— F dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur * vo Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 ühr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf! Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Ff. „ 3* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene“, verlorene und 6 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen„ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ B ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Slbnm. Pibliothek deutſcher Originalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Sechzehnter Band. NRürnberg. H. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Uürnberg. Culturhistorischer Ruman von Louiſe ODtto. Zweiter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) 7 Inhalt. Erſtes Capitel. Gobelins. Zwrites Cnpitel. Propſt und Mönch Vrittes Capitel. Die beiden Baubrüder Piertes Capitel. Geheimnißvolles Fünftes Cnpitel. Reichstag Sechstes Cnpitel. Im Floſter Siebentes Cnpitel. Das Schönbartlaufen. Achtes Capitel. Eine Hochzeit Meuntes Cnpitel. Verurtheilung. Zehntes Capitel. Die Juden. Elftes Cnpitel. Vater und Sohn Zwölftes Capitel. Rückkehr Seite 32 53 80 98 119 141 168 186 205 221 244 Uürnberg. Zweiter Theil. Erstes Capitel. Gobelins. Die kalten Strahlen einer halbverſchleierten Winter⸗ ſonne brachen ſich auf den Eisſtächen der Pegnit. Friſch gefallener Schnee lag auf den Dächern von Nürnberg, ſchmückte die zierlichen Giebelkanten mit glänzendweißem Beſatz und wölbte über jedes Chörlein noch einen zwei⸗ ten Baldachin, ſo weich und anſchmiegend, als ſei er aus ſammetener Decke gewoben. Aus den Eſſen wirbelte grauer Rauch empor, am dichteſten aus den hohen Schornſteinen der Gießhütten. In dem mit Marmor und Eiſengittern von durchbro⸗ chener Gießarbeit verziertem Kamin in Eliſabeth Scheurl's Wohnzimmer brannten große Eichenknorren, um den wei⸗ ten Raum mit behaglicher Wärme zu erfüllen. Die Thür des Nebenzimmers ſtand offen und auch darin loderte ein praſſelndes Feuer. Dies Gemach erſchien „1859. XVI. Nürnberg. I. 1 10 zu einem Arbeitszimmer umgeſchaffen. An der Wand be⸗ fand ſich eine große Holztafel, auf deren himmelblauem Grund eine Auferſtehung Chriſti gemalt war. Der Engel des Herrn ſaß im leuchtenden Gewand im Grabe, die Jünger und Frauen ſtanden beſtürzt davor, zur rechten Seite zeigte ſich der Auferſtandene, die ganze Geſtalt vom goldenen Heiligenſchein umfloſſen. Die Farben waren ſehr bunt und lebhaft, die Geſtalten lang gezogen und eckig, aber einzelne Geſichter von ſprechendem Ausdruck. In der im Vordergrund ſtehenden Maria Magdalena erkannte man ohne Mühe Eliſabeth's Konterfei. Daneben lehnten noch kleinere Holztafeln mit ſchwebenden oder betenden Engeln, umgeben von Palmen oder Sternen, aus denen meiſt Ecken in verſchiedenen Zuſammenſetungen gebildet waren. An den beiden hohen Bogenſenſtern, von denen die ſchweren Damaſtoorhänge zurückgeſchoben waren, um un⸗ gehindert alles Licht einzulaſſen, das die kurzen Winter⸗ tage ſpendeten, ſtanden zwei ungeheure Stickrahmen, noch nicht groß genug, um den Stoff zu ſaſſen, der darin verarbeitet werden ſollte, und darum noch an den Sei⸗ ten aufgerollt war. Hier ſah man ein mühevo Werk weiblicher kunſtgeübter Hände begonnen. Das größe auf⸗ geſtellte Gemälde von der Hand des Malers Hans Beuerlein diente als Muſter, und ſollte ſich hier in 11 damals üblichem Gobelinsſtich noch einmal wiederholen. Ganze Körbe, von Wolle und Seide in ſtrahlenden Far⸗ ben, Gold⸗ und Silberfaden angefüllt, ſtanden bereit, das reichſte Material zur Verarbeitung zu bieten. Etwa ſeit Jahresfriſt war Eliſabeth auf den Ge⸗ danken gekommen, die Pöchter der edlen Geſchlechter Nürnbergs außzuſordern, mit ihr vereint einen Teppich vor das Hochaltar der Kirche von St. Lorenz zu ſticken, an deren Verſchönerung gerade jetzt ſo begeiſtert gearbeitet ward. War doch damals alle Kunſt zu einem Ganzen vereint in der Kirche und ſtrebte alle Kunſtbegeiſterung dieſem erhabenen Mittelpunkt zu— ſo auch die Frauen. Eliſabeth aber ging immer Allen gern mit einem leuch⸗ tenden Beiſpiel ſtand immer gern an der Spitze und ordnete Alles nach ihrem Sinn und Geſchmack, der denn auch durch ſeine Veredlung und Reinheit berufen war, vor dem Anderer zur Geltung zu kommen. Ihr geachteter Name wie ihr Reichthum ſielen dabei nicht minder in die Wagſchagle, und auch ihre Feindinnen und Neiderinnen mußten ſich damit begnügen, ſie im Stillen zu verſpotten und zu verläumden, öffentlich aber ihr den Vorrang zu laſſen und perſönlich ihr höflich zu begegnen. Bei einem ſo regen Geiſte, wie dem Eliſa⸗ beth's, und einem ſo glühenden Herzen, wie in ihrer Bruſt ſchlug, dem ſie doch nicht mehr die einſtige laute 1* Sprache geſtatten durfte und wollte, war das Bedürfniß um ſo dringender, immer für ein Großes oder Allgemei⸗ nes zu wirken, durch ein edles Streben und eine anre⸗ gende Thätigkeit ſich ſelbſt im Gleichgewicht zu erhalten. Ihr klarer Verſtand erkannte das ſelbſt, und halb be⸗ rechnend, halb nur ahnungsvoll geſtaltete ſie danach ihr Leben. giemlich zwei Jahre war ſie nun verheirathet. Chri⸗ ſtoph Scheurl war nach wie vor befriedigt und ſtolz durch ihren Beſitz, ließ ſie ungehindert über ſeinen Reichthum verfügen und freute ſich, wenn ſie denſelben anwendete den Glanz und die Ehre ſeines Namens zu erhöhen, wie es ſowohl durch Unternehmungen F die obige geſchah, als auch dadurch, daß ſie die vorzugten des Hand⸗ werkes und der Kunſt theils für ſich arbeiten ließ, theils mit einem Kreiſe von Gelehrten um ſich verſammelte, und ſo beſtrebt war, ſo viel als möglich nicht nur mit den andern Nürnberger Geſchlechtern zu wetteifern, ſon⸗ dern auch den Medicäern und anderen italiſchen Großen es nachzuthun, ſo viel es in ihren Kräften war. Daneben erfüllte Eliſabeth treulich jede Pflicht der deutſchen Haus⸗ ſrau, war gegen ihren Gemahl ſo uſn⸗ er gegen ſie, und wie er ſie, ließ auch ſie ihn gern in allen Stücken gewähren. Bei ihr war die Begeiſterung für die Kunſt und alle höheren allgemeinen Angelegenheiten aus 13 innerſter Empfindung hervorgegangen, zum wahren Le⸗ bensbedürfniß geworden; bei ihm war nur Gitelkeit und Ehrgeiz dabei das leitende Motiv, im Uibrigen lebte er ſeinen Geſchäften als Kaufmann und Rathsmitglied, und fand mehr Gefallen an Zechgelagen und Schmauſereien als an gelehrten Geſellſchaften und Kunſtbeſtrebungen. Gern überließ er dieſe ſeiner Gemahlin, und dieſe grollte ihm ebenſo wenig darüber, wenn er Tage und Rächte außer dem Hauſe in wüſten Geſellſchaſten zubrachte, die trotz der Betheiligung vornehmer und hochangeſehener Rathsmitglieder keineswegs zu den mäßigen und ſitten⸗ reinen gehörten. So lebte dies Paar glücklich und zufrie⸗ den vor den Augen der WVelt; der Gatte war es wirk⸗ lich, denn ihm genügtè dieſer äußere ungeſtörte Lebens⸗ genuß, und ſein Herz, das wohl einſt auch Leidenſchaften gekannt und wärmere Empfindungen, war jetzt doch längſt alt und kalt geworden, nicht mehr gemacht für zartere Regungen, die in ſeinem männlichen Alltagsleben, deſſen Freuden im wechſelnden Beſuch der Trinkſtuben und grö⸗ ßerer Gaſtereien beſtanden, gätzlich untergegangen. Fli⸗ ſabeth gehörte zu den edlen Frauenſeelen, welche von ſitt⸗ lichen Prundſützen erfüllt ſtill dulden und entſagen, und den Schein des Glückes bewahren, auch wo ſie dieſes ſelbſt als verloren erkennen, um ſich ſo wenigſtens vor dem Mitleid zu ſichern, das ſie wie eine Schande empfin⸗ 14 den, wenn die Lebensſchickſale, welche es hervorrufen, nicht, wie z. B. ſchmerzliche Verluſte durch den Tod, Sendun⸗ gen einer höheren Macht ſind, ſondern Folgen eigener und fremder menſchlicher Handlungen. Uiber ein Jahr war vergangen, ſeit ſie auf's Neue das Opfer eines Complotes hatte werden ſollen, das Cberhard von Streitberg gegen ſie eingeleitet. Die Er⸗ ſchütterungen, welche damit verbunden waren, das plötz⸗ liche Wiederſehen, der Schrecken, die ganze nächtliche Szene eines blutigen und ungewiſſen Kampſes, wohl auch der lange Aufenthalt nach ſolcher Erregung im feuchten Walde und der nächtlichkalten Luft— dazu der Entſchluß, vor wie nach über Eberhard von Streitberg zu ſchwei⸗ gen und das, was er ihr einſt geweſen war, und dabei doch die Furcht, Alles, was ihr Stolz jahrelang ver⸗ ſchwiegen, verrathen zu ſehen; die Anſtrengung, um das demüthigende und ſchmerzende Geheimniß zu bewahren, alle verfänglichen Fragen zurückzuweiſen, auch der Kum⸗ mer und die Sorge um die doch nur um ihretwillen im Gefecht Verwundeten oder Erſchlagenen— obwohl damals ein nach dem Recht des Stärkeren gemordetes Menſchen⸗ leben ſelbſt auf ein zartes weibliches Gewiſſen nicht mit ſo zermalmender Qual ſiel, wie in ſpäteren menſchliche⸗ ren, zu höheren Anſchauungen und reineren Sittlichkeit gelänterten Jahrhunderten: ſo war dies Alles vereint doch genug, mit Eliſabeth's Seele auch ihren Körper zu angreifen und ſie auf das Krankenbett zu werfen. Herr Scheurl hatte ſich beeilt, alle gelehrten Aerzte und Wunderdoctoren Nürnbergs um ihr Lager zu ver⸗ ſammeln, ſo daß ſie der eine mit ſeinen Mirturen und Salben immer mehr quälte als der andere, der eine ihr am Fuß, der andere am Arm zur Ader ließ, ſo daß ſie— Dank ihrer guten Natur, aber wahrſcheinlich trotz der Kunſt der Aerzte— zwar mit dem Leben davon kam, aber doch erſt, als es draußen wieder Lenz ward, ſich nach Monden voll Fieber und Qualen wieder zu erholen begann. So war ihre Krankheit auch die natürliche Ur⸗ ſache, daß ſie, in der erſten Zeit völlig bewußtlos und dann nur mit ihren Angehörigen und der Dienerſchaſt in Berührung kommend, weder irgend eine Aufklärung über das gegen ſie geſchmiedete Complot erhielt, noch einem ähnlichen zum Gegenſtand dienen konnte— und ſpäter wollte ſie ſelbſt lieber Alles vergeſſen wiſſen, als noch durch Fragen daran erinnern. Nur von ihren Ge⸗ ſchwiſtern erfuhr ſie, daß ihre Amme wirklich bald nach jenem Tage geſtorben. Noch ehe ſie ſelbſt erlag, hatte ſie den berühmteſten Bader zu den verwundeten Bau⸗ brüdern geſandt, und er hatte ihr die Nachricht gebracht, daß der eine leichter verwundet ſei, der andere aber, Ulrich von Straßburg, ſehr gefährliche Wunden habe, 16 ohne Bewußtſein ſei und wahrſcheinlich ſterben werde. Die Mutter des blonden Hieronymus, bei dem er woh⸗ ne, pflege ihn, wenn der Baubruder in der Hütte arbeite. „Für mich geſtorben!“ hauchte Eliſabeth— und von da an verlor ſie die Beſinnung. Anfangs, in ihren Fieber⸗ phantaſien war ſie immer mit Ulrich beſchäftigt, ſah ihn verwundet vor ſich liegen, betete bald für ihn als ihren Retter, und ſchalt ihn bald, daß er ſich überall in Weg dränge, nur um ſie zu demüthigen, ſie wieder an die Schmach zu erinnern, die er ihr bereitet, als er die Roſe aus ihrer Hand auf das Indenmädchen warf. Allmälig jedoch, wie das Fieber nachließ, ſchienen dieſe Bilder und Erinnerungen zu ſchwinden, ja ſie es ſorgfältig zu ver⸗ meiden, durch irgend etwas wieder an die Ereigniſſe je⸗ ner Nacht gemahnt zu werden. Es ſchien ihr am Ange⸗ meſſenſten, ihre Ungebung glauben zu machen, als habe ſie dieſelben wirklich ganz und gar vergeſſen. Jetzt, im Januar 1491 iſt jede Spur der langen Krankheit von ihr verſchwunden. Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frühere Friſche und ihre majeſtätiſche Geſtalt die frühere Fülle wieder erlangt, ſo erſcheint ihre Schönheit dadurch nicht beeinträchtigt, daß der Eindruck, welchen ſie jetzt macht, mehr ein geiſtig erhebender als ein ſinnlich verlockender iſt. Vielmehr als ſie ſelbſt ſchien ihre Freundin Urſula 17 Muffel in dieſer Zeit gelitten zu haben, welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat. Ihre ſanften Züge drückten Leid und Sehnſucht aus, und ihren Augen ſah man es an, daß ſie manche kummervolle Nacht durchwacht und manche Thräne vergoſſen. Die neue Glocke auf dem Thurm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwölf Uhr geſchlagen, als Urſula zu Eliſabeth kam. Die übliche Zeit des Mittageſſens war bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweiſe eilf Uhr, und da man ſich für gewöhnlich auch in den reichſten Häuſern auf wenige Gänge beſchränkte, dafür nur wenn Gäſte zugegen waren oder bei außerordentli⸗ chen ſeſtlichen Gelegenheiten die Gänge in's Unzählige ſteigerte und oſt gleich vom Abend bis zum Mittag bei Tiſche ſaß, ſo war eine gewöhnliche bürgerliche Mahlzeit in einer Stunde beendet. Um Ein Uhr pflegten ſich an den beſtimmten Tagen die Stickerinnen bei Eliſabeth zu verſammeln. Urſula ſagte Eliſabeth begrüßend:„Ich komme frü⸗ her als die Andern, weil ich von Dir hören wollte, ob es wahr iſt, daß für den nächſten Monat ein Reichstag hierher ausgeſchrieben iſt und ob König Max auch mit⸗ kommen wird?“ Eliſabeth's Augen leuchteten bei dieſer Nachricht. „Ich habe noch Nichts davon gehört,“ antwortete ſie; 18 „aber mein Gemahl iſt unwohl und heute nicht zu Rath gegangen. Hat Dein Vater dieſe Nachricht von dem Rath⸗ haus mitgebracht?“ „Ja,“ verſetzte Urſula;„er kam entrüſtet heim, und da ich ihn nach der Urſache ſeines Aergers ſragte, ſagte er, daß der Kaiſer einen Tag nach Rürnberg ausgeſchrie⸗ ben, aber nur die Fürſten und nicht die Städte dazu geladen. Näheres erfuhr ich nicht und ſetzte meine Hof⸗ nung wie immer auf Dich.“ Eliſabeth ſeufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertrauende Freundin, der ſie ſchon lange keinen frendigen Troſt mehr zu geben vermochte und auch jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte. Seit Stephan Tucher den Fahnen des Königs Mar geſolgt war, hatte er Anfangs an Urſula ſo oft geſchrie⸗ hen, als es im Felde und in der damaligen Zeit, wo die Briefe immer nur einer zufälligen und unſicheren Gelegenheit anvertraut werden konnten, eben möglich war. Nachdem König Mathias von Ungarn Anfang April 1490 plötzlich zu Wien geſtorben war, hatte König Max den Krieg um ſeine öſtreichiſchen Erbländer begonnen. Am 19. Auguſt hatte er ſeinen feierlichen Einzug unter dem Jubel des Volks in Wien gehalten, unter Lobge⸗ ſängen in der St. Stephanskirche dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen 19 des Raths und der Gemeinde empfangen. Dieſen glor⸗ reichen Tag hatte Stephan noch Urſula geſchildert— aber ſeitdem hatte ſie keine Rachricht wieder von ihm erhalten. War er in der Schlacht gefallen? war er ihr untren? hatte er ſie vergeſſen? Das Erſtere war wohl möglich, denn König Mar war mit bairiſchen Hilfsvölkern in Ungarn ſelbſt einge⸗ brochen, um auch dieſes zu erobern, und hatte am 1. No⸗ vember ſelbſt Stuhlweißenburg, die Krönungs⸗ und Be⸗ gräbnißſtadt der ungariſchen Könige genommen— da konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen ſein. Aber von zurückkehrenden Nürnbergern, die auch mit unter den bairiſchen Hilfsvölkern geweſen, hörte ſie daß er noch am Leben ſei. Aber Keiner brachte ihr einen Gruß von ihm. Freilich waren dieſe Rückkehrenden eigentlich Aus⸗ reißer aus dem kaiſerlichen Heere; denn in dieſem war zwiſchen Reiterei und Fußvolk Streit über die Theilung der gemachten Beute entſtanden, ſo daß das Fußvolk, als es weder von dieſer den gewünſchten größern Antheil, noch den rückſtändigen Sold ausgezahlt erhielt, rotten⸗ weiſe davon zog, wodurch der König ſich genöthigt ſah, ſein Vordringen nach Oſen außugeben und ſich nach Oeſtreich zurückzuziehen. Schwerlich würde der ritterliche, dem König ergebene Stephan mit denen, die den König verließen, gemeinſchaſtliche Sache gemacht haben. Allein 20 jetzt war dieſer nach Wien und dann nach Linz zurück⸗ gekehrt zum alten Kaiſer Friedrich, der im October die Reichsacht über Regensburg ausgeſprochen, das ſich an den Herzog Albrecht von Baiern angeſchloſſen, der gegen des Kaiſers Willen ſich mit deſſen Tochter Kunigunde vermählt, die der Vater deshalb verſtoßen. Indeß ſich Max jetzt bemühte hier ein Friedenswerk zwiſchen dem Vater und dem Schwager zu ſtiften, während Friedrich die Hilfe des Schwäbiſchen Bundes und des Löwlerbun⸗ des für ſich wünſchte, hörte Urſula, und zwar von Ste⸗ phan's eigener Schwägerin Elevnore Tucher, die bei einer feſtlichen Gelegenheit mit ihr zuſammenkam, daß es Ste⸗ phan in dem luſtigen Wien ſehr wohl gefiele, daß er ihrem Gatten geſchrieben, wie es nirgend ſchönere Frauen und ſreiere Sitten gebe, wie dort, und daß es ſich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen Feldzuges ausruhen laſſe. Anfangs ſuchte Urſula für dieſe Nachricht Troſt in der Hoffnung, daß dieſelbe gefälſcht ſei, und bat Eliſabeth um ihren Beiſtand, ihr den Brief oder doch Gewißheit über ſeinen Inhalt zu verſchaffen. Wirklich erhielt ihn Eliſabeth durch ihren Gemahl von Anton Tucher. Eleo⸗ nore hatte Nichts hinzugeſetzt oder erlogen: im Gegen⸗ theil, der aus Wien datirte Brief enthielt, was ſie geſagt, noch begleitet von den rohen Ausdrücken und ſchmutzigen 24 Späßen, welche damals, beſonders unter der Männerwelt, üblich waren. Das war der Brief eines lebensluſtigen Mannes, der an jeden Genuß ſich hingibt, welchen der Augenblick bietet, unbekümmert, ob derſelbe mit den Grund⸗ ſätzen der Sittlichkeit ſich vereinen laſſe, unbekümmert, ob daheim eine treue ſehnſüchtige Geliebte ſeinen Schwuren vertraut und kummervoll die Stunden zählt, bis ſie einen Gruß von ihm empfängt. Eliſabeth wollte Urſula gern die bitterſte Kränkung erſparen, und ſagte ihr nicht, daß ſie ſelbſt dieſen Brief geleſen, aber doch daß ihr Gemahl das von Eleonore Geſagte beſtätigt. Indeß fügte ſie hinzu, es könne ja ſein, daß Stephan ſeinem Bruder nur darum in einem ſolchen Tone geſchrieben, um ihn und ſeinen Vater glau⸗ ben zu machen, daß er Urſula aufgegeben und vergeſſen habe, da ſie ſich ja immer dieſem Verhältniß widerſetzt. Wie gern auch Urſula dieſem Troſtgrund Eingang in ihr bangendes Herz vergönnte: es blieb doch immer die Frage, warum er ihr nicht geſchrieben, da doch ſonſt ſeine Briefe ſie immer erreicht und ſich noch ſtets gefällige Liebesboten gefunden hatten. Nur einmal war ein Brief von ihm verloren gegangen, aber das immer erwartend, hatte er wiedergeſchrieben; ſo war dies auch ein Troſt wohl für einige Wochen, auch Monate— aber nicht für ein halbes Jahr, wo er nicht mehr im Kampfe, ſondern 22 näher war und andere Briefe von ihm nach Nürnberg gelangten.„ Und Eliſabeth war auch eine Tröſterin, welche ſelbſt nicht glaubte, obwohl ſie den Grundſatz hatte, jeden ſchö⸗ nen Traum in anderen Herzen ſo lange als möglich fort⸗ zunähren, da die Enttänſchung und das Leid immer zu früh genug komme; ſie wußte, daß für ein liebendes weibliches Gemüth der peinlichſte Zuſtand des Schwankens zwiſchen Furcht und Hoffen immer noch beſſer ſei, als die entſcheidende Gewißheit von der Unwürdigkeit und Untreue des geliebten Gegenſtandes— ſie konnte ſo aus Erfahrung empfinden! aber ihr eigenes Herz war ja ſelbſt zu ſehr verletzt worden in ſeinen heiligſten Empfindungen durch den Verrath eines Mannes, als daß ſie nicht auch für andere Mädchen und von andern Männern die glei⸗ chen Erfahrungen erwarten ſollte. Einem ſchönen, eitlen und heißblütigen Manne wie Stephan traute ſie nur ſo lange Ausdauer in ſeiner Neigung zu, als das Weib, das ſeine Leidenſchaft erregte, ihm nahe war und nicht andere verführeriſchere Frauen ihn lockten. Aber nimmer hätte ſie Urſula's Herz in ähnlichen Beſorgniſſen beſtär⸗ ken mögen, ſie trachtete danach ihr ſo lange als möglich das Schreckliche zu erſparen, woran gerade ſtille und tiefe, reine Frauengemüther zu Grunde gehen. Bei ſolchen Be⸗ trachtungen mußte ſich Eliſabeth ſelbſt geſtehen, daß ſie 23 trotz ihrer geiſtigen Kraft und ihrer erheuchelten ſtolzen Ruhe auch zu den esengeen gehörte, weil ſie nicht mehr an das Iheal zu glauben vermochte, weil ſie in zweiſelhaften Fällen eher das Schlechte und Schlimme vorausſetzte, als das Gute und Angenehme. Kam nun wirllich König Max zu einem Reichstag in nächſter Zeit nach Nürnberg, ſo war weit eher zu er⸗ warten, daß bei dieſer Gelegenheit Urſula's Geſchick ent⸗ ſchieden werde, als das von Krieg oder Frieden im deut⸗ ſchen Reich, oder was immer der Kaiſer von den zähen Reichsfürſten und dem ſchleppenden Gang der Verhand⸗ lungen fordern mochte. War Stephan tren, ſo würde er nicht verfehlen, im Gefolge des Königs ſich wieder in ſeine Vaterſtadt zu begeben, ſei es auch nur für die Dauer des Reichstages. Blieb er aber ohne genügenden Grund aus, den man wohl von irgend einem ſeiner Gefährten erfahren konnte, ſo beſtätigte dies ſeine Treuloſigkeit; denn für ſo ſchlecht hielt ihn keine der Frauen, daß er kommen werde, um noch durch ſeine Gegenwart ſein unſchuldiges Opſfer zu verhöhnen. Wie natürlich, daß dieſe erſte Nachricht von der baldigen Anherkunſt des Königs einen ganzen Sturm von Empfindungen in Urſula erregte. Hatte ſie doch auf die Huld dieſes gütigen und ritterlichen Königs ihre ganze 24 Hoffnung von da an geſetzt gehabt, wo er im Tanze ſie ausgezeichnet und ihr ſein Worz gegeben, nicht anders denn zu ihrer Hochzeit mit Stephan Tucher wieder zu kommen, infern ſie einander nur Treue bewahrten, und wenn ſie ſich auch immer ſagte, daß ein ſo viel bewegter Monarch mehr zu denken und zu thun habe, als um das Geſchick eines Liebespaares ſich zu bekümmern, ſo hoffte ſie doch ſonſt, daß, wenn Stephan in des Königs Geleit zurück nach Nürnberg käme und dieſer, wie er verſpro⸗ chen, in Scheurl's Hauſe wohne, ſo werde Eliſabeth wohl Gelegenheit finden, ihre Schützlinge ſeiner Gnade zu empfehlen. Wie würde ſich Stephan beeilen ihr ſeine Rückkehr, ſeine Hoffnungen zu melden!— hatte Urſula vorher gedacht— und jetzt ſchwieg er, wie er ſeit einem halben Jahr geſchwiegen!— Außer den Regungen theilnehmender Freundſchaft waren es noch Gefühle ganz anderer Art, welche bei die⸗ ſer Nachricht Eliſabeth ergriffen. Wenn König Mar wiederkam— würde er auch derſelbe ſein wie vor ziemlich zwei Jahren? Damals kam er eben aus den Niederlanden, ein ſieggekrönter Fürſt, der einen ehrenvollen Frieden geſchloſſen. Er kam nur nach Nürnberg, die alte freie Reichsſtadt zum erſtenmale zu begrüßen, er lebte unter ihren Bürgern harmloſe feſt⸗ liche Tage, gefeiert und geehrt von Allen, und ſie wieder 25 ehrend durch ſein leutſeliges Weſen und die frohe Art, wie er ſich unter ſie kiſchte, mit ihnen gemeinſchaflich freute. Vie anders jetzt, wenn er Reichstag hielt! Da würden alle Fürſten und Herren, alle Großen des Reichs ihn umgeben und von den Nürnberger Bürgern tren⸗ nen— ſchien doch der Senat ihn ſchon zu prallen, weil er nur die Fürſten und nicht die Abgeſandten der Städte geladen:— es war eine Zurückſetzung, die gerade den Bürgerſtolz am tieſſten verwundete. Auch in Eliſabeth lebte der gleiche Stolz, der ſich dagegen empörte. Wie vft ſie auch die angenehmen Tage zurückgewünſcht hatte, an de⸗ nen König Max in Nürnberg weilte und ihr die ritter⸗ lichſten Aufmerkſamkeiten widmete— tauſendmal lieber wollte ſie ihn nie wiederſehen, als wiederſehen und von ihm überſehen werden. Sie war immer ſtärker ein Unglück zu ertragen als eine Demüthigung, welche ſie dem ſpöt⸗ tiſchen Lächeln ihrer Feindinnen und Neiderinnen preisgab. Die Sorgen des Reichstages mußten jetzt auf dem König laſten und noch ſchlimmere. Zwar hatte er ſeine Erblande wieder, aber er hatte doch den weiteren Er⸗ oberungszug nach Ungarn aufgeben müſſen. Schlimmere Sorgen aber waren in ſeinen eigenen Familienangelegen⸗ heiten erwachſen. Nicht nur der Zwiſt zwiſchen dem Vater und dem Schwager— Härteres hatte Mar perſönlich be⸗ 2 1850. XVI. Nürnberg. M. 26 zogin Anna von Bretagne bewopben, und während er in Ungarn beſchäſtigt war, hatte er ſich mit ihr durch Pro⸗ curation— der Prinz von Hranien war ſein Stellvertre⸗ ter— zu Rennes trauen laſſen. Aber am franzöſiſchen Hofe ließ man ſich durch dieſen Schein der Chevollziehung nicht abhalten, an Verhinderung des Unglücks zu denken, das durch Gründung eines fremden Fürſtenhauſes im Herzen der Monarchie herbeigeführt werden mußte, und faßte deshalb den Plan, Anna mit König Karl von Frank⸗ reich ſelbſt zu verheirathen, obwohl dieſer ſchon ſeit ſeiner Kindheit mit Mazmilian's Tochter, Margaretha von Bur⸗ gund, verlobt war. Farl wußte Anna endlich zu vermö⸗ gen, um ihr Land und ihr kleines deutſches Hilfsheer zu retten, ſich ihm zu ergeben und am 6. November 1494 den Heirathsvertrag mit ihm zu unterzeichnen. Im De⸗ zember erfolgte die päpſtliche Löſung ihrer Verbindung mit Mar. So erſchall eben jetzt durch ganz Europa das Volksgeſchrei, der König von Frankreich habe dem römi⸗ ſchen Könige ſeine Gemahlin entführt und ſeine Tochter verſtoßen. Mazmilian's Aufbrauſen bei der Nachricht von der ihm zugefügten Beſchimpfung kannte keine Grenzen, und da ſeitdem erſt nur kurze Zeit verfloſſen war, ſo konnte man wohl denken, wie er nicht empfänglich ſein würde für harmloſe heitere Feſtlichkeiten wie in früherer troffen. Er hatte ſich die Hand der Her⸗ 27 Zeit, und vielleicht noch weniger für Gründung des Liebes⸗ glückes Anderer, da es ihm eben ſelbſt auf ſo ſchmähliche Weiſe verſagt war. Und wenn er wiederkam— würde er ſein Wort hal⸗ ten und im Scheurl's Hauſe Wohnung machen!? Geſchah es nicht, ſo fand Eliſabeth ſchon darin eine Zurückſetzung— und geſchah es, ſo erwachten ſchon jetzt die Sorgen der Hausfrau in ihr, den hohen Gaſt auch würdig und glän⸗ zend genug zu empfangen. Die beiden Freundinnen wurden im Geſpräch über dieſe Angelegenheiten unterbrochen, als ihre ſtickenden Genoſſinnen erſchienen: Eliſabeth's Schweſter Margaretha, Beatrir Imhof, Crescentia Rieter, Charitas und Clara Pirkheimer und andere Jungſrauen aus den rathsfähigen Geſchlechtern, denn nur ſolche hatte Eliſabeth zu der Arbeit berufen. Alle eilten die unterbrochene Arbeit neu zu beginnen. Mit den Schweſtern Pirkheimer pflegte Eliſabeth den Umgang am liebſten, Urſula ausgenommen. Sie waren beide von dem regſten Eifer ſür wiſſenſchaftliche Studien ſowohl als frommes Wirken beſeelt, ſo daß man ſie bald die gelehrten, bald die ſrommen Schweſtern nannte. Zu jeder Arbeit waren ſie bereit und tüchtig und für jedes Streben begeiſtert, das ſich über die gewöhnli⸗ chen Lebensſphären erhob. Ihre Bildung war eine außer⸗ 2* 28 ordentliche und beſonders durch das früher gemeinſchaft⸗ liche Lernen mit ihrem Bruder Willibald geförderte. Jetzt, wo er ſern war und inzwiſchen auch ihre Mutter ge⸗ ſtorben, hatte ihr Sinn ſich dadurch immer mehr von den lauten Freuden der Welt abgewendet, ihren ſtillen Studien und einem beſchaulichen Leben zu. Jetzt waren ſie auch die Eifrigſten bei der Stickerei der Gobelins, ja ſie hatten es ſich nicht nehmen laſſen, beide allein die Figur des Auferſtandenen zu ſticken, darin eine beſondere Befriedigung findend. War nun auch die ſchöne Eliſabeth weltlicheren Sinnes als dieſe beiden, von der Natur gerade nicht mit körperlichen Vorzügen aus⸗ geſtatteten Schweſtern, ſo erkannte ſie doch ganz deren innern und ehrte ihre frommen Lebensanſchauungen, wenn ſi auch ſelbſt ſich zu freieren emporgeſchwungen. Es war immer ein klarer Frieden um dieſe Beiden, der ihr wohl that und den ſie ihnen um ſo mehr beneiden konnte, als ihre unruhig bewegte Seele nur den Schein deſſelben zu behaupten ſuchte. Sie fragte jetzt die Schweſtern nach ihrem Bruder Willibald, von dem ſie wußte, daß er Ritterdienſte bei dem Biſchoſ von Eichſtädt, eines der Häupter des ſchwä⸗ biſchen Bundes, genommen. „Zu unſerer Freude,“ ſagte Charitas,„wird er bald das Schwert mit der Feder vertauſchen, um in 29 Italien die unterbrochenen Studien fortzuſetzen. Im rohen Kriegerhandwerk können es wohl Andere ihm gleich thun, aber mit ſeinem freien Geiſte und ſeiner umfaſſenden Bildung paßt er beſſer in die ſtille Werkſtatt der Ge⸗ lehrten und wird ſeiner Vaterſtadt und dem Reiche beſſere Dienſte leiſten können, als mit dem Schwert. Kommt der Biſchof von Eichſtädt zum Reichstage her, ſo wird er ihn begleiten und kurz bei uns verweilen, ehe er auf lange Zeit nach Italien geht.“ „Ihr wißt es alſo auch ſchon von dem Reichstag?“ fragte Urſula geſpannt. „Mein Vater ſagte es dieſen Mittag,“ antwortete Clara. Auch Crescentia Rieter mit Margaretha Behaim, die jüngſte in dieſem Verein, ſtimmte dieſer Nachricht beſcheiden bei. Draußen ließen ſich eben Männerſchritte verneh⸗ men— Eliſabeth hoffte, es werde ihr Gemahl ſein, der nun auch die aufregende Kunde empfangen, und komme ſie mitzutheilen— aber ſie hatte ſich getäuſcht; ſtatt ſeiner trat der Maler Hans Beuerlein ein, um zu ſehen, welche Fortſchritte der Gobelin mache, zu dem er das Gemälde geliefert. Er war ein mittelgroßer Mann in den Fünßzigen, ſeine Geſtalt hatte er in einem großen Zipſelpelz von 30 dunkler Farbe gehüllt und auf dem Kopfe trug er eine Art Mütze von rother Farbe, ein Schläplein, wie dieſe wunderliche Kopfbedeckung hieß. Freundlich gab er ſein Lob über die vorgeſchrittene Frauenarbeit zu erkennen, aber als er ſich über Urſula's Schulter bog, ihr Werk zu betrachten, ſagte er:„Aber was iſt denn das: Ihr ſtickt der armen Maria Magda⸗ lena graue Haare ſtatt der blonden— würde es Euch doch ſelbſt ſehr kränken, wenn man Euch plötzlich mit grauen Haaren ſehe!“ Erröthend erkannte Urſula das Unheil, das ſie an⸗ gerichtet, indeß ihre Gedanken ganz anders beſchäſtigt geweſen als mit ihrer Arbeit. Durch langes Sehnen und Harren, Fürchten und Hoffen ſchon zum Aeußerſten er⸗ ſchöpft, brach ſie in Thränen aus und rief:„Ach, das iſt gewiß eine ſchreckliche Vorbedeutung!“ Der Maler lächelte:„Trennt es herzhaft wieder heraus und macht den Fehler gut, den ihr begangen, ſo macht Ihr auch die Vorbedeutung zu Schanden. So iſt's Männerart; aber die Frauenzimmer ſehen immer Alles gleich mit weinerlichen Augen an, bis ſie gar nichts mehr erkennen können.“ „Ei freilich!“ entgegnete Eliſabeth,„das iſt bequeme Männerweisheit, die ſich immer ihr Schickſal leicht macht. Wenn Ihr dies Haar mit einer falſchen Farbe gemalt 34 hättet, ſo bedürfte es nur einiger Pinſelſtriche von Eurer Hand aus einem andern Farbentopf, um dies Grau wie⸗ der in das ſchönſte Blond zu verwandeln; das Frauen⸗ loos iſt aber: hundert Stiche mühevoll aufzutrennen und wieder hineinzunähen— ein Geſchäft, das vieler Geduld und Zeit bedarf; nimmer unterzieht ſich jetzt ein Mann einem ſolchen, um ſeine Fehler gut zu machen.“ „Ei, was höre ich, Frau Fliſabeth?“ rief der Ma⸗ ler;„aber ſo geht es immer, wenn ſich einmal ein Mann allein unter die Frauenzimmer wagt, da muß er immer ſich allerlei gefallen laſſen— ſtatt Hahn im Korbe zu ſein, iſt man der Hirſch, den die Windſpiele umzingeln und ankläffen.“ Zwrites Capitel. Propſt und Mönch. Auf dem Steig bei den zwölf Brüdern ſtanden meh⸗ rere niedere Gebäude durch einen großen Hof verbunden. Vor dem Eingang am großen Hoſthor, über dem ſich ein zierlicher Spitzbogen mit durchbrochener Arbeit erhob, befand ſich ein ſteinerner Lindwurm, der aus ſeinem wei⸗ ten Rachen Waſſer ſpie, das auch jetzt im Winter luſtig daraus hervorquoll, nur daß es da und dort am Rande des Waſſerbeckens, wenn es über daſſelbe plätſcherte, zu ſeiner kunſtreichen Steinmetzarbeit noch ſpitze Zapfen von Eis anſetzte und auch den Rachen des Ungeheners mit einem Bart von ſilberhellglänzenden Eisfaſern umgab, daß es dadurch eine noch einmal ſo drohende Miene erhielt.* Drinnen im Hof, ein langes Gebände rechts war die Werkſtatt des Meiſters Adam Kraſt. Hier arbeitete er 33 umgeben von ſeinen Geſellen und Knechten. Eine große, glatte Steintafel lehnte vor ihm, an der er fleißig ſeilte, um Figuren in Lebensgröße als Hochbilder daran heraus⸗ zumeißeln. Neben ihm ſtanden Herr Martin Ketzel und der Propſt Anton Kreß. Erſterer, der bei ihm die ſieben Fälle Chriſti in ebenſo vielen einzelnen Steintafeln und zwei Kapellein beſtellt hatte— eine ſo große Arbeit, daß ſie leicht mehrere Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern konnte, war gekommen, um einmal nachzuſehen, wie weit ſie vor⸗ geſchritten, und hatte auch den als Kunſtförderer bekann⸗ ten Rropſt dazu mitgebracht. Adam Kraſt hatte ihnen die beiden fertigen Hochbilder gezeigt, lächelnd ihr Lob vernommen, ohne ſelbſt viel dazu zu ſagen, und jetzt fuhr er in ſeiner Arbeit fort, um den Beſuch ſeiner Gönner ſich weiter nicht kümmernd. Neben ihm ſtand ſein neueſter Handlanger, ein Bauernknecht aus dem nächſten Dorſe, den man nicht anders als den Rieſen⸗Jacob nannte, ſo groß und ſtark war ſein Gliederbau. Meiſter Kraft hatte ihn kürzlich bei ſeiner Werkſtatt vorübergehen ſehen und ihn gefragt, ob er ſich von ihm wolle zum Handlanger dingen laſſen? Da es im Winker für den Knecht keine Arbeit und ſchlechte Zeit gab, ſo nahm er das Anerbieten für dieſe Zeit an. Er hatte gemeint, er ſei gewählt worden, weil 3 34 er wohl für fünf andere ſtarke Männer Körperkraft be⸗ ſaß und mit Leichtigkeit große Steinblöcke da und dort⸗ hin tragen konnte, die Andere nur mühſam ſortzuwälzen vermochten; indeß erſtaunte er nicht wenig, als der Mei⸗ ſter nur ſeiten ſolche Leiſtungen von ihm verlangte, da⸗ für ihn aber oft an ſeine Seite nahm, und indeß er ſelbſt die kunſtreichſten Formen in den Stein trieb, dem Rieſen⸗Jacob mit der größten Genauigkeit zeigte und er⸗ klärte, wie man ſelbſt das mache und wie er verſuchen müſſe, ihm das nachzuthun. Der rohe Bauernburſche, der nur mit Ochſen und Pferden umzugehen verſtand, Bäu⸗ me zu fällen, und in Zeiten, wo die Ritter ihren Un⸗ terthanen und Hörigen die Ochſen geſchlachtet und die Pferde entführt hatten, um ſie bei ihren Raubzügen oder im Kriegsdienſt zu verwenden, wohl auch ſelbſt am Pfluge ziehen mußte— der verſtand kein Wort von dem, was ihm der Meiſter ſagte, lachte nur und wagte kaum einen rohen Verſuch, den Meißel in den Stein zu treiben. Die ihm nahe ſtehenden Steinmetzgeſellen aber lchelten einander zu und merkten hoch auſ, denn ſie wußten: ſo war einmal ihres Meiſters Art. Nie war er dahin zu bringen, Einem von ihnen, der bei ihm lernte, etwas ordentlich zu zeigen und mit ſeinen Geſellen über ſeine Arbeit zu ſprechen; aber von Zeit zu Zeit miethete er ſich einen unwiſſenden Bauernknecht als Handlanger, 35 und dem zeigte er alle Dinge, als ob er den kunſtbe⸗ gierigſten Steinmetzen vor ſich hätte— ſo ward es auch jetzt. Meiſter Kraſt hatte eben zur Abwechslung und um ſeine rechte Hand ruhen zu laſſen, den Meißel einmal in die linke Hand genommen, mit der er in gleicher Weiſe geſchickt zum Arbeiten war, als ſich die Thür öffnete und die Frau Meiſterin, mit vielen Kniren vor dem Propſt und Herren Ketzel, einen Benediktinermönch in die Werk⸗ ſtatt geleitete. „Der fromme Vater da,“ ſagte ſie zu dem Propſt, „hat Euer Hochwürden ſchon überall geſucht, bis man ihn hierher gewieſen, indem man ihm geſagt: er würde Euch bei dem Drachen finden!“ „Ei, ei,“ ſagte der Propſt, der immer zu einem Späßſchen aufgelegt war und die Worte dabei nicht wog, oder auch ſeinen Witz dann für den gelungenſten hielt, wenn er damit andere Perſonen in Verlegenheit bringen konnte,„man hat dem frommen Bruder geſagt, daß er mich bei einem Drachen fände, und da iſt er gleich auf den Einfall gekommen, mich bei der Frau Meiſterin zu ſuchen?— Was meint Ihr dazu, Meiſter Kraft? wie iſt es mit dem Hausdrachen?“ Der Rieſen⸗Jacob lachte unmäßig, und auch die Geſellen hatten Mühe ſich das Lachen zu verbeißen, die 36 Lehrlinge konnten ein leiſes Kichern nicht unterdrücken; alle wußten wohl, daß der Meiſter ſeit zwei Jahren erſt mit dieſer ſeiner zweiten Frau verheirathet in der glück⸗ lichſten Ehe lebte, aber auch daß, ſeitdem ſie in das Haus gekommen, ein ſchärferes Regiment darin eingeführt worden. Die Lehrlinge mußten manche Hausarbeit ver⸗ richten helſen, kehren, ſchwemmen und räumen, denn im ganzen Gehöfe wie im Haus und überall duldete ſie keine Unſauberkeit und verbannte ſie auch aus den verborgen⸗ ſten Winkeln; den Geſellen rechnete ſie auch die Freiſtun⸗ den pünktlich nach, und hielt es ihnen vor, wenn einmal einer über den Durſt getrunken oder ſonſt einen Unfug verübt. Ihr Mann grollte meiſt nur ſtill oder ſchickte fort, mit wem er unzufrieden war; ſie aber ſuchte den Leuten in's Gewiſſen zu reden, ſie durch moraliſche Vor⸗ ſtellungen und Kernſprüche zu beſſern. So war ihr von den Leuten, die zwar Reſpekt vor ihr hatten, aber denen das frühere loſe Regiment doch beſſer behagte, als dies ſtrengere durch ſie geführte, bald der Beiname des Hausdrachen gekommen, und ſie hatten keine geringe Freude, als jetzt ſelbſt der geiſtliche Herr ſie damit neckte. Meiſter Kraft aber, obwohl er das ernſte Geſicht auch zu einem Lächeln verzog, fühlte doch, daß er ſeiner Hausfrau ſich annehmen müſſe, und ſagte kurz und gut: „Wir leben ja als Adam und Eva im Paradies, und 37 da kann wohl Einer leichtlich denken, Drache oder Schlange müſſe ſich einſchleichen, und wie es immer geweſen, zur Frau zuerſt; draußen aber ſitzt er im Stein gezaubert vor dem Thor und weiſet wohl den Weg zu uns, aber nicht uns hinaus.“ „Das iſt brav,“ ſagte Herr Martin Ketzel,„daß Ihr Eure Hausehre in Schutz nehmet.“ Der Meiſter ſchien ſchon nicht mehr auf das zu hören, was weiter um ihn vorging, ſondern trieb den ſpitzen Stahl immer tiefer in den ſich geſtaltenden Stein, daß es luſtig klang und Funken und Sand um ihn ſprühten und ſtäubten. Ketzel wendete ſich darum zu Frau Kraſt und ſagte: „Es iſt wirklich wunderſam, daß Meiſter Adam auch eine Cwa gefunden.“ Dieſe erröthete und fuhr ſich mit der Schürze über's Geſicht, der Meiſter lächelte ſchlau und der Propſt ſagte: „Das Wunder iſt nun eben nicht ſo groß; wißt Ihr denn nicht, daß die Frau Kraft eigentlich Magdalena heißt, ſo ſteht ſie im Kirchenbuch, und nur dem Meiſter da zu Gunſt hat ſie ſich ſelber umgetauft, weil er ſich's einmal in den Kopf geſetzt, keine Andere als eine Eva zu freien.“ „Ei was!“ rief die Meiſterin ſich entſchuldigend, „der Kraft iſt auch nicht Adam getauft, ſondern Ulrich, 38 und hat ſich ſelbſt den Namen gegeben; warum ſoll eine Frau nicht das gleiche Recht haben?“ „Wenigſtens wenn es ihr Mann ihr gibt!“ ſagte Meiſter Kraft, der doch ſeine Frau nicht wollte übermü⸗ thig werden laſſen und ſich die Oberherrſchaft ſichern. Während dieſes Geſpräches war der Mönch an ei⸗ nem Seitenfenſter ſtehen geblieben, das dem geöffneten Hoſthor ſchräg gegenüber war, ſo zwar, daß man durch daſſelbe auf die Straße und die bei dem Lindwurm Vor⸗ übergehenden ſehen konnte. Anfangs blickte der Mönch nur mürriſch da hinaus, ungeduldig, daß der Propſt, den er ſchon allenthalben geſucht, nun ſtatt ſich mit ihm zu entfernen, kurzweilige Späße trieb, die ſeiner Würde ſehr wenig gemäß waren. Jetzt aber blickte der Mönch ſchärfer hin, wie gefeſſelt durch eine außerordentliche Er⸗ ſcheinung; ein ſonderbares Zucken flog über ſein erdfah⸗ les Geſicht und ſeine dunklen Augen blitzten unter den grauen Augenbrauen. Jetzt wendete ſich der Propſt zu dem ſchweigenden Mönch und ſagte:„Aber Ihr werdet Eile haben, ich bin bereit Euch zu begleiten. Gehabt Euch wohl, Meiſter Kraſt. Gottes Segen mit Euch Beiden: Adam und Eva! Herr Ketzel, guten Fortgang zu Eurer frommen Stiftung in ſo wackeren Meiſters Händen. Beſucht mich bald ein⸗ mal in der Propſtei zu einem Becher edlen Rheinweins, 39 wie er in meinem Keller lagert.