deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Eduard Ottmunn in Gießien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus jbezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Eine Zuſammenkunft. Sechstes Cnpitel. Mazmilian I. Sirbentes Cnpitel. Auf der Hallerwieſe Achtes Cnpitel. Das Achtort. Ueuntes Cnpitel. Frohe Feſte Zehntes Cupitel. Eliſabeth Elftes Cnpitel. Hexen und Vegelagerer Zwölftes Cnpitel. Eine Jüdin Seite 30 55 75 99 125 142 165 185 208 2233 254 Uürnberg. Erſter Theil. Erztes Cngitel. Der Wandergeſelle. An einem ſonnenklaren Maientage des Jahres 1489 wanderte ein ſchlanker Jüngling auf der breiten Heer⸗ ſtraße, die von Weſten nach Nürnberg führte, der ehr⸗ würdigen Reichsſtadt zu. Schon waren ihm viele Men⸗ ſchen begegnet zu Fuß wie zu Roß und hoch mit Kauf⸗ mannsgütern beladene Wagen, umgeben von zahlreichem Geleit, denn ohne ſolches wagte Niemand die Waaren zu verſenden, die ſo noch oft genug in die Hände der rohen Raubritter ſielen, die ihr Weſen gerade am Aergſten von ihren düſtern Burgen herab in der Nähe der freien Reichsſtadt trieben, deren Reichthum ſie beneideten, deren Bürgerſtolz ſie haßten und deren Bürgern ſie ſchon darum gern einen Verluſt und Schaden zufügten, weil dieſe ſelbſt oft genug den hohlen Glanz des Ritterthums ver⸗ dunkelten, und wo es in ihrer Macht war, ſich nicht 1859. XV. Nürnberg. I. 1 10 ſcheuten ſeine Angehörigen, die ſie eines Frevels über⸗ führen und habhaft werden konnten, nach ihren ſtrengen Geſetzen zu ſtrafen und zu richten. Schon an dieſem belebten Verkehr hätte der Jüng⸗ ling erkennen müſſen, daß er dem Ziel ſeiner weiten Wanderſchaft ſich endlich näherte— aber als er jetzt aus dem gewaltigen Reichsforſte trat, durch den ſein Weg zuletzt geführt: da lag ſie vor ihm, die große, ſich weit ausbreitende Stadt, in der doch ein Giebel dicht an den andern gedrängt den Nachbar zu überragen ſtrebte, indeß zahlreiche Thürme miteinander wetteiferten den Himmel zu begrüßen und in kunſtvollen Formen ſich von ihm abzuzeichnen. Höher darüber thronte die Veſte, die vor etwa fünfzig Jahren neu erbaut worden war von den Bürgern Nürnbergs, nachdem ſie Ludwig der Bärtige von Baiern 1420 niedergebrannt und Markgraf Friedrich von Brandenburg ſie ſammt allen Rechten einige Jahre ſpäter an die Stadt Nürnberg verkauft hatte. Da und dort blinkten die grünen Wellen der Peynitz, welche die Stadt durchſtrömt und in zwei Hälften ſchneidet: die Lorenzer und die Sebalder Seite, ſo genannt nach ihren Kirchen, den herrlichſten Denkmalen gothiſcher Baukunſt. Da und dort, beſonders aus den Vorſtädten ſteigt dü⸗ ſterer Rauchs auf, der kommt aus den gewaltigen Schorm ſteinen der zahlreichen Gießhütten, in denen die Kunſt 11 und das Handwerk zugleich arbeiten im innigſten Verein, um nützliche Geräthe zu ſchaffen für den Hausgebrauch und vollendete Werke monumentaler Kunſt zur Ehre Got⸗ tes für die erhabenen Tempel, in denen alle Künſte ſich vereinigen dem Herrn zu dienen und alles Volk ihm zu⸗ zuführen. Auf einer kleinen Anhöhe hat der Wanderer ſich niedergelaſſen, und indeſſen er die Stadt betrachtet, in die ſeine Sendung lautet, und ihm das Herz groß und weit wird bei ihrem Anblick und dem Gedanken, daß er da drinnen Brüder ſeiner Zunft und Kunſtgenoſſen finden wird, in deren Mitte eine reiche Zukunſt voll begeiſtern⸗ der Thätigkeit ihn erwartet, können wir ihn ſelbſt be⸗ trachten. Er iſt lang und ſchlank und von edlem Wuchſe, ſein Geſicht glatt und fein, nur jetzt etwas von der Frühlingsſonne auf langer Wanderſchaſt gebräunt, unter der edelgebauten Stirn ſcheinen hohe Gedanken zu woh⸗ nen, und noch mehr leuchtet aus den tief dunklen Angen das Feuer echter Begeiſterung. Das üppige braune Haar, halblang in der Nitte geſcheitelt und rundum glatt ge⸗ ſchnitten, bedeckt ein kleiner runder Strohhut. Uiber den enganliegenden Beinkleidern von bräunlichem Leder trägt er eine Art kurze Blouſe von rothbrauner Farbe, am ſchwarzen Ledergürtel hängt ein kurzes breites Schwert 1* 12 und um die Schultern am feſten Riemen ein lederner Sack. Die kurzen Stiefeln von ungeſchwärztem Leder be⸗ zeugen in ihrem abgeriſſenen Zuſtand auch die Weite des Weges, den ſie zurückgelegt. Nachdem er das letzte Stück Brod, das er in dem Sack gefunden, der ſeine ganze Habe enthielt, verzehrt, ging er auf's Nene mit rüſtigen Schritten auf die Stadt zu und betrat ſie bald durch ein langes düſteres Thor. Er wußte nirgend Beſcheid und bog ohne Weiteres in eine enge Gaſſe ein, die ihn in der Richtung des Kirch⸗ thurms zu führen ſchien, den er ſich von Weitem als ſein Wanderziel auserſehen. Aber bald verſchwand ihm dieſer vor den höher auſſteigenden nahen Giebeln, die in den engen, oft krummlinigen Straßen ſeinen Blick be⸗ ſchränkten, und er ging durch dieſelben ohne Plan und Ziel, nur gelockt von der Neuheit des Anblickes, der ſich ihm bot, der Bewunderung und Freude, die ihn erfüllten. Der Wanderer kam von Straßburg und hatte am Rhein und in Franken, das er jetzt durchzogen, wohl manchen ſtattlichen Bau und manche aufblühende Stadt geſehen; auch war ihm wohl das Sprüchlein bekannt. demnach kein Fürſt ſo ſchön wohne wie die Fugger zu Augsburg und die Tucher zu Nürnberg: aber Alles, was er hier ſah, übertraf doch ſeine Erwartungen. Hohe, oſt 13 fünfſtöckige jedoch ſchmale und tiefe Häuſer kehrten die Giebelſeite der Straße zu, ſo zwar, daß die verſchiedenen Geſchoße ſich treppenartig übereinander thürmten und von der Straße aus den Aufblick nach oben beſchränkten. Viele Fenſter, meiſt hoch und weit, oſt oben in Bogen gewölbt, ſchmückten die Häuſer, ſymmetriſch und doch man⸗ nigfaltig vertheilt. Zuweilen vereinigten ſich zwei oder drei Fenſterfelder zu einem vorſpringenden Chörlein, das ſchöne Wappenſchilder von zierlicher Steinmetzarbeit ſchmück⸗ ten. Wie der Giebel war meiſt auch die obere Gruppe der Fenſter pyramidaliſch angeordnet und der Giebel ſelbſt treppenförmig ausgeſchnitten, an manchen Häuſern auch die einzelnen Stufen mit auſſtrebenden Steinverzierungen gekrönt. Uiber den weiten Eingang der Häuſer ſtieg häu⸗ fig ein kunſtgerechter Spitzbogen empor mit ſteinernem Laubwerk umwunden, oder zeigten ſich buntgemalte Wap⸗ penſchilder oder Zunſtzeichen. Und wo ein Haus eine Straßenecke bildete, da fehlte ſelten an der ſcharfen Ecke ein vorſpringender Wegſtein mit einem ſteinernen oder ehernen Standbild; bald war es ein Engel mit ausge⸗ breiteten Flügeln, bald ein Ritter mit geſchwungenem Speer oder ein Lindwurm. Wo ein weiterer Platz ſich zeigte, da ſtand inmitten gewiß ein Brunnen mit ſchö⸗ nen Statuen oder feinem Gitter darum, oder war irgend ein künſtliches Druckwerk daran, daß wie von ſelbſt das 14 Waſſer heraus und gen Himmel ſprang, an der Erde im weiten Steinbecken ſich ſammelnd. Hatte der neue Ankömmling auch ſchon da und dort gleich ſchöne Bauwerke und Steinmetzrbeiten geſehen, noch nirgend war es ihm vorgekommen, daß ſie ſo dicht zuſammen ſich drängten, ſo gleichſam den Bedürfniſſen des täglichen Lebens dienten, zu ihnen zu gehören ſchie⸗ nen. Und welch' ein wogendes Leben war das auch, das ſich dazwiſchen bewegte! Auf Wagen oder Schleifen wur⸗ den Waarenballen von geſchäftigen Händen aufgethürmt zu weiterer Verſendung, oder abgeladen und in die wei⸗ ten Hofräume der Häuſer geſchafft. Uiberall waren die Erdgeſchoße Werkſtätten, aus denen ein munter bewegtes Leben voll rüſtiger Arbeit klang, oder Kaufläden, an de⸗ ren Fenſtern kunſtvolle Geräthſchaften oft von Gold und Silber blitzten, ſo daß unſer Fremdling ſchon bei ſich ſelbſt eine ſolche Gaſſe die Goldſchmiedsgaſſe nannte, noch ehe er wußte, daß ſie wirklich dieſen Namen führte. Zwiſchen den geſchäftigen Arbeitern, die aus den Werk⸗ ſtätten ab und zu gingen, ſchritten ſtattliche Herren, die zum Rath gingen, manche in Pelz und Sammt geklei⸗ det, gleich als ob ſie Edelleute wären, indeß ſie doch nur bürgerlicher Herkunft, aber den geachtetſten Geſchlechtern Nürnbergs angehörend, hatten ſie urkundlich ſelbſt vom Kaiſer die Erlaubniß zu ſolch reicher Tracht erhalten, die 15 ſonſt allein dem Adel zukam. Daneben gingen gleich reich gekleidete Frauen, die nicht nur mit den Schleppen ihrer ſeidenen Damaſtkleider, ſondern auch mit ihren weiten hängenden Aermeln die Straße fegten, dem Rath zum Trotz, der ſchon einmal eine Verordnung wider die Länge ſolcher Aermel erlaſſen. Aber neben dem Stolz, der wie aus der Kleidung auch aus der Haltung dieſer Frauen ſprach, lag auch etwas ſo Ehrbares und Züchtiges in ihrem Auftreten, das allen Begegnenden Achtung ein⸗ flößte und die ſie erblickenden Männer, mochten ſie dem weltlichen oder geiſtlichen Stande angehören, nöthigte mit höflichen Grüßen an ihnen vorüberzugehen. Und auch unter den einfacher gekleideten Bürgermädchen, von denen manches den ſchönen Fremdling mit ſchelmiſchen Augen neugierig muſterte, gab es liebliche Erſcheinungen, an denen Alles nett und ſauber war, von dem goldgeſtickten Riegelhäubchen herab bis zum Schuh, der bis an den Knöchel reichte. Wenn ſie das Waſſer ſchöpften, am Brun⸗ nen ſich neigten und dann das Gefäß zum Kopf mit den bloßen Armen emporhoben, ſo war ſo viel Grazie in dieſen Bewegungen als Würde bei dem ſtolzen Auſtreten jener Patrizierinnen. All' dies Leben und Treiben voll Anmuth und Schönheit der Häuſer wie ihrer Vewohner war wohl ge⸗ eignet den Fremden zu feſſeln und gleichſam zu über⸗ 16 täuben, daß er ziel⸗ und planlos durch dasſelbe ſchritt, bis er plötzlich ſich am Fuße der Veſte gewahrend ſich doch beſann, daß er hier unmöglich auf dem rechten Wege ſein könne, und daß es Zeit werde nun einmal danach zu fragen. Er beſand ſich eben in einer im Augenblick ziemlich menſchenleeren Gaſſe, als an einem der Häuſer eine Thür ſich öffnete und ein junger Burſche daraus hervortrat; hinter ihm hörte man polternde Stimmen und vernahm zuletzt die Worte: „Und ſomit laſſ' es dir geſagt ſein, halte dich da⸗ zu, Albrecht, und verträumere die Zeit nicht, wie es deine Art iſt!“ Dem knabenhaften Jüngling, dem dieſe Worte mit rauhem Tone ausgeſprochen galten, ſchoß das Blut in's feine blaſſe Geſicht und in die klaren ſchwärmeriſchen Augen trat etwas wie eine Thräne. Er ſchüttelte die langen braunen Locken zurück, die ſo üppig faſt wie Lö⸗ wenmähnen auf ſeine Schultern niederfloßen, hob einen Topf mit grüner Farbe darauf, indeß er in der andern Hand Pinſel und Richtſcheit trug. Dieſe Hände, zumal die auf das Haupt emporgehaltene, erſchienen ſo weiß, klein und durchſichtig, als wären ſie von Alabaſter künſt⸗ leriſch gemeißelt. Die Geſtalt war faſt klein und ſchwäch⸗ lich, aber es lag etwas freudig Selbſtbewußtes in ihrer 17 Haltung und ſprach von der edlen Stirn trotz der Thräne des Unmuthes im Auge und dem Roth der Scham auf den Wangen, daß der Fremde unwillkürlich davon ange⸗ zogen ward und gerade ihn ſich auserſah nach dem Wege zu fragen. „Gott grüße Euch!“ rief er ihm zu;„wie es ſcheint, ſeid Ihr hier zu Hauſe und könnt mich berichten: wie heißt hier dieſe Gaſſe?“ „Unter der Veſte,“ antwortete Albrecht beſcheiden den Gruß erwiedernd. „Da bin ich wohl weit von meinem Ziel?“ ant⸗ wortete der Wanderer mit etwas fremdartigem Idiom, „ich bin an die Bauhütte der freien Steinmetzzunſt von Nürnberg gewieſen.“ „Da habt Ihr freilich dahin noch durch manche Straße und manches Gäßlein zu gehen,“ antwortete Al⸗ brecht,„und da Ihr fremd hier zu ſein ſcheint, werdet Ihr Euch ſchwerlich zurecht finden. Ein Stücklein Wegs aber kann ich Euch jedenfalls geleiten und ich bitt' Euch mir zu folgen. Und welche Hütte ſuchet Ihr wohl? Die große ſteinerne Bauhütte zu St. Sebald, welche die Bau⸗ brüder aufgeſchlagen haben, da ſie die ſchöne Sebalds⸗ kirche bauten, ſteht noch dem Rathhaus gegenüber, und bis dahin haben wir nicht weit; wollt Ihr aber in die Bauhütte bei der St. Lorenzkirche, darinnen wieder fleißig 18 gearbeitet wird, weil ein hoher Chor und eine neue Ka⸗ pelle zum ſchönen Bau hinzu geſtiftet worden, ſo müſſen wir auf die Lorenzer Seite über die ſteinerne Brücke hinüber.“ „Ihr ſeid hier wohl bewandert, junger Freund,“ antwortete der Fremde,„es iſt die Bauhütte von St. Lorenz, in die ich geſandt bin; aber wiewohl mir Euer Geleit gar willkommen iſt, ſo will ich Euch doch nicht veranlaſſen um des willen einen Umweg zu machen, da Ihr wohl keine Zeit zu verlieren habt—“ Albrecht erröthete, weil er aus dieſen Worten ſchloß, daß der Fremde die ſcheltenden Worte, mit denen er vorhin entlaſſen worden, und wohl gar die Schimpfreden, die vorhergegangen, könne gehört haben. Er unterbrach ihn daher ſchnell, indem er antwortete:„Mein Weg führt mich auch in dieſe Gegend. Mein Meiſter iſt gut und wacker, und gerade weil ich an ihm einen nachſich⸗ tigen Herrn habe, kann ich's nur ſeinen rohen Knechten nicht zu Dank machen.“ „Und wer iſt Euer Meiſter!“ fragte der Fremde. „Der Maler Michael Wohlgemuth,“ antwortete Al⸗ brecht;„vielleicht habt Ihr von ihm gehört, denn ſein Name klingt wohl weit in das Reich hinaus, da von vielen entſernten Orten Beſtellungen an ihn kommen.“ „Ei freilich kenn' ich ſeinen Namen und habe ſchon 19 manch' ein ſchönes Gemälde in glänzenden Farben auf Goldgrund von ihm geſehen. Hätte ich gewußt, daß es ſeine Werkſtatt war, aus der Ihr tratet, ſo würde ich der Luſt nicht haben widerſtehen können mich drinnen umz ſehen,“ erklärte der Wanderer. S „Wenn Ihr hier bleibt,“ antwortete der Lehrling des Malers,„ſo findet Ihr Euch ſchon ein andermal wieder in Michgel Wohlgemuth's Werkſtatt„unter der Veſte“, und es wird mich freuen Euch wieder zu ſehen und dem Meiſter zuzuführen, deſſen Verehrer Ihr ſeid!“ „Ihr wollt alſo wohl auch ein Maler werden?“ ſagte der Fremde. „Ich hoffe es zu Gott,“ antwortete Albrecht,„da er mir einmal dieſen Drang gegeben, der mir keine Ruhe ließ, obwohl ich mich meinem Vater zu lieb erſt deſſen eigenem Handwerk widmen wollte.“ „Und wer iſt Euer Vater?“ fragte der Andere, in dem der etwa ſiebzehnjährige Jüngling immer größere Theilnahme erregte. Dieſer antwortete:„Der Goldſchmied Dürer. Ich hatte immer die meiſte Freude daran ihm die Riſſe und Zeichnungen zu machen zu ſeinen Werken und viel lieber zu zeichnen als zu hämmern und zu gießen. Da er es aber nicht anders wollte, dacht' ich, ich könne meine Nei⸗ gung bezwingen, und gab mir alle Mühe in ſeiner Wert⸗ 20 ſtatt. Aber zuweilen kam es mir hart an und ich grämte mich ſchier, daß ich darauf verzichten ſollte, ein Maler zu werden. Da bat auch die Mutter den Vater für mich, und er that mich zum Meiſter Wohlgemuth in die Leh⸗ 3 re— und nun hab' ich die doppelte Pflicht etwas Rechtes zu lernen und ein rechter Maler zu werden, einmal weil mir's im Innern eine Stimme immer geſagt, daß für mich kein Heil iſt außer bei dieſer Kunſt, und dann weil es meinem Vater hart angekommen, mich aus ſeiner Werkſtatt und in die fremde Lehre zu thun. Solches ſag' ich mir täglich, und werde nicht müde zu beten und zu arbeiten, damit es mir gelinge!“ „Dann wird es Euch gelingen!“ rief der Fremde und legte ſeine Hand liebreich auf die Schultern des jün⸗ geren Begleiters.„Getragen von echter Begeiſterung für die Kunſt wachſen uns ſelbſt die Flügel, die uns empor⸗ tragen in ihr göttliches Reich. Wie Euch zur Malerei, ſo drängte mich's zur Baukunſt, und Nichts wäre im Stande geweſen mich Ihr zu entziehen. Nicht wie Euch einem Handwerk, dem Prieſterſtande wollte man mich weihen, aber mich drängte es zum Hohenprieſterthum der Kunſt, und ich denk' ihr zu opfern mit reinen und fleißi⸗ gen Händen. Gottesdienſt iſt die Kunſt, und ſelig iſt es ihr zu dienen in rechter Treue, und wenn es ſein muß, ſich ihr zu opfern!“ 24 „Amen!“ ſagte Albrecht Dürer;„Ihr ſprecht mir aus der Seele und es klingt faſt ſo ſchön, als hört' ich meinen Freund Willibald. Aber ich darf nicht länger mit Euch plaudern. Hier an der Brücke bin ich am Ziel, und Ihr ſeid es bald, Ihr braucht nur über ſie zu gehen, dann der geraden Straße zu folgen, dann führt Euch links die dritte Gaſſe an Euer Ziel. Seht hier die Brücke: ſie iſt kunſtvoll gebaut in einem einzigen Bogen nach dem Muſter der Rialtobrücke in Venedig— ich kann nicht hinübergehen, ohne zu wünſchen, auch einmal nach Vene⸗ dig ſelbſt zu kommen. Waret Ihr ſchon dort?“ „Noch nicht,“ antwortete der Fremde,„aber wir werden es ſchon beide einmal ſehen. Doch vorerſt muß man ſich umſehen im deutſchen Land, deutſche Art und Kunſt kennen lernen und bei deutſchen Meiſtern arbeiten, ehe man in's Ausland geht. Da muß man erſt feſt ſein in heimiſcher Kunſt, damit die fremde ſie wohl läutere, aber nicht verderbe und verdränge. Und nun habt Dank, wenn wir jetzt ſcheiden müſſen, vielleicht ſuch' ich Euch bald heim in Meiſter Wohlgemuth's Werkſtatt unter der Veſte, bis dahin vergeßt den Steinmetzgeſellen Ulrich gus Straßburg nicht!“ Um einzuſchlagen in die dargebotene Hand, legte Albrecht Pinſel und Richtſcheit aus ſeiner Hand auf einen 2 der vorſpringenden kleinen Steinſitze an der ſchön ge⸗ ſchnörkelten Hausthür, vor der er ſtand, und ſagte: „Da drinnen im Haus des Rathsherrn Muffel gibt's Treppengeländer anzuſtreichen— da gehört freilich keine Kunſt dazu, noch gibt's etwas dabei zu lernen, aber der Meiſter meint, dergleichen bringe ihm mehr ein als die künſtlichen Gemälde, weshalb er ſolche Arbeit niemals von der Hand weiſt. Seine Knechte aber denken mich zu demüthigen, wenn ſie mich ſo in die Häuſer der Vor⸗ nehmen ſchicken mit gemeiner Arbeit, da ich lieber in der Werkſtatt ſäße und conterfeite. Aber ich denke, es muß Alles geſchehen der Kunſt zu Nutz, und thue es willig. Und nun Gott zum Gruß!“ „Gott zum Gruß, wackerer Jünger der Kunſt!“ ſagte Ulrich;„mir ſei es ein gutes Zeichen, daß gerade ein ſolcher der erſte Nürnberger war, mit dem ich in dieſer edlen Reichsſtadt das erſte Wort gewechſelt, das viele gegeben!“ Ulrich ſchritt über die Brücke und hatte nicht mehr weit zu gehen, da ſtand er vor der Bauhütte zu St. Lorenz, über deren Eingang das Wappen der freien Steinmetzunſt zu Nürnberg prangte: zwei goldene Häm⸗ mer inmitten eines himmelblauen Feldes, zur linken Seite ein Cirkel, zur rechten ein Winkelmaaß. Daneben ragte die prachtvolle Lorenzkirche; die geöffneten Thüren und 23 ein auſſteigendes Gerüſt an der einen Seite zeigte an, daß man auf's Neue an ihrer Verſchönerung arbeitete und neben dem erſten ein zweiter Thurm ſeiner Vollen⸗ dung entgegen wuchs. Aus der Bauhütte klang es von emſigen Meißeln und Feilen fleißiger Steinmeten. ulrich näherte ſich der Thür und ſchlug dreimal daran mit ſeinem Schwert. Asbald öffnete ſich dieſelbe und ein Mann in mitt⸗ leren Jahren trat heraus. In ſeinen langen braunen Bart miſchte ſich das erſte Grau und tiefe Linien liefen über ſeine hohe Stirn. Er trug eine kurze Blouſe ohne Aermel, da er zur Arbeit das kurze Obergewand aus⸗ gezogen und mit einer Lederſchürze vertauſcht hatte. Seine grauen Lederbeinkleider reichten bis zu den Stiefeln von ungeſchwärztem Leder. Um die Hüſten hatte er einen breiten Gürtel, an dem allerlei Werkzeuge hingen. Er muſterte den Anklopfenden mit einem prüfenden Blick, reichte ihm die Hand, nickte befriedigt zu der Art ſeines Händedruckes, und indem er ſein Ohr dem Munde des Fremden näherte, ſagte er: „Gebt das Paßwort.“ Ulrich flüſterte es ihm leiſe in's Ohr. Darauf nickte der Werkmeiſter zuſtimmend, denn das war der Herausgetretene, nahm den Geſellen an der Hand und führte ihn mit ſich in die Hütte, in welche 24 jedem Profanen zu treten verboten war, und die nur dem ſich öffnete, der das Paßwort der freien Maurer zu ge⸗ ben vermochte. Ulrich trat ein und grüßte nach der Sitte aller Wandergeſellen, die eine fremde Bauhütte betraten:„Gott grüße Euch! Gott weihe Euch! Gott lohne Euch! Euch Hbermeiſter Erwiederung, Gruß Euch Pallirer und Euch hübſchen Geſellen!“ „Gott grüße Euch!“ antwortete der Werkmeiſter, „ſeid uns willkommen im Namen der freien Steinmetz⸗ zunft zu Nürnberg!“ und reichte ihm noch einmal die Hand. Dann trat der Pallirer zu ihm, der dem Werk⸗ meiſter als Vorgeſetzter der Geſellen und Lehrlinge zur Seite ſtand. Hatte der Werkmeiſter für die Arbeitver⸗ theilung an die Einzelnen und das Material zu ſorgen, ſo war es das Amt des Pallirers, wie auch ſein Titel ausdrückte, vorzüglich die Verſchönerung der Arbeit zu berückſichtigen. Außerdem hatte Jeder von beiden noch beſondere Obliegenheiten, wie der Beruf ſie mit ſich brachte. Der Pallirer Andreas, welchen Ulrich begrüßte, war dem Werkmeiſter ähnlich gekleidet, aber an Jahren jünger als dieſer, groß und breitſchultrig, eine ſtämmige faſt athletiſche Geſtalt. Sein Geſicht war wettergebräunt 25 und rabenſchwarzes Haar fiel in glatten Strähnen nach hinten zurück. Er reichte dem Ankömmling die Hand und ſagte auch:„Gott grüße Euch, wie wir Euch danken für Euren Gruß.“ Die Geſellen und Lehrlinge alle, die ringsum ar⸗ beiteten und, ſeit Ulrich eingetreten war, ſchon auſgehört hatten durch Meißeln und Feilen Geräuſch zu machen, legten nun alle ihr Werkzeng hin, und Einer ging nach dem Andern auf Ulrich zu, ihn mit Gruß und Hand⸗ ſchlag willkommen zu heißen. Dann hielt dieſer dem Werkmeiſter ſeinen Hut umgekehrt hin und ſagte: „Nun bitte ich um eine Gabe, dann um ein Stück Stein, dann um Werkzeug! Damit helſet mir auf, daß Euch Gott auch helfe.“ Darauf legte der Werkmeiſter, der den Lohn zu zahlen hatte, Geld in den Hut, nicht als ein Almoſen, ſondern als einen Vorlohn, und fragte Ulrich nach ſeinen Zeugniſſen. „Gott danke dem Meiſter und Pallirer und den ehrbaren Geſellen!“ antwortete Ulrich dankend, öffnete ſeine Ledertaſche und holte ein großes gelblich ſchimmern⸗ des Papier heroor. Darauf ſtand mit zierlichen Buchſtaben geſchrieben, daß der Steinmetzgeſelle Ulrich Wüll von ehrlicher Geburt ſei und als Ohlate im Kloſter der Be⸗ nediktiner erzogen; daß er mit fünfzehn Jahren ſich in 1859. XV. Nürnberg. I. 2 26 der Bauhütte zu Straßburg als Lehrling gemeldet und darin aufgenommen worden; daß er vier Jahre als Lehrling gelernt und ſich brav gehalten, darauf die Prü⸗ fung als Geſelle beſtanden in vorzüglicher Weiſe; daß er wohl erfahren ſei in der geweiheten Lehre des Albertus Magnus, vertraut und geſchickt in der Führung des Win⸗ kelmaaßes und Richtſcheites, und daß man gllerlei ſchöne und zierliche Arbeit ihm anvertrauen könne. Und ſo war ſeiner Brauchbarkeit und Sittlichkeit das beſte Zengniß gegeben. Verſehen war dieſe Schriſt mit dem großen Siegel der Hauptbauhütte zu Straßburg, das dieſe Um⸗ ſchrift hatte und inmitten eine Mutter Gottes, auf den Feldern zur Seite Cirkel und Richtſcheit. Der Werkmeiſter erkannte die Echtheit dieſes Do⸗ kumentes. Alsbald wies er Urich einen unbehauenen Stein an, reichte ihm das Werkzeug und hieß ihn daran ein Rrobeſtück ablegen. Ulrich wälzte ſich den ſchon winkelrecht behauenen Stein zurecht und begann daran mit dem Cirkel, Win⸗ kelmaaß und Richtſcheit zu meſſen, und ohne ſich eines Maaßbrettes zu bedienen, das Profil außzureißen nach dem Grundſatz des Achtortes, der bei dem Kirchenbau im Großen wie im Kleinen galt. Der Pallirer ſah ihn dabei aufmerkſam zu, und mancher von den zehn Geſellen und fünf Lehrlingen, die in der Hütte arbeiteten und ihre W vorige Beſchäftigung wieder aufgenommen hatten, ſchiel⸗ ten von der eigenen Arbeit neugierig zu der des neu⸗ angekommenen Baubruders hinüber, und bewunderten ihn ſchon, weil er das Maaßbrett verſchmähte. Einer der Ge⸗ ſellen ſchob ihm ſogar das ſeinige zu, weil er meinte, Ulrich habe nur keines erhalten. Dieſer aber zeigte auf das, welches zu ſeiner Seite lag, dankte dem Geſellen und ſagte:„Wenn ich hier mitarbeite den Bau zu fördern, werde ich auch das Maaß⸗ brett zur Hand nehmen und danach arbeiten, weil da⸗ durch Zeit und Mühe erſpart wird; aber wenn ich ein Probeſtück ablegen ſoll, ſo muß ich zeigen, daß ich mich auf den Grundſatz des Achtortes ſelbſt verſtehe und daß ich ein Maaßbrett in meinem Kopfe trage.“ Der Pallirer nickte beifällig aber ſchweigend dem lächelnd aufhorchenden Werkmeiſter zu. Alle Geſellen ar⸗ beiteten ſchweigend weiter, aber der, welcher ſeinen Platz neben Ulrich hatte, verwendete faſt kein Ange von ihm, ſo weit als die eigene Arbeit es zuließ. Dieſen Steinmetzgeſſellen nannten Alle den blonden Bruder Hieronymus zum Unterſchied von andern die⸗ ſes Namens, denn er fiel überall auf durch ſein üppiges goldglänzendes Haar. Seine Augen waren blau und ſanft, aber es lag doch ein Ausdruck von Energie in ſeinen Zügen, die weder ſchön noch regelmäßig waren, 2* 28 aber doch das Gepräge geiſtigen Adels trugen. Er ge⸗ hörte mit unter die jüngeren Geſellen, obwohl er einige Jahre mehr zählen mochte als Ulrich. Etwa eine Stunde mochte verfloſſen ſein ſeit deſſen Ankunft, als das Mittagsglöckchen läutete. Bei ſeinem erſten Klange legten Alle in der Hütte die Arbeit weg und ſtanden mit gefalltenen Händen ſchweigend da, in⸗ deß der Werkmeiſter ein kurzes Gebet ſprach. Nach deſſen Vollendung, als Alle ſich anſchickten die Hütte zu ver⸗ laſſen, ſagte er zu Ulrich: „Ihr ſcheint ein guter und geſchickter Arbeiter zu ſein und Eure Zeugniſſe lauten günſtig. Heute werdet Ihr müde ſein von der Reiſe, da mögt Ihr der Ruhe pflegen und Euch Quartier ſuchen; aber morgen um fünf Uhr, wenn ſie Morgen läuten von der St. Lorenzkirche, da ſeid in der Hütte zum Frühgebet und zur Arbeit, da wird Euch auch der Hüttenmeiſter empfangen.“ Ulrich dankte und trat aus der Hütte. Draußen aber faßte ihn der blonde Hieronymus unter dem Arm und ſagte:„Quartier brauchſt Du Dir nicht zu ſuchen, Bruder Ulrich, das findeſt du bei mir, wir können die Mahlzeit und das Lager theilen.“ „Vergelt es Dir Gott, Bruder Hieronymus!“ ſagte Urich, denn er hatte vorhin den Namen des Stein⸗ metzen ſchon gehört und gemerkt, weil ſein Träger ihm 29 auch gefiel.„Der große Aeneas Sylvius ſcheint recht zu haben, der Nürnberg eine feine Stadt nennt voll wohlerzogener und gaſtfreier Leute.“ „Das iſt wohl nur gut nürnbergiſch,“ antwortete Hieronymus,„und ich bin ſelbſt ein Nürnberger Kind, aber Baubrüder, mein' ich, ſollen in allen Stücken auch Brüder ſein und miteinander arbeiten und ſtreben in wie außer den Hütten.“ „Ich denke auch ſo,“ antwortete Urich,„und will's Gott, ſo ſoll es Dich nicht gereuen, daß Du mir zuerſt alſo freundlich begegneſt.“ „Meine Wohnung iſt nicht weit von hier,“ ſagte Hieronymus,„in einem Seitengäßlein von St. Katha⸗ rinen.“ Bald war ſie erreicht, und die Baubrüder traten in ein kleines Haus, in dem ſich unten die Werkſtatt eines Formenſchneiders und Rädleinmachers des Meiſter Sebald befand. Oben an der Stiege aber wartete ein altes Müt⸗ terlein, bot den Einkehrenden fröhlichen Gruß und eilte das Mittagseſſen für ſie aufzutragen. „Es langt ſchon für Zwei!“ rief ſie wohlmeinend dem fremden Gaſt entgegen. Zwrites Capitel. Nürnbergs Geſchlechter. Es war ein ſtattliches aber etwas düſteres Haus, in das Albrecht Dürer mit Farbentopf und Pinſel im Dienſt des Meiſters Michael Wohlgemuth geſandt worden war. Im Erdgeſchoß beſand ſich ein Comptvir mit kleinen Fenſtern hinter vorſpringenden, aber künſtlich gearbeiteten Eiſengittern, welche dieſen Räumen ein gefängnißartiges Anſehen gaben. Darin ſaß und arbeitete mit ſeinen Ge⸗ hülfen Herr Gabriel Muffel, der Chef eines großen Handelsgeſchäftes und Genannter des großen Rathes, wie denn ſeine Familie von Alters her zu den edelſten raths⸗ fäbigen Geſchlechtern von Nürnberg gehörte. Die übrigen Räume des Erdgeſchoßes dienten zu großen Waarenlagern, die ihre Vorräthe auch in die ge⸗ räumige Hausflur und den Hofraum erſtreckten, der durch ein Hintergebäude geſchloſen war. Aufſeher und Auflader 3¹ waren hier gleicherweiſe mit Verzeichnen, Schnüren und Auſpacken der Waaren viel beſchäftigt, und Niemand ach⸗ tete auf den jungen Burſchen, der ſich ſeinen Weg durch die Vorräthe bahnte und mit elaſtiſchen Schritten die Stiege hinaufſprang, denn ſeine Sendung lautete in das erſte Stockwerk. Wie lebhaft es unten zugegangen, hier war es ſehr ſtill, und Albrecht wußte nicht, ſollt' er dieſe ſtille Einſam⸗ keit ehren durch leiſes Auftreten und lautloſes Spähen, oder ſollt' er, um ſich bemerkbar zu machen, ſie durch ir⸗ gend einen Laut unterbrechen. Er ſtand in einem Vorſaal mit dunkel gemalten Wänden und mehreren hohen Flü⸗ gelthüren von ſchwerem Eichenholz mit kunſtvollem Schnit⸗ werk und goldenen Leiſten geſchmückt; eben ſo zierte ſchön⸗ geſchnißtes Getäfel die Decke und der Fußboden zeigte nach venetianiſcher Art ein buntes Moſaik; er war mit Gyps übergoſſen und da hinein bunte Steinchen eingedrückt, die oben glatt geſchliffen waren und ſchön geölt glänsten, als wären es köſtliche Edelſteine. Außer der Stiege, die er heraufgekommen, zogen ſich von hier aus noch andere kleine hölzerne Wendeltreppen mit zierlichen Geländern hinab und hinauf, den häuslichen Verkehr zu erleichtern. Nachdem Albrecht nach allen Seiten vergeblich ge⸗ ſpäht und gewartet, ob nicht Jemand kommen möchte, dachte er an Wohlgemuth's Knechte, die ihn wieder roh 32 empfangen und anlaſſen würden, wenn er länger bliebe, als ſie die Dauer der Arbeit berechneten, und daß er ſchon an der Seite des fremden Wandergeſellen mehr Zeit zu dem Weg gebraucht, als der Fall geweſen ſein würde, wenn er ihn allein mit ſeinen gewohnten geflügelten Schritten zurückgelegt. Darum faßte er ſich ein Herz und vochte an die eine Thür, und da dies ohne Erfolg blieb, an eine zweite. Da auch hier Niemand antwortete, ihm aber gleichwohl war, als habe er dahinter ſeufzen hören, öffnete er dieſelbe leiſe und ſchaute in ein ſchmales, aber tieſes Gemach, an deſſen Fenſter eine weibliche Geſtalt an einem eichenen Pulte ſaß und ſchrieb. Albrecht ſtand eine Weile betroffen ſtill. Das Ge⸗ mach ſelbſt erſchien wie ein Muſeum der Kunſt. Der Fuß⸗ boden war mit koſtbaren Teppichen bedeckt, auch die Tapeten an den Wänden waren von gleichen Muſtern kunſtreich gewirkt, die ſchöngeſchnitzten Seſſel mit gelbem Sammt überzogen und die meiſten Tiſche hatten marmorne Plat⸗ ten. Darauf ſtanden allerlei zierliche Geräthſchaſten für den Hausgebrauch, aber alle von funkelndem Silber und Gold. Große Spiegel von venetianiſchem Glas wetteiferten in Glanz mit ihren goldenen Rahmen und mehrere Hei⸗ ligenbilder mit bunten Farben auf Goldgrund gemalt hingen dazwiſchen. Das ſchönſte Bild aber des Zimmers war ſeine Bewohnerin. 33 So ohngefähr hätte Albrecht die Madonna malen mögen. Sie war von mittelgroßer Geſtalt, feinem Wuchs und zartgerundeten Formen. Röthlich blonde Locken um⸗ flutheten von der edlen Stirn herab bis zum blendend⸗ weißen Nacken das edle Antlitz, hinten hielt ſie mit zwei dicken Zöpfen vereinigt ein ſilberner Pfeil zuſammen. Der ganze Schmelz reiner Jungfräulichkeit verſchönte das blen⸗ dende Weiß und das zarte Roth ihres Antlitzes. Aber die blauen Augen ſchimmerten von Thränen und ſchwere Seuf⸗ zer hoben ihren Buſen. Sie trug ein Kleid von dunkel⸗ rothem wollenen Damaſt mit Pufſenärmeln und einem viereckig ausgeſchnittenen Schneppenleibchen. Daran hing eine kleine goldgeſtickte Taſche und ein Schlüſſelbund an ſtählerner, kunſtreich gearbeiteter Kette, zwei Reihen heller Bernſteinperlen umſpielten den Hals. Sie hörte nicht, daß Jemand die Thür geöffnet hatte, aber ſie fühlte, daß die Strahlen fremder Blicke ſie berührten, erſchrocken ſchob ſie die Papiere zuſammen, un⸗ ter denen ſie geſchrieben, und wendete ſich nun erſt zu dem Eintretenden um. „Verzeiht, edle Jungfrau, wenn ich Euch ſtöre,“ ſagte Albrecht,„aber ich bin hierher beſchieden ein Gelän⸗ der anzuſtreichen, und ſand Niemanden mir meine Arbeit anzuweiſen.“ Urſula Muffel— denn die Jungfrau war die einzige 2 34 Tochter des Hauſes— erhob ſich und ſagte:„Kommt Ihr vom Meiſter Wohlgemuth, ſo will ich ſelbſt mit Euch gehen.“ Albrecht bejahte, und während Urſula einen Blick in den Spiegel warf, mit dem angehauchten Taſchentuch über die verweinten Augen fuhr und ein kleinzuſammengefalte⸗ tes Papier in ihrem Kleid verbarg, hatte Albrecht ein ſilbernes Krucifir in die Augen gefaßt, und als Urſula ſich zu ihm umkehrte, ward ſie gewahr, wie er ſich ganz nah auf daſſelbe beugte. „Verzeiht meine Unſchicklichkeit“ ſagte er faſt er⸗ röthend zurückfahrend;„ich wollte nur ſehen, ob ich mich nicht täuſche, daß dies Stück wirklich aus meines Vaters Händen hervorgegangen— und es iſt wirklich ſo, da iſt ſein Zeichen.“ „So ſeid Ihr ein Sohn des wackern Goldſchmieds Albrecht Dürer in der Winklerſtraße?“ verſetzte Urſula, „denn bei dieſem hat es mein Vater mir zum Geſchenk machen laſſen, da ich gefirmelt ward.“ „Ich habe es ſelbſt gezeichnet und gegoſſen, da ich noch in meines Vaters WVerkſtatt lernte,“ antwortete Al⸗ brecht,„und es kann mich ſtolz machen, daß es in ſolche Hände gekommen iſt.“ Indeß ſie ſo ſprachen, ſchritt Urſula voran über eine Flucht kleiner Treppen und Gänge, bis ſie im zweiten — 35 Stock an eine offene Gallerie und eine noch höher füh⸗ rende Freitreppe kamen, an welcher, weil es die Wetter⸗ ſeite über dem Hofraum war, das Holzgeländer ſeiner ehemaligen Farbe ſich beraubt zeigte, welche Albrecht wie⸗ der erneuern ſollte. „Und Ihr ſeid nicht bei dem Handwerk Eures Va— ters geblieben,“ fragte Urſula,„da Ihr doch ſchon ein ſo künſtliches Werk zu Stande gebracht!“ Albrecht ſchüttelte mit dem Kopf:„So fragen mich wohl die Leute immer, und mein Vater ſelbſt meinte, die Zeit ſei mir nun gar verloren, die ich zuvor in ſeiner Lehre zugebracht; aber ich hab' einmal das Zeichnen und Malen nicht laſſen können, und ſcheint es mir leichter je⸗ des andere Opfer, und wär's mein Leben ſelbſt, zu brin⸗ gen, wenn man's fordert, denn daß ich der Kunſt ent⸗ ſagen möchte. Und was ich zuvor ſchon gelernt, das will ich Alles für ſie nützen, damit mir Niemand nachſagen ſn ich habe je meine Zeit mit unnützen Dingen ver⸗ oren.“ Während er das ſagte, knieete er ſchon an dem be⸗ zeichneten Geländer und fing an zu pinſeln. Urſula dachte dabei lächelnd zugleich mit vornehmer Geringſchätzung und weiblichem Mitleid: Armer Junge! das iſt auch eine rechte Kunſt, für die es lohnt ſich zu begeiſtern, hier das Ge⸗ länder anzuſtreichen, eine Arbeit, die ich ſelbſt ganz gut 36 verrichten könnte, wenn mir's nicht um meine ſchönen weißen Hände wäre!— Aber bei dieſem Gedankengang warf ſie einen Blick auf die Hände, die hier den Pinſel führten, und ſah, daß ſie an Weiße und Zartheit den ihri⸗ gen nichts nachgaben, und wie jetzt von obenherein ein Strahl der mittäglichen Sonne vereinzelt durch die Skulptur des vorſpringenden Dachgeländers dringend auf den Schei⸗ tel des Jünglings ſiel und einen Heiligenſchein um ſeine glänzenden Locken wob, indeß er beſcheiden mit freudiger Zuverſicht die niedere Arbeit verrichtete, da erſchien er ihr plötzlich in einem höhern Lichte als vorher, und was ſie auch von ſeinem Kunſtglauben halten mochte, Eines ſchien ihr gewiß: daß ein hohes Streben und ein edles Gemüth in dieſem zarten Jüngling lebte— und daran knüpfte ſich die verzeihliche Selbſtſucht eines eben ängſtlich gefolterten Herzens, ob nicht gerade in dieſem ihr der Himmel den Voten geſandt, dem ſie vertrauen könne, wo ſie eben ver⸗ geblich über einen ſolchen nachgeſonnen und dieſe Un⸗ möglichkeit nicht die geringſte Urſache ihrer Thränen geweſen. Nach einer langen Pauſe alſo, in der dieſe Gedan⸗ ken und Empfindungen ſie bewegt hatten, fuhr ſie plötzlich mit der Frage heraus: „Könnt ihr leſen?“ „Ei freilich kann ich das!“ ſagte Albrecht zugleich ſtolz auf dieſe Kunſt, deren Erlernung damals Manchem, 37 der in minderer Armuth aufgewachſen als er, verſagt war, und auch wieder ärgerlich, daß die Jungfrau bei ihm dieſe Kenntniß zu bezweifeln ſchien. „Könnt Ihr verſchwiegen ſein und wollt Ihr mir einen Dienſt erweiſen?“ fragte ſie weiter mit beklomme⸗ nem Athem. „Beides, wenn Ihr es fordert und ich das letztere wirklich vermag,“ ſagte er beſcheiden. Urſula's Unruhe ſchien zu ſteigen, ihre Wangen glüh⸗ ten höher, ihre Pulſe gingen ſchneller, man ſah es an allen Bewegungen ihres Körpers, hörte es an der noch mehr beklommenen Stimme, mit der ſie ſprach: „Wolltet Ihr, ſtatt hier zu malen, wohl einen Gang für mich thun! Ich habe ſonſt Niemanden, den ich ſchik⸗ ken könnte.“ „Herzlich gern,“ antwortete Albrecht,„ich werde hier ohnehin nicht vor Mittag fertig.“ „Dann kommt in einer Viertelſtunde wieder hinuter in daſſelbe Zimmer, in dem Ihr mich vorhin fandet,“ ſagte Urſula und eilte die Stiege wieder hinab. In ihrem Gemach angelangt zog ſie das Papier wieder hervor, das ſie zu ſich geſteckt, weil ſie es ſonſt nirgend ſicher hielt. Nun mußte ſie es doch von ſich ge⸗ ben und fremden Händen vertrauen. Sie durchlas das ſchöngeſchriebene Brieflein noch einmal, drückte dann ein 38 Siegel von weißem Wachs darauf und ſchrieb die Auf⸗ ſchrift:„An den hochedelgeborenen Herrn Stephan von Tucher.“ Nun zählte ſie die Minuten, bis Albrecht kam, überlegte ſich zehnmal, was und wie ſie es ihm ſagen könnte, ohne vor ihm zu erröthen, und wußte doch keinen Rath, denn zweierlei mußte ja doch immer heraus: daß er ſchweigen mußte und wem er den Brief übergeben ſollte. Endlich kam Albrecht und Urſula fühlte, daß ſie ſich vergeblich vorbereitet hatte, denn ſie war ganz eben ſo um Worte verlegen, wie ſie es vorhin geweſen war. Die Finger zitterten ſichtbar, welche den Brief hielten, und endlich ſagte ſie zu Albrecht: „Eure guten Augen bürgen mir für Eure Verſchwie⸗ genheit— nicht wahr?“ „Was mir anvertraut worden, das plaudere ich nir⸗ mals aus,“ antwortete Albrecht,„und da ich ſehe, daß Euch ſo ſehr an meinem Schweigen gelegen, ſo könnt Ihr Euch doppelt darauf verlaſſen, daß ich das unerwartete Vertrauen einer edlen Jungfrau nicht durch eitles Ausre⸗ den mißbrauchen werde.“ „So nehmt dieſen Brief und tragt ihn zu dem, an welchen die Aufſchrift lautet,“ ſagte ſie— der Name ſelbſt ſchien nicht über ihre ſchönen Lippen zu wollen.„Kennt Ihr ihn?“ fragte ſie dann haſtig, und damit mehr den 39 Zuſtand ihres Herzens verrathend, als wenn ſie den Na— men ſelbſt erröthend und zitternd ausgeſprochen. „Ei, wie ſollt' ich den feinen Herrn nicht kennen!“ antwortete Albrecht.„Aus meines Vaters Werkſtatt iſt manch ein zierliches Silbergeräth für das ſchöne Haus in der Hirſchelgaſſe hervorgegangen, und mein Meiſter hat den Herrn Hans von Tucher ſelbſt conterfeiet in ſeiner Pilgrimstracht, in der er das heilige Land durchreiſt hat; danach hat er auch das Bild ſeines Herrn Sohnes Ste⸗ phan zu malen angeſangen— aber es iſt noch nicht ſertig, weil derſelbe jetzt gar nicht zum Sitzen zu bewegen.“ Urſula horchte hoch auf und ſagte dann:„Nun ſo geht in das ſchöne türkiſche Haus in der Hirſchelgaſſe und ſeht Euch darin um nach dem jungen Herrn. Aber Nie⸗ manden als ihm ſelbſt gebt den Brief, und ſaget auch Niemanden, wer Euch ſendet. Seht, ich hätte ja fürwahr keinen beſſern Boten als Euch finden können; wenn man Euch dort kennt, ſo könnt ihr ja ſagen, daß Euer Meiſter Wohlgemuth Euch ſendet.“ Der Jüngling erröthete vor der zugemutheten Lüge, die der jungen Dame ſehr geläufig ſchien, indeß er ſelbſt ſo ohne Arg und Falſch war, daß auch die kleinſte Lüge ihm ein Verbrechen erſchien. Er ſagte darum halb ver⸗ weiſend: WVill's Gott, ſo geht es ohne Lüge ab. Ver⸗ 40 trauen verdienen und ſchweigen können iſt ein Anderes denn lügen, dazu bin ich nichts nütz.“ „Ihr ſollt es auch nicht,“ ſagte Urſula beſchämt; „wenn nicht im Auſtrag Eures Meiſters, ſo erinnert ihn um meinetwillen daran, daß er ſein Bild ſoll vollenden laſſen“ und wieder erſchrak ſie, daß ſie ſich durch un⸗ vorſichtige Worte verrathen, und fühlte auch, daß es ihr wie Albrecht ginge: das Lügen und Heucheln war ihr auch nicht geläufig.„Und nun geht,“ ſagte ſie nach ei⸗ ner Pauſe,„um 12 Uhr wird er wohl nach Hauſe kom⸗ men, und die Antwort bringt mir, wenn Ihr Nachmittag wieder kommt und hier Euere Arbeit vollendet.