k Se—S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 4 S — ⁰ auf1 Monat: N 1W 5 2 W.— f. „4„ 5 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — „ — v — ALBUR. Bibliothe dentſcher Originalromane. Herausgegeben von Merm. Markgraf. Neunzehnter Jahrgang. Zwölfter Band. Neue Bahnen. ihien. Herm. Markgraf. 1864. Uene Pahnen. Roman von Louiſe Ottv. Sen Wien Herm. Markgraf. 1864. Druck von Heinr.Merch in Prag. 3——— Inhalt. Seite ie Eine Faiie, 1 II. Capitel. Die Waſſerbu 19 III. Capitel. Im Marmorhauſe......... 37 IV. Capitel. Ein photographiſches Atelier...... 57 ite Venn 76 VI. Capitel. Eine frühere Bekänntſchhfſt 97 VII. Capitel. Die Seücſeie 1 Cöpitet Cärtiet 135 Capiter Feriohun 154 X. Capitel. Wiederſehen 173 XI. Capitel. Ein erſtes ftten 190 XII. Capitel. Zertretene Hoffnungen....... Erſtes Capitel. cLine Jamilie. „Tante Felici!“ Dieſer Ruf einer hellen Kinderſtimme und gleich darauf der unmelodiſche Klang einer mit Heftigkeit ge⸗ zogenen Klingel ſchallte faſt erſchreckend in die Ohren eines jungen Mädchens, das ſich nur eben auf einige Augenblicke in ein ſtilles Zimmer zurückgezogen. Felicitas ſtand am offenen Fenſter und begoß die Blumen, die davor blühten. Die untergehende bleiche Spätherbſtſonne ſchien faſt wehmüthig einen letzten Strahl in das kleine Gemach zu werfen— aber er war nicht wehmüthiger als der Mädchenblick, der ihm folgte und ſich auf die Bilder richtete, die über dem kleinen Sopha hingen. Es waren zwei Portraits in Oel, die Felicitas' vor einigen Jahren ziemlich gleich⸗ Louiſe Otto: Neue Bahnen. 1. 1 2 zeitig verſtorbene Eltern vorſtellten. Der Geheimrath * Ahlhorn war ein ſtattlicher Mann geweſen mit würde⸗ voller Haltung und dem zufriedenen Lächeln des Bon⸗ vivants, der ſein Leben zu genießen verſteht; die Ge⸗ mahlin an ſeiner Seite ſchien im Ausdruck ihrer ange⸗ nehmen Züge Selbſtbewußtſein mit Herzensgüte zu ver⸗ binden und ein idealer Hauch verſchönte auch das Ab⸗ bild der fünfzigjährigen Frau. Die Tochter mochte ihr gleichen. Daſſelbe kaſta⸗ nienbraune Haar, dieſelbe über der Naſe emporgehende Schwingung der Augenbrauen über ruhig glänzende blauen Augen, derſelbe ein wenig in's Gelbliche ſpie lende Teint— eine Farbe, die nur beim künſtlichen Licht⸗ ß ſchein in marmorner Weiße glänzt— dieſelbe ſtolz ge⸗ tragene Naſe— aber im Uebrigen erſchien die Tochter niedergedrückt und ſehnſüchtig kraurig und zwar war dies nicht der Ausdruck einer momentanen und vor⸗ übergehenden Stimmung, ſondern er ſchien ſchon ſeit Jahren in dieſen jugendlichen Mädchenzügen der ge⸗ wohnte und faſt nur mit Anſtrengung hier und da 5 3 verſcheuchte zu ſein. 3 Felicitas war eine Waiſe und lebte etwa ſeit 3 Jahresfriſt im Hauſe ihres älteſten Bruders, des Ge⸗ richtsrathes Paul Ahlhorn, der für ſeine kränkelnde und ſ ſchon mit drei Kindern geſegnete Frau Minette eine 3 paſſende Gehülfin in ihr erblickte und darum um ſo bereitwilliger der Alleinſtehenden ſein Haus geöffnet hatte. Der verſtorbene Geheimrath Ahlhorn hatte, um die Würde ſeines Standes zu repräſentiren, ein Haus gemacht, deſſen Aufwand ſeinen Gehalt immer etwas überſtieg. Da weder er noch ſeine Frau Vermögen beſaßen, ſo ſtürzte ihn dies freilich in Sorgen, die er aber mit der Hoffnung abzuſchütteln ſuchte, daß ſeine Kinder ihn bald nichts mehr koſten würden. Bei dem älteſten Sohne Paul, der es bereits bis zum Gerichts⸗ rath gebracht hatte, war dies auch ſchon längſt der Fall, nur bei den jüngeren, aus einer zweiten Ehe ſtammen⸗ den Kindern Richard und Felicitas war dies keineswegs bald zu erwarten. Indeß der Geheimrath ſetzte auch, als ſeine Gattin ſtarb, das große Haus fort, das er mit ihr vereint geführt und wiegte Felicitas nach wie vor in den glücklichen Wahn, zu einem ſo„anſtändigen“ wenn auch nicht gerade luxuriöſen Haushalt berechtigt zu ſein, daß ſie die gelegentlichen Bemerkungen Pauls über zu große Ausgaben nur für Hofmeiſtereien eines älte⸗ ren und noch dazu Stiefbruders nahm und ſich weiter nicht daran kehrte. Erſt dann ſah ſie ein, daß er nicht Unrecht gehabt, als der Geheimrath ziemlich plötzlich an einem Schlag⸗ fluſſe ſtarb und vollſtändiger Concurs ausbrach. Nur eine kleine Summe, das ihr ſchon zugeſchriebene Erb⸗ 1 4 theil von ihrer Mutter, zu dem auch deren einſtige Aus ſtattung gehörte, war Alles, was Felicitas noch für ſich behielt und im Augenblick des Schmerzes, den ihr na⸗ türlich der Tod des zärtlich geliebten Vaters verurſachte, wie bei der plötzlichen ſchrecklichen Entdeckung ihrer faſt gänzlichen Verarmung mußte ſie es als ein großes Glück empfinden, daß ihr der Stiefbruder ein Zimmerchen in ſeiner Wohnung anwies. Nicht nur er ſelbſt, ſondern auch ſeine Gattin, weich geſtimmt von dem auch ſie mit betreffenden Ver⸗ luſt— denn der Schwiegervater war ihr immer mit Herzlichkeit zugethan geweſen— und doppelt den plötz⸗ lichen Schickſalswechſel der Schwägerin bemitleidend— ſuchten Felicitas mit ſchonender Liebe zu behandeln. Auch dieſe ſelbſt that Alles, ſich als ein nützliches Glied in das ihr neu ſich bietende Familienleben einzufügen, ob⸗ wohl ihre Anſichten und Gewohnheiten in vielen Stücken von denen Minettens abwichen. So herrſchte Anfangs die zarteſte Rückſichtnahme zwiſchen den drei auf einander angewieſenen Menſchen. Felicitas pflegte die Schwägerin im Kindbett, führte die Wirthſchaft und pflegte die Kinder, ſo gut ſie es eben verſtehen mochte. Vieles, was damit verbunden war, erſchien ihr freilich ungewohnt, aber ſie ſuchte auch bei der aufreibendſten Thätigkeit die Seufzer zu unterdrücken, die unwillkührlich in ihr aufſtiegen. Oft genug mußte 5 ſie bemerken, daß Minette mit Dem und Jenem, was ſie that, nicht zufrieden war und ſie vermochte die Ver⸗ anlaſſung dazu nicht zu ändern, aber ſie durfte ſich doch immerhin ſagen, daß ſie ihr nützlich war und die Füh⸗ rung des Hausweſens durch ihre Gegenwart erleichterte. Nach und nach aber, als Minette wieder geneſen war, wieder Geſellſchaften beſuchte und gern ein heiteres Leben um ſich entfaltete, ſtiegen noch andere das gute Ein⸗ vernehmen ſtörende Elemente zwiſchen den beiden Schwä⸗ gerinnen auf— dann ſehnte ſich Felicitas mehr als je nach einem Augenblick des Alleinſeins, in dem ſie trübe Betrachtungen anſtellen konnte über ihr Geſchick. In einem ſolchen Moment fanden wir ſie jetzt in ihrem Zimmer— aber ſchon hüpfte ihr älteſter Neffe wieder zu ihr, um ſie ihrem Alleinſein zu entreißen. Der kleine ſechsjährige Blondkopf hing ſich an die Tante und ſagte:„Du ſollſt zu Mama kommen, weil Beſuch da iſt!“ „Beſuch?“ fragte Felicitas,„ſind es mehrere Da⸗ men oder iſt es nur eine?“ „Ei, es iſt gar keine,“ antwortete der Knabe mit einem faſt liſtigen Blick— es iſt ja der große braune Herr, der ſchon mehrmals nach Dir gefragt hat.— Felicitas, die ſich ſchon angeſchickt hatte, mit dem kleinen Georg das Zimmer zu verlaſſen, kehrte jetzt an 6 der ſchon geöffneten Thür wieder um, ſchloß dieſelbe und ſagte:„Dann hat es keine Eile!“ „Nein, nein, Mama ſagt, daß ſie auf Dich warte—“ entgegnete der Kleine. Felicitas ſchien noch zu ſchwanken— ihr blaſſes Geſicht überzog ſich mit glühender Röthe, ihre Ober⸗ lippe zuckte empor und auch an ihrer Naſe ward die innere Bewegung deutlich, mit der ſie endlich entſchloſſen ſagte:„Geh' wieder hinüber und ſage, daß ich im Augenblick abgehalten ſei zu kommen.—“ „Aber Tante,“ erwiederte Georg, indem er ſie un⸗ ſicher mit ſeinen klugen Augen anblickte,„das getraue ich mir nicht zu ſagen— ich weiß, daß Mama böſe wird.—“ „Nun, ſo bleibe hier,“ antwortete Felicitas mit erzwungener Gleichgültigkeit, indeß ihr Herz laut pochte — das Kind lehnte unſchlüſſig, was es thun ſollte, an ihrer Seite und zupfte ſchüchtern an den Falten ihres Rockes— es war, als fühle es ängſtlich, daß nichts Gutes aus längerem Zögern entſtehen könne— ſo ver⸗ gingen einige Augenblicke— es war ſo ſtill— daß man die kleinſte Fliege ſummen hörte, die am Fenſter⸗ glas ſich das Köpfchen ſtieß— Felicitas hatte Mitleid mit dem Thierchen; es hinauszulaſſen, öffnete ſie ihm gefällig das Fenſter— faſt ſah ſie ihm mit neidiſchen Blicken nach, wie es im Abendſonnenſtrahl dahingan⸗ E kelte— hätte man ſie doch auch ſo fortgelafſen!— Plötzlich ſchreckte ſie zuſammen, denn die Flingel ſchallte noch lauter als vorhin— man konnte auf den heftigen Ruck einer energiſchen Hand ſchließen, die ſie in Bewe⸗ gung ſetzte. Auch Georg, der ebenſo zuſammenfuhr wie ſeine Tante, machte dieſen Schluß und ſagte:„Mama iſt böſe!“ Felicitas war aufgeſtanden— halb zu ſich ſelbſt, halb zu dem Kinde ſagte ſie:„Ich gehe nicht!“ Es dauerte nicht lange, ſo vernahm man draußen Tritte— leichte, weibliche einer Dame in Hausſchuhen — männliche Stiefeltritte folgten nach. Die Thür öffnete ſich und Minette trat ein. Sie war eine hübſche Frau im Ausgang der Zwanzig, doch zeigte ſich in ihrer ganzen Erſcheinung eine gewiſſe Abſpannung. Ihre Haltung wie ihre Ge⸗ ſichtszüge waren ſchlaff und ſchon in den unruhig vibri⸗ renden grünlich⸗braunen Augen lag ein krankhafter Aus⸗ druck von Reizbarkeit, den zu ſteigern es eben keiner großen Anſtrengung bedurfte. Ihr dunkles Haar bedurfte keiner künſtlichen Vorrichtungen, um eine von der Mode beliebte Wellenform anzunehmen, es war von Natur kraus und widerſpänſtig und ließ ſich nur in dieſe Form am eheſten fügen. Die ebenfalls dichten und dunklen Augenbrauen ſchienen auch in umuhigen Linien zu zucken und berührten einander faſt über der ungewöhnlich kleinen Naſe, der aber dem niedlichen Mund vollkommen ent⸗ ſprach. Es war eines von den Geſichtern, die im zar⸗ teſten Mädchenalter von dem erſten Schmelz der Jugend friſch überhaucht für reizend und piquant gelten, die aber, ſobald dieſer Schmelz von ihnen genommen, ſchnell ge⸗ altert ſcheinen und im wirklichen Alter Niemand mehr glauben laſſen, daß ſie einſt anziehend geweſen ſein konnten. Die Figur war ziemlich klein und ſchmächtig, aber von angemeſſenen Proportionen. Als ſie jetzt eintrat, ſagte ſie mit etwas ſcharf klingender Stimme:„Ich wollte nur ſelbſt nachſehen, ob Georg meine Bitte ausgerichtet, oder ob er wieder nicht folgſam geweſen—“ „O gewiß, er hat ſeine Schuldigkeit gethan!“ fiel ihr Felicitas ſchnell in's Wort und hielt ihre Hände wie ſchützend über das Kind, indem ſie ſeinen Locken⸗ kopf ſtreichelte—„aber ich war allerdings im Augen⸗ blicke ſelbſt an der Verzögerung ſchuld—“ ſie brach ab, als ſie auch den Herrn eintreten ſah, deſſen Tritt ſie vorher vernommen hatte und den ſie jetzt einen. Moment mit ſtolzen Blicken maß, um ſich dann im nächſten voll Verachtung von ihm abzuwenden. Der Herr war von kleiner unterſetzter Statur und hatte einen nicht unbedeutenden Kopf, der nur dadurch, daß er etwas zu groß für die kleine Geſtalt war, dieſer — 2 ein mehr zwergenhaftes Anſehen gab, das ſie an ſich nicht gehabt haben würde. Dabei trug er einen faſt hellbraunen Rock mi Beinkleidern und Weſte von glei⸗ cher Farbe, ſo daß ihm danach der Kleine ganz richtig den Namen des braunen Herrn geben durfte. Auch ſein Haar, ſein voller Bart und ſeine verliebten Augen waren braun, indeß ſeine Geſichtsfarbe dem bekannten Hellgelblich des däniſchen Leders glich. In ſeine gerade nicht unangenehmen Geſichtszüge miſchte ſich ein Ausdruck von Verliebtheit und Arrb⸗ ganz, der gerade das Gegentheil von dem bezweckte, was dadurch beabſichtigt ſein mochte: man ließ ſich nicht von ſo übergroßem Selbſtvertrauen gefangen nehmen — man mißtraute ihm vielmehr. Namentlich war Felicitas in dieſem Falle. Herr Baum, ein ſchon ziemlich beſchäftigter Rechts⸗ anwalt der Reſidenz und Bekannter des Gerichtsraths Ahlhorn, war ſeit einiger Zeit öfter als früher in deſſen Haus gekommen und bald war es nicht mehr ſchwer zu errathen, daß er um Felicitas willen kam. Als er das letztemal da geweſen, hatte er ihr ſelbſt dies nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, indeß ſie durch gemeſ⸗ lenes und zurückhaltendes Betragen ihn vergeblich von ſich zu verſcheuchen ſuchte. Umgekehrt aber begünſtigte ihn Minette, lud ihn zum längeren Bleiben und Er⸗ warten ihres Mannes ein, wenn man guch deſſen Heim⸗ . 8 10 kehr vielleicht erſt in ein paar Stunden annehmen konnte und in ſeiner Abweſenheit rühmte ſie immer ſeine Artigkeit und Unterhaltungsgabe, wie auch Ahlhorn ſelbſt manches von der Geſchicklichkeit des Advocaten und ſeiner immer größer werdenden Praxis zu erzählen wußte. Erſt ſeit geſtern ahnte Felicitas mit wachſender Angſt, worauf hin dies Alles zielte und ging mit ſich zu Rathe, wie ſie einer möglichen Erklärung Baums zuvorkommen, ihn aus einem möglichen Irrthum reißen wollte. Sie durfte ſich ſagen, daß ſie ihn niemals er⸗ muntert, wenn auch bisher mit der Achtung und Freund⸗ lichkeit behandelt hatte, die ſie dem Freund ihres Bruders und dem Gaſt des Hauſes, in dem ſie lebte, ſchuldig war. Aber auch ihr ſpäteres Ausweichen nahm er, wie es ſchien, nur für mädchenhafte Schüchternheit oder für eine feine weibliche Koketterie, die ſich lieber ſuchen läßt als entgegenkommt. Wie Felicitas daher jetzt er⸗ fuhr, daß er wieder da ſei und daß ihre Schwägerin ſie um ſeinetwillen in ihr Zimmer rief, ſo war ſie feſt entſchloſſen dem Rufe keine Folge zu geben— ſie hoffte, Herr Baum werde ihr Nichterſcheinen verſtehen und dies werde genügen ihn über ihre Empfindungen auf⸗ zuklären und abhalten einen Schritt zu thun, der ſich nicht zurücknehmen läßt und den vergeblich gethan zu haben jeder Mann als bittere Krinktng empfindet. 11 Daß Minette ſelbſt kommen und ſie über ihr Aus⸗ bleiben zur Rechenſchaft ziehen würde, konnte ſie jetzt erwarten— ſie wünſchte es ſogar— ſie wollte ihr einfach ſagen, daß ſie es für ihre Schuldigkeit halte, Herrn Baum auszuweichen, damit er ſich nicht unnütze Hoffnungen mache— hatte er vielleicht ſchon Minette zu ſeiner Vertrauten gemacht, ſo konnte ſie auch dieſe Mittheilung für ihn übernehmen und ihm wie Feli⸗ citas eine Verlegenheit erſparen. Oder war auch noch nicht davon die Rede, ſo ſuchte Felicitas jetzt doch eine Gelegenheit, um Ihrer Schwägerin beſtimmt zu erklä⸗ ren, daß ſie, wenn Baum um ſie werben ſollte, ſeine Hand auf alle Fälle ausſchlagen würde. Darauf aber, daß er jetzt gleich Minetten begleiten werde, war ſie allerdings nicht vorbereitet. Ihre Ueberraſchung bei ſeinem Eintritt war daher vollkommen ungekünſtelt. r grüßte ſie mit ſüßlichem Lächeln und ſagte: „Wir fürchteten, da Sie ſich gar nicht zeigten, es könne Ihnen ein Unfall zugeſtoßen ſein.“ „Es thut mir leid,“ unterbrach ſie ihn,„wenn ich zu einer Befürchtung Veranlafſung gab— ich war indeß hier anders beſchäftigt.—“ „Dann muß ich freilich bedauern geſtört zu haben,“ ſagte Baum, und als er eine Pauſe machte, athmete Felicitas ſchon erleichtert auf, denn ſie hoffte ihn durch 12 ihre Antwort beleidigt und endlich zu der Erkenntniß gebracht zu haben, daß es für ihn gerathener ſei, ſich nicht weiter um ihre Gunſt zu bemühen. Aber ſie hatte ſich getäuſcht, er fuhr fort:„Indeß ich denke, es giebt im Leben ſo wichtige Angelegenheiten, gegen welche die kleinen alltäglichen Geſchäfte doch momentan ihre Wich⸗ tigkeit verlieren.—“ Während er ſprach, nahm Minette ihren Kleinen an der Hand, um mit ihm das Zimmer zu verlaſſen, und gleichzeitig ſagte Felicitas:„Bitte, mein Herr, dies Zimmer iſt nicht geeignet Beſuche zu empfangen, ich werde Sie, wenn es ſein muß, mit in das Wohnzim⸗ mer begleiten, aber ich verſichere Sie im Voraus, daß ich—“ Er unterbrach ſie, indem er ihr an der Thür den Weg vertrat, dieſe hinter dem Kinde und ſeiner Mut⸗ ter ſchloß und begann:„Nein— ich bin Ihnen dank⸗ bar, daß es ſo gekommen, daß ich ohne Zeugen mit Ihnen reden kann— und gerade hier in dieſem ſtil⸗ len Raum, den ich noch nie betreten durfte und in dem ſich gerade Ihr ganzes Sein und Walten am ſchönſten offenbart. Ja, theure Felicitas— ich ehre die Befan⸗ genheit des ahnungsvollen Mädchens, das gerade heute vor mir floh, heute, wo ich komme, um die Entſchei⸗ dung meines Lebens in Ihre Hand zu legen.—“ „Bitte, mein Herr,“ fiel ihm Felicitas vor ſeiner 13 Anäherung zurückweichend und erröthend ins Wort, an ihr Letztes wieder anknüpfend:„ich verſichere Sie, daß es mir unmöglich iſt, irgend einen Einfluß auf Ihr Leben auszuüben und daß es wohl beſſer iſt für uns Beide, wenn—“ Er trat ihr näher, nahm trotz ihres Widerſtrebens ihre Hand und ſagte:„Ich ehre Ihre liebliche Strenge und Schüchternheit, aber ſie darf auch nicht zu weit gehen, wenn ich jetzt mit männlicher Offenheit zu Ihnen ſage: reichen Sie mir dieſe zarte Hand nicht nur für dieſen Augenblick, ſondern für das Leben! ſo dürfen Sie auch als zartfühlendes Mädchen mir eine eben ſo offene Antwort geben!“ In dem Ausdruck ſeiner Stimme lag die gewiſſe Hoffnung, daß dieſe Antwort ein lieb⸗ lich geflüſtertes Ja ſein würde.— Halb fühlte ſich Felicitas von dieſer Bemerkung empört, von der Eitelkeit des Mannes, der von einem Mädchen, das ihm noch nie das geringſte Zeichen eines zärtlichen Gefühls, ja nur irgend eines Intereſſe gege⸗ ben, ein Ja auf ſeine Werbung erwarten konnte; halb fühlte ſie ſich ſchmerzlich bewegt, daß ſie die Hoffnun⸗ gen eines achtbaren Mannes, deſſen Anerbieten ſie immer⸗ hin ahnte, nicht erfüllen konnte und ſo antwortete ſie mit faſt zitternder Stimme: „Herr Baum— hätten Sie doch meine Weige⸗ rung, mit Ihnen allein ſein zu wollen, richtiger gedeu⸗ 14 tet— Ihnen und mir wäre dann eine unangenehme Aufgabe erſpart worden. So ſehr mich Ihre Frage ehrt, ſo kann ich Ihnen doch uur die eine Antwort ge⸗ ben: Laſſen Sie uns vergeſſen, daß Sie jemals dieſe Worte zu mir geſprochen und ſo wie ich Ihnen Ihren Irrthum, zu dem ich Ihnen— ich weiß es!— keiner⸗ lei Veranlaſſung gab, verzeihe, verzeihen auch Sie mir meine offene Erklärung, daß ich in mir nicht die Kraft fühle, Sie glücklich zu machen, weil ich wohl Achtung, aber nicht die Liebe für Sie empfinde, ohne welche es mir unmöglich ſcheint, eine Ehe einzugehen und noch unmöglicher in ihr glücklich zu werden.“ Sie hatte ihm ihre Hand entzogen und er war allerdings von dieſer Antwort ſo überraſcht, daß er einen Augenblick ſprachlos vor ihr ſtand, weil er nicht recht zu hören glaubte. Nach einer Weile fragte er: Spra⸗ chen Sie das wirklich im Ernſt?“ „Können Sie denken, daß ich in einem ſolchen Augenblick eines Scherzes fähig wäre?“ fragte ſie; laſſen Sie uns dieſe für uns gleich peinliche Situation nicht noch durch ſolche Fragen und Antworten, durch welche doch nichts geändert wird, verlängern.—“ Jetzt, wo ihm, nachdem er ſie noch einmal prü⸗ fend angeblickt, vor ihrer kalten Ruhe ſelbſt noch mehr als vor ihren entſchiedenen Worten jeder Zweifel ſchwand, ſtieß er plötzlich heftig hewor:„So heißen Sie mich S — der ein neues Bangen— 15 alſo gehen?— ich gehe und denke, Sie werden es bald genug bereuen, einen Mann, wie mich— abgewieſen zu haben!“ Mit haſtigen Schritten verließ er das Zimmer und gleich darauf auch das Haus. Felicitas athmete tief auf, als er fort war. erſten Augenblick fühlte ſie ſich durch dieſe Entſcheidung erleichtert— ein gefürchteter Moment war vorüber— ein Zweifel gelöſt— es war die Befreiung von einem Druck, zu dem ſich faſt täglich ein neues Gewicht ge⸗ fügt! Aber dann, als ſie draußen Schritte hörte, Mi⸗ nettens Kommen und Fragen ahnte, da fühlte ſie wie⸗ jetzt kam der Moment, wo ſie Rechenſchaft geben ſollte von dem Vorgefallenen. Minette trat ein. Sie ſah finſter aus; ihre kleine Naſe ſchien ſich verlängert zu haben, die Lippen waren ſpöttiſch aufgeworfen und zitterten. Mit vibrirender, vor⸗ wurfsvoller Stimme ſagte ſie:„Baum iſt ohne Abſchied fortgegangen.“ „Ich brauche Dir wohl kaum zu ſagen, was vorge⸗ gangen,“ ſagte Felicitas in ſanftem Tone und Du ver⸗ zeihſt mir nun auch, daß ich vorhin Deinem Ruf nicht folgte— man hat nun einmal Ahnungen! Geſtern ſchon ſchien es mir, als wollte Baum eine Erklärung herbei⸗ führen— ich wich ihm aus und dachte, er könne mich ver⸗ ſtanden haben! Da er heute wiederkam, wollte ich nicht Im „ 4 ſichtbar für ihn ſein und dann Paul erſuchen, ihm zu ver⸗ ſtehen zu geben, daß ich nicht für ihn paſſe; ich wollte ſeiner Klugheit überlaſſen, Alles zu thun und zu ſagen, womit man einer unnützen Werbung zuvorkommt— es iſt immer ſo verletzend eine offene abſchlägliche Antwort zu geben als empfangen zu müſſen— mun ſind wir doch dieſem Schickſale nicht entgangen!“ „Du haſt Baums Antrag nicht angenommen?“ fragte Minette in einem Tone, der ſtaunend war, um den Ausdruck des Vorwurfes noch zu verſtärken. „Minette!“ rief Felicitas ſanft,„bin ich Dir denn ſo fremd, daß Du denken konnteſt, ich könne dieſen Mann lieben, für den ich gar keine Sympathien habe, wenn ich auch ſeine achtungswerthen Eigenſchaften, die ihn zu Eurem Hausfreund machten, anerkenne?“ „Du machſt Dir immer noch poetiſche Ideen, die ſich entweder nie oder unter Hunderten nur einmal ver⸗ wirklichen und handelſt darüber unklug und rückſichtslos! Es iſt heutzutage ſehr ſelten, daß ein Mann, der ſein gutes Auskommen hat, um ein armes Mädchen wirbt, und wenn er es thut, ſo iſt ſchon dieſer eine Charakterzug Bürge dafür, daß er ein uneigennütziger, edler Mann iſt — mit einem ſolchen kann man glücklich werden, wenn auch keine phantaſtiſche Liebe vorausgegangen!“ „Haſt Du denn nicht ſelbſt aus Liebe geheirathet —— 17 und ungeliebte Bewerber abgewieſen? wie kannſt Du Andern zumuthen, anders zu handeln?“ warf Felicitas ein. „Alles kommt doch auf die Verhältniſſe an!“ ſagte Minette mehr unvorſichtig als boshaft,„ich hatte das Recht, nur meiner Neigung zu folgen, denn meine Eltern ließen mir nicht nur freie Wahl, ſondern verſicherten mich ſtets, daß für mich geſorgt ſei— ich möge nun heirathen oder nicht, nie würde ich nöthig haben Jemand zur Laſt zu fallen!“ 5 Felicitas fühlte ſich plötzlich von glühender Röthe übergoſſen— noch nie hatte ſie einen ähnlichen Vorwurf hören müſſen— der Pfeil ſaß feſt— es war vergeblich, daß Minette, die erſt an ſeiner Wirkung erkannte, daß ſie ihn abgedrückt, ihn gern zurückgenommen hätte— Felicitas hörte faſt nur die letzten Worte: zur Laſt zu fallen! Vor dieſem Einen Wort verſtummte ſie. Wie ſchnell ſie ſonſt dabei geweſen, die Rechte ihres Herzens zu vertheidigen, die Anſicht zu verwerfen, welche die Ehe zu einer Verſorgungsanſtalt herabwürdigt— jetzt ver⸗ gaß ſie auf dieſe Andeutungen etwas zu erwidern, jetzt blieb all ihr Empfinden nur an dem einen Worte haften: zur Laſt zu fallen— und zu jeder Antwort verſagte die Zunge ihren Dienſt. Minette wollte ſich nicht widerrufen, aber ſie lenkte ein:„Du ſiehſt es ja ſelbſt, wie ſich in der Ehe Vieles anders geſtaltet, als die Mädchen wähnen; man wird Louiſe Otto; Neue Bahnen. 1. 2 18 nüchterner und die träumeriſche Liebe tritt in den Hinter⸗ grund. Ja gerade diejenigen, die einander ſchwärmeriſch lieben, paſſen oft in ihren täglichen Gewohnheiten gar nicht zu einander, indeß Andere, die nur Freundſchaft und Achtung für einander empfanden, von Tag zu Tag ſich harmoniſcher zuſammenleben;“ doch wie ſie auch noch fortfuhr ihre Anſicht zu vertheidigen und ſich dabei bemühte den Eindruck ihrer vorigen Bemerkung zu vewiſchen es war doch vergeblich. Felicitas antwortete nur noch kühl und froſtig, erklärte, daß ſie lieber den niedrigſten Dienſt annehmen würde, als einem Mann ihre Hand reichen, den ſie nicht lieben könne und jetzt erſchien der kleine Georg wieder die Thür leiſe öffnend wie ein rettender Engel und rief:„Tante, bring' mich zu Bett! ich luſſe mich von der Agnes nicht ausziehen!“ Felicitas neigte ſich weinend über ihn, ſah tief in die Kinder⸗ aie und flüſterte wie getröſtet:„Du haſt lieb! Dir bin ich nicht im Wege!“ zu Minette ſagte ſie dann: ₰ will ihn zu Bett bringen—“ und wieder zu dem Kleinen:„Geh, ſage Mama erſt gute Nacht!“ Minette verließ gleichzeitig mit den Beiden das Zimmer, ging aber im Corridor nach der andern Seite und dachte erbittert:„Sie muß ihn erſt nöthigen, mir gute Nacht zu ſagen! Sie raubt mir auch die Liebe meiner Kinder!“ Mitten in kleines, neu reſtanrirtes Schlo faſt einem See gleichenden T eine breite Brücke hineinführt in das Schloß, aus dem Waſſer emporragend mit ſeinen gothiſchen Zinnen und Thürmen den Namen rechtfertigt, den es trägt: die Waſſerburg. Teiches und Park im weiten Umkreis ſich aus. Zu⸗ nd dem Schloſſe zeigen ſi gelblichem Sand wohlgehaltene Jenſeit des Brücke dehnt der nächſt dem Ufer u Bänken und allerlei Niederlafſen zwiſchen blühenden Beeten und gruppen, aus denen Zweites Capitel. Die Vaſſerburg. waldigen Bergen verſteckt liegt ein ß, rings von einem weiten, eich umgeben, über den nur das ſo, rechts und links von der ch breite mit Wege und Plätze mit Arrangements zum gemüthlichen Sträucher⸗ nur einzelne Bäume, gleichſam 2 20 botaniſche Prachtexemplare, ſich majeſtätiſch erheben. Weiterhin aber bilden Bäume und Gebüſche eine maje⸗ ſtätiſchere Waldung, aus der nur da und dort noch einzelne weiße Statuen hervorzutreten ſcheinen, goldene Kuppeln von niedlichen Pavillons ſich erheben oder be⸗ ſcheidene Rinden⸗ oder Strohdächer künſtlich nachge⸗ ahmter Hütten idylliſch herauslugen. Impoſanter aber wird noch der ganze Anblick dadurch, daß hohe bewaldete Berge das ganze Thal einſchließen, als wollten ſie den Park und das Schloß behüten, als trügen ſie eine glänzende Perle in ihrem grünem Schvoße. Während an der Süd⸗ und Oſtſeite der Berge das helle Laub der Buchen und Platanen vorherrſcht, iſt die entgegengeſetzte Nord⸗ und Weſtſeite in das in Blau und Schwarz verſchwimmende Grün des Nadelholzes gekleidet und während dieſer Contraſt die Großartigkeit der Landſchaft erhöht, ſo gewinnt ſie wieder an Lieblichkeit durch die Stellen, wo Laub⸗ und Nadelholz ſich vermiſchen, und die grünen Wipfel der belaubten Bäume wie leichte Federwölkchen über den düſtern Wänden des Schwarzwaldes zuſchweben ſcheinen.— Auf der höchſten Stelle des Plateaus, zur Rechten, gewahrt man noch verwittertes Mauerwerk, mit einem halb geborſtenen Thurm, der die Bäume überragt und vom Horizonte ſich maleriſch abhebt. An dem aus rohen Backſteinen aufgeführten und längſt zertrümmerten Bau „ 21 läßt ſich nur erkennen, daß er den älteſten Zeiten ange⸗ hört. Kein Chronikenſchreiber hat den Namen der Burg noch den ihres Erbauers aufbewahrt und ſelbſt die Zeit ihrer Zerſtörung verliert ſich noch in ſagenhaftes Dunkel. Ob die im Thal gelegene Wafferburg zu jener Felſenburg in irgend einer Beziehung geſtanden, iſt eben ſo wenig erweislich. Die Waſſerburg iſt ein Bau aus dem ſechszehnten Jahrhundert, aus der Zeit, in der ſchon die Gothik verfiel und an die alten, mehr nur tradi⸗ tionell noch feſtgehaltenen Formen die erſten Anfänge der Renaifſance ſich zu knüpfen begannen. Ob früher an derſelben Stelle ſchon eine andere Burg geſtanden, die durch Feuer, Waſſer oder Krieg zerſtört worden und an deren Stelle ſich dann das bis jetzt erhaltene Ge⸗ bäude erhob, iſt ebenfalls nicht gewiß. Die Einen be⸗ haupten, das Geſchlecht derer von Friedleben, das jetzt noch in der Waſſerburg eriſtirt und das ſeine Ahnen gern bis zur grauen Vorzeit zurückführen möchte, habe früher ſchon auf der auf dem Berg befindlichen Burg ſeinen Sitz gehabt und nach der Zerſtörung derſelben die Waſſerburg im Thalkeſſel erbaut, der früher nur ein giftiger Sumpf geweſen. Die Andern wollen wiſſen, daß die jetzige Waſſerburg ſchon an derſelben Stelle eine Vorgängerin hatte und daß zwiſchen einer Be⸗ wohnerin dieſer alten Burg und einem Ritter, der die Felſ ſtanden, die im Mittelalter ſo leicht ein blutiges Drama heraufbeſchworen. Die Herren der Burg waren Feinde und nur die Kinder hatten ſich in Liebe gefunden. Beide fielen als Opfer der ſich befehdenden Familien und enburg bewohnte, eines jener zarten Verhältniſſe be⸗ beider Burgen ſanken gleichzeitig in Trümmer. Das Geſchlecht, das auf dem Berge gehauſt, war ausgerottet in ſeinem letzten Sproſſen und nur die Waſſerburg er⸗ ſtand wieder neu. In ihr zeigt man noch das Bild der unglücklichen Editha, die damals im Waſſer um⸗ kam und es ging lange Zeit die Sage, daß ſie in ſtillen Mondnächten undinenhaft aus den Wellen emportauche, irgend ein Unglück zu verkünden. Und droben auf der Burgruine ſollte gleichzeitig ihr Geliebter, der Ritter Kunibert, umherirren in feuriger Geſtalt. Von den Lebenden wußte freilich Niemand ſich einer ſolchen Erſcheinung zu erinnern, dennoch lebte der Glaube daran unter den Bewohnern des nahen Dorfes Friedleben fort, denn in dies einſame Waldthal war noch immer nicht ſo viel von dem Lichte der Aufklärung gedrungen, um die letzten Reſte des Aberglaubens zu verſcheuchen, die unter den Gebirgsbewohnern mit dop⸗ pelter Hartnäckigkeit feſtgehalten werden. Beinahe hatte man es daher als einen muthwilligen Frevel betrachtet, daß die jetzige Schloßherrſchaft ihre Tochter Editha ge⸗ nannt hatte; man betrachtete das liebliche Kind ſchon — 23 in der Wiege als zum Unglück auserſehen und prophe⸗ zeihte dem blühenden Fräulein kein glückliches Loos. Ja, unter manchen Dorfbewohnern und der ländlichen Dienerſchaft des Schloſſes ging die Sache ſo weit, daß ſie Editha ſtets nur mit mitleidigen Augen betrachteten, als werde über kurz oder lang ein entſetzliches Geſchick über ſie kommen. Bis jetzt war dazu gerade noch keine Ausſicht vor⸗ handen. Die Familie von Friedleben lebte in unge⸗ ſtörtem häuslichen Glück auf ihrer ſchönen Beſitzung, die Herr von Friedleben ſelbſt verwaltete. Er hatte eingeſehen, daß die Beſitzung nicht ſo viel einbrachte, um ſie aufſichtslos von fremden Händen bewirthſchaften zu laſſen, ſelbſt aber ein that⸗ und arbeitsloſes Leben zu führen. Er guittirte darum ſchon als Hauptmann den Dienſt und zog ſich als Landwirth auf ſein Gut zurück. Er hatte bei der Artillerie geſtanden, war In⸗ genieur geweſen und brachte ſo einige Kenntniſſe mit, die ihm auch für ſein neues Fach zu Statten kamen. Seine Gemahlin liebte gleichfalls das Landleben und befand ſich in dieſem ſtillen Aufenthalt wohler als in dem beengenden Treiben der nicht allzufernen klei⸗ nen Reſidenz. Bekümmerte ſich Frau von Friedleben auch nicht um die Details der Landwirthſchaft, ſo führte ſie doch eine verſtändige Aufſicht über die Wirthſchafterin, welche dieſe immer in Reſpect erhielt und nöthigte, um der umſichtigen Coütrole willen immer wachſam auf ihrem Poſten und in jeder Beziehung pflichtgetren zu ſein. Inmitten dieſes umſichtigen Bienenfleißes der Eltern war Editha freilich nur der Schmetterling, der durch Garten und Wald fröhlich dahingaukelte. Sie lebte heiter und glücklich mit der Natur, genoß Alles, was dieſe ihr bot, und erhöhte ſich ſelbſt die Reize dieſes idylliſchen Daſeins durch ihre kindliche Hingabe an die⸗ ſelbe. Sie hatte ſich Tauben und Hühner gezähmt und ſo bald ſie nur über den Hof ſchritt, flatterte es in allen Ecken auf und hin zu ihr. Die Pfauen durften ſie mit in den Park geleiten und die Schwäne waren ſtets die Begleiter ihrer Gondel, die ihre kleine Hand allein und feſt zu führen verſtand. Eine Voliere im Garten war unter ihrer beſonderen Obhut und an die Blumen, die ſie im eigenen Zimmer pflegte, durfte nur ſelten die Hand des Gärtners ſich wagen. Aber wie ſehr ſie auch trotz den zuſtutzenden Hän⸗ den von Gonvernanten und reſidenzlicher Penſion Natur⸗ kind geblieben, ſie beſaß darum doch Kenntniſſe und Talente genug, um die ſie Tauſende beneiden durften, wenn ſie auch nicht wie jene mit ihnen prunkte, ſon⸗ dern mehr im ſtillen Cultus des Hauſes ſich ihrer er⸗ freute. So war der Hauch des reinſten Seelenlebens über — — — 25 dieſe liebliche Geſtalt von neunzehn Jahren gegoſſen, die noch jünger erſchien, weil noch kein heißer Hauch ſie berührt, kein Kummer ſie getroffen, keine Sorge ſie gequält hatte, und der ſich ſelbſt eine ſtille Sehnſucht, die in ihrem unſchuldigen Herzen wohnte, zu dem träu⸗ meriſchen Glück einer ſüßen Erinnerung verklärte. So war ſie fröhlich an einem heitern Junimorgen durch den Park gewandert und hatte zufällig das Ende desſelben erreicht, von dem die Straße in das nahe Friedleben führte. „Frau Schulmeiſterin, guten Morgen!“ rief ſie fröhlich einer älteren Frau entgegen, die gerade des Weges auf ſie zukam.„Kommen Sie zu uns? Das iſt ja ſelten, daß man Sie einmal am Morgen ſieht!“ Und ſie ſtreckte der Frau mit Herzlichkeit die Hand ent⸗ gegen. Die Frau des Schulmeiſters Amb leben, die ſo herzlich willkommen geheißen ward, mochte etwa fünfzig Jahre zählen, aber Sorgen und ſchmale Koſt bei raſtloſer Arbeit mochten ſie wohl früh gealtert ſchon ziemlich in's Graue überge⸗ Langen und dabei ſo ſpärlich, daß ein dichtes weißes Häubchen eine seſt nothwendige Bedeckung dafür war. er ganze hubländliche, halbſtädtiſche Anzug zeigte eben ſo viel Dürftigkeit als Sauberkeit. Sie legte ihre rauhe, von Arheit abgemagerte Hand in die zarte, noch ach von Fried⸗ 26 von einem weichen Handſchuh überhüllte des Fräuleins und ſagte:„Ja, ich wollte zu Ihnen, mit Ihnen reden, ehe ich noch mit meinem Mann ſpreche und ihm den Schrecken mache, der mir eben noch in allen Gliedern liegt— „Sigismund—!“ Thränen erſtickten die Stimme der Schulmeiſterin. Editha war auf's Aeußerſte beſtürzt von der Auf⸗ 2 regung einer Frau, die ſie ſonſt immer in einem faſt apathiſchen Gleichmuth geſehen und als vollends der Name Sigismund ſo ſchmerzlich bewegt ausgeſprochen ward, färbte eine glühende Purpurröthe die zarten Wan⸗ gen des Mädchens, um bald wieder einer leichenhaften Bläſſe Platz zu machen; in ſchmerzlichſter Bewegung wiederholte ſie:„Sigismund— um Gottes willen ſagen Sie, was mit ihm iſt?“ „Ach, leſen Sie den Brief da,“ antwortete die Schulmeiſterin und indem ſie ihre Thränen zu trocknen ſuchte, überreichte ſie Editha einen Brief.— Dieſe hatte nur einen Blick darauf geworfen, als ſie ſchon beruhigt aufathmete und Sigismunds Hand erfennend umwillkürlich rief:„Nun Gott ſei Dank— er hat ja ſelbſt geſchrieben!