ß Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Gktmann in Gieſſen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceeeee El rrarnrararrararurarururarrr 1. Oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 5 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 F— Pf. 1 V . 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛ.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen hahen — Sh Albun. „ Pibliothek deutſcher Briginalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Achtzehnter Band. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. I. Wien. H. Markgraf 66 Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1861. Die Schultheißentüchter von Nürnberg. Eulturhisturischer Buman von Loniſe Otto. Erſter Band. Wien. H. Markgraf& Comp. 1861. —— Inhalt. E Rücktehr Rückblic III. Ein Sarkophag„ IV. Albrecht Dürer V. Das Haus des Schultheißen VI. Die Buchenklingen„ VII. Ein Gang durch die Stadt. VII. Die Schweſtern FK. In der Mſſe. „„ — — * „ Seite 1 22 39 62 79 98 118 135 153 X. Der„geſalzene Fiſcher“ und ſeine Tochter XI. Annäherung XII. In der Plättnergaſſe 2204 Die Schultheißentöchter von Nürnberg. Borwort. 1859 erſchien in dieſer Sammlung mein Roman „Nürnberg“. Gleich als ich ihn ſchrieb und mich in das inter⸗ eſſante Studium dieſer edlen Stadt, noch jetzt das Reliquienkäſtlein des deutſchen Reiches und einſt die blühendſte Reichsſtadt, vertiefte, jene herrlichſte Kultur⸗ und Kunſtepoche in's Auge faſſend, welche das Ende des fünfzehnten und der Anfang des ſechzehnten Jahr⸗ hunderts uns bietet, ſchwebte mir der Gedanke vor, dieſe Fülle des mannigfaltigſten Materials nicht in einem Roman zu erſchöpfen. Zugleich aber war ich auch eben durch dieſe Größe der geſchilderten Epoche ſo erfüllt von der Größe meiner Aufgabe, daß ich nicht gewiß war, ob ich ſie zu meiner eigenen und mei⸗ ner Leſer Befriedigung würde löſen können, beſonders da dies der erſte hiſtoriſche Roman war, den ich ſchrieb. Mehr als ich jemals zu hoffen wagte, ſind mir die Zeichen der Letzteren zu Theil geworden, und be⸗ ſonders von dem Schauplatz des Romans, aus Nürn⸗ berg ſelbſt, ſind mir viele Stimmen von den Bewoh⸗ nern des neuen wie von den genaueſten Erforſchern des alten Nürnberg zugekommen, die mich zur freu⸗ digen Fortſetzung des Begonnenen anregen mußten. So biete ich denn dieſelbe in dem Vorliegenden. Wie der erſte Roman ein für ſich abgeſchloſſenes Ganze war, ſo iſt es auch dieſer, wie jener am Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts ſpielte, ſo ſpielt dieſer am Anfang des ſechzehnten Jahrhunderts. Einige Per⸗ ſonen, deren Jugendgeſchichte jener gab, begegnen uns in dieſem im gereiften Alter. So: Ulrich von Straß⸗ burg, Albrecht Dürer, Willibald Pirkheimer und ſeine Schweſter Chantas. 6 Wie die Menſchen, ſo drängt auch die Zeit einer höheren Reife entgegen und offenbart dies deutlicher in einzelnen Erſcheinungen, z. B. in den Beſtrebun⸗ gen inmitten der Baubrüderſchaften u. ſ. w. Wer mein„Nürnberg“ noch nicht geleſen, em⸗ pfängt in den„Schultheißentöchtern von Nürnberg“ dennoch ein abgeſchloſſenes Bild, wem aber dies Un terhaltung oder Befriedigung gewährt, von dem darf ich hoffen, daß er noch nachträglich zu jenem greift — den Leſern desſelben aber darf ich dieſe Fortſetzung mit der Hoffnung bieten, ſie nicht minder günſtig auf genommen zu ſehen. Und ſo tretet denn wieder mit mir ein in's mittel⸗ alterliche Nürnberg und ſprecht mir noch einmal nach: Du edles Nürnberg biſt wie eine Blume Im deutſchen Reich, ſo herrlich anzuſeh'n! Du blühſt dir ſelbſt und aller Zeit zum Ruhme, Läßt Balſamdüfte durch die Lande weh'n! Und deine Zauber wirken fort und fort, n Kunſt und Wiſſenſchaft, in Bild und Wort⸗ Dahin zog es von je die edlen Geiſter, Die gern ſich lieben in des Lebens Glanz, Die Herrn und Fürſten und die großen Meiſter Von jeder Kunſt im ſchönverbund'nen Kranz. Dort kämpfte man zuerſt für Recht und Licht Und huldigte der Schönheit wie der Pflicht! Leipzig. Die Verfaſſerin. kRückkehr. Einer jener ſonnigen Herbſttage, wo die Luft in durchſichtiger Klarheit über allen Gegenſtänden leiſe zittert und jedes Blatt vom andern abzuheben, jede Ferne zur Nähe zu rücken ſcheint, lag über dem großen Reichsforſt, der bis faſt an die Thore der alten freien Reichsſtadt Nürnberg ſich erſtreckte. Jede Nadel an den alten Tannenrieſen, die da ſtanden, war erkenn⸗ bar, und die hochgewachſenen Fichten ſchienen ihre Wipfel nur darum ſo emporzuheben, damit die Sonne, die ſich ſchon zum Untergange neigte, die Kränze und Feſtons von langen Zapfen vergolde, die ſie um die dunklen Häupter gewunden. Unten am Boden das üppige Moos, das noch feucht geblieben vom Thau der Nacht, hatte ſeine Härchen weit und weich aus⸗ einander gelegt und wo ein flüchtiger Sonnenſtrahl bis zu ihm hinab ſich ſtahl, da ſpiegelte es ihn dankbar ut Die Schulteißentochter von Rürnberg. 1 1 ———— 2 wieder in tauſend Flämmchen und funkelnden Perlen⸗ ketten. Das Nadelholz wechſelte mit Laubwaldung, die in den bunten Farben des Herbſtes prangte, das ſchon von manchen Bäumen herabgefallen, indeß andere noch ſich um ſo ſtolzer mit der ganzen Fülle des Som⸗ mers brüſteten. Ein einſamer Wanderer zieht des Weges daher. Er ſteht im blühenden Mannesalter, den Vierzigen nahe. Hoch und kräftig iſt ſeine Geſtalt, ſein Geſicht fällt am meiſten auf durch die edelgebaute Stirn, unter der hohe Gedanken zu wohnen ſcheinen, und in der nur eine tiefe Furche von der griechiſchen Naſe aufwärts, an manches voll Ernſt und Kampf zurückgelegte Le⸗ bensjahr erinnert. Aus ſeinen tiefdunklen Augen leuch⸗ tet das Feuer echter Begeiſterung, das um ſo ſchöner glüht, als es in dieſem Mannesantlitz bezengt, daß es nicht von der ſchwärmeriſchen Glut der Jugend ſtammt, ſondern eine Leuchte iſt, die auch ein Leben voll Ent⸗ ſagung, Trübſal und Kampf nicht zu erlöſchen, ſon⸗ dern nur zu läutern vermochte Das üppige braune Haar, halblang, in der Mitte geſcheitelt und rundum glatt beſchnitten, bedeckt ein kleiner runder Strohhut. Ueber den enganllegenden Beinkleidern von bräun⸗ lichem Leder trägt er eine Art kurze Blouſe von roth⸗ brauner Farbe, am ſchwarzen Ledergürtel hängt 3 kurzes breites Schwert und um die Schultern am feſten Riemen ein lederner Sack. Die kurzen Stiefeln ſind von ungeſchwärztem Leder. Bei jeden Schritt, den er weiter thut durch den gewaltigen Forſt,„des Reiches Bienengarten,“ iſt es, als höbe ſich ſeine Geſtalt höher, als ſtrahlten ſeine Augen heller vom Widerſchein der Erinnerung. Im Jahre 1495 iſt der Baubruder Ulrich Wüll, genannt Ulrich von Straßburg, fortgewandert von Nürnberg, und jetzt im Jahre 1508 nähert er ſich ihm wieder. Welch' ein Zeitraum liegt dazwiſchen! Und welch' ein viel größerer und inhaltreicherer noch zwi⸗ ſchen jenem Maitage von 1489, an dem er zum erſten Male in Nürnberg einwanderte, und dem heutigen Herbſttage, da er nach ſo langer Entfernung ſich ihm wieder nähert. Ja damals war es Mai— und heute iſt es Herbſt! Iſt es nicht auch ſo in ihm? Damals war er ein ſchwärmeriſcher Jüngling, der dem Leben ein offenes Auge und ein vertrauendes Herz entgegentrug. Ein Wandergeſell und Baubruder, aus der Haupthütte von Straßburg kommend, zog er damals ins ſchöne Nürn⸗ berg ein, an die Bauhütte von St. Lorenz gewieſen. Wie lächelte da ihm die edle Reichsſtadt entgegen, wie ging er fröhlich und wohlgemuth durch ihre von einem Gäßlein, die ſtattlichen Gebäude mit ihren reichen heitern und geſchäftigen Leben bewegten Gaſſen unb Verzierungen und kunſtreichen Steinmetzarbeiten be⸗ wundernd, die daran ſtanden! Wie thaten ſich ihm da⸗ mals doch mit den Thoren der ſtolzen Stadt die Thore des Lebens weit auf, wie öffneten ſich ihm damit die Pforten zum Tempel der Kunſt, wie träumte in ihm ihr jugendlicher Jünger von einer einſtigen Hohen⸗ prieſterſchaft! Wie grüßten und jubelten damals im Reichsforſt ihm tauſend Vogelkehlen entgegen, ſangen ein luſtiges„Willkommen!“ und ein ſchmetterndes „Hoſianna!“ Wie gaukelten die Bienen um ſeinen Pfad, trugen von den Blumen des Maies ſchwer am goldenen Blütenſtaub in die Zellen— gerade ebenſo arbeitsſam und auf Erwerb bedacht wie die Bürger von Nürnberg, die auch durch alle Zonen ruhelos ſchwärm⸗ ten, um das Köſtlichſte, was ſie fanden, zuſammen zu tragen, es dann zum Schmuck der Heimat aufzu⸗ häufen oder— zu verzehren! Wie duftete damals der Wald von einem köſtlicheren Weihrauch als dem, wel⸗ chen der rückkehrende Kaufmann aus beiden Indien mit heimbrachte, dem neuen, nicht lange erſt entdeckten Weſten, wie dem alten Oſtindien,— dem Weihrauch des Lenzes! Wie lieblich ſtrahlte das Buchenlaub im zar⸗ teſten Grün, wie feenhaft durchſichtig waren noch die 5 Schleier der weißen Birken, wie erſchloſſen ſich alle Blumen begierig dem Licht der Maienſonne, wie dräng⸗ ten alle Knoſpen nach Entwicklung! So drängte und blühte es damals auch im Weſen des Jünglings, ſo daſeinsfreudig war auch ihm zu Muthe— und jetzt, wie war es denn jetzt, da der Jüngling zum reifen Manne geworden? Vorüber war der Frühling mit ſeinen ſüßen Gaukeleien, jetzt war es Herbſt. Aber wie viel auch Ulrich erlebt, gelitten und gekämpft— zumeiſt gerade in den Jahren, die er in Nürnberg verlebte— wie viel Träume und Hoff⸗ nungen des Frühlings ihm auch mit ſeinen Blumen ver⸗ welkt waren, zertreten und verweht— ſo klar wie dieſer Herbſthimmel wölbte ſich noch über ihm der Himmel der Kunſt, ſo rein wie dieſe Luftwellen und Sonnen⸗ ſtrahlen glühte noch die Begeiſterung für ſie in ſeinem Herzen. Daß die lockenden Liebesgeſänge der Vögel verſtummt— das dünkte ihm gut, denn ein Bau⸗ bruder durfte ja ſo ihnen nimmer Gehör geben,— und war das verheißungsreiche Maigrün vergangen— nun, ſo hatte der Wald ja, überall die deutſchen Reichs⸗ farben gleich Siegesfähnlein aufgeſteckt, ſo grüßte ſtatt tirrilirenden Vögeln dies heilige Schwarz, Roth und Gold von den mächtigen Buchen und redete eine Sprache geweihter Prophetie zu dem deutſchen Manne. Selbſt in ſolche Betrachtungen verſenkt, kam Ulrich ſeinem Ziele immer näher. Schon hoben ſich die un⸗ zähligen Thürme der Stadt vor ihm empor und die Veſte grüßte noch über ſie hinweg. Schon ſchlug die große Glocke von St. Sebald mit ihren gewaltigen Schwingungen an ſein Ohr— ſchon hörte er ein Klo⸗ ſterglöckchen Ave Maria läuten! O er kannte auch die Stimme dieſes Glöckchens! vom Klarakloſter ſchallte es empor— dasſelbe, das da drinnen ſeiner Mutter zum ewigen Frieden geläutet. Welche Erinnerungen wachten da in ihm auf an die ſchwerſten Stunden ſei⸗ nes Lebens! In Nürnberg hatte er ſie erlebt— ſo tiefes Leid wie in ihm hatte er in keinem andern Ort gefunden— und doch zog es ihn wieder dahin mit un⸗ widerſtehlichem Sehnen. Es war ein Zug, der von allen Gebildeten der da⸗ maligen Zeit getheilt ward. Nürnberg glich dem Magnetberg der Sage mitten im deutſchen Reich— wer es einmal geſehen, dem ließ es keine Ruhe, er mußte es wieder ſehen; wer einmal mit offenen Augen und ſtrebender Seele in dies raſtlos thätige Treiben geſchaut, das in Kunſt und Wiſſenſchaft, in Handel und Gewerbe zugleich und überall ſeine ſchönſten Blü⸗ ten entfaltete, der verlangte auch immer wieder dar⸗ nach. So erging es ſelbſt Königen und Kaiſern, die, 7 weil ſie ihren erſten Reichstag in Nürnberg halten mußten— es war ein uraltes Vorrecht der Stadt, welche die Reichsinſignien in ihrer St. Sebaldskirche verwahrte— es einmal kennen lernten und dann im⸗ mer wieder gern begrüßten, mochten ſie nun auf der Veſte wohnen, bei dem Burggrafen von Zollern, oder in irgend einem ſtattlichen Bürgerhaus der edelſten Geſchlechter;— ſo erging es den Männern der Wiſſen⸗ ſchaft wie der Kunſt, ſo erging es allen Höhergebil⸗ deten ihres Zeitalters, die ſich nirgend ſo wohl fühl⸗ ten als hier, wo alles Schöne und jede feinere Sitte ihre Pflege fand— ſo erging es auch dem Baubruder Ulrich, der jahrelang in der Bauhütte von St. Lo⸗ renz hier mit an der herrlichen Kirche gearbeitet hatte. Zwar begann ſich gerade hier neben dem heiligen Kirchenbau auch eine Profankunſt zu entwickeln, die mit den Baubrüderſchaften zu wetteifern ſuchte, aber immer blühten dieſe noch und hielten feſt an ihren ur⸗ alten Satzungen und verbrieften Rechten. Als freier Steinmetz zu ihnen gehörend, war Ulrich, ſeit er Nürn⸗ berg verlaſſen hatte, zuerſt wieder zurückgekehrt in die Haupthütte von Straßburg, dann war er in die Schweiz gegangen;— die Tage von Fraſtenz und Dorneck, wo das Hirtenvolk, von den öſterreichiſchen Rittern als Bauern geführt, im glänzenden Sieg über die kaiſerliche Uebermacht den Sieg ſeiner Freiheit er⸗ rungen, hatte Ulrich in nächſter Nähe miterlebt. Da⸗ mals hatte er auch Manches aus Nürnberg ſich erzäh⸗ len laſſen, denn er hatte Willibald Pirkheimer wieder⸗ geſehen, der dem Kaiſer ein Fähnlein, aus ſeiner Va⸗ terſtadt geſandt, als Hauptmann zuführte. Sie waren einander als Jünglinge begegnet und hatten ſich als Männer wiedergeſehen, halb wehmüthig, halb freu⸗ dig,— wehmüthig, daß Kaiſer Maximilian, zu dem Ulrich einſt, da er als ein Baubruder zum andern— denn auch Maximilian war ja ſchon als Jüngling ein ſolcher geworden— ein freies Wort reden durfte, ge⸗ ſagt hatte: er möge Leben und Bewegung fördern im Reich und die deutſche Nation ſtark machen durch Einig⸗ keit und Freiheit— daß dieſer Kaiſer jetzt ein freies Nachbarvolk bekriegte, daß deutſche Männer zu ſeiner Un⸗ terdrückung fechten mußten; wehmüthig, daß die deut⸗ ſchen Heere unterlagen und ihr Blut nutzlos vergoſſen, — aber freudig doch, daß die Freiheit ſiegte und das Alpenhorn von Berg zu Berg ihren Sonnenaufgang verkünden konnte. Von da war Ulrich nach Italien gegangen, hatte am längſten geweilt in Venedig, Bo⸗ logna und in dem ewigen Rom. Jahrelang hatte er dort ſich aufgehalten, in Kunſt und Wiſſenſchaft ſich vervollkommnet, dann war er nach Wien gewandert 3 1 9 und in der Bauhütte am Stephansdom hatte er mit⸗ gearbeitet und neuen Ruhm bei einem deutſchen Bau⸗ werk ſich erworben. Dann reiſte er die Donau hinauf nach Ulm und Regensburg, kehrte auch hier ein und arbeitete ein Jahr in der Bauhütte— und nun, nach einem Kreislauf der Wanderſchaft wie der Jahre, kehrte er wieder nach Nürnberg zurück. Unter mannigfachen Gedanken war er eingewan dert in der herrlichen Stadt. Wohlbekannt waren ihm alle Gaſſen und Gäßlein, wehmüthige Erinnerungen weckte ihm faſt jeder Schritt, den er in ihnen weiter that— es war ihm zu Muthe, als fingen die Steine zu reden an, als hielte das Straßenpflaſter Zwieſprache mit der Ziegeln der Dächer— als nickten die kunſt⸗ reich gekanteten Giebel freundlich zu ihm, als lockten die vorſpringenden Chörlein in irgend ein trauliches Gemach, als plätſcherten die Waſſerſtrahlen der kunſt⸗ reichen Brunnen ſo laut, um ihm hundert alte und neue Geſchichten zu erzählen— und er ſehnte ſich ſie zu hören aus dem Mund eines Menſchen. Von allen, die ihm bisher begegnet waren, vor der Stadt ſchon, wie in derſelben, dünkte ihm wohl manches Geſicht be⸗ kannt, aber er wußte nicht, ob er ſich irrte oder nicht und hatte für Niemand einen Namen, nur der Typus des„Spezifiſch Nürnbergiſchen“ war's, was ihm die⸗ ſen Eindruck machte. Dieſe geſchäftig eilenden Diener und Boten, dieſe pfifſig ausſehenden Lehrjungen, die mit fröhlichen Sprüngen die Zeit wieder einbrachten, die ſie irgendwo gaffend verſäumt, dieſe in prächtige Stoffe gekleideten Patrizierſöhne, die ſporenklirrend daherſchritten und unter den Fenſtern am lauteſten ſchwatzten oder mit den Degen klirrten, an denen ſie hoffen durften, irgend eine neugierige oder gefallſüch⸗ tige Schöne erſcheinen zu ſehen, dieſe gravitätiſch auf⸗ tretenden älteren Herrn aus den edelſten Geſchlechtern, allein, oder mit Ehegattinnen und Töchtern, die nicht minder ſtolz und ſicher auftraten und durch den Prunk, wie eihun ihrer reichen Kleider die Väter der Stadt, die auch dafür wie für Alles ein ſcharfes Auge und noch ſchärfere Verordnungen hatten, in oft nicht geringe Verlegenheit ſetzten— dies Alles machte auf Ulrich den Eindruck des Altbekannten, das alle Erin⸗ nerungen wieder auffriſcht und ein Jahrzehent ſpurlos verſinken läßt. Aber er war Allen ein Fremder, ihn kannte Niemand, er war ein Baubruder, wie man an ſeiner Kleidung ſah, der in mönchiſcher Abgeſchloſſen⸗ heit auch mitten im heitern Nürnberg leben muß— ſie achteten ſeine Kunſt und ſeinen Beruf— aber es ſpielte ſchon um manchen Mund ein neckendes Lächeln, das zu fragen ſchien: wir ſind Euch doch nur die Pro⸗ 11 fanen und Ihr dünket Euch mehr, was ſollten wir uns um einander kümmern? Oder lebte dieſe Frage nur in Ulrich's Seele, lag in ihm nur dieſe Deutung für die Blicke der Begeg⸗ nenden und war ihm dieſe Abgeſchloſſenheit nicht mehr ein ſtolzer, heiliger Triumph wie einſt, erſchien ſie ihm wie ein Vorwurf, wie etwas, das die aufgeklärte Menge belächelte? Da war die Kirche von St. Lorenz erreicht, auf deren Gerüſt er einſt mit Lebensgefahr geſtanden und den Freund gerettet hatte, den blonden Hieronymus, der ihn nachher verleugnet,— da ſtand die Bauhütte noch, in der er gearbeitet, in der er um Anderer willen eine ſchimpfliche Ausſtoßung und dann doch wieder eine feierliche Aufnahme gefunden— das Kreuzige und das Hoſiannah, das faſt noch jeder ausgezeichnete Menſch erlebt, da ſtand auch der Pfarrhof von St. Lorenz mit dem wohlbekannten hochgewölbten Thor und dem kleinen eiſernen Pförtlein— dahin ging er und ſchlug den gewichtigen Klöppel klirrend an ſeine Stütze. Es dauerte nicht lange, ſo ſprang ſie auf, von oben durch einen Drucker geöffnet; Niemand ließ im Haus⸗ flur ſich ſchen, eine von der Decke herabhängende Lampe erhellte matt den weiten gewölbten Raum. Das war noch die alte bekannte Lampe, das waren die alten be 12 kannten Schreine an den Wänden mit künſtlicher Holz⸗ ſchnitzarbeit— es war noch Alles, wie es vor einem Jahrzehent geweſen— aber durfte Ulrich daraus ſchlie⸗ ßen, daß auch noch der Bewohner derſelbe ſein würde? Dies Geräthe mochte wohl Alles Inventar ſein, das in der Propſtei verblieb, auch wenn die Pröpſte wech⸗ ſelten. Damals war ſein Oheim, Herr Anton Kraß, Propſt geweſen— Ulrich wußte nicht, ob er noch am Leben war— und nun ſtand er hier in ſeiner Woh⸗ nung und war noch immer in der alten Ungewißheit — Niemand kam nach ſeinem Begehr zu fragen, noch ihm Antwort zu geben. Beſcheiden klopfte er an der Thür zur Rechten, die etwas im Hintergrund, ſonſt in das Empfangszimmer des Propſtes geführt hatte. Hierinnen mußte wohl Jemand ſein, denn das kleine Schiebfenſterchen, das ſich an der Thür befand, war hell erleuchtet. Das war freilich eine Veränderung! Der hölzerne Schieber, der ſich ſonſt immer von innen vorgezogen befand und nur geöffnet ward um durch⸗ zuſehen, wenn Jemand Einlaß begehrte, war heute über die Hälfte geöffnet— und da Urrichs Klopfen Niemand zu hören ſchien, ſo warf er einen Blick durch die Heffnung, um ſich ſo eine Entſcheidung über Leben oder Tod ſeines einzigen Verwandten zu holen, dem er immer eine treue Anhänglichkeit bewahrt hatte, 13 Er lebte! Da ſaß er auf dem Sopha, gealtert zwar unb mit ergrautem Haar, aber ein rüſtiger Greis mit ro⸗ them, friſchem Geſicht und glatten Wangen— eine behäbige, von gemächlichem Wohlleben zeugende Er⸗ ſcheinung— ein ſchmunzelndes Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund, und— was hielt denn nun Ulrich ab die Thür zu öffnen und den werthen Oheim zu begrü⸗ ßen,— mußte denn nicht die plötzliche Freude, ihn wiederzuſehen ſo in der Fülle der Geſundheit und Kraft, Ulrich's Eintritt entſchuldigen? Sagte ihm nicht das Ausſehen des Propſtes, daß der Wanderer zur guten Stunde gekommen? Der Propſt war nicht allein— vor ihm auf dem eichenen Tiſch der ſilberne Armleuchter, ein kunſtrei⸗ ches Werk und Geſchenk aus einer Nürnberger Gold⸗ ſchmieds⸗Werkſtatt, auf dem drei dicke Wachsſtümpf⸗ chen hell aufflammten—(wenn ſie auf dem Hochaltar von St. Lorenz kurz gebrannt, wanderten die geweih⸗ ten Kerzen in die Propſtei und leuchteten oft genug zu Spiel und Trunk)— der Leuchter warf niht nur ein ſo helles Licht auf den Propſt, ſondern beleuchtete die Reize einer Dame, nach welcher der alte Herr mit verliebten Blicken ſchielte und ihre kleine weiße Hand in ſeiner dicken Rechten verſchwinden ließ. Die Dame ſchien den reichſten Geſchlechtern Nürn⸗ bergs anzugehören, nur ſie durften es wagen in ſolch' reicher Tracht zu erſcheinen. Sie trug ein Kleid von veilchenblauem wollnen Damaſt, mit ſchwarzemSammt beſetzt. Zwiſchen den aus langen Streifen beſtehenden Aermeln quollen Puffen von weißer Seide hervor. Das viereckig ausgeſchnittene Leibchen ging bis über die Hüften herab und zeigte buchſtäblich wie angegoſſen die feine Taille und die ſchwellenden Formen einer Ge⸗ ſtalt, die jedem Bildhauer zum Modell dienen konnte. Ein durchſichtiges Hemdchen ward am Hals von einem prachtvollen goldenen Schmuck zuſammengehalten. Auf dem Haupt trug ſie einen jener ſeltſamen Kopfputze, die eben aufgekommen waren und„Sturz“ genannt wurden. Seine Form glich ungefähr einem aufſtei⸗ genden krummgebogenen Trichter, er war von ſchwar⸗ zem Sammt, mit Gold geſtickt und einem Schleier daran. Das Haar wurde nur hinten davon bedeckt, und quoll hier in üppigen braunen Flechten, die ſich in Bogen von vorn nach hinten legten, ein edles Ant⸗ litz umrahmend, wie Ulrich nur einmal eines von ähnlicher Hoheit geſehen— und darum vermochte er auch den Blick nicht wieder wegzuwenden von der herrlichen Erſcheinung— zumal als ſie jetzt die lang bewimperten Augenlider aufſchlug, und aus den 15 ſchwärmeriſchen blauen Augen ein Strahl empor⸗ keuchtete, bei dem ihm zu Muthe war, als ſei es ein Geiſterauge aus dem Himmel, in welchem die weilte, deren glänzendes Auge er einſt brechen ſehen zuge⸗ drückt. Faſt ſchien es, auch die Lebende ſei in gleichem Alter, in dem damals jene Eliſabeth geweſen— etwa in der Mitte oder Ende der Zwanzig, denn der erſte Schmelz und die Weichheit der Jugend war einem be⸗ ſtimmten Ausdruck von Charakter und Selbſtbewußt⸗ ſein gewichen, der in Ulrich's Augen einen tauſendmal höheren Werth hatte, als jene jugendlichen Reize, und eine weibliche Erſcheinung erſt adelte. Und dieſes edle Frauenbild weilte hier allein in einer heimlichen Abendſtunde an der Seite des Prop⸗ ſtes, von dem nicht nur Ulrich aus früherer Zeit, ſon⸗ dern von dem es ganz Nürnberg wußte, daß er ein großer Verehrer weiblicher Schönheit, und deſſen lü⸗ ſterne Blicke auch jetzt deutlich bezengten, daß dieſe Schwachheit ſich im Laufe der Jahre keineswegs ver⸗ ringert! Wer war ſie? was wollte ſie?— aber wie nach Antwort verlangend auch in Ulrich dieſe Frage drängte,— er widerſtand der Verſuchung den Lauſcher zu machen, pochte noch einmal energiſch und trat zu⸗ rück, um auch Nichts mehr zu ſehen. So hörte er entfernter nur geflüſterte Worte, das Rauſchen eines Schleppkleides, bas eiligen Schritten folgte, das Knar⸗ ren und Zuſchlagen einer entgegengeſetzten Thür und dann ein„Herein!“ von der verdrießlichſten Stimme des Propſtes. Wie freudig wäre vorhin Ulrich dem Propſt ent⸗ gegengeſtürmt, hätte er ihn gleich begrüßen können, als er ankam, und hoffend und zweifelnd ſich ſelbſt fragte; ob er ihn noch am Leben finden werde oder nicht,— jetzt war dieſe höhere Gefühlswallung ſchon dahin, da er ſchon ſeit einigen Minuten über ſeinen Zweifel beruhigt war, den Propſt wiedergeſehen hatte und an ſeiner Seite— einen Engel oder einen Dä⸗ mon? eines von Beiden war ihm ſelbſt dieſe Erſchei⸗ nung. Als er jetzt eintrat in das große gewölbte Gemach, blieb er beſcheiden an der Thür ſtehen und ſagte: „Gott grüß Euch, hochwürdiger Herr!“ indeß ſeine Blicke rings umherſchweiften und erſt dann, als ſie Niemand weiter im Zimmer fanden, auf dem Propſt haften blieben, der faſt athemlos mit erhitztem Geſicht hinter einem verſchobenen Lehnſtuhl ſtand und den eintretenden Baubruder mit ärgerlichen Blicken maß, ehe er ſeinen Gruß erwiderte. Ulrich trat etwas näher und ſagte„Mein erſter Einkehr in Nürnberg mußte in dieſes Haus ſein, um — — 17 mich zuerſt zu überzeugen, ob Ihr noch ſo wohlauf wäret, wie ich Euch vor länger als einem Decennium verlaſſen, werther Oheim!“ Jetzt zog dieſer die kleinen Augen weit auf,— ſein Geſicht nahm mit dem Ausdruck froher Ueberraſchung auch wieder den der gewohnten Leutſeligkeit an, er trat auf Ulrich zu, ſchüttelte herzlich ſeine Hand und rief: „Wahrhaftig, du biſt es, Ulrich von Straßburg! Führt es dich auch wieder einmal her in unſer Nürnberg? Das iſt brav, und wenn du noch kein Quartier haſt, ſo verſteht es ſich, daß du bei mir herbergeſt.“ „Für heute nehm' ich es an!“ ſagte Ulrich und ließ ſich auf den nächſten Stuhl nieder,„denn ich habe heute eine weite Wanderung gemacht,— iſt man Nürn⸗ berg einmal nahe, ſo kann man es nicht erwarten, bis man es erreicht!“ „Ja, ja! das iſt immer das alte Lied!“ ſchmun⸗ zelte der Propſt. „Wer einmal nur in Nürnberg war, Der käm' gern jedes Jahr!“ „Es freut mich, daß du auch wieder gekommen biſt, wenn du auch manches Jährlein haſt vergehen laſſen,— hätt' ich mir's aber doch nicht träumen laſ⸗ ſen, dich ſo plötzlich wiederzuſehen!“ „Verzeiht, theurer Ohm,“ entſchuldigte ſich Ulrich, 1861. Xvill. Die Schultheißentochter von Nürnberg. 1. 2 „wenn ich Euch geſtört haben ſollte,— der Drücker ſprang auf, da ich am Pförtlein klopfte— aber ich ſpähte vergeblich nach Jemanden, der mich melden konnte.“ Im Augenblicke hatte der Propſt wirklich über die Freude, den Neffen wiederzuſehen, für den er immer eine väterliche Zuneigung empfunden, vergeſſen, daß ihm die Störung ſehr ungelegen war— jetzt kehrte ſeine Verlegenheit zurück— er hatte auf die baldige Wiederentfernung des Klopfenden gerechnet— und jetzt hatte ſich dieſer häuslich niedergelaſſen, die gaſt⸗ freie Einladung angenommen, und wenn auch ſein Gaſtzimmer im obern Stock bereitet ward, ſo war doch vorauszuſehen, daß er nicht unter ein paar Stun⸗ den die Ruhe ſuchen würde.— Nach einer Pauſe ſagte Anton Kreß„So ſcheint es, ich muß ſelbſt nachſehen, was mit meiner Haushälterin vorgegangen, es iſt immer noch dieſelbe Konrade, die du kennſt, aber ſie iſt nicht mehr wie ſonſt auf dem Plan— es iſt ſchlimm, wenn die Leute alt werden!“ Damit ging er hinaus, aber nicht durch die Ein⸗ gangsthür, ſondern durch die entgegengeſetzte in das Seitengemach, von dem Ulrich wußte, daß es keinen Ausgang hatte. Er hörte ihn drinnen leiſe flüſtern, ein Fenſter öffnen, Gewänder rauſchen. 19 Nach einer Weile kam der Propſt wieder zurück, er hatte kein Licht mitgenommen, obwohl es auf der Straße ſchon ganz dunkel geworden, wie viel mehr nicht in einem Zimmer! Er hatte eine ärgerliche Miene angenommen, ſagte:„Da fand ich ſie auch nicht!“ und rief nun mit lauter Stimme in die Hausflur hinaus: „Konrade!“ Nachdem er den Ruf ein paarmal wiederholt, kam Konrade die Treppe herab und an die Thür, aber ohne ſich zu beeilen. Sie ſah eben ſo wohlgenährt aus, wie ihr Herr, und wie ſie jetzt die linke Hand vor die Lampe hielt, die ihre Rechte trug, daß der Schein derſelben voll auf ihr gefurchtes Geſicht ſchien, die grauen Haare, die das ſchwarze Häubchen nur halb verdeckte, wie Silber glänzen laſſend, erkannte Ulrich auch in ihr ein Bild vergangener Tage und grüßte ſie mit freundlichem Gruß, den ſie kurz erwiderte. Man ſah es ihr an, ſie war nicht in ihrer beſten Laune, ihr Herr hatte etwas nicht recht gemacht— er ſchien dop⸗ pelte Urſache zu haben ſie zu ſchonen— das las Ulrich auch in Beider Redeton und Geberde. „Mein Reffe iſt unſer Gaſt,“ ſagte der Propſt; eile, uns einen Imbiß zu beſorgen und mache ihm ſema zurecht. Du haſt ihn wohl nicht er⸗ annt?“ ——— 2* 20 Sie ließ ihre grauen Augen noch einmal auf Ulrich ruhen, und erwiderte:„Ich erkannte nur einen Baubruder,— aber ich will nicht länger warten laſ— ſen— mög' es Euch wieder gefallen in Nürnberg!“ Damit ging ſie. Der Propſt wußte, daß ſie Baubrüder nicht liebte, die, wie ſie ſagte, immer etwas für ſich ſein wollten, immer ſich beſſer dünkten als andere Menſchen, und auf die Geſetze ihrer Genoſſenſchaft ſtrenger hielten, als die Mönche, die gerade damals nicht viel nach ih⸗ ren Ordensregeln fragten;— auf Ulrich, deſſen Ver⸗ wandtſchaft einſt ſelbſt dem Propſt die ärgſte Verle⸗ genheit bereitet, war ſie nie gut zu ſprechen geweſen. Die erſten Momente einer plötzlichen Ankunft, eines überraſchenden Wiederſehens pflegen nicht im⸗ mer glücklich zu verlaufen— das galt in alter Zeit, wie es in neuer gilt,— große wie kleine Veränderun⸗ gen vermögen unangenehm zu berühren, Störungen können verurſacht werden und die kleinen Obliegen— heiten des häuslichen Empfanges, wie die Bedürf⸗ niſſe eines reiſemüden Körpers ſind oft geeignet, jeue gehobenere Stimmung zu verſcheuchen, die wenige Augenblicke vor der Ankunft uns beſeelte. Ulrich fühlte ſich in dieſem Falle. Seine vorhin hoch geſtiegene Empfindung war plötzlich bis auf Null her⸗ 21 abgeſunken. Indeß nahm nun doch der Propſt ihm gegenüber Platz, Konrade kam bald wieder mit gro⸗ ßen Vorräthen von Gebratenem und Gebackenem, dazu einen großen Krug mit Wein und zwei ſilberne„Mai⸗ allein,“ wie man in Nürnberg die Trinkbecher nannte. Der Wein machte den Propſt immer geſprächiger und verſcheuchte ihm jeden Unmuth, jede Sorge, jede Verlegenheit; ſchon der erſte Becher des feurigen Ge⸗ tränkes hatte auch heute auf ihn die gewohnte Wir⸗ kung. Er ward geſprächig, erzählte und fragte, und es dauerte nicht lange, ſo fühlte ſich auch Ulrich wie⸗ der in dem vorigen Moment. Ernſte Lebensbilder wechſelten mit heiteren, und eine lebendige Unterhal⸗ tung von einigen Stunden warf helle Streiflichter auf ein Jahrzehnt, daß reich an Ereigniſſen geweſen für den Einzelnen wie für die Geſammtheit deutſcher Nation, ein Jahrzehnt, das den Wechſel eines Jahr⸗ hunderts in ſich geſchloſſen. Und während ſie ſo bis in die Nacht miteinander plaudern, in hundert Einzelheiten der Vergangenheit ſich vertiefen, leiſe nur vernarbte Wunden berühren, und was ſie nur flüchtig andeuten verſtehen, wollen wir einen Blick thun auf ihre Zeit wie auf ihr Schick⸗ ſal, der uns mit Beiden noch näher bekannt machen wird, als hätten wir ihr eigenes Geſpräch belauſcht. II. Rückblick. Als Knaben ſchon hatten die Stürme des burgun diſchen Krieges Ulrich aus ſeinem Heimatsdorf im El ſaß in ein Benediktinerkloſter getrieben, in dem er als Waiſe erzogen ward. Die Klöſter waren vom frühen Mittelalter an die Pflegerinnen der Kultur und Kunſt, und beſonders zeichneten ſich die Benediktiner durch wiſſenſchaftliche Bildung aus. Ulrich entwickelte hier ſo viel Talent und Sinn für die Bankunſt, daß er ſich ganz derſelben widmete, und das Kloſter verlaſſend, in der t zu Straßburg in die Genoſſenſchaft freier Maurer aufgenommen ward. Genoſſenſchaft begehrte das Mittelalter in jegli⸗ cher Werkthätigkeit, und der Innungsgeiſt der Bau⸗ leute mag ſchon in der Zeit aufgekommen ſein, wo Laien nur als Hilfsgenoſſen der Mönche arbeiteten. Doch zur Zeit, von der wir reden, hatten ſich die Lgien⸗ 23 bauleute von der klöſterlichen Dienſtmannſchaft abge⸗ böſt, und es beſtanden ſchon ſeit Jahrhunderten Bau⸗ brüderſchaften, von denen alle großen Kirchen⸗ bauten ausgingen, und deren Mitglieder, ohne ſelbſt Mönche zu ſein, doch durch manche ihrer Gelübde und Pflichten an ihren klöſterlichen Urſprung erinnerten. So durften ſie ſich nicht verheiraten und mußten ſich fern halten von dem weiblichen Geſchlecht. Die härte⸗ ſten Strafen waren über die Zuwiderhandelnden ver⸗ hängt. Ausſtoßung aus der Bauhütte war die här⸗ teſte derſelben, die größte Schmach, die einen freien Steinmetzen treffen konnte. Auch über Ulrich war ſie einſt verhängt worden, aber nur: weil er nicht eheli⸗ cher Geburt war. Dies zu ſein war ein Haupterfor⸗ derniß bei der Aufnahme, und Ulrich's Zeugniſſe ſpra⸗ chen dafür, ſonſt wäre ihm dieſelbe verſagt worden. Aber in Nürnberg, da er als Wandergeſelle dorthin kam und in der Hütte von St. Lorenz mit arbei⸗ tete, deren oberſter Bauherr der Propſt Anton Kreß war, fand er ſeine wahren Eltern: ſeine Mutter Ul⸗ rika, die Schweſter des Propſtes, war Nonne im Klara⸗ Kloſter zu Nürnberg geworden, und ſein Vater Ama⸗ deus von Wildenfels Mönch im nahegelegenen Bene⸗ diktinerkloſter. Auch in die Bauhütte war die Kunde ſeines Herkommens gelangt, und er ward ſowohl des⸗ 24 halb, als weil er den Mönch, ſeinen Vater, aus dem Kloſterkerker befreit, aus der Hütte geſtoßen und dem Gericht überliefert. Aber zur ſelben Zeit erließ Kai⸗ ſer Maximilian einen allgemeinen Gnadenakt im deutſchen Reich, durch den auch der Prozeß wider Ul⸗ rich niedergeſchlagen ward— eben ſo ließ der Kaiſer, der ſelbſt ein Baubruder war und Ulrich als einen der tüchtigſten und kunſtbegeiſtertſten freien Maurer tennen gelernt hatte, auf Fürſprache ſeines Narren Kunz von der Roſen und einer edlen Nürnbergerin, Eliſabeth Scheurl, die Ehe von Ulrich's Eltern für gültig und ihn ſelbſt als ehelich geboren erklären, ſo daß der unſchuldig