othekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von 5 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 5 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Slhum. Pibliothek deutſcher Griginalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Siebzehnter Band. Nürnberg. III. Prag, 1859. Kober& Markgraf. GFrüher: J. L. Kober.) ——— Uürnberg. Culturhistorischer Buman von Louniſe Otto. Dritter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. GFrüher: J. L. Kober.) Inhult. Seite Erſtes Cnp Ein Seefahrerr) Zwrites Enpitel. Warnende Stimmen 227 Prittes Cnpitel. Begegnungen 113 viertes el. Gelübde 3 Fünftes Capitel. Vefürchtungen 297 Sechstes Cnpitel. Gifſt.. Sirbentes Enpitel. Im Clara⸗K eloſter Achtes Capitel. Anklagen und Verhör... 167 Neuntes Capitel. Die freien Maurer„1183 Zehntes Cnpitel. Todesurtheile.. Elftes Cnpitel. Des Narren Onabenßeide 2 Zwölftes Cnpitel. Rache und Verſöhnung 2217 Uürnberg. Dritter Theil. Erstes Cnitrl. Ein Seefahrer. Von herrlichem Frühlüngswetter begleitet war das Oſterfeſt herangekommen. Die Lerchen wirbelten im Son⸗ nenſchein triumphirende Auferſtehungslieder, die Zugvögel kehrten zurück und ſuchten die alten Neſter, oder bauten ſich neue. Sie fanden an den Giebeln von Nürnberg, wie in den Bäumen ſeiner Gärten, manch' ein trauliches Plätzchen, darin ſie niſten konnten, wo ſie ſich zwitſchernd als gern geſehene Gäſte niederließen. Sie flatterten um die hohen Zinnen der Burg und wiegten ſich auf den Zweigen der Linde, welche die Kaiſerin Kunigunde im Schloßhof gepflanzt. Auf einem Spaziergange mit ihrem Gemahl hatte Eliſabeth dieſem Spiele zugeſehen, und obwohl dabei heiter lächelnd, hatte ſie doch im Innern ſchmetzlich be⸗ wegt ſich gefragt: ob und wann je einmal die Zugvögel 1859. XVII. Nürnberg. II. 1 10 wiederkehren würden, die im Winter nur kurze Zeit un⸗ ter ihrem gaſtlichen Dache geweilt: König Ma und Kunz von der Roſen, oder Konrad Coltes? Sie ſuchte jede heſtige Regung in ſich zu unterdrücken; aber ſie fühlte ſich ſeitdem wieder ſo gllein und unverſtanden an der Seite des ungeliebten und ungebildeten Gatten, der für alle höheren Intereſſen des Lebens kein Verſtändniß hatte, und nur aus Eitelkeit den Schein um ſich zu verbreiten ſuchte, als ob Kunſt und Viſſenſchaft in ihm einen Ver⸗ ehrer hätten, während er innerlich ihnen doch ganz fremd blieb. Aber indem Eliſabeth ſo an die Zugvögel unter den Menſchen dachte und ſelbſt Leid empfand, nicht zu ihnen zu gehören— kam plötzlich einer von denſelben zurück, den ſie am wenigſten erwartet hatte. Ihr Bruder Georg trat bei ihr ein, und mit ihm ein älterer Mann in portugieſiſcher Tracht von ſchwarzem Sammet, mit gelben Puffen von Atlas in den Aermeln ſeines Wammſes, einen runden Hut mit langer ſchwarzer Feder, auf ſeiner Bruſt ein ſchimmerndes Ritterkreuz. Er mochte etwa ſechzig Jahre zählen und war von mittlerer Größe, aber die Straffheit ſeiner Haltung war die eines Jünglings. Sein braunes Haar, das die breitgewölbte vorſpringende Stirn umſpielte, war nur mit wenigen Silberfäden untermiſcht, ebenſo der Bart, der Oberlippe — 14 und Kinn bedeckte. Die Stirn zeigte einige Runzeln, aber vorherrſchend in der Mitte über der Naſe die tiefe Furche des raſtloſen Denkens. Seine Geſichtsfarbe ſchien von einer tropiſchen Sonne gefärbt zu ſein und erhöhte den blitzenden Glanz ſeiner Angen, die feingebildeten Hände zeigten ſich wettergebräunt und hart. Georg begrüßte die Schweſter und ſagte:„Ich bringe Dir einen Gaſt, Eliſabeth.“ Sie verneigte ſich mit edlem Anſtand, aber einem fragenden Blick auf den Bruder, von dem ſie zu erwar⸗ ten ſchien, daß er den Fremden ihr vorſtelle, und ſagte: „Waret Ihr ſchon bei meinem Gemahl, oder hab't Ihr ihn nicht daheim gefunden?“ „Dieſer Beſuch gilt vor Allem Dir und dann erſt ihm,“ ſagte Georg. „So iſt es!“ ſagte der Fremde, und ließ ſeine Augen ſo durchdringend und prüfend auf Eliſabeth's An⸗ tlitz und Geſtalt ruhen, daß ſie, unwillig dieſen Blicken ausweichend, fragend zu Georg ſah, als fordere ſie von ihm eine Erklärung oder Schutz gegen einen Fremden. Dieſer aber ergriff ihre Hand und rief:„Erkennt mich Eliſabeth wirklich nicht?“ Da ſtieß ſie einen Schrei aus und mit dem Jubel⸗ rufe:„Martin, Du biſt's!“ ſank ſie in ſeine Arme. Er drückte ſie feſt an ſeine Bruſt und ſagte:„Ich 1* hätte Dich gleich wieder erkannt, wäreſt Du mir auch noch ſo unerwartet begegnet, und biſt Du auch in den zwölf Jahren meiner Abweſenheit aus einer zarten Jung⸗ frau ein blühendes Weib geworden während der eilf Jahre, die ich von Euch fortgeweſen; Deine Augen und Dein Mund ſind geblieben, wie ſie waren— und die gibt es nicht weiter ſo auf der Welt.“ „Aber wie konnte ich Dich auch hier erwarten?“ rief Eliſabeth;„eher glaubt' ich Dich am Capo di Tor⸗ mentos oder weiter auf fernen Meeren ſchiffend, auf denen Du an wunderſamen Inſeln landeteſt, die zuvor Dein Prophetengeiſt aufſteigen ſah aus dem dunklen Ocean!“ Martin Behaim lächelte:„O mehr als eine wun⸗ derſame Inſel, das ganze indiſche Königreich Congo haben wir entdeckt, als unter Diego Can unſere Schiffe immer weiter ſegelten in's Unbekannte hinein. Und der Herrſcher von Congo, wie die meiſten ſeiner Bewohner empfingen uns mit ungewöhnlicher Freundlichkeit; ſie traten in Ver⸗ bindung mit dem mächtigen König von Portugall, in deſſen Namen wir landeten, ja ſie ließen ſich taufen, und wo vorher mißgeſtaltete heidniſche Götzenbilder ſtanden, iſt das chriſtliche Kreuz aufgerichtet worden. Das iſt eine neue Art von Kreuzzügen: neue Welten gilt es außuſu⸗ chen und zu entdecken— nicht mehr rückwärts nach Oſten wie der blinde ſchwärmeriſche Glaube— vorwärts nach 13 Weſten geht das Streben der hellſehenden Wiſſenſchaft!— Und ſprich nicht mehr vom Capo di Tormentos! Dieſen Namen ſchrieb ich Dir wohl damals, als ich mit Bartolomeo de Diaz das Vorgebirge von Aſrika er⸗ reichte; er hatte es ſo wohl genannt zur Erinnerung an die hier ausgeſtandenen Drangſale, aber der Monarch Joiro, voll froher Erwartung nach glänzenderen Ent⸗ deckungen, gab ihm den bedeutungsvollen Namen„Kap der guten Hoffnung“— und den wird es nun wohl für immer behalten. Jetzt hab' ich von der letzten Seereiſe in Cisbva bei meinem lieben Weibe ausgeruht, und nun bin ich einmal hierher gekommen, Euch wieder zu begei⸗ ſtern, und weil ich mein liebes altes Nürnberg nicht ver⸗ geſſen habe, deſſen kunſtfertige Hände mir weiter dienen ſollen, was die Wiſſenſchaft mich gelehrt und die Erfah⸗ rung mir beſtätigt, in einem neuen Inſtrumente faßlich darzuſtellen— wie ja auch mein edler Lehrer Johannes Regiomontanus von Königsberg gen Nürnberg zog, weil er hier für ſeine Studien die beſten mathematiſchen In⸗ ſtrumente gefertigt erhalten konnte.“ „Komm,“ ſagte Eliſabeth und zog ihn zu ſich auf das Sopha,„und erzähle ſo weiter. Wie freu' ich mich Deiner Rückkehr! Wie tauſendmal haben wir in der letzten Zeit Deiner gedacht und uns gefragt, ob Du wohl noch am Leben— ob Du nicht zu Kühnes gewagt und geſon⸗ 14 nen, ob Du nicht einer der Märtyrer geworden ſeiſt, welche, weil ſie ihrer F vvraus ſind, von dieſer nicht verſtanden, darum von den Anhängern des Alten verklagt und verurtheilt werden, beſchuldigt, Irrlehren zu verbrei⸗ ten und Unheil zu ſtiften, wo ſie der Wahrheit und da⸗ mit dem Wohle der Menſchheit dienen!“ Martin Behaim verſetzte mit klugem Lächeln:„Die Ffaffen ſind mir allerdings nicht beſonders hold und alle Freunde der Volksverdummung ſind meine Feinde. Indeß können ſie doch nichts wider mich aufbringen. Solche Gegner werden durch den Erfolg überwältigt— und da ich nicht eher etwas behauptete, bis ich es mit mathe⸗ matiſcher Genauigkeit berechnet und klar beweiſen konnte, ſo waren ſie bald zum Schweigen gebracht. Was mich aber vielleicht am meiſten ſchützt, iſt, daß ich niemals meine Perſon in den Vordergrund ſchiebe. Unter den ſtol⸗ zen, ruhmſüchtigen, aufgeblaſenen Portugieſen mag man ſich immerhin über die ſtille beſcheidene Art des deutſchen Mannes verwundern, der ſein Wiſſen darbietet, ohne An⸗ ſpruch auf Ruhm und Ehre zu machen, reich belohnt, wenn es nur wirklich der Menſchheit nützt und zum Ziele führt; mag die Mit⸗ und Nachwelt immerhin die Ramen Bartolomeo Diaz und Diego Can als die Helden der Seeunternehmungen dieſes Jahrhunderts nennen, die neue Welten finden und erſchließen: mir genügt das Bewußt⸗ 18 10 ſein, daß ich die Seele dieſer Unternehmungen war und daß ich die Schlüſſel lieferte zu den ſonſt vielleicht noch unerſchloſſenen Pforten zu den neuen Wegen und Reichen.“ Eliſabeth drückte ihm die Hand und ſagte:„Wie lange Du auch ſchon unter den heißblütigen Nationen biſt— Du biſt ein ganzer Deutſcher geblieben: Du läßt andern Nativnen den Ruhm, den Deutſchland haben könnte und der ihm vor allen gebührt!“ „Du biſt auch noch immer die Schwärmerin für die deutſche Größe, die nun einmal nicht ein großes Deutſchland werden kann!“ ſagte der weitgereiſte Bru⸗ der;„uns Mathematikern iſt es gleichgültiger, wir reden eine Zahlenſprache, die für alle Nationen verſtändlich. Aber einen Ruhm wenigſtens will ich dem Vaterlande und der Vaterſtadt retten: wenn man ſich einſt von Por⸗ tugals Seetriumphen erzählt und, wie ich vorhin ſagte, dabei auch meinen Namen vergißt, ſo wird man doch Nürnberg nennen, in dem der erſte Globus gefertigt ward. Ich bin hierher gekommen, um nach meiner An⸗ gabe die Erdkugel, auf die ich alle Länder und auch die neuentdeckten zeichnen will, von den geſchickteſten Lands⸗ leuten darſtellen zu laſſen. Was man mit Augen ſehen und mit Händen greifen kann, bezweifelt man nicht mehr, und dann wird Niemand mehr glauben, daß die Erde eine Scheibe, ſondern begreifen, daß ſie kugelförmig ſein muß.“ 16 1 „Rüſtet nicht jetzt auch Spanien zu ähnlichen Ent⸗ deckungen?“ fragte Georg. Martin Behaim zuckte die Achſeln. König Ferdinand und Iſabella ſcheinen noch immer zu zögern, auf die Pläne und Vorſchläge eines ſtrebſamen h ein⸗ zugehen, der auch in Portugal vergeblich der Regierung dieſelben machte. Ich hörte leider erſt von ihm, als der König Iviro ſchon ſeine Anerbietungen verworfen hatte, und war damals ſelbſt noch nicht in der Lage, ihm nützen oder mit ihm vereint wirken zu können. Ich war noch nicht lange in Liſſabon, in den Handelsgeſchäften unſeres Hauſes mich Anfangs nicht um die Seeprojekte kümmernd, als(es war im Jahre 1481) unter dem Oberbefehle Don Diego's gon Azambuja eine anſehnliche Flotte nach Guinea ſegelte und durch die Anlegung eines Fortes an der Küſte den dortigen Goldhandel ſicherte. Mit großer Eiferſucht verbarg man jedoch die Reſultate der bisherigen Entdeckungen und verbreitete die abſchrek⸗ kendſten Gerüchte und abentenerlichſten Sagen über die Geſlren der Schifffahrt in jenen Meergegenden. Selbſt grauſame Maßregeln vernichteten die Mühe verwegener Fremdlinge, welche, gegen das Syſtem des Hofes, zu ähn⸗ lichen Zwecken ſich anſchickten, mit ihren Perſonen zu⸗ gleich. Da wies man auch jenen Genueſen Chriſtoforo Colombo ab, wie es ihm ſchon in ſeiner Vaterſtadt Genna ——— 4 geſchehen war. In Liſſabon kannte ich ihn wie ſeinen Schwiegervater Bartolomev Pereſtrello, ein tüchtiger See⸗ ſahrer, der als Schiffscapitän unter dem Infanten Don Heinrich nach der Weſtküſte Afrikas geſegelt war und an der Entdeckung von Madeira Theil genvmmen hatte, Colombo behauptet, daß die andere Halbkugel unſeres Erdbodens feſtes Land enthalten müſſe, das man auf kürzerem Wege erreichen könne, indem man durch eine Fahrt nach Weſten gerade aus in's offene Meer ſteuerte. Mir ſcheint das in der That auch nicht unwahrſcheinlich und ich glaube, daß ihm ſehr Unrecht geſchieht, wenn er für einen tollkühnen Träumer erklärt wird. In Liſſabon abgewieſen, verſucht er jetzt in Spanien ſein Heil, zu⸗ weilen heißt es, daß man ihm Schife ausrüſten wolle— aber bis jetzt iſt er immer noch mit leeren Verſprechun⸗ gen hingehalten worden. Vor der gelehrten Junta von Salamanka hat er ſeine Anſichten vorgetragen, aber auch hier belächelte ſie die Mehrzahl als Hirngeſpänſte eines müſſigen Kopfes.“ „O ich wollte, ich wäre an Iſabella's Stelle!“ rief Eliſabeth;„ich gäbe dieſem Manne Schiffe und Alles, was er wünſcht, und wenn ihn die ganze Welt einen Abenteuer hieße! noch lieber wagt' ich mit ihm ſelbſt die Fahrt. Wer Rieſenpläne in ſeinem Kopfe wälzen kann, der verdient auch die Mittel zur Ausführung. Es muß 3 8 ſ 18 herrlich ſein, ſo mitten hinein zu ſchiffen in's grüne, wo⸗ gende Meer, und zu ſpähen, bis irgendwo eine goldene Küſte emportaucht, die noch kein menſchlicher Fuß betre⸗ ten, oder auf der man doch ganz neue Menſchen findet und Alles neu und anders, als das bisher Bekannte.⸗ Nartin lachte:„Ja, Du paßteſt gerade dazu! Du denkſt es Dir wohl wie in einer venetianiſchen Gondel, oder auch wie im Schiffe des Dogen in das adriatiſche Meer hinaus. Die Luſtbarkeit iſt nicht gar ſo groß, tage⸗ und wochenlang nichts zu ſehen als Himmel und Waſſer, und nicht zu wiſſen, wo man iſt, trotz dem Com⸗ paß, und wär's der beſte aus unſer beſten Nürnberger Werkſtätte. Du paßteſt unter die rauhen Seeleute mit Deinen feinen Sitten, der hier die Reichsſtädter noch zu roh ſind, und Deiner feinen Haut, die von koſtbaren Sal⸗ ben duſtet. Und die neuen Menſchen! Nun, wir haben welche geſehen, die wir erſt für eine große Art Affen hielten, und dann wieder welche, die zwar weniger wie wilde Thiere ausſahen, aber ſich doch ſo geberdeten und große Luſt hatten uns zu ſchlachten und zu freſſen.“ In dieſem Augenblick trat plötzlich Chriſtoph Scheurl ein mit ſehr verſtörtem Geſicht, warf einen verwunderten Blick auf den ihm unbekannten Martin und ſagte zu Georg Behaim: „Schlechte Nachricht, Herr Schwager! Eben wird 19 mir gemeldet, daß ein großer Waarentransport, der für Euch angekommen, einige Stunden von hier, aber noch auf Nürnberger Gebiet, überſallen und geplündert worden iſt. Es ſollen ganz abſonderliche Sachen dabei geweſen ſein, die der Bote gar nicht zu nennen und zu beſchrei⸗ ben wußte. „Um's Himmels Willen!“ rief Martin,„es wird doch nicht mein Reiſegut ſein, dem ich vorangeeilt und deſſen Führer ich an Dich wies?“ Eliſabeth ſagte:„Mein Bruder Martin— mein Ge⸗ mahl“— die beiden Männer einander vorſtellend. „Das iſt Dein Gatte!“ fuhr Martin Behaim heraus, der, obwohl er wußte, daß derſelbe zwanzig Jahre älter war als Eliſabeth, und ſchon darum ein un⸗ paſſender Lebensgefährte für ſie, doch wenigſtens die Würde des ältern Mannes, wie er ſelbſt ſie beſaß, aber nicht dieſe Geckenhaſtigkeit, die ſich ſeinem ganzen Aeußern auf⸗ prägte, und dieſe Ausdrucksloſigkeit des Geſichtes, die auf den alltäglichſten Weltmenſchen ſchließen ließ, von ihm erwartet hatte. Er begriff mit einem Blick, daß ſeine Schweſter, die ſonſt ſeine Schülerin geweſen, die er mit Theil hatte nehmen laſſen an ſeinen Studien and an ſeinem Wiſſen, ſo weit dies einem jungen Mädchen mög⸗ lich geweſen, neben dieſem Flachkopf unglücklich ſein mußte. Er reichte dem Schwager die Hand und ſagte:. 20 „Seid mir als werther Verwandter gegrüßt, wenn Ihr mir auch der viberbringer einer Unglücksbotſchaft ſein ſolltet!“ „Willkommen, Herr Bruder und wackerer Seefah⸗ rer!“ antwortete Scheurl;„aber ich fürchte in der That, wenn an die Behaim eine Sendung von Euch in dieſen Tagen unterwegs geweſen, daß die ausgeraubte die Eure iſt, da es kein gewöhnlicher Waarentransport, ſondern Reiſegepäck geweſen ſein ſoll, das von Augsburg kam.“ „Laßt mich den Boten ſprechen!“ rief Martin auf⸗ geregt. Eliſabeth zog die Klingel und gab der erſcheinenden Dienerin den Befehl, den Boten hinaußzuführen. „Es wäre weniger umſtändlich geweſen, ſelbſt hinab⸗ zugehen!“ ſagte Martin, als man noch auf den Boten wartete. Da dieſer endlich erſchien, erſtattete er Bericht, daß er in Begleitung von einem Trupp Berittener, welche im Solde der Herren Fugger von Augsburg ſtänden, von dieſen beauftragt ſeie, ein vierſpänniges Waarenfuder an die Herren Behaim nach Nürnberg zu führen und daß er ein Verzeichniß der Waaren mit erhalten; in einem beſondern Kaſten wären auch Affen und in einem andern einige wunderbare ganz bunte große Vögel mit krauſen Köpfen und langen Schwänzen geweſen. 24 „Meine indianiſchen Raben!“ rief Martin.„Eliſa⸗ beth, ich hatte Dir ſie mitgebracht, da ich weiß, wie Du über ſolche Dinge Dich freuſt!— Wo ſind ſie?— es ſind meine Sachen! es braucht keiner weitern Beſchreibung— wo ſind ſie hingekommen?“ Der Bote zuckte die Achſeln.„Wegen dem Viehzeug mußten wir öfterer einkehren, ihm friſches Waſſer zum Saufen zu geben, wie uns geboten war. Uiberall, wo es geſchah, liefen die Leute zuſammen, die gerade in der Nähe waren, die abſonderlichen Thiere zu ſehen, Land⸗ oder Stadtvolk, Ritter oder Knappen, was gerade auf den Beinen war. So auch geſtern Mittag in Altdorſ ein vaar Ritter. Ich ſuchte gerade etwas in meiner Taſche, und da hatte ich das Waarenverzeichniß mit herausge⸗ nommen. Der eine Ritter fragte uns, ob wir noch mehr ſolche närriſche Dinge mit uns führten? Ich meinte, das möchte wohl ſein, aber wir wüßten es nicht, da wir nicht leſen könnten— und da er das Verzeichniß ſah, ſagte er, er wollte es uns vorleſen, und las zuerſt dar⸗ auf, daß die Sendung an die Herren Behaim ginge. Bei manchen Worten und Namen ſtutzten ſie und ver⸗ ſtanden ſie nicht und wir noch weniger. Wir ſetzten dann unſern Weg weiter ſort; aber der Regen hatte die Straße, die noch vom Winter her nicht ausgetrocknet war, ſo ſchlecht gemacht, daß wir Mühe hatten fortzukommen, 22 und darum kam uns die Dunkelheit über den Hals, als wir noch im Reichsforſt waren, indeß wir gemeint hatten, wir könnten vor Nacht in Nürnberg ſein. Nun ging es immer langſamer mit uns vorwärts. Da brach plötzlich ein bewafſneter Haufe durch den Wald und überfiel uns. Meint nicht, daß wir uns nicht tapfer gewehrt— es gab Todte und Verwundete auf beiden Seiten. Aber ſie über⸗ wältigten uns— wir mußten fliehen— ſie waren uns weit überlegen— der Wagen ſammt den Pferden und Waaren fiel in die Hände dieſer Straßenräuber und Ritter. Ich meine die Beiden in ihnen erkannt zu haben, die am Mittag mit uns ſprachen, obwohl ſie jetzt die Viſiren geſchloſſen hatten; denn ſie wußten auch, an wen unſere Sendung ging, und Einer ſagte: Wenn die Affen für Eliſabeth Behaim geweſen, ſo ſag't ihr, ſie brauche keinen, da ſie ſich ſchon ſeit zwei Jahren einen angeſchafft.“ Eliſabeth erröthete und trat zurück; ſie verſtand nur zu gut die dreiſte Anſpielung auf ihren Gatten, die der Bote in ſeiner Dummheit getreulich wieder berichtete, und die alſo doch auf Raubritter ihrer Bekanntſchaft ſchließen ließ— und ſie nahm ſich vor, ſobald ſie den Boten allein ſprechen könne, ſich eine genaue Beſchreibung der Ritter geben zu laſſen, indeß Martin, mit den Füßen ſtampfend, zornig fragte: „Alſo iſt wirklich Alles in ihre Hände geſallen?“ 23 „Alles,“ antwortete der Bote. „Nun das muß ich ſagen!“ rief Martin Behaim, „ich denke, der von Kaiſer Friedrich auf acht Jahre ge⸗ ſtiftete Landfriede iſt ernenert worden, der ſchwäbiſche Bund wie die Löwler und die Reichsſtädte wachen ſorg⸗ fältig, daß er gehalten werde, und indeß ich mein Gut von den neuentdeckten Inſeln, dem Kap der guten Hoff⸗ nung über die weite See, dann durch die ganze pyre⸗ näiſche Halbinſel und Frankreich glücklich hereingebracht in's deutſche Reich und in ihm bis vor die Thore der friedlichſten Reichsſtadt— wird es auf ihrem Gebiete mir noch geraubt! Das freilich ließ ich mir nicht träumen, daß es noch alſo zugehe im heiligen römiſchen Reich; indem man von dem neuen römiſchen Könige große Dinge und Wunderthaten erwartet, geht es im Innern des Reichs ſchlimmer zu, als bei den Nationen des Si⸗ dens, die ſich nicht ſolcher Vildung und Geſittung rüh⸗ men und ſich noch mit dem heißblütigen Charakter des Südländers entſchuldigen können. Wie hab' ich mich oft in die Heimath geſehnt, nach biederer deutſcher Art— und nun empfängt ſie mich ſo! Mir ſcheint, als ſei hier eine bodenloſe eoſten unter die Menſchen gekommen. Das Gute hat es, daß ich nun wohl das Paterland nicht überſchätzen und auch in der Ferne von Heimweh geheilt ſein werde.“ 24 „Wir müſſen dieſe Sachen wieder haben!“ rief Herr Scheurl, und auch Georg ſtimmte bei, daß der Rath von Nürnberg den Schimpf nicht könne auf ſich ſitzen laſſen, daß ein Behaim, der nach zwölf Jahren zurückkehre, mit dem Ritterkreuz des portugieſiſchen Königs geſchmückt, der ſeiner Vaterſtadt und ſeinen Landsleuten ſo viel Ehre ge⸗ macht, ſo um ſein Reiſegut betrogen dürfe. „Gott ſei Dank,“ ſagte Martin,„daß ich wenig⸗ ſtens meine Inſtrumente, Karten und Pläne bei mir be⸗ hielt; ihr Verluſt wäre mir unerſetzlich geweſen. Was ich da mitgebracht und was man geraubt, das habe nicht ich ſo wohl verloren, als Ihr und der Rath von Nürn⸗ berg; denn es waren meiſt Gegenſtände ſeltſamer Art von meinen Entdeckungsreiſen, dergleichen man hier noch nicht geſehen, und ich darum Euch und dem Rath, der ganzen Stadt zu Nutz und Letze mitgebracht und ge⸗ ſchenkt hätte.“ „Eben das,“ ſagte Georg,„daß es noch nie ge⸗ ſehene Gegenſtände ſind, muß zur Entdeckung der Thäter und Wiederhabhaftwerdung jener führen.“ „Wir wollen ſogleich das Nöthige anordnen bei dem Rath,“ ſagte Scheurl, ſich wichtig und geſchäſtig zeigend. „Zum Glück,“ ſagte Martin,„habe ich eine Abſchrift des Verzeichniſſes zur Vergleichung, die mögt Ihr ein⸗ 25 reichen. Ich klage wider Friedensbruch auf Straßenraub und Uiberfall, auf Todſchlag des Geleites für friedliche Handelsleute.— Bis Augsburg war ich bei den Gütern geblieben, weil ich aber unterwegs in Gichſtädt einen al⸗ ten Freund aufſuchen wollte, trennte ich mich von ihnen, allein ſchneller reiſend, und blieb dort zwei Tage, wonach ich berechnete, daß ich wohl ziemlich zugleich mit den Gütern vorkommen werde, denn um Euch zu überraſchen, wünſchte ich nicht, daß ſie mir zuvorkommen.“ „Nun kommt und laßt uns gleich alle drei auf dem Rathhauſe die nöthigen Schritte thun,“ ſagte Georg. „Gehab Dich indeſſen wohl, Eliſabeth,“ ſagte Mar⸗ tin;„ich bin Dein Gaſt, wenn ich zurückkehre. Du ſiehſt, ich habe nicht die Schuld, wenn ich Dir nicht einige Affen und indianiſche Raben zur Geſellſchaft laſſen kann, damit ſie Dir von ihrer mährchenhaften Heimath er⸗ zählten.“ „Ich erwarte Euch wieder zum Nachtmahl,“ ant⸗ wortete ſie;„und wen Du etwa von alten Freunden wiederfindeſt, den bringe mit, oder nenne mir ihn, damit ich nach ihm ſende.“ „Wir können ja auch unter uns bleiben,“ verſetzte ic„Du haſt mir ja ſelbſt noch gar nichts er⸗ 3 t1“ Damit gingen ſie, und Eliſabeth ſeußzte bei den 2 1859. XVII. Nürnberg. II. 26 letzten Worten; was ſie am meiſten bewegte, mochte ſie doch nicht erzählen!— Als ſie allein war, ließ ſie ſich von dem Boten die Ritter, die den Uiberfall gemacht und ihn erſt geſprochen, genau beſchreiben. Sie konnte nicht zweifeln, daß der eine Eberhard von Streitberg war. Er hatte auch die Bemerkung mit den Affen gemacht. Zurites Cnpitel. Warnende Stimmen. Ulrich von Straßburg war in's Clara⸗Gäßchen ge⸗ zogen, das ſich in der Nähe des Clarakloſters befand und auf der Lorenzer Seite auch nur durch eine Straße von der Lorenzkirche, der Ropſtei und der Bauhütte von St. Lorenz getrennt war. Die dort beſchäftigten Baubrüder ſuchten meiſt auf der Lorenzer Seite zu wohnen, und in⸗ ſofern war für alle dieſe Wahl der Wohnung gerecht⸗ fertigt— nur der Propſt Kreß hatte ein bedenkliches Ge⸗ ſicht gemacht und Ulrich abgerathen dahin zu ziehen, weil er den geheimen Beweggrund errathen konnte: Ulrich ſuchte die Nähe ſeiner Mutter, von der er nun wußte, daß ſie im Kloſter zur heiligen Clara lebe. „Ich will ja nichts, als nur eine Luſt mit ihr athmen, daſſelbe Geläut der Glocken hören, das mich zur Arbeit und ſie zum Gebete ruft!“ antwortete Ulrich. 25 28 „Laßt mich gewähren! Wohnte ich nicht dort, ſo würde ich vielleicht jeden Tag in der Nähe des Kloſters auf⸗ und abgehen, und wenn Ihr fürchtet, ich möchte mich ſelbſt verrathen, ſo würde dies viel eher dadurch geſche⸗ hen, als jetzt, wo ich nur ein Unterkommen geſucht und ein ſolches zufällig für die beſcheidenen Wünſche eines Baubruders paſſend im Claragäßlein fand, aus dem ich ſo nah' zu unſerer Bauhütte habe. Ich verſpreche Euch, keinen Schritt zu thun, wenn Ihr meint, daß dadurch der fromme Frieden ihres Gemüthes geſtört werden könnte!“ „Um Ihretwillen, wie um Deinetwillen,“ ſagte der Propſt,„muß Alles bleiben, wie es jetzt war. Es iſt auch darum, daß ich Dich nicht ſelbſt bei mir wohnen laſſe, wie ich am liebſten thäte. Ja weil Du Deiner Mutter ähnlich ſiehſt, woran Dich Amadeus erkannte, oder wenigſtens ſo von Deinem Anblick ergriffen ward, daß er Dir nachforſchte, haſt Du auch einen Zug von mir— und man hat es ſchon gewagt, Dich meinen Sohn zu nennen, weil ich Dich vor Andern begünſtigt; müßte ich nicht den Schein vermeiden, ſo würde ich Dich gar nicht von mir laſſen. Ich beſchwöre ſonſt wieder ein Ge⸗ rücht herauf, das meiner geiſtlichen Würde ſchadete und Dir ebenſo gefährlich wäre, als das an den Tag Kommen der Wahrheit.“ 29 Ulrich verſicherte noch einmal, daß er keine Vorſicht und Rückſicht aus den Angen ſetzen werde, die ja ſelbſt ſeine eigene Zukunft am allermeiſten erfordere. „Wenn nur Amadeus nicht ſelbſt zum Verräther wird!“ ſeußzte der Propſt. Von dem Augenblicke an, wo Konrad ihn aus der Kapelle waldeinwärts geſendet, wuß⸗ ten ſie nichts von ihm. Nachforſchungen irgend welcher Art konnten ſie nicht anſtellen, um ſich nicht ſelbſt zu verrathen. Ob er lebend oder todt, ſie wußten es nicht. Im Stillen wünſchte der Propſt das Letztere. Was ſollte auch der verirrte Mönch im fremdgewordenen Leben? und dem Sohne konnte ſein Leben gefährlich werden!— Der Oheim wünſchte nur nicht, daß Ulrich eine Schuld fühle am Tode des Paters, und darum war er froh, daß die⸗ ſer jenem ſeine Befreiung verdankte. „Noch Eines muß ich Dir ſagen,“ begann der Propſt;„eine Warnung ganz anderer Art. Als Herr Stephan Tucher mit Jungſran Urſula Muffel getraut ward, zwei Fürſten ſie zur Kirche führten und ein ſtatt⸗ licher Brautzug ſolgte: da war auch die ſchöne Scheurlin mit darunter und ragte wie immer auffallend unter Allen hervor, als ſei ſie ſelbſt eine Königin. Die Kirche war von Zuſchauern dicht gedrängt, und auch auf dem erhöh⸗ ten Platze, den ich mit andern Geiſtlichen und Patriziern einnahm, hatten ſich Fremde mit eingefunden. Darunter 30 auch ein Ritter, der ſein Augenmerk beſonders auf die Scheurlin geworfen, und der da meinte, er kenne ſie gar wohl ſeit ihren ſchönſten Ingendtagen, und nach dem, was er jetzt von ihr höre, müſſe er glauben, daß ſie immer noch ſo eitel und leichtſertig ſei, wie damals, und für Jeden zu haben. Ich meinte, das Letztere ſei nun gar nicht wahr und als leichtfertig kenne ſie Niemand; ſie ſei immer eine ſpröde Jungfrau geweſen und lebe auch jetzt ganz ehrbar mit ihrem Gemahl. Aber er lachte und ſagte: Das müſſe er beſſer wiſſen; da ſie noch Mäd⸗ chen geweſen, habe er ſelbſt ihre Gunſt beſeſſen, aber ſie aufgegeben, weil er keine Luſt gehabt, dieſelbe mit Andern zu theilen— und wie ich ſelbſt ja wohl, gleich der gan⸗ zen Stadt, wiſſen müſſe, daß ſie es darauf anlege, we⸗ nigſtens ſo lange der römiſche König in Nürnberg ſei, ſeine Buhlerin zu ſein— wie ſie daneben aber auch es nicht verſchmähe, ſeit Jahr und Tag eine Liebſchaft mit einem armen Steinmetzgeſellen zu haben.“ Der Propſt hielt inne, wie um zu beobachten, wel⸗ chen Eindruck dieſe Worte wohl auf Ulrich machen wür⸗ den. Dieſer war allerdings überraſcht, auch den Propſt ihm gegenüber von Eliſabeth ſprechen zu hören, und noch mehr über dieſen Schluß; ſeine Wangen glühten vor Zorn und Scham bei den letzten Worten, aber ruhig, ſeſt und ſtolz blickte er in die Augen des Rropſtes und ſagte nur:„Vollendet!“ 34 „Ich ſchüttelte zu ſolch' unſinnigem Mährlein den Kopf,“ ſuhr der Propſt fort;„aber der Ritter meinte, er wiſſe es ganz gewiß, und fügte hinzu, daß es noch dazu ein Baubruder ſei, den ich kennen müſſe, da er in der Lorenzhütte arbeite, und nannte ihn: Ulrich von Straß⸗ burg—“ „Das hat der Bube nur gewagt, weil er wußte, daß ich von Nürnberg fern war im Benediktinerkloſter!“ rief Ulrich, jetzt Alles errathend.„Nicht wahr, der ſau⸗ bere Ritter von Streitberg hat's Euch zugeflüſtert! Der haßt mich freilich auf Leben und Tod. Und Ihr könntet wirklich mehr auf das Wort eines ſo frechen Ritters ge⸗ ben, der nichts iſt als ein Placker, Straßenräuber und Frauenentführer, als auf das meine! König Mar glaubte mir mehr, als ihm, und verwies ihn damals aus Nürn⸗ berg, wo ich zum erſtenmale mit ihm und der Scheurlin zuſammen getroffen und er wider mich und Hieronymus klagbar geworden— aber ihr glaubtet ihm!“ „Das war damals derſelbe Ritter von Streitberg!“ fragte Kreß erſtaunt, denn damals war weder in der Bauhütte noch außerhalb der Name des Ritters, dem Ulrich das Schwert abgerungen, genannt worden. „Derſelbe,“ wiederholte Ulrich;„und damit ich es nun geſtehe: es war auch derſelbe, den ich und der mich zum Tod verwundete, da ich zum zweitenmale die Scheur⸗ 32 lin vor ihm rettete— derſelbe, der mir jetzt auf dem Wege nach dem Kloſter begegnete, wo Junker Pirkheimer mit mir ſprach, und ich durch ihn die wahrſcheinlich auch jetzt noch von ihm Verfolgte vor ihm warnen ließ. Er hat ſie nicht in ſeine Gewalt bekommen können, und nun ver⸗ ſucht er es durch Verleumdungen, durch ſchnöde Angriffe auf ihre und meine Ehre. Um ihrer Frauenehre Willen habe ich gegen Alle und gegen Euch geſchwiegen, wo ſie es ſchon verletzen könnte, daß ſolch' ein wüſter Geſelle ſie verfolgt und ihr ſelbſt Alles an dieſem Schweigen gelegen zu ſein ſchien, denn ſie hat für mich nie ein Wort des Dankes oder des Vertrauens gehabt— es ſchien ihr eben Alles daran gelegen zu ſein, daß ihr Begegniß mit dieſem Menſchen ein Geheimniß bliebe, ja daß es auch von mir ſelbſt vergeſſen würde. Da müßt ihr nun freilich der verleumderiſchen Beredtſamkeit mehr glauben, als meinem rückſichtsvollen Schweigen.“ Gerade dieſer Eifer, mit dem Ulrich jetzt ſprach, er⸗ ſchien dem Propſt bedenklich, obwohl er Ulrich's Worten vollkommen glaubte und von dem ihm übrigens unbe⸗ kannten Streitberg gleich durch deſſen Betragen nicht die beſte Meinung hatte, die ſich nun leicht zu einer ſchlechten wandelte. Aber waren dieſe Beiden nicht eben darum Feinde, weil ſie Nebenbuhler? War denn etwas natür⸗ licher, als dies? Der Propſt hatte viel gelebt in der Welt und kannte ſeine Zeitgenoſſen, die Geiſtlichen wie die Laien, den Adel und die Patrizier, wie das niedere Volk, die Männer wie die Frauen— und er kannte ſie nicht von der beſten Seite. Die großen Verbrechen und heimlichen Sünden, die man ihm im Beichtſtuhle bekannt, waren noch nicht die ſchlimmſten; es gab dunkle Thaten, die ſelbſt dies Bekenntniß ſcheuten, und Gedankenſünden, die es nicht einmal bis zur Erkenntniß brachten, um wie viel weniger, daß ſie hätten laut werden mögen. Er war ſelbſt nicht frei von Fehltritten, deren er ſich bewußt war, und die er doch mit der Schwachheit der menſchlichen Natur entſchuldigte, und über die er ſich, weil ſie eben nur aus dieſer hervorgegangen, keine großen Gewiſſens⸗ ſtrupel machte; er hatte geſucht, ſie auf der andern Seite durch gute Werke zu ſühnen, und ſo ſeine Rechnung mit dem Himmel gemacht. Er hatte weder je an ſeine eigene, noch an die Tugend Anderer ſchwärmeriſche Anſprüche gemacht, und ſo hatte er ſich ſelbſt mehr auf der Nittel⸗ bahn des Lebens erhalten; aber er wußte, daß, wer ti⸗ tanenhaft nach den Höhen ſtrebe, oft am leichteſten in einen Abgrund falle; daß, wer ſeiner Zeit in vielen Din⸗ gen voraus ſei und über blinde Vorurtheile ſich erhoben, ſich auch an manche Vorſchriften der herrſchenden Moral oder des Glaubens minder gebunden achte, als Andere, und ſo Gefahr laufe, mit dem falſchen Vorurtheil ſelbſt 34 das richtige Urtheil zu opfern über gut und böſe, recht und ſchlecht. Gerade darum war ihm bange für Ulrich, weil er deſſen hochfliegende Seele kannte; ſie konnte ſich auch verfliegen und gleich der Motte, weil das Licht ihn anzog, im Lichte fangen und verbrennen. Weil er keine gemeine ſinnliche Natur war, konnte es ihm um ſo eher geſchehen, nicht auf gemeine leichtſinnige Weiſe, ſondern durchdrungen von einer poetiſchen Schwärmerei ſein Ge⸗ lübde, das ihn alle Frauen meiden hieß, zu brechen— ſo daß doch immer das Reſultat, der gebrochene Schwur, daſſelbe blieb— ob nun die Verführung von einer reali⸗ ſtiſchen oder idealiſtiſchen Anſchanung und Seite kam, die Sache blieb ſich gleich. Der Propſt nahm Ulrich bei der Hand und ſagte gutmüthig:„Vergib dem älteren, erſahrenen Manne, der es recht gut weiß, daß Keiner ſo feſt ſteht, daß er nicht falle. Mag es nun Zufall oder Abſicht geweſen ſein, was den Ritter und Dich um die Scheurlin zuſammenführte— ſei gegen ſie auf Deiner Hut.“ „Aber ich bitt' Euch,“ unterbrach ihn Ulrich ärger⸗ lich,„eine ſo ſtolze Patrizierin— und ein armer Stein⸗ metzgeſelle; wozu hier noch eine Warnung, und ſei ſie noch ſo wohlgemeint.“ Der Propſt zuckte die Achſeln.„So wie ich dieſe Fran kenne, iſt es möglich, daß ſie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des römiſchen Königs und künftigen deutſchen Kaiſer annimmt und im Stillen ihn von ſich weiſtt, nicht mehr geſtattet, als die Welt eben ſehen darf— aber auch, daß ſie im niedern Steinmetzgeſellen den Kunſtgenius herausfindet und ihm gegenüber keinen Stolz mehr kennt— wenn nur die Welt nichts davon erfährt.“ Ulrich ſchüttelte den Kopf zu dieſen Warnungen. Freilich war es ihm, ſeit er Eliſabeth's Retter geweſen und ſeit ſie, da er im Kampfe für ſie in ihre Augen geſchaut und ſie über ihn gebengt verzweiflungsvoll ge⸗ haucht hatte:„todt— und für mich“— als ſei er da⸗ durch nicht nur belohnt für das, was er für ſie gethan, ſondern auch geweiht, als ſei er berufen, für ſie noch mehr zu thun. Aber das lebte als ein ſo heiliges Gefühl in ihm, daß er es ſich ſelbſt und Andern verbarg, und weil ihm war, als habe er damals einen Blick in Eli⸗ ſabeth's Inneres gethan, nicht duldete, daß man ſie ver⸗ unglimpfe— ja, nach dem, was Kreß jetzt ſagte, erſchien ſie ihm ſeiner Verehrung um ſo würdiger, weil ſie von einem Buben geläſtert ward ſowohl, als auch dadurch, daß ſie gerade im Gegentheil zu dem, was man ihr hier nachſagte, die ſtolzeſte Zurückhaltung gegen ihn beobachtete. Wenig Tage nach dieſem Zwiegeſpräch ſchlich der Jude Gzechiel im Abenddunkel in Ulrich's Wohnung, die er nach langem Nachforſchen ausfindig gemacht. Ulrich meinte, er komme, um ſich doch noch für die im Kloſter ihm übergebene Kleider die Bezahlung zu holen, die er damals verweigert hatte. War Ulrich auch in manchen Beziehungen über die ärgſten Vorurtheile hinaus— er fühlte ſich doch ſehr gedrückt und erniedrigt durch den Gedanken, daß ein Geheimniß von ihm in den Händen dieſes Juden ſei; denn wenn er auch nicht wußte, zu welchem Zweck er, Ulrich, im Kloſter die Kleider bedurfte, ſo gab es doch, wie bei jedem Geheimniß, das nicht mehr unſer alleiniges Eigenthum, Möglichkeiten und Zufällig⸗ keiten genug, es theilweiſe wenigſtens zu verrathen, oder doch dieſe Mitwiſſenſchaft des Iſraeliten gefährlich werden zu laſſen, um ſo mehr, da die Verſchlagenheit dieſer Leute und ihr Streben, keinen Chriſten zu ſchonen, bekannt und in der That mehr als Vorurtheil war. Deshalb galt auch allerdings vor Gericht ihr Zeugniß nicht, und darum war wieder ein Jude eine ungefährlichere Perſon in dieſem Falle, als jede andere; aber da eben dieſer durch ſeinen Trödlerkram und ſein großes„Geſchäft“ ſich ſchon man⸗ chem Chriſten unentbehrlich gemacht und ihn ſich ver⸗ pflichtet hatte, ſo hatte er überall Einfluß und Leute, die in ſeiner Hand waren und nach ſeinem Willen han⸗ deln mußten. Ulrich fühlte ſich gedemüthigt, daß Ezechiel ihn dieſen wohl gar ſchon beizählen könne. Kam er auch 37 jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhüllenden Mantel um ſich, ſo lag doch die Möglichkeit nahe, daß Jemand ihn oder doch den Juden in ihm erkenne— und da der Umgang mit einem Juden, beſonders für einen chriſtlichen Baubruder, ſchimpflich war, ſo wollte er ſich des unwillkommenen Beſuchs ſo ſchnell als möglich ent⸗ ledigen, indem er ſogleich fragte: wie viel er ihm ſchulde? Aber Ezechiel wies noch einmal ſtandhaſt jede Bezah⸗ lung zurück, und erzählte, daß er der Frau Scheurl den Ring gebracht, und wie dieſe ihm, dem Finder, ſelbſt da⸗ für danken wolle— denn es ſei ihr gar viel an dem Ringe gelegen. Sie laſſe ihn daher bitten, ihr eine Abend⸗ ſtunde zu beſtimmen, in welcher er bei ihr ſelbſt dieſen Dank empfangen könne; ſie werde dann auch Alles ein⸗ richten, daß ſein Kommen ganz unbemerkt bleibe, da ihm das wohl erwünſcht wäre. Urich trat einen Schritt zurück. Im erſten Augen⸗ blick dachte er wohl an des Propſtes Warnung, wie an deſſen Urtheil über Eliſabeth; im nächſten aber, wo er einen Blick auf das eyniſchlächelnde Geſicht des Juden warf und deſſen ganze widerwärtige Erſcheinung— da be⸗ griff er, daß Eliſabeth nicht einen ſolchen zu ihren ver⸗ trauten Auſträgen wählte, ſelbſt wenn ein Zufall ihn wie durch die Uibergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten gemacht. Er fühlte ſich 38 verſucht, den Juden zu packen und die Treppe hinabzu⸗ werfen; aber— er mußte ihn ja ſchonen, weil ein Ge⸗ heimniß und mit ihm vielleicht er ſelbſt und ſeine Ehre, vielleicht das Leben ſeines Vaters in den Händen des Juden war; er mußte vermeiden ihn zu beleidigen, ihm ſeine Verachtung zu zeigen— er antwortete nur ſtolz: „Ein chriſtlicher Baubruder bedarf nie eines Dankes dafür, daß er ſeine Pflicht thut— er nimmt ihn nicht an, ſelbſt wo er ein Opfer gebracht hätte. Aber hier kann von gar keinem Dank die Rede ſein— das iſt die einzige Antwort, die ich für Fran von Scheurl haben kann.“ „Die wird ihr ſehr wenig gefallen,“ ſagte Czechiel; „eine ſchöne Frau, die einen jungen Mann auffordert zu kommen im Dunkeln in ihr Haus, die iſt nicht zufrieden mit ſolcher Antwort.“ „Kein Wort weiter!“ fuhr Ulrich auf,„und ſeid froh, wenn Ihr weiter keines von mir hört!“ „O ich merke wohl,“ begann Ezechiel deſſen ohn⸗ geachtet von Neuem,„ich merke wohl, daß Ihr nicht trauet dem armen Inden, und für dieſen Fall hat mir die Frau Scheurl in der Eile auch ein Blatt geriſſen aus einem ſchönen Buche und mir mitgegeben, darauf geſchrieben ſteht ihr eigener Name von ihrer eigenen zier⸗ lichen Handſchriſt.“ 39 Ulrich griff nach dem Blatte: es war ein Titelblatt aus der Beſchreibung Nürnbergs von Konrad Celtes; unten am Rande ſtand mit blauen Buchſtaben:„Fliſa⸗ beth Behaim.“ Ulrich ſchwankte einen Augenblick, ob er das Blatt zurückgeben ſollte oder behalten.—„Darauf ſollet Ihr ſchreiben die Antwort, wenn Ihr ſie nicht wollt geben mündlich,“ ſagte der Jude.„Das Blatt muß ich wieder bringen.“ „So bringt es ihr, wie es iſt,“ ſagte Ulrich nach einigem Beſinnen;„das iſt auch eine Antwort.“ Vergeblich war alles weitere Reden des Iſraeliten. Ulrich mußte mit aller Gewalt an ſich arbeiten, daß er ihn noch glimpflich ſtatt ſchimpflich behandelte. Endlich mußte er doch unverrichteter Sache gehen. Das Titelblatt des Buches nahm er wieder mit. Ulrich glaubte nicht, daß Eliſabeth den Juden zu ihm geſendet— und doch konnte er auch wieder nicht be⸗ greifen, zu welchem Ende derſelbe irgend ein freches Spiel mit ihm treiben ſollte; er hatte ihm ja nur Gutes er⸗ wieſen, und Ezechiel ſelbſt hatte ſich in Lobreden und Dankesworten für ihn erſchöpft. Aber um ein Geſchäft zu machen, meinte Ulrich, ſei ſolch' einer Judenſeele Alles möglich. War er nicht mit Streitberg in Verbindung, da er deſſen Ring beſaß?