“ Es war immerhin kein kleines Opfer, das Albrecht Dürer der Jungfrau Urſula brachte mit dieſem Gange. Da er ihr Verſchwiegenheit gelobt, mochte er auch in ſei⸗ ner Werkſtatt nicht ſagen, daß er ihr Botendienſte ge⸗ leiſtet, woran die Geſellen gewiß weitere Fragen und vielleicht unſaubere Späße geknüpft hätten; wenn ihn aber jett Einer oder der Andere an der Straße gewahrte, noch ehe es Mittag geläutet, ſo traf ihn der gerechte Vorwurf daß er vor der Zeit von der Arbeit gelauſen und wohl noch Schlimmeres gethan als die Zeit ver⸗ träumert habe, wie man ihm denn vorhin ſchon als War⸗ nung mit auf den Weg gegeben. Aber eine Vitte konnte er nimmer abſchlagen, und wo er Jemand helfen und 41 einen Dienſt leiſten konnte, that er es immer ohne an ſich ſelbſt dabei zu denken, am wenigſten vermochte ſein kindlich weiches Gemüth eine Thräne in einem Frauen⸗ auge zu ſehen, ohne gerührt zu werden und den Wunſch zu haben ſie zu trocknen. Hatte er auf den erſten Blick doch die holde Tochter des reichen Hauſes glücklich ge⸗ prieſen, in dem Alles ſtrahlte von Glanz und Pracht, von Wohlleben und Kunſt, und hatte es ihm doch dann ſo weh gethan, daß ſie nicht glücklich ſchien, trotzdem ſie wohl Alles beſaß, was das Leben ſchön und heiter ma⸗ chen konnte. Alſo gab es doch auch Thränen inmitten des Reichthums, und nicht nur die Sorge um das tägliche Brod oder die Sehnſucht nach höherer Ausbildung, die an den Verhältniſſen des materiellen Lebens ſcheiterten, waren es, welche Thränen erpreßten, wie er bisher gemeint. Unter ſolchen Gedanken war er, um ſich weniger der Gefahr auszuſetzen geſehen zu werden, ſo viel als möglich durch kleine Gäßchen und ihm bekannte Durch⸗ häuſer gegangen, welche bei der Nürnberger Bauart üblich waren, als er in die Hirſchelgaſſe kam und das erſt vor wenig Jahren vollendete Tucher'ſche Haus be⸗ trachtete. Der Beſitzer deſſelben, Hans von Tucher, zu den älteſten und vornehmſten Geſchlechtern Nürnbergs gehörig und um ſeiner dem Reich geleiſteten Verdienſte willen vom Kaiſer in den Adelſtand erhoben, hatte, aus dem 1859. XV. Nürnberg. I. 3 42 gelobten Lande von einer Pilgerfahrt dahin zurückgekehrt, dies Haus ganz in türkiſchem Geſchmack erbauen laſſen. Von Außen kennzeichneten es die runde Kuppel in der Mitte und die Rundthürme zu beiden Seiten, und gaben ihm faſt das Anſehen einer Moſchee. Innen war Alles mit vrientaliſcher Pracht eingerichtet, und Albrecht mußte geſtehen, daß gegen dieſen Lurus von gold⸗ und ſilberge⸗ wirkten Teppichen und Tapeten, marmornen und vergol⸗ deten Möbeln ſchwellenden Sammtpolſtern, ſchweren Sei⸗ denvorhängen u. ſ. w. die Einrichtung des Muffel'ſchen Hauſes, die er vorhin bewundert, ärmlich erſchien. Ja hier wetteiferte die Kunſt ſelbſt mit der Natur und bemühte ſich nicht nur vrientaliſche Pracht, ſondern auch orientali⸗ ſche Gewächſe zu entfalten. Im Hofraum befand ſich unter einer runden Kuppel von buntem Glas ein Gebäude, welches einem Feentempel glich. Hohe Palmen und lauter großblätterige und wunderbar blühende Pflanzen wuchſen darin, in muſſiniſch ausgelegten Becken mit klarem Waſſer ſpielten goldene Fiſchlein, und aus zierlichen, von Kupfer getriebenen, aber reich verſilberten Figuren ſpran⸗ gen Waſſerſtrahlen, die Gewächſe benetzend oder in ſil⸗ bernen Becken ſich ſammelnd. Man wies Albrecht dahinein, als er nach dem jun⸗ gen Herrn Stephan fragte, denn hier befand ſich der Geſuchte und betrachtete eine große weiße Blume, die ſich 43 eben aus ihrer dichten grünen Hülle entſalten wollte. In ſeinen Augen ſchimmerte freilich keine Thräne, aber es ſprach finſterer Unmuth daraus, der eben ſo ſehr mit ſei⸗ ner blühenden, zauberiſchlächelnden Umgebung contraſtirte, wie die Thräne Urſula's mit dem Glanz der ihrigen. Stephan Tucher war ziemlich groß und von ſtolzer Haltung, die auch in dem weiten faltigen Gewand ſicht⸗ bar war, das er nach Art der Saracenen trug, um auch den Hausanzug zu dem Hauſe ſelbſt zu paſſen. Sein dunkles Haar war ſorgfältig gepflegt wie der kleine Bart über ſeinen Lippen und duſtete nach köſtlichen Oelen. In ſeinen Angen war das Element eines unruhigen Feuers, das ſie zu zwingen ſchien ſich immer hin und her zu be⸗ wegen und das die hochgeſchwungenen Brauen nicht mil⸗ derten. Seine Naſe war ſtotz gehoben und ein Zug von Eitelkeit ſpielte um ſeine an beiden Seiten aufwärts ge⸗ zogene Oberlippe, unter der große blendenweiße Zähne hervorblitzten. Er galt für einen ſchönen Mann, ſchien das ſehr wohl zu wiſſen und großen Werth darauf zu legen— vielleicht eben deshalb hatte er für den beſchei⸗ denen, ſchwärmeriſchen Albrecht nichts Anziehendes. Er grüßte höflich, eilte ſogleich auf Stephan zu, der den Gruß nicht erwiederte, ſondern den Eintretenden allein mit einer Miene anſah, als wolle er fragen: wer ſo unverſchämt ſei ihn zu ſtören? und die Worte wür⸗ 4⁴ den wohl auch gefolgt ſein, wenn nicht Albrecht ſie ab⸗ geſchnitten, indem er ſagte:„Verzeiht, Herr, aber nur wenn ich Euch gatz allein fände, ſollt' ich dies Brieflein in Euere Hände legen.“ Ohne ein Wort der Erwiederung nahm es Stephan und löste mit Haſt das Siegel, ſo daß das feine Papier daneben zerriß. Mit flammenden Blicken las er: „Hochedelgeborner, vielgeliebter Herr! Wenn Euere Minne der meinigen an Größe gleicht, ſo könnet Ihr harren und aushalten in Geduld, bis daß die Zeit oder die Heiligen uns helfen den ſtozen Sinn der Väter ver⸗ ſöhnen. Laßt um meinetwillen nicht Feindſchaft werden zwiſchen Euch und Eurem Vater. Nie werde ich einen andern Mann minnen denn Euch, aber fahret Ihr fort in mich zu dringen das Gebot Gottes und der Menſchen zu übertreten, ſo muß ich in ein Kloſter flüchten und den Schleier nehmen, denn auch ich bin zu ſtolz die Schwie⸗ gerin eines Mannes zu werden, der in mir nur die En⸗ kelin eines Hingerichteten verachtet. So vermelde ich Euch meinen Gruß und bleibe Euere vielgetrene Urſula.“ Getäuſchte Erwartung, Leidenſchaft und Zorn lo⸗ derten in Stephan auf er war in einer furchtbaren Er⸗ regung und gab ſich keine Mühe dieſelbe zu verbergen. Er ſtampfte mit den Füßen und lief wie ein wüthend eingeſperrtes Raubthier in ſeinem Käfig hin und her. Albrecht's Gegenwart ſchien er ganz vergeſſen zu haben. Endlich fuhr er ihn an: „Du biſt ein Betrüger! wer gab Dir dieſen Brief?“ Albrecht ſchlug die Augen verwundert auf im Be⸗ wußtſein ſeiner Unſchuld und ſagte:„Den Brief gab mir Jungfrau Urſula Muffel mit eigener Hand und war da⸗ bei ſehr ängſtlich, daß es Niemand erführe.“ „Es iſt ihre Hand!“ ſagte Stephan zu ſich ſelbſt, „aber wer biſt Du? Du gehörſt nicht zu den Dienern ihres Hauſes, aber ich habe Dich ſchon irgendwo geſehen; Du wirſt meiner Rache nicht entgehen, wenn Du nmich belügſt!“ „Herr!“ antwortete Albrecht mit edler Gluth und entſchloſſen keinen unwürdigen Verdacht zu dulden:„Ich kann Eurem Gedächtniß gern zu Hilfe kommen; ich heiße Albrecht Dürer und bin Lehrling beim Meiſter Wohlge⸗ muth unter der Veſte, der Euch begonnen hat zu con⸗ terfeien, in ſeiner Werkſtatt habt Ihr mich geſehen. Heut' habe ich im Hauſe des hochedlen Rathsherrn Muffel zu malen, da hatte Jungfrau Urſula beſſeres Vertrauen zu mir denn Ihr, und da ſie einen Boten brauchte zu Euch, auf deſſen Treue und Schweigen ſie bauen mochte, hat ſie mich erwählt. Den Brief hat ſie vor meinen eigenen Augen geſiegelt, von ihrem Schreibpult genommen und dabei geweint wie ſchon vorher. Sie hat mir auch ge⸗ 46 heißen ihr Nachmittag Antwort zu bringen. Und da ich von dem Gemälde geredet, das Meiſter Wohlgemuth von Euch begonnen, hat ſie geſagt, Ihr möchtet es bald voll⸗ enden laſſen.“ Während Albrecht ſprach, hatten Stephan's Augen wieder auf dem Briefe geweilt, und es war als betrachte er ſeine Zeilen nun im mildern Lichte.„Antwort ſollſt Du hringen?“ fuhr er jetzt empor,„wozu Antwot? Doch ja! bring' ihr dieſe.“ Er riß die ſchöne weiße Blume ab, die er vorhin betrachtet hatte, und pflückte dann eine der dunkelſten Purpurblüthen eines Granatbaumes, gab beide in Albrecht's Hand und ſagte:„Bringe ihr die Blumen als Antwort und ſag' ihr: die rothe gleiche mei⸗ ner Empfindung und die weiße der ihrigen.“ Albrecht nahm die Blumen und wollte gehen. Da beſann ſich Stephan doch noch, daß er ſich voll roher Rückſichts⸗ loſigkeit gegen die Briefſenderin wie gegen ihren Boten benommen— und wollte Beides durch eine neue Rohheit gut machen. Er nahm ein Goldſtück aus ſeiner Taſche, gab es Albrecht, der es erſt nahm, weil er dachte, er ſolle vielleicht damit noch einen Auftrag vollziehen, und ſagte: „Hier, damit Du ſchweigſt und keinem Menſchen ein Wort von dieſem Botengange ſagſt.“ Albrecht legte das Goldſtück raſch auf den nächſten Blumenſtock, als ſei es glühend, und es ſchien, als jage 47 es auch ſolche Glut in ſein Geſicht. Mit bebender Stim⸗ me rief er:„Um Gold thue ich weder das Rechte noch das Unrechte. Ich habe Jungfrau Urſula verſprochen zu ſchweigen, da könnt Ihr ruhig ſein.“ Und während der arme Lehrling hoch aufgerichtet hinausſchritt, weil er trotz all' ſeiner Armuth eine Demüthigung abgeworſen und das Gold nicht genommen, das ihm in anderer Weiſe ſehr willkommen geweſen, da er oft an dem Nöthigſten Mangel litt und ſich dafür ſchönes Werkzeug hätte kaufen können, blieb der reiche Patrizierſohn zerfallen mit ſich ſelbſt, mit ſeiner Familie, der Geliebten und darum mit der ganzen Welt in ſeinem prächtigen türkiſchen Kiosk zurück, und verwünſchte dieſe Pracht, weil ihm nicht vergönnt war die ſchönſte Blume hineinzuverpflanzen, die unter Nürnbergs Jungfrauen ihm erblüht war. Und es war nur ein leidiges Vorurtheil ſeines ſtol⸗ zen Vaters, das ihn ſo unglücklich machte. Sein Vater war ſeit ſeiner Rückkehr aus dem hei⸗ ligen Lande Looſunger des großen Rathes, wie denn überhaupt ſeit einiger Zeit in der Nürnberger Verfaſſung der Mißbrauch eingeriſſen war, daß nur aus den Ge⸗ ſchlechtern der Holzſchuher und Tucher die Looſunger hervorgingen. Werfen wir, um dies und weiter Folgendes zu er⸗ klären, einen Blick auf die Nürnberger Verfaſſung. Schon ſeit 1249 war Nürnberg zur freien Reichs⸗ ſtadt erhoben worden und eine Urkunde Friedrichs II. beſtätigte ihr das Recht: keinen andern Schutzherrn zu haben als die römiſchen Könige und Kaiſer. Die Stadt hatte das Recht, ſich nach einer ſelbſtgegebenen republika⸗ niſchen Verfaſſung ſelbſt zu regieren, und verdankte dieſer gleich andern Städten des Mittelalters ihre Blüthe. Das Stadtregiment beſtand in einem großen und in einem kleinen Rath. Der erſtere ward aus den vornehmſten Bürgern der Stadt gewählt, welche darum den Namen der„Genannten“ führten. Der kleine Rath, der das eigentliche Stadtregiment führte, ward mit zweiundvierzig Männern beſetzt, wovon vierunddrei⸗ ßig aus den edlen rathsfühigen Geſchlechtern und acht aus der Gemeine gewählt wurden. Jene vierunddrei⸗ ßig theilten ſich in acht alte Genannte und ſechsund⸗ zwanzig Bürgermeiſter, von denen dreizehn geſchworne Schöffen waren. Von den Bürgermeiſtern war ein Jahr hindurch abwechſelnd ein junger und ein alter Bürger⸗ meiſter im Amt. Von den alten Bürgermeiſtern wurden ſieben als oberſte Regenten ausgewählt, die ſieben äl⸗ teren Herren(Septemviri). Aus dieſen wurden drei oberſte Hauptmänner(Friumviri) und von dieſen wieder zwei zu Schatzmeiſtern(Puumviri) ernannt, welche auch die Lvoſunger hießen, weil ſie die Lvoſung 49 (Steuer) zu verwalten hatten. Der älteſte dieſer Lvoſun⸗ ger(denn dieſer Name war zu unſerer Zeit der gebräuch⸗ liche) im Amt ward als der Vornehmſte und Oberſte im ganzen Rath geachtet. Dieſe Looſunger ſtanden im höchſten Anſehen, ihnen waren alle Schätze der Stadt anvertraut, ſie hatten alle Einnghmen und Ausgaben zu beſorgen und die auswärti⸗ gen Amter mußten ihnen Rechnung ablegen. Zu alten Genannten wurden meiſtens nur ſolche Perſonen ge⸗ wählt, deren Verwandte ſchon im Rathe und Bürger⸗ meiſter waren, da ſie dann während deren Lebensdauer nicht zur Würde eines Bürgermeiſters oder zu einem andern höheren Grade gelangen konnten. Sie hatten im kleinen Rath ihre Stimme zuletzt, und nur wenn die Frage bis zu ihnen reichte, abzugeben. In den kleinen Rath konnten übrigens nur ſolche gewählt werden, die zu den alten Geſchlechtern gehör⸗ ten, ſo nannte man diejenigen Nürnberger Bürger, oder vielmehr Patrizier, deren Ahnen und Urahnen auch in Regiment geweſen. Fremdlinge und das gemeine Volk, wie die Verfaſſungsurkunde ſich ausdrückt, hatten keine Gewalt. Nur ausnahmsweiſe wurden auch ſolche, welche erſt ſeit kurzer Zeit nach Pürnberg gekommen, als beſondere Aus⸗ zeichnung, ſowie Einheimiſche ihrer Geburt und ihres Stammes wegen in den Rath aufgenommen; doch konn⸗ ten ſie es nicht höher als bis zum jüngern Bürgermei⸗ ſter bringen. Wenige Geſchlechter nur waren es, deren Sprößlinge es bis zum alten Bürgermeiſter bringen konnten; noch wenigere waren es, woraus die ſieben alten Herren, ſehr wenige, aus denen die Hauptmänner, und am wenigſten, woraus die Looſunger gewählt werden konnten. So war es denn endlich dahin gekommen, daß lange Zeit hindurch nur die Holzſchuher und Tucher dieſer Würde theilhaft waren. 1469 war noch Niclas Muffel Looſunger und lange Zeit einer der geachtetſten Männer geweſen, bis es plötzlich an den Tag kam, daß er öffentliche Gelder ver⸗ untreuet hatte. Um ein Beiſpiel zu geben, ward er in ſtrenger Haft gefangen gehalten und dann hingerichtet. Er hinterließ fünf Söhne, die vier älteſten wanderten aus, der jüngſte Sohn Gabriel aber blieb, um das Geſchlecht fortzuſetzen. Gabriel Muffel gehörte nun auch zu den Ge⸗ nannten des großen Rathes, und hatte es ſich angelegen ſein laſſen, die Schmach vergeſſen zu machen, die durch ſeinen Vater auf ſein Geſchlecht gekommen. Waren doch nun zwanzig Jahre ſeit jenem Unglückstag verſtrichen, bisher hatte ihn auch wirklich Niemand daſſelbe entgelten laſſen. Jetzt war er ſeit einigen Jahren Witwer und 51 hatte nur ſeine Tochter Urſula bei ſich, die eben an je⸗ nem unglücklichen Erichstag, da ihr Großvater gerichtet ward, zur Welt gekommen. Sie hatte nur noch einen Bruder, der ſich jetzt bei einem Oheim in Mailand in der Lehre befand, um ſpäter das Geſchäft des Vaters zu übernehmen. ürſula Muffel war nicht nur eines der ſchönſten, ſondern auch der klügſten Mädchen von Nürnberg. Ge⸗ ſchwiſterlos aufgewachſen und früh der Mutter beraubt, hatte ſie gleich mancher Jungfrau Nürnbergs an wiſſen⸗ ſchaftlicher Bildung Gefallen gefunden. Sie konnte nicht nur leſen und ſchreiben, ſondern verſtand auch italieniſch und lateiniſch, und war in manchen Stücken von ihres Vaters Geſchäft wohl erfahren, ſo daß ſie ihm auch im Rechnen und Brieſſchreiben vft beizuſtehen pflegte. Dabei war ſie beſcheiden und ſittig und auch in allen weiblichen Künſten wohl geübt. Sie hatte die oberſte Leitung des Hausweſens, und die Ordnung und Anmuth, die ſie darin zu verbreiten wußte, legte ſie auch an ihrer zierlichen Kleidung an den Tag. Stephan Tucher, nur eben erſt von weiten Reiſen zurückgekehrt, hatte ſie an einem Oſterfeiertag geſehen bei einem Feſte der patriziſchen Geſchlechter, und da war es ganz von ſelbſt gekommen, wie es immer kommt: daß das Paar ſich ſchnell zuſammengefunden und nur Aug' und Ohr für einander gehabt hatte. Stephan Tucher war ſtolz gleich ſeinem Vater und wachte ſelbſt eigenſinnig über ſich, ſeiner Patrizierwürde nichts zu vergeben. Aber Urſula Muffel gehörte zu einem alten Geſchlechte. Ohne Gefahr für das Anſehen des ſei⸗ nigen meinte er ſich ihr nähern und ſich mit ihr ver⸗ bünden zu können. Das Feuer ſeiner Leidenſchaft entzün⸗ dete die ihrige und führte ihn bald zu einer zärtlichen Erklärung, welche die ſüßeſte Erwiederung fand. Ehrſam warb er ſogleich bei ihrem Vater um ihre Hand, gewiß, daß er, der Sohn des vornehmſten und reichſten Ge⸗ ſchlechtes von Nürnberg, freudige Einwilligung erhalten werde. Sie ward ihm auch, natürlich mit dem Zuſatz: wenn auch Herr Hans von Tucher zufrieden ſei und nicht ſchon anders über die Hand ſeines Sohnes verfügt habe, was damals oft Brauch war. Stephan erklärte ſtolz, daß er nie einen ſolchen väterlichen Zwang erdulden werde, ihn auch gar nicht zu fürchten habe, und eilte eben ſo zuver⸗ ſichtlich zu ſeinem Vater, ihn um ſeinen Segen zu bitten. Da der alte Rathsherr aber den Namen Urſula Muffel hörte, verwandelte ſich das freundliche Beifalls⸗ lächeln, das er erſt für den Sohn gehabt, da dieſer nur von Verlobung ſprach mit einer ſchönen Tochter aus ei⸗ nem der achtundzwanzig Geſchlechter Nürnbergs, in ſpöt⸗ 53 tiſches Zucken von ſtrafenden Zornesblicken begleitet, und hämiſch antwortete er: „Ich muß zu Dir ſagen, wie vor dreißig Jahren Markgraf Albrecht zu Niclas Muffel ſagte:„Du Muf⸗ felmaul, ſo lange haſt Du gemuffelt, bis Du das heraus gemuffelt haſt!“ Zehn Jahre darauf ward dieſer Niclas Muffel, der ſo lange Looſunger geweſen, verurtheilt und gerichtet wie ein gemeiner Betrüger— und er war ſchlim⸗ mer als ſolcher, denn er ſtammte aus einem edlen Ge⸗ ſchlecht und war das Haupt dieſer Stadt, die er ſchänd⸗ lich betrog und auf die er Schande brachte im Reich, weil man draußen ſagen konnte: die Nürnberger laſſen ſich die klügſten und rechtſamſten Leute ſchelten, und ein Haupt ihrer Stadt betrügt ihre Bürger. Darum half es Nichts, daß Fürſten und Herren, ja der Kaiſer ſelbſt Fürſprache einlegten für den Verbrecher: er mußte gerich⸗ tet werden, damit ſein Blut den Rath und die Geſchlech⸗ ter wieder rein waſche von der Schmach, die er auſgehäuft. Und nun denkſt Du das Geſchlecht der Tucher mit dem der Muffel zu verbinden?— das wird nie geſchehen!“ Vergeblich bemühte ſich Stephan dem Vater zu be⸗ weiſen, daß weder Gabriel Muffel noch einer ſeiner Brü⸗ der betheiligt geweſen ſei an der That des Vaters, und daß ſowohl die Tucher ſelbſt mit allen andern Geſchlech⸗ tern das beſtätigt hätten, indem Gahriel Muffel zu den 54 Genannten des großen Rathes gehöre und alle Ehren genöße, die ſeinem Geſchlecht zukämen. Der alte Looſun⸗ ger blieb bei ſeiner Weigerung: daß er nie die Enkelin eines Hingerichteten in ſeine Familie aufnehmen werde, und da der Sohn verſuchte ihm Widerſtand entgegen zu ſetzen und bei Urſula und ihrem Vater Ausflüchte ſuchte, ihnen noch die verweigerte Einwilligung ſeines Vaters zu verbergen, ging der ſtolze Lvoſunger ſelbſt ſo weit, als er Gabriel Muffel auf dem Rathhaus begegnete, zu ſagen: er möge die Ehre ſeiner Tochter behüten, wie er die ſeines Sohnes, denn zu einer Verbindung beider werde er nie ſeine Einwilligung geben. Im Zorn erwiederte Gabriel Muffel die Beleidigung des Hochfahrenden in gleich roher Weiſe, wie ſie in je⸗ ner Zeit gebräuchlich war, und heimkehrend verwehrte er ſeiner Tochter jeden Umgang mit Stephan Tucher und erklärte ihr, daß ſie ihm für immer entſagen müſſe. Die Liebenden fanden dennoch Gelegenheit ſich einander heim⸗ lich zu ſehen, ihre Liebe und ihr Leid einander zu er⸗ klären. Stephan ſprach von Flucht und Entführung und vermochte oft den Ausbrüchen ſeiner glühenden Leidenſchaft nicht zu wehren— aber die ſittige Jungfrau vermochte es, und um ſich ſelbſt zu ſchützen und dem Willen ihres Vaters zu gehorchen, ſchrieb ſie jenes Brieflein, für das ſie keinen andern Poten fand als Albrecht Dürer. Prittes Cnpitel. Die Baubrüder. Man hat es dem Chriſtenthun mit Unrecht zum Vorwurf gemacht, daß es durch den transcendentalen Charakter, den es im Gegenſatz zu dem Hellenismus an⸗ nahm, die Kunſt vernichtete. Wohl trat es gegen das Beſtehende polemiſch auf wie jede Neuerung, alſo auch polemiſch gegen die beſtehende Kunſt, ſeine vorwiegende Geiſtigkeit verwarf die vorwiegende Sinnlichkeit der An⸗ tike, aber es ſchuf dadurch eine neue Kunſt, die in neuen Formen das Unendliche im Endlichen darzuſtellen, oder doch zu verkünden, dazu zu erheben ſtrebte. Als das Chriſtenthum eine Macht zu werden be⸗ gann, waren ohnehin im Abendlande der Sinn für ſchöne Kunſt und der gute Geſchmack gleichzeitig im Abſterben, und es bedurſte nicht des verrufenen angeblichen Van⸗ dalismus der Germanen, um die Kunſt von den Uiber⸗ lieferungen des Alterthums in mittelalterliche Rohheit zu verſenken. Allerdings hauſten die Germanen arg bei ihren Grenzfahrten: aber das Siechthum der abgelebten roma⸗ niſchen Welt war der Kunſt kaum minder ungünſtig als die germaniſche Rohheit. Die Kirche trat in's Mittel der armſelig gewordenen Kunſt, wo ſie aus der römiſchen Zeit fort vegetirte das Leben zu friſten und bei den ger⸗ maniſchen Völkern zunächſt den Sinn und Eifer für die kirchlichen Bauten und deren Verzierung zu wecken und die rohen Hände zunächſt an techniſche Arbeit zu gewöh⸗ nen. Wohl ſchien es nach dem Untergange Roms, als wären auch Kunſt und Wiſſenſchaſt demſelben Untergange geweiht. Die Hand am Schwert ſtanden die Völker ſich gegenüber, einander ihre Rechte mit blutiger Schriſt be⸗ weiſend und abtrotzend. Lärm nnd Verheerung bezeichnete die Schritte der Sieger, die letzten Tage der Kunſt ſchie⸗ nen gekommen. Da thaten die Klöſter und geiſtlichen Stifte ihre Thore auf und nahmen die verſcheuchte Him⸗ melstochter in ihren Schutz. Die Kunſt wurde von den Mönchen für eine göttliche Gabe erkannt, als ein Mittel das Göttliche mit dem Menſchlichen zu verbinden und dieſes durch jenes zu veredeln. uf Faſt alle Mönche des ſechsten und neunten Jahr⸗ hunderts, beſonders die Benediktiner trieben die Baukunſt und bildeten Schüler derſelben. Sie zogen dann auch 57 Laien hinzu, zunächſt die in dem Kloſter erzogenen Kin⸗ der, Oblaten, dann die Hörigen der klöſterlichen Stiſter und endlich auch andere Laien, die ſich der Baukunſt wid⸗ men wollten. Auf dieſe Weiſe ſind die Baubrüder⸗ ſchaften entſtanden. Das Mittelalter begehrte Genoſſen⸗ ſchaft in jeglicher Werkthätigkeit, und der Innungsgeiſt mag ſchon in der Zeit auſgekommen ſein, wo die Laien noch als Hilfsgenoſſen der Mönche arbeiteten. Doch erſt die Ablöſung der Laienbauleute von der klöſterlichen Dienſtmannſchaft gab den Baubrüderſchaften den Charak⸗ ter künſtleriſcher Selbſtändigkeit, den Kunſteifer und das hohe Selbſtgefühl, woraus die Wunderwerke der gothiſchen Baukunſt entſtanden ſind. Die Baubrüderſchaften wurden von den Päpſten beſonders aufgemuntert und durch mehrere Bullen mit gewiſſen Freiheiten und Privilegien verſehen, daher ihr Name freie Maurer. Sie waren unter den beſondern Schutz der verſchiedenen Landesherren und von allen öffentlichen Laſten befreit. Ungehindert wanderten ſie von einem Lande zum andern, wohin immer ſie zur Auffüh⸗ rung großer Bauten beruſen wurden. Sie hatten ihre eigenen Geſetze und eine faſt militäriſche Disciplin; alle Potentaten gaben ihnen Freiheiten und geſtatteten ihnen ſich ſelbſt zu regieren, ihre Gebräuche und Ceremonien zu beobachten. Daran erkannten ſich auch die fremden 1859. XV. Nürnberg. 1. 4 58 Baubrüder untereinander, wie ſie denn auch nur dieſen verſtändliche Symbole, Zeichen und Chiffren hatten, um Profanirung ihrer Wiſſenſchaft zu verhindern. Wo ſie ſich zu einem Bau niederließen, ſchlugen ſie in der Nähe deſſelben ihr Lager auf und nannten dieſe Werkſtätte: Hütte. Deutſche Baumeiſter bauten überall von den Zeiten Karl's des Großen an bis zu denen der Habsburger Friedrich's III. und Max l. Um dieſe Zeit gab es vier Haupthütten in Deutſchland: zu Cöln, Regensburg, Wien und Straßburg. Für die Nürnberger Hütte oder Stein⸗ metzzunft, wie denn dergleichen faſt in allen deutſchen Städten, wo kirchliche Bauten aufgeführt wurden, errichtet worden, war Straßburg die Haupthütte, wie denn der Maurerhof zu Straßburg als oberſte Behörde aller Hütten⸗ angelegenheiten erwählt ward. So viel nur voraus von der Geſchichte der deutſchen Bauhütten, ihr Zuſtand und der Geiſt ihrer Mitglieder zur Zeit unſerer Erzählung wird ſich in Verlauf derſelben entwickeln. Als Ulrich Hieronymus in ſeine Wohnung begleitet und dort deſſen einfaches Mahl getheilt hatte, wiederholte dieſer ſein Anerbieten, dieſelbe für immer mit dem neuen Ankömmling zu theilen. Sie beſtand freilich nur aus ei⸗ nem einzigen, nicht breiten, aber tieſen Gemach, in deſſen 59 Hintergrund ein Strohlager aufgeſchichtet war, neben dem ſich, wie Hieronymus bemerkte, allerdings noch Raum zu einem zweiten wies. In der einen langen Wand befand ſich ein Schrank, der durch Hieronymus' Sonntagskleider auch nur ſehr gering gefüllt war, ein paar hölzerne Seſſel und Tiſche, auf welchen Zeichnungen und Riſſe nebſt Zir⸗ kel und Zeichnenmaterial lagen, bildeten das übrige Zim⸗ mergeräth. Die kleine alte Frau, die ihm das Eſſen bereitete, begrüßte er als ſeine Mutter. Sie hatte Niemanden mehr als dieſen einzigen Sohn auf der Welt, und da er jetzt wieder nach Nürnberg zurückgekehrt war und auf lange Zeit bei den Verſchönerungen an der Lorenzkirche Arbeit hatte, ſo hatte er für ſich und ſie dieſe Wohnung im Haus des Rädleinmachers Sebald gemiethet, deſſen Ge⸗ ſchäft etwas zurückging und der darum, was ein Nürn⸗ berger Meiſter ungern that, fremde Leute in ſein Haus nahm. Die Mutter Hieronymus' hatte noch ein kleines Gemach für ſich, das eine Herdſtelle, wo ſie für den Sohn kochte, und ihre Schlafſtätte in ſich vereinigte. Dort ſaß ſie meiſt und ſpann, weil ſie ſich von ihrer Hände Arbeit ernähren mußte. „Wir ſind zwar alle Brüder,“ ſagte Hieronymus zu Ulrich,„und ein Streben beſeelt uns Alle, ein ge⸗ meinſames Vand verbindet uns Alle; aber es iſt doch ein 4* 60 Anderes, ob der Geiſt unſerer Lehre in uns lebendig ge⸗ worden oder nur ihr Buchſtabe, ob wir die Sache ſelbſt erfaſſen oder nur das Symbol— nur einen ſolchen Bru⸗ der möcht' ich immer um mich haben, und weil mich dünkt, ich habe ihn in Dir gefunden, ſo möcht' ich Dich immer um mich haben.“ Ulrich drückte nach dieſen Worten Hieronymus leb⸗ haft die Hand und ſtagte:„Aber wodurch biſt Du über mich zu einem ſo günſtigen Schluß gekommen?“ „Wie Du das Masßbrett verſchmähteſt,“ antwortete Hieronymus,„erkannt' ich, daß Du kein gewöhnlicher Steinmetzgeſelle warſt, nicht nur daß Du genug Augen⸗ maaß und Geſchicklichkeit beſaßeſt, es entbehren zu können, ſondern daß Du den Muth hatteſt, bei einem erſten Pro⸗ beſtück vom Gewöhnlichen abzuweichen. Und ich bewun⸗ derte Dich um ſo mehr, als ich erfuhr, daß Du eben erſt ermüdet von der Wanderſchaft kamſt.“ „Darum iſt mir ja auch heute zu ruhen geſtattet,“ antwortete Ulrich,„und ich werde von dieſer Erlaubniß Gebrauch machen und die müden Glieder auf Deinem Lager ausſtrecken, damit ich, wenn Du aus der Hütte kommſt, mit Dir die Stadt durchwandern kann, die mich anzieht wie keine andere deutſche Stadt. Ich hoffe denn alſo gleich Dir, daß wir als rechte Brüder zuſammen 64 leben, und wenn ich Deine Wohnung theile, ſo theilſt Du meinen Lohn mit mir.“ Hieronymus mußte bald ſcheiden, denn wer nicht zur rechten Zeit in der Hütte war, bekam Abzug an Tagelohn, und eine härtere Strafe als dieſer Verluſt war die damit verbundene Mißbilligung. Als er beim Abendläuten zurückkam, fand er den neuen Kameraden am Tiſch ſitzen und zeichnen. „Schon beſchäſtigt?“ fragte Hieronymus,„ich glaubte, ich würde Dich erſt wecken müſſen.“ „Ich habe geſchlafen,“ antwortete Ulrich,„drei auch vier Stunden vielleicht, länger hielt ich's nicht aus, das war genug geruht von der Wanderſchaft. Und wie ich die Augen wieder aufſchlug und mich beſann, wo ich war, lockten mich dieſe Zeichnungen, ich wollte Dich da⸗ durch kennen lernen! Haſt Du das Alles ſelbſt gemacht?“ „Sonntags, in meinen Muſeſtunden,“ antwortete Hieronymus;„iſt etwas darunter, das Dir gefällt?“ „Ja, dies hier,“ ſagte Ulrich, indem er einen Bogen Papier auseinander rollte. Wenn auch mit ziemlich rohen Strichen, ſo ſah man doch an den darauf gezeichneten Figuren, daß ſie ein jüngſtes Gericht vorſtellten, wo un⸗ ter den Verdammten ſich auch eine ſtürzende Geſtalt be⸗ die nach der vor ihr fallenden dreifachen Krone angte. Hieronymus ſagte:„Das iſt die Zeichnung eines großen Steinbildes, das ſich am Münſter von Bern am Haupteingange im Weſten befindet. Darunter ſtehen in kleinen Säulenniſchen zu beiden Seiten der Hauptpforte auf der einen die fünf klugen, auf der andern die fünf thörichten Jungfrauen, erſtere im bloßen Haarſchmuck, letztere mit lauter hochprieſterlichen Kopfbedeckungen beklei⸗ det. An dieſem Portale bin ich zuletzt mitbeſchäftigt ge⸗ weſen. Noch iſt der Bau des Münſters dort nicht voll⸗ endet, aber da ich hörte, daß es in meiner Vaterſtadt Arbeit gebe, kehrte ich hierher zurück, um ihr meine Kraft zu widmen.“ Urrich lächelte beifällig und ſagte:„Ich ſehe, wir verſtehen uns; auch ich habe ſchon da und dort ſolch' ein Wahrzeichen zurückgelaſſen, der Welt zu verkünden: daß wir Diener ſind der göttlichen Kunſt, Diener des Höch⸗ ſten, deſſen Tempel wir bauen, aber daß wir nicht blinde Werkzeuge ſind dieſer Menſchen, die ſich ſelbſt Kirchen⸗ diener nennen, aber zumeiſt nur ſich ſelbſt dienen; daß unſer Hohenprieſterthum der Kunſt ein höheres iſt denn das der Kirche, und daß wir freie Maurer ſind, nicht arbeitende Knechte!— Wie lange warſt Du in der ſchö⸗ nen Schweiz?“ fragte er, ſich ſelbſt unterbrechend. „Drei Jahre hab' ich dort gearbeitet,“ antwortete Hieronymus;„es war eine große Zeit! Die Schlachten 63 von Granſon und Murten hab' ich mit erlebt! Da wir in Bern die Kunde von dem Sieg der Eidgenoſſen über den ſtolzen Burgunderherzog empfingen— es war vor zwei Jahren am dreiundzwanzigſten Juni, dem Tage nach der Schlacht— läuteten die Glocken des Münſters, an dem wir noch bauten, zum ſchönſten Siegesfeſt, drängten ſich Tauſende in ihn hienein zum jubelnden Dankgebet. Eine große Seelenmeſſe ward darin gehalten für die fünßzehntauſend Erſchlagenen, deren Gebeine nun im Bein⸗ haus von Murten ruhen, ein Denkmal für alle Zeit, daß Gott mit dieſem freien Landvolk ſtreitet, dem er die Al⸗ pen als Hochwächter der Freiheit geſett hat, und die Gletſcher, daß die Tyrannei auf ihnen ausgleite und ſich nimmer erhalten könne. Wahrlich! ich habe Großes ge⸗ ſehen und erlebt in dieſen Tagen, und ſeit ich die Frei⸗ heit dieſes einfachen Hirtenvolkes geſehen, das, wie es auch zuweilen ſelbſt in Kleinlichkeiten verfinkend unter⸗ einander hadern mag, doch gleich die kleine Eiferſucht und den nachbarlichen Streit vergißt und vereinigt, groß und ſtark auſſteht gegen den Unterdrücker von Außen, mag er mit noch ſo ſtolzer Macht ſich nähern— ſeitdem erſcheint mir das reichsſtädtiſche Weſen hier recht klein⸗ lich und eingeſchrumpft, und auch dafür wie für den Ver⸗ fall der Kirche kann die Kunſt allein mir Troſt gewähren.“ ulrich ſagte:„Ich war zur ſelben Zeit in Straß⸗ hurg, und auch unſer Maurerhof feierte den großen Sieg in der Hütte wie im Münſter. Das Jahr darauf erſchien in Straßburg ſelbſt, aber von einem Schweizer Hans Eberhard Tüſch verfaßt eine Erzählung des Feldzugs Karl's des Kühnen gegen die Schweizer, die von Allen, die leſen können, mit Begierde geleſen ward.“ „Aber ein weit höherer Geiſt als in dieſem trocke⸗ nen Bericht weht in den Kriegs⸗ und Siegesliedern, wel⸗ che die Schweizer nach dieſen Siegen ertönen ließen,“ ſagte Hieronymus,„beſonders in denen eines Dichters Veit Weber aus Freiburg, der in den Reihen der Eidgenoſſen ſelbſt mitfocht. Ich hab' ihn ſelbſt kennen und ſchätzen lernen. Solche Begeiſterung, wie in dieſen Liedern weht, kann nur angetroffen werden, wo eine ganze Nation ſich zu ſchönen Thaten für Vaterland und Freiheit erhebt; wir hier, in unſeren kleinen Verhältniſſen des bürgerli⸗ chen Lebens, unter dem ehr⸗ und gewinnſüchtigen Gezänk großer und kleiner Potentaten, müſſen darauf verzichten. Doch,“ fügte er an's Fenſter tretend hinzu,„wenn Du nicht zu ermüdet biſt, heute noch Etwas von den Herr⸗ lichkeiten dieſer Stadt zu ſehen, ſo wird es Zeit, daß wir gehen.“ Beide ergriffen ihre Hüte, ſchnallten ihre kurzen Schwerter um und gingen hinab. Sie waren nur erſt wenig Schritte gegangen, als 65 vor einem großen Gebäude am Katharinenhof ein dichter Menſchenknäuel ihre Schritte hemmte. „Was gibt es hier?“ fragte Ulrich, und ſein Füh⸗ rer antwortete: „Sieh, hier iſt Peter Viſcher's Gießhütte, ein Rothgießer, der geſtern Meiſter geworden. Die Rußigen machen ihm heute einen Beſuch, um ihn in ſeiner eigenen Werkſtatt zum erſten Feierabend zu beglückwünſchen. Ge⸗ ſtern hat ihm das Handwerk ein Feſt gegeben, und heute kommen die Geſellen zu ihm, ſich den Dank dafür zu holen. Da wird er manches Fäßlein opfern müſſen, denn wie mäßig er auch ſelbſt leben ſoll, die Rußigen ſind ein durſtiges Völkchen und laſſen ſich nicht gern eine Zeche entgehen.“ „Nur herein, ehrſame Zunftgenoſſen!“ rief eine Stimme aus der Hütte, und an der geöffneten Thür zeigte ſich die mittelgroße, breitſchulterige gedrungene Ge⸗ ſtalt eines Mannes von dreißig Jahren. Heiterer Lebens⸗ muth ſtrahlte aus ſeinem, jetzt noch von der Glut des Feuers geröthetem Geſicht, Gutmüthigkeit und Freundlich⸗ keit gegen Jedermann leuchtete aus ſeinen hellen Augen und ein eigenthümlicher Zug von Schalkheit ſpielte um den Mund trotz dem Bart, der ihn umſäumte. Dabei lagerte auf der Stirn doch ein Ausdruck von Ernſt und Villenskraft, der ſeine ganze, ſonſt gewöhnliche Erſchei⸗ nung adelte. Er trug eine graue Arbeitsjacke, darüber eine ſteife Lederſchürze und den Meißel in der Hand. Ein donnerndes„Hoch!“ der Rußigen antwortete ihm. So nannte man die Knechte und Geſellen der Gieß⸗ hütten, deren es eine ziemliche Anzahl in Nürnberg gab, denn die Kunſt in Erz und Metall zu gießen war eben damals ſehr im Schwunge, und dieſe Rußigen waren ein zahlreiches Völkchen, das ſich in Macht und Anſehen zu erhalten wußte, und wenn nicht anders, durch die Stärke ſeiner Muskeln und die Kraft ſeiner Fäuſte, wie durch die Hämmer, die darin geſchwungen wurden. „Dieſer Peter Viſcher hat ein ſehr künſtliches Mei⸗ ſterſtück gemacht,“ ſagte Hieronymus,„das wir uns ein⸗ mal anſehen können. Er iſt auch von unermüdlichem Fleiß und läßt ſich keine Mühe verdrießen zu lernen und ſich fortzubilden.“ In dieſem Augenblick ward in dem wachſenden Ge⸗ dränge ein Benediktinermönch mit grauſchwarzem Haar und langem wallenden Bart an die Seite der Stein⸗ metzen geführt, ſo zwar, daß ſein Roſenkranz an Ulrich's Schwert hängen blieb, und da dieſer vorwärts ſchreitend das nicht bemerkte, ſo zerriß die Schnur und die Perlen rollten zu Boden. Der Mönch murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, das faſt wie ein Fluch klang, Ulrich aber ward nicht ſo 67 bald das Geſchehene gewahr, als er mit höflichen Wor⸗ ten für ſeine Unoorſichtigkeit um Entſchuldigung bat, und bückte ſich zu Boden, die herabgeſallenen Perlen zu ſuchen, da eben jetzt die Geſellen in die Gießhütte eintraten und dadurch das Gedränge ſich verlor. Ulrich ſprach mit etwas fremdem Akzent und hatte überhaupt ein eigenthümlich melodiſches Organ— der Be⸗ nediktinermönch ſtarrte ihn prüfend an, nachdem er dieſe Laute vernommen, und während es erſt geſchienen, als wolle er ihn derb anlaſſen, ſagte er jetzt nur kurz: „Bemüht Euch nicht!“ und war um die nächſte Ecke mit haſtigen Schritten im Augenblick wie verſchwunden. Wenigſtens als Ulrich das herabgefallene Kreuz und eine große Perle des Roſenkranzes aus dem Staub der ſchlecht⸗ gepflaſterten Gaſſe aufgehoben und dem Mönch ſein Ei⸗ genthum geben wollte, war derſelbe nirgend mehr zu ſe⸗ hen. Auch Hieronymus hatte ſein Augenmerk nicht auf ihn gehabt und wußte nicht, wo er hingekommen.„Viel⸗ leicht begegne ich ihm noch einmal,“ ſagte Ulrich;„er hatte ein ausdrucksvolles Geſicht, das ich jedenfalls wie⸗ der erkenne, oder ein anderer Benediktinermönch kann uns vielleicht ſagen, welcher ſeiner Brüder dieſen Verluſt ge⸗ habt; bis dahin will ich Perle und Kreuz bewahren, um ſie ihm gelegentlich wieder zuzuſtellen.“ Wie es dunkel geworden und die abendlichen Schleier auch die ſchönſten Bauwerke einhüllten, daß ſelbſt die prächtige Sebaldskirche, vor der Ulrich lange bewundernd und zugleich mit dem Auge des Kenners prüſend weilte, nur noch in ihren großen Umriſſen ſichtbar war, kehrten die beiden Baubrüder wieder heim in ihre gemeinſchaft⸗ liche Wohnung. Durch Nürnbergs Gaſſen wogte zwar noch lange ein heiteres Leben und ein warmer Maiabend war ſo recht eigentlich geſchaffen für die Bürgerluſt, und auf den Spaziergängen an der Peynitz wimmelte es von junger und weiblicher Welt, die ſich luſtig erging und begrüßte; aber wenn auch die Baubrüder nicht mehr zum geiſtlichen Stande gehörten, ſo lebten ſie doch ge⸗ wiſſermaßen abgeſondert von der profanen Welt und un⸗ ter ſtrengen, ſelbſtgegebenen Geſetzen, auf deren Befolgung mit viel größerer Strenge geſehen ward, als zur ſelben Zeit bei den Mönchen und Geiſtlichen, die gerade damals ſich viel erlauben durſten, ſo daß von den Kloſterbrüdern Dinge geſchahen und ihnen nachgeſehen wurden, die bei den Baubrüdern ſtrenge Beſtrafung fanden. Die Hütten hielten ſtrenger auf Moral als die Klöſter, es herrſchte bei der Banbrüderſchaſten nicht mehr der Gegenſatz von geiſtlich und weltlich, von Geiſtlichen und Laien, ſondern von Geweihten und Profanen. Hierin lag das erhebende und zugleich ſtolze Gefühl, welches die freien Maurer gleichſam durch ſich ſelbſt ſtützte und ſchützte und ſie eigen⸗ 69 ſinnig über die eigene Sittenreinheit wie über die ihrer Brüder wachen ließ, um ſich ihrer Würde nichts zu ver⸗ geben und treu darauf zu halten, daß ihr erhabener Bund keinen Makel an ſeinen Angehörigen dulde. Am folgenden Morgen waren Hieronymus und Ul⸗ rich die Erſten in der Hütte— den Pallirer ausgenom⸗ men, der das Amt hatte die Thür auf⸗ und zuzuſchließen und der Erſte und Letzte in der Hütte zu ſein. Bald kamen auch die andern Geſellen und Lehrlinge, und der Pallirer ſprach das Morgengebet, dann ging ein Jeder ſtill an ſeine Arbeit. Der Werkmeiſter wies Ulrich die ſeine an und ſagte ihm, daß nachher der Hüttenmeiſter und der Propſt von St. Lorenz, Herr Anton Kreß, kommen würden, um ihn als Mitglied der Nürnberger Bauhütte aufzunehmen. Die Hüttenmeiſter waren die oberſten Vorſteher ei⸗ ner Hütte, ſie mußten für Beſchäftigung der Baubrüder ſorgen, waren die Vertreter der Hüttenangelegenheiten bei Kaiſer und Fürſten, ſchloſſen die Baukontrakte, wähl⸗ ten die Arbeiter und ſuchten der Kunſt und ihrem Ruf zu dienen. Da die Baubrüderſchaften eben nur zu Kir⸗ chenbauten ſich verwenden ließen, ſo war es immer der Biſchof, Abt oder Propſt eines kirchlichen Stiſtes, der ſie berief, den Bauplan u. ſ. w. mit ihnen abzureden und zu beauſſichtigen hatte. War er verhindert, ſo mußte 70 irgend ein Canonicus oder„Gottesjunker“ ſeine Stelle vertreten. Als Herr Anton Kreß erſchien, grüßte er Alle freundlich, als wären ſie ſeinesgleichen. Das Kirchenamt von St. Lorenz war erſt kürzlich zu einer Propſtei er⸗ hoben worden, und Anton Kreß war der erſte, der mit dieſer neuen Würde bekleidet worden. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen. Leutſeligkeit ſprach aus ſeinen freund⸗ lichen Mienen, und wenn die wohlgepflegte Behäbigkeit ſeines ganzen Weſens auch nicht gerade auf ſehr große Geiſtesgaben ſchließen ließ, ſo ſah man es ihm doch an, daß er eine aufßeichtige Theilnahme und Liebe für die Kunſt beſaß, und indem er ihr huldigte und neue mo⸗ numentale Werke derſelben veranlaßte, nicht nur eine Mode mitmachte, die zu ſeiner Zeit unter den Geſchlech⸗ tern Nürnbergs ſich auch Manchen für einen Kunſtmäcen ausgeben ließ, der nur für die in die Augen fallende Pracht Sinn hatte und kein Verſtändniß für das Höhere, das über den Geſichtskreis der Alltagsmenſchen hinaus lag. Als die üblichen Feierlichkeiten bei der Begrüßung des Propſtes wie des neuen Geſellen vorüber waren, ſagte jener zu dieſem:„Iſt nicht Euer Zeichen ein Kreuz mit einem Winkelmaaß durchſchnitten?“ Ulrich bejahte. Die Steinmetzen führten ſtatt ihrer Namens⸗Chiffren, Monogramme, welche ſie als ihr Zei⸗ 71 chen in ihre Arbeit gruben. Nur in dieſen wie in ihren Werken wollten ſie fortleben, auf die Unſterblichkeit des einzelnen Namens verzichtend, darum ſind auch nur we⸗ nig Namen von Baubrüdern und eigentlich nur die ihrer Baumeiſter auf die Nachwelt gekommen. Es ſchien nicht, als ob der Propſt damit nur eine gewöhnliche Frage gethan, ſondern als ob ihm die Be⸗ antwortung derſelben von beſonderer Wichtigkeit ſei.„Ihr ſeid in einem Kloſter des Elſaß erzogen?“ fragte er wei⸗ ter.„Was iſt aus Euren Eltern geworden?“ Ulrich antworte:„Meine Eltern beſtellten das Feld in der Nähe eines Benediktinerkloſters und ich hütete deſſen Schafe bis in mein zehntes Jahr. Da wüthete der Krieg in unſerer Gegend und mein Vater mußte mit⸗ ziehen. Der Feind ſtand uns ganz nahe, da ich auf dem Felde allein mit der Heerde war. Die Mönche waren mir immer gütig geweſen, und jetzt nahmen ſie mich mit in das Kloſter. Da der Feind näher rückte, die Fluren verwüſtete und Feuer in unſere Hütten warf, bat ich für Zuflucht um meine Mutter, oder daß man mich zu ihr ließe ihr Schickſal zu theilen, welches es ſei. Aber die Pforten des Kloſters blieben verſchloſſen. Ich wußte wohl, daß Frauen ſie nicht durchſchreiten durften, aber ich war doch der Verzweiflung nahe, daß man nich getrennt von meiner Mutter hielt. Da endlich draußen der Kampf 72 ausgetobt und der Feind weiter gezogen war, wie immer eingeäſcherte Höfe, brennende Hütten und zertretene Flu⸗ ren hinter ſich laſſend, ließ man mich heraus, und eine Anzahl Mönche begab ſich mit auf den Weg den Ver⸗ wundeten Hilfe zu bringen oder die Todten zu begraben. Es gab von beiden genug, Männer und Frauen, ver⸗ ſtümmelt und erſchlagen— aber von meiner Mutter fand ich keine Spur. Leute, die ſie kannten, wollten ſie gebunden auf dem Pſerd eines Lanzenknechtes geſehen haben, der im raſchen Trabe mit ihr davongeritten. Meine Mutter war eine ſchöne Frau und damals etwa dreißig Jahre alt— ich kann nicht ohne Schauder an das Geſchick den⸗ ken, das ſie vielleicht betroffen. Nie habe ich wieder etwas von ihr gehört, alle Nachforſchungen, die ich ſelbſt nach ihr anſtellte und welche von den Benediktinern, wie ſie mich wenigſtens verſicherten, nach ihr angeſtellt worden, blieben erfolglos. Die frommen Kloſterbrüder behielten mich bei ſich im Kloſter, das kleine Beſitzthum meiner Eltern fiel ihm anheim und ich ſollte dafür von ihnen zum geiſtlichen Stande erzogen werden. Ich lernte nun bei ihnen ſchreiben, zeichnen und leſen, und da ſie mit mir zufrieden waren, wie ich bei ihren Lehren mich an⸗ ſtellte, unterrichteten ſie mich in allen wiſſenſchaftlichen Dingen. Dabei ging mir der Sinn auf für die Kunſt, und ich konnte dem Drang nicht widerſtehen, mich ihr 73 ganz zu widmen. Einer der Mönche ward mein Fürſpre⸗ cher, und ſo entließ man mich endlich und die Straßbur⸗ ger Bauhütte nahm mich als Lehrling auf, wo ich, wie Ihr aus meinen Zeugniſſen ſeht, fünf Jahre gelernt und mein erſtes Geſellenjahr gearbeitet habe.“ „Und von Eurem Vater erfuhrt Ihr Nichts?“ fragte der Propſt theilnehmend weiter. „Einige ſeiner Landsleute, die zurückkamen, ſagten, er ſei in der Schlacht gefallen, aber ich weiß ſo wenig gewiß, ob das wahr iſt, wie jene letzte Nachricht über meine Mutter,“ antwortete Ulrich.„Es ſind vierzehn Jahre ſeitdem vergangen, aber ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört, noch hat der Kloſterbruder, der mein Gön⸗ ner und Freund geblieben, je etwas von ihnen erfahren.“ „Ihr waret das einzige Kind Eurer Eltern?“ fragte Kreß, deſſen Theilnahme immermehr zu wachſen ſchien. „Ich hatte niemals Geſchwiſter.“ „Und Euer ländliches Beſitzthun?“ „Der Abt des Benediktinerkloſters verwaltet es für meinen Vater. Wenn er oder meine Mutter nicht zurück⸗ kommen, fällt es an das Kloſter.