deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 5 von ⸗„ 3 Sdnard Ottmann in Gieſten, cleih- und geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Tesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Rt.— Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Dritter Theit. i — — — von Alerander Bronikowski. ſ i Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1833. —,— Mancer Leſer hat vielleicht gefunden, daß, wie trefflich auch die Abſicht, wie zärtlich die Mutterliebe der ehrenwerthen Tochter des Kai⸗ ſers Manuel Palaeologos war, ſie doch in manchen Stellen ihrer langen Reden zumal, den rechten Weg zum Gemüth Irenens, zu einem ſo verwöhnten Gemüth verfehlt hatte, ein wenig ſchonunglos die in demſelben ſo lang gepflegten Empfindungen und Begriffe anta⸗ ſtend. Auch uns hat es ſo geſchienen, am meiſten aber dem Zöglinge von Antiparos. Zwar war der Tadel der Mutter glimpflicher als der, den ſie heut fort und fort erfahren, und durch manch liebevolles Wort verſüßt, aber es war doch Tadel, und die Lieblingin Atha⸗ naſios war des Tadels ſo wenig gewohnt. Be⸗ ſonders aber war, wenn es der Zweck der Prinzeſſin war, ihren fürſtlichen Neffen der Tochter in einem günſtigen Lichte zu zeigen, derſelbe gänzlich vereitelt, und wenn ſein freudig⸗krieger⸗ iſches Thun in ihr einige Neigung erweckt, ſo zog dieſe ſich jetzt erkaltend zurück. Stolz auf ihre Geburt, auf ihre Geiſtesgaben, die man ſchon ſo zu ſagen in ihren Wiegenliedern ge⸗ rühmt, ſtolzer noch auf die Weiſſagungen, die beim Nahen des jungfräulichen Alters dieſen gefolgt waren, auf eine Zukunft, welche ſie über alle lebende Frauen und Jungfrauen des Erdenrundes, ſomit auch über alle Bewohner deſſelben erheben ſollte, ſchien es ihr als ſei keiner von dieſen ihr mit Billigkeit gleich, ja weit weniger noch über ſie zu ſiellen. Der erſte unter ihnen, der ihr begegnete, war der palaeologiſche Prinz, und wenn der erwachende Sinn der Jungfräulichkeit, wenn der Ge⸗ fährten deutungvolle Rede die Abſicht ſeiner Fahrt und ſeiner Verhüllung ſie ahnen ließ, wenn manche Wahrnehmung dieſe Ahnung be⸗ ſtätigte, wenn ſie auch im erſten Manne, den ſie außer den Greiſen und Sclaven der Inſel geſehen, auch den erſten Bewerber zu entdecken glaubte, ſo widerſtrebte es doch eben dieſem jungfräulichen Sinne, verbunden mit dem ho⸗ hen Begriffe von ſich ſelbſt, ihn anders zu be⸗ trachten als einen demüthigen Bewerber um ihre, wie das Bewußtſeyn ihr ſagte, noch ſchwankende Gunſt und einſtweiligen Diener der Laune, die ſie bereits an ihm erprobt. Da ſah ſie ſich plötzlich vom Standpunkte der ge⸗ feierten Göttin herabgeſetzt unter die Dory⸗ phoren, dem gefeierten Heros ihre Gaben bie⸗ tend, zur Odaliske wähnte ſie ſich entwürdigt, harrend, ob der Erbe des byzantiniſchen Thro⸗ nes ihr das wählende Tuch zuwerfe, und auf⸗ gefordert, deſſelben würdig zu ſeyn. So machte denn ſein Lob, gleichſam auf ihre Koſten er⸗ theilt, nichts weniger als einen günſtigen Ein⸗ druck auf ſie, und ſich vom Gegenſtande deſ⸗ ſelben abwendend, dachte ſie in ihrem Unmuthe lebhafter als je an ihre hohe Beſtimmung und an die glänzende, wenn gleich nebeiumhüllte Ausſicht, die ſich ihr in der Grotte von Anti⸗ paros eröffnet. Noch in dieſer Stimmung befand ſie ſich, als Leuke zu ihr eintrat, wie gewöhnlich mit beſcheidenem Weſen, aber mit in der letzten Zeit ungewöhnlich heiterer Miene. Etwas ſtreng und trocken erging an ſie der verdüſterten Gebieterin Frage: Was führt Dich zu ſolch ſpäter Stunde zu mir, und unbegehrt? Wahrlich— ſetzte die reizende Eigenwillige hin⸗ zu, nicht ohne Deutung auf das eben Gehör⸗ te— Wahrlich es mangelt in dieſem Palaſte nicht an Solchen, die Deine Stelle verſehen. Die Blondgelockte warf einen Blick auf die Jungfrau, die Heiterkeit ſchwand aus ihren Zügen und ſanft, aber doch ernſt entgegnete ſie: des Herzens freier Dienſt beruft mich zu Dir, Archontide; ſonſt verſchmähteſt Du ihn nicht, wirſt Du es jetzt, da er mich zwiefach herbeſcheidet?— Und wozu?— lautete die Frage in der frühern Weiſe, und die Antwort war: Dir Glück zu wünſchen, Herrin. Eine gefährliche Fahrt haſt Du vollbracht, voll Klippen und Untiefen, obſchon des Waſſers Oberfläche, die eben ſchien, von Stürmen bedroht, welche gro⸗ ßentheils Dein ſchlummernd Ohr nicht vernahm. Nun biſt Du eingelaufen in den Port, und magſt ruhend und um Dich ſchauend Dich bereiten zur weitern Fahrt.— Immer noch mit gefalteter Stirn verſetzte Irene: Wenn Du von unſerer Waſſerreiſe durch den Archipelagos und den Propontis re⸗ deſt, ſo haſt Du Recht, von manchem Aben⸗ teuer war ſie begleitet, und auch ermüdend für die, welche zum erſten Mal die Hallen der Kindheit verließ, und die Ruhe iſt erquickend nach ihr; aber es iſt Deine Sitte nicht, in einfach deutlichen Worten zu ſprechen, ſtets hat, was Du ſagſt, einen entfernt liegenden Sinn. Nicht fühle ich mich jetzt aufgelegt, ihn zu ergründen, genug, daß, wenn Du es anders gemeint, Du wohlgethan haben wür⸗ deſt, Deine Glückwünſche zu ſparen.— Mit Verwunderung höre ich Dich ſo ſpre⸗ chen— entgegnete Leuke— welcher Port iſt wohl der gaſtlichſte für die zarte Jungfrau, für das Kind, als die Arme des Vaters, als der Mutter liebende Bruſt? Glücklich iſt der, wel⸗ cher nach kurzer Fahrt in der ihm fremd gewor⸗ denen Küſte die Heimat erkennt.— Heimat?— fuhr die Archontide mit Bit⸗ terkeit empor— Auf Antiparos war meine Heimat! Fremd geworden? das iſt beſſer geſagt, denn an dieſer Küſte umringen mit fremden muſternden Blicken mich Fremde, wie die — 10— Sage von reiſenden Prinzeſſinnen erzählt, die nach dem Reiche China gelangten, ſich ſtau⸗ nend und mißbilligend von den Bewohnern um⸗ ringt ſahen, die an ihren Frauen es anders, und der verkrüppelnden Fußbekleidung gewohnt, Zeter ſchrieen über ihren freien ungezwungenen Schritt.— Darauf ſagte die blondgelockte Dienerin be⸗ trübt und ermahnend: Alſo betrachteſt Du die Bewohner dieſes Hauſes und ihre Beſorgniß und Theilnahme, denen nicht allein durch die Bande des Blutes Deine Verehrung und Liebe gehört, ſondern weil ſie Dir am Eingange in die Welt, der Du von nun an gehöreſt, ent⸗ gegentreten, wahrlich, unter Vielen ihre edel⸗ ſten Geſtalten.— Wenig behagt es mir in dieſer Welt— erwiederte die Unmuthige— an dieſem Hafen wehet ein eiſiger Wind, und ſo nicht andere Hoffnungen mir freundlich zuriefen, ich würde bereuen, Antiparos verlaſſen zu haben, in deſ⸗ ſen ſtillen Hallen noch des Ahnherrn Liebe zu mir ſpricht, und ſein Geiſt, dem meinigen verwandter als die Du meine Blutfreunde nenneſt.— —— So haſt Du denn gewähnt— verſetzte Leuke wie vorhin— daß dem Schifflein, vom Stapel gelaſſen, kein Wind begegnen werde auf ſeiner Bahn?— und Irene antwortete: Deß ſtehe ich in Hoffnung, denn meinen Na⸗ chen leitet ein mächtiger Schutz.— Ohne unmittelbar darauf zu erwiedern, fuhr die Weiße fort: Zürne nicht dem vielleicht Dir rauh dünkenden Hauche, nicht dem vor⸗ übergehenden Regen; reinigend iſt der erſte, der zweite erquickend und befruchtend, und wenn Du erſchreckt zurücktrittſt von ihnen, wie willſt Du Orkan und Ungewitter ertragen, wenn ſie nun wirklich Dir nahen?— Es iſt in Deiner Art, eine düſtere Pro⸗ phetin zu ſeyn— war die Antwort, und die darauffolgende nicht ohne Herbigkeit ausgeſpro⸗ chene Frage: Du meineſt alſo, mir drohen fernerhin Ungewitter und Orkan?— Viel Blätter hat die Windroſe— ſagte darauf Leuke nachdenklich— viele Seiten das menſchliche Leben, und wie jener das Fahrzeug, iſt dieſes dieſen ausgeſetzt. Nicht immer wehet der Zephyr, auch der Boreas ſchüttelt die eiſi⸗ gen Schwingen, auf finſterm Gewölk rauſcht —— der Auſter heran, doch minder zu fürchten ſind ſie als der giftige Samum, der erſt leiſe herannahend die Sinne betäubt und die Ner⸗ ven losſtrickt, damit er hernach mit dem glüh⸗ enden Hauche die Bewußtloſen vernichte. Nicht ſtark genug biſt Du, Jungfrau, einem von ihnen zu widerſtehen, birg Dich denn in den ſchützenden Hallen des Vaterhauſes, auf daß nicht zu ſpäte Reue Dich treffe, es verlaſſen zu haben.— Wahrlich— ſprach der Zögling des Silen⸗ tiars mit ſchneidendem Nachdrucke— es iſt be⸗ fremdlich, Dich ſo warm von dem Schutze der Heimat ſprechen zu hören, die Du doch ſelbſt die unbekannte verlaſſen, und der Freiheit, da⸗ hin zurückzukehren, ungeachtet, fort und fort in der Fremde verweilſt.— Da rief die Weiße mit Innigkeit: Ja ich habe meine Heimat verlaſſen, und ſo es ſich träfe, daß Dir beſtimmt ſei, ein Gleiches zu thun, mögeſt Du gleich mir im ſteten An⸗ gedenken an ſie und an die, welche dort wei⸗ len, die Fremde durchwandeln, Du würdeſt dann zurückkehren, wie ich zurückzukehren ge⸗ denke.— In der That, ziemlich hoch iſt der Dienerin Ton— ſprach die Archontide ſtolz— und nicht ſparſam mit Lehren, und der Herrin ſtellt ſie zum Beiſpiel ſich auf. Sehr ergeben ſchei⸗ neſt Du in kurzer Zeit den Bewohnern dieſes Palaſtes geworden, doch wiſſe, ungeforderter Dienſt bringt keinen Dank. Selbſt die er⸗ lauchte Theophano meint: ihrer Pflicht zu war⸗ ten, nicht Rath zu ertheilen, zieme der Magd. Doch eine Freigelaſſene biſt Du, und weil dem ſo iſt und Du mit ſolcher Freude der Rückkehr zur Heimat gedenkſt, ſo hält Dich fortan nichts mehr zurück.— Bewegt, aber mit feſter Stimme verſetzte Leuke: Noch iſt mein Auftrag nicht vollendet, mir von dem Herrn ertheilt; noch iſt das Band nicht gelöſ't, das mich an Dich kettet, ich kann Dich noch nicht verlaſſen, jetzt nicht, jebt am wenigſten.— Mehr noch gereizt ſprach darauf Irene: Wohl iſt es des großen Athanaſios Befehl, der Dich zu meiner Dienerin macht, aber— Ja— fiel noch feſter und tönender die Weiße ihr ein— Ja„der Befehl des großen Athanaſios iſt es, dem ich gehorche.— blötzich durch das immer noch offenſtehende —— Höher ſteigerte dieß Unterbrechen die Ver⸗ ſtimmung der Jungfrau und ſie ſagte kalt und gebietend: Aber ihn aufzuheben, iſt in meinen Willen gelegt. Und wenn es mein Wille nun wäre? Wenn ich umringt jett— — ſetzte ſie bitter hinzu— von Lehrern und Rathgebern, welche wahrlich nicht unterlaſſen werden, zu thun, wozu ihnen ein Recht zu⸗ ſteht, ich mich der Dienerin entäußern wollte, die zu Gleichem nur die Gewohnheit und meine Milde ermuthigt? Und es iſt mein Wille, der einzige vielleicht, deſſen Vollſtreckung mir hier geſtattet ſeyn wird, es iſt mein Wille, daß Du—— Wiederum unterbrach ſie Leuke mit ernſtem und doch flehendem Tone: Sprich es nicht aus das Wort, daß Du es nicht zu ſpät bereueſt. Kurz iſt der Augenblick, und die Zukunft bringt ihn nicht wieder. Verbanne mich nicht von Dir, damit Du die, welche ſo gern bei Dir bleibt, nicht vergeblich zurückrufeſt, wenn es ihr nicht mehr vergönnt iſt, zu kommen.— Die erzürnte Archontide aber wollte fort⸗ fahren in ihrem herben Beſcheide, da klang es Fenſter, einem tiefen herzdurchſchneidenden Weh⸗ laut gleich, vom abendlichen Winde getragen. Und ihr Blick richtete ſich unwillkürlich dahin, und ſie erbleichte und die Stimme verging ihr, denn es gemahnte ſie, als ſchreite des Athanaſios Phranzes bleicher, gramgebeugter Schatten vor⸗ über auf den wankenden ſtihflüſternden Gipfeln der Bäume. Eine Weile blieb ſie ſprachlos, dann ſich faſſend, ſagte ſie mit gedämpfter Stimme: Du gehörſt zu meines Großvaters Vermächt⸗ niß, und es ziemet mir, ſein Andenken in Ehren zu halten, zumal hier, wo es ſcheint, als geſchähe dieß nicht von Jedermann. Bleibe denn, wenn Du willſt, gedenke jedoch, es ſei mein Wille, daß Du mir nur dann Rath ertheileſt, wenn ich denſelben von Dir be⸗ gehe.— Wohl mahlte ſich Freude auf dem Antlitze Leuke's, doch war es nicht die Freude der be⸗ gnadigten Dienerin, auch unvermiſcht war ſie nicht, denn offenbar geſellte ſich derſelben Be⸗ ſorgniß in dem Blicke, welchen die Scheidende im Hinweggehen auf ihre Gebieterin warf. Aber alsbald ging zum andern Mal die — 16— Thüre auf, und beinahe unſichtbar glitt es in das nur vom Mondſcheine erleuchtete, mit Teppichen von dunkelfarbigem Sammet beklei⸗ dete Gemach, aber aus der gegen den Hinter⸗ grund und undeutlich hervortretenden Geſtalt blitzte es gleich wie von zweien Sternen, und tiefer flimmerte es undeutlich, wie die ent⸗ flammten Dünſte auf dem Moor. Nur nach und nach erkannte Irene in den Sternen die Augen der Abyſſinierin, das Flimmernde aber waren die güldenen Ketten und Sponen an ihrem Gewande. Regung⸗ und lautlos in unterwürfiger Stellung blieb ſie am Eingange ſtehen. Noch von der vorigen Stimmung befangen, aber um ein Beträchtliches milder als zu der Weißen ließ die Herrin an ſie die Frage er⸗ gehen, welches ihr Begehr ſei, und Mele ver⸗ ſetzte: Meines Dienſtes zu warten und nach der Gebieterin Befehlen zu fragen. Wohl— fuhr ſie fort— Wohl ſind in dieſem Palaſte Hunderte von Sclaven bereit, Dir zu dienen; ſo habe ich vor ihnen das theure, das verjährte Recht der Gewohnheit voraus, und ich will ihm nicht entſagen, es ſei denn auf Deinen —— eigenen Beſchluß. Und doch muß ich fürchten, daß dieſer glänzende Hofſtaat bald die einfachen Dienerinnen von Antiparos verdränge; haſt Du doch eben die Weiße in Ungnade von Dir geſendet.— Darauf ſagte die Jungfrau: die ungefor⸗ derte Rathgeberin habe ich fortgeſchickt, die frühere Dienerin hat nach wie vor bei mir ihr früheres Recht, und wenn Jene nur des Groß⸗ vaters Wille, ſo kann dieſe meine Gunſt in meiner Nähe erhalten.— Deine Sclavin bin ich— verſetzte die Schwarze, die Arme über⸗ einander auf die Bruſt legend— und nimmer wollte ich etwas Anderes ſeyn.— Nimmer?— fragte Irene kopfſchüttelnd und in der Weiſe eines Vorwurfes, wil⸗ chem jedoch ein halbes Lächeln alle Schärfe be⸗ nahm: Nein, Mele, auch Dir habe ich eine Weiſung zu geben. Wohl haſt Du nicht ge⸗ than wie die Weiße, die in katechiſirendem Tone frliher unſern Hausphiloſophen nach⸗ ahmte, und darauf gewiſſen Andern doch auch Deine Rede war nicht immer ja, ja und nein, nein. Es gefiel Dir oft, Deinem Scherz und Lobe einen dunkeln Hintergrund unterzu⸗ IMI. 2 — legen, den Hintergrund geheimnißvoller Deut⸗ ung. Wiſſe aber— fügte ſie mit einiger Bit⸗ terkeit bei, die jedoch ſchwerlich der Tochter Afrika's galt— Wiſſe, in meines Vaters Palaſte iſt das Geheimniß verpönt, und zeigt ſich mitunter etwas dem ähnlich, ſo meine ich, wird es ſo lange beleuchtet, unterſucht und in regelrechte Formen gebracht, daß es am Ende dem Alltäglichen gleicht wie ein Tropfen Waſ⸗ ſer dem andern.— Weg denn mit dem Geheimnißvollen!— rief Mele, plötzlich in einen beinahe kindiſch muth⸗ willigen Ton fallend— Hinweg mit dem Ern⸗ ſten, das wohl gut ſeyn mochte zur Zeit des Frohſinnes und der Sorgloſigkeit, wie es zu⸗ weilen erſprießlich iſt, Bitteres und Scharfes zu genießen, damit die Luſt wieder komme an Süßem und Leckerm. Abwechſelung, holde Gebieterin, erfriſcht das Leben und iſt ſeine Würze; nun glaube ich, wenn es der demüth⸗ igen Sclavin verſtattet iſt, freimüthig zu ſpre⸗ chen, es wird Dir hier nicht am Ernſten er⸗ mangeln. Ja ſo ſcheint es mir, denn ich ſehe Dein Auge trüber als je und ſogar ei⸗ nige Falten auf der lieblichen Stirn.— — Du kannſt recht ſehen, Mele— antwor⸗ tete die Jungfrau in dem gedehnten Tone ei⸗ nes kranken Kindes, welches man beklagt— ich fühle mich nicht ſo wohl hier als auf An⸗ tiparos, und ſo glänzend die Welt iſt, die mich umgibt, ſo befriedigt ſie mich nicht und ich fürchte, ſie wird mir noch lange nicht be⸗ freundet werden, gleich der, die ich verließ. Doch allerdings erſcheint mir hier ſo Vieles noch neu, und Ahnliches begegnet wohl Je⸗ dem, welcher zum erſten Mal den weitern Schauplatz des Lebens betritt.— Nicht ſo oft mag das der Fall ſeyn— antwortete die Abyſſinierin— ich glaube viel⸗ mehr, daß die Welt ihren jüngſten Bürgern, ſie freudig bewillkommnend, am freigebigſten ih⸗ ren Glanz und ihre Reize entfaltet. Und wem ſollte ſie ſie williger bieten als Dir, durch hohe Geburt, durch Gaben des Geiſtes und Kör⸗ pers zu großen Forderungen berechtigt? Wer mehr als ich kennt Deinen offenen Sinn und Dein liebend Gemüth? So meine ich denn, nicht an Dir liege die Schuld der Täuſchung, ſondern an denen, welche das Kleinod nicht * — 20— erkennen, das ein ſorgſamer Hüter ihnen auf⸗ bewahrt und im höchſten Glanze zurückgab.— Das Lob, in dieſen Worten enthalten liech dem mittelbaren Vorwurfe, an ihre Il⸗ tern und Angehörigen gerichtet, für Irenen ein Gegengewicht, und vielleicht eben ſo wohl der Anſtand, der Stolz der Archontide auf ihre Herkunft als die Empfindung bewog ſie zu antworten: Und doch, Afrikanerin, mag, was meiner hier wartete, dem Weltſinn genugthun. Hoch über den Gleichen ſtehet der Vater in des Kaiſers Gunſt und in der Achtung des Vol⸗ kes, ſein Wort iſt das der Weisheit und Er⸗ fahrung, ſeine Geberde die eines Fürſten, ſein Blick der des Mannes, der alles was ſich ihm darbietet, ſtreng, aber ſicher umfaßt. In der durchlauchtigen Mutter vereinigt ſich die Kai⸗ ſertochter und die Matrone, ſtolz einherſchrei⸗ tend und mild, erheiſcht ſie Liebe und Verehr⸗ ung. Ihr ähnlich iſt die Prinzeſſin Z0e, nur hat der Lauf der Jahre ihre Empfindung noch nicht gleichermaßen geebnet, und ſolche Un⸗ gleichheit dürfte ſie, meine ich, etwas weniger verehren laſſen, doch etwas mehr lieben. Mein Bruder endlich— ſetzte ſie mit kurzem Zö⸗ — gern hinzu— iſt ſehr ernſt, ernſter als es wohl ſeine Jahre erheiſchten, doch ſagt man, dieſer Ernſt und Feſtigkeit ſey, wo nicht der Schweſter erfreulich, doch dem allgemeinen Beßten erſprießlich. Iſt er auch ſo wenig als der Großdomeſtikos— fuhr ſie mit einem un⸗ terdrückten Seufzer fort— dem theuern Greiſe von Antiparos gleich, ſo darf ich mich doch mit Stolz die Tochter des Einen, des Andern Schweſter nennen.— Fern ſei es von mir— verſetzte die Schwarze unterwürſig— ſolch edles Selbſt⸗ gefühl zu tadeln, das Dir vor Vielen gezie⸗ met, noch die erlauchten Perſonen, deren Du erwähneſt! Aber, Gebieterin, zu hoch iſt der Niedrigen das Treiben der Welt und des Staa⸗ tes, nur Dir gehöre ich an, Dein Eigenthum bin ich, ich lebe nur in Dir und für Dich, ſo ſei es denn dem beſchränkten Sinne geſtat⸗ tet, was Dich umgibt, nur in Rückſicht auf Dich zu betrachten. Wohl iſt der erhabene Athanaſios Phranzes ein weltkluger Staats⸗ mann, ein großer Miniſtet, und es mag für einen ſolchen ſich ziemen, alle Dinge richtend und ſcharf zu betrachten; wohl mag oftmals bei ſolcher Betrachtung ſein Blick ſich verfin⸗ ſtern, ſein Herz ſich zuſammenziehen vor der Nichtigkeit, vor dem ſibewollen ſogar derer, welche ſeine Macht beherrſcht, ſeine Weisheit zu lenken ſich beſtrebt; aber ſollte dieß Auge ſich nicht aufhellen beim Anblick der blühenden Tochter; dieß Herz ſich nicht ihrer Liebe auf⸗ thun und der Vaterfreude an ihr? Auch mein unvergeßlicher Gebieter war ein Weiſer und ein vornehmer Archont, aber nie habe ich ſeinen Blick anders als zärtlich beſorgt oder freudig, aber immer liebend auf die theure Enkelin ge⸗ richtet geſehen. Ja, der Großdomeſtikos iſt ein berühmter Miniſter, jedoch ſollte meines Erachtens, die Tochter dieſes Hauſes dem Haupte deſſelben mehr gelten als nur ir⸗ gend ein Einzelner des byzantiniſchen Volkes. Verzeihe, Gebieterin, meiner Kühnheit, aber ich ſah Dein ſchmerzlich Befremden, und wenn dort Ehrfurcht der Selavin Zunge feſſelte, ſo fließt ſie jetzt über, durch Deine Milde befreiet. Eine hohe Frau iſt die purpurgeborene Theo⸗ phano, und ihr Weſen trägt das Gepräge ih⸗ rer erhabenen Geburt, der Erinnerung an den frühern Nuhm ihres Hauſes, an den ehe⸗ maligen Glanz des Reiches, an deſſen Throne ſie geboren. Gemeſſen und leicht ſchrei⸗ tet ſie dahin wie auf den Teppichen des Bla⸗ chernenpalaſtes, welche lange Zeit ihr Fuß be⸗ trat, und die Welt ſtellt ſich dem gebietenden Blicke dar wie das ſtille geregelte Gewimmel am Hofe des Auguſtus, wo jede fremde Er⸗ ſcheinung verpönt war und jeder fremde Ge⸗ danke. Doch lebt Empfindung in ihrer Bruſt, Du ſagſt es, auch neigt ſie ſich in Liebe zu Dir; wie könnte ſie auch anders? Wer kann es der erhabenen Matrone verargen, wenn eben dieß Gefühl durch Gewohnheit und eige⸗ nen Willen beſchränkt, ſich nicht alſogleich mit der Empfindung befreundet, welche der Jugend belebende Wärme erzeugt, welche eigenthümliche Kraft und höheres Wiſſen, durch einen Wei⸗ ſen gepflegt, bald in eine Höhe ſich aufſchwingt, bald in eine Tiefe ſich taucht, welche das Ge⸗ wöhnliche auf ſeiner ebenen Bahn erſchreckend betrachtet? Würdig iſt ihre durchlauchtige Schweſter wie ſie, eine kaiſerliche Prinzeſſin zu ſeyn; noch iſt der Schimmer der Jugend, wie auf ihren Wangen, noch nicht in ihrem Innern verblichen, doch iſt das, was er be⸗ — 24— leuchtet, kaum zu vergleichen mit der Welt in der Bruſt meiner Herrin, und an die ruhige Erinnerung ſchließt ſich leicht befriedigend die ruhige Gegenwart. Ihre Beſtimmung iſt erfüllt, in den Purpurgemächern des Palaſtes begonnen, beendet im Kreiſe der vornehmen Hausfrau, der erlauchten Matrone; kein Traum der Jugend begleitet ſie, keine Ahnung der Zukunft tritt ihr winkend entgegen; wie möchte ſie wohl je⸗ mals Dir ſich innig verbinden, Dir, mit der es ſo ganz ein Anderes iſt, deren Leben, ob⸗ ſchon nur wenig Jahre zählend, ſo reich iſt durch die Erinnerung, reicher noch durch die Zukunft, welche Dir, denn wahrhaft ſind die, die es verbürgen, ein Eden bietet, obſchon der zur Erde geſenkte Blick es nicht erkennt, ob⸗ ſchon Dein Pfad zu demſelben durch manche dürre Steppe führt. Der Protoveſtiarios endlich iſt gleich ſeinem Vater ein hochgeachteter und ver⸗ dienter Herr und man rühmt ſeinen Scharfblick; doch möchte ich wünſchen, er verkenne nicht die Gaben der Schweſter, wähnend, ſolche ſeyen nicht unter den Roſen der Jugend zu finden, eben ſo wohl als unter dem Eiſe des Alters, oder dem, mit welchem, dieſem nachahmend, hier und da ſich Mancher allzu frühzeitig be⸗ kleidet. Ich, die ich, Herrin, Dich kenne in dem ganzen Werth, den die Natur Dir ver⸗ liehen in Deiner jetzigen und künftigen Hoheit, mag es nicht dulden, daß man aufſichtend herabſehe oder gar tadelnd.— Solch Weſen— erwiederte Irene zaudernd und gleichſam einen beſondern Sinn durch ihre Betonung ausdrückend— Solch Weſen ſcheint allerdings hier Mehren eigen zu ſeyn, den Jungen wie den Bejahrtern.— Da verſetzte Mele hierauf halb lächelnd: Dein Volk, edelſte Archontide, iſt hochbejahrt, und ſo mag es denn kommen, daß auch die Jüngern in ihm etwas von der Greiſenart an ſich haben, bekrittelnd der Andern Thun in ihrer Unzufriedenheit mit dem eignen, und wenn irgend Einer etwas von Kraft in ſich verſpürt, mag er ſie doch nur in den uralten Schran⸗ ken handhaben, gleichwie der ſiegreichen Urvä⸗ ter Kriegeslieder man von den ſiegloſen En⸗ keln bewahren ſieht. Das kühne Streben, ein⸗ gezwängt in unüberſteigliche Grenzen, rings um ſich die Unmöglichkeit, ihm widerſtehen zu können, erregt Unzufriedenheit und dieſe den bit⸗ — tern Tadel, zumal derer, die ſich, obſchon mit der Tunika ſtatt der Chlamys angethan, dennoch kühner und vorurtheilfreier bewegen. Da iſt Dein fürſtlicher Vetter, der durchlauch⸗ tige Theophilos— Doch Deine Stirn verfin⸗ ſtert ſich, Herrin, bin ich allzu kühn geweſen, ſo vergib dem liebenden Eifer der treuen Die⸗ nerin, die Redſeligkeit dem argloſen Mäd⸗ chen.—— Sprich nur weiter— erlaubte ihr die Jungfrau— was wollteſt Du von dem Des⸗ poten von Meſembrya ſagen?— Ein tapferer Kriegesheld iſt er und auch ein berühmter, wie ich vernehme— gegenre⸗ dete Mele, anfangs zurückhaltend, dann aber wiederum mit wachſendem Freimuth— So nennt ihn der Palaſt und die Stadt, wie auch den dereinſtigen Erben des nun bald anderthalb⸗ tauſendjährigen römiſchen Thrones. Wahrlich, ſolch hohe Perſon hätte ich in dem Strator nicht vermuthet, der zu Antiparos erſchien, meiner Herrin das Geleit zu geben, und wenn er freilich für ſolchen Mann etwas kühn, ſein Auge ausdruckvoll auf Irenen Phranza richtete, ſo verzieh ich wohl, daß er dem Kleinode ſtill — huldige, welches die Wünſche der Höchſten auf Erden verdient, auf welche ſich im Verlaufe weniger Zeit dieſelben richten werden, wenn es nicht vielleicht ſchon geſchah. Damals wußte ich freilich nicht, daß jene Aufmerkſamkeit eine klügelnd beurtheilende ſei, bemühet, an dem köſtlichen Juwel irgend einen Makel zu erken⸗ nen, ehe er die Hand großmüthig ausſtrecke, es zu ergreifen; damals glaubte ich nicht, daß aus der beſcheidenen Hülle ein Heros hervor⸗ treten werde, dem nicht zu wünſchen und zu flehen, nur zu wollen geziemt, deſſen er⸗ habene Vortrefflichkeit nur mit ſchwindelndem Aufwärtsblicken angeſtaunt werden muß, bis es ihr gefällt, ſich huldvoll ein wenig hernieder zu neigen. Aber wie dem auch ſei, ſo däucht mir, weſſen er ſich auch zu rühmen, was er auch zu bieten vermag, weit entfernt, ihn über meine Herrin zu erheben, ſei doch noch nicht dem gleich, was der holden Irene die Natur an Gaben verliehen und was ihr eine glorreiche Beſtimmung verheißt.— Die Röthe des Unwillens und der Scham, welche beim Anfang dieſer Worte die Wangen der Jungfrau bedeckte, hatte nach und nach — 28— die Farbe des Purpurs erreicht, jetzt aber, wie um von einem läſtigen Gegenſtande abzulenken ſagte ſie plötzlich: Du ſprichſt von meiner Be⸗ ſtimmung, Mele, und wohl bleiben mir des Ahnherrn deutungvolle Worte, auch gedenke ich unterweilen manches andern, was ſie ſchein⸗ bar beſtätigt, aber wie ich vernehme, ſteht Weiſſagung der Weiſſagung gegenüber und Zeichen den Zeichen. Auch hier ſpricht man mitunter von Ahnlichem, in müßigen Stunden wiederholend, was vom Geſchwätze des Marktes in die Säle der Paläſte dringt; nicht erfreulich ſoll dieß lauten, wie die Mutter ſagt, und ein ſchweres Gewitter andeuten, deſſen Blitz auch mein Haupt nicht verſchonen möchte, darum meint ſie denn und auch wohl mit Recht, am beßten ſei es, fich des Widerſprechenden zu ent⸗ ſchlagen, wartend, bis in der Zukunft ſelbſt die Zukunft erſcheint.— Wahrlich!— rief die Abyſſinierin halb muthwillig, halb bitter— Wahrlich, ſo viel auch an Weisheit hier vorhanden, was ſolche Dinge betrifft, ſind wir derſelben kundiger, wir Leute aus Antiparos, wir Zöglinge des Philo⸗ ſophen, der die purpurverbrämte Toga dahin⸗ — 20— warf für den einfachen Mantel der Stoa, bes Ranges beengende Feſſeln für die Freiheit des Geiſtes. Mag irdiſche Klugheit auch erkennen, was jenſeit des Irdiſchen liegt? Mag der Blick, ſtets nur um ſich her gerichtet, erkennen, was des Geheimniſſes Schleier verbirgt; trägt das Mikroſtop, das den Bau der Milbe zerglier dert, auch bis zu den Sternen? Fort und fort waren die Ausſprüche der Orakel dunkel, fort und fort der Menſch bereit, das Unver⸗ ſtandene widerſprechend zu nennen, aber ſtets hat es der Ausgang bewährt, furchtbar oder erfreulich. Was Dir auch geworden in ſtill heiliger Einſamkeit durch den Mund des aus⸗ erwählten Greiſes, durch die Mächte ſelbſt, de⸗ ren Gewalt er erkannt, was auch hier mit lautem Lärm oder ahnungvollem Flüſtern durch die Straßen der Cäſarenſtadt tönt, iſt es aus der wahren Quelle gefloſſen, von de⸗ nen manchmal einige Tropfen der Wirklich⸗ keit dürre Heide benetzen, und ſcheine es dem Klugen Thorheit und Widerſpruch, es wird ſich beides bewähren.— Es ſcheint als ſeyen Dir die Gerüchte nicht unbekannt, deren die Mutter erwähnte — 30— — ſagte Irene— theile mir denn was Du weißt.— Dein Wille— verſetzte die Afrikanerin mit einem halben Lächeln— iſt mir Geſetz und das einzige, dem ich gehorche. Wenn denn gleich, wie Du ſelbſt mir angedeutet, das Myſterium in dieſen Hallen verpönt iſt, ſo thue ich doch wie Du willſt, Dir das Ge⸗ hörte berichtend. Verſchieden und ſeltſam iſt ſein Inhalt, und dumpf wie das Sauſen⸗ das dem erwachenden Sturm auf dem nur noch leicht bewegten Meere voranfährt. Schon vor Jahrhunderten prophezeihte, wie es heißt, ein Weiſer Deines Volkes, Morenos geheißen, daſ⸗ ſelbe werde einem Angriffe Bogen und Pfeile tragender Krieger erliegen und ſein Reich ver⸗ tilgt werden von der Oberfläche des Erdballs. Ziemlich vergeſſen wurde dieſe Weiſſagung, denn allzu unbeſtimmt war ihr Inhalt und manchfach ſind die Nationen, die dieſe Waffen gebrauchen; da riefen andere neuere, deutli⸗ chere ſie in das Gedächtniß zurück mit einer viel älteren noch, einem Orakel der erythräi⸗ ſchen Sibylle, der Griechen gänzlichen Unter⸗ gang in Zeit von dritthalbtauſend Jahren ver⸗ kündend, welche ſeitdem in das Meer der Ver⸗ gangenheit hinabgefloſſen ſind bis auf wenige Tropfen. Noch iſt es kurze Zeit her, als man in dem Koenobion, welches hier das Klo⸗ ſter des Ritters Georg genannt wird, zwei Tafeln vorfand, Kaiſer Leo dem Philoſophen zugeſchrieben und deutungvollen Inhalts, denn beide waren in Felder getheilt, auf der einen mit den Namen der Kaiſer bezeichnet, die nach ihm auf dem oſtrömiſchen Throne ſitzen würden, mit denen der Patriarchen die andere. Auf jeder aber war ein Feld nur noch übrig, das letzte, für Kon⸗ ſtantinos Dragoſes, und Gennadios, das jetzige Haupt des griechiſchen Glaubens*), Ferner * Der deutſche Herausgeber dieſer Legende er⸗ klärt zur Ehre der Wahrheit, ſelbſt und in ganz neuerlicher Zeit ein Denkmal ähnlicher Vor⸗ bedeutung geſehen zu haben, welche eben ſo wohl in Erfüllung gegangen. In dem Augu⸗ ſtinerkloſter zu Erfurt, dem nämlichen, wo Luther ſein Noviziat und ſeine erſten Mönch⸗ jahre verlebte, befand ſich und befindet ſich vielleicht noch über einer Thür angebracht eine viereckige Tafel, ſchachbretartig in kleinere — 32— hört man von neuem erwähnen, wie Manuel I. Palaeologos Dein mütterlich Geſchlecht auf den Thron von Konſtantinopolis erhoben, zur ſelbigen Zeit als Osman das Seine auf den Stuhl der ſeldſchukkiſchen Sultane geſetzt, und ſchon damals kundige Männer angedeutet hät⸗ ten, einſt werden die Nachkommen des Einen die Nachkommen des Andern vernichten. Eben dieſer Manuel, Dein Ahnherr, ſagt das Ge⸗ rücht, habe einſt Zeichendeuter um das Geſchick ſeines Reiches und Hauſes befragt und ihm ſei nichts zum Beſcheide geworden, als das ſinnleere Wort: Maimami. Sieben Buchſta⸗ ben zählt dieß Wort, der ſiebente Palaeolog, der ſeit Manuel das Diadem getragen, iſt Konſtantinos, und Mohammed der Zweite der ſiebente Padiſchah aus dem Geſchlechte des Os⸗ man.— Hier ſchwieg die Abyſſinierin, aber auch die Jungfrau ſchwieg noch eine Zeitlang nach⸗ ———— Vierecke getheilt, in welchen die Namen aller Erzbiſchöfe von Mainz verzeichnet waren, von Bonifacius Winfried an. Das letzte füllte der Name Carl Maria von Dalberg. denklich, dann fragte ſie mit leiſer Stimme: Und was bedünkt Dich von dieſen Weiſſag⸗ ungen und Vorzeichen?— Darauf erwiederte Mele ernſt und mit einiger Feierlichkeit: Allzu deutungvolle Stimmen ſind der Schülerin des Athanaſios Phranzes in's Ohr geklungen, um leichthin und weltlich verwegen hinwegzuwerfen, was ihnen gleicht. Längſt verklungene Töne der Vorzeit rauſchen heran auf dem ſchweren Fittiche der Gegenwart, und des nahenden Un⸗ gewitters Blitzſtrahl erhellt, was lange im Dunkel geblieben.— 6 Somit hat Mutter Theophano doch wohl Recht— rief Irene— wenn nicht in einer Weiſe, doch in der andern. Was auch befreun⸗ dete Gewalten mir beſtimmt, feindliche Mächte rüſten ſich, es zu zerſtören. Hergebannt bin ich in den Kreis, den die Finſteren drohend um⸗ ſtehen, über der Meinigen und meinem Haupte ſchwebt die verderbenſchwangere Wolke; das Diadem, mit dem ein eitles Trugbild es um⸗ flocht, iſt das Feuer bes Blitzes, der es zer⸗ ſchmettert, und mein Purpur mit meinem Blut und dem meines Geſchlechtes gefärbt.— Muß ich Dich ſo kleingläubig ſehen— ant⸗ III. 3 wortete Mele mit ermuthigendem Vorwurfe— Muß ich glauben, daß in ſo kurzer Zeit Dein heller Blick ſchon trübe geworden, nicht mehr über die Grenzen hinausreicht, durch welche man ihn ſeit wenigen Stunden einzuengen be⸗ müht iſt? Haſt Du des mächtigen Schutzes vergeſſen, unter dem Du ſteheſt, weißt Du nicht mehr, daß auch die dem Menſchen ſonſt Abgeneigten Dir zu dienen bereit ſind? Laß Andere ſie fürchten, nicht Dir gilt ihr Dräuen. Was iſt auch in dem, was ich Dir berichtet nach Deinem Gebot, das Irenen Phranza be⸗ träfe? Und wenn Alles ſich bewährt, wird auch, was Dir verkündet, ſich bewährt erzeigen, wenn die Zeit kommt. Und was es auch ſei, das ſie bringe, nichts vermag der alte Satur⸗ nus gegen die, welche ihn der Herrſchaft be⸗ raubt, und würfe er, wie es ſeine Art iſt, Alles rings um Dich in Trümmer zuſam⸗ men, müßte er doch, wenn auch widerſpän⸗ ſig, Dir aus denſelben Trümmern den Dir beſtimmten erhabenen Sitz aufbauen.—— Welches auch die Wünſche der Jungfrau waren, wie ſie auch unter pflegender Hand üppig gewuchert, ſo widerſtrebte doch dem jugend⸗ lichen Gemüth der Gedanke an ein Heil, aus dem Untergange ihres Geſchlechtes, ihres Vaterlandes hervorgehend, ja vielleicht, denn alſo ließen die Worte der Schwarzen ſich deuten, mit demſel⸗ ben erkauft. Sie zürnte indeſſen der Afrika⸗ nerin nicht, gewohnt, ſie als ein Organ hö⸗ herer Mächte zu betrachten, von dem Groß⸗ vater auf ſie vererbt, nicht der Anhänglichkeit, welche ſich beſtrebte, für die geliebte Herrin ſelbſt das Ungemach in Glück zu verwandeln, aber doch ſchaute ſie trüben Angeſichts vor ſich hin, unzufrieden und mit ſich ſelbſt im Zwieſpalt, oder vielmehr im Kampfe zwiſchen zwei Em⸗ pfindungen, deren die eine ihr eigen, die an⸗ dere nicht, ohne daß ſie zu unterſcheiden ver⸗ mochte, welche von beiden. Da rief die Abyſſinierin wiederum: Genug des ernſten und ſpitzfündigen Geſpräches, hei⸗ terer Dinge bedarf meine holde Gebieterin, da⸗ mit wenigſtens freundliche Träume ihren nächt⸗ lichen Schlummer umgaukeln, bis die Zeit kommt, die glänzende Tage heraufführt!