des Bruders der von 31 ihr hochverehrten Aebtiſſin des Klarakloſters, Chari⸗ tas, der ihr befreundeten Sabine und Euphemia Pirk⸗ heimer, des Gönners und Freundes des Baubruders Ulrich von Straßburg? Und wer wußte beſſer als er eine ſolche Nachbarin zu ſchätzen! Kein Mann in ganz Nürnberg verehrte mehr als er den ſtrebenden Geiſt im Weibe und fand ein größeres Vergnügen darin mit einer ſolchen zu verkehren, ihn weiter zu entfalten, zu bewundern, als er. Daneben war er abet auch ein Kenner und Verehrer körperlicher Reize und mit derſelben Aufmerkſamkeit, mit der er ſein Ohr Iſolden's Rede lieh, hing auch ſein Auge an ihrer ſchönen Erſcheinung. Ein himmelblaues Kleid, mit weißem Pelz beſetzt, warf klaſſiſche Falten um ſie, das viereckig ausge⸗ ſchnittene und ſich bis über die Hüften glatt verlän⸗ gernde Leibchen zeigte die ſchlanke Taille und nach der damaligen Mode auch die Rundungen von Bruſt und Hüfte in ſcharf abgezirkelten Linien—„ein Modell für den Meißel eines Phydias!“ flüſterte Pirkheimer ſeinem Nachbar zu— und beklagte, daß nicht auch einen folchen das künſtlerreiche Nüruberg aufzuweiſen hatte. Weite offene Aermel, nur oben aus mehreren Puffen beſtehend, ließen die Arme unbedeckt. Das üppige goldblonde Haar floß, nur von einer einfachen Perlenſchnur gehalten, in dichten Locken auf den blen⸗ denden Nacken herab, drei Reihen gleich großer vene⸗ tianiſcher Perlen legten ſich in breiten Zwiſchenräu⸗ men um den Hals, den Pirkheimer ſogar mit dem einer Venus verglich, obwohl er das erſt auszuſpre⸗ chen wagte, als er ſchon mehr als einen Humpen von den Gewächſen des Rheins wie Cyperns geleert und Iſolde ſchon daruber nachdachte: ob es nicht Zeit ſei ſich zu entfernen, da der Wein die Köpfe immer mehr erhitzte, und wenn auch Pirkheimer nicht zu den Män⸗ nern gehörte, die durch den Wein zu beleidigenden Rohheiten und Unſchicklichkeiten verleitet werden könn⸗ ten, ſo huldigte er denn doch dem ſchönen Geſchlechte um ſo eifriger durch ſüßliche Schmeicheleien, die wohl die meiſten weiblichen Ohren gerne hörten, aber eine Iſolde unangenehm berührten. Dann wandte ſie ſich um ſo lieber ihrem Nachbar zur Linken zu, der viel⸗ leicht in ſeiner beſcheidenen Art gar nicht gewagt hätte dieſen ehrenden Platz einzunehmen, wenn ſie ihn nicht ſelbſt zu ſich gezogen hätte. Albrecht Dürer war es, der heute zum erſten Male im Hauſe des Schultheißen mit erſchien. Weil man wußte, daß der Biſchof ein Gönner und Ver⸗ ehrer von ihm war, ſo hatte man ihn geladen— außerdem würde man es vielleicht nicht für nöthig gefunden haben, denn obwohl er um ſeine Verdienſte zu ehren erſt vor einigen Monaten zu den„Genann⸗ ten“ des Großen Rathes ernannt worden war, ſo ge⸗ noß er in ſeiner Vaterſtadt doch keineswegs dieſelbe hohe Stellung, die man ihm im Auslande überall einräumte. Ja, im Auslande und gegen Fremde, die nach ihm fragten, prunkten auch die Nürnberger Pa⸗ trizier mit ihrem Dürer, freuten ſich, wenn man ihm den Namen des deutſchen Appelles gab, und fühl⸗ ten dann einen neuen Ruhm auf ihre Stadt ſtrahlen, oder vielmehr: ſie nahmen den ſeinen als ein neues Zeugniß, daß nur aus Rürnberg ein ſolcher Künſtler hervorgehen könne. Daheim aber und im gewöhnli⸗ chen Leben war ihnen dieſer Dürer doch nur der Sohn eines armen Goldſchmids, der es ſich auch mit ſeiner Hände Arbeit, die bald den Pinſel, bald den Stichel, bald die Feder führten, ſauer genug mußte werden laſſen ſein Brot zu verdienen und ſeine armen Ver⸗ wandten zu ernähren. Man verwunderte ſich darum noch oft genug, wenn Herren und Fürſten, ja Kaiſer Marimitian ſelbſt ihn in ſeiner Werkſtatt beſuchten und ihn näher kennen zu lernen wünſchten; denn wenn nicht noch der kaiſerliche Rath Pirkheimer, der mit Dürer in einem Hauſe geboren und aufgewachſen und immer ein unzertrennlicher Freund geblieben war, 1861. X Die Schultpeißentöchter von Nürnberg. it. 3 ihn manchmal aus ſeinem Stillleben hervorgezogen und in größere Kreiſe mit ſich genommen hätte, ſo würde er eine noch beſcheidenere Stellung unter ſeinen Landsleuten eingenommen haben. Viel freilich trug dazu ſeine unglückliche Ehe bei, da Frau Dürerin ihres zänkiſchen und unliebſamen Weſens willen nirgends gern geſehen war, gleichwohl gern unter Vor⸗ nehmere ſich drängte und ſich oft ſo betrug, daß ihre Gegenwart für Dürer höchſt peinlich werden mußte, der doch wieder ein viel zu guter Gatte war, als daß er da ohne ſie hätte erſcheinen wollen, wo auch andere Frauen zugegen waren. Heute, bei einem Feſtmahl, dem auswärtigen Bi⸗ ſchof zu Ehren, war es ſchon etwas Anderes, da nur Männer geladen waren. Der Biſchof hatte ſogleich einige höchſt verbindliche Worte an ihn gerichtet, und bei Tafel brachte er ſogar eine Geſundheit auf Iſolde und ihre beiden Nachbarn aus, in der er die Jungfrau den einmal erſchienenen Genius nannte, der dieſe zwei leuchtenden Geſtirne am Himmel, die Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft, zu dem herrlichſten Freundespaar verbunden habe, was eben nur ein Weſen vermöge, das Grazie und Muſe zugleich ſei. Hoch erröthend dantte Iſolde, indem ſie ſelbſt, den ſubeturn Becher in der Hand, im Geleit der Freunde um die Tafel bis zu dem Biſchof ging mit ihm anzu⸗ ſtoßen, indeß Frau von Weichsdorf nur mit höchſt un⸗ williger Geberde zu ihrem Pokal griff, als ihr Nach⸗ bar ſie dazu aufforderte. „Ihr ſeid allzu gütig,“ ſagte der Biſchof,„daß Ihr Euch ſelbſt bis zu mir bemüht; jetzt muß ich Euch ſchon noch den edlen Freunden überlaſſen— aber wenn das Mahl vorüber und nun ich der Glückliche bin, der noch länger der Gaſt dieſes Hauſes ſein darf, rechne ich gerade auf Euere Unterhaltung.“ Iſolde dankte wieder nur mit einer ſtummen Ver⸗ neigung, da die lauernden, wüthenden Blicke der Stief⸗ mutter ihr die Kehle zuſchnürten, die jetzt ſogar, als auch der nahe ſitzende Propſt Kreß laute Schmeichel⸗ worte für Iſolde hatte, ſich zu den Worten verleiten ließ: „Hätte ich doch niemals geglaubt, daß unſere hoch⸗ würdigen Gäſte den Dank für die geringen Dienſte unſerer Gaftfreundſchaft ſo weit treiben würden, ſo viel Artigkeiten in's Blaue hineinzureden, für die auch nicht der geringſte Grund vorhanden iſt— dennoch möchte man ſich verleiten laſſen ſie zu glauben, weil ſie aus ſo hochwürdigem Munde kommen— und dann werden ſie noch mehr Schaden anrichten als von Andern.“ 3* 36 „Overzeiht,“ ſagte mit einem verweiſenden Lächeln der Propſt,„ich bin ein alter Freund des Hauſes und muß das beſſer wiſſen— lange bevor Ihr hier wal⸗ tetet, habe ich deſſen Töchter auf dem Schooß gewiegt, unterrichtet und—“ „Und möchtet es wohl jetzt noch gerne thun?“ fiel ihm Löffelholz mit einem jener zweidentigen Scherze in die Rede, die damals an der Tagesordnung, ihm aber beſonders geläufig waren. Im rechten Augenblick nahm Pirkheimer den Arm der verſchämten Iſolde, um ſie wieder auf ihren Platz zu geleiten und ſie aus dem Bereich eines Geſprächs zu bringen, das ſie von jeder Seite nur verletzen konnte. Die Schultheißin flüſterte dem Biſchof in's Ohr: „Geiſtlich und weltlich verdirbt die Mädchen mit über⸗ triebenen Schmeicheleien— aber Freier finden ſie nicht— Iſolde nähert ſchon den Dreißigen“ lauf ein paar Jahre mehr kam es der Sprecherin nur bei ſich ſelbſt, nicht aber bei Andern an),„ich bin überzengt, daß ſie keinen Mann bekommt.“ Der Biſchof lächelte pfiffig vor ſich hin, und in⸗ dem er eben eine große Paſtette zerlegte, die ein auf⸗ wartender Diener ihm hinhielt, ſagte er:„Ich danke, daß ich dies beſſer weiß— am Ende kommt gar die 37 Zeit, daß ich ſelbſt den Brautwerber bei ihr mache— doch dergleichen Dinge muß man reifen laſſen.“ Pirkheimer wollte den üblen Eindruck ſchnell ver⸗ wiſchen, den die Worte der Stiefmutter auf Iſolde hatten machen müſſen, und ſagte: „Da nun Eure liebe Schweſter wieder geneſen iſt, werdet Ihr Euch hoffentlich nicht mehr ſo klöſterlich wie zuletzt von der Welt abſchließen— jetzt habe ich Euch nur zuweilen von der Ferne in der Lorenzkirche geſehen.“ Iſolde fühlte, daß ſie erröthete und wollte ſich doch nicht geſtehen woher das kam— und ſo gewiſſermaßen ſich ſelbſt herausfordern, und weil ſie meinte, es be⸗ ängſtige ſie nur Pirkheimer, könne ſie mit Wolfſtein oder— Ulrich haben ſprechen ſehen, ſagte ſie:„Außer in die Meſſe trieb es mich auch oft in die Kapelle unſeres Geſchlechtes, nach den Fortſchritten zu ſehen, die das Denkmal unſeres großen Oheims macht.“ „Eine Meiſterhand iſt damit betraut,“ antwor⸗ tete Dürer, und Pirkheimer ſagte gleichzeitig: „Das iſt noch ein Anderes, ob ein Künſtler nur für ſeinen Ruhm arbeitet, oder ob auch Liebe zu den Perſonen, denen er ein Mal errichtet, ihn beſeelt— Ulrich von Straßburg fühlt ſich durch geiſtige Bande an das Geſchlecht der Behaim gefeſſelt, und auch bei dieſem Werke leitet ihn eine hohere Begeiſterung als bei jedem andern.“ Jetzt fuhr Iſolde unwillkürlich nach der Perlen⸗ reihe, die ſie zittern fühlte von dem ſtürmiſchen Wal⸗ len ihres Buſens, als könne ſie das mit ihrer kleinen Hand verbergen oder unterdrücken— doch hätte ſie um keinen Preis dies Geſpräch beendigen mögen.„Ihr kennet ihn alſo auch, Meiſter Dürer,“ fragte ſie dieſen. Er war unerſchöpflich im Lobe des Freundes; vorhin mehr ſtill, ward er jetzt plötzlich beredt und ſeine ſanften Augen leuchteten im höheren Glanze. Eben ſo Pirkheimer— und er fügte dann hinzu: „Auch unſer hochwürdiger Biſchof iſt ſein Gönner— wär' er nur nicht ein Mitglied dieſer Baubrüder⸗ genoſſenſchaft, die ſo ſtreng ſich abſchließt von andern Elementen und von dem Leben ſelbſt— das iſt ein Unglück für ihn und für Alle, die ihn lieben!“ Iſolden's Herz pochte immer lauter— gerade darum ſagte ſie:„Aber iſt es nicht ein Glück für die Kunſt, daß kein anderes Band ihn feſſeln darf?“ aber ſie fühlte, wie ihre Stimme bebte, denn erſt im Augen⸗ blicke, da ſie ſprach, fiel ihr ein, daß jenes„Alle, die ihn lieben,“ doch einen viel weiteren Sinn haben konnte als ihre Worte ihn vielleicht gaben. „Ein Opfer, das man in der Jugend bringt, ein 39 Schmerz, der da in das Herz ſich gräbt, mag wohl den Schwingen einer edlen Seele höheren Flug ver⸗ leihen, und ohne Schwärmerei iſt ſelten Jemand ein großer Menſch geworden— aber wenn ein edles Ge⸗ fühl kämpft mit dem andern und nur eine hohle Satzung hindert im Glück des Lebens mit einem noch reineren Feuer der Kunſt zu dienen als im Unglück— dann drückt das Opfer nieder und die Kraft erlahmt.“ ber lange konnte es nicht bei ſo ernſter Wendung eines Geſprächs an heiterer, von Trinkſprüchen ge⸗ würzter Feſttafel bleiben— und hätte nicht der Wein ſchon Pirkheimer mittheilſamer gemacht, vielleicht hätte er auch nicht gewagt anders als im vertrauteſten Freundeskreiſe von„hohlen Satzungen“ zu ſprechen. Iſolde war in einer fieberhaften Erregung— ſie meinte, das komme von dem immer mehr anwachſen⸗ den Lärm um ſie her— dies Toaſtiren, Lachen, Glä⸗ ſerklirren, ſie ſelbſt immer mehr der Gegenſtand zu⸗ dringlicher Schmeichler— und als Pirkheimer, ihr neue Schönheiten ſagend, ſich ſo weit vergaß, mit un⸗ ſicherer Zunge hinzuzufügen:„Ich ließe mich doch durch Niemand von meinem Platz vertreiben— ſelbſt von unſerem Freund Baubruder nicht!“ da ſtand ſie zürnend und geängſtet auf, würdigte Pirkheimer keines Blickes und ſagte zu Dürer gewendet: 40 „Verzeihet, edler Meiſter, daß ich mich entferne— es iſt Zeit dazu,“ und als er, ſelbſt vom Wein erregt, wenn auch nicht berauſcht, ſie bittend anſah und ſagte: „Verzeihet Ihr meinem liebwerthen Freunde, er iſt minder trunken vom Wein, denn von Euerm Anblick,“ da antwortete ſie kurz und ſtolz:„So iſt es um ſo nöthiger, daß ich gehe— vielleicht wird er dann nüchtern!“ Wenn Frau Agnes geſehen hätte, mit weſcher Inbrunſt ihr Gatte Iſolden's Hand küßte und ſie noch einmal um Verzeihung bat für all' die rohe Art der Männer, und zum Zeichen, daß ſie wenigſtens ihm nicht zürne, ihr ſogar das Verſprechen abnahm, ſich einmal in ſeiner Werkſtatt umzuſehen— ſo würde die Frau Meiſterin wohl zornig geworden ſein; indeß Pirkheimer bereute nicht nur was er zuletzt, ſondern auch was er vorhin geredet von dem ſegensvollen Wirken eines glücklichen Künſtlers. Die ſchon längſt ermattete Anna folgte gern Iſol⸗ den's Beiſpiel. Draußen im äußerſten Vorſaal, als ſie über die Treppenflucht gingen, um ſich in ihre Gemächer im obern Stock zurückzuziehen, ſtieß Iſolde o einen Schrei aus— 4 Ulrich ſtand vor ihr. eih i gürbitten. Ulrich ſtand vor Iſolde. Gerade ſie zu ſehen, hatte er nicht erwartet. Ueber dem Feſtmahl war es dunkel geworden, drinnen flammten unzählige Kerzen im Saal auf hohen Kandelabern und blitzenden Kronleuchtern aus gegoſſenem Meſſing— hier auf der Treppe aber ge⸗ nügte eine von der Wölbung herabhängende Ampel, den Gehenden und Kommenden zu leuchten. Anna hielt noch eine kleine ſilberne Lampe in der Hand; die Schweſtern hatten nicht erſt Jemanden von der viel beſchäftigten, theils aufwartenden, theils ſich ſelbſt den Tafelfreuden ergebenden Dienerſchaft(denn heute konnte die Schultheißin ja nicht nacheilen und die Speiſereſte verſchließen, dieſer ſeltene, glückliche Moment mußte benutzt werden) rufen wollen, und ſo leuchteten ſie ſich ſelbſt. Der Schein der vorgehaltenen 42 Lampe fiel gerade auf Iſolde. Die Erregung, in der ſie den Saal verlaſſen, drückte ſich noch in ihrem gan⸗ zen Weſen aus. Sie hätte kein Weib ſein müſſen, hät⸗ ten die vielen Huldigungen, die ſie heute, noch dazu von den ausgezeichnetſten und berühmteſten Männern empfangen, ſie ganz kalt laſſen können. Aber im letzten Augenblick hatte ſie Eckel daran empfunden— nur um das zu überwinden, wie ſie ſich ſagte, kehrten ihre Gedanken zu dem zurück, was ihre beiden Tiſchnach⸗ barn über Ulrich geſprochen hatten— ſie dachte an ihn, als ſie in das Treppenhaus trat. Da ſtand er vor ihr— und wer hätte ſagen mögen, ob ſie mehr über den wirklichen Ulrich erſchrak oder über den ihrer Gedanken. Auch er ſtand betroffen— ihr hier zu begegnen hatte er nicht erwartet— war es Anna's Lampe oder Iſolden's Erſcheinung, die ihn blendete? Er hatte ſie immer nur in winterlicher Straßenkleidung geſehen, in ſolchem Putz, der ihre Reize zugleich zeigte und er⸗ höhte, erblickte er ſie heute zum erſten Male. Den runden Hut in der Hand haltend, trat er faſt demüthig einige Schritte zurück und ſprach nur ein ſchüchternes „Verzeiht!“ Mußten denn alle Männer heute nur„verzeiht!“ zu ihr ſagen— und nun auch er? So fühlte ſie— 43 aber es wollte kein Wort über die zitternden Lippen. Anna war minder befangen. Sie hatte noch nie mit Ulrich geſprochen, aber ſie kannte ihn vom An⸗ ſehen, weil ihr ihn Iſolde gezeigt hatte, wenn er unter ihren Fenſtern nach der Bauhütte vorüberging. Ihr war er ja ein Bote des Geliebten! Wolfſtein erfüllte ihr ganzes Weſen— ſie zweifelte keinen Augenblick, daß Ulrich um ſeinetwillen kam. So urtheilte ſie freu⸗ dig im erſten Moment des Gewahrens— im zweiten erſchrak auch ſie über die Möglichkeit von Jemand getroffen zu werden, einen Theil ihres Geheimniſſes verrathen zu ſehen, auch dieſen letzten vermittelnden Freund zu verlieren— haſtig trat ſie darum jetzt auf ihn zu, indem ſie nach allen Seiten ſich ſcheu umblickte und ſagte: „Ihr bemüht Euch her?— kommt mit herauf zu uns— da oben ſtört uns heute Niemand!“ fügte ſie, mehr zu der Schweſter gewendet, hinzu. Ulrich ſtand zögernd:„Der hochwürdige Biſchof iſt wohl noch bei Tafel?“ fragte er,„er hat mich her⸗ beſtellt— nur darum wage ich zu kommen.“ „Jetzt allerdings würdet Ihr ihn nur ſprechen konnen, wenn Ihr Euch ſelbſt in den Saal begebet,“ antwortete Iſolde,„und wenn Euch das genehm iſt, ſo bin ich bereit mit Euch dahin zurückzukehren, um Euch einzuführen.“ „O Ihr ſeid allzu gütig,“ antwortete Ulrich, ſich verbeugend,„ſo dringlich iſt mein Kommen nicht— ich kann warten bis die Tafel aufgehoben.“ „Aber hier doch nicht?“ antwortete Iſolde;„des Biſchofs Zimmer ſind im obern Stock— im Erd⸗ geſchoß iſt das Wartezimmer.“ „So geh' ich da hinab,“ ſagte Ulrich und näherte ſich der Treppe, die er heraufgekommen war— weiter unten auf ihr hörte man ſchleichende Tritte— aber es war nicht die am meiſten betretene Treppe, auf der man ſich befand— eine ſolche führte unweit des Speiſeſaales gleich zur Küche im Erdgeſchoß; auf ihr bewegten ſich die aufwartenden Diener, auf der aber, auf der man ſich befand, hatte, zumal am Abend, kein weiterer Verkehr ſtatt; nur Ulrich hatte ſich dahin ver⸗ laufen, weil er unten dem lautern Treiben ausgewichen war. „Kommt mit herauf,“ ſagte Iſolde in einem haſtig befehlenden Tone, gegen den ſich keine Einwendung machen ließ— das Schleichen auf der Treppe ſchien ihren Entſchluß zu beſtimmen. Ulrich folgte den Schweſtern;— da ſie eilig die Treppen aufwärts ſchwebten, beſchlennigte auch er k —— 45 ſeine Schritte— von Unten klang etwas wie ein höh⸗ niſch weibliches Lachen herauf— ein ſchüttelnder Froſt lief ſichtbar über Iſolden's weiße Haut— bewirkte es dies Lachen oder die kühlere Luft hier außen gegen die ſchwüle Gluth des Speiſeſaals? Einen Augenblick war ſie unſchlüſſig— ſollte ſie Ulrich mit in ihre eigenen Gemächer nehmen— ſollte ſie ihn hinübergeleiten in die des Biſchofs? gewagt war das Eine wie das Andere— indeß, ſie war auf⸗ geregt, ſie hatte jenes erhöhte Gefühl der Selbſtbeſtim⸗ mung in ſich, das ſogar zu einem Wagniß drängen kann ſie entſchied ſich für das Letztere. Hier war die Thür in ihr Zimmer. Anna öffnete ſie— ein⸗ ladende Wärme ſtrömte ihnen daraus entgegen— aber auch ſie ſtand zögernd und verlegen. An ihrer Lampe zündete Iſolde eine darin ſtehende Kerze an—ihr Schein und die offene Thür geſtat⸗ teten Ulrich einen Einblick in dies Frauengemach, aus dem ein ſüßer Zauber zu ſtrömen ſchien. „Komm, Anna,“ ſagte Iſolde,„wir wollen den edlen Freund hinüber in die Zimmer des Biſchofs ge⸗ leiten— dort wartet es ſich beſſer als unten, wo, wer weiß wie viele Lente ſchon verſammelt ſind, die irgend ein Anliegen an den Biſchof haben,“ und auf Ulrich's beſcheidenen Einſpruch gegen ſo viel Güte, ſagte ſie 46 ſchnell:„O es iſt auch nöthig, daß die Töchter des Hauſes ſelbſt überall nach dem Rechten ſehen an einem ſolchen Tage, der das ganze Haus in Aufregung bringt— da kommt Alles aus dem gewohnten Gang und die Diener zeihen unten gleich den Herrn und kümmern ſich um nichts. Es war ſo wie Iſolde ſagte und vorausſetzen durfte— ſie gingen durch weite Vorſäle, ohne Jemand zu treffen, überall war es todtenſtill und brannten nur mattleuchtende Lampen. Aus dem zweiten Saal trat man in die Gemächer, die für den Biſchof, ſeinen geiſtlichen Begleiter und Kammerdiener eingerichtet waren, die Ritter erhielten ihre Zimmer im dritten Stock, die Diener, die man nicht in unmittelbarer Nähe bedurfte, blieben im Erd⸗ geſchoß. Aus der nun von Iſolde geöffneten mittelſten Flü⸗ gelthür ſtrömte eine faſt erſtickende Hitze— die Heize⸗ rin hatte es ſich bequem gemacht und um nicht wieder nachzulegen, ſo viel gewaltige Holzknorren im Kamine aufgehäuft, daß es mindeſtens ſo heiß war, als käme man„in Meiſter Viſcher's Rothgießerei,“ wie Ulrich zu Iſolden's Ausruf zuſtimmend bemerkte Sie riß alle Nebenthüren auf und lud dann Ulrich ein mit in ein kleines Kabinet zu kommen, das, nur durch eine Ta⸗ petenwand von dem großen Zimmer getrennt, ſchon mit erwärmt war. Gleich dieſem hatte es auch noch mehrere Thüren in den Vorſaal ſowohl als in einen Gang gegenüber. Iſolde überzeugte ſich, daß auch dieſe unverſchloſſen und draußen Alles ſtill war. Von Innen ſchob ſie, ohne das ſehen zu laſſen, geſchickt den kleinen Riegel vor. „Hier können wir bleiben bis der Biſchof kommt,“ ſagte ſie, hieß Ulrich Platz nehmen und zündete eine Kerze an. Anna war ſchon wie ein ängſtliches Kind, ſich feſter in ihr Pelzchen wickelnd, in eine Sophaecke gehuſcht— ſie erwartete, daß Iſolde für ſie das Wort führen, von Wolfſtein ſprechen, nach ihm fragen ſollte— welches andere Intereſſe gab es denn für Anna auf der Welt, was war ihr denn Ulrich Anderes als ein Bote von ihm? Aber da die Schweſter ſchwieg, ja ſogar in's Nebenzimmer ging, obwohl ſie die Thüre offen ließ, um drinnen, wie ſie vorhin ſchon geſagt hatte, nach dem Rechten zu ſehen, faßte ſich Anna ſelbſt ein Herz zu dem einzigen Freund und Beiſtand, der ihr in der Noth geblieben war— ſie fragte erröthend nach Wolf⸗ ſtein, und da Ulrich bekennen mußte, jetzt von dem Ritter keine Kunde zu haben, ſuchte ſie doch ihr über⸗ wollendes Herz von den Dankesgefühlen zu erleichtern, 48 die ſie jetzt um ſo mehr bewegten, als ſie mit Ulrich zum erſten Male ſprach. Als ſie ſo ihren Gefühlen Worte gegeben, fuhr ſie fort:„Um meinetwillen ſeid Ihr auch in den Handel von Jauernberg und Löffelholz verwickelt worden, Euch den Adel wie den Rath zum Feinde ge⸗ macht—“ Ulrich lehnte beſcheiden die Dankesworte ab und leugnete mit ſtolzem Lächeln die Gefahr, die ſelbſt durch eine ſolche Feindſchaft für ihn erwachſen könnte. Anna brach in die Worte aus:„Ihr ſeid wie meine Schweſter! auch ſie will von keinem Dank etwas wiſſen, noch ſchreckt ſie eine Gefahr, wo es gilt zu helfen und Andern Gutes zu erweiſen— ich wäre längſt im Klo⸗ ſter ohne ſie—“ „Das ſteht Euch ja jeden Tag noch offen,“ ſagte Ulrich,„man darf kein Gelübde ablegen nur in der Uebereilung des Schmerzes— ein ſolches Opfer will der Himmel nicht— wenn ihm überhaupt ein Opfer das keine Früchte zeitigt für ſeine Men⸗ ſchen—“ „Der Propſt Kreß— er iſt ja Euer Oheim,“ fuhr Anna fort,„hat mir auch abgeredet— aber ohne ihn und Iſolde wäre mir doch nun die Wahl geblie⸗ ben, entweder den Schleier zu nehmen oder die Hand 49 des Rathsherrn Löffelholz.— Iſolde hat es klug zu wenden gewußt, um meinetwillen ging ſie im Dun⸗ keln zu dem Propſt— wißt Ihr es von ihm?“ Ulrich ſchüttelte ſanft ſein wallendes Haar— er konnte nicht antworten— er hörte nur noch. „Sie bat ihn um ſein Vermittleramt— und dann bekam er einen Gaſt auf die Nacht— ſie konnte nicht anders wieder heim als durch's Fenſter— wenn ihr ſolch' ein Wagniß mißlungen wäre—“ Jetzt fiel es wie ein Schleier von Ulrich's Seele— jeder Schatten war nun mit Eins für ihn verſchwun⸗ den von Iſolden's Bilde— er hörte nicht mehr wie Anna noch hinzufügte:„Ich ſage das, damit es Wolf⸗ ſtein vielleicht durch Euch erfährt und Ihr nicht mehr mißtraut“— er ſah nun Iſolde, die eben jetzt wieder in die Thür trat, wie von einer Glorie umfloſſen— er mußte ihr wenigſtens ein Geſtändniß machen, wenn auch keines, das ſie hätte verletzen können. „Ihr floht vor mir,“ ſagte er,„ich war des Prop⸗ ſtes Gaſt— ich ſah Euch— ſah Euch wie den Ge⸗ nius dieſer Stadt, als ich in ihr zu raſten das erſte gaſtliche Haus betrat— aber wie ein hohes Traum⸗ bild ward er mir entſchwebt.“ Iſolde legte ihre Hand in ſeine ausgeſtreckte— ſie dachte, ſie könne ruhig bleiben— und all ihre Nerven 1861. X1R. Die Schulvheißentöchter von Nürnberg. 1I. 4 50 zuckten, ihre Pulſe pochten bei dieſer Berührung, die⸗ ſer Erklärung— ſie ſchlug die Augen nieder und hob ſie langſam wieder auf— das war nicht der Schein der Lichter und der Gluth des Kamins, der, auf ſie fallend, ſie wie eine Verklärte erſcheinen ließ— und Urrich ſtand ihr gegenüber, halb gebeugt wie ein Bü⸗ ßender, halb gehoben wie ein Triumphator— keines hätte in Worte zu ſagen vermocht noch gewagt, was es empfand— wäre nicht Anna's Gegenwart geweſen — vielleicht wäre Iſolde an dieſe Männerbruſt ge⸗ ſunken und hätte bekannt: unſer erſtes Begegnen war ein Flüchten und Verkennen, unſer zweites ein Zürnen und Erkennen— und nun muß es doch ein Bekennen ſein, daß uns der Himmel ſelbſt zuſammenführte— aber beſſer, dieſe krampfhaft in einander gelegten Hände hielten ein Geſtändniß zurück, das ein ſie jetzt be⸗ ſeligendes Gefühl zu einem drückenden Verbrechen machte. Anna verſtand dies Schweigen nicht ganz— aber auch ſie ſchwieg wie vor einem heiligen Myſterium. Wie hätte ſie anders gekonnt? nie hatte ja die meh⸗ rere Jahre ältere Schweſter geliebt, wie ſie Wilhelm liebte— Iſolde war ja viel zu kalt, zu ſtolz, zu hoch⸗ fliegend und zu groß, um ihr Herz von der Liebe ge⸗ fangen nehmen zu laſſen— vielleicht ein ruhmgekrön⸗ 51 ter Held, ein edler Fürſt, irgend ein Großer oder Hei⸗ liger der Zeit hätte dieſe kühne Seele zu feſſeln ver⸗ mocht— aber ein armer Baubruder— der ja kaum einen Namen, nur ein Zeichen hatte für ſeine Werke, die nur den Ruhm ſeiner Genoſſenſchaft, nicht aber den ſeinen verkündeten— was konnte der für eine Iſolde ſein? „Hörtet Ihr nichts?“ ſagte Anna nach einer Weile, aufgeſchreckt von einem wüſten Geſ chrei, das von Unten herauf klang. Iſolde öffnete die Thür— es war nur ein Tuſch im Speiſeſaal, den Gebrüll und Gelächter begleitet hatte. „Ich fürchte,“ ſagte Ulrich,„wenn Se. Hochwür⸗ den auch herauf kommt, wird er nicht in der Stim⸗ mung ſein, mich noch zu empfangen und meinen Bit⸗ ten Gehör zu geben.“ 6 „Vielleicht gerade,“ ſagte Anna lächelnd,„an ſich ſchon großmüthige Männer macht der Wein ja noch großmüthiger.“ „Es widerſtrebte mir doch, das zu benutzen,“ ſagte Ulrich,„obwohl ich nicht für mich, ſondern nur für Andert zu bitten komme.“ „So ſagt es uns!“ rief Anna;„Dienſt um Dienſt — der Biſchofziſt uns gnädig und rechnet darauf, 4* 52 Iſolden's gelehrten Ruf noch durch ſein beſonderes Ge⸗ ſpräch zu prüfen.“ „Könnt Ihr mir vertrauen?“ fragte Iſolde mit dem ganzen Zauber ſanfter Weiblichkeit. „Wenn es nicht zu viel iſt, womit ich Euch be⸗ hellige?“ „Fragten wir Euch auch ſo— als wir Eure Dienſte— nicht für Andere, ſondern für uns ſelbſt begehrten?“ „Ein junger Prieſter bittet durch mich um Ver⸗ gebung für ketzeriſche Reden, die er geführt— Jauern⸗ berg bittet um Begnadigung durch die Fürſprache des Biſchofs— der Nachrichter um die Erlaubniß in der Faſten zur Abſolution gehen zu dürfen, gleich andern Chriſten,— nicht wahr, das ſind keine Aufträge für ſanfte Jungfrauenlippen?“ fügte er hinzu, da er ſah, wie die Mädchen ſchauderten. „Vielleicht wird ſie dann der Biſchof um ſo eher gewähren!“ ſagte Iſolde, ſchnell wieder geſammelt und groß ſich aufrichtend,„aber wie kommt Ihr zu dem Allen?