“ Er lächelte und ſchmun⸗ zelte dabei ſchlau, denn ſein immer voller Weinkeller, ob⸗ wohl täglich aus ihm geſchöpſt ward, machte ihm mehr Freude als eine oolle Kirche. Martin Ketzel verſtand den Wink, daß der Propſt jetzt ſeine Begleitung nicht wünſche, er blieb daher zu⸗ rück, als ſich dieſer mit dem Mönch entfernte, und ſagte zur Meiſterin: „Ich muß ſchon noch ein Weilchen bei Euch ver⸗ ziehen, denn die geiſtlichen Herren da ſcheinen unter vier Augen zu verhandeln zu haben, wobei ſie weltliche Ohren nicht gebrauchen können.“ Frau Ewa war auf den Propſt noch ärgerlich wegen des Drachen und ſagte:„Es iſt auch beſſer, man hört es nicht; der Herr Propſt hat immer andere Dinge im Kopſe, als man bei einem Kirchenhaupt erwarten möchte, und der Mönch ſah auch nicht aus wie Einer, der Frieden im Kloſter gefunden und ſich wohl fühle in ſeinem Berufe.“ Meiſter Adam runzelte die Stirn und winkte ſeiner Frau ſchelmiſchſtrafend zu, als wolle er ſagen, daß ſie wohl Recht habe, daß man aber vor den Leuten in der WVerkſtatt nicht ſo reden dürfe. Gleichzeitig aber ſagte der Rieſen⸗Jacob:„O den Mönch da, den Bruder Amadeaus, den kenne ich. Ich habe 40 vorletzten Sommer als Handlanger einmal im Kloſter mit⸗ gearbeitet— da hab' ich ihn in ſeiner Zelle heulen und toben hören, und weil ich danach fragte, hat mir der Pförtner geſagt, da ſei der Bruder Amadeus ſeit einem Jahr zum erſtenmale mit einem Auſtrag in Nürnberg geweſen und ganz verſtört wiedergekommen; er wäre ſeitdem nicht mehr zu bändigen— von Buße und Beſſerung wollt' er gleich gar nichts hören.“ „Laßt doch das unnütze Reden!“ ſagte der Mei⸗ ſter;„wir loben den Herrgott in unſerer Kunſt und in den Werken, die wir ihm zur Ehre mit allem Fleiß be⸗ reiten— mögen ſie in den Klöſtern thun und treiben, was ſie wollen!“— Herr Nartin Ketzel verabſchiedete ſich und die Mei⸗ ſterin gab ihm das Geleite bis zu dem Brunnen vor dem Hausthor. Es begann zu ſchneien, und der Lindwurm, dem große Flocken um den geöffneten Rachen ſpielten und an ſeinen Eiszapfen zu weichem Flaumenbart ſich anſetzten, ſah grimmiger aus als je vorher. Bei dieſem Anblick ſchien die Erbitterung Frau Eva's auf den Propſt auf's Neue erregt zu werden, und indem ſie, nachdem Herr Ketzel ſich entfernt, das Hofthor donnernd zuwarf, murmelte ſie leiſe zwiſchen den weißen Zähnen:„Der Propſt ſoll auch noch einmal an mich denken! will er mich 41 einmal einen Drachen ſchimpfen, ſo mag er auch noch erfahren, daß ich's ihm gegenüber ſein kann!“— Indeſſen ging der Propſt Kreß mit dem Benedikti⸗ nermönch durch das Schneegeſtöber ſeiner Wohnung zu. ke in war eben nicht danach, Leute auf die Straße zu locken, welche nicht gerade die Nothwendigkeit heraus⸗ trieb. Auch die unverdroſſenen Nürnberger ſuchten bei ſolchem Wetter lieber in ihren Häuſern ihre Geſchäfte abzumachen, als wie ſonſt auf Gaſſen und Märkten ſich umherzutreiben. Darum begegneten die Beiden nur We⸗ nige und der Propſt ſagte zu ſeinem Begleiter: „Ich bin begierieg zu wiſſen, wie es kommt, daß Ihr Urlaub erhalten und was Ihr für einen Auſtrag hab't?“ Der Mönch ſagte mit einem faſt verächtlichen bit⸗ tern Lächeln:„Durch ſtrenge Buße erhielt ich den Ur⸗ laub— und mein Auftrag iſt allerdings ſo einfach, daß ich ihn Euch auf offener Straße ſagen kann, auch wenn ganz Nürnberg uns zuhörte: am Sakramentshäuslein in unſerer Kirche iſt über Nacht der Auſſatz eingefallen und zertrümmert worden; wir brauchen kunſtfertige Hände, das nicht nur zu repariren, ſondern ganz neu wieder herzuſtellen— aber es ſoll bald geſchehen, damit das Werk zur nächſten Feier wieder würdig vollendet iſt. Das iſt mein Auftrag an Euch, Herr Propſt.“ 3 1859. XVI. Nürnberg. M. 42 „Hättet Ihr ihn doch gleich in der Werkſtatt des Meiſter Adam Kraft geſagt,“ antwortete der Propſt,„das iſt der kunſterfahrenſte Mann in ſolchen Sachen—“ „Nicht doch!“ fiel ihm der Mönch ein;„wi wollen in unſerer Kirche kein Werk von profanen penn es auch jetzt Sitte wird, zuweilen ſolche Steinmeßzen in die Klöſter zu berufen; der Auſtrag ging an Euch und den Hüttenmeiſter der St. Lorenzkirche, uns zwei der ge⸗ ſchickteſten Baubrüder zu ſenden— den, deſſen Zeichen ein Kreis iſt mit einem Winkelmaaß durchſchnitten—“ Es war, als hemme eine plötzlich fallende Schnee⸗ lavine die eilenden Schritte des Propſtes— ſo blieb er einen Augenblick erſchrocken und regungslos ſtehen; aber es ſiel nicht ein Flöckchen mehr vom weißgewölbten Him⸗ mel herab, als vorher gefallen, und Nichts ließ ſich ſehen und hören, ſein erſchrockenes Stillſtehen zu veranlaßſen. Aber er grif jetzt den Mönch heſtig unter den Arm, entweder um ſich zu ſtützen oder ihn eilend mit ſich weiter zu reißen, und ſagte: „Amadeus! kein Wort weiter davon hier auf der Straße— das beſprechen wir drinnen in der Propſtei.“ „Ich gehorche,“ ſagte Amadeus;„aber jetzt ſeht Ihr es: nicht ich bin der Erregte, ſondern Ihr ſeid es.“ So gingen ſie ſchweigend und eilend noch die kurze Strecke nebeneinander, bis ſie in die Propſtei zu St. Lo⸗ 43 renz kamen. Der Propſt ſchlug mit dem eiſernen Klöppel, der eine koloſſale Eichel an einem Zweig von Eichenblät⸗ tern darſtellte, auf ein aus der Thür vorſpringendes Eichepblatt gleichfalls von eiſerner Arbeit, dreimal raſch n und gleich darauf ward die Thür von unſichtbaren Händen geöffnet und ſprang eben ſo ſchnell hinter den Eingetretenen wieder zu. In einem hochgewölbten Zimmer des Erdgeſchoſſes loderte ein mächtiges Feuer, hohe Polſterlehnſtühle, mit verſchoſſenem braunen Sammet bezogen, ſtanden am Ka⸗ min. Herr Anton Kreß deutete darauf und ſagte: „Ihr werdet müde ſein und hab't noch einen wei⸗ ten Weg zu machen, wenn Ihr vor Nacht zurück müßt.“ „Die zwei Stunden bis zum Kloſter,“ ſagte Ama⸗ deus,„werden mich nicht erſchöpfen, wenn ich den Weg hierher nicht vergeblich gemacht habe.“ Eine Frau in mittleren Jahren, die Wirthſchafterin des Propſtes, trat ein, nahm dem Propſt ſeinen Pelz⸗ mantel ab und brachte ihm einen Hausrock, blies mit dem Blaſebalg in den Kamin, legte neue Scheite auf, warf dabei neugierige Blicke auf den Mönch und ſchien Luſt zu haben, ſich allerlei im Zimmer zu thun zu ma⸗ chen, um gegenwärtig bleiben zu können. Der Propſt aber ſagte zu ihr:„Bringt uns ſchnell einen Krug Wein, etwas Brot und Schinken, und dann 3* 4⁴ ſehet auf den Boden; mich dünkt, die Fenſter ſtanden offen und der Schnee wird ſich drinnen häufen.“ Ehe nicht die Wirthſchafterin wiedergekommen war, das Verlangte gebracht und auf einrn kleinen am Kamin zwiſchen den Lehnſtühlen zurechtgeſtellt, auf denen die Beiden Platz genommen, ſprachen ſie kein Wort zuſammen. Erſt da ſie ſich entſernt, ſagte der Propſt: „Nun, Amadeus, Euren Auſtrag?“ „Ich habe ihn ſchon geſagt,“ verſetzte dieſer;„der hochwürdige Abt läßt Euch ſagen, uns zwei der geſchick⸗ teſten Baubrüder aus der Lorenzer Bauhütte zu ſenden, noch beſſer, ſie mir gleich mitzugeben. Da im Winter ja doch nur in der Hütte und nicht außen an der Kirche gearbeitet werden kann, ſo meinen wir, Ihr könnet ſie jetzt entbehren.“ „Gleich heute geht das nicht,“ antwortete Kreß un⸗ ruhig;„ich muß es erſt mit dem Hüttenmeiſter beſpre⸗ chen—— aber jetzt ſind wir allein, hier hört uns Nie⸗ mand, darum jetzt keine unnützen Redensarten mehr: wie hab't Ihr es angefangen, daß man gerade Euch und ge⸗ rade mit dieſem Auftrag zu mir geſendet?“ „Ich rede die Wahrheit,“ antwortete Amadeus;„ich bin ſtill und fromm geworden, habe Buße gethan und verſtanden mich ſelbſt zu zähmen, ſo iſt mir der Abt wieder geneigt worden wie vordem. Heute um Mitter⸗ 45 nacht hatte mich die Pflicht der Buße allein in die Kirche geführt— da ſah ich das Sakramentshäuslein zertrümmert, und meldete es dem Abt noch zur ſelben Stunde zuerſt und ſchlug ihm auch vor, daß wir es eilend wollten durch Nürnberger Baubrüder wieder herſtellen laſſen, und da er weiß, daß Ihr mir gewogen, und da ich der Erſte war, der das Unglück geſehen, ſo gab er mir Urlaub und ſandte mich hierher. Und ſoll ich weiter die Wahr⸗ heit reden: der Abt kümmert ſich nicht um die Monv⸗ gramme Eurer Steinmetzgeſellen, ich aber kenne das des Einen und bitte Euch: ſendet uns den mit dem Zeichen des Kreiſes, den das Winkelmaaß durchſchneidet.“ „Amadeus! was ſoll daraus werden?“ ſagte Kreß unruhevoll, lehnte ſich bekümmert in ſeinen Stuhl zurück und drehte haſtig einen Daumen um den andern an ſei⸗ nen über den wohlgenährten Leib gefaltenen Händen. „Da Ihr mir keine Gewißheit geb't, will ich ſie mir ſelbſt ſuchen!“ antwortete Amadeus. „Und wenn Ihr ſie habt, ſo wird ſie Euch in's Verderben ſtürzen!“ warnte der Propſt. Der Mönch lächelte:„Dem bin ich ſo oder ſo ver⸗ fallen, daran liegt nicht das Geringſte.“ „Da habt Ihr recht,“ antwortete der Propſt,„aber mit oder ohne Gewißheit; ſchon durch Euer Forſchen, eine einzige Unvorſichtigkeit, ein verdächtigendes Wort 46 werdet Ihr den edlen Jüngling in's Verderben ſtürzen, ſei er, wer er ſei— das bedenkt!“ „Ich werde ihn nicht verrathen,“ antwortete Ama⸗ deus,„und ſchon am wenigſten dann, wenn er mein—“ „Halt!“ fiel ihm der Propſt in's Wort;„Ihr hab't es gezeigt, wie wenig Ihr Eurer mächtig ſeid! Ich hab' ihm meine Gunſt erwieſen, aber nur als wackerem Künſt⸗ ler, und ſonſt bin ich ihm immer fern geblieben; aber ich habe im Verborgenen über ihn gewacht und ihn ge⸗ ſchätzt, wo es Noth that. Schon wollte ſich der böſe Len⸗ mund an ihn wagen, ſchon munkelte man über ſein Her⸗ kommen und wollte ſeine Mutter verunglimpfen— noch haben ihn die Zeugniſſe geſchützt, die er mitgebracht, noch glaubt er denſelben ſelbſt. Er iſt ſtolz und edel und ſein Lebenswandel frei von jedem Mackel; er iſt hochbegeiſtert für ſeine Kunſt und kennt kein anderes Streben und kein anderes Glück, als ihr zu dienen: nun drängt Euch an ihn, forſcht und ſpähet und macht ihn ſelber irre an ſich ſelbſt und ſeinem Herkommen, nehm't ihm die Ruhe des Gemüthes, den freudigen Stolz auf niedere, aber brave Eltern, auf die Zeugniſſe der Benediktiner— und Ihr vernichtet in ihm die frohe Kraft des Schaffens, die Zu⸗ verſicht, die ihn jetzt beſeelt; aber noch mehr: findet und bringt Beweiſe, lähmt ſeine Hand, ſeinen Muth, macht ihn zum Lügner und Heuchler— noch mehr: nehmt ihm 47 die ehelichen Eltern, verrathet Alles, was Ihr jetzt denkt, im halben Wahnſinn vielleicht hofft— kaum Tage werden vergehen, und er wird ein Ausgeſtoßener ſein aus der Zunſt der freien Steinmetzen; Schimpf und Schande wird über ihn kommen, die ſeine ſtolze Seele nicht erträgt; mit Fingern wird man auf ihn zeigen, und es wird ihm nirgends eine Freiſtatt werden für ſich und ſeine Kunſt und ſein ganzes verfehltes und verwahrtes Leben!“* Anton Kreß hatte lange nicht ſo viel und im Eifer geſprochen; kalter Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn, und wer ihn jetzt geſehen, der konnte ihm Manches vergeben und denken, daß in dieſem Manne doch ein guter Kern war, an den man nur einmal zu pochen brauchte, ſo llang er hell und rein, trotz der dichten Hülle alltäglicher Erſcheinung, die ihn umgab. In ſeinen Augen ſtanden Thränen, und während der Ausdruck ſeines Geſichtes ſich drohend auf den Mönch richten ſollte, ward er vielmehr angſtvoll und flehend. Dieſer ſtarrte vor ſich nieder und ſagte dann: „Wenn man fünfzehn Jahre im Benediktinerkloſter iſt, ſo lernt man ſich ſelbſt beherrſchen.“ „Das iſt nicht wahr, Bruder Amadeus, das iſt von Euch nicht wahr!“ antwortete raſch der Abt;„denkt, in welchen Zuſtand Ihr vor anderthalb Jahren kamet, da Ihr zuerſt ihn wiedergeſehen, nur ſeinen Namen und 48 ſein Alter erfahren hattet— und als Ihr darauf hörtet; er ſei todt!“ „Eben weil ich das nicht vergeſſen kann!“ ½ Amadeus;„es kam zu plötzlich— und ich erlag. Seitdem hab' ich gebüßt und mich geprüft, und bin vorbereitet. Aber wie könnt Ihr denken, daß ich etwas thun oder ſagen würde, das Ulrich's Daſein vergiften könnte? Ihr hab't Ulrika vor mir verborgen, daß ich weder weiß, ob ſie noch unter den Lebenden wandelt oder nicht— und wenn ein Wunder ſelbſt mir Ulrich geſührt, ſo hab't Ihr kein Recht, Euch dem entgegen zu ſtemmen.“ Der Propſt ſah zwar noch kummervoll aus, aber um ſeinen Mund ſpielte ein ſchlaues Lächeln, mit dem er ſagte:„Glaubt Ihr wirklich an die Wunder der Hei⸗ ligen? Die haben wohl auch um Euretwillen das Weih⸗ brotgehäuſe umgeworfen? Was bildet Ihr Euch ein, daß ſie noch weiter thun werden?— Antwortet mir lieber kurz und bündig: Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich nun wirklich Ulrich von Straßburg und ſeinen treuen Gefährten, den blonden Hieronymus auf Arbeit in das Kloſter ſende?“ „Ihr kennt die ſtrengen Regeln des Ordens,“ ſagte der Mönch;„ich werde ihn nur beim Gebete ſehen, und wenn ich mit ihm zu ſprechen komme, ſo wird das nicht allein ſein.“ 49 „Ich kenne die gelockerten Ordensregeln,“ ver⸗ ſetzte der Propſt,„und daß es jetzt in den Klöſtern nicht ſo ſtreng hergeht wie ehedem und wie die Welt noch glauben ſoll, aber doch nicht glaubt; Ihr werdet es ſchon ſchlau anfangen, daß Ihr mit Ulrich allein zu ſpre⸗ chen kommt— Ihr werdet darum doch keine Ruhe finden und die ſeine werdet Ihr ihm rauben.“ „Nun denn,“ antwortete der Mönch aufſtehend, „was hinderte mich denn gleich ſelbſt in die Vauhütte zu gehen, ehe ich zu Euch ging, und dort meinen Auftrag zu ſagen?“ „Ihr hab't das Paßwort nicht und hättet keinen Einlaß gefunden,“ entgegnete der Propſt. „Aber der Hüttenmeiſter wäre herausgekommen,“ verſetzte Amadeus,„und ich hätte mein Geſuch vorge⸗ bracht; ich hätte auch draußen warten können, bis Ulrich herauskam, und ihn begleiten; noch mehr: als Ihr vorhin beim Meiſter Kraft mit ſeiner Ehefrau ſcherztet, da ſah ich Ulrich draußen beim Lindwurm vorübergehen— ich hätte auf ihn zueilen können, mit ihm reden, was ich gewollt, ohne daß ich erſt meine Bitten bei Euch er⸗ ſchöpfe. Urtheilt, ob ich mich bezwingen kann und gehor⸗ ſam ſein, daß ich das nicht that? Ich weiß auch, daß er beim Rädleinmacher Sebald beim Sonnenbad wohnt, und könnte jetzt zu ihm gehen, ſtatt mit Euch nutzloſe Worte 50 zu wechſeln— wenn ich nicht ein Gelübde und noch mehr: wenn ich nicht ſeine Ruhe berückſichtigen wollte. Was alſo hab't Ihr noch zu fürchten! Kann ich aufrichtiger gegen Euch ſein, als ich es geweſen bin! Verdiente ich nicht dafür, daß Ihr es auch wäret! Geb't mir Gewiß⸗ heit, und Ihr erſparet mir weiter zu forſchen!“ „Ich habe ſelbſt keine Gewißheit!“ ſagte der Propſt nach langem Sinnen und mit ſich ſelbſt Ringen;„wie oft ſoll ich es Euch ſagen! Er iſt nicht der einzige Oblate, der in jenem Kloſter erzogen worden, und ich mag keine Nachforſchungen anſtellen, die ihm ſchaden könnten. Ich liebe und achte dieſen wackern Geſellen und erweiſe ihm meine Gunſt, mag er mir nahe ſtehen oder nicht; es bringt durchaus keinen Nutzen, Geheimniſſen nachzuſpüren, bei denen wir Gott danken müſſen, daß ſie es vor der Welt ſind— mögen ſie es auch vor uns ſein und bleiben.“ „Wohlan!“ ſagte Amadeus,„ſo laßt mich Eurem Beiſpiel folgen— ich will nur thun wie Ihr und Richts verrathen, was dies alte Herz dabei empfindet.“ Er reichte dem Propſt ſeine Hand; dieſer nahm ſie, ſtund auch auf und ſagte:„Euch ſelber träſe der größte Fluch, wenn Ihr Fluch und Schande auf Ulrich brächtet.“ „Ich will Richts als meine alte Hand ſegnend auſ 51 ſeinen Scheitel legen— vielleicht find' ich dann die Ruhe, die mir bis jetzt noch niemals geworden.“ „Ich will Euch vertrauen,“ ſagte Kreß;„vertraut mir auch. Wie Ihr alles Auffallende vermeiden wollt und mußt, will und muß ich es auch. Morgen in der Hütte werd' ich mit dem Hüttenmeiſter ſprechen, ihm ſagen, daß Ihr die geſchickteſten Steinmetzen verlangt, und daß es eine Ehre für die ſein wird, welche wir ſenden. Ulrich und Hieronymus ſind die beſten; wählt der Werkmei⸗ ſter ſie ſelbſt und ſchlägt ſie vor, ſo werde ich freudig beiſtimmen— einen Vorſchlag ſelbſt kann und mag ich nicht machen; ich habe Ulrich ſchon mehr als einmal gegen ſeine Neider und Feinde geſchützt— ich werde Nichts thun, was ſie vermehren könnte.— Und nun eilt Euch, damit Ihr zur rechten Zeit heim kommt, ehe ſie zur Hora läuten. Dem Abt vermeldet meinen Gruß und daß übermorgen die Steinmetzen kommen würden; die Be⸗ dingungen wird ihnen der Werkmeiſter ſchriftlich mitge⸗ ben.— Da, leert noch einen Becher, che Ihr in die Winterkälte hinauswandert.“ „Auf Ulrich's Wohl— und Euch zum Dank!“ ſagte Amadeus, mit ſeinem friſchgefüllten Humpen an den des Propſtes ſtoßend. Dann zog er die Kaputze über ſein Haupt, nahm ſeinen Wanderſtecken und verließ das Haus. Der Propſt ſah ihm bekümmert nach und überließ 52 ſich eine Weile banger und trauriger Gedanken. Aber es war ſeine Gewohnheit, denſelben nie zu lange nachzuhän⸗ gen; er ſchellte der Wirthſchafterin und ſagte ihr, daß er noch einmal ausgehen werde— er hatte das Bedürfniß ſich in heiterer Geſellſchaft zu zerſtreuen, und die Collegen und Rathöherren, in deren Mitte er ſich bald geſprächig und frohgelaunt wie immer bewegte, merkten ihm nicht an, daß er eben eine ſo ernſte und ihn quälende Unter⸗ redung gehabt. . Prittes Cnpitrl. Die beiden Baubrüder. An demſelben Abend, an welchem die Baubrüber Ulrich von Straßburg und der blonde Hieronymus Ge⸗ genſtand des Geſpräches zwiſchen dem Propſt und dem Mönch geweſen waren, ſaßen die erſten Beiden wie ge⸗ wöhnlich allabendlich zuſammen in ihrer ſchlichten Woh⸗ nung. Die Mutter des Hieronymus hatte ihnen einen großen Topf Suppe im Zimmer gekocht und nickte fröh⸗ lich lächelnd mit dem wankenden Kopfe, ſelbſt die größte Freude darin finbend, daß ſie es ihren Söhnen ſo be⸗ haglich gemacht, denn auch Ulrich war ihr im Laufe der Zeit wie ein zweiter Sohn geworden— nannte doch ihr Hieronymus ihn auch Bruder. Iſt es doch auch immer von jeher Frauen⸗ und Mutterart geweſen, an das WVeſen ſich am innigſten zu ſchließen, das die meiſten Sorgen, Mühen und Aengſten 54 verurſacht, und hatte nun doch auch Mutter Martha dies Alles um Ulrich empfunden, ſeit man ihn vor länger als einem Jahr in einer Septembernacht für todt in das Haus getragen, aus mehr als einer Wunde blutend. Wochenlang hatte er damals bewußt⸗ und regungslos zwiſchen Tod und Leben gerungen, und wenn auch der berühmteſte Bader Nürnbergs im Auſtrag Herrn Chriſtoph Scheurl's alltäglich mehrmals kam, ſeine Wunden neu zu verbinden, und Hieronymus alle Nächte an ſeinem Lager wachte, am Tage mußte er doch zur Arbeit in die Bau⸗ hütte, und da war es immer ſeine Mutter, die den Kran⸗ ken mit ſorgſamer Hand pflegte und jede Liebeswohlthat ihm erwieß. Zum Glück war wenigſtens dabei kein Man⸗ gel, wie wenig Ulrich auch ſelbſt beſaß; denn wenn ein Baubruder krank war und nicht zur Arbeit kommen konnte, ſo erhielt er dennoch aus der Hütte den vollen Wocherlohn ausgezahlt, damit er davon verpflegt würde. Nun nahm auch der Bader durchaus keine Bezahlung und brachte alle Medicamente unentgeltlich mit. Auch der Propſt Kreß ſprach öſter vor und ſandte immer von ſei⸗ nen Vorräthen aus Küche und Keller, beſonders wie der Kranke einmal ſo weit war, daß er ſich deren bedienen konnte. Ein paarmal kam in der Dämmerung auch ein fremder Knabe, der Größe nach etwa fünßzehn Jahre alt, brachte Wäſche, Geld und Erfriſchungen für den Verwun⸗ deten, fragte immer ſehr angelegentlich und ängſtlich nach ihm, und ſuchte ſich wenigſtens zwiſchen die Thür zu drängen, um einen Blick auf den bewußtloſen Ulrich zu werfen. Wenn die alte Frau ihn fragte: woher das komme!? antwortete der Knabe ſtets: er habe ſchwören müſſen, es nicht zu ſagen, und ſie ſolle auch mit Nie⸗ manden davon reden. Anfangs nahm es die Frau und auch Hieronymus hatte Nichts dagegen; als aber nach etwa ſechs Wochen Ulrich's Fieber nachließ, er wieder zur Beſinnung kam und man ihm allmählig Alles erzählte, was indeß für ihn geſchehen, widerſetzte ſich ſein Stolz ſolchen Gaben, und er verpflichtete ſeine treuen Pfleger, dergleichen nicht mehr anzunehmen, nur von ſeinem Vor⸗ geſetzten und Gönner, dem Herrn Propſt meinte er ſich nicht weigern zu dürfen. Aber von fremden Leuten er⸗ klärte er Nichts zu nehmen, und auch dem Bader ſagte er, daß er ſeine Wunden im Dienſte chriſtlicher Pflicht, aber nicht in dem des Herrn oder der Frau Scheurl ſich geholt, daß weder ſie ihm verpflichtet wären, noch er ſich ihnen verpflichten wolle. Der Bader erzählte ihm, daß Frau Scheurl ſeit derſelben Zeit am hitzigen Fieber darniederliege und daß ſie ſchwerlich mit dem Leben da⸗ vonkommen werde. Uibrigens aber bemühte er ſich, ſo wie bei Eliſabeth, auch bei Ulrich und Hieronymus ver⸗ geblich, nähere Aufklärungen über einen Vorfall zu er⸗ halten, über den die widerſprechendſten Gerüchte umliefen. 56 Als der fremde Knabe mit ſeinen Gaben wieder kam, ließ ihn Ulrich ſelbſt an ſein Lager kommen, um zu erforſchen, wer ihn ſende. Der Knabe ward glühend⸗ roth vor Verlegenheit, brachte faſt kein Wort hervor, und da Ulrich jede Annahme aus fremder Hand verweigerte, auch Hieronymus und ſeine Mutter hinzukamen, mit Fragen und ſogar Drohungen in den Knaben drangen, die Wahrheit zu geſtehen, ſprang er weinend auf, eilte fort und kam niemals wieder. ulrich aber ſagte zu Hieronymus:„Mir klang die Stimme bekannt, und ſolche braune flehende Augen hab' ich auch ſchon geſehen; meinſt Du nicht, es könne der Bruder des Indenmädchens geweſen ſein, das uns warnte und zu Eliſabeth's Schutz ſandte, oder dieſes ſelbſt?“ Hieronymus hatte nicht daran gedacht, er hatte den Knaben jetzt zum erſtenmale geſehen; die Vergleiche, die er nun anſtellte, ſchienen allerdings Ulrich's Vermuthen zu beſtätigen, aber er wollte nicht daran glauben, auch dem Kameraden es ausreden, was ihm als Schmach er⸗ ſchien: wenn dies Judenpack, wie er ſich ausdrückte, ſol⸗ chen Antheil an einem freien Maurer nehme, in ſeine Wohnung ſich ſchleiche und ſie doppelt verunehre durch Gaben, die nun Anfangs doch angenommen und ver⸗ braucht worden— das dünkte ihm ein unauslöſchlicher Schimpf! Und um nicht wirklich die Gewißheit zu er⸗ 57 langen, vermied er danach zu forſchen— und ſeitdem ſahen die Baubrüder wirklich weder von dem Judenmädchen noch dem fremden Knaben etwas wieder. Während Ulrich noch in Gefahr ſchwebte und he⸗ wußtlos war, diente es Hieronymus zu einiger Beruhi⸗ gung, daß noch eine größere Anzahl der Baubrüder bei jenem nächtlichen Vorfall betheiligt geweſen. Wenn auch der Rath, da Herr Scheurl ſelbſt keine Unterſuchung wünſchte, die Sache dahin geſtellt ſein ließ, ſo waren doch die Geſetze der Bauhütte ſtrenger als die des Ra⸗ thes und ließen ſich nicht beugen und umgehen wie jene. In Gegenwart aller freien Steinmetzen, des Propſtes, Hüttenmeiſters, Werkmeiſters und Pallirers wurden ſämmt⸗ liche Vaubrüder über den Vorfall abgehört, denn es war ihnen ſtreng verboten, Händel und Raufereien anzufangen und ihre Schwerter, die ſie an der Seite trugen, anders zu brauchen als im Fall der äußerſten Nothwehr oder zum Schutze Hilfsbedürftiger, unſchuldig Bedrängter, zur Ehre Gottes. Da nun aus allen Ausſagen nichts ande⸗ res hervorging, als daß ſie auf den Hilferuf einer von einem vermummten Ritter und ſeiner Genoſſen wehrlos überfallenen Dame herbeigeeilt waren, und man erfuhr, daß dies die Gattin des hochangeſehenen Herrn Chriſtoph Scheurl geweſen, und dieſer ſich den Baubrüdern nicht nur dadurch dankbar erwies, daß er den Verwundeten 1859 XVI. Nürnberg. M. 4 58 ſeinen Bader ſandte, ſondern auch daß er eine große Summe Geldes an die Lorenzbauhütte ſelbſt ſandte, aus Dankbarkeit gegen die Baubrüder, die ihm beigeſtanden, damit ſie davon eine Zeche feierten und gleicherweiſe auch Fürbitte in ihrer Kirche thäten für die Geneſung ſeiner Gemahlin— ſo ward das Betragen der Baubrüder als unſchuldig und rechtlich befunden, und jeder Verdacht be⸗ ſeitigt, der von einigen war auf Ulrich geworſen wor⸗ den: weil er ſchon zum zweitenmale Händel mit einem Ritter um einer Dame Villen gehabt. Denn gleich den Tempelherren mußten ſich die Baubrüder von allen zärt⸗ lichen Regungen und Beziehungen frei erhalten, und wenn ſie auch noch in ſtärkere Strafen verfielen, wenn ſie mit böſen oder berüchtigten Frauen ungingen, als mit ehr⸗ baren, ſo durſten ſie ſich doch auch nur dieſen nähern, wenn es die Nothwendigkeit gebot. Weil Ulrich hierbei unſchuldig befunden, und was man wider ihn vorgebracht, ſich als böſer Leumund er⸗ wies, ſo faßten ſowohl Hieronymus als ſein Gönner der Propſt darauf, wenn es galt, andere böſe Gerüchte nie⸗ derzuwerfen, die über ihn umliefen. So wollte Einer wiſſen, daß er ein paar Abende vor ſeiner Verwundung im Abenddunkel ein Indenmädchen mit zu ſich in das Haus genommen; ein Anderer, daß er nicht nur nicht wiſſe, was aus ſeinen Eltern geworden, ſondern auch 59 nicht, wer ſie geweſen, ja daß ſeiner Mutter als Zau⸗ berin der Prozeß gemacht worden. Aber die Zeugniſſe des Maurerhofes zu Straßburg und der Benediktiner wurden dem doch entgegen gehalten, der Propſt und der Hüttenmeiſter bedrohten Diejenigen mit Straſen, die ſolchen entgegen einfältigen Gerüchten Glauben ſchenken woll⸗ ten— und ſo waren dieſe zum Schweigen gebracht, lange bevor Ulrich wieder in der Bauhütte erſchienen, und da auch Hieronymus ihn nicht damit aufregen wollte, ſo erfuhr er gar nichts von der Gefahr, die über ihm ge⸗ ſchwebt, zugleich als der Todtesengel ſeine Fittige um ihn ſchwang. Erſt als das Frühjahr kam, vermochte er wieder ſein Schmerzenslager zu verlaſſen, aber dann dauerte es noch lange, ehe er wieder in der Hütte arbeiten und den Meißel kräftig ſchwingen konnte wie vordem. Die Wunde, die er an der Bruſt empfangen, ſchmerzte ihn dann immer auf's Neue, und er mußte ſich erſt allmälig wieder an die Arbeit gewöhnen. Inzwiſchen war doch die Zeit für ihn daheim nicht ganz verloren geweſen. Der Propſt hatte ihm alle neuen Bücher geſchickt, die aus Anton Ko⸗ berger's Druckerei hervorgegangen und auch ſonſt noch erſchienen waren, darunter die Schedel'ſche Chronik von Nürnberg, Konrad Celtes' Beſchreibung derſelben Stadt, Regiomontan's Kalender, Tucher's Reiſe in das gelobte 4* 60 Land und die ganze heilige Schriſt. Ulrich ſtudirte eiftig alle dieſe Bücher und ſo nebenbei übte er ſich, ſobald es ging, im Zeichnen, machte Riſſe zu großen Münſtern nach dem Syſtem des Sechs⸗ und Achtortes, wie zu klei⸗ nen Weihbrotgehäuſen, zu Säulen, Portalen und Orna⸗ menten— wagte ſich an die größten Aufgaben der Kunſt und zeichnete dabei das Kleinſte mit demſelben Fleiße. Etwa ein paar Wochen mochte er wieder regelmä⸗ ßig gleich den andern Steinmetzgeſellen in die Bauhütte zur Arbeit gehen, als er an einem ſchönen Herbſttage mit andern Baubrüdern außen am Kirchthurm auf ſchwin⸗ delnder Höhe ſelbſt zu arbeiten hatte. Da rief ihn ein Handlanger im Auftrag des Werkmeiſters von der Arbeit fort, hinunter in's Schiff der Kirche zu kommen, wo man ihn bedürfe. Unten fand er den Werkmeiſter und Pallirer mit einigen Steinmetzen in der Nähe des Hochaltars, und bei ihnen ſtand der Propſt, der Maler Hans Beuerlein, Frau Eliſabeth Scheurl mit Urſula Muffel und Charitas Pirk⸗ heimer. Zeichnungen, Gemälde und Teppichſtoffe lagen vor dem Hochaltar ausgebreitet. Es war zum erſtenmale, daß die Geneſenen ſich wiederſahen nach jener verhängnißvollen Nacht.— Ulrich war inzwiſchen bei Herrn Scheurl geweſen und hatte ihm für ſeine Güte gedankt— ſeiner Gemahlin hatte er nichts 61 zu ſagen. War es nicht an ihr, ein dankendes oder doch erkenntliches, theilnehmendes Wort an ihn zu richten?— Sie that es nicht— aber ſie erröthete und zitterte unwill⸗ kürlich bei ſeinem Anblick und ſtützte ſich auf Urſula. Der Propſt erklärte ihm, daß dieſe edlen Frauen die Kirche mit einem Teppich beſchenken wollten, daß Meiſter Beuerlein das Gemälde als Muſter zu dem Mit⸗ telſtück gefertigt, daß ſie aber über die Ornamentik in den Kanten noch nicht einig wären, da ſie mit der der umſtehenden Säulen harmoniren ſollte— und daß er ja wohl allerlei Zeichnungen, die dem entſprächen, von Laub und Schnörkeln in ſeiner Krankheit angefertigt, die er eilends aus ſeiner Wohnung holen möge. Ulrich bejahete, aber der blonde Hieronymus, der auch mit zur Berathung gezogen war, ließ es ſich nicht nehmen, ſtatt ſeiner die Zeichnenrollen aus der ge⸗ meinſchaſtlichen Wohnung zu holen, da Ulrich noch nicht zum ſchnellen Laufen tauge und indeß auch lieber hier ſeinen Rath mit ertheilen möge. Darüber fand zwar erſt ein edler Wettſtreit Statt, aber der Propſt und Charitas Pirkheimer billigten Hieronymus' Vorſchlag und ließen ihn gehen und Ulrich bleiben. Anfangs ſchien es, als fühle ſich Eliſabeth durch Ulrich's Nähe— die ſie zugleich wünſchte und floh— peinlich berührt und von einer Ver⸗ legenheit ergriffen, die ihrem ſonſtigen ſelbſtbewußten und 62 ſtolzen Hervortreten gänzlich fremd war; nachdem er aber auch, ohne weiter ſeine Worte an ſie zu richten, mit dem Propſt und dem Maler ſich über den vorliegenden Gegenſtand in ein kunſtverſtändiges Geſpräch vertieft, aus dem man deutlich erkennen mochte, daß jene eigentlich die Schüler waren und der einfache Steinmetzgeſelle der Meiſter: da war es, als ob auch Eliſabeth plötzlich ſich zuſammenraffe— mit kühner Sicherheit miſchte ſie ſich in die Unterhaltung, ließ das Licht ihres Geiſtes glänzen und die Strahlen ihrer Kunſtbegeiſterung in blühender Bilderpracht ſich entfalten. Als Hieronymus mit Ulrich's Zeichnungen zurückkam, und als er ſelbſt mit einem Fuß auf den Altarſtufen knieend ſie vor den Beſchauenden entrollte, ſagte Eliſabeth zu ihm, als Beuerlein mit An⸗ dern in einiger Entfernung Anderes betrachtete:„Warum ſeid Ihr nicht Maler geworden? Ihr wäret ein großer Künſtler!“ Da ſchüttelte er ſtolz das lange Haar aus dem edlen, von der Krankheit noch bleichem Geſicht, und ſtolz und groß in Eliſabeth's flammende Augen blickend, ſagte er:„Die Kunſt iſt doch nur eine, ob wir ihr dienen mit Meißel und Richtſcheit oder mit Nalerſtab und Pin⸗ ſel— ſie hat nur einen Zweck: Gott zu dienen und da⸗ mit zugleich Andere zu demſelben Gottesdienſt zu ent⸗ flammen. Mir gilt es mehr in unſerer freien Bruder⸗ 63 ſchaft, namenlos, nicht als ein eitler Einzelner, ſondern als das Glied eines Ganzen, eines Leibes, wie es der Herr Jeſus Chriſtus geſagt hat, zu ſtreben, zu ſchaffen, nicht für profanen Ruhm, ſondern für die Ewigkeit des Kunſtwerkes.“ Eliſabeth antwortete darauf nur:„Stolzer Mau⸗ rer!“ aber Charitas Pirkheimer, die ſeine Vorte auch vernommen, rief in einer Art von Vetzückung:„Ja! ſo iſt der rechte chriſtliche Sinn: ſelbſt Nichts ſein wollen und ganz aufgehen im gemeinſchaſtlichen Streben, dem Höchſten zu dienen.“ Ulrich's Zeichnungen waren zur Einfaſſung des Bil⸗ des auf dem Teppich gewählt worden. Seitdem arbeiteten die Nürnbergerinnen bei Eliſabeth daran und die Bau⸗ brüder verrichteten die gewohnte Arbeit in ihrer Hütte, ſo daß ſie nichts wieder von einander ſahen und hörten. So war der Winter zur Hälfte vergangen. Als Ulrich und Hieronymus jetzt zuſammen ſaßen, ſagte der Erſtere:„Als ich vorhin zur Veſperſtunde bei Meiſter Kraſt's Wohnung vorüberging, betrachtete ich mir die ſchön gefrorenen Waſſerſtrahlen an dem Lindwurm vor ſeinem Hoſthor, und wie ſo mein Blick hinüber nach dem Fenſter der Werkſtatt ſtreifte, war es mir, als ſähe ich dort denſelben Benediktinermönch am Fenſter ſtehen, der mir gleich an dem erſten Tage meines Hierſeins be⸗ 64 gegnete, wo mein Schwert ſeinen Roſenkranz zerriß. Du weißt, dieſe zünftigen profanen Nürnberger Steinmetzen lieben es nicht, wenn Einer von uns in ihre Verkſtatt tritt, ſonſt wär' ich hineingegangen, mir Gewißheit zu holen und ihm zu ſeinem Eigenthum zu verhelfen, das ich freilich nicht bei mir hatte und das ich auch inzwiſchen ſchien vergeſſen. Mir ſchien, der Propſt ſtand bei ihm— ſobald ich ihn ſehe, werde ich nach dem Mönche fragen.“ Er ſuchte das Kreuz, das wohl verwahrt in einer kleinen Lade lag, und Hieronymus ſagte: „Hätteſt Du Dir wirklich von dieſem einmaligen Sehen die Züge des Mönches, der uns ſchnell entſchwandt, ſo genau gemerkt, daß Du über Jahr und Tag ihn wieder erkannteſt?“ „Er hatte etwas Eigenthümliches in ſeinem Geſicht, das man nicht vergißt,“ ſagte Ulrich,„und merkwürdig: entweder in meinen Fieberphantaſien oder in meinen Träumen iſt mir dieſelbe Geſtalt mehrmals wieder er⸗ ſchienen, nur in der letzten Zeit hatte ich ſie vergeſſen.“ Jetzt unterbrach das Mütterchen die Beiden und ſagte:„Wißt Ihr es denn, daß übernächſte Woche die Potentaten und großen Herren zum Reichstag kommen, und daß zwar der alte Kaiſer Friedrich auf der Veſte mit dem Burggrafen, König Marmilian aber beim Herrn ichiehhh ————— ——————— 65 Scheurl wohnen wird? Da wird ſeine Hausfrau nicht wiſſen, wo ſie hin ſoll vor Hoffahrt und Hochmuth.“ Ulrich ſagte:„Gönnt ihr doch den unſchuldigen Stolz, wenn er ſie nun einmal glücklich macht!“ „Unſchuldig?“ ſagte die Mutter;„nun, ich will dem König Mar, für den einmal Alle eingenommen ſind, da er noch etwas Neues iſt, nichts Böſes nachſagen— aber man weiß, wie die großen Herren ſind, und von dem heißblütigen König lauſen genug Geſchichter um von verliebten Abenteuern— das heißt dann nichts, als ein ritterlicher Scherz! Ja, die Art, die zu wähleriſch iſt, um mit gemeinen Frauensperſonen ſich einzulaſſen, die für Jeden zu haben ſind, die macht die meiſten Frauen unglücklich und iſt allen eitlen und hoffärtigen Frauen gefährlich, die ſich ſelbſt auf ein gnädiges Lächeln was zu Gute thun. Ich bin alt geworden in Nürnberg, ich weiß, wie weit her es iſt mit den guten Sitten bei dieſen be⸗ vorzugten Geſchlechtern und mit der Unſchuld ihrer Frauen.“ „Ihr mög't Recht haben,“ ſagte Ulrich;„aber der Stolz der Frau Scheurl iſt doch anderer Art; die will herrſchen mit ihrem Geiſt und einem Streben über das Gewöhnliche hinaus.“ „Mir macht Ihr nichts weiß,“ eiferte die alte Frau;„ſtolzirt ſie doch wie eine Königin einher, und ſcheint doch keine andern Gedanken zu haben, als ihren 66 Putz und ihre Schönheit zu zeigen; auch die lange Krankheit hat ſie nicht gebeugt und bekehrt.“ „Ihr ſeid nun einmal wider ſie,“ ſagte Ulrich. Hieronymus trat jetzt auf die Seite ſeiner Mutter. „Verdroſſen hat mich's auch,“ ſagte er,„daß ſie ihr ei⸗ genes Bild als Maria Magdalena auf den Teppich ſticken läßt, und Du ſelbſt hielteſt es ihr ja damals vor: daß man im Dienſte der Kunſt und des Heiligſten ſich ſelbſt vergeſſen und aufgeben müſſe— ſeine Perſon und ſeinen Namen; ich ſah es wohl, wie ſie blaß ward bei Dei⸗ nen Worten.“ „Mochte ſie eine Lehre daraus ziehen, wenn ſie wollte,“ ſagte Ulrich;„doch ſollte es kein Vorwurf ſein. Für das Gemälde iſt ſie auch nicht verantwortlich, das iſt ſo Meiſter Beuerleins Art; er kann faſt gar nicht anders malen als konterſeien; die Perſonen zu den an⸗ deren Figuren kennen wir nur nicht, und daß er die ſchönſte Nürnbergerin in den Vordergrund geſtellt, wird ihm Niemand verargen.“ Mutter Martha ſchüttelte mit dem Kopf.„Wenn Ihr einmal ſtreiten wollt, ſo iſt mit Euch nicht durch⸗ zukommen!“ Ulrich reichte ihr verſöhnlich die Hand und ſagte: „Iyr ſolltet froh ſein, wenn wir die Frauen in Ehren halten— und doch ſelbſt ihnen fern bleiben.“ 67 Die alte Frau ward jedesmal gerührt, wenn ſie daran dachte, welches ſchwere Gelübde die jungen Män⸗ ner hatten leiſten müſſen. Zwar war es ihr ganz recht, wenn ſie dachte, daß ihr Hieronymus ſo immer bei ihr bleibe und daß ſie ſein Herz nie mit einem andern Weibe zu theilen brauche, auf das ſie doch eiſerſüchtig geworden, ſelbſt wenn ſie mit aller Uneigennützigkeit einer Mutter ihrem Sohne ſein Glück gegönnt hätte. Ihre Sucht, das weibliche Geſchlecht vor ihnen zu verdächtigen und herab⸗ zuwürdigen, entſprang mit aus ihrem Bedauern und der gutmüthigen Abſicht, den jungen Männern dadurch ihr Fernhalten von allen Frauen und allen Regungen des Herzens zu erleichtern; indeß war ſie aber auf Eliſabeth gerade darum erbittert, weil ſie doch die Urſuche war von Ulrich's ſchweren Wunden, wenn die Mutter auch nicht wußte, daß es nicht bloßer Zufall war, daß die Baubrüder ſie beſchützt und vertheidigt hatten. Wie un⸗ ſchuldig auch Eliſabeth ſelbſt daran ſein mochte: der al⸗ ten Frau ward ſie dadurch immer ein haſſenswerther Gegenſtand, daß ihre Söhne um ihretwillen gelitten— und zwar doppelt, als ſie aus ſpäteren Geſprächen der⸗ ſelben entnommen, daß die Gerettete auch beim Wieder⸗ ſehen mit Ulrich kein Wort des Wiedererkennens und Dankes für ihn gehabt. Jetzt ſcholl plötzlich von der Straße, auf der es vorhin ganz winterlich ſtill geweſen, ein wüſter Lärm empor, und Frau Martha öffnete gleich neugierig das Fenſter, um zu ſehen, was es gebe, oder vielleicht zu hören, denn es war dunkler Abend draußen, nur von den Dächern leuchtete der Schnee, indeß der auf der Straße nur hie und da noch ſeinen weißen Glanz be⸗ halten hatte. Man hörte rohe lallende und höhnende Männer⸗ ſtimmen, dazwiſchen jammerten unverſtändliche Reden ei⸗ nes alten Mannes und eine helle weibliche Stimme rief laut und immer lauter nach Hilfe. Von oben konnte man nur unterſcheiden, daß von einem Trupp Männer zwei Perſonen umringt waren und bedroht, gemißhandelt zu werden. Ulrich und Hieronymus nahmen ihre Schwerter und eilten auf den Ruf hinab, obwohl Mutter Martha warnte und bat, ſich doch nicht in Gefahr zu begeben und in Händel zu miſchen, wo man ja nicht einmal wiſſen könne, wem das Unrecht geſchehe; ſolchen Straßenunfug zu ver⸗ hindern, ſei das Amt der Vüttel und Stadtknechte, aber nicht der freien Steinmetzen. Aber Ulrich entgegnete:„So müſſen wir wenigſtens aushelfen, bis die Stadtknechte kommen und ihre Schul⸗ digkeit thun. Wo Zwei von Zehnen umzingelt nach Hilfe ſchreien, da kann man doch nicht ausbleiben.“ 69 „Um ſo weniger,“ ſagte Hieronymus,„wenn die Zwei, wie es ſcheint, ein wehrloſer Greis und ein zit⸗ terndes Weib ſind.“— Gleichzeitig mit den Baubrüdern trat auch der Rädleinmacher Sebald aus ſeinem Hanſe, und mehr als eine Hausthür öffnete ſich; Männer, in ihrer Abendruhe geſtört, traten heraus und aus den Fenſtern der obern Geſchoſſe blickten da und dort weibliche Köpfe; die Lam⸗ pen, die hinter ihnen brannten, warfen einzelne hellere Lichtſtrahlen auf die Straße. Ulrich und Hieronymus fragten gleich andere Her⸗ zueilenden, was es gäbe? „Ein Judenhund bellt und heult und ſeine Kleine winſelt! hört Ihr es nicht?“ antwortete eine rauhe Stimme. „Mit Inden braucht ſich Niemand einzulaſſen!“ rief Hieronymus.„Ihr ſolltet Euch ſchämen, wenn Ihr es gethan!“ „Die Dirne iſt trotzdem nicht ſo übel!“ rief eine andere Stimme;„Schade, daß ſie eine Jüdin iſt— im Sonnenbad könnte ſie ſonſt gute Geſchäfte machen— meint Ihr nicht ſo, Herr Badmeiſter?“ Der Angerufene war vor die Thür des Gebäudes getreten, welches„das Sonnenbad“ hieß und ein öfent⸗ liches Badehaus war. Es war aber allgemein bekannt, daß in dieſem wie in den meiſten Badehäuſern ſchöne Mädchen gehalten wurden, die Männerwelt anzulocken. Der Bademeiſter rief zornig:„Solcher Schimpf ſollte meinem Hauſe nimmer widerfahren, daß ich eine Juden⸗ dirne darin duldete!