— oder wieder, da er ihn an Eli⸗ 40⁰ ſabeth ausgelieſert, hatte er nicht dieſem damit einen ſchlechten Dienſt erwieſen, oder auch hiermit„ein gutes Geſchäft gemacht“) Und war es nicht einſt Rachel ge⸗ weſen, die Streitberg's Anſchläge wider Eliſabeth ge⸗ kannt und ihm, Ulrich, zu ihrem Schutze zum Theil ver⸗ rathen hatte! Woher wußte ſie das, wenn nicht ihre umgebung wenigſtens mit Streitberg in Verbindung war? Hatte nicht dieſer gegen Kreß ihm und Eliſabeth ver⸗ ſucht durch böſen Leumund zu ſchaden— hatte er nicht auch hier die Hand im Spiele? Ulrich kam mit all' die⸗ ſen Fragen zu keinem klaren Reſultat— und doch fühlte er, daß ihn und Fliſabeth eine dunkle Macht bedrohe, und daß jetzt mehr als je etwas geſchehen müſſe ſie zu ſchützen und ſelbſt auf ſeiner Hut zu ſein— aber es ver⸗ gingen wieder Wochen, und es war Alles geblieben, wie es war. Da ſcholl die Kunde durch Nürnberg, daß der be⸗ rühmte Reiſende Martin Behaim zurückgekommen ſei, und daß ihm wenige Meilen von der Reichsſtadt entfernt und noch auf deren Gebiet der Wagen, der ſein Reiſegut ge⸗ führt, überfallen und ausgeraubt worden von frechen Raubrittern und Straßenräubern. Den Seinigen und ſei⸗ ner Vaterſtadt und deren Gemeinweſen habe er die herr⸗ lichſten Dinge mitgebracht, die nun in die Hände der Verbrecher gefallen, die nur den allerunwürdigſten Ge⸗ 41 brauch davon machen oder ſie gar vernichten würden. Und wie die Fama die Erzählung weiter trug von Ohr zu Ohr und von Mund zu Mund, ſo wurden die mit⸗ gebrachten kleinen Affen zu fürchterlichen Waldmenſchen mit Schwänzen und die indianiſchen Raben zu fabel⸗ haſten Vögeln, die mit menſchlichen Zungen redeten und goldene Eier legten, und die wunderſamſten Schilderun⸗ gen liefen um von Martin Behaim's indiſchen Schätzen. Nicht nur der Rath bot all' ſeinen Scharfſinn und all' ſeine Macht auf, die Thäter zu entdecken, ſondern jeder einzelne Nürnberger ſchien es ſich zur Ehrenſache zu machen, ſo viel an ihm war auch mit zu ſorſchen und zu ſpähen, ob nicht irgendwo etwas zu ſehen und zu er⸗ halten ſei von dem abſonderlichen Eigenthum ihres be⸗ rühmten Landsmannes. Und diesmal— um ihres Bruders und um ihrer Vaterſtadt Willen— ſchwieg auch Eliſabeth nicht. Nach der Beſchreibung des Boten nannte ſie zwar nicht Streit⸗ berg, aber den Ritter von Weyſpriach und einen Ge⸗ fährten als die muthmaßlichen Thäter. Indeß das Wort galt immer noch: Die Nürnber⸗ ger hängen Keinen, den ſie nicht hatten. Und wie konnte man der Ritter habhaft werden? Die ſaßen ſicher auf Weyſpriach's alter Burg— und wer konnte ſicher beweiſen, daß dieſer mit dabei geweſen? Wie konnte man ihn zur 1859. XVII. Nürnberg. III. 3 42 Rechenſchaft ziehen? oder wie konnte man allein auf dieſen Verdacht hin etwa mit reichsſtädtiſcher Mannſchaft ihm vor die Burg rücken und entweder Einlaß begehren, nach den geraubten Schätzen zu ſuchen, oder jene zu be⸗ lagern? Dann hätte Nürnberg zuerſt den Landfrieden ge⸗ brochen, das ſo ſtreng auf deſſen Wahrung hielt, und nicht jener Ritter, der vielleicht ja doch unſchuldig war, vielleicht auch das verrätheriſche Gut längſt in einer ſichern Räuberhöhle geborgen. So blieb es immer nur bei öffentlichen Erlaſſen und Preisausſatzen für Diejeni⸗ gen, die irgend etwas von dem Gute gewahren, oder eine Auskunft darüber geben würden. Wie aber immer, bald mit Recht, bald mit Unrecht, Alles, was Schlechtes oder Unerklärtes geſchah, auf die Juden geſchoben ward, ſo geſchah es diesmal wieder, nachdem einige Tage unter andern vergeblichen Bemü⸗ hungen hingegangen waren. Das Volk grollte den Juden, hieß ſie wenn nicht die Stehler ſo doch die Hehler, und ſchon zeigte ſich im dumpfen Grollen die Luſt, das Ju⸗ denviertel zu ſtürmen— bis jetzt aber war es noch bei einzelnen Exceſſen geblieben. Als Ulrich zu dieſer Zeit einmal im Dunklen nach Hauſe kam, kauerte eine weibliche Geſtalt auf der Treppe. „Urich!“ flüſterte es leiſe. 43 Unwillig erkannte er Rachel's Stimme.„Was willſt Du wieder!“ fragte er rauh. „Euch bitten, mir zu helfen, tanſende Unſchuldigen zu retten!“ ſlehte ſie.„Ihr wißt's, ich habe nie gelv⸗ gen— hört mich auch jetzt! glaubt mir auch diesmal!“ „So rede wenigſtens ſchnell, und ſag' es kurz, was Du willſt!“ unterbrach ſie Ulrich ungeduldig. „Hier hört uns doch Niemand?“ fragte ſie ängſtlich. „In der That,“ antwortete er,„das hab' ich wohl mehr zu fürchten wie Du!“ „So laßt mich mit in Euer Zimmer!“ bat ſie, „und macht Licht, ich hab' Euch etwas zu zeigen!“ Ulrich öffnete das Zimmer und ſchob ſie mit hinein; während er Feuer anſchlug, ſagte er:„Rede und ſaſſe Dich kurz, denn lange dulde ich Dich hier nicht!“ Es war noch finſter und er ſah nicht, wie ſie er⸗ glühte und zitterte.„Ach, Ihr wißt es gewiß ſelbſt!“ begann ſie;„unſer Volk ſoll wieder die Schuld tragen von der Ungebühr, die einem chriſtichen Bürger geſche⸗ hen, indeß die Uibelthäter doch Chriſten waren! Ein wü⸗ thender Haufe zog durch unſere Gaſſen und verkündete, daß man uns die Häuſer über den Köpfen anzünden werde, wenn wir nicht herausgeben, was dem Martin Behaim geraubt iſt— wenn nicht bis morgen Alles zur Stelle— ſo lange laſſe man uns Zeit——“ 3* 44 „Aber was kann ich dabei thun!“ unterbrach ſie ulrich, der jetzt einen Kienſpan in Brand geſetzt hatte, wieder ungeduldig. Sie hatte einen alten grauen Sack neben ſich ge⸗ legt, in welchem ſich etwas unruhig raſchelnd zu bewegen ſchien; jetzt hob ſie ihn auf, ſtreifte ihn zurück, und her⸗ vor kam ein wunderſchöner Vogel mit purpurrothem Ge⸗ fieder, das wie Atlas glänzte, und blau und grün, hell und dunkel ſchattirten Flügeln und langem Schwanz. „Seh't,“ ſagte ſie,„da iſt das Schönſte von Behaim's Schätzen; dies Thierchen hab' ich heimlich gerettet, wie ſie es mit den andern würgen wollten, und bring' es Euch.“ ulrich betrachtete den Vogel, dergleichen er noch nie geſehen, mit unwilltürlicher Bewunderung, und dann rief er drängend:„Aber wo haſt Du den Vogel her? Alſo weißt Du doch um das geraubte Gut und Deine Glau⸗ bensgenoſſen ſind ſchuld an dem Frevel?“ „Nein und tauſendmal nein!“ rief ſie;„aber weil ſie unſchuldig ſind, müßt Ihr die Schuldigen verkünden. Aber mich hört ja Niemand, mir glaubt ja Niemand— oder vielmehr, die Männer würden mich ſteinigen, wenn ſie wüßten, daß ich verriethe, was verſchwiegen bleiben ſoll. Da nehm't den Vogel— dem ſichtbaren Zeichen wird man glauben, wenn nicht Euch; geht damit zum Rath oder zu dem Behaim, oder Scheurl, oder zu wem Ihr 45 wollt, und ſagt, daß der Vogel Euch zugeflogen und es Euch geſagt habe: Die Ritter Weyſpriach und Streitberg ſind die Räuber und haben das Gut zum Theil auf ihrer Veſte— ein anderer Theil davon aber iſt in großen ei⸗ ſernen Käſten im Walde in einer Grube verſcharrt. Führt nur die Leute hin rechts von der Heerſtraße; es ſtehen zwei hohe Tannen da, die ſich einander zuneigen, dahinter liegen runde bemooste Steine, gleich Wellen übereinander geſchichtet. Ihr könnt nicht fehlen, Ihr müßt die Stelle finden.“ „Aber, Kind,“ ſagte Ulrich ſtaunend,„auch wenn ich Dir glauben will— ich kann doch nicht ſelbſt die Stelle angeben und aufſuchen, ohne den zu nennen, der ſie mir gezeigt.“ „Nein! nein!“ rief ſie,„das werdet Ihr nicht thun!— Nennt den Vogel da, Ihr könnt ſicher ſein, den Beweis zu liefern, daß er die Wahrheit geredet.“ „Ich lüge niemals!“ fiel ihr Ulrich in's Wort;„ich werde vor Gericht nicht lügen und alberne Mährchen wer⸗ den nie über meine Lippen kommen.“ „Hab't Ihr nicht auch Geheimniſſe,“ ſagte ſie plötz⸗ lich, ihn feſt anſehend,„von deren Verrath vielleicht das Glück oder das Leben einer Perſon abhängt, die Euch theuer iſt! Iſt da nicht auch Euch ſelber Schweigen Pflicht— ſordert Ihr es nicht von Andern?“ 46 Er ſah unwillkürlich beſchämt zu Boden. Das war der Fluch, der über ihn gekommen, ſeitdem er die Eltern verloren, und noch mehr, ſeitdem er den Vater gefunden: er durfte nicht mehr in allen Fällen wahr und offen ſein.—„Warum wählſt Du immer mich zu Deinem Werkzeug in Dingen, die mich gar nicht berühren?“ ſagte er. Sie ſah ihn verwundert mit ihren dunklen Augen an, als begriffe ſie dieſe Frage gar nicht.„Weil ich Euch allein traue von allen Chriſten!“ ſagte ſie einfach, und nach einer Pauſe fügte ſie hinzu:„Ihr wißt, ich kann nicht ſchreiben. Könnte ich's, ſo hätte ich, was ich da vorhin Euch geſagt, auf einen Zettel geſchrieben und den dem Vogel um den Hals gehangen, dann hätt' ich ihn im Sack vor Eure Thür gelegt, ohne Euch ſelbſt zu er⸗ warten— und Ihr würdet allein gethan haben, was ich jetzt von Euch bitte. Schreibt Ihr den Zettel, und dann laßt mich alſo thun— und Ihr redet keine Unwahrheit, wenn Ihr ſagt, daß Ihr ſo die Kunde von dem Vogel erhalten. Hab't Barmherzigkeit und thut alſo— wenn ſolch' ein kleines Geheimniß meinem ganzen Volke Leben und Eigenthum retten kann, das es unſchuldig verliere—“ „Unſchuldig?“ unterbrach ſie Urich;„wie kommſt denn dann Du dazu, von dem Verbrechen und den Ver⸗ brechern genaue Kenntniß zu haben?“ 47 „Frag't mich nicht weiter!“ rief Rachel jetz ſich groß aufrichtend.„Daß ich die Noth abwenden will von mei⸗ nem Volke, unter dem nur Einer weiß, was ich weiß— das ſollte Euch meinem Flehen geneigt machen und Euch genug ſein, mich nicht mit Mißtrauen zu quälen— nicht mich zwingen zu wollen, noch durch ein weiteres Ge⸗ ſtändniß ein Verbrechen zu begehen, wo ich immer nur ſinne, eines um das andere zu verhüten.“ „Es iſt gut,“ ſagte er milder;„ich thue Deinen Willen— ſo bleibe auch das unſer Geheimniß.“ Er ſchrieb den Zettel ſo, wie ſie geſagt hatte. Sie war damit zufrieden und ſchlich ſich leiſe ſort, wie ſie ge⸗ kommen. Prittes Capitel. Begegnungen. Noch an demſelben Abend, wo Ulrich den indiani⸗ ſchen Raben erhalten hatte, machte er ſich mit dieſem auf den Weg und ging zu Behaim's Haus, um hier denſel⸗ ben abzugeben. Aber er fand die Hausthier desſelben ver⸗ ſchloſſen und kein einziges Fenſter des Hauſes erleuchtet. Erſt nachdem er lange geſchellt, ſchaute ein Kopf aus ei⸗ nem Fenſter im obern Stockwerk heraus und rief hinab: „Es iſt gar Niemand zu Hauſe.“ „Ich habe eine wichtige Meldung zu machen für Herrn Martin Behaim,“ rief Ulrich hinauf. „Der wohnt gar nicht hier, ſondern bei dem derrn von Scheurl,“ antwortete die Stimme,„da müßt Ihr dorthin gehen; Alle ſind da, denn man feiert den Ge⸗ burtstag der Hab't Ihr aber nichts Gutes zu melden, ſo werdet Ihr nicht ſehr willkommen ſein.“— Damit ward das Fenſter wieder zugeworfen. 49 Es blieb ulrich nichts übrig, als dahin zu gehen. Der Weg war ziemlich weit, und es ſchlug eben zehn Uhr, als er„unter der Veſte“ ankam. In Scheurl's Hauſe ſtanden alle Thüren offen. Aus den Fenſtern ſiel helles Licht auf die Straße. Muntere Weiſen von Spielleuten klangen daraus hervor. Im Hausflur und auf der Treppe traſ Ulrich Nie⸗ manden; in den hell erleuchteten Corridor, aus dem ofſen ſtehende Flügelthüren in den Geſ ellſchaftsſaal führten, woraus das Gewirr lauter Stimmen, neben der Melodie auch das Geklirr von Speiſe⸗ und Trinkgefäßen klang, mochte er ſich nicht ſogleich wagen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke ein, da ihn bisher noch Niemand geſehen, den Vogel vielleicht unbemerkt in ein Nebenkabinet ſetzen und ſich ſelbſt wieder fortſchleichen zu können, damit ſeine Einmiſchung in dieſe Angelegenheit ganz unbemerkt bliebe. Er öffnete darum eine der nächſten Seitenthüren und ſtand in einem kleinen Zimmer, über das eine von der Decke herabhändende Ampel ein zauberhaftes Roſenlicht goß. Darunter ſtand ein weißes Marmorbecken mit einem zier⸗ lichen Blätterkranz umgeben, aus dem Strahlen wohlrie⸗ chenden Waſſers emporſprangen. Eine ſeitwärts befindliche Niſche umgaben Draperien von gelber Seide und purpur⸗ nem Sammet mit goldenen Franſen, Quaſten und Schnü⸗ ren, welche dieſe Vorhänge von einein gleichfarbigen Sam⸗ 50 metpolſter an der einen Seite zurückhielten. An dem ein⸗ zigen hohen Bogenfenſter zwiſchen den dicken Mauern ſtan⸗ den hohe grünende und blühende Topfgewächſe, eine Art Laube bildend. Hier dachte Ulrich den Vogel vielleicht paſſend anbringen zu können. Leiſe auftretend näherte er ſich dieſem künſtlichen Garten, nahm den Vogel aus dem Sack, in dem er ihn bis hierher getragen hatte, und wollte ihn auf die Zweige ſetzen; aber Ulrich hatte das Kettchen losgelaſſen, das an den Hals des Raben befeſtigt war, und dieſer flog, ein eigenthümliches Geſchrei aus⸗ ſtoßend, auf das Marmorbecken. Da antwortete der erſchrockene Ruf einer weiblichen Stimme aus der Niſche— Fliſabeth war auf dem Pol⸗ ſter emporgefahren, auf dem ſie eine Weile Ruhe geſucht hatte vor dem Lärm des rauſchenden Feſtmahls, indeß ihre Gäſte denken mochten, irgend eine Pflicht der wirthlichen Hausfrau habe ſie abgerufen. Dort hatte ſie Ulrich um ſo weniger bemerken können, als ihr rothes Schleppenkleid ſich in die Farbe des Sammetpolſters verloren hatte und ihr Oberkörper von den Vorhängen verborgen geweſen war. Jetzt hatte ſie ſich aufgerichtet, hielt mit dem wei⸗ ßen Arm den einen Vorhang zurück und ſtrich mit dem andern die goldnen Locken aus der edlen Stirn, als wolle ſie ſich beſinnen, ob ſie träume oder wache. Regungslos ſaß ſie da, ſtarrte bald auf den Vogel und bald auf Ul⸗ 51 rich, leuchtender ward der Ausdruck ihrer Augen; es war, als wage ſie dieſelben nicht zu wenden, ſich nicht zu rüh⸗ ren, ja kaum zu athmen, daß ſie ſich nicht ſelbſt ein wunderbares Traumbild zerſtöre. Und ſo war es auch Ulrich. Zum erſtenmale fühlte er die Macht der Schönheit des Weibes— eines ſolchen, das zugleich den Stempel geiſtigen Adels auf der reinen Stirne trug, noch mehr, die Siegeszeichen geiſtiger Käm⸗ pfe um den feinen Mund; er dachte jetzt weder an eine Warnung, noch an all dieſe Zufälligkeiten oder Berech⸗ nungen Anderer, die ſie und ihn zuſammengeführt— er dachte wieder nur an den Augenblick, wo ſie über ihn gebeugt ſeine Wunde unterſucht hatte, die er für ſie em⸗ pfangen; aber er faßte ſich und griff nach dem Vogel, der auf dem Waſerbecken ſtill ſaß, um zu ſaufen, und ſagte: „Verzeiht, edle Frau, wenn ich hier eingedrungen. Ich meinte ungeſehen kommen und mich wieder entfernen zu können— nur der Vogel ſollte hier bleiben. Ihr ſolltet nicht wiſſen, daß ich ihn gebracht; er ſollte nur noch zur Feier Eures Geburtsſeſtes kommen und das Uibrige ſelbſt Euch verkünden.“ Er näherte ſich ihr nicht, ſondern ſchritt der Thüre zu. Sie ſprang auf und rief:„Ulrich von Straßburg, diesmal dürft Ihr ſo nicht von mir gehen!“ 52 Er ſtand ſtill und ſah ſie fragend an. Sie faßte ſich und ſagte mit edler Würde:„Ihr ſeid der einzige Menſch, dem ich Dank ſchuldig bin, der einzige, der ein Recht hat, mich als undankbar zu ver⸗ achten— das ertrag' ich nicht!“ „Ich verdiene keinen Dank,“ antwortete er;„der Vogel, den Euer Herr Bruder Euch mitgebracht hat von den fernen, wunderreichen Inſeln, hat ſich nur zufällig zu mir verflogen, und ich konnte nur ihn bringen— er aber bringt die Kunde, wo die andern Schätze ſind.“ Erſt jetzt begriff ſie, daß Ulrich eben einen neuen Dienſt ihr geleiſtet, einen größeren noch ihrem Bruder, obwohl ſie ſeine Rede ſonſt noch nicht verſtehen konnte, da ſie den Zettel nicht geleſen.„Wie! Ihr häufet neue Dankesſchuld auf mich?“ rief ſie,„und noch iſt die alte nicht abgetragen! Ihr dürft ſagen, daß ich das noch nicht verſucht, nicht einmal mit einem Wort; aber da Ihr mit dem Tode ranget, rang ich auch damit, und dann hab' ich Euch nur in Gegenwart Anderer geſehen. Dienſte, wie Ihr ſie mir geleiſtet, die bezahlt man nicht; ich konnte deren Werth nicht durch Anerbietungen verringern, wie mein Gemahl ſie Euch gethan; mehr als dafür, daß Ihr Euer Leben für mich wagtet, muß ich Euch dafür dan⸗ ken, daß Ihr mein Geheimniß wahrtet, mich nicht zum Gegenſtand einer abenteuerlichen Geſchichte machtet. Was Ihr von mir erfahren, wollte ich ſelbſt vergeſſen, wollte ich, daß Ihr es vergäßet und mich ſelbſt dazu: und nun kommt mir immer wieder die neue Pein, daß Ihr mich trotzdem nicht vergeſſen habt, daß ich Euch keine Fremde geblieben— und daß Ihr mich doch— verachtet— ver⸗ achten müßt.“ Die Gluth höherer Erregung war in ihr Antlitz ge⸗ treten, als ſie ſo ſprach; aber jetzt erbleichte ſie plötzlich, weil ſie ſo geſprochen hatte. Sie lehnte ſich an das Mar⸗ morbecken, um nicht umzuſinken, alle ihre Pulſe waren in fieberhafter Unruhe und die blauen Adern ſchimmerten dunkler durch das zarte Weiß der Haut. ulrich beugte ein Knie vor ihr und ſagte:„Ich knieete bisher nur in Kirchen und vor Altären— noch niemals vor einem Menſchen! Wenn Ihr nicht dieſem Zei⸗ chen meines Glaubens an das edelſte und tugendhafteſte Weib vertraut— ſo habe ich kein anderes.“ Sie faßte ſeine Hand, neigte ſich über ihn, und ein Strom von Thränen ſtürzte aus ihren glänzenden Augen, die ſeit Jahren Niemand weinen geſehen.„Ihr ſeid ein geweihter Hohenprieſter der Kunſt,“ ſagte ſie,„ſchaffet, was der Geiſt Euch eingibt, und wenn Ihr es nicht ver⸗ ſchmähet, ſo möcht' ich in Euere Hände den Auſtrag le⸗ gen, das Grabmal meines Vaters Martin Behaim mit 54 einem Kunſtwerk zu zieren, wie Euer Genius es in ſich trägt.“ „Dann,“ ſagte er,„werdet Ihr im Stein verewigt daran ſtehen als der weinende Genius der Liebe.“ Aber da er dieſes Wort geſprochen und mit ſeinen glühenden Lippen zum erſtenmale die weiche Sammethand eines Weibes berührt hatte, zum erſtenmale ſeine lebens⸗ warme Nähe gefühlt, den Hauch ſeines Mundes und die warme Thräne ſeines Auges auf ſeiner Stirn— da ſprang er auf und ſagte ſo gefaßt als möglich:„Vergebt mei⸗ nem Eindringen, und wenn Ihr mir mit etwas danken wollt, ſo ſei es damit, daß Ihr verſchweiget, wer Euch den Vogel gebracht ſobald ich mich ſo unbeachtet entfer⸗ nen kann, wie ich kam,“ und um ſeine Bewegung zu be⸗ meiſtern und zu verbergen, fing er den Vogel, der ſich luſtig auf den Zweigen einer kleinen Ceder wiegte. Eliſabeth nahm ihn ſelbſt auf ihren Arm und küßte ſein ſchimmerndes Gefieder. Das ſchien ihm zu gefallen, er blieb ruhig ſitzen, krauste ſeine Kopffedern auf und zupfte mit dem rundgebogenen Schnabel an den Falten ihres Leibchens. Sie wollte ſich ſelbſt zur Sammlung und Ruhe verhelfen und las den Zettel, den er an ſeinem Halſe trug, worauf Ulrich in kurzen, aber deutlichen Wor⸗ ten niedergeſchrieben, was ihm Rachel vertraut hatte. 55 Geſaßter, als vorhin, ſagte ſie jetzt:„Vielleicht kann mein Bruder Martin Euch beſſer danken, als ich vermag. Ihr ſeid ja auch wohl bewandert in der Geometrie und Mathematik, deren ewigen Geſetzen er ſeine großen Ent⸗ deckungen verdankt.“ „Ihr vergeßt,“ fiel ihr Ulrich in's Wort,„daß ich gern ungenannt bleiben möchte.“ Sie entgegnete nichts auf dieſe Einrede, und da er noch einmal ſich verbeugend Miene machte ſich zu ent⸗ fernen, ſagte ſie die Augen niederſchlagend:„Nur noch eine einzige Frage: wie kam't Ihr zu dem Ringe, der meine Namensbuchſtaben trug?“ „So hat ihn Euch doch der Inde Ezechiel gebracht, der ihn von mir forderte,“ antwortete Urich,„da ich ihn nur gefunden, wo er ihn verloren.“ Eliſabeth verſank in Nachdenken und fragte dann: „Ihr waret nicht wieder mit jenem Ritter zuſammen?— Wenn nicht er— ſandtet Ihr den Inden zu mir?“ „Nie würde ich mich deſſen unterfangen haben!“ betheuerte Ulrich;„ich mag keine Gemeinſchaft mit die⸗ ſem Menſchen, der wahrſcheinlich auch nur an Euch ſich drängte, um niedern Eigennutzes und irgend eines un⸗ ſaubern Planes Villen. Nur nicht einen Solchen zum Vertrauten.“ 56 „Er hat ſich nicht wieder zu mir gewagt,“ ſagte Eliſabeth. Er ſah ſie forſchend an. Hatte ſie ihm den Juden geſandt oder nicht? Er hatte es erſt nicht geglaubt, weil er ſie zu ſtolz dafür hielt, weil ſie ihn ſelbſt bisher nur wie einen Fremden behandelt— und jetzt war dieſer Stolz ja plötzlich gewichen, jetzt redete ſie zu ihm wie zu einem vertrauten Freund; jetzt verrieth ſie, daß ſie wohl von ihm einen Aufſchluß über den Ring hätte erwarten mö⸗ gen und darum wohl eine Unterredung mit ihm begeh⸗ ren können— und dann erſchien es ihm wieder unglaub⸗ lich, daß ſie ihn, wenn ſie damals ohne Antwort von ihm geblieben, heute freundlich würde empfangen haben. Jetzt war der einzige Augenblick, wo er darüber, über ſie ſelbſt und den Inden zu einer Gewißheit kommen konnte— er mußte ſie haben. „Ezechiel,“ ſagte er,„wollte mich ſelbſt zu Euch führen— Ihr zürnt mir nicht, daß ich ſeine Vermittlung zurückgewieſen?“ „Was ſagt Ihr?“ rief ſie,„weſſen hat der Inde ſich unterfangen?“ „Ihr wußtet nichts davon?“ fuhr er fort;„darum hatte ich doppelt recht, ihn zum Vertrauten zu ver⸗ ſchmähen.“ 57 Eliſabeth ſtand ſtarr und forderte:„Jetzt müßt Ihr mir Alles ſagen!“ „Ihr hab't Recht!“ ſagte Ulrich;„die Wahrheit über Alles— nur ſie allein iſt großer Seelen würdig und kann ihnen zum Sieg verhelfen wider alle Feinde, wider alle Fallſtricke, die ſie uns legen wollen, oder in die wir ſelbſt uns verwickeln“— und er erzählte, daß der Jude noch einmal zu ihm gekommen und zum Beweis, daß es in ihrem Auftrag ſei, jenes Titelblatt mit ihrer Unter⸗ ſchrift gebracht habe. „Ich vermißte das erſt geſtern!“ rief ſie von Scham und Zorn gleich leidenſchaftlich erregt.„Der ſchändliche Jude ſoll ſeine Frechheit büßen— ich werde wohl noch ſo viel Macht haben, einen Inden beſtrafen zu laſſen; der Rath von Nürnberg ſucht längſt um die Erlaubniß nach, dies Geſindel aus der Stadt verjagen zu dürfen; es ſei meine erſte Bitte an den König Max, er wird und darf ſie mir nicht abſchlagen.“ Ulrich hatte wohl einen Zornausbruch Eliſabeth's erwartet, um ſo mehr, als er von ihrer Unſchuld über⸗ zeugt war; aber er hatte nicht gedacht, daß er zuerſt in Fachegedanken ſich äußern würde— das hatte er nicht berechnet! Er war hierher gekommen, weil er der Jüdin verſprochen hatte, durch dieſen Schritt ihr Volk vor der blinden Wuth des Pöbels zu ſchützen, und er überlieferte 1859. XVII. Nürnberg. IIMI. 4 es der um ſo ſicherer treffenden kalten Rache der Patri⸗ zier. Und er ſelbſt war in dieſes Czechiel's Händen— aber Eliſabeth war es auch. Er mußte ſie daran erinnern. „Ich vermuthe nach Allem,“ ſagte er,„daß dieſer Eze⸗ chiel und der Ritter von Streitberg Genoſſen ſind, und daß es wohl gerathener wäre für den Rath von Nürn⸗ berg, ſich jener frechen Straßenräuber zu bemächtigen, als wie das ohnedies ohnmächtige Indengefindel zu ver⸗ jagen.“ „Auch das wird geſchehen!“ ſagte Eliſabeth das Hanpt ſtolz zurückwerfend;„ich habe lange ſtill geduldet und gelitten und gehofft, ich würde dadurch die Geduld jenes Räubers erſchöpfen und ſeine Anſchläge vereiteln; ich habe im ſtillen chriſtlichen Dulden ausgeharrt und einer höhern Hand die Rache überlaſſen— mich nicht an die Seite der Chriemhilden und Brunhilden ſtellen wollen, welche der Dichter der Nibelungen verherrlicht hat: aber immer auf's Neue gereizt, fühle ich, daß etwas von ihnen in jedem Weibe lebt, und daß der Himmel dem Weibe nicht nur die Beſtimmung gab, zitternd zu dulden, ſon⸗ dern ihm auch das Amt der Rächerin vertraute!“ War das dieſelbe Eliſabeth, die vorhin, ein ſchönes, ſanſtes, vom Gefühl überwältigtes Weib, ſich über ihn geneigt und mit heiligen Thränen ſeine Stirn benetzt hatte— ſie, die er hingeriſſen den weinenden Genius der 59 Liebe genannt! Jetzt ſtand ſie ſtolz aufgerichtet vor ihm, in der That eine zürnende Chriemhilde, die den Racheeid ſchwört und ſich Streiter wirbt, ihn zu vollführen; aus ihren Augen zuckten dunkle Blitze, die aufgezogenen Augen⸗ brauen darüber erhöhten ihren drohenden Ausdruck die eine Hand auf das Herz gelegt, die andere emporgeho⸗ ben, glich ſie einer beleidigten Göttin, die entſchloſſen iſt, die Entweiher ihres Altars zu ſtrafen und zu opfern.— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür: Urſula und Charitas Pirkheimer traten ein, denen nun doch Eli⸗ ſabeth's Entfernung zu lange wähnte, die ſie überall ge⸗ ſucht, vermuthend, daß ihr unwohl geworden, und es da wohl beſſer ſei das lärmende Feſt zu beenden— und die ſie nun hier fanden— gllein mit einem Manne, der kein Gaſt war und in dem ſie den Baubruder erkannten. Charitas erbleichte, wie ſie ihn gewahrte, und Ur⸗ ſula warf auf Eliſabeth mitleidig erſchrockene Blicke. Dieſe holte nun einmal tief Athem, dann deutete ſie auf den ihr wieder entflohenen Vogel und ſagte mit ihrer gewohnten ruhigen Geiſtesgegenwart:„Dieſen brachte mir eben der ſreie Steinmetz und damit die wichtigſte Kunde für meinen Bruder Martin; da Ihr aber wißt, daß die Baubrüder allen Umgang und Dank von uns Profanen verſchmähen, ſo hab' ich auch an dieſem ver⸗ geblich meine Beredſamkeit erſchöpft, mich zur Geſellſchaft 4* oder doch zu meinem Bruder zu begleiten, und kann ihm für den größten geleiſteten Dienſt keinen andern Dank gewähren, als den, ihn wieder ſtill zu entlaſſen, wie er gekommen, und auch Euch zu bitten, ſeiner nicht zu er⸗ wähnen, damit ich ihm nicht vergeblich verſprochen habe, daß er in dieſer Angelegenheit mit allen weiteren Fra⸗ gen, gerichtlichen und außergerichtlichen Verhandlungen verſchont werden ſoll. Geb't ihm daſſelbe Verſprechen des Schweigens, und ich gehe mit Euch in den Feſtſaal zurück.“ Charitas ſagte ſanft:„O ich beneide Jeden, dem es vergönnt iſt, von der profanen Welt ſich zurückzuzie⸗ hen, und werde Euch gewiß dies glückliche Vorrecht nicht verkümmern.“ Urſula, heiter ſtrahlend von der ganzen Wonne ei⸗ nes jungen Eheglückes und dadurch wieder in Anmuth und Fülle neu erblüht, verſprach Alles gern, was die minder glückliche Freundin verlangen mochte, und Ulrich verabſchiedete ſich mit kurzem Dankeswort von den Damen. Auf der Treppe begegnete ihm nur ein Diener; da Ulrich aber einen langen ſchwarzen Mantel übergeworfen und ſo durch ſeine Tracht ſich nicht verrieth, konnte ihn jener wohl für einen der Gäſte halten, von denen ſich bereits einige entfernt. Als er auf die Straße kam, ſchwankte ein Mann vor ihm her, dem ſeine Füße den 64 gewohnten Dienſt zu verſagen ſchienen. Jetzt ſchien dieſer ſeinen Austritt aus dem Hauſe bemerkt haben und rief ihm zu: „Seid Ihr es, Herr Anton Tucher? Ihr hab't mir einen ſchlechten Dienſt erwieſen— Ihr hab't mir dies⸗ mal doch zu viel zugetrunken— aber nein, Ihr ſollt nicht ſagen, daß Ihr mich wirklich zu Boden getrunken— aber hier— jetzt hab' ich wirklich keinen Boden!“ Ulrich erkannte die Stimme des Propſtes Anton Kreß, der ihn für Anton Tucher halten mochte, mit dem Ulrich ohngefähr die gleiche Größe und Stärke hatte, und mehr war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Offenbar hatte der Propſt im Trinken des Guten zu viel gethan und nun ſich fortgeſchlichen, da er ſeinen Zuſtand gefühlt, und wenn er auch ſonſt im vertrauten Männer⸗ kreiſe ſich keinen Zwang anthat, wollte er doch vor der größern Geſellſchaft und den Damen gegenüber ſeine Würde wahren. Was ſollte Ulrich thun? Wenn ihn Kreß, der ihn aus dem Hauſe Scheurl's hatte treten ſehen, erkannte, ſo konnte er keine Erklärung geben, die nicht ihn und Eliſabeth einem unwürdigen Verdacht ausgeſetzt hätte; da er ihm auch nicht von Rachel ſagen mochte und konnte— er war einmal in dieſem Netz von Heim⸗ lichkeiten gefangen; aber jedes Bedenken wies er von ſich, da er den Propſt an dem Eckſtein taumeln ſah, nahe 62 daran zu fallen oder ſich zu ſtoßen. Ulrich ſprang ihm bei und bot ſich ihm als Stütze. Anfänglich erkannte der Propſt ihn nicht, hielt ihn noch für Anton Tucher und ſagte:„Ei, das iſt wacker, daß ihr mit mir geht— indeß iſts nicht ſo arg— ich ſände den Weg ſchon nach. Ein capitaler Wein! in jedem Humpen eine andere Sorte! dazu die ſchönen Franen gegenüber— man kann doch die Augen nicht zublinzen, da ſie ſelbſt ihre Reize zeigen! Da erhitzt man ſich mehr, als wenn die Männer allein! Die Schönſte freilich bleibt immer Frau Eliſabeth, iſt ſie auch nicht die Jüngſte mehr! Ihr müßt es zugeſteh'n, wenn Ihr auch ſonſt nicht für ſie eingenommen! Bald eine antike Venus, bald eine chriſtliche Himmelskönigin. Sie kann das viele Trinken nicht leiden und läuft immer fort, wenn die Zungen ſchwer werden, und man ihr die Artigkeiten lieber hand⸗ greiflich als mit zierlichen Worten ſagte. Wer weiß aber— der junge Immhof war auch verſchwunden— wer weiß, ob ſie nicht mit ihm in einem ihrer feenhaften Gemächer ein Schäferſtündlein gefeiert!— Aber warum redet Ihr gar nicht? Denkt Ihr ich ſei nicht genug bei Verſtande, Euch anzuhören?“ Von Allem, was der Propſt ſo und weiter ſchwatzte und ſchilderte, erglühte Urich ſelbſt viel mehr, als der Trunkene, der noch in Gedanken an Wein und Weiber 63 ſchwelgte. Jetzt wollte er nicht von ihm erkannt ſein— nicht um ſich einen Verdacht und Fragen, ſondern um dem Propſt, ſeinem Oheim und geiſtlichen Vorgeſetzten, eine Beſchämung zu erſparen. Er verharrte darum hart⸗ näckig in ſeinem Schweigen und wollte ſich an der Haus⸗ thür der Propſtei entfernen, ehe etwa Beleuchtung käme, ob auch der Propſt ihn mit Gewalt zurückhalten wollte und immer rief: „Ich laſſe Euch nicht fort— bis ich weiß, wer mein ſtummer Begleiter geweſen!“ Da ſtürzte plötzlich eine Geſtalt hervor, die indeß unbemerkt unter einem der nächſten Schwiebbögen gehockt hatte, und rief: „Herr Propſt, geb't einem verirrten Pilger ein Ob⸗ dach für die Nacht!“ nirich kannte dieſe Stimme, und jetzt rief er, vor dieſer plötzlichen Erſcheinung alles Andere vergeſſend:„Um Gotteswillen öffnet und nehm't ihn mit hinein!“ „nlrich!“ rief der Propſt erſchrocken und ernüchtert. „nlrich!“ rief auch der Andere mit freudigem Er⸗ ſchrecken. „Still! nur auf offenem Platz keine Fragen und Erklärungen!“ rief Ulrich;„nehm't uns mit in das Haus, Herr Propſt, aber in aller Stille, und ſteckt uns in die nächſte dunkle Ecke Eures Hauſes, wo uns Niemand ver⸗ muthet und findet!“ Der Propſt hatte ſchon den gewichtigen Klöppel an der Hausthür dreimal geſchwungen und ſagte:„Hoffent⸗ lich macht ſich's die Haushälterin bequem und öffnet von oben, dann könnt Ihr mit eintreten, und ehe ſie mit Licht herabkommt, kann dieſer da links in die Thür ſchlüpfen. Du gehſt rechts mit mir, Dich kann ſie ſehen— aber ihn nicht, denn ſie kennt ihn auch.“ Es geſchah ſo, wie er geſagt. Die Thür ſprang auf, die Drei traten ein, die Haushälterin kam erſt mit Licht die Treppe herab, als der Propſt ſchon den zuletzt hinzugekommenen Begleiter in ein dnnkles Seitengemach geſchoben hatte. Das Geſicht des ropſtes glühte noch von Wein und ſeine Augen funkelten; aber Schreck und Angſt hatten ihm die Beſinnung wiedergegeben. Er nickte indeß lächelnd der Haushälterin zu und ſagte auf Ulrich deutend: „Der da dachte, ich bedürfe ſeiner als eines noth⸗ wendigen Stockes— da hab' ich ihn denn gleich mitge⸗ nommen, und er mag die Nacht hier bleiben, da ihm in⸗ deß ſein Haus verriegelt worden und ein Baubruder keinen nächtlichen Lärm macht. Geht wieder hinauf und zur Ruhe, er mag in meiner Nähe in der Todtenkammer ſchlafen.“ 65 Die ſchläfrige Dienerin gehorchte gern und war bald die Treppe hinauf und verſchwunden, indeß Kreß und Ulrich in das Wohnzimmer traten. Als ſie allein waren, ſank der Propſt erſchöpft auf ſeinen Lehnſeſſel brach in Thränen aus und jammerte: „Was ſoll nun werden? O ich habe es mir doch gedacht, daß er wiederkommen wird, zu mir— gerade zu mir! Ich ſollte ſein Todfeind ſein, und er jammert mich doch! Von rechtswegen müßt' ich ihn feſthalten und an das Kloſter ausliefern. Er iſt aus deſſen Mauern geflohen— zum Tode ſchon verurtheilt, hat er noch ein todeswürdi⸗ ges Verbrechen begangen! Er hat ſich auch an mir ver⸗ ſündigt und an Dir, er hat mir ſein feierlich gegebenes Wort nicht gehalten. Hier an dieſer Stelle war es, wo er ſchwor, Dir nichts zu verrathen— nun hat er Dich unglücklich gemacht und wird uns Alle in's Verderben ſtürzen!“— „Um's Himmels Willen!“ rief Ulrich,„Ihr ſeid jetzt nicht in der Stimmung, kalt und ruhig zu über⸗ legen, was zu thun iſt! Schlaft in Ruhe und laßt mich zu ihm, damit ich von ihm höre, wie's ihm indeß er⸗ gangen und was ihn hierher getrieben!“ „Schlafen? den Rauſch ausſchlafen, meinſt Du wohl?“ ſagte der Propſt empfindlich;„ich bin ſchon ſchrecklich genug erweckt und munter geworden durch dieſe 66 Begegnung, und Du— wo kamſt Du denn her— Du trateſt hinter mir aus Scheurl's Haus—“ „O jetzt nicht von mir!“ rief Ulrich;„ſein Schick⸗ ſal laßt uns bedenken! Wie lange iſt er ſicher in den ihm angewieſenen Verſteck?“ „Er kann dort nicht bleiben!“ ſagte der Propſt. „Sobald meine Haushälterin wirklich zur Ruhe, wollen wir ihn hinaufführen in die Bibliothek; zu ihr trage ich den Schlüſſel immer bei mir, damit nichts darin verrückt und verräumt werde, das fällt nicht auf, aber an den andern Gemächern pflegen die Schlüſſel zu ſtecken. Bis zur nächſten Nacht kann er dort bleiben— warum iſt er nur überhaupt hierher gekommen?“ „Kommt mit hinüber, oder laßt mich gehen!“ drängte Ulrich;„danach wollen wir ihn ſelbſt fragen!“ Das der Hausflur zunächſt liegende Gemach, in welchem jetzt der flüchtige Amadeus von Wildenfels ver⸗ borgen war, hatte zunächſt die Beſtimmung, darin Leute untergeordneten Ranges warten zu laſſen, welche den Propſt zu ſprechen begehrten und nicht gleich vorgelaſſen werden konnten, entweder weil er nicht zu Hauſe war, oder ſchon andere bei ſich ſah, oder auch ſein Mittags⸗ ſchläſchen hielt, worin ihn Niemand unterbrechen durfte. Dies Gemach hatte nur ein tiefes Fenſter mit einem auf die Straße vorſpringenden, kunſtreich gearbeiteten Eiſen⸗ 67 gitter. Die Wände waren kahl und weiß, rundum liefen hölzerne Bänke an ihnen hin, ein ſchwerer Eichentiſch ſtand in der Mitte, außerdem war Alles leer, nur ein großes, ziemlich gut in Holz geſchnitztes Krucifir hing dem Fenſter gegenüber. hlrich und Kreß traten ſchweigend ein. Amadeus ſaß auf der Bank, dem Tiſche zunächſt, und hatte ſein Haupt auf dieſen gelegt. So ſchien er zu ſchlafen. Sein Geſicht war bleich, Haar und Bart ver⸗ wildert, aber die geſchorene Platte noch ſichtbar. Sonſt erinnerte nichts mehr an ihm an den Mönch. Er trug große Reiterſtiefeln mit Sporen, lederne Beinkleider und darüber ein Oberkleid von grüner Wolle, um den Leib einen Gürtel, an dem ein Schwert hing. Neben ihm lag ein ſchwarzer Hut mit großer Blende und ein ſchwarzer Tuchmantel. ulrich betrachtete ihn mitleidig und ſagte:„Wer weiß, welchen weiten Weg er gemacht, wie lange er ſich ohne ſicheres Obdach herumgetrieben— nun liegt er er⸗ mattet hier und ſchläft.“ Amadeus athmete tief auf und richtete ſein Haupt empor.„Ulrich!“ rief er,„Du biſt auch hier— und retteſt mich auf's Neue!“ Ulrich reichte ihm die Hand.„Wie iſt Euch?“ ſagte er,„und von wannen kommt Ihr! Ich habe dem Herrn 68 Propſt Alles gebeichtet, und er hat kein Geheimniß mehr vor mir!“ „Biſt Du mein Sohn! und haſt Du mir verge⸗ ben?“ fragte Amadeus. „Ich bin es, und habe Euch vergeben, wie ich hoffe, daß Gott mir vergeben werde!“ verſetzte Ulrich. Der Propſt ſagte ernſt:„Amadeus, unter welcher Bedingung erfüllte ich Eure Bitte? Ihr hab't nicht Wort gehalten— Ihr hab't mit dem Verrath Eures unſeligen Geheimniſſes den ſtolzen Muth dieſes freien Maurers ver⸗ nichtet, die fromme Freudigkeit, mit der er an den Tem⸗ peldienſt der Kunſt ſich hingab, ihm geſchmälert— ſehet zu, daß Ihr ihn nicht noch mehr in's Verderben bringt! Ihr könnt nicht über ihn wachen, wachet wenigſtens über Euch und Eure Zunge!“ „Eine harte Anklage!“ ſagte Amadeus;„aber ich habe mich ſelbſt ſchon härter angeklagt, und oſt gewünſcht, ich wäre in den Kloſtermauern umgekommen!“ „Laßt das jetzt!“ unterhrach ihn Ulrich,„und er⸗ zählt lieber, wie Ihr entkamt.“ „Ich irrte im Walde Tage und Nächte lang um⸗ her,“ begann Amadeus;„endlich kam ich an eine einſam ſtehende Wohnung und mißte ſie betreten, um zu betteln, weil mir längſt die Lebensmittel ausgegangen. Eine mit⸗ leidige Frau nahm mich auf und verpflegte mich einige 69 Tage, da ich wunde und geſchwollene Füße hatte, die mich nicht mehr weiter tragen wollten. Die Gegend⸗ in der ich mich befand, war mir unbekannt, und auf mein Befragen erſuhr ich, daß ich nicht weit ſei vom Schloſſe des Herrn Weyſpriach. Ich hatte einen ſolchen einſt zum Waffengefährten gehabt, und that weitere Fragen nach Namen und Verhältniſſen. Aber ſie ſtimmten nicht, und der jetzige Schloßherr war mur ein Reffe meines alten Freundes. Aber dabei erſuhr ich, daß ein anderer meiner einſtigen Kameraden ſeit dem letzten Reichstag bei ihm ſei, auch daß die Burg und ihre Herren weit und breit gefürchtet wären als ſehde⸗ und beuteluſtig, und ſich Nie⸗ mand an ſie wage, noch an die Mauern ihrer Veſte. Da heſchloß ich dorthin zu ziehen!“ „Dorthin gingt Ihr?“ fragte Ulrich tonlos. „Zu dieſen Raufbolden!“ rief Kreß. „Nun, ſie haben mich ſehr wohl aufgenommen und beherbergt,“ ſagte Amadeus ruhig;„freilich erſt erkann⸗ ten ſie mich nicht, bis ich ihnen theilweiſe mein Geſchick erzählt—“ „Unglücklicher! Eidbrüchiger!“ rief Kreß;„Du ſprachſt von Ulrich?“ „Nein,“ antwortete Amadeus;„dies Geheimniß konnte nur ihm ſelbſt gegenüber über meine Lippen kom⸗ 70 men; nur was mich allein betraf, habe ich Streitberg erzählt.“ „Eherhard von Streitberg war Dein Genoſſe?“ fragte Ulrich. „Nun?“ ſagte Amadeus, der ſich die entſetzte Miene des Steinmetzen nicht zu deuten wußte. „Und wenn es Euch ſo wohl ging bei den Raub⸗ rittern und Wegelagerern, warum ſeid Ihr nicht in dem alten Raubneſt geblieben!“ fragte höhnend der Propſt. „Geſtern kam ein Jude in die Burg,“ erzählte Amadeus,„mit dem die Ritter ein weitläufiges Geſchäft zu haben ſchienen. Mit andern Sachen wollte ich ihm Hut und Mantel verkaufen, die Du mir zu der Flucht gegeben, damit ſie mich nicht einmal verriethen— der Jude aber erklärte: die wären ſein, er habe ſie im Be⸗ nediktinerkloſter vor einigen Wochen einem Baubruder ge⸗ liehen, der verſprochen, ſie wieder zurückzugeben. Er ſchil⸗ derte Dich und nannte Deinen Namen, ſo wie den Tag meiner Flucht— ich zögerte nicht, ihm die Sachen zu geben.“ „Der Jude hieß Ezechiel?“ fragte Ulrich. „Ganz recht, ſo hieß er.“ „Nun ſind wir ganz in ſeinen Händen!“ rief Ulrich. „Aber warum kamet Ihr nach Nürnberg?“ wieder⸗ holte der Propſt noch einmal eindringlich. i „Weil es mir nun allerdings möglich ſchien, daß der Jude mich verrathen werde—“ Aber Kreß unterbrach Amadeus heftig:„Ach, wohl um die ſaubern Raubritter nicht in Velegenheit zu brin⸗ gen, verließt Ihr ihr verſtecktes Neſt und kommt in die St. Lorenz⸗Propſtei.“ „Nein, ſondern weil ich ganz aus dieſer Gegend gehen will, zuoor aber Ulrich ſehen, ihn warnen und ihn mit mir nehmen— es ſei denn er wiſſe, daß der Jude, der ihm zu den Sachen und damit zu meiner Flucht be⸗ hilflich war, eine ganz zuverläſſige Perſon ſei.“ „Das iſt kein Jude, und dieſer Ezechiel vielleicht am allerwenigſten,“ entgegnete Ulrich.„Muß ein Schimpf über mich kommen, ſo komme er— aber ich will ihn nicht ſelbſt über mich bringen— das geſchähe durch meine Flucht. Riemand wird mich verleiten Unwürdiges zu thun!— Aber es iſt gut,“ fügte er ruhiger hinzu,„es iſt gut, daß Ihr Weyſpriach's Burg gemieden; vielleicht wird ſie von den Nürnbergern ſchon morgen belagert— und das möchte auch für Euch nicht gut ſein.“ „Was ſagſt Du!“ fragten Kreß und Amadeus zugleich. „Laßt uns jetzt nur bedenken, wie Ihr unerkannt von hier ſort kommt und wohin? Wißt Ihr nicht ein ſicheres Verſteck, Herr Propſt?“ 12 „Wir wollen das morgen überlegen!“ ſagte dieſer. Sein Rauſch war zwar vorüber durch dies geiſtige Uiber⸗ gewicht der Uiberraſchung und Aufregung, aber jetzt ſolgte eine ſchlummerbedürſtige Abſpannung darauf.„Vor morgen Abend kann er doch nicht fort; ich will ihn in die Bibliothek zur Ruhe geleiten— es ſteht eine Polſter⸗ bank drinnen. Laßt es uns beſchlafen; gute Gedanken kommen über Nacht, und nicht, wenn man ſie ſo im Augenblick herbeirufen will. Dort könnt Ihr bis zur näch⸗ ſten Nacht bleiben— und Ihr Ulrich ſchlaft hier drüben; wer weiß, iſt die Haushälterin nicht munter, ehe Ihr in die Hütte mußt; ſie darf nichts verändert und Euch nicht wo anders finden, als Euch dieſen Abend angewieſen worden.