Schuldige wieder in die Bauhütte aufgenommen ward. Seiner Mutter hatte er im Klara⸗ kloſter die Augen zugedrückt, die heilig geliebte Eli⸗ ſabeth war von Mörderhand getroffen in ſeinen Ar⸗ men geſtorben, ſeinen Vater hatte er noch lebend im Kloſter verlaſſen, aber jetzt erhielt er von dem Propſt die Kunde ſeines Todes. Es war etwa vor Jahresfriſt, daß man ihn eines Morgens mit gefalteten Händen todt vor dem Taber⸗ nakel der Kloſterkirche gefunden, das einſt verhängniß⸗ voll für ihn wie für Ulrich geweſen war. Aber darum war es auch die Stelle, an der Amadeus am inbrün⸗ ſtigſten betete, und der Engel, den einſt des Sohnes S —————————— — Hand hier kunſtreich in Stein gemeißelt, ſchien dem Vater den ſanfteſten Todeskuß gegeben zu haben. Ulrich nahm dieſe Nachricht mit ſanfter Wehmuch auf. Er hatte den Segen der Vaterhand beim letzten Abſchied empfangen— aber zuweilen hatte er doch gehofft ihn noch am Leben zu begrüßen, doch wollt' er ihm den Frieden nicht mißgönnen, den der Büßende nun ſicherer gefunden im ſtillen Grabe als in der klö⸗ ſterlichen Zelle. Um ſo mehr durfte er ſich nun freuen, doch noch den Propſt, ſeinen Oheim und väterlichen Freund, am Leben zu finden, den einzigen Verwand⸗ ten, den er beſaß, und der ihn mit Frenden als einen ſolchen vor der ganzen Bauhütte, wie vor ganz Nürn⸗ berg erkannte, ſeitdem ein Machtſpruch von Kaiſer und Papſt den Fluch hinweggenommen hatte, der auf jedem unehelich Gebornen lag, um ſo mehr, als Ulrich durch dieſe ihm widerfahrene Gnade mehr erhoben, als vorher erniedrigt worden war, und als er zu den ausgezeichnetſten Künſtlern unter den Baubrüdern ge⸗ hörte, und ſein Name mehr und mehr an Ruf gewann, obwohl er, gleich ſeinen andern Genoſſen, auf ſeinen Arbeiten ſtatt des Namens ein Monogramm führte: ein Kreis mit einem Winkelmaß war ſein Zeichen. Schon in ſeiner Stellung als Gottesjunker und Vorſtand der Nürnberger Bauhütte war der Propſt zu einem Beſchützer der Kunſt berufen, aber er gab ſich auch außerdem noch gern das Anſehen eines Kunſt⸗ mäcen, da eben damals unter Nürnbergs edlen Ge⸗ ſchlechtern ein wahrer Wetteifer herrſchte, es einander durch Stiftungen, die viel mehr noch im Intereſſe der Kunſt als der Frömmigkeit gemacht wurden, zuvorzu⸗ thun. War es auch hauptſächlich noch immer die Kunſt im Dienſt der Kirche, die man feierte und unterſtützte, ſo begann doch daneben ſich eine Profankunſt geltend zu machen, die, im Handwerk und Bürgerſtand ihre Vertreter findend, es mit der heiligen Baukunſt der freien Steinmetzen aufzunehmen wagte. Um ſo mehr ſuchte der Propſt um das wie in der Kunſt, ſo auch noch in ganz andern Sphären wankende Anſehen der Kirche zu ſtützen, diejenigen unter den Baubrüdern hervorzuziehen und zu ehren, die geeignetwaren, ihrer Zunft die alte Glorie zu erhalten. Schon darum freute er ſich Ulrich's Wiederkehr, und war ſtolz darauf, ihn ſeinen Neffen nennen zu dürfen. Der Propſt war ihm immer aufrichtig zugethan geweſen, wenn er auch eine eben ſo ſchwache und ängſtliche, als gutherzige Natur war, ſo daß Ulrich in ſeiner ſchwerſten Prüfungszeit an ihm keineswegs eine Stütze, oder einen freundli⸗ chen Fürſprecher gefunden, da der Propſt dabei für ſich ſelbſt und ſeine Stellung auf das Aeußerſte be⸗ 27 ſorgt war und ſorgfältig Alles vermied, was dieſelbe hätte gefährden können,— aber er war auch wahrhaft glücklich und erfreut, als Ulrich, wenn auch ohne ſein Zuthun, gerettet war, und er hatte nachher ſein gan⸗ zes Anſehen gebraucht, nicht nur ſeine Wiederauf⸗ nahme in der Bauhütte zu einem ehrenvollen Akt und. Feſttag zu geſtalten, ſondern auch ihm unter den Bau⸗ brüdern wieder zu der geachteten Stellung zu verhel⸗ fen, die er vorher eingenommen. Er hatte dafür ge⸗ ſorgt, daß er die kunſtreichſten und ihm erwünſchteſten Arbeiten von den Werkmeiſtern angewieſen erhielt, und daß er zugleich den Auftrag ausführen konnte, den er von der ſterbenden Eliſabeth erhalten: die Be⸗ gräbnißkapellen der Behaim und Scheurl mit kunſt⸗ vollen Denkmälern zu ſchmücken. Und als dies Werk nach Jahren vollendet war, und Ulrich Nürnberg ver⸗ ließ, hatte er nicht nur von dem Hütten⸗ und Werk⸗ meiſter die ehrenvollſten Zeugniſſe aufzuweiſen, die ihn an jede Hütte als einen Meiſter ſeiner Kunſt em⸗ pfahlen, ſondern der Propſt gab ihm noch eine Menge andere Empfehlungen mit an geiſtliche und gelehrte Herren, die nicht mit zu der Baubrüderſchaft gehör⸗ ten, aber deren Bekanntſchaft und Stellung für Ulrich wieder auf andere Weiſe von Nutzen ſein konnten, in⸗ dem der Umgang mit ihnen Ulrich von der Einſeitig⸗ keit befreite, die Jedem anhaftet, der nur in einem be⸗ ſtimmten Kreis von Zunftgenoſſen ſich bewegt. Und waren dem Baubruder auch nach ſeinem Gelübde die Stätten heiterer Geſelligkeit und öffentlicher Vergnü⸗ gungen verſchloſſen, ſo konnte er doch mit den Män⸗ nern der Wiſſenſchaft und Kunſt in ſtiller Weiſe ver⸗ fache Anregungen finden für ſeine Kunſt. Die Bau⸗ brüder ſtanden mit ihren Anſchauungen, ſelbſt mit den religiöſen, meiſt auf der Höhe ihrer Zeit, und wenn ſie eben auch darum von dem Verkehr mit der profanen Menge ſich abſchloſſen, ſo näherten ſie ſich doch gern den bevorzugten, aufgeklärten Geiſtern jeder 1 Sphäre, die ihre Richtung theilten, oder doch zu wür⸗ digen verſtanden. Und es drängte damals eben auf allen Gebieten nach einer Neugeſtaltung der Dinge. Im deutſchen Reich zumal, als deſſen begeiſterten Sohn ſich Ulrich fühlte, war endlich ein großer Schritt geſchehen, einen geordneteren und beſſeren Zuſtand herbeizuführen, als derjenige war, durch den die deutſche Nation mit Recht den Beinamen der„barbariſchen“ verdiente. Der ewige Landfrieden und das Reichskammer⸗ gericht waren auf dem Reichstag zu Worms im Au⸗ kehren, dadurch ſelbſt ſich weiter bilden, und mannig⸗ 29 guſt 1495 geſtiftet worden, und das letztere hatte in Nürnberg ſeinen Sitz. Erſt dieſes Jahr war es, in dem die deutſche Na⸗ tion aufhörte den Vorwurf zu verdienen, der ihr von allen, ſelbſt den ungeſittetſten Völkern der damaligen Zeit bis dahin gemacht worden war: daß ſie keine Herrſchaft des Geſetzes über ſich dulden wolle. Ein Vorwurf, der allerdings viel mehr die Fürſten und Herren traf als das Volk, denn in jedem einzelnen Fürſtenthum, jeder Herrſchaft, jeder freien Stadt un⸗ terwarfen ſich die Einwohner den Geſetzen— aber die Herrſcher und Vertreter aller dieſer einzelnen Staa⸗ len wollten kein Geſetz über ſich anerkennen— und die Städte waren es hauptſächlich, die Vertreter des Bürgerthums, welche auf einen geordneteren Zuſtand im Reiche drangen. Denn trotz des blühenden Zu⸗ ſtandes, in dem ſich einzelne Länder und Städte befan⸗ den, gab es im Ganzen genommen keinen ſo ohnmäch⸗ tigen, verworrenen und verwildertenStaat, deſſen Wohl von ſeinen Bürgern— oder richtiger von ſeinen er⸗ ſten Dienern, den Fürſten, ſo vernachläſſigt wurde, wie Deutſchland. Die Bande, durch welche alle Theile zu einem Ganzen vereinigt wurden, waren viel zu ſchwach, ſo widerſtrebende Glieder von ſo ungleicher Stärke zuſammen zu halten. Das einzige Grundgeſetz, was es für das deutſche Reich gab; die goldene Bulle, betraf nur die wenigſten von den Punkten, die bei der Verbindung ſo vieler, ſo ungleicher Staaten nicht un⸗ beſtimmt bleiben konnten, ohne beſtändige Streitig⸗ keiten, unaufhörliche bürgerliche Kriege hervorzubrin⸗ ger. Und was das Schlimmſte war: dieſe bürgerlichen Kriege waren ſeit Jahrhunderten nicht nur ſtillſchwei⸗ gend durch das Herkommen, ſondern endlich gar durch die Geſetze, durch die goldene Bulle ſelbſt gebilligt worden. Die Geſetze hatten Jedem, der die Waffen führen konnte, das Recht gegeben, ſie gegen ſeine Mit⸗ bürger zu gebrauchen. Das Fauſtrecht war ein befe⸗ ſtigtes Recht geworden. Freilich war es die Abſicht der Geſetzgeber nicht. Sie ſuchten ein Mittel wider das Uebel, wider die Privatkriege, aber ſie verfielen auf ein Mittel, das gerade das Gegentheil ihrer Ab⸗ ſicht beförderte. Sie wollten die Befehdungen vermin⸗ dern, und vermehrten ſie eben durch die Verordnun⸗ gen, die ſie darüber machten. Dieſe Verordnungen ſchrieben gewiſſe Formalitäten vor, ohne die man das Fauſtrecht nicht ausüben ſollte. Aber eben dadurch ward es ein wahres Recht, ſobald jene Formalität nur beobachtet wurde. Der Raufer, der Räuber durfte nur, um ſeinen ſchwächeren Nachbar zu berauben, zu morden, ſeine Dörfer zu plündern und zu brennen 3¹ ihm drei Tage vorher einen Fehdebrief ſenden, ihm damit„abſagen“, und konnte dann vor der ganzen Welt behaupten, daß er geſetzmäßig gehandelt. Es war ſchon ſchlimm genug für Deutſchland, daß alle die Mitglieder, die ſeinen Staatskörper ausmach⸗ ten, das Recht hatten einander zu bekriegen. In dem Bezirk eines Landes von ungefähr hundert und fünf⸗ zig Meilen in der Länge und gegen zweihundert Mei⸗ len in der Breite gab es an die dreihundert und vierzig Staaten(in ſo viel ungefähr war das Reich zerſplittert), die alle das Waffenrecht gegen ein⸗ ander hatten; alle gleich kriegeriſch, gleich wachſam, gleich bereit bei der geringſten Beleidigung drein zu ſchlagen. Solch' ein Zuſtand ließ ſchon nichts Anderes erwarten, als daß dies Land ein ewiges Kriegstheater ſein würde. Rechnet man nun noch die Reichsritter hinzu, ſo waren ihrer viele Tauſende, die dies gefähr⸗ liche Recht beſaßen. Seitdem aber jene Formalitäten vorgeſchrieben wurden, konnten ſogar alle Klaſſen der Geſellſchaft die Waffen wider einander ergreifen, und behaupten geſetzmäßig gehandelt zu haben. So ſchick⸗ ten z. B. die Schuhknechte zu Leipzig 1491 der dorti⸗ gen Univerſität einen Fehdebrief; die Bäcker und Bu⸗ ben des Markgrafen Jakob von Baden einen an die Städte Eßlingen, Reutlingen u. dgl.; die Köche und Küchenknechte des Herrn von Eppenſtein an den Gra⸗ fen von Solms u. ſ. w. Unter den Rittern wurden die Abſagebriefe, welche die Ruhmſucht reizten, eine Art von ſchwärmeriſcher Mode. Am größten war die Erbitterung, wenn Adelige und Städte einander be⸗ fehdeten. Man hob endlich jene unſelige Verordnung wieder auf, ein Landfrieden ward auf fünf Jahre geſtiftet, dann auf zehn Jahre erneuert, da man aber kein eige⸗ nes Tribunal zu Stande brachte, über deſſen Hand⸗ habung zu wachen, ſo gründeten einzelne Fürſten, und namentlich die handeltreibenden Städte Bündniſſe un⸗ ter ſich. So entſtanden der Cösler und der Schwä⸗ biſche Bund, zu dem auch Nürnberg gehörte. Bei einem ſolchen Zuſtand der Dinge ward die Stiftung des ewigen Landfriedens von allen Freun⸗ den des Rechtes mit Jubel begrüßt— aber ſeinen Feinden, den Raubrittern, Raufern und Plackern ge⸗ genüber war es keine Kleinigkeit, ihn wirklich einzu⸗ führen und aufrecht zu erhalten; beſonders da damit zugleich eine Steuer verbunden war, die Auflage des „gemeinen Pfennigs“, um die„währende Hülfe“, die Reichstruppen und das Kammergericht zu bezahlen. Das Kammergericht war zuerſt in Frankfurt er⸗ offnet worden. Graf Eitel Friedrich von Zollern war ———— ,——— der erſte Karamerrichter; aber aus Mangel an Be⸗ ſoldung gin es wieder ein. Den Worſtellungen des Kurfürſten Berthold von Mainz eines wahrhaft patriotiſchen Mannes, der . ſich inamer für die Einheit und achtunggebietende Stetmng Deutſchland bemühte, gelang es endlich, auf m Reichstag zu Augsburg 1500 das Reichsre⸗ iment zu gründen, das in Nürnberg ſeinen Sitz hatte Kurfürſt Friedrich der Weiſe von Sach⸗ ſen war zum Statthalter ernannt worden und be⸗ fand ſich gerade jetzt, 1508, in Nürnberg; der Reichs⸗ rath war ein Ausſchuß aus allen Klaſſen der Reichs⸗ ſtände, welche theils in Perſon, theils durch ihre Ge⸗ ſandten viermal jährlich in Nürnberg zuſammen⸗ . kamen, wozu noch ſechs Ritter, Doktoren und Lizen⸗ tiaten aus den ſechs Reichskreiſen, in Allem zwanzig 7 Perſonen, verordnet waren. Dies Regiment ſollte den Landfrieden handhaben, die Urtheile des Kam⸗ mergerichtes exequiren, das Reich gegen auswärtige Gewalt beſchützen u. ſ. w. Der Kaiſer behielt ſich die Belehnungen und Entſcheidungen bei Streitigkeiten über Fahnenlehen u. ſ. w. vor. Aber das Reichsregiment befand ſich in einer ſchlimmen Lage. Diejenigen ſeiner Mitglieder, die Sold— oder was wir jetzt Diäten nennen— em⸗ 1661. XVIII. Die Schultheißentochter von Nürnberg. I. 3 34 pfangen ſollten, bekamen ihn nicht. Der Raiſer Ma⸗ ximilian, der in ihm eine Beſchränkung ſerner Auto⸗ rität erblickte, kehrte ſich ſelbſt nicht an dasfelbe und die unter einander neidiſchen Fürſten, die ſich eben⸗ falls durch eine ſolche Einrichtung in ihren Hoheits⸗ rechten beeinträchtigt glaubten, betrachteten es mit gleicher Mißgunſt. Statt das Reichsregiment zu ſtu⸗ tzen, errichtete der Kaiſer einen Hofrath, der zwar nur für die Angelegenheiten der öſterreichiſchen Erb„* lande beſtimmt war, aber vor deſſen Tribunal Maxi⸗ milian auch bald Reichsſachen und Rechtshändel der Reichsſtände zog. Ein ſolcher Zuſtand der Dinge mußte alle Pa⸗ trioten, die ſich nun erſt den froheſten Hoffnungen hingegeben hatten, Deutſchlands Frieden, Einheit und Größe gefördert zu ſehen, mit ſchmerzlichem Bedauern erfüllen. Ulrich und der Propſt ſprachen ſich in dieſem Sinne gegeneinander aus, und erkannten ſchmerzlich, daß die Schuld an dem allgemeinen Verfalle des Reiches nicht allein den Kaiſer traf, oder die Fürſten, oder die Bürger, ſondern Alle zugleich. Marimilian war wenigſtens der ritterliche Held dazu, dem Reiche nach Außen gegen Frankreich und Italien eine ach⸗ tunggebietende Stellung zu verſchaffen; aber die „ 35 Stände ließen ihn im Stich, wo er Truppen und Geld dazu verlangte, ſich meiſt damit herausredend, daß erſt das Land im Innern in Ordnung ſein müſſe, und als endlich eine innere Reichsmacht geſchaffen war, mußte ſie an eben derſelben Verweigerung des dazu erforderlichen Geldes wieder eingehen. Die nothwen⸗ dige Opferfreudigkeit für die gemeinſame Sache des Vaterlandes fand ſich auf keiner Seite. Dem Kaiſer galt die Vergrößerung und Sicherung ſeiner Haus⸗ macht, der Ruhm und Glanz ſeines Heldennamens mehr, als das Glück des deutſchen Reiches, die mei⸗ ſten Fürſten und Herren beſaßen einen noch größeren und dabei kleinlicheren Egoismus als er, und an die Stelle der früher gegen einander offen geführten Feh⸗ den trat nun neidiſche Eiferſucht; die Städte und Bürger aber hielten ſchon den Pfennig für zu viel, der im Intereſſe der Reichswohlfahrt von ihnen ge⸗ fordert ward. Indeſſen war auch ſpeziell für Nürnberg die Zeit ereignißvoll geweſen. Es lag wieder im Streit mit dem Markgrafen Friedrich von Zollern und es war ein Tag zu Erfurt angeſetzt worden, die Sache zu ſchlichten. Während nun daſelbſt verhandelt ward, zog deſſen Sohn, Markgraf Kaſimir in Abweſen⸗ heit ſeines Vaters im Juni 1502 mit einer ſtarken 3* Schaar gegen die Nürnberger heran, lockte ſie zum Kampfe in die Ebene zwiſchen St. Peter und Lichten⸗ hof und brachte hauptſächlich durch Götz von Ber⸗ lichingen nicht nur denen, welche unter Ulmann Stromer's Befehl aus der Stadt gerückt waren, ſondern auch denen, die unter des Schulthei⸗ ßen Hans von Veichsdorf's Anführung vom Kirchweihſchutz zu Affaltenbach heimzo⸗ gen, eine bedeutende Niederlage bei. Schrecken und Trauer kam über die Stadt, denn bei dreihundert Nürnberger waren erſchlagen und ein Panier in der Hand des Feindes. Der Markgraf hatte zwar dop⸗ pelt ſo viel Todte, aber der Sieg war ſein. Ward nun auch Friede geſchloſſen, ſo ſah ſich Nürnberg doch pald in einen neuen Krieg verwickelt als Mitglied des ſchwäbiſchen Bundes nach dem Tode Herzog Georg's des Reichen in dem baieriſch⸗landshu⸗ ter Erbfolgekrieg, der zunächſt zwiſchen Pfalzgraf Ruprecht und Herzog Albrecht von Baiern⸗Mün⸗ chen entſtand, weil Ruprecht ſich weder dem Aus⸗ ſpruch des Kammergerichtes, noch des Kaiſers fügen wollte. Herzog Albrecht hatte mit den Nürnbergern noch ein beſonderes Bündniß gemacht und ihnen einen Theil der Eroberungen verſprochen, die ſie machen würden Die Nürnberger halfen dem Herzog und dem Kuiſer zum Sieg und erhielten dafür 1505 die Städte Altdorf, Lauf und Hersbruck, die Schlöſſer Reichen⸗ eck, Hohenſtein, Heimburg u.ſ. w. zum Lehen, ſo daß unn Rürnberg ein großes Gebiet beherrſchte. Die Nürnberger hofften durch ſolche Vergrößerung ihrer Macht eine Entſchädigung für die Nachtheile zu finden, die ihnen aus der Entdeckung des Seewegs nach Oſtindien und Amerika erwuchſen, da nun der Handel eine andere Richtung nahm und Nürnberg nicht mehr wie bisher der Mittelpunkt desſelben war. Marximilian, der nur erſt König hieß und die Kai⸗ ſerkrone noch nicht zu Rom aus den Händen des Pap⸗ ſtes— jetzt Julius II.— empfangen, hatte vergeb⸗ lich zu einem Römerzug gerüſtet. Die Venetianer ver⸗ weigerten ihm den Durchzug. Da endlich kum ihm der leuchtende Gedanke, daß die Krönung durch den Papſt Nichts ſei, als eine leere herkömmliche Ceremo⸗ nie, nicht werth, um deßwillen das Blut der Deut⸗ ſchen im Kampfe zu vergießen. Er ließ ſich in Trient vom Biſchof am 3. Februar 1508 zum Kaiſer krö⸗ nen und benachrichtigte ſowohl den Papſt als das Reich davon; daß er den Titel eines erwählten rö⸗ miſchen Kaiſers angenommen. Papſt Julius war mit dieſer Nachricht ſehr zufrieden, da es gerade ſein Wunſch war, den Kaiſer von Italien fern zu halten. Er 38 beſtätigte in einer Bulle den Kaiſertitel, als ob er ihm die Krone ſelbſt auf's Haupt geſetzt. Maximilian er⸗ klärte Venedig in die Reichsacht, da es ihm aber an Geld und Truppen fehlte dieſelbe auszuführen, ſchloß er am 20. April 1508 einen Waffenſtillſtand auf drei Jahre mit ihm. Niemand glaubte an einen dauernden Frieden und man erwartete ſpäteſtens zum Frühjahr den Ausbruch des Krieges mit Venedig. Unter allen Städten im deutſchen Reiche waren aber keine weiter dabei ſointereſſirt wie Augsburg und Nürnberg, weil beide mit Venedig in den engſten Handelsverbindungen waren und auch ſonſt von ge⸗ meinſamen Intereſſen beſeelt ſich zeigten. Nürnbergs Rechtsgelehrte bildeten ſich in Venedig und Bologna, Rürnbergs Künſtler holten ſich dort die Weihe und Nürnbergs Frauen ihre— Spiegel und ihren Putz. Man ſagte dem Kaiſer ohnehin ſchon nach, daß er nicht gut Nürnbergiſch ſei, da er ſeinen erſten Reichstag als Kaiſer nicht, wie es Nürnbergs gutes Recht war, daſelbſt gehalten hatte, ſondern in Worms, und die Nürnberger hingen eigenſinnig an ihren Pri⸗ vilegien; ein Krieg mit Venedig konnte nicht dazu bei⸗ tragen, Maximilian, wie hoch ſie auch ſeine perſönli⸗ chen Eigenſchaften ſchätzten, als Reichsoberhaupt bei ihnen beliebter zu machen. IIH. Ein Sarkophag. Am Tage nach ſeiner Ankunft ging Ulrich in die Bauhütte, die bei der St. Lorenzkirche ſtand und die ihm auf ſein gegebenes Paßwort der Pallirer öffnete; denn nur Eingeweihten war der Eintritt geſtattet; wer kein Baubruder war, dem blieb ſie verſchloſſen. Obwohl Utrich hier einſt viele Jahre gearbeitet, ſo kannte ihn doch Niemand mehr. Es war natürlich und er hatte es nicht anders erwarten dürfen. Die Baubrüder führten ein Wanderleben, es war eine Bedingung ihrer Bildung und ihr hoher Beruf brachte es ſo mit ſich. Freizügigkeit war ihr vom Kaiſer und Papſt verbrieftes Recht. Ueberall, wo große Kirchen⸗ bauten aufgeführt wurden, ſtrömten ſie zuſammen, arbeiteten zu Hunderten, ja zu Tauſenden bei einan⸗ der, wie beim Münſter zu Straßburg, dem Stephans⸗ dome zu Wien und dem Kölner Dom— aber ob 40 auch dieſe Bauten halbe und ganze Jahrhunderte bis zu ihrer Vollendung in Anſpruch nahmen, die Bau⸗ leute blieben ſelten ein Jahrzehent lang an demſelben Bau beſchäftigt, ſondern zogen es vor, in den verſchie⸗ denſten Städten zu arbeiten. Theils waren durch die Statuten der Baubrüderſchaften ihre Wanderjahre beſtimmt, theils wählten ſie auch nachher noch den Wechſel, da es ruhmvoll für ſie war, an recht vielen Domen und Kirchen mitgebaut zu haben und ihre da⸗ durch erweiterten und vermannigfaltigten Anſchaunn⸗ gen der Baukunſt ſelbſt nur zum Vortheil gereichten. War es ja doch um deßwillen, daß ſie keine Heimat, keinen häuslichen Herd ſich gründen durften. Ihre Geliebte war die heilige Kunſt und ihre Heimat die Bauhütte, gleichviel in welchem Lande, in welcher Stadt ſie ſtand. Kein anderes Band durfte und konnte ſie feſſeln, als das, welches alle Baubrüder zu einer in ſich feſt gegliederten und doch in alle Lande ver⸗ breiteten Genoſſenſchaft vereinigte, die von jeder an⸗ dern im Aeußern wie im Innern ſtreng ſich ſonderte. Als Ulrich das erſte Mal in Nürnberg geweſen, halten mehr als hundert Baubrüder in der Hütte ge⸗ arbeitet, da der Thurm und das hohe Chor der herr⸗ lichen Lorenzkirche waren reſtaurirt und verſchönert worden; aber ſeitdem dieſer Bau vollendet und ge⸗ * 1 * 4¹ rade jetzt nur an der Frauenkirche eine Seite nkapelle gebaut ward, ſo arbeiteten vielleicht nur vierzig bis fünfzig daſelbſt und es war darum nur um ſo natür⸗ licher, daß er keine Kameraden fand aus früherer Zeit. Wie er aber nach den üblichen Begrüßungs⸗ formeln dem Hüttenmeiſter ſeine Papiere übergeben und derſelbe den Namen las: Ulrich Wüll von Wil⸗ denfels, genannt von Straßburg, und daneben ſein Monogramm ſah, einen Kreis mit einem Winkel⸗ maß durchſchnitten: da ward er dennoch von Allen freudiger und begeiſterter empfangen, denn jeder an⸗ dere Ankömmling. Denn Viele kannten ſeinen Na⸗ men und ſeine Geſchichte, wußten wie ſchön und edel er ſich in allen Stücken bewährt, wie Kaiſer Maximi⸗ lian ihn ſchon ekſt trotz ſeiner freien Sprache auf einem Hüttentag geehrt und ihm ſpäter ſeine Gnade erwieſen, Viele wußten, wie er einſt mit Gefahr des eigenen Lebens einen andern Baubruder, den blon⸗ den Hieronymus, der jetzt auch nicht mehr hier war, vom unvermeidlich ſcheinenden Tode gerettet, als das Gerüſt auf der höchſten Spitze des Lorenzthurmes gebrochen war— Alle aber, die auch ſeinen Namen nicht wußten, kannten doch ſein Monogramm, ſie kannten die Halbſäule an der Lorenzkirche mit dem kunſtreichen Hochbild: ſchöngemeißelte Eichenzweige, die ſich zu einer Krone emporwölbten, unter der ein Eichhörnchen ſaß zum Sprunge ausholend, indeß von unten eine Schlange emporziſchte— ſie kannten dies Wahrzeichen, das ſich Ulrich einft ſelbſt in den Stein gedichtet, aber noch mehr, ſie kannten die herrliche Be⸗ gräbnißkapelle der Scheurl und Behaim den weinen⸗ den Genius der Liebe, der über einen Sarkophag ſich neigte, dem Roſen und Lilien aus Stein zu entblü⸗ hen ſchienen, ſie kannten das Monogramm: den Kreis, den das Winkelmaß durchſchneidet. Nicht nur als ein Bruder, als ein Meiſter ward Uulrich von Allen willkommen geheißen. Man brauchte kein Probeſtück von ihm zu fordern, es galt nur dar⸗ über nachzudenken, welche Arbeit würdig genug war, von einem ſo ausgezeichneten Mitglied der Baubrü⸗ derſchaft verrichtet zu werden. Ich glaube, ich werde eine ſolche finden!“ ſagte urrich;„ich habe mich hierher auf den Weg gemacht, weil ich hörte, daß Herr Martin Behaim in Fayal geſtorben, und wenn auch ſeine Gebeine nicht im hei⸗ miſchen Nürnberg ruhen werden, ſondern in der war⸗ men Erde jenes wunderbaren Eilandes, das er ent⸗ deckt, ſo erſchien es mir doch als eine Schuld der Dank⸗ barkeit, daß die Begräbnißkapelle zu Ehren des Größ⸗ * 43 ten dieſer beiden Geſchlechter ein Erinnerungsmal enthalte. Es iſt zugleich eine Pflicht, die ich ſelbſt ge⸗ gen die ſelige Stifterin dieſer Kapelle zu erfüllen habe. Ich werde darum auch heute noch keine Arbeit bei Euch beginnen, ſondern zuvor in Begleitung unſeres hoch⸗ würdigen Bauherrn des Herrn Propſtes Kreß mit der Verwaltung der Scheurk'ſchen Stiftung Rückſprache nehmen, und wenn mein Plan gebilligt wird, werden wohl einige unſerer Brüder hier mir behilflich ſein.“ Der Hüttenmeiſter gab ſeinen Beifall zu dieſer Abſicht und Rede zu erkennen, und erbot ſich auch, Ulrich zu Herrn Georg Behaim, dem Bruder des Ver⸗ ſtorbenen, zu begleiten, wenn er es wünſchen ſollte. Indeß lehnte Ulrich dieſe Begleitung vorerſt dan⸗ kend ab und entfernte ſich allein. Wan ſein erſter Gang zu dem väterlichen Freunde geweſen, ſein zweiter in die Bauhütte, wie ſeine Pflicht war— ſo durfte er nun das Grab der heiliggeliebten Frau aufſuchen, die ſich ihm gleich einer Heiligen zu einem Ideal verklärt hatte, zu dem er ſich im brünſtigen Gebet erheben durfte. So ging er aus der Hütte in die Kirche, die offen ſtund nach dem ſchönen Brauch der Zeit. Langſamen Schrittes ging er durch den hochgewölbten Raum, der dennoch von ſeinen Tritten widerdröhnte, umſomehr, da er jetzt faſt menſchenleer erſchien. Nur da und dort kniete ein Bettelmönch, ein altes Mütterchen, ein zar⸗ tes Kind— die geſchäftigen Nürnberger hatten mehr zu thun, als in den Kirchen zu beten und zu ruhen am Werktag, wenn nicht die Glocke zur Andacht rief. Dann freilich gingen ſie feſttäglich geputzt, die Män⸗ ner mit pathetiſchem Gange, die Frauen ſittig mit niedergeſchlagenen Augen zur Meſſe, aber in ihrem Geſchäftsleben ließen ſie ſich nicht gerne von etwas unterbrechen. Schon hatte Ulrich vergeblich nach dem Kirchen⸗ diener geſpäht, der ihm die Begräbnißkapelle der Scheurk und Behaim öffnen ſollte, als er zu ſeinem Erſtaunen die zierlich aus Bronze gegoſſene kleine Pforte in dem Gitter nur angelehnt erblickte; der Schlüſſel ſteckte im Schloß. Noch größer aber war ſein Erſtaunen, als er bei ſeinem Eintritt den Deckel von Eliſabeth's Sarkophag, auf dem er die Roſen und Lilien dem Stein entſproſſen laſſen, jetzt ihm entgegen⸗ blühen fah in der Farbe der Treue und des Himmels. Blauſtrahlende Vergißmeinnicht in der Fülle und dem Duft des Lebens waren dazwiſchen eingefügt, ſo friſch und wie noch feucht vom Morgenthau oder vom Kuß des Bächleins, an dem ſie gewachſen, und der Genius, der ſich darüber neigte, hielt in ſeiner rechten Hond 45 eine Krone von rothen Granatblüthen— ihre Farbe mahnte an Liebe— an Purpur— an Blut— für Ulrich, der gleich, wie in ſeiner Kunſt, die immer mehr ſich dazu vertiefte, in Allem Symbole ſah— eine Mah⸗ nung, die ihn mit ſtillen Schauern der Erinnerung erfüllte.. Es war Eliſabeth's Todestag— Ulrich's Hand hatte ein Vergißmeinnichtſträußchen ergriffen, und drückte es unwillkürlich an ſein Herz, ſeine Linke zuckte nach dem kurzen Schwert, das an ſeiner Seite hing, als wolle er es zur Vertheidigung ziehen gegen ihren Mörder— an dieſer geweihten Stelle, die er ſeit vielen Jahren zum erſten Male wieder begrüßte, über⸗ mannte ihn die Erinnerung— eine Thräne trat in ſein Auge— er neigte ſich tiefer hinab auf den Sar⸗ kophag und die Vergißmeinnicht. So ganz in wehmüthige und erſchütternde Erin⸗ nerungen verloren, hörte er nicht, daß ein Frauen⸗ gewand hinter ihm rauſchte, und eine Dame in zür⸗ nender Haltung hinter ihm ſtand. Welch' ein roher Geſell, dachte ſie, der hier ſich 46 endet, zerſtört er vielleicht ganz, um die Steinmetz⸗ arbeit zu prüfen, denn ſeiner Kleidung nach iſt es ein Baubruder. Als Ulrich immer mehr von innerer Bewegung ergriffen, ſich noch tiefer auf den Sarkophag neigte, und dabei ſein Schwert, an das er vorher gegriffen, aus der Scheide fiel und laut klirrend die Stufen be⸗ rührte, da kehrte er ſich, um es wieder aufzunehmen, und die Dame hielt ſich und ihren Unmuth nicht län⸗ ger zurück, ſie trat vor und ſagte ſtolz gebietend: „Mein Herr, in dieſe Kapelle haben Fremde ohne ausdrückliche Erlaubniß keinen Zutritt, am wenigſten dann, wenn ſie eine ſtille Todtenfeier ſtören!“ Als Ulrich die Sprecherin hinter ſich erblickte, fuhr er zuſammen, als habe er einen Geiſt geſehen— nicht ihre ſtolzen Worte waren es, die ihn beſtürzten, ſon⸗ dern ihre ganze Erſcheinung: das war dieſelbe Dame, die er geſtern bei dem Propſt geſehen, nur daß ſie heute ein ſchwarzes Fleid trug, einen ſchwarzen Sturz und ſchwarzen Schleier, dazu aber eine goldgeſtickte ſchwarze Sammttaſche an der goldenen Gürtelſchnur und goldene Spangen an den blendend weißen Armen, welche die langen und ganz offenen Aermel unbedeckt ließen, ebenſo trug ſie um den edelgeformten Hals eine goldene Kette und an dem Buſen eine kunſtreich gear⸗ —— 47 beitete Roſe von Rubinen und Smaragden in lauterm Golde, ſo daß es nicht Trauerkleidung war, in der ſie erſchien, für die jeder Schmuck unzuläſſig und non⸗ nenhafte Verhüllung der ganzen Geſtalt vorgeſchrieben. Ulrich verneigte ſich vor der ſtolzen Geſtalt und ſagte beſcheiden:„Verzeiht edle Dame, daß ich hier ſtöre— ich ſuchte vergeblich den Kirchendiener, mir zu öffnen, und da ich ihn nicht fand, aber dieſe Pforte unverſchlofſen, ſo trat ich ein, denn noch niemals iſt ein Baubruder zurückgewieſen worden vor den Werken heiliger Baukunſt!“ So ging er langſam an ihr vorüber, aber noch ſtand ſie zu nah an der kleinen Pforte, als daß er hätte dieſelbe durchſchreiten können, ohne auf die faltenreiche Schleppe ihres Kleides zu treten, die noch dazwiſchen lag. Hatte ihn die Dame erſt, während er ſprach, mit ſtolzen Blicken vom Scheitel bis zur Sohle gemeſſen, ſo ſtand ſie jetzt einen Augenblick beſchämt und mit niedergeſchlagenen Augen vor ihm: denn ſie war die Letzte, die nicht Achtung empfand vor der Kunſt, wie vor dem Künſtler, die Letzte, die es ertrug, vor dem in ſeiner Beſcheidenheit ſtolzen Baubruder mitten im Heiligthume der Kunſt als eine Profane zu ſtehen, die nicht wußte, was Sitte ſei und ſich erſt von ihm mußte darüber belehren laſſen. Eben da ſie ſich ſo beſchämt — fühlte, wollie ſie das um jeden Preis von fich abwäl⸗ zen— als ſie wieder zu ihm aufblickte und an ſeinem braunen Wamns das Vergißmeinnicht gewahrte, das er von dem Denkmal genonmen, ſagte ſie mit ebenſo viel Stolz als vorhin, aber mit leiſe bebender Stimme: „Niemand wird dem Baubruder wehren, ein Mei⸗ ſterwerk der Kunſt zu betrachten, wie dieſes, wie ſelbſt im kunſtreichen Nürnberg kaum ein zweites zu finden, aber wohl der Hand des Fremdlings, den lebenden Blüthenſchmuck zu zerſtören, den Treue und Verehrung zu ſtiller Todesfeier niedergelegt.“ Jetzt glühte auch Ulrich's Antlitz höher, er nahm die Vergißmeinnicht, ſie weggenommen, legte ſie auf das Grab, wo er blickte auf den von ſeiner Hand aus Stein gemeißelten Genius, der die Züge Eliſa⸗ beth Scheurl's trug— Züge, die auch an die der Dame erinnerten, die jetzt neben ihm ſtand, und ſagte zu dem Steingebild gewendet:„Du vergibſt mir, ſelige Eli⸗ ſabeth, in deiner himmliſchen Klarheit!— und Ihr,“ fuhr er zu der Dame leicht auch vergeben, gewendet fort,„werdet mir viel⸗ wenn ich noch öfter dies Heilig⸗ thum betrete, um nach ihrem Vermächtniß dieſer Ka⸗ pelle einen neuen Schmuck zu geben— den Raub des Vergißmeinnichtes, das ſchon morgen verblüht iſt, wolit ich mit Blumen ſühnen, die Jahrhunderte 4 49 bauern“ Er muchte eine grüßende Handbewegung, und da die Dame mehr zur Seite getreten war, ging er an ihr vorüber. Aber ſie hielt ihn auf, indem ſie ihre feine durch⸗ ſichtige Hand auf ſeinen Arm legte und zitternd rief: „Ihr habt ſie gekannt? Ihr hättet einen Auftrag von ihr?— o bleibt! redet! ſagt, wer Ihr ſeid?“ Er blickte ſie faſt finſter an und entgegncte;„Seid Ihr noch nicht befriedigt? Ich bin ein freier Stein⸗ metz, wie Ihr ſeht.“ Er deutete auf ſeine Kleidung, die für alle Baubrüder die gleiche war—„auf unſere Namen kommt wenig an, man kennt uns nur an un⸗ ſerm Monogramm, Ihr findet das meinige dort an dem Sarkophag, den Kreis mit einem Winkelmaß durchzogen.“ „Ulrich von Wildenfels!“ rief die Dame erſchüt— tert.„Ihr ſeid ſelbſt der Meiſter?“ Er neigte das edle Haupt und ſagte:„Ich werde Ulrich von Straßburg genannt, ein Meiſter bin ich nicht, wir Baubrüder nennen ſo nur den Vorſteher einer Hanpthütte, der bin ich nicht, nur ein Wander⸗ geſell gleich meinen Brüdern.“ Sie hatte ihn losgelaſſen, und fuhr ſich mit den zierlich gekanteten Leinentuch über die Augen, weil ſie naß waren von Thränen, die ihr ſelbſt faſt unerklär⸗ 186l Rvu Die Schultheißentochter von Nürnberg 1 4 50 lich jetzt daraus hervorſtürzten. Beſchämung und Stolz, Demuth und Bewunderung bei einem plötzlichen Ent⸗ decken, hatten ſie ihr zugleich entlockt. Als ſie das Tuch wieder von ihrem Antlitz nahm, erſchien es wie ver⸗ ändert: das war nicht mehr die ſtolze Herrin von vor⸗ hin, das war eine demüthige Maid, aus deren ſchwär⸗ meriſchen Blicken erhabene Begeiſterung leuchtete. „Könnt Ihr mir vergeben?“ ſagte ſie mit ſanfter, faſt flehender Stimme. Er ſah die Bewegung, die in ihr vorging, er ahnte, daß ſie mit ſich ſelbſt zürnte, ihn durch ihr Betragen beleidigt zu haben, aber er vergab ſchneller jede Be⸗ leidigung, die ihn perſönlich, als eine, die ſeine Ge⸗ noſſenſchaft traf, und er ſagte nur, indem er ſich zum Abſchied verneigte:„Wenn Ihr mir die Störung ver⸗ ziehen, ſo bedarf es ja weiter Nichts.“ „Doch!“ verſetzte ſie ſchnell,„viel mehr, als ich ach Euren Namen, nach Eurem Recht, hier einzu⸗ ringen, habt Ihr nach dem meinigen zu fragen. Ich din eine Nichte der ſeligen Frau Elifabeth Scheuel, meine ſelige Mutter war eine Behaim, ihre Schweſter — mein Name iſt Iſolde von Weichsdorf, mein Va⸗ ter iſt Stadtſchultheiß von Nürnberg.“ Eine Nichte Eliſabeth's! das ſtimmte Ulrich ſchon milder.