“ „Hau't den alten Kerl vollends zuſammen, damit der Specktakel ein Ende hat!“ rief ein Anderer aus dem Trupp. Solche und ähnliche beſchimpfende und drohende Reden wurden von einer Anzahl Handwerksgeſellen ge⸗ führt, die von einem Zechgelage meiſt betrunken zurück⸗ kamen und zugleich ihren Witz wie ihren Zorn an einem Judenpaare auszulaſſen ſuchten, die ſo unglücklich geweſen waren, ihnen in den Weg zu kommen. Andere Leute, welche der Lärm herbeigelockt, hörten nur nengierig zu, manche ſogar ſich dabei mit beluſtigend, und die meiſten zogen ſich theilnahmlos zurück, als ſie hörten, daß es Juden waren, welche hier gemißhandelt wurden. Ulrich aber drängte ſich mitten durch die Geſellen, welche ihre Knittel über dem Rücken des ſeine Unſchuld betheuerten und um Erbarmen flehenden alten Juden ſchwangen, hieb zwei dieſer aufgehobenen Stöcke mit ſei⸗ nem Schwert zurück und herrſchte den Geſellen zu:„Hat der Mann da ein Unrecht gethan, ſo ruſt die Stadt⸗ knechte, daß ſie ihn in Gewahrſam nehmen, oder wir wollen ihn ſelbſt auf die Büttelei führen; aber ihn hier 7 zu beſchimpfen und zu zerblauen hab't Ihr kein Recht, und wenn Ihr es thut, ſo verdient Ihr zehnmal größere Strafe als er ſelbſt!“ Wie er ſo ſprach, durch ſeine gebietende Haltung und Rede, die Allen ganz unerwartet kam, die Aufge⸗ regten im erſten Angenblick verblüffte, warf ſich Rachel zu ſeinen Füßen, die neben ihrem Vater ſtehend, von Angſt und Scham über die Reden der Geſellen ihre Berührungen und allen angethanen Schimpf faſt vernich⸗ tet, regungslos und gebückt die Hände vor ihr Geſicht haltend, und rief: „Wir haben nichts gethan, als daß wir uns ver⸗ ſpätet und nun noch auf der Gaſſe ſind! Ihr ſeid ein Menſch, aber dieſe da ſind keine Menſchen.“ „Ich glaube, das Mädchen hat Recht,“ ſagte Ul⸗ rich, der ſie wieder erkannte.„Sage, was geſchehen; ich glaube Dir mehr als dieſen, denn ſie ſind betrunken und haben ſich unter das Vieh erniedrigt!“ Rachel ſtieß einen hellen Ton wie ein freudiges Triumpfgeſchrei aus und ſagte:„Wir hatten uns im Schneefall verſpätet, dieſe da kamen dort um die Ecke aus der Trinkſtube und wollten Kurzweil mit mir trei⸗ ben; der Vater ſtieß ſie zur Seite, und weil ich mich ihrer nicht anders verwehren konnte, ſagte ich, daß ich ein Indenmädchen ſei, damit ſie mich ziehen ließen; da 72 riſſen ſie mir und dem Vater da die Bündel ab— ſehtt, es waren Sachen darin, ſie haben ſie an ſich genom⸗ men oder im Schnee verſtreut!“ Ulrich vernahm dieſe Rede, obwohl die Geſellen ſie zuweilen mit höhniſchem Ruf überſchrieen, auf Ulrich los⸗ ſchlagen wollten, und doch wieder von ſeinem und Hie⸗ ronymus' geſchwungenem Schwerte zurückwichen, auch weil jetzt die früheren müſſigen Zuſchauer hinzutraten und den Geſellen ſelbſt den Rath gaben, das Judenpack lauſen zu laſſen. Gleichzeitig jammerte der Jude Ezechiel:„Sie haben uns überfallen, aus unſern Bündeln geriſſen die ſchönen Sachen, die ich erſt gekauſt für mein theures Geld! Seh't Ihr nicht die Reiherfedern und den Sammet⸗ mantel da“— er deutete auf einzelne Geſellen, die ſolche Gegenſtände noch in den Händen oder auf den Schultern trugen. „Nun!“ rief Ulrich,„gegen Spitzbuben und nächt⸗ liche Straßenräuber wird es doch Schutz in Nürnberg geben und Strafe für ſie.“ Jetzt rückten, von dem Lärm herbeigelockt, einige Mann der Stadtwache an, indeß es bereits einige er⸗ nüchterte Geſellen für gut fanden leiſe zu entweichen; ein paar warfen die den Juden abgenommenen Gegen⸗ ſtände weg, ein paar andere aber nahmen ſie mit ſich. 73 Bei dem Anrücken der Wache und noch anderer herzueilender Perſonen bekam die Scene ein anderes An⸗ ſehen: nur drei Geſellen waren noch auf dem Platz, das andere waren müſſige Zuſchauer, und es war nun Streit darum, wer hier Streit angefangen oder im grö⸗ ßeren Rechte ſei— die Geſellen oder die Baubrüder, und Urich konnte Rachel zuflüſtern:„Flieh' doch, damit Du nicht wenigſtens mit auf die Büttelei mußt“— und ſie war wie im Nu in demſelben Augenblick entſchwunden, indeß ihr Vater, mehr, als auf Leben und Freiheit und auf ſein Kind, auf die Waaren, die er bei ſich getragen, bedacht, davon zu erhaſchen ſuchte, was von den Geſellen im Schnee verſtreut war. Da die herzugekommene Stadtwache nur aus fünf Mann beſtand, wußte ihr Führer nicht recht, wie er hier von ſeiner geſetzlichen Autorität Gebrauch machen ſollte. Die Baubrüder ſtellten ſich ſelbſt auf ſeine Seite, er⸗ klärten ſich ihm in allen Stücken gehorſam zu zeigen und betheuerten ſriedlich, daß ſie nur bis zu ihrem Kom⸗ men einen mit ſeiner Tochter mißhandelten Mann vor einem Trupp betrunkener Geſellen beſchützt hätten, was die Zuſchauer bezeugten, indeß die Geſellen riefen: i Judenpack! und dem ſtimmten auch die Anweſen⸗ en bei. Das änderte die Sache ſehr. Die Inden durſten 1859. XVI. Nürnberg. M. 5 74 nur bis zur Dämmerung durch die Stadt gehen. Wur⸗ den ſie im Dunkeln dabei betroffen, ſo waren ſie ſtraf⸗ bar und mußten dafür entweder ſitzen oder Geldbuße zahlen. So waren auch dieſe hier auf unrechten Wegen gegangen, und überhaupt war es eine ſehr herkömmliche Sache, wenn Juden verſpottet und gemißhandelt wurden— freilich ſie zu berauben und todtzuſchlagen, in welcher Gefahr dieſe beiden geweſen, das gehörte ſich nicht. Die Stadtwache ergriff den alten Juden, der noch nach ſeinen Sachen ſuchte, und nahm ihn mit, damit er dieſe Nacht in Haft und morgen zur Beſtrafung für die Uibertretung des geſetzlichen Verbotes, im Dunkeln die Stadt nicht zu betreten, an die Schöppen abgeliefert werden könne. Vergeblich jammerte er um ſeine Tochter, vergeblich ſuchte man nach ihr: ſie war verſchwunden. Den Andern ward nur gedroht ruhig nach Hauſe zu ge⸗ hen, um nicht auch als Ruheſtörer verhaftet zu werden. Alles verlief ſo zuletzt ziemlich ruhig; denn ſolche Vorfälle gehörten eben nicht zu den Seltenheiten, und ein Tumult endete oſt ſo ſchnell, wie er begonnen. Ulrich und Hieronymus waren die erſten, die wieder in ihr Haus zurückgingen. Von oben kam ihnen Mutter Martha bis an die Treppe mit einem brennenden Kienſpan entgegen. In ſchrecklicher Angſt hatte ſie oben vom Fenſter herab zu⸗ 75 geſehen, und jetzt konnte ſie den Augenblick nicht erwar⸗ ten, zu ſehen, ob nicht wieder einer ihrer Lieblinge eine Wunde davon getragen. Wie das plötziche Licht kam, fuhr von der unter⸗ ſten Stufe der kleinen Wendeltreppe eine Geſtalt erſchrok⸗ ken empor und ſagte:„Verzeiht!— Ihr hießet mich fliehen, und ich konnte mich nicht anders ſichern. O Ihr waret mein Beſchützer und werdet mich auch jetzt nicht verrathen. Ach, wenn ich Euch danken könnte!“ Ulrich ſtand etwas beſtürzt vor Rachel, denn er war allerdings nicht darauf vorbereitet ſie hier zu finden; Hie⸗ ronymus aber herrſchte ihr zu:„Hier kannſt Du nicht bleiben; wir haben Dich vor Mißhandlung geſchützt, aber wir mögen keine Gemeinſchaft mit Dir!“ Von oben rief Martha, die nur Rachel's Stimme hörte und ihr Geſicht ſah, auf das gerade der Schein ihrer Holzſtamme fiel:„Ach, da iſt ja der Knabe, der immer kam, wie Ihr krank waret, und die geheimnißvollen Gaben brachte.“ Rachel wandte ihr Geſicht der Dunkelheit zu, um ſeine glühende Röthe zu verbergen, und ſchlich nach der Hausthür; aber da ſie dieſelbe öffnen wollte, ſprang Ul⸗ rich ihr nach, hielt ſie zurück und ſagte:„Jetzt darſſt Du nicht hinaus— es ſind noch zu viel Leute draußen!“ Sie ſah mit ſeligem Dankesblick zu ihm auf. 5* Hieronymus zog die Stirn in Falten und ſagte rauh:„Ja, das fehlte noch, daß ſie Jemand aus dem Hauſe kommen ſähe, das wir bewohnen— es wäre denn, wir würfen ſie hinaus, um uns ſelbſt vor Schande und übler Nachrede zu ſichern!“ „Um Jeſus Chriſtus Willen!“ rief Mutter Martha, „es iſt ein Mädchen und wohl ein verruſenes Frauen⸗ zimmer— oder gar eine Jüdin?!“— denn vom Fenſter aus hatte die Spähende natürlich gehört, daß es ſich unten mit um eine ſolche gehandelt. ulrich aber ſagte:„Komm' mit hinauf, hier unten möchte Dich Meiſter Sebald finden, oder noch andere Leute.“ Sie folgte ihm ohne ein Wort zu erwiedern, oben öffnete er die Kammer der Mutter Martha, ſchob Rachel dahinein und ſagte:„Hier warte und ruhe aus— wenn es draußen ſtill geworden und Niemand mehr in den Nebenhäuſern wacht oder auf der Straße geht, werde ich Dich hinauslaſſen.“ Er wollte ſchnell durch die Thür zurück und ſie allein laſſen.—„Sag't mir nur noch,“ rief ſie angſtvoll, „nach welcher Seite mein Vater entkam, oder was aus ihm geworden?“ Ulrich zögerte mit der Antwort, endlich ſagte er doch:„Die Stadtwache hat ihn mitgenommen, aber es 77 wird ihm nichts geſchehen, als daß er Strafe zahlt für ſein nächtliches Umherſchweiſen.“ Rachel brach in Thränen aus— Ulrich ging und verſchloß die Thür hinter ihr. Als er zu Martha und Hieronymus zurückkehrte, rief Jene:„In meine Kammer ſperrt Ihr die Jüdin?“ „Das hätteſt Du der Mutter erſparen können!“ ſagte Hieronymus vorwurfsvoll,„ſie hat es nicht um Dich verdient.“ Ulrich ſah betrübt auf die Beiden.„Ich konnte ſie doch nicht zu uns nehmen,“ ſagte er,„und mögen wir auch ſonſt keine Gemeinſchaft mit den Juden— wer des Schutzes bedarf, den ſchütze ich— er mag gehören, zu wem er will, und ſein, wer er will— ja ich ſchütze ihn, es ſei auch gegen wen es wolle!“ Seine Augen flammten dabei bedeutſam, faſt drohend. Er ging an's Fenſter und ſchaute auf die Straße. Die alte Fran ſaß händeringend in einer Ecke und jammerte bald über die Entdeckung, daß ein Judenkind, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, in Ulrich's Krankheit ihn mit ſeinen Gaben bedacht, daß ſie ſelbſt ſie ange⸗ nommen— bald darüber, daß eine Jüdin in ihrer chriſt⸗ lichen Kammer ſei— daß ihre Söhne ſie verſteckt. Nein— nicht Söhne! ihr eigener Sohn zürnte ja ſelbſt darüber 78 und hätte das nimmer gethan; jetzt zeigte es ſich recht deutlich, daß Ulrich ein fremder Menſch war, der ſie gar nichts anginge. Die Baubrüder ließen ſie reden und ſagten beide nichts dazu— Hieronymus nicht, weil er im Grunde der Mutter beiſtimmte, und Ulrich nicht, weil er ſich verletzt fühlte und weil er nicht wollte, daß es im Zimmer noch lauter werde und Rachel in der Kammer nicht höre, was es ihn koſte, auch jetzt ſie zu ſichern.— So war es etwa eilf Uhr geworden— in allen Fenſtern waren die Lichter verlöſcht und es war ganz ſtill auf den Straßen. Ulrich ſagte:„Ich werde jetz Rachel hinauslaſſen,“ und ging zu ihr.„Du kannſt jetzt gehen,“ ſagte er;„ich will Dir den Riegel an der Hausthür öffnen, es iſt ganz ſtill draußen— aber ſprich kein Wort!“ „Könnt Ihr mir vergeben?“ ſagte ſie;„könnt' ich's vergelten—“ „Es iſt nichts zu vergeben!“ antwortete er. „Doch, doch!“ rief ſie,„es iſt eine alte Rechnung!“ „Still!“ ſagte er,„ich bat Dich nicht zu ſprechen.“ Sie gehorchte mit einem Seußer und folgte ihm ſchweigend die Treppe hinab— ebenſo öffnete er die Thür, und ohne Lebewohl und Gutenacht ſchieden ſie von einander. 79 Als Ulrich wieder in ſein Zimmer kam, legte er ſich auch ſchweigend nieder. Mutter Martha aber öffnete in ihrer Kammer Thür und Fenſter und räucherte unter dem von Holz geſchnitzten Chriſtus, der darin hing, um ihn wieder zu verſöhnen für den Frevel, daß ein Inden⸗ kind in ſeiner Nähe geweilt. —— Biertrs Capitel. Geheimnißvolles. Am Morgen nach dem nächtlichen Abenteuer, wel⸗ ches Ulrich und Hieronymus zum erſtenmale in ihrem Leben in eine Art von Zwieſpalt gebracht hatte, waren ſie ſtumm aufgeſtanden und hatten auch ſo ihr Morgen⸗ brot genoſſen. Es war noch dunkel, als ſie die Stiege hinabgingen, da hörte Ulrich von ſeinem Tritt berührt die Stuſen etwas wie eine kleine Kugel hinabrollen. Er tappte unten danach, wo der Laut verhallt war, und fühlte einen Ring mit einem großen Stein in ſeinen Händen. Draußen vor der Hausthür beſah er ſeinen Fund und zeigte ihn auch Hieronymus. Es waren die erſten Worte, welche ſie zuſammen redeten. „Es ſcheint ein werthvolles Kleinod zu ſein,“ ſagte Ulrich;„ein goldener Ring, einen großen Stein in der 81 Mitte, der noch mit einem Kranz von gleichen Steinen eingefaßt iſt— wer kann ihn verloren haben?“ „Wer anders als das Judenkind?“ ſagte Hierony⸗ mus,„es iſt ja Niemand in das Haus gekommen.“ Ulrich ſchüttelte den Kopf.„Vie käme die zu ſolchem Kleinod?“ „O dies Judenpack ſammelt immer Schätze, um die es die Chriſten betrügt!“ rief Hieronymus,„und wer weiß, auf welche unlautere Weiſe noch die Dirne dazu gekommen, die ſich ſeit Jahr und Tag ſo unerträglich an uns hängt, und wenn man einmal ſie lange losgeworden zu ſein ſcheint und ſie faſt vergeſſen hat, ſo iſt ſie wie⸗ der da in einer andern Geſtalt uns zu beläſtigen gleich einem böſen Kobolt, mit dem jede Bewegung unheilvolle Folgen hat.“ „Hieronymus!“ mahnte Ulrich,„wir haben es mehr als einmal geſagt, daß wir ohne Grund andern Men⸗ ſchen nicht eher das Schlechte zutrauen wollten als das Gute, nach dem Grundſatz der heiligen Schriſt: Was du nicht willſt, daß dir die Leute thun ſollen, das thu' du ihnen auch nicht! Warum ihn einmal verläugnen? Wa⸗ rum dies Judenmädchen, das mir ein unſchuldiges, aber gepeinigtes Kind zu ſein ſcheint, zu einer Verbrecherin ſtempeln?“ „Die Juden ſind einmal die Ausgeſtoßenen, auf 82 denen der Fluch des Herrn ruht, den ſie ſich ſelbſt täg⸗ lich neu verdienen!“ rief Hieronymus.„Haſt Du Dein Glaubensbekenntniß geändert, ſo brauchſt Du doch nicht mir daſſelbe zuzumuthen— und außerdem hätte ich we⸗ nigſtens erwartet, daß Du meine Mutter ſchonen und ihr nicht ſo ihre Liebe vergelten würdeſt!“ „Hieronymus!“ ſagte Ulrich ernſt,„Du ſaheſt ſelbſt, daß ich nicht anders handeln konnte. Du eilteſt ſelbſt mit mir den Unglücklichen zu Hilſe, Du gewährteſt ſie ihnen wie ich auch, nachdem wir erfuhren, daß ſie zu den Ausgeſtoßenen gehörten—“ „Ja,“ fiel ihm der unzufriedene Kamerad in's Wort,„ich gewährte ſie ihnen, wie ich ſie auch einem Hund würde gewährt haben, der von einer tollen Meute angefallen. Die Hilferufenden vor Mißhandlung zu ſchüz⸗ zen und dann der Wache zu übergeben, war unſer wür⸗ dig; aber das Mädchen bei uns zu verſtecken— dieſer Schimpf macht meine Mutter unglücklich und wird uns Beide in Schimpf und Schande bringen, wenn, was ſehr wahrſcheinlich iſt, der Vorfall in der Hütte zur Sprache kommt.“ „Dann,“ ſagte Ulrich,„werde ich den Schimpf und die Strafe auf mich allein nehmen und ſagen, daß ich das nicht nur gethan, weil ich gar nicht anders konnte, ſondern auch gegen Deinen Willen; und damit man dies 83 glaubt, will ich mir noch heute eine andere Wohnung ſu⸗ chen und Deiner Mutter nicht mehr zur Laſt ſallen.“ Während er ſo ſprach, drehte er den Ring noch in der Hand. Hieronymus ſah darauf und ſagte: „Wirf den Ring in den Schnee, mag ihn finden, wer will.“ „Dadurch, daß ich ihn fand, iſt er mir anvertraut worden,“ antwortete Urich;„ich hoſſe den rechtmäßigen Eigenthümer dazu noch finden zu können.“ „Wohl, er wird eine neue Berührung mit Rachel herbeiführen!“ ſagte Hieronymus mit ſpöttiſchem Lächeln. Urich zuckte die Achſeln als Antwort. Eine Weile gingen ſie ſchweigend nebeneinander und betraten ſo aufgeregt und verſtimmt die Hütte. Es war die höchſte Zeit, daß ſie kamen, denn ſchon begann das Morgengebet— wer ſpäter erſchien, mußte Strafe geben und ſeinen halben Tagelohn„in die Büchſe legen“. Schweigend gingen dann Beide an ihre Arbeit. Nach ein paar Stunden kam der Probſt Kreß und re⸗ dete leiſe und eifrig in einer entfernten Ecke heimlich mit dem Werkmeiſter, wobei er ſeine Augen immer auf Ul⸗ rich und Hieronymus richtete. Dieſer bemerkte es zuerſt und flüſterte Jenem zu: „Jetzt kommt es ſchon zur Sprache.“ Ulrich antwortete ſtolz:„Du brauchſt Dich nicht zu fürchten, ich werde Alles auf mich allein nehmen“— und er meißelte ruhig an der kleinen Statue eines Johannes weiter, die unter ſeinen Händen aus dem Stein hervor⸗ zuſpringen ſchien. Nach einer Weile wurden die Beiden von dem Hüttenmeiſter aufgerufen. Ulrich näherte ſich mit gewohn⸗ tem ſtolzen Gange, Hieronymus finſterblickend mit nieder⸗ geſchlagenem Auge. Der Werkmeiſter theilte ihnen mit, daß ſie ſich Beide morgen in das ein paar Stunden entfernte Be⸗ nediktinerkloſter zum heiligen Kreuz begeben ſollten, um ein halb zertrümmertes Weihbrotgehäuſe wieder herzu⸗ ſtellen. Er nannte ihnen den Lohn, den ſie bekommen ſollten, und fügte hinzu, daß ſie dieſe Gunſt theils ihrem Fleiß und ihrer Geſchicklichkeit, theils der Empfehlung des Herrn Propſtes dankten. Nit Erſtaunen empfingen die Baubrüder dieſen ehrenvollen Auftrag, da ſie eben eine ganz andere Rede erwartet hatten, und beſonders Hieronymus richtete ſich noch einmal ſo groß auf und blickte, die vorige Angſt von ſich werſend, mit leuchtenden Augen um ſich, indeß Ulrich ſeine dankenden Blicke auf den Propſt richtete. Aber zu ſeiner Verwunderung begegnete er in deſſen ſonſt immer freundlichen Geſicht einem Ausdruck von Beſorgniß und Kummer, der demſelben ſonſt ganz fremd war. Wie 85 ſegnend legte der Propſt ſeine Hände auf die Häupter der beiden Geſellen und ſagte:„Ziehet mit Gott! und möge er Euch gnädig ſein bei dem neuen Werke zu ſei⸗ ner Ehre.“ Dann flüſterte er Ulrich zu:„Kommtt heute nach dem Feierabend noch zu mir, ich will Euch noch ein Schreiben mitgeben an den Herrn Abt.“ Dann verließ er eilends die Hütte. Als die Baubrüder zum Mittageſſen nach Hauſe gingen, ſagte Ulrich:„Nicht war? das war eine vergeb⸗ liche Angſt?“ „Wer kann es wiſſen?“ antwortete Hieronymus; „möglich, daß dies Zuſammentreffen bloßer Zufall; mög⸗ lich auch, daß der Propſt, der Dich einmal in ſeinen be⸗ ſondern Schutz genommen, dieſe Entfernung für Dich wohlthätig findet und ſelbſt veranſtaltet; möglich auch, daß, was eine Gunſt erſcheint, eine Verbannung iſt, und indeß unſere Feinde Zeit haben uns bis zu unſerer Rück⸗ kehr Schimpf und Schande zu bereiten!“ „Dummes Zeug!“ antwortete Ulrich, und konnte doch die trüben, mitleidigen Blicke des Propſtes nicht los werden, der ſonſt bei ähnlichen Gelegenheiten nur freund⸗ liche und heitere für ihn gehabt hatte. Aber Beide theilten die Kunde doch fröhlich als Glück und Ehre der Mutter Martha mit. Sonſt wäre ſie in lauter ſtolze Glückwünſche ausgebrochen— heute, wo ſie auf Ulrich zürnte und um ihren Sohn ſich äng⸗ ſtete, ſagte ſie in kummervollem Tone: „Nun werde ich allein ſein, wenn der Büttel kommt Euch vor den Schultheißen zu citiren, oder wenn das Indenmädchen ſich unterſteht mir wieder über den Hals zu kommen.“ „Die iſt bald fortgejagt,“ tröſtete Hieronymus, „und was der Büttel bei uns zu ſuchen hätte, wißt' ich wahrhaſtig nicht.“ „Und meinetwegen hab't Ihr in Eurer Wohnung auch nichts mehr zu fürchten,“ ſagte Ulrich;„ich werde mir eine andere ſuchen, ſobald wir wieder aus dem Klo⸗ ſter zurück ſind, ſo könnt Ihr morgen ſchon ſagen, daß ich nicht mehr bei Euch wohne.“ Mutter Martha entfärbte ſich und hätte bald vor Schreck die Suppenſchüſſel hingeworfen— das Ulrich ſich von ihr und ihrem Sohne trennen könne, das ſchien ihr gar nicht mehr möglich; doch ſaß ihr Groll zu tieſ, als daß ſie ſchon heute ein verſöhnliches Wort zu ihm hätte reden können.— Als ulrich am Abend zu dem Propſt kam, führte ihn die öffnende Wirthſchafterin nicht in deſſen gewöhn⸗ liches Wohnzimmer, ſondern in ein kleines Seitengemach, das einen beſondern Eingang hatte, und bedeutete ihn 87 zu warten. Durch die hohe eichene Flügelthür ſchallte das Gelächter überlauter Zecher. 6 Da der Propſt ſo viel auf ſeine geiſtliche Würde hielt, um nicht öffentliche Trinkſtuben zu beſuchen, ſo ſuchte er ſich dafür in den Häuſern guter Freunde oder noch öfter in ſeinem eigenen Hauſe zu entſchädigen. Es war bekannt, daß der Keller des Propſtes am beſten in der ganzen Stadt gefüllt war, daß er die feinſten wie die ſchwerſten Weine enthielt und daß er mit keinem derſelben geizte— ja, er trank ſeinen Gäſten immer eifrig zu, und rechnete es ſich als ein Verdienſt und das Zei⸗ chen eines guten Wirthes an, wenn ſeine Gäſte betrun⸗ ken wurden, im beſten Falle taumelnd heimgingen, oder auch noch in ſeinem Zimmer bewußtlos zu Boden ſanken und halbe Stunden brauchten ihren Rauſch auszuſchlafen. Solche Niedergetrunkene wurden dann in das Kabinet gewälzt, in dem jetzt Ulrich wartete und dem man des⸗ halb den Namen der Todtenkammer gegeben. Zum Glück hatte ſie jetzt noch keinen Inſaſſen. Heute würde ſich der Propſt keine Gäſte geladen haben, da er ſich vorgenommen, ernſthaft mit Ulrich zu ſprechen; allein auswärtige Amtsbrüder und Genoſſen waren unerwartet und gehörig ausgefroren angekommen, ſie ſaßen nun jetzt ſchon ein paar Stunden mit ihm beim Mahl und vertilgten immer mehr von der edien 88 Gottesgabe, die ſie mißbrauchten, bis ſie dadurch ſich ſelbſt und gewaltſam unter das Thier erniedrigten. Für einen Helden galt, wer am meiſten ſauſen konnte— ſo nannten ſie auch ſelbſt ihr unmäßiges Trinken, das auch auf keinen andern Namen mehr Anſpruch machen konnte, und wenn bei Einigen in allerlei kaum glaublichen und nicht zu ſchildernden Rohheiten die viehiſche Luſt aus⸗ brach, oder Andere wie Todte da lagen, ſo galt dies meiſt als das fröhlichſte Ende eines fröhlichen Gelagers— bei Fürſten und Geiſtlichen ebenſo gut, ohne darum in der öffentlichen Meinung zu verlieren, wie bei Bürgern und Geſellen. Mit rothglühendem Geſicht trat der Propſt vor Ul⸗ rich— er hatte ganz vergeſſen, daß er ihn herbeſtellt; jetzt fiel es ihm ein und auch welche Warnungen er ihm hatte mitgeben wollen; aber er war ſeiner Sinne zu wenig mächtig, um ſelbſt zu wiſſen, was er ſprach. Er gehörte zu den gutmüthigen und gemüthlichen Naturen, die in der Trunkenheit ſich durch Geſchwätzigkeit und Zärtlichkeit offenbaren, gleich ſehr zum Lachen wie zum Weinen geneigt, je nachdem die Veranlaſſung dazu reizt. „Ach, Du biſt es, mein guter Junge!“ ſagte er zu ulrich;„Du kommſt, che Du in das Kloſter gehſt— nun, möge der Gang Dir nicht zum Unglück werden— Du weißt, ich meine es gut mit Dir— ich wußte mir 89 nicht zu helfen, ich mußte nachgeben, Dich hinſchicken, da der Werkmeiſter gleich darauf einging.“ „Ein Unglück?“ ſagte Ulrich und dachte an Hiero⸗ nymus' Argwohn;„ich meinte, man habe uns eine Gunſt erwieſen, und kam, ſowohl Euch dafür zu danken als Euren Auftrag zu empfangen.“ „Ach ja!“ ſagte der Propſt und rieb ſich die er⸗ hitzte Stirn,„es iſt gewiß eine Gunſt. Ich wollte nur ſagen, daß Ihr im Kloſter vorſichtig ſein ſollt— nicht mit den Mönchen reden— es darf bei Straſe nicht ſein— auch nie ein Wort laut werden laſſen von dem, was Ihr drinnen ſehet und höret— es geht die Laien nichts an— und Euch könnte es nur ſchaden.“ „Ich werde mich gewiß der erwieſenen Gunſt nicht unwerth erweiſen,“ verſetzte Urich;„indeß erlaubt mir eine Frage: Ich ſah Euch ehegeſtern beim Meiſter Kraft mit einem Benediktinermönch am Fenſter ſtehen, der mir derſelbe zu ſein ſchien, welcher mir vor—“ Entſetzt ſprang der Propſt auf Ulrich zu und drückte ſeine Hand auf deſſen Mund, ihm die Rede abzuſchnei⸗ den:„Um aller Heiligen Willen, vollendet nicht! Wißt Ihr— ahnt Ihr es denn wirklich ſchon?— Nein! denkt lieber gar nicht daran— denkt lieber, es ſei nicht— es wäre ja ſchrecklich, wenn es wäre, und noch ſchrecklicher, wenn es an den Tag käme!“ 1859. XVI. Nürnberg. I. 6 90 Jetzt war die Reihe zu erſchrecken an Ulrich. Er ſah wohl, daß der Wein in dieſen unzuſammenhängenden Reden ſchäumte, aber irgend einen Hintergrund mußten ſie doch in des Propſtes Seele haben. „Ich verſtehe Euch nicht,“ ſagte er;„was ich fra⸗ gen wollte, iſt etwas Ungefährliches und Geringes. Ich hatte bald nach meiner Ankunft in Rürnberg das Unglück, im Gedränge mit meinem Schwert den Roſenkranz eines Benediktinermönches zu zerreißen; das koſtbare Kreuz, das daran hing, iſt mir zurückgeblieben, und ich möchte es gern ſeinem Eigenthümer zurückgeben: nun ſchien es mir, als hätte ich denſelben Kloſterbruder neben Euch ge⸗ ſehen; wenn er vielleicht es war, der die Sendung des Abtes vom heiligen Kreuz Euch überbrachte, ſo wollte ich nur fragen, ob ich das Verlorene dem Abt oder dem Mönch übergeben ſollte? Was iſt dabei das Unglück?“ Der Propſt hatte mit äußerſter Anſpannung ſeiner Sinne und Kräfte zugehört, er wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn und fragte:„Weiter weißt Du gewiß nichts von dem Mönch?“ „Nichts!“ „Nun, dann danke Gott, daß Du es nicht weißt!“ „Aber ich irrte mich nicht, es war derſelbe?“ „Derſelbe! ach, es iſt ſchrecklich, daß es immer der⸗ ſelbe!“ 91 „Soll ich ihm das Kreuz geben?“ „Thue es, aber höre nicht auf ſeine Reden— er iſt halb wahnſinnig— ſprecht nicht mit ihm, wenn es Jemand ſieht und hört— aber dem Abt gebt das Kreuz auch nicht— da gebt es lieber noch dem Bruder Amadeus ſelbſt— aber hört nicht auf ihn; er hat wunderliche Ein⸗ fälle und fire Ideen.“ „Amadeus heißt er?“ „Amadeus; aber laß Dich nicht irre von ihm machen, ich beſchwöre Dich. Er iſt ſchon lange im Kloſter, aber er war früher ein vornehmer Ritter und büßt um ſeine Sünden, die er damals begangen; er hat viel Unglück angerichtet, er könnte Dich auch unglücklich machen— wie er Deine Mutter unglücklich gemacht hat—“ „Meine Mutter? ſagt Ihr?“ rief Ulrich aufhorchend in äußerſter Beſtürzung. „Mutter ſagt' ich?“ rief der Propſt;„nein, das ſagt' ich nicht; ich meinte meine Schweſter, wenn ich's ſagte— bedenke, daß er wahnſinnig— und mit mir— was meinſt Du, mit mir iſt es wohl auch nicht richtig? Hörſt Du, wie drinnen die Pokale klingen!— Warte, Du ſollſt auch nicht durſten, der Wein erfreut des Men⸗ ſchen Herz!“ Mit dieſen Worten ging er zu ſeinen Gäſten zurück und ſandte ihm durch die Dienerin einen großen gefüllten 6* 92 Humpen heraus, ließ ihm ſagen, er möge nur austrin⸗ ken, dann käme er wieder. Ulrich trank mit Maaß, er war in der peinlichſten Stimmung. Bisher hatte er den Wropſt nie anders geſehen als in der Bauhütte oder Kirche, oder wenn er ihn in der Krankheit beſuchte, da war er immer nüchtern geweſen— jetzt ſah er wohl, daß er betrunken war und nicht wußte, was er ſprach; aber es ſchien ihm doch, daß er ſpreche, was er denke und fühle, und gerade nicht ſprechen wollte. Welch' ein Zu⸗ ſammenhang konnte zwiſchen dieſem Amadeus und ſeiner Mutter und ihm ſelbſt ſein? Es fiel ihm ein, daß in ſeiner Kindheit, als flüchtige Soldnerſchaaren im Elſaß ſein Hei⸗ mathsdorf verwüſtet, indeß er ſelbſt Obdach im Kloſter ge⸗ funden, Einige geſagt hatten, daß ſeine Mutter ein Lan⸗ zenknecht auf ſeinem Pferde fortgeſchleppt! Konnte dies nicht auf den Beſehl eines Anführers geſchehen ſein, oder doch ein ſolcher— vielleicht dieſer Amadeus, ſie als ſeine Beute an ſich geriſſen haben!— Aber was wußte der Propſt davon! was wußte denn er von ſeiner Mutter, da er doch nach dem Schickſal ſeiner Eltern wie ſeinem ganzen Herkommen gleich bei ſeinem Eintritt in die Bau⸗ hütte gefragt hatte! Aber gerade ſeitdem hatte er ihm auch jene ungewöhnliche Theilnahme bewieſen, die Ulrich anfangs befremdet und faſt bedrückt hatte, an die er aber im Laufe der Zeit ſich ſelbſt gewöhnt, ſo daß es ihm endlich zu Etwas geworden, das gar nicht anders ſein könne, und das er nur etwaigen beſondern Empfehlungen ſeiner Kunſtleiſtungen an den Kunſtfreund zuſchrieb. Außer jenem erſten Geſpräch in der Bauhütte hatte der Propſt nie wieder mit ihm von ſeinen Eltern geſprochen. Wenn er etwas von ſeiner Mutter wußte, warum hatte er es ihm nicht geſagt?— Und wenn es nun nur Unglückliches und Unwürdiges war? Wenn nun jener elſäßiſche Bene⸗ diktinermönch, Bruder Anſelm, der es ihm auf die Seele gebunden, nie nach ſeiner Mutter zu forſchen, weil man ihr üble Dinge nachgeſagt, damit Recht hatte? Und wenn es dieſer Amadeus war, der ſie in üblen Ruf gebracht?— Ulrich fühlte ein Gefühl von Haß, das er bisher kaum gekannt, gegen den Mann in ſich auſſteigen, der ſeine Mutter unglücklich gemacht; er fühlte, daß er ſtrenge Rechenſchaft von ihn fordern müſſe, Rache und Sühne verlangen für ſeine Mutter. Aber er ſollte ja nicht nach ihr forſchen und fragen! Und mitten durch alle dieſe Ge⸗ fühle und Gedanken klang auch als Echo die Warnung des Judenmädchens:„Sie wollten ausſprengen, Eure Mutter ſei eine Hexe geweſen!“ und daß ihm Hieronymus ſpäter einmal geſagt, man habe während ſeiner Krankheit wirk⸗ lich einmal ein derartiges Gerücht in die Hütte gebracht, aber durch ſeine Zeugniſſe von Straßburg und die Bürg⸗ ſchaft des Propſtes ſei es vernichtet worden. Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet. 94 Ulrich leerte den Becher faſt ohne es zu wiſſen unter dieſen von allen Seiten auf ihn eindringenden Gedanken. Des Weines gänzlich ungewohnt, fühlte er ihn bald glü⸗ hend durch ſeine Adern rollen, indeß ein Anderer vielleicht viele dieſer Pokale hätte leeren können, ohne in gleicher Weiſe erregt zu werden. Umgekehrt hatte indeß der Propſt verſucht, ſich durch ein niederſchlagendes Pulver zu ernüchtern, oder we⸗ nigſtens in eine ruhigere Umfaſſung zu bringen. Er kam jetzt zurück mit dem Brief an den Abt in der Hand. Ulrich ſchob denſelben in ſeine Ledertaſche und fragte: „Iſt's ein Uriasbrief?“ Der Abt ſah den Steinmetzgeſellen verwundert an, legte ſeine Hand auf ſeine Schulter und ſagte:„Ich dachte, Ihr hättet von mir Beweiſe genug, daß Ihr mir vertrauen könntet und wiſſen, ich fördere Euer Wohl in allen Stücken!“ „Ja gewiß,“ ſagte Ulrich und drückte dankbar des Propſtes Hand;„darum darf ich Euch auch ganz ver⸗ trauen und um eine neue Gunſt Euch bitten: ſag't mir, was Ihr von meiner Mutter wißt?“ Der Popſt ſtand beſtürzt. Auf eine ſolche direkte Frage war er nicht vorbereitet; er war ſich ſo weit klar, zu wiſſen, daß ihm vorhin wohl unvorſichtige Aeußerun⸗ gen entſchlüpſt waren, aber er konnte ſich nicht beſinnen, 95 was und wie viel er verrathen. Um jeden Preis mußte er das wieder zurücknehmen, aus Ulrich's Seele zu ver⸗ drängen ſuchen. Nach einer Pauſe antwortete er: „Hab't Ihr nicht ſelbſt erzählt, daß ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter ſortgeſchleppt und daß Ihr ſeitdem nichts von ihr gehört? Meine Schweſter hatte ein ähnliches Schickſal— ſie ward auch eine Kriegsbeute im Elſaß, und erzählte von einer Genoſſin ihrer Leiden, die vielleicht Eure Mutter geweſen ſein konnte, denn ſie hieß Ulrike und ſtammte aus Eurem Dorſe.“ „Und was iſt aus ihr geworden?“ rief Ulrich. „Darauf kann ich Euch keine Antwort geben,“ verſetzte der Propſt. „Aber Eure Schweſter kann es, weiß wenigſtens ihr damaliges Schickſal— o ſag't mir, wo ſie weilt, da⸗ mit ich mir von ihr die langerſehnte Kunde hole.“ „Das iſt unmöglich,“ antwortete der Propſt.„Meine Schweſter iſt Nonne im Kloſter der heiligen Klara hier in Nürnberg, Du wirſt ſie niemals ſehen und ſprechen. Ich ſelbſt darf ſie nur einmal im Jahr beſuchen.— Gibt es auf, nach Dingen zu forſchen, die unerſorſchlich ſind und deren Enthüllung Euch keinen Gewinn bringen würde. Laßt das Vergangene und die Todten ruhen, es thut nicht gut, in die Gräber zu blicken und die Särge wie⸗ der zu öffnen— es könnte ein Peſthauch von ihnen in's Leben ſtrömen und es vergiften. Leblt Eurer Kunſt und geh't in Gottes Namen dahin, wo Ihr immer ihr die⸗ nen könnt. Forſchet nichts Unnützes, am wenigſten bei dem Bruder Amadens— er hat nur zuweilen klare Au⸗ genblicke, auf ſeine irren Reden könnt Ihr nimmer etwas geben. Meidet ihn lieber ganz. Wenn Ihr aber zurück⸗ kommt und mir beichtet, was er mit Euch geſprochen, ſo will ich Euch ſeine unglückliche Lebensgeſchichte erzählen, durch die er in dieſen wüſten Zuſtand gekommen— jetzt iſt dazu keine Zeit. Und nun gehab't Euch wohl, meine Gäſte harren auf mich. Die Ordensregel verlangt, daß Ihr nicht mit den Mönchen ſprecht; wenn Ihr Euch da⸗ wider vergeht, wird man Euch im Kloſter beſtrafen und es in Eure Zeugniſſe ſchreiben, daß ſich die Strafe in der Hütte wiederhole. Aber nicht mit einer Drohung will ich ſcheiden; der Herr ſegne Euch und gebe Euch Frieden!“ Damit war Ulrich entlaſſen. Als er in die kalte Winternacht hinaustrat, war es ihm, als ob ſich das ganze Firmament mit ihm drehe. Sie flimmerten und glitzerten auch gar ſo hell dieſe Mil⸗ ſonen von Sternen, und es war, als ſuchten ſie ein⸗ ander an Schimmer und Glanz zu überbieten. Ulrich blickte hinauf und wünſchte in den Sternen zu leſen. Gleich den Meiſten ſeiner Zeitgenoſſen war er erfüllt von den Gedanken, daß ſie eine Sprache redeten, welche die 97 Wiſſenſchaft erlernen könne und daraus das Geſchick des Menſchen deuten. Indem er ſo fragende Blicke zu dem funkelnden Firmament emporrichtete, mahnten ihn die ſechszackigen Sternlein an das doppeltgenommene Dreieck und das heilige Sechsort ſeiner Kunſt— da ward plötzlich ſeine aufgeregte Seele groß und ſtille und er fühlte wieder begeiſtert, daß es für ihn keine höhere Aufgabe geben könne, als dieſer Kunſt zu leben, die auch berufen war, erhabene Werke zu ſchaffen auf der Erde, welche würdige Abbilder waren jener Wunderwerke des Himmels und gleich ihnen die Augen der Menſchen tröſtend und freu⸗ dig zu ihm emporführten. Fünftes Capitel. Reichstag.⸗ Anfang Februar war der Reichstag zu Nürnberg anberaumt worden, der erſte, auf dem König Mar da⸗ ſelbſt erſchien, obwohl noch von ſeinem greiſen Vater be⸗ gleitet. Kaiſer Friedrich nahm wie gewöhnlich ſeine Woh⸗ nung auf der Veſte, und der Burggraf Friedrich von Zollern war ſchon einige Tage vor ihm erſchienen, um ihm das Quartier würdig zu bereiten. König Max hielt Wort und ſandte ſeine Boten an Herrn Chriſtoph Scheurl, ihm zu melden, daß er in ſeinem Hauſe um ein„Stüb⸗ chen“ bitte. Herr Hans von Tucher, der dieſe Ehre gern für ſich in Anſpruch genommen, wählte nun den edlen Kurfürſten Friedrich von Sachſen, der ſich bereits von ſeinen Zeitgenoſſen den wohlverdienten Beinamen des Weiſen erworben, zu ſeinem Gaſte. Die geiſtlichen Herren von Mainz, Worms und Trier ſollten in der Propſtei 99 bei Anton Kreß wohnen, der Biſchof von Eichſtätt bei dem Rath Pirkheimer einkehren, dem er den Sohn Willi⸗ bald mitbrachte— und ſo hatte der Rath von Nürnberg lange Sitzungen zu halten, bis er glücklich für alle Kur⸗ fürſten, Pfalzgrafen, Biſchöfe, Fürſten und Herren, ihre Geſandten wie ihre Begleiter die paſſenden Wohnungen ausgeſucht und beſtimmt hatte. Es war dies keine Klei⸗ nigkeit, ſondern eine Verhandlung, die zu vielen Reibun⸗ gen der Patrizier wie der Geſchlechter führte. Den allge⸗ mein geachteten Kurfürſten Friedrich von Sachſen wollte Jeder gern bei ſich haben, ebenſo den Herzog Georg von Baiern, mit dem Beinamen: der Reiche; denn die Nürnberger achteten nach Kaufmannsweiſe den gar hoch, der Schätze zu erwerben oder die ſchon überkommenen zu wahren verſtand. Auch den Grafen Eberhard von Würtenberg, der von ſich ſagen konnte, daß er, wenn er ganz allein durch ſein Land gehe und ermüdet ſei, ge⸗ troſt ſein Haupt in den Schooß jedes Würtenbergers könne ſchlafen legen; ſo wie den Kurfürſten Johann von Brandenburg, den man auch als bürgerfreundlich und für das Wohl ſeines Landes im Innern ſorgend kannte, wünſchte man als Gaſt— aber der meiſten andern Für⸗ ſten und Herren, die theils als Wüſtlinge, theils als rohe Tyrannen oder nur auf Kriegsruhm und Ländervergrö⸗ ßerung, oder als Schützer des Adels und ſeiner Rauf⸗ 100 und Raubluſt dem fleißigen Bürgerſtand gegenüber be⸗ dacht waren, hätte ſich Jeder gern in ſeiner Wohnung verwahrt. Da es darüber in der Rathsſtube ſelbſt zu keiner Einigung kommen wollte, ſondern die ſonſt ſo ru⸗ higen Herren in dieſem Streite ſich immer mehr erhitzten, bis er endlich ſogar in das Gebiet der Schimpfworte, Grobheiten und Thätlichkeiten gerieth: ſo kam Hans von Tucher, um die Würde der Verſammlung zu retten, auf den Einfall, das Loos entſcheiden zu laſſen, da auf eine andere Weiſe keine Einigung zu erzielen war. Als Be⸗ lohnung für ſeinen Rath und weil er und Herr Hohz⸗ ſchuher als oberſte Lvoſunger ſich doch als Häupter der Stadt betrachteten, behielt er ſich aber vor, daß der Kur⸗ fürſt von Sachſen bei ihm und bei jenem Herzog Georg der Reiche wohnen ſolle, ihre Namen alſo nicht mit auf die Zettel kamen, die in der Loosurne gemiſcht wurden. Wie verſtändig dieſer Rath auch war und von Allen, wenn auch von Einigen mit Murren angenommen ward, ſo bereute Hans Tucher doch gar bald, ihn gegeben zu haben, als der ihm verhaßte Gabriel Muffel gerade den Graſen Eberhard im Bart wie ein großes Loos ziehen mußte! Ihm würde er nur den allerwiderwärtigſten und verhaßteſten Potentaten oder nur den geringſten Abge⸗ ſandten gegönnt haben— und nun mußte er gerade den allerbeliebteſten erhalten. Tucher ging in ſeinem Aerger 101 ſo weit einzuwenden, daß Muffel's Haus wohl nicht ge⸗ räumig und würdig genug geziert ſei, einen ſolchen Für⸗ ſten zu empfangen; aber Muffel entgegnete ſeines uner⸗ warteten Glückes ſich freuend: „Groß genug iſt mein Haus, und iſt es nicht mit orientaliſcher Pracht gleißend von Gold und Marmor gleich dem Euren geſchmückt und überladen, ſo iſt es dafür echt deutſch einfach und feſt, und eignet ſich gerade für einen ſo biedern dentſchen Herrn, der ſchon manch⸗ mal mit der Hütte eines Landmanns vorlieb genommen. Geb't Acht, er wird ſich wohler fühlen in dem Haus von deutſcher Art erbaut und von deutſcher Sitte bewohnt, und nicht lüſtern ſein nach der türkiſchen Herrlichkeit, die Ihr ihm zu bieten hättet.“ In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher über dieſe Worte ausbrach, es blieb ihm doch unmöglich eine Aenderung des einmal durch ſeinen eigenen Vorſchlag Entſchiedenen herbeizuführen, und er hoffte ſich nun nur dafür an Gabriel Muffel zu rächen, daß er ſeinen Sohn Stephan im Geleit des Kaiſers wiederkehren ſehen werde, vollkommen geheilt von ſeiner Leidenſchaft für Urſula Muffel durch ſchönere Franen Wiens, Italiens und Un⸗ garns, und daß er die einſt blühende Mädchenroſe, die jetzt der Gram gebleicht hatte, daß ſie indeß um ein 102 Jahrzehent gealtert erſchien, gewiß nicht mehr begehren werde. Einzeln hielten die Fürſten und Herren ihren Ein⸗ zug. Aber keiner kam ohne einen ganzen Schweif von Rittern und Reiſigen mitzubringen, ja im Gefolge man⸗ cher waren mehr denn hundert Pferde. Kaum begreiflich ſchien es, wie eine ſo ungeheure Menge von Menſchen und Thieren noch Platz finden ſolle in Nürnberg, das zwar mit zu den großen, aber auch zu den bevölkertſten Städten gehörte, denn es zählte damals über hundert⸗ tauſend Einwohner. Denn nicht allein die kamen, die zum Reichstag berufen waren, und das waren eben dies⸗ mal weniger als ſonſt, da in der Eile, mit welcher Mar den Reichstag ausgeſchrieben, er die Abgeſandten der Städte nicht auffordern laſſen und auch ſonſt, ſowohl der kurzen Zeit wegen als überhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in ſich zerfallenden deutſchen Reiches, viele Fürſten es nicht der Mühe werth hielten ſich einzuſtellen. Aber dafür ſtrömten zahlloſe Volksmaſſen herbei, welche die Neugier lockte oder der Erwerb. Aus Nah' und Fern kamen Ritter und Bürger ſammt ihren Frauen, die hohen Herrſchaften zu ſehen und den Feſtlichkeiten beizuwohnen, die immer an die Reichs⸗ tage ſich knüpften; kamen Gelehrte, Dichter und Künſtler, um hier ihre hohen Gönner zu begrüßen oder neue zu — 103 finden, oder doch ſich gegenſeitig zu treffen, wohl auch Beſtellungen zu erhalten, oder ſich ſelbſt doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu ſuchen. Aber es kam auch niederes Geſindel ohne Zahl: Gaukler und Poſſenreißer, Bettler und Diebe, Wucherer und Betrüger, Wahrſage⸗ rinnen und fahrende Frauen— Tauſende ſtrömten herzu trotz der Winterszeit, vielleicht daß ſie ſich bei der langen Dunkelheit um ſo beſſeren Gewinn für alle dieſe Gewerbe verſprachen, welche das Licht zu ſcheuen hatten. Die Nürn⸗ berger aber ſangen ihre Verslein auf die Einen wie die Andern. Von dem niedern Volke hieß es: „Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen, Die haben zum Reichstag ein gutes Vetrauen; Und ob auch gleich fonſt es Niemand hätt'— Die mäſten gewiß dabei ſich fett.