“ Was Amadeus und Ulrich jetzt noch gegenreden mochten, es half nichts— ſie mußten ihrem Wirth gehor⸗ chen, der Jeden in ſein Gemach führte. Biertes Capitel. Gelübde. Im Hofe am Steig bei den zwölf Brüdern ging der Rieſen⸗Jacob vor der Werkſtatt Meiſter Adam Kraſt's müſſig auf und nieder. Wie das Frühjahr gekommen war, ſehnte er ſich von der ſtädtiſchen Maurerarbeit wieder hinaus auf die freien Felder des Benediktinerkloſters, wo er, wenn auch nicht lohnendere, ja nicht einmal leichtere, aber ihm doch beſſer zuſagende Arbeit fand, als in der Werkſtatt des wunderlichen Künſtlers, der ihn eigentlich zum Geſpött ſeiner Geſellen machte. Von dem Meiſter war er ſchon in aller Form ent⸗ laſſen worden und hatte ſeinen Lohn erhalten, aber er begehrte noch die Meiſterin zu ſprechen und wartete, bis ſie zur gewohnten Stunde über den Hof kommen würde, wo ſie ihrem Manne das Veſperbrot zu bringen pflegte. Jetzt erſchien ſie auch, aber nicht allein, die Frau 1859. XVII. Nürnberg M. 5 74 Viſcherin war bei ihr, die eilig herbeigelaufen war, um zu verkünden, daß ihr Chemann, Peter Viſcher, geſtern wieder aus Italien heimgekehrt ſei, und daß ſie ihm eine Uiberraſchung bereiten und ſeine beſten Freunde die Mei⸗ ſter Adam Kraft und Sebaſtian Lindenaſt ihm zum Nacht⸗ mahl laden wolle, denn er ſelbſt ſei dermaßen ermüdet von der weiten, meiſt zu Fuß zurückgelegten Reiſe, daß er nicht aus dem Hauſe könne und daheim nur ſeine Freude an den Buben habe, die indeß gar groß und verſtändig geworden, und dazu noch einer gekommen, den er zuvor noch gar nicht geſehen. Der Rieſen⸗Jacvb mußte warten, bis dieſes Ge⸗ ſpräch beendet war; die Zeit war ihm dabei etwas lang und er ſelbſt immer ärgerlicher darin in ſeinem Vorſatz beſtärkt, die Meiſterin noch bei ſeinem Weggange zu är⸗ gern, und ſich ſelbſt nicht nur über ſie, ſondern auch durch ſie einen Triumpf zu bereiten. Als ſich die Viſcherin von Frau Eva Kraft verab⸗ ſchiedet hatte, trat Jacob auf dieſe zu und ſagte:„Nun, Meiſterin, ich wollte nicht weggehen, ohne Euch auch zum Abſchied geſehen zu haben.“ „Nun Gott geleite Euch!“ ſagte ſie kurz und gab ihm die Hand. „Seht,“ begann er,„ich habe immer, wenn ich den ſteinernen Drachen da draußen vor der Thür ſah, an Euch denken müſſen.“ 75 „Unverſchämter Menſch!“ fiel ihm die Meiſterin in's Wort,„mach' Er, daß Er fort kommt!“ „Nun, nun, laßt mich nur erſt ausreden,“ ſagte Jacob und hielt ſie zurück;„ich habe das nicht zuerſt geſagt, der hochwürdige Herr Propſt Anton Kreß hat das aufgebracht! Ich mein' es mit Euch beſſer, als der, und will Euch nur noch einen Rath geben, wie Ihr Euer Müthchen an ihm kühlen könnt!“ „Ach, laßt mich in Ruhe!“ ſagte die Meiſterin, und blieb doch ſtehen, um nengierig zu hören, was eigentlich kommen ſollte. „Ihr wißt,“ begann dieſer,„damals kam ein Be⸗ nediktinermönch hierher, den Propſt abzurufen; ich kannte ihn wohl und meinte, daß es nicht recht richtig mit ihm ſein möge— nun, geſtern hab' ich denſelben Mönch, den Bruder Amadeus in Laienkleidung bei Nachtzeit ſich in das Haus des Propſtes ſchleichen ſehen— das iſt doch ganz wider die Ordnung. Nun will ich im Kloſter nachfragen, was das eigentlich iſt mit dieſem Amadeus; ich kann mir doch gar nicht anders denken, als daß er aus dem Klo⸗ ſter entwiſcht iſt, der Propſt und die Baubrüder mit ihm unter einer Decke ſtecken.“ „Auch die Baubrüder?“ ſagte Frau Kraft beſonders geſpannt, denn zwiſchen den profanen Bauleuten und den freien Steinmetzen beſtand immer eine ſtille Feindſchaft; S die Letztern ſahen hochmüthig in ihrer Abgeſchloſſenheit auf jene herab, und die Erſtern waren eiſerſüchtig auf den Nimbus, der die Letztern umgab— ſie ergrifen gern jede Gelegenheit denſelben vor dem Volke zu zerſtören und ſich ihnen mindeſtens gleich zu ſtellen. Ein echter Künſt⸗ ler, wie Meiſter Kraft, war wohl frei von dieſem klein⸗ lichen Neid und ließ auch den freien Steinmetzen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, und ſein größter Triumpf war, nur durch die eigenen Leiſtungen ſeiner Kunſt ihnen be⸗ weiſen zu können, daß auch ohne Noſtik und Abgeſchie⸗ denheit von allen weltlichen Freuden Kunſtwerke hervor⸗ gebracht werden könnten von profanen Händen— aber ſeine Geſellen und Umgebung, auch ſeine Frau vermochte er nicht auf dieſen höheren und friedfertigen Standpunkt zu erheben; ſie kannte keine größere Freude, als wenn Jemand einem Baubruder Uibles nachſagen oder die ganze Henoſenſchaft lächerlich oder verdächtig machen konnte, mochte es von dieſer oder jener Seite geſchehen, mochte man ihnen nachſagen, daß ſie Kopfhänger wären, über⸗ ſpannte Phantaſten und Schwärmer, die allein meinten den rechten Weg in's Himmelreich zu kennen, alle irdi⸗ ſche Freuden verachteten und mitten in der Welt lebend die Erde doch nur als ein Jammerthal betrachteten, das ihnen vergeblich ſeine Genüſſe bot— oder mochte man ſie Spötter nennen, die bei ihren geheimen Gebräuchen und Lehren dem Chriſtenthum und der Kirche Hohn ſprä⸗ chen, oder heimliche Jünger, die nur öffentlich ſich der größten Sittenſtrenge unterwürfen, bei ihren Zechen aber oder auch allein im Verborgenen mehr ſündigten als An⸗ dere. Darum ſpitzte Frau Eva jetzt die Ohren, als ſie hoffen konnte, etwas Verdächtiges an einen Baubruder zu hören, und der Rieſen⸗Jacob fuhr fort: „Am Tage, nachdem jener Mönch hier geweſen war, hat der Propſt ein paar Baubrüder hinaus in's Kloſter geſchickt, daſelbſt ein Sakramentshäuslein auszubeſſern— nun, das hätten wir auch gekonnt, und wer weiß, ha⸗ ben ſich der Propſt und der Mönch nicht erſt die Modelle dazu bei uns abgeguckt.“ „O ganz gewiß haben ſie das gethan!“ rief die Meiſterin entrüſtet;„wenn ihnen nur mein Mann nicht die herrliche Zeichnung hat ſehen laſſen, die er ſelbſt zu einem ſolchen Gehäuſe gemacht!“ „Der blonde Hieronymus und der Ulrich von Straß⸗ burg ſind damals wochenlang draußen im Kloſter gewe⸗ ſen,“ berichtete Jacob weiter,„und Einer von ihnen— ich weiß nicht welcher, denn ich habe ſie Beide ſtets nur mit⸗ einander geſehen— kam dieſe Nacht mit dem Propſt heim, und ſie nahmen den Amadeus mit in die Propſtei, der ſchon ſo lange um ſie herum geſchlichen, daß ich ihn ſcharf in's Auge geſaßt hatte, weil ich dachte, er könne dort unmöglich auf guten Wegen wandeln.“ „Was Ihr nicht ſag't!“ rief Frau Eva;„Ihr werdet wohl thun, das im Kloſter zu beichten— und ich werd' es hier auch nicht daran fehlen laſſen.“ Viel freundlicher als vorhin ward nun der rohe Handlanger von der Meiſterin entlaſſen, die ſich innig freute, es endlich dem Propſt entgelten laſſen zu lönnen, daß er das Späßchen mit dem Drachen auf ihre Koſten gemacht hatte. Indeß lief am ſelben Tage ein anderes wunderliches Gerücht durch die Reichsſtadt und beſchäſtigte in immer abſonderlicheren Varianten die guten Nürnberger. Da hieß es zuletzt gar: Zur Frau von Scheurl ſei ein goldener Vogel geflogen gekommen, der zwar nicht ſingen, aber reden könne, und der habe ihr erzählt, wer das indiſche Reiſegut Herrn Martin Behaim's geraubt, und der zu der Stelle geflogen, an der es vergraben liege. Wer etwa dazu ungläubig lächeln wollte, wie zu einem ein⸗ fältigen Mährlein, der mußte doch verſtummen, als er einen ſtattlichen Zug, voran Herrn Chriſtoph von Scheurl und die Gebrüder Behaim, im Gefolge ihre Leute und Diener, und eine große Abtheilung Stadtmilizen vor das Thor ausrücken ſah und dem Reichsforſt ſich zu bewegen. Oder wer dieſen nicht begegnete, der gewahrte vielleicht 79 Frau Eliſabeth am Fenſter ihres Chörleins, wie ein herr⸗ licher Vogel auf ihrer Achſel ſaß. War er auch nicht gol⸗ den, ſo glänzten die Farben ſeines Gefieders doch ſo wunderbar ſchön und prächtig, daß er dadurch nicht min⸗ der fabelhaft erſchien, als wär' er ans eitel Gold gewe⸗ ſen. Wer den Vogel ſah, der glaubte dann auch gern die andern abenteuerlichen Erzählungen. Und für dieſe gewann die Nürnberger Phantaſie bald einen unendlich weiten Spielraum, als es am Abend hieß: man habe wirklich an der Stelle im Walde, welche der Vogel an⸗ geben, einen großen Theil der Schätze gefunden, die Mar⸗ tin Behaim mitgebracht und deren Beſchreibung nun wieder nur die ſtaunenswertheſten Dinge zu verkünden hatte. Im Triumph wurden die wieder gewonnenen Kiſten Behaim's in die Stadt geführt— und war nun einmal nur ein Theil wieder da von den entſchwundenen Herr⸗ lichkeiten, ſo hoffte man, der andere werde ſich nun auch ſchon finden— ja, man war entſchloſſen, ihn, wenn es ſein mußte, mit Sturm und Waffengewalt zu erobern. Die Ritter von Weyſpriach und Streitberg erhielten von dem Rath von Nürnberg eine Vorladung, vor Gericht zu erſcheinen und ſich gegen die wider ſie erhobene An⸗ klage auf Friedensbruch und Straßenraub zu rechtſertigen, oder darauf gefaßt zu ſein, daß gegen ſie erkannt und verfahren würde wie Rechtens. Dieſe Anklage ſtützte ſich 80 natürlich nicht nur auf die Angabe des indianiſchen Ra⸗ ben— mochte ſie dieſer nun ſchriftlich mitgebracht, oder wie im Volke die Sage ging, ſelbſt redend gemacht ha⸗ ben— ſondern auf die übereinſtimmende Schilderung des Voten, der die erſte Nachricht von dem Uiberfall an Scheurl gebracht hatte, mit den Ausſagen der Verwundeten und Geflohenen, die von Augsburg her dem Transport zum Geleite gedient hatten. Keiner von ihnen kannte zwar die beiden Ritter perſönlich, aber ihr Signalement der Räuber paßte doch auf dieſe, und da ſie ſchon mehr als einmal im Verdacht ſolcher Heldenthaten geweſen waren, ſo war es mehr als wahrſcheinlich, daß ſie auch dieſes Verbrechen verübt. Nun hatten aber freilich die Ritter guten Grund der Vorladung zu ſpotten und den Spruch des Rathes von Nürnberg zu mißachten; denn ſie meinten, daß nicht dieſer, ſondern allein der Rarkgraf Friedrich von Zollern das Recht habe, Gericht auf Nürnbergiſchem Gebiet zu hegen, und ſie nur dem Spruche dieſes im Namen des Kaiſers burggräflich gehegten Landgerichtes ſich zu fügen hätten, da ihre Burg ſowohl als der Ort der That nicht die Stadt Rürnberg ſelbſt ſei, und dieſe ſelbſt auf dem ihr gehörenden Grund und Boden, der außer der Stadt gelegen, keine Macht habe zu richten. Aber eben über dieſen Punkt war der Rürnberger Rath mit dem burg⸗ 81 gräflichen Gerichtsamte niemals einig, es fanden ſtets Reibungen und Streitigkeiten ſtatt, und wie es bei un⸗ ſichern Rechtsverhältniſſen immer geht, wo jede Behörde die andere der Uibergriffe verklagt und das Recht der Entſcheidung meint allein auf ihrer Seite zu haben, ſo ging es auch hier: die Angeklagten ſelbſt hatten davon den größten Nutzen, ſie brauchten nur zu erklären, daß ſie die Competenz der Behörde, die ſie zur Verantwortung ziehen wollte, nicht anerkannten— ſo verging immer Zeit und die Sache verſchleppte ſich. Diesmal aber trat doch das burggräfliche Land⸗ gericht auf die Seite des Nürnberger Stadtgerichtes und beſchloß die Handlungen deſſelben zu unterſtützen. Narkgraf Friedrich von Zollern war zwar gerade abweſend und bei dem Kaiſer Friedrich in Linz, aber der ſtellvertretende Richter hatte es in guter Erinnerung, daß Fran von Scheurl die Pathe ſeines Herrn und von ihm in Ehren gehalten war; ebenſo wenig vergaß er, daß ſie Gnade vor dem römiſchen König und künſtigen deutſchen Kaiſer gefunden, wie ihr Gemahl die Adels⸗ würde: daß es darum wohl nicht klug gehandelt ſei, ihre Wünſche nicht zu berückſichtigen; daß es alſo gerathen ſei, einmal einer Klage des Rürnberger Rathes über Ge⸗ waltthat und Friedensbruch von Seiten adeliger Straßen⸗ räuber Gehör zu geben. Darum ſandte wenig Tage nach der höhnenden Antwort der Ritter auch das burggräfliche Landgericht eine gleiche Vorladung zur Verantwortung über die wider ſie erhobenen Anklagen an die beiden Ritter, die allerdings einer ſolchen ſich wenig verſehen hatten. Indeß verwei⸗ gerten ſie auch jetzt zu erſcheinen mit der Ausrede; daß doch nur die Nürnberger Krämer den burggräflichen Landrichter beſtochen hätten, und daß jene ſich nicht rüh⸗ men ſollten, daß Edelleute, die nur den Kaiſer als ihren Herrn anerkannten, über ihr Thun und Schalten ihnen ſpießbürgerlich Rechenſchaft abgelegt. So kam es denn wirklich zu einer Belagerung von Weyſpriach's Burg. Unter denen, die dazu mit ausge⸗ zogen waren, befanden ſich auch Georg Behaim und Stephan von Tucher. Der Letztere wollte ſich dadurch den Erſteren verſöhnen, der ihn immer ſeit dem Schlitten⸗ ſtechen beim Schönbartlaufen ſcheel angeſehen hatte, und noch mehr Frau Eliſabeth dadurch ſeinen Dank beweiſen wollte, die ihm ganz allein zu dem Beſitz Urſula's ver⸗ holfen, an deren Seite er jetzt ein heiter glückliches Leben führte. urſula ſelbſt, vielleicht noch mehr von Glück und Dankbarkeit durchdrungen als er, hatte ihn am wenigſten zurückhalten mögen, und doch war ihr bange, da er von ihr ging, an einer Fehde Theil zu nehmen, die ihn ge⸗ 83 rade in die drohendſten Gefahren bringen konnte, wie eine ſolche Belagerung; denn auf die Helmbüſche der Ritter pflegten die Belagerten immer am eheſten und ſchärfſten zu zielen. In der Angſt während ſeiner Abweſenheit ſuchte ſie am öſterſten Troſt und Ruhe bei Eliſabeth. Schon ſeit der Reichstag beendet und in Nürnberg wieder Alles in's gewohnte Geleis gekommen war, hatten die Gobelinsſtickerinnen für die Lorenzlirche ihr Geſchäſt wieder begonnen und pflegten wenigſtens wöchentlich einigemal dazu bei Frau Eliſabeth zuſammen zu kommen. Jetzt waren ſie ſo weit gediehen, daß ſie, um die ein⸗ zelnen Theile des Teppichs zuſammen zu paſſen, ſich an Ort und Stelle ſelbſt begeben mußten. Eliſabeth hatte dieſes Vorhaben dem Propſte Kreß melden laſſen, den ſie ſeit ihrer Geburtstagfeier nicht ge⸗ ſehen, was ſie um ſo mehr befremdete, als er ſonſt ein öſfterer Gaſt in ihrem Hauſe war und ſie ſeine guten Cigenſchaften ſehr wohl zu ſchützen mußte, wenn ſie auch ſeine Späße manchmal zum Erröthen zwangen. Da erfuhr ſie, daß er ſeit jenem Tage krank ge⸗ weſen nnd nicht ausgegangen, aber er ließ ihr ſagen, daß er um ihretwillen hinüber in die Kirche kommen werde. Fliſabeth und die Schweſtern Pirkheimer waren die 84 Erſten, die ſich darin einfanden. Das hochgewölbte Schiff der Kirche war ganz leer und ſtill, nur von drüben aus der Bauhütte und von oben vom Thurm herab ſchallte das Hämmern und Meißeln der fleißigen Steinmetzen. „Vie ſchön wäre es,“ ſagte Charitas,„wenn es auch eine Schweſterſchaft gäbe, dieſer Baubrüderſchaft nachgebildet! Wenn auch wir Frauen uns vereinen dürften, in heiligen Gelübden unſer ganzes Leben einer frommen und erhabenen Arbeit zu weihen und ſo einen großen und ſchönen Lebenszweck gemeinſchaftlich zu verfolgen. So bleibt uns, um dieſen Wunſch zu erfüllen, nur das Kloſter.“ „Freilich müſſen wir Frauen uns beinahe mit Ge⸗ walt, oder wenigſtens doch im ſteten Kampfe mit der rohen Gewalt— jede Möglichkeit eines edlen Wirkens für unſer eigenes Heil wie für das Allgemeine erobern,“ ſagte Eliſabeth;„aber beſſer ſo, als im engen Kloſter einſchlafen oder mit verſteinern.“ „Nein! ſo iſt es nicht!“ rief Charitas Pirkheimer; „auch unter den Klöſtern gleicht nicht eines dem andern. So herrſcht im hieſigen Clara⸗Kloſter unter den Nonnen ein reger Eiſer für Wiſenſchaſt und Kunſt, gleichſam ein trengepflegter, kräſtig wachſender Baum, der ſeine Zweige auch über die Kloſtermauern hinausbreitet, aufwärts ſtrebt in den Himmel und hinaus zu den Menſchen, ſie mit ſeinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit ſeinen 85 Früchten zu erauicken. Dort weilt eine alte Verwandte von uns, die wir erſt kürzlich beſuchten, an deren tiefer Gelehrſamkeit ſich Alle laben und die den regſten Eifer für die Viſſenſchaſten unter den Nonnen weckt und wach erhält. Und was ſie für die Wiſſenſchaft, das iſt Schweſter nlrike für die Kunſt. Eine edle Frau, die gewiß ſehr tiefes Weh im Leben erfahren hat, die aber hindurch ge⸗ drungen iſt zum Frieden der Seele, den die Welt nicht gibt. Ihr Orgelſpiel und Geſang ſind vollkommen Alles, was zur Kunſt gehört, hat ſie das vollſte Verſtändniß. Ihr ſolltet hören, wie begeiſtert ſie von der Baukunſt ſpricht und wie ſie die geheime Symbolik derſelben zu ihrem Studium gemacht hat, vielleicht knüpſt ſie auch oft für ſich ſelbſt eine eigene Symbolik daran und ſchmückt ſie mit ihrer poetiſchen Phantaſie. Ich glaube, wenn man ſie früher das Mechaniſche der Steinmetzarbeit gelehrt, ſie hätte eine zweite Jungfrau Sabina ſein können, die den Straßburger Münſter mit verherrlicht hat. Ich wollte, Ihr kenntet dieſe Frau.“ Clara fügte die Rede der Schweſter ergänzend hinzu: „Mir fiel dieſe Nonne durch eine wunderbare Ahnlichkeit auf; es war mir, als habe ich dies Geſicht ſchon ge⸗ ſehen, gleichwohl konnte ich mich lange nicht beſinnen, wann und wo, aber da ich den Steinmetzgeſellen Ulrich wiederſah, brauchte ich mein Nachdenken nicht mehr an⸗ zuſtrengen: ihm glich ſie auf ein Haar.“ 86 „Und darum,“ ſagte Fliſabeth mit feinem Lächeln, und doch ſelbſt dabei erröthend,„darum zog Euch die Nonne an?“ Charitas erröthete auch und blickte die Angen nie⸗ derſchlagend zur Seite, indeß Clara ſagte:„In Beiden zieht uns derſelbe Ausdruck der Begeiſterung für das Heilige an, und Euch, Eliſabeth, nicht minder als uns; ich wenigſtens werde keiner Verläumdung glauben, die es anders von Euch zu behaupten wagt.“ „Clara!“ rief Eliſabeth und blickte ſie drohend und zornig an. Aber konnte ſie nach der Verläumdung fragen? ſollte ſie von einer Beſchuldigung ſich rechtſer⸗ tigen, die ja noch gar nicht ausgeſprochen war? Sie konnte nicht zweifeln, daß Charitas, trotz des gelobten Schweigens, da ſie Ulrich in Eliſabeth's Gemach fand, dies doch gegen die Schweſter nicht gehalten hatte. Kam die Verläumdung gar von dieſer Seite, oder hatte Streit⸗ berg ſie ausgeſprengt, wie ſie nach ſeinen Worten auf dem Maskenfeſt wohl glauben konnte?— Im Gefühl ihrer ſtrengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Würde hatte Eliſabeth verächtlich lächeln können, wenn man da oder dort ſie die Buhlerin des römiſchen Königs ge⸗ nannt— warum ward ſie denn jetzt ſo aufgeregt von dieſem einzigen Worte! Aber plötzlich war es, als bebe der ganze gothiſche S Bau und wolle über den Frauen zuſammenſtürzen. Hoch aus den Lüften erſcholl ein donnerähnliches Getöſe, die erhabenen Säulen und Strebepfleiler ſchienen zu ſchwan⸗ ken, und ein hallendes Echo tönte donnernd von ihren Wölbungen wider, die hohen Bogenfenſter klirrten und das Farbenſpiel der buntgemalten Fenſter zitterte auf dem Fußboden und an den Wänden. Die Seitenflügel am Altargemälde klapperten aneinander, die Pfeiſen der Orgel gaben wunderſame Töne von ſich, und der kaum vollendete hohe Chor bebte, als ſei er ſchon wieder dem Untergange geweiht; von draußen erſchollen rufende und ſchreiende Stimmen, und Eliſabeth war es, als habe ſie Ulrich rufen hören:„Halte Dich nur, bis ich komme!“ Andere Stimmen aber ſchrieen durcheinander:„Thut's nicht! Ihr verderbt Euch mit ihm! Ihr wagt zu viel!“ Die Frauen ſtanden auf den Stuſen des Portals und öffneten die Kirchenpforte, um hinaus zu flüchten oder zu ſehen, was es gäbe, denn innen zeigte ſich keine Ver⸗ änderung. „Zurück!“ tönten ihnen befehlende Stimmen ent⸗ gegen;„drinnen ſeid Ihr ſicher, hier können Euch die Trümmer erſchlagen!“ Eliſabeth wollte jedoch der Warnung nicht achten; aber der Propſt ſelbſt, der eben ſchon unter dem Portale geſtanden, drängte ſie zurück, zog ſie mit ſich in die Kirche und ſagte:„Bleibt hier und betet für die Bau⸗ brüder, für Ulrich von Straßburg und Hieronymus!“ Die Schweſtern Pirkheimer ſanken am nächſten Altar auf ihre Knie. „Beten? Herr Propſt— und nichts als beten!“ ſagte Eliſabeth; gibt es für die Frauen niemals eine helfende That! Sag't, was geſchehen, ich bleibe ſonſt kei⸗ nen Augenblick länger hier!“ „Ihr müßt!“ ſagte er und hielt ſie gewaltſam zu⸗ rück;„ſtürzende Balken oder Steine könnten Euch töd⸗ ten, und bei einer gefährlichen Unternehmung zuzuſehen, iſt auch nicht für Euch! Ein paar Geſellen arbeiteten an der höchſten Thurmſpitze, da das Gerüſt durch einen her⸗ abfallenden Stein auf einen morſchen Balken in's Wan⸗ ken kam; ſie retteten ſich noch herunter, nur Einer iſt be⸗ ſchädigt, aber nicht gefährlich; Hieronymus aber ſtand gerade auf dem Thurmgemäuer ſelbſt, als das Gerüſt zu ſtürzen begann, und iſt da ſtehen geblieben— kein Menſch weiß, wie er von da herabkommen ſoll, weder innen noch außen.“ „Hieronymus iſt alſo in Gefahr?“ ſagte Eliſabeth ruhiger;„aber Ulrich?“ fügte ſie angſtvoll hinzu. „Der war glücklich hinabgeſprungen,“ antwortete der Propſt;„er entdeckte zuerſt den morſchgewordenen Balken und warnte die Andern, aber Hieronymus hatte 89 nicht auf ihn gehört, und jetzt iſt Urich eine Leiter tra⸗ gend wieder das Gerüſt hinaufgeklettert. Er that es Allen zuvor, und Jeder widerrieth das Wagniß, deſſen Gelingen Keiner für möglich hält, gleichwohl war er nicht zurück⸗ zuhalten; und es iſt wahr, daß bei jedem andern Ret⸗ tungsverſuch für Hieronymus Stunden, viele Stunden vergehen müßten, und er ſteht nur auf den höchſten noch nicht ſeſtgekitteten Steinen des Thurmes, der ſelbſt mit zu beben ſchien. Ehe jene Hilfe kommt, kann er verloren ſein, kann aber auch nun zugleich mit Ulrich hinabſtürzen, anſtatt von ihm gerettet zu werden.“ Eliſabeth mochte nicht weiter hören, ſie wollte ſelbſt ſehen, und riß die Kirchenthür auf, ehe es der Propſt verhindern konnte. In wenig Augenblicken ſtand ſie ſelbſt dem Gerüſte gegenüber, von dem die Baubrüder das Volk zurückdrängten, das indeß ſich daſelbſt zuſammen⸗ gefunden, von dem Getöſe herbeigelockt, das weithin ge⸗ ſchallt war. Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt, um Hilfe zu leiſten, unzählige Hände waren beſchäftigt das Gerüſt zu ſtützen, und unzählige Augen blickten ängſtlich zu dem Thurme hinauf, auf deſſen oberſten Gemäuer Hieronymus gleich einer Bildſäule ſtand und keine Möglichkeit ſah, herabzukommen. Der Aufblick zu ihm ſchon machte Viele ſchwindeln— wie mochte dem zu Muthe ſein, der da 1859. XVII. Nürnberg. II. 6 90 oben ſtand?— Und weiter unten ging Ulrich ebenſo ein⸗ ſam über die ſchwankenden Balken, die mit der vorhin brechenden Stütze ihren ſicherſten Halt verloren hatten. Eine große Leiter vor ſich her balancirend ging er die gefährliche Bahn. Am oberſten Ende der Leiter hatte er einen Strick befeſtigt. Jetzt hatte er ſich dem Thurm ge⸗ nähert, hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu, den Strick zu faſſen und ihn an das Gemäuer irgend⸗ wie zu befeſtigen. Hieronymus neigte ſich herab— er ſchien in der Luft zu ſchweben, man meinte ſchon ihn ſtürzen zu ſehen— ein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der ſchauenden Menge, eine alte Fran drängte ſich hindurch und rief verzweifelnd: „Mein Sohn, mein einziger Sohn!“ Es war Mut⸗ ter Martha, die auch das Gekrach und die ahnende Sorge des Mutterherzens herbeigelockt. „Welcher iſt Euer Sohn!?“ fragte Eliſabeth;„ach, ich kann mir denken, was Ihr empfindet— ich empfinde es mit Euch!“ „Ihr?!“ ſagte Mutter Martha mit dem Tone des höchſten Erſtaunens, da es ihr überhaupt ſehr unerwartet war, ſo plötzlich mitten unter dem Volkshaufen neben der ſtolzen Fran von Scheurl zu ſtehen, die ſonſt immer ſo ſtreng jede Berührung mit dem Volke vermied und es jetzt nicht achtete, wie ein Taglöhner mit ſchmutzigem 91 Stiefel auf ihrer ſeidenen Schleppe ſtand und ein zer⸗ lumpter Betteljunge mit den Quaſten ihres Aermels ſpielte—„Ihr?“ wiederholte Mutter Martha,„Ihr fühlet das, die ihr für keinen von dieſen Beiden, nachdem ſie ihr Leben für Euch gewagt, ein Dankeswort hattet? Pfui, ſchämt Euch; viel eher glaub' ich, Ihr freut Euch, wenn die wackern Burſchen hier verunglücken, dann könnt Ihr vollends vergeſſen, was ſie für Euch gethan— das wollt Ihr wohl mit abwarten.“ Naler Beyerlein, der auch des Weges gekommen war, um bei der Teppichberathung der Frauen in der Kirche mit gegenwärtig zu ſein, und ſich jetzt bis zu Eli⸗ ſabeth durchgedrängt hatte, klopſte die alte Frau auf die Schulter und ſagte: „Gute Frau, Ihr wißt gewißlich nicht, mit wem Ihr ſprecht, daß Ihr Euch ſolcher frechen Rede unter⸗ fangt— das iſt die edle Frau von Scheurl.“ Martha ſchien nicht zu hören, all' ihre Sinne wa⸗ ren wieder in ihren Augen, mit denen ſie an dem Thurme und an ihrem Sohne hing. Er hatte jetzt die Leiter oben befeſtigt, unten hielt ſie Ulrich; aber es war nur ein ſchmales Brett, auf dem er ſtand— nur einen Schritt fehl, und er ſtürzte hinab, oder die Leiter entglitt ihm und riß ihn mit, wenn der kräſtige Hieronymus auf ihr ſtand. Jetzt hatte er ſie betreten— die Volksmenge hielt 92 den Odem an— da klang ein Betglöckchen aus dem Clara⸗ loſter herüber. Einzelne knieeten nieder, unwillkürlich folgte die Menge dieſem Beiſpiel, und mit einem Male la⸗ gen Alle auf den Knieen, wortlos für die Baubrüder zu beten, die in ſolcher Todesgefahr ſchwebten; Eliſabeth knieete dicht neben Martha und der Maler hinter Beiden, um ſeine edle Gönnerin vor der alten Frau zu beſchützen, die ihm nicht recht bei Sinnen zu ſein ſchien. Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sproſſe betreten— entweder mußte er nun über Ulrich, der knieend die Leiter hielt, hinwegſteigen, oder dieſer ſie loslaſſen und vor ihm her gehen. Wie es ſchien, unterhandelten die Beiden dar⸗ ziber. Das war der entſcheidende Moment: ließ Ulrich los, ſo konnte Hieronymus mit der Leiter herabſtürzen; ließ jener nicht los, bis dieſer über ihn hinweg das ſchwanke Brett betreten, ſo konnte Ulrich um ſo ſicherer hinabſallen— und außerdem war noch für beide Fälle eigentlich das Wahrſcheinlichere, daß Beide fielen. Ulrich's Veharrlichkeit hatte geſiegt— Hieronymus war über ihn hinweggeſchritten! Jetzt ein Aufſchrei der Menge— ein Wegwenden und Verhüllen der bleichen Geſichter, und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauen— ein krachender Ton— ein jählinger Fall— iſt's Ulrich?— iſt's Hieronymus!——„Gbtt ſei Dank!“ „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ murmelt und ſchreit es 93 durch die Menge— es iſt nur die Leiter, die Ulrich ſich ſelbſt aufrichtend losgelaſſen, die nun erſt an den Thurm zurückſchlägt und von da den Strick zerreißend, mit dem ſie beſeſtigt, herunterfällt und unten zerſplittert— ſo kann auch der Menſch zerſchellen, der hier abgleitet!— Einige Minuten noch ſchwebten die Baubrüder in Todesgefahr— dann haben ſie das noch feſte Gebälk er⸗ reicht. Ein donnernder Jubelſchrei begrüßt die Gerette⸗ ten— bald darauf ſtehen ſie wohlbehalten unten vor der Kirche und Hieronymus umarmt Ulrich als ſeinen Retter! Die andern Baubrüder, der Werkmeiſter und Pallirer mitten inne, begrüßen die beiden Helden des Augenblik⸗ kes; Mutter Martha will zu dem Sohne eilen, aber ihre Kraft hat nur gerade ſo weit gereicht, als ſie in ängſtlicher Spannung des Ausgangs harrte, der den Sohn ihr rauben, zerſchmettern konnte— jetzt dachte ſie erſt: „wenn es nun doch geſchehen wäre?“ und vor ſo gräß⸗ licher Vorſtellung verſagten ihr die alten Füße den Dienſt ſie ſtürzte auf das Straßenpflaſter nieder. Niemand kümmerte ſich um die alte Frau; aber jetzt eilte Eliſabeth ihr nach, hob ſie auf, ſtützte ſie an ſich und ſagte zu dem Maler:„Sag't es dort dem Bau⸗ bruder, daß ſeine Mutter hier iſt.“ Der Maler ſtand unſchlüſſig. Daß die edle Eliſabeth dieſem Weibe beiſtand, das ſie erſt frech geſchmäht, er⸗ 94 ſchien ihm zugleich unbegreiflich und geſährlich, und als Eliſabeth ihn drängte, ihr Geheiß zu befolgen, ſagte er: „Wahrlich, ich male Euch noch einmal als Heilige der Barmherzigkeit gerade ſo, wie Ihr jetzt daſteht— eine echte Chriſtin, die, wenn man ſie auf den einen Backen ſchlägt, den andern noch darreicht.“ Frau Martha war nicht etwa ohnmächtig oder be⸗ wußtlos geworden, ſondern ſie hatte nur ebenſo an allen Gliedern gezittert, daß ſie gefallen war, und auf dem Steinpflaſter hatte ſie ſich nun die Füße verſtaucht und das eine Bein aufgeſchlagen, daß ſie nicht zu gehen ver⸗ mochte— ſie mußte ſich alſo den Beiſtand der Frau Scheurl gefallen laſſen, und traute in der That kaum ihren eige⸗ nen Augen, daß dieſe ihn ihr leiſtete. Sie war zu be⸗ ſchämt, um ein Wort des Dankes zu ſagen, und Eliſa⸗ beth zu ſtolz ein Wort zu ſprechen, wo ſie jetzt mit ei⸗ ner That ſprach— ſo ſtand das ſonderbar zuſammen paſ⸗ ſende Paar beieinander. Jetzt eilte Hieronymus auf ſeine Mutter zu— Eliſa⸗ beth legte ſie in ſeine Arme. Ulrich ſtand etwas von fern, ſeine Blicke begegnete denen Eliſabeth's— dann kam der Propſt und begrüßte auch die Geretteten. Gleichzeitig erſcholl feierliches Gelänte— es rief die Baubrüder in die Lorenzkirche, darinnen ihr Kaplan ein 95 Te Deum angeordnet hatte, zum Danke für die Rettung aller Gefährdeten und der Verhütung weiteren Unglückes. Schnell waren die Baubrüder alle, von den Mei⸗ ſtern bis herab zu den Lehrlingen zum Zuge geordnet und gingen in die Kirche; aber obwohl ſie ſonſt ihren Gottesdienſt allein abzuhalten pflegten, ſo konnten weder, noch wollten ſie es diesmal hindern, daß auch die pro⸗ fane Menge ihnen nachdrängte und andächtig froh bewegt, wie ſie erſt angſtvoll gebetet hatte, mit einſtimmte in den ambrofianiſchen Lobgeſang. Inzwiſchen hatten ſich auch die andern Stickerinnen zu den Gobelins mit eingefunden, und ſie alle knieeten vereint an einem Seitenaltar und dankten— am innigſten Eliſabeth Scheurl und Charitas Pirkheimer. Als ſie ſich vom Gebet erhoben, ſagte dieſe leiſe zu Eliſabeth:„Nun iſt mein Geſchick entſchieden; ich konnte noch ſchwanken— aber vorhin, als die Senſe des Todes über— über den Baubrüdern ſchwebte“(ſie wiederholte ſich, weil ſie keinen Namen nennen wollte)—„gelobte ich, wenn ſie die Heiligen beſchützten, mich dem Kloſter zu weihen. Von dieſem Augenblicke an betrachte ich mich als eine Braut des Himmels!“ Eliſabeth umarmte die Freundin. Sie billigte im Innern ihren Entſchluß nicht— aber ſie ahnte ihn: Cha⸗ ritas wußte ſeit dieſem Augenblick, daß ſie liebte, wo ſie nicht lieben durſte— und ging in das loſter! Hier konnte ſie im Geiſte einen Tempel bauen zu Ehre Got⸗ tes, wie der, zu dem ihre Gefühle ſchweiften in der Wirk⸗ lichkeit— ſie wählte eine Gemeinſchaft der Heiligen, weil die irrdiſche ihr verſagt war. Fünftes Cngitel. Befürchtungen. Die Hoffnungen König Mazmilian's, ſeinen Vater mit ſeinem Eidam Herzog Albrecht zu verſöhnen, ſcheiter⸗ ten an Kaiſer Friedrich's unbeugſamen Sinn, der nicht eher von einem Vergleiche hören wollte, bis Albrecht Regensburg wieder herausgegeben, deſſen Rückgabe dieſer ebenſo hartnäckig verweigerte, als ſie gefordert ward. Unter Androhung der Reichsacht lud der Kaiſer die Re⸗ gensburger vor ſeinen Stuhl ſich wegen ihres Abfalles zu rechtfertigen. Da ihm Jeder willkommen war, der wider Albrecht Klagen anzubringen hatte, fanden zuerſt deſſen unzufriedene Brüder Chriſtoph und Wolfgang, von denen der erſte die ehemals aufgegebene Herrſchaſt jetzt zu beſitzen wünſchte, der andere durch Mißhandlung eines Dieners gekränkt war, williges Gehör; dazu kam der Löwlerbund, der gleich in ſeinem Urſprung und Fort⸗ 98 ſchritte gegen die anwachſende Macht des Baiernherzogs gerichtet war. Da ſtatt einer weitern Antwort derſelbe Regens⸗ burg befeſtigte, ſo that der alte Kaiſer zu Linz, unter freiem Himmel auf dem Richterſtuhle ſitzend, wie es Brauch war, den Achtſpruch über Regensburg und bot das Reich auf zu deſſen Vollſtreckung. Die Löwler waren gerüſtet zum Losbrechen unter ihrem Führer und Urheber des Löwlerbundes Bernhardin von Stauff. Wer jetzt zu ihrem Heere ſtieß, der war ihnen willkommen. Wie immer ſtrömten da auch jetzt kriegsluſtige oder müſſige Geſellen zu einem ſolchen deutſchen Heere, das ſich gern durch neue Werbungen verſtärkte und dabei nicht ängſtlich fragte und wägte, wer ſich ihnen bot. Für Amadeus gab es daher keinen beſſern Rath⸗ als auch in dies Heerlager zu flüchten, als ein kampf⸗ bereiter Krieger, der einſt das Schwert wohl zu führen verſtanden und auch jetzt in ſeinen vorgerückten Jahren dazu noch wohl befähigt war. Das war ſein eigener Wille und war auch der Rath des Propſtes, aber Ama⸗ deus wiederholte noch einmal, daß er nicht ſcheiden wolle, ohne Ulrich mit ſich zu nehmen, der ſo auch die beſte Gelegenheit habe, jeder drohenden Gefahr zu entgehen. Zwar bangte dem Propſt nicht minder um dieſen— aber ſelbſt von den heiligen Banden der Banbrüderſchaft 99 umſchlungen und beſtrebt ihren ſchönſten und höchſten Pflichten treu zu bleiben, konnte er ſelbſt den Gedanken nicht faſſen, daß Ulrich ſo ohne Weiteres die heilige Stätte verlaſſen ſollte und ſtatt den ewigen Werken der Kunſt, ſtatt dem ſchönen Beruf, Bauten des Friedens auf⸗ zuführen, die Jahrhunderte hindurch Tauſende von Men⸗ ſchen erheben und veredeln mußten— zu dem rohen Hand⸗ werk des Krieges zu greifen, das nur ein Leben der Zügelloſigkeit und des Zerſtörens war, eine Jagd nach Beute oder Ehre, oder nur ein Mittel ſein Leben zu friſten. Denn im Nittelalter ward— die Glaubenskriege ausgenommen, mochten ſie nun gegen Heiden oder Sa⸗ razenen, gegen Huſſitten oder die allein ſeligmachende ka⸗ tholiſche Kirche geführt worden— der Krieger eben nur um des Soldes Willen Krieger, um eine Beſchäftigung, ein Unterkommen zu haben. Von Vaſallen⸗ und Heerestrene, noch ohne an ein höher begeiſterndes Motiv zu denken, hat die damalige Geſchichte nur vereinzelte Beiſpiele auf⸗ zuweiſen. Es galt nicht für ehrlos und unwürdig, wenn ein Ritter oder Söldnerhauptmann mit ſeinen Leuten morgen auf der andern Seite focht als heute: ſie ver⸗ kauften ſich für den beſſern Sold oder dahin, wo am eheſten auf Triumphe des Sieges oder reiche Beute zu rechnen war. Und wie die Führer und Ritter, ſo die Söldlinge, die Knappen und Troßbuben— faſt niemals gab es ein höheres Band ſie zu halten. 100⁰ ulrich war am Morgen nach der Racht, die er in der Propſtei zugebracht, aus derſelben zeitig in die Bau⸗ hütte gegangen, da der Pallirer ſie nur eben geöffnet hatte. Mit dem größten Eifer meißelte er an einer Ei⸗ chenkrone an einem Kapital, denn er wollte gern noch ſo viel als möglich vollenden, und wußte nicht, wie lange ihm noch das Glück der Arbeit gegönnt war! Als es am Abend dunkel geworden, ging er wieder in die Propſtei. Noch einmal überhäuſte ihn Amadeus mit Bitten, mit ihm zu gehen, ja er drohete in ſeiner heftigen Art auch nicht zu fliehen, ſondern ſich ſelbſt dem geiſtlichen Gericht oder dem Kloſter zu überliefern, wenn man ihn allein ziehen laſſe; aber Ulrich blieb ſtandhaft bei ſeiner Weigerung, oder er erklärte vielmehr noch ein⸗ mal einfach, daß ihn nichts zu einem Eidbruch verleiten werde, und daß er bleibe, möge ſein warten, was da wolle. Amadeus mußte von ihm Abſchied nehmen in dem Bewußtſein, daß er ſelbſt das erſehnte Glück, den Sohn wiedergefunden zu haben, mit dem Unglück deſſelben er⸗ kaufe!— Kreß, der den Tag über nur eine Stunde bei Ama⸗ deus in der verſchloſſenen Bibliothek geweſen, und jetzt am Abend Ulrich mit hineingenommen hatte, duldete nicht, daß derſelbe ſich lange verweile, um ja keinen Verdacht 101 bei der Haushälterin zu erregen. Ulrich mußte alſo nach einer kurzen Zuſammenkunft wieder gehen, ja er mußte auch dem Propſt ſeierlich verſprechen, nicht etwa wie er erſt ſich anheiſchig gemacht, Amadeus bei der nächtlichen Flucht zu helfen, oder durch das Thor oder in welcher Art zu begleiten. Amadeus mußte allein und wieder in andern Fleidern, als in denen, welche er jetzt getragen, die Stadt verlaſſen, und es war dabei auch keine große Schwierig⸗ keit, da ihn Niemand kannte und Niemand verfolgte. Man konnte ihn jetzt ſehr wohl für einen gewöhnlichen alten Söldner halten, und Niemand vermuthete unter dem Helm das glattgeſchorene Haupt des flüchtigen Mönches. Wenige Tage nach ſeiner Entfernung mußte der Propſt von ſeiner Haushälterin hören, daß ſie auf dem Markt von mehreren Seiten gefragt worden ſei: der Herr Propſt habe wohl wieder Gäſte, die nur zur Nacht⸗ zeit kämen und gingen, und denen es in der Propſtei beſſer gefiele als im Kloſter? und daß man auf ihre Antwort, die Frage nicht einmal zu verſtehen, weiter ge⸗ ſagt: ſie ſolle ſich nur nicht unwiſſend ſtellen, ganz Nürn⸗ berg wiſſe es ſchon, daß der Propſt wie immer mit den Baubrüdern unter einer Decke ſtecke, und daß ſie einem Benediktinermönch, dem es nicht mehr im Kloſter gefallen habe, zur Flucht verholfen hätten. Mit Entſetzen vernahm Kreß dieſe Reden, ohne zu 102 ahnen, daß es Frau Eva Kraft war, die ſie auf Veran⸗ laſſung eines ihrer Handlanger in Umlauf gebracht hatte, nur um ſich an dem Propſt für den Drachen zu rächen, mit dem er ſie verglichen hatte. Sie verfolgte damit nicht etwa einen mühſam angelegten Plan; ſie dachte nicht ent⸗ fernt daran, wider Gericht gegen den Propſt zu zeugen, noch ihn überhaupt in Unterſuchung und Strafe zu ver⸗ wickeln, ſo boshaft war ſie nicht: ſie gönnte ihm nur ein wenig Angſt und üblen Leumund; zu etwas Ernſtli⸗ chen, meinte ſie, werde es nicht kommen, da den Geiſt⸗ lichen und beſonders den hochgeſtellten, damals ſo viel durch die Finger geſehen ward; nur in den Augen der Leute wollte ſie ihn und namentlich die freien Stein⸗ metzen herabſetzen, denen auch nicht leicht aus den An⸗ klagen von Laien und Profanen ein Nachtheil entſtehen konnte, wenn nicht ihre Vorgeſetzten und Meiſter, die ihrer Hütte, wie der Haupthütte von Straßburg die Klage annahmen und Urtheil ſprachen: denn die Bau⸗ brüder hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und konnten nur erſt, wenn ſie aus der Hütte geſtoßen waren, von Pro— fanen gerichtet werden. Dieſe Vorrechte derſelben waren es eben, welche die andern Zünſte auf ſie eiferſüchtig machten— und wie gewöhnliche Frauen ihren Neid und Groll, der, wenn berechtigt, denn Inſtitutionen gelten ſollte, an den einzelnen Perſonen, zu deren Vortheil dieſe 103 ſind, auslaſſen möchten, ſo war auch Frau Eva in die⸗ ſem Falle. Amadeus war fort— aber was konnte der Propſt thun, ſich gegen dieſe Gerüchte zu ſchützen, wenn ſie zu einer Unterſuchung führten, und wie konnte er wiſſen, ob ſie nicht ſchon das Ergebniß einer ſolchen waren, die vor der Hand noch innerhalb der Kloſtermauern geführt ward? Ulrich glaubte in denſelben Gerüchten, die zu ihm drangen, die Hinterliſt Ezechiel's zu erkennen. So viel war ihm klar geworden durch Alles, was er im Lauf der Zeit an ſich ſelbſt erfahren hatte, daß der Jude ein Vertrauter Streitberg's, und daß es nur dadurch Rachel möglich geweſen war, ihm alle die Nachrichten und War⸗ nungen zukommen zu laſſen, die er, um Unglück oder Un⸗ recht zu verhüten, von ihr empfangen hatte. Wenn er ſo Alles überdachte, fiel es ihm plötzlich ſchwer auf's Ge⸗ wiſſen, daß er den Edelſinn in ihr, der ſie immer an⸗ getrieben hatte Unglück zu verhindern, durch nichts be⸗ ſtärkt oder belohnt, daß er ſie immer von ſich fern ge⸗ halten hatte und faſt nur rauhe Worte für ſie gehabt, weil ſie eine Jüdin und weil ſie ein Weib war. Hätte er nicht das Gefühl in ihr, das ſie immer wieder zu ihm trieb, als dem einzigen Menſchen, zu dem ſie das Vertrauen faßte: er werde bereit ſein die Unſchuld und die Wehrloſen zu beſchützen wie und wo es auch ſei— 104 hätte er das nicht unterſtützen und pflegen müſſen, ihr nicht ſagen, daß es ihm ſcheine, als ſei ſie in der That und im Herzen eine Chriſtin; hätte er nicht Alles thun müſſen, ſie vom Fluch des Judenthums zu erlöſen und ſie für das Cyhriſtenthum zu gewinnen! Hatte er, indem er ſie mied, nicht nur ſich im Ange gehabt, nicht ſein Gelübde, ſondern nur den Schein es zu bewahren. Was war es denn weiter, wenn er auch einmal in das Indenviertel ging?! War es nicht auch klug, wenn er jetzt Ezechiel unter dem Vorwand aufſuchte, daß er ihm die im Kloſter geliehenen Fleider bezahlen wolle, da ſie der Eigenthümer nicht zurückbringe, obwohl der Jude damals alle Bezahlung verweigert hatte. Konnte er nicht durch dies Anerbien ſelbſt Ezechiel irre machen in ſeinen Vorausſetzungen, oder ihm doch zeigen, daß er ihn nicht fürchte! In der Judengaſſe war die Wohnung Ezechiel's leicht zu erfragen und auch im Dunkeln zu finden, als der in einen langen Mantel gehüllte Baubruder durch dieſelbe ſchritt. Ein matter Lichtſchimmer brach durch ein Fenſter des obern Stockes. Ulrich tappte die finſtere Treppe hinauf und ſtand vor einer kleinen Thür. Es ſchien ſich nichts dahititer zu regen, er lauſchte und pochte. Er rief:„Ezechiel!