„So habe ich wohl mit Euerm Herrn Vater 51 zu unterhandeln,“ ſagte er ablenkend,„wo es ſich um eine Stiftung der Behaim handelt?“ „Ich glaube es, denn mein Oheim Georg Behaim iſt auf Reiſen, und wird wohl nicht ſo bald aus Ve⸗ nedig zurückkehren,“ berichtete Iſolde. Ulrich ſchickte ſich wieder zum Gehen an und fragte nur;„Meinet Ihr, daß ich ihn heute noch ſprechen kann?“ „Dieſen Morgen iſt er auf dem Rathhaus,“ ſagte Iſolde,„aber ich werde dafür ſorgen, daß er am Nach⸗ mittag daheim bleibe, um Euch zu empfangen.“ „So entbietet ihm einen Gruß!“ antwortete Ulrich. Schon während ſie vorhin ſprach, hatte Iſolde mit ihrer Hand an der Edelſteinroſe geneſtelt, die ſie an ſich trug, jetzt hatte ſie dieſelbe gelöſt, reichte ſie Ulrich dar und ſagte erröthend: „Die vergänglichen Vergißmeinnicht wollte ich Euch wehren, als Andenken an Eliſabeth mit Euch zu nehmen, ich löſe ſie bei Euch ein mit dieſer Roſe, die ſie ſelbſt getragen. Sie gebührt dem allein,“ fügte ſie ſchnell hinzu, wie um ihre Gabe vor Mißdeutung zu ſchützen,„der ſie alſo unſterblich gemacht durch das herrlichſte Kunſtwerk!“ Ulrich trat beſtürzt wieder zurück zu dem Sarko⸗ phag, nahm wieder ein Sträußchen Vergißmeinnicht 4* auf und ſagte:„So gebt Ihr mir ein Recht zu dieſem Angedenken— nimmer aber würd ich die Roſe an⸗ nehmen, die ihr von des Kaiſers Majeſtät verliehen worden!“ „Ihr erkennt ſie, um ſo mehr gebührt ſie Euch!“ rief Iſolde,„ich habe ſie als ein heilig' Erbtheil em⸗ pfangen, aber ich trage ſie niemals ſonſt, als an die⸗ ſem Tage ihr zu Ehren— jetzt erſt hat ſie ihren recht⸗ mäßigen Eigenthümer gefunden, der Kaiſer iſt Euch ja durch die Bauhütte verbrüdert, die Roſe gehört Euch oder Niemanden!“ „Spart Eure Worte!“ fiel ihr Urich in die Rede, „Euer Anſinnen widerſpricht ſogar unſerem Gelübde: Ein Baubruder darf von Niemanden Geſchenke an⸗ nehmen, am wenigſten aus Frauenhand!“ Sie ſtand beſtürzt, beſchämt— Er ging. Als Iſolde allein war, warf ſie ſich wie in ohn⸗ mächtigem Schmerz, beſchämt und grollend über den Sarkophag. Ihre Thränen bethauten die Vergißmein⸗ nicht. Kaum wußte ſie warum ſie weinte, ſie hatte ſolche Thränen noch nicht vergoſſen. Iſolde von Weichsdorf hatte früh die eigene Mut⸗ ter verloren. Magarethe, eine geborne Behaim und ltere Schweſter der Eliſabeth Scheuel, die hier begra⸗ 53 ben lag, war geſtorben, als Iſolde und ihre jüngere Schweſter Anna noch im zarten Alter waren, und darum wurden beide im Klarakloſter von Nürnberg erzogen, ohne daß ſie darum zu Nonnen beſtimmt waren. Zuweilen nur bei feſtlichen Gelegenheiten ließ ſie der vielbeſchäftigte Vater zu ſich herauskommen; da aber ſein Hausweſen nicht auf Kinder oder junge Mädchen, die noch der Aufſicht bedurften, eingerichtet war, ſo wohnten ſie dann abwechſelnd im Hauſe des Großvaters Behaim, eines reichen Kaufmannes, oder ihrer Muhme Eliſabeth, die an Chriſtoph Scheuel vermält war, einen der reichſten und angeſehenſten Patrizier von Nürnberg, bei dem ſelbſt König Maxi⸗ milian zu wohnen nicht für zu gering hielt, da er das ſchönſte Haus„unter der Veſte“ beſaß, und ihn ſelbſt zum Ritter ſchlug. Das war beſonders für Iſolde eine glückliche Zeit, wenn ſie die Einförmigkeit des Kloſterlebens mit dem Wechſel vertauſchen konnte, den ſie in Eliſabeth's Hauſe fand. Das war ausgeſchmückt mit allem Luxus, den Venedigs und Nürnbergs Handel und der heimiſche Kunſtfleiß nur zu vereinigen vermochten. Tauſend Dinge, die das Auge und Herz des Kindes, wie das des erblühenden Mädchens erfreuten, aber am meiſten hing es doch an Eliſabeth ſelbſt. Die Muhme war ſo 54 ſchön und immer ſo prächtig geſchmückt wie eine Kö⸗ nigin. Das von den gleichförmigen Geſtalten der Klo⸗ ſterfrauen gelangweilte Auge der für alles Schöne em⸗ pfänglichen Iſolde hing mit Entzücken an Eliſabeth's ſchöner Erſcheinung, und kannte kein größeres Glück, als von ihr geliebkoſt zu werden, oder zu ihren Füßen ſitzend, ihren Worten lauſchen, oder mit ihren Locken und Händen ſpielen, oder ſie ſelbſt mit Schmuck und Blumen phantaſtiſch putzen zu dürfen. Es pflegt noch heute oft zu geſchehen und geſchah ſchon vor Jahrhun⸗ derten, daß junge Mädchen ſich ein älteres weibliches Weſen zum Vorbild nehmen, zum Ideal erkießen, ihm eine ſchwärmeriſche Verehrung widmen. So ging es Iſolden. Sie hatte die Mutter verloren, und verehrte nun in Eliſabeth, deren Schweſter, die in manchen Stücken ihr glich, in den meiſten aber ſie weit über⸗ ſtrahlte. Um von Iſolde wie eine Mutter geliebt zu werden, war Eliſabeth zu jung, ſie war nur 12 Jahre älter als jene, und alle Reize, die ſie beſaß, ließen ſie mehr in der Verklärung einer Jungfrau, als in der Würde einer Mutter erſcheinen. Sie machte auch keine Rechte derſelben bei Iſolde geltend, ſie behandelte ſie faſt wie eine Freundin, wie eine jüngere Schweſter, ſie betrachtete ſie, da ſie kleiner war, wie ein unter⸗ haltendes Spielzeug, da ſie größer ward, wie eine 55 Auserwählte, die ſie nach ſich ſelbſt bilden, der ſie ſo viel von ihren Kenntniſſen und Anſichten mittheilen konnte, als eben ein ſo jugendliches Gemüth in ſich aufzunehmen vermochte. Eliſabeth galt nicht nur als die ſchönſte und reichſte, ſondern auch als die ſtolzeſte und gelehrteſte Frau von Nürnberg, die ſich in Allem glänzend hervorthat vor anderen Frauen, ſo daß eben deßhalb Neid und Mißgunſt ſie verfolgten, was Iſolde nicht unbekannt blieb, denn ſelbſt im Kloſter ſprach man davon, und doch war ſie ſo gut und hold gegen die kindliche Nichte! Nichts alſo war natürlicher, als daß dieſe mit ſchwärmeriſcher Hingabe an ihr hing, mit einer faſt leidenſchaftlichen Glut, wie man fie oft bei Mädchen findet, ehe die Liebe zum Manne dem feurigen Drange des Herzens eine andere Richtung gibt. Dazu kam noch, daß Iſolde bei Eliſabeth oft einen Kreis von Gelehrten und Künſtlern ſah, unter denen ſie ſich ebenbürtig bewegte, daß Iſolde wußte, wie Eliſabeth einſt auf den Wink Kaiſer Friedrichs III. den ausgezeichneten Gelehrten Konrad Celtes auf offe⸗ nem Markt zum Poeten gekrönt, wie Kaiſer Maxi⸗ milian ſie vor allen Frauen Nürnbergs hochgeehrt,— doch mehr als durch dies Alles ward Iſolden's Em⸗ pfindung noch durch das Mitleid erhöht, da ſie nur zu gut erkannte, daß Eliſabeth trotz allem Glanz und 56 Ruhm, der ſie umgab, nicht glücklich war. Das konnte denen ſich am Wenigſten verbergen, die mit ihr unter einem Dache weilten! Wie konnte ſie glücklich ſein an der Seite eines Mannes, der ihr an Bildung ſo weit nachſtand, als an Jahren voraus war, der lärmende Gelage liebte und oft betrunken nach Hauſe kam, dem ſie zwar jeden Wunſch erfüllte aus Pflichtgefühl, wie er ſelbſt ihr, um damit zu prunken,— aber den ſie doch lieber gehen als kommen ſah. Aber es kamen dazu auch noch Stunden, in denen Eliſabeth das aufblü⸗ hende Mädchen an ſich zog und mit Thränen im Auge es warnte, ſie ſelbſt ſich ja nicht zum Beiſpiel zu neh⸗ men, ja, das Verſprechen verlangte, ſich nicht zu ver⸗ heiraten, wenigſtens nur dann, wenn ihr zu Muthe ſei, als könnte weder ſie ohne den, noch ohne ſie Der⸗ jenige leben, der ihre Hand begehre,— daß ſie ſich ja hüten ſolle vor den Männern, denn es ſei ein rohes und eigennütziges Geſchlecht, von dem unter Tauſen⸗ den kaum Einer einmal ein liebendes Frauenherz zu würdigen verſtehe. Aber eben ſo ſehr warnte ſie ſie auch vor dem Kloſterleben und beſtärkte das ohnehin nicht für ſolche Abgeſchloſſenheit geſtimmte Mädchen noch mehr in dem Entſchluſſe, den Schleier nicht zu nehmen. So mochte Iſolde im Klarakloſter ſechzehn Jahre ——————— ——— ——— 57 alt geworden ſein, als eine ausgezeichnete Freundin Eliſabeth's, Charitas Pirkheimer, die Tochter des kai⸗ ſerlichen Rathes Pirkheimer, in's Klarakloſter in der Abſicht kam, den Schleier zu nehmen. Schon damals hatte ſie den Ruf einer außerordentlichen Gelehrten, und da ſie ſowohl auf ihre eigene Ausbildung als auf die Anderer bedacht war, ſo widmete ſie ſich beſonders den jungen Mädchen, den Novizen, wie den Koſtgän⸗ gerinnen, und am meiſten denen, bei welchen ſie ein ſo reges Streben fand, wie bei Iſolden, die ihr Eliſa⸗ beth noch außerdem beſonders empfohlen. Einige Zeit darauf ſtarb Herr Chriſtoph Scheurl an Gift, das ihm eine Dienſtmagd gereicht hatte. Ehe aber dieſelbe geſtändig war, traf Eliſabeth ſelbſt der Verdacht des Gattenmordes. Iſolde ward bei dieſer Nachricht auf das Heftigſte aufgebracht, und wollte durchaus zu Eliſabeth, die ſie natürlich von jeder Schuld frei wußte. Man gab es aber nicht zu. So, durch den ihr auferlegten Zwang noch mehr geängſtet und erſchüttert, ward Iſolde krank, und war es noch, als Eliſabeth's Unſchuld an den Tag kam— ja halb geneſen, verfiel ſie in eine doppelt gefährliche Krank⸗ heit, als man ihr nicht verbergen konnte, daß Eliſa⸗ beth von der Hand eines Raubritters, den ſie in frü⸗ heſter Jugend geliebt hatte, der ihr untreu geworden, 58 und ſie nun mit ſeinem Haſſe verfolgte, ermordet worden war. Es bedurfte Jahre, ehe Iſolde ſich wieder von die⸗ ſer Krankheit und dieſem Schmerz erholte. Faſt war ſie jetzt geneigt, den Schleier zu nehmen, um ſo mehr, als Charitas Pirkheimer im regſten Eifer für den hei⸗ ligen Beruf ihr dringend dazu rieth. Aber Iſolde hatte Eliſabeth's Ermahnungen nicht vergeſſen— wie Frevel erſchien es ihr, nur einer derſelben zuwider zu handeln, und als ihr Vater eine Entſcheidung von ſei⸗ nen Töchtern forderte: ob ſie für immer im Kloſter bleiben oder zu ihm ziehen wollten in ſein Haus, wo ſie eine zweite Mutter finden ſollten— da waren ſie bereit, das Letztere zu thun. Freilich: eine zweite Mutter! es iſt immer ein hartes Wort für Diejenigen, welche ihre erſte Mutter gekannt und geliebt haben. Es war auch ſo für Iſolde und Anna von Weichsdorf. Nachdem ihr Vater zehn Jahre Witwer geweſen, heiratete er Adelgunde Ebe⸗ ner, die dem alternden Mann nur die Hand reichte, um den Glanz ſeines Namens und Wappens zu thei⸗ len, während auch er ſich glücklich ſchätzte, Eine aus dem hochangeſehenen Geſchlecht der Ebener heimzufüh⸗ ren, deren Vater einer der erſten„Genannten des gro⸗ ßen Rathes“ von Nürnberg war, und deren Reich⸗ 59 thümer faſt ſprüchwörtlich geworden. Sie entfaltete bald genug einen Charakter, der nicht geeignet war, ihr die Liebe ihrer Stieftöchter zu erwerben. Unter ſolchen Umſtänden war es um ſo natürli⸗ cher, daß Iſolde weder die eigene Mutter vergaß, noch deren edle Schweſter, die ſich ihr nun vollends durch ihren tragiſchen Tod zu einer Märtyrerin verklärt hatte. Was an ihren letzten Lebenstagen Iſolde noch dunkel geblieben war, das hatte ſie allmälig noch durch Charitas erfahren, und durch ein Zuſammenſtellen verſchiedener Umſtände ſich ſelbſt klar gemacht: Eliſa⸗ beth hatte den Baubruder Ulrich von Straßburg ge⸗ liebt. Sie hatte lange mit ſich gegen dieſe Liebe ge⸗ kämpft, bis er, zum Theil mit um ihretwillen, un⸗ ſchuldig angeklagt, und aus der Bauhütte geſtoßen worden war. Da hatte ſie um ſeinetwillen den Kaiſer Maximilian in Augsburg aufgeſucht, der ihr einſt huldigend die goldgefaßte Roſe gegeben mit dem Ver⸗ ſprechen: was ſie damit in der Hand von ihm verlan⸗ gen würde, das wolle er gewähren. So hatte ſie die glückliche Wendung von Ulrich's Geſchick erlangt— und in dem Augenblicke, da er zu ihr gekommen, um ihr für ſeine Rettung zu danken, hatte ſie der Stahl des Mörders getroffen. Er hatte es nicht verhindern können: aber Angeſichts des Todes hatte ihr auch der Baubruder geſtehen dürfen, wie heilig er ſie geliebt! Ihr Vermächtniß und ihre letzte Bitte an ihn war es geweſen, daß von ſeiner Hand ihres Gatten und ihr eigenes Grabmonument in der Begräbnißkapelle der Scheurl und Behaim errichtet werde. Ihre Brüder Georg und der berühmte Martin, der, gerade von ſei⸗ nen Entdeckungsreiſen zurückgekehrt, in Nürnberg an⸗ weſend war, ſtifteten eine große Summe zu dieſem Zweck, die auch nach Vollendung der beiden beſtimm⸗ ten Grabmäler noch lange nicht aufgebraucht war. Ulrich hatte ſie ausgeführt, und dann war er fort⸗ gewandert. In den Jahren, da Ulrich daran gearbeitet, war Iſolde krank und im Kloſter. Nur einmal hatte ſie ihn geſehen, als ſeine Arbeit vollendet und mit einer Todtenfeier geweiht worden war. Verehrungswürdig war ihr der Meiſter, der ein ſolches Kunſtwerk ge⸗ ſchaffen, verehrungswürdig der Mann, den Eliſabeth geliebt hatte. Er mußte ſich ihr mit dieſem ſelbſt zum Ideal verklären. Und nun— nach länger als einem Jahrzehent hatte ſie ihn wiedergeſehen, und erſt nicht wieder er⸗ kannt, hatte ſie ſtolz und herriſch mit ihm geredet an eben der Stelle, an der ſie ihn ſo oft in ſeinem Werk bewundert, ja ſtill ſinnend an ihn gedacht und für ihn ————— —— 61 gebetet hatte. Stolz und kalt, beinahe geringſchätzenb, wie faſt jedem Manne, war ſie ihm begegnet— und er hatte ſie gedemüthigt, halb durch kalten Stolz, halb durch ſanfte Beſcheidenheit— ſie, der das noch von keinem Manne geſchehen war! Wie hatte er ſie angeſchaut mit den blauen ſchwär⸗ meriſchen Augen, aus denen die Strahlen der Begei ſterung ſchoſſen— wehmüthig ſanft, und dann nieder— ſchmetternd, wie ein Herr und Gebieter. Wie hatte ſie's ertragen, ſo beſchämt vor ihm zu ſtehen— wie ſollte ſie's ertragen, ihn wiederzuſehen nach einer ſolchen Begegnung?— und doch! wie klopfte ihr Herz in der Hoffnung auf eine ſolche! „Deinen Ulrich, Elifabeth!“ hauchte ſie keife, und drückte die wallende Bruſt an den kalten Sarkophag, darunter Eliſabeth's Herz ſtill lag ohne die Stürme des Lebens W. Albrecht Dürer. In der„Ziſſelgaſſe“ ſtand ein Haus von mittle⸗ rer Größe, das ſich immer dadurch vor allen andern Häuſern der ganzen Gaſſe auszeichnete, daß, ſo weit ſeine Mauer auf ihr reichte, der Weg täglich ſauber gekehrt war, daß die meſſingenen Beſchläge an der Hausthür hell blitzten, als wären ſie von lauterem Gold, und die Fenſterſcheiben ſo blank geputzt und durchſichtig waren, daß man wohl meinen konnte, wenn ſich nicht gerade die Sonne in ihnen ſpiegelte, es wäre gar kein Glas in den Fenſterrahmen. Das war das Haus des Malers Albrecht Dürer, und die außer⸗ ordentliche Sauberkeit und Nettigkeit, die da ſich zeigte, war der Stolz ſeiner Gattin Agnes, der Tochter des WMechanikus und Harfenſpielers Hans Frey, dem ſonſt auch dies Haus gehört hatte. Der Meiſter ſaß in ſeiner Werkſtatt vor einer gro⸗ ßen Holztafel, auf der eben mehrere Figuren Farbe und Leben anzunehmen begannen. Der Gegenſtand war der griechiſchen Mythologie entlehnt:„Orpheus, wie er von wüthenden Bacchantinnen geſchlagen wird.“ Dürer war ſiebenunddreißig Jahre alt, ſtand alſo in der Blüte männlicher Kraft. Das braune, lang zu beiden Seiten lockig herabwallende Haar ſchien einen Chriſtuskopf zu umrahmen, ſo edel war der Ausdruck ſeiner Züge, ſo vergeiſtigt ſtrahlten ſeine blauen Angen. Auch ein ſchmerzlicher Zug des Leidens fehlte nicht um den ſchöngeformten Mund, ob es auch ſchien, als ſolle der wohlgepflegte Bart ihn verbergen. Der Meiſter war ganz in ſeine Arbeit vertieft, die ſchöne weiße Hand, von der ſeine Zeitgenoſſen rühmten, ſie ſei ſchier ſo zurt wie die einer„Jungfer,“ fuhr unab⸗ läſſig mit dem Pinſel über das begonnene Werk, in⸗ deß ſeine Angen zuweilen ſeitwärts einen beobachten⸗ den Blick auf eine weibliche Geſtalt warfen, die ihm zum Modell für die Bacchantin diente, die ſich am weiteſten im Vordergrund befand. Allerdings paßte dazu ihre ganze Erſcheinung. Gerhaus Storch war eine üppige Schönheit mit ſchwel⸗ lenden Formen, feurigen Augen, dunklen Locken und einem Ausdruck von herausfordernder Wildheit in den wohlgebildeten Zügen. Bei einem öffentlichen Aufzug in Nürnberg zum Empfang des Kuiſers, wobei es ofter vorkam, daß ſchöͤne Frauen im griechiſchen Ko⸗ ſtüme die Ehrenpforten oder den Triumphwagen um⸗ gaben, hatte Dürer dieſe auffallende Geſtalt entdeckt und ſie ſogleich gefragt: ob ſie ihm ſitzen wolle. Gerhaus hatte Anfangs dies Anerbieten zurück⸗ gewieſen, denn es waren eben nicht die ſittſamſten Frauen, denen ein ſolches gemacht ward und die es annahmen;— als ſie aber erfuhr, daß es der berühmte Dürer ſei, der ihre Geſtalt unſterblich machen wolle, erklärte ſie ſich dazu bereit, mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß ſie es nur um ſeinetwillen thue— jeder andere Maler könne ihr ſo viel Gold bieten als er wolle, ſie würde auf ſein Erbieten nicht eingehen. Dürer behandelte ſie auch mit all der ſtillen Achtung, die jede Frau von ihm erfuhr, die ihn ſah, ſie war ihm ein nothwendiges Wertzeug bei ſeiner Kunſt, das er mit denſelben reinen Augen betrachtete, die allen ſeinen Werken einen ſo ſittlichen und keuſchen Ausdruck gaben, mochte der Gegenſtand der Dar⸗ ſtellung ſein, welcher er wollte. Als er aber jetzt draußen im Vorgemach Tritte hörte und die ſchriitende Stimme ſeiner Frau ſagte: „Daheim iſt er— aber er hat ſehr nöthig zu thun!“ warf er Gerhaus ihren Mantel über, damit ſie ihre —ů ů— — ————— 65 nur loſe verhüllten Reize nicht unberufenen Blicken preisgebe. Die Stimme kannte er wohl, die ſeiner Frau die Antwort gab:„Ei, Fran Dürerin, das weiß man ſchon, daß Eurer Meinung nach Euer Cheherr immer nöthiger zu thun hat, als ein Stündlein mit guten Freunden zu plaudern, aber Ihr wißt auch, daß bei mir Eure Redensart nicht viel verfangen will!“ Das war Willibald Pirkheimer, der mit Frau Agnes Dürer faſt auf beſtändigem Kriegsfuß lebte und gerade dadurch manchmal dem Freund ſein häus⸗ liches Leben noch erſchwerte, das er ihm doch ſo gern erleichtert hätte, denn die innigſte Freundſchaft ver⸗ band von Jugend auf die beiden ausgezeichneten Männer. Als Knaben ſchon waren ſie im täglichen Verkehr miteinander geweſen, denn Dürer's Vater, der Gold⸗ ſchmied Albrecht Dürer, bewohnte das Hinterhaus des in der Winklerſtraße dem„ſchönen Brunnen“ gegen⸗ über gelegenen Hauſes des kaiſerlichen Rathes Pirk⸗ heimer, deſſen einziger Sohn Willibald mit Albrecht, dem dritten Kind des Goldſchmiedes, in einem Alter war und mit ihm aufwuchs, wie verſchieden auch ſonſt die Verhältniſſe waren, in denen der reiche, hoch⸗ angeſehene Patrizier und der arme Handwerker, der 161. AVirt. Di Schuſtheißentoch er von Nürnberg. 1. 5 66 mit wenig Geld und vielen Kindern geſegnei war, lebten. Albrecht Dürer war, nachdem er einige Zeit mit in der Werkſtatt ſeines Vaters gearbeitet hatte, zu dem Maler Michael Wohlgemuth in die Lehre gekom⸗ men, dann ging er vier Jahre auf die Wanderſchaft und als er 1494 wieder nach Nürnberg zurückkam, glaubte ſein Vater ſein beſtes Glück zu begründen, daß er für ihn bei dem Harfenſpieler und Mechanikus Hans Frey um deſſen Tochter Agnes warb, die eine Mitgift von zweihundert Gulden erhielt und als ein fleißiges, wirthſchaftliches und tugendhaftes Mädchen bekannt war. Albrecht folgte um ſo mehr dem väterlichen Wil⸗ len, nach der Sitte der Zeit, als er ſelbſt gegen das nette Mädchen, das er nur wenig kannte, nichts ein⸗ zuwenden hatte und als ſein Herz für kein anderes ſchlug, ſondern allein für die Kunſt, an die er ſich mit der ſchwärmeriſchſten Liebe dahingegeben hatte. In ihrem Dienſt, dachte er, ſei es förderlich einen eigenen Herd zu begründen, an dem ein liebes Weib ihm über die Kleinlichkeiten des Alltaglebens hinweghelfe! Er ahnte nicht, wie bitter er ſich täuſchen ſ ollte!— Seine Gattin hatte kein Herz für ihn, kein Herz für ſeine Kunſt, nicht einmal für ſeinen Ruhm! der galt ihr nur dann etwas, wenn er klingende Münze einbrachte —— 67 Was half es da, wenn ſie auch nach wie vor für ein Muſter von Ordnung und Sparſamkeit bekannt war, und den kleinen Hausſtand ſorglich zu verwalten ver⸗ ſtand, wenn ſie dafür nicht nur unfähig blieb, ſeine Be⸗ ſtrebungen zu würdigen und dem Fluge ſeines Genius nur ahnend zu folgen, ſondern ihm jede unſchuldige Freude, jede ſtille oder heitere Feierſtunde mißgönnte und ihn ſtets nur zur Arbeit trieb, damit er etwas verdiene? Wäre damals der klügere, die Menſchen und Ver⸗ hältniſſe des Lebens beſſer kennende und prüfende Wil⸗ libald Pirkheimer an ſeiner Seite geſtanden, vielleicht wäre dieſe nur aus kindlichem Gehorſam von einem dem Gemüth nach kindlichen, lebensunkundigen Jüng⸗ ling geſchloſſene Ehe unterblieben. Aber Willibald ſtu⸗ dirte zu dieſer Zeit in Italien, in Padua und Pavia; als er nach Nürnberg wieder zurückkehrte und dort Rathsmitglied ward, war Dürer ſchon verheiratet. Mit deſſen Gattin konnte ſich aber Pirkheimer um ſo weniger befreunden, als er ſelbſt in Crescentia Rieter eine Wahl traf, die ihn in jeder Beziehung beglückte. Denn Crescentia ſtammte nicht nur aus einem der an⸗ geſehenſten Geſchlechter Nürnbergs, deren Letzte ſie allerdings war, ſondern beſaß auch einen ſo hochgebil⸗ deten Geiſt, daß ſie das Glück vollſtändig zu ſchätzen 5* wußte, die Erwählte eines Mannes zu ſein, der ſchon damals an Gelehrſamkeit und glänzenden ſtaatsmän⸗ niſchen Eigenſchaften die meiſten ſeiner Mitbürger über⸗ ſtrahlte. Sie war dem Gatten in jeder Beziehung eine liebende Gefährtin und die edelſte Prieſterin ſeines Hauſes. Aber leider ward das ſchöne Eheglück bald zerſtört. Sie hatte bereits vier Töchter geboren, als ihnen ein Sohn folgte— er koſtete der Mutter das Leben und ſtarb ſelbſt mit ihr. So war Pirkheimer jetzt ſchon ſeit drei Jahren Witwer. Seine Schweſter Euphemia lebte bei ihm und erzog ſeine Mädchen. Pirkheimer kam jetzt nicht allein zu Dürer— der Baubruder Ulrich begleitete ihn. Dürer erblickte nicht ſobald die Eintretenden, als er ihnen entgegenging und auch Ulrich mit lautem Freudenruf empfing, ihn in Nürnberg willkommen heißend. Nicht nur daß ſie einander ſchon bei Ulrich's früherer Anweſenheit in Nürnberg gekannt hatten, ſie waren ſich auch in Venedig wieder begegnet. Denn auch Dürer war zwei Jahre in Italien geweſen, na⸗ mentlich in Bologna und Venedig, und erſt ſeit Jah⸗ resfriſt wieder in ſeine Heimat zurückgekehrt. Es war ein rührender und zugleich großartiger kos⸗ mopolitiſcher Zug jener Zeit, daß die ſtrebſamen Män⸗ ner des Handwerkes, der Kunſt und der Wiſſenſchaft 69 in gleicher Weiſe nicht eher ruhten, bis ſie die großen Meiſter und Meiſterwerke ihres Faches an Ort und Stelle ſelbſt geſehen und gehört, ſie begrüßt, um ihnen zu huldigen oder von ihnen zu lernen. Sie ſcheuten keine Gefahren und Mühſale der weiten Reiſe auf kaum gebahnten Wegen, die entweder zu Fuß oder zu Pferd zurückgelegt werden mußten, deun ſich eines Wagens zu bedienen, war nur den Reichſten möglich und ſogar auch ihnen nur ſelten genehm, da ein ſolches Fort⸗ kommen meiſt noch ſchlechter und gefährlicher war als zu Pferde, indem die Wägen nur harte oder gar keine Sitze boten und auf den ſchlechten Wegen umwarfen, noch öfter aber überfallen und ausgeraubt wurden, weil die Wegelagerer, deren es trotz des geſtifteten Landfriedens noch genug gab, auf ihnen Schätze ver⸗ mutheten und nun die Flucht von einem Wagen ſich ſchwerer bewerkſtelligen ließ, als die eines Reiters. Aber keine Strapatze und keine Anſtrengung ſcheute der wiß⸗ begierige Jüngling, der ſich auf eine ausländiſche Uni⸗ verſität begab, um dort die berühmteſten Profeſſoren und Rhetoren ſelbſt zu hören, ſcheute der Künſtler, der zu den berühmteſten Stätten der Kunſt ſeine Schritte lenkte;— ſie wußten es, eher nicht galt ihre Bildung für vollendet, bis ſie ſo ſelbſt das Bedeutendſte kennen gelernt, das ihre Zeit ihnen bot, eher nicht konnten 70 ſie ſelbſt ſich genug thun, bis ſie wußten, daß auch ſie mit in den großen Bund aufgenommen waren, der ſich damals um die Gebildeten aller Nationen gerade um ſo feſter ſchlang, weil ſie, wo dieſe größere Bildung nur wenigen Auserwählten zu Theil ward, ſie um ſo höher aus der ſie umgebenden Menge, von der oft ein weiter Abſtand ſie trennte, hervorragen ließ— Ber⸗ gen gleich, von denen die heiligen Feuerzeichen lohten, indeß es nächtlich finſter war in den Thälern zu ihren Füßen, in den Ebenen, die zwiſchen ihnen ſich hin⸗ zogen. So war der Baubruder Ulrich durch die Lande gewandert, den ſein Gelübde ſchon zum Heimatloſen machte, hatte die Meiſterwerke der Gothik wie der ro⸗ maniſchen Baukunſt mit eigenen Augen geſchaut und ſelbſt mit Hand angelegt an die heiligen Werke,— ſo war der reiche Patrizierſohn Pirkheimer, der ſich ſchon die Ritterſporen erworben, am Hofe des Biſchofs von Eichſtätt nach Italien gezogen, die damalige Pflanz⸗ ſchule der Wiſſenſchaft, um die Staatskunſt zu ſtudi⸗ ren, mit der er einſt ſeiner Republik dienen, und die ſchönen Wiſſenſchaften, mit denen er ſich ſelbſt das Leben ſchmücken, die Humanoria, durch die er die deutſchen Schulen erlöſen wollte vom Zwange einer verknöchernden Scholaſtik,— ſo war der Maler Dürer 71 in's warme, ſonnige Land der Kunſt gezogen, die gro⸗ ßen Meiſter zu bewundern und ihnen gleicherweiſe zu zeigen, was auch deutſche Kunſt vermochte— und jetzt fanden ſie alle Drei ſich wieder im„germaniſchen Venedig,“ dem edlen Nürnberg, das alle ſtrebenden Geiſter deutſcher Nation zu entfalten und zu feſſeln verſtand, wie keine andere deutſche Stadt. „Ich habe Wort gehalten, Meifter Dürer!“ ſagte Ulrich, voll Herzlichkeit die Hand des Malers ſchüt⸗ telnd;„wir ſahen uns zuletzt auf dem Molo von Vene⸗ dig und ich verſprach, Euch an der Pegnitz aufzuſuchen.“ „Es iſt wacker, daß Ihr kommt!“ ſagte Dürer. „Curem Ausſehen nach zu urtheilen, iſt es Euch in⸗ deſſen auch wohl ergangen, wenigſtens habt Ihr Euch gar nicht verändert, ſeit wir uns nicht geſehen.“ „Das kann ich freilich nur von Euch hören, da nur zwei Jahre vergangen, daß wir uns nicht ge⸗ ſehen,“ entgegnete Ulrich lächelnd;„aber mich dünkt, Euch verließ ich im größern Wohlſein, als ich Euch heute finde— ſeid Ihr krank geweſen, oder ſeid Ihr's noch?“ Dürer ſchüttelte die braunen Locken von der edlen Stirne und ſagte mit wehmüthigem Lächeln!„Mich friert nur nach Italiens Sonne— die fehlt mir, wei⸗ ter nichts!“ 72 „Soſeid Ihr ungern wieder hierher zurückgekehrt?“ fragte Ulrich ſtaunend. „Das willich nicht ſagen,“ antwortete Dürer;„aber Ihr habt es ja mit erlebt: in Italien lebte ich als ein Herr— hier bin ich doch nur ein Schmarotzer!“ „Aber ich weiß, wie Euch die Regierung von Ve⸗ nedig zweihundert Dukaten jährlich geboten, wenn Ihr daſelbſt bleiben wolltet, dazu noch allerlei andere vortheilhafte Bedingungen,“ ſagte Ulrich,„und daß Ihr das Erbieten ausgeſchlagen?“ Dürer richtete ſich groß auf und ſeine blauen Augen warfen helle Strahlen:„Ich habe es ausgeſchlagen und geſagt, daß ich mir erwählet habe in meiner Vaterſtadt lieber in beſchränkten Verhältniſſen zu le⸗ ben, denn in der Fremde reich und groß zu werden. Ich habe den Antrag, der mich ehrte, abgelehnt aus reiner Lieb' und Neigung zu meiner Vaterſtadt und meinem Vaterlande!— Ihr habt keine Vaterſtadt— Euch iſt die Kunſt vielleicht mehr als das Vaterland,“ fügte er hinzu, indem ſeine Blicke prüſend auf Ulrich ruhten;„aber ich ſetze allen meinen Ruhm darein, ein deutſcher Künſtler zu ſein und zu bleiben, und werde nimmer meine Kunſt an das Ausland ver⸗ kaufen!“ „Das iſt gut deutſch geſprochen!“ ſagte Ulrich; —— 73 „wie möget Ihr denken, daß ich ſolche Gefinnung nicht zu würdigen verſtehe, nicht ganz ſie theile, wenn auch ein anderer Brauch herrſcht bei uns wandernden Bau⸗ brüdern; es iſt doch auch unſer Stolz und unſer Ge⸗ ſetz, auch wenn wir in die entfernteſten Gegenden zie⸗ hen, deutſche Kunſt dort zu verbreiten und mit der ganzen Macht der reinſten Gothik wenigſtens der deut⸗ ſchen Kunſt allenthalben Achtung zu verſchaffen, wenn wir es nicht vermögen, dasſelbe für das deutſche Reich zu thun.“ „Saget auch,“ fiel ihm Pirkheimer in's Wort, „daß es gut nürnbergiſch geſprochen war; ſo denkt je⸗ des brave Nürnberger Kind.“ Die drei Freunde hatten einander die Hände ge⸗ reicht— es war einer jener ſtillen feierlichen Mo⸗ mente, in denen verwandte Geiſter ſich auf gleicher Höhe der Anſchauung und Begeiſterung begegnen und füylen, daß ein ſtummer Händedruck dem Augenblick eine ſchönere Weihe zu geben vermag, als hundert be⸗ rette Worte vermöchten. Da trat Frau Agnes geräuſchvoll ein. Immer mußte ſie zu ungelegener Zeit kommen, immer darauf bedacht ſein, die zum Himmel ſich auf⸗ ſchwingende Seele des Gatten in's Leben des gemeinen Werkeltags herabzudrücken! 74 Frau Agnes war in ihrer Ingend hübſch geweſen, ihr röthlich⸗blondes Haar, das damals für eine Schön⸗ heit galt, ihre weiße Haut neben dem friſchen hellen Roth der Wangen hatte ſie zu einer angenehmen Er⸗ ſcheinung gemacht, die wenigſtens dem oberflächlichen Beſchauer gefiel. Jetzt, obwohl ſie ſich erſt in den Dreißigen befand, war doch keine Spur mehr davon vorhanden. Sie ſah um Vieles älter aus als ſie war — denn alle diejenigen Frauen altern ſchnell, die nicht in einer liebevollen und hingebenden Seele den ſchön⸗ ſten Quell der Verjüngung in ſich tragen. Aue war blaß und hager geworden, um die dünne ſpitze Naſe ſpielten kleine Falten, die dem ganzen Geſicht einen beſondern Ausdruck von Mißgunſt gaben. Das Haar war unordentlich zurückgeſtrichen und kr äuſelte ſich über der niedrigen Stirn widerborſtig empor, ein ſchwarzes Häubchen ſchien in der Eile ſchief aufgeſetzt zu ſein und harmonirte mit der nämlichen Nachläſſigkeit des gan⸗ zen Anzuges. Wenn Frau Agnes zu einem öffentlichen Feſt oder ſonſt über die Straße zu ihren Nachbarinnen ging, dann pflegte ſie wohl ſich ſehr ſtattlich und ſau⸗ ber herauszuputzen, wenn auch der Geſchmack dabei nicht der beſte war.— Für ihren Mann aber ſich das Haar zu ordnen und nett zu kleiden, hielt ſie nicht der Mühe werth. Sie meinte, es gehöre zu einer guten — ——— 75 Wirthin, daheim nur das Schlechteſte zu tragen und in Eile unordentlich anzulegen: das möge den Leuten zeigen, daß ſie nicht eitel ſei und keine Zeit habe Hand an ſich ſelbſt zu legen, da ſie immer allerhand andere grobe Arbeiten verrichten müſſe— vor Scheuern, Wa⸗ ſchen und Aufräumen kam ſie auch nie dazu die Häus⸗ lichkeit zu genießen und hielt eben das für die größte Ordnung, zur Herſtellung derſelben fortwährend das ganze Haus in Unordnung zu verſetzen, da Beſen und Scheuerfäſſer faſt nie darin zur Ruhe kamen, und mancher große Potentat und vornehme Herr hatte ſchon über dergleichen hinwegſteigen müſſen, wenn er den berühmteſten Maler Nürnbergs und Deutſchlands in ſeiner Werkſtatt beſuchen wollte. Auch die Frauen ſind durch Jahrhunderte hindurch ſich gleich geblieben und das Geſchlecht der Dürerin⸗ nen iſt noch nicht ausgeſtorben. Jetzt alſo trat ſie geräuſchvoll ein, denn der Be⸗ ſuch, der den Gatten von ſeiner Arbeit abhielt, hatte ihr aus dieſem Grunde ſchon zu lange gedauert, ſie ſuchte nach einem Mittel, ihn abzukürzen. Da ſie jetzt Gerhaus Storch gewahrte, die allerdings in Vergeſſen⸗ heit gerathen, in einem Winkel lehnte, und die Män⸗ ner mit prüfenden Blicken muſterte— ſagte Frau Agnes, auf ſie deutend: 76 „Auf wie lange haſt du denn das Frauenzimmer gemiethet? Dürer wendete ſich zu Gerhaus um und ſagte ge⸗ laſſen:„Ich bedarf Eurer heute nicht mehr— ſaget mir, wenn es Euch morgen gelegen iſt, wieder zu kommen.“ Gerhaus antwortete:„Ich kann nicht früher als Nachmittags um dieſelbe Stunde.“ Wie?“ rief gleichzeitig Frau Agnes;„du ſchickſt ſie ohne Noth fort und bezahlſt ſie unnützer Weiſe.“ „Laßt Euch nicht länger ſtören, werther Meiſter, durch unſere Gegenwart,“ ſagte Ulrich; ich wollte Euch nur begrüßen, Euch meine Ankunft melden; da ich nun wieder hier bleibe, ſprechen wir uns ſchon zu gelegenerer Stunde.“ „Nein, nein,“ fiel ihm Pirkheimer in's Wort, „wir nehmen Freund Dürer mit uns fort aus dem dumpfen Zimmer und ergehen uns noch miteinander draußen im Freien. Sonnenuntergang iſt ohnehin nahe, und ich ſehe es ſeinen umränderten Augen an, 126 ſie ſchon zu lange auf der Staffelei geweilt ha⸗ en.“ „Was! du willſt ausgehen?“ fragte nun die Gat⸗ tin doppelt entrüſtet. „Meinetwegen braucht Ihr Euch nicht zu beun⸗ 1 8 77 ruhigen, Frau Dürerin,“ ſagte Gerhaus mit höh⸗ niſchem Stolz zu dieſer;„ich nehme kein Geld von Eurem Manne,— ich ſitze ihm nur, weil er mich dar⸗ um gebeten hat und ich es mir zur Ehre anrechne, von dem größten Meiſter Nürnbergs gemalt zu wer⸗ den— das merkt Euch.“ Damit ging ſie mit ſtolzen Schritten zur Thür hinaus. „Leb' wohl!“ ſagte Dürer und reichte begütigend ſeiner Frau die Hand; das iſt ein alter Freund von mir,“ fuhr er auf Ulrich deutend fort,„und dieſes Wiederſehens will ich mich noch ein Stündlein freuen.