“ Und beim Einzuge der Reichstagsmitglieder klang es gerade nicht feiner: Wier kommen hochgeborene Fürſten und Herren, Die ſehen, eſſen und trinken gern; Sie geben Dirnen und Buben genug, Das iſt aller Freiheiten Fug.“ So urtheilte damals das deutſche Volk über ſeine Vertreter, und zwar ungeſcheut wie ungeſtraft; aber zu mehr brachte es auch der nittelalterliche Volkswitz nicht, als wie dazu, ſich über das deutſche Reich und ſeine Ge⸗ 104 ſunkenheit luſtig zu machen und ſich damit doch ſelbſt in's Geſicht zu ſchlagen. Endlich kam auch der deutſche Kaiſer und der rö⸗ miſche König. Ein unabſehbarer Zug von Hofleuten, Rit⸗ tern und Reiſigen war in ihrem Gefolge. Der alte Friedrich, obwohl ſchon an den Siebzigen, ſaß dennoch noch immer ſtattlich zu Roß und ſchaute mit dem Gleichmuth, den er ſich durch ſein ganzes Leben zu bewahren wußte, vor ſich aus.„Unwiederbringlicher Dinge Vergeſſenheit iſt die größte Glückſeligkeit auf Erden,“ war ſein Wahlſpruch, den er ſogar damals, als er von Wien und Neuſtadt, aus ſeinen Erblanden vertrieben, un⸗ aufhaltſam flüchten mußte, in jedem Gaſthaus, in dem er eingekehrt, bis er an den Rhein kam, auf den Tiſch ſchrieb oder in die Fenſterſcheiben grub— vielleicht weni⸗ ger zur Mahnung für Andere als zum Beweis, daß Faiſer Friedrich ſich über Alles zu tröſten wiſſe und dem Stern des Hauſes Habsburg vertrauend faſt unthätig zuwartete, bis die Dinge ſich wieder zu ſeinen Gunſten geſtalteten. Uibrigens wendete er dieſen Wahlſpruch doch auch nicht auf Alles an: denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergeſſen, daß Herzog Albrecht von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde ſammt Regens⸗ burg ſchon vor langer Zeit geraubt, und hatte dem eige⸗ nen Sohne Maz gezürnt, der eine Vermittelung verſuchte. 105⁵ Ja Friedrich kam hauptſächlich mit hierher, um, wenn nicht die Hilfe des Reichs, doch die der einzelnen Fürſten und Städte wie des Adels zu gewinnen, die zu dem ſchwäbi⸗ ſchen Bund und dem Löwlerbund gehörten, welche beide geſtiſtet waren, die willkürlichen Fehden im Reiche nieder⸗ zuhalten und ſich untereinander gegen übermüthige Lehens⸗ herren oder ungehorſame eigenmüthige Reichsvaſallen bei⸗ zuſtehen, gleicherweiſe wie die Städte und ihre Bürger gegen die Bedrückungen und Raubanfälle des Adels zu ſchützen. Jetzt war es Friedrich, der nicht nachgeben mochte und auch Vergangenes nicht vergeſſen konnte und gegen Regensburg drohte, das Albrecht befeſtigte: „Ob man die Stadt auch ganz zumauere, will ich doch hinein, und ſollt' ich durch ein Spältlein ſchlüpfen.“— Neben ihm ritt der goldlockige König Max. Noch ebenſo heldenhaft und ſchön war ſeine Erſcheinung wie vor zwei Jahren, wenn auch vielleicht die Sorgen, die ihn jetzt bedrückten, vornehmlich die Sorgen um die immer noch nicht beendeten Flandriſchen Händel, die der helden⸗ hafte Herzog Albrecht von Sachſen, ſeit Jahr und Tag faſt ohne alle Reichshilfe gelaſſen, mit einem kleinen Heer in den immer wieder auſſtändigen Provinzen allein zu ſchlichten ſuchen mußte, und dann um die neue Unge⸗ bühr, die ihm der König von Frankreich erwieſen— wenn auch dieſe Sorgen vielleicht ein paar Furchen auf ſeiner 1859. XVI. Nürnberg. M. 7 106 Stirn gezogen, welche die Krone mehr drückte als der Helm des Fitters, den er mit größerem und froherem Stolze trug als jene. Er grüßte noch ebenſo leutſelig wie hei ſeinem erſten Einzug, und gewann ſich noch eben⸗ ſo alle Herzen wie damals, die durch eine edle ritterliche und huldvoll um ſich blickende Erſcheinung zu gewinnen waren. Unter ſeinem Gefolge erblickte man auch einige Nürn⸗ berger, die mit ihm gezogen waren, ihm ihr Schwert zu weihen und im Kampfe für ihn ſich ihre Sporen zu ver⸗ dienen. Darunter befand ſich Stephan Tucher in ſtrah⸗ lender Rüſtung, deren ſtählerne Schilder durch goldene Einfaſſungen miteinander verbunden waren; ein weißer Federbuſch wehte von dem glänzenden Helm. Sein Schwert hing an einer roſenfarbenen Schärpe mit ſilbernen Fran⸗ ſen— war es blinder Zufall oder bewährte Treue, daß er doch ſo Urſula's Farben trug? Sein Antlitz glänzte von Heiterkeit und Geſundheit— etwas wettergebräunter war es geworden— aber ſonſt lächelte es gerade ſo ſtolz und ſelbſtgefällig wie vordem. Gleich hinter dem König ritt ſein treuer Bruder und luſtiger Rath Kunz von der Roſen, der ihn ſeit ihn einmal Krakermaurer von ſeinem Herrn getrennt, nie wieder verlaſſen hatte. Er war es auch, der, da der Zug ſich dem Stadtthor näherte, plötzlich vorausſprengte und 107 durch ein Seitengäßlein reitend ſagte: ſein Pferd ſehne ſich nach dem Stall und er nach der Herberge, ſo wollten ſie ſich beides ohne Ceremonienmeiſter ſuchen. So durch enge Gäßchen trabend, die eigentlich den Reitern verboten waren, gelangte er vor Scheurl's Haus unter der Veſte, als der Herr deſſelben mit andern Raths⸗ herren und Edlen nach der andern Seite hin dem König entgegen zog, um ihn feierlich in ſein Haus zu führen. Kunz konnte recht wohl berechnen, daß er auf dieſe Weiſe, indem er ſich nicht nur einen Umweg, ſondern auch alle aufhaltenden Empfangsfeierlichkeiten erſparte, um eine halbe Stunde früher als der König ſelbſt in die für ihn bereitete Wohnung kam. Er wollte ſich den Spaß ma⸗ chen, vor ihm einzutreffen, die Hausfrau vielleicht durch verfrühtes Kommen noch in den letzten Vorbereitungen zu ſtören, oder ſich dann gleich ſelbſt als Hauswirth zu geberden und Herrn Scheurl in ſeiner eigenen Wohnung gleich einem fremden Herrn zu empfangen. Dergleichen Späße waren nun einmal ſeine Weiſe und gehörten in der damaligen Zeit mit zu den Hauptbeluſtigungen. Der Thorweg, welcher, an einer andern Seite als die Hausthür befindlich, in den Hof des Scheurlſchen Hauſes führte, ſtand weit geöffnet, ebenſo die Thüren der Ställe, und Alles war bereitet, darin mindeſtens ein paar Dutzend Pferde aufzunehmen. Aber kein Stallknecht — 7* 108 ließ ſich ſehen, alle Leute waren davongelaufen dem kai⸗ ſerlichen Zug entgegen. Kunz ſprang vom Pferde, führte es am Zügel an eine gefüllte Krippe, ſtreichelte es und ſagte zu ihm, in⸗ dem er es anband:„Nun ſieh, für Dich iſt der Tiſch gleich gedeckt; Du wirſt eher und beſſer bedient als Kai⸗ ſer und König, und auch als ſein luſtiger Rath; ich muß ſehen, ob ich auch ein ſo gutes Quartier finde wie Du.“ Er ging über den Hof in die weite Hausflur, ſchüttelte den Schnee von ſeinen Füßen und dachte, in⸗ dem er mit ſeinen naſſen gewaltigen Reiterſtiefeln auf die ſchönen weichen Teppiche von venetianiſcher Weberei trat, die ſich die marmornen Treppen herunterſchlängelten und an den Stufenfugen mit blitzenden Metallhaltern be⸗ feſtigt waren:„Nun, das laß ich mir gefallen! Am Ende hat Aeneas Sylvius doch recht, wenn er behaup⸗ tet, daß kein Potentat ſo ſchön wohne wie die Bürger von Nürnberg und Augsburg, und wenn mein Herr an ſeine Worte denkt, die er einmal als Jüngling ſprach, da ihm der geizige Vater einige Münzen geſchenkt und darüber ſchalt, daß Mar keine beſſere Anwendung davon mache, als ſie an andere Knaben zu vertheilen:„Ich will kein König des Geldes werden, ſondern eines Volkes und derer, die Geld haben“— ſo erfüllt es ſich wenigſtens ein⸗ 109 mal bei den Nürnbergern: die haben Geld, was ſonſt ein rarer Artikel im lieben deutſchen Reich, beſonders am kaiſerlichen und königlichen Hofe und auch anderwärts— den reichen Jörge ausgenommen, der in der Schatzkam⸗ mer zu Burghauſen mehr Gold und Silber birgt, denn jemals eine Kaiſerkrone eingebracht.“ Auch auf der Treppe und im Corridore begegnete ihm Niemand, doch wehte hier ſchon eine behagliche Wärme, aus unzähligen Kaminen hörte man Feuer kni⸗ ſtern und lodern. Jetzt ſteckte er leiſe ſeinen Kopf durch die eine Flügelthür, da es ihm war, als ob er hinter derſelben ſprechen höre, und der Narr machte eines ſeiner eigen⸗ thümlichſten halb ſchlauen und halb verblüfften Geſichter bei dem Gewahren einer Gruppe, die er gerade jetzt nicht erwartet hatte. Auf dem gelbplüſchenen, mit Gold geſtickten Divan ſaß Eliſabeth— Kunz erkannte ſie noch ſehr wohl, auch wenn er ſie nicht hier als die Herrin des Hauſes er⸗ wartet hätte. Er hatte ſich auch die Schönheit von Nürn⸗ berg recht gut gemerkt, die ſeinen königlichen Herrn wie mit Zauberſchlingen an ſich gezogen und doch verſtanden hatte ihn in Schranken zu halten, daß es bei einer ehr⸗ baren Huldigung verblieben war, und jetzt, da der Schalk ſie wiederſah, fand er ſie nicht minder reizend und 1¹⁰ meinte, daß man lange ſuchen könne unter den deutſchen Fürſtinnen, bis man eine fände, die ſie an angeborener Majeſtät überträſe. Freilich, fügte er hinzu, ſcheut ſie ſich auch nicht ſich gleich einer Fönigin zu ſchmücken. Sie trug ein Kleid von kornblumenblauen Brokat mit einem breiten Beſatz von weißem Jelz um ſeinen Saum, die eng anliegenden Aermel waren gleichfalls mit Pelz beſetzt, ſo daß die kleine weiße Hand ſich faſt da⸗ rin zu verlieren ſchien. Ein gleicher Pelzbeſatz lief um den Ausſchnitt des Kleides, in der Mitte der Bruſt von der funkelnden Demantroſe des Königs gehalten. Eine dicke goldene Schnur mit großen Quaſten ſchlang ſich um die Taille des Schneppenleibchens. Ein Kopſputz von plauem Sammet und weißen Federn ſchmückte ihr Haupt, deſſen glänzend kaſtanienbraunes Haar in üppigen Locken zum ſpielenden Schleier des blendend weißen Nackens ward. Vor ihr kniete ein Mann von nittlerer Größe, in ein Wams von kirſchbrauner Farbe gekleidet, aus deſſen Aermelſchlitzen weiße Puffen hervorſahen, ebenſo waren die Beinkleider, die Stiefel von gelbem Leder mit kleinen Sporen. Ein Degen hing an ſeinem Gürtel und ein klei⸗ ner ſchwarzer Sammetmantel um ſeine Schultern. Ein hohes Baret von ſchwarzem Sammet lag neben ihm auf dem hohen Lehnſtuhl. Kunz vermochte ſein Geſicht nicht 1¹4 zu ſehen, das küßend auf Eliſabeth's Hand ruhte, indeß ihre andere auf ſeinem kurzgeſchnittenen dunklen Haupt⸗ haar lag. Sie hatte ſich vorwärts über ihn gebeugt, ihr Geſicht glühte und verrieth gleich dem unruhig wallenden Buſen die innere Bewegung. Sie hatten beide geſchwie⸗ gen, ehe Kunz geöffnet hatte, und bemerkten ihn dennoch nicht, Eines im Andern verloren, ſo daß er Eliſabeth ſagen hörte: „Celtes! ſteh't auf! Wohl iſt es oſt mein ſtilles Verlangen geweſen Euch wiederzuſehen, wie es mein größtes Glück war, wenn ich von Euch las und Euren Namen preiſen hörte; aber ich durſte es nur dann wün⸗ ſchen, wenn dieſe Begegnung geſchehen konnte, ohne die alten Schmerzen und Kämpfe aufzuwühlen!— Seht, ich trage ein Joch, das mir Pflichten auferlegt, und da es denn einmal mein Loos, ſo ringe ich Tag und Nacht danach, daß ich es mit Würde trage und mir ſelbſt nicht noch mehr Unheil bereite, als das Schickſal ſchon über mich verhängt. Ihr ſeid ein Mann! ſeid frei von klein⸗ lichen Rückſichten und Pflichten, ſeid immerdar der Herr Eurer eigenen Handlungen und Niemanden davon Re⸗ chenſchaft ſchuldig denn Euch ſelbſt. Ein leichteres Loos iſt Euch zu Theil geworden und ein erhabenes dazu. Die edle Poeſie hab't Ihr zur göttlichen Lebensgefährtin em⸗ pfangen, und Euer herrlicher Beruf iſt's, die deutſche Ju⸗ 142 gend zu vaterländiſchem Sinn zu entflammen und vom Zwange inhaltloſer Formen zu den lebensvollen Ideen des Humanismus zu führen— geb't Euch an dies Stre⸗ ben mit ganzer freier Kraſt dahin, und nach Jahrhun⸗ derten noch wird man Euer Andenken feiern. Wer beru⸗ ſen iſt zu leben für Jahrhunderte und für die Menſch⸗ heit, der muß darauf verzichten können, dem Glück des Augenblicks und ſeinem eigenen Herzen zu leben!“ Konrad Celtes, der erſt vor wenigen Angenblicken bei Eliſabeth eingetreten, und auch nur erſt an dieſem Morgen mit ſeinem Gönner dem Biſchof von Worms an⸗ gekommen war, hatte zwar gemeint, er könne ihr nun ruhig und als Freund begegnen. Aber vor ihrer lebens⸗ warmen Gegenwart waren alle früheren Empfindungen wieder in ihm aufgewacht und er hatte ſie in ſeine Arme ſchließen wollen. Eliſabeth, mit dem feinen Ahnungsvermögen eines liebenden Frauengemüthes, oder wenn man will, mit dem klugen Abwägen aller kleinen Möglichkeiten, das Künftige aus dem Gegenwärtigen berechnend, hatte zuweilen daran gedacht, daß Celtes wohl einmal in ſein liebes Nürnberg zurückkehren werde, ja ſie hatte es jetzt gewünſcht— aber viel weniger aus perſönlichem Intereſſe, ſondern weil ſie es für Celtes als ein Glück betrachtete, wenn König Mat mit ihm zuſammenkam und ihm ſeine Aufmerkſam⸗ ———— — 113 keit ſchenkte, und wie hätte das beſſer geſchehen können, als jetzt, wo der König in ihrem Hauſe wohnte und der Kaiſer, der ihn zum Dichter krönen ließ, ſelbſt in Nürn⸗ berg weilte. Ja, ſie hatte lange mit ſich gekämpft, ob ſie nicht Celtes um dieſes Glückes Willen eine Botſchaft ſen⸗ den ſolle, herzukommen; aber ſie hatte doch eine Miß⸗ deutung derſelben gefürchtet, ja ſich ſelbſt nicht recht ge⸗ traut, ob nicht perſönliche und unrechte Empfindungen da⸗ bei im Spiele wären, und darum Alles dem Schickſal überlaſſen. Immerhin aber hatte ſie ſich auf dieſe Möglich⸗ keit vorbereitet und ſich mit der ganzen weiblichen Würde ihres Weſens gewaffnet, um ſich für ein Wiederſehen mit Celtes gerüſtet finden zu laſſen, damit es ihr gelinge, nicht nur ſich ſelbſt zu bezwingen, ſondern auch, wenn es nöthig ſein ſollte, jeden Ausbruch ſeiner früheren Empfindungen verhüten, oder doch vor leidenſchaftlichem Unheil ſichern zu können. Vielleicht hätte auch ſie ſonſt nicht die Kraſt gefunden, ſich ſeinen Armen zu entziehen und die obigen Worte zu ihm zu ſprechen. Da ſie ihn zurückwies, war er vor ihr auf die Kniee geſunken und lauſchte ihren Worten wie einem Liede, das nicht minder ſchön erſcheint, wenn es auch auf das ſchmerzlichſte ergreift. „O es iſt ein Fluch, der auf allen Poeten ruht!“ rief er;„wir müſſen unglücklich, elend und verlaſſen ſein, 14⁴ damit wir in das Reich der Poeſie uns flüchten und unter tauſend Schmerzen eine erträumte Welt der wirk⸗ lichen entgegenſtellen— den friſchen Kranz des Lebens müſſen wir opfern, damit ein dürrer Lorbeerkranz auf unſern Grabhügeln anſchelle. Eliſabeth! Ihr ſeid ſo kalt und grauſam wie die Welt— ich hoffte Euch anders zu finden!“ Sie erhob ſich zürnend:„Dann wehe mir und Euch, wenn Ihr das hofftet, wenn Ihr während dieſer Tren⸗ nung den Glauben an mich und an Frauentugend ver⸗ loret!“ Beſtürzt faßte er den Saum ihres Gewandes und rief:„Eliſabeth! thut, was Ihr wollt, aber vergebt mir und zürnt nur nicht!“ „So ſeid ein Mann!“ antwortete ſie;„verſündigt Euch nicht an Frauenwerth— verſündigt Euch nicht an der Gottesgabe der Poeſie, die Euch geworden!— Ihr wißt nicht, wie es iſt: alle dieſe Schmerzen empfinden und keine Sprache dafür haben— das Entſagen iſt ſchwer: aber das Schwerere iſt, ein einmal auſerlegtes Joch noch edel zu ertragen!— Steht auf— mich dünkt, ich höre Jemand— wenn es ſchon der König wäre!“ Celtes erhob ſich und Eliſabeth blickte nach der Thür, mit welcher Kunz von der Roſen vor einem Weil⸗ chen umwillkürlich geknarret hatte, da ihn dieſe Scene, 145 deren Zuſchauer er geworden, ſelbſt bewegte. Erſt hatte er gemeint, hier einen begünſtigten Liebhaber bei einer ungetreuen Gattin zu finden, und eine ſolche Gelegenheit ließ er ſelten, wie oft und bei welchen hohen Perſonen ſie ihm auch ward, vorübergehen, ohne die Betheiligten durch ſeinen Spott und einen oft ſehr derben Spaß zu züchtigen. Aber durch Eliſabeth's würdevolles Betragen wendete ſich ſchnell ſeine Meinung zu ihren Gunſten— ja er zerdrückte eine Thräne im Auge, weil er gar wohl begriff, daß eine Frau von ſolchen Herzens⸗ und Geiſtes⸗ gaben, wie Eliſabeth, neben einem ſo hohlen Menſchen wie Scheurl nur unglücklich ſein könne. Und zugleich nahm er ſich vor, ſeinen königlichen Bruder zu warnen oder zu beauſſichtigen, daß er die Tugend und Treue dieſer edlen Frau nicht etwa auch verſuche auf die Probe zu ſtellen. Als er jetzt bemerkte, daß ſich das Paar nicht mehr allein fühlte, warf er ſeine Narrenkappe zur Thür herein, gerade vor Eliſabeth's Füße, und ſagte: „Es iſt nicht Sitte, edle Frau, daß der Narr ſeine Kappe abnimmt weder vor König und Kaiſer, denn er hat eben nicht nöthig Jemanden Reſpekt zu erweiſen— vor Euch aber hab' ich ihn— und wenn ich hundert Hüte aufhätte, ich zöge ſie alle vor Euch und würfe ſie Euch demüthig wie die Kappe zu Füßen.“ 146 Eliſabeth erſchrack ſowohl von der plötzlichen Er⸗ ſcheinung wie vor dieſen Worten, welche ſie ungewiß lie⸗ ßen, ob der Narr etwas von dieſem Geſpräch gehört oder nicht; aber immer ihrer ſelbſt Meiſterin hob ſie die Mütze auf, ob auch Roſen ſich mit einem luſtigen Katzen⸗ puckel danach beugte, überreichte ſie ihm und ſagte: „Willkommen in Nürnberg— wenn Ihr Euch auch auf ſonderbaren Wegen müßt eingeſchlichen haben, daß Niemand von der Dienerſchaft Euch zuvorkam. Wo iſt Euer königlicher Herr?“ „Bruder! wolltet Ihr ſagen,“ fiel er ihr in die Rede.„Was den betrifft, ſo wird er ſobald kommen, als ihn die guten Nürnberger, die ſich überall herzudrän⸗ gen, dazu kommen laſſen— und was mich betrifft, ſo wißt Ihr, daß unſereins ſich immer die Wege nach Be⸗ lieben ſucht und gelegentlich durch ein Spältlein ſchlüpft, wenn's ihm auf dem breitgetretenen Wege zu eng wird.“ „Ich freue mich,“ ſagte Eliſabeth,„daß ich gleich jetzt Gelegenheit habe, Euch Herrn Doctor Konrad Cel⸗ tes vorzuſtellen, von dem Ihr ſicher ſo viel Gutes und Großes gehört hab't, als er von Euch, Herr Kunz von der Roſen.“ Die Männer ſchüttelten zwar einander die Hand, aber es geſchah nicht mit der rechten Herzlichkeit. In Celtes kochte es ingrimmig, wenn er ſich dachte, daß 117 Kunz ihn jetzt belauſcht, und es ſogar durch ſeine Worte an Eliſabeth zu verſtehen gab, ohne es zu geſtehen— und Kunz hatte ein Vorurtheil gegen den Gelehrten, nach der Scene, welcher er beigewohnt. Er ſagte zu ſich: den Frauen gegenüber taugen doch dieſe Herren von der Fe⸗ der ſo wenig wie die vom Schwerte— und fügte hinzu: ich möchte eigentlich wiſſen, welche Zunft da etwas taugte. Indeß war Kunz doch harmlos und Celtes rede⸗ gewandt genug, eine Unterhaltung zu Stande zu brin⸗ gen, deren Anknüpfungspunkt natürlich die hohen An⸗ kommenden waren. Eliſabeth entfernte ſich einen Augen⸗ blick, um nachzuſehen, daß die Dienerſchaft beſſer auf dem Platze ſei, als ſie bei Roſen's Ankunſt geweſen. Wie ſie zurückkam, wollte ſich Celtes entfernen, aber Eliſabeth ſelbſt duldete es nicht und ſagte: „Ihr werdet mich nicht um die Gelegenheit betrü⸗ gen, Euch ſelbſt Seiner Mazeſtät vorzuſtellen, die ich immer gewünſcht, gleich Euch ſelbſt.“ Mit feinem Takte fühlte ſie, daß gerade ſo Celtes' Beſuch bei ihr alles Anſtößige vor Anderen verlor, wenn ſie ſagen konnte, daß er gekommen ſei, um mit unter den Erſten zu ſein, welche die Ehre hätten dem König vorgeſtellt zu werden. Jetzt klang es unten von Roſſeshufen und Freuden⸗ geſchrei; Eliſabeth ging dem König⸗ Max bis an die 118 Treppe entgegen, Kunz ſtand an ihrer Seite und lachte die Ankommenden aus, daß er ſchon eine halbe Stunde vor ihnen im warmen Reſt geruht. Herr Scheurl wollte dem König ſeine Hausfrau vorſtellen, er aber ſagte:„Ei, ſo wenig ich meines Wor⸗ tes vergeſſen, ſo wenig vergaß ich der ſchönen Frau Eli⸗ ſabeth,“ und küßte ihr die Hand, indem er ſeine feurigen Blicke mit Entzücken über ihre herrliche Erſcheinung ſtrei⸗ fen ließ. Denn in der That konnte er ſie vielleicht in keinem günſtigeren Angenblicke ſehen, als da ſie noch Mitten in der Erregung war, die ihr das Wiederſehen mit Celtes und ſein Ungeſtüm, darauf das Erſchrecken durch den Narren bereiteten— und nun kam noch dieſer ſtolze Triumpf dazu, den ritterlichen König bei ſich zu empfangen, von ihm unvergeſſen zu ſein und dieſelben Schmeichelworte aus ſeinem Munde zu vernehmen, auf die verzichten zu müſſen ſie zuweilen gefürchtet hatte. Nun war ja der erſehnte Augenblick da, wo ſie den Dichter und den König einander zuführen konnte— ſie that es mit der ganzen ruhigen Würde ihres eigenſten Weſens. Sechstes Cupitel. Im Kloſter. Seit Ulrich von Straßburg erkannt hatte, daß ſein Freund Hieronymus in ſeinem Vorurtheil gegen die Ju⸗ den feſt verrottet und unverbeſſerlich ſei, hielt er ihn auch in andern Stücken einer gleichen Engherzigkeit für fähig, und während er ihm ſonſt faſt ſeine geheimſten Gedan⸗ ken mitgetheilt hatte, fühlte er ſich jetzt veranlaßt, gegen ihn über ſein Geſpräch mit dem Propſt zu ſchweigen, welches ſo viele bange Zweifel und unheimliche Fragen in ihm aufgeregt hatte. Die Banbrüderſchaften im Allgemeinen waren nicht nur in ihren ſpeciellen Kunſtleiſtungen, ſondern auch in der Freiheit ihrer Lebensanſchauungen und ihrer religiöſen Anſichten ihrer Zeit voraus. Aber wie, beſonders in gro⸗ ßen Uibergangsperioden, wie der Ausgang des Mittel⸗ alters in ſeinem Schooße trug, ſich immer Altes und 120 Ausgelebtes mit Neuem und Weitausgreifendem oſt in einem Individuum und noch öfter in geſellſchaftlichen Gliederungen beieinander findet, ſo war es auch bei den Baubrüderſchaften ſelbſt und ebenſo bei ihren einzelnen Mitgliedern. Der Geiſt des Albertus Magnus und ſeiner Geheimlehre der chriſtlichgothiſchen Baukunſt wirkte noch mächtig fort, und wie die Säulen der erhabenen Dome in immer kühneren Schwingungen auſſtiegen, wie der ganze Bau und in ihm wieder jeder einzelne Stein zu leben ſchien und dabei aus der Begeiſterung, damit Gott und dem Chriſtenthum zu dienen, eine Begeiſterung für die Kunſt an ſich und ihren eigenſten Cultus neben, oder auch über dem chriſtlichen geworden war: ſo lebte wohl auch in den Baubrüderſchaften ein höher und weiterſtre⸗ bender Geiſt, als er ſonſt in ihrer Umgebung ſich kund that— aber ebenſo war auch etwas Verſteinertes und unwandelbar Feſtſtehendes in ihren Geſetzen und Statu⸗ ten, das keine Reform derſelben zuließ und Jahrhunderte lang dieſelben äußern Formen und Beſtimmungen be⸗ wahrte, als wären gerade ſie das Weſentlichſte der Sache. Dieſelben Steinmetzen, welche ſich ungeſtraft erlau⸗ ben durſten Tiara und Inful zu verſpotten und in ihren auf ewige Dauer berechnenden Steingebilden zur Hölle fahrende Mönche und Nonnen, Fönige und Biſchöfe, ja Kaiſer und Päpſte dem Hohne der Zeitgenoſſen wie der 124 Nachkommen preiszugeben— dieſelben Steinmetzen mußten gewiſſenhaſt zur Beichte gehen, und verfielen den ſchwer⸗ ſten Strafen der eigenen Hüttengeſetze, wenn ſie irgend eine kirchliche Handlung verabſäumten. Dieſelben Frei⸗ denker, welche ſich über das geſunkene Kirchenthum er⸗ haben fühlten, waren doch die Feinde derer, welche ſich nicht dazu bekannten— die allgemeine Verachtung, welche damals die Juden traf, wie der Haß gegen die Türken als den Erbfeind der Chriſtenheit, war auch im Bekennt⸗ niß der Baubrüder eine Hauptſtelle, und auch die auſ⸗ geklärteſten unter ihnen waren ganz und gar von dieſem Vorurtheil erfüllt. Wir haben geſehen, wie Hieronymus ganz und gar von ihm beherrſcht ward— ebenſo wenig war Ulrich ganz ſrei davon, aber er hatte doch an die Worte des Meiſters denken lernen:„Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und recht thut, der iſt ihm angenehm“— und hielt es nicht für unmöglich, daß Rachel zu dieſen Rechtthuenden gehören könne— wenn ſchon ſie ſo un⸗ glücklich war, eine Jüdin zu ſein! Aber Hieronymus wollte nichts von einer ſolchen Anſchauung wiſſen und fürchtete zumal auch, daß Ulrich ſich und ihn in Schimpf und Schande in der Hütte bringen werde, wenn ein Zufall oder vielleicht Rachel ſelbſt verriethe, daß er mit ihr geſprochen und ſie in ſei⸗ ner Wohnung verborgen gehabt hatte, in die ſie früher 1859. XVI. Nürnberg. II. 8 122 ſchon mehr als einmal ſich gedrängt. Wie den Baubrü⸗ dern jeder Verkehr, auch mit ehrbaren Frauen, als Ver⸗ gehen angerechnet ward, galt der mit einer Jüdin als doppeltes Vebrechen, denn man achtete eine ſolche gleich der verworfenſten Dirne, mochte ſie auch unſchuldig ſein wie ein Kind. Zu den andern Vorurtheilen ſowohl der Zeit als der Baubrüderſchaften, die darauf ihre Geſetze gründeten, gehörte die Nothwendigkeit ehelicher Geburt zu ſein. Alle unehelichen Kinder galten als rechtlos, und der Ma⸗ kel, den ſie ſo mit auf die Welt brachten, heftete ſich an ihr ganzes Leben. Bei ihnen erwieſen ſich allein die Klö⸗ ſter als eine rettende Zufluchtsſtätte, in der ſie vor dem Fluch geſichert waren, der ſich draußen an ihr ganzes Leben knüpfte. Faſt von allen Handwerken und Aemtern waren ſie ausgeſchloſſen, und die Fürſten verfügten über ſie ganz wie über Leibeigene. Das„Wildfangsrecht“, z. B. ein Recht deutſcher Fürſten, alle Unehelichgeborenen ohne Weiteres in ihre Kriegsdienſte zu zwingen, erhielt ſich viele Jahrhunderte. Dieſer Fluch der bürgerlichen Un⸗ ehelichkeit mußte dieſe Unglücklichen, die ihm verfallen waren, von Haus aus gleich ſelbſt in die Bahn unehr⸗ licher und verbrecheriſcher Gewerbe treiben und prägte ſich tief als das Bewußtſein einer unſchuldigen Schuld in alle empfindungsfähigen Gemüther. Darum waren 123 auch Eltern noch außer der Angſt vor der perſönlichen Schande und Strafe, die ihnen ſelbſt wiederfuhr, eifrig bedacht ihren Kindern ehrliche Namen zu verſchaffen, ſei es auch auf die betrügeriſche Weiſe. Oft genug entdeckte ſich ſpäter der Betrug, und dann verfielen die unſchuldi⸗ gen Kinder doppelter Schande. Daher war es auch eine ſehr gebräuchliche Drohung oder ein Mittel der Rache, andern Perſonen nachzuſagen, daß ſie nicht von ehelichem Herkommen ſeien; denn oft ließ ſich eines ſo wenig als das andere erweiſen, und ſchon der Zweifel ward doch in manchen Augen zum Makel. Am ſtrengſten aber unter allen Genoſſenſchaften hielten die Banhütten darauf keinen Lehrling außuneh⸗ men, der nicht genügende Zeugniſſe über ſein Herkommen hatte. Die ganze Prüderſchaft ward als profanirt be⸗ trachtet, wenn ſie einen ſolchen unter ſich geduldet hätte. Ulrich ſelbſt hatte ſich ſchon bei Rachel's erſter Warnung vor der Möglichkeit entſetzt daß man nur verſuchen könne, ſeinen Eltern Unwürdiges nachzuſagen, und jetzt entſetzte er ſich doppelt vor den Bedenklichkeiten, welche durch die Worte des Propſtes in ihm aufſtiegen. Es gab für ihn kein größeres Unheil, als wenn wirklich ein Flecken auf ſein Herkommen kam. Während er ſich ſonſt darüber nie⸗ mals Gedanken gemacht, waren ſie nun plötzlich gewalt⸗ ſam in ihm aufgeregt— und da er ſelbſt kaum wußte, 8* 124⁴ was er ſelbſt glauben, fürchten oder hoffen hatte, ſo hütete er ſich jetzt wohl Hieronymus ferner in dieſem Stück zu ſeinem Vertrauten zu machen, ja er war zu⸗ gleich feſt entſchloſſen, ſeine Wohnung nicht mehr mit ihm zu theilen, damit, wenn ja der fürchterlichſte Schlag über Ulrich hereinbräche, der Kamerad nicht durch ihn noch mehr ſich mit beſchimpft fühlen könne, als alle die andern freien Steinmetzen. Obwohl er ſich im Aeußern mit Hieronymus aus⸗ geſühnt, ſo vermied er doch mit ihm ferner über den Gegenſtand ihres Zwiſtes zu ſprechen, ſowohl wie über das tieſperworrene Bangen, mit dem er dem Kloſter und dem Bruder Amadeus entgegenging. Da er aber doch mit Hieronymus früher von dieſem Mönch geſprochen, als er den Verluſt des Kreuzes wieder erwähnt, ſo ſagte er ihm nur, auf Befragen nach demſelben darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß dieſer Mönch, welcher Amadeus heißt, an zeitweiligen Geiſtesſtörungen litte. So hatten ſie an einem hellen Wintertag ziemlich die Hälfte des Weges nach dem Kloſter zurückgelegt, als ſie es in der Ferne von Rüſtungen und Schwertern im Sonnenſchein ſunkeln ſahen und Roſſeshufe den friſchge⸗ fallenen Schnee emporwirbeln. Als der reiſige Zug näher kam, gewahrten ſie an ſeiner Spitze einen geiſtlichen Herren zu Pferde, und erkannten an ſeiner Tracht, an — 12⁵ ſeinen Inſignien und Farben den Biſchof von Eichſtätt, umgeben von vielen Rittern und einem ganzen Troß von Knappen und Dienern. Hinter ihm ritt ein nach Studentenart gekleideter Jüngling, der einige Worte an den Biſchof richtend, dann ſeitab zu den Baubrüdern ſprengte, die ehrfurchtsvoll grüßend am Wege ſtanden. „Mit Vergunſt,“ ſagte er zu den Beiden, die durch ihre Kleidung Allen als Baubrüder kenntlich waren; „wackere Brüder der freien Steinmetzunſt, mich dünkt, wir ſind uns ſchon vor Jahr und Tag im lieben Nürn⸗ berg begegnet, und da ich nach langer Entfernung mich der theuern Vaterſtadt wieder nähere, und Ihr die erſten Nürnberger Geſichter ſeid, die mir in den Weg kommen, ſo möcht' ich Euch fragen, ob Ihr mir vielleicht eine Kunde geben könnt, wie es in meinem Elternhauſe er⸗ geht— es iſt das der Pirkheimer?“ „Ihr ſeid es, Junker Villibald!“ antwortete u⸗ rich;„bald hätte ich Fuch nicht erkannt, denn Ihr ſeid größer und ſtärker geworden im biſchöflichen Kriegsdienſt, als bei den heimiſchen Studien. Ich denke, Ihr werdet die Euren im erwünſchten Wohlſein treffen. Eurem Herrn Vater bin ich erſt geſtern begegnet, und Eure edlen Jung⸗ ſrauen Schweſtern ſticken fleißig mit an einem Teppich für dieſelbe Lorenzkirche, an der wir bauen.“ „Ei, das iſt eine gute Kunde,“ antwortete Willi⸗ 126 bald,„ſogar von meinen Schweſtern wißt Ihr! Ja, ſie ſind gern bei einem frommen Werke— daran erkenne ich, daß ſie noch unverändert ſind! Der kunſtliebende Propſt, Herr Anton Kreß, hat das wohl angeordnet.“ „O nein,“ verſetzte Hieronymus;„nicht nur die Ehre der Ausführung, auch die des ganzen Plans ge⸗ bührt den Frauen.“ Und Urich fügte hinzu:„Die edle Frau Scheurl war kaum von ihrer langwierigen Krankheit geneſen, da ſie es beginnen ließ.“ Er ſprach dieſen Namen abſichtlich laut und faßte dabei einen Ritter in dunkler Tracht und von bleichem Anſehen ſcharf in's Auge, der eben jetzt ſein Viſir niederſchlug, das er vorhin offen getragen. „Gott ſei Dank,“ ſagte Willibald Pirkheimer,„der die edle Frau erhalten—“ „Und ſie auch ferner beſchützen wird,“ rief Ulrich ungewöhnlich laut;„König Mar hat ſeine Wohnung in Scheurls Haus genommen— das wird ihr auch wohl Schutz gewähren.“ Jener Ritter war den Andern, die während dem ſchon einen ziemlichen Vorſprung erreicht, nur langſam und zögernd nachgeritten, und nachdem Ulrich Willibald noch auf ſeine Frage Antwort gegeben, wohin und in welcher Abſicht ſie auf dem Wege ſeien, ſagte der erſtere auf jenen Ritter deutend:„Kennt Ihr dieſen da?“ ——— ——— 127 „Das eben nicht; ich weiß nur, daß er Eberhard von Streitberg heißt und dort mit dem Ritter von Wey⸗ ſpriach erſt unterwegs mit ſeiner Begleitung zu uns ge⸗ ſtoßen.“ ulrich ſann eine Weile nach. Dann ſagte er leiſe: „Ich kenne jenen Herrn als einen gefährlichen Wegela⸗ gerer, der auf den Landſtraßen den harmloſen Kaufleuten auflauert und ehrbare Frauen überall verſolgt; warnt die Nürnbergerinnen vor ihm, wenn Ihr den Rürnber⸗ ger Rath nicht warnen wollt!“ „Das iſt eine ſtarke Anklage!“ ſagte Willibald. „Ich kann ſie aufrecht erhalten, wenn es ſein muß!“ ſagte Ulrich;„aber Ihr wißt, wir freien Steinmetzen mengen uns nicht gern in profane Händel, und jetzt ge⸗ bietet mir mein Beruf wohl eine Woche fern zu ſein von Nürnberg. Kommt Ihr aber mit Frau Eliſabeth Scheurl zu reden, ſo nennt Ihr nur im leichten Erzäh⸗ lerton die Namen der Ritter, die mit Euch kamen— . dies thut als Gegendienſt für die guten Nachrichten, die Ihr von mir empfinget. Und nun Glück auf den Weg und zur Heimkehr! Ich denke, wir ſehen uns in Nürn⸗ berg wieder!“ Als auch Willibald ſich verabſchiedet hatte und der ganze Zug verſchwunden war, ſagte Hieronymus:„Ich erkannte den Ritter auch, mit dem Du auf Tod und 8 128 Leben gerungen, aber ich hatte wenig Luſt mich noch einmal in einen ſolchen Handel zu mengen und verdenke Dir, daß Du es gethan. Frau Eliſabeth mag ſich von ihrem königlichen Anbeter vor einem zudringlichen Ent⸗ führer beſchützen laſſen— das wird ihr lieber ſein, als von den armen Baubrüdern, denen ſie es doch keinen Dank weiß. Du aber haſt einen kecken und hinterliſtigen Feind, dem kein Mittel zu ſchlecht iſt, zu ſeinem Ziel zu kom⸗ men, auf's Neue herausgefordert— denn er erkannte uns ſo gut, wie wir ihn erkannten.“ ulrich verſetzte:„Hoffentlich erkannte er nur mich, und Du haſt nichts für Dich zu befürchten.“ „Das bliebe ſich gleich,“ antwortete Hieronymus; „man kennt uns als unzertrennliche Geſährten.“ „Vir müſſen auſhören es zu ſein,“ antwortete Ul⸗ rich,„wenn Dir meine Handlungen Sorgen oder Ver⸗ drießlichkeiten bereiten.“ „Zu dieſem Vorſchlag iſt es zu ſpät!“ antwortete Hieronymus doppelſinnig. Beide gingen eine Weile ſchweigend nebeneinander. Da hob ſich auf einem Hügel am Waldesſaume das ein⸗ ſamſtehende Kloſter der Benediktiner vor ihnen empor. Das goldene Kreuz darauf ftimmerte hell im Sonnen⸗ licht, das auf den beſchneiten Dächern ſpielte und mit 129 ſeiner erwärmenden Kraſt ihm einzelne Tropfen erpreßte, die ſich zu funkelnden Eiszapfen geſtalteten. Sie hatten nicht gar weit mehr zu gehen, da ſtan⸗ den ſie vor den Hekonomiegebäuden des Kloſters, welche ſich auch den Laien erſchloſſen— ja, als ſie durch den Hof ſchreitend in ein hallenartiges Zimmer des Erdgeſchoſſes kamen, ſaßen mehrere Wanderer darin, die hier nur ein⸗ gekehrt waren, um auszuruhen und ſich durch einen Trunk Meth oder Wein zu ſtärken. Es gehörte damals mit zu den Mißbräuchen, die am häufigſten eingeriſſen waren, daß, wenn auch nicht in den Klöſtern ſelbſt, doch in den ihnen zugehörigen Hekonomien Wein geſchenkt ward— aus dem, was früher eine freie Gabe mildthätiger Gaſt⸗ freundſchaft, war eine gute Einahmsquelle für die Klo⸗ ſterkaſſe geworden. Hier waren die Baubrüder nur eingetreten, als ein junger Novize, als ſolcher an ſeiner braunen Kleidung und dem kurzgeſchnittenen, aber doch nicht geſchorenen Haar kenntlich, auf ſie zukam und beiden nach einander die Hand drückte; an der Art, wie es geſchah, erkann⸗ ten ſie in ihm einen Bruder, einen freien Steinmetzen. „Gott grüße Euch und Gott leite Euch!“ rief er; „ich hoffte, daß Ihr dieſen Morgen kommen würdet, und begab mich darum hierher Euch zu erwarten. Nun darf ich auch Euer Führer ſein. Kommt mit hinüber in's 130⁰ Kloſter und ſtärkt Euch dort erſt mit Speiſe und Trank von der Wanderſchaft— unter dieſen Profanen und Laien hier iſt nicht gut ſein.“ Eben ſo herzlich erwiederten die Ankömmlinge den Gruß und Ulrich ſagte:„Das hätten wir nicht gedacht, hier plötzlich einen Bruder zu finden; aber wie iſt Dein Name!“ Und Hieronymus fragte:„Und was hat Dich ver⸗ mocht, Dich aus der thätigen Mitte freier Steinmetzen hierher zurückzuziehen? Willſt Du wirklich unſer lebens⸗ volles Wirken mit der todten Ruhe hier vertauſchen?“ „Mein Name iſt Konrad,“ antwortete der Novize. „Eure andern Fragen beantworte ich einmal ſpäter in einer ruhigeren Stunde. Es iſt eine traurige Geſchichte— und mir blieb keine Wahl! Einſtweilen denkt daran, daß ich nicht Verachtung, ſondern nur Mitleid verdiene.“ Ulrich ſeufzte leiſe und betrachtete voll innigſter Theilnahme den jungen Mann. Er ſah blaß und abge⸗ härmt aus. Seine dunklen Angen waren mit bläulichen Ringen umgeben, die ihren Glanz noch erhöhten. Seine ganze Haltung und ſein fahles Anſehen, ſo wie ſeine heiſere Stimme weckten die Befürchtung, daß er an einer verzehrenden Krankheit litt. Ulrich fühlte ſich voll innig⸗ ſten Mitgefühls zu ihm gezogen, indeß Hieronymus den Bruder mit einigem Mißtrauen betrachtete, der, ſei es 131 freiwillig oder gezwungen aus der Brüderſchaft geſchieden war, um aus einem fleißigen freien Steinmetzen ein fau⸗ ler, eingeſperrter Mönch zu werden— wie es Hieronymus nannte. Denn obwohl dieſe ganzen Brüderſchaften einſt aus den Klöſtern und zumal aus denen der Benediktiner hervorgegangen waren, ſo ſahen ſie jetzt doch mit der⸗ ſelben Geringſchätzung auf ſie herab, wie auf weltliche Profane. Drinnen im innern Kloſter, als der Pförtner ſie eingelaſſen und Konrad ſie durch einen ſchön gewölbten düſtern Kreuzgang geführt, empfing ſie ein anderer Mönch in einem kleinen wohl durchheizten Seitengemach und be⸗ wirthete ſie auf's beſte. Ein anderer Bruder ging, den Abt von ihrer Ankunſt zu benachrichtigen. Nach einer Ruheſtunde wurden ſie zu dieſem be⸗ ſchieden, dem Ulrich das Schreiben des Propſtes Kreß überreichte. Der Abt empfing ſie mit Wohlwollen, und beſon⸗ ders nachdem er das Uiberbrachte geleſen, drückte er ihnen warm die Hand, und nachdem er ſich mit ihnen von dem Propſt, von dem zu erwartenden Reichstag und andern weltlichen Dingen unterhalten, forderte er ſie auf, ihn in die Kirche zu begleiten, um daſelbſt das Werk, das ihrer harrte, in Augenſchein zu nehmen. Der Novize 132 Konrad und noch ein paar andere Mönche und Novizen ſchloßen ſich ihnen an. So traten ſie in die alte, im romaniſchen Styl er⸗ baute Kloſterkirche, die ſpäter noch manchen An⸗ und Ausbau erfahren hatte, da die Baukunſt ſchon dem go⸗ thiſchen Styl ſich zugewendet und, nebenbei mit italieni⸗ ſcher Pracht geſchmückt, jenen ruhigen und erhabenen Eindruck vermiſſen ließ, welchen nur die tadelloſe Rein⸗ heit eines beſtimmten Styls hervorzubringen vermag. Es war ein Mißklang zwiſchen dieſer weiten romaniſch ge⸗ wölbten Eingangspforte, den leichten Spitzbogen, welche die bunt gemalten Fenſter umſchloſſen, und den ſchlanken Säulen kühner Gothik, aus denen der hohe Chor ſich pildete. Es war Ulrich gleich bei ſeinem Eintritt, als ob ein Geiſt der Unruhe und Zerfahrenheit ihn in dieſer Kirche packe, die an den Seitenaltären beſonders mit Reliqnienſchreinen, in denen die heiligen Gebeine in Gold und Juwelen gefaßt von Reichthum ſtrotzten und von frommen Spenden und Prachtgeräthen hierin Uiberladung zeigte, indeß das reine Künſtlerauge vergeblich nach ſchön gemeißelten Ornamenten und nach dem Ausdruck genialer Schöpfungen ſuchte, wie ſein eigener Kunſteifer ſie ver⸗ ſuchte: das Geiſtige zur Erſcheinung zu bringen im Stein, das Ewige darzuſtellen im Endlichen. Ein einziges reines Kunſtwerk dieſer Art hatte die — —————————— 133 Kirche beſeſſen, und das war eben jetzt zerſtört. Es war das Weihbrotgehäuſe neben dem Hochaltar, darin das Allerheiligſte aufbewahrt war. Es war dies ein kleines gothiſches Kunſtwerk von kundiger Hand nach dem Al⸗ bertiniſchen Syſtem des Achtortes ſäulenartig aufgeführt. An der einen Seite ſtand eine Statue der Madonna, an der andern die des Johannes. Gothiſche, mit zierli⸗ chem Laubwerk umrenkte Spitzbogen ſtiegen darüber em⸗ por, auf deſſen höchſter Spitze ein Engel ſchwebte. Dieſes durchbrochene Thürmlein, das ſich über dem Hoſtienſchrein ſelbſt beſunden hatte, war herabgefallen und lag ſammt dem Engel halbzerſchmettert daneben. Es ſollte die Auf⸗ gabe der herzugerufenen Baubrüder ſein, dieſe Stücke wieder zuſammenzufügen, wo es thunlich, oder durch neue zu ergänzen. Der feine Sandſtein, deſſen man dazu be⸗ durfte, lag bereit. Als ſie in die Kirche eingetreten waren, lagen ein⸗ zelne Mönche vor den verſchiedenen Altären betend auf den Knieen. Sie ließen ſich durch die Kommenden nicht in ihren frommen Uibungen ſtören und ſahen ſich nicht nach ihnen um. Ulrich warf auf jeden von ihnen einen Blick, ſo gut es im Vorübergehen und von Weitem ge⸗ hen wollte, ob er vielleicht Amadeus unter ihnen ge⸗ wahre. Doch ſah er ihn nicht. Nur über Einen blieb er im Zweifel, der in einer Seitenniſche nicht weit vom 134 Hochalter in einer dunklen Ecke knieete und den Kopf ſo tief geneigt hatte und in die gefaltenen Hände ge⸗ drückt, daß keine Spur von ſeinem Geſicht zu ſehen war. Die große Geſtalt und der Kranz von grauſchwarzem Haar um ſein Haupt gemahnte an ihn— aber unter den mehr als hundert Mönchen, welche das Kloſter einſchloß, konnten viele dergleichen haben. Hieronymus und Ulrich bewunderten und prüften das Kunſtwerk ſeine Zerſtörung bedauernd, und letzterer ſagte nach genauer Unterſuchung deſſelben ſowohl als der Wölbung der Kirche und allen, das Tabernakel nah' und fern umgebenden Gegenſtänden zornig aufflammend und mit großer Beſtimmtheit: „Herr Abt! hier iſt ein unerhörter Frevel geſchehen. Dies Thürmlein iſt nicht von ſelbſt herabgefallen, das hat die vandaliſche Hand eines Niederträchtigen herab⸗ geworfen. Hier iſt noch Schlimmeres und Schändlicheres geſchehen denn Kirchenraub— hier iſt bloßer Muthwillen geübt worden am Merheiligſten— am Allerheiligſten, das die Kirche bewahrt und beſitt, am Allerheiligſten auch der Kunſt. Das iſt das Werk einer gewaltſamen, abſicht⸗ lichen Zerſtörung von menſchlicher Hand. Hab't Ihr keine Unterſuchung angeſtellt, den Schuldigen zu finden! Ich denke, ich darf mich rühmen, beſeelt zu ſein vom Geiſte chriſtlicher Milde und Vergebung— aber gegen ſolch' un⸗ 135 geheuren Frevel, den nur ein Menſch verübt haben kann, der allen Sinnes für das Heilige baar zu einer Beſtie herabgeſunken, die aus Bosheit ſich an einem Tabernakel vergreifen kann, dem jeder fromme Chriſt nur mit einer Kniebeugung ſich nähert, und die ſo ihre Rohheit und Scheußlichkeit an einem erhabenen Meiſterwerk der Kunſt auslaſſen kann, das ein Heiligthum an ſich iſt, auch wenn es an einer andern Stelle ſtünde und eine pro⸗ fane Beſtimmung hätte— für eine ſolche Beſtie kenne ich kein Erbarmen!