“ Der Propſt konnte bei dieſer Antwort ein leiſes Lächeln nicht unterdrücken, aber er ſchien mit ſeinem Era⸗ men über Ulrich's Familienangelegenheiten zu Ende zu ſein, und ſprach nun von Bauangelegenheiten mit ihm. 1859. XV. Nürnberg. I. 5 74 Dieſes Eramen war ungewöhnlich, da es vollſtändig überflüſſig war. Kein Jüngling ward als Baulehrling zugelaſſen, der nicht von ehrlicher Geburt war und nicht die beſten Zeugniſſe über ſeine Sittlichkeit und Brauch⸗ barkeit hatte. Es verſtand ſich daher beides ſchon bei ei⸗ nem Baubruder von ſelbſt, und außerdem waren dieſelben faſt ebenſo losgeriſſen von allen Familienbanden wie die Geiſtlichen, da auch das Cölibat bei ihnen Bedingung war, daß es nie Jemanden einfiel, ſich um ihre Angehö⸗ rigen zu bekümmern. Anton Kreß mußte darum gerade ein beſonderes Intereſſe für dieſe haben, ſonſt hätte er nicht dieſe Auskunft von Ulrich verlangt. So viel ward dieſem klar, aber vergeblich bemühte er ſich durch Nach⸗ ſinnen zu ergründen, was den Propſt zu dieſen Fragen veranlaſſen konnte. Biertes Capitel. Konrad Eeltes. „Unter der Veſte“ erhob ſich ein neues Pracht⸗ gebäude, das eben erſt in dieſem Jahr beendet worden. Es war auch nur das Wohnhaus eines Patriziers, aber faſt das ſchönſte Nürnbergs. Ein Eckhaus, breit und tief und hochaufſteigend zugleich, war es von Anßen mit ſchö⸗ ner Steinmetzarbeit geziert, die immer noch Raum zu neuen Verſchönerungen ließ, wie z. V. der Tragſtein an der Ecke noch mit keiner Statue geſchmückt war und die einzelnen Abſätze des treppenartig ausgeſchnittenen Gie⸗ bels auch noch ihrer Standbilder harrten. Im Innern war es mit ausgeſuchter Pracht und Kunſt eingerichtet und bekundete den Reichthum ſeines Beſitzers. Dies war Herr Ehriſtoph Scheurl, der mit zu den angeſehenſten Geſchlechtern gehörte. Erſt ſeit wenigen Vochen hatte er dies neue Haus bezogen, nachdem ſeine 5* 76 Hochzeit mit Eliſabeth Behaim ſtattgefunden, eine ebenbürtige Wahl, denn auch die Behaim waren ein al⸗ tes rathsfähiges Geſchlecht und auch im Ausland durch ihre Niederlagen in Venedig und den Handel, den ſie nach Portugal trieben, wohlbekannt und in großem An⸗ ſehen. Die junge Gattin war allein. In einem prachtvollen Chörlein, das ſich weit vorſpringend an der Ecke des Hauſes befand, ſaß ſie am offenen Fenſter und blickte träumeriſch hinab auf die Straße, zuweilen auch auf eine zierliche Schrift, die auf ihrem Schooße lag. Sie war eine ziemlich große prächtige Geſtalt mit ſchwellenden Formen und edler ſtolzer Haltung. Auch in ihrem ſchönen Antlitz ſchien ein Zug von Stolz der vor⸗ herrſchende zu ſein. Aber man ſah es auf den erſten Blick: es war nicht die Hoffarth und Eitelkeit einer verwöhnten Schönheit, es war nicht der Hochmuth auf Vornehmheit und Reichthum, was dieſen Zug hervorrief: es war der Stolz eines ſelbſtbewußten Weibes, das über das gewöhnliche Geſchlecht und die gewöhnlichen Verhält⸗ niſſe ſich ſelbſt emporgehoben. In dieſen ſtrahlenden Au⸗ gen las man von innern Kämpfen, und der lächelnde Zug um die Lippen war nicht der des Glückes und der Be⸗ friedigung, möge ſie aus naiver Unerfahrenheit oder aus beglückenden Verhältniſſen kommen, ſondern mehr das Lä⸗ 77 cheln einer Velterfahrung, die zur Weltverachtung ge⸗ worden. Sie ſtand etwa in der Mitte der Zwanzig und ſah auch ſonſt nicht aus wie ein Weſen, das ſchon in ſolcher Weiſe mit der Welt abgeſchloſſen hätte— nur je⸗ nes Lächeln abgerechnet. Das Haar umwallte ſie in ma⸗ leriſch geordneten Locken, die im Nacken goldene Nadeln emporhielten, die vorderſten aber fielen auf die Bruſt herab. Ihr Kleid war von violetter Seide, einem Stoff, den man Zündel hieß, und nach venetianiſchem Schnitt, die offenen Aermel ſielen bis zum Boden und ließen die weißen ſchöngeformten Arme ohne bedeckende Hülle; man müßte denn als ſolche die zahlreichen koſtbaren Spangen betrachten, von denen man nicht wußte, ob ihr Werth größer ſei durch die Pracht ihrer Steine und deren Faſ⸗ ſung, oder durch die kunſtreiche Arbeit ihres Verfertigers. Aehnlich geſchmückt zeigten ſich auch Hals und Bruſt. An dem kleinen vorgeſtreckten Fuß gewahrte man einen zier⸗ lichen Schuh von gelbem Leder mit goldener Stickerei und einem lang vorn und emporgeſtreckten Schnabel; die wei⸗ ßen Hände waren mit vielen Ringen geziert. Dies war vielleicht einer der Anzüge, über deſſen Wohlanſtändigkeit und Zuläſſigkeit die Väter der Stadt auf dem Rathhaus lange Sitzungen hielten und danach Kleiderordnungen erließen, welche die Länge der Kleider wie der Aermel, der Schnäbel an den Schuhen wie der 78 Locken an den Köpſen vorſchrieben, die Zahl der Ringe, Armbänder und Haarnadeln genau beſtimmten u. ſ. w., um dem Luxus zu ſteuern. Aber indeß allerdings die ge⸗ wöhnlichen Bürgerfrauen ſich daran kehren mußten, weil ſie ſonſt in Straſe verfielen und von der Straßenjugend verſpottet wurden, lachten die übermüthigen Patrizierinnen über den Eifer der Rathsherren und waren allerdings wohl damit zufrieden, daß jener Bürgerſtand, von dem ſie ſelbſt ſich ſtreng abſonderten, dadurch in Schranken ge⸗ halten ward, es ihnen nicht gleich zu thun. Sie ſelbſt aber verſpotteten in ihrer Kleidung oft mit um ſo größerer Abſichtlichkeit die Vorſchriſten des Rathes, und als derſelbe gar einmal darauf verfiel, eine Steuer auf dieſe Aus⸗ ſchweifungen zu legen, trieben ſie es erſt recht arg, um zu zeigen, daß ſie es bezahlen konnten. So mochte der Rath verſuchen was er wollte, er ſcheiterte damit bei den ſtolzen Frauen, und wenn ſie ja vielleicht am erſten Tag nach einer ſolchen Bekanntma⸗ chung ſich aus Furcht vor dem gemeinen Hauſen nicht auf die Straße wagten, ſo entſchädigten ſie ſich dafür durch ihre häusliche Twilette. Eliſabeth vor Allen gehörte mit zu den eigenſinnigen Frauen, die gerade nur aus Luſt, einem Verbot zu trotzen, das übertrieben, woran ſie ſonſt vielleicht gar nicht gedacht oder es ſelbſt lächer⸗ oder unanſtändig, unpaſſend oder unſchön gefunden ätten. 79 Als Gliſabeth's Blicke, wie es ſchien, gedankenlos hinab über die Straße ſchweiften, fuhr ſie plötzlich zu⸗ ſammen und bog ſich von dem Fenſter zurück. Der Gegenſtand, der dieſe Bewegung veranlaßte, war ein Vorübergehender von mittelgroßer, ſtattlicher Geſtalt. Sein Wamms war genau von der Kleidfarbe Eli⸗ ſabeth's, und darüber trug er einen kleinen ſpaniſchen Mantel von ſchwarzer Farbe, auf dem Kopf einen klei⸗ nen runden Filzhut mit weißen Federn. Sein Haar war dunkel, und die dunklen Brauen, die in ſchön gewölbten Bogen ſich über ſeinen feurigen Augen erhoben, gaben dieſen einen edlen Ausdruck. Seine hohe Stirn und die kühn gebogene Naſe ließen in ihm den Mann von Geiſt erkennen; ſein Geſicht war ſein, glatt und bartlos und ließ ihn dadurch noch jünger erſcheinen als er war; er zählte dreißig Jahre. Eliſabeth hatte ſich ihm nicht zeigen mögen; jett da ſie glauben konnte, er werde nicht mehr herauſſehen, wollte ſie es wagen ihm nachzuſchauen— aber er war verſchwunden. Wo war er hin? in welches von dieſen Häuſern ſollte er gegangen ſein? wär' es möglich— in das ihrige? Sie trat aus dem Chörlein in das Zimmer zurück— es war ihr, als höre ſie Schritte die Marmor⸗ treppe hinauf— ihr ganzes Weſen ſchien in Aufruhr zu kommen. Sie trat vor den großen venetianiſchen Spie⸗ 80 gel, der auf goldenem Geſtelle ruhend ihre ganze herrliche Geſtalt zurückwarf. That ſie das aus Angſt, um eine Miene, eine Haltung zu ſuchen, dieſen plötzlichen Aufruhr ihres Weſens zu verbergen; that ſie es aus Koketterie, ihren Anzug zu prüfen und ihn in die ihren Reizen vor⸗ theilhafteſten Falten zu ſchieben? Als die Flügelthür ha⸗ ſtig aufgeworfen ward, ſtand ſie ſtolz und ruhig vor dem Eintretenden.. „Verzeiht, hohe Frau, wenn ich ſtöre!“ ſagte er. „Nicht im Mindeſten, Herr Doctor Celtes,“ ant⸗ wortete ſie mit erzwungener Faſſung,„obgleich ich wenig vorbereitet war auf dieſen werthen Beſuch. Ich bitt' Euch, nehmet Platz.“ Sie warf ſich in einen Polſter von rothem Sammet, indeß er auf einem Stuhl ihr gegenüber Platz nahm. Die bunt gemalten Glasſcheiben aus dem gewölbten oberen Theil der Chörleinfenſter und die dichten roth⸗ ſeidenen Vorhänge, welche dieſen Schimmer dämpſten, warfen ein zauberhaftes Licht auf Eliſabeth. „Ich komme, mir Euren Rath zu erbitten“— be⸗ gann er und ſchien nach weiteren Worten zu ſuchen. „Wann hätte je ein Gelehrter und Dichter, wie Konrad Celtes, des Rathes eines Weibes bedurft?“ un⸗ terbrach ihn die junge Frau. „Doch,“ antwortete er;„es iſt nicht das Erſtemal, 84 ſchöne Herrin, daß ich Euch darum bitte. Der Biſchof oon Worms hat mir geſchrieben und mich aufgefordert zu ihm zu kommen. Ich würde dort viele gleichgeſinnte Männer finden, wie überall am Rhein, und die humani⸗ ſtiſchen Studien fördern können. Seit mein edler Lehrer Rudolf Agricola in Worms geſtorben, droht dort der lebendige Geiſt, der von ihm ausgehend die elende Scho⸗ laſtik von den Schulen verdrängte, zu erlahmen, wenn nicht eine Kraft von Außen ihn wieder aufrüttelt. Mein Name hat dort einen guten Klang und die Societas litteraria Rhenana, die ich zu Heidelberg geſtiftet, wünſcht auch meinen Beſuch. Die, denen ich noch un⸗ bekannt bin, werden in mir den Schüler Agricola's ſe⸗ hen und mir gern geſtatten ihre Lehrſtühle zu beſteigen. Nun rathet mir: ſoll ich dieſem Rufe folgen und gehen— oder ſoll ich hier bleiben!“ Eliſabeth hatte während ſeiner Rede mit ihrer gol⸗ denen Kette geſpielt, und während dieſer ſcheinbar tän⸗ delnden Bewegung ging in ihrem Herzen eine ſo heftige vor, daß ſie alle ihre Kräfte anſtrengen mußte, die äußere Ruhe zu behaupten, mit der ſie jetzt ſagte:„Ihr ſcheint auch darin Eurem edlen Lehrer Agricola zu gleichen, daß Ihr Euch durch kein Amt wollt binden laſſen, weil Ihr eine unüberwindliche Abneigung habt gegen Feſſeln jeder Art, ſonſt könntet Ihr nicht erſt überlegen und gar nicht.“ 82 um Rath fragen: ob Ihr dieſem Rufe ſolgen ſollt oder „So ſchickt Ihr mich fort?“ fragte er betroffen, „und ſo ruhig— das hatte ich nicht erwartet!“ Sie ſah ihn mit ſtolzen Blicken an und fuhr fort: Ihr ſagtet ja immer ſelbſt, daß Ihr ein unſtetes Leben geführt und es wohl ſo fortführen würdet, bis es zu Ende ſei— ich glaube, der Biſchof von Worms wird Euch das nicht verwehren, wenn Ihr Euch auch zu ihm begebt, ſo wenig, wie er es Agricola verwehrte. Hier ſeid Ihr ja auch nicht gebunden.“ „Ja,“ rief er heftig und aufſpringend,„Ihr habt recht! es hält mich ja hier Niemand“— er griff nach ſeinem Hut und wollte gehen. Sie ſtand auch auf, riß den Hut aus ſeiner Hand und ſchleuderte ihn in eine Ecke des Gemaches. „So werdet Ihr nicht von Eurer Freundin ſchei⸗ den,“ ſagte ſie plötzlich mit dem zarteſten Schmelz einer weiblichen Stimme.„Ich habe den Lorbeerkranz auf Euer hohes Dichterhaupt geſetzt, wenn auch nur auf Befehl unſeres Herrn und Kaiſers, und ich bitte Euch jetzt, dies Haupt ein wenig zu neigen, damit ich dies goldene Kett⸗ lein um den Hals werfe, der niemals eine Kette tragen will— und nur dieſe tragen ſoll zum Angedenken an Eliſabeth Behaim.“ 83 Es war nicht Zerſtrenung einer kürzlich Vermählten, es war Abſicht, daß ſie ihren Mädchennamen ſagte, denn ſeit ſie verheirathet war, hatte ſie noch nicht wieder mit Konrad Celtes geſprochen. Vor ziemlich zwei Jahren war er nach Nürnberg gekommen, der Ruf ſeiner Dichtkunſt und Beredſamkeit war vor ihm hergezogen; alle Gelehr⸗ ten und Doctoren Nürnbergs kamen ihm achtungsvoll entgegen, und Anton Koberger, der damals ſchon eine große Druckerei beſaß, in der vierundzwanzig Preſſen arbeiteten, druckte ſeine Werke. Konrad Celtes war der Sohn eines fränkiſchen Bauern Pickel, zu Wipfelde nahe bei Würzburg 1459 geboren. Er ſollte ſeinem Vater in der Landwirthſchaft und im Weinbau beiſtehen und ſie ſpäter ſelbſt überneh⸗ men. Allein ſein Wiſſensdrang ließ ihm keine Ruhe. Heimlich entftoh er aus der väterlichen Beſitzung auf ei⸗ nem Floß den Main und Rhein hinab und ging auf die Univerſität nach Cöln. Darauf ſtudierte er in Heidelberg und ward Agricola's Lieblingsjünger. Dann beſuchte er die Univerſitäten zu Erfurt, Leipzig und nicht mehr als Lernender, ſondern als er, dem Humanismus und den humaniſtiſchen Stu Eingang verſchaffend. Durch ſeine Vorleſungen ſammelte er ſich ſo viel, daß er darauf nach Italien gehen konnte, was für die Gelehrten ſeines Faches damals als Noth⸗ 8⁴ wendigkeit erſchien. Zu Vologna hörte er Philipp Be⸗ rvaldus den Aelteren, zu Florenz Marſilius Ficinus, zu Rom Pomponius Lätus. Von Venedig, aus ging er nach Ungarn und Polen, und von da nach Deutſchland zurück, wo er in Nürnberg ſich niederließ. Damals— es war im Jahr 1487— hielt Kaiſer Friedrich II. daſelbſt ei⸗ nen Reichstag und blieb faſt ein ganzes Jahr auf der Veſte wohnen. Der alte Kaiſer, obwohl er damals nur den Reichstag berufen, um von ihm ein Heer zu erbitten, ſeinen eigenen Geburtsort Neuſtadt zu ſchützen, den der ſieghafte Ungarnkönig Mathias bedrängte und den Frie⸗ drich fürchten mußte fallen zu ſehen gleich Wien, und obwohl er aus ſeinen eigenen öſterreichiſchen Erblanden vertrieben, vom Geſchick hätte gebeugt ſein können, ver⸗ trieb er ſich doch in Nürnberg die Zeit, als ſei er der glückgekrönteſte Herrſcher. Um den Nürnbergern zu zeigen, daß er auch ein Freund der Wiſenſchaſten und Künſte ſei— nur die Rechtswiſſenſchaft haßte er und nannte deren Doctoren: Seductores(Verführer)— berief er deren Vertreter ſelbſt um ſich und ließ ſich von den Meiſter⸗ ſängern u veten ihre Werke vortragen. Bei einem g, der auf dem Marktplatz ſtattſand, 4 öffentlichen bei dem er einige Nürnberger Patrizier, darunter Hans Tucher, zum Ritter ſchlug, um ihn damit für ſeine Reiſe in das heilige Land und die von ihm ſelbſt verfaßte 85 Beſchreibung derſelben zu ehren, nahm er auch einen grünen Lorbeerkranz, den er ſich auf ſammtenem Kiſſen hatte nachtragen laſſen, und ließ Konrad Celtes vor ſich ſühren, um ihn ſo vor allen Hohen des Reichs und allem Volk öffentlich die Ruhmeskrone des Dichters auf das Haupt zu ſetzen. Aber als Celtes ſchon vor ih kniete, zögerte der Kaiſer plötzlich und ſandte einen ſeiner Ritter zu der Erhöhung, auf der Nürnbergs edle Frauen und Jungfrauen Platz genommen. Unter ihnen ſtrahlte vor Allen Eliſabeth Behaim durch Schönheit und An⸗ muth ihres Weſens, wie durch die Pracht ihrer Kleidung hervor— und nit ſtolzer Haltung folgte ſie dem Ritter, der ihr die Botſchaft des Kaiſers brachte: daß ſie als die ſchönſte Jungfrau Nürnbergs den Dichter krönen möge. Bisher hatte ſie ihn nur von fern geſehen— nun ſtand ſie dicht vor dem Knieenden und ſetzte zitternd den Kranz, den ſie aus der Hand des Kaiſers empfing, auf das edle Lockenhaupt, das ſich vor ihr neigte. Wie hätte nicht das leichterregbare Herz des Dich⸗ ters erfaßt werden ſollen von dieſem Augenblick und ihn als den ſchönſten ſeines Lebens preiſen! Wer, dem je⸗ mals für das Ringen und Streben ſeines Genius eine ähnliche Anerkennung, ſo überraſchend plötzlich und vor allem Volk zu Theil geworden, könnte jemals wieder die höhere Weihe ſolcher Stunden vergeſſen? Und wie hätte 86 Celtes, der ſchon durch ſeine Studien des klaſſiſchen Al⸗ terthums gleicherweiſe wie durch ſein feuriges Dichter⸗ gemüth zu dem Cultus der Schönheit ſich hingezogen fühlte, nicht immer daran denken müſſen, daß er den orbeerkranz zwar wohl auf den Wink ſeines Kaiſers, aber doch aus den Händen einer Königin der Schönheit empfing? Er pries Eliſabeth als ſolche in ſeinen Liedern und verherrlichte ſie als ſeine Muſe in wohlgefeilten la⸗ teiniſchen Verſen. Das Geſchlecht der Behaim, aus dem ſie ſtammte, galt vor allen nürnbergiſchen nicht nur als eines der reichſten und angeſehenſten, ſondern auch als eines der gebildetſten und gelehrteſten der Reichsſtadt. Eliſabeth's Vater beſaß in Venedig ein eben ſo reiches Waarenlager als in Nürnberg und pflegte ſich wechſelnd an beiden Orten außzuhalten; auch die Tochter, für alles Große und Neue empfänglich, dabei keine Mühe und Gefahr ſcheuend, hatte einmal mit ihm einige Zeit in Venedig zugebracht, obwohl damals Frauen mur ſelten zu reiſen pflegten und bei den ſchlechten und oſt geſahrvollen We⸗ gen Vieles erdulden und entbehren mußten, auch wenn ſie den reichſten oder höchſten Ständen angehörten. Eli⸗ ſabeth's ältere Brüder waren mehr als gewöhnliche Kauf⸗ leute. Nicht nur daß ſie ſich auf das Geſchäft verſtanden und durch ihre kühnen Spekulationen und großen Han⸗ 87 delsverbindungen faſt mit allen Völkern der Erde in Ver⸗ kehr waren, und ſich dadurch jene Vielſeitigkeit und jenen großen Weltblick erwarben, der nur auf Reiſen erlangt wird, hatten ſie auch die gelehrten Schulen Italiens be⸗ ſucht und auch daheim den Wiſſenſchaften obgelegen. Se ſonders war es Martin Behaim, der ein Schüler Johan⸗ nes Regiomontanus(eigentlich Camillus Johannes Mül⸗ ler) ſich mathematiſchen, aſtronomiſchen und andern ge⸗ lehrten Forſchungen widmete und ſich gern damit beſchäf⸗ tigte, auch die Kenntniſſe ſeiner Schweſter zu erweitern. Jetzt war er freilich ſeit einigen Jahren entfernt, da er in Handelsgeſchäſten ſeines Vaters nach Portugal gegan⸗ gen war und eben jetzt auf portugieſiſchen Schiffen mit Admiral Diego Can auf weitem Oceantrieb den See⸗ weg nach Oftindien zu entdecken, zu deſſen Auffindung Martin Behaim's ſcharſſinnige mathematiſche Berechnun⸗ gen die gegründetſte Hoffnung gaben. Der ruhmgekrönte Dichter Celtes fand bald Zutritt in dieſe ausgezeichnete Familie, welche die Wiſſenſchaft ſo wohl zu ſchätzen wußte. Wie empfänglich er auch war für ſinnliche Eindrücke und wie auch Eliſabeth's Schönheit ihn zu den erſten Verſen an ſie begeiſtert hatte und den Wunſch in ihm erregt, bei ihr Zutritt zu erhalten, er würde der ſchönen Form bald überdrüßig geworden ſein, wenn er ſie leer gefunden. So aber fand er ſie von einem kühnen, beinah' männlichen Geiſt belebt, ausgeſtattet mit allen Kenntniſſen, in denen damals keine anderen Frauen ſo bewandert waren als die Töchter Nürnbergs und Augsburgs, und er verherrlichte ſie nun erſt recht in ſeinem von ihr verſtandenen Latein als ſeine Muſe. Eliſabeth's Hand fand viele Bewerber, aber ſie hatte bisher noch jeden abgewieſen; dem Einen galt ſie dadurch für eine ſtolze Spröde, dem Anderen für eine kalte Ge⸗ lehrte mit einem Mannesherzen im Buſen, und Manche flüſterten von einem Fürſten oder vornehmen Ritter, mit dem ſie ein heimliches Verhältniß habe und der um ſei⸗ nes Standes willen zögere ſie heimzuführen, obwohl ſie ſich ſelbſt gleich mancher ſtolzen Patriziertochter Nürnbergs nicht zu gering achte, einem Fürſten zum Altar zu folgen. Ihr Verhältniß zu Celtes geſtaltete ſich bald zu dem einer ſüßen Freundſchaft, welche an jene zarten Bande gemahnte, welche meiſt die franzöſiſchen Minnehöfe hervorgerufen. Sie war die Herrin und er ihr Dichter. Für alle ſeine Beſtrebungen und Arbeiten fand er in ihrem hochgebildeten Geiſt ein feines Verſtändniß und begeiſternde Anregung. Wo ihr die eigenen Kenntniſſe 1 noch mangelten, da ward er ihr Lehrer, verſorgte ſie mit allen neuen Büchern und las ihr Alles vor, was er ſelbſt verfaßte. Zuweilen wohl wurde die klare Ruhe dieſes 1 ſchönen Wechſelwirkens durch ſtürmiſchere Empfindungen 89 geſtört. Zuweilen, wenn ſie allein waren— was nicht gerade oft der Fall war, da Fliſabeth's Mutter, oder eine jüngere Schweſter oder auch ihre Brüder und andere Gelehrte ſie oft umgaben— geſchah es, daß ſeine Huldi⸗ gungen ſich nicht nur auf den Vortrag ſeiner Verſe er⸗ ſtreckten, die davon voll waren, ſondern daß er ihre Hände küßte und ſie in ſeine Arme zog, oder daß ſie ſelbſt einen Kuß der Muſe zum Lohn oder zur Weihe des Dichters auf ſeine Stirn drückte. Dies, für beide beglückende Ver⸗ hältniß währte weit über ein Jahr— und es hätte viel⸗ leicht noch lange ſo gewährt, wenn nicht die rohe Hand anderer Menſchen zerſtörend eingegriffen. Es gab auch ſchon damals genug ſcheelſüchtige Leute, gemeine Zuträger und unberuſene Sittenrichter, die über die ſtolze Patrizier⸗ tochter ziſchelten, welche die ebenbürtigen Bewerber ver⸗ ſchmähe, und da der Fürſt ſie ſitzen laſſe, an den herzuge⸗ laufenen Poeten, den Bauernſohn, der Nichts ſei und Nichts habe, ſich wegwerfe, daß nun auch Keiner aus den Geſchlechtern ſie mehr werde zur Ehe haben mögen. Solche Reden wurden auch Eliſabeth's Brüdern hinter⸗ bracht; ſeitdem beobachtete ſie beſonders der älteſte Bru⸗ der Georg, und als er ſie eines Tages wirklich über⸗ raſchte, wie ihr Lockenhaupt an Celtes Schulter lehnte und ſein Arm um ihre Taile geſchlungen war, trat er zornig vor Beide hin und warf ihnen mit heftigen Wor⸗ 1859. XV. Nürnberg. I. 6 ten das Unziemliche ihres Betragens vor und erklärte Celtes für einen Verführer und Eindringling, der dem Hauſe, das ihn freundlich aufgenommen, nur Schande bringe; das habe man aber davon, wenn man mit den fahrenden Poeten ſich einlaſſe, die doch Lumpen blieben, wenn auch ein Kaiſer, um dem Volk ein neues Schau⸗ ſpiel zu geben, ſie mit einem Dichterkranz kröne. Eliſabeth wollte reden und den Geliebten gegen dieſe Rohheit vertheidigen, aber Celtes bat ſie zu ſchwei⸗ gen und ſich ſeinetwegen nicht mit dem Bruder zu er⸗ zürnen.„Es iſt wahr,“ ſagte er zu dieſem,„ich verehre Eure edle Schweſter wie meine Muſe und meine Herrin, aber nie habe ich meine Wünſche, noch meine Worte bis zu einem Ziel erhoben, das für mich aus doppelten Gründen unerreichbar iſt. Ich kenne die veralteten Inſti⸗ tutiven und den aufgeblaſenen Dünkel dieſer reichsſtädti⸗ ſchen Geſchlechter hinlänglich genug, um zu wiſſen, daß ſie jede Bewerbung eines Mannes, der nicht zu ihnen gehört, und wenn er der Berühmteſte der Welt wäre, für eine Beleidigung halten— und ich bin nicht der Mann, weder eine ſolche zu ertragen, noch eine Gnade von dieſen hoffärthigen Bürgern hinzunehmen. Außerdem aber fühle ich, daß es dem Poeten, wenn er ſeine hohe Sendung ganz erfüllen will, nicht beſchieden iſt, einen häuslichen Herd zu gründen. Wie mein großer Lehrer * 9¹ Agricola werde ich nie eine Feſſel tragen, weder die ei⸗ nes Amtes noch eines Weibes, und wenn auch arm und entſagend, doch reich und frei in meinem Berufe leben. Findet Ihr nach dieſer Erklärung, daß eine ſo reine, geiſtige Gemeinſchaft wie die meinige mit dieſer edlen Jungfrau nicht beſtehen kann, ohne ihrem Ruf zu ſchaden, ſo muß ich freilich darauf verzichten, denn daß ſei ferne, daß ihr durch mich ein Nachtheil erwachſe. Dann aber Schande über die Läſtermäuler und Splitterrichter dieſer Stadt, die das Reine und Hohe verdammen, weil ſie es nicht verſtehen, das Gemeine und Unſittliche aber ruhig unter ſich dulden. Die reinen, ſeligen Stunden, die mir das poetiſche Streben mit dieſer keuſchen Jungfrau ge⸗ währte, wagt man zu ſchmähen— wenn aber Eure acht⸗ baren Ehemänner ſich noch ein Zuweib halten, oder Eure edlen Rathsherren in die Frauenhäuſer gehen und tau⸗ ſend Gemeinheiten in den Badſtuben geſchehen, ſo findet Ihr das ganz in der Ordnung.“ Georg Behaim ſah ſich von dieſer ruhigen Würde entwaffnet, er reichte Celtes die Hand und bat ihn mit ihm zu gehen. Man hörte andere Leute kommen, und Eliſabeth, unfähig ein Wort zu ſprechen, floh in ein an⸗ ſtoßendes Gemach, ohne noch Wort oder Blick für Celtes zu haben. Georg bemühte ſich dem aufgebrachten Dichter das 6⁸ „ländlich— ſittlich“ auseinander zu ſetzen und es endlich wie eine Gnade von ihm zu erbitten, daß er ſeine Schwe⸗ ſter meide. Celtes erklärte ſich aus Stolz endlich bereit dazu. Als er ſie nach einigen Wochen bei einem Feſte wieder ſah, näherte ſie ſich ihm, um ihm zu ſagen, daß ſie ſich mit Herrn Chriſtoph Scheurl verlobt habe. Celtes wünſchte ihr, daß ſie glücklich werden mö⸗ ge— ſie lächelte verächtlich. Es waren Leute in der Nähe und ſie konnten nicht unbemerkt zuſammen ſprechen. Bald darauf war Eliſabeth's Hochzeit. Ihr Gatte war wohl zwanzig Jahr älter als ſie ſelbſt und von gewöhnlichem Aeußern, ja er hatte ſogar etwas Abſtoßendes darin. Man konnte kein ungleicheres Paar ſehen, und Niemand begrif, warum Eliſabeth eine ſo unpaſſende Wahl ge⸗ troffen. Scheurl gehörte zu den ſtolzeſten oder eitelſten Männern. Er war einer der reichſten Rathsherrn, hatte ſich das ſchönſte Haus gebant und wollte auch die ſchönſte Frau haben— natürlich mußte er ſich durch den Beſitz Eliſabeth's befriedigt fühlen, die ja ein Wink des Kai⸗ ſers ſelbſt öffentlich dazu erklärt hatte. Er ſpreizte ſich in eitler Geckenhaftigkeit des älteren Mannes an ihrer Seite, und freute ſich der Huldigungen, welche ihrer Schönheit und ihrem Geiſte wurden, doppelt eitel darauf, daß die gefeierte Spröde, die ſo viele Bewerber ausgeſchlagen, ihm ſo ſchnell ihre Hand gegeben. 93 Celtes hatte zu Eliſabeth's Hochzeit ihr ein Carmen geſendet, aber geſprochen hatte ſie ihn ſeitdem nicht wieder. Und jetzt war er plötzlich bei ihr eingetreten, un⸗ angemeldet wie ſonſt in ihrem Elternhaus— jetzt war es, als verſänken die Monate in ein Nichts, in denen ſie ſich nicht geſehen. Und über ein Jahr verſank ſo— jetzt neigte ſie ſich wieder über ihn, wie damals mit dem Lorberkranz, da er ſie zuerſt erblickte. „O Eliſabeth!“ rief er aus,„wie werd' ich zu le⸗ ben vermögen ohne meine Muſe? Nein, ich kann nicht fort von Euch, das Leben iſt eine Wüſte ohne Euch!“ Sie neigte ihre Lippen auf ſeine Stirn und ſagte: „Dies ſei mein Abſchiedskuß—“ Aber er ſprang auf, umſchlang ſie heſtig und ſagte „Nein, ich kann den Abſchied nicht ertragen!— O Eli⸗ ſabeth! welch' ein Götterleben war es, das wir führten! Von da an, wo ich Euch erblickte, war ich an dieſe Stadt gefeſſelt! der ich ſonſt immer unſtät umherge⸗ ſchweift, nirgend findend, was ich ſuchte— mir ward hier ein himmliſches Aſyl! Cwig wollte ich hier bleiben, ewig im Strahl Eurer Gunſt mich ſonnen. Ihr waret die Sonne, die alle Blüthen meines Geiſtes weckte— ohne Euch iſt das Leben eine dumpfe kalte Nacht, in der alle Keime verderben!“ Willenlos, ſelbſt wie eine gebrochene Blume, lag Eliſabeth an ſeiner Bruſt und vermochte ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten.„Es hätte Euch ein Wort ge⸗ koſtet, und es war Alles anders!“ ſagte ſie.„Ihr hab't mich verſtoßen!“ „Eliſabeth!“ rief er und ſah ihr prüfend in die überſtrömenden Augen,„ich gab nur den Vorſtellungen und Bitten Eurer Familie nach um Euretwillen— alle meine ſehnenden Empfindungen bezwang ich in heißen Kämpfen, um den Frieden Eures Hauſes nicht zu ſtö⸗ ren—“ „Und der Friede meines Herzens war Euch Nichts?“ fiel ſie ihm in's Wort.„O Konrad, ich lebte gleich Euch in einem ſüßen Taumel, ich fragte nichts nach dem Mor⸗ gen, da das Heute ſo himmliſch war. Ich war wie der Epheu, der ſich feſt um die ſtarke Eiche ringelt— ſo un⸗ auflöslich fühlt' ich mich an Euch gekettet. Da kam die Unglücksſtunde, in der mein Bruder mit roher Hand aus dem holden Traum uns weckte. Ihr hießet mich ſchwei⸗ gen, und welcher Edelſinn auch aus Eurer Vertheidigungs⸗ rede ſprechen mochte— mir ſtieß ſie einen vergiſteten Dolch in das Herz!“ „Was konnt' ich anders antworten!“ fragte er; „mein Mannesſtolz und meine hohe Liebe zu Euch ließen keine andere Antwort zu. Die weite Kluft, die mich von Euch trennt, ward zum Abgrund, der uns Beide ver⸗ 95 ſchlang, wenn ich den glühenden Empfindungen Worte gegeben hätte, die mich jetzt zermartern, ſeit ich mich von Euch fern halten mußte und jetzt, da ich von Euch ſchei⸗ den ſoll!“ „O, und Ihr bildetet Euch ein ſtark zu ſein, weil Ihr zu ſchwach waret, vor den Abgrund zu treten?“ ſagte ſie mit höhniſcher Stimme.„Ich aber, die ich zu dem ſchwachen Geſchlecht gehöre, fühlte den Muth in mir, den Abgrund zu überſpringen— aber Ihr hießet mich ſchweigen und erklärtet, daß Ihr niemals Liebe für mich empfunden!“ „Das habe ich nicht geſagt!“ rief er,„eine ſo entſetzliche Lüge iſt nie über meine Lippen gekommen— aber ich wußte, daß Ihr mir niemals angehören konntet, und darum, ſeit ich Euch gefunden, ward es mir klar, daß ich für immer dem Minne⸗ und Eheglück entſagen müßte, weil mein Herz nie einem andern Weibe gehören konnte! O Eliſabeth!“ fügte er mit leidenſchaftlicher Hef⸗ tigkeit hinzu, indem er zu ihren Füßen ſtürzte,„das hab't Ihr doch gewußt, daß ich Euer Sklave bin, auch wenn ich mich ſtellte, als kenne und möge ich keine Feſſel?“ „O hättet Ihr nicht die unſeligen Worte geſpro⸗ chen!“ verſetzte ſie,„hättet Ihr mich zuvor gehört! Ich wollte meinem Bruder ſchildern, wie ich Euch liebe, und daß ich in Euch einen Ritter des Geiſtes ſehe, davor dies Patrizierthum ſich achtungsvoll beugen müſſe. Daß ich Euch folgen würde, wohin es auch ſei, wenn das Vaterhaus mich vielleicht verſtieße. Und wäre dies ge⸗ ſchehen, ſo wären wir zuſammen geflüchtet! und hätte ſich weder in Deutſchland noch Italien ein Aſyl für uns gefunden, ſo wären wir meinem weltumſegelnden Bruder gefolgt und auf einem jener goldenen Eilande, die er ſchon entdeckt, hätten wir die Stätte der Glückſeligkeit gefunden, die keine Menſchen dieſer verdorbenen Welt ge⸗ ſtört! Aber mit kalter Hand ſchnittet Ihr mir den Weg ab zu dieſem Paradies!“ Wie vernichtet barg Celtes ſein Haupt in Eliſa⸗ beth's Schooß. Jetzt erſt fühlte er die ganze Allmacht ſeiner und ihrer Liebe— und jetzt erſt erkannte der Sän⸗ ger der Liebe, wie viel tiefer und kühner die Liebe im Frauenherzen lebte und es zu Kampf und That begei⸗ ſtert, als in der Mannesbruſt, die dem Stolz den Vor⸗ rang geſtattete. Beſchämt geſtand er:„Solche Größe der Seele, die über alle Vorurtheile ſich erhebt, ſolche Größe der Liebe glaubte ich bei keiner Frau zu finden! Ihr lie⸗ ßet mich nicht ahnen, daß Ihr um meinetwillen Alles opfern könntet!“ „Ich bin auch ſtolz,“ ſagte ſie,„und nach Eurer Erklärung blieb mir Nichts, als mich in den Wunſch meiner Familie zu fügen, wie Ihr Euch fügtet. Scheurl warb um meine Hand— es erſchien mir wie ein Schutz vor mir ſelbſt, wenn ich ſie ihm reichte. Ihr hattet ſie verſchmäht— da war mir ja Alles gleichgültig. Ja, ich bildete mir ein, wenn ich nicht mehr als Mädchen böſem Leumund ausgeſetzt ſei, könnte ich wieder mit Euch ver⸗ kehren, meine Liebe auf den Pfad der Freundſchaft zu⸗ rücklenken. Dennoch wollt ich dieſen Schritt nicht ohne Eure Zuſtimmung thun. Noch hatte ich das bindende Wort nicht geſprochen, als ich Euch davon ſagte— Ihr wünſchtet mir ruhig Glück— und damit war mein Ge⸗ ſchick entſchieden.“ „Und da es einmal ſo iſt, da das Entſetzliche ge⸗ ſchehen,“ ſagte er nach einer Pauſe voll ſtummer Seuf⸗ zer, heißer Thränen und noch heißeren Küßen,„ſo laſſe uns verſuchen, was Du hoffteſt— ſei wieder meine Muſe, meine Freundin—“ Sie entrang ſich ſeinen Armen.„Nein,“ ſagte ſie zurückweiſend,„was ich mir da ſelbſt vorgeredet, war Nichts als verwerfliche Sophiſtik. Unſere Empfindungen waren rein und ſchön, und wie auch die Alltagsmenſchen ſie deuten mochten: wir waren uns ihrer Unſchuld be⸗ wußt. Jetzt müßten wir ſie ſelbſt verdammen, Schande und Ehebruch wäre jetzt, was erſt ſo heilig geweſen! Nun iſt kein Selbſtbetrug, der kein Verbrechen wäre, 98 mehr möglich. Nie wären dieſe Geſtändniſſe über meine Lippen gekommen, wenn ich nicht dieſe Stunde empfände als einen Abſchied für immer! Nun ich Euch noch ein⸗ mal geſehen und Alles geſagt, werde ich die Trennung von Euch würdig ertragen lernen! Wir dürfen aneinan⸗ der denken ohne Schuld—“ „Aber nicht ohne Reue!“ unterbrach ſie Celtes; „o ich Unglücklicher, Kleingläubiger!“ „Auch ohne Rene!“ ſagte Eliſabeth.„Es ſollte doch ſo ſein, wie Ihr ſagtet: der Dichter ſoll ohne Feſ⸗ ſeln bleiben, und um ſich ganz ſeinem Volke hinzugeben, muß er auf die Hingabe an ein einzelnes Weſen ver⸗ zichten! In Euren Werken werdet Ihr für mich fortleben, und was auch noch geſchehen mag: nie kann mir das ſtolze Bewußtſein geraubt werden, daß ich die Muſe war, die Euch zu Euren edelſten Dichtungen begeiſterte!“ „Und ewig werdet Ihr es bleiben!“ rief er;„ich will ringen den Lorbeer zu verdienen, den Ihr mir reichtet.“ Ein letztes Umarmen— dann trieb ſie ihn fort. Aber als er hinaus war, brach ihre gewaltſam bewahrte Kraft zuſammen und bis zur Ohnmacht weinend lag ſie auf dem Sammetpolſter. Fünftes Capitel. Eine Zuſammenkunft. An einem Juliabend, deſſen Hitze ein Gewitter ahnen ließ, obwohl nur erſt einzelne dunkle Wolken drohend über der Burg und den dahinter ſich ausdehnenden Reichs⸗ forſten ſtanden, ging Urſula Muffel durch die Straßen der Stadt, um ihre Freundin Eliſabeth Scheurl zu be⸗ ſuchen. Als ſie„unter der Veſte“ an Meiſter Wohlge⸗ muth's Werkſtatt vorüber kam, ſah ſie an der Thür des⸗ ſelben einen Mohren in goldgeſtickter Dienerkleidung ſte⸗ hen. Sie fuhr unwillkührlich zuſammen, erröthete und fühlte ihre Schritte gehemmt, als verſagten ihr plötzlich die kleinen Füße den Dienſt, die doch vorher ſo hüpfend weitergeſchritten. Sie kannte dieſen Mohren: nur ein Nürnberger Patrizier hatte einen ſolchen im Dienſt. Herr Hans von Tucher hatte ihn von ſeiner Reiſe aus dem Morgenlande mitgebracht, und er war der Diener ſeines 100 Sohnes Stephan, der es immer liebte, durch irgend eine Seltſamkeit ſich vor den andern Geſchlechtern hervorzuthun. Urſula ſchielte durch die Fenſter der Wertſtatt. Da ſaß Albrecht Dürer und malte emſig, aber er warf einen Blick empor, der auch hinaus auf die Straße und auf Urſula traf; ſie lächelte ihm zu, aber er wagte nicht lange aufzuſehen, weil ſchon ein neben ihm farbenreiben⸗ der Geſell ihn hämiſch amrief: „Was haſt Du wieder auf die Straße zu ſtieren und auf ſchöne Frauenzimmer Augen zu machen, die Dich nur auslachen, Du Maulaffe!“ Albrecht antwortete:„Wenn eine edle Dame, die bei uns arbeiten läßt, hereinſieht, ſo iſt es doch nicht meine Schuld.“ „Nun, nach Dir wird ſie nicht geſehen haben,“ verſetzte der Geſelle, und hätte gern noch rohe Späſſe an ſeine Bemerkung geknüpſt, wenn nicht Meiſter Wohlge⸗ muth mit einem Herrn aus dem Nebengemache getreten wäre. Indeß war Urſula langſam vorüber gegangen und trat in Scheurl's prächtiges Gebände. Aber ſo ſchnell, als ſie konnte, eilte ſie die Stiegen hinauf. Eliſabeth empfing ſie mit der ihr eig'nen Würde, doch mit hetz⸗ lichen Freudenbezengungen über ihr Kommen. Aber Urſula war in ungewöhnlicher Aufregung. Sie 101 zog die Freundin in das Chörlein, von dem aus man die ganze Straße auf und ab und auch bis zu Meiſter Wohlgemuth's Werkſtatt ſehen konnte, riß das Fenſter auf und ſagte dann Eliſabeth's Hand erfaſſend:„Verzeih' mir— ich kam ohnehin Dir Alles zu ſagen, an Deinem Herzen mich auszuweinen— aber ſage mir, ſah'ſt Du ihn?“ „Wen denn?“ fragte Eliſabeth verwundert. „Stephan Tucher,“ flüſterte Urſula leiſe und immer mehr erglühend;„dort ſteht ſein Mohr.“ „Geſehen hab' ich ihn nicht,“ antwortete Eliſabeth, „aber mein Gemahl ſagte mir, er ſei ſeit geſtern wieder zurück von Augsburg und Füſſen, wohin ihn ſein Vater in dringenden Handelsgeſchäften geſchickt hatte.“ Urſula verwandte keinen Blick von der Straße. „Dort ſteht ſein Mohr,“ ſagte ſie,„ob er wohl auf ihn wartet?“ „Ich war jetzt nicht am Fenſter, ehe Du kamſt,“ antwortete Eliſabeth. In dieſem Augenblick aber trat Stephan Tucher wirklich aus Wohlgemuth's Werkſtatt, grüßte den ihn zur Thür geleitenden Meiſter und ſprach dann heſtig mit dem Mohren, der mit lebhaſten Geſten antwortend auf Scheurl's Haus deutete. Seine Blicke auf das Chörlein gerichtet kam jetzt Stephan an ihm vorüber, da nahm Urſula einen Roſenſtrauß, den ſie zwiſchen einer abſtehenden ge⸗ ſtickten Krauſe an ihrer Bruſt trug, und warf ihn hinab auf die Straße, daß er vor Stephan's Füße fiel. Er hob ihn auf, aber ſah die Geberin nicht mehr, die das Fen⸗ ſter zuwerfend mit einem Strom lang verhaltener Thrä⸗ nen in Eliſabeth's Arme fiel. „Wie lange man auch ſich und ſeinen Schmerz und ſeine Leidenſchaft bezwingen mag,“ ſagte Urſula,„einmal kommt der Angenblick, da es nicht mehr möglich.“ Eliſabeth ſeußte tief— ſie hatte das nur zu ſehr an ſich erfahren. Aber Urſula meinte bei der kalten Freun⸗ din, die nur aus Gehorſam gegen ihre Familie oder aus Stolz auf das Geſchlecht einen älteren Mann, der kein Gegenſtand einer Herzenswahl war, gefreit haben konnte, einer Entſchuldigung zu bedürfen und ſagte:„Du in Deiner erhabenen Klarheit der Seele weißt freilich Richts von dieſen Kämpfen— aber Du kannſt Alles verſtehen, was groß und ſchön iſt— gewiß auch meine Liebe!“ Jenes Lächeln, das aus Schmerz und Hohn ſich miſchte und das ſo oft Eliſabeth's ſchönen Zügen eine dämoniſche Beimiſchung gab, zog auch jetzt darüber hin; das vermochte ſie nicht zu unterdrücken, wenn ſie auch ſonſt jedes ihrer Gefühle in Schranken hielt, die ſie nur in jener Abſchiedsſtunde von Konrad Celtes überſchritten. Sie wußte, was ſie dem Gatten ſchuldig war, dem ſie mit freier Selbſtbeſtimmung ihre Hand gegeben, ſie heu⸗ 103 chelte keine Liebe; aber ſie wollte die Welt glauben laſſen, daß ſie über dieſe Schwachheit erhaben ſei, und auch nicht vor einem vertrauten Mädchenherzen ein Ge⸗ ſtändniß ablegen, das kein günſtiges Licht auf ihren Ge⸗ mahl und ihre Ehe werfen konnte. Aber daß ihr dieſer Vorſatz ſo vollſtändig gelang, daß kein anderes Auge auf den Grund ihres Herzens zu leſen vermochte; daß man ſie ſür ruhig und befriedigt hielt, indeß alle Qualen ver⸗ lorenen Liebesglückes und eines verfehlten Lebens ihren Nächten den Schlaf raubten und am Tage ſie antrieben, durch geiſtige Beſchäftigungen oder zerſtreuende Vergnü⸗ gungen vor ſich ſelbſt zu fliehen: das veranlaßte jenes bittere Lächeln, mit dem ſie viel mehr noch ſich ſelbſt und ihr Geſchick als ihre kurzſichtige Umgebung verhöhnte. „Vertraue mir nur,“ ſagte ſie mit ilnehmender Stimme;„ich weiß, daß Dich Stephan lieht und daß die Väter ſich dieſer Verbindung widerſetzen; mein Gemahl hat es mir geſagt!“ „Himmel!“ rief Urſula,„ſo iſt es ſchon zum Stadt⸗ geſpräch geworden?“ „Mein liebes Kind,“ belehrte die ältere und welt⸗ erfahrenere Freundin,„wenn Du Dich darüber wunderſt, dann weißt Du nicht, wie die Männer ſind. Die können nicht wie wir ihre Liebe und ihr Leid ſtill für ſich tra⸗ gen, denen koſtet es nicht wie uns ein Erröthen oder die 104 Furcht, ihre innigſten Gefühle falſcher Beurtheilung preis⸗ zugeben. Die reden davon auf der Fechtſchule und in den Trinkſtuben oder wo ſie ſonſt zuſammen kommen, und was wir mit künſtlichen Schleiern als tiefes Geheimniß bergen, das tragen ſie offen zur Schau. Darein müſſen wir uns fügen— ſogar wenn es ein Beweis iſt, daß unſere Liebe eben im Innern ihre Heimath findet, indeß die der Män⸗ ner von außen ſtammt und am Aeußern haſtet.“ Urſula ſeufzte. Sie hatte es freilich ſchon erfahren, daß ſie Stephan gerade nach dem Bann der Väter mehr als einmal rückſichtslos aufgeſucht hatte, und ſie ſo dem Zorn des Vaters wie den Klatſchereien der Leute preis⸗ gegeben; aber wenn ſie ihn auch eben darum abmah⸗ nend jene Zeilen geſchrieben, deren Uiberbringer Albrecht Dürer war hatte ſie doch ſo gern jede Unüberlegtheit und Ausſchreitung ſeiner leidenſchaſtl ichen Liebe vergeben. Und hatte ſie nicht eben jetzt zu einer gleichen Unvor⸗ ſichtigkeit ſich hinreißen laſſen?! War es auch nicht die eigene Mahnung, aus der ſie den Strauß warf; konnten nicht ſo gut wie Stephan ſelbſt andere Vorübergehende ſie geſehen und erkannt haben! Sie mußte daher ſich und ihn entſchuldigen, indem ſie der Freundin aufrichtiger beichtete, als ſelbſt dem Prieſter. Als ſie in ihrer Mittheilung bis zu den Blumen gekommen war, die ihr der Malerlehrling als Stephan's Antwort brachte, fuhr ſie ſort: —— 105 „Ich konnte nicht glauben, daß mein Brief ihn dau⸗ ernd erzürnen werde; hoffte, daß er nur im erſten Aufwallen unbefriedigter Wünſche in meiner Bitte um ſtilles Harren meine Liebe bezweifeln konnte— da hörte ich, er habe Nürn⸗ berg verlaſſen. Daß er fortgegangen im Grolle und ohne ein tröſtendes Abſchiedswort, das hat mich bitter gekränkt und mich mit Selbſtoorwürfen gequält. Sie wuchſen je mehr, je längere Zeit verging, ohne daß ich von ihm hörte. Da wollte ich heute zu Dir gehen, Dir dies gequälte Herz zu zeigen. Du biſt ſo edel und klar, weißt, was die Sitte verlangt und die Familienehre, und kannſt doch ſanfte Em⸗ pfindungen verſtehen, und wäreſt Du ſelbſt auch immer über ſie erhaben geblieben und hätteſt ſie nur mit empfunden in den Schilderungen des Celtes und anderer Poeten.“ Eliſabeth bebte zuſammen bei Nennung dieſes Namens. Seit ſie ſich verheirathet und Celtes fort war, hatten die Läſterzungen von ehemals ſchweigen gelernt, und gerade Alle, die Eliſabeth näher ſtanden, ihren Stolz und ihr geiſtiges Streben— ihre Gelehrſamkeit, wie man es da⸗ mals nannte— kannten, waren durch ihr ſpäteres Betra⸗ gen jeſt überzeugt worden, daß ſie Celtes gegenüber Nichts empfunden als die geſchmeichelte Eitelkeit, die Muſe eines gekrönten Poeten zu heißen, und daß ſie ohne Kampf dem Willen ihrer Familie ſich fügte, die Celtes von ihr verbannte, als die Welt dies Verhältniß zu misdenten 7 1859. XV. Nürnberg. I. wagte. Urſula hatte darum die Freundin nur bedauert, daß ihr durch ein gemeines Vorurtheil der belehrende Freund geraubt ward, durch den ihr wiſſensdurſtiger Geiſt die beſte Nahrung gefunden. Kein Gedanke kam in ihren Sinn, daß ſie die zu ihrer Rathgeberin wählte, die jeden Angenblick bereit geweſen alle Schranken zu durchbrechen, nur um dem Geliebten zu gehören, ſobald dieſer es von ihr verlangt hätte, wie Stephan es von Urſula verlangte. Eliſabeth fühlte ſich von kaltem Schauer überrieſelt und alles Blut drang ihr zum Herzen— unwillkührlich faßte ihre Hand nach ſeiner Stelle, als könne ſie ſo es zu ru⸗ higeren Schlägen zwingen. Warum mußten ſich immer ungleichartige Elemente zuſammenfinden? Warum war Celtes nicht ſo rückſichtslos wie Stephan geweſen, warum war Stephan nicht ſo rückſichtsvoll wie Celtes? So fragte ſie ſich— und rang dabei doch nach Worten, Urſula ihre Gedanken zu verbergen, die für ſie ſelbſt ſchon zu viel Bitterkeit und Beſchämung hatten, als daß ſie je etwas davon hatte mögen laut werden laſſen. Endlich ſagte ſie ausweichend zu ihr: „Du haſt ja ſchon entſchieden, indem Du ihm den Strauß hinabwarſſt.