“ „Euch vertrau' ich— Niemanden ſonſt mag ich dies Alles ſagen— und ja, Ihr ſeid auch die würdig⸗ ſten Fürſprecherinnen, die unabhängigſten! Ihr ſeht nun Alles an vom Standpunkt weiblicher Milde— — ————— 53 edle Frauen ſind immer die Heiligen, die noch auf Erden wandeln, für die rauhen Sünden der Menſchen bittend,— auch ein Wort zu viel wird Euch nicht zum Verbrechen angerechnet— den Propſt möcht' ich nicht mit dieſer Fürſprache belaſten— er möchte vielleicht abſchlagen, was der Biſchof doch gewähren kann—“ ſo ſprach Ulrich und erzählte zuerſt, wie er dazu ge⸗ kommen, eine Geſandtſchaft des Nachrichters zu übernehmen, und wie er ſo vor deſſen Betreten das Haus des Schultheißen bewahren wolle— dann ſprach er von Jauernberg— der hatte, wie er an der Be⸗ wegung in der Stadt auf etwas Außerordentliches geſchloſſen, und darauf von einem Stocktnecht erfah⸗ ren hatte, daß der Biſchof von Bamberg erwartet würde und die Heilthümer ausgeſtellt wären, um einen Geiſtlichen gebeten ihm zu beichten— man hatte ihm dann auch den Pater Cyprianus geſandt, der in St. Lorenz Hilfsgeiſtlicher iſt— er hatte den Prieſter ge⸗ beichtet— aber dann hatte er auch die helfende Men⸗ ſchenhand gefaßt und ihn geveten, ſich entweder ſelbſt bei dem Biſchof zu verwenden, daß durch dieſen und ihm zu Ehren an ſolchem Feſttag er freigegeben würde, oder daß er durch mich oder Euch dies thun laſſe, da er wußte, daß wir Zeugen waren in ſeinem Prozeß, und ja doch nach Pflicht und Gewiſſen zu ſeinen Gun⸗ 54 ſten ſprechen mußten. Wird er aber entlaſſen, ſo iſt damit auch jede Gefahr für Wolfſtein vorüber.“ „Der Biſchof muß das thun!“ rief Anna entzückt. Iſolde ſagte bedenklicher:„Verſucht muß es wer⸗ den. Aber Euer ketzeriſcher Prieſter?“ „Ich kann keinen Namen nennen,“ antwortete Ul⸗ rich,„er iſt mit einem Waldenſer in Berührung ge⸗ kommen und durch ihn irre geworden in ſeinem Glan⸗ ben— manche Mißbräuche, die er in den Klöſtern eingeriſſen gefunden— Ihr kennt ſie ſo gut wie ich — haben ihn noch mehr in ſeinen Zweifeln beſtärkt — er kann ſeitdem keine Ruhe finden, und da der Bi⸗ ſchof ein Mann der Aufklärung und Wiſſenſchaft, ſo bittet er ihn um Gehör, daß er ihm Belehrung Fe und Abſolution.“ „Und dieſen Prieſter nanntet Ihr Euren Freund?“ ſagte Iſolde forſchend. „Sagt' ich ſo?“ fragte Ulrich;„ich nehm' es nicht zurück— ſink' ich dadurch bei Euch?“ Iſolde ſtand auf und reichte ihm noch einmal die Hand„Selbſt der Zweifler, der irren kann im Suchen nach der Wahrheit und dem Lichte ſteht mir höher als jene Mehrzahl unſerer Prieſterſchaft, die im Sünden⸗ dienſt die heiligſten Gelübde verletzt— und nichts dabei empfindet!“ 55 Ulrich's Augen leuchteten— er war nahe daran vor dieſem Ausſpruch ſein Knie zu beugen, wie er nur am Altar that— doch zog er den Fuß wieder zurück und ſagte nur:„So laſſ' ich Alles getroſt in Eurer hohen Hand! Ich danke Euch für dieſe Stunde— ich habe noch nie eine ſolche erlebt!“ „Aber Ihr ſelbſt?“ ſagte Iſolde in ſteigender Be⸗ wegung,„wann kommt Ihr wieder— zum Biſchof, der ja nach Euch ſandte?“ „Ihr ſeht und ſagtet ſelbſt, daß er heute nicht zu ſprechen iſt, wo er mich her beſtellte— die Antwort hole ich mir morgen nach eilf Uhr in unſerer Mittags— zeit— will mir der Biſchof die Gunſt erweiſen mich zu ſprechen, ſo entbindet mich ſein Ruf auch von der Arbeit.“ Nun noch ein kurzes Abſchiedswort, dann ging er, die andere Treppe bedeutete ihn Iſolde. Wie ſeine Tritte verhallt waren, warf ſie ſich er⸗ ſchüttert in Anna's Arme— dennoch verſtand das liebende Mädchen dies ſtumme ſchweſterliche Geſtänd⸗ niß nicht. Als Ulrich die zweite Treppe hinab war, hörte er unten einen Wortwechſel von Stimmen, die er ſchon einmal gehört— heute erſt— 56 „Wenn ich Euch nicht kennen ſoll— ſo kennt mich auch nicht!“ „Ein Pakt mit Euch!“ „Die Noth gebietet's!“ Darauf ein ſchrecklicher weiblicher Schrei;— als Urich auf den letzten Stufen ſtand, ſtürzte eine Ge⸗ ſtalt in Mönchskutte und Kaputze auf ihn zu und llammerte ſich an ſeinen Arm, glühende Feueraugen ſtarrten ihn an aus einem verhüllten Geſicht— das unmöglich das eines Mönches ſein konnte. Dieſer Schrei rief die Diener und ihre Gäſte herbei. Ulrich ſchüttelte den Mönch von ſich ab und ſagte: „Seiner Hochwürden ertheilt heute Niemanden mehr Audienz.“ Zwiſchen der Hausthüre ſtand eine rieſenhafte, in einen langen ſchwarzen Mantel gehüllte Männer⸗ geſtalt, die jetzt nach der Straße verſchwand. „Wer ſchrie ſo, war das nicht ein Frauenzimmer?“ fragte ein Diener. „Ihr hattet freilich Audienz bei dem ſchönen Fräulein“— flüſterte die Perſon im Mönchskleide in Ulrich's Ohr—„ei, dieſe tugendhaften Patri⸗ zierinnen—“ Ulrich war es einen Augenblick, als drehe ſich 57 Alles mit ihm—„Jetzt kenne ich Euch!“ knirſchte er leiſe. „Sagt es nur— und man wird es rühmend an⸗ erkennen, was ein Baubruder für Bekanntſchaften hat— die Schultheißentochter, mich und den dort, der eben ging, Euern guten Freund, der Nochrichter — der Raubritter und der Ketzerprieſter kommen auch dazu!“ Das war im Murmelton geſprochen— nur für Ulrich vernehmlich. „Dich ſchützt nur dein Geſchlecht!“ gab Ulrich zur Antwort, ſeine Wuth bezähmend— und eilte hinaus. Gerhaus Storch taumelte ihm nach— dann wie⸗ der dieſer Schrei— der Nachrichter ſtand noch vor der Thür— ſie floh nach der andern Seite, als welche Ulrich gegangen. „Was hatten nur die Beiden?“ fragten ſich die Diener unter einander und brachten es doch zu keiner Erklärung. IV. Gewährung. Der Schenk von Limburg, Biſchof von Bamberg, hatte ſich wirklich den Nürnbergern als ein außeror⸗ dentlich gnädiger, gütiger und freiſinniger Herr be— wieſen. Nicht umſonſt hatte der Ruf ihn als einen Mann bezeichnet, der auf der Höhe ſeiner Zeit ſtünde und für den Nürnberg daher ſo recht als der paſſende Ort erſchien, ſich ohne Zwang in ſeiner leutſeligen und vorurtheilsfreien Art zu geben. Wie Ehrfurcht gebietend, ein echter Prieſter, war er in der Kirche aufgetreten— wie fröhlich mit den Fröhlichen hatte er ſich bei den Feſttafeln gezeigt— wie ehrend hatte er alle Gelehrte, Künſtler und Ge⸗ werbtreibende beachtet und viele mit Aufträge bedacht — wie gnädig hatte er alle Hülfeſuchenden vor ſich gelaſſen und ihnen gewährt was ſie begehrten. Ja hierin, fand mindeſtens die Hälfte des Rathes und 59 der Bürgerſchaft, habe er das rechte Maß überſchrit⸗ ten. Daß er den Nürnbergern erlaubt, auch in der nächſten Faſtenzeit wöchentlich zweimal Fleiſch zu eſſen, das ließ man ſich wohl gefallen, daß er dem Nachrichter erlaubt in derſelben Zeit mit zum heiligen Abendmahl zu gehen war ſchon ſehr bedenklich— aber daß er ſich ſelbſt auch für den verhaßten Ritter von Jauernberg verwendet und endlich gar verbürgt hatte, wenn man ihn freigebe— das überſchritt bei den Nürnbergern denn doch das Maß der Großmuth. Aber was konnten ſie Anderes thun als ihm zu Wil⸗ len ſein, da es faſt die einzige Forderung war, die er an ſie ſtellte und da ja noch nicht genug gegen den Ritter vorlag, um ihn in einem hochrathpeinlichen Prozeß nach Wunſch zu Galgen und Rad zu verur⸗ theilen und zur Hinrichtung durch das Schwert zu begnadigen? Man gab dem Willen des Biſchofs nach und ſchlug ſeiner Gegenwart zu Ehren dieſen und noch manchen andern Prozeß nieder, begnadigte Jauern⸗ berg, hieß ihn aber die Stadt und deren Gebiet in einem Umkreis von fünf Meilen vermeiden auf ewige Zeiten; dafern er ſich aber wieder daſelbſt betreten ließe, würde man ihn betrachten als Einen, über den der Bann ausgeſprochen ſei und ihn dancch behandeln. Niemand wußte wie Jauernberg zu ſolcher Gnade bei 60 dem Biſchof kam— und hätte der Rath, ja der Schultheiß ſelbſt ahnen können, daß es ſeine Tochter war, die ſie bewirkte— man hätte doch vielleicht ſich. beikommen laſſen, wenigſtens hierbei auch dem hohen Würdenträger der Kirche nicht zu willfahren. Daß noch weiter die Rede ging, er habe ſelbſt die Beichte des ketzeriſchen Prieſters gehört und ihm dennoch Ab⸗ ſolution ertheilt, dem wußte man nicht genau auf den Grund zu kommen— aber das ſchien immer noch un⸗ verfänglicher für die Nürnberger als die Begnadigung des Ritters— denn mit der Kirche lebten ſie in ih⸗ rer Art auf einem harmloſen Fuß von Unabhängigkeit, daß ſie es auch in einem ſolchen Falle nicht ſo genau nahmen mit ihren Dienern. Nur da heiſchten ſie Strenge, wo das Leben derſelben ein öffentliches Aergerniß gab oder dem Umgeld der Stadt Eintracht geſchah, wie z. B. dabei, daß in einigen Klöſtern Wein und Bier geſchenkt ward, worunter das Mono⸗ pol des Rathes litt. Sonſt mochten es die Geiſtlichen treiben wie ſie es wollten, der Rath kümmerte ſich nicht um ſie und wünſchte auch, daß ſie ſich nicht zu ſehr um ihn kümmern möchten. In der That war Iſolde die Seele eines Thei⸗ les der biſchöflichen Gnadenerlaſſe geweſen An jenem Abend hatte ſie allerdings nicht wagen mögen den ——— 61 Biſchof noch zu ſprechen, aber am andern Morgen, da ſie wußte, daß er bereit war Audienz zu ertheilen, hatte auch ſie ſich bei ihm melden laſſen— und wem hätte er lieber vor ſich laſſen mögen denn ſie? Der Biſchof war nicht unempfänglich für Frauen⸗ ſchönheit— noch höher ſchätzte er aber das Gemüth des Weibes, wenn edle Bildung und Schwungkraft des Geiſtes ſich damit paarte. Die Welt, die gerade damals, wo aus dem Kloſter- und Mönchsleben oft genug wenig erbauliche Dinge zum Vorſchein kamen, allen üblen Gerüchten Glauben lieh, wußte von ihm durchaus nichts zu ſagen, das nicht mit ſeiner prie⸗ ſterlichen Würde ſich vertragen hätte. Das war das beſte Zeugniß, was es für ihn geben konnte. So durfte auch Iſolde wagen ihn Alles vorzutragen was ſie übernommen hatte. Der Biſchof ſchüttelte freilich mehr als einmal bedenklich den Kopf und dachte bei ſich: Am Ende hat die Schultheißin doch auch ein wenig recht: es iſt eine wunderliche Heilige! hat doch ſchon manche ſchöne Jungfrau, manches gelehrte Frauenzimmer Rath und Hilfe bei mir geſucht— aber für den Nach⸗ richter, für einen ketzeriſchen Prieſter hat noch keine zu bitten gewagt— für einen gefangenen Ritter— das läßt ſich noch hören— gleichwohl gerieth ſie in es für eine Beleidigung, daß ich dachte, ſie könne für einen ſo wüſten Geſellen etwas empfinden! ja, ſie fragte: dann glaube ich wohl auch, daß ſie den Nach⸗ richter liebe? Aber wenn ſie ihm vertraue, hatte der Biſchof weiter gefragt, warum denke ſie nur an Andere und nicht an ſich— könne er ihr nicht auch einen Dienſt erweiſen?— Da hatte ſie ihm auch Anna's Liebe zu Wolſſtein geſtanden und wie ſie nur um ſeinetwillen Jauernberg's Begnadigung wünſche— und ihn ge⸗ fleht, wenn er etwas über Wolſſtein's Vater oder ſonſt vermöge zu Anna's Gunſten zu wirken. Aber das war ja immer nur für die Schweſter und nicht für ſich ſelbſt? „So verſpart mir Eure Gnade bis ich ſie bedarf!“ hatte Iſolde geſagt,„ich ahne, dieſe Gelegenheit kommt früher oder ſpäter— und dann weiß ich ja, wo die hohe prieſterliche Hand zu finden iſt, die lieber zum Segen ſich ſenkt als zum Fluch erhebt!“ Dann war Ulrich zur beſtimmten Stunde gekom⸗ men und vorgelaſſen worden. Wie ſchon bei Beſichti⸗ gung der Lorenzlirche und früher in Regensburg hatte ihm der Biſchof auf's Neue ſeine Huld zu erkennen gegeben, ihm dann geſagt, daß er ſchon auf alle ſeine Zorn als ich ihn für ihren Ritter hielt und nahm 63 Anliegen vorbereitet ſei, den ſich ſelbſt verklagenden Prieſter erwarte er am nächſten Morgen. Aber die Leute mehrten ſich, die den hochwürdigen Herrn zu ſprechen wünſchten, ſchon war das Vorzim⸗ mer mit Wartenden gefüllt— der Biſchof hieß Ulrich in das Nebengemach treten und ſagte lächelnd, er werde dort das Weitere von ſeinem neuen Geheim⸗ ſekretär erfahren— nicht lange war er dort allein, ſo trat Iſolde bei ihm ein, die der Biſchof noch ein⸗ mal hatte hieher entbieten laſſen. Wieder waren ſie allein— hocherröthend ſtand Iſolde vor ihm und wiederholte kurz, was der Bi⸗ ſchof geſagt hatte. Ulrich hatte innige Worte des Dankes für ſie— die ſie von ſich doch ablehnte und dem Biſchof zu brin⸗ gen verſprach— die höhnenden Worte, die geſtern Gerhaus im Mönchsgewande zu ihm geſprochen hatte, drückten gerade jetzt mit erneuerter Kraft auf ihn gleich einem Alp— wenn dies Wort ſich im Hauſe weiter geſprochen hatte— weiter in die Straße— in die Welt hinaus— wenn es Iſolden's häuslichen Frieden noch mehr zerſtörte, ihren makelloſen Ruf vergiftete, wenn es ihn ſelbſt verdächtigen könne! Wei⸗ ter dachte er vorerſt noch nicht— der Reinheit ſeiner Empfindungen war er ſich bewußt— und wenn es 64 dem Biſchofe ſelbſt, wenn es undern Geiſtlichen, die nicht im Kloſter das Mönchsgelübde abgelegt hatten, vergönnt war die Verehrung edler Frauen hinzuneh⸗ men, durch ſie doppelt Gutes und Großes zu wirken und in ihrem Umgang ſich zu veredeln und zu erhe⸗ ben— warum ſollte der Baubruder nicht dürfen— was der göttliche Meiſter ja ſelbſt gethan? Auf Sit⸗ tenreinheit hielten die Gebräuche der Baubrüderſchaft und keiner wahrte ſie beſſer als Ulrich— aber wenn er mit dieſer hohen Jungfrau zuſammenkam, nicht um ſich zu ergötzen, ſondern um Gutes zu wirken— wer durfte es wagen ihn darum zu verketzern? War ſie nicht ſelbſt eine Förderin der Kunſt— und hatte nicht einſt am Münſter zu Straßburg auch eine Jungfrau— Sabina— mitgebaut und mit ihren reinen Händen das Werk am würdigſten verherrlichen helfen? Seit geſtern, wo auch der letzte Schatten von Iſolden's Bilde durch ihre eigenen Worte vor Ulrich's Augen geſunken war und er ſich ſelbſt nur Vorwürfe machen konnte, daß er je einen folchen daran geſehen, war ſeine Verehrung für ſie in einem Grade gewach⸗ ſen, der, er fühlte es ſelbſt, kein höheres Wachsthum mehr zuließ! Wie hätte er kämpfen mögen gegen ein Gefühl, das ſie zu einer Heiligen machte und ihn ſelbſt heiligte? Und daß doch ein Geſchöpf wie Ger⸗ 65 haus ſchon gemeinen Spott damit treiben konnte! Er hatte ſie nicht allein bei dem Einzug des Biſchofs, ſondern früher bei Dürer als Modell und an der Brücke in ihrem Krämlein geſehen und konnte ſie zu den verrufenen Dirnen zählen, an denen Nürnberg ſo reich war. So auch nur konnte er ſich ihr Herum⸗ ſchleichen im Abenddunkel in dieſem Hauſe erklären. Freileich ward er dadurch wieder irre durch ihre Ver⸗ kleidung— vielleicht war das aber nur gewöhnliche Vorſicht, um nicht weggewieſen zu werden. Hatte ſie ihn nun nur geſehen oder hatte ſie belauſcht was er mit den Schweſtern geſprochen? wie ſollte er das er⸗ fahren, wie das Unheil verhüten, das, wenn ſie wollte, vielleicht daraus entſtehen konnte? Wie es ihm ſchien— und wie es in der That war, hatte Iſolde von dem Auftritt bei ſeinem Fort⸗ gange nichts gehört— wie hätte er auch davon ſpre⸗ chen mögen? Er hörte nur, in beſcheidener Entfernung vor ihr ſtehend, obwohl ſie ihn zum Sitzen eingela— den, was ihm der Biſchof durch ſie verkündigen ließ — nicht mehr wie eine ſtolze Herrin— ſie ſtand ihm gegenüber wie die Freundin einem treubewährten Freunde— nach kurzem Weilen riß ſich Ulrich los— ſeit geſtern war ihm als trügen Engelsfitttiche ſeine Seele— mit leuchtenden Augen ging er durch die 86t IX. Die Schultheißentöchter von Rürnberg. 5 66 Straßen, ſo freundlich und erhaben zugleich waren ihm dieſe Gebäude noch nie erſchienen, noch nie dieſe Kir⸗ chen ſo majeſtätiſch, dieſe plätſchernden Brunnen ſo zierlich und beredt, noch nie hatte er es ſo recht leben⸗ dig gefühlt, daß für ihn nirgends gut ſein wäre, denn in Nürnberg. So ging er begeiſtert wieder an ſeine Arbeit und meißelte am Hochbild eines Globus, der auf Martin Behaim's Denkmal nicht fehlen durfte, der den erſten zu Stande gebracht und ſeiner Vaterſtadt geſchenkt hatte. Eine neue Seite der Erde hatte ſich aus der alten Dunkelheit hervor zum Licht gerungen— eine Binde war plötzlich gefallen vom Auge der Menſch⸗ heit— und es war Ulrich als könne ſo noch immer eine fallen nach der andern—— als könne ſo im unaufhaltſamen Wirbellauf die ganze Erde immer mehr dem Lichte zu ſich wenden. Es war einige Tage ſpäter, als er in ſtiller Abendſtunde mit dem Pater Crescentius in deſſen Gemach ſaß und ähnliche Gedanken und Empfindun⸗ gen mit ihm tauſchte. Dieſen jungen Prieſter hatte er nicht erſt hier und in St. Lorenz kennen gelernt, wo er vikarirte, ſondern ſchon in Italien, wo er im Auf⸗ trag der Kirche reiſte. Auf der Wanderſchaft war es geweſen. Ulrich war allein im Abenddunkel durch einen 67 ſumpfigen Wald gegangen— menſchliches Stöhnen hatte ſeine Aufmerkſamkeit erregt— er hatte geru⸗ fen— geſucht— wieder gernfen— es war endlich eine Antwort erfolgt, ein„Hier!“ das wie das letzte Röcheln eines Sterbenden klang— Ulrich hatte jetzt weiter getappt durch die Waldnacht, gehalten von Zweig zu Zweig, denn ihm ſchwand der Boden mehr und mehr unter den Füßen, und er konnte wohl an⸗ nehmen, daß hier ein Menſch daran ſei, im Sumpfe zu verſinken— konnte er ihn vetten und war es nicht das Wahrſcheinlichere, daß er ſein Loos nur theilen müſſe? Aber das eigene Leben kam bei ihm wenig in Frage wo ein anderes nach Rettung fenfzte— der Verſuch dazu mußte wenigſtens gemacht werden— ſo lang es ging hielt ſich Ulrich an den Bäumen— dann warf er einen umgebrochenen Stamm vor ſich hin, der Stelle zu, wo der Verſinkende ſtöhnte— der Stamm war nur da und dort vom Schlamm bedeckt — ſo zeigte ſich, daß der Sumpf nur einzelne tiefe Stellen hatte. Ulrich konnte vorwärts wandeln wie auf einer ſchwankenden Brücke— ſein Schwert ſtreckte er in die Hand des Unglücklichen, der es als Rettungsanker faßte. Es gelang damit ihn nahe zu dem Stamm zu ziehen— nun riß ihn Ulrich vollends mit der Kraft ſeiner Arme empor und führte den Ge⸗ 5* 68 retteten mit ſich in die Hütte eines Einſiedlers, deren Licht nicht allzuferne ihnen tröſtlich winkte. Ein freundlicher Greis hieß ſie darin willkommen— der fromme Mann hatte ſich hieher gerade zurückgezo⸗ gen, nicht allein um ſich ſelbſt vor den Lockungen der Menſchenwelt zu bewahren und unter Gebet und Ka⸗ ſteiung dem Herrn zu dienen, ſondern um dabei auch den Menſchen zu nützen— den Wanderern, die die⸗ ſen für den Unkundigen gefahrvollen Weg ziehen muß⸗ ten, diente er als Führer. Dem Retter wie den Geret⸗ teten bot er ein ſchützendes Obdach bis der Morgen ihnen geſtattete unter ſeiner Leitung weiter zu wandeln. Der Gerettete war ein junger Prieſter, der eben erſt die Weihe empfangen hatte. In demſelben Bene⸗ diktinerkloſter bei Nürnberg, in dem Ulrich ſeinen Va⸗ ter wiedergefunden und zurückgelaſſen hatte, war er auferzogen worden, wer ſeine eigenen Eltern waren, hatte er nie erfahren. Man nannte ihn Crescentius. Es war damals eben dem Knabenalter entwachſen geweſen als Ulrich in jenem Kloſter am Sakraments⸗ häuslein der Kirche arbeitete— und ſo gab es für Beide eine Menge von Berührungspunkten, die ſie einander nahe brachten. Viell icht war eben damals auch in Crescentius der Wunſch entſtanden als Welt⸗ geiſtlicher das Kloſter zu verlaſſen oder doch ein Pre⸗ 69 digermönch zu werden, und der Prior hatte dazu ſeine Einwilligung gegeben. Jetzt hatte man ſich ſeiner als Boten zu einer Sendung nach Rom bedient, er hatte ſie erfüllt und war auf dem Rückwege nach Deutſch⸗ land begriffen. Bis nach Venedig reiſte er mit dem Baubruder. Dort trennten ſie ſich, weil Ulrich länger daſelbſt weilte, Crescentius aber zu einer feſtgeſetzten Zeit wieder in Nürnberg erwartet wurde. Jahre waren ſeitdem vergangen. Als Crescen⸗ tius Ulrich's Anweſenheit erfuhr— zufällig durch den Propſt Kreß, deſſen Hilfsgeiſtlicher er war, eilte er ihn wiederzuſehen. Aber es war eine ſolche Verän⸗ derung mit ihm vorgegangen, daß ihn Ulrich kaum wieder erkannte. „Ihr fandet mich damals in einen Sumpf und rettetet mich aus ihm!“ ſagte er, da ſich Ulrich's Theil⸗ nahme über ſein verkümmertes, krankhaftes Ausſehen nicht verbergen ließ,„hättet ihr mich lieber darin umkommen laſſen! Ich ſtecke jetzt in einem andern, aus dem auch Euer Arm zu ſchwach ſein möchte, mich zu heben!“ Ulrich erſchrak und mehr und mehr als der junge Mann ihm das Gemälde einer zweifelnden und faſt verzweifelnden Seele enthüllte. Die in der Kirche eingeriſſenen Mißbräuche, der weltliche Sinn der meiſten Prieſter wie der Laien hatten ihn irre in ſei⸗ nem Berufe gemacht— er glaubte dies am erſten dem Baubruder geſtehen zu können, von deſſen frei⸗ ſinniger Auffaſſung des Chriſtenthums er die beſten Zeugniſſe hatte, kannte er doch ein„Wahrzeichen“ ülrich's, wie es damals ſo manche gab, die aus jenen finſter geſcholtenen Zeiten bis auf uns gekommen ſind an den ſchönſten gothiſchen Kirchen und Bauten: ein jüngſtes Gericht, wo die Armen und Niedrigen von Engeln zu Gottes Thron emporgeführt werden, indeß auf der andern Seite Teufel die Vornehmen, Fürſten und Kaiſer, Mönche und Nonnen, ja den Papſt ſelbſt zur Hölle hinabſtürzen. Wußte Crescentius doch, daß Ulrich ſolche Wahrzeichen da und dort hinterlaſſen hatte, um, wie er ſelbſt ſagte:„der Welt zu verkün⸗ den, daß die Baubrüder Diener ſind der götttlichen Kunſt, Diener des Höchſten, deſſen Tempel wir bauen, aber nicht blinde Werkzeuge dieſer Menſchen, die ſich ſelbſt Kirchendiener nennen, aber zumeiſt nur ſich ſelbſt dienen; daß unſer Hohenprieſterthum der Kunſt ein höheres iſt, denn das der Kirche und daß wir freie Maurer ſind, nicht arbeitende Knechte!“ Einem Gefährten, der auf ſolch' einer Stufe ſtand, konnte er ſchon geſtehen, was noch nicht über ſeine Lippen ge⸗ kommen war. Er hatte es noch keinem andern Geiſt⸗ 71 lichen gebeichtet— er wußte, ſie würden ihn nicht ver⸗ ſtehen und nur ein ſtrenges Gericht über ihn verhän⸗ gen, das ihn verdammte, aber nicht widerlegte, noch weniger erlöſte. Ulrich wies ihn an den Biſchof Georg von Bam⸗ berg. Die Baubrüder, die eben die Kunſt als ein Höheres betrachteten, denn die Kirche und von dem Grundſatze, daß die Kunſt der Kirche dienen ſolle, zu dem umgekehrten gekommen waren, daß die Kirche der Kunſt diene, daß ſie ſich in alle Künſte zu verei⸗ nigen habe zu einem Ganzen und ſo eigentlich nur das Fundament ſei, aber nicht allein der Zweck. Wenn die Geheimlehre der Baubrüder zunächſt auch nur auf ihre Kunſt ſich bezog, ſich allein weiter erbte von Mund zu Mund inmitten ihres Bundes, wenn das Myſterium ihrer Formen und Zeichenſprache zunächſt auch keinen andern Zweck hatte als Plan und Aus⸗ führung ihrer Art zu bauen unter ſich zu bewahren und vor einem Uebergehen in die Hände der Profa⸗ nen, der Handwerker und Pfuſcher zu ſichern, ſo ſetz⸗ ten ſich doch mit der Zeit für Diejenigen, welche die höheren Grade oder die Meiſterſchaft ſelbſt erreichten, an die Symbole der Gothik noch beſondere Begriffe feſt, durch die ſie ſich in vielen Stücken über die An⸗ ſchauungen ihrer Zeitgenoſſen erhoben. Das größte 72 Verbrechen, welches es für einen Baubruder gab, war etwas von dieſer Geheimlehre zu verrathen, mochte ſie nun das techniſche oder das höhere geiſtige Ele⸗ ment betreffen— und mochte für Ulrich die Verſu— chung noch ſo mächtig ſein um jeden Preis einer irren⸗ den, ſich quälenden Seele Troſt und Rath zu brin⸗ gen— wie konnte ſie auch nur bis dahin reichen, auch nur den Schatten eines Verrathes von ihm zu ver⸗ anlaſſen. 3 So wies er den in ſeinen Zweifeln Hülfe Suchen⸗ den an den Biſchof, den er als den mildeſten Richter kannte, da er ihn erhaben wußte ſowohl über die dum⸗ pfen Vorurtheile wie über die geiſtige Zerfallenheit ſeiner Zeitgenoſſen. Aber Crescentius war auch derſelbe Prieſter, dem Jauernberg gebeichtet hatte. Die erſte Pflicht eines Prieſters iſt: das Beicht⸗ geheimniß nicht zu verrathen. Was er von Jauern⸗ berg vernommen, wälzte ſich wie ein Alp auf ſeine Seele, eine neue Laſt zu den Centnern, die ſchon dar⸗ auf drückten. Er mußte ſie ſchweigend mit ſich ſchlep⸗ pen, mußte bitten für den Verbrecher, der Reue und Buße zeigte und Sühne gelobt hatte. Wenn er frei kam, wollte er eine Kopelle ſtiften auf ſeinem Grund und Boden, der an den Reichsforſt grenzte— die * Kirche durfte ein ſolches Anerbieten nicht von ſich weiſen. Das allein durft' er dem Biſchof ſagen und Jauernberg's Gnadengeſuch ihm überbringen. Darauf hatte der Biſchof die nöthigen Schritte bei dem Rathe gethan, und wenn auch widerſtrebend, hatte man ihm doch gewillfahrt. Das aber wußte Niemand als Ulrich, wer der ketzeriſche Prieſter war, von dem die Sage ging, daß ihm der Biſchof Abſolution ertheilt habe. V. Im Klarakloſter. Oſtern war nahe— im Klarakloſter hatten ſie eben zum Ave⸗Maria geläutet. Zu ihm lenkten zwei weibliche Geſtalten ihre Schritte, am ſichern ſtolzen Gange und der reichen, wenn auch einfach dunklen, doch gewählten Kleidung konnte man die edle Patrizierin erkennen. Neben ihr in Trauerkleidern und mehr bürgerlicher Tracht ging ein junges Mädchen mit niedergeſchlagenen Augen, zuweilen faſt unſicher ſchwankend. Immer zögernder ward der Gang dieſer dichtver⸗ ſchleierten Jungfrau, je mehr ſie ſich der Pforte des Kloſters näherte. Wohnt hinter dieſen Mauern wirklich der Friede und die Ruhe— oder die Tirannei und ihre Qual? der Himmel oder die Hölle? werden ſie mir nur zur Schutzwehr dienen oder mich begraben? ein Rettungshafen ſein oder ein Kerker? Immer ſtär⸗ 75 ker pochte ihr Herz, und da jetzt ihre Führerin, die hier in Allem Beſcheid zu wiſſen ſchien, gebieteriſch die Klingel zog, war es ihr als müſſe ſie die Hand ergreifen und zurückfliehen. Das Thor ſprang auf— geöffnet wie von Gei⸗ ſterhänden— die Beiden traten ein— im Nu ſchloß es ſich wieder hinter ihnen— mitten aus dem leben⸗ ſprudelnden geſchäftigen Nürnberg heraus waren ſie in eine andere Welt getreten— in eine Welt, in der Alles leer ſchien, öde, erſtarrt. Sie ſtanden in einem ziemlich weiten, hochgewölb⸗ ten Thorweg— das Licht in denſelben fiel allein durch das gegenüberliegende zweite Thor, von Eiſen kunſtreich gegoſſen, auf jene perſpektiviſche Art, durch die es ſich weit zurück, gleich einem Kreuzgang, zu wölben und zu dehnen ſchien, faſt glich es auch einem Netz, in dem man ſich fangen konnte— dahinter lag ein achteckiger, von den Kloſtergebäuden rings um⸗ gebener Hof— der Schnee, der draußen ſchon überall geſchmolzen, hatte in dieſem kellerartigen Raum noch eine Zuflucht gefunden— er leuchtete weiß und hell durch das Gitterthor— ein ſchon beängſtetes Gemüth wie das der jüngeren Eingetretenen konnte darin ein e Bahrtuch ſehen in einen ſteinernen Sarg ge⸗ reitet.* 76 Die Pförtnerin mit einem halb neugierigen, halb abgehärteten Geſicht, das viele Runzeln zeigte, erſchien erſt hinter dieſem zweiten Thor. „Ihr ſeid es, Jungfrau Iſolde,“ ſagte ſie zu der Kommenden, ich öffne gleich— Ihr tretet doch ein— aber wen bringt Ihr da mit Euch?“ „Eine Schutz ſuchende Waiſe, Jerta Echter,“ ſagte Iſolde,„ich bürge für ſie— meldet mich der hoch⸗ würdigen Aebtiſſin, der edlen Charitas Pirkheimer.“ Die Pförtnerin hatte das zweite Thor geöffnet und ſagte:„Ihr werdet Euch im Wartezimmer ge⸗ dulden müſſen, der hochwürdige Herr Propſt, ihr edler Herr Bruder der kaiſerliche Rath Pirkheimer und Herr Martin Geuder, der hochedle Bürgermeiſter, ſind bei ihr im Sprachzimmer, da ſie das Kloſter in⸗ ſpiciren.“ Die Beiden folgten der Vorangehenden über den Hof in den Kreuzgang; es war ein hohes Netzgewölbe, die birnförmige, aufwärts geſchweifte Bogenform— die ſogenannten Eſelsrücken— war hier die herr⸗ ſchende, Zeltbogen an den Thüren und Fenſtern, durch die das blaſſe Licht eines ſcheidenden Tages fiel, an dem nur einzelne lenzverkündende Sonnenſtrahlen vergeblich mit der winterlichen Atmoſphäre gerungen. Die Pförtnexin plauderte zu Iſolden leiſe weiter, 77 mit der ſie vertraut war, da jene ihr Amt ſchon ver⸗ waltete, als dieſe im Kloſter erzogen ward, dann Koſt⸗ gängerin war und jetzt noch oft genug kam, die ver⸗ ehrte Aebtiſſin oder eine der andern Nonnen zu ſpre⸗ chen, denen dieſe Freiheit geſtattet war.