— Und damit begann ſie ein ſüßes ſchmei⸗ chelndes Gekoſe, vermiſcht mit mileſiſchen Mähr⸗ 3* 3 den, ein anderes Wort als das gelegentlicher chen und halblaut zur Theorba geſungenen Lied⸗ lein, und fuhr damit fort, bis der nahende Morpheus begann, die ſchwankenden lieblichen Bilder in den Schlaf zu verweben. Mehre Tage verſtrichen für die Hauptſtadt im wachſenden Geräuſch gewaltſam erweckter Thätigkeit, für die Paläſte in zunehmender Sorge und heimlichen, zum Theil aber ſich im⸗ mer thätiger zeigenden Ränken, für die Pfleg⸗ tochter des Inſelgreiſes in dem ſchwankenden Zuſtande des Anziehens und Abſtoßens, in welche der Mutter ernſte, doch zärtliche Hin⸗ neigung und der Prinzeſſin Zoe Freundlichkeit ſie von einer Seite verſetzte, von der andern aber, die, wie es ſchien, durch manche Be⸗ ſorgniß geſteigerte abgeſchloſſene Strenge des Vaters, vornehmlich aber des Protoveſtiars ſich gleichbleibende Weiſe, der mit Staatsgeſchäften überhäuft, nur ſelten im Palaſte erſchien, und dann noch ſeltener einen andern Blick für die Schweſter hatte, als einen flüchtig beobachten⸗ X Belehrung. Auch Theophilos zeigte ſich mehr⸗ mal; ſoſ offen er aber im Geſpräche mit Ari⸗ ſtobulos und Georgios war, ſo viele Ehrerbiet⸗ ung er der Altern ſeiner Baſen, ſo viel Erge⸗ benheit er der Jüngern bezeigte, ſo ſchien es doch, als läge etwas zwiſchen ihm und Irenen, etwas Unſichtbares, das ihm Zwang auflegte ihr gegenüber, und an deſſen beiden Seiten er gleichſam Blicke hingleiten ließ, nachdenklich und aufmerkſam auf ſeine Reiſegefährtin gerichtet. Zwar fühlte dieſe, nicht der Gleichgiltigkeit könne ſolche Aufwerkſamkeit entſpringen, aber im Vor⸗ urtheil gekränkter Eigenliebe befangen, mißfiel ihr, wo nicht dieſelbe an ſich, doch die Art, in der ſie ſich kund that, ſie ſah ſtolze Unzu⸗ friedenheit in der Betrübniß, verletzenden Triumph in der Freude, die ſich manchmet in den Zügen des Palaeologen ausſprachen, und beide erregten ihren Mißmuth. Doch allmählig befeſtigte die Gewohnheit die Bande des Blutes, minder fremd begann Jrene im Kreiſe der Ihrigen ſich und ihnen fremd zu erſcheinen, nicht immer tönten der Schwätzen Worte in ihr Ohr, denn Leuke, die wunderbar ſchnell die Gunſt der Gebieter gewonnen, ward auf deren Befehl ihre Gefährtin in den einſamen Stunden des Tages, während Mele, dem Widerwillen, den ſie einflößte, ſtolz und demüthig weichend, nur des Abends ihr Gemach verließ, ihren Dienſt zu verrichten. Doch wurden nach und nach die vertrauten Ge⸗ ſpräche immer ſeltener, immer mehr unterbro⸗ chen durch Mährchen und Lieder, denn die un⸗ terwürfige Sclavin war, wie ſie ſagte, nur das Werkzeug des Willens der Archontide, nur das Echo ihrer Gedanken, aber nach und nach wurden dieſe nicht mehr ſo oft zu Worten, das Beileid auffordernd, ja die Gedanken ſelbſt un⸗ terlagen einer mähligen Verwandlung, denn das bewegliche Herz der Jungfrau widerſtand nicht lange den neuen Eindrücken. Und je länger, deſto befriedigender wurden dieſe; wohl ſchrieb Irene die eintretende Veränderung nicht ihrer wahren Urſache zu, der Veränderung, die leiſe in ihr ſelbſt vorgegangen, doch gewahrte ſie mit Freuden des Großdomeſtikos Blick jetzt mitunter heiterer und theilnehmender auf ſich gewendet, ſein Wort nicht immer befehlend und ſtrenge, ſondern zu Zeiten huldreich an ſich ge⸗ richtet, der Mutter immer hingebendere Liebe, der Schwägerin Zuvorkommen und des Bru⸗ ders, obgleich minder häufig und nur in wenigen unbeſchäftigten Augenblicken hervortre⸗ tende Zutraulichkeit. Vielleicht bemerkte ſie auch nicht ganz ohne Vergnügen, wie das, was ſie von dem Despoten Theophilos bisher getrennt, allgemach an Kraft verlor; ihr gekränkter Stolz labte ſich an den Merkmalen jener zar⸗ ten Aufmerkſamkeit, die er ihr zu erzeigen begann, verſchieden von jener frühern, die ihr ſo ſehr mißfallen, eben ſo wie der Ausdruck ſeines Auges, wenn es ſich jetzt auf ſie wandte, eine Veränderung, die keinen unangenehmen Eindruck auf ſie, augenſcheinlich aber auf ihre Angehörigen den erfreulichſten machte. Der gewiſſenhafte griechiſche Legendenſchrei⸗ ber, wiewohl offenbar ein eifriger Panegyriker ſeiner Heldin, welche hoffentlich in der Folge ſein Lob beſſer rechtfertigen wird, als es vielleicht bisher geſchehen, geſtehet doch, es habe ſolch heilſamer Umgeſtaltung noch ein anderer fremdar⸗ tiger Umſtand untergelegen, deſſen Anführung unſers Erachtens den frommen Mann als ei⸗ nen nicht geringen Kenner der weiblichen und jugendlichen Gemüther darſtellt. Die Mündel des philoſophiſchen Athanaſios Phranzes, das Pflegkind der einſamen Inſel An⸗ tiparos, hatte zwar eine Stelle betreten, welche ihr als der Hof des Palaſtes einer hochmächtigen Herrſcherin genannt ward, ſie hatte vor Ge⸗ krönten geſtanden, die das weite Weltreich be⸗ herrſchten, aber niemals noch war ſie auf dem Schauplatze; den der menſchliche Sprachge⸗ brauch„Hof“ nennt, niemals ſtand ſie vor Gekrönten der Erde. Unſtreitig ſind die Ge⸗ bräuche beider Höfe verſchieden, verſchieden die Regeln des Umgangs mit den Herrſchern des Geiſterreiches und der Menſchen, ſo bedurfte denn Irene Phranza einiges Unterrichts, als die Zeit herankam, wo ſie in ausgewähltem Kreiſe in den Purpurgemächern des Blacher⸗ nenpalaſtes dem Auguſtus vorgeſtellt werden ſollte und ſeiner Kaiſerin Maria. Die im Purpur geborene Zoe hatte das Geſchäft übar⸗ nommen, des Gemahls Schweſter in die Ge⸗ heimniſſe ihres Vaterhauſes einzuweihen und ihr etwas wechſelnder, aber darum vielleicht der Schülerin um ſo mehr zuſagender Sinn erhei⸗ terte eine Belehrung, welcher es in der That, nach der ſtrengen Hofſitte des konſtantinopoli⸗ taniſchen Reiches und des Zeitalters überhaupt, nicht an Peinlichem und Kleinlichem gebrach. Es ſtehet zu vermuthen, daß die Geduld und Gelehrigkeit der Akoluthe des höfiſchen Lebens durch die Auswahl und das wiederholte Ver⸗ ſuchen des manchfachen Schmuckwerkes geſtärkt ward, in welchem die Tochter des einflußreich⸗ ſten Archonten, die Verwandte des Kaiſerhau⸗ ſes, des Athanaſios Phranzes unermeßlich reiche Erbin würdig vor dem allerdurchlauchtig⸗ ſten Oheim erſcheinen ſollte, vor dem erſten Monarchen der Erde. Der wichtige Tag war erſchienen und früh der Schlummer von Irenens Augen gewichen, bereits ſtand ſie in ihrem Ankleidegemach, die dort ausgebreiteten köſtlichen Stoffe und fun⸗ kelnden Kleinodien beſchauend, und bei ihr be⸗ fanden ſich Leuke und Mele, die Erſte mit hei⸗ terer Miene und mehrer Dienſtbefliſſenheit als man gewöhnlich an ihr bemerkte, die kleinen Geſchüfte ihres Amtes verrichtend und nicht, wie ſie ſonſt wohl pflegte, der jungen Gebie⸗ terin hochaufhüpfende Eitelkeit durch einige mahnende Worte dämpfend, die Zweite aber, wenn gleich mit der ihr eigenen Anſtelligkeit, — 42— doch ungewöhnlich ernſt und ſchweigend den oft wiederholten, oft abgeänderten Befehlen der lebhaften Herrin gehorchend. Da hörte man plötzlich auf der Straße ein großes Geräuſch erſchallen, wie von eiligem Laufen vieler Menſchen und durch einander ſprechender und ſchreiender Stimmen, doch war derſelben Ausdruck nicht übereinſtimmend, noch auch die Worte, die ſie hervorbrachten, denn einige ließen ſich freudig vernehmen, andere un⸗ willig, zornig ſogar, einige lauteten wie bei⸗ fällig, mehre aber zankend, ja mit manchfa⸗ chen Kraſtreden untermiſcht, welche eine ſo ausgebildete Sprache, als die der Griechen es damals war, bereichern, zumal im Munde des Pöbels der Hauptſtadt. Zugleich aber erſchallte von fern der Donner des Geſchützes von der Hafenſeite her, und bereits konnte man glau⸗ ben, habe Mohammed's raſtloſe Eroberungſucht den drohenden Worten die That folgen laſſen, hätte nicht zu gleicher Zeit ſich das Geſchmetter vieler Trompeten hören laſſen, das je näher, deſto deutlicher ſich als ein freudiges kund gab. Und je mehr es herankam, je mehr legte ſich das Schreien im Volke und erſtarb endlich in ein dumpfes Geſumme, als hätte die Schauluſt der Hauptſtädter bei irgend einem neuen glänz⸗ enden Anblicke den Sieg über jeden perſönlichen Eindruck davongetragen. So unterſchied man in der zunehmenden Stille das Raſſeln regel⸗ mäßig das Straßenpflaſter ſtampfender Huf⸗ ſchläge, und in dieſe tönte nach und nach das Geläute einiger Glocken. Doch fehlte viel, daß man es von allen Kuppeln vernommen hätte, welche die unzähl⸗ igen Gotteshäuſer der Konſtantinsſtadt ſchmück⸗ ten, und in dieſer Gegend derſelben ſchallte es nur von dem kaiſerlichen Palaſt der Blacher⸗ nen, von der Kirche des Allherrſchenden(Pan⸗ tokrator) und etwas weiter entfernt von den Zinnen des alten Kaiſerſchloſſes, des Bukoli⸗ kon und des Tuellenpalaſtes. Da begann ſich Irenens Neugier zu regen und zog ſie hinweg von dem Glanze des Schmuckwerkes und der Edelgeſteine, der ihre Augen in der letzten Zeit genugſam gelabt hat⸗ te, um ſie an dem zu vergnügen, was viel⸗ leicht draußen vorgehen möchte. Als ſie dar⸗ auf ihr Vorhaben den Dienerinnen kund gab, war es dießmal die Weiße, welche demſelben — 44— ſogar mit einer Art von Eifer beipflichtete, und Mele wiederum, die doch ſonſt ſo bereit war, den Willen der Herrin zu befolgen, be⸗ ſonders wo es Erheiterung betraf, welche gleich⸗ giltig meinte, in einer Stadt wie Konſtantino⸗ polis, errege nicht ſelten auch das Unbedeutende großes Geräuſch; was aber auch draußen zu ſehen ſeyn möchte, nimmer werde es ſo an⸗ muthig ſeyn und ſo glänzend als ihre holde Gebieterin am kommenden Abend, angethan mit der Pracht, welche ihre kunſtreiche Hand emſig und ſorgſam zu ordnen fortfuhr. Jedoch ward der kleine Zwiſt, der ſich zwiſchen der Ei⸗ telkeit Irenens und ihrer Wißbegier erhoben, bald durch den Eintritt der Prinzeſſin Zoe entſchieden, welche von mehren vornehmen Frauen und Dienerinnen begleitet erſchien, ſie zum Anſchauen des Einzuges zu laden, wel⸗ chen der Legat des römiſchen Stuhles eben in den Sitz des morgenländiſchen Chriſtenthums hielt. Eilend durchflog die glänzende Schar die Gänge des Palaſtes bis zu einem Flügel deſ⸗ ſelben, den ein weitläufiger Platz begrenzte, und trat dann auf einen Altan, nach der Lan⸗ desweiſe mit reichen Teppichen behangen und mit Blumengefüßen geſchmückt. Auch Irenens Dienerinnen waren ihr dahin gefolgt. Die Blicke der ſchauluſtigen Frauen und Jungfrauen ſchweiften an den Gebäuden umher, welche den Platz umgaben, gleichfalls mit Altanen und dieſe mit wohlriechenden Stauden und reichen Stoffen verziert, und beſetzt mit Zuſchauerinnen, aber das von Granitblöcken in künſtlichen Formen zuſammengeſetzte Pflaſter blieb unſichtbar, ſtatt auf ihm, ruhete das Auge auf einer im Gan⸗ zen unbeweglichen, im Einzelnen höchſt beweg⸗ lichen Fläche, von unzähligen Köpfen gebildet, die in ihren vielfarbigen Bedeckungen gleich den Blumen einer Wieſe erſchienen, hin und wieder mit den weißen Kappen der Novizen und Mönche untermengt, wie jene von den wuchernden, ſaugenden Blüthen des Mohns. Allein, aber hoch ragte über die Menge die rieſige Marmormaſſe des erymanthiſchen Stie⸗ res empor, ein Kunſtwerk, dem Prapiteles zu⸗ geſchrieben, das dem Platze ſeinen Namen ver⸗ lieh. Immer näher tönten die Trompeten, im⸗ mir lauter der Hufſchlag, und alle Häupter wendeten ſich nach der Seite, von welcher der Schall kam. Da brach auf der entgegenge⸗ ſetzten auf einmal ein Reitergeſchwader hervor, an deſſen Spitze Lukas Notaras, der Reichsad⸗ miral ſich befand. Sein Auge und ſeine Wange glühten im Zorne, und ſein purpurverbrämter Mantel flatterte weit umher in den unbändi⸗ gen Sprüngen, zu denen er ſein edles Roß zwang, ihm die Seite ſtachelnd und den Zügel ſcharf anhaltend, an deſſen Gebiß der Schaum des Thieres herabfloß, gleichſam andeutend, es theile den Unmuth ſeines Reiters. So war es denn einem kleinen ſanftmüthigen milchweißen Zelter, der ihm zur Seite ging, unmöglich, mit ſeinem Gefährten gleichen Schritt zu hal⸗ ten, auch ſchien der, welcher denſelben ritt, keinesweges in ſolchen gefährlichen Künſten ge⸗ übt. Er trug eine Mönchskleidung, nicht ein⸗ fach nur, ſondern in Flecken und zerriſſenen Stellen deutliche Spuren langen Gebrauches und der Vernachläſſigung tragend; es war ein ſchon hochbetagter Mann, denn um die Tonſtir ſeines entblößten Hauſes kreiſ'ten nur ſpärlich e, bereits weiße Haare, und ſeine hagere, nicht an⸗ ſehnliche Geſtalt war gebückt, aber Aug en⸗ brauen und Bart waren ſchwarz, unter den erſtern ſchoſſen finſtere brennende Blicke hervor, und der anſcheinenden Gebrechlichkeit ungeachtet, zeigte ſich ſeine Geberde kräftig, ſchroff viel⸗ mehr und krampfhaft, wie im Zuſtande hef⸗ tiger Erregung. Wahrlich— ſprach eine der vornehmen Matronen auf dem Altane des Großdomeſtikos zu ihren Nachbarinnen— Wahrlich, ſo übler Laune als heute habe ich den Großherzog, meinen Vetter noch niemals geſehen. Das nimmt mich auch nicht Wunder, denn niemand weniger als ihm gefällt die Ankunft dieſes rö⸗ miſchen Prieſters. Zwar begreife ich nicht recht, warum, der Hof, höre ich, empfängt ihn mit Freuden; auch iſt, ſagt man, der Kardinal Iſidor kein ſchwächlicher, immerfort betender Greis, ſondern ein rüſtiger Mann, im Welt⸗ leben und ſogar im Kriege wohlerfahren, und es iſt überdem Zeit, daß ein Mal etwas Neues hierher kommt, denn das Alte fängt an Lang⸗ weile zu machen.— Kaum hatte ſie ausgeredet, ſo beſtätigte Lukas Notaras, was die Verwandte von ſeiner aufgereizten Stimmung erwähnt, er richtete ſich hoch auf im Sattel, nahm eine gebieteri⸗ ſche Stellung an und rief dem Volke mit rauher und donnernder Stimme zu: Was ſte⸗ het Ihr hier, müſſig den Einzug des Verder⸗ bers zu begaffen? Fort in Eure Häuſer, in die Kirchen vielmehr, den Zorn des Himmels zu wenden mit Gebet und Kaſteiung, denn der, welchem untreue Wächter des Reiches und Glaubens dieſe Thore geöffnet, iſt ein ſchlim⸗ merer Feind als Osman und Heide!—— Es iſt bereits erwähnt worden, daß die Bewohner des neuen Roms genug von der Mutterſtadt angenommen hatten, um„was ge⸗ wiſſe Dinge betraf, keinen Scherz und noch weniger Ernſt zu verſtehen; ein unwilliges Murmeln beantwortete die vergnügenſtörende Rede des Admirals, und es wäre dem ſonſt Geachteten vielleicht ergangen wie vormals einem zur Unzeit rügenden Cenſor, man hätte ihn mit Spott und Bedrohung vom Platze getrie⸗ ben, wäre nicht ein gewiſſer Umſtand ihm zu Gunſten in das Mittel getreten. Einige Kloſterbrüder hatten mehr als auf das prächtig geſchmückte muthige Streitroß auf den kleinen Zelter neben ihm geſchauet, mehr — 49— als auf des Großherzogs wehenden Mantel auf die Kutte ſeines Begleiters, die ihnen einen Zunftgenoſſen kund gab, und alsbald verwan⸗ delte dieſes nähere Anſchauen die Neugier in Erſtaunen und Ehrfurcht, leiſe flüſterten ſie zu ihren weltlichen Nachbarn, bald verbreitete ſich dieß Geflüſter unter der Menge, und nach und nach entblößten ſich die Häupter, ſo daß die erſt ſo vielfarbige Oberfläche nun nur weiß erſchien oder grau, hell⸗ oder dunkelbraun, und dem anfänglichen Stillſchweigen folgte alsbald ein donnerndes, aber verworrenes und unver⸗ ſtändliches Jubelgeſchrei. Auch auf den Altanen wendeten ſich die Blicke nach dem neuen Gegenſtande der Auf⸗ merkſamkeit, auch auf dem des Ariſtobulos Phranzes, auch das Auge der Prinzeſſin Zoez was ſie ſah, ſchien auch in ihr Erſtaunen zu erwecken, jedoch keinesweges Freude, das ſicht⸗ bare Gegentheil vielmehr. Was ſehe ich?— rief ſie— Iſt der, der den Großherzog begleitet, nicht Gennadios„der entſetzte Patriarch, den mein kaiſerlichen Bruder in's Kloſter verſtieß, weil er die verwegene Hand gegen die Rechte des Diadems erhob, und das II. 4 — 30— gebenedeiete Zeichen des Heils zur Waffe miß⸗ brauchte gegen den Scepter? Wie kommt es, daß dieſer verbannte Aufrührer, dieſer gefan⸗ gene Mönch ſeiner Haft entrann, daß er ſich dem Volke zu zeigen wagt, daß einer der er⸗ ſten Herren im Reiche ſolche Verwegenheit durch ſeine Gegenwart zu billigen ſcheint?— Noch neu iſt dieſe Nachricht, erlauchte im Purpur Geborene, erſt von heute Morgen— entgegnete eine der anweſenden Frauen— doch iſt ſie, wo nicht allgemein, doch ſchon ziemlich bekannt. Kurz vor Tagesanbruch begaben ſich mehre Biſchöfe, Archimandriten und Protopa⸗ pas nach dem Kloſter des Verbannten, beglei⸗ tet von einer Schar niederer Geiſtlichkeit und einigen weltlichen Herren, an deren Spitze ſich der Admiral befand, ihn zu befreien, denn keiner als dieſer eifrige Kirchenpfeiler ſei geeig⸗ net, dem einziehenden falſchen Apoſtel des Bi⸗ ſchofs von Rom die Spitze zu bieten. Das Gerücht fügte hinzu, man werde ihn in Aja Sophia alsbald mit Pallium und Tiara beklei⸗ den, und ich zweifle nicht, daß er ſich auf dem Wege dahin befindet, denn ſchon bewohnt — der bisherige Patriarch Eutropios die Zellen, aus der man Gennadios gezogen.— Und der Kaiſer, mein Bruder?— fragte Zoe von ihrer Heftigkeit hingeriſſen. Wie man ſpricht— lautete die Antwort— hat der Auguſtus in ſeiner Weisheit die Wahl der Geiſtlichkeit und des Volkes beſtätigt, wie⸗ wohl nach einigem Zögern und langer Unter⸗ redung mit Deinem edlen Gemahl und dem Großdomeſtikos, ſeinem Herrn Vater.— Eine glühende Röthe färbte nach dieſen Worten die Wangen der Palaeologin, ihre Au⸗ gen irrten auf den Angeſichtern der gegenwär⸗ tigen Frauen umher, aber wenig Erwiederung fand ſie hier, einige waren zerſtreut auf das bunte Geräuſch vor ihnen gerichtet, andere ſpra⸗ chen vollkommene Gleichgiltigkeit aus, auf eini⸗ gen ſogar zeigten ſich Spuren von Zufrieden⸗ heit, nur durch den Anſtand zurückgehalten; auf Irenens Wangen allein trat das Blut ih⸗ res mütterlichen Geſchlechtes und Unmuth zuckte um die roſigen Lippen. Da ſtörte ein neuer Vorgang die verſchiedenartige Stimmung, wel⸗ che das Gehörte bei den erlauchten Zuſchauer⸗ innen erweckt hatte. 4* Der fromme Gennabios hatte nicht ohne Befriedigung den jauchzenden Zuruf der Menge vernommen, doch gnügte ihm dieſer nicht, das Haupt der griechiſchen Kirche, derſelben wieder neu aufgeſebt, begehrte den Beifall der höhern, zumal der Frauen, deren in mehren Zeitpunk⸗ ten der Weltgeſchichte ein bedeutender Theil ſich als eifrige Anhängerinnen und thätige Verbün⸗ dete gezeigt hat. Prunkend mit dem weißen Zelter, dem Symbole ſeiner wiedergewonnenen Würde, nicht minder aber mit ſeinem unrein⸗ lichen zerriſſenen Gewande, dem anklagenden Belege ſeiner langen und harten Gefangenſchaft, ritt er langſam durch das ihm nach Möglichkeit ausweichende Volk bis in die Mitte des Plaz⸗ zes und ſchauete von da nach den Paläſten ringsum. Wohl weheten ihm von Fenſtern und Al⸗ tanen Tücher und Blumenkränze zu, aber ſtill blieb es auf der Seite, wo der Prinzeſſin Zoe Gegenwart ſolch entſchiedene Anerkennung ver⸗ bot; vielleicht blickte der heilige Prieſter aber gerade darum zum andern Mal und ſchärfer dahin, und darauf begab ſich etwas Seltſames, deſſen die helleniſche Urſchrift nur erzählend und ohne Anmerkung erwähnt, welche ſein latei⸗ niſcher Commentator indeß nach ſeiner Weiſe hinzufügt. Mit finſterm drohenden Blicke ſchauete er auf den Altan, der, wie er wußte, einige Mitglieder des ihm und, wie er behauptete, auch Gott verhaßten Geſchlechtes der Palaeologen enthielt; er wurzelte lange auf der Gemahlin des Protoveſtiarios, welche ſich zornig und ver⸗ achtend abwandte, dann wandte er ſich mit dem nämlichen Ausdruck auf Irenen, in welcher die Ahnung des Haſſes die Tochter des Hauſes Phranzes errieth, aber urplötzlich änderte ſich derſelbe wie des Patriarchen ganzes Weſen und Haltung. Frater Euthanaſios, der Böhme, legt hier⸗ in die Meinung an den Tag, dieſer Bli von Sorn, Hochmuth und Rache geſchärft, ſei in die hinterſten Reihen der Frauen gedrungen, welche ſich auf dem Altane des Palaſtes befan⸗ den, und ſchließt aus der darauf folgenden Wirkung mit wunderlicher Beſtimmtheit, der⸗ felbe habe, nachdem er auf der Archontide ge⸗ ruhet, erſt rechts, dann links von derſelben ſich gewendet. Wir aber folgen dem Verfaſſer der urſchrift, dieſe Wirkung allein beſchreibend, und dem Leſer überlaſſend, ob er dem abend⸗ ländiſchen Kloſtergeiſtlichen beipflichtet oder nicht. Erſt ſchien der ehrwürdige Gennadios wie geblendet durch einen ihm allein ſichtbaren Schimmer, gleich dem ungläubigen Saulus auf dem Wege, der ihn in den zweiten Für⸗ ſten der Apoſtel verwandelte, denn er fuhr jach mit der Hand über das erbleichende Angeſicht und die krampfhaft blitzenden Augen, und bei⸗ nahe wäre ihm geſchehen wie jenem, denn er wankte im Sattel, und hätte ſeinen Sitz auf dem ſanftmüthigen Thiere mit dem harten Steinpflaſter vertauſcht, wenn ihn der Arm des ihm unwillig und befremdet zuſprechenden Lukas Notaras nicht aufrecht gehalten. Vußerte aber, was er geſehen haben mochte, auf ihn nicht völlig dieſelbe körperliche Wirkung als auf den erſten und gefeiertſten aller Be⸗ kehrten, ſo zeigte ſich die geiſtige noch viel vor⸗ übergehender und ſchwächer; war der Patriarch von Konſtantinopolis ein ungläubiger Saulus, ſo ward kein Paulus aus ihm in dieſer Stunde. Denn plötlich öffneten ſich die halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen weit, ſie traten hervor aus ihren Höhlen und entzündeten ſich in ſeltſamen Feuer, ſeine Züge verzerrten ſich ſonderbar, gleich wie in Entſetzen und Freude, in eine Empfindung durch etwas Ungemeines zuſam⸗ mengedrängt, auf den hagern Wangen wech⸗ ſelte dunkles, mißfarbiges Roth mit der ge⸗ wohnten gelblichen Bläſſe und mit knirrſchenden Zähnen und ſchäumendem Munde trieb er ſein Thier in Sprüngen, als wolle er es dem Großadmiral gleich thun, bis an die Bild⸗ ſäule des Stieres. Wehe!— rief er darauf mit dumpfer Stimme— Wehe der Stadt, in welcher der An⸗ tichriſt einziehet oder ſein Bote, der Engel der Finſterniß Einer! Wehe dem leichtgläubigen thö⸗ rigen Volke, das Augenluſt an dem Gräuel der Verwüſtung hat, weil er kommt mit Poſaunen und Schellen und angethan mit grober Seide und Scharlach!— Wehe dem, der da meinet, es könne Heil kommen aus dem Bunde mit dem Widerſacher, wahrlich, es wäre beſſer, dieſe chriſtliche Stadt hätte ihre Thore dem Moham⸗ med aufgethan als dieſem Sprößling des Dra⸗ chen, der ſich Kardinal nennt, denn ärger als die Feinde des Leibes ſind, die da trachten, — 56— die Seele zu verderben. Was ſtehet zu hoffen von den ſchismatiſchen Lateinern? Betrachten ſie uns nicht mit Neid und Haß, wie immer⸗ dar das Unrecht das Recht? Die Hand, mei⸗ net Ihr, werden ſie Euch reichen? Wohlan, ſie werden es thun, doch nicht zur Hilfe, ſondern um den Schwankenden völlig in den Abgrund zu ſtoßen! Hörte man ihn nicht ſagen, den Hunyades, den man den Helden der Afterchri⸗ ſtenheit ſchilt, Konſtantinos Stadt ſei der Stein des Anſtoßes für die Chriſtenheit, und ehe er nicht aus dem Wege geworfen, werde ihr Trübſal nicht enden?*) Hinweg denn mit den treuloſen Schein⸗ freunden, hinweg mit dem Henotikon, mit Got⸗ tesläſterung und weltklugem Frevel! Der wahre Glaube wird ſeine Bekenner ſchützen, und ſo der Feind herandringt in ſeiner Wuth, wird * Geſchichtlich. Als nach der verlorenen Schlacht bei Koſſova Johannes von Hunyad ſich in der Einſamkeit düſtern Gedanken überließ, trat ein unbekannter Greis zu ihm, ſprechend: Byzanz ſei das Verderben der Chriſtenheit, und nim⸗ mer könne ſie Ruhe hoffen, bis es gefallen. Der ungariſche Feldherr führte nachher dieſe Pro⸗ phezeihung oft im Munde.— — 357— ſeine Kraft erlahmen an der nämlichen Stelle, wo ich, Euer Patriarch, jetzt ſtehend, Euch des Himmels Willen verkünde, und dieſer Stier wird ſeine Hörner gegen ihn richten, und er wird erſchreckend zurückfliehen!*) Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf dieſe nachdrückliche Rede, gleich als ſcheue man ſich, ſelbſt das Echo der Worte aus ſo geheiligtem Munde zu unterbrechen, das von den Gebäu⸗ den ringsum wiedertönte, dann aber brach tauſendſtimmig der gewöhnliche byzantiniſche Zuruf aus: Viele Jahre, viele Jahre!— und in ihn miſchte ſich das Geſchrei, erſt von den Mönchen erhoben, dann beinahe von Allen wiederholt: Thauma, Thauma, Miracu- lum!— welches im Griechiſchen und Lateini⸗ ſchen„Wunder“ bedeutet. Zuerſt riefen es abermal die Kloſterbrüder und abermal folgte die Menge, und ſehr Viele behaupteten, mit eigenen Augen geſehen zu haben, wie der marmorne Stier von Ery⸗ manthus, ein Denkmal der Fabellehre, das 9 Auch eine alte Vorherverkündigung, durch die Zeitumſtände aus dem Schlummer der Vergan⸗ genheit erweckt. — Erzeugniß eines heidniſchen Künſtlers, dem Worte des chriſtlichen Hohenprieſters gehorchend, das gewaltige Haupt geſenkt und die drohen⸗ den Hörner wie zur Vertheidigung vorgeſtreckt habe. Vielleicht hatte der Großherzog davon nichts geſehen, doch glaubte er den Eindruck benuz⸗ zen zu müſſen und ließ ſich mit eben ſo lauter, aber tieferer und volltönenderer Stimme als Gennadios vernehmen: Sehet, Ihr Bürger, ſchon hat das uralte Wahrzeichen der Konſtan⸗ tinopolis dargethan, es empfinde die Nähe des Feindes; habt ihr weniger Sinn als dieſes ſtei⸗ nerne Bild, mag das Wort des alleinigen Glaubens, das den Marmor durchdringt, nicht Fleiſch und Bein, nicht Eure Herzen erſchüt⸗ tern? Wozu ſtehet Ihr hier? Wollet Ihr dem Apollyon Hoſianna zurufen? Horchet Ihr auf die Glocken, die von den entweihten Paläſten gläubiger Kaiſer herniedertönen, die auf den Kuppeln der Kirchen ſelbſt eine abtrünnige Geiſt⸗ lichkeit in Bewegung ſetzt, mehr dem Gebote des Menſchen gehorchend als ihrer heiligen Pflicht? Auf, folget uns nach Aja Sophia; dort ſind die gläubigen Diener des Allerhöch⸗ ſten verſammelt, auch dort wird Hoſianna ge⸗ rufen, doch dem Herrn des Himmels, nicht dem Fürſten der Finſterniß; auch dort tönen die Glocken, aber dem Heiligen zu Ehren, den die höchſte Macht auf die ihm gebührende Staf⸗ fel zurückgeführt aus der ſchmählichen Haft der Glaubensverfolger, nicht den Boten zu begrü⸗ ßen, welchen die Verworfene auf den ſieben Hügeln an der Tiber uns ſendet.—— Er wandte darauf langſam ſein Roß und ritt triumphirend von dannen, begleitet von dem übermüthigen Träger der zerriſſenen Kutte, von ſeiner Schar, von den Mönchen und dem größten Theile des Volkes, ſo daß es auf dem Stierplatze ziemlich leer ward. Aber nach und nach ſah man Einige zurückkehren nach au⸗ genſcheinlich kurzem Geleite, dann Mehre, dann Viele, welche vermuthlich in Erwägung genommen hatten, der Einzug eines römiſchen Kardinals in Byzanz ſei ein neueres und ſelte⸗ neres Schauſpiel als die Einſegnung eines Pa⸗ triarchen, welche man, in der letzten Zeit zu⸗ mal, ziemlich oft erlebt hatte. Es iſt zur Steuer der Wahrheit anzumerken, daß unter den Zurückkehrenden ſich nicht wenige Kloſter⸗ 55— geiſtliche und Novizen befanden, und bald ragte wie vorher das Stierbild allein über eine gedrängte Menge empor. Indeſſen war der Zug näher gekommen, und bald darauf erſchien er in ſeinem Glanze und ſeiner Feierlichkeit. Zuerſt zeigte ſich auf einem mit reichen Decken behangenen, von eben ſo reichgekleideten Dienern geführten Maulthiere, im veilchen⸗ farbenen Gewande eines Prälaten, des Kar⸗ dinals Kreuzträger. Wie billig, wich auch hier menſchliche Hoheit der göttlichen; aber nicht wie es bei Legaten gewöhnlich, ward das Zei⸗ chen des Heils hoch emporgetragen, ſondern in geſenkter Richtung, damit das byzantiniſche Volk nicht Argerniß an dem Symbole nehme, deſſen Form von der in der griechiſchen Kirche angenommenen abwich, auch glaubte die röm⸗ iſche Curie, ſolch Zeichen der Achtung der Würde des Patriarchen erweiſen zu müſſen, in deren Beſitz ſie noch den ſanftmüthigen Eutropios wähnte, von deſſen Hinneigung zum Henotikon ſie ſich die erſprießlichſten Dienſte verſprach. Darauf folgte umgeben von einige Großen des oſtrömiſchen Reiches und anderen Vornehmen — 61— unmittelbar der Legat ſelbſt. Sein Außeres ent⸗ ſprach ganz der Vorſtellung, welche die Muhme des Reichsadmirals von ihm gefaßt hatte, er ſtand noch in den Jahren männlicher Kraft und war rüſtigen Anſehens, gewiſſermaßen kriegeriſchen ſogar, Trotz dem breitkrempigen rothen Hute mit neunfacher Quaſtenſchnur umwickelt, Trotz dem purpurfarbigen Talar, deſſen Schweif über den des Pferdes beinahe bis auf das Pfla⸗ ſter herabhing; er ſaß gut zu Roß und führte es mit Anſtand und Sicherheit, ſein Blick auf das Volk, welches er ſich abgeneigt wußte, war unerſchrocken und doch leutſelig und Ver⸗ trauen erweckend, ſanfter ward er und das et⸗ was völlige, aber ſchöngefärbte und wohlgebil⸗ dete Antlitz erheiterte ein Lächeln, als er die vornehmen Frauen und Jungfrauen auf den Altanen begrüßte, in einer Weiſe, welche zwi⸗ ſchen der Verbindlichkeit des Weltmannes und der Würde eines Kirchenfürſten die Mitte hielt, kurz Kardinal Iſidorus hatte wenig von einem Frömmler an ſich, nur ſo viel als ſich gebühr⸗ te, von einem Prieſter und gar nichts von ei⸗ nem Italiener. Auch war er es nicht, ſondern ein Ruſſe, das heißt, ein Eingeborener des — 62 Landes, welches eigentlich dieſen Namen führt, welcher erſt ſpäter mit dem Beſitz deſſelben den Moskowiten überkommen, damals aber der polniſchen Krone unterthan war, und zur ſel⸗ bigen Zeit dem Kazimierz Jagiello, Könige von Polen und Großfürſten von Litauen. Aus einem edlen Geſchlechte ſtammend, lag er in der Jugend dem ritterlichen Waffenhand⸗ werk ob, bis Verhältniſſe ihn in den geiſt⸗ lichen Stand treten ließen, der griechiſchen Kirche nämlich, welche in ſeinem Vaterlande die herrſchende war. König Kazimierz der Vierte, wenn gleich eines geweſenen Heiden(Wladis⸗ law's Jagiello) Sohn, doch ein eifrig katholi⸗ ſcher und gern bekehrender Fürſt und bemüht, die Kirchenvereinigung zu befördern, ward auf⸗ merkſam auf den noch jungen Prälaten, der ſeine Meinung theilte und verfocht, und der, als der Haß der Altgläubigen ihn zu verfol⸗ gen begann, ſich nicht nur theilweiſe, ſondern ganz von ihnen trennte, ſich zum römiſchen Glauben bekennend. Nach einem kurzen Aufenthalte am Hofe zu Wilno ſendete ihn der König mit Em⸗ pfehlungen nach Rom, wo er theils durch die⸗ ſelben, mehr aber noch durch ſeine eigenen Ga⸗ ben ſich in kurzer Friſt zum Mitgliede des hei⸗ ligen Collegiums erhob. Nicht mit Unrecht hatte Eugenius der Vierte den welt⸗ und kriegkundigen, mit bei⸗ den Glaubenslehren, ihren Gründen und Ge⸗ gengründen genau bekannten Iſidorus zu einer Sendung erwählt, bei welcher es nicht nur galt, hartnäckige Schismatiker mit geiſtigen Waffen und abgeneigte Große mit denen der Klugheit und Beredſamkeit zu bekämpfen ſon⸗ dern auch vielleicht mit leiblichen, den allge⸗ meinen Feind der Chriſtenheit. So war denn auch wie er ſeine Begleit⸗ ung halb geiſtlich, halb kriegeriſch, und das letztere noch mehr, aus einigen Prälaten beſteh⸗ end, aus ungeführ dreifig Prieſtern, Diako⸗ nen und Chorknaben und dreihundert Armbruſt⸗ ſchützen. Mit ihm ritten an der Spitze des Zuges alle die abendländiſchen Herren und Krie⸗ geshauptleute, welche ſich in Konſtantinopel befanden, die Genueſer Giuſtiniani, Langas⸗ co, Cataneo Gudelli und Gebrüder Bochiardi, die Venetianer Girolamo Minotto, Bailo der Republik, der Galeerenhauptmann Dinio, Tre⸗ viſano und Contarini, Johannes der Illyrier, der Zeugmeiſter Johannes Grant, Don Pedro Juliani, der caſtiliſche Conſul und Don Fran⸗ cisco von Toledo, Sohn des Herzogs von Alba. Geringer war die Anzahl oſtrömiſcher Her⸗ ren, man ſah unter ihnen den Protoſtator der Bogenſchützen, Theodoros von Kariſtos, Deme⸗ trios Kantakuzenos und den Vornehmſten un⸗ ter ihnen, Theophilos den Palaeologen, vom Kaiſer dem erlauchten und herbeigewünſchten Gaſt entgegengeſandt und ihm dicht zur Seite. Im reichſten Waffen⸗ und Prieſterſchmuck glänzte die Schar, und der ungewohnte An⸗ blick abendländiſcher Pracht hatte zu viel Ein⸗ druck auf die byzantiniſchen Gaffer gemacht, um nicht alle Empfindung in die Augennerven zu drängen, und— ſetzt der böhmiſche Frater, ſehr von der erhabenen und würdigen Sprache ſei⸗ nes Originals abweichend, hinzu— ihre Mäu⸗ ler ſtanden viel zu weit offen, um ſie zum Schelten und Schmähen kommen zu laſſen, wozu ſie doch großen Trieb hatten, und was ſie auch nachgehends weiblich gethan. So kam es denn, daß der Kardinallegat — 65— unangefochten über den Platz gelangte und zum Palaſte der Phranzes. Bereits hatte die ſtatt⸗ liche Außenſeite des Gebäudes ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit erregt, die purpurbeſetzten Teppiche des Altans verriethen ihm die Gegenwart kaiſerli⸗ cher Prinzeſſinnen, und als der Despot von Meſembrya ſich gegen Zoe und Irenen verneig⸗ te, that er ein Gleiches, dann aber wandte er ſich plötzlich zu Theophilos und ſprach leiſe: Wahrlich, Prinz, unter glücklichen Vorzeichen betrete ich die Kaiſerſtadt Deines Oheims, un⸗ ter glücklichern als ich hoffte; die Furien des Haſſes und der Zwietracht, meinte ich, wür⸗ den das Haupt gegen mich erheben, ich ſehe ſie verſtummt und mir iſt, als habe mich ſtatt ihrer ein Engel begrüßt— Der Malaeolog glaubte dieſen Engel zu kennen und neigte ſich in unwillkürlicher Dank⸗ barkeit gegen ein Lob, das ihn erfreute; als er aber die Augen auf Iſidor richtete, ſah er in deſſen Geſicht einen ſeltſamen Ausdruck freudigen Ernſtes, der nicht für gewöhnlich ein hingewor⸗ fenes Wort der Höflichkeit begleitet. Gemeſſenen Schrittes bewegte ſich der Zug am Palaſte vorüber, ſo daß die Schauerinnen III. 5 — 66— beinahe jeden Einzelnen genugſam beantlitzen konnten, und wie die Andern befriedigte auch Irene ihre Neugier. Mit Wohlgefallen ſah ſie die ſtattlichen Fürſten und Heerführer, mit noch größerm Wohlgefallen vielleicht den ſtattlichſten unter ihnen, den ritterlichen Theo⸗ philos; als aber die erſte Reihe vorüber war, gewahrte ſie in der zweiten, dicht hinter dem Kardinal reitend, einen mit überladenem bunten Prunk gekleideten, aber übelgeſtalteten Mann, bei deſſen Anſchauen es ihr wie eine unbe⸗ ſtimmte Erinnerung ankam, als habe ſie ihn ſchon geſehen. Wie er nun darauf ſie ehrerbietig, aber doch in der Weiſe eines Gekannten begrüßte, war die Erinnerung heller, und als ſeiner Ver⸗ beugung eine Art von Kopfnicken folgte, ver⸗ traulicher Gattung und von einem deutſamen Lächeln begleitet, wandte ſie ſich raſch, um zu ſehen, wem dieſe ungezwungene Geberde ge⸗ golten, und Mele, die beim Erſcheinen des Legaten ſich auf einige Augenblicke entfernt hat⸗ te, ſtand wiederum hinter ihr. Der huntgekleidete übelgeſtaltete aber war —— kein Anderer als jener genueſiſche Schiffpatron, der den räthſelhaften Fremden nach dem Teu⸗ felseilande geführt. Der Abend war hereingebrochen nach einem vielgeſchäftigen Tage, nicht für Irenen allein in ihrem Putzgemache von ſchimmerndem Tande umgeben, auch für ihren Vater und Bruder, welche während des ganzen Laufes deſſelben in den Blachernen verweilten, wahrſcheinlich be⸗ griffen in ernſterem Thun, auch für die Haupt⸗ ſtadt insgeſammt, in der es leiſe, aber wun⸗ derlich wirbelte und wogte. Der Auguſtus hatte gleich nach dem Empfange des Legaten, der von ihm gehaltenen lateiniſchen Meſſe in der Kapelle des Palaſtes beigewohnt, die Geiſt⸗ lichkeit ſeines Hofes dieſelbe bedient und es fehlte daher nicht an frommen Seelen, die das nahe Ende aller Dinge verkündeten, nicht an umherſchleichenden Kuttenträgern, die mit leiſem Hauche die dunkle Gluth des Fanatismus an⸗ fachten, noch an Solchen, die von ihr er⸗ griffen, die ſieben Hügel des neuen Roms be⸗ 5* ſchworen, ſich vernichtend über die neue Ni⸗ nive herabzuſtürzen. Völlig geſchmückt ſtand die Archontibe zwi⸗ ſchen den Dienerinnen, und die Weiße, welche heut emſiger als ſonſt ihres Amtes gewartet, ſprach, mit milder Freundlichkeit in das von Ei⸗ telkeit, Hoffnung und Freude bewegte Antlitz der Jungfrau blickend: Du trittſt nun in das Haus des Glanzes und der Herrlichkeit, doch möge es Dich nicht befremden, wenn Du auch ſchweifende Schatten erblickeſt, denn ſolches iſt des Irdiſchen Bedingniß; Du naheſt dem erſten Gekrönten der Erde, doch wenn der Schimmer ſeines Diadems Dir verdunkelt erſcheint, ſo gedenke, es ſei der Schatten des Böſen, das jedem nahe iſt, ſo hoch er auch ſtehe vor den Menſchen, ja vor Gott ſelbſt, von deſſen ewi⸗ gem Throne allein es machtlos zurückweicht. Ja Jedem iſt es nahe, dem am meiſten, der es nicht ahnt; wer es aber erkennt, den mag es wohl ſchädigen, jedoch nimmer gänzlich ver⸗ derben. Wohl— fügte Mele hinzu— Wohl iſt es herrlich, das Haus der Auguſte, dennoch ge⸗ mahnt mich ſein düſterer Purpurſchmuck gleich dem Abendrothe nach einem ſonnigen Tage, dem nun bald die Nacht folgen ſoll. Aber — ſetzte ſie leiſer hinzu, gegen die Herrin ge⸗ beugt— der Nacht folgt wiederum ein Tag, und der, welcher die hohe Macht geneigt iſt, welche als Symbol den Morgenſtern führt, iſt s vielleicht beſchieden, ihn heraufzuführen und das düſter gewordene Vaterhaus in eine ſchim⸗ mernde fröhliche Heimat zu wandeln.— Da ſagte Leuke, als ſei ihr kein Wort des Geflüſters entgangen: Es wird geſchehen, wie es beſtimmt iſt von dem, welchem Sonne und Abendroth und Morgenſtern gehorchen, aber gewiß iſt jegliche Stelle auf Erden, ſelbſt der Herrſcher goldner Palaſt nur ein dunkler Vor⸗ hof der ewigen Heimat, nicht um auf ihr zu verweilen, ſondern um ſie zu durchſchreiten be⸗ ſtimmt.