“ 3 Gut, daß dieſen unbedachten Ausruf Niemand wei⸗ ter vernahm, als ein kleiner neugieriger Stieglitz, der auf einem herabhangenden Zweige gerade über Editha's Haupt ſich wiegte und ſchelmiſch neckend eines ſeiner * 27 bunten Federchen herabwarf— Niemand ſonſt als eine Mutter, deren Alles dieſer Sohn war und die darum auch das Mitgefühl des Mädchens ſich erklärte. Editha las, was Sigismund ſchrieb. „Meine theuern Eltern! Heute habe ich Euch in einer ſo wichtigen Angelegenheit zu ſchreiben, daß ich keine anderen damit vermengen will. Ihr wißt, wie glücklich ich war, nach Euerem Wunſch, unterſtützt von der Güte des edlen Gutsherrn und den Empfehlungen unſeres ehrwürdigen Pfarrers Theologie ſtudiren zu dürfen. Aber ſchon immer war mein Herz getheilt zwiſchen dieſer Facultät und der erhabenen Muſika— aber ich dachte daran, wie es ja das ſchönſte Vorbild aller Theologen, unſer herrlicher Martin Luther auch nicht anders gehalten und zugleich der Tonkunſt wie der Gottesgelahrtheit gelebt hat und. ich ſagte mir auch, daß in jetziger Zeit ein Hauslehrer weit eher ſein Glück mache, wenn er auch ein wenig Muſik verſtehe. So ſtudirte ich fleißig in beiden fort und darf mir ſagen, die mir gebotene Zeit nicht nutzlos vergeudet zu haben. Aber ſo wohl, ſo erhaben und durchgeiſtet wie ich mich fühlte wenn ich mich mit Muſik beſchäftigte, ſo nieder⸗ gedrückt fühlte ich mich mehr und mehr durch das Stu⸗ dium der Theologie. Fern ſei es von mir, das ſchönſte Buch, welches wir beſitzen: die Bibel, nicht als eine Fundgrube ewiger Wahrheiten, als eine Ouelle der Be⸗ 28 geiſterung zu betrachten— aber ich fand bald, daß ich ihren modernſten, vom Staate autoriſirten Auslegern nicht beiſtimmen konnte— ich erkannte noch ſchneller, daß ich ein anderes Chriſtenthum daraus ſchöpfte, als dasjenige, welches der Staat in officieller Weiſe mir aufdringen wollte und ich fühlte mich unfähig, ein Be⸗ kenntniß zu beſchwören, das ich im Widerſpruch fand mit meiner Vernunft und meinem Empfinden. Aus dieſen Zweifeln und Kämpfen, die dadurch in mir her⸗ vorgerufen wurden, flüchtete ich mich wieder in die freien und doch auch auf ewige Geſetze gegründeten Regionen der Tonkunſt und fand in dieſem Gebiet alle die innere Harmonie wieder, die ich in jenem verlor! Und warum ſoll ich nun nicht mein ganzes Leben an einen Beruf hingeben, der mein eigenſtes Lebenselement iſt und in dem ich die Kraft fühle, etwas leiſten zu können, während ich in dem andern mich ewig fremd fühlen, immer ein Stümper ſein würde?“ Darum zürnt mir nicht— ich habe den entſcheiden⸗ den Schritt gethan— ich erkannte unter dem jetzt herrſchenden Syſtem in den Angelegenheiten des Cultus meine Unfähigkeit, das Examen als Candidat nach Wunſch zu machen— noch mehr! ich bekannte, daß es mir unmöglich ſei einen Eid auf ein Bekenntniß abzulegen, in dem ich nur Fälſchungen des wahren Chriſtenthums finden könne— und ſo genügte denn auch dieſe ein⸗ 29 ½ fache Erklärung, mich für immer aus der Candidaten⸗ liſte zu ſtreichen. Als dies geſchehen war, athmete ich frei und glücklich auf, und nur der Gedanke, daß ich Euch, theuere Eltern, einen Augenblick in Beſtürzung verſetzen würde, trübte meine freudige Stimmung. Aber ich hoffe, es wird nicht lange Zeit brauchen, ſo werdet Ihr Euch von Eurer Beſtürzung erholen und mir zu⸗ ſtimmen. Vor Gott und meinem Gewiſſen konnte ich nicht anders handeln, als wie ich gethan— ſchon in dieſem Gedanken liegt die größte Beruhigung, eine an⸗ dere liegt aher noch in einem Vergleich der beiden Be⸗ rufsarten, zwiſchen denen ich mich zu entſcheiden hatte. Als Candidat war wohl meine glücklichſte Ausſicht irgend eine beſcheidene Landpfarre; aber ehe ich dieſe erreichte, blieb mir viele Jahre lang auch ni übrig, als Privatſtunden zu geben oder im beſten Falle irgend eine dürftige Lehrerſteile ön erhalten. So viel aber bringt mir meine V 6 ioline auch ein. Ich gebe ſchon jetzt S unden auf ihr und viellei Uni wie ich von Euch Verzeihung hoffe, wird mir auch mein gütiger Gönner und Wohlthäter, der edle Herr Hauptmann verzeihen— war er es doch, der mir einſt un all' mein Lebens⸗ die Violine ſchenkte, auf die ich n glück baue.“* 30 Nachdem dies Editha langſam und aufmerkfam n und den nachfolgenden kindlich zärtlichen Schluß geleſe überflogen hatte, ſagte ſie:„Ich finde nicht, daß Sie Urſache haben, ſich über dieſe Nachricht zu betrüben. Allerdings iſt es Schade, wenn er nun hier nicht Pfarrer werden kann— ich würde gern zu ihm in die Kirche gegangen ſein!— aber es hätten bis dahin auch noch Jahre vergehen müſſen— der alte Hert Paſtor läßt ſich vielleicht nicht ſo bald emeritiren! Im Uebrigen aber freut es mich, daß er ſich ganz der Tonkunſt wid⸗ men will! Wenn wir zuſammen Beethovenſche Sonaten ſpielten und ſeine Violine mich zum Pianöforte beglei⸗ tete, da dachte ich oft, daß der Muſiklehrer, mit dem ich dergleichen in der Penſion ſpielte, nicht halb ſo ſeelenvoll vortrug als Sigismund! und wenn er allein auf ſeinem Inſtrument phantaſirte, da hörte ich ihm entzückter zu, als irgend einem berühmten Virtuoſen in der Reſidenz im großen Concert und ich dachte ſchon oft, wenn er wolle, könne er auch ſo, ſtatt nur mich allein, eine ſtaunende Menge entzücken!“ 3 „Ach, ſo haben Sie ihm wohl gar den Kopf verdreht?!“ rief die Schulmeiſterin, durch Editha's Ant⸗ wort nur ſtutzig geworden, aber nicht beruhigt. Editha erröthete, aber ſie ſprach ruhig weiter; „Mein Vater wird ihm gewiß auch nicht zürnen— e hat ihm ja die Violine erſt geſchenkt.—“ „Ja, und das ganze Unglück ſtammt von daher!“ ſeufzte die Frau;„hätte er das ſchöne Inſtrument nicht bekommen, ſo würde ihm die Luſt zu dem unnützen Mu⸗ ſiciren bald vergangen ſein!“ „O nennen Sie nicht unnütz,“ eiferte Editha,„was uns ſelbſt und andern Menſchen die ſchönſten Wonnen und Erhebungen gewährt! jede Kunſt iſt eine Tochter des Himmels und wenn die Tonkunſt nichts Bleibendes geſtaltet, ſo echebt ſie dafür auf ihren geiſtigen Schwin⸗ gen um ſo höher, veredelt und begeiſtert, und wirkt ſo gerade das guch, was der Zweck einer Predigt iſt und ſo oft doch nicht durch ſie erreicht wird.“ ie Schulmeiſterin ſchüttelte immer noch mit dem Kopfe und begann wieder in ihrem eigenen Ideenkreis verſunken:„Ein armer Muſikus! da hätte ich do ch ge⸗ dacht, es würde etwas Anderes aus meinem einzigen Sohne, und vollends, nachdem ihm ſo hohe Protection geworden!“ „Mit ihr wird er auch in dem neuen Stande nicht untergehen!“ rief Editha und gab ſich noch einmal alle erfinnliche Mühe, zu⸗ beweiſen, wie es nicht allein viel edler ſei, ſich einer freien Kunſt zu widmen, als einer Theologie, die ſclaviſche Unterwerfung forderte, wie ein Muſi ü inträgli 32 daß ihr Sohn es zu mehr bringen könne, als in einem fleinen Orcheſter wohl gar den Leuten zum Tanz auf⸗ zuſpielen und ſchloß endlich:„Ach, wie er klein war, machte er mir Mühe und Noth genug, denn er war lange ein kränkliches Kind— aber das hätte ich mir doch nicht träumen laſſen, daß ich das an ihm erleben würde!“ Faſt riß jetzt Editha die Geduld. Sie bewegte unruhig den kleinen Fuß, drückte den Gartenhut feſter auf den blonden Lockenkopf und ſagte mit einer Ener⸗ gie, die man von dieſem zarten Geſchöh gar nicht hätte erwarten mögen:„Jetzt begleite ich Si aber gleich mit zu Ihrem Manne und werde ihm die Sache ſelbſt vorſtellen!“ „Ach, gnädiges Fräulein— er hält ja Schule?“ mahnie die Schulmeiſterin. Aber das entſchloſſene Fräulein ließ ſich davon nicht abhalten, ſondern antwortete:„das iſt mir einerlei! So ruf ich ihn mir heraus oder warte bis zu einer Zwiſchen⸗ ſtunde— ich will ihm dieſe Nachricht ſchon ſelbſt bringen und bezweifle nicht, daß er ſie anders aufnimmt, als Sie ſich vorſtellen.“ Sie ſprach das letztere wieder im ſanf⸗ teſten Tone, nahm die Hand der leiſe weinenden Frau in die ihrige und lenkte neben ihr die Schritte dem Dorfe zu. Frau Ambach wußte, daß Fräulein Editha durch⸗ ſetzte, was ſie ſich vorgenommen und daß ein Widerſpruch unmöglich war— aber auch jetzt erfuhr ſie, wie ſchon oft, wie bei dieſer Tyrannei ſo viel Liebenswürdigkeit ſich geltend machte, daß gar nichts Anderes übrig blieb, als ſich gern und geduldig zu fügen. Und während jetzt dies immerhin ſonderbare Paar ſo Hand in Hand durch den Frühlingsmorgen wandert, können wir uns ein wenig näher über Sigismund und ſeine Eltern unterrichten. Bei der Leutſeligkeit der Familie von Friedleben ge⸗ gen ihre geſammte Umgebung und namentlich gegen die⸗ jenigen, die in einer gewiſſen Beziehung zu ihr als Guts⸗ herrſchaft ſtanden, war es natürlich, daß auch der Schul⸗ lehrer Ambach mit Zutritt im Schloſſe hatte. Da er frü⸗ her einen ſchönen Bariton beſaß, ſo ward er namentlich oft mit in muſikaliſche Kreiſe gezogen. Seine Frau aber ſuchte ſich davon immer fern zu halten, kam ſie auch frü⸗ her mit in's Schloß, ſo machte ſie ſich doch immer etwas mit in der Wirthſchaft zu ſchaffen oder ſaß in der Kin⸗ derſtube, ſo lange Editha und ihr Bruder Rudolph noch klein waren. Natürlich hatte ſie da auch ihren Knaben Sigismund mit, den ſie ja doch nicht allein zu Hauſe laſſen konnte— und ſo gewöhnten ſich die drei Kinder mehr und mehr an einander. Denn mit Sigismund zu ſpielen war auch den adeligen Sprößlingen erlaubt, da er nichts von den rohen Sitten der gewöhnlichen Dorfkinder Louiſe Otto; Neue Bahnen. 1. 3 34 hatte, ein äußerft intelligenter Knabe und noch außerdem der Pathe des Herrn Hauptmanns war. Der Bruder des Schullehrers war Muſiker an einem kleinen Theaterorcheſter. Er hatte nur eine kärgliche Ein⸗ nahme und als er in einem Sommer, wo das Theater geſchloſſen war, gar keinen Verdienſt hatte, beſuchte er feinen Bruder, der ihn mitleidig den ganzen Sommer bei 3 ſich aufnahm. Um ſich wenigſtens einigermaßen erkenntlich zu zeigen, gab er dem zehnjährigen Sigismund Violinſtunde, die der Knabe mit enthuſiaſtiſcher Lernbegierde betrieb. Aber um ſo größer war auch der Jammer desſelben, als der Oheim ſammt ſeiner Violine wieder von dannen zog und Sigismund nur das Nachſehen hatte. Da be⸗ ſcheerte ihm ſein Pathe— auf Editha's Bitten— zum folgenden Weihnachtsfeſt eine viel ſchönere Violine, als die des Oheims geweſen war, mit vielen paſſenden Noten — und nun war des Entzückens und Spielens kein Ende! Als Sigismund dreizehn Jahr war, war es der ſehn⸗ lichſte Wunſch der Eltern, ihn ſtudiren zu laſſen— aber von dem Gehalt eines Schullehrers blieb dazu nur wenig übrig— da erklärte ſich wieder der Pathe zu einem jähr⸗ lichen Zuſchuß bereit und Sigismund bezog das nächſte Gymnaſium und ſpäter die entferntere Univerſität, um Theologie zu ſtudiren. Selbſtverſtändlich kam er dann zu allen größeren Ferien in's Vaterhaus. Eine Zeit lang traf es, daß er, obwohl ſtets gern im Schloß empfangen, 35 doch Editha nicht traf, weil ſie in der Penſion weilte und ähnlich war es mit ihrem mit Sigismund im gleichen Alter ſtehenden Bruder Rudolph, der gleichfalls auf ein Gymnaſium, aber ein anderes, koſtſpieligeres, als der Schulmeiſtersſohn gekommen war. Sigismund hatte ſich indeß ſeiner Violine mit größtem Eifer gewidmet, er ſparte und darbte und gab ſelbſt andern Knaben in verſchiedenen Schulgegenſtänden für ein Billiges Unterricht, nur um bei einem anerkannten Meiſter Violinſtunde nehmen zu können. Jedesmal, wenn er wiederkam, hatte er neue eminente Fortſchritte gemacht und Editha kannte kein größeres Glück, als mit ihm zu muſieiren, und Alles, was ſie vorhin ſeiner Mutter ſagte, hatte ſie ſchon tauſendmal empfunden. Und jetzt entwarf ihre Phantaſie im Nu ein rei⸗ zendes Bild. Sigismund ſpielte im ſchönſten Concert⸗ ſaal, den ſie je geſehen. Im Geiſte hörte ſie die Phan⸗ taſie, die er ihr bei ſeiner letzten Anweſenheit vorge⸗ ſpielt— jebt hörten und genoſſen Hunderte ſie mit ihr— er war der gefeierte Held des Abends. Ein Beifalls⸗ ſturm umdonnerte ihn, Blumen flogen aus ſchönen Hän⸗ en ihm zu, Alle ſtanden auf von ihren Sitzen, um ihn zu ſehen. Umdrängt von Huldigungen eilte er doch ſich in ſein Zimmer zurückzuziehen, nur um an ſeine Eltern zu ſchreiben und ihnen das blanke Gold zu ſchicken, das er eingenommen. Dies Bild enffaltete Editha jetzt ————— 36 vor der dazu wohl noch ungläubig lächelnden, aber doch ſchon lächelnden Mutter.„Gebt nur Acht,“ ſchloß Editha in heiterer Prophetie:„Ihr werdet an Euerem Sohn nicht allein Freude, ſondern auch Ruhm erleben. Ihr Stolz war er immer— nun wird er es auch vor der ganzen Welt ſein und der Name Ambach wird noch unſterblich werden. Wer weiß, ob man nicht dereinſt zu dieſem kleinen Schulhaus wallfahrtet und eine Gedenk⸗ tafel daran anbringt, auf der der Name Sigismund Ambach mit goldenen Lettern prangt.“ So deutete ſie auf das Haus, aus dem man unten. die Stimme des Präceptors vernehmlich fragen, und wie im Tactſchlag einen Chorus heller Kinderſtimmen antworten hörte. Drittes Capitel. Im Marmorhauſe. Der Schullehrer Ambach hatte in ſeinem ſchwe⸗ ren und aufreibenden Beruf ſo weit ſich ſelbſt abge⸗ ſtumpft, daß er weder großen Hoffnungen noch großen Befürchtungen ſich hingeben konnte. Er hatte immer dieſelbe Arbeit, immer dieſelben Sorgen gehabt— aber er hatte mit jener ja doch immer fertig werden, dieſe immer noch ertragen können— der ganze Menſch hatte lo zu ſagen immer in dieſem Wuſt geſteckt— aber er war ihm doch nie über dem Kopfe zuſammengeſchlagen. Manche ſeiner Amtsbrüder waren in viel ſchlimmerer Lage als er— und ſo war er mit ſeinem Looſe zufrieden: ühe und Anſtrengung für geringen Lohn und ohne erhebende Momente vom Morgen bis zum Abend, kei⸗ nen Feierabend, noch weniger Feiermachen. Das war — 38 ja das Lovs auch von Andern, obwohl er freilich oft ſich ſagte, daß der Knecht, der das Feld bebaute, der in die Fabrik ging, mehr Stunden der Erholung und Ruhe hatten, als der Schullehrer, dem der Beruf ge⸗ worden, in den Kindern das Volk zu erziehen. Waren die Schulſtunden vorüber und ſtrömte die ländliche Jugend fröhlich aus dem engen Pferch hinaus, ſich in den Dorfgaſſen luſtig zu tummeln, oder im freien Feld noch den Eltern ſpielend bei der Arbeit zu helfen, ſo begann für den Lehrer erſt noch ein Stück der ſauerſten Arbeit: er hatte die Bücher der Kinder zu corrigiren und oft von ſo viel Fehlern zu ſäubern, daß die rothe Tinte des Lehrers die ſchwarze der Kinder gleich wie rother Mohn ein dürftiges Aehrenfeld über⸗ wucherte. Den Feierabend hatte er wohl eigenhändig einzuläuten für das ganze Dorf, nur ihm ſelbſt ſchlug er ſo ſelten! Und noch ſchlimmer verhielt es ſich mit den Feiertagen. Da hatte er den ganzen Morgen mit in der Kirche zu fungiren und wenn die Gemeinde ſie verließ, um ihren Luſtbarkeiten entgegenzugehen, hatte er wieder Vorbereitungen zu treffen zu einer Taufe oder Trauung, dann am Nachmittag in der Kirche vor lee⸗ ren Bänken oder ſchlafenden Frauen Betſtunde zu hal⸗ ten, um gleich darnach vielleicht wieder bei einer Kind⸗ taufe gegenwärtig zu ſein. So wußte er kaum, ob er 3 des Sonntags nicht noch ſchlimmer daran war, als in den 39 Wochentagen. Aher er klagte über nichts mehr. Er war das Alles nun ſchon ſeit faſt dreißig Jahren ge⸗ wohnt und hatte nicht nur aufgehört, eine Veränderung zu wünſchen und zu hoffen, ſondern auch nur an ſie zu denken. Er ſtand mit dem Pfarrer und der Schulbe⸗ hörde ſo ziemlich gut, mit der Gutsherrſchaft ausge⸗ zeichnet und mit den meiſten Bauern, wenn ſie nicht gar zu unverſtändige Eltern waren, ſo leidlich wollte er weiter? Sein braves Weib hielt treulich mit ihm aus und an dem Sohne, dem einzigen Kinde, das ihm von vier Kindern geblieben war, hatte er bis jetzt nur Erfreuliches erlebt. Seine Hauptfreude war freilich ie, daß er nicht auch Schulmeiſter zu werden brauchte gleich ihm, ſondern ſtudiren konnte, und wenn auch erſt nach einer entbehrungsvollen Candidatencarriere, es der⸗ einſt auch ſo gut haben könne, wie der Herr Pfarrer, in der Regel nur den Sonntag zu arbeiten, ſonſt aber die ganze Woche Feiertag hatte. Daß ihm nun durch den Brief d Hoffnung zerſtört ward, fiel ihm freilich Herz und es gelang Editha nicht ſo ſchnell, wie ſie ge⸗ dacht hatte, ihm die Berufswandlung Sigismunds in einem günſtigen Eichte erſcheinen zu laſſen. Da Editha indeß nicht aufgehört hatte ſeine Fürbitterin zu ſein, ſo fagte er, daß er ihm zwar ſeine Unbeſonnenheit vor⸗ halten, gber auch vergeben wolle. — was es Sohnes dieſe ſchwer auf das Editha fühlte bald, daß ſie an Sigismund's Eltern ihre ganze Beredſamkeit ſo ſehr erſchöpft hatte, daß ſie ſich an demſelben Tage nicht noch Kraft zutraute, ſie auch an ihren eigenen Eltern zu verſuchen, ſondern daß ſie über das heut Erlebte lieber noch ſchwieg. Warum auch gleich Allen Alles ſagen? war es oft nicht beſſer die Dinge reifen zu laſſen, ehe man über ihr Für und Wider ſich ſtritt, wenn doch einmal nichts daran zu ändern war? War es denn nicht klüger, erſt dann zu ſagen, daß aus dem Candidaten ein Virtuos geworden, ſobald Sigismund bewieſen hatte, daß er ein ſolcher ſei, was nach Editha's günſtiger Meinung von ihm gewiß recht bald geſchehen mußte? So waren einige Tage vergangen und Editha be⸗ nutzte einen friedlichen Sommerabend, ſich wie gewöhnlich im Park zu ergehen. Still und mild war die Luft. Vor der Sonne im Weſten ſchien ein ſchwarzes ehernes Schild zu lagern, an dem ſich die Strahlen wie Lanzenſpitzen brachen und nur da und dort noch einmal hervorblitzten. Leichte weiße Wölkchen tauchten zuweilen wie wallende Feder⸗ büſche hervor und verſchwanden dann wieder in einer Fluth von Sonnengold, die, weil ſie jeden zarten abend⸗ lichen Roſenſchmuck verſchmähte, faſt unheildrohend auf und nieder wogte. So im Widerſchein dieſes nur zu⸗ weilen hervorſchießenden flüſſigen Goldes leuchteten die 41 gothiſchen Fenſter an der Weſtſeite des Schloſſes wie im Brillantfeuer auf, um ſich dann ſchnell wieder zu verdüſtern. Solche einzelne Lichter zuckten auch über das Waſſer und die darauf ſchwimmenden Nymphäen, dieſe Inbegriffe aller Blumenpoeſie. Große, halber⸗ ſchloſſene weiße Dolden, die goldene Kleinodien in ſich zu wahren ſchienen, ſchwammen auf breiten grünen Blättern, die ihnen gleichſam als Gondel zu dienen ſchienen, auf dem blaugrünen Waſſerſpiegel. Es wogte und webte um ſie wie ein ſüßes ſeliges Geheimniß, das nur einem geweihten Auge ſich offenbaren mochte. s war wie der ſüße Zauber eines Traumes, wie ein pve⸗ tiſches Märchen von der Natur ſelbſt gedichtet! Und zwiſchen dieſen Blumen hin, ohne ſie zu beſchädigen oder nur zu ſtören, ruderten ſilberweiße Schwäne mit auf⸗ gehobenen Flügeln und kamen nahe an's Ufer, wo Editha weilte. Sie ſchonten die Blumen und rauſchten durch das Schilf, das da und dort über ihnen faſt zuſam⸗ menſchlug und ſchon hohe Blüthenſtengel aufgerichtet hatte zu künftigen Waffen, die jetzt noch in ſammetnen — Scheiden ſteckten. „Kommt nur, kommt!“ rief Editha den Schwänen zu und betrat den ſammetnen Grasteppich, der bis zu dem Schilf hinüberreichte. Und indem der größte Schwan ſein ſilberweißes Gefieder ſchüttelte, daß die Waſſertropfen im glänzenden Geflimmer davon abperſten und er nun 13 S2 42 ſeinen majeſtätiſchen Hals vor Editha neigte, das dar⸗ gebotene Futter von ihrer kleinen Hand zu nehmen, da kam vom nächſten Baum, auf dem er ſchon den Platz zur Nachtruhe geſucht hatte, ein buntſtrahlender Pfau herabgeflogen und pickte im Nu mit dem ſpitzen Schna⸗ bel auf dem niedlichen Köpfchen, das eine eigenthüm⸗ liche Krone trägt, die Brocken auf, dem breiten Schnabel des Schwanes zuvorkommend— dann ſchlug er trium⸗ phirend ein Rad und trippelte ſeitwärts. Andere Schwäne und Pfauen kamen nun von beiden Seiten herbei, ſchüch⸗ terner und beſcheidener als jene, aber doch befand ſich das Mädchen mitten in einem Kreis großer Vögel, die ſie wie eine Fee erſcheinen ließen, um deren Gunſt die wunderbarſten Geſchöpfe ſich ſtritten. Nachdem ſie ein Weilchen ſich an dieſem doch ziem⸗ lich harmloſen Kampf erfreut, ſuchte ſie ihn dadurch zu beenden, daß ſie eine Hand voll ihrer Krumen in's Waſſer warf und dann mit ihren Spenden inne hielt— die Schwäne kehrten zurück in ihr eigentliches Element, ſegelten und ſchnappten den Ringen nach, die von Edi⸗ tha's Wurf auf dem glatten Waſſerſpiegel entſtanden waren— die Pfauen hatten am Ufer das Nachſehen— die einen ſchlugen Rad, weil ihnen ja doch nichts Anderes zu thun blieb, die andern klagten und zürnten in ziemlich unmelodiſchem Geſchrei. Nicht lange, ſo war die Schaar auseinander geſtoben und als Editha wei⸗ ter waldeinwärts ging, folgte ihr nur einer der Pfauen, der fortwährend an ihrer Seite blieb. Editha wußte nicht, daß ſie während dieſer harm⸗ loſen Gartenſcene nicht allein von ihrer Mutter, ſondern auch von der Frau Paſtorin beobachtet ward, die nur eben gekommen war, um auf dem Schloß die„ſchrecken⸗ erregende Neuigkeit“ von Sigismunds„Umſatteln“ mit⸗ zutheilen und natürlich Alles in der gehäſſigſten Weiſe darzuſtellen. Die Paſtorin Leutner hatte mehrfache Gründe, mit Sigismunds Handlungsweiſe unzufrieden zu ſein. Ihr hauptſächlichſter Grund war aber der, daß Sigismund nun nicht der Subſtitut ihres Mannes werden konnte! Sie hatte ja auf diefen Plan den zweiten gebaut, daß er dann auch zugleich ihr Schwiegerſohn werde. Denn ſie war Mutter von vier hoffnungsvollen Töchtern und von dieſer war bis jetzt nur eine, die Zweite, verheirathet an einen Paſtor Schäfer, mit dem ſie in ziemlicher Ent⸗ fernung auf einer kleinen Landpfarre kein ſehr freuden⸗ reiches Daſein hatte. Für die drei andern Schweſtern hatte ſich aber noch kein Freier finden wollen und die Mutter hoffte nun vorerſt auf Sigismund. Zwar hatte er ſich gerade nie beſonders zuvorkommend gegen„ihre Mädchen“ gezeigt und es auf der Pfarre überhaupt ſtets nur bei den nöthigſten Beſuchen bewenden laſſen— kein Wunder faſt, da man ihn ja auf dem Schloſſe verhät⸗ 44 ſchelte und er da„wie das Kind im Hauſe“ war. In⸗ deß die Pfarrerin dachte: wenn er nur einmal ganz als Subſtitut im Hauſe ſei, ſo wollte ſie es ſchon ein⸗ zurichten wiſſen, daß er ihr als Schwiegerſohn nicht ent⸗ gehen könne, nöthigenfalls hoffte ſie auch die Beſtim⸗ mung durchzuſetzen, daß nur derjenige dereinſt Ausſicht habe, der Nachfolger ihres Gatten zu werden, der einer von deſſen Töchtern die Hand reiche. Die Frau Paſtorin beſaß gleich vielen Frauen ein ausgezeichnetes Talent für die Intrigue— ſie hatte es zuerſt an ihrem Gatten geübt, bis der ganz und gar von ihr beherrſcht ward und ſelbſt eigentlich nicht wußte, wie das nur ſo hatte kommen können— dann wußte ſie es in der Gemeinde geltend zu machen und ſeit ihre Töchter heirathsfähig waren, richtete ſie es haupt⸗ ſächlich darauf, ſie dies Ziel erreichen zu laſſen. Hierbei war ſie noch nicht ſehr glücklich geweſen— um ſo eifriger war ſie nun in ihrem Bemühen und um ſo weniger bebte ſie auch vor den weitausgehendſten Plä⸗ nen zurück. Der Paſtor Leutner war ſechszig Jahre und konnte ſein Ant noch verſehen, wenn man nicht zu große An⸗ ſprüche an ihn machte, indeß begann ſeine Taubheit, die etwa ſeit einem Jahrzehent nur auf einem Ohr bemerklich geweſen, ſich jetzt von Jahr zu Jahr zu ver⸗ ſchlimmern und die Paſtorin fürchtete, man könne ihn, 45 wenn das ſchlimmer würde, um deswillen bald eme⸗ ritiren und ſo entwarf ſie immer ihre Subſtitutenpläne.— Daß Sigismund bei„der Herrſchaft“ vor Allen den Vorrang haben würde, wußte ſie aus langer Erfah⸗ rung. Kam er, wenn auch erſt in ein paar Jahren in's Haus, ward er ihr Schwiegerſohn, ſo konnte ja die ganze Familie friedlich in der Pfarre mit ihm woh⸗ nen bleiben und ihr wenigſtens war ſie als Wittwenſitz geſichert, denn auch auf dieſe Wittwenſchaft hin, die ja gar nicht ſo wahrſcheinlich war, denn ſie zählte nicht viel Jahre weniger als ihr Mann, und an die andere Frauen vor Bangen gar nicht zu denken wagen, entwarf ſie immer ihre lebensklugen Pläne.— Dieſe plötzlich von einem unvorhergeſehenen Ereigniß durchkreuzt zu ſehen, brachte ſie immer ganz aus der Faſſung— wenn ſchon ſie Elaſticität des Geiſtes genug beſaß, um die zerriſ⸗ ſenen Fäden ihrer künſtlichen Gewebe ſofort wieder auf neue Weiſe zuſammenzuknüpfen und durch einander zu werfen. Jetzt war ſie aufs Schloß gegangen. Sie mußte ſich ausſprechen, rächen, mußte wenigſtens die Erſte ſein, die dieſe Nachricht über Sigismund brachte, um ſie auch auf die rechte Weiſe zu bringen. Sie mußte auch zeigen, daß ſie immer über alle Vorgänge gut unterrichtet war, auch über das, was ſich außerhalb ihres Dorfes ereignete. Die unerhörte Neuigkeit von Sigismund's„Umſattelung“ 46 hatte ihr ihre Tochter geſchrieben, die ſie zufällig von einem ſeiner theologiſchen Studiengenoſſen erfahren, mit dem Bemerken, daß es ſeine Eltern wahrſcheinlich gar nicht wüßten. Die Paſtorin mochte auch davon feſt überzeugt ſein, da ſie aus dem Schulhaus noch nichts davon hatte verlauten hören,— ſie ſandte daher ihren Mann mit der Hiobspoſt„zu den unglücklichen Eltern, ſie durch Gottes Wort zu tröſten,“ indem ſie ſelbſt ſich das Vergnügen nicht nehmen ließ, der Schloßherrſchaft auf„feine Weiſe“ zu verſtehen zu geben, was dabei herauskomme, wenn man Schulmeiſterkinder mehr protegire als Paſtorenkinder. So war ſie jetzt im beſten Zuge, Sigismund als einen Vagabunden und Gottesleugner darzuſtellen, indeß Frau von Friedleben beſorgt hinaus in die ſeltſam beleuch⸗ tete Landſchaft blickte und auf ihre geliebte Tochter, die ſo kindlich froh und ahnungslos mit den Vögeln ſpielte, indeß drohende Wetterwolken emporzogen.— Die Paſtorin folgte dieſen Blicken und ſagte:„Sie haben das gnädige Fräulein auch ſo oft in der Geſellſchaft dieſes verwahrloſten Menſchen gelaſſen, das tröſtet mich darüber, daß er much in die Nähe meiner Töchter kam— aber von nun an wird er für immer aus der Pfarre verbannt ſein— und ich denke, die gnädige Frau wird ihm auch nicht mehr erlauben das Schloß zu betreten.—“ „Wenn er ſo geſunken ſein ſollte, wie Sie ſagen,“ antwortete die ſanftere Frau von Friedleben,„allerdings nicht— aber erſt muß man ſich doch über ihn vergewiſ⸗ ſern, ehe man ihn ſelbſt ganz ſinken läßt und die acht⸗ baren armen Eltern ſo im Innerſten kränkt.“ Während die Paſtorin dies milde Princip zu be⸗ kämpfen ſuchte, ging Editha mit ihrem Pfau weiter in das Dickicht, ſo daß ſie bald den bange nachſpähenden Blicken der Mutter entſchwunden war. Der Pfau ließ ſein mißvergnügtes Schreien hören und indeß dieſer Ton, der bis in das Schloh hinaufdrang, von den Damen für das Zeichen baldigen Regens gehalten ward, war er für Editha— gleich dem Bellen eines Hundes— das Zei⸗ chen, daß irgend Jemand in dieſer Einſamkeit ſich ihr nähere. Sie war nicht furchtſam und an das Alleingehen ſo gewöhnt, daß ſie vor keiner Begegnung zitterte, am We⸗ nigſten hier im Park, der meiſt nur von bekannten Per⸗ ſonen betreten ward— aber heute ſah ſie ſich ſcheu nach allen Seiten um und wußte nicht, was ihr plötz⸗ liches Herzklopfen zu bedeuten hatte.— ie war eben an einem jener phantaſtiſchen Ge⸗ bäude angekommen, an denen der Park ſo reich war. ies, an dem ſie ſich befand, nannte man„das Mar⸗ morhaus.“ Griechiſche Säulen aus dunklem, weiß durch⸗ äderten Marmor, echs an der Zahl, zu denen eben ſo viele Stufen emporführten, bildeten den Eingang zu einer fenſterloſen Halle, die Licht und Luft nur durch 48 die Fronte empfing, an der die Säulen ſtanden. Vier Säulen bauten ein zweites Stockwerk darauf, zu dem man nur von der Anhöhe aus gelangte, an der dies Ge⸗ bäude ſich lehnte. Unten bot es einen kühlen Raum in ſommerlicher Hitze und oben einen ſchönen Fernblick über den Park und das Schloß nach den waldigen Bergen. Der Weg zu der Anhöhe und dem oberen Stock des Marmorhauſes wand ſich ſeitwärts empor— aber dieſen verſchmähend ſprang ein junger Mann die Raſenhöhe im ſchnellen Lauf hinab und auf Editha zu— der Pfau ſchrie erſchrocken auf und ſeine Herrin rief in äußerſter Ueberraſchung: „Sigismund!“ Ein junger Mann ſtand vor ihr und hielt ihre Hand in der ſeinen. Er war ſchlank und hoch aufgewachſen und zeigte jenes blühende Ausſehen und jene friſche Elaſticität der Jugend, die im vier und zwanzigſten Lebensjahre ihr un⸗ veräußerliches Recht ſein ſollten und doch ſo oft ſchon durch eignen Muthwillen zerſtört ſind. Sigismund Ambach hatte etwas dunklen Teint, der aber zu ſeinen dunklen, ziemlich langen Locken, dem kleinen Schnurrbart, den regel⸗ mäßigen Bogen der dichten Augenbrauen und den langen ſich verſteckten, vortrefflich paßte. Das ebenmäßige Profil mit der faſt griechiſchen Naſe und den blendend weißen Wimpern, hinter denen ein paar glühend dunkle Augen 49 Zähnen zwiſchen den leicht gesffneten Lippen paßte trefflich zu den Standbildern griechiſcher Mythologie, die von der oberen Halle des Marmorhauſes wie neu⸗ gierig herabſchauten. „Mein Fräulein!“ rief er, entzückt, daß ſie ihn wie ſonſt in den Tagen der Kindheit bei ſeinem Vor⸗ namen nannte und dräckte inniger ihre Hand. „Wo kommen Sie her und warum erſchrecken Sie mich hier?“ fragte ſie nun mit einer ſeltſamen Miſchung von Freude und Strenge. „Das ſind Fragen, auf die Sie die Antwort ſchon ſelbſt wiſſen!“ antwortete er halb lächelnd, halb wehmü⸗ thig—„ich bin meinem Briefe nachgeeilt, weil ich durch geſprochene Worte ſchließlich meine Eltern doch mehr zu überzeugen, zu beruhigen hoffen durfte, als durch geſchriebene, und jetzt warte ich hier auf Sie, um Ihnen zu danken— ich bin beruhigt über meinen Schritt, ge⸗ rechtfertigt vor mir ſelbſt, überzengt, daß ich ſiegen muß, a Sie meine Fürſprecherin waren!“ Sie ſuchte ſich von ihrer Ueberraſchung zu ſammeln und jenen kühleren Ton anzunehmen, durch den ſich manche Mädchen vor dem Ueberwallen ihrer Empfindun⸗ gen zu ſchützen ſuchen:„Aber warum erſchrecken Sie mich hier, Herr Ambach, warum kommen Sie nicht in das Schloß d“ „Weil ich wußte, daß Sie nicht darin waren,“ ant⸗ Louiſe Otto; Neue Bahnen. I. 4 50 wortete er und verſuchte in den gleichen Ton überzu⸗ gehen— was dem Manne immer ſchwerer wird als en Mädchen— an einem ſolchen Sommerabend ſind Sie nicht im Zimmer— ich ging hierher— ich be⸗ obachtete Sie von da oben ſchon lange— ich fürch⸗ tete mich vor Ihrem geflügelten Hofſtaat und wartete, bis Sie aus ſeiner Mitte waldeinwärts gingen.“— „Wann ſind Sie angekommen?“ „Vor zwei Stunden. Ich hoffe, ich habe die El⸗ tern verſöhnt— ich danke es Ihnen.“— In dieſem Augenblick zuckte ein greller Blitz vor Beiden hin— in den Wipfeln der Bäume rauſchten Sturm und Donner zu eins verſchwommen— große Tropfen fielen.— Der Pfau flüchtete die Stufen hinan in das Mar⸗ morhaus.—„Folgen wir ſeinem Beiſpiel!“ rief Sigis⸗ mund;„in das Schloß können wir nicht mehr! und er zog Editha mit ſich hinein in die untere Halle.— Sie waren nur eben darin, als der Regen in Strömen her⸗ abzufließen begann, der Sturm jagte ihn auch in den der Halle hinein. Eine Reihe von Marmorbänken zog ſich an den Wänden der Halle hin. In der Ecke, die am meiſten gegen den Zug geſchützt war, nahm das Paar einander ſchräg gegenüber Platz. Der Pfau ſaß zu Editha's Fü⸗ 3 51 ßen und drängte ſich wie Schutz ſuchend dicht an die Falten ihres Kleides. Anfänglich lachte ſie über die Situation, dann ſagte ſie:„Die Mutter wird ſich ängſtigen!“ „Nur einige Minuten laſſen Sie mich hier!“ bat er, „dann ſpringe ich in das Schloß, hole Ihnen Regenſchirm, Ueberſchuhe und Alles, was ſie wünſchen.“ Sie erklärte ihm eifrig, daß ſie es nicht ſo ge⸗ meint und als dann wieder ein helles Aufleuchten des Blitzes und ein ſtarker Donnerhall ſie unterbrochen hatte und dann eine Pauſe folgte, in der man nur den Re⸗ gen auf das Laub rauſchen und über den Marmor auf⸗ ſpringend plätſchern hörte, begann er: „Wiſſen Sie, wann ich Sie zuletzt geſehen habe?“ „Nun, im vorigen Herbſt— ich dachte nicht, daß ſo viele Monate vergehen würden, ehe wir uns wieder⸗ ſähen!“ freilich, Sie haben mich nicht ge⸗ ſehen— aber ich ſah Sie gar wohl, wie Sie ganz in ſchwere Roſa⸗Seide gekleidet, ein Roſendiadem auf den blonden Locken, unter der dichtgedrängten Menge des Concertſaales ſaßen, aus der ich Sie doch gleich her⸗ ausfand— ich ſah, wie Sie entzückt die in weißes Glact gehüllten Hände aneinanderſchlugen und wie Sie, noch nicht zufrieden mit dieſem Zeichen des Beifalls, Ihren großen Strauß, der für Ihre kleinen Hände in 4* 52 der That zu groß war, dem Violinvirtuoſen, dem der Beifallsſturm galt, hinwarfen und wie dann andere Damen Ihrem Beiſpiel folgten— ich applaudirte wie Sie und freute mich ſeines Triumphes— aber um den einen Strauß habe ich ihn beneidet!“ „Sie waren in der Reſidenz? waren in dem Concert des nordiſchen Paganini?“ „Ich war da, ich mußte ihn hören— war auch die Ausgabe der Reiſe für mich eine Verſchwendung— lieber wollte ich alles Andere entbehren.—“ „Aber daß ich Sie nicht geſehen habe!“ Freilich— zum erſten Rang, wo Ihr Sperrſitz einen Ducaten koſtete, verſtieg ich mich nicht— auf einer oberen Gallerie hatte ich mir ein Plätzchen erobert— dorthin drangen Ihre Blicke nicht— in jenen Regionen konnten Sie ja nicht vermuthen einen Bekannten zu finden!“ Aber wenn Sie mich ſahen, warum ſuchten Sie mich nicht auf? warum kamen Sie nicht in unſer Hötel— wir waren den folgenden Tag noch da.—“ „Weil ich Niemand meine Anweſenheit wollte wiſſen laſſen— meine Eltern— die Ihrigen hätten mir gezürnt, ſich um mich gekümmert— es war ja eine unnütze Lieb⸗ haberei, der ich fröhnte— und mich Ihnen allein ent⸗ decken konnt' ich ja nicht— aber jener Abend entſchied über mich— Ihr Strauß war ein Preis, um den ich ringen mußte— von da an datirt mein Entſchluß, mich allein der Kunſt zu widmen! Und Sie haben mir dieſe Wahl vergeben, ehe Sie wußten, daß Sie die Veranlaſſung dazu ſelbſt gegeben hatten!“ Editha ſchüttelte halb mißbilligend, halb doch glücklich lächelnd mit dem Kopfe:„Das iſt nun auch nur ſo ein— blitzartiger Einfall—“ ſie wählte dies Wort, weil in dem Augenblicke, da ſie ein Beiwort brauchte, gerade wieder ein Blizſtrahl herabzuckte und ſeinen bläulichen Glanz auf Sigismund's Geſicht warf.—„Sie hatten vielmehr dieſe Idee ſchon lange mit ſich herumgetragen und viel mehr noch kam ſie Ihnen in ſolchen ſtillen Dämmerſtunden wie oft hier im Schloß, oder in dem heimathlichen Schulhaus, oder in Ihrem Studirzimmer, wenn Sie auf der Vio⸗ line phantaſirten und dabei ein Geſicht machten, als ſähen Sie den Himmel offen und lauſchende Engels⸗ köpfe hinter zartem Gewölt— gehen Sie, ich kenne Sie beſſer— nicht Ehrgeiz und Eitelkeit haben Sie verlockt, ſondern Sie fanden nur einem Genins gegen⸗ über plötzlich den Muth ihm nachzuſtreben und das auch vor der Welt zu bekennen. Der Beifall eines geputzten Publicums aber, unter dem ich mir ſelbſt oft vorkomme wie„unter Larven die einzige fühlende Bruſt“— der hut Sie nicht beſtimmen können. Und wenn Sie ihn einſt ſelbſt wecken und ernten werden— er wird Sie nur auf kurze Zeit befriedigen!“ Vielleicht hätte Sie ſo noch weiter geſprochen— aber wieder unterbrach ſie der Donner. Sie wußte nicht, ob es Spott oder Ernſt war, als Sigismund ſagte: „Sie ſprechen ja wie eine Seherin!“ Ein wenig davon gereizt entgegnete ſie:„Denken Sie nur einſt an dieſe Stunde!“ „Ich werde immer daran denken!“ rief er plötzlich wieder im weichſten Tone ſeines modulatſonsreichen Drgans und faßte ihre Hand.„Wohl mir, wenn Sie mich immer ſo bei ſich ſelbſt vertreten! ich danke Ihnen dafür noch mehr, als ich Ihnen dafür danken wollte, daß Sie meine Vertreterin bei meinen Eltern waren!“ Jetzt dachte Editha mit Schrecken daran, daß ſie dies aber noch nicht bei ihren Eltern geweſen war, und ſie geſtand es, um ſeinen Dank von ſich abzuwehren. „Es iſt darum gut, daß Sie nicht in das Schloß kamen und ich laſſe Sie auch heut lebend nicht hin.