“ 105⁵ Nichts antwortete, aber es war Ulrich, als ob er leiſe Schritte zur Thür gehen hörte. „Ezechiel oder Rachel!“ rief er noch einmal,„wer iſt daheim?“ „Gott meiner Väter!“ rief drinnen Rachel's Stim⸗ me,„ich täuſche mich nicht— Ihr ſeid es, Ulrich von Straßburg.“ „Ich bin es!“ antwortete Ulrich,„und ich hoffe, daß Ihr mir öffnen werdet, damit ich mit Euch ſprechen kann.“ „Das kann ich nicht!“ antwortete ſie;„der Vater hat mich eingeſchloſſen— aber ſeid Ihr allein?“ „Ganz allein!“ „So hört uns Niemand. O, Euch ſendet der Him⸗ mel! Mein Vater läßt mich nicht mehr aus dem Hauſe— aber laßt Euch nicht von ihm hier trefen!“ rief ſie angſtvoll. „Warum?“ verſetzte er;„ich komme ſeinetwegen, meine Schuld ihm zu bezahlen.“ „O das iſt längſt abgemacht!“ fiel ſie ihm in's Vort;„es bleibt jetzt keine Zeit davon zu reden, auch nicht von dem Dank, den ich Euch ſchulde und mein ganzes Volk, daß Ihr auf mich gehört— aber der, dem Ihr damals fortgeholfen, iſt ein Undankbarer.“ „Was ſagſt Du!?“ 1859. XVII. Nürnberg. II. 7 106 „Er hat Euch an Streitberg verrathen, ich ſah ihn ſelbſt auf Weyſpriach's Schloß; aber ich erfuhr den Zu⸗ ſammenhang erſt, als ich fort war und nachdem ich ſchon 5 bei Euch geweſen.“ „Diesmal kommt Deine Warnung zu ſpät!“ ant⸗ wortete Nlrich. „Zu ſpät— war mein Vater ſchon bei Euch!“ „Kürzlich?— nein!“ „Er ſchweigt noch— aber er will ſein Schweigen von Euch damit erkaufen, daß Ihr ihm den Ring von Frau Eliſabeth wieder verſchafft. Ihr hab't ihr jetzt einen großen Dienſt geleiſtet— ſie wird und muß es thun!“ ſagte Rachel. „Nie werde ich etwas von ihr verlangen,“ ſagte nlrich ſtolz,„am wenigſten etwas Schmachvolles!“ „Nicht um Euretwillen, wenn Ihr an Euch nicht denkt— den Propſt, Hieronymus, Konrad— Ihr werdet ſie Alle mit Euch verderben ſehen!“ ulrich fühlte ein Schwert in ſeiner Bruſt, aber es war kein Schwert des Kampfes, ſondern des Gerichts. „Ich weiß, was ich zu thun habe,“ antwortete er;„ein Chriſt weiß es immer— er nimmt die Schuld allein auf ſich, wie es ſein erhabener Meiſter mit der Schuld der ganzen Menſchheit that. Sieh', ich kam zu Dir, um mit Dir von dem Chriſtenthum zu ſprechen.“ 5 107 Eine lange Pauſe folgte. Dann antwortete Rachel dumpf:„Geh't, ich habe weiter nichts mehr mit Euch zu reden— wir ſind fertig. Ihr ſeid hier auch nicht ſicher— geh't.“ Ulrich wartete noch einige Minuten, rief noch ein⸗ mal hinein, aber es erfolgte keine Antwort mehr. Er ging. Was ihm Rachel geſagt, erfüllte ſich am andern Tage. Ezechiel kam zu ihm, aber er wußte nichts davon, wie es ſchien, daß Ulrich Tags zuvor in ſeiner Wohnung geweſen, und da Rachel es alſo mochte gut befunden ha⸗ ben, darüber zu ſchweigen, ſo that Ulrich um ihretwillen das Gleiche. Der Jude zeigte zuerſt die alte kriechende Höflichkeit, ſagte, daß er in Noth und Angſt wiederkäme, um von Ulrich einen großen Dienſt zu erbitten, durch den er al⸗ lein großes Unglück von ihm abwenden könne. Ulrich entgegnete ruhig, daß er ſich wundern müſſe, wie Ezechiel noch zu ihm kommen könne, nachdem er ſchon das vorige Mal ſein Vertrauen zurückgewieſen— inzwi⸗ ſchen aber erkannt habe, wie recht er daran gethan, da der Inde nur ein lügenhaftes Spiel mit ihm getrieben, um durch ein unredliches Nittel irgend einen unredlichen Zweck zu erreichen; es ſei wohl beſſer, wenn ſie einander aus dem Wege gingen und vergäßen, je einander darauf begegnet zu ſein. 108 Dieſe Worte drängten den Juden raſch zum Ziel, da er daraus ſah, daß Ulrich in keinem Falle ihm ver⸗ trauen würde, und daß es unmöglich ſein werde, durch Liſt und Verſtellung etwas von ihm zu erreichen, ſo griff er gleich zu ſeinem letzten, und wie er meinte, unfehlba⸗ ren Mittel: der Drohung. „Muß ich mich doch verwundern,“ begann er,„daß Ihr mir möget alſo ſchnöde begegnen. Iſt es nicht in meiner Macht, Euch ganz und gar zu verderben? Hab't Ihr nicht aus dem Benediktinerkloſter fortgeholfen einem Mönch, der verurtheilt geweſen zum Tode? Hab't Ihr nicht damit ſelbſt verwirkt den Tod vor dem geiſtlichen Gericht? Ihr und Euer Freund, der mit Euch geweſen iſt, und der Novize, der Euch geholfen hat? Denkt Ihr, ich weiß das Alles nicht haarklein! Aber ich weiß auch noch mehr. Wird nicht ein Baubruder, der nicht keuſch und züchtig lebt, ſondern mit Frauenzimmern ſich abgibt und zur Nachtzeit in ihre Wohnungen dringt, mit Schimpf und Schande verwieſen aus der Genoſſenſchaft freier Steinmetzen? Denkt Ihr, ich weiß nicht, daß Ihr Euch hab't eingelaſſen mit der ſchönen Frau von Scheurl, und daß Ihr trotzdem ſeid nachgeſchlichen dem armen Juden⸗ mädchen— ſeid zur Nachtzeit in die verachtete Judengaſſe geſchlichen, weil Ihr hab't gewußt, ich ſei auswärts, hab't Ihr mir wollen verführen mein einziges Kind?“ 409— „Haltet ein, ſo frech zu lügen!“ rief Ulrich er⸗ glühend.— „Oho!“ antwortete der Jude;„ich habe viele Zeu⸗ gen, und Ihr vermöget weder mich einer Lüge zu zeihen,— noch eine dieſer Anklagen abzuwälzen, wenn ſie werden angebracht wieder Euch. Wenn die That ſich läßt ſo klar beweiſen, gilt auch das Zeugniß des Juden, wenn Ihr das etwa darum verachten ſolltet; es gibt genug Chri⸗ ſten, die mit mir das Alles bezeugen werden— und ſoll Euch bleiben nicht die mindeſte Ausflucht. Aber ich hab' ein dankbar Gemüth und nicht vergeſſen, daß Ihr Euch— einmal angenommen meiner und meines Kindes, und hab't— mir herausgegeben den gefundenen Ring— darum will ich ſchweigen, wenn Ihr mir nur thut einen einzigen kleinen Gefallen: verſchaffet mir denſelben Ring wieder von der Frau von Scheurl— denn der Ritter von Streit⸗ berg wollte einlöſen ſein Pfand, und will mir nun an Leib und Leben, weil ich es habe vorher gelaſſen aus meinen Händen.“ „Der Ritter von Streitberg wird Euch ſchwerlich viel ſchaden,“ antwortete Ulrich,„denn die Nürnberger werden nicht eher von Weyſpriach's Burg ziehen, bis ſie ſich der beiden gefährlichen Straßenräuber bemächtigt— und mir ſcheint, Ihr thätet beſſer, Euch als ein Feind dieſer Herren zu zeigen, denn wie zuzugeben, daß Ihr — 11⁰ allezeit gemeinſchaftliche Sache mit ihnen gemacht. Im Uibrigen muß ich Euch wiederholen: ſag't über mich aus, wahr oder falſch, was Ihr wollt— ich kann Ener Ver⸗ ſtummen nicht durch Etwas erkaufen, das mir ganz un⸗ möglich iſt zu thun—“ „Iſt nicht unmöglich!“ fiel ihm der Jude in's Wort.„Trotzdem daß Ihr mich nimmer hab't haben wollen zum Liebesboten, hab't Ihr Euch doch gegen mich verrathen; ich weiß nun um ſo mehr, wie Ihr ſteht mit der Frau von Scheurl, und daß ſie Euch wird jeden Wunſch erfüllen, den Ihr von ihr fordern möget, ſchon damit ſie nicht—“ „Still!“ gebot Ulrich und ſtampfte unwillig mit dem Fuße.„Ich höre nicht länger ſolch' unſinniges Ge⸗ wäſch mit an. Ich kann nicht thun, was Ihr wollt; thut ſelbſt, was Euch gut dünkt, redet mir nach was Ihr wollt und wo ihr es wollt; ich habe kein Mittel, Euer Schweigen zu erkaufen und Euch vom Lügen⸗ und fal⸗ ſchem Zeugnißreden zurück zu halten, denn ich verſchmäh' es, Euch wieder zu drohen wie Ihr mir: daß es mich auch nur ein Wort koſtet, und ihr ſeid überwieſen an Streitberg's und Weyſpriach's Schuld mit Theil zu ha⸗ ben— ſeid verſichert, man wird keine langen Umſtände mit dem Inden machen!“ „Gott meiner Väter!“ rief der Jude,„Ihr redet 1¹¹ das nur ſo in das Blaue hinein; der Jude Gzechiel iſt alt und erfahren genug, um zu wiſſen, wie es mit ihm ſteht und was er hat zu thun oder zu laſſen. So lange Weyſpriach's Burg noch ſteht, gebe ich Euch Bedenktzeit, ſo lange werde ich ſchweigen. Schafft Ihr mir bis dahin den Ring, ſo ſeid für alle Zeiten meiner Dankbarkeit ge⸗ wiß. Dann wird Ezechiel nicht allein ſchweigen, dann wird er Euch weiter helfen— Euch und Amadens, wird Euch dienen und der Frau Scheurl. Schafft Ihr mir aber den Ring bis dahin nicht wieder, ſo wird das Ver⸗ derben kommen über Euch und Alle, die ich da habe ge⸗ nannt, ſo wahr ich ſelbſt Ezechiel heiße. Das überlegt Euch, und die Wohnung des armen Juden wißt Ihr ja nun zu finden!“ Damit ging er, ohne von Ulrich noch eines Wortes gewürdigt zu werden.— So war Ulrich in der That durch den Juden von einem Retz umſponnen, daß er gar nicht einmal ſehen konnte, aus welchen Fäden es gewoben, noch wer es mit ihm umgab. Und wie es ihm jetzt ſchien, war kein hö⸗ heres Motiv dabei im Spiele, es war die gemeinſte jüdiſche Geldprellerei, der er zum Opfer ſallen ſollte!— Die Zeit, die ihm der Jude ſchenken wollte, ſchien ihm überflüſſig als Bedenkzeit; aber er wollte ſie nützen im Dienſt der ewigen Kunſt, dem er ſich geweiht— und vielleicht konnte 12 er ſie auch ſo nützen, Alles ſo zu leiten, daß er allein als Opfer fiel und alle Gefahr und Schuld auf ſich allein nahm, die jetzt drohend über den Häuptern aller andern Weſen ſchwebte, die ihm im Leben theuer geworden, ja die ſich überhaupt ihm nur genaht. Wenig Tage darauf vernahm er mit Schrecken, daß der Propſt Kreß erkrankt, vernahm er auch, was man in der Stadt über denſelben redete; aber da er ſelbſt zu ihm ging, um zu warnen oder zu berathen, ſo gut es gehen wollte, ohne durch ganz vollſtändige Mittheilungen die Angſt des Propſtes zu erhöhen, erfuhr er von die⸗ ſem, daß der Abt des Benediktinerkloſters als ſein Freund und Gönner ſelbſt bei ihm geweſen, um mit ihm im Ver⸗ trauen zu verhandeln: wie man das Bekanntwerden ei⸗ nes unangenehmen Vorfalls unterdrücken, dem Kloſter und der ganzen Geiſtlichkeit eine Unterſuchung und einen öffentlichen Eclat erſparen könne. Ein Knecht, der früher ſchon im Kloſter und ſpäter in der Stadt Dienſte gethan, habe den Abt berichtet, daß er den Bruder Amadeus in faſt ritterlicher Kleidung durch die Straßen Nürnbergs habe ſchleichen ſehen, und daß ihn der Propſt mit einem Baubruder bei nächtlicher Weile mit in das Haus genommen und bei ſich verbor⸗ gen. Auf dieſe Anzeige hin hatte der Abt in der Stille die Zelle öffnen laſſen, welche vollends zugemauert wor⸗ 11³ den war, als der Gefangene darin kein Lebenszeichen mehr von ſich gegeben hatte; da man bei dieſer Heffnung nach einigen Wochen keinen Leichnam darin gefunden, ſo war es freilich klar, daß Amadeus geflohen war und daß er dies nicht ohne Helfershelfer hatte bewerkſtelligen kön⸗ nen. Indeß ſchien es dem Abt rathſam, darüber kein großes Geſchrei zu erheben, ſondern lieber zu thun, als ob nichts geſchehen ſei, ſo lange nicht durch Amadeus ſelbſt die Sache ruchbar würde; denn eben damals wa⸗ ren in Kirchen und Klöſtern mancherlei Mißbräuche ein⸗ geriſſen und das Anſehen Beider im Volke geſunken. Nicht etwa nur in den Klöſtern, ſondern im ganzen Volke, war eine beiſpielloſe Verſchlechterung der Sitten eingeriſſen und eine entſetzliche Verwilderung unter die Menſchen gekommen; ſo wenig wie den Laien, ſo wenig galt ſelbſt vielen Geiſtlichen der gute Schein, oder man ſuchte wenn nicht ihn, doch das Anſehen durch Ketzer⸗ gerichte und andere Zeichen eines geiſtlichen Schreckens⸗ regimentes zu erhalten. Die aber zu den Beſſeren und Edleren der höhern Geiſtlichkeit gehörten, wie der Propſt Kreß und der Abt des Kloſters, die ſuchten wenigſtens die eingeriſſenen Uibelſtände und Ungehörigkeiten, die ſie nicht ausrotten konnten und noch weniger an den Tag bringen, ohne in den Augen der Menge ihrem eigenen Stande zu ſchaden, zu vertuſchen ſo gut es gehen wollte. 11⁴ Danach handelte auch jetzt der Abt in der Hoff⸗ nung, daß Kreß, wenn er Amadeus bei ſich habe, oder ſeinen Anſenthalt wiſſe, ſich mit dieſem ſelbſt leicht ver⸗ ſtändigen könne, daß er weit fort fliehen und ſich ver⸗ borgen halten möge, ohne je Jemanden zu vertrauen, woher er komme und daß er ein zum Tode verurtheilter und entlaufener Mönch ſei. Lieber werde ihm der Abt ſelbſt die Mittel zu weiterer Flucht verſchaffen, als ihn der Verſolgung ausſetzen, die ihn vor ein geiſtliches Ge⸗ richt bringen werde, das ihn zum Tode verurtheilen müßte— ein Urtheil, das nun nicht wie das erſtgefällte in der Stille des Kloſters vollzogen werden konnte, ſon⸗ dern das der Welt offenbar werden mußte, weil andere weltliche Perſonen und Gerichte mit darein verwickelt ſein würden. Dieſer vertrauensvollen Mittheilung ſetzte der Propſt die andere entgegen, daß allerdings Amadeus, aber erſt einige Wochen nach ſeiner Flucht aus dem Kloſter eine Nacht bei ihm geweſen, daß er ſich nicht habe entſchlie⸗ ßen können, dem bei ihm eine Freiſtatt Suchenden, die⸗ ſelbe zum Gefängniß werden zu laſſen, noch ſie ihm auf länger als einen Tag zu gewähren, und daß er Ama⸗ deus zum Reichsheer geſandt, in der Schlacht den Tod zu ſuchen, den er verdient habe und ihm doch im Klo⸗ ſter entronnen ſei. Er erklärte nicht zu wiſſen und nicht 115 wiſſen zu wollen, wie und wann und durch wen Ama⸗ deus befreit worden, und ſorderte zum Lohn für ſein un⸗ umwundenes Geſtändniß von dem Abt, nicht nur die vorher verſprochene Zuſicherung, daß ihm dann ſelbſt kein Schaden daraus erwachſen ſolle, ſondern auch daß der Abt die ganze Sache unterdrücken möge und weder un⸗ ter den Mönchen, noch den Baubrüdern, noch den Be⸗ freiern forſchen. „So lange das in meiner Macht iſt und ich nicht von Außen dazu gedrängt werde,“ verſprach der Abt. „Iſt es für die Ehre unſeres Standes beſſer, Alles als ungeſchehen zu betrachten, ſo ſoll es ſo gehalten werden; iſt es jedoch nicht möglich, reden Andere oder die That⸗ ſachen vor der Welt, ſo ſoll mit Strenge gerichtet wer⸗ den, und ich werde das Schonen nicht kennen, weder für mich ſelbſt, noch für Feind und Freund.“ So weit war der Propſt beruhigt für den Augen⸗ blick und doch voll Unruhe für die Zukunft; es war ein Damoklesſchwert, das über ſeinem Haupte hing, und auch über dem Haupte Ulrich's. Der mehr weiche und gutmüthige als ſtarke und energiſche Charakter des Propſtes Kreß war nicht dazu gemacht, ſolche Zuſtände mit Muth oder auch nur Gleich⸗ muth zu ertragen, die ungewohnte Angſt und Unruhe hatten ihm eine Krankheit zugezogen, die ihn lange an 11¹6 ſein Haus gefeſſelt hielt. Als Ulrich zu ihm kam, theilte Jeder von dem Geſchehenen oder Gefürchteten dem Andern eben nur ſo viel mit, als nöthig war zu beruhigen oder zu warnen; aber da Keiner wiſſen konnte, wie der Wür⸗ ſel fallen werde, ob überhaupt eine Anklage und welche zuerſt ſich erheben werde, ſo war es nicht möglich irgend eine Verabredung zu treffen oder einen Plan zu Schutz oder Trutz zu entwerſen— ja Ulrich ſtand nur das Eine ſeſt, was er aber nicht ſagte, daß er, wenn es zu einer bedenklichen Unterſuchung kam, ſich als den einzigen Schul⸗ digen ſelbſt darſtellen und zum Opfer bringen wollte. So war noch Alles geblieben, als der Propſt als ein Halbgeneſener in die Lorenzkirche kam, die Darbrin⸗ gungen weiblichen Fleißes, die Eliſabeth mit geſtiftet, zu beſchauen, und als Urich, um Hieronymus aus drohender Gefahr zu retten, ſich ſelbſt in die größte begab. Die Rettung war ihm gelungen, und Gliſabeth, die er inzwi⸗ ſchen nicht wiedergeſehen, hatte ihm auf oſſenem Narkt ihre Theilnahme zu erkennen gegeben. Lag darin nicht eine neue Gefahr— und empfand nicht Ulrich doch neben⸗ bei einen ſüßen ſtillen Triumph in dem geheimſten Winkel ſeines Herzens? Ihm war es, als ſei es der ſchönſte Tag ſeines Lebens. Er hatte an ihm eine Spitzſäule mit zierlichem Eichenlaub umrankt, das nit ſtachlichem Dornenwerk dar⸗ 117 um zu ſtreiten ſchien, und doch in der Krone den Sieg davontrug, vollendet und eben ſein Zeichen, den Kreis mit dem Winkelmaaß durchſchnitten hineingegraben, als er Eliſabeth zur Kirche vorübergehen ſah und nicht lange darauf das Gebälk am Kirchenbau erbebte, ſtürzte— und er nun ſelbſt der nahen Gefahr entronnen, Alles aufbot mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte ſie von den andern Baubrüdern abzuwenden und Hieronymus zu retten. Und da es ihm gelang und Hieronymus ihn innig umſchlang und nichts zu ihm ſagte als:„Mein Bruder!“ da hätte er laut aufjauchzen mögen in dem Bewußtſein, daß er dem Freund hatte beweiſen können, daß er noch ganz der alte für ihn ſei— und daß nun auch aus deſſen Seele alles Mißtrauen ſchwand, das ſich darin feſtgeſetzt ſeit ihrer verſchiedenen Meinung über die Juden und ſeit ihm Ulrich wirklich etwas zu verbergen hatte. Das, was Ulrich ſelbſt empfand gleich einer Verſündigung an dem Freund, die er doch auch nur aus Rückſicht für dieſen ſelbſt, um ihn nicht durch einen Mitwiſſer zu einem Mit⸗ ſchuldigen zu machen, auf ſich lud, das war nun auf einmal von ihm genommen: denn er hatte ihm jetzt ge⸗ zeigt, daß er ihn mehr liebte als ſein Leben, das er mit Freuden wagte an die Rettung des ſeinen, da alle An⸗ dere es verloren gaben und ihn zurückhalten wollten. Auch Mutter Martha war ihm verſöhnt, und mehr— ſie 118 nannte ihn wieder ihren zweiten Sohn, denn er hatte ihr ja den einzigen gerettet. Sie geſtand auch beſchämt, daß ſie es der ſtolzen Frau von Scheurl nimmer zuge⸗ traut hätte, daß ſie einer alten Frau wie ihr auf offe⸗ nem Markte einen Liebesdienſt erweiſen werde, aber ſie fügte doch hämiſch hinzu: „Freilich, ſie fragt eben nach gar keiner Sitte, oder nach den Leuten, und ſo wie ſie den Vorſchriften des Rathes und der Schicklichkeit zum Trot ſich prächtig klei⸗ det, ſo thut ſie auch für eine arme alte Frau, was ſonſt keine von dieſen hochmüthigen Geſchlechtern thun würde; aber ich hab' es geſehen, wie ſie außer ſich war vor Angſt, da Ihr in Gefahr ſchwebtet, und darum warn' ich Euch, Ulrich: wenn ſonſt vor keinem Weibe, ſo ſeid vor ihr auf Eurer Hut.“ Ulrich wies lächelnd die Warnung zurück, aber er erröthete leiſe und ſeine Pulſe gingen ſchneller, da er jenes Augenblickes gedachte, wo er in Eliſabeth's Gemach von ihrer bezanbernden Nähe wie beranſcht geweſen. Sechstes Capitel. Gift. Die alte Jacoben ſaß in ihrer kleinen Hütte an einem Regenabend mürriſch und ſinnend an einem nieder⸗ gebrannten Holzfeuer ihres Herdes und rührte in einer darüber befindlichen Pfanne, aus der übelriechende Dämpfe emporſtiegen. Sie murmelte unverſtändliche Sprüche dabei und betete eine Art Hexenſagen über ihr Gebräu. Damals eben erzählte man ſich viel von Zauberei und Hexenmacht, beſonders in den angrenzenden Ländern, wie kluge Frauen allerlei Künſte erlernen und üben könn⸗ ten, durch welche ſie über Menſchen und Thiere Macht erhielten, die ihnen entweder zum Guten oder Böſen dienten, je nachdem es man beabſichtige oder auch die Kunſt verſtände. Man verkündete und glaubte davon die fabelhafteſten Dinge. Zwar knüpften ſich daran weitere ſchreckiche Geſchichten und Erklärungen. Jene geheimen 120 lichen Gerichte dieſes Unweſen vor ihr man denſ böswillig von feindlich geſinnten Perſ gräßlichſten Martern und dem ſchreckl warf, ſondern auch Schuldige machte. Künſte ſollten nur durch einen Pakt mit dem Teufel er⸗ langt werden können, und dieſer jetzt weit öfterer als je auf Erden erſcheinen, entweder Einzelnen zur Nachtzeit in ihren Kammern, oder an Kreuzwegen und unter alten Bäumen, oder, was eine von ihm ſehr beliebte Stätte zu ſein ſchien, auf den Düngerhaufen der Gehöſte, wo er die ſich ihm Verſchreibenden mit Jauche taufte— oder auch auf hohen Bergen oder freien Feldern mit einer ganzen hölliſchen Genoſſenſchaft und allen Nahewohnenden, die ſich ihm ergeben wollten, zur Veranſtaltung von He⸗ xentänzen und ſcheußlichen Orgien. Bald zogen die geiſt⸗ en Stuhl; aber anſtatt durch Aufklärung und Belehrung dem dämoniſchen Hange der menſchlichen Natur entgegen zu wirken, beſtärkte elben durch Nähren des Aberglaubens, indem man alles nicht gleich Erklärliche zu einem nibernatürli⸗ chen ſtempelte. Daran knüpſte ſich eine ſchauderhafte Ver⸗ folgungsſucht, welche nicht nur gauz Unſch onen uldige und nur Angeklagte den ichſten Tode unter⸗ Denn da es bald als Leichtſinn, hald als Gotteslüſterei galt, die Möglich⸗ keit ſolcher Zaubereien und Teuſelspakte zu leugnen, wie⸗ wohl im aufgeklärten Nürnberg die Sache wenig Anklang fand, ſo bemächtigte ſich beſonders zuerſt der unwiſſenden 121 niedern Klaſſe der Glaube daran, und dazu kam der Reiz der Neugier und der Verführung durch eigene Ge⸗ lüſte, die Sache doch auch zu verſuchen und zu ſe⸗ hen, was ſich durch Zauberſprüche, Herenſalben und Ge⸗ tränke erzielen laſſe— wenn es auch nicht gleich ſo weit ging, die perſönliche Erſcheinung und Hilfe des Teufels in Anſpruch zu nehmen, oder ſich ihm mit Gut und Blut zu verſchreiben. Zu Denen, welche am begierigſten waren derglei⸗ chen Dinge zu verſuchen, gehörte die alte Jacobea; und ſie konnte es um ſo kühner verſuchen, als man in Nürn⸗ berg noch keinem Menſchen den Prozeß als Here ge⸗ macht hatte und ſie hoffen durfte, daß ſie Dies oder Je⸗ nes durch ihre Zaubermittel werde bewerkſtelligen können, ohne deshalb in den Verdacht der Hererei zu kommen. Jetzt eben braute ſie aus allerlei Giftwurzeln und thieriſchen Eingeweiden unter Abſingung des Herenſegens ein Pulver, von deſſen kleinſten Theilen ſie ſich eine lang⸗ ſam, aber ſicher tödtende Wirkung verſprach. Von draußen ſchlug niederſtrömender Regen an das kleine trübe Fenſter, und da es ſchon ziemlich dunkel war, bemerkte Jacobea um ſo weniger, daß Jemand wiederholt an das Fenſter pochte. Die ſchwarze Katze, die an der verriegelten Thüre Wache hielt, hatte ein feines Gehör und ſ unwillig 1859. XVII. Nürnberg. III. miauend wider das Fenſter. Sei es durch dieſen Sprung oder durch das ſtärkere Pochen und Drücken von außen: der lockere Wirbel des einen Fenſterflügels wich, dieſer ſprang auf, und eine dürre alte Hand ſchob ihn noch weiter zurück und eine heiſere Stimme rief: „Jacobea! laß mich ein!“ Jacobea fuhr zuſammen von kaltem Schauer über⸗ rieſelt. Kam jetzt wirklich der Gott⸗ſei⸗hei⸗uns! ſelber, den ſie in einem ſinnverwirrten Spruche angerufen, ohne ſich viel dabei zu denken? Auf ſolch' eine Erſcheinung war ſie doch nicht vorbereitet. Sie zitterte an allen Glie⸗ dern und fiel auf die Kniee. Aber lauter rief es draußen:„Jacobea! laß mich nicht länger im Regen ſtehen! nimm die Neſtler⸗Kathi auf, wie ſie einſtens Dich aufgenommen!“ Die Alte ſprang auf. Das war eine Frauenſtimme! die Neſtler⸗Kathi! Sie hatte ſie lange nicht geſehen, aber dieſer Name und dieſe Stimme rieſen Erinnerungen aus ihren beſten Tagen wach. Sie ſprang auf und eilte die Hausthür zu öffnen. Ein Frauenzimmer in ärmlich bürgerlicher Kleidung und vielleicht ein Jahrzehent jünger als Jacobea trat ein, warf einen durchnäßten Leinenmantel ab und ein großes Packet an die Erde. „Da komm' ich mit Sack und Pack!“ ſagte die 123 Eintretende.„In Regensburg, das der Herzog Albrecht ſo gut wie zumauern läßt, mocht' ich nicht bleiben und bin mit Tauſenden ausgewandert, die auch nicht viel mehr zu verlieren haben als das Leben. Nun dacht' ich in Nürnberg ein Unterkommen zu finden, wollt' aber bei Euch erſt einkehren und mir Rath erholen. Und Ihr läßt mich unbarmherzig eine Stunde im Regen ſtehen und vergeblich pochen und rufen.“ „Konnt' ich denken, daß Ihr es waret?“ ſagte Ja⸗ cobea;„hätt' ich doch eher ſonſt wen erwartet denn Euch, Muhme, die ich ſo lange nicht geſehen! Läßt man doch auch in nächtlicher Zeit nicht gleich Jedes ein!“ „Hab't Ihr da etwas Warmes?“ fragte die An⸗ gekommene auf den Keſſel deutend;„es würde mir gut thun.“ „Das hier ſchwerlich!“ antwortete Jacobeg,„aber es iſt fertig und der Keſſel kann einem andern Platz machen.“ Indeß ſie ſich anſchickte eine Suppe zu bereiten, beſprachen die beiden Frauen, die ſich lange nicht geſehen, ihr wechſelndes Geſchick, und Katharina Neſtler erzählte das ihres Sohnes Konrad, das wir ſchon aus deſſen ei⸗ gener Mittheilung an Ulrich kennen, und damit ihr eige⸗ nes, dem ſie nur hinzuzufügen hatte, daß ſie nun, wo ſie um ihres Sohnes Willen keine Urſache mehr habe zu 12⁴ verheimlichen, daß nicht ihr angetrauter Gatte, ſondern der reiche Herr Chriſtoph von Scheurl der Vater ihres Sohnes ſei, ſie jetzt, da ſie obdachlos ſei und mit ihrer ganzen geringen Habe aus dem bedrohten Regensburg geflüchtet, von Scheurl, der, wie ſie gehört, die ſchönſte Rürnbergerin gefreit, an der ſelbſt König Mar Gefallen gefunden, zu verlangen, daß er ihr auf ihre alten Tage zu leben gebe, nachdem er ſich ihrer Jugend geſreut, und ſie des Sohnes, der ihr eine Stütze hatte ſein ſollen, ſich beraubt ſah durch eben dieſe eigene Sünde, wie die des Vaters, die erſt ſo ſpät an den Tag kam und erſt nach zwanzig Jahren die Straſe mit ſich brachte, die ihr ſonſt ſo oſt auf dem Fuße folgt. Jacobea triumphirte bei dieſer Mittheilung. Sie malte Scheurl's Bild in den ſchwärzeſten Farben und das ſeiner Gemahlin nicht minder. Sie verſicherte beſtimmt zu wiſſen, daß dieſe von Kindesbeinen an ein verwor⸗ fenes Geſchöpf geweſen; durch ihre Amme, die zuletzt mit in dieſem Hauſe gewohnt, gab ſie vor, über ſie die ge⸗ naueſten Mittheilungen zu haben— ja, ſie bürdete Eliſa⸗ beth ſogar die Schuld an dem Tode der Amme guf, die Jacobea allein ſelbſt trug durch ihren langſam tödtenden Gifttrank. Jacobea erzählte, daß Eliſabeth zu der Kran⸗ ken gekommen und dieſelbe wahrſcheinlich mit für ſie mitgebrachten Leckerbiſſen vergiſtet habe, damit ſie nicht 125⁵ noch habe ein Verbrechen beichten können, das ſie gemein⸗ ſchaſtlich mit Eliſabeth begangen, und wie dieſe ſeit dem⸗ ſelben Tage, an dem ſie noch bei einem nächtlichen Stell⸗ dichein mit einem Baubruder, der vor einem gemeinen Steinmetzgeſellen nur das voraus habe, daß er wie ein Mönch zu leben gelobe und doch ſein Wort nicht halte, ſei ertappt worden, alles mögliche Schlechte auf Jacobea zu bringen ſuche, ſo daß ſie ſchon lange nach einem Nit⸗ tel ſtrebe, ſich dieſer gefährlichen Feindin zu entledigen oder ſie doch zu demüthigen, die ſcheinheilige Sünderin. Sie ſei ihrem Mann auch nicht treu und habe ihn doch nur um ſeines Reichthums Willen geheirathet, er aber müſſe ganz nach ihrer Pfeife tanzen. Dies war der Hauptinhalt von Jacobea's Schil⸗ derung, die ſie in allen möglichen grellen Farben immer wieder neu außzutragen ſuchte und die ihre Wirkung bei Katharina nicht verfehlte.„Zufällig weiß ich,“ ſagte Ja⸗ cobea,„daß Frau Eliſabeth eine ihrer Dienſtmägde fort⸗ gejagt, an der Herr Scheurl Gefallen geſunden, und noch keine neue Magd dafür hat; kein größerer Poſſen könnte Ihr geſchehen, und Euch und mir kein größerer Gefallen, als wenn ſie Euch an deren Statt in das Haus nehme. vielleicht Euch gerade trauend, weil Ihr ſchon bei Jahren ſeid, und wenn Ihr dann ihr und ihm einmal fühlen ließet, daß Ihr gerade viel ältere Rechte auf ihn hab't als die hochmüthige Gemahlin.“ 126 Frau Katharina lächelte ſehr wohlgefällig zu dieſem Plan, und beſchloß ihn auszuführen und gleich morgen ihr Heil zu verſuchen. Freilich durfte ſie ſich nicht merken laſſen, daß Jacobea ſie ſende, obwohl ſich dieſe damit obgab, Geſinde zu vermitteln, aber ſo, daß ihre Hilfe meiſt nur von Bademeiſtern, Gaſtwirthen und andern Leuten von zweifelhaftem Rufe angenommen ward, da nur gemeine Dirnen ihre Vermittlung beanſpruchten— eben ſo wenig, daß ſie mit ihr verwandt und bekannt war und jetzt ihre erſte Nacht unter ihrem Dache zugebracht. Katharina ging daher am andern Tage wie ſie ge⸗ kommen mit ihrem Bündel Sachen als eine Hilfeſuchende aus Regensburg, die dafür ihre Dienſte anbot, zu Frau Eliſabeth, und ward glücklich von derſelben ſogleich als Magd behalten, da Eliſabeth Mitleid hatte mit der Lage der unglücklichen Flüchtigen und meinte: man könne es ja mit ihr verſuchen und ſehen, zu welcher Art von Ar⸗ beit ſie ſich am beſten eigne. Katharina war noch rüſtig und anſtellig, aber ſrei⸗ lich war ſie nach zwanzig Jahren voll Arbeit und Sorge keine verführeriſche Schönheit mehr, als welche einſt Herr Scheurl ſie in Regensburg getroffen, noch war dieſer überhaupt im Stande in der neuen Dienſtmagd, die er, weil ſie nahe an den Fünfzigen war, keines Blickes wei⸗ ter würdigte, eines von den vielen Frauenzimmern wie⸗ 427 der zu erkennen, an denen er einſt ein ſinnliches Wohl⸗ gefallen gefunden. Und Katharina hütete ſich wohl ihn an ſich zu erinnern, ehe ihr dazu eine paſſende Stunde erſchien. So waren ein paar Wochen vergangen, in denen ſie zuweilen heimliche Zuſammenkünfte mit Jacobea ge⸗ habt und von ihr Rathſchläge oder Aufträge empfangen hatte. Dieſer lag daran, den Ring Streitberg's wieder zu erhalten, den Ezechiel an Eliſabeth verkauft und den Ja⸗ cobea in ihrem Beſitz haben wollte, weil ſie wußte, wie Streitberg zürnte, daß ſein Pfand in dieſe Hände ge⸗ kommen, und dringend verlangte es wieder zu haben. Gelang dies Jacobea's Liſt eher als der des Juden, ſo war damit auch dieſer, der jetzt mit ihr zerfallen war, wieder in ihren Händen. Sie hatte darum Katharina den Ring geſchildert und jetzt erfahren, daß ihn dieſe auch geſehen, wie er mit andern Ringen an einem goldenen Kettlein befeſtigt ſei, das Eliſabeth immer an ſich trage, und zwar, weil ſie zu viel Ringe beſaß, um alle an ihre Finger zu bringen. Sie hatte ihren Schmuck, wenigſtens den, welchen ſie täglich zu tragen pflegte, auf ihrem Nacht⸗ tiſch neben ihrem Himmelbett liegen, und es war alſo nur möglich ſich deſſen zu bemächtigen, während ſie ſchlief oder doch ehe ſie Toilette gemacht hatte. Jacobea gab Katharinen ein kleines Pulver, von dem ſie verſicherte, daß es einen ſehr langen Schlaf er⸗ zeuge, wenn es in einem Getränk genoſſen werde, und daß ſie während deſſen ſich gewiß werde in Eliſabeth's Schlaßzimmer ſchleichen können, in dem dieſe ſeit ihrer Krankheit und Geneſung allein ſchlief. Dann ſolle Ka⸗ tharina die Kette mit den Ringen auf den Boden wer⸗ fen und die Ringe darauf herumrollen laſſen; Eliſabeth werde dann bei ihrem Erwachen gewiß meinen, daß dies durch ſie ſelbſt oder einen Zufall geſchehen, und wenn nur ein Ring ſich nicht gleich wiederfände, nicht anders vermuthen können, denn daß er in einer Ritze der Diele oder Mauer verſchwunden ſei.— Jetzt wartete Katharina nur auf die günſtige Ge⸗ legenheit, ſowohl Fliſabeth dieſen Streich zu ſpielen, als auch mit Scheurl allein zu ſprechen, ſich ihm zu erken⸗ nen zu geben und ihn zu fragen: ob er zeitlebens ſie gut verſorgen wolle, oder ob ſie ſeiner Gemahlin und ganz Nürnberg erzählen ſolle, was ſie bisher nur um ihres Sohnes Willen verheimlicht. In einer ſpäten Abendſtunde hatte Eliſabeth noch nach einem Becher Meth und Waſſer verlangt, und da die Magd, welche ſie zunächſt zu bedienen, an⸗ und aus⸗ zukleiden pflegte, einmal hatte ausgehen dürfen und noch 129 nicht zurück war, ſo hatte Katharina ſich beeilt deren Stelle zu verſehen. Jetzt kam ſie eben mit dem ſchöngeformten ſilbernen Becher, der innen vergoldet und außen von goldenen Blumen umrankt war, die Treppe herauf in der andern Hand eine brennende Lampe, als ſie den Hausherrn hin⸗ ter ſich herkommen hörte. Die Gelegenheit war günſtig, jetzt konnte ſie ihn allein ſprechen, ihm in ſein Zimmer leuchten, und nicht eher von ihm weichen, bis er ſie er⸗ kannt und ihr Alles verſprochen hatte, was ſie wünſchte. Eliſabeth konnte warten, ſobald Katharina mit Herrn Scheurl einig geworden; hatte ſie ohnehin nicht mehr Luſt, ſich länger von deſſen Gemahlin beſehlen zu laſſen, und dieſe Demüthigung galt ihr mehr als der Verdruß, den ſie durch den Verluſt des Ringes empfinden werde, und Katharina berechnete ſchnell, daß der Vortheil, den ſie jetzt erringen könne, doch dem vorgehe, den möglicher Weiſe ihr Jacobea gönnen werde, wenn ſie ihr zu dem Ringe verhelfe. Herr Chriſtoph Scheurl kam wie gewöhnlich etwas taumelnd und mit rothglühendem Geſichte heim. Katharina leuchtete ihm ſchweigend voraus in ſein Zimmer und zündete die darin befindliche Lampe an. „Wie kommſt Du denn heute hier herein?“ fragte Scheurl mit lallender Zunge. 130⁰ Katharina antwortete:„Nun, Ihr kamt ja hinter mir drein, und es ſchien mir, als wenn Ihr den Weg nicht gut allein finden würdet—“ „Was unterſtehſt Du Dich!“ rief er aufbrauſend, weil ihn nie etwas ſo ſehr in Wuth bringen konnte, als wenn man ihn betrunken hielt, auch wenn er es wirklich war, nur darum, weil er eine Ehre darein ſetzte, Un⸗ maſſen geiſtiger Getränke vertilgen zu können, ohne davon angefochten zu werden. „Ei, ſo laßt einmal ſehen,“ begann Katharina, ſich dicht neben ihn ſtellend;„kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht!“ Scheurl ſagte:„Was ſoll das freche Betragen ei⸗ ner Magd, die eben ſo ſchnell fortgejagt werden kann, als ſie gemiethet worden. Meine Frau hat Deine Vor⸗ gängerin fortgejagt, weil ſie jung und nett war und mir gefiel— Dich kann ich fortjagen, weil Du das Gegen⸗ theil davon biſt und mir nicht gefällſt.“ „Das lügt Ihr!“ rief Katharina,„denn einſt gofiel ich Euch!“ Herr Scheurl ward immer aufgeregter und roher, Katharina aber immer dreiſter, legte ihrer Zunge keine Feſſeln mehr an, erinnerte Scheurl an ſeinen Aufenthalt in Regensburg bei der ſchönen Neſtler⸗Kathi, und ſagte Alles, was ſie ſich vorgenommen zu ſagen. Es war ein 13¹ Geſpräch, das bei der innerlichen wie äußern Rohheit der Betheiligten und bei der niedern Culturſtufe ihres Zeit⸗ alters, ſeiner Sitten und Ausdrucksweiſe ſich nicht wie⸗ derholen läßt. Herr Chriſtoph Scheurl zeigte dabei weder ein In⸗ tereſſe für den Mönch gewordenen Sohn, noch für deſſen Mutter, noch empfand er Reue über ein Vegehen, das er ſich längſt gewöhnt hatte, ſich ſelbſt niemals als ein ſolches anzurechnen; aber er wünſchte doch nicht, daß ihn eine Perſon wie Katharina zum Stadtgeſpräch machte, noch daß eine ſolche, die ihm ſo unbequem werden konnte, in ſeinem Hauſe lebe. Er gab ihr einen Beutel mit Gold, den er bei ſich hatte, und verſprach ihr eine anſehnliche Summe, die er ihr allährlich ſenden wolle, wenn ſie noch dieſe Nacht ſein Haus, ſo bald wie möglich auch Nürnberg verließe und über Alles ſchweige, nach wie vor— außerdem aber, ſügte er hinzu, finde ein Raths⸗ herr von Nürnberg noch Rittel und Wege, eine flüchtige Landläuſerin unſchädlich zu machen. Indeß Katharina noch überlegte, griff Herr Scheurl nach dem Becher, den ſie einſtweilen aus der Hand ge⸗ ſtellt.„Was iſt das?“ fragte er. „Es iſt Meth; ich wollte ihn Eurer Frau als Nacht⸗ trunk bringen.“ 132 „Sie mag ſich ihn ſelber holen,“ ſagte er;„wenn ſie durſtig iſt, ich bin es auch wieder geworden.“ Katharina dachte: mag er es trinken; während er einſchläft, kann ich überlegen, was ich thun will; ich habe noch das halbe Pulver für Eliſabeth. Aber Scheurl hatte kaum mit einem raſchen Zuge den Becher zur Hälfte geleert, als er ihn fluchend zur Erde warf und ſagte:„Das ſchmeckt zu ſchändlich!“ Katharina erſchrack unwillkürlich, und da Scheurl auf ſein Bett taumelte, dachte ſie: mag er ſchlafen— indeß verſuche ich noch mein Heil bei Eliſabeth. Und ſie ging hinab in die Küche, den Trank noch einmal zu miſchen. Indeß ahnte ſie nicht, daß ihr Jacobea ſtatt des Schlaſpulvers ein Gift gegeben, das, wie ſie gehört, nicht auf der Stelle tödten, aber den blühendſten Organismus in einen häßlichen, verwelkenden verwandeln ſollte, und zwar allerdings während einer Nacht voll Schlaf und Ohnmacht. Ein ſolches Zaubermittel glaubte Jacobea ge⸗ funden zu haben und ſich dadurch am wirkſamſten an Eliſabeth zu rächen; da ſie aber wußte, daß Katharina zwar ein rohes, aber doch zu ſolcher That ein zu wei⸗ ches Gemüth hatte, ſo hatte ſie ihr nur die harmloſeſte Wirkung ihres Pulvers geſagt. Indeß hatte es in der That nicht dieſe zauberhaſte, an welche ſie ſelbſt glaubte, 133 ſondern die eines ſchnell zerſtörenden Giftes; unter deſſen Einwirkungen rang der reiche, mit allen Gütern der Erde geſegnete Chriſtoph Scheurl, der ſich immer des heiterſten Lebensgenußes gerühmt, verlaſſen und allein in einer furchtbaren Nacht. Das Gift raubte ihm die Kraſt, ſich ſeiner Glieder zu bedienen— er konnte weder einen Ruf noch ein Ge⸗ ränſch hervorbringen, laut genug, die entſernten Hausbe⸗ wohner zu wecken und herbeizulocken.— Indeß kam Katharina mit dem zweiten Becher des verhängnißvollen Trankes an Eliſabeth's Thür; ſie war verſchloſſen, und da Katharina pochte, fragte Eliſabeth ungeduldig, was man ſie noch ſtöre? „Ich bringe den beſtellten Nachttrunk,“ antwortete Katharina. „Nun mag ich ihn nicht,“ antwortete Eliſabeth, die ſich ſchon ſchlafen gelegt, durch die verſchloſſene Thür; „und ein andermal wünſche ich von Euch ſchneller be⸗ dient zu ſein, oder gar nicht.“ Katharina ging brummend ab. Aber dies entſchied bei ihr. Hätte ſie heute noch ſich in den Beſitz des Rin⸗ ges ſetzen können, ſo würde ſie Scheurl's Wunſch erfüllt haben und verſchwunden ſein; ſo aber blieb ſie, da ſie überhaupt noch unſchlüſſig geweſen, ob dies nicht das Beſſere ſei, damit ſie erſt noch einmal, wenn Scheurl nüchtern ſei, mit ihm ſprechen und ſich ſeiner fortdauernden 134 Unterſtützung verſichern könne.— Man war es gewohnt, daß Herr Scheurl, wenn er vielleicht ſpäter oder mit einem größern Rauſch als ge⸗ wöhnlich heimgekommen, bis in den Tag hinein ſchlief, und weder ſeiner Frau noch der Dienerſchaft fiel es auf. daß er bis um acht Uhr ſich noch nicht gezeigt hatte. Als aber noch eine Stunde nach der andern vergangen war, im Comptvir Leute auf ihn warteten, und auch Georg Behaim kam ſich mit ihm über eine eilende Geſchäfts⸗ angelegenheit zu beſprechen, ging Eliſabeth mit dieſem ſelbſt in ſein Gemach, deſſen Thür wie gewöhnlich nicht verſchloſſen war. Da lag Scheurl halb aus dem Bette geſunken, re⸗ gungslos mit gebrochenenen Augen und krampfhaft ver⸗ zerrtem Geſicht, das blau und dunkel unterlaufen einen entſetzlichen Anblick bot. Die zuſammengeballten Hände zeugten ebenfalls von vergeblichen Anſtrengungen und Kämpfen; es ſchien, als habe er verſucht außzuſpringen, vielleicht nach Hilfe zu rufen, und ſei von körperlichen Schmerzen überwältigt und gelähmt zuſammengeſunken, unfähig ſich von der Stelle zu bewegen. Er war ch halb angekleidet, und ſo mußte das hibel oder der Tod gleich bald nach ſeiner Heimkehr über ihn gekommen ſein, 135 denn er pflegte dann immer augenblicklich ſein Lager zu ſuchen. Denn der Tod war es doch, obwohl es weder Eliſabeth noch Georg im erſten Schrecken als möglich erſchien. Sie hoben Beide vereint den ſchweren Körper auf ſein Lager, Eliſabeth ſuchte vergeblich an ihm nach ei⸗ nem Puls⸗ oder Herzſchlag, und Georg rief die Diener⸗ ſchaft zuſammen, zu Doctor und Bader zu laufen, ſie eiligſt herbeizuholen, und fragte Alle, wann der Herr dieſe Nacht nach Hauſe gekommen und wer ihn zuletzt geſehen? Aber darauf gab Niemand Antwort, wie groß auch die allgemeine Beſtürzung war; Niemand wollte ihn geſehen haben, auch Katharina nicht, die von Eliſabeth ſpeciell befragt ward, als ſich dieſe beſann, daß dieſelbe noch gegen Mitternacht an ihre Thür gekommen, um ein Getränk zu bringen, das eine Stunde vorher von ihr verlangt worden war. Katharina behauptete, es könne nicht ſo lange Zeit geweſen ſein— und ſie habe ſich gleich gewundert, daß Frau Scheurl indeß ſchlafen gegangen und ſie geſcholten. Es ſei möglich, daß ſie der Schlaf in der Küche über⸗ m habe, ohne daß ſie es gewußt, denn es ſei aller⸗ dings ſehr ſpät und ſie ſei ſehr ermüdet geweſen; den Herrn habe ſie nicht kommen hören. Beſtürzung und Entſetzen zeigte Katharina gleich den Andern. 