“ „Es war die unbedachte Handlung eines Augen⸗ blickes,“ entſchuldigte ſich Urſula,„des Entzückens, daß ich ihn wiederſah. Ich fand ſeinen Mohren hier auf der 107 Straße, da konnte ich hoffen, er ſei zurückgekehrt; ich konnte den Angenblick nicht vorübergehen laſſen ohne ein Liebeszeichen; denn was auch geſchehen möge, entſagen kann ich ihm nicht— es ſei denn, daß ich mich und mein Elend in ein Kloſter flüchtete, dort nur der Erinnerung an ihn zu leben!“ Eliſabeth warf den Kopf zurück:„Biſt Du ſo un⸗ erfahren, daß Du glaubſt, in den Klöſtern wohne noch wie einſtens ſtiller Gottesfriede und heilige Ruhe? Viel⸗ leicht um irgend einer zugefügten Schmach von der Welt, in der man gelebt hat, zu entgehen, mag das Kloſter eine paſſende Zufluchtsſtätte ſein; aber ſo lange uns die Velt noch offen ſteht, iſt es beſſer, es mit ihr noch zu verſuchen. Du biſt noch ſo jung, und wie ſtarr auch der Wille der Väter ſein mag, durch Ausdauer kann er viel⸗ leicht überwunden und gebrochen werden— Ihr gäbet nicht das erſte Beiſpiel dieſer Art.“ „O ſo mein' ich auch,“ ſtimmte Urſula freudig bei, und mit der glücklichen Schnellkraft hoffnungsfreudiger Jugend, die ſo gern glaubt, was ſie wünſcht, lächelte ſie ſchon im Sonnenſchein eines möglichen Glückes. „Die Tucher kommen zuweilen zu uns,“ ſagte Eli⸗ ſabeth,„vielleicht findet ſich eine Gelegenheit den Vater günſtiger zu ſtimmen!“ 7* „O wäre es möglich!“ rief Urſula und fragte wei⸗ ter:„Aber was ſagte Dir Dein Gatte von uns?“ „Nun Du weißt, daß mein Gemahl ſich ſelbſt lieber zu den jüngern als zu den älteren Herren hält,“ ſpöt⸗ telte Eliſabeth,„wiewohl er ſich ſchon ſeit geraumer Zeit im kleinen Rath befindet und in manchen Stücken eifer⸗ ſichtig iſt auf den alten Tucher. Er hält es darum lieber mit dem Sohn als mit dem Vater, wenn er auch dieſem alle äußere Freundlichkeit und Höflichkeit erweiſtt. Iſt es ihm ſchon widerwärtig, daß ſein Geſchlecht ſich über das ſei⸗ nige erhoben und für einen Scheurl nun gar keine Aus⸗ ſicht mehr iſt, es bis zum Looſunger zu bringen, ſo ver⸗ drießt ihn auch Alles, was Hans von Tucher vor ihm voraus hat. Als ſich dieſer das prächtige türkiſche Haus hatte bauen laſſen eilte Scheurl ſich dies Haus wo möglich noch prächtiger zu bauen, wenn auch auf gut deutſche Art, denn er will nicht etwa den Tuchern nachahmen, ſondern ſie überflügeln. So gönnt er es dem altem Loo⸗ ſunger, wenn ihm mit ſeinem Sohne nicht Alles nach Wunſch geht, und erzählte mir mit wahrem Vergnügen, daß Stephan eine Wahl getroffen, die dem Vater nicht recht ſei, und daß Stephan geſchworen Dich beſitzen zu müſſen, es koſte was es wolle. Aus Freundſchaft für den Sohn und aus Neid gegen den Vater kannſt Du alſo meinem Gemahl vertrauen und auf ſeinen Beiſtand rechnen, wo er möglich iſt.“ 109 Urſula hörte dieſe tröſtenden Worte mit Entzücken, und Eliſabeth war klug und zart genug, ihr den wahren Beweggrund von Scheurl's Sympathie für Stephan Tu⸗ cher zu verbergen, den ihr Gemahl ihr mit den Worten enthüllt hatte:„Dem alten Tucher gönn' ich's, die De⸗ müthigung zu erleben, daß eine Muffel in ſein Geſchlecht kommt. Die Schande wird ihn wohl ein wenig beugen.“ „Ach, wenn ich ihn nur erſt wiederſehe!“ ſeußte Urſula. In dieſem Augenblick trat ein Diener ein und über⸗ reichte der Hausherrin auf vergoldeter Schale von ge⸗ diegenem Silber einen prachtvollen duftenden Strauß von purpurnen Granaten mit blühender Orangie, und meldete, daß draußen der Mohr des Herrn Tucher ſtehe und bringe mit ehrfurchtsvollem Gruß ſeines Herrn dieſen Strauß für die Dame, die vorhin aus dem Fenſter den ihrigen verloren. Eliſabeth nahm den Strauß und be⸗ auftragte den Diener:„Vermeldet Herrn Tucher meinen Gruß, und ich erwarte, daß er den Dank für dieſen Rit⸗ terdienſt noch heute ſelbſt ſich hole.“ Nachdem der Diener hinaus war, ſteckte ſie den Strauß an Urſula's bebende Bruſt, indeß dieſe rief:„Um Gotteswillen, was haſt Du gemacht?— wenn er wirklich käme?— ich muß gehen—“ Sie ſprang angſtvoll auf. „Undankbares Kind!“ lachte Fliſabeth,„in dem⸗ 11⁰ ſelben Augenblick, da Du nach dem Geliebten ſeufzeſt, lockt ihn Dein Seußer herbei, daß man wirklich an Zau⸗ berei glauben möchte, wie jetzt anſängt gang und gebe zu werden— und nun willſt Du davonlaufen! Ich dachte, Du würdeſt meine Klugheit und Aufopferung bewundern, mit der ich jetzt Alles auf mich nehmend Dich ganz aus dem Spiele ließ! O bitte, verſtelle Dich nur nicht, nach⸗ dem Du ſchon gebeichtet!“ Damit ſchob ſie die Freundin wieder auf das Sopha, und während dieſe ſtumm, un⸗ ruhig, beſchämt und mit Thränen in den Angen daſaß,* die zugleich Beſchämung und Stolz, Furcht und Hoffnung, Freude und Schmerz und eigentlich doch nur Liebe ver⸗ kündeten, ſcherzte Eliſabeth weiter, indem ſie den geſand⸗ ten Strauß noch einmal zur Hand nahm: „Da ſieht man, daß die Männer von Nichts etwas verſtehen! Der Strauß iſt viel zu groß, um angeſteckt zu werden; ein Viertel davon reicht dazu hin, das übrige bildet noch ein Diadem für Dein Haar.“ Und während ſo Urſula ſich ſtillgewährend ſchmücken ließ, ſagte ſie auf's Neue bedenklich:„Aber wenn mein Vater erfährt, daß ich trotz ſeinem Verbot wieder heimlich mit Stephan zuſammengekommen?“ „Heimlich?“ antwortete Eliſabeth ſtolz,„dann würde mich Dein Vater wohl zu jenen alten Kupplerinnen wer⸗ fen, welche die Genannten öffentlich mit den Staubbeſen 1¹1 und dem Pranger beſtraſen laſſen und ſich heimlich doch ihrer ſelbſt bedienen? Beruhige Dich, mein Gemahl und meine Brüder werden uns bald Geſellſchaft leiſten, und Du konnteſt am Wenigſten wiſſen, daß Du Stephan hier treffen würdeſt, da Du erſt hier ſeine Rücktehr erfuhrſt. Uibrigens fragt es ſich ja auch noch, ob er kommt.“ Aber in dieſem Augenblick hörte man ſchon einen ſchallenden Sporentritt auf der Stiege— Urſula kannte dieſen Tritt, in dem ſo viel Stolz und Gewalt lag, daß die Treppen unter ihm bebten. Bald darauf öffnete ein Diener die Flügelthüre und Stephan trat ein; an ſei⸗ nem dunkelgrünen Wamms trug er Urſula's Roſen. Eliſabeth bewillkommte ihn als Hausfrau und ſagte mit ſchalkhaftem Lächeln:„Es thut mir leid, daß Ihr über den Strauß im Irrthum waret und zwar in einem zwei⸗ und dreifachen: einmal beſtand er nicht aus vrien⸗ taliſchen Granatblüthen, ſondern aus bürgerlich deutſchen Roſen; dann war es nicht die Hausfrau, die ihn verlor, ſondern ihr Gaſt, und dann ward er auch nicht verloren, ſondern— geworfen. Ich ſelbſt bin Euch alſo keinen Dank ſchuldig für Euren Ritterdienſt, und wenn ich Euch den⸗ noch erſuchen ließ, ihn in meiner Behauſung Euch zu holen, ſo ſehet, ob Ihr das dennoch vermöget. Erlaubt, daß ich mich jetzt einen Augenblick von Euch entſerne, um mei⸗ nen Gemahl von Eurer Gegenwart zu unterrichten.“ So verließ ſie mit heiterem Antlitz und edlem An⸗ ſtund das Zimmer— und das liebende Paar drinnen ahnte nicht, welch' quälendes Feuer unbefriedigter Sehn⸗ ſucht ſich hinter dieſem ſchönen Gleichmuth verbarg, und wie es das eigene Glück aus der Hand eines Weſens empfangen, das mit gebrochenem Herzen auf das gleiche Glück verzichten mußte. Oder vielmehr das Paar dachte gar nicht an ſie, denn die Liebe iſt immer egviſtiſch und denkt nur an ſich ſelbſt. Stephan und Urſula brachten es lange zu keiner andern Erklärung, als zu Ausrufungen und ſtürmiſchen Liebkoſungen. Bei ihm waren jene mit Vorwürfen der Kälte und Grauſamkeit und dieſe mit ungezügelter Lei⸗ denſchaftlichkeit gepaart. Urſula war in ſeinen Armen wie eine weiche, glühende und doch zarte Roſe, die der Si⸗ rocco umtobt. Ihre Schwüre und Thränen, ihre Schilde⸗ rung deſſen, was ſie gelitten, daß er ohne Abſchied von ihr gegangen, beſänftigten ihn endlich. Er ſagte:„Ich wollte Dich nicht wiederſehen, Dich vergeſſen, weil Deine Liebe kein Opfer zu bringen ver⸗ mochte. Es kam mir eben recht, daß an demſelben Tag, wo Deine Zeilen den Bann über mich ausſprachen, mein Vater eine Botſchaft von Herrn Fugger erhielt, daß eine Waarenſendung für uns, die von Venedig gekommen, zwiſchen Augsburg und Füſſen verloren gegangen ſei. In 113 Füſſen war ſie abgegangen, aber in Augsburg nicht an⸗ gekommen, und wir wußten nicht, ob hier Gewalt der Raubritter oder eine Veruntreuung dor Fuhrleute die Schuld davon trage. Ich erbot mich ſogleich ſelbſt dahin zu reiſen, und mein Pater war wohl damit zuſrieden. Noch am ſelben Abend ritt ich davon. In den zwei Mo⸗ naten, die ich fort war, gelang es mir wohl, die Räu⸗ ber unſeres Gutes zu entdecken und daſſelbe zum großen Theil wieder zu erlangen; aber mit meinem eigenen Herzen bin ich nicht ſertig geworden, das blieb mir ge⸗ raubt; und ich mußte wieder zurück gen Nürnberg, ob ich vielleicht da es wieder heraus bekäme.“ „Du bekommſt es nimmer wieder, wenn ich Dir auch zeigen will, wo es hingekommen,“ liſpelte Urſula mit ſchmeichleriſchem Lächeln und drückte ſeine Hand an ihr klopfendes Herz. Er nahm ſie auf ſeinen Schvoß und flüſterte ko⸗ ſend:„Sieh, dort hei Füſſen iſt die Gegend ein Para⸗ dies, als habe der Herr es ehen erſt erſchaffen. Dort ſchäumt der Lech in einem wilden Waſſerfall von den Höhen, und ringsum ſtehen himmelhohe Berge mit grü⸗ nem Wald bedeckt. Tief unten in den Thälern blinken kleine Seen wie Sterne, die vom Himmel gefallen. Doch nein! ich dachte bei ihnen nur an Deine Augen! Da kam ich dicht bei ihnen an ein fleines Schlößlein, da⸗ 1¹⁴ hinter ſtand ein Bergrieſe, der hohe Säuling, es zu be⸗ wachen, und von allen Seiten ſchloßen Berg und Wald es ein. Dort dacht' ich, wenn Du bei mir wäreſt— nur Dir und unſerer Minne zu leben— dort wäre das Pa⸗ radies dann in Wirklichkeit. Von dem Fürſtbiſchof von Augsburg, der jetzt in Füſſen ſeinen Sitz auſgeſchlagen, erfuhr ich, daß jenes Schlößlein einem habgierigen Edel⸗ mann gehört, der es gern für einen guten Preis ver⸗ faufen würde— ſolge mir dahin, jetzt, gleich, wenn Du willſt, und der Fürſtbiſchof der mir wohlgewogen, würde es ſchon vermitteln, daß auch der Segen der Kirche uns nicht fehle.“ Urſula hatte erſt wie zu einem ſüßen Traume ſelig gelächelt, aber jetzt traten Thränen in ihre Angen, ſie machte ſich von ihm los, glitt zu ſeinen Füßen nieder und ſlehte:„Schone die Schwäche einer liebenden Jung⸗ fran! Du zeigſt mir ein Paradies— aber der Fluch des Vaters, die Gebote Gottes und der Sitte ſtehen an ſei⸗ nem Eingang— ich möchte über ſeine Schwelle, und weiß doh daß mein Gewiſſen uns mit ſeinen Qualen jeden Genuß vergiften wird, wenn ich ſie überſchritten.“ Stephan ſprang ungeduldig auf und zog ſie empor, er blickte ſie vorwurfsvoll und düſter an und ſchwieg. Nit zitternder Stimme begann Urſula wieder: —— — 11⁵ „Wir ſind noch jung und können noch warten, können durch treues Aushalten das Glück der Minne uns verdienen. Wenn wir feſt und treu ſind, können wir den ſtarren Sinn der Väter noch brechen. Sieh', eben jetzt hat mir Eliſabeth Hoffnung gemacht, daß ihr Ge⸗ mahl Mittel finden werde, Deinen Vater mit Deiner Wahl zu verſöhnen, dann werden meine Bitten auch den meinigen leicht erweichen. Und wenn ich auch Dir folgen wollte— gleich wäre es ja doch nicht möglich— und ſobald mein Vater weiß, daß Du wieder hier, läßt er mich gleich einer Gefangenen bewachen, daß jedes Ent⸗ kommen unmöglich. Und denke, wenn man uns verfolgte, entdeckte— dann hätten wir für immer die Hoffnung verſcherzt, daß die Väter uns gewährten, was wir fre⸗ velhaft ihnen und der Sitte trotzend, uns erzwingen wollten. Dann bliebe mir nur das Kloſter!— Horch, ich höre Draußen kommen, gib mir noch einen Kuß zum Zeichen, daß Du mir nicht zürnſt— und dann wollen wir in Gegenwart der Andern uns der Stunden freuen, die uns doch vergönnt ſind, nebeneinander zu verweilen.“ Wie hätte er nicht verſöhnt ſein, im Innern den edleren Sinn der Jungfrau erkennen und ihr zuſtimmen ſollen, ja ſie um ſo höher ehren, daß ſie ſeinen verfüh⸗ reriſchen Bitten widerſtand, wenn auch ſeine ſinnlichere Natur es anders verlangen mochte? 1¹6 Es war gut, daß die Eintretende nur Eliſabeth war, weil ſie das Paar noch mit vereinten Lippen ſah. Stephan ergriff Eliſabeth's Hand, indeß Urſula in ein kleines Nebengemach entſchlüpfte, um ihr in Ver⸗ wirrung gerathenes Haar zu ordnen, und ſagte:„Ihr nehmt alles Edle, Hohe und Schöne in Euren Schutz: die Künſtler wie die Gelehrten und die Dichter— und ſo auch ein liebendes Paar, dem man keine Zufluchts⸗ ſtätte laſſen will. Euch, hohe Frau, danke ich dies glück⸗ liche Wiederſehen und vertraue ferner die Geliebte Eurer Huld.“ „Werdet Ihr jetzt hier in Nürnberg bleiben?“ fragte Eliſabeth;„ich möchte Euch rathen, was Ihr ſchon jetzt gethan, noch einmal und freudiger zu verſuchen, ſeit Ihr Euch aufs Neue von Urſula's Liebe überzeugt habtt. Nicht um ſie zu vergeſſen, ſondern um ſie zu verdienen, möcht' ich Euch in der Fremde wiſſen. Wenn Ihr Tha⸗ ten thut oder Geſchäfte leitet, welche Euch den Beifall Eures Herrn Vaters erwerben müſſen und unabhängig von ihm machen, ſo erwerbt Ihr Euch auch vielleicht als Lohn ſeine Einwilligung— oder das Recht, ſie zu er⸗ zwingen.“ „O Ihr hab't Recht,“ rief Stephan,„Ihr leſ't in meinem Innern; ich dürſte längſt danach, etwas Großes, ein kühnes Unternehmen zu vollbringen, um mir Urſula 117 dadurch zu verdienen, wie die Ritter der Heldengedichte mit Drachen oder Legionen von Feinden kämpften zur Ehre ihrer Dame, und dann erſt des ſüßen Minnelohns ſich würdig fühlten.“ Uiber Eliſabeth's Züge ſiog das ihr eigenthümlich höhniſche Lächeln. Sie kannte dieſe ſybaritiſch gewöhnten Patrizierſöhne, die wohl einmal ihre Kraft an ein ver⸗ liebtes Abenteuer wagten, aber ſelten zu einem ernſten Streben ſich ermannten. Sie dachte, daß Stephan dieſe Antwort doch Jur gab, um nicht durch ihre Worte be⸗ ſchämt zu ſein, und daß er wohl in dieſem Augenblick ſo fühlen möge, aber daß von ſolchen ſchönen Empfin⸗ dungen noch lange nicht auf ihre Ausdauer zu einer edlen Wirkſamkeit zu ſchließen ſei. Sie antwortete ihm jedoch in ſeiner Zuſtimmung, aber bald war dies Zwiegeſpräch durch den Eintritt Chri⸗ ſtoph Scheurl's unterbrochen, welcher kam, um die Da⸗ men zur Taſel zu führen. Er begrüßte freund⸗ lichſt nahm dann den Arm der wieder zurückgekt Urſula, indeß Eliſabeth den ihrigen in den Stephan's legte. So gingen ſie auf weichen Teppichen durch weite Corridore in ein abgelegeneres Prunkgemach, das mit fürſtlicher Pracht eingerichtet war. Hier fanden ſie noch einige Herren, Eliſabeth's Brüder, den Propſt Anton Kreß, Herrn Martin Ketzel und einige andere Genannte. mmenen 11⁸ Sie nahmen an der reichbeſetzten Tafel Platz. Man ſpeiſte nur von ſilbernen Tellern, die köſtlichſten Gerichte aus ſilbernen Schüſſeln und trank Wein von Cypern oder dem vaterländiſchen Rheingewächs zur Auswahl aus goldenen Pokalen von zierlich getriebener Arbeit. In der Mitte als Tafelaufſatz ſtanden zwei hohe Figuren von ge⸗ triebenem Kupfer, aber verſilbert, welche Waſſer aus ei⸗ nem in der Mitte befindlichen hohen Baſſin ſchöpften, aus dem eine Fontaine in die Höhe ſprang. Wer Waſſer zu trinken begehrte, der hielt ſeinen Becher hin, und die eine der ſchöpfenden Figuren, der Herr oder die Dame, goßen es hinein. Man lobte und bewunderte das Kunſtwerk, obwohl damals ähnliche Automaten, Druck⸗ und Uhrwerke keine Seltenheit waren, und in den Häuſern der Reichen und Kunſtfreunde nicht fehlen durſten, und Scheurl ſagte:„Ich habe es bei dem Harfenſpieler Hans Frey machen laſſen, der in dieſen Dingen ein ſehr kunſterfahrener Mann iſt.“ „Nicht wahr,“ ſagte der Popſt,„er hat ein eigenes Haus auf der Ziſſelgaſſe und eine ſehr hübſche Tochter Agnes?“ „Ei,“ lächelte Scheurl,„Euer Hochwürden merkt ſich doch gleich die Häuſer an den hübſchen Mädchen, die darinnen wohnen.“ 1¹9 „Nun, nun,“ antwortete der Propſt ſchmunzelnd, „die Agnes iſt noch ein kleines Dingelchen von zwölf Jahren, und ich bewundere mehr noch als ihr kluges niedliches Geſicht ihren Fleiß, denn man kann nie dort vorüber gehen, ohne ſie die Spindel emſig drehen zu ſehen.“ Indeß wandte ſich Eliſabeth an Martin Ketzel, einen älteren mittelgroßen Mann mit wettergebräuntem Geſicht, in deſſen Zügen etwas von bigotter Gedrücktheit und kühner Unternehmungsluſt ſonderbar miteinander con⸗ traſtirte, und ſagte: „Ihr hab't uns noch wenig von Eurer Reiſe in's gelobte Land erzählt, da Ihr doch heute zum Erſtenmale in unſerer Geſellſchaft ſeid und nur erſt wenige Tage zu⸗ rück. Hab't Ihr nun diesmal das Maaß der Entfernung der heiligen Stätten glücklich bis nach Nürnberg gebracht?“ „Ja,“ antwortete Herr Ketzel,„und ich bin nicht ſobald zurückgekommen, als ich ſchon das Rieter'ſche Haus gekauft habe, das als Pilatushaus ſoll angeſehen werden, und der wackere Steinmetz Adam Kraft ſoll mir die ſie⸗ ben Fälle Chriſt in Stein hauen und ein Kapellein ſetzen, als ſtünd' es auf dem Calvarienberg. Von jenem Haus am Thiergärtnerthor aus durch die Seilersgaſſe bis auf den Kirchhof trift die Entfernung gerade mit meinem Maaß. Dann wird man nicht mehr über mei⸗ 12⁰ nen Verluſt lächeln, ſondern erkennen, daß ein rechter Mann mit Geduld, Muth und Ausdauer doch durchſetzt, was er ſich einmal vorgenommen, und ſollt' es auch ein⸗ mal ſcheinen, als ſei ſchon Alles verloren— wie mein Maaß.“ „Das iſt eine Lehre für Euch, Herr Stephan,“ flüſterte Eliſabeth dieſem über den Tiſch zu. Herr Martin Ketzel war nämlich vom frommen Ei⸗ fer getrieben, ſchon im Jahre 1477 mit den thatenrei⸗ chen Herzog Albrecht von Sachſen in das heilige Land gezogen, um dort die Entfernungen der heiligen Stätten vom Pilatushaus nach allen Orten bis auf Golgotha, wo ſich bei der Hinausführung Chriſti Merkwürdiges ereignet hatte, auszumeſſen und in Nürnberg kunſtreiche Erinne⸗ rungsmale errichten zu laſſen. Als er zurück kam, hatte er das Maaß verloren. Aber er verzweifelte darum nicht, ſondern ging einige Jahre ſpäter im Gefolge Herzog Otto's von Baiern noch einmal nach Paläſtina, und war eben jetzt zurückgekehrt. Aber der fromme Eiſer, welcher die Kreuzzüge her⸗ vorgerufen, und der Antheil, den man den heiligen Stät⸗ ten zollte, gab ſich nur noch in vereinzelten Erſcheinun⸗ gen kund und konnte keine allgemeine Theilnahme mehr erwecken. Mehr als nach dem alten heiligen Land drängte der Geiſt der Zeit vorahnend nach einer neuen WVelt, 124 wenn auch die kühnen Seefahrer vor der Hand nichts weiter begehrten, als einen neuen Handelsweg nach Hſt⸗ indien. Und die Nürnberger Kaufleute, die hier verſam⸗ melt waren, die noch nicht berechnen konnten, wie durch die neuen Entdeckungen der Handel eine andere Geſtalt annehmen, und ihre große Landhandelsſtraße von Nürn⸗ berg und Augsburg über Füſſen und Kempten nach Ve⸗ nedig veröden werde, ſprachen voll froher Theilnahme mit den Geſchwiſtern Martin Behaim's von dieſem berühmten Landsmann, von dem man mit äußerſter Spannung auf neue Nachrichten wartete. Indeß, nachdem man ſich nach deutſcher Art lange genug von fremden Welttheilen unterhalten, kam man endlich auch auf das deutſche Reich, und Chriſtoph Scheun ſagte zu Stephan und den beiden Damen: „Ihr wißt wohl die große Tagesneuigkeit noch nicht, deren Kunde ich vorhin vor Eurer Anweſenheit durch einen Boten aus Frankfurt empfing, den mir ein Geſchäftsfreund ſandte: König Mar wird in acht oder vierzehn Tagen mit dem Markgrafen Friedrich nach Nürn⸗ berg kommen.“ „Ei, ſo kommt er endlich einmal, er hat uns lange genug warten laſſen!“ ſagte Eliſabeth. „Sprecht Ihr„uns“ auf gut nürnbergiſch?“ fragte der Propſt,„oder ſprecht Ihr nur als Frauenzimmer? 1859. XV. Nürnberg. I. 8 Dann klänge es faſt wie die Worte der edlen Maria von Burgund, die Gott ſelig haben möge, und die auch zu ihm ſagte:„er ſei das edelſte deutſche Blut, nach dem ſie lange venlangt habe.“ Dann nehmt Euch in Acht, denn König Mar iſt allen ſchönen Frauen gefährlich, und ſie ſind es auch ihm, trotzdem er ſich noch nicht hat ent⸗ ſchließen können, einen Erſatz für ſeine Maria zu ſuchen.“ „Ich meine, Ihr wißt, daß ich gut nürnbergiſch bin,“ antwortete Eliſabeth, ohne in Verlegenheit zu kom⸗ men,„und kein Potentat, der es nicht iſt, wird mir be⸗ ſonders werth ſein.“ „Von König Mar muß ſich das erſt zeigen,“ ſagte Georg Behaim;„er iſt bisher nur in die niederländiſchen Händel verſtrickt geweſen, und im Reiche iſt ja noch immer ſein alter Vater das Haupt.“ Chriſtoph Scheurl ſagte:„Bis jetzt war er immer nur ein Fürſt ohne Land; denn wenn er auch ſchon bei ſeiner Vermählung die Titel vieler Herzogthümer und Grafſchaſten und bei ſeiner Krönung vor drei Jahren in Aachen den des römiſchen Königs empfing, ſo iſt ihm doch erſt jetzt, wo der alte Erzherzog Sigismund ihm Tirol und ſeine ſchwäbiſchen Länder als ſein Erbe über⸗ wies, die erſte Fußbreite Landes und die erſten eigenen Finkünſte zugekommen. Das iſt gut für Einen, der ſo lange nur von einem filigen Vater, der ſelbſt Nichts 123 wenn ihm nicht Reichshilfe ward, abhängig ge⸗ weſen.“ „So iſt nun auch wirklich der Friede mit Frankreich zu Stande gekommen, wie es ſchon geſtern hieß?“ fragte Stephan;„habt Ihr genaue Nachrichten darüber, Herr Scheurl?“ „Ganz genaue,“ verſetzte dieſer, und lächelte ſelbſt⸗ befriedigt, als wolle er andeuten, es ſei unmöglich einen ſolchen abzuſchließen, ohne daß er mit in's Vertrauen ge⸗ zogen ſei.„Der franzöſiſche Geſandte kam ſehr gelegen auf dem Reichstag an, den König Mar jetzt auf eigene Hand in Frankfurt hielt, um vom Reiche nicht weniger als vierzigtauſend Mann zu fordern zum Kriege in den Niederlanden und Oeſtreich. Die Reichsſtände handelten die Forderung aber glücklich herunter auf„die eilende Hülfe“(ſechstauſend Mann ſtark), wovon nur zweitauſend Mann geſtellt waren, als der franzöſiſche Geſandte mit Friedensbedingungen erſchien, die für Mar äußerſt vor⸗ theilhaft waren, und ſo ward denn am zweiundzwanzigſten Juli der Friede geſchloſſen. Indeß nur der tapfere Her⸗ zog Albrecht von Sachſen die Flamänder vollends unter⸗ werfen ſoll, wird Mar zum alten Kaiſer nach Linz reiſen, da der Wafeenſtillſtand mit König Mathias wieder zu Ende geht— und auf der Durchreiſe wird er hier ſich einige Tage ruhen.“ 8* Man ſprach von den Vorbereitungen, die zu dem Empfang des Königs zu machen wären, und da nun der aus immer neugefüllten Bechern maaßlos getrunkene Feuer⸗ wein anfing die Köpfe und Sinne zu erhitzen, die Män⸗ ner die Worte noch weniger wogen als vorher, ſo daß mitunter Schimpworte fielen und rohe, derbe Späſſe laut wurden, welche die weiblichen Ohren, obwohl ſie ſchon an manchen Kraftausdruck gewöhnt waren, verletzten, ſo winkte Urſula Eliſabeth ſich zu entfernen. Sie ſtanden auf, und Stephan wollte Urſula heim⸗ begleiten, aber auch ſein Geſicht glühte von Wein, und ſie brachte ihn endlich dadurch zum Bleiben, daß ſie er⸗ klärte, wie ihr Vater ihr ſchon zwei Diener zum Geleit geſchickt, die dann ſeine Gegenwart verrathen würden. Auch Eliſabeth ging in ihr ſtilles Frauengemach, indeß die Männer noch lange zechten und lärmten. Hechstes Cnpitel. Marmilian 1. Der fünßehnte Auguſt 1489 war der Tag, an welchem die Rürnberger den künftigen Kaiſer und jetzigen römiſchen König zum Erſtenmale in ihren Mauern zu empfangen erwarteten. Die Nürnberger waren ein ſtolzes, eigenſinniges Völkchen. Sie legten nicht etwa ein großes Gewicht auf die Gunſt und Gegenwart gekrönter Häupter, denn ſie meinten dazu nicht ſonderlich Urſache zu haben. Was war denn in ihren Augen ſolch' eine blutige Krone eigentlich werth? Oft nicht halb ſo viel, als die in den Niederlagen der Tucher oder Behaim, der Ebener oder Haller aufge⸗ ſtapelten Waaren! Die meiſten dieſer Fürſten hatten ja kein Geld, ſondern mußten es erſt von ihren Untertha⸗ nen erbitten, oder durch die Brandſchatzungen belagerter Länder ſich zuſammenrauben, und ſelten lebte Einer fried⸗ lich im Beſitz ſeiner Länder, ſondern ward ewig in Athem gehalten von dem unruhigen Nachbar. Oſt genug mußte ja der Rath von Nürnberg aushelfen mit Geld und Truppen, und daneben noch ſich ſelbſt beſchützen gegen die Plackereien der Raubritter, welche die Fehdeluſt ihrer fürſtlichen Herren untereinander nachahmten und auf ihren verwitterten Burgen von den Gütern lebten, die ſie auf der Land⸗ ſtraße geraubt. Ein Nürnberger Raths⸗ und Handelsherr ſah verächtlich auß dieſe Leute herab und freute ſich ſei⸗ nes reichsſtädtiſchen Wohlſtandes, und ganz Nürnberg rühmte ſich, keinen andern Herrn über ſich zu erkennen, als den Kaiſer. Aus denſelben Gründen war auch der Reſpekt vor dieſen Kaiſern nicht gar groß, von denen auch nur wenige Kraſt genug beſaßen, das Reich in Ordnung zu erhalten und der hohen Würde ſich erfreuen zu können; aber Manches, was auf dieſe kaiſerliche Majeſtät ſich bezog, gehörte mit zu den beſondern Pri⸗ vilegien Nürnbergs, und auf deren Bewahrung hielt die Stadt mit eigenſinniger Unverbrüchlichkeit. Dazu gehörte das Recht, die Reichskleinodien in der Heiligengeiſtkirche außzubewahren, und die Verpflichtung jedes Kaiſers ſeinen erſten Reichstag in Nürnberg zu halten. Dadurch eben, daß ſie den Kaiſer ſelbſt zuweilen in ihrer Ritte hatten, daß er bei ihnen Wohnung nahm, an ihren Feſten ſich betheiligte, mit den Rathsherren zechte und mit ihren ſchönen Frauen tanzte, fühlten ſie ſich ſtolz in ihrem Rechte keine Mittelsperſon zwiſchen ſich und ihm nöthig zu haben, denn mit den einzigen, die es etwa gab, den Grafen von Zollern und Brandenburg, die ſich auch Burggrafen von Rürnberg nannten, hatten ſie ewige Streitigkeiten über unklar beſtimmte Gerechtſame. In der That waren dieſe Verhältniſſe ſehr ver⸗ wickelter Art. Auf der Veſte von Nürnberg hatte ein Burggraf ſeinen Sitz, der als kaiſerlicher Statthalter das Landgericht über das außerhalb der Stadt gelegene nürn⸗ bergiſche Gebiet zu hegen hatte. Schon ſeit langer Zeit waren die Burggrafen zu Nürnberg aus der Familie der Zollern und Abenberg. 1427 verkaufte Markgraf Friedrich von Brandenburg die Ruinen der Veſte Nürnberg(die Ludwig der Bärtige 1420 in einer Fehde mit dem Burggrafen Johann hatte niederbrennen laſſen, wobei die Nürnberger zwar nicht direkt, aber in⸗ direkt betheiligt waren, indem ſie„ſtill ſaßen“ und nicht löſchen halfen) mit ihrem Zubehör und Gerechtſamen an die Stadt Nürnberg. Der Kaiſer Sigismund beſtätigte den Kauf und belehnte die Stadt mit den vom Burg⸗ grafen abgetretenen Rechten. Dadurch glaubten die Nürn⸗ berger, welche die Veſte wieder aufbauten, einen großen Vortheil erlangt zu haben. Aber dieſer Handel war nur die Quelle neuer Streitigkeiten mit dem unruhigen Nach⸗ 128 barn. Das Burggrafenthum Nürnberg theilte ſich früher in zwei Linien: in die Fürſtenthümer Baireuth ober⸗ halb Gebirgs und Anſpach unterhalb Gebirgs. Beide Linien vereinigte Markgraf Albrecht Achilles(er hatte dieſen Beinamen wegen ſeiner Schönheit und Rit⸗ terlichkeit) von Brandenburg⸗Anſpach, der Nürnberg heſtig bekämpfte und ihm in acht Schlachten den Sieg abge⸗ wann. Er ſtarb 1486 in Frankfurt, als Mar I. zum König gekrönt ward, und ſein Sohn Friedrich der Ael⸗ tere ward ſein Nachfolger. Dies war der Markgraf Friedrich von Branden⸗ burg, der jetzt ſammt ſeinen Mannen mit dem deutſchen Reichsheer nach den Niederlanden gezogen war, als Mar auf der Kranenburg zu Brügge gefangen ſaß. Jetzt war er mit auf dem Reichstag zu Frankfurt, und ward nun auf der Veſte mit dem römiſchen Könige erwartet. Uiberall waren die glänzendſten Vorbereitungen zu ſeinem Empfange getroffen worden. Faſt ſchien es, als habe man den ganzen Reichsforſt geplündert, die Stadt in einen Garten mit grünen Bäumen zu verwandeln. Hinter dem Thor, durch das er kommen mußte, war eine Ehrenpforte mit zierlich in Holz geſchnitzten Spitzbogen erbaut und zeltartig mit prachtvollen, in Nürnberg ſelbſt gewebten Stoffen in den drei Farben des deutſchen Reichs überkleidet. Dazwiſchen waren auch die Stricke 129 verborgen, an welchen kleine Kinder ſchwebten, die an ihren weißen Kleiderchen goldene Flügel hatten und ſich, wenn ſie auch Engel vorſtellen ſollten, in ihrer gefährli⸗ chen Lage keineswegs wie im Himmel befinden mochten. Zwei der ſchönſten Jungfrauen ſtanden oder ſchwebten vielmehr auch nur auf hohen Piedeſtallen zu den Seiten dieſes kleinen gothiſchen Baues. Die tadelloſen Geſtalten waren nur wenig von dünnen, flatternden Gewändern und Blumenguirlanden verhüllt und trugen goldene, blu⸗ mengefüllte Füllhörner, deren Inhalt auf den Erwarteten zu ſchütten. Andere, minder anſtößig gekleidete Mädchen ſtanden zum Blumenſtrenen bereit. Der Magiſtrat hatte ſich in glänzender Amtstracht auf dem Rathhaus ver⸗ ſammelt, dem König entgegenzuziehen. Voran die beiden Lvoſunger Hans von Tucher und Wilhelm Holzſchuher, dann die drei oberſten Hauptleute, die ſieben älteren Herren, alle Bürgermeiſter und Schöppen, der ganze große und kleine Rath, darunter auch Chriſtoph Scheurl, ſein Schwiegervater Martin Behaim und Gabriel Muffel. Auch die Genannten und Patrizierſühne hatten ſich ein⸗ gefunden, im Reichthum einer ausgeſuchten Tracht einan⸗ der gerade ſo wie die Frauen überbietend, und unter ihnen war es Stephan Tucher gelungen, ſich am Meiſten hervorzuthun. Alle Zünfte mit ihren Fahnen ſtanden be⸗ reit die Meiſter voran, gefolgt von dem langen Schweif — der Geſellen und Lehrlinge. Auch die Steinmetzen der Nürnberger Baubrüderſchaft fehlten nicht, der blonde Hie⸗ ronymus trug ihre Fahne und hielt ſie hoch empor, da⸗ mit ſie mit den goldenen Zirkeln auf ſtrahlendem Him⸗ melblau dem König entgegenwinke, der ſchon einſt auf einen Hüttentag zu Wien ſich ſelbſt als Mitglied der Bauhütte hatte aufnehmen laſſen und ein Baubruder ge⸗ worden war. Von allen Häuſern zogen ſich grüne Fe⸗ ſtons über die Straßen oder unter den Fenſtern hin, aus vielen derſelben hingen koſtbare Teppiche nach venetiani⸗ ſcher Sitte, welche man hier ſo gern nachahmte, und im gewählteſten Putz ſchauten die Frauen daraus hervvr. Durch die Straßen, durch welche der Zug kommen mußte, drängte ſich die Menſchenmenge Kopf an Kopf, kaum in Schranken gehalten von den Rathsdienern, Stadtſchützen und Bütteln, die ſeit einem Jahrzehent mit Wehren ver⸗ ſehen worden waren, um ſich mehr Reſpekt verſchaffen zu könen. Ein dreimaliger Stoß in ein großes Horn auf der Veſte, das Kaiſer Friedrich bei ſeiner letzten Anweſenheit daſelbſt hatte anbringen laſſen, das ſeitdem aber außer Gebrauch gekommen, gab endlich das Zeichen von der Ankunft des Erſehnten. Alles gerieth in Bewegung, ſelbſt die Rathsherren auf dem Rathhaus, die Züge ordneten ſich, die Volkshaufen auf den Straßen machten den Stadt⸗ 13¹ ſchützen immer größere Noth, und die Frauen legten ſich ſo weit aus den Fenſtern, daß man von manchen fürchten konnte, ſie möchten gar hinausfallen. Der Zug kam nicht durch die Straße, in welcher Urſula wohnte, darum war ſie zu Eliſabeth gegangen. Da ſtanden ſie wieder Beide in dem zierlichen Chörtein, von dem aus ſie ſo bequem auf die Straße ſehen konn⸗ ten und den Ankommenden gerade in's Geſicht. Sie hatten die großen Fenſter ganz geöfnet und wurden ſo auch hier mehr geſehen, als an jedem andern Platz. Unwill⸗ kürlich lenkten ſich ſchon alle Blicke nach dem überhaupt noch ganz neuen und darum ganz blank ausſehendem Hauſe, an dem auch jetzt ſein Beſitzer nichts geſpart hatte, die bleibende Pracht deſſelben noch durch nur auf dieſen Tag berechneten Schmuck zu erhöhen. Um die durchbrochene Arbeit an dem Chörlein noch ſchöner hervortreten zu laſſen, waren Blumen dahinter angebracht, und durch Grün und Blumen das ganze in einen Blumentempel verwandelt. Die Fenſter waren ausgehoben und nur die oberen buntgemalten Bogenfenſter ſtrahlten im Sonnen⸗ glanz, golddurchwirkte Teppiche deckten die Brüſtung, und hinter dieſer ſtanden die beiden Damen, Urſula in zartes Roſa gekleidet, Haar und Kleid mit weißen Roſenguir⸗ landen geſchmückt, und Eliſabeth in grünen golddurchwirk⸗ ten Brokat von auffallendem Schnitt nach portugieſiſcher Art. Ein dünner Schleier war durch ein ſunkelndes Stirn⸗ band gehalten und gleiche koſtbare Steine in Gold gefaſt glänzten an ihren weißen Armen und ihret Bruſt. Wohl Wenige zogen vorüber, ohne einen Blick auf die beiden mehr als alle andern ſichtbaren Schönheiten zu werfen, und ſowohl vor ihnen als vor der Gattin des hochangeſehenen Chriſtoph Scheurl neigten die Fah⸗ nenträger ihre Fahnen; ſelbſt Hieronymus that es und flüſterte dem neben ihm gehenden Ulrich zu: „Das iſt nicht nur die ſchönſte, ſondern auch die aufgeklärteſte Frau in Nürnberg.“ Unwillkürlich weilten Ulrich's Augen mit ihrem be⸗ geiſterten Ausdruck lange auf der ſchönen Frau, ſo daß dieſe halb von einem höhern Gedanken entzündet, halb von dem ihr zuweilen eigenen Muthwillen erſaßt, eine weiße Roſe aus einem für den König bereitgehaltenen Blumenkorb nahm und ſie gutzielend in Ulrich's Geſicht warf, indem ſie zu Urſula lächelnd ſagte: „Ich bin eine begeiſterte Anhängerin dieſer Bau⸗ brüder, und ärgere mich doch über ſie, daß ſie keine Frauen unter ſich dulden. Ich glaube, dieſer hübſche Geſelle mit der ſtolzen Haltung verdient ſchon eine Strafe, daß er mich ſeines Blickes gewürdigt.“ „Und Du gibſt ſie ihm ſelbſt durch dieſe Handlung oder verdoppelſt ſie, indem Du die Aufmerkſamkeit auf ihn lenkſt?“ ſagte Urſula erſchrocken und vorwurfsvoll. Ulrich hatte indeß die Roſe aufgefangen und ant⸗ wortete mit einem ſtolzen verweiſenden Blick. Die Roſe aus profanen Frauenhänden annehmen mocht' und durft' er nicht, und gleichwohl mochte er ſie auch nicht zertreten laſſen. Er warf ſie auf gut Glück zur Seite unter die Volksmenge. Eliſabeth's Augen ſlammten. Das war ihr noch nicht begegnet, daß ein Mann, der eine Blume von ihr empfangen, dieſelbe weggeworfen. Urſula ſagte:„Sieh dort das hübſche kleine Mäd⸗ chen mit den ſchwarzen Zöpfen, das Deine Roſe aufge⸗ fangen und jetzt mit glücklichem Lächeln ſich anſteckt?“ „Welcher Schimpf!“ rief Eliſabeth und ſtarrte das kleine Mädchen an, als habe ſie ein Geſpenſt geſehen. Es war wirklich ein hübſches Kind von etwa fünfzehn Jahren, mit braunen Feueraugen und ſchwarzen glän⸗ zenden Zöpfen. Ihr Anzug von braunem Schetter zeigte nichts Auffallendes, als ein paar gelbe Streifen an den Aermeln. Dieſe Streifen, die Urſula überſehen, erblickte Eliſabeth, und ſie waren die Urſache ihres Entſetzens. Daran erkannte ſie, daß ihre Roſe in die Hand eines Judenmädchens gekommen, denn der Rath, welcher die Juden, des Reichs Kammerknechte, haßte und am liebſten 134⁴ 6 ganz aus der Stadt verbannen wollte, war vor Kurzem auf den Einfall gekommen, ſie durch beſondere Abzeichen an der Kleidung kenntlich zu machen, damit nicht ehrbare Chriſtenmenſchen Gefahr liefen, mit den als unehrlich be⸗ trachteten Inden in Berührung zu kommen. So war den Jüdinnen jetzt aufgegeben worden, als Kennzeichen gelbe Streiſen an den Aermeln zu tragen. Nur die außeror⸗ dentliche Gelegenheit und das Volksgedränge, in dem man mehr auf die Züge als aufeinander blickte, waren wohl die Urſache, daß dies Indenmädchen unbemerkt geblieben und unter der Menge geduldet worden war. Fand nun ſchon Eliſabeth die bitterſte Kränkung darin, daß der Baubruder, der ihr Intereſſe erregte, ihre Roſe wegwarf, ſo empfand ſie es als Schmach, daß ſie nun in den Händen einer Jüdin war, die ſie, unbe⸗ ſchadet ihres Rufes„die aufgeklärteſte Frau von Nürn⸗ berg“ zu ſein, aufs Tieſſte verachtete und ſich vor jeder Gemeinſchaſt mit ihnen entſetzte. Und wenn nun gar der Baubruder das mit Abſicht gethan? war das nicht ein viel größerer Hohn für ſie, als wenn er die Blume ſelbſt unter ſeine Füße geworfen! Urſula dachte wie die Freundin und bedauerte ſie— aber ſie hatte nicht Zeit dieſem Gedanken nachzuhängen, da eben die Rathsherren unten vorüberzogen und Hert Hans von Tucher einen prüfenden Blick auf ſie warf, unter dem ſie zitterte wie Eſpenlaub. Es würde dies wohl weniger der Fall geweſen ſein, wenn ſie gehört hätte, wie der alte Herr zu ſeinem Begleiter ſagte: „Die Jungfrau Muffel iſt wirklich ein holdes Kind, und ich kann es meinem Sohn nicht verdenken, daß er in ſie verſchoſſen iſt— wäre ſie nur nicht eine Muffelin, nichts weiter ſollte mich kümmern.“ „Ja,“ antwortete Herr Holzſchuher, der ſeine alten Augen auch gern anſtrengte, wenn es nach ſchönen Frauen zu blicken gab:„Sie gefällt mir in ihrer ſittigen Art auch beſſer, als die Scheurlin, die vor Hochmuth nicht weiß, wie ſie ſich geberden und kleiden ſoll, um nur ja den Leuten zu zeigen, wie reich und ſchön ſie iſt. Was aber Euren Sohn betrifft, ſo riethe ich Euch doch, ihn bald wieder fort zu ſchicken, denn wenn er ſeine Geliebte oft ſo ſieht, ſo iſt er nicht der Mann, auf Euer Gebot hin ſich von Ihr abbringen zu laſſen.“ „Freilich,“ antwortete der Vater;„mein Sohn iſt kein Tugendſpiegel, und hat wohl ſchon bei manchem hübſchen Kinde ſein Heil nicht vergeblich verſucht, indeß iſt die Muffelin ſelbſt ein Muſter von Zucht und Ehr⸗ barkeit, und darauf trau' ich. Aber Ihr habt' Recht, es iſt beſſer, der Stephan geht wieder aus Nürnberg, und ſieht er wo anders ſchöne Frauen, ſo wird er ſich auch zu tröſten wiſſen.“ Als Herr Scheurl an ſeinem Hauſe vorüberkam und wohlgefällig lächelte, wie ſchön ſein Haus und wie noch ſchöner ſeine Hausſrau ſich ausnehme und aller Blicke auf ſich ziehe, konnte er ſich nicht erklären, warum ſie ſo verſtört hinabſtarre— aber jetzt bemerkte ſie ihn und zwang ſich zu einem Lächeln. Urſula dachte indeß nicht mehr an den alten Tu⸗ cher, ſondern ſpähete nach dem Sohn. Nur um ſeinet⸗ willen weilte ſie hier, nur um ſeinetwillen hatte ſie ſich geſchmückt, nur um ihn zu ſehen und von ihm geſehen zu werden. Was galt ihr denn der König! was alle die Edlen, die mit ihm kamen, und alle dieſe Leute, die feſtlich vorüberzogen! Sie dachte nur an Stephan, und nur der Augenblick, in dem er vorüberſchreiten werde, war ihr der erſehnte. Sie hatte ihn ſeit dem Wieder⸗ ſehen in dieſen ſelben Räumen immer nur flüchtig ge⸗ ſehen auf der Straße oder in der Meſſe und von ſich entfernt zu halten gewußt. Auf dieſen Tag hatte ſie ihn vertröſtet. Freilich nicht nur auf dieſen Moment, ſondern auf die Feſtlichkeiten, die man dem König zu Ehren ver⸗ anſtaltete, bei denen doch Niemand von den Geſchlechtern fehlen dürfe und ſich Gelegenheit finden werde zuſammen zu ſprechen und zu tanzen. Als Stephan mit zärtlichen Liebesblicken vorübergegangen, zog ſich Urſula ein Weilchen vom Fenſter zurück— nun gab es ja Nichts mehr für ſie zu ſehen. 137 Aber jetzt tönte das Horn von der Veſte wieder und ſchmetternde Trompetenſignale, und das damit ſich vermiſchende, von ſern her tönende Vivatrufen der bewill⸗ kommenden Menge verkündigte, daß der König die Stadt betreten und daß die erſten Vegrüßungen ſtattfänden. Nach einiger Zeit kam derſelbe Zug wieder vor⸗ über— aber Roſſeshufe erſchallten dabei, denn der König mit ſeinem Gefolge war in ſeiner Mitte. Sein Anblick ſchon, ſeine ritterliche Art und ſein freundliches Weſen hatten alle Herzen gewonnen. Ohnehin freute ſich die verſammelte Menge um ſo mehr ſeiner Ankunft, als ſie recht eigentlich nur ein Beſuch für Nürn⸗ berg war, und er damit die Stadt nicht nur pflichtgemäß bei Gelegenheit eines Reichstags beehrte, ſondern einzig und allein ihretwegen kam. Dazu kam auch, daß faſt die ganze lebende Generation keinen andern Kaiſer als den nun ſiebzigjährigen Friedrich III. geſehen und ſeiner nach⸗ gerade überdrüßig geworden war. Ein ganz anderes Er⸗ eigniß war da denn doch der Einzug dieſes ritterlichen Sohnes und künftigen Kaiſers, auf den das Reich ſo große Hoffnungen ſetzte, zumal gerade jetzt, wo die nie⸗ derländiſchen Händel endlich beendigt waren wie ſein Kampf mit Frankreich, und er nun einzog als ein ruhmwürdiger, ſieggekrönter Held und, was bei den Nürnberger Kauf⸗ leuten die Hauptſache war, nicht mehr als ein König ohne 1859. XV. Nürnberg. I. 9 Land und Einkünfte, ſchon im Beſitz der Riederlande und Tirols, und im Begriff ſeine Habsburgiſchen Erblande ſich wieder zu erobern. Wußte man doch, daß er in allen Stücken der entſchiedenſte Gegenſatz ſeines trägen, thaten⸗ ſcheuen, geizigen, immer nur die unmittelbarſten Vortheile berechnenden Vaters war, daß er viel mehr Geiſt und 1 Herz von ſeiner Mutter, der ſchönen und heldenmüthigen . Eleonore von Portugal geerbt hatte, die ihm leider ſchon 1467 im erſt vollendeten dreißigſten Jahre entriſſen ward. Ritterlich bis zu abenteuerſüchtiger Kühnheit, ſteigebig bis zur Verſchwendung, voll Begeiſterung für die große Vergangenheit des Kaiſerreiches ſchwärmte er in dem Gedanken einer Wiedererneuerung des alten Glanzes des⸗ 1 ſelben, und war ſo ganz ein Mann nach dem Herzen des deutſchen Volkes, das in ſeinem beſſern Theil auch die Einheit des Reichs erſtarken und durch eine achtunggebie⸗ tende Geſtalt vertreten zu ſehen wünſchte.. Da erſchien er nun hoch zu Roß in blitzender Rü⸗ 3 ſtung von blankem Stahl mit goldenen Verzierungen. Darüber den purpurnen Sammtmantel mit goldener Stik⸗ kerei und Hermelin beſetzt, auf den goldenen Locken den 1 blizenden Helm mit wehenden Federn. Er war von an⸗ 5 ſehnlicher Größe, ſtark und ſchön gebaut, und eben jetzt in der Blüthe des Mannesalters von dreißig Jahren, in Kraſt und Vollendung ſtrahlend. Sanſt gebräunt war ſein 139 Antliß von den Strapazen im freien Felde, aber ſeine Wangen blühten in dem friſchen Roth der Geſundheit. Unter der ſtarkgewölbten Stirn glühte aus ſeinen blauen Augen ein liebliches Feuer und die Adlernaſe hatte einen gebietenden Ausdruck. Ein blonder Bart umfloß ringsum die purpurnen Lippen. Nach allen Seiten winkte und grüßte er freundlich, nur auf ihn weilten alle Blicke, und die Jubelruſe, welche ihm zutönten, waren ein unwillkürlicher Erguß des Bei⸗ falls und der Begeiſterung, die ſein Anblick hervorrief. Als er an Eliſabeth's Chörlein oorüberkam, bog ſich dieſe weit aus demſelben heraus, und indeß ſich die Da⸗ men an andern Fenſtern begnügten mit ihren Tüchern zu wehen, warf ſie dem ritterlichen König Blumen entgegen. Sie ſollten zu den Füßen ſeines Roſſes fallen, aber eine davon traf an das Ohr des edlen Thieres, daß daſſelbe darüber ſchen werdend hoch aufbäumte— Eliſabeth ſtieß einen Schrei aus— da ſah ſie, wie ein kleines Männlein, das hinter dem König geritten, in abenteuerlich bunte Tracht gekleidet und mit einem jener wunderlichen Ge⸗ ſichter, die bald wie die harmloſeſte Gutmüthigkeit, bald wie die ſchalkhaſteſte Bitterkeit ausſehen, zu ihm ſprangte und dem Pferd in die Zügel fallen wollte. Mat lachte über dies Beginnen und hatte es ſelbſt ſchnell gebändigt, indeß ſein Begleiter, der niemand Anders als ſein trener 9* — Freund und Hofnarr Kunz von der Roſen war, das Pferd von den an ihm haften gebliebenen Blumen be⸗ freite und das Schalksgeſicht auf Eliſabeth gerichtet, dem König einige Bemerkungen über ſie zuflüſterte, die viel⸗ leicht nicht ganz zarter Natur waren. Aber Max lächelte zu ihr hinauf und neigte ſein Schwert vor ihr, nahm die Blumen aus der Hand des Narren und mit ihnen dankend zu ihr emporwinkend ſteckte er ſie an ſein Schwertbehänge. Eliſabeth neigte ſich tief vor dieſer königlichen Hul⸗ digung— durch ſie ſand ſie die Schmach, die ſie ſich vor⸗ hin angethan wähnte, wieder geſühnt; wenn dieſer könig⸗ liche Held ſich dankend mit ihren Blumen ſchmückte, dann mochte immerhin der arme Steinmetzgeſelle ſie verächtlich bei Seite werfen! Aber ſie war noch eben ſo verwirrt von dem Schreck über das bäumende Roß, wie von der Ehrenbezeugung des Königs, wie deſſen ganzer herrlicher Erſcheinung, daß ſie nur ihm unverwandt die Blicke ihrer Feueraugen nachſandte; ſo bemerkte ſie auch den Gruß des Markgrafen Friedrich von Brandenburg nicht, und nur Urſula verneigte ſich vor ihm. Er ritt gleich hinter Mar und trug einen kurzen Sammetrock, roth, grau und weiß getheilt, eben ſo die Aermel, darüber ei⸗ nen kurzen grauen Sammetmantel mit roth und goldener Stickerei. Seit er nicht hier geweſen, war das ſchöne 141 Scheurl'ſche Haus neu entſtanden, und er widmete ihm darum ſeine beſondere Aufmerkſamkeit. So hatte Eliſa⸗ beth auch für die andern Ritter und Herren kein Auge, die im Gefolge des Königs waren, obwohl jetzt um ſo mehr aller Blicke auf ihr ruhten, ſeit ſie deſſen Huldigung in ſo auffallender Weiſe empfangen und allerdings in gleich auffallender Weiſe herausgefordert. Unter dieſen Rittern befand ſich einer ganz in ſchwarzen Sammet mit Silberſtickerei gekleidet, den es nicht minder als Markgraf Friedrich zu verdrießen ſchien, daß Eliſabeth ihn nicht gewahrte. Sein Geſicht ſah ziemlich bleich und wüſt aus, und in ſeinen dunklen Augen ſchien ein unheimliches Feuer zu drohen. Einen ſolch' unheimlichen Eindruck machte er überhaupt auf Urſula. Zu ihr ſagte Eliſabeth, als Alles vorüber war: „Urſula! das iſt der einzige ſchöne Mann, den ich je geſehen— er verdient es zu herrſchen!