— Sehen Sie, das Wetter läßt nach— ich werde bald gehen können.—“ „Aber doch nicht ohne meine Begleitung?“ „Sie haben hier näher in das Dorf— ich gehe allein.“ Aber er lachte nur über ihre Anordnung und blieb bei ſeinem Vorſchlag von vorhin: allein in das Schloß zu gehen, und ihr die nöthigen Sachen zu holen. „Ich werde hier nicht allein zurückhleiben— ich fürchte mich!“ 6* „Das glaub ich Ihnen nicht, da ich das beſſer von Ihnen weiß und dann, wenn es wahr wäre, fürch⸗ teten Sie ſich auch allein zu gehen— es iſt finſter geworden.—“ Das iſt im Freien etwas Anders— hier im Marmorhaus iſt es unheimlich— die Statue meiner Namensſchweſter, die hier ſteht, geht ja zuweilen um als weiße Frau.—“ „Sie machen mich doch nicht irre!— der Ton, in dem Sie das Alles fagen, klingt auch gar nicht nach Furcht— lügen können Sie nicht! Ich befehle Sie alſo dem Schutz dieſer Ahnenfrau und gehe.—“ Er eilte die Stufen hinab— ſie wollte ihm folgen — aber der Marmor war vom Regen doppelt giatt und ſchlüpfrig geworden— ſie glitt aus und fiel— ihr Rücken traf auf die ſcharfe Stufenkante— ſie ſchrie auf und hatte das Bewußtſein verloren. Jetzt kehrte er wieder um und trug die Ohnmäch⸗ tige unter das ſchützende Dach zurück. Außer ſich kniete er nieder und lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt, denn nirgend war hier ein weiches Ruhepolſter— Alles nur glatter, kalter Marmor! Noch überlegte er, was er thun wollte, als er draußen Tritte und Rufe hörte:„Editha, Editha, biſt Du dort oben.“ 56 „Ja!“ rief er laut, die Stimme ihres Vaters er⸗ kennend. ⸗ Der Hauptmann eilte die Stufen hinan.— Sigismund erzählte. Der Hauptmann nahm die Bewußtloſe in ſeine Arme und ſagte im kälteſten Tone zu Sigismund:„Ich werde morgen mit Ihnen ſprechen — gehen Sie jetzt— ich habe noch Kraft genug, mein Kind ſelbſt zu tragen!“ So werde ich doch ſchneller gehen können, antwor⸗ tete Sigismund, um Ihren Wagen anſpannen zu laſſen, damit man nach dem Arzt fährt!“ und damit eilte er voraus. Viertes Capitel. ckin photographiſches Attelier. Wenige Wochen, nachdem Felicitas Ahlhorn die Hand des Rechtsanwaltes Baum ausgeſchlagen und von ihrer Schwägerin Minette das harte Wort„zur Laſt zu fallen“ vernommen hatte, finden wir ſie in dem photographiſchen Atelier der Frau Reichmann beſchäftigt, dieſer bei der Zubereitung der Platten zu helfen. Dicht an den Glasſalon, der zu der Aufnahme der Perſonen durch das Inſtrument ſelbſt beſtimmt iſt, befindet ſich ein dunkles Gemach, in deſſen mit Joddämpfen gefüllter Luft Felicitas ihre Arbeit verrichtet. Jener Abend, an dem ihre Verwandten erwarte⸗ ten ſie als Braut zu begrüßen, hatte immerhin eine wichtige Veränderung in ihrem Leben hervorgebracht. Als ſie am andern Morgen ihren Bruder wieder⸗ 58 ſah, der an jenem Abend zu ſpät nach Haufe gekom⸗ men war, um noch mit ſeiner Schweſter zu ſprechen, wohl aber nicht zu ſpät, um von ſeiner Frau noch lange Klagen über die immer größer werdenden Prätenſionen ſeiner Schweſter mit anzuhören— da ſagte ihm dieſe, daß ſie nun, wo ſie die Entdeckung gemacht habe, daß ſie ſeiner Frau nur eine„Laſt“ ſei, nicht länger in die⸗ ſem Hauſe bleiben könne und ſich eine Exiſtenz anderswo ſuchen wolle. Der Bruder nahm dies erſt für Redensart, für krankhafte Empfindlichkeit, ſchalt auf die Frauen, von denen ſich nie zwei in einem Hausſtand vertragen lern⸗ ten, ſelbſt wenn ſie vorgäben einander zu lieben u. ſ. w. Nebenbei erklärte auch er, daß es nur krankhafter Eigenſfinn von Felicitas ſei, einen ſo reſpectabeln Mann wie Baum auszuſchlagen, der allerdings kein Roman⸗ held ſei, ſondern ein praktiſcher Ehrenmann. Zu hei⸗ rathen ſei des Weibes Beſtimmung, und diejenige, der ein rechtſchaffener Bewerber, nur weil er kein Phantaſt, kein Ausbund von Schönheit ſei, nicht annehmbar wäre, dürfte ſich nicht beklagen, wenn ſie ſich dann allein und verlaſſen in der Welt fühle und zu ſpät bereue, daß ſie durch eigne Schuld ihren Beruf verfehlt habe. Da hatte ihm Felicitas erklärt, daß ſie es für ei⸗ nen Frevel halte, nur aus derartiger Berechnung in die Ehe zu treten und daß ſie noch Kraft zu haben hoffe, 59 ſich einen andern Beruf ſelbſt zu erobern. Sie habe bisher geglaubt, ihm die ihr erwieſene Güte dadurch vergelten zu können, daß ſie die Pflegerin ſeiner Kin⸗ der, die Gehülfin ſeiner Gattin ſein— aber jetzt, wo ſie erfahren, daß man ſie je eher je lieber aus dieſer Stellung hinwegwünſche, werde ſie einen Plan ausfüh⸗ ren, den ſie längſt für dieſen Fall gehabt, ſie werde unter fremden Leuten ihr Brod und einen Lebenszweck ſuchen. Der Bruder murmelte nur etwas von Phantaſte⸗ reien und Weibergrillen und verließ ſie mit dieſem Worte, da er ſchon die Acten unter dem Arm und den Hut in der Hand hatte, um wie alltäglich zur beſtimmten Stunde auf das Gerichtsamt zu gehen. Dann waren einige Tage vergangen, ohne daß von alledem wieder die Rede war. Alles ging im früher gewohnten Geleis ruhig weiter. Felicitas war nur einige“ Male ausgegangen, ohne zu ſagen wohin? was ſie ſonſt nicht zu thun pflegte; ſonſt war ſcheinbar Alles, wie es immer geweſen— obwohl eine ſchwüle Stimmung über der Familie lag, die es zu keinem gemüthlichen Augen⸗ blick kommen ließ, wenn Minette auch auf Felicitas viel mehr freundliche Rückſicht nahm wie früher und wenn auch die zarteſte Aufmerkſamkeit für jene zu haben ien. Dann eines Abends faßte Felicitas den Entſchluß 60 mitzutheilen, daß ſie morgen, oder wenn man dies zu raſch für die häusliche Einrichtung finden ſollte, in vier⸗ zehn Tagen das Haus verlaſſen werde, um den Ihrigen nicht mehr zur Laſt zu fallen und ſich ſelbſt eine Exi⸗ ſtenz zu gründen, die vielleicht auch ihre Zukunft ſichern werde: ſie hatte erfahren, daß die Beſitzerin einer pho⸗ tographiſchen Anſtalt, Frau Reichmann, eine gebildete Gehülfin ſuche und daß ſie dieſe Stelle erhalten habe, da beſondere Vorkenntniſſe außer franzöſiſcher Sprache, ein wenig Zeichnen und allgemeiner Anſtelligkeit nicht von ihr verlangt würden. Vorerſt war nur eine Prö⸗ bezeit von vier Wochen dazu beſtimmt. Der Gerichtsrath war über dieſen Entſchluß ent⸗ rüſtet; er hielt deſſen Ausführung gar nicht für möglich. Die Schweſter eines Gerichtsrathes, ſeine Schweſter, die Tochter des angeſehenen Geheimrathes Ahlhorn die Gehülfin einer Photographin— eine Stellung ſo zu ſa⸗ gen im Dienſt des Publicums, in einem öffentlichen Geſchäft und in derſelben Stadt mit ihm— was wäür⸗ den die Leute dazu ſagen! Es war eine Schmach, die ſeiner Familie nicht angethan werden durfte. Er ſprach dagegen, wollte es nicht zugeben— Minette aber, der in dieſen Tagen mühſam zurückgehaltenen Aufregung jetzt endlich Luft machend, ſah in dieſem Vorſchlag nur eine Drohung von Felicitas, an deren Ausführung ſie gar nicht glaubte. Und im gehäſſigſten Ton ent⸗ —— 61 wickelte ſie dieſe Anſicht weiter: Felicitas wolle nur gebeten ſein, da zu bleiben, ſie halte ſich für unentbehr⸗ lich und wolle dann aller Welt verſichern können, daß ſie nur gezwungen in den angenehmen Verhältniſſen des Bruderhauſes bleibe— wolle ſagen können, daß ſie da⸗ mit ein Opfer bringe, keineswegs eines annehme,— und ſo ließ ſie die längſt angehäufte Erbitterung ihres Innern ausſtrömen, daß es nicht einmal dem Gatten gelang ſie zu unterbrechen und er ſie vergebens zur Mäßigung ermahnte. Felicitas entgegnete nichts mehr, ſie ſtand auf, bot dem Bruder die Hand und ſagte: Zetzt ſiehſt Du, daß ich nicht länger bleiben kann; ich wäre gern in Frie⸗ den von Euch geſchieden, denn ich weiß, wie viel DBank ich Euch ſchuldig bin und hätte nie geglaubt, daß es zwiſchen uns zu einem ſolchen Auftritt kommen könne!“ Damit war ſie ohne weiter eine Antwort zu erhalten. in ihr Schlafzimmer gegangen. Als ſie am andern Morgen einen verſöhnlichen Abſchied nehmen wollte, hieß es: der Herr Gerichtsrath ſei ſchon fort und die Frau Gerichtsräthin liege krank zu Bett, habe aber geſagt, daß ſie durchaus Niemanden ſprechen wollte und das Fräulein ja ihre Abſicht von geſtern ungeſtört ausfüh⸗ ren möge. So ſchmerzlich niedergedrückt verließ ſie das Haus ihres Bruders und als ſie es nach einigen Tagen wieder beſuchte, hieß es, die Herrſchaft ſei gar nicht zu 62 Hauſe und das Dienſtmädchen gab ihr einen bereit lie⸗ genden Brief des Gerichtsrathes, in dem ihr dieſer ſchrieb: ihre Sachen wären jeden Augenblick zu ihrer Verfügung, übrigens begreife ſie wohl, daß es nach dem Vorgefallenen am beſten ſei, einander nur noch als Fremde, und darum lieber gar nicht zu begegnen. Ausgeſtoßen! geächtet! ſeufzte ſie und ſah ein, daß ihr nichts Anderes übrig blieb, als ſich einſtweilen ſtill in dieſen Bruch zu fügen und die Zeit zu erwarten, wo es vielleicht möglich ſei, Getrenntes wieder zu ver⸗ einigen! In ſchmerzlicher Bewegung ſchrieb ſie das ihrem andern Bruder Richard, der ihr längſt Aehnliches von Minette prophezeiht hatte: Richard lebte in der nächſten Univerſitätsſtadt und hatte die Rechte ſtudirt. Als er dieſe Studien vollendet, wünſchte der Gerichtsrath, daß ſich Richard unter ſeinen Augen auf ſeinen künftigen Beruf vorbereite— der junge Mann hatte das aber abgelehnt— er wollte nicht in den Staatsdienſt treten— wollte den Wohn⸗ ort nicht wechſeln und endlich fand es ſich, daß er ſein Jus nur als Nebenſache betrieb und viel mehr ſich mit Literatur und Theater beſchäftigte, ja es zeigte ſich, daß er ein Mitarbeiter demokratiſcher Zeitſchriften war, wodurch er ſich jede Ausſicht auf Carriere nur ver⸗ derben konnte. Der Gerichtsrath ſchrieb ihm Briefe über 63 Briefe, die ihm ſein Verhalten vorwarfen, ihn zur Um⸗ kehr mahnten, ſelbſt Felicitas hatte ſeinen Vorſtellungen theilweiſe beigeſtimmt— Richard antwortete zurück⸗ weiſend und endlich gar nicht mehr. Jetzt, wo Felicitas ſein Schickſal in Bezug auf den Stiefbruder theilte, der ſich bisher immer als treuer Freund und Berather gezeigt hatte, fühlte ſie ſich wieder enger wie je mit ihm verbunden— weit entfernt, ihr über ihr entſchloſſenes Handeln einen Vorwurf zu machen, empfand er es wie eine Art von Triumph für ſeine eigene Anſchauung von der Wärde der Frauen, und ſympathiſche Handlungen knüpften das Band feſter, welches die Natur geſchlungen. Frau Reichmann, die Felicitas ein Aſyl bei ſich geöffnet, war die Wittwe eines Malers und Photographen, deſſen Kunſt und Geſchäft ſie nach ſeinem Tode allein fortſetzte. Sie hatte in einer ziemlich unglücklichen Ehe gelebt, indem ihr Mann ſich mehr und mehr dem Hange zu Müſſiggang und Trunk ergeben hatte, während ſie raſtlos und vergeblich arbeitete. Dabei war er dennoch in ſeinem Fach durch ſeine guten Leiſtungen als vor⸗ züglich anerkannt und würde noch mehr zu thun gehabt haben, wenn er nicht dadurch, daß man ihn ſelbſt in ſeinem Geſchäft zuweilen betrunken fand, das Publicum wenigſtens theilweiſe abgeſchreckt hätte. Es kam dabei ſchon oft vor, daß ſeine Frau, die zugleich ſeine Gehülfin 64 war, ſeine Stelle ganz verſah, obwohl er es ſehr übel nahm, wenn ſich etwa Jemand gleich ſelbſt an ſie wenden wollte. Ein ſolches von Jahr zu Jahr immer peinlicher werdendes Leben ertrug die unglückliche Gattin nur um eines Kindes, einer kleinen Tochter willen, welche der Vater, der ſie abgöttiſch liebte, nicht von ſich ge⸗ laſſen hätte, die der Mutter, wenn ſie ihr Fortkommen ſuchen wollte, wohl hinderlich geweſen wäre und die ſie dennoch um keinen Preis dem verwilderten Vater hätte übergeben mögen. Nun hatte der Tod ſeit ein paar Jahren die qualvolle Ehe gelöſt— noch ein hitziges Fieber, der Ausbruch des deltrium tremens und Reich⸗ mann ſtarb als Opfer laſterhafter Selbſtzerſtörung.— Im Entſetzen über Alles, was ſie jahrelang und nun zuletzt noch doppelt Schreckliches durchgemacht, wagte Frau Reichmann kaum erleichtert aufzuathmen, da ſie endlich frei und ruhig in ihren kleinen heimiſchen Räu⸗ men, die ſo unheimlich geworden waren, ſich wieder be⸗ wegen konnte. Mit dem Gehülfen, den ſie ſchon bei Lebzeiten ihres Mannes gehabt, ſetzte ſie anfänglich das Geſchäft fort— aber da ſie nicht allein ſelbſt Alles beſſer verſtand als dieſer, der ſich gleichwohl eine gewiſſe Vormundſchaft, auf männliche Autorität geſtützt, anmaßen wollte, weil er ſich ihr unentbehrlich glaubte, verabſchiedete ſie ihn, um, wie ſie erklärte, nie mehr ein männliches Weſen in ihrer Behauſung zu dulden. Nach dieſem 65 Princip hatte ſie dann junge Mädchen zu ſich genommen, die ſie in ihrem Fach unterrichtete. Eine derſelben wohnte mit bei ihr, eine andere kam nur und half während der Tagesſtunden. Am letzten Weihnachtsfeſt hatte ſich Felicitas für ihre Geſchwiſter bei Frau Reichmann photographiren laſſen und ſchon wie ſie ſich in dieſem Damenatelier befand, war der Gedanke in ihr aufgeſtiegen, eine ähn⸗ liche Beſchäftigung für ſich zu wünſchen. Sie hatte ihn wieder zurückgewieſen, weil ſie ſich für verpflichtet hielt, ihre Kräfte zuerſt ihren Geſchwiſtern zu widmen— wie ſie ſich aber hier überflüſſig ſah, war ihr erſter Schritt zu Frau Reichmann. Sie war ſchon noch mehr⸗ mals bei ihr geweſen und wußte, daß ſie ihr Ver⸗ krauen am beſten durch eigenes Vertrauen erringen kounte. Ungeſcheut, wenn auch mit der größten Schonung für ihre Geſchwiſter, theilte ſie der erfahrenen Frau mit, daß ſie irgend eine Stellung ſich ſuchen, einem Beruf ſich widmen wolle, um dadurch der Nothwendigkeit zu entgehen, entweder ihren Verwandten zur Laſt zu fallen, oder einem ungeliebten Manne die Hand zu reichen. „Da thun Sie ſehr recht!“ hatte Frau Reichmann geſagt, die Hauptſache im Leben iſt, immer auf eigenen Füßen ſtehen zu lernen und von denen, welche heirathen, um dann ohne Sorgen zu ſein, find die meiſten betro⸗ gen— ſie erfahren erſt dann, wenn ſie einer Familie Louiſe Otto: Neue Bahnen. 1. 5 66 vorzuſtehen haben, was eigentlich Sorgen ſind! Laſſen Sie ſich von meinem Beiſpiele warnen: heirathen Sie nicht! Ich ſage es auch gleich im Voraus: ſo bald ich bemerke, daß eine der bei mir engagirten Damen ein Verhältniß hat, ſo ſind wir getrennt, denn es iſt gegen meine Grundſätze, länger in ſo engem Verkehr mit einem Weſen zu ſein, das einem Irrthum verfällt, dem ich ſelbſt zum Opfer geworden und das ich nicht davor bewahren kann. Aus eben dieſem Grunde befand ſich Frau Reichmann an dem Tage, wo Felicitas ihr An⸗ erbieten machte, ohne eine bei ihr wohnende Gehülfin, da ihre vorige ſich verlobt und damit ihre Stellung eingebüßt hatte. Da Felicitas in allen Künſten ein wenig dilettirt hatte, zeichnete, nothdürftig franzöſiſch und engliſch ſprach, ſo durfte Frau Reichmann hoffen, daß auch ihre Tochter Bertha, die jetzt ziemlich dreizehn Jahr zählte, davon noch einigen Gewinn ziehen ſollte— und ſo ward es denn von allen Theilen als eine glückliche Fügung be⸗ trachtet, daß gerade Felicitas in dies Haus gekommen war. Fühlte ſie ſich ſo in ihm in einer ganz ungewohn⸗ ten Sphäre, aber durch wechſelnde Thätigkeit befriedigt, mehr noch dadurch, daß ihre Fähigkeiten anerkannt wur⸗ den und zu allermeiſt durch den Gedanken„Niemanden zur Laſt zu fallen,“ ſo blieben ihr doch auch bittere Em⸗ pfindungen nicht erſpart. Hatte ſie der größte Theil 3 67 ihrer früheren Bekannten ſchon von da an ignorirt, als der Geheimerath ſtarb, und ſie als mittelloſe Waiſe ein Dbdach bei ihren Geſchwiſtern ſuchen mußte, ſo eriſtirte ſie nun auch nicht mehr für Diejenigen, die ihr im Hauſe des Gerichtsrathes noch geblieben waren. Einmal folgte man damit ja nur defſen Beiſpiel ſelbſt; es mußte doch einen„Haken haben,“ daß Felicitas ſo plötzlich ihre Verwandten verlaſſen; man war um ſo berechtigter dies zu glauben, als ihr Bruder bei einer etwaigen Frage nach ihr kurz abbrach, Minette aber dasſelbe mit einem vieldeutigen Achſelzucken that, oder„im Vertrauen“ hin⸗ zufügte, daß ſie allerdings nicht in der Lage wären, al⸗ len Anſprüchen der Familie ihres Mannes zu genügen und daß es für emaneipationsſüchtige Mädchen zuwei⸗ len die beſte Lehre ſei, wenn man ſie ihre eignen Wege gehen ließe. Man hätte Felicitas wohl auch noch dieſe Trennung vergeben, wenn ſie die Stadt verlaſſen hätte— aber daß ſie den Muth hatte in derſelben zu bleiben, und doch— als Tochter eines Geheimeraths!— ſich in eine ſo untergeordnete Stellung zu begeben, bei einer Frau, die eine Art„offenes Geſchäft“ hatte, ſich in dieſem Geſchäft im Dienſt des Publicums verwenden zu laſſen— daran nahm mindeſtens jede junge Dame aus den Kreiſen der Geheime⸗ wie Gerichts⸗ und aller andern Räthe Anſtoß— und Felicitas verlor um ſo mehr alle ihre alten Bekannten, als ſie ſelbſt, um Zu⸗ 5 68 rückſetzungen zu vermeiden, gar keinen Verfuch machte ſie ſich zu erhalten. So lebte ſie freilich nur auf ſich, Frau Reichmann und ihre Kleine und die wechſelnden Beſucher des Ge⸗ ſchäftes angewieſen, ein eigenthümliches Stillleben, mitten im Wirbel der großen Stadt. Dieſe warf nur einzelne Exemplare der verſchiedenſten Specialitäten in das Ate⸗ lier der Damen und ſchuf darin eine ganze Muſterkarte von Portraits, an denen der aufmerkſame Beobachter Studien zur Menſchenkenntniß machen konnte. Frau Reichmann's Photographien hatten einen ziemlichen Ruf, ſie war damit in der Damenwelt der höheren Kreiſe Mode geworden und auch die Künſtlerin⸗ nen vertrauten ſich am liebſten ihr an. Man wußte, daß ſie nicht nur die beſten Apparate hatte, ſondern daß ſie auch gewiſſenhaft darauf ſah, daß ſelbſt nicht* der kleinſte Toilettenfehler vorkam und daß ſie für jede Perſon die vortheilhafteſte Stellung zu finden, die Fal⸗ tenwürfe auf das Maleriſchſte zu ordnen wußte. Herren betraten das Atelier ſeltener; theils hafteten ſie am alten Vorurtheil, das trotz aller Proben weniger von der weiblichen als männlichen Kunſtleiſtung hielt, theils aus dem ſehr natürlichen Gefühl, lieber mit ihres Gleichen als mit einer Dame in dieſer Angelegenheit zu ver⸗ kehren. Die meiſten Männer, welche erſchienen, kamen entweder nur im Geleit ihrer Bränte oder Gattinnen, 69 ſich mit ihnen vereint aufnehmen zu lafſen, oder, wenn ſie allein erſchienen, meiſt nur aus einer Art von Neu⸗ gierde und wurden von Frau Reichmann gewöhnlich etwas mißtrauiſch behandelt. Ihre Gehülfinnen wußte ſie dann namentlich immer von dem Toilettenzimmer und dem angränzenden Glasſalon entfernt zu halten. So war auch jetzt Felicitas in dem nebenan be⸗ findlichen dunklen Raum beſchäftigt, als ſie drinnen zwei Männerſtimmen Frau Reichmann fragen hörte: ob ſie jetzt Zeit zu ihrer Aufnahme habe, oder ob ſie zu einer andern Stunde wiederkommen ſollten d „Ich bin bereit,“ war die Antwort,„erſt in einer Stunde erwarte ich Jemand. Bitte, arrangiren Sie ſich!“ ſagte ſie auf den großen Spiegel deutend, neben dem ſich auf einem Marmortiſchchen allerlei Toilettenin⸗ ſtrumente befanden—„ich hole die Platten.“ Bitte, noch einen Augenblick,“ ſprach eine ſchöne ſonore Männerſtimme,„ich bin Violinſpieler und wünſchte nur mit meiner Violine aufgenommen zu wer⸗ den— ich muß ſie erſt aus dem Hötel holen laſſen — ich brachte ſie nicht ſogleich mit, weil ich nicht wußte, ob Sie jetzt Zeit hatten.“— „In dieſem Falle erſuche ich Sie mich Nachmit⸗ lags, vielleicht um drei Uhr wieder zu beehren— es möchte jetzt nicht Zeit genug bleiben— aber Sie, mein Herr?“ 70 „Ich bin zu Dienſten,“ antwortete die andere Män⸗ nerſtimme. Frau Reichmann kam zu Felicitas heraus, die nö⸗ thige Platte ſelbſt zu holen— indeß flüſterten die bei⸗ den Herren leiſe mit einander und durch die nur halb angelehnte Thür konnte Felicitas einen Blick hinein⸗ werfen. Sie gewahrte zwei junge Männer— der brunette mit den dunklen Locken und ſchwärmeriſchem Augenauf⸗ ſchlag war ihr fremd, und obwohl er als eine unge⸗ wöhnliche Erſcheinung leicht die Blicke der Begegnenden auf ſich zog, ſo blieben die ihrigen doch an ſeinem äl⸗ teren und keineswegs ſchön zu nennenden Begleiter hän⸗ gen. Er war einige Jahre älter als jener, klein und blond; es lag aber etwas Bedeutendes in dem Aus⸗ druck ſeiner hohen Stirn und dem klaren Blick, mit dem er zuverſichtlich um ſich ſchaute, daß trotz ſeiner an ſich unanſehnlichen Perſönlichkeit eine Begegnung mit ihm nicht ſo leicht vergeſſen ward. Seit zwei Jahren hatte Felicitas oft an Wilfried von Störmthal gedacht, wenn auch nur von ihm ge⸗ hört, daß er den Geſandten, in deſſen Bureau er arbei⸗ tete, auf einen fernen Poſten begleitet hätte. Als er früher hier in der Reſidenz im Miniſterium beſchäftigt geweſen, hatte ſie ihn im letzten Winter vor dem Tode ihres Vaters in einer größeren Geſellſchaft dadurch ken⸗ 71 nen gelernt, daß ſie ſeine Tiſchnachbarin geweſen wat. Wie er überhaupt zu den geiſtreichſten Menſchen ge⸗ hörte, beſaß er auch das nicht immer damit vereinte Talent, es in allgemeiner Unterhaltung wie im Zwiege⸗ ſpräch geltend zu machen. Felicitas bewunderte ihn und fühlte ſich durch ſein Betragen gegen ſie höchſt ge⸗ ſchmeichelt, da er ſich ihr vorzugsweiſe widmete, weil ihm ihr ganzes Weſen gefiel, mit dem ſie Intereſſe für viele Dinge und eine Selbſtſtändigkeit des Urtheils zeigte, die ſonſt jungen Miädchen gerade nicht eigen zu ſein pflegt. So waren ſie einander noch mehrmals in Ge⸗ ſellſchaft begegnet und bald war es wie ſelbſtverſtänd⸗ lich geworden, daß Störmthal, ſobald er Felicitas ge⸗ wahr ward, ſich längere Zeit mit ihr unterhielt, neben ihr ſeinen Platz ſuchte oder auch mit ihr tanzte— eine um ſo größere Auszeichnung von ſeiner Seite, da er kein flotter Tänzer war und entweder gar nicht oder nur ein paar Tänze zu tanzen pflegte. Felicitas, da⸗ mals an das bunte Treiben der Geſellſchaft gewöhnt und ihre Wintertage nach deren Abendfeſten zählend, unbefangen hin lebend von einem ſolchen Vergnügen zum andern, hatte noch nie ſich ſo gut amüſirt, als in der Saiſon, in der Herr von Störmthal, wie man im leichten Converſationston ſagte:„ihr Courmacher“ war. Sie genoß dieſen Triumph nur in den ariſtokratiſchſten Cirkeln, die ihr durch die Stellung ihres Vaters zugäng⸗ 72 lich waren, denn nur in ihnen erſchien er und eben darum meinte Felicitas, ſich auch nur in ihnen amüſiren zu können. Sie gedachte Störmthals dann, wie ſie des ganzen heitern Abends gedachte, ſie überlegte bald, was ſie das nächſtemal mit ihm ſprechen wollte— und nie hatte ihr Bildungstrieb eine größere Anregung empfangen, als diejenige war, die inſofern von Störm⸗ thal ausging, als ſie Alles daheim nachſchlug und ſtu⸗ dirte, was er etwa berührt hatte— nur um ſich in ſeiner geiſtreichen Unterhaltung keine Blöße zu geben— und dann dachte ſie auch daran, wie ſie ſich kleiden wolle, um ihm zu gefallen und um an Nobleſſe gegen die Da⸗ men des Adels, neben denen er ſie fand, nicht abzuſte⸗ chen. Nie aber hatte er ſie allein geſprochen und nie andere Worte zu ihr geredet, als ſolche, die der ganze Kreis hören konnte, in deren Mitte ſie ſich befanden, nie auch hatte er das Haus ihres Vaters beſucht, wenn ſchon er ihm in Geſellſchaft vorgeſtellt war— ſo war für Felicitas eine Winterſaiſon ſelig und glänzend ver⸗ gangen, als ihr Vater ſtarb und ihre ganze Lebensſtel⸗ lung damit ſo verändert ward! Unter den Beileidsbe⸗ zeigungen, die ſie empfing, befand ſich auch eine Karte von Störmthal— aber ihn ſelbſt ſah ſie nicht wieder. Sie hörte, daß er den Geſandten in die Ferne beglei⸗ tet hätte— und damit meinte ſie, ſei ihr der ſchöne Stern für immer von ihrem Horizont verſchwunden! —————————— 73 Dieſer Horizont ſelbſt war ja plötzlich ein ſo ganz an⸗ derer geworden, die liebſten Sternbilder waren an ihm untergegangen— indem ſie alle beklagte, geſtand ſie ſich nicht, daß ſie hauptſächlich doch nur um ihren— Polarſtern trauerte. Und jetzt nach ziemlich zwei Jahren in ſo ganz veränderter Situation ſollte ſie ihm wieder begegnen! Mit zitternden Händen, wirbelnden Gedanken und ſtür⸗ miſchen Empfindungen hatte ſie in dieſem Augenblick zum Erſtenmale eine Platte verdorben— vielleicht war das noch ein Glück für ſie! Frau Reichmann verwech⸗ ſelte Urſache und Folge und ſchob Felicitas' Erröthen und ihre Verwirrung auf ihr Verſehen bei der Arbeit. Frau Reichmann kam wieder in das Atelier zurück; in wenig Minuten war Herrn von Störmthals Auf⸗ nahme vollendet— ſie ging abermals hinaus und prüfte draußen am Licht, prüfte mit Felicitas, ob das Bild keinen Fehler habe und ließ es dann in deren Händen zurück. „In drei Tagen, mein Herr, können Sie Ihre Bilder abholen laſſen— Sie wünſchten ein Dutzend? — und Sie kommen des Nachmittags wen⸗ dete ſie ſich an den Muſiker. „Gewiß,“ antwortete Störmthals Begleiter— aber ich hatte noch einen Auftrag— iſt nicht Fräulein Fe⸗ licitas Ahlhorn Ihre Gehülfin?“ 74 „Felicitas Ahlhorn?“ rief Störmthal erſtaunt,„iſt dies wirklich der Name? Irren Sie ſich nicht, lieber Ambach?“ „Durchaus nicht,“ antwortete Sigismund Ambach, verwundert über die Aufregung ſeines Gönners;„es iſt die Schweſter meines Freundes, des Schriftſtellers Richard Ahlhorn— dürfte ich nicht bitten,“ fuhr er zu Frau Reichmann gewendet fort,„mir zu erlauben, Fräu⸗ lein Ahlhorn den Brief und eine Bitte ihres Bruders perſönlich zu übergeben?“ Daß Felicitas noch im Nebengemach war und Alles hörte, wußte Frau Reichmann— ſie war nicht ſehr angenehm von Sigismunds Geſuch berührt— aber es wäre doch lächerlich geweſen es abzuſchlagen— als ſie ging, um Felicitas zu rufen, hatte dieſe ſchon die Ant⸗ wort bereit:„Ich bin im Augenblick zu ſehr beſchäftigt, laſſen Sie ſich den Brief geben— ich kann den Herrn Nachmittags ſprechen, wenn er wiederkommt—“ ſie ſagte dies, weil ſie um keinen Preis Störmthal hier begegnen wollte— aber ſchon hatte dieſer, von der ihm immer noch unglaublichen Entdeckung befremdet, daß die ziemlich ſtolze Geheimerathstochter jetzt die Ge⸗ hülfin einer Photographin ſein ſollte, und ſelbſt es un⸗ delicat findend, ſeine Dame aus den Salons der Ari⸗ ſtokratie in ſo veränderter Lage aufzuſuchen, ſich zurück⸗ gezogen und entfernte ſich eben jetzt mit der Bemerkung, 75 daß er bei einer Privatangelegenheit nicht ſtören wolle — draußen aber wandelte er noch auf und ab, in der Hoffnung, Felicitas durch das Fenſter zu ſehen— aus Neugierde ſagte er ſich— er wollte nur ſehen, ob es wirklich die Felicitas war, der er ſeine Huldigungen dargebracht, wenn ſie im feenhaften Ballcoſtume ihn bezaubernd an ſeiner Seite geweilt— und wie ſie ſich dann ausnehme bei einem nützlichen Geſchäft— gewiß hatten Sorge und Arbeit in den zwei Jahren ihrer Schönheit merklich Abbruch gethan und er brauchte ſie nur wiederzuſehen, um darüber zu lächeln, wie ſie ihn doch ſo oft mit einem Zauber hatte umſtricken können, wie kein anderes weibliches Weſen! Aber er ſah ſie nicht wieder— ſie konnte, da er ſich entfernt hatte, ja doch nicht widertufen, was ſie einmal geſagt; auch Sigismund ging, um ſie erſt am Nachmittag zu begrüßen. Frau Reichmann war mit Felicitas' Betragen ſehr zufrieden.„Man darf keinem Manne gleich ſeinen Willen thun!“ ſtimmte ſie bei.„Und dieſe Beiden haben ſich den Empfehlungsbrief Ihres Bruders doch nur aus Neugierde geben laſſen!“ Fünftes Capitel. Verbannung. Als Sigismund Ambach am Tage nach jenem Gewitterabend; den er mit Editha im Marmorhaus verlebt hatte, in die Waſſerburg ging, fragte er gleich bei der Dienerſchaft nach des Fräuleins Befinden. Der Arzt war nicht ohne Bedenken geweſen, ihr Rückenmark könne eine innere Verletzung erfahren haben. Er hatte Blutegel verordnet. Jetzt lag ſie im Fieber und phan⸗ taſirte. Ihre beſtürzte Mutter war noch keinen Augen⸗ blick von ihrem Bett gekommen. Man ſagte Sigismund, daß ihn der Hauptmann erwarte. Der junge Mann war von der Nachricht über Editha's Befinden todtenbleich geworden. Er hatte dieſe ganze Nacht ſchon unter den ſchrecklichſten Vorſtellungen 77 getungen— lange noch war er in ihr um das Schloß einhergeirrt, die Ankunft des Arztes abzuwarten, nach dem Licht zu blicken, das aus Editha's wohlbekanntem Balkonfenſter ſchimmerte, an ſeinem helleren oder dunk⸗ leren Schein, aus den Schatten, welche die Geſtalten darin warfen, abzunehmen, wie es ihr ergehe! Und er würde dies reſultatloſe Treiben wohl bis zum Morgen fortgeſetzt haben, wäre er nicht in das Schulhaus um ſeiner Eltern willen endlich heimgekehrt, damit er den Guten nicht auch dadurch noch Kummer und eine ſchlaf⸗ loſe Nacht bereite! Vor dieſem heutigen Wiederſehen mit Editha hatte er ſie im Geiſte immer vor ſich erblickt, wie ſie ihm in jenem Concert, in dem er ſich ihr nicht zu nahen wagte, erſchienen war: im prächtigen Schmuck mit dem Roſendiadem— ſtrahlend von Glanz und keuſcher Schönheit, ſtrahlend vor Allen vom Enthuſiasmus ſeelen⸗ voller Kunſtliebe— ſah ſie ſo immer in dem Augen⸗ blicke, wo ſie den Strauß auf den Künſtler warf—„ wie oft haſchte er im Traum nach dieſem Strauß:— Aber jetzt that er es nicht mehr, verſchwunden und verſunken war dies winkende Bild— jetzt ſah er Editha, wie er ſie heute geſehen: erſt ein liebliches harmloſes Kind inmitten ihrer Vögelſchaar— dann geiſterhaft vom Blitz beleuchtet gleich einer heiligen Seherin— und dann hielt er die Bewußtloſe in ſeinen Armen und 78 athmete auf in niegefühltem füßem Schauer und hätte daun wieder vergehen mögen in unendlichem Weh— und wenn es nun zum letzten Male geweſen, daß er ſie geſehen? wenn ſie ſtürbe? wenn er ſchuld wäre an ihrem Tode? Wenn er ſie im Park nicht aufgehalten, wäre ſie wohl vor dem Wetter zurück in die Waſſerburg ge weſen— wenn er nicht dann hätte allein gegen ihren Willen gehen wollen, wäre ſie ihm nicht gefolgt und ausgeglitten— er war nicht weit von ihr— wie konnte er ſie fallen laſſen— o wenn ſie ſtarb— dann hatte er dieſen Engel, ſeinen Engel getödtet! Dann lebe wohl, Traum des Glückes, der Kunſt, des Lebens— es wäre unmöglich, mit einem ſolchen Bewußtſein noch unter den Sternen des Himmels umher zu wandeln! Und wie er jetzt vor dem Hauptmann von Fried⸗ leben ſtand, ſo war nur ein Gedanke in ſeinem Kopfe, nur ein Gefühl in ſeinem Herzen, nur ein Wort auf ſeinen Lippen:„Was hoffen— was fürchten Sie?“ Der Hauptmann, ſonſt ein jovialer Mann mit gutmüthigem Geſichtsausdruck und freundlichen Augen unter der ſchmalen Stirn, die das immer noch mili⸗ täriſch verſchnittene Haar an den Seiten mit einer Art ſteifen Locke einrahmte, ſah mit ſeinen finſterſten Blicken auf Sigismund und ſagte barſch:„Sie allerdings, Herr Ambach, haben bei mir nichts mehr zu hoffen, ſondern 79 Alles zu fürchten, wenn Sie ſich je noch einmal in mein Schloß, zu meiner Tochter drängen ſollten.“— Sigismund ſtand erſtarrt— an ſich hatte er gar nicht gedacht und daß in dieſem Augenblick es ſich um etwas Anderes als um Editha's Befinden handeln konnte, begriff er nicht— nur das begriff er: wenn ſie in Ge⸗ fahr war, dann durfte ihm auch der Vater die Schuld beimeſſen, die er ſchon ſelbſt ſich aufgeladen, dann durfte ihn der Vater haſſen, wie er Jeden gehaßt haben würde, der Editha ein Leid gethan! In dieſem Sinne vergab er Alles, war er bereit Alles zu ertragen. Er wiederholte noch einmal mit bängſter Ahnung: „Wie geht es ihr?“ „Jetzt ſchlecht genug,“ antwortete der Hauptmann ſo rauh wie vorhin,„der Arzt giebt Hoffnung, daß ſie wieder hergeſtellt wird.“— „Gott ſei Dank!“ rief Sigismund und warf die dunkeln Augenlider emporhebend einen ſchwärmeriſchen Blick zum Himmel.— Der Hauptmann achtete nicht auf dieſe Unterbre⸗ chung, ſondern fuhr fort:„Was aber nicht wieder her⸗ geſtellt wird, das iſt Ihr früheres Verhältniß zu uns! Ich ziehe meine Hand von Ihnen ab! Ich unterſtützte ie um Ihrer Eltern, um Ihrer Anlagen willen, ich dachte einen tüchtigen Geiſtlichen aus Ihnen werden zu ſehen; es ſollte der Gemeinde zur Ehre und Freude ge⸗ 80 reichen, daß ihr Pfarrer aus ihrem eigenem Schooß hervorgegangen— zum Studiren gab ich die Mittel, nicht aber zum Muſiciren— als Spielerei nebenher und weil ein tüchtiger Theologe auch etwas Muſik ver⸗ ſtehen muß, hab ich nichts gegen das Violinſpiel gehabt — aber aus dergleichen Tand einen Lebensberuf machen, ein fahrender Muſikant, vielleicht ein Virtuos zu werden, der bald genug von ſeinen hohen Einbildungen zurück⸗ kommt, um als Bierfiedler zu enden— das iſt mir tief verächtlich. Sie haben mich hintergangen, indem Sie etwas Anderes lernten, als das, wozu ich Sie unter⸗ ſtützte— aber das iſt noch nicht genug! Sie haben mich auch in meinem Hauſe hintergangen. Sie ſind wie ein Kind desſelben betrachtet worden und haben ein frevelhaftes Spiel geſpielt— ich will nicht deutlicher ſprechen, dann würde ich die Sache nur verſchlimmern — ich will nicht fragen, warum Sie geſtern im Dunkeln meiner Tochter im Park auflauerten und Sie zu ſich lockten— ich will nur—“ „Herr Hauptmann!“ rief Sigismund und glühende Röthe übergoß ſein Geſicht.— Aber Editha's Vater ließ ſich nicht unterbrechen: „Ich will nur bemerken, daß die Zeiten vorüber ſind, wo ſich der Schulmeiſtersſohn Vertraulichkeiten gegen die Tochter des Gutsherrn erlauben darf, die dieſer ſchwach genug war einſt den Kindern nachzuſehen— S 8¹ ich dächte, dies ſei ſo ſelbſtverſtändlich geweſen, daß es gar keines Wortes bedurft hätte— und nun ſind wir mit einander zu Ende— wir haben nichts mehr mit einander abzumachen und werden uns in meinem Schloſſe nie mehr gegenüber ſtehen, denn Sie werden von heute an ſeine Schwelle nicht mehr überſchreiten— nöthigen⸗ falls werde ich meinen Leuten die betreffenden Befehle S Es war ſein ehemaliger Wohlthäter— es war, was mehr als Alles galt: Editha's Vater, der vor ihm ſtand— aber das Alles war doch zu viel für das Herz des Jünglings— es brauſte jetzt wild in ihm auf und er rief:„Nein, wir ſind noch nicht zu Ende — ich werde nie den Dank, nie die Ehrfurcht vergeſſen, die ich Ihnen ſchuldig bin— aber keine noch ſo un⸗ gerechte Beſchuldigung wird es je dahin bringen, das heilige Band zu zerreißen, was mich und Editha ver⸗ knüpft! Um Ihretwillen dulde ich eine Beſchimpfung, die mir ihr Vater anthut, der mich ungehört verdammt, um Ihretwillen werde ich aber auch nicht ruhen, bis ich mir dereinſt auch von Ihnen meine Rechtfertigung erzwungen!“ Damit ging er. Was er geſagt hatte, wußte er wohl, aber er wußte nicht, welche Deutung das bei dem Hauptmann erhalten mußte, dem geſtern die Pfarrerin zugeflüſtert, Lyuiſe Oito; Neue Bahnen. 1. 