— Solch Geſpräch hatte den Gedankenflügeln Irenens einiges von dem Schmetterlingſtaub abgeſtreift, in dem ſie prangten, und ihre Stimmung ſollte noch ernſter werden, als ſie die Halle der Mutter betrat. Zwar zeigte ſich die Prinzeſſin Theophano gerade wie es der Augenblick begehrte, als fürſtliche Matrone, im * Begriff, die bochgeborene Tochter dem Haupte ihres Hauſes und des Reiches, dem kaiſerlichen Bruder vorzuſtellen; ſie verſchmähete die Sorge für kleinliche Erforderniſſe des Anſtandes nich, und entzog eben ſo wenig dem Schmucke der Tochter die muſternde Aufmerkſamkeit, aber ihre Wangen waren bleicher, ihre Stimme we⸗ niger feſt als ſonſt, und um die bewölkten, ſogar etwas gerötheten Augen, um die noch leicht gefaltete Stirn lag es wie die Spur von Empfindungen, welche nur ein ſtrenges Gebot, an ſich ſelbſt gerichtet, zurückgedrängt hätte. Weniger gehorchte dieſem der Mißmuth der Prinzeſſin Zoe, welcher ſich in ihren Geberden kund gab und in den zu Irenen geſprochenen Worten: Ich bedauere Dich, Schweſter, und uns Alle bedauere ich. Statt des mildreichen Oheims, fürchte ich, wirſt Du heute nur den Herrſcher erkennen, deſſen Sorge ihm nicht vergönnt, was er ſo gern iſt, Menſch und Verwandter zu ſeyn. Statt einer traulichen Verſammlung von Blutfreunden, wird die Jüngſte derſelben nur einer Haupt⸗ und Staats⸗ handlung beiwohnen, drum bedauere ich Dich und uns, weil es jetzt immer ſo iſt und wohl noch ferner ſeyn wird. Allzu offen iſt der Pa⸗ laſt der Auguſte, von allzu vielen Seiten durchweht ihn der Wind, als daß man ſich wärmen könnte an ſeinem Herde, und kaum iſt ein friedlich Wort an demſelben gewechſelt, ſo unterbricht es die Stimme der Zudringlich⸗ keit und des Haſſes. Mit ehrfurchtvollem Schauder betrat das Mädchen von Antiparos den Sitz der Palaeo⸗ logen, den Blachernenpalaſt, und ihr Herz er⸗ weiterte ſich in den weiten, im prachtvollſten Style neuerer Baukunſt geſchmückten Räumen. Aber dieß Erweitern ward peinlich durch die Stille, die hier herrſchte, kaum durch ein Wort und den Laut eines Schrittes unterbro⸗ chen, ſo daß die Gegenwärtigen, ſo zahlreich ſie auch Gänge und Gemächer erfüllten, in ihrer ſeit uralter Zeit unveränderten Hoftracht gleich den Geiſtern derer gemahnten, die vor Jahrhunderten den Thron der Cäſaren umring⸗ ten. Selbſt das leiſeſte Geräuſch erſtarb bei der Annäherung der Authentopulen, und auch dieſe und ihr Geleit ſchritten wort⸗ und laut⸗ los einher. Noch düſterer ward es bei dem Eintritte in — die eigentlichen Purpurgemächer, die überall ſich gleiche dunkelfarbige Bekleidung der Mauern ſog das Licht der unzähligen ſilbernen und gol⸗ denen Candelaber in ſich, nur ſchwach es zu⸗ rückſtrahlend, dichte Teppiche am Fußboden machten jeden Schritt unhörbar, und ſo war es als ſchleiche ein Zug Leidtragender durch eine lange Reihe Trauergemächer dem Prunk⸗ bette eines erlauchten Leichnams zu. Auch ein⸗ ſam war es hier, denn nach des Kaiſers Wil⸗ len ſollte der engere Verein, zu dem nur die Mitglieder ſeines Hauſes und ſeiner Vertrau⸗ teſten den Zutritt hatten, der großen Verſamm⸗ lung vorangehen. Da unterbrach die lange Zimmerreihe ein eirunder Saal von gefällig großartiger Form, „ doch düſter war er ebenfalls, obſchon nicht mit purpurnem Sammet bekleidet, denn der Por⸗ phyrſtein, der deſſen Stelle vertrat, trug die nämliche Farbe. Nur ein Theil der Wand glänzte in weißem Marmor, auf welchem in halb erhabener Arbeit ein Reiterbild zu ſehen war, Es trug die Züge Konſtantin's des Gro⸗ ßen, doch als Sankt Georg dargeſtellt, auf hoch ſpringendem Roſſe, mit der Lanze den — 73— Rachen des Lindwurms durchbohrend. Es war dieß ein Erzeugniß der Kunſt aus der Zeit des fallenden Reiches, und Baſilios, des Macedo⸗ niers Sohn, ſollte es in dieſem, dem älteſten Theile der Blachernen aufgeſtellt haben, der ſchon erwähnte Leo der Philoſoph, deſſen noch nach ſechſthalbhundert Jahren die Sage als eines in geheimen Künſten erfahrenen Kaiſers erwähnte. Als die Mutter Irenens an dem Denkmal vorüberging, hemmte ſie auf kurze Zeit ihren Schritt und betrachtete es prüfend, dann ſetzte ſie ihren Weg fort, ohne ein Wort geſprochen zu haben, doch mit etwas raſcherem, gleichſam erleichtertem Weſen, die Prinzeſſin Zoe aber eilte an ihm vorbei mit abgewendetem Auge und wie innerlich ſchaudernd. Es ruht— ſprach ſie auf Irenens ver⸗ ſtohlene Frage mit gedämpfter Stimme, die aber doch an den Porphyrwänden wunderlich wiederhallte, als vermöge in dieſen dem Schwei⸗ gen geweiheten Sälen auch der leiſeſte Laut das Echo zu wecken— Es ruht auf dieſem Bilde ein Geheimniß, doch nur dem kaiſerlichen Ge⸗ ſchlechte bekannt, deſſen Ahnherrn Manuel es auf übernatürliche Weiſe kund worden. Dir, welche auch zu ſeinen Nachkommen gehört, kann es wohl mitgetheilt werden, doch von mir for⸗ dere das nicht, nicht hier in ſeiner unheimli⸗ chen Nähe, die mir den Athem verengt, obgleich ich in den Zügen der Schweſter ſehe, daß noch Alles iſt wie zuvor. O unheilvolle Zeit, da der ängſtige Blick ſpäht, ob es auch ſo iſt!—. Während dieſer räthſelhaften Worte war man in eine neue Zimmerreihe getreten, der vorigen an purpurner Bekleidung gleich, doch etwas erheitert durch reiche Goldzierathen, Pilaſter und Decken mit Malerei und Moſaik geziert. Aber am Ende derſelben öffnete ſich ein weiter Raum, düſter ⸗prachtvoller noch als alles Vorhergehende. Zwar brannten auch hier Hunderte von Kerzen, aber das Licht einer jeden ſchien ſtrahlenlos und vereinzelt, ohne Wirkung auf die dunkelrothen Behänge mit dunkelrothen Franzen beſetzt und nur durch Porphyrſüulen in abgemeſſenen Zwi⸗ ſchenräumen unterbrochen, deren Oberfläche den Schimmer ſchwach und blutig zurückwarf. Wohl beſtand die Decke aus einem faſt unge⸗ heuern Gemälde, aus riefenhaften Geſtalten — 75— zuſammengeſetzt, aber es war ſo hoch über dem Fußboden erhaben, daß der Schimmer der Leuchten nur unvollkommen zu ihm emporſtieg, ſo daß es erſchien gleich einem formloſen Ge⸗ wirr, in dem jene Geſtalten geiſterartig und be⸗ drohlich herabſchauend ſchwebten. So brach ſich die Erleuchtung denn nur an einem Ge⸗ genſtande, und dieſer Gegenſtand glich einem großen Katafalk, von ſeltſamen Thierformen ge⸗ tragen. Wir befinden uns im allereigentlichſten Pur⸗ purgemache, im Thronſale des Cäſar Auguſtus, und jenes Gerüſt war der Thron, dem ſalo⸗ moniſchen gleich von ſechs goldenen Löwen um⸗ ringt, nach dem alten Gebrauche der oſtrömi⸗ ſchen Kaiſer auch in den Blachernen aufge⸗ ſtellt, doch ohne das brüllende und Leben heu⸗ chelnde Räderwerk, welches zur Zeit des Alexios Komnenos ein franzöſiſcher Kreuzfahrer zerſtörte. Hart hinter dem Throne zog ſich eine Reihe Säulen hin, deren Zwiſchenräume herabwallende Vorhänge verhüllten, ſie umſchloß die Halle, in welcher die Kaiſerinnen ihr Kindbett zu hal⸗ ten pflegten, und die dem dort das Licht der Welt Erblickenden den Namen des im Pur⸗ — 76— pur Geborenen verlieh, der Schauplatz der jun⸗ gen Lebenshoffnung dicht an der Stelle, neben welcher nur allzu oft die Furcht ſtand und die Sorge, die Wiege dicht an dem Sitze, von dem man ſo Viele, die ſtolz auf ihm thronten, plötzlich in das Grab ſtürzen ſah. Einige Zeit noch währte die Einſamkeit und die Stille in der weiten Halle, nur durch Ge⸗ flüſter unterbrochen, der Höflinge, die den Au⸗ thentopulen ihre Ehrfurcht bezeigten, der fra⸗ genden Irene und den antwortenden Gemahlin ihres Bruders, die, eine Eingeborene dieſes Ortes, dem Inſelzöglinge erklärte, was Dunkel und Fremdartigkeit der Gegenſtände ihr undeut⸗ lich machten. Schon unter den erſten Nachfolgern des Theodoſios waren die Formen der Hofſitte ent⸗ worfen und ſeitdem ſtreng beobachtet worden, außer während den in der byzantiniſchen Ge⸗ ſchichte nur allzu häufig vorkommenden Scenen, welche die gezwungene, gleich einem Uhrwerke geſtellte Ordnung in gänzliche Verwirrung um⸗ geſtalteten; ſie ſchrieb genau die Zeit vor, in welcher der Auguſtus bei feierlichen Veranlaſſun⸗ gen aus ſeinen innern Gemächern hervortrat, die —— Zahl und das Maß der Schritte, die zu thun ihm oblag, die Wahl und Zahl der Zimmer, welche geöffnet wurden, ſogar die Erleuchtung. Das Schweigen oder vielmehr Leiſereden und Gehen war, wie ſchon erwähnt, eins der er⸗ ſten Geſetze im kaiſerlichen Hofhalte, bis des Monarchen Erſcheinen es löſ'te und ſein Beiſpiel die Loſung zu allgemeinem Geſpräch und ungezwungenerer Bewegung gab. Wohl betrachtete Konſtantinos des Vierzehnten ernſter und männlicher Sinn dieſe Kleinlichkeiten in ihrem wahren Lichte, wohl entäußerte er ſich der⸗ ſelben im vertrauteren Kreiſe, aber öffentlich hielt er mit Strenge darauf, denn er meinte nicht mit Unrecht, je mehr es der Majeſtät am Weſentlichen gebreche, deſto mehr ſei ihr äußerer Glanz zu erhalten, damit der nachläſſig getra⸗ gene Purpur nicht das bejammernswerthe Ge⸗ rippe hingeſchiedener Macht den Blicken allzu bloß ſtelle. Nach einiger Zeit rauſchte nicht, ſondern ging ganz unhörbar, obſchon raſch in ihren wohlgeölten Angeln eine Flügelthür auf und zwei Geſtalten traten in den Saal. Nein, Geſtalten konnte man ſie nicht nennen, we⸗ — 78— nigſtens erſchienen ſie dem Auge nicht ſo. Nicht das kleinſte Stück der Gewänder des Auguſtus und der Auguſta, nicht ein Faden war an denſelben zu ſehen, der nicht purpurn geweſen; ſo verſchwanden beinahe gänzlich die dunklen Umriſſe gegen die dunkle Wand, und nichts war zu unterſcheiden als die Angeſich⸗ ter Mariens und Konſtantinos, welchen jegli⸗ cher Anflug dieſer Farbe abging, im ſeltſamen Gegenſatze, in beinahe ſchneeiger Weiße ſchim⸗ mernd, und bei der Erſten noch halb durch ei⸗ nen Schleier verhüllt, bei dem Zweiten durch einen ſchwarzen, nicht langen, aber lockigen Bart, und erſt in größerer Nähe bemerkte man den Glanz der goldenen Adler auf der Fußbekleid⸗ ung des Kaiſers, und des Reifes ſeiner Stirn. Während ſich der Hintergrund des Saales leiſe mit Fürſten, Archonten und Hofleuten füllte, ergriff die Prinzeſſin Theophano Irenen bei der Hand, führte ſie zum Monarchen und beugte vor ihm das Knie, indem ſie der Toch⸗ ter andeutete, ein Gleiches zu thun, dann ſprach ſie im Tone der Feierlichkeit: Großmächtigſter Herrſcher, Deine Schwe⸗ ſter und Dienerin führet Dir eine Jungfrau zu, gleichfalls Deine Dienerin geboren, die zum erſten Mal in dem Hauſe ſteht, aus welchem zu ſtammen ihr die Ehre geworden, zum erſten Mal vor dem Haupte deſſelben und des Reiches, verhoffend, es werde ein Strahl Deiner Herrlichkeit und Gnade auf ſie fallen.— Der Auguſtus beugte ſich ſchnell und hob Mutter und Tochter empor, dann ſagte er zu der Erſtern: Warum ſo förmlich, Schweſter Theophano? Wir ſind ja noch— hier unter⸗ brach er ſich und ſetzte mit einem tiefern Athem⸗ zuge hinzu— noch ſind wir ja allein. Habe Dank für die liebliche Gabe, die Du den Reich⸗ thümern Deines Hauſes hinzufügſt, den beß⸗ ten, die es enthält, denn meiner Schweſter und langjährigen Freundin Tochter gleicht, das bin ich überzeugt, ihrer Mutter.— Während dieſes kurzen Vorganges hatte Irene Zeit, den erhabenen Oheim näher zu betrachten; ſie fand beſtätigt, worauf ſchon mehre Andeutungen ſie vorbereitet, und doch minderte ſolche Wahrnehmung nicht die Wirk⸗ ung des Anblickes. Das war wohl nicht eine Herrſchergeſtalt, wie die Einbildekraft der Ju⸗ — 80— gend, der Wahn der Unkunde ſie ſich aus⸗ mahlt, er glich nicht jenem Zeus im Planeten⸗ dome, dem Symbole der Gewalt, der hoch herab um ſich ſchauete in ſiegendem Stolze, auf ſeinem Antlitze das unvergängliche ſteinerne Lä⸗ cheln fort und fort befriedigter Willkür, auch glich er nicht einem Andern.—— Und doch bewegte er ihr Inneres, zwar mit gemiſchter, aber um ſo ergreifenderer Empfindung. Höchſt edel war die hohe, ſchlanke, beinahe hagere Geſtalt, obſchon ſie das Haupt etwas gebeugt trug, als ruhe das ſo leicht ſcheinende Diadem nicht nur zur Zierde auf ihm; der Schimmer der Jugend war aus ſeinen wohlgeformten Zü⸗ gen gewichen, aber es war, als hätten ſie eben dadurch die höchſte Vollkommenheit erlangtz groß und ausdruckvoll ſchaueten die Augen aus dem bleichen Geſicht, und aus ihnen ſprach Muth, und wenn dieſem Muthe vielleicht die Freudigkeit abging, ſo erſetzte derſelben Stelle ein tiefer ruhiger Sinn; dieſe Augen mit dem leichten Nebel, der ſie umflorte, glichen der Sonne, die durch Wolkenſtreifen ſtrahlt, be⸗ mühet, ſie zu zerſtreuen, und ob es auch ihr nicht gelänge, ſtrahlte ſie doch herrlich im Auf⸗ — 81— gang, und wird herrlich untergehen. Seine Stimme war volltönend, doch durchzitterte ſie ein tiefbeweglicher Klang, wie man ihn an den Glocken gewahr wird, die einen reichen Zu⸗ ſatz von edlem Silbermetall enthalten. Dieß iſt die Beſchreibung, welche der griech⸗ iſche Verfaſſer unſerer Legende von Konſtanti⸗ nos Dragoſes entwirft, dieß der Eindruck, den, wie er verſichert, der Kaiſer auf ſeine Heldin gemacht. Nun wandte ſich Jener zu Dieſer und ſagte mit mildem aufmunternden Tone: Sei mir willkommen, Nichte, an meinem Hofe.— Darauf ſetzte er lächelnd hinzu: Deine Mutter ſprach von der Herrlichkeit, die Dein Blick zum erſten Mal ſchaue, doch meine ich, der Pfleg⸗ ling des Weltweiſen auf Antiparos wird hin⸗ länglich vorbereitet ſeyn, um ihren Werth zu kennen, um zu wiſſen, daß ſie ihn nicht dem ertheilt, den ſie bekleidet, ſondern ihn von ihm empfängt, und der nicht ſcheidet mit ihr. So gedenke denn auf der erhabenen Stelſe, welche die Geburt, welche vielleicht dereinſt noch das Schickſal Dir beſchieden, des Wortes, das der zu Dir ſpricht, den des höchſten Herrſchers III. 6 Wille an die erhabenſte geſtellt. Auch meine Gnade nannte Deine Mutter; Gnade iſt ein umfangreiches Wort, weithin verhallend, ſelten wiederhallend in Dankbarkeit. Du aber ſieheſt mir näher, Theophano's Tochter hat ein Recht auf meine Zuneigung, und wie ſie wirſt Du, hoffe ich, ſie dankbar vergelten.— Ewig! mein kaiſerlicher Herr und Ohm! — verſetzte die Jungfrau aus dem Innerſten des jugendlichen wohlthuend berührten Herzens, und Konſtantinos fuhr fort: So begrüße ich Dich denn nochmals im Hauſe Deiner Ahnen, Tochter der Schweſter, Tochter und Schweſter der Freunde.— Er ſtreckte hier die Hände nach den näher getretenen Ariſtobulos und Ge⸗ orgios aus, der Erſte ergriff ſie mit Ehrerbiet⸗ ung und führte ſie an ſeine Lippen, der Pro⸗ toveſtiarios aber trat, einen Blick auf die Ar⸗ chonten im Hintergrunde werfend, etwas zu⸗ rück und legte die verſagte Rechte mit tiefer und förmlicher Verneigung auf die Bruſt. Des Kaiſers Auge folgte wie unwillkürlich dem ſei⸗ nen, und es war als beſchatte es für einen Moment eine dichtere Wolke, dann aber ſprach er mit verſtärkter Stimme und feſt: Ja, Freunde habe ich geſagt.— Man hat mir be⸗ richtet— fuhr er darauf mit verdoppelter Freundlichkeit gegen Irenen fort: Du habeſt bisher in einer Welt gelebt, ziemlich verſchieden von der, in welcher Du jetzt Dich befindeſt, mögeſt Du bald in ihr einheimiſch werden. Es erfreuet mich, daß es mein Neffe Theophilos war, welcher Dich zu mir geführt; immer brachte die Gemeinſchaft der Palaeologen und Phranzes Beiden Gewinn.— Der wiederum abſichtlich ſcheinende Nachdruck, mit dem der Auguſtus dieſe Worte betonte, er⸗ höhete, wiewohl er wahrſcheinlich nicht ihr galt, die Verwirrung, welche ihr deutſamer Inhalt in Irenen erregt, und in derſelben noch be⸗ fangen, beugte ſie das Knie vor der Kaiſerin. Die georgiſche Fürſtentochter rechtfertigte den Schönheitruf ihrer Landesgenoſſinnen, aber ſchon hatte die ſcharfe Luft, die den Thron von Byzanz umwehete, den Glanz der Blume gebleicht, ſie ſchien daniedergedrückt von der Laſt, welche das Haupt der königlichen Eiche neben ihr nur unmerklich beugte, und faſt kla⸗ gend waren die weichen Töne, in denen ſie die Nichte willkommen hieß. 6* — Im nämlichen Augenblicke aber, da dieſes geſchah, ließ ein fernes Läuten ſich vernehmen, und urplötzlich wie auf den Wink eines Zau⸗ berſtabes ſtrahlte der Saal in blendendem Schimmer, ſich von tauſend Ampeln eines ge⸗ gewaltigen Leuchters ergießend, der aus der ge⸗ öffneten Decke herabſank, eine feierliche Muſik ertönte in den nahen Seitengemächern, der Auguſtus beſtieg den Thron, auf einem etwas niedrigern Seſſel ließ Maria Komnena, die Kaiſerin, ſich nieder, die Prinzeſſinnen auf ähnlichen, zu beiden Seiten reiheten ſich die Fürſten, Archonten und Großen in glänzender Schar, und durch die Pforte des Vordergrun⸗ des ergoß ſich eine zahlreichere, eben ſo glän⸗ zende Verſammlung in der Halle. Da ergab ſich ſtracklich in Kaiſer Konſtan⸗ tinos Weſen eine Veränderung; ſein bis jetzt etwas gebücktes Haupt richtete ſich empor, der Strahl ſeines Blickes ſchien den mildernden Nebel zu durchbrechen, der ihn umgab, es war ſogar, als ſchimmere auf ſeinen Wangen der Wiederſchein des Purpurs, und ein, obwohl nicht ſiegendſtolzes, doch würdiges Herrſcherbild wär er anzuſchauen zwiſchen den Löwen, ernſt und majeſtätiſch auf die dem Throne ſich Nahen⸗ den herabſehend; unter dieſen aber waren die Erſten der Patriarch Gennadios in allem Pomp ſeiner wieder erlangten hohen geiſtlichen Würde und der Großherzog Lukas Notaras. Dem Gebrauche ein Genüge zu thun, er⸗ hob er ſich bei Annäherung des Hohenprieſters, ſtieg die erſte Stufe herab und erwartete in ruhiger Würde die Anrede deſſelben. Dieſe ließ ſich auch nicht lange erwarten, denn mit einem Tone, in welchem übermuth und Groll hart an die Grenzen der geziemenden Ehrfurcht anſtreiften, entgegnete der Angeredete: Konſtan⸗ tinos Palaeologos, des Manuel Sohn, der Kaiſer des römiſchen rechtgläubigen Reiches und Auguſtus, ſiehet den vor ſich, welchen der Kö⸗ nig der Könige, gerührt durch das Jammerge⸗ ſchrei ſeiner bedroheten Kirche, als einen ge⸗ treuen Knecht aus der Löwengrube der Unge⸗ rechten gezogen und ihn wiederum erhöhet hat, und ihm angelegt den Panzer, und ihn um⸗ gürtet mit dem Schwerte des Glaubens, auf daß er nach wie vor ſtreite gegen kine Ver⸗ ächter.— Der Kaiſer antwortete gelaſſen: Gewiß 86 kommt jegliches, was ſich begibt, durch den Willen des Herrn; ſo biſt Du auch Patri⸗ arch durch denſelben, und ihn zu ehren, be⸗ ſtätige ich Dich in ſolcher Wärde, verhoffend, Du werdeſt die Obliegenheiten derſelben getreu⸗ lich erfüllen.— Solches gedenke ich auch zu thun— ver⸗ ſetzte Gennadios mit noch übermüthigerer Ge⸗ berde und lauterer Stimme— und zwar bald, denn von allen Seiten ruft es mir zu, es gelte nicht Säumen. Als ich hinaustrat aus der langen Kerkernacht in verſchloſſener Zelle des Gotteshauſes, dem Pantokrator geweiht, ſahen meine vom ungewohnten Lichte des Ta⸗ ges geblendeten Augen das Volk des Herrn, welches in den Kirchen knieen ſollte an den Altären mit Gebet und großem Schreien in ſolcher Zeit des Jammers und der Noth, müſ⸗ ſig gaffend, und fröhlich in ſeinem Wahne ſah ich es auf den Straßen. Da hob ich an und fragte: welch Feſt feiert heute die Stadt der gläubigen Chriſten, durch welch ſegenreiches Ereigniß hat ſich heut die Macht des Herrn Zebaoth offenbaret? Und man antwortete und ſprach: Allerlei Schönes iſt zu ſehen und — Neues, denn der Abgeſandte des alten Dra⸗ chen ziehet ein zu den Thoren der Stadt, die man vor ihm aufgethan, als ſei er, Kyrie elei⸗ ſon! als ſei er der König der Ehren! Und als ich ſo ſtand, betrübt in meinem Sinn, ſchallte es hoch über mir wie Glockengeläut, und ich hob die Augen empor und es war vom Dome der Kirche des Allherrſchenden ſelbſt, daß es erſchallte, und wiederum fragte ich, warum ſolches geſchehe? Und wiederum ward mir der Beſcheid: Solches geſchiehet, den Satansengel zu begrüßen, der da einherkommt mit dem Gräuel der Verwüſtung, und ihn noch heute aufpflanzen wird an gottgeweiheter Stelle, und mit lateiniſchem, dem Herrn mißfälligen Sing⸗ ſang, und derſelbe wird noch heute an den heiligen Hallen ertönen.— Und noch tiefer ward ich beſtürzt in meinem Geiſte, und es gemahnte mich, ich habe viele tauſend Jahre in meinem Kerker gelebt und es ſei indeſſen der Brunnen der Tiefe entſiegelt und das Reich des Antichriſtos gekommen. Da ich nun aber wieder zurückkam von ſolcher Verblendung, jammerte mich des irrege⸗ leiteten Volkes; dann aber entſann ich mich, — S5— wie gleich zu PMetros dem Apoſtel, zu mir der Engel des Herrn in das Gefängniß getre⸗ ten, zu mir ſprechend: Stehe auf und wandle, ſintemal Dich der Herr Herr zu ſeinem Rüſt⸗ zeuge erwählt hat.— Und der Geiſt Gottes kam über mich, und ich entbrannte im Eifer, den Gräuel der Verwüſtung hinwegzuthun vom Allerheiligſten und die Zöllner und Sünder hinauszutreiben aus dem Vorhofe des Tempels, und die Krämer, die ſchlimmer denn Tauben und anderes Geflügel das falſche Wort feil⸗ bieten und den ſchnöden Ablaß der Sünden, und nicht allein ſie, ſondern auch die an ſie glauben und ihre Beförderer, denn es ſtehet geſchrieben, es gilt vor dem ſtarken und ei⸗ frigen Gott kein Anſehen des Menſchen!— Die Kaiſerin ſeufzte tief auf, Prinzeſſin Theophano ſah mit mühſamer Faſſung vor ſich hin, ihre Schweſter beſtrebte ſich vergeblich, ihren Unwillen zu verbergen, ſichtbar flammte er in des Großdomeſtikos ehrwürdig kräftigem Ge⸗ ſichte, ſein Sohn aber, einen bedenklichen Blick auf die Verſammlung werfend, in wel⸗ cher Manche wohl ſolch Gefühl, Andere aber und in nicht geringer Anzahl das Gegentheil — 89— an den Tag legten, ſah bittend und wie an Faſſung mahnend, zum Kaiſer auf. Solches war jedoch nicht vonnöthen, denn alſogleich ant⸗ wortete Auguſtus gelaſſener— ſagt Bruder Eu⸗ thanaſios— als mancher abendländiſche Fürſt auf ſolch freventliche Rede Beſcheid gegeben haben möchte, aber mit Nachdruck und Hoheit: Ei⸗ nern nur gebühret die Herrſchaft über Geiſt⸗ liches und Weltliches zugleich; er hat ſie ver⸗ theilt unter die Kirche, deren Diener Du biſt, Patriarch, und den Thron, auf welchem ich ſitze, des Reiches von ihm eingeſetzter Herr und der Deine. Sein Wille ſei hoch⸗ gelobet, auch mir kommt es zu, über deſſen Erfüllung zu walten, und er ſelbſt ſpricht: Gebet, was Gottes iſt, Gott, was aber des Kaiſersi, gebet dem Kaiſer.— Er winkte dar⸗ auf dern Prieſter nicht ohne Stolz, ſich in die Reihen der Andern zurückzuziehen und wendete ſich un mittelbar zu Notaras, ihn raſch und gebieteriſich fragend: Die Hauptleute, deren Befehl die Bewach⸗ ung der Stadt vertraut worden auf meinen kaiſerlichen: Befehl, haben alle den pflichtſchul⸗ digen Ber icht eingeſendet; wie kommt es, des —— Reiches Abmiral, daß ſolches nicht von dar Hafenſeite geſchehen iſt, die Deiner Aufſicht untergeben? Herr— ſagte der Großherzog, in Gennadios ſchräg auf ihm ruhenden Blicken den Stoff ſei⸗ ner Erwiederung ſuchend— Mein Amt yer⸗ pflichtet mich, die Meerſeite der Konſtantincpo⸗ lis zu bewachen, doch wenn der Auguſtus ſelbſt dem Feinde ſie aufgethan, glaubte ich, des Ad⸗ mirals Dienſte ſeyen nicht mehr vonnöthen.— Wie zuvor entgegnete der Herrſcher: Du glaubſt, Lukas Notaras? Ich aber ve choffe, daß künftighin auf Deine Pflicht nicht mehr Einfluß haben wird, was Du glaubeſt. Ja wahrlich, ich hoffe es— ſetzte er in milderem Tone hinzu, das große Auge auf das; allge⸗ mach ſich ſenkende Angeſicht des Archon ten hef⸗ tend: ich bin überzeugt, daß, wenn der er⸗ ſcheint, der Dein Feind iſt und der meine, ein Notaras, der Großherzog nicht ermangeln wird, ſich als ein ehrbarer Ritters mann an ſeiner Stelle finden zu laſſen.— Entwaffnet durch dieſe Worte und ihren Ton, ſprach der Admiral etwas von der Pflicht eines konſtantinopolitaniſchen Fürſtert, welche er — in jeglichem Falle im Auge gehabt, und zog ſich dann zurück, beſcheidener als er herzuge⸗ treten war. Hochwürdiger Patriarch— ſagte Ariſtobu⸗ los Phranzes zu dieſem— Cäſar Auguſtus, deſſen Diener, obſchon der Kirche, Du auch biſt, darf einem Solchen wohl Anmaßung und Frevel verzeihen, und thut wohl daran, denn nur das Bedeutende mag des Monarchen Sinn beſchäftigen. Doch laß mich Dich erinnern, daß der Großdomeſtikos gegenwärtig iſt, dem es zuſteht, über die Ordnung im Palaſte zu wachen und über das, was der Majeſtät ge⸗ bühret, auch im Nothfalle die übertretung zu ahnden.— Mit funkenſprühendem Auge erwiederte Gennadios: In den Hallen der Willkür mag der Ungerechte ſich brüſten, doch ſtehet er mit Allen, die ſie bewohnen, in Gottes Gewalt. Die weitere Antwort verſpare ich, bis wir in Aja Sophia uns finden.— Dort— ſprach Ariſtobulos ruhig, aber ſtark— dort ſtehen wir vor dem Angeſichte deſ⸗ ſen, deſſen Blick die Nieren prüfet und das Hetz. Wohl dem, der nicht bedarf, vor ihm das Auge zu Boden zu ſchlagen.— Und wirklich ſchlug der Patriarch das ſeine zu Boden, als hätte der Blick des Mannes, der zu ihm redete, einen Abglanz von dem, deſſen er erwähnt, der Großdomeſtikos aber kehrte ſich gegen die Verſammlung und ſagte in feierlich langſamen amtlichen Tone: Fürſten, Archonten und Herren, alſo ſpricht zu Euch durch den Mund ſeines Die⸗ ners Cäſar Auguſtus, den Gott viele Jahre echalte. Es erſcheinet vor ſeinem erhabenen Sitze und vor Euch der Legat des ökumeniſchen Biſchofs der Lateiner, Iſidoros, Kardinalbiſchof des römiſchen Stuhles, auch Biſchof der Diö⸗ ceſe von Sabina. Welches auch ſein Anbrin⸗ gen an die kaiſerliche Majeſtät ſey, hat dieſelbe veſchloſſen, ihn aufzunehmen, wie es dem Ab⸗ geſandten Eines gebührt, der, den höchſten Rang in ſeiner Kirche ausgenommen, auch noch ein weltlicher Fürſt iſt und als ſolcher ge⸗ halten wird, nicht im Abendlande allein, ſon⸗ dern gleichfalls vom römiſchen Kaiſer, unſerm Herrn, in Folge der von ſeinen glorreichen Vorvordern dahin abgeſchloſſenen Verträge. — 93— Gleichwie nun die Fürſten des weſtlichen Eu⸗ ropa deſſelben Abgeordneten die Achtung und Höflichkeit widerfahren laſſen, die Sitte und Völkerrecht fordern, alſo gedenket unſers Au⸗ thenten Majeſtät ein Gleiches zu thun, zumal in der Erinnerung, daß ſolche günſtige und freundliche Aufnahme von Eugenios dem Vier⸗ ten und ſeinen Vorgängern in römiſchem Bis⸗ thume und weltlicher Herrſchaft ebenermaßen erfahren, ingleichen bedenkend, wie die Weis⸗ heit des Monarchen zu einer Zeit, da das Reich von gewaltigem Feinde bedroht, der Freun⸗ de ſo ſehr bedarf, nicht geſtattet, die Zahl der Erſten zu vermehren, den verunglimpfend, der als Zweiter ſich nahet. Da nun des Pan⸗ tokrators Wille das Reich dieſer Weisheit des Monarchen anheimgeſtellt, und ſolche nur wirk⸗ ſam werden kann durch den Gehorſam gegen ihre Gebote, für welche, wie für ſein Regi⸗ ment, er dem Könige des Himmels und der Erde verantwortlich iſt, ſo gebietet der Kaiſer im Namen Gottes und in ſeinem eigenen, dem beſagten Kardinallegaten die ihm gebührende Ehre und Zuvorkommenheit zu bezeigen, Allen und Jeden, welches auch des Einzelnen Meinung über ſeine Sendung ſeyn möge. Auch verhofft ſich deſſen Cäſar Auguſtus zu den Vornehmen und Großen, wie von den Mittlern und Geringern des erſten und erleuch⸗ tetſten Volkes der Welt, denn ſolchem würde es übel anſtehen, dem Beiſpiele der ungläubi⸗ gen Sarazenen zu folgen, welches ſie zu un⸗ ſerm Abſcheu und gerechter Entrüſtung mehr denn ein Mal an unſern Mitbürgern gegeben, auf daß man im Abendlande nicht ſage, daß die Nation, von der Erleuchtung und Sitte ausge⸗ gangen in die Welt, ſolcher jetzt ſelbſt vergeſ⸗ ſend, Barbaren geworden durch die Nachbar⸗ ſchaft der Barbaren.— Gewiß war in dieſer trotz allem Schein der Natürlichkeit ziemlich kunſtvoll geſtellten Rede geſagt, was geſagt werden mußte mit der nothwendigen Schonung und klugen Anregung volksthümlichen Selbſtgefühls, aber doch erregte ſie, wenn auch auf der einen Seite Beifall, auf der andern dumpfes Gemurmel. Beides aber verſtummte, als Ariſtobulos Phranzes. den Stab des Silentiaren erhob, der ſeit ſei⸗ nes Vaters Ausſcheiden mit dem des Großhof⸗ — 6— meiſters vereinigt war, denn allzu viel Macht hatte noch die althergebrachte Sitte und Ord⸗ nung, daß man ihr, wenigſtens in dieſen Ge⸗ mächern, nicht offenbar widerſtrebte, ſo oft es auch vor ihrer Schwelle geſchah. Selbſt Gen⸗ nadios, als er dieſen Einfluß auch bei ſeinen Anhängern bemerkte, hielt für rathſam, zu ſchweigen, wo er allein geſprochen hätte, und, wie er ſchon erwähnt, ſeine Antwort bis zu ei⸗ ner günſtigeren Gelegenheit ruhen zu laſſen. Nur zu bald ſollte ſie ihm werden, eher ſogar als er es ſelbſt gehofft. Ein abermaliges Läuten kündigte gleich dar⸗ auf das Nahen mehrer Geladenen an, und Kardinal Iſidor erſchien im Geleite der Herren und Kriegeshauptleute, die wir am Morgen deſſelben Tages mit ihm geſehen. Doch um eine Perſon hatte ſich daſſelbe vermehrt, deren Anweſenheit an dieſem Orte und unter ſolchen Zeitumſtänden den Unkundigen befremden konn⸗ te, denn ſie war in reiche moslemiſche Tracht gekleidet, in fürſtliche ſogar, den fünf Reiher⸗ federn nach, die den Tülbend verzierten. Mit einiger Verwunderung, mit einer Art Schrecken ſogar erblickte Irene den Osman; dieſe etwas ſchrägliegenden, aber wohlgeformten und glänzenden Augen, dieſe Adlernaſe, die ſtarkgebogen, beinahe den noch wenig reiflichen Lippenbart berührte, dieß ſtarke Obertheil des Geſichts, dieſe fremdartige Haltung waren ihr nicht unbekannt, ſie wähnte, dieſelbe Geſtalt ſchon ein Mal geſehen zu haben, nur in an⸗ derer Kleidung; dann war es ihr aber auch wieder, als ſei dieß in derſelben, oder doch in einer ähnlichen geſchehen und dieſer Anblick und dieſe verworrene Erinnerung ließ ſie ſogar Theo⸗ philos den Palaeologen überſehen, der in der bildlichen Tracht ſeines Volkes und Stan⸗ des, im Schimmer reinlicher männlicher Schön⸗ heit, einem Heros gleich, zwiſchen dem Sara⸗ zenen und dem römiſchen Kirchenfürſten ſtand⸗ Bei näherem Anſchauen gemahnte es je⸗ doch die Archontide, als ob aller Ahnlichkeit ungeachtet, der, den ſie ſah, nur ein Schat⸗ ten deſſen ſei, an den ſie dachte, ein trüber Schatten, denn dieſes Jünglings Antlitz war bleich, nicht ſtolz ſeine Augen um ſich ſchau⸗ end, ſondern meiſt geſenkt oder ungewiß, ob gleichgiltig oder ſinnend vor ſich hinblickend; zwar war das Lächeln ſeines Mundes auch et⸗ 3 —— was bitter, doch nicht in der Bitterkeit ſpot⸗ tender Hoffahrt, ſondern eher der Schwermuth und Unzufriedenheit, und ſeine Geberde, weit entfernt, eine herrſchende zu ſeyn, trug das Gepräge des Zwanges. Genau ſo weit als vorher dem Patriarchen trat der Kaiſer dem Kardinalbiſchof entgegen, und in der öffentlichen Unterredung, welcher freilich eine geheime vorangegangen war, be⸗ rückſichtigten der kluge Monarch und der kun⸗ dige Staatsmann die Umſtände, jener den Papſt, den heiligen und durchlauchtigen Vater zu Rom benennend, dem er und das Reich ſolche Geſandtſchaft und Theilnahme danke, dieſer nur der allgemeinen Betrübniß erwäh⸗ nend, welche das Ungemach der morgenländi⸗ ſchen Glaubensbrüder bei den abendländiſchen Chriſten errege, inſonderheit aber bei dem geiſt⸗ lichen Haupte derſelben, und des Wunſches, daß man, nach Beſeitigung etwaiger Mißver⸗ ſtändniſſe, vereinigt dem Halbmond widerſtände zur Ehre des Kreuzes, wie es der großen Ge⸗ meine des Erlöſers gegen deſſen Widerſacher zuſtände. Sogleich nach dieſer Haupt⸗ und Staats⸗ III. 7 handlung verließ Konſtantinos den Thronſitz, und des Großdomeſtikos geſenkter Stab deutete an, der Zwang der Rede ſei aufgelöſ't und das Geſpräch allgemein. Zuerſt richtete der Herrſcher die Rede an den jungen Moslem, der zu ihm trat mit orientaliſcher Ehrfurchtbezeig ung, drei Finger der rechten Hand unter tiefer Neigung des Kopfes auf die Bruſt legend: Sultan Urchan*)— redete er ihn an— *) Sultan Ur⸗chan, der Enkel Sulejman's, des äl⸗ teſten Sohnes Bajeſid's l., des Blitzſtrahls, ward ſchon als Kind von Murad 1l. in die Obhut des byzantiniſchen Kaiſers Johannes Palaeologos ge⸗ geben, welcher ſich verpflichtet hatte, dem regie⸗ renden Geſchlechte gegen die Anſprüche anderer Bewerber beizuſtehen, von welchen urchan der bedeutendſte werden konnte, denn er war nach der von der Erſtgeburt herrührenden Legitimität der eigentliche Thronfolger. Noch war Bruder⸗ und Verwandtenmord nicht zum Staatsgeſetze geworden, und der nicht blutdürſtige Murad be⸗ gnügte ſich, den gefährlichen Vetter entfernt zu halten, bewilligte auch zum Unterhalte deſſelben jährlich 300,000 Aspern, damals ungefähr 30,000 Dukaten. Als aber Mohammed der Eroberer, ungeachtet er dieſe Verſprechung erneut, ihre Erfüllung verweigerte und die deßhalb an ihn —— Ich verhoffte, Dich heut fröhlicher zu finden, da die Bewohner von Europa uns durch dieſen ehrwürdigen Prälaten ihre Theilnahme an einer Angelegenheit bezeigen, welche fortan gemein⸗ ſchaftlich iſt zwiſchen Dir und mir. Gott iſt groß— antwortete der Türke— und hat ſchon öftermalen einen Gefangenen aus dem Kerker auf den Thron verſetzt, aber —— Auch— ergänzte Konſtantinos ſeine Rede— andere von dem Throne in den Ker⸗ ker, meineſt Du. Doch, konnteſt Du Dich in Konſtantinopolis je einen Gefangenen nennen, war das Bukolion für Sultan Urchan ein Ker⸗ ker? So wenig das, was Du ſprachſt, auf Dich anwendbar iſt, ſo ſehr irrteſt Du in dem, was Du gedacht. Ein wahrer Herrſcher, os⸗ maniſcher Prinz, ſtirbt auf dem Throne, oder doch an den Stufen deſſelben.— Dieſer ſagte darauf: Jeglichem wird das Loos, das der Engel für ihn aufgezeichnet im Abgeſendeten ſchimpflich zurückwies, auch die Verhältniſſe zwiſchen beiden Höfen ſich umge⸗ ſtalteten, gedachte man in Byzanz, aus dem Gefangenen das Drohbild eines Prätendenten zu machen. 7 — 100— Buche des Schickſals nach Gottes Verordnung. — Dem Vertrauenden ſteht er bei— verſetzte Auguſtus ſtark— nicht dem, der willenlos ſich der Welle des Schickſals dahingibt, und dem Muthigen hilft ſeine Kraft. Muth aber, Sul⸗ tan Urchan, iſt vonnöthen, wenn man eine Krone bewahren will oder erwerben. Ich ver⸗ meine, es wird Dir hier am Beiſpiel nicht mangeln.— Deine Würden ſieht hier— wendete er ſich darauf an den Kardinal in lateiniſcher Sprache— ein Problem, wie es des Menſchen aus Verſchie⸗ denem zuſammengeſetztes Gemüth nicht ſelten auf⸗ ſtellt. Wiewohl ſein Heil von dem Glücke der chriſtlichen Waffen abhängt, iſt er doch im Streite mit ſich ſelbſt, ob er es nicht lieber den Söh⸗ nen Ismael's gönnte; wiewohl hier von Kind⸗ heit auf fürſtlich gehalten, däucht ihm doch Vyzanz ein Gefängniß, ſchlimmer als das alte Serai in Adrianopolis, wo er ſeine Tage in Vergeſſenheit und Müſſiggang verträumt hatte, bis der Dolch ihn weckte oder der ſeidene Strang; wiewohl ſein Ehrgeiz ihm unaufhörlich zuflü⸗ ſtert, er ſei der rechtmäßige Erbe des osmani⸗ ſchen Thrones, und er von ſeinem Gefolge die — 101— Ehrenbezeigungen erheiſcht, die der Würde des Padiſchah geziemen, deren Zeichen er mit gro⸗ ßer Begier auf ſeinen Tulbend geſetzt hatte, ſobald ich dieß zu geſtatten für gut hielt; ob⸗ gleich er Mohammed den Zweiten fort und fort einen Thronräuber ſchilt, ſo ſchaudert er doch im Innerſten vor dem Gedanken zurück, ſich gegen den aufzulehnen, für den der Beſitz iſt und ſomit Gottes Entſcheidung, der die Fahne des Propheten ſchwingt und umgürtet iſt mit dem Säbel Osman's. Auferzogen in europäiſcher Weiſe, hat er dennoch niemals den Türken abgethan, und bei ſo manch erre⸗ gender Empfindung blieb ihm die morgenländi⸗ ſche Trägheit, welche ſich aus den ſtreitenden Wogen in das bequeme Fahrwaſſer einer un⸗ ausweichbaren Vorausbeſtimmung rettet.— Hocherhabener Herr— antwortete der rö⸗ miſche Prieſter lächelnd und leiſe— das ſind verdammliche Grundſätze, wenn nicht beim Un⸗ terthan, doch bei Fürſten, und unbequem für Andere, welche ſie gebrauchen. Gefiele es Dei⸗ ner Majeſtät, daß ich mein Bekehrungwerk mit dieſem begänne?— Mit einigem Ernſte antwortete der Kaiſer: — 102— Solch Werk würde allerdings, wenn Gott den Ausgang gnädig lenkt, der Chriſtenheit zu großem Nutzen gereichen und Dir zu unver⸗ gänglicher Ehre. Doch iſt es kein leichtes Be⸗ ginnen, zu unternehmen, was bisher keinem Patriarchen, Archimandriten und Abt, auch mir ſelbſt nicht gelungen.— Das Erſte— verſetzte mit höfiſcher Gewandt⸗ heit der Prälat— wäre ein zwiefach Reizmit⸗ tel für mich, obgleich ich wohl der Hoffnung entſagen muß, wo Cäſar Auguſtus ſich frucht⸗ los beſtrebte.