— Das war ſeit langem der erſte glückliche Augenblick!“ Eliſabeth's ganzes Weſen war in ſolcher Aufregung, daß Urſula ſie erſtaunt betrachtete; aber ſie vermochte nicht weiter mit ihr zu ſprechen, denn eben ſtürmte Ste⸗ phan in das Zimmer, der eine günſtige Gelegenheit ge⸗ funden, ſich aus dem Getümmel ſortzuſchleichen, da er der Verſuchung nicht widerſtehen konnte, ſich wenißſtens auf Augenblicke der holdſeligen Geliebten zu nähern. Hiebrntes Capitel. Auf der Hallerwieſe. An dem Tage, an welchem König Mat angekom⸗ men, ward auf der Hallerwieſe von den Bürgern ein großes Büchſenſchießen gehalten, zu dem man ihn einge⸗ laden. Ein großes koſtbares Zelt war für ihn und Mark⸗ 1 graf Friedrich wie die begleitende Ritterſchaft aufgeſchla⸗ 1 gen worden. Zu beiden Seiten deſſelben befanden ſich die 1 größern Zelte des Rathes und der Familien der„Ge⸗ nannten“. Ringsum hatten die Zünfte ihre Fahnen auf⸗ geſteckt, die ſtolz und luſtig über den Platz hin wehten, in deſſen Vitte eine zahlloſe Menſchenmenge ſich be⸗ 3 wegte und auf die mannigfaltigſte Weiſe ergötzte. Immer aber war König Mar der Mittelpunkt des 1 „ Feſtes. Auch noch ehe er ſelbſt auf der Wieſe erſchienen war, 1 hörte man doch nur von ihm allein etzählen und Vemer⸗ 1 6 fungen über ihn machen, die nur zu ſeinem Lobe waren, 143 ſelbſt von denen, die ſich ſonſt noch wenig um ihn ge⸗ kümmert oder von ihm erwartet hatten. Das war hei den guten Nürnbergern doch nur ſo lange der Fall geweſen, als er ſich nicht um Rürnberg kümmerte: nun aber war er ja gekommen, nun hatten ſie ihn in ihrer Mitte, nun war er auch gut nürnbergiſch, und die ritterliche und leutſelige Art ſeines Weſens verſtärkte nun den günſtigen Eindruck den ſein Kommen ſchon an ſich hervorgeruſen. So ſagte Peter Viſcher, der Rothgießer, der heute auch nicht in der Arbeitsſchürze, ſondern im Sonntagsrock erſchien, zu ſeinen Begleitern, unter denen er der jüng⸗ ſte war: „Ja, das iſt ein Kaiſer, der noch mehr gelernt hat, als die Waffen führen und ſchöne Reden auf den Reichs⸗ tagen halten. Der verſteht ſeine Waffen nicht hlos zu ſchwingen wie ein Fechtmeiſter, ſeine Stücke nicht nur zu richten und abzuſchießen wie der beſte Büchſenmeiſter, ſondern würde zur Noth auch ſeine Schwerter und Lan⸗ zen, Helme und Panzer ſelber fertigen und ſeine Stücke ſelber gießen können; denn in ſeiner Jugend hat er die Plattnerei und Harniſchmeiſterei, die Geſchütz⸗ und Lager⸗ kunſt lernen müſſen, als ſei er ſelbſt zum Handwerker berufen.“ Ja,“ ſtimmte der Steinmetz Adam Kraft bei, ein ſchon etwas älterer Mann mit klugen Augen unter der breiten Stirn, Haar und Bart von Natur gekräu⸗ ſelt;„die Steinmetzerei und Zimmerei hat er auch ge⸗ lernt, und iſt ſo abſonderlich für die Baukunſt eingenom⸗ men, daß er ſogar ſelbſt ein Baubruder geworden. Noch kein ſo großer Potentat hat das bisher gethan.“ Wenn Meiſter Kraft ſo viel ſprach, ſo war es ein Zeichen, daß es ihm ſehr von Herzen ging, denn er war immer ein Mann von wenig Worten, kurz angebunden, und konnte es nicht leiden, wenn von irgend einer Sache viel ge⸗ ſprochen ward. Darum ſagte auch der Bildſchnitzer Veit Stoß, ein Pole, der erſt im kräftigſten Mannesalter von Kra⸗ kau nach Nürnberg gezogen war, weil man da ſeine Kunſt beſſer als in ſeiner Heimath zu ſchätzen verſtand: „Ei, wenn Meiſter Kraſt einmal ſo in Eiſer geräth, da muß es freilich etwas Großes ſein.“ Und der vierte Gefährte Sebaſtian Lindenaſt, ein kunſtreicher Kupferſchmied, bemerkte:„Ja, wenn ich König Mar früher geſehen, hätte ich wohl ihn noch lieber als den Kaiſer Karl IV. in Kupfer konterfeien mögen.“ „Ach, Ihr meint bei dem zierlichen„Männleinlau⸗ fen“ zu der Uhr des Meiſter Georg Heuß, dem Ihr die Männlein ſo ſchön in Kupfer getrieben hab't,“ ſagte Peter Viſcher.„Ich meine, es wird dem König abſon⸗ 145⁵ derlichen Spaß machen, wenn er das zum Erſtenmale ſieht. Ich wollte, Ihr ſelbſt und Meiſter Heuß wäret dabei, wenn man den Kaiſer vor den Thurm der Lieb⸗ frauenkirche führt und ihn nun bittet außupaſſen. Der wird nicht wenig ſchauen, wenn eine Stunde um iſt, und Kaiſer Karl tritt heraus, dann die ſieben umgehen⸗ den Kurfürſten, dann der Ehrenhold, die vier Poſauner, und endlich die zwei Männlein, davon das eine läutet und das andere die Uhr umwendet.“ „Freilich mußte es Kaiſer Karl 1V. ſein,“ ſagte Lindenaſt,„da er es war, der dies Gotteshaus„unſerer lieben Frauen Saal“ geſtiftet. War er doch auch ein großer Freund der Kunſt, wenn ſchon ſein Geſchmack ſich zuweilen von der guten deutſchen Art entfernte, das ita⸗ lieniſche und antikiſche Weſen begünſtigte.“ „Nun, wer weiß, ob ihm das Viſcher nicht nach⸗ machen will,“ lächelte Kraft,„er will ja auch nach Ita⸗ lien gehen.“ „Ja, dahin zieht es mich nun einmal,“ geſtand dieſer;„man muß ſich in der Welt umſehen, wenn man was Tüchtiges lernen will, und gerade dahin gehen, wo es auch große Werke und Künſtler gibt, damit man ſich nicht einbildet, man leiſte ſchon was Rechtes. Ich habe nur noch gezögert, um den König hier nicht zu verſäu⸗ men, dann mache ich mich gleich auf die Wanderſchaft. Aber um wieder auf Euer Männleinlaufen zu kommen: es iſt ſchade, daß die Figuren kupfern und nicht verſilbert oder vergoldet ſind. Wenn dem König Euer Werk ge⸗ füllt, ſo riethe ich Euch das Eiſen zu ſchmieden, weil es warm iſt, und den König um ein Privilegium zu bitten, Eure Arbeiten künftig verſilbern und vergolden zu dür⸗ fen, wenn es Euch beliebte.“ „Ich habe auch ſchon daran gedacht,“ ſagte Lindenaſt. Indeß ward dies Geſpräch durch lautes Vivatjauchzen unterbrochen, denn der König Mar, von ſeinem von ihm urzertrennlichen Hofnarren, dem Markgrafen Friedrich und vielen Rittern begleitet, war gekommen. Aber er weilte nicht lange in dem für ihn bereiteten Zelte, ſondern miſchte ſich unter die Büchſenſchützen und ſchoß mit ihnen um die Wette, als gehöre er mit zu ihrem Verein. Da war nun unter dieſen wieder Keiner, der nicht darauf geſchworen hätte: das ſei der treflichſte Fürſt, der je auf den Kaiſerſtuhl zu Renſe geſetzt worden. Freilich am Aergſten faſt trieben es die Frauen und Mädchen, die einfachen Bürgerinnen ſo gut wie die vor⸗ nehmen Patrizierinnen. Er grüßte jene wie dieſe, und während die erſteren den Kreis der Schießenden um⸗ drängten, in deren Mitte ſich der König befand, kamen auch die letzteren, die ſich ſonſt immer abgeſondert hiel⸗ ten, aus ihren Zelten hervor. Sie konnten ja heute ein⸗ 147 mal eine Ausnahme machen, und wenn der König ſelbſt ſich unter die zünftigen Bürger und den gemeinen Hau⸗ fen miſchte, ſo geſchah auch ihrer Ehre kein Abbruch, wenn ſie das Gleiche thaten. Herr Chriſtoph Scheurl ließ es ſich diesmal nicht nehmen, ſelbſt den Cavalier ſeiner Gemahlin zu machen. Er wußte, er werde ſo am erſten von den hohen Per⸗ ſonen und dem Könige bemerkt werden— und daran lag ihm Alles. Denn zu den Dingen, um die er Hans von Tucher neidete, gehörte auch, daß derſelbe in den Adel⸗ ſtand erhoben worden war und ein adeliges Wappen führen durfte. Danach gelüſtete Scheurl, und er trachtete nach jeder Gelegenheit, die ihm eine Möglichkeit ver⸗ ſchaffen könnte, auch zum Ritterſchlag zu gelangen. Um ſich hervorzuthun, hatte er ſein Haus ſo ſchön ſchmücken laſſen, und auf die ſeiner Gemahlin widerfahrene Hul⸗ digung war er nicht minder ſtolz als dieſe ſelbſt, ja er war entzückt über ihren Einfall, den König mit Blumen zu werfen, obwohl es genug ſeiner Collegen gab, die ihn darum gegen ſeine Ehegattin aufhetzen wollten, oder ihm wenigſtens ihr Betragen mit zweideutigen Späſſen ent⸗ gelten ließen. Auf Alles, was man ihm in dieſer Weiſe ſagen mochte, erklärte er lächelnd: daß ihm ſolche Reden nur zeigten, wie ſehr man ihn beneide die ſchönſte Frau zu beſitzen, und er ging heute mit um ſo größerem Stolz an ihrer Seite, und obwohl ſie ſich ſonſt des Tages oft mehreremale unzukleiden pflegte, ſo billigte er es, daß ſie gerade heute es nicht gethan— in derſelben Tracht werde der König ſie um ſo eher wieder erkennen und vielleicht einige freundliche Worte an ſie richten. Stolzer als je ſtrahlte auch Eliſabeth ſelbſt in ihrer gebietenden Schön⸗ heit, als ſie ſo über die Wieſe ging, die lange Schleppe hinter ſich herziehend, umflattert vom wehenden Schleier. Aber wenn unwillkürlich die Blicke aller Männer an ihr haſten blieben und ſie doch mehr bewunderten als beſpöttelten, ſo war das umgekehrt mit den Frauen, wenigſtens bei dem größeren Theil der ihr ebenbürtigen Patrizierinnen. Die ließen ſich hinter ihrem Rücken in vielen ſpöttiſchen und anzüglichen Reden vernehmen, und ſuchten ſie unter ſich um ſo tiefer zu erniedrigen, als ſie ſich ſelbſt über dieſe ungebildeteren, kleinlichen und eng⸗ herzigen Frauen erhaben fühlte. Am ſpitzigſten lauteten die Bemerkungen, die aus dem Munde Katharina Hal⸗ ler's kamen, der Gattin des Bürgermeiſters Wilhelm Haller und einer Tochter des Looſungers Holzſchuher. Vor länger als einem Jahrzehent hatte ſie zu den gefeiertſten Schönheiten Nürnbergs gehört, und es war ihr jetzt un⸗ erträglich, dieſen Platz Anderen überlaſſen zu müßen. Ohne den Adel eines geiſtigen Ausdruckes hatte ihre Schönheit zu jenem gewöhnlichen Typus gehört, der nur 149 durch Friſche und Fülle der Jugend Reiz erhält— dies Alles war jetzt verſchwunden, und hatte ſie früher ſchon auf prüfendere Beſchauer auch in ihrer Blüthezeit nur einen gewöhnlichen Eindruck gemacht, ſo machte ſie jetzt, da jene vorüber war, auf Alle einen gemeinen. Ihre ſonſt eitel lächelnden Geſichtszüge erſchienen jetzt von Neid und Bitterkeit verzerrt, aus ihren großen Augen meinte man giftige Pfeile fliegen zu ſehen, und ihre Lippen ſchienen ſich nie anders wie zu hämiſchen Bemerkungen öffnen zu können. Ihre Formen waren eckig geworden, wie alle ihre Bewegungen, und ihre lange knochige Ge⸗ ſtalt bemühte ſich vergeblich eine würdevolle Haltung zu behaupten, es ward nur die einer ſteifen Gravität daraus. Ihre Kleidung war eben ſo koſtbar wie die Eliſabeth's, aber während dieſe dieſelbe ſinnig und geſchmackvoll wählte und immer ſo zu ordnen wußte, daß die Pracht derſel⸗ ben immer mit ihrer ganzen Erſcheinung harmonirte und auch dem feinſten Schönheitsſinne Rechnung trug, immer vielmehr ihrem eigenen idealen Geſchmack als der gerade herrſchenden Mode und Sitte folgte, ſo band ſich Katha⸗ rina Haller ſtreng an dieſe, nur daß ſie durch Uiberla⸗ dung ihren Reichthum zu zeigen ſuchte. Dem entſprechend waren jetzt ihre Bemerkungen gegen ihre Begleiterin über Eliſabeth und zum Theil von einer nicht wiederzugebenden Gemeinheit.„Was dünkt ſie 1⁵⁰ ſich denn Beſſeres als wir, daß ſie meint, ſie allein könne ſich Alles erlauben? Sie hätte ſollen darüber zur Rechen⸗ ſchaft gezogen werden, daß ſie ſich heute unterſtand nach ſeiner Majeſtät mit Blumen zu werſen und das Pferd ſchen zu machen, daß es bald ein Unglück gegeben hätte; aber Alles muß ihr für voll ausgehen, es mag ſo un⸗ ſchicklich ſein wie es will! Seht nur— ſie drängt ſich mit ihrem Manne gewiß noch bis zum Könige. Ich wollte, er kehrte ihr den Rücken oder ſagte ihr etwas recht De⸗ müthigendes.“ „Das iſt leider von dem ritterlichen Könige nicht zu erwarten,“ ſagte die andere Patrizierin, Eleonore Tucher, eine Schwägerin Stephan's;„mein Mann ſagt, daß König Max ein Verehrer der Frauen iſt, und man müßte nicht wiſſen, wie die Männer ſind, auf dem Thron ſo gut wie anderswo, ſie laſſen ſich am leichteſten von denen fangen, die ihnen mit ſreiem Betragen entgegen⸗ tommen. Da iſt eher zu hoffen, daß ſein Hofnarr ihr etwas Demüthigendes ſagt.“ „Wenn man nur an ihn kommen könnte,“ ſagte Frau Haller,„denn wenn es ihr wieder gelingt, von dieſem edlen König ausgezeichnet zu werden, wie ſie es von dem alten Kaiſer ward, als er das Letztemal hier war und ſie aufforderte den Celtes öffentlich zu krönen, ſo wird ihr der Kamm immer noch höher ſchwellen.“ 15¹ „Ach ja,“ ſagte Eleonore etwas boshaft;„ich er⸗ innere mich, ſie ſaß damals gerade neben Euch, und blieb erſt ſitzen, ohne ſich zu rühren, indeß Ihr ſchon aufſtan⸗ det, als der Bote des Kaiſers kam ſie abzurufen.“ Katharina hätte bei dieſer Erinnerung vor Aerger berſten mögen, denn daß damals nicht ſie, ſondern Eli⸗ ſabeth zu der Krönung des Dichters hervorgerufen ward, war die Haupturſache ihres Neides und Haſſes. Aber ſie erwiederte Nichts, denn eben ſteigerten ſich dieſe Empfin⸗ dungen zum höchſten Grad, als ſie gewahrte, wie König Mar aus dem Kreiſe der Schützen trat und einem ſei⸗ ner ritterlichen Begleiter winkte, und dieſer darauf Chri⸗ ſtoph Scheurl und ſeine Gemahlin vor den König führte, ſie ihm vorzuſtellen. Verſtand die Entſerntſtehendere auch nicht, was er ſprach, ſo ſah ſie doch an ſeinen huldvollen Mienen, die faſt mehr bewundernd als gnädig auf Eli⸗ ſabeth ruhten, an ihrem mehrfachen Verneigen, zartem Erröthen und dem Lächeln des Triumpfes, das ihr gan⸗ zes Antlitz verklärte, daß es nur Schmeichelhaftes ſein konnte. Jetzt trat auch der luſtige Rath hinzu, und ob⸗ wohl Eliſabeth vor ſeinen Worten die Augen niederſchlug, ſo zeigte doch das beiſälligſtolze Lächeln ihres Gemahls, daß in dem Sprüchlein des Narren mur ein eyniſcher Scherz die für ſie darin enthaltene Huldigung begleitet hatte, wofür ihm Mar lächelnd mit dem Finger drohte, 152 und Eliſabeth bat ſeinem getreuen Bruder die Freiheit der Rede nicht übel zu deuten, die er ſelbſt ſich müſſe gefallen laſſen; worauf der Narr mit komiſcher Geberde Abbitte that, bis ihm Eliſabeth die Hand reichte, die er demuthvoll küßte. Katharina ſtand ſtumm und ſprachlos vor Wuth, während Eleonore ihren Gatten Anton Tucher in der Nähe Scheurls gewahrte und ſich zu ihm durchzudringen ſuchte, um wenigſtens auch der Ehre der Vorſtellung theilhaftig zu werden, was ihr denn auch gelang, aber ohne daß der König ſich weiter mit ihr unterhalten hätte, ſondern Anton nach ſeinem Vater fragte, der auch zur Stelle war und ſeinerſeits nun wieder ſeinen Sohn Ste⸗ phan vorſtellte. Indeß war der Markgraf von Brandenburg zu Eliſabeth getreten und ſagte: „Es gelang mir heute nicht einen Gruß von Euch zu erhalten, als ich an Euch vorüberritt, und als getreuer Vaſall begnügte ich mich zu Gunſten Seiner Majeſtät darauf zu verzichten.“ „Verzeiht, edler Fürſt,“ unterbrach ſie ihn;„ich war von der Verwirrung, die ich durch meine Unbeſon⸗ nenheit beinahe angerichtet, ſo beſtürzt, daß es wie ein Flor vor meine Augen ſank.“ „Nun,“ lächelte der Markgraf,„dieſe Entſchuldigung 153 will ich unſern Rittern vermelden, die mit mir in glei⸗ cher Lage waren, und von denen Einer ſich nicht ſo leicht beruhigen wird.“ Eliſabeth ſah ihn verwundert fragend an, und der Markgraf fuhr fort: „Ich vermeinte wohl die ſchöne Jungfrau Behaim wieder zu erkennen, die vor zwei Jahren den Konrad Celtes krönte— doch wußte ich nicht, daß es die Haus⸗ frau Scheuerl's war, die in deſſen zierlichem Hauſe thronte gleich einer Feenkönigin. So waret Ihr es doch über⸗ drüßig, nur die ſpröde Muſe eines Poeten zu ſein, und ich ſehe Euch als gute deutſche Hausfrau wieder?“ Warum mußte Markgraf Friedrich, wenn auch viel⸗ leicht unwiſſend, Eliſabeth gerade in dem Augenblicke ſo durch ſeine Anſpielungen demüthigen, wo ſie ſich durch die Huld des ritterlichen Königs einmal wieder erhoben fühlte und ihr Hetz in ſtolzer Begeiſterung ſchlug? Ihre ganze Seelenſtärke gehörte dazu, um ihre Bewegung zu verbergen, ſo daß ſie ruhig ſagen konnte:„Ihr ſeid ſehr gütig, mich ſo in Eurem Gedächtniß behalten zu haben; es war ein großer Kummer für die Meinigen und mei⸗ nen Gemahl, daß wir uns die Ehre Eurer Gegenwart nicht zu meiner Hochzeit erbitten durften, da Ihr fern von uns in den Niederlanden weiltet.“ „Nun,“ lächelte der Markgraf„es findet ſich wohl 10 1859. XV. Nürnberg. I. 154 eine andere Gelegenheit, von Euch zu einem Familienfeſte geladen zu werden; wie ich Euch aus der Taufe hob, war ich freilich noch ein junger Mann, doch denk' ich auch jetzt noch einen ſtattlichen Taufzeugen abgeben zu kön⸗ nen.“ Obwohl damals ſolche Scherze ſehr an der Tages⸗ ordnung waren bei Vornehmen wie Geringen, erröthete Eliſabeth doch unwillig, und da ſie eben jetzt Urſula ge⸗ wahrte, die verlegen zur Seite ſtand, weil ſie ſich unter den Angen der ganzen Familie Tucher befand, und des⸗ halb um ſo weniger wagte mit Stephan Wort und Blick wechſeln, ſo nahm ſie Eliſabeth bei der Hand und agte: „Vielleicht erinnert Ihr Euch noch meiner lieben Freundin Jungfrau Urſula Muffel?“ „Wenigſtens von dieſem Morgen,“ antwortete der MNarkgraf,„denn von dieſer holden Jungfrau fand mein Gruß Erwiederung. Wo iſt Herr Gabriel, Euer Vater? Mich dünkt, ich ſah ihn noch nicht.“ „Dort ſteht er—“ ſagte Urſula auf ihn deutend. Und Eliſabeth flüſterte leiſer zu dem Markgrafen: „Ich empfehle ihn Eurer beſondern Gnade und werde Euch das Veitere ſchon noch erklären.“ Nachdem ſie die Beiden einander genähert und mit feinem Takt eine Un⸗ terredung zwiſchen ihnen eingeleitet, nahm ſie Urſula's 155 Arm und ſagte:„Mir wird ſo heiß und enge in dem Menſchengewühl, laſſ uns ein wenig abſeits dort unter die Linden wandeln.“ „Ich kann es auch nicht mehr ertragen,“ ſagte Ur⸗ ſula,„und noch hab' ich kaum ein paar Worte mit Ste⸗ phan zu wechſeln gewagt.“ „Jetzt beginnt es dunkel zu werden, und die Däm⸗ merung begünſtigt alle Liebenden!“ ſagte Eliſabeth. Und nicht lange wandelten ſie allein unter den Lin⸗ den, da geſellte ſich Stephan zu ihnen. Nachdem er die erſten Zärtlichkeiten mit Urſula getauſcht, ſagte er:„Kö⸗ nig Max iſt ein Mann nach meinem Sinn, was meinſt Du, wenn ich ihm folge, mir auf eigene Hand in ſei⸗ nem Gefolge Ruhm und Ehre und den Ritterſchlag er⸗ werbe, und dann als Lohn für meine Dienſte Nichts fordere, als daß der König unſere eigenſinnigen Väter verſöhne?“ „Das iſt ein würdiger Entſchluß!“ rief Eliſabeth, „ſo ſegensreich iſt ſchon die Erſcheinung eines wahren Helden— ſie treibt auch Andere auf die Heldenbahn!“ Urſula ſagte:„Ja, vertraue Dich ihm, er iſt ſo ein ganzer Mann und Held, und hat ja mit ſeiner Marig auch erfahren, was rechte Liebe iſt!“ Eliſabeth wollte das Paar nicht ſtören und zog ſich wieder zurück. Um ſich auszuruhen und ihren Empfindun⸗ 10* 156 gen zu überlaſſen, lehnte ſie ſich an eine der Linden, die ihre Zweige, ſie faſt verbergend, über ſie breitete, wozu auch die grüne Farbe ihres Kleides beitrug. Sie hatte die Augen halb geſchloſſen und hörte jetzt eine Männerſtimme ſagen:„König Mar hat unſere Einladung angenommen, einem Zechentag in unſerer Bau⸗ hütte beizuwohnen, und Propſt Kreß hat den übermor⸗ genden dazu feſtgeſetzt. Gebe Gott, daß es ihm Ernſt iſt um die heilige Kunſt.“ „Ich hoffe es!“ antwortete der Andere mit der melodiſch klangvollen Stimme, an der wir Ulrich erken⸗ nen.„Sein Geiſt, der in ſo vielen Fächern der Wiſſen⸗ ſchaft bewandert iſt, wird auch die erhabene Lehre des Albertus Magnus in ihrer ganzen Herrlichkeit erfaßt haben, und diejenigen zu würdigen wiſſen, welche ihre geheiligten Lehrſätze im Stein zu verwirklichen ſuchen. Vird er uns nur ein Kaiſer, der uns die alten Privi⸗ legien in Ehren läßt und ſie zeitgemäß erweitert, ſo ge⸗ ſchieht ſchon das Beſte für uns, das wir begehren kön⸗ nen, denn die deutſche Kunſt iſt das, was ſie iſt, nicht geworden durch die Fürſten, ſondern trotz ihnen— und wollte König Max den Einfluß, den er dadurch, daß er Baubruder geworden iſt, auf die Bauhütten üben kann, je ſo weit gebrauchen, daß er in guter oder böſer Ab⸗ ſicht uns Vorſchriften machen wollte: ſo wäre er kein 157 rechter freier Maurer, und wir hätten die Pflicht, ihn aus unſerem Bunde zu ſtoßen, ſeine Gemeinſchaft zurück zu weiſen. Als Fürſt kann er für die Kunſt nichts Beſ⸗ ſeres thun, als unſere Freiheiten beſtätigen, uns ſchirmen gegen die Buchſtabenſatungen der Pfaffen, wie gegen den Fürwitz der Profanen. Die göttliche Kunſt ſelbſt in ihrer Reinheit zu bewahren und höherer Vollendung ent⸗ gegenzuführen— das ruht allein in den Händen der Künſtler ſelbſt.“ „Ich wollte, König Max hörte Dich ſelbſt ſo ſpre⸗ chen,“ ſagte Hieronymus. „Sollt' es ihm gefallen, mich etwas zu fragen,“ ſagte Ulrich,„ſo werde ich ihm nicht anders antworten, denn jedem andern Baubruder.“ „Herr Anton Kreß, unſer Propſt, der einmal ſein beſonderes Augenmerk auf Dich gerichtet, wird den Kö⸗ nig ſchon aufmerkſam auf Dich machen,“ ſagte Hiero⸗ nymus. „Wie es ihm gefällt,“ entgegnete Ulrich;„übrigens aber hat die Theilnahme dieſes Mannes für mich etwas Unheimliches.“ „Sage nur Geheimnißvolles,“ verbeſſerte Hierony⸗ mus;„worin ſollte das Unheimliche liegen? Er iſt ein durchaus harmloſer Charakter, wie mir ſcheint— ein Mann, der es zur Ehrenſache anrechnet, ſich das Anſe⸗ 158 hen zu geben, als habe er unſere Lehre bis in ihre ganze Tiefe erſchöpft, und der vielleicht kaum das Sy⸗ ſtem des Achtortes von ihr behalten, der ſich gern als Stifter erhabener Bauten einen Namen machen möchte, weil das zumal in Nürnberg ſo üblich, und den Glanz der„Geſchlechter“ erhöht— der nebenher aber gern den Frenden der Tafel huldigt, dem Bachus vpfert und nach ſchönen Frauen ſchielt.“ Eliſabeth war kein Wort von dieſer Unterhaltung verloren gegangen, denn alle ihre Sinne waren von un⸗ gewöhnlicher Feinheit, ſo auch ihr Gehör, und ſo auch ſah ſie jett trotz der Dämmerung, daß die beiden die Feſttracht der Baubrüder trugen, wie ſie dieſelbe am Morgen geſehen, und es ſchien ihr wahrſcheinlich, daß der eine von ihnen der Steinmetz war, von dem ſie ſich an dieſem Morgen durch das Wegwerfen ihrer Blume beſchimpſt hielt. Sie rührte ſich nicht und ihre Gegen⸗ wart blieb den Männern verborgen. Jetzt ſah ſie, wie eine kleine weibliche Geſtalt ihnen nachgeſchlichen kam, und ſich ohne bemerkt zu werden, nur einige Schritte hinter ihnen hielt. Ihnen entgegen kamen zwei andere, noch knabenhafte Jünglinsgeſtalten. „Sieh' da,“ ſagte Ulrich,„mein kleiner wackerer Freund Albrecht Dürer! Habt' Ihr heute auch einmal — 159 die dumpfe Werkſtatt verlaſſen und ſeid von Meiſter Wohlgemuth's Knechten beſreit?“ Albrecht ſchüttelte Ulrich herzlich die Hand. Der Steinmetz hatte Wort gehalten und ihn eines Tages in ſeiner Werkſtatt beſucht, und ſeitdem war es zuweilen geſchehen, daß ſie an Sonntagen einander geſehen, denn Ulrich fand Wohlgefallen an dem fleißigen, kunſtbegeiſter⸗ ten Jüngling, und dieſer wieder an Ulrich's Belehrun⸗ gen, durch die er beſonders ſeine geometriſchen Kennt⸗ niſſe vervollkommnete. Er ſtellte dieſem ſeinen Begleiter vor:„Das iſt mein lieber Freund Willibald Pirkheimer, mit dem ich aufgewachſen, da wir in einem Hauſe wohnen.“ „Und woll'tt Ihr auch ein Maler werden?“ fragte Ulrich den zartgebauten und feingekleideten Jüngling, an deſſen Haltung ſchon man den Patrizierſohn trotz der Dunkelheit erkannte. „Nein,“ antwortete Willibald mit feinem Lächeln; „ich beſuche die gelehrten Schulen, und wenn mein Freund Albrecht nicht mehr hier iſt, ſo will ich nach Italien ge⸗ hen, dort die Rechte ſtudiren und mich mit den humani⸗ ſtiſchen Studien beſchäftigen— dann meiner Vaterſtadt und dieſem edlen König Mar zu dienen, der wohl Kaiſer ſein wird, wenn ich zurückkomme.“ „Und wie gefällt denn Euch der künftige Kaiſer?“ 160 fragte Hieronymus die Beiden, und zu Ulrich gewendet fügte er hinzu:„Man muß das nachwachſende Geſchlecht befragen, denn dem gehört ja doch die Zukunft!“ „In dieſem Augenblick,“ ſagte Pirkheimer feierlich, „habe ich ihm Treue bei mir ſelbſt geſchworen! Alles, was ich von ihm gehört und geleſen, hatte mich ſchon mit Bewunderung erfüllt, aber das wirkliche Begegnen hat ſie noch tanſendfach geſteigert!“ „Und ich,“ ſagte Dürer eben ſo feierlich,„habe eben geſchworen, ihn einſt zu konterfeien, und Gott ge⸗ beten, daß es ihm gefalle, mich einen rechten Maler werden zu laſſen, damit mir das wirklich vergönnt werde!“ „Der König kann zufrieden ſein,“ ſagte Ulrich, „denn aufrichtig iſt die Begeiſterung der Jugend.“ Eliſabeth hatte jetzt um ſo aufmerkſamer zugehört, als ſie über den König Aeußerungen vernahm, die ihr ſelbſt ſo ganz ähnlich hätten entſtrömen mögen, und ſie, durch Urſula auf Meiſter Wohlgemuth's hübſchen Lehr⸗ ling aufmerkſam gemacht, ſich dieſen gemerkt hatte, da er ja auf einer Straße mit ihr wohnte und auch nie verfehlte, in Vorübergehen an dem ſchönen Hauſe Herrn Scheurl's hinaußzugrüßen, wenn er Jemand am Fenſter gewahrte. Auch der zarte Villibald Pirkheimer war ihr kein Fremder, denn ſeine Eltern gehörten mit zu 161 den„Genannten“ und waren den Behaim und Scheurl's befreundet, ſo auch Villibald's zwei Schweſtern, Charitas und Clara. Während dem hatte ſie nicht bemerkt, daß der ſchwarzgekleidete Ritter, der auch dieſen Morgen unter ihrem Fenſter vorüber ritt, ohne von ihr geſehen zu werden, ihr ganz nahe geſchlichen war und jetzt ihren Arm erfaßend ſagte: „Hoffentlich erkennt Ihr mich im Dunkeln, da es heute früh im Sonnenglanze nicht geſchah?“ Sie fuhr entſetzt zuſammen, als habe ſie einen Geiſt geſehen, und wollte ſich ſprachlos vor Schrecken von ihm losmachen. Er hielt ſie feſt und ſagte: „Du ſträubteſt Dich ja ſonſt nicht, Eliſabeth? Ich kam mich mit Dir zu verſöhnen, die alten Zeiten zu er⸗ neuern, Dir zu geſtehen, daß Du doch die Krone aller Frauen biſt!“ „Laß't mich!“ ſchrie ſie,„Eure Keckheit duld' ich nicht!“ „Ei, warum denn hier ſo allein? erwarteſt Du ei⸗ nen anderen Anbeter? etwa den Reimſchmied Celtes— oder einen Boten des Königs?“ Eliſabeth's Widerſtand ward jetzt zum Ringen mit ihm, und in herzzerreißenden Tönen rief ſie:„Willibald! ſchützt mich!“ 162 „Himmel!“ rief Willibald,„es iſt die Scheurlin, der Jemand unziemlich begegnet!“ Er, Dürer und die Baubrüder ſtürzten im Nu auf die Beiden zu. Ulrich rief den Ritter an:„Was erfrecht Ihr Euch!“ „Sind das jetzt Eure Genoſſen!“ höhnte der Ritter verächtlich, indem er ſein Schwert zog; aber auch die Baubrüder zogen die ihrigen, welche ſie ſtets am Gürtel trugen, und im Nu ſchlug Ulrich dem Ritter das nun eben erſaßte Schwert aus der Hand. Als er es wüthend wieder erfaſſen wollte, riß ſich Eliſabeth von ihm los, nahm Willibald's Arm und ſagte:„Kommt, kommt un⸗ ter die Menſchen, die Zelte!“ Hieronymus hatte das ſallende Schwert aufgeſan⸗ gen, und der Ritter drang auf ihn ein, es ihm wieder zu entreißen. ulrich drängte ihn mit ſeinem eigenen Schwert zu⸗ rück, aber ohne ihn zu verwunden, und ſagte:„Wir ſchlagen uns nicht mit Raufbolden und Stegreifrittern, die ehrbare Frauen unziemlich behandeln; das Schwert behalten wir, weil Ihr nur Frevel damit anrichten möch⸗ tet; hol't es Euch wieder beim Könige oder bei dem hochedlen Rath dieſer Stadt, wenn Euch danach ver⸗ langet.“ Es kamen Leute, Stadtſchützen, eine ſtattliche An⸗ 163 zahl der Rußigen, und Alle fragten, was es gebe! Der Ritter, da er wußte, daß die Bürger und Zünftigen im⸗ mer geneigt waren einander wider den Vibermuth des Adels zu helfen, und daß er gllein unter dieſen Vielen nichts ausrichten, und wahrſcheinlich als ein Brecher des Landfriedens„eingebracht“ werden möchte, brach ſich durch die Menge Bahn und ſagte drohend: „Ich werde dem König vermelden, weſſen er ſich zu den Nürnbergern zu verſehen hat, die ſich alſo gegen ſeine Begleiter betragen!“ Man ließ ihn gehen und die Meiſten ſchallten ihn ein Großmaul, und lachten und höhnten hinter ihm her. Die kleine weibliche Geſtalt, welche Eliſabeth vorhin hinter den Baubrüdern bemerkt hatte, war auch noch da. Es war das Judenmädchen von dieſem Morgen. Sie drängte ſich jetzt an Ulrich und ſagte: „Der Ritter da iſt ein Placker und Straßenräuber, nehm't Euch vor ihm in Acht.“ „Unſer einem kann er Nichts rauben!“ lächelte er, „aber ich danke Dir, liebes Kind! Weißt Du ſeinen Namen?“ Wie glücklich lächelte die Kleine! Sie wollte ant⸗ worten, aber Hieronymus zog den Kammeraden von ihr fort und ſagte vorwerſend:„Sprich doch nicht mit der Judendirne!“ 164 ulrich hatte in der Dämmerung die gelben Streifen an ihren Aermeln nicht bemerkt, er bemerkte auch weder vorhin noch jetzt, daß ſie die weiße Roſe, die er dieſen Morgen zur Seite geworfen, an ihrem Kleide trug— aber er kehrte ſich jetzt ſchnell von ihr ab und bemerkte auch nicht, wie ſie ihre Arme wie von einem plötzlichen Schlag getroffen herabſänken ließ und die Hände inein⸗ ander rang. ———— Achtes Cnpitel. Das Achtort. Feſt an Feſt reihete ſich im luſtigen Nürnberg an⸗ einander, die Gegenwart des Königs zu ſeiern. Die Rathsherren, die reichen Kaufleute, die gelehrten Geſell⸗ ſchaften, die Zünfte— ſie alle ſtritten ſich miteinander, den König in ihrer Mitte zu ſehen, und vor allen an⸗ ¹ derweitigen Vorſtellungen und Luſtbarkeiten hatte Mark⸗ graf Friedrich, der den König bei ſich auf der Veſte be⸗ 3 herbergte, noch nicht dazu kommen können, ſelbſt ein Feſt zu veranſtalten, und mußte damit von einem Tage zum andern warten. Den Tag, zu welchem Mar der freien Steinmetz⸗ zunft verſprochen, in ihrer Mitte als Baubruder zu er⸗ ſcheinen, mußte er ihr allein widmen. Schon am Mor⸗ gen verließ er die Veſte, nur Lon Kunz von der Roſen, ein paar Rittern und einigem Gefolge aus der Diener⸗ 166 ſchaft des Markgrafen begleitet, und ging zu Fuß durch die Stadt bis an die Bauhütte an der St. Lorenzkirche. Der König war ohne Rüſtung und einfacher als ſonſt in ein Wamms von dunkelbraunem Sammt gekleidet, am breiten Ledergürtel ein kurzes Schwert, ein Sammt⸗ baret mit weißen Federn auf den blonden Locken, be⸗ zeichnete ihn nur der übergeworfene Purpurmantel als Majeſtät. Seine Tracht ähnelte der der Baubrüder, nur daß ſie von beſſerem Stoff war, aber die Stiefel von ungeſchwärztem Leder waren gewiſſenhaft beibehalten. Aus der Hütte heraus ſchallten die laut in den Stein hämmernden Klänge der Steinmetzen. Die Thür war verſchloſſen. Dreimal ſchlug der König mit ſeinem Schwert an dieſelbe. Der Pallirer trat heraus, ſchloß ſie wieder hinter ſich und ſagte: „Wer Einlaß begehret, gebe das Paßwort.“ Der König trat ganz nahe zu ihm und flüſterte ganz leiſe ein Wort in das Ohr des Pallirers. Darauf reichte ihm dieſer drei Finger ſeiner Hand, und der Kö⸗ nig erwiderte den Händedruck in dergleichen Weiſe. Kunz war hinzugeſchlichen und hatte auf einem Beine ſtehend gelauſcht, ob er nicht verſtehe, was die beiden Heimliches ſprächen— ohne daß ihm dies jedoch möglich war. Mar warf jetzt ſeinen Purpurmantel ab, gab ihn dem Hof⸗ narren und ſagte zu ihm: 167 „Hier, guter Freund; weil Du Dich heute von Mar trennen mußt, magſt Du ihm indeſſen die Königswürde bewahren.“ Kunz zog den Mund ſchief und ſagte:„So tauſchen wir einmal die Rollen vollſtändig: nun bin ich heute auch der König— denn daß Du eben der Narr biſt, iſt eine ausgemachte Sache.“ Obwohl einem Hofnarren Alles für Recht ausging, was bei Andern zum Verbrechen ward, und obwohl der König ſelbſt als Antwort nur lachte, machte der Pallirer doch ein ſehr finſteres Geſicht: nicht weil Kunz die Würde des Königs, ſondern weil er die der freien Maurer durch ſeine Bemerkung verletzte. Max gewahrte dies nicht ſo bald, als er zum Pallirer ſagte: „Laſſ es gut ſein, mein Bruder, der Kunz da iſt bei jeder Gelegenheit bereit mit mir zu tauſchen, und trägt es mir immer noch nach, daß ich zu Brügge auf der Krgnenburg den Tauſch verweigerte, der mir Freiheit und Leben, ihm aber gewiſſes Verderben gebracht hätte—“ Kunz ließ den König nicht ausreden, hielt ihm ſeine Mütze vor den Mund und ſagte:„Wenn Du mich immer verſpotten willſt, ſo werd' ich mir einen andern Herrn ſuchen, und Du kannſt Dir einen von Deinen Brüdern da drinnen für meine Stelle mitbringen.“ Mar ſchob ihn zurück grüßte ihn und ſeine Beglei⸗ 168 ter und ſagte:„Nun gehabt Euch für heute wohl, Ihr Herren, und laßt Euch die Zeit nicht lang werden!“ „O den Wunſch geben wir in Gnaden zurück!“ ſagte Kunz.„Indeß Du mit Deinen Geſellen mauerſt, werden uns die hübſcheſten Kinder Rürnbergs über Deine Abweſenheit tröſten und wir werden dieſen Troſt wohl erwiedern!“ Der König hörte nicht mehr auf ihn, ſondern war mit dem Pallirer in die Hütte getreten, die ſich hinter ihm wieder ſchloß und aus der man nun laute Willkom⸗ mengrüße tönen hörte. Kunz aber hatte, ſo wie Mar verſchwunden war, ſeine luſtige Laune verloren, denn es war ihm unheim⸗ lich zu Muthe, wenn er von ihm getrennt war ſeit dieſe Trennung einmal ſo unglücklich geweſen, und er ward auch jedesmal verdrießlich, wenn er an ſeine Aufopferungs⸗ fähigkeit von dem König vor andern Leuten erinnert ward. Für eine That, die ſich bei ihm ſo von ſelbſt verſtand, begehrte er nicht noch Dank von ſeinem Herrn. Er hatte ihn darum auch nicht ausreden laſſen, obwohl man über⸗ all im Reiche die Geſchichte aus Brügge kannte, auf wel⸗ che der König anſpielte. Als König Max nämlich von der Stadt Brügge eine Einladung erhalten hatte, daſelbſt Lichtmeſſe zu feiern, nahm er dieſe an, obwohl es ihm alle ſeine Räthe wider⸗ 169 riethen, da die Stadt ſein Regiment nicht wollte und ihre Bürger noch beſonders durch franzöſiſchen Einfluß wider ihn gereizt waren. Am 31. Januar 1488 zog er von etwa fünfhundert Reitern begleitet gen Brügge. Hier am Thore noch warnte ihn Kunz von der Roſen nicht hineinzugehen, weil er in ſein Verderben renne. Mar verwies ihm die Warnung und blieb bei ſeinem Entſchluß. Da ſagte Kunz zu ihm: „Lieber König, ich ſehe, daß Du hier mit Gewalt gefangen werden willſt; da ich aber dazu keine Luſt ver⸗ ſpüre, ſo will ich Dir nur das Geleite bis an die Burg geben und dann zum andern Thore wieder hinaus rei⸗ ten. Deinen lieben Söhnen in Brügge traue der Teuſel.“ Danach handelte er auch und verließ die Stadt und den König. Sobald er aber erfuhr, daß dieſer wirklich in Brügge gefangen gehalten werde, verſuchte er mit zwei Schwimmgürteln verſehen durch den Schloßgraben zu kommen, um vermittelſt des einen derſelben ſeinen Herrn zurück über den Graben nach einem Hrt zu brin⸗ gen, wo er Pferde bereit hielt. Aber obwohl die Stille der Nacht ihn begünſtigte, weckte er doch die im Graben wohnenden Schwäne, deren wildes Geſchrei das unbe⸗ merkte Gelingen ſeines Beginnens unmöglich machte. Dar⸗ auf lernte er das Bart⸗ und Haarſcheeren, ſchlich ſich in die Stadt und gewann einen Franciskaner⸗Guardian, daß 1859. XV. Nürnberg. I. 11 170 ihn derſelbe als Begleiter eines andern Mönchs als des Fönigs Beichtvater in deſſen Gefängniß ſchickte. Als mit ihm Kunz allein war, gab er ſich zu erkennen und ver⸗ langte, der König ſoll ſich eine Platte ſcheeren laſſen und in der Mönchskutte entrinnen, indeß ſtatt ſeiner er im Gefängniß bleibe. Standhaft verweigerte Max die An⸗ nahme dieſes Opfers, und wie ſehr Kunz auch flehete, weinte und zürnte, er mußte wieder gehen, wie er ge⸗ kommen. Beim Abſchied ſagte er zu ihm:„Wenn Du mir auch nicht vergönnſt ſtatt Deiner zu bleiben, und Dich weigerſt, mit mir die Rolle zu tauſchen, wenn Deine Hüter kommen und den König ſuchen, ſo werden ſie auch in Dir den Narren finden.“ Indeß war ſein Kommen doch nicht ganz vergeblich, denn Mar erfuhr von ihm den Stand ſeiner Sache, und ebenſo kam durch ihn über⸗ all die Kunde umher, wie es um den Fönig ſtand. Aber erſt am 16. Mai erlangte er die Freiheit.— Etwa eine Stunde mochte König Mar in der Bau⸗ hütte geweſen ſein, als er aus derſelben wieder heraus trat, begleitet von dem Propſt Anton Kreß, dem Hütten⸗ meiſter, Werkmeiſter und Pallirer und gefolgt von allen Werkleuten, Geſellen und Lehrlingen, und mit ihnen zur nahen Lorenzkirche zog. Heute hatte die Arbeit noch ge⸗ ruht. Alle hatten drinnen in der Hütte beim Empfang des königlichen Baubruders gegenwärtig ſein und ſeine B 171 Begrüßungsrede hören wollen, die nicht außen geſprochen werden durfte, wo auch profane Ohren ihr hätten lau⸗ ſchen können. Jetzt eilten alle Steinmetzen, die bei dem äußern Bau zu thun hatten, an ihre Plätze. Mar ſelbſt hatte ein ledernes Schurzfell umgethan und eine Kelle in der Hand, um zu zeigen, daß er die edle Steinmetz⸗ kunſt wohl verſtehe und ihrer Ausübung in der Mitte der Baubrüder und vor allem Volk ſich nimmer ſchäme. Im Freien ward bei ſolchen heiligen Bauten nur eben der wirkliche Aufbau mit Kalk und Mörtel vorge⸗ nommen. Die Steine ſelbſt wurden erſt in der Hütte be⸗ hauen und mit jener kunſtreichen Ornamentik verſehen, oder zu jenen bald plaſtiſch ſchönen, bald wunderlich ko⸗ miſchen Geſtalten vollendet, welche wir noch heute an den Werken der Gothik bewundern. Albertus Magnus, der Gründer des gothiſchen Bauſtyls, hatte zu ſeiner Bildung Vieles aus den Schriſ⸗ ten des Hermes Trismegiſtus und Plato benutzt und den berühmten Lehrſatz des Pythagoras in An⸗ wendung für den Kirchenbau gebracht. Dieſer Lehrſatz gründete ſich auf die Einheit, welche er in das Achtort als den Myhſterienſchlüſſel ſeiner neu erfundenen Baukunſt legte. Das Eine, welches die Kraft, das Unerforſchliche, den Anfang und das Ende aller Zahlen einſchließt, und doch ſelbſt keine iſt, weder gerade noch ungerade, läßt ſich 1 172 durch keine arithmetiſche Formel herſtellen: Gott! und Gott iſt Eins, ohne Anfang und Ende, ewig, was durch den Zirkel und den Kreis ſymboliſch ausgedrückt wird. Der Zirkel iſt die Kraſt, Feſtigkeit, das beharrliche Stre⸗ ben, wieder an den erſten Ausgangspunkt zu gelangen. Daher ſtellte Albertus das Achtort, in welches er den Zirkel ſtellte, das Dreieck, das den Kreis bildete, als Grundprinzip und Syſtem des Styls und der Conſtruc⸗ tionen fſt. Um den Maurern den langen und ſchwierigen Weg des Lernens abzukürzen und zu erleichtern, und das Er⸗ lernte praktiſch durchzuführen, ward der Tempelbau als Gottesdienſt gelehrt, und rief Albertus dieſe ſymboliſche Sprache der Alten wieder in's Leben, und paßte ſie den Formen der cabbaliſtiſchen, mathematiſchen und geometri⸗ ſchen Baukunſt an, wo ſie in angenommenen Figuren und Zahlen als Abkürzungen weitläufiger Anordnungen im Baugeſchäſte ſehr gute Dienſte leiſteten, um ſo mehr, als es den Bauvereinen nicht erlaubt war, die Grund⸗ ſätze der Albertini'ſchen Baukunſt ſchriftlich abzufaſſen, denn ſie mußten, um nicht profanirt zu werden, ſtets das ſtrengſte Schweigen darüber beobachten. Um das Geheim⸗ niß zu bewahren, bediente man ſich der Symbole. Sie galten als Norm und Richtſchnur bei Ausübung der Kunſt, und erleichterten dem, der ſie verſtand, die Arbeit. ð 173 Nach dieſer einmal feſtgeſtellten Kunſtſprache ward die Conſtruction des Baues gebildet. Der Geiſt dieſer Geheimlehre wirkte ſegensreich, denn man nahm nur diejenigen zu Lehrlingen auf, bei denen man die Fähigkeit für ihr Verſtändniß vorausſetzen konnte. Sie mußten ſich einem erſten Examen unterwer⸗ fen, das nur diejenigen beſtanden, welche mit natürlichem Verſtand und einigen nöthigen Vorkenntniſſen z. B. in der Geometrie und Mathematik ausgerüſtet waren. Mehr noch als die ſtrenge Strafe und Entehrung, welche darauf ſtand, hielt das Ehrgefühl und die Achtung, welche die Baubrüder überall genoßen, ſelbſt der Nimbus des Ge⸗ heimnißvollen, der ſie umgab, davon zurück, die geweihte Sprache einem Profanen mitzutheilen, und die Geſchichte der Bauhütten hat kein Beiſpiel dafür, daß dies je ein freier Maurer gethan und ſeinen Schwur des Schwei⸗ gens gebrochen hätte. Dieſe geweihte Sprache war für die Bauleute unter ſich Mittel der Mittheilung, beſonders zu der Zeit, da die Schreibkunſt noch zu den ſeltenen Künſten gehörte, und auch ſpäter, wo die viel beſchäftigten Steinmetzen ſelten Zeit fanden ſie zu üben. Auch die Lehrlinge wurden gleichſam ſpielend mit Sinn und Be⸗ deutung der Symbole vertraut, da ſie dieſelben täglich vor Augen hatten und bei der Arbeit den Unterricht der älteren Kameraden benutzten. Natürlich gab es auch 17⁴ hier wieder verſchiedene Grade, und dem Lehrling ent⸗ hüllte ſich nicht gleich das Ganze der Albertiniſchen Bau⸗ lehre. Ein Symbol war oft erſt wieder das Symbol eines Symbols für einen höheren Begriff, der nur den Geſellen deutlich war, und Manches war wieder noch dieſen, oder doch manchen unter ihnen verſchloſſen, was der Werkmeiſter im höheren Sinne außufaſſen verſtand. Dieſe Meiſter machten die Projekte, Aufriſſe und Grund⸗ pläne nach dem Grundſatz des Acht⸗ und Sechsortes. Danach mußten die Geſellen in der Hütte die Profile auf dem winkelrecht behauenen Stein aufreißen und rein ausarbeiten. Man bediente ſich dazu der Maaßbretter, ſchablonenartig geſchnittene Bretter, welche auf den Stein gelegt wurden und dieſe danach behauen. Beſonders war dies eine Arbeit der Lehrlinge, indeß die Geſellen mehr nach ſelbſtändigen Entwürfen aus dem Freien arbeiteten. König Mar, der in ſeiner Jugend eben Alles zu lernen ſuchte, und der in der Mathematik und Geometrie genug Kenntniſſe beſaß, um bei ſeinen Fähigkeiten ſchnell die erſten Grade der freien Steinmetzkunſt durchlaufen zu können, hatte ſich in der Bauhütte zu Wien als Mitglied aufnehmen laſſen, denn Niemand, ſelbſt fürſtliche und geiſtliche Perſonen nicht, durſten die Bauhütte betreten, noch einer Zeche oder einem Hüttentage beiwohnen, wenn ſie nicht ſelbſt Mitglieder waren: nur ſolchen, welche das Paßwort zu 175⁵ geben vermochten, öffnete ſich die Bauhütte, darum mußte der König heute auch alle ſeine Begleiter von ſich laſſen, weil ſie ſämmtlich zu den Pofanen gehörten. Der Propſt Anton Kreß und der Hüttenmeiſter hatten die Ehre ſeine nächſten Begleiter zu ſein. Niemand nannte ihn hier König oder Majeſtät, ſondern Alle redeten ihn nicht an⸗ ders an, denn mit„Du“ und„Bruder Max“. Der König beſichtigte den neuen Bau an der Lo⸗ renzkirche mit Kennerblick, und da alle Baubrüder an ihre Arbeit gingen, legte er ſelbſt mit Hand an's Werk, um zu zeigen, daß er die Baukunſt noch in jedem Stück verſtehe. Bald ſtand er auf der höchſten Gerüſtſpitze des neuen Thurmes mit einem Fuß, indeß er mit dem anderen nach ſeiner waghalſigen Gewohnheit anderthalb Schuh weit in die Luſt maß. Mit ſeiner Rechten ſchwang er die Kelle, und fügte den höchſten Stein ein, weil er, 1 er ſagte, nicht dageweſen ſei, um den Grundſtein zu egen. Unten auf dem Platz um die Kirche ſtand vieles Volk und jauchzte dem kühnen Fürſten zu, der ſo, ſaſt dreihundert Fuß hoch, in ſchwindelnder Höhe über der Menge ſchwelte, als ſei er es nicht anders gewohnt. Und die Steinmetzen lobten auch den Bruder Max, der es den kühnſten und geſchickteſten unter ihnen gleich zu thun verſtehe. 