“ Sie nahm mürriſch die Hand ohne ein Wort zu erwidern, und ging dann in das Nebengemach. Da drinnen ſaß ein altes Mütterchen und drehte unabläſſig eine ſchnurrende Spindel. Es war Albrecht's Mutter. Sein Vater war vor einigen Jahren geſtorben, und da er gar nichts hinter⸗ ließ, nahm der Sohn die arme Mutter zu ſich in's Haus, wie ſeinen jüngſten Bruder Hans, der bei ihm die Malerei erlernte. Frau Agnes war es An⸗ fangs nicht wohl gelegen, aber dann berechnete ſie, daß der Bruder einen Gehilfen erſpare, einen„Knecht,“ wie es damals hieß, der ſonſt bezahlt werden mußte, und daß die Mutter Alles ſpinnen könne, was für das Haus gebraucht werde und wohl auch eine Magd erſetze,— und ſo ließ ſie ſich den vergrößerten Haus⸗ ſtand gefallen. Aber ſo bald Agnes mit ihrem Gatten unzufrie⸗ den war, wie jetzt, überhäufte ſie die alte Mutter mit Vorwürfen, daß ſie ihren Sohn nicht anders gezogen habe, und daß ſie überhaupt es geweſen, die es da⸗ hin gebracht, daß Albrecht ſeinen Willen durchgeſetzt, ein Maler zu werden, da doch jede andere Profeſſion ihn beſſer nähre und es nicht mit ſich bringe, daß er mit liederlichen Dirnen in Berührung komme, die es wagen dürften ſeine Ehefrau zu beſchimpfen, noch mit vornehmen Herren, die ihn zum Nichtsthun verlei⸗ teten. So ergoß ſie auch jetzt die Schaale ihres Zornes über das alte Mütterchen. Aber wir wollen ihr nicht weiter zuhören bei die⸗ ſem unerquicklichen Geſchwätz. V. Das Haus des Schultheißen. Es war ein ziemlich großes mehrſtöckiges Haus, welches der Schultheiß von Weichsdorf bewohnte. Nicht weit entfernt von der St. Lorenzkirche wie der Propſtei bildete es eine Ecke an einem der beliebteſten Plätze. Die Ecke war abgeſtumpft durch ein vor⸗ ſpringendes Chörlein, das vom erſten Stock bis in den zweiten reichte und oben ein ſchön gewölbtes Dach hatte, das mit ſteinernen Wappenſchildern und Laub⸗ gewinden verziert war, indeß unter dem Sockel des Chörleins durch zwei über einem Schild gekreuzte Schwerter getragen zu werden ſchien. Das Erdgeſchoß des Hauſes war für die Diener⸗ ſchaft beſtimmt, Küche und Vorrathskammer befanden ſich hier, dabei auch ein Wartezimmer für unterge⸗ ordnete Perſonen, die den Schultheißen zu ſprechen begehrten und in einem hinteren Flügel Schlaflokale für Gäſte gleicher Art, die in jedem Nürnberger Hauſe Aufnahme fanden. Boten, Handelsleute und die Die⸗ nerſchaft vornehmerer Gäſte, die im zweiten und drit⸗ ten Stock ihr Quartier erhielten. Im erſten wohnte der Schultheiß mit ſeiner Gattin; da war der Speiſe⸗ ſaal und das Empfangzimmer, mehrere Prunkgemä⸗ cher, die von dem Reichthum zeigten, den Adelgunde Ebener ſammt ihren Hausrath eingebracht hatte. Da lagen ſchon auf den Treppen koſtbare Teppiche, ſtunden in den Vorzimmern hohe Kandelaber von ſchö⸗ nem Erzguß, wie er aus den Gußhütten heimiſcher Meiſter, vorzüglich Peter Viſcher's hervorzugehen pflegte, in den Prunkgemächern waren die Fußböden bunt gemalt, die Wände mit gewirkten Tapeten be⸗ kleidet, mit Gemälden und koſtbaren Spiegeln in gol⸗ denen Rahmen geſchmückt. Auf Marmortiſchen ſtan⸗ den jene kunſtreichen Figuren und Tafelauffätze, die gerade damals ſo überaus beliebt waren, Gruppen, die ſich durch einen innern Mechanismus hin⸗ und her⸗ bewegten, und meiſt kleine Fontainen für wohlriechen⸗ des Waſſer zum Mittelpunkt hatten. An einer der Wände zogen ſich im gothiſchen Styl geſchnitzte Ei⸗ chenſchränke hin, durch deren blitzende Glasſcheiben man den innern Reichthum an Glas⸗ und Silberge⸗ ſchirr erblickte, beſonders eine reiche Auswahl von 81 Trinkgefäßen der verſchiedenſten Art, von einfachem Thon und Zinn bis aufwärts zur ſchöngetriebenen Silberarbeit,— denn Trinkgefäße waren nun einmal die nothwendigſten Gegenſtände eines ſtattlichen Haus⸗ haltes, mochte man ſie nun als Pokale, Humpen oder Macellein bezeichnen.. Den zweiten Stock bewohnten die Töchter des Hauſes, Iſolde und Anna. Zum Mittag⸗ und Nacht⸗ mahl, oder wenn ſonſt Gäſte da waren, kamen ſie mit hinab in die Familienzimmer, aber außerdem blieben ſie für ſich in ihren jungfräulichen Gemächern, weil ſie jede nähere Berührung mit der Stiefmutter vermieden. Herr von Weichsdorf hatte es ſich freilich anders gedacht. Er liebte ſeine Töchter, beſonders die ſchöne und hochgebildete Iſolde war ſein Stolz und er ließ ſie in allen Stücken gewähren: nun hatte er gedacht, ſie ſollten mit ſeiner Gattin in Liebe und Eintracht unter einem Dache leben und, durch ihre Verſchieden⸗ heit einander ergänzend, ihm das Leben doppelt ange⸗ nehm machen. Das ſah er wohl, daß ſeine Töchter ſeine Gattin an Geiſt und Bildung überragten, aber dafür waren ſie durch ihre Kloſtererziehung im Haus⸗ weſen unerfahren und darauf verſtand ſich Adelgunde vortrefflich:— ſie ſollte die Wirthin ſeines Hauſes, 1861 xVMm Die Schultheißentochter von Nürnberg. 1. 6 62 die treue Wächterin ſeines Herdes, die Gefährtin und Pflegerin ſeines herannahenden Alters— die Töchter aber der Schmuck und Glanz ſeiner Häuslichkeit, wie ſeiner hohen bürgerlichen Stellung ſein, ſie ſollten durch den Ruf ihrer Bildung, die ſie würdig und ge⸗ ſchickt machte, mit den ausgezeichnetſten Männern Nürnbergs verkehren, ſeinem Namen und Ge⸗ ſchlechte Ehre machen und— würdige Schwieger⸗ ſöhne ihm zuführen. Dieſe letztere Berechnung auch war es, die ihn die Mädchen mit allem Prunk umge⸗ ben ließ, den er aufbringen konnte und es nie dul⸗ dete, daß ſeine Gattin einen Vorzug darin hatte, daß er jene beſonders, nachdem ſie lange genug in Klo⸗ ſtermauern vergraben geweſen, mit zu allen öffentli⸗ chen Feſten führte. Aber Ade gunde war eben durch die Vorzüge na⸗ türlicher Begabung wie der Bildung, welche die Töch⸗ ter vor ihr beſaßen und durch die ſie ſelbſt in den Schatten geſteltt ward, erferſüchtig auf dieſelben. Sie ſelbſt beſaß keine körperlichen Reize, aber noch weniger ſolche des Gemüthes. Ihr Hauptcharakter⸗ zug war gewöhnlicher Dünkel auf ihren Reichthum, ihre Abkunft, jetzt auf die Stellung und den Wappen⸗ brief ihres Gatten. Sie wollte ſich überall in den Vordergruns drängen, herrſchen und ſich gehuldigt 3 83 ſchen. Darin fühlte ſie ſich zumeiſt durch Iſolde be⸗ einträchtigt— die viel jüngere Anna war noch eine beſcheidenere Blume, weniger ſchön und blendend da⸗ durch, wie auch durch geiſtige Eigenſchaften weniger ausgezeichnet— und darum verfolgte die Stiefmut⸗ ter bald jene mit Neid und Mißgunſt und ſuchte ſie in allen Stücken zu verkleinern und herabzuſetzen, da ſie ſonſt keine Macht hatte, ſie in ihrem Thun zu be⸗ ſchränken. Für Iſolden's gelehrte Bildung hatte ſie nur ſpöt⸗ tiſche Bemerkungen und machte dagegen geltend, daß ſie nie vermögen würde einem Haushalt vorzuſtehen, ein unnützes und untaugliches Geſchöpf ſei für den ehrſamen Beruf der Hauswirthin, und daß jeder Mann„übel mit ihr fahren werde“— und als vol⸗ lends Jahre vergangen waren, ſeit Iſolde das Klo⸗ ſter verlaſſen, ohne einen ihrer vielen Bewerber er⸗ hört zu haben, und darum nun auch weniger ſich fan⸗ den, den wenig Erfolg verheißenden Verſuch zu ma⸗ chen, dieſe ſtolze Jungfrau zu erobern,— da machte Frau Adelgunde ihrem Gemal beſtändig Vorwürfe darüber, daß er nicht nach anderer Väter Weiſe Ge⸗ walt über ſeine Töchter habe, ſie an ebenbürtige Freier zu vergeben; er werde es noch erleben, daß er ſie als„alte Jungfern auf dem Halſe behielte,“ und 6* 84 dann ſei es allerdings beſſer geweſen, ſie wären Non⸗ nen im Klarakloſter geworden— aber freilich, dazu paſſe nicht ihr hoffärtiger Sinn, mit dem ſie mit den Männern verkehren und ſich als gelehrte Frauen von ihnen gehuldigt ſehen wollten. Solche Mißſtimmungen herrſchten im Weichs⸗ dorfſchen Hauſe bei ſo viel Glanz und äußerem Wohlleben. Am fühlbarſten waren ſie eben an dem Tage, da Iſolde den Sarkophag Eliſabeth Scheurl's bekränzt hatte. Adelgunde hatte ſie ausgehen ſehen, gefolgt von einer Magd, die einen Korb mit Blumentrug— auf Befragen war dann von dieſer das Weitere be⸗ richtet worden. Als Iſolde zum Mittagsmahl erregter als ſonſt und in der ſchwarzen Kleidung erſchien, warf Adel⸗ gunde hämiſch muſternde Blicke darauf und ſagte dann:„Ihr ſeid ſchon ausgeweſen, wie mir ſcheint?“ Iſolde bejahte kurz und ging dem Vater entge⸗ ger, der eben zur gewohnten Stunde vom Rathhauſe am.. Herr Hans von Weichsdorf war noch ein gar ſtattlicher Mann, obwohl ſchon den Sechzigen nahe. Aber das war für die Männer jener Zeit noch kein Alter, in dem eine Abnahme der geiſtigen oder kör⸗ 85 perlichen Kräfte ſich gemeldet hätte, das nannte man damals noch eines Mannes„beſte Jahre“ und viele ſeiner Zeitgenoſſen, namentlich gerade in Nürnberg, entfalteten erſt in ſolchem Alter die höchſte Blüthe ihrer Wirkſamkeit: die Künſtler ſchufen in ihm ihre größten Kunſtwerke, die Männer der Wiſſenſchaft lie⸗ ßen da ihr Licht am glänzendſten leuchten, die Leiter des Staatslebens, die Helden des Krieges entwickel⸗ ten da am entſchiedenſten ihren Beruf. Und ſo zeigte auch der Schultheiß noch eine kräftige Mannesgeſtalt, der man es anſah, daß vor nicht gar langer Zeit ſelbſt ein Ritter wie Götz von Berlichingen im offenen Felde ihm gegenüber keinen leichten Stand gehabt. Er konnte ſich rühmen, daß er noch jetzt, wie einſt, in einem Rennen den Markgrafen Kaſimir von Zollern, einen der größten Helden der Turniere, zu Boden legen würde, wenn man die Probe machen wollte. In ſein Haar von mittelbrauner Farbe miſchten ſich erſt ſeit Kurzem weiße Spitzen und nur auf der Stirn zeigten einige Querfalten die Strengen des Amtes und die Furchen der Zeit. Im Uebrigen war ſein Geſicht von einem außerordentlich gutmüthigen, faſt weichen Ausdruck, wie man ihn gerade oft mit impoſanten Männergeſtalten zuſammenfindet, ſo wenig das für den erſten Augenblick vereinbar ſcheint. 86 Dieſe Gutmüthigkeit war es eben, durch die er in ſeinem eigenen Hauſe einen ſchweren Stand hatte. Er wußte zwar ſeine Würde als Haupt der Familie zu wahren, aber er befand ſich ewig in einer ſchwie⸗ rigen Stellung, da er weder im Allgemeinen noch in einzeln vorkommenden Fällen entſchieden die Partei ſeiner Töchter oder ſeiner Gattin ergriff, ſondern Je⸗ des hören und Keinem weh thun wollte. So ahnte er auch jetzt an Adelgunden's gereiztem Weſen und Iſolden's verweinten Augen, die er fälſchlich auf Rech⸗ nung eines ſchon ſtattgehabten Auftrittes mit der Stiefmutter ſchob, ein vor ihm ſich entladendes Ge⸗ witter. Um deſſen Blitze abzuleiten, war er während der Mahlzeit geſprächiger, als er ſonſt zu ſein pflegte und brachte die Nachrichten mit, daß ſich der Rath von Nürnberg vom Rathe von Venedig die Geſetze eines Vormundamtes habe ſenden laſſen, um genau nach deſſen Muſter auch ein ſolches hier zu errichten und daß die Patrizier und Kaufherren von Nürnberg Be⸗ haim und Fütterer mit florentiniſchen, genueſiſchen und portugieſiſchen Kaufleuten zu einer Handelsge⸗ ſchaft vereint drei Schiffe ausrüſteten, um aus Cale⸗ cut Gewürz, Edelſteine und andere Koſtbarkeiten zu holen. 87 Da fragte Iſolde:„Und zu dieſem Zwecke iſt Oheim Georg Behaim wohl ſelbſt verreiſt?“ „Allerdings,“ antwortete der Schultheiß;„aber er wird wohl bald zurückkommen, da er dieſe Seereiſe nicht etwa ſelbſt mitmachen will, gleich ſeinem be⸗ rühmten Bruder Martin, dem die neue Welt lieber war, als die alte— der Herr möge ihn ſelig haben!“ Iſolde hätte jetzt gern daran angeknüpft, von einem Denkmal für ihn zu ſprechen und Ulrich bei ihrem Vater anzumelden— aber in Gegenwart der Stiefmutter wollte Nichts über ihre Lippen, das ihr heilig war— ſie ſchloß den ſchon geöffneten Mund wieder und ſchwieg. Dafür ſagte Adelgunde, die gern jede Gelegen⸗ heit ergriff, in Gegenwart der beiden Mädchen giftige Bemerkungen über die Behaim zu machen:„Er hätte auch etwas Klügeres thun können als ſeine Wiſſen⸗ ſchaft und Kenntniß einem Unternehmen zuwenden, das ſeine Vaterſtadt ruiniren muß, die nun nicht mehr wie vor zehn Jahren der Mittelpnnkt des größten Handelsweges iſt und verkümmern wird.“ „Darum noch nicht!“ fiel der Schultheiß ihr in die Rede;„auch kann nie Jemand vorher wiſſen, welche große Folgen neue Entdeckungen haben werden und die Wiſſenſchaft kann ſich nicht durch die Intereſ⸗ ſen einzelner Perſonen, Städte oder Völker auf ihrer Laufbahn aufhalten laſſen. Venedig hat durch dieſe Ereigniſſe eben ſo viel verloren wie Nürnberg. Als der venetianiſche Geſandte am portugieſiſchen Hofe dem verſammelten venetianiſchen Rathe die erſte Mel⸗ dung von der den Portugieſen gelungenen Schiffahrt nach Oſtindien machte, lag im erſten Augenblicke Er⸗ ſtaunen, Beſtürzung und Schrecken auf allen Geſich⸗ tern. Aber da rief Einer aus dem Rathe der Zehne: „Und ſollten wir auch nicht mehr das erſte Handels⸗ volk bleiben, ſo wollen wir uns doch freuen, daß Eu⸗ ropa ein Blick geſchenkt iſt in unentdeckte Welten und daß nun die entfernteſten Völker mit einander in Ver⸗ bindung kommen werden.“ Dieſe erhabene Denkungs⸗ art milderte den patriotiſchen Schmerz der Venetia⸗ ner— und wir Nürnberger werden uns auch darin ihnen verwandt fühlen!“ Adelgunde überhörte ganz den letzten Theil von der Rede ihres Mannes, der in Iſolde gerade einen ſo freudigen Widerhall fand, und ihre Erwiderung nur auf den erſten Satz einrichtend, ſagte ſie:„Wenn Martin Behaim ſolch' ein kluger Mann war, für den er gilt, konnte er es wohl vorher ſehen— aber ſo ſind Alle, die aus dem Geſchlechte der Behaim ſtam⸗ men: ſie wollen ſich vor Andern auszeichnen— das 89 gelingt ihnen am beſten durch unbeſonnene Handlun⸗ gen und dafür werden ſie nachher noch verherrlicht.“ Das Mahl war eben beendigt— Iſolde erhob ſich, ſie wollte kein Wort erwidern, aber man ſah ihr an, wie tief dieſe ungerechten Worte ſie verletzt hatten. Der Schultheiß that, als bemerke er es nicht, und hob durch ſein Aufſtehen auch in demſelben Augen⸗ blicke die Tafel auf, er ſtieß mit ſeinem ſchweren eiſen⸗ beſchlagenen Sporenſtiefel den hohen Lehnſtuhl, auf dem er geſeſſen, gewaltig zurück und bezeugte nur da⸗ durch ſeine ärgerliche Stimmung. Adelgunde wollte dieſelbe auf Iſolde lenken und ſagte:„Ah, ich habe das Püppchen wieder beleidigt? Iſt mir doch nicht eingefallen an ſie zu denken, wo ich von der Behaim rede— aber ſie muß Alles auf ſich beziehen und ich glaube gar, ſie ſchämt ſich des väter⸗ lichen Namens, denn was die Weichsdorf betrifft, iſt ihr gleichgiltig, aber mit den Behaim ſoll man eitel Abgötterei treiben wie ſie ſelbſt.“ „Das geſchieht ja nicht!“ entgegnete der Schul⸗ theiß doppelſinnig mit ärgervoller Stimme. „Doch!“ fuhr Adelgunde fort, die ſich die günſtige Gelegenheit, über Iſolde in Gegenwart des Vaters ihren Unwillen auszuſprechen, nicht gerne wollte ent⸗ ſchlüpfen laſſen.„Ich rede gar nicht von ihrer Mut⸗ ter, die mag ſie in Ehren halten, obwohl die Art, wie ſie es thut, für mich auch nicht ſchmeichelhaft iſt— aber mit ihrer Muhme treibt ſie Abgötterei— frage ſie nur ſelbſt, ob ſie nicht heute ihr zu Ehren das ſchwarze Kleid trägt und ihr Grab mit Blumen und Lichtern beſetzt hat, gleich als wäre es ein Altar— ſich die Frau Scheurl— Gott möge ihr gnädig ſein— zum Abgott und Vorbild wählen, thut wahrlich nicht gut und iſt kein gutes Zeichen für eine ehrbare Jung⸗ frau, denn ganz Nürnberg weiß es noch und meine Miutter und Schwägerin, die Katharina Hallerin ha⸗ ben es mir oft genug erzählt, wie viel Hochmuth und Hoffung ſie getrieben, wie viel Liebſchaften ſie gehabt und wie ſie zuletzt, obwohl ihr der Sinn hoch genug geſtanden, ſogar Kaiſer Maximilian zu berücken, mit einem Wandergeſellen ſich eingelaſſen, der nicht ein⸗ mal ehelich geboren war.“ „Haltet ein mit Eurem Schimpf!“ rief jetzt Iſolde,„und wiederholt wenigſtens nicht hier die hämiſchen Lügen der Hallerin, wo es Euch doch Nichts hilft, da wir Alle das Alles beſſer wiſſen!“ „Alles beſſer wiſſen“ fing Adelgunde auf— „ja! ſo denkt Ihr von Euch, Ihr wißt Alles beſſer — du, hörſt du's, Hans!“ „Laßt mich in Ruhe!“ gab ihr dieſer nun auch gereizt und barſch zur Antwort, ſtieß mit dem Fuß die Flügelthür auf, die in das nächſte Gemach führte, in dem er Mittagsruhe zu halten pflegte— dorthin flüchtete er ſich, um ſich das Schiedsrichteramt zu er⸗ ſparen, das ihm leichter dünkte über ganz Nürnberg zu üben, als über die ſtreitenden weiblichen Parteien ſeines Hauſes. Die Mädchen entſchlüpften ſchnell durch eine ent⸗ gegengeſetzte Thür und eilten in den obern Stock, ſich in ihre ſtillen Gemächer zurückziehend. Dieſe waren nicht mit derſelben Pracht ausſtaf⸗ firt wie die des unteren Stockes, zeugten dafür aber mehr von dem ſinnigen Geſchmack ihrer Bewohnerin⸗ nen. War das hier angebrachte Material der Wand⸗ und Fußbekleidungen von geringerem Werth, waren die Gegenſtände der Kunſt nicht in gleich großer Aus⸗ wahl vorhanden, ſo gab es dafür hier Seltenheiten aus dem Gebiete der Natur in phantaſiereicher Zu⸗ ſammenſtellung. Topfgewächſe von den niedlichen Pflänzchen, die in kleinen Scherben, bis zu hohen Bäumen, die in großen Kübeln wuchſen, einige mit duftenden Blu⸗ men geſchmückt, andere nur ausgezeichnet durch die Schönheit und Größe ihrer Blätter, dann wieder ſel⸗ tene Muſcheln und Seeſterne, die einſt Martin Be⸗ haim von ſeinen Seereiſen und aus den neuentdeck⸗ ten Ländern mitgebracht, ausgeſtopfte buntſchillernde Vögel und auch lebende in zierlich gearbeiteten Käfi⸗ gen, auf einem Real der ſeltenſte Reichthum der da⸗ maligen Zeit: eine Reihe Bücher, deutſche und latei⸗ niſche, denn Iſolde, die ſie theils ſelbſt ſich ange⸗ ſchafft, theils von gelehrten Freunden geſchenkt erhal⸗ ten, verſtand auch Latein. Aber auch ein Stickrahmen ſtand da, in den eine Schärpe geſpannt war, die mit Gold und Silberfäden geſtickt ward und die zierlichen Spinnrädlein fehlten nicht mit bunten Bändern um das Rockenhaupt. Als ſie hier allein waren, ſchmiegte ſich Anna an Iſolde und ſagte:„Wahrhaftig, um dieſem Leben zu entgehen, könnt' ich mich entſchließen, dem Martin Löffelholz meine Hand zu geben— ich wäre denn doch nicht mehr im Hauſe!“ „Anna!“ rief Iſolde erſchrocken;„welch' ein Fre⸗ vel und welch' ein Kleinmuth gerade heute! hoffent⸗ lich wird es unſer alter Freund, der Propſt Kreß, da⸗ hin bringen, daß dich Herr Löffelholz mit ſeinen Bewerbungen verſchont und dann auch der Vater dich nicht mehr damit peinigt— und nun könnteſt du ſelbſt daran denken, nur um von der Stiefmut⸗ ter fortzukommen, dem ungeliebten Manne dich ver⸗ 93 mälen zu wollen? Geſtern noch ſchwurſt du, liebe zu ſterben, als Wilhelm von Wolfſtein zu entſagen?“ Anna brach in Thränen aus und verbarg ihr glü⸗ hendes Geſicht an der Bruſt der Schweſter.„Ach, er iſt doch ein ſtolzer Ritter,“ ſchluchzte ſie,„und wird mich vergeſſen, unter den Edeldamen!“ „Als ob wir ihnen nicht gleich wären!“ ſagte Iſolde ſtolz;„auch wir ſind die Töchter eines Ritters und das Wappen des Schultheißen von Nürnberg hat mehr zu bedeuten als das eines Geſchlechtes, das“— „Du hältſt inne?“ rief Anna,„du willſt ſagen: eines Geſchlechtes, das zu den Plackern und Stra⸗ ßenräubern gehörte? Was kann Wilhelm für ſeine Brüder? er ſelbſt hat nie ſein gutes Schwert befleckt! Er hat dem Nürnberger Rath ehrlich gedient in der Fehde wider Pfalzgraf Philipp und hat ſeine Schlöſ⸗ ſer Birbaum und Sulzbürg geöffnet.“ Iſolde lächelte und ſtrich beſänftigend das dunkle Haar aus Anna's Stirn:„Du kommſt ſo in Eifer für deinen Geliebten, da ich etwas ſagen wollte, das doch am wenigſten zu ſeinem perſönlichen Nachtheil war— und ſprachſt doch eben davon den Martin Löffelholz zu heiraten?“ Ach nein! ſei nicht ſchlecht, Iſoldel⸗ rief Anna in mädchenhafter Verwirrung;„aber Wilhelm ver⸗ 94 ſprach in dieſem Moment wieder von Nürnberg zu kommen— und er kommt nicht— was ſoll ich da von ihm denken, was für mich noch hoffen?“ „Warten und ausharren ſollſt du,“ ſagte Iſolde, „und wenn du das nicht kannſt— ſo liebſt du ihn nicht. Dieſer Monat iſt noch nicht zu Ende— tau⸗ ſend Umſtände können ſeine Rückkehr verſpäten— und ſelbſt wenn er nie wiederkehrte und du ſuchen müßteſt ihn zu vergeſſen: doch wahrlich nicht in den Armen eines andern, ungeliebten Mannes!“ „Du willſt mich wieder an Eliſabeth's warnendes Beiſpiel mahnen?“ ſagte Anna. „Vergiß es nicht! und wenigſtens dieſe Erfahrung mag ſie uns als Erbe hinterlaſſen haben, daß wir ſie nützen, wenn es auch wahr iſt, daß uns Niemand und keine Macht der Erde die Erfahrungen erſparen kann, die jedem Menſchenherzen vorbehalten!“ Iſolde ſagte dies mit einer ſo tiefen Bewegung, und es war ihr, als müſſe ſie ſich vor ſich ſelbſt und vor dem Schweſterauge verbergen, was nun wie ein erſtes banges Ahnen ſie ergriff, einen fieberhaften Schim⸗ mer über ihr Antlitz goß, ſichtbar ihre zarte Haut durchrieſelte und ihren Buſen hob, daß ſie aufſtand, das nahe Fenſter des Chörleins, in dem ſie mit der Schweſter weilte, öffnete und ſich weit hinauslegte, 95 um in den friſchen Herbſtluft ſich zu kühlen oder zu ſtärken, aber ſie fuhr zurück, daß die Fenſterſcheiben klirrten, und der Sturm ihres Innern ward nur größer, nur ſichtbarer— da unten ging der Bau⸗ bruder Ulrich, den ſie dieſen Morgen beleidigt, und ſchaute ſich das Haus an, ob es wohl auch das rechte ſei— ja er blieb ſtehen und ſchien unſchlüſſig zu zögern oder auf Jemand zu warten. Sie hatte ihre und ſeine Abſicht ihrem Vater mel⸗ den wollen und hatte es nicht gethan, da ſie es in Adelgunden's Gegenwart vermied und der Moment nicht kam, wo ſie gewöhnlich mit ihm zu ſprechen pflegte. Gleich nach Tiſche, ehe er ſich zur Mittagsruhe begab, ging die mißtrauiſche Hausfrau in die Küche und Vorrathskammer, die Speiſereſte unter Schloß und Riegel zu verwahren. Vielleicht noch das Verſäumte nachholen zu kön⸗ nen, eilte Iſolde hinab— aber eben nun war ſie am Ende der oberen Treppe, als ſie Ulrich die untere her⸗ aufkommen ſah, neben ihm den Propſt Anton Kreß, auf den er vorhin gewartet. Von beiden Seiten ehrerbietiges Grüßen, dann ſagte Jſolde:„Ich werde ſelbſt die Herren bei meinem Vater melden!“ und ſie wollte ihnen vorausgehen. Der Propſt aber entgegnete:„Das iſt nicht nöthig, —— 96 ſchöne Jungfrau, denn wir ſind ſchon gemeldet“— und eben kam auch der Diener wieder heraus mit der daß der Herr Schultheiß zum Empfang be⸗ reit ſei. Iſolde blieb ſtehen und verneigte ſich nun mit einer Demuth, wie der Propſt ſie noch nie an ihr be⸗ obachtet; er trat auf ſie zu, zog ein zuſammengefal⸗ tetes Papier aus ſeiner Taſche, ſteckte es ihr zu, und ſagte ſchmunzelnd mit liſtigem Augenzwinkern zu ihr: „Da kann ich ja mein Brieflein gleich ſelbſt be⸗ ſtellen und bin ſicher, daß es richtig in die ſchönſten Hände kommt, wenn ich es auch gleich ſelbſt hinein lege.“ Und dabei konnte er ſich nicht enthalten, Iſol⸗ den's ſammtweiche Hand zu küſſen. „Ich danke Euch! hochwürdiger Herr!“ rief ſie überraſcht, und ließ haſtig das Dargereichte in ihrer Gürteltaſche verſchwinden. Der Propſt ſah ihr noch wohlgefällig nach, wie ſie die Treppe wieder aufwärts ſchwebte, indeß Ulrich's Stirne ſich verfinſterte. Der Schultheiß empfing den Propſt wie den Bau⸗ bruder in der ihm eigenen leutſeligen Weiſe, und hörte den Vorſchlag, den der Erſtere machte, aus der Stif⸗ tung der Scheurl und Behaim in deren Kapelle auch eine Gedenktafel für Martin Behaim aufzurichten und —— —— 97 der Bauhütte von Nürnberg, aus ihr aber dem Bau⸗ bruder Ulrich, genannt von Straßburg, dieſe Arbeit zu übertragen, wie es ſeither ſei gehalten worden. Herr v. Weichsdorf willigte in den Vorſchlag als Be⸗ vollmächtigter der beiden Geſchlechter, und erklärte, wie viel Gulden dazu aus der Stiftung verwilligt werden könnten. Innerlich ſeufzte er aber ſchon über die Bemerkungen, die Frau Adelgunde an ein ſolches Unternehmen knüpfen würde. Darauf legte Ulrich ſei⸗ nen Riß vor, und der Schultheiß erklärte ſich auch damit zufrieden, wenn es der Herr Propſt als oberſter Bauherr ſei. Der nickte lächelnd mit der Bemerkung, wie der Baubruder ihm weit voraus ſei in der Kunſt und ihrem Verſtändniß, und daß ſelbſt der Hütten⸗ meiſter ihm darin nachſtünde. Und ſo war das Geſchäft ſchnell genug zu Ulrich's Zufriedenheit abgeſchloſſen. Von da an arbeitete Ulrich wieder täglich in der Bauhütte zu St. Lorenz. In die Kapelle war er nur noch einmal gegangen, das Maß zu nehmen. Täglich ging er am Hauſe des Schultheißen ſo oft vorüber, als ihn ſein Weg in die Bauhütte führte und wieder heraus. Iſolde war oft am Fenſter ihres Chör leins und ſah ihn. Aber er ſandte keinen Blick hinauf. 186 IVul. Pie Schultheißentochter von Nürnbeeg 1. 7 VI. Die Buchenklingen. Im Nürnberger Walde, der unmittelbar an den Thoren der Stadt begann, nicht weit von dem Weiler Megelndorf, befand ſich eine reizende Anlage, welche den Nürnbergern zur Bürgerluſt diente. Durch den Wald zur rechten Hand hinein war ein Weg gehauen, der unweit des Megelndorfer Steinbruchs zu einem grünen Bühel führte, der mit Buchen und Linden bepflanzt war. Am Fuß desſelben, im Thal, befand ſich ein Brunnquell von lauterm friſchen Waſſer, mit Steinen eingefaßt, rings herum liefen ſteinerne Bänke, und an einem ſteinernen Bogen über dem Brunnen ſah man das Wappen von Nürn⸗ berg: ein in die Länge getheilter Schild, zur Rechten im goldenen Feld ein halber ſchwarzer Adler, das Feld zur Linken von Roth und Silber ſechsmal ſchräg getheilt. Zu beiden Seiten desſelben waren die Wap⸗ —— 99 ven der Löffelhol; und Holzſchuher angebracht, als Derjenigen, die damals„Looſunger“— die Oberſten des ganzen Rathes— und damit auch die Waldherren geweſen waren. An dieſem Ort wurden zuweilen öffentliche Feſt⸗ lichkeiten veranſtaltet, aber auch außerdem machte man Spaziergänge dahin. Man nannte ihn: Die Buchenklingen. Jetzt freilich, wo der Herbſt immer tiefer in's Land gekommen, der auch mit den Blättern der Linden und Buchen ſein keckes Spiel trieb, erſt bunt ſie färbte und dann von ihnen hinweg in alle Lüfte führte oder zu ihren Füßen niederwarf, waren die Tage vorüber, an denen es an den Buchenklingen von Spaziergängern wimmelte. Nur ausnahmsweiſe lockte ein ſpäter Oktobertag, wie es eben einen gab, mit blauem Him⸗ mel und warmen Sonnenſchein, noch Einzelne hinaus vor die Thore der Stadt und in den Wald, der täg⸗ lich mehr ſchwindenden Herrlichkeit Lebewohl zu ſagen. Arm in Arm, in dunkle Ueberwürfe und weiße Schleier gehüllt, gingen Iſolde und Anna dieſes Weges, gefolgt von Balthaſar, einem Diener des Hauſes, auf deſſen Ergebenheit fie ſich verlaſſen konn⸗ ten und der ſich ihnen ſchon mehrfach bewährt hatte: nicht etwa aus perſönlicher Zuneigung und Treue, 7* 100 ſondern weil er gefunden hatte, daß er ſich beſſer da⸗ bei ſtand, wenn er es mit den Töchtern als mit der Frau vom Hauſe hielt; denn ſo ſehr wie dieſe kargte, mißtraute und das Schlechteſte eben gut genug für die Dienerſchaft fand, ſo freigebig, freundlich und billig denkend zeigten ſich jene. Balthaſar war darum bald genug zu dem Schluß gekommen, daß Alles im Schul theißen⸗Haus viel beſſer beſtellt wäre, wenn es mehr nach dem Sinne der Töchter ginge, und er nahim ſich daher vor, wenn er auch das Regiment nicht in deren Hände ſpielen könne, doch Alles zu thun, was er konnte, es der Hausfrau zu erſchweren. Viel lieber that er ihr, wie er ſelbſt ſich ausdrückte,„Alles zum Poſ⸗ ſen,“ als nur etwas zu Gefallen, und war ſo ganz der Mann, die Mädchen auf einem Gange zu beglei⸗ ten, von dem ſie wünſchten, daß wo möglich dieſer ſelbſt, noch mehr aber die dabei etwa ſtattfindenden Begegnungen daheim verſchwiegen blieben. Anna ſagte:„Ach wie pocht mir das Herz! wenn er nun doch nicht käme oder ein Anderer geworden wäre! warum kommt er nicht in das Vaterhaus! warum muthet er mir zu, überhaupt hier herauszu⸗ kommen und warum bin ich nun gegangen?— Du hätteſt mich lieber zurückhalten ſollen!“— Damit 101 ſtand ſie ſtill, als wolle ſie umkehren, obw ohl ſie ihrem Ziele ſchon ganz nahe war. Alle dieſe Aeußerungen, zuweilen mit denſelben Worten, oder wenn auch mit andern, doch mit dem⸗ ſelben Sinn, hatte ſie nun wohl ſchon zum hundertſten Male gethan, und Iſolde war es faſt müde, ihr dar⸗ auf noch zu antworten. Vor länger als Jahresfriſt hatte Anna den Ritter Wilhelm von Wolfſtein bei einem„Geſtech“ kennen gelernt, das der alte Markgraf Friedrich von Zollern, der zuweilen auf der„Veſte“ von Nürnberg Wohnung nahm, daſelbſt veranſtaltet hatte. Dazu war der Rath von Nürnberg ſammt allen„Genannten“ mit ihren Frauen und Töchtern geladen, und die Feſtlichteit dauerte nach damaliger Art eine ganze Woche. Es wurden mehrere Rennen und Fechtſchulen gehalten, denen auch die Damen als Zuſchauerinnen beiwohnten, und an den übrigen Tagen wechſelten Schmauſerei und Tanz miteinander ab. Natürlich gehörte der Schultheiß von Weichsdorf mit ſeiner Familie dabei mit zu den vornehmſten Perſonen, und wenn Anna auch keine auffallende Er⸗ ſcheinung war und nicht nur von ihrer Schweſter, ſondern von vielen andern Jungfrauen der Stadt überſtrahlt ward, ſo brachte es doch ihre Stellung 102 mit ſich, daß gerade die fremden Ritter, und zumeiſt diejenigen, die einſt mit an der Seite ihres Vaters gefochten haben, ſie vor Andern auszeichneten Da war es nun Wilhelm von Wolfſtein, der zumeiſt ſich Anna näherte, mit ihr tanzte und bald nicht mehr von ihrer Seite kam. Ob mehr ihre ſittige und beſcheidene Art, ihre nicht gewöhnliche Bildung oder die Unſchuld und Tiefe des Gemüthes ihn anzog, die aus ihren treuen Augen leuchtete: wer mochte es entſcheiden? wer überhaupt mit ſo müſſigen Fragen ſich beſchäf⸗ tigen? Am letzten Abend der feſtlichen Woche erklärte Wilhelm dem Mädchen, das ſich neben ihm ſo froh⸗ bewegt gefühlt hatte, wie noch nie an der Seite eines Mannes, ſeine Liebe und warb um ihre Hand— ſie vermochte nicht ihm ihr ſeliges Erſchrecken darüber zu verbergen; ſein füßes Geſtändniß erwidernd, knüpfte ſie doch zaghafte Zweifel daran: obwohl auch ſeine Eltern ſeine Wahl billigen würden? und daß ſie an⸗ ders nie, wie mit dem beiderſeitigen Elternſegen, die Seine zu werden vermöge. Er ſuchte ihr dies Bangen zu benehmen, kam aber doch mit ihr überein, daß ſie ihren Bund ſo lange geheim halten wollten, bis er wieder kommen und mit der Einwilligung ſeines Vaters bei dem ihrigen um ſie werben könne. Jetzt freilich weilte dieſer fern beim Kaiſer Maximilian und 103 hatte auch ſeinen Sohn dahin berufen— aber nach einigen Monaten hoffte dieſer zurückkehren zu können, dann wollte er ſih mit Anna öffentlich verloben und wo möglich ſie bald darnach heimführen in ſein Schloß Sulzbürg, das ihm ſein Vater zum Sitz verheißen, ſobald er einen eigenen Herd begründe mit einer eben⸗ bürtigen Ehegenoſſin. Inzwiſchen gelobte das junge Paar ſich unverbrüchliche Treue und felſenfeſtes Ver⸗ trauen. Goldene Ringlein tauſchten ſie miteinander— aber noch wagte keines das holde Zeichen am Finger zu tragen, wo es verrathen konnte, ſondern es ruhte geheim verwahrt am liebenden Herzen als Talisman zu ſeinem Schutz. Aber nun war lange Zeit vergangen und Anna hatte Nichts von Wilhelm gehört, als daß er mit fort⸗ gezogen den Kaiſer auf ſeinem Römerzug zu begleiten. Dann hatte ihr einmal ein Knappe ein Brieflein ge⸗ bracht, das nur die Meldung enthielt, daß er wohl auf und getren ſei und daß er im Auguſt oder Sep⸗ tember wieder bei ihr ſein werde. Nun vergingen aber⸗ mals Monate und Anna hörte Nichts wieder von Wil⸗ helm; auch der Auguſt und September vergingen und er kam nicht. So kam der Oktober— da hörte ſie zufällig: der alte Herr von Wolſſtein ſei mit ſei⸗ 104 nem Sohne Wilhelm auf Birbaum eingetroffen, um daſelbſt der Jagd zu pflegen. Er war in der Nähe von Nürnberg und er kam nicht— er kam nicht um Anna zu werben, nicht ein⸗ mal um ſie wiederzuſehen! Und ſie hatte ihm die reinſte Treue bewahrt, ſie hatte indeß manchen harten Kampf beſtanden mit ihrem Vater und noch härteren mit der Stiefmutter, weil ſie— ohne das Geheimniß ihres Herzens zu verrathen— von keinem Freier etwas wiſſen wollte und auch Martin Löffelholz, der ſelbſt Rathsherr und ein Sohn des Looſunger Löffelholz und einer der reichſten und angeſehenen Patrizier war, zurückwies, der dem Vater der willkommenſte Schwie⸗ gerſohn geweſen wäre. Iſolde war ihre einzige Ver⸗ traute und Stütze, ihr dankte ſie es, duß ſich dieſer Bewerber ſelbſt zurückzog, ehe es zu Gewaltmaßre⸗ geln kam, zu denen diesmal der Schultheiß, noch auf⸗ geſtachelt durch ſeine Gemalin, entſchloſſen ſchien. Da gerade, als Anna ganz verzagen wollte, kam ihr Wilhelm's Gruß. Ein kleiner Tabulettträmer, wie damals viele durch die Städte, noch mehr aber zu den einzeln lie⸗ genden Schlöſſern und Meierhöfen umherzogen, hatte ſich Zutritt zu den Schultheißentöchtern verſchafft. Da er auf ihrem Zimmer mit ihnen allein war, nahm ———— 105 er eine Miniaturlade von ſchwarzem Ebenholz mit Elfenbeinſchnitzerei verſehen— ſie ſtellte ein paar Amoretten dar, die mit Pfeilen ſpielten, wie denn damals das„Antikiſche“ gerade anfing Mode zu wer⸗ den— übergab ſie Anna nebſt einem dazu gehörigen Schlüſſelchen und ſagte: Nehmt, die ſoll ich Euch ohne Kauf und Handel geben, es iſt Alles ſchon ab⸗ gemacht und wenn Ihr ſie geöffnet, wißt Ihr wer mich geſendet!“ Zitternd öffnete Anna— darinnen lagen ein paar goldene Armbänder und dazwiſchen ein weißes Blatt Papier mit den Worten beſchrieben: „Ich halte Wort und bin mit demſelben Herzen zurückgekehrt, wie ich gegangen! Iſt es mit dem Eu⸗ rigen auch noch alſo beſtellt, ſo laßt mich Euch näch⸗ ſten Freitag Nachmittag bei den Buchenklingen finden! Kämet Ihr nicht, müßte ich es als ein Zeichen nehmen, daß Ihr mich nicht mehr liebtet. Wilhelm.