“ Er hatte laut und vom heiligen Feuer entflammt geſprochen; der tiefgebückte Mönch war noch tiefer zu⸗ ſammengeſunken und hatte einen jammernden Ton von ſich gegeben; der Abt und die Mönche ſahen einander erſtaunt an und Konrad ſagte: „Ich habe daſſelbe gleich geſagt, aber Niemand hat mir glauben wollen— ſo mußte ich ſchweigen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Abt;„aber es iſt doch auch ganz unmöglich, daß hier ein ſolcher ſchauderhafter Frevel geſchehen konnte.“ „Aber immerhin möglicher, als daß dies wohlge⸗ fügte Werk von allein herabſtürzen konnte!“ ſagte Hie⸗ ronymus kaltblütig, der nun auch ſeinerſeits daſſelbe un⸗ terſucht;„ohnehin hat der Freoler ſeine Sache nicht ein⸗ mal täuſchend und geſchickt gemacht, ſondern nur mit ei⸗ 136 niger Scheu vor dem Allerheiligſten, die doch noch in ſeiner verworfenen Seele geweſen ſein muß; er hat dies ſelbſt verſchont, und dieſe Statuen, die nothwendig mit hätten zertrümmert werden müſſen, wenn etwa dies Vert, morſch und ſchwankend geworden, wie es aber durchaus nicht geweſen ſein kann, bei einer geringen Ver⸗ anlaſſung zuſammengeſtürzt wäre. Der Frevler hat ſich mit dieſer gothiſchen Spitzſäule begnügt, oder er iſt ver⸗ ſcheucht worden und hat ſein Zerſtörungswerk in einem Zuſtand zurücklaſſen müſſen, der jedem ſcharfblickenden Auge die willkürliche Menſchenhand verrathen mußte.“ „Aber es kann ja Niemand in dieſe Mauern,“ rief der Abt,„denn wer herein gehört; Fenſter und Thüren zeigten keine Verletung, durch die ein Böſewicht hätte eindringen können.“ Hieronymus zuckte die Achſeln und ſagte:„Wenn er nicht von Außen kam, iſt er von Innen gekommen.“ „Das iſt eine Beſchimpfung unſer Aller!“ rief ein Mönch und blickte zornig um ſich. Urrich ſagte gelaſſener:„Und wie meinet Ihr denn, daß die Sache zugegangen? Von einem Erdbeben hat man nichts gehört, und Gewitter gibt es im Winter eben⸗ ſo wenig, oder ſie ſind doch ſo ſelten, daß Ihr es Euch gemerkt haben würdet— war ein ſolches und meintet Ihr, ein Blitz oder Donnerſchlag habe das Werk ge⸗ troffen?“ 137 Alle verneinten. „Wann geſchah es denn! und war Niemand in der Kirche! Ich denke, ſie wird auch Nachts nicht leer?“ ſagte Hieronymus. „Es ſcheint, Ihr geberdet Euch, als wäret Ihr als Inguiſitoren in unſer Kloſter gekommen!“ ſagte der Abt übel gelaunt, daß man es für möglich halte, in ſeinem Kloſter, das ſich immer eines guten Rufes erfreut, an ſolche Rohheiten zu glauben, wie ſie kaum außerhalb deſſelben vorfielen; denn ſelbſt der gemeine ſittenloſe Haufe hatte Achtung vor der Kunſt, beſonders an den heiligen Stätten und auch vor dieſen ſelbſt; das Verbrechen des Kirchenraubes gehörte mit zu den ſeltenſten und darum auch mit der Kirchenſchändung zu denen, welche am här⸗ teſten und faſt immer mit dem Tode beſtraft wurden. „Ihr ſeid es, der Ehre des Kloſters und unſer aller Ehre ſchuldig, daß die Sache auf's ſtrengſte unter⸗ ſucht werde, und dann auch zur Kenntniß dieſer Stein⸗ metzen gebracht, die außerdem in ihre Hütte ein ſchlechtes Vorurtheil gegen uns mit hinausnehmen möchten!“ ſagte einer der Mönche. „Es wird geſchehen!“ antwortete der Abt.„Ama⸗ deus ſoll uns im Conklave noch einmal dgrüber berichten.“ Zu Konrad gewendet ſagte er:„Führe die Steinmetzen in die Seitenhalle, in der ſie das Material zu ihrer 1859. XVI. Nürnberg. I. 9 Arbeit finden werden, und verſammle die andern Bau⸗ leute um ſie, damit ſie nach ihrer Vorſchrift arbeiten.“ Es geſchah, wie er geſagt hatte. Ohngefähr acht Mönche und Novizen, die nicht ganz unkundig der Kunſt waren das Winkelmaaß zu führen und mit dem Meißel zu arbeiten, waren zur Verfügung der Baubrüder und halfen dieſen vorerſt das Material ordnen u. ſ. w. Nach den Vorſchriften der ſreien Maurer ſowohl als der Klo⸗ ſterbrüder durfte bei der Arbeit weiter nichts geſprochen werden, als was unmittelbar zu ihr gehörte, und daran banden ſich denn auch Alle. Nicht lange Zeit war vergangen, als Ulrich noch einmal in die nebenan liegende Kirche ging, um ein Maaßbrett an die darin befinvlichen Trümmer des Taber⸗ nakels zu halten. Ein Mönch knieete dabei— es war der⸗ ſelbe, der vorhin an dem dunklen Seitenaltar geknieet. Jetzt fuhr er empor. Ulrich erkannte in ihm den Bruder Amadeus. Der Augenblick war günſtig; es war Niemand weiter in der Kirche, als am Eingang ein Novize, welcher denſelben kehrte. „Wir ſind uns ſchon einmal begegnet,“ ſagte Urich leiſe, da der Mönch zuſammenfuhr;„mein Ungeſchick riß das Kreuz von Eurem Roſenkranz— hier habe ich es Euch mitgebracht.“ „Ihr erkennt mich wieder?“ ſagte Amadeus. 139 „Ja— und ich weiß auch Euren Namen: Amadeus.“ „Nun wohl,“ ſagte dieſer mit ſonderbaren Blicken auf Ulrich ſchauend,„ſo behaltet das Kreuz als Anden⸗ ken— an einen Mönch, der ſchon lange zu ſterben wünſchte und nun Euch ſein Todesurtheil dankt.“ Ulrich dachte: der Propſt hat Recht— Amadeus ſcheint wahnſinnig zu ſein. Amadeus mochte dieſen Ge⸗ danken des Schweigenden errathen und fuhr fort: „Ich rede Wahrheit, wie Ihr ſie geredet. Ulrich! Du warſt der Einzige, der kein Recht hatte mein Urtheil zu ſprechen. Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel— ich wollte meine Hand ſegnend auf Deinen Scheitel le⸗ gen— es iſt meine Sühne, daß ich durch meinen Sohn ſterbe! Gott vergebe Dir, wenn es ein Vatermord iſt, den Du auf Deine Seele ludeſt!“ Ein Mönch an einer Seitenpforte näherte ſich und rief:„Bruder Amadeus!“ „Sie holen mich in's Gericht!“ flüſterte er noch Ulrich zu;„lebe wohl und ſchweige. Lebt Deine Mutter noch und ſiehſt Du ſie wieder, ſo ſage ihr, daß Du ſie an mir gerächt haſt— und daß ich mit dem Namen Ul⸗ rike auf den Lippen ſterben werde!“ Heſtig eilte er davon. Ulrich ſah ihm nach und fühlte ſich von eigenthüm⸗ lichen Grauen erfaßt. Was war das? was hatte er ge⸗ 9* 14⁰ hört! waren das die Worte eines Wahnfinnigen! Faſt ſchien es ſo. Und doch! wenn ſie mehr waren als Wahn⸗ ſinn? oder dieſer Wahnſinn doch nur der Nachhall einer Wahrheit? Wenn ein Zuſammenhang war zwiſchen ihnen und denen, welche die Trunkenheit des Propſtes ſchwatzte? ulrich hielt den zertrümmerten Engel in der Hand, der von dem Tabernakel herabgefallen— er hatte keine Flügel wehr. So erſchien er ſich ſelbſt in dieſem Augen⸗ blicke— ſo herabgeſtürzt und aller Schwingen der Kunſt⸗ begeiſterung beraubt— er mußte ſich gewaltſam zuſam⸗ menraffen, um wieder zur Arbeit zurück zu ſeinen Ge⸗ noſſen zu kehren. Sirbentes Capitel. Das Schönbartlaufen. Urſula Muffel befand ſich in einem Zuſtande des peinlichſten Harrens, ſchon ſeit ſie gehört, daß der Reichs⸗ tag in Nürnberg gehalten werde und daß Hans Tucher auch ſeinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kai⸗ ſers mit zurückerwarte. Aber dies Harren ward zur ſchreck⸗ lichſten Aufregung, als ſie erfuhr, daß Stephan wirklich in den Schooß ſeiner Familie zurückgekehrt ſei, daß er wie einſt unter den Söhnen der Patrizier und Kaufleute Nürnbergs für den blühendſten und durch Anſehen und Haltung hervorſtechendſten geltend, jetzt auch unter den königlichen Begleitern zu den ſtattlichſten und zu denjeni⸗ gen zählte, die ſich durch Pracht und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenſo ſorgfältig ihre Körpergaben pflegten. Urſula hörte, daß Stephan's Angeſicht von Frohſinn, Geſundheit und Schönheit glänze— 142 und ein Blick in ihren Spiegel warf ihr dafür nur ein angſtvoll betrübtes Geſicht zurück. Er war da und kam nicht— das paßte nicht zu ſeiner ſonſt ſo feurigen Natur, der gegenüber ſie ihre ganze Sittſamkeit hatte zuſammennehmen müſſen, um nicht dem Ungeſtüm der männlichen Leidenſchaft zu erliegen. Und nun konnte er nach einer ſo langen Trennung zu⸗ rückkehren, ohne Alles daran zu ſetzen ſie wiederzuſehen?— War er ihr untren geworden! hatten andere, verführeri⸗ ſchere Frauen ihn verlockt— oder hatte er eine würdigere Gefährtin geſunden!— Oder hatte er ihr entſagt aus Gehorſam gegen ſeinen Vater— oder vielleicht ſelbſt aus Bürgerſtolz, der es doch verſchmähte, ſich mit der Enkelin des Gerichteten zu verbinden?— Oder hielt eine ſeindliche Macht ſie getrennt? hatte man ihm falſche Nachrichten von ihr gebracht— etwa daß ſie ihm untreu ſei? oder entſagen wolle und müſſe, oder wie ſonſt ſich ſeiner un⸗ würdig gemacht? Alle dieſe Fragen erneuerten ſich in Urſula mit fie⸗ berhaftem Ungeſtüm— und den größten Kampf koſtete ihr gerade die letzte. Gewann dieſe die Wahrſcheinlichkeit der Bejahung, dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu eilen, ihn von ihrer Treue, ihren unveränderten Empfin⸗ dungen zu überzeugen. Aber ſie hatte doch keine Bürg⸗ ſchaft für dieſe Urſache ſeines Zurückbleibens von ihr, 143 und ſo hielt ſie ſich gewaltſam von einem ſolchen ent⸗ ſcheidenden Schritt zurück, der ihren jungfräulichen Stolz und ihre keuſche Mädchenzartheit dem Spotte und der Verachtung preisgeben konnte, wenn ihre Vorausſetzung und mit ihr Stephan ſie getäuſcht. Die Anweſenheit des Grafen von Würtemberg und ſeines Gefolges in ihrem ſonſt ſo ſtillen Hausweſen, deſſen Aufſicht ſie führte, gab ihr wohl nebenher zu thun und zu denken in Menge, um ſo mehr, als Herr Gabriel Muffel mit ſeiner Bewirthung des hohen Gaſtes alle Ehre einlegen wollte, damit nicht die andern Genannten Urſache fänden, ſich über ihn luſtig zu machen, und daß Hans von Tucher ſeinen Hochmuth nicht an ihm üben könne. Urſula mußte es ſich auch darum um ſo angelegener ſein laſſen, ſich ſelbſt die Zufriedenheit ihres Vaters zu er⸗ werben, als ſie dieſe in andern Dingen verſcherzt hatte: erſt überhaupt durch ihr Liebesverhältniß mit Stephan und dann, auch als durch deſſen Entfernung dieſes dem Vater gelöſt erſchien, durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber ihre Hand zu neigen. Zwar war der Vater auch tief bekümmert, daß er die einzige Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden ſah— doch da er eben meinte, daß ihr Eigenſinn dies ſelbſt verſchuldete, ſo ward er dadurch nicht milder gegen ſie geſtimmt. Jetzt, wo er hörte, daß Stephan mit dem König 144 zurückgekommen und in ſeinem Gefolge den Ritter ſpielte, wo die Tucher und Holzſchuher dafür ſorgten, zu Muffel's Ohren gelangen zu laſſen: wie viel ſchöne Edelfräulein ihr Herz an Stephan verloren, und wie er mit einem derſelben bald Hochzeit halten werde— jetzt forderte er doppelt von der Tochter, daß ſie vor den Leuten in gleich ſtolzer Haltung erſcheine, und zürnte ihr doppelt, daß er ſie ihnen nicht auch als Braut vorſtellen konnte. Wäh⸗ rend er ſonſt an ihr mehr auf bürgerliche Einſachheit gehalten, verlangte er jetzt, daß ſie auch in ihrer Klei⸗ dung mit den ſtolzeſten Nürnbergerinnen wetteiſere und bei keiner öffentlichen Luſtbarkeit fehle. So, da die Feſt⸗ nacht kam, ſollte in wenig Tagen das„Schönbartlaufen“ ſtattfinden, und zwar in der glänzendſten Weiſe, da der Reichstag verſammelt war. Urſula wollte ſich weder bei der Schlittenſahrt noch bei dem Ball, der ihr folgen ſollte, betheiligen, aber ihr Vater beſtand darauf, und da beides in Maskenanzügen vorgeſchrieben war, ließ er ihr ſelbſt dazu die ſchönſten beſtellen. Es waren noch einige Tage bis dahin, und Urſula dachte darüber nach, wie ſie dem entgehen könne; denn wenn Stephan ſie verlaſſen hatte, für den allein ſie gelebt, ſo war ſie fremd im Leben und es dünkte ihr nicht mehr hinein zu gehören; wenn er ſie verſtoßen und verachten konnte, ſo meinte ſie die Verachtung der ganzen Welt auf ſich geladen zu 14 — ſehen, und ihren Hohn nicht nur zu finden, ſondern auch zu verdienen. So ſaß ſie an einem früh hereingebrochenen Win⸗ terabend allein in ihrem Gemach. Der Burggraf von Zollern hatte an dieſem Tag eine Jagd im nahen Forſt veranſtaltet, welcher die meiſten Fürſten und Herren bei⸗ wohnten. Auch der Graf von Würtemberg war mit den meiſten ſeines Gefolges dabei, ebenſo ein Theil der Nürn⸗ berger Rathsherren, darunter auch Herr Muffel. Unter ein paar Stunden war wohl noch Niemand zurück zu erwarten. Urſula konnte ſich einmal ihrem Schmerze überlaſſen. Von innerem Froſt geſchüttelt, ſaß ſie am Kamin, deſſen nicht mehr hell lodernde Gluth einen milden Schimmer auf ihr bleiches Antlitz warſ. Wehmüthig blickte ſie auf das helle Grün ihres Kleides, deſſen Farbe der Hoffnung ſie zu höhnen ſchien. Ihre kleinen Hände, zart und durch⸗ ſichtig wie Milchglas, ruhten gefaltet in ihrem Schooß. Es war immer daſſelbe Gebet, daß ſie betete zur Mutter Gottes und zu allen Heiligen: ihr Stephan wiederzugeben oder ſie abzurufen von der verödeten Erde! Und wie ſie ſchon hundertmal gethan, zog ſie die goldene Kapſel her⸗ vor, die Stephan's von Meiſter Wohlgemuth in Miniatur gemaltes Konterfei verſchloß, das er ihr beim Abſchied geſchenkt. Sie küßte das Bild und flehte, ihn nur noch 146 einmal wiederſehen, noch einmal ſo küſſen zu können— und dabei lächelte ſie unter Thränen—— Da klangen draußen haſtige Männertritte— ſie nä⸗ herten ſich ihrem Gemach— vielleicht Einer von des Gra⸗ ſen Leuten, die im Dunkeln fehl gegangen, denn dieſem abgelegenen Zimmer kam Niemand nahe, der nicht aus⸗ drücklich zu ihr geſandt war— ſchon ruckte die Thürklinge— oder war es ihr Vater, der früher zurückkam?— vor ihm hatte ſie Stephan's Bild, das Tag und Nacht tief ver⸗ borgen an ihrer Bruſt ruhte, immer ſorgſam verhehlt— ſie wollte es ſchnell verſtecken, aber das Kettlein ver⸗ wickelte ſich in die ſteifen Zacken des Spitzenkragens, der ihren Buſen umgab— die Thür ſprang auf und ein Mann in einen ſchwarzen Mantel gehüllt ſtand vor ihr. Sie fuhr empor und rief:„Was dringt Ihr hier ein— Niemanden geziemt hier der Zutritt!“ Aber ungeſtüm faßte er ſie in ſeine Arme und rief: „Auch mir nicht?“ Der Mantel ſank von ſeinem Haupt wie von ſeiner Schulter und zeigte Stephan's ritterliche Geſtalt. „Stephan!“ rief Urſula mit dem Jubellaut des Entzückens mitten im Schrecken; aber jener war noch mächtig bei der durch Gemüthskämpfe körperlich leidend gewordenen zarten Jungfrau— ohnmächtig lag ſie in ſeinen Armen. 147 Er trug ſie auf das Sopha und lehnte ſie an ſich. Er ſah ſein Bild offen vor ſich, das Zeichen ihrer Treue— einen Augenblick ſah er voll Mitleid und auſſteigender Selbſtoorwürfe auf die bleiche Geliebte, die der Gram um ihn vielleicht bald ganz zu Grunde gerichtet; aber ſchnell ſchützte er ſich vor jedem Gewiſſensſtrupel mit der eitlen Meinung, daß er wieder gut machen könne, was er verbrach, und mit dem würdigen Vorſatz, es wirklich zu thun. Er rief Urſula mit den zärtlichſten Namen und be⸗ deckte ſie mit ſeinen Küſſen. Da ſchlug ſie die Angen auf und rief: „Stephan— Du biſt es wirklich— Du biſt noch wie einſt!“ Er antwortete ihr mit Liebkoſungen und rief: „O wohl mir, wenn Du auch biſt wie einſt!— Ich konnte es nicht länger ertragen, ich mußte Dich ſehen, geſchah es auch, indem ich ein gegebenes Wort gebrochen.“ „Du haſt Dein Wort gegeben, mich nicht zu ſehen?“ rief ſie und machte ſich von ihm los.„Du haſt mir nicht geſchrieben— Du biſt ſchon einige Tage hier— Andere ſagten es mir— ich ſah Dich nicht— ich hoffte umſonſt auf ein Zeichen— ach! ich weiß es wohl, die Väter näh⸗ ren noch den alten Groll— aber Du ſelbſt, Du haſt 148 mich gelehrt, daß Liebe ſtärker ſein ſoll als väterliche Gewalt—“ „Und darum bin ich hier!“ rief er;„nur einen kurzen Augenblick. Ich benutzte die Dunkelheit und die Abweſenheit Deines Vaters wie der Andern, um zu Dir zu dringen. Niemand darf es wiſſen— nur Eliſabeth Scheurl.“ „Ach, ich habe auch vergeblich auf ſie gezählt!“ rief Urſula;„ſeit der König hier iſt, habe ich auch kein Wort von ihr gehört, und ſie hatte mir doch gleich Nachricht geben wollen— über Dich.“ „Erſt geſtern habe ich mit ihr vertraulich ſprechen können,“ ſagte Stephan,„und ſie iſt wohl auch viel mit ſich ſelbſt beſchäſtigt— Alles erklärt ſich ſpäter. Nur we⸗ nige Minuten kann ich bei Dir weilen, ich konnte es nur nicht länger ertragen Dich nicht zu ſehen— ich mußte die Gewißheit Deiner Liebe von Deinen Lippen holen!“ „Haſt Du je an mir zweifeln können!“ fragte ſie unter ſeinen Küſſen. „Man ſagte mir, daß Du eine Braut des Himmels geworden,“ antwortete Stephan;„Du hatteſt mir mit dieſem Entſchluß ſchon früher gedroht, ich mußte daran glauben, da ich kein Lebenszeichen von Dir empfing.“ „Aber wie war es möglich, daß Du—“ Er ließ Urſula nicht ausreden.„Wir haben jetzt 149 keine Zeit zu Fragen und Erklärungen; leſen wir nicht Eines in den Augen des Andern, fühlen wir nicht am Schlagen unſerer Herzen, daß wir einander angehören wie einſt? In drei Tagen ſehen wir uns beim Schön⸗ bartlaufen, und dann wird ſich Alles erklären und ent⸗ ſcheiden. Du wäreſt doch dazu gekommen?“ „Nur wenn mich mein Vater gezwungen,“ antwor⸗ tete ſie:„ich habe mich bis jetzt geweigert!“ „Nun, ſo laß Dich zwingen!“ antwortete er heiter, „und zu dem Maskenfeſt am Abend erlaube mir, daß ich Dir ſelbſt den Maskenanzug ſchicke, damit ich Dich aus Tauſenden ſogleich erkenne. Ich erſcheine in der prächti⸗ gen Tracht eines Sarazenen und werde mich Dir ſchon bemerklich machen. Bis dahin glaube und liebe und hoffe! Ein neues Leben wird uns ſeine goldenen Thore öffnen!“ „O ich fühle es ſchon in mir, ſeit Du bei mir biſt!“ rief ſie mit ſeligem Lächeln. „Aber verrathe mich nicht!“ bat er wiederholt;„in⸗ dem ich zu Dir mich ſchlich, that ich, was ich nicht laſſen konnte; aber Niemand darf es erfahren— am wenigſten der König.“ „König Mar!“ fragte Urſula;„was geht es ihn an?“ „Frage mich nicht— ich muß ſcheiden!“ und ob⸗ wohl er ſo ſprach und ſchon Beide aufgeſtanden waren⸗ 15⁰ verrann doch Minute nach Minute, ehe der letzte Kuß ge⸗ geben und das letzte zärtliche Lebewohl geſprochen war.— Da er fort war, ſank Urſula auf ihre Kniee und weinte wie ein Kind. Jetzt erſt, mitten in dieſem plöt⸗ lichen Glück, kamen alle verhaltenen Thränen ihres Un⸗ glücks zum Ausbruch. Jetzt erſt, wo Alles, was ſie indeß bei dem Gedanken gelitten, daß ihr Stephan könne ge⸗ nommen ſein, genommen durch das Schrecklichſte, was einem liebenden Weſen begegnen kann: durch Untreue, wie eine Laſt, unter der ſie Tag und Nacht nur ſeußend zu athmen vermochte von ihr abgeſunken— jetzt erſt wagte ſie einen vollen Blick auf die Größe derſelben und in den Abgrund von Leid und Lebensöde, der ne⸗ ben ihr immer offen gegähnt hatte. Jetzt, wo die Gefahr überſtanden war, wo nach einer furchtbaren Nacht eine leuchtende Sonne ihr aufgegangen, ſchaute ſie noch ein⸗ mal bebend zurück in die Nacht— und dankte inbrünſtig dann dem Herrn, der ſie nun in demſelben Augenblick verſcheucht, in dem Urſula noch unter den bängſten Zwei⸗ feln und Schmerzen gerungen hatte. Zwar wußte ſie weder, was indeß geſchehen war, noch was geſchehen ſollte— was ſie indeß zu fürchten gehabt, noch was ſie zu hoffen hatte— indeß, ſie fragte nicht danach. Sie hatte Stephan wiedergeſehen, er war zu ihr mit der alten Liebe und Zärtlichkeit zurückgekehrt— 151 das genügte ja, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen und ihre Seele mit Freudigkeit neuer Hoffnung und dem Muth gegen alle Hemmniſſe ihres Liebesglückes zu kämpfen. Vielleicht war es gut, daß ihr bald heimkehrender Vater etwas berauſcht war und ſich darum ſofort nieder⸗ legte, ſonſt wäre ihm vielleicht die Veränderung auf⸗ gefallen, die indeß mit ſeiner Tochter vorgegangen; denn das erneute Liebesglück hatte ihre erſt gebleichten Wan⸗ gen geröthet, und der Widerſchein einer Seligkeit, die ſie plötzlich überkommen, ſtrahlte aus ihren Augen und von ihrer Stirn. Am andern Tag, wo ſich die hochgehenden Wogen des Entzückens ein wenig gelagert hatten, zeigte ſie dem Vater ein ruhig heiteres Weſen, und er war ſeit langer Zeit einmal zufrieden mit ihr, als ſie ſich als gehorſame Tochter bereit zeigte, dem Schönbartlauſen bei⸗ zuwohnen, und nur ſagte, er müſſe ihr auch den Scherz geſtatten, am Abend in einer Maske zu erſcheinen, die er ſelbſt zuvor nicht ſehen dürfe— ſie möge gern wiſſen, ob der eigene Vater ſie wiedererkennen werde. Gabriel Muffel war wohl damit zufrieden, und machte ihr nur zur Bedingung, daß die Maske recht ſchön und reich ſein müſſe, damit ſie nicht einfacher, ſon⸗ dern wo möglich prächtiger erſcheine als andere Raths⸗ herrentöchter.— Das in Nürnberg als Feſtnachtsfeſt eingeführte 152 „Schönbartlaufen“ ſtammte vom Jahr 1349. Damals hatte die Fleiſcherzunft von Nürnberg bei einem Aufſtand der andern Zechen dem Rathe ihre Treue erwieſen und dafür von Kaiſer Karl IV. einen Freibrief auf einen öffentlichen Aufzug in Larven erhalten, welcher das„Schön⸗ bartlaufen“ genannt ward. Als der dazu gehörige Auf⸗ wand anfing der Fleiſcherzunft beſchwerlich zu werden, trat aus den höheren Ständen eine Geſellſchaft zuſam⸗ men, welche ihr zur Aufrechterhaltung und Veroollkomm⸗ nung dieſes Feſtzuges behilflich war, und am Ende denſelben unter den Namen der Fleiſcher ganz an ſich brachte. Es waren meiſt junge Patrizier, und der Rath ordnete ihnen förmliche Hauptleute bei, welche zugleich die Züge anführen und auf Ordnung ſehen mußten. Wie an jenem Sommertage, an welchem König Mar einzog, ſo war auch an dem ſonnigen, aber kalten Wintertage, an welchem das Schönbartlaufen ſtattfand, Urſula Muffel bei Eliſabeth Scheurl, um aus deren Chör⸗ lein den Zug mit anzuſehen. Die Reichstagsmitglieder waren auf dem Rathhaus verſammelt, vor welchem jener begann und wieder endete. Die Betheiligung der Frauen dabei war keine andere, als daß ſie an den offenen Fenſtern ſtanden, die Vorüberziehenden mit Backwerk warfen und dafür von ihnen mit Tannenzweiglein ſtatt Blumen beworfen oder mit Roſenwaſſer beſpritzt worden. Eliſabeth und Ur⸗ 153 ſula erſchienen in koſtbare Pelze gehüllt und die Geſichter nur ſo weit entſchleiert, daß ſie ſelbſt bequem um ſich ſehen konnten, an dem geöffneten Fenſter des Chörlein. Sie hatten ſeit der Reichstag begonnen einander heute zum erſtenmale wiedergeſehen, und Urſula hätte von Eliſabeth gern mehr über Stephan erfahren; aber Eliſabeth wich ihren Fragen aus, beſchwor ſie nicht zu verrathen, daß ſie ihn geſehen, und nur bis zum Feſtabend in fröhlicher Hoffnung zu warten, an dem ſich ihr ja Alles erklären werde. Und da Urſula weiter fragte: ob es Eliſabeth nicht möglich geweſen, Stephan und ſie dem Schutze des Königs Mar zu empfehlen und an ſein Ver⸗ ſprechen zu mahnen, antwortete ſie nur, daß der König jetzt nicht als ein harmloſer Gaſt in Nürnberg ſei, wel⸗ cher der Stadt die Ehre ſeines Beſuches erwieſe, ſondern daß er zu einem eilig berufenen Reichstag gekommen, von dem er Hilſe und Steuern verlange, ihm Ungarn zu ket⸗ ten und ihn an Frankreich zu rächen— und daß er, ohne⸗ hin ſchon übelgelaunt angekommen, hier es noch mehr geworden, als die Stände ſich ſchwierig zeigten ſeine For⸗ derungen zu bewilligen— da wage man nicht ihn um eine Gnade zu bitten, die hohe Häupter wie er nur in fro⸗ hen Ruheſtunden gewährten, wo die Krone ſie nicht drücke und ihnen nicht die Fähigkeit raube, an anders denn an die Sorgen darum zu denken.„Uibrigens aber,“ ſchloß 1859. XVI. Nürnberg. II. 10 154 ſie,„werden die Majeſtäten heut' Abend mit beim Tanz erſcheinen, vielleicht fügt es ſich da, wie damals auf der Leſte, daß ein gutes Wort eine gute Statt findet.“ Durch die mit Menſchen erfüllten Straßen machten ſich jetzt Vermummte in Rarrenkleidern mit Kolben und Peitſchen in der Hand Platz. Die Menge wich zur Seite, um noch eine Stuſe oder Erhöhung zu erobern, von wel⸗ cher aus der Zug geſehen werden könnte, der nun folgte. Voran kam ein Reiter mit bunten Bändern und Schellen behangen und ſein Schimmel nicht minder. Er hatte vor ſich einen großen Sack, aus welchem er Nüſſe auf die Straße warf, welche die Jugend begierig aufzuleſen war und unter Geſchrei und Balgen darum rang. Dann folg⸗ ten vier andere Reiter, ebenfalls phantaſtiſch bunt geklei⸗ det mit Körben vor ſich auf dem Sattel, worin ſich Eier befanden. Sie warfen damit nach den Frauen an den Fenſtern wie auf den Straßen; aber die Eier waren mit Roſenwaſſer gefüllt und richteten da, wo ſie trafen, keinen Schaden an, als daß die duftende Flüſſigkeit ver⸗ ſpritzte. Dann kamen die Schönbartleute ſelbſt mit ihren Schutzhaltern, Hauptleuten und Spielleuten in mannig⸗ faltigen Vermummungen, unter denen es nicht an derben Anſpielungen auß die Hauptangelegenheiten des Tages und die Gebrechen der Zeit ſehlte. Dann folgte auf einer von 155 vielen Pferden gezogenen großen Schleiſe eine Maſchine, Hölle genannt, die ein künſtliches Feuerwerk in ſich faßte und zuletzt am Rathhaus angezündet ward. In dieſer Hölle gewahrte man außer ergötzlichen Bildern aus der Natur und dem Menſchenleben auch ſatyriſche Darſtellun⸗ gen, wie der Nürnberger Witz ſie liebte: einen Venusberg mit ſchönen Frauen; einen Backofen, worin Narren ge⸗ backen wurden; eine große Büchſe, welche böſe Weiber ſchoß; einen Vogelherd, worauf man Narren und När⸗ rinnen fing; ein Glücksrad, welches Narren und Närrin⸗ nen herumdrehte, die ſich einander jagten; eine Galeere, auf welcher Mönche und Nonnen aneinander gekettet ru⸗ derten, und noch mehr dergleichen. Darauf folgten viel⸗ ſpännige Schlitten mit maskirten Perſonen in prächtigen Pelzen, dahinter ſaßen Spiellente auch in bunte Trachten gekleidet, die luſtig aufſpielten. Daran ſchloßen ſich etwas entfernter kleine Rennſchlitten mit Geharniſchten beſetzt, die ſich mit Turnierſtangen einander auszuſtechen und herunterzuwerfen verſuchten— ein Spiel, welches das Gallen⸗ ſtechen hieß und das auch zu andern Zeiten in Nürnberg angeſtellt ward. Unter dieſen Geharniſchten befand ſich Stephan Tu⸗ cher. Urſula's Augen hatten ihn erkannt, auch wenn er nicht zu den Frauen hinauſgeſchielt hätte; aber er wollte ihnen auch eine Probe ſeiner Geſchicklichkeit geben, und 10* 156 mit ſeiner Turnierſtange gewandt ausholend, gelang es ihm, einen andern Geharniſchten von ſeinen Schlitten zu werfen, daß er unter dem Gelächter des Volkes im Schnee ſich wälzte. Dieſem wollte ſich der Herabgeworfene am ſchnellſten entziehen, indem er aufſtehend ſich in Scheurl's Hausthür drängen wollte. „Dort gehört Ihr nicht hin! Lauft nur Euren Schlitten nach!“ rief Stephan eiſerſüchtig und drohte ihm mit ſeiner Lanze. Jener aber warf ſeinen Helm ab, und Stephan er⸗ kannte mit Mißbehagen Georg Behaim in ihm. Den Bruder Eliſabeth's hatte er nicht dem allgemeinen Spotte preisgeben wollen; indeß blieb ihm nichts anderes übrig als weiter zu fahren und ſein Turnierheil auch an An⸗ dern zu verſuchen, damit Behaim nicht in dem, was er ihm gethan, eine beſondere Abſichtlichkeit ſuche. Es ge⸗ lang ihm auch noch Manchen herabzuwerfen, indeß er ſelbſt vor jedem Angrif feſt ſaß— ſo aber errang er ſich den Preis des Gallenſtechens. Als es vollſtändig dunkel geworden, ward auf dem Narkt das Feuerwerk abgebrannt, und das war zugleich das Zeichen zur Verſammlung der Masken im Tanzſaale des Rathhauſes. Da wimmelte es von allerlei ſchönen und wunder⸗ lichen Masken. Männer und Frauen wetteiſerten mitein⸗ 157 ander an Pracht und Abſonderlichkeit der Kleidung, und manche Freiheit herrſchte dabei, die zu anderen Zeiten die bedenklichen und ſittenſtrengen Nürnberger nicht dul⸗ den mochten. Verſchiedenartige Aufzüge fanden dabei ſtatt und poſſenhafte Darſtellungen ergaben ſich aus ihnen von ſelbſt. Sie wurden vor der Tribune aufgeführt, die für den Kaiſer und den König wie die anderen zum Reichs⸗ tag gekommenen Fürſten erbaut war und auf welcher dieſe Platz genommen. Denn ſie waren nur als Zuſchauer und ohne Masken erſchienen, und auch König Mar be⸗ obachtete diesmal eine ſtrengere Zurückhaltung und Eti⸗ quette als bei ſeinem erſten Auſenthalt in Nürnberg. Vielleicht war er überhanpt nicht wohl gelaunt durch die geringe Willfährigkeit, welche der Reichstag zeigte, auf ſeine Forderungen einzugehen; vielleicht wollte er auch ſich den ſtolzen Nürnbergern, damit ſie nicht etwa übermüthig würden, mehr in der Würde ſeiner Majeſtät zeigen, als ſie ihn früher geſehen, damit ſie nicht vergeſſen, daß ſie doch ſeine Unterthanen wären, wenn ſie auch ſonſt ſich ihrer reichsbürgerlichen Freiheit rühmen mochten. Er ſah ernſt, faſt finſter in das Maskenſpiel, und nur der un⸗ verwüſtliche Kunz von der Roſen vermochte durch irgend eine ihm in's Ohr geziſchelte Bemerkung zuweilen ein Lächeln um ſeinen Mund zu zaubern. 158 Mit den bängſten Empfindungen warf Urſula Muffel zuweilen einen ſcheuen Blick auf den König Mar. Seit dem Wiederſehen mit Stephan Tucher plötzlich in ihren Hoffnungen ſo kühn gemacht, als ſie noch vorher verzagt und verzweifelnd geweſen war, hatte ſie, von Stephan und Eliſabeth auſ dieſen Abend vertröſtet, an die Mög⸗ lichkeit gedacht, daß es ihm oder ihr ſelbſt gelingen werde ſich heute dem König zu nähern und um ſeine Fürſprache bei den erbitterten Vätern nachzuſuchen. Und wie in die⸗ ſer ſchien ſie ſich in jeder Hoffnung getäuſcht zu haben, denn auch Stephan hatte ſich noch nicht zu ihr gefunden, und ſo oft ſie auch eine Sarazenenmaske ſah oder zu ſehen glaubte— wenn ſie ſelbſt ſich ihr näherte, erkannte ſie immer, daß es nicht Stephan war. Da trug ſie nun ſelbſt den prachtvollen Anzug ei⸗ ner Sultanin, den er ihr geſendet, und je mehr der Glanz deſſelben die Blicke Anderer auf ſich zog, und je länger Stephan ſäumte ſich ihr bemerkbar zu machen, die er doch auf den erſten Blick hätte kennen müſſen, je bänger ward ihr in dem ſie umdrängenden Gewühl. Aber noch größer ward ihre Beſtürzung, als ſie einen rieſengroßen Bären, der bald auf allen Vieren lief, bald auf den Hinterpfoten ging und allerlei Purzelbäume machte, immer hinter ſich herkommen ſah. Sie mochte ſich wenden, wie ſie wollte, ſie konnte dem Ungethüm nicht 159 entgehen— es drängte ſie immer näher an die Schranken der fürſtlichen Zuſchauer. Wußte Urſula auch recht gut, daß im Bären auch nur ein Menſch ſteckte, ſo ward ihr dieſe Zudringlichkeit dadurch beinah' um ſo läſtiger— in dieſem Augenblick hätte ſie nichts dagegen gehabt, wenn ein wirkliches Ungeheuer ſie zerriſſen hätte, ſo entmuthigt und troſtlos fühlte ſie ſich; daß ſie aber ein Menſch ſo abſichtlich, wie es ſchien, zur Zielſcheibe ſeiner widerwär⸗ tigen Grimaſſen und damit des allgemeinen Gelächters machen konnte— das empörte ſie noch vielmehr. Und nun kam auch von der andern Seite ein Löwe und bedrängte ſie nicht minder. Da ſtand ſie jetzt gerade mitten zwi⸗ ſchen den beiden Beſtien, ganz nahe vor der kaiſerlichen Tribnne. Außer der Maske verhüllte noch ein mit Silber durchwebter Schleier, der an einen Turban von weißer Seide und ſilbernen Verzierungen beſeſtigt war, ihr Ge⸗ ſicht und Hals. Sie trug ein weißes mit Silber geſticktes Seidenkleid, das weite weiße Atlasbeinkleider und gelbe Stiefelchen ſehen ließ, darüber eine Tunika von roſa Sammet mit ſilbernen Franſen und Treſſen, ringsum mit Perlen geſtickt, die auch in dichten Schnuren um Arme, Hals und Taille ſich wandten. So ſtand ſie zwi⸗ ſchen den Ungehenern, die den Raum um ſie faſt frei⸗ gemacht und ſo auch längſt von Eliſabeth verdrängt hatten, an deren Seite ſie vorher immer verſucht hatte zu bleiben. 160 Aber obwohl nicht inmitten des Saales wie Urſula und minder beobachtet, war doch Eliſabeth in keiner beſſeren Situation. Durch Konrad Celtes und ihre eigenen Studien mit der Liebhaberei für das Klaſſiſche und Antike erfüllt, dem eben damals die Humaniſten die Bahn brachen und das ſich auch bereits in die deutſche Kunſt einzuſchleichen be⸗ gann, hatte ſie ein griechiſches Koſtüm gewählt. Ein in der Taille durch einen goldenen Gürtel und an den Ach⸗ ſeln auch von Juwelen und Gold blitzende Agraffen zu⸗ ſammengehaltenes weißes Atlasgewand umfloß ſie bis auf die in purpurne Santalen gekleideten Füße in ma⸗ leriſch nach ihren ſchönen Körperformen ſich ſchmiegenden Falten. Darüber ein zweites Purpurgewand mit Gold beſetzt, das über die rechte Schulter getragen die linke frei ließ und dafür unter dem Arm um die Hüfte ſich breitete. Ein goldenes Diadem wand ſich durch ihre Locken und im Arm hielt ſie eine mit Blumen umwun⸗ dene Lyra. Eine als Sterndeuter in einen ſchwarzen Ta⸗ lar mit in Silber darauf geſtickten Sternen und Him⸗ melszeichen gekleidete männliche Maske hatte ſie zum Tanz aufgefordert und eine Zeit lang ſtumm im Reigen ge⸗ führt, dann aber ſie einmal ſo heftig an ſich gedrückt, daß ſie nur mit Mühe einen Aufſchrei zurückhielt. Anfangs ſprach der Unbekannte nicht; jetzt flüſterte 161 er ihr leiſe zu:„Eliſabeth, erkennt Ihr mich wirklich nicht! Ich muß es ſchließen, weil Ihr nicht gleich wieder um Hilfe riefet und mich überfallen oder wegweiſen lie⸗ ßet, weil es Euch jetzt beſſer geſällt, ſtatt die Huldigun⸗ gen eines tapfern Ritters anzunehmen, Euer Herz zwi⸗ ſchen einen König, einen fahrenden Poeten und einen ro⸗ hen Steinmetzgeſellen zu theilen und das eheliche Treue gegen Furen ehrſamen Herrn Gemahl zu nennen.“ Eliſabeth erkannte Eberhard von Streitberg— ſie ſtrebte ſich von ihm loszumachen, und ſah ſich nach allen Seiten um, wie ihr das gelingen könne, ohne Aufſehen zu erregen, und ob ſie nicht eine bekannte Maske ſehe. Wohl gewahrte ſie nicht gar weit von ſich Konrad Cel⸗ tes, der auch ein griechiſches Koſtüm trug und mit dem ſie vorhin ſchon getanzt, aber nur wenig Worte gewechſelt hatte, da ſie ſeit ſeiner Rückkehr eine ernſte Zurückhal⸗ tung gegen ihn beobachtet; aber ihn wollte ſie am we⸗ nigſten zu ihrem Schutz herbeirufen— er ſollte am we⸗ nigſten die Beſchimpfung erfahren, die Streitberg einſt der vertrauenden ſtolzen Jungfrau angethan, noch wollte ſie dieſen dadurch eine Beſtätigung ſeiner eben ausgeſproche⸗ nen Anklage geben, die ihr Blut faſt erſtarren machte. Sie wußte bereits, daß Streitberg wieder in Nürnberg war— WVillibald Pirkheimer hatte Ulrich's Auftrag erfüllt, und mit welch' feiner Gewandtheit er es auch that, die 162 ſchon den künſtigen Staatsmann zeigte— er hatte dabei doch auch erzählt, daß er die Baubrüder auf dem Weg zum Kloſter geſprochen, und die ſinnige Eliſabeth hatte den Zuſammenhang geahnet. Sie war auf ihrer Hut, und darum auch heute zum erſtenmale zu einer öffentlichen Luſtbarkeit gegangen, und zwar mit dem feſten Entſchluß, ſich durch nichts dem Maskengewühl entlocken zu laſſen, um jede ihr Geſahr bringende Annäherung Streitberg's zu verhindern. Auch wechſelte ſie ihren Anzug mehrmals, um nicht von ihm erkannt zu werden— und nun war es doch geſchehen. Als ſie um ſich ſah, ſielen ihre Augen auf die gifti⸗ gen Blicke der Hallerin, die ſie in ihrer Nähe in einer aufgeputzten, aber geſchmackloſen Maske einer jüdiſchen Fönigin erkannte— und Eliſabeth ahnete richtig, daß dieſe es war, welche Streitberg dazu verholfen ſie zu erkennen. Eliſabeth ſühlte ſich unfähig ein Wort zu erwie⸗ dern— doppelt, da ſie von ihrer Feindin ſich beobachtet und belauſcht ſah; wenn ſie nicht antwortete, konnte Streitberg doch vielleicht nachdenken, ſie habe ſich ge⸗ täuſcht— ſie ergrif den Arm eines Spielmannes, der eine Harfe im Arm eben an ihr vorüberkam, und ſagte ihre Stimme verändernd: „Die Spielleute gehören zuſammen!“ und zog ihn mit ſich in den Kreis der Tanzenden. 163 Streitberg aber gab ſeinen Arm einem zierlichen Blumenmädchen und rief Eliſabeth nach:„Seid ohne Furcht— mich gelüſtet nicht mehr nach Eurer Schönheit, die vor zehn Jahren ſich mir bot; aus den Sternen kann ich's Euch weisſagen, daß Ihr von der Liebe nichts mehr zu fürchten hab't, ſondern unr noch von dem Haß!“ In dieſem Angenblick erklang lärmende Janitſcha⸗ renmuſik und ein großer Außug kam in den Saal. An ſeiner Spitze ein prächtig gekleideter Paſcha, ihm nach eine ganze Schaar von Sarazenen. Einige, die den Zug als türkiſche Leibwache geleiteten, machten ihm durch das Maskengewühl Platz, ſo daß er gerade der Tribune zu⸗ ſchritt, vor welcher eben Urſula zwiſchen dem Bären und Löwen ſtand. Der Paſcha ſchlug den beiden Ungeheuern die Köpfe ab— und da es geſchehen, ſprangen ein paar Narren aus den Thierhüllen und ſuchten die Zuſchauer durch allerlei Purzelbäume zu beluſtigen. Die Türken mit den muſicirenden Janitſcharen ſchloßen einen Halbkreis um ihren Paſcha, der vor Urſula knieete und in ſpre⸗ chenden Pantominen zur Belohnung für ſeine Heldenthat um ihre Hand flehte. Urſula erkannte Stephan in dem vor ihr Knieenden, und war dadurch nur um ſo mehr beſtürzt über dieſe ganze Scene, in der ſie ſo öffentlich und ahnungslos zur Heldin einer halb ernſten, halb komiſchen Aufführung ge⸗ 164 macht worden war, wie ſie dem Geſchmack der damaligen geit entſprach. Dieſe öffentliche Schauſtellung verletzte nicht nur die ſchüchterne Jungfrau, ſondern erſchreckte und quälte ſie auch: denn was würden die Väter— was würde ganz Nürnberg dazu ſagen? nun war gewiß für ſie und Stephan Alles verloren!