176 Und wieder ſtieg er herab, ſtand vor der prächtigen Brautthür, über deren Portal die herrlichſte, kunſtvoll ge⸗ arbeitete Fenſterroſe prangte, und welche die fünf klugen und thörichten Jungfrauen ſchön in Stein gemeißelt um⸗ ſtehen, und trat durch das erhabene Portal in den noch erhabeneren Raum. Der Probſt, der ihn begleite und ſich nicht recht getrauen mochte, manche etwas zu tiefgehende Frage des Königs zu beantworten, hatte Ulrich neben ſich gewinkt. Es bedurfſte hier keiner Vorſtellung.„Das iſt das Monogramm des Bruders Ulrich,“ ſagte Kreß, auf ein Kreuz mit dem Winkelmaaß durchſchnitten deutend, das ſich an einem Kapital befand, welches eine zierlich gearbeitete Krone von Eichenlaub ſchmückte. Das war der Vorſtellung genug, denn Mar'ens Blicke, die mit Be⸗ friedigung auf den Werken ruhten, wandten ſich in glei⸗ cher Weiſe zu dem Steinmetzen, dem es nun vergönnt war, an ſeiner Seite zu wandeln. Und ſo gingen ſie durch den erhabenen Bau, der im reinſten gothiſchen Bauſtyl die Wunderwerke deſſelben verkündete. Wie war hier alles Starre an Pfeilern und Gewölben verſchwunden, wie hatte ſich hier Alles gelöſ't in ein durchaus gegliedertes und bewegtes Leben. Zu prachtvollen Säulen waren die Pſeiler emporgewachſen, und ringsum aus der Außenfläche ihres Kernes ſchwan⸗ gen ſich leichte Halbſäulchen und Röhrenbündel empor, 177 daß die Maſſe des Pfeilers gleich der Garbe eines le⸗ bendig bewegten Springquells aus dem Boden aufge⸗ ſtiegen ſchien. In den Bögen, welche die Pſeiler verban⸗ den, neigte ſich dieſe Springfluth im rythmiſchen Spiele und doch in ſicherer Beſchloſſenheit gegeneinander, an den Oberwänden des Mittelſchiffs ſtieg ſie in ungehemmter Kraft empor, an allen Linien des Gewölbes ſtrahlte ſie herüber und hinüber. Was noch an laſtender Form die Seiten⸗ und Oberwände hätte bilden mögen, verſchwand dadurch, daß ſie zu weiten und hohen Fenſtern ſich aus⸗ einander dehnten, während doch ein elaſtiſch geſpanntes Sproſſenwerk in ähnlichen flüſſigen Formen gebildet, allen Eindruck eines leeren Raumes aufhob. Die geſammte innere Architektur war zum Ausdruck von Kraft und Be⸗ wegung geworden; ſie zog die Sinne und das Gemüth des Beſchauers unwillkürlich auſwärts, und doch war Alles von jenem klaren Ebenmaaße erfüllt, welches mit der Bewegung zugleich die erhabenſte Ruhe, mit der Kraſt die edelſte Majeſtät verband. Durch die prachtvoll in ſchönſtem Farbenglanze ſtrahlenden Bogenſenſter guoll ein Meer von Glanz und Gluth— es war gleichſam die Inbrunſt eines glühenden Gefühls, bei dem tauſendſtim⸗ migen Hymnus des Gebetes, der von den Steinen, wel⸗ che zu ſprechen ſchienen, widerhallte, getragen von den tauſend Armen und gefalteten Händen, welche die Pfeiler zur Feier des Höchſten emporſtreckten. 178 Auch über Mar kam dieſe weihevolle Stimmung. Er wandte ſich von dem Propſt, der ihm weitläufig aus⸗ einander ſetzen wollte, daß dieſe köſtlich gemalten Fenſter erſt kürzlich von Veit Hirſchvogel wären vollendet worden, deſſen drei Söhne zugleich die Kunſt des Vaters übten und es wohl auch zur Meiſterſchaft bringen wür⸗ den. Obwohl Max, ſonſt ein Freund aller Künſtler, gern von allen erzählen hörte, und ſie auch ſelbſt außzuſuchen oder zu ſich zu beſcheiden pflegte, ſo mochte er doch im Augenblick, wo ein großer Geſammteindruck ihn erfaßt hatte, Nichts vom Einzelnen hören, und ſagte kurz abwei⸗ ſend:„Wir ſprechen nachher davon,“ indeß er zu Ulrich ſagte:„Hier iſt Leben und Bewegung, und doch ein Bau, der von Ewigkeiten ſpricht, der Stand halten wird im Sturm der Zeiten. Tauſende haben daran gebaut, und iſt doch ein Geiſt in dem Ganzen, und hat doch jeder einzelne Stein ſeine Stimme, aber alle klingen zuſammen in einer großen Harmonie. Ich wollte, ich könnte das deutſche Reich erbauen wie einen Dom.“ „Erbau' es nach einem ſolchen!“ ſagte Ulrich feier⸗ lich.„Du biſt der erſte deutſche König, der einen Einblick gewonnen in die Myſterien eines ſolchen Baues; zeige es den Geweihten, daß Du ein echter Schüler biſt des Albertus Magnus und ſo durchdrungen von ſeiner er⸗ habenen Lehre, daß Du gar nicht anders kannſt, als ſie 179 auf alle Verhältniſſe anwenden. Sieh', kein Profaner hat den Schlüſſel zu dem geheimen Grundprinzip unſeres Tempelbaues; aber im Tempel ſelbſt beten alle Profanen an, von der göttlichen Macht bezwungen; ſie verſtehen nicht die heiligen Symbole, aber die gewaltige Harmonie, die aus den Steinen redet, klingt in allen Herzen wie⸗ der, alle beten an und fühlen: ſo muß es ſein, ſo lobt das Werk die Meiſter, die ſich ſelbſt verbergen und nur ſtill ſich ſreuen, daß ſie Gwiges geſchaffen im Endlichen, geſchaffen in einem Geiſt und doch mit tauſend Händen.“ „Bruder Ulrich,“ verſetzte Max, indem er dem be⸗ geiſterten Sprecher tief in die Augen ſah,„ich fürchte, wenn ich auch den Grundriß mache gleich dem beſten Baumeiſter: die tauſend Hände werden fehlen, die willig ſind und geſchickt, die Steine nach dem Plan zuſammen⸗ zufügen zur Harmonie eines einigen Baues.“ „Sie werden nur ſehlen, wenn der Auſſchwung fehlt, der Glaube an die Macht des Ganzen!“ fiel ihm Ulrich in's Wort;„aber Beides wird kommen, wenn die Stimme des Meiſters ruft und ſie den Grundſtein gelegt ſehen zu einem neuen Bau. Du haſt die erhabene Sendung empfangen, das Haupt des deutſchen Reichs zu ſein: ſo ſtelle Dich hin mit Zuverſicht in ſeine Mitte; ſei nicht nur der Baumeiſter, der den Plan entwirft, ſei ſelbſt der 180 Mittelpunkt des Sechsortes, ſei die Grundlinie in dem Achtort, ſei der Zirkel, der darinnen ſteht und den heili⸗ gen Kreis um ſich zieht, und das erſte Quadrat trage Wahrheit, Freiheit, Recht und Kraſt an ſeinen Spitzen, denn darin ruhet die Signatur Gottes, und das zweite Quadrat ſei die Einheit, die das Achtort bildet, und dar⸗ auf allein baue weiter: dann wird das ganze Volk in Deinen Tempel ſtrömen, preiſen und danken und ſich nei⸗ gen vor der göttlichen Macht.“ „Fürwahr,“ ſagte Mar,„ich möchte wiſſen, ob je Albertus Magnus ſich hätte träumen laſſen, daß ſeine Lehre je vom Kirchenbau ſolche Anwendung finden würde auf das Reich.“ „Warum nicht dieſe?“ fragte Ulrich.„Er hat den Tempelbau als Gottesdienſt ſelbſt gelehrt, und ſolcher iſt es auch den Tempel einer Nation zu erbauen; das Höchſte wird vollbracht, wenn es den höchſten Maaßſtab an ſich legt.„Hier iſt Leben und Bewegung,“ ſagteſt Du vor⸗ hin ſelbſt,„und doch ein Bau, der Stand halten wird im Sturm der Zeiten!“ Siehe, ſo iſt es! gerade nur ein ſolcher vermag zu dauern, den das Leben ſich frei entfallten läßt und keine Bewegung verhindert. Denke Du auch ſo auf dem Thron des deutſchen Reichs. Hin⸗ dere keine Bewegung im Volke, die nicht das Ganze be⸗ droht, hindere keine Bewegung im Reich der Geiſter, gib 181 nicht zu, daß die Pfaffen ſie jemals hindern! Was wir als Geweihte erkannt und um unſere Erkenntniß wenig⸗ ſtens anderen Geweihten durch Symbole, und da und dort auch den Proſanen, wenigſtens ſolchen, die in den Steinen leſen können, in unſern Wahrzeichen kund thun, daß wir, die wir zum Kirchenbau berufen, doch die Ge⸗ brechen der Kirchendiener und Verfaſſung erkennen: das vergiß nicht draußen im Reich: herrſche mit der Krone und dem Scepter Karl's des Großen, aber laß den Kai⸗ ſerthron mehr ſein als einen Fußſchemmel unter dem päpſtlichen Stuhl.“ Max antwortete nichts mehr, weil er nichts mehr hören mochte. Nur der freie Maurer durſte eine ſolche Sprache reden, nur als freier Maurer durfte er ſie an⸗ hören. Noch war er ja nur König, noch nicht Kaiſer. Er wandte ſich von Ulrich zu Anton Kreß, der als ſtil⸗ ler, ſtaunender Zuhörer neben ihm geblieben war. Ihn ſchienen Mar'ens Blicke zu fragen: Was denket Euch von ſolcher kühnen Rede! Als Antwort flog ein väterliches Lächeln über das wohlgenährte Geſicht des Propſtes und er ſagte nur: „Ein begeiſterter Schwärmer, der Entwürfe zu Rieſen⸗ bauten in ſeinem Kopfe trägt, für die ein Dom von Stein noch eine zu kleine Aufgabe, ſo daß ſie darüber hinaus ſich in fremde Regionen wagen. Das legt ſich mit 6 13 182 den Jahren. Ich habe auch ſchon Steinmetzen gekannt, die Pläne zu himmelhohen Thürmen entworfen, und dann froh waren, wenn ein Sakramentshäuslein daraus zu Stande kam.“— Als der König mit der Beſichtigung der Lorenz⸗ kirche fertig war, begab ſich der Zug der Baubrüder in die St. Sebaſtianskirche, denn auch dies herrliche Bau⸗ werk hatte Mar noch nicht geſehen, da er ja zum Er⸗ ſtenmale in Nürnberg war. In der großen ſteinernen Bauhütte, die ſeit dem Kirchenbau dem Rathhaus gegen⸗ über erbaut worden und ſtehen geblieben, ſollte das Feſt⸗ mahl, die Zeche gehalten werden, da dieſe Bauhütte grö⸗ ßer war als jene und jetzt auch nicht darin gearbeitet ward, der Raum darin alſo vollkommen frei war. Man hatte ſie neu mit ſchönem Ultramarin ausmalen laſſen, und überall glänzten auf dem himmelblauem Grunde Zirkel, Winkelmaaß und Dreieck. Das Bild des heiligen Johannes befand ſich in der Mitte auf Goldgrund ge⸗ malt, und in einiger Entfernung glänzte auf der himmel⸗ blauen Wand ein Kranz goldener Sterne darum. Das Sechs⸗ und das Achtort waren zu beiden Seiten an die Wand gezeichnet. Unter jenem ſtand: „Des Steinwerks Kunſt und all' die Ding! Zu forſchen, macht das Lernen gring. Ein Punkt, der in den Zirkel geht, Der im Quadrat und Triangel ſteht. 183 Trefft Ihr den Punkt, ſo ſeht Ihr's klar, Und kommt aus Noth, Angſt und Gefahr. Hiermit hab't Ihr die ganze Kunſt. Verſteht Ihr's nicht, ſo iſt's umſunſt. Alles, was Ihr gelernt hab', Das klagt Euch bald, damit fahrt ab!“ Die Acht war den Theoſophen von jeher die wich⸗ tigſte Zahl als doppelte Vier die Signatur Gottes in der ſichtbaren Welt. Die Zahlen des Achtortes umgaben hier daſſelbe: 1. 3. 4. 5. 7. 9. 10. 12 als ſolche, die alle in dem Zirkel liegen und deren Grundlage die Wur⸗ zel 1 iſt. Aus Eins entſpringt Drei, aus Drei: Vier, die Zahl der Buchſtaben im Namen Gott, der faſt in allen Sprachen deren vier hat. Unter dem Achtort ſtand: „Was in Steinkunſt zu ſehen iſt, Das kein Irr⸗ noch Abweg iſt: Sondern ſchnurrecht ein Lineal Durchzogen vom Zirkel überall. So findeſt Du Drei in Vieren ſteh'n Und alſo durch Eins in's Centrum geh'n, Auch wieder aus dem Centrum in Drei Durch die Vier im Zirkel ganz frei.“ In der Mitte befand ſich eine große Tafel mit blauen Bechern beſetzt und hohen Armleuchtern, auf denen dicke Wachskerzen brannten, denn die Fenſter der Hütte waren mit ſchweren Läden aus eichenem Holz mit Eiſen beſchlagen verſchloſſen, damit kein profanes Auge von außen einen Blick in die Hütte zu werfen wage. 184 Drinnen wurden Bundeslieder geſungen und ein⸗ ander zugetrunken auf das Wohl der Baubrüderſchaften und auf das des Bruders Max. Nachdem dieſer ſchon manches ſchöne Wort geſpro⸗ chen, das günſtig für deren ferneres Gedeihen mochte ge⸗ deutet werden, und der Stoff der Reden erſchöpſt ſchien, ſtand er nochmals auf und ſagte: „Ich habe noch Etwas auf dem Herzen. Es iſt ei⸗ nem meiner Ritter unter Spott und Schimpf auf dem Feſte der Bürgerſchützen ſein Schwert entrungen worden, und ſeiner Beſchreibung nach iſt es ein Trupp Baubrüder geweſen, der ſich deſſen unterfangen hatte. Ich will hier nicht Gericht als König hegen, aber ich will meine Briü⸗ der bei ihrem Eid befragen, wer das geweſen und wie ſich die Sache verhält?“ Ulrich und Hieronymus ſtanden auf und traten vor. Erſterer ſagte:„Ich hieß den Ritter ſein Schwert vom König ſordern, wenn er es wieder haben wolle, da er allein entſcheiden könne, ob er würdig ſei es wieder zu empfangen. Bis dahin nahm ich es an mich. Ich dachte weder, daß der Ritter ſeine Schuld bekennen, noch daß er ſeinen Herrn ſo ſrech belügen würde.“ Und er erzählte wahrheitsgetren, was auf der Hallerwieſe ſich zugetragen, und Hieronymus beſtätigte es. 185 „Gehörte das Frauenzimmer zu den Familien der Genannten?“ fragte der König. Hieronymus antwortete:„Es war die Gemahlin des Herrn Chriſtoph Scheurl, Eliſabeth, aus dem hochangeſe⸗ henen Geſchlecht der Behaim.“ Maxen's Augen blitzten. Er ſagte zu den Beiden: „Nicht war, es ſteht ſchlimm, wenn Ihr, die Ihr das friedliche Gewerbe heiliger Baukunſt treibt und Euch fern halten müßt von allen holden weiblichen Weſen, genöthigt ſeid die Ritter eines ſolchen gegen einen Ritter meines Gefolges zu werden? Ich werde ihm ſagen, daß er ſein Schwert wieder haben ſolle, aber erſt wenn er die Ring⸗ mauer dieſer guten Stadt hinter ſich habe, die ich ihm befehlen werde ſchleunig zu meiden, da ſeine Gegenwart nur mir und meinen Begleitern zu Schimpf und Schande gereichen könne!“ 1859. XV. Nürnberg. 1. 12 berg auf dem Rathhauſe bei feſtlichen Gelegenheiten zu geben pflegte, war auch die Betheiligung der Frauen und Töchter der Rathsmitglieder Sitte, allein ſie fanden ihren Platz an einer geſonderten Tafel. Die aufgetragenen Speiſen wurden zuerſt an der Tafel der Rathsherren herumgegeben, und die Frauen erhielten nur von denje⸗ nigen Schüſſeln, deren Inhalt bis zu ihnen reichte. geordnet, das der Rath zu Ehren des Königs Max ver⸗ anſtaltet und ihn ſammt dem Markgrafen Friedrich und allen andern Rittern und Herren geladen hatte. die Nürnberger bereits alle verſammelt und harrten in einem Halbkreis aufgeſtellt, die Herren auf der einen, die Kenntes Capitel. Frohe Feſte. Bei den Gaſtmählern, welche der Rath von Nürn⸗ Demgemäß waren auch die Tafeln bei einem Mahl Als der König mit ſeinem Gefolge eintrat, waren ſich in Reſpekt und ſie im Zaum zu halten.“ 187 Damen auf der andern Seite, ſeiner Ankunft, die ſchmet⸗ ternde Trompetenklänge verkündeten. Die beiden Looſun⸗ ger Tucher und Holzſchuher wieſen ihm ſeinen Platz oben an der Tafel an, den unvermeidlichen Kunz von der Roſen an ſeiner linken Seite und an ſeiner Rechten den Mark⸗ grafen von Brandenburg; daran reihten ſich die beiden Looſunger, und nun wechſelte je ein Rathsherr mit ei⸗ nem Ritter ab nach ſtrengſter Rangordnung. Kunz machte ein ſo erſtauntes, auffallend dummes Geſicht und ſaß ſo regungslos wie vom Schreck gelähmt, daß der Markgraf zu ihm ſagte:„Nun, Kunz, Ihr ſeh't aus, als ſei Euch die Butter vom Brote gefallen, und hab't doch zur Zeit weder das Eine noch das Andere erhalten.“ „Aber es ſieht mir ganz danach aus,“ ſagte Kunz, „als wolle uns dieſer hochedle Rath mit tockenem Brote abſpeiſen, denn die Unterhaltung mit dieſen Herren wird ſich mir bald wie trockene Krumme im Munde wälzen, wenn nicht das Lächeln der Frauen die Butter dazu ſein darf.“ Der Markgraf lachte:„Ja, das iſt ſo Nürnberger Art. Der Rath hat im Kampf wider den Putz der Frauen erliegen müſſen, aber bei ſeinen Gaſtmahlen weiß er noch 12* 188 „Ei, das wollen wir doch ſehen!“ ſagte Kunz und ſchielte fragend nach dem König. Der aber antwortete:„Du biſt mein Rath und ich nicht der Deine. Ich will hoffen, daß Dich Dein Witz nicht im Stiche läßt, uns vom trockenen Brote zu helfen!“ Kunz ſprang auf, kehrte aber, da er ſchon einige Schritte gethan hatte, wieder um, nahm den bereits ge⸗ füllten Humpen in die Hand, der an ſeinem Platze ſtand, und ſagte:„Beinah' hätte ich vergeſſen mich gegen eine trockene Kehle zu verwahren!“ Mit einem Satze war er an der Frauentafel und ſtand vor Fliſabeth. „Erlaubt, edle Frau,“ ſagte er,„daß ich Euren Platz ſür mich in Anſpruch nehme, um Euch dafür den meinigen zu bieten. Sollte Euch der Tauſch nicht genehm ſein, ſo bleibt mir Nichts als meine Schalksfreiheit zu brauchen und den Sitz mit Euch zu theilen; Ihr braucht nur ein wenig zuzurücken, ſo haben wir Beide Platz!“ Dieſer Nachſatz genügte, daß ſich Eliſabeth eilig er⸗ hob, erglühend dem Hofnarren in's Geſicht ſah und nicht wußte, was ſie thun oder antworten ſollte, indeß die neben ihr ſitzende Katharina Haller ſchadenfroh lächelte und mit zärtlichem Neigen guf Kunz blickte, denn ſie nahm ſein Kommen und daß er gerade an ihrer Seite Platz nahm, für eine ihr dargebrachte Huldigung, und 189 indeß ein Theil der Frauen laut lachte, verließ Mark⸗ graf Friedrich ſeinen Platz, ging auf Eliſabeth zu, und indem er ſich vor ihr verneigend ihre Hand ſaßte, ſagte er zu den Herren an der Tafel gewendet:„Die anderen Ritter werden dem Beiſpiel folgen, das der luſtige Rath gegeben,“ und zu Eliſabeth:„Erlaubt, daß ich Euch zur Tafel führe, wie es Ritterbrauch.“ Und Kunz flüſterte ihr zu:„Nehm't es nicht übel, wenn Euch der Platz des Narren werden ſoll; nur wenn Ihr es mir nicht Dank wüßtet, wäret Ihr eine Rärrin. Ihr hörtet eben, daß mich der Herr Markgraf einen lu⸗ ſtigen Rath genannt, und da könnt Ihr wohl meine Stelle beſſer erſetzen. Ich ſah, wie die Adleraugen mei⸗ nes Königs zu Euch flogen, und obwohl er Falkenblicke hat und auch in ſolcher Entfernung keiner Eurer Reize ihm entgeht, ſo wird er ſich Eures Anblickes doch lieber in der Nähe erfreuen.“ Erglühend, aber mit ſtolzem Anſtand ſchritt Eliſa⸗ beth, von Friedrich geführt den Ehrenplatz an der Seite des Fönigs einzunehmen, auf dieſen zu, indeß die Ritter und einige jüngere Nürnberger aufſtanden, um zwiſchen den Damen Platz zu nehmen oder ſie mit ſich zur kö⸗ niglichen Tafel zu führen. Es entſtand ein buntes Ge⸗ wirre, daß auch die ehrwürdigſten Rathsmitglieder, die mit Schrecken dieſen Umſturz alles wohllöblichen Herkom⸗ ——————————— 190 mens durch den Narren ſahen, Mühe hatten durchzudrin⸗ gen und nur einen leidlichgeordneten Zuſtand herbeizufüh⸗ ren, wo eine völlige Anarchie einzureißen drohte. Endlich hatten wieder alle Platz genommen, und mit Fliſabeth ſaßen noch eilf Damen unter den Herren, während eben ſo viele Herren an der kleineren Damentafel Platz ge⸗ nommen, darunter auch Stephan, der den Platz neben Urſula erobert. Max verſäumte zwar nicht die Pflicht des königli⸗ chen Gaſtes, ſich Allen zu widmen und für Jeden, den ſein Wort erreichen konnte, freundliche Rede und ein ge⸗ fälliges Ohr für die eines Andern zu haben, aber er hatte daneben doch immer bewundernde Blicke für Eliſabeth, und eben ſo oft, wie er ihr eine ſüße Schmeichelei zu⸗ flüſterte, ſprach er auch laut mit ihr über dieſelben Ge⸗ genſtände, welche mit den Männern zur Sprache kamen, wobei ſie oft klügere und geiſtvollere Antworten zu geben vermochte als manche von ihnen. Einmal ſragte er ſie leiſe:„Vermißt Ir nicht Einen unter meinen Rittern?“ Sie ließ ihre Augen umherſchweifen und die Frage. „Das nimmt mich Wunder!“ ſagte er,„denn um Euretwillen habe ich Eberhard von Streitberg ge⸗ boten die Stadt zu verlaſſen.“ 194 Eliſabeth ward todtenblaß, und man ſah, wie kalte Schauer ihre zarte, weiße Haut überrieſelten; ſie blickte vor ſich nieder und vermochte nicht zu antworten. „Habe ich das nicht recht gemacht!?“ fragte Max mit dem Ausdruck der Verwunderung und ſuchte in ihren Augen zu forſchen.„Ihr hab't nur zu befehlen, ſo ruft ihn ein Eilbote wieder zurück, und wenn ihm Eure Ver⸗ gebung wird, ſoll ihm auch die meinige werden.“ „Nie, nie!“ rief Eliſabeth, und dann fügte ſie hinzu: „Ich danke Euer Majeſtät, die mich von einer großen Angſt und Qual beſreit hat.“ 6 Es war hier nicht der Platz zu einem weitern Ge⸗ ſpräch, das nicht von andern Ohren gehört werden ſollte, und ſo ward es durch andere Unterhaltungen beendet, bei denen Eliſabeth lange die ſtumme Zuhörerin machte, denn die Nennung des Ritters von Streitberg hatte ſie in eine kaum geringere Aufregung verſetzt, als neulich ſeine Gegenwart. Um ihretwillen hatte ihn der König fortgeſchickt! Was wußte er von ihr und ihm! hatte Eber⸗ hard unziemlich oder drohend von ihr geſprochen? hatte er erfahren, wie ſich Jener auf der Hallerwieſe gegen ſie betragen? durch wen denn, wenn nicht durch ihn ſelbſt; denn mit jenen Jünglingen oder den Steinmetzgeſellen, die ſie beſchützten, konnte der König doch unmöglich ſelbſt geſprochen haben! Auch jene Aeußerung des Markgrafs, 192 daß ſie ihn ſo wenig wie den ſchwarzen Ritter habe bemerken wollen, fiel ihr jetzt ſchwer auf's Herz. Was hatte Eberhard von ihr geſprochen? hatte er Lüge oder Wahrheit geredet— es dünkte ihr Beides gleich entſet⸗ lich!— Und doch war ihr, als könne ſie jetzt erſt freier athmen, ſeit ſie von der Furcht befreit war, ihn wieder zu treffen, und es miſchte ſich ein Gefühl ſtolzen Trium⸗ phes bei, weil ſie dieſe Befreiung der Gnade des Königs dankte— der Theilnahme, die ſie ihm erregt; ſo war die ritterliche Höflichkeit, mit der er ſie vor allen andern Frauen Nürnbergs auszeichnete, mehr als ein momentaner Sieg ihrer Schönheit, ſo dachte er ihrer auch, wenn er ſie nicht erblickte, und handelte für ſie.— Inzwiſchen ſagte an der andern Tafel Katharina Haller zu Kunz von der Roſen:„Ihr hab't wohl die Scheurlin ſchon früher gekannt, weil Ihr ſo vertraut mit ihr ſeid?“ „Ei, das iſt mein Vorrecht wie bei dem König ſo bei den ſchönen Frauen,“ antwortete Kunz,„ſie machen die vernünſtigſten Männer zu Narren, und da wüßte ich nicht, warum ihnen gegenüber ein Narr aufhören ſollte einer zu ſein. Uibrigens wißt Ihr ja, daß mein Herr und ich ſelbſt zum Erſtenmale in Nürnberg ſind.“ „Deshalb hättet Ihr die Scheurlin doch ſchon ge⸗ ſehen haben können, denn ſie iſt einmal über ein Jahr 193 fort geweſen, um ſich in Venedig und Gott weiß wo Alles abentenerlich umher zu treiben,“ berichtete Katha⸗ rina, und fügte hinzu, indem ſie den Mund höhniſch ſpitzte: „Freilich, es iſt wahr, wenn Ihr ſie früher gekannt hättet, würdet Iyr ſie ſchwerlich der erwieſenen Ehre würdigen; in der Fremde hat ſie ſich, wie man hört, nicht viel beſſer betragen denn andere fahrende Frauen, und welch' anſtößiges Verhältniß ſie mit dem hergelaufenen Poeten, dem Celtes gehabt, weiß ganz Nürnberg.“ Urſula, die auf der andern Seite des Narren ſaß und zwar nur Aug' und Ohr für Stephan hatte, vernahm doch dieſe Schmähung Eliſabeth's, die ihr das Blut in's Geſicht trieb, und ſagte: „Glaubt das nicht, Herr von der Roſen! Frag't andere ehrſame Frauen und Männer in Nürnberg nach der edlen Frau Scheurlin, und alle werden mit Achtung und Anerkennung von ihr ſprechen.“ „Solche ausgenommen,“ fiel ihr Stephan in's Wort, um ihre Rede zu vollenden,„die ihre geiſtigen und körperlichen Vorzüge ihr mißgönnen, weil ſie ſich dadurch in den Schatten geſtellt fühlen.“ „Ereifert Euch nicht, werthe Damen und Herren,“ antwortete Kunz mit um ſo größerer Ruhe;„ich müßte kein Narr ſein, wenn ich nicht wüßte, daß die Menſchen ſich überall gleich ſind; was Neid und Verläumdung 194 reden, ſpaziert bei mir zu dem einen Ohr herein, um zu dem andern wieder hinaus zu gehen, und ſagt mir nur, wie wenig von den Leuten zu halten, die alſo ſich be⸗ mühen Andere herabzuſetzen; vor denen aber, welche Andere vertheidigen, nehm' ich meine Kappe ab!“ Damit verneigte er ſich ehrerbiethig vor Urſula und ſchüttelte Stephan die Hand. Die gedemüthigte Katharina ſaß ſprachlos vor Wuth da und wendete ſich zu ihrer ſtumm gebliebenen Nach⸗ barin Beatrir Immhof, einer hübſchen, ſtillen Jungfrau, und ſagte zu ihr: „Nun ſieht man doch, daß die alte Sitte gut iſt, wenn wir Frauen für uns allein ſpeiſen; die Gegenwart der Männer verbittert die Unterhaltung.“ Beatrir fühlte ſich gerade nicht veranlaßt dem bei⸗ zuſtimmen, denn neben ihr ſaß der Ritter Apel von Wey⸗ ſpriach und erzählte ihr Wunderdinge von ſeiner Reiſe aus dem heiligen Lande. Dieſer wandte ſich jetzt zu Frau Katharina und ſagte leiſe: 3 „Ihr hab't nur einen mißlichen Platz neben dem Narren; ſobald er uns einmal von ſeiner Gegenwart be⸗ freit, möcht' ich gern von Euch Näheres über Celtes und die Scheurlin hören, und wie die gefeierte Schönheit noch dazu gekommen, einen zwanzig Jahre ältern Mann zu 195 heirathen, der ihr freilich das Leben nicht ſchwer zu ma⸗ chen ſcheint?“ Katharina nickte ihm hocherfreut und beifällig zu, aber ſie hielt ihre Zunge im Zaume, ſo lange Kunz ne⸗ ben ihr ſaß, von dem ſie noch mehr als eine derbe An⸗ ſpielung über neidiſche und klatſchſüchtige Frauen hören mußte. Die Mahlzeit währte bis zur Dämmerung, wo ſich die Frauen entfernten, um zum darauf folgenden Ball ſich umzukleiden; indeß zechten die Männer noch weiter, und es gehörte viel Muth und Tanzluſt der Frauen dazu, zu dieſer wüſten Geſellſchaft wieder zurückzukehren und von den angetrunkenen Männern im Tanz ſich ſchwenken zu laſſen. Indeß war es ſo Sitte, ſelbſt im ehrbaren Nürnberg, über deſſen Zucht und Ordnung die Raths⸗ herren ſorgfältiger wachten, als in einer anderen Stadt geſchah, und das von allen zeitgenoſſiſchen Schriſt⸗ ſtellern als ein Muſter von würdigem Beſtand und feinen Sitten hingeſtellt wird. Aber auch von dieſer Stadt ſchreibt Konrad Celtes ſelbſt, der ſich in ihr ſo wohl fühlte, wie ſonſt nirgends:„Bei den meiſten deutſchen Völkerſchaften gibt es Anlaß zu blutigen Zänkereien und zu vielen anderen Uibeln und Ausſchweiſungen, daß ſie einander nach gewiſſen Geſetzen und Gebräuchen aus großen Bechern zutrinken, wobei ſie ſich wie über einen 196 großen Sieg rühmen, wenn ſie einen ſinnlos und gleich⸗ ſam todt zu Boden gebracht haben. Hier in Nürnberg ſind die Tiſchgeſpräche gar artig und gegen die Weiſe der Deutſchen geſetzt, ohne Händel und ohne freches Ge⸗ lächter, ſondern durch beſcheidenes Stillſchweigen nieder⸗ gehalten. Das Schimpfen und Fluchen iſt hier weniger an der Tagesordnung als anderswo.“ Die Nürnbergerinnen kehrten alſo wieder zurück, nachdem ſie die ſchweren Woll⸗ und Sammetſtoffe mit leichteren Kleidern von dünner Seide und jenem zarten Stoff vertauſcht hatten, welche die alten Dichter ihrer Durchſichtigkeit wegen„gewebte Luft“ nannten, Haar und Gewänder mit lebendigen Blumen geſchmückt. König Mas ſelbſt eröffnete den Tanz mit Elevnore Tucher, indeß Markgraf Friedrich mit Eliſabeth tanzte. Dafür widmete der König dieſer ſpäter mehr als einen Tanz und erwies ihr jede ritterliche Huldigung. In welchen Rauſch von Stolz und Glück ſie auch dadurch verſett ward, ſo gehörte ſie doch auch jetzt nicht zu den ſelbſtſüchtigen Naturen, die alles Andere über ſich ſelbſt vergeſſen. Darum ſagte ſie zu dem König: „Darf ich mir eine Gnade von Euch erbitten?“ „Ihr wißt, es wird mich glücklich machen, Euch Alles zu erfüllen, was ein König erfüllen darf.“ „Nun ſo tanzet den nächſten Tanz mit der blonden — 197 ſanften Jungfrau im weißen Kleid mit Roſen geſchmückt, die eben mit Stephan Tucher an uns vorüberſchwebt,“ ſagte Eliſabeth. Der König lächelte:„Da hätte ich jede andere Bitte ezwartet als eine ſolche! Wer iſt das hübſche Kind?“ „Die Tochter Gabriel Muffel's, der unter den Raths⸗ herren Euch vorgeſtellt ward. Es gibt Leute, die es der Enkelin wollen entgelten laſſen, daß ihr Großvater vor zwanzig Jahren hier als Looſunger gerichtet ward. Sie iſt das edelſte und ſittſamſte Mädchen von Nürnberg, er⸗ hebt ſie durch Eure Gnade vor dieſen ungerechten Men⸗ ſchen.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſagte der König;„aber hab't Ihr nichts Anderes zu wünſchen?“ „Stephan Tucher,“ fuhr Eliſabeth fort,„wird Euch begleiten, wie ich höre, laßt ihn Eurer Gnade empfoh⸗ len ſein.“ Mar lächelte:„Darf Euer Gemahl dieſe Fürbitte hören?“ „Er würde ſie wiederholen, wenn Ihr ihm doſelbe Gnade erwieſet wie mir,“ verſetzte Eliſabeth ruhig;„die⸗ ſer Tucher liebt die Jungfrau Muffel, aber der Eigen⸗ ſinn der Väter widerſetzt ſich dieſer Verbindung— nehmtt Ihr das liebende Paar in Euren gnädigen Schutz.“ Mar ließ ſeine Blicke auf Eliſabeth mit reiner Be⸗ 198 wunderung gleiten, die jetzt nicht ihren Körperreizen, auch nicht ihren Kenntniſſen, ſondern den Eigenſchaften ihres echtweiblichen Herzens galten, die ſich jetzt ihm offenbar⸗ ten, und ſagte bewegt:„Keine andere Bitte!“ „Doch!“ verſetzte Eliſabeth,„wenn Eure Majeſtät mich noch länger anhört. Heute bei der Tafel erzählte man Euch von Konrad Celtes, und wie Euer erlauchter Vater, unſer gnädigſte Kaiſer und Herr mich auserſehen, ihm den Dichterkranz auf's Haupt zu ſetzen; vor all' den anderen Herren wagte ich nicht weiter von ihm zu ſpre⸗ chen, jetzt aber möcht' ich Euch bitten: leſet ſeine Schrif⸗ ten und wollet bedenken, daß der nächſte Platz neben dem Fürſten dem Dichter gebühren ſollte. Ich wollte, er wäre jetzt noch hier: er würde Euch verſtehen wie kein An⸗ derer, und Ihr würdet ſeine Verdienſte erkennen und zu würdigen wiſſen wie kein Anderer!“ „Ihr ſeid ein wunderliches Weib!“ rief der König; „was kümmern Euch Andere? warum denkt Ihr nicht an Euch ſelbſt?“ * „Nur wenn ich an Andere denken kann, leb' ich mir ſelbſt!“ antwortete ſie, und fügte bei ſich ſelbſt hin⸗ zu: wenn ich für Andere nicht leben kann, ſo will ich doch an ſie denken! Dann fuhr ſie fort:„Mich kümmerte es wohl, die beiden einzigen Männer, die ich als die edelſten ihres Geſchlechtes verehre, berufen dem geſunkenen 199 deutſchen Reiche wieder aufzuhelſen, Hand in Hand wir⸗ ken zu ſehen und die neue Zeit heraußuführen, der Alle, welche denken können, ſich entgegenſehnen.“ Mar hatte über dieſen Geſpräch das Tanzen ver⸗ geſſen— ſo hatte noch keine Frau zu ihm geredet.„Eine neue Zeit?“ wiederholte er ſinnend.„Ihr werdet mit mir die Tage der vergangenen Herrlichkeit und Kraft des Kaiſerreiches wiederkehren ſehen, der Thron Karl's des Großen wird ſeinen alten Glanz entfalten und die Ritter⸗ lichkeit jener alten Zeit ſich durch mich erneuern!“ Eliſabeth ſeufzte. Seit ihr Bruder ausgezogen war, um neue Welten zu entdecken, ſeitdem Celtes das Stu⸗ dium ſchöner Menſchlichkeit den vertrockneten Lehren der Kirchenväter ſiegreich entgegen geſtellt, ſeit der Bruder wie der Dichter ihre Lehren ihr verdeutlicht, war ſie gleich ihnen mit der ganzen Inbrunſt einer ſehnenden und ahnungsvollen Frauenſeele zu einem ſchönen Zukunfts⸗ glauben begeiſtert worden, und der König, der ihr als das Ideal eines Helden und Volksbeglückers erſchien, wenn jemals einer auf einem Thron geſeſſen— der ſprach nun von der Rückkehr zu der Herrlichkeit der alten Zeit! Aber er deutete ihr Seußen anders und ſagte: „Ihr hab't noch etwas auf dem Herzen— ſprech't es aus; hab't Ihr denn keinen eigenen Wunſch, den Euer König erfüllen könnte?“ 200 Er ſah ſie dabei ſo zärtlichglühend an, daß ſie nach einigem Bedenken erröthend ſagte:„Nun denn: wenn Ihr wieder einmal nach Nürnberg kommt und die Veſte vielleicht nicht würdig bereitet iſt Euch außzunehmen, ſo betrachtet das Haus Chriſtoph Scheurl's als das Eurige.“ „Seid verſichert, ich werde Eure Einladung an⸗ nehmen!“ rief Mas, reichte ihr zum Verſprechen die Hand und küßte die ihrige. Damit verabſchiedete er ſich zugleich von ihr, denn der Tanz war zu Ende, und mit dem nächſten erfüllte der König Eliſabeth's erſte Bitte: er winkte den Narren herbei, damit er ihm Urſula zuführe. Sie war nicht wenig erſtaunt über die ihr erwieſene Ehre, und wagte vor ſittiger Verſchämtheit und Beſchei⸗ denheit kaum die Angen außzuſchlagen zu dem ritterlichen König. In immer größere Verwirrung gerieth ſie, als dieſer ſie mit Stephan Tucher neckte und an ihrer Ver⸗ legenheit ſich weidete. Zuletzt aber ſagte er zu ihr: „Verlaßt Euch auf Euren König! Ein wenig Prü⸗ fung müſſen alle liebenden Paare beſtehen, denket Ihr nur unter den Euren an mein Wort: daß ich nicht an⸗ ders denn zu Eurer Hochzeit mit Stephan Tucher nach Nürnberg zurückkehren will, wenn Ihr in rechter Treue für einander beharrt! Das möge Euch tröſten!“ „O Majeſtät!“ rief ſie und ſuchte doch vergebens nach weitern Worten ihren Dank zu ſchildern. Aber da 201 der Tanz beendigt war, eilte ſie zu Eliſabeth, denn ſie ahnte, daß ſie es war, der ſie dies Glück verdankte. In ihren ſtrahlenden Angen glänzte für Eliſabeth der reichſte Lohn eines Dienſtes, den uneigennützige Freundſchaft ge⸗ leiſtet. Ihr Zweck war doppelt erreicht, denn außerdem, daß Urſula das königliche Wort als beſten Troſt empfan⸗ gen, waren auch die Nürnberger, die ihr die Schande ihres Großvaters nachtragen wollten, durch die Auszeich⸗ nung beſchämt, welche der König ſelbſt ihr zu Theil wer⸗ den ließ.— Unter mancherlei Feſten ähnlicher Art war der dritte September herangekommen, den der König zu ſeiner Ab⸗ reiſe beſtimmt hatte. Das Abſchiedsmahl hatte Markgraf Friedrich auf der Veſte veranſtaltet und dazu nur eine ausgewählte Geſell⸗ ſchaft eingeladen, die, das Gefolge des Königs ausgenom⸗ men, aus zwanzig Frauen und fünßzehn Männern beſtand, ſämmtlich den vornehmſten Nürnberger Geſchlechtern an⸗ gehörend. Gleich nach dem Mahl wollte der König zu Herzog Otto von Baiern nach Neumarkt reiten, der ihn dahin zu ſich eingeladen, und von da nach Linz gehen zu ſeinem Vater, um die habsburgiſchen Erblande wieder zu erobern. Noch einmal hatte Eliſabeth das Glück, an der Seite des Königs ihren Platz angewieſen zu erhalten. 1859. XV. Nürnberg. 1. 13 202 Mit Staunen ſah ſie auf ihrem Teller eine kunſtvoll ge⸗ arbeitete Roſe von in Gold geſaßten Rubinen mit Blättern von grünen Smaragden an eine goldene Nadel befeſtigt. Sie warf einen fragenden Blick auf den König, und die⸗ ſer ſagte: „Die Roſen, die Ihr mir bei meinem Einzug zu⸗ warfet, habe ich Euch zu Ehren getragen, bis ſie ver⸗ welkten; aber ich werde ſie immer als Angedenken an Nürnbergs edelſte Frau bewahren— verſchmähet dafür nicht dieſe Roſe mir zu Ehren an Eurem ſchönen Buſen zu tragen.“ Sie nahm das koſtbare Geſchenk erröthend und mit tiefem Verneigen und ſagte:„Nicht Euch— mir ſelbſt zu Ehren gereicht ſolch' bleibend Zeichen Eurer königlichen Gnade.“ „Sag't Verehrung!“ flüſterte er ihr mit ſüßem Lächeln zu;„und wenn Ihr einmal etwas zu bitten hab't, am liebſten für Euch ſelbſt oder auch für Andere: ſo laßt mich die Roſe wieder ſehen; ſie wird mich an glückliche Tage mahnen, und ich werde jeden Wunſch er⸗ füllen, den Ihr an die Roſe knüpft.“ Im Anfang fehlte diesmal die fröhliche Stimmung, die in den vergangenen Tagen geherrſcht. Der König war ſtiller als ſonſt. Ward es ihm wirklich ſchwer, von der anmuthsvollen Nürnbergerin zu ſcheiden, oder dachte er 203 nur daran, daß er nach dieſer Ruhezeit voll harmloſer Unterhaltung nun wieder in's Gewühl des Kampfes müſſe, oder was ihm noch ſchlimmer dünkte, vergeblich dem Vater anliegen werde, ſich zu Energie und That zu ermannen, um die angeſtammten Lande ſich wieder zu er⸗ ringen und König Mathias von den angemaßten Thron zu ſtürzen? Hallte in ihm etwas von den Worten wie⸗ der, die der Baubruder Ulrich und die ſchwärmende Eli⸗ ſabeth zu ihm geſprochen, die noch mehr von ihm zu fordern ſchienen als den Siegeskranz des Helden und die Herrſcherwürde Karl's des Großen? Ver lieſtt in den Seelen Derer, die das Schickſal auf den höchſten Platz geſtellt, daß ſie von Allen geſehen werden und doch von den Wenigſten erkannt! Auch Stephan Tucher, der nun ſchon dem Gefolge des Königs beigezählt war und dann mit ihm aufbrechen ſollte, ſaß ſtill neben Urſula, nicht minder beklommen von der nahen Abſchiedsſtunde wie von der Gegenwart ſeines Vaters und Bruders, die zwar jetzt in der ge⸗ wiſſen Zuverſicht, daß Stephan, wenn er nur einmal von Urſula getrennt ſei, ihr auch nicht treu bleiben werde, jetzt ſeine Huldigungen für ſie weniger mißfällig bemerk⸗ ten, aber ihn doch immer beobachteten, was ihn noch mehr in der Seele der Jungfrau beengte denn in der eigenen. Ebenſo ſchien der Ritter von Weyſpriach zu be⸗ 204 klagen, daß er von Beatrir Immhof ſcheiden mußte, für die er an ſeine Erzählungen aus dem Morgenlande manche Galanterie geknüpft; und ſo gab es noch man⸗ chen ſremden Herrn und manche für ritterliche Artigkeit empfängliche Nürnbergerin, die alle das Ende dieſer harm⸗ los fröhlichen Feſttage bedauerten, und darum ſchon im voraus die gute Laune verloren hatten, ſo daß die erſten Gänge der auserleſenen Mahlzeit ziemlich ſtill eingenom⸗ men worden waren, bis endlich Kunz von der Roſen ſich in's Nittel ſchlug und in langer mit vielen Späßen und Seitenhieben„auf Männlein wie Weiblein“, wie er ſich ausdrückte, gewürzten Rede ſich für den einzigen Ver⸗ nünftigen und Alle für Narren und Närrinnen erklärte, die mit dem Gedanken an die künftigen Entbehrungen ſich ſchon die gegenwärtigen Genüße verdarben und durch eigene Schuld in Gift verwandelten. Das half endlich und ebenſo der maſſenhaft ge⸗ noſſene Wein, der die Zungen löſte zu freier Rede und ſröhlichem Lachen, ſo daß die Unterhaltung bald die leb⸗ haſteſte ward, die man je in dieſen Tagen geführt. Da hob der König die Taſel auf. Es war das Zeichen zum baldigen Aufbruch. Kunz trat zu Eliſabeth und Urſula und flüſterte ihnen zu:„Ich wollte Euch wohl einen guten Rath ge⸗ 205 ben, wenn Ihr mir mit ein paar anderen Frauen hinaus⸗ folgtet in die anderen Gemächer.“ Eliſabeth hatte bis jetzt immer die Einfälle des Narren zu ihren Gunſten gefunden, warum ſollte ſie ihm jetzt nicht vertrauen? Sie folgte ihm alſo mit Urſula, Beatrir, Eleonora Tucher und ein paar anderen Frauen. Er führte ſie durch verſchiedene Corridore und Säle bis in das Gemach des Königs.„Seht,“ ſagte er,„da liegt die Rüſtung, die er zu dem Ritt anlegen wird— da liegen ſeine Stiefel und Sporen. Ich weiß aber, er gäbe etwas darum, wenn er einen Grund fände, heute noch hier zu bleiben. Wer weiß, gibt es nicht ein Un⸗ glück, wenn wir reiten, denn ich glaube, es wird Man⸗ cher von uns ſchief im Sattel ſitzen. Nun aber nimmt der König nie einen einmal gegebenen Befehl zurück, es ſei denn, er würde durch einen Scherz oder von den Fürbitten ſchöner Frauen dazu gebracht; wäret Ihr nicht alle froh, wenn wir noch heute hier blieben und noch einmal zuſammen tanzten, ſtatt allein auf den ſchlechten Wegen zu Pferd die Balanze zu verlieren?“ Alle rieſen:„O wenn das möglich wäre!“ Kunz hob Marens Stiefel empor, legte den einen der gewaltigen Ritterſtiefel von unbeſchreiblicher Laſt auf Eliſabeth's weiße Arme, den andern gab er Frau Tucher und ſagte: 206 „Nun wohl, hier habt Ihr ſeine Stiefel, verſteckt ſie, ſo kann er nicht fort; aber eilt, damit er uns nicht bei der That erwiſche.“ Wirklich hörte man draußen Tritte, und Kunz ent⸗ floh mit den Frauen durch eine kleine Tapetenthüre eine düſtere Treppe hinab. Hier wurden die Stiefel in den finſterſten Winkel geſtellt, und auf einem anderen Weg kehrten die Nürnbergerinnen wieder in den Speiſeſaal zurück. Der König mit den Rittern hatte ſich entfernt, ſich zum Fortritt zu rüſten. Markgraf Friedrich, der nicht mit nach Neumarkt wollte, war noch da bei ſeinen anderen Gäſten. Da meldete ihm ein Diener: es ſei unbegreif⸗ lich, aber die Stiefel Sr. Majeſtät wären verſchwunden und hätten doch vorhin bei der Rüſtung geſtanden. Der Markgraf wollte auſſchäumen über die Fahr⸗ läſſigkeit des Geſindes, da trat Eliſabeth vor und ſagte: „Wir wollen es nun geſtehen: wir haben Sr. Ma⸗ jeſtät Stiefel und Sporen verborgen, damit er noch heute bei uns in Nürnberg bleibe.