“ Fuhr nun auch ein ſeliges Erſchrecken durch Anna's Glieder, daß der Geliebte ihr nahe war, ihr ein Le⸗ bens⸗ und Liebeszeichen ſandte, daß ſie in wenig Tagen ihn ſehen ſollte, ſo ward doch dieſer frohe Eindruck durch das Bangen geſchmälert: Warum kommt er nicht ſelbſt nach Nürnberg? warum be⸗ 8 ſtellt er mich an die Buchenklingen, ſo außerhalb 106 der Stadt? Flieht er mein Vaterhaus— ſoll ich nur heimlich mich ihm nähern? Dem Tabulettkrämer freilich legte ſie dieſe Fragen nicht vor, wohl aber die, ob er eine Antwort zurück⸗ befördern wolle an den, der ihn ihr geſandt! Aber das verneinte der Knabe, wenigſtens meinte er, daß er unter ein paar Wochen nicht wieder nach Birbaum kommen werde und das währe doch wohl zu lang? Auch ſonſt wußte er keine Auskunft über den Ritter zu geben, als daß er ihm die größte Vorſicht und Verſchwiegenheit anbefohlen, und dem ſei er getreu⸗ lich nachgekommen. Was blieb ihr nun zu thun? Wie ſie auch zögerte, ſchwankte, überlegte, mit Zweifeln ſich quälte: ob Wilhelm es auch ehrlich meine? ob ſie ihn auch wirk⸗ lich treffen werde? wie auch ihr jungfräuliches Zart⸗ gefühl ſich ſträubte, ſtatt den Rückkehrenden daheim zu empfangen, an einem abgelegenen Ort ihn heim⸗ lich zu treffen— immer doch fühlte ſie ſich gezwun⸗ gen durch den Satz:„Kämet Ihr nicht, müßt' ich es als ein Zeichen nehmen, daß ihr mich nicht mehr liebtet!“ Alles konnte geſchehen, Alles durfte die Welt von ihr denken— er ſelbſt— nur das Eine nicht; daß ſie ihn nicht mehr liebte! Wenn er nun das glau⸗ ben müßte, wenn man vielleicht ihm ſchon Zweifel 107 darüber beigebracht und er ſehe ſie jetzt beſtätigt— wenn er ſie nun vergebens erwartete an den Buchen⸗ klingen, und wenn ſie nicht käme, wieder fortzöge in die weite Welt— und ſie verlöre ihn durch ihre eigne Schuld? Solche Fragen that Anna nicht allein an ſich ſelbſt, ſondern auch an ihre Schweſter, aber ſie that ſie nur um ihre Zuſtimmung zu hören zu dem von einem liebenden Herzen augenblicklich gefaßten Ent⸗ ſchluß, den Ruf der Liebe zu folgen, wenn es auch ſcheinen ſollte, als ſei ſie gern bereit, den Rath eines andern unbetheiligten Weſens zu berückſichtigen, war ſie ſelbſt doch ſchon entſchieden und wünſchte nur die Zuſtimmung der Schweſter, ſich damit vor ſich ſelbſt und gelegentlich vor Andern zu rechtfertigen— zag⸗ hafte Charaktere, die nach einem lockenden Ziele eilen und doch nicht gern die Folgen ihrer Schritte tragen wollen, wenn ſie das Ziel verfehlen ſollten, handeln immer ſo und mögen ſie auch gleich Anna ſich noch ſo wenig dieſer Berechnung der Feigheit bewußt ſein. Iſolde konnte nicht Anderes thun, als ihr beiſtim⸗ men, daß ſie ſich ſelbſt die bitterſten Vorwürfe ma⸗ chen würde, wenn ſie, ohne Wilhelm zuvor davon benachrichtigen zu können, ſich nicht an den Buchen⸗ klingen einfände und er ihrem Ausbleiben eine fal⸗ 108 ſche Deutung gäbe— ſie erbat ſich daher die Schwe⸗ ſter zu begleiten. Im ſchlimmſten Falle, daß ſie von Unberufenen daſelbſt geſehen würden, hatte ein Spa⸗ ziergang dahin im ſchönen Wetter wenigſtens nichts allzu Auffallendes und außerdem ſollte der Beſuch bei einer Bekannten für den Ausgang zum Vorwand dienen, wenn man dennoch fragen würde. Aber nun, da Anna Iſolden's Zuſtimmung zu dem erſehnten Gange hatte, nun machte ſie ſowohl noch vor ihm, als auf ihm ſelbſt alle möglichen Schwie⸗ rigkeiten, ſprach immer auf's Neue ihre Angſt und Zweifel aus, nur um den Genuß zu haben, ſie bekämpft zu hören, bis endlich jetzt Iſolde doch der Wiederho⸗ lung des oft Geſagten müde ward und nach langer Pauſe antwortete: „Wie nahe wir auch den Buchenklingen ſind— zum Umkehren iſt es jetzt noch Zeit, wenn du dich anders beſonnen. Ich bin die Letzte, die Jemand zu einem Schritte wider ſeine Ueberzeugung nöthigt!“ „Ach Gott, nein!“ rief Anna, indem ſie wieder weiter ging„aber verlaſſ' nur du mich wenigſtens nicht!“ Jetzt waren die„Buchenklingen“ erreicht. Ganz ſtill und einſam war es auf dem Platze. Man hörte allein das Brünnlein eintönig rauſchen und nur zu⸗ 109 weilen geſellte ſich ein anderer Laut hinzu, wenn der Wind das goldene Laub von den Wipfeln der Bäume ſtreifte, damit am Boden rauſchte und manch' ein Blatt in das Waſſerbaſſin warf, auf deſſen Spie⸗ gelfläche es ruhig zu den vorangegangenen Gefährten ſchwamm. Oben auf dem Hügel war die Ausſicht freier, zumal jetzt, wo die Waldung lichter geworden, darum wandelten die Mädchen hinauf, aber noch hatten ſie nicht ganz die Anhöhe erreicht, als ſie ihre Schritte hemmten, denn dort ging ein Frauenzimmer auf und nieder, das gleich ihnen auf Jemand zu warten ſchien. Es war eine ſchöne Erſcheinung, die aber nicht zu den edlen Geſchlechtern der Reichsſtadt gehörte, ſon⸗ dern zu den niedern Volksklaſſen, wie man ſchon an ihrer Tracht gewahrte. Dieſe beſtand in einem Rock von bräunlichem Camelot und einem vorn geſchnürten ſchwarzen Mieder, darüber ein nachläſſig geknüpftes Tuch von dunkler Farbe. Ihr rabenſchwarzes Haar war in lange Zöpfe geflochten, durch die ſich violette Bänder zogen, die ſie unten in Schleifen verknüpften. Vor den neugierigen Blicken, die ſie auf die Kom⸗ menden warf, wichen dieſe ſcheu zurück und Iſolde ſagte zu Balthaſar gewendet:„Mir iſt, als hätt' ich dies Frauenzimmer ſchon öfter geſehen— doch weiß 110 ich nicht wo?— kennt Ihr ſie vielleicht und wißt, ob ſie zum Ingeſinde unſerer Bekannten gehört?“ „O nein,“ antwortete der Diener,„das würde ſie gar übel vermerken, wenn Ihr ſie für eine Magd halten wolltet. Es iſt die Tochter des„geſalzenen Fiſchers“ Storch, die ſchöne Gerhaus, und Ihr mögt ſie wohl Euch vom Anſehen gemerkt haben, denn ſeit vorigem Jahre, wo unter den ſteinernen Bogen der Barfüßerbrücke Krämlein gebaut worden, hält ſie da drinnen geſalzene Fiſche feil, und hat gute Kundſchaft da ihre Schönheit die Käufer lockt.“ Iſolde war durch dieſe Erklärung über die Begeg⸗ nung beruhigt— aber jetzt plötzlich ſchallte Hörner⸗ klang von der rechten Seite durch den Wald— man hörte Hunde bellen, Pferde wiehern und ſtampfen, verworrene Stimmen— „Himmel, was iſt das?“ rief Anna erſchrocken und blickte beſtürzt nach allen Seiten, als ſei ſie ſelbſt ein geſcheuchtes Reh— „Eine Jagd,“ verſetzte Balthaſar mit einer Stimme, die Beruhigung geben ſollte;„aber das ſind keine Signale, die bei der Jagd ſelbſt gegeben werden, ſo lange ſie ſich noch in vollem Gange befindet: Ihr habt darum Nichts zu fürchten, ſo wird nur auf dem Heimzug geblaſen und gelärmt!“ „Aber man kommt immer näher!“ rief Iſolde, jetzt auch erſchreckt. „Es iſt ſchon mauchmal vorgekommen,“ berichtete Balthaſar,„daß die Ritter nach der Jagd hier ein Mahl einnehmen, ehe ſie zurückkehren— die Buchen⸗ klingen find dazu auch ein gar luſtiger Ort“— „Aber dazu haben ſie ja kein Recht!“ ſagte Jſolde mit dem beleidigten Stolz einer echten Nürnbergerin, die ſich berufen fühlte mit über die Gerechtſame der ſtolzen Stadt zu wachen;„dieſer Platz gehört dem Rath und iſt zur Bürgerluſt angelegt, aber nicht zum Tummelplatz der übermüthigen Ritter und ihres Jagdtroſſes. Komm! wir müſſen gehen, damit uns die rohen Jäger nicht noch überfallen.“ Damit ergriff ſie Anna's Arm und eilte mit ihr den Bühel hinunter. Noch ehe ſie ausgeſprochen, war ihr Balthaſar in die Rede gefallen und ſagte alſo gleichzeitig mit ihr: „Ja, was fragen ſolche Herren, wie Jauernberg und Wolfſtein danach, wozu ſolch' ein Platz iſt? Oder ge⸗ rade darum ſuchen ſie auf, was einem hochedlen Rath gehört, um ihn zu ärgern und zu beleidigen!“ Wolfſtein! da war der Name ja auch genannt— und genannt von dem Diener als ein offenkundiger Verhöhner der Bürgerſchaft. Wie, wenn Wilhelm die Tochter des Schultheißen darum hierher beſtellt, 112 um vor ſeinen Jagdgefährten mit dieſer Eroberung zu prahlen und ſie zu beſchämen, ſich einen Scherz mit ihr zu machen? Oder wenn es Ernſt war— wenn er vielleicht mit ſeinen Gefährten ſie überfiele, ent⸗ führte auf ſein Schloß und dann wohl gar behaupten könne, ſie ſei freiwillig mitgegangen, da ſie ihm doch ſo weit entgegengekommen? Wenn er— im beſten Falle— ſie mit ſich nehmen wollte, um ihrer gewiß zu ſein, weil ſein Vater vielleicht ſeine Einwilligung verweigere? Wie es denn meiſt geht: Vorher im langen Ueber⸗ legen und Prüfen, hatten die Schweſtern geglaubt, ſie hätten jede Möglichkeit ſich vorgeſtellt, jedes Verhält⸗ niß bedacht, unter denen dieſe Begegnung ſtattfin⸗ den könne— nur das nicht, welches nun eintrat, denn daß dieſes Wiederſehen anders als geheim, daß es in Gegenwart eines ganzen Jagdzuges geſchehen könne — das hatten ihre ſchlimmſten Befürchtungen nicht geahnt— vor einem ſolchen Auftritt ergriffen ſie die Flucht! Aber kaum vermochten Anna's Füße die Erſchüt⸗ terte zu tragen Hier die lockende Hoffnung den Ge⸗ liebten nach ſo langer Trennung wieder zu begrüßen — in ſeinen Augen zu leſen, daß er ihr treu geblieben — und daneben der ſchreckliche Gedanke, fremden Bli⸗ 113 cken— noch dazu vielleicht denen einer rohen Horde, ihr ſüßes Geheimniß preisgegeben, ihre heiligſte Em⸗ pfindung profanirt zu ſehen! Aber näher tobten die Reiter, die Roſſeshufe, nä⸗ her zum Bühel. Oben, wo er am freieſten war, ſtand Gerhaus Storch mit wehenden Zöpfen und ſchaute, die Hand vor die Augen haltend, weil die Sonne ſie doppelt blenden mochte, wie ſie widerſtrahlte von Hel⸗ men und Harniſchen und blitzendem Reitzeug. Mit ſchnelleren, aber immer würdig gemeſſenen Schritten, daß ihr Gang nicht ausſähe, wie ein Flie⸗ hen, entfernten ſich die Mädchen, ihre langen Gewän⸗ der rauſchten im fallenden Laube. Jetzt blickte ſich Anna um— ein Schrei entrang ſich ihr— dort, der den Rappen ritt, war Wilhelm — in wenig Augenblicken hatte er ſie erreicht. „Warum fliehet Ihr, edle Jungfrauen?“ rief er vom Pferde herab. „Ihr fragt noch?“ antwortete Iſolde,„wendet Euch wieder zurück zu Eurem Gefolge, damit nicht Eure ganze Meute uns etwa das Geleite bis zum Stadtthor gebe.“ „Anna, theure Anna, könnt Ihr auch alſo zür⸗ nen?“ wandte er ſich an dieſe, indem er ſich von ſeinem Pferde herabſchwang. 1861. XVIn. Die Schultheißentochter von Nürnberg. 1. 8 114 „Vielleicht noch mehr mir ſelbſt, daß ich hierher kam!“ rief ſie, all ihren beleidigten Jungfrauenſtolz zuſammennehmend,— aber ſie wagte nicht die Augen zu ihm aufzuſchlagen, denn ſie fühlte, wenn ſie in die ſeinen blicke, werde ſie ihr Zürnen nicht behaupten können. „Verzeiht mir!“ ſagte er mit flehender Stimme, „es kam ganz anders als ich berechnet hatte— ich allein wollte Euch an den„Buchenklingen“ finden— da muß mein Vater den unglücklichen Gedanken haben, das Mahl hier halten zu wollen, und mir ward es un⸗ möglich gemacht, mich eher zu entfernen— aber Ihr ſeid ja gekommen— ich darf noch an Eure Liebe glauben, und dieſe Liebe wird mir auch dies ver⸗ geben!“ 2 „O Wilhelm!“ liſpelte ſie mit Thränen in den Augen,„wenn Ihr mich liebt, warum thatet Ihr mir das? warum kamet Ihr nicht zu mir nach Nürnberg, ſobald Ihr zurückgekehret, wie ſich geziemt hätte?“ „Das muß ich Euch ein andermal ſagen,“ antwor⸗ tete Wilhelm. Und Iſolde fiel ihm in's Wort:„Da jetzt iſt keine Gelegenheit dazu das Vertrauen, das wir Euch ge⸗ ſchenkt, ehrt wenigſtens damit, daß Ihr uns jetzt nicht weiter aufhaltet und beläſtigt.“ 115 „Redet Ihr auch alſo, Anna?“ fragte er weich. „Ja, ich bitte Euch darum!“ antwortete ſie, ihre ganze Kraft zuſammennehmend,„kommt nach Nürn⸗ berg, wenn Euch mich wiederzuſehen verlanget, jetzt müßte ich vergehen vor Scham, wenn Zemand aus Eurer Umgebung uns erſpähte und erkennte—“ „Das nicht!“ fiel Iſolde mit Stolz ein, indem ſie ſich trotzig zum Gehen wandte;„Nürnbergs Töchter haben hierzu keine Veranlaſſung, denn ihnen gehört dies Gebiet— ſondern vielmehr Diejenigen, die ſich dahin drängen als wären ſie zu Hauſe, wo ihr Be⸗ reich zu Ende iſt!“ Sie ſprach dies abſichtlich und mit lauter Stimme, weil eben ein anderer Ritter hinzugeſprengt kam und lachend rief:„Ah, ob Ihr nicht gleich jede Schönheit erſpäht,— da habt Ihr ſchon wieder ein galantes Abenteuer!“ und jetzt, bei Iſolden's Rede fuhr er fort: „Wahrhaftig, ſchöne Dame, wäret Ihr ein Mann— eine ſolche anmaßende Sprache dürfte Euch nicht unge⸗ ſtraft hingehen!“ Iſolde kehrte ihm ſtolz den Rücken und winkte Balthaſar näher zu ſich. „Die Damen ſtehen unter meinem Schutz!“ fagte Wilhelm,„das merkt Euch, Junker Janernberg!“ „Der beſte Schutz, den Ihr uns angedeihen laſſen 8* 116 könnt, iſt der, wenn Ihr uns nicht weiter aufhaltet oder folget,“ ſagte Anna mit bittender Stimme und Iſolde fügte hinzu: „Für jeden andern danken wir voraus!“ „Kommt Jauernberg!“ rief Wilhelm, indem er ſich auf ſein Roß ſchwang,„ich bekenne mich ſchuldig die edlen Jungfrauen aufgehalten zu haben,— wenn Ihr unſer Geleit verſchmäht, ſo ſei es ferne von uns, Euch das unritterlich aufdringen zu wollen!“ Er warf noch einen vielſagenden Blick auf Anna, den dieſe erröthend und ſeufzend mit einem ſchmachtenden Augenaufſchlag erwiderte, dann wundte er ſein Roß, verſetzte auch dem ſeines Gefährten einen Schlag, daß es aufbäumend nach der andern Seite ſprang und die Jungfrauen un⸗ gehindert ihres Weges gehen konnten. Kurt von Jauernberg war eine magere Geſtalt mit eingefallenen Wangen und verlebten Zügen, denen man es deutlich anſah, daß er ein wildes Leben führte, wo⸗ gegen Wilhelm's ſtattliche und friſche Erſcheinung an⸗ genehm abſtach. Vielleicht wäre es dieſem doch nicht gelungen, Jauernberg zur Umkehr zu bringen, wenn nicht eben das Jagdhorn verkündet hätte, daß die An⸗ dern auf dem Bühel angekommen und die Stunde der Mahlzrit gekommen ſei— oder wenn nicht Gerhaus Storch unweit von ihm im Gebüſche aufgetaucht wäre 117 und ihn durch ihre unerwartet ſchöne Erſcheinung ge⸗ feſſelt hätte. „Wahrhaftig!“ rief er,„da iſt wieder ein Wald⸗ fräulein!“ Gerhaus lachte laut auf und war plötzlich im Walde verſchwunden. „Das muß ich ſagen!“ rief Jauernberg,„der Wald ſcheint heute verzaubert— die hat er wieder eingeſchluckt— und indeß ſind die beiden Prinzeſſinnen von vorhin auch verſchwunden— mir war, als hätt' ich die eine kennen ſollen,— Ihr thatet ja ſehr ver⸗ traut mit ihnen— kanntet Ihr ſie denn?“ „Nur ſo ein wenig,“ antwortete Wilhelm,„es waren die Töchter des Schultheißen von Weichsdorf.“ „Nun, die Große redete auch, als ſei ſie der Schul⸗ theiß ſelbſt!“ lachte Jauernberg. „Darum auch wollte ich nicht, daß Ihr Euch un⸗ ziemlich gegen ſie betrüget— es hätte Euch ſchlecht be⸗ kommen können!“ ſagte Wilhelm. „Hoho!“ lachte Jauernberg,„Ihr habt ja unge⸗ mein viel Reſpekt vor dieſen Nürnberger Krämern— meint Ihr etwa, ſie würden uns beim Reichskammer⸗ gericht verklagen, das wahrſcheinlich in nächſter Zeit wieder ſelig entſchlafen wird?“ VII. Ein Gang durch die Stadt. In einem Hinterhaus an der Pegnitz, nicht weit von der Fleiſchbrücke, hatte Ulrich ſeine Wohnung auf⸗ geſchlagen, die er nur für die erſten Tage bei dem Propſt Kreß, ſeinem Oheim, angenommen hatte. Er wußte recht gut, daß der alte lebensluſtige Herr, der zwar nach Außen hin ſeine Würde zu bewahren ſuchte, es in ſeinem Hauſe doch nicht eben genau damit nahm, ſondern im Kreiſe munterer Gäſte ſich gern den Freuden der Tafel überließ, die ſelten eher aufgehoben ward, als bis es ihm gelungen war, einige derſelben „zu Boden zu trinken,“ bis auch er ſelbſt dem gleichen Schickſal erlag— daß dieſer gute Oheim ſich durch ſeine Gegenwart etwas bedrückt fühlte, eben weil der Propſt noch zu jener Sorte alter Herren gehörte, die wohl unter ihres Gleichen ſich gehen ließen, aber ſich doch noch ein Gewiſſen daraus machten, jüngere Leute 119 durch ihr Beiſpiel oder ihre Ermunterung zu verfüh⸗ ren. Er hatte wohl erkannt, daß Ulrich nicht allein noch von demſelben Kunſteifer beſeelt war, den er ſchon als Jüngling gezeigt, ſondern daß er auch noch derſel⸗ ben Sittenreinheit huldigte, die er von je an ihm ken⸗ nen gelernt und mit der es den Baubrüderſchaften hei⸗ ligerer Ernſt war als den zeitgenöſſiſchen Mönchen und Prieſtern. Darum hatte nun Ulrich ein Stübchen mit einem Chörlein nach der Pegnitz hinaus für ſich ge⸗ miethet, in dem es gar ſtill und ſonnig war, daß er an den Feiertagen, wenn die Bauhütte geſchloſſen blieb, da zeichnen und ſeine Riſſe und Entwürfe machen konnte. Freilich gab es im geſchäftigen Nürnberg nicht ſo viel Feiertage als anderswo, denn— merkwürdig genug— die Nürnberger hatten ſchon vor längerer Zeit durch einen eigenen Geſandten den Papſt darum angegangen: daß die neuen ungewöhnlichen Feiertage von ihm wieder abgeſchafft werden möchten, oder daß wenigſtens ſie dieſelben nicht zu halten brauchten, „weil ſie Gott nicht löblich, noch den Leuten nützlich wären.“ Das Haus gehörte einer Witwe, Sabina Glocken⸗ don, deren Gatte, ein Kartenmaler, ihr dies kleine Be⸗ ſitzthum hinterlaſſen hatte, von deſſen Ertrag ſie nun 120 lebte. Um denſelben zu ſteigern, vermiethete ſie es an ledige Männer, deren Koſt ſie zugleich beſorgte. Ihr Sohn Georg, der noch im zarten Jünglingsalter ſtand, lernte bei Meiſter Dürer. Ein Baubruder Erhardt wohnte ſchon längere Zeit bei ihr, und er war es, der Ulrich zu dieſer Wohnung überredete. Erhardt war um ein Jahrzehent jünger als Ulrich und wenn, was er bisher geleiſtet, ſich auch nicht mit den Werken meſſen konnte, die aus Ulrich's genialer Erfindungsgabe und ſeiner geſchickten Hand hervor⸗ gegangen, ſo war doch ſein Streben das gleiche, er⸗ reichten Verſtändniß und Begeiſterung den ihm voran⸗ ſchreitenden Künſtler. So hatten Beide eine Zuneigung zu einander ge⸗ faßt, die ſie auch außer dem Bande ihrer Genoſſen⸗ ſchaft noch einmal verbrüderte, und die durch das Wohnen in einem gemeinſchaftlichen Hauſe, den ge⸗ meinſchaftlichen Heimweg aus der Hütte und derlei Berührungspunkte mehr, weſentlich begünſtigt wurde. Auch Georg Glockendon, der Malerlehrling, theilte dieſe Verehrung Erhardt's, den er ſchon länger zum Hausgenoſſen hatte, für Ulrich, und zwar um ſo mehr, als er ihn bei ſeinem geliebten Meiſter Dürer in der Werkſtatt getroffen. Er hatte dieſen nicht nur gegen ihn ſelbſt, ſondern auch mit Willibald Pirkheimer 12¹ von Ulrich's Genius mit Sympathie und Bewunderung ſprechen hören und dabei nur bedauern, daß er als Baubruder in ſo ſtrenger Abgeſ chloſſenheit leben müſſe, daß ihm für immer das Glück der Liebe und des Fa⸗ milienlebens verſagt ſei, und ſomit alle die freudigen Anregungen zu neuem Schaffen, die namentlich aus den Beziehungen zum andern Geſchlecht erwüchſen. Albrecht Dürer hatte freilich dabei geſeufzt, und Georg, der ſo oft Frau Agnes ſchelten hörte und dergleichen auch über ſich ſelbſt mußte ergehen laſſen, hatte ſtill gedacht dem Meiſter den Gedanken nachfühlen können: mir wäre vielleicht beſſer geweſen, ich hätte ledig blei⸗ ben müſſen, denn daß ich ſchon in den ſchönſten Jugend⸗ jahren an meine Rechenmeiſterin gefeſſelt ward!— Aber Pirkheimer hatte den beglückenden Einfluß des Familienlebens echt deutſcher Art von je empfunden, erſt im Elternhauſe, dann an der Seite der geliebten ebenbürtigen Gattin, in deren Kindern es ihn noch friſch umblühte, wenn auch die edle Gefährtin ihm ſelbſt genommen war. Auch hatte er ſich viel zu ſehr in die humaniſtiſchen Studien und die ganze helleniſche Welt vertieft, als daß er ein Leben ohne Grazien und Muſen ſich fürderlich denken konnte, ſelbſt für die hei⸗ lige Kunſt, die in ihrer Vollendung doch eben ein Dienſt der Schönheit war. Ja, in Ulrich's Werken erkannte 122 der feingebildete Sinn des Gelehrten den Einfluß eines Frauenideals, das, ſchon dem irdiſchen Leben entrückt, die Begeiſterung des Künſtlers zum höchſten Schwunge ſich nachzog. Aber vielmehr noch müſſe aus ihm wer⸗ den, meinte der Humaniſt, wenn dieſer transcendentale Charakter der freien Steinmetzkunſt ſich vermäle mit der Antike— nicht nur mit ihrem Studium, ſondern mit einem Leben in der Freiheit und Schönheit, die ſie einſt geſchaffen.— Pirkheimer kam zu dem Schluß, Ulrich eine beſeligende Liebe und ein rechtſchaffen Weib zu wünſchen und ihn zu beklagen, daß ſein Gelübde ihm Beides verſagte. In welchem Anſehen auch noch die Baubrüderſchaften ſtanden— ein volksthümliches Element, von ihnen freilich Profankunſt genannt, regte ſich daneben und die„Stifter“ ſogar von Kunſtwerken, die in den Kirchen ihren Platz fanden, wie das Sa⸗ kramentshäuslein von Adam Kraft in der Lorenzkirche und das Grabmal des heiligen Sebald, das der Kirchen⸗ meiſter Sebald Schreyer ſelbſt für ſeine Sebaldskirche eben jetzt beim Rothgießermeiſter Peter Viſcher be⸗ ſtellte, bezeugten, daß man die Kirche nicht mehr für entweiht hielt, wenn nicht nur eine halbmönchiſche ge⸗ weihte Genoſſenſchaft, ſondern auch ehrſame W aus bürgerlicher Zunft tufur arbeiteten. Durch ſchweigendes Zuhören bei dem, was ſo edie 123 Männer wie Pirkheimer und Dürer vertraulich un⸗ tereinander verhandelten, kam auch Georg Glocken⸗ don über die Baubrüder zu Reſultaten, die nur dazu dienten, ſich ſeinen Hausgenoſſen ſo vertraulich zuzu⸗ geſellen, als ſie ſelbſt es ihnen geſtatten mochten. Wohl ſchwand vor ihm etwas von dem Nimbus, der ſie umgab, aber er fühlte ſich ihnen unn näher gerückt und zu der Bewunderung, die er für ſie hegte, ge⸗ ſellte ſich etwas wie Wehmuth oder Mitleid, das ſie eher verdoppelte als verringerte, ihm aber zugleich den Muth verlieh, den Baubrüdern herzlicher entge⸗ gen zu kommen, als es ſonſt vielleicht geſchehen wäre. So kam es denn auch, daß die Drei eines Feier⸗ tages mit einander durch die Stadt gingen, um noch das und jenes Kunſtwerk genauer zu betrachten, das während Ulrich's Abweſenheit entſtanden oder aufge⸗ richtet worden war. Als ſie an der neuerbauten Stadtwage vorüber gingen, feſſelte ein Hochbild über der Thür ihre Aufmerkſamkeit. Der Wägemeiſter, hin⸗ ter dem die Inſchrift:„Dir als einem Andern,“ als Spruch von Recht und Billigkeit zu leſen iſt, prüft, in der Mitte ſtehend, ſorgfältig und gewiſſenhaft das Schwanken des Wagbalkens, welcher Gewicht und einen ſchweren zu verſtenernden Ballen ausgleichen ſoll, während der Gehülfe bereit iſt, noch ein Gewicht 124 hinzuzuthun, der Käufer aber, nicht allzueilig, im Be⸗ griff ſteht mit ſaurer Miene ſein Geld aus dem Sack herauszuholen. Ueber dem Letzteren erblickte man das alte Nürnberger Wappen: den halben Adler, über dem andern das neuere, das der Schultheiß als Ge⸗ richtsſiegel führte, während jenes mehr der ſtädtiſchen Verwaltung und Bürgerſchaft galt: der ſogenannte Jungfernadler, ein Adler mit ausgebreiteten Fitti⸗ chen und einem gekrönten Frauenkopf. Georg ſagte:„den Meiſter, der dies gemacht hat, Adam Kraft, habt ihr wohl auch gekannt? Vori⸗ ges Jahr iſt er zu Schwabach im Hoſpital geſtorben, wohin er gegangen war, um ein Weihbrotgehäuſe für die dortige Kirche aufzuführen. Freilich war er ſchon ein Greis von ſiebzig Jahren— und doch ſagen wir, er ſei noch zu früh geſtorben für die Kunſt, denn erſt im hohen Alter ſchuf er ſeine größten Kunſtwerke, dies hier und das Weihbrotgehäuſe in der Lorenz⸗ kirche. Wenn ich denke, daß ich auch noch ein halbes Jahrhundert vor mir habe der Kunſt zu dienen! ein Gedanke, der kaum zu faſſen iſt!“ Ulrich lächelte:„So denkt man in Euren Jahren, hat man aber ſchon drei und vier Decennien durch⸗ lebt, ſo ſchaudert man auch nicht mehr vor der dop⸗ pelten Zahl. Faſt ſcheint es, der Himmel ruft ſeine 125 Lieblinge entweder in ſchönſter Jugendfülle oder im höchſten Alter zurück und dies bleibt allerdings nur wünſchenswerth, wenn die geiſtigen wie die phyſiſchen Kräfte aushalten im Dienſte der Kunſt wie bei dieſem Greis. Ich kann mich ſeiner und ſeiner Werkſtatt„auf dem Steig, bei den zwölf Brüdern“ noch gar wohl entſinnen, den Meiſter ſelbſt aber hab' ich ſonſt nicht näher gekannt.“ „Natürlich,“ fiel ihm Erhardt ein, der erſt ſeit ein paar Jahren aus Regensburg nach Nürnberg ge⸗ kommen war;„Adam Kraft gehörte doch zu dem ge⸗ wöhnlichen Handwerkerſtand und wenn er auch Kunſt⸗ reiches ſchuf, ſo doch mehr auf dem volksthümlichen Gebiet, in das er hingehörte, als in dem der Kirche — auch ſeine Stationsbilder ſind mehr Volksbilder als kirchliche Schöpfungen— auf einem Gebiete wie dieſe Darſtellung an der Stadtwage iſt er hei⸗ miſch.“ „Und es iſt gut, daß er es betreten hat, geebnet für Andere,“fiel ihm Ulrich in's Wort, der wohl den⸗ ken konnte, daß der Baubruder die Profankunſt miß⸗ billigen wollte, die in die Kirche ſelbſt zu dringen ſuchte;„denn es thut Deutſchland wahrlich noth, daß ſeine Kunſt auch in's Volksleben dringt und nicht allein in der Kirche bleibt, die wahrlich weniger pro⸗ 126 fanirt wird durch die ungeweihten Hände der Künſt⸗ ler, die ſich ihr widmen, als durch die geweihten Prie⸗ ſter ſelbſt, die oft genug ein ungeweihtes Weſen darin treiben. Nicht die Arbeit ehrſamer Handwerksleute profanirt das Gotteshaus, ſondern der unehrſame Wandel Derer, die ſeine Diener heißen, und wenn die heilige Kirche einmal wankt und fällt, ſo werden we⸗ der die Bauleute noch das deutſche Volk die Schuld davon tragen, ſondern die Mißbräuche der pfäffiſchen Wirthſchaft.“ „So alſo denken jetzt dieſe hochmüthigen Baubrü⸗ der!“ ſagte eine Stimme hinter Ulrich, der, ganz in Betrachtung des herrlichen Kunſtwerkes verſunken, nur ausgeſprochen hatte, was er fühlte er ſah ſich um nach dem Sprecher, um nach freimüthiger Mannes⸗ art, was er geſprochen, auch zu vertreten. Unangenehm war es ihm freilich, daß es gerade der Propſt ſein mußte, der hinter ihm ſtand und zu dem jene Worte ein anderer geiſtlicher Herr ſagte, der ſeinem Anzuge nach eine höhere Prälatenwürde zu bekleiden ſchien. Weil der Propſt dabei war, ver⸗ ſtummte Ulrich, um ihn weder zu verletzen, noch in Verlegenheit zu bringen— hörte aber zu ſeiner Ver⸗ wunderung, wie dieſer weiter ſchreitend zu ſeinem Begleiter ſeltſam lächelnd ſagte: 127 „Ihr, Herr Provinzial, ſolltet Euch um ſolcher Reden willen am wenigſten verwundern, und beſſer iſt es immer noch, wenn nur die Baubrüder alſo re⸗ den— aber hier in Nürnberg könntet Ihr wohl zu⸗ weilen noch von ganz anderen Leuten dergleichen hö⸗ ren und ich möcht' Euch freundſchaftlich rathen, die Stadt lieber in Bälde zu verlaſſen, denn daß am Ende gar dieſer ehrſame Rath ein Wörtlein mit Euch redete.“ Die Drei ſahen einander ſtaunend an, bis Erhardt erklärte:„Ich beſinne mich, das iſt Doktor Gry⸗ mann, ein Predigermönch und Provinzial zu Straß⸗ burg, der zur Viſitation des Kloſters nach Engelthal gekommen— aber dort hat er ſeines geiſtlichen Am⸗ tes ſo ganz und gar vergeſſen, daß er die Spielleute hat mit hereingenommen und zum Tanz aufſpielen laſſen, dabei allerlei Poſſen mit den Nonnen trei⸗ bend Sechs Tage lang iſt er drinnen geblieben und damit ihn die Priorin nur wieder los geworden, hat ſie ihm müſſen große Geſchenke geben, ohn' iſt er nicht abgezogen— das nennt man jetzt die Klöſter viſi⸗ tiren.“ „Hoffentlich entledigt ſich der gute Propſt bald dieſes Geſellſchafters und Amtsbruders,“ ſagte Ul⸗ „ 128 rich, ihnen nachblickend;„es ſollte mir leid thun, wenn er ihn gar bei ſich beherbergen müßte!“ „Vom Kloſter Engelthal,“ bemerkte Georg,„hat man ſchon allerlei Geſchichten gehört, die es nicht unwahrſcheinlich machen, daß ein ſittenloſer Pfaffe dort nicht unwillkommen geweſen iſt— im Klara⸗ kloſter würde er ſich ſo etwas nicht unterſtehen dürfen, die Aebtiſſin würde es verſtanden haben die Ehre des Kloſters zu wahren und auch einen Prieſter zu⸗ rückzuweiſen, der ſeiner Pflicht vergeſſen hätte!“ „Dort iſt die edle Charitas Pirkheimer ſeit zwei Jahren Aebtiſſin,“ beſtätigte Ulrich mit Enthuſias⸗ mus,„und obwohl ſie noch ſehr jung zu dieſer Würde gekommen, ſo iſt es doch überall bekannt, daß keine Jungfrau gleich ihr ausgezeichnet iſt durch Frömmig⸗ keit und heiligen Eifer für ihren hohen Beruf. Die Nonnen des Klarakloſters zeichneten ſich immer vor allen andern aus durch gelehrte Bildung und Pflicht⸗ treue— aber ſeit Charitas unter ihnen waltet, iſt durch ihr edles Beiſpiel der gute Geiſt des Kloſters doppelt gekräftigt worden— wie wird ein unheiliges Weſen ſich verſuchen dieſen wahrhaft geheiligten Mauern zu nahen, in denen ſie die Herrin iſt.“ „Unſer Rath läßt ſich auch von den Geiſtlichen nicht zu viel gefallen!“ rief Georg, der viel zu ſehr 229 von dem ſtolzen Bewußtſein erfüllt war, ein Nürn⸗ berger Kind zu ſein, um nicht gleich bei günſtiger Gelegenheit die ſtädtiſchen Gerechtſame und Würden hervorzuheben. Papſt Innocenz VIII. hat ſchon vor zwanzig Jahren der Stadt die Freiheit gegeben: wenn der Rath zu Nürnberg oder ein Bürger von einem geiſtlichen Gericht an den Papſt appelliren würde, daß dieſe Appellation deferirt und nicht die Appellan⸗ ten, wie etwa vorher geſchehen, deßwegen exkommu⸗ nicirt werden ſollten. Auch müſſen die Pröpſte und Pfarrer in zweifelhaften Fällen den Rath und die Bürger mit zu ihrem Gericht ziehen, wenn es ſich um Dinge handelt, die der Stadt ein öffentliches Aerger⸗ niß gegeben— und ſo mögen ſich die Nonnen von Engelthal gleich dem Doktor Grymann in Acht neh⸗ men, wenn die Sache vor den Rath kommt, der in ſolchen Dingen keinen Spaß verſteht!“ So ſprechend waren ſie durch mehrere Gaſſen und Gäßlein gegangen, als die frühe Herbſtdämmerung hereinbrach und auch die Kunſtjünger hinderte, die in letzter Zeit entſtandenen Kunſtwerke näher zu betrach⸗ ten und zu kritiſiren. Ein Geſchrei nach F von einer weiblichen Stimme, dazwiſchen Fluchen und Gelächter, erregte ihre Aufmertſamkeit. Sie befanden ſich in der Nähe 1861. XVIM. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. I 9 130 der Langenbrücke, die über die Pegnitz führte— von daher kam das Geſchrei. Die Brücke war, wie ihr Name ſagt, ſehr lang, dabei aber auch ziemlich eng und bedeckt; an den Seiten hatte ſie nur kleine Oeff⸗ nungen, ſo daß auch am Tage nur Dämmerlicht auf ihr herrſchte und jetzt mochte es wohl ſchon ganz fin⸗ ſter ſein. Es gab damals noch ein paar ſolcher bedeck⸗ ter Brücken und„Steige“ in Nürnberg, von mehre⸗ ren andern aber hatte erſt kürzlich der ehrſame Rath die„Dächlein“ abtragen laſſen, weil die immer mehr überhand nehmende Sittenloſigkeit darunter willkom⸗ mene Verſtecke fand, ſo daß ſittſame Frauen meiſt lie⸗ ber große Umwege machten, als über eine ſolche Brücke zu gehen wagten— wie leicht konnte nicht jetzt eben einmal eine, von Eile gedrängt, das Wagniß un⸗ ternommen haben und nun für ihre Kühnheit büßen müſſen! Der Weg war eben jetzt menſchenleer bis auf ein paar gewöhnliche Frauen und Kinder, die vorüber⸗ kamen und unweit des Brückenthores lauernd ſtehen blieben, was ſich da wohl begeben würde, ohne näher hinzueilen; der Ausdruck ihrer Mienen verrieth nur die freche Freude an einem Skandal, deſſen Ausgang ſie hier wohl abwarten könnten. Georg Glockendon, mit dem ganzen ritterlichen 131 Ungeſtüm der Jugend war der Erſte, der auf die Brücke flog, die Baubrüder folgten, man hörte das Gebälk dröhnen von ihren feſten Tritten. Ein Mädchen in ſchlichter klöſterlicher Tracht rang mit einem Mann von mittlerer Größe, der ſei⸗ ner Kleidung nach zu den höheren Ständen gehörte und lachend ſagte: „Sperre dich nur nicht, Schätzchen! und ſchim⸗ pfe auch nicht, denn ein ſo hübſches Frauenzimmer wie du geht nicht über dieſe Brücke, um wenigſten in der Dämmerung, wenn es gar ſo ehrbar iſt.“ Das rohe Gelächter eines andern Frauenzimmers, dus im Hintergrund lachend eine muthige Zuſchaue⸗ rin abgab, ſchien dieſer Aeußerung das vollſte Recht zu geben. „Laßt das Mädchen los!“ ſchrie Georg. „Ah, ein feines Bürſchchen will den Ritter ſpie⸗ len,“ rief der Fremde,„wenn du ein ſo rechtſchaf⸗ fener Jüngling biſt, ſo nimm dich künftig eines an⸗ dern Mädchens an, das nicht die Brücke zu ihrem Spaziergang wählt— oder— hat ſie dich etwa her⸗ beſtellt?— „O Gott!“ rief das Mädchen unter Thränen und erröthend, daß man es ſogar in dieſer Dämme⸗ rung gewahrte,„ich bin bei dem Bader geweſen, ihn 9* 132 zu meinem kranken Vater zu holen, und weil dies der nächſte Weg nach unſerer Wohnung, hab' ich ihn ein⸗ geſchlagen.“ Ulrich und Erhard griffen an ihre Schwerter und Letzterer ſagte zu dem Fremden:„Ihr ſeht, wir find drei gegen Einen— aber wir denken, Ihr werdet auch ohne daß wir davon Gebrauch machen, Euch zu⸗ und das Mädchen ungehindert weiter gehen aſſen.“ „Es iſt eine ehrbare Jungfrau und redet die Wahr⸗ heit!“ rief Georg, der indeß keinen Blick von ihr verwendet hatte,„ich kenne ihren Vater— er iſt krank— ich werde ſie beſchützen und begleiten! Dankbar blickte das Mädchen, dem es erſt jetzt gelang, ſich vollends frei zu machen, zu dem Jüng⸗ ling und rief freudig: „Ihr kennt meinen Vater? es iſt der Plattner⸗ meiſter Echter und wohnt in der Plattnergaſſe— ich danke Euch!“ Damit entſchlüpfte ſie durch das Brük⸗ kenthor, indeß die Baubrüder hinter ihr mit gekreuzten Schwertern den Ausgang vertraten, daß der Fremde nicht durch konnte, Georg aber ihr folgte. Der Fremde fand für das Klügſte den Rückzug anzutreten und legte ſich auf's Höhnen:„Nun hat das Pärchen doch ſeinen Willen, und Ihr ehrſamen Bau⸗ 133 brüder ſeid wackere Kuppler und Kumpane, die ſogar ihre heiligen Schwerter zu ſolchem Dienſt verwen⸗ den— nun, iſt es Euch gefällig noch einen Gang mit mir zu thun?