136 Eliſabeth verlor zwar weder ihre gewohnte Geiſtes⸗ gegenwart noch Kraft, aber ſie war todtenblaß und zitternd vor Schreck, Thränen ſtrömten aus ihren Augen und ihre Worte klagten ſich ſelbſt an, daß ſie in dem qualvollſten Todeskampf des Gatten fern von ihm ge⸗ weſen und die FPflichten eines treuen Weibes nicht hatte an ihm in ſeinen letzten Stunden üben können. Sie hatte den Gatten nicht geliebt, und die Achtung, die ſie da⸗ mals vor ihm beſaß, als ſie ihm ihre Hand reichte, die hatte ſich allerdings auch gegen ihn gemindert und ver⸗ loren, ſeit ſie mit ihm vermählt war und ſein ausſchwei⸗ fendes und zügelloſes Leben kennen gelernt hatte. Aber die eigene Selbſtachtung hatte ihr geboten, ſeine Schwä⸗ chen und Fehler zu verſchleiern, ihm Achtung vor der Velt zu zeigen und eine pflichttrene Hausfrau zu ſein, die alle Schwüre hielt, welche ſie ihm am Altar gelobt hatte. Darum fiel es gerade jetzt doppelt ſchwer auf ihr Gewiſſen, daß er hatte ſterben müſſen ohne ihre zarte pflegende Hand, ohne ihren ſorgſamen Beiſtand, der ihn vielleicht hätte retten können. Zwar war ſie auch daran unſchuldig, denn es war mit Bewilligung ihres Gemahls geſchehen, daß ſie ſeit ihrer Krankheit in einem Flügel des Hauſes ſchlief als er; denn ſeine lär n Gewohnheiten hatten die Leidende geſtört, und er fand es auch bald bequemer, daß ſeine Gemahlin nicht immer 137 wußte, wo und wie er ſeine Nächte zubrachte, und hatte gern in ihren Vorſchlag gewilligt. Aber dennoch empfand es Eliſabeth jetzt wie eine Pflichtverletzung, daß ſie nicht aufgemerkt, wann er nach Hauſe gekommen, und einen möglichen Hilferuf von ihm nicht gehört hatte, daß er vielleicht vergeblich nach ihr verlangt in ſeiner letzten Stunde; denn er war ja auch immer gut und aufmerk⸗ ſam gegen ſie geweſen, er hätte ſie auf den Händen ge⸗ tragen und ihr alle Wünſche mit ſtolzer Freude erfüllt— wenn er auch daneben ſich ſelbſt ſo wenig als ihr jeden erlaubten, ſich ſelbſt auch keinen unerlaubten Wunſch ver⸗ ſagte. Sie hatten immer in Eintracht neben einander ge⸗ lebt, wenn auch weder mit⸗ noch für einander. Und ſo geſellte ſich zu Eliſabeth's Selbſtoorwürſen auch das tieſſte Nitleid für den ſo ganz verlaſſen und qualvoll Geſtor⸗ benen, dem ſie gern die aufmerkſamſte Pflegerin ge⸗ weſen wäre. Als ſie dies Alles ſchon fühlte, noch ehe es klar zu denken oder auszuſprechen, war ſie der Uiberzeugung, daß er bei irgend einem ſchwelgeriſchen Nachtmahl ſich über⸗ nommen, zu Hauſe und im Bette ſich habe erholen wol⸗ len und vom Schlag gerührt worden ſei, wie gerade oft bei den kräftigſten Körpern ein plötzlicher Tod erfolgen kann. Aber da der Doctor und Bader kamen und die 1859. XVII. Nürnberg. II. 9 138 Leiche unterſuchten, da ſchüttelten Beide bedenklich Achſeln und Köpfe, murmelten erſt heimlich zuſammen, und ſpra⸗ chen es dann laut aus vor dem ahnenden Schwager und der ſchönen Wittwe, die ſelbſt mit forſchte nach dem Ur⸗ theil der gelehrten Herren: „Es iſt nicht anders möglich: Euer Eheherr iſt an Gift geſtorben! Der ganze Zuſtand des Leichnams bezeugt es— und da, auch am Boden dieſe dunklen Flecke von einer ätzenden Flüſſigkeit. Waren dieſe ſchon früher?“ Eliſabeth ſtarrte auf die bezeichnete Stelle, nicht weit von dem Bette, auf die ſie vorher noch nicht ge⸗ ſehen. Sie wußte es genau, geſtern waren dieſe Flecke noch nicht: ein großer ſchwarzer Fleck und dann nach den Seiten geſpritzt kleinere dunkle Punkte, wie wenn etwas von oben herab vergoſſen worden wäre. Gift! Aber wie war das möglich? Der lebensluſtige, glück⸗ liche Scheurl war keines Selbſtmordes fähig! das ſagten Alle, das behauptete auch Eliſabeth. Man durchſuchte das ganze Zimmer; es hätte ſich in dieſem Falle vielleicht noch ein Gegenſtand finden müſſen, der das Gift ent⸗ halten, aber es war keiner aufzufinden. Aber welche ſremde Hand ſollte es gethan haben! Der ganzen Dienerſchaft war er ein gütiger, freigebiger Herr, ebenſo erwies er ſich faſt der ganzen Stadt, und 139 man konnte wohl ſagen, daß er keinen Feind hatte in ganz Nürnberg, daß kein Haß ihn traf der ſeiner Per⸗ ſon gegolten hätte. Es gab Leute genug, die ſich über ihn luſtig machten oder ihn beneideten— aber man wußte keine, die an ihm etwas zu rächen gehabt, oder denen er bei Erreichung irgend eines Zieles im Wege geweſen wäre. Eliſabeth ſprach das ſelbſt aus und wollte an den Mord ſo wenig glauben wie an den Selbſtmord— aber Georg nahm ſie leiſe bei der Hand, daß ſie nicht weiter ſo ſprechen ſollte, und der Bader ſagte bedenklich: „Der Gemahl der ſchönſten Nürnbergerin konnte wohl Feinde haben, denen er im Wege war.“ Fliſabeth ſchauderte— aber im nächſten Augenblick ſagte ſie:„Sendet nach den Schöppen; das Entſetzlich⸗ geſchehene muß auf das ſtrengſte unterſucht werden— man wird mir den Tod des Gatten rächen helfen, der zu den erſten Geſchlechtern und Rathöherren dieſer Stadt gehört.“ „Und dabei denkt auch, wie Ihr Euere eigene Ehre retten könnt,“ flüſterte der Bader ihr leiſe aber hämiſch zu und ging. Fliſabeth war wie vom Blitz getroffen— jetzt erſt enthüllte ſich ihr die Gefahr, in der ſie ſchwebte. Im Bewußtſein ihrer Unſchuld an einem großen Verbrechen hatte ſie ſich das kleine Verſehen: ihrem Gemahl nicht 14⁰ heigeſtanden zu haben, da er ſich übel befand, was ſie doch nicht wußte, als ein Verbrechen vorgeworfen— und jett konnten Andere ſie als eine Schuldige betrachten, von der man das Leben ihres Gatten fordern würde! Und mitten in dieſem Augenblick eines neuen Ent⸗ ſetzens kamen Martin Behaim und Stephan Tucher, die abweſend geweſen waren, mit der Kunde zurück: daß man endlich Weyſpriach's Burg mit Sturm und Brand ge⸗ nommen, daß kein Stein des alten Rauhneſtes auf dem andern geblieben, und daß, was die Flammen nicht ge⸗ freſſen und vernichtet, von den Stürmenden und der Rache der Hörigen der Erde gleich gemacht worden ſei. Der Ritter von Weyſpriach ſei entkommen, aber Eber⸗ hard von Streitberg gefangen genommen worden; im Triumph bringe man ihn in die Stadt, ſammt vielen den Bürgern und Kaufleuten geraubtem Gut, darunter noch einen Theil der überſeeiſchen Schätze Martin Behaim's. Jetzt war es mit Eliſabeth's Kraft zu Ende— mit einem Schrei fiel ſie in ihres Bruders Arme. Auch dieſer Schrei mußte wider ſie zeugen; denn derſelbe Augenblick, in dem ſie ihn ausſtieß, war auch der, in welchem die herbeigerufenen Gerichtsperſonen ein⸗ traten, um den Thatbeſtand zu unterſuchen und die erſten Zeugen zu vernehmen. Mußten ſie nicht dieſen Schrei für den Schreckensruf nehmen, mit dem eine Verbrecherin 14¹ ſich ſelbſt verrieth— als diejenigen kamen, welche vorerſt nur Rechenſchaſt von ihr ſordern wollten und noch gar keine Anklage erhoben? Dieſer Schrei war ſehr verdächtig! Aber Eliſabeth hatte ihn ausgeſtoßen vor der Nach⸗ richt, daß Streitberg gefangen war und nach Nürnberg gebracht. Im erſten Angenblick dachte ſie noch gar nicht an ſich, ſondern an ihn; ſein Loos war ſo gut als ent⸗ ſchieden: er ward dem Henker überantwortet und auf offenem Markt gerichtet. Eliſabeth liebte ihn ſchon lange nicht mehr; ſie floh jede Erinnerung an ihn wie ein Schreckgeſpenſt mit verzerrten Zügen; ſie hatte nur Widerwillen, Scham und Entſetzen empfunden, wenn ſie ihn wiederſah; ſie würde ruhig aufgeathmet haben, wenn ſie erfahren hätte, daß er todt ſei, und jetzt hatte ſie täglich gewünſcht, daß ſein Schuldbewußtſein ihn zur Flucht treiben und daß dieſe gelingen möchte, damit er wieder weit von ihr ſich entſerne und nie nach Nürnberg zurückkehre: aber daß man ihn hierher brachte, hier dem Henker überlieferte— das war zu viel für ſie! Sie hatte ihn doch einſt geliebt, und die Schande, die ihm wider⸗ fuhr, empfand ſie wie ihre eigene! Er war das Ideal ihrer Jugend geweſen, und Alles, was ſie von heiterem Jugendmuth, von gläubigem Vertrauen an Menſchenedel, von froher Hoffnung auf Lebensglück beſaß, das hatte 142 nur da in ihr gelebt, da ſie ihn liebte, das war da für immer vernichtet worden, als ſie von dem Mann ihrer Liebe ſich ſchmählich betrogen ſah, einen Unwürdigen in ihm verachten mußte. Sie konnte nicht an ihn denken, ohne immer wieder die alte Pein zu empfinden— und eine neue hatte ſich hinzugeſellt. Sie hatte es verborgen gehalten, daß ſie einſt geliebt hatte und betrogen worden war: nun hatte Streitberg's Verfolgen immer gedroht, dies noch offenbar werden zu laſſen, und wie bei ihrem Widerſtand ſeine Leidenſchaft mehr und mehr die Geſtalt des Haſſes und der Rachſucht angenommen, ſo mußte ſie fürchten, daß er nun nach Angeſichts des gewiſſen Todes vielleicht auf ihre Fürſprache ſich berief— hatte er ſie doch auch die Buhlerin des Königs genannt— ganz ge⸗ wiß aber noch dafür ſorgte, daß ihre Ingendgeſchichte in einer Auffaſſung, welche für ſie die demüthigendſte war, zum Nürnberger Stadtgeſchwätze ward. Alle dieſe Gedanken, Erinnerungen und Befürchtun⸗ gen, die ſie jetzt immer gehabt, ſummten mit Eins ihr durch das ſchon bis zum nibermaaß erregte Herz und Hirn, als ihr auch dieſe entſcheidende Nachricht von Streit⸗ berg's Gefangennehmung ſo plötzich gebracht ward und erpreßte ihr den Schrei, der eine ſo falſche Deutung fand. Aus dem an Ort und Stelle angeſtelltem Verhör kam nichts heraus, als daß Eliſabeth und Katharing wach geweſen in der Nacht und daß ſich Beide verdächtig 143 machten, weil ihre Stundenangaben differirten. Ein Com⸗ mis behauptete, daß der Herr kurz vor Mitternacht nach Hauſe gekommen, und daß er ihn im Corridor mit einer Frauenſtimme habe einige Worte wechſeln hören, die er nicht verſtanden. Er habe auch Licht ſchimmern ſehen, und da er ſpäter weiter nichts gehört, habe er ſich auch nichts dabei gedacht; ob die weibliche Stimme die der Frau Eliſabeth oder einer Magd geweſen, wiſſe er nicht zu ſagen. Weiter hatte Niemand nur das Geringſte bemerkt. Eliſabeth und Katharina leugneten Beide den Herrn zur Nacht geſprochen zu haben, die Herrin mit ruhiger Würde, die Dienerin mit unruhiger Keckheit. Eine be⸗ hauptete vor der Andern, daß ſie wach geweſen. Gegen Katharina ſprach doch der ſtärkere Beweis von Eliſabeth's erſter Ausſage, daß ſie von ihr erſt nach einer Stunde einen verlangten Trunk habe erhalten ſol⸗ len— und Katharina war ja auch nur eine fremde Dienſt⸗ magd. Man beſchloß, ſie mit und in Gewahrſam zu neh⸗ men, und wenn ſie nicht geſtehe, durch die Tontur„in der Güte zu befragen“, wie man die Anwendung der entſetzlichſten Marterinſtrumente nannte. Gegen die Hausherrin verfuhr man glimpflicher. Man verbannte ſie nur in ihre eigenen Zimmer, und ordnete ihr unter der Bürgſchaft ihrer Brüder, daß ſie nicht entweiche, eine Woche zu— nur der Form wegen, wie man ſagte, bis ſich Alles aufgeklärt habe. 144 Eliſabeth fügte ſich mit ſtummen Stolz dieſer ihr edles Gefühl empörenden Handlung. In Nürnberg aber verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle das Gerücht von Herrn Chriſtoph Scheurl's plötzlichem Tode— und daß er durch Giſt geſtorben, das ihm als Schlaſtrunk beigebracht worden. Wer die That gethan— darüber waren die Stimmen getheilt. Die Einen meinten, eine Magd aus Regensburg, die erſt ſeit ein paar Wochen angekommen, habe die That gethan und ſei darum verhaftet; die Andern aber ſag⸗ ten: Was hätte eine Magd für Vortheil von dem Tode ihres Herrn? oder was könnte gerade dieſe an ihm zu rächen haben, die erſt ſeit ſo kurzer Zeit im Hauſe? Iſt es doch ganz anders mit Frau Eliſabeth— die iſt nun den alten Gatten los, den ſie doch nur des Reich⸗ thums oder um ihrer Familie Willen geheirathet, und kann nun als die reichſte und ſchönſte Wittwe von Nürn⸗ berg nach ihrem Herzen freien und leben. Oder hat ſie nicht gar ſchon einen Buhlen?— Man redete ſchon immer allerlei von ihr— aber freilich! wer hätte das gedacht, daß es ſo weit mit ihr kommen werde! Da ſieht man, wohin Hochmuth und Gitelkeit führen, der Eigendünkel und die Herrſchſucht eines Weibes, das immer nur ſeinem eigenen Willen folgen wollte, alles anders und beſſer wiſſen und thun als andere ehrbare Frauen!— Siebentes Capitel. Im Clara⸗Kloſter. Nitten im lebensluſtigen, geſchäſtig bewegten Nürn⸗ berg hatte doch der fromme weibliche Sinn, der allem eitlen Welttreiben für immer entſagen und in ein be⸗ ſchauliches, nur dem Dienſt der Heiligen gewidmetes Still⸗ leben ſich zurückziehen wollte, eine ſichere Zufluchtsſtätte gefunden. Das Kloſter der heiligen Clara, das auf der Lorenzer Seite recht im Herzen der Stadt ſich erhob, war ein ſtilles Aſyl, das gerade von den Jungfrauen der edelſten Geſchlechter Nürnbergs gewählt ward, und darum auch nicht nur zu den reichdotirteſten, ſondern auch zu denjenigen Klöſtern gehörte, die noch den alten Ruf edler Sittenſtrenge und wahrer Frömmigkeit be⸗ wahrten, wie auch den: Pflanzſtätten der Künſte und Wiſſenſchaften zu ſein. Die Schweſtern des Clara⸗Kloſters waren wohl er⸗ 146 fahren in allen weiblichen Handarbeiten, die Geſchicklichkeit und Ausdauer erforderten. Sie ſtickten und webten herr⸗ liche Gobelins zum Schmuck ihrer Kirche, und ſandten auch manche dieſer Arbeiten aus den Kloſtermauern hinaus. Viele Nonnen übten die Kunſt der Miniaturma⸗ lerei, deren Gegenſtände kleine Heiligenbilder waren, mit einer Kunſtfertigkeit, die mit der der beſten Nürnberger Meiſter wetteiferte. Andere befleißigten ſich des Schrei⸗ bens und Leſens, und waren im Lateiniſchen und Grie⸗ chiſchen ſo zu Hauſe, als ſei es ihre Mutterſprache ge⸗ weſen. Gehörte doch auch die Bibliothek des Kloſters ihre Studien zu begünſtigen, ſowohl durch die Zahl alter Handſchriften als neuer gedruckter Bücher, mit zu den ausgezeichnetſten, welche die Stadt beſaß. Charitas Pirkheimer hatte geeilt ihr Gelübde aus⸗ zuführen und weilte bereits als Novize in dieſem Kloſter. In dem von hohen Mauern umgebenen Garten deſſelben, über welche nur wirr und fern das Geräuſch des Städtelebens herein ſchallte, ging Charitas einſam auf und nieder in ſtilles Sinnen verloren. Der entſa⸗ gende Ausdruck, welchen ihr Geſicht immer gehabt, war nicht nur allein durch die graue Novizentracht erhöht, in welcher ſie erſchien, ſondern durch Thränen der Wehmuth, die in ihren Augen glänzten. Der Abend auch erſchien wie zum Sinnen und 147 Weinen. Es war ſo ſtill im Kloſtergarten, daß auch nicht das kleinſte Lüſtchen wagen konnte in den Zweigen der Bäume und Geſträuche zu ſpielen, kein Blatt getraute ſich mit dem andern zu flüſtern und zu ſäuſeln und kaum ein Schmetterling zu einer Blume zu fliegen. Im Süden hatten ſich drohende Gewitterwolken aufgethürmt und hin⸗ gen über die hohen grauen Mauern herein, aber im Veſten glühte ein ſanftes Abendroth gleich einem Vor⸗ hange, den die ſinkende Sonne zwiſchen ſich und dem dräuenden Wetter gezogen. Ein einſames Vögelchen ſaß auf einer hohen blaugrauen Ulme, deren Wipfel die Klo⸗ ſtermauern überragte. Es ſchaute und flatterte nach hüben und drüben und ſchien mit leiſe zwitſchernden Stimmchen zu fragen: ob es ſich beſſer wohne im Frieden dieſes Gartens oder draußen im ſfreien Wald, wo es viele Ge⸗ noſſen gab, aber auch das tückiſche Feuerrohr beuteluſti⸗ ger Jäger, Netze und Stellhölzlein bößer Buben, gierige Raubvögel und allerlei Fährlichkeiten. Eine ältere Nonne hatte Charitas von fern mit theilnehmenden Blicken beobachtet. Jetzt trat ſie zu ihr, reichte ihr die weiße magere Hand und ſagte: „Mein Kind, nützet die Tage wohl, die Euch zur Bedentzeit gegeben ſind! Ich höre, daß weder Eltern⸗ noch Verwandten Wille noch irgend eine äußere Noth des Lebens Euch hierher gebracht, ſondern daß Ihr aus 148 freier Wahl begehrt hab't in unſere Gemeinſchaft zu tre⸗ ten. Ehe Ihr es aber thut, prüfet Euch wohl, daß Ihr Euch nicht ſelbſt betrüget!“ „Schweſter Ulrike,“ antwortete Charitas mit einem dankenden Händedruck,„Ihr waret die erſte, die mir außer der Privrin in dieſen Mauern mit milder Theil⸗ nahme entgegenkam. In Euren Zügen laß ich auch den Himmelsfrieden, den ich hier zu finden hoffe, in Euch erblickte ich das Vorbild, dem ich nachzuſtreben mich be⸗ mühen will.“ „Ich danke Euch für Eure gute Meinung,“ ant⸗ wortete Ulrike mit ſanfter Innigkeit und einem etwas fremd⸗ aber wohlklingendem Idiom, das Charitas ſchon von einer andern Perſon gehört, und das weit entfernt gut nürnbergiſch zu lauten, ihr das wohlklingendſte zu ſein ſchien, das es geben konnte.„Ich wünſchte wohl,“ ſuhr Ulrike fort,„dieſe gute Meinung zu verdienen und ebenſo, daß Ihr mir ſie für die Dauer bewahren möch⸗ tet. Aber ich kann keinen Anſpruch darauf machen; hin⸗ ter mir liegt ein langes und reiches Leben voll Ver⸗ ſuchung und Sünde, voll Kampf und Buße— nicht nur als eine Entſagende, als eine Büßende kam ich hierher. In zwölf Jahren voll Buße und Entſagung, die ich hier verbracht, hat ſich zwar mein Sinn geläutert und iſt mein Vertrauen auf die Gnade unſers Erlöſers zu der 149 feſten Uiberzeugung geworden, daß er allen Fehlenden vergibt, wenn ſie unabläſſig ſtreben ihre Fehler abzule⸗ gen und zu ſühnen, und die Tage, die mir hier unter Arbeit und Gebet verfließen, ziehen nicht ungenützt für mein Seelenheil an mir vorüber; aber ſo lange es für uns in der Welt noch ein theures Weſen gibt— ſo lange, ſage ich Euch, iſt es nicht leicht ſich in dieſen Mauern lebendig zu vergraben und für das ganze Erdendaſein aus ſeinem Lebenskreis gebannt zu bleiben.“ Charitas erröthete, da ſie dieſe Worte vernahm, und ſah die Sprecherin derſelben ſchmerzlich befremdet an. Ulrike hatte vorhin die ſchwärmeriſchen blauen Au⸗ gen niedergeſchlagen, jetzt begegnete ſie mit einem Lächeln den fragenden Blicken und ſagte:„Vergeſſet nicht, daß eine alte Matrone zu Euch ſpricht. Mit fünfßzig Jahren hat man andere Gefühle als Ihr mit zwanzig oder dreißig, aber ich kann noch beurtheilen, wie man in jün⸗ geren Jahren empfindet— und wenn es Bande auf der Welt gibt, die man auch im Alter nicht ſchmerzlos zer⸗ reißt, ſo ſehet zu, daß Ihr nicht vielleicht nur weil ein kurzer Lebenstraum Euch zerſtört ward, hier nur einen Zuſtand von Schlaf und Ruhe ſucht— Ihr werdet ihn nicht finden!“ „Hört mich an!“ ſagte Charitas,„ich will Euch Alles getreulich beichten— Ihr werdet dann auch ſagen, 15⁰ daß ich nicht anders kann!“ Ruhiger fuhr ſie fort: „Mein Vater Pirkheimer war, wie Ihr vielleicht gehört hab't, einer der angeſehenſten und reichſten Rechtsgelehrten dieſer Stadt. Nichts mangelte den Seinen zum edelſten Genuß des Lebens, aber eben zu dieſem befähigte er uns, ſeine Kinder, durch den Unterricht, den er uns angedei⸗ hen ließ. Wir Schweſtern lernten mit unſerem Bruder Villibald um die Wette, und kannten bald kein größeres Glück, als mit ihm den Wiſenſchaften obzuliegen, und da er von uns ſchied, erſt um zu dem Biſchof von Eichſtätt zu gehen, jetzt ſpäter um in Italien zu ſtudiren, da dacht' ich ſchon immer, um wie viel glücklicher er daran war als wir Schweſtern, da es genug Leute gab, welche uns aus unſerer Gelehrſamkeit noch einen Vorwurf mach⸗ ten und ſie unverträglich nannten mit der weiblichen Be⸗ ſtimmung. Dagegen lehnte ich mich frühe auf; ich fühlte weder Neigung noch Verpflichtung mich zu verheirathen, und der höchſte Wunſch für mein Leben war eben nur der, in beſchaulicher Stille mit meinen Büchern allein und ungehindert in meinen Studien zu ſein. Meine Schweſter Clara theilte dieſen Hang, und da wir unſere Eltern verloren, Villibald aber in die Fremde zog, ſo haben wir ſtill für uns nur den Wiſſenſchaften gelebt. Schon zuweilen tauchte der Gedanke in uns auf: um das in der würdigſten Weiſe zu können, in dieſes Kloſter 151 einzutreten, aber wir zögerten noch vor dem entſcheidenden Schritt für das Leben, der dann nie wieder zurück zu neh⸗ men iſt. Vielleicht trug auch eine unſerer trefflichſten Freundinen Frau Eliſabeth Scheurl mit Schuld, daß wir zu keinem Entſchluß kamen; denn ſie meinte, daß nur ganz alte und gebrechliche Leute, die der Welt weiter nichts nützen könnten, ein Recht hätten, ſich vor der Welt zu flüchten und in Kloſtermauern zu vergraben. Sie war immer bemüht neben der Wiſſenſchaft auch der Kunſt zu huldigen, und ſo hatte ſie auch uns mit andern Nürn⸗ berger Jungfrauen um ſich vereinigt, für die St. Lorenz⸗ kirche Gobelins zu ſticken. Dieſe Arbeit führte uns öfter in die Kirche und mit den daran bauenden Baubrüdern zu gemeinſchaftlichen Berathungen zuſammen. Von einem derſelben hatte mein Bruder ſchon mit warmer Anerken⸗ nung, als von einem echten Künſtler geſprochen, und als ich ihn ſelbſt und ſeine Werke ſah, fand ich Alles be⸗ ſtätigt. Da geſchah es vor nicht langer Zeit, daß ein Ge⸗ rüſt am Thurme zuſammenbrach, und indeß ein Baubru⸗ der in Todtesgefahr auf dem Thnrme ſchwebte, eben je⸗ ner ſich ſelbſt, um ihn zu retten, in noch viel größere Todesgefahr begab. Da betete ich für ſein Leben, und gelobte mich dem Kloſter, wenn ſeine That gelingen und er das ſchwere Wageſtück beſtehen werde— und in der Verzweiflung, die ich bei der Gefahr dieſes Einen mehr 452 als bei der des Andern empfand, erkannte ich, daß ich— die noch nie einen Mann geliebt, die das nie für mög⸗ lich gehalten— daß ich dieſen Baubruder liebe!— Hoffent⸗ lich hat weder ein Blick noch ein Wort mich ihm ver⸗ rathen, aber da ſeine That gelang, ſo bin ich nun dop⸗ pelt verpflichtet, mein Gelübde zu halten.“ Sie neigte ihr Haupt an Ulrikens Schulter und fühlte ſich erſchöpft von dieſem Geſtändniß. „unglückliches Mädchen!“ rief Ulrike ſanſt;„ein Baubruder darf Eure Empfindungen nicht erwiedern, und wehe ihm, wenn er es trotzdem thut oder gethan hat!“ „Nein, nein!“ rief Charitas;„er ahnt nichts da⸗ von, er ſoll es niemals ahnen, nie erfahren! Aber was mich am meiſten ſchmerzt, iſt, daß Eliſabeth Scheurl ihn auch liebt und daß auch ihr gegenüber Ulrich von Straß⸗ burg vielleicht—“ Ein Schrei der Nonne unterbrach die Geſtändniſſe der Novize.„Ulrich von Straßburg!“ rief ſie;„höre ich recht, Ulrich von Straßburg, ſagtet ihr wirklich ſo?“ „So nennt man ihn,“ antwortete Charitas und ſah mit Beſtürzung die plötzliche Aufregung der Matrone. Mit gepreßter Stimme, der man die innere Bewe⸗ gung anhörte, fragte dieſe wieder:„Schildert mir, wie er ausſieht.“ Erröthend willfahrte Charitas:„Er iſt lang und 153 ſchlank gewachſen und von edler Haltung; ſeine blauen Augen ſtrahlen von dem Feuer echter Begeiſterung; ſeine Stirn iſt ſanft gewölbt und hohe Gedanken ſcheinen auf ihr zu thronen; ſein Haar iſt braun und üppig, er trägt es halblang und geſcheitelt; ſeine Naſe iſt ſchön geformt, weder groß noch klein, mit der Stirn eine gerade Linie bildend— gerade ſo wie bei Euch—“ Ulrike hatte mit Spannung zugehört. Die letzten Worte, die Charitas arglos ſagte, nur um ſich die Be⸗ ſchreibung zu erleichtern, erinnerten Ulrike daran, daß ſie ſich faſſen müſſe, wenn ſie ſich nicht ſelbſt verrathen wollte. Sie ſagte darum:„Ich habe einen Knaben Ulrich ge⸗ kannt, von dem ich hörte, daß er ſich ſpäter als Bau⸗ bruder nach ſeiner Heimath von Straßburg genannt— ich wußte nicht, daß er hier ſei.“ „Er baut ſeit zwei Jahren mit an der Lorenzkir⸗ che— und jetzt wohnt er hier ganz nahe im Claragäß⸗ lein,“ berichtete Charitas. „Ganz nahe?“ wiederholte Ulrike, und es war ihr, als müſſe ihr das Herz zerſpringen.„Wie hoch ſchätzt Ihr ſein Alter?“ fragte ſie, um doch noch einen neuen Beweis für ihre plötzliche Entdeckung zu haben. „Ich weiß es nicht genau,“ antwortete die Novize, „zwiſchen Fünfundzwanzig und Dreißig.“ „Etzählt mir mehr von ihm,“ ſagte Ulrike vor ſich 1859. XVII. Nürnberg. IM. 10 154 niederblickend, und ſich beſinnend fügte ſie angſtvoll die Frage hinzu:„Und Ihr ſagtet, er ſei ſeinem Gelübde untren geworden und liebe eine Frau von Scheurl?— Nir dünkt, ich habe dieſen Namen ſchon gehört.“ „Da ſei Gott vor, daß ich eine ſo ſchwere Anklage ausſpreche,“ entgegnete Charitas—„ja vielleicht iſt es Eliſabeth ſelbſt gegangen wie mir, und ſie hat ihr eigenes Gefühl auch erſt da erkannt, als Ulrich in Todesgefahr ſchwebte, vielleicht noch nicht einmal— aber ich habe es in ihr früher erkannt als in mir ſelbſt.“ „Ulrich in Todesgeſahr— vor Kurzem— in meiner Nähe— und ich wußt' es nicht!“ wiederholte Ulrike. „Erzählt mir mehr davon, wie Alles kam und was er that!“ bat ſie mit eindringlich flehender Stimme und Geberde. Und Charitas gehorchte gern dieſer Bitte. Sie gab eine beredte Schilderung jenes Ereigniſſes von dem Ein⸗ ſturz des Thurmgerüſtes, von Hieronymus' hilfloſer Lage und Ulrich's Rettungswerk; ſie ſchilderte ihn und ſeinen Heroismus im glänzenden Licht und das feierliche Te Deum, das man nach ihrer Rettung gehalten. Sie hatte auch des Propſtes Kreß mit dabei erwähnt als Urichs Gönner. Ulrike verlor kein Wort von dem Allen. Mit athem⸗ loſer Angſt folgte ſie der Schilderung von Ulrich's Ge⸗ fahr— an dieſem Zug erkannte ſie den Sohn, der ſchon 155⁵ als Knabe bereit geweſen mit Gefahr ſeines Lebens An⸗ dern beizuſtehen. Welche Empfindungen für eine Mutter, zu wiſſen, daß ihr einziger Sohn ſchon ſeit Jahren ſo in ihrer unmittelbarſten Nähe lebte, ohne daß ſie eine Ahnung davon gehabt— daß er in derſelben Stunde, in der ſie vielleicht ruhig betete, hätte ſterben können! Und jetzt— wie war ihr denn bei dem Gedanken, daß vielleicht nur dieſe Kloſtermauer Mutter und Sohn von einander trennte. Nur!— ach, das war ja genug, das war ja eine Trennung für das ganze Leben!— Sie hatte ihren Sohn verlaſſen, um den wiedergefundenen Mann ihrer Liebe zu folgen— und da ſie erkannte, daß ſie damit ein Verbre⸗ chen begangen, das ſie der Verzweiflung nahe brachte, da ſuchte ſie für immer vor dem theuren Verführer, vor ſich ſelbſt und vor einem ganzen Leben voll Schmach und Hohn im erſten Augenblick nur bei dem Bruder, aber dann in dieſem Kloſter Schutz. Sie hatte den Tod ge⸗ wünſcht und darum gefleht in tauſend heißen Gebeten; aber da er nicht von ſelbſt kam und ſie noch leben mußte, ſo wollte ſie doch todt ſein für alles Leben außer dieſen geweihten Mauern, und in ihnen nur ſtill büßen in Ent⸗ ſagung und Gebet, und warten, bis der Tod endlich komme ſie zu erlöſen. Daß auch ihr einziger Sohn in einem Kloſter eine Freiſtatt gefunden, daß er dort eine beſſere Erziehung fand, als wenn er bei ihr und dem rohen 10* 156 Manne geblieben wäre, den er für ſeinen Vater hielt, das gereichte ihm zum Troſt für ſein und ihr Geſchick. Wohl betete ſie ſür ihn, als ſie erfuhr, daß er ein Bau⸗ bruder geworden; denn ſie wußte wohl, wie viel ſchwerer es war, mitten im Leben allen Lockungen und Verſuchun⸗ gen deſſelben zu widerſtehen, wie es ſo gleicher Weiſe ſeine Pflicht war, als wie außerhalb deſſelben in den bergenden Kloſtermauern; aber ſie freute ſich auch, daß ihn ein höheres Streben beſeelte und er thätig mithalf an den unſterblichen Bauwerken, welche zur Ehre des Höchſten von geweihten Händen aufgeführt wurden. Ulrike hatte ihren Bruder des Jahres ein⸗ oder zweimal geſehen und er ihr wohl erzählt, daß er Nachrichten von ihrem Sohn habe, wie er zum freien Steinmetzgeſellen ſei ge⸗ ſprochen worden und wie er ſich auszeichne durch Geſchick⸗ lichkeit ſeiner Hände und Erhabenheit ſeiner Darſtellun⸗ gen; aber nie war davon ein Wort über ſeine Lippen gekommen, daß er ihn wiedergeſehen, daß er hier ſei in Rürnberg und nun ihr ſo nahe. Um jeden Preis mußte ſie nun mehr von ihm erfahren. Zwar ſie konnte es be⸗ greifen, aus welcher Abſicht ihr Bruder das Alles verheim⸗ licht. Er hatte es wohl denken können, daß eine Mutter mehr bei dem Gedanken leiden mußte, ihren Sohn nicht wiederſehen zu dürfen, wenn ſie wußte, daß er nur we⸗ nige Schritte von ihr entfernt weilte, als wenn ſie ſich 157 durch eine Entfernung vieler Tagreiſen von ihm getrennt ſah, und daß aus guter Abſicht geſchehen, was ſie doch wie einen Betrug an ihrem Muterherzen empfand. Eben erſt hatte ſie es gegen die Novize ausgeſprochen, wie ſchwer es ſei, ſich in ein Kloſter einzuſchließen, wenn das Leben draußen auch nur noch ein geliebtes Weſen habe— und nun traf ſie dieſer Ausſpruch wieder ſelbſt mit ſeiner ſchmerz⸗ lichſten Gewalt, und das reinmenſchliche Gefühl, das jetzt in ihr zum Ausbruch kam, erfüllte ſie doch mit dem Be⸗ wußtſein einer Sünde gegen ihr Gelübde: alle Banden zu zerreißen, die an die Welt ſie knüpften, und allein dem Himmel und dem Dienſt der Heiligen ſich zuzuwenden. Indeß ſie jetzt neben Charitas in die ſchmerzlichſten Gedanken verſank und jetzt nicht mehr durch ihre Worte, ſondern durch das krampfhaſte Zucken ihrer Geſichtszüge, das Zittern ihrer ganzen Geſtalt und die Thränen, die in ihren Angen glänzten, beſtätigte, wie ſchwer auch im Kloſter Seelenfrieden zu erringen, und noch ſchwerer zu bewahren ſei, ſchreckte ſie das Läuten des Glöckchens auf, das alle Kloſterbewohnerinnen zum Abendgebet in die Kirche rief. Mit klopfendem Herzen und naſſen Augen ge⸗ horchten Beide dieſem Ruf, und damit war eine Unterre⸗ dung ganz abgebrochen, die für die Eine wie die Andere eine ſo unerwartete Wendung genommen. Am folgenden Tage ſah ſich Charitas vergeblich in 158 der Kirche, im Garten und im Speiſeſaal nach der Schwe⸗ ſter Urike um— ſie fehlte überall und am Abend erfuhr Charitas auf ihr Befragen, daß ſich die Nonne geſtern im Garten erkältet habe und krank geworden, mithin in ihrer Zelle bleiben müſſe. Als ſie auch am nächſten Tage nicht erſchien, erbat ſich die Novize bei der Priorin die Erlaubniß, der kranken Nonne als Pflegerin dienen zu können; die Bitte ward ihr bereitwillig gewährt. ulrike lag im Fieber, als Charitas zu ihr kam. Sie neigte ſich über das Lager der Kranken, die ihre ſchmalen Händen ihr froh überraſcht entgegen ſtreckte, noch frendiger gerührt, als die Novize erklärte, daß ſie nicht nur für eine kurze Stunde komme, ſondern um während ihrer Krankheit als FPſlegerin ihre Zelle zu theilen. So vergingen Beiden die Tage in imigſter Ge⸗ meinſchaft. Nur wenn die Glocke zur Kirche rief, folgte Charitas dieſem Ruf aus der Krankenzelle, und zuweilen ward ſie auf eine Nacht oder andere Tagesſtunden von einer Nonne abgelöſt, um ſelbſt auch einige Ruhe zu haben, aber die meiſte Zeit war ſie doch an Ulrikens Krankenlager. Charitas vermied von Ulrich zu ſprechen, denn ſie hatte gleich erkannt, daß Ulrike durch ihre neu⸗ lichen Mittheilungen in dieſen Fieberzuſtand verſetzt wor⸗ den war, und ſie mußte fürchten, ihn durch ein Geſpräch, — 159 welches das erſtemal eine ſo aufregende Wirkung gehabt, zu erhöhen. Aber er ſteigerte ſich auch ohnedies, und da ſie bewußtlos in Fieberphantaſien ſprach, kam mehr als einmal der Name Ulrich über ihre Lippen, und zwiſchen Seußzern und Gebeten, wenn ihr helle Augenblicke ka⸗ men, erklärte ſie, daß ſie weder leben noch ſterben könne, wenn ſie Ulrich nicht wiedergeſehen!— Einſt, als ſie auch dieſe heiße Sehnſucht in ſtöhnen⸗ den Jammerrufen hatte laut werden laſſen, ward Chari⸗ tas von ihr abgerufen, da ihre Schweſter Clara gekom⸗ men ſei, um ſie zu ſprechen. Solche Beſuche ihrer weib⸗ lichen Angehörigen waren den Novizen geſtattet. Die Schweſtern hatten nie ein Geheimniß vor ein⸗ ander. So erzählte auch Charitas von Ulriken Alles, was ſie ſelbſt wußte, und eben auf das ſchmerzlichſte bewegt von deren Sehnſucht nach Ulrich, die gewiß keine fünd⸗ hafte war, denn ſie hatte ihn ihren Sohn genannt— mochte er nun ihr eigener oder wie ſie erſt geſagt, der Sohn ihrer Freundin ſein— berieth Charitas mit Clara, ob es nicht ein gottwohlgefälliges Werk ſei, den inbrün⸗ ſtigen Wunſch einer Sterbenden zu erfüllen und auf irgend eine Weiſe ihr ein Wiederſehen mit Ulrich zu ver⸗ ſchaffen. War dieſer wirklich ihr Sohn, ſo war es ge⸗ wiß, daß die Priorin bei einer der frömmſten und ge⸗ horſamſten Nonnen keinen Anſtand nehmen werde, auf 160 ſein Geſuch ihm den Zutritt zu ihr geſtatten, um den letzten Segen einer ſterbenden Mutter zu empfangen. Da aber Charitas doch nicht gewiß wußte, ob man Ulrike dieſe Gunſt erweiſen wolle, ſo mochte ſie in derſelben nicht Hoffnungen erregen, die ſich vielleicht nicht erfüllen konn⸗ ten, und auch nicht mit ihr davon ſprechen, da die pflicht⸗ getreue, fromme, ſich ſelbſt peinigende Nonne in dieſem natürlichen Wunſch ſelbſt ein ſo irdiſches Verlangen ſah, daß ſie es ſich ſelbſt als Verbrechen anrechnete— ſo konnte es ihr nicht als Bitte, ſondern als eine gnädige Uiber⸗ raſchung gewährt werden. Die Schweſtern kamen alſo dahin überein, daß Clara an Ulrich ein wenig Zeilen ſchrieb; wie eine Nonne des St. Clara⸗Kloſters mit Namen Ulrike nach ihm, Ulrich von Straßburg, wie nach ihrem Sohn auf ihrem Sterbe⸗ bett ſich ſehne, und daß er, wenn er der ſei, dem an ihrem Segen gelegen ſein müſſe, von der milden Priorin gewiß die Erlaubniß erhalten werde, ſich jenen ſelbſt in den Kloſtermauern zu holen.— Am folgenden Tage ward es mit Ulrike ſchlimmer. Der von ihr Erſehnte und von Charitas auch Erhoffte erſchien nicht. Es war der Kranken, als ob ihr letztes Stündlein nahen müſſe; jetzt verlangte ſie nach dem Wropſt Kreß und nach dem Beichtvater, der ihr die letzte 164 Hehlung reichen ſollte. Ehe er kam, legte ſie ſelbſt ihre Hände ſegnend auf Charitas' Haupt und ſagte: „Vielleicht iſt es Euch ein Lohn für alle Eure mir erwieſene Liebe, wenn Ihr erfahret, daß Ihr ſie der Mutter deſſen überwieſen, den Ihr liebt und um den Ihr leidet! Um ſeinetwillen liebe und ſegne ich Euch, thut auch mir um ſeinetwillen alſo!“ „O, ich habe es geahnet!“ flüſterte Charitas und neigte ſich demüthig wie vor einer Heiligen vor der Mutter des ſtill und entſagend geliebten Mannes. Nicht lange darauf, als die Abendglocke ausgetönt, läutete das Kloſterglöckchen wieder, das die Sterbeſtunde und die letzte Hehlung einer Nonne verkündete. Aber obwohl es Ulriken galt, ſo zögerte doch der Tod noch zu ihr zu kommen. Ihr Beichtvater mit den knieenden Chorknaben, der Propſt Kreß, die Privrin, Charitas und ein paar andere Nonnen umgaben ihr La⸗ ger. Mit gefalteten Händen ſaß die Kranke aufrecht an das Kiſſen gelehnt, das die hinter ihr knieende Charitas ſtützte, und athmete langſam und tief. Ihre Augen ſuchten im Kreiſe umher, ihre Lippen bewegten ſich betend, aber Niemand verſtand die leiſe geflüſterten Worte. Eine Nonne öffnete mit langſamen Drucke die Thür und winkte durch die Spalte die Priorin hinaus. Es konnte nur etwas Wichtiges ſein, das dieſe von dem 162 Sterbebett einer hochgeehrten und wie eine Freundin ge⸗ liebten Nonne rieſ. Charitas athmete in banger Erwartung— Ahnung und Hoffnung rötheten ihr immer blaſſes Geſicht. Stille Minuten vergingen. Der Geiſtliche wieder⸗ holte ſeine Gebete, der Propſt neigte ſich theilnehmend über das Lager der Schweſter und gönnte ihr aus einem ſo leidens⸗ und entſagungsreichen Leben die Erlöſung, auf die ſie wartete; aber er ſenkte ſeine Augenlider, um die anklagenden Blicke nicht zu ſehen, die aus ihren weitge⸗ öffneten Augen kamen. Jetzt trat die Priorin wieder ein— aber nicht allein. In der Zelle war es ſchon ziemlich dunkel, doch draußen im Corridor glühte eben die Abendſonne noch mit ihrem letzten ſtrahlenden Schein an dort gegenüber⸗ liegendem Bogenfenſter. Der Strahl daraus fiel durch die geöfnete Thür, und im Feuer dieſer Sonnenflamme ſtand ein Baubruder, und ſeine edle Geſtalt hob ſich davon wie von dem Goldgrud ab, welchen die damaligen Maler meiſt noch ihren Heiligenbildern zu geben pflegten. Sehr verſchieden war die Wirkung ſeines Erſcheinens auf die Anweſenden. Charitas erröthete und ſaltete die Hände zum innigen Dankgebet; der Propſt ſtand verſtei⸗ nert vor Schrecken und machte eine abwehrende Bewe⸗ gung, als könne er jetzt noch dadurch verhindern, was 163 er für ſich ſelbſt, peinvoll genug, allein um Urich's Willen ſo lange verhindert hatte; die Nonnen neigten ſich tiefer auf die gefalteten Hände und ſchielten doch neugierig nach dem ſchönen Manne; Ulrike aber breitete die Arme aus wie nach einer überirdiſchen Erſcheinung und rief lauter, als ſie jetzt ſeit langer Zeit zu ſprechen vermocht: „Mein Sohn! Ulrich! mein Sohn!“ Nit zwei Schritten war er an ihrem Lager, knieete davor, nahm ihre Hände in die ſeinen und rief:„Meine Mutter! endlich ſeh' ich Dich wieder! darf ich Deinen Segen empfangen!“ Sie legte ihre Hände ſegnend auf ſeine Stirn und flüſterte:„Urich, welche Heilige führt Dich mir zu?“ „Sie ſteht hinter Dir!“ ſagte er noch leiſer, da er Charitas erkannte; aber ſie hörte es doch, erglühte und zitterte, wie ſich freilich für die künſtige Nonne nicht ge⸗ ziemen mochte. Mutter und Sohn ſahen einander unverwandt an, ſorſchten und erkannten die geliebten Züge, und der To⸗ desengel wich von einer großen Erſchütterung und Freude.— ulrich hatte auf den Brief, den ihm die Schweſter Pirkheimer ſandte, noch gezögert zu kommen. Wohl zog ſein Herz ihn mächtig in das Klaſter, aber er gedachte des Gelübdes, das er dem Propſt geleiſtet, und wollte 164 erſt mit ihm ſprechen, ſtatt wider ſeinen Willen zu han⸗ deln. Kreß würde es ja doch wohl auch erfahren haben, wenn ſeine Schweſter von einer tödtlichen Krankheit be⸗ droht war. An dieſem Abend nun war er voll Unruhe zu ihm gegangen. Da hatte man ihm geſagt, daß der Propſt vor einer halben Stunde in das Clara⸗Kloſter ſei gerufen worden. Er eilte dahin und ſtand zögernd an der Pforte. Da tönte das Sterbeglöcklein— ſeinem Rufe konnte er nicht widerſtehen; er ſchellte und fragte die Pförtnerin: wem das Läuten gelte? und da ſie geant⸗ wortet:„der frommen Schweſter Ulrike, die ſeit zwölf Jahren hier iſt,“— da kannte er weder Zögerung noch Wahl, da wußte er, daß er ein heilig Recht habe auf den letzten Augenblick ſeiner Mutter, da bat er, ihn zur Priorin zu führen, und nannte ſich Ulriken's Sohn, der von Straßburg hierher gekommen. Da die Rriorin wußte, daß Ulrike verheirathet geweſen und einen Sohn gehabt, und da Ulrich ſogar die Züge der Mutter trug, ſo zö⸗ gerte ſie nicht lange, ſondern gab ſeinem angſtvollen Flehen nach und führte ihn mit ſich an das Sterbebett.— „Vergib Deiner Mutter,“ bat Ulrike,„vergib ihr, daß ſie Dich verlaſſen konnte; dann erſt können mir die Heiligen vergeben, dann erſt kann ich in Frieden ſterben!“ „Wie möget Ihr alſo ſprechen!“ rief Ulrich;„als 165 eine Heilige, die viel geduldet, hab' ich Euch ſchon ver⸗ ehrt, und doppelt, ſeit ich Alles weiß, was Ihr gelitten und geduldet—“ Auf einmal ſtieß Ulrike einen entſetzlichen Schrei aus. Ward jetzt ihr Geiſt vollends ganz klar und ent⸗ ſetzte ſie gerade dieſes Alles⸗wiſſen, von dem Ulrich ſprach? dachte ſie daran, daß, wenn die Welt erfuhr, wie und weſſen Sohn er ſei, die Sünde der Eltern über ihn kam? Der Propſt faßte ſo die angſtvoll flehenden Blicke auf, die ſie zu ihm hinüber warf, der tief bekümmert auf die Gruppe ſchaute, die er immer gefürchtet einmal ſo ſehen zu müſſen. Aber jetzt raffte ſich Urike noch einmal kräftig auf und ſagte mit lauter Stimme:„Mein Sohn, ich weiß, daß die Leiden dieſer Zeit nicht werth ſind der Herrlich⸗ keit, die an uns ſoll offenbaret werden! Daß ich Dich auf meinem Sterbebette ſegnen darf, iſt ein Zeichen von der Vergebung des Himmels für uns Beide. Vor Gottes Thron werde ich für Dich beten und Dich erwarten— vielleicht kommſt Du bald——“ Sie ſank in die Kiſſen zurück, zog Ulrich's Hand mit einem letzten krampfhaften Zucken der ihren an ihr Herz und flüſterte verhallend: „Vielleicht kommſt Du bald— bald!“ „Vald!“ flüſterte Ulrich;„ich ahne es, Du ziehſt mich Dir nach!