“ „Und mit uns tanze!“ fügte Eleonora hinzu;„da kann er der Reiterſtiefel und Sporen entbehren.“ Der Markgraf lachte und ging zum König. Es dauerte nicht lange, ſo brachte er ihn wieder; fröhliches Jauchzen empfing ihn und die Trompeten ſchmetterten. 207 Mar nahm den Scherz gnädig auf und war bereit noch zu bleiben. In die Stadt ſandte man Boten, noch andere Herren und Damen zum Tanz zu holen, der noch die ganze Nacht durch währte. Noch einmal durfte Eliſabeth die Huldigungen des Königs empfangen, noch einmal Urſula mit Stephan in trauter Ruhe die Schwüre ewiger Treue tauſchen— aber auch die plötzlich noch geſchenkten Stunden verflogen und verrauſchten, und endlich kam doch die letzte, die den Ab⸗ ſchied brachte.—— Am folgenden Tage war es ſehr ſtill in Nürnberg. Der König war in aller Frühe und Stille mit ſeinem Geſolge zur Stadt hinausgeritten, als könne er ſonſt noch einmal zurückgehalten werden. „Die Geſangenſchaft war weder ſo lang noch ſo langweilig wie die zu Brügge!“ flüſterte Kunz ihm zu. Die Nürnberger aber hatten Mühe, ſich wieder in das alte Geleiſe ihres thätigen Lebens zurückzufinden. Zehntes Capitel. Eliſabeth. Die frühe Dämmerung des Septemberabends brach ſchon herein, als eine vermummte Frau an dem„ſchönen Brunnen“ vorüber ſchlich in die Winklerſtraße, um von hier in das Hinterhaus des Pirkheimer'ſchen Hauſes zu gelangen, in dem ſich des Goldſchmieds Albrecht Dürer Wohnung und Werkſtatt befand. Die Geſellen waren aus derſelben entlaſſen, aber der Meiſter arbeitete noch allein in dem dumpfen Gewölbe bei einer kleinen Flamme, die ihm zugleich Licht und für ſeine Arbeit die nöthige Hitze gab. Eben hatte er ein Silberſtäbchen an die Flamme gehalten, die ſein ehrliches, von Sorgen und Arbeit ge⸗ ſurchtes Geſicht beleuchtete, als es draußen pochte. Die Störung kam ihm ungelegen und ſein Herein klang nicht etwa freundlich. 209 Darauf trat eine weibliche Geſtalt ein, von einem braunen Mantel umhüllt und über den Kopf ein großes ſchwarzes Tuch, das auf dem Kinn zuſammengeknüpft, auch über die Stirn ſo weit vorſtehend herunterhing, daß von dem darunter befindlichen Geſicht nicht viel mehr zu ſehen war als eine ſpitige Naſe und ein großer Mund mit ſchadhaften Zähnen. „Guten Abend, Meiſter Dürer,“ ſagte die Eintre⸗ tende;„es iſt wohl ein wenig ſpät, daß ich komme, aber ich hab' verſprechen müſſen, meinen Auſtrag nur an Euch allein auszurichten, darum wählt' ich die jetzige Zeit. Aber ehe ich meine Beſtellung mache, müßt Ihr mir verſprechen auch keiner Seele weder jetzt noch künf⸗ tig ein Wort davon zu ſagen.“ Der Goldſchmied dachte: das wird auch eine rechte Beſtellung ſein, welche dieſe Frau für mich hat— viel⸗ leicht aus Silberhellern einen Ring zu machen, oder wer weiß, iſt es nicht Schlimmeres? iſt es nicht vielleicht ge⸗ ſtohlenes Gut, das ſie bei mir verwerthen will oder umſchmelzen laſſen? Er hatte oft ſolche Verſuchungen zu beſtehen, und hatte ſie immer mit der ganzen Kraſt einer redlichen Seele tapfer beſtanden, wenn auch der verheißene Gewinn noch ſo groß und die Sorge noch größer war, wie er ſein Weib und ſeine achtzehn Kinder vor Mangel und Noth behüten möchte. Darum ſagte er auch jetzt: 2¹⁰ „Das Verſprechen zu ſchweigen gebe ich nur dann, wenn ich es mit gutem Gewiſſen halten kann. Iſt das bei Euch der Fall, ſo iſt ein Wort ſo gut wie tauſend, ich verſpreche zu ſchweigen und ſchweige. Iſt's aber keine ehrliche Sache, ſo ſag' ich Euch voraus, daß weder Furcht noch Gewinn, weder Bitten noch Drohungen mich abhal⸗ ten werden, ſie an's Tageslicht zu bringen. Uiberlegt es Euch alſo vorher, ob ich der rechte Mann ſür Euch bin oder nicht.“ „Der ſeid Ihr ganz gewiß, Meiſter Dürer,“ ant⸗ wortete das Weib;„ganz Nürnberg weiß, daß es keinen ehrlicheren Gold⸗ und Silberſchmied hier gibt denn Euch. Ihr werdet alſo ſchweigen?“ „Bei jedem ehrlichen Handel, ich bin keine Plauder⸗ taſche,“ antwortete der Meiſter. „Nun denn,“ begann die Frau,„nicht wahr, die ſchöne Roſe von Rubinen und Smaragden in lauterm Golde geſaßt, die unſer allergnädigſte König Mar der Scheurlin zum Geſchenk gemacht, iſt von Eurer Arbeit?“ „Allerdings,“ antwortete der Goldſchmied,„ich darf mich deſſen rühmen.“ „Hab't Ihr ſie noch treu im Gedächtniß?“ fragte die Frau. „Gewiß,“ antwortete Dürer;„ich habe ſie ganz gllein ſelbſt geſertigt, und vergeſſe nie, was meine Hände 2¹¹ mit ſo viel Mühe gearbeitet. Mein Sohn Albrecht hatte mir die Zeichnung dazu gemacht und die habe ich auch noch.“ „Deſto beſſer,“ antwortete die Fremde;„nun denkt Euch das Unglück: die Scheurlin hat die Roſe verloren—“ Dürer ward blaß vor Schrecken und Aerger.„Wie kann man ein ſolches Kleinod verlieren!“ rief er entrü⸗ ſtet;„dieſe leichtſinnigen Weiber! Dieſe koſtbaren Steine! dieſes Kunſtwerk, an dem ich ſo viele Tage und Nächte mit Fleiß und Mühe gearbeitet, vielleicht im Staube zertreten!“ „Ich glaube, es iſt noch ſchlimmer!“ ſagte die Frau mit Achſelzucken.„Sie hat ſie in die Pegnitz fallen laſſen, und darum keine Hoffnung ſie jemals wieder zu bekom⸗ men. Darum verſchweigt ſie auch den Verluſt, um ſich nicht lächerlich vor den Leuten zu machen, die ihr des Kaiſers Gunſt beneideten; am ängſtlichſten verbirgt ſie ihn aber vor ihrem Mann, und damit er denſelben nie entdecke, wünſcht ſie, Ihr möchtet ihr eine gam gleiche Nadel machen.“ Dürer ſchüttelte den Kopf. Er konnte ſich lange nicht zufrieden geben weder über den Untergang ſeines Kunſtwerkes, noch über den Leichtſinn einer Frau, die einen Gegenſtand, deſſen hoher Werth durch den Geber ihr noch verdoppelt ſein mußte, nicht vorſichtiger zu be⸗ 242 wahren verſtand. Endlich ſagte er:„Und was denkt denn die Fran Scheurlin, daß die Nadel gekoſtet?“ „Sie iſt reich, ſie zahlt denſelben Preis wie der König,“ antwortete die Frau.„Nennt den Preis.“ „Zweihundert Reichsgulden.“ „Und bis wann kann die Nadel fertig ſein?“ „Unter drei bis vier Wochen iſts gar unmöglich; ich muß erſt ſehen, daß ich die paſſenden Rubine be⸗ komme.“ „Gut, in drei Wochen werde ich wieder kommen.“ „Ich kann ſie ja der Frau Scheurlin ſchicken, ſo⸗ bald ſie fertig iſt, weil ich die Zeit nicht genau beſtim⸗ men kann.“ „Um's Himmels Willen nicht!“ rief die Frau,„da⸗ mit es nicht etwa Jemand von der Dienerſchaft erführt, und es mit Abſicht oder aus Verſehen dem Herrn Scheurl verrathen könnte, hat ſie mich zu Euch geſandt, darum darf es keine Menſchenſeele weiter wiſſen, und darum nahm ich Euch ja das Verſprechen des Schweigens ab, wie auch Ihr darauf rechnen könnt, daß ich ſchweigen werde.“ „Aber wenn nun inzwiſchen Herr Scheurl die Nadel vermißt!?“ „So wird ſeine Gattin ſagen, daß ſie Euch dieſelbe zur Reparatur gegeben, weil ſie ein Steinlein daraus ver⸗ loren,“ antwortete ſcheu die Frau. 2¹3 „Nun, dann könnte ja auch daſſelbe geſagt werden, wenn ich ihr die neue Nadel ſchickte, und ſie käme ja nicht gleich in die rechten Hände.“ Die Frau war offenbar über dieſe Bemerkung be⸗ ſtürzt und ſuchte vergeblich nach einer Gegenrede. Endlich ſagte ſie:„Die Frau Scheurl hat es aber einmal ſo be⸗ fohlen, wie ich ſagte, daß die Nadel wieder bei Euch abgeholt werden ſoll. Ihr könn't ruhig ſein, Ihr brauch't ſie nur gegen baare Bezahlung abzuliefern. Und was die erwähnte Lüge betrifft, ſo war ſie ja nur für den äu⸗ ßerſten Nothfall ausgeſonnen, und Frau Scheurl hofft, daß ſie derſelben nicht bedürfen werde, infern Ihr nur keine Unklugheit begeht.“ „Nun ſo komm't in drei Wochen wieder, ich will mein Möglichſtes thun, das Werk noch einmal zu voll⸗ enden.“ So war Dürer's letzter Beſcheid und die Frau entfernte ſich endlich.— Ein paar Tage darauf, am Sonntag Nachmittag, hatte ſein Sohn, der Malerlehrling Albrecht, ſeine Frei⸗ ſtunden, die er ſtets am liebſten im Elternhauſe zu⸗ brachte und auch da ſich nicht immer Ruhe von der Ar⸗ beit gönnte, da es in dieſen Mußeſtunden oft noch eine Zeichnung für den Vater zu fertigen gab. Eben ſaß er über einer ſolchen, aber nicht in der heute verſchloſſenen Werkſtatt, ſonder Wohnſtube, in der die Mutter 21¹ Barbara die Spindel drehte, dabei immer wohlgefällig nach dem Lieblingsſohne blickend. Er war ihr drittgebo⸗ rener; der älteſte, der das Handwerk des Vaters lernte, war ſchon fort auf die Wanderſchaft nach den Nieder⸗ landen, wo auch der Vater, der aus einem ungariſchen Dorfe ſtammte, ſich ſeine größte Geſchicklichkeit erworben hatte. Das zweite Kind war geſtorben, und ſo noch meh⸗ rere, aber dennoch war es noch ein ganzes Häuflein braungelockter Buben und Mädchen, das die enge Stube bevölkerte. Alle waren ſehr einfach, aber reinlich gekleidet, das kleinſte Kind lag noch in einer hölzernen Wiege, de⸗ ren abgenutztem Zuſtand man es anſah, wie viele In⸗ ſaſſen ſie ſchon gehabt; und indem ſie Frau Barbara mit dem Fuß in Bewegung ſetzte, indeß ſie mit den Händen glatte Faden zu neuen Gewändern ſpann, da begriff man unter dieſer Umgebung wohl, daß auch am Sonntag die Hände und Füße dieſer Mutter ſich keine Ruhe gönnen durften, die für ſo Viele zu ſorgen hatten. Nitten in dies Gewirr trat noch ein ſchlank⸗ und zartgebauter Jüngling, der durch feine Kleidung und Ma⸗ nieren ausgezeichnet, wenig in dieſe faſt ärmliche Hand⸗ werkerfamilie zu paſſen ſchien, Willibald Pirkheimer. Im Vorderhaus, das er mit ſeinen Eltern und Schweſtern bewohnte, ſah es freilich anders aus als hier; da herrſchte der ganze Lurus des Reichthums mit feiner Sitte und 245 dem Sinn für das Schöne wie für die Wiſſenſchaft ge⸗ paart, da hatte der eifrig ſtudierende Sohn des Hauſes ein Gemach ganz für ſich allein, in dem reiche Bücher⸗ ſchätze ihn umgaben und Niemand ihn ſtören durfte; aber die Freundſchaft für Albrecht, mit dem er aufgewach⸗ ſen, den er ſich einſt vor allen Knaben und jetzt vor allen Jünglingen zum vertrauteſten Genoſſen auserſehen, zog ihn hierher und ließ ihn jede Schranke überſprin⸗ gen, die hier die Beſitzenden und hochangeſehenen Ge⸗ ſchlechter von den eigentlichen Bürgern, zumal den ärme⸗ ren Handwerkern trennten. Albrecht und Willibald hatten ſich mit der ganzen Schwärmerei jugendlich begeiſteter Gemüther aneinander geſchloſſen, und waren nicht nur zuſammen aufgewachſen, ſondern ſo mit einander ver⸗ wachſen, daß ſie auch von ihren übrigens ſich fernblei⸗ benden Familien als zuſammengehörig betrachtet wurden. Die Frau Pirkheimer erwiederte den beſcheiden ehrerbie⸗ tigen Gruß der Frau Dürer ſtets nur mit vornehmem Kopfnicken und vermied jeden Umgang mit der armen, vielbekinderten Frau; aber ſo oft der Alrecht kam, ward er in Pirkheimer's Familie wie das Kind vom Hauſe an⸗ geſehen, denn er war einmal Willibald's Kamerad, und trat wieder dieſer aus ſeinen prächtigen Räumen in die engen der ſchlichten Handwerkerfamilie, ſo wurden auch auf ihn weiter keine Rückſichten genommen, denn er war einmal Albrecht's Kamerad. So war es auch jetzt.„Ei, es iſt ſchön, daß Ihr kommt,“ ſagte Frau Barbara ihm traulich zunickend; „Albrecht hat ſchon immer nach Euch ausgeſchaut, und würde uns bald davongelaufen ſein Euch außzuſuchen, wenn er da nicht erſt noch Etwas für den Vater zu zeichnen hätte.“. „Ich wäre auch ſchon früher gekommen,“ ſagte Willibald,„aber die Frau Scheurlin kam zur Mutter und hielt mich noch ein wenig auf.“ Er lächelte dabei Albrecht zu, ihn durch ſeinen Blick an das kleine Aben⸗ teuer auf der Hallerwieſe zu erinnern, und ſich über ſeine Zeichnung beugend fragte er:„Was zeichneſt Du denn da?“ Albrecht antwortete:„Mein Herr Pathe, Anton Ko⸗ berger, hat bei meinem Vater ein Biebelbeſchläge beſtellt, und da es gerade für ihn iſt, wollt' ich gern die Zeich⸗ nung machen; ich bin gleich fertig.“ „Das iſt hübſch!“ ſagte Willibald;„ein paar ge⸗ faltete Hände und ein Schwert und eine Palme, die ſich kreuzen.“ „In Silber ausgeführt wird es gut ausſehen,“ be⸗ merkte der Vater.„Albrecht wird mir fehlen, wenn er in einem halben Jahre fortgeht. Die Zeichnung zu der Nabel, die Se. Majeſtät der Scheurlin verehrt, iſt auch von ihm.“ „Danach wollt' ich ſchon fragen,“ ſagte Willibald; 217 „ich habe das Kunſtwerk eben in der Nähe an ihr ge⸗ ſehen und bewundert.“ „Jetzt eben?“ fragte Meiſter Dürer. „Sie zeigte es meiner Mutter.“ „Das iſt ſonderbar!“ ſagte der Goldſchmied und verſank in Nachdenken. Dann ging er hinaus in die ein⸗ ſame Werkſtatt, wie um zu überlegen, was nun zu thun ſei. Hatte die Scheurlin die Nadel verloren und wieder⸗ gefunden, ſo würde ſie doch die neue abbeſtellen laſſen; die Sache kam ihm erſt ſonderbar, dann verdächtig vor, die fremde Frau war es ihm gleich geweſen. Er hatte auch dem königlichen Diener, der die Nadel hatte anfer⸗ tigen laſſen, verſprechen müſſen, für Niemanden eine gleiche zu machen. Wie er auch geglaubt hatte, nach ſeinem Ge⸗ wiſſen zu handeln, jetz ſchien es ihm mit dieſem Gewiſſen nicht verträglich, die Doublette zu verfertigen. Nach einer Weile reiflicher niberlegung rief er Al⸗ brecht und Villibald heraus, fragte dieſen noch einmal, ob die Scheurlin die Nadel wirklich jetzt getragen, und da er entſchieden bejahte, ſagte er zu den Beiden: „Eilt hinüber und ſeh't, ob die Scheurlin noch da iſt, und wenn ſie es iſt, ſo ſag' ihr, Albrecht, daß vor drei Tagen Jemand bei mir auf ihren Namen eine große Beſtellung gemacht hätte, ich wiſſe aber nicht, ob es eine Betrügerei ſei oder nicht, und ließe ſie bitten, mir 1859. XV. Nürnberg.. 14 248 einen Augenblick Gehör zu ſchenken, damit ich mich mit ihr verſtändigen könne. Sie mag Dir ſagen, wo und wann, wenn ſie ſich nicht in meine Verkſtatt herüber be⸗ mühen will.“ Die Freunde eilten den Auſtrag auszuführen. Es war die höchſte Zeit, denn Eliſabeth ſchlüpfte ſchon in zierlichen Schnabelſchuhen die teppichbelegte Marmortreppe hinab. „Ei, ſieh da, meine beiden kleinen Ritter!“ rief ſie den Jünglingen zu. „Noch verdienen wir dieſe Namen nicht,“ ſagte Villibald,„wenn wir ſie auch noch einmal zu bewähren hoffen. Ich will dereinſt verſuchen, mir unter Kaiſer Maren's Fahnen ein Ritterſchwert zu erwerben.“ „Und während Pirkheimer ihm dienen will mit Schwert und Feder, werde ich's nur mit dem Pinſel verſuchen,“ ſagte Albrecht. „Ei, ich hörte ſchon neulich Aehnliches von Euch,“ ſagte Eliſabeth,„und freute mich, wie Ihr wünſchtet des Königs Bild zu malen.“ „Wer weiß, thut er's nicht einmal, und auch für Euch, hohe Frau,“ ſagte Willibald;„Ihr tragt da ſchon ein Werk von ſeiner Hand— die Roſe, die aus ſeines Vaters Werkſtatt hervorgegangen, hat er gezeichnet.“ Albrecht erröthete verlegen, und Eliſabeth ſagte: —— 219 „Das iſt gewiß ein gutes Zeichen, wenn Ihr ſchon etwas für die edelſte deutſche Majeſtät arbeiten durſtet; ich wußte bis jetzt nicht, daß Euer Vater der Künſtler war, deſſen Werk ich trage.“ „Er hat mich eben an Euch abgeſchickt“ ſagte Al⸗ brecht und richtete nun den Auftrag des Vaters aus. Eliſabeth war höchlich erſtaunt und ſogleich bereit, dem Sohn zu dem Vater zu folgen. Dies Erſtaunen ſteigerte ſich zur Entrüſtung, als ſie mit dem Goldſchmied allein war und von ihm das Zwiegeſpräch mit jener fremden Frau erfuhr, während er nicht mehr an einem Betrug zweifelte, da er ſein Werk, die Nadel, wiederſah. Aber was konnte der Zweck dieſes Betruges ſein? „Wenn ich die Frau wieder zu Geſicht bekomme, ſo laß ich ſie feſtnehmen,“ ſagte Meiſter Dürer. „Laßt uns einſtweilen gegen Jedermann ſchweigen,“ ſagte Fliſabeth,„und wenn die Frau in drei Wochen wiederkommt, ſo wird es Euch leicht ſein, ſich ihrer zu bemächtigen, und vielleicht geſteht ſie Euch gleich, wer ſie zu dem Betrug gebraucht— dann laßt Ihr ſie laufen; außerdem hat aber die Juſtiz ja genug Mittel, Verſtockte zum Geſtändniß zu bringen. Uibrigens danke ich Euch für Euer Verhalten, und da ich einmal hier bin, ſo möcht' ich mir ein ſilbernes Käſtchen mitnehmen— wie dies hier.“ Sie deutete auf ein ſolches als den erſten paſſenden Gegenſtand, den ſie unter dem kleinen Vorrath fertiger Geräthe erſpähen konnte, um durch deſſen Ankauf wenigſtens in Etwas den Meiſter für ſeine Ehrlichkeit zu belohnen. Der Handel war ſchnell geſchloſſen und ſie fügte hinzu:„Euer Sohn gibt mir wohl das Geleit und nimmt das Geld dafür in meiner Wohnung in Empfang!“ Es hat ja Zeit,“ ſagte der Meiſter. Da ſie aber erklärte, daß ſie das Käſtchen, wie klein es auch war, nicht ſelbſt tragen werde, ſo ward doch Albrecht zu ihrer Begleitung gerufen. Er wollte beſcheiden hinter ihr gehen, aber ſie un⸗ terhielt ſich mit ihm von ſeiner Kunſt und blieb an ſei⸗ ner Seite. „Euer Freund Villibald Pirkheimer,“ ſagte ſie, „hat mir vorhin Euer Konterfei gezeigt, das Ihr ſchon vor fünf Jahren mit dem Stift auf Pergament gezeich⸗ net hab't. Ich hätte es nicht geglaubt, daß Jemand dies von ſich ſelbſt im Stande wäre, wenn ich nicht die Un⸗ terſchrift geleſen:„Das hab' ich aus einem Spiegel nach mir ſelbſt konterfeiet im Jahr 1484, da ich noch ein Kind war.“ Lautet es nicht ſo!“ „Ja,“ verſetzte Albrecht erröthend;„Villibald hätte es Euch nicht zeigen ſollen, jetzt geriethe es ſchon beſſer. Ich habe das Bildniß meines Vaters zu malen angefan⸗ gen, und ich hoffe, das ſoll ähnlich werden.“ 224 „Wie lange werdet Ihr noch hier bleiben?“ „Bis Oſtern, dann iſt meine Lehrzeit beendet, dann will ich mich in Deutſchland umſehen. Ich wollte erſt gern nach Colmar zu Martin Schongauer, aber der Meiſter ſtarb zu früh für die Kunſt und für mich!“ „Möchtet Ihr nicht nach Italien? Ich könnte Euch Empſfehlungen nach Venedig mitgeben.“ „O wie gütig ſeid Ihr, edle Frau! Ich werde Euch ſpäter daran erinnern— vielleicht wenn ich einer Empfeh⸗ lung würdig bin. Erſt will ich im deutſchen Reiche mich umſehen, feſt werden in deutſcher Art und Kunſt, ehe ich das wälſche Weſen auf mich wirken laſſe. Der deutſchen Kunſt und dem deutſchen Vaterlande will ich dienen; ich habe keinen höhern Wunſch, und wenn ich es je dahin bringe ein Meiſter zu werden, ſo ſoll man mich als deutſchen Meiſter kennen.“ So und ähnlich weiter ſprechend war Eliſabeth bis an ihr Haus gelangt und mit Albrecht in ihr Wohnzimmer getreten. Sie ſchallte nach Wein und Confekt für ihn, und bat ihn zuzulangen, bis ſie aus einem andern Gemach ihre Goldchatoulle geholt. Abſichtlich blieb ſie lange, da⸗ mit Albrecht ohne Verlegenheit dem ſeltenen Genuß ſich widmen könne. Dieſer aber nippte nur beſcheiden von dem edlen portugieſiſchen Rebenſaft und ohne zu eſſen 222 ſchob er ein paar kleine Stücke Backwerk in ſeine Taſche, um die kleinen Geſchwiſter damit zu erſreuen. Als Eliſabeth wieder zurückkehrte, überreichte ſie ihm das Geld in einer kleinen Ledertaſche zum Umhängen und ſagte:„Der Inhalt iſt meine Schuld ſür Euren Vater. Die Taſche wird Euch auf der Wanderſchaſt vielleicht nützlich ſein.“ Albrecht ſtand unſchlüſſig und verlegen, was er thun und antworten ſollte; Eliſabeth kam ihm zuvor, indem ſie ſagte:„Ich habe mich nicht geweigert, das Geſchenk des Königs anzunehmen als ein Andenken; Ihr werdet dies werthloſe Andenken von einer Frauenhand nicht zu⸗ rückweiſen, und Euch dabei derer erinnern, die in den Beſitz Eurer Roſe gekommen.— Aber nun noch ein Wort. Ich habe von allen Seiten nur Euer Lob gehört, von Eurem Meiſter, Euren Hausgenoſſen, Eurem Freund, auch von meiner Freundin Urſula Muffel, die Eurer Verſchwie⸗ genheit dankbar eingedenk iſt; ich glanbe, Ihr hab't mir ſchon denſelben Dienſt geleiſtet, ohne daß ich Euch darum bat, wenigſtens hat Euer Freund Pirtheimer mich deſſen verſichert— ich meine den Vorfall auf der Hallerwieſe.“ „Uiber meine Lippen iſt kein Wort davon gekom⸗ men!“ betheuerte Albrecht. „Es iſt jeder Frau unangenehm, wenn von derglei⸗ 223 chen geſprochen wird,“ warſ Eliſabeth hin.„Ihr ſcheint jene beiden Baubrüder zu kennen?“ „Nur den Einen von ihnen, mir ſcheint er ein außerordentlicher Menſch!“ „Sein Name!“ „Ich kenn' ihn nur als Ulrich von Straßburg.“ „Und warum erſcheint er Euch als außerordentlich?“ Albrecht zuckte die Achſeln.„Er iſt ſo begeiſtert für die Kunſt, er iſt ſo aufgeklärt und voll großer Anſchau⸗ ungen, dabei ſo freundlich und mild, zum Beiſpiel gegen Lernbegierige wie ich, trotzdem daß ich, wie uns die Bau⸗ brüder nennen, ein Profaner bin und er mir gewiß nicht mehr von ſeinem Wiſſen mittheilen wird, als ſeine Ge⸗ ſetze erlauben.“ „Hab't Ihr ihn ſeit jenem Tage wiedergeſehen?“ „Ja, aber wir haben wenig zuſammen geſprochen; ſein Gönner, Herr Anton Kreß, der Propſt von St. Lo⸗ renz, war bei ihm.“ Eliſabeth hatte ihr Eramen beendet. Albrecht hatte erwartet, da ſie einmal nach ſeiner Bekanntſchaſt mit den Baubrüdern fragte, ſie werde ihm ihren Dank für Ulrich auſtragen, denn eigentlich war es doch nur dieſer, der ſie aus den Händen des Ritters befreit. Allein Gliſabeth brach das Geſpräch ab. Sie drang nur noch in Albrecht, 224 alles noch daſtehende Confekt ſeinen kleinen Geſchwiſtern mitzunehmen, und damit war er entlaſſen. Eliſabeth warf ſich wie erſchöpft auf einen Polſter⸗ ſtuhl und lehnte das ſtolze Haupt müde zurück. Wie war ihr denn? So lange der König hier war, hatte ſie in einem glücklichen Rauſch gelebt. Er erſchien ihr als das Ideal eines Mannes, eines Helden auf dem Thron. Und ſie war es vor allen Frauen, der dieſer auserleſenſte aller Ritter auch die auserleſenſten Huldi⸗ gungen weihte. Sie hatte ſie annehmen dürfen ohne Furcht, ſie durfte daran zurückdenken ohne Scham und Reue, denn es knüpfte ſich nichts Unwürdiges oder Er⸗ niedrigendes daran. Vor aller Augen hatte er ſie aus⸗ gezeichnet vor allen Nürnbergerinnen, und vielleicht noch ſtolzer und glücklicher als ſie ſelbſt war ihr Gemahl über die ihr zu Theil gewordene Gunſt. Das Verſprechen des Königs, das Nächſtemal in ſeinem Hauſe ſeine Wohnung außuſchlagen, machte ihn zum glücklichſten Sterblichen; er knüpfte daran ſogleich die Hoffnung, daß er dann wohl an das Ziel ſeiner Wünſche gelangen und den Adelſtand, nach dem er lange trachtete, erlangen werde, ja wenn er in etwas mit ſeiner Gemahlin nicht ganz zufrieden war, ſo war es eben nur, daß ſie nicht ſchon jetzt die Adelswürde vom Könige erbeten, da ihr dieſer gewiß keine Bitte abgeſchlagen hätte. Wohl gab es Leute genug, welche durch boshafte Bemerkungen und heimliche Zuträgereien oder verſtohlene Winke Scheurl auf den Kö⸗ nig hatten eiferſichtig machen und die Treue und Tugend ſeiner Gattin verdächtigen wollen; allein er wies alle ſolche Angriffe als erbärmliche Waffen des Neides und der Mißgunſt zurück, und war und blieb ſtolz darauf, daß es gerade ſeine Gattin war, welche den Sieg in der Gunſt des Königs über alle andere Frauen davon ge⸗ tragen. Vielleicht hätten ſo auffallende Huldigungen, wenn ein anderer Mann ſie gewagt, ihn ſowohl gegen den⸗ ſelben wie gegen ſeine Gemahlin, die ſie nicht zurückwies, ſondern mit ſichtlichem Wohlgefallen annahm, aufgebracht; allein von dem Könige dargebracht, hatte er einen an⸗ dern Maaßſtab dafür. Nicht etwa den einer gemeinen Vedientenſeele, die ſich geehrt fühlt, wenn ſein Herr ſich zu ihm herabläßt, und die ſich als Ehre anrechnet, was ſie von anderer Seite als Schimpf empfinden würde: ſondern weil er wußte, daß ſeine Gemahlin zu ſtolz war, ſich jemals zu einer Buhlerin wegzuwerfen, und weil er weiter ſchloß, daß dieſer königliche Nebenbuhler ihn ja nur auf kurze Zeit verdunkelte, und weil er Eliſabeth genug kannte, um zu begreifen, daß ſie von dem erſten Ritter und königlichen Helden ihres Zeitalters ausgezeich⸗ net, nun um ſo ruhiger auf die Huldigungen anderer Männer verzichten werde— und beinahe kaufmänniſch be⸗ 226 rechnete der reichsſtädtiſche Handelsherr, daß der eine durch ſeine Entſernung auf dem Thron, wie durch den Raum ungefährliche Nebenbuhler ihm die Furcht vor je⸗ dem andern erſpare; denn aus den gewöhnlichen Alltags⸗ menſchen ihrer Umgebung konnte ihm keiner erwachſen, der mit dem Einen ſich hätte meſſen können. In dieſer Beziehung war Eliſabeth wirklich von ih⸗ rem Gatten verſtanden, wie wenig er ſonſt auch der Mann war, die Höhen und Liefen eines weiblichen Cha⸗ rakters zu ermeſſen, wie dieſer Eliſabeths. Sie hatte den Triumpf ihres Geiſtes und ihrer Schönheit mit vollen gügen genoſſen, wie der König hier war, von Begeiſte⸗ rung war ſie durchzuckt worden bei dem Gedanken, daß dieſelbe Männerhand, welche ihre kleine Hand zärtlich drückte, die Geſchicke einer Welt und das Sccpter über viele Lande zu halten berufen war. Herrlich war es ihr erſchienen, die Gedanken des Mannes zu erforſchen, auf den viele Millionen Angen voll Hoffnung und Erwar⸗ tung blickten: von ihm die Rettung aus verwilderten Zuſtänden hofften, eine neue Aera, eine neue Form für ausgelebte Verhältniſſe, und göttlich die eigenen Gefühle neben ihm auszuſprechen, aus den Flammen des eigenen Geiſtes Funken in das Licht des ſeinen zu werfen, mit einem kühnen Wort vielleicht die Anregung zu geben zu einer kühnen That, oder wieder durch eine weiblich 227 ſanfte Fürbitte Befreundeten zu nützen— das gewährte ihrem ganzen Weſen eine höhere Befriedigung und gab ihr einen höheren Schwung als die leidenſchaftlichen Er⸗ regungen, an denen Gemüth und Sinnlichkeit den grö⸗ ßeren Antheil haben. Aber jetzt war dieſes Glück vorüber. Es ſchien, als wolle ihr Geſchick ihm nur zeigen, wozu ſie Beruf und Macht habe, was ihr Genüge und Beſeligung geben könne, um es dann nach kurzem Beſitz wieder von ihr zu nehmen!— Die Muſe eines Dichters und die Freundin eines Königs! Das Schickſal hatte ſie dieſer ſeltenen Gunſt gewürdigt; aber jetzt war Beides vorüber! Mar war nur wie ein leuchtendes Phänomen neben ihr aufgetaucht, und jetzt erglänzte es in unerreichbarer Ferne. Sie ſah wohl noch ſein Leuchten— aber wie ſtolz und eitel ſie auch war, ſie wagte doch nicht ſich einzubilden, der Kö⸗ nig werde unter den Sorgen der Krone und des Krieges noch ihrer gedenken. Sie ſagte ſich, daß er ſo wie ihr wohl ſchon vielen Frauen gehuldigt und vielen andern noch huldigen werde in ſeiner ritterlichen Weiſe, daß, wenn nicht andere Bürgerinnen, doch Edelfräulein und Fürſtinnen ihr Bild verlöſchen würden. Und Konrad Cel⸗ tes? Sie zweifelte nicht, daß ſie in ſeinem Herzen fort⸗ lebte wie in ſeinen Liedern; ſie war ſich ihrer geiſtigen 228 Gaben genug bewußt, um zu wiſſen, daß er für das Verſtändniß ſeines geiſtigen Weſens keinen Erſatz für ſie bei andern Frauen finden werde— aber ſie konnte nicht ohne Schmerz und Bitterkeit an ihn denken. Er hatte ſie doch nicht geliebt, ſo wie ſie ihn liebte, ſonſt hätte er ihr nicht entſagt, da ſie noch frei war— ach, warum gab es keinen Mann, der zu lieben verſtand wie ſie ſelbſt, mit ſolcher Kraft und Hingebung und Trene?! Weil ſie an Celtes zu der Erkenntniß gekommen war, nach einem Ideal zu jagen, für welches das Leben keine Verwirkli⸗ chung habe, hatte ſie dem ungeliebten Mann ihre Hand gegeben, um ſich vor neuen Kämpfen zu bewahren. Und nun mußte gerade jetzt wieder eine Geſtalt aus der goldenen Morgenzeit ihrer Jugend, die ſie für immer zu vergeſſen wünſchte, gleich einem Geſpenſt vor ihr auftauchen? Jener Augenblick auf der Hallerwieſe, da ſie Eberhard von Streitberg wiederſah, gehörte zu den ſchrecklichſten ihres Lebens! eie war erſt ſiebzehn Jahre alt, da ſie ihn in Ve⸗ nedig kennen lernte. Leicht war es dem feurigen und da⸗ mals auch äußerlich anmuthigen Ritter, das liebeſehnſüch⸗ tige Herz der Jungfrau zu gewinnen, und im ganzen Sonnenglanz der erſten Liebe, von Italiens Sonne dop⸗ prelt verklärt, floßen ihnen Tage und Monde dahin. Sie ſchworen ſich ewige Liebe und Treue, und Eliſabeth zwei⸗ 229 felte nicht, daß ihre Eltern in Nürnberg ihren Bund ſegnen würden. Es kam ſchon vor, daß ein Ritter, der nicht beſonders mit Schätzen geſegnet war, und Streit⸗ berg ſchien das auch nicht zu ſein, ſich's noch zur Ehre ſchätzen mußte, wenn ein reichsſtädtiſcher Bürger ihm die Tochter mit der reichen Mitgift gab, die Einwilligung ihrer Eltern erhalten werde. Da ſie von Venedig ſchei⸗ den mußte, und er das belagerte Wien zum Ziel hatte, gelobten ſie einander Treue und Schweigen, bis es ihm möglich ſein werde nach Nürnberg zu kommen. Uiber ein Jahr verging ſo getrennt, zuweilen durch ein zärtliches Brieflein unterbrochen. Endlich meldete ihr ein ſolches, daß er komme, daß er ſie bitte ihn vor dem Thiergärtnerthor zu erwarten, damit ihr erſtes Wiederſehen nach ſo langer Trennung ohne Zeugen ſei, dann wolle er ſie zu ihren Eltern be⸗ gleiten. Liebeſelig erfüllte ſie ſeinen Wunſch noch vor der beſtimmten Stunde. Die angegebene Stelle pflegte ſonſt menſchenleer zu ſein. Sie erſtaunte eine verſchleierte Da⸗ me dort zu finden. „Eliſabeth Behaim,“ fragte dieſe,„Ihr wartet auf Eberhard von Streitberg?!“ Und da GEliſabeth ſchwieg, gab ihr die Fremde den von Eliſabeth ſelbſt geſchriebenen Brief. Eliſabeth rief:„O er kann nicht kommen, und ſen⸗ 230 det mir ſeine Mutter oder Schweſter? oder wer ſeid Ihr, die er ſeines Vertrauens würdigt?“ Die Fremde nahm Fliſabeth's Arm und ſagte: „Wir wollen in die Stadt gehen, hier iſt es ſo einſam, ich erzähle Euch unterwegs; Eberhard ſchrieb Euch, daß er Euch nach Hauſe begleiten und um Euch werben wolle, und Ihr glaubtet das?“ „Ich habe nie an ſeinem Wort gezweifelt!“ ſagte Eliſabeth zuverſichtlich. „Armes Kind!“ rief die Fremde,„Eure Unſchuld ſpricht aus Euren Mienen wie aus Eurem Brief, darum kam ich, Euch und mich vor Schande zu bewahren; Ihr wißt wirklich nicht, daß Eberhard ſeit zehn Jahren ver⸗ heirathet iſt?“ „Ihr lügt!“ rief Eliſabeth. „Ich bin ſeine Gattin, die er einſt liebte wie Euch vielleicht auch; könnte er ehrlich um Euch werben, käme er in Euer Haus; ſo beſtellte er Euch vor das Thor, um Euch zu entführen. Euer Brief fiel in meine Hände ſtatt in ſeine, und ſo kam ich ſtatt ſeiner. Glaubt Ihr mir nicht, ſo ſchreibt ihm nn, was Ihr von ihm gehört, und daß Ihr ihn im Elternhaus erwartet, wie einer ſittſamen Jungfrau ziemt!“ Was auch Eliſabeth noch fragen und zweifeln mochte: es blieb bei dieſem Reſultat, und es blieb dabei, 231 nachdem ſie an Eberhard geſchrieben und durch Andere Erkundigungen über ihn einzog. Er war verheirathet; in⸗ deß er in der Welt herum abenteuerte, lebte ſeine Gattin einſam auf Streitberg, und jetzt, da ſie hörte, daß er zurückkehre, war ſie ihm entgegengereiſt, um auf dem Schloß eines ſeiner Freunde bei Nürnberg, des Herrn von Weyſpriach, mit ihm zuſammenzutreffen; ſie kam ihm doppelt ungelegen, als ſein Brief an Eliſabeth eben fort war, deſſen Antwort in die Hände der unglücklichen Gat⸗ tin fiel. Da Eberhard ſeinen Rlan vereitelt ſah, ſo ſchied er wieder aus der Gegend, und Eliſabeth hörte nur, daß er in's heilige Land mit Weyſpriach gereiſt. Freilich nicht zu einer Buß⸗ und Betfahrt, ſondern zu neuen Abenteuern. Acht Jahre waren ſeitdem vergangen. Eliſabeth, ſo gräßlich in ihrer Jugendliebe betrogen, unſchuldig eine Schuldige, den Mann ihrer Liebe als einen Gegenſtand der Verachtung erkennend, wollte wenigſtens ſich davor bewahren, Anderen ein Gegenſtand des Spottes zu wer⸗ den, und trug die ganze Centnerlaſt ihres Schmerzes allein als ihr Geheimniß, das ſie jetzt tauſendmal ängſt⸗ licher hütete als zur Zeit des Glückes. Sie ſuchte ihr Herz gegen die Liebe zu verhärten und ſetzte jedem Manne kalten Stolz entgegen. So vergingen fünf Jahre. Da 232 ſchmolz die Eisrinde unter der Glut der Poeſie, aber auch Celtes erkannte ihr Herz nicht ganz, ſo zog es ſich zuſammen, und durch eine ewige Feſſel wollte ſie es zwingen ruhig zu ſchlagen. Und jetzt, nach acht Jahren hatte der Verräther ihrer Jugendgefühle ſich wieder zu ihr zu drängen ge⸗ wagt; ſolte er mit dem Markgrafen, mit dem Könige von ihr geſprochen— oder wer ſonſt? Sollte jetzt ver⸗ rathen worden ſein, was ſie als unauslöſchlichen Schimpf empfand? Nimmer hatte ſie ſeinen Namen wieder über ihre Lippen gebracht, weder den Markgrafen noch den König nach ihn fragen mögen, wie ſehr ſie dieſem auch ſeine Verbannung dankte. Aber hatte ſie nicht für ſich zu fürchten, nun er ihr wieder einmal genaht! Das guälte und ängſtete ſie, und ſie verſank in vergebliches Sinnen darüber, wie über die Geſchichte, die ihr der Goldſchmied Dürer erzählt. Elftes Cnpitel. Hexen und Wegelagerer. Als die Baubrüder Ulrich und Hieronymus eines Abends in der Dunkelheit an ihre Wohnung kamen, ſa⸗ hen ſie in einem Winkel der Hausthür irgend ein Weſen zuſammengekauert hocken. Da ſie eintreten wollten, erhob es ſich, zupfte Ulrich leiſe, ſo daß dieſer unwillkürlich an ſein Schwert grif, indeß eine leiſe Stimme ſagte „Ich habe Eure Wohnung ausgekundſchaftet und auf Euch gewartet; nicht wahr, Ihr ſeid lrich von Straßburg und jenes iſt der blonde Hieronymus?“ „Wir ſchämen uns unſerer Namen nicht!“ ſagte Ulrich, der gewahr ward, daß es ein weibliches Weſen mit langen Zöpfen war, das ſich an ihn drängte; weiter vermochte er in der Dunkelheit Nichts zu erkennen, und da er eine Weile vergeblich auf einen Nachſatz zu der Anrede gewartet, ſagte er unwillig das Mädchen zurück⸗ 1859. XV. Nürnberg. I 15 ſchiebend:„Geh' ſort, wir ſind Baubrüder und mögen weder von ehrbaren Frauen noch weniger von verlaufenen Dirnen etwas wiſſen, die zur Nachtzeit in den Straßen lauern.“ Das Mädchen ſtieß einen Schrei aus und ſagte: „Ich kann Nichts wider die innere Stimme, die mich antreibt ein Unglück zu verhüten, wo es möglich. Ihr hab't Eberhard von Streitberg erzürnt, und er wird ſich rächen an Euch und an Ihr!“ „Es iſt wohl gar das Judenmädchen?“ rief Hierv⸗ nymus, es jetzt erkennend;„packe Dich in das Juden⸗ quartier, in das Du gehörſt, und laß uns in Ruhe!“ Das Mädchen fing an zu weinen. „Wenn Du es gut meinſt,“ ſagte Ulrich beſänſti⸗ gend,„ſo gehe ruhig Deines Weges; ich ſagte Dir ſchon einmal, daß uns auch der gefährlichſte Raubritter Richts rauben kann, denn wir haben Nichts, und mit ſeinem Schwert hat ſich unſeres ſchon gemeſſen, falls er uns nach dem Leben trachten ſollte.“ „Ihr hab't Nichts?“ fragte das Mädchen ermuthigt, aber doch wie mit vorwurfsvollem Tone, und fügte weh⸗ müthig hinzu:„O Ihr hab't unendlich viel, wenn Ihr einen ehrlichen Namen hab't, aber den trachtet Euch der Ritter zu rauben; er will Euch beſchimpfen und vernich⸗ ten, indem er ausſprengt: Eure Mütter wären— Hexen!“ 235 „Unſinn!“ rief Hieronymus;„es ſollt' Einer wa⸗ gen mein Mütterlein zu beſchimpfen, das jedes Nürn⸗ berger Kind als die bravſte Frau kennt von Kindesbei⸗ nen an!“ „Er wird einen Mackel auf Euch werfen, um Euch zu ſchaden, zweifelt nicht daran!“ rief die Jüdin. „Er mag's verſuchen!“ lachte Hieronymus;„komm, Ulrich, laß' uns nicht länger hören auf dies alberne Ge⸗ ſchöpf!“ „Verachtet Ihr für Euch meine Warnung,“ ſagte ſie ſeufzend,„ſo hört doch die für die Dame, der ihr damals beiſtandet. Laßt ſie wiſſen, daß ſie ſich unter keinem Vorwand ſoll aus der Stadt locken laſſen, daß ſ „Ach, laß uns in Ruh,“ ſagte Hieronymus;„geh' ſelbſt zur Scheurlin und ſag' ihr was Du willſt, uns geht ſie Nichts an!“ „Doch, doch!“ rief das Mädchen,„ich kann nicht zu ihr; wir Ausgeſtoßenen dürfen ja weder bei Tag noch bei Nacht die Schwellen dieſet ſtolzen Geſchlech⸗ ter überſchreiten! Und doch möcht' ich das Unheil verhi⸗ ten, da ich es einmal weiß! O wollt denn auch Ihr mich nicht hören!“ wendete ſie ſich an Ulrich;„Ihr dürft mich nicht verrathen und werdet es ſchon nicht— es ſagt ja Niemand, der nicht zu unſerm Volk gehört, 15* 236 daß er mit der armen Rachel geredet— aber ich ſage die Wahrheit. Vor dem Thor draußen vor der Veſte in dem kleinen Häuslein am Waldesſaume wohnt die Amme der Scheurlin; übermorgen im Dunkeln wird man ſie dahin locken, und derſelbe Ritter von neulich wird ſie überfallen und mit ſich ſchleppen.“ „Aber woher weißt Du das?“ fragte Ulrich. „Darauf darf und kann ich nicht antworten!“ rief Rachel;„aber einen Eid kann ich ablegen, daß ich die Wahrheit rede und daß es ſo geſchehen wird.“ „Gut,“ ſagte Ulrich,„wenn Dich Dein Gewiſſen treibt, eine ſchlechte That zu verhindern, und Du uns ge⸗ rade dazu beruſen hältſt, ſo wollen wir verſuchen daſſelbe zu thun. Wehe Dir aber, wenn Du nur einen frechen Scherz mit uns getrieben!“ Rachel ſchüttelte ſich:„Ihr braucht mir nicht mit den Strafen zu drohen, die mein warten könnten, den Staubbeſen oder den Henkershänden die Zunge auszu⸗ reißen, die falſch geredet, und allen Marterwerkzeugen— es iſt noch keine Lüge aus meinem Munde gekommen! Ihr werdet es erfahren und mir künſtig glauben. Warnt die Scheurlin— ich thäte es, könnt' ich ſchreiben.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſagten die Baubrüder zugleich, „und nun geh' in Deine Gaſſe und gib Dich zuftieden.“ Sie traten durch die Hausthür, die ſie hinter ſich ver⸗ 5 ſchloſſen, denn ſie ſahen einen andern Baubruder die Straße herauf kommen, und wollten nicht, am wenigſten an ihrer Hausthür, mit einem weiblichen Weſen betroffen werden, noch dazu mit einer verachteten Jüdin, denn den Baubrüdern war durch ihre Geſetze aller Umgang mit dem weiblichen Geſchlecht verboten und es hieß in ihren Statuten:„Velcher Geſelle mit ehrbaren Frauen geht, ſoll Urlaub bekommen und den Wochenlohn in die Büchſe legen; wer aber mit berüchtigten und böſen Frauen ſich führt, den ſoll man ganz aus dem Handwerk verwei⸗ ſen.“ Zu den letztern würde man Rachel gerechnet ha⸗ ben, ſchon weil ſie Jüdin, war ſie dabei auch unſchuldig wie ein Kind. Als die Beiden allein in ihrem Gemache waren, ſagte Hieronymus:„Es iſt eine wunderliche Geſchichte. Etwas thun müſſen wir; aber was?“ „Das Mädchen redete aufrichtig aus einem geäng⸗ ſteten Herzen,“ ſagte Ulrich;„aber warnen können wir die Scheurlin nicht, um ſo weniger, als wir die Quelle nennen dürfen, und es auch, ohne daß man uns belogen, Alles nur Hirngeſpinſt oder Pläne ſein können, die nicht zur Ausführung kommen. Laß uns übermorgen mit ei⸗ nigen Steinmetzen einen Spaziergang nach dem Feier⸗ abend vor jenes Thor machen, aber Keinem etwas wei⸗ 238 ter ſagen; da findet es ſich dann, ob Jemand unſerer Hilfe bedarf.“ „Es iſt der beſte Rath,“ ſtimmte Hieronymus bei; „obgleich das Mädchen uns ſelbſt ja vor dem Raubritter warnte, dem wir nun entgegen gehen. Wie, wollte er nicht ausſprengen, unſere Mütter wären Heren?“ ulrich nickte ſinnend mit dem Kopfe.„Deine Mut⸗ ter kennt hier Jedermann,“ ſagte er,„und zum Glück iſt man hier noch vernünftig und glaubt nicht an den neuen Unſinn, der von herrſchſüchtigen Prieſtern erſonnen worden, um nicht nur über den Glauben, ſondern auch über Ehre und Leben des deutſchen Volkes die Herrſchaft zu erhalten. Aber in meiner Heimath hat der Hexenglaube ſchon lange Zeit manches Opfer geheiſcht— dort waren wir ja Frankreich, ſeiner Wiege näher. Dir allein kann ich ſagen, was noch nie und gegen Niemand über meine Lippen gekommen: Da mir die Benediktiner die nöthigen geugniſſe gaben, ſagte Pater Anſelm, mein Gönner, ver⸗ traulich zu mir:„Forſche und frage draußen im Reich nicht mehr nach Deiner Mutter. Wir haben Dir das Zeugniß ehrlichen Herkommens gegeben, ohne das Du nicht freier Maurer werden kannſt, und es iſt auch wohl verdient; aber ſpäter hat man Deiner Mutter üble Dinge nachgeſagt, ſorſche und frage nicht weiter!“ Vergeblich beſchwor ich ihn mir mehr zu ſagen, wenn er mehr von 239 ihr wiſſe; aber er behauptete, daß ein Schwur ſeine Zunge binde und daß ich nicht weiter forſchen und fragen dürfe. Darum traf mich jene Drohung doch ſonderbar.“ „So geh' übermorgen lieber nicht mit,“ ſagte Hie⸗ ronymus bedenklich,„wenn es auf eine Begegnung mit demſelben Ritter abgeſehen—“ „Nein!“ rief Ulrich entſchieden,„das wäre Furcht und Feigheit; mich gelüſtet dem Mann gegenüber zu ſtehen, der es vergeblich wagen ſoll, meine Mutter oder mich zu beſchimpfen.“ „Es iſt auch dummes Zeug!“ tröſtete Hieronymus; „es wäre zum Erſtenmal, daß in Nürnberg und nun gar in der Bauhütte von Heren die Rede wäre. Dazu iſt es zu hell in den Köpfen; und wenn auch der Rath und die ganze Verfaſſung erſtarrt iſt in den alten For⸗ men, ſo hat das auch ſein gutes: das widerſteht auch der neuen Finſterniß und der gewaltſam heraufgeführten Nacht. Hier kümmert ſich Niemand um die Bulle Papſt Innocenz' VIII. und ſelbſt die Geiſtlichen ſcheuen ſich davon Notiz zu nehmen. Die freidenkenden Gebildeten lächeln höchſtens darüber, und in unſerer Gemeinſchaft würde Jeder ſich ſelbſt brandmarken, der an den Teufel anders dächte, als um ihn als darſtellbares und allge⸗ meinfaßliches Symbol zu benützen, die Sittenverderbniß der Zeit in wie außer der Kirche zu geißeln.“ 240 „Ja,“ ſagte Ulrich,„es that mir wohl, dieſen Geiſt in Nürnberg zu finden! Aber eben ſo hat es alle meine Hoffnungen auf König Mar verringert, weil er ſchon vor faſt drei Jahren in einem römiſch⸗königlichen Brief vom 6. November 1486 aus Brüſſel die päpſtliche Bulle in allen Stücken genehmigt, die Inquiſitoren in ſeinen Schutz nimmt und allen und jedem Unterthanen des Reichs be⸗ fiehlt, ihnen bei Vollziehung ihrer Geſchäfte alle Gunſt und Hilfe zu leihen. Und das iſt geſchehen troz dem WViderſpruch der Gebildeten und vieler würdigen Geiſtli⸗ chen, die in ihren Predigten dem Volke die Verſicherung gaben, daß es keine Heren gebe, oder daß es wenigſtens Nichts ſei mit ihren angeblichen Künſten, durch welche ſie den Menſchen und andern Geſchöpfen ſchaden ſollten. Das iſt geſchehen trotz dem Buche De Lamiis pytho- nicis mulieribus von Ulrich Molitor(Müller) aus Koſt⸗ nitz eines Doctors der päpſtlichen Rechte zu Padua, wor⸗ in er den Glauben an die Macht des Teufels zur Be⸗ werkſtelligung der angeblichen Zaubereien beſtreitet und alles davon Erzählte für Erdichtungen oder für Werke der Einbildungskraft erklärt, obwohl er zugibt, daß die⸗ jenigen Straſe verdienen, die durch Armuth und Unglücks⸗ ſälle zum Böſen verſucht, ſich wenigſtens der Abſicht nach dem Dienſt des Teufels ergeben. Aber anſtatt dieſem urtheil der Vernünftigen ſind die Fürſten und Univerſi⸗ 241 täten dem Boten der Unvernunft beigetreten. Die Uni⸗ verſität zu Cöln hat auf Begehr der beiden Inguiſitoren Heinrich Krämer und Jacob Sprenger ein beifälliges Gutachten über den„Hexenhammer“ ausgeſtellt, und ge⸗ rade König Mar mußte es ſein, der ihm die vollſte Be⸗ ſtätigung gab; ich glaube, der alte Kaiſer Friedrich hätte es nimmer gethan— da thut es der Sohn; was bei dem Vater die Entſchuldigung für ſich gehabt, daß es von einem ſchwachſinnig gewordenem Greiſe ſtamme, das gereicht dem Sohn im blühendſten Mannesalter zu ewi⸗ ger Schmach.