“ Erhard wollte ſein Schwert erheben, Ulrich aber drückte es mit dem ſeinen nieder und rief:„Nein, wir mißbrauchen die guten Schwerter nie, wir erhoben ſie eine Unſchuldige zu beſchützen, aber niemals gegen einen rohen Geſellen, gleich Euch, der nur vergeblich verſuchen kann uns zu beſchimpfen. Wir wären auch Zwei gegen Einen, und deßhalb beſtrafen wir um ſo weniger Eure freche Rede!“ Damit wandten ſich die Beiden ihres Weges zu gehen, und da der Tumult inzwiſchen doch einige Leute herbeigelockt hatte und der Fremde ſehr wünſchte un⸗ erkannt zu bleiben, zog er ſich, mit wegwerfendem und ſtolzem Ton noch einige Flüche und Drohungen ſchleudernd, zurück. Das Frauenzimmer aber, das während dieſes ganzen Auftrittes, in einen Winkel der Briücke gedrückt, eine müſſige Zuſchauerin abgegeben hatte, drängte ſich an ihn und flüſterte hämiſch: „Das Mägdlein hatte recht, die Plattners⸗Tochter heißt nicht anders als die fromme Jerta, und wenn ſie Euch erkannt hat, möchte es Euch eines Tages 134 ſchlecht gehen, wenn ein paar hundert Plattnerfäufte über Euch kämen! Das junge Bürſchchen iſt ein Maler⸗ lehrling beim Meiſter Dürer. Die Baubrüder heißen Ulrich und Erhard und dünken ſich was Großes— nun, Ihr werdet's mir wohl Dank wiſſen, Herr Mar⸗ tin Löffelholz, daß ich alle Leute ſo gut kenne.“ Der Genannte warf ihr ein Geldſtück zu und ſchritt ärgerlich, ſich nun auch noch erkannt zu wiſſen, ſeines Weges VII. Die Schweſtern. Ein paar Wochen waren vergangen, ſeit Iſolde und Anna bei den Buchenklingen ein Zuſammentreffen gehabt, das für Beide erfolgreich werden ſollte. Sie hatten ſich Beide gelobt darüber ein unver⸗ brüchliches Stillſchweigen zu beobachten, und dennoch war dies, doch im Grunde nur für ſie wichtige Ereig⸗ niß vor ihre Eltern, vor den Rath und nun gar vor das Reichskammergericht gekommen— wenn ſchon in den Thatſachen ſelbſt, noch mehr aber in den Motiven entſtellt, ſo daß es eigentlich unklar blieb, ob die ganze Enthüllung der Wahrheit oder ihre halbe Verſchleie⸗ rung mehr Unheil zu ſtiften vermöge. Unbegreiflich war es geweſen, daß es gerade Herr Martin Löffelholz war, von dem man munkelt, daß er um Anna von Weichsdorf geworben und abgewieſen worden ſei, obwohl er ſelbſt gegen die Einen behaup⸗ 136 tete, daß ihm dieſe Werbung niemals in den Sinn gekommen und gegen die Andern, daß er von Anna allerlei Dinge gehört, die ihn noch bei Zeiten veranlaßt ſich von ihr zurückzuziehen— daß gerade dieſer Löffel⸗ holz es war, der in der Rathsſtube, in der er ſelbſt mit ſaß als Mitglied des Großen Rathes, ſeine ſehr ehren⸗ werthen Kollegen aufforderte, den„Schimpf“ zu rächen, der von den benachbarten Rittern von Wolfſtein, Jauernberg und Andern an den Schultheißen⸗Töchtern verübt worden ſei. Löffelholz war ein reicher Kaufmann. Sein Vater, der Lvoſunger war und ſomit die oberſte Stellung im Nürnberger Staat mit Herrn Holzſchuher theilte— es gab zwei Looſunger oder Schatzmeiſter, Duumviri, die aus den„ſieben älteren Herren“ gewählt wur⸗ den— hatte Martin ſeine große Handlung übergeben. Nachdem dieſer viele Reiſen gemacht und die Welt geſehen, zeigte ihm ein Blick in den Spiegel, daß es nun wohl Zeit ſei ſein Junggeſellenthum aufzugeben, wenn er ſeinem Prädikat nicht auch noch ein„alt“ wolle hinzugefügt ſehen. Er ſtand am Ausgang der dreißig— und obwohl das damalige, man möchte ſagen„dauerhafte“ Geſchlecht mit ſechzig und ſiebzig Jahren noch Hochzeitsgedanken hatte und pomphaftaus⸗ führte, ſo waren dies doch meiſtens Witwer, denn die 137 frühen Ehen waren gleichzeitig ſo ſehr an der Tages⸗ ordnung, daß der Rath von Nürnberg ziemlich um dieſe Zeit ein Geſetz erlaſſen hatte, wonach das Hei⸗ raten den Männern vor dem vierundzwanzigſten, den Jungfrauen vor dem einundzwanzigſten Jahre ver⸗ boten war. Martin Löffelholz, der ohne Rückſicht auf die Moral, aber doch ſo viel als möglich auf die Ehre ſeines Hauſes und Namens, noch mehr als in Nürn⸗ berg, wo er Alles nur im Geheimen that, auf ſeinen Reiſen, beſonders in Holland und am Rhein ein aus⸗ ſchweifendes Leben geführt hatte, begann bereits die Folgen desſelben zu fühlen. Oft, wenn er mit einem ſteifen Bein zur Winterszeit auf das Rathhaus gehinkt kam, neckte ihn Willibald Pirkheimer mit dem Beſuch „des königlichen Fräuleins aus Cypern,“ wie er das Podagra ſcherzhaft nannte, und rieth ihm bald zu heiraten, damit es nicht ausſähe als nähme er endlich nur eine Frau, weil er eine Pflegerin brauche, und dazu doch ein rechtſchaffen Eheweib beſſer zu gebrau⸗ chen ſei, denn eine Buhlerin, die nur die Freuden, aber nicht die Leiden eines Mannes theilen wolle. Und, wie es in derartigen Fällen nur meiſt geſchieht, wählte der Wüſtling unter den Jüngſten und Unſchuldigſten, zugleich unter den Reichſten und Vornehmſten, und hatte ſich alſo für Anna von Weichsdorf entſchieden. 138 Der Schultheiß gab eine zufagende Antwort— Anna weigerte ſich und flehte vergebens ihren Vater, nicht zu dieſer Ehe gezwungen zu werden— ſie lieber wieder in's Kloſter gehen zu laſſen. Er gab ihr nur einige Tage Bedenkzeit— in drei Tagen wolle er Martin die Antwort wiſſen laſſen, und er rechne dar⸗ auf, daß es das Jawort ſei. Das wußte Anna, daß weder bei ihrem Vater noch bei Martin das Geſtänd⸗ niß einer andern Liebe zu ihrem Ziel verhelfen werde, um ſo weniger, da ſie ſelbſt in manchen Augenblicken an der Treue des Erwählten und noch öfter an der Möglichkeit einer Vereinigung mit dem Ritter zwei⸗ felte. Den Patrizier würde es gereizt haben ſeine Braut einem ritterlichen Freier abzukämpfen, da die reichen Städter in beſtändiger Erbitterung gegen den benachbarten Adel lebten, und der ſelbſt ritterliche Schultheiß würde Alles aufgeboten haben ſeine Toch⸗ ter einem Ritter zu entreißen, der ſich mit ihr verlobt häte und nun jahrelang zanderte, bei dem Vater ſeine Werbung zu wiederholen. In dieſer Verzweiflung Anna's fiel endlich die mitfühlende kluge Schweſter, die erſt lange ſelbſt auf einen Weg zur Rettung geſonnen, auf eine Liſt, zu deren Aushilfe ihr der Propſt Kreß als der geeignetſte Mann erſchien. Er war ihr Beichtvater, ihm konnte 130 ſie vertrauen— er war zugleich ein Freund der Löffel⸗ holz, Vater und Sohn, ſie huldigten mit ihm den Freuden der Tafel und des Bachus, es konnte ihm nicht ſo leicht an einer Gelegenheit fehlen, Iſolden's Wünſche zu erfüllen. Iſolde wußte, daß der Propſt, dieſe Schwachheiten abgerechnet, die er mit ſo vielen Zeitgenoſſen theilte, ein guter und gemüthreicher Mann war, der ſich, wie der Armen auch gern anderer Hülfsbedürftigen an⸗ nahm, wenn ſie nicht zu viel von ihm verlangten; nicht irgend ein Wagniß, nicht etwas, wozu Muth und Entſchloſſenheit gehörten— in andern Dingen war er gern mit Rath und That zur Hand, und ſeine Menſchenfreundlichteit, ſein weiches Gemüth von Jedermann gerühmt. Iſolde wußte, daß er auch Eli⸗ ſabeth's Freund, zuletzt ſogar ihr Vertrauter geweſen— ſie wußte auch, daß er ſchönen Frauen am wenigſten etwas abſchlagen konnte, und darauf baute ſie ihren Plan. Daß ſie deßhalb ihrer weiblichen Würde nichts zu vergeben brauchte, deſſen war ſie ſicher. Was man auch ſonſt in dieſen Beziehungen von ihm munkeln mochte, ſeine Huldigungen des weiblichen Geſchlechtes beſchränkten ſich wenigſtens gebildeten Damen gegen⸗ über nur auf jene ſüßliche Galanterie, die von alten Herren öfter geübt wird als von jungen. 140 Im Klarakloſter, wo Iſolde den Propſt bei ſei⸗ nen Inſpektionen am öfterſten getroffen und von ihm erzählen gehört, hatte nie eine Nonne oder Novize Urſache über ihn Klage zu führen wie über manchen andern Geiſtlichen, und auch die edle Aebtiſſin Charitas Pirkheimer beehrte ihn mit ihrem vollen Vertrauen. Warum hätte Iſolde nicht das Gleiche thun ſollen? Aber nicht anders als im Dunkeln hatte ſie ſich zu dem Propſt gewagt, damit ſie Niemand da hineingehen ſehe, am wenigſten die Ihrigen. Ihm vertraute ſie, daß Herr Martin Löffelholz bei ihrem Vater um Anna geworben— daß dieſe aber eben darum, daß er ſich nicht an ſie ſelbſt ge⸗ wendet, ſondern die heiligſte Angelegenheit des Lebens wie ein Geſchäft abſchließe, ihn prüfen wolle, ob er ſie auch liebe, ſie auch wählen würde, wenn ſie ihm kein Vermögen mitbringe. Iſolde habe den gleichen Ver⸗ dacht und halte darum eine Prüfung für unerläßlich. Der Propſt möge ihm daher im Vertrauen erzählen, daß Anna eigentlich den Schleier zu nehmen wünſche, daß ſie aber, wenn ſie dies nicht thue, ſondern ſich ver⸗ heirate, ſchon eine Schenkung ihres ganzen Vermögens an das Klarakloſter aufgeſetzt und übergeben habe, daß ſie alſo außer dem üblichen Hausrath ihrem Ge⸗ mal weiter nichts einbringen werde Liebe nun Herr 141 Löffelholz Anna wirklich, ſo werde er ſeine Werbung fortſetzen und ſie wohl auch ſolche Uneigennützigkeit zu ſchätzen und zu belohnen wiſſen— außerdem aber wolle ſie, um ihr entweder die Scham oder den Zwang um des Stolzes willen zu erſparen, ihm dieſe Beſtim⸗ mung unter der Hand und nur wie von ungefähr wiſſen laſſen. Das könne der Propſt am beſten über⸗ nehmen, da er nur als Vorſtand des Klarakloſters dieſen Zug von Anna's Frömmigkeit Herrn Löffel⸗ holz wie zufüllig zu erzählen brauche. Dies war der Gegenſtand des Geſprächs zwiſchen dem Propſt und Iſolden bei Ulrich's Rückkunft ge⸗ weſen. Sein Klopfen hatte ſie auf's Höchſte erſchreckt— um keinen Preis wollte ſie von irgend einem Menſchen hier geſehen ſein— nicht allein, daß man Arges von ihr denken könne: wenn ihre Angehörigen um dieſen Gang erfahren, hätten ſie davon Rechenſchaft gefor⸗ dert— und welche hätte ſie geben ſollen? Sie ſchlüpfte in das anſtoßende Gemach und der Propſt hoffte den Störenfried bald wieder zu entfernen— wie hätte er ahnen können, daß es ſein lieber Neffe war, der bei ihm zu herbergen kam? Wie ein Vogel angſtvoll im dunklen Käfig flattert, ſo fühlte ſich Iſolde beunruhigt in dem Gemach, das keinen Ausgang hatte;— als der Propſt wieder darin 142 eintrat und ihr nur ſagen konnte, daß ein Gaſt ge⸗ kommen, der über Nacht zu bleiben gedenke, ſah ſie keinen andern Ausweg als das Fenſter— es war ja draußen ſtill und finſter, vielleicht entging ſie doch je⸗ dem Späherblick und kompromittirte weder ſich noch das geiſtliche Haus— ein kühner Schwung und Sprung— und verſchwunden war ſie. Daß der An⸗ kömmling drinnen ſie ſchon geſehen, blieb ihr wie dem Propſt verborgen und nur als ſpäter dieſer mit Ulrich in das Haus des Schultheißen kam, ſchien es ihr wahrſcheinlich, daß er es geweſen, vor dem ſie ge⸗ flohen— die Vermuthung ſchon ſchüttelte ſie wie die Fauſt eines Verhängniſſes. Während am andern Morgen Ulrich in der Bau⸗ hütte und Lorenzkirche war, hatte der Propſt eine Trink⸗ ſtube aufgeſucht, in der er Martin Löffelholz zu treffen wußte, da dieſer, wenn auf dem Rathhauſe Sitzung war,„des Raths immer nicht auswartete,“ ſondern wie auch noch Andere thaten, dazwiſchen zur Abwechs⸗ lung in eine nahegelegene Trinkſtube ging, den Durſt zu ſtillen, den er noch, wenn ſonſt nichts weiter, mit i rvätern gemein hatte. Hier nahm der Propſt d die Gelegenheit wahr, Iſolden's Wunſch auf ge⸗ ſchickte Weiſe zu erfüllen— und ſo konnte er ihr ſchon am Nachmittage desſelben Tages ein Brieflein zuſtel⸗ 143 len mit der tröſtlichen Verſicherung, daß Herr Löffel⸗ holz bei des Propſtes Eröffnung ſehr große Augen gemacht und daß es ganz den Anſchein habe, als werde er die Werbung gänzlich aufgeben So verhielt es ſich nun in Wahrheit damit, und ſo hatten, wie oft, die beiden entgegengeſetzten Mei⸗ nungen über Martin recht. Dem Schultheißen wich er aus. Er war nicht wiedergekommen ſich die Ent⸗ ſcheidung zu holen und da Jener ſein Ausbleiben nicht begriff und Anna, die ohnehin unter ſteter Beobach⸗ tung indeß geweſen, mit gutem Gewiſſen erklären konnte, daß ſie in keine Berührung mit Martin ge⸗ kommen, ſo begannen ſich gegen ihn Weichsdor'fs frü⸗ her wohlwollenden Geſinnungen in den Haß des Be⸗ leidigten zu wandeln. Frau Adelgunde aber ſchwor mit einem giftigen Seitenblick auf Iſolde: ſie werde noch ergründen, aus welcher unlantern Quelle ſolch' freches Betragen ſeinen erſten Urſprung gefunden. Von dieſem Vorgang war nun im Kreiſe der„Ge⸗ nannten des Großen Rathes“ gemunkelt worden und jetzt erinnerte man ſich wieder daran, als Herr Löffel⸗ holz plötzlich als Ritter und Rächer der Schultheißen⸗ töchter auftrat. Er brachte nämlich vor den Rath, wie die Ueber griffe des benachbarten Adels trotz des Landfriedens 144 und Kammergerichtes, trotz der Gebietserweiterung der Stadt und dem befeſtigten Lehen täglich ſchlimmer würden. Wie eben jetzt erſt die Ritter von Wolfſtein eine Jagd gehalten bis nahe an die Mauern der Stadt, wie ſie ſich erfrecht, ohne einen wohledlen Rath erſt um Erlaubniß zu fragen, bei den Buchenklingen ein Gelage zu halten, da der Ort doch zur Bürgerluſt da ſei, und wahrlich nicht zum Dienſt der übelberufenen Nachbarn. Wie es doppelt unziemlich geweſen, da ſie von dort die Spaziergänger aus der Stadt verſcheucht hätten und den edlen Töchtern des Schultheißen un⸗ würdig begegnet. Die meiſten der verſammelten Herren, die eben ſo gut wie Löffelholz eine Gelegenheit ſuchten, ſich über die rohen Anmaßungen des Adels zu beklagen und etwas Einſtliches gegen ihn zu unternehmen, geriethen durch dieſe Mittheilung in neuen Zorn und machten zunächſt ihrer Empörung in Schimpfworten gegen das freche Raubgeſindel Luft, die freilich im Augen⸗ blick wohlfeil genug waren. Herr Martin Geuder,— Pirkheimer's Schwager, — der in dieſem Jahre Bürgermeiſter war, wußte auch Manches von den übermüthigen Nachbarn zu erzählen, die ihm am meiſten aus Neid zu ſchaffen machen zuchten. Schon ſeit längerer Zeit war das 145 Schloß Neunhof in ſeinem Beſitz, das Markgraf Fried⸗ rich verkauft hatte. So lange es dieſem gehört, hatte man es nicht anders als den„Burgſtall“ genannt, da die früheren Nürnberger Burggrafen dort ihren Marſtall zu halten pflegten. Aergerte es nun ſchon die Ritter, daß dies ſchöne Schloß in den Beſitz eines Nürnberger Bürgers gekommen, und daß dieſer es mit all' dem Lurus ausſtatten und mit dem feinen Kunſtſinn verſchönern ließ, der die Häuſer der Reichs⸗ ſtadt zierte, wogegen nur die Burgen der Ritter ſich meiſt wie rohe Steinklumpen ausnahmen, zum Theil nahe dem Verfall, da die wenigſten ihrer Beſitzer Geld hatten demſelben vorzubeugen, noch weniger aber zur Verſchönerung der Gebände— ſo verdroß es ſie doch noch mehr, als Gender auch Hersbruck bekam. Es gehörte mit zu dem Gebiete, das nach dem Baie⸗ riſch⸗Landshuter Erbfolgekrieg an Nürnberg kam, und Martin Geuder erhielt es für ſeine der Stadt geleiſteten Dienſte zu einem billigen Preis von dem Rath und nannte ſich danach Martin Gender III. von Hersbruck. Er war beſonders erbittert über den Hochmuth des alten Ritters Benno von Wolfſtein, von dem er auch ſchon manche Gebietsverletzung erlebt. Mit der ihm eigenen Würde erklärte jetzt Gender, daß er ſelbſt, um 186 vVn Die Schultheißentöchter von Nürnberg.. 10 146 nicht unnütze Händel anzufangen, ſchweigend erduldet, was ihm Wolfſtein zugefügt und mit der ganzen Bil⸗ dung eines echten Patriziers die Rohheit eines Ritters vom alten Adel ertragen— daß er aber als Bürger— meiſter jeden Schimpf zu rügen verpflichtet ſei, der den Bürgern zugefügt werde. Man müſſe darum die Sache näher unterſuchen, vor allen Dingen mit dem Schultheiß ſprechen. Ihn zu dieſem zu begleiten, ward Löffelholz aufgefordert. Aber dazu wollte er ſich nicht verſtehen, meinte, daß er gewichtige Gründe habe, dieſe Sendung nicht übernehmen zu mögen, es wäre ihm überhaupt lieber, man verſchwiege, daß er den erſten Anſtoß zur Ver⸗ oͤffentlichung dieſer Sache gegeben— Zeugen konne er nennen, welche die Jäger an den Buchenklingen ge troffen, zum Beiſpiel Meiſter Peter Henlein, den „künſtlichen“ Mechanikus, der die ſchnell berühmt ge⸗ wordenen„Nürnberger Eier“ vor acht Jahren erfun den, den Plattnermeiſter Echter und Andere. Willibald Pirkheimer lächelte, und mit dem feinen Takt, der ihm immer eigen war, meinte er, da Herr Löffelholz, wie es ſcheine, von gar zarten Rückſichten geleitet, dieſen Gang unterlaſſen wolle, ſei man denſel⸗ ben noch weit mehr dem zarten Geſchlechte ſchuldig und ſcheine es ihm, daß man weniger um ſeinet⸗ als um 147 der Jungfrauen willen einen andern Botſchafter wäh⸗ len möge. „Ei,“ rief Herr Löffelholz etwas empfindlich,„dazu eignet ſich ſicher Niemand beſſer als der gelehrte Herr Pirkheimer ſelbſt— dem ſind die gelehrten Frauen ja angenehm und er iſt es ihnen, der wird gewiß mit ſeinen feinen weißen Händen die Sache am geſchick⸗ teſten anzugreifen wiſſen!“ Dem ſtimmten Alle bei, wenn auch ohne den Hohn, der ſich in Löffelholz's Rede miſchte, und ſo begaben ſich Geuder und Pirkheimer zu dem Schultheißen, ihn um die näheren Umſtände bei der Beleidigung ſeiner Töchter zu befragen. Und er, der Vater, war der Letzte, der erfuhr, wo⸗ von ſich ganz Nürnberg unterhielt— er erfuhr es erſt durch dieſe Herren! Er ließ ſogleich ſeine Töchter rufen. Als ſie ahnungslos deſſen, was ihrer wartete, ein⸗ traten, fragte er ſie vielmehr im Tone des Richters als des Vaters: ob ſie an jenem Tage an den Buchen⸗ klingen geweſen? Anna ward nun glühend roth und war einer Ohn⸗ macht nahe. Iſolde antwortete mit für ſie Sie ſagte, daß die ſchöne Herpſtſonne ſie zu einem Spaziergang dahin 10* 148 verlockt und auf das zürnende„Allein?“ des Vaters antwortete ſie kurz, daß Balthaſar mitgeweſen, wie bei andern Ausgängen. Dem weiteren Zürnen des Schultheißen zu begeg⸗ nen, nahm Pirkheimer das Wort und ſprach es aus, wie gut er ſich denken könne, daß die edlen Jungfrauen durch jede Männerrohheit zu tief in ihrem eigenſten Weſen verletzt wurden, als daß ſie, was ſie ſo erlebt, auch noch ſelbſt erzählen möchten— nun aber doch die Sache ruchbar geworden und der edle Rath von Nürnberg ſelbſt ſich in ihnen beleidigt fühle und ſein heiliges Richter⸗ und Rächeramt zu üben entſchloſſen ſei, möchten ſie den ganzen Hergang jetzt einfach erzäh⸗ len und ſollten dann weiter nicht beläſtigt werden, da der Schultheiß die Sache ſeiner Töchter als ſeine eigene betrachten würde. Welche Verzweiflung für Anna, als ſie zur An⸗ klägerin des geliebten Ritters werden ſollte! aber verrathen konnte ſie ihre Neigung auch nicht, noch we⸗ niger ihre Abſicht ihn an den Buchenklingen zu treffen, dies Alles hätte ihren Vater nur noch mehr erzürnt auf ſie wie auf Wolfſtein und in der Hauptſache gar Nichts geändert— Iſolde errieth dieſen Gedanken⸗ gang und ſuchte, ſo gut es gehen wollte, Alles in ein verſöhnlſches Licht zu ſtellen. Sie ließ nur die That⸗ 149 ſache beſtehen, daß eine ritterliche und reiſige Jagd⸗ geſellſchaft ſich an den Buchenklingen niedergelaſſen und ſie noch vorher ſich entfernt hätten, daß zwei Ritter ihnen zwar nachgekommen, ſie aber nach ihren erſten zurückweiſenden Worten hätten friedlich ziehen laſſen, ja der eine habe ſich zu ihrem Schützer und Ritter erboten, und man ſei ihm eher Dank als Klage ſchuldig. Da Geuder auch die Namen der Ritter nannte, erklärte Iſolde unbefangen, daß Wolfſtein der Be⸗ ſchützer geweſen. Danach klang der Vorgang zwar nicht ganz ſo gefährlich, wie ihn Löffelholz geſchildert, indeß blieb es doch immer dabei, daß die erwähnten Ritter auf einem Platz gejagt und ſich niedergelaſſen hatten, der ihnen nicht gebührte, daß ſowohl die Jungfrauen als einige Bürger Nürnbergs ſich dadurch davon vertrie⸗ ben geſehen— und ſo erhob der Rath von Nürnberg Klage wider die Ritter wegen dieſes„Unfuges“, die wie gewöhnlich darauf mit Spott und Grobheit ant⸗ worteten. Nürnberg konnte in eigner Sache nicht rich⸗ ten, und ſo kam der Prozeß vor das Kammergericht— zu den tauſenden, die bei ihm ſchon vergeblich auf Er⸗ ledigung warteten und zu den andern tauſenden, über die zwar„zu Recht“ erkannt war, ohne deßhalb Je⸗ 150 manden Nutzen oder Schaden zu bringen, denn das Kammergericht hatte keine Macht ſeine Beſchlüſſe in Kraft zu ſetzen und war deßhalb ſelbſt ſeinem Eingehen ſchon wieder nahe. Aber wie ſein Spruch auch lauten und welche Folgen er haben mochte— für Anna mußten ſie die ſchlimmſten ſein. Nicht nur daß der Schultheiß mit den Töchtern zürnte, daß ſie einen ſo ungebührlichen — Spaziergang gemacht, auf dem ihnen Ungebührliches begegnen konnte, und daß die Stiefmutter hämiſch „ triumphirte, wie recht ſie habe, daß die Ungezügeltheit der beiden Mädchen ihrem Hauſe nur Schande bringe — daß ſie Beide noch mehr überwacht wurden als bisher und auch der mitverwickelte Balthaſar ihnen jetzt keine Dienſte mehr thun konnte— das Schlimmſte für Anna war die Kluft, die nun zwiſchen ihr und Wolfſtein ſich immer mehr vertiefen und erweitern mußte. Sie hatte nichts wieder von ihm gehört, ſie quälte ſich vergeblich mit der Frage ab: warum er ſie an die Buchenklingen beſchieden? warum er nicht ſelbſt ge⸗ kommen war und auch jetzt nicht kam? ob er ſie nicht mehr liebte? ob er nun nichts für ſie wagte? Im Grunde war das ja doch dieſelbe Frage. Von ihr und von all den traurigen Zuſtänden gefoltert, die ih r 151 tägliches Leben verbitterten, war Anna auß ein ſchweres Krankenlager geſunken, an dem Jſolde als ihre treueſte Pflegerin wachte. Die Tage wurden kürzer und die Nächte länger. Der November hüllte Alles in graue, feuchte Schleier, als ſolle die ganze Welt ein Kloſter und auch das lebensfrohe Nürnberg eine Nonne werden. Zuweilen floß der Regen in Strömen herab, wan⸗ delte die Schleußen der Stadt zu kleinen Bächen, die ſchlecht oder gar nicht gepflaſterten Straßen in Sümpfe, plätſcherte hoch hernieder vom Dach der Lorenzkirche, und träufte ſanfter von der niedern Bauhütte, die daran ſich lehnte; dazu tönte von drinnen das Häm⸗ mern der Steinmetzer. Iſolde konnte es hören, wenn ſie das Fenſter öffnete. Und wenn ſie daran ſtand zur Mittagszeit, ſah ſie auch einige der Baubrüder, die von der Arbeit kamen oder zu ihr gingen. Auch Ulrich war darunter. In der dumpfen Stille und Sorge des Kranken⸗ zimmers war es, als ob Iſolden's ganze Seele ein ſolcher grauer Novembertag einhüllte. Der Regen ver⸗ ſcheuchte von den Straßen das heitere Leben, die Furcht vor einer anſteckenden Krankheit hielt alle andern Per⸗ ſonen, die mitpflegende Dienerin Sabine und den Bader Milius abgerechnet, von dem Krankenzimmer 152 entfernt. Nur der Vater kam meiſtens Mittag einen Gang herauf, nach ſeinem kranken Kinde zu ſehen. Aber er weilte nie länger, vielleicht auch aus Furcht der Anſteckung, mit der Adelgunde beſonders quälte, wobei freilich ihr eigenes Wegbleiben den Schweſtern am willkommenſten. Mitten in dieſer Einſamkeit und dieſer November⸗ melancholie war es für Iſolde vielleicht doppelt ver⸗ hängnißvoll, daß ſie Ulrich täglich ſah, wenn auch ohne von ihm geſehen zu werden, und ſein Bild ſich immer inniger mit ihren tiefen Gedanken verwebte. IX. In der Meſſe. „Du meideſt um mich alle Menſchen und lebſt mit mir gleich, als wäreſt du im Kloſter oder eine Gefan⸗ gene!“ hatte Anna eines Morgens, da ſie ſich etwas wohler fühlte, zu Iſolde geſagt, und auf deren Ant⸗ wort, daß ſie nicht anders zu leben begehre und daß ſie weder zu einem Feſt noch zu andern Leuten gehen möge, war Anna's Frage geweſen: „Aber du gehſt auch nicht in die Kirche! ich weiß wohl, daß man auch im Kämmerlein herzinnig beten kann, und daß du es jetzt oft gethan haſt für mein Leben, gleichwie ich ſelbſt gebetet habe— wenn auch nicht gerade oder nicht nur für mein Leben, ſondern daß ich erlöſt würde von allen Leiden des Körpers wie der Seele— und wenn es nicht alſo ſein könne, daß mich die heilige Jungfrau hinwegrufe— aber heute iſt ein wunderbares Hoffen über mich gekommen— 154 es iſt mir, als dürfte ich dir ſagen, daß ich nun gewiß geneſen werde— und wie ich gern ſelbſt auf meinen Knieen betete am Hochaltare im Dom, ſo möchte ich wenigſtens, du gingeſt für mich zur heiligen Stätte und opferteſt in meinem Namen eine Kerze zum Zei⸗ chen meines Dankes.“ „Dann freilich muß ich gehen!“ antwortete Iſolde, „und ſo will ich es auch lieber früher thun, ehe ſich die ganze Kirche mit Menſchen füllt und ehe vielleicht Adelgunde desſelben Weges geht und ich an ihrer Seite ſein müßte.“ „Dafür, glaub' ich, ſchützt dich noch immer, daß du an meiner Seite biſt!“ antwortete Anna mit bit⸗ terem Lächeln,„und ſo war meine Krankheit ja doch zu etwas gut.“ Feierlich begannen eben die volltönenden Glocken der Lorenzkirche ihren mahnenden Ruf, am Tage des Herrn nicht in den heiligen Räumen zu fehlen, als ſich Iſolde bereitete ihrem Ruf zu folgen. Sie war ganz in ſchwarzem Sammt gekleidet, deſſen weißer Pelz⸗ beſatz am Saume des Kleides und eines verhüllenden Ueberwurfs ſchon glauben machen konnte, der Schnee, der nun bald zu erwarten war, ſei bereits gefallen. Ein Schleier, der wie Silber flimmerte, an einem 155 ſchwarzen Sturz befeſtigt, ließ den Begegnenden nur ahnen, welche Schönheit er verbarg. Es war noch ziemlich ſtill und menſchenleer, als Iſolde den hohen Raum betrat. Wochenlang hatte ſie das Krankenzimmer nicht verlaſſen, die friſche un⸗ gewohnte Luft draußen hatte ihr wohl und weh zu⸗ gleich gethan. Sie war ſchnell gegangen und hatte tief Athem geholt, dann fühlte ſie ihre Bruſt ſeltſam be⸗ klommen, und als ſie am Marienaltar auf ihre Kniee ſank und die gefalteten Hände auf der Brüſtung des Betſtandes ruhten, ſenkte ſie ihr Haupt darauf und brach halb bewußtlos in lautes Schluchzen aus. All' die Angſt, die ſie um das Leben der Schweſter empfun⸗ den, neben der Iſolde doch Tag und Nacht zubrachte, und der ſie Alles, was ſie fürchten mußte, ſorgfältig verbarg, all' die Beſorgniſſe, die ſie um deren Geſchick empfand, all' der widerwärtige Druck, der im Eltern⸗ hauſe auf ihr laſtete, all' die Unbefriedigtheit ihres Herzens, die Oede ihres Daſeins wühlten ihr ganzes Innere zu einem Sturme auf, der in einem Erguß von Thränen, in Seufzern und Stöhnen unwillkürlich ſich kundgab. Hier, an dieſer heiligen Stätte, fühlte ſie ſich frei von allem Zwang, von aller Beobach⸗ tung— wenn ſie, was die letztere betraf, auch unrecht hatte, obwohl ſie glauben konnte, Niemand ſei in ihrer 156 Nähe— und ſo achtete ſie auch weder darauf, daß ſie, um ihre Thränen zu trocknen, ihren Schleier halb zu⸗ rückgeſchlagen, noch daß ihre winterliche Hülle von der majeſtätiſchen Geſtalt herabgeglitten, ihr Gebetbuch auf den Teppich zu ihrer Seite herabgefallen war. Ein Baubruder ſtand unweit von ihr, halb ver⸗ borgen durch den Pfeiler, an den er lehnte, aber er ſah Jolde— ihre Schönheit, ihre Thränen, er hörte ihre Seufzer— und tief bewegt fragte er leiſe ſich ſelbſt: Auch ſie? Auch dieſe ſtolze Jungfrau eine Tochter des Schmerzes? Unwillkürlich drängte es ihn ſich ihr zu nähern— warum ſollt' er auch nicht? wer ſah ihn denn hier und wer ſah ſie? und wenn auch— warum ſollt er ihr nicht das Gebetbuch aufheben, das ſie ſonſt vielleicht im Staube liegen ließ, trotz des koſt⸗ baren Einbandes von Sammt und erhabener kunſt⸗ reicher Arbeit aus Gold und ſchimmernden Steinen? Doch, indem ſich Ulrich unwillkürlich leiſe einen Schritt darnach vorbewegte, kam ſchon eine andere Hand der ſeinen zuvor. Mit größerer Haſt als er und mit min⸗ der zarter Rückſicht, die Dame auch nicht zu erſchrecken, trat mit ſporenklirrenden ſchweren Eiſenſtiefeln ein Ritter hinter ſie und feſſelte mit ſeinem Abſatz die Schleppe ihres Kleides— dann nahm er das Gebet⸗ buch auf und ſchaute der Jungfrau keck in das Geſicht, 157 indem er ſich halb neben ihrem Betpult nieder⸗ bengte. In Ulrich kochte ein Gefühl des Zorns empor, als müſſe er einen Tempelſchänder hinwegreißen von der Entweihung eines Heiligenbildes. Selten iſt ein zart organiſirtes weibliches Weſen ſo in ſich ſelbſt verloren, daß es nicht die Annäherung eines andern bemerken ſollte; auch Iſolde fühlte jetzt, daß ſie nicht mehr allein, daß ſie beobachtet war, ſie ſcheute jede Bewegung, durch die ſie das zu erkennen gegeben hätte, aber ſie hörte auf zu ſeufzen und ließ die Perlen ihres Roſenkranzes durch die weißen Finger gleiten. „Jungfrau Iſolde!“ flüſterte der Ritter. Nun bei ihrem Namen genannt, ſchaute ſie auf, den Kopf ſtolz emporhebend, und ihre ganze Haltung eben noch die einer in Schmerz und Schwachheit demüthig Betenden, ward plötzlich die einer Königin— ſo nahm ſie auch das dargereichte Buch ohne Gruß und Dank und miteinem einzigen zornfunkelnden Blick. „Allerwärts hab' ich Euch vergeblich geſucht und Eurer geharrt“— begann er ſchüchtern. „Das iſt eine wenig paſſende Redeweiſe,“ ant⸗ wortete ſie ſtreng,„Ihr wußtet, wo wir zu finden waren, das Haus des Schultheißen iſt Jedermann bekannt in Nürnberg, Ihr brauchtet uns nicht an 158 öffentlichen Orten dem Spotte preiszugeben— Ihr werdet hier nicht den Auftritt von den Buchenklingen wiederholen.“ „Ich will ihn nur entſchuldigen,“ erwiderte Wil⸗ helm von Wolfſtein— und wenn es nicht bei Eurer Schweſter möglich iſt, bei Euch, damit Ihr meine Fürſprecherin werdet.“ „Dazu war es Zeit, ehe Ihr ſie dem böſen Leu⸗ mund und der Gefahr des Fiebers preisgabt— und nun ſtört mich nicht mehr und laßt mich ruhig für ſie weiter beten.“ „O mein Gott!“ rief Wilhelm,„Ihr ſeid hart! So ſagt mir nur, ob die Gefahr vorüber?“ „Kann ich das?“ erwiderte Iſolde;„betet für ſie!— betet für ſie, wenn Ihr zu ohnmächtig, zu unmännlich ſeid für ſie zu handeln— betet für ſie— es iſt mein letztes Wort!“ „Aber, edles Fräulein— wollt' Ihr mich nicht hören, mich nicht am Ausgang erwarten?“ „Stört mich nicht länger in meiner Andacht— oder ich muß andern Schutz gegen Euch anrufen, wenn mich der heilige Ort nicht ſchon allein beſchützt.“— Sie warf dabei einen Blick auf Ulrich, den ſie erſt vor Kurzem bemerkt hatte, und es ſchien ihm ſelbſt, als winke ſie ihm hilfefuchend mit den Augen. Er hatte nur einzelne Worte von dem verſtehen können, was die Beiden zuſammen ſprachen, aber das ſah er nun doch, daß Iſolde von der Gegenwart des Ritters be⸗ freit zu ſein wünſchte. Ulrich verließ ſeinen Platz und ging langſam hinter Iſolde vorüber. Der Ritter warf einen ärgerlichen Blick auf ihn und zog ſich zurück. Als ſich Iſolde allein fühlte, dachte ſie, wie wenig ſie gewiß in Anna's Sinne gehandelt. Wolfſtein hatte ſich rechtfertigen, ſie zu ſeiner Vertrauten und Ver— mittlerin machen wollen— und ſie hatte ſich gewei gert ihn anzuhören! Ihr ſelbſt war Wolfſtein voll⸗ kommen gleichgiltig geweſen, nur daß ihre Schweſter ihn liebte, hatte ihr Theilnahme für ihn gegeben; wenn er diefe glücklich machte, ſo ſollte er ihr ſelbſt als Bru⸗ der willkommen ſein. Aber nun war es anders Er war zurückgekehrt, und ſtatt ſein Wort zu halten, nun offen um Anna zu werben, hatte er ſie zu einer heim⸗ lichen Zuſammenkunft verleitet, die zu den widerwär⸗ tigſten Begegnungen und Folgen geführt hatte. Und ſeitdem hatte er ſich wieder nicht um die angebliche Geliebte bekümmert— ſie war krank und er fragte nicht nach ihr, ſie konnte ſterben, um ihn und durch ſeine Schuld— was kümmerte es ihn? Nach einem ſolchen Gedankengang, der täglich wiederkehrte, täglich fuſt ſich ſteigerte, je mehr ſie Anna geiſtig wie körper⸗ lich leiden ſah, verachtete und haßte Iſolde Wolfſtein, und war bemüht, wenn auch ſo ſchonend als möglich, Annd ſelbſt von dieſer Liebe zu befreien. Aber wie hätte das ſo leicht und in ſo kurzer Zeit geſchehen kön⸗ nen? Gerade in der Krankheit zeigte es ſich, daß Anna's Liebe doch viel tiefer war als ſie ſelbſt ge⸗ glaubt, und zuweilen mußte auch Iſolde auf ihre Frage: wie ſich denn jetzt Wolfſtein ihr nähern könne, die Antwort ſchuldig bleiben. So lange der Stolz des Weibes in deſſen eigener Liebe noch keine Prüfung, keine Demüthigung erfahren, ſo lange iſt jedes Weib ſchnell fertig mit der Ver⸗ urtheilung eines Mannes, welcher der Geliebten Ver⸗ anlaſſung gibt an ſeiner Liebe und Treue, an der Ehr⸗ lichkeit ſeiner Abſichten zu zweifeln, noch mehr aber mit der Verurtheilung eines Mädchens, das dergleichen ſich bieten läßt ohne dadurch die eigene Liebe verlöſcht zu ſehen, und ſo urtheilte auch Iſolde über Anna. Aber doch empfand ſie zugleich das tiefſte Mitleid mit der kranken Schweſter und begriff recht gut, welch' ein Labetrunk es ihr ſein würde, einen Gruß, eine Nachricht von Wolfſtein zu empfangen. Dieſe ſanfteren Empfindungen machten ſich jetzt in Iſolde geltend. Wenn Wolfſtein wirklich vermochte ſich zu entſchuldi⸗ gen? wenn er es vielleicht ſchon verſucht, ohne daß ſie 163 ſtändigung mit Wolfſtein zu ſprechen;— wenn er jetzt wieder mit ihr ſprach, konnte nur Alles ſchlimmer für ſie und Anna werden als beſſer, denn es war gewiß, daß jetzt Löffelholz die Töchter des Schultheißen haßte, ſeiner Gattin aber wohlgewogen war. Unbekümmert um ihn hatte ſich Wolfſtein wieder dicht an Iſolde gedrängt und ihr Sammtgewand er⸗ faßt, daß ſie ihm nicht entſchlüpfen konnte. „Wollt Ihr nicht wenigſtens einen Gruß beſtellen von meiner unveränderten Liebe? Vergeblich habe ich mich bemüht—“ In dieſem Augenblick machte Ulrich, der hinter Iſolde ſtand und ihr neues Erſchrecken geſehen hatte, ſie mit einem raſchen Griff von dem Ritter frei— ſie warf erglühend dem Baubruder einen dankenden Blick zu und kaum wiſſend, was ſie that und ſprach in der dreifachen Angſt, die Gelegenheit, der liebekranken Anna eine Beruhigung zu gewähren, gewaltſam ſich und ihr zu rauben— bei Ulrich in den Verdacht zu kommen zu dem Ritter ſelbſt in irgend einem Verhält niß zu ſtehen, das ihm Rechte auf ſie gab— von Löffel⸗ 3 holz beobachtet und vielleicht dem Spott oder Verrath ſich preisgegeben zu ſehen— in ſolcher Verwirrung ſagte ſie zu Wolfſtein: 3 „Ich muß zu meiner kranken Schweſter,— Herr 11* 164 Ritter von Wolſſtein— was Ihr mir ſagen wolltet, das ſaget Ihr beſſer dieſem edlen Baubruder, Ulrich Wüll von Wildenfels, genannt Ulrich von Straßburg, ſeine Kunſt verherrlicht das Geſchlecht der Behaim, und die aus dieſem Geſchlechte ſtammen, dürfen ihm vertrauen! Iſt es nicht ſo?