“ 166 Das Sterbeglöckchen läutete wieder— die Privrin öffnete leiſe das Fenſter, um eine entfliehende Seele frei in den Himmel zu laſſen. ulrich knieete betend an der theuern Leiche, bis er ihr die ſtill und kalt gewordenen Augen zudrücken konnte, dann ging er mit dem Propſt. Achtes Cnpitel. Anklagen und Verhör. Mit ſonderbaren Empfindungen vernahm Jacobea die Kunde von dem plötzlichen Tode Chriſtoph Scheurl's, von dem Verdacht, der auf ſeine Gemahlin fiel, und von der Verhaftung Katharina's— jenes mit teufliſchem Triumph, dieſes mit ängſtlichem Erſchrecken. Wohl war Jacobea auch an dem Beſitz des Ringes gelegen geweſen, doch war er ihr mehr Nebenſache, die Hauptſache aber, daß ihr Pulver, welches ſie für Eliſa⸗ beth bereitet, irgend eine ſchädliche Wirkung auf dieſelbe habe: entweder ſie entſtelle oder tödte— wenn ſie auch nur gewagt hatte es Katharinen, die nicht ſo verdorben war als ſie, unter dem milderen Namen eines Schlaf⸗ trunkes zu reichen. Zu einem Diebſtahl, zu einer hinter⸗ liſtigen Rache, wußte ſie, war Katharina zu überreden; aber ſtets würde ſie vermieden haben, einen Mord auf *. 168 ihre Seele zu laden. War ſie nun die unſchuldig Schul⸗ dige! hatte ſie ſtatt an Eliſabeth, an Scheurl die Wir⸗ kung ihres Pulvers verſucht, und war dies eine ſo plöt⸗ lich tödtende geweſen? Was hätte Jacobea darum gege⸗ ben, mit Katharinen reden zu können, die nun in den Händen der Gerichte war! Wenn nun die Folterknechte Katharinen, die mehr ſchwach als ſchlecht war, zum gan⸗ zen Geſtändniß der Wahrheit brachten— wenn ſie ſagte, wer ihr das Pulver gegeben, und Jacobeg ſelbſt mit in Unterſuchung kam? Wenn ſie ſelbſt gefangen würde in der Schlinge, die ſie für andere gelegt, wie es eigentlich Katharinen ſchon ergangen war? Oder umgekehrt: wenn es gelinge, Eliſabeth als Giftmiſcherin und Gattenmörde⸗ rin zu verderben; wenn die ſchöne Patrizierin auch auf der Folter, wenn auch nur aus Scham oder Schmerz gleich Andern, ſich als ſchuldig bekennen würde, auch wenn ſie es nicht wahr? Wenn ſie gerichtet würde zum Schauſpiel für ganz Nürnberg?— Konnte ſich Jacobea doch noch des Tages erinnern, wo man den Nicolaus Muffel nicht geſchont, ſondern öffentlich enthauptet hatte, trotzdem daß er Looſunger war und mithin aus den edelſten Ge⸗ ſchlechtern ſtammte, und trotzdem daß Kaiſer Friedrich ſich für ihn verwendet hatte— konnte nicht Eliſabeth ein glei⸗ ches Schicſal haben! Gab es doch genng Feinde für ſie in den Witgliedern des großen Rathes und noch mehr 169 Feindinnen unter deren Angehörigen. Der alte Looſunger Tucher hatte es ihr gewiß noch nicht vergeſſen, daß ſie ganz allein durch den König Max ihm die für uneben⸗ bürtig gehaltene Schwiegertochter in's Haus gebracht, noch weniger aber die Hallerin, die ihren Gatten ganz zu lenken wußte, daß ihr Eliſabeth heim König und bei allen Feſten den Rang abgelaufen— und ſo gab es außer jenen noch Rathsherren genug, die ihr grollten, entweder weil ſie einen Haß auf jedes Frauenzimmer warfen, das aus der gewöhnlichen engen Sphäre einer Art von Hö⸗ rigkeit heraustrat, oder die ſelbſt früher für ſich ſelbſt oder ihre Söhne vergeblich um Eliſabeth geworben— und wieder gab es außer der Hallerin noch genug Frauen, die auf Eliſabeth's geiſtige und körperliche Vorzüge eifer⸗ ſüchtig waren, ihr eine Demüthigung recht vom Herzen gönnten und ihrer Hoffart immer ein unglückliches Ende prophezeit hatten. Bei ſolchen Verhältniſſen konnte es vielleicht gelingen, wenn man die Gelegenheit zu benntzen verſtand, Eliſabeth als ſchuldig erſcheinen zu laſſen, auch wenn ſie es nicht wahr, noch ſelbſt geſtand. Ja, ſelbſt wenn Katharina ſo ſchwach ſein ſollte, auf der Tortur über ſich ſelbſt die Wahrheit zu geſtehen, ſo würde ſie doch gewiß nicht zugeben, daß ſie den Mord vorſetzlich vollführt, da ſie ja in der That nicht die Wirkung des Pulvers gekannt hatte, und es war ſehr wahrſcheinlich, 1859. XVII. Nürnberg. II. 11 170 daß ſie ihre Geſtändniſſe in der Art machen konnte, daß Fliſabeth zum wenigſten als ihre Mitſchuldige erſchien, wie es gerade damals und namentlich auch in den an⸗ grenzenden Ländern bei den Herenprozeſſen häufig vor⸗ kam, daß niedrigſtehende Perſonen, hochſtehende als ihre Mitſchuldigen nannten, um vielleicht um dieſer Willen mit ihnen ſrei auszugehen. Freilich war es auch wahrſchein⸗ lich, daß Katharina nicht verſchwieg, wie ſie zu dem Gift gekommen, und die Schuld auf Jacobea zu wälzen ſuchte— und wenn dieſe nun auch entſchloſſen war, ſtandhaft zu läugnen und gewiß war, daß Katharina keine Beweiſe für ihre Ausſage finden konnte, ſo erſchien ihr doch ſelbſt die Ausſicht auf die Tortur, die im Hintergrund drohte, ſchrecklich genug. Aber faſt gleichzeitig mit dieſer Nachricht empfing ſie auch die, daß Weyſpriach's Burg gefallen und zerſtört worden ſei, und daß der Burgherr ſelbſt mit gefangen genommen. Martin Behaim war ſelbſt in Irrthum ge⸗ weſen, als er Eliſabeth erzählt hatte, daß Weyſpriach entkommen ſei und Streitberg geſangen nach Nürnberg geführt; es war gerade umgekehrt— aber wie es leicht bei ſolchen Ereigniſſen und Nachrichten und dem Errin⸗ gen eines plötzlichen Sieges erging: im Triumph, der ihm folgte, waren Namen und Perſonen verwechſelt worden. Jacobea war mehr als einmal die Helſershelferin 17 dieſer Ritter geweſen, und ihr Sturz war auch für ſie ein Schlag. Wer weiß, ob nicht auch Weyſpriach Geſtänd⸗ niſſe machte, die gefahrbringend für ſie waren. Aber ſie kannte Streitberg. Wie ſchlecht er auch war und keine Liſt oder Gewaltthat ſcheute zur Erreichung ſeiner Zwecke, Furcht und Feigheit waren ihm fremd, und wo er jetzt auch hingeflohen ſein mochte, wie ſehr er auch Urſache haben möge, Nürnberg und die über ihn verhängte Reichs⸗ acht zu ſcheuen, ſo würde er nun nur um ſo wüthender Rache an Eliſabeth zu nehmen ſuchen, der er alles Uible zuſchrieb, was ihm und damit auch ſeinem Freund wi⸗ derfahren. Streitberg war noch niemals der Herr ſeiner Leidenſchaften geweſen, aber er war nicht ſo niederträch⸗ tig, einen Freund und Waffenbruder in der Gefahr zu verlaſſen, in die er ſelbſt ihn mitgebracht, und wenn er jetzt ſein Heil in der Flucht geſucht hatte, ſo war es entweder in der Meinung geſchehen, daß auch Weyſpriach daſſelbe thun könne, oder in der Abſicht, ihn dann noch aus derſelben helfen zu können. Jacobea erdachte und verwarf einen Plan nach dem andern, und endlich beſchloß ſie, zu dem Juden Ezechiel zu gehen und mit ihm ſich zu berathſchlagen. Czechiel hatte endlich zu der Uiberzeugung gelangen müſſen, daß es ſeine eigene Tochter geweſen war, welche ihm den indianiſchen Raben, den er in Verwahrung ge⸗ 11* nommen, entführt und mit ihm Eliſabeth oder die Be⸗ haim von dem Ort in Kenntniß geſetzt hatte, wohin die geraubten indianiſchen Schätze gekommen wären— ja er konnte ihr kaum darüber zürnen; denn dadurch allein war ja am andern Tage das Volk abgehalten worden, die Judengaſſe zu ſtürmen, und er dadurch noch einer größern Gefahr entgangen, als die andern ſeiner Glau⸗ bensgenoſſen, da er der ſpecielle geheime Verbündete der Raubritter war und man bei ihm leicht ihn verdächtigende Artikel hätte finden können. Rachel hatte eingeſtanden, daß ſie dieſe That ge⸗ than von Angſt gepeinigt, und getrieben von der Hof⸗ nung, gleich den erhabenen Frauengeſtalten aus den Ge⸗ ſchichten des alten Teſtamentes ihr Volk aus einer großen Bedrängniß zu retten und im Rothfall ſich für daſſelbe zu opfern; aber ſie hatte ein hartnäckiges Stillſchweigen darüber beobachtet, wie ſie das gethan und zu wem ſie die Kunde zuerſt gebracht. Zürnte ihr der Vater auch über ihr eigenmüthiges Handeln, ſo konnte er es doch nicht ganz verdammen, nach den Motiven, welche ſie angab. Aber er nannte ſie ein ungehorſames, ungerathenes Kind, das klüger ſein wolle als ſein Vater— und um ſich gegen dieſe Klugheit zu ſchützen, wie er ſelbſt ſagte, hielt er ſie von dieſer 173 Stunde an eingeſperrt und geſtattete ihr nicht anders als an ſeiner Seite das Haus zu verlaſſen. Darum hatte ſie auch Ulrich eingeſchloſſen gefunden. Ein Nachbar hatte ihn kommen ſehen und das Eze⸗ chiel verrathen. Ein neuer Grund für dieſen, Rachel ſorg⸗ fältig bewacht zu halten, aber auch in Verbindung mit den Gerüchten, die in der Stadt über Eliſabeth und dem Baubruder umliefen, und die nun nicht allein von ihren Feinden verbreitet waren, zu ahnen, daß gerade er es war, welchen Rachel zum Vermittler gewählt. Der Jude gehörte zu den Creaturen, die aus allen Dingen, wie nachtheilig ſie im Anſang auch ſcheinen mö⸗ gen, am Ende doch einen Vortheil für ſich ſelbſt zu ziehen wiſſen. Eigentlich hatte ſeine Tochter, der er, durch Ja⸗ cobea auſgehetzt, nicht mehr hatte trauen mögen, ja ganz in ſeinem Sinne gehandelt, ihm in die Hände gearbeitet. Hatte ſo doch Rachel eine nächtliche Zuſammenkunft Ul⸗ rich's mit Eliſabeth in ihrem eigenen Hauſe veranlaßt— wie es ſpäter durch andere übereinſtimmende Nachrichten vor Ezechiel ſich auſtlärte— hatte ſie ſo doch ganz ein⸗ fach und ſchnell bewerkſtelligt, was ſeine Liſt vergeblich bei beiden Theilen verſucht hatte, erſchien es nun nach dieſer Thatſache doch leicht, eine Schuld auf Beide zu werſen— zunächſt auf den Baubruder, der alle Frauen meiden ſollte, und doch zu gleicher Zeit an das ver⸗ 17⁴ achtete Jndenmädchen, wie an die hoffärtige Patrizierin ſich drängte. Nun hörte er plötzlich, daß dieſe der Verdacht traf, ihren Gatten vergiftet zu haben: wahr oder nicht, daraus mußte ſich ein Vortheil ziehen laſſen— ja, ſelbſt wenn es kein ſpecieller geweſen: für den ſchadenfrohen Juden lag ein großer Triumph darin, eine ſo vornehme Chriſtin, die ihn und ſeine Dienſte mit Verachtung von ſich gewieſen, ſo gedemüthigt und in Gefahr zu ſehen. Als er gleichzeitig hörte, daß Weyſpriach gefangen ſei und Streitberg entkommen, ſank ihm freilich der Muth. Wenn Weyſpriach angab, daß wo er den Räuber und Stehler, der Jude oft genug den Hehler gemacht, ſo hatte er auch für ſich ſelbſt zu fürchten. Indeß vertraute er auch jetzt noch ſeiner Gewandtheit im Lügen und Heu⸗ cheln und dem Umſtand, daß er vielen Mitgliedern des großen Rathes ſich unentbehrlich zu machen verſtanden hatte und immer bei ſeinem Handel wie bei ſeinen Hand⸗ lungen die Politik verfolgt hatte, von Allen, mit denen er in Berührung kam, etwas zu erfahren, das ſie zu verſchweigen wünſchten, und ſie dadurch, wie er's nannte, „an's Fädchen“ zu bekommen, daran er, wenn nicht ſie doch ſich ſelbſt im Nothfall halten konnte. Als Jacobea zu ihm kam, hütete ſie ſich wohl ihm zu verrathen, daß die eingeſteckte Katharina ihre Muhme 175⁵ war, und noch mehr, daß es wahrſcheinlich ihr eigenes Gebräu, an dem der Herr von Scheurl geſtorben. „Meinet Ihr nicht,“ jagte ſie zu dem Juden,„daß wir nun dem Steinmetzgeſellen Ulrich alle ſeine Feind⸗ ſchaſt wider uns vergelten könnten, wenn es hieße, daß er mit Antheil an dieſer Mordthat habe! Bei den freien Maurern iſt ja Alles geheim— die haben gewiß auch Ge⸗ heimmittel, profane Menſchen aus der Welt zu ſchaffen, und machen ſich gar kein Gewiſſen daraus, wenn es nur nicht welche ſind von ihrer Zunſt. Es geſchieht ihnen ja nichts, wenn ſie nicht vorher aus dieſer ausgeſtoßen wer⸗ den, da ſie ſich nur nach ihren eigenen Geſetzen richten— und davon erfährt Niemand etwas, weil es immer hei⸗ ßen ſoll, daß die Baubrüder beſſer ſind als andere Leute.“ „Oho!“ rief der Jude,„habe gewartet nur bis heute, da ich habe gegeben Bedenkzeit dem Ulrich von Straßburg mir zu ſein zu Willen oder zu fürchten meine Rache; habe ganz andere Dinge wider ihn zu bringen, als Ihr meint— wird bald gekommen ſein ſeine letzte Stunde. Ihn und den Hieronymus klag' ich an, daß ſie im Benediktinerkloſter haben fortgeholfen einem Mönch, der verurtheilt geweſen zum Tode; der iſt dann lange verborgen geweſen in Weyſpriach's Burg, wo ich ihn habe erkannt an Sachen, die mir die Banbrüder abge⸗ 176 nommen, und habe ſelbſt erfahren die ganze Geſchichte, die bisher nur die Leute ſtill gemunkelt.“ „Aber was wird man geben auf das Zeugniß des Juden?“ warf Jacobea ein. Ezechiel lachte:„Gibt es doch genug Chriſten, die trotzdem, daß ſie ſich für etwas Beſſeres halten und mei⸗ nen, ſie wären alle Brüder, und ihre Religion zuſammen⸗ geſetzt aus lauter Liebe, eine rechte Schadenfreude daran haben, wenn ſie wider einen ſolchen chriſtlichen Bruder können böſes Zeugniß reden, es ſei wahres oder falſches. Und zumal nun eine chriſtliche Schweſter gegen chriſtliche Schweſtern— diesmal bin ich ganz gewiß meiner Sache. Hab' ich Euch nicht einmal geſagt, daß die Frau Katha⸗ rina Hallerin, da der letzte Reichstag hier war, hat bei mir gehabt verſetzt ſilberne und goldene Armleuchter, da⸗ mit ich ihr Geld darauf leihe— könnt' ich der erweiſen einen größern Dienſt als ihr Gelegenheit zu geben, die Scheurlin zu verderben ſammt dem Baubruder, der Gnade gefunden vor ihren Augen, wie ſie vor den des Königs?“ Wohl mußte Jacobea dem Juden zu einer ſolchen Verbündeten Glück wünſchen, deren Vertrauen ſie freilich ſich verſcherzt, da es ihr mißlungen war, den Goldſchmied Albrecht Dürer zur Anfertigung einer Nadel für ſie, wie die war, welche Frau Scheurl vom König geſchenkt er⸗ 177 halten, zu veranlaſſen. Katharina Haller, die Gattin des Bürgermeiſters und die Tochter des Looſunger Holzſchu⸗ her, die hatte freilich Einfluß genug, einer Anklage, die ſich auf Thatſachen ſtützte, wenn ſie auch aus dem Mund eines Juden kam, Gewicht zu verleihen und Zeugen für ſie zu ſchaffen, wenn auch ihr Gatte eher zu den Män⸗ nern gehörte, welche ihre Frauen kurz hielten und die Hausfrau gern zu einer Hansmagd herabwürdigten, als zu denen, welche ſich ſelbſt ehrten durch die Ehre, die ſie ihren Frauen erwieſen. Eben dieſe Beſchränkung und dieſes Kurzhalten, welches Katharina Haller von ihrem Gatten erſuhr, war die Urſache, welche ſie in die Hände des Juden führte. Haller ſetzte theils eine Ehre darein zu ſparen und ſein Gut zu mehren— theils glaubte er ſich für berechtigt, Alles an ſich und nichts an ſeine Frau zu wenden, theils hielt er auch ſtreng darauf, daß dieſe nicht ſelbſt die Luxus⸗ und Kleidergeſetze überſchritt, welche der Rath ge⸗ geben hatte, da ſich dies für die Frau eines Bürger⸗ meiſters am wenigſten gezieme. Aber Katharina, im Be⸗ wußtſein, daß die Mitgift einer Holzſchuher viel reicher geweſen, als die einer Behaim, fand es unerträglich von Eliſabeth Scheurl wie in allen andern Dingen, auch in Kleiderpracht und Putz übertroffen zu werden. Da ihr Gatte ihre Wünſche hierin nicht erfüllte, ſo ſuchte ſie 178 dieſelben auf allerlei Schleichwegen zu befriedigen, und als der Reichstag kam, wußte ſie für ſich keinen andern Rath, als von dem Trödlerjuden, der auf Pänder lieh, ſich Geld zu verſchaffen. Natürlich dürfte ihr Mann nichts davon ahnen und darum war die Verſchwiegenheit des Juden die erſte Bedingung. Er hatte ſie treu erfüllt und dadurch ſich mehr und mehr in ihr Vertrauen geſchlichen. Daß ſie von Eiferſucht und Reid gegen Eliſabeth Scheurl erfüllt war, wußte der Jude wie faſt die ganze Stadt. Das war ſo geweſen von der Stunde an, wo Eliſabeth neben ihr vom Kaiſer war erwählt worden, als die ſchönſte Nürnbergerin Konrad Celtes zu krönen, und hatte ſich mit jedem Triumph derſelben geſteigert, wie viel mehr nicht da, als König Mar bei ſeiner zweiten Anweſenheit in Nürnberg in Scheurl's Hauſe Wohnung nahm. Alle gehäſſigen Gerüchte, welche über Eliſabeth in Umlauf ka⸗ men, gingen theils von der Hallerin aus, theils wurden ſie doch von ihr begierig aufgefangen und mit den ab⸗ ſcheulichſten Zuſätzen weiter verbreitet. Vie triumphirte ſie jetzt, da Scheurl's plötzlicher, unerklärbarer Tod einen ſchrecklichen Verdacht auf Eliſa⸗ beth warf. Wie beſtrebte ſich die Hallerin ihn zu verſtär⸗ ken, ſo viel ſie vermochte, und mit ihrer böſen Zunge die Feindin als das ſtrafbarſte und verabſcheuungswür⸗ digſte Geſchöpf darzuſtellen, das es je in Nürnberg ge⸗ 179 geben. Hatte ſie vorher doch ſchon tauſendmal bereut, daß ſie vor zwei Jahren dem Ritter von Weyſpriach nur um einen Preis, den er ſich vergeblich bemüht hatte ihr zu gewähren, verſprochen hatte, Eliſabeth zu ſich und da⸗ mit in das Netz des Ritters von Streitberg zu locken, und daß ſie es trotzdem nicht gethan; nun aber wollte ſie gewiß keine Gelegenheit wieder vorübergehen laſſen, Eliſabeth zu demüthigen, unglücklich zu machen, wo mög⸗ lich ganz zu verderben. Schon war es ihr gelungen, ihrem Gemahl die mo⸗ raliſche Uiberzeugung beizubringen, daß Eliſabeth den Gatten vergiſtet habe, indem ſie ſagte: „Dieſen alten Geck hat das eitle Weib doch nur geheirathet, weil er reich war und ſie an ſeiner Seite übertriebenen Aufwand machen konnte. Mit andern Män⸗ nern, wie mit dem Ritter von Streitberg und dem Poeten Konrad Celtes hat ſie nur freche Buhlſchaft getrieben, ohne an's Heirathen zu denken: jener hatte ſchon eine Frau und dieſer konnte keine ernähren; aber das hin⸗ derte ſie nicht, ſich mit ihnen einzulaſſen und dann ſchnell den Scheurl zu heirathen, damit ſie nicht etwa noch in Schande käme. Der hat es nun geduldet, daß Künſtler und Gelehrte in ſeinem Haus ein⸗ und ausflogen wie in einem Taubenſchlag, um der gefallſüchtigen Fran die Zeit zu vertreiben und ihm auf einmal den Ruf eines kunſt⸗ 180 freundlichen und gelehrten Mannes zu geben, und da der König ein Auge warf auf die üppige Frau, bei der er gewiß war, in allen Stücken eine zuvorkommende Wir⸗ thin zu finden, da drückte der Mann wieder ein Auge zu, weil ſeine Schande ihm die Ehre des adeligen Wap⸗ pens einbrachte, und ſo lange hat vielleicht das Paar im beſten Einvernehmen gelebt. Aber als Scheurl dahinter gekommen, daß ihr auch ein Steinmetzgeſell nicht zu ſchlecht iſt und ſie ſich nicht ſcheut, ihn zur Brechung ſeines Gelübdes zu verführen, da iſt ihm doch die Ge⸗ duld geriſſen. Eliſabeth aber, die nie einen Widerſpruch dulden mag und die wieder nur ſo lange den alten Herrn als Gemahl ſich gefallen ließ, als ſie ihn ganz beherr⸗ ſchen und nach ihren Gelüſten leben konnte, mag nun das Lvos einer reichen Wittwe beſſer gefunden haben, als einer abhängigen Ehegattin, und hat den Gemahl auf die Seite geſchafft. Du haſt ſelbſt geſagt, daß er Nachts immer betrunken aus Euren Zechgelagen heim⸗ gegangen, da mag es leicht geweſen ſein, ihm einen Giſt⸗ trunk beizubringen— und das Gift mag ſie auch bei der Hand gehabt haben— ſagt man doch, daß ihr Bruder Nartin ein neues Schlangengift mitgebracht hat.“ Wußte Haller auch recht gut, daß ein gut Theil Neid und Eiſerſucht aus dieſen Darſtellungen ſprach, ſo gehörte er doch auch zu den Männern gemeinen Schla⸗ 18¹ ges, die an keine Keuſchheit und Tugend, am wenigſten bei ſchönen Frauen glauben, eben weil ſie theils ſelbſt weit davon entſernt ſind und in der Verführungsmacht des andern Geſchlechtes eine Entſchuldigung für die eigene Unmoralität ſuchen, theils auch weil ſie die Frauen zu weiter nichts fähig oder berechtigt halten, als den Män⸗ nern zur Unterhaltung oder Pflege zu dienen. Es ſchien ihm darum nicht ganz unwahrſcheinlich, daß ſeine Frau über Eliſabeth ziemlich richtig urtheilte, und er ſäumte nicht, unter den Rathsherren und Schöppen dieſe Anſich⸗ ten zu verbreiten. Als nun Gzechiel mit ſeinen Anklagen und Mitthei⸗ lungen über Ulrich zur Hallerin kam, ſo fand er natür⸗ lich bei ihr nicht nur Gehör und Glauben, ſondern ſie wußte auch einen ihrer Vettern Bernard Holzſchuher, den ſie ſchon immer in's Vertrauen gezogen, der ſelbſt Schöppe und einer der einſt von Fliſabeth abgewieſenen Freier war, zu bewegen, daß er die Anklage wider Ulrich von Straßburg und Hieronymus erhob und zwar zuerſt bei dem Hüttenmeiſter der St. Lorenzhütte; waren die Bau⸗ brüder aus dieſer ausgeſtoßen, ſo konnte dann weiter gegen ſie verfahren werden. Für Katharina Haller war es auch beſchämend und guälend, daß der Ritter Arel von Weyſpriach, auf deſſen Aufmerkſamkeiten einſt ſie und Beatrir Immhof ſtolz ge⸗ 182 weſen, jetzt als ein Racker, Straßenräuber und Reichs⸗ friedenbrecher verhaftet war, und daß man ihn, um ein Beiſpiel zu geben und die Macht der freien Reichsbürger dieſem herabgeſunkenen Adel gegenüber zu zeigen, unfehl⸗ bar zum Tode verurtheilen und hinrichten werde. Beatrir hatte wohl perſönliches weibliches Mitleid für ihn— Ka⸗ tharina kannte ſolche beſſere Empfindungen nicht, aber ſie ſchämte und ärgerte ſich, mit einen Straßenräuber, der nun den Tod ſür ſeine Verbrechen leiden ſollte, getanzt zu haben, und haßte den Ritter doch doppelt, weil er ſie zu einem Bubenſtück verleitet hatte, deſſen Ausführung doch nur an Meiſter Dürer's Ehrlichkeit und Vorſicht geſcheitert war. Wenn dieſe Geſchichte vielleicht noch an den Tag kam, ſo war ſie zugleich der Verachtung und Lächerlichkeit Preis gegeben— ſie, die ſich immer ſo ihrer Tugend und Unbeſcholtenheit rühmte, gewiſſenhaft auf die Befolgung der kleinlichſten Regeln der hergebrachten Sit⸗ ten hielt und unbarmherzig über Alle den Stab brach, welche auch nur in den kleinſten Dingen davon abwichen, geſchweige denn, wenn ſie ſich ein wirkliches Vergehen dagegen zu Schulden kommen ließen. Katharina ſagte ſich⸗ daß, wenn es möglich ſei, daß ſie jetzt eine derartige Demüthigung erfahre, ſie doch zuvor an Eliſabeth noch eine größere erleben oder ihr bereiten müſſe— es koſte was es wolle. 183 So arbeiteten die ſittenſtolze Patrizierin, der ſchmutzige Jude und die verrufene alte Kupplerin gleichzeitig an dem Untergange der edelſten Menſchen, die damals in Nürnberg lebten, und die eben darum nur in feindliche Conflikte mit ihren Nebenmenſchen geriethen, weil ſie über die Vorurtheile derſelben erhaben und ihrer Zeit vorausgeeilt waren.— Indeſſen hatte die Unterſuchung über den Tod Chri⸗ ſtoph von Scheurl's vor den geſchworenen Schöppen ihren Gang.. Eliſabeth ſelbſt hatte vermuthet, daß ihr Gemahl am Abend vor ſeinem Tode bei dem Propſt Kreß zum Nachtmahl geweſen ſei. Auf Befragen beſtätigte dies der⸗ ſelbe, und weder für ihn noch die andern Gäſte hatten die aufgetragenen Speiſen und Getränke eine ſchädliche Wirkung gehabt, ſo daß man etwa auf eine zufällige Vergiftung oder ein ſonſt gewaltſam herbeigeführtes Un⸗ wohlſein hätte ſchließen können. Martin Ketzel war mit Scheurl bis an deſſen Straßenecke nach Hauſe gegangen und erklärte, daß derſelbe zwar etwas angetrunken ge⸗ weſen ſei, aber nicht mehr als gewöhnlich, und daß ihm ſonſt nichts an ihm aufgefallen; übrigens gehörten beide Herren zu denen, welche verſicherten, daß Eliſabeth ge⸗ wiß vollkommen unſchuldig ſei, daß Scheurl ihr in allen Stücken vertraut und mit ihr einig geweſen ſei— er habe ihr nie etwas in den Weg gelegt und ſie ihm nicht. Die gefangene Magd Katharina gab in der Angſt ausweichende und ſich widerſprechende Antworten. Sie ſchwor hoch und theuer, an dem Mord unſchuldig zu ſein; die Frau Scheurl aber ſei auf ſie eiferſüchtig ge⸗ weſen und wolle nun deshalb die Schuld auf ſie wälzen. Die Inguiſitoren mußten bei dieſer Antwort lachen, da das Alter und das wenig Anziehende, welches die In⸗ quientin noch beſaß, einen ſolchen Fall ſehr zweifelhaft erſcheinen ließen— zumal im Vergleich mit der ſchönen Frau Scheurl. Katharina antwortete zwar auf dieſes Ge⸗ lächter, dadurch empört mit der Behauptung, daß ſie be⸗ weiſen und beſchwören könne, wie Herr Scheurl ihr zu⸗ gethan geweſen— war aber dabei auch nicht ſo ſchlecht, Fliſabeth der That zu beſchuldigen, ſondern betheuerte nur ihre eigene Unſchuld. Man hatte in ihrer Kammer den Beutel mit Gold gefunden, welchen ſie von Scheurl erhalten; Eliſabeth und andere Hausbewohner erkannten dieſen als den Scheurl's, und Katharina verſicherte, daß er ihr eben die⸗ ſen gegeben, weil er Gefallen an ihr gefunden. Auf die Frage, wann dies geſchehen ſei, antwortete ſie ausweichend, daß ſie das nicht genau mehr wiſſe. Der Beutel aber war das gefährlichſte corpus delicti. 185 Herr Martin Ketzel erklärte auf ſpäteres Befragen, daß er dieſen Beutel noch am Abend des Nachtmahls in der Propſtei bei Herrn Scheurl geſehen— die Herren hatten geſpielt, was freilich nicht mit zu Protokoll ge⸗ nommen ward, denn ſchon hatte der immer auf Alles ſorgfältig bedachte Rath gewiſſe Beſchränkungen, das Kar⸗ tenſpiel betreffend, erlaſſen, das, obwohl noch nicht lange erfunden, doch bereits in bedenklicher Weiſe einzureißen drohte, aber die„Genannten“ kehrten ſich ſelten ſelbſt an die von ihnen erlaſſenen Verbote:— der Beutel konnte alſo erſt nach Scheurl's Heimgange in Katharina's Hände gekommen ſein. Als man Katharina dies in einem ſpätern Verhör vorhielt, verwickelte ſie ſich in neue Widerſprüche. Dieſe zu beſeitigen, hielt man damals die Tortur für das wirkſamſte Hilfsmittel. Katharina hielt nur den erſten Grad der gräßlichen Marter aus, dann errang ſie ſich Erlöſung von dem ſchrecklichen Inſtrument mit dem Jammerruf der Ver⸗ zweiflung: „Ich will bekennen!“ Aber damit trachteten nur die unglücklichen Opfer unmenſchlicher Grauſamkeit ſich zu entziehen. Als Katha⸗ rina ſich wieder frei von den Eiſenſtangen und Schrauben fühlte, die ihre Glieder zu zerreißen drohten, fürchtete ſie 1859. XVII. Nürnberg. IMI. 12 gleichwohl noch eben ſo ſehr als vorher die Wahrheit zu bekennen, und um nur etwas Neues zu ſagen, ſagte ſie eine neue Unwahrheit. Sie erklärte, daß ſie allerdings in jener verhängniß⸗ vollen Nacht den Herrn Scheurl habe nach Hauſe kom⸗ men hören, und daß ſie dann ſpäter noch in das Schlaf⸗ zimmer ſeiner Gemahlin gerufen worden. Hier habe ihr dieſe den Beutel mit dem Gold gegeben und geſagt, ſie ſolle morgen wieder abziehen und dafür dieſes Geld er⸗ halten, wenn ſie ſich dem füge, ohne weiter etwas zu ſagen, auch nicht daß ſie noch dieſe Nacht mit ihr ge⸗ ſprochen. Sie, Katharina, habe gemeint, dies ſei aus Ei⸗ ferſucht der Herrin geſchehen, und habe ſich gefügt. Am Morgen, eben da ſie ihr Bündel habe ſchnüren wollen, ſei das Schreckliche geſchehen, und man habe ſie um die⸗ ſes falſchen Scheines Willen verhaftet. Wenn etwas hiervon ſich als wahr erwies, ſo be⸗ kam die Sache eine andere Wendung und der Verdacht fiel auf Eliſabeth— jetzt gerade um ſo mehr, als Katha⸗ rina gar nicht verſuchte ihn auf dieſe zu werfen, ſondern ſich auch daran ganz unſchuldig und unbefangen ſtellte— in der That auch ſo ſuchte ihr eigenes Gewiſſen zu be⸗ ruhigen; denn Katharina gehörte eben noch nicht zu den ſchlechteſten Creaturen und dachte nur an Selbſterhal⸗ tung. So lange als möglich wollte ſie dieſe verſuchen, 187 ehe ſie ein anderes Weſen für ſich büßen ließe. Auch hoffte ſie, die angeſehene Patrizierin werde vor dem Rath von Rürnberg einen beſſern Stand haben, als die fremde Regensburgerin. Jedenfalls machte dieſe Ausſage doch ein Verhör Eliſabeth's nöthig, Katharina gewann Zeit, und was in ſolcher Lage Alles galt: ſie hatte ein paar Tage Ruhe von der entſetzichen Folter und ihre geſchundenen Arme und Hände konnten ſich wieder ein wenig erholen. 12* Reuntes Capitel. Die freien Maurer. Am Tage, nach dem Ulrich am Sterbebett ſeiner Mutter geweſen, war er mit Hieronymus der erſte vor der Bauhütte; bald darauf kam der Pallirer dieſelbe zu öffnen, aber es fehlte faſt noch eine halbe Stunde an der beſtimmten Zeit. Ulrich ſah aus wie nach einer durchwachten Nacht und ſeine Augen glänzten doppelt ſchwärmeriſch als ge⸗ wöhnlich. „Fehlt Dir etwas!“ ſagte Hieronymus theilneh⸗ mend;„Du biſt ſo früh gekommen?“ „Weil ich nicht weiß, wie lange ich noch kommen werdei“ antwortete Ulrich wehmüthig.„Du gehörſt hier immer mit zu den Erſten, es freut mich, daß Du es auch heute biſt— es drängt mich noch mit Dir zu reden.“ „Du biſt ſo ſeierlich!“ ſagte Hieronymus;„mir 189 ließ es auch keine Ruhe heute Dich zu ſehen— das Ge⸗ ſchick der Scheurlin beunruhigt Dich doch wohl, auch wenn es nur Mitleid iſt.“ „Nein,“ ſagte Ulrich feſt,„das iſt es nicht— ſie iſt nicht ſchuldig.“ Hieronymus ſchüttelte verdrüßlich den Kopf:„Wenn ich nicht Dein Freund wäre und Dir mehr vertraute als den Reden der Leute, ſo konnte ich bei dieſer Behaup⸗ tung Dich doch in demſelben Verdacht haben wie meine Mutter—“ „In welchem!“ fragte Ulrich, da Hieronymus ſtockte, und ſah ihn feſt und flammend an. „Daß es dieſes Weib Dir angethan!“ ſagte Hie⸗ ronymus, und ſchlug doch die Augen nieder, weil er ſich dieſer Aeußerung ſchämte. Ulrich lächelte:„Ihr könnt Recht haben im gewiſſen Sinne, nur nicht etwa in dem, der jetzt die Gemüther verwirren will mit dem Glauben an Hexen und Zauber⸗ ſpuck. Aber warſt Du nicht der erſte, der mir dieſe Eli⸗ ſabeth zeigte nicht nur als das ſchönſte, ſondern als das aufgeklärteſte Weib von Nürnberg! Und war es nicht in demſelben Angenblick, daß ich die Roſe wegwarf, die aus ihrer Hand mich getroffen? Hab' ich ſie nicht gemieden wie jedes Weib, hat ſie nicht daſſelbe mir gethan und hat nicht Deine Mutter gleich Dir ſie gerade darum ge⸗ 190 ſcholten, weil ſie dadurch undankbar erſchien? Ob eben durch dies Schelten, durch dieſen ungerechten Verdacht, ob durch ihre Schönheit oder durch Alles, was ich von ihr ſah und hörte, durch die Zeugen ihrer Geiſteshoheit, die nur in einzelnen Zügen und Vorten ſich mir vffen⸗ barten— ich weiß es nicht: aber ich habe durch ſie erſt eine Ahnung bekommen von der Macht und Größe des Veibes— durch ſie erſt gefühlt, daß unſer Gelübde, ſeine Gemeinſchaft zu fliehen, ein ſchweres iſt; daß, wenn wir in allen Verſuchungen treu an ihm feſt halten, uns Kraft geben muß, auch jeden andern Kampf im Leben oder in uns ſelbſt ſiegreich zu beſtehen. Die Bewunderung, die ein ſchönes Kunſtwerk uns einflößt, die Andachtsſchauer der Verehrung, die ich zuweilen empfand, wenn ich zur Himmelskönigin betete, das Ritleid mit dem Leiden und Dulden anderer heiligen Frauen, denen wir Monumente und Altäre weihen— das hab' ich für dieſe Gliſabeth empfunden, und rechne mir dieſe Gefühle nicht als Sünde an, um ſo weniger, als ich an ihre Tugend glaube und ſie meiner Verehrung würdig finde. Ich wäre nun un⸗ glücklich, wenn ich an ihr irre werden müßte. Unſer Ge⸗ lübde der Entſagung bereue ich darum nicht, es erſcheint mir nur in einem andern Lichte: ein Freibleiben und Losgeriſſenſein von irdiſchen Banden und Pflichten, die dem Genius Feſſeln anlegen können, der nur frei und 194 allein ſich entfalten kann— ein Aufſchwung und Auſſtre⸗ ben zur höchſten Freiheit, die ſich ſelbſt bewußt an das Ganze hingibt und nur im Ideal Ziel und Schranken findet!— Sage mir, Hieronymus, wenn man mich auch beſchuldigt, wirſt Du an mich glauben!“ „Ich habe es gethan bis zur Stunde,“ antwortete Hieronymus,„und begreife Deine Frage nicht, noch was Dich ſonſt ſo bewegt!“ „Eine Ahnung,“ antwortete Ulrich,„vielleicht auch die feierliche Beklommenheit, die immer über uns kommt, wenn wir die letzte Hand an ein Werk legen, an dem wir lange gearbeitet. Sieh', dieſe Halbſäule mit ihrem Hochbild vorn iſt bald vollendet,“ fuhr er fort, auf eine ſolche dentend, aus der Eichenzweige hervortraten, auf welchen ein Eichhörnchen ſaß, zum Sprunge ausholend, indeß von unten eine Schlange emporziſchte, die Eichen⸗ blätter wölbten ſich oben zu einer Krone empor;„das unſchuldige Eichhörnchen braucht nicht im Bann der Schlange zu bleiben,“ fuhr er fort,„aber es wird doch immer ſo erſcheinen, es kann höher klettern, im freien Walde von Zweig zu Zweig ſich ſchwingen, die drohend vorgeſteckte Schlangenzunge und ihr Giſt verachten, kein ekles Kriechthier vermag ihm etwas anzuhaben. So hab' ich in den Stein hinein gedichtet, woran ich jetzt zumeiſt gedacht.“ 192 Die letzten Worte hörte der Pallirer, der jetzt nä⸗ her zu den Beiden getreten war, und ſagte:„Seid Ihr das Eichhörnchen ſelbſt oder hab't Ihr an eine andere Perſon dabei gedacht!“ „Nicht an eine beſtimmte Perſon,“ antwortete Ul⸗ rich;„es iſt ja kein Conterfei, ſondern ein Symbol. Wer in Unſchuld wandelt und doch vermag ſich zu den höchſten Höhen mit kühnem Sprunge empor zu heben, den mag die Schlange irdiſcher Gemeinheit und Bosheit immer verderben drohen— ja ihn gar einmal verſchlin⸗ gen, wo er ſie am wenigſten vermuthet: er war dennoch eines höhern Looſes werth!“ Der Pallirer klopſte ihm auf die Achſel und ſagte: „Grabet Euer Zeichen ein, man wird bei dieſem Symbole Eurer ſelbſt gedenken!“ Dann wandte er ſich mit einem mitleidigen Blicke ab, als habe er ſchon zu viel geſagt. Die andern Geſellen und Lehrlinge waren einſtwei⸗ len auch gekommen und das Morgengebet ward ge⸗ halten.— Es war ein ſchwüler Sommertag, eine drückende heiße Luft lag auf der Bauhütte und verbreitete in ihr einen Dunſt, der Alle läſſig oder beklommen machte. Nur Ulrich gönnte ſich nie eine Minute Ruhe, um ſein Werk zu vollenden. 193 In dem kleinen Gemach in der Hütte, neben dem großen Saal, in welchem die Steinmetzen arbeiteten, pflegte ſich der Hüttenmeiſter außzuhalten, wenn es Geſchäfte zu ordnen, Condenkte abzuſchließen oder eine Unterſuchung zu führen gab. Es war eine Art von Comptvir. Als es um die zehnte Stunde war, ließ er Hieronymus und Ulrich hinein rufen. Neben dem Hüttenmeiſter beſanden ſich zwei ältere Geſellen, die, wie es ſchien, als Zeugen dienen ſollten. Der Hüttenmeiſter begann zu den Beiden:„Es ſind ſchwere Anklagen wider Euch erhoben worden. Ich frage Euch im Namen Gottes, des Sohnes und des hei⸗ ligen Geiſtes, der heiligen Dreieinigkeit, zu der ſich die geſammte Chriſtenheit bekennt— ich frage Euch im Na⸗ men des heiligen Johannes, des erhabenen Schutzpatrones und Vorbildes aller freien Maurer: wollet Ihr die Wahr⸗ heit bekennen unerſchrocken und ohne Menſchenfurcht gleich ihm? wollet Ihr ſie bekennen, auch wenn ſie Euch hinaus in die Wüſte führte oder in's Gefängniß, oder Euch den Tod brächte?“ „Wir wollen ſie bekennen!“ riefen Beide zugleich, aber bei Ulrich klang es wie der entſchloſſene Ruf eines Märtyrers, bei Hieronymus miſchte ſich etwas wie Schreck und Furcht hinein. „Leiſtet den Schwur jetzt vor mir mit Wort und 194 Hand; was Ihr ausgeſagt hab't, werdet Ihr dann vor der ganzen Baubrüderſchaſt noch einmal bekennen müſſen!“ Nach dieſen Worten des Hüttenmeiſters leiſteten Beide den üblichen Schwur. ulrich ward einſtweilen entlaſſen und Hieronymus zuerſt verhört.„Du biſt ſammt Urich von Straßburg angeklagt worden, daß Ihr mit ehrloſem Juden gemein⸗ ſchaftliche Sache gemacht hab't und eine Judendirne mehr als einmal nächtlicher Weile in Eurer Wohnung geweſen iſt; daß Ihr mit denſelben wieder im Benediktinerklo⸗ ſter ſeid zuſammen gekommen und dann einen Mönch, der darin wohlverdienter Maaßen zum Tode verurtheilt ge⸗ weſen iſt, beſreit hab't und im Kloſter Andere dazu ver⸗ führt, Euch bei dieſem Werke zu helſen. Steh' Rede über das Alles.“ Hieronymus antwortete erſtaunt:„Das kann ich nicht, denn ich weiß von dem Allen nichts.“ „Gedenke Deines Eides!“ mahnte der Hüttenmeiſter. „Ich denke meines Eides und betheuere meine Um ſchuld!“ antwortete Hieronymus. „Uiberlege was Du ſprichſt! gedenke Deines Eides!“ wiederholte der Hüttenmeiſter;„weißt Du auch nichts von Ulrich's Schuld?“ Hieronymus ſchwieg und blickte zu Boden. Es herrſchte eine lange Pauſe und Stille— man hörte nur S „ 195+ draußen das Feilen der Steinmetzen, das gerade jetzt wie ein zur Andacht rufendes Geläute ineinander klang. Endlich ſagte der Hüttenmeiſter wieder:„Du weißt, wir drohen mit keiner Folter, um von den Unſern Ge⸗ ſtändniſſe zu erpreſſen; wir brauchen keine proſanen Mittel und Hände, um die Wahrheit von Denen zu erforſchen, die ſie verbergen und verleugnen wollen— wir kennen nur eine einzige Drohung: Wer nicht freudig die Wahrheit redet und bekennt, auch wo ſie ihm Schaden bringen kann, wer betroffen wird auf einer Lüge, wer nur im kleinſten ſich verſündigt hat an der Heiligkeit des Bu⸗ deseides— der wird ausgeſtoßen aus der Gemeinſchaft freier Maurer, die Profanen mögen ihn richten.“ Hieronymus blickte empor und ſagte flehend:„Ulrich iſt mein Bruder und Freund; er hat mir das Leben ge⸗ rettet mit Gefahr ſeines eigenen, wie Ihr wißt— ich kann nicht wider ihn zeugen.“ „Damit haſt Du ſchon ſeine Anklage ausgeſprochen,“ ſagte der Hüttenmeiſter ernſt;„aber Du weißt auch, daß die Wahrheit bei uns herrſchen muß über jedes andere Gefühl, jede andere Rückſicht; der Eid, den Du geſchwo⸗ ren, da Du Mitglied unſeres Bundes wurdeſt, band Dich früher als jeder andere; Du durfteſt gar keine andere Verpflichtung eingehen ohne dieſen Vorbehalt— Bundes⸗ brüder ſind wir alle; aber über uns Allen herrſcht Einer 196 und ein einiges Geſet, dem zu dienen mehr gilt, als unſern Gefühlen, ja dem zu Ehren wir dieſe bekämpfen müſſen, wenn ſie einmal mit ihm in Widerſpruch gera⸗ then wollen. Stehe Rede und Antwort— vielleicht kann Dein redliches Bekenntniß Ulrich eher retten als verder⸗ ben, denn ſeine Sache ſteht ſchlimmer als die Deine, und ich verlange nicht, daß Du wider ihn zeugeſt, ſondern für ihn, wenn Du es kannſt. Gedenke Deines Eides!“ Hieronymus begann:„Ein Judenmädchen, Rachel, hat ein paarmal verſucht ſich an uns zu drängen, und da wir einmal bei einem Straßenlärm vor unſerm Hauſe ihrem Vater, dem alten Gzechiel Hilfe leiſteten, da er ſonſt wäre von Betrunkenen erſchlagen worden, hatte ſich ſeine Tochter in unſer Hans geflüchtet, und Ulrich ſperrte ſie dort allein in eine dunkle Kammer, bis ſie ungefährdet heim gehen konnte. Wohl fand ich es unrecht, daß er das Mädchen ſo lange duldete, da er uns dadurch in Schande bringen könne. Zwei Tage darauf wurden wir in das Benediktinerkloſter geſandt und dann hat Ulrich nicht mehr bei mir gewohnt. Das Mädchen hatte damals einen Ring verloren, den Ulrich ihrem Vater in der Wirthſchaft des loſters wieder zugeſtellt hat; aber weiter hat er keine Gemeinſchaft mit den Juden gehabt.“ Der Hüttenmeiſter frug weiter:„Und was hab't Ihr im Benediktinerkloſter gethan— außer der Arbeit, die Eu zukam?“ 197 „Ich weiß von nichts,“ antwortete Hieronymus. „Haſt Du nicht den Mönch Amadeus ſchon vorher gekannt, der das Weihbrotgehäuſe zertrümmerte?“ „Gekannt?— nein!“ „Auch Ulrich nicht? auch nicht geſehen?“ „Geſehen— ja,“ antwortete Hieronymus nach eini⸗ gem Zögern;„Ulrich's Schwert war vor Jahren im Gedränge an dem Roſenkranz des Mönches hängen ge⸗ blieben, er hatte ſein Kreuz verloren, das Ulrich bewahrte, um es ihm wieder zu erſtatten.“ Der Hüttenmeiſter lächelte ungläubig:„Ihr hattet Glück im Finden!— Wie ſeid Ihr im Kloſter mit Ama⸗ deus in Berührung gekommen!?“ „Wenn es eine Berührung war: als ſeine Anklä⸗ ger. Wir ſahen, daß das Tabernakel gewaltſam zerſtört war— da hat er ſich ſelbſt als ſchuldig bekannt; als wahnſinnig iſt er im Gefängniß an die Kette gelegt wor⸗ den— weiter weiß ich nichts von ihm.“ „Kannteſt Du den Novizen Konrad?“ „Er begrüßte uns als Baubruder— ich mißtraute ihm, weil er von unſerer freien Kunſt der Möncherei ſich zugewendet, gleichviel ob es aus freiem Willen geſchehen oder aus Strafe.“ „Aber Ulrich traute ihm?“ „Allerdings— es ſchien ſp.“ 198 „Ihr ſeid ſchon zweimal angeklagt geweſen, Euch in Händel mit Raufbolden und Raubrittern eingelaſſen zu haben, die Frau von Scheurl zu beſchützen,“ begann der Hüttenmeiſter ein anderes Thema;„das erſtemal hat unſer königlicher Bruder Mar Euch ſelber freigeſprochen, zum andernmale hat man es Euch um deswillen nach⸗ geſehen und Ihr ſeid mit einem Verweis und einer Ver⸗ warnung, nicht unnütz das Schwert zu ziehen, davon ge⸗ kommen— weißt Du, ob Ulrich ſich weiter mit dieſem Weibe eingelaſſen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Hieronymus;„Ihr wißt, wir haben ſeit Monaten nicht mehr zuſammen ge⸗ wohnt.“ „Geh' an Deine Arbeit! Wir werden weiter er⸗ fahren, ob Du die Wahrheit geredet.“ Nachdem Hieronymus mit dieſen Worten entlaſſen war, ward Ulrich zu dem Hüttenmeiſter berufen. Er wiederholte ihm die vorige Anklage und fügte hinzu:„Ich hoffe, Du wirſt bekennen, wie Hieronymus auch bekannt hat.“ „Hieronymus!“ rief Ulrich,„er iſt unſchuldig; Alles, was Ihr mir da vorhaltet, iſt allein mein Verbrechen— wenn es eines iſt.“ Und Ulrich ſchilderte wahrheitsgetren, wie das Judenmädchen ſeinen Beiſtand für Andere an⸗ gerufen, wie er ſelbſt in jener Nacht ſie beſchützt habe, 199 weil er in ihr das edle Streben erkannt, das Unrecht zu verhüten, das ihr Vater oder andere Leute, von denen ſie es erfahren, an Andern, an Chriſten hatten begehen wollen, und wie er, um Hieronymus vor jedem falſchen Verdacht zu bewahren, von dieſem gezogen ſei.