—„Der hoch⸗ wohlweiſe Rath muß ſeine Naſe in Alles ſtecken!“ eiferte die Pförtnerin,„weil es jenſeits der Pegnitz im Kloſter Engelthal zugeht, als wären Wölfe in einen Schaf⸗ ſtall gebrochen und hätten die Lämmlein halb gefreſ⸗ ſen, halb aber auch in reißende Wölfinnen verwandelt, weil es dort Aergerniß gibt nicht nur für die Kirche, ſondern, was noch ärger iſt, auch für die Laien, denkt nun der Nürnberger Rath, es könne bei uns Aehn⸗ liches vorkommen und ſchickt uns da eine Kommiſſion in unſere ſtillen Räume, die ſich bei uns umſehen ſoll, als gelte es ein Verbrecherhaus zu inſpiciren. Aber es iſt recht gut, da wird es doch offenbar vor den Leuten, die uns mit denen von Engelthal verglei chen wollen, daß uns da himmelſchreiendes Unrecht geſchehe— und unſere hochwürdige Priorin Charitas wird ihnen ſchon Reſpekt einzuflößen wiſſen, wie jung ſie auch noch iſt, und jeder ſchimpfliche Verdacht wird dem Rath für jetzt und künftig vergehen, ſo lange ſie lebt und ihr Amt verwaltet.“ Iſolde ſprach zur Begütigung der Erzürnten: Das 5 78 ſei doch gewiß nur eine Form, die nicht umgangen werden könne, viſitire man einmal alle Klöſter, ſo dürfe man auch mit dem von St. Klara keine Aus⸗ nahme machen, ja, mehr Zartgefühl könne der Rath kaum beweiſen und mehr Vertrauen zugleich, als daß er den Bruder und den Schwager der Aebtiſſin geſchickt, ja beinahe wundere ſie ſich darüber, daß man nur zwei Verwandte dazu gewählt. „Sie ſind auch nicht allein gekommen,“ verſetzte die Pförtnerin,„es ſind noch zwei Herren vom Rathe dabei, Herr Martin Löffelholz und Herr Stephan Fütterer.“ Jerta ward todtenblaß, klammerte ſich ängſtlich an Iſolde und ſah ſich ſchen nach allen Seiten um— einzelne Nonnen gingen mit ſtummen Gruß an ihnen vorüber. Sie trugen braune Gewänder mit eng an⸗ liegenden Aermeln, die Taille durch einen ſchwarz⸗ ledernen Gurt bezeichnet, ſchwarze Kopfbinden und leichte weiße Schleier darüber, das Haar war ver⸗ borgen, die Geſichter meiſt fahl und erſtarrt, gleich unheimlichen Schemen wandelten ſie durch den dunk⸗ ler werdenden Kreuzgang dahin— Jerta ſchauerte zuſammen wie im Fieberfroſt. Jetzt eilte auch Iſolde in das Wartezimmer zu kommen:„Wir ſind hier doch ſicher vor einer Begeg⸗ 79 nung mit der Kommiſſion?“ fragte ſie die Pförtnerin, indem ſie das weißgetünchte gewölbte Gemach betrat, das ein einziges hohes von Außen vergittertes Fenſter in den Hofraum hatte. „Sie ſind ſchon hier geweſen und haben nichts mehr da zu ſuchen,“ antwortete die Pförtnerin ent⸗ ſchieden. „So meldet uns auch nicht früher als bis die Her⸗ ren fort ſind,“ ſagte Iſolde. „Um Gottes Willen, nur meinen Namen nennt nicht!“ rief Jerta mit bebender Stimme, und wickelte ſich dann ſo feſt in ihren Schleier, daß ihr Geſicht völlig unſichtbar ward. Es währte nicht lange, ſo hörte man draußen im Kreuzgang Männertritte und Stimmen— von lau⸗ ten, ſelten gehörten Tönen hallte das Gewölbe wider, Sporen und Degen klirrten über das Steingetäfel. „Mir ſcheint, es ſind Perſonen im Wartezimmer!“ ſagte eine Stimme, die Beide ſchnell erkannten— „da möchten wir doch noch einen Blick hineinwerfen, damit wir ganz unſerer Schuldigkeit nachkommen.“ Schnell ſchob die Pförtnerin innen den Riegel vor, ohne dabei ein Geräuſch zu machen. „Oeffnet!“ befahl Löffelholz. Eine weibliche Stimme— die zweite Pförtnerin, 80 welche die Herren geleitete, ſagte:„Dazu habe ich weder einen Auftrag noch einen Schlüſſel, mir ward befohlen Euch in den Hof hinaus zu geleiten!“ „Welche Antwort!“ rief Löffelholz erhitzt. „Sie thut nur, was ihres Amtes iſt,“ ſagte Pirk⸗ heimer— ich dächte denn doch, auch Eure morali⸗ ſchen Grundſätze könnten befriedigt ſein von Allem, was wir geſehen und gehört“— man hörte ein höh⸗ niſches Lächeln bei dieſer Rede hindurch. „Ich ſagte es gleich, daß Ihr keine Stimme hier habt, weil Ihr parteilich ſeid!“ ſagte Löffelholz un⸗ wirſch. „Herr Löffelholz!“ rief eine dritte Männerſtimme verweiſend:„Wie könnt Ihr dieſe friedlche Stätte hier durch ſolche Worte ſtören wollen— wir waren ja ſchon in dieſem Zimmer.“ „Da war es leer— ich will auch thun was mei⸗ nes Amtes iſt— ich durchſtoße die Thür, wenn man ſie nicht öffnet.“ „So müſſen wir denn darum bitten, damit dieſer Herr nicht noch mit einer Verleumdung dieſe Schwelle beſudeln und verlaſſen kann.“ „Euch öffnen wir, Herr Pirkheimer, dem hocheblen Bruder unſerer hochwürdigen Priorin, der uns bei ihr vertreten wird, wenn wir gezwungen etwas 81 thun, was über unſern Auftrag geht— nur um die Ruhe dieſer heiligen Mauern nicht noch länger durch das lärmende Gebahren eines ſolchen Herrn geſtört zu ſehen.“ Mit dieſen Worten hatte die Pförtnerin von Innen geöffnet und ſchoß aus ihrem noch fahler gewordenen Geſicht wüthende Blicke auf Löffelholz. Iſolde ſtand neben ihr an der Thür und ſagte mit der kalten Gemeſſenheit, die ihr gegen Männer ſeines Schlages eigen war:„Ich bin es, Herr Löffelholz— Ihr werdet hoffentlich meine Anweſenheit hier nicht anſtößig finden— ich wartete nur bis die Amts⸗ geſchäfte vorüber, um mich der hochwürdigen Aebtiſſin melden zu laſſen.“ „Verzeiht,“ ſagte der Bürgermeiſter,„daß wir Euch ſtörten, dieſes dienſteifrige Rathsmitglied meinte früher nicht ſeine Schuldigkeit gethan zu haben—“ „Und ich muß auch jetzt noch nach der Geſtalt fra⸗ gen, die ſich in jenem Winkel zu verſtecken ſucht“— ſagte Löffelholz, vor innerem Aerger zitternd, daß er ſich ſelbſt nicht mehr bemeiſtern konnte. Jetzt war auch Iſolden's Mäßigung vorüber.— „Dies, Herr Löffelholz,“ ſagte ſie mit erhobener Stimme und einem von höhniſcher Verachtung flam⸗ menden Blick auf den Angeredeten:„Dies iſt eine Waiſe, die ſich unter meinen Schutz begeben und einen 1861. RIx. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. UI. 6 größeren als von mir von dieſen heiligen Mauern erwartet gegen die Verfolgungen eines vornehmen und einflußreichen Wüſtlings; um ſie der edlen Cha⸗ ritas ſelbſt zu empfehlen, hab'ich ſie hierher begleitet— vielleicht findet Ihr ſelbſt, daß es unzart wäre Namen zu nennen— doch bin ich bereit mich Euerm Befehl zu unterwerfen und ſowohl ihren Namen zu nennen wie den ihres frechen Verfolgers!“ Löffelholz ward ſo grau⸗weiß wie die getünchte Wand des Gewölbes, er winkte abwehrend mit der Hand und ſagte zu ſeinen Begleitern, von Iſolde ſich abkehrend:„Wenn Ihr befriedigt ſeid— ich bin es.“ Es ſchien ihm Mühe gemacht zu haben dieſe Worte hervorzubringen, ſo hörbar keuchte ſein Athem noch. „Wir waren es ja ſchon längſt,“ antwortete Geu⸗ der und grüßte höflich, zum Gehen winkend. Pirkheimer konnte nicht ohne eine Artigkeit von Iſolden ſcheiden:„Wer ſich Euerm Schutz übergibt, der iſt wohl aufgehoben, edle Jungfrau— Euch findet man nicht oft bei den Feſtlichkeiten, wo die Nürnber⸗ gerinnen ſich ergötzen und ſelbſt die Ergötzung der Männer ſind, aber man trifft Euch dafür um ſo häu⸗ figer an den heiligen Stätten, in Kirchen und Klbſtern, an allen Stätten, wo es zu wirken gilt im Dienſte des Himmels, der Kunſt und Wiſſenſchaft oder der 83 leidenden Menſchheit— ein Mädchen, das Ihr mei⸗ ner Schweſter zuführt, bedarf nicht noch einer andern Empfehlung, ſonſt hätte ich Euch gern die meinige an⸗ geboten. Wenn Ihr aber eines männlichen Beiſtandes oder Rathes vielleicht in derſelben Angelegenheit be⸗ dürft, wie in jeder andern, ſo vergeßt nicht, daß ich in allen Stücken zu Euern Dienſten bin.“ „Das fehlte noch!“ knirſchte Löffelholz unhörbar in ſeinen Bart. „Ich danke Euch,“ antwortete Iſolde im Gegen⸗ ſatz zu ihrer vorigen harten Sprache mit dem ſanfte⸗ ſten Schmelz ihrer Stimme,„Ihr wißt, daß es längſt mein Stolz iſt, Euch, die Zierde deutſcher Wiſſenſchaft, die Ehre unſeres Nürnberg, den Freund des Kaiſers auch meinen Freund zu nennen! ich zähle auf Euern mächtigen Beiſtand in jeder edlen Sache, und gewiß auch in dieſer, wenn ich noch andern Beiſtandes be⸗ darf!“ Pirkheimer's Antlitz ſtrahlte— er war empfäng⸗ lich für äußere Frauenſchönheit, noch mehr für das geiſtige Weſen ſtrebender und begabter Frauen— ſeit fünf Jahren war er Witwer, mit ſeiner Konſtantia hatte er in der glücklichſten Ehe gelebt, und eben weil er ſie nicht vergaß, vermißte er um ſo ſchmerzlicher zuweilen dieſe Verklärung ſeiner Häuslichkeit, die nur 84 von einem liebenden Weibe ausgehen konnte— wieder empfand er, wie ſchon oft, den ganzen Zauber von Iſolden's Geiſt und Schönheit, und mußte ſich ge⸗ ſtehen, daß ſie in Beiden weit ſeine verſtorbene Gattin uberſtrahlte— die Freundſchaft, die ſie für ſeine Schweſtern empfand, hatte ſich längſt auch auf ihn übertragen— ja, ſie war in der letztern Zeit öfterer in ſein Haus gekommen als ſonſt— und nun redete ſie zu ihm ſo ſchmeichelhafte Worte— ſo beſtrickt wie heute in dieſem kurzen Augenblick unerwarteten Be⸗ gegnens hatte er ſich noch nie von ihrem Weſen ge— fühlt—„wer weiß, welch' einen Streich mir Amor geſpielt hätte,“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt,„wäre ich mit ihr allein geweſen!“ Jetzt blieb ihm nichts weiter übrig, als mit kurzen verbindlichen Worten und einem letzten Gruß von ihr zu ſcheiden. Als die Pförtnerin das Wartezimmer verlaſſen hatte um die Angekommenen zu melden, faßte Jerta zitternd Iſolden's Hand und ſagte:„O Gott, was habt Ihr gemacht?“ „Einen Elenden zittern! was iſt das weiter?“ antwortete Iſolde. „Nun habt Ihr einen Feind— um meinetwillen.“ „Nicht doch, das war er mir längſt, und wißt Ihr 85 nicht am beſten, daß man einen ſolchen Mann lieber zum Feind hat als zum Verehrer?“ Jerta konnte nur mit Thränen antworten— war doch ſeit Monaten kein Tag verfloſſen, an dem ſie nicht die bitterſten geweint! Zuerſt am Krankenbette ihres Vaters, ſchwebend zwiſchen den grauenvollen Eindrücken eines verheeren⸗ den Fiebers und bangen Ahnungen, hin und her geworfen von Furcht und Hoffnung; dann als ſie an ſeinem Sterbebette ſtand, an ſeinem Sarge kniete zum letzten Lebewohl. Wohl war es ihr in all' dieſer Angſt und dieſem Jammer ein Troſt geweſen, daß jener Jüngling, Georg Glockendon, der ſie einſt auf der Langenbrücke von einem Zudringlichen befreit und dann heimbegleitet hatte, oft gekommen und auch von ihrem Vater, dem Plattner Echter, der einſt den ſei⸗ nigen gekannt, willkommen geheißen war— aber vor dem Schmerz, einen Vater zu verlieren, konnte auch eine knoſpende Liebe nicht ſchützen! Dabei blieb auch immer jene Angſt vor jenem Zudringlichen, dem Raths⸗ herrn Löffelholz, die Georg in ſeiner eiferſüchtigen, jugendfeurigen Beſorgniß immer noch zu ſteigern ſuchte. Gerhaus Storch, die Augen und Ohren überall hatte— ihre ausgebreitete Bekanntſchaft half ihr da⸗ zu— und die auch nicht ſo fern von der Plattnergaſſe 86 wohnte, daß ſie nicht die niedliche Jerta ſelbſt hätte von ferne kennen ſollen, hatte mit eiferſüchtigem Spä⸗ hen bald erfahren, daß Löffelholz dem holden Kinde nachſtellte, und daß Glockendon beim Plattnermeiſter aus und ein ging. Darum warnte ſie dieſen zuerſt bei Dürer, und Georg hatte Urſache genug ihr zu glau⸗ ben. Als Echter geſtorben war, kam Löffelholz einige Tage darauf wieder ſeine Dienſte anzubieten und die Beſtellung der Harniſche nun wirklich mit dem erſten Geſellen abzuſchließen. Zum Vormund hatte ihr Vater einen Schloſſermeiſter, Frohberg mit Namen, erwählt, den er als tüchtigen Werkmeiſter und ſparſamen Mann kannte, und ſo für ſeine Kinder und ſein Geſchäft als den beſten Vorſorger glaubte. Aber Frohberg's Geld⸗ liebe, die ſich mit jenen Eigenſchaften verband, machte ihn käuflich. Löffelholz hatte ihn bald beſtochen und für ſeinen Zweck gewonnen. Er ging zwar im Hauſe des Plattners aus und ein, aber er fürchtete die Fäuſte ſeiner Geſellen, wenn er zu ſehr hätte merken laſ⸗ ſen, warum er käme— er erſchien allein in der Maske eines Freundes der Witwen und Waiſen. Bald holte er auch heraus, daß Georg Glockendon, der öfter kam, ihm ein gefährlicher Nebenbuhler war— er warnte erſt Jerta väterlich vor ihm, und da das nicht fruchten wollte, ſtellte er dem Vormund vor, daß die alte 87 Muhme, die Jerta bei ſich hatte, nicht Schutzes genug ſei für das jeder Verführung durch den„Malerbur⸗ ſchen“ ausgeſetzte Mädchen, und daß Frohberg ſie Felbſt zu ſich in das Haus nehmen müſſe. War ſie erſt auf dieſe Weiſe von dem Maler getrennt und in das Haus des habſüchtigen Vormundes gebracht, ſo hoffte der Rathsherr leichtes Spiel bei ihr zu haben. Inzwiſchen hatte Georg, von Gerhaus Storch, die als Wirthſchaftsführerin ſeit Monaten bei Löffel⸗ holz lebte und etwas von dieſen Plänen errieth, zu erneuerter Wachſamkeit aufgeſtachelt, ſein übervolles Herz eines Abends vor Ulrich, ſeinem Mitbewohner, ausgeſchüttet, von ihm einen Rath, eine Hülfe ver⸗ langt. Der Arme! er ſelbſt war ausgeſchloſſen von dem Glück der Liebe— und die Liebenden kamen zu ihm, mit ihrem Vertrauen ihn quälend. Sie ahnten das in ihrer Befangenheit nicht! ſie kannten die Rein⸗ heit ſeines Lebens, ſeinen hohen Sinn, die Begeiſte⸗ rung ſeines Schaffens! ſie glaubten ihn erhaben über alltägliche Gefühle, über die ſtürmiſchen Regungen des Herzens, die verlangenden der Sinne, ſie ſahen den Heiligenſchein der Kunſt um ſein Haupt und nah⸗ men ihn faſt wie ein überirdiſches Weſen, die kenſche Liebe kannte keine reineren Hände, ihr Geheimniß, ihre ganze Angelegenheit hineinzulegen. 88 So vertraute ihm auch Georg ſein Herz und die qualvolle Lage ſeines Mädchens. Schon damals, als er ſie kennen lernte, als der Blitz der Liebe in ſeine Seele ſchlug, war ja Ulrich dabei und mit ihm ihr Beſchützer geweſen— dann wieder traf er ja ſelbſt an ſeiner Seite vor der Plattnerwerkſtatt mit Löffel⸗ holz zuſammen— jetzt wieder ſollte er rathen und ſchützen. Und wenn die weibliche Unſchuld Schutz und eine weibliche Stütze begehrte— an wen konnte Ulrich anders denken als an Iſolde? Sie iſt klug und edel, i wird den beſten Rath wiſſen, ſie kennt dieſen Löf⸗ felholz längſt von der verächtlichſten Seite, ſie kennt auch dieſe vielverklauſelirten Nürnberger Geſetze, um zu wiſſen, wie weit die Rechte eines Vormundes gehen— das entſchied bei Georg, der Iſolde auch zu⸗ weilen bei Meiſter Dürer geſehen und von ihm hoch⸗ geſchätzt wußte. Zwei Zeilen von Ulrich genügten, Jerta bei Iſolde einzuführen. Sie nahm das Mädchen auf's Herzlichſte auf— faſt als eine jüngere Schweſter— Ulrich ſandte ſie ja— und Jerta geſtand ihre Liebe zu Georg Glockendon, Sie hatten einander geſchworen einſt für immer zu gehören, aber jetzt war noch Beider Jugend und ſeine Lebensſtellung ein unüberſteigliches Hinder⸗ niß. Eine Waiſe durfte ſich nicht verloben ohne Ein⸗ willigung ihres Vormundes, ein Malerlehrling noch weniger, erſt ein Meiſter durfte heiraten. Das ſah Iſolde klar, daß wenn Jerta in das Haus ihres Vormundes zog, ſie an Löffelholz verloren war— das aber auch, daß ſie noch keinen vor Gericht giltigen Grund hatte ſich den Anordnungen ihres Vormundes zu widerſetzen. Er hatte ihr vorerſt nur gedroht, daß ſie nicht ſo allein im Elternhauſe bleiben dürfe, weil es nicht ſchicklich ſei, und iu ſie den„fre⸗ ein paſſender Ort geweſen. Iſolde Klarakloſter. Wenn es ſich darum handelte ſich vor der Welt, ihren Verſuchungen wie ihrer Nachrede zu ſchützen, ſo gab es ja kein ſicheres Mittel als das Kloſter. Dazu hatte doch die Kirche das Recht, eine Seele, die ihrem Dienſt ſich widmen wollte, feſt zu halten; auch wenn die Vormundſchaft dagegen Be⸗ ſchwerde erheben wollte— ſie ward abſchlägig be⸗ ſchieden, ſobald die Waiſe, die dieſen Schritt that, erklärte, ihn freiwillig zu thun. Und auch das Recht hatte eine Waiſe in einem Kloſter als Koſtgängerin Schutz zu ſuchen, ſobald nur das Kloſter ſelbſt ſie be— reitwillig aufnahm. Es brauchte dies nur auf un⸗ beſtimmte Zeit zu geſchehen. Iſolde rieth dringend zu dieſem Schritt— aber gleich auf der Stelle mußte er geſchehen, ehe Jerta in das Haus des Vormundes kam— aus dem Kloſter heraus mußte ſie ihm er⸗ klären, daß ſie, da ſie ihr Verbleiben in ihrer alten Wohnung nicht paſſend gefunden, eine Freiſtatt bei den Klaraſchweſtern geſucht habe. ennung von och für ſer Aufenthalt nur ein vorübergehender war! Aber endlich ſtimmte ſie doch Iſolde bei, und ſo begleitete ſie dieſe ſogleich in das Klarakloſter. Und da mußte nun gerade auch hier Löffelholz mit ihnen zuſammentreffen und ſein Opfer erſpähen! Charitas, eine edle Geſtalt mit Zügen, die zwar nie ſchön geweſen waren, aber das Gepräge geiſtigen Adels und eines ſchwärmeriſchen Herzens wie großer Charakterfeſtigkeit trugen, trat ihnen mit ſanfter Freundlichkeit und würdiger Haltung entgegen. Sie 91 küßte Iſolde auf die Stirn und fragte mit milder Stimme: „Was bringt mir meine geliebte Schweſter?“ Iſolde ſtellte ihr Jerta vor und erzählte ihr Ge⸗ ſchick— nur Löffelholz's Namen nannte ſie nicht— und von Georg's Liebe ſchwieg ſie auch. Aber ſie be⸗ tonte, daß Jerta nur ſo lange hier Schutz ſuche, bis ihr Bruder aus dem Reich zurückkehre, um das Hand⸗ werk ſeines Vaters fortzuſetzen. Chaxitas lächelte mild:„Ihr wißt es ja ſelbſt, ble wenig wir Jemanden Zwang anthun oder iben überreden. Wie gern hätten wir Euch unter uns behalten und auch Euere Schweſter, aber wir ließen Euch ziehen, da Ihr wieder hinaus begehrtet in das Geräuſch der Welt. Ehriſtus will keine Braut, die ſich ihm nur gezwungen vermält!“ Solche und ähnliche Worte dienten am beſten zu Jerta's Beruhigung. Als Ifolde ſich von ihr trennte, flüſterte ihr die Zurückbleibende zu: „Nur die eine Bitte— laßt Georg wiſſen was aus mir geworden, und daß ich in Allem nur Euern Rath gefolgt bin, weil er mich doch an Euch gewieſen!“ VI. Im Beichtſtuhl. Pater Crescentius hörte Beichte in einem der Beichtſtühle der Kirche zu St. Lorenz. Es war noch am frühen Morgen— das Licht eines jungen Frühlingstages ſpielte im Son⸗ nenglanz durch die buntgemalten Fenſter, Veit Hirſch vogel's Meiſterwerke. Der Widerſchein von der Far⸗ benpracht der Gewandung der Heiligen, die darauf abgebildet waren, traf bei dem niedern Stand der Sonne weit hinein in das hochgewölbte Kirchenſchiff und ließ eine neue Wunderpracht erſtehen von Grün und Roth, Blau und Golden, zauberhaft über den Fuß⸗ boden an die hohen Strebepfeiler gegoſſen. Aber in die Niſchen, in denen die Beichtſtühle ſtanden, drang dies belebende Spielen nicht. Noch ehe Pater Crescentius ſeinen Beichtſtuhl be⸗ treten und die grünen Vorhänge um ſich zugezogen ——— 93 hatte, glich er einem jener Heiligen aus den Fenſtern, deren Köpfe, wie alles ſichtbare Fleiſch, grau gemalt waren, als ob es dafür keine Farbe gebe, oder als ob es Entweihung ihrer Heiligkeit oder eine Gefahr für die Sinne der Beſchauer ſei, wäre hier ein natürlicher Thon verwendet worden. Aber noch grauer und fahler erſchien Crescentius als auch der grüne Reflex der Vorhänge auf ihn fiel und als die Schauer eines Amtes über ihn kamen, das er immer als kein ſchwer⸗ ſtes betrachtete. Beinahe glich auch ſeine übrige Er⸗ ſcheinung jenen Heiligen, ſo lang und hager geigen erſchien ſeine Geſtalt, ſeine gefalteten Hände ſo lang und durchſichtig, und ſelbſt der Faltenwurf des prie⸗ ſterlichen Kleides, das er trug, mußte an jene eckige, knitterige Manier ſeiner Zeitgenoſſen erinnern, von der die Maler nicht loskommen konnten, wenn ſchon die Erzgießer, ihnen voraus, ſie mehr und mehr über⸗ wanden. Durch Gitter und Vorhang von ihm getrennt, kniete eine weibliche Geſtalt. Ein ernſtes allgemeines Sündenbekenntniß war ſchon vorüber. „Aus Hoffart und Habſucht,“ beichtete ſie weiter, „habe ich meinen Vater verlaſſen und bin einem 94 Manne in das Haus gefolgt, den ich zu beherrſchen hoffte—“ ſie ſtockte. „Als ſeine Gattin oder als ſeine—?“ Aber die Beichtende unterbrach den Prieſter, ehe er das letzte Wort der Froge heraus hatte:„Sprecht das nicht aus!“ rief ſie halb energiſch, halb verzweifelnd, „er hat mir verſprochen mich zu ſeiner Gattin zu machen.“ „Du hätteſt ihm nicht früher in ſein Haus folgen ſollen, bis er es war.“ „Ich mochte ſeine Liebe nicht, nur nach der Ehre, die Gattin eines vornehmen Rathsherrn zu werden, habe ich getrachtet.“ „So büße deine Hoffart!“ „Ich ringe noch darnach meinen Willen durchzu⸗ ſetzen— Schande ertrage ich nicht!“ rief die Beich⸗ tende trotzig. „Und du wagſt es mit ſo unheiligen Gedanken und Vorſätzen in den Beichtſtuhl zu kommen? Du mußt nicht nur bekennen, du mußt auch bereit ſein zu bereuen, zu büßen, dich zu beſſern— oder ich muß dir den Beichtſtuhl verſchließen.“ „Vergebung!“ klang jetzt die Frauenſtimme angſt⸗ voller als vorhin—„ich weiß es, daß ich eine große 95 Sünderin bin, aber ein noch größerer Sünder iſt Martin L——.“ „Still! keine Namen, keine Anklage Fremder!“ un⸗ terbrach ſie Crescentius ſtreng.„Biſt du des Beichtens ſo ſehr entwöhnt, daß ich dich an ſeine erſten Regeln erinnern muß. So häufſt du neue Sünden zu den alten, die du nur erſt halb gebeichtet!“ Und da er hörte, daß ſie unter ſeinen harten Worten angſtvoll ſtöhnte, fuhr er milder fort:„Beichte weiter, eine mangelhafte Beichte iſt eine Verſündigung an Gott und allen Heili⸗ gen und kann dir weder Troſt noch Segen bringen. Beichte Alles, was auf deinem Gewiſſen und Herzen liegt, meine Tochter!“ Gerhaus Storch, denn ſie war die im Beichtſtuhl Knieende, richtete ſich bei dieſen Worten wieder mehr aus ihrer niedergeſchmetterten Stellung empor und ſagte:„Ich hätte den vorhängnißvollen Schritt ja 5 nicht gethan, ich wäre nicht zu dem Verführer in das Haus gezogen, wenn ich nicht im Hauſe meines Vaters mehr als Einem ausgeſetzt geweſen wäre; er ſelber wollte, ich ſollte mit den Männern ſchön thun, damit es ihm Vortheil brächte— und ſo ging ich in das Haus des reichen Mannes halb um des Vaters willen, deſſen Habſucht ich ja ſo befriedigen konnte, halb um der eig'nen Tugend willen.“ 96 Der Beichtvater warnte vor Beſchönigung des Laſters, einer Umgehung der Wahrheit u. ſ. w. Gerhaus erneuerte nun ihre Selbſtanklagen und fuhr fort:„Ich glaubte, dieſer Mann ſei mir nicht gefährlich, ich glaubte ihn nun zwingen zu können mich zu ſeiner Gemalin zu machen, wenn ich nur einmal ſein Haus regierte und auch ihn ſelbſt— auf das Ver⸗ ſprechen hin, daß ich es werden ſollte, ergab ich mich ihm.“ Der Prieſter unterbrach ſie mit würdigem Eifer: „Immer kommſt du nur wieder darauf zurück, daß dir ein Anſchlag mißlungen, daß deine Berechnung trü⸗ geriſch war, nur in dieſem Lichte erſcheint dir deine Sünde als Sünde, du würdeſt dich ihrer freuen, wenn ſie dich zu einem erwünſchten Ziele geführt.“ „Nein, nein!“ ſtöhnte Gerhaus. „Mit ſolchen Anſchauungen kommt man nicht in den Beichtſtuhl!“ zürnte Crescentius weiter und ſchil⸗ derte die Erkenntniß der Sünde, die zur Bußfertigkeit führen müſſe. „Ich will ja Alles bekennen!“ rief ſie wieder mit einem Ausdruck von Hartnäckigkeit, faſt auch von Ver⸗ wilderung—„ſeit ich bei ihm bin, beobachte ich ihn mehr und mehr, bedauere ich jeden ſeiner Schritte und überzeuge ich mich mehr, daß er ein Verbrecher iſt, der 97 vor keiner Schandthat zurückbebt, wenn er nur ſeine Ge⸗ lüſte dadurch befriedigt ſieht.“ „Noch einmal: es iſt eine neue Sünde, wenn Ihr. mir die Sünden Anderer nennt, nur die Euern habt Ihr mir zu ſagen!“ unterbrach ſie Crescentius wieder voll Ungeduld. 8„Das allein, dachte ich, ſollte Euch meine Sünden vergebungswürdiger erſcheinen laſſen, weil ich die Sünden Anderer verhindere— ich bewache ihn, ſchleiche ihm nach, beſchütze Andere vor ihm— ich habe es dahin gebracht, daß ein Mädchen, das er ſich zum Opfer auserſehen, in's Kloſter gegangen iſt.“ „Gott und ſein Sohn und die gebenedeite Jung⸗ frau laſſen ſich nicht beſtechen— gute Werke, die man nur thut aus eigennütziger, böſer Abſicht haben keinen Werth bei ihnen— ein neues Sündenbekenntniß legſt 2 du ab, das du nicht einmal für ein ſolches hältſt!“ Gerhaus ſchien erſchöpft, das fühlte ſie; bei die⸗ ſem Prieſter hatte ſie noch nicht gebeichtet— ſie kannte mehr als einen, der um guter Werke willen die böſen leicht vergab. „Eines noch iſt übrig,“ ſagte ſie,„ich habe bei ihm, den ich nicht nennen ſoll, Alles durchſucht, ſein Ver⸗ trauen gemißbraucht und ein Verbrechen entdeckt—“ 1861. xIk. Die Schultheißentöchter von Rürnberg. Il. 7 98 „Beichte nur dein eig'nes!“ mahnte Crescentius wieder; warum ſollte ſein Ohr noch unnütz ſich der Mitwiſſenſchaft von Verbrechen leihen, die er ja doch nicht ungeſchehen machen konnte, ſein Inneres noch mit einem neuen Druck belaſten, ohne daß es die Pflicht ſeines Amtes gebot? Aber Gerhaus fuhr trotzdem fort:„Ich hatte ihn in Verdacht, daß er mit einer hier hochangeſehenen Frau, deren Stieftochter er heiraten wollte, ein ver⸗ brecheriſches Verhältniß unterhalte.“ „Keine Geſchichten!— ſprich allein von dir!“ „Ich bekenne meine Schuld, daß ich einem ſolchen nachgeforſcht, das Vertrauen gemißbraucht,“ ſuchte Gerhaus ſich zurückzufinden,„aber es war eine alte Geſchichte, die ich entdeckte; vor mehr als zwanzig Jah⸗ ren haben ſie zuſammen ein Kind gehabt und ver⸗ ſtoßen, in einem Kloſter verborgen— und jetzt iſt es vielleicht— ihr Beichtvater— dem Kinde ihrer al⸗ ten Sünde beichten ſie vielleicht ihre neue Sünden.“ Warum verſtummten auf einmal die ſtrengen Mahn⸗ und Warnungsrufe des Paters:„Keine Na⸗ men— keine Geſchichten— ſprich nur von dir!“— warum lauſchte er faſt zuſammengeſunken, mit ange⸗ haltenem Athem, warum war es, als klänge in ſeinem eigenen Herzen eine tief verborgene Saite ſchauerlich 99 mit, an die er zu rühren vermied, weil er wußte, daß ſie nur ſchneidende Mißtöne haben konnte? Da auch ſie ſchwieg, trat eine lange Pauſe ein, in der man nichts hörte, als das eintönige Murmeln einiger entfernt knieender Beter— vielleicht mahnte es Crescentius doch wieder daran, daß er an einem heiligen Ort war, an dem es ſich für ihn nicht geziemte in grübelndes Nachdenken zu verſinken.„Biſt du nun zu Ende?