— In dieſem Augenblick ſchlug es Nitternacht, und der Ceremvnienmeiſter verkündete nach einem Tuſch der Spiel⸗ lente, daß alle Masken, Vermummungen und Bärte ver⸗ ſchwinden müßten. Alle leiſteten Folge— auch Urſula— aber ohne den Schleier zu heben; Stephan hielt die Zitternde an ſeiner Hand, und indem auch er die Maske abnahm, führte er ſie vor den König Max, der ſich von ſeinem thronartigen Sitz erhoben hatte und das Paar zu ſich winkte. „Der Maskenſcherz iſt vorbei!“ begann der König; „weil mir aber die letzte Vorſtellung gar abſonderli⸗ ches Vergnügen gewährt, ſo möchte ich, daß ihr Verfaſſer und Hauptdarſteller, unſer getreuer Kriegshauptmann Rit⸗ ter Stephan von Tucher ſich eine Gunſt erbäte, die wir ihm gewähren können, und richten daſſelbe Verlangen an die Heldin des Stückes, Jungfrau Urſula Muffl.“ Das Paar knieete vor den König nieder und Ste⸗ phan ſprach: „So flehe ich die königliche Majeſtät mein Braut⸗ 165 werber zu ſein bei dieſer edlen Jungfrau und bei ihrem Vater!“ „Und was meint Ihr dazu?“ fragte der König die erglühende Braut. Sie wagte kein Auge außuſchlagen und liſpelte: „So möge Euer Majeſtät die Väter uns und einander verſöhnen.“ Von gleichem Ingrimm ergriffen waren Hans Tu⸗ cher und Gabriel Muffel herzugeeilt, da ſie die Namen ihrer Kinder nennen hörten, und beide ihren Ohren nicht trauten— ſich zu verkleiden hatten die Rathsherren unter ihrer Würde gefunden, ſie waren in ihrer beſten Amts⸗ tracht und hatten nur vorher Larven getragen. Der König winkte ſie zu ſich und ſagte:„Wie dieſe Beiden den deutſchen König nicht vergebens gebeten haben, ſo werdet auch Ihr, geſtrenge Rathsherren, uns und ſie nicht vergebens bitten laſſen, und nicht im Ei⸗ genſinn gegen Euer eigen Fleiſch und Blut wüthen, ſon⸗ dern das liebende Raar einander verloben, wie ich es ſelbſt verlobe.“ Wie widerſtrebend auch und mit welchen mürriſchen Blicken, die Nürnberger Rathsherren hatten doch ſo viel Reſpekt vor König Max und noch mehr vor dem öſſent⸗ lichen Auftritt, daß ſie gute Miene zum böſen Spiele machten. 166 Muffel ſagte:„Ich habe nichts dagegen, wenn nicht Herr Tucher widerſtrebt.“ Und dieſer erwiederte:„Wenn Seine Majeſtät die Wahl meines Sohnes billigen kann, ſo hebt das mein Bedenken auf“— und er warf doch dabei einen viel⸗ ſagenden und verächtlichen Blick auf Muffel. Stephan umarmte den künftigen Schwiegervater, und als der alte Tucher Urſula's weiße Stirn küßte und ihr ſo nahe in die thränennaſſen Augen ſah, dachte er: Ich glaube wirklich, ich könnte keine ſanftere Schwieger⸗ tochter bekommen— und das iſt auch etwas werth, da er ſie mir mit in das Haus bringt. Alle Anweſenden brachten dem neuen Paar ein donnerndes Hoch— der König erklärte, daß die Hochzeit noch ſtattfinden müſſe, ſo lange er hier ſei, und Kur⸗ fürſt Friedrich von Sachſen erbot ſich den Bräutigam in die Kirche zu führen, indeß Graf Ulrich von Würtemberg der Braut das gleiche Anerbieten machte. Fliſabeth und ihr Gemahl waren auch herzugekom⸗ men. Urſula lehnte ſich an die Freundin und flüſterte: „Das iſt Dein Werk!“ Eliſabeth lächelte und warf einen Blick auf König Mar, der ihn mit einem Anflug von Wehmuth erwie⸗ derte. Es war, als ſagten ſich dieſe Beiden: Ein Glück, das uns ſelbſt verſagt iſt, haben wir Andern bereitet. 167 Mar hatte es doch einſt beſeſſen an der Seite Maria's von Burgund— aber Eliſabeth ſah es ſich ſeit aller Zeit und für alle Zeit verſagt. Gleich darauf brachen die Fürſten auf, auch Eliſa⸗ beth mochte nicht länger bleiben, indeß das Feſt ſelbſt bis zum Morgen währte. Achtes Cupitel. Eine Hochzeit. Nur wenig Wochen währte der in Eile berufene Reichstag. Der Kaiſer hatte ſchon vorher das bei Gelegenheit des Flandriſchen Feldzugs ſo gut erprobte Aufgebot an die Reichsſtände ergehen laſſen, bei Verluſt ihrer Lehen dem Römiſchen Könige zu Hilfe zu ziehen. Aber die Be⸗ rechnung, ſolche Aufgebote zur Gewohnheit zu machen, täuſchte. Die Kurfürſten und Fürſten bewilligten zwar eine halbjährige Hilfe von 8600 Mann, proteſtirten aber gegen die kaiſerlichen mit Gebot und Zwang ausgerü⸗ ſteten Mandate, erklärten, dieſe Hilfe aus freiem Willen, nicht Kraft dieſer Mandate zu leiſten, und behielten ſich das Recht vor, nach Gutdünken Geld zu zahlen oder Mannſchaft zu ſtellen. Desgleichen erklärten ſie ſich ge⸗ gen dieſe eilig berufenen Reichstage und bemerkten, daß 169 ſie unfruchtbar ausfallen müßten, wenn nicht alle Stände des Reichs dazu aufgefordert würden. Daher wurden außer dem obigen alle andern Gegenſtände der Verhand⸗ lung bis auf einen nächſten größern Reichstag vertagt, der auch zu beſſerer Jahreszeit gehalten werden ſollte. Stephan und Urſula mußten alſo mit der Hochzeit eilen, was auch Beiden ganz recht war, da der König ſelbſt ihr beiwohnen wollte. In Muffel's Hauſe fehlte nun die mütterliche Frauenhand, die Vorbereitungen zu einem ſolchen Feſt zu leiten, und es fehlte auch der Raum dezu, da der Würtenberger Fürſt das Haus mit ſeinem Ge⸗ folge ſüllte. Darum bot Eliſabeth Scheurl das ihrige dazu an und übernahm es die Hochzeit darin auszurichten. War es doch ſaſt allein ihr Werk, daß Urſula das Ziel ihrer Wünſche erreichte. Wohl war Stephan Tucher von leidenſchaſtlicher Liebe ſür Urſula entflammt geweſen, und in der Tren⸗ nung von ihr, im neuen Element des ſelbſtgewählten Kriegerlebens hatte ſich dieſe Flamme eine Zeit lang an ſüßen Erinnerungen und verlockenden Zukunſtsträumen wie durch die Briefe der Geliebten genährt. Allein Ste⸗ phan war eine vorwaltend ſinnliche Natur und ſein feu⸗ riges Temperament, durch keine ſittlichen Grundſätze oder wenigſtens nicht durch eine vorwaltende Stärke denſelben genugſam gezügelt, war nicht dazu geeignet, die Treue 1859. XVI. Nürnberg. I. 11 170 ſeiner Liebe in den Prüfungen der Trennung auf die Dauer zu bewähren. Ein Brief von ihm an Urſula, in dem er ihr geſchrieben, daß ſie ihren nächſten Brief nach Wien adreſſiren möge, war verloren gegangen; von einem Nürnberger Freund ſeines Bruders erhielt er die Nach⸗ richt, daß Urſula, um ihrem Vater zu gehorchen, ihm entſagen und in ein Kloſter gehen wolle: da ſie ihm nicht antwortete, erſchien ihm dieſer Umſtand glaubwürdig— ja er glaubte ihm gern, weil eben eine verlockende Wie⸗ nerin, in allen Stücken das Gegentheil ſeiner frommen und keuſchen Urſula, ihn reizte. Der verführeriſchen Lei⸗ denſchaftlichkeit einer üppigen Frau gegenüber, erſchien ihm Urſula's ſittſame Jungfräulichkeit als Kälte und un⸗ natürliche Tugendſchwärmerei. Um ſeine wankende Treue zu rechtſertigen, ſagte er ſich, daß Urſula keiner wahren Liebe fähig ſei, ſonſt habe ſie ihm nicht widerſtanden, da er ſie entführen wollte, ihn nicht ſelbſt fortgetrieben— jetzt ſühre ſie dieſelbe Uiberſpannung in ein Kloſter; er habe längſt vorausgeſehen, daß es mit ihr ſo kommen werde— wer hieß ihn auf eine ſolche Heilige zu lieben? Da war ſeine Wienerin ein ganz anderes luſtiges Welt⸗ kind! In ihren Armen vergaß er die ſtille Urſula und konnte bald darauf jenen Brief an ſeinen Bruder An⸗ ton ſchreiben, durch den er ſeiner Familie ſo viel Freude und ſeiner Urſula ſo viel Kummer bereitete— das letztere W 17¹ ebenſo wenig ohne Abſicht, als das erſte; denn er dachte, wenn ſie als künftige Nonne höre, wie leicht er ſich über ſie getröſtet, werde dies eine verdiente Strafe für ihre übertriebene eiskalte Strenge ſein. Denn mit dem gan⸗ zen Egvismus des gewöhnlichen Mannes fand er nun ſein Betragen nicht nur ganz gerechtfertigt, ſondern be⸗ mühte ſich auch noch Urſula verdächtigen und herdammen und alle Schuld von ſich auf ſie wälzen zu können. Sie wandelte auf einem Irrpfad, und er ging allein den richtigen Weg durch's Leben. Da kam ihm plötzich die Kunde von dem Reichstag, der nach Rürnberg ausgeſchrieben, und daß er mit Andern den König begleiten könne; er freute ſich ſeiner Vater⸗ ſtadt ſich im Glanz der Ritterſchaft zu zeigen und von ſeinen Heldenthaten erzählen zu können, denn er hatte ſich in der That in mehr als einem Gefecht und Sturm durch perſönliche Tapferkeit ausgezeichnet. Da er Abſchied von ſeiner ſchönen Wienerin nehmen wollte, ſand er ſie in den Armen eines Andern— und jetzt erſt erkannte er ganz den Werth einer leidenſchaſtlichen Frau, die, weil ſie dem Einen nicht widerſteht, ſich Jedem leicht ergibt— indeß Stephan nur ſeiner Perſönlichkeit und einem wah⸗ ren Liebesfeuer dieſe Macht über ſie zugetraut. Er ſchied mit Bitterkeit und Zorn im Herzen, die beide um ſo größer waren, da er eigentlich auf Niemanden weiter 11* 172 hätte zürnen ſollen, als auf ſich ſelbſt, und doch ſeinem Gewiſſen nicht vergönnen wollte, ihm dies mit deutlicher Stimme zu ſagen. So kam er nach Nürnberg. Ob er daſelbſt verblei⸗ ben oder den König Max zu neuen kriegeriſchen Unter⸗ nehmungen folgen wollte, war er noch unentſchieden. Halb ſehnte er ſich nach der friedlichen Ruhe daſelbſt, nach dem weichlicheren Leben und deſſen verfeinerten Ge⸗ nüſſen, die er in der Vaterſtadt zu finden gewohnt war; aber halb verknüpfte ſich ihm auch mit dieſem Wohnen bei ſeiner Familie und in der arbeitſamen Reichsſtadt ein Gedanke von Langeweile, der ihn abſchreckte. Das Krie⸗ gerleben hatte ſeine großen Gefahren und Strapazen— aber es ließ ſie in immer wechſelnden Bildern vergeſſen, es gab nicht nur Tage, ſondern auch Wochen der Ruhe dazwiſchen, die in wechſelnden Städten Abwechslungen und Genüſſe aller Art boten; er wußte, daß er als Krie⸗ ger ſich ungeſtraſt Manches erlauben durfte, was man dem Bürger der Reichsſtadt als Vergehen anrechnete— und ſo wollte er ſeinen Entſchluß noch dem Zufall zur Entſcheidung überlaſſen. Von ſeiner Familie ward er ehrenvoll und herzlich empfangen, Niemand ſprach mit ihm von Urſula, und er ſelbſt mochte Niemanden nach ihr fragen— er wollte nicht den Unglücklichen ſpielen um eines Mädchens Willen, das, ſtatt mit ihm zu fliehen, es vorgezogen hatte, die Braut des Himmels zu werden. Nach einigen Tagen traf ihn Herr Chriſtoph Scheurl, der, wie er damals der Vertraute ſeines Liebesverhält⸗ niſſes geweſen und es begünſtigt hatte, um dem ſtolzen Looſunger Tucher eine Demüthigung zu bereiten, jetzt ſein Haupt immer höher hob, da der König bei ihm ſeine Wohnung genommen, dennoch jenen Plan immer noch mehr zu vervollſtändigen ſtrebte. „Nun, Herr Stephan,“ ſagte er,„meine Gemahlin hat täglich nach Euch gefragt und erwartet Euch in un⸗ ferm Hauſe zu ſehen, um den König für Euch und Urſula an ſein gegebenes Wort zu mahnen.“ Dna erſt klärte es ſich für Stephan auf daß Urſula weder Novize noch Nonne geworden, ſondern nur ganz zurückgezogen von dem Weltleben in Treue und Bangen ſeiner Rücktehr geharrt hatte. Stephan war beſtürzt und beſchämt— er eilte zu Eliſabeth. Er beichtete ihr nicht, er ſchob alle Schuld auf Urſula, die ihm nicht mehr ge⸗ ſchrieben, an deren Standhaftigkeit er ſchon da habe zwei⸗ feln müſſen, als ſie ſich geweigert mit ihm zu fliehen; er habe es glauben müſſen, daß ſie in ein Kloſter gegangen⸗ und geſtrebt ſie zu vergeſſen, da ſie ihm nicht gehören könne. Eliſabeth wußte genug von Stephan und war genug 174⁴ Kennerin eines ſolchen Männerherzens, um zu verſtehen, daß es ihm leicht geworden war, ſich über Urſula's Ver⸗ luſt zu tröſten— und daß er eigentlich weder die treue Liebe der reinſten Jungfrau, noch alle die Thränen ver⸗ diene, die ſie um ihn geweint, noch alle die Schmerzen und Kämpfe, die ſie um ſeinetwillen ausgehalten, und die ihr doch ſo ſchwer geworden, weil ſie der eigene Vater ihr bereitet und ihr zartes Gewiſſen ihr immer vorwarf, daß ſie ihm nicht ſo gehorſam war und ihn nicht ſo er⸗ freute, wie er es von ihr forderte. Aber Eliſabeth kannte ebenſo wohl Urſula und das liebende Frauenherz. Sie wußte, daß dieſe nur in Stephan lebte, daß er ihr Ein und Alles war, daß ſie ſelbſt ihn niemals laſſen werde, außer wenn er ſelbſt ſie von ſich ſtieße, und daß es kein entſetzlicheres Geſchick für ſie gab. In dem Gedanken, daß Stephan ihrer Liebe nicht werth ſei, würde Urſula am wenigſten Troſt gefunden haben— viel näher lag ihr der, daß ſie nicht ſeiner werth war, ſich ſelbſt würde ſie allein alle Schuld beimeſſen und mit peinvollen Selbſt⸗ vorwürfen ſich zu Grunde richten. War doch ſchon jetzt ihre ſonſt ungeſtörte Geſundheit dahin und ihr ſonſt blü⸗ hendes Anſehen in ein bleiches gewandelt, das deutlich von geknicktem Lebensmuthe ſprach. Darum ward Fliſa⸗ beth Urſula's warme Fürſprecherin. Sie ſchilderte, was ſie gelitten und noch leiden müſſe in ihrer unwandelbar 175 treuen Liebe— und in Stephan's Herzen wurden die alten Empfindungen wach. Noch mehr! er begriff, welch' andern Werth ein weibliches Gemüth habe, das ſo immer ſich ſelbſt getren bleibe in ſeiner ſtillen, ſchönen Weiſe, als jenes leidenſchaftliche Erglühen ſinnlicher Frauen, das nur den Sinnen gilt und die Gegenſtände wechſelt. Ja auch der männlich ritterliche Geiſt wachte in ihm auf, der ihn anſpornte, die ſchon feige aufgegebene Geliebte, die er nicht beſitzen ſollte, ſich nun und plötzlich zu er⸗ obern. Schnell und kühn wollte er handeln, und ein Augenblick ſollte Alles ſühnen, um Urſula und den wider⸗ ſtrebenden Vätern zeigen, was er vermöge. Da kam wie geruſen Kunz von der Roſen zu die⸗ ſer Unterredung. Er hatte Anſangs ſeine ſchöne Wirthin, da er ſie mit Stephan, deſſen Glück bei den Frauen ihm bekannt war, abermals in Verdacht, daß ſie wieder eine Prüfung ihrer Treue gegen den ungeliebten alten Gatten zu beſtehen habe und Stephan vielleicht minder entſchie⸗ den zurückweiſe wie Konrad Celtes. Aber ſchnell mußte er wieder anderer Meinung werden, als ſie ihm zurief. er komme zur guten Stunde, um ſeinen klugen Rath zu ertheilen und einem langgeprüften Liebespaar zur ſchönen Vereinigung zu verhelfen. Nun erzählte ſie ihm Alles— und wie König Max einſt ihr und Urſula verſprochen, ihnen beizuſtehen, wenn ſie nach Stephan's Rückkehr deſſen bedürfen würden. * 176 Kunz war immer gern bereit mit ſeinem trefflichen Herzen und klugen Kopfe, Anderen zu ihrem Glück zu ver⸗ helfen— er ſann ein Weilchen nach, und da man ihm die Frage bejahet, ob nicht in wenig Tagen ein Maskenfeſt ſtattfände, war er ſchnell mit ſeinem Plane zu Stande. Stephan ſollte am Ende eines Feſtnachtsſpieles mit der Geliebten vor den König treten und von dieſem öffentlich ohne Weiteres verlobt werden. Er ſelbſt wollte vorher Max dafür ſtimmen— und Eliſabeth, meinte er, brauche ihn nur um ſeinen Beiſtand zu bitten oder im Nothfall ihm die Nadel zu zeigen, ſo werde er gern ihren Wunſch erfüllen. Es war ganz im Geiſte dieſer Zeit, die ſich um zartere Frauenempfindungen wenig kümmerte, daß ſomit Urſula ohne ihr Wiſſen zur Theilnehmerin einer öffent⸗ lichen Darſtellung gemacht ward, als auch, daß es eine hiberraſchung für ſie ſein ſollte, ihr erſehntes Glück ſo plötzlich und ungeahnt zu empfangen— ja Kunz verlangte, ſie ſolle auch bis dahin Stephan gar nicht ſehen und im Ungewiſſen über ſeine Treue gelaſſen werden, um dann in ihm mit einem um ſo glänzenderen Lohn der ihrigen überraſcht zu werden. Allein die feiner fühlende Eliſabeth drang in Ste⸗ phan, Urſula wenigſtens aus dem qualvollen Zuſtand zu reißen, in dem ſie ſich befand, ſeit ſie von ſeiner Rück⸗ . 177 kehr wußte, ohne ihn geſehen zu haben, und in dem ſie an ihn verzweifeln mußte. Und ſo eilte er heimlich zu ihr, ſobald es geſchehen konnte, gab ihr neues Leben und neue Hoffnung, ohne die ihr zugedachte Uiberraſchung ihr zu verrathen. Lag in dieſer plötzlichen Entſcheidung auf dem Ma⸗ skenfeſt immerhin etwas Gewaltſames, ſo hatte ſie doch gerade für Urſula das Gute, dadurch, daß ſie ihr ſelbſt ganz unvorbereitet kam, ſie aller Bedenklichkeit überhoben zu haben und auch ihrem Vater gegenüber vor allen Vorwürfen geſchützt zu ſein, die ſie etwa verdient hätte, wenn ſie ihm gegenüber in ein ſolch' heimliches Complot ſich eingelaſſen. Im Grunde war auch Gabriel Muffel mit der Entſcheidung ganz zufrieden, da ſie der König herbeigeführt hatte, und dem Vater nichts übrig blieb, als zu gehorchen. Durch dieſe perſönliche Theilnahme der Fürſten am Geſchick Urſula's war ja auch ihr Vater ge⸗ ehrt, und keiner der Rathsherren konnte ſich rühmen, eine größere Ehre erſahren zu haben. Er war dadurch ge⸗ wiſſermaßen an Allen gerächt, die ihm noch immer durch ſchnöde Zurückſetzungen die That und das Geſchick ſeines Vaters wollten entgelten laſſen. Der reiche und ſtolzange⸗ ſehene Stephan Tucher war ihm ein ganz erwünſchter Eidam— nur mochte er ihn nicht durch eine Demüthi⸗ gung vor ſeinem Geſchlechte erringen noch 178 die Geringſchätzung ſeines Vaters ertragen und ſich nach⸗ ſagen laſſen, daß er ihm ſelbſt die Tochter verkuppelt gegen den Villen ſeiner Familie. Nun waren mit Eins alle dieſe Bedenken weggefallen, der alte Lvoſunger mußte auch gute Miene zum böſen Spiele machen, und Gabriel Muffel durſte ſich freuen, ſeine einzige Tochter glücklich zu ſehen, um die er jetzt immer bekümmert geweſen, wenn er ihr ſelbſt auch oft gezürnt hatte, daß ſie— un⸗ glücklich war. So war es Urſula nun, als ſei ſie aus einem bö⸗ ßen Traum erwacht, als ſei eine lange finſtere Nacht ver⸗ gangen und umſpiele ſie nur ein roſiger Sonnentag. In ihrem Herzen, im Hauſe, überall ſah ſie nur Friede und Freude, wo vorher nichts als Kampf und Schmerz ge⸗ weſen. Stephan bekannte ihr, daß er die Nachricht von ihrem Entſchluß in's Kloſter zu gehen, geglaubt und daß er verſucht habe, ſie in den Armen einer verbuhlten Wienerin zu vergeſſen— und über dieſe, wie über andere ſeiner Verirrungen leicht hinweggehend, machte er nicht nur Urſula ſondern auch ſich ſelbſt glauben, daß er im Grunde ſeines Herzens ihr doch ſo treu geweſen, wie ſie ihm— die keinen Augenblick aufgehört hatte an ihn zu denken und für ihn zu beten. Urſula glaubte und vergab, und war ſelig in ihrer Liebe— ſie hatte ja den Theuerg wieder und war am Ziel ihrer kühnſten Wünſche. ₰ 179 So kam der Hochzeitstag heran. Es war ein milder Februartag. Schon einige Tage vorher war der Schnee geſchmolzen, und wenn es auch über Nacht wieder fror, ſo ſchien doch die Sonne ſchon warm und hell herab, als freue ſie ſich ſelbſt über den glänzenden Hochzeitszug, dem ſie zur herrlichen Sebalds⸗ kirche leuchtete. Dergleichen war auch in Rürnberg noch nicht geſehen, wenn ſchon es immer viel von prächtigen und abſonderlichen Außzügen voraus hatte. Voran ſchritten die glänzend geputzten Ceremonien⸗ meiſter und Stadtmilizen, die dann außerhalb der Kirche ein Spalier bildeten, dem Zuge Platz zu machen. Dann kamen zwölſ Jungfrauen aus den edelſten Geſchlechtern Pürnbergs, die beiden Schweſtern Pirkheimer, Beatrir Imhof und Andere— ſie waren die Brautjungfern der Braut und trugen ihr brennende ſchön bemalte Wachs⸗ kerzen vor. Ihnen ſolgte die Braut im reichſten Schmucke, den Stephan's Prachtliebe ihr geſendet; ſittſam und be⸗ ſcheiden ſchritt ſie einher, nur wiſſend, wie glücklich und geehrt, aber nicht wie ſchön und bewundert ſie war. Ihren langen Schleppenmantel von ſchwerer weißer Seide mit Silber geſtickt trugen Gdelknaben, die ihr der Kaiſer ſelbſt geſendet, und ihre Hand ruhte in der des erlauch⸗ ten Graſen Eberhard von Würtemberg. Mit warmer Leutſeligkeit blickte der hohe Herr zu der zarten Jungfrau 180⁰ herab, und ein befriedigtes Lächeln ward trotz ſeines gro⸗ ßen dunklen Bartes, der ihm den Beinamen gab, be⸗ merkbar. Viel wohler war ihm ſo bei einem bürgerlichen Familienfeſte, das wirklich wenigſtens zwei glückliche Her⸗ zen ſelig begingen und das ſeine Theilnahme ehrte, als bei prunkenden Hoſ⸗ und Siegesfeſten, die oft dem Volke nur Thränen koſteten oder mit ſeinem Blute erkauſt waren. Dann kam der ſtattliche Bräutigam Stephan in flimmernder Rüſtung, den König Mar noch vor wenig Tagen gleich ſeinem Wirth Herrn Cyriſtoph Scheurl öffentlich zum Ritter geſchlagen und ihnen ſo die Adels⸗ würde verliehen, die Stephan's Vater zwar ſchon für ſeine gedruckte Reiſebeſchreibung über den Hrient erhalten hatte, aber doch nur für ſich allein, während ſie jetzt Stephan und Scheurl auch für ihre Nachkommen erhiel⸗ ten. Ihn geleitete Kurfürſt Friedrich der Weiſe von Sach⸗ ſen, der immer bereit Frieden und Freude zu ſtiften und das Gute zu fördern, wo er es konnte, auch Stephan mit dem anfünglich grollenden Vater verſöhnt hatte und nun durch ſeine perſönliche Theilnahme als wahrer Freund des Hauſes ſich zeigte, das er bewohnte. Ihnen ſolgte der lange Zug der Verwandten und Gäſte. Hans von Tucher führte Eliſabeth von Scheurl, die als nene Edelfrau zwar weder ſtolzer noch prächtiger 181 gekleidet einherſchritt, als ſie ſchon immer gethan, aber heute vielleicht noch ſchöner war als ſonſt, weil der Strahl einer milden Rührung auf ihrer Stirn ruhte, mit der ſie ſich ſagte, daß es ihr Werk war, daß die geliebte Urſula dies ſchöne Feſt des menſchlichen Lebens begehen konnte. Gabriel Muffel führte Frau Eleonore Tucher, Stephan's Schwägerin, und ſo folgten noch viele Paare, bis die Spielleute kamen, die luſtige Weiſen auſſpielten, indeß vom Sebaldsthurme alle Glocken feierlich länteten, bis der Zug durch die herrliche Brautthür die Weihrauch durchduftete, feſtlich geſchmückte erhabene Kirche betreten hatte und Braut und Bräutigam am Hochaltar vor den trauenden Prieſter knieeten. Eine große Menſchenmenge war in der Kirche ver⸗ ſammelt, und als Eliſabeth um ſich blickte, gewahrte ſie Eberhard von Streitberg mit dem Propſte Anton Kreß im Geſpräch. Sie hatte jenen ſeit dem Maskenfeſt nicht wiedergeſehen, denn wie ſchon vor dieſem, ſeit ſie nur wußte, daß er hier war, hatte ſie jeden Ausgang wer⸗ mieden, um ihm nicht zu begegnen, und ihn darum auch nicht wiedergeſechen noch von ihm gehört. Was wollte er immer wieder hier, wenn er nicht ihretwillen kam? was mußte ſie von ihm fürchten? was hatte er mit dem Propſt ſo angelegentlich zu reden und dabei auf ſie herabzublicken, als ſei ſie der Gegenſtand des Sp 182 ches?— Ihr grauete, und doppeltes Weh erſaßte ſie an dieſer heiligen Stelle, an der ſie ſelbſt ein frevelhaſtes Ja zu dem ungeliebten Mann geſprochen, weil jener Einſt⸗Geliebte ſie um den Glauben an die Liebe und an die Männer betrogen hatte. Sie war ſroh, als die Trau⸗ ung vorüber war und ſie ſich dieſen Baſiliskenblicken wie⸗ der entziehen konnte. In ihrem Hauſe ward das glänzende Hochzeitsfeſt geſeiert, dem auch der König mit Kunz von der Roſen und andern ſeinen Rittern ſelbſt beiwohnte. Auch der Markgraf von Brandenburg war erſchienen und noch viele hohe Gäſte, ſammt Allen, die am Hochzeitszug ſich be⸗ theiligt. Auch Konrad Celtes war zugegen. König Mas ſelbſt hatte ſeine Gegenwart gewünſcht und beſchloſſen, den Dichter ganz an ſich zu feſſeln. Eliſabeth ſah ihren Wunſch erreicht, ihr eigenes Streben dazu war mit einem glück⸗ lichen Erfolg gekrönt: in ihrem eigenen Hauſe ſah ſie den König und den Dichter vereint und ſich nahe ge⸗ bracht, wie ſie ſchon vor zwei Jahren zu König Mar geſprochen:„Mich kümmert es wohl, die beiden einzigen Männer, die ich als die edelſten ihres Geſchlechtes ver⸗ ehre, berufen, dem geſunkenen deutſchen Reiche wieder aufzuhelfen, Hand in Hand wirken zu ſehen und die 183 neue Zeit heraufzuführen, der Alle, welche denken können, ſich entgegenſehnen.“ Eliſabeth beobachtete gegen Celtes wie gegen den König eine gleich ſtrenge Zurückhaltung— eine ſtrengere als vordem. Weder dem Einen noch dem Andern hatte ſie ein Alleinſein mit ihr geſtattet, obwohl der königliche Gaſt in einer aufgeregten Stunde einen Verſuch gemacht hatte. Sie hatte ſich Kunz von der Roſen zu ihrem Schüz⸗ zer und vertrauten Freund gewählt und ihm darauf ge⸗ ſagt, daß ſie von ihm fordere, dafür einzuſtehen, als des Königs kluger Rath, daß jener das Recht der Gaſtfreiheit nicht verletze, noch daß ſie ſelbſt genöthigt werde es zu thun. Kunz nahm dabei noch einmal von der ernſten Frau die Narrenmütze ab und ſagte, daß er ſich freue, unter allen ſeinen Kunſtſtücklein Nürnbergs das ſeinſte bei ihr zu finden: das ſchöne Weib eines alten Gatten, das ihm, ſelbſt dem ſchönſten und mächtigſten Herrſcher gegenüber, die Treue bewahre— und er werde Alles aufbieten, daß ſolch heilig Kunſtwerk ſelbſt unverletzt bleibe, ja unbedroht von jedem Vandalismus. Seitdem war ihr der König mit erneuerter Achtung begegnet, und als ſie an dem Hochzeitsfeſt, da er im Ge⸗ ſpräch mit Celtes war, in ſeine Nähe kam, rief er ſie zu ſich und ſagte: „Nun, edle Frau— ſeid Ihr nun mit mir zufrie⸗ 184 den? Mir fiel eben ein, wie ich einſt mit Euch tanzte und Euch verſprach, jede Bitte zu erfüllen, die Ihr an mich richten möchtet: Ihr batet für das Brautpaar und für Konrad Celtes— für Euch ſelbſt wuſtet Ihr nichts, und endlich beſannt Ihr Euch darauf, daß ich einmal in Eurem Hauſe wohnen möchte. Das iſt geſchehen und auch das Andere iſt erfüllt: das Brautpaar iſt heute ver⸗ mählt und Konrad Celtes wird mich begleiten und im Dienſte des römiſchen Königs Größeres noch wirken kön⸗ nen, als in dem des Biſchofs von Worms.“ „Majeſtät,“ ſagte Eliſabeth,„verzeiht, wenn ich noch nicht die rechten Worte fand für meinen Dank!“ „Nicht Dank!“ antwortete er.„Als ich Euch die Roſe gab, ſagte ich Euch, daß ich, wenn Ihr ſie mich wiederſehen ließet, Euch jeden Wunſch erfüllen würde, den Ihr daran knüpft. Die Roſe habt Ihr wohl mir immer zu Ehren getragen, aber einen Wunſch habt Ihr nicht daran geknüpft.“ „Ihr ſagt es ſelbſt,“ antwortete ſie,„daß Ihr heute alle meine Wünſche erſüllt habt— für mich ſelbſt iſt nichts mehr übrig zu wünſchen—“ und zu hoffen! dachte ſie dabei und lächelte befriedigt, weil ſie vor uneingeſtan⸗ denen Schmerzen hätte weinen mögen.„Die Roſe bleibt mir als Talisman,“ fuhr ſie fort,„wer weiß, welche 185 Gnade ich noch einſt damit von Euch erbitte— heute kann ich Euch nur danken für die ſchon erwieſene.“ Der König ſchüttelte mit dem Kopf und meinte, ſie wolle nicht nur darum nichts von ihm erbitten, damit er nicht dafür zum Danke Unziemliches von ihr verlan⸗ ge— er wendete ſich darum faſt unwillig, weil er beſchämt war von ihrer klaren Frauenhoheit, ſchweigend von ihr ab. Konrad Celtes blickte ſie wohl traurig an, aber er verſtand ſie doch nicht ganz— nur das weiche Ge⸗ müth in Kunz ſühlte, welch' eine Tiefe von Schmerz und Entſagung ſich hinter dieſem ſtolzen Lächeln verbarg— er konnte ſich nicht helfen: er mußte ihr die Hand drücken und dann einen Augenblick ſich abwenden, damit Niemand die Thräne ſähe, die in ſeinem Auge ſtand. 1859. XVI. Nürnberg. M. 12 Rruntes Caitel. Verurtheilung⸗ Im Benediktinerkloſter hatte man den beiden Bau⸗ brüdern zu ihrem Nachtquartier eine gemeinſchaftliche Zelle angewieſen, welche ſich etwas geſondert von den eigent⸗ lichen Mönchzellen nahe am Thor bei der Wohnung des Pförtners befand. Ermüdet von dem ziemlich weiten Weg, den ſie zurückgelegt, und von der Arbeit, die ſie nach kurzer Ruhe vorgenommen, warfen ſie ſich bald auf das ihnen berei⸗ tete Lager. „Neugierig bin ich,“ ſagte Hieronymus,„wie ſich die Geſchichte mit dem Sakramentshäuslein aufklären wird. Wer weiß, welche rohe Hand ſich daran mag vergriffen haben.“ „Kaum kann es anders als in einem Anfall von Wahn⸗ ſinn, einem Wuth⸗Parorismus geſchehen ſein,“ ſagte Ulrich. „Wer weiß, ob nicht ein widerwilliger Novize oder ein Mönch, der vielleicht ein vorſchnell abgelegtes Gelübde bereut, dieſe Empfindungen im tollen Frevel an dem Allerheiligſten ausgelaſſen; wer weiß, ob nicht der Abt ſchon etwas davon ahnte oder wußte und ſehr ungelegen durch Dich an ſeine Pflicht erinnert ward,“ bemerkte Hieronymus. „Vielleicht erfahren wir es von dem Bruder Kon⸗ rad,“ antwortete Ulrich,„der ſchon unſere Anſicht aus⸗ geſprochen und doch damit zurückgewieſen worden war.“ „Haſt Du ihn ſchon nach dem Bruder Amadeus gefragt?“ begann Hieronymus nach einer Pauſe;„der Abt ſagte ja, daß dieſer noch einmal Bericht über das zerſtörte Tabernakel ablegen ſollte— und ſagteſt Du nicht, daß er an Geiſtesſtörungen leiden ſolle?“ Urich antwortete:„Ich ſprach nichts mit Konrad, was Du nicht gehört.“ Nach einigem Beſinnen fügte er hinzu:„Ich traf Amadeus in der Kirche und wollte ihm das Kreuz geben; da rief man ihn ab— ich konnte nicht wagen weiter mit ihm zu ſprechen— er ſchien mir aller⸗ dings nicht recht bei Sinnen zu ſein.“ Hieronymus ſagte nur noch unter Gähnen:„Die Räthſel werden ſich wohl löſen, es kommt ja immer Alles an den Tag— ich bin zu müde, um mir jetzt noch lange den Kopf darüber zu zerbrechen.“ Bald darauf ließ er 12* 188 ein lautes Schnarchen hören und bewies, daß der ermü⸗ dete Körper den Schlaf gefunden, den er bedurfte. Unich bedurfte ihn wohl nicht minder, aber ihm blieb er fern. Er ſetzte ſich in ſeinem Lager auf, ſtütze den wirren Kopf in die Hand, den Ellenbogen auf eine Stroh⸗ ſchicht geſtämmt, ob ſo vielleicht das emporgehobene Haupt ihm leichter werde und der Alp weiche, der auf ſeiner Bruſt zu ruhen ſchien. Das Bild ſeiner Mutter Ulrike, die er über Alles geliebt, ſtand vor ihm. Er rief es ſich zurück in all der zarten Sorge, mit der ſie über ſeine Kindheit gewacht; er hatte den ſanſten ſchmerzlichen Zug der Entſagung nicht vergeſſen, der ihrem edlen Antlitz ſeinen eigenthümlichen Ausdruck gab, noch die ganze ſtille Würde ihres Weſens, mit der ſie ſich vor den andern Bäuerinnen ſeines Heimathdorſes auszeichnete, trotzdem ſie die niedrigſten Arbeiten verrichtete gleich ihnen, ja oft das Schwerſte vollbrachte, indeß der Vater ein faules Leben führte, ihr keine Arbeit erleichterte und nur that, was er mußte. Dieſer war ein gewöhnlicher roher Bauer, der die Mutter mit Härte und den Sohn mit Gleich⸗ gültigkeit behandelte, oder ſich gar nicht um ihn küm⸗ merte. Es war darum doppelt natürlich, daß dieſer nur an der Mutter hing, es herausfühlte, daß ſie unglücklich war, und darum, als ihm beide Eltern verſchwunden, den Verluſt des Vaters leicht verſchmerzte, über den der Mut⸗ 189 ter aber lange Zeit untröſtlich war. Sie war es auch geweſen, die ihn als Hirtenknaben dem Kloſter zugeführt und immer gewünſcht hatte, daß er von den weiſen Be⸗ nediktinermönchen mehr lernen möge, als außerhalb des Kloſters dem Kinde eines Dorfes möglich war, in dem es keine Schule gab, noch ſonſt Jemanden, ein Kind zu unterrichten. Ihr eigenes ſinniges Gemüth nur, das aus allen Welten und Werken der Natur das Schöne mit offenem Auge herausfand, hatte auch ſchon früh die Augen des bildſamen Knaben dafür geöffnet und damit den er⸗ ſten Grund ſchon unbewußt gelegt zu ſeiner Liebe für die Kunſt. Sechzehn Jahre waren nun ſeit der Trennung von dieſer theuern Mutter vergangen. Man hatte ihn erſt lange mit der Hoffnung hingehalten, daß ſie wohl wiederkehren werde, und er hatte es ſich ſelbſt für un⸗ möglich gedacht, daß ſie ihn verlaſſen und nie wieder nach ihm fragen könne— und da es nicht geſchah, nahm er an, ſie ſei todt, und wenn er dann betete, richtete er ſeine Gebete, ſtatt an die Mutter Gottes, an ſeine ei⸗ gene verſchwundene Mutter, die ſich ihm zur Heiligen verklärt hatte. Da mußte ihm, als er aus dem Kloſter in die Bauhütte zu Straßburg ging, der Benediktinermönch Anſelm den doppelten Glauben an ſeine Mutter durch das Gelübde zu rauben verſuchen, das er ihm abnahm: 190 nie nach ſeiner Mutter zu forſchen, weil man Unwürdi⸗ ges von ihr geſagt. Er hatte dieſen Schwur gehalten, die Kunſt ſelbſt war ihm ſein Alles: Mutter, Heilige, Geliebte, war ſeine Religion geworden; er hatte ſich los⸗ geriſſen von allen irdiſchen Banden, von allen Wünſchen, FPlänen und Hoffnungen, die nicht Hand in Hand gingen mit ſeinem kunſtgeweihten Streben— und nun, ſeit er hier in Nürnberg war, kamen dieſe Mahnungen an ſeine Vergangenheit, an ſeine Mutter. Der Propſt Kreß und Amadeus ſprachen von ihr wie von einer Unglücklichen, Verirrten, noch Lebenden— Amadeus nannte ihren Namen Ulrike. So gab es zwei Weſen auf der Welt, die dem Sohn von der Mutter Auskunſt geben konnten— und vielleicht hatte er dieſe Auskunft zu ſcheuen, vielleicht weihete ſie ihn der Schande, ward ihm zum Fluch! Was war denn Amadeus ſeiner Mutter, was war er denn ihm! Was redete er denn zu ihm von Liebe zu ihm, die ihn zu einem Frevel getrie⸗ hen— von Vatermord und Gericht! War es Wahnſinn! und war nicht etwas Anſteckendes in dieſem Wahnſinn! Als ſtrecke der Wahnfinn in einer graußen Geſtalt ſeine Krallen nach Ulrich, als ſetze er ſich auſ ſein Lager, rücke ihm näher und näher und ſchaue unverwandt guf ihn mit hohlen Augen, aus denen rothglühende Blitze ſchoßen— und als wandele er ſich dann in die Geſtalt 194 des Mönches Amadeus— ſo war es Ulrich! Dann wie⸗ der ſah er ſeine Mutter vor ſich, die frommen Augen auf ihn gerichtet, ſegnend und betend— aber dann war er in der Bauhütte, die ſchwarz ausgeſchlagen war; die Baubrüder umſtanden ihn und ſpieen ihn an, und der Hüttenmeiſter zerbrach das Richtſcheit über ihm, indeß der Pallirer ſein Monogramm aus den Steinen kratzte— und dann hing ſich Rachel, das Judenmädchen, an ihn— plötzlich erſchien die ſtolze Eliſabeth Scheurl und neigte ſich über ihn— da war es, als wichen alle Dämonen und alle Qualen— ſein Herz ward groß und ruhig. Er wußte nicht, ob das Bilder waren einer wachen, zum Fieber erhitzten Phantaſie, eines von mannigſachen Eindrücken geängſteten Gemüthes, oder eines Traumes, der ſeinen Schlaf beunruhigt— er ward ſich nur bewußt, daß von alledem Eliſabeth's Bild der letzte und blei⸗ bende Eindruck geweſen— der Gedanke an ſie war ihm durch die Begegnung mit Streitberg gekommen— und er hing ihm noch nach, um eine Weile Amadeus und ſeine Worte zu vergeſſen. Am folgenden Morgen wohnten die Baubrüder der gemeinſchaftlichen Meſſe mit bei, dann gingen ſie ſtill an ihre Arbeit. So verging eine Woche eintönig und ohne Unterbrechung. Amadeus ſahen ſie nicht, mit Niemand 192 ſprachen ſie, nur mit Konrad wechſelten ſie zuweilen ei⸗ nige Worte. ines Tages gegen Mittag berief man ſie in's Conclave. Sie fanden alle Kloſterbrüder verſammelt. Der Abt ſaß in der Mitte vor einem ſchwarzbeſchlagenen Eichen⸗ tiſch, auf dem ſich Schreibgeräth und Aktenſtücke befanden. Zwei Mönche ſaßen daran ihm zur Seite, die andern ſtanden. Als Alle verſammelt waren, erhob ſich der Abt und ſagte:„Ich habe Euch Alle in einer traurigen Angele⸗ genheit berufen müſſen. Ein ſchweres Verbrechen iſt in unſern Mauern, in unſerer Kirche verübt worden; einer unſerer Brüder hat es im Wahnſinn begangen. Höret die Mittheilung.“ Er winkte dem beiſtzenden Mönch, und dieſer las nach einer ſalbungsreichen Einleitung: „Am erſten Tage des Hornung hatte der Bruder Amadeus die Nachtwache in der Kirche. Nach Mitternacht läutete er im Kloſter, wo man läutet, wenn ein Feind in der Nähe iſt, oder Feuer, oder dem Kloſter irgend eine Gefahr droht. Bleich und zitternd vor Schrecken meldete er, daß, während er ſich in der Kirche an einem Seitenaltar befunden, plötzlich ein Krachen durch die Wöl⸗ bung gegangen, alle Thüren zuſammengeſchlagen ſeien, wie eine Wolke von Staub neben dem Hochaltar aufge⸗ 193 ſtiegen, und er dann hinzueilend geſehen, daß derſelbe durch das Herabfallen des oberen Theils des Sakraments⸗ häusleins entſtanden. Wir eilten Alle in die Kirche und ſahen das Werk der Zerſtörung, ſonſt war nichts darin geſchehen und Alles unverändert. Der Novize Konrad ſtellte auf, daß das Werk nur gewaltſam und von Men⸗ ſchenhand könne abgebrochen ſein, aber Niemand konnte dem Glauben ſchenken. Es ward beſchloſſen, das Weih⸗ brotgehäuſe ſo ſchnell und ſchön als möglich wieder her⸗ ſtellen zu laſſen und Einen aus unſerer Mitte gen Nürn⸗ berg zu ſenden zu Seiner Hochwürden dem Herrn Propſt Anton Kreß, uns zwei Baubrüder zu ſenden. Bruder Amadeus bat um dieſe Sendung als Gunſt, und weil er der Erſte geweſen, der die Zerſtörung geſehen und den heſtigſten Schrecken gehabt, ſo erhielt er den Auſtrag, und da er am Abend zurückkehrte, ſchien er ihn auf's Beſte ausgerichtet zu haben. Da behaupteten die herbei⸗ gerufenen Baubrüder, daß die Zerſtörung nur von Men⸗ ſchenhand geſchehen ſein könne; wir beriefen Bruder Ama⸗ deus noch einmal genauen Bericht von ihm zu hören. Kein Verdacht hatte ſich gegen ihn geregt. Er aber fiel auf ſeine Kniee und bekannte freiwillig, wie er ſagte, durch die Worte Ulrich's von Straßburg im Gewiſſen getroffen, wie durch die Angſt, daß man ſtatt ſeiner ei⸗ nen Unſchuldigen verdächtigen könne, daß er ſelbſt mit 194 eigenen frevelhaſten Händen in jener Ritternacht das Kunſtwerk herabgeriſſen und zerſchlagen. Nichts hat er angegeben, was ihn zu der ungeheuren, himmelſchreienden That verleitet haben könne— er hat die Größe ſeines Verbrechens eingeſehen und iſt darauf gefaßt, es mit dem Tode zu büßen. Da er aber ſchon früher, beſonders vor anderthalb Jahren, Spuren und Ausbrüche von Wahn⸗ ſinn gezeigt, und er ſonſt nichts begangen, wodurch man ihn einer ſolchen Verſündigung an dem Allerheiligſten für fähig halten könnte, ſo iſt nicht anders anzunehmen, denn daß ihn wieder der Wahnſinn ergriffen hat. Er iſt darum in ſeiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnſinniger behandelt werden. Alle Tage wer⸗ den wir für ſeine Seele beten, damit der böſe Geiſt von ihm weiche.“ Wohl Keiner hatte dieſen Bericht ohne Schauer vernommen— aber am meiſten war Ulrich davon er⸗ griffen. War Amadeus ein Wahnſinniger? war er es nicht? Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigſten dafür. Die Worte, die ihm ſo erſchienen:„Sie holen mich in's Gericht“— und:„ein Mönch, der Euch ſein Todesurtheil dankt“— die waren nun ſehr klar und wahr. Denn war auch hier kein Todesurtheil ausgeſprochen, ſo hatte Ama⸗ deus doch nach ſeinem Bekenntniß ein ſolches erwarten 195 können, und das Schickſal, das ihm nun bereitet war, erſchien ihm ſelbſt jedenfalls härter als der Tod. Und waren nun die andern Worte auch klar und wahr: „Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel; ich wollte meine Hand ſegnend auf Deinen Scheitel legen— es iſt meine Sühne, daß ich durch meinen Sohn ſterbe!“ Kalte Schauer durchrieſelten Ulrich— eine furchtbare Angſt kam über ihn, eine gräßliche Empfindung, die er noch nie erkannt: vielleicht ein Verbrechen wider die Na⸗ tur begangen zu haben, da er nur meinte, daß er Worte der Gerechtigkeit geredet. Konnte es denn ſein? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu ſeiner Mutter geweſen? war er ihr Entführer vielleicht in jenem Kampfe, der die Mutter dem Sohn geraubt! oder hatten ſie noch früher, ehe er denken konnte, ehe er war, einander geſtanden— war nicht jener Bauer, den er nie geliebt, ſein Vater— war es dieſer Mönch? Mußte er ihn dann haſſen oder lie⸗ ben? War er nicht der Urheber ſeiner und ſeiner Mutter Schande— und doch ſeines Lebens? Wie ſich kreuzende Dolche durchzuckten ihn dieſe Gedanken, ſchnitten in ſeine Seele, wühlten in ſeinem Herzen. Draußen im Kreuzgang kam er in Konrad's Nähe. Wie im Vorübergehen drängte er ſich dicht an ihn und 196 ſagte:„Ich muß Dich allein ſprechen, wann kann es geſchehen?