6 82 daß Sigismund aus einen gottesfürchtigen Candidaten ein gottloſer Muſikant geworden ſei und die auch für Sigismunds und Editha's Zuſammenſein, das der Haupt⸗ mann bei ſeiner Rückkehr ſelbſt verrieth, eine haar⸗ ſträubende Deutung gefunden. Denn ſelbſt von dem Wetter zurückgehalten, war ſie noch da, als Editha geſucht und endlich ohnmächtig in das Schloß zurück⸗ gebracht ward. In dem Augenblicke jetzt, wo Sigismund von dem heiligen Bande ſprach, das ihn mit Editha verknüpfe, dachte er nur an die ſchöne Uebereinſtimmung der Seelen und der Empfindungen, in der er mit ihr aufge⸗ wachſen war— eine ſüße Harmonie, durch die noch nie ein Mißton geſchnitten! und wenn Alles, was ihn an die Familie Friedleben knüpfte, zerriſſen war, dies Band konnte dies Geſchick nicht theilen. Ob er Editha liebte? er wußte es nicht, er hatte ſich nie darum ge⸗ fragt— er fragte ſich auch jetzt nicht— er hatte überhaupt nie über die Liebe gegrübelt. Was ſollte ihm das! Er war vier und zwanzig Jahr und Editha, die vier Jahre weniger zählte, war für ihn das Ideal ei⸗ nes weiblichen Weſens, lieblicher und herrlicher, als er es nur zu träumen vermochte. Einſt die Geſpielin ſei⸗ ner Kindheit, hatte ſie ſich ihm in der Ferne zu ſeinem holden Engel verklärt, an den er nur zu denken brauchte, ———.——— ,— 83 um gegen jede niedere, herabziehende Regung geſchützt zu ſein. Sein Herz brauchte ſich nicht vergeblich nach einem mitfühlenden Herzen zu ſehnen— er wußte, daß es Editha für ihn hatte— ſeine Phantaſie brauchte ſich nur ihr Bild auszumalen, um dabei eine ſo ſüße Beſchäftigung zu finden, daß er keiner äußerlichen, ſinn⸗ lichen Anregung bedurfte, weder für ſein Leben über⸗ haupt, noch für ſeine Kunſt, deren Ausübung ihn oft in jene höheren Sphären führte, in denen er ſich mit Editha gleich ſeligen Geiſtern begegnete. Und hatte er ſo Befriedigung für ſeine höheren Weiheſtunden, ſo war ſein Alltagsleben ſo voll von Arbeit, Studien, ja Plänen und Entwürfen, daß ihm in ihm keine Zeit blieb und auch kaum Gelegenheit, mit anderen weibli⸗ chen Weſen, ſei es in harmlos tändelnder oder in lei⸗ denſchaftlicher, wohl gar unreiner Weiſe, zu verkehren. Daß es mit Editha je anders ſein, anders werden könnte, als es eben war— dieſer Gedanke lag außer⸗ halb der Gränze des Möglichen für ihn. Er dachte darum gar nicht darüber nach. Weil die Gegenwart noch ſein war wie die Vergangenheit, ſo beunruhigte ihn die Zukunft nicht— und ſo war er auch jetzt ent⸗ ſchloſſen, ihrem zürnenden Vater gegenüber ſein gutes . Recht auf Editha's Lheilnahme zu bewahren! Aber dieſer Vater folgerte weiter, als der Jüng⸗ ling, der noch an gar keine Pläne für's Leben dachte, 6* 84 der ſich von ſeiner Liebe gar keine Rechenſchaft gab, eben weil ſie ſo ganz mit ſeinem Weſen verwachſen war. Der Hauptmann ſchloß aus Sigismunds Worten: der Schulmeiſtersſohn, der künftige„Bierfiedler,⸗ iſt wirklich ſo frech, das Fräulein von Friedleben zu lieben und nun gar ſchon von einem„Band“ mit ihr zu ſpre⸗ chen! Was ich der Pfarrerin nicht glauben wollte, was ich ſelbſt, als ich es mit eignen Augen ſah, noch be⸗ zweifeln mochte— das hat mir ſein eigner Mund mit frechem Hohn beſtätigt. Als Sigismund wieder zu ſeinen Eltern kam, er⸗ zählte er nur, wie es mit Editha ſtehe und daß der Hauptmann erzürnt geweſen— er werde für's Erſte nicht wieder in das Schloß gehen. Der Schulmeiſter wiederholte die Klage über Si⸗ gismunds veränderten Lebensplan— der Pfarrer hatte ihm inzwiſchen noch mit ſeinen Beileidsbezeigungen über den mißrathenen Sohn tüchtig zugeſetzt, die Mutter aber ſah ihn nur bekümmert an, ſprach nichts darein, und erſt als Sigismund ſpäter allein in der blühenden Bohnenlaube des Gärtchens ſaß und ſcheinbar nur in der neueſten Zeitung blätterte, trat ſie zu ihm, legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte mit Thränen in den Augen: „Sigismund! ich ſchelte Dich nicht mehr, daß Du — 85 uns das Herzleid angethan, weil ich ſehe, daß Du doch viel größeres haſt!“ Er fah ſie befremdet an. „Ach Gott!“ fuhr ſie fort,„daß wir alten Leute auch niemals klug werden und immer denken, die jungen Leute bleiben ewig Kinder, weil ſie unſere Kin⸗ der ſind! das konnte doch nicht ſo fortgehen mit Dir und dem Fräulein! Heute iſt es mir nun vollends klar geworden auch an Dir, daß es Dein Unglück gewollt hat, wie ich neulich, als ſie gar ſo beredt für Dich ſprach, auch an ihr es merkte, daß es das Unglück ge⸗ wollt hatte!“ „Mutter! um Gotteswillen, was denn?“ rief Si⸗ gismund, als die Schulmeiſterin nach Art wenig logiſch gebildeter Frauen in ihrer Rede zu keinem rechten Schluſſe kam.— „Daß Dich Fräulein Editha liebt!“ ſchluchzte ſie. — Das freilich war deutlich. Sigismund ſprang auf— glühende Röthe loderte plötzlich auf ſeinen Wangen, ſeine Lippen öffneten ſich, ohne einen Laut hören zu laſſen, die blendend weißen Zähne wurden ſichtbar, ſeine Augen ſtarrten weit geöff⸗ net auf die Mutter, dann ſenkten ſich die Lider und die Pfeile ſeiner glühenden Blicke bohrten ſich in den Boden.— Das war eine Entdeckung, die ihn ſelbſt wie ein Donnerſchlag traf. Die Mutter verſtand ſein Schweigen— ſie fuhr ſich mit ihrer Schürze über das Geſicht, trocknete ihre Thränen und ſagte:„Du brauchſt es mir ſo wenig zu geſtehen wie das Fräulein, ich weiß es doch! Es iſt ſo natürlich! Es kann ja gar kein lieberes und reine⸗ res Weſen geben, als das Fräulein iſt.— Du wirſt weit und breit kein Mädchen gefunden haben, das ihr gleicht oder vielmehr Du ſiehſt nach gar keinen, wie viele Dir auch begegnen, entgegenkommen mögen— es giebt eben nur die Eine für Dich auf der Welt— und mit ihr iſt es auch ſo, wie Viele ihr ſchon nach⸗ gegangen ſind, um ſie gefreit haben— ſie fragt nach Keinem, weil ſie nur an Dich denkt.“— „Aber ich bitte Dich, Mutter!“ rief Sigismund, die Hände in ſchmerzlicher Bewegung zuſammenſchla⸗ gend,„wo haſt Du das Alles her?“ „Denke nicht, daß Du mich noch täuſchen willſt,“ fuhr ſie fort, ihrer Ueberzeugung vertrauend,„einer Mutter gehen endlich die Augen auf! und was die arme Schulmeiſterin erſt verſtanden, wie es zu ſpät war, dies hätte die verſtändige gnädige Frau, die auch Mutter iſt, wohl früher ſehen können. Nun! ich bin unſchul⸗ dig, mir können ſie keine Vorwürfe machen, ſie ha⸗ ben Dir und mir ja nie Ruhe gelaſſen, daß Du mit in's Schloß kamſt! und wenn Dich die Frau Haupt⸗ männin lobte, was Du für ein guter Junge ſeieſt, wenn ———————————— . 87 ſie Dich wohl gar liebkoſte und Dich behandelte, als wäreſt Du gar nicht mein Kind, ſondern das ihrige— da bin ich oft in meinem Innern ganz eiferſüchtig ge⸗ weſen— denn Du gehörteſt mir doch— und eben darum war es mir auch wieder ein heimlicher Triumph, daß ſie Alle ſo in Dich vernarrt waren! Nein, nein, ſie dürfen es Dir nicht als Verbrechen anrechnen, wenn Du nun ihr Kind liebſt— aber ein Unglück iſt es doch!“ „Mutter! Mutter!“ rief Sigismund immer noch außer ſich zwiſchen die Beredſamkeit ſeiner Mutter— ihr konnte er nicht antworten— ſie dachte, ſie ſagte ihm nur, daß ſie ihn verſtehe, wiſſe, was ihm quäle! aber ſtatt deſſen riß ſie mit raſcher Hand einen Schleier von ſeinen Augen, der gleich einem duftigen Morgen⸗ nebel, doch in reinen Thauperlen, glänzend über ſeinen Empfindungen gelegen.— Und wenn er nun doch er⸗ fuhr, daß ſein Gefühl für Editha eben jene Liebe war, die ſo verhängnißvoll in jedes Menſchenleben, jede Fa⸗ milie griff und wenn er ſich wiederholen mußte, was ſeine Mutter behauptet, daß ſie unglücklich werden müſſe wie er, daß er freilich damit die Wohlthaten ſchlecht vergelte, die ihre Eltern auf ihn gehäuft— dann aller⸗ dings hatte der Hauptmann recht ihm zu zürnen, dann war er der undankbarſte aller Menſchen und er mußte nach einer Sühne ſuchen für ſeine Schuld. Er war verbannt von Editha und er wollte ſie freiwillig fliehen! Er wollte ihrer gedenken nach wie vor als ſeines guten Engels, der ſegnend über ſeiner Jugend geſchwebt hatte, als ſeines Ideals, das unter ſeinen Augen ſich immer noch ſchöner entfaltet, bis er es plötzlich auf einer Höhe vor ſich ſah, von der ihn eine Kluft trennte, die zu überſpringen vielleicht ihr noch mehr Gefahr brachte als ihm ſelbſt— und eben darum durfte der Sprung niemals gewagt, mußte jeder Gedanke daran aufgegeben werden! Und was war es denn nun auch für ihn, wenn der Schmerz der Entſagung in ſein Leben hereinbrach? Er ſollte ſeiner Kunſt die Weihe geben! er wollte ſeine Empfindungen in Tönen aushauchen— ſeine Kunſt ſollte ſein Troſt ſein! Es war von je das Loos des Künſtlers geweſen, durch den Schmerz erhoben, geläu⸗ tert, veredelt zu werden, warum denn nicht das ſeine? Jedes tief fühlende poetiſche Gemüth ſehnt ſich ja in der Jugend nach großen Schickſalen und großen Schmer⸗ zen und wenn nun der Augenblick der Erfüllung kommt für die faſt frevelhafte Sehnſucht, dann wäre es Feig⸗ heit davor zurückzubeben und die Dornenkrone, die das Schickſal bietet, nicht freudig zu ergreifen. Einem Je⸗ den, der ſie freudig hinnimmt, kann ſie noch zur Strah⸗ len⸗ und Siegeskrone ſich verklären— ob ſie im Dienſt der Kunſt, des Glaubens, der Freiheit, der Liebe da⸗ ———— —— 3 89 hingenommen und getragen wird— es ruht in ihr dieſelbe weihevolle Kraft! Sigismund blieb noch ein paar Tage im Vater⸗ hauſe, bis er durch den Atzt erfahren, daß Editha völ⸗ lig außer Gefahr ſei, wenn ſie auch noch längere Zeit das Bett werde hüten müfſen. Unter dieſen Umſtän⸗ den konnte er nicht daran denken, ſie noch einmal wieder zu ſehen— er wollte es auch nicht. Noch durfte er hoffen, daß man ihren Frieden nicht geſtört wie den ſeinigen. Selbſt wenn der Vater ihr zürnte, würde er doch begreifen, daß Editha jetzt vor jeder Gemüths⸗ bewegung bewahrt werden müßte. Sigismund kannte das zärtliche Vaterherz des Hauptmanns genug, um ge⸗ wiß zu jein, daß er die Tochter ſchonen würde und ſie ſelbſt würde es natürlich finden, daß Sigismund gleich allen nicht zur Familie gehörenden Perſonen von ihrem Krankenzimmer fern gehalten ward, daß er endlich ab⸗ reiſte, ohne ſie wiedergeſehen zu haben. Konnte es ſie nun vielleicht auch quälen, nicht zu wiſſen, wie ihre El⸗ tern Sigismunds Studienwechſel aufgenommen, und 3 würde es ſie ſchmerzen, früher oder ſpäter zu erfahren, daß ſie ihm zürnten, ſo blieb doch wohl der Hauptgrund diee Zürnens ihr verborgen und bei dem klaren Blick, dem heiteren Gemüth, die ihr eigen, konnte ſie wohl ſich tröſten, daß es der Zeit gelingen werde, ganz von ſelbſt die Verſöhnung herbeizuführen. Es waren ja oft 90 chon Monate, ja Jahre vergangen, daß ſie einander nicht geſehen, es hatte ſchon hier und da einmal einen kleinen Sturm gegeben, den der Hauptmann über das Haupt des Jünglings heraufbeſchworen und dem dann doch wieder ſtiller Friede gefolgt war— warum ſollte es diesmal anders ſein? Als Sigismund von ſeiner Mutter Abſchied nahm, mußte ſie ihm noch verſprechen, nicht etwa durch ein unüberlegtes, wenn auch noch ſo wohlgemeintes Wort in Editha's Herzen einen ähnlichen Sturm aufzuregen, wie in dem ſeinen und ihr nur zu ſagen, daß er immer ihres letzten Zuſammenſeins gedenken und ſich ſtets be⸗ ſtreben werde, ſich der hohen Meinung würdig zu ma⸗ chen, die ſie von ihm und ſeinem Beruf zur Kunſt gehegt. So hatte er Friedleben mit ſchwerem Herzen ver⸗ laſſen, in wie ganz anderer Stimmung, als in der er gekommen war! Er lebte nun nur ausſchließlich ſeiner Kunſt und dem kleinen Kreiſe gleichgeſinnter Jugendgenoſſen, in dem ſowohl ernſtes Streben als heitere Laune die wech⸗ ſelnd herrſchenden Elemente waren. Junge Muſiker, Schriftſteller und Maler hatten ſich zuſammengefunden, um nicht in exeluſiver Einſeitigkeit jeder nur ſeiner Ein⸗ zelkunſt zu leben, ſondern um die eigenen Sonderinter⸗ eſſen denſelben eben dadurch zu veredeln, daß ſie die⸗ 91 ſelben dem höheren Intereſſe der Kunſt unterordneten, daß ſie aus der fremden Kunſtſphäre Anregung und Gewinn für die eigne ſuchten. Unter dieſen jungen Strebenden hatte ſich Sigismund Ambach beſonders mit dem Schriftſteller Richard Ahlhorn zu innigſter Freund⸗ ſchaft verbunden, die jetzt durch die Aehnlichkeit ihrer Lebensverhältniſſe nur noch inniger ward. Ja, dieſe Aehnlichkeit war vorzüglich durch Richards Beiſpiel her⸗ beigeführt worden. Richard hatte zwar ſeine juriſtiſchen Studien beendet und ſein Examen abſolvirt, aber die trockene Juriſterei war ihm längſt nur Nebenſache ge⸗ weſen, die Begeiſterung für alles Schöne und Hohe, der Trieb des Schaffens war in ihm zu mächtig, als daß er ſie hätte in die Schranken vorgeſchriebener For⸗ men und Formale, viel weniger ſich ſelbſt in die des Staatsdienſtes hätte bannen mögen— ſo lebte er faſt ausſchließlich dem Schriftſtellerthum und hatte ſich da⸗ durch mit ſeinen Angehörigen entzweit. Es that ihm weh, aber es war kein Grund, um ihn jemals abhal⸗ ten zu können, ſeinem Genius zu folgen. Und ſo hatte er auch Sigismund, den er im Kampfe mit ſich ſelbſt fand, in der Abſicht beſtärkt, einer Laufbahn zu entſagen, die ihm niemals innere Befriedigung gewähren konnte, und dafür ſich einer Kunſt zuzuwenden, der mit ganzer Seele zu dienen ihm ſchon längſt zum Lebensbedürfniß geworden war. Und ſo ſchwuren ſie nicht nur einander, ſon ern auch den neuen Bahnen Treue, auf denen zu wandeln ſie ſich trotz aller Hinderniſſe und Kämpfe von ihrem eignen Selbſt gezwungen fühlten!— Wie die beiden Freunde einander Alles mittheilten, ſo hatte auch Richard von ſeiner Schweſter geſprochen, die ſich der Photographie gewidmet hatte und ſo auch gleich dem Bruder wandelte auf einer neuen Bahn Als daher Sigismund eines Tages in einem Kunſtinter⸗ eſſe nach der Reſidenz reiſte, ſo war nichts natürlicher, als daß ihn Richard bat, die Schweſter aufzuſuchen, um ihr dann von ihr und ihren Leiſtungen zu erzählen. Ein Brief und die Bitte, ihm eine Photographie von ſich zukommen zu laſſen, ſollte die Bekanntſchaft ver⸗ mitteln. Und dabei fiel es denn Sigismund ein, bei dieſer Gelegenheit auch ſeine eigne Photographie an⸗ fertigen zu laſſen, den Eltern ein Geſchenk damit zu machen— und vielleicht fand auch ein Exemplar da⸗ von den Weg zu Editha! Als er auf dem Bahnhof der Reſidenz ankam und mit ſeiner theuren, im Kaſten ſorgfältig gehüteten Vio⸗ line dem Ausgang zueilte, ſtieß Jemand im Gedränge unſanft an ihn, ſo daß er ſich entrüſtet umſah. „Sind Sie es wirklich, Herr Ambach?“ rief eine eben ſo freundlich als vornehm klingende Stimme ihm zu—„und ſo hätte dies unfreiwillige Drängen und 93 Stoßen immerhin das Gute, alte Bekannte zuſammen⸗ zuführen! Leben Sie jetzt hier, oder ſind Sie ein Frem⸗ der? im letztern Falle, wenn Sie noch keine Wohnung haben, begleiten Sie mich in das Hötel, auf alle Fälle aber ſteigen Sie mit in meinen Wagen, damit wir zu⸗ ſammen nach der Stadt fahren!“ Sigismund erkannte Herrn von Störmthal, obwohl er überraſcht war, ihn, den er auf einem fernen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten wußte, hier plötzlich wiederzuſehen. Beide hatten ſchon vor längerer Zeit ihre Be⸗ kanntſchaft im Schloſſe zu Friedleben gemacht. Wilfried war der zweite Sohn eines Herrn Peter von Störmthal, deſſen Gut Störmthal in der Nähe von Friedleben lag, ſo zwar, daß, wenn auch die Schlöſſer einige Stunden auseinander lagen, doch die dazu ge⸗ hörigen Fluren zuſammengräuzten. Der ältere Sohn Hans war Majoratsherr und Erbe des Gutes, jetzt bereits ſeit einem Jahre nach dem Tod ſeines Vaters im Beſitz desſelben, das er mit ſeiner jungen Frau Mathilde und ſeiner Mutter bewohnte. Wilfried hatte, nur jetzt ſeit zwei Jahren nicht, aber ſonſt immer, trotz ſeiner Carriere im Staatsdienſt, Zeit gefunden, zuweilen einige Wochen in Störmthal zuzubringen und da man mit Friedleben immer im freundnachbarlichen Verkehr war, ſo hatte er dort auch den Schulmeiſtersſohn, den Studenten Ambach, oft genug — 94 getroffen, um ſich für ihn ſo weit zu intereſſiren, wie er ſich für jede urſprüngliche und ſtrebſame Natur in⸗ tereſſirte. Wenn Sigismund bei Gelegenheit einer grö⸗ ßeren Geſellſchaft in Friedleben ſich oft genug beſchei⸗ den und ſchüchtern an den Wänden herumdrückte, ſo hatte ihn Wilfried eben ſo oft ermuntert, dieſe natür⸗ liche Blödigkeit zu bemeiſtern, und war ſeiner Schüch⸗ ternheit immer auf die liebreichſte Art zu Hülfe gekom⸗ men. Wilfried mochte etwa um fünf Jahre älter ſein, als Sigismund, und das ſo wohl wie ſein vornehmes Weſen und die Stellung, die er bereits im Staats⸗ dienſt wie in der Geſellſchaft einnahm, berechtigten ihn, ein Protectorat über Sigismund zu üben, das überall reſpectirt ward— auch in Wilfrieds eigner Familie, denn auch die Thore von Störmthal wurden ihm durch dieſen eben ſo gern geöffnet, wie die von Friedleben. Jetzt aber waren, wie geſagt, zwei Jahre vergan⸗ gen, ſeit ſie ſich zuletzt dort geſehen hatten. Um ſo angenehmer war Sigismund von dieſem Wiederſehen überraſcht, das er jetzt garf nicht erwartet hatte, wie von der unverändert freundlichen Art, mit der ihn Herr von Störmthal begrüßte, als ob es erſt geſtern geweſen ſei, wo ſie einander zuletzt geſehen hätten. Bei Störmthal war es nicht allein die Freude, den jungen Mann, für den er ſich ſtets intereſſirt und von dem er zwei Jahre lang nichts gehört hatte, wie⸗ 95 derzuſehen, ſondern er hatte auch, da er zuletzt immer unterwegs geweſen, zwei Monate lang nichts von ſeiner Mutter, noch ſonſt aus Störmthal oder Friedleben gehört und durfte von Sigismund die erſten mündli⸗ chen Nachrichten über dort erwarten— ja, es gereichte ihm, der ſich jetzt nur in diplomatiſchen Kreiſen diplo⸗ matiſch hatte bewegen müſſen, zum beſonderen Vergnü⸗ gen einmal mit Jemand der dergleichen ganz fern ſtand, harmlos über Anderes und vor Allem über die immer⸗ hin theure Heimath plaudern zu können. Da er nun jetzt gleich im Wagen von Sigismund erfuhr, daß dieſer noch kein beſonderes Quartier hatte und nur ein paar Tage zu bleiben gedachte, ſo nöthigte ihn Störmthal, in ſeinem Hötel ſein Gaſt zu ſein, und that dies in einer ſo liebenswürdigen und feinen Weiſe, daß Sigismund das freundliche Anerbieten kaum aus⸗ ſchlagen durfte. Dennoch verſuchte er es noch, indem er mit eiligen Worten auf ſeine Violine deutend ſagte: „Ich bin durch dieſe, da ich mich ihr nun ganz ge⸗ widmet und der Theologie entſagt habe, in Friedleben in Ungnade gefallen— ſeit ein paar Monaten nicht dort geweſen und werde Ihnen nicht viel erzählen können!“ Störmthal ließ dieſen Einwand nicht gelten— er hörte mit Vergnügen von Sigismunds verändertem Lebensplan.„Die Theologie,“ ſagte der junge Staats⸗ 96 mann verächtlich,„iſt gut für Schwachköpfe und Phleg⸗ matiker, die gedankenlos ein Ziel erreichen und ein be⸗ quemes Leben führen wollen— wer höherer Gemüths⸗ art und voll geiſtigen Lebens iſt, dem wird das Ruhe⸗ kiſſen, das ſie für andere iſt, zum dornengefüllten Pfühl — ſich einer freien Kunſt ergeben iſt in meinen Augen ſtets verdienſtlicher, und wenn der gute Hauptmann, der zuweilen etwas beſchränkte Begriffe hat, Ihnen mo⸗ mentan darüber zürnt, ſo wird ſich das ſchon legen, und ich werde ſchon Gelegenheit finden, über kurz oder lang Ihr früheres Verhältniß zu dieſem Hauſe wieder⸗ herzuſtellen!“ Sigismund hätte Störmthal für dieſe Worte um den Hals fallen mögen— und er konnte nun nicht länger der Lockung widerſtehen, jetzt einige Tage in ſeiner Nähe zu bleiben. Sechstes Capitel. cbine frühere Beſunntſchaft. Nachdem Sigismund Ambach in der Reſidenz den Capellmeiſter aufgeſucht hatte, um deſſentwillen er hier⸗ hergekommen, war ſein nächſter Gang in die erwähnte photographiſche Anſtalt geweſen. Er hatte gegen Herrn von Störmthal nur oberflächlich davon geſprochen, nur erwähnt, daß Frau Reichmann Damen in dieſer Kunſt vorbereite, und daß er die Schweſter eines Freundes aufſuchen wolle, an die er einen Brief desſelben abzu⸗ geben habe. Namen hatte er zufällig nicht genannt. Störmthal hatte gerade einen freien Augenblick und wie immer ſich für das Neue, wenn eine allge⸗ meine Bedeutung daran zu knüpfen war, intereffirend, hatte er ſeinen jungen Freund ſofort begleitet. Es war Louiſe Otto; Neue Bahnen, I. 7 98 piquant, ſich in einem Damenatelier von einer jungen Dame photographiren zu laſſen. Wie er nun ſtaunte, als er einen ihm wohlbekann⸗ ten intereſſanten Namen hörte, haben wir ſchon mitge⸗ theilt und wie er vergeblich gehofft ſie ſelbſt zu ſehen. Im Fortgehen fragte er dann Sigismund noch einmal — die Namen, die er gehört, waren zwar nicht ſehr gebräuchlich— aber es konnte doch ſein, daß es zwei Mädchen gab, die ſie trugen, wenn es auch nicht ſo wahrſcheinlich war, wie es geweſen wäre, wenn ſie Marie Müller oder Schulze gelautet hätten.“ Aber Sigismund nahm ihm jeden Zweifel, indem er ſagte, daß dieſe Felicitas wirklich die Tochter des verſtorbenen Geheimrath Ahlhorn ſei, und daß es ihn gefreut von dem Bruder zu erfahren, wie ſie jedes Vor⸗ urtheil, das die Damen ihres Standes auszeichne, über⸗ wunden habe, um ohne fremde Unterſtützung ſich ſelbſt durch das Leben zu helfen. Es ſei freilich hart für ſie, daß darüber ihre hieſigen Verwandten mit ihr zerfallen wären, aber es mache ihr um ſo mehr Ehre, daß ſie trotz⸗ dem dieſen Schritt gethan. Störmthal hatte nicht gewußt, daß der Geheimerath ſo wenig für ſeine Familie geſorgt hatte— es wollte ihm dennoch nicht recht in den Kopf, daß Felicitas einen Wirkungskreis geſucht, der ſie mit ihrer Familie in Con⸗ flict gebracht hatte. 99 „Die Familienbande,“ ſagte er,„ſind doch die heiligſten, welche es giebt und niemals durch andere zu erſebende. Ein Mädchen, das ſich ganz von Allen los⸗ geriſſen in die Weſt hinſtellt, iſt immer eine bedenkliche Erſcheinung— und ſelbſt wenn ſie ehrenwerthe Motive dazu hat.“ „Vielleicht könnten Sie recht haben,“ wandte Sigis⸗ mund ein,„wenn es ſich um das Losreißen von Eltern handelt, aber Felicitas hat ſich vielleicht nur mit einem Stiefbruder und einer Schwägerin veruneinigt; ihr rechter Bruder iſt ihr um ſo inniger verbunden.“ Störmthal war in vielen Beziehungen vorurtheils⸗ frei— trotz der Ariſtokratie, zu der er gehörte— aher ein ſo feſtes und inniges Familienband, wie das, wel⸗ ches Alle vereinigte, die den Namen Störmthal trugen, wo jedes Mitglied in der Uebereinſtimmung mit ſeinen Angehörigen und in dem Streben, durch jede Handlung dem Hauſe Ehre zu machen, aus dem es ſtammte, ſeinen hauptſächlichſten Stolz ſuchte— ein ſolches Familienband forderte er nicht allein für den Adel, ſondern auch für den Bürgerſtand, den höheren wenigſtens und ſelbſt jener Bauernſtolz, der die Beſitzer ländlicher Güter, auch wenn ſich kein Wappen daran knüpft, in vielen Gegenden charakteriſirt, war ihm lieber, als die Gleich⸗ gültigkeit Bürgerlicher gegen das Geſchlecht, deſſen Namen ſie trugen. So mochte Sigismund Felicitas zu recht⸗ 7 100 fertigen verſuchen, wie er wollte— Störmthal war mit ihrem Schritt nicht einverſtanden und meinte: daß ſie das Haus ihres Bruders verlaſſen, möge doch noch irgend einen Haken haben. Gleichwohl fand er ſich trotz der mannigfachen Ge⸗ ſchäfte, Beſuche, Neuigkeiten, Erklärungen und Arbeiten, die hier auf ihn warteten, trotz des Wiederſehens alter Bekannter und des Begegnens neuer intereſſanter Er⸗ ſcheinungen wider ſeinen Willen ſelbſt oft in Gedanken an Felicitas— ja, ſobald er Sigismund wieder un⸗ geſtört ſprach, fragte er ſogleich, ob er nun Felicitas' Bekanntſchaft gemacht? Statt der Antwort legte Sigismund zwei Viſiten⸗ kartenbilder vor ihm hin. Störmthal ward nicht müde die Photographien zu betrachten! Das war wirklich die junge Dame, mit der er ſo viel ſchöne Stunden heiterer und anregender Ge⸗ ſelligkeit verlebt, wenn auch ein anderer Ausdruck in dem Bilde lag, als der, den er früher bei dem Original gefunden hatte! Damals athmete dieſe ganze Geſtalt fröhliche Lebensluſt— jetzt verharrte ſie in ernſter ſinnender Haltung— damals hatten dieſe feinen Züge noch den Ausdruck kindlicher Unerfahrenheit, jetzt ſprach ſich ein entſchiedener Charakter in ihnen aus, und ein Lächeln, das damals wie roſige Hoffnung ausſah, ge⸗ mahnte heute an einen Kampf zwiſchen Sehnſucht und 6 101 Entſagung. Sie war älter geworden— der erſte Blüthen⸗ ſchmelz der Jugend mochte dahin ſein— aber hatte er damals vor Felicitas gefühlt, daß ſie ihn unwider⸗ ſtehlich anzog, ſo lange r ſich unter dem Eindruck ihrer reizenden Erſcheinung befand— ſo fühlte er jetzt vor ihrem Bilde, vor dieſem Bilde gerade, daß es ihn feſſeln konnte— das war noch mehr! 5 Nachdem er lange in die Betrachtung der Bilder verſunken geweſen, ſagte er zu Sigismund:„das Fräulein hat Ihnen zwei verſchiedene Bilder ge⸗ geben.“— „Sie wußte ſelbſt nicht, welches das ähnlichere ſei—“ antwortete er„ich ſollte entſchieden und da ich ſie im Grunde beide gleich gut fand, ſagte ſie nachläſſig: „Sie können auch beide mitnehmen!“ Störmthal fiel raſch ein:„Wenn ſie wirklich ſo ſagte und nicht ausdrücklich: dem Bruder mitnehmen — ſo brauchen Sie ihm nur eines abzuliefern— darf ich das andere als eine Freundesgabe von Ihnen fordern?“ Sigismund ſah ihn überraſcht und fragend an— es war die erſte Bitte, die Störmthal jemals an ihn gethan— er, dem der junge Mann ſich ſo ſehr ver⸗ pflichtet fühlte:„Wie gern,“ ſagte er,„möchte ich Ihren Wunſch erfüllen— aber es hieße doch eine Indiscretion begehen.“— 102 Störmthal lächelte:„Denken Sie etwa, ich würde mit dem Bild der jungen Dame renommiren? Dank der Photographie und nun vollends dieſer Album⸗ manie, welche die Welt ergriffen hat, iſt keine Ge⸗ fahr mehr dabei, das Portrait einer Dame zu beſitzen!“ man iſt darum noch nicht verpflichtet ſie zu heirathen, wie es wohl in jener Zeit der Fall ſein mochte, wo ſie wochenlang ſitzen und ein Maler eben ſo lange malen mußte, ehe ein Conterfei fertig war, das einem ſolchen Bildchen noch nicht entfernt an Genauigkeit der Ausfüh⸗ rung glich— es wirft keinen bedenklichen Schein auf ſie, wenn ihr Portrait im Beſitz eines Mannes ſich vorfindet. Zudem verſpreche ich Ihnen auch, nicht etwa damit in einem Album zu renommiren— es ſoll aufbewahrt werden, wo es vor allen indisereten Blicken verborgen iſt. Ja ich gehe noch weiter— ich mache es ſogar Ihnen zu Pflicht, Niemandem und um keinen Preis zu ſagen, wohin das Bild gekommen iſt!— Vielleicht er⸗ ſcheint Ihnen mein Drängen thöricht,“ fuhr er fort, da Sigismund noch immer unentſchloſſen die Photographien in der Hand hielt—„aber auch das mag ſein— warum ſoll man nicht auch ſeine Grillen haben? ich habe eine Paſſion für Erinnerungszeichen an Perſonen, die mich einmal intereſſirten— man bedarf oft ſolches Materials, um ſich gegenwärtig zu halten, was für Phaſen man eigentlich in ſeinem Leben ſchon durchgemacht.“ 103 „Nun dann,“ ſagte Sigismund lächelnd;„hier haben Sie dies ſchätzbare Material zu Ihrer Lebens⸗ geſchichte!“ und legte eines der Bilder vor ihm hin— „wenn es ſein muß, werde ich ſagen, daß ich es, gleichſam als Botenlohn für mich ſelbſt, behalten habe.“ „Ich danke Ihnen;“ antwortete Störmthal mit warmem Händedruck und ſchob das Bild, wie um es in Sicherheit zu bringen, raſch in die Seitentaſche einer Schreibmappe;„auf Ihr Ehrenwort, weiß ich, kann ich mich verlaſſen und ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen mit Allem, was ich habe und vermag, jederzeit zu Dien⸗ ſten ſtehe.“ „Deß bin ich auch ohnedies verſichert,“ antwortete Sigismund,„und wie könnte es anders ſein in die⸗ ſen Tagen, wo Sie mir gleich bei einem erſten uner⸗ warteten Zufammentreffen ſo viel Güte erweiſen?“ „Dies iſt nicht der Rede werth,“ unterbrach ihn Störmthal,„und ich bat Sie ſchon wiederholt davon zu ſchweigen.“ „Sie wollen meiner in Friedleben gedenken,“ ſagte Sigismund;„was könnte mir noch Lieberes geſchehen! Ich weiß, wie ſehr Sie dort von allen Schloßbewohnern geſchätzt werden, wie viel Ihr Urtheil gilt! O Sie werden gar nicht nöthig haben, erſt ein gutes Wort für mich einzulegen, ſchon daß Sie Ihre Geſinnung gegen mich nicht verändern, gereicht mir dort zur Empfehlung. 104 Daß man mich für undankbar hält und durch meine Verbannung meine alten Eltern kränkt— ja vor dem ganzen Dorfe kränkt— denn ſo etwas ſpricht ſich ja in einem Dorfe ſchnell herum und im Pfarrhaus na⸗ mentlich konnte man es nicht erwarten, die ihnen in mir gewordene Kränkung durch die ganze Gemeinde zu tragen— das iſt es, was mich ſchmerzt!— nicht etwa der Verluſt einer Unterſtützung, die mir drückend ge⸗ worden, ſeit ich die Kinderſchuhe ausgezogen!“ „Und iſt es denn nicht nur eine ſoldatiſche Auf⸗ wallung des Hauptmanns geweſen, die ihn ſich über Sie erzürnen ließ und der Sie vielleicht eine größere Wichtigkeit beilegten, als ſie verdient? Sie ſind em⸗ pfindlich— ich begreife vollkommen, daß Sie es ſind und ſchätzen Sie deshalb— aber mit ſolchen Krieger⸗ manieren dürfen Sie es doch nicht ſo genau nehmen — ſchon um Gemahlin und Tochter willen, die gewiß ſein Zürnen nicht theilen und ihm nur gehorchen.“ Von dieſen Worten Störmthals fühlte ſich Sigis⸗ mund immer mehr erwärmt, ſo daß er enthuſiaſtiſch aus⸗ rief:„Fräulein Editha zürnt mir nicht!“ aber als ihn jetzt wieder Störmthal mit einem etwas verwunderten Blicke maß und mit dem ſtummen Ausdruck ſeines ſcharf⸗ gezeichneten Geſichtes zu fragen ſchien: in dieſem Tone ſpricht der Sohn des Dorfſchulmeiſters von der Tochter ſeines Gutsherrn? da fühlte ſich Sigismund wieder an 105 der Scheidewand ſtehen, die ihn auch von dem liberal⸗ ſten Ariſtokraten trennte er wußte nicht, wie ſehr ihn dieſer mit verurtheilen würde, wenn der Hauptmann ihn vielleicht verklagte, ſein Auge zu Editha erhoben zu haben— und ſo brach er ein Geſpräch ab, das mit weiteren Erklärungen auch nur zu weiteren Verwicklun⸗ gen führen konnte— mochte denn, nach wie vor, Alles dem Zufall überlaſſen bleiben. Das aber ahnte er nicht, welches Intereſſe Störmthal an Editha nahm und wie der Wunſch, ſich von einem, wie er meinte, unbe⸗ fangenen Beobachter berichten zu laſſen, in welcher Art ſich das Weſen des jungen Mädchens während dieſer zwei Jahre weiter entwickelt hatte, Störmthal mit ver⸗ anlaßt haben mochte, gerade mit Sigismund ſo vertrau⸗ lich zu verkehren. Denn Störmthals Mutter hatte ſchon lange in ihren Briefen Editha's immer mit beſonderer Vorliebe gedacht und in ihrem letzten, den ſie dem Sohn vor ſei⸗ ner Rückkunft geſchrieben, es vffen ausgeſprochen, daß ſie keinen größeren Wunſch kenne, als einſt, vielleicht ſchon bald, Editha als Wilfrieds Braut und ihre künf⸗ tige Schwiegertochter zu begrüßen. Sie wußte kein Mädchen weit und breit ſo recht nach ihrem Herzen, wie dieſes, keines, das ſie lieber in ihre Familie aufnehmen, dem ſie das häusliche Glück ihres Sohnes anvertrauen in die Wagſchaale möchte. Und was denn auch mit 106 fiel: Editha war von altem Adel und begütert, die Hälfte der Herrſchaft Friedleben mußte ihr zufallen, da ſie den Beſitz ihrer Eltern, der ſich überſchauen ließ, nur noch mit einem Bruder zu theilen hatte. Ja, Edi⸗ tha hatte ſich ſchon einmal als Geburtstagsgeſchenk den Berg mit der Burgruine erbeten und ſchwärmte für die Idee, wenn ihr Bruder als Herr der Waſſerburg ſich darin eine Familie gründe, ſich ſelbſt neben jener Ruine wieder ein Schloß zu bauen— wie herrlich, dachte Frau von Störmthal, wenn hier durch ihren Sohn und Editha gemeinſchaftlich dieſe Idee verwirklicht würde! Editha, wußte ſie, hing mit tauſend Banden an dieſer Heimath und doch war ſie auch geiſtig gebildet und ge⸗ wandt genug, um in den Kreiſen der Reſidenz die Ge⸗ mahlin eines Mannes zu repräſentiren, der— wie das ſtolze Mntterherz zuverſichtlich von ihrem Wilfried hoffte — zu den höchſten Ehrenſtellen im Staate befähigt und ſie zu erringen berufen war. So ihre Kinder glücklich und in der Nähe zu wiſſen, war das höchſte Ziel der Frau von Störmthal, auf das ſie mit allen Kräften zuarbeitete— und ſo hatte ſie ſich ſchon in aller Stille der Zuſage Frau von Friedlebens verſi⸗ chert, die natürlich den Vorbehalt machte: wenn die Herzen der Kinder ſich zuſammenfinden ſollten. Man müſſe ſie nur ganz unvermerkt darauf hinleiten, aber keine directe Einmiſchung verſuchen:— ſo lautete 107 ihr letzter Beſchluß. Frau von Störmthal ſtimmte dem bei, fand dieſe Maßregel aber doch nur gut für das Mädchen, dem ja doch die Rolle des Abwartens zufiel und das ſich nur nach vorhergegangenem Anfang zu entſcheiden hatte, aber bei dem Sohne fand ſie es doch für gut, ihr Project ihm offen vorzulegen. Sie konnte ihn ja! der Wille der Mutter war ihm vor Allem hei⸗ lig und ihrem klugen Rathe hatte er ſchon mehr als einmal in entſcheidenden Momenten ſich vertraut. Un⸗ geprüft wenigſtens hatte er ihn noch niemals von ſich ge⸗ wieſen— daß er nicht ohne ſtrenge Prüfung den wich⸗ tigſten Schritt ſeines Lebens thun würde, wußte ſie mit Beſtimmtheit— er hatte ſich noch in allen Verhältniſ⸗ ſen durch kluge Ueberlegung und ruhige Mäßigung aus⸗ gezeichnet, er würde ſich auch in dieſer Angelegenheit davon beſtimmen laſſen. Ueber die Jahre der Jugend⸗ thorheiten, der leichtſinnigen ode ſchwärmeriſchen Liebes⸗ verbindungen war er ja längſt hinaus. Ueberhaupt war er eine ruhige Natur, der die Liebe gerade nicht viel zu ſchaffen machte. Er hatte wohl dieſe und jene flüchtige Liaiſon gehabt, dies und jenes Intereſſe, wohl auch da und dort der Sinnlichkeit im flüchtigen Rauſche ihren Tribut gezahlt— aber von einer gewaltigen Leidenſchaft, von Kämpfen des Herzens fand ſich in ſeinem ganzen Leben keine Spur. Sein Streben na Carriere und jener edlere Ehrgeiz, ſich wirklich durch 108 Bewährung eines nicht gewöhnlichen Charakters und einer gewiſſen Genialität auszuzeichnen und ſich damit zugleich auf die Höhe ſeines Standes wie ſeiner Zeit zu ſtellen, beherrſchten ihn viel mehr als andere Intereſſen— ſo waren ſelbſt die der Liebe ihm immer nur nebenſächliche, untergeordnete— darauf durfte ſich ſeine Mutter ver⸗ laſſen. Sie hatte recht— es war auch in dieſem Augen⸗ blicke noch ſo. Die Diplomatie hatte ihn ganz in ihre Kreife geſponnen und ſein Ehrgeiz trachtete nach nichts Geringerem, als nach dem Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten, wenn auch noch viele Jahre vergehen ſollten, ehe er es erreichen konnte. So, ſich jetzt in Geſchäften vergrabend, antwortete er ſeiner Mutter nur flüchtig, daß er, ſobald es ſeine Zeit erlaube, nach Störm⸗ thal kommen und Editha wiederſehen werde; voraus⸗ beſtimmen laſſe ſich in einer ſolchen Angelegenheit nichts. Doch da ſein Herz vollkommen frei ſei, wie ja das Edi⸗ tha's wohl auch, ſo könne der Wunſch der Mutter ihm auch in dieſem Falle, wie ſchon in ſo manchen anderen, zum Befehle werden— doch mache er vor Allem zur Bedingung, daß man, um Editha's Unbefangenheit nicht zu zerſtören, das Uebereinkommen der Mütter ſtreng vor ihr geheimhalten müſſe; er glaube, ſie ſei zugleich Romantikerin wie Emancipirte genng, um ein Vorur⸗ theil gegen ihn zu bekommen, wenn ſie in ſeinem Wer⸗ —— —— 109 ben das Werk einer Familienübereinkunft und nicht al⸗ lein den Eindruck ihrer liebenswürdigen Perſönlichkeit wahrzunehmen habe. vergeſſen und ſteckte in ſeiner Schreibmappe, ohne wieder daraus heworgezogen zu werden. Als man ihm ſeine ei⸗ gene Photographien geſchickt, womit ſich Felicitas unge⸗ wöhnlich geeilt hatte, um zu verhüten, daß er etwa ſelbſt darnach komme, hatte er über dieſe Eile gelächelt und am nächſten Tage— die Viſitenkarten waren in ſeiner Abwe⸗ ſenheit abgegeben worden— mit ſeinem Diener das Geld dafür hingeſchickt. Auch er hatte mit einer gewiſſen Haſt gehandelt, um ſich ſelbſt die Gelegenheit zu rauben, in das photographiſche Atelier zu gehen. Aber unwilltürlich führte ihn ſein Weg eines Abends, als er aus dem Hötel der Gefandtſchaft kam, an dem Ate⸗ lier der Frau Reichmann vorüber. Der Abend war ſo ſchön— er ging langſam in der vorbeiführenden, mit duf⸗ tenden Blumen geſchmückten Promenade auf und ab. Faſt ſchien es, er ſei auf einmal ein großer Blumenliebhaber geworden, denn er blieb ſinnend an den einzelnen Bosquets ſtehen, als muſtere er Formen und Farben der verſchie⸗ denen Blumenarten. Das trieb er ſo wie in Zerſtreuung mehrere Abende hindurch, bis endlich doch einmal an ei⸗ nei der vordern Parterrefenſter Felicitas' ſchlanke Geſtalt auftauchte und ein Blick aus ihren, wie von leichter Weh⸗ muth unflorten Angen auf den Vorübergehenden traf. Aber kaum war dies geſchehen, ſo verſchwand ſie auch von dem Fenſter und Störmthal ging in einer Art von Beſtür⸗ zung ſeines Weges weiter. Er hatte ſie nun wiedergeſehen— und die Wirklich⸗ keit entſprach nicht nur ganz dem Bilde, das ihm die Pho⸗ tographie von ihr gegeben, ſondern es übertraf dieſelbe noch in jeder Beziehung— in lebensvoller Anmuth war ſie ihm wieder erſchienen und wie er einſt im ſchimmernden Baalſaal ſich unwillkürlich in ihren Kreis gebannt ge⸗ fühlt hatte, ſo zog es ihn jetzt wie mit unwiderſtehli⸗ cher Magie, ſich ihr zu nähern, ſie an der Stätte ihrer ſelbſt gewählten Arbeit aufzuſuchen. Wer weiß, be⸗ durfte ſie nicht eines Rathes, einer Stütze in er mög⸗ licherweiſe precairen Lage und war es nich nverant⸗ wortlich von ihm, wenn er ſie im Atelie Künſt⸗ lerin weniger eilig aufſuchte, als er ſie 1 väterlichen Wohnung, bei dem Geheimerath, aufgeſucht haben? Als er ſo ſinnend weiter ſchrirr, aegaltig, wohin ſeine Füße ihn trugen, begegnete, oe otelmehr über⸗ holte ihn der Advocat Baum. Sie hatten Beide zuweilen mit ehander zu thun 111 gehabt und Baum, der gern jede Bekanntſchaft culti⸗ virte, die ihm in ſeinem Berufe irgend wie von Nutzen ſein konnte, begrüßte Störmthal auf das Artigſte und hieß ihn in der Reſidenz willkommen. 