„Ich meine, ich habe kein Gelübde gebrochen,“ fügte er hinzu, „daß ich dieſes Indenkind anhörte; ſo oft es kam meine Hilfe zu fordern, war es für Andere— und ſonſt habe ich keine Gemeinſchaſt mit ihm gehabt, mich ſern und frei gehalten von allen Dingen, die wider unſere Sta⸗ tuten verſtoßen.“ „Aher Du und Hieronymus,“ fragte der Hütten⸗ meiſter,„Ihr hab't Amadeus befreit; leugne nicht, denn ich weiß es, und Du wirſt wohl ahnen, durch wen.“ Ulrich blickte auf und ſagte nach einer Pauſe:„Ich that es, aber ich allein, Niemand außer mir hat daran eine Schuld; Hieronymus hat aus Freundſchaft gelogen, wenn er ſich dazu bekannt— er kann nur durch Eure Fragen das erſte Wort davon erfahren haben.“ „Und wie konnteſt Du Dich deſſen erfrechen,“ ſagte der Hüttenmeiſter ſtreng,„wie Dich unterſtehen, Dich ſo außzulehnen wider die Entſcheidung eines geiſtlichen Ge⸗ richtes und der Gerechtigkeit des Kloſters ein Opfer zu entziehen? Wer eines ſolchen Verbrechens fähig, wie Du jetzt eingeſtanden, der wird keinen Gehorſam, kein Gebot 200 der Kirche oder unſerer Brüderſchaft mehr heilig halten, der muß ausgeſtoßen werden aus der Bauhütte, die von ihren Mitgliedern Reinheit, Gehorſam und Treue fordert. Doppelt haſt Du Dich verſündigt, denn der, dem Du aus dem Kloſter halſſt, war nicht allein ein Verbrecher an ſeinem Orden, ſondern auch an uns, den Dienern der geweihten Kunſt, da er eines ihrer herrlichſten Werke aus ſchändlichem Muthwillen zertrümmerte; ſolch' ein Scheuſal von einem Menſchen—“ „Das iſt er nicht— haltet ein!“ rief Ulrich außer ſich. „Er iſt es!“ donnerte der Hüttenmeiſter,„und Du biſt es mit, weil Du es wagen kannſt, ihn zu vertheidi⸗ gen, es wagteſt, um dieſes Ungeheuers Willen nicht nur den heiligen Kloſterfrieden zu brechen, ſondern auch Dein Gelübde und damit den ganzen erhabenen Bund der Maurerei in Dir und durch Dich, als einem ihrer Ge⸗ ſellen zu ſchänden. Du brauchſt Dich nun nicht mehr zu ſcheuen, Alles zu geſtehen, denn Du kannſt nichts mehr ſagen, das Dich unſeres Bundes unwürdiger machte, als dieſe That!— Geh' hinaus und zertrümmere auch Dein letztes Werk, und dann lengne noch, daß Du ein Ver⸗ brechen begangen, indem Du den Meißel gebrauchteſt, dieſen Heiligthum, Schänder zu befreien— oder haſt Du auch nur ein einziges Wort zu Deiner Entſchuldigung zu ſagen?“ 204 „Nur ein einziges!“ antwortete Ulrich tonlos. „Nun?“ „Amadeus wäre frei ausgegangen, wenn ich nicht an dem Tabernakel die Frevlerhand erkannt und auf Unterſuchung gedrungen hätte. Ich war an ſeinem Looſe ſchuld.“ „Das hatte Dich nicht zu kümmern, Du hatteſt recht daran gehandelt und die Strafe war des Sünders würdig— das iſt keine Entſchuldigung für Dich.“ „Nun denn, ich habe Wahrheit geſchworen— Ihr ſollt ſie haben; beſſer, daß ich ſo ſelbſt ein unſchuldig Schuldiger den Stab über mich breche, als daß Ihr es thut. Mein Geſtändniß wird mich nicht retten— aber vielleicht rettet es das Werk meiner Hände, und Ihr er⸗ laßt mir die Strafe, die Ihr drohtet. In denmſelben Augenblick, da ich den Frevler am Tabernakel angeklagt, erfuhr ich, daß ich der größere war— ich entdeckte in ihm— meinen Vater.“ Der Hüttenmeiſter hörte dies voll Verwunderung und ſagte:„Das iſt eine ſonderbare Ausflucht!— ſie ändert auch nichts an der Thatſache.“ „Ich mag dieſelbe Strafe verdienen nach den Ge⸗ ſetzen,“ ſagte Ulrich,„aber vor menſchlich fühlenden Her⸗ zen und chriſtlichen Brüdern verdiene ich Entſchuldigung. Ich allein trage die Schuld und bin Verantwortung 1859. XVII. Nürnberg. MI. 13 202 ſchuldig; wenn man Andere angeklagt hat, als hätten ſie Theil daran, ſo hat man ſich vom Scheine tänſchen laſſen— ich habe keine Genoſſen und Helfershelfer dabei gehabt, außer ſolche, welche nicht wußten, um was es ſich handelte.“ „Hieronymus, der Novize Konrad und ſogar— der Propſt Kreß ſind mit Dir angeklagt!“ ſagte der Hütten⸗ meiſter.„Jene haben Dir geholſen, Amadeus aus dem Kerker zu befreien, und dieſer hat ihn hier bei ſich ver⸗ ſteckt. Ich ſage Dir dies, damit Du nicht durch unnützes Leugnen die Sache in die Länge ziehſt.“ Ulrich gerieth in Feuer:„Ich will es beſchwören mit jedem heiligen Eid: Hieronymus iſt unſchuldig! Kon⸗ rad hat nichts gethan, als mir den Weg zu Amadeus' Gefängniß gezeigt, ohne meine Abſicht zu kennen, und der Propſt— nun, Ihr wißt, der ehrwürdige Herr hat eine einzige Schwäche— er war nicht nüchtern, da ich und Amadeus ihn auflauerten und ihn zwangen, uns in der Propſtei eine Nacht zu behalten. Werdet Ihr nicht lieber mich, als den allein oder doppelt Schuldigen be⸗ ſtrafen wollen, denn zugeben, daß über dieſe menſchliche Schwachheit unſers Gottesjunkers verhandelt werde! Wäre das nicht eine Schmach für die ganze Bauhütte? Möglich, daß er Euch lieber alles Andere eingeſteht, denn daß er trunken war und ſeiner Sinne nicht mächtig; aber ich 203 kann es beſchwören: es war ſp.“ Und nun bekannte Ulrich aufrichtig, aber alle Nitſchuld der Andern mit auf ſich nehmend, Alles ohne Rückhalt, was er gethan hatte. „Du haſt alſo ſelbſt das Vergehen eingeſtanden,“ ſagte der Hüttenmeiſter.„Du mußt an das geiſtliche Ge⸗ richt abgeliefert werden, wir haben nichts weiter mit Dir in dieſer Angelegenheit zu thun. Aber es gibt noch an⸗ dere Anklagen wider Dich. Man beſchuldigt Dich nicht nur, daß Du das Judenmädchen habeſt verführen wollen, ſondern daß Du Dich an die Frau von Scheurl gedrängt, oder Dich haſt von ihr verſühren laſſen— vielleicht zum Ehebruch— vielleicht zum Mord—“ Einen Augenblick erbleichte Ulrich, denn dieſe An⸗ klage kam ihm doch unerwartet. Stolz ſagte er:„Solch' ungerechter Anklage gegenüber habe ich keine Antwort, als meine Unſchuld zu beſchwören.“ Seine weiteren Ans⸗ ſagen über dieſen Punkt ſtimmten mit denen des Hierv⸗ nymus, und dann fügte er hinzu, daß er nur einmal im Scheurl's Hauſe geweſen ſei und mit der Hausfrau allein geſprochen habe, als er ihr den indianiſchen Raben ge⸗ bracht, den das Judenmädchen ihm für Jene übergeben. Der Hüttenmeiſter glanbte Ulrich gern, denn er hatte ihn, ſeit er in der Lorenzkirche arbeitete, gleich ſehr als Menſchen wie als Künſtler ſchätzen lernen, und ihn oft den andern Steinmetzen als Muſter vorgeſtellt; aber 204 höher als der Einzelne ſtand ihm das Ganze der Brüder⸗ ſchaft und die gewiſſenhafte Aufrechterhaltung ihrer Sta⸗ tuten. Er ſagte: „Ich habe dem geiſtlichen Inquiſitor, der Dich vor⸗ laden ließ, die Antwort gegeben, daß Du ihm heute Abend ausgeliefert werdeſt— wenn wir Pich ſchuldig be⸗ funden, als ein Ausgeſtoßener aus unſerm Bunde; wenn wir Beweiſe für Deine Unſchuld haben, aber als einen der Unſern, den wir vertreten werden vor Kaiſer und Reich, und dem kein Haar gekrümmt werden darf, es ſei denn, daß unſere oberſte Behörde, der Maurerhof zu Straßburg, zuvor ſein Urtheil gefällt. Draußen läutet jetzt die Mittagglocke— während die Andern gehen, bleibe hier und erwarte Dein Urtheil.“ Darauf entſernte ſich der Hüttenmeiſter mit dem einen Beiſitzer, der andere blieb als Wächter für Ulrich und Hieronymus zurück. Die Freunde umarmten ſich ſchweigend, da man ſie wieder zuſammen ließ. „Dir kann nichts geſchehen!“ ſagte Ulrich frendig, „Du biſt unſchuldig.“ „O hätteſt Du mir mehr vertraut,“ klagte Hiero⸗ nymus,„ich hätte Dich beſſer vertheidigen können!“ Ulrich ſchüttelte mit dem Kopf:„Von dem Augen⸗ plick an, da ich fühlte, daß der Schein gegen mich zeugen 205⁵ und mich verderben konnte, mußte ich Dich meiden, mich von Dir zurückziehen, damit ich Dich nicht mit in mei⸗ nen Sturz verwickelte. Nun begreifſſt Du wohl, warum es den Anſchein hatte, als ſei meine Freundſchaft für Dich erkaltet— aus Freundſchaft mußt' ich Dich meiden und das Band lockern, das uns umſchlang.“ Hieronymus konnte kaum ſprechen und weinte an dem Halſe ſeines Kameraden; als er ſich wieder von ihm losmachen wollte, hielt Ulrich ſeine Hand feſt und ſagte: „Laß mir jetzt die Hand noch, die vielleicht in der näch⸗ ſten Stunde ſich mir als einem Ausgeſtoßenen und Be⸗ ſchimpften für immer entziehen muß.“— Als der Pallirer wieder kam und die Glocke zur Arbeit rief, durften auch die beiden Baubrüder wieder mit an die ihrige gehen. Ulrich war es dabei wunderbar zu Muthe. Vielleicht war dies ſeine letzte Arbeitsſtunde, vielleicht ſchwang er zum letztenmale den Meißel und lenkte das Richtſcheit, vielleicht war er zum letztenmale in der Hütte, vielleicht war er in der nächſten Stunde kein Baubruder mehr— mit Schimpf und Schande aus⸗ geſtoßen aus dem geweihten Bund! Und ſeine ganze Seele hing an ihm— ſchlimmer als Tod war es, wenn man ihn ausſtieß— und doch ſah er kein anderes Loos vor ſich; aber war es ihm nur gelungen, dadurch, daß er die Schuld auf ſich allein nahm, die drei andern 206 Mitangeklagten als Unſchuldige darzuſtellen, ſo fühlte er in ſich einen freudigen Triumph, der ihn wenigſtens auf Augenblicke ſich ſelbſt vergeſſen machte. Daß in dem Verhör, als Ulrich Amadeus ſeinen Vater nannte, der Hüttenmeiſter nicht weiter danach ge⸗ fragt, das befremdete Ulrich. Seitdem er geſtern am Sterbebett ſeiner Mutter geweſen, um ihren letzten Wunſch zu erfüllen, dadurch allen Zwang von ſich werfend, den er bis jetzt ſich angethan und ſeinem kindlichen Gefühl— ſeitdem war er darauf gefaßt geweſen, daß er über ſeine Eltern verhört werden würde, und daß nun das Geheim⸗ niß ſeines Herkommens offenbar und er als unechelich geboren aus der Hütte und der ganzen Brüderſchaft ge⸗ ſtoßen werden würde. Nun hatte man dieſe Frage gegen ihn gar nicht berührt, da doch ſeine Erklärung, daß Ama⸗ deus ſein Vater ſei, ſchon eine Art von Geſtändniß war. Strahlte nicht hierin ein Hoffnungsſchimmer? Hatte nicht vielleicht der Propſt Kreß einen Beweis geſucht und ge⸗ funden, daß Amadeus und Ulrike durch Prieſterſegen ver⸗ bunden waren? Gab es für ihn wirklich noch eine Ret⸗ tung!? Der Ertrinkende in einer Fluth von Unheil ſieht in der ſchwimmenden Strohähre einen Rettungsanker. Da es ein Samſtag war, ſo ward an dieſem Tage eine Stunde früher als ſonſt zum Feierabend geläutet. Als Alle ihre Wertzeuge weggelegt hatten, pflegten 207 ſie noch zuſammen zu bleiben, weil an dieſem Tage jedem der Wochenlohn ausgezahlt ward. Da die Strafen für kleinere Vergehen wie: Betrinken, Sichverſpäten, Schim⸗ pfen u. ſ. w. meiſt in Lohnentziehungen beſtanden, die dafür in die allgemeine Büchſe floſſen, oder in Wachs, das von den Strafbaren abgeliefert werden mußte, ſo wurden auch dieſe bei derſelben Gelegenheit mit den übli⸗ chen Ermahnungen zur Beſſerung mit ertheilt. Darauf erklärte der Hüttenmeiſter, daß das geiſtliche Gericht Anklage erhoben habe wider Hieronymus und ulrich von Straßburg— daß man aber keinen Grund habe an der Unſchuld des erſteren zu zweifeln, daher derſelbe noch wie vor daheim bleiben und ruhig zur Ar⸗ beit kommen ſolle. Ulrich von Straßburg aber, der ſich ſelbſt als ſchuldig angegeben, ſolle den draußen harrenden Dienern des Gerichts übergeben werden. „Vir und die Haupthütte zu Straßburg,“ fuhr der Hüttenmeiſter fort,„ſind über ihn und ſeine Herkunft getänſcht worden durch falſche Zeugniſſe; es bewährt ſich nicht nur an ihm, daß Gott die Sünden der Väter heim⸗ ſucht an den Kindern, ſodern auch, daß kein Frevel an der Wahrheit ohne Entdeckung und ohne Rache bleibt. ulrich von Straßburg war von je ein Unehrlicher und nnreiner, der nicht in unſern reinen Bund gehört: ſein Vater war ein Mönch und ſeine Mutter eine Nonne—“ 208 „Haltet ein!“ rief Ulrich, als er auf allen Geſich⸗ tern Spuren des Abſcheus, der Verachtung oder des Spottes ſah;„haltet ein, meine Eltern ſolchen Frevels zu beſchimpfen; ein grauſames Geſchick hatte ſie getrennt, und ſie wählten das Kloſter erſt vor zwölf Jahren, um zu büßen und zu entſagen.“ „Es mag ſo ſein,“ ſagte der Hüttenmeiſter,„aber Dir geziemt zu ſchweigen; Du biſt ausgeſtoßen aus unſerem Bund! ein Unreiner, der niemals daran hätte Theil neh⸗ men ſollen. Lege Dein Wertzeug hin und kniee nieder.“ Urich gehorchte ſchweigend, ſein Antlitz ward todten⸗ blaß und er ſuchte es in ſeinen Händen zu verbergen. Der Hüttenmeiſter ſtieß ihn mit dem Fuße noch tiefer nieder, ſchritt über ihn hinweg, ſpie ihn an und ſagte:„Du Unreiner! wir haben keinen Theil an Dir! Unſere Hütte iſt beſchimpft und entweiht unſere heilige Kunſt, wenn wir Dich noch länger unter uns dulden. Mögen Dich die Profanen richten, wie Du es verdienſt, uns biſt Du nichts mehr, denn Du biſt uns zum Schand⸗ fleck geworden, und Dein Steinmetzeichen wird vertilgt werden, wo man es nur findet!“ Bei den letzten Worten war es Ulrich, als zertrete der ſchwere Abſatzſtiefel des Hüttenmeiſters ſein Haupt— einen ſolchen Schmerz fühlte er innerlich bei dieſem Spruch in den Sitz ſeiner Gedanken, die hochauſſtrebend * 209 ſchon Unſterbliches geſchaffen und noch mehr zu ſchaffen gehofft— aber ſchon ſchritten der Werkmeiſter und der Pallirer auch über ſeine zu Boden geworfene Geſtalt und wiederholten denſelben Spruch: „Wir haben keinen Theil an Dir!“ Und ſo folgten alle Geſellen mit demſelben Spruch, ſchritten über Ulrich und ſpieen ihn an. Jetzt kam auch Hieronymus an die Reihe. Er zö⸗ gerte; da traf ihn ein prüfender Blick des Hüttenmei⸗ ſters— Hieronymus mußte; wenn er nicht that wie die Andern, ſo machte er ſich zu dem Mitſchuldigen und Ge⸗ noſſen des Ausgeſtoßenen. Noch bleicher als dieſer, der für den Freund erröthete, ward Hieronymus Antlit, als er über ihn hinweg ſchritt und zitternd ſtammelte: „Ich habe keinen Theil an Dir!“ Diesmal war es Ulrich, als habe der Fußtritt ſein Herz getroffen und zertreten. Mochten nun noch die Lehr⸗ linge, die unmündigen Knaben, ihre Füße über ihn he⸗ ben und ihn beſchimpfen; mochte nun noch mit ihm ge⸗ ſchehen was da wollte— er hatte das Aergſte erlebt: der Freund, für den er ſein Leben hatte opfern wollen, der jetzt nur, weil Ulrich alle Schuld auf ſich allein nahm, ganz frei ausging— der hatte auch ſagen können: „Ich habe keinen Theil an Dir!“ Wen gab es denn nun noch, an deſſen Theilnahme er glauben durſte?— 210 Die traurige Ceremonie, die an dieſem Akt der Ausſtoßung ſich knüpfte, währte zwar lange, aber endlich war ſie doch vorüber. Zwei Steinmetzgeſellen hoben Ulrich auf und be⸗ gleiteten ihn zur Thüre, ihm dieſe öffnend. Dann ſtießen ſie ihn mit den Füßen hinaus auf den Platz, auf wel⸗ chem die Gerichtsdiener ſeiner mit Ketten harrten, und agten:„Nehm't ihn hin! er iſt kein freier Maurer mehr— wir haben keinen Theil an ihm!“— Zehntes Cagitel. DTodesurtheile. Eliſabeth war in ihrem eigenen Hauſe eine Gefan⸗ gene— ſie erklärte ſelbſt es ſein zu wollen, bis auch jede Spur des entſetzlichen Verdachtes von ihr genommen, den die Bosheit auf ſie geworfen. Wie groß auch das An⸗ ſehen war, in welchem das Geſchlecht der Behaim ſtand, gerade jetzt, da Martin dieſen Namen auch im Ausland zu hohen Ehren gebracht hatte: ſo gewannen doch jett täglich Eliſabeth's Feinde mehr und mehr Oberhand im Rath, und ſelbſt die meiſten Männer und Frauen, die ihr früher gehuldigt und geſchmeichelt, verläugneten ſie jetzt um ſo mehr, damit man im Fall, daß Eliſabeth wirklich verurtheilt werde, es vergeſſe, daß ſie einſt mit ihnen freundſchaftlich verbunden geweſen. Nur Urſula und Clara Pirkheimer waren unter den Nürnbergerinnen ihr treu geblieben und ſuchten ihr im 212 Leide beizuſtehen, wenn nicht mit Rath und Troſt— da ſie ſelbſt oft weniger hatten, als die geiſtesklare Eliſa⸗ beth, doch mit den Beweiſen ihrer Treue und einer An⸗ hänglichkeit, die eben erſt jetzt die erſte Gelegenheit fand ſich zu bewähren. An dem Tage, an welchem Eliſabeth in das Verhör beſchieden ward, war Urſula auch bei ihr und ſagte: „König Max hat einen Tag nach Augsburg aus⸗ geſchrieben zum Vergleich zwiſchen Herzog Albrecht den Baiern und dem Kaiſer Friedrich. Mein Eheherr brachte mir dieſe Kunde und er hofft, daß der König binnen Kurzem in Augsburg ſein werde. Dorthin will er reiten und dem König ſagen, wie die Nürnberger gegen Dich verfahren, und er wird keinen Augenblick zögern ihnen beſſere Sitte zu lehren und Dich zu beſchützen. Aber ſollte Stephan vielleicht den König nicht trefen oder nicht ſelbſt bei ihm Gehör finden, ſo gib ihm die Nadel mit, die er Dir einſt ſchenkte— jetzt iſt es Deine Pflicht ſie zu be⸗ nutzen.“ Eliſabeth blickte ſtoz und zürnend auf.„Welch ein Vorſchlag!“ rief ſie.„Was kann mir an einem Schutz liegen, der nicht ein Schutz meiner Ehre iſt? Und wie möchte eine Vürgerin dieſer freien Reichsſtadt ein gekrön⸗ tes Haupt anrufen, dem Nürnberger Rath Vorſchriften zu machen, die dieſer nicht bedarf? Für mich gibt es keinen 213 Schutz als meine Unſchuld, und keine Rettung als durch ſie.“ Urſula ſagte:„Gewiß wird ſie einſt an den Tag kommen, aber wer weiß, ob ſich die Sache bald auf⸗ klärt! Wenn ein Fürwort des Kaiſers es nur dahin bringt, daß man—“ Eliſabeth ſchnitt die Rede vom Munde der Freundin ab und ergänzte ſie in ihrer Weiſe:„Daß man ein Recht habe zu ſagen: Da iſt es doch erwieſen, daß Eli⸗ ſabeth Scheurl des Königs Buhlerin geweſen— wie näh⸗ me er ſonſt die Giſtmiſcherin in ſeinen Schutz? Kein Wort mehr davon! Es iſt wahrlich nicht leicht ſortzuleben unter der Wucht dieſes entſetzlichen Verdachtes, jeden Au⸗ genblick bereit vor rohen und hämiſchen Richtern zu ſte⸗ hen, die nur darauf lauern, ein ſtolzes Weib zu demü⸗ thigen; aber leichter iſt es noch, als wie ſich ihnen nur durch fremde Fürſprache zu entziehen, welche der Bosheit neue Waffen in die Hand drückt und uns vor uns ſelbſt erniedrigt.“ Eliſabeth blieb feſt bei dieſer Antwort, was auch Urſula noch dagegen reden wollte.„Wenn man nun doch keine Schonung für Dich kennt!“ rief ſie angſtvoll, „wenn man es wagen ſollte Deinen zarten Leib der Folter auszuſetzen— neben all ihren Qualen den tauſend⸗ mal entſetzlicheren durch die Blicke und Berührungen der 14 gräßlichen Folterknechte!— Wenn wir nun gar nichts weiter vom König erflehen wollen als ſeine Fürſprache, Dir das zu erſparen?“ Wohl ſchauderte Eliſabeth, aber ſie antwortete: „Gegen ſolche Entehrung wird mich dieſer Dolch be⸗ ſchützen!“— und ſie zeigte einen ſolchen, den ſie verbor⸗ gen in ihrem Trauerkleide trug;„aber ich hoffe noch, daß mich dagegen auch die Fürſprache meiner Brüder, Deines Gatten und Vaters und ein paar anderer, mir noch ergebener Rathsherren bei den Schöppen ſchützt! Nicht mit einer andern Entehrung will ich vor der einen mich retten!— Urſula, ich beſchwöre Dich! wenn die Ge⸗ fühle der Dankbarkeit, die Dich für mich beſeelen, wie Du mir immer ſagſt, Dich antreiben etwas für mich zu thun, ſo laß es das ſein, daß Du Deinen Gemahl ab⸗ hältſt, zum König zu eilen und ihm von meinem Unglück zu ſagen. Es iſt noch ein Troſt für mich, wenn er we⸗ nigſtens es nicht kennt, nicht ahnt, was der Frau ge⸗ ſchehen, die er vielleicht gerade darum vor Andern ans⸗ zeichnete, weil ſie ihn zwang an weibliche Tugend zu glauben!“ So mußte Urſula traurig auf ihren Vorſchlag ver⸗ zichten, in dem ſie einen Rettungsſchimmer für die Freun⸗ din geſehen, der ſie das ganze Glück ihres Lebens dankte. Von ihrem Bruder Georg begleitet war Eliſabeth 2¹5 „ auf das Rathhaus in's Verhör gegangen. Wer die ſchöne Frau ſo gehen ſah im kohlſchwarzen dunklen Trauerkleid, Hals und Arme von Krepp umſchloſſen, und vom Haupt herab faſt die ganze Geſtalt mit einem wallenden Krepp⸗ ſchleier umhüllt— der mußte immer geſtehen, daß in die⸗ ſer majeſtätiſchen Haltung und dem feſten Gange, den ſie angenommen, kein Schuldbewußtſein lag. Trotz aller Mühen ihrer Feinde war nichts aufge⸗ funden worden, ſie beſtimmt des Mordes ihres Gatten zu zeihen, aber eben ſo wenig ſie von dem Verdacht deſſelben zu entbinden. Sie beantwortete alle an ſie gerichtete Fragen mit einfacher Kürze und Würde, und da ſie ſich in nichts widerſprach, ſo konnte auch der gegen ſie erhobene Ver⸗ dacht keine Steigerung finden. Die Ausſage Katharina's: die Geldbörſe Scheurl's von ſeiner Gattin erhalten zu haben, wies ſie als freche Lüge zurück. Sie war bereit, ihre Ausſagen wie ihre Unſchuld zu beſchwören, erklärte aber ſelbſt, daß ſie, bis dieſe ſchauderhafte That an das Licht gekommen und ihr und dem Namen ihres Gatten vollkommen Gerechtigkeit geworden, ihr Haus nicht ver⸗ laſſen werde. Der Eindruck, den ihre Erſcheinung in ihrer ruhigen Sicherheit und weiblichen Majeſtät machte, war doch ein ſolcher, dem keiner der Schöppen und Rathsherren, die mit im Verhörzimmer waren, ſich entziehen konnte; es wagte keiner, ihr mit der Folter zu drohen, oder auch nur mit Ketten und Gefängniß; ſie laſen auf ihrer rei⸗ nen Stirn die Reinheit ihres Gewiſſens, ſie behandelten ſie mit Achtung, trotz allen Vorſätzen, welche Einige vor⸗ her daheim gefaßt, ihre Verachtung der ſtolzen Frau empfinden zu laſſen und ſie recht tief in den Staub zu treten. Sie ging ſo ſtolz und frei fort, wie ſie gekom⸗ men— und doch auch ſo niedergedrückt und bange athmend: denn ſie war ebenſo wenig frei geſprochen worden als ſchuldig erklärt. In dieſem Zuſtand verging ein Tag nach dem an⸗ dern. Denn nur in gewiſſen Fällen übte der Rath von Nürnberg ſchnelle Juſtiz: wenn es nämlich ſeinen Ruf und ſein Recht nach Außen zu wehren galt, namentlich dem Adel, Fürſten und Herren und unruhigen Grenz⸗ nachbarn gegenüber. Dann eilten die geſtrengen Herren von Nürnberg zu zeigen, daß Niemand ſie ungeſtraft kränken und beleidigen dürfe, und daß ſie ſehr wohl die Leute wären, auf Ordnung zu halten im Reich, ſich ſelbſt Recht zu ſprechen und zu ſchützen gegen die Uibergriffe Solcher, die ſich dünkten mehr zu ſein als die ehrſamen Reichsbürger, und von dieſen doch nur Placker und Stra⸗ ßenräuber, Landfriedenbrecher und Ritter von Habenichts 217 genannt wurden, wenn ſie auch noch ſo ſtolze Embleme in ihren Wappen führten. Dieſe ſchnelle Juſtiz erfuhr der Ritter Axel von Weyſpriach an ſich. Es war erwieſen und er ſelbſt hatte gar kein Hehl daraus gemacht, daß er lange Zeit in ſeiner Veſte nur von Straßenraub gelebt, und daß er den ſriedlichen Handelsleuten, die aus oder nach Nürn⸗ berg ihre Wagen und Waaren an dem ihm zugehörigen Wald vorüberführten, aufgelauert und einen Theil ihrer Waaren oſt als Löſegeld genommen hatte, daß er die Leute ſelbſt ungefährdet ziehen ließ oder ihnen nicht Alles nahm. Oſt jedoch waren ſeine Ausfälle minder gemüthli⸗ cher Art, und es kam dabei auf einige Todte nicht an, wenn durch ſolchen Raubmord nur ein einträgliches Ge⸗ ſchäſt gemacht ward. Ja, die meiſten Ritter rechneten ſich ſolche Thaten nicht etwa als verbrecheriſch und ehrlos an: im Gegentheil, dergleichen war ihnen mehr ein Scherz, ein Recht des Stärkeren, ein Sieg ihres ritterlichen, küh⸗ nen Unternehmungsgeiſtes, dem ſtillen Krämergeiſt der Städter gegenüber; den Spießbürgern geſchah ganz recht, wenn ſie um ihr Eigenthum kamen— warum wollten ſie jetzt ſo hoch hinaus und es in Allem dem Adel gleich oder zuvor thun! Ja, dieſe Raubanfälle ſteigerten ſich um ſo mehr zum Heldenthum, als ſie jetzt durch den von Kaiſer Friedrich gegebenen und vor Kurzem auf neue 1859. XVII. Nürnberg. M. 14 248 acht Jahre verlängerten Landfrieden, auch eine Aufleh⸗ nung waren gegen Kaiſer und Reich. Die trotzigen Ritter, die ſich durch die neue, zu Gunſten des Bürgerthums ſich wendende Ordnung der Dinge in ihren Rechten ſehr be⸗ einträchtigt ſahen, ſetzten eine Ehre darein, zu beweiſen, daß ſie ſich an kein neues Geſetz zu binden brauchten und daß ſie noch zeigen wollten, wer mehr Macht habe im Lande: die Bürger oder der Adel— und die Geſahr reizte nur zu um ſo frecheren Handlungen. Als Weyſpriach und Streitberg mit dem Führer jenes Waarentransportes von Augsburg zuſammengetroffen waren, der ſo wunderſame Geſchenke ſür die Behaim und Scheurl enthielt, ſo geſchah es im doppelten Intereſſe, ihm außzulauern: einmal um dieſer Gegenſtände Willen, und dann um ſich dadurch an Eliſabeth zu rächen. Das ahnten ſie freilich nicht, daß nun die Herren von Nürn⸗ berg einmal Ernſt machen würden, die Ritter als Thäter entdecken, verklagen, belagern, in die Reichsacht erklären— und ſchließlich wirklich in ihre Gewalt bekommen. Als der Raub geſchehen war und die Ritter nicht alle Kiſten mit ſich hatten fortſchleppen können, waren einige derſelben im Walde vergraben worden, um ſie ein⸗ mal bei gelegener Zeit mitzunehmen. Ezechiel und Rachel waren gerade auf einer ihrer Wanderungen über Land vorüber gekommen, und man hatte den Inden, um ſich 249 ſeiner zu verſichern, zum Theilhaber an dem Verbrechen gemacht. Damit er ſchweige, hatte man ihm einen Sack mit werthoollen Kleinigkeiten geſchenkt, und unbedacht auch den indianiſchen Raben, den Rachel aufgefangen. Nicht lange darauf mochten ihn Leute, die bei Ezechiel Geſchäfte hatten, dort bemerkt haben; aber die Chriſten, welche dies thaten, ſchämten ſich einzugeſtehen oder ſelbſt zu verrathen, daß ſie mit dem Juden in irgend welcher Berührung waren, und ſo verbreitete ſich nur ganz im Allgemeinen und ohne beſtimmte Angabe das Gerücht: die Juden hätten die indiſchen Schätze. Ezechiel ſelbſt war gerade über Land auf ein paar Tage, als das Mur⸗ ren des Volkes wider die Juden drohend ward. Rachel's Bruder Benjamin wollte den Vogel, der zum Verräther werden konnte, erwürgen und vergraben; Rachel war aber mit ihm verſchwunden, und wagte doch erſt lange nicht zu geſtehen, wie und durch wen ſie ihr Volk ge⸗ rettet Da Weyſpriach gefangen in Nürnberg war und ihm in der Eile der Prozeß gemacht ward, ſuchte er ſich wenigſtens noch dadurch zu rächen, daß er Alles an das Licht brachte, was vielleicht die Nürnberger Herren in einige Verlegenheit ſetzen konnte. Er erklärte den Inden Ezechiel als ſeinen Verräther, nachdem er den Helfers⸗ helfer gemacht, da Niemand als er in Nürnberg wiſſen 14* 220 konnte, wohin man die Kiſten gebracht— er habe es wohl der Frau Haller geſagt, deren ergebener Diener und Freund er ja ſei. Ebenſo werde es wohl die alte Jacobea gewußt haben, in deren Hauſe die Frau von Scheurl ſchon manches verliebte Abentener mit dem Steinmetz⸗ geſellen gehabt, und von deren Hand ſie wahrſcheinlich auch das Gift empfangen habe, mit dem ſie ihren Ge⸗ mahl beſeitigt— denn darauf verſtehe ſich die alte Here wie Niemand ſonſt. Die Folge dieſer und anderer Ausſagen von ihm war, daß man wenigſtens den Juden Ezechiel und die alte Jacobea einziehen mußte. Indeß konnte doch ihre Schuld oder Mitſchuld keinen Einfluß auf Weyſpriach's Geſchick haben; er hatte ſein Leben verwirkt, man wollte einmal ein Erempel ſtatuiren: er ward verurtheilt leben⸗ dig gerädert zu werden, welches Urtheil dann durch be⸗ ſondere Gnade in den Tod durch das Schwert verwan⸗ delt ward. Wohl waren damals Hinrichtungen an der Tages⸗ ordnung und das Volk war an blutige Auftritte gewöhnt— aber lange war es nicht vorgekommen, daß ein Ritter, ein Hert vom Adel war gerichtet worden. Der Bürger und Bauer hatte ſein beſonderes Ergötzen daran, daß auch einmal Einer, der ein ſtolzes Wappen trug, dem Henker verfiel. Der Tod durch deſſen Schwert war über⸗ 224 dieß die ehrenvollſte Todesſtrafe, und ſie war darum mit um ſo größern Gepränge vollzogen und lockte die meiſten Schauluſtigen herbei. Viel gebräuchlicher war es, gemeine Verbrecher am Galgen außzuknüpfen, zu rädern oder zu ſäcken, auch lebendig zu vergraben und zu pſäh⸗ len, wobei ein förmlicher Wetteifer der Grauſamkeit bei Verordnung und Vollziehung dieſer und anderer gräßli⸗ chen Strafen ſtattfand. Ganz Nürnberg war auf den Beinen, müſſig und geputzt wie an einem Feſttag, um den gefährlichen Straßenräuber ſterben zu ſehen, den Viele kannten, weil er ſich bei König Marens Anweſenheit mit unter deſſen Gefolge gemiſcht und mit den ehrſamen Nürnbergerinnen getanzt hatte. Gerade dadurch, daß ſie nun ſeiner Ent⸗ hauptung zuſahen, meinten ſie von ſich ſelbſt jeden Schimpf abzuwaſchen und den ſeinen zu erhöhen. Auch Beatrir Immhoſ und die Hallerin fehlten nicht unter ihnen an den dicht beſetzten Fenſtern des Marktes; die Hallerin hatte zumeiſt Urſache ihre Verachtung zu zeigen, denn Weyſpriach's Ausſagen über ihre feindlichen Pläne gegen die Scheurl und die Gunſt, die ſie ihm ſelbſt erwieſen, waren zu den Ohren des Rathsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre Bemühungen, Eliſabeth als ſchuldig erſcheinen zu laſſen, doppelt verdächtig, ſo daß ihm nöthig ſchien, zur äußerſten Vorſicht und Rückſicht zu rathen.— 222 Das Läuten des Armenſündersglöckchen, momentane Stille, dann Trommelwirbel und ein Aufſchreien aus tau⸗ ſend und abermals tauſend Menſchenkehlen verkündete, daß der Henker ſein Werk vollendet hatte. Ja, ſie jubel⸗ ten, die guten, geſitteten Nürnberger: es war der Triumph des Bürgerthums über das Raufboldthum der Ritterſchaft, die ſich ſelbſt um ihr einſtiges Anſehen gebracht— aber noch mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Be⸗ ſtie, die nach Blut dürſtet und ſich freut, wenn ſie wel⸗ ches geſehen. So war das Volk in dieſem Augenblick, ſo jedes menſchlichen Gefühls und höheren Gedankens baar— ein Ungeheuer, das ſich in ſeiner natürlichen Wildheit zeigte.— Auch Eliſabeth vernahm dieſe Trommelwirbel und dieſes viehiſche Gebrüll, ſo abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerüſtes war und das Zimmer, in dem ſie weilte. Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derſelben Stunde erzählt, was ihre Schweſter Charitas im Kloſter der heiligen Clara erlebt, wie ſie in der Nonne Ulrike, Ulrich's von Straßburg Mutter entdeckt, und dieſe dann nicht eher habe ſterben können, bis ſie den Sohn auf ihrem Sterbebette geſegnet. „Und jetzt höre ich,“ ſuhr Clara fort,„daß Ulrich aus der Bauhütte ausgeſtoßen iſt und gefangen fort⸗ 223 geführt worden— ich weiß nicht, welches Verbrechens man ihn zeiht!“ Eliſabeth hatte mit ſteigender Theilnahme zugehört; ſie erbleichte und erröthete während dieſer Erzählung— und jetzt, da der Trommelwirbel tönte, der das Ende ei⸗ nes Opfers der ſtrafenden Gerechtigkeit verkündete, zuckte ſie zuſammen— in demſelben Augenblick erfaßte ſie die Vorſtellung mit der furchtbarſten Angſt: wenn Ulrich auch ein ſolches Opfer wäre?— Aber nein! das war unmöglich! Wenn Ulrich ein Schuldiger war, der ihr ſo rein und heilig erſchienen, wie der heilige Johannes ſelbſt, dem er diente, dann gab es nur noch lauter Verbrecher in der Welt! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen? Wie konn⸗ ten die freien Maurer, deren Zierde und erſter Künſtler er geweſen war, ihn ausſtoßen aus ihrer Genoſſenſchaſt, wenn ſie nicht irgend eine Schuld an ihm gefunden? Aber wieder: ſie ſelbſt war ja auch eine Unſchuldige— und doch hatte man den Verdacht eines Verbrechens auf ſie geworfen, vor dem ihre reine Seele ſchauderte! Zweimal hatte er ſein Leben für ſie gewagt— jetz war es an ihr, jetzt mußte ſie Alles verſuchen ihn zu retten! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr auf.„Wißt Ihr, ob König Mar ſchon in Augsburg iſt?“ fragte ſie. Clara antwortete:„Ich glaube es“— aber ſie be⸗ griff nicht, wie Eliſabeth in demſelben Angenblick eine 224 müſſige Frage nach dem König thun konnte, wo ſie ge⸗ meint hatte, ſie ſei ganz ergriffen von Ulrich's Geſchick— und darum fügte ſie nichts weiter hinzu. Aber Eliſabeth ſagte:„Ich muß ihn retten, es iſt meine Pflicht und ich hoffe, es iſt in meiner Macht. Da mich der König mit der Nadel beſchenkte, knüpfte er das Verſprechen daran, daß ich, wenn ich einmal etwas von ihm zu bitten habe, ihm nur die Nadel zu zeigen brauche, um gewiß zu ſein, daß er meinen Wunſch erfüllt. Iſt es nur nicht ſchon zu ſpät, ſo kann ich Ulrich retten; denn in weſſen Händen er auch iſt: des Königs Fürwort muß ihn befreien— muß ihm auch bei den Banbrüdern die verlorene Ehre wiedergeben; Mar iſt ja ſelbſt ein Bau⸗ bruder und wird ſich Ulrich's von Straßburg noch gar wohl erinnern.“ „Ihr wolltet dieſen Schritt für Ulrich thun?“ rief Clara ſtaunend;„Ihr könntet das wollen?“ Eliſabeth ſuhr zuſammen— ſie war ja ſelbſt eine Gefangene! In dieſem Augenblick hatte ſie das vergeſſen, ſie hatte ja überhaupt ſich ſelbſt vergeſſen, ihr eigenes trauriges Geſchick über das eines andern theuern Weſens— nach edler Frauenart. Was ſie erſt ſelbſt zu Urſula ge⸗ ſagt, da dieſe um ihretwillen zu König Maz hatte ſenden wollen, das mußte ſie jetzt ſich erſt von Clara ſagen laſſen— und mehr als das! ſie fügte noch hinzu: 225 „So wißt Ihr nicht, wie die Rede Eurer verruch⸗ ter Feinde in Nürnberg geht? daß diejenigen, die den ſchrecklichſten Verdacht auf Euch werfen, auch noch hinzu⸗ fügen: Ihr hättet die gräßliche That vielleicht um die⸗ ſes Baubruders Willen gethan?“ „Herr des Himmels!“ rief Eliſabeth und verhüllte ihr Geſicht. „Verzeiht mir!“ ſagte Clara;„ich würde Euch die Kränkung dieſer Rede erſpart haben, wenn es nicht hätte geſchehen müſſen, Euch Schlimmeres zu erſparen. Ihr dürft dieſen Schritt nicht thun!“ Eliſabeth richtete ſich groß und ſeierlich nach einer langen Pauſe auſ. Mit Hoheit ſagte ſie:„Ich werde dieſen Schritt thun, und wenn man mir nicht ſelbſt ge⸗ ſtattet mit ſicherem Geleit gen' Augsburg zu reiſen, ſo werde ich Stephan Tucher's Vermittlung annehmen. Wenn ich ein Mittel habe, einen Unſchuldigen zu retten, und nütze es nicht, dann bin ich vor Gott und mir ſelbſt die verworfene Mörderin, zu der dieſer hochweiſe Rath von der Welt mich machen möchte. Der Schein hat mir ſtets weniger gegolten als das Sein, und wo ich ihn bewah⸗ ren wollte, da iſt er mir und Andern nur zum Fluch gewerden!— Der Propſt Kreß,“ fragte ſie ſpäter,„ſagtet Ihr, ſei ſein Oheim! Ich muß ihn noch heute ſprechen, 226 er wird mich näher über Ulrich unterrichten können— vielleicht mich zum Könige begleiten.“— Noch war Clara bei Cliſabeth, als Martin und Georg Behaim kamen, begleitet von Stephan von Tucher, ſeinem Vater und auch dem andern Looſunger Herrn Holzſchuher. Was wollten die beiden Lvoſunger bei ihr mit der freundlichen Amtsmiene? Sie richtete ſich ſtolz empor und trat ihnen mit imponirender Würde entgegen. Die beiden alten Herren verneigten ſich, küßten Eliſabeth's Hand und Georg ſagte:„Heute iſt ein Tag, an dem die Behaim endlich gerächt und gerechtfertigt worden. Der Ritter, der uns ſo frech beſtohlen, hat durch das Schwert geendet, und durch ihn hat es ſich ſichtbar gezeigt, wie die Heiligen noch Macht haben, das Werk der Teufel zu zerſtören und an's Licht zu bringen und gut zu machen, was die Gottloſen beſchloſſen hatten böſe zu machen.“ „Ihr werdet gerechtfertigt ſein und Euer ſeliger Eheherr gerächt!“ ſagte der alte Herr von Tucher.„Wir kommen ſelbſt zu Euch, um die erſten zu ſein, Euch dazu unſern Glückwunſch zu bringen und Euch unſerer Ehrer⸗ bietung zu verſichern.“ Sie meinten Eliſabeth in einen Frendenſturm aus⸗ brechen zu ſehen oder ein Wort des Dankes von ihr zu N erhalten— aber ſie ſagte ruhig, als habe ſie dieſe Uiber⸗ raſchung längſt erwartet:„Ich war auch nahe daran zu verzweifeln an dieſem hochedlen Rath von Nürnberg, der ohne Urſache und Recht es wagen konnte, die Witwe eines ihrer Mitglieder unglimpflich zu behandeln.“ Herr Holzſchuher biß ſich in die Lippen; er meinte, daß ſie doch außerordentlich glimpflich mit einer Verdäch⸗ tigen verfahren ſeien— ſie hatten ihr Gefängniß und Tor⸗ tur erſpart! Und nun erzählte Herr Tucher in langer förmlicher Rede, wie Katharina auf der Folter endlich Alles eingeſtandrn, was ſich wirklich ereignet hatte— wie ſie geglaubt, das Giſt, das ihr die alte Jacoben gegeben, ſei nur ein Schlaſtrunk. Man habe ſich dieſer bemächti⸗ gen wollen, aber ſie ſei nicht außzufinden geweſen. Der Ritter von Weyſpriach hatte dieſelbe Jacobea als Hehle⸗ rin, Kupplerin und Giftmiſcherin angegeben, wie auch, daß ſie in einer Waldhöhle, die er genau beſchrieb, einen Schlupfwinkel habe für ſich und geraubtes Gut. Dort hatte man ſie auſgegriffen. Zwar hatte es lange gedauert, ehe ſie gleich Katharinen bekannte, aber endlich hatte ſie doch die Folter nicht länger ertragen, die ganze Wahr⸗ heit war an den Tag gekommen und dadurch Eliſabeth's Unſchuld. Beide Frauen wurden zu einem ſchimpflichen Tode verurtheilt: ſie ſollten geſackt werden und von der 228 Brücke in die Jegnitz geworfen— um auch durch dieſe Todesart die venetianiſche Geſetzgebung nachzuahmen. Durch Eliſabeth's Fürſprache für Katharina ward es er⸗ langt, daß ſie ihren Sohn Konrad vor ihrem Tode noch ſollte ſehen dürfen. Elftes Cnpitrl. Des Narren Gnadenſpende. Das Schrecklichſte war Ulrich geſchehen: er war ausgeſtoßen aus dem heiligen Bruderbund der ſfreien Steinmetzen, dem er ſeine ganze Seele und ſein ganzes Leben geweiht hatte— was nun noch geſchehen mochte, kümmerte ihn nicht mehr. Ob er lebendig begraben wer⸗ den und verhungern ſollte, vielleicht in demſelben grauen⸗ vollen Gewölbe, dem er ſeinen Vater entriſſen; ob er beſtimmt war, auf einem Holzſtoß zu enden, ein Opfer unſeliger Vorurtheile— welche Marter und Qual man ſonſt für ihn ausgeſonnen, das ließ ihn gleichgültig. Die gräßlichſte Marter hatte er erlebt— das war da ge⸗ weſen, als man in der Bauhütte ihn verurtheilte und ſich von ihm losſagte, als jeder Baubruder einzeln und auch ſein Freund Hieronymus zu ihm ſagen konnte: Ich habe keinen Theil an Dir! 230 Für ihn ſchien es kein Weſen mehr zu geben, das Theil an ihm hatte! Auch der Propſt Kreß, ſein Ohm, mußte ſich von ihm gewendet haben. Während ſeiner Ver⸗ urtheilung war er wieder krank und nicht mit in der Hütte geweſen; aber wie Ulrich erfuhr, hatte der Propſt über Ulrich's Herkommen, das dieſer allerdings ſelbſt ver⸗ rathen, die ausführlichſte Aufklärung gegeben, in der Be⸗ ſtürzung, in die er gerathen, als er fand, daß die längſt gefürchtete Unterſuchung nun nicht mehr zu unterdrücken war. Sich ſelbſt ſtützte er außer auf ſeine geiſtliche Würde auf das Recht des Stärkeren, das Amadeus und Ulrich gegen ihn geübt— und dem er unterlegen ſei. So war ihm der Propſt ein freundlicher Gönner im Glück, ein Beiſtand und Berather auch in der Noth geweſen, ſo lange er ſie glaubte von Ulrich und ſich ſelbſt abwenden zu können; aber da trotz ſeiner Warnungen und Ver⸗ ſuche dem Unheil zu begegnen, es endlich doch über Ul⸗ rich kam: da nahm er es an, daß dieſer alle Schuld ſich ſelbſt auflud— und ſuchte ſich ſelbſt davon zu beſreien. Um Vater und Mutter litt Ulrich dieſe Qual. Ein Leben voll ungeſtillter Sehnſucht nach dem Sohne hatten ſie geführt; redlich mit ſich gekämpft, um ſeinetwillen auf ein Wiederſehen mit ihm zu verzichten, damit er nie das unſelige Geheimniß ſeiner Geburt erfahre— und nun, nach ſo langer Zeit hatten ſie es doch verrathen! Nun 231 hatten die ſegnenden Elternhände auf ſeinem Haupt ge⸗ ruht— es waren nur Augenblicke geweſen voll Kampf und Qual und Wehmuth— und wie theuer waren ſie erkauft! Wie hatte Ulrich nur allein ſeiner hohen Kunſt gelebt! wie war ihm jede Verſuchung leicht geweſen zu überwinden, die ihn einmal zum Niedern ziehen wollte, ſchon allein durch dieſen heiligen Schwung ſeiner Seele, die vom Gemeinen und Rohen ſich abgeſtoßen fühlte! Wie redlich hatte er mit ſich gekämpft, wenn die Verſu⸗ chung kam in einem reizenderen Gewande, mit einem Blick der auch zum Himmel flog, in ihm den ſeinen zu begegnen— aber doch in irdiſch ſchöner Form, an die er nie ſich hingeben durſte! Der Schwärmerei widerſtand er nicht, aber ſie machte ihn nur begeiſterter und wei⸗ cher und lockte ihn zu keiner Sünde. Nur der Verſuchung, die von Elternhand ihm kam, hatte er nicht zu wider⸗ ſtehen vermögen. So wenig wie ſein Daſein überhaupt ein Verbrechen war vor Gott, da es die Welt und zu⸗ mal die Satzungen des Bundes, dem er angehörte, es doch dem Unſchuldigen ſelbſt dazn machten: ſo wenig war ein Verbrechen vor Gott, wenn der Sohn den Vater vom entſetzlichſten Tode rettete, als deſſen Urſache er ſich ſelbſt anklagen mußte; aber es war ein Verbrechen vor der Welt und vor dem Gericht, daß er ihm ein Opfer entzog. Er war vor ſich ſelbſt auf der Hut geweſen, nicht 232 nach ſeiner Mutter zu forſchen, und da er erfuhr, wie nahe ſie ihm war, und in's Claragäßlein zog, um ihr noch näher zu ſein: da hatte er dennoch jeder Verſuchung widerſtanden, ſich und ſie zu verrathen; aber wie hätte er mögen die Mutter auf dem Sterbebette ſich vergeblich nach ihm ſehnen laſſen— wie hätte er mögen dem eige⸗ nen Sehnen widerſtehen, den letzten Segen ſeiner Mutter zu erhalten? Nun war es geſchehen— nun war es vor⸗ bei; er hatte keine Mutter mehr, und ihr Segen war ihm doch zum Fluch geworden, der flüchtige Vater ahnungs⸗ los ihm ſelbſt zum Verräther! Er hatte nichts gewonnen und Alles verloren! Als man ihn vor dem geiſtlichen Gericht verhörte, bekannte er wieder, was er vor dem Hüttenmeiſter be⸗ kannte. Sein Urtheil lautete in erſter Inſtanz auf Tod durch das Feuer. Er vernahm es mit ruhiger Reſignation. Mochte mit ihm geſchehen, was da wollte— er gehörte ja nicht einmal in das Leben— ſeine bloße Exiſtenz ward ihm ja ſchon zum Verbrechen angerechnet. Er hatte von aufgeklärten, begeiſterten Männern ſprechen hören, die in Koſtnitz noch vor ſeiner Zeit den Flammentod für ihre Uiberzeugung erlitten und auf dem Holzſtoß noch fromme Triumphgeſänge angeſtimmt hatten. Hätte er doch auch ſo leiden dürſen für eine höhere Idee! Aber aus dem 23 ſchönſten und freieſten Bunde, der zu ſeiner Zeit beſtand, aus einem kunſtgeweihten Leben war er ausgeſtoßen worden, nur um eines blinden Vorurtheils Willen— und ſterben ſollte er für eine That, zu der ſein Gewiſſen und natürliches Gefühl ihn gedrängt. Das war es, warum er nur bitter lächelte und nicht frendig, da ihm das To⸗ desurtheil verkündet ward. Aber es konnte noch nicht ſogleich vollzogen wer⸗ den, denn die Schöppen vom Nürnberger Stadtgericht bedurſten ſeiner als Zeugen im Prozeſſe wider die Ju⸗ den.