“ „Ich komme zu Nacht in Deine Zelle,“ antwortete Konrad. „Nein— da iſt Hieronymus mit.“ Konrad ſah Ulrich verwundert an: wie mochte ein Baubruder dem andern nicht trauen?„Ich will darüber nachdenken und es Dir bei der Arbeit ſagen.“ „Aber verſchieb' es nicht lange!“ drängte Ulrich. Mehr durſten ſie nicht wagen zuſammen zu ſprechen. ulrich's ſonſt ſo kräftige und geſchickte Hände zitter⸗ ten bei der Arbeit. Er vermochte kaum das Richtſcheit gerade zu halten, noch den Meißel da einzuſetzen, wo er ihn hin haben wollte. Hieronymus ſah ihm verwundert zu. Aber Keiner ſprach. Wie geſtern arbeiteten die Mönche und Novizen mit ihnen. Da ſie von der Arbeit gingen, ſagte Konrad zu Ulrich:„Komm um Mitternacht in die Kirche an das Tabernakel. Der Bruder Martin hat die Nachtwache, der ſtört uns nicht.“ „Ich komme gewiß!“ antwortete Ulrich. Als er mit Hieronymus wieder in der Schlaßelle allein war, ſagte dieſer:„Es iſt doch eine ſonderbare Geſchichte mit dem Sakramentshäuslein— glaubſt Du, 197 daß der Mönch wirklich verrückt iſt, oder daß man uns nur etwas damit weiß machen will?“ „Meinſt Du!“ gegenfragte Ulrich;„ich weiß nicht, was ich dazu denken ſoll. Nur ein Wahnſinniger ſcheint mir ſo etwas thun zu können, das gar keinen Zweck hat— oder könnteſt Du Dir hierbei einen denken!“ „Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mönch wäre, der das Leben nicht mehr ertragen könnte und vielleicht unfähig zum Selbſtmord etwas thun wollte, da⸗ nach man ihn zum Tode verurtheilte?“ ſagte Hieronymus. „Dann hätte er ja ſeinen Zweck nicht erreicht,“ bemerkte Ulrich. Sein Kamerad lächelte:„Denkſt Du, man wird ſich begnügen ihn in Ketten zu legen, bis er etwa wieder zur Vernunft käme! Man wird ihn darin verhungern und umkommen laſſen.“ „Meinſt Du?“ fragte Ulrich entſetzt. „Ich müßte dieſe Mönchsjuſtiz nicht kennen!“ ſagte Hieronymus gähnend und legte ſich ruhig ſchlafen. Ja, er kann ſchlafen! dachte Ulrich; er iſt ja un⸗ ſchuldig an dem, was dem Unglücklichen geſchieht— er hätte vielleicht geſchwiegen— nur ich enthüllte den Frevel und forderte Rechenſchaft dafür—— Hieronymus kann ſchlafen— ihm ſagt ſein Gewiſſen nicht, daß er vielleicht einen Vater ermordet— ihn klagt das Wimmern dieſes 198 Verſchmachtenden nicht an als ſeinen Mörder— und ihm iſt nicht die Wahl geboten: nach einer entſetzlichen Ent⸗ hüllung zu verlangen, oder ihr zu entfliehen und ſich die Möglichkeit zu rauben, je Gewißheit über ſich ſelbſt zu erhalten. O du glücklicher Hieronymus! Zum erſtenmal ſtieg in Ulrich's edler Seele etwas auf wie Neid gegen ein anderes Weſen, und aus ſeiner Bruſt rang ſich ein dumpfer Seufzer, indeß ſein Kamerad friedlich und tief Athem holte im ruhigen Schlaf. Leiſe erhob ſich Ulrich, da es ſchon lange eilfmal an der Kloſteruhr geſchlagen, und ſchlich durch den finſte⸗ ren Kreuzgang in die Kirche. Der Mond, der ſich zum letzten Viertel neigte, war eben auſgegangen und leuchtete durch die gothiſchen Fenſter herein, an denen Eisblumen aufblühten, indeß ſilberner Schnee in den ſteinernen Bo⸗ gen und Zacken hing. Er trat in die Kirche. Konrad erwartete ihn ſchon an der beſtimmten Stelle. „Der Bruder Martin iſt dort in der Ecke einge⸗ ſchlafen,“ ſagte er,„wir können ungeſtört zuſammen re⸗ den. Er iſt ein guter Alter, der mir manchen Troſt zu⸗ geſprochen und manche Freundlichkeit gewährt. Dafür ſuch' ich ihm wieder andere zu erweiſen. Da er den Schlaf ungern entbehrt, ſo habe ich ſchon ein paarmal hier für ihn gewacht; aber da dies eigentlich kein No⸗ 199 vizenamt iſt, ſo muß er mit in der Kirche ſein für den Nothfall; doch erfreut er ſich auch in einem Kirchenſtuhl eines geſegneten Schlafes. Es paßte gerade, daß er heute die Wache hat— ſollte er wirklich erwachen und Dich hier finden, ſo drückt er mir zu Liebe auch ein Auge zu; wir haben alſo in keinem Fall etwas zu fürchten.— Es freut mich, ungeſtört mit Dir plaudern zu können— aber mir ſchien auch, Du habeſt etwas Wichtiges auf dem Herzen. So rede!“ „Gewiß!“ antwortete Ulrich,„und ich vertraue Dir— kein Baubruder wird den andern verrathen!“ „Meine Hand darauf!“ ſagte Konrad;„könnteſt Du in mein Herz ſehen!“ und er reichte ihm die Hand mit dem Drucke der freien Steinmetzen. „Sage mir, was Du von Amadeus weißt!“ bat Ulrich;„verhält ſich Alles ſo wie wir heute vernommen?“ „Alles,“ antwortete Konrad. „Iſt Amadeus wirklich wahnſinnig?“ Der Novize zuckte die Achſeln:„Ich kann es mir ſelbſt nicht anders denken— doch möcht' ich auch keinen Eid darauf ablegen; ich habe ihn außerdem ſehr ver⸗ nünftig ſprechen hören; doch bin ich noch kein Jahr im Kloſter, und die Andern ſagen, daß er früher ſchon ſolche Anfälle gehabt.“ „Und was wird nun ſein Geſchick ſein?“ 200 „Auf jeden Fall ein ſchreckliches; in dem finſtern Loch an der Kette bei Waſſer und Brod wird man ihn verſchmachten laſſen— vielleicht auch einmauern—“ „O Gott! und ich habe ihm dies Loos bereitet!“ rief Ulrich außer ſich;„Du ſagteſt, daß Du ſchon auf die willkürliche Zertrümmerung aufmerkſam gemacht und daß man Dir nicht glaubte; man wollte vielleicht dieſe ſchreckliche Strafe vermeiden— und nur durch mich iſt der Schuldige geſunden und zum Opfer geworden!“ „Du ſagteſt ja ſelbſt, daß ein ſolcher Frevel Strafe verdiene!“ entgegnete Konrad verwundert. „Im Eifer für die Kunſt vergaß ich den Menſchen!“ ſeufzte Ulrich.„Kannſt Du mir nicht helſen, dieſen Ama⸗ deus zu ſprechen?“ „Wozu ſollte das führen!— es wird auch gar nicht möglich ſein.“ „Konrad— ich beſchwöre Dich— verrathe mich nicht! Hilf mir! Ich muß ihn ſprechen— ich glaube, er iſt ein Verwandter von mir.— Haſt Du nie etwas von ſeinem ſrühern Geſchick— ſeiner Herkunft gehört?“ „Daß er einſt ein ſtolzer Ritter geweſen und von ohngefähr dreizehn Jahren in das Kloſter gekommen, hat er mir ſelbſt erzählt. Er habe ſchwere Sünde auf ſich geladen gehabt und ſich in dieſem Walde das Leben neh⸗ men wollen— da er aber das Schwert gegen ſich ſelbſt 201 erhoben, habe ihm ein Mönch dasſelbe entreißen wollen, ſo daß er ſich nur verwundet; der Mönch, eben der Bruder Martin, der dort ſchläft, hatte den Bewuſtloſen mit in das Kloſter genommen und hier den an der Wunde und einen hitzigen Fieber ſchwer Darniederliegen⸗ den verpflegt. Als er wieder zu geneſen begann, blieb er im Kloſter, um wenigſtens für die Velt draußen todt zu ſein, und ward Mönch, um ſeine Sünden zu büßen. Das hat er mir ſelbſt erzählt, da er mich fragte, warum ich ſo jung ſchon Zuflucht in dieſen Mauern ſuchte.“. „Du wollteſt uns deine Geſchichte erzählen!“ ſagt Ulrich. „Ich glaubte, du habeſt mich darum hierher beſtellt,“ antwortete Konrad,„aber du ſcheinſt jetzt nicht aufgelegt, ſie zu hören?“ „Doch“— verſetzte Ulrich;„vielleicht gleicht ſie der meinen.“ „Da ſei Gott vor!“ rief Konrad im ſchmerzlich ab⸗ wahrenden Tone.„Aber ich kann Dir Alles mit wenig Worten ſagen. Meine Mutter war eine Wittib in Regens⸗ burg, und da mich meine Liebe frühe zur Kunſt zog, ſo lernte ich dort in der Bauhütte und ward in die Zunſt der freien Steinmetzer aufgenommen. In dem Hauſe, in dem wir wohnten, hatte die Tochter unſerer Hausfrau ein Auge auf mich geworfen, aber ich wollte meinem Ge⸗ 18⁵9. XVI. Nürnberg. II. 13 202 tübde treu bleiben und ſolgte nicht ihren Lockungen, obwohl ich das Mädchen ſelbſt lieb hatte und es mir manchen ſchweren Kampf koſtete, in meinem Vorſatz feſt zu bleiben. Das Mädchen war unglücklich und liebeskrank; ihre Mutter machte mir Vorwürfe und fragte, ob ich ihr die Tochter ermorden wolle oder nicht? Ich hatte keine andere Antwort, als meinen Schwur als Baubruder, der mich zu Cölibat verdammte— da ſagte ſie: dann wiſſe ſie einen Rath. Ich blieb dennoch von ihr zurückgezo⸗ gen. Nicht lange darauf erhielt meine Mutter eine ge⸗ richtliche Vorladung, deren Inhalt ich nicht erfuhr, und wieder nicht lange darauf ward mir in der Bauhütte an⸗ gekündigt, daß man mich aus derſelben ſtoßen müſſe, denn meine Zeugniſſe ſeien falſch geweſen: ich ſei nicht von ehrlicher Geburt. Meine Mutter habe mich zwar für das Kind ihres Gatten ausgegeben— aber jetzt habe ſie ſelbſt auf Befragen geſtanden, daß ich der Sohn des reichſten Nürnberger Patrizier Chriſtoph Scheurl ſei. Ich ſei dadurch unwürdig bei der Genoſſenſchaft freier Mau⸗ rer zu bleiben. Um meiner Jugend Villen aber und weil ich noch in den unterſten Graden ſei, wolle man mich nicht mit Schimpf und Schande ausſtoßen, dafern ich ſelbſt meinen Austritt erkläre, um mich in ein Kloſter zurück⸗ zuziehen. So mußte ich dieſe Zufluchtsſtätte wählen, um nicht als Geächteter einen ewigen Schimpf auf mich zu 203 laden. So kam ich hierher. Das ganze Unheil hatte un⸗ ſere Hausfrau angeſtiftet, der es bekannt war, daß kein unehrlich Geborener Baubruder ſein durſte. Sie wollte dadurch ihrer Tochter und vielleicht mir ſelbſt zum Glück verhelfen und dachte, ich könne als profaner Steinmetz mit ihr verbunden überall Arbeit finden— ſo hatte ſie verrathen, was ihr meine Mutter ſchon einſt vor vielen Jahren in einem Moment unbedachter Eitelkeit offenbart: daß ich eigentlich ein vornehmer Herr ſein ſollte, da ein Rathsherr von Nürnberg mein Vater. Ich aber flüchtete vor der Schande ins Kloſter, deren Beſtrafung auch nur dadurch meiner Mutter erſpart blieb. Das unglücklich lie⸗ bende Mädchen iſt geſtorben— und ihre Mutter hat durch dies gewaltſame Eingreiſen ſo den Tod des eigenen Kin⸗ des und unſer Aller Unglück verſchuldet!“ Ulrich fühlte ſich bei dieſer Erzählung von kalten Schauer geſchüttelt— er war keines Wortes fähig, da der Jüngling geendet— umarmte ihn und ſagte nur: „Bruder!“ „Du verachteſt mich deshalb nicht?“ fragte Konrad. „Nein!“ rief Ulrich;„denn ich glaube mehr an den Gott der Liebe, denn an den der Strenge, der die Sünden der Väter an den Kindern heimſucht bis in's dritte und vierte Glied!“ „Dank Dir dafür!“ antwortete Konrad. Nach einer 13* 204 Pauſe, in der jeder ſeinen Gedanken nachhängen mochte, ſagte er:„Und warum willſt Du zu Amadeus?“ „Ich muß ihn um Vergebung bitten“— ſagte Ul⸗ rich;„er wollte mir etwas ſagen vorgeſtern Morgen, als man ihn abrief— ich muß es wiſſen.“ „Vielleicht kann es morgen Nacht geſchehen— ver⸗ laß Deine Zeile um Mitternacht, ich will Dich an Dei⸗ ner Thür abholen, wenn es mir möglich wird, Dich in das unterirdiſche Gefängniß zu führen.“ So trennten ſie ſich, noch aufgeregter als wie ſie gekommen. Zehntes Cngitrl. Die Juden. Der Jude GEzechiel, der an dem Abend, wo eine Schaar von einer Zeche heimkehrender Handwerksgeſellen ihn überfallen und gehänſelt und die Baubrüder ihn be⸗ ſchützt hatten, von der Stadtwache mitgenommen und ein⸗ geſperrt worden war, mußte mehrere Tage zur Strafe für ſeinen Gang durch die Stadt zu einer den Juden vergönnten Stunde in einem düſtern Loche zubringen, ohne daß ſich weiter Jemand um ihn kümmerte. Es war nicht das erſtemal in ſeinem Leben, und was ihn dabei jammerte, war nicht ſowohl die Haft und der gräßliche Aufenthalt, als die Zeit, die er dabei für ſein Geſchäft verlor, und die Vorausſicht auf die Schuld⸗ buße, die er für ſein Betreten des verbotenen Stadttheils zahlen mußte, ganz abgeſehen davon, daß er ſchon auf der Gaſſe von den Geſellen ſo gut wie ausgeplündert 206 worden war, und was er von ſeinen Waaren noch ſelbſt zuſammengerafft, das hatte er dennoch nicht gerettet: denn was die Stadtſoldaten und Gefängnißwachen davon für ſich verlangten, das mußte er ihnen geben, damit ſie nur nicht gar zu unglimpflich gegen ihn verfuhren. Ein Troſt war es ihm, daß Rachel entkommen und nicht mit ihm eingefangen war; das hübſche Mädchen wäre in dieſen Händen wahrſcheinlich einer rohen und ſchimpflichen Be⸗ handlung ausgeſetzt geweſen. Aber worin dabei die Haupt⸗ frende des Inden beſtand, war, daß auf dieſe Weiſe doch der koſtbarſte Gegenſtand, den der letzte Handelsgang in ſeinen Beſitz gebracht, gerettet war: ein Ring von Gold mit einem ganzen Kranz herrlicher Edelſteine beſetz, den er ſeiner Tochter anſtecken ließ, um ihn ſo unter deren wollenen Fanſthandſchuhen am ſicherſten zu wahren. Von dem Ritter von Streitberg, der wieder auf Weiſpryach's Schloſſe eingekehrt war, ehe er nach Nürnberg kam, hatte er dieſen Ring zum Pfand gegen Darleihung einer ziem⸗ lich großen Geldſumme erhalten, die der Ritter bedurſte, um ſtandesgemäß zur Zeit des Reichstags in Nürnberg zu erſcheinen. Aber es ſollte nur ein Pfand ſein, das der Ritter verſprochen in vier Wochen wieder einzulöſen; bis dahin hoffte er das Geld zu erhalten— wenn nicht durch ſeine rechtmäßigen Einkünfte: durch Straßenraub oder Glücksſpiel, denn in dem damals noch nicht lange 207 aufgekommenen Kartenſpiel, das, urſprünglich als ein Kriegs⸗ ſpiel, eine beiſpiellos ſchnelle Verbreitung fand, wie denn in Nürnberg es bald eine ganze Zunft von Kartenmachern und Malern gab. Der Inde aber hatte ſchon oſt erfah⸗ ren, daß die Verfallzeit ſolcher Pfänder kam, ehe ſie ein⸗ gelöſſt waren, und daß auf dieſe Weiſe ſich die beſten Geſchäfte machen ließen. Er hatte dieſelbe Hoffnung auch in dieſem Falle. Indeß war Rachel in derſelben Nacht, in der Ulrich ſie beſchützt hatte, durch die finſterſten Gäßlein ſich ſchlei⸗ chend, wohl behalten in ihre Wohnung gekommen, in der ihr Bruder Benjamin zurückgeblieben. Nicht ohne Mühe hatte ſie den Schlafenden erweckt, der nun in dieſer Win⸗ ternacht die Seinen nicht mehr erwartet hatte. Sie erzählte ihm, was vorgefallen. Der Bruder wunderte ſich höchlich, daß ſie chriſtliche Beſchützer gefun⸗ den und noch dazu hochmüthige Baubrüder, die da voll⸗ ends meinten, wie er ſich ausdrückte, aus ganz anderem beſonderen Teige geſchaffen zu ſein, denn andere Men⸗ ſchenkinder. Rachel ſagte ihm aber nicht die Namen der⸗ ſelben, noch daß ſie ſchon ſeit früher ſie kenne— alles, was ſich hierauf bezog, war und blieb ihr Geheimniß.— So wenig wie ſie, ſo wenig wußte Benjamin einen Rath für den Vater; da er weiter nichts verbrochen, ſo hofften ſie, daß man ihn nach einigen Tagen wieder ent⸗ 208 laſſen werde, und daß ihnen nichts übrig bliebe, als ruhig auf ihn zu warten. Erſt am Morgen, da ſich Rachel auf die Ereigniſſe der Nacht wieder beſann, entdeckte ſie mit Schrecken den Verluſt des köſtlichen Ringes, deſſen ſorgfältige Bewah⸗ rung ihr der Vater auf die Seele gebunden. Vergeblich ſuchte ſie in ihrer Wohnung überall danach, wo ſie ihre Sachen abgelegt. Hier war er nicht. Unterwegs konnte ſie ihn nicht verloren haben, da ſie die Handſchuhe dar⸗ über getragen. Sie beſann ſich, daß ſie dieſe in der Be⸗ hauſung der Baubrüder ausgezogen und erſt an der Hausthür wieder an. Dort nur konnte er ſein. Was blieb ihr anders übrig, als dort danach zu ſuchen, zu fragen? Aber ſie durſte ſich nicht am Tage dahin wagen, auch hatte ſie nicht den Muth, Jemand anders als Ulrich danach zu fragen, und darum mußte ſie die Stunde des Feierabends abwarten. Indeß war es ihr unmöglich den erſten Tag auszugehen, ſie fürchtete ihrem Bruder von dem Verluſt zu ſagen, und ohne genügenden Grund zum Ausgang ließ er ſie nicht fort; es kamen auch immer Leute, die es verhinderten, Judennachbaren und die ganze Sippe, die ſich theilnehmend und wehklagend nach Ezechiel erkundigten. Endlich am zweiten Abend, wo Benjamin auch ausgegangen, konnte Rachel ſich fortſchleichen. Aber als ſie glücklich das Haus des Rädleinmachers 209 Sebald erreicht und ſich im Finſtern die Treppe hinauf⸗ geſchlichen hatte, nun an der Thür lauſchte, die zu den Baubrüdern führte, ob ſie dieſelben darin ſprechen höre und ob ſie allein ſeien— kam Frau Martha aus der entgegengeſetzten Thür, einen brennenden Kienſpan in der Hand. Als ſie das Indenmädchen erkannte, ſtieß ſie einen Schrei des Abſcheues aus, dem bald die ſchrecklichſten Schimpfreden folgten. „Verzeiht!“ entgegnete Rachel zitternd;„ich wollte nur nach einem Ring fragen, den ich vorgeſtern hier verloren.“. „Das iſt eine elende Finte!“ rief Martha;„Du gemeine, freche Dirne! ich müßte nicht wiſſen, warum Du kommſt! Aber Du kamſt auf alle Fälle umſonſt, denn beide Baubrüder ſind weder hier, noch in Nürnberg, ſondern heute in's Kloſter zum heiligen Kreuz gegangen; dort wird Ulrich von Straßburg dafür Vuße thun, daß er ſich mit Dir eingelaſſen und Schimpf und Schande über dies Haus gebracht— nie wird er wieder hierher zurückkehren. Nun weißt Du wohl genug— mache, daß Du fortkommſt, Du ſchändlicher Balg!“ „O Gott!“ rief Rachel;„Euer Schimpf trift mich unverdient— ich kam um den koſtbaren Ring—“ „Spare Deine Lügen, mir machſt Du nichts weiß!“ eiferte die Alte,„und wenn es wahr wäre, ſo laß Dir 240 geſagt ſein, daß Niemand von uns einen Ring aufheben wird, den Du verloren— wir haben weder Verlangen nach Hexengold, noch nach Sündenlohn. Unterſtehſt Du Dich wieder zu kommen, ſo laſſ' ich Dich vom Meiſter hinauswerfen und auf die Büttelei ſchaffen— heute will ich's noch ſelber thun!“ Sie riß das Mädchen am Arme, gab ihr von hinten einen Fußtritt, der ſie einige Stufen der Stiege hinabſchlenderte, und ſpie nach ihr. So ward Rachel vertrieben. Das war das Reſultat einer Stunde, die ſie mit großen Schwierigkeiten erkauſt und auf die ſie ganz an⸗ dere Hoffnungen geſetzt hatte. Die Behandlung, die ſie erfahren, erregte ihren gansen Zorn und alle Bitterkeit und Verzweiflung über das Loos voll Schimpf und Qugl, dem ſie und ihr ganzes Volk verfallen war, drohte ihr Herz zu zerſprengen; dazu kam der Schmerz, daß ſie hlrich nicht wiedergeſehen, ihn nie wiederſehen werde, wenn er wirklich in's Kloſter gegangen, um ein Mönch zu werden, wie ſie denken mußte— und dazu kam noch ein anderer unklarer Gedanke, in dem hinter einem tiefen Weh doch eine heimliche Freude lauerte: war er in's Klo⸗ ſter gegangen— um ihretwillen! um zu büßen— oder um ſich zu bewahren!— Und dieſe Fragen verſcheuchte wieder die Angſt: was der Vater ſagen werde, wenn ſie geſtehen mußte, daß der Ring verloren. 211 So waren die verſchiedenſten Empfindungen in ihr aufgeregt und alle waren ſie quälender Art. Da hörte ſie, nachdem Benjamin Erkundigungen nach dem Pater eingezogen, daß er zu zwei Wochen Gefängniß bei Waſſer und Brod im finſtern Keller und zu einer großen Geld⸗ buße verurtheilt ſei wegen nächtlicher Vetretung eines um dieſe Stunde den Inden verbotenen Stadttheils und Betheiligung am nächtlichen Unfug. Natürlich war das nur bittere Nachricht für die Kinder, die an dem Vater hingen, und doppelt, weil ſie wußten, wie viel er ſchon unter dem nächtlichen Unfug gelitten und wie wenig er ihn ſelbſt verſchuldet. Aber ſie waren es ſchon gewohnt, daß da, wo Inden und Chriſten zuſammen gekommen wa⸗ ren, allemal gegen die Juden entſchieden ward, auch wenn das Recht auf ihrer Seite ſonnenklar geweſen. Inzwiſchen kam die alte Jacobea mehrmals und fragte nach Ezechiel. Rachel haßte die Alte, von der ſie wußte, daß ſie ſich immer nur zu böſen Anſchlägen ge⸗ brauchen ließ, und ſuchte ſie immer kurz mit dem Be⸗ merken abzuweiſen, daß ihr Vater wohl noch lange im Gefängniſſe ſchmachten müſſe; wenn er frei ſei, möge er ſelbſt zu ihr kommen, wenn ſie Nöthiges mit ihm zu reden habe. Die Alte, welche dem Mädchen mißtraute, ging trotzig fort, und kam dennoch wieder gleich am Tage nach Cze⸗ N 242 chiel's Freilaſſung. Rachel hatte nichts von ihr geſagt. Jacobea ſagte ihm dies als neuen Beweis, daß ſeiner Tochter nicht zu trauen ſei— und drang darum in ihn, mit ihr unter vier Augen zu ſprechen und Rachel nicht erfahren zu laſſen, was ſie jetzt verhandelten. Dann ſagte ſie ihm, daß der Ritter von Streitberg bei ſeinem jetzigen Herritt nach Nürnberg demſelben Bau⸗ bruder, Ulrich von Straßburg, begegnet ſei, den er ge⸗ hofft habe im Kampf um die Frau Scheurl ermordet zu haben. Oder vielmehr, er nannte uns Lügner, die wir ihm die Nachricht von ſeinem Tode gebracht hatten, den wir damals doch wirklich glaubten, oder dann doch we⸗ nigſtens hofften, daß er an den Wunden auf dem langen Krankenlager ſterben, oder doch wenigſtens zeitlebens ein Krüppel bleiben werde. Zweimal alſo hatte er ihn als ſeinen Beleidiger und als den Beſchützer der Scheurl ge⸗ troffen— und jetzt war dieſer kaum ſeiner anſichtig ge⸗ worden, als er auch ſchon dem Junker Pirkheimer einen Auftrag an ſie gegeben, der es deutlich verrathen habe, daß ſie in genauen Beziehungen zu einander ſtänden. Und da ich eingeſtehen mußte, daß es uns voriges Jahr noch nicht gelungen, einen Makel auf ſeine Geburt und ſeine Mutter zu werſen, ſo hat er nun einen neuen Racheplan ausgedacht, Beide zuſammen zu verderben: dem Paare Gelegenheit zu heimlichen und verbrecheriſchen Zu⸗ 243 ſammenkünſten zu geben, und ſie da Beide der Rache des Gatten und der öffentlichen Schande preiszugeben, die für ſie doppelt groß iſt, mit einem Steinmetzgeſellen ſich eingelaſſen zu haben— ihn aber träfe harte Strafe und wahrſcheinlich Ausſtoßung aus der Bauhütte. Ezechiel ſchüttelte den Kopf und meinte, daß dies eine Sache ſei, die gar nicht in ſein Geſchäft ſchlage, mit der er ſich darum nicht einlaſſen könne und ſie allein der klugen Jacobea überlaſſen müſſe. „O was Ihr kurzſichtig ſeid!“ rief dieſe;„hätte das in meinem Leben nicht von dem weiſen Ezechiel gedacht! Aber freilich, das Eine könnt Ihr nicht wiſſen, wenn Ihr nicht ſelbſt darauf gekommen ſeid, weil in dem Ring, den Euch Streitberg gegeben, ein E B ſteht.“ „So genau hab' ich mir noch gar nicht angeſchaut den Ring,“ verſetzte der Jude. „E B,“ wiederholte Jacobea;„das heißt Eliſabeth Vehaim— den hat ſie als Mädchen dem Ritter von Streitberg gegeben. Da ſie nun nichts mehr von ihm wiſſen will, ſo wird ihr ſehr viel daran liegen, wenn ſie ihn wieder in ihre Hände bekommt. Gehet darum damit zu ihr— ſag't ihr, daß ihn Euch Streitberg zum Pfande gegeben, und daß Ihr ihr ihn für daſſelbe Geld laſſen wollt— wenn ihr damit gedient ſei.“ 244 „Laſſen für daſſelbe Geld?“ rief der Jude;„oho! ich glaube, da iſt zu machen ein gutes Geſchäſtchen!“ „Das mein' ich wohl auch!“ rief Jacobea;„es iſt, als hättet Ihr in einen Glückshafen gegriffen, daß der Ring in Euren Händen. Dadurch, daß Ihr ihn ausliefert, erwerbt Ihr Euch das Vertrauen der ſtolzen Frau— und dadurch, daß ſie ſieht, Ihr wißt ihr Geheimniß, hab't Ihr ſie ſchon ganz in den Händen. Wer einmal eins von einer ſolchen Frau weiß, dem vertraut ſie auch noch ein zweites an. O müßt' ich nur nicht fürchten, von ihr er⸗ kannt zu werden, ich wollte dieſe Sache vortrefflich an⸗ ſangen! Ihr redet dann von Urich von Straßburg, ſag't, wie Euch ſein Schwert beſchützt, und daß Ihr ihm zu lebenslänglichem Dank verpflichtet ſeid—“ „Meint Ihr das nicht im Ernſt!“ fragte Czechiel. „Ei ja doch! dafür, daß er Euch der Wache über⸗ gab und ihr ſo ſchwere Strafe bekommen hab't!“ lachte Jacobeg höhniſch. In dieſer Weiſe ging die Unterredung noch eine Weile fort und in's Genauere ein im Hin⸗ und Herbe⸗ rathen. Als Jacobea fort war, verlangte Ezechiel von Ra⸗ chel den Ring; es war ihm gar nicht eingefallen, daß er nicht da ſein könnte, er hielt ihn für gut aufgehoben bei den andern Kleinodien. 215⁵ Da mußte Rachel das Geſtändniß machen, daß ſie ihn verloren. Czechiel brach in Jammer und Wuth darüber aus; erſt hielt er es für unglaublich— ja er glaubte, Rachei könne irgend wodurch geahnt oder gehört haben, daß Jacobea irgend einen Plan mit dem Ringe verbinde, und ihn deshalb verſtecken, weil ſie immer nichts von der Alten wiſſen wollte und es ſchon eben jetzt auf's Neue durch ihr Betragen bewieſen; aber die Tochter ſchwor hoch und theuer, daß ſie nicht wiſſe, wo der Ring hin⸗ gekommen, und geſtand endlich, daß ſie ihn im Hauſe des Meiſters Sebald verloren, in das ſie ſich geflüchtet weil aus dieſem die Baubrüder gekommen, die ihnen geholfen hätten und die ſie dann auch ein paar Stunden in einer finſtern Kammer verſteckt, bis es draußen ruhig gewor⸗ den und ſie ſicher habe nach Hauſe gehen können. Und dort und nirgend anders könne ſie den Ring mit dem Handſchuh abgeſtreift haben. Daß ihr die beiden Bau⸗ brüder und ihre Wohnung ſchon von früher gar wohl bekannt, verſchwieg ſie, wie es auch immer ihr alleiniges Geheimniß geblieben war, daß ſie in Männerkleidern während Ulrich's Krankheit häufig dahin gegangen war und ihm allerlei Unterſtützungen gebracht hatte— Gegen⸗ ſtände, die ſie freilich ihrem Vater veruntreut: aber doch nur ſo, daß ſie vorgab, dieſelben in ſeinem Trödlerkram ver⸗ 246 kauft zu haben und das Geld dafür behalten zu dürfen bat, um es zu irgend einem Bedürfniß, Kleidungsſtück oder dergleichen für ſich verwenden zu dürfen; denn eine ſolche Bitte ſchlug ihr der Vater niemals ab, der ſie gern geputzt ſah, um den Reichthum des Vaters zu bezeigen— natürlich nicht auf der Straße, wo dergleichen den Juden verboten war und Ezechiel ſich auch immer den Chriſten und beſonders der chriſtlichen Obrigkeit gegenüber arm zu ſtellen ſuchte, damit er nicht noch mehr von ihr ge⸗ brandſchatzt würde, ſondern bei den jüdiſchen Feſten, die ſie nur in ihren Häuſern und in der Sinagoge, allein unter ihren Glaubensgenoſſen feierten. Wohl aber erzählte ſie, daß ſie die Baubrüder Ul⸗ rich und Hieronymus nach dem Ringe habe fragen wollen, daß ſie aber von deren Mutter Martha mit Schimpf empfangen und zur Treppe hinabgeworſen worden ſei— zugleich auch die Nachricht erhalten habe, daß die beiden Baubrüder in's Kloſter zum heiligen Kreuz gegangen ſeien. „Gewiß hat die Alte den Ring und verhehlt ihn nur, um ſelbſt damit zu machen ein gutes Geſchäft; dieſe Chriſten denken ja noch obendrein, daß es verdienſt⸗ lich iſt, den Juden abzujagen ſo ſauer erworbenes Gut. Du hätteſt laufen ſollen zu allen Goldſchmieden Nürn⸗ bergs und beſchreiben den Ring, damit keiner ihn etwa 247 kauſe, ſondern der Frau abnehmen, wozu ſie auf unrechte Weiſe gekommen.“ „Ich wußte ja nicht, ob Jemand wiſſen durſte, daß der Ring uns anvertraut worden ſei,“ ſagte Rachel. „Ach, wenn es ſich handelt um einen ſo großen Verluſt, darf man ſich von keinem Bedenken abhalten laſſen, wiederzukommen zu ſeinem Kleinod oder dem Geld,“ belehrte der Vater. „Die Baubrüder ſind ehrlich,“ ſagte Rachel,„und wenigſtens Ulrich von Straßburg kennt kein Anſehen der Perſon; wenn der den Ring hat gefunden, ſo gibt er ihn uns ganz gewiß wieder heraus.“ „Haſt ein gutes Zutrauen zu dieſen chriſtlichen Bau⸗ leuten!“ höhnte der Alte;„das ſind die Rechten.“ „Sie haben uns ja geholfen—“ „Nur um mit den andern Geſellen Streit anzufan⸗ gen und mich in's Loch zu hringen— ſchöne Hilfe!“ „Nein, daran ſind ſie unſchuldig; ich danke meine Rettung ganz allein dieſem Ulrich; er hat mich nicht nur auf der Straße, er hat mich auch im Hauſe vor der ro⸗ hen Frau beſchützt. Wenn er weiß, wo der Ring hin⸗ gekommen, ſo hilft er uns zu unſerem Eigenthum— darauf ſchwör' ich!“ „Du redeſt, wie Du es verſtehſt! Wenn ihn hat der Urich, ſo iſt das gerade das allergrößte Unglück. 1859. XVI. Nürnberg. II. 14 218 Der gibt ihn der Scheurlin— und dann ſind wir Alle geprellt.“ Rachel ſtarrte den Vater fragend an. „Haſt Du nicht geſehen, daß in dem Ring ein E B ſteht? Er hat einſt Eliſabeth Behaim gehört. Daran wird der Ulrich gleich denken, mit dem ſie ſich eingelaſſen, und wird ihr ihn geben“—— Aber Gechiel beſann ſich, daß er eben Jacobea verſprochen, ſeine Tochter von ihrem Plan nichts ahnen zu laſſen, und ſo ſchwieg er. Er hatte ſich niedergeſetzt, die Ellenbogen auf den Schvoß ge⸗ ſtemmt und den Oberkörper vorgebeugt hatte er ſein runzliches Geſicht in die Hände gedrückt, daß nur der lange Bart darunter hervorwallte, und ſo ſaß er da und ſann nach, wie er dieſe Sachen noch leiten könne. Nach langem Schweigen ſich wieder aufrichtend ſagte er: „Vor allen Dingen mußt Du doch zu den Gold⸗ ſchmieden gehen und fragen, ob ihnen Jemand hat zu verkaufen gebracht den Ring oder wirklich verkauft.“ Rachel ſchickte ſich an zu gehorchen, ohne weiter ein Wort zu erwiedern. Aber auch ſie hatte dabei ihre ſtillen Gedanken. Was redete da der Vater von Ulrich und der Scheurl? Was wußte er weiter, was konnte er wiſſen, als daß damals der Baubruder ſein Leben gewagt, und war das doch auf ihre, Rachel's Veranlaſſung geſchehen, hatte doch damals erſt Urich noch erklärt, daß ihm die 2¹9 Scheurl nichts anginge, und daß lieber Rachel ſelbſt ſie warnen möge— nur auf ihre Bitten hatte er Jener ſich angenommen. Dann, wußte ſie, waren Beide, Eliſabeth wie Ulrich, gleichzeitig über ein halbes Jahr in Todes⸗ gefahr geweſen und hatten ſo in keiner Weiſe einander ſich nähern können. War es nachher geſchehen— oder dachte es nur ihr Vater, hatte nur Streitberg dieſen Verdacht? Rachel war wohl ſelbſt noch unſchuldig und rein geblieben; aber in der gemeinen Sphäre, in der ſie lebte, in der ſie nicht nur ſelbſt die gemeinſten und un⸗ ſittlichſten Dinge geſchehen ſah, ſondern es oſft mit an⸗ hören mußte, wie gerade die chriſtlichen Vornehmen der Stadt niedere Buhlſchaſt trieben und zur Ausführung dahin führender Bubenſtücke ſich ihres Vaters oder der alten Jacobea betrieben: da hatte ſie gerade keinen gro⸗ ßen Reſpekt vor der Unſchuld und Tugend der honetten Nürnberger. Eliſabeth's hohe Schönheit und die Art von Stolz und Freiheit, mit der ſie ſich über manche herge⸗ brachte Form hinwegſetzte, hatten ſchon zu manchem nach⸗ theiligen Gerücht über ſie Veranlaſſung gegeben— und ſeit jetzt König Max, der ſie bei ſeinem erſten Hierſein ſo öffentlich ausgezeichnet, gar in ihrem eigenen Hauſe eingekehrt war, nannte ſie der gemeine Volkshaufe ſeine heimliche Buhlerin, und fand eine neue Beſtätigung dafür darin, daß ihrem Gatten der König den Adel verliehen. 14* 220 Freilich war es nun ein weiter Abſtand von dem höchſten Haupte in Deutſchland, das die römiſche Königskrone trug und dazu bald auch die deutſche Kaiſerkrone fügen würde, bis zu dem armen Steinmetzgeſellen herab, der nichts ſein nannte— nicht einmal einen Namen. Aber für Rachel erſchien dieſer Abſtand ausgeglichen— in ihren Augen gab es keinen edleren, herrlicheren Mann als die⸗ ſen Baubruder— ſie fand es ganz in der Ordnung, wenn das WVeib, für das er ſein Leben gewagt, ihn in ihr Herz geſchloſſen hatte; aber eben ſo überzeugt war ſie von Ulrich's hohem ſittlichen Werth, daß er weder ſein Gelübde der Keuſchheit verletzen, noch gar ein ehebrecheri⸗ ſches Verhältniß eingehen werde. Was ſie jetzt von ihrem Vater gehört, hielt ſie für Lüge, und nur das für möglich, daß zwiſchen Eliſabeth und Urich ein Band der Dank⸗ barkeit ſich geknüpft haben könne— wie je auch zwiſchen ihm und ihr ſelbſt, und daß es jetzt mehr als je ihre Pflicht ſei, Alles daran zu ſetzen, Ulrich vor den finſtern Plänen zu behüten, die jedenfalls gegen ihn im Werke waren, und wieder unter der eigenen Betheiligung ihres Vaters— wenn nicht Ulrich dagegen ſchon Schutz im Kloſter gefunden. Aber bei der Vorſtellung, er könne für immer dahinein gegangen ſein, empfand Rachel doch ei⸗ nen heißen Schmerz, der ihr bittere Thränen erpreßte: denn dann ſah ſie ihn ja niemals wieder und konnte 221 die Schuld der Dankbarkeit nicht abzahlen, die ſie gegen ihn empfand. Dies Alles überlegend war ſie in die Stadt und in die Goldſchmiedsſtraße gekommen, wo die meiſten Gold⸗ und Silberarbeiter wohnten. Die meiſten von ihnen machten mit den Juden heimliche Geſchäſte, und ſo war bei ihnen die Jüdin weder eine fremde, noch gar zu mißliebige Erſcheinung. Aber bei Allen erhielt ſie auf ihre Frage nach dem Ringe dieſelbe Antwort. Es hatte keiner einen ſolchen zu ſehen bekommen, und ſo beſchrieb ſie ihn nur für den Fall, daß ihn etwa ſpäter noch Je⸗ mand zum Verkauf böte. Dann ging ſie auch in die Winklerſtraße zum Gold⸗ ſchmied Albrecht Dürer. Er war nicht allein. Sein alter Freund, der Harfenſchläger und Mechaniker Hans Frey, war bei ihm, ſo wie der Junker Willibald Pirkheimer. Vater Dürer hatte geſtern einen Brief von ſeinem Sohn Albrecht erhalten, der nun ſeit länger als einem Jahre in Calmar lebte, wo er den berühmten Maler Wartin Schanzauer zwar nicht mehr am Leben gefunden hatte, aber von deſſen Brüdern Schön(Schanzauer war nur der angenommene Künſtlername des Nalers) herzlich auf⸗ genommen worden war. Jetzt wollte er ſeinen Wan⸗ derſtab weiter ſetzen und in deutſchen Landen lernen, um in ein paar Jahren wieder nach Nürnberg zurückzukehren. „ 222 Ein Brief des Lieblingsſohnes war immer ein Ereigniß in dem Leben des Vaters Dürer von größter Wichtigkeit und Freude, und um dieſe mit Andern zu theilen, von denen er wußte, daß ſie den Jüngling eben ſo herzlich liebten, hatte er Frey und Willibald zu ſich rufrn laſſen, damit ſie auch mit von Albrecht hörten. Willibald war der geeignetſte Vorleſer für die Worte der ihm wohl⸗ bekannten Freundeshand. Die Drei ſahen nicht eben freundlich auf, als durch den Eintritt des Judenmädchens eine Störung in ihre Vorleſung kam. Kurz beantwortete Meiſter Dürer ihre Frage nach dem Ringe mit Rein. Dennoch zögerte Rachel zu gehen; ſie hatte vorhin Willibald von dem alten Frey Junker Pirkheimer nennen hören, und beſann ſich, daß ſie ihn früher in Ulrich's Geſellſchaft geſehen— wer weiß, wußte nicht dieſer, was ihn in's Kloſter getrieben, denn ſie ſelbſt wußte nicht, daß Willibald inzwiſchen von Nürnberg entfernt geweſen. Sie faßte ſich darum ein Herz und ſagte ſich an ihn wendend: „Verzeiht, Junker Pirkheimer, aber mich dünkt, daß Ihr mit dem Baubruder Ulrich von Straßburg bekannt ſeid; er hat uns in großer Gefahr beigeſtanden, und mein Vater möchte ihm gern einen Theil ſeiner Dankes⸗ ſchuld bezahlen; er iſt jetzt nicht in Rürnberg, und wir 223 wüßten gern, ob und wann er wieder hierher zurück⸗ kehrt.“ Willibald maß das Mädchen mit verwunderten Blik⸗ ken— einmal, daß die Jüdin es überhaupt wagte, ihn anzureden, und dann, daß ſie nach einem Baubruder fragte. Er antwortete kurz:„Wann er wieder zurück⸗ kommt, weiß ich nicht. Jetzt iſt er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloſter zum heiligen Kreuz, in das er mit ſeinem Kameraden berufen ward.“ Rachel wußte genug, dankte und ging. Mit dieſer Nachricht kam ſie heim. Ihr Herz war leicht, denn Ulrich war nicht in's Kloſter gegangen, um Mönch zu werden! Ihrem Vater brachte ſie die gewiſſe Kunde, wo er war und daß er ſpäter, aber wohl noch nicht gleich zurück⸗ kehren werde. „Wir haben keine Zeit zu verlieren,“ ſagte er, „wir müſſen in's Kloſter— die Baubrüder müſſen uns Rede ſtehen, ob ſie nicht gefunden den Ring; wenn ſie nicht gutwillig Rede ſtehen, muß es verſucht werden mit Liſt und Drohung.“ Rachel's Augen ſtrahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzuſehen. Zuverſichtlich ſagte ſie:„Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts aus— laßt mich ihn bitten, und er wird uns den Ring geben, wenn er ihn gefunden, oder wenn ihn Jemand ſonſt im Hauſe hat, verſuchen, uns dazu zu verhelfen.“ Elttes Capitel. Vater und Sohn. Wieder waren mehrere Tage nach jener nächtlichen Unterredung zwiſchen Ulrich und Konrad vergangen, und die Wiederherſtellung des Tabernakels beinahe vollendet, als der Novize zu dem Baubruder ſagte: „Dieſe Nacht wird es möglich ſein. Warte um Mit⸗ vor Deiner Thür— ich hole Dich ab ſobald ich ann.“ Schon lange vor dieſer Zeit, ſobald Ulrich merkte, daß Hieronymus feſt ſchlieſf, der einen geſunden feſten Schlaf hatte und nicht eher aufwachte, bis zur gewohnten Stunde zum Aufſtehen, wenn er nicht mit Gewalt geweckt ward, ſtand er vor ſeiner Zellenthür. Heute ſchien der Mond nicht mehr, es war ganz ſtill und finſter im Kloſter. Todtenſtille— Finſterniß und Kälte— es war eine ſchaurige Nacht! 225 In Ulrich nur pochte es laut und heiß von den Schlägen ſeines Herzens, wenn auch kalte Schauer ihn überrieſelten— und die Finſterniß, die über ſeinem Leben lag, drohte ein ſchreckliches Licht zu erhellen, das vielleicht zur Brandfackel werden konnte, all' ſeine Zukunftspläne und Hoffnungen zu verzehren! War es kein Frevel, daß er ſelbſt die Hand danach ausſtreckte und nach den Fun⸗ ken dieſes ſchrecklichen Lichtes begehrte? Er fühlte, er konnte und durfte nicht anders handeln. Endlich kamen ganz leiſe Tritte; er rührte ſich nicht, bis eine leiſe Stimme rief:„Ulrich, komm! Wo iſt Deine Hand?“ „Konrad, hier!“ antwortete Ulrich eben ſo leiſe und reichte ihm die Hand. „Ich muß Dich führen,“ flüſterte jener;„wir ha⸗ ben einen weiten Weg, aber ſprich nicht und halte Dich nur an mich. Tappe nicht an den Wänden, Du könnteſt Thüren ſtreifen, hinter denen man nicht feſt ſchliefe; es wäre ſchlimm für uns Beide, wenn man uns entdeckte.“ „Du wagſt ſo viel um meinetwillen!“ ſeußzte Ulrich. „Wir ſind Baubrüder!“ antwortete Konrad;„ich halte feſt an dem Gelübde von einſt!— Aber nun ſtill, keinen Laut mehr!“ So wandelten ſie ſchweigend weiter durch die fin⸗ ſtern Gewölbe. Bald ſchienen es, dem Hall der Fußtritte 226 nach, obwohl Beide mit bloßen Füßen wandelten, weite Hallen zu ſein, bald waren es enge Gänge und Biegun⸗ gen, wo ſie an den Seiten die Wände ſtreiften. Konrad hatte Recht: es war ein weiter Weg. Dann ſtiegen ſie eine Treppe hinab, und daran ſchloß ſich wieder ein enger Gang, noch ſchmaler als jeder frühere— eine kellerartige Luft voll Dumpfheit und Moder herrſchte hier. „Jetzt können wir Licht machen!“ ſagte Konrad, nachdem er eine Eiſenthür auſgeſchloſſen und wieder hin⸗ ter ſich zugemacht hatte;„wenn nur der Zunder fängt in der feuchten Luft.“ „Sind wir am Ziel?“ fragte Ulrich. „Wir haben nicht mehr weit— hier können wir auch ſprechen, da hört uns Niemand. Haſt Du die Uhr im Kopfe? Länger als eine Stunde können wir uns nicht verweilen,“ ſagte Konrad, indem er den Stahl an den Feuerſtein ſchlug. „Wie haſt Du es heute möglich gemacht mich hier⸗ her zu führen?“ ſagte Ulrich;„oder warum nicht ſchon früher— kein Menſch iſt uns begegnet.“ „Sieh,“ ſagte Konrad,„das hab' ich ausgekund⸗ ſchaftet: dort hinter jener Thüre führt ein unterirdiſcher Gang bis in eine Kapelle, die am Waldesſaume ſteht; der Weg iſt gegraben worden, um für den Fall einer Belagerung oder eines Uiberfalles hier einen Ausgangs⸗ 227 vunkt zu haben; aber freilich wird er oft auch benutzt, wenn Einer der Obern ſich einmal ohne Erlaubniß auf ein paar Stunden aus dem Floſter entfernen will. Da ich heraus bekam, daß dies Einer heute beabſichtigte, und weiß, daß die Thür nur von innen geöffnet werden kann und dann offen bleiben muß, ſo wußte ich, daß der Weg uns frei ſein würde; aber wir dürſen nicht lange ſäu⸗ men— Jener iſt ſchon ein paar Stunden fort, und man weiß nicht, wann er zurückkommt— ich konnte nicht eher unbemerkt aus meiner Zelle.“ „Aber wo haſt Du den Schlüſſel her zu Amadeus Gefängniß?“ fragte Ulrich. „Schlüſſel?“ ſagte Konrad verwundert;„den gibt es nicht— er iſt eingemauert.“ „Eingemauert?“ rief Ulrich;„wir können nicht zu ihm?“ Konrad's Zunder hatte endlich gefangen, indeß lange alle Funken aus dem Stahl vergeblich hervorgeſprungen waren. Jetzt zündete er damit ein kleines Lämpchen an, das er in einer Art Blechlaterne unter ſeiner Kutte ver⸗ borgen bei ſich getragen. Während er noch den Zunder anblies, konnte er nicht antworten; der glimmende Docht warf einen blendenden Schein auf Ulrich's todtbleich ge⸗ wordenes Geſicht. „Ich meinte, ich hätte Dir das geſagt,“ antwortete 228 Konrad jetzt dem Entſetzten.