2 Störmthal antwortete mit jener vornehmen Freund⸗ lichkeit, die charakteriſtiſch an ihm war und ihn ſelbft da nicht verließ, wenn er einen Läſtigen lieber hätte von ſich abſchütteln mögen. Baum aber war nicht ſo leicht und beſeitigen, wenn er es einmal auf Jemand abge⸗ ſehen hatte. Er plauderte von unzähligen Neuigkeiten zu Veränderungen, die indeß in der Reſidenz vor⸗ gegangen waren— die Politik vermied er, da er wohl wußte, daß ein Diplomat wie Störnithal ſich in keine politiſchen Controverſen mit einem oberflächlichen Be⸗ kannten und am wenigſten auf der Straße einläßt— er ſprach vom Theater, von neuen Gebäuden und Straßen, ja ganzen Stadttheilen, die das Terrain der Reſidenz immer mehr erweitert und wies zuletzt humoriſtiſch auf ein ganz neuerſtandenes Genre ſtädtiſcher Etabliſſements hin: Die Trinkhallen für Sodawaſſer und die Glas⸗ ſalons zum Photographiren. Beide, ſagte er, ſind wie über Nacht an allen Ecken und Enden der Straßen entſtanden und man weiß kaum, wie man ſich ungefährdet an ihnen vorüberwinden ſoll. Hier dieſe Schaumperlen, die ein Mädchen, das ſich natürlich einbildet, eine Hebe an Schönheit und Anmuth zu ſein, uns verführeriſch 112 entgegenſpritzt und das lakoniſche:„mit oder ohne?“ mit der tragiſchen Kürze einer verhängnißvollen Frage an uns richtet, wenn wir ihrem Zauberkreiſe uns nähern— dort die Bildkaſten an allen Straßenecken und Häuſervorſprüngen, angefüllt mit allerhand großen und kleinen Portraits bekannter und unbekannter Per⸗ ſonen, um uns zu veranlaſſen, uns auch mit dahinein zu ſetzen und unſere Unſterblichkeit für ein paar Thaler zu ſichern. Doch auch hierbei ruft man noch andere Anziehungs⸗ kräfte zu Hülfe— und ganz ſo wie man in gewiſſen Etabliſſements von zweifelhafter Moralität unter die Anzeige mit deutſch⸗franzöſiſchem Quodlibet ſetzt: Bedie⸗ nung par dames— ſo ſind hier auch neue Photogra⸗ phieanſtalten entſtanden, die ebenfalls bald, um mehr anzulocken bei der großen Concurrenz, unter ihre Anzeigen ſetzen werden: Bedienung par dames!— Hibſche Mäd⸗ chen, die durch ihre Phyſiognomien gern noch ein Ge⸗ ſchäft machen möchten, werden jetzt Photographinnen.“ Störmthal machte eine abwehrende Handbewegung, als wolle er dem Schwätzer Ruhe gebieten, der fuhr aber fort, ohne Jenen zum Worte kommen zu laſſen: „Sie zweifeln noch daran? In dem Atelier der Frau Reichmann, an dem dieſe Promenade vorüber⸗ führt, find ſogar Geheimerathstöchter beſchäftigt als Ang⸗ lerinnen.“— „Mein Herr!“ rief Störmthal empört,„wie kommen 113 Sie zu ſolchen ebenſo abgeſchmackten als hämiſchen Vorausſetzungen, mit denen ſie das Heiligſte, was ein Mädchen beſitzt: ihren guten Namen zu verunglimpfen ſuchen? Ich kenne dieſe Geheimerathstochter und werde nicht dulden, daß man ſie ſo und in ſolch' unſinniger Weiſe verunglimpft!“ Baum wußte nicht, ob er vor dieſem plötzlichen Einwurf und dieſer zürnenden Zurechtweiſung erſchrecken oder darüber lächeln ſollte; ſein Geſicht drückte ein Ge⸗ miſch von Beidem aus. Störmthal ſchnitt ihm jedes Wort durch ein raſches„Guten Abend!“ ab und ließ den Verblüfften ſtehen.— Louiſe Otto; Neue Bahnen. 1 8 Siebentes Capitel. Die Heneſene. In der Waſſerburg waren während Editha's Krank⸗ heit die Tage ziemlich ſtill vergangen. Den Auftritt mit Sigismund hatte der Hauptmann von Friedleben ſeiner Gemahlin erzählt und dieſe in ihrer gewohnten milden Weiſe hatte den aufgebrachten Gemahl wenig⸗ ſtens dahin zu bringen gewußt, daß er gegen Editha ſelbſt kein Wort über den Vorgang verlor und daß man ihr nur ſagen wollte: Sigismund ſei wieder ab⸗ gereiſt. Daß er nicht an Editha's Krankenlager durfte, war ſelbſtverſtändlich, und ſo konnte ihr nicht auffallen, daß ſie ihn nicht wiedergeſehen. Kam ſonſt die Rede auf ihn, ſo wollten ihr die Eltern erklären, daß ſie nach dem, was ſie von ſeiner veränderten Laufbahn und ſeiner Aufführung überhaupt gehört, natürlich ihre Hand 115 von ihm abziehen müßten— alles Weitere, daß er nicht ſo bald wieder nach Friedleben und nach der Waſ⸗ ſerburg kommen werde und daß ſo auch aller Verkehr mit Editha beendet ſei, reſultirte ja dann aus dieſem Beſchluß, man brauchte darüber nicht erſt viele Worte zu verlieren“ Frau von Friedleben war nicht weniger als ihr Gemahl darüber beſtürzt und erzürnt, daß die von ihr ganz harmlos hetrachtete Jugendfreundſchaft ihrer Tochter und Sigismunds den Charakter der Liebe und eines zärtlichen Verhältniſſes angenommen haben könnte. Sie glaubte darum nicht ganz daran, wenigſtens durchaus nicht von Seiten ihrer Tochter. Von Sigismund, der ſich auf einmal ſo„undankbar“ und„geſunken“ gezeigt, war, wie ſie meinte, freilich auch zu erwarten, daß er ſeine Ueberhebung bis zu der Anmaßung ſteigern, Editha zu lieben, aber hei ihr konnte doch unmöglich von einer ſolchen„Verirrung“ die Rede ſein. Und wäre ſelbſt doch etwas derartiges in ihrem Innern vorgegangen, ſo meinte die lebenskluge und gutmüthige Frau, der⸗ gleichen Regungen würden am beſten unterdrückt, wenn man ſie gänzlich ignorire, ſich ſcheinbar gar nicht um ſie kümmere und dafür die Verhältniſſe ſo zu leiten und zu ordnen wiſſe, daß etwaige überſchwängliche Empfindungen ganz von ihnen unterdrückt würden. Taucht in einem Mädchenherzen irgend ſolch eine S 116 unpaſſende Liebesregung auf und man will gleich Sturm läuten, als ſei höchſte Gefahr vorhanden, will von allen Seiten herbeieilen, um zu lärmen und zu löſchen, ſo facht man damit erſt den Funken zur Flamme an! wird ſolch einem meiſt noch halbkindiſchen Gefühl eine große Macht und Wichtigkeit beigelegt, ſo wächſt und reift es erſt dazu— das Kind fühlt ſich zu einer poetiſchen Heldin befähigt und was außerdem nur eine kleine unſchuldige Epiſode geweſen, wird zu einem er⸗ ſchütternden Drama gemacht! Ignoriren, ſcheinbar Alles gehen laſſen, wie es geht, ſchonen und doch im Stillen ſeine Maaßregeln treffen, das iſt in einem ſolchen Falle das Beſte! So ungefähr raiſonnirte Frau von Friedleben und beſchwichtigte damit auch den heftiger erregten Gemahl. Sie ſetzte es bei ihm durch, daß Editha mit keiner Frage nach ihrem letzten Zuſammen⸗ ſein mit Sigismund beläſtigt ward und als dieſe ſelbſt einfach erzählte, wie ſie einander im Park gerade in dem Moment begegnet wären, wo das Unwetter losge⸗ brochen— wie er allein habe in das Schloß gehen wollen und wie ſie im Begriff ihm nachzueilen auf der Treppe ausgeglitten und bewußtlos geworden ſei, ſo begehrte die Mutter keine weitere Auskunft. Als Editha dann ſpäter Sigismunds Studienwechſel ſelbſt zur Sprache brachte, um ihn bei ihren Eltern zu rechtfertigen, ſchnitt die Mutter jede weitere Erklärung zuletzt mit den Worten 117 ab:„Die Zeit wird es ja lehren, was noch aus Si⸗ gismund wird.“ Geleis hinausging, in das ſie ſelbſt den jungen Mann geleitet hatten, ſo dachte ſie: es iſt natürlich, daß ſie jetzt, aufgehetzt von der Pfarrerin, unzufrieden mit ihm ind— aber nicht lange, ſo wird er durch ſeine Lei⸗ ſtungen ihr Vorurtheil beſeitigt haben und Alles wird ſeinen Erfolgen in der Kunſt erzählt und wenn er in das Schloß kommt, wird man ihn wieder ſo herzlich wie früher empfangen, wieder aufnehmen in den Schooß der Familie! noch mehr: man wird ihn nicht nur mit in die beſte Geſellſchaft ziehen, man wird ihn zum von Allen umdrängt und gefeiert werden. So weit, aber nicht weiter, dachte Editha und beruhigte mit ſolchen heitern Bildern ihr Gemüth, das doch in ſchmerzlicher Bewegung war durch die jetzt ge⸗ täuſchte Hoffnung, mit Sigismund ſchöne Tage harmo⸗ 118 niſchen Beiſammenſeins zu verleben, wie durch die Mißbilligung, welche ihre Eltern ihm jetzt zu Theil werden ließen. Aber in der Einſamkeit ihres Kranken⸗ zimmers, wenn man ihr ſelbſt die Unterhaltung durch geiſtreiche Lecture verſagte, um ſie vor Aufregung zu bewahren— da war ihre Phantaſie, die man dadurch einſchläfern wollte, daß man ihr äußere Nahrung entzog, um ſo lebhafter mit Sigismund und ſeinem Schickſal beſchäftigt. Oft verſank ſie in füße Träumerei, des letzten Wiederſehens mit ihm an jenem Gewitterabend gedenkend. Sie fühlte jene Schwüle wieder, die damals Alles erfüllend ſelbſt im Marmorhaus ſie nicht verlaſſen, aber ihr doch nur eine unbeſchreiblich ſüße Beklemmung an Sigismunds Seite gegeben hatte— ſie ſah ſein Bild immer vor ſich, wie es anfänglich der letzte Schein des Abendrothes umwob und wie es dann die geiſter⸗ hafte Beleuchtung der zuckenden Blitze auf Momente umfloß— es war immer der Glanz einer Verklärung, der ſich vor ihren Augen darüber ergoß und den ihre Phantaſie nicht müde ward immer wieder heraufzube⸗ ſchwören. Und auch den Ton ſeiner Stimme hörte ſie wieder— ſo innig, ſo harmoniſch hatte ſie ihr noch nie geklungen, ſo ganz noch nie den Weg zu ihrem Herzen gefunden! Es war ihr diesmal bei dieſem Wie⸗ derſehen und an ſeiner Seite anders zu Muthe geweſen als je vorher— das fühlte ſie wohl— aber es hatte —,————— 119 eben in der Gewitterluft gelegen, in ſeinem plötzlichen unerwarteten Erſcheinen, in dem Bangen über die Auf⸗ nahme, die diesmal Sigismund bei ihren Eltern finden werde, in der Vorahnung deſſen, was dann wirklich ge⸗ ſchehen! Und auch von dem Moment, wo ſie das Be⸗ wußtſein verloren, hatte ſie eine ſüße nebelhafte Erin⸗ nerung: ſie hatte ſich in Sigismund's Hut gefühlt und dieſe einzige Empfindung, die ihr deutlich geblieben, hatte ſowohl— Schreck als Schmerz gemildert!— Und dann wieder führten ſie ihre Träume in den feſt⸗ lichen Glanz eines Concertſalons, der von den holden Klängen erfüllt war, die Sigismund ſeiner Violine zu entlocken wußte— da war er⸗ der gefeierte Genius des Abends und keine Ovation fehlte, die je der Enthu⸗ ſiasmus einem ſolchen bereitete— und ſich ſelbſt ſah ſie im Geiſte, wie ſie ihm einen Lorbeerkranz auf die dunklen Locken ſetzte. So war es nur er und immer er, mit dem im ſtillen Sinnen ihre Phantaſie ſich be⸗ ſchäftigte, wenn ſie friedlich lächelnd dalag, die Augen halb geſchloſſen, daß man nicht wußte, ob ſie ſchlafe oder wache. An ihn nur dachte ſie, wenn ſie dann langſam die fieberheißen Hände in einander faltete und ſtill betete. Sie betete um Segen für Sigismund— den Segen der Kunſt, des Ruhmes, um allen Segen, den Erde und Himmel zugleich zu geben vermögen. Rein, wie ihr Herz, war ihr Gebet und ſie lächelte 120 dabei ſo ſelig zu dem duftigen Baldachin von Gaze und blauer Seide empor, der über ihrem Bett ſich wölbte und von einer goldenen Freiherrnkrone emporge⸗ halten war, als ſähe ſie freundliche Engel über ſich ſchweben, die ihre Gebete von ihren Lippen laſen und ſie hinauftrugen zum Throne des Ewigen. Sie zwei⸗ felte nicht, daß ſie Erhörung fänden und ſie gelobte dabei auch ſelbſt Alles zu thun, was ſie thun konnte, damit Sigismund glücklich werde und daß alle Schmer⸗ zen, die er jetzt empfände, durch die Zweifel ſeiner Eltern, wie die Unzufriedenheit der ihrigen, alle bittern Kämpfe mit dem Leben, die ihm auf ſeiner Künſtler⸗ laufbahn bevorſtehen mochten, ihm gelohnt würden durch den herrlichſten Siegespreis der Kunſt. Sie hörte auf von Sigismund zu ſprechen, weil ſie immer nur Mienen begegnete, die das frühere Wohl⸗ wollen für ihn verloren hatten, aber eben darum dachte ſie um ſo öfterer und inniger an ihn und ſehnte ſich nach irgend einem Weſen, das in Bezug auf ihn noch mit ihr ſympathifiren mochte. Daß die Schulmeiſterin Ambach jetzt nicht kam, bewies ihr, daß man Sigis⸗ mund unfreundlich begegnet war, und Editha ſehnte ſich nach dem Augenblick, wo ſie von ihrer eigenen un⸗ veränderten Geſinnung die Mutter des Theuern über⸗ zeugen konnte. Freilich vergingen viele Wochen bis dahin. Denn 121 als Editha auch kräftig genug war, wieder in den Gar⸗ ten gehen zu können, ſo währte es doch noch lange, bis ſie den Weg bis in das Dorf zurücklegen konnte, und noch länger, bis man ſie wieder ohne Begleitung gehen ließ, mit der man ſie aus übergroßer Zärtlichkeit mehr quälte als wohlthätig auf ſie einwirkte. Eine unaufſchiebbare Geſchäftsangelegenheit rief Herrn von Friedleben eines Tages auf ein einige Stun⸗ den entferntes Gut, das einer befreundeten Familie ge⸗ hörte— einer früheren Verabredung gemäß ſollte ihn ſeine Gemahlin begleiten und Editha drang darauf, daß dieſer Vorſatz auch ausgeführt ward. Man mußte früh aufbrechen und konnte vor Abend nicht zurückkommen— Editha ſah endlich einen freien Tag vor ſich— zum Erſtenmale hatte ſie jetzt die ſtete Ruhe ihrer Mutter, die ihr ſonſt ſtets willkommen geweſen, wie einen Druck empfunden— das war die erſte Frucht der nur in einem einzigen Punkte innerlich geſtörten Ueberein⸗ ſtimmung. Die Sonne ſchien ſchon warm und ziemlich hoch herab und hatte wenigſtens im Garten und auf den nach Oſten gelegenen Wieſen den Thau aufgeküßt, aber noch glänzte Alles ringsum in lieblicher Morgenfriſche. Editha war ſchon längſt wieder um dieſe Zeit allein zu ihren Vögeln gegangen— und heute brauchte ſie 122 ja Niemandem davon Rechgſchuft abzulegen, wenn ſie erſt zur Mittagsſtunde wieder in das Schloß kam. Jetzt ging ſie weiter durch die ſchattigen Gänge des Parkes zum Marmorhaus— ſie war noch nicht da vorübergegangen ſeit jenem verhängnißvollen Abend — ſie hatte es Sieht weil ſie ihre weiteren Spa⸗ ziergänge nur an der Seite der Mutter gemacht hatte— wie oft ſie auch ſonſt ſchon mit Sigismund dort ge⸗ weſen und dann mit ben— erſt jetzt ſchien es ihr eine Profanation, dieſe Stätte anders als allein zu betreten. So hatte ſie dieſe Promenade vermieden, es gab ja andere Wege und andere Ruheplätze genug im Park. Hier, unter den Bäumen, die von manchem Re⸗ gentag noch friſch und grün erhalten waren und nur erſt einzelne gelbe Blätter zeigten, war es noch nicht ſehr bemerkbar, wie weit der Sommer indeß vorgeſchrit⸗ ten— nur daß trotz der Morgenfrühe allein ein ein⸗ ſamer Finke ſang, gemahnte an das Scheiden des Som⸗ mers und daß die Luft ſo durchſichtig und klar war, daß man jedes Blatt vom andern unterſcheiden konnte. Im wolkenloſen Blau lächelte der Himmel auf das Mar⸗ morhaus hinab und goldene Sonnenſtrahlen ſchmückten die Statuen mit Heiligenſcheinen und ſpiegelten ſich auf den weißen Marmorplatten. Es war ein Glitzern und Glänzen von der unterſten Stufe an bis zu dem auf 123 Säulen ruhenden Giebel hinauf, daß wirklich das Auge geblendet von dieſen ſtrahlenden Lichteffecten gern zu den dunklen Tarusgruppen flüchtete, die im Halbkreis das Haus unſtehend ſeinen Hintergrund bildeten. Die ſchlanken Pinien am Treppenaufgang rauſchten leiſe in den hochgetragenen Wipfeln und das Laub der Espen trieb im ſanften Lufthauch vibrirend ſein unaufhörliches Spiel. Bunte Schmetterlinge entfalteten im Sonnen⸗ ſtrahl ihre buntgemalten Flügel und gaukelten um Blu⸗ men und Zweige, wilde Bienen ſummten rauſchend vor⸗ über und fleißige Käfer kletterten am Boden über das Moos und den wehenden Grashalm. Sommerliches, morgendliches Leben war überall und doch das Bild ei⸗ ner heiteren Ruhe. Gerade jetzt und hier mußte ſo auch dieſe Ruhe über Editha kommen! ſie betrat das Marmorhaus und es kam wie ein füßer Schauer über ſie, als ſie einen vorhin von Immergrün gewundenen Kranz auf den Arm der Statue des Ritterfräuleins Editha hing. Sie hatte ſie ſchon manchmal ihre Schutzpatronin genannt— warum ſollte ſie es nicht ſein und bleiben? Warum ſollte ſie nicht den Kranz, der jetzt auf ihrem aufgehobenen Arm ruhte, bewahren, bis ihn Sigismund ſelbſt ſich holen könne— einen Kranz unverwelklichen Ruhmes? Miädchenphantaſie! dies ſeltſame Gemiſch von Kin⸗ detei und kühnem Aufſchwung! Spiel mit dem Klein⸗ 4 124 ſten und doch ein Symbol für das Erhabene daraus zu machen— Poeſie ohne Worte, unſchuldige Kindelei und ahnungsvolle Prophetie, die vom Alltäglichen ausgehend bis zu den höchſten Sphären ſich zu erheben wagt— laſſet der Jugend dies unklare Beginnen und nehmet dem weiblichen Herzen ſeine Traumdichtungen nicht und nicht der weiblichen Hand ihre Blumen und Kränze! Nur ein Weib, das ſich ein ſinniges Gemüth bewahrt, vermag den Kreis zu beglücken, in dem es zum Wirken berufen iſt! Wie anders war heut Alles, als in jener Gewit⸗ ternacht! Die ganze Freudigkeit des ſonnenhaften Som⸗ mermorgens lag über dieſer Stätte, zog in Editha's Her⸗ zen ein und beflügelte ihre Schritte, mit denen ſie dem Dorfe Friedleben zueilte. Als ſie aus dem Park her⸗ austrat, ſah ſie freilich, wie ſehr die Jahreszeit vorge⸗ ſchritten. Damals war ſie durch blühende, wallende Kornfelder gegangen und jetzt waren ſie ſchon ver⸗ ſchwunden— Erntezeit war indeſſen geweſen, da und dort wehte der Wind ſchon über die Stoppeln und kräuſelte nur noch die hohen Halme des Sommergetrai⸗ des wie einen leiſe flüſternden See. Die Bohnenlaube im Gärtchen der Schulmeiſter⸗ wohnung, die damals noch ſpärlich umzogen war und rothe Blüthen zeigte, war jetzt dicht geworden und lange Schwertbohnen klapperten ſchon an einander ſtatt der 125 Purpurblüthen, die nur in der höchſten Wölbung ſich's nicht nehmen ließen das kleine Dach zu ſchmücken. Die Schulmeiſterin war im Garten— aber ſie bückte ſich tief über ein Beet, noch etwas Peterſilie zur Verbeſſerung der mittäglichen Waſſerſuppe zu pflük⸗ ken— ſo bemerkte ſie die Nahende nicht, die ſacht durch das Gartenpförtchen ſchlich— dann blieb ſie an der Bohnenlaube ſtehen und wollte warten, bis ſie be⸗ merkt wurde— aber da glitten ihre Blicke zufällig über den Tiſch— ein aufgeſchlagenes Geſangbuch lag darauf und von dieſem nur halb verborgen ein Viſitekarten⸗ portrait Sigismunds. Editha verrieth ſich durch den aufjubelnden Ton, mit dem ſie daſſelbe erblickte und ergriff. Die Schulmeiſterin richtete ſich aus ihrer gebückten Stellung empor, ſah ſich um und hielt die magere ſonnen⸗ verbrannte Hand vor die Augen, weil die Sonne ſie blen⸗ dete, die gerade über der Bohnenlaube ſtand. „Guten Morgen, Frau Schulmeiſterin!“ rief ihr Editha luſtig entgegen, weil ſie ſah, daß die Ueberraſchte ihren Augen nicht traute,„guten Morgen!“ „Wahrhaftig, Fräulein Editha!“ antwortete jetzt dieſe im Ton reinſter Freude— aber weil ihr im Augen⸗ blick keine Worte weiter zu Gebote ſtanden, band ſie eilig ihre gebrauchte Gartenſchürze ab und wickelte ſie in ein Knäuel zuſammen, um damit zugleich dieſelbe wie die 126 eigne Verlegenheit zu verbergen— aber indem ſie die Bänder darum drehte, ergriff Editha die arbeitsſchwielige Hand, in der die eigne kleine faſt verſchwand und ſagte: „Nun, Mutter Ambach, da bin ich wieder! es ſind Wochen vergangen, ſeit ich zuletzt hier war— aber es muß ſein, als wäre es erſt geſtern geweſen Mir wenigſtens iſt es ſo und ich denke Ihnen auch.“— Frau Ambachs Augen füllten ſich mit Thränen: „Ja, das muß wahr ſein— Sie ſind immer die⸗ ſelbe.“— Editha unterbrach ſie in heiterem Ton, ſie wollte die Rührung nicht überhand nehmen laſſen, die ſchon die Augen näßte und die Stimme zittern ließ:„Ich denke doch, Sie ſind auch dieſelbe, d'rum bin ich her⸗ gekommen und will ſehen, wie auch ſonſt hier noch Alles auf der alten Stelle ſteht— und wie ich mich da in die Bohnenlaube verſtecken will— erſchreck ich, weil Sigismund mit ſeiner Violine ſchon darin iſt!“ „Ja, mit der unglücklichen Violine!“ ſeufzte die Mutter.— „Laſſen Sie das gut ſein, ſie wird ihm und Ihnen ſchon noch Glück und Ehre bringen— das weiß ich gewiß!“ rief Editha zuverſichtlich,„und Sie müſſen es auch gewiß wiſſen, wenn Sie das Bild da nur be⸗ trachten.“— „Er hat es mir erſt vor einigen S geſchickt 127 und es muß nun auch gleich daliegen!“ ſagte die Schul⸗ meiſterin mehr zu ſich ſelbſt wie zu Editha.— „Es wird nicht hier liegen bleiben,“ ſagte dieſe und ſchob das Bild in die mit Stahlperlenſtickerei ver⸗ zierte Sammettaſche, die von ihrem Gürtel herabhing, „Sigismund hat Ihnen nicht nur dies eine, ſondern noch ein zweites Bild für mich geſchickt und ich werde mir mein Eigenthum nicht länger vorenthalten laſſen!“ Nen Sigismund darf nicht mehr in das Schloß!“ und mit dieſen unüberlegt, halb erbittert, halb wehmüthig ausgeſprochenen Worten hatte die Schulmeiſterin ein Thema angeregt, das Beide gern umgangen hätten— jetzt war es zu ſpät— Editha hielt das geraubte Bild feſt in ihrer Taſche, legte die andere Haud fanft auf die Schulter der Schulmeiſterin, ſah ihr feſt in das Auge und ſagte begütigend: „Wenn Sigismund von meinen Eltern hart be⸗ gegnet worden iſt, ſo doch gewiß nicht von mir— Sie kennen mich doch beſſer und werden mir keinen Antheil daran beimeſſen, wenn ihm ein Unrecht geſchehen.“ Frau Ambach wandte ſich ab, um den liebevollen Ausdruck in dem Geſicht des Mädchens nicht zu ſehen und den Augen auszuweichen, die mit ſchmeichleriſcher Liebesbitte in die ihrigen zu dringen ſuchten— nur wenn ſie das liebliche Mädchen nicht vor ſich ſah, hatte ſie den Muth mit verweiſendem Ernſt zu fagen:„Es 128 thut nicht gut, wenn vie Kinder anders urtheilen, als die Eltern— ſagen Sie vielmehr den Ihrigen, daß ich ſelbſt mit ihnen ganz einverſtanden bin. Sie wußten es ja gleich von Anfang an, welchen Kummer uns Sigis⸗ mund durch ſeinen unglücklichen Wechſel gemacht hat — nun, er bleibt darum immer unſer Kind— wir verſtoßen ihn darum noch nicht, wenn wir auch unzu⸗ frieden mit ihm ſind, aber der Herr Hauptmann hat ein Recht dazu, ſeine Hand von ihm abzuziehen und ich würde es an ſeiner Stelle gerade ſo gemacht haben. Wenn es mir auch weh thut, es ſchadet doch dem Sigismund gar nicht, wenn ihm noch andere Leute als ſeine ſchlichten Eltern den verdrehten Kopf zurechtſetzen wollen, er hat ſich ſehr undankbar gegen die gütige Herrſchaft gezeigt und wenn ich ſeitdem vermieden habe in das Schloß zu kommen, ſo iſt das nicht etwa des⸗ halb geſchehen, weil ich mich auf die Seite meines Sohnes ſtellen und ihm ſein Unrecht für Recht ſprechen wollte, ſondern lediglich darum, daß es nicht ausſehe, als wollte ich eine Fürbitte für ihn thun, oder als ſei bei Allem, was jetzt gekommen, mir nur die entzogene Unterſtützung das Schmerzlichſte. Sie wiſſen es ja, unſereins hat auch ſeinen Stolz!— Für das Beſte hielt ich, wenn wir ſchweigend den Wunſch der Schloßherrſchaft er⸗ füllten:— uns nie mehr zu ihr wagten.“ Sie hatte ſo faſt in einem Zuge fortgeſprochen, um die Thränen 129 zurückzuhalten, die ſie aufſteigen fühlte— aber jetzt brachen ſie doch wider ihren Willen hervor und erſtickten ihre Stimme. Auch Editha's Augen waren feucht, aber noch mehr. glühten ihre Wangen— ſie küßte jetzt die Frau Am⸗ bach plötzlich auf den zitternden Mund und ſagte mit erzwungenem Lächeln„Ich werde mich hüten von dem Allen etwas auszurichten und wenn Sie ſich mit mei⸗ nen Eltern gegen Sigismund verbünden wollen, ſo iſt es allerdings beſſer, wenn Sie jetzt gar nicht mit ihnen zuſammen kommen. Indeß iſt es Ihnen damit auch nung finden, wenn ein Kind anders denken will, als ſeine Eltern. Nun weiß ich aber, daß die meinigen nur durch Klatſchereien aus dem Pfarrhaus jetzt gegen Sigismund eingenommen ſind und daß es nicht lange dauern wird, ſo ſind ſie doch wieder gut. Ja, ich muß mich anklagen, allein daran ſchuld zu ſein— ich hätte dem zuvorkommen müſſen, da ich ja Alles beſſer wußte — indeß ſchwieg ich nur, weil ich zum Reden eine gute Stunde abpaſſen wollte— und nachdem mir Jene zuvorgekommen, war es allerdings für mich zu ſpät. Nun mußte ich auch gleich ſo krank werden, ſonſt wäre ja Alles nicht gekommen, wie es kam.“ Und ſo bemühte ſich Editha fort und fort der 2 Louiſe Otto: Neue Bahnen. J. 130 Schulmeiſterin zuzureden und für Alles eine baldige Ausgleichung in Ausſicht zu ſtellen. Sie ſprach mit ſo reizender Unbefangenheit von Sigismund, daß ſeine Mutter nicht mehr daran zweifeln konnte, daß Editha, wenn ſie ihn doch mehr als ſchweſterlich liebe, was frei⸗ lich wieder der Feuereifer ihrer Rede verrieth, ſie ſich eben ſo wenig ſelbſt darüber klar ſein konnte, als auch Sigismund's Verbannung die richtige Deutung geben. Ihre Eltern hatten alſo weder ein Geſtändniß ihrer Liebe von ihr erhalten, noch ihr den Vorwurf derſel⸗ ben gemacht, ſonſt hätte ſie jetzt nicht mit ſo harmlo⸗ ſer Innigkeit von Sigismund plaudern können— das beruhigte das beſorgte Herz der Mutter wenigſtens ei⸗ nigermaßen und ſie dachte— allerdings in Ueberein⸗ ſtimmung mit Frau von Friedleben: wenn ſie einan⸗ der lange Zeit nicht wiederſehen, ſo kann vielleicht noch Alles gut werden! Freilich begriff ſie wieder mehr als je, daß Si⸗ gismund dies Mädchen lieben mußte, wenn ſie ihm auch noch ſo ſehr zürnen wollte, daß er es„wagte.— Doch ſo wie Editha ſich gab, war freilich gar kein Wagniß dabei. Sie gab ſich wieder ſo vertraulich und liebenswürdig hin, als plaudere ſie mit ihrer Mutter oder mit ihrer beſten Freundin und wie nur einmal das heikle Thema überwunden war, ſo hatten ſich die Bei⸗ den ſo viel mitzutheilen, daß eine Stunde unbemerkt 131 verflog. Die Schulmeiſterin kam ja erſt jetzt dazu, ihre eſorgniß um Editha zu erzählen, und wie ſie täglich während deren Krankenlager ſich von irgend Jemand aus dem Schloſſe habe über ſie berichten laſſen und wie ſie nun überglücklich ſei, das Fräulein wieder ſo friſch und munter vor ſich und nun gar bei ſich zu ſe⸗ hen und indem ſie wieder ſo im Zuge war, harmlos wie ſonſt ſich auszuſprechen, hatte ſie abermals nicht geſehen und gehört, wie das Gartenpförtchen geöffnet worden war und erſt Editha mußte ſie unterbrechen und bedeuten, daß Jemand komme. Zögernd erhob ſich die Schulmeiſterin, denn ſie gewahrte einen jungen Herrn in eleganter Sommer⸗ tvilette, der das Lorgnon in das eine Auge kniff und von den Sonnenſtrahlen geblendet mit dem andern gleichfalls blinzelte, als mühe er ſich vergebens die Gruppe zu erkennen, die er in der Laube vor ſich ſah. Die Schulmeiſterin erhob ſich, ging ihm entgegen, verneigte ſich höflich und ſagte:„Sie wünſchen ohne Zweifel mit meinem Mann zu ſprechen?“ Der Eingetretene nahm ſeinen Hut in dieſelbe Hand, die das zierliche Spazierſtöckchen hielt und ſagte: „Mein Beſuch gilt eben ſowohl Ihnen— ich habe doch das Vergnügen, Frau Ambach vor mir zu ſehen? Ich bringe Grüße von Ihrem Herrn Sohn.“ Die Schulmeiſterin hatte den Sprecher indeß ſchär⸗ 9* fer in das Ange gefaßt— der Herr war ihr doch be⸗ kannt, ſie erinnerte ſich, daß ſie dies Geſicht ſonſt im Schloſſe zu Friedleben geſehen hatte— da ſie nun nicht gern nach dem Namen fragen wollte, nahm ſie ihre Zuflucht zu Editha— ſie führte den Herrn mit einigem Stolz zu dieſer in die Laube und ſagte auf dieſe deutend:„Fräulein von Friedleben— unſere gnä⸗ dige Herrſchaft.“— Editha half ihr allerdings aus der Verlegenheit — ſie hatte einſtweilen Zeit gehabt den Ankömmling zu betrachten und in ihm Wilfried von Störmthal er⸗ kannt, von dem ſie ohnehin gehört hatte, daß er von ſeinen Reiſen im Auslande zurückgekehrt ſei und in Störmthal erwartet werde. In den zwei Jahren, daß ſie ihn nicht geſehen, hatte er ſich doch etwas verändert, er ſah gereifter, verfeinerter aus und ſchien mit noch mehr Sicherheit aufzutreten als ſchon früher. Daß er die Schulmeiſterin ſo herzlich begrüßte, überhaupt in dies Haus kam und als ein Freund Sigismunds ſich einführte, das machte den günſtigſten Eindruck auf Editha und freundlicher, als es vielleicht ſonſt geſchehen wäre, begrüßte ſie ihn und hieß ihn herzlich bei ſeiner Rückkehr in Friedleben und Störmthal willkommen. Er ſeinerſeits erkannte erſt jetzt Editha— er hatte ſie nicht hier vermuthet, ſondern in der jungen Dame im einfachen weiß und lila gemuſterten Moufſe⸗ 133 linekleide höchſtens eine Paſtorstochter zu erblicken ge⸗ glaubt— und jetzt, wo er ihr gegenüber ſtand, fand er, wie ſie die zwei Jahre nur zu ihrem Vortheil verän⸗ dert hatten— ſie war früher eine faſt unbedeutende kind⸗ liche Erſcheinung geweſen, die ihn wenig intereſſirt und die er darum faft vergeſſen hatte— jetzt gab ihr die leiſe Schwäche, die noch von ihrer Krankheit zurückge⸗ blieben, einen neuen Reiz und der Ausdruck ihres lieb⸗ lichen Geſichtes erſchien ihm ſo ſeelenvoll und herz⸗ gewinnend wie nie. Ja gleich in dem Augenblick, wo ſie ihn ſo freundlich anredete, dachte er an den Vor⸗ ſchlag ſeiner Mutter und daß es ihm nicht ſchwer ſein werde, denſelben zu verwirklichen.—— „Sie finde ich hier? gnädiges Fräulein,“ antwor⸗ tete er im verbindlichſten Tone—„in der Waſſerburg ſuchte man Sie vergebens, aber daß ich Sie hier finden würde, ließ man mich eben ſo wenig vermuthen. Meine Mutter iſt mit mir herübergefahren und wartet dort Ihrer Rückkehr, während ich den Weg durch den Park nahm, Sie zu ſuchen und wenn ich Sie nicht fände, vorerſt hier vorzuſprechen, um mich der Aufträge des jungen Ambach zu entledigen! Wie freue ich mich nun doppelt, daß ich— nicht ruhig warten konnte. Ich bin viel zu ſehr Geſchäftsmann und Diplomat geworden, als daß ich mir eine halbe Stunde ungenützt verſtrei⸗ chen ließe.“— 134 „Ihre Frau Mutter aber wartet— ſo eile ich ſo⸗ gleich zurück.“— „Selbſtverſtändlich begleite ich Sie.“— „Ja nicht— dann käme dieſe Mutter um das Glück, von ihrem Sohne erzählen zu hören.“— „Das iſt allerdings ein Streit der Pflichten und Intereſſen— er kann nur durch etwas Nachgeben von allen Seiten geſchlichtet werden,“ entſchied Störmthal dieſen Streit mit Editha—„warten Sie nur einige Minuten— in ihnen iſt Alles erzählt, was ich von Sigismund zu erzählen habe.“ Wie gern gab Editha nach und wie ſehr freute ſie ſich, Störmthals Zuſammentreffen mit Sigis⸗ mund erzählen und alles Vortheilhafte von ihm berich⸗ ten zu hören. So war es ſchwer zu beſchreiben, wer mit mehr Aufmerkſamkeit und mit verklärterem Lächeln, die Augen freudig auf Störmthal gerichtet, die Worte begieriger von ſeinem Munde zu leſen ſchien— die Mutter, die zum Erſtenmal und von einer Seite, wo ſie es am Wenigſten erwartet hatte, den ihr ſo ver⸗ hängnißvoll dünkenden Schritt ihres Sohnes mit voller Zuſtimmung beſprechen hörte, oder die Editha's, die immer frendeſtrahlender zu ſagen ſchienen: Die Zukunft wird es noch zeigen, wie recht ich gehabt! Achtes Capitel. Carriere. Heiter, wie ſie ſeit langer Zeit nicht geweſen, hatte Editha an Störmthals Seite den Weg von Friedleben nach der Waſſerburg zurückgelegt. Vertraulich hatte ſie ihm ſagen wollen, wie ihre Eltern Sigismund zürnten und er hatte ſie unterbrechend ihr mitgetheilt, wie er das Alles von dieſem ſelbſt wiſſe und jeden Augenblick bereit ſei, ſo wie im Haus des Schulmeiſters auch in der Waſſerburg zu Sigismunds Gunſten zu interveni⸗ ren, wie er den jungen Mann wenigſtens ſchon jetzt von dem Vorwurf des Undankes reinigen werde— das Uebrige würde ſich ja dann ganz von ſelbſt machen, denn er ſei feſt überzeugt und habe es aus dem Munde eines Muſikers, auf deſſen Ausſpruch zu vertrauen ſei, daß Sigismund einer großen Zukunft entgegengehe. 136 Editha frohlockte, reichte Störmthal unbefangen die Hand und drückte die ſeine ſogar mit den Worten: „So laſſen Sie uns denn Bundesgenoſſen ſein, ein aufſtrebendes Genie in jeder Weiſe zu unterſtützen!“ Frau von Störmthal hatte indeß ſchon mehrmals aus dem Gartenſalon die Runde durch die nächſten Blu⸗ menpartien gemacht und begann nach gerade doch et⸗ was verdrießlich zu werden, daß weder das Fräulein zu finden war, noch ihr Sohn zurückkam. Die alte Dame hatte auf einer Gartenbank einer Voliere gegenüber Platz genommen, deren gefiederte Bewohner ſie aus Mangel an anderer Unterhaltung zu der ihrigen gemacht hatte. Wie Editha die Vögel zu zähmen verſtand, war ihr bekannt— wird ſie die Männer auch ſo zähmen? dachte ſchon faſt bedenklich die hoffnungsvolle künftige Schwie⸗ germutter— und wahrhaftig da tauchten aus einem ſchattigen Buchengange die beiden ungeduldig erwarteten zugleich auf Arm in Arm.— Editha hatte den von Störmthal artig gebotenen mit nachbarlicher Zutraulich⸗ keit angenommen— heiter mit einander plaudernd und jetzt der Mutter entgegenwinkend.— Frau von Störmthal erhob ſich mit glücklichem Lächeln auf den ohnehin Wohlwollen ausdrückenden Geſichtszügen; mit gerader ſtraffer Haltung ging ſie dem Paar entgegen, als gelte es einen feierlichen Em⸗ 137 pfang, ihr ſchweres braunes Seidenkleid rauſchte dabei über den Sand hin ihr majeſtätiſch nach. „Ich war ſo glücklich das Fräulein zu finden!“ begaun Störmthal— er ſagte nicht wo, ſchon hatte er errathen, daß Editha ſozufagen hinter dem Rücken ihrer Eltern bei Frau Ambach geweſen war und dies nicht gern wiſſen laſſen wollte— wie dankte ihm Editha im Stillen auch für dieſe zarte Rückſicht. Und wie ſtieg er dadurch in ihrer Gunſt, daß er ſie ſo verſtand, daß es nicht erſt einer Bitte, nicht einmal eines Winkes von ihrer Seite bedurfte, um ſo auf einen Wunſch einzu⸗ gehen, den ſie felbſt ſich geſcheut hatte auszuſprechen. Sie bewillkommnete jetzt Frau von Störmthal auf das Herzlichſte, bedauerte die Abweſenheit ihrer Eltern und lud ohne Weiteres Mutter und Sohn zum Wiederkom⸗ men auf nächſten Sonntag an. Frau von Störmthal lächelte vergnügt über den Eifer, ſo bald wieder zuſammen zu kommen, den Editha an den Tag legte, aber ſie nahm die Einladung nicht an, denn ſie ſelbſt war gekommen, um die Herrſchaft aus der Waſſerburg zum Sonntag nach Störmthal ein⸗ zuladen, wo man Wilfrieds Rückkunft mit einem länd⸗ lichen Feſt zu feiern gedachte und Editha ſagte auch das im Voraus zu. Als Frau von Störmthal mit ihrem Sohn wie⸗ 138 der den Wagen beſtiegen hatte, ſagte ſie mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht nur triumphirend:„Nun?“ Der junge Diplomat lächelte— er war gewohnt auf alle geſchickt und verfünglich geſtellten Fragen noch eine ausweichende zweideutige Antwort zu geben— und ſeine Mutter verlangte ſchon eine Erklärung auf ihr kurz geſetztes;„Nun?“ Er ſtellte ſich, ſie nicht zu verſtehen und antwor⸗ tete:„Die Schulmeiſterin war über meinen Beſuch außerordentlich gerührt und erfreut—“ Frau von Störmthal warf ärgerlich den Kopf zu⸗ rück und ſagte mit ſtrafender Miene:„Die Familien⸗ angelegenheiten der Schulmeiſterin haben gar kein In⸗ tereſſe für mich— ich denke an unſere eignen Angele⸗ genheiten— aber ſtatt daß Du Dich ausſprichſt, wie ich es erwarten darf, muß ich erſt deutlich fragen: „Wie hat Dir Editha gefallen? Du ſchienſt ja recht vertraut mit ihr?“ Wilfried lächelte ſiegesgewiß. Trotz dem daß er bereits Lebenserfahrung und Menſchenkenntniß genug beſaß, um die meiſten Menſchen urd Verhältnifſe rich⸗ tig zu beurtheilen, verließ ihn dieſelbe doch da, wo ſeine perſönliche Männereitelkeit in das Spiel kam— er ahnte nicht, aus welcher Quelle Editha's unerwar⸗ tete Freundlichkeit ſtammte und ſchrieb ſie allein dem Eindruck zu, den ſeine Perſönlichkeit auf ſie gemacht. 139 „Sie iſt allerdings in den zwei Jahren hübſcher und liebenswürdiger geworden, als ſie früher war und hat mich mit ihrem Betragen angenehm überraſcht.“ „Und meinſt Du nicht, daß dieſe Ueberraſchung gegenſeitig geweſen?“ lächelte Frau von Störmthal mit mütterlichem Stolz.— „Das wird ſich wohl bald zeigen,“ antwortete der Sohn, fügte dann jedoch mit ſo viel Nachdruck hinzu, als der ſeiner Mutter gegenüber ſtets beobachtete rück⸗ ſichtsvolle Ton zuließ:„Aber bitte, vergiß nicht, daß in einer ſo zarten Angelegenheit nichts übereilt werden darf, wenn nicht Alles verdorben ſein ſoll! wir müſſen einander ganz von ſelbſt erſt näher kommen, ehe irgend ein entſcheidendes Wort geſprochen werden darf.“ Frau von Störmthal lehnte ſich zur andern Seite des Wagens hinaus und nahm den Sonnenſchirm vor das Geſicht, auf dem ſich Ungeduld und Verdruß über die Warnung ihres Sohnes malte— ſie liebte gern entſchloſſen und raſch auszuführen, was man einmal beſchloſſen hatte und ward ungeduldig, wenn man auf einen ſchon eingeſchlagenen Wege wieder prüfend und überlegend ſtill ſtand, ſtatt munter und reſolut auf das Ziel deſſelben los zu gehen. Schweigend legten ſie den Weg weiter zurück— die mittägliche Hitze, der wehende Staub mochten das entſchuldigen. 140 Während Frau von Störmthal ſich im Geiſt immer mit den Anordnungen zur Sonntagsgeſellſchaft beſchäf⸗ tigte und dabei überlegte, wie ſie Editha und Wilfried von der vortheilhafteſten Seite zeigen und zuſammen⸗ führen könne, dachte dieſer ſchon gar nicht mehr an die ihm beſtimmte Braut. Er erwartete Depeſchen aus der Reſidenz, die ihm von größerer Wichtigkeit waren, als das Herz und die Hand eines Mädchens! Störmthal dachte an ſeine Carriere— die 14 Tage, die er jetzt auf die dringende Bitte ſeiner Mutter Urlaub genommen, um ſie ihr und ſeiner Heimath zu ſchenken, dünkten ihm nun doch eigentlich verlorne Zeit. Er arbeitete jetzt mit im Miniſterium des Auswärtigen, ſeit er die diplomatiſche Sendung, mit der er betraut geweſen, zur größten Zufriedenheit des Souverains erfüllt hatte. Er ſtrebte weiter und dachte an kein geringeres Ziel als an ein Portefeuille, das zu erreichen ſein höch⸗ ſtes Streben war. Jetzt konnte davon noch keine Rede ſein und Niemand durfte eine Ahnung haben, daß er dieſe kühnen Pläne in ſeinem Innern hegte— aber ſich ſelbſt ſagte er, er müſſe noch eine Stellung erklim⸗ men, in der er nicht allein zu gehorchen und zu voll⸗ ziehen habe, was Andere ihm aufgetragen, ſondern, wo er ſelbſt mit kräftiger Hand eingreife in das Räder⸗ werk des Staatslebens und auf der richtigen Bahn es weiter leite. In den Händen, in denen es ſich jetzt 141 befand, ſah er, daß es nicht lange bleiben konnte, denn es trieb mit ihnen gerade dem Abgrund zu. Störmthal konnte es in ſeiner jetzigen Haltung nicht hemmen, nicht einhalten— er hatte bei ſeiner Rückkehr dieſen Stand der Dinge nicht ſo bald klar überſehen, als er ſich vornahm, jetzt ſich lieber nur als eine blinde Maſchine zu geben für das alte Regiment und in ihm auf jeden directen Einfluß zu verzichten, um ſich denſelben für ſpäter deſto ſicherer zu gewinnen. Als feiner Cavalier mit den humanſten Grundſätzen und Betragen war Störm⸗ thal überall bekannt und geſchätzt, die Höhergeſtellten waren durch die echte Vornehmheit ſeines Weſens beſtochen und diejenigen, die unter ihm ſtanden, durch die Huma⸗ nität desſelben, die er in keinem Augenblicke verletzte. So ſuchte er mit eben ſo viel Klugheit als Energie ſich auf dem Platz, den er einnahm, immer feſter zu behaupten. Störmthal gehörte zu den wenigen deutſchen Ariſto⸗ kraten, die es begriffen, daß ſie ſich und ihrem Stande die gern behaupteten Vorrechte nur dann ſichern könnten, wenn ſie in Wahrheit vorangingen, voran in jeder Beziehung, in der eignen Bildung wie in der allgemeinen Reform und es waren nicht allein die Principien der Humanität, ſon⸗ dern auch der Klugheit, welche ihn auf die Bahn des Fort⸗ ſchrittes trieben, desjenigen Fortſchrittes, der die Reform will, weil er den Umſturz fürchtet und das glückliche Beſte. 142 hen einer Regierung allein in einer ſteten Weiterentwick⸗ lung und Verwirklichung der Ideen findet, welche den Zeilgeiſt bewegen. Zugleich hielt er es aber für gerathen, gegen Niemand irgend ein politiſches Glaubensbekenntniß abzulegen, ſich in den unteren Schichten nur durch ſeine humane Handlungsweiſe und in den höheren durch ſeine Pflichttreue und Zuverläſſigkeit Vertrauen zu erwerben. Die Sendung, mit der er jetzt im Ausland betraut gewe⸗ ſen, hatte einer Handelsangelegenheit gegolten, deren Re⸗ gelung ebenſowohl im Intereſſe des Landes als der Re⸗ gierung gelegen und durch deren befriedigende Löſung er ſich die allgemeine Anerkennung erworben. Namentlich hatte ſich ihn der Kronprinz— auf den überhaupt nur Störmthals Hoffnungen, wie die der conſtitutionellen Par⸗ tei gerichtet waren, vorſtellen laſſen und ihn mit in das Geheimeraths⸗Collegium berufen, in dem er ſelbſt den Vorſitz führte. Es war von dem Prinzen bekannt, daß er ſelbſt mit dem Regime ſeines alten und halb ſchwachſinni⸗ gen Vaters nicht einverſtanden war, daß er aber aus Pietät jede entſchiedene Oppoſition vermied und über das, was er eigentlich ſelbſt bezweckte, ſeine Umgebung völlig im Unklaren ließ. In dieſer Beziehung hatte alſo ſchon Störmthal ſelbſt mit ihm die entſchiedenſte Aehnlichkeit und es konnte eigentlich nicht fehlen, daß Einer am Andern den Mann herausfand, der für ihn paſſe, wenn auch in dieſen Sphären, wo Keiner dem Andern traut, erſt noch 143 eine lange Prüfung vorhergehen mußte, ehe von einer wirklichen perſönlichen Annäherung die Rede ſein konnte. Indeß, wenn auch Störmthal keinen Bundesgenoſſen am Hofe hatte, dem er ſich hätte vertrauen mögen— er hatte eine Bundesgenoſſin: Frau von Lindenhof, die Oberhofmeiſterin der Kronprinzeſſin. Er war auf eine ſonderbare Weiſe zu dieſer Gönnerin gekommen. Schon vor Jahren, noch ehe ſie dieſe wichtige Stellung einnahm, hatte er die alte Dame mit ihrem Sohn auf einer Reiſe in Italien getroffen und war mit ihnen in dem Wagen desſelben Vetturino durch eine der unſicherſten Gegenden des neapolitaniſchen Gebietes(das noch unter der Herr⸗ ſchaft Franz des II. ſtand) gefahren. Der Wagen war überfallen, die Reiſenden beraubt und der junge Lin⸗ denhof gefährlich verwundet worden. Die andern Paſ⸗ ſagiere, nur auf die eigne Rettung und Sicherheit bedacht, hatten ſich bald von ihren Leidensgefährten getrennt, Störmthal aber, war der treue Begleiter Frau von Lindenhofs geblieben, und der Pfleger ihres Sohnes geworden. Nur dieſer verſtand italieniſch, während ſeine Mutter desſelben gar nicht mächtig war und jetzt bei dem an ſeiner Wunde ſchwer erkrankten Sohne in einer doppelt verzweifelten Lage geweſen wäre Leider ſtarb dieſer nach einigen Tagen— vielleicht nur weil die Ungeſchicklichkeit der italieniſchen Aerzte ſeine Wunde nicht zu behandeln verſtand, vielleicht auch an den 144 Einflüſſen des fremden Klima's. Störmthal blieb der treue Beiſtand der Unglücklichen und begleitete ſie bis Rom zurück, wo er ſie andern deutſchen Landsleuten übergeben konnte. Seitdem war Frau von Lindenhof Störmthals dank⸗ barſte Freundin geworden. Der verſtorbene Sohn war ihr einziges Kind geweſen, ſie hatte nur für ihn gelebt, nur in der Hoffnung auf ihn und ſeine Zukunft den einzigen Zweck ihres Daſeins gefunden,— nun auf einmal war ihr dieſer geraubt und ihrem Leben jeder Inhalt genommen! Aber ſie war noch eine willens⸗ kräftige Frau, eine auf Thätigkeit und einen Wirkungs⸗ kreis angelegte Natur, die eine einſame, unnütze und gleichſam aus dem lebendigen Geſellſchaftsverband auf ſich ſelbſt iſplirte Frauenexiſtenz nicht zu ertragen ver⸗ mochte. Ihr Gemahl hatte als Oberhofmarſchall einſt dem Hofe nahe geſtanden, ſie ſelbſt war auch als Wittwe dieſen Kreiſen nicht fremd geworden, und als man ſich bei der Verheirathung des Kronprinzen nach einer Ober⸗ hofmeiſterin für die junge Gemahlin umſah, ließ Frau von Lindenhof ſich vorſchlagen und ward ſogleich dazu erwählt. Und zwar hatte ſie dieſe Wahl nicht allein ihren perſönlichen Eigenſchaften zu danken, ſondern dem Umſtand, daß ſie eben ohne Angehörige war und ſo von keinen Einflüſſen eines Gatten oder Sohnes — oder auch Liebhabers— Frau von Lindenhof war „ 145 bereits in den Fünfzigen— die Rede ſein konnte. Man glaubte ſich ſo wenigſtens vor Familienintriguen geſichert. Indeß hatte Frau von Lindenhof auf den Pfleger ihres Sohnes und ihren Beiſtand in der ſchwerſten Zeit ihres Lebens alle zärtlichen und ſorglichen Gefühle über⸗ tragen, die ſie ſonſt für jenen gehegt hatte. Das war unbewußt geſchehen. Sie hatte es Anfangs als den einzigen Troſt empfunden, Störmthal, von dem ſie ſich in Rom getrennt hatte, in der Reſidenz nach einigen Wochen wiederzuſehen und mit ihm von dem verſtorbenen Sohn und ſeinen letzten Lebenstagen zu ſprechen und ſich die trüben Ereigniſſe jener Zeit neben dem einzigen Menſchen zu wiederholen, der ſie ihr ſo treu und auf⸗ opfernd hatte tragen helfen. Sie lud Störmthal oft zu ſich ein und er brachte immer wenigſtens wöchentlich einen ſeiner Abende hei ihr zu. Anfänglich kam er aus Mit⸗ leid, ſpäter aus Intereſſe, zuletzt aus Gewohnheit. Wer giebt ſich ſelbſt immer auch in Kleinigkeiten Rechenſchaft über die Motive ſeiner Handlungen! Frau von Lindenhof war eine feingebildete Frau, die viel erlebt und noch mehr geſehen hatte. Sie hatte ſich immer in den Kreiſen der höchſten Ariſtokratie be⸗ wegt und wußte viel aus ihnen zu erzählen. In allen Angelegenheiten des Hofes namentlich war Niemand ſo gut vrientirt wie ſie und äber eine Menge Dinge und Vorgänge vermochte ſie Auskunft zu geben, die andere Louiſe Otto; Neue Bahnen. J. 10 146 Zeitgenoffen vergeſſen oder niemals erfahren hatten. Sie vertraute Störmthal Manches, was ſie bisher nur ihrem Sohne mügetheilt hatte und jener war ein noch auf⸗ merkſamerer Hörer und meinte, man könne von der⸗ gleichen Dingen nie genug erfahren, um ſich ſelbſt mit Sicherheit auf den Boden zu ſtellen, der ſchon von ſo vielen geheimen Minen untergraben war! Aber auch die Gewohnheit, die Bequemlichkeit führte Störmthal zu ſeiner alten Freundin. Er liebte es nicht ſeine Abende in öffentlichen Localen oder auch nur ausſchließlich in Herrengeſellſchaft hinzubringen. Oft arbeitete er noch zu Hauſe in ſeinem Zimmer von An⸗ bruch des Abends an bis in die Nacht hinein, oder er that doch das letztere, wenn er aus dem Theater, einem Concert, irgend einer Soiree nach Hauſe kam. Wollte er aber ausruhen, ſich erholen, ſo ging er zu Frau von Lindenhof. Es war immer ein ſo trauliches, gleichmäßiges Klima bei ihr! in ihrer Sophaecke lehnte es ſich bequem hinter der ſummenden Theemaſchine, die gleichſam die Ouverture abgab zu einem fein zubereiteten Souper, das immer irgend eine ſeltene Delicateſſe zu ſeinem Mit⸗ telpunct hatte. Störmthal fühlte ſich hier zu Hauſe— er erzählte ſeiner freundlichen Wirthin Tagesneuigkeiten für ihre lehrreichen Mittheilungen, beſprach mit ihr manche ſeiner Angelegenheiten und erhielt von ihr dieſe und jene Commiſſion. 147 Als Frau von Lindenhof die Stellung bei Hofe angenommen, konnte ſie freilich nicht mehr ſo oft über ihre Abende verfügen, aber Störmthal war jetzt um ſo mehr ihr unentbehrlich, als er der einzige Menſch war, gegen den ſie ſich über ihren neuen Wirkungskreis aus⸗ ſprach, ſo weit, als es Discretion und Klugheit nur immer erlauben mochten. Daß Störmthal ihre Mit⸗ theilungen nicht weiter trug, durfte ſie überzeugt ſein, und wenn er ſie zu ſeinem eignen Vortheil benutzte, ſo war damit ihr Zweck erreicht— ſie fühlte ſich ihm ſo in ihrem innerſten Mutterherzen zu Dank verpflichtet, daß ſie, was er damals für ſie gethan, als eine über⸗ nommene Schuld betrachtete, die ſie nur durch einen außerordentlichen. ihm geleiſteten Gegendienſt vergelten konnte. Als Störmthal nun die Reſidenz auf längere Zeit verließ, ſo entſtand allerdings eine große Lücke in ihrem Leben— aber ſie ſuchte keinen anderen Erſatz dafür, als den, daß ſie etwa aller ſechs Wochen einmal an ihn ſchrieb und in ſolchen Zeiträumen auch ſeine Antwort verlangte. Sobald er nur wieder zurückgekehrt, em⸗ pfing ſie ihn mit mütterlicher Freude und mit einem Gefühl von Stolz: er war jetzt auf dem beſten Wege, eine glänzende Carriere zu machen, und ſie wollte ihm auf demſelben weiter helfen und fördern. Von ihr erwartete auch jetzt Störmthal in ſeiner 10* 149 oder er wollte ſie mit der Erfüllung desſelben auf das Angenehmſte überraſchen. Als er jetzt mit ihr von Friedleben zurückkam, ward ihm wirklich ein Brief mit dem Poſtſtempel der Reſidenz überreicht. Er täuſchte ſich nicht, er kam von Frau von Lindenhof, aber noch brachte er keine Entſcheidung.— „Der Kronprinz wünſcht Ihre Begleitung,“ ſchrieb ſie ihm—„das hätten denn nicht allein meine über Sie hingeworfenen Bemerkungen, ſondern ſein eigenes Urtheil über Ihre titeten und Eigenſchaften erreicht— aber der Fürſt ſelbſt hat Herrn von Sternheim vorgeſchlagen und es wird ſchwer halten ihn zu beſeitigen. Wahr⸗ ſcheinlich wird er ernannt werden— indeß geben wir darum unſeren Plan noch nicht auf— ſein Arzt iſt auch der meinige und ich hoffe noch durch ihn unſer Ziel zu erreichen, ſo daß Sie im letzten Augenblick doch noch für ihn eintreten werden. Einſtweilen verlaſſen Sie ſich auf mich und laſſen Sie ſich nicht in Ihren ländlichen Vergnügungen ſtören.“ Dies klang etwas räthſelhaft und im Grunde nicht ſehr befriedigend. Wie ſollte denn der Arzt da ver⸗ mitteln können und Frau von Lindenhof war doch keine Biftmiſcherin!— O über die Frauen, über ihre Launen, Einfälle und Räthſel! Störmthal war um ſo verſtimmter, als er ruhig zuwarten mußte und den Grund ſeiner 15⁰ üblen Laune nicht einmal ſeiner Mutter, noch weniger dem Bruder und der Schwägerin ſagen mochte. So kam der Sonntag heran, der den Landadel dieſer Gegend in Störmthal zu einem ländlichen Feſt vereinigen ſollte. Helene, die junge Frau von Störm⸗ thal, wetteiferte mit ihrer Schwiegermutter die Gäſte auf das Würdigſte zu empfangen. Auch Hans von Störmthal ſetzte eine Ehre darein, heute allen Glanz zu entwickeln, über den er in ſeinem Schloſſe verfügen konnte. Die Dienerſchaft war durch mehrere in die beſten Livreen mit den Farben der Herrſchaft geſteckte Bauerburſche vermehrt worden und damit es auch gleich von weitem an einem imponirenden Knalleffect nicht fehle, hatte man auf einem Vorſprung der Terraſſe, welche das auf einem Hügel gelegene Schloß noch höher emporzuheben ſchien, eine Kanone aufgeſtellt, die jedes⸗ mal losgebrannt ward, wenn ſich von Weitem eine Equi⸗ page zeigte, die in die breite Allee einlenkte, welche allein nach Störmthal führte. Und wie man ſo die Gäſte ſchon in der Ferne hallend feſtlich begrüßte, ſo auch mit wehenden Fahnen in den Farben des Haufes: Grün und Silber. Schon waren mehrere Kanonenſchüſſe ertönt, ſchon mehrere Equipagen mit Damen und Herren in den glatt getäfelten Schloßhof gerollt, ſchon füllte ſich der Garten⸗ ſalon mit Gäſten und noch immer waren die von Fried⸗ leben noch nicht erſchienen. 1 151 „Sollte Fräulein Editha wieder krank geworden ſein?“ ließ ſich die alte Frau von Störmthal gegen einen Kreis von Damen vernehmen, unter denen ſich ein Fräu⸗ lein von Dornenberg befand, die für eine Freundin Edi⸗ tha's galt, weil ſie ziemlich oft nach der Waſſerburg kam, aber in der That in gar keinen innern Beziehun⸗ gen zu dem Fräulein ſtand. Dieſe antwortete jetzt ſpöttiſch: „Ich kenne das— Editha hat erſt ihre Vögel zu füttern und wir haben von Glück zu ſagen, wenn wir ſie einmal anders ſehen als in Geſellſchaft eines Schwanes oder Pfaues— ihre letzte große Krankheit hat ſie ſich auch nur durch eine ſolche Kinderei geholt, weil ſie ihre Lieblinge hat vor einem Gewitter in Si⸗ cherheit bringen wollen.“ „Nun, das hat man mir doch anders erzählt,“ be⸗ merkte Frau von Weißenſee, deren Geſellſchafterin und Gouvernante ihrer Kinder auf der Pfarre von Friedle⸗ ben zu verkehren pflegte und die häufig Neuigkeiten aus dieſer trüben Quelle ſchöpfte—„wenn ſie vielleicht ſelbſt erzählt, daß ſie um eines Schwanes Willen ſich au dem Gewitterabend verſpätete, ſo rechnete ſie viel⸗ leicht darauf, daß nicht Jedermann gleich an den Schwan der Leda dachte— die mythologiſchen Reminiscenzen gehören jetzt nicht mehr zum guten Ton.—“ Frau von Störmthal hörte ſtaunend und ſchau⸗ 152 dernd zu— aber es blieb ihr keine Zeit weder zu verweilen noch zu fragen, denn eben kamen die von Friedleben die Terraſſe herauf.— Wilfried ging an der Seite des Hauptmanns, deſſen Gemahlin mit wohl⸗ wollenden Blicken den in den zwei Jahren nur vortheil⸗ haft Veränderten betrachtete und noch mehr über die freundliche Art ſich freute, mit der Editha ihn begrüßt hatte, ſie, die ſonſt immer ſo zurückhaltend, faſt ſteif gegen junge Herren zu ſein pflegte. Editha, ganz in Weiß gekleidet, glich heut' ſelbſt einem Schwan oder der ſchönen träumeriſchen Waſſer⸗ roſe, die auf den Teicheu der heimiſchen Waſſerburg blühend ſchwammen. Wilfried fand ſie heute in der Mitte anderer junger Damen nicht nur zarter und lieblicher als dieſe, ſondern auch geiſtig belebter und fähiger, ein ernſtes männliches Streben zu verſtehen und zu würdigen, als er bei einem in ſo kindlicher Abge⸗ ſchiedenheit lebenden Mädchen vermuthen mochte. War es bei ihm Abſicht, ſie zu prüfen und dem Wunſch ſeiner Mutter zu entſprechen, daß er faſt immer an ihrer Seite blieb, ſo freute ſie ſich mit ihm, den ſie wie einen alten Bekannten betrachtete, ſich harmlos zu unterhalten, ſich von ſeinen Reiſen erzählen zu laſſen und auch dann und wann noch ein Wort von Sigis⸗ mund mit einzuflechten und zu hören und ſo fanden ſich Beide ganz unvermerkt in einen vertraulichen Ton 153 hinein, der den Gäſten ſchon Anlaß zu lächelnden Be⸗ merkungen gab und die beiden betheiligten Mütter ſchon über das Gelingen ihres Planes ſich fröhlich die Hände drücken ließ. Frau von Störmthal dachte nur manchmal an die boshafte Bemerkung, die vorhin gefallen und ſtu⸗ dirte Frau von Friedleben, ob Editha wirklich noch keine andere Neigung habe? Frau von Friedleben blieb ihrem Grundſatz treu; die Entdeckung, die ſie ſelbſt im Herzen ihrer Tochter gemacht, ſo gut wie vor dieſer, auch vor jedem andern beſen zu ignoriren und verſicherte:„In dieſer Bezie⸗ hung iſt Editha noch ein vollſtändiges Kind!“ und mit vollem Rechte konnte ſie in ihrem Sinne hinzufügen: „Ich habe ſie noch nie ſo belebt und vertraut an der Seite eines ebenbürtigen Mannes geſehen wie heute.“ Neuntes Capitel. Verlobung. Die vierzehn Tage waren ziemlich vergangen, die Wilfried von Störmthal im Schooß ſeiner Familie hatte zubringen können, und er fuhr den letzten Nach⸗ mittag vor ſeiner Abreiſe nach Friedleben, um dort Ab⸗ ſchied zu nehmen. Er war oft dort geweſen und jedesmal in angenehmer Stimmung wiedergekommen— aber der Hauptwunſch ſeiner Mutter war noch uner⸗ füllt. Sie war allerdings zu klug und kannte ihn zu gut, um ihre Hoffnungen, die ſie ſchon an ſeine öfteren Beſuche in Friedleben und an Editha's freundliches Weſen knüpfte, noch öfterer auszuſprechen, aber jedes⸗ mal, wenn er zurückkam, erwartete ſie von ihm die er⸗ ſehnte Mittheilung— und immer vergeblich. Als er heute wieder nach der Waſſerburg fuhr, — 155 entließ ſie ihn mit einem mütterlichen Seufzer, der faſt für eine Bitte gelten konnte. Der Himmel war etwas bewölkt, die Sonne hatte den ganzen Tag nicht geſchienen und ein bläulicher Duft lag über der waldigen Gegend, feuchtwarm und regungslos war die Luft und legte ſich mit einer ge⸗ wiſſen Schwere auf reizbare Naturen, zu denen Wil⸗ fried gehörte— er wußte ſelbſt nicht, was ſo eigen⸗ thümlich ermattend und beklemmend auf ihn wirkte:— ſollte es doch der Gedanke ſein, nun von Editha Ab⸗ ſchied zu nehmen? Er befand ſich ihr gegenüber eigentlich ganz auf demſelben Standpunkte der Annäherung, auf den er gleich bei der erſten Begegnung mit ihr in der Laube des Schulmeiſters gekommen. Es beſtand eine Art von Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, die zwiſchen einer jungen Dame und einem jungen Herrn, namentlich in der Ari⸗ ſtokratie, ſelten zu finden iſt. Aber näher waren ſie einander nicht gekommen—„durch meine Schuld,“ ſagte Wilfried zu ſich ſelbſt, denn ſie hat mir oft ge⸗ nug dankende, feurige Blicke zugeworfen, die mich hät⸗ ten ermuntern können, mich ihr zärtlicher zu nähern, hat mir oft genug innig die Hand gedrückt, wenn ich ſie beim Abſchied ergriff, um ſie zu küſſen— und hat ſie mir dann nicht oft genug zugeflüſtert: Kommen Sie bald wieder, Sie ſind uns Allen ſo herzlich willkom⸗ 156 men— ja, hatte ſie nicht, als er ſie das letztemal ſah und ſchon von ſeiner baldigen Abreiſe ſprach, mit einem Seufzer geſagt: Sie werden auf der Waſſerburg viel⸗ leicht noch mehr vermißt werden, als in Störmthal!— Er rief ſich jetzt das Alles zurück und gedachte ihrer mit einem Gefühl, in dem Eitelkeit und Mitleid ſich ſonderbar vermiſchten. Ich habe einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht— ſie liebt mich. Iſt es nicht natür⸗ lich? Er war ſich bewußt, genug angenehme Eigen⸗ ſchaften zu beſitzen, um von einem noch dazu anſpruch⸗ loſen und doch geiſtig befähigten Mädchen geliebt zu wer⸗ den; er hatte durch ſein Betragen dieſe Neigung ent⸗ zündet, um ſo mehr, als er, wie es ſchien, der erſte Mann war, der in ihrer Familie ſo intimen Zutritt hatte— und nun er dieſe Liebe erweckt, ſollte er ſich ihr entziehen, war das nicht unrecht an dem Mädchen gehandelt, und doppelt jetzt, wo ſie, kaum von einer ſchweren Krankheit geneſen, vielleicht wieder in dieſelbe zurückfiel, wenn ſie eine Täuſchung erlebte?— O über dieſe lächerliche Weisheit, die immer den jungen Leuten vorſchwatzt, ſie müßten einander erſt kennen lernen, ehe ſie wählten— als ob nicht dieſer Verſuch des Kennen⸗ lernens, wie er in den meiſten Verhältniſſen nur von dem Manne gemacht werden kann, für ein zartes Ge⸗ wiſſen ſchon zu einer Verpflichtung würde, ſobald das Mädchenherz Feuer fängt!. 157 Mit ſolchen Betrachtungen verkürzte— oder wenn man will, verlängerte ſich Störmthal ſeinen Weg, ohne daß ihm bei dieſen Prüfungen und Erinnerungen nur ein einzigesmal eingefallen wäre, daß jene innigen Blicke Edithas ihn dann nur trafen, wenn er von Sigismund oder auch wur von der Tonkunſt und ihrer Macht oder dem ſchöngt Beruf des Künſtlers geſprochen hatte, daß ſie dann ſeine Hand nur drückte, wenn er ſo die Mut⸗ ker wiger günſtiger für ihn geſtimmt, daß ſie ſein nahes/Scheiden darum zumeiſt beklagte, daß nun Si⸗ gisnMund wieder keinen Fürſprecher in der Waſſerburg habe. Editha ſelbſt war ſich freilich auch nur zum Theil d eſer Motive ihrer Handlungsweiſe bewußt— ihr war Störmthal wirklich der angenehmſte Geſellſchafter— weil er von Sigismund ſprach— der vertrauteſte Freund— weil er Sigismunds Freund war,— der Mann, der ſie eben deshalb am meiſten achtete und der dadurch ihrem Herzen am nächſten ſtand— ſi trat ihm erfreut entgegen, wenn er kam, ſie hat ihn wiederzukommen, wenn er ging, weil er der Einzige war, der, wie ſie nach empfindſamer Mädchenart zu ſich ſelbſt ſagte, ſie verſtand. Und als er nun jetzt kam, da ſah ſie ſeinen Wa⸗ gen über die Schloßbrücke fahren und ſagte zu der Mut⸗ ter, mit der ſie gerade beim Kaffee auf dem Al⸗ tane ſaß: 2 158 „Dort kommt Störmthal— ich fürchte, es iſt ſein Abſchiedsbeſuch.“ ſprach das in ſo wehmüthigem Tone, daß die Mutter ſie ſcharf in's Auge faßte— unwillkührlich erröthete Editha und blickte zu Boden, Vls Frau von Friedleben prüfend fragte:„Du fürchteſt das, mein Kind? Iſt Dir denn Herr von Störmthal jR ſehr an⸗ genehm?“ 3 „Ich denke, er iſt es Dir auch?“ gegenfMate ſie möglichſt harmlos— und dann trat ſie vor In die Brüſtung des Altans, zu dem Störmthal artig in⸗ aufgrüßte. Es dauerte nicht lange, ſo war er abgeſtieges die Treppe hinaufgeeilt und bei den Damen, bei dene er jetzt keiner Meldung mehr bedurfte. Der Empfang war der gewohnte, herzliche. Daß ſein Urlaub abgelaufen ſei, er morgen abreiſen müſſe und daß er komme, um Abſchied zu nehmen, war zunächſt der Gegenſtand des Geſprächs. Im weiteren Verlauf deſſelben ſagte er dann zu Frau von Friedleben: „Ich gehe mit ſo viel angenehmen Erinnerungen von hier zurück und möchte dann gern auch noch eine Hoff⸗ nung mit mir nehmen.“ S Frau von Friedleben fiel ihm ſchnell ins Wort. Eine Hoffnung, deren Erfüllung in unſerer Macht läge, werden Sie nie vergeblich ausſprechen— an was konnte 159 ſie anders denken, als daß dies die Einleitung ſei zu der von ihr längſt erfehnten Bewerbung, wenn ſie auch ge⸗ wünſcht hätte, daß er dieſe nicht zuerſt in Gegenwart ihrer Tochter anbringe— indeß, vielleicht waren Beide ſchon einig und Editha, nicht wiſſend, wie ſehr ihre Mut⸗ ter dieſe Partie für ſie wünſche, hatte nur ängſtlich ihre Neigung verſteckt.— Aber welche Enttäuſchung, als Störmthal ſagte: „Ich werde in nächſter Zeit meinen jungen Freund Sigismund Ambach wiederſehen und verſprach ihm einen Verſöhnungsgruß aus der Waſſerburg mitzubringen.— Sie ſind mir neulich ausgewichen, als ich von ihm ſprach, aber heute dürfen Sie es nicht, heute laß ich Sie nicht eher los, bis Sie mir ein freundliches Wort für ihn geſagt haben!“ „Was quälen Sie mich denn ewig mit dieſem Men⸗ ſchen?“ fuhr Frau von Friedleben erzürnter auf, als ſie Störmthal noch geſehen hatte, und um ihren Aerger über die eben gehegte vergebliche Erwartung nicht zu ſehr zu verrathen, ſtand ſie auf, ging in das Neben⸗ zunmer, zog die Klingel und als nicht gleich Jemand erſchien, verließ ſie dies Zimmer nach der andern Seite. Editha reichte Wilfried die Hand und ſagte in eben ſo innigem als traurigem Tone:„Sie ſehen, es wird Ihrer Güte ſchlecht gelohnt.“ 160 „Doch nicht von Ihnen!“ rief er und küßte zärtlich ihre kleine Hand.— „O ich möchte Ihnen ſo gern für dieſe unermüd⸗ liche Freundſchaft ſo recht aus voller Seele danken— ich fühle ganz, wie wenig ich dies noch gethan in dieſer Abſchiedsſtunde, die nun ſo doppelt getrübt wird.“— „Darf ich wirklich denken, daß mein Abſchied Ihnen leid thut?“ „Wie können Sie daran zweifeln?“ „O mein Fräulein— und wenn es nur ein kurzer Abſchied wäre?“ „Das ſollte mich herzlich freuen!“ „Darf ich wiederkommen und bald?“ „Wie würde ich mich freuen— aber ich fürchte, einmal wieder in die diplomatiſchen Kreiſe Ihrer Re⸗ ſidenz hineingeriſſen, werden Sie nicht mehr an Störm⸗ thal, noch weniger an die Waſſerburg denken!“ ſagte Editha immer noch mit der größten Unbefangenheit. „Wenig Zeit haben wiederzukommen,“ fiel er ihr in's Wort,„da können Sie nur zu recht haben— aber zu denken?! O wenn Sie wüßten, wie man gerade in ſolch' einem bewegten Leben ſich nach einem Weſen ſehnt, bei dem man auf Augenblicke und Stunden dieſem Drang der Geſchäfte ſich entrückt fühlen kann, wie ich das hier fühlte— an Ihrer Seite! O Fräulein, wenn das immer ſo ſein könnte, wenn Sie mir immer dieſe 161 Momente einer ſtillen Einkehr vergönnten!“— er ſprach ſo in wirklicher Bewegung, hingeriſſen von dieſem Gedanken, dem er an der Seite des lieblichen und geiſtvollen Mädchens mit plötzlichem Entzücken ſich hin⸗ gab! Und als ſie ihm jetzt wie zum Verſprechen die Hand reichte, da drückte er dieſe an ſein Herz und fragte im Tone warmer Erregung:„ Theure Editha! könnten Sie ſich entſchließen mir zu folgen, immer bei mir zu ſein, mein guter Engel zu werden, meine Ge⸗ mahlin?“ Auf ſolch' eine Frage war Editha nicht vorberei⸗ tet,— es war das Erſtemal in ihrem Leben, daß diefelbe ſo direct und mündlich an ſie geſtellt ward— eine Art von Schwindel überfiel ſie bei einem Ge⸗ danken, den ſie ſo unvorbereitet gar nicht zu faſſen vermochte! Noch eben hatte ihr Herz dieſem Mann die reinſte Dankbarkeit zugewendet, und jetzt forderte er dasſelbe ganz? Wie hätte ſie ſich in dieſem Augen⸗ blick über ſich ſelbſt und die ganze Conſequenz der an ſie geſtellten Forderung klar werden können und wie wäre ſie im Stande geweſen, dem theuer gewordenen Freund, der ſie mit ſeinem Antrag ſo plötzlich über⸗ raſchte, eine Antwort zu geben, die ihn hätte kränken müſſen. Unzählige Mädchen haben in ſolchen Situa⸗ tionen ſchon nur darum„Ja!“ geſagt, um nicht„Nein“ zu ſagen.— Editha ſprach das entſcheidende Wort Louiſe Otto; Neue Vahnen. 1. 11 ſelbſt nicht aus— ſie blieb ſtumm, aber ſie ließ Störm⸗ thal ihre Hand, ſie duldete es, daß er ſeinen Arm um ihre zarte Taille legte und mit einer Art von ehr⸗ furchtsvoller Scheu den erſten Kuß auf ihre reine jungfräu⸗ liche Stirn drückte, den erſten Kuß, den ſie überhaupt jemals von dem Mund eines Mannes empfangen. So verharrte ſie ſchweigend und ſcheu vor ſich niederblickend an ſeiner Seite— noch war kein Wort der Erwiederung von ihren Lippen gekommen,— es war, als habe ein dichter Nebel ſich um ſie gelegt, alle ihre Sinne gefeſſelt, daß ſie unfähig war ſich zu regen, aufzublicken, zu ſprechen, zu denken— Störmthal fand in dieſem Betragen halb einen Beweis ihrer Liebe, die doch jetzt die Erfüllung ihres geheimſten Wunſches noch nicht erwartet hatte, halb ihrer Unſchuld und Unerfah⸗ renheit, die ſie ſo befangen machte— und in der Auf⸗ regung, in der er ſich ſelbſt durch dieſe unmittelbare Nähe des ſchönen Mädchens empfand, das er in ſeinem Arm zittern fühlte, deſſen Athem ihn berührte, erblickte er in dieſer Schüchternheit das Ideal unſchuldiger Mäd⸗ chenhaftigkeit und verlangte gar nicht nach einer andern Antwort. Als ſo Beide noch ſchwiegen, trat plötzlich Frau von Friedleben auf den Balkon— der Hauptmann folgte ihr.— Editha fuhr erſchrocken empor— Störm⸗ 163 thal aber hielt ihre Hand feſt, erhob ſich und ſagte lächelnd zu Frau von Friedleben: „Werden Sie mir die genommene Freiheit verzei⸗ hen, gnädige Frau, wenn ich Ihnen ſage, daß ich heute überhaupt nicht allein kam, um Abſchied zu nehmen, ſondern um ein glückliches Wiederſehen vorzubereiten und daß ich kam, um die Hand Ihrer Fräulein Tochter zu werben und daß ich zuerſt von dieſer ſelbſt die Erlaub⸗ niß zu dieſem gewagten Schritte haben wollte?“ „Da iſt mein Mann,“ ſagte Frau von Friedleben, auf dieſen deutend, der bald hinter ihr auf den Balkon herausgetreten war— er mag Ihnen antworten— meine Einwilligung iſt Ihnen gewiß.“ Der Hauptmann, der von dem Project und Lieb⸗ lingswunſch der einig gewordenen Mütter nichts wußte und in ſeiner geraden Manier einer ſolchen„Weiber⸗ intrigue,“ um in ſeinen eigenen Ausdrücken zu reden, „die jelbſt die eigenen Kinder in liſtig ausgeſtellten Netzen fing,“ ſich würde entgegengeſtellt haben— war jetzt mit überliſtet. Gerade jetzt, wo er immer noch fürchtete, daß Sigismund Ambach toll genug geweſen ſei, ſeine Augen mit verwegenen Wünſchen zu Editha zu erheben und dieſe halb kindiſch, halb phantaſtiſch genug ſeine Liebe zu erwidern,— jetzt war es ihm natürlich ſehr erwünſcht, daß ſich ein ebenbürtiger Bewerber für Editha fand, und daß ſie ſelbſt ſo ſchnell deſſen Werbung annahm. 1 War er ſo einerſeits froh⸗ daß ſeine Tochter ſo ſchnell „zur Vernunft gekommen,“ ſo mußte er andererſeits wieder lächeln über das bewegliche Mädchenherz, das ſo ſchnell eine romantiſche Neigung vergeſſen konnte, ſo⸗ bald ein anderer und ſtandesgemäßer Bewerber gefunden war. Aus dieſem Grunde willigte er jetzt auch freudig ein, obwohl ihm Störmthals diplomatiſche Carriere ge⸗ rade nicht ſehr zuſagte und er überhaupt gar nicht den Wunſch hatte Editha bald vermählt zu ſehen. Er konnte ſich die Waſſerburg ohne ſie nur verödet denken, und als er daher jetzt Editha's Hand ergriff, ſie in die Störinthals legte und herzlich ſagte: „Ich bin gern bereit, Sie als Schwiegerſohn will⸗ fommen zu heißen,“ ſo fügte er gleich hinzu,„aber ich glaube, Sie kennen einander noch nicht genug, um auch gewiß zu ſein, daß Eines ganz für das Andere paſſe — und nicht nur darum allein, ſondern auch aus Egois⸗ mus, um mein Kind noch länger zu behalten, hoffe ich, daß Sie an den Wunſch der Verlobung nicht auch den einer baldigen Hochzeit knüpfen— ohnehin iſt der Brautſtand ja die intereſſanteſte Lebenszeit; ich möchte alſo, daß er nicht zu ſehr gekürzt werde und mindeſtens ein Jahr währe.“— „Ihr Wunſch wird mir Befehl ſein“— ſagte Störmthal,„ſieht man nur ein glückliches Ziel mit 165 Gewißheit vor ſich, ſo fügt man ſich auch darein, ihm noch nicht ganz nahe zu ſein.“ „Und Du ſagſt gar nichts dazu?“ fragte der Hauptmann Editha, die auch jetzt, während der Haupt⸗ mann mit Störmthal noch weiter von der Ueberraſchung u. ſ. w. ſprach, die ihm ſein Antrag bereitet, mit geſenk⸗ tem Haupte daſtand, die Hand wie gedankenlos und ohne ſich zu regen in der Störmthals laſſend. Sie blickte jetzt auf und wollte reden, aber die Mut⸗ ter antwortete für ſie und konnte eine gewiſſe Gereiztheit in ihrem Tone nicht unterdrücken, als ſie ſagte:„Wenn der Herr Bräutigam ſo ſchnell mit dieſem Aufſchub zu⸗ frieden iſt, ſo kann doch die Braut unmöglich etwas dagegen haben.“— „Gnädige Frau!“ unterbrach ſie Störmthal— aber ſie ließ ihn nicht zu Worte kommen, ſondern fuhr fort:„Dann gebietet aber auch das Zartgefühl, daß dieſe Verlobung noch ein Familiengeheimniß bleibe und wir erſt Karten ſchicken, ſobald die Hochzeit beſtimmt iſt.“ „Das haltet, wie Ihr wollt,“ ſagte der Hauptmann, „in folchen Dingen, die ſich um die Poſitionen drehen, mit denen man ſich der Gefeliſchaft gegenüber zu ſtellen hat, Du, verlaſſe ich mich ſtets auf Deinen weiblichen Tact.“ Editha athmete bei dem Vorſchlag ihrer Mutter erleichtert auf und ſagte:„O gewiß— wir wollen, was heute beſchloſſen wurde, der Heffentlichkeit nicht eher preisgeben, als bis es durchaus ſein muß!“ In dieſem Augenblick meldete ein Diener die Pa⸗ ſtorin und ihre Tochter— der Beſuch kam Allen— bis auf Editha ſehr ungelegen, aber man konnte ihn doch nicht abweiſen laſſen, da der Diener ſchon die Frage, ob die Herrſchaft zu Hauſe ſei, bejaht hatte. Editha, die dieſe Damen nie geliebt und die ſeit jenem Tage, wo die Paſtorin Sigismund verleumdet hatte, dieſelbe ſogar haßte, ſo ſehr als ein ſanftes Mäd⸗ chenherz nur zu haſſen vermag, war doch herzlich froh, daß ſie jetzt durch ihr Kommen einer unendlich peinlichen Situation enthoben ward. Sie war ſo von allen Seiten überraſcht worden, daß ſie ganz aus dem Gleichgewicht gekommen war und erſt einmal ſtill mit ſich ſelbſt zu Rathe gehen mußte, ehe ſie wirklich eine entſcheidende Antwort geben konnte. Darum hatte ihr auch das Be⸗ denken des Vaters, daß ſie einander erſt kennen lernen müßten, wie Harmonie geklungen und ſeine Bedingung, wenigſtens ein Jahr zu warten, war ihr zum tröſtlichen Hoffnungsanker geworden— nun konnte ſie jede Ein⸗ wendung unterdrücken, zu der ſie ſonſt ſich doch vielleicht noch aufgerafft hätte— ſo, wie jetzt die Sache ſtand, war ja noch ein Ricktritt möglich und ein ganzes Jahr der Freiheit lag noch vor ihr! Der Jugend erſcheint 167 ja ein Jahr noch als ein unendlich langer Zeitraum— was konnte in ihm nicht Alles geſchehen! drei hundert fünf und ſechszigmal würde die Sonne auf und nieder⸗ gehen und eben ſo vft konnte ſie eine glückliche Wendung in das Geſchick eines Mädchens bringen, das dem Himmel vertraute! Und empfand es Editha nicht ſchon als eine ſo glückliche Wendung, daß gerade jetzt dieſer Beſuch kam, der ſie aus der peinlichſten Verlegenheit riß? Die Paſtorin, das wußte ſie ſchon, ging nicht ſo bald wieder, wenn man ſie einmal angenommen— Störmthal hatte ſchon vorhin geſagt, daß ihn die Seinen den letzten Abend ſeines Hierſeins bei ſich ſehen wollten— er mußte alſo an baldigen Aufbruch denken— daß Emilie die Tochter der Paſtorin, mitgekommen, legte Editha die Verpflichtung auf, ſich nicht von ihr zu trennen— ſo konnte von keinem Alleinſein mit Störmthal mehr die Rede ſein— das Alles war ihr erleichternd, ſo daß ſie die frühere Unbefangenheit wieder gewann und Nie⸗ mand an ihrem Betragen ahnen konnte, was ſo eben vorgegangen. Man machte noch einen kleinen Spaziergang durch den Garten— Störmthal war an Editha's Seite, aber dieſe wich nicht von der Emiliens— und der neue Bräutigam fand keine Gelegenheit mehr ein vertrauliches Wort mit ſeiner Braut zu ſprechen. Selbſt beim Ab⸗ ſchied war ein Händedruck und die Erlaubniß eines 168 Handkuſſes Alles, was er von ihr erhalten konnte— auch bei Frau von Friedleben mußte er ſich ſo empfehlen, nur der Hauptmann gab ihm das Geleit, trug ihm die herzlichſten Grüße an ſeine Familie in Störmthal auf und wie er ſich freue, daß ſie, die immer in guter Nachbarſchaft zuſammengelebt, nun bald eine Familie bilden würden. Störmthal hatte den Wunſch ſeiner Mutter erfüllt — er malte ſich bei ſeiner einſamen Heimfahrt die Freude aus, die ſie bei dieſer Mittheilung empfinden würde— aber beinah' war dies das einzige angenehme Gefühl, das ihn nach dieſer Verlobung beſeelte! Indeß— er hatte ſchon von manchem Bekannten erfahren, daß eine ſolche Verlobung ein ſehr langweiliger Act ſei, er ſelbſt war ein erklärter Feind aller Familienſcenen und fühlte, es ſei ſelbſt leichter, ſich mit irgend einer ſchwierigen diplomatiſchen Sendung beauftragt, auf dem glatten Parquet eines fürſtlichen Andienzzimmers zu bewegen, wie im einfachen Salon des Landadels, wo ein veral⸗ tetes Ceremoniell mit hausbackener Gemüthlichkeit ſtritt, als Werber aufzutreten! Indeß das war nun überſtanden, und wäre nicht die fatale Paſtorin dazu gekommen, ſo würde man ihm wohl noch eine Stunde traulichen Ge⸗ fühlsaustauſches mit Editha gegönnt haben— ſo mußte das nun dem Prieflichen Verkehre vorbehalten bleiben. — Der von dem Hauptmann gleich zur Bedingung 169 gemachte Aufſchub war ihm auch im Grunde recht— er hatte zwar Momente, wo er ſich nach einer geordneten Häuslichkeit ſehnte; er fand es bei der Stellung, die er einzunehmen gedachte, nothwendig, ein Haus zu machen, wodurch er die verſchiedenſten Elemente nicht nur um ſich verſammeln, ſondern ſich auch verbinden konnte und dazu bedurfte er vor Allem einer liebenswürdigen Ge⸗ mahlin und er zweifelte nicht, daß Editha bald lernen werde dieſelbe würdig zu repräſentiren. Aber er dachte mich auf der andern Seite wieder mit einem gewiſſen Schauder an das Aufgeben der gänzlichen Ungebundenheit des Junggeſellenlebens— an die Nothwendigkeit ſeine Wohnung mit einem andern Weſen zu theilen und wenn auch unabhängig von ihm, ſich doch gewiſſermaßen unter deſſen Controle zu fühlen— und ſo wollte er in dieſer Beziehung das Jahr der Freiheit, das er jetzt vor ſich ſah, noch recht genießen. ie er es vorausgeſehen, ſo war ſeine Mutter hoch⸗ erfreut über die Nachricht, mit der er ſie überraſchte. Die Bedingung ein Jahr noch zu warten, meinte ſie, werde wohl ſo ſtreng nicht eingehalten werden— ſie kenne das! War nun ſchon der Bräutigam weit entfernt von der glücklichen gehobenen Stimmung, in die ihn ein ſolches Ereigniß hätte verſetzen müſſen, ſo war dies mit der Braut noch weit mehr der Fall. Als die Paſtorin und Emilie fortgingen, war es ſchon ſpät am Abend— Editha wünſchte faſt gleichzeitig mit ihnen ihren Eltern„gute Nacht!“ und zog ſich auf ihr Zimmer zurück. Sie wollte ſich hier überlegen, was eigentlich geſchehen, ſich fragen, wie das nur Alles habe ſo kommen können— und wie es en⸗ den werde. Aber ſie kam aus dem Zuſtand der Be⸗ täubung nicht heraus, in dem ſie ſich ſeit Störmthals Kommen gefühlt und wie ſie ſich auch bemühte, die Si⸗ tuation, in der ſie ſich plötzlich befand, klar zu über⸗ blicken; ſie vermochte nicht einen einzigen Gedanken feſtzuhalten. Von kämpfenden Empfindungen und wir⸗ ren Vorſtellungen matt gequält, ſank ſie endlich mit ge⸗ falteten Händen und unruhig klopfendem Herzen in ei⸗ nen unruhigen Schlummer, der von wüſten Träumen begleitet war und ihr ſtatt Erquickung nur neue Auf⸗ regung brachte— als ſie dann wieder erwachend die Augen aufſchlug, wollte ſie über den phantaſtiſchen Traum lächeln, in dem Störmthal ihr Bräutigam ge⸗ weſen— aber plötzlich beſann ſie ſich, daß es in Wahr⸗ heit ſo war und kein Traum— da war es, als ob ſich die Luft ihres Schlafzimmers wie eine Centnerlaſt auf ihre Bruſt legte, um ſie zu erdrücken und ſie ſuchte vergeblich nach einem Mittel, ſich davon zu befreien! Sie konnte es endlich nicht mehr aushalten— ſie kleidete ſich an und ging zu ihrer Mutter, um ihr zu 171 ſagen, daß man ſie mit dieſer Verlobung übereilt, habe und zum Beweis zu wiederholen, was vor dem Ein⸗ tritt der Eltern zwiſchen ihr und Störmthal nur ge⸗ ſprochen worden und zu ſchildern, welcher Druck ſeitdem auf ihrer Seele liege, welche Angſt ſich ihrer bemäch⸗ tigt habe. Die Mutter hörte das Alles mit ruhiger Theil⸗ nahme an, dann ſtreichelte ſie das Haupt der Tochter und fagte unter mütterlichen Liebkoſungen: Sieh, mein liebes Kind, das kann ich ganz mit Dir fühlen, denn mir war gerade ſo zu Muthe, wie ich die Braut Dei⸗ nes Vaters geworden— und Du weißt, wie glücklich wir zuſammen leben! Man thut dieſen wichtigſten Schritt niemals ohne Bangen, ohne Angſt, ich möchte ſagen ohne geheimes Grauen— und das iſt ganz natürlich. Dieſer Moment entſcheidet ja über das ganze Leben, von ihm an gehören wir uns nicht mehr ſelbſt — das iſt der Druck, den wir empfinden, und die Angſt iſt eben ſo begründet in dem ungewiſſen Blick in die Zukunft— denn auch der beſte, der geliebteſte Mann kann ſich ändern und ein unglückliches Loos kann uns bei den ſchönſten Ausſichten bereitet ſein!— Aber doch iſt es immer nur die Neuheit, das ganz Ungewohnte und Ueberraſchende des Verhältniſſes, was uns ängſtigt — das ſchwindet mit jedem Tage mehr und mehr und lächelt man über eine derartige Angſt wie über eine 172 Kinderei! So wird es Dir auch gehen— denn Störm⸗ thal iſt ein vortrefflicher Mann— Du haſt bereits gezeigt, daß Du ihn hoch achteſt und ihm gewogen biſt — oder ſollte ich mich getäuſcht haben? hätteſt Du etwas an ihm auszuſetzen und wärſt ihm doch ſo ent⸗ gegen gekommen, wie es geſchah, dann hätteſt Du frei⸗ lich damit unrecht gehandelt und eine Koketterie geübt — die gar nicht in Deinem Weſen liegt!“ „Entgegengekommen?“ rief Editha und erröthete hoch bei dieſer Vorausſetzung,„ich habe in ihm einen früheren Bekannten, einen Nachbar und Freund er⸗ blickt.— „Nun,“ fiel ihr die Mutter lächelnd in's Wort— „dieſe Erklärung beruhigt mich vollſtändig— vom Freund bis zum Geliebten iſt niemals weit und die glücklichſten Ehen find diejenigen, die ſich auf eine ſolche Freundſchaft gründen!“ Und was auch noch Editha ſagen mochte: die Mutter wußte in ſolcher Weiſe alle ihre Einwände zu⸗ rückzuweiſen und endlich ſchwieg die Tochter, wenn nicht beruhigt, doch beinahe glaubend: vielleicht habe die Mutter doch recht und jeder Brautſtand habe dieſe ban⸗ gen Gefühle in ſeinem Gefolge. — Zehntes Capitel. Wiederſehen. „Glauben Sie nur,“ hatte Frau von Lindenhof eines Tages zu ihrem Protégé Wilfried von Störm⸗ thal bei Gelegenheit der Verlobung eines ſeiner Be⸗ kannten geſagt,„glauben Sie nur, er wird ſich dadurch ſehr in ſeiner Carriere ſchaden! Ein Mann, der ſich verlobt und verheirathet, verliert nicht nur bei den jun⸗ gen Damen ſeines Kreiſes, ſondern in der ganzen Ge⸗ ſellſchaft an Intereſſe und Vertrauen! Daß ihn die Mütter und Väter heirathsfähiger Töchter nicht mehr beachten, verſteht ſich ſchon ganz von felbſt. Alle, die ihn früher in ſolch' eigennütziger Abſicht, auch wenn ſie dieſelbe vielleicht ſogar nicht allein klug der Welt, ſon⸗ dern auch ſich ſelbſt verbargen, protegirten, ſind ſofort mit ihm fertig, wenn jede Ausſicht verſchwindet, ſich 174 ſeiner Perſon durch ein feſteres Band zu verſichern, als das der Dankbarkeit iſt. Denn Niemand iſt wohl heutzutage mehr ſo kindiſch, bei ſeinen Handlungen auf Dank zu rechnen, da dies eine ſo völlig aus der Mode gekommene Tugend iſt!— Aber das iſt nicht genug — ein Mann, der ſich verheirathet, giebt ſeine Unab⸗ hängigkeit gerade ſo auf, wie das ein Mädchen thut, wenn es heirathet, o unterbrechen Sie mich nicht— ich denke darum an gar kein Pantoffelregiment— ich denke nicht einmal an die Schwiegereltern, die ſich in die Carriere des neuen Sohnes miſchen— wenn ſie dieſelbe fördern können, muß er ſich doch von ihnen tyranniſiren laſſen und wenn ſie dies nicht vermögen, werden ſie für ihn zum Bleigewicht, das ihn am Aufſteigen hindert! Nein, ich meine, ein verheiratheter Mann hat ſchon um ſeiner Frau willen tauſend Rück⸗ ſichten zu nehmen, die da und dort zu Schranken und Hemmniſſen für ihn werden— eine Frau ſieht ſich in ihren Rechten durch den Einfluß, die Freundſchaft, die jede andere mit ihrem Gemahl verbinden, in ihren Rechten gekränkt— o ich ſpreche ganz dentlich: eine alte mütterliche Freundin wie ich, eine vortreffliche Schwiegermutter, wie Ihre Frau Mutter ihr ſein würde, wären ihr ſchon im Wege und die Huld unſerer aller⸗ gnädigſten Kronprinzeſſin für Sie würde Sie in ihren Augen ſchon zu einem zweiten Eſſer und ſich zu einer 175 unglücklichen Rutland machen!— Aber auch das Ver⸗ trauen des Hofs und das Vertrauen jener weiteren Kreiſe, in denen Sie ja auch gern beliebt ſein möchten, iſt Ihnen mur ſo lange ſicher, als Sie allein ſtehen — als man nicht Gefahr läuft, daß eine junge Frau die Geheimniſſe ausplaudert, die man Ihnen vertraut oder Sie aus lauter leinlicher Sorge abhält, Ihr Ziel weiter zu verfolgen. Doch warum echauffire ich mich ſo?“ hatte Frau von Lindenhof endlich ihre Rede abge⸗ brochen, ich weiß ja, daß Sie zu ſehr von Ihren Zu⸗ kunftsplänen erfüllt ſind, um irgend ein Intereſſe zu faſſen, das Sie zu einer Heirath bewegen könnte.“ Das war etwa acht Tage nach Störmthals Rück⸗ kehr aus ſeiner Heimath geweſen. Er hatte ſeiner Freundin gelegentlich einmal ſeine Verlobung mittheilen wollen— aber nachdem ſie dieſe Rede an ihn gehal⸗ ten, fand er es doch gerathen davon zu ſchweigen. Was hatte er auch nöthig einer alten Frau von allen ſeinen Schritten Rechenſchaft geben? ihr alle ſeine An⸗ gelegenheiten, auch die ſeines Herzens, zu vertrauen? So ſagte er zu ſich und lächelte dabei unwillkürlich— denn ſein Herz allerdings war ſehr wenig bei ſeiner Wahl betheiligt und er mußte im Stillen zugeben, daß ihn Frau von Lindenhof doch trotz ſeiner Verlobung richtig beurtheilte, wenn ſie ſagte, daß er zu ſehr mit 176 Zukunftsplänen erfüllt ſei, um für eine Heirath ein In⸗ tereſſe zu haben. Als er zurückgekehrt, hatte er bald darauf ſeine Ernennung zum Hofrath vorgefunden und war von dem Kronprinzen und ſeiner Gemahlin in deren Privatcirkel eingeladen worden, um nochmals über einige auswär⸗ tige Verhältniſſe, denen er in ſeiner Abweſenheit näher getreten, einen vertraulichen Bericht abzuſtatten. Die Kronprinzeſſin unterhielt ſich auf das huldvollſte mit ihm und der Kronprinz ließ nicht undeutlich merken, daß er ihn am liebſten als Reiſebegleiter wählen möchte, daß aber ein Anderer von dem Fürſten ernannt ſei.— Frau von Lindenhof hatte dabei nur ſchlau gelächelt— ſie wußte, daß ihr Arzt jenem Andern, Herrn Geheim⸗ rath von Sternheim, in demſelben Augenblick Angſt machte, daß er die Strapazen einer Reiſe mit dem Kronprinzen, der an einem Tage wo möglich zwanzig Anſtalten beſuchte und„von allen Einrichtungen der⸗ ſelben die genaueſte und eingehendſte Kenntniß nahm,“ gar nicht aushalten werde, ja daß es für ihn geradezu ein Wagſtück ſei, ſich im Herbſt in jenes rauhe Gebirgs⸗ klima zu begeben, das für Conſtitutionen wie die ſei⸗ nige äußerſt gefährlich ſei— er müſſe bedenken, daß er nicht im warmen Ueberzieher, ſondern im dünnen Frack oft genug mit dem Prinzen im zurückgeſchlagenen Wa⸗ gen werde fahren müſſen, was ſchon der Anlaß zu 7 mancher langwierigen Krankheit geworden ſei. Herr von Sternheim ward immer bedenklicher und als auch ſeine Gemahlin— der vor dem Gedanken ſchauderte, die Krankenpflegerin ihres grilligen Mannes zu werden, in ihn drang, ſich für ſie und ſeine Familie zu ſchonen— ſo ließ er ſich von dem Arzt ein Zeugniß ausſtellen, daß ſein Geſundheitszuſtand ihm dieſe Reiſe unmöglich mache; er fügte das einem Geſuch bei, in dem er bat, ihn in Gnaden von dieſer Ehre zu entbinden. So waren alle Parteien zufriedengeſtellt und der neue Hofrath von Störmthal reiſte mit dem Prinzen. Drei Wochen dauerte dieſe Reiſe durch allerlei mittlere und kleine Städte des Landes und dieſe Zeit ge⸗ nügte vollkommen, um Störmthal die Gunſt des Prin⸗ zen in einem Grade zuzuwenden, den man beinahe Freundſchaft nennen konnte. Während dieſer Reiſe war Störmthals Briefwechſel mit ſeiner Braut etwas in's Stocken gekommen; nach⸗ träglich fand aber Störmthal in eben dieſer Reiſe und deren Schilderung, ſo wie der des Kronprinzen den reichſten Stoff zum Schreiben. Wöchentlich einmal Briefe zu wechſeln erſchien dem Brautpaar überhaupt vollkommen genügend. Es herrſchte darin derſelbe ruhige Ton der Freundſchaft, der ſchon die Form ihres Um⸗ gangs geweſen war, von Liebe und Sehnſucht ſchrieb weder der Eine noch die Andere.— Editha fand einen Louiſe Otto; Neue Bahnen. I.. 12 178 Troſt darin, daß ſie Störmthal ſelbſt mit ſolchen Ge⸗ fühlsausbrüchen verſchonte, noch die Sprache der Zärt⸗ lichkeit von ihr forderte und Störmthal ſeinerſeits war ſehr befriedigt davon, daß ſeine Braut ſo verſtändig und gebildet war, um ſich mit ihrem Bräutigam über andere Gegenſtände als die Sentimentalitäten der Her⸗ zen zu unterhalten. Dergleichen waren für ihn abge⸗ thane Dinge, die für Primaner und Backfiſche allenfalls paßten— daß Editha über dieſe Kindereien hinaus war, erhöhte bei ihm ihren Werth.— Eines Tages, als Störmthal bei Frau von Lin⸗ denhof einen Augenblick vorſprach, ſagte ſie ihm, daß die Kronprinzeffin ſich in dieſen Tagen von dem be⸗ rühmteſten Hofphotographen habe photographiren laſſen, nun aber nur ganz mißlungene Bilder erhalten und ſich nach irgend einer andern derartigen Anſtalt erkundigt habe, die gute Bilder liefere— gleichviel ob ſie ſchon das Prädicat:„Hof“ beſitze oder nicht. Nun war der Oberhofmeiſterin Störmthals vortreffliches Bild einge⸗ fallen und ſie wollte dieſen zuvor nach dem Künſtler fragen, der es gemacht. Ueber Störmthals Geſicht flog ein blitzartiger Freu⸗ denſtrahl— er nannte Frau Reichmann und dachte an Felieitas— welche unerwartete Gelegenheit, ihr einen Dienſt zu leiſten! Er empfahl Frau Reichmann auf das Angelegent⸗ —— „ 179 lichſte— er wußte, daß dies für Frau von Lindenhof beſtimmend war; wie er die Kronprinzeſſin nun kannte, zweifelte er auch nicht, daß ſie, ſchon um ſich an dem arroganten Hofphotographen, dem Manne, zu rächen, der photographirenden Dame den Vorzug geben werde. Am andern Tage— es war ein grauer Novem⸗ bernachmittag, als Störmthal gerade einen freien Au⸗ genblick hatte, ſchlenderte er durch die Promenade, die ihn an Frau Reichmanns Atelier vorüberführte— er war ſeit jenem Erſtenmale nicht wieder dort gewe⸗ ſen und hatte auch Felicitas nicht wieder geſehen— jetzt, da er einmal wieder an ſie und an das Atelier erinnert war, fiel ihm ein, daß Weihnachten ja nicht allzufern ſei und daß es wohl ein ſinniges Geſchenk ſein möchte, wenn er ein Miniaturportrait von ſich ſei⸗ ner Braut in ein zu einem foſtbaren Schmuck gehö⸗ rendes Armband faffen laſſe. Indem er das mit Frau Reichmann beſprach, konnte er ſie auch auf die Ehre vorbereiten, die ihr nächſtens bevorſtand. Er wollte es ſich zwar nicht ſelbſt geſtehen— aber er war viel zu ſehr Diplomat, um je Jemanden einen Dienſt zu er⸗ weiſen, ohne daß derjenige, der ihn empfing, nicht we⸗ nigſtens ahnte, von wem er kam. Er wußte dies immer auf die feinſte Weiſe einzurichten— nicht um etwa gerade dafür auf Dank zu zählen, ſondern nur um den Vortheil nicht ganz von der Hand zu immer 12 180 darin liegt, wenn man ſeine Macht, ſeinen Einfluß be⸗ merklich machen kann. Es war noch nicht lange vier Uhr vorüber— aber ein feuchter wallender Nebel ſenkte ſich ſo dicht hernieder, daß die Begegnenden einander kaum auf zehn Schritt bemerken konnten und daß wenigſtens in allen Parterre⸗Localen ſchon Licht brannte. Störmthal klingelte am Atelier der Frau Reich⸗ mann. Ein Dienſtmädchen öffnete. Auf die Frage, ob Frau Reichmann zu ſprechen ſei, war die Antwort: „Sie iſt eben ausgegangen— wenn Sie aber in Geſchäftsangelegenheiten kommen, ſo gehen Sie nur hinein“— damit deutete ſie auf die zweite Thür des Entrées.— Die gewohnten Formen des Meldens ſcheinen hier nicht zu exiſtiren, ſagte ſich Störmthal im erſten Au⸗ genblick, im nächſten berichtigte er ſich ſelbſt: es iſt auch ſo in der Ordnung— ich komme ja in ein Ge⸗ ſchäft und mache keinen Beſuch. Er trat ein— und ſtand doch wie feſt gezaubert ſtill an der Thür.— Es war ein mittelgroßes Zimmer, ziemlich wohn⸗ lich eingerichtet. Auf einem Tiſch in der Mitte des Zimmers ſtand eine Arbeitslampe, die mit einem Schirm verſehen war, der ihr Licht nur auf den Tiſch und ſeine nächſte Umgebung verbreitete, den übrigen Raum aber, 181 auch die Thür und deren nächſte Nähe in Dämmerung ließ. Der hellſte Lichtſchein der Lampe fiel auf eine Partie Bilder, die zum Sortiren und Vergleichen auf dem Tiſch lagen und auf Felicitas' Geſicht, das ſich darauf herabneigte. Sie ſaß ſo, daß Störmthal ſie zuerſt im Profil erblickte— nie, dünkte ihm, hatte er ein edleres geſe⸗ hen und nie war ihm dasſelbe in der feenhaften Be⸗ leuchtung des Ballfaales ſo durchgeiſtet erſchienen, wie jetzt beim Schein der Lampe eines Arbeitszimmers. Felicitas trug ein ſchwarzwollenes Kleid, darüber ein ſchwarzes Sammtjäckchen mit ſchwarz und weiß ge⸗ flammtem ſeidenen Plüſch beſetzt— dieſer Anzug erhöhte noch die Weiſe ihres Teints, die Schlankheit ihrer Taille und hatte zugleich in ſeinem Schnitt etwas Amazonenhaftes. Ihr ſeidenartiges Haar war in dicken Flechten rund um den Kopf gewunden und verwollſtän⸗ digte ſo das Clafſiſche ihrer Erſcheinung. Sie ſchieu ſehr in ihre Arbeit vertieft, denn ſie achtete nicht auf das Geräuſch der Thür und den Eintritt einer Perſon — allerdings weil ſie glaubte, es ſei das Dienſtmädchen — erſt als Störmthal verlegen, wie er noch nie in ſeinem Leben ſich gefühlt hatte, ſagte: „Bitte um Verzeihung, wenn ich ſtöre— die rechte Thür verfehlt habe— man hat mich hier hereinge⸗ wieſen—“ fuhr ſie erſchrocken vor diefer Stimme em⸗ 182 por— ſtand auf⸗ wandte das Licht der Lampe näher zu dem Eingetretenen— ſie erkannte ihn und fühlte im Angenblick, wie eine glühende Röthe ihre Wangen färbte und die Stimme ihr zu verſagen drohte— aber eben weil ſie das fühlte, hatte ſie auch im nächſten Augen⸗ blick Geiſtesgegenwart genug, mit erzwungener Ruhe zu ſagen: „Sie ſind in der photographiſchen Anſtalt der Frau Reichmann— „Dahin wollte ich allerdings—“ „Frau Reichmann iſt ausgegangen— aber ich bin an ihrer Stelle zu etwaigen Aufträgen und Be⸗ ſprechungen bereit,“ ſagte ſie mit aller höflichen Ruhe des Geſchäftsverkehres. Störmthal trat ihr näher:„Fräulein Ahlhorn,“ ſagte er mit ſeiner gewinnendſten Artigkeit,„ich weiß nicht, ob ich hoffen darf, von Ihnen wieder erkannt zu werden?“ Noch kälter und mit jenem Ton der Stimme, den man ſowohl für Beſcheidenheit wie für Stolz nehmen kann, antwortete ſie mit leichtem Kopfneigen:„Herr Hofrath von Störmthal hat ſich ja ſchon in unſerm Atelier photograhiren laſſen.“— So kalt und zurückweiſend dieſe Worte klangen, namentlich durch den Ton, mit dem ſie geſprochen wur⸗ den— Störmthal fühlte ſich doch ſchon ganz wieder 183 in ſeiner gewohnten ſtolzen Sicherheit und dachte dabei: ſie intereffirt ſich für mich, denn ſie hat erfahren und ſich gemerkt, daß ich vor ein paar Monaten Hofrath ge⸗ worden bin, was ich noch nicht war, wie ich mich hier photographiren ließ. Er antwortete darum ziemlich zu⸗ verſichtlich:„Waren Sie damals ſchon hier, ſo hatte ich doch nicht das Vergnügen Sie ſelbſt zu ſehen“— Sie unterbrach ihn wieder mit einem Accent, der faſt wie Strenge klang:„Ich bitte zu ſagen, was Sie zu Frau Reichmann führt.“— „Zu Befehl, mein Fräulein,“ entgegnete er faſt lächelnd:„Zunächſt iſt es die Frage, wann ich zu einer Miniaturaufnahme kommen kann und dann die wichti⸗ gere Mittheilung, daß ihre Durchlaucht die Kronprin⸗ zeſſin nächſtens Frau Reichmann mit ihrem Beſuch beehren wird.“— „In der That!“ rief Felicitas,„das wird ſie auf das Höchſte überraſchen und beglücken!— aber jeden⸗ falls wird man uns zuvor davon noch näher benach⸗ richtigen, würdig vorbereitet iſt!“ „Unzweifelhaft!“ Störmthal dachte jetzt, er ſei nun auf dem Wege zu einer perfönlichen Unterhaltung — aber ſchon hatte Felicitas ein großes Foliobuch er⸗ griffen, blätterte darin und ſagte: Weil ſich jetzt Weih⸗ nachten nähert, ſo ſind wir ſchon mit der Zeit ſehr be⸗ ſchränkt— die Stunde von 1—2 Uhr iſt aber mor⸗ gen wie übermorgen noch frei— vorausgeſetzt, daß nicht Ihre Durchlaucht über uns gebietet.“ Störmthal fühlte ſich von dieſem geſchäftsmäßigen Betragen faſt gereizt und dachte bei ſich wie Mephiſto⸗ pheles:„Ich bin des trocknen Ton's nun ſatt.“— Mit ſanftem Ausdruck ſagte er:„Warum ſtellen Sie ſich mir ganz wie einem Fremden gegenüber, da ich doch vor zwei Jahren, als ich von hier fort ging, das Glück hatte zu Ihren Bekannten zu zählen?“ „Weil ich für Alle, welche dieſen Kreiſen ange⸗ hören, eine Fremde geworden bin, ſo bin ich es auch für Sie,“ antwortete ſie mit erzwungener Ruhe,„in einer ſolchen Lage iſt es am Beſten, ſich an das Ver⸗ gangene nicht zu erinnern, wenn man einmal damit gebrochen hat.“ „Aber wenn nun ein Freund aus dieſer Vergan⸗ genheit Ihnen gegenüberſteht“— antwortete er mit Innigkeit. Sie ſchüttelte den Kopf und ſagte zurückweiſend: „Es war eine Begegnung im Geſchüftsleben, dem ich jetzt gehöre.“ 8 „Nein, mein Fräulein,“ rief er jetzt durch ihre unerſchütterliche Ruhe ganz aus ſeinem gewohnten Gleichgewicht geſchleudert—„nein, nur mein erſtes Kommen war Zufall, mein zweites iſt es nicht. Ich erfuhr damals nur dadurch, daß mein junger Freund Ihren Namen nannte, daß Sie hier waren, und erſt ſpäter, was inzwiſchen Ihr Schickfal geweſen. Ich vermißte Sie wohl mit Bedauern in all den Kreiſen, in denen ich früher ſo glücklich war Ihnen zu begeg⸗ nen, aber ich verſtand Ihren edlen Stolz, mit dem Sie einen künſtleriſchen Beruf wählten und ein Leben voll Arbeit und Entſagung einer ſchiefen Stellung in der Geſellſchaft vorzogen. Als ich zuerſt von Ihrer Lebenswendung hörte, war ich ſelbſt verwundert— aber bei näherer Ueberlegung habe ich Sie bewundert— und jetzt nach langem Schwanken, was mir das Zartgefühl gebiete oder verbiete, kam ich zu dem Entſchluß, Ihnen offen dieſe Bewunderung zu zeigen— nicht weil Sie irgend eine Anerkemung für Ihr würdiges Handeln bedurften, ſondern nur zu meiner eignen Ehrenrettung. Sie ſollten nicht glauben, daß ich auch zu jenen halt⸗ loſen Menſchen gehöre, für welche Diejenigen, die nicht mehr in ihren langweiligen Salons erſcheinen, aufgehört haben zu epiſtiren.“ Er ſprach das mit derſelben Innigkeit, mit der er früher zuweilen zu ihr geſprochen und von ihrer edlen Erſcheinung entflammt und hingeriſſen, daß erſt in dieſem Augenblicke völlig Wahrheit ward, was er redete. Er hatte ſchon oft ſo empfunden, wie er jetzt ſchilderte— aber er hatte es ſich nicht geſtanden— er war ſich deſſen nicht bewußt geworden, was ihn 186 durhrieſelte, wenn er ſich in irgend einer Geſellſchaft fand, wo er einſt an ihrer Seite geweſen, oder wenn man gar einmal ihren Namen mit irgend einer ſpötteln⸗ den Bemerkung nannte. Er hatte die Sehnſucht, die er ausſprach, wirklich in ſeinem Innerſten gehabt,— aber freilich nur in jenen Augenblicken, wo er am Wenig⸗ ſten in der Lage war ihr Genüge zu thun. Und dann, wenn dieſe Momente vorüber waren, dachte er wieder nur an ſeine Carriere, vergrub ſich in ſeine eignen Geſchäfte und hatte weder Zeit an Felicitas zu denken noch irgend einen Plan zu entwerfen oder gar auszuführen, wie er ſich ihr nähern und ſie ſeiner fortdauernden Hochachtung ver⸗ ſichern könne. Erſt Frau von Lindenhofs Frage zeigte ihm einen Weg, den er ſogleich benutzte— freilich ohne daß ſeine alte Freundin ſich träumen ließ, welches Verhäng⸗ niß ſie mit dieſem harmloſen Worte über ihn heraufbe⸗ ſchwor und ohne ſelbſt zu ahnen, wie weit er ſich durch den Zauber von Felicitas' ſchöner Nähe werde hinreißen laſſen. Er ergriff jetzt ihre Hand und drückte einen flam⸗ menden Kuß darauf— ihr ganzes Weſen war erſchüt⸗ tert von dieſer unerwarteten Auseinanderſetzung— ge⸗ hoben durch dieſe Anerkennung ihres Handelns. Ihm, der ſich ſo bewährte, durfte ſie wohl eine ſolche Sprache geſtatten— von allen Männern, die ſie früher umflat⸗ terten, war Störmthal der Einzige geweſen, den ſie wahrhaft hochachtete, bewunderte— und jetzt, wo ſeine Stellung eine ſo viel höhere war als früher, wo es ſich zeigte, daß er wirklich einer der bedeutendſten Männer in der Reſidenz war, jetzt war er der Einzige von allen früheren Bekannten, der ſie aufſuchte, ſie ſeiner Hoch⸗ achtung zu verſichern und— fügte ſie hinzu, er war auch der Einzige, der das durfte, der Einzige, von dem ſolche Worte wirklich eine Anerkennung und keine Beleidigung waren. So vor ſich ſelbſt erhoben, ſagte Felicitas mit einem ſchwärmeriſchen Blick ihrer glänzenden Augen zu Störmthal:„Ich danke Ihnen— nach vielen bitteren Erfahrungen, die ich allerdings inzwiſchen habe machen müſſen, iſt mir dies Wiederſehen, das mir in dem Au⸗ genblicke, wo Sie eintraten, noch ſo peinlich war, zur ſchönſten Genugthuung geworden.— Und nun,“ fügte ſie hinzu, als er wieder ſprechen wollte und indem ſie ihm leiſe die Hand entzog, die er noch gefaßt hielt— „uun laſſen Sie mich wieder an meine Arbeit gehen, die jetzt ſehr dringend iſt— und verſäumen auch Sie ſich nicht länger— bei einem Auftrag, den ich pünkt⸗ lich an Frau Reichmann ausrichten werde“— ſie hatte dem letzten Satz ſchnell dieſe Wendung gegeben, denn es klingelte draußen und ſie beſann ſich, daß jeden Au⸗ genblick Frau Reichmann oder das Dienſtmädchen ein⸗ treten konnte. „So notiren Sie mein Kommen zur Aufnahme 188 gefälligſt auf übermorgen um ein Uhr,“ ſagte er auf ihre eigene Intention eingehend und empfahl ſich. Als er fort war, dauerte es eine Weile, ehe Fe⸗ licitas fähig war an„die drängende Arbeit“ zu gehen. — Sie lehnte ſich auf ihren Stuhl zurück und ſtarrte mit ſeligem Lächeln auf die Stelle, auf der Störmthal vor ihr geſtunden— das ganze Zimmer ward zu einer geweihten Stätte— ſie ſelbſt war gerechtfertigt, aner⸗ kannt, entſchädigt für tauſend Kränkungen, denn der Einzige, auf deſſen Urtheil ſie je etwas gegeben, hatte ihren Schritt gebilligt!— Dies träumeriſche Entzücken währte etwa eine halbe Stunde— dann weckte ſie der Schlag einer Uhr daraus empor— ſie ging nun um ſo eifriger an ihre Arbeit, um die verſäumte Zeit nachzuholen, und um ſo lieber, denn jetzt war dieſe Arbeit geadelt. Als Frau Reichmann heimkam und ſie ſo mit glänzenden Augen, gerötheten Wangen und einem ver⸗ klärten Antlitz fand, wie ſie noch nie an ihr bemerkt— da war dieſe freudige Aufregung ja bald erklärt durch die Nochricht von dem bevorſtehenden Beſuch der Frau Kronprinzeſſin. Und auch Frau Reichmann lächelte glücklich und probirte, wie ſchön es klänge ſich künftig„Frau Hofphotographin“ angeredet zu hören. Störmthal mußte dieſen Abend noch in einer Soiree 189 bei dem Miniſter zubringen— als er ſpät nach Hauſe kam, ſuchte er die Photographie, die er damals Sigis⸗ mund abgeſchwatzt und nachher vergeſſen hatte— als er ſie gefunden, drückte er ſie an ſein Herz— küßte Felicitas' Abbild und als er ſchlafen ging, dachte er zum Erſtenmale ſeit Jahren nicht an ſeine Carriere, ſondern an ein weibliches Ideal. Eilftes Capitel. Sin erſtes Auftreten. Sigismund Ambach hatte indeß nur ſeiner Kunſt gelebt. Der berühmte Meiſter, bei dem er zuletzt noch Unterricht nahm, war erſtaunt über die virtuoſen Lei⸗ ſtungen, die er ſchon bei einem Manne vorfand, der bisher nur für einen Dilettanten gegolten. Es bedurfte nur noch der letzten feilenden Hand, nur noch weniger Monate des Unterrichts und der Uebung bei einem Kunſtenthuſiaſten, der faſt den ganzen Tag mit uner⸗ müdlichem Fleiß ſein Inſtrument ſpielte und nur ihm allein ſich widmete, um Sigismund auf eine Kunſtſtufe zu heben, die nur von Wenigen erreicht wird. Eines Tages im December ſchrieb Sigismund an Störmthal, daß er durch Empfehlung ſeines Lehrers und Anordnung des ihm in der Reſidenz bekannten 191 Capellmeiſters Zehner eine Einladung erhalten habe, daſelbſt in einem Concert zu ſpielen— nicht in der Stadt, in der er lebe und unterrichtet worden ſei, ſondern in dem erſten Concertinſtitute der Reſidenz ſolle ſein erſtes Auftreten ſtattfinden. Er werde einige Tage vorher dort eintreffen und ſich erlauben ihm ſeine Auf⸗ wartung zu machen, um auch in dieſem Falle um ſeine Protection zu bitten. Drei Tage vor dem erwähnten Concert war ein Hofeoncert im Schloſſe anberaumt— Störmthal dachte ſogleich dieſes Umſtandes, als er jenen Brief empfing und wie er immer mit einem Blick jede Situation über⸗ ſchaute und ſie ſeinen Zwecken dienſtbar zu machen verſtand, ſo war es auch diesmal. „Es iſt eben noch Zeit!“ ſagte er zu ſich, ergriff Hut und Ueberzieher, eilte auf die Straße und warf ſich in die erſte Droſchke, die er fand. Er fuhr zum Capellmeiſter Zehner— zum Glück war derſelbe noch nicht ausgegangen— er war ſehr überraſcht über einen Beſuch, den er noch nie em⸗ pfangen.— „Ich komme ſogleich ohne Umſtände zur Sache“— ſagte Störmthal—„die Herren Muſiker ſind wenig⸗ ſtens im Winter mit ihrer Zeit immer ſo preſſirt, wie wir es ſtets ſind.— Sie entſchuldigen daher meine Kürze. Es freut mich, daß der junge Violiniſt Sigismund 192 Ambach in Ihrem nächſten Concert zuerſt auftreten wird— er iſt mein Protege— ich kenne ihn und ſeine Leiſtungen.“— „Ich bin ſehr erfreut“— antwortete der Capell⸗ meiſter mit einer höflichen lächelnden Geberde— man hat allerdings immer Schwierigkeiten ein neues Talent in die muſikaliſche Welt einzuführen.“— „Ich begreife das,“ nahm Störmthal ſchnell wieder das Wort,„ich möchte ſie Ihnen erleichtern und zugleich auch etwas für meinen Schützling thun— wir haben heute den 6. December— den 10. iſt Hofconcert und den 13. Ihr Concert— Sie haben jedenfalls beide Programms beſtimmt— würden Sie bei dem erſten nicht die Aenderung vornehmen können, daß Ambach mit einem Violinſolo eingeſchoben würde?“ „Herr Hofrath“— ſagte der Capellmeiſter erſtaunt — es iſt noch nie gewagt worden, einen Künſtler, der noch keinen Namen hat, bei Hofe ſpielen zu laſſen „Wenn dies Ihre einzige Sorge iſt, ſo iſt alſo die Sache ausführbar,“ antwortete Störmthal mit Be⸗ ſtimmtheit,„die Verantwortung werde ich übernehmen. Noch heute empfehle ich der Kronprinzeſſin den jungen Mann als ein Weltwunder und morgen bringe ich Ihnen den ausdrücklichen Befehl derſelben, ihn ihr vorzuführen⸗ Ordnen Sie indeß nur immer das Nöthige an— ich 193 ſelbſt werde an Ambach ſchreiben, daß er früher kommt. Und nun berechnen Sie, welch' ganz andern Effect es machen wird, wenn ein paar Tage vor Ihrem Concert in allen hieſigen Blättern ſteht, daß der Violin⸗Virtuos Ambach bereits die Ehre hatte im Hofconcert zu ſpielen — mit enormem Beifall natürlich. Ein Nimbus umgiebt ihn ſofort— Alles, was zum Hof gehört, muß kommen, muß applaudiren— voila ſein Glück iſt gemacht.“ Der Capellmeiſter drohte lächelnd mit dem Finger: „Ei, ei Herr Hofrath, wer hätte Ihnen das zugetraut! Es klingt ja, als ob Sie zu den Römern, den Claqueurs der großen Oper in Paris gehörten, oder ebwas vom amerikaniſchen Humbug bei Barnum gelernt hätten.“— Störmthal lächelte:„O man hat dergleichen nä⸗ her!“ und als der Capellmeiſter eine beleidigte Miene annahm, begütigte ihn der Hofrath, indem er ihm die Hand zum Abſchied reichte:„Wir ſind beide keine Neulinge und wiſſen, daß auch in unſern lieben deut⸗ ſchen großen und kleinen Städten Alles auf etwas mehr oder weniger Humbug hinausläuft, nicht nur in der Kunſt, auch in der Politik— es vertheilt ſich dergleichen nur immer nach dem Maaßſtab der Verhältniſſe! So wol⸗ len wir denn einem jungen Künſtler, der vermuthlich ſehr unerfahren und mit ſehr ſchwärmeriſchen Anſchauun⸗ gen von ſeinem Beruf ſeine Laufbahn beginnt, den Eintritt in die große Welt etwas erleichtern, und laffen Louiſe Otto; Neue Vahnen, 1. 13 194 Sie uns auch nicht vergeſſen, die Preſſe gehörig für ihn in Bewegung zu ſetzen, denn zuletzt iſt ſie doch die entſcheidende Macht und Niemand erreicht etwas, der ſie zu ignoriren gedenkt.“— Der Hofrath wußte wohl, daß er in dieſer Ange⸗ legenheit ſein Ziel erreichte und wer ihn nur irgend fannte, vertraute auch ſeinem Wort, denn er ſprach nie eines aus, das er nicht gewiß war halten zu können. Nie machte er Jemandem unbeſtimmte Hoff⸗ nungen, leere Verſprechungen, noch weniger theilte er An⸗ dern irgend einen eignen Plan mit, an deſſen Ausführung noch Zweifel möglich waren— eben dies war es, was ihm das Vertrauen Aller zuwandte, die mit ihm in irgend eine Berührung kamen. Er telegraphirte zuerſt an Sigismund, daß es für ihn dringend nothwendig ſei, gleich den folgenden Tag nach der Reſidenz zu kommen; dann eilte er zu Frau von Lindenhof— ſchilderte ihr ſeinen Protege als ein Phäno⸗ men, das man ſich nicht bei Hofe entgehen laſſen dürfe. Von der Kronprinzeſſin wußte er, daß ſie Muſikenthuſia⸗ ſtin war, in's Beſondere für die Violine ſchwärmte, haupt⸗ ſächlich aber einen Ruhm darein ſetzte, junge Talente zu protegiren und überhaupt als Kunſtmäcenin zu gelten. So war es vorausſichtlich, daß ſie auf ſeinen Plan ein⸗ ging und daß dann auf ihren ausdrücklichen Wunſch hin 195 auch eine Ausnahme von den bisherigen Formen gemacht werden konnte. Alles ging denn auch wirklich nach Wunſch und ſchon am folgenden Nachmittag war Sigismund angekommen, hatte Störmthal ſeine Aufwartung gemacht, ihn aber nicht getroffen und darum nur ſeine Karte abgegeben. Von dem unerwarteten Glück, das ihm bevorſtand, hatte ihn nun ſchon der Capellmeiſter unterrichtet. Auf ſeine Karte ſchrieb Sigismund, als er Störmthal nicht fand, mit Silberſtift: Morgen früh um 10 Uhr iſt Probe im großen Con⸗ certſaal— kann mein verehrter Gönner vielleicht Zeit ge⸗ winnen, mich da zu hören, um ſich zuvor ſelbſt von mei⸗ nem Werth oder Unwerth zu überzeugen?“ Dieſer Morgen war angebrochen— die beſtimmte Stunde gekommen. Schon verſammelten ſich die Orche⸗ ſtermitglieder im weiten Concertſaal— aber da drinnen fah es freilich an einem trüben naßkalten Decembermor⸗ gen anders aus als am feſtlich erleuchteten Abend. Durch die wenigen Fenſter mit den rothen Gardinen fiel nur ein trübes Tageslicht— da, wo ſich das Orcheſter befand, konnte man bei ihm nicht ſehen und ein Diener entzündete eben an den Notenpulten die Lichtſtumpfe, die vom vorigen Concert noch übrig geblieben— ſo entſtund jene unſichere unbehagliche Beleuchtung durch Tages⸗ und Kerzenlicht, in der Alles ein haltungsloſes Anſehen gewann, Auf dem 196 Dirigentenauftritt fehlten die Teppiche, ein rohes Bretter⸗ gerüſt war ſichtbar— im ganzen Saal ſtanden die Stühle unordentlich zuf ammengeſchoben und übereinander geſchichtet, der eine der koloſſalen Oefen zunächſt dem Or⸗ cheſter ſtrömte aus dem faſt glühenden Eiſen einen übel⸗ riechenden Hitzeſtrom aus, aber er traf nur die nächſte Um⸗ gebung; den ganzen leeren, weiten Raum vermochte er nicht zu erwärmen. Wenn ſich ein Flügel der hohen Ein⸗ gangsthür öffnete, hörte und ſah man immer zugleich ein Schütteln und Stampfen— wer eintrat, ſuchte ſich von den naſſen Schneeflocken zu befreien, die draußen dicht um⸗ herſchwirrten und bald, nachdem ſie gefallen, ſchon zer⸗ gingen. Auch Sigismund Ambach und Richard Ahlhorn, der mit ihm eintrat, machten es nicht anders. Bald nach ihnen kam der Capellmeiſter und begrüßte beide freundlich und Sigismund ermuthigend. Endlich war man ſo weit, um anfangen zu können. Die Ouverture war ein bekanntes Werk und konnte ziemlich ohne Unterbrechungen und gebieteriſche„Noch einmal!“ geſpielt werden.— Auf ſie folgte das Con⸗ cert, das Sigismund mit dem Orcheſter zu ſpielen hatte — der erſte Satz gab ihm gerade noch keine große Gelegenheit ſein Talent zu entfalten— als er aber im zweiten ein Adagio auszuführen hatte, das eben ſo viel techniſche Fertigkeit als Seele erforderte,— da malte ſich der Beifall in den Blicken aller Anweſenden, 197 und als er zu Ende geſpielt, erhob ſich das ganze Or⸗ cheſter und applaudirte— der Capellmeiſter eilte auf Sigismund zu, klopfte ihm auf die Schulter und ſagte: „Sie werden Ihr Glück machen!“ In dieſem Augenblick trat Störmthal ein.—„Ich bedauere erſt zu Ihrem Triumph und nicht zu der Veran⸗ laſſung desſelben zu kommen“— ſagte er, indem er auf Sigismund zueilte und ihn mit herzlichem Händedruck begrüßte.— „Ihr werther Landsmann wird Ihrer Eupfehlung die größte Ehre machen“— ſagte der Capellmeiſter dem Hofrath.— Sigismund lehnte beſcheiden alle weiteren Lobſprüche ab, wie der Hofrath ſeinerſeits den Dank, den Sigismund ausſprechen wollte, und ſo fragte er, auf den jungen Mann mit braunem lockigen Haar neben Sigismund deutend, den er um einer gewiſſen Aehnlichkeit willen ſchon lange mit ſeinen Blicken firirt hatte:„Auch ein mufikaliſches Talent?“ Sigismund trat zu jenem einige Schritte zurück, um ihn vorzuſtellen:„Ein Schriftſteller— Richard Ahlhorn.“ Ueber Störmthals Geſicht flog einen Augenblick ein freundliches Leuchten— er hatte ſich alſo in der Aehnlich⸗ keit nicht getäuſcht— lächelnd ſagte er:„Nun, es iſt gut, wenn dem, was ich zu dem Herrn Capellmeiſter ſprach, —— 198 ſchon ſo entſprochen iſt: man darf heutzutage Nichts ohne die Preſſe unternehmen.“ „Bitte, Herr Hofrath,“ antwortete Ahlhorn in etwas gereiztem Tone— ich begleitete meinen Freund allerdings im Intereſſe der Kunſt, aber nicht in dem der Reclame— und übrigens iſt dies auch meine Vaterſtadt— ich verbinde alſo zugleich mit dieſer Kunſtreiſe auch den Beſuch meiner Geſchwiſter.“ Ich habe das Vergnügen ſie zu kennen,“ warf Störmthal hin—„jedenfalls werde ich Sie alſo im Concert wieder treffen— ich hoffe nach dieſer Probe, Sie werden als Kritiker diesmal ein angenehmes Amt und einen ſchönen Erfolg zu verkünden haben.— Aber warum wohnen Sie diesmal nicht bei mir?“ wandte er ſich wieder an Sigismund.— Dieſer erklärte ihm eben noch, daß er mit Ahlhorn im Hötel bleiben werde, als der Capellmeiſter ſagte: „Es iſt ſchon 11 Uhr und unſere Sängerin immer no nicht da— wir können nicht länger pauſiren— wäre es Ihnen gefällig, gleich Ihre Sonate zu ſpielen oder fühlen Sie ſich dazu noch nicht ausgeruht?— es wäre auch im Intereſſe des Herrn Hofraths zu wünſchen, daß Sie wieder beginnen.“ Sigismund war ſogleich dazu bereit und ſpielte eine ſelbſtcomponirte Romanze jetzt noch ſicherer und ſeelen⸗ voller als das vorige Oprs, da ihn ſein erſter Erfolg jetzt 199 erhob und begeiſterte— trat auch während ſeiner zarteſten Stelle die erwartete Sängerin geräuſchvoll ein— es ach⸗ tete Niemand auf ſie, fondern alle Augen und Ohren hin⸗ gen nur an Sigismunds Inſtrumente; nur die Sängerin, die ſich um ſeinetwillen vergeſſen ſah, warf einen mißgün⸗ ſtigen Blick auf ihn— als er geendet, zeigte man ſich zwar nicht mehr überraſcht von ſeinem Talente, aber die beifälligen Mienen waren dieſelben, Störmthal ſprach mit fröhlichſter Genugthuung zu ihm und verließ dann den Saal. 5 Als nicht lange darauf der glückliche Virtuos, der ſeiner erſten Lorbeeren nun gewiß war, in gehobener Stimmung mit dem Freunde nach dem Hötel ging und dieſer ihm noch einmal die Einzelheiten ſeines Erfolges unter den Muſikern und die Hoffnungen für ſein erſtes öffentliches Auftreten in's Gedächtniß rief, jubelte Si⸗ gismund, hochgetragen von dem Bewußtſein, ſeine Zwei⸗ fel ſo beſiegt, ſeine Erwartungen ſo übertroffen geſehen zu haben:„Um meiner Mutter willen bin ich am glücklichſten! ſie wird ausgeſöhnt ſein mit meinem Schritt, wenn ich ihr melden kann, daß mich ein Kreis auserleſener Muſiker, wie dieſer, ſo freundlich in ihrer Mitte bewillkommuet hat— wenn ich ihr die erſten durch meine Kunſt verdienten Goldſtücke mitſenden kann! Und dann die Zeitungen mit der Notiz, daß ich am Hofe geſpielt, daß ich in zwei Concerten der Reſidenz 200 Beifall gefunden! Ich ſehe die gute Mutter im Geiſt, wie ſie mit dieſen Zeitungen in's Pfarrhaus geht, um damit die Pfarrerin und den ganzen Töchterchor zu demüthigen, von denen mir des Himmels Strafgericht in einer elenden Zukunft prophezeiht ward! Ich ſehe den theuern Vater dann mit eben dieſen Zeitungen in die Dorfſchenke gehen, die er nur dann betritt, wenn er ein wichtiges Ereigniß in ſeinen Zeitungen gefunden hat, wie er dort über mich vorlieſ't, um Allen, die ſeinen Sohngeinen„Bierfiedler“ nennen mochten, mit Einemmale den Mund zu ſtopfen.“— „Du hältſt inne?“ fragte Richard, als Sigismund ſchwieg,„mir ſcheint, das Wort„Bierfiedler“ ſollte Dich weniger an die Bauern Deines Heimathdorfes als an deſſen— Gutsherrſchaft erinnern.“ „Richard!“ rief Sigismund mahnend. „Nein, unterbrich mich nicht,“ fuhr der Freund fort,„Du denkſt auch nicht allein an Deine braven Eltern, ſondern Du denkſt auch an die Waſſerburg und biſt damit ganz im Rechte. Den Ausdruck„Bierfiedler“ haſt Du mir ja aus dem Munde des Hauptmanns von Friedleben wiederholt,— und nun weißt Du wohl, daß Du Deine Carriere in einem Hofcone ert beginnſt; das gilt den Ariſtokraten noch viel mehr als den Bau⸗ ern— es giebt Dir bei jenen ſchon eine höhere Rang⸗ ordnung und erhebt Dich über die Maſſe derer, die 201 ihren Fuß noch nie in ein fürſtliches Schloß zu ſetzen wagen durften. Und daß Du dies Störmthal ver⸗ dankſt, zwingt ſie nun vollends Dir und Deinen Eltern wieder freundlicher geſtimmt zu werden— denn biſt Du der Herrſchaft von Störmthal ſo willkommen, kann Dich doch die der Waſſerburg, die Dir ſo viel näher ſtand, nicht fortgeſetzt verbannen— ja wenn über kurz oder lang in Deiner Biographie ſteht, daß Herr von Friedleben es war, der Dir die erſte Violine ſchenkte, ſo geht von dem Nimbus Deines Rufs auch ein Schim⸗ mer auf ihn mit über— und dann— laß es mich nur gerade heraus ſagen: Editha wäre das erſte vor⸗ nehme Fräulein nicht, das einem ruhmgekrönten Künſt⸗ ler die Hand reichte.“ „Richard!“ mahnte Sigismund noch einmal„was füllt Dir ein, einen ſolchen Sturm in mir zu wecken?“ „Weil ich weiß, daß er doch in Dir iſt, wenn Du Dir auch die Miene giebſt, als hätteſt Du ihn mit ſtolzer Entſagung beſchworen— auf Deiner Künſtler⸗ laufbahn leite Dich nicht allein der Stolz, Diejenigen zu beſchämen, die Dich von ihr zurückhalten wollten und durch Deine Erfolge an denen Dich zu rächen, die Dich verſpotteten, da Du ſie betonteſt— Dich leite auch nicht allein das Streben, das Dich wie jeden echten Künſtler beſeelt: das Höchſte zu leiſten und zu erreichen, was in der erwählten Kunſt zu leiſten und zu erreichen 202 iſt— ſondern Dich leite auch der Genius der Liebe, der jedes Streben am ſchönſten fördert und der allein die Wunder vollbringt, vor denen die Welt erſtaunt und ſich beugt. Ich an Deiner Stelle würde nicht ent⸗ ſagen, nicht vergeſſen, ich würde mir die Geliebte da⸗ durch erobern, daß ich mir einen Namen erwürbe, deſ⸗ ſen Glanz den aller Wappenſchilder überſtrahlte. Du denkſt auch ſchon ſelbſt ſo— und ich ſpreche nur aus, was Dein Jubel verrieth!“ Richard hatte damit nicht ſo Unrecht— Sigis⸗ mund hatte ſchon immer einzelne Momente, in denen dieſe hoffnungsreichen Gedanken ihn zum unermüdlichen Streben antrieben und nie hatte dieſe Hoffnung ſo ſein ganzes Weſen bewegt, wie eben jetzt. Aber er ſcheute ſich ihr Worte zu geben, er ſchreckte davor zurück, ſie von einem Andern errathen, gebilligt zu ſehen. Denn als man ihn damals aus der Waſſerburg ver⸗ trieb, als ſeine Mutter das Geheimniß ſeines Herzens ihm erſt ſelbſt verrieth:— da hatte er allerdings ſich ſelbſt geſchworen, daß er Editha nicht um die Ruhe ihres Herzens, nicht das Elternpaar, das ihm bisher ſo viel Gutes erwieſen, um ihr Kind betrügen wollte — er ſah die Kluft, die ihn von ihr trennte, und war entſchloſſen, Editha vor einem unſeligen Sturz in die⸗ ſelbe zu bewahren. Noch war ja gegen ſie ſein Ge⸗ heimniß nicht verrathen, noch war es ja möglich, daß ſie ihn nur brüderlich liebte, daß die Schmerzen und Kämpfe, die jetzt in ſeinem Innern tobten, ihr erſpart waren— er wollte ſie ihr nicht bereiten! Und mit welchem unnennbaren Entzücken ihn auch der Gedanke ihrer Gegenliebe erfüllt haben würde— er wollte ſie herworzulocken, nicht zu erringen ſuchen— ob ihn die Eltern verbannten oder nicht: jetzt wollte er ſich ſelbſt verbannen, um ſeinen Wohlthätern nicht in ihrer Toch⸗ ter ein Leid zuzufügen. So waren ſeine Entſchlüſſe, ſo vermied er nach Friedleben zurückzukehren, vermied ſelbſt von da an, wo er Editha's völlige Geneſung er⸗ fahren, wieder brieflich ſeine Eltern nach ihr zu fragen. Er vergrub ſich in ſeine Kunſtſtudien und eben weil er Tag und Nacht ſich ihnen widmete, vermochte er in einem halben Jahr ſich ſo zu verollkommnen. Zuweilen brach dann doch wie ein plötzlicher Sonnenſtrahl durch den wolkenbedeckten Himmel, den er über ſich ſah, die Hoffnung: wenn mich ſolcher Ruhm krönte, wie jenen Künſtler, dem ſie einen Strauß zuwarf und der mich in meinem Entſchluß, ſeine Laufbahn zu wählen, be⸗ feſtigte— dann könnte ich ſie doch vielleicht erringen! auch jener Künſtler war bürgerlicher Abkunft wie er und eine Gräfin— freilich eine ſelbſtändige Wittwe— hatte ihm ihre Hand gereicht! Aber das waren doch nur träumeriſche Momente, denen er keine Gewalt über ſich ließ— er verſcheuchte ſie und doch handelte er in ihrem Sinne, doch waren ſie der Impuls zu ſeinem eifrigen Studium. Und ſo äuch, als er in dem Hofconcert erſchien, beſeelte ihn dieſer Gedanke und ließ ihn allmählig ganz die ängſtliche Befangenheit überwinden, die ihn anfänglich doch beherrſchte. Er vergaß endlich Alles um ſich her, dachte nur an ſeine Kunſt und an Editha und ſpielte noch ſicherer und begeiſterter als in der Probe. Die Kronprinzeſſin applaudirte ihm ſelbſt zuerſt und als das Concert beendet war, gab ſie dem Kammerherrn Auftrag, ihr und ihrem Gemahl den jungen Künſtler vorzuſtellen. Sprach ſie auch nur wenige Worte mit ihm, ſo gaben ſie ihm doch ihren ganzen Beifall kund und drückten zugleich den Wunſch aus, ihn öfterer zu hören. Am andern Tage aber überſandte ſie ihm einen koſt⸗ baren Ring, den er zugleich mit dem anſehnlichen Hono⸗ rar erhielt. S Nicht allein Richard Ahlhorn, ſondern jede Zeit⸗ ſchrift, welche das bevorſtehende allgemeine Concert anzeigte, bemerkte dabei, daß der Violiniſt ſchon im Hofconcert zum außerordentlichſten Beifall der höchſten Herrſchaften geſpielt und als das Concert ſtattfand, trafen Störmthals ganze Vorherberechnungen ein. Das durch die vorhergegangene Reclame neugierig gemachte Publicum fand ſich überaus zahlreich ein— und bald war es nicht mehr das Streben, hinter dem Hofe in 205 Anerkennung und Kunſtenthuſiasmus nicht zurückzubleiben, ſondern Sigismunds gewinnende Perſönlichkeit und ſein eben ſo kunſtreiches als hinreißendes Spiel, was das Publicum in Enthuſiasmus verſetzte. Selbſtverſtändlich befand ſich unter dieſen auch Störmthal. Er hatte ſeinen Sperrſitz in einer der vor⸗ deren Reihen— als er denſelben ſuchte und etwas ſpät kommend in den engen mit bauſchenden Damenklei⸗ dern ausgefüllten Reihen ſich fortbewegte, fielen ſeine Blicke auf eine junge Dame, deren Geſicht plötzlich ſich röthete und frendig erſchrocken ſich ihm entgegenwendete. Es war Felicitas Ahlhorn, die hier neben ihrem Bruder Richard ſaß. Sie trug ein graues Seidenkleid, Korallen um den blendend weißen Hals und im künſtlich geordneten Haar. Sein Platz fand ſich endlich vor ihr, etwas ſeitwärts, ſo daß er, wenn er ſich etwas zurück⸗ lehnte, ſie ſehen und mit ihr ſprechen konnte, wenn auch nur, was die Näherſitzenden zu hören vermochten. Er hatte ſie im Vorübergehen, wo kein Aufenthalt möglich war, nur froh überraſcht gegrüßt, jetzt richtete er einige verbindliche Worte an ſie— obſichtlich laut— wenn unter den Umſitzenden Bekannte aus früheren Tagen waren, die Felicitas jetzt ignorirten, ſo ſollten ſie hören, daß er dies nicht thue— er ſprach auch mit Richard, das Geſpräch war natürlich nur Sigismund und den muſikaliſchen Intereſſen des Abends gewidinet, aber Fe⸗ licitas war hoch beglückt, daß er auch hier unter Andern ſo wie einſt von ihr Notiz nahm. Als das Concert beendet und das Publicum aus dem Saale wogte, ſagte Richard zu ſeiner Schweſter am Eingange zur Damengarderobe:„Wenn Du Dich nicht fürchteſt allein zu gehen, ſo eile ich in's Muſik⸗ zimmer, in dem mich Ambach erwarten wollte.“ „Laß Dich nicht ſtören,“ antwortete Felicitas,„ich bin gewohnt allein zu gehen.“ So trennten ſie ſich. Als Felicitas wieder aus der Garderobe heraus kam, die Treppe hinabging und vor die Hausthür trat, ſagte an dieſer eine pekannte Stimme:„Mein Fräulein — Sie erlauben, daß ich ein Amt übernehme, von dem Ihr Herr Bruder abgehalten war— ich habe es mir übertragen laſſen.“ Es war Störmthal— Felicitas wollte ſeine Be⸗ gleitung ablehnen— er ließ ſich nicht abweiſen und als er ihr den Arm bot, überließ ſie ihm endlich doch den ihrigen. Seit jenem Abend, wo ſie allein mit ihm gewe⸗ ſen, hatte ſie ihn nur wiedergeſehen, als er zur beſtimm⸗ ten Stunde zum Photographiren gekommen war, aber ſie hatte nur wenige Worte mit ihm geſprochen, denn Frau Reichmann war gegenwärtig geweſen. Am fol⸗ genden Tage war die Kronprinzeſfin mit ihrer Oberſt⸗ hofmeiſterin porgefahren und bald darauf hatte die Zu⸗ 207 friedenheit der höchſten Herrſchaften die Ueberſendung des erſehnten Titels an Frau Reichmann„Hof⸗Pho⸗ tographin“ bezeugt. Felicitas bemerkte in Bezug darauf, wie auf Am⸗ bachs glücklichen Eintritt in die Oeffentlichkeit, welch ein angenehmes Gefühl es für den Hofrath ſein müſſe, ſo viel Glück verbreiten zu können. Er lächelte etwas ironiſch und bemerkte: Jeman⸗ den mit etwas zu beglücken, ohne damit ſelbſt ein Opfer zu bringen, ſei weder ein Verdienſt noch eine Freude— zuletzt ſei man doch egviſtiſch genug, ſich nur dann wahrhaft beglückt zu fühlen, wenn man ſelbſt eine Gunſt empfangen, komme ſie nun vom Schickſal oder von einem verehrten Weſen— er drückte dabei leiſe Felicitas Arm an ſich und ſie— vermochte nichts zu erwiedern. Der Mond ſchien und zeigte die Spiegelglätte der Straße, es hatte am Abend ein wenig gefroren und der frühere Schneeſchmutz war in Eis verwandelt— war es darum, daß Felicitas ſo an Störmthals Seite zitterte? Als ſie ſich ihrer Wohnung näherten, ſagte er: „Ich ſah Sie ſonſt ſo oft— ich wußte, in welcher Geſellſchaft ich Sie fand und ging dahin— was kümmert mich die Geſellſchaft! giebt es keinen Ort, wo ich Sie zuweilen zu ſehen vermöchte?“ 208 „Gute Nacht, Herr Hofrath—“ war Felicitas' ganze Antwort, als ſie ſo eben an ihrer Hausthür an⸗ langte. „Sie zürnen mir doch nicht?“ fragte er beſtürzt. Sie wiſſen es ja, daß mein Leben ein ganz anderes geworden— wir können einander nicht begegnen!“ Sie trat in das Haus. „Wir können es doch, wenn wir nur wollen!“ rief er aufgeregt— ſie war verſchwunden— er irrte noch wie ein Träumender durch die mondhelle Stadt. „Nein,“ antwortete ſie,„ich danke Ihnen— aber 4 —, — 10 Zwölftes Capitel. Zertretene Hoffnungen. Als Richard Ahlhorn, Sigismund begleitend, wieder zum Erſtenmale nach langer Abweſenheit in die Reſi⸗ denz gekommen, hatte er zuerſt ſeine Schweſter aufge⸗ ſucht und von ihr erfahren, wie es ihr noch nicht ge⸗ lungen ſei, ſich mit ihren Geſchwiſtern zu verſöhnen. Sie hatte es erſt durch die Kinder verſucht und die mit dem Dienſtmädchen vorübergehenden zu ſich in das Zimmer geholt— aber das nächſtemal— als ſie das wieder thun wollte, erklärte der Knabe:„Wir dürfen nicht zu Dir, Tante Felici!“ und da er ein ſo wehmüthiges Geſicht dazu machte, als habe er Luſt das Verbot zu übertreten, ſagte das Dienſtmädchen viel⸗ leicht in demſelben impertinenten Tone, in dem ſie den Louiſe Otto: Neue Bahnen. I. 14 —— 210 Auftrag dazu erhalten:„Ja, die Frau Gerichtsräthin haben es ſtreng verboten!“ Wenn Felicitas ihrer Schwägerin Minette begegnete und ſie freundlich grüßen wollte, wandte ſich dieſe nach der andern Seite wie von einer verächtlichen Perſon, und der Gerichtsrath antwortete ihr auf einen Brief, in dem ſie um Verſöhnung bat: „Es iſt ſofort Alles gut, wenn Du Dein Fort⸗ kommen in einer andern Stadt ſuchſt— aber hier, unter den Augen aller unſerer Bekannten Dich in eine ſo unpaſſende Stellung zu begeben, compromittirt uns doppelt, wenn wir Dich noch als Glied unſerer Familie anerkennen.“ Als nun jetzt Richard kam, fagte er zu Felicitas: Um meiner ſelbſt willen ſetzte ich keinen Schritt über Paul's Schwelle— von ſeinem Standpunkte aus mag er mit mir unzufrieden ſein, daß ich es abgewieſen habe, ſeine Amtscarriere zu machen, obwohl ich ihm nachwei⸗ ſen kann, daß ich mit ſchriftſtelleriſchen Arbeiten mich ſchon jetzt beſſer ſtehe als mancher Actuarius— aber das Verfahren gegen Dich iſt empörend und ich gehe zu ihm nur, um Deinetwillen mit ihm zu reden.“ Aber Richard traf zuerſt nur ſeine Schwägerin zu Hauſe— der Advocat Baum ſaß bei ihr— hatte vorher Minette ſich Mühe gegeben zwiſchen ihm und Felicitas eine Partie zu ſtiften, ſo war ſie, als dies 211 mißlungen war, gewiſſermaßen ſeine Tröſterin gewor⸗ den. Baum kam wöchentlich mindeſtens ein paarmal, auch wenn der Gerichtsrath nicht zu Hauſe war und leiſtete ſeiner Frau Geſellſchaft. Oft machten dann beide noch der gegenſeitigen Erbitterung über Felicitas Luft und es war gerade ein ſolcher Moment, in dem Richard gemeldet ward. Minette empfing ihn mit Befremdung und Kälte. Sie hatte ihn lange Zeit nicht geſehen und da er den Anordnungen ihres Mannes zum Trotz ſich von der juriſtiſchen zur ſchriftſtelleriſchen Laufbahn gewendet, hatte ſie dieſem prophezeiht, daß man mit ſeinen Verwandten nichts als Sorge und Kummer, wenn nicht gar Schande erleben werde. Mehr noch als der Gerichtsrath ſelbſt war ſie um deſſen Stellung beſorgt und hielt es für ſeine Pflicht, dieſelbe nicht nur durch gewiſſenhafte Er⸗ füllung der damit verbundenen Pflichten, ſondern auch durch die größte Loyalität zu wahren. Alles, fürchtete ſie, könne ihn compromittiren, gefährden. Aengſtlich vermied ſie jeden Umgang mit Perſonen, die nicht ganz zur Partei der Regierung gehörten oder gar mißliebig waren, und daß nun der eigene Bruder ihres Mannes den Namen Ahlhorn zu dem eines demokratiſchen Schrift⸗ ſtellers machte, erfüllte ſie mit Grauen! Und nun erſchien gar dieſer Schriftſteller ſelbſt in ihrem Hauſe— wollte wohl gar ſich darin einquartie⸗ 14* 212 ren! ſie pries noch das Geſchick, das ihn wenigſtens ihr zuerſt zuführte, ſo konnte ſie ihn gleich in ihrer Weiſe abfertigen, denn ihr Mann könnte ſchwach genug ſein, den mißrathenen Bruder bei ſich aufzunehmen— ſie kannte ja am Beſten die Schwachheit ihres Mannes; ſie verſtand ſie auch am Beſten zu bemutzen. Richard erzählte unbefangen, in welcher Angele⸗ genheit und als weſſen Begleiter er in die Reſidenz ge⸗ kommen und bemerkte gleich, um Minetten der Noth⸗ wendigkeit einer Einladung zu überheben, daß er mit Ambach im Hötel abgeſtiegen.— Dies hätte ſie ſowohl beruhigen als ihr auch im⸗ poniren müſſen, daß ſein Freund„am Hofe“ ſpielen durfte und daß der Hofrath von Störmthal ihn prote⸗ girte— aber dies erweckte, weil es mit ihren Berech⸗ nungen nicht zuſammentraf, nur wieder Mißgunſt in ihr und erhöhte die ſtete Gereizheit ihres Weſens. In Gegenwart des, wenn ihm auch dem Namen nach durch Felicitas bekannten, doch perſönlich fremden Baum konnte natürlich von Familienangelegenheiten nicht die Rede ſein. Richard ging alſo bald wieder und als es ihm am andern Tage wirklich gelang, dem Gerichtsrath zu der gewohnten Stunde, in welcher dieſer auf das Ge⸗ richtsamt zu gehen pflegte, zu begegnen, hatte indeß Minette ſchon wieder bei ihrem Manne das Möglichſte 213 gethan, nicht nur Richards Auftreten bei ihr als äußerſt rückſichtslos darzuſtellen, ſondern ihm auch einzureden, daß ſein Bruder nur hierhergekommen ſei, um ihm Verle⸗ genheiten aller Art zu bereiten und ihn ſchon durch die ganze Art ſeines Auftretens zu compromittiren. Es half nun Nichts, daß Richard jetzt dem älte⸗ ren Bruder in liebevollſter Weiſe entgegenkam, daß er ihm gleich geradezu ſagte: es ſchmerze ihn, daß dieſe Spannung, zu der eigentlich gar kein vernünftiger Grund vorhanden, zwiſchen den Geſchwiſtern fortdauern ſolle und daß er doch die von ihm und Felicitas zur Ver⸗ ſöhnung gebotene Hand nicht zurückweiſen möge, der Gerichtsrath erwiderte hart: „Wer den Rath vernünftiger älterer Perſonen zu⸗ rückweiſt, und allein nach ſeinem Kopfe handelt, gerade dem entgegen, was ihm geſagt worden iſt, der kann denn doch nicht verlangen, daß man ihm recht giebt.“ „Meinetwegen von Deinem Standpunkte aus, man ihm vergiebt,“ unterbrach ihn Richard anft.— „Ich habe an Dir und Felicitas wie ein Vater gehandelt,“ entgegnete der Gerichtsrath, und Ihr habt mir ſo gelohnt! Felicitas verläßt mein Haus, in dem ſie ſich nützlich machen konnte und compromittirt mich in meinem ganzen Kreiſe— ſie konnte ja für die Leute arbeiten, aber ſie braucht es nicht in dieſer öffent⸗ 214 lichen, für mich ſchimpflichen Weiſe zu thun— und Du, wenn Du durchaus lieber unnütze Verſe machen wollteſt, ſtatt zu zeigen, daß Du etwas Ordentliches gelernt, brauchteſt doch keine politiſchen Gedichte drucken zu laſſen und den Namen Ahlhorn zu den übel ange⸗ ſchriebenen zu ſtempeln!“ Vergeblich kämpfte Richard noch eine Weile gegen ſolche Anſchauungen— Paul wies die zur Verſöhnung gebotene Hand zurück, ſie waren eben jetzt am Thor des Gerichtsamtes angekommen, für den Gerichtsrath war das eine erwünſchte Gelegenheit die Unterredung abzubrechen:„Ihr habt Beide das, was ich für Euch thun wollte, nicht angenommen— ich werde nie etwas gegen Euch thun, das ift Alles, was ich dem gemein⸗ ſchaftlichen Vater ſchuldig bin— im Uebrigen habt Ihr das ſchöne Band zerriſſen, das uns verband— und ſo mag denn Alles bleiben, wie es jetzt iſt.“ Er reichte Richard die Hand, der ſie lange drückte und endlich noch ſagte: „Nun, wie Du willſt— ich weiß, Du würdeſt trotz alledem uns Dein Haus wieder öffnen— wenn Deine Frau nicht wäre. Sie beherrſcht Dich und um das um ſo ſicherer zu können, hat ſie uns von Dir vertrie⸗ ben!“ „Genug!“ ſagte der Gerichtsrath, winkte zürnend mit der Hand und ging die Stufen, die in die Hallen 215 der Themis führten, hinauf. Er war gerührt geweſen, er hätte jetzt vielleicht die Hand, die Richard ſo feſt hielt, zur Verſöhnung geboten— aber die Erinnerung an Minette hielt ihn davon zurück— gerade weil Ri⸗ chard dieſe als die Urſache des Zwieſpaltes anklagte, wollte er zeigen, daß er dieſe ſelbſt ſei— hätte er jetzt nachgegeben, ſo würde das zu häuslichen Scenen geführt haben, vor denen er die größte Scheu hatte — es war beſſer, die Trennung blieb, die ihn davor be⸗ wahrte— und ſo war der günſtige Moment vorüber. Felicitas war über Richards Nachricht von ſeinem mißlungenen Verſuch zwar niedergeſchlagen, aber ſie hatte kaum ein anderes Reſultat erwartet. „Laß uns nur ruhig auf unferen Bahnen weiter gehen,“ ſagte ſie zu ihm,„wir haben ſo wenigſtens das Bewußtſein, keiner Opfer, keiner Hülfe zu bedürfen. — Ich bin zufrieden, ich kann mir meine Exiſtenzmit⸗ tel ſelbſt verdienen durch eine Arbeit, in der Kunſt, Natur und Wiſſenſchaft einander die Hände reichen und die Eigenheiten, die etwa Frau Reichmann beſitzt, ſind viel leichter zu ertragen als die Minettens— ſo iſt auch mein häusliches Verhältniß ein ganz angenehmes — und nach geſelligen Zerſtreuungen verlange ich nicht — ich habe längſt eingeſehen, wie leer und nichtig ſie ſind.“ Sie iſt doch noch zu jung zu dieſer Reſignation, 216 dachte Richard— aber die Jugend reſignirt oft ſo viel leichter als das Alter, weil ſie doch immer noch von einer entſchädigenden Zukunft träumt, indeß das Alter nur den gegenwärtigen Angenblick ſein nennt und was er nicht zu bieten vermag, anch nicht von dem folgen⸗ den erwartet. Als Felicitas nach jenem Concertabend von Störm⸗ thal ſchied, waren freilich ganz andere ſtürmiſche Em⸗ pfindungen in ihrem Innern; jetzt hätte ſie mehr als je die Vergangenheit heraufbeſchwören mögen, wo ihr Vater lebte und ſie noch in jenen ariſtokratiſchen Kreiſen ſich bewegte, in denen ſie mit Störmthal zuſammen⸗ treffen konnte. Schon damals hatte ſie ſich ſeinen Huldigungen gegenüber geſagt, wie ſie ſich dieſelbe dop⸗ pelt hoch anrechnen müſſe, weil er an Geburt und Stellung ſo hoch über ihr und ihrer Familie ſtand. Und wie hatte ſich nun jetzt dieſer Unterſchied noch erweitert! Nicht nur, daß ihr ſchon nach dem Tode ihres Vaters und als ſie im Hauſe ihres Bruders lebte, viele Cirkel nicht mehr zugänglich waren, in denen ſie ſich ſonſt bewegt, ſondern jetzt waren ihr auch dieſe verſchloſſen und ſie lebte ganz eingezogen nur ihrem— Geſchäft! Und Störmthal war ſeit ſeiner Rückkehr um ſo viel höher geſtiegen, daß er Hofrath geworden und ihm von allen Seiten eine glänzende Carriére prophezeit ward— das wollte noch nicht viel ſagen— 217 aber daß er nicht nur wie ſchon früher bei Hofbällen und Feſten, ſondern auch bei den intimen Soiréen des Kronprinzen Zutritt hatte, das hob ihn noch um Vieles höher und Felicitas namentlich ſah ihn ſchon als— Freund, Günſtling der Kronprinzeſſin und fand das ſo natürlich.— Und dennoch hatte Störmthal auch Felicitas ſich wieder wie ſonſt genähert— aber wo fand ſie jetzt noch Gelegenheit ihn wieder zu ſehen? und wenn er doch fernere Annäherungen verſuchen ſollte— wie durfte ſie dieſelben dulden? Welche Kämpfe, welche Verdäch⸗ tigungen beſchwor ſie nicht damit herauf?— und doch — er hatte ja noch nie ein Wort geſagt, das anders zu deuten geweſen wäre, als auf die Anhänglichkeit eines früheren Bekannten, der trotz allen Wechſels der Verhältniſſe ſich gleich geblieben? Dieſen Einzigen ſollte ſie von ſich verſcheuchen? Auch Störmthal hatte noch an demſelben Abend ähnliche Gedanken— wenn auch ſo anders, wie ſie in ſeiner Stellung und bei ihm als Mann anders ſein mußten. Es verdroß ihn— oder um in ſeiner Sprache zu reden:„es ennuyirte ihn,“ Felicitas nicht mehr in den Geſellſchaften zu treffen, in denen er ſie ſonſt gefunden, wo er am liebſten ſich mit ihr unterhalten und wo er noch keiner jungen Dame wieder begegnet war, die ihn in ihrer Weiſe interefſirt und die Langeweile des Abends Louiſe Otto; Neue Bahnen. 1. 15 218 vertrieben hätte. Indeß— wenn er nur eine Gelegen⸗ heit fand ſie anderwärts zu treffen, ſo war es vielleicht gerade— piquant, einem weiblichen Weſen nahe zu ſtehen, das ganz außerhalb des Kreiſes war, in dem er ſich bewegte.—— Mit ungebildeten Frauen und Mädchen zu verkehren war ihm niemals möglich geweſen — er behauptete ſogar, daß die Töchter der niederen Stände in Stadt und Land eine Atmoſphäre umgebe, in der er kaum zu athmen, noch weniger ſich behaglich zu fühlen vermöge— aber wo er dieſelben feinen For⸗ men wiederfand, an die er von Kindheit an gewöhnt, wo der Grad der geiſtigen und geſellſchaftlichen Bildung dem ſeinen gleich kam, da mußte es angenehm und intereſſant ſein, eine Freundin ſo in aller Stille zu haben. Und zudem:— ſeine Humanität, ſein Wohlthätigkeitsſinn kamen mit in's Spiel— er unterſtützte ſo viele verſchämte Arme auf die zarteſte Weiſe— ſollte ſich nicht auch eine Form finden laſſen, Felicitus zu unterſtützen.— In dieſe Gedanken war er wie an jenem Abend, ſo auch am Morgen des folgenden Tages vertieft, als Sigismund kam, ſeinen Abſchiedsbeſuch zu machen. Er war in der glücklichſten Stimmung durch die ihm gewor⸗ ſein, einer ruhmvollen Zukunft entgegenzugehen. Der Capellmeiſter, der von großem Einfluß in der muſikali⸗ ſchen Welt war, hatte ihm Empfehlungen in mehrere 3 denen Triumphe, er fühlte ſich gehoben von dem Bewußt⸗ —————— dnce — ————— ———— 219 bedeutende Städte gegeben, hatte ihm für ſeine Violin⸗ compoſitionen einen Verleger verſchafft— und wie er dies Alles Störmthal erzählte, ſagte er: das ſei Alles ſo viel Glück auf einmal, daß ihm nun weiter gar nichts zu wünſchen übrig bliebe, als daß ſeine Eltern und die Herrſchaft aus der Waſſerburg Zeugen ſeines Trium⸗ phes geweſen wären. „Nun, das wird über kurz oder lang doch geſchehen,“ ſagte Störmthal, nachdem ſie hierüber weiter geredet hatten,„kommen Sie zum Weihnachtsfeſt nach Fried⸗ leben, ich werde in Störmthal ſein und es wird mich nur ein Wort koſten, Sie auf der Waſſerburg wieder einzuführen— verlaſſen Sie ſich darauf!“ Sigismund ſchüttelte ungläubig den Kopf und ſagte:„das iſt noch zu früh.“— Störmthal ließ ihn nicht weiter reden, ſondern ſagte:„Lieber Ambach— ich verſpreche nur, was ich halten kann— wir feiern dort zu Weihnacht ein Doppel⸗ feſt und wenn ich ſelbſt wünſche, daß der Tag unſerer Verlobungsfeier ein allgemeiner Freudentag ſei.— „Ihrer Verlobung?“ unterbrach ihn Sigismund, als habe er nicht recht gehört.— „Iſt Ihnen das noch neu?“ antwortete Störm⸗ thal,„ich glaubte nur, Sie ſchwiegen aus Diseretion davon, weil die Sache hier noch ein Geheimniß iſt— wie mir ſcheint, weiß aber in Ihrer Heimath ſchon die — 220 ganze Gegend darum; daß Fräulein Editha meine Braut iſt.“— Sigismund ward todtenblaß bei dieſer Erklärung, die ihn aus allen ſeinen Himmeln ſchleuderte— einen Moment lang ſtockte ſein Puls, ſein Odem, ſein Wort— aber dem Monne gegenüber, der ihm ſo viel Gutes er⸗ wieſen, dem er ſo viel Dank ſchuldig war, durfte er ſich nicht vergeſſen— aber er brachte auch keinen Glückwunſch über ſeine Lippen, er ſagte nur nach einer Pauſe:„Nein— das habe ich nicht gewußt— nun — handeln Sie ganz nach Ihrer gewohnten Güte— es wird ſich ja Alles finden— aber ich habe ſchon zu lange Ihre koſtbare Zeit in Anſpruch genommen— ich muß etzt ſon Es war umſonſt, daß ihn Störmthal noch zu längerem Bleiben nöthigte.— Sigismund ſah nach der Uhr— verſicherte, daß er fort müſſe und empfahl ſich ig. etruthal fah ihm verwundert nach— der vor⸗ hin ſo leicht und wie gehoben auftretende Muſiker ſchlich jetzt faſt wankend, in gebeugter Haltung, mit geſenktem Haupte über das Trottoir der Straße. —— ——————————* ————————— ſ ſ . 8 9 10 11 12 13 18