— Der Rath von Nürnberg trachtete demnach eine Ge⸗ legenheit zu ergreifen, ſich der Jnden für immer zu ent⸗ ledigen. Konnte zu den vielen Anklagen, welche gegen ſie vorlagen, ſich nun auch noch die geſellen, mit den Raub⸗ rittern geheime Verbindungen unterhalten zu haben, ſo hoffte der Rath endlich vom Kaiſer die Erlaubniß zu er⸗ halten, die Juden ganz und für immer aus der Stadt zu vertreiben. Es durſte daher nichts verſäumt werden, neue Schuldbeweiſe gegen ſie vorzubringen, und dazu ſollte nun auch Ulrich mithelfen. Denn Martin Behaim, der von Fliſabeth erfahren, daß ſie Ulrich's Kunde die Ret⸗ tung ſeiner Schätze verdanke, wollte ſich ihm dankbar er⸗ zeigen, und hatte ihn als den Uiberbringer des Vogels genannt. Es war wichtig von ihm zu erfahren, wie er 1859. XVII. Nürnberg. MI. 15 234 in den Beſit deſſelben gekommen, und ob er wirklich, wie man munkelte,„dieſe Nachricht einer hübſchen Judendirne abgeſchwatzt“ und welche Beweiſe er für die Betheiligung der Juden an jenem Raub etwa zu ſchaffen wiſſe. Indeß hatte Eliſabeth Scheurl den Rropſt Kreß ge⸗ ſprochen und von ihm erfahren, wie es um Ulrich ſtand. Er jammerte ihn— aber da er nicht abſah, was er ſelbſt thun konnte, das Geſchick des ausgeſtoßenen Baubruders zu mildern, war er nun ſelbſt auf der Hut das ſeinige nicht mit ihm zu verknüpfen; ſah er aber ohne Gefahr für ſich ſelbſt eine Möglichkeit Ulrich zu retten, ſo war ſie ihm tauſendmal willkommen. Als ihn daher Eliſabeth für ihr Vorhaben in's Vertrauen zog und dafür wieder Vertrauen von ihm verlangte, da gab er es ihr mit Freuden und verheimlichte ihr nichts, was ihr bei ihrem Vorhaben förderlich ſein konnte. So ernſt und heilig ihm die Sache war— es ſpielte doch dabei ein ſchlaues Lächeln um ſeinen Mund: er behielt doch recht, daß der Bau⸗ bruder vor den Augen der ſtolzen Eliſabeth Gnade ge⸗ funden; daß die Angſt, welche ſie um ihn empfand, der Entſchluß, auch das Aeußerſte zu ſeiner Rettung zu ver⸗ ſuchen, mehr war als Dankbarkeit— ja, er ging in ſei⸗ nem Mißtrauen noch weiter: er begriff wohl, daß Eliſa⸗ beth's unbegrenzter Stolz ihr nicht erlaubt hatte die Hilfe des Königs für ſich ſelbſt anzurufen, da ſie derſelben be⸗ 235 durft hätte, daß ſie nicht ertragen mochte, ſich ihm ver⸗ dächtigt und erniedrigt zu zeigen— aber er dachte, daß ſie wohl gern eine Gelegenheit benutze, König Mar wie⸗ der an ſich zu erinnern. In der That war es eine günſtige Zeit, in welcher ſie nach Ausgsburg kam. König Max hatte eben eine der ſchönſten Handlungen ſeines Lebens gethan: einen unheilvollen Krieg im Herzen Deutſchlands deutſcher Heere wider einander verhindert und damit gleichzeitig inmitten der eigenen Familie endlich Frieden und Verſöhnung ge⸗ ſtiftet. Der ſchwäbiſche Bund hatte dem Aufruf Kaiſers Friedrich gehorſam, wider den Baiernherzog Albrecht, ſeinem Schwiegerſohn, der ſich ohne ſein Wiſſen und Willen mit Friedrich's Tochter Kunigunde vermählt hatte, ein mächtiges Heer in's Feld geſtellt, in welchem 2150 Reiter, 18.000 Mann Fußvolk und 57 Kanonen, von freien Rittern und Knechten aber 1600 gezählt wurden. Da erkannte Herzog Albrecht die Bedenklichkeit des Strei⸗ tes. Er ſprach die Hilfe ſeiner Vettern, der Pfalzgrafen an, doch ſelbſt Herzog Georg von Landshut ſchrieb ihm ab und gab ſogar die ihm verpfändete Markgraſſchaſt Burgau heraus, um nur den Frieden des Kaiſers zu be⸗ halten. Er ſchrieb an die Reichsſtände und erbot ſich vor dem römiſchen Könige, vor den Kurfürſten von Mainz 15* 236 und Trier, dem Graſen Eberhard von Würtemberg, ja ſelbſt vor des Bundes Häuptern wegen Regensburg vor Recht zu ſtehen: aber das Reichsheer achtete nur auf den Befehl ſeiner Führer, namentlich des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, und bewegte ſich vorwärts. Bei Sta⸗ del, wo die Herzoge Wolfgang und Chriſtoph mit 200 Mann zu Pferde und einigen Hundert Mann Fußvolk hinzuſtießen, ward eine Brücke über den Lech geſchlagen und das Heer hinübergeführt. Es nahm ein Lager bei Kaufring, unweit der ſchlagfertigen Baiern ein. In dieſem Augenblicke, wo man eine blutige Schlacht zweier deutſcher Heere gewärtigte, erſchien König Max im Lager und verkündigte, daß er einen Tag nach Augs⸗ burg zum Vergleich dieſer Sache angeſetzt habe, und daß Herzog Albrecht denſelben mit der Abſicht beſchicken wolle, den Wünſchen des Kaiſers Genüge zu leiſten. Brüderlich und dringend hatte Max ſeinen Schwager ermahnt, dem Unglück des deutſchen Vaterlandes, auf dem ohnehin große Noth der Theuerung laſtete, durch verſtändige Nachgie⸗ bigkeit Einhalt zu thun, es nicht geſchehen zu laſſen, daß durch den Trotz der Fürſten Tauſende ihrer Tapfern in den Tod gejagt würden, ohne dem Vaterlande einen Ge⸗ winn zu bringen. Seine Schweſter Kunigunde hatte ihre Bitten mit den ſeinigen vereinigt, und ſo gab Albrecht endlich nach. Von frohen Hoffnungen beſeelt kam Mar 237 in das Lager des Reichsheers, und nachdem er von dem Markgrafen Friedrich einen Waffenſtillſtund erlangt, nahm er die Bundeshauptleute Hugo von Wartenberg und Wilhelm Beſſerer mit ſich nach Angsburg, wo Herzog Georg ſchon mit Vollmacht ſeines Vetters Albrecht war⸗ tete und auf die an dieſen geſtellte Forderung ſolche Si⸗ cherheit gab, daß noch vor Ende des Waffenſtillſtandes der kaiſerliche Fiſtal Johann Keßler dem Heere den Austrag des Streites und die Einſtellung der Feindſelig⸗ keiten verkünden konnte.— Wie freute ſich Mar, daß es ihm endlich gelungen war die Seinen zu verſöhnen, woran er ſeit acht Jahren vergeblich gearbeitet hatte! Keine Stunde länger als nö⸗ thig mochte er im prächtigen Augsburg bleiben, ſondern wollte zu Herzog Albrecht eilen, um ihn und Kunigunden mit ſich nach Linz zu führen zu dem greiſen Vater, da⸗ mit er vor ſeinem Ende noch ſegnend die Hand auf das Haupt der erſt verſtoßenen Tochter lege und zum erſten⸗ male ihren Gatten als Sohn willkommen heiße!— In dieſem Augenblicke war es, als Eliſabeth von ihrem Bruder Georg und Stephan Tucher begleitet in Augsburg eintraf. Schon war der König zur Abreiſe ge⸗ rüſtet und ſaß mit Kunz von der Roſen beim Frühſtück, um noch einen kräftigen Imbiß mit auf den weiten Weg zu nehmen. Noch einmal ſtieß dieſer fröhlich mit ihm an auf 238 das gelungene Friedenswerk— da trat ein Edelknabe ha⸗ ſtig ein, ſo daß Max aufbrechend rief:„Nun, ſind die Roſſe geſattelt und gezäumt? Auf mich ſoll Niemand zu warten haben!“ „Verzeiht,“ antwortete der Eintretende,„ich wollte wohl Euren Befehl folgen, Niemanden votzulaſſen, da Ihr durchaus nicht aufgehalten ſein wollt; aber eine trauernde Dame verlangte von mir Euch gemeldet zu werden, und da ich mich deſſen weigern wollte, gab ſie mir dieſe Nadel— ich müſſe ſie Euch geben, dann werde ſie nicht vergeblich bitten.“ Max blickte ſinnend auf die Nadel und fragte:„Hat ſich die Dame nicht genannt?— In Trauer ſagſt Du?— Nun, führe ſie nur herein!“ Aber Kunz hatte kaum die Nadel geſehen, als er rief:„Das iſt Nürnberger Hand! Wahrhaſtig, Ihr Kö⸗ nige hab't doch das ſchlechteſte Gedächtniß, der Narr muß es immer für Euch haben— ſelbſt für Eure Narr⸗ heiten! Die Nadel ſchenktet Ihr einſt der ſchönſten Nürn⸗ bergerin und ihrem Gatten zur Nadel den Adel! Wenn Ihr FEliſabeth Scheurl vergeſſen hab't, weil ſie tugend⸗ hafter blieb als Andere, die Euch gefielen, ſo habe ich ſie mir deshalb um ſo beſſer gemerkt— denn ein Narr merkt ſich die Ausnahmen immer beſſer als die Regel.“ Auch ohne dieſe Mahnung würde der König, als 239 Eliſabeth ſelbſt vor ihm ſtand, ſogleich ſeiner ſchönen Wirthin und ſeines königlichen Wortes eingedenk geweſen ſein, denn ihre Erſcheinung übte denſelben magiſchen Ein⸗ druck auf ihn wie einſt, umhüllte ſie auch jetzt die dunkle Trauerkleidung ſtatt dem gewählten Putz in dem er ſie ſonſt geſehen. Auf den Lippen des luſtigen Rathes erſtarb vor ihrem Blick auf dieſe Trauerzeichen und der ſchmerzlichen Bewegung, die aus Eliſabeth's Mienen ſprach, wohl der Scherz, aber nicht die herzliche Anrede, mit welcher er ſie begrüßte. So fand ſie ſchnell ein williges Gehör. Der König überreichte ihr die Nadel wieder und ſagte:„Nehmtt ſie noch einmal aus meiner Hand als mein Verſprechen Euer Geſuch zu gewähren, dafern das in der Macht des rö⸗ miſchen Königs iſt. Ich ſehe Euch in Trauer wieder!“ Sie erwähnte nur kurz, daß ſie Wittwe geworden, und ſagte dann:„Ich komme nicht, um für mich ſelbſt zu bitten, ſondern für Einen, der, obwohl mir ein Frem⸗ der, zweimal ſein Leben einſetzte, das meine zu retten oder mir einen Schimpf zu erſparen— ich komme, um von Euch das Leben und die Ehre eines Baubruders zu erbitten, dem Ihr einſt in Nürnberg auch Eure Huld er⸗ wieſet— ich bitte für Ulrich von Straßburg. Den kö⸗ 240 niglichen Baubruder ruf' ich an, ſich des Baubruders zu erbarmen.“ Max runzelte die Stirn.„Einen königlichen Bau⸗ bruder,“ ſagte er,„gibt es nicht. Als freier Maurer bin ich nur der Bruder Mar und habe nicht mehr Macht als die andern— als König hab' ich die Statuten der Bauhütten beſtätigt, als Baubruder muß ich ihre Ent⸗ ſcheidungen ehren!“ Eliſabeth erzählte ſo kurz als möglich Ulrich's Ge⸗ ſchic; daß er aus der Bauhütte ausgeſtoßen worden, weil er nicht ehrlich geboren ſei, und daß er nun zum Feuertode verurtheilt worden, weil er ſeinen Vater aus gräßlichem Gefängniß beſreit. Sie hatte weder einen Na⸗ men, noch irgend eine Perſon in dieſer traurigen Ge⸗ ſchichte vergeſſen; aber mit beſonderer Begeiſterung ſagte ſie Alles, was zu Ulrich's Lob und Entſchuldigung ſich ſagen ließ: wie er ſelbſt erſt vor Kurzem das Geheim⸗ niß ſeiner Geburt erfahren, und wie er nichts gethan habe, was nicht eher Bewunderung als Straſe verdiene. Wohl war Mar gerührt— aber er wußte ſelbſt kei⸗ nen Ausweg. „Ei was,“ ſagte der Narr, der niemals ein Freund der Geiſtlichkeit war, auf ihre Koſten immer am meiſten ſpottete und ſich freute, wenn er ihrer Macht ein Schnipp⸗ chen ſchlagen konnte,„wenn es nicht wahr ſein ſoll, was 241 ich Dir ſchon geſagt, daß Du ein gut Theil Deiner Macht aus den Händen gegeben, als Du die Bulle des Papſtes Innocenz VIII. über den Hexenprozeß in Deutſch⸗ land beſtätigt, ſo zeige wenigſtens, daß Du die Inguiſi⸗ tion nicht duldeſt— oder laß Dir von den Pfaffen hel⸗ fen, ſtatt daß Du ihnen hilſſt. Hat der Maurerhof von Straßburg dreißig Jahre lang ein Auge zugedrückt über Ulrich's Herkommen, ſo iſt's wohl auch kein Unglück, wenn es länger geſchieht. Erkläre Du und laß es von einem Biſchof oder in Rom, wenn es ſein muß, beſtäti⸗ gen, daß Ulrich als ehrlich Geborner zu betrachten, weil ſeine Eltern Buße gethan haben im Kloſter, und weil er ſelbſt ein braver Kerl und rechter Baubruder geworden: ſo iſt's gut, die Hütte muß ihn wieder mit Ehren auf⸗ nehmen und die Pfaffen müſſen ihn auf Dein Fürwort herausgeben; er iſt mit eingeſchloſſen in den großen Gnadenakt, den Du im Reich erlaſſen mußt, weil Dir ein Friedenswerk gelungen, das mehr noch als Deinem Lande Deinem Herzen und— dem Hauſe Habsburg zum Glück gereicht. Mir ſcheint, ſo iſt's nun chriſtlich gehan⸗ delt: wenn der Sohn dadurch, daß er wohl gerathen und auch vom vierten Gebot nicht gelaſſen hat, die Schuld der Eltern ſühnen kann— das Umgekehrte, daß ihre Schuld an den Kindern heimgeſucht werde, das überlaß den Juden.“ 242 Eliſabeth's Augen ſtrahlten; ſie faßte Kunzen's Hand und rief:„O wohl mir, daß ich in Euch einen Für⸗ ſprecher gefunden, wo mir ohne denſelben Rath und Hilfe fehlen würden!“ „Ihr würdet meiner nicht bedurft haben,“ ſagte Kunz,„wenn Ihr für Euch ſelbſt etwas erbeten hättet; Ihr wißt, daß es den ritterlichſten König immer ver⸗ droß, daß Ihr bei ihm— an Andere denkt!“ Das traf. Max zog die Augenbrauen unwillig auſ und ſagte zu Eliſabeth:„Da der Narr beſſern Rath weiß als ich, ſo mag er die Papiere, die ich Euch als Freibriefe für Euren Schützling oder Schützer mitgeben will, nach Gutdünken ausfertigen. Ich habe Euch mein Wort gegeben, das die Erfüllung Eurer Bitte im Vor⸗ aus gewährleiſtete— es ſoll mir eine Warnung ſein, ſchö⸗ nen Frauen gegenüber damit künftig vorſichtiger zu ſein. Ich liebe dieſe willkürlichen Handlungen nicht, zu denen Ihr mich drängt!“ „Hoho!“ ſagte der Narr, indem er eifrig auf große Stempelbogen ſchrieb,„die Willkür der Gnade iſt mir immer lieber als die der Rache. Das deutſche Reich iſt ohnehin nicht in ſonderlicher Ordnung, und der Wirrwarr wird nicht größer, wenn Du einmal Gnade vor Recht angehen läßt. Biſt Du erſt Kaiſer, haſt Du aus den jetzigen ſchwachen Verſuchen, den großen und kleinen 6 243 Raufereien und Zänkereien einen Damm entgegenzuſetzen, einen wahrhaften, dauernden, ewigen Landfrieden geſtiſtet und ein Reichskammergericht eingeſetzt, das auf Ordnung ſieht im Großen und Kleinen, dann bin ich gewiß der Letzte, der Dich zum eigenmächtigen Handeln drängt. Aber ſo lange Du Andere eigenmächtig das Böſe thun ſiehſt, kannſt Du auch eigenmächtig das Gute thun— dadurch wird weder das Reich zu Grunde gehen, noch das Haus Habsburg!“ Als Eliſabeth aus Kunzen's Händen die königlichen Schreiben mit der Unterſchriſt und dem Siegel Maren's empfing, wies der Narr ihren tiefempfundenen Dank zu⸗ rück, indem er ſagte:„Ihr kamet zur guten Stunde und hab't mir mehr geholfen, denn daß ich Euch geholfen hätte. Ich hatte ſchon daran gedacht, daß ein Friedens⸗ und Freudenfeſt, wie die Verſöhnung des Kaiſers mit ſei⸗ nen Kindern, überall einen Nachhall finden ſollte und einige arme Teufel aus Schöppen⸗ und Pfaffenhänden beſreien; aber die Majeſtät meinte erſt, es ſei ſchon ge⸗ nug, daß die ganze Heeresmannſchaft wieder heimgehen könne zu den Ihrigen— wenn er gleich das ſchöne Heer lieber beiſammen behielte, es an die flandriſchen und franzöſiſchen Grenzen zu ſchicken— und da war es gut, daß Ihr kamet und ich mein eigenes Wünſchlein hinter die Bitte aus ſchönen Frauenlippen verſtecken konnte. 244 Es ſchadet nichts, daß die Eva den Adam verführte, wenn auch erſt damit ſo viel Unheil in die Welt gekom⸗ men: das Gute hat es gehabt, daß ihre Töchter ihre Macht über die Männer kennen und ſie manchmal ver⸗ führen— zu etwas Gutem.— Nun kehret glücklich heim nach Nürnberg; Ihr werdet wohl bald wie Penalope von Freiern belagert ſein— und wenn Ihr wieder Hochzeit haltet, ſo bittet mich zu Gaſte wie zu der der Jungftau Muffel. Eliſabeth erwiederte ruhig„Hoffentlich findet ſich eine andere Gelegenheit, Euch wiederzuſehen; ich glaubte, Ihr dächtet beſſer von mir, als zu denken, daß ich zum zweitenmale—“ Sie ſtockte und er ſagte:„Das iſt die Redensart aller Witwen, ſo lange ſie trauen; aber dann—“ „Verzeiht,“ unterbrach ſie ihn,„Ihr ließt mich nicht ausreden— ich wollte ſagen: um zum zweitenmale eine Thorheit zu begehen. Ihr ſeh't, ich habe Offenheit von Euch gelernt— und auf Heuchelei mich niemals ver⸗ ſtanden!“ Er drückte ihr die Hand und ſagte:„Es iſt doch Schade, daß Ihr kein Mann geworden ſeid; Ihr könntet vielleicht einmal als mein Nachſolger Euer Glück machen. Ihr verſteht Euch darauf, Scherz und Ernſt ſo zu ver⸗ mengen, daß die Wahrheit heraus kommen muß— und die hören gewiſſe Perſonen nur in ſolchem Gewande.— Wenn wir durch Wien reiſen, werden wir Konrad Celtes treffen, der dort an der Univerſität auch die Wahrheit redet und dafür wirkt, daß ſie mit der Schönheit die Geſittung und das deutſche Bewußtſein fördere in deut⸗ ſcher Nation— darf ich ihm einen Gruß von Euch ver⸗ melden und Alles ſagen, was wir hier verhandelt haben?“ „Alles!“ antwortete ſie;„ſag't ihm, daß Eliſabeth Scheurl ſtolz iſt auf ſeine Achtung, wie es einſt Eliſa⸗ beth Behaim auf ſeine Liebe war, und daß ſie der ho⸗ hen Bahn ſich freue, die ſein Genius wandle. Sag't ihm, daß gleich wie er bemüht ſei, vaterländiſchen Sinn zu wecken unter den Gelehrten wie unter der Jugend, und dem deutſchen Volle zu zeigen, daß es eine Geſchichte habe:— Eliſabeth ſeinem Streben zu folgen vermöge, und ſo viel ſie ſelbſt es könne, deutſche Art und Kunſt mit fördern helfe in ihrem Kreiſe; daß ſie alle Schätze, mit denen ſie geſegnet ſei, ſortan nur dazu verwenden werde, und daß wir, wie weit getrennt auch immer, uns in jenem höhern Menſchheitsleben begegneten, das durch ein ſegenbringendes Streben für Andere, und wenn auch erſt für ſpätere Geſchlechter, wenigſtens in einzelnen Veihe⸗ ſtunden für alle Entbehrungen irdiſchen Glückes entſchä⸗ digen kann!“ „Und ich werde hinzufügen,“ ſagte Kunz als letztes 246 Abſchiedswort,„daß Ihr mir ſonſt nur wie eine edle Königin, heute aber wie der Genius der leidenden Menſch⸗ heit erſchienet, und daß Ihr von hier ſchiedet mit ſo ſtrahlenden Augen, wie eben dieſer Genius, wenn er die Thränen von Tauſenden getrocknet.“ Aber Eliſabeth ſeufzte und ſchlug beſchämt die Au⸗ gen nieder.„Vielleicht werde ich noch, wie Ihr denkt, daß ich bin— Eurem Genius gegenüber fühle ich, daß ich doch nur als ein Weib kam, das nicht an Tauſende, ſondern nur an Einen dachte!“ Sie zog den ſchwarzen Schleier über ihr Antlitz— er verbarg ihr Erröthen und ihre Thränen. Zwülftes Capitel. Rache und Verſöhnung. Uiberall im deutſchen Reich und in den baierſchen Landen zumal wie in den angrenzenden Staaten, beſon⸗ ders auch im reichsunmittelbaren Nürnberg, herrſchte große Freude über die Friedenskunde, die Heimkehr der in's Feld gezogenen Mannſchaften und den Gnadenakt, mit dem König Mar das von ihm längſt erſehnte Ver⸗ ſöhnungsfeſt ſeiner Familie begleitete, und der auf ſeinen Wunſch überall ausgeführt ward. Begann auch damals ſchon in den fürſtlichen wie in den ſtäbtiſchen Kanzleien eine aufhaltende Vielſchreiberei einzureißen, ſo gab es doch noch genug beſondere Fälle, wo davon gänzlich ab⸗ geſehen ward und einzelne fürſtliche oder oberherrliche Machtſprüche vollſtändig genügten, einem gefaßten Be⸗ ſchluß Gültigkeit zu verleihen, daß er alſobald in's Werk geſetzt werden mußte. „ 248 Dem Abt des Benediktinerkloſters, der nicht allein auf die Ausſagen des Rieſen⸗Jacob hin, ſondern gedrängt von der höhern geiſtlichen Behörde, zu deren Ohren das faſt zum Nürnberger Stadtgeſpräch gewordene Ereigniß gekommen war, die Unterſuchung nicht mehr hatte hem⸗ men können— kam dieſe plötzliche Niederſchlagung und Beendigung derſelben ſehr gelegen. Um wie viel mehr nicht dem Propſt Kreß, der ſelbſt mit hinein verwickelt war, und es mehr noch Ulrich's Edelmuth als dem An⸗ ſehen, in dem er ſtand, ſo wie ſeiner Stellung vor der Welt, in der man ihn gern ſchonen wollte, zu danken hatte, daß die Sache nicht bedrohlicher für ihn war, die es aber jeden Tag noch werden konnte! Der Novize Konrad hatte ſich ſelbſt als Ulrich's Nitſchuldiger bekannt, obgleich dieſer Anfangs verſucht hatte ihn als ſolchen zu verläugnen; der ſtille Jüngling wollte um ſo weniger etwas von dieſer Schonung wiſſen, als er nun in Ulrich einen Leidensgefährten in jeder Beziehung erkannte: einen Ausgeſtoßenen, gleich ſich ſelbſt. Er war zwar nicht zum Tode, aber doch zu enger Kerkerhaft im Kloſter verur⸗ theilt, die härter erſchien als der Tod. Dazu kam das ſchreckliche Geſchick ſeiner Mutter Katharina, die er nur noch einmal vor ihrem Tode ſehen durſte, mit dem ſie ihre Miſſethat ſchrecklich zu büßen hatte. Auf Räuber und Mörder erſtreckte ſich der Gnadenakt nicht mit, und ſo entgingen weder ſie noch Jacobea der geſetzlichen Todes⸗ ſtraſe, nur daß man ſie bei Katharing in minder grau⸗ ſamer Weiſe ausführte. Jetzt war auch Konrad der Strafe überhoben. Aber das war nicht Alles— Eliſabeth ließ ihn zu ſich entbieten, ſie wollte den Sohn nicht verantwort⸗ lich machen für die That der Mutter, vielmehr die Schuld des Vaters an ihm ſühnen. Von dem Propſt und Stephan Tucher hatte ſie ſtrenge Verſchwiegenheit verlangt über ihre Fahrt gen' Augsburg und deren Reſultat— ja ſie, die man ſo ſtolz und hochfahrend ſchalt, verheimlichte in edler Beſcheiden⸗ heit daß es ihr Werk war, daß unzählige Unglückliche ſchrecklichen Strafen entgingen— womit es ihr ja leicht geweſen zu prunken, ſich Anſehen und Dankbarkeit zu verſchaffen. Wie gut hätte ſie doch mit ihrem Einfluß bei König Mar prahlen können und dem huldreichen Em⸗ pfang, der ihr geworden, wie die andern Rürnbergerinnen demüthigen können und doppelt, wenn ſie erkennen ließ, wie ſie ſelbſt, da ſie in Gefahr war, nur allein auf ihre Unſchuld und ihr Recht ſich verließ, die königliche Hilfe verſchmähend, da ſie derſelben doch ſo gewiß hätte ſein mögen, wie jetzt, da ſie für Andere ſie forderte. Aber ſie wollte ſich keinen eitlen Triumph verſchaffen, wo ihre Seele von dem ſchönſten in ihren heiligſten Tiefen erfüllt war. Ja, ſie wollte auch nicht den böſen Leumund von 1859. XVII. Nürnberg. III. 16 250 einer Hallerin preisgegeben ſehen, was ſie mit dem rein⸗ ſten Hochſinn des Herzens gethan, dem ein edles Weſen folgt, auch wenn es ſich ſagen muß, daß es ſich damit dem Spott oder der Verläumdung ausſetze. Am meiſten aber wünſchte ſie aus weiblichem Zartgefühl, daß es Ul⸗ rich ſelbſt verborgen bleibe, was ſie für ihn gethan: ihr ſchönſter Lohn war es daß ſie ihm Leben und Ehre wie⸗ dergegeben, ihr genügte dies Bewußtſein, ſie wollte kei⸗ nen Dank, und ſie wollte auch kein Begegnen, das ihren und ſeinen Ruf auf's Neue gefährden könne. Aber freilich! bis jetzt war auch nur das eine Ver⸗ ſprechen des Königs in Erfüllung gegangen, daß die Ver⸗ urtheilten begnadigt und frei und die noch ſchwebenden Unterſuchungen niedergeſchlagen waren— aber daß Ulrich für ehelich erklärt ward und in die Bauhütte wieder auf⸗ genommen, das ging nicht ſo ſchnell, das bedurfte erſt noch anderer Schritte und Vorbereitungen und konnte ihm nur als Hoffnung verkündet werden. Indeß hatte Eliſabeth doch die königliche Schrift in Händen, welche für Ulrich zum Freibrief werden ſollte, aber da ſie das Dokument in die Hände des Propſtes legte, geſchah es nur unter der Bedingung: Ulrich weder zu ſagen, durch wen er es erhalten, noch wem er dieſe glückliche Wen⸗ dung ſeines traurigen Geſchickes verdanke. Da der Propſt mit zu den Erſten gehörte, welcher 251 die glückliche Nachricht von der Niederſchlagung dieſer Unterſuchung erhielt, ſo war es ihm auch leicht die Er⸗ laubniß zu erhalten: Ulrich ſelbſt die Freiheit zu verkün⸗ digen. Es drängte ihn um ſo mehr dazu, als er ſich jetzt, nun die Gefahr vorüber, ſeiner Feigheit und ſeines Kleinmuthes ſchämte, womit er ſelbſt Ulrich preisgegeben, und nur ſich ſelbſt aus der Schlinge zu ziehen geſucht hatte. Um ſein eigenes Gewiſſen zu beruhigen, redete er auch ſich ſelbſt glücklich ein, daß er, da Eliſabeth ihn zu Rath gezogen, ehe ſie gen' Augsburg reiſte, doch einigen Antheil an dem glücklichen Reſultat habe, das ſie mit heimgebracht, und daß er ſich wenigſtens mit einigen ſol⸗ chen Andeutungen bei Ulrich entſchuldigen dürfe.— Ulrich war wie ein Träumender— das Leben war ihm wieder geſchenkt, und mehr als das: die Ehre, und mehr als beides: die hohe Kunſt, der er diente, der er voll heiliger Begeiſterung ſich ganz geweiht, ein Tempelbauer, der mit reinen Händen die reine Form zu bilden ſtrebte, die das Schöne mit dem Erhabenen ver⸗ einend über der betenden Menſcheit einen Himmel zu wölben ſuchte, der es ihr leicht machte, ſich zu dem hiberirdiſchen emporzuſchwingen; er hatte nicht vergebens gelebt und geſtrebt bis jetzt— er durfte weiter leben und ſtreben zu dem erhabenſten Ziele!— Aber den⸗ noch— von Allem, was er verlebt und gelitten, war in 16* 9 252 ſeinen Ohren das Wort, das ihn verdammte, am leben⸗ digſten geblieben:„Ich habe keinen Theil an Dir!“ Die Baubrüder hatten es alle geſprochen— auch Hiero⸗ nymus!— Von der Frinnerung daran noch einmal ge⸗ foltert, rief Ulrich: „So hatte Keiner Theil an mir— und Niemand nahm ihn— kein einziges Weſen unter Allen, für die ich ſelbſt gern mein Leben eingeſetzt hätte, hatte etwas Anderes als Schmach für den Ausgeſtoßenen!“ Da dachte der Propſt nicht mehr daran, das ihm anvertraute Geheimniß zu bewahren; er gab es preis, um Ulrich's Glauben an die Menſchen zu retten.„Eines ausgenommen,“ ſagte er,„oder auch zwei, wenn Du willſt— Eliſabeth Scheurl und König Mar.“ Urich fuhr empor und der Propſt erzählte ihm Alles. Nach ſeiner Freilaſſung wohnte Ulrich bei dem Propſt und wartete bei dem Gottesjunker, bis man ihn wieder in die Hütte berufen würde; ſo lange wollte er ſich auch nicht in den Straßen von Nürnberg ſehen laſſen. Aber da er einmal allein war, überwältigte ihn ſein Gefühl— er konnte es nicht ertragen, zu wiſſen, daß Eliſabeth ſeine Retterin, ohne ihr danken zu dürfen. Sie, das ein⸗ zige Weſen, das an ihn geglaubt und für ihn gehandelt, ſie mußte er wiederſehen, ihr danken, und ſei es nur mit einem einzigen Wort; das war nicht wider ſein Ge⸗ 253 lübde— umgekehrt hätte er ſich eines Gelübdes geſchämt, das ihm Undankbarkeit zur FPlicht gemacht, es ſei gegen wen immer es ſei. Aber er wollte nicht allein gehen; an dem Tage, an welchem ſie ſelbſt den Novizen Konrad zu ſich beſchieden, beſchloß er dieſen zu begleiten. Konrad hatte im Kloſter die Erlaubniß erhalten zu Frau von Scheurl zu gehen, die dem Abt hatte ſagen laſſen, daß ſie nicht wolle, daß der Sohn büßen ſolle für die Schuld ſeiner Eltern, ſondern daß ſie ſelbſt ihm zu dem verholfen wolle, was ihm zukäme. Der Abt, der Eliſabeth's Großmuth und Freigebigkeit kannte, erwartete, daß ſie ihm einen Theil von dem ihr allein zugefallenen Vermögen Scheurl's, deſſen Sohn überweiſen werde, und erwartete daher von dem Gang deſſelben zu ihr einen Vortheil für das Kloſter— mit Freuden ließ er darum den jungen Novizen gen' Nürnberg ziehen. Dieſer ging zuerſt zu Ulrich und ſchüchtern, wie Konrad war, machte er Jenem ſelbſt den Vorſchlag, ihn zur Frau Scheurl zu führen. Als ſie in ihr Haus kamen, wurden ſie ſogleich zu ihr gelaſſen. Martin Behaim hatte gerade auf einem Marmor⸗ tiſch, der in dem Chörlein ſtand, Karten und Zeichnungen ausgebreitet, weil hier das hellſte Licht war, um ſie ſei⸗ ner Schweſter zu zeigen. In der Mitte des Tiſches ſtand 254 ein Globus, der Rürnberger Meiſter hatte ihn eben nach Martin Behaim's eigener Angabe vollendet— es war der erſte Globus, den es jemals gab— und Martin freute ſich des neuen wichtigen Werkes, das zugleich aus ſeinem Forſchergeiſt und einer deutſchen Werkſtatt hervorgegan⸗ gen, das der Wiſſenſchaft neue Pforten öffnete und ihre Arbeit allen kommenden Geſchlechtern erleichterte. Er hatte beſchloſſen, dieſen erſten Globus ſeiner Vaterſtadt zum Geſchenk zu machen und ſich damit ſelbſt, ehe er ſie für immer wieder verließ, ein Denkmal in ihr zu ſetzen, das ſie und ſich in gleicher Weiſe ehrte; aber die Erſte, die ſeine Freude an dem gelungenen Werke theilen ſollte. mußte Eliſabeth ſein, deren weitſchauender Geiſt am er⸗ ſten die Tragweite dieſer neuen Erfindung, wenn nicht ganz beurtheilen, doch mit jenen heiligen Schauern ahnen konnte, die bei jedem großen Werke über ſie kamen— mochte es nun eine große That ſein, oder ein Kunſtwerk, oder ein bahnbrechender Gedanke der Wiſſenſchaſt. So ſtand ſie auch jetzt mit ſtrahlenden Augen ne⸗ ben dem Bruder, ſeinen Erklärungen lauſchend; ihre kleine weiße Hand ruhte auf dem Südpol des Globus und ihr ausgeſtreckter Finger ſuchte die Stelle, auf der wohl jetzt Chriſtoph Columbus ſchiffen mochte das erſehnte Land zu finden— ja vielleicht war dies der Augenblick, in dem er es gefunden. Sie trug noch Trauerkleidung, aber den 255 Schleier hatte ſie im Zimmer abgelegt, ihr glänzendes Haar war nur von einem ſchwarzen Band ein wenig aufgehalten und wallte in maleriſchen Locken auf die blendenden Schultern. Da hörte ſie Tritte im Zimmer und trat hinein. Sie war ſchon in einer gehobenen Stim⸗ mung durch das Geſpräch mit ihrem Bruder— ſie hlieb in ihr, da ſie neben dem erwarteten Konrad auch den unerwarteten Urich ſah, und hieß ſie Beide willkommen. Sie neigten Beide die Kniee vor ihr und wollten Worte des Dankes ſprechen. Aber Eliſabeth hieß ſie auf⸗ ſtehen, wenn ſie nicht zürnen ſolle, und ſagte zu Konrad: „Euch ließ ich zu mir entbieten, oder vielmehr zu meinem Bruder Martin Behaim, von dem Ihr vielleicht gehört. Ihr ſeid zu jung und hattet Euch zu innig an die hohe Kunſt gehangen, um Euch und Eure Kraft in ein Kloſter zu vergraben— unterbrecht mich nicht— ich weiß, daß nur der Zwang Euch dahin trieb und daß die Bauhütten Europas ſich Euch verſchließen. Aber mein Bruder will Bauleute ihn über das Meer zu begleiten, und auf jenen, nur von Heiden bewohnten Inſeln küm⸗ mert man ſich nicht um die Statuten dieſer alten Welt: bringt Ihr nur Begeiſterung mit für den chriſtlichen Glauben und die chriſtliche Kunſt, ſo ſeid Ihr würdig in der neuen Welt die erſte chriſtliche Kirche bauen zu hel⸗ fen— an Geld dazu aus dem Vermächtniß Eures Vaters, meines ſeligen Gemahls, ſoll es Euch nicht fehlen.“ Konrad drückte begeiſtert und Freudenthränen wei⸗ nend Eliſabeth's Hand an ſeine Lippen und rief:„Ihr ſeid eine Heilige, die Todte zu erwecken vermag— denn mir iſt, als habe ich im Grabe gelegen und Ihr wecktet mich zu neuem Leben!“ „Geh't dort hinein zu meinem Bruder,“ ſagte ſie auf das Chörlein deutend,„er wird das Fernere mit Euch beſprechen.“ Konrad gehorchte, die Glasthür des Chörleins zog er hinter ſich zu. „Ihr wolltet meinen Dank verſchmähen, hohe Frau,“ ſagte Ulrich erglühend,„dennoch ertrug ich's nicht; ich mußte Euch wenigſtens ſagen, daß ich täglich für Euch bete, nicht nur mit den Lippen, noch nur mit meinem Herzen, ſondern daß ich Euch beten will mit meiner ganzen Kunſt und Euch danken in meinen Werken!“ Sie gab ihm die Hand und ſagte mit ſanfter Stimme:„Ich wollte, ich dürfte ſprechen wie ihr! Wohl Euch, daß Ihr Eure Empfindungen im Stein verewigen könnt und ſie zu Kunſtwerken verklären, an denen Ihr ſelbſt Euch erheben und läutern dürft und Tauſende, die nach Euch kommen.“ „Vielleicht iſt dies das Schönere, vielleicht auch das Leichtere!“ rief Ulrich;„aber das Höhere iſt's, das eigene Sein und Leben ſelbſt zu einem Kunſtwerk verklären, das nur Segen ſpendet in dem Kreis, in den es tritt— ſo für Andere wirken und handeln und Euch opfern, wie Ihr gethan!“ „Nein, Ulrich! keine Unwahrheit!“ unterbrach ſie ihn.„Mir gebührt kein Dank von Euch, denn ich hatte Euch zu danken, und hab' es nicht gethan. Zweimal hab't Ihr mir Ehre und Leben gerettet, und ich floh Euch, um Euch nicht zu danken— ich wollte es vergeſſen, daß dies meine Pflicht war. Als ich Euch zum erſtenmale ſah, folgte ich rückſichtslos meinem augenblicklichen Gefühl, und Ihr bereitetet mir dafür eine Demüthigung, gegen die ſich mein ganzes Weſen empörte; von dieſem Augenblicke an war mir, als müſſe ich Euch entweder haſſen oder lieben, und ich fühlte dabei doch, daß ich weder das Eine noch das Andere— durfte. Ihr kamet immer wieder in meinen Weg, auch ohne daß Ihr es wolltet; jetzt endlich kam der Angenblick, da ich Euch vergelten konnte, jetzt endlich durft' ich Euch ſagen: Ulrich, nun ſind wir quitt!— und— o Gott— was habe ich Euch denn geſagt!“ „Nur Aehnliches, als was ich ſelbſt empfunden!“ rief Ulrich.„Mein Thun und Fühlen glich dem Euern! Wohl uns, daß wir in dieſem Kampfe nicht erlegen ſind, daß er uns nicht hinabgezogen hat in den Pfuhl der 258 Sünde oder auch nur in den Staub des Alltaglebens; er hat uns geläutert und erhoben zu jener einzig wahren Gemeinſchaft der Heiligen, die im reinen Streben nach dem Höchſten Erſatz finden für die Schmerzen und das Entſagen, unter dem ſie danach ringen. Eure Hand, Eli⸗ ſabeth! Kein Fliehen und kein Suchen mehr— ein freu⸗ diger Triumph, zu wiſſen, was wir Eins dem Andern danken— ein Sieg des Geiſtes, der die Welt überwun⸗ den, indem er ſie verklärt im Dienſt der Kunſt. Was iſt der kurze Rauſch des Erdenglückes gegen die Seligkeit eines Streben und Ringens, das noch Aeonen zählt und ſeine Wahrzeichen hinterläßt in ewigen Schöpfungen?“ Groß und herrlich ſtanden die Beiden einander ge⸗ genüber— als Prieſter und Prieſterin des Ideals, dem, ſo lange die Welt ſteht, alle ſtrebenden Geiſter nachrin⸗ gen, um es zu erreichen für ſich ſelbſt und die Menſchheit, der ſie dienen; der letzte Sonnenſtrahl der hinter Ge⸗ witterwolken purpurumſäumt ſcheidenden Sonne fiel auf ſie und umwob ſie mit einem gemeinſamen Heiligen⸗ ſchein— da donnerten Männertritte draußen durch den Corridor. Eliſabeth ſagte zu Ulrich:„Ruſt meinen Bruder!“ und indeß er die Thür des Chörleins öffnete, ſtürmte durch die entgegengeſetzte Zimmerthür ein Mann in Bettler⸗ kleidung herein, unter ſeinem Mantel zog er ein Schwert ———— 259 hervor, drang damit auf Eliſabeth ein, die arglos auf die Thür zugegangen war, ſtieß es in ihre weiße Bruſt und rief: „Du entgehſt Deinem Schickſal nicht!“ „Streitberg!“ rief ſie außer ſich und ſtürzte auf den Teppich nieder. Es war ein Augenblick, und wenn auch in demſel⸗ ben noch die drei Männer zu Hilfe ſprangen, die alle unbewaffnet waren— denn Ulrich wollte nicht das Schwert wieder tragen, das man ihm in der Bauhütte abgenom⸗ men,— ſo war es doch zu ſpät— zu ſpät ſogar einen andern Eindringenden abzuhalten, der Streitberg nach⸗ ſtürzte und dieſen mit einem Wehgeſchrei, ehe er ſich deſſen verſah, mit ſeinem Schwert durchbohrte. „Amadeus!“ rief Konrad, den Mönch in der ritter⸗ lichen Tracht erkennend, indeß Martin und Ulrich ſich über Eliſabeth neigten und ſie auf das Sopha hoben. Sie war ohnmächtig, aber ſie lebte noch; Martin drückte ihr Tuch in die tiefe Wunde, Ulrich rief nach den Leu⸗ ten, die ſchon von dem Lärm gelockt herbei kamen; ſie liefen nach dem Bader und Doctor. Zwei Diener ſchafften Streitberg in ein Nebengemach. Eine Dienerin ſagte, daß ſie den zudringlichen Bettler vergeblich habe abweiſen wollen, er habe ſich durch die Thür gedrängt und ſie einen Treppenabſatz hinabgeworfen.— 260 Amadeus erklärte, daß man ihm in Augsburg er⸗ zählt, daß eine Frau von Scheurl bei König Mar ge⸗ weſen und für einen zum Tode verurtheilten Baubruder, der ſeinen Vater aus dem Kloſter beſreit, gebeten habe; Amadeus war zurückgeeilt nach Nürnberg, um ſich ſelbſt auszuliefern und dadurch vielleicht den Sohn zu retten. Durch Nürnbergs Straßen gehend, hatte er einen Bettler begegnet, der ihm aufgefallen. Er hatte Streitberg er⸗ kannt, und nichts Gutes ahnend, war er ihm nachgegan⸗ gen, als dieſer im Scheurl's Hauſe verſchwunden. Ama⸗ deus war zu ſpät gekommen, die Unthat an Fliſabeth zu verhindern; vielleicht aber wäre Ulrich ein zweites Opfer geweſen— und ſo hatte er doch den Sohn gerettet. Streitberg kämpfte nur einen kurzen Todeskampf. Als er auf der Flucht und verſteckt erfahren, daß Wey⸗ ſpriach gefangen war und dann daß die Nürnberger es wagten den Ritter enthaupten zu laſſen, hatte er Rache geſchworen, und tollkühn wie er war, ſich ſelbſt als Bettler verkleidet nach Nürnberg begeben. Er ſah Eliſabeth mit Martin am Fenſter, da er ihr Haus unſchlich; er ſah auch Ulrich in daſſelbe gehen— da erwachte ſeine Leiden⸗ ſchaft, er folgte ihr in blinder Wuth, traf ſein Opfer— und fiel ſelbſt von einer plötzlich eingreifenden Rächerhand. So erklärte es Amadeus Ulrich und Konrad, wäh⸗ rend Martin mit Eliſabeth's Dienerin dieſe in ihr Schlaſ⸗ — S 261 zimmer und zu Bett brachten und der herbeigerufene Bader ihre Wunde unterſuchte und verband— er konnte keine Hoffnung geben. „Urich!“ flüſterte ſie, und Martin ging den Bau⸗ bruder zu rufen. Er knieete an ihrem Lager.„Ulrich!“ ſagte ſie, „mein Mörder gibt mir jetzt einen ſchönern Tod als das erſtemal— ich rede nicht irre— er war der Geliebte meiner Jugend, und ich mußte erkennen, daß er mich betrog— damals zerriß er mein Herz ohne Schwert⸗ ſtreich— es ſchmerzte mehr als heute.“ Nach einer Pauſe ſagte ſie:„Es iſt ſchön, in dem Augenblicke zu ſterben, in dem die Seele ihren Flug ſchon zum Himmel nahm, ſie kommt nun in kein fremdes Reich.— Ihr verſpracht mir ſchon die Begräbnißkapelle der Behaim mit dem Werk Eurer Hand zu ſchmücken— verſprecht nun es auch für die Kapelle der Scheurl— ich habe keine Erben— meine Erbin ſei die Kunſt in meiner Vaterſtadt— meine Brüder werden das Teſtament vollſtrecken.“ „Eliſabeth!“ rief Ulrich,„Ihr ſeh't Thränen in meinen Augen— ſie verſprechen Euch Alles, was Ihr wünſchet. Ich will nicht vor Schmerz weinen in dieſer Stunde— wir wollen uns freien, daß es alſo kam; der höhern Weiheſtunde von vorhin wird keine profane 262 folgen— ich werde in meinen Werken nicht mehr für Euch beten— ſondern zu Euch!“. Ihre Hand ruhte auf ſeinem Scheitel.„Lebt wohl!“ hauchte ſie noch einmal und winkte ihm dann fort. Er küßte ihr die Hand und ging. Sein Vater und Konrad begleiteten ihn ſtumm. Auf der Straße begegnete ihnen Hieronymus— es war zum erſtenmale, das ſich die Freunde wiederſahen. Hieronymus ſtand beſchämt vor Ulrich.„Kannſt Du mir vergeben?“ fragte er beklommen. Urrich drückte ihm die Hand.„Ich komme von Eli⸗ ſabeth's Sterbebette— nein, ich komme von der Verklä⸗ rungsſtätte eines Genius— in meinem Herzen iſt lauter Gottesfriede— kannſt Du noch mein Freund ſein!“ „Wenn Du mich nicht verſtößt!“ rief Hieronymus und blieb an ſeiner Seite.— Amadeus ging wieder in ſein Kloſter; ſich freiwillig ſtellend, gehörte er mit zu den Begnadigten, und büßte nun, wie er vorher gebüßt, ehe die Sehnſucht nach Ul⸗ rich ihn halb wahnſinnig gemacht. Der Sohn hatte ihn geſegnet und Ulrike auf ihrem Sterbebette vergeben— er hatte Frieden. Nicht lange währte es mehr, da ward Ulrich wieder feierlich in die Bauhütte aufgenommen. In Behaim's und Scheurl's Begräbnißkapelle vollendete er hohe Kunſtwerke, darunter Eliſabeth's Statue ſelbſt die vollendetſte war. Dann verließ er Nürnberg, um auch in andern Landen an der Erbauung hoher Dome ſich ſelbſt und ſeine Kunſt zu fördern.— Auf Anſuchen des Nürnberger Rathes ertheilte ihm 3 Max die Erlaubniß, die Juden für immer aus der Stadt zu weiſen. Auch Czechiel und Rachel waren unter den 6 Auswanderten. Ende des dritten und letzten Vandes. Prag, Druck von. Poſpibil. ſſſſſi 6. 8 9 10 12 13 14 15 16 17