“ 6 fragte er endlich mit mühſam errungener Faſſung. Gerhaus war es— ſie kehrte von ihren Abſchwei⸗ fungen wieder zu dem allgemeinen Sündenbekenntniß zurück. Auch Crescentius hielt ſich an die üblichen For⸗ meln, nur befahl er ihr noch wider den böſen Feind in ihrer Bruſt zu kämpfen und alle Rachegedanken zu verbannen— dann entließ er ſie in der hergebrach⸗ ten Weiſe. Als ſie fort war, wiſchte er ſich den kalten Schweiß von der Stirn— warum hatte ihn dieſe Beichte ſo aufgeregt, da er doch gewohnt war erſchreckendere Dinge zu vernehmen wie dieſe— warum war es ihm denn, als hätten ſie mitten hinein gegriffen in ſein õ Herz, in ſein Leben? Wußte er doch nicht, wer ſeine Eltern waren, hatte man ihm doch geſagt, daß er vor dem Kloſter der Benediktiner ausgeſetzt geweſen war, 5 100 konnte doch ſein Alter auch zutreffen. Das ſtürmte auf ihn ein. Daß er ein Kind der Schande war— er hatte es längſt geahnt, hatte darum auch nie nach ſeinen Eltern forſchen mögen, was konnte eine ſolche Offenbarung ihm frommen? was Eltern, die ihn ver⸗ leugnet hatten von ſeiner Geburt an bis auf den heu⸗ tigen Tag, all' dieſe Jahre hindurch, die ihn verleug⸗ nen mußten bis an ihr Ende! Ihm war beſſer dieſen Menſchen niemals zu begegnen doch, er jagte dieſe Gedanken wieder hinweg. Herrſchte in der Zeit, in welcher er lebte, doch die bodenloſeſte Unſittlichkeit und wenn auch Brandmal und Fluch die unſchuldigen Kinder traf, wenn auch die Mütter Schande und Strafe fanden und nur mit den Vätern es weniger genau genommen ward, ſo ſuchte man wohl das Ver⸗ gehen zu verheimlichen, aber es war darum nicht min⸗ der häufig. Crescentius konnte Hunderte von Schick⸗ falsgenoſſen haben— man konnte ja ſolche Kinder am beſten in den Klöſtern verſtecken— warum ſollte gerade er der Geiſtliche ſein, von dem die Rede war? Er hatte auch nur einige Minuten ſich von dieſen perſönlichen Fragen beherrſchen zu laſſen, ſchon rauſch⸗ ten wieder Frauengewänder, an ſeiner Seite ſtrömte ihm ein balſamiſcher Duft von köſtlichen Waſſern zu. Iſolde von Weichsdof kniete an ſeiner Seite— N „ 101 er erkannte ſie an dem herrlichen Organ, wie es nur allein ihr eigen war, mit dem ſie ihre Beichte zu ſpre⸗ chen begann— Anklagen waren es, wie nur ein ſchö⸗ nes, empfindſames Herz ſie wider ſich ſelbſt erhebt. Crescentius ſchöpfte Athem, weil er die Nähe eines reinen, edlen Weſens fühlte, weil er hoffen durfte, jetzt einmal mit der Mittheilung von Geheim⸗ niſſen, die ihn ſelbſt nur quälen konnten, von Ver⸗ brechen, vor denen er ſchauderte, verſchont zu werden — aber er mußte doch eindringlich fragen:„Und wei⸗ ter zeihſt du dich keiner Sünden?“ „O doch!“ antwortete ſie,„ihr Bewußtſein hat mich hieher getrieben— aber es ſind Gedankenſün⸗ den, deren ich mich anzuklagen habe. Weniger von meinen Thaten als von meinen Gefühlen muß ich den Schleier wegziehen, der ſie halb vor mir ſelbſt verbirgt!“ „Sprich, meine Tochter!“ ſagte er in ſeinem mil⸗ deſten Tone. „Ich liebe—“ ſie ſtockte. Warum iſt dir das eine Sünde?— an ſich iſt es keine!“ „Doch, doch!— bei mir!“ „Haſt du ein Gelübde gethan? biſt du eine Braut des Himmels?“ 102 „Nein, nein!“ „Biſt du verheiratet oder verlobt und liebſt einen Andern?“ „Nein, nein!“ „Oder iſt der es, den du liebſt?“ „Nein!“ „Oder bindet ihn ein Gelübde?“ al“ „Welches?“ Sie zögerte mit der Antwort. Er kam ihr wieder mit einer Frage zu Hülfe:„Iſt er ein Mönch— ein Prieſter?“ „Nein!“ Crescentius war mit ſeinen Fragen zu Ende: „Du mußt dich deutlicher erklären,“ ſagte er im Tone der Reſignation— ich verſtehe das nicht.“ „Ich ſpreche es zum erſten Male aus, was ich mir ſelbſt nicht geſtand, geſtehe hier allein, wo nur Gott mich hört und ſein Diener: ich liebe— einen Baubruder!“ Der Prieſter hatte ſein Ohr ganz nahe an die Oeffnung gebeugt, um zu verſtehen, was ſie nur im⸗ mer leiſer flüſternd ſprach— jetzt fuhr er erſchrocken zurück, als habe ihn ein Inſekt geſtochen. Ihr war es wie ein Verdammungsurtheil— das — —— 103 ſchmerzlichſte„Ach!“ entrang ſich ihrer klopfendei Bruſt. „Aber ihm haſt du es geſtanden und er dir? Haſt du ihn zuerſt verlockt oder hat er zuerſt ſeines Ge⸗ lübdes vergeſſen?“ fragte er weiter— eine bange Ahnung ſah er beſtätigt— Ulrich hatte ihn— nicht im Beichtſtuhl, ſondern in freundſchaftlichen Ergüſſen mit der Beredſamkeit der Schwärmerei von Iſolde geſprochen— ſie war es ja, die zuerſt bei dem Bi⸗ ſchof, wenn ſie auch den Namen des„ketzeriſchen Prieſters“ nicht wußte, für Crescentius gebeten— o daß dieſer Ulrich, den er für ſo rein und pflichtge⸗ treu gehalten, zu dem er aufgeblickt wie zu einem er⸗ habenen Vorbild— daß auch er nicht der hohe, tugend⸗ hafte Menſch ſein ſollte, für den er ihn bisher gehal⸗ ten— das riß in ſeine Seele, die ſchon lange darau war in allen Menſchen nur Sünder zu erblicken, ein Verbrechen lauern zu ſehen unter der Maske der Ehrlichkeit, ſelbſt hinter Heiligenſcheinen einen nagen⸗ den Wurm im Gewiſſen— ja, ſchloß er doch oft bei einer guten That, die unter ſeinen Angen geſchah, nur auf eine böſe, die dadurch geſühnt werden ſollte. Aber für Iſolde klang dieſe Frage allzu hart— jetzt hatte ſie das ganze Bewußtſein ihrer reinen Seele wieder— noch weniger ertrug ſie einen Ver⸗ 104 dacht, den Ulrich— ſo ſagte ſie ſich— ja gar nicht verdiente— ſtolzer ſich aufrichtend, rief ſie mit ſchö⸗ nem Feuer:„Nicht allſo groß iſt meine Sünde— ich beichte ſie ſchon, ſobald ich mir ihrer bewußt gewor⸗ den— der, den ich liebe, ſteht viel zu hoch, um das Opfer einer ſtrafbaren Neigung zu ſein— und nie, als hier vor Gott, werde ich ſelbſt ein Geſtändniß ab⸗ legen, wie dies. Ich ſagte es ja, daß es eine Gedanken⸗ ſünde ſei, die ich zu bekennen kam. Nur meine Gefühle konnten ſich verirren— nicht aber meine Sinne, noch mein Handeln, und weniger noch als das meine— das ſeine.“ Einen Augenblick ſchwieg der Prieſter betroffen — das war eine andere Beichte als er gewöhnlich zu hören gewohnt war— wenn es mehr als die allge⸗ meinen Formeln waren, welche die Beichtenden vor⸗ zubringen hatten, handelte es ſich nicht nur um Ge⸗ fühle und Gedanken! Nun fand er bald ein mildes Wort des Troſtes für einen ſolchen Fall, die Möglich⸗ keit der Vergebung nach dem Bekenntniß und der Reue. Aber Iſolde, die bei der ungerechten Anklage ſich ſtolz erhoben, ward wieder beklommen durch das milde Wort. „Ich habe doch noch mehr zu bekennen!“ begann 105 ſie wieder„nicht von einer Verirrung des Gefühls— von einer Gedankenſünde ſprach ich— weil ein Mann, den ich über Alles ſchätze, zum Gemal mir vorge⸗ ſchlagen ward, und ich doch die Unmöglichkeit fühle, ihm meine Hand zu geben— aber vielleicht es gethan haben würde, bevor ich Jenen kannte— da erſt be⸗ griff ich, daß er die Urſache war— daß ich in ihm den Mann gefunden, wie der ſein muß, den ich allein verehren, vor dem ich demüthig mich neigen, den ich anbeten kann und widmen all' mein Sein— aber nur in bangen Augenblicken empfinde ich dies Gefühl als Schuld— in anderen iſtes doch mein höchſter Triumph. Dieſe Liebe iſt frei von irdiſchen Wünſchen und Be⸗ gehren— ich finde kein Verbrechen darin mein Herz von ihr erfüllen, meine Seele von ihr wie auf Flügeln emportragen zu laſſen bis in des Himmels höchſte Räume— da allein Eins zu ſein mit ihm wo es keine Trennung mehr gibt für verwandte Geiſter! — Iſt das Sünde? ich weiß es nicht!— In manchen Augenblicken nenn' ich's ſo, in andern wieder nicht— und einer von jenen war es, als ich hierher eilte mein Gewiſſen zu entlaſten— noch mehr— ich fühle: Gott und ſeine Engel werden mir vergeben— ob auch die Kirche— ob auch ihre Diener?—“ Warum ſchwieg Crescentius? war um rief er nicht 106 gleich:„Welch ein Frevel vht ind orten!“ und verwies ihn ſeinem Beich kind? Warum mußte gerade ihm eine ſolche Beichte gethan werden? Es war als klänge eine verwandte Saite in ihm wieder — eine Saite, die doch nicht klingen durfte— er ſuchte ſich gewaltſam zuſammenzuraffen— er rang nach einer Erwiderung auf dieſe Frage— war es doch, als ſei allei hretwillen Iſolde in den Beicht⸗ ſtuhl gekomme Endlich ha die Kraft der Beredſamkeit wie⸗ der gewonnen— nur die erſten Worte ſchienen ihm Mühe zu machen— dann aber quoll es wie ein feu⸗ riger Strom aus ſeinem Munde; was er da ſagte, galt nicht der Beichtenden allein— er ſprach es zu und für ſich ſelbſt. So ſagte er unter Anderem:„Ge⸗ rade die höheren Naturen, die aufwärtsſtrebenden Menſchen ſind es, die in ſolcher Weiſe verſucht wer⸗ den wie du. Das Niedere hat die wenigſte Gewalt über ſie, nicht äußerer Vortheil, nicht ſinnlicher Ge⸗ nuß, nicht niedere Luſt kann ſie locken— käme die Verſuchung zu ihnen mit den verführeriſchen Reizen, die nur die Sinne blenden, ſie würde keine Macht über ſie haben, der Kampf würde bald in einem leich⸗ ten Siege enden— ſo aber kommt ſie mit den glän⸗ zenden Flügeln eines Engels, der dich nicht hinabziehen — — 7 ——.—— 107 will, ſondern emporheben— nun wage es nur ſo mit ihm über das gemeine Erdenleben empor, über alle Schranken, die deine Seele einengen, zu ſchweben— dir ſchwindelt nicht, in ſolchen Regionen iſt dir wohl — aber plötzlich verwandelt der Engel ſein ſchönes Angeſicht zur teufliſchen Fratze und ſchleudert dich hinab in den Abgrund der Sünde und des Verderbens — nur darum trug er dich ſo hoch über alle Schran⸗ ken fort, um dich dann außerhalb derſelben um ſo tie⸗ fer zu ſtürzen. Dir ſollte nirgend' ein Halt mehr blei⸗ ben, dich zu ſchützen vor'm tiefſten Fall, dich zu retten zur Möglichkeit der Umkehr? Du träumteſt vom rein⸗ ſten Himmelsäther— und liegſt plötzlich in einem verpeſteten Sumpf, der dich zu erſticken droht! Du wähnteſt den Himmel offen zu ſehen, zu hören die Muſik der Sphären und den Chorgeſang lobpreiſender Cherubim— und plötzlich umlohen dich die Flammen der Hölle und du hörſt das Hohngelächter ihrer Dä⸗ monen. Das iſt dein Schickſal, wenn du dir ferner vorredeſt, deine Liebe zu einem Mann, der weder Liebe annehmen noch erwidern darf, ſei ſo rein, daß ſelbſt die Heiligen für dich beten könnten— das iſt dein Schickſal, wenn du meinſt, du Könnteſt der Zuſtim⸗ mung der Kirche entbehren und deinen eigenen ſchwin⸗ delnden Weg zum Throne Gottes wandeln!“ 108 Iſolde beugte ſich unter der Wirkung dieſer Worte — ein kaltes Fröſteln lief durch ihre Glieder— Sch auer, wie ſie noch nie empfunden, Schauer vor ſich ſelbſt überkamen ſie. Milder ſprach er jetzt weiter:„Um deiner Seele Seligkeit, um deiner eigenen Ruhe willen meide den Baubruder, noch mehr aber meide jene frevelhaf⸗ ten Gedanken. Laß dich nicht von ihnen fortreißen zu hochmüthiger Sicherheit, die ſo oft nichts weiter iſt als ein Angenzuſchließen vor dem nahen Abgrund. Und ſo wollen wir mit einander beten wider die An⸗ fechtung!“ Und Crescentius ſelbſt ſprach die üblichen Gebete inbrünſtiger als er ſie jemals geſprochen. Als Jſolde ſich erhoben hatte und durch die Kirche ſchritt, war ihr Gang nicht ſo ſtolz und gemeſſen wie ſonſt— langſam und ſchwankend wandelte ſie über das Steingetäfel. Der nächſte Seitenweg führte ſie an der Kapelle der Behaim vorüber— wie ſehnte ſie ſich zu beten und zu weinen an Eliſabeth's Sarkophag — wie ſehnte ſie ſich nach dem Geſchick, das dieſe er⸗ reicht hatte: ermordet zu werden und ſchuldlos zu ſterben unter Ulrich's Augen— einen ſcheuen Blick warf ſie in die Kapelle— Ulrich war nicht darin Aber es konnte ja ſein, daß er aus der Bauhütte kam —— See Se ——,— 109 und noch da hinein ging— und ſie wollte thun was ihr im Beichtſtuhl befohlen worden: ihn meiden— und damit mußte ſie auch die Stätte fliehen, an der ſie ihn zuerſt und dann am öfterſten geſehen. Als ſie auf den Stufen an der Ausgangspforte ſtund, öffnete ſie von draußen eine ſichere Hand— es war Ulrich mit gewohntem Gruß. Sie erwiderte ihn nur mit leichtem Neigen, hüllte ſich feſter in ihren Schleier und eilte demüthig geſenk⸗ ten Hauptes an ihm vorüber wie ein vorbeiſchwebender Schatten. In Crescentius Beichtſtuhl ward heute— es war ein Faſt⸗ und Bußtag— noch manche Sünde bekannt, ſogar grobe Vergehen, wie Todtſchlag, Diebſtahl, Ehe⸗ bruch kamen zur Sprache, und doch hatte keine Beichte ihn mehr geſchmerzt und aufgeregt als die der edlen Jungfrau— die, ohne ſeinen Namen zu kennen, ihm ſelbſt die Abſolution des von Bamberg verſchafft. VII. Eine Werbung. Jener Beichte Iſolden's hatte freilich eine große Er⸗ ſchütterung vorhergehen müſſen. Bei jenem Feſtmahl zu Ehren des Schenken von Limburg hatte ſie Albrecht Dürer verſprochen ihn ein⸗ mal in ſeiner Werkſtatt zu beſuchen. Der Gang hatte ſich verzögert, weil die langſam geneſende Anna ſie begleiten wollte. Und als es nun geſchehen war, da knüpfte der Meiſter an den einen ihm erfüllten Wunſch noch einen zweiten: er wollte Iſolde auf einem ſeiner größeren Gemälde konterfeien. Es gab wenig Leute, die dem Meiſter Dürer etwas abſchlagen konnten. Wen er mit ſeinen ſchwärme⸗ riſchen blauen Augen flehend anſah, ein innigſanftes Lächeln um den ſchönen Mund— um's ganze Haupt ein wunderſames Etwas— die leuchtende Glorie des Genius— und doch der ganze Mann ſo ſchlicht —————, —— „ 111 und beſcheiden, als ſei er ſelbſt erſt ein Anfänger und Lehrling in ſeiner Kunſt— der vermochte ihm nicht zu widerſprechen, nichts abzuſchlagen. Am wenigſten vermochte dies Iſolde, der die Kunſt die Verklärung alles Lebens war, und welche Diejenigen, die ihr mit einem Streben begeiſtert dienten, als auserwählte Weſen betrachtete, vor denen die Andern ſich neigen mußten. So that ſie ſelbſt zuerſt und erfüllte ſo auch Dürer's Wunſch. Frau Dürerin fühlte ſich hochgeehrt, daß nun die ſtolze Schultheißentochter in ihrem Hauſe aus und ein ging und wußte ſich viel damit auch gegen Andere. Das überwog auch die Eiferſucht, die ſich bei ihr mehr gegen Perſonen aus den niedern Ständen geltend machte, während ſie es ſogar gern ſah, wenn vornehme Damen Dürer's Werkſtatt beſuchten und dadurch mit dazu beitrugen, den Glanz ſeines Namens zu erhöhen oder ihm Verdienſt zu verſchaffen— denn das galt ihr allerdings noch mehr als ſein Ruf, den ſie nur als Mittel zu beſſerem Erwerb zu ſchätzen wußte. Auch Georg Glockendon lernte ſo Iſolde kennen, wenn er auch in der Beſcheidenheit ſeines Weſens wie ſeiner Stellung als Malerlehrling kein Wort an ſie zu richten wagte. Erſt als er ſie wiederſah, nachdem er Jerta ihrem Schutz und Iſolde dieſelbe dem des 112 Kloſters übergeben hatte und nun abſichtlich an einem der folgenden Tage zu Dürer ging ihm zu ſitzen und Glockendon Jerta's Gruß zu bringen, wagte er es ſich ihr zu nahen. Freilich hatte er es ſich anders gewünſcht, anders gehofft. Hinter Kloſtermauern war Jerta allerdings ſicher geborgen vor den Quälereien des Vormundes wie vor den Verführungskünſten des Rathsherrn— eben ſo unzugänglich war ſie aber auch ihm ſelbſt, und wenn er nicht den Muth hatte Iſolde über die Wahl eines ſolchen Zufluchtsortes Vorwürfe zu machen, da ſie in ihrer majeſtätiſchen Haltung ihm unwillkürlich eine Anerkennung ihrer Handlungsweiſe abnöthigte, wie nur ſein Gewiſſen, nicht aber ſein Herz ſie ihr zollte, ſo ließ er Ulrich dafür ſeinen Unmuth doppelt empfinden, der Jerta an Iſolde gewieſen hatte. Einige Tage ſpäter, als Iſolde wieder zu Meiſter Dürer kam, um ihre letzte Sitzung zu halten, fand ſie Willibald Pirkheimer und Ulrich bei ihm. Die drei pflegten oft zuſammenzukommen und ſich über Gegen⸗ ſtände der Kunſt wie des Vaterlandes zu unterhalten. Heilige Begeiſterung wohnte in ihnen und eine Frei⸗ heit der Anſchauung, mit der ſie dem größten Theil ihrer Zeitgenoſſen voraus waren. Nur geſtaltete ſie ſich in ihren Aeußerungen gegen dieſe verſchieden. 113 Pirkheimer ſonderte das Menſchengeſchlecht gewiſſer⸗ maßen in Gebildete und Ungebildete— den Letzteren erwies er ſich wohl gütig und dienſthereit bei allen Gelegenheiten, die ſich ihm dazu boten. Den Armen und Waiſen, allen Bedrängten, die Unrecht litten und die ſeinen juriſtiſchen Rath in Anſpruch nahmen, ge⸗ währte er denſelben unentgeltlich und half ihnen wie und wo er nur konnte zu ihrem Recht— zu den Land⸗ leuten, unter denen er im Sommer zuweilen auf den Gütern ſeines Schwagers Geuder lebte, ſtand er in einem wahrhaft patriarchaliſchen Verhältniß, und ſchuf ſich gern ſeinen Aufenthalt unter ihnen zur freundlichſten Idylle. Aber wie human er auch ſelbſt gegen Riedriggeſtellte ſich betrug und auch bei all' ſei⸗ nem feinen waldmänniſchen Takt in den Höhergeſtell⸗ ten nur die höhere Bildung ehrte, den Ritter oder Fürſten ſelbſt aber nicht achtete, der kein Freund der Wiſſenſchaften war, ſo beanſpruchte er doch eben das Licht der Aufklärung nur für ſich und die, welche mit ihm auf gleicher Bildungsſtufe ſtanden oder ſie ihm nacheifernd zu erreichen ſtrebten, indeß er für den großen Haufen alle jene Schranken der Kirche und den nur ihm treffenden Druck der Geſetze nothwendig fand, die ihm ſelbſt nur ein Gegenſtand des Spottes waren Nicht in dieſem Punkt, ſondern nur in dem 1861. XIN. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. 1I. 8 114 der echten Humanität waren Dürer und Ulrich ihm verwandt. In Letzterem freilich war durch die Bau⸗ brüderſchaft und ihre Abſonderung, ihre Eintheilung der Menſchen in Geweihte und Profane ein halb gei⸗ ſtiger, halb geiſtlicher Hochmuth reich genährt— aber gleich wie die aus den Baubrüderſchaften hervor⸗ gegangenen Bauwerke immer noch einem höheren Ziele zuſtrebten, als in ihren erſten Grundformen vorgezeichnet lag, wie denn eben jetzt ein Streben die Natur ſelbſt mit in ihre Kreiſe zu ziehen, zu ihrer Lehrerin zu machen in der Einführung des Vegetabili⸗ ſchen in die Gothik ſich geltend machte, wie überal die Säulen zu dünnen Stämmen wurden, die, oben in Aeſten und Zweigen auseinandergehend, ſich mit den gegenüberſtehenden gleichgearteten Säulen vereinigten, wie an allen Geländern und Kapitälern Laubwerk aus den Steinen ſproßte, jedes Blatt der Natur ab⸗ gelauſcht, keines dem andern gleich— ſo keimte und ſproßte und drängte es auch inmitten der Baubrüder⸗ ſchaft ſelbſt zu einem andern Ziele empor, als dem Anfangs geſteckten. Freilich fühlte ſich, von ſolchem Bewußtſein getragen, Ulrich auch einem großem Theil ſeiner Zeitgenoſſen voraus— und zwar nicht allein den Profanen, ſondern auch denen ſeiner Genoſſen, die allein am Aeußern, im Zwang der Formen haften 115 blieben, und im Geheimniß, in der Sonderung die⸗ ſelbe Befriedigung fanden, die für Ulrich nur da er⸗ reichbar ſchien, wo der Tempelvorhang vor dem Allerheiligſten zerriß, wie ſchon einmal, und kein Myſterium mehr nöthig war, um erſt die Diener der Kunſt als Hoheprieſter der Menſchheit zu bezeichnen. Weder ſo ausſchließend wie Pirkheimer noch ſo ſtolz wie Ulrich dachte Dürer— ſeine Kunſt wurzelte in der reinen Frömmigkeit ſeines Herzens, in ſeiner Liebe zur Heimat, ſeinem Nürnberg, wie zum deutſchen Reich, in ſeiner Liebe zur Menſchheit. Ob dem Kaiſer ſelbſt, ob irgend einem Hülfsbedürftigen: er reichte Jedem die Bruderhand, er wünſchte für Jeden die neue Zeit herbei, die ſein ſinniger Scherblick ſchon aus taufend kleinen Zeichen ahnte; er betete und arbeitete, daß ſie komme— für Alle komme. Und ſo waren dieſe drei doch Engverbundene in einem höheren Streben, ſo daß in einem Jeden von ihnen ein anderer Strahl desſelben Lichtes leuchtete. Und wie nun ſchon oft an die Seite jedes Ein⸗ zelnen von ihnen, trat jetzt Iſolde zum erſten Male in den vereinten Kreis, die gleichbeſeelte Jungfrau, zu den Männern. Wohl war ſie ſich ihrer Ebenbürtigkeit bewußt— warum ſie die Augen niederſchlug und erröthete, das 8* 116 war nicht ein niederdrückendes Gefühl, das manche Frauen demüthigt, wenn ſie großen oder bedeutenden Männern gegenüberſtehen— das geſchah, weil ſie ſah, wie Ulrich und Pirkheimer's Blicke auf der Staffelei ruhten, welche die Holztafel trug, auf der ihr faſt vollendetes Konterfei— eine ganze Figur— ſich mit befand. „Wenn ich ſtöre, Meiſter,“ ſagte ſie zu Dürer,„ſo mir eine Stunde, wenn ich wieder kommen ſo „Ihr werdet das im Ernſt nicht ſagen,“ entgeg⸗ nete Pirkheimer nach höflicher Begrüßung,„ſo weit verſtehen auch wir uns Alle auf edle Ritterſitte, daß wir den Frauen den Vorrang laſſen. Nur iſt es ſehr bedauerlich Euch ſo zu begegnen, daß es ſchon ſich nicht geziemen will Euere beglückende Gegenwart län⸗ ger zu genießen.“ Iſolde hatte eine freundlich ausweichende Antwort für dieſe Schmeichelei und ſagte dann zu Ulrich „Habt Ihr Euern jungen Freund beruhigt, der mir zürnt?“ „Das Letztere wird er wohl bleiben laſſen,“ ant⸗ wortete Ulrich ſchnell—„und er wird auch noch ein⸗ ſehen lernen, daß jede rechte Kraft die Prüfung braucht um ſich zu ſtählen und zu läutern, zum muthigen 117 Selbſtbewußtſein emporzuwachſen— es iſt im Leben nicht anders wie in der Kunſt.“ „Ja, wenn das ganze Leben ein Kunſtwerk ſein könnte!“ ſagte Iſolde wie träumend— oder nur um etwas zu ſagen. „Den Frauen iſt es vielleicht am eheſten vergönnt es ſich ſo zu geſtalten,“ ſagte Pirkheimer. Dürer ſeufzte— er dachte an eine Pfuſcherin. Urich wollte auf dies Gebiet nicht weiter folgen — ſchon hatte er ſeinen Hut in der Hand, unwillkür⸗ lich legte ſich die andere auf das Schwert, das er an ſeiner Seite trug. Iſolde richtete nun ihre Augen auf ihn und ſagte: „Ja, wenn man gelernt hätte gleich Euch den Griffel in nie wankender Hand zu führen— aber wo ſie zit⸗ tert, bleibt es doch beim Stümpern.“ „Die kleinen Hände verlernen das Zittern zuwei⸗ len am eheſten,“ ſagte Ulrich. Indeß ſchüttelte Pirkheimer Dürer's Hände im Lebewohl und flüſterte mit ihm, die letzten Worte klangen lauter:„Ihr habet ja noch immer das Ver⸗ trauen gerechtfertigt, das man in Euch ſetzte.“ Nun nahm er auch Ulrich mit ſich fort. Er ſchied mit einem Blick von ihr, als wollte er ſagen:„Ich ſehe dich ja doch überall— wenn du ſelbſt 118 mir entſchwindeſt; wenn der Meiſter hier dein Kon⸗ terfei verhüllt, ſo arbeite ich wieder in der Kapelle der Behaim, wo ich dein Steingebild ſchon ſchuf, ehe ich dich kannte— und wenn auch nicht dort— überall ſtehſt du an meiner Seite, die verklärte Lichtgeſtalt eines Weſens, das den Jüngling höher emporhob im Dienſt der Kunſt— du biſt dem Manne erſchienen— vielleicht noch zu einer höheren Sendung!“ Aber ſeine Lippen ſchwiegen, indeß ihre Blicke im achtungsvollen Verſtändniß den ſeinen begegneten. Als ſie allein war mit Dürer, zupfte ſie zerſtreut ihre Gewänder zurecht, und während ſie ſonſt ſich gern mit dem Meiſter unterhielt, wußte ſie heute keine Worte zu finden. Auch er malte Anfangs ſchweigſam und wie in Nachdenken verloren weiter. Es war ſtill in dem Gemach, man hörte den Pin⸗ ſel des Meiſters über die Holztafel gleiten— aus der Werkſtatt daneben klang ein eintöniges Geräuſch. Georg Glockendon mochte Farbe reiben— von noch weiter her vernahm man eine ſcheltende Frauenſtimme. Die kannte Dürer nur zu gut und damit ſie min⸗ der gehört werde, begann er ſelbſt zu ſprechen— ſuchte er ſo doch ſein häusliches Leid immer zu verſtecken und zu vergeſſen.— Er erinnerte daran, daß es heute zum letzten Male ſei, daß ihm Iſolde ſitze, und daß er, 119 wenn er auch der Vollendung ſeines Werkes ſich freue, auch gern noch länger damit beſchäftigt geweſen— und als ſie halbzuſtimmend, halb ſanft zurückweiſend auf eine Bemerkung geantwortet hatte, die aus ſeinem Munde viel zu innig und treuherzig klang, um weder eine leere Schmeichelei, noch eine zudringliche Artigkeit zu ſein, fuhr er fort, indem ſeine Hand ſtill mit dem Pin⸗ ſel auf der Palette ruhte: „Ich habe ſchon lange im Namen eines viellieben Freundes eine Anfrage im Vertrauen an Euch zu rich⸗ ten— oder vielmehr“ unterbrach er ſich ſelbſt, und dann ſagte er wieder,„ich bin nicht immer ſo unge⸗ ſchickt wie eben jetzt, wenn es gilt einem meiner Freunde einen Dienſt zu erweiſen. Ihr müßt mir verzeihen, wenn ich nicht ſo fein zu Werke gehe wie doch der Ge⸗ genſtand es erheiſcht— ich nehme aber an Freud' und Leid meiner Freunde den innigſten Theil, ich möchte gern dazu beitragen dieſes zu mindern und jene zu er⸗ höhen oder herbeizurufen— und ſo werde ich auch gern ihr Anwalt, wenn ſie irgendwo eines ſolchen bedürfen — warum denn nicht alſo auch bei Euch. Ihr konntet heute, vorhin ſelbſt in begeiſterten Augen das Ge⸗ ſtändniß leſen, das ſich Euch gegenüber doch nicht über die Lippen getraut— und ſo möchte ich gern eine 120 Antwort von Euch, die einem beunruhigten Herzen ſei⸗ nen Frieden wieder gebe!“ Iſolde blickte erſtaunt auf Dürer, unruhiger als je bewegte ſich ihre Bruſt, helles Roth ergoß ſich flam⸗ mend über ihre ſonſt nur ſanft gerötheten Wangen, voll Spannung mehr zu hören, richtete ſie ihre ſchwär⸗ meriſchen Augen auf Dürer und ſchlug ſie dann lang⸗ ſam wieder nieder. Dadurch ermuthigt, fuhr er fort:„Wollt Ihrdenn wirklich immer an Euch das alte heilige Wort zu Schanden machen, wonach es nicht gut iſt, daß der Menſch allein ſei? Habt Ihr denn nicht alle Mittel vor Tauſenden voraus, den beſten Mann zu beglücken und verweigert das doch einem nach dem andern? Ja, Euch bindet nicht einmal Pflicht und Herkommen an das Vaterhaus, da Ihr darin faſt wie eine Fremde ſeid. Ihr könnt frei Eurem Herzen folgen, Eurem Geiſte, ja Ihr würdet die Eurigen nur erfreuen, wenn Ihr Euren Jungfrauenſtolz ablegtet und einen eben⸗ bürtigen Mann beglücktet. Aber ſo wie Ihr Euch zei⸗ get, wagt keiner mehr Euch ſeine Liebe zu geſtehen, aus Furcht vor einer zürnenden Antwort— und darum ſoll ich die Frage ſtellen: ob Ihr, die Ihr an⸗ dere Liebende beſchützt, denn nicht ſelbſt zu lieben ver⸗ mögt, nicht einen Mann, den nur allein die Schön⸗ 121 heit Eures Körpers lockt, ſondern der noch vielmehr die Schönheit Eures Geiſtes zu ſchätzen weiß und der mit Euch vereint im Reich der Kunſt wie der Wiſſen⸗ ſchaft nicht minder ſelig zu genießen hofft, als in dem der Liebe?“ „In der That,“ ſagte Iſolde,„Eure Rede ver wirrt mich“— ſie ſah ihn forſchend an, als bäte ſie um weitere Aufklärung und jetzt— bei dieſer Vor⸗ rede war es, wo ihr plötzlich die Erkenntniß kam: einen Mann gab es wohl, den ſie zu lieben ver⸗ möchte, mit dem der Kunſt und Wiſſenſchaft und allem Höchſten zu dienen, die reinſte Seligkeit für ſie ſein mußte— und dieſer Eine war auch Dürer's Freund — ſie war noch unter dem Eindruck von dem Wie⸗ derſehen Ulrich's und ſeiner letzten Blicke und nun Dürer's Worte, die allerdings ſie ſo ganz verwirrten, daß ſie eben jetzt nur an Ulrich dachte und plötzlich ſowohl mit der ganzen Leichtgläubigkeit als mit der Energie einer allmächtigen Liebe, die keine Schranke kennt, wenn nur die Herzen einig ſind, die den Glau⸗ ben hat, der Berge verſetzt, Wunder erwartet und Wunder thut, die Offenbarung eines Glückes nahe wähnte, von dem bis dieſen Augenblick ihr nur der Schatten einer Ahnung ſchon ein Frevel geweſen— war es doch ſchon ſo ſeltſam, daß Dürer den Vermitt⸗ 122 ler machte— hier, in dieſer Werkſtatt der Kunſt war ſie ſchon aus ihrer gewöhnlichen Sphäre gerückt— ſo konnte es auch noch in anderem Sinne ſein— ein Reich der Träume, in das ſie goldbeſchwingte Engel trugen— eine Höhe, auf der ihr dennoch ſchwin⸗ delte. Und nun ein jäher Sturz, ein Erſchrecken und Erwachen, ein namenloſes Gefühl von Angſt und Be⸗ ſchämung, eine Erſchütterung, die ſie aus einer Ver⸗ wirrung in eine andere warf, als Dürer ſagte: „Mein theurer Freund Willibald Pirkheimer hat mich zum Vertrauten ſeiner Wünſche gemacht— Ihr wißt, wie er Euch ſchon lange kennt und verehrt, wie er zumal durch ſeine Schweſtern Euer Inneres erforſcht hat, wie dieſe ſelbſt Euch lieben und ſich glücklich ſchätzen würden Euch in ihre Familie aufzunehmen. Ihr wißt auch mit ganz Nürnberg, wie glücklich Pirk⸗ heimer mit ſeiner Gattin gelebt und wie dieſe Ehe zu den muſterhafteſten gehört hat(Dürer ſeufzte dabei unwillkürlich) bis der Tod ſie vor fünf Jahren löſte. So lange hat Pirkheimer ſchon Leid um ſeine Kon⸗ ſtantia getragen, und eben weil er ſo den Himmel auf Erden genoß, den ein treues und edles Weib zu geben vermag, fühlt er doppelt was er entbehrt und— ich will es wohl geſtehen— mehr noch ſeine Freunde als 123 er ſelbſt wünſchen ihm wieder einen Erſatz er iſt noch zu jung, um ſein ganzes Leben um die Verlorene zu trauern, er iſt auch ſeinen fünf kleinen Kindern eine Mutter ſchuldig. Nun hört mich an: Als wir ſo ihm zuredeten rief er aus:„„In Nürnberg gibt es nur Eine Jungfrau, in der ich Alles vereinigt fände, was mich beglücken kann— aber gleich meinen gelehrten Schwe⸗ ſtern will ſie ihre eigene Bahn wandeln und keinem Mann ſich widmen““— und ſo nannt' er Euch. Mich aber wollt' es doch bedünken, als ob Ihr gerade Pirk⸗ heimer's ganzen Werth zu ſchätzen wüßtet, daß eben er der rechte Mann für Euch ſei, da er am beſten Euern Wiſſensdrang befriedigen und in keiner Weiſe Euch unwürdige Feſſeln anlegen möchte— daß Ihr die beſte geiſtige Erzieherin ſeiner Kinder wäret, wenn auch ſeine Schweſter nach wie vor die Sorge für ihr leibliches Wohl von Euch fern hielte. Und ſo rede ich zu Euch in des Freundes Namen, dem ich gern all' die Liebe und Güte vergelten möchte, die er mir ſeit unſerer früheſten Jugend erwieſen. Ihr brauchet mir nur die Eine Antwort zu geben: weiſet Ihr ihn nicht ganz zurück und darf er hoffen, ſo verkündige ich ihm, daß er es wagen darf ſelbſt um Euch zu werben— habt Ihr aber wichtige Gründe ihn abzuweiſen, ſo ſage ich ihm nur, daß er mit Eurer Freundſchaft ſich 124 begnügen müſſe— damit ihm dieſe doch erhalten bleibe. Denn eben das iſt ſein Bedenken, daß ein ab⸗ gewieſener Freier in der Regel für keinen zuverläſſi⸗ gen Freund mehr gilt— ihm aber liegt Alles daran, daß Ihr ihm und ſeinen Schweſtern Freundin bleibt wie bisher und daß dann Alles iſt und bleibt— als hätte Albrecht Dürer nie ein überflüſſig'Wort geredet.“ Für Iſolde war es ein Glück, daß Dürer ſo lange ſprach— ſie hatte indeſſen Zeit, ſich wenigſtens etwas zu ſammeln, zu erholen. Sie hörte nur zur Hälfte, was er ſprach— die Hauptſache aber be⸗ griff ſie doch endlich. Pirkheimer war ihr vor allen andern Männern werth— auf ſeine Freundſchaft war ſie ſtolz— hätte ſie es nicht noch mehr auf ſeine Liebe ſein müſſen? Konnte ſie als ſeine Ge⸗ malin nicht beſſer an ſeinem Geiſt den ihrigen em⸗ porranken, als es ſchon ſo geſchah? War ſie nicht an ſeiner Seite, der die Frauen ſo hoch achtete, und in dem, was er ſeiner Gattin geweſen, wie was er ſeinen Schweſtern und Töchtern war, bewieſen, zu welcher edlen Stellung im Leben er ſie nicht nur be⸗ rufen hielt, ſondern ſich ihnen auch behilflich zeigte, war ſie nicht an ſeiner Seite eines Lebens gewiß, wie es ihr Frauenſtolz erſtrebte? War ſie dann nicht auf einmal herausgeriſſen aus dem zerrütteten Fa⸗ 125 milienleben daheim— ja, war nicht dieſer Schritt eine Verſöhnung für Alle? Konnte ihr Vater einen willkommeneren Schwiegerſohn finden, als einen der berühmteſten Männer Nürnberg's, aus einem der edelſten Geſchlechter, der nicht nur kaiſerlicher Rath war, ſondern noch mehr, ein Freund des Kaiſers, und mußte ein ſolcher nicht auch die Stiefmutter mil⸗ der ſtimmen? Ja, war ein ſolcher Schwager nicht zugleich eine Stütze für Anna, konnte er nicht auch ihrer Liebe durch ſein Anſehen unter Bürgern und Rittern zu einem erſehnten Ziel verhelfen? War ſie ſelbſt nicht glücklich, die edle Aebtiſſin Charitas, die Nonne Klara und Pirkheimer's andere Schweſter, Sabine, die bei ihm lebte, und Frau Geuder auch Schweſter nennen zu ſollen? Stand Pirkheimer denn nicht auf der Höhe ſeiner Zeit in Verbindung mit allen Männern, die mit ihm darauf ſtanden, mit allen Gelehrten, Künſtlern, Staatsmännern Italiens und Deutſchlands? Welch' ein reiches Leben öffnete da⸗ mit ſeine Pforten vor Iſolde! Mit ihrer Verehrung für Pirkheimer in tiefſter Seele hätte ſie ja geſagt, auch ohne jene ſchwärme⸗ riſche Liebe, vor der ſie ja doch Eliſabeth eben ſo ſehr gewarnt hatte, wie vor einer Ehe mit einem geiſtig unebenbürtigen Manne— wenn ſie nicht in 126 eben dieſem Augenblicke gefühlt hätte, daß ſie ahn⸗ nungslos das Opfer einer ſolchen ſchwärmeriſchen Liebe geworden war! Sie ſah nur Ulrich wie in einer vor ſich herſchweben und konnte nicht ja agen. Erſchüttert erhob ſie ſich und reichte Dürer dte Hand: „Ich danke Euch, daß Ihr mir einen Freund er⸗ halten habt— ſagt dem edlen Pirkheimer, daß ich, wenn ich auch nicht, wie ſeine Schweſter Charitas in's Kloſter gehe, ich mich doch nicht vermälen werde— ſagt ihm, daß es mich tief betrüben würde, wenn er jemals aufhören könnte, mein Freund zu ſein.“ Dürer ſah ſie betroffen und flehend an— er öff⸗ nete den Mund, um noch einmal die Sache ſeines Freundes zu führen— ſie bat ihn mit naſſen Augen, nicht weiter in ſie zu dringen. Am folgenden Morgen ſuchte ſie ihr Herz zu er⸗ leichtern durch eine Beichte ihrer geheimſten Empfin⸗ dungen. VIII. Frühlingsfeſt. War Oſtern vorüber, hatten von allen Thürmen alle Glocken Auferſtehungsrufe geläutet, hatte die Kirche das heilige Feſt in ihrer Weiſe gefeiert, dann brachte auch die Bürgerſchaft der Auferſtehung der Natur in ſinniger Weiſe ihre heitern Ovationen.— Dann zog man hinaus auf die„Hallerwieſe“ an den Ufern der Pegnitz und wenn an den Linden, die dort rundum ſtanden, die erſten Blättlein ſproßten und die rückgekehrten Vögel neue Neſter bauten beim Singen der alten Lieder, dann verließen auch die fleißigen Nürnberger wieder einmal ihre burgartigen Häuſer, ihre Komptoirſtuben und Werkſtätten und ſuchten den Ruß und Staub des Winters wieder auszuathmen in die balſamiſche Frühlingsluft— empfingen ſie doch nun dieſe dafür und es war ein Handel, bei dem ſie nicht zu kurz kamen. 128 Zelte waren überall aufgeſchlagen, ein großes, am ſüdlichen Ende des Platzes in der Mitte der Seite und etwas erhöht, daß man von da aus den ganzen Platz überſehen konnte— denn dergleichen liebte der Rath; es gehörte mit zu den Ehrenpunkten der Patrizier immer ein wachſames Auge auf die geſammte Bür⸗ gerſchaft zu haben, die ſich dort luſtig tummelte, da⸗ mit ſie ja nicht die ihr vorgeſchriebenen Schranken überſchreite. Da ſaßen der Schultheiß von Weichsdorf, die Bürgermeiſter Ebener und Martin Geuder, die Raths⸗ herren Imhof, Pirkheimer und Dürer und andere, auch der Propſt Kreß und Herr Sebald Schreier, der Kirchenmeiſter von St. Sebald, bei einander und ihre Unterhaltung hatte eben einen ernſten Charakter angenommen— trotz dem lachenden Frühlingstag und der Umgebung, die nur zur Freude rief. Denn ernſt war allerdings der Zuſtand der Dinge in Dentſchland und die unſeligen Wirren in Italien lenkte Aller Angen dorthin— vorzüglich die der Nürnberger, die mit den Venetianern ſich durch den gemeinſchaftlichen Handel wie durch die ſich ähnelnde Verfaſſung verbunden fühl⸗ ten und gar mit einer Republik in Freundſchaft leb⸗ ten, von deren höheren Glanz ſie etwas auf ſich ſelbſt mit übergehen fühlten. 129 Die Ligue von Cambrai war am 10. Dezember 1508 geſchloſſen worden. Damit war der Waffen⸗ ſtillſtand ſchon ſo gut wie gebrochen, den Maximilian — zur Freude der Nürnberger— den 20. April 1508 mit den Venekianern auf drei Jahre geſchloſſen hatte. Marximilian's damaliger Feldzug— nur unter⸗ nommmen, weil ihm die Republik den Durchzug nach Rom, wo der Papſt ihn krönen ſollte, verweigert hatte, da er nicht an der Spitze nur eines Gefolges, ſondern eines Herres erſchienen war— hatte wie ge⸗ wöhnlich durch ſeine Geldverlegenheiten keinen glück⸗ lichen Ausgang nehmen können. Seine Truppen liefen auseinander, weil er ihnen keinen Sold zahlen konnte, und er ſelbſt mußte in Innsbruck, wohin er wieder zu⸗ rückging, aus Noth ſeine Juwelen verkaufen. Schon damals entſchied das Geld über die Geſchicke der Für⸗ ſten wie der Völker. Unter ſolchen Umſtänden war dem Kaiſer ein Waffenſtillſtand erwünſcht geweſen. Die Venetianer konnten ſich Sieger des Kaiſers und des Reichs nennen. Der Waffenſtillſtand ent⸗ zweite ſie indeß mit Ludwig XII., dem König von Frankreich, ohne ſie mit Marimilian auszuſöhnen. Dieſer forderte die Venetianer auf, den dreijährigen Waffenſtillſtand, den ſie nur zu ihrem Nachtheil brechen konnten, in ein Angriffsbündniß gegen Frankreich zu 1861. XIX. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. U. 9 verwandeln, die Abſicht andeutend, die italieniſchen Beſitzungen Ludwig's unter ſich zu theilen. Die Republik ging über die Grenzen ihrer ſonſti⸗ gen Behutſamkeit hinaus und verrieth dem franzöſi⸗ ſchen König dieſen Antrag. Maximilian's Stolz fühlte ſich hierdurch empört und eben ſo beleidigt durch die kecke Freude, mit welcher die Venetianer ihren Sieg gefeiert, wobei ſie es auch an Spott auf die Pit ſchen nicht hatten fehlen laſſen. Die damalige Weltlage war verwickelt genug. Caſtilien war in den Händen ein s Kindes. Der Kö⸗ nig von Arragonien hatte nach dem Tode ſeiner Gemalin Iſabella von Caſtilien mit den Oeſterreichern um deſſen Verwaltung geſtritten. Der König von Frankreich war durch ihn um die Hälfte des Neapolitani chen ſchon gebracht und verſchledene Male betrogen worden; ein aufrichtiges Bündniß zwiſchen ihnen ſchien unmöglich. Papſt Julius II., ein unerſchrockener Greis, der ſich zu allen Schritten gewaltthätiger Willkür hinreißen ließ, war den Venetianern großentheils ſeine Ernen⸗ nung ſchuldig. Er konnte Ferdinand von Arragonien nicht begünſtigen, ſo lange dieſer über Neapel herrſchte. Die Ausbreitung der laiſerlichen Macht in Italien war ihmunerträglich wegen de Anſprüche, welche die deutſche anzlei faſt auf alle im Mittag der Alpen gelegenen Län⸗ 131 der und hauptſächlich auf das Gebiet der Kirche ſelbſt geltend machte. Er lebte mit dem König von Frank⸗ reich in Spannung, beſonders weil er den Günſtling desſelben und die Seele der franzöſiſchen Politik, den Kardinal d'Amboiſe, haßte, und wußte, daß er dieſem im Konklave gedemüthigten Mitbewerber ebenſo ver⸗ haßt war. Mit den Venetianern gerieth er über die Beſetzung des Bisthums von Vicenza in Streit. Nun veranlaßte er den König von Frankreich und Arragonien und den Kaiſer zu einem Bündniß wider Venedig, der Republik„alle ihre unrechtmäßigen Er⸗ werbungen wieder zu entreißen und— unter ſich zu theilen.“ In Cambrai erſchienen die Tochter des Kaiſers, Margaretha von Oeſterreich, die verwitwete Herzo⸗ gin von Savoyen, der Kardinal d'Amboiſe, der päpſt⸗ liche Nuntius und der arragoniſche Geſandte, und un⸗ terzeichneten den Vertrag. Maximilian legte denſelben am 26. März zu Trient den deutſchen Reichsſtänden auf einem Reichs⸗ tage vor. Sie verweigerten aber Genehmigung wie Antheilnahme. Eben jetzt war nun der Kaiſer bereit den Krieg gegen Venedig mit ſeiner Hausmacht zu eröffnen. Dieſe Vorgänge und Ausſichten waren der Gegen⸗ 9* 132 ſtand einer lebhaften Unterhaltung der vorhin genannten Herren, die im„Rathszelt“ beiſammen ſaßen und unter den Blüthen des Frühlings an die blutigen Blumen dachten, die jenſeits der Alpen vielleicht in dieſen Ta⸗ gen aus unſeligen Eroberungsgelüſten ſproßten. Bei aller deutſchen Treue für das Reich, bei aller Anhänglichkeit an den ritterlichen Kiaiſer hatten doch die meiſten Nürnberger Sympathien für Venedig. Die meiſten freilich aus den Intereſſen des Han⸗ dels— Pirkheimer im Intereſſe der Wiſſenſchaft und Bildung, Dürer aus dem der Kunſt— er war ja ſo glücklich geweſen im Sonnenſcheine Italiens. „Man wollte uns wieder einmal unter dem Vor⸗ wande eines Türkenkrieges verlocken deutſches Blut und deutſches Geld nutzlos oder doch nur im Inter⸗ eſſe der kaiſerlichen Hausmacht zuopfern,“ ſagte Mar⸗ tin Geuder,„aber zum Glück ließen ſich die deutſchen Stände nicht täuſchen.“ „Und wenn es auch ſo wäre,“ ſagte Chriſtian Ebe⸗ ner, der mit venetianiſchen Kaufleuten vereint Schiffe ausgerüſtet und nach Weſtindien geſendet hatte, aus den neuentdeckten Ländern neue Handelsartikel zu ho⸗ len und ſich dort ſelbſt auf friedlichem Wege einen neuen Markt zu erobern;„zu verdenken iſt es den Venetianern nicht, wenn ſie mit dem Sultan in gu⸗ 185 tem Einvernehmen zu leben wünſchen— zumal jetzt, wo die Dogenſtadt durch die neuen Bahnen, welche der Handel nimmt, gleich uns ſich benachtheiligt ſieht, da thut es doppelt noth ſich andere Plätze zu ſichern, und mit Denjenigen in Frieden zu leben, von denen auf dieſe Weiſe mehr Vortheil zu ziehen iſt als durch einen zweckloſen Krieg.“ „Ei, ei,“ ſagte der Propſt Kreß, welcher ſah, welch' ein bedenkliches Geſicht ſein frömmerer Kollege, der Kirchenmeiſter Sebald Schreier, bei dieſer Erklärung machte:„Das klingt ja beinahe als ſetztet Ihr die Intereſſen des Handels über die des Chriſtenthums?“ „Darum noch nicht,“ erwiderte Ebener,„wohl aber über die Intereſſen eroberungslüſtiger Fürſten! Die Venetianer ſind ſo gute katholiſche Chriſten wie wir und halten auch auf ihre Geiſtlichkeit, die freilich hinwiederum auch ihrer weltlichen Obrigkeit mehr ge⸗ horcht als dem Papſt— ohne daß darum die Kirche zu Grunde ginge— und darum den Hut abvor einem Staat, der ſo alle ſeine Unterthanen zu einem wohlgeordneten Ganzen zu verbinden weiß!“ „Eigentlich—“ bemerkte Dürer beſcheiden,„iſt was in Cambrai zu Stande kam eine Verſchwörung von vielen großen Königen gegen eine einzige kleine Republik— eine Verſchwörung, die ohne Beiſpiel iſt — und ſchon deßhalb, weil ſo viele große Mächte über einen verhältnißmäßig kleinen Gegner herfallen, müſſen wir uns lieber auf deſſen Seite ſtellen und nicht dulden, daß die deutſche Nation ſich an einer ſo unritterlichen Handlung betheilige, deren man ſich zu ren ritterlichen Kaiſer am wenigſten verſehen hätte!“ Pirkheimer ſtimmte bei:„Ich muß ſagen, wie werth mir auch der Kaiſer iſt— ich danke Gott, daß ich ihm nicht zu dieſem Feldzug ein Fähnlein guter, deutſcher Truppen zuzuführen habe— mein Herz würde dabei noch mehr bluten als imSchweizerkrieg, der wenigſtens nicht ohne Grund, wohl aber ohne Hin⸗ terliſt begonnen ward. Mich ſchmerzt es ſchon, daß er ſich den hinterliſtigen Franzoſen verbunden hat, von denen Kaiſer Maximilian doch auf dem Reichstag zu Worms ſotreffend ſagte„„Männiglich ſoll der Fran⸗ zoſen Gewohnheit merken: ſie ſingen höher denn geno⸗ tirt iſt, ſie leſen anders denn geſchrieben iſt, ſie reden anders denn ihnen im Herzen iſt!““ Das war ein rechtes Wort und zu einer rechten Stunde, da er es dem franzöſiſchen Geſandten ſelbſt in's Geſicht ſchleu⸗ derte.“ „Die Zeiten ändern ſich und die Großen mit ihnen!“ ſeufzte Kreß, doch nicht ohne ſein feines Lä⸗ 155 cheln. Ich bin alt genug, um das erlebt zu haben! Heute ein Bündniß mit Italien— morgen eine Kriegs⸗ erklärung— heute Krieg mit Frankreich und morgen ein plötzlicher Frieden— heute heißt es der Erbfeind deutſcher Nation und morgen ihr innigſter Freund! Und ſo wird es wohl fortgehen in einem ewigen Cirkel.“ „Beſonders wenn die Deutſchen nimmer einig werden,“ ſagte der Schultheiß,„ich meine doch, man hätte den Kaiſer nicht ſollen allein in den Krieg zie⸗ hen laſſen.“ „Was—“ rief Pirkheimer„was haben denn die Italiener den Deutſchen gethan?“ „Davon gibt es genug zu berichten,“ſagte Imhof, der ſich jetzt, aufgemuntert durch den Schultheißen, als auf deſſen Seite ſtehend zu erkennen gab—„die Ve⸗ netianer haſſen die deutſche Nation, ſchimpfen uns deutſche Bären und Barbaren. Sie, die aus armen Fiſchern Krämer und aus Krämern Räuber und Gift⸗ miſcher geworden ſind, glauben vornehm auf uns her⸗ abſehen zu können. In Venedig wird keine Komö⸗ die geſpielt, in der man die Deutſchen nicht verſpottete, lateiniſche Pasquille und Gedichte regnet es auf uns, und ein Deutſcher iſt weder in den Straßen, noch auf den Kanälen, noch in den Häuſern Venedigs ſeines Lebens ſicher! 1. „Das iſt übertrieben,“ riefen Dürer und Pirkhei⸗ mer zugleich,„wir kennen Venedig auch!“ und Letzte⸗ rer fuhr fort: „Mag auch jetzt in manchen Stücken zu unſern Ungunſten ein Umſchwung der öffentlichen Meinung ſtattgefunden haben, ſo müſſen das eben die Deut⸗ ſchen ihrem eigenen Mangel an imponirender Natio⸗ nalkraft zuſchreiben— aber wie deutſche Wiſſenſchaft und deutſche Kunſt nur in Italien ſich ſelbſt die höchſte Weihe holen können, ſo werden ſie auch dort nach Ver⸗ dienſt geachtet— wie man dort ganz anders denn hier die Jünger und Meiſter deutſcher Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft zu ehren verſteht— das wiſſen wir Beide am beſten aus eigener Erfahrung!“ Dürer, der ſo auf ſich gedeutet fühlte ſchlug beſchei⸗ den und faſt ein wenig erröthend die Augen nieder. Aber Imhof war einmal in den Zug gekommen: „Wie denn, Meiſter Dürer—“ wendete er ſich zu dieſem: Hat nicht ein venetianiſcher Maler von Euch geſagt:„„Dieſer Dentſche würde ein eben ſo großer Ma⸗ ler wie Rafael geworden ſein, hätte er gleich ihm in Italien gelernt und die Meiſterwerke italieniſcher Kunſt vor Augen gehabt?““ Und das nennt Ihr Ehren 137 nach Gebühr und unſer trefflicher junger Landsmann Chriſtoph Scheurl hat Euch in Wiltenberg in ſeiner herrlichen Antrittsrede an der Univerſität zu Ehren des dortigen Malers Lukas Kronach den„deutſchen Appeles“ genannt, und dieſe feinen Italiener wußten Euch keine andere Artigkeit in ihrer Anerkennung zu ſagen als eine, die Euch eben Euer deutſches Vater⸗ land vorwirft?“ Jetzt erröthete Dürer höher:„Daß ich kein Ra⸗ fael bin, wußte ich vor dieſem Ausſpruch,“ ſagte er, „und gerade weil ich ein Deutſcher mit Leib und Seele bin, fühle ich, daß etwas Wahres in dieſer Bemerkung lag. Die kleinen, engen, deutſchen Ver⸗ hältniſſe ſind es, die unſere Formen eckig, unſere Ge⸗ wänder knitterig und unſere Entwürfe ſpießbürgerlich machen— wir müſſen ja fürchten, mit einem freien Schwunge, nach welcher Seite er auch gehen möge, an⸗ zuſtoßen.“ Pirkheimer, der in ſeiner diplomatiſchen Art jetzt gerne wieder ein⸗ oder doch ablenken wollte, da er ſah, daß Dürer jetzt mit ſeinen Worten bei den Rathsherren noch mehr anſtieß als mit ſeinem Pinſel, ſagte:„Ue⸗ berhaupt, Herr Imhof, habt Ihr nicht recht erzählen hören, die Sache verhielt ſich ein wenig anders. Mei⸗ ſter Dürer hatte Meiſter Rafacl Sanzio einige Holz⸗ 138 ſchnitte geſchickt und dabei rief dieſer ſelbſt aus: „„Wahrlich, dieſer Meiſter würde uns Alle übertref⸗ fen, wenn er, wie wir, die Meiſterwerke der Kunſt vor Augen hätte! 1 „O, laßt dieſe Geſchichten!“ rief Dürer beſchei⸗ den, aber nicht ohne einen Anflug von Wehmuth. Der Schultheiß hatte inzwiſchen bemerkt:„Ich habe nichts dagegen, wenn unſer ritterlicher Kaiſer jenſeits der deuiſchen Grenzen ein wenig Krieg führt, man hat dann daheim leichteres Regiment. Manches Geſindel läuft der Trommel nach, und wenn es auch mit dem Sold ſchlecht beſtellt ſein ſollte, ſo lockt die Ausſicht auf Beute und Abenteuer. Die raufluſtigen Ritter gehen zunächſt dahin und ſo ſind denn auch wir unſere Nachbarn los geworden, die Wolſſtein und Jauernberg ſind den Fahnen des Kaiſers gefolgt und werden jetzt unſere Feſte nicht ſtören.“ „Sicherer wären ſie uns doch unter Schloß und Riegel geweſen“, warf Imhof hin, der ſich noch nicht beruhigen konnte, daß Jauernberg dem Biſchof zu Gefallen begnadigt worden war— er meinte immer, die Sache müſſe einen beſondern Haken haben und hoffte ihr noch auf den Grund zu kommen. Jetzt entſtand auf dem ganzen Platz eine größere 139 Bewegung, durch die auch dieſem Geſpräch ein Ende gemacht ward. Ein langer Zug meiſt rieſiger, wenigſtens breit⸗ ſchulteriger und ſtarkknochiger Männergeſtalten be⸗ wegte ſich jetzt üͤber den Platz. Ihren Geſichtern ſah man es an, daß Feuer und Ruß ſie ſo gebräunt und geſchwärzt hatten, daß ſie ſelbſt an einem Feſttage nicht ohne die Spuren ihrer Arbeit erſcheinen konnten, die freilich am deutlichſten ihren Händen ihr Gepräge aufgedrückt hatte. Das waren Rieſenfäuſte, knochig und ausgedehnt, als hätte die Tortur ihre Marter⸗ werkzeuge an ihnen verſucht, Hände, feſtgehärtet vom Feuer, als wären ſie ſelbſt zu Eiſen geworden, andere eiſerne Fäuſte, als diejenigen ihres Zeitgenoſſen des berüchtigten Götz von Berlichingen; er brauchte ſie nur, das„Bürger⸗“ und„Bauerngeſindel“ niederzu⸗ ſchlagen, die ihrigen aber waren im Dienſt einer Ar⸗ beit geheiligt, deren herrlichſte Kunſtwerke noch heute ihre Vaterſtadt zieren. Es waren die Rothgießer von Nürnberg, eine ſtattliche Zunft! Sie trugen graue Hemden und dunkle Beinkleider, lederne Schurzfelle, die im Gehen rauſchten und braune Kappen auf den meiſt ſtruppigen Haaren. Einige von ihnen trugen eiſerne Schürſtäbe in den Händen, andere brennende Kienſpäne, ſo daß ihr Zug einem Fackelzuge glich, 140⁰ und ſie auch jetzt zuweilen in eine dunkle Rauchwolke hüllte. Dieſer Umzug war ein uralter Brauch. Im Herbſt, wenn die Tage abnahmen, fingen ſie beim Licht zu arbeiten an. Wenn die Tage nun im Frühling wieder lang genug geworden, um ſich mit dem Tageslicht begnügen zu können, ſo hielten ſie einen feierlichen Umzug mit ihrem Lichtlein in der Hand, um es in's Waſſer zu tragen. So zogen ſie hin an der Pegnitz bis zu dem„Fiſcherhäuslein“, dem Schießgraben gegenüber. Dort beſtiegen ſie ein Floß, das nun ganz roth und golden ſchimmerte vom Schein der vielen Lichter. Sie hatten ihre beſondern Spruch⸗ ſprecher dabei, die den Frühling begrüßten und die Arbeit ſegneten, Spielleute, zu deren Lauten ſich zuwei⸗ len ihre Geſänge miſchten. So ruderten ſie die Peg⸗ nitz hinab, um dann ihre Lichter in's Waſſer zu wer⸗ fen und ſie ſo auch dem Frühling zu opfern. Jetzt erhoben ſich auch die Frauen, die am andern Ende des Zeltes geſeſſen, um dieſem Zuge zuzuſehen. Die Schultheißin war von andern ältern Patrizie⸗ rinnen umgeben, indeß ihre Stieftöchter Euphemia Pirkheimer in ihrer Mitte hatten. Es war ſo geworden wie Dürer und Iſolde ver⸗ abredet hatten; ſie änderte nichts in ihrem Betragen gegen Pirkheimer, um ihn glauben zu machen, daß 141 Dürer mit ihr gar nicht direkt von dieſer Bewerbung geſprochen habe. Die Antwort, die der Meiſter dem Freunde gab, mochte nur ein Schluß ſein, zu dem er durch klug geleitetes Geſpräch mit ihr gekommen, der ihn zu dem Rath beſtimmte, in Iſolde nie mehr als eine Freundin zu erblicken, die ſie ihm immerdar ſein werde. Auch Euphemia ſollte nichts ahnen von Willi⸗ bald's geheimen Wünſchen und Schmerzen— die ſtolze Iſolde konnte am eheſten begreifen, daß es für ihn das größere Leid geweſen, wenn die Welt erfahren hätte, daß er daran denken konnte, Crescentia eine Nachfolgerin zu geben, und daß die, welche er dazu auserſehen, dieſe Ehre verſchmähte. Die drei Damen gingen auf eine kleine, etwas abſeits gelegene Erhöhung, von der aus ſie die Pegnitz mit dem illuminirten Floß überſehen konnten. Wie ein herabgeſunkenes Stück des Sternenhimmels, oder wie ein Abbild, das ſeinem Original zuvorkam,— ſchwamm es hinab auf den bläulichen Wogen des Fluſſes— im Weſten glühte noch ſchimmerndes Son⸗ nenroth— Iſolde ſchaute träumend hinab, als ſie ſich plötzlich am Saume ihres Kleides geſtreift fühlte, und eine Stimme ſagen hörte: „Was wäre es nun weiter, wenn man es nun auch machte wie dieſe und ein Licht im Waſſer ver⸗ löſchte?“ Iſolde ſah ſich befremdet um— ſie erkannte Ger⸗ haus Storch, die ſie einſt an den Buchenklingen und dann noch zuweilen getroffen— das Mädchen erſchien verändert und verſtört— Iſolde fühlte ein unheimli⸗ ches Grauen und trat einige Schritte bei Seite. „Ihr thut nicht gut, mir auszuweichen“, ſagte Gerhaus,„ich kann Euch einen großen Dienſt erwei⸗ ſen, wenn ich will— nicht wahr, Ihr haßt S Stiefmutter?“ „Ich habe nichts auf ſolche Reden zu ſagte Iſolde und wendete ſich ab. „Vielleicht kommt Ihr doch noch einmal, Euch bei mir Raths zu holen,“ fuhr Gerhaus fort, ohne ſich zurückweiſen zu laſſen,„ich weiß ein Wort, das ſie vor Eurem Vater, vor dem ganzen Haus und vor ganz Nürnberg entlarvt!“ „So behaltet es für Euch“, antwortete Iſolde ab⸗ weiſend,„ich mag es nicht hören und das Unheil, das es bringen ſollte, könnte leicht auf Euch ſelbſt zurück⸗ fallen!“ In dieſem Augenblicke ſah man Ulrich mit Er⸗ hard und noch einem andern Baubruder des Weges kommen— ſchon hatte Ulrich ſeinen grauen, runden Hut abgenommen und grüßte Iſolde— ein langſa⸗ mes Neigen war ihre Erwiderung. „Ah ſo, Ihr ſpäht nach dem da,“ ſagte Gerhaus höhniſch, auf ihn deutend,„da will ich Euch jetzt nicht ſtören, braucht Ihr einen Beiſtand— Ihr könnt ihn bei mir finden.“ Iſolde würdigte die Zudringliche keines Blickes, keines Wortes mehr— ſie dankte der einbrechenden Dämmerung, die ihr Erröthen verbarg, wie das Zit⸗ tern ihrer Kniee. Als ſie ſich aber nach ihren Beglei⸗ terinnen umſah, hatte ſie das Gedränge hinweggeführt, in dem auch Gerhaus verſchwand. Ulrich ſtand ne⸗ ben ihr. Sie hatte ihn lange nicht geſprochen, ſeit ihrer Beichte war ſie nicht wieder in die Kapelle der Be⸗ haim gekommen, nur vom Fenſter aus oder ſonſt bei einer zufälligen Begegnung, im Vorübergehen, hatte ſie ihn geſehen. Eben jetzt, da er neben ihr war, entſtand ein Ge⸗ dränge; aus der Mitte der Bürger, die ſich im Arm⸗ bruſtſchießen übten, war ein Königsſchuß gethan wor⸗ den— Beifallsrufe erſchallten und eine luſtige Fan⸗ fare ſchmetterte dazu. Junger Wein und Meth waren allgemach den dur⸗ ſtigen Maͤnnern, die viel auf eines hochedlen Rathes 144 Geſundheit tranken, der den Wein unentgeltlich verab⸗ reichen ließ, in die Köpfe geſtiegen, Geſchrei und Ge⸗ lärm entſtand, ohne daß man eigentlich wußte, was es war— ein ſolch' ausgelcſſener Geſell ſtürmte auf Iſolde, den Arm um ihre Taille zu legen und ſie zärtlich zum Tanz zu führen. Sie faßte Ulrich's Arm und ſchon ſchlug ſein Schwert den umfaſſenden Arm zurück. Harsdörfer war es, der ſein Werben um Iſolde hier in ſo unziemlicher Weiſe erneuern wollte. „Iſt das Euer Beſchützer?“ fragte er Iſolde höh— niſch, auf Ulrich deutend. „Ja,“ antwortete ſie feſt,„wie Ihr ſeht, gegen jede Gemeinheit!“ „Dort iſt Euer Vater“, ſagte Ulrich, auf den Schultheißen deutend, der in einiger Entfernung ſtand, ihm führte der Banbruder Iſolde ehrerbietig zu. Er flüſterte nur zu ihr;„Ein Frühlingsfeſt, ſo feiert es die Menge— aber die andächtigen Herzen feiern es anders.“ Sie dankte ihm nur mit einem ſeelenvollen Blicke ihrer ſtrahlenden Augen— ſo fanden und ſo trennten ſie ſich wieder. IX. Eine Perlorene. Gerhaus Storch führte ein Leben wie im Fieber. Unglücklicher als jetzt, wo ſie über Vieles verfügen konnte, was einſt zu ihren heißeſten Wünſchen, den höchſten Genüſſen ihres Daſeins gehort hatte: ein reich und bequem eingerichtetes Gemach, kräftige Spei⸗ ſen und ſüße Weine, vor allem köſtliche Kleider, aller⸗ lei Putz und ſchimmernber Schmuck— unglücklicher war Gerhaus nicht geweſen, wenn ſie ſelbſt im rau⸗ heſten Herbſt⸗ und Winterwetter in ihrem Kämmerlein an der Barfüßerbrücke ſaß, durch ihre Schönheit Käu⸗ fer zu den geſalzenen Fiſchen anzulocken, indeß ſie ſelbſt dabei oft einen Biſſen ſchlechten Haferbrotes in das abgeſtandene Salzwaſſer tauchte— unglück icher nicht daheim in der ſchmutzigen Wohnung bei dem keifenden Vater, der nur darnach trachtete, wie er von ihrer Schönheit Nutzen ziehen könne, ſie gern an den 1 Wie Scultheißentzcter von Nörnberg I. 10.% Meiſtbietenden verkauft, aber dabei doch die Waare unter keiner Bedingung aus ſeinen Händen gegeben hätte— unglücklicher war ſie nicht geweſen. Ziemlich ein halbes Jahr war nun vergalgen⸗ ſeit ſie das Vaterhaus verlaſſen hatte, in der thöricht⸗ eitlen Vorausſetzung, dadurch die Ereigniſſe, ſich ſelbſt und einen eitlen Patrizier ſo in die Gewalt zu bekom⸗ men, daß ſie Frau Löffelholz werden könne. Er nahm ſie als ſeine Wirthſchafterin zu ſich und wie er ſie in der That in Allem frei ſchalten und wal⸗ ten ließ, ſo auch war er Anfangs von ihrer Nähe in einen angenehmen ſinnlichen Rauſch verſetzt, der ſich ſo lange ſteigerte, bis er durch ſein Verſprechen, ſie, wenn ſie ſich Mutter fühlen ſollte, zu ehelichen, es da⸗ hin gebracht hatte, ſein Begehren geſtillt zu ſehen. Von da an aber bewachte ſie ihn doppelt mit Ar⸗ gusuugen und ſuchte zu verhüten, daß ihr eine Neben buhlerin entſtehe, oder jede, die ſchon in ihrem Wege ſtand, unſchädlich zu machen— von da an ſchwankte er wieder zwiſchen ihr und einem andern Intereſſe hin und her, ließ ſie zuweilen empfinden, daß er der Herr ſei und überließ ſich den Ausbrüchen ſeiner rohen Lei⸗ in jeder Weiſe, bald zärtlich, bald tiran niſch⸗ bald behandelte er ſie wie ſeine angebetete Ge⸗ liebte, bald ſchalt er ſie wie die gemeinſte Magd. 147 böffelholz war ihr ſtets gleichgiltig, zuweilen ſo⸗ gar zuwider geweſen— dennoch ertrug ſie aus jenem Starrſinn, der ſich gerade oft bei weiblichen Naturen von geringer Bildung des Geiſtes und des Herzens ſo häufig findet, wenn die Erreichung eines boſtimm⸗ ten Zieles ihnen vorſchwebt, dies Alles, ohne von die⸗ ſem Streben ſich abbringen zu laſſen— nur einen Punkt gab es in ihrem zugleich rohen und verdorbenen Gemüth, in dem ſie verletzlich war— gleichſam doch noch ein verborgenes, von der Gemeinheit eines tem⸗ pelſchänderiſchen Götzendienſtes unberührtes Allerhei⸗ ligſtes— ein Altar ſtand darin, der keinem unbekann⸗ ten Gott geweiht— Albrecht Dürer war ſein Heiliger. Der Meiſter hatte ſein Verſprechen gehalten— er hatte ſie noch einmal gemalt. Da ſie hiezu zu ihm ging, war ſie ſchon bei Löffelholz, aber ſie hielt dieſe Gänge vor ihm geheim und wußte es in gewohnter Liſt und Verſchlagenheit ſo einzurichten, daß er nichts davon bemerkte. Auch das Bild, das ihr Dürer ſchenkte. verbarg ſie ſorgfältig, das theuerſte Heiligthum, wel⸗ ches ſie beſaß. Wie ſie zuerſt wieder bei Dürer erſchien, um zu dieſem zweiten Gemälde zu ſitzen und die reichſte Tracht angelegt hatte, die nur in manchen Schnitten von der 10* der Patrizierinnen abwich, hatte ſie Dürer mit vorwurfsvollen Blicken empfangen und ihr geſagt, daß er ja gewünſcht, ſie in ihrer gewohnten bürgerlichen Kleidung zu malen, worauf ſie antwortete:„Dieſe iſt es, ich bin die Braut eines Rathsherrn, nur ſoll es noch geheim gehalten werden“; da hatte er ſie vor eitler Selbſttäuſchung eben ſo ſehr gewarnt, wie vor abſichtlicher Lüge, hatte ihr geſagt, daß Hoffart vor dem Falle komme, und daß ſie ſich hüten möge, ſich ſelbſt in Verſuchung zu führen, da es ſchon genug ſei an den Verſuchungen Anderer. Ihm gegenüber war ſie roth geworden und hatte die Augen niedergeſchlagen, was ihr bei keinem an⸗ dern Manne begegnete— bald aber hatte ſie wieder den Muth gehabt, ſich hoch und theuer zu vermeſſen, daß ſie die Wahrheit rede und nicht das Mädchen ſei, das ſich etwas weiß machen laſſe, noch weniger aber betrügen und in Unehre bringen, daß ſiewiſſe, was ich gezieme, aber auch nie einſehen würde, warum ſie ſchlechter ſein ſolle, als die hochmüthigen Bürgers⸗ und Patriziers⸗Töchter, die nur darum mit der Tu⸗ gend prahlten, weil ſie keine beſäßen, oder wenn ſie dieſelbe beſäßen,— das nur ihrem gezwungenen Stillleben zu danken hätten, in dem ſie keiner Anfech⸗ tung ausgeſetzt wären. 149 Darauf hatte Dürer noch einmal ſeine Warnung vor der Hoffart wiederholt, und daß man niemals im ſchlechten Beiſpiel oder in den Sünden Anderer eine Entſchuldigung für die eigenen finden dürfe— in ſeiner gewohnten milden Art hatte er faſt eine Ab⸗ bitte für ſie gehabt, wenn ſeine gut gemeinten Worte ſie ſollten beleidigt haben, ſo daß ſie nur um ſo mehr ihren Stolz darein ſetzen wollte, um ihm zu beweiſen, daß ſie ſeine gute Meinung verdiene— ſie wollte rein vor ſeinen Augen wandeln und ſchon um ſeinet⸗ willen mußte ſie Alles daran ſetzen Frau Löffel⸗ holz zu werden, damit Dürer ihr ſeine Achtung be⸗ wahre, ja noch mehr, damit ſie in den Kreiſen er⸗ ſcheinen könne, denen er angehörte.. Frau Dürer war gewiſſermaßen berechtigt, auf Gerhaus eiferſüchtig zu ſein— es gibt eine Art ge⸗ heimen Inſtinkt auch in gewöhnlichen Frauennaturen, der ſie ſelten irre führt, wenn er ſie auch zu Uebertrei⸗ bungen veranlaßt, die oft nur auf die Gemeinheit oder die Tugendgleißnerei des eigenen Charakters ein grelles Schlaglicht werfen. Nicht daß Albrecht Dürer je im mindeſten ſich der ſchönen Gerhaus gegenüber auch nur zu der geringſten Huldigung hätte hinreißen laſſen, die mit ſeiner Treue und Sittenſtrenge im Widerſpruch geweſen wäre— aber ſein Künſtlerauge 150 war doch in ſo weit von der äußern Schönheit ge⸗ blendet, daß er doch an einen edlen Kern in ihr glaubte, und weil er einzelne beſſere Züge von ihr erfuhr,— wie ſchon auch ihr unerſchütterlicher Vorſatz, von ihm für ihr Modellſitzen kein Geld zu nehmen u. ſ. w.— ſo glaubte er, einen gewiſſen innern Adel in ihr zu finden, der nur durch die untergeordneten Verhältniſſe, in denen ſie lebte, gezwungen war⸗ ſich zuweilen zu verleugnen— und er nahm ſie darum ſowohl gegen die Beſchimpfungen ſeiner Frau, wie gegen die üblen Nachreden Anderer in Schutz, die in ihr wieder gar nichts Beſſeres ſahen, als eine jener gemeinen käufli⸗ chen Dirnen, zu denen allerdings ein großer Theil der weiblichen Bevölkerung Nürnbergs in wie außer den„Frauenhäuſern“ gehörten, auch die letztern erhiel⸗ ten ſich in großer Anzahl von dem Rath privilegirt, wiewohl er auch wieder nichts dagegen hatte, wenn die ehrſamen Nürnberger Bürgersfrauen ein ſolches Frauenhaus ſtürmten, wie es gerade in jener Zeit mehrfach geſchah, wobei denn freilich auch von jenen tugendhaften Frauenzimmern Reden geführt wurden wie ſie höchſtens jener Auswünflinge der menſchlichen Geſellſchaft zum eigenen Gebrauche würdig geweſen wären. Gerh aus hingegen war von der heißeſten Liebe zu 151 Dürer entflammt, die ſich eben nur darum in ihr zu einer ſchwärmeriſchen Anbetung umwandelte, die nichts für ſich begehrte, weil ſie eben die Gewißheit ſchon von vorhinein ahnte und ohne eine ſpezielle Prüfung her⸗ ausfühlte— nichts erreichen zu können. Sie begnügte ſich darum mit dem Geringſten. Dürer's Nähe ſchon ward zur Seligkeit für ſie Wenn ſie an die Möglich⸗ teit geglaubt hätte, daß ſie ihn vom Pfad der Pflicht und Sittlichkeit verlocken könne, ſie würde ſich nicht ge⸗ ſcheut haben, ihn in Verſuchung zu führen— aber eben darum, weil ſie einſah, daß er dazu zu hoch ſtand, höher als alle Männer, die ſich ihr bisher genähert hatten, wuchs er ihr zu einem unerreichbaren Ideal empor, dem ſie huldigte wie einem Gotte. Und ſo auch drängte ſich Alles, was irgend Gutes in ihr war, in dieſem einen Punkt zuſammen.— Vor Dürer's Augen ſuchte ſie unſträflich zu wandeln— ihre Liebe zu ihm machte ſie ſich zu keinem Vorwurf — es war die Liebe zu einem Heiligen— ſie beichtete ſie auch darum nicht in der Lorenzkirche, da ſie alle ihre Sünden beichtete— für das, was das Beſte in und an ihr war, brauchte ſie keine Abſolution. In die⸗ ſem Punkte war ſich dieſes in Moral wie in Bildung ſo tief ſtehende Mädchen völlig klar— klarer als die 15² Nin jeder Beziehung hochſtehende Iſolde, die ja ein ähn⸗ liches Gefühl beſeelte. Es war der katholiſche Zug nach Anbetung, der in den Frauen lebendig war und die Heiligen von den oft entweihten Altären in's wirkliche Leben der Ge⸗ genwart verſetzte. Wie geheim nun auch Gerhaus ihre Gänge zu Dürer gehalten— ein Zufall hatte ſie einige Zeit nachher Martin Löffelholz doch verrathen. Er war ein eiferſüchtiger Tirann und da Gerhaus nicht dahin zu bringen war die Wahrheit zu geſtehen, daß ſie für ſich ſelbſt Dürer gemalt, weil ſie das Bild ſonft hätte abliefern müſſen und dazu ſich in keinem Falle verſtanden hätte, da es ihr größter Schatz war, den ſie beſaß, weil er von ſeinen Händen kam— ſo legte Löffelholz ihren Beſuchen bei Dürer nur die gemeinſte Bedeutung unter. Vielleicht war er ſelbſt weit ent⸗ ſernt daran zu glauben, denn auch ſelbſt ihm war Dü⸗ rer's durchaus fleckenloſer Wandel bekannt, da aber eben ſeine Leidenſchaft im Abkühlen war, ſo griff er jede Gelegenheit auf, die ihm eine Waffe gegen Ger⸗ haus in die Hand gab und ein Mittel werden konnte, — ſich ihrer wieder zu entledigen, ſobald ſie es wünſchte. Das war es, was Gerhaus am allertiefſten ver⸗ 15⁵ wundete, was ſie Löffelholz nie vergab— und doch beſaß ſie auch wieder den Trotz und Stolz nicht durch Vorzeigung des Bildes— ſie hätte ja nur zu ſagen brauchen, daß ſie ſich habe heimlich malen laſſen, um Löffelholz eine Ueberraſchung zu bereiten— ſich zu rechtfertigen— oder wenn er trotzdem ihrer Unſchuld nicht hätte glauben wollen, ſo beſaß ſie wieder— wenn auch nur eben Dürer gegenüber, zu viel Scham, als daß ſie ihn hätte zu ihrer eigenen Rechtfertigung aufrufen mögen, wolite ſie ſelbſt lieber leiden als ihn ein Leid zuzufügen, wie er wahrſcheinlich empfunden hütte, wenn Löffelholz eiferſüchtiger Verdacht ihm zu Ohren gekommen— durch ſie ſelbſt ſollte es wenig⸗ ſtens nicht geſchehen, wenn ſie auch nicht wußte, ob ſie es verhüten könne, daß es nicht durch Andere geſchah. Seitdem aber haßte ſie Löffelholz aus tiefſter Seele, wenn ſie auch das nicht hinderte noch Alles aufzubieten, um ſeine Gemalin zu werden— ja, mit einer Art von Fanatismus verſuchte ſie Alles aus dem Wege zu räumen, was ſie hindern konnte dies Ziel zu erreichen, ſo wie ſie Alles zu erfaſſen trachtete, was ſie ihm zuführen konnte. So umgab ſie ihn überall mit ihren Späherblicken. So hatte ſie wiederholt Georg Glockendon und Jerta 154 Echter vor ihm gewarnt, ſo war ſie ihm nachgegan⸗ gen, als der Biſchof von Bamberg einzog und ſie das für ſie ſchreckliche Zuſammentreffen mit dem Nach⸗ richter Hartwig Rotter hatte. So verſuchte ſie am ſel⸗ ben Abende der Feſttofel ſich in das Haus des Schul⸗ theißen als Mönch verkleidet zu drängen, weil ſie hatte ſagen hören, daß Löffelholz, der bis dahin das⸗ ſelbe als abgewieſener Freier gemieden, es nur darum wieder betrete, um doch noch ſeine Verlobung mit Anna von Weichsdorf zu feiern. Wäre es der Fall geweſen, ſo würde Gerhaus ſich nicht geſcheut haben hervorzutreten und ihre Rechte auf ihn öffentlich geltend zu machen— aber von der Dienerſchaft, die ſie ausge⸗ horcht, hörte ſie, daß ſie falſch be ichtet war und ſo ging ſie wieder— freilich von Ulrich entlarvt und noch einmal in die ſchreckliche Geſellſchaft des Nach⸗ richters gebracht. Mit der allen ſelbſt geſunkenen Geſchöpfen eige⸗ nen Frende, wenn ſie auch Andere aus einer reineren Sphäre ſich nachzerren können in den Sumpf der Ge⸗ meinheit und jener ſcharfen Beobachtungsgabe, die ihr eigenes beſſeres Gefühl für Dürer ihr verlieh, errieth ſie ein geheimes, weil durch ſeinen Stand verbotenes Liebesverhältniß zwiſchen Iſolde und dem Baubruder, als ſie dieſen die Jungfrauen in ihre Gemächer be⸗ „ 15⁵ gleiten und dann erſt nach längerer Zeit wieder her⸗ abkommen ſah— und da ihr Ulrich für ihre muth⸗ willige Bemerkung die Kapuze vom Haupte riß und ſie nun der Gefahr von Vielen erkannt worden zu ſein durch ihn preisgegeben war, fühlte ſie zur Rache an ihm ſich aufgeſtachelt— wenn auch uur ſo, daß ſie ſich vornahm jede Gelegenheit zu ergreifen, die ſich ihr etwa dazu bieten würde, ohne ſie zu ſuchen. Einmal, da ſie auch dem Rathsherrn in der Faſten⸗ zeit zu einem Maskenſcherz heimlich gefolgt war, ohne von ihm erkannt zu werden, hatte ſie ihn zu der Schul⸗ theißin von Weichsdorf ſagen hören: „Ich ſagte Euch ſchon, daß ich meine guten Gründe hatte von der Werbung um Anna zurückzu⸗ treten— wenn ich auch nicht nöthig habe, Euch die⸗ ſelben zu nennen,— Ihr wißt ja noch am beſten, daß ich ein Mittel beſitze— wenn auch ein äußerſtes, Euch und Euren Gemal zu zwingen nach meinem Willen zu handeln, denn auch ihn würde der Schimpf mit⸗ treffen, wenn Euere Schande offenbar würde.“ „Daran werdet Ihr im Ernſte nicht denken, hatte ſie geantwortet,„es wäre ja auch die Euere!“ Eiin verächtliches„Pah“ hatte er hören laſſen; ich bin ein Mann— und was man bei Eurem Ge⸗ 156 ſchlecht mit Recht als eine ſchmähliche Niederlage ſtraft, wird uns als ein Sieg vergeben!“ 3 Gerhaus ſchauderte— wie tief ſie ſelbſt auch Löffelholz verachtete, auf welcher niedern Stufe ihre eigene Moral auch ſtand, wie ſehr ſie auch das Leben in ſeiner Geſunkenheit kannte, in dieſem Augenblicke begriff ſie erſt die ganze Gefahr ihrer eigenen Lage, für die es kein Haltpunkt mehr war einen Mit⸗ ſchuldigen zu haben— ſie lauſchte nun mit um ſo geſpannterer Erregung und hörte die Schultheißin wieder ſagen: „Ihr könnt es nicht beweiſen.“ „Ich kann es, denn ich habe alle Dokumente auf⸗ gehoben, die ſich auf dieſe Geſchichte beziehen, die 6 alten wie die neuen.“ Gerhaus hörte nichts mehr, weil die Beiden, die Nähe einer dritten Perſon bemerkend ſich zurückzogen und es ihr ohne auffallend zu werden, wodurch es ihr um ſo unmöglicher ward ſie zu belauſchen, nicht mehr ge⸗ lang, ihnen nahe zu kommèn. Aber ſie hatte auch ſchon genug gehört— in fie⸗ berhafter Haſt eilte ſie nach Hauſe und da ſie jetzt noch einige Stunden ſicher vor des Rathsherrn Rück⸗ kehr war, ſo machte ſie ſich daran, ſeine Schränke, La⸗ den und Käſten zu durchſuchen Sie wußte ja nun, — 157 daß ſie dem halb erlauſchten Geheimniß durch Doku⸗ mente auf die Spur kommen konnte. Freilich— würde es ihr etwas helfen?— leſen konnte ſie ja nicht! Nach langem Suchen entdeckte ſie in einem Wand⸗ ſchrank hinter dem Bette des Rathsherrn eine kleine eiſerne Kaſette— es war kein Schlüſſel noch Schloß daran, ſie mußte auf eine geheime Weiſe zu öff⸗ nen ſein. Lange probirte Gerhaus daran erfolglos. Endlich entdeckte ſie in der zierlichen Reliefarbeit einer Seiten⸗ wand des kunſtreichen Werkes ein kleines Loch; als ſie mit einer Nadel hineinfuhr und dieſe ſeitwärts drehte, ſprang der Deckel auf. Urkunden, Pergamente und Briefe von grobem vergilbten Papier ruhten darin. Faſt verzweiflungsvoll ſtand ſie davor— auf gut Glück nahm ſie das Schreiben heraus, das am neue⸗ ſten ausſah, und verſchloß dann die Kaſette wieder. Sie nahm nur den inneren Brief, den Umſchlag mit der Adreſſe ließ ſie zurück. Nach langem vergeblichen Sinnen, von wem ſie ſich den Brief könne leſen laſſen, kam ihr plötzlich der Gedanke an Georg Glockendon. Er war ihr ja Dank ſchuldig, war ſchon halb und halb ihr Vertrauter. Sie hatte ihm ja zu allererſt und 158 dann noch öfter gerathen vor Martin Löffelholz auf ſeiner Hut zu ſein und noch mehr Jerta vor ihm zu behüten— an ihm konnte ſie einen Bundesgenoſſen finden, der zur rechten Zeit zu ſchweigen, wie zu re⸗ den und zu handeln verſtehen würde. Freilich mußte ſie die Vorſicht brauchen ihm nicht zu ſagen wie ſie zu dem Briefe gekommen war, zunächſt auch nicht, daß er an Löffelholz gerichtet ſei, wenn der Inhalt das nicht ſelbſt verrieth, was ſie ja doch nicht wiſſen konnte. Jene in Wahrheit heilige Scheu, die ſie vor Dürer empfand, ſo wie die Möglichkeit, daß Löffelholz viel⸗ leicht nach ſeinem einmal ausgeſprochenen Verdachte am eheſten aufpaſſen laſſen würde, ob ſie ihre Schritte wieder in die„Ziſſelgaſſe“ lenke, ließ ſie dieſe vermeiden, und da ſie Georg's Wohnung nicht weit von der Fleiſchbrücke an der Pegnitz bald erfah⸗ ren, ſo nahm ſie dorthin ihren Weg. Daß der Bau⸗ bruder Ulrich mit in demſelben Hauſe wohnte, wußte ſie nicht. Um Glockendon ſicherer zu treffen, mußte ſie bis zu einem Sonntag warten, an dem zugleich Herr Löf⸗ felholz mit Andern ſeinesgleichen in einer Trinkſtube zu ſitzen pflegte, bis er erſt nach ſtundenlanger Abwe⸗ ſenheit taumelnd nach Hauſe kam. Klug berechnete ſie, 159 daß in derſelben, welche ſie wählte, auch die Mutter Glockendon nicht zu Hauſe ſein würde, da ſie zu den gewiſſenhaften Kirchengängerinnen gehörte⸗ Wirklich erreichte ſie was ſie wollte— ſie traf Georg allein, fleißig malend an ſ einem eigenen Bilde, das er Jerta ſchenken wollte, es war noch ehe ſie ſich in's Kloſter geflüchtet hatte. Nicht wenig war er verwundert Gerhaus bei ſich eintreten zu ſehen, aber nur ganz erfüllt von den Ge⸗ danken an Jerta, und weil er wußte, in welcher Ver⸗ vindung ſie mit Löffelholz war, dachte er ſogleich, daß es nur dies Intereſſe ſei, in dem ſie kam, und ſo hieß er ſie, wenu auch mit einer gewiſſen Beklommen⸗ heit, freundlich willkommen. Allerdings hatte er ſich nicht getäuſcht— ſie dehnte ihre Warnungen auf Jerta's Vormund aus, mit dem der Rathsherr im vollſten Einverſtändniſſe ſei, dann ſagte ſie wie nur ſo nebenher:„Ich habe da ein Pa⸗ pier gefunden, von dem ich nicht weiß, wem's gehört, und das ich deßhalb in unrechte Hände geben könnte, ich kann nicht leſen, lehrt mich den Inhalt kennen, damit ich dann mein Verfahren darnach richten kann.“ Arglos nahm er es und las: „Ich habe erfahren, daß Euer todtgeglaubtes gind als ein Predigermönch in Nürnberg lebt. Das Ge⸗ 160 nauere über ihn zu erfahren, dürfte wohl möglich ſein, falls Ihr, da Ihr ohne Erben ſeid, vielleicht ge⸗ ſonnen wäret, ihn dazu einzuſetzen oder— falls Ihr ein Mittel brauchen ſolltet auf die Schultheißin ein⸗ zuwirken, jedenfalls könnt Ihr ſie durch dieſe Mit⸗ theilung ſchrecken.“ Der Brief hatte keine Unterſchrift und kein an⸗ deres Datum als die Jahreszahl 1509. Das war damals oft ſo üblich, wo die expreſſen Briefboten den Schreiber nannten, Georg ſah Gerhaus fragend an, was wohl davon zu halten ſei? wie ſollte er Far zu ſehen vermögen? Sie aber konnte es, nach dem was ſie erlauſcht, und da ſie wußte, daß Löffelholz der Empfänger des Briefes war— auf eine längere Erklärung wollte ſie ſich vor der Hand gegen den jungen Maler nicht ein⸗ laſſen, was ſie wußte, war ihr immer lieber für ſich allein zu wiſſen. Ohnehin wurden ſie in dieſem Augenblicke ge⸗ ſtört.— Ulrich hatte die Thüre geöffnet ohne zu klopfen— einen finſtern Blick warf er auf Gerhaus, einen erſchrockenen auf den Jüngling— dies unwür⸗ dige Geſchöpf bei ihm— bei ihm, ſo berechnet in dem Momente, wo die Mutter in der Kirche war! Gerhaus verſtand dieſe Blicke, ein ſpöttiſches Lä⸗ —, 6 161 cheln zuckte über ihr Geſicht, zog ihre Lippen zurück — es war faſt als ob ſie ihm die großen weißen Zähne, feſt auf einander gekniffen, wieſe. „Nicht wahr,“ ſagte ſie zu Georg mit einer die⸗ ſen jetzt ſelbſt verletzenden Vertraulichkeit,„nicht wahr, wenn ein ſchmuckes Bürſchlein wie Ihr und ein Frauenzimmer wie ich zuſammen ſind, da darf ein frommer Baubruder das Aergſte denken! wenn er aber nicht am hellen Tage, ſondern zu nächtlicher Stunde, weil es ihm verboten iſt ſich mit Fauenzim⸗ mern zu führen und zu ſcherzen zur vornehmen Schul⸗ heißentochter ſchleicht, da iſt es ein Verbrechen ſich darüber zu wundern, für das man beſtraft werden muß?— Ich nehme Euer Wort mit mir, daß Ihr ſchweigt!“ ſagte ſie und ergriff Georg's Hand. „Ein Mann, ein Wort!“ vermochte er nurzu ſagen, denn was er weiter verweiſend hinzufügen wollte, das hörte ſie nicht, weil ſie ſchnell durch die Thür ſchlüpfte. Einige Zeit beichtete ſie in der Kirche zu St. Lorenz. Sie beichtete weniger um ihrer Sünden willen, als weil ſie gern ergründen wollte, ob der beichthö⸗ rende Predigermönch vielleicht derjenige ſei, deſſen Eltern fie kannte, wenn ſie das wußte, ſo meinte ſie viel gewonnen zu haben, um zu ihrem Ziel zu gelangen. 1861. Ix. Die Schultheißentöchter von Nürnberg I. 11 K. Charitas Pirkheimer. „Ein Frühlingsfeſt! ſo feiert es die Menge— aber die andächtigen Herzen feiern es anders!“ Dieſe Worte Ulrich's hallten in Iſolden's Seele nach wie die Klänge einer Orgel im erhabenſten Dom. War ſie denn ſchuldig, daß ſie ihn liebte— war ſie es nicht? Warum kam nur immer dieſe Gerhaus in ihren Weg, gleich dem unheimlichſten Schatten? Bald war es Iſolde als flöge ſie hoch erhaben über alle Schranken dahin— bald wieder als zerre ein ſpottender Dämon in einen Pfuhl ſie hinab. Zuweilen auch erſchien ihr Eliſabeth— war es im Wachen oder im Traume— auch das wußte ſie kaum! Aber auch dieſe Erſcheinung blieb ſich nicht gleich. Bald breitete Eliſabeth ihre Arme liebkoſend über Iſolde, wie ſie es ihr im Leben oft gethan und ſpräche zu ihr: Da ſchienſt eine ſo gelehrige folgſame Schülerin, die vor den 163 Männern und der Liebe ſich hüten wollte— und biſt ihr nun doch erlegen— aber freilich nur dem Einzigen gegenüber, bei dem ich es dir vergeben kann— aber dann war es wieder als würde Iſolde naß von Eli⸗ ſabeth's Thränen, und ſie flüſterte: Nun biſt du auch dem Leide geweiht wie ich, denn er iſt dir ja doch ver⸗ loren!— Und dann wieder ſah ſie Eliſabeth ſterben und fühlte das Blut, das aus der klaffenden Wunde quoll, über ſich ſtrömen und hörte ſie rufen: Ich durfte in ſeinen Armen ſterben— weh' dir, wenn du wäh⸗ nen könnteſt, du dürfteſt darin leben— dann komme mein Blut über dich! Und dennoch hob ſie ſich ein andermal wieder als verklärte Lichtgeſtalt aus ihrem Sarkophag in der Kapelle, nahm Ulrich und Iſol⸗ den's Hände und ſchwebte vor ihnen her durch den herrlichen Ban der ganzen Kirche, höher und höher— und ſie ſchwebten ihr nach, von Geiſterhänden gezogen. An der herrlichen Roſe über der Brautthür ruhten ſie einen Augenblick, dann flogen ſie höher auf wie leicht⸗ beſchwingte Vögel durch den Säulenwald, endlich durch das höchſte Gewölbe des Doms, und höher und höher bis zur höchſten Spitze des Thurmes, bis nichts mehr ſich über ihnen wölbte als der blaue Himmel— und wie man zuweilen auf hochſter Thurmſpitze die Geſtalt eines Heiligen ſieht, ſo richtete Cliſabeth jetzt 11* 164 dort ſich auf, und rief zu den Beiden, die ſie ſich nach⸗ gezogen: wie klein und niedrig erſcheint nicht Alles von ſolcher Höhel! wollt Ihr Euch hier auch noch hal⸗ ten an menſchliche Satzungen und Gebräuche? wollt Ihr nicht den Muth haben Euch auch vor den Augen der Welt dahin zu ſtellen, wo Ihr ſteht vor den Augen Gottes? Ein liebendes Frauenherz bedarf ja ſo wenig Nah⸗ rung für ſeine Liebe— ein einziges Wort vom Früh⸗ ling wie jenes Ulrich's konnte gleich einem ſonnen⸗ warmen Lufthauch eine ſproßende Blumenwelt vor Fſolden's Blicke zaubern. Süße, berauſchende Düfte wehten ſie an, Nektartropfen fielen aus den geöffneten Kelchen— eine Lerche flog jauchzend zur blauen Wöl⸗ bung des hohen Himmelsdomes, eine Nachtigall tril⸗ lerte wehmüthig im Buchenhain. Mit einer ſchmelzen⸗ den Melodie begleitete ſie jene Träume von Eliſabeth. Regt ſich's doch überall im Frühling und hebt ſich doch auch die kenſcheſte weibliche Bruſt dann von einem Bangen und Sehnen, Wünſchen und Hoffen, das keinen Namen hat und nur in ſtillgeweinten Thrä⸗ nen ſeinen Ausdruck findet! Iſolde hatte Ulrich gemieden ſeit ſie ſich von Pirk⸗ heimer's Werben ihrer Empfindung bewußt geworden. Was ihr im Beichtſtuhl befohlen worden, was ſie ſich —— 165 ſelbſt gelobt, hatte ſie mit höchſter Selbſtüber windung zu erfüllen geſtrebt. Um ihn nicht mehr zu ſehen wich ſie jedem Ort und jeder Stunde aus, wo ſie Ulrich begegnen konnte; um ihren Gedanken ſelbſt an ihn zu ent⸗ fliehen, kehrte ſie mit Eifer zu jenen gelehrten Studien zurück, die ſie einſt ſchon unter Eliſabeth's Augen und dann noch mehr unter Charitas Pirkheimer's Augen begonnen hatte. Oefter als ſonſt weilte ſie jetzt im Klarakloſter. Sie fühlte ſich verpflichtet nach ihrem Schützling Jerta Echter zu ſehen, ſie verlangte öfter die Aebtiſſin Cha⸗ ritas zu ſprechen, um ſich von der hochgelehrten Jung⸗ frau über Das und Jenes belehren zu laſſen, was ihr in den gelehrten Schriftſtellern dunkel geblieben, die ſie theils in der lateiniſchen Urſprache las, theils in den Ueberſetzungen, mit denen eben damals ſich die deutſchen Gelehrten zu beſchäftigen begannen, wie denn Willibald Pirkheimer ſelbſt bereits mehrere ge⸗ liefert und ſeiner Schweſter Charitas gewidmet hatte, z. B. die Werke des heiligen Fulgentius und andere. Eben darum hatte Iſolde auch Zutritt zu der Aebtiſſin, wenn dieſe in der Bibliothek verweilte. Wie ſtreng auch Charitas auf treue Befolgung aller Klo⸗ ſterregeln hielt, die dem heiligen Zwecke desſelben ent⸗ ſprachen, ſo wußte ſie doch das Kloſterleben gleich fern 166 von jener mehr abſtumpfenden als begeiſternden Asceſe zu erhalten, welche ſelbſt in Allem was die wahre Bildung fördert, eine Beeinträchtigung der chriſtlichen Pflicht erblickt, wie von jener den Zweck des Kloſters geradezu verhöhnenden Sittenloſigkeit, von der das nahe gelegene Kloſter Engelthal ergriffen war. Wie Charitas das Ideal einer gelehrten Frau der damali⸗ gen Zeit, ſo war ſie auch das Ideal einer Aebtiſſin. Ihre Seele war in Wahrheit dem Herrn geheiligt, und ſo wußte ſie ihm ſelbſt Alle zu heiligen, die ſie in ihre Hut genommen. Sie förderte Alles was zur Heiligung dienen konnte— nicht nur ein Leben voll dumpfen Hinbrütens, ſondern voll echter Frömmigkeit, Streben nach Belehrung und Kenntniſſen, nach Wiſ⸗ ſenſchaft und Kunſt. Dem alten Beruf der Klöſter, die Pflanzſtätten derſelben, wie einſt ſogar aller Kul⸗ tur zu ſein, ſuchte ſie wieder zu ihrem Recht zu ver⸗ helfen— und zwar um ſo mehr, als ſie von dem Streben durchdrungen war, ihr eigenes Geſchlecht den Zeitgenoſſen auf der gleichen Stufe mit dem männ⸗ lichen zu zeigen. So unterhielt das Kloſter eine Koſt⸗ ſchule, welche Mädchen meiſt aus den erſten Familien Nürnbergs vom zehnten bis achtzehnten Jahre be⸗ ſuchten, nachdem ſie ſich zu beſtimmen hatten, ob ſie noch als Novizen im Kloſter bleiben und nach der 167 geſetzlichen Friſt den Schleier nehmen oder zu ihren Familien zurückkehren wollten. Dieſen Unterricht, viel gründlicher und umfaſſender als er ſonſt wo ertheilt ward, leitete Charitas ſelbſt und die fähigſten Nonnen unterſtützten ſie dabei. Einen Theil ihrer Zeit widmete ſie den gelehrten Studien und einem lebhaften Brief⸗ wechſel mit ihrem Bruder Willibald, ihrem Schwager Martin Geuder, ihrem Jugendfreund Albrecht Dürer und vielen ausgezeichneten Männern auch außerhalb Nürnbergs. Der gekrönte Dichter und Humaniſt Kon⸗ rad Celtes hatte einſt auch zu denſelben gehört. Viele dieſer gelehrten Männer beſuchten ſie zuweilen im Sprachzimmer, wo ſie verſchleiert hinter dem Gitter erſchien, indeß ihre Schweſtern und die ehemaligen Koſtgängerinnen des Kloſters zu beſtimmten Stunden und Tagen in der Bibliothek bei ihr Zutritt hatten. Dort war auch eines Tages Iſolde bei ihr. Sie hatten zuerſt von Jerta geſprochen und Charitas ver⸗ ſichert, daß dieſelbe mehr und mehr jene ängſtliche Scheu ablege, die ſie Anfangs gezeigt, ſich fleißig im Leſen und Schreiben übe, worin ſie ſehr zurück geweſen, und Geſchmack an dem Studium heiliger Schriften gewinne, wodurch zumeiſt ihre weiblich verworrenen Begriffe ſich läuterten und klärten. „Mit wahrem Vergnügen,“ ſagte dann Charitas 168 zu Iſolde,„ſehe ich auch, wie du ſelbſt dich jetzt mit erneuertem Eifer den heiligen Wiſſenſchaften zuwendeſt und gleich mir ſelbſt einen Sporn darin findeſt den Männern zu zeigen, daß wir Frauen ihnen im Stre⸗ ben und Erkennen nicht nachzuſtehen brauchen. Sieh, hier ſind die Werke der heiligen Nonne Roswytha,“ fuhr ſie fort, ein in weißes Schweinsleder gebundenes Buch von dem Bücherbrett nehmend,„die Konrad Celtes zuerſt entdeckt und mir einſt gewidmet hat. Vielleicht erinnerſt du dich noch ſeiner und haſt ſeine Werke ſelbſt, die er deiner Muhme Eliſabeth verehrte?“ Iſolde bejahete— in ihrer Kindheit hatte ſie ihn einmal geſehen, und wohl wußte ſie, daß ihn Eliſa⸗ beth einſt nicht nur auf den Wink Kaiſer Friedrich's III. in Nürnberg zum Dichter gekrönt, ſondern auch ge⸗ liebt hatte. „Sein demüthiger Eifer,“ fuhr Charitas fort, „iſt alles Lobes werth, mit dem er die Schriften und Gedichte eines ſchwachen Weibes ſtudirt, an's Licht gebracht und dem Drucke übergeben hat und das ge⸗ brechliche Geſchlecht nicht verachtet, noch den niedern Stand einer Nonne. Wie gern geſtand ich ihm ſelbſt bei dieſem Anlaſſe, daß er ganz gegen die gewöhnliche Sitte ſo vieler Gelehrten oder vielmehr Hochmüthigen gehandelt, welche mit großer Uebertceibung alle Worte, 169 Handlungen und Reden der Frauen ſo ſehr herab⸗ ziehen und gering ſchätzen, gleich als hätte das andere Geſchlecht nicht einen und denſelben Schöpfer und Erlöſer gehabt, und welche nicht wahrnehmen, daß die Hand des höchſten Künſtlers noch lange nicht kürzer geworden. Trefflich hat er hierin den heiligen Hierony⸗ mus nachgeahmt, welcher unſer Geſchlecht nicht ver⸗ achtete, ſondern keine Scheu trug gottgeweihete Jung⸗ frauen in heiligen Wiſſenſchaften zu unterrichten auf ihre Bitten hierum, da ſie von geiſtesträgen und müſ⸗ ſigen Männern gänzlich darin vernachläſſigt waren. Niemals werde ich hier, wo ich nur herrſche um zu dienen, eine ſolche Vernachläſſigung dulden— wäreſt du hier an meiner Seite, du würdeſt mir Großes voll bringen helfen, da dich dasſelbe Streben beſeelt!“ Iſolde ſchüttelte langſam das ſchöne Haupt:„Ihr beurtheilt mich allzu gütig.“ Ihr würdet mich nicht mehr in einem ſo günſtigen Lichte erblicken, könntet Ihr in mein Inneres ſehen!“ Charitas wollte dennoch ihre höhere Meinung von Iſolde aufrecht erhalten, aber dieſe, wohl gewohnt ungerechten Anfeindungen gerechten Stolz entgegenzu⸗ ſetzen, ertrug dafür kein Lob, deſſen ſie ſich nicht wür⸗ dig fühlte. Sie wehrte das nochmals ab, und ſagte 170 eudlich nach mannigfachen Hin und Widerreden, vom Drange ihres Herzens überwältigt: „Und wenn ich nun doch mich nur in Bücher ver⸗ grabe, um auch darin mein Herz vor mir ſelbſt zu ver⸗ bergen? Wenn ich nur darum den Kreis meiner Gedanken erweitern will, um den meiner Gefühle zu verkleinern? Wenn ich lieben muß, wo ich nicht lieben darf?“ Charitas' ruhig ernſte Züge ſchienen bei dieſen Worten von düſtern Schatten der Wehmuth überzogen zu werden.„Wenn es ſo iſt,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„hier iſt der beſte Schutz gegen ſolche Gefühle, hier heilen alle Wunden— bleibe bei mir— im Klo⸗ ſter!“ „Nein, edle Charitas,“ ſagte Iſolde, ſich ſanft aus der ſanften Umarmung der Aebtiſfin losmachend; „vor der Reinheit Eueres Strebens ſchlage ich die Augen nieder, Ihr ſeid groß und edel, daß Ihr mich nicht als eine Unwürdige gleich nach dieſem Wort ver⸗ 3 dammt, aber Ihr ſeid von je zu erhaben geweſen über ſolch' eine weibliche Schwäche, als daß ich es wagen könnte mit der meinigen unter Euern Augen oder an Eurer Seite zu wandeln, auch wenn Ihr bereit ſeid ſie zu vergeben!“ Charitas blickte mit großen Angen feſt auf Iſolde— 171 bei aller Sanftheit lag ein faſt zerſchmetternder Aus⸗ druck darin, ein ſchmerzliches Lächeln ſpielte um die feingeformten Lippen, ein Lächeln wie man es bei verklärten Geiſtern denken möchte, die man hoch und ſelig preiſt und die doch der irdiſchen Schmerzen, die ſie einſt erduldet, noch gar wohl bewußt ſich ſind. „Weil du mich nicht leiden geſehen, weil die Welt meine Empfindungen nicht erfahren, denkſt du mein Per habe nicht auch ſchlagen können wie das deine? Was kann dich berechtigen mich für ein Weſen aus anderem Stoff zu halten als du ſelbſt biſt? Der Augenblickfreilich, in dem ich mein Gefühl erkannte— ein Gefühl, das ich bekämpfen mußte wie du das deine und das vielleicht vermeſſener war als dies— wiſſe denn: denſelben Baubruder, den Eliſabeth geliebt, kannte und liebte auch ich— ich ſah ihn als er einen Kameraden retten wollte, in Lebensgefahr ſchweben auf der Spitze des Thurmes von St. Lorenz— nur ein Wunder faſt konnte ihn retten— an meiner Ver⸗ zweiflung erkannte ich mein Gefühl. In dieſem Augen⸗ blicke gelobte ich den Heiligen, wenn ſie ihn beſchützten, mich dem Kloſter zu weihen; von dem Augenblicke da er gerettet war, betrachtete ich mich als eine Braut des Himmels Ich fühlte, daß ich nicht lieben durfte wo ich liebte— und ging in das Kloſter— nun ver⸗ 172 damme die Aebtiſſin, die du eben zu einer Heiligen, zu einem übermenſchlichen Weſen machen wollteſt— und die darum verpflichtet war dir zu beichten! Sie hatte ſich erhoben und ſtand mit hoch aufgerichteter Geſtalt und doch geſenkten Hauptes vor Iſolde. Dieſe ſank zu ihren Füßen und hüllte ihr Geſicht in das Gewand der Aebtiſſin:„Heilige Jungfrau!“ rief ſie,„auch Ihr, auch Ihr! es iſt derſelbe— den ich liebe!“ Einen Augenblick ſtand Charitas betroffen. Daß ſie das nicht gleich errathen! Sie wußte ja, daß Ulrich wieder hier war— er war ein Freund Willibald's— und wie ſie geiſtig trotz ihrer Abgeſchiedenheit mit fortlebte in dem Kreiſe der Wiſſenſchaft und Kunſt, der Gelehrten und der Künſtler, ſo hatte man ihr auch geſagt, daß dieſer hochbegabte Steinmetz wieder arbeite in der Bauhütte von Nürnberg und in der Kapelle der Scheurl und Behaim— warum hatte ſie nicht gleich gedacht, daß nur er es ſein konnte, zu dem Iſol⸗ den's Herz ſich verirrte? ſo fragte ſie ſich einen Augen⸗ blick, und dann ſagte ſie, zwar unendlich ſanft, aber mit der ganzen Macht einer Ueberredungskunſt, die auf innerſter Ueberzeugung ruht: „Ich ging in das Kloſter. Hier konnte ich im Geiſte einen Tempel bauen zur Ehre Gottes wie der, 173 zu dem meine Gefühle ſchweiften in der Wirllichteit. Ich wählte eine Gemeinſchaft der Heiligen, weil auch nur der leiſeſte Gedanke an eine irdiſche ein Verbrechen geweſen wäre. So heiligte ich dies Gefühl im klöſter⸗ lichen Gelübde, bis die Zeit und ein höheres Streben es ganz erſt aufgehen und dann untergehen ließen in meinem hohen Beruf. Ueber ein Jahrzehent iſt ſeitdem vergangen, und ich kann lächeln über meine einſtige Schwäche, aber ich kann ſie ſegnen, weil ſie mich auf dieſen Pfad des Heils geführt hat— und wenn du mich verehrſt, wie du oft geſagt, ſo folge mir nach— bleibe bei mir im Kloſter! ich habe dich nie dazu über⸗ reden, nie zu dieſem Schritt dich drängen wollen, aber wie es nun mit dir ſteht, ſo iſt es meine Pflicht Alles zu verſuchen, um dich an's Klarakloſter für immer zu feſſeln.“ Und Charitas that, wie ſie ſagte: Sie ſchilderte Iſolden de Gefahr, die ihrer warte, wenn ſie nicht vor ihr fliehe, die Gefahr, die bei Iſolde um ſo grö⸗ ßer ſei, wenn Ulrich ihr Gefühl ahne, vielleicht theile, während Charitas gewiß war, daß ihr gegenüber Bei⸗ des nie der Fall gemieſen; ſie fühlte auch, daß Iſolde jetzt oder nie ſich entſcheiden müſſe— jetzt, wo ſie unter eigenen Selbſtanklagen, unter der Beſchämung des Geſtändniſſes, jetzt, wo ſie ſchon für Stunden 174 eine Zuflucht im Kloſter ſuchte, die für ihr ganzes Leben ihr werden ſollte— Charitas war keine Pro⸗ ſelytenmacherin im gewöhnlichen Sinne des Wortes, ein einfaches Mädchen, wie Jerta Echter, ließ ſie ſtill gewähren und ſprach nicht ein einziges Wort, ſie für das Kloſterleben zu gewinnen— nur ein ſo begabtes Weſen wie Iſolde, das ſie in geiſtiger Beziehung und nun auch in der des Herzens ſich verwandt fühlte, wünſchte ſie für immer— nicht egoiſtiſch an ſich, ſon⸗ dern an das Kloſter zu feſſeln, um ihm zur Zierde, vielleicht zur Stütze zu gereichen in Tagen des Kam⸗ pfes, die ſie zuweilen ahnte. Draußen war die Sonne im Untergehen und warf wunderbare Lichter von Gold und Purper durch die kleinen runden Fenſterſcheiben in tiefer Spitzbogen⸗ wölbung in das hohe, kahle Gemach— waur es eine Lockung des Lebens, war es ein feierlicher Abſchieds⸗ gruß? Ein ſtürmiſches Wehen geleitete den ſinken⸗ den Tag und warf trotz dem Gitter eines der ſchlecht⸗ verſchloſſenen Fenſter auf— auf den ſchwankenden Zweigen eines friſchausgeſchlagenen Roſenſtrauches ſaß ein zwitſcherndes Rothſchwänzchen— nicht lange — dann flog es zu dem lockenden Gefährten, der die gegenüberliegende Kloſtermauer überflatterte— das war auch eine Frühlingsfeier— aber ein Kloſterglöck⸗ —— 175 chen rief in in die Kirche zum Gebet— beinahe hätte die Abteſſin verſäumt, ihm zu folgen, ſie, die auch in der pünktlichſten Befolgung der kleinſten Kloſterregel den Nonnen ein leuchtendes Vorbild war. Iſolde hatte noch nicht wieder zu ſprechen vermocht — jetzt ſchreckte das Läuten ſie auf,— ein Wort des Abſchiedes mußte geſagt werden— ein Wort der Entſcheidung ſchien Charitas zu fordern. Iſolde küßte ihre Hand und ſagte:„Nein, nein — es iſt doch anders mit mir und Euch— nicht in ein Gefängniß will ich gehen, um frei zu werden, nicht eine heilige Stätte ſuchen mit unheiligen Ge⸗ danken, nicht mir ſelbſt untreu werden, nicht dem Ver⸗ ſprechen, das ich Eliſabeth gegeben.“ „Thörin!“ rief Charitas, zum erſten Mal in eine Art von heiligem Zorn entbrannt—„Eliſabeth hat ihre Schuld mit dem Tode geſühnt und wird nicht daran gedacht haben, daß der, in deſſen Armen ſie geſtorben, auch dich verwirren wird— du gleichſt ihr, und nur darum hat vielleicht ſein Blickſich zu dir ver⸗ irrt— ſchon darum allein hätteſt du dich vor ihm verbergen ſollen. Geh' hin und betrüge dich nur ſelbſt und betrüge ihn— den Himmel und die Heiligen ver⸗ magſt du nicht zu betrügen.“ So ſprechend ging ſie mit großen Schritten über 176 den Saal und verſchwand durch die nächſte Thüre.— Einen Augenblick noch ſtand Iſolde zweifelnd da und ſtarrte gebeugt vor ſich nieder. Dann ging ſie eilend durch den nahen Kreuzgang zur Pforte— der eintö⸗ nige Geſang der Nonnen aus der Kirche hallte ihr von Weitem nach, ſie nahm ihn als ein ſchauerliches Echo mit hinaus auf den Weg. Im engen Klaragäßchen war es bereits dunkel geworden, als ſie es betrat, die Bürger kamen von Spaziergängen, die Arbeiter aus den Werkſtätten, es war eben gerade um dieſe Stunde ein heiter be⸗ wegtes Leben, in das ſie durch einen einzigen Schritt aus der Todtenſtille des Kloſters verſetzt war— plötzlich ſah ſie Ulrich an ſich vorübergehen. Er nahm zuweilen dieſen Weg, um ſeiner Mutter eine Stunde der Erinnerung zu weihen. Sie war ja im Klarakloſter geſtorben und die Frühlingsdüfte, die über die hohe Mauer getragen wurden, kamen vielleicht auch mit von ihrem Grabe. Ulrich hatte ſie gegrüßt— jetzt kehrte er auch wie⸗ der um und folgte ihr von fern durch alle Straßen und Gäßchen— in der Nähe ihrer Hausthüre holte er ſie ein und ſagte: „Verzeiht, daß ich Euch folgte wie Euer Schatten — wär' ich ein Ritter, hätte ich Euch mein Geleit ge⸗ 177 boten— ſo folgte ich Euch nur, um Euch nöthigen Falls zu beſchützen, an der Stelle eines Dieners.“ „Ich danke Euch doppelt“, ſagte ſie leiſe,„und möchte Euch gerne beſſer danken, als mit Worten— mir war bange auf dieſem Wege, da ich mich im Kloſter bis zur Dunkelheit verſpätet hatte, aber da ich Eure Nähe bemerkte, wandelte ich getroſt.“ „Darf ich Glockendon tröſten, daß Jerta nicht immer im Kloſter bleiben wird?“ „Gewiß, ſie hat eine Botſchaft erhalten, die ihr die baldige Heimkehr ihres Bruders meldet.“ „Und auch Ihr, auch Ihr werdet nicht in dumpfen Kloſtermauern Euch der Welt entziehen?“ „Ich, niemals!“ rief ſie, das erſte Wort verwun⸗ dert, das zweite beſtimmt. „Ich danke Euch!“ rief er begeiſtert— und war verſchwunden. 1861. XIR. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. Il. 12 KR Eine Schweſter. Sehet Euch um im deutſchen Reich— iſt es nicht überall ein Drängen und Verlangen nach neuen ge⸗ ordneten Zuſtänden, nach einem Losringen und Frei⸗ werden von ſtarren Formen, wie von der Tirannei, der Willkür und des rohen Fauſtrechtes? Iſt nicht eine neue Welt entdeckt worden, damit ſich die alte durch ſie verjünge, nicht ein neuer Seeweg, damit ſich die Menſchen auf neuen Bahnen begegneten, redet nicht aus den Lettern der Buchdruckerkunſt eine deutlichere, für Alle verſtändlichere Sprache als aus den Stei⸗ zen, die der gaffenden Menge oft etwas Anderes er⸗ zählten als dem geweihten Forſcher? Was in ihnen unſer Humor zu ſagen wagt, indeß wir uns viel dabei denken müſſen: daß wir doch die Geweihten ſind, die den Andern längſt vorangeeilt in klarer Erkenntniß — wird es nicht einſt— und vielleicht ſchon bald— geſagt werden müſſen zu allem Volk in klarer Schrift, was wir zuweilen verſtohlen angedeutet? Sind nicht die Humaniſten aufgetreten mit neuer Lebensfülle den verknöcherten Scholaſtizismus zu überwinden, vereinigen ſie ſich nicht zu gelehrten Geſellſchaften, um den vaterländiſchen Sinn zu wecken, den Ge⸗ ſchmack und den wiſſenſchaftlichen Sinn zu läutern? Sind wir nicht einem Sebaſtian Brandt zu hohem Dank verpflichtet, der in ſeinem„Narrenſchiff“ ſeine Angriffe nicht nur gegen den Adel, der wohl dem Na⸗ men, aber nicht der That nach edel ſei, ſondern auch gegen die Fürſten richtete? Unter Hinweiſung auf die Gefahr, welche Deutſchland durch die wachſende Macht von allen Seiten drohte, forderte er die Für⸗ ſten mit Nachdruck auf, endlich einmal ihrer Selbſt⸗ ſucht Schranken zu ſetzen und an die Wohlfart des Reiches zu denken, er ermahnt ſie, ihrer Pflicht ge⸗ treu, dem edlen Kaiſer Maximilian zu gehorchen und durch aufrichtige Unterordnung unter das gemeinſame Reichsoberhaupt die Würde Deutſchlands gegen Außen wieder herzuſtellen. Erklärte ſich doch auch ſo Johann Geiler von Kaiſersberg, der ſogar Stellen aus Brandt's „Narrenſchiff“ zum Text ſeiner Predigten nimmt.— Und wie dieſe in deutſcher Sprache, kämpfen in latei⸗ niſcher die Gelehrten für eine Kirchenverbeſſerung, die, 12* 180 was wir Baubrüder für uns ſelbſt läugſt in Anſpruch nahmen, nun auch für Alle fordert— und wir ſollten zurückbleiben, wo Alles ſo zum Fortſchritt auf neuen Bahnen dringt?“ So ſprach Ulrich zu Erhard und zwei andern Baubrüdern, die mit ihm einen Spaziergang in den Reichsforſt machten. „Aber wie meinſt du das?“ fragte der Eine von ihnen—„was für einen Fortſchritt haſt du im Auge?“ „Einen zum Leben,“ ſagte Ulrich,„es kommt nichts heraus bei unſerer Abgeſchloſſenheit, in der wir halb Mönche ſind und halb Laien— das ſtammt von den Zeiten her, in denen alle Kunſt von den Klöſtern ausging. Damals löſten ſich die Kunſtgeübten allmä⸗ lig als eine ganze Genoſſenſchaſt von den Klöſtern los, erhielten ihre eigenen Rechte und Pflichten und zogen von Land zu Land, die heiligen Tempel zu er⸗ bauen, wie wir jetzt noch thun. Die heilige Baukunſt ward dann nach den erhabenen Lehrſätzen des Pythag⸗ ners und ſpäter des Albertus Magnus von Köln un⸗ ter uns von Einem zum Andern gelehrt und ſie mußte Geheimniß bleiben, um nicht von der Menge profa⸗ nirt und durch die Einmiſchung roherer Hände ihres erhabenen Charakters beraubt zu werden. Das ſchöne 181 Band, das uns untereinander verbindet, ſegne ich tau⸗ ſendmal— aber es ſollte nicht dazu gemacht ſein, uns von den Andern zu ſcheiden. Wie wir freie Stein metze heißen, ſo ſollten wir auch wahre Freiheit ha⸗ ben— nicht nur die Freiheit, die wir vom Papſt, von Kaiſer und Reich erhalten haben, überall uns nieder⸗ zulaſſen, wo es einen Kirchenbau gibt, nicht nur die Freiheit des Gedankens und der Anſchauung ſelbſt religiöſer Dinge innerhalb unſeres Bundes— ſon⸗ dern auch die Freiheit, noch anders denn durch die eben nur uns verſtändliche Geheimſprache der Steine zur Aufklärung des Volkes zu wirken— die Freiheit, unſer eigenes Leben ſelbſt zu geſtalten und es nicht in einem Formeldienſt ſelbſt aufgehen zu ſehen, dem wir uns ja auf dem Gebiete unſerer Kunſt ſelbſt mit aller Kraft widerſetzen. Wir ringen nach Freiheit und Be⸗ wegung in den Steinen— aber uns ſelbſt wird ſie im Leben nie zu Theil! Wir werfen in den höhern Stufen unſerer Kunſt die Maßbretter und Aufriſſe weg, nach denen wir zuerſt die Arbeit gelernt— aber unſer ganzer lebendiger Menſch ſoll ewig nach dem⸗ ſelben Maßbrett gemeſſen, nach derſelben Chablone bearbeitet werden!“ „Unrecht haſt du nicht“, ſagte Erhard,„obwohl du eine gar kühne Sprache redeſt. Aber was mich 182 noch zumeiſt verdrießt, das iſt, daß trotz allem treu⸗ vewahrten Geheimniß, trotz dem, daß die ganze Ge⸗ ſchichte aller Bauhütten nicht einen einzigen Fall auf⸗ zuweiſen hat, daß je ein Baubruder zum Verräther geworden wäre und wenn er auch der abſcheulichſte Verbrecher ſonſt geweſen und dafür die ſtrengſte Strafe oder Buße erlitt— daß dennoch unſere erhabene Kunſt nicht unſer alleiniges Eigenthum geblieben ift, daß auch die Profanen uns nachbauen und daß aus ihren Händen Kunſtwerke hervorgehen, die den unſeri⸗ gen nicht viel nachgeben, ja, daß die Kirchenvorſteher ſelbſt Profankünſtler berufen, wenn nicht zum Bau der Kirchen ſelbſt, ſo doch zu ihrer Ausſchmückung. Hat doch unſer Propſt Kreß ſelbſt das Sakraments⸗ häuslein von Adam Konft anfertigen laſſen.“ „Er hat dies nur zugegeben, aber doch nicht ſelbſt beſtellt“ ſagte Lukas, der andere Baubruder,„geſtiftet hat es Hanns Imhof, um damit eine große Schuld zu ſühnen, die ſein Gewiſſen drückte. Ein Imhof ſcher Diener war wegen Entwendung eines prächtigen, ſil⸗ bernen Pokals, die er auf der Folter auch eingeſtand, hingerichtet worden. Nach ſeinem Tode fand man den noch mit Wein halb gefüllten Pokal unter einem Bett, wohin ihn einer der Gäſte aus Bequemlichkeit geſtellt, der Diener war unſchuldig geſtorben und hatte nur 183 aus Schmerz unter den Marterwerkzeugen bekannt. Zur Sühne beſtellte Imhof das Herrgottshäus⸗ lein!“ „Eine Architektonik im Kleinen, aber ein Werk von höchſter Vollendung“, ſagte Ulrich;„daß es aus den profanen Händen eines Bürgers im Greiſenalter hervorgehen konnte, beweiſt eben, daß es mit dem Ge⸗ heimniß unſerer Kunſt ja doch vorbei iſt, und eben ſo, daß es den Kirchenfürſten und Dienern ſelbſt, wie der Menge gleich iſt, ob ein Werk aus unſern oder pro⸗ fanen Händen hervorgeht, zeigt ſich in den bei dieſen gemachten Beſtellungen— der Nimbus iſt dahin, der uns einſt umgab, und von der Ausnahmsſtellung, die uns geworden, ſind uns nur noch die Schattenſeiten geblieben, für die Lichtſeiten ſind die Schranken zer⸗ trümmert.“ „Der Kirchenmeiſter Schröger von St. Sebald“, begann Erhard wieder,„hat ſchon vor drei Jahren dem Rothſchmied Peter Viſcher ein Grabmal des hei ligen Sebald übertragen, das nach dem Entwurf ein gewaltiges Werk werden ſoll. Herr Schröger hat dazu Almoſen⸗ und Ablaßgelder eingetrieben— und den⸗ noch überläßt er es profanen Händen. Und auch der Rath betheiligt ſich bei der Sache; er hat dem Roth⸗ ſchmied, der mit ſeiner Frau und ſeinen fünf Söhnen, 184 wovon jeder wieder Frau und Kinderſegen die Fülle hat, das Haus beim Weißenthurm, welches der Röh⸗ renmeiſter bisher inne hatte, eingeräumt, damit er mehr Platz zu ſeiner Arbeit gewinne.“ „Die Zeit der Baubrüderſchaften iſt vorüber“, ſagte Ulrich,„und auch unſere Zeit wird vorbei ſein, wenn wir uns nicht ſelbſt eine neue erobern.“ In Erhard wohnte der Groll, wie er in Allen wohnt, die von einem nothwendigen Geſetz der Ent⸗ wicklung das Fundament bedroht ſehen, auf dem ſie ſelbſt ſtehen und die weder den Muth noch die Kraft haben, ſich ein neues zu gründen— er zürnte nun mit der veränderten Zeitrichtung, zürnte mit Nürnberg, da er behauptete, an andern Orten ſei es anders. Ulrich ſchüttelte den Kopf:„Und wenn es ſo iſt“, ſagte er,„ſo hält das die Entwicklung doch nicht auf! Nürnberg iſt eben andern Städten voraus an Bil⸗ dung und Aufklärung, in Kunſt und Wiſſenſchaft.— Hier ſteht man auf der Höhe der Zeit, und wenn an⸗ dere Städte dieſer edlen Stadt erſt in einem halben Jahrhundert nachkommen, was könnte darin Tröſtli⸗ ches liegen? Was zu Grunde gehen muß, das gehe zu Grunde— und beſſer doch ſchon heute, als mor⸗ gen! Aber Alles, was vom Geiſte iſt, das kennt kei⸗ nen Untergang— nur Formen ſind es ja, die verge⸗ 185 heu, und die eben, um nicht zu Ruinen zu zerfallen, ſich wandeln müſſen aus einer Form in die andere, gleich einem organiſchen Leben. Nur dies Vermögen bekundet, daß ihnen eine Seele inne wohnt! In unſe⸗ rer Kunſt iſt Leben und Bewegung— trotz dem, daß unſer Material die ſcheinbar ungefügigen Steine ſind— Leben und Bewegung muß auch in den Bau⸗ hütten eine Stelle finden unter uns! Einſt ward unter uns der Dienſt der Kunſt als Gottesdienſt gelehrt, jetzt dienen wir der heiligen Kunſt an ſich mit der glei⸗ chen Begeiſterung, wir haben es tauſendfach bekannt und beſtätigt in unſern Symbolen— aber jetzt, wo nicht nur die Steine reden, ſondern die kleinen eiſer⸗ nen Lettern, jetzt wäre es Zeit, auch auf ſie zu achten — wäre Ztit, uns frei zu machen von feſſelnden und uns von Andern trennenden Banden, von uns ſelbſt abzuwerfen und aus unſern Hütten zu verbannen, was unſerer Zeit nicht mehr gemäß iſt und ſtatt un⸗ ſere Würde zu erhöhen, ſie in den Augen des Volkes nur beeinträchtiget.— Wer für die Zukunft wirken will, darf nicht in der Vergangenheit ſeine Stützen ſuchen!“ Dieſe Rede, die den Baubrüdern vielerlei zu den⸗ ten gab, würde vielleicht noch lange fortgeſetzt wor⸗ den ſein, wenn nicht ein weiblicher Hülferuf zu ihren 186 Ohren gedrungen wäre. Daß der Ton aus dem Walbe kam, hörte man wohl, ob aber mehr hinter oder vor dem Pfade, den die Wandernden eingeſchlagen, war nicht recht zu unterſcheiden, da die Entfernung eine beträchtliche ſein mochte und das dichte Gebüſch die Töne dämpfte und zerſplitterte. Die Baubrüder theilten ſich darum, nach verſchiedenen Seiten ſpähend, und ein Jeder folgte der Richtung, in der er glaubte, den Ruf vernommen zu haben, der faſt geklungen hatte wie ein letzter, in Verzweiflung und Kraft⸗ loſigkeit erſterbender Schrei. Als Ulrich und Erhard, die zuſammen gingen, weiter kamen, wo der Fußpfad, den ſie eingeſchlagen, auf einen breiteren Weg führte, der dieſen Namen nur in ſo weit verdiente, daß er ſo breit als ein paar Pferde Platz brauchten neben einander zu gehen, durch den Wald gehauen war, gewahrten ſie eine Dame in einem grünen, mit Gold und Schwarz geſtickten Jogd⸗ kleid, das an der einen Seite bis faſt zur Hüfte durch eine goldene Agraffe aufgenommen war und ein weißes Unterkleid ſehen ließ, am Boden liegen. Ein weißer, prächtig geſchirrter Zelter neigte ſich über ſie und leckte ihren weißen Arm, an dem ſich ein blu⸗ tiger Streifen zeigte. Ein graues Hütchen mit langen weißen Federn, die eine Agraffe von Gold und Edel⸗ 187 ſteinen hielt, lag zur Seite geworfen, und ſo fielen ihre rabenſchwarzen Locken unbehindert über ein blei⸗ ches Geſicht von Energie und ſtolzer Schönheit. Ihre rechte Hand hielt einen blitzenden Dolch. Als ſie Männertritte hörte, verſuchte ſie ſich ein wenig aufzurichten und ſagte dann, den Dolch etwas erhebend:„So viel Kraft hab ich noch, mich ſelbſt zu tödten!“ „Da ſei Gott vor, edles Fräulein!“ rief Ulrich, „ließet Ihr denn nicht einen Hülferuf ertönen? wir tommen nur ihm folgend— Ihr ſeid verwundet— allein?—“ „Wo iſt Euer Gefolge— wie kommt Ihr in dieſe Lage?“ fragte Erhard gleichzeitig. „Rechenſchaft zu geben hab' ich Euch nicht, ant⸗ wortete ſie verweiſend,„holt mir Waſſer für mich und mein Thier!“ Erhard ging zu gehorchen, da er wußte, daß dem Pfad, den ſie gekommen, ein Bäch⸗ lein zur Seite lief, obwohl er etwas zweifelhaft war, ob ſein Filzhut auch genug Flüſſigkeit faſſen würde. ulrich aber ergriff das Pferd am Zügel und ſagte: „Erlaubt, daß ich Euern Zelter an den nächſten Baum binde, bis Ihr ihn zu beſteigen vermögt, damit Ihr eine andere Stellung annehmen könnt, und daß ich Eure Wunde verbinde.“ 188 „Geh, folge mein Weißkönig!“ ſagte ſie zu dem Pferde und nickte ihm freundlich zu, ſo daß es ſich Ulrich gehorſam zeigte dann fragte ſie:„Wie weit iſt's nach Nürnberg?“ „Etwa eine halbe Stunde.“ „Seid Ihr von dort?“ „Für jetzt ja, ich arbeite dort als freier Stein⸗ metz, mein Gefährte auch.“— Ulrich kniete jetzt an ihrer Seite, und da Erhard das Waſſer brachte, tauchte er ihr Tuch hinein und wuſch den Arm—„er iſt ge⸗ brochen!“ ſagte er. Ihre Hand zuckte wieder nach dem Dolch. „Keinen Kleinmuth, der ſich hinter etwas flüchtet, das wie Größe ausſehen ſoll,“ ſagte Ulrich werwei⸗ ſend,„in vier Wochen iſt Euer Arm ſo ſchön wie zu⸗ vor, wenn Ihr mir erlaubt, ihn auf der Stelle ein⸗ zurichten.“ „Thut es denn, wenn Ihr es einmal lieber mit lebendigen Gliedern, denn mit regungsloſen Steinen verſuchen wollt,“ antwortete ſie, ihn mit faſt lauern⸗ den Blicken betrachtend— ſie biß die Zähne auf ein⸗ ander, um einen Schrei des Schmerzes zurückzuhalten, als er, ohne ein Wort dabei zu ſprechen, ihren Arm gerade bog, die Knochen in ihre natürliche Lage zu bringen ſuchte und dann außer ihrem Tuch, das er 189 S. darum gewickelt, noch ſeinen Ledergurt, den er eilends abband und mit dem Schwert zerhieb, zu einer Schiene darum machte. Eine ſchwarze, goldgeſtickte Schärpe, die ſie ſelbſt um den Leib trug, knüpfte er ab und wand ſie ihr um die Schulter, daß ſie den Arm darin als in einer Binde tragen konnte. Erhard war ihm dabei behülflich, denn allmälig ermattete die Dame doch unter dieſer ſchmerzhaften Prozedur, wie ſehr ulrich auch bemüht war ſie nur ſanft zu berühren, wo nicht die höchſte Nothwendigkeit gebot, anders zu verfahren. Er hatte ihr Haupt mit ſeinem Knie ge⸗ ſtützt— ohnmächtig ſank ſie darauf zurück. Erhard erſchöpfte ſich in Muthmaßungen, wer die Fremde ſein, wie ſie hierher und in dieſem Zuſtand gekommen ſein mochte, indeß Ulrich nur daran dachte, wie ihr weiter zu helfen. „Wir treffen hier faſt auf kein Haus bis an die Thore von Nürnberg,“ ſagte er,„über eine Stunde vergeht und es wird faſt ganz dunkel, ehe wir ſie fort⸗ bringen können— ſieh' zu, ob du unſere andern Be⸗ gleiter herbeirufen kannſt— wir ſetzen ſie dann wie⸗ der auf ihr Pferd und geleiten es alle vier— die Gürtel können wir hinter ihr gekreuzt als Lehne hal⸗ ten, daß ſie nicht herabfällt.“ „Aberich bitte dich, ein ſolcher Aufzug! ſagteErhard. 190 „Sollen wir uns wie der Phariſäer betragen und den Hülfloſen am Wege liegen laſſen, weil wir Bau⸗ brüder find?“ fragte Ulrich. Erhard entfernte ſich einige Schritte und rief laut die Namen der Genoſſen in den Wald, ließ auch einen durchdringenden Ffiff ertönen. Indeß richtete ſich die Dame wieder auf:„Gebt mir Euern Arm,“ ſagte ſie,„ich bin nicht ſo ſchwach, ich kann ſtehen und weiter reiten.“ Er half ihr auf—„Ihr wollt doch gegen Nürn⸗ berg?“ fragte er. „Ja,“ ontwortete ſie und ſtreichelte den Hals ihres Thieres— er half ihr ſeinen Rücken beſteigen, aber ſie ſank, von der Anſtrengung erſchöpft, mit dem Oberkörper vor auf ſeine Mähnen, der Zelter bäumte ſich unruhig von dieſer ungewohnten Laſt. „Ihr müßt mit mir aufſitzen!“ ſagte ſie zu Ulrich, „ich bin doch noch zu ſchwach.“ Einen Augenblick zögerte er doch— endlich ge⸗ horchte er ihr— Erhard machte eine Bewegung des Schreckens, noch kamen die Gefährten nicht. Ulrich nahm die Zügel, die ſchöne Fremde lehnte erſchöpft an ſeiner Bruſt— er lenkte langſam zur Landſtraße hin. „Schneller!“ ſagte ſie und kitzelte mit der freige⸗ 2191 gliebenen Rechten den Hals ihres Thieres, das ſich auf dieſe Liebkoſung verſtand und zu galoppiren begann. „Fürchtet Ihr Verfolgung?“ fragte er. „Ja,“ antwortete ſie kurz. „Wohin wollt Ihr in Nürnberg?“ Sie ließ die Frage unbeantwortet und ſagte nach einer Pauſe:„Ihr ſeid ein Baubruder— kennt Ihr einen Gefährten Ulrich von Wildenfels— genannt Ulrich von Straßburg?“ „Ich bin es ſelbſt!“ ſagte er. „Ihr ſelbſt!“ rief ſie, wendete ihr Angeſicht nach ihm um und verſenkte ſich ſtumm und erglühend in ſeine Züge— faſt ward ihm unheimlich dabei zu Muthe. „Ulrich!“ rief ſie und hatte Thränen in den Au⸗ gen,„es iſt eine Fügung des Himmels— Ihr ſeid mein Retter!“ ſie preßte ihr Haupt an ſeine Bruſt. In dieſem Augenblicke hörten ſie Waffenklirren und Hallohrufe hinter ſich— zwei Reiſige ſprengten heran. „Halloh!“ riefen ſie,„jetzt holen wir den Flücht⸗ ling ein und fangen ihn mit der Entführten, der Preis iſt unſer!“ Ulrich zog ſein Schwert und flüſterte der Fremden 192 zu:„Haben dieſe ein Anrecht an Euch? es iſt meine Pflicht wie mein Wille Euch gegen Unbill mit mei⸗ nem Leben zu ſchützen— wenn aber Eure Sache keine gerechte iſt, ſo verbietet mir mein Stand mich in fremde Händel zu miſchen!“ „Niemand hat ein heiligeres Anrecht an mich — denn Ihr!“ rief ſie, ſich an ihn klammernd;„die mich verfolgen, ſind Leute aus der Burg der Wolf⸗ ſtein, darin ich widerrechtlich gefangen gehalten worden.“ „Das könnt Ihr vor Gericht beſchwören?“ „Vor Gericht, wie vor aller Wekt und vor Gott!“ rief ſie und hob dabei die Hand zum Himmel. Eben beugte jetzt der Zelter um die Ecke, die auf die vielbetretene Straße ging, welche durch die Me⸗ chelndorfer Haide und zu den Buchenklingen führte. Dort war gerade heute von dem Rath der Ein⸗ tritt eines neuen Mitgliedes gefeiert worden, und da es jetzt nach Sonnenuntergang die Stunde der Heim⸗ kehr war, ſo zeigte der Weg ſich ungewöhnlich belebt. Unter Andern kamen auch der Schultheiß von Weichs⸗ dorf und Martin Geuder mit ihren Gemalinnen, Pirk⸗ heimer mit ſeiner Schweſter Euſebia und andere vor⸗ nehme Nürnberger des Weges daher— eben ſo waren die verſchiedenſten Leute aus dem Volke anzutreffen. 193 „Was gibt es hier?“ rief die Fremde erſchrocken. „Dort iſt der Schultheiß von Nürnberg!“ rief Ulrich laut und ſprang vom Pferde—„wer eine Klage auszuſprechen oder ein Recht zu begehren hat, dem wird er auch hier auf offener Landſtraße Gehör ſchenken!“ Einer der Knappen, welche der Dame gefolgt waren, wich zurück, der andere aber trat keck hervor und ſagte, auf Ulrich deutend:„Dieſer Menſch da, den man ſeiner Kleidung nach für einen ehrſamen Baubruder halten ſollte, hat das Fräulein aus Bir⸗ baum, dem Schloſſe Wolfſtein's, mit Liſt und Gewalt entführt.“ „Welche Lüge, frecher Bube!“ rief Ulrich;„ich kenne die Dame nicht und ſah ſie vorhin zum erſten Male, als ihr Pferd ſie wahrſcheinlich abgeworfen.“ „Hoho!“ unterbrach ihn der Reiſige!„Ihr ſie nicht kennen! ich habe deutlich gehört, wie ſie Euch bei Eurem Taufnamen Ulrich genannt hat.“ „Seid Ihr nicht der kaiſerliche Rath Willibald Pirkheimer?“ rief jetzt das Edelfräulein, ſich an die⸗ ſen wendend, nachdem ſie ſich durch Ulrich hatte vom Pferde helfen laſſen,„habt Ihr auch meinen Namen vergeſſen, ſo ſaht Ihr mich doch wohl im Gefolge der Gemalin unſeres gnädigen Kaiſers Blanka Maria 1561. AIx. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. I. 13 194 und erinnert Euch der einzigen deutſchen Hofdame, welche die patriotiſche Italienerin damals um ſich duldete? bei Euch, einem Günſtling des Kaiſers, ſucht eine Günſtlingin der Kaiſerin Schutz und Recht— ſucht ihn bei dem wohledlen Rathe dieſer freien Reichs⸗ ſtadt, ſucht ihn auch bei Euch, Herr Schultheiß von Weichsdorf“— und indem ſie das ſagte, wendete ſie ſich an dieſen mit einem ganz eigenthümlichen, halb lauernden, halb holdſeligen Lächeln, daß ihm ganz ſonderbar zu Muthe ward, und dann wieder auf Ulrich deutend, ſchloß ſie,„zunächſt aber führte mir der Him⸗ mel einen Schützer zu in dieſem——“ Sie konnte nicht vollenden, denn von allen Seiten hatte man ſie achtungsvoll umringt; Pirkheimer küßte ihre Hand und ſagte:„Fräulein Amanda! wer ſollte Euch jemals vergeſſen!— hier iſt meine Schweſter Euſebia, mein Haus ſteht Euch offen für alle Zeit— aber Ihr ſeid verwundet, wir wollen nach einer Sänfte ſenden, daß ihr gemächlich in die Stadt kommt— und hier iſt Platz, bis dahin zu ruhen— aber wie kommt Ihr hierher— wer ſind Euere Verfolger? was ſoll mit dieſen geſchehen?“ fragte er zuletzt auf den Reiſi⸗ gen deutend, den einige Bürger umringt hatten. „Es iſt ein Diener von Schloß Birbaum,“ ſagte Amanda,„und hat nur ſeine Schuldigkeit gethan, 195 wenn er, mir nachgeſandt, mich einzuholen ſuchte— laßt ihn dahin zurückkehren und ſeiner geſtrengen Her⸗ rin ſagen, daß Amanda für eine Gaſtfreundſchaft danke, die nur Gefangenſchaft ſei, und daß ſie jene in Nürnberg eher zu finden hoffe als auf Wolfſtein.“ Dieſe Rede gefiel den Nürnbergern gar wohl, und alle dieſe erſt mehr beſtürzten und neugierigen Ge⸗ ſichter der Rathsherren hellten ſich auf und ſtrahlten von beifälligem Lächeln— denn was konnte ihnen mehr ſchmeicheln, als wenn eine Dame, die einſt zur Umgebung der Kaiſerin gehört hatte, den Nürnberger Bürgern den Vorzug vor den Rittern gab und einen ſolch' demüthigenden Gruß in's benachbarte Wolfſtein vermelden ließ? „Saget noch, welche Unbilde Euch geſchehen?“ ſagte der Schultheiß doppelt begierig, da er einen ihm verhaßten Namen nennen hörte. Einen Augenblick ſchien ſich Amanda zu beſin⸗ nen,— dann ſagte ſie entſchloſſen:„Ich bin die Braut Wilhelm's von Wolfſtein, aber er ſelbſt iſt nicht hier, und ich mag nicht länger gleich einer Gefangenen in dem unwirthbaren Forſte leben. Ich will fort, und mein treuer Weißkönig da“— ſie ſtreichelte ihren Zelter—„ſtrauchelte im Walde beim ſchnellen Ritt und warf mich ab— dieſer rettete mich— ſeine 13* 196 Schweſter— Ulrich Euer Vater Amadeus von Wil⸗ denfels— war auch der meinige!“ Urrich neigte ſich zu ihr und faßte ihre Hand— „Schweſter!“ rief er, von einem ganz neuen Gefühl überwältigt. XII. Ein Verſprechen. Iſolde und Anna waren bei der letzten Feierlichkeit nicht mit an den Buchenklingen geweſen. Anna vor Allen mochte einen Ort nicht wieder betreten, am wenigſten in der Umgebung ſo vieler Leute, der für ſie nur die peinlichſte Erinnerung in ſich ſchloß, und der Schultheiß billigte dies Zurückbleiben, da er eben auch nicht öffentlich vielleicht an Ort und Stelle an eine Geſchichte erinnert ſein wollte, die ihm ſo viel noch mehr in als außer dem Hauſe bereitet hatte. Am folgenden Morgen aber beeilte ſich die Schul⸗ theißin, die trotz aller Vorſicht der Schweſtern doch den Verdacht— namentlich durch Löffelholz's Mit⸗ theilungen— geſchöpft hatte, daß Anna ein Liebesver⸗ hältniß mit Wolfſtein habe oder gehabt habe, und die Ulrich haßte, weil ſeine Kunſt die Behaim verherr⸗ 198 lichte und ſie die einſtigen Beziehungen Eliſabeth Scheurl's zu ihm in dem übelſten Lichte auffaßte, da eben nur eine ungenaue Kenntniß derſelben zu ihr ge⸗ drungen war— um den Vorfall auf den Buchenklin⸗ gen in ihrer Weiſe den Stieftöchtern mitzutheilen. Sie machte viele Worte darum und brachte eine weitläufige, mit hämiſchen Bemerkungen reichgewürzte Erzählung zu Stande, deren Reſultat war: Der Bau⸗ bruder Ulrich war allein auf einem Pferde mit der Braut Wilhelm's von Wolfſtein getroffen worden, die er aus deſſen Schloß Birbaum entführt— natürlich wußte ſie nicht, wer in ihren Augen verächtlicher da⸗ ſtand: der Baubruder, der die Braut eines Andern entführte, da er doch überhaupt alle Frauen meiden ſollte, oder das Edelfräulein, das mit einem andern — und noch dazu ſo niedrig ſtehenden Menſchen auf und davon ging. Auch Pirkheimer, der die Entflohene mit in ſein Haus genommen, bekam den Ehrentitel eines gefälligen Kupplers und verliebten Kavaliers. War das nicht ein vernichtender Streich, zugleich gegen Iſolde wie Anna geführt? Dieſe blieb nur an der Vorſtellung haften, daß Wilhelm alſo doch eine Braut hatte— Iſolde erröthete nur vor Zorn über dieſe unwürdige Sprache und erſchrak bei dem Gedan⸗ ken, daß Ulrich's Edelmuth ihn in eine Situation habe — — 199 bringen können, die ihn vielleicht einem unwürdigen Verdacht oder gar einer Strafe in der Hütte ausſetze — daß die Sache ſich nicht ſo verhielt, wie ſie Frau von Weichsdorf ſchilderte, deſſen war ſie gewiß. Der Schultheiß erklärte auch bald, daß Amanda von Wildenfels Ulrich's Schweſter ſei. Die Schultheißin lachte, wie ihr Gemal ſich ſolch' ein abenteuerliches Märchen habe können aufbinden laſſen, das habe man doch geſehen, daß Ulrich ſelbſt auf dieſen Einfall nur ungeſchickt eingegangen, und ſelbſt wenn Pirkheimer beigeſtimmt, ſei das kein Be⸗ weis, da der eben— unbegreiflicher Weiſe— mit dem Baubruder freundſchaftlich umgehe und immer be⸗ müht ſei, Alles zu vertuſchen und wenigſtens für die Oberfläche auszugleichen. Aber der Schultheiß erklärte, daß Alles genau unterſucht werden müſſe und da werde die Wahrheit an den Tag kommen; denn da er ſelbſt mit dabei ge⸗ weſen, wie das Edelfräulein ſich in Nürnbergs Schutz begeben und der Verfolger aus Birbaum abgefertigt worden, was leicht wieder zu neuen Streitigkeiten mit den adeligen Grenznachbarn führen könne, ſo werde man auf die gründlichſte Aufklärung dringen müſſen. Die Schultheißin lachte hämiſch:„Was Ihr Männer Euch in Eurer hochmüthigen Verblendung 200 doch Alles einbildet! So ſagtet Ihr auch als die erſte Rede ging von den frechen Rittern im vorigen Herbſt, die ſich an den Buchenklingen ungebührlich benommen, damals handelte es ſich um Eure eigenen Töchter und Ihr habt die Sache nicht ordentlich herausbekommen, wie gedenket Ihr es jetzt zu thun?— Die Ritter von Jauernberg und Wolfſtein drohtet Ihr vor Gericht zu ſtellen und als Ihr des erſten bei einem neuen Frevel endlich habhaft wurdet, habt Ihr ihn nur eine Weile eingeſperrt und dann doch wieder frei ziehen laſſen— nur weil der Biſchof, der freilich auch ein Herr vom Adel iſt, es befahl— ſo weiß ich, was auf Eure Drohungen wie auf Euern Scharffinn zu geben iſt. Das große Maul habt Ihr immer, wenn aber mehr von Euch verlangt wird, ſo iſt es mit Eurer Weisheit zu Ende— und vollends den Frauen gegenüber, da überliſtet Euch jede kecke Dirne, wenn ſie nur eine leid⸗ liche Larve hat!“ „Weib!“ knirſchte der Schultheiß, ſchon mehrmals drohend dazwiſchen, ohne jedoch den einmal in Gang gekommenen Redefluß hemmen zu können.— Jetzt ſtampfte er den Fußboden mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Abſatz ſo gewaltig, daß rings alle Wände bebten und auch die Schultheißin ſchwieg— vielleicht auch ver⸗ ſtummte ſie vor einem Blick Iſolden's, der ihr zu ſagen 201 ſchien: ſo meinſt du wohl, weil es dir gelungen den Vater über deinen wahren Charakter zu täuſchen und dir noch gelingt, ihn zu hintergehen? Aber ein Wort richtete ſie nicht an ſie— nur beſänftigend, ergriff ſie die Hand des Vaters und ſagte: „Du haſt ſo viel Verdruß in deinem Amt, ärgere dich nicht noch daheim, nicht über eine Anſicht, die in ganz Nürnberg Niemand weiter hegt, denn ſie. Eine ſolche Denkart ſind wir ja nun gewöhnt— uns ver⸗ letzt ſ nicht mehr, möchte es bei dir doch auch alſo ſein!“ „Sie iſt die Hyäne, die mir die Zähne zeigt“,— tnirſchte der einmal zum Aeußerſten gereizte Mann, „und du die Katze, die mir ſchmeicheln will, falſch ſeid Ihr Allel“ Er ſchob Iſolde bei Seite und ging auf ſein Zimmer. Indeß hatte die Schultheißin doch inſofern recht, daß Pirkheimer wirklich in gewohnter Weiſe und in der zarten Abſicht, Alles gleich im Vorhinein auf's Beſte beizulegen und zu ordnen, und namentlich der Beiſtand des ſchönen Geſchlechts zu ſein, ſich als Bürge für Fräulein Amanda von Wildenfels erbot, wenn man dieſelbe einſtweilen unbehelligt in ſeiner Obhut ließe. Der Rath nahm die Bürgſchaft an, wenn Pirk⸗ 202 heimer für alle„Ungelegenheiten ſtand, die etwa der Stadt oder einem hochedlen Rath aus dieſem Handel erwachſen möchten“ und wenn er„über das Frauen⸗ zimmer diejenige hinlängliche Auskunft“ zu geben ver⸗ möge, die dem Rath zu wiſſen noth ſei. Darauf theilte er mit, daß Amanda die Tochter des Ritter Amadeus und ſeiner Gemalin Ehrentraut von Wildenfels ſei. Derſelbe ſei ſchon vorher mit Ulrika Kreß, der Schweſter des Propſtes Kreß und Ulrich's Mutter, vermält geweſen. Seine zweite Ge⸗ malin und deren Kinder habe er verlaſſen, ihnen ſein Schloß und Vermögen übergeben, da er die todtge⸗ glaubte Ulrika wieder gefunden. Gleich ihr hatte er ſelbſt ſeine Schuld in einem Kloſter gebüßt, in dem einſt ſein Sohn Ulrich ihn wieder gefunden. Der Kai⸗ ſer Max und der Papſt hatten die Buße des Mönches gewürdigt, ihn begnadigt und ſeinen Sohn Ulrich, der, ſchon im Verdacht unehelich geboren zu ſein, aus der Bauhütte ausgeſtoßen worden, war ſo gleichfalls wieder zu Gnaden angenommen. Daß ihm Stief⸗ geſchwiſter lebten hatte er wohl gehört, aber ſich nicht veranlaßt gefühlt, je nach ihnen zu fragen— einmal, weil ihm durch ſie ſein väterliches Erbtheil entgangen war und eine Annäherung von ſeiner Seite vielleicht wie eine Herausforderung desſelben hätte ausſehen ½ können, und dann, weil er als Baubruder ja ohnehin überhaupt keine Familienbande haben ſollte, ſondern losgelöſt ſein von jeder andern Verbindung, als der der freien Steinmetze— jetzt aber, da er Amanda geſehen, fand er in ihren Zügen auch Aehnlichkeit mit denen ſeines Vaters und erkannte ſie gern als ſeine Schweſter.— Sie war jetzt achtundzwanzig Jahre alt und hatte noch einen ältern Bruder Namens Kurt. Mit ihm wurde ſie von der verlaſſenen Mutter auf ihrem Schloß in Franken erzogen und dann nach deren und des Vormundes Willen, noch ehe ſie mün⸗ dig war, aus Familienrückſichten mit Adalbert von Wolfſtein verlobt. Er befand ſich im Hoſſtaat des Kaiſers Max, und da er ein beſonderer Günſtling desſelben war, brachte er es dahin, daß ſeine Braut Hofdame bei des Kai⸗ ſers Gemalin Blanka Maria Sforza ward, mit wel⸗ cher Maximilian ſeit 1494 vermält war. Da Wolf⸗ ſtein noch vor der Verheiratung in der Schlacht fiel, und auch Amanda's Mutter geſtorben war, ſo blieb ſie in ihrer Stellung am Hofe. Einige Zeit darauf erſchien der alte Wolfſtein bei ihr, für ſeinen zweiten Sohn Wilhelm zu werben— ſie gab ihr Jawort, da ſie ſich gerade um jene Zeit vom Hofe wegſehnte und nahm es ſo auch an bei dem alten Fräulein von 204 Wolfſtein, der Schweſter ihres zukünftigen Schwie⸗ gerbaters, einſtweilen auf Birbaum zu harren, bis Vater und Sohn aus dem Kriege mit Venedig zurück⸗ kehren würden. Indeß ward ſie dort von der alten Dame unter ſo ſtrenger Herrſchaft gehalten, daß ihr der Aufenthalt dort ganz unleidlich ward, es kamen noch andere Gründe dazu, die ihr ihre Entfernung wünſchens⸗ werth machten, da man ihr aber dieſelbe durchaus nicht geſtatten wollte, ſo ritt ſie eines Tages heimlich fort— und das Andere hatte ſie ja nun ſchon ſelbſt erzählt. Zwei Perſonen in Nürnberg wollte ſie auf⸗ ſuchen: ihren Bruder Ulrich, von dem ſie gehört hatte, daß er daſelbſt arbeite, und Pirkheimer, den ſie früher kennen gelernt. So erbot ſich denn dieſer, der Niemanden, der ſich hülfeſuchend an ihn wandte, am wenigſten aber einer Dame, eine ſolche Bitte abſchlagen konnte, ſie bei ſich zu behalten, bis ihr Bruder, der auf der Burg ihres Geſchlechtes wohnte, oder ihr Bräutigam ſie zu ſich holen werde. Ueber den Bräutigam rumpfte beſonders Herr Martin Löffelholz die Naſe— er hatte ſo wenig wie die Andern vergeſſen, daß er ein Genoſſe Jauernberg's geweſen, aber auch nicht, daß erihn damals, als Jauern — * ———— 7 —— 205 berg ergriffen ward, mit Ulrich ſich hatte vertrau⸗ lich unterhalten hören, und da er, weil er ſelbſt allerlei heimliche Pfiffe und Kniffe zu üben verſtand, auch immer alle Heimlichkeiten aufzuſpüren wußte, ſo bemerkte er mit hämiſchem Lächeln, daß die Sache denn doch wohl noch einen andern Haken haben möge, da Ulrich und Wilhelm von Wolfſtein ſelbſt unter einer Decke ſchon geſteckt hätten, als daß Pirkheimer mit triumphirenden Lächeln zurückweiſen wollte; daß dies ja natürlich ſei, wenn ſie als künftige Schmäher ſich einander genähert, widerſprach Löffelholz mit ſeiner Bemerkung, daß dann auch Ulrich nicht über⸗ raſcht geweſen ſein würde, die Schweſter hier zu fin⸗ den und man alſo ihr wie ihm auf alle Fälle eine Lüge nachweiſen könne, gleichviel ab dieſe oder jene, ſo müſſe man eben darum Mißtrauen in die ganze Soache ſetzen. Aber zuletzt führte auch dieſer faſt perſönlich wer⸗ dende Streit doch zu weiter nichts, als daß Pirkhei⸗ mer's Bürgſchaft angenommen und ihm überlaſſen ward, wenn es erforderlich wäre, dieſe Sache zu ver⸗ treten, ſo wolle man das Fräulein in keiner Weiſe be⸗ helligen. Indeß fragte Amanda bald nach den Töchtern des Schultheißen, und zwar in einer Weiſe, die für Euſe⸗ 206 bia doch ein wenig befremdend war. War ſie auf Wolfſtein eiferſüchtig und hatte auch ſie von jener Be⸗ gegnung an den Buchenklingen gehört, die ſo verſchie⸗ den gedeutet worden war? Liebte ſie ihren Verlobten oder nicht und gedachte ſie das Band feſter zu knü⸗ pfen oder zu löſen, das war und blieb ihren Gaſt⸗ freunden und Allen ein Räthſel— auch ihrem Bruder. Ulrich hatte ſeine Schweſter wiedergeſehen. Mit der wärmſten Herzlichkeit war ſie ihm entgegengekom⸗ men— wunderbare und neue Gefühle wurden dadurch in ihm an⸗ und aufgeregt— er hatte ſie nie gekannt, aber er wußte, daß er ſich ihnen nicht überlaſſen durfte. Die Geſetze der Bauhütten forderten von ihren Geſellen und Meiſtern, daß ſie ſich ihren Famlien entzogen; zu Lehrlingen wurden ſchon darum die in den Klöſtern erzogenen Knaben am liebſten aufgenom⸗ men(man nannte ſie Oblaten) und wenn auch mit der Zeit ſich dieſe Forderungen weniger ſtreng geſtal⸗ teten, ſo waren ſie doch nochſo weit aufrecht erhalten, daß der Verkehr der Baubrüder mit den Ihrigen nur ein äußerſt beſchränkter ſein konnte. Als er Amanda nach dem erſten Begegnen bei Pirkheimer wieder geſehen und man mit der in dieſem Hauſe immer beobachteten feinen Rückſichtsnahme die S —— 207 Geſchwiſter allein gelaſſen hatte, war es zuerſt nur zur Erklärung der Situation gekommen, in der ſie ſich kennnen gelernt, und damit verhielt ſich Alles ſo wie Pirkheimer vor dem Rath geſagt hatte, und dann war Ulrich's Frage ſo natürlich: „Wie hattet Ihr von mir gehört und wodurch wußtet Ihr, daß ich in Nürnberg war?“ Sie zögerte ein Weilchen mit der Antwort„Von meinem Bräutigam Wilhelm von Wolfſtein.“ Das Wort zog eine peinliche Pauſe nach ſich Ul⸗ rich war der Vermittler zwiſchen ihm und Anna von Weichsdorf geweſen— Wolfſtein hatte ihm wohl ge⸗ ſagt, daß ihm ſein Vater ein Edelfräulein zur Braut auserſehen, daß er aber niemals in dieſe Verbindung willigen, ſondern Anna die Treue bewahren werde— konnte Ulrich eine Ahnung haben, daß dieſe Braut ſeine Schweſter war, wußte Wolfſtein etwas davon? Liebte ihn Amanda oder hatte Wolfſtein ſie oder Anna, oder Beide betrogen? Welche war die Hintergangene und welche hatte das größere Recht an ihn? Und wie⸗ der: wie ſollte er, Ulrich, ſelbſt ſich in dieſer Sache verhalten? Er hatte Wolfſtein Verſchwiegenheit und den Töchtern des Schultheißen neben dieſer auch noch die ſtrengſte Wahrheit gelobt— hinterging er nun aber nicht ſelbſt Anna, wenn er nicht zu ihr ſagte: 208 Wolfſtein hat eine andere Braut— hinterging er nicht ſeine Schweſter, wenn er nicht zu ihr ſagte, Wolfſtein hat eine andere Geliebte!— Faſt zürnte er in dieſer Unklarheit auf Iſolde, die ihn ja doch zu einer Betheiligung an ſolch' zarten Angelegenheiten verlockt, die ihn fern lagen und ewig fern liegen ſoll⸗ ten! Aber wenn Wolfſtein von ihm mit Anna ge⸗ ſprochen— in welcher Weiſe konnte es denn geweſen ſein? Ein Baubruder, und wenn er auch vornehmer Abkunft war, gleich ihm, war doch in der Regel kein Umgang für einen Ritter— im Waffenſchmuck und dem Glanz der Ritterehre, pflegte dieſer verächtlich auf den freien Steinmetz in der einfachen, allen ge⸗ meinſamen Tracht herabzublicken, indeß dieſer wieder die Rohheit und Unwiſſenheit verachtete, die meiſt hin⸗ ter dem glänzenden Waffenſchild zu verbergen ſtrebte. Und ſo hatte Ulrich vorerſt nur die Bemerkung, daß⸗Wolfſtein, mit dem er durch Zufall bekannt ge⸗ worden, damals nicht gewußt haben könne, daß Amanda ſeine Schweſter ſei. „Nein,“ antwortete Amanda,„denn ich habe es ihm erſt ſpäter geſagt!“ „Und woher wußtet Ihr es denn?“ forſchte Ul⸗ rich,„denn unſer Vater ſah Euch, ſo viel ich weiß, nicht wieder, ſeit er mich aufgefnnden und ich erſt 209 durch ihn ſelbſt das Geheimniß meines Herkommens erfahren hatte.“ „Ich wußte es vom Kaiſer Maximilian,“ ant⸗ wortete ſie nach einigem Zögern, und ſchlug dabei erröthend die feurigen Augen nieder. „Er gedachte noch eines armen Baubruders?“ ſagte Ulrich geſpannt. „Mein Name—“ erzählte ihm Amanda—„rief ihm die Geſchichte unſeres Vaters und des Eurigen zurück— denket darum nichts Arges von mir— aber ich darf wohl ſagen: der Kaiſer zeigte ſich mir hold, und darum eben verbannte mich die eiferſüchtige Bianka Maria vom Hofe— einſt in einer eiſamen Stunde, wo ich dem Kaiſer klagte, wie früh ich ver⸗ laſſen in der Welt geſtanden und den Vater verloren, der in ein Kloſter gegangen, forſchte er nach ſeinem Namen und erzählte mir nun ſelbſt, daß er ihn, der einſt aus dem Kloſter entwichen und halb wahnſinnig geweſen ſei, begnadigt habe und ſo auch Euch, ſeinen Sohn, den er einen der größten Baumeiſter des Jahr⸗ hunderts nannte. Nun war ich ſchon begierig Euch kennen zu lernen, und forſchte da und dort nach Euch, und ſuchte an den Werken der Kunſt Euer Zeichen, den Kreis mit einem Richtſcheid durchſchnitten, und als nun Wolfſtein mir wieder Euern Namen nannte und 1861. XIX. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. 1I. 14 210 nun plötzlich faſt erſchrocken fragte, ob ich mit Euch verwandt— da klärte ſich mir vollends Alles auf— ich erfuhr, daß Ihr wieder in Nürnberg und ging eigentlich nur darum nach Birbaum, um Euch um⸗ her ſein zu können und Euch aufzuſuchen, daß Ihr vielleicht der Verlaſſenen ein Beiſtand würdet.“ Ulrich drückte ihre Hand.„Ihr ſeid eine allzu⸗ gütige Schweſter, und wollte Gott, ein armer Bau⸗ bruder vermöchte Euch eine Stütze im Leben zu ſein und Alles für Euch zu thun— doch leider iſt das nicht in meiner Macht.“ „Und doch!“ lächelte ſie,„nur müßt Ihr dieſe allzukluge Zurückhaltung fallen laſſen, nur Eines müßt Ihr mir aufrichtig bekennen: Iſt Anna von Weichsdorf— Wolfſtein treu?“ Ulrich ſagte:„Ich weiß nicht, ob dies eine Frage, die ich beantworten kann—“ „Und darf? wollt Ihr ſagen!“ fiel ihm Amanda in's Wort, Ihr ſeht, ich weiß von dieſer Neigung und möchte Diejenige kennen lernen, die mir den Bräuti⸗ gam raubt.“ „Lernt ſie kennen,“ entgegnete Ulrich„es iſt für Euch nichts leichter als das, da Pirkheimer und ſeine Schweſter im freundſchaftlichen Verkehr mit den Töchtern des Schultheißen leben; ſo viel ich weiß, iſt 211 es ein ſo unſchuldiges und frommes Geſchöpf, das ſich lieber hinter den Kloſtermauern verbergen wird, als einem andern Weſen im Wege ſtehen, aber denket auch daran, daß Ihr nur mit Sanftmuth und Zartheit mit ihr umgehen dürft, denn ſie war ſchon vorigen Herbſt dem Tode nahe.“ Amanda ſchien noch um etwas fragen zu wollen, dann aber beſann ſie ſich, ergriff Ulrich's Hand und ſagte faſt feierlich:„So verſprecht mir nur Eines: Wie Ihr mir jetzt Euer Vertrauen noch nicht ſchenkt, ſo mißbraucht auch das meine nicht— iaßt mich Anna prüfen und erforſchen ohne Euch einzumiſchen, und ſchweigt gegen Wolfſtein und gegen die Fräuleins von Weichsdorf, wie Ihr gegen mich geſchwiegen!“ „Alles verſprech' ich Euch, was ſich mit meiner Ehre als freier Steinmetz verträgt!“ Amanda kächelte.„Immer ein Vorbehalt!— ſo ſind die Männer alle! doch ich nehme auch ſo Euer Wort.“ Ende des II. Bandes. Verlag on H. MarkgrafComp. in Wien. Durch alle Buchhandlungen iſt zu beziechen: M. G. Saphir's humariſt.-ſatyr. Balkskalender Fortgeſetzt und herausgegeben v. Märzroth und Oettinger. 14. Jahrgang. Preis 70 Nkr. Das von weiland M. G. Saphir gegründete Unter⸗ nehmen hat ſich bekanntlich beim deutſchen Leſepublikum mit einer ſolchen Beliebtheit eingebürgert, daß eine Fort⸗ ſetzung und weitere Pflege desſelben allgemein will⸗ kommen ſein muß. Indem hiermit dem Andenken des ver⸗ ſtorbenen Humoriſten ein bleibendes Erinn erungs⸗ zeichen gewidmet wird, erhält das Publikum zugleich eines der pikanteſten humoriſtiſchen Jahrbücher, und hat die Verlagshandlung dies Ziel dadurch am beſten zu erreichen geſucht, indem ſie in den beiden rühmlichſt bekannten Herausgebern zwei der vorzüglichſten jetzt leben⸗ den deutſchen Humoriſten, die zugleich beide lang⸗ jährige Freunde und Mitarbeiter Saphir's waren, für dieſen Zweck gewann. Die Namen Märzroth und Oet⸗ tinger genügen, um den Inhalt dieſes Jahrganges als einen an Witz und Humor reichen zu bezeichnen. Druck von F. Fridrich. —————— it 16 16 17 18 n ſ 9 1 12 1 n 8 10 1 8 14