“ „Ich habe mich bisher wenig um dieſe Dinge ge⸗ kümmert,“ ſagte Hieronymus;„ich habe ſie für zu ein⸗ fältig gehalten, als daß man großes Gewicht darauf le⸗ gen ſollte, und wenn man aus Frankreich oder auch vom Rhein und Weſtfalen Hexengeſchichten und Prozeſſe hörte, ſo habe ich gemeint, ſolch' dummes Zeug könne ſich doch nicht auf die Dauer erhalten, man könne die Thorheit ruhig mit anſehen, ſie werde bald in ſich ſelbſt zerfallen.“ „Ja,“ ſagte Ulrich,„verachte man nur die Unver⸗ nunft, dem gewiſſen Sieg der Vernunſt durch ſich ſelbſt vertrauend, und ſetze ſich jener nicht mit aller Kraft entgegen, ſo wächſt ſie zur rieſenhaften Macht empor. Das iſt das Unkraut, das man unter dem Weizen nach⸗ ſichtig duldet und das ihn dann erſtickt. So ſcheint es 242 hier zu gehen! Vor einem halben Jahrhundert verbrannte man die heldenmüthige Retterin Frankreichs Jeanne d'Are, weil dem einfachen Mädchen aus dem Volke ge⸗ lungen war, was Helden umſonſt verſuchten, und der po⸗ litiſche Parteienhaß verdammte ſie als Zauberin. Vor dreißig Jahren wurden zu Arras in Artvis eine Menge von Menſchen durch die Habgier ſchändlicher Ankläger und noch ſchändlicherer Richter der Gemeinſchaft mit dem Teufel verdächtigt und ſchuldig befunden. Der Chroniken⸗ ſchreiber Monſtrelet erklärt, daß dieſe ganze Anklage nur erfunden worden, um einige angeſehene Perſonen in Schaden und Unglück zu bringen. Man ließ erſt nur ſchlechte Leute gefangen nehmen, welche nun durch Mar⸗ ter und Pein gezwungen wurden die Namen der Per⸗ ſonen, die man ihnen vorſagte, als ſolche zu nennen, welche mit ihnen dem Teufel gehuldigt und Herenſabbath gefeiert. Die Angegebenen wurden dann wieder ſo grau⸗ ſam gefoltert und gemartert, bis ſie endlich auch geſtan⸗ den— und dann wurden ſie auf unmenſchliche Weiſe hin⸗ gerichtet oder verbrannt. Aber trotzdem, daß ſo ein Ge⸗ lehrter verſuchte dieſe Schändlichkeit zu enthüllen und zu erklären, wollte man nun an andern Orten auch von Zauberei und Teufelsſpuk hören, und die Finſterlinge, denen ſtets die Dummheit des großen Haufens und der Glaubenseifer edlerer Naturen willkommen iſt ihr Reich 243 zu kräftigen, fanden hier ein treffliches Netz, es immer weiter auszuwerfen und mehr darin zu fangen.“ „Wenn ich nicht irre,“ ſagte Hieronymus,„ſind es etwa fünf Jahre, daß Papſt Innocenz die Bulle erließ, durch welche der Hexenglaube und das damit verbundene Rechtsverfahren die kirchliche Weihe erhielt; aber Du überſchätzeſt wohl die Schädlichkeit ihres Einfluſſes.“ „Gewiß nicht!“ eiferte Ulrich;„die Dominikaner und ofeſſoren der Theologie Heinrich Krämer in Ober⸗ Deutſchland und Jacob Sprenger am Rhein waren ſchon zu Inguiſitvren ernannt, als ſich noch viele der beſſeren und aufgeklärteren Geiſtlichen ihrem Verfahren wider⸗ ſetzten; aber ſeit der päpſtlichen Bulle und noch mehr ſeit der königlichen Beſtätigung wagt das Niemand mehr, die Geiſtlichen wie die Laien haben ſich gefügt, denn die⸗ jenigen, welche es nicht thaten, wurden ihrer Stellen verluſtig. Der„Hexenhammer“, der erſt kürzlich erſchie⸗ nen, enthält eine förmliche Hexengerichtsordnung, die nun überall gelten ſoll. Unſinn, Dummheit und Unflätherei wetteifern darin mit der ſchauderhafteſten Granſamkeit, und unzählige Frauen ſind bereits als ihre Opfer gefal⸗ len. Das Schlimmſte iſt nur, daß die weltlichen Gerichte ihr Anſehen allein dadurch zu behaupten wähnen, daß ſie den geiſtlichen Gerichten nicht die Spitze zu bieten, ſondern ihnen zuvorzukommen ſuchen; ſo kommt es end⸗ 24⁴ lich zu einem ſörmlichen Wetteiſer, wer mehr Teufels⸗ und Herenſpuk auſſpüren und wer ſeine Opfer gräßlicher foltern und beſtrafen kann.“ Die Beiden ſprachen noch lange ſo über ein ein⸗ mal angeregtes ſchreckliches Thema und über eine, durch ein einziges Wort heraufbeſchworene Geſahr, die nun wie ein Damollesſchwert über Ulrich's Haupte hing; dann kam der Verdacht eines unehrlichen Herkommens auf einen Baubruder; war ſeine Mutter der Schande verfallen, ſo verfiel er derſelben mit und ward für im⸗ mer aus der Gemeinde der freien Maurer ausgeſtoßen und dadurch zugleich gewiſſermaßen für vogelfrei erklärt. Als der zweite Abend nach dieſem herankam, zogen die Baubrüder, ohngefähr zehn an der Zahl, vor das Thor an der Veſte ſich im Walde zu ergehen. Keiner, außer Hieronymus und Ulrich, ahnte dabei eine andere als die von dieſen angedeutete Abſicht, die ſchöne Wald⸗ luft zu genießen und an der Natur ſelbſt Muſter der Ornamentik zu ſtudieren. Denn wie überhaupt die him⸗ melanſtrebenden Säulen der gothiſchen Dome, die oben in Zweigen und Aeſten ſich auseinander theilten, in den deutſchen Hainen majeſtätiſcher Buchen und ſchlank auf⸗ ſtrebender Tannen ihre Vorbilder hatten, ſo bildete man jetzt mit immer wachſenderer Vorliebe für das Vegetabi⸗ liſche die Verzierungen an Säulen und Thüren, Piede⸗ 245 ſtallen und Kapitälern dem lebendigen Laube in durch⸗ gebrochener Steinarbeit nach, und die ſtrebſamſten Stein⸗ metzen, immer bemüht nach eigenen Anſchauungen Neues und Eigenes zu ſchaffen, ſtatt nach alten Maaßbrettern zu arbeiten, ſuchten und zeichneten ſich ſelbſt ihre Muſter in der Natur. Jeder der Baubrüder hatte ſeine Ledertaſche um⸗ hangen, und an die Stelle des Abendbrodes, das darin ſteckte, bis es unterwegs verzehrt ward, ſammelte man ſchön geformte Blätter hinein, ſie gelegentlich als Modelle zu benutzen. Das kurze Schwert trug Jeder umgegürtet, nur bei der Arbeit trennten ſie ſich davon. Als ſie an der von der Jüdin bezeichneten Hütte vorüber kamen, ſagte Ulrich:„Mich dürſtet, und hier ſehe ich nirgends eine Quelle oder einen Brunnen; ich denke, man wird mir hier einen Trunk Waſſer nicht ver⸗ ſagen.“ Er ſchlug mit ſeinem Schwert an die verſchloſſene Thür, nur der eine Steinmetz Erwin, der auch Durſt verſpürte, wartete mit ihm. Endlich öffnete man, und eine alte Frau fragte un⸗ wirſch, was es gäbe. Als Ulrich ſein Begehr ſagte, ent⸗ fernte ſie ſich in ein inneres Gemach, um ein Trinkgefäß zu holen. Auf einem Schemel in der unſauberen Haus⸗ flur ſaß ein Mann in ſtädtiſcher Dienertracht, der Ulrich 246 zunickend zu ihm ſagte, wahrſcheinlich um ſeine Anweſen⸗ heit in dieſem üblen Lokal zu rechtfertigen: „Wenn Ihr nicht ganz verdurſtet ſeid, möcht' ich Euch nicht rathen hier zu trinken; drinnen liegt eine alte Frau im Sterben— wer weiß, was ihr fehlt. Wir ſind herausgegangen, weil ſie die Amme meiner Herrin ge⸗ weſen.“ „Ja,“ ſagte Ulrich,„es iſt auch ein ſchlechter Dunſt hier; wenn Eure Herrin noch drinnen iſt, möcht' ich Euch rathen bald mit ihr zu gehen, damit ihr kein Leid geſchieht; ohnehin wird es bald dunkel, und da treibt ſich hier vft ſchlechtes Geſindel herum; das iſt kein Weg für Damen.“ „Das hab' ich auch geſagt,“ beſtätigte der Diener. Die Frau kam mit dem Waſſer, drinnen hörte man ächzen und ſtöhnen; Erwin ſchüttelte ſich jetzt vor dem Waſſer, und Ulrich goß es draußen weg ſtatt zu trinken und winkte dem Diener heraus. „Warum wartet Ihr nicht lieber außen?“ fragte er ihn. „Weil es ein verrufenes Haus iſt; man ſchämt ſich, wenn einen Jemand ſieht; die Frau, die heraus kam, gibt ſich mit Zaubereien ab, und ich kann nicht Jedermann erzählen, daß die Frau Scheurlin aus lauter chriſtlcher Barmherzigkeit drinnen bei ihrer Amme ſitz, deren Ster⸗ u ben man ihr vorhin vermeldete und ſie beſchwören ließ herauszukommen, weil ſie ſonſt nicht ſterben könne.“ „Eben weil es ein verrufenes Haus iſt,“ ſagte Ul⸗ rich,„ſolltet Ihr außen Wache ſtehen, um zu beobachten, daß ſich nichts Verdächtiges zeigt. Wir ſind hier in der Nähe, ruft nach uns, wenn ihr eines Beiſtandes bedürfet.“ Damit ging er mit Erwin, der zu ihm ſagte:„War es nicht die Scheurlin, die Ihr gegen einen Ritter ver⸗ theidigt, wie der König hier war, und die er ſelbſt vor allen Frauen ausgezeichnet?“ „Ja,“ antwortete Ulrich;„wer weiß, droht ihr nicht wieder eine Gefahr, dieſe frechen Raubritter ſind zu allen Schändlichkeiten fähig. Erſt vor wenig Tagen iſt bei Niclashauſen ein Waarentransport überfallen worden, ein Trupp ritterliches Raubgeſindel hat die Kaufleute und ihr Geleit in die Flucht geſchlagen und ihre Waaren auf ihre Burgen geſchleppt. Der Nürnberger Rath denkt immer ſich allein helfen zu können, wenn die Reichsſtadt aber nicht bald zum ſchwäbiſchen Bunde tritt, ſo wird das Uibel immer ärger werden.“ Als die Beiden wieder zu den Andern kamen, theil⸗ ten ſie ihnen das eben Erfahrene mit, und Hieronymus ſagte:„Es kann ja Einer von uns nahe bei der Hütte bleiben, dem furchtſamen Diener und der barmherzigen Frau zum Schutz, und die Andern rufen, wenn es nöthig.“ 248 ulrich war dazu bereit, aber er blieb ſo unter den Bäumen verſteckt, daß er auch von der Hütte aus nicht geſehen werden konnte. Plötzlich ſprengte ein geharniſchter Ritter an ihm vorüber, er ſprang vom Pferd und band es an einen Baum; in der Ferne hörte man noch mehr Pferdegetrap⸗ pel. Zu Fuß ging er an die Hütte und lauſchte am Fenſter. Ein mattes Licht ſchimmerte daraus. Außen war es dunkel geworden. Ulrich ſchlich ihm leiſe ſo weit nach, als er es wagen konnte, um nicht geſehen zu werden. Es dauerte noch eine Weile, da trat Eliſabeth aus der Hütte von dem Diener gefolgt. Der Ritter näherte ſich ihr und bot ihr ſein Geleit, wie es ſchien— Ulrich verſtand keine Worte— er hörte einen ſchrillenden Hilfe⸗ ruf Eliſabeth's, dann des Dieners, dann einen gellenden Pfiff des Ritters. Auch Ulrich ließ einen lauten Ruß er⸗ tönen und ſtürzte auf den Ritter zu; die Schwerter blit⸗ ten im Dunkeln, der Diener floh, der Ritter hielt Eliſa⸗ beth; an ſeinem Panzer prallte Urich's Schwert machtlos ab, aber ihn traf das des Ritters in die Seite, er wankte— noch knieend hielt er Stand; da kamen die an⸗ dern Baubrüder, kamen auch die Knappen; Erwin hatte ſich des ledigen Pferdes des Ritters bemächtigt und war nach Nürnberg gejagt Hilfe zu holen; ſie kam ſchnell, da das Häuschen nur eine Viertelſtunde von der Stadt. — 249 Indeß währte das Getümmel und Gewirre fort— ver⸗ geblich hatte der Ritter verſucht Eliſabeth mitzuſchleppen; der knieende Ulrich hatte ihn in die Hand gehauen, daß er ſie laſſen mußte. Da die Bewaffneten aus der Stadt kamen, ſchwang ſich der Ritter auf das Pferd eines im Kampf geſtürzten Knappen, und es gelang ihm mit den andern zu entfliehen. Der Knappe, ein Steinmetzgeſelle und Ulrich lagen für todt am Boden; Eliſabeth war zu⸗ rück in die Hütte geeilt, nicht um ſich zu retten, ſondern um Waſſer und Linnen und die Frau, welche ſie be⸗ wohnte, zu holen den Verwundeten beizuſtehen. Die Frau folgte ihr mit Jammergeſchrei; Eliſabeth ſagte verweiſend: „Das nützt nichts— helft!“ und neigte ſich über den regungsloſen Ulrich. Jetzt erſt erkannte ſie ihn, da ein Kienſpan, den die Alte mitgebracht, ihn beleuchtete. Jetzt erſt überrieſelten ſie kalte Schauer, jetzt erſt war es mit ihrer Kraft vorbei.„Todt! für mich!“ hauchte ſie verzweiflungsvoll. Er ſchlug die Augen auf und es war, als entſtröme ihnen ein verklärender Strahl, dann ſchloß er ſie wieder, um ſeine Lippen zuckte der Schmerz— vielleicht war es zum letztenmale. Indeß hatten die Baubrüder und die herbeigeholten Stadtmilizen aus Stangen, die ſie an der Hütte ſanden, und Aeſten, die ſie im Walde brachen, Tragbahren be⸗ reitet und die drei Verwundeten darauf gelegt. Jetzt kam 1859. XV. Nürnberg. 1. 16 250 auch Herr Scheurl, von dem Diener benachrichtigt, mit zahlreicher Begleitung und einer Sänfte für ſeine Ge⸗ mahlin. Als ſie im Hauſe angekommen und er eine Erklä⸗ rung von ihr forderte, konnte ſie ihm keine andere ge⸗ ben, als daß gegen Abend ein Knabe zu ihr gekommen, den ihre ehemalige Amme, die jene Hütte mit einer ihr verwandten Holzhauerſamilie theile, ſchon oſt als Boten zu ihr geſchickt, um ihr zu ſagen, daß die kranke Amme nicht erſterben könne, wenn ſie nicht noch einmal ſie ge⸗ ſehen. Sie ſei darum mit dem Diener dahin gegangen, indeß ihr Gemahl nicht dageweſen. Die Amme war noch am Leben, aber nicht bei Bewußtſein, in der Hütte Nie⸗ mand zu Hauſe als die alte Frau. Vergeblich habe ſie lange gewartet, ob der Amme nicht ein lichter Augen⸗ plick komme, und dann ſei ſie endlich gegangen, da ſie die Nacht gefürchtet. Der Ritter, der ſich zu ihr gedrängt, habe das Viſir geſchloſſen gehabt, ſie könne nicht wiſſen, wer es geweſen. Daß ſie in ihm Eberhard von Streitberg erkannt, verſchwieg ſie ebenſo, wie ſie den Vorfall auf der Haller⸗ wieſe verſchwiegen, und bat ihren Gemahl um ihres Rufes willen die Geſchichte nicht erſt vor den Rath zu bringen und zu einer Unterſuchung, die doch zu Nichts führe, da die Nürnberger ja keinen hängen, den ſie nicht 251 hätten; zu den Verwundeten aber ſolle er den beſten Bader ſchicken und ihnen auf ſeine Koſten die beſte Pflege angedeihen laſſen, oder wenn ſie ſtürben— ſie ſchauderte bei dem Gedanken— das beſte Begräbniß. Für ſich allein ſann ſie weiter nach, welch' ein Netz von Verrätherei ſie umſpinne. Dies Ereigniß hatte etwa vier Wochen ſpäter ſtattgefunden als ihr Beſuch bei dem Goldſchmied Dürer. Drei Wochen nach dieſem war der Meiſter beſtürzt zu ihr gekommen und hatte ihr erzählt, wie Tags vorher nicht jene alte Frau, ſondern ein Knappe mit geſchloſſenem Viſir zu ihm gekommen und die Nadel verlangt habe. Er ſei wohl vorbereitet geweſen eine alte Frau ſeſtzunehmen, aber nicht einen geharniſchten Mann. Dennoch habe er ihm kurz und rund erklärt, daß er die Nadel niemals machen werde, da man ihn belogen und die Beſitzerin ſie nie verloren habe. Da der Knappe ſein Schwert gezogen, habe er nach Hilfe geſchrien, aber ehe ſie gekommen, ſei Jener fort geweſen, nachdem er Vieles in ſeiner Werkſtatt zer⸗ trümmert. Meiſter Dürer kannte den Knappen ſo wenig wie jene Frau; mit der Beſchreibung derſelben ſtellte aber Eliſabeth jetzt Vergleichungen an, und der Gedanke gewann Wahrſcheinlichkeit, daß jene alte Frau in der Goldſchmiedswerkſtatt und in der Hütte dieſelbe gewe⸗ ſen. Dennoch ſuchte ſie vergeblich in dieſen Ränken, welche 16* 252 offenbar nur gegen ſie geſchmiedet waren, einen Zuſam⸗ menhang zu erblicken. Kaum grübelte ſie auch mehr darüber, als ſie ſich mit den Gedanken quälte, daß ihretwegen Blut gefloſſen, daß man ſich um ihretwillen geſchlagen, wohl gar ge⸗ mordet! Bald erfuhr ſie, daß der Knappe wirklich todt ſei. Das ertrug ſie noch am leichteſten, denn er war einmal in die Hand der Nürnberger gefallen, und als ein An⸗ greifer und Friedensbrecher wäre er entſchieden gehangen worden, ja man würde ihm ſchon aus Rache, um dem verhaßten Raubadel wenigſtens in ſeinen Dienern und Helſershelfern ein drohendes Beiſpiel zu geben, den höch⸗ ſten Platz am Galgen angewieſen haben. Und wenn er nicht gleich geſtanden, wer ſein Herr geweſen und Alles was er wußte, ſo würde man ihn in den Marterkammern unterm Rathhaus„in der Güte befragt haben“, wie die Redensart hieß, hinter der ſich die Anwendung der gräu⸗ lichſten Marterwerkzeuge von den Händen der Folter⸗ knechte verſteckte. So war es ein Glück für den Knappen, daß er nur todt in die Hände der Sieger gefallen war. Aber die Baubrüder, die nur die Beſchützer einer wehrloſen Frau geweſen! Für ſie ſandte Eliſabeth heiße Gebete zum Himmel empor, da ſie hörte, daß ſie noch lebten, aber ſchwer an ihren Wunden darniederlagen. 253 War es doch derſelbe Steinmetzgeſelle, der ſie ſchon ein⸗ mal vertheidigt— derſelbe, der ſchon einmal ihre Aufmerk⸗ ſamkeit erregte und doch ihre Roſe verſchmähte. Zum zweitenmale war er ihr Retter geworden, hatte ſie zum zweitenmale mit Gefahr ſeines Lebens beſchützt. Wie eine Beſchämung laſtete das auf ihr, doppelt, da er das erſte⸗ mal vielleicht den Ritter gekannt, und ſie überhaupt es ſeiner Verſchwiegenheit dankte, daß von dieſem Vorfall Nichts in der Stadt herum gekommen. Sie ahnte nicht, wie viel ſie ihm zu danken hatte— aber ſchon das, was ſie erkannte, drückte ſie wie eine Laſt!— Zuölftes Cagitel. Eine Jüdin. Es war ein wüſtes Durcheinander in dem Gemach, in dem Rachel, das Judenmädchen, einige Ordnung her⸗ zuſtellen ſuchte. Große Kiſten und Laden waren über⸗ einander gehäuft, einige von ihnen geöffnet und halb ausgepackt; koſtbare Stoffe und Pekze quollen daraus heroor. Rachel ſtäubte ſie aus, um ſie vor Inſekten zu ſichern oder auch davon zu befreien, je nachdem es ſich nöthig zeigte. Zuweilen hielt ſie bei dem Geſchäft inne und lauſchte durch die angelehnte Thür in ein zweites, ziemlich leeres und armſelig eingerichtetes Gemach, das mit den hier auſgehäuften Schätzen auffallend contra⸗ ſtirte. Aus dieſem führte eine zweite, jetzt verſchloſſene Thür hinaus auf die Treppe, und Rachel wollte nur nicht verhören, wenn Jemand komme und klopfe. Jetzt hörte ſie draußen ſchlärfende Schritte die Stiege 255 heran— es waren die ihres Vaters; da brauchte ſie nicht zu öffnen, denn er wußte draußen den verborgenen Win⸗ kel, wo die abgeſchraubte Klinke zu dem Thürſchloß lag, das ohne dieſelbe nur von innen geöffnet werden konnte. Sie hörte ihn danach ſuchen, dabei gewohnte Flüche mur⸗ melnd, endlich öffnete ſich die Thür. Der Jude Gzechiel war ein Mann von mittlerer Größe, dabei hager und von geſchmeidigem Weſen. Der Typus ſeiner Geſichtszüge war entſchieden orientaliſch, eine große hervorragende Naſe über einem vorſtehenden Mund, den ein grauſchwarzer Vart umwallte. Dürftiger war das Haupthaar, aber die Augenbrauen buſchig, ein liſig lauerndes Augenpaar beſchattend. Er trug einen ſchwarzbraunen, bis auf die Füße reichenden Talar, eine buntſtreifige Schärpe um den Leib und an dem linken Aermel die von dem Nürnberger Rath für Männer wie Frauen iſtaelitiſcher Abkunſt gleicherweiſe vorgeſchriebenen drei gelben Streifen. Die Furchen ſeiner Stirn erſchienen heute noch ein⸗ mal ſo tief als gewöhnlich und prophezeiten nichts Gu⸗ tes. Da er eintrat, herrſchte er Rachel zu:„Geh' hinein und bleib drinnen bei Deiner Arbeit, aber mache dabei kein Geräuſch, damit nicht merkt die alte Jacobea, daß Jemand drinnen. Sie kann Dich einmal nicht leiden. 256 Geh' hinein, denn ſie folgt mir auf dem Fuße und wird gleich da ſein.“ „Nun,“ ſagte Rachel,„ich kann ſie auch nicht lei⸗ den, und es hat uns auch noch kein Glück gebracht, daß Ihr Euch mit ihr eingelaſſen.“ „Still, rede nicht von Dingen, die Du nicht ver⸗ ſtehſt; geh' hinein, ſag' ich!“ rief der Jude leiſe aber drohend, und Rachel gehorchte. Sie ging wieder in das zweite große Gemach und ſchloß die Thür hinter ſich, aber ſie dachte nicht daran, wieder an die vorige Arbeit zu gehen, ſondern lehnte ſich lauſchend an die Thür, um kein Wort von dem zu verlieren, was die alte Jacobea drinnen mit ihrem Vater ſprechen würde. Als dieſe eintrat, rief ſie:„Es iſt Alles verunglückt, und war Alles ſo ſchön gegangen! Alle waren abwe⸗ ſend, mein Sohn wie ſeine Frau und der große Bube, um vor heute nicht wieder zu kommen. Die alte Marthe, die Amme der Frau Scheurlin, kam durch das Pulver, das ich ihr in den Brei gerührt, in einen Zuſtand, daß ſie Nichts von ſich wußte und irre redete; da konnt' ich getroſt den kleinen Buben gegen Abend zur Stadt ſchicken, der Scheurlin melden zu laſſen, daß die Amme in Tod⸗ tesnöthen nach ihr verlange. Wie klug ſich auch die Scheurlin dünken mag, ſie ging glücklich in die Falle und brachte nur einen einzigen Diener mit. Wohl eine 257 Stunde ſaß ſie da bei der Irreredenden, bis es dunkel war; ich ſagte erſt, ſie ſolle warten, bis mein Sohn käme, der ſie mit heimgeleiten könne. Aber ſie wollte nicht, und wie ſie hinausging, lauerte draußen ſchon der Ritter und ich hatte die Widerſpänſtige glücklich in ſeine Arme geliefert. Da hör' ich draußen noch andere Stim⸗ men als die ihrige ſchreien— ein ganzer Trupp Baubrüder kämpft mit dem Ritter und den Knappen, dann kamen gar Bewaffnete aus der Stadt; es hat Leichen und Verwundete auf dem Platz gegeben— der Ritter iſt nur verwundet, aber ohne Beute entkommen. Den Nürnberger Rath fürcht' ich nicht, noch weniger das Gericht des Burggrafen, denn ich habe meine Sache zu klug angefangen, kein Verdacht kann mich treffen— aber den Ritter und ſeine Kumpane werd' ich nun auf dem Halſe haben.“ „Mißlungen!“ rief der Inde;„zum zweitenmale mißlungen— und durch Euch!“ „Hoho!“ rief die Alte;„durch Euch oder Eure Sippe! Verrathen worden iſt's! Was haben die Stein⸗ metzen da draußen zu ſuchen? im Leben habe ich nicht ſo viele beiſammen dort im Walde geſehen! Sind doch dieſelben Beiden mit dahei geweſen, die den Streitberg ſchon auf der Hallerwieſe angefallen und denen er's dankt, daß der König ſelbſt ihn aus Nürnberg verwieſen. Der Ritter hat geſchworen ſich daſür zu rächen, und nun hat 258 er hofenilic wenigſtens dem Einen den Garaus ge⸗ macht!“ Mit verhaltenem Odem hörte Rachel dies Alles! Trotz ihrer Jugend war ſie doch durch den Druck, unter welchem ſie lebte, der ſowohl auf ihr durch ihre nächſte Umgebung als durch den Fluch laſtete, der auf allen Juden ruhete, ſo daran gewöhnt ſich ſelbſt zu beherrſchen, daß ſich ihrer bis zum Erſticken geängſteten Bruſt kein Laut entrang, noch daß ſie der Verſuchung unterlag, die Thür zu öffnen und ſelbſt zu fragen: Velcher iſt der Todte! Und ſie war ſeine Mörderin! ſagte ſie ſich ver⸗ zweiflungsvoll. Das hatte ſie nicht gedacht. Warnen hatte ſie Ulrich wollen vor ſeinem mächtigen tückiſchen Feind und vor dem böſen Leumund, der ihm drohte— und weil er ihrer Warnung nicht achtete, ſowohl um dieſer Nach⸗ druck zu geben als auch aus Nitleid mit der ſchönen Frau, der ein ſo ſchmähliges Schickſal drohte, hatte ſie ihm davon geſagt. Sie meinte nicht anders, als daß Ulrich ſie vorher warnen werde, der drohenden Geſahr ſich auszuſetzen, und konnte weder beurtheilen, daß er dies unterlaſſen werde, beſonders weil er es noch bezwei⸗ ſelte, noch daß er erſt bereit ſein würde der wirklichen Gefahr gegenüber ſie nit ſeinem eigenen Leben zu be⸗ ſchützen. War er oder Hieronymus todt, ſo kam ſein 259 Blut über ſie; aber ſie konnte es nicht ändern, daß zu den Vorwürfen ihres Gewiſſens auch der Jammer des Herzens kam, wenn Ulrich das Opfer war. Und ſchon leuchtete die Anklage des Verrathes gegen ſie durch die Worte der Alten hindurch; aber was ſonſt Rachel ſchon in namenloſe Angſt verſetzt hätte vor den Vorwürfen und Strafen der Ihrigen, verſank jetzt vor den Schrecken und der Qual, die ihr die Todesnachricht verurſachte. „Nun, ſo iſt er ihn ja los,“ ſagte der Jude gleich⸗ gültig;„aber wenn Ihr verſteht zu ſchweigen, ſo iſt ja auch weiter Nichts dabei, als daß wir ſind betrogen um den Lohn und haben gemacht ein ſchlechtes Geſchäft, ſtatt daß wir gemeint haben zu machen ein gutes. Wird wohl dem Ritter vergehen ſich hier noch länger umher⸗ zutreiben, wenn er ſieht, daß die feinen Nürnbergerinnen nicht gleich ui ſind zu haben.“ „Der lä nen Schimpf auf ſich ſitzen!“ rief die Alte. Vird ihm kaum Recht ſein, daß der Ulrich von Straßburg ehrlic guf der Landſtraße geſtorben! Dem, der ihm beim Könige den Schimpf bereitet, dem ſchwor er einen noch größern anzuthun; nun iſt er geſtorben, ehe er ihn gebrandmarkt hat, den das wär' uns ge⸗ lungen und wenn auch Alles ſonſt mißlänge.“ „Sollt' ich nicht meinen,“ begann der Jude,„müßte Euch nicht ſonderlich lieb ſein, wenn man hier in Nürn⸗ 260 berg auch anfinge von Heren zu reden; hat mir neulich Einer aus Coſtnitz erzählt, daß daſelbſt ſind viele Frauen verbrannt worden, die vielleicht auch nicht mehr gethan, denn—“ er verſchluckte das:„Ihr“, welches folgen ſollte, und ſagte ſtatt deſſen:„denn Trunke gebraut und Zauberſprüchlein im Munde geſührt.“ Die Alte wollte auf's Neue auffahren, als es drau⸗ ßen klopfte.„Ihr thut wohl beſſer jetzt zu gehen,“ ſagte er;„geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern, und man muß ſie nur betrachten, wenn man noch Nutzen aus ihnen ziehen kann.“ „Wir werden wohl noch von einander hören!“ ſagte Jacobea, und zog ihr dunkles Kopftuch feſter zu⸗ ſammen, ſo daß nur ein ſchmaler Streifen von ihrem Geſicht zu ſehen war. So drückte ſie ſich zur Thür hinaus, durch welche ein anderer Jude tzgt, einen großen Kaſten auf dem Rücken, den er mit Waaren aus dem Lager Ezechiel's zu füllen gedachte. Er gehörte zu den vertrauten Geſchäftsfreunden, welche auch Eintritt in das zweite Gemäch hatten und die darin aufgehäuften Schätze beſichtigen konnten. Unter den Juden Nürnbergs, obwohl ſie nur auf einen beſondern Stadttheil beſchränkt und durch ſtrenge Verordnungen von der übrigen Bevölkerung geſchieden waren, gab es doch auch beſitzende, reiche Leute, welche 26¹ dennoch in unermüdlicher Thätigkeit befliſſen waren, das ſchon Erworbene immerfort zu mehren, ohne doch jemals einen wirklichen Genuß von dem Gewinn zu haben, denn derſelbe mußte, um geſichert zu ſein vor fremden, beſon⸗ ders chriſtlichen Augen, durch Verborgenheit gehütet wer⸗ den. Denn immer ward den Juden,„des Reichs Kam⸗ merknechten“, Alles mißgönnt; ſie mußten größere Ab⸗ gaben geben als alle Andern, ja es war ſchon da und dort vorgekommen, daß ſie eine Auflage ganz allein hatten bezahlen und bei manchem Unglück Schadenerſatz hatten leiſten müſſen, wenn dabei auch ein Zuſammenhang mit ihrer Schuld noch ſo geſucht erſchien. Ezechiel gehörte zu dieſen reichen Juden, und wie tiefe Verachtung man ihm auch öffentlich zeigte, es gab doch Chriſten genug, die in der Stille ihre Zuflucht zu ihm nahmen und ſeine Verſchwiegenheit mit hohen Pro⸗ centen erkauften. Vielen war er eine unentbehrliche Per⸗ ſon. Er lieh Geld gegen Zinſen und verlieh ebenſo auf Kleidungsſtücke und Koſtbarkeiten. Viele derſelben blieben als ungelöſte Pfänder in ſeinem Beſitz und lieferten ihm zugleich ein Waarenlager für einen anſehnlichen Trödler⸗ kram. Eine bedeutende Verſtärkung erhielt dieſer jedoch oft durch ein zwar einträgliches, aber ziemlich anſtößiges Geſchäft. Er zog nämlich meiſt in Begleitung ſeiner Tochter oder ſeines Sohnes Benjamin trödelnd in der Umgegend 262 umher; aber gewöhnlich kam er mit gefüllterem Sack zu⸗ rück, als mit dem er ausgezogen, und war doch gar wohl mit ſeinem Handel zufrieden. Während die großen Kaufleute von Nürnberg ihre Waaren meiſt nur mit großer Bedeckung von Reiſigen weiter in's Land zu füh⸗ ren wagten, da die Raubritter und Wegelagerer jetzt ihr Weſen ungeſcheuter denn jemals trieben, beſonders in den nahen Reichsſorſten und oſt bis unter die Mauern der Burg, wandelte der Jude mit ſeinen Kindern einſam, aber ſicher, trotz den oft reichen Schätzen, die ſie bei ſich trugen. Das doppelte Räthſel löſtt ſich leicht: Wo jene die Stehler machten, war er der Hehler. Oder wenn man das nicht ſagen kann, da die Raubritter ihr Weſen ſo ungeſcheut trieben, daß ſie gar keines Hehlers bedurften, ſondern mit frecher Hand nur nach dem rohen Recht des Stärkeren räuberiſch an ſich riſſen, was den ſchwä⸗ cher bewahrten Handelsleuten abzunehmen war, ihrer Beute oft noch ſich rühmend: ſo war dieſe doch oft der Art, daß ſie für ihre Verhältniſſe ſelbſt nicht immer brauchbar erſchien— da war denn in dieſen Räuberhöhlen, welche den ſtolzen Namen Schlöſſer führten, der Jude Ezechiel eine ſehr willkommene Erſcheinung. Von ihm erhielt man für dieſe unnützen Waaren nützlichere und dem augen⸗ blickichen Bedürfniß entſprechende nach freier Auswahl, oder baares Geld, und der Jude wußte dabei den Han⸗ 263 del immer zu ſeinem Vortheil zu lenken, wenn er dabei auch immer jammerte und klagte, als habe er nichts als Verluſt davon. Aber damit allein waren die Geſchäfte des Juden noch nicht erſchöpſt. Da eben Leute aus allerlei Volk zu ihm ihre Zuflucht nahmen, ſo war er auch von tauſend Dingen unterrichtet, die in den ſtolzeſten Patrizierhäuſern wie in den verdächtigſten Schlupfwinkeln der niedrigſten Klaſſe vor ſich gingen und andern Blicken ſich verhüllten, und darum wußte er in tauſend Stücken Rath, den er ſich ſo gut wie ſeinen Trödlerkram bezah⸗ len ließ. So, als er auf das Schloß des Ritters von Wey⸗ ſpriach kurz nach der Abreiſe des Königs Mar gekom⸗ men, auf dem der aus Nürnberg verwieſene Eberhard von Streitberg einſtweilen ein Aſl geſucht, um von da aus ſeine Ziele zu erreichen, erhielt der Jude von den Rittern den Auſtrag auszukundſchaſten, welcher Goldſchmied Nürnbergs die Roſe gearbeitet, welche der König der Scheurlin geſchenkt. Er ſollte eine ganz gleiche danach anfertigen laſſen. Da der Jude erfuhr, daß Meiſter Al⸗ brecht Dürer der Verfertiger war, ein Mann, der ſich weder durch Beſtechung noch Drohung zu einer unredli⸗ chen Handlung verleiten ließ, und der ſich um keinen Preis in ein Geſchäft mit einem Juden würde eingelaſſen haben, ſo kam er darauf, durch die alte Jacobea, welche er zu ihm ſandte, zu ſeinem Ziel zu gelangen. 264 An dem Gaſtmahl in Nürnberg, an welchem der Ritter von Weyſpriach die gehäſſigen Geſinnungen kennen lernte, welche die Hallerin gegen die Scheurlin hegte, hatte er von dieſer im Intereſſe ſeines Freundes Streit⸗ berg mehr zu erfahren und ſie mit zu ſeiner Bundes⸗ genoſſin zu machen gefucht. Bei ihren ſpäteren Wieder⸗ ſehen war zwiſchen ihnen ein Plan verabredet worden, eine von Streitberg mit der Scheurlin gewünſchte Zu⸗ ſammenkunft zu veranſtalten. Wie ſehr auch die Hallerin wünſchte, die beneidete und darum verhaßte Feindin zu demüthigen, ſo wollte ſie ſich doch erſt lange nicht zu einer Vermittlerin hergeben, obwohl Weyſpriach nichts von ihr verlangte, als daß ſie Eliſabeth mit andern Gäſten zu ſich lade und ſie dann in ein abgelegenes Gemach locke, in dem ein von ihr verſchmähter Liebhaber— der Ritter nannte abſichtlich keinen Namen— ſie ungeſtört treffen könne. Nur um einen Preis war ſie bereit das zu thun: wenn ſie eine, derjenigen Eliſabeth's ganz gleiche Nadel erhalte, die ſie nun, wo der König fort war, auch als ein Geſchenk ſeiner Huld ausgeben, dadurch Eliſabeth demüthigen und ſich an ihr rächen könne— ja die Hal⸗ lerin beſtand etſchieden darauf, nicht früher ihre hilfreiche Hand zu bieten, bis ſie in den Beſitz der Nadel geſetzt worden. Doppelt ungelegen war es darum den Rittern, 265 durch die Antwort des Goldſchmieds ſich ſo hingehalten zu ſehen. Als endlich die drei Wochen vorüber waren, ſandten ſie nächtlicher Weile ein paar ihrer Knappen mit der für die Nadel geforderten Summe zu Meiſter Dürer, und der Knappe mußte froh ſein mit einer abſchlägigen Antwort davon zu kommen. Nun war die Hilſe der Hallerin verwirkt— ja man mußte noch froh ſein, wenn ſie in ihrem Aerger nicht plauderte und den Ritter, der ihr durch ein Verſprechen Hoffnungen erregt, die er nicht erfüllen konnte, in ſeinem Vorhaben zu ſtören ſuchte. Doch erhielt ſie die Furcht, durch eine Mittheilung zum Nachtheil des Ritters zugleich ſich ſelbſt zu ſchaden, bei dem Vorſatz des Schweigens; aber ſie hoffte, daß ſich eine Gelegenheit finden werde dem Ritter zu zeigen, daß man eine Nürnberger Patri⸗ zierin nicht ungeſtraft hintergehe, und wartete auf dieſelbe. Vergeſſen würde ſie die Tänſchung nie. Indeß hatte Weyſpriach wenig Neigung, für Eber⸗ hard von Streitberg noch fernere Schritte zu thun, und verwies dieſen allein auf die Hilfe des Juden, als dieſer wieder mit ſeiner Tochter auf ſeinem Hauſirergange in das Schloß kam. Er ſchlug die alte Jacobea als Bun⸗ desgenoſſin vor, die mit Eliſabeth's Amme in einem Hauſe wohnte; aber man wollte dem Juden nicht allein trauen und behielt ihn ſo lange bei ſich, bis Rachel nach 1859. XV. Nürnberg. I. 17 266 Jacobea geſandt mit dieſer zurückkam. So verhandelte man in der Gegenwart des Mädchens, das man ſeiner ſtillen Weiſe nach beinah' nicht anders wie ein einfälti⸗ ges, dem Vater blind gehorſames Kind betrachtete. Ja noch mehr! Streitberg, der ſchon in Nürnberg doch ſo viel über die beiden Baubrüder erkundet hatte, um ihre Namen zu wiſſen, forderte ſowohl von dem Juden als von Jacobea Rath und Mittel ſich an ihnen zu rächen. Wie hätte ein Eberhard von Streitberg je den Schimpf mögen auf ſich ſitzen laſſen, ſich ſein Schwert von den Händen eines Steinmetzen entwinden zu ſehen— eines Menſchen alſo, der von Früh bis Abends mit dieſen Händen arbeitete und unter ſtrengen Regeln ſein Leben verbrachte, indeß er, der ſtolze Ritter, der jede Arbeit, auch wenn ſie dem Dienſte der erhabenſten Kunſt galt, tief gering achtete und mit roher Willkür auf den Land⸗ ſtraſſen raubte, was er brauchte, wenn einmal ein beutereiches Kriegerleben ſich ihm nicht gleich nach Wun⸗ ſche bot— er, der in unzähligen Turnieren den ebenbür⸗ tigen Gegner aus dem Sattel gehoben und mit verwe⸗ genem Muthe bei kecken Abenteuern ſo gut wie in wil⸗ der Schlacht Heldenthaten verrichtet! Nit der kecken Zuverſicht, die ihm immer eigen, hatte er danach von König Mar ſein Schwert zurück⸗ geſordert und wider die Baubrüder geklagt, die ihn in 267 der Mehrzahl auf der Hallerwieſe überſallen und ihm unter ſrechen Scherz⸗ und Schimpfworten ſein Schwert entriſſen. Aber er hatte dabei nicht bedacht, daß der Kö⸗ nig ſelbſt ein Baubruder war und den Worten freier Steinmetzen mehr Vertrauen ſchenkte als einem Ritter⸗ wort; noch weniger wußte er, daß Eliſabeth ſchon vor allen Frauen Nürnbergs vor den Augen des Königs Gnade gefunden. So hatte er erſt nur die königliche Antwort erhalten, daß die Sache unterſucht werden ſolle, um darauf den noch größern Schimpf zu erleben, daß ihm der König ſein Schwert zwar wieder ſandte, aber mit der Bemerkung, daß er es nur außerhalb der Stadt tragen dürfe, und mit der Verweiſung aus derſelben und der Drohung, daß er, falls er nicht gehorche, als ein Friedensbrecher dem Gefängniß und Gericht der Stadt werde überantwortet werden. Wie ſehr Streitberg auch wüthen mochte: es blieb ihm nichts übrig als zu gehor⸗ chen, und er mußte noch froh ſein, daß er doch keinen öffentlichen Schimpf erleben, ſondern ſich den Anſchein geben durfte, als riefe ein Geſchäft ihn ſort. Er zog ſich indeß auf Weyſpriach's Veſte zurück, und ward immer mehr von Zorn erfüllt, als er vernahm, wie der König Eliſabeth auszeichnete, bei deren Anblick ſeine ganze alte Leidenſchaft für ſie wieder erwacht war. Eberhard von Streitberg war eine jener ungebän⸗ 17⁸ 268 digten Naturen voll roher Kraft und ſtarker Gefühle, ohne den Willen Hieſelben jemals zu zügeln, da er ohne ſittliche Grundſätzs war. Seine feurige Leidenſchaftlichkeit und die augenblichliche Wahrheit ſeiner Empfindungen machte ſein Glück bei liebebedürſtigen und gefühlvollen Frauen, die von ſeiner äußern ritterlichen Erſcheinung und einzelnen herviſchen Eigenſchaften ſeines Charakters beſtochen, ohne denſelben näher prüfen zu können, in ihm das Ideal eines Helden fanden. So hatte er früh das Herz des Edelfräuleins Helene von Heideck gewonnen und ſie als ſeine Gattin heimgeführt. Aber bald ward er ihrer über⸗ drüßig, und nur um wieder frei leben zu können, nahm er Kriegsdienſte und abenteuerte in allen Ländern umher. So kam er nach Venedig, wo er Cliſabeth Behaim kennen lernte und mit leidenſchaftlicher Gluth ſich an ſie hing. Er erkannte ihren ſittlichen th hinlänglich, um zu wiſſen, daß ſie allen Verführungskünſten eines Man⸗ nes widerſtehen werde, auf deſſen Herz ein anderes We⸗ ſen frühere Rechte habe, und ſo verläugnete er dieſes. Ja, als er ſich mit Eliſabeth verlobte, leitete ihn viel⸗ leicht auch die Hoffnung, ſeine verlaſſen hinſiechende Gat⸗ tin könne ſterben, oder der einmal begonnene Betrug ſich weiter fortſetzen laſſen. So verbrachte er ein Jahr fern von Eliſabeth und der Heimath, bis ihn ſeine Leidenſchaft in die Nähe Nürnbergs trieb und er nur daran dachte, Eliſabeth an ſich zu reißen, zu entführen, gleichviel was 269 daraus entſtehe. Da ward ſein Plan vernichtet, ohne daß er ſie wiedergeſehen. So verli aufs Neue die unglückliche Gattin und zog weit fort i eilige Land, um ſich bei minder chönen für Fliſa⸗ beth's Verluſt zu tröſten. Denno nnte er ſie nie ganz vergeſſen, eben weil er ſie nie beſaß. Als er darum mit Weyſpriach aus Paläſtina zurückgekehrt erſuhr, daß Kö⸗ nig Mar nach Nürnberg komme, ſchloß er ſich dem Ge⸗ ſolge des Markgrafen Friedrich von Brandenburg an. Er durſte Eliſabeth nun wiederſehen in ihrer ganzen Schön⸗ heit, die, wenn er ſie mit ihrer jugendlicheren Erſchei⸗ nung von einſt verglich, nur die Veränderung erfahren, daß ſie eine üppig blühendere geworden war, und daß an die Stelle einer ſchwärmeriſchen Sinnigkeit in ihrem Angeſicht der Stempel ſtolzen Selbſtbewußtſeins und gei⸗ ſtiger Hoheit an ſich zu erfahren, daß ſie den ganzen alten Zauberbann auf ihn übe. Um ſo mehr verdroß es ihn, daß ſie ſein Vorbeireiten unter ihrem Chörlein gar nicht bemerkte, und da er auch inzwiſchen nicht erfahren, was aus ihr geworden, ſo wendete er ſich mit der Frage danach an Markgraf Friedrich, und war frech genug, wie er von ihrer Verheirathung hörte, ſich zu rühmen, daß er einſt ihre Gunſt beſeſſen. Auf der Hallerwieſe wollte er die frühern Rechte auf ſie geltend machen, dachte er durch die Sprache ſei⸗ 270 ner Leidenſchaft Verſöhnung und Erhörung zu finden; denn er meinte, Eliſabeth habe indeß wohl genug das Leben kennen gelernt, um überſpannten Begriffen von Liebe, Pflicht und Treue entſagt zu haben, um ſo mehr, als er erfuhr, daß ſie dem ältern Gatten wohl nur aus kindlichem Gehorſam oder ſeines Reichthums und An⸗ ſehens wegen ihre Hand gegeben— ja ſein Egoismus zog daraus den für ſich günſtigen Schluß, daß ſie wie ihn wohl nie wieder geliebt, und er ſich darum nur zu zei⸗ gen brauche, um die alten Gefühle wieder zu erwecken. Da nahm dies erſte Wiederſehen für ihn einen ſo ſchimpf⸗ lichen Ausgang. Nun lechzte die entſtammte Leidenſchaft nach einer Gewaltthat und nach Rache an den Baubrüdern. Unbeachtet von Allen, war Rachel mit gegenwärtig in einen Winkel an der Thür kauernd, ſcheinbar vor Müdigkeit eingeſchlafen, als ihr Vater, Jacobea und der Ritter von Streitberg den Plan zur Entführung Eliſa⸗ heth's entwarfen. Daran knüpfte ſich die andere Frage, wie die Baubrüder zu beſtrafen, wie ſie es empfinden ſollten, daß ein Ritter nicht ungerächt ſich beleidigen laſſe. Der Adel, der durchaus keinen Kunſtſinn beſaß und überhaupt keiner Begeiſterung für das Ideal fähig war und jedes höheren Auſſchwunges baar, der über die ein⸗ ſeitigen Begriffe von Ritterehre und Standeswürde hinaus⸗ W reichte, mit der es ſich ganz wohl vertrug, fleißige Bür⸗ ger zu berauben und ehrſame Frauen zu entführen, wenn es nur mit der nöthigen Frechheit, welche man Kühnheit nannte, geſchah— dieſer Adel haßte die Bau⸗ brüderſchaſten oder verachtete ſie doch, wie er Alles ver⸗ achtete, was nicht vor der feudalen Herrlichkeit ſich beugte. Dieſer Adel war bei ſeinen Bauten mehr auf ſicheres und feſtes Wohnen als auf Schönheit bedacht. Vorüber war auch bei ihm jener ſtomme und gläubige Sinn, der in früheren Zeiten wohl Fürſten und Herren vermocht hatte, bei einer gelungenen Unternehmung Kirchen oder Kapellen oder Klöſter zu ſtiften, vorüber die ganze reli⸗ giöſe Begeiſterung, die in den Kreuzzügen und unzähli⸗ gen Gelübden zu kirchlichen Zwecken ſich ofſenbarte: das alte, zu ſeiner Zeit edle und begeiſterte Ritterthum war im Abſterben und hatte nur einer Art von Raufbold⸗ thum und beiſpielloſer Verwilderung der Sitten Platz ge⸗ macht. Im Gegenſatz dazu war das Bürgerthum in wür⸗ diger Haltung, beſonders in den freien Reichsſtädten emporgeblüht, und man ſetzte in ihm, beſonders in Nürn⸗ berg eine Ehre darein, die Kunſt zu pflegen und zu be⸗ ſchützen. Es war vielmehr Begeiſterung für die Kunſt an ſich, wenn man will, auch Ehren⸗ und Modeſache, daß die Nürnberger Patrizier förmlich mit einander wetteifer⸗ ten, Stiſtungen, wenn nicht zu neuen Kirchen ſelbſt, doch „ zu den Verſchönerungen der alten zu machen. Der Adel blickte verächtlich auf dies ſchöne Kunſtſtreben, und wenn König Max in vielen Beziehungen als ritterlicher Held ihren Hoffnungen gerecht war, ſo war ihnen doch ſein Sinn für Kunſt und Wiſſenſchaft eine ſehr überflüſſige Beigabe. Daß er ſelbſt freier Maurer geworden und mit den Baubrüdern als mit Seinesgleichen verkehrte, konnten ſie ihm vollends nicht vergeben. Wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo hätten ſie wohl verſuchen mögen, die Ge⸗ noßſ enſchaft freier Maurer, die ſich nach ieten Geſetzen regieren durfte, als eine gemeinſchädliche L Verbindung zu verdächtigen; aber ſo wie die Sachen ſtanden, konnten ſie nur verſuchen, ſich an dem Einzelnen zu rächen.— „Laßt uns nur machen, ſagte Jacobea und nickte dem Juden zu, da dieſe Frage aufgeworfen ward.„Ich weiß, daß die ſehr ſtreng auf ehrliches Her⸗ kommen und auf ſittenreinen Wandel halten, ſtrenger als Mönche und Geiſtliche, die es damit nicht gar zu genau nehmen— können wir dem blonden Hieronymus und dem Ulrich von Straßburg nachſagen, daß ſie mit Frauen⸗ zimmern zuſammen zu kommen pflegen und daß ſie von zweifelhafter Herkunft ſind, ſo werden ſie mit Schimpf und Schande aus der Genoſſenſchaft verwieſen.“ „Das iſt ein guter Rath!“ ſagte Streitberg;„i hat es ja 3 S * 1 1 5 .