„Es iſt hier eine Reihe ſol⸗ cher Katakomben. Wenn eine ſpätere Zeit dieſe Löcher öffnet und Menſchengebeine darin findet, wird ſie meinen, es ſeien hier Todtengrüfte geweſen— nun, es ſind auch welche, aber für die lebendig Begrabenen.— Weil Amadeus ſein Verbrechen als Wahnſinniger büßt, ſo hat man ihn nicht zum Tode verurtheilt. Man hat ihn nur hier ein⸗ gemauert, aber ein Loch in der Mauer gelaſſen, durch das man ihm täglich Waſſer und Brod hereinſchiebt und Gebete vorſpricht.“ „Das iſt gräßlich!“ rief Ulrich;„da wäre ja der Tod eine mildere Strafe!“ „Ich glaube, er wird bei ihm nicht lange auf ſich warten laſſen— indeß ſo lang er noch lebt, wird er nach einer Labe ſchmachten; ich konnte es nicht über's Herz bringen, hierher zu gehen, ohne ſie ihm zu bieten— warte, laß mich erſt allein zu ihm— ich glaube, hier iſt das Loch.“ Er leuchtete an der Wand hin, wo man friſchge⸗ mauerte Steine ſah; etwa eine Elle vom Erdboden ent⸗ fernt war zwiſchen den Steinen ein Raum von etwa einer halben Elle ein Quadrat gelaſſen. Konrad brachte die Lampe dahin und rief:„Amadeus!“ „Licht— wer kommt?“ rief von innen eine heiſere Stimme;„iſt denn ſchon wieder ein Tag vorbei?“ 229 „Nein,“ antwortete Konrad;„ſieh her— ich bin Konrad, den Mitleid zu Dir treibt— hier iſt einmal Wein ſtatt Waſſer!“ Er ſchob eine thönerne Flaſche durch die Heffnung und ſagte:„Da nimm und trink'!“ „Dank!“ rief es von innen und man hörte gierig ſchlucken. Dann rief Amadeus:„Gott, was haſt Du ge⸗ than! wozu hab' ich mich verführen laſſen!— Verhungern will ich, damit dies gräßliche Leben ende! und nun wird es noch länger währen— das vergaß ich über den thie⸗ riſchen Bedürfniß. Aber habe Dank, daß Du kamſt— mit Dir kann ich reden— ſind die Baubrüder noch im Kloſter?“ „Ja,“ antwortete Konrad,„und Ulrich von Straß⸗ burg iſt in Verzweiflung über Dein Lvos, weil er meint Deine That an das Licht gebracht zu haben.“ „In Verzweiflung?“ fragte Amadeus.„Sage ihm, daß ich ihm vergeben— aber daß ich nicht wahnſinnig bin. Nicht wahr, Du biſt auch ein Baubruder geweſen?“ „Ja, darum bin ich ſein Bruder,“ antwortete Konrad. „Nun, dann ſage ihm allein— aber Niemanden An⸗ dern, daß ich den Frevel mit Wohlbedacht beging; ich wünſchte Urich einmal zu ſehen und zu ſprechen— und damit er in's Kloſter ſelbſt beſchieden würde, ſchien es mir zweckmäßig, eine Arbeit für den geſchickteſten Bau⸗ bruder nöthig zu machen— darum zertrümmerte ich das 230 zierlichſte Werk in der Kirche; aber das ſage ich nur Dir für ihn— die Andern mögen immerhin glauben, daß, was ich klug berechnet, eine That des Wahnſinns und blinder Wuth geweſen! Bring' ihm meinen Gruß und meinen Segen.“ „Geb't ihn ihm ſelbſt— hier iſt er!“ antwortete Konrad, und indem er ſich ſelbſt zurückzog, neigte ſich Ulrich an ſeine Stelle. „Amadeus!“ ſagte dieſer in tieſſter Seele bewegt, „ich habe Euere Worte vernommen— die eigene Unruhe und Angſt trieben mich hierher— ich wäre längſt gekom⸗ men, wenn es möglich geweſen wäre!“ Er neigte ſein Haupt durch die Heffnung, der Schein der Lampe fiel voll auf ſein edles Antlitz. Amadeus preßte dieſes Haupt zwiſchen ſeine beiden Hände und ſtarrte auf Ulrich.„Habe Dank, daß Du kommſt— ich wollte Dich nur einmal ſehen und meine Hand ſegnend auf Deinen Scheitel legen. Beim erſten Sehen, da Du meinen Roſenkranz zerriſſeſt, floh ich vor Dir, weil Du Ulriken glicheſt— mir war, als habe ich ihr Geſpenſt geſehen. Seitdem konnt' ich keine Ruhe fin⸗ den— alle Schmerzen und Wünſche, die ich ſeit länger als einem Jahrzehent mit mir ſelbſt in dieſen Mauern begraben wähnte, wachten in mir auf; damals war ich allerdings wie wahnſinnig— ich wüthete gegen mich ſelbſt 231 und das Kleid, das ich trug— dann geißelte ich mich ſelbſt und ließ mich geißeln, bis ich ein hitiges Fieber bekam und ſtill ward— und dann hieß es, ich habe Buße gethan und ſei geneſen und wieder begnadigt!“ „Ihr kanntet meine Mutter?“ unterbrach ihn Ulrich. „Ob ich ſie kannte?“ rief Amadeus;„ſo Zug für Zug lebt ihr Bild in meinem Herzen, daß ich an ihm Dich erkannte! Wenn ſie noch lebt, ſo ſage ihr—“ „H Gott!“ rief Urich,„ich weiß nichts von ihr von dem Augenblick an, wo unſer Heimathdorf im Elſaß verwüſtet ward, indeß ich im Kloſter eine Zuflucht ge⸗ funden— ſag't mir, was Ihr von ihr wißt!“ „Es iſt doch beſſer, ich nehme das Geheimniß mit in das Grab,“ ſagte Amadeus nach einigem Beſinnen; „oder vielmehr ich behalte es darin— ich bin ſchon im Grabe!— Urich, wenn es ſich Dir jemals entſchleiert, ſo mache Dir dennoch keinen Vorwurf, daß Du mich in dies Grab gebracht; es iſt eine Sühne für meine Schuld und Rache für Deine Mutter; Du warſt berufen dies Amt zu vollſtrecken— ich will meine Hand ſegnend auf Dein Haupt legen. Du haſt es nun ſchon gehört, daß es nicht gemeine Beſtialität meiner Natur war, die mich den Fre⸗ vel an dem Heiligthum begehen hieß, für den Du ſo entſetzlich ſtrafende Worte hatteſt, daß ich erſt in dieſem Augenblick, da Du ſie ſprachſt, fühlte, ich habe wirklich 232 eine Schandthat begangen. Es war ein Frevel und eine Verirrung— aber in dem Augenblick einer ungezügelten Sehnſucht überlegt man weiter nichts, als daß man das Mittel wählt, was ſie am ſicherſten zu befriedigen ver⸗ ſpricht. Ich erreichte meinen Zweck, ich durfte gen Nürn⸗ berg zum Propſt Anton Kreß gehen und Dich von ihm zur Arbeit erbitten— es ahnte mir nicht, daß ich damit einen doppelten erreichen würde: daß Du das langerſehnte Ende meines Lebens herbeiführen werdeſt!“ Ulrich antwortete:„Amadeus! hier hört uns Nie⸗ mand, Konrad's Verſchwiegenheit bin ich ſicher; wahr⸗ ſcheinlich verſteht er uns nicht einmal— er ſteht dort ſern, um zu wachen, daß uns Niemand entdeckt— ich weiß von dem, was Ihr mir nun verſchweigen wollt, zu viel, um die Ruhe finden zu können, die Ihr vielleicht denkt mir durch Euer Schweigen zu bewahren, und wie⸗ der zu wenig, um in irgend einer Gewißheit gegen das Quälende meiner Ahnungen einen Troſt zu finden— was wißt Ihr von meiner Mutter? warum nehm't Ihr An⸗ theil an mir?“ „Weil ich glaube, daß Du mein Sohn biſt!“ rief Amadeus;„nun weißt Du es!“ fügte er erſchöpft hinzu. Ulrich zuckte zuſammen und unterdrückte mühſam einen Schrei.„Nun müßt Ihr Alles ſagen,“ ſagte er tonlos. 233 „Vor achtundzwanzig Jahren,“ ſagte Amadeus„war Amadeus von Wildenſels ein ſtolzer feuriger Ritter, als er bei einem Reichstag in Koſtnitz die liebreizende nlrike Kreß kennen lernte, die dort als eine alleinſtehende Ver⸗ wandte in der Familie lebte, in deren Haus er wohnte. Ein Vierteljahr hatten ſie ſich täglich geſehen und mehr und mehr geliebt; obwohl der Ritter wußte, daß die Sei⸗ nigen einer Verbindung mit einer Bürgerlichen entgegen ſein würden, ſo verlobte er ſich doch mit ihr und ver⸗ ſprach, ſobald er aus dem Kampf in den er eben mit ziehen mußte, heimkehren werde, ſie zum Altar zu führen. Aber in der Aufregung der Trennungsſtunde nahmen ſie das dann verheißene Glück voraus.— Ein Jahr verging, ehe der Ritter zurückkehren konnte. Er fand Ulrike, die eine Waiſe war, nicht mehr in Koſtnitz; von der Fa⸗ milie, bei welcher ſie gewohnt, erfuhr er nur, daß ſie vor einem halben Jahr dieſelbe verlaſſen habe, und daß man ihr auch nie wieder die Aufnahme in ſie geſtatten werde, weil ſie ſich derſelben unwerth gemacht.— Uiberall forſchte ich vergeblich nach ihr; von einem gemeinſchaft⸗ lichen Bekannten hörte ich einmal, daß man etwa vor einem halben Jahre eine weibliche Leiche im Rhein ge⸗ funden habe, und daß man glaube, es ſei Ulrike gewe⸗ ſen, die ſich, um der Schande zu entgehen, den Tod ge⸗ geben. Verzweiſlungsvoll irrt' ich noch immer umher nach 1859. XVI. Nürnberg. M. 15 234 ihr fragend und ſuchend, aber nirgend erhielt ich eine andere Antwort. Ich entſann mich, daß ſie einen Bruder Anton gehabt hatte, der Geiſtlicher war— ihn fand ich endlich in Worms, aber es ging ihm wie mir: er wußte auch nichts von ſeiner Schweſter.“ Ulrich hörte mit äußerſter Spannung zu und ſagte: „Meine Mutter war eine geborene Waiſe—“ „Höre weiter!“ ſagte Amadeus.„Jahre vergingen, und man ſagt ja, daß die Zeit jeden Schmerz heilt. Ich heirathete ein ebenbürtiges Edelfräulein, das mich zärtlich liebte und das ich glücklich machte. Ich ſelbſt war es wohl auch einige Zeit— aber das Umhertreiben in Kampf und Gefahr in allen Landen war mir lieber, als daheim auf meinem Schloſſe zu ſitzen bei Weib und Kind. So kam ich auch einſt an der Spitze einer Schaar in das Elſaß, und dort gab es bei einem Dorſe ein Gefecht, welches daſſelbe ganz verwüſtete. Wer kampffähig war, mußte mitziehen, und die Frauen, die unſeren Leuten ge⸗ fielen, wurden auch nicht geſchont. Da hört' ich den Na⸗ men Ulrike— in der dürftigen Tracht einer Bäuerin er⸗ kannt' ich die Geliebte meiner Jugend nach zehn Jahren der Trennung wieder und ſie erkannte mich. Die Zeit und Alles, was inzwiſchen geſchehen, verſank vor uns— wir hatten Beide einander für todt beweint— wir lebten und hatten uns wieder! So wunderbar zuſammen⸗ 235 geführt, gehörten wir einander an. Ich erfuhr von ihr, daß ihr ein halbes Jahr nach der Trennung von mir die Kunde gekommen, daß ich im Kampf geblieben ſei, und daß ſie verzweiflungsvoll von ihren gegen ſie wü⸗ thenden Verwandten in die weite Welt geflohen ſei— um den Tod zu finden. Wohl war ihr oſt die Verſuchung gekommen, Hand an ſich ſelbſt zu legen, aber gerade um ihrer Mutterſchaft Willen hatte ſie ihr widerſtanden. So war ſie immer rheinab gepilgert, arbeitend oder bettelnd, je nachdem es gekommen. In einem Stall, auf einem Meierhof in Elſaß, wo man ſie mitleidig aufgenommen, hatte ſie einen Knaben geboren. Dort hatte ſie eine Zeit lang bleiben dürſen, und ſo viel es ihre Kräſte erlaubten, hatte ſie mitgearbeitet. Ein Bauernburſche, der auch hier arbeitete, ſand Wohlgeſallen an ihr; in ſeiner Heimath hatte er eben ein kleines Grundſtück geerbt, und da er es ohne Frau nicht bewirthſchaſten konnte, ſo fragte er die fleißige Ulrike, ob ſie mit ihm ziehen wolle, ſie woll⸗ ten ſich hier trauen laſſen und er ihr Kind als das ſeine anerkennen— in ſeinem Dorfe wiſſe man viel, ob ſie ſchon ein Jahr verheirathet wären oder nicht. Mußte ſie es nicht als ein Glück betrachten, ſo ſich vor Schande be⸗ wahrt und die Zukunft ihres Knaben geſichert zu ſehen? Freilich war es ein großer Schritt abwärts aus dem höheren Bürgerſtande, dem ſie angehört, zu der niedern 15* 236 Frau des rohen Bauers, die ſie nun ward. Aber ſie fühlte ſich ausgeſtoßen aus der menſchlichen Geſellſchaft— ſie mußte froh ſein, wenn ſie in dieſer unterſten Stufe ihr wieder angehören konnte. Sie wollte auch todt und vergeſſen ſein für Alle, die ſie ſonſt gekannt— ſo war ſie deſſen am gewiſſeſten, und alles Leid, das ihr nun das Leben noch zu bieten hatte, das betrachtete ſie als Strafe und Buße für ihren Fehltritt. Glücklich war ſie keinen Augenblick geweſen, außer durch ihr Kind, das ihr einziges blieb. Ihr Mann hatte ſie ſpäter viel miß⸗ handelt und gepeinigt. So bekannte ſie mir— ſo fanden wir uns in der alten Liebe. Es war leicht, ſie von ihrem Peiniger zu befreien; gegen hohen Sold ging er mit uns— er willigte darein, ſich von Ulriken zu ſcheiden und nie wieder in den Elſaß zurückzukehren.“ Amadeus holte tief Athem, Ulrich faßte ſeine Hand und ſagte:„So ſeid Ihr mein Vater!“ „Wenn das die Geſchichte Deiner Mutter iſt,“ ſagte Amadeus,„nur das wußt' ich nicht gewiß—“ „O es trifft Alles,“ ſagte Ulrich,„bis auf jenen Namen.“ „Sie hatte ihren Geſchlechtsnamen verändert, auch ihr Mann hat nie ihren wahren erfahren, und den mei⸗ nigen nicht eher, als bei meiner Rückkehr, da ich ſie von ihm forderte— kaufte.“ 237 „Weiter— was ward weiter?“ bat Ulrich. Jetzt kam Konrad, blies die Lampe aus und ſagte: „Man kommt, wir müſſen fort.“ Ulrich warf ſeinen Meißel durch die Heffnung und ſagte:„Der Sohn muß den Vater befreien! Hier— mei⸗ ßele von innen die Steine locker— in ein paar Nächten komme ich zurück und befreie Dich.“ „Jort, fort!“ drängte Konrad. So ſchnell es in der Dunkelheit und bei den ver⸗ wickelten Wegen ging, eilten die Beiden zurück. „Nun weißt Du es, daß Dein Geſchick das meinige iſt!“ ſagte Ulrich leiſe zu ihm. „O hätteſt Du es doch nie erfahren!“ jammerte Konrad,„hätte ich Dich doch nicht hierher geführt und Amadeus wäre damit geſtorben.“ „Nein, er darf hier nicht ſterben und verderben!“ rief Ulrich,„und wenn es dadurch gleich die ganze Welt erfähre und alle Schmach mich träſe: ich kann nicht hier⸗ her gekommen ſein, um der Mörder meines Vaters zu werden— ich muß ſein Retter ſein!“ „Still jetzt!“ gebot Konrad. So erreichten ſie wieder Ulrich's Thür.„Sinn auf Mittel, wie wir ihn retten— und habe Dank!“ ſagte er zu Konrad;„ich habe viel gehört— aber das Ende noch nicht!“ * 238 „Ich will ſehen, was ich thun zn i Bru⸗ der!“ ſagte Konrad. So ſchieden ſie. Der ſolgende Tag verging für Ulrich peinlich wie die Nächte. Konrad flüſterte ihm nur zu, daß es ihm erſt am dritten Tage möglich ſein werde ihm beizuſtehen. Ulrich war wie im Fieber. Wenn ſein Vater indeß ſtärbe?— und wenn auch nicht, wie ſollte der Plan der Rettung gelingen? Immer machte er einen neuen, und verwarf ihn wieder, weil irgend ein unüberwindliches Hinderniß oder ein Mangel dabei war. Gern wagte er ſein Leben ſelbſt— was war es ihm jetzt? vielleicht war es in Kurzem dem Schimpf und der Schande geweiht— ſeine That ſelbſt, ein Wort von Amadeus konnte ver⸗ rathen worden und ihn verrathen!— Konrad hatte Recht: wenn Amadeus hier ſtarb, ſo war mit ihm ſein Geheim⸗ niß vermauert— draußen, ein flüchtiger, von Kerker und Alter geſchwächter Mann, konnte es mit ihm ſelbſt leicht an den Tag kommen. Und was war ihm denn dieſer Mann, der ſeine Mutter unglücklich gemacht und den er nie gekannt hatte? Und war es denn wirklich ſeine, Ul⸗ richs, Schuld, daß er hier für den Frevel litt, den er ja in der That begangen? Hatten nicht Hieronymus und Konrad gleich ihm die Unterſuchung gefordert? Der Verſucher rieſ dieſe Fragen in Ulrich auf; aber 239 ſein Gewiſſen und der Ruf der Natur ſprachen gleichzei⸗ tig: Hebe Dich weg! Lieber unſchuldig leiden für eine frende Schuld, als ſich ſelbſt vor äußerm Unglück ſchützen durch das Aufſichladen einer eigenen Schuld. Eines Morgens meldete ihm der Pförtner, daß drüben im Hekonomiegebände Leute wären, die nach Ul⸗ rich von Straßburg fragten. Mitten in der Nacht wären ſie ganz erfroren angekommen und hätten um Obdach gebeten, das man ihnen auch nicht verweigert— obwohl ſie Juden wären, Vater und Sohn. Da ſie gehört, daß er hier ſei, hätten ſie nach ihm verlangt. Ulrich war zwar wenig erbaut von dieſer Nachricht, die ihn in ein zweideutiges Licht ſetzte; aber er ging, denn er gedachte des Ringes, den er gefunden und an einer Schnur ſich umgehangen— ja er erzählte gleich dem Pförtner ohne Weiteres, daß ſie wahrſcheinlich wüßten, daß er einen Ring gefunden, den die Juden vor ſeinem Haus verloren, und den er noch nicht abgegeben, weil auch er ſeiner Sache nicht gewiß ſei. Man hatte den Juden nicht in der allgemeinen Herbergsſtube Quartier verſtattet, ſondern nur auf einem Heuboden. Dort fand Ulrich den Vater Ezechiel und ſeinen— Sohn; aber in der Männertracht erkannte er Rachel. Die Unterhandlung kam ſchnell zu Stande. Nach 240 Rachel's erſter Frage nach dem Ringe, ließ er ſich den⸗ ſelben von ihr beſchreiben, und da die Beſchreibung paßte, lieferte er ihn ſogleich aus. Czechiel war überglücklich und redete etwas von Finderlohn. Ulrich wies das ſtolz zurück und wollte ſich ent⸗ fernen— da fiel ſein Blick auf ein Bündel, das der Jude neben ſich liegen hatte, dachte daran, wie derſelbe immer einen Trödlerkram mit ſich zu führen pflegte— ein Ge⸗ danke ſchoß plötzlich in ihm auf; aber ehe er ihn noch ausgeſprochen, begann Czechiel: „Wir ſind Euch verpflichtet zu gar ſo viel Dank— Ihr ſolltet uns nicht halten für zu ſchlecht, ihn Euch ab⸗ zutragen. Hab't Ihr nicht errathen, wen das E B be⸗ deutet in dem Ring!“ „Darüber habe ich nicht nachgedacht,“ antwortete Ulrich. „Ei, was hieße es denn anders, als Eliſabeth Be⸗ haim!“ ſchmunzelte der Jnde.„Ich will ihr ihn wieder ausliefern und will ſagen, daß Ihr ihn gefunden.“ „Das iſt nicht nöthig,“ ſagte Ulrich, und im Augen⸗ blick mit ganz andern Dingen beſchäſtigt, fuhr er fort: „Hab't Ihr da nicht einen Mantel und ein Sammet⸗ baret in Eurem Bündel? Wolltet Ihr es mir verkauſen, 244 ohne Jemanden davon zu ſagen— ſo würde ich daran Furen Dank erkennen.“ „H, Schweigen gehört zum Geſchäft!“ rief Ezechiel. Und Rachel fiel ihm in's Wort:„Von verkaufen iſt nicht die Rede; wählt Euch aus, was Ihr von den Sachen wünſchet— es iſt Alles zu Eurem Dienſt; aber Geld nehmen wir nimmer von Euch!“ „Nein, gewiß nicht!“ murmelte der Vater. lrich wählte ein Baret und einen langen ſchwar⸗ zen Mantel aus, und bat Rachel, es ihm recht feſt in ein weißes Leinentuch zuſammen zu wickeln. Er ließ ſie ungewiß, ob er ſie in der Verkleidung erkannte oder nicht. Sie willfahrte dienſtfertig ſeinem Wunſch. Er gab ihr zum Danke die Hand— ſie drückte ſie erglühend und de⸗ müthig an ihre Lippen; dann ging er. Er eilte mit dem Päckchen in ſeine Zelle und ver⸗ barg es unter das Stroh ſeines Lagers. Dann ging er an die Arbeit. Konrad flüſterte ihm zu:„Heute Nacht!“ Er wußte genug; es war auch die höchſte Zeit— denn morgen hatten die Baubrüder ihr Werk vollendet und ſollten wieder zurückkehren. Wie das erſtemal gingen Konrad und Ulrich ſtumm durch die Kloſterhallen bis zu den unterirdiſchen Gewölben. Mrich trug außer dem Kleiderpäckchen auch die Maurer⸗ 242 kelle und Falk bei ſich, den er ſich gleichſalls heimlich verſchafft. Konrad zündete am Ziele die Lampe an und rief: „Amadeus!“ Niemand antwortete. „Amadeus!“ rief Ulrich lauter. Alles blieb ſtumm. „O Gott, wenn wir zu ſpät kommen— wenn er todt iſt!“ wehklagte Ulrich. Mit ſtarker Hand griff er in die Heffnung und riß die nächſten Steine heraus. Es ging leicht— Amadeus mußte ſie von innen mit dem Meißel gelockert haben. Bald war das Loch ſo groß, daß ein Menſch hin⸗ durch konnte. Ulrich griff mit der Hand hinein— und fuhr zurück; etwas naßkaltes hatte ſie berührt— eine Ratte war darüber geſprungen. War es der Schrei, den er dabei ausſtieß, oder das Geräuſch der fallenden Steine, oder die Berührung ſeiner Hand— jetzt begann Amadeus ſich zu regen und zu röcheln. Ulrich beugte ſich zu ihm hinein und flößte ihm Wein ein. Nach einer Weile kehrten die halbentſchwundenen Lebensgeiſter zurück. „Amadeus!“ rief Ulrich,„wir kommen Dich zu be⸗ freien. Flüchte aus dieſem Loch, aus dem Kloſter— komm!“ 243 Konrad und Ulrich reichten ihm die Hände— ſie zerrten ihn heraus. Der Sohn hielt den Vater in den Armen. „Urich!“ rief dieſer jetzt,„ich ſoll wieder leben?“ „Ja, Dein Ulrich iſt nicht Dein Mörder, ſondern Dein Befreier— aber eile! wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren. Konrad geleitet Dich und beredet das Uibrige mit Dir— ich mauere indeß Dein Gefängniß wieder zu.“ Konrad zog den halbbewußtloſen Amadeus zur Eile treibend mit ſich fort. Indeß mauerte Ulrich die auf⸗ geriſſenen Steine wieder ein und harrte bei der Arbeit Konrad's Rückkehr. Zwälftes Capitel. Rückkehr. Es war wieder ſtill geworden in Nürnberg. Der Reichstag hatte diesmal nicht viel über einen Monat ge⸗ dauert. Da man das voraus ſah, da nicht alle Stände berufen und auch die berufenen nur höchſt unvollzählig erſchienen waren, ſo war diesmal überhaupt das Zuſtrö⸗ men der Fremden geringer geweſen als ſonſt, und darum war ſo ſchnell wie der Schnee auch die Fremdenmenge geſchmolzen und dann verſchwunden, die ſich eine Zeit lang durch Nürnbergs Straßen bewegt hatte. Gerade an dem Tage, an welchem Kaiſer Friedrich und König Mar aus Nürnberg zogen, kehrten die Bau⸗ brüder zurück aus dem Kloſter und begegneten noch dem Zug. „Beinah' iſt es,“ ſagte Hieronymus,„als wären wir, gerade ſo lange der Reichstag währte, aus Nürn⸗ 245 berg verbannt geweſen— vielleicht hätte ſonſt unſer könig⸗ licher Baubruder von Dir noch einmal die Wahrheit zu hören bekommen!“ Urich ſchüttelte traurig den Kopf.„So lange der alte Kaiſer Friedrich noch lebt und des Reiches Haupt iſt, der an nichts denkt als an die Vergrößerung der Hausmacht der Habsburger durch eine kleinliche und ei⸗ genſüchtige Politik, die immer nur rechnet und ſpekulirt, aber niemals offen handelt und entſcheidet mit ſelbſtbe⸗ wußter That, noch weniger aber daran denkt, daß er das deutſche Reich zu einer Macht erheben ſollte, ſondern nur zuſieht, wie Deutſchland ſeiner Familienmacht zu An⸗ ſehen verhelfen könne: ſo lange ſind auch Mazmilian's Hände gebunden. Seit fünf Jahren iſt er nun römiſcher König und ſieht ſich die deutſche Kaiſerwürde geſichert; er hat nicht nöthig ſich erſt auszuzeichnen, um ihr Be⸗ werber zu werden. Hätte er ſie aber damals gleich mit empfangen, wo er zum rönmiſchen König gekrönt ward, und wäre damals gleich das Reich den alten energieloſen Kaiſer los geworden: ſo hätte Mar wohl mit friſcher ritterlicher Jugendkraft den Sccpter ergriffen und eine neue Aera ſür Deutſchland heraufgeſührt. Aber er konnte nicht, wie er wollte— daran ſchon hat ſich die feurige Jugendkraft gebrochen und in auswärtigen Händeln ab⸗ genutzt. Faſt iſt er fremd geworden im Reich, und es 246 liegt ihm weniger am Herzen als das flandriſche Erbe ſeiner Kinder. Nun hat er ſchon in die Politik des Va⸗ ters ſich finden und fügen lernen, und Habsburgs Haus⸗ macht iſt auch ſeine Looſung. Ich fürchte, nun wird es zu ſpät, daß er die Hoffnungen rechtfertige, die man auf ihn ſetzen durfte.“ Hieronymus ſtimmte bei, aber fügte doch hinzu: „So lang er wenigſtens die Kunſt beſchützt und ein rech⸗ tes Mitglied der freien Maurer bleibt, dürfen wir noch nicht an ihm verzweifeln. Vielleicht,“ lächelte er etwas hämiſch,„hat auch die Scheurlin ihn wieder mehr für deutſche Art begeiſtert.“ „Du ſcheinſt jetzt immer mehr die Anſicht Deiner Mutter über die edle Frau zu theilen,“ ſagte Ulrich,„ob⸗ wohl Du einſt der erſte warſt, der ſie mir als die ſchönſte und gelehrteſte Nürnbergerin zeigte. Doch, da wir ein⸗ mal auf Deine Mutter kommen— grüße ſie von mir und ſage ihr, wie ich ihr danke für alle Güte und Liebe, die ſie mir erzeigt, ſo lange ich bei ihr wohnte, aber—“ „Du denkſt doch nicht mehr daran, von mir zu zie⸗ hen?“ ſagte Hieronymus beſtürzt, da inzwiſchen dieſer Punkt gar nicht berührt worden war.„Die Juden⸗ geſchichte hat ſich indeß ja auch erledigt.“ Ulrich hatte nämlich im Kloſter die Begegnung mit Ezechiel ihm erzählt, der gekommen ſei, den Ring wieder 247 zu ſordern, den er auf dieſe Weiſe los geworden, ohne darum Rachel oder Eliſabeth mit in dieſe Erzählung zu verflechten, wie er auch Hieronymus nichts von Amadeus und ſeinen Beziehungen zu ihm vertraut hatte. Hierony⸗ mus hatte nur etwas eiferſüchtig geſehen, daß Ulrich und Konrad in einen vertraulichen Verkehr zuſammen gekom⸗ men waren, aber er hatte keine Ahnung von der Grund⸗ lage deſſelben und auch weiter kein Intereſſe danach zu forſchen. Seit aber Ulrich bei ihm auf hartnäckig bewahrte Vorurtheile geſtoßen war, wollte er ihn um keinen Preis zum Vertrauten des Geheimniſſes ſeiner Geburt machen, noch überhaupt dieſes dadurch, daß er es noch einem Menſchen mehr wiſſen ließ, um ſo eher dem Verrath ei⸗ nes Zufalls, wenn nicht einer Abſicht ausſetzen. Aber heides war auch um ſo eher möglich, wenn er mit Hie⸗ ronymus und ſeiner Mutter wohnen blieb— einmal ſträubte ſich ſein Stolz dagegen, dann die Furcht vor Entdeckung und vor Allem der Vorſatz, in die Gefahren und die Be⸗ ſchimpfungen, die ihm drohen konnten, auf keinen Fall ſei⸗ nen vertrauteſten Freund mit zu verwickeln. Er blieb daher jetzt feſt bei ſeiner Erklärung, ſich eine Wohnung für ſich allein zu ſuchen, wie ſehr auch Hieronymus in ihn drang bei ihm zu bleiben. Er mußte ſich endlich darein ergeben und mit Ulrich's Verſicherung begnügen: daß dieſe äußere Trennung ja keine innere ſei, daß ſie 248 auch außer der Bauhütte ſich täglich ſehen und ihre Sonntage und Freiſtunden nach wie vor zuſammen zu⸗ bringen würden.— In jener Nacht, wo Ulrich Amadeus aus ſeiner Gruft befreit und dann dieſelbe wieder zugemauert hatte, war er dabei bis zu Konrad's Rückkehr aus dem unter⸗ irdiſchen Gange beſchäſtigt geweſen. Dieſer meldete ihm dann, daß er Amadeus glücklich bis in die Kapelle ge⸗ bracht, hinter deren Altar die Fallthür ſich öffnete. Dort aber hatte er nicht bleiben dürfen, weil ſo ſchon die äu⸗ ßerſte Gefahr war, daß ein rückkehrender Mönch da ihn fände. Er hatte ihn heißen in den Wald fliehen und dann weiter in der Flucht ſein Heil verſuchen, ſo er⸗ ſchöpft und elend er auch war. Die andern Sachen ſchützten ihn wenigſtens von Weitem vor Entdeckung; Lebens⸗ mittel auf ein paar Tage hatte er mit bekommen— weiter etwas für ihn zu thun, lag für ſeine Retter au⸗ ßerhalb der Grenzen der Möglichkeit. Im Kloſter verlautete nichts über ihn. Ein paar Tage ſpäter ſagte Konrad, man ſpreche davon, daß Ama⸗ deus in ſeinem Kerker verſchieden, und habe daſſelbe zu⸗ gemauert. Die Baubrüder hatten nach Vollendung ihres Wer⸗ ves ihren ausbedungenen Lohn bekommen, und Ulrich er⸗ 249 hielt von dem Abt einen Brief zur Uibergabe an den Propſt Kreß. . Er hätte auch fragen mögen, wie bei jenem Brief, welchen der Propſt ihm mit in das Kloſter gab:„Iſt's ein Uriasbrief?“— aber er widerſtand der Verſuchung. das Wachsſiegel, das ſich ohne ſichtbare Beſchädigung hätte löſen und wieder befeſtigen laſſen, zu heben und einen Blick in die Schrift zu thun. Wie verhängnißvoll ſie auch ſein mochte— er beeilte ſich ſie abzugeben gleich am Tage ſeiner Ankunft. Der Propſt ward bleich vor Schrecken, da er das 6 geleſen, und warf verzweiflungsvolle Blicke tieſſten Mitleids auf Ulrich. Der Abt meldete ihm, daß es ihm leid thue, den einſt von dem Propſt in's Kloſter als frühern Freund aufgefundenen Amadeus, der ſein Schützling geblieben ſei, nicht von einer verdienten Strafe ſchützen zu können. Er ſei verdächtigt worden, das Tabernakel zertrümmert zu haben— der Abt habe die Sache unterdrücken wollen, da jedoch die fremden Baubrüder, beſonders Ulrich von 1 Straßburg, auf ſtrenge Unterſuchung gedrungen, ſei die Sache durch Amadeus eigenes Geſtändniß offen kundig geworden, und er habe ihn verurtheilen müſſen, als wahn⸗ ſinnig eingemauert zu werden; ſeit ein paar Tagen ſei er todt. 1859. XVI. Nürnberg. II. 16 „ Mu E 250 Der Propſt gab Ulrich den Brief zum Leſen und ſagte:„Geſtehe mir Alles.“ Ulrich knieete nieder und neigte demüthig ſein Haupt. „Ihr werdet mich eines Verbrechens zeihen,“ ſagte er, „und mich beſchuldigen, daß der Sohn den Vater in's Verderben gebracht; ich beging noch ein zweites Verbre⸗ chen: der Baubruder entzog der geiſtlichen Gerechtigkeit ein Opfer und dem Kloſter einen Mönch— ich habe Ama⸗ deus zur Flucht geholfen!“ „Weh' Dir und ihm!“ rief der Propſt und verhüllte ſein Geſicht. „Ich bin bereit ſelbſt das Opfer zu ſein!“ ſagte Ulrich;„überliefert mich als einen Verbrecher dem geiſt⸗ lichen Gericht— laßt mich auch ſo ſtill einmauern und von der Welt verſchwinden; es erſpart mir denn ein Leben der Schande, das vielleicht auf mich wartet.“ Der Propſt rang die Hände, hatte Thränen in den Augen und ſeufzte:„Ach, warum mußte ich ſo ſchwach ſein, ſeiner Bitte nachzugeben und Dich hinſenden! War⸗ um ſeinen Worten trauen— er verſprach zu ſchweigen gegen Dich und gegen Alle.“ „Flaget ihn nicht an!“ ſagte Ulrich;„ich will Euch Alles beichten, wie es kam, was ich gehört und was ich gethan.“ Und er beichtete getreulich Alles, nur Konrad verrieth er nicht, ſondern ſagte nur, daß ihm ein geiſt⸗ 251 licher Bruder beigeſtanden, den er nicht nennen werde und dem ſeine eigene Sicherheit gebiete für immer zu ſchweigen.„Und nun,“ ſchloß er,„richte ich an Euch die Frage: iſt meine Mutter Euere Schweſter und lebt ſie noch?“ Der Propſt ſchloß den jungen Mann in ſeine Ar⸗ me.„Ich bin Dein Ohm,“ ſagte er,„und liebe Dich vielleicht mehr als Dein Vater! aber ich wollte nie, daß Du ein Geheimniß erfuhreſt, deſſen Entdeckung für Dich gefährlich werden kann. Aber ich hoffe, daß es dennoch bewahrt werde— Du wirſt Dich nicht ſelbſt verrathen und unglücklich machen.“ „Lebt meine Mutter noch?“ wiederholte Ulrich. „Sie lebt,“ antwortete der Wrobſt nach einigen Be⸗ denken,„und ganz in Deiner Nähe, aber für immer von Dir getrennt— ſie iſt hier und Nonne im Kloſter der heiligen Clara!“ „O darum zog es mich ſo hierher nach Nürnberg!“ rief Ulrich. „Sie weiß nicht, daß Du hier biſt; ſie weiß nur, daß Du ein tüchtiger und braver Baubruder geworden, und freut ſich, daß Du der Kunſt und Gott getreulich dieneſt, und daß ſo mehr aus Dir geworden, als wenn ſie bei Dir und mit Dir in dem Dorfe geblieben wäre, das für Deine Heimath galt,“ antwortete der Propſt. 16* 252 „Und wie kam ſie hierher?“ forſchte Ulrich weiter, „und hat mir Amadeus in Allem die Wahrheit erzählt?“ „Die volle Wahrheit!“ beſtätigte der Propſt,„und damit Du nicht am unrechten Orte forſcheſt, ſo will ich ſeine Geſchichte vollenden.— Als er mit Deiner Mutter floh, hatte er nicht den Muth ihr zu geſtehen, daß er daheim ein liebendes Weib und Kinder beſitze. Ulrike folgte ihm vertrauend nach Frankfurt, wohin er damals im Kriegsdienſt mußte, und nur das ſchmerzte ſie und ihn, daß ſie Dich nicht bei ſich hatte; nur das tröſtete ſie, daß ſie Dich im Kloſter ſicher und in guten Händen wußte, bis ſie Dich würden können zu ſich kommen laſſen. Ama⸗ deus verſprach ihr, ſich mit ihr trauen zu laſſen, ſobald die kirchliche Scheidung von ihrem Mann erſolgt ſei— indeß hoffte er auch die ſeine zu bewertſtelligen. So ver⸗ gingen Monate. Ein Kriegsbefehl rief ihn nach Würzburg, er nahm ſie auch dahin mit; aber während er ſie dort, um im Felde zu dienen, allein zurücklaſſen mußte, erſchien plötzlich ſeine Gemahlin bei ihr. Ein Gefährte ihres Gat⸗ ten hatte ihr hinterbracht, daß dieſer um eines gemeinen Weibes Willen, das er auf der Landſtraße auſgeleſen, die Scheidung von ihr fordere, und die liebende Frau wollte jenes ſelbſt ſehen und durch Geldanerbietungen von ihm trennen. Für Deine edle Mutter war es genug, den Be⸗ weis zu erhalten, daß Amadeus durch andere heilige 253 Pflichten gebunden ſei, um zu wiſſen, was ſie zu thun hatte. Mit Stolz wies ſie alle Anerbietungen zurück und erklärte, daß ſie Amadeus fliehen und für ihn todt ſein wolle, ehe er um ihretwillen die Seinen unglücklich mache. Sie hatte inzwiſchen gehört, daß ich Geiſtlicher in Nürn⸗ berg ſei— in der Verzweiftung erſchien es ihr als Troſt, ſich dem Bruder zu vertrauen, hei ihm eine Zuflucht und Schutz zu ſuchen. So kam ſie zu mir. Ich hatte ſie als todt beweint, und mit der wiedererſtandenen Unglücklichen, die ſchon ſo viel gebüßt, rechtete ich nicht über ihre Ver⸗ irrungen— ich empfing ſie als liebender Bruder. Aber bei mir konnte ſie nicht bleiben, ich brachte ſie in's Klo⸗ ſter der heiligen Clara, eine Zuftuchtsſtätte, die ſie ſelbſt erſehnte. Dort iſt ihr Leben ein dem Himmel geweihtes und ein ſtillglückliches, gegen das, welches ſie einſt bei dem rohen Gatten führte. Todt zu ſein für die Welt und für Alle, erſchien ihr als der beſte Troſt. In dem Klo⸗ ſter, das Dich aufgenommen, nannte ſie mir den Bru⸗ der Anſelm als den, welchem ich vertrauen könne. Mit ihm ſetzte ich mich in Verbindung, er allein erfuhr ihr Geſchick und berichtete uns über Dich, ſo lange Du im Kloſter warſt. Du galteſt dort als ehrlicher Sohn des dörflichen Paares, und ſo hielt man Dich auch nicht ab, als Du in die Bauhütte von Straßburg wollteſt, und gab Dir für den Maurerhof mit anderen Zeugniſſen auch 254 das Deiner ehrlichen Geburt. Amadeus, als er die Ge⸗ liebte nicht mehr fand, wo er ſie zurückgelaſſen, ſuchte ſie zum zweitenmale überall vergebens— endlich leitete ihn ihre Spur zu mir. Ich verhehlte ihm die Wahrheit nicht, und daß Ulrike eine Braut des Himmels geworden. Ich rechtete nicht mit ihm, ich ſprach nicht ſtrafende Worte, ich ſuchte ihn nun zur Rückkehr zu ſeiner Gattin zu be⸗ wegen, und ſelbſt wenn er das nur als Buße für ſeine Leidenſchaft betrachten ſollte. Aber er wollte nichts davon wiſſen— nur das ſagte ich ihm nicht, in welches Kloſter Ulrike gegangen. Er ſchied von mir wie ein Wahnſinni⸗ ger. Im Walde ſollte er einen Verſuch gemacht, ſich das Leben zu nehmen. Benediktinermönche hatten ihn gefun⸗ den— und das Uibrige weißt Du.“ Ulrich weinte an der Bruſt des theilnehmenden Man⸗ nes, der das beſte Herz und weichſte Gemüth beſaß, wenn auch manche Schwachheit ſich daran knüpfte. „Halte Du Dich frei von der Leidenſchaſt,“ ſagte der Propſt theilnehmend,„hüte Dein Herz und Deine Sinne! Alle, die das nicht thun, die richten nur Unglück an für ſich ſelbſt und für Andere.“ Und weiter fuhr er fort:„Sage Niemanden ein Geheimniß, das treu bewahrt bleiben ſoll— auch nicht Deinem beſten Freund— Du haſt es dann nicht mehr in Deiner Gewalt— verrathe Dich auch Deinem Kameraden Hieronymus nicht.“ 255 Ulrich ſchüttelte das Haupt und ſammelte ſich end⸗ lich ſo weit, um zu erzählen, daß er eben darum auch nicht deſſen Wohnung mehr theilen möge. Der Propſt billigte dies und hieß Ulrich dieſe Nacht mit in der Propſtei bleiben, da er noch keine andere Wohnung hatte. So ſprachen ſie noch lange mit einander von der Vergangenheit und von der möglichen Zukunft. War Amadeus glücklich entkommen? wer konnte es wiſ⸗ ſen? Er war ſo ſchwach und hinfällig geweſen von dem martervollen Kerker— wohin konnte er geflohen ſein? War er ungekommen im Walde und fand man ihn lebend oder todt, ſo konnte eine Unterſuchung ſeiner Flucht viel⸗ leicht die verrathen, die ihm dazu geholfen, und dann hatten ſie die härteſte Straſe zu fürchten. Und war er glücklich weiter entkommen: was würde er nun beginnen? Mußten ſie nicht jeden Tag denken, die Sehnſucht nach dem Sohn und der Wunſch, von Ulrike zu hören, werde ihn eines Tages wieder zurückführen nach Nürnberg zu dem Propſt oder Ulrich, und er ſich ſelbſt und dieſen der ſchrecklichſten Gefahr ausſetzen und vielleicht auch Andern in ſeiner zuweilen doch halbwahnſinnigen Art Alles zu verrathen? Aber was halfen dieſe langen Fragen, auf die Kei⸗ ner eine Antwort geben konnte!— An demſelben Tage hatte der Jude Ezechiel bei der 256 Frau von Scheurl, wie ſie jetzt hieß, noch einmal Ein⸗ tritt verlangt, der ihm ſchon mehrmals verweigert wor⸗ den. Die Dienerſchaft hatte auch jetzt wieder gedroht, ihn hinauszuwerfen. Da entſchloß er ſich zum Aeußerſten. Er gab den Ring einem Diener und ließ ſagen: er ließe nur fragen, ob die Herrin den Ring bhalten wolle, oder ob er ihn dem Eigenthümer wieder zurückgeben ſolle. Das wirkte. Sogleich ward er vorgelaſſen. Eliſabeth war ohnehin in ſchmerzlicher Aufregung. Mit kurzem Abſchied war König Mar geſchieden, und nur Kunz von der Roſen hatte ihr zugeflüſtert, daß, wenn es ſich einmal treffen ſolle, daß ein Kaiſer oder König einer ſtozen Nürnberger Patrizierin doch einen Dienſt erweiſen könnte, ſo möge ſie ſich gleich lieber an den Narren wenden, der habe ein beſſeres Gedächtniß und wiſſe när⸗ riſch genug oft ſicher das Ziel zu erreichen. Konrad Celtes war mit dem König gegangen, um wieder ein unſtetes Reiſeleben zu führen und im Wirken für die humaniſtiſchen Studien und dem Streben im deutſchen Volke den Sinn für das Vaterland und ſeine Geſchichte zu beleben, ſein unruhiges Herz zum Schwei⸗ gen zu bringen. Er hatte Eliſabeth's Gebot geehrt und war ihr nicht wieder allein genaht. Aber was half es ihr, daß ſie ſo als tugendhaftes Weib weder dem König noch dem Poeten eine Freiheit verſtattet, die ſich nicht mit den Pflichten gegen ihren Gemahl vertragen hätte: Urſula ſelbſt, die einzig durch ſie Hochbeglückte, fühlte ſich verpflichtet ihr zu hinterbringen, wie viel Angriffe auf Eliſabeth's guten Ruf ſie zurückweiſen müſſe, wie man ſie beſchuldige, den Pveten, ihren frühern Geliebten wie⸗ der rückſichtslos hei ſich empfangen zu haben und dem königlichen Gaſt in jeder Beziehung eine gefällige Wir⸗ thin geweſen zu ſein. Sie ahnte, daß Streitberg und die Hallerin dies Gift gegen ſie verſtreut— und ſie hatte keine Waffe dagegen, als ihr reines Gewiſſen und das Zeugniß ihres Gemahls. Das fiel freilich bei den Nürn⸗ bergern leicht genug in die Wagſchale: der hoffärtige Rathsherr war geadelt worden— und damit hieß es, ſei er ſchadlos gehalten, wenn ihm auch ein Schimpf durch ſein Weib geſchehen. Eliſabeth konnte dieſen Gerüchten nur erneuten Stolz entgegenſetzen, aber ſie hätte kein zartfühlendes Weib ſein müſſen, wäre ſie nicht doch davon verwundet worden. Und nun, wo ſie hoffte, daß Streitberg, um deſſent⸗ willen ſie faſt nie ihr Haus verlaſſen, ſich wieder aus der Stadt entfernt, ſah ſie den Ring vor ſich, durch den ſie ſich ihm einſt verlobt hatte. Sandte er ihr ihn, oder wie kam er in die Hände des Juden? Wie auch Vorurtheil und Stolz ſich dagegen ſträubten, ſie mußte ſelbſt und allein mit dieſem ſprechen. 1859. XVI. Nürnberg. U. 17 258 Ezechiel erzählte, daß Ritter Streitberg den Ring bei ihm verſetzt, um ihn ſpäter wieder einzulöſen, daß aber der Steinmetz Ulrich von Straßburg, der den Ring bei ihm geſehen, geſagt habe: er müſſe der Frau von Scheurl gehören, der gewiß ſehr viel daran gelegen ſei, ihn wieder zu erhalten, und daß er ſomit eigentlich in deſſen Auftrag zu ihr komme. Eliſabeth erſchrack und erröthete nacheinander. Was hatte dieſer Ulrich, der chriſtliche Baubruder, mit dem verſtoßenen Juden zu thun? was ging es Ulrich an, ob ſie ein Intereſſe an dem Ringe habe oder nicht? Sie mochte ſich in kein Geſpräch mit dem Juden einlaſſen— ſie fragte ihn nur, wie viel er für den Ring fordere? Czechiel nannte eine hohe Summe, und Eliſabeth ging in ein Nebengemach, um aus einer Schatulle das gewünſchte Geld zu holen. Der Jude ward dreiſter, ſchilderte, welche Unan⸗ nehmlichkeiten er haben werde, wenn Streitberg ſein Pfand nicht wieder erhalten könne, und wie er nur Ulrich's Vorſtellungen nachgegeben, und ob die edle Frau nicht dafür an dieſen einen Dank zu beſtellen habe. Eliſabeth ſah zürnend auf, dann wandte ſie dem Juden den Rücken, hieß ihn ſich augenblicklich entfernen, und verſchwand in das Nebengemach. Einen Augenblick ſtand Ezechiel beſtürzt— dann ſah 3 5 . 259 er ſich überall um, und ſchnell ſeinen Vortheil wahrneh⸗ mend, nahm er ein gedrucktes Buch und riß aus dem⸗ ſelben die Titelſeite, auf welcher Eliſabeth's Name ſtand, und ſagte bei ſich: Das bring' ich ihm als von ihr— er wird ſchon in die Falle gehen, wenn er nicht ſchon darin ſein ſollte, und vielleicht wählt er mich zu ſeinem Liehesboten. Halb und halb hab' ich ihn ja ſchon in der Hand, denn die Sachen, die er mir im Kloſter abver⸗ langte, hat er zu keinem rechtlichen Zweck gebraucht. Das iſt ein Geheimniß, das ich mich ſtellen werde zu wiſſen und auszuplaudern drohe, wenn ich ihn einmal wohin haben will, wo er nicht mag. So bekommt man die Leute an's Fädchen. Ende des zweiten Bandes. Prag, Druck von Jarosl. Poſpiöil. „ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 F*— .— 5* 5 8„