“ fragte ſie, ihren wunder⸗ bar vergeiſtigten Madonnablick auf Ulrich gerichtet. Dieſer ſtand verwundert, ſah ſie fragend an und antwortete mit leichter Verneigung:„Betrachtet mich immerhin als Euren Diener— aber ich weiß nicht, womit ich es zu ſein vermöchte?!“ „Laßt's Euch von dieſem Ritter erklären, und dann ſprech' ich Euch morgen früh in der Kapelle der Be⸗ haim an der heiligen Stätte.“ Damit war ſie im Ge⸗ dränge der Kirchgänger entſchlüpft. Der Baubruder und der Ritter betrachteten einander mit prüfenden Blicken Dieſer fand zuerſt ein ahnendes Verſtändniß für Iſolden's Betragen: die Behaim wa⸗ ren ja immer Beſchützer der Kunſt geweſen, vielleicht war der Baubruder dadurch ein Freund ihres Hauſes und ſollte jetzt einen Vermittler abgeben— empörte ſich auch der Stolz des Ritters dagegen, einem Bau⸗ pruder Rede zu ſtehen, ſo hatte er doch nicht überhört, daß derſelbe einen adeligen Namen führte— man fonnte alſo ſchon eine Ausnahme mit ihm machen. 165 „Jedenfalls,“ meinte er,„könne er doch durch ihn et⸗ was von Anna erfahren und den Vorgängen in ihrem Hauſe, und eine Botſchaft an ſie gelangen laſſen.“ Er konnte in dem Baubruder doch Jemanden er⸗ blicken, der Iſolden's Vertrauen genoß und dem er wenigſtens einen Theil des ſeinigen um ſo mehr ſchen ken konnte, als ein freier Steinmetz ſonſt ganz außer⸗ halb der Kreiſe ſtand, mit denen ein adeliger Junker in Berührung zu kommen pflegte. Nicht ſo ſchnell vermochte ſich Ulrich in dieſe ſon⸗ derbare Situation zu finden. Wer und was war ihm Iſolde? Eine hochmüthige patriziſche Jungfrau— die es dennoch nicht verſchmäht hatte, im Abenddunkel den äbelberufenen Propſt Kreß heimlich zu beſuchen— die Tochter des Schultheißen, die ihm ſelbſt hochfahrend begegnet war— aber freilich doch nur ſo lange bis ſie ſeinen Namen erfahren, dann hatte ſie ihr Weſen geändert— und wenn er ſich noch einmal ehrlich fragte, was ſie ihm war, ſo antwortete er mit einem tiefen Athemzuge; eine Nichte Eliſabeth's— ihr ähnlich, nur faſt geiſtig verklärter, vielleicht eine Erbin ihres edel⸗ ſten Weſens, wie ſie eine Erbin des koſtbarſten irdi⸗ ſchen Kleinodes war, das dieſe beſeſſen,— eine Erbin ihres Vertrauens, wie es ſchien, und— er dachte die⸗ ſen Gedanken nicht weiter. Er wollte nicht weiter 166 fragen, was ſie ihm war. Er dachte daran, wie ſie nun eben von ihm gegangen, wie ſie ſchon vorhin und jetzt vertrauensvoll zu ihm geblickt wie zu einem Beſchützer und Freund— was konnte er Anderes wollen als die⸗ ſes Vertrauen verdienen? Den Ritter kannte er nicht, er hielt im Allgemeinen nicht viel von dieſen kriegeri⸗ ſchen Müſſiggängern, die bald dieſer, bald jener Sache dienten, und wenn es keinen Krieg gab, die fried⸗ lichen Bürger bennruhigten, ſei es durch nachbarlichen Uebermuth oder Jagd nach Abenteuern, in der ſie manches argloſe Frauenherz verſtrickten und unglücklich machten. „Beliebt es Euch einen friedlichen Gang mit mir zu thun?“ ſagte Wolfſtein höflich zu Ulrich,„Ihr hör⸗ tet wie ich an Euch gewieſen ward. Die Kirche iſt doch kein recht paſſender Ort—“ „Da gebe ich Euch vollkommen Recht,“ antwortete der Baubruder,„und bin bereit, Euch zu begleiten, da der Gottesdienſt zu Ende.“ „Verſchmäht Ihr es nicht einen Becher Wein mit mir zu leeren?“ fragte Wolfſtein,„freilich kann ich Euch, da ich aus der Nachbarſchaft bin, in keine eigene Behauſung führen.“ „Ich danke,“ antwortete Ulrich kurz,„ich befuche 167 keine Trinkſtube, auch ſchiene mir ein ſo profaner Ort noch weniger geeignet als der heilige, ſich über einen Gegenſtand zu unterhalten, der nicht für Aller Ohren taugt.“ „Dann freilich weiß ich keinen Rath als uns im Straßenſchmutze zu beſprechen,“ entgegnete Wolfſtein ärgerlich. Ulrich zuckte die Achſeln und ward nun auch ſeiner⸗ ſeits etwas ungeduldig:„Ihr findet mich ſelbſt davon überraſcht, mich von dem Fräulein von Weichsdorf mit einem Auftrag beehrt zu ſehen, von dem ich bis jetzt nichts weiter weiß, als daß ſie ſich morgen an der Stätte, da ich für ihre Familie arbeite, die Nachricht holen will, die Ihr mir für ſie übergeben werdet. Es ſchien ihr ſtörend zu ſein Euch in der Kirche anzuhören, — ich kann in dieſem Falle nichts Anderes ſein als ein getreues Sprachrohr, das wiedergibt was es vernom⸗ men— und ich glaubte es wären nur wenige Worte, die Ihr mir zu ſagen habt?“ „Im Gegentheil,— es iſt eine lange Geſchichte,“ antwortete der Ritter,„aber eigentlich— ihr bin ich weder Antwort noch Beichte ſchuldig— ſie ſollte nur eine Vermittlerin ſein zwiſchen mir und ihrer holden Schweſter Anna—“ Ulrich blickte mit leuchtenden Augen auf. Alſo um 168 eine Schweſter nur handelte es ſich— nicht um Iſolde ſelbſt— er hatte nicht nöthig ſie auf einem Irrweg zu ſehen, ſie als eine Getäuſchte oder Wankelmüthige zu finden— er hatte nicht nöthig für ſie ein Liebesbote zu werden! Mit erneuter Freundlichkeit ſprach er zu dem Ritter: „Die Wohnung eines Baubruders kann Euch zwar wenig bieten, aber wenn Ihr nicht verſchmäht mich dahin zu begleiten, ſo findet Ihr wenigſtens ein war⸗ mes Plätzchen am Kamin und trocknen Fußboden, während wir hier bis über die Knöchel einſinken und der Himmel Miene macht uns dazu noch von oben mit Schneeflocken zu überſchütten.“ „Gern nehm' ich Euer Erbieten an, wenn Ihr auch das meine verſchmähtet,“ antwortete Wolfſtein,„und gehe jede beliebige Straße mit Euch. Aber nun ſagt mir: Iſt Anna von Weichsdorf wirklich zum Tode krank geweſen— oder iſt ſie es noch?“ „Ich weiß nichts Näheres,“ antwortete Ulrich; „ich habe nur entfernt davon reden hören, daß die Schultheißentöchter ſeit dem Vorfall auf den Buchen⸗ klingen— und wie er das ſagte, fiel ihm plötzlich ein, daß es ja ein Wolſſtein war, den man unter den Rit⸗ tern nannte, welche durch ihr Gebahren dabei neue Streitigkeiten mit den Bürgern von Rürnberg veran⸗ 169 laßt, vielleicht alſo war es dies, worüber ſich Wolf⸗ ſtein entſchuldigen wollte, ohne von Iſolde angehört zu werden. Er begriff nun wenigſtens theilweiſe warum es ſich handelte. In dieſem Augenblick kamen ſie an dem Hauſe des Schultheißen vorüber— Wolfſtein hielt ſeine Schritte an— zum erſten Male ſchaute auch Ulrich hinauf. „Da iſt ſie!“ rief Jener entzückt. Aber Ulrich flüſterte warnend:„Machet kein Auf⸗ ſehen und laßt uns ruhig vorübergehen!“ Er ſprach ſo, weil er Iſolden's Wink verſtand. Die Schweſtern ſtanden am Fenſter. Zum erſten Male, ſeitdem ſie wieder das Bett verlaſſen konnte, war Anna in das Chörlein getreten noch ehe die Schwe⸗ ſter zurücktehrte von einer unklaren bangen Ahnung und Sehnſucht ergriffen. Sie hatte Iſolden zu dieſem Kirchgang gedrängt, aber nun dünkte es ihr eine Ewig⸗ keit, daß ſie nicht zurücktehrte. Tag und Nacht war ſie ja an Anna's Seite geweſen— jetzt erſt begriff dieſe ganz den Werth ihrer Nähe. Sie ließ ſich von der Dienerin an das Fenſter führen, dort erwartete ſie Iſolden, dort weilte ſie noch, da dieſe zurückgekehrt. Undjetzt ein Schrei der Ueberraſchung:„Wilhelm!“ Unbedacht erhob ſie ſich um das Fenſter aufzureißen. Iſolde hielt ſie zurück und winkte Ulrich mit Hand und 170 Augen hinab, womöglich auch das geringſte Aufſehen zu vermeiden und weiter zu gehen. Nun konnte ſie aber auch nicht ſchweigen gegen Anna, nicht erſt allein hören und handeln. Sie ſagte ihr, daß Wolfſtein verſucht habe, ſie zu ſprechen, daß ſie ihn aber an den Bau⸗ bruder gewieſen und morgen von ihm eine Erklärung zu erlangen hoffe. Und erſt als ſie das Wort ausge⸗ ſprochen und Anna's Erſtaunen über eine ſolche fremde Mittelsperſon geſehen, fragte ſich Iſolde ſelbſt er⸗ ſchrocken:„Was hab' ich denn gethan?“ Ber„geſalzene Ziſcher“ und ſeine Tochter. In einemarmſeligen Gemach, von niedergebranntem Kaminfeuer nur ſchwach erhellt, ſaß Gerhaus Storch und ſpann. Ihre Hand drehte emſig die Spindel und ihr Geſicht ſchien mehr als gewöhnlich zu glühen— war es von der Arbeit? oder jetzt von der Zimmer⸗ wärme, nachdem ſie ziemlich den ganzen Tag lang im kühlen Gewölbe unter der Barfüßerbrücke geſeſſen und Fiſche feil gehalten? Oder waren es die Reden ihres Vaters, die ihr das Blut in die ohnehin ſchon dunklen Wangen trieben. Er ſtand in einem Winkel und wühlte mit knochi⸗ gen Armen, von denen die ſchmutzigen Hemdärmel aufgeſtreift waren, in einem Faß mit geſalzenen Fi⸗ ſchen herum, die, jetzt aufgerührt, einen widerwärtigen Geruch verbreiteten. Freilich war ſchon das eine un⸗ reine Atmoſphäre, in der Gerhaus athmen mußte, un⸗ 172 reiner aber noch auf moraliſchem Gebiet war die, in der ſie aufgewachſen und von ihrem Vater erhalten wurde. Er war ein habſüchtiger fauler Mann, der ſelbſt nichts thun und doch das Leben genießen wollte— ſo weit er eben genußfähig war— er ſchien uur Organe zum Trinken und Faullenzen zu haben, und Beiden ob⸗ zuliegen erſchien ihm als der Zweck ſeines Daſeins. Die nicht gewöhnliche Schönheit ſeiner Tochter trieb ihn bald, dieſelbe auch dieſem Zwecke dienſtbar zu machen. Er war es ſelbſt, der ſie dem Rath, als der Churfürſt von Sachſen in Rürnberg als Oberrichter des Reichskammergerichtes einzog, zu den dabei ver⸗ anſtalteten Dekorationen zur Verfügung ſtellte Mit einem andern hübſchen Mädchen, das aber von ihr vollſtändig überſtrahlt war, ſchwebte ſie, nur wenig von einem griechiſchen durchſichtigen Gewande ver⸗ hüllt, auf einer Ehrenpforte und hatte da nicht nur das künſtleriſch forſchende Ange des Malers Dürer, ſondern auch die minder reinen Blicke einiger Raths⸗ herren anf ſich gezogen, die ſie ſeitdem mit Geſchenken und zärtlichen Anerbietungen überhäuften, indeß ſie ſelbſt doch verſtand ſie von ſich fern zu halten. Damit war ihr Vater zufrieden, der ſich eine Zeit lang dadurch am beſten ſtund, daß es gewiſſermaßen Mode ward bei der ſchönen Gerhaus ſelbſt ein Fiſchlein zu kaufen 173 und es wohl gar gleich auf der Stelle unter ſchmeichel⸗ haften Redensarten für ſie zu verzehren. Indeß— Alles währt eben nur eine Zeit, die alten und jungen Herren, die ſchon zu verwöhnt oder ermattet waren um ſich viel Mühe um ein Frauenzimmer zu geben, das zwar die derben Späſſe ſeiner Anbeter ertrug, aber ſie ſonſt doch in gewiſſen Schranken zu erhalten wußte, wurden ihrer überdrüſſig und verloren ſich nach und nach wieder von ihrem Krämlein. Es war darum auch dem egoiſtiſchen Vater ganz recht, als Meiſter Dürer mit jenem Anerbieten, daß ihm das Mädchen als Modell ſitzen ſolle, gekommen war— wenn man das erführe oder das ſchöne Bild dann zu ſehen be⸗ käme, werde man wieder nach dem Original ſich um⸗ ſehen und das Fiſchgeſchäft einen neuen Aufſchwung nehmen. Jetzt aber ſchien es dem Händler zu ſehr in's Stocken gekommen zu ſein und er machte der Tochter Vorwürfe darüber, daß ſie es vernachläſſige, die Käu⸗ fer nicht mehr anlocke und ſtatt ihnen ſchalkhaft ent⸗ gegenzulächeln, oft mit einem Geſicht daſitze,„als wären ihr Fiſchgräthen im Halſe ſtecken geblieben.“ „Wenn du das oft thuſt,“ fuhr er fort,„ſo wird es bald ganz mit dem Rufe deiner Schönheit vorbei ſein.“ Gerhaus warf trotzig den Kopf zurück und erwi⸗ 174 derte:„Meinetwegen! ſeit mich Meiſter Dürer con⸗ terfeit, weiß ich es doch anders, und was er mir ſagt, gilt mir mehr als was alle andern Männer reden!“ „Was!“ rief der Händler, und indem er näher auf ſie zutrat, ſtand er mit den in die Seiten ge⸗ ſtemmten Händen, daß beide Ellenbogen in ſcharſen Ecke herausſtanden, drohend vor ihr:„Du haſt dich wohl in die langen Locken und das fromme Chriſtus⸗ geſicht des Malers vernarrt und verſchwendeſt an dem Hungerleider, der kaum aus der Hand in den Mund zu leben hat, was uns bei manchem reichen Rathsherrn Geld und allerlei Vortheile eingebracht hätte. Ja daran hab'ich wahrlich nicht gedacht, daß der Meiſter, der ſo ehrbar und tugendhaft thut, die ſchönſten Mo⸗ delle nicht umſonſt malen wird. O was bin ich dumm geweſen, und erſt jetzt müſſen mir die Augen auf⸗ gehen!“ „Vater, Ihr irrt, Ihr läſtert!“ rief Gerhaus erglühend.„An mir dürft Ihr zweifeln, von mir dürft Ihr eher reden wie von einer gemeinen Buhle⸗ rin, denn Ihr habt Euch wahrlich Mühe genug gege⸗ ben, mich dazu zu machen— aber Meiſter Dürer dürft Ihr nicht anzutaſten wagen mit Euren unrei⸗ nen Händen, der iſt mehr noch als er ſcheint, ein Hei⸗ liger, ein Märthrer, zu dem es mit mehr Ehyfurcht 175 aufzublicken geziemt als zu den Heiligenbildern, die er für die Kirche malt.“ „Ho ho!“ antwortete der gemeine Vater:„Du rechneſt es ihm wohl als Verdienſt an, wenn er deine enthüllten Reize konterfeit und nicht in Verſuchung dadurch gerieth? Es wird ihm etwas Alltägliches ſein! Und er würde ſchön ankommen bei ſeiner Ehehälfte, die ihn gehörig unter dem Pantoffel hat, wenn ſie gerechte Urſache zur Eiferſucht hätte— grün wird ſie dir ſo nicht ſein?“ „Gewiß nicht,“ antwortete Gerhaus ſchnell, um auf ein anderes Thema zu kommen,„ſo wenig als ich ihr. Seit ich dort aus⸗ und eingehe, weiß ich erſt, daß Alles wahr iſt, was die Leute von ihrem Geiz und ihrer Härte erzählen— die hätte einen Mann ver⸗ dient, der ſeine Frau alle Tage prügelt, wie es de⸗ ren genug in Nürnberg gibt, auch unter den Ge⸗ ſchlachtern— aber keinen ſanften Dürer.“ „Wie oft wirſt du ihm noch ih müſſen?“ ſtohte der Händler ungeduldig. „Ich weiß es nicht gewiß— ich denke doch noch ein paarmal,“ antwortete Gerhaus ſeufzend und man konnte es an dem gepreßten Ton ihrer Stimme be⸗ merken, daß ſie mit Schaudern an die Zeit dachte, wenn dieſe Sitzungen vorüber wären. 176 „Und du bekommſt gar Nichts dafür?“ „Ihr wißt ja— ich erklärte, daß ich es um Geld nicht thue— er hat mir aber verſprochen, mein Por⸗ trät für mich zu zeichnen.“ „Wenn er Wort hält, läßt ſich vielleicht ein leid⸗ licher Handel damit machen, nur muß es ſo ſein, daß es den Männern gefällt. Herr Martin Löffelholz kauft es gewiß.“ Gerhaus verſchloß den Zorn in ſich, den in ihr dieſe Worte erregten. Sie wußte gewiß, daß ihr dies Bild um keine noch ſo große Summe feil ſein würde, nicht weil es ſie ſelbſt darſtellte und weil ſie etwa vor der Vorſtellung geſchaudert hätte, ſich ſelbſt und viel⸗ leicht noch dazu in herabfallenden Gewändern gemalt, in fremden Händen und allen lüſternen Blicken aus⸗ geſetzt zu ſchen— gegen ſolche Empfindungen zarter Scham war ſie bereits abgeſtumpft— ſondern, weil es ein Werk von Dürer's Händen war, das ſie als ihren höchſten Schatz und Stolz bewahren wollte. Aber ſie hütete ſich wohl, jetzt ſchon durch eine be⸗ ſtimmte Erklärung ihren Entſchluß zu verrathen und den Widerſpruch ihres Vaters herauszufordern. Sie vemerkte nur mit bitterem Lächeln:„Herr Martin Löffelholz ſcheint ſchon Geſchmack an einem andern Bilde zu finden— wenn auch aus der Heirat mit 177 der Schultheißentochter Nichts wird, jetzt hält er es dafür mit der Gemalin des Schultheißen undläuft zu⸗ gleich der Derta nach, der kleinen Plattnerstochter— aber die will ich ſchon vor ihm zu ſchützen wiſſen!“ Der Alte machte ein in Dummheit erſtarrtes Ge⸗ ſicht—„du willſt wohl eiferſüchtig ſein auf den Rathsherrn, von dem es bekannt iſt, daß er jeder Schürze nachläuft? Du wäreſt wohl im Stande, es aus ſolcher Laune mit ihm verderben zu wollen? Ich hätte dich für klüger gehalten!“ Gerhaus gab darauf keine Antwort, aber ihre Stirn verfinſterte ſich mehr und mehr, ihre Angen ſchienen Blitze zu ſ ſprühen, ſie hörte auf zu ſpinnen und erhob ſich— jetzt glich ſie einer zürnenden Mänade. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und Herr Martin Löffelholz trat ein. Der alte Händler wandelte ſchnell den Ausdruck ſeines Geſichtes zu dem kriechender Freundlichkeit und ſch die unterwürfigſte Stellung an, was ihn jedoch nicht hinderte in der Schnelligkeit im Verborgenen drei Kreuze zu machen— er dachte bei ſich: der Gott⸗ ſei⸗ bei⸗ uns erſcheint, wenn man ihn nennt! ſchien aber dennoch ganz zufrieden zu ſein, daß der 1861. XVIII. Die Schultheißentöchter von Nürnberg 1. 12 178 Eingetretene Gerhaus mit ſeinem Arm umſchlang und vertraulich in die dunkle Wange knipp. „Das iſt ja ein unerwarteter Beſuch!“ ſagte dieſe und ohne ſich ſeinen Liebkoſungen zu entziehen, erwi⸗ derte ſie doch dieſelben nicht. Der Rathsherr warf ſeinen Mantel ab und ließ ſich auf den Schemel am Fenſter nieder, auf dem Ger⸗ haus vorhin geſeſſen hatte, und indem er ſie auf ſei⸗ nen Schvoß zog, ſagte er:„Du mußt dir dieſen Platz ſchon gefallen laſſen, denn mir ſcheint, daß kein ande⸗ rer vorhanden iſt, wenn wir dem Vater den ſei⸗ nen laſſen wollen— und er iſt es auch ſo ganz zu⸗ frieden?“ „Gewiß, gewiß,“ antwortete der Händler unter⸗ thänig.„Indeß wäre es vielleicht um Eurer eigenen Würde willen beſſer, wenn Ihr Euch nicht zu nah'am Fenſter ſehen ließet!“ Der Rathsherr warf einen verächtlichen Blick auf das aus kleinen runden Scheiben zuſammengeſetzte Fenſter, an den manche derſelben durch Papier und Holz vertreten und auch die darin befindlichen durch Staub und angeſpritzte Fiſchlauge verdunkelt waren. „Das müßten freilich Falkenaugen ſein, die da hin⸗ durch ſehen könnten— dazu ſchlagen noch Regen und Schnee ans Fenſter, daß Niemand Luſt haben wird ₰„ 179 da unten ſtehen zu bleiben— auch nicht der ſchönen Gerhaus zu gefallen!“ fügte er hinzu, indem er ſie küßte und ihr Halstuch zurückſchob. Sie ließ ſich Alles gefallen ohne doch einen zärt⸗ lichen Blick oder ein freundliches Wort für ihn zu haben und er fuhr zu plaudern fort:„Euere Fiſche verbreiten allerdings keine Balſamdüfte und auch in den Gemächern meiner Junggeſellenwirthſchaft wür⸗ den wir uns wohler befinden als in dieſem verdumpf⸗ ten Erdgeſchoß. Werdet Ihr Euch nicht einmal ent⸗ ſchließen zu kommen— wie ich ſo oft zu Euch gekom⸗ men bin?“ Gerhaus ſchwieg und blickte trotzig vor ſich hin. Ihr Vater aber nickte zuſtimmend, indem er ſagte: „Ihr wißt, ich war immer eines wohledlen Rathes getreueſter Diener!“ „Aber ich bin keine Dienerin!“ ſagte Gerhaus und machte ſich von Löffelholz los. „Das ſollſt du auch gar nicht ſein,“ ſagte dieſer mit begütigender Schmeichel ei,„ſondern der ſchönſte Schatz, den ich je beſeſſen. Ich denke, du kannſt dir dieſe Erklärung zur Ehre anrechnen, denn ich habe immer einen guten Geſchmack gehabt und zu klein war die Zahl Derer auch nicht, die ſich ſo von mir nennen ließen. Komm in mein Haus und führe meine Wirth⸗ 12* 180 ſchaft, du wirſt wenig mehr zu thun haben, als dich zu putzen und mich zu unterhalten, wenn auch in die⸗ ſer widerwärtigen Jahreszeit das Zipperlein plagt und ich nicht ausgehen kann. Sieh, ich habe dir ſchon etwas mitgebracht.“ Er zog ein von Glasperlen zier⸗ lich geſchnürtes Halsband hervor und befeſtigte es um ihren bloßen Hals. Sie betrachtete dies und ſich ſelbſt jetzt allerdings 1 mit einigem Wohlgefallen, ſagte aber:„Und in Kur⸗ zem werdet Ihr Euch verheiraten und ich würde wie⸗ der meiner Wege gehen können— dies Herzeleid will ich mir lieber erſparen.“ „Närrchen!“ antwortete er,„das Heiraten iſt mir ganz und gar vergangen, ſeit ich ja durch dich ſelbſt von der kleinen Schultheißentochter erfahren, daß auch dies als fromm und unſchuldig ausgegebene Geſchöpf heimliche Zuſammenkünfte mit verrufenen Rittern hat,— die habe ich aufgegeben und mit ihr Alle, da wohl keine mehr taugen wird als dieſe kleine Heuchlerin— denn bei den ſchöneren und älteren Frauenzimmern habe ich ſchon noch viel ſchlimmere Erfahrungen gemacht— da ſei alſo unbeſorgt— und fiele mir das Heiraten ja noch ein— nun, dann kann man ja nicht wiſſen, was mir noch einfällt— und was geſchieht!“ Dabei griff er Gerhaus ſtrei⸗ 2 . 181 chelnd unter's Kinn und hob ihren Kopf zu ſich em⸗ por, indem er ihr bedeutungsvoll lächelnd in das Geſicht ſchaute. Der Fiſchhändler, der vorhin doch ſein Kind ſo ruhig den wenig ſittſamen Liebkoſungen des Raths⸗ herrn überlaſſen und beide Theile dazu viel eher er⸗ muntert als gehindert hatte— er, der ſich in allen Stücken für den gehorſamſten Diener erklärte und ſeiner Tochter zu zürnen ſchien, daß ſie nicht gleich ieden Vorſchlag des Rathsherrn annahm— er war ietzt auf einmal ſtill und bedenklich geworden. Er war immer in Gerhaus gedrungen, Herrn Löffelhol; „feſtzuhalten“— und jetzt hörte er deſſen ſehr ent⸗ ſchiedenen Antrag mit Schrecken und Zagen. Der Spekulant berechnete was wohl mehr eintragen würde: wenn ſeine Tochter dem Einen gehörte oder eine Verlockung blieb für Viele. Er hatte Beides zu vereinigen gedacht— und nun ärgerte es ihn, daß es zu einer Entſcheidung kommen ſollte. Würde nicht ſein Fiſchkrämlein unter der Barfüßerbrücke die beſte Kundſchaft verlieren, wenn die ſchöne Gerhaus nicht mehr darin zu finden wäre? Was würde das Bild noch nützen, das Meiſter Dürer malte, wenn das Original in der Wohnung des Rathsherrn ver⸗ ſchwände? Vielleicht freilich fiel da, wo Gerhaus 182 „wirthſchaftete“, auch der Unterhalt für des Vaters Wirthſchaft mit ab— aber was ſollte aus ihm ſonſt werden ohne die ſchmucke Verkäuferin? Und wie lange würde die Herrlichkeit mit Herrn Löffelholz denn dauern?— wie lange, und ſie kehrte vielleicht mit Schimpf und Schande heim und man würde mit Fingern auf ſie zeigen, aber nicht mehr bei ihr kau⸗ fen wollen. Der Fiſchhändler wollte auch ſeine Ehre vor der Welt bewahren, wenn er es auch ſonſt nicht ſtreng mit der Tugend ſeiner Tochter nahm. Niemand hatte ihr bisher etwas nachſagen können. Aber dem Rathsherrn zu widerſprechen, ſich ihn zum Feinde zu machen— das wollte er doch auch nicht wagen!— Aber nun freilich jetzt die letzte Andeutung! wenn Gerhaus eine Patrizierin, wenn ſie Frau Löffelholz werden könnte! Wenn das gelänge! ſie war ja eben ſo klug als ſchön und daß der Rathsherr wieder kam, nachdem ſie ihn ſchnöde genug behandelt, das ſprach doch für einen gewiſſen Ernſt ſeiner Neigung. Lag es nicht vielleicht in der Art dieſes Mannes, der Schul⸗ theißentochter zum Trotz ſich mit einem Mädchen der niedern Kaſte zu vermälen? und zu der allerniedrig⸗ ſten rechnete der Fiſchhändler ſich keineswegs Hätte er einen Rathsherrn zum Schwiegerſohn— dann wäre ſein Glück ja für immer gemacht und er könnte 183 ruhig ſein Krämlein ſchließen. Oft kam allerdings ſolch' eine Meſſallianz nicht vor im zunft⸗ und kaſten⸗ reichen Nürnberg— aber einzelne Fälle gab es doch und damit die Hoffnung, auch zu ſolchen Ausnahmen zählen zu können. ₰ In Gerhaus ſelbft blitzte ein ähnlicher Gedanke auf. Für ſie war der Glanz und Schimmer der Vor⸗ p nehmen immer verführeriſch geweſen. Wennſie manch⸗ mal eine hagere und häßliche Patrizierin in koſtbaren Stoffen und mit dem funkelndſten Schmuck beladen ſtolz an ſich vorüberrauſchen ſah, dachte ſie immer: wie wenig nützt ihr dies Alles und wie ganz anders würde es zu den eigenen üppigen Formen und dem jugendfriſchen Antlitz ſtehen! Welch' eine Wonne für ſie dieſe Uebermüthigen zu demüthigen, ſich ihnen gleich zu ſtellen! Bisher war es nur Gehorſam gegen ihren Vater geweſen, was ſie dahin gebracht hatte, beſonders in der Gegenwart desſelben, dem zudring⸗ lichen Löffelholz freundlich zu begegnen, aber ſie hatte nur Duldung, keine Erwiderung gezeigt jetzt auf einmal blickte ſie ihn feurig an und ſagte:„Gleich einer gemeinen Dirne würde ich niemals zu Euch ge⸗ hen, kann ich aber in einer gewiſſen Stellung bei Euch wohnen, daß mir von den andern Leuten Eures 184 Hausſtandes mit Achtung begegnet würde— ſo wäre das etwas Anderes.“ „Närrchen!“ ſagte der Rathsherr, wo ich Reſpekt verlange, da weiß ich ihn auch zu erlangen.“ „Aber das Krämlein und die Fiſche? mein ganzes Geſchäft?“ warf der Händler erſchrocken ein,„wie kann ich mein einziges Kind fortgeben! Ihr werdet doch erlauben, daß ſie wenigſtens an den Markttagen mich nicht verläßt?“ Der Rathsherr lachte:„Abwechſelnd Euch die Kunden in Euer ſtinkendes Geſchäft zu locken, dann bei mir zu ſein und von meiner Umgebung Reſpekt zu fordern— das wäre doch zu viel verlangt. Was Ihr einbüßt, werd' ich Euch ſchon erſetzen. Wir ſind alſo in Richtigkeit— Du kommſt morgen?“ Sie gab ihm die Hand und ſagte mit plötzlich zit— ternder Stimme:„Morgen— aber ſobald Ihr Euer Verſprechen nicht haltet, gehe ich wieder.“ „Schon gut, ſchon gut!“ antwortete er nachläſſig und verabſchiedete ſich mit einer letzten Umarmung. Als der Rathsherr fort war, gab es noch eine lange Auseinanderſetzung zwiſchen Vater und Tochter, in der Erſterer allerlei plumpe Rathſchläge gab, wie es Gerhaus anfangen ſolle, die Gunſt des Rathsherrn zu befeſtigen und ihn zur Ehe zu vermögen.„Denn 185 außerdem,“ ſchloß er,„wenn du vielleicht nur mit Schimpf und Schande beladen zu mir zurückkehren willſt, werde ich dir meine Thür verſchließen. Ich wollte, du wäreſt freundlicher mit den Männern ge⸗ weſen als du warſt— aber daß du mich um Eines willen verläßt— das kann ich nur zugeben, wenn ein dauernder Gewinn daraus erwächſt.“ Gerhaus war es überdrüßig, dem gewiſſenloſen Vater mit Gegenvorſtellungen zu antworten, zu denen ſie, ſeinen veränderlichen Anſichten gegenüber, berechtigt geweſen wäre. Sie ſchwieg und legte ſich ſchlafen— zum letzten Male an ihrem heimiſchen Herd. Erſt am folgenden Nachmittag hatte ſie verſpro⸗ chen zu Löffelholz zu kommen. Am Morgen hatte ſie noch eine Sitzung bei Meiſter Dürer— davon wollte ſie dem Rathsherrn Nichts wiſſen laſſen. Wie gewohnt, ſaß der Meiſter ſchon in voller Ar⸗ beit an der Staffelei, als ſie eintrat. „Es iſt heute das letzte Mal, daß ich Eure Gefäl⸗ ligkeit in Anſpruch nehme,“ ſagte er ſanft,„ich habe nur die allerletzte Hand noch anzulegen— aber Ihr blickt ja heute gar nicht ſo kühn und feurig, wie ich an Euch gewohnt bin,“ fügte er hinzu, als er ſah, wie ſie bei ſeinen Worten erbleichte und etwas wie eine Thräne ihre Augen trübte. 186 Sie ſuchte ſich zu faſſen, indem ſie ihren Mantel abwarf, und die gewohnte Attitüde annuhm— aber ſie zitterte, wie ſie in ihrer Stellung beharren wollte. „Ihr braucht Euch keinen Zwang anzuthun,“ fuhr Dürer milde fort,„ich habe nur noch den geſenkten Arm zu malen, in einem Stündchen ſeid Ihr erlöſt. Nun ſagt noch einmal, ob ich Euch lieber bezahlen ſoll wie Andere, oder noch ein Bild von Euch liefern?“ „Ich nehme kein Geld!“ rief ſie haſtig;„ich habe es Euch ſchon oft geſagt, ich bin ſtolz auf die Ehre, die mir durch Euren Meiſterpinſel widerfahren.“ „So werde ich Euch noch einmal malen,“ antwor⸗ tete er,„aber nicht antikiſch, ſondern wie Ihr Euch kleidet, wenn Ihr Eure Fiſche feil haltet.“ „Nein, ſo gewiß nicht,“ fiel ſie ihm in's Wort, „dann lieber gar nicht!“ „Ei, ei, Ihr werdet Euch doch nicht Eures ehr⸗ ſamen Gewerbes ſchämen?“ ſagte der Meiſter,„ein Anderes iſt es, wenn Ihr mir als Modell dient, wen ich aber conterfeie, den male ich in ſeiner gewohnten Tracht.“ „Ich will ja auch ſchon in ihr erſcheinen,“ ſagte Gerhaus niedergeſchlagen.„Wann ſoll ich kommen?“ „Etwa in acht Tagen— bis dahin hab' ich eine andere Arbeit, die ich um der Zahlung willen fördern 187 muß,“ antwortete Dürer mit einem unterdrückten Seufzer. Georg Glockendon, der hier Lehrling war, trat ein und ziſchelte dem Meiſter etwas in die Ohren, wovon Gerhaus nur die Worte verſtand:„Frau Ag⸗ nes— keifen— ſtiftet Frieden!“ Dürer biß die Lippen zuſammen, daß ſie in dem vollen Bart faſt verſchwanden, warf Pinſel und Pa⸗ lette hin und ging hinaus Glockendon blieb. Feſſelten auch den unſchuldigen Jüngling Gerhaus' verführeri⸗ ſche Reize? „Der edle Meiſter hat wohl viel von ſeiner Haus⸗ frau zu leiden?“ fragte ſie ihn. „Gewiß,“ antwortete ſein Schüler,„ſie macht ihm und Allen, die ihr nahe kommen, das Leben ſchwer.“ „Warum hat er ſo zeitig geheiratet?“ „Meint Ihr das wäre das Unglück?“ fragte Georg. „Gewiß, und ich rathe Euch, ihm darin nicht nach⸗ zuahmen— ich fürchte, Ihr ſeid dazu auf dem beſten Wege— ſeht Euch vor.“ Georg ſah erröthend die Sprecherin an. „Wenn Ihr ein Liebchen habt, ſo nehmt es vor den Nachſtellungen großer Herren in Acht!“ warf ſie 188 hin,„in das Haus eines Plattners wiſſen ſich Ritter wie Knappen, Rathsherren wie Bürger Behelfe zu machen— warnt ſein Töchterlein vor ihren Liebhabern und vor Euern Feinden.“ „Gerhaus— was wißt Ihr, was wollt Ihr ſa gen?“ rief Georg, indem er ganz nahe zu ihr trat. Sie faßte ſeine Hand und beugte ſich zu ihm, daß ſie dicht in ſein Ohr ſagen konnte:„Ich mein' es gut mit Euch und Irma, vertraut mir— und ich werde Euch nützen können— wir werden uns hier noch wie⸗ derſehen.“ In dieſem Augenblick trat Frau Dürer ein— ihr Gatte folgte ihr. Sie hörte die letzten Worte, und der Stellung der Beiden nach, wie der Aufregung, in der ſich Beide befanden, konnte ſie nicht Anderes glauben, als daß ſie hier eine zärtliche Scene ſtörte. „So alſo geht es hier zu?“ rief ſie entrüſtet,„das habe ich mir gleich gedacht. Ich leide dieſe Perſon nicht mehr. Ich habe es gleich geſagt, ein ehrbares Frauen⸗ zimmer läßt ſich nicht in einem ſolchen Aufzug ſehen, du haſt umſonſt verſucht, ſie mir als keine gewöhnliche Dirne zu ſchildern! Den naſeweiſen Jungen da ver⸗ führt ſie und wie es mit dir und ihr ſtehen mag—“ Gerhaus ſprang auf— jetzt glich ſie wieder ganz einer raſenden Mänade. = 189 Dürer winkte ihr halb befehlend, halb gebieteriſch mit der Hand. Seine Gattin faßte er ſanft am Arme, geleitete ſie zur Thür und ſagte:„Das Reich da drau⸗ ßen hab' ich dir überlaſſen nach deinem Gutdünken zu walten und zu ſchalten— das hier innen in meinem Atelier aber iſt das meinige— ich habe nichts mit deinem Herd und du nichts mit meiner Kunſt zu ſchaffen!“ Der ſchmerzliche Ausdruck, mit dem er dieſe Worte ſprach, bezeichnete am beſten, wie tief er den Zwieſpalt empfand, der ſo durch ſeine Ehe ging, daß ſie eben nur neben— ober nicht miteinander leben konnten. Sie ging ſchweigend, aber ſie ſchnaubte Rache gegen Gerhaus und Georg. „Warum gingſt du nicht wieder an die Arbeit?“ mit den verweiſenden Worten bedeutete er auch dieſem zu gehen. Zu Gerhaus ſagte er mit Mißbilligung:„Warum warft Ihr nicht Euern Mantel über?“ Sie wagte kein Wort zu erwidern. Er ſprach nicht mehr, ſondern malte ſtill und fleißig weiter. In Gerhaus wogte ein Sturm von Empfindungen. Die Vorwürfe, die ſie gehört, waren halb gerecht, halb ungerecht— ein Triumph war dabei: Frau Dürer hatte ſelbſt das Zeugniß abgelegt, daß ihr Gatte beſſer 190 von Gerhaus denke. Sie wollte das verdienen. Als er ihr ſagte, daß ſie entlaſſen ſei, faßte ſie ſeine Hand, bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen und ſagte:„Ich ſcheide als eine Verſtoßene aus dieſem Heiligthume— Euer Weib hatte kein Recht mich zu verurtheilen— aber ich werde ihr gehorchen und nicht wiederkehren.“ Er ſtand vor ihr, groß und ſanft— wie er den Meiſter Jeſus Chriſtus gemalt, als die Ehebrecherin vor ihm kniete— er dachte an dies Bild, ihm ward es ein Vorbild: wer durfte ſie richten? „Ich halte mein Wort,“ ſagte er,„und laſſe mich nicht durch Andere beirren. Kommt in acht Tagen wie⸗ der— jetzt, lebt wohl!“ Gerhaus taumelte hinaus. XI. Annäherung. Ulrich harrte auf Iſolde in der Begräbnißcapelle der Behaim in der Lorenzkirche. Seit ein paar Wochen meißelte er dort an der Mauer den Platz paſſend aus, an dem das Denkmal für Martin Behaim angebracht werden ſollte. Er war dabei allein beſchäftigt. Iſolde hatte das anzunehmen geglaubt, da ſie geſtern bei ihrem Kirchgang die angefangene Arbeit geſehen hatte. Die Sonne hatte heute auch die Novemberwolken beſiegt, durch die bunten Glasfenſter verbreiteten ihre Strahlen ein zauberhaſtes Licht. Ulrich war mit ſeinen Gedanken nicht ſo in ſeine Arbeit vertieft, wie er es ſonſt zu ſein pflegte. Er war ſich des erſten, durch die Aehnlichkeit erſchütternden Eindruckes wohl bewußt geworden, den Iſolden's Er⸗ ſcheinung auf ihn gemacht, und es war nicht ohne eine gewiſſe Abſichtlichkeit geſchehen, daß er ihr auswich, daß er ſelbſt, wenn er auch noch ſo oft am Hauſe des 192 Schultheißen vorüberging, doch nicht an demſelben em⸗ porſah. Gleichwohl hatte ihm dies Vermeiden nicht viel geholfen. Mußte er doch faſt täglich in der Be⸗ gräbnißcapelle die Eliſabeth vor ſich ſehen, die ſeine eigene Hand als den Genius der Liebe hier in den Stein gemeißelt. Er hatte wohl ihre Schönheit treu der Natur nachgeahmt, aber er hatte ſie noch vergei⸗ ſtigt und veredelt dargeſtellt, wie ſie als Ideal vor ſei⸗ ner Seele ſchwebte. Das ſpöttiſche Lächeln, das zuweilen die edle Form ihres Mundes beeinträchtigen konnte, war hier verſchwunden, der Ausdruck von Eitelkeit und Hochmuth, den man bei ihr oft bemerken konnte, war hier zu einem Schimmer von Erhabenheit gewandelt, und das üppige Weib ſchien durch ſeinen vergeiſtigenden Meißel noch in der Glorie reinſter Jungfräulichkeit— es war eben eine verklärte Eliſabeth, die er geſchaffen. Und gerade dieſer glich Iſolde vielmehr als der wirk⸗ lichen— und Ulrich ward ein umgekehrter Pygmalion. In heilige Erinnerung verſunken, hatte er nach langen Jahren dies Werk ſeiner Hände wieder geſehen— ein frommes Andenken wollte er ihm weihen— und es ſtand plötzlich neben ihm als eine lebenswarme Er⸗ ſcheinung. Auch für ihn war dieſes Steingebilde bald viel mehr Iſolde als Eliſabeth. Das freilich wußte er noch nicht. 