— Trotz ſeinem Eifer fühlte der Biſchof von Sabina, es ſei hier nicht der Ort, noch die Zeit, den Anfang zur Bekehrung eines ſo ſtarrſinnigen Ungläubigen zu machen, er wen⸗ dete ſich daher an einige Große des Hofes, de⸗ ren Gunſt zu erwerben ihm nothwendig ſchien, alſo an die Widerſacher zumal und unter ihnen auch an Lukas Notaras. Höchſt edler Großherzog!— hob er in ei⸗ ner Weiſe an, welche mit der gemeſſenen Halt⸗ ung des Staatsmannes und Prieſters etwas von kriegeriſchem Freimuth verband: Weltbe⸗ rühmt iſt der griechiſche Pelagos, der Schau⸗ platz ſo vieler glorreicher Thaten, nah und fern geprieſen das goldne Horn, und es erfreuet mich, den Abkömmling ſo verehrter Ahnen zu ſehen, ſo würdiger Vorgänger würdigen Nach⸗ folger, der über jenen gebietet und in ſeiner Hand hält.— Der Admiral wußte zu ſehr, was er ſei⸗ nem Range und der Sitte ſchuldig war, um im Purpurgemache den zu beleidigen, welchen der Kaiſer daſelbſt aufgenommen, doch ent⸗ brannte in ihm das rechtgläubige Blut bei der Anrede des Schismatikers, des Abtrünnigen, und mit nicht freundlicher Betonung autwortete er: Viel Fahrzeuge durchkreuzen das Meer, Gutes bringend und Anderes, und geböte ich ihm noch, wie einſt die Admirale des römiſchen Reiches, nicht alle würden in das goldene Horn einlaufen, das mehr als tauſend Jahre der Welt reiche und köſtliche Früchte geſpendet, das, zu jeglicher Zeit die offene Freiſtätte aller Nationen, unzählige Bewunderer aufnahm in das alte Byzanz, welches drauf nicht ſelten Feinde und Undankbare beherbergte oder, noch ſchlimmer, ihre bleibende Herberge ward.— Das Schickſal aller Größe, und Konſtan⸗ — 104— tinopolis iſt der Schauplatz derſelben— ent⸗ gegnete der Kardinal, entſchloſſen, trotz jeder Abweiſung, den Großherzog nicht aufzugeben— Wie ſo rühmlich iſt dieſer Nationalſtolz, wie ſehr zu allem Herrlichen erweckend, und wo findet er mehr Nahrung als hier? Wo würde man mehr begeiſtert zur Erhaltung des Vater⸗ landes als in dieſer Kaiſerſtadt, von zweien Meeren umfloſſen, zwiſchen zweien Welttheilen gelegen, immer noch von der Zukunft die Herr⸗ ſchaft über beide fordernd, welche die Vergan⸗ genheit ihr ertheilt, welche nur der Gegenwart vorübereilender Moment ihr verkümmert? Um⸗ geben von eines unyginglichen Ruhmes edlen Denkmälern.—— Von ihren Trümmern, will Deine Hoch⸗ würdigkeit ſagen— fiel Notaras ein. Iſidor aber erwiederte mit Feuer: Immer noch ſtattliche, ehrfurchtgebietende Trümmer, wenn man ſo nennen mag, was ein Augenblick, durch Got⸗ tes Gnade begünſtigt, wieder herſtellen kann in ſeinem uralten Glanze. Und ſei es, daß der Gegner alles Großen und Guten dieſen Glanz gemindert habe, ſei es, daß der neidiſche Zahn der Zeit Riſſe in dieſes majeſtätiſche Gebäude — 105— genagt, ſei es ſelbſt, daß der Boden unter ihm wanke, iſt es da nicht eben die Zeit, daß der edle Mann, der Sohn der Hellenen ſich bewäh⸗ re? In langem Zephyrſäuſeln des Glückes ent⸗ ſchlummert die Kraft, ſie erwacht, wenn Bo⸗ reas heulend ſich naht. Einſt, ſagen die An⸗ nalen Roms, öffnete ſich daſelbſt die Erde und aus dem Abgrunde entſtiegen giftige Dünſte, da warf ſich ein edler Ritter hinab mit Waf⸗ fen und Noß, und gerettet war die Weitſtadt, dieſes Reiches Wiege. Was ein Altrömer gethan, wird es ein Neurömer nicht wol⸗ len?— Die Neurömer wiſſen, was ihnen obliegt — verſetzte der Großadmiral mit Stolz— und bedürfen wahrlich nicht, davon durch den Frem⸗ den belehrt zu werden, noch durch den Prieſter, der als ſolcher der Mühe überhoben iſt, zur Lehre das Beiſpiel zu fügen. überdem füllt nicht ein Mann dieſen Abgrund, eines Vol⸗ kes bedarf es, eines Volkes in Einigkeit, das konnteſt Du vielleicht vergeſſen, das haben die vergeſſen, die Dich geſendet, als ſie es ge⸗ than.— Des Prieſters Beruf iſt nicht, Zwietracht — 106— zu ſtiften— ſagte darauf der Lateiner mit Würde— ich und noch mehr der, in deſſen Namen ich hier bin, kennen die Pflichten un⸗ ſers heiligen Amtes. Das Wort gehet aus mei⸗ nem Munde, Du ſagſt es mit Recht, aber es iſt ein lebendiges Wort. Ich würde Dich beneiden, erlauchter Grieche, um das Recht, eine ſo herrliche Sache zu vertheidigen, theilte ich es nicht. Nicht die Sache der Griechen iſt ſie allein, nicht der morgenländiſchen Kirche, es iſt die Sache geſammter Chriſtenheit und ſomit auch die meine. Wo auch Lukas Nota⸗ ras auf den Wällen von Konſtantinopolis dem allgemeinen Feinde entgegenſteht, wird wahr⸗ lich Kardinal Iſidor nicht fern von ihm ſeyn.— Darauf deutet wohl der Purpur, den Du trägſt, Biſchof von Sabina?— ließ der in⸗ deß herzugetretene Gennadios ſich in grellem und hämiſchem Tone hören— die Farbe des Blutes, im Widerſpruche zu dem Apioma, daß tie Kirche nach ſolchem nicht dürſte.— Herr Patriarch— entgegnete der römiſche Prieſter, deſſen Stolz verſchmähete, ſich vor dem, den er als unverſöhnlichen Gegner kannte, auch nur um eines Haares Breite zu beugen— . * — Alſo lautet der Satz, und er redet die Wahr⸗ heit: ſie dürſtet nicht nach Blut, doch ſchwerlich mag ohne ſolches die ſtreitende Kirche ſiegen; mich aber däucht, die Eure iſt in die⸗ ſem Falle und ſchon lange Zeit, wiewohl jetzt mehr als je.— Leider ſehr lange ſchon— ſagte Gennadios darauf mit einem Blicke, der fromm und kla⸗ gend ſeyn ſollte, aber nur heimtückiſch war— Doch haben die Prieſter der rechtgläubiaen Kirche nimmer anders denn mit geiſtlichen Waffen ge⸗ kämpft.— Mit wenigem Erfolge, wie es ſich darthut — war Iſiodor's Antwort, indem das varan⸗ giſche Herz anſchwoll. Doch mit ſtetem Vertrauen— verſicherte heuchleriſch der Patriarch— und— ſetzte er mit einem Blicke auf ſeinen Ornat hinzu— niemals, Biſchof von Sabina, hat Blut die ſchneeweiße Kleidung der wahren Diener Gottes befleckt.— Mit eigener Hand wenigſtens— ſagte Iſi⸗ dorus, und dann nicht ohne Hohn— Weiß iſt die Farbe der Reinigkeit; mit dem Roth des wirkenden Eifers vereint, gibt ſie eine Gott — 108— und Menſchen gefällige Miſchung. Trägſt Du nun, Patriarch von Konſtantinopolis, wie ich hoffe, Deine Farbe mit Recht, ſo darf ich ei⸗ nen würdigen Verbündeten in Dir ſehen zum gemeinſamen Werke.— Gennadios war im Begriff, das Geſagte nicht ſowohl als deſſen Betonung zu erwiedern, da ward das Geſpräch der Kirchenfürſten un⸗ terbrochen. Der Kaiſer hatte deſſen Beginnen ungern geſehen, er errieth ſeine Wendung aus des Patriarchen ſich immer mehr verzerrenden Zügen, aus der immer ſtolzern Haltung des Legaten; auf einen Wink gegen den Protove⸗ ſtiarios, von dieſem weiter ertheilt, traten die Veſtiarien hervor, mit ihren ſilbernen Stäben das Zeichen zum Mahle zu geben, welches nach dem Gebrauche einen Hoftag des Augu⸗ ſtus beſchloß. Beinahe Allen war dieß Zeichen willkommen, denn die Umſtände, unter de⸗ nen dieſe Verſammlung gehalten worden, hat⸗ ten Freude und Zutraulichkeit verſcheucht, ohne⸗ hin ſeltene Gäſte in den Purpurgemächern; nur das Haupt der Kirche weigerte ſich, ihm Folge zu leiſten. Lauter als nöthig und mit einer den Kaiſer anklagenden Bitterkeit erklärte Gen⸗ — 109— nadios: Ihm, dem an die Hungerkoſt einer ſchmähligen Haft Gewöhnten gelüſte es nicht nach einem ſchwelgeriſchen Gaſtmahl, am we⸗ nigſten zu einer Zeit, da, vom Zorne des Him⸗ mels bedroht, die Gläubigen ihn abwenden ſollten durch Kaſteiung und Faſten in einſamer Zelle, nicht im Prunkſale banketirend, das drohende„Mene, mene, tekel“ herbeiru⸗ fend, am wenigſten an dem Tage, da der Herr ihm eine ſchwere Laſt aufgebürdet, zu der ſich im Gebet zu rüſten, er gehe. Niemand hielt ihn zurück, ſeine Anhänger nicht, aus Ehrfurcht vor der Frömmigkeit und ſtrengen Sitte des Prälaten, die Gleichgiltigen eben ſo wenig, weil ſeine finſtere Miene ihnen unerfreulich war, noch weniger die Gegenpar⸗ tei, die ſich nach ſeiner Entfernung freier fühlte, und am allerwenigſten der Auguſtus, dem dieſelbe eines gewiſſen Vorhabens wegen ſehr erwünſcht war; ungehindert verließ daher der Patriarch mit ſeinem Gefolge den Saal. Wir werden ſehen, womit er ſich in ſeiner einſamen Zelle beſchäftigte und wie lange er in ihr verweilte. Das kaiſerliche Banket war, wie alle öf⸗ — fentliche Darſtellungen am Hofe von Byzanz, ſtrengen Vorſchriften unterworfen; unter einem Baldachin am Ende einer umfangreichen Halle von pariſchem Marmor mit Verzierungen von Lapislazuli, Achat und anderm edlen Geſtein ſaßen der Autokrator und Maria Auguſta an einer kleinen Tafel, deren Auszeichnung nie⸗ mand mit ihnen theilte als die Prinzeſſin⸗ nen Theophano und Zoe und die Tochter der Erſten, als ein Sprößling des Regentenge⸗ ſchlechtes betrachtet, und von männlichen Ge⸗ ladenen, Theophilos, der Despot, der Abge⸗ ſandte von Rom und Sultan Urchan, der le⸗ diglich auf den Genuß des Fleiſches von verbo⸗ tenen Thieren verzichtend, in der Fremde und unter Chriſten die gleichfalls verpönten Tafel⸗ freuden nicht verſchmähte, welchen ſeine Vet⸗ tern ſelbſt im Serai insgeheim huldigten. Zwar beſtimmte ein förmliches Geſetz die Zahl der kai⸗ ſerlichen Tafelgenoſſen auf die heilige und ge⸗ heimnißvolle Dreimaldrei, aber mit Zufrieden⸗ heit ſah der erlauchte Gaſtgeber auf die leer ge⸗ bliebene neunte Stelle, denn das eiſerne Her⸗ kommen hatte ſie dem Patriarchen beſtimmt. Drei größere Tafeln ſtanden vor dieſer ge⸗ — 111— reiht; der einen ſtand Ariſtobulos Phranzes vor, der andern ſein Sohn, den Vorſitz an der dritten führte Lukas Notaras. Zwar führt der Verfaſſer der Urſchrift und nach ſeinem Beiſpiele der böhmiſche Cönobit die dabei aufgetragenen Speiſen an und die gepflo⸗ genen Reden, ſo waren, wie bei ſolchen Prunkfeſten insgemein, die erſten zu reichlich, die zweiten zu leer, um unſere Leſer damit zu ermüden. Nur einige Anmerkungen ſeyen uns zu wiederholen vergönnt. Wenig wird es viel⸗ leicht befremden, daß Theophilos Palaeologos öfter in die glänzenden Augen ſeiner Muhme ſah als auf das glänzende goldene Tafelgeſchirr, etwas mehr jedoch, daß Prinz Urchan's Blicke gegen die Mitte der Mahlzeit dieſelbe Richtung nahmen, verfolgt von denen des KFardinals mit einem halben Lächeln, welches gewöhnlich eine willkommene Wahrnehmung begleitet. Fer⸗ ner deutet er darauf hin, daß Konſtantinos Dragoſes mehrmal ſeinem Großoinochoos oder Obermundſchenken Zeichen gegeben habe, ſeine Untergebenen anzuhalten, daß ſie des edlen Rebenſaftes von Chios und Kypros nicht ſchonten, ſeiner Gewohnheit zuwider und der — 1— eigenen Mäßigkeit, welcher er ſelbſt auch ge⸗ treu blieb, daß dieß zwiefache Beiſpiel von den beiden Phranzes nachgeahmt ward, nur einer⸗ ſeit aber von dem Großadmiral, weßhalb auch aus ſeinem Munde und an ſeiner Tafel ſich einige verwunderliche und heftige Reden hören ließen, welche den Kaiſer fürchten laſſend, das NMittel möchte ihn über den Zweck hinausfüh⸗ ren, ihn veranlaßten, das Gaſtgebot aufzu⸗ heben. Vielleicht bewog ihn dazu noch eine an⸗ dere Urſache, denn alsbald nach beendigter Ta⸗ fel lud der Großdomeſtikos in ſeinem Namen die Archonten und Herren, auch was von der Hofgeiſtlichkeit gegenwärtig war, ſich in den großen Saal der Rathsverſammlung zu bege⸗ ben, weil die drängende Zeit die Faſſung eines Beſchluſſes erheiſche, die Wahl einer ſonſt un⸗ gewöhnlichen Stunde rechtfertigend. Muth⸗ maßlich war es dieß Vorhaben, welches durch die Entfernung des feindſelig geſinnten Patriar⸗ chen begünſtigt und zur Ausführung gebracht worden. Als denn nur bie durchlauchtigſten und er⸗ lauchten Frauen und einige Hofbeamte zweiten Ranges zurückgeblieben waren, fiel die Unter⸗ —— — 113— haltung, nur vorübergehend durch die Freuden der Tafel belebt, allmählig wieder in's Stocken, mehre Gruppen bildeten ſich, und Maria Au⸗ guſta, am Hofe eines kleinen Fürſten erzogen und mit ihrer gebeugten Stimmung nur mit größerer Mühe die Laſt des höchſten Ranges ertragend, ſuchte ſich derſelben abzuthun im nicht zahlreichen Kreiſe der verwandten Frauen. Schwer reißt ſich der Geiſt, dem nicht beſon⸗ dere Kraft beiwohnt, von dem los, was ihn überwiegend beſchäftigt, und wenn ſolches auf Augenblicke geſchieht durch äußern oder eigenen Zwang, kehrt er darauf wieder zur gewohnten Richtung zurück wie die Magnetnadel gegen den Nordpol. So wendete ſich denn das Geſpräch, nachdem es matt und theilnahmlos ſich um gleichgiltige Gegenſtinde gedreht, auf die Ver⸗ hältniſſe der gegenwärtigen Zeit, auf das was ſich heute begeben, und wenig erfreulich war, was man darüber von der Kaiſerin vernahm, ſie hatte den Scharfblick, mit dem zu zwiefa⸗ cher Qual ein ſorgenvolles Gemüth begabt zu ſeyn pflegt, und das Licht, indem ſie die mi⸗ kroſkopiſch zergliederten Erſcheinungen erblickte, war düſter wie die Verzierung ihrer Gemächer, IHII. 8 ja der Mittheilung bedürftig, wäre ſie vielleicht in hier unzeitige Klagen ausgebrochen, hätte der Prinzeſſin Theophano ruhige, wiewohl viel⸗ leicht auch nur erkünſtelte Haltung dieſe nicht zurückgehalten, die heftigern Ausbrüche des Un⸗ willens der Prinzeſſin Zoe ſie nicht überſtimmt. Wohl war ſie gütig gegen die junge Nichte des Gemahls, doch es gibt eine Art Güte, welche den Gegenſtand derſelben und den, der ſie er⸗ weiſ't, gleichſam zuſammen beklagend, das Herz mehr beklemmt als erfreut. So geſtand ſich denn Irene, ſo ſehr ſie auch befangen war in Bildern zukünftiger Größe, nicht wünſchens⸗ werth ſei es, den Purpur zu tragen, wie Maria Komnena ihn trug. Die Hofſitte, über die Zeit herrſchend wie über den Raum in den Blachernen, hatte auch vor Jahrhunderten die Stunden gezählt, durch welche eine feſtliche Verſammlung währen muß⸗ te, und ſo trennte man ſich, obgleich es von Vielen gern früher geſchehen wäre, nach dem Gebrauche in dieſem milden Klima, beſonders zur heißen Sommerzeit erſt gegen den Anbruch des Tages. Bereits ſtieg das Frühroth herauf über — 15— Chryſopolis, welches jetzt Skutari heißt, und tauchte in brennende Gluth die Behänge der Zimmer, die man in der vorigen Ordnung durchſchritt. Auch in den runden Porphyr⸗ ſaal kam man wiederum, aber im Augenblicke, da man ihn betrat, tönte es wie ein unge⸗ heures Krachen aus weiter Ferne, von dem der Boden zitterte und die Gewölbe erdröhnten. Erſchreckt ſah die Prinzeſſin Theophano um ſich her, ihr Blick fiel zufällig auf das Reiter⸗ bild Kaiſer Konſtantin's, ſie ſchlug die Hände vor dem Angeſichte zuſammen und ſank ohn⸗ mächtig nieder auf die Teppiche der Halle. Ver⸗ wundert ſchaueten die Höflinge auf ſie und das Bild, und in den erbleichenden Zügen der Ritern und Vertrauteren mahlte ſich Beſtürzung, Zoe aber wandte ſich ſchaudernd ab und mit verhüllten Augen, wie um nicht zu ſehen, was ihr grauenvoll ahnete, und eben jetzt trat ein kaiſerlicher Kämmerling zu ihr und ſprach nach drei tiefen Verneigungen in höchſt zierlichem Tone: S Durchlauchtigſte, im Purpur Geborene, mich ſendet Dein erlauchter Gemahl, der Pro⸗ toveſtiarios, mit der unmaßgeblichen Bitte, 8* — 116— kaiſerliche Hoheiten möchten ſich mit geringſt⸗ möglicher Säumniß nach Dero Palaſte verfü⸗ gen, ſintemalen man eben den alleredelſten Großdomeſtikos und leider höchſt wahrſcheinlich ſterbend dahin gebracht.— Der Saal, in welchem ſich die Archonten und die Mitglieder des hohen Rathes bei au⸗ ßerordentlichen Gelegenheiten zu verſammeln pflegten, befand ſich in bedeutender Entfernung von den innern Gemächern in einem der äu⸗ ßern Höfe des Blachernenpalaſtes, zu welchem das goldene Thor führte. Schon im zehnten Jahrhundert erbaut, war er es im rein byzanti⸗ niſchen Geſchmacke mit bauchigen Gewölben, gleich wie an einem Kirchenſchiffe zu beiden Seiten laufenden niedrigern Gängen, mit Rund⸗ bogen über Fenſtern und Pforten. Er hatte im Anfange zum Rüſiſaale gedient, inſonder⸗ heit während der funfzigjährigen Herrſchaft der lateiniſchen Kaiſer,(1204— 1261.) und ſie hatten daſelbſt Denkmäler rühmlicher Waffen⸗ thaten aufgeſtellt, zwar nicht ihrer eigenen, — 117— durch welche dieſe Nachkömmlinge alter Helden die oſtrömiſche Geſchichte wenig bereichert haben, aber doch ihrer Vorfahren in den Kreuzzügen, und als nach dem Umſturze des lateiniſchen Kaiſerthums die Palaeologen dieſen Palaſt zu ihrem Aufenthalte wählten, verdrängten ſie dieſe fremdländiſchen Zierden nicht von einer Stelle, welche die zunehmende Schwäche des Reiches ihnen durch neuere ſelbſterworbene aus⸗ zufüllen verbot. So ſah man denn Fahnen mit den Wappen von Flandern und Hennegau, von Courtenay und der Brienne, wie in trau⸗ ernder Erinnerung an die Zeit, da ſie fröhlich in den Lüften flatterten, über Trophäen herab⸗ hängen, einſt im heiligen Lande von den Sa⸗ razenen erobert. Eben ſo alterthümlich war der Thron, doch von allem abendländiſchen Schmucke entkleidet und dem im Purpurgemache ähnlich; außer ihm und zweien Seſſeln, einer gewöhnlich für den Patriarchen, der andere bei dieſer Ge⸗ legenheit nur dem päpſtlichen Abgeſandten auf⸗ gehoben, befand ſich kein Sitz in der mehre hundert Menſchen faſſenden Halle, ſelbſt der Protonotar verrichtete, vor einem Pulte ſte⸗ —— hend, ſein Amt; aber in den Seitengängen ſah man eine Reihe Kredenztiſche mit köſtlichen Gefäßen und erfriſchenden Getränken verſehen, deren Gebrauch in dieſer Himmelsgegend in ei⸗ nem ſtarkangefüllten Raume und bei angele⸗ gentlichem, mitunter heftigem Reden oft ange⸗ nehm und nothwendig ward. Der Kaiſer trat herein an der Spitze der Andern und nahm ſeinen Platz ein. Heiterer war Konſtantinos Dragoſes Stirn, als man ſie lange geſehen, ſeine Geberden freier und raſcher, und tönend die Stimme, mit der er die Gegenwärtigen anredete. In kurzen und bündigen Worten, und ver⸗ meidend, was Anſtoß geben konnte, eröffnete er ihnen, wie die Lage des Reiches auf geringen Umkreis und eben ſo geringe Kräfte beſchränkt, einem erbitterten, unverſöhnlichen und mit dem Siege im voraus prahlenden Feinde nicht wi⸗ derſtehen könne, ohne den Beiſtand der übrigen Chriſten. Nicht in Verſprechungen— ſagte er— beſtehe derſelbe; bereits hätten viel edle Söhne des Weſten ihre erprobten Waffen der heiligen Sache geweiht, auf den Mauern der Hauptſtadt reihen ſich ihre Scharen, zahlreicher — 119— — ſchaltete er nicht ohne Bitterkeit ein— als die, welche die Volkreiche ſelbſt zu ihrer Ver⸗ theidigung geſtellt, die Galeeren Venedigs und Genua's verſtärkten die griechiſche Flotte, und ſo fordere nicht die Klugheit allein, welche den künftigen Vortheil berechnet, auch die Dank⸗ barkeit für das ſchon Geſchehene, die Hand zum Bunde mit der abendländiſchen Chriſtenheit zu bieten. Solches geſchähe andererſeit von dem geiſtlichen Haupte derſelben, hochgeachtet und einflußreich nicht allein durch ſeine Würde, auch durch ſeine perſönlichen Gaben, in dem doppelten Beſtreben, den Fall des oſtrömiſchen Reiches zu verhüten, und die durch ein langes bejammernswerthes Schisma getrennten Be⸗ kenner des Heilandes einander zu nähern, habe er ſeine Abgeſandten an alle europäiſche Für⸗ ſten geſchickt, noch ein Mal durch den Weſten das mächtige Wort: Gott will es! ertönen zu laſſen, das wie vor Jahrhunderten tauſende von rüſtigen Streitern unter der chriſtlichen Ori⸗ flamme vereinigen werde, nach Konſtantinopo⸗ lis aber einen würdigen Fürſten der Kirche, den anweſenden Kardinal Iſidoros, bereit, in Rath und That ein Beiſpiel der lebhaften Theil⸗ — 120— nahme zu geben, welche Rom und das ſeinem geiſtlichen Anſehen unterworfene Europa an denen nehmen, die ſie fort und fort für ihre Brüder erkennen. Solch Bündniß unter Ehri⸗ ſten ſei ein zuverläßiges und nicht den Zuſa⸗ gen der treuloſen Moslemim zu vergleichen, welche, obſchon auf dem Lügenworte des fal⸗ ſchen Propheten Mohammed Mal für Mal be⸗ ſchworen, ſich doch ſtets falſch und lügneriſch erzeigt hätten, gleich ihm und ſeiner Lehre. Die Pflicht gegen das Vaterland und den chriſtlichen Glauben verbiete, ein Bündniß zu⸗ rückzuſtoßen, dem Gott gefällig, den Beide, Griechen und Lateiner, verehren. Dieſe Thronrede, durch das Gewicht ern⸗ ſter Wahrheit unterſtützt, ward mit Aufmerk⸗ ſamkeit angehört und nach ihrem Schluſſe mit Beifall erwiedert, doch nicht von Allen, denn ob auch die, welche im Ruf anderer Geſinnungen ſtanden, ſich des Widerſpruchs enthielten, ſo ſchwiegen ſie, und Einige wollten ſpäter be⸗ merkt haben, wie der Großherzog und Mehre noch mit geſpannter Miene nach der Thür blickten. Eben wollte der Biſchof von Sabina das — 121— Wort im Namen des Papſtes nehmen, da öffnete ſich dieſe und die Verſammlung ward durch viele Mitglieder vermehrt und durch neuen Schimmer die Erleuchtung des Saales. Kerzentragend erſchien eine Prozeſſion der höhern Geiſtlichkeit von einigen Prieſtern gerin⸗ gern Ranges gefolgt, und angeführt von dem Patriarchen, dem das Kreuz voranſchwebte. Die Erſcheinung deſſelben nöthigte den Augu⸗ ſtus, ſich zu erheben, aber niemals wohl hatte der fromme Fürſt dem Symbole der Erlöſung ſo ungern ſeine Ehrfurcht bezeigt, denn indem er es that, ſtampfte ſein Fuß unwillkürlich den Boden des Thronſitzes, ſo daß das cederne hohle Gerüſt wiederhallte. Gennadios näherte ſich dem goldenen Lehn⸗ ſtuhle, der ihm beſtimmt war, den Saal mit halb demüthiger, halb ſtolzer Haltung durch⸗ ſchreitend, doch ſtatt ſich niederzulaſſen, blieb er aufrecht ſtehen und ſprach in einer Weiſe, deren geiſtlicher Pathos die Mißtöne des Hohnes und der Schadenfreude nicht gänzlich unterdrückte: Bereits war ich einſam in meiner gottgeweiheten Zelle, bereit, im Gebet die Nacht zuzubringen, die einem ſo hochwichtigen Tage gefolgt iſt, und —— wihnte von der Welt abgeſchloſſen zu ſeyn, von ihren ſchimmernden, aber trugvollen Freu⸗ den, von ihrer Weisheit, die nur Thorheit iſt vor dem Herrn. Da ſprach eine Stimme zu mir, wie einſt zu Samuel: Erhebe Dich und gehe von dannen an den Ort, wo die Kinder dieſer Welt ſich berathen, ſie erman⸗ geln des Lichts, das nur ſeinen Kindern gege⸗ ben. Thue alſo ungeſäumt, denn Gehorſam iſt beſſer denn Opfer. Und ich hörte die Stimme, dieweil es heißt: Wachet und betet, auf daß der Verſucher nicht über Euch komme. Wem aber gebühret es mehr, zu wachen, als dem Hirten, wenn er weiß, daß der Wolf ſich in die Hürde geſchlichen? So entfaltete ich denn die Hände, den Stab des Hirten zu er⸗ greifen und trat, wiewohl ungern, aus dem WVorhofe des Heiligthums wieder hinaus in die ſündige Welt, und erſcheine allhier vor dem Stuhle des irdiſchen Herrſchers, ein Bote deſ⸗ ſen, dem Alles unterthan iſt. Und alſo er⸗ geht durch mich ſeine Stimme an Euch, fra⸗ gend: ſo wollet Ihr denn, wie einſt Salomon that, Euch in Eurer Afterklugheit entrathen, wollet Ihr ſtatt dem alleinigen Gott fremden — 123— Götzen opfern auf den Höhen, den ſieben Hü⸗ geln, die mir ein Gräuel ſind? Ich aber ſage, Gott läßt ſich nicht ſpotten, und ſo ſein Volk an ihm frevelt, wird er es Amalek dahingeben, und Edom und Moab, die aus den Lenden Ismaels entſproſſen ſind, des Sohnes der Ha⸗ gar.— Er hörte hier auf, im Namen des Allmächtigen zu reden, und in ſeinem eigenen fortfahrend, fiel er auch gänzlich in den ihm eigenen Ton, als er ſagte: Unerwartet erſcheine ich denn; es ſtehet ge⸗ ſchrieben im Evangelion, Viele ſind berufen, doch Wenige auserwählt; hier aber heißt es: Viele ſind berufen, doch die Auserwählten nicht.— Nimm Deinen Platz ein, Patriarch— ſprach Konſtantinos mit mühſam gehaltener Stimme— allerdings gebührt in einer Be⸗ rathung, welche das Wohl des Reiches betrifft, ein ſolcher dem erſten geiſtlichen Diener deſ⸗ ſelben.— Nicht als der Diener eines Menſchen bin ich hier, noch deß, was menſchlich iſt, ſondern Gottes und ſeines Reiches allein— erklärte Gennadios, indem er ſich gemachſam niederließ. — 124— Kardinal Iſidor erkannte, daß dieß Da⸗ zukommen eine große Veränderung in der Rede erheiſchte, die zu halten er beabſichtigt hatte, er hielt alſo an zu neuer Vorbereitung, der Kaiſer aber, der ſeine Würde dem unausbleib⸗ lichen Widerſpruch des Patriarchen und ſeiner durch ſeine Gegenwart ermuthigten Anhänger nicht ausſetzen wollte, befahl dem Großdomeſti⸗ kos, den Zweck dieſer Verſammlung den Hin⸗ zugekommenen nochmals in der Kürze ausein⸗ ander zu ſetzen. WMinder groß war jetzt die Aufmerkſamkeit, und das vorige Schweigen der Widerſpänſtigen verwandelte ſich in vernehmliches Murren; Gen⸗ nadios aber ſprach: Fein lautet das Wort verderb⸗ lichen Sinnes, es gleichet dem Buche des heiligen Johannes, das ſüß im Munde war wie Honig⸗ ſeim und nachher in den Eingeweiden ſchmerzte. Leihet Ihr altgläubigen Chriſten Euer Ohr ſolchem tönenden Erz und klingenden Schellen? Wann ſagt jemals der Feind zu dem, den er verdirben will, ich bin der Feind? Selbſt zu dem Sohne Gottes trat in der Wüſte der Verſucher milden Angeſichts und verlarvt in einen Engel des Lichts; nicht ſprach er zu — ihm, ich komme zu Dir mit dem Grimme der Hölle im Herzen, ſondern er bot ihm alle Reiche der Welt.— Gedenke meines Befehls— unterbrach ihn der Kaiſer gebieteriſch— in dem Biſchof von Sabina die Würde ſeines Amtes zu achten. Ich will nicht, daß man mir ungehorſam ſei in meiner kaiſerlichen Gegenwart, ich will nicht, daß blinder Eifer, für jetzt will ich es nicht anders benennen, ein heilſames Werk zerſtöre, einen Bund zerreiße, der den Menſchen er⸗ ſprießlich, Gott angenehm iſt und mir, der ich für ihr zeitliches Wohl ſein Stellvertreter bin in dem älteſten chriſtlichen Reiche.— Gennadios antwortete mit verwegenem Spott: Einen Stellvertreter deſſen nenneſt Du Dich, Cäſar Auguſtus, der alle Zeiten mit ei⸗ nem Blicke umfaßt, und nicht einmal das Ver⸗ gangene liegt offen vor Dir. Erſprießlich nen⸗ neſt Du den Bund mit den Ketzern für das oſtrömiſche Reich? Blicke um Dich und Du wirſt die Früchte ſchauen, welche bereits ein ähnlich Bündniß getragen. Sieh' dieſe Fahnen, und Du wirſt der Zeit gedenken, wo die La⸗ teiner auf dem Throne ſaßen, von dem ſie — 126— Deine Vorfahren verdrängt, wo des Götzen⸗ dienſtes Gräuel die Altäre des wahren Glau⸗ bens entweihte. Damals auch hatte man, an der göttlichen Hilfe verzagend, einen Bund mit den Ungerechten geſchloſſen, und man hielt den Feind für den Freund, bis die Larve fiel und das Ungeheuer ſich zeigte.— Da antwortete Konſtantinos, dem lange bezwungenen Zorne nachgebend: Halte mich nicht meines hohen Amtes für ſo unwürdig, Patriarch von Byzanz, daß ich die Vergan⸗ genheit nicht begriffe und in die Zukunft ſchauete, ſie mit ihr vergleichend, daß ich den Feind nicht erkennte und das Ungeheuer nicht zu entlarven vermöchte, welche Hülle es auch bergen mag!— Vergönne mir Deine Majeſtät— nahm Iſidorus das Wort, die überdachte Rede bei Seite laſſend— daß ich dem Patriarchen von Konſtantinopolis im Namen des heiligen Va⸗ ters; in Rom und gewiſſermaßen aller abend⸗ län diſchen Könige und Fürſten, als deren Abge⸗ ſandter ich zu betrachten bin, auf das antwor⸗ te, was an ſie gerichtet. Der Falſchheit und böslicher Abſicht beſchuldigſt Du uns, Du, — 127— den mein Amt mir gebietet, Mitbruder in Chriſto zu nennen, und führeſt an, was in vergangenen Zeiten geſchehen. Wohl wäre zu unterſuchen, was damals ſo verderbliche Wirk⸗ ungen erzeugte, welches der Sinn der zu Hilfe Gerufenen war, welches die Art, in welcher die Rufenden ſie empfingen, und von welcher Seite die Untreue zuerſt den beklagenswerthen Bruch erweiterte, ſtatt ihn zu heilen. Aber ein ganz Anderes iſt es jetzt; auf dem byzan⸗ tiniſchen Throne ſitzt ein frommer Held, Gott und den Menſchen getreu, vertrauenvoll hat er ſich an die Brüder gewendet und ſonder Ge⸗ fährde, ſo bieten ſie ihm vertrauenvoll und ſonder Gefährde die rettende Hand. Größer iſt die Gefahr, als man ahnete, denn nicht nur von Außen umringt ſie ihn, auch im In⸗ nern, die, welchen ihn der Himmel zum Haupt gegeben und ſie ihm zu thätigen Gliedern, ver⸗ harren leider müſſig oder verweigern ihm den Gehorſam. Wollen ſie auch ihn der Freundeshilfe be⸗ rauben? Wahrlich, nur um ſo kräftiger wird ſie zu ihm ſtehen. Des Grolles klaget Ihr uns an, wahrlich, ein ſeltſamer Groll, der den zurück⸗ und auftechtzuhalten ſtrebt, der von ſchwerer Laſt gebeugt, mit gefeſſeltem Schritt am Abgrunde ſchwankt. Wir haſſen Euch, höre ich um mich ſagen, wahrlich, welche Zeit wäre wohl geeigneter, ſolchen Haß zu befriedi⸗ gen, wann wäre es leichter als jetzt, da es ſich nur darum thäte, ruhig zuzuſchauen, bis der Schlag fällt, der Euch bedroht? Der Be⸗ kehrungſucht bezüchtigt Ihr uns? Nun wohl, ich bin ein römiſcher Prieſter, ungeſcheuet erkläre ich unſern Glauben vor aller Welt als den wahren. Du, anderen Glaubens, thuſt für denſelben ein Gleiches, und Keiner von uns iſt unfehl⸗ bar geſonnen zu weichen. Drum thue ich Dir einen Vorſchlag, Patriarch von Byzanz, laß uns die Polemik bei Seite ſtellen bis zu gele⸗ generer Zeit, ſchließen wir einen geiſtlichen Waf⸗ fenſtillſtand, um vereinigt den Krieg gegen den gemeinſamen Feind zu beginnen. Eins iſt jetzt noth vor Allem, das leibliche Wohl und die Ehre der Chriſtenheit zu retten. Gott wird ſchon ſelbſt zur Zeit in ſeiner Sache entſcheiden. Nicht als ein Prieſter ſtehe ich fortan hier, Glaubensſätze zu unterſuchen, nicht als ein Staatsmann, zeitlichen Vor⸗ — 129— theil im Sinn, ſondern als Euer Waffen⸗ bruder, als ein Keieger des lebendigen Got⸗ tes, bereit, wenn es ſeyn muß, ſein Blut für ſeine geheiligte Sache zu vergießen. Schließe Dich denn an mich an, Du Sohn dieſes be⸗ drängten Landes, Du Deiner Mitbürger geiſt⸗ licher Vater, zu ſolch rühmlichem und wahr⸗ haft gottſeligem Zweck, und wenn das Alter das Feuer Deines Blutes erkältet, wenn die nur des Kreuzes gewohnte Hand ſich dem Schwerte verſagt, ſo erhebe das gebenedeiete Zeichen, daß um ſelbiges ſich die Scharen von Jünglingen und rüſtigen Männern verſam⸗ meln und dem Glauben in der Wahrheit die⸗ nen, ſtatt mit leerem Worte den Himmel um ein Wunder anflehend zur Rettung, die ihnen zuſteht, mit eigener Kraft zu verſuchen. Wahr⸗ lich, das Hallelujah des Sieges wird dem Herrn der Heerſcharen nicht mißfällig ertönen aus dem Munde derer, die ihn erfochten.— Eine Weile ſaß Gennadios wie verſteinert, dann erhob er ſich, ſtreckte beide Arme empor, als wolle er den Blitzſtrahl herabrufen auf ir⸗ gend eine ungeheuere Läſterung, und ſagte langſam und mit dumpfer Stimme: Ihr habt III. 9 — 130— es gehört, Ihr Söhne der gläubigen Kirche, Ihr habt vernommen, wie bald dieſer Abge⸗ ſandte verrieth, von welchem Orte er kommt! Das Gebet hat er geläſtert, der Wunder ſpot⸗ tet er, und dem vergiftenden Worte ſtrebt er die That zu geſellen, uns verführeriſch mahnend, das heilige Gewand des Friedens mit Blut zu beſchmitzen!— Darauf erhob ſich ein großes Getümmel, Mehre von Iſidoros Rede bewegt, nahmen das Wort für ihn, doch eine größere Anzahl ſchrie Zeter, der rauhe, vom Wein erhitzte Großherzog aber rief: Hinweg mit ſolchen Leh⸗ rern in geiſtlichen, mit ſolchen Verbündeten in weltlichen Dingen! Beym heiligen Johannes Evangeliſta, lieber noch ſähe ich in Konſtanti⸗ nopolis den Turban als den rothen Hut eines Kardinals!*)— Der Kaiſer ſtand im Begriff, aufzuflam⸗ men in ſeinem Zorne, da traf ihn abermal des Protoveſtiarios abmahnender Blick; er fühlte, die losgelaſſene Leidenſchaft könne in dieſer ſei⸗ ner Abſicht ſo wenig entſprechenden Verſamm⸗ *) Geſchichtlich des Abmirals eigene Worte. — 131— lung ſeiner Würde eine Schmach anthun, um ſo herber und folgenreicher, als es ihm an Macht gebrach, ſie gegen einen offenen An⸗ griff aufrecht zu erhalten und den Angreifer zu züchtigen, ſo wandte er ſich von dem verwe⸗ genen Archonten und den tobenden Widerſpän⸗ ſtigen ab, den beiden Phranzes ein Zeichen gebend, von nun an in ſeinem Namen das Wort zu führen. Mit kalter Beſonnenheit und Kraft that dieß Georgios, mit der letzten auch Ariſtobulos, aber mit mehrer Lebhaftigkeit und ſeine Aus⸗ drücke weniger mäßigend, wie er denn in ſei⸗ ner Gemüthsart dem Vater näher ſtand als der Enkel, und gleichſam zwiſchen ihnen mitten inne, mit dem Sohne die Erkenntniß und das Wollen desjenigen theilend, was Recht iſt, mit dem Greiſe von Antiparos aber die rückſichtloſe Feſtigkeit und den kühnen Geiſtesflug, mit de⸗ nen er es vertheidigte, wie jener die Ausgebur⸗ ten ſeiner Philoſophie. Immer ſchrankenloſer ward das Getümmel, immer lauter und erbitterter der Streit, zumal als die zahlreiche Geiſtlichkeit begann, Mann für Mann an demſelben Theil zu nehmen. — 1 Mehre hohe Prälaten, unter ihnen der Archi⸗ mandrit des Kloſters dem Pantokrator geweiht, welcher den Patriarchen, der während ſeiner Haft ihm zur Obhut übergeben geweſen, als ſeinen nie zu verſöhnenden Feind kannte, der Erzkaplan des Malaſtes, der geſammte Clerus des Hofes ſprachen im Geiſte chriſtlicher Einig⸗ keit, aber ſie wurden von den Eiferern über⸗ täubt, welche den Stoff ihrer Schmähungen aus dem ſtolztriumphirenden Blicke, aus dem hämiſchen Lächeln des Gennadios nahmen, der, als ſei nach des Auguſtus Verſtummen kein ſeiner würdiger Gegner mehr da, ſich begnügte, durch beide, einem Feldherrn gleich, die Be⸗ wegungen ſeiner Cohorten zu lenken. Die Nacht, obwohl erſt im Anfange des Aprilmonats, war ſchwül, das Gedränge und die heftige Erregung der Anweſenden vermehrte die Hitze im Saale, Reden und Schreien ver⸗ trocknete die Kehlen, ſo ſah man denn Viele den Schenktiſchen zueilen, am meiſten aber zeigten ſich Prieſter und Mönche, die auch am mehr⸗ ſten ihre Lungen angeſtrengt, ſich um dieſelben beſchäftigt. Sie eilten jedoch ſofort wieder zurück auf —,—— — 133— den Kampfplatz, als der Kardinallegat ver⸗ ſuchte zu ſprechen, und ſo oft dieß geſchah, ward ſeine Stimme mit ſolchen Schmähungen bedeckt, daß der beleidigte Kirchenfürſt mehr⸗ mal Willens war, durch ſchleunige Entfern⸗ ung ſeine eigene Würde, die ſeines Herrn und der abendländiſchen Fürſten vor weiterer Be⸗ ſchimpfung zu bewahren. Wenn aber ſein Auge auf den Kaiſer traf, dann kehrte das Bewußtſeyn ihm zurück, als Abgeſandter, Prieſter und Menſch zu dem ſtehen zu müſſen, dem das Unerhörte nur um des Rechtes, nur um deßwillen widerfuhr, wozu ſeine Herkunft Anlaß gegeben. Und wahrlich, das Unerhörte war es, denn ausſchweifend in ihrer tollen Wuth und ſich unter der Tgide göetlicher Macht wähnend, ſtürzten nach und nach die Prieſter die Schranken um, welche die irdiſche Maje⸗ ſtät umgeben, und Verunglimpfungen und Drohworte, anfänglich gegen laue und abtrün⸗ nige Chriſten und Beförderer des gottverfluch⸗ ten Henotikon geſchleudert, richteten ſich jetzt unmittelbar an den Cäſar Auguſtus. Da faßte im aufwallenden Grimme der Biſchof von Sabina ſein Purpurkleid, als — 134— wolle er es, wie einſt die Hohenprieſter Iſraels, zerreißen und rief mit donnernder Schlachten⸗ ſtimme durch die Halle: Danket es dem Gott, deſſen Gebote Ihr mit Füßen tretet, danket es ihm, daß nur ich, der ſich Euern Waffenbruder genannt und geſchworen hat, die Sache der Chriſten⸗ heit und das Haupt dieſes Geſalbten des Herrn zu vertheidigen, daß nur ich Zeuge bin von dem, was ſich hier begibt, die Fürſten Eutopa's würden ihr ſieggewohntes Schwert lieber zertrümmern, als es für Empörer zie⸗ hen, die der Majeſtät des Thrones Hohn ſprechen, Euch lieber von der Erde vertilgen, als Euch ein Vaterland erhalten, deſſen, es zerfleiſchend, Ihr Euch unwürdig zeigt! Der heilige Vater zu Rom, die ehrwürdigen Prie⸗ ſter unſerer Kirche würden zurückſchaudern vor der Gemeinſchaft mit denen, die ſich Diener des Allerhöchſten nennen, ſolchen Namen miß⸗ brauchend zu ſchnödem Frevel, vielleicht zur Hülle heilloſer Abſicht!