193 Er arbeitete fleißig und wollte nicht aufſehen. Vor dem Picken ſeines Meißels überhörte er die nahenden Tritte. Iſolde ſchien auch über das Steingetäfel zu ſchweben, nur das Schleppen ihres Gewandes dar⸗ auf konnte man vernehmen. „Gott grüße Euch, Meiſter!“ ſagte ſie faſt de⸗ müthig. Zugleich ſchlug ſie den mit flimmerndem Silber durchwirkten Schleier zurück und ſtand mit geſenkten Augen vor ihm. Er hielt mit ſeiner Arbeit inne und erwiderte ihren Gruß in beſcheidener Weiſe. „Ich bin Euch eine Erklärung ſchuldig für mein Betragen,“ begann ſie mit dem ſanfteſten Ausdruck ihres biegſamen Organs. Ich habe Euch nicht wie einen Fremden betrachtet, ſondern wie einen Freund der Behaim und als ſolchem Euch vertraut und Euern Beiſtand gefordert, da es mir an einem andern ge⸗ brach. In meiner früheſten Jngend ſchon hatte ich genug über Euch aus glaubwürdigem Munde gehört, nicht allein von meiner Mutter Schweſter Eliſabeth, ſondern auch von Charitas Pirkheimer und andern Bewohnerinnen des Klarakloſters, um nicht nur den Künſtler in Euch zu verehren, ſondern auch den Men⸗ ſchen unwillkürlich wie einen Bekannten zu betrach⸗ ten. Es iſt etwas Großes um das Bewußtſein, daß 1861 XV. Die Schultheißentöchter von Nürnberg. 1 13 194 Jemand das Vertrauen, das man ihm zeigt, nicht mißbrauchen werde, ich brauchte bei Euch keine andere Bürgſchaft dafür, als was ich aus Eurer Vergan⸗ genheit wußte— und ſo hoffe ich von Euch Verge⸗ bung, daß ich in einem bedrängten Augenblick mich an Euch wandte.“ Das war nicht die ſtolze Sprache, die Ulrich beim erſten Begegnen von ihr gehört hatte. Faſt ſchüchtern und zagend ſtand ſie vor ihm mit niedergeſchlagenen Augen, ſeiner Antwort wie der Verkündigung eines Richterſpruches lauſchend. Und faſt als ob ihre Stimmung, ihre Art des Betragens bei ihm immer einen Widerhall finden müſſe, war auch bei ihm die froſtige Höflichkeit, die er ihr das erſte Mal gezeigt hatte, einer gefühlswär⸗ meren Sprache gewichen. Mit ihr ſagte er ſanft: „Gern möchte ich mich des Vertrauens würdig ma⸗ chen, das Ihr mir zeigt und das mir ſo unerwartet zu Theil geworden, aber ich muß fürchten, daß ich ein ungewondter Unterhändler in mir fremden Dingen bin Der Ritter von Wolſſtein läßt Euch und noch mehr Eure werthe Schweſter um Vertrauen und Ver⸗ zeihung bitten— um eine Möglichkeit ſie wiederſe⸗ hen zu können— das iſt im Grunde Alles, was ich zu ſagen habe“ 195 „Viel und wenig zugleich!“ antwortete Iſolde— und wiewohl ſie es billigen mußte, daß Ulrich ſo ſtumm über ihre Erinnerung an die Vergangenheit hinweg und ſogleich zur Gegenwart und dem über⸗ ging, was nur der Zweck ihrer Zuſammenkunft ſein konnte, ſo empfand ſie es doch zugleich faſt wehmü⸗ thig— wie ein Vergeſſen Eliſabeth's und wie eine Zurückweiſung für ſich ſelbſt. Doch war es vielmehr unwillkürlich als mit Abſicht, daß ſie ihren vorigen ſanften Ton beibehielt und zu ihm ſagte:„Der Rit⸗ ter will uns noch glauben machen, daß er meine Schweſter liebe, nachdem er ſie ruhig dem widerwär⸗ ligſten Geſchick überläßt!“ „Er beugt ſich nur dem Willen ſeines ſchroffen Vaters, wie er mir ſagt,“ berichtete Ulrich.„Der⸗ ſelbe hat ihn mit der Braut ſeines älteſten verſtorbe⸗ nen Sohnes, einem kaiſerlichen Hoffräulein Amanda verlobt— d. h. die Familien der Beiden ſind einig geworden, daß die Kinder ein Paar werden ſollen, ſchon ſeit alter Zeit— nur erſt in ſeiner letzten Ab⸗ weſenheit hat Wolfſtein, der Sohn, da er die Braut begrüßen ſollte, erfahren, daß ihm eine ſolche zuge⸗ dacht. Er hat erklärt, daß er das Fräulein verſchmähe, daß er nicht von Andern über ſeine Hand verfügen laſſe— der Vater hofft ihn noch zu beugen, er droht 13* 196 mit Enterbung und Fluch, wenn der Sohn eine An⸗ dere freien wolle, er erklärt nie dazu ſeine Einwilli⸗ gung zu geben; noch mehr, er erklärt das Mädchen in jeder Weiſe zu verfolgen, ihren Ruf, ihr ganzes Le⸗ ben zu vergiften, das es wagen könne den Sohn zu einem Treubruch zu verleiten— ſo ſagte er, weil für den Vater die Verlobung ſeines Sohnes mit der ihm von Kindheit auf beſtimmten Braut als ein unzer⸗ reißbares Band gegolten. Der Ritter aber will in Treue feſthalten an Anna— und hofft von der Zeit und der Treue liebender Herzen noch eine günſtige Löſung. Jetzt aber ſei er von Laurern umſtellt, die den etwaigen Gegenſtand einer geheimen Liebe ent⸗ decken ſollten— und um den Vater nicht auf die rich⸗ tige Spur kommen zu laſſen, vermied er bei der Rückkehr Nürnberg und zumeiſt das Haus des Schul⸗ theißen— viele Verſuche, Eurer Schweſter zu begeg⸗ nen oder ihr ein Zeichen zu ſenden, mißlangen ihm — bis endlich Eines doch gelang. An den„Buchen⸗ klingen“ hoffte er ihr Alles erklären zu können. Aus dem Jagdgefolge wollte er dorthin ſich ſtehlen und wenn man ihn vermißte, konnte er ſich leicht mit der Verfolgung eines Edelwildes entſchuldigen. Da mußte für ihn das Allerwiderwärtigſte geſchehen— ſein Va⸗ ter ordnete wider Fug und Herkommen an, daß an 197 den Buchenklingen das Mahl gehalten werden ſollte — der ganze Jagdzug tobte dorthin— und das Uebrige wißt Ihr ja ſelbſt.“ Iſolde blickte nachdenklich vor ſich nieder— zum Theil freilich war nur Wolfſtein entſchuldigt— den⸗ noch erſchien ihr dieſes Zuwarten und Sichfügen in die Verhältniſſe eines Mannes, eines Ritters nicht würdig, ſo lange namentlich die Geliebte darunter litt, wie jetzt ihre Schweſter— ſie wenigſtens hätte einen ſolchen Mann doch nicht lieben können. Das ſagte ſie ſich— aber ſie wußte nun ſchon, daß Anua's Liebe Alles entſchuldigen werde. Dabei mußte Iſolde ja auch an Eliſabeth's Lebensanſchauung denken— ſie hatte es ihr freilich gelehrt, daß kein Mann zu lieben verſtünde wie eine Frau und wie gerade die garſtigſte fordere geliebt zu werden— und darum war ja Iſolde gegen jede Liebe auf ihrer Huth— und doch ſchlug ihr Herz ſo heftig, als ſie ſagte:„Könnt Ihr das Betragen des Ritters billigen? Findet Ihr es eines Mannes würdig?“ Er blickte zur Erde und antwortete halb zurückwei⸗ ſend, halb beklommen:„Vergeſſet nicht, daß ich in dieſen Dingen kein Urtheil habe und erblickt in mir nichts Anderes als des Ritters Sprachrohr— zu dem Ihr ſelbſt mich gemacht. Ich habe ihm das auch —— 198 geſagt und nur ſeiner letzten Bitte Gewähr verſpro⸗ chen, daß er ſich nächſten Sonntag oder nach jedem Feierabend bei mir eine Nachricht über die heutige Unterredung holen kann oder was Euch ſonſt belieben ſollte mir anzuvertrauen— meiner Verſchwiegenheit ſei er gewiß— wie Ihr es ſeid!“ Obwohl der Ton, in dem er dies ſagte, voll Ach⸗ tung und Ergebenheit klang, ſo lag doch auch etwas kalt Abweiſendes darin, wodurch ſich Iſolde zu der haſtigen Erklärung gedrungen fühlte:„Meinet nicht, daß ich ſo ſehr die Heiligkeit Eures Berufes und das auf ein höchſtes Ziel gerichtete Streben Eures Weſens verkennen konnte, daß ich Euch eine Boten⸗ oder Zwiſchenträger⸗Rolle aufbürden möchte, wie es Wolf⸗ ſtein ſcheint gewillt zu ſein— und wenn ich jetzt vor Euch mit ſonderbarer Zudringlichkeit erſchien— ſo möcht ich, Ihr könntet, um mich richtig zu beurthei⸗ len, Euch vorſtellen, wie der tiefſte Gram einer todt⸗ kranken Schweſter doppelt am Herzen der andern Schweſter nagt, daß ſie um jeden Preis ihn lindern möchte— ſieht man aber kein Mittel dazu, ſo faßt man nach der einzigen Hand die man erreichen kann und von deren Reinheit man überzeugt iſt, daß ſie nie zu einem unreinen Zweck ſich brauchen laſſe,“— ihre Augen gläuzten dabei feucht von Thränen— 199 vermochte ſie auch dieſelben darin zurück zu halten, ſo ward dadurch der wunderbare Ausdruck ihrer Blicke nur um ſo reizvoller und, unwillkürlich von dieſem Anblick überwältigt, ergriff Ulrich ihre Hand. Und nun ſuchte er mit geſenkten Augen vergeblich nach Worten der Erwiderung— er fühlte, wie dieſe feine, weiche Hand in ſeiner Künſtlerhand zitterte— oder zitterte dieſe ſelbſt, die jetzt nicht ein idealiſirtes Gebilde von Marmor oder Sandſtein berührte, ſon⸗ dern ein lebenswarmes, das kühn wetteifern konnte mit jedem Ideal?„Verzeiht mir,“ ſagte er endlich, da ſie die naſſen Augen noch fragender zu ihm empor⸗ ſchlug und von der Berührung ihrer Hand zwar zuſam⸗ menzuckend, ſie dennoch Ulrich ließ.—„Verzeiht mir, wenn mein Betragen und meine Rede ungeſchickt ſind einer edlen Jungfrau gegenüber, wonach Ihr glauben könnt', ich wieſe ein Vertrauen zurück, das mich ehrt und erhebt— und eben ſo wenig weiſt nun ſelbſt meine Dienſte zurück, wenn es auch nur ſolche ſind, die ich mehr Eurer Schweſter leiſte, denn Euch ſelbſt — vielleicht aber hat mir der Himmel auch noch dies einmal beſchieden!“ Warum ſprach er jetzt auf einmal ſo plötzlich wie von einem Bann befreit in höherer Erregung? War⸗ um erſchien ſein ganzes Weſen gehoben und lebens⸗ 200 warm, da es vorhin ſich ſo ſchroff und gleichgiltig gegeben? Oder war er nicht vielmehr erſt jetzt im Bann— in einem neuen— und kam er nicht von Iſolden's Hand oder von ihren magnetiſchen Blicken, die jener ſtrahlenden Gottinnigkeit glichen, welche die Maler Italiens in ihre ſchönſten Madonnen träum⸗ ten? Warum wachte jetzt plötzlich in ihm faſt wie ein Frevel der Wunſch auf, Iſolden's Diener und Ritter zu werden, da er doch vorhin nicht nur kühl zu ihr geſprochen, ſondern es wie ein mit Selbſtüberwin⸗ dung gebrachtes Opfer betrachtet hatte, als er zu die⸗ ſer Zuſammenkunft ging? Er ſelbſt hätte ſo wenig wie wir eine Antwort auf dieſe Fragen zu geben ver⸗ mögen— aber er legte ſie ſich auch gar nicht vor— ſo wenig wie Iſolde dieſe Veränderung ſeines Weſens begriff, noch ihr eigenes Zittern— aber das über⸗ legendere Weib, das immer auf ſeiner Huth iſt, mehr ſich ſelbſt und die Situation beherrſchen kann, als meiſt der Mann— es fragte doch ſchon danach, wenn es auch keine Antwort hatte für ſich ſelbſt als die: leiſe die Hand wegzuziehen von der elektriſchen Be⸗ rührung. Dann ſich faſſend, ſagte ſie zu Ulrich: „Es iſt genug, wenn Ihr uns nicht mißverſteht — mich und meine Schweſter. Ob ihre Liebe jetzt zu entſchuldigen iſt und von dem Ritter verdient wird, 201 ſteht mir nicht zu, zu entſcheiden— das aber weiß ich, duß ſie mit der neuen Hoffnung auch dem Leben neu gewonnen iſt. Daß er jetzt vielleicht vergebliche Schritte gethan, vielleicht auch nicht gewagt, begreife ich, denn die Töchter des Schultheißen ſind jetzt viel⸗ leicht ſtrenger bewacht als andere— Gefangene in Nürnberg— und ſeit der Rath Klage erhoben wider die Wolfſtein und andere Ritter iſt es allerdings nicht möglich, daß jetzt eine offene Werbung geſchieht — ich werde Anna Euern Bericht hinterbringen und glaube ſelbſt, es iſt am beſten, wenn ihr Geſchick der Zeit überlaſſen bleibt. Noch einmal werde ich Euch hier aufſuchen, um Euch eine Antwort Anna's für den Ritter zu überbringen, dann aber werde ich nicht ferner Eure Güte mißbrauchen. Und nun verzeiht, daß ich es ſchon gethan und Euch ſo lange von der Arbeit abgehalten— wie kunſtreich verſchlungen iſt dies Laub!“ ſetzte ſie bewundernd hinzu, indem ſie auf eine Steinverzierung deutete, die er jüngſt gear⸗ beitet. Er neigte nur das Haupt von ihrem Lobe und ſagte:„Wenn es Eure Zeit erlaubt alsdie Schutz⸗ patronin heiliger Kunſt in dieſer Kapelle, als die Nachfolgerin Derer, die ſie gründete und der ſie zu⸗ nächſt geweiht ward, zuweilen nachzuſehen, wie das 202 Werk gefördert wird— ſo mag wohl Niemand ahnen, daß Ihr um Eurer Schweſter willen kommt— und es kann doch vielleicht gut ſein für die Ruhe zweier Menſchen— ſie wiſſen doch im Nothfall, wem ſie ihre wichtigſten Botſchaften anvertrauen dürfen!“ Iſolde antwortete mit leuchtenden Augen:„Wenn Ihr mir das geſtattet, ſo ſei es wie Ihr ſagt— und nun lebt wohl und ſchafft in neuer Begeiſterung wei⸗ ter für die Unſterblichkeit, nachdem Ihr einmal be⸗ helligt worden mit den Intereſſen des alltäglichen Lebens.“ Sie reichte ihm noch einmal die kleine Hand— er faßte ſie diesmal nur mit zwei Fingern und entließ ſie mit ſtummer Verneigung. Iſolde hüllte ſich in ihren Schleier und ging. Nie⸗ mand ſah die Röthe ihrer Wangen, Niemand das heftige Wogen ihrer Bruſt—„Eliſabeth's Nach⸗ folgerin“ hatte er ſie genannt— freilich war ſie eine Schutzpatronin der Kunſt, aber ſie war auch die Hei⸗ lige von Ulrich's Herzen— o gewiß, er hatte jetzt nicht daran gedacht— und dennoch überlief es Iſolde bald glühend heiß, bald eiskalt, bald war ihr, als vermöge ſie keinen Schritt weiter zu gehen, bald wieder als wandle ſie mit Flügeln. „Um der Ruhe zweier Menſchen willen,“ hatte 203 Ulrich geſagt— und jetzt war es auch mit der Ruhe zweier Menſchen vorbei. Er nahm den Meißel wieder auf und begann die unterbrochene Arbeit, aber ſeine Hand zitterte— er hielt inne— er ſchien über dies Zittern zu erſtaunen— dann zu zürnen. Er warf den Meißel weg und richtete ſeine Augen feſt auf Eliſa⸗ beth's Antlitz— da kam wieder, wie oft, die höhere Weihe über ihn. In erneuter freudiger Begeiſterung griff er nun wieder zu ſeinem Werkzeug, und es war als ſei ihm die Arbeit noch nie beſſer von Statten gegangen als jetzt, als habe er noch nie Vollendeteres geleiſtet. Er grübelte nicht weiter über Iſolde und dieſe Begegnung— er fühlte nur noch wie ein belebendes Feuer durch ſeine Adern ſtrömte und ſein Schaffen ihm wunderbar ſchön und leicht von Statten ging. XII. In der Plattnerguſſe. In der Werkſtatt des Plattnermeiſters Echter in der Plattnergaſſe klang ein halb gewaltiges, halb luſtiges Hämmern. Von ſtarken Händen geſchwun⸗ gen, fielen die wuchtigen Hämmer auf ein erhitztes Eiſen herab, daß ringsum Tauſende von Funken ſprühten. Allerhand Rüſtzeug ward da geſchmiedet für Menſchen und Pferde, blanke Helme und Schilde hingen an den Wänden, die ſpiegelhell bald im hellen Licht der Sonne, bald im rothglühenden des Schmiede⸗ feuers funkelten— gegenüber auch andere vom Rauch geſchwärzt oder vom Roſt zerfreſſen, Har⸗ niſche, an deren Buckeln und Löchern man die Wun⸗ den berechnen konnte, die ihre Träger empfangen und die ſich vielleicht ſchwerer heilen ließen als die von den Streitärten zerhauenen Eiſenſchienen. Viele kräftige Geſtalten waren in der Werk⸗ ſtatt beſchäftigt und man ſah es den groben ſchwie⸗ . ligen Händen und den muskulöſen Armen wohl an, daß ſie ſelbſt das Eiſen biegen und brechen konn⸗ ten und daß ſie auch im Stande waren mit den Menſchen ſelbſt ſo umzugehen, wenn ſie gerade Luſt dazu hatten. Aus den meiſt von der Gluth ge⸗ rötheten, von Ruß und Rauch geſchwärzten Geſich⸗ tern leuchtete das Weiße der Angen faſt unheim⸗ lich hervor und aus den Pupillen ſelbſt ſchienen Funken zu ſprühen. Dem hagern Ritter Kurt von Jauernberg ſchien es nicht ganz wohl zu werden, als er mitten in dieſe lärmende Werkſtatt und unter dieſe rieſen⸗ haften Geſellen trat— dennoch fragte er in ſeiner gewohnten Art kurz und heftig nach dem Preis eines Harniſches, und da er denſelben zu hoch fand, ſagte er: „Wo iſt der Meiſter, damit ich mit ihm han⸗ deln kann— es iſt eine bekannte Sache, daß die Geſellen mehr fordern als die Meiſter.“ Schon dieſe Aeußerung reizte die arbeitenden Hände, daß ſie noch einmal ſo wild auf ihre Eiſen ſchlugen und mit drohenden Blicken zu dem Ritter hinüber ſahen, als wollten ſie damit ſagen: ſo fönne man es wohl auch mit ihm ſelbſt machen, indeß der Altgeſelle antwortete: 206 „Ihr ſeid vielleicht gewohnt Eure Einkäufe draußen im Reich bei den Trödeljuden zu machen, die wir hier in Nürnberg glücklicherweiſe los ge⸗ worden? Aber da kommt Ihr hier zu den Un⸗ rechten, wir laſſen uns auf kein Feilſchen ein und was den Meiſter Echter betrifft, ſo liegt der krank darnieder und kann Euch nicht dienen— ſonſt möchte er Euch freilich wohl noch anders bedienen als ſein erſter Geſell!“ Dabei ſchlug er wieder dröhnend auf das Eiſen unter ſeinem Hammer.“ Der Ritter zwang ſich zu einem höhniſchen Gelächter, als ſei es unter ſeiner Würde mit dieſen groben Geſellen ſich weiter einzulaſſen, während ihn doch nur die Furcht vor ihren gewaltigen Fäu⸗ ſten zurückhielt— indeß fragte er weiter: „Hat Euer Meiſter keine Kinder— mit denen ein Wort ſich reden ließe?“ „Wir Alle ſind ſeine Kinder!“ riefen ein paar von den anderen Geſellen und dieſe Aeußerung klang allerdings von dieſen Rieſengeſtalten wunderlich genug, einer von ihnen ließ ſich aber doch herab weiter zu berichten:„Der Sohn iſt auf der Wan⸗ derſchaft, damit er ein tüchtiger Meiſter werde, gleich dem Vater, und ſein einziges Töchterlein iſt an ſeinem Krankenbette, wie ſich's geziemt.“ 207 „Könnt Ihr ſie nicht rufen?“ fragte Jauern⸗ berg nach einigem Zögern. „Herr Riter— nun werdet Ihr unverſchämt?“ rief der Altgeſelle und hielt von der Arbeit inne, das Töchterlein gehört an den Herd und nicht in die Werkſtatt, noch weniger aber wird ſie auf eines Ritters Geheiß hier erſcheinen—“ In dieſem Augenblick ward die Thür wieder aufgeriſſen und Herr Martin Löffelholz trat ein — dem Rathsherrn ward ein ganz anderer Em⸗ pfang als dem Ritter, alle grüßten ihn ehrerbietig, wenn ſie auch gleich darauf in ihrer Arbeit fort⸗ fuhren, denn ein fleißiger Nürnberger ließ ſich durch Niemand von der Arbeit abhalten, und wenn es der Kaiſer ſelbſt war, der in die Werkſtatt trat. Löffelholz blickte den Ritter von der Seite an und ſagte zu den Geſellen:„Iſt Euer Meiſter noch krank?“ „Leider— Ihr habt auch davon gehört?“ fragte der Geſelle froh überraſcht, daß ſich ſelbſt ein wohledler Rath um ſeines Meiſters Krankheit bekümmere. „Wie ſollte man nicht davon hören?“ warf Löffelholz hin.„Ich habe eine große Beſtellung von Harniſchen im Auftrag des Großen Rathes bei Euch 208 zu machen und Alles hier kontraktlich aufgeſetzt—“ mit einem Seitenblick auf Jauernberg, der immer noch die Harniſche an den Wänden prüfte, als wollte er ſich einen davon wählen— fuhr er fort—„Ihr wißt wie es unſ're Nachbarn aus den Raubneſtern wieder auf unſ'rem Gebiete treiben— und Nürn⸗ berg muß ſich in Poſitur ſetzen ſie gelegentlich zu ver⸗ treiben; ſo haben wir beſchloſſen noch vierzig Mann neu zu bewaffnen und die Harniſche ſoll Meiſter Echter dazu liefern— es iſt aber nöthig, daß er den Kontrakt ſelbſt unterſchreibt, wenn wir über die Be⸗ dingungen ganz eins geworden ſind— Ihr wißt, wir pflegen uns auf nichts zu verlaſſen, als was wir ſchriftlich haben— es wäre doch am beſten, wenn ich ihn ſelbſt ſprechen könnte.“ Der Geſelle machte ein etwas verdrießliches Ge⸗ ſicht— einmal darüber, daß dieſe Herren nichts ohne Schreiberei abmachen konnten und ſich nicht mehr auf das gute alte Herkommen verließen: ein Mann ein Wort, und daß der Rathsherr ihn gleich dem Ritter und nun auch vor deſſen Augen nicht als vollſtändigen Stellvertreter des Meiſters wollte gel⸗ ten laſſen— ſo war er noch unſchlüſſig, was er ant⸗ worten ſollte, als ſich die hintere Thüre öffnete und ein blühendes junges Mädchen, einer eben erſt ſich 209 zagend erſchließenden Roſenknoſpe gleich, hereintrat. Klein von Geſtalt, die Haut weiß und zart und das freundliche unſchuldige Geſicht, das noch alle Weich⸗ heit des Kindes zeigte, von blonden Löckchen umrahmt, war ſie keineswegs eine blendende Schönheit, aber in ihrem ganzen Weſen ſprach ſich ſo viel Reinheit und frommer Sinn, Anmuth und Zierlichkeit aus, daß ſie beſonders hier in der rußigen Werkſtatt unter den rauheſten Männern des Handwerkes einen wunder⸗ baren Eindruck machte. „Da iſt Jungfrau Jerta, des Meiſters Töchter⸗ lein!“ ſagte der Geſelle zu dem Rathsherrn. „Das kleine Ding iſt's?“ rief der Ritter, brach in ein wieherndes Gelächter aus— und weil er an die wuchtigen Hämmer der Plattner denken mochte, entfernte er ſich eilends. Der Rathsherr aber trat mit freundlichem Schmunzeln näher und hatte eben ſeine Anrede im ſüßeſten Tone mit„Mein liebes Kind!—“ begonnen — als Jerta zitternd zurückwich und ganz beſtürzt über den ungewohnten Empfang, der ihr überhaupt hier ward, zu den Geſellen ſagte:„Um Gottes Willen ſpringe Einer zum Bader, dem Vater iſt ſehr ſchlecht und Einer komme mit hinüber, denn ich glaube er 1661. XvIM. Die Schultheißentöchter von Rürnberg 1. 14 raſet gar und ich und die Lene vermogen ihn nicht mehr allein zu beruhigen!“ Damit eilte ſie eben ſo ſchnell wieder fort, als ſie gekommen war, indeß einer der Geſellen zum Waſſertrog ging ſich zu waſchen, um ihr dann zu fol⸗ gen, ein anderer aber, gleich wie er war, aber wie das ſchnellſte Roß hinauseilte, ihre weitern Befehle zu vollziehen. „Ihr ſeht und hört wie es mit dem Meiſter ſteht!“ ſagte der Altgeſelle ſeufzend zu dem Raths herrn, und wenn Ihr mich nicht wollt gleich wie an ſeiner Statt behandeln, ſo können wir den Auftrag nicht übernehmen— wer weiß, ob er gar davon kommt!“ Herr Löffelholz beſann ſich einen Augenblick und fragte dann, an die letzte Bemerkung anknüpfend „Und wie würde es dann mit der Werkſtatt des Mei⸗ ſters gehalten werden?“ „Die ehrſame Zunft würde wohl geſtatten, daß ich ſie in Meiſter Echter's Namen weiter leite, bis ſein Sohn von der Wanderſchaft zurückkommt und ſelbſt Meiſter geworden iſt,“ antwortete der Geſelle. Der Rathsherr brauchte wieder erſt einige Zeit zur Ueberlegung, ehe er antwortete:„Ich werde wie⸗ der kommen, denn unter dieſen Umſtänden muß die 211 Sache erſt nochmals vor den Rath gebracht werden — indeß hoffe ich auch im ſchlimmſten Falle Euch die Arbeit zuſichern zu können— denn immer bin ich darauf bedacht, wie ich Waiſen und Witwen nütze. Mein Weg führt mich ohnehin zuweilen durch die Plattnergaſſe, und da werde ich ſchon wieder mit nachfragen.“ Damit ging er langſam und gravitätiſch, was ihn jedoch nicht abhielt, ſich im Hofe noch nach allen Sei⸗ ten umzuſehen, ob er vielleicht in den da hinaus ge⸗ henden Fenſtern und Thüren noch elwas von der lieb⸗ lichen Jerta entdecken oder unter der Aufregung eines Krankenhauſes ihr ſchon jetzt einen Dienſt erweiſen könnte, der ſie zur Dankbarkeit verpflichten müßte— allein das Geſchick war ihm nicht günſtig— er ſah und hörte nichts weiter, als aus der Werkſtatt das Sprühen und Hämmern, das jedes andere Geräuſch übertönte. „Eigentlich bin ich ein Thor,“ ſagte er zu ſich, „daß ich um eines ſolchen blonden Kindes willen, noch dazu bei dieſer Witterung, hier herumſchleiche, da ich doch daheim im warmen Zimmer die ſchöne Gerhaus finde, die mir ſchon unentbehrlich geworden iſt, trotz⸗ dem ſie ſich wirklich zuweilen geberdet, als ſei ſie die Herrin vom Hauſe.“ 14* 212 Er war nun eben aus dem Hauſe getreten, als Ulrich und Georg Glockendon desſelben Weges kamen „Das iſt der Rathsherr Löffelholz!“ rief dieſer Jenem zu;„er geht wahrhaftig ſchon im Hauſe des Plattners ein und aus— ich hätte wohl Luſt ihn zu fragen, was er dort zu ſuchen hat?“ „Keine Unbeſonnenheit, junger Freund!“ mahnte Ulrich und faßte den Jüngling unter dem Arm, ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben, ſo daß ſie nun, ein⸗ ander führend, an dem Rathsherrn vorbei kamen;„ja ich rathe Euch ſogar, geht jetzt nicht in das Haus, nach dem Befinden des Meiſters Echter zu fragen— denn mir ſcheint Herr Löffelholz hat uns auch erkannt und läßt uns wenigſtens ſeine lanernden Blicke folgen, wenn noch nicht ſeine Schritte.“ „Sollen wir uns vor dieſem Weiberjäger fürch⸗ ten?“ fragte Georg herausfordernd. „Nein,“ antwortete Ulrich mit gewohnter Ruhe, „ſondern nurAlles vermeiden, was ſolch einen Patron auf den Gedanken bringen könne, man wandle mit ihm auf gleichen Wegen— ich zweifle nicht, daß er uns erkannt hat, ſo gut wie wir ihn. „Daß er unſern Namen weiß, glaube ich nicht“ ſagte Georg,„aber ich weiß ſchon— Ihn ſeid ein Baubruder— und weil Ihr an der Kleidung kennt⸗ 2¹13 lich, haltet Ihr vor Allem auf die Ehre Eures Standes.“ „So ſollte Jeder thun,“ beſtätigte Ulrich, der noch eines andern Motivs bedarf, um auf ſeine Ehre als Menſch zu halten— wer ſich nicht in Reiche ſchrankenloſer Freiheit ſelbſt Schranken ſetzen kann, für den iſt es gut, wenn er im engen Kreiſe einer Zunft oder im weiteren einer Verbrüderung wie die unſere durch einen ſtrengen Korporationsgeiſt eine Schranke findet— ſchlimm, daß wir noch nicht ſo weit ſind, dergleichen Hilfsmittel zur Bewahrung unſerer höchſten Menſchenwürde entbehren zu können wer weiß, ob die Menſchheit jemals bis dahin kommt!“ Georg fand keine Zeit auf dieſe Betrachtung zu antworten, vielleicht kaum ſie anzuhören, da der Rathsherr, der ſchon an ihm vorüber war, wieder umkehrte und, auf ihn zutretend, leicht grüßend ſagte: „Seid Ihr nicht Lehrburſche beim Meiſter Albrecht Dürer?“ Ja!“ antwortete Georg trotzig mit auffallender Kürze und wollte weiter. „Was malt denn jetzt Euer Meiſter?“ fragte der Rathsherr und ſchien Miene zu machen an ſeiner Seite zu bleiben. 2¹4 „Dann kommt in ſeine Werkſtatt, wenn Ihr das wiſſen wollt— ganz Nürnberg weiß, daß der edle Meiſter darin Jeden freundlich empfängt, wenn es auch ſchon gut wäre, es kämen nur Leute dahin, die ſeine Kunſt nicht nur mit Worten ſchätzten, ſondern Be⸗ ſtellungen machten oder anders denn für ein Lumpen⸗ geld kauften was der Meiſter geſchaffen, ſtatt nur Maulaffen bei ihm feil zu halten, und ihn an der Arbeit zu hindern.“ „Grob genug ſeid Ihr für Eure jungen Jahre,“ ſagte der Rathsherr mit einem vornehmen und ver⸗ ächtlichen Lächeln, und ehe er noch mehr hinzugefügt, antwortete Georg blitzſchnell: „Wie Ihr verliebt genug für Eure alten!“ Er hatte ſich ſchon von Ulrich's Arme losgemacht, da der Rathsherr ihn anredete, und war mit ein paar langen Schritten in der Werkſtatt des Plattners Echter. Naſeweiſer Gelbſchnabel, das ſollſt du entgelten!“ knirſchte der Rathsherr hinter ihm her, hielt es aber doch für gut ihm nicht zu folgen. Zu Ulrich aber, der bisher gar keine Notiz von ihm genommen und ruhig ſeines Weges ging, obwohl er mit Georg's Betragen unzufrieden war, ſagte Löffelholz: „Ihr habt da einen ſauberen Gefährten!“ Ulrich zuckte ſtatt jeder Antwort nur die Achſeln 215 und würdigte den Rathsherrn weiter keines Blickes— mit verbiſſenem Ingrimm ſah ihm dieſer nach und wußte nicht, ob er ihn ſollte ziehen laſſen oder weiter mit ihm anknüpfen.— Er hatte gar wohl die Beiden erkannt, mit denen er ſchon an der langen Brücke um Jerta's willen Händel gehabt, als ihm die zuſchauende Dirne, die ſich als eine ſeiner Bekannten aus früheren Zeiten berechtigt fühlte im vertraulichen Tone mit ihm zu reden, ihm die Namen der Baubrüder und des Malerjünglings genannt. Er konnte darum wohl auch annehmen, daß fie ſich jenes Zuſammenſtoßes erinnern würden— aber was war es denn in ſeinen Augen auch weiter, wenn ein Mann wie er ein hübſches Kind auf der Straße anhielt, oder vielmehr auf einer Brücke, die zur Dämmerungszeit faſt nur von verrufenen Frauenzimmern betreten ward? Indeß hatte ihm Jerta's jungfräuliche Lieblichkeit ſo gefallen, daß er bald alle möglichen Erkundigungen über ſie einzog, die alle nur zu ihrem Lobe und darum für ſeine Ab⸗ ſichten wenig ermuthigend waren. Eben ſo vergebliche Schritte hatte er gethan ſie wieder zu ſehen oder ſich ihr zu nähern, bis er endlich, davon ermüdet, wieder zu der ſchönen Gerhaus leid enſchaftlicher als je zu⸗ rückkehrte und gleichſam, wie um ſie und ſich ſelbſt zu entſchädigen, mit dem Antrag herauszi te, ſie ganz in ſein Haus zu nehmen. Seildem waren ein paar Wo⸗ chen vergangen— da kam im Rath die Angelegenheit der Nürnberger Wachtpoſten zur Sprache, und er er⸗ bat ſich dienſteifrig die Beſtellung der Harniſche zu übernehmen— vor der Hand freilich hatte ſie ihm auch noch zu keinem erwünſchten Ziele geführt. In⸗ zwiſchen war ihm hinterbracht worden, daß Gerhaus heimlich zu Meiſter Dürer gehe, um von ihm gemalt zu werden;— da ſie ſelbſt nicht mit Löffelholz davon ſprach und ſeinen Fragen geſchickt auszuweichen wußte, wollte er auf anderm Wege dahinter kommen, was an dieſer Sache ſei, und war darum froh, als ihm ein Schüler Dürer's in den Weg kam, den er danach aus⸗ horchen wollte— nach Gerhaus und nach Jerta viel⸗ leicht zugleich— und nun war er damit ſo übel an⸗ gekommen. Ulrich war zu ſtolz und human, um einen Streit anzufangen oder nur auf einen ſolchen einzugehen, den nicht eine höhere Pflicht gebot, aber er war auch von zu ſtrenger Sittlichkeit, um nicht einen unſittlichen Menſchen, der nicht mehr zu beſſern war, von ſich fern zu halten und ihm das zu verſtehen zu geben. So verharrte er jetzt in ſeinem Schweigen, und da eben Roſſeshufe ſich der engen Paſſage aus der nächſten 8— 217 Gaſſe hörbar näherten, ging er, um auszuweichen, auf die andere Seite. Zwei Ritter ſprengten daher— in dem einen er⸗ kannke der Rathsherr ſofort denſelben, den er vorhin in der Werkſtatt des Plattners getroffen; der andere ſchien ihm auch bekannt, doch wußte er ſich nicht auf den Namen, noch die Zeit der Begegnung zu beſinnen. Eben dieſer hielt ſein Pferd zuerſt an, da er Ulrich gewahrte, lenkte grüßend auf ihn zu und winkte ihm freundlich mit der Hand. Es war Wilhelm von Wolf⸗ ſtein, der indeß durch Ulrich's und Iſolden's Vermitt⸗ lung ein Briefchen voll zärtlicher Vergebung und drin⸗ genden Mahnens zu ſtillem geduldigen Ausharren von Anna erhalten hatte und heute durch Nürnberg ritt, um ſich nach Neumarkt zu begeben, wohin er eine Sen⸗ dung ſeines Vaters hatte. Wie glücklich, daß ich Euch begegne,“ rief er ulrich zu,„habt Ihr mir wieder etwas von ihr zu ſagen, zu übergeben? Ich folge Euch ſogleich in Euere Wohnung, wenn das der Fall iſt.“ Ulrich ſchüttelte mit dem Kopfe und warf dem Ritter einen verweiſenden Blick zu, der ihn daran erinnern ſollte, daß es nicht ziemlich ſei, ſolche An⸗ gelegenheiten auf offener Straße zu verhandeln— der Rathsherr war ſchon als lauſchender Beobachter ſtehen 218 geblieben und auch Jauernberg hatte ſein Roß an⸗ gehalten und ſchien zuhören zu wollen, obwohl er zu⸗ gleich ſo dicht an Löffelholz ritt, daß der aus Schnee und Schlamm gemiſchte Straßenſchmutz, von den Tritten des Roſſes aufgewühlt, die koſtbare Kleidung des gravitätiſchen Rathsherrn beſpritzte— er hörte eben Ulrich ſagen: „Ihr Befinden ſoll täglich beſſer ſein— aber da Ihr ſie einmal jetzt nicht ſehen könnt, ſo wäre es beſ⸗ ſer Ihr wagtet Euch gar nicht nach Rürnberg.“ „Ich reite eben nach Neumarkt, wo ich längere Zeit bleiben werde oder dem Markgrafen wieder in's Feld folge.“ „Haltet die Friedensbrecher, die übermüthigen Räuber aus der Nachbarſchaft, die ſich Ritter ſchelten laſſen!“ rief jetzt Löffelholz wüthend und hob mit ſei⸗ nem Arm den beſpritzten Pelzmantel wie eine Rache⸗ fahne in die Höhe—„in unſerer eig'nen friedlichen Stadt ſolch' einen Schimpf einem ihrer erſten Raths⸗ mitglieder anzuthun— einem Löffelholz!“ „Ei was!“ rief der Ritter,„wenn Ihr ſo ſauber ſeid, daß Euch der Flecken da zum Schimpf gereicht, ſo haltet doch Eure Gaſſen ſauber, daß die Pferde nicht bis über die Knöchel einſinken, ſo kann Euch dergleichen nicht paſſiren!“ 219 „Wer gut nürnbergiſch iſt, ſteht mir bei!“ rief der Rathsherr. „Macht daß Ihr fortkommt und mengt Euch nicht hinein!“ bedeutete Ulrich Wolfſtein und ging ruhig ſeines Weges weiter. Wolfſtein ſprengte fort und rief lachend zurück: „Ei, die Nürnberger hängen ja Keinen, den ſie nicht haben!“ Indeß hatte der Tumult Leute herbeigelockt, aus der Plattnerwerkſtatt traten ein halbes Dutzend Rie⸗ ſengeſtalten und fielen Jauernberg in die Zügel— ſie wolltenz auch Wolfſtein folgen, aber Ulrich ſagte: „Der hat nichts verbrochen— laßt ihn unge⸗ fährdet!“ Doch als ſich Wolfſtein umſah und ſeinen Gefähr⸗ ten entwaffnet und vom Pferde geriſſen erblickte, litt es ſeine Ritterehre nicht, ihn allein und unvertheidigt ſeinem Schickſal zu überlaſſen— er wollte wieder um⸗ kehren— Ulrich aber verſetzte dem Thier einen Hieb, der es zu ſchnellerer Flucht trieb und raunte ihm zu: „Denkt an Anna— Ihr könnt ihn nicht retten und nur Euch unnütz mit verderben— Ihr wißt, daß die Nürnberger nicht ſpaſſen mit Denen, die ſie haben— macht Euch nicht muthwillig zum Theilnehmer ſeiner Schuld!“ So gelang es Wolfſtein das nächſte Stadtthor im Galopp zu erreichen. Ulrich kehrte heim, ohne ſein Schwert gezogen zu haben, indeß die Plattner, herbei⸗ gekommene Bürger, Stadtknechte und Geſellen den Ritter v. Jauernberg überwältigten und gefangen fort⸗ führten, um ihn„in's Loch“ zu bringen. Ende des I. Bandes. Mh ſſſiſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſſſtſſſiſh 2 13 14 15 1 n 6 7 8 9 10 11 1