— Dieſe freilich eher dem empörten menſchlichen Gefühl als der Klugheit des Staatsmannes entſtrömende Rede drohte mit Folgen, welche — 135— auf den untergehenden Glanz bes oſtrömiſchen Reiches noch einen entſtellenden Schatten ge⸗ worfen haben würden, die raſende Menge, Prieſter und Laien, ſtürzte vorwärts, um den verhaßten Fremdling und vielleicht im Schutze der allgemeinen Verwirrung ein noch erlauchteres Opfer zu fällen, aber Theophilos Palaeologos mit einigen griechiſchen Kriegshauptleuten und die gegenwärtigen lateiniſchen Herren umring⸗ ten, die Schwerter ziehend, den Kardinal und den Kaiſer. Beim Anfange des Tumultes hatten die Züge des Patriarchen einen ſeltſam lebhaften Ausdruck angenommen, als aber die Schar der Seinen vor dem Bollwerke wehrhafter Männer zurückwich, verflachten ſie ſich allgemach in bie gewohnte Form und er ſprach: Es ſtehet ge⸗ ſchrieben, an ihren Früchten ſollet ihr ſie er⸗ kennen; kaum zeigt ſich der Feind, ſo wuchert auch der Same der Zwietracht. Blutig iſt die Farbe ſeines Mantels und Blut drängt ſich in ſeine Fußtapfen auf die Oberfläche der Erde. Empörer wagt er die zu ſchelten, welche die Majeſtät Gottes höher achten als die irdiſche Herrſchaft. Und wer ſpricht ſolches Wort? — 136— Als wäre es nicht bekannt, baß der Baalsprie⸗ ſter zu Rom frech ſeine dreifache Krone, des apokalyptiſchen Thieres Zeichen, über alle Dia⸗ deme der Erde erhoben hat, weß er in menſch⸗ lichem oder vielmehr teufliſchem übermuthe ſich erdreiſtet hat, verweigert er dem göttlichen Rechte. Damit wir ihm unterthan ſeyen, ſol⸗ len wir es den Königen werden, die er ſeine Diener nennt, und zu deren Zahl, o der Schmach! von verführeriſchem Wort beſtochen, der Auguſtus der Gläubigen, der älteſte Sohn der wahren Kirche ſich drängt. Noch ein Mal— ließ ſich Ariſtobulos Phranzes heftig vernehmen— Noch ein Mal und zum letzten Mal, Patriarch, befehle ich Dir im Namen des Kaiſers, Deine Unterthanen⸗ pflicht zu bedenken. Nur zu hell liegt es am Tage, wer der Sämann der Zwietracht iſt, weſſen Trachten danach geht, daß Blut, Bru⸗ derblut dieſen Boden beflecke. Halte Dein bö⸗ ſes Gelüſten im Zaume, oder, beim Andenken Konſtantinos des Großen ſchwöre ich Dir, das Kleid des Patriarchen wird den Hochverräther nicht ſchützen.— 2 Mit ſtolzer Geberbe richtete ſich der Pa⸗ — 137— triarch empor, nur einen Blick wandte er ſeit⸗ wärts und er traf auf einen Mönch, der ihm zur Rechten ſtand. Neophytos war ſein Klo⸗ ſtername, aus Rhodos war er gebürtig, früher ein Mitglied der Hofgeiſtlichkeit, hatte ſeine Frömmigkeit und Klugheit ihm Konſtantinos Vertrauen gewonnen, aber kurz nachdem er von dieſem den größten Beweis erhalten, ge⸗ ſellte er ſich zu denen, die Gennadios Befrei⸗ ung und Wiedereinſetzung forderten, und als ſie erfolgt waren, trat er offen zur Gegenpar⸗ tei. Jetzt verſchwand er in einem der Seiten⸗ gänge. Wer wagt es, hier zu befehlen? ſprach Gennadios darauf— Geziemt auch ſolch Wort dem Knechte der Sünde, an das Haupt der Kirche gerichtet? Rath der Thorheit und des Verderbens, gedenke an Ahitophel's Geſchick!— Im höchſten Grade gereizt, bereitete ſich der Großdomeſtikos zu einer kräftigen Antwort, vielleicht zur Erfüllung ſeines Drohens, aber ſein Sohn, deſſen ruhiger Sinn die Gefahr ſolches Beginnens durchſchaute, trat zu ihm mit leiſen beſänftigenden Worten. Der Zorn wich der wiederkehrenden Beſinnung, vielleicht auch der Ermattung des ſchon Bejahrten nach — 138— ſo gewaltſamer Anſtrengung, er lehnte ſich kraftlos an einen Pfeiler des Saales und flüſterte heiſer und dumpf: Mich dürſtet.— So leiſe dieß Wort geſprochen war, ward es doch vernommen und ſofort ſein Verlangen erfüllt, aus der ihn umringenden Menge reichte ihm Jemand eine Schale mit Scherbet, und der Dürſtende leerte ſie bis auf den Boden, ohne den Darbringer in's Auge zu faſſen. Wiederum erhob ſich das Gezänk um Glau⸗ bensſachen, durch welche die Gegenpartei weislich die nöthigere Berathung über die Lage des Reiches und die Mittel, es zu retten, ver⸗ drängte, und der heftigſte, ungezügeltſte Redner war der Mönch Neophytos, der nach kurzer Abweſenheit ſich wieder neben dem Seſſel des Patriarchen eingefunden hatte. In tauſend und abermal tauſend Gefahren — ſchrie er am Schluſſe einer langen, mehr⸗ fach unterbrochenen, aber unveidroſſen fortge⸗ ſetzten Homilie— hat der Herr Zebaoth ſeine Getreuen behütet, in tauſend und abermal tauſend Gefahren wird er es noch thun, denn er läßt nicht von den Seinen, und wie einſt Abel's Brandopfer, iſt ihm das Opfer eines rei⸗ — 139— nen vertrauenden Herzens ein ſüßer Geruch. Hinweg alſo mit dem Geſchlechte des Kain, des erſten der Mörder, nicht auf demſelben Altare wollen wir opfern mit ihm, daß der Himmel der verunreinigten Gabe nicht zürne! Weiß und fleckenlos ſtehet das Lamm am Throne Gottes; eben ſo im Innern und Au⸗ ßern mögen ihm die Prieſter des Lammes ſich nahen und ſeine Gnade wird mit ihnen ſeyn und dem Volke in Ewigkeit, Amen.— Da ermannte ſich der Großdomeſtikos aus ſeiner Erſchöpfung, aber wunderlich hohl und gezwungen war die Stimme, mit der er ſprach: Von Reinheit ſprichſt Du, Mönch, von Rein⸗ heit wagt es der zu ſprechen, der ſeinen Herrn und Wohlthäter verräth? Doch nicht Alle, nicht mich täuſcht Deine Gleißnerei, und ver⸗ rätheriſch ſchimmert durch die Farbe des Lam⸗ mes die Schwärze der Hölle an Dir und dem, dem Du Dich ergeben. Aber auch ich ſage, Gott läßt ſich nicht ſpotten; Heuchler, fürch⸗ tet Ihr nicht das Loos des Ananias und der Sapphyra?— Eine ſonderbare Wirkung machte dieſe Rede auf den, dem ſie galt und noch Einen; der — 140— Mönch ſchlug wie unwillkürlich die Augen zu Boden, des Patriarchen Haltung verlor ih⸗ ren Stolz und eine fahle Bläſſe bedeckte für einen Moment ſein Geſicht, aber bald ermann⸗ te ſich Neophytos und erwiederte langſam und feierlich, den Blick unverwandt auf Ariſtobulos richtend: Des Ungerechten Wort iſt ein Pfeil, den Gottes Hand auf ihn zurückſendet, nicht ſäu⸗ mig iſt ſein Geſchoß und nahe der Augenblick, da es Dich trifft!— Und es war als wolle die himmliſche Macht des Prieſters freche Drohung nach ih⸗ rem unerforſchlichen Rathſchluſſe erfüllen, denn die Farbe des Todes zeigte ſich urplötzlich auf den Wangen des Großhofmeiſters, mit einem Wehlaute hob er die Hand gegen das Herz und ſank, einem Leichnam gleich, in die Arme des beſtürzten Sohnes. Die Zeloten ſchrieen Zeichen und Wunder, die Gemäßigten ſchrieben den Unfall dem jäh⸗ lingen kühlen Trunke zu nach ſtarker Erhitzung, die Freunde des Kaiſers und des Sterbenden ſahen ſich knirrſchend an, aber ſchweigend. Der Auguſtus verhüllte ſein Antlitz mit dem Pur⸗ — 141— pur ſeines Mantels und ſprang auf von ſei⸗ nem Throne, und während Georgios Phran⸗ zes mit ſeltener Kraft das kindliche Gefühl den Pflichten des Staatsdieners unterordnend, ſich beſtrebte, die geſtörte Verſammlung wenigſtens mit einem Scheine hergebrachter Ordnung auf⸗ zulöſen, verließ Konſtantin der Vierzehnte, dieß nicht erwartend, den Saal, begleitet von den ihm treuen Griechen und den Lateinern. Mit den Letztern entfernte ſich auch Kardinal Iſidor, innerlich erſchaudernd, denn es gemahnte ihn, als ſei er in die Arena einer Thierhetze herab⸗ geſtiegen, um mit wüthenden, ſich ſelbſt, eher aber noch ihn zerfleiſchenden Hyänen gegen ei⸗ nen Löwen zu kämpfen. In tiefer Trauer umgaben Ariſtobulos Sterbelager ſeine Angehörigen; es waren hier keinen lauten Klagen zu hören, man ſah keine ſtrömenden Thränen, keine von den Ausbrü⸗ chen gewahrte man, die gewöhnlichen Schmerz begleiten und erleichtern, das Weh, das in dieſe Herzen getreten, war ein beengendes in ſeiner ſchauerlich geheimnißvollen Natur, der Schlag, der hier gefallen, keiner von denen, die zwar den Augenblick erſchüttern, deren Wirk⸗ ung aber die Zeit, in welcher ſie bedingt ſind, allmählig verlöſcht, er war das Vorzeichen ei⸗ nes dunkeln ungeheuern Ungemachs, zwiefach furchtbar, weil er im Geleit noch anderer Vor⸗ zeichen erſchien. Dieß mehr herbe als wehmüthige Gefühl ſprach ſich in dem Blicke aus, mit dem ſie den hinweggeriſſenen Gefährten ihres Lebens betrachtete, nicht nur ihn, ſondern mehr noch betrauernd, noch lebhafter in der Prinzeſſin Zoe abgebrochenen Worten, voll bittern Grolles und Entrüſtung, ſogar in des Protoveſtiarios bleichen, geſpannten Zügen, deſſen mühſam und doch nur zur Hälfte errungene Faſſung nicht verbergen konnte, was in ihm vorging bei der klaren und beſtimmten Anſchauung deſ⸗ ſen, was von den Andern nur geahnt ward. Irenens Jugend allein genoß der Wohlthat der Thränen; wie jeglich junges Herz war das ihrige zwiſchen dem Schmerz des Verluſtes ge⸗ theilt, und der Reue über Manches, das ſie wohl im Stillen an dem jetzt erſt ganz Er⸗ — 143— kannten verſchuldet, ihr Gemüth öffnete ſich iedem löblichen Gefühle unter den Thränen, wie die Roſenknospe dem Strahle des Lichtes unter perlendem Thau. Mit einer Art freudiger Wehmuth ſah Leuke, die zu den Häupten des Verſcheidenden ſtand, auf die Jungfrau, mit inniger Beweg⸗ ung auf die, welche ihm noch nie ſo ſchön und ſo befreundet erſchienen, Theophilos, der theils dem eigenen Herzen, theils dem Willen des Kaiſers gehorchend, gekommen war, Zeuge der letzten Augenblicke des verehrten Greiſes zu ſeyn. Dieſer aber, bemerkten die Umſtehenden, obgleich, wie es ſchien, bereits unempfindlich fü das, was ihn umgab, ſchauete unverwandt mit dem ſtarren, ſchon halbgebrochenen Auge nach der Sclavin, als feſſele die ſchneeige Weiße ihres Gewandes und Antlitzes noch den erſterbenden Sinn des Geſichts. Und als kehre ihm ein wenig Kraft und Bewußtſeyn zurück, ſtreckte er die Hände aus und ſuchte und fand die Hände des Palaeolo⸗ gen und der Tochter und legte ſie in einander. Raſch faßte Theophilos die Rechte Irenens und drückte ſie, wie von einem hohen Gedanken begeiſtert, und die Hand des Mägdleins von Antiparos zuckte wohl ein wenig in der ſeinen, doch zog ſie ſich nicht zurück. Da war es als mildere ein bleicher Strahl der Freude den ſtarren Schmerz in den Zügen der Andern, und ſie ſchaueten minder trüb' auf die Verbun⸗ denen, auch Leuke ſchauete auf ſie freundlich und mild, aber voll deutſamen Ernſtes. Da trat der Kardinal Iſidor in das Ge⸗ mach. Noch hatte der Sterbende den letzten Troſt der Kirche nicht erhalten, der Prieſter des Kirchſpiels hatte ſich deſſen geweigert, der Archimandrit des Kloſters des Pantokrators, ſeine Cönobiten und die Geiſtlichkeit der Bla⸗ chernen ſcheueten die Rache des Patriarchen, und den Ariſtobulos Palaſt ſcheltend und to⸗ bend umringenden Pöbel; der römiſche Kirchen⸗ fürſt allein, entſchloſſen, in ſeiner gefahrvollen Sendung jegliche ſeiner Pflichten zu erfüllen, war herbeigeeilt, dem edlen Hellenen zu brin⸗ gen, was die Prieſter des eigenen Glaubens ihm verſagten. Wohl verließ er ſich auf die Unverletzlichkeit eines Abgeſandten, aber ſie war es weniger, vor der das aufgereizte Volk zurückwich, als vor ſeiner kühnen gebietenden —— Haltung und vielleicht vor der Schar der ihn begleitenden abendländiſchen Ritter. Mehr mit Geberden als daß er durch Worte die Stille des Trauergemachs unterbrochen hätte, that er die Abſicht ſeines Kommens kund, der Hinſcheidende begriff ſie wohl und ſie ſchien ihn zu erfreuen, aber wie fragend wandte er den Blick auf Leuke, und wie zur Antwort faltete dieſe die Hände und ſank auf die Kniee, und alle Andere thaten wie die Weiße ge⸗ than. So bereitete der Kardinallegat den kon⸗ ſtantinopolitaniſchen Großhofmeiſter zum Tode nach dem römiſchen Ritus, und ſeinen Gebe⸗ ten antiphonirte die Weiße halb ſprechend, halb ſingend, aber ſo leiſe, ſo leiſe, daß es war, als kämen die Töne aus weiter Entfernung, und kaum war die heilige Handlung vollbracht, ſo lagerten ſich die Schatten des Todes auf der Stirn des Entſeelten. Leuke aber ſprach, wie zuvor in gleichſam ſingendem Tone: Ruh' aus, o Leib, nach mühvoller Bahnz Du Seele, ſchwinge dich himmelan! Wer immer des graden Weges gegangen, Muß auf ſolchem zur Heimath gelangen. Es heißet: Willkommen, getreuer Knecht, Hier waltet das vergeltende Rechtz III. 10 — 146— Wer des Geringen treulich gehütet, Dem wird es durch ein Beſſres vergütet. So ſchwinge denn, Seele, dich freudig empor und grüße die Freunde im ſeligen Chor, Die Zeit kommt, wo ſich freut, was jetzt weinet, Wo Alles ſich in der Klarheit vereinet. Die feierliche Handlung, das ernſt rührende Schauſpiel des Abſcheidens eines Gerechten, vielleicht auch Leuke's einfache Worte hatten die eiſige ſchmerzliche Kälte im Buſen der Ge⸗ genwärtigen erwärmt, und ſie thauete auf in wohlthuenden Thränen. Ungeachtet der heftigen und wechſelnden Erregung jedoch, vergaß, nach⸗ dem ſie dem Gefühle ihren Zoll abgetragen, die nun verwitwete Matrone nicht, was Sitte und Gebrauch bei ſolchen Veranlaſſungen er⸗ heiſchten. Sie forderte von den Frauen des Hauſes eine mehrtägige Zurückgezogenheit in ihren Gemächern, und Theophano entließ die kleine Verſammlung. Auch Irene begab ſich nach ihren Zimmern, doch eine Andere beinahe, als ſie geſtern noch war. Eine unſichtbare Hand, ſtreng, aber wohlthuend, ſchien ihr Herz berührt zu haben, eine gewaltige Wirk⸗ lichkeit hatte die Phantome vertrieben, welche, obſchon bereits in einem entfernten Winkel ih⸗ — 0— res Innern verbannt, doch noch von Zeit zu Seit das geheimnißvolle, ungewiß ſchimmernde Haupt erhoben hatten, ſie fühlte ſich eine Toch⸗ ter des Hauſes Phranzes, eine griechiſche Jungfrau, und unter die Geſtalten ihrer Zu⸗ kunft hatte des ſterbenden Vaters Hand ein deutliches, ein würdiges Bild geführt. In dem innerſten, dem Leſer ſchon bekann⸗ ten Gemach trat der Herrin Mele entgegen, welche ſich ſeit dem vergangenen Abende nicht gezeigt und auch bei Ariſtobulos Tode nicht an⸗ weſend geweſen. Ernſt und trübe zeigten ſich die Züge der Abyſſinierin, welche, wie ſie ſagte, nur der Spiegel und der Wiederhall ihrer Gebieterin war, und nicht ohne Zufriedenheit bemerkte dieß Irene, welche vielleicht Anderes von der Angefeindeten und Zurückgeſetzten erwartet hat⸗ te, Anderes, das ſie in dieſem Augenblicke tief verletzt haben würde. So aber öffnete ſie ſich dem Mitgefühle gegenüber und ergoß ſich in ſanften mihmuthvollen Klagen. Aufmerkſam und mit allen Zeichen der Theilnahme hörte die Schwarze zu, und erſt nach einer Weile verſetzte ſie mit Empfindung: — 148— Wie ſehr betrübt es mich, Herrin, mich, die nur durch Dich und in Dir lebt, Dich von düſteren Schatten umringt zu ſehen, von de⸗ nen ich wünſchte, ja hoffte, ſie würden nim⸗ mer Dein glänzendes Leben verdunkeln. Und leider ſind es wohl nicht die Schatten einer vorüberziehenden Wolke nur, ſondern die fin⸗ ſteren Vorboten nahenden Dunkels.— So beſtätigſt Du denn— ſagte Irene— was ich ahnend gewahrte an Blick und Wort meiner Angehörigen, daß der Schlag, der heut mein Vaterhaus betroffen, nicht der letzte, ſon⸗ dern von andern gefolgt ſei von umfaſſenderer Wirkung. Seltſames ereignete ſich in dem Moment, der uns allein ſchon ſo gewaltſam ergriff. Du biſt ja ſolcher Dinge kundig, ſprich denn, welches war der dumpfe ungeheure Schall, der den Saal Konſtantinos des Gro⸗ ßen erſchütterte, als wir uns in demſelben be⸗ fanden? Warum fiel die Prinzeſſin Theophano in Ohnmacht beim Anblicke des Kaiſerbildes?— Nicht die Wiſſenſchaft— entgegnete Mele in einem Tone, bei welchem eine minder ge⸗ ſpannte Fragerin vielleicht eine Veränderung bemerkt haben würde— Nicht die Wiſſenſchaft, — 149— die ich zu den Füßen des erlauchten Greiſes von Antiparos erlernt, hat mich von beidem benachrichtigt, ſondern das Gerücht, beſſen nimmer ruhende Zungen ſchon ſeit Stunden in den Straßen verbreiteten, was, wie ich ſehe, Dir in dieſem Palaſte allein noch unbekannt iſt. Jener Schall, nicht von Geiſtern rührte er her, ſehr körperlich war er vielmehr, nicht die Vorbedeutung noch zu Geſchehenden kün⸗ digte er an, ſondern etwas wirklich Geſcheh⸗ enes. Auf einer Ebene zwiſchen Adrianopolis und dieſer Stadt bewegt ſich langſam ein feuer⸗ ſpeiend Ungethüm heran, nicht ein Erzeugniß des Geiſterreiches, noch der Natur, ſondern der Kunſt, beſtimmt, die Mauern von By⸗ zanz, die man das Bollwerk der Chriſtenheit nennt, zu zerſchmettern. Zum erſten Mal ent⸗ ladete ſich das ungeheuere Geſchütz auf des Padiſchah Befehl, und ſein Donner wieder⸗ hallte in den Blachernen. Wäre ſolches an der Grenze des oſtrömiſchen Reiches geſchehen — ſetzte die Afrikanerin ſeltſam lächelnd hinzu — der runde geflügelte Bote des Verderbens hätte deſſen jenſeitige Grenze, Spuren ſeines * 150 Durchganges hinterlaſſend, erreicht²). Warum beim Anſchauen jenes Reiterbildes Deine durch⸗ lauchtigſte Mutter Ohnmacht befing, fragſt Die große Kanone, welche der ungariſche Feuerwerker urban Mohammed dem Zweiten goß, warf eine Kugel von zwölf Spannen um⸗ fang und zwölf Centnern am Gewicht. Funfzig Paar Ochſen bewegten ſie kaum von der Stelle, ſie wurde von ſiebenhundert Mann bedient. Das Laden dauerte mehre Stunden. Als ſie zur Probe abgefeuert werden ſollte, wurden die Bewohner von Adrianopolis und der umliegen⸗ den Ortſchaften davon benachrichtigt, damit der Schrecken über den furchtbaren Knall Niemand der Sprache und ſchwangere Weiber nicht der Frucht beraube. Der Donner erſchütterte mehre Stunden weit in der Runde die Erde, und in der Entfernung einer italieniſchen Meile bohrte ſich, bei wahrſcheinlich nicht genugſam paraboli⸗ ſcher Richtung, die Kugel eine Klafter tief in die Erde. Vor Konſtantinopolis ſelbſt zerſprang ſie beim achten Schuß und zerriß viele Menſchen, nnter ihnen den Meiſter, der ſie verfertigt hatte. Zwar wurde ſie wieder zuſammengeſetzt, that aber, nach urban's Tode ſchlechter bedient, nur geringe Wirkung.(Siehe J. von Hammer's Geſchichte des osman. Reiches.) — Du, Gebieterin? Wahrlich, was ſie da ge⸗ wahrte, war nicht erfreulich für eine Prinzeſ⸗ ſin aus dem Kaiſergeſchlechte der Palaeologen⸗ Das Roß Konſtantinos des Heiligen und Gro⸗ ßen müde, die Hufe Jahrhunderte lang in die Luft zu erheben, hat dieſelben um einige Zolle geſenkt,— fügte ſie mit dem vorigen Lächeln bei— um eben ſo viel hat, der unbequemen Lage überdrüſſig, der Lindwurm ſein Haupt von der Erde erhoben. Solches ſoll aber, wie es mehren bejahrten und vornehmen Herren des Hofes in der Beſtürzung entſchlüpft iſt, dem Purpurpalaſte und ſeinen Bewohnern nichts Gutes bedeuten.— Wenige Tage waren ſeit dem Tode Ariſto⸗ bulos Phranzes verfloſſen, da wirbelten in der Ebene, die Adrianopolis von Byzanz trennt, Staubwolken empor, die Frühlingſonne ver⸗ dunkelnd, und umzingelten die Stadt, unb als der Thau des Abends ſie niederſinken ließ, be⸗ deckten unzählige Gezelte das Feld, von denen Halbmonde glänzten und Roßſchweife weheten. Vor denſelben zeigten ſich unabſehliche Reihen — 152 von Männern, ſo verſchieden an Geſtalt als an Kleidung, vom gelblichen, niedrig gebaueten, Bogen tragenden Tatar an, bis zu dem ſchlan⸗ ken hochgebaueten, auf köſtlichem Pferde reiten⸗ den Araber der Wüſte, vom rauhen bärtigen Kurden an der Quelle des Euphrates, bis zu dem trägen, halb zum Europäer gewordenen Bewohner von Rum⸗Jli, deſſen Küſte das Meer von Adria beſpült, Alle aber begeiſtert von Fanatismus und. Beutegier, Alle dem Worte eines ſtrengen Herrſchers gehorchend, Alle nach dem Untergange der Chriſten dürſtend, zuſammen mehr als zweimalhundert und funf⸗ zigtauſend. Vor den bedrohlichen Scharen gegen ben Thurm des Romanos gerichtet, lag das feuer⸗ ſpeiende Ungethüm in Geſtalt einer ungeheuern Kröte mit offenem Rachen, neben ihr, gleich des Drachen heranwachſender Brut, zwei an⸗ dere, kleiner als jenes und doch von furchtba⸗ rer Größe. Ringsum ſtanden viele Geſchütze in vierzehn Batterieen aufgeſtellt. Vor der aus⸗ geſpannten Kette des goldenen Hornes began⸗ nen die Fluthen der Propontis zu rauſchen, und der Abendſtrahl, bis jetzt auf der ruhigen — 153— Fläche bahingleitend, brach ſich an den Flaggen und Maſten eines mächtigen Geſchwaders. Aus achtzehn dreiruderigen und vierundzwanzig zweiruderigen Galeeren beſtand es, in Allem aus vierhundert und zwanzig Schiffen, von Balta⸗oghli, dem Renegaten aus der Bulgarei befehligt. Der Protoveſtiarios Phranzes führte in ſei⸗ nen Regiſtern nicht mehr als viertauſend neun⸗ hundert dreiundſiebenzig bewaffnete Griechen auf, erſt in der letzten Zeit durch junge Mönche und Novizen vollzählig gemacht, durch des Kaiſers Befehl und die Thätigkeit Theophilos Palaeologos, der das Amt eines Polemarchen (Generaliſſimus) verſah, Trotz allem Wider⸗ ſtande des Gennadios zum Krieqdienſt theils er⸗ muntert, theils gezwungen. Fünfhundert Ge⸗ nueſer, dem Giuſtiniani untergeben, ſchloſſen ſich an dieſe an, anderer Abendländer zweitau⸗ ſend. Die Flotte des Kaiſerreiches bildeten drei genueſiſche Schiffe, ein ſpaniſches, ein franzö⸗ ſiſches, ſechs griechiſche zum Krieg gerüſtet und drei Galeazzen der Republick Venedig, ſämmt⸗ lich vierzehn an der Zahl. Mehr als zwanzig Mal waren die Kräfte der Ungläubigen denen der bedroheten Stadt überlegen, und in ihr lauerte der noch grim⸗ migere Feind, die bürgerliche Zwietracht, und doch hielt der Vertheidiger Heldenmuth die Schale des Kriegglückes im Gleichgewicht. Der hölzerne Thurm, beſtimmt, das Romanosthor umzuſtürzen, ward von des deutſchen Johan⸗ nes Grant griechiſchem Feuer in Aſche gelegt, und in einer Nacht ſtellte Theophilos, der hier befehligte, den Schaden der Wälle und Mauern her, durch das Geſchütz verurſacht. Als Mo⸗ hammed am Morgen vor ihnen erſchien, raufte er ſich ingrimmig den Bart, ſchwörend, nie habe er geglaubt, daß die Giaours ſo Großes vermöchten. Auch ließ er den Angriff auf der Landſeite ruhen, beſſeres Glücke auf dem Meere hoffend. Auch hier hatte er ſich getäuſcht. Ein kai⸗ ſerliches und vier genueſiſche Kriegſchiffe ſegel⸗ ten von Chios heran, den lange ausgebliebenen Südwind benutzend. Mohammed befehligte hundertundzwanzig Fahrzeuge, ihnen den Ein⸗ gang in den Hafen zu wehren; er ſelbſt zu Roſſe am europäiſchen Ufer, unzählige Bewoh⸗ ner von Konſtantinopolis auf ihren Wällen waren am heitern Morgen des funfzehnten Aprils Zuſchauer der beginnenden Seeſchlacht. Wie die Bremſen eine Schar edler Roſſe fielen die osmaniſchen Fahrzeuge die hochgebaue⸗ ten, ſtolz einherſegelnden chriſtlichen Schiffe an mit ungeregelter Wuth, doch Pfeile und Feuer⸗ töpfe wurden von den erhabenen Verdecken her⸗ abgeſchleudert, die kleinen Barken gingen in Feuer auf. Die türkiſchen Galeeren verſuchten zu entern, aber des griechiſchen Schiffbefehlha⸗ bers Flectinella und der Genueſer löwenmüthige Vertheidigung trieb ſie zurück, zwei derſelben verbrannten. So groß war die Menge der ab⸗ geſchoſſenen Pfeile, welche die Fluth bedeckten, daß ſie die ungeſchickten ſarazeniſchen Seeleute am Rudern hinderten, viele Kriegſchiffe ſchei⸗ terten gegen einander und bald ſchaukelten die Wellen die Trümmer des Geſchwaders. Ein einſtimmiges Jubelgeſchrei ertönte von den Mauern der Stadt, auch am ufer er⸗ ſchallte ein Schrei, es war aber der des grim⸗ migſten Zornes. In ungebändigter Wucth ſpornte der Padiſchah ſein Pferd in die Fluch, die ſchäumend um ihn emporſprudelte und um ſeine ihm folgenden Weſſire, der Flotte zu, kaum eines Steinwurfes Weite entfernt. Aber der Drang der Wogen hemmte den tollkühnen Schwimmer, ſeine donnernde Stimme, auf der Waſſerfläche verhallend, vermochte nicht, die die Zerſtreueten, Fliehenden zu ſammeln, nicht, die andern Schiffe ſeiner Flotte zum neuen An⸗ griff zu ſammeln, da ergriff der Greis Chalil Tſchendereli⸗Sade die Zügel des Roſſes und führte es an das Geſtade zurück, und den Widerſtrebenden, der den Großweſſir mit Vor⸗ würfen überlud, ihn fort und fort einen Ver⸗ räther und Chriſtenfreund ſcheltend. Mittlerweile war die Hafenkette geſunken, und die fünf Schiffe, von hunderttauſend Stimmen bewillkommnet, ſegelten in das goldene Horn majeſtätiſch und ruhig, gleich eben ſo viel Schwänen. Da befahl Mohammed mit dumpfer Stim⸗ me, man ſolle den Balta⸗oghli vor ihn brin⸗ gen, daß er am Spieße die Strafe der Feigheit erhielte, und nur der Weſſire Bitten vermoch⸗ ten ihn, ſeines Lebens zu ſchonen, doch er⸗ ſtreckte ſich ſolche Begnadigung nicht weit. Vier Sclaven hielten den Kapudan⸗paſcha ausgeſpannt am Boden, hundert Mal ſchlug — 157— ihn der Sultan mit ſeiner Keule, und hun⸗ dert Wunden bedeckten den Blutenden, der endlich emporgehoben ward mit zerſchmetterter Wange und Auge. So ärntete der Abtrünnige den Lohn ſeiner Glaubensverleugnung, ſolchen Preis erhält der, welcher ſich dem Ungerechten verkauft. Im finſtern Mißmuthe kehrte Mo⸗ hammed zurück und verweilte darin, bis ein neuer Entſchluß gleich einem Blibſtrahle die Nacht ſeiner Seele durchzuckte. Im lauten Getümmel in der umgebenden Außenwelt verſtummt eher die leiſe Stimme des Kummers, allgemeine Noth rafft einen Theil der beſondern an ſich, und war auch der Groß⸗ domeſtikos nicht vergeſſen, ſo ward ſeiner von den Hinterlaſſenen zwar im engern Verein oft, doch ſeltener in den Stunden gedacht, da zahl⸗ reicher Zuſpruch den Palaſt erfüllte. Manch edles Haupt war gleich ihm bereits dem Tode verfallen, und um die ſie Beklagenden ſchwebte gleichfalls ſein ſchwarzer Fittich. Alles was von Griechen und Lateinern Anſehnliches ſich in Konſtantinopolis befand, beſuchte in den kurzen Stunden der Raſt das Haus, deſſen Gebieter jetzt der Großkämmerer — geworden, Gergios Phranzes ward, nachdem ſein Vater nicht mehr war, als der vornehm⸗ ſte unter den Räthen des Kaiſers betrachtet, und die Authentopula Theophano, welche gleich⸗ ſam den Theil ihrer Liebe, der durch des Gat⸗ ten Dahinſcheiden verweiſ't war, dem Vater⸗ lande und der Tochter zugewendet hatte, em⸗ pfing mit Auszeichnung die Vertheidiger des erſten, und ihren Neffen, unter dieſen ſich rühmlich auszeichnend und überdieß der Ver⸗ lobte Irenens. Das Stocken der Unternehmungen im ſa⸗ razeniſchen Lager, durch die Vernichtung jenes Geſchütes, wie man glaubte, hervorgebracht, eigentlich aber nur eine trügeriſche Pauſe zwi⸗ ſchen zwei Orkanen, gönnte dem Befehlhaber des Romanosthores mitunter eine Zeit, die er, wenn die Pflicht ihn nicht nach den Blacher⸗ nen rief, bei der längſt im Stillen Gefeierten zubrachte, die er nun ſein nannte und deren Herz allmählig ſich gegenſeitiger Empfindung aufthat. Auch in den Nachmittagſtunden dieſes denk⸗ würdigen funfzehnten Aprils befand er ſich da⸗ ſelbſt, und bald darauf erſchien gleichfalls der — 159— Kardinallegat nebſt einigen der fremden Kriegs⸗ hauptleute. Die fröhliche Nachricht von dem zur See errungenen Vortheile hatte mehre Frauen vornehmen Standes herbeigerufen und auch einige Männer, die ganz gern davon ſpre⸗ chen hörten und ſprachen, was Andere gethan. Die Verſammlung war zahlreich und verweilte in der untern Halle des Palaſtes, zu der zu⸗ mal in der Zeit der Gefahr, die den Unter⸗ ſchied der Stände verringert, auch der höhern Dienerſchaft der Eintritt erlaubt war. Mele befand ſich unter dieſer, ihrer bisher beobachteten Zurückgezogenheit zuwider, als aber die Herrin des Hauſes nach der ihr werthgewordenen Leuke fragte, ward ihr der Beſcheid, dieſe verweile auf dem Söller allein, wie ſie oft und zu beſtimmten Zeiten zu thun pflegte. Mit gewohntem Nachdrucke und Bered⸗ ſamkeit ſchilderte der Biſchof von Sabina die Meerſchlacht, und mit der Lebendigkeit eines Augenzeugen, denn der muthige Prieſter hatte die That dem Worte folgen laſſen und den Befehl auf den Mauern übernommen, welche ſich von der Kirche des heiligen Demetrios auf der weſtlichen Seite der Stadt bis zum ſchon — 160— erwähnten Kynegion, der Halle der Thierge⸗ fechte, an der äußerſten Spitze des Hafens er⸗ ſtreckten. Die allgemeine Aufmerkſamkeit war dem Prälaten zugewandt, auch Sultan Urchan, auf deſſen bleichem bekümmerten Antlitz ſich ein leichter Strahl der Hoffnung zeigte, oder der Freude vielmehr, den gefürchteten Augenblick verzögert zu ſehen, der ihn der Gewalt des Brudermörders überliefernd, ohne Zweifel ſein Schickſal auf blutige Weiſe entſchied. Man ſah ihn öfter im Geleite des römiſchen Legaten, der ihm ſeinerſeit große Auszeichnung erwies, und nicht mit Unrecht meinte man, jener würde die Bekehrung eines osmaniſchen Prinzen für höchſt geeignet halten, ihm Ruhm und Be⸗ lobung des apoſtoliſchen Stuhles zu erwerben, was den Zorn der griechiſchen Geiſtlichkeit noch mehr entflammte, die ſelbige lange Zeit frucht⸗ los verſucht. Noch allgemeiner nahm man indeß wahr, daß die dumpfe Trägheit des Sarazenen im Verlaufe der letzten Wochen einer gewiſſen Lebhaftigkeit nicht nur, ſondern einer leiden⸗ ſchaftlichen Spannung gewichen war, welche — 161— Einige dem erwachten Ehrgeiz zuſchrieben, An⸗ dere anderen Gründen. Als die Wißbegier der Anweſenden befriedigt, und der kriegeriſchen Schilderung ein in mehre Gruppen vertheiltes Geſpräch gefolgt war, näh⸗ erte ſich die Abyſſinierin Irenen mit der gewohn⸗ ten Demuth, anfragend: ob es ihr geſtattet ſei, den Wunſch Eines der Gegenwärtigen, der ſich einer früheren Bekanntſchaft mit der Gebieterin rühme, zu erfüllen, ihr denſelben vorſtellend?— Und ſofort trat dieſer Eine heran, in wel⸗ chem die Jungfrau ſogleich den buntgekleideten, übelgebildeten Mann erkannte, den ſie beim Ein⸗ zuge Iſidor's in deſſen Gefolge erblickt, auch war es, um ſie an den fremden Schiffpatron auf dem Dämoneneiland zu erinnern, nicht nöthig, daß er ſprach: Schon früher gewährte der Zufall dem Ge⸗ nueſer Franz Ghertuccio das Glück, nach deſſen Wiederholung ſein ehrerbietiger Eifer geſtrebt hat, der Tochter des erlauchten Ariſtobulos Phranzes und der in Purpur geborenen Theophano ſeine Huldigung darzubringen.— Mit der Zurückhaltung ihres Geſchlechtes und Standes, welcher das Rußere des Redenden kei⸗ 11 nen Eintrag that, erwiederte Irene: Ich ſah Dich damals in einer Geleitſchaft, wie mich däucht, ſehr verſchieden von der, in welcher Du Dich heute mir zeigſt.— Entſchuldigend zuckte Gher⸗ tuccio die Achſeln und verſetzte: Damals war ich der Führer eines Schiffes, beſtimmt, Reiſende und Güter nach den Inſeln des Archipelagos zu bringen, und ſolchem iſt nicht geſtattet, die Erſte⸗ ren zu wählen, noch mag von ihm verlangt wer⸗ den, daß er ſie kenne und für ſie bürge. Wenn Dir alſo, Erlauchte, eine mißfällige Erinnerung, ſetzte er mit einem wunderlich zweideutigen Blicke hinzu: von ſeiner Begegnung verblieben, ſo zürne deßhalb nicht mit Deinem ergebenen Die⸗ ner. Jetzt ſteht derſelbe in einem ihm werthern Berufe, im wahren Berufe eines römiſch⸗kathol⸗ iſchen Chriſten, zum Gefolge Seiner Eminenz, des Kardinallegaten, gehörend, als Dolmetſch eigentlich, doch da dem Hochwürdigſten die apo⸗ ſtoliſche Gabe der Sprachen hinlänglich verliehen iſt, in Allem, wozu mich die genaue Kenntniß dieſer Stadt und deren Umgebung befähigt.— Irene ſtand freilich mit all dem Anſtande, der ihr gebührte, vor dem geſchwätzgen Welſchen, aber auf ihrem Angeſicht zeigte ſich einige Be⸗ — 163— wegung, und ſie ſchaute, gleich als ſchwebe ihr irgend eine Frage auf den Lippen, und ſcheue ſie ſich doch, ſie dieſer Haft entſchlüpfen zu laſ⸗ ſen, den Mann an, der ſeinerſeit ausſah wie die leibhafte Begier zum Antworten. Da ſprach die Jungfrau, gleich als habe ſich ihr eine Wendung dargeboten, zu deren Auffind⸗ ung man ihrem Geſchlecht eine ganz beſondere Fähigkeit beimißt: In den Dienſten des Kardi⸗ nals alſo biſt Du, Signor, und begleiteſt ihn wohl öfter in das Haus meiner Mutter, das der Hochwürdigſte zu Zeiten durch ſeinen Beſuch ehrt?— Das trifft ſich zu meiner abſonderlichen Zu⸗ friedenheit ohne Zweifel— verſicherte der Genue⸗ ſer und ſetzte dann mit deutſamen Nachdruck hin⸗ zu:— Auch könnte es ſeyn, daß Seine Emi⸗ nenz mich ſchickte ſogar zu Dir insbeſondere, er⸗ lauchteſte Archontide. Wenn ſolch' beneidens⸗ wrerther Auftrag mir wird, hoff' ich, Deine Gna⸗ den wird den Boten ihres Anblickes würdigen, und, hier ſah er auf die Afrikanerin, empfehle mich der Vermittlung meiner frühern Bekannten, welche ich einem feinen Stück genueſer Sammet 4 — 164— vergleiche, welches dem Glanz eines Juwels zur hebenden Folie dient.— Er ſchwieg hier, ſehr zufrieden ſcheinend mit ſeiner kaufmänniſchen Metapher, aber Mele er⸗ wiederte kurz und trocken: Meiner Herrin diene ich, und leiſte ihrem Befehle Folge, ſei es Dich einzulaſſen, Signor, oder Dir die Thüre zu zei⸗ gen.— Wohl begriff Irene nicht, welches Ge⸗ werbe der Legat insbeſondere an ſie haben könn⸗ te, vielleicht war es auch um deſſentwillen nicht, daß ſie antwortete: Wer im Namen des Kardi⸗ nals erſcheint, iſt dieſem Hauſe und ſeiner Toch⸗ ter immer willkommen.— Hier ward dieß minder, als es ſcheint, unbe⸗ deutende Nebengeſpräch durch den Eintritt des Protoveſtiarius unterbrochen. Sofort umringten ihn die Gegenwärtigen, um, denn er kam von den Blachernen, durch den erſten Rath des Au⸗ guſtus zu vernehmen, welchen Eindruck dort der günſtige Vorfall gemacht, ſeine Gemahlin beſtürm⸗ te ihn mit Fragen, und die Prinzeſſin Theopha⸗ no erkundigte ſich in gefaßterem Ton, ob die neue Hoffnung nicht die Sorgen einigermaßen zerſtreut hätte, welche den kaiſerlichen Bruder umgaben, und welche Entſchlüſſe er gefaßt, des — 65— Glückes wiederkehrende Gunſt zu benutzen, die Hauptleute, aber unter ihnen vorzüglich Theo⸗ philos, der Kardinal und Giuſtiniani gaben ih⸗ ren Wunſch zu erkennen, durch einen allgemeinen Ausfall die erſte Beſtürzung des Feindes in einen paniſchen Schrecken zu verwanvem, wie er drei⸗ ßig Jahr früher bei Murad des Zweiten Bela⸗ gerung die Osmanen von den Mauern Konſtan⸗ tinopels vertrieben. Schweigend hörte der Staatsmann dieſe Fra⸗ gen und Meinungen an, und kein Ausdruck ſeiner an Gehorſam gewohnten Züge verrieth im Voraus die Antwort, welche er, nachdem die Erwartung den Strom der Rede gehemmt, lang⸗ ſam und mit Ruhe ertheilte: Wohl hat, wie Du ſagſt, durchlauchtige Mutter, die tapfere That unſerer Seeleute und deren Erfolg einigermaßen unſeres Herrn Beſorgniß vermindert, doch iſt ihm die Sorge geblieben, die den Herrſcher eines Rei⸗ ches niemals verlaſſen ſoll, weder beim Lächeln des Glückes, noch im Ungemach. Allerdings hat er Entſchlüſſe gefaßt, und ſie ſind von dieſer Sor⸗ ge und ſeiner Weisheit geleitet. Mit gebührender Dankbarkeit erkennet er die großmüthige Aufopferung des hochwürdigſten Kar⸗ —— dinallegaten, der, ſich nicht auf ſeine Obliegenheit als Prieſter und Abgeſandter beſchränkend, mit Gold und Eiſen die Vertheidigung der guten Sache unterſtützt, den uneigennützigen Eifer ſo viel tapferer abendländiſcher Ritter, mit väterli⸗ chem Wohloofauen blickt er auf den durchlaucht⸗ igen Pulologen, den Sohn ſeiner Wahl, ſich ſeiner Geburt würdig zeigend und einer vielleicht noch erhabeneren Beſtimmung, ſeine Huld und Erkennt⸗ lichkeit zeichnet die unter den Männern des Va⸗ terlandes aus, welche demſelben zur Zeit der Ge⸗ fahr zur Schutzmauer dienen, wie es Griechen geziemt, aber eben um dieſer Empfindungen wil⸗ len begehret er ſo edeln und ihm ſo theuern Blu⸗ tes zu ſchonen, bis die Zeit, da, was Gottes gnädiger Wille verhüte, es darauf ankommt, Alles an Alles zu ſetzen, wo dann der, dem Al⸗ les anvertraut iſt von ihm, auch ſein Blut zu vergießen nicht ſcheuen wird für der Vorfahren chriſtlichen Glauben unb uraltes Recht. Dazu wird er auch durch Anderes beſtimmt. Nicht mehr iſt die Zeit, die vor dreißig Jah⸗ ren geweſen; damals ſtand vor Konſtantinopolis der leutſelige Murad, nur mit halbem Herzen gegen den geehrten Manuel ziehend, und gern — 167— 5 dus Schwert mit der Palme vertauſchend, jeszt iſt es ſein Sohn, der den Untergang des oſtröm⸗ iſchen Reiches geſchworen, deſſen Gedanke bei Tag und nächtlicher Traum dieſer Untergang iſt, wie * ſubſt es bezeugt.*) Nimmer wird er ruhen, In einer Nacht ließ Mohammed den Großweſſir Chalil zu ſich rufen, und dieſer, wegen der durch ihn veranlaßten zweimaligen Enthronung des Sultans zu des Vaters Lebzeiten und des Ver⸗ dachts der Freundſchaft mit den Griechen, in dem er ſtand, bei Berufung zu ſo ungewöhnlicher Stunde in Schrecken geſetzt, nahm eine Schüſ⸗ ſel voll Goldſtücken mit ſich. Was ſoll das hei⸗ ßen, Lala?— fragte Mohammed.— Es iſt— war die Antwort: die Gewohnheit der Großen, nicht mit leeren Händen vor dem Herrn zu er⸗ ſcheinen. Dein Gut iſt, was ich Dir bringe.— Und der Padiſchah verſetzte: Deſſen bedarf ich nicht, Eines nur begehre ich von Dir, daß Du mir zum Beſitz von Stambol verhelfeſt.— Der beſtürzte Großweſſir verſetzte: Allah, welcher Dir ſchon ſo großen Theil des Griechenlands unter⸗ worfen, wird auch die Thore der Hauptſtadt vor Dir aufthun. Dazu mit meinem Blut und Gold Dir zu helfen, iſt wie jedes Deiner Sklaven auch meine Pflicht.— Sieh, ſprach Mohammed, ſieh dieß zerwühlte Bett, ſchlaflos habe ich mich — 168— bis er ihn vollbracht, oder Gottes Hand uns von dem erbitterten Feinde befreiet. So will der Kai⸗ ſer in Hoffnung auf eine beſſere Zeit das Auß⸗ erſte erſt dann, wenn dieſe verſchwunden ſeyn könnte. Nicht an ein gefährlich und entſcheidend Spiel will er die Häupter ſeiner Getreuen wa⸗ gen; ſo im Kampfe auf offenem Felde ſie fielen, getroffen vom ſarazeniſchen Schwert, wer würde dann dieſe Mauern beſchirmen, deren letzte— hier fiel ſein Blick auf einige konſtantinopolitaniſche Großen, die hier ihre prunkenden Gewänder, ihre gelehrten Redensarten und ihre Unthätigkeit zur Schau trugen: ja leider, deren letzte Vertheidi⸗ ger Ihr ſeid?— Er hielt hier eine Weile inne, dann fuhr er fort: die Nacht über auf demſelben gewälzt. Hüte Dich, durch Gold oder Silber Dich nicht erwei⸗ chen zu laſſen, denn nimmer mag ich ſchlafen, bis ich die Stadt genommen mit Hilfe Allahs und ſeines Propheten.— Beſorgt entfernte ſich Chalil Tſchendereli, und dieß nächtliche Geſpräch ward durch ihn an der Pforte, und auch den Griechen bekannt. (Siehe von Hammer's Geſchichte des osmaniſchen Reichs.) — 169— Aber in der Ferne leuchtet uns noch Hoff⸗ nung, der Hafen iſt frei, und ſeine Befteiung entfernt mich aus Euerer Mitte, Ihr theuern An⸗ gehörigen, Ihr, meine Mitbürger, Ihr, edle chriſt⸗ liche Helden!— Da trat, Schrecken im Antlitz, die Prinzſ⸗ ſin Zoe zu dem Gemahl, und um den Vater drängten ſich klagend die blühenden Töchter und Söhne, der Logothetes“) aber verwies ſie mit einer Geberde zur Stille und ſprach weiter: Mich führt mein Weg nach Korguth, die Deſpoten der Peloponneſos, des Kaiſers Brüder, aufzufordern, daß ſie über das Hexamilon 5 in Livadien dringen, das osmaniſche Europa im Mittag bedrohend. Zwar hat leider der Geiſt der Zwietracht, der wahre Kakodämon, ſie dem Oberhaupte entfremdet, aber in ſo dringender Gefahr mag der Ruf der Ehre nicht ungehört am Ohr eines Paläologen verhallen, unterſtützt durch die Stimme des Vortheils, leicht erworben, denn Mohammed hat jene Landſchaft von ſeinen *) Logothetes, Miniſter. ** Heramilon, die Landenge von ſechs griechiſche Meilen breit. —— Kriegern entblößt, um den entſcheidenden Streich gegen die Hauptſtadt zu führen. Bald kehr ich wieder zurück, möge es zum fröhlichen Wieder⸗ ſehn ſeyn, möge ich keines der theuern Häupter vermiſſen, die mich, den Scheidenden, umge⸗ ben!— Nach dem Schluß dieſer Rede, bei welchem das erregte Gefühl ſichtbar den Sieg über die Gemeſſenheit des Staatsmanns davon getragen, erhoben ſich mehre Stimmen der Beurtheilung, des Zweifels, der Hoffnung und der Empfind⸗ ung, Kardinal Iſidor aber näherte ſich dem Groß⸗ kämmerer und Beide gingen beiſeit. Lange und angelegentlich ſprach der Prälat, doch ſo leiſe, daß Niemand den Schall ſeiner Worte vernahm, nur gemahnte es die erlauchte Matrone, als glitten während deſſen ſeine Blicke mehrmals an ihrer Tochter vorüber zu Sultan Urchan, welcher unfern von dieſer ſtand, in einem Geſpräche begriffen, aber ſichtlich zerſtreut und mit ſeinen Gedanken, wie ſeinen Augen, anderweit be⸗ ſchäftigt. Der Protoveſtiarios hörte ganz in der ihm und ſeinem Miniſterberuf eigenthümlichen Weiſe dem eindringlichen Vortrage des Prälaten ohne Unterbrechung und mit großer Aufmerkſamkeit zu, — 171— auch nachdem dieſer beendigt war, ſchwieg er noch eine Weile, dann begann er zu antworten, aber ein halbes Lächeln und mitunter eine Geberde deuteten auf Verneinung, und er ſeinerſeit blick⸗ te gleichfalls während des Sprechens auf ſeine Schweſter und den Deſpoten von Meſembrya, die in einer der Unterredungen begriffen waren, welche ſeit dem Tode Ariſtobulos auf beiden Sei⸗ ten täglich an Wärme und Hingebung zunah⸗ men. Kardinal Iſidor zog ſich darauf zurück mit der Miene eines Mannes, der ihm gemachte Einwürfe zwar anerkennt und achtet, aber den⸗ noch, eingenommen für irgend ein Vorhaben, ſich nicht überwinden kann, ſolches aufzugeben, a ſchon es der Folge anheimſtellend. Wieder in die Verſammlung erklärte Georgios Phranzes, der Augenblick, da ſeine Reiſe beſchloſſen, ſei auch der der Ausführ⸗ ung, ſchon liege die Galeere bereit, und es ſei nothwendig, die vielleicht kurze Entfernung der Hinderniſſe zu benutzen; darauf nahm er ehrer⸗ bietig Abſchied von der Wittwe ſeines Vaters, in⸗ nig von ſeinen Verwandten und Freunden, um⸗ armte ſeine Gemahlin und ſegnete ſeine Kinder, aber alles dieß mit der Kürze eines Weiſen, wel⸗ — 1— cher, haushälteriſch mit Zeit und Empfindung, eine unnöthige Ausdehnung bitterer Momente vermei⸗ det. Jedoch, als er ſchon im Begriff war, den Saal zu verlaſſen, trat er, obgleich er ihr ſchon Lebewohl geſagt, noch ein Mal zu Irenen und ſprach halblaut zu ihr: Das Herz Deines Bru⸗ ders iſt, wenn auch ſein Antlitz ruhig ſcheint, mit ſchweren Sorgen belaſtet, und nicht die ge⸗ ringſte iſt die Sorge um Dich. Ungewiß iſt es, ob ich wiederkehre, ungewiß, ob ich Euch wieder finde, ſolches findet ſtatt bei jeglicher Trennung, zumal aber in ſolch' wildbewegter, verhängnißvol⸗ ler Zeit.— Da bangt es mich wohl um die Meinen, doch nur um ihr zeitlich Schickſal, mehr noch aber bangt es mich um die Schweſter. Etwas Fremdartiges begleitete Dich, als Du in unſern Kreis tratſt, ich fühlte es, doch konnt' ich es nicht deutlich bezeichnen, und eben weil ich es nicht bezeichnen konnte, dem die Kunde menſchlicher Gemüther durch Studium und Be⸗ ruf zur Gewohnheit geworden, ſchien es mir zwie⸗ fach unheimlich. Wohl iſt es allmählig von Dir gewichen, vor der Verſtändigkeit und der Liebe, die Dich umgeben, aber es iſt mir, als werde es wieder⸗ — kehren nach meiner Entfernung, ſich an Dich drängend in dem Dunkel, das vielleicht baid aufſteigt, in dem Dunkel, dem es entſtammt. Nur ein Feind bedrohet gemeinſchaftlich uns Andre, Dich, Irene, ahnet es mir, ein zwei⸗ ter, und der gefährliche Widerſacher iſt dort im Innern. Schreite denn unwandelbar fort auf dem Pfade, den Du vor Kurzem betreten, einen edlen Führer haſt Du auf ihm, und ſelbſt in der dichteſten Nacht leuchtet der Schein der wah⸗ ren, der einfachen Erkenntniß. Ob das Glück an ſeinem Ziele ſteht, ich mag Dir es nicht ver⸗ ſprechen, doch gedenke des Spruchs eines Wei⸗ ſen: Ein edles Gemüth, das würdig mit dem Ungemach kämpft, iſt ein entzückender Anblick für Menſchen und Gott.— Heftig gerührt durch die ſeltene Bewegung des kalten und ernſten Bruders, verſprach Ire⸗ ne, was ſie vielleicht in dieſem Augenblicke nicht völlig begriff, darauf wandte ſich Georgios Phran⸗ zes wieder um zur Thür, aber in derſelben ſteh⸗ end, richte er noch einen Blick rückwärts. Er galt allein der Prinzeſſin Zoe, dieſer Blick, den traurig ihm nachſchauenden Söhnen, den in Thränen zerfließenden Töchtern, und ein 12 — — 174— tiefer Schmerz ſprach aus demſelben, der Schmerz eines Scheidens auf immer. Die Belagerung der Stadt ward in kurzer Zeit wieder lebhafter, vergeblich hatte Chalil, der Großweſſir, den Augenblick vereitelter Hoffnun⸗ gen wahrgenommen, den Sultan zum Abzuge und Frieden rathend, mehr noch als die Gegen⸗ vorſtellungen anderer hohen Beamten der Pforte und der fanatiſchen Häupter der Ulema trieb Mohammed den Zweiten der eigene Ingrimm, der Stolz, der ſich gegen das Abſtehen vom Be⸗ gonnenen empörte, die finſtern Geiſter, die ihn umringten. Als im Divan auf die Frage, wie die Kette des goldenen Hornes zu ſprengen ſei, alle ſeine Räthe verſtummten, ſtieg in ihm ein Gedanke empor, ungeheuer, obgleich nicht ohne Beiſpiel in damals ſchon vergangenen Zeiten. Wir wollen hier der Geſchichte nicht vorgrei⸗ fen, wie es Frater Euthanaſius gethan, der den Gedanken des Sultans und deſſen Ausführung hier im Voraus andeutet, was unſerer Abſicht ſchaden würde. Wir gehen vielmehr ſogleich zu dem Momente über, wo ein leiſes Klopfen an der Thüre zu Irenens abgelegenen Gemächern wie von demüthiger Hand ertönt. Sie ward von der Afrikanerin aufgethan, welche jetzt we⸗ niger als je dieſen einſamen Flügel des Palaſtes verließ, und als ſolches geſchehen war, trat Franz Ghertuccio ein. Das Anſehn Beider war das ſolcher Perſo⸗ nen, von denen die eine die andere erwartet hat, und dieſe gewiß iſt, willkommen zu ſeyn, dennoch ſchien ihr beiberſeitiges Benehmen nicht das, welches zu erwarten ſtand zwiſchen einem rei⸗ chen und angeſehenen Handelsherrn, dem Ver⸗ trauten des Kardinals, welches zu ſeyn er ſich berühmte, und einer mohriſchen Sclavin. In Mele's Antlitz lag ein Ausdruck kalter, beinahe verächtlicher Hoheit, der Mann von Galata aber erſchien demüthig, zaghaft ſogar, und wenn er eine gewiſſe Zufriedenheit durch allerlei nicht an⸗ muthige Mienen und Reiben der Hände kund gab, ſo war es, als ob ſolche Dreiſtigkeit nur aus der überzeugung entſpringe, der Gegenſtand, dem dieſe Fröhlichkeit galt, werde auch der vor ihm Stehenden genehm ſeyn. Die düſter funkelnden Augen auf den Ein⸗ 12* — 176— wohner von Galata heftend, der trotz aller au⸗ genſcheinlichen, zwiſchen ihnen beſtehenden Ver⸗ trautheit denſelben auszuweichen ſtrebte, fragte die Schwarze halb geringſchätzig, halb ſpöttiſch: Ich ſehe Alles rings um mich heut' in Beſtürz⸗ ung und Dich allein fröhlich, Genueſer; was iſt es, dem ſolche Wohlgelauntheit entſpringt?— Du weißt, mein dunkelſchlummernder Edel⸗ ſtein, entgegnete er mit wunderlichen Verrenkun⸗ gen des Geſichts und einiger Gliedmaßen: Du weißt, daß ich eigentlich dem höchſtpreislichen und entfernte Nationen verbindenden Gewerbe des Handels ergeben, daß ich ein Kaufmann bin und ein ächter. Mag nun Solchen ein einträglich Ge⸗ ſchäft nicht erfreuen? Und das hat mir Gett Merkurius zugewandt, mir den Abſatz einer tücht⸗ igen Partie Ochſenſchmalzes und Widderfettes zuweiſend, die mir ſchon lange zur Laſt war und untauglich zum Gebrauch, außer zu dem, den Schiffen Seiner Hoheit des Padiſchah eine er⸗ götzliche und bequeme Landpartie zu ermöglichen. Du mußt nämlich wiſſen, ſüße Zierde Afrika's, daß der ungeſchlachte Großtürke— bei dieſen Worten erſchrak er heftig und ſah ſich mehrmals ängſtlich um, worauf er ſich auf den Mund — 177— ſchlug, ſo daß Mele's ſtrenge Züge ſich unwill⸗ kürlich zum Lächeln verzogen— daß Seine türk⸗ iſche Majeſtät, fuhr er verbeſſernd fort: nach der Niederlage ihrer tölpiſchen Schiffe einen Divan gehalten hat, worin klar bewieſen wurde, daß, ſo lange der Großherr nicht im Beſitz des Ha⸗ fens, jede Mühe, die Stadt zu erobern, ver⸗ geblich ſei. Was macht der Sultan? Er hat bereits befohlen, von Diplonkion, am Ufer des Bosporos, wo ſeine Flotte vor Anker liegt, bis an den Hafen eine zwei Stunden lange Dielen⸗ bahn zu machen, dieſe mit meinem Ochſenſchmalz und Widderfett zu ſtreichen und darauf die Schiffe über Land in den Hafen zu bringen.*) Cospetto! ein altes Sprichwort ſagt:„Was gut ſchmeert, das gut fährt,“ und ich halte es mit de⸗ nen, die es mit dem Sprichwort halten! Eine halbe Schiffslaſt Oel will ich gleich gar nicht er⸗ wähnen, die ich früher ſchon und zwar auch an den Allervortrefflichſten Padiſchah abgeſetzt habe. *) Geſchichtlich wahr. Dieſe kühne Idee rührt übrigens nicht urſprünglich von Mohammed her, ſie war ſchon in vergangenen Zeiten mehrmals gefaßt und ausgeführt worden⸗ — 58— Das Zeug war ſo ranzig und ſtinkend, daß kein altes Weib in Conſtantinopel ihr Spinnrad da⸗ mit eingeſchmiert, oder der Sakriſtan der aller⸗ elendeſten Kapelle es auf die ewige Lampe ge⸗ goſſen hätte.“) Die Türken kauften es, um ihre allergroßmächtigſte Kanone damit einzuſtreichen, weil ſie meinten, ſie dadurch vor dem Zerplatzen zu ſchützen. Nun iſt ſie zwar dennoch zerplatzt — doch das geht mich nichts an, weil es ohne meine Schuld geſchehen und mein Oel blank und baar bezahlt iſt. Wenn, ſagte die Abyſſinierin, mit zweideut⸗ igem Lächeln: Wenn das Gewerbe des Kauf⸗ manns auf dieſe Weiſe betrieben wird, mag es * Geſchichtlich. Die genueſiſchen Kaufleute in Galäta dienten auf die ungewißheit des Erfol⸗ ges hin während der Belagerung beiden Par⸗ teien und verkauften den Türken allerlei Kriegsbedürfniſſe, in der Hoffnung, Moham⸗ med's Dankbarkeit werde, wenn er ſiege, ſie im Beſitz der einträglichen Colonie laſſen. Dieſe Dankbarkeit, die ſich ſpäter kund gab, verkündete ſich durch die Worte: Laſſet die Schlangen ſich winden, iſt erſt der Drache todt, zerquetſcht man auch ſie! — 179— gar wohl, wie Du ſageſt, dazu beitragen, daß zwei Nationen in eine zerſchmelzen. Eine treff⸗ liche Gattung kosmopolitiſcher Philanthropie und ganz nach meinem Geſchmack. Doch es iſt, wie ich höre, den Schiffen beſſer ergangen als dem Geſchütz, ſie bedecken die Waſſerfläche des golde⸗ nen Horns. Iſt dem nicht ſo? Franziscus perſetzte: Du fragſt Deinen erge⸗ benen Diener nach dem, was Dir beſſer bekannt it als ihm. Weiß ich denn nicht, daß Deine ſhwarzen, ſcharfſichtigen Augen durch die Qua⸗ drn dieſes Palaſtes, ja durch die Mauern der Stadt beſſer dringen, als des Sultans ölge⸗ trenkte Kanone, daß Dir Alles, was ſich im osnaniſchen Lager begiebt, eben ſo wenig fremd iſt, als das Treiben in dieſer weltberühmten, mit Schwindel befallenen Stadt? Darum brau⸗ che ih Dir nicht erſt zu ſagen, daß die türk⸗ iſchen Schiffe ihre Landreiſe noch nicht gemacht haben, ſondern entſchloſſen ſind, ſie erſt dieſe Nacht anzutreten. Ach, wenn Du wüßteſt, ſüßlochnde Krone aller Oaſen, welche Angſt und Sorge Dein getreuer Ghertuccio von dem Ge⸗ danken auszuſtehen hat: Wird der Sultan, wenn er die Stadt einnimmt, beſſer mit uns dienſt⸗ — 180— fertigen Galatenſern umſpringen als mit den halsſtarrigen Byzantinern? Beim heiligen Fran⸗ ziscus, meinem Schutzpatrone, ſchwör' ich's, daß ich im Traume bisweilen die Türken berathſchla⸗ gen höre, ob ſie mich von unten oder von oben, von hinten oder von vorn ſpießen wollen, und dann höre ich zugleich, wie ſie in meinen ſchö⸗ nen, blanken und ſauerverdienten Zechinen mit ihren geldgierigen Hänben herumwühlen. Dann träumt mir wieder, der Kaiſer habe unſere Prac⸗ tiken erfahren und ſei feſt gewillet, uns zum Dank dafür die klugen und ſpeculativen Köpfe abſchle⸗ gen zu laſſen. Wegen dieſer unbeſchreiblichn Angſt und Calamität wünſchte ich ſehnlichſt dn Ausgang dieſer höchſt bedenklichen Angelegenheitn. Mit einer Hoheit, welche gegen ihren Sla⸗ venſtand ſeltſam abſtach, herrſchte Mele dem Genueſer zu: Biſt Du zu mir gekommen, Dei⸗ ne läppiſche Krämerangſt zu ſchildern, oder mir Bericht zu erſtatten über den Erfolg der Dir von mir übertragenen Sendung? Ober ha Dich Deine Furcht etwa um Deinen Verſtard ge⸗ bracht? Um Dich künftig vor ähnlichen Zufäl⸗ len zu ſichern, ſo merke Dir den weiſin und wahrhaftigen Spruch: Ein Schurke darf bei ſei⸗ — 161— nen Unternehmungen nie den Galgen aus den Augen verlieren. Jetzt Deinen Bericht. Höchlich beſtürzt über dieſe energiſche Rede erwiederte der Genueſer blaß und nicht ohne ei⸗ niges Stottern: Aus dieſer grenzenloſen Zerſtreu⸗ ung, bitte ich Dich, nichts als die ſtrenge Wahr⸗ heit deſſen, was ich eben ſagte, zu folgern, ſo⸗ wie die desjenigen, was ich Deinem Befehle ge⸗ mäß, ſoeben mittheilen will. Nicht ohne Ge⸗ fahr und Mühe war ich mit dem von Dir er⸗ haltenen Schreiben in das Türkenlager gekom⸗ men, aber dreimal größere Noth machte mir Dein zweiter Auftrag, den Brief dem Padiſchah per⸗ ſönlich zu übergeben. Das grimmige Türkenge⸗ ſindel ſah mich, als ich meinen Wunſch vor⸗ brachte, ſo entſetzlich an, wie Du vielleicht einen Hund anſehen würdeſt, der Deiner Herrſchaft ſeine Aufwartung machen wollte; ja ich glaube, mein ſeliges Ende wäre dageweſen, hätten mich nicht mehre Oberſten von meinen früheren Ge⸗ ſchäften her gekannt. Dieſe, ſonſt eben nicht angenehme Bekanntſchaft, ſowie mein Bischen Türkiſch, welches ich gleichfalls beim Handel ge⸗ lernt, rettete mein Leben, ſo daß ich nun mit — 182— Recht ſagen kann: der Handel dient auch zur Erhaltung des Lebens. Die heftige Bewegung, welche Mele bei die⸗ ſen Worten machte, erinnerte den redſeligen Gher⸗ tuccio an ihren früheren Befehl, den er mit folgender Erzählung erfüllte: Als ich mit meinem Begleiter vor dem Zelte ſeiner großherrlichen Ho⸗ heit ankam, wurde noch eben bemerkter Divan gehalten. Chalil⸗Paſcha, der Großweſſir, ſchien zu Gunſten der Griechen geſprochen zu haben, denn Saganos⸗Paſcha, der zweite Weſſir, fer⸗ ner der Molla Mohammed Kurani und der Scheich Akſehemseddin ſtimmten, wie ich deutlich hörte(denn ich kenne ſie ſchier genau), gegen ihn, und der Sultan machte dem Streite durch ein furchtbares Wort ein Ende, indem er ſprach: Lala, ich will Dir eine Geſchichte erzählen, die ich geſtern erlebt. Ich ſah nämlich einen angebun⸗ denen Fuchs, und unwillkürlich ſagte ich zu ihm: Armes Thier, warum haſt du dich nicht an Cha⸗ lil gewendet, deine Freiheit zu erkaufen! Gleich nach dieſer herzſtärkenben Erzählung war der Di⸗ van zu Ende und Chalil⸗Chareddin kam ziem⸗ lich bleich und zitternd an der Spitze der Uebri⸗ gen aus dem Zelte. Bald ward ich eingelaſſen — 183— und, nachbem ich mich pflichtſchuldigſt zur Erbe geworfen, wobei ich mich, dieſes Manövers nicht gewohnt, unbillig ſtark an die Naſe ſchlug, vom Sultan mit den huldreichen Worten begrüßt: Hund, ſteh' auf und ſage dein Begehr. Ich überreichte dem Zornigen meine Botſchaft, die er ſofort erbrach und las. Je weiter er nun im Tert kam, deſto wunderbarer veränderte ſich ſein ganzes Weſen, er verſchlang das Papier mit den Augen, aus welchen ein verzehrend Feuer blitzte, ſeine Wangen glühten, ſeine Hand zitterte. Dann brach er in folgendes Selbſtgeſpräch aus: Ja, göttliches Weib, du biſt die Erfüllung des Traum⸗ geſichtes, welches ich dir auf jenem Eilande mit⸗ theilte, das wüßte ich, und wenn auch nicht, wie deine Sclavin hier erzählt, dein Herz mir wunderbar ergriffen entgegenſchlüge. Alſo auch du wußteſt, daß du mein ſeiſt, mein durch des Schickſals Schluß, mein ſeit jenem Traume, den ich meinem Ahnherrn zuſchrieb? Ohne die Dumm⸗ heit Huſſein's beſäß' ich dich ſchon längſt, und hätte nicht die Qualen endloſer Sehnſucht zu er⸗ dulden gehabt. Nun, ich will einbringen, was Jener verſäumte und mit dem Leben bezahlte. Nachdem er alſo geſprochen, verfiel er in — 184— ein langes, unheimliches Hinbrüten, das mehr einem fiebererzeugten Traume glich, denn ſeine Lippen ſpitzten ſich mehrmals wie zum Kuſſe, und die Blicke, die er dann und wann zum Him⸗ mel richtete, bekundeten ein heißes Verlangen, das mir, wäre ich die holdliebliche Mele geweſen, nicht wenig Beſorgniß eingeflößt hätte. Nach⸗ dem er dieſes Unweſen eine geraume Zeit getrie⸗ ben, begann er weit milder als bei meinem Ein⸗ tritte: Die Dich ſendet, Ehriſt, verſpricht mir, die Stadt in meine Hände zu liefern, mit ſammt dem Edelſteine, den ſie einſchließt und zu wel⸗ chem ſie meine Liebe in dem verödeten Schloſſe mit ſchlauen Augen erſah. Viel iſt, was ſie ver⸗ ſpricht, aber nicht gering, was ſie verlangt! Die Bedingungen, unter welchen ſie die Erfüllung ihrer Zuſagen verheißt, ſind: daß ich in dem mit ſeiner Hauptſtadt zugleich gefallenen Griechenrei⸗ che allein das Geſetz des Propheten als Glau⸗ bensrichtſchnur gelten laſſe; minder wichtig die, daß ich ihrer Genoſſin Leuke Haupt zu ihren Füßen niederlege, und ſie ſelbſt ohne Einſchränk⸗ ung ihrer Gebieterin als Geſpielin laſſe. Dieß Alles ſei, ſo ſchreibt ſie, ihrer Herrin eigner und unbeugſamer Entſchluß. Als er ſo geſpro⸗ chen, fiel er abermals in ein ſehr bedenkliches Sinnen, und Du wirſt mir hoffentlich glauben, reizende Tochter der Oaſe, daß ich, als er währ⸗ end deſſelben zufällig an ſeinen Hals griff, die⸗ ſe Bewegung, halbtodt vor Schreck, unwillkürlich nachahmte, um mich zu überzeugen, daß mein Hals noch im brauchbaren Zuſtande ſei, denn mehr als eine ſolche Geſticulation bedarf es in der Reg nicht, ihm ſein Geſchäft gründlich und für immer zu verleiden. Doch ich hatte mich zu meiner großen Freude geirrt, denn der fürchter⸗ liche junge Menſch begann nach einer Weile: Die kecke Sclavin fordert viel, beim Barte des Propheten! Aber ſage ihr, es ſoll ihr Alles ge⸗ währt ſeyn, ſo ſie ihre Verheißungen erfüllt. Bringe ihr als Zeichen meiner Gnade dieß„ Hier nahm er ſeinen diamantenſtrahlenden Gür⸗ tel vom Leibe und reichte ihn mit.* Ghertuccio zog bei dieſen Worten ein koſt⸗ bares Geſchmeide aus ſeinem Gewande, welches er, nachdem er es ſchwermüthig und ſehnſüchtig lange betrachtet hatte, der Afrikanerin reichte und alſo fortfuhr: In einem ächten Kaufmann beſiegt das merkantiliſche Prinzip jedes andere, und ſo kam es denn, daß ich mich, trotz meiner — 186— Seelenangſt, ſogleich beſann, hier könne man ein vortheilhaftes Geſchäft abſchließen. Dieß lei⸗ tete ich mit folgenden goldenen Worten ein: Un⸗ überwindlichſter Padiſchah! Ich war vorhin ſo glücklich, zu erfahren, was Deine himmliſche Weis⸗ heit für ihre Flotte beſchloſſen hat, erlaube mir daher gnädigſt, als Dein treuer und ergebener Sclave Dir meine unmaßgebliche und vielleicht heilſame Meinung darüber zu ſagen. Rede, grauer Seelenhändler! ſchnaubte nun der gelbſchnabelige Burſch, deſſen Barthaare noch den Erſtlingen der unſchuldigen Gänſehaut glei⸗ chen, und ich ſagte: Die Dielenbahn, auf wel⸗ cher Du Deine Schiffe über Land in den Hafen von Conſtantinopel führen willſt, wird Deiner großen Abſicht wohl nicht völlig entſprechen, denn ſie wird ſich unter dem Drucke der ungeheuern Laſt, welche ſie quetſcht und reibt, entzünden, und dadurch auch die Flotte in Brand ſtecken. Das wird aber nicht nur verhindert, ſondern der Zweck Deiner göttlichen Weisheit auch ſchneller erreicht werden, wenn Du ſie mit dem Ochſen⸗ ſchmalz und Widderfett dick beſtreichen läſſeſt, welches ich in großer Maſſe auf meinem Waaren⸗ lager zu Galata aufbewahre. — 187— Bei Allah, rief hier der Sultan: Du haſt Recht! Und ſieh, holdes Mädchen, ſo brachte ich in wenigen Minuten ein gewinnreiches Ne⸗ goz zu Stande, denn ſofort gab der Großherr Befehl, das Fett mir zu bezahlen und aus Ga⸗ lata abzuholen. Mele hatte ſeit geraumer Zeit nicht mehr auf die Erzählung des geſchwätzigen Ghertuccio gehört, ſondern in ſcharfes Nachſinnen verloren auf ihrem Polſter geſeſſen. Jetzt ſprach ſie mit tiefer und gehaltener Stimme, wie Einer, der etwas Hochwichtiges einem Andern einſchärfen will: Es leidet keinen Zweifel, daß die Grie⸗ chen, ſobald der Plan des Sultans ausgeführt ſeyn wird, einen verzweifelten Streich ausführen werden, der leicht unſer ganzes Werk wieder ver⸗ nichten könnte, wenn der Großherr nicht im Vor⸗ aus davon unterrichtet würde. Nach kurzem Schweigen fragte ſie mit beflügelter Rede: Wann, denkſt Du, werden die türkiſchen Schiffe in den Hafen einlaufen? Sonder Zweifel künftige Nacht— erwieder⸗ te der Italiener. So halte Dich morgen früh beim erſten Lärm, der in der Stadt ausbricht, hier im Pa⸗ — 188— laſte auf, was Dir, einem aus dem Gefolge des Cardinal⸗Legaten, keine Schwierigkeiten ma⸗ chen wird. Jetzt biſt Du entlaſſen. Der ſpeculative Kaufherr ſchien ſeine Zunge noch mehr beſchäftigen zu wollen, aber die ver⸗ abſchiedende Bewegung, welche Mele eben mach⸗ te, war ſo entſcheidend und ausdruckvoll, daß er unter vielen Bücklingen, von Verſicherungen al⸗ ler Art begleitet, mehr rück⸗ als vorwärts aus dem Zimmer ſich entfernte, welches auch dem Kriechen ähnlicher als dem Gehen war. Mele aber verfügte ſich in die innerſten Gemächer, wo ſie Irenen in ſchwermüthigem Hinbrüten fand. Vor ihr ſtand Leuke, ſprech⸗ end: Möchteſt Du nie, o theure Herrin, in Verſuchung kommen, die glänzenden Netze des Böſen zu betreten, die ſich über ihrem Opfer ſchlie⸗ ßen, um es in den Abgrund endloſen Verder⸗ bens hinabzuziehen. Bei Mele's Eintritt in das Zimmer ſchwieg ſie, und es war, als brächte die Erſcheinung der Schwarzen andere Gedanken als die bisheri⸗ gen in Irene's Kopf hervor. Denn kaum hatte ſie ſie erblickt, als ihr ganzes Aeußeres, das bis⸗ — 159— her den Ausdruck der Trauer getragen hatte, ſich plötzlich verwandelte, in Unmuth übergehend. Leuke, ſprach ſie mit gerunzelter Stirn: Soviel ich weiß, ſeid ihr Beide mir von meinem Großvater Athanaſios als Geſpielinnen, meine Jugend zu erheitern, beigeſellt. Du ſcheinſt dieſe Aufgabe gänzlich vergeſſen zu haben. Was ſoll Dein unabläſſiges geheimnißvolles Klagen und Beſchwören, was um ſo mißlicher iſt, je weniger ich im Stande bin, es zu verſtehen. Sage frei heraus, was Dir an mir tadelswerth erſcheint, ich habe Dir's verſtattet; aber laß' das dunkle und ſchauerliche Predigen in Zukunft. Leuke ſchien von dieſen Worten wie von einem Blitze getroffen, denn erbleichend trat ſie mit den nur hingehauchten Worten: Du haſt entſchieden, in das Nebengemach ab. Mele aber ſetzte ſich, wieder eine ganz Andere geworden, als die ſie vor Francesco Ghertuccio geweſen, zu Irene's Füßen, und ſagte ſchmeichelnd: Nimmer werde ich begreifen, wie ein Geſchöpf, das jede Gelegenheit, die Herrin in ſchwerer und bedräng⸗ nißvoller Zeit zu beugen und zu kränken, mit Begier ergreift, noch nicht den vittern Kelch des 13 — 190— Zornes hat koſten, geſchweige denn leeren müſſen! Fürwahr, die Sterne ſind der Thörin günſtig! Nicht liebe ich, entgegnete Zoe⸗Genia: daß ſich die Diener gegenſeitig befehden und ſchmähen, noch weniger mag ich es dulden, daß ſie einan⸗ der gegen ihre Gebieter anfeinden und verläum⸗ den; aber ich mag nicht bergen, daß mir Leuke's Frömmigkeit eine falſche und— ich will nicht ſagen erheuchelte,— aber peinigende geworden iſt. Hielt doch der heimgegangene weiſe Atha⸗ naſios nichts auf derlei Gottesfurcht, die in Qual und Verachtung des Körpers, in Abge⸗ zogenheit von der Außenwelt und einer unabläſſ⸗ igen Angſt und Buße Heil und Frieden einzig finden will. Mele's Blicke hingen an den Zügen der eifernden Archontide mit einer gewiſſen faſt un⸗ heimlichen Gier, als wollte ſie die längſt erſehnte Offenbarung wichtiger Gedanken mit den Augen prophetiſch erſpähen, ihr Athem ſtrich unhörbar, als fürchte ſie mit dem mindeſten Geräuſch den erwünſchten Geiſt der Mittheilung zu ſtören oder zu verſcheuchen. Nach längerem Schweigen fuhr Jene glic⸗ fam wie im Selbſigeſpräch fort: Und die Prieſter — 191— und die Anhänger dieſer Religion— pfui, mir ekelt vor ihnen! Feig gegen die Feinde, ſchurk⸗ iſch gegen die Freunde, verrätheriſch gegen ihre eigene Sache, neidiſch auf fremde Tugend und deßhalb zu jedem Verbrechen gegen ſie bereit. Unter dieſen Hunderttauſenden hat mein Bruder nicht fünftauſend gefunden,) die bereit geweſen wären, für Religion und Vaterland das Schwert zu ziehen! Wären die Fremden nicht unſer Schutz, wir hätten ſchon längſt ausgelitten.— Aber„ Hier folgte eine noch längere Pau⸗ ſe als die vorige, an deren Ende Irene halbbe⸗ wußtlos und mit kaum vernehmbarer Stimme flüſterte: Wie ſagte doch immer der Ahn? Es iſt nur ein Gott? Und unſere Prieſter pre⸗ *) Geſchichtlich. Die Zahl der bewaffneten Grie⸗ chen belief ſich nach der, vom Protoveſtiar Phran⸗ zes während der Belagerung auf Befehl des Kaiſers verfertigten Muſterrolle auf viertauſend neunhundert dreiundſiebzig. Dazu kamen zwei⸗ tauſend Fremde und drei- oder fünfhundert Ge⸗ nueſer, unter Anführung des Joannes Longo, aus der edeln Familie der Güuſtiniani, auf zwei Galeeren der ſtürzenden Stadt zur letzten Hilfe geſandt.(Siehe J. v. Hammer's Geſchichte des osmaniſchen Reiches, 1. Theil, Seite 401.) 13* — digen deren drei? Was thun nicht dieſe Prieſter! Hat nicht der Auguſtus ſelbſt geſagt, daß ſie das Reich in den Abgrund des Verderbens ſtürzen werden? Haben ſie nicht den Mord gepredigt um das griechiſche und lateiniſche Kreuz?— Ob das Kreuz, welches ſie bei ihren Aufzügen vorantragen, ſo oder ſo geformt ſei, vier oder acht Ecken habe Hier brach ſie ab, und es ſchien, als ob ihr für die Tiefe der Betrachtung die Macht des Ausdruckes mangle. Mit geheimnißvollem, faſt ſi Tone ſprach Mele vor ſich hin: Den Lauf der Ge⸗ ſtirne, das Weſen der Elemente, ja auch die ſchreckenvollen Geheimniſſe der Geiſterwelt er⸗ ſpäht des kühnen Forſchers unumwölktes Auge; aber in den dunkeln Schacht der Menſchenbruſt ſtieg noch kein Endlicher hinab, uns zu verkünden das Entſtehen und das Weſen deſſen, was im Leben als That, gleich einem unauflösbaren Räth⸗ ſel, uns mit Staunen und Verwunderung füllt. Denn wer hat wohl je erklärt, warum der Menſch Gefahr und tiefes Elend, ja lieber oft ſelbſt den Tod erduldet, eh er ſich losſagt von Dingen, die nur in ihm und durch ihn Farbe und Leben haben — 193— und die er balb Sitte, bald Tugend, bald Laſter, bald Religion, bald Glauben, bald Thorheit, bald Weisheit nennt? Verwunderungvoll und hochaufhorchend ent⸗ gegnete die Jungfrau Zoe⸗Genia: Was ſprichſt Du da für undeutſame Worte? Willſt auch Du den verhüllenden Schleier noch nicht fallen laſſen, der euch Beide ſeit meiner Kindheit meinen Blicken verbirgt, wie die Morgennebel die ſtolzen Gipfel der Berge? Ich ermahne auch Dich, ihn endlich fallen zu laſſen, denn ich bin in dieſer ungeheueren Zeit müde und überdrüſſig alles Desjenigen, was nicht innig verwandt iſt dem Leben und thatkräftig eingreift in die Speichen des eilenden Rades der Zeit. Als ſei ſie von dieſer Rede ſchmerzlich er⸗ griffen, antwortete die Abyſſinierin geſenkten Hauptes und mit unterwürfigem Tone: Liebevoll ward Dir, o Herrin, ſeither verborgen, wozu ein unbeſiegbarer Wille Dich beſtimmte. Doch warſt Du deßhalb nicht bloßes Spielwerk einer höhern Macht! Gedenke der großen Erſcheinungen, deren Du gewürdiget wurdeſt, gedenke all meiner Winke und Lehren, die ich Dir gab,— mehr konnte und durfte ich nicht geben, mehr hätteſt Du auch ſicher nicht ertragen. Darum wolle, o Ge⸗ bieterin, nicht zürnen der treuen Magd! Zwar iſt mir jetzt vergönnt, den Schleier des Geheimniſſes zu lüften, doch nur nach Deinem ausdrücklichen und unabänderlichen Willen. Aber, ich verſichere Dir, daß es beſſer iſt, zu warten, bis dieß bie Hand des Schickſals ſelber thut. Hier bemerkt der böhmiſche Weltgeiſtliche, daß ein Jeder, der nur einigermaßen Menſchen⸗ kenner geweſen ſei, gewiß geſehen haben würde, daß dieſe Ermahnung der Schwarzen keineswegs von Herzen gegangen ſei. Wir ſelbſt ſind ſehr geneigt, dieſer ſeiner Meinung beizuſtimmen, und die geneigten Leſer werden uns, wenn ſie den Verlauf dieſer höchſt wunderbaren Geſchichte er⸗ fahren werden, ſicher darin nachfolgen. Hatte Mele wirklich die angedeutete Stimm⸗ ung, ſo konnte ſie keine günſtigere und ihren Abſichten entſprechendere Erwiederung von der Enkelin des Greiſes von Antiparos empfangen als folgende: Was giebt es hier noch zu zau⸗ dern oder zu wagen? Tod und Verderben um⸗ lagern uns auf allen Seiten, nirgends Gewiß⸗ heit, Verrath von innen und außen,— ich glaube fürwahr, jetzt thut es noth, einen Fingerzeig des — 195— 1 Schickſals zu haben! Darum befehle ich Dir, ſo es, wie ich vermuthen muß, in Deiner Macht ſteht, ihn mir zu offenbaren, und erkläre hier⸗ mit feierlich im Voraus, daß ich jede Weigerung von Deiner Seite als ein untrügliches Zeichen an⸗ ſehen werde, alle Deine bisher gegebenen Ver⸗ ſicherungen von Lieb' und Treue ſeien nichts ge⸗ weſen als heuchleriſcher Trug, oder mindeſtens Ausbrüche ſclaviſcher Geſinnung. Nachdem die Schwarze, was ſie ſonſt ſelten that, die Arme über der Bruſt gekreuzt, ſprach ſie mit demuthvoller Verneigung: Dein Wille, o Herrin, war und wird mir immer Befehl ſeyn, und dein Befehl ſoll mir auch Veranlaſſung ge⸗ nug ſeyn, die dunkeln Pforten einer anderen Welt zu erſchließen, was Dein erlauchter und allzu früh verſtorbener Großvater Deinetwegen auch oft gethan. Nicht Jedes aber kann zu je⸗ der Stunde geſchehen, darum erwarte mich nach der Tafel in dieſem Gemache, von wo ich Dich abholen werde, um Dich dorthin zu führen, wo Du Alles vereit zur Erfüllung Deines Willens finden wirſt. Ohne eine Antwort der Gebieterin abzu⸗ warten, entfernte ſich Mele nach dieſen etwas — 196— feierlich geſprochenen Worten mit langſamen Schritten. Irene aber empfing alsbald durch einen Diener die Nachricht, daß man ſie bereits bei der Mahlzeit erwarte. Nachdem dieſe, wie es die Umſtände mit ſich brachten, geräuſchlos und düſter vollbracht war, verfügte ſich Irene, nur von einem Diener begleitet, den ſie auch an der Thüre wieder zu⸗ rückwies, in das bewußte Zimmer. Nicht lange hatte ſie hier, von manchfachen Gefühlen be⸗ ſtürmt, verweilt, als Mele eintrat und der Be⸗ klommenen ihr zu folgen winkte. Jede der Mädchen ſchien allzu ſehr mit ſich ſelbſt veſchäft⸗ igt, als daß ſie Zeit und Luſt zu einem Ge⸗ ſpräche gefühlt hätten, und ſo kam es, daß ſie, in ein feierliches Schweigen verſunken, durch mehre kleine und große Gemächer gingen, bis ſie in einem völlig finſteren Zimmer anlangten. Ehe aber noch Irene fragen konnte nach der Urſache des ſeltſamen Beginnens, verbreitete ſich ein wohlthätiges Halbdunkel um ſie her, einer ſternhellen Sommernacht unter Hellas wonnigem Himmel vergleichbar. Und die Abyſſinierin ſprach einige halblaute und unverſtändliche Worte, deren Wirkung jedoch dem Gebote eines mächtigen —— Zauberers glichen. Denn alsbald verwandelte ſich die Fläche der einen Wand in einen Spiegel hellpolirten Stahles, worin der milde Glanz, der das ganze Zimmer füllte, ſich vielfach breck⸗ end, ein ziemlich helles Licht hervorbrachte, welches die Jungfrau weit kleinere Gegenſtände, als ſie zu ſehen beſtimmt war, hätte erkennen laſſen. Kaum mochte mehr als eine oder zwei Mi⸗ nuten Zeit ſeit dem Eintritte der beiden Mädchen verfloſſen ſeyn, als Irene, in das Spiegelmetall blickend, unwillkürlich zuſammen fahrend aus⸗ rief: Manrique de Luna, der Caſtilianer! In der Hoffnung, daß ſich unſere werthen Leſer noch des trotzigen und ziemlich unbändigen jungen Spaniers auf dem Teufelseilande erinn⸗ ern, erwähnen wir nur, daß er dießmal in ganz veränderter Geſtalt, d. h. als Anhänger des Koran, erſchien, und zwar ſchlafend auf köſtlichen Decken und Polſtern. Kaum hatte die Archon⸗ tide Zeit gehabt, den Merkwürdigen gehörig in's Auge zu faſſen, als er auch wieder verſchwand, und nun bot ſich Irene's Blicken gleichſam ein wandelndes oder vorüberziehendes Panorama, in welchem jedesmal der Schlafende, perſönlich auf⸗ tretend, eine wichtige und merkwürdige Rolle — 196— ſpielte. Bald ſtand er auf öder Haibe, er winkte, und ſie war mit zahlloſen Menſchenmaſſen be⸗ deckt, tauſend Hände regten ſich um die Wette, Berge verſchwanden, Thäler füllten ſich, Flüſſe nahmen einen andern Lauf und auf dürren Hü⸗ geln wogten kühlende Palmen und Platanen. Jetzt zeigte ſich eine glänzende Stadt mit drohenden Mauern und Zinnen, auf welchen trotzige Kriegergeſtalten einherſchritten. Der vorhin Schlaf⸗ ende nahte ihr, blickte ſie an, zuckte wie der Homeriſche Jupiter mit den Brauen— und die Mauern und Zinnen ſtürzten krachend zu⸗ ſammen, Dampf wallte auf, ein Feuermeer über⸗ fluthete verzehrend die ſtolze Stadt, im Nu deck⸗ ten tauſend Leichen das Gefilde, und Man⸗ rique lächelte gleichgiltig und ſiegestrunken über das Entſetzliche hinweg, während ihm ſtolze Pa⸗ ſchahs vorgeführt wurden, die auf eine Beweg⸗ ung ſeiner Hand bald die ſchreckliche Bläue der Erwürgten überzog. Das Bild verſchwand abermals und ein anderes trat an ſeine Stelle. Der räthſelhafte Spanier, den Irene nun mit einem geheimen, aber wohlthuenden Schauer für den Padiſchah, den Beherrſcher der Gläubigen, wie ſich die Moslemim —— nennen, erkannte, ſaß unruhig auf ſeinem Lager. Auf ſeinen Wink erſchien der alte Armenier, deſſen ſich Irene gleichfalls erinnerte, wie er auf jenem öden Schloſſe immer mild und vermittelnd zwiſchen die leicht gereizten Männer getreten war. Dießmal aber erſchien er nicht in der de⸗ müthigen Geſtalt eines armeniſchen Kaufmannes, ſondern mit einem Turban auf dem Haupte, den vier Reiherfedern als das Beſitzthum des Großweſſirs bezeichneten, und in aller Pracht dieſes mächtigſten Beamten der osmaniſchen Pforte. Ein Knie beugend vor ſeinem Herrn, bot er dieſem eine mit Gold gefüllte Schüſſel, die jener aber abwies und drohend mit dem Finger auf eine Stadt im Hintergrunde deutete, in welcher Irene mit Schrecken Conſtantinopolis, das neue Rom, erkannte. Chalil-Dſchendereli nickte bejahend und verſchwand. Mohammed, der Eroberer, ſtreckte ſich ermüdet auf das Lager. Kaum mochte er entſchlummert ſeyn, als die junge Archontide in dem Zauberſpiegel mit froh⸗ em Exſtaunen ihr eigenes Bild in aller Lieblich⸗ keit vor dem jungen Herrſcher ſtehen ſah. Nicht lange Zeit brauchte ſie, um zu er⸗ kennen, daß dieß einen Traum des Sultans vor⸗ — 200— ſtellte, denn ſie ſah deutlich alle jene Anſtalten treffen, welche auf Antiparos getroffen wurden, als Palämon auf Befehl ihres dahingeſchiedenen Vaters ſie abzuholen kam; ſie ſah ſich das Schiff mit Theophilos Paldologos ſammt allen Uebrigen beſteigen und in See ſtechen. Mit der heftigſten Unruhe war bis jetzt der Schlaf des Furchtbaren gepaart geweſen, die nun in gicht⸗ iſches Zucken überging. Plötzlich ſchwebte ein Genius hernieder und flüſterte ihm einige Worte in das Ohr, worauf der Sultan, heftig erbebend, aufwachte. Der nächſte Augenblick fand ihn zu Schiffe, und die Enkelin des weiſen Athanaſios, des Groß⸗Silentiars, ſah nun mit einem aus Angſt und Freude gemiſchten Gefühl, wie der Mächtigſte aller Menſchen ihre Spur in dem feuchten Elemente verfolgte, und bald nach ihr an jener Inſel vor Anker ging, wo ihr Vater, der Großdomeſtikos, mehre Beſitzungen und unter ihnen auch das alte Schloß hatte, auf welchem jene räthſelhaft ſeltſame Abendunterhalt⸗ ung vorfiel, welche wir zu belauſchen Gelegenheit fanden. Der magiſche Spiegel zeigte hierauf raſch nach einander das Geſpräch Mohammed's und — 201— Chalil's, ſowie das tragiſche Ende Huſſein⸗ Paſchas. Erſchöpft ſich niederlaſſend fragte die Toch⸗ ter des Großdomeſtikos: Wozu das Alles, Mele? Weſſen Hand leitete all' dieſe mit mir in enger Beziehung ſtehenden wunderbaren Begebenheiten? Die dunkle Tochter der Daſis aber hatte ſich wieder demüthig niedergelaſſen zu den Füßen der Herrin und ſprach: Des Schickſals Finger ſaheſt Du, wie er das bisher Geſchehene mächtig leitete. Auch der weiſe Greis von Antiparos erkannte ihn und lehrte mich ihn auch da erken⸗ nen, wo er den Augen der gewöhnlichen Sterb⸗ lichen mit undurchdringlichem Dunkel verhüllt iſt. Die hohe Göttin, welche Dir ſchon auf Antiparos zu erſcheinen Dich würdigte, enthüllt jetzt, ſo Du willſt, Alles klar und unzweideutig Deinen erkornen Augen. Du biſt erwählet, dem blutigen Werke Mohammed's ein Ende zu ma⸗ chen, damit er nicht die Palme des Sieges ver⸗ liere; denn nicht ihm iſt es beſchieden, die Fahne des Propheten auf dem ganzen Erdenrunde auf⸗ zupflanzen, und nur zwecklos würde er die Saat der Menſchheit zermalmen. Du biſt aber auch beſtimmt, den Sohn des Propheten vor — 202— ſchwerer Irrung zu wahren, denn entſchloſſen iſt er bis jetzt in unbegreiflicher Verblendung, das Bild des Gekreuzigten nicht zu vertreiben aus ſeinen Tempeln, ſondern nur ſeine Verehrer ſich zinsbar zu machen. Deine Stimme jedoch, die ihm Gottes Stimme dünken wird, ſoll ihn ab⸗ halten von ſolch' unheilvollem Beginnen. Was ſagſt Du? loderte Irene zornig auf: Ich ſoll den Glauben meiner Väter verbannen helfen aus dem Lande, wo er zuerſt Wurzel ſchlug? Wolle Deiner Sclavin nicht zürnen, ant⸗ wortete Mele unterwürfig, die nur auf Dein Ge⸗ heiß des Schickſals Schluß Dir zeigte, den ſchon Dein großer Ahn verehrte. Und ſollteſt Du Dich ihm widerſetzen, ſo wiſſe, daß er dennoch erfüllt werden wird, Du aber darüber zu Grunde gehen müßteſt. Damit Du aber nicht glaubeſt, durch Deine Ergebung in des Schickſals Willen der Welt Uebles zu thun, ſo wende Deinen Blick abermals nach jenem Spiegel. Irene gehorchte dieſer Aufforderung. Und ſie ſah einen königlich geſchmückten Mann, umgeben von Tauſenden Gefeſſelter, und dieſe wieder umringt von einer zahlloſen Menge . — 263— Gewappneter. Und der König winkte. Da brach ein Zug wild ausſehender Männer, mit Henkerſchwertern bewaffnet, herein, die Gefeſſelten ſielen, die Arme um Hilfe und Erbarmung fleh⸗ end, emporhaltend, auf die Kniee; der Gekrönte aber winkte wieder, und die Henker begannen zu würgen, und das Blut ſchoß hoch auf aus drei⸗ tauſend geköpften Rumpfen und bedeckte in Bächen die Erde. Seitab aber ſtanden Prieſter mit dem Bilde des Gekreuzigten in den Händen, die ſtimmten einen fröhlichen Lobgeſang an und die Streiter Chriſti trieven Spott mit den blaſſen, abgeſchlagenen Häuptern und hielten ſie jubelnd zum reinen Himmel empor. Und ein dreifach gekrönter Prieſter ſpendete n ſeinen Segen im Namen Gottes. Das iſt, ſprach Mele kalt erklärend: der Lohn unbekehrbarer Sachſen durch den großen Chriſtenkaiſer Karl, weil ſie es verſchmäht hat⸗ ten, dem dornengekrönten Götzenbilde ihre Liebe und Anbetung zu weihen. Halt ein, Entſetzliche! rief Irene und wollte ſich abwenden, aber ſchon hatte ein anderes Bild ihr Blick getroffen, von welchem ſie nicht weg⸗ zublicken vermochte. Sie ſah, wie der Kaiſer, „ Wuth der Prieſter zu retten, deſſen Verbannung anordnete, und der theure Greis eilig entfliehen mußte. Irenes Herz kochte, aber noch hatte ſie nicht das Schrecklichſte erfahren. Unmittelbar nach des Großvaters Verſchwinden nämlich er⸗ blickte ſie jene Verſammlung im Spiegel, aus welcher ihr Vater, der Groß⸗Domeſtikos Ariſto⸗ bulos Phranzes todtkrank nach Hauſe gebracht ward. Eben hob dieſer drohend die Hand ge⸗ gen den Patriarchen Gennadios und lehnte ſich, tödtlich erſchöpft, auf den Protoveſtiarios. Irene ahnete das Ungeheuerſte, ſie ſtrengte ihre Seh⸗ kraft übet Macht an, daß es ſie bis in das Gehirn hinein ſtechend ſchmerzte. Das Grinſen des Hohenprieſters erfüllte ſie mit Grauſen, als er ſich zu dem neben ihm ſitzenden Mönch Neo⸗ phytos wandte und dieſer ſich entfernte. Als er aber nach kurzer Abweſenheit ihrem Vater den Trunk reichte und dieſer, zur Leiche erblaßt, in ihres Bruders Arme ſank, da warf das Ent⸗ ſetzen ihre Standhaftigkeit wie ein gewappneter Rieſe nieder, und als Mele ſchmeichelnd fragte: Willſt Du, o Herrin, des Schickſals weiſen um den weiſen Athanaſios Phranzes vor der —.———— Spruch erfüllen? da hauchte ſie ein kaum ver⸗ nehmbares Ja, und ohne es faſt ſelbſt zu wiſſen, hatte ſie eine, von der Abyſſinierin ihr dargebot⸗ ene Schrift mit ihrem Namen unterſchrieben. Indem ſie, im Weggehen ſchon begriffen, noch einmal den Blick nach dem verhängnißvollen Spiegel wandte, ſah ſie ein Tableau, welches ihr in dieſem Augenblicke unbeſchreiblich wohlthätige Gefühle erweckte. Sie erblickte nämlich den Thron Osmans, auf Kronen, Biſchofmützen, Sceptern und Fürſtenhüten errichtet, und ſeinen furchtbaren Beſitzer, Manrique de Luna, Ma⸗ hommed den Eroberer, vor ihrem eigenen Bilde in unendlicher Liebe knieend. Europa, Aſien und Afrika brachten ihr als gefeſſelte Selaven Geſchenke, der Halbmond glänzte friedlich von den Minarets, Schwert und Schild legte der Weltſtürmer zu ihren Füßen nieder und ein durch ſie beglücktes Volk ſendet⸗ jubelnd ſeinen Dank zu ihr empor. Erſt in ihren Gemächern erholte ſih Irene von der Erſchütterung, welche dieſe Scenen in ihr hervorgebracht hatten. 14 — 206— Der nächſte Morgen fand die Stadt in der unbeſchreiblichſten Beſtärzung, denn das, was keinem ihrer Einwohner nur möglich ge⸗ dünkt hätte, das war in einer Nacht zur ent⸗ ſetzenvollen Wirklichkeit geworden. Mit anbrech⸗ endem Tage nämlich hatte das Kriegsvolk von den Wällen des Hafens herab das furchtbare Schauſpiel gehabt, daß ein großer Theil der türkiſchen Flotte unter Pfeifen⸗ und Trompeten⸗ klang auf dem, auf des Sultans Befehl erbau⸗ ten Bohlenwerke mit Blitzesſchnelle in den Ha⸗ fen geſtürmt war. Der Schrecken kannte keine Grenzen, Wei⸗ ber und Kinder, Greiſe und Männer und Jüng⸗ linge rannten zwecklos durch einander und nach dem Blachernen⸗Palaſt, um von dem Kaiſer Rath und Hilfe zu fordern. Mitten unter ihnen ſah man den Groß⸗ herzog Lukas Notaras und den Patriarchen Gennadios. Nachdem es jenem gelungen war, einen großen Haufen zum Aufhorchen zu bringen, ſchrie dieſer: Seht die erſte Frucht des gottver⸗ fluchten Henotikons! Iſt noch Einer unter Euch, dem es wohlgefällt? Nein, nein, zum Teufel mit dem Henoti⸗ kon und allen ſeinen Anhängern! brüllte der wüthende Haufe, und die Beiden hatten Mühe, durch ihn hindurch in den Palaſt zu der vom Kaiſer berufenen Verſammlung zu gelangen. Der Drang der Umſtände, dem kein Sterb⸗ licher zu widerſtehen vermag, zeigte auch jetzt, bei der Art und Weiſe, wie der große Rath im Blachernen-Palaſte gehalten wurde, ſeine Allge⸗ walt. Denn nichts erinnerte dießmal an jene grauen und verjährten Förmlichkeiten, welchen der, den Eintritt in jenes Heiligthum Suchende ſich unbedingt unterwerfen mußte; ſondern Alles ſtürmte durch einander, unbekümmert, ob man in die geheiligten Purpurgemächer oder in die Wohnung der Palaſtwache komme, und furchtlos das ſtrenge Geſetz des Silentiars überſchreit⸗ end. Endlich kam in jenem alterthümlichen Saale, den wir bereits kennen, die Verſammlung aller Berufenen und Nichtberufenen, Weltleute, Prieſter, Mönche, Archonten und Ktiegsoberſten zu Stande. Seltſam jedoch ſchien es, daß dar⸗ unter faſt kein einziges von den Häuptern, die in dieſer Erzählung eine wichtige Rolle bisher ſpielten, ſich befand, außer dem Groß⸗Admiral Lukas Notaras, dem Patriarchen Gennadios und 14* — 208— dem Mönche Neophytos von Rhodos. Die Er⸗ ſcheinung des Kaiſers dämpfte den nicht füglich vergleichbaren Lärm, welcher bisher gewüthet und zugleich verhinbert hatte, irgend einen Gedanken zu Errettung der bedrängten Stadt zu faſſen oder auszuſprechen. Sorglich ſpähend überüef der Blick des Herrſchers die Anweſenden und blieb mit dem Ausdruck des mühſam verhaltenen Mifßfallens einen Augenblick auf dem bleichen Geſichte des Patriarchen haften, worauf er ſprach: Viele meiner Getreuen, die ich in ſo ſchwerer Stunde ſo gern um mich geſehen hätte, ſind nicht erſchienen. So möge Euch Uebrige denn der Herr der Heerſchaaren erleuchten„mir ihre Weisheit und Liebe mit der Eueren zu erſetzen. Ich frage Euch demnach: wie meinet Ihr, daß der von den Ungläubigen errungene Vortheil ihnen wieder entriſſen werden könne? Alsbald erhob ſich Gennadios von ſeinem Sitze und ſprach oder rief vielmehr die trotzigen Worte: Sohn des heiligen Conſtantin„ frage nicht, wie ein Uebel auszurotten ſei, ſondern: was iſt der Grund des Uebels und iſt dieſer zu beſeitigen oder nicht? Jene Frage kann kein — Sohn Abams beantworten, bieſe der geringſte Deiner Knechte. Die klaren Züge des Monarchen verdunkel⸗ ten ſich bei dieſer Rede des Patriarchen, weil er bei dem erſten Worte derſelben ihr Ende ſchon mit Beſtimmtheit wußte. Zwar ſchien er den Prieſter gebieteriſch unterbrechen zu wollen, aber eingedenk des zuletzt gehaltenen großen Rathes und deſſen ſchmählichen Endes, unterdrückte er den beleidigten Königſtolz und warf mit Würde dazwiſchen: Wende heute Deinen Scharfſinn nicht auf ſcholaſtiſche Unterſcheidungen und Formeln, ſondern auf Löſung der allgemeinen Noth. Das iſt mein einziges Ziel, meinte Genna⸗ dios: aber wie jede Heilung mit Schmerzen ver⸗ vunden iſt, ſo auch die Heilung unſeres Leidens. Ja,— fuhr er mit erkünſtelter Heftigkeit fort: — ja, durch meinen Mund ertöne auf's Neue das Wort des Propheten: Von den Altären Betels will ich Rache nehmen, ſpricht der Herr, die Hörner des Opfertiſches werden untergraben zur Erde fallen, ich werde den Palaſt mit Zin⸗ nen niederſtürzen jauf das Sommerhaus, die elfenbeinernen Häuſer werden vernichtet werden, 210— und viele andere, ſpricht der Herr.“) Euere Feſte werde ich verabſcheuen und an eueren Brandopfern keinen Gefallen haben. Entferne von mir den Schall deiner Lieder und die Pſalmen deiner Orgeln will ich nicht hören. Das Ende meines Volkes iſt gekommen, ſpricht der Herr, ich werde ſeine Züchtigung nicht länger verſchieb⸗ en, und an jenem Tage werden die Gewölbe des Tempels heulen, ſpricht der Herr.“) Siehe da, die Erfüllung des prophetiſchen Wortes iſt ge⸗ kommen und wird in dreimal größerem Maße über das abtrünnige Volk hereinbrechen, denn der Tempel Aja Sofia's, der irdiſche Himmel göttlicher Weisheit, der himmliſche Thron gött⸗ licher Glorie, der zweite Cherubinenwagen des Herrn der Welten, das Gott gebaute Schauwun⸗ der der Erde,“**) wird ein Greuel des Abſcheu's werden, wenn der Abgeſandte Baals länger in dieſen Mauern weilet und das verfluchte Heno⸗ tikon, Gehenna's ſcheußlichſte Ausgeburt, von *) Amos III, 14. 15. **) Amos V, 21. 23, und Amos VIII, 3. **) Namen, welche man der Kirche Aja Sofia, dem damaligen größten Tempel der Chriſtenheit, bei⸗ legte. — dem Geſalbten des Herrn nicht alsbald vernichtet wird. Darum fordere ich Dich, großmächtigſter Cäſar Auguſtus, hiermit zum letzten Male im Namen Gottes und Deines bedrängten Volkes auf, den Verführer herauszuſtoßen aus dieſer gottgeweihten Stadt und das Band zu zerreißen, welches Dich an ihn feſſelt. Erfüllſt Du mein frommes Begehren, ſo verheiße ich Dir, als ein Diener Gottes und Fürſt der Kirche, Heil, Sieg und Segen; wo nicht, ſo verkünde ich Dir und Allen den Fluch des Himmels und mit ihm Untergang und tiefſte ewige Schande. umſonſt Schutz ſuchend in den Mienen ſei⸗ ner ihn umgebenden Unterthanen gegen die wil⸗ de Frechheit eines Oberhauptes der Kirche, ſprach der Kaiſer mit gedämpfter Stimme, während ſeine Rechte krampfhaft den Thronſeſſel faßte: Gennadios, ich verzeihe Deine ungebührliche Re⸗ de dem Eifer für die gute Sache, obwohl ich Dich des Hochverrathes anklagen könnte nach den Geſetzen meines kaiſerlichen Hauſes; hinge⸗ gen bedenke auch, daß ſich von der geſammten Maſſe des griechiſchen Volkes nicht fünftauſend zur Vertheidigung des Vaterlandes und des Al⸗ tares geſtellt haben, ſo daß wir von den Aus⸗ — ländern beſchämt worden ſind, deren uns gegen dreitauſend zu Hilfe gekommen ſind, ſämmtlich Lateiner und demnach der römiſchen Kirche an⸗ hangend. Dieſe, die Tapferſten unſerer Streiter, würde uns die Vollziehung der von Dir vorge⸗ ſchlagenen Maßregel ſogleich rauben, da ſie ent⸗ weder unverzüglich die Waffen niederlegen oder gar um freien Abzug mit den Türken unterhan⸗ deln würden. Wie wollteſt Du, ich bitte Dich, das daraus entſpringende Unglück abwenden, wie das, bei der dadurch unfehlbar erfolgenden Er⸗ oberung der Stadt vergoſſene Blut ſühnen? Ich bitte Euch daher, wenigſtens die nächſte Zu⸗ kunft zu bedenken und von Euerem thörigen Verlangen abzuſtehn. Lautes Murren aller Gegenwärtigen brach hier aus, und der Mönch Neophytos erkühnte ſich, laut zu rufen: Dann wird erfüllet ein an⸗ deres Prophetenwort, das alſo lautet: Sobald die Ungläubigen bis an die Bildſäule Conſtantins des Großen vorgedrungen ſeyn werden, da wird ein Engel vom Himmel ſteigen und einem an der Säule ſitzenden armen und niedrigen Mann — 213— ein Schwert reichen mit den Worten: Nimm dieſes Schwert und räche das Volk Gottes.“) Hinweg mit dem Henotikon, hinweg mit dem Kardinal⸗Legaten, hinweg mit den Ketzern, auf daß ſich Gott unſer erbarme und ſeinen Zorn wende!— erſcholl es mit Donnergetös in der hochgewölbten Halle, und dazwiſchen hörte man unabläſſiges Kanonenfeuer, als wolle die menſch⸗ liche Stimme mit dem Klange des Geſchützes einen Wettſtreit beſtehn. Da vermochte ſich der Kaiſer nicht mehr zu faſſen, er ſprang zornentbrannt vom Throne auf und rief mit einer Löwenſtimme: Schweigt, Wahn⸗ ſinnige, wenn Ihr nichts Beſſeres vermögt, als Euer Verderben zu verlangen. Bei meiner Kai⸗ ſerehre ſchwör' ich's, wer noch einmal das heil⸗ loſe Verlangen, das das Reich in das tiefſte Verderben zu ſtürzen droht, ausſpricht, den laſ⸗ ſe ich in Stücke hauen! Dieſe Worte, wie ein Donnerſchlag wirkend, brachten ein tiefes Schweigen hervor; aber es war nicht das Schweigen der Furcht oder des Schreck⸗ *) Geſchichtlicher Aberglaube der Byzantiner, dem ſich noch mancher andere lächerlichere anſchloß. ens, ſondern das Schweigen betäubender Wuch, welche im erſten Augenblicke der Fähigkeit des Entſchluſſes und noch mehr des Handelns be⸗ raubt. Alle ſtanden ſtill, kein anderes Lebens⸗ zeichen, als das des Erbleichens von ſich gebend, ſelbſt Gennadios, der wilde Erzprieſter, ſchien zur regungloſen Statue erſtarrt. Die lange Pauſe, die dadurch entſtand, war des Kaiſers Rettung, denn wohl keinem der Anweſenden fehlte die Luſt zu einem ungeheuern Frevel, und die unbeſchreib⸗ liche Rachgier, die des Herrſchers das Henotikon vertheidigende und die Griechenſchande rügende Worte entflammt hatten, hätte wohl auch die Furcht vor der harrenden Strafe verſcheucht; aber wie es zu geſchehen pflegt, ſo geſchah es auch hier: die höchſte betäubende Wuth lähmt die Thatkraft, aber während des allmähligen Wie⸗ derkehrens derſelben iſt auch die Beſinnung von neuem in ihre Rechte getreten und hat ihre ſchwarze Drängerin aus dem angemaßten Beſitze vertrieben. Als die empörten Häuptlinge erſt die Furchtbarkeit ihres Vorhabens erkannten, war ihnen auch der Muth zu ſeiner Ausführung ent⸗ ſchwunden. Ein häßliches gellendes Gelächter, wie das eines Wahnſinnigen, welches der Großher⸗ — 215— zog Lukas Notaras ausſtieß, war die einzige Frucht dieſes wichtigen Moments. Der Kaiſer that, als vernähme er dieß Zeichen ohnmächtigen Grimmes nicht, ſondern fragte ernſt und ruhig: Weiß al⸗ ſo Keiner von Euch ein Mittel anzugeben, die drohende Gefahr abzuwenden? Lange wartete der Monarch auf eine Ant⸗ wort, es war, als harre er ihrer mit Sehn⸗ ſucht, als beuge ihn das Schweigen der Seinen mehr, als daß er Troſt von ihrer Rede hoffe. Endlich ſagte er mit Unwillen: Alſo findet ſich Niemand unter dieſen Vielen, der eines kühnen, wenn auch nicht rettenden Gedankens fähig wä⸗ re? In der That— ſetzte er ſchmerzlich lä⸗ chelnd hinzu— zwiſchen heute und dem Tage von Platäa iſt eine lange Zeit, das ierne ich jetzt erkennen! Wenn Ihr leer ſeid an guten Gedanken, ſo ſeid entlaſſen— es wird ſich in Byzanz mindeſtens Einer finden, der dieß Beiſpiel der Väter nicht nur kennt, ſondern auch nachahmet! — Ihr Mönche Neophytos und Giagari bleibt, Ihr andern geht an Euere Plätze, und Euch, Pa⸗ triarch, ermahne ich, als der erſte Diener Gottes in dieſem Reiche zu Eintracht und Friede zu er⸗ mahnen und des Spruches zu gedenken: Con- — 216— cordia parvae res crescunt— discordia maximae dilabuntur!— Bald war der Saal, den noch vor wenigen Minuten die ungezügeltſten Leidenſchaften durch⸗ tobten, ſtill und öde wie das Grab. Der Kai⸗ ſer, der ihn zuerſt verlaſſen hatte, verfügte ſich in eines der nächſten Gemächer, wohin ihm die beiden Mönche alsbald folgten. In ihren, vor kurzem noch kecken, ja frechen Mienen war jetzt nichts als bleiche Furcht und zermalmendes Bewußtſeyn zu leſen, beſonders zaghaft erſchien Neophytos, ſo ſehr er ſich auch zu faſſen bemüht war. Lange und ſcharf betrachtete die vor ihm Stehenden der Kaiſer und ſprach dann: Du Neophytos und Du Giagari, was trug ich Euch bei der erſten Nachricht von den Zurüſtungen der Türken auf? Antwortet mir ſtrenge Wahrheit, wenn Ihr Euer ſündhaftes Leben liebt! Giagari's Angſt ſtieg immer höher, Neophy⸗ tos hingegen war nach jenen Worten ſichtbar ruhiger und dreiſter geworden, ſo daß es ſchien, als habe er die Entbeckung weit ſchlimmerer Verbrechen gefürchtet, als deren er jetzt entgegen⸗ ſah. Er wollte eben reden, als ihm Giagari zuvorkam, indem er bebend ſprach: Ew. kaiſerli⸗ — 217— che Majeſtät trug uns auf, vor dem Beginn der Belagerung für die Wiederherſtellung der ſtark beſchädigten Mauern zu ſorgen. Und wie viel Geld gab ich Euch zu dieſem Zwecke? Siebzigtauſend Gulden, lautete Giagari's Antwort. Warum habt Ihr meinen Befehl nicht voll⸗ zogen? fragte der Kaiſer weiter: Geſtern hat ſich Giuſtiniani bitter beklagt über den ſchadhaften Zuſtand vieler Mauern. Der eingeſchüchterte Giagari wollte antwor⸗ ten, ward aber von dem nun vollkommen ge⸗ faßten Neophytos mit den Worten unterbrochen: Verzeiht, Großmächtigſter, den Fehl, der Treue und zärtlichen Beſorgniß entſprungen. Wir, des Krieges nicht ſonderlich erfahrene Männer, mein⸗ ten, die Mauern der weltbeherrſchenden Con⸗ ſtantinopolis ſeien ſtark genug, einen noch ſo großen und furchtbaren Schwarm von Barbaren abzuhalten, hielten alſo für beſſer, die empfange⸗ ne Summe auf eine andere Weiſe zu verwen⸗ gen, die wir Eueret Majeſtät und dem allgemeinen Beßten für erſprießlicher hielten. Irrten wir, ſo bitten wir flehentlich um gnadenreiche Ver⸗ zeihung. Die Mönche fielen auf die Kniee, die Hände fromm und andächtig auf der Bruſt kreuzend, der Kaiſer aber betrachtete ſie eine Weile mit verächt⸗ lichem Lächeln, worauf er ſagte: Ich lechze nicht nach Euerem Blute, aber es ſoll fließen, ſobald Ihr nicht bekennet, was Ihr mit dem Euch anvertrauten Gelde begonnen. Redet! In einigen Secunden hatte der liſtige Neo⸗ phytos die Gefahr, in welcher er ſchwebte, aber auch das einzige Mittel erwogen, das ihn und ſeinen Mitſchuldigen retten konnte. Er bedachte, daß auch die feinſte Lüge der Enthüllung aus⸗ geſetzt iſt, und ein kluger Mann nichts wagt, geſchweige denn den Kopf, wo es nichts zu ge⸗ winnen giebt. Hier macht der abendländiſche Ueberſetzer der griechiſchen Legende die boshafte Bemerkung: Bei uns ſind auch ſchon einige Leute ſo klug geweſen. Neophytos erwiederte alſo mit künſtlich zit⸗ ternder Stimme: Großen Nothſtand befürchtend und Mangel an allem Nöthigen, beſchloſſen wir, das empfangene Geld getreulich zu bewahren, — 219— hoffend, daß es Euerer Majeſtät vielleicht zu den erhabenſten Zwecken dienen könne; um es nun der Habgier unzugänglich zu machen, vergruben wir es,*) und ſind bereit, es ſogleich zu Euren Füßen niederzulegen⸗ Sie erhoben ſich beide und wollten ſich eilig entfernen; der Fürſt aber ſprach mit einem Blicke der tiefſten Verachtung: Behaltet Euer ungerechtes Gut, durch das Ihr unſer Verderben herbeige⸗ zogen habt, es wird Euch keinen Gewinn bringen, denn wiſſet, daß die von Euch vernachläſſigten Mauern dem Andrange des Feindes nicht länger widerſtehen können. Und ihre Lücken mit Euren Leibern auszufüllen, ſeid Ihr alle zu elend. Mir ekelt vor Euch!— Er entfernte ſich nach dieſen mit Heftigkeit geſprochenen Worten nach den Purpurgemächern, wo ihm viele bereits ängſtlich harrende Große entgegentraten. Die beiden Mönche aber enteil⸗ ten erſchrocken dem Palaſte der Blachernen, denn die Nachricht, die der Kaiſer durch Joannes *) Geſchichtlich wahr. Das von dieſen Mönchen vergrabene Geld wurde bei der nachmaligen Plün⸗ derung Conſtantinopels von den Türken erbeutet. — 220— Longo Giuſtiniani erhalten, hatte ſie zittern ge⸗ macht vor dem Türkenſchwerte. Während ſich dieß Alles am kaiſerlichen Hofe ereignete, gingen im Palaſte der Phranzes nicht minder wichtige Dinge vor. Hier hatten ſich die tapferſten und edelſten Männer verſammelt, um zu berathen, wie die osmaniſche Kriegsmaß⸗ regel für die Hauptſtadt unſchädlich gemacht werden könne: Theophilos der Paläologe, Jo⸗ annes Longo, Joannes Grant, der Kadinal Iſi⸗ dor, Sultan Urchan und Longo's Freunde, der Unſterblichkeit würdig: der Genueſer Giovanni Careto, die Brüder Paolo und Antonio Bochiardi, Giovanni Fornari, Tommaſo Selvatico, Lodovico Gateluſio, Maurizio Cataneo und Joannes, der kapfere Illyrier. In der Begleitung des Kardinals befand ſich Signor Francesco Ghertuccio. Als der Fardinal mit ſeinem Geſellſchafter in die große Verſammlunghalle trat, war die ganze Familie der Phranzes, bis auf das jetzge Oberhaupt derſelben, den Protoveſtiarios Geor⸗ gios, gegenwärtig, Theophano Paläologa, Zoe⸗ Genia's Mutter, des Großdomeſtikos trauernde Witwe, die Prinzeſſin Zoe, Georgios Gemahlin mit ihren Kindern, und Zoe⸗Genia mit Leuke 21— und Mele. Die erſte ſchien voll Ergebung, die zweite voll zorniger Unruhe, die Kinder voll ängſtlicher Erwartung, Irene aber, in tiefſinnige Träumereien verſunken, zwiſchen Beklommenheit und Freude ſchwebend, ſchien wenig und mit Widerwillen auf das zu hören, was ihr der Ver⸗ lobte zuflüſterte. Ihr war das ganze Treiben ihrer Umgebungen unbeſchreiblich abgeſchmackt und läſtig geworden; ihr Gemüth, von früheſter Jugend an mit der Milch des Wunderbaren und Geheimnißvollen genährt, in der letzten Zeit durch die uns bekannten Vorfälle erbittert, und eigent⸗ lich, wie Bruder Euthanaſius bemerkt, dem Himmliſchen von jeher entfremdet, konnte nur in der ihr eröffneten Ausſicht auf Außerordent⸗ liches, das ſie ſich kaum ſelbſt zu geſtehen wag⸗ te, einen Stütz⸗ und Ruhepunkt finden. War ihr doch das Außerordentliche von Kindheit auf befreundet, ja faſt zum Alltäglichen geworden, beſonders in der nächſtverfloſſenen Zeit, wo der Schleier ihres räthſelhaften Daſeyns ſich zu lüf⸗ ten begann. Zu ihren Füßen ſaßen Leuke und Mele, jene dem kampfermüdeten Schwane gleich⸗ end, deſſen Theophano aus ihrem ſeltſamen Traume gegen Irene gedacht hatte, dieſe, was 15 — die Haltung ihres Körpers und die ſieghafte Freudigkeit in ihren Mienen anlangt, dem dun⸗ kelgefiederten Condor. Dieſe Freudigkeit aber verſchwand alsbald, da ſie den eintretenden Ghertuccio gewahrte, un⸗ willigem Staunen Platz machend. Nicht lange jedoch konnte dieſes Gemüth in thatbedürftigen Momenten thatloſer Unentſchloſſenheit Raum geben; denn nach wenigen Augenblicken, der Ga⸗ latenſer hatte noch kaum die Mitte der hochge⸗ wölbten, ſäulengetragenen Halle erreicht, wandte ſich die Abyſſinierin an Theophilos Paläologos, ihm einige leiſe unvernehmbare Worte in das Ohr flüſternd, worauf dieſer beifällig nickte und den Kardinal bei Seite zog. Obwohl, ſprach er zu dieſem jetzt keines⸗ weges die Zeit zu Förmlichkeiten iſt, ſo muß ich Euch dennoch, theuerſter Kardinal, um gütige Aufnahme deſſen bitten, was ich Euch ſo eben mitzutheilen Willens bin. In ſeiner einnehmenden und verbindlichen Weiſe antwortete der Katdinal: Ihr wiſſet ja, erlauchter Prinz, meine Freundſchaft und Er⸗ gebenheit gegen Euch, die jede Bitte Euerſeits überflüſſig und mich ganz zum Werkzeug Eueter Wünſche machen. Euch iſt nicht unbekannt, fuhr der Authen⸗ topulos*) fort, daß ſich die Einwohner von Ga⸗ lata in dieſer ſchwierigen Zeit ſo höchſt zwei⸗ deutig benommen, ja ſogar dringenden Ver⸗ dacht gegen ihre aufrichtige Geſinnung und Treue erregt haben, daß es mir bedenklich ſcheint, ſelbſt einem ſolchen, dem Ew. Eminenz Ihr Zutrauen ſchenkt, bei einer Berathung, die gewiſſermaßen die letzte Rettung dieſes unglücklichen Reiches ausmacht, die Gegenwart zu geſtatten. Darum bitte ich, entfernt den mir ohnehin widerlichen Ghertuccio, der zu neun Zehntheilen Galatenſer und zu einem Zehntheil Genueſer iſt. Ich er⸗ innere Euch nur an die Geſchichte auf dem ſo⸗ genannten Teufelseilande. Ohne alle Zweifel hatte Ghertuccio hier erfahren, daß der Großdo⸗ meſtikos ſeine Tochter von dem, durch den hoch⸗ berühmten Athanaſios bekannt gewordenen Anti⸗ paros holen laſſe, und dieſes dem raubſüchtigen und wollüſtigen Padiſchah verrathen, den wir zu unſerem unbeſchreiblichen Aerger, ſammt ſein⸗ ²) Prinz von Geblüt. 15 — 2— em Großweſſir Dſchendereli, aus der Falle ent⸗ wiſchen laſſen mußten, in die ſie ſo ſchön ge⸗ gangen waren. Durch dieſe Rede des Fürſten ſichtlich er⸗ ſchreckt, entgegnete der Kardinal-Legat: Jeder Dank von mir für den Dienſt, den Ihr mit dieſem wichtigen Winke dem allgemeinen Beßten leiſtet, würde faſt anmaßend erſcheinen; darum thue ich nichts, als ihn mit Eile zu befolgen. Während dieſe Beiden jenes kurze Geſpräch mit einander führten, hatte ſich der Geſchäfts⸗ mann ſeiner dunkelfarbigen Befehlhaberin ge⸗ nähert. Doch ſchien es, als habe er hier eben nicht den glänzendſten Empfang genoſſen, denn er ſtand blaß und verſteinert vor ihr, die ihm noch einen funkelnden Blick zuſchleuderte und ihm dann den Rücken kehrte. Um ſo größer war Signor Francesco's Verwunderung, als jetzt der, dem er ſeinen Eintritt in dieſe Gemächer dankte, herantrat und ihm mit dürren Worten erklärte: Er ſei für heute ſeiner Dienſte nicht mehr be⸗ dürftig, weßhalb der verehrliche Kaufherr ſofort ſeinen Geſchäften oder Vergnügungen nach Be⸗ lieben obliegen könne. Herr Ghertuccio ſchien etwas darauf erwie⸗ — 225— dern zu wollen, denn er zog den Unterkiefer nach unten und bewegte die Lippen, da er aber durch eine nicht mißzuverſtehende Geberde Iſidor's am Sprechen gehindert ward, ſo ging er vor Schreck mit aufgeſperrtem Munde durch den Saal und zur Thüre hinaus, ſo daß ſich ſelbſt Mele's droh⸗ ende Miene zum Lächeln verzog. Noch hatte die Berathung nicht begonnen, Alle warteten darauf, daß der Prinz dieß thun ſolle, und wollten aus Ehrfurcht ihm nicht vor⸗ greifen. Dieſer hingegen wünſchte den Abgang der Frauen abzuwarten, deren Gegenwart er für ungünſtig hielt; jedoch ſchien es ihm unthunlich, ſie daran zu erinnern. Am meiſten war Giüuſtiniani wegen dieſer Verzögerung aufgeregt, der überhaupt in einer erbitterten Stimmung zu ſeyn ſchien. Seitab ſtehend mit ſeinen hochgefeierten Freunden, ſchien er die Aufmerkſamkeit und Hochachtung, welche ihm und ſeinen Gefährten Jedermenn zu er⸗ weiſen ſuchte, mit Widerwillen hinzunehmen; überdieß ließ er gegen die Seinen manch' herbes Wort über des anweſenden Paläologen Geſpräch mit der ſchönen Jungfrau fallen. Man weiß nicht, ſagte er unter anderem, wie man das Be⸗ 226 nehmen dieſer Neurömer nennen ſoll. Daß ſich der Aufforderung des Kaiſers, das Vaterland zu vertheidigen, ſo Wenige nur geſtellt haben, deu⸗ tet offenbar auf allgemeine Feigheit der Nation; und dennoch halten ſich die Wenigen wacker und mannhaft was aller Erfahrung widerſpricht, welche lehrt, daß ein entartetes Volk nie Tauſende von Helden in ſeinem vergifteten Schooße nähren kann. Ein eben ſo großes Räthſel iſt dieſer kaiſerliche Prinz, der ſo gelehrt und tapfer wie Einer iſt und in der Stunde der höchſten Noth noch Sinn für Narrenpoſſen zeigt. Und dann die Maſſe und größte Mehrzahl des ab⸗ ſcheulichen Volkes ſo dumm, ſchlecht und aber⸗ gläubiſch, und die zahlloſen Scharen von gift⸗ igen Pfaffen— Alle Wetter, ich wollte lieber in Teufels Dienſten ſtehen, als dieſes Lumpen⸗ geſindel beſchützen!— Alle ſeine Gefährten gaben dem erzürnten Generale Recht, und wenig fehlte, daß ſie ihrem Unmuthe laut Luft machten; beſonders als ſo⸗ gar der ruhige und geehrte Johannes Grant zu murren anfing; da erhob ſich die Prinzeſſin Theophano, ſprechend: Es thut nicht gut, wenn Weiber und Kinder den Berathungen der Männer beiwohnen; darum wollen wir uns entfernen und die Zeit mit Geveten hinbringen, daß die allerheiligſte Jungfrau den Männern Weisheit, Muth und Sieg verleihen möge. Darauf erwiederte die Jungfrau Irene: Er⸗ laubt mir, theureMutter, hier zu bleiben an der Seite meines Bräutigams, das wird mir beruh⸗ igender ſeyn, als im engen Betzimmer halb ver⸗ zweifelnd Botſchaft zu erwarten, welchen Erfolg das Streben der Unſeren habe. O unergründliche Tiefe des menſchlichen Herz⸗ ens— in dieſe Worte bricht der Erzähler der Legende bei dieſer Stelle aus—, des weiblichen zumal! Während dieſes junge Mädchen ihr Herz bereits von allem Himmliſchen abgekehrt und dem häßlichen Feinde des chriſtlichen Namens zuge⸗ wendet hatte, ſpricht es noch, mit einem Auf⸗ wande von Heuchelei, als ob es zu dem Allen, was es bereits haßt oder verachtet, oder minde⸗ ſtens gleichgiltig betrachtet, eine herzliche Liebe und Zuneigung empfände! Eine bejahende Bewegung, die die Mutter machte, bewilligte die Bitte. Auf einen Wink der jungen Gebieterin blieb Mele, Leuke hinge⸗ gen ward durch einen andern zur Entfernung — 228— genöthigt und gehorchte ihm mit ſichtbarer Be⸗ trübniß. Kaum hatten die Frauen und Kinder ſich aus der Halle begeben, ſo begann der Paläologe: Ich brauche nicht erſt die drohende Gefahr zu ſchildern, in welcher die Hauptſtadt und mit ihr das Reich ſchwebt; es iſt allen dieſen großmüthigen und edeln Männern bekannt, daß es den Os⸗ manen gelungen iſt, ſich unſers Hafens zu be⸗ mächtigen. Auch handelt es ſich nicht darum, zu fragen, wer das Unheil abwenden ſoll, denn zu ſo herrlicher That, werden ſich tauſend Be⸗ werber finden, ſondern die Frage iſt: wie iſt es abzuwenden? Gebe daher ein Jeder der An⸗ weſenden ſeine rathende Stimme. Mit dem Ausdruck des bitterſten Unmuthes in Stimme und Miene nahm Joannes Longo das Wort, indem er alſo ſprach: Wenn man, ohne die Sache zu kennen, den Neffen des Au⸗ guſtus ſo reden hörte, ſollte man ſchier meinen, dieſes Reich ſei mit eitel Göttern und Helden bevölkert, und das ausländiſche Kriegsvolk eine Geſellſchaft überflüſſiger Menſchen, die man aus Menſchenliebe und Barmherzigkeit um Gottes⸗ willen hier behält, obwohl mir es nicht ſchwer fallen ſollte, das Gegentheil davon zu beweiſen. Dem ſei nun, wie ihm wolle, ſo erkläre ich hiermit in meinem und meiner Freunde, der hier gegenwärtigen italieniſchen Kriegsoberſten Namen, daß wir einzig in der Abſicht hierher gekommen ſind, uns bitter über das Benehmen derjenigen zu beklagen, die wir mit Blut und Leben vertheidigen, und wenn unſerm Verlangen nach Abſtellung unſerer Beſchwerden nicht ge⸗ willfahret wird, den kaiſerlichen Dienſt zu kün⸗ digen mit ſammt den uns untergebenen fremden Truppen. Der Prinz, über dieſe heftige Rede ſichtlich erſchrocken, entgegnete: Was iſt geſchehen, Herr Giuſtiniani, das Euch und die andern verehrten Männer unſerer guten Sache abwendig zu ma⸗ chen droht? und warum habt Ihr Eure Klage nicht längſt bei dem erhabenen Cäſar Auguſtus vorgebracht? Wer kann das? warf der Genueſer ein: wer will vor all den tollen Pfaffen und wüthigen Eiferern gegen das Henotikon dem Kaiſer denn nahen? Und warum wirft er ſich nicht uns in die Arme? Hätte er's gethan, wir hätten mit unſern Klingen ſein Anſehn bald wieder herge⸗ ſtellt, während er jetzt vor ſeinen eigenen Unter⸗ thanen zittern muß. Und was geht denn im Grunde unſere Sache der Kirchenvereinigung an? Sind wir denn hierher gekommen, um anſtatt der griechiſchen Popen Meſſe zu leſen und ih⸗ nen das Räucherfaß aus der Hand zu reißen?— Doch läſtern und verleumden möchten ſie immer⸗ hin, das wollen und können wir ihnen nicht wehren; aber ſie thun mehr, ſie erbittern das Volk und die Soldaten gegen uns, daß es ein Jammer iſt, der nichtswürdige Lukas Notaras an ihrer Spitze. Und hier bin ich an dem Hauptpunkte unſerer Beſchwerde. Wie männi⸗ glich bekannt, iſt die Mauer am Thore des heiligen Romanos, welches ich vertheidige, gänz⸗ lich zerſchoſſen und umgeſtürzt, ſo daß man ſchier keinem Kinde das Eindringen in die Stadt wehren kann. Trotz dem war all mein flehent⸗ liches Bitten um Leute, welche die ungeheure Breſche mir wieder herſtellen helfen ſollten, um⸗ ſonſt, einen Befehlshaber nach dem andern ſchickte ich Wort und Botſchaft, der einige der Seinen auf kurze Zeit vermiſſen konnte— umſonſt; Lukas Notaras, bei dem das vorzüglich der Fall war, verſteht ſich darunter. So habe ich und dieſe meine ſieben tapfern Waffengenoſſen allein einen Wall aufgeworfen und einen Graben ge⸗ macht, hinter welchem wir wie die ergrimmten Bären gekämpft, des Nachts das Beſchädigte wieder hergeſtellt, am Tage die Türken mit ei⸗ gener Hand erwürgt und vom Walie geſtärzt,*) oder in der Ferne mit Kanonen zerſchmettert. Da wir indeſſen auch Mangel an Geſchütz lit⸗ ten, ſo ſchickte ich abermals die Bitte um Hilfe an den Großherzog, erhielt aber die ſchnöde Ant⸗ wort: an dem von mir vertheidigten Orte be⸗ dürfe es keiner Stücke, worauf ich der Wahr⸗ heit gemäß erwiederte: das ſei juſt an der von ihm vertheidigten Hafenſeite der Fall. Seine abermalige Antwort bewog mich, ihn einen Ver⸗ räther und Feind des Vaterlandes zu nennen. Wir haben hingegen unſere Pflicht in dem Maße gethan, daß der Sultan ausgerufen: Wie wollte ich, daß Giuſtiniani bei mir wäre! und mir ei⸗ ne große Summe Goldes geboten, wenn ich zu ihm übergehen wolle, die ich mit Verachtung von mir gewieſen habe. Da man mir und den *) Alles, was Giuſtiniani hier im Zorne erzählt, iſt geſchichtliche Wahrheit. — 232— Meinen jedoch bis auf dieſen Augenblick in kei⸗ ner Hinſicht eine Unterſtützung angedeihen läßt, ſo ſind wir feſt entſchloſſen, den Dienſt des Kaiſers zu kündigen, um wenigſtens nicht das Leben der ſinnloſen Wuth unſerer Feinde zum Opfer zu bringen, und nur unter der Beding⸗ ung zu bleiben, daß Lukas Notaras, ſo wie der wüthige Gennadios ihres Amtes entſetzt werden. So iſt es! riefen ſeine Gefährten mit dü⸗ ſterem Tone, und der Deſpot von Meſembria antwortete: Welch grenzenloſes Unheil muß ich heute erleben! Mit freudigem Herzpochen ſah ich die Edelſten hier verſammelt, ſchon gerettet wäh⸗ nend das hartbedrängte Vaterland, Euer Helden⸗ blick war mir ein Blitz in dunkler Nacht, das Leuchten eines Rettungfeuers durch finſtre Wet⸗ ter— und jetzt ſehe ich, daß dieſe Männer nicht zuſammentraten, um ihr erhabenes Amt zu er⸗ füllen, ſondern um das Reich, das jetzt und ſo lange Ihr ihm beiſteht, noch nicht verloren iſt, dem Feinde in einem Nu zu überliefern. Denn was, ich bitte Euch, ſoll werden, wenn Giuſti⸗ niani und ſeine Waffenfreunde den Hader und Zwiſt, der jetzt doch nur unter der Aſche glimmte, mit Sturmeswehen zur Flamme anfachen? Be⸗ — denkt: der Kaiſer willfahrte Euerem Begehr und entließe den Patriarchen und den Großherzog ihrer Aemter, was würde die nächſte Folge ſeyn? Der Anhang dieſer beiden Männer, der leider ſo groß iſt, daß der Kaiſer ihm oft ſelbſt weichen muß, weil ſie alle ihre Ränke unter dem Schilde der Religion ausüben, würde zur offenen Em⸗ pörung ſchreiten, Ihr würdet zu den Waffen greifen,—— und das namenloſe Unglück, an welches keiner nur zu denken wagt, wäre ge⸗ ſchehen. Darum beſchwöre ich Euch, laßt ab von Euerem grauſamen Begehren, und ich ver⸗ ſpreche Euch, der Kaiſer wird, erfährt er durch mich das Euch widerfahrene Unrecht und Eu⸗ ren Nothſtand, er wird ſich perſönlich aufmachen, jenes zu vergüten und dieſem abzuhelfen. Ich beſchwöre Euch, opfert die große Sache, die Sa⸗ che der ganzen Chriſtenheit, nicht Privatzwiſtig⸗ keiten auf, damit die Nachwelt nicht ſage: Giu⸗ ſtiniani und ſeine Freunde waren Schuld am Sturze von Byzanz!— Herr Cardinal, ver⸗ ſucht Ihr es, zu vollenden, was meinen Kräften zu ſchwer ſcheint. Der Kardinal Iſidor, der bisher in nſe Schweigen verſunken da geſtanden hatte, ſagte hierauf: Wohl iſt Herr Joannes Longo tief ge⸗ kränkt worden, ja ich möchte ſelbſt das nicht ertragen, was er von Verblendeten bisher ſich bieten ließ; ich mag ihm nicht von Pflicht ſpre⸗ chen, denn er könnte meinen triftigſten Gründen gleich triftige entgegenſtellen: aber Eines will ich ihm zurufen, und wenn dieß Eine ſeinen Sinn nicht beuget, von allen Bitten und Vorſtellungen abſtehn. Dieß Eine heißt: Vollführet nicht frei⸗ willig, was jener Uebelwollenden einzig Streben iſt! Giüuſtiniani wollte grade eine harte Antwort geben, als die Thüren der Halle von Dienern aufgeriſſen wurden und der Groß⸗Admiral No⸗ taras eintrat. Alle wurden dadurch in das höchſte Staunen verſetzt, denn wer konnte die Erſcheinung dieſes Mannes erwarten? Die Ver⸗ wunderung Aller ſtieg aber noch höher, als der Stolze und Unbeugſame an den gehaßten Gegner trat und ſprach: Der Wille Sr. Majeſtät iſt, daß ich Euch die Hand zur Verſöhnung biete. Wohl, hier iſt ſie, denn ich glaube mich dadurch in Giuſtiniani's Augen nicht zu erniedrigen. Ohne weiter ein Wort zu wechſeln, reichten ſich die Erbitterten die Hände, die ſie bieder drückten. Hierauf verneigte ſich der Großwür⸗ denträger des Reiches ſchweigend vor der Ver⸗ ſammlung und verließ eben ſo, von den Dienern gefolgt, den Saal. Ehe noch das frohe Er⸗ ſtaunen in Frage und Antwort übergehen konnte, hatte der Neffe des Kaiſers von einem Diener einen Brief erhalten und geleſen, worauf er mit freudeſtrahlendem Geſicht rief: So eben theilt mir ein Beamter des kaiſerlichen Palaſtes mit, daß der Monarch durch eine nie an ihm wahr⸗ genommene Entſchloſſenheit über die Häupter der Gegenpartei einen entſcheidenden Sieg da⸗ von getragen hat. Zugleich meldet er mir, daß er den Zwiſt, der noch ſo unheilvoll wirkte, ſo eben durch einen fremden berichtenden Kriegs⸗ Oberſten erfahren und dem Admiral ſofort den von ihm ſelbſt mitgetheilten Befehl zugeſandt, den dieſer auch, in einer unbegreiflich milden Stimmung, ohne nur eine Bitte um Zurück⸗ nahme deſſelben zu wagen, vollzogen hat. Giuſtiniani ſagte: Ich bin verſöhnt und kann mit Ehren meinen Dienſt wieder verſehen, wenn meine edeln Freunde keine Bedenklichkeiten und Einwendungen vorzubringen haben. Da dieſe ſeiner Anſicht freudig ihre Zu⸗ — 236— ſtimmung gaben, ſo fuhr er fort: Der Plan zur Rettung iſt bereits von mir entworfen und beſteht in nichts Geringerem, als die in den Hafen eingelaufene türkiſche Flotte in der zweiten Nacht, von heute an gerechnet, zu verbrennen. Heute und morgen werde ich die Vorbereitungen zu dieſem großen Unternehmen vollenden und eine bedeutende Anzahl kühner Männer ſind mir als Theilnehmer ſicher. Wenn Ihr nun, die Ihr gegenwärtig ſeid, mir das Wichtige anver⸗ trauen wollt, ſo bin ich bereit, das Nöthige ſo⸗ gleich anzuordnen. Sein Vorſchlag wurde mit Jubel aufge⸗ nommen, und Theophilos der Paläologe ſprach: Nur unter einer Bedingung gebe ich meine Zu⸗ ſtimmung zu Euerem Vorhaben, edler Protoſta⸗ tor, daß Ihr nämlich mich daran Theil nehmen laſſet.. Nimmermehr, rief der deutſche Grant leb⸗ haft: das könnte größere Gefahr bringen, als mein tapferer Waffenbruder bekämpfen will. Setzet den Fall, daß dem Auguſtus etwas Menſch⸗ liches begegne, ſei es auf dieſe oder jene Weiſe, was Gott verhüten wolle; nun ſetzet aber auch den andern Fall, daß Euch, erlauchter Prinz, —.—————— — daſſelbe bei dem Wagſtück widerführe: in welche entſetzliche Verwirrung würde dadurch das Reich geſtürzt, da Ihr der Einzige ſeid, der mit Recht die Zügel der Regierung faſſen darf! Neue Factionen würden ſich zu den alten geſellen und Alles in Trümmern ſchlagen. Darum ſei es fern von Euch, Euer jetzt doppelt koſtbares Le⸗ ben in die Schanze zu ſchlagen. Da dieſer Anſicht Alle Beifall gaben, ſo mußte der Deſpot, überſtimmt, ſeinen Vorſatz aufgeben. Giuſtiniani aber ſprach: Hochwürdig⸗ ſter Herr Cardinal, Ihr ſeid uns bisher als Krieger auf der Bahn der Ehre vorangeſchritten, indem Ihr das Amt eines Streiters des All⸗ mächtigen übernahmet; vollzieht nun auch Euer zweites Amt, das ſchöne Amt des Segnens und Beglückens!— Wie von einem einzigen Gedanken geleitet, ſanken Alle, Irene erblaſſend und leiſe zitternd, Mele mit einer ſchnell vorüberfliegenden Wolke unwilligen Schreckens in den Mienen, auf die Kniee und empfingen mit ſtiller Andacht und Rührung den Segen des hochherzigen Kirchen⸗ fürſten. Sl Während die Männer noch beriethen, ent⸗ 16 4 — 238— fernte ſich die Enkelin des Athanaſios Phranzes unbemerkt mit ihrer Dienerin und verſchloß ſich in ihre Gemächer. Dieſe aber verfügte ſich, nachdem ſie ihr ſchweigend die nöthigen Dienſte geleiſtet hatte, in jenes Gemach, wo wir ſie jüngſt mit Signor Francesco Ghertuccio trafen. Der Genueſiſche Kaufherr wartete ihrer bereits hier und empfing ſie mit der tiefſten Verbeugung, die er in ſeinen Gelenken auftreiben konnte. Sie ward aber übel von der Afrikanerin erwie⸗ dert, die ihn mit den Worten begrüßte: Was wollte denn der Tropf in der Verſammlung? Hatte er meine Weiſung nicht verſtanden, oder gelüſtete ihm vielleicht, ſich des von mir begon⸗ nenen Verkehres mit dem Sultan zu bemeiſtern? Danke es meiner Güte, daß ich nicht überir⸗ diſche Kräfte zu Deiner Vernichtung aufbiete. Zitternd wollte der Genueſer etwas entgeg⸗ nen, doch unterbrach ihn die Abyſſinierin mit den Worten: Hier iſt nicht der Ort, wichtige Dinge zu verhandeln. Folge mir. Sie verſchwand mit ihm hinter einer kleinen geräuſchlos geöffneten Thüre. In einem ziemlich dunkeln Gemache ange⸗ kommen, ſprach ſie eilig: Verfüge Dich in das — 239— osmaniſche Lager und ſage dem Großherrn, daß es in der zweiten Nacht, von heute an gerechnet, um einen großen Theil ſeiner Flotte und um den Beſitz von Conſtantinopel geſchehen ſei, wenn et ſich nicht wahret. Joannes Longo will nãm⸗ lich die in den Hafen eingelaufenen Schiffe ver⸗ brennen. Mehr kann ich Dir nicht ſagen, die Zeit drängt. Bei dieſen Worten zog ſie zwei beſiegelte Briefe aus dem Buſen, von welchen der eine wieder erbrochen war. Dieſen übergab ſie dem Galatenſer mit der Bemerkung: Dieſes Schrei⸗ ben iſt von dem würdigen Chalil⸗Chaireddin⸗ Dſchendereli, und an den abweſenden Protoveſtia⸗ rios gerichtet. Ich wußt⸗ ſchon längſt, daß der Großweſſir ſeinen Herrn an die Griechen ver⸗ räth, und habe mir durch Liſt geſtern dieſen un⸗ widerlegbaren Beweis davon zu verſchaffen ge⸗ wußt. Deßhalb aber haſt Du bei Deiner dieß⸗ maligen Wanderung dreifache Vorſicht nöthig, denn wiſſe: der Bote, welcher den Brief über⸗ prachte, liegt vergiftet an einem Orte, wo ihn Niemand ſucht noch findet. Die That mußte geſchehn, ſie war unvermeidlich wie das Verhäng⸗ niß. Durch das Ausbleiben ſeines Vertrauten 16* — 240— erſchreckt, wird der Weſſir alle möglichen Maß⸗ regeln zur Erhaltung ſeines Lebens getroffen ha⸗ ben, welches, erfährt der Padiſchah mit Beſtimmt⸗ heit ſeine Handlungweiſe, die ihm ſchon längſt verdächtig war, unwiderruflich verloren. Wahre Du alſo das Deine, was in den Händen Cha⸗ lil's auch nicht allzu ſicher aufgehoben ſeyn dürf⸗ te.— Hier— fuhr ſie fort, ihm das zweite noch verſiegelte Schreiben reichend— iſt die von Mohammed geforderte eigenhändige Beſtätigung Irene's deſſen, was ich nicht erſt zu nennen brauche.— Nun geh' und bedenke, daß By⸗ zanz ohne Deine Botſchaft für den Sprößling Osmans verloren iſt und mit ihm alle Deine gerechten Hoffnungen auf ſeine lohnende Groß⸗ muth. Ghertuccio wollte ſeiner angeſtammten Red⸗ ſeligkeit den Zügel ſchießen laſſen, das bezeugte ſein leiſes Räuspern; aber Mele's ſtrenger Blick entfernte ihn alsbald aus dieſen Gemächern, wo ſein Aufenthalt, wäre er entdeckt worden„nicht wenig Aufſehen erregt haben würde. — 241— Ein allgemeiner Schrecken, faſt dem gleich, welcher die Byzantiner bei der Nachricht erfaßte, daß ein Theil der türkiſchen Flotte über Land in den Hafen gelaufen ſei, burchtobte abermals die geängſtete Stadt; denn es war bekannt gewor⸗ den, daß des tapfern Giuſtiniani's Verſuch, jene zu verbrennen, höchſt unglücklich abgelaufen ſei. So ſehr dieſe Kunde jenes Weib auch er⸗ freute, das bisher ſo geheimnißvoll als gefährlich und bedenklich wirkte, ſo ſehr beſtürzte es das Außenbleiben des ehrenwerthen Francesco Gher⸗ tuccio. Denn ſeitdem ſie ihn mit den bewußt⸗ en Nachrichten und Documenten abgeſendet, waren bereits mehre Tage verſtrichen, ohne daß Mele nur das Mindeſte von ihm uud ſeinem Wirken erfahren hatte. Von der Tochter des gemeuchelmordeten Großdomeſtikos um Aufſchluß über das nächſte Geſchick heftig beſtürmt, ſehen wir ſie eben mit ſchnellen Schritten in ihrem Gemache auf⸗ und abgehen. Laß jeden verhüll⸗ enden Schleier fallen— hatte Irene, von un⸗ nennbaren Gefühlen hin⸗ und hergeworfen, zu ihr geſagt— wenn ich nicht dem Worte des ſcheidenden Bruders gehorſamen ſoll, ieglichem Wunderbaren zu entſagen und in der feſtbe⸗ — 242— grenzten Wirklichkeit ein Einfaches zu erſtreven, ohne welches unſer ganzes Daſeyn ein Raub finſtrer Mächte wird. Die Unruhe in Mele's ganzem Weſen, die ihr ſonſt ſo fremd war, bewies, daß die Ge⸗ bieterin mehr gefordert habe, als ſie zu geben vermochte. Und was konnte die Archontide auch noch wiſſen wollen? War ihr doch Alles in Form und Handlung gezeigt worden, was mit ihr im nächſten und wichtigſten Zuſammenhange ſtand. Das, was ihr hochſtrebender Sinn zu wiſſen begehrte, deſſen Dienerinnen beide Mägd⸗ lein nur waren, konnte ſie von dieſen nicht fordern. Nachdem das dunkelfarbige Mädchen ihren Gang durch das Zimmer mehrmals wiederholt hatte, ſchien es, als ob es einen ſchweren Kampf mit Furcht und Bekümmerniß beſtanden; denn in der Geberde, mit welcher ſie das Gemach ver⸗ ließ, ſchienen die Worte ausgedrückt: Nun, ſo ſei's denn noch einmal gewagt! Sie ging wieder in jenes Geheimzimmer, in welchem wir ſie ihrer Gebieterin kürzlich die wichtig⸗ ſten Aufſchlüſſe in Geſichten geben ſahen. Dieß⸗ mal aber betrat ſie den, heute matt vom Tageslichte erhellten Ort nicht mit jener —— Haltung und Sicherheit als damals, vielmehr ſchien ihre Bangigkeit je länger je mehr zuzu⸗ nehmen. Eine Weile hatte ſie zwiſchen Ent⸗ ſchlüſſen ſchwankend dageſtanden; jetzt warf ſie ſich plötzlich und mit Ungeſtüm zur Erde, ſo daß ihr Angeſicht nach morgenländiſcher Sitte, zwiſchen beiden Händen liegend, den Boden be⸗ rührte. Mit ziemlich lauter Stimme ſprach oder vielmehr rief ſie jetzt: Zum letzten Male, große Herrin, klopf' ich an die dunkeln Pforten, und klopfe nur wieder, wenn Dein Gebot mich ab⸗ ruft. Gieb Auſſchluß mir, der Zweifelnden, ob in Erfüllung gehen ſoll der Weißen jüngſtge⸗ ſprochenes Wort: Beſchloſſen iſt es, daß Du einen Theil Deiner Bahn vollbringeſt bis hart an den Scheidepunkt, ehe ich hinzutrete, zu er⸗ füllen, was mir obliegt? Gieb Aufſchluß mir, was ſoll ich thun? Steht Niederlage oder Sieg mir bevor, und was ſoll ich der von Dir er⸗ korenen Erdentochter auf ihr Verlangen er⸗ wiedern? Nach dieſer Rede durchſtrich ein kühler Luft⸗ zug das Zimmer, und ein Klang, gleich einem leiſen Harfen⸗Akkorde ertönte, worauf ſich Mele auf den Knieen erhob und unverwandt nach — 244— einer Richtung vor ſich hin ſtarrte. Dort ſchien ſich die Luft zu verdichten, denn wie ein grauer Nebel ſenkte es ſich niederwärts, rundete ſich, wie von leiſen Lüftchen bewegt, immer mehr ab, bis es in Geſtalt eines klaren Gewölkes die eine Seite des Gemaches deckte. Machte dieß ſchon einen übeln Eindruck auf die ängſtlich lauſchende Tochter der Oaſis, ſo ſteigerte die nächſte Er⸗ ſcheinung ihre ſichtbare Beklommenheit zum Ent⸗ ſetzen. Denn alsbald ward Leuke's ſchöne Ge⸗ ſtalt in dem Luftſpiegel erkennbar, nur war ſie nicht die Sanfte, Sinnende, mild Ermahnende, wie ſie uns bisher erſchien, ſondern ſtrenger Ernſt, ja Zorn lagerte auf dem holden Antlitz, aus dem die ſonſt ſo freundlich lachenden Au⸗ gen drohend hervorblitzten. Ihr lockenreiches Haupt, gleich dem der ſtreitenden Kirche, deckte ein güldener Helm, ihre Bruſt ein glänz⸗ ender Panzer, und das Schwert an ihrer Hüfte deutete auf Kampfluſt, hätte dieß auch nicht ihr drohend erhobener Finger ſattſam gethan. Bei dieſem Anblicke ſtürzte Mele mit einem lauten Schreckensrufe zur Erde, und als ſie ſich, durch ein Geräuſch vor der Thüre zu ſich ge⸗ bracht, erhob, war das Geſicht verſchwunden. Stärker wiederholtes Pochen nöthigte die Zit⸗ — 245— ternde zum Aufſtehen und Oeffnen der Thüre. Ein eintretender Diener meldete ihr, daß im äußerſten Vorſaal der Genueſer⸗Galatenſer Gher⸗ tuccio mit Sehnſucht ihrer harre, obwohl in einem übeln Zuſtande. Laß ihn kommen, gebot die Afrikanerin mit hochfliegendem Buſen und allen Zeichen kaum überſtandener heftiger Auf⸗ regung in Miene und Geberde. Beinahe jedoch wären dieſe von ihrem Entgegengeſetzten verdrängt worden, als ſich die Thüre öffnete und der Ge⸗ meldete, auf zwei Diener geſtützt, ſchmerzliche Geſichter ſchneidend und mit den Worten ein⸗ trat: Gelobt ſei Jeſus Chriſtus— o Jeſu, meine Füße! Geht hinaus, Ihr Schurken, Ihr ſeid bei allen Teufeln ſchlechter, als die ſchlecht⸗ eſten Krücken in ganz Conſtantinopel! Zu was hat man Euch denn, Ihr verwettertes Geſindel, wenn man— o heiliger Chryſoſtomus, vo o — wenn man bei jedem Schritte— o du ver⸗ fluchter, ſchurkiſcher„„ Scheert Euch zum Teufel, Hallunken, und wartet draußen auf Eueren gütigen und unglücklichen Herrn. Als die Diener ſeinem Befehle gehorcht, ihn aber zuvor in einen Polſterſtuhl niedergeſetzt hatten, wandte er ſich folgendermaßen an Mele: — Verzeihe, holdeſte Tochter Eva's, meinen unbe⸗ ſchreiblichen Schmerzen den eben bewieſenen Un⸗ geſtüm, ſowie den Mangel an ſchuldiger Ehr⸗ furcht. O Jeſu, meine armen Füße! Was iſt denn eigentlich mit dem Menſchen vorgegangen? fragte die Abyſſinierin, zwiſchen Unmuth und Neugier ſchwankend. Laß Dir erzählen, ſüßes Kleinod Lybiens: Kaum hatte ich, mit Deinem Sendſchreiben und Deinen Aufträgen belaſtet, das türkiſche Heidenlager er⸗ reicht, als mir— aa.„ ach!— Beelzebub oder ſonſt ein giftiger Teufel den Großweſſir in den Weg führt. Stelle Dir meinen Schreck vor! Zwar verneigte ich mich bis zur Erde vor ihm und wollte dann ſchnell rechts ablenken nach dem Zelte des Padiſchah; aber das half mir alles nichts, denn Dſchendereli roch Lunte und befahl einigen ungeſchlachten Lümmeln von Janitſcharen, mich zu durchſuchen. Stelle Dir meine Ver⸗ zweiflung vor! Da war nun jeder Widerſpruch rein lächerlich, denn kaum hatte der graue Sün⸗ der kommandirt, ſo hatten mich die Soldaten ſchon gepackt und mir die Briefe weggenommen, die der Alte nun eifrig zu leſen anfing. Er konnte jedoch höchſtens zwei Zeilen von demerſten — 247— durchlaufen haben, da ſchrie er, braun vor Wuth im heidniſchen Geſichte: Gebt ihm die Baſtona⸗ de und dann ſpießt ihn lebendig vor meinen Augen! Stelle Dir meine Todesangſt vor! Der Großweſſir hatte offenbar zuerſt ſeinen von Dir aufgefangenen Brief erwiſcht! Geſagt, ge⸗ than. Die Janitſcharen zogen mir die Stiefel aus, warfen mich um, zogen meine Beine hoch in die Höhe, zwei knieeten mir auf die Bruſt, zwei hielten die Füße und zwei hieben mit kleinen Bambusſtäben nach dem Takte ſo wüth⸗ end auf meine nackten Fußſohlen, daß ich wie ein Löwe ſchrie, weßhalb mir die zwei erſten Ja⸗ nitſcharen dermaßen die Kehle zuſammenquetſchten, daß mir ein Blutſtrom aus dem Munde ſtieg. Während ich meine Seele ſchon Gott befahl, kommt— o Jeſu! aah.„ah— kommt der junge liebenswürdige Kaiſer und fragt, warum man mich ſo zurichte.— Was thut der unver⸗ ſchämte Großweſſir? Er ſchreit aus vollem Halſe: Es iſt ein nichtswürdiger Chriſtenhund, der den Kundſchafter macht, weßhalb ich ihn ſpieß⸗ en laſſen will.— Kaum hatte ich dieſe Lüge gehört, ſo rief ich ſo laut, als es mi. mein Zuſtand erlaubte: Beherrſcher der Gläubigen, ich bin kein — 248— Spion, kein Verräther, ſondern der Großweſſir iſt einer, und weil ich Dir das beweiſen wollte, läßt er mich tödten. Ich bin Francesco Gher⸗ tuccio, Barmherzigkeit!— Sogleich befahl der Sultan, mich loszulaſſen, worauf ich aus Lei⸗ beskräften rief: Haltet den Weſſir feſt und durchſucht ihn, er hat Alles zu ſich geſteckt!— Nun hätteſt Du ſehen ſollen, wie der Böſewicht erbleichte und die Briefe zu verſtecken ſuchte. Das half ihm aber gar nichts, denn ſie waren bald gefunden, und— ſtelle Dir nun mein Ent⸗ zücken vor!— weil er wie eine Bildſäule ſchwieg und ſein Verbrechen vor Entſetzen nicht einmal leugnen konnte, ſo hatte ich die Wolluſt, zu ſe⸗ hen, wie ihm der ergrimmte Kaiſer auf der Stel⸗ le, wo ich gefoltert worden war, ſogleich und oh⸗ ne Sperenzien den Kopf abhauen ließ.*) Lieber Gott, ich bin ein ſo guter Chriſt wie Einer, aber ſo viel Vergnügen hat mir noch kein Waſ⸗ ſerſtrahl in Mittagshitze gemacht, als der Blut⸗ ſtrahl aus Chalil's Halſe!— Der Sultan ließ *) Der erſte von mehr als zwanzig Großweſſiren, welche bis auf dieſen Tag hingerichtet worden ſind. —— mich ungeſäumt in ſein eigenes Zelt tragen und köſtlich pflegen, auch war er über Deine Briefe ſo außer ſich vor Freude, daß er nicht nur Al⸗ les, was Du verlangt, zu erfüllen verſprach, ſondern auch die außerordentlichſten Geſchenke verhieß, die er Dir nur darum nicht durch mich überſchicken wollte, um keinen Verdacht auf Dich zu lenken und dadurch Dein koſtbares Leben in Gefahr zu ſetzen. Am zweiten Morgen— o Jeſu, ah. ah!— erfuhr ich, und ſo heftig mich auch Bruſt und Füße ſchmerzten, zu mei⸗ ner höchſten Freude, die nächſte Wirkung meiner kosmopolitiſchen Sendung. Obwohl die Türken um den Plan des Illuſtriſſimo Signor Giovan⸗ ni Longo, der ein tapferer Kriegsheld, aus pa⸗ triziſchem vornehmen Geſchlecht und mein Lands⸗ mann, durch mich wußten, demzufolge er ihre Schiffe zu einem gar luſtigen Waſſerfeuerwerk veſtimmt hatte, ſo war doch auf dieſen Alles ſcheinbar unbeſorgt und ſtill, und nur hin und wieder tönte der gebräuchliche Ruf: Allah akbar! — Warum runzelſt Du die Stirn, Kleinod der Wüſte? Soll einem Kaufmann, der mit allen Völkerſchaften verkehrt, das moslemiſche„Gott iſt groß“ nicht ſo geläufig ſeyn, als der Chri⸗ — 250— ſten„Chriſtos und Panagia!“ oder„Jeſus Ma⸗ ria“?— Mele's Geſicht, welches ſich bei Ghertuccio's Eintritt bedeutend erheitert hatte, verfinſterte ſich bei dieſen Worten wieder, und ſie herrſchte dem preßhaften Kaufmann zu: Fahre fort, und un⸗ terlaß Deine albernen Einſchiebſel und Bemerk⸗ ungen! Das that denn jener in folgender Art: ſo blieb es denn ſtill und ruhig bis zum zweiten Abend, in der zweiten Nacht begann es aber, obſchon ganz leiſe, wie es von umwundenen Rudern geſchieht, in den Wellen zu plätſchern. Giuſtiniani war es auf einem Fahrzeuge mit hundert und funfzig Italienern, lauter jungem Volk, der ſich dem Geſchwader nahte, um grie⸗ chiſches Feuer in daſſelbe zu werfen. Meine Hoff⸗ nung, daß der Paläologe Theophilos dabei ſeyn wer⸗ de, ward nicht erfüllt, wahrſcheinlich hatte ihn des Kaiſers Befehl davon abgehalten, der den ſogenannten Nachfolger auf dem Thron, der ſelbſt vielleicht bald einen Nachfolger haben wird, ich meine den Thron, wie ſeinen Augapfel hält. Das thut mir nun ſehr leid, wie Du gleich hören wirſt, iſt mir doch der Prinz ſchon ſeitdem — 251— ich ihn auf dem Teufelseilande ſah, ich weiß nicht recht warum, herzlich zuwider. Auch ſchien es mir, als ſei ich auf ſeine Veranſtaltung ſo ſchimpf⸗ lich aus der neulichen Verſammlung geſtoßen worden. Darauf blieb es denn nicht lange ru⸗ hig, es entſtand vielmehr ein großer Lärm, und den Lärm machte eine Kanone, zwar nur ein Töchterlein der großen, aber ebenfalls von gans ſtattlichem Wuchs und wie die geplatzte Frau Mutter mit meinem Oele geſalbt. Da traf denn die Kugel das Schifflein und es ging in Stücke, und die hundert und funfzig Landsleute tranken Salzwaſſer aus dem goldnen Horn, Giuſti⸗ niani aber entkam. Das ärgerte mich nun wohl ein wenig, denn ein Kaufmann hat gern, wenn keine Rubrik im Saldo fehlet— aah ah! meine Füße!— doch mag es immerhin ſeyn, mach' ich doch die Geldgeſchäfte des Signor Giovanni und habe manchen Abſatz bei ihm an allerlei Waaren, für ſeinen Bedarf und den ſein⸗ er Mannſchaft. Aber weit mehr hat mich ein Anderes geürgert und hätte mir leicht mein Le⸗ ven koſten können, das ohnehin auf ſchwachen Füßen ging. Die plumpen Türken, ganz zu⸗ frieden und ſtolz auf das Kunſtſtück, das ihnen — 252— zum erſten Male geglückt, wollten es noch ein⸗ mal verſuchen, und, abſcheulich genug, an einem Genueſiſchen Schiffe, nach Galata beſtimmt, und leider traf die heilloſe Kugel wieder und das Schiff ging zu Grunde, und mit ihm für fünſ⸗ tauſend Zechinen Waaren, die es für meine Rechnung geladen. Ich lag noch im Zelte des dankbaren Padiſchah, der vor Liebesgluth und Blutdurſt jetzt ganz wirbelig iſt, als das unge⸗ ſchlachte Monſtrum zum zweiten Male ſeinen ehernen Mund aufthat, und dachte mir nichts weniger als dieſes Unglück, bis ſich Nachmit⸗ tags im ganzen Lager Jedermann lachend und ſpottend erzählte, was ich ſoeben mitgetheilt, und vaß eine Geſandtſchaft Galatenſiſcher Kaufleute, Theilhaber an dem Schiffe, im Lager ſich eingefunden hätte, um Erſatz für den erlittenen Schaden zu fordern. Aber wir richteten nichts Sonderliches Alle zuſammen aus, denn es hieß, man habe unſer Schiff für ein Kriegſchiff angeſehen; als ich jedoch bei dem Kaiſer meine Urlaubung nahm, ließ er mir meine fünftauſend Zechinen blank und baar auszahlen, während er unaufhörlich verliebtes Zeug von der ſchönen Irene faſelte. Kaum war jedoch dieſe für mich überaus — 2— wichtige Verhandlung zu Ende, ſo hörten wir ein heftiges Schießen und ſahen dann ein er⸗ götzliches Schauſpiel. Mohammed, den, ich weiß nicht was, treiben muß, hatte ſeine Flotte vor Galata aufgeſtellt und ließ Kugeln werfen auf alle Schiffe, die vor Anker lagen, ohne Un⸗ terſchied, ob ſie den Griechen gehörten oder der durchlauchtigſten Republik. Man hatte um Schonung gebeten, aber umſonſt, denn der Sul⸗ tan behauptete, keine Kauffarthei⸗Schiffe wären das, ſondern Brigantinen, der Stadt zu Hilfe geſendet. Eines wurde auch richtig verſenkt, die übrigen aber an der Vorſtadt in Sicherheit ge⸗ bracht. Anderthalb hundert Schüſſe trafen die Häuſer, thaten aber wenigen Schaden, und nur einen Todten ſah man, noch dazu nicht von einer Kugel, ſondern von einem fallenden Mauer⸗ ſtück erſchlagen. Dieſer oder vielmehr dieſe Todte nun war meines verſtorbenen Bruders einzige Tochter, die ſchöne Paola genannt und auch die reiche, ich aber ihr Vormund und einziger Erbe. Da ſah ich denn, wie das Schickſal einen klug⸗ en und richeſchaffenen Kaufmann begünſtigt und ihm das Verlorene ganz unerwartet und 17 reichlich erſetzt.?) Rechne ich nun noch die ſtatt⸗ lichen Verheißungen des Großherrn dazu, die er auch ſicher erfüllt, wenn das geliebte Mädchen Frene in ſeine Hände kömmt, ſo muß ich— o Jeſu, aah. ah! meine wunden Füße!— Mele, welche mit allen Zeichen der Unruhe und Zerſtreuung den zweiten Theil von Eher⸗ tuccio's Berichte angehört, entließ dieſen jetzt mit den Worten: Ich kann mir denken, daß Du Dich bald nach dieſen Ereigniſſen aus dem türk⸗ iſchen Lager entfernteſt und hier ſo lange der Ruhe pflegteſt, bis Du im Stande warſt, mir Deine Aufmerkſamkeit zu bezeigen. So pflege denn noch ferner Deine zerrüttete Geſundheit, und wenn Dir das Zeugniß meiner Zufrieden⸗ heit zu ihrer Wiederherſtellung dienen kann, ſo empfange es hiermit. Das lange Geſicht, welches der Genueſer hier machte, ward von der Schwarzen nicht bemerkt, er ſah ſich alſo genöthigt, ſeine Redſeligkeit, welche noch mehrer Erleichterung bedurft hätte, zu bezähmen und mit einigen unterwürfigen *) Die Schilderung, die der Genueſer von dem Vorgegangenen entwirft, iſt geſchichtlich treu. — 255— Redensarten und Bücklingen aus dem Zimmer zu ſchleichen, vor welchem ihn ſeine Diener em⸗ pfingen. Die Sclavin fand ihre Gebieterin, die ſie aufſuchte, im Zuſtande geiſtiger und körperlicher Krankheit. Die letzten Vorgänge hatten auf das geſpannte Gemüth Irene's ſo erſchütternd eingewirkt, daß es allen Halt und alle Feſtigkeit verloren hatte und ſomit dem Andrange leiden⸗ ſchaftlicher Gefühle nicht gewachſen war. Dazu hatte Leuke mehre Unterredungen mit ihr ge⸗ habt, die Mele nicht hatte hintertreiben können, und durch welche, wie es ſchien, ihr geiſtiges Befinden bis zu dem Punkte geſteigert worden war, den wir Zerriſſenheit nennen möchten, und von ihrem früheren Günſtling offenbar in nicht geringem Grade ſich abgewendet hatte. Der allge⸗ meine Schrecken, der auch ſtenicht verſchonte, hatte überdieß, im Bunde mit dem Jammer über den Verluſt des geliebten Vaters, die körperliche Kraft erſchüttert, ja untergraben, und der Einzige, der mit Wort und That heilend auf das Mädchen hätte wirken können, der Bruder, war weit ent⸗ fernt.— Indem wir die ſchwarze Zauberin auf ihrem 17 7* Wege zu der Enkelin des Greiſes von Antipa⸗ ros begleiten wollen, werden wir durch ein un⸗ mäßiges Geſchrei, welches ſich eben auf der Straße erhebt, verleitet, ſie einſtweilen zu ver⸗ laſſen und dieſem nachzugehen. Dort ritt ein Mann, umgeben von einer jauchzenden und tob⸗ enden Volksmenge, vorüber, der ſich dem erſten Blicke als vornehmen Türken ankündigte. Drei Reiherbüſche auf dem Turban bezeichneten ſeine hohe Staatswürde, das mit Diamanten, Ru⸗ binen und Saphiren geſchmückte Rüſt⸗ und Reitzeug den großen Reichthum des Mannes. Um ſo mehr war es zu verwundern, daß er ohne alle türkiſche Begleitung war, gefolgt und umgeben — hinwiederum von mehren griechiſchen Hauptleuten und zahlloſer Volksmaſſe. Von dieſer ſah ihn die Mehrzahl mit drohend wilden Blicken an, Verrath und Einnahme der Stadt verkündend; nur Wenige ſchienen die beſſer Unterrichteten und eifrig bemüht, den gefährlichen Irrthum zu be⸗ ſeitigen. Der Eine von dieſen Letzteren, der zu Pferde ſaß, durchritt langſam und vorſichtig die Menſchenfluth, mit mächtiger Stimme rufend: Ihr Männer von Byzanz, deutet die Erſchein⸗ ung dieſes fremden Heerführers nicht falſch, ¹ glaubet nicht, daß er durch Verrath oder Ein⸗ nahme der Stadt mitten unter uns ſei. Die⸗ ſer Fremde heißt Isfendiaroghli, iſt der Schwa⸗ ger des türkiſchen Kaiſers und von dieſem an unſern allerdurchlauchtigſten Cäſar Auguſtus ab⸗ geſandt zu friedlicher Unterhandlung. Wehe dem, der durch irgend eine Handlung den Zorn des Botſchafters reizt, welchen das Wort des Kaiſers und das Völkerrecht ſchützen; ihn wird ohne Weiteres das Schickſal treffen, an die Feinde ausgeliefert und ſo dem ſchrecklichſten Tode preisgegeben zu werden. Dieſe Rede brachte den gewünſchten Eindruck hervor, denn die Augen, welche den Ankömmling eben noch mit Zornfeuer angeblitzt hatten, glänz⸗ ten ihm nun hoffend und bittend entgegen. Während dieſes um ihn her vorging, blieb je⸗ doch der Osmane ſich vollkommen gleich, weder hatten die Drohungen ihn vorher erſchreckt, noch freute ihn die Veränderung in dem Benehmen der Griechen, wenigſtens war davon nichts in ſeinen Mienen und Geberden zu verſpüren. Sein Auge blickte gerade aus vor ſich hin und nur für Sekunden weilte es auf ſeiner Umgebung, die ſich mit jedem Schritte, den er vorwärts — 258— that, vermehrte. Sie glich jenen Schnee⸗Lawi⸗ nen der Alpen, welche auf den Spitzen der Hoch⸗ gebirge als unbedeutende Flocken ſich ablöſ'ten, im Abrollen aber, Schritt vor Schritt durch Ad⸗ häſion wachſend, zum ungeheueren Ball an⸗ ſchwellen, der ganze Gegenden in ſeinem furcht⸗ baren Donnerfall verheerend deckt. Wie dieſer ſich in's Thal, ſo wälzte ſich die Volksmenge nach dem Blachernen⸗Palaſt, vor welchem der Muſelman nebſt ſeinen Begleitern abſtieg und, mit Zurücklaſſung der ſchreienden Schaar, das Thor deſſelben durchſchritt. In jener alterthümlichen, wichtigen Berath⸗ ungen geweihten Halle, in welcher wir den Groß⸗ Domeſtikos den Kelch des Todes leeren ſahen, wartete bereits eine ſtattliche Verſammlung des Geſandten. Man hatte Alles gethan, demſelben eine große Meinung von der Macht und dem Reichthume des tauſendjährigen Reiches beizu⸗ bringen. Die ganze Maſſe der kaiſerlichen Hof⸗ diener, vom höchſten bis zum letzten, war in voller Gala, wie wir uns heute ausdrücken wür⸗ den; die geringe Zahl der Leibwachen, welche ſich damals kaum noch auf tauſend Mann belief, war ſümmtlich in den Sälen und Gängen — 259— des Schloſſes aufgeſtellt, ſo daß dieſes einem Feſtungwerke ziemlich gleich ſah; überdieß waren Wände und Fußboden deſſelben ganz mit koſt⸗ baren Decken belegt, wodurch ſein Inneres einen imponirenden Glanz, obwohl nur auf kurze Zeit, erhielt. Der eintretende Großwürdenträger eines Reich⸗ es, welches dem ſo herausgeputzten den baldigen Untergang drohte, ward von der Verſammlung mit allen Ehrenbezeigungen, die ſeiner bedeut⸗ ungvollen Stellung gebührten, empfangen; auch brauchte er nicht lange auf den Monarchen zu harren, welcher, nachdem der Moslem einige Erfriſchungen zu ſich genommen hatte, alsbald erſchien. Zwar war das Antlitz des Nachfolgers Sancti Conſtantini bleich und voll Spuren heft⸗ igen Seelenleidens, aber dennoch trug Dragoſes, der letzte Herrſcher aus dem Geſchlechte der Pa⸗ läologen, die Kaiſerkrone mit Sicherheit und Würde. Als er den Thron beſtiegen und der Botſchafter nach morgenländiſcher Sitte und nach⸗ läſſig genug ſich verbeugt hatte, maß Conſtantin die Anweſenden mit einem Blicke, welcher ſicht⸗ liche Erhebung bewirkte, denn todesmuthiger Ent⸗ ſchluß und Abſcheu gegen Erniedrigung ſtanden — 260— deutlich darin zu leſen. Es war, als ſage der Kaiſer: Traget das wohlverdiente Loos wenig⸗ ſtens ſtandhaft, damit Euer Ende mindeſt mit Ehren im Buche der Geſchichte zu ieſen ſei, wenn auch nicht Euer Leben! Wie wenn ein kühler, labender Wind über ein ſchmachtendes Aehrenfeld wehet und ſeine Häupter ſchüttelt, die lange geſenkt und regung⸗ los hingen, ſo erhob die Verſammlung der grie⸗ chiſchen Optimaten das Haupt vor dem beſeel⸗ enden Blicke ihres Herrſchers, Bewegung, ob⸗ gleich leiſe, war unter ihnen, und die ſtrahlenden Augen, in die er ſah, bezeugten ihm, daß edles Beiſpiel nicht ohne Nachfolger bleiben werde. Nach einer kurzen Pauſe ließ ſich der Kai⸗ ſer auf den Thronſeſſel nieder, und als der Türke ſeinem Vorgange gefolgt war, ſprach er: Man nannte Dich mir Isfendiaroghli: was führt Dich an die Stufen dieſes Thrones? Der übermüthige Moslem ſprach, ohne ſich zu erheben: Wie ich auf dem Wege hierher be⸗ merkte, ſchwebt Ihr über meine Gegenwart im argen Irrthume, deſſen kann ich Euch verſichern. Denn Bei dieſen Worten ſtand der Kaiſer vom — 261— Throne auf und traf Anſtalt, dem Redner in der demüthigen Stellung eines Bittenden zuzu⸗ hören. Dieſe bittere Jronie verfehlte ſelbſt auf das handfeſte Gefühl des Muſelman's ihre Wirk⸗ ung nicht, denn über und über erröthend er⸗ hob er ſich von feinem Stuhl und begann ſte⸗ hend und mit beſcheidenem Tone: Wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo glaubt Deine Majeſtät, ich ſei im Namen meines höchſten Herrn und Schwagers hier? Wie kann hier von Glauben die Rede ſeyn? warf der Kaiſer mit gerunzelter Stirn ein. In weſſen Namen biſt Du ſonſt hier? Wurde nicht, als man Einlaß für Dich durch einen ab— geſchickten Trompeter verlangte, ausdrücklich ge⸗ ſagt: Se. Hoheit, der Padiſchah, wünſche mit uns friedliche Unterhandlung? Oder iſt dem et⸗ wa nicht ſo? Daß ich nicht wüßte? Du kannſt es auch nicht anders wiſſen, ver⸗ ſicherte der Türke: aber es beruht auf einem Irr⸗ thum, denn wiſſe, daß mich einzig und allein perſönliches Wohlwollen zu Euch führt, dem Ihr aber Euere Thore ſicher nicht geöffnet hättet. Dieß wußte ich voraus, und weil mich Euer nahe bevorſtehendes Schickſal ſchmerzt, gebrauchte —— ich die Liſt, mich als einen Geſandten des Pa⸗ diſchah ankündigen zu laſſen, um es Euch ver⸗ kündigen zu können, und ich hoffe mein Verfah⸗ ren bei ihm zu verantworten.*) Iſt dieſes Vorgeben Wahrheit, entgegnete der Kaiſer: ſo zeigt es allerdings eine große Liebe, da Du fürchten mußteſt, von uns ohne Be⸗ glaubigungſchreiben Deines Herrn als Kundſchaft⸗ er, Meuchelmörder oder Mordbrenner gehängt zu werden, anderntheils aber zeigt es auch von einem hohen Vertrauen auf unſern Edelmuth, und die⸗ ſes haben wir niemals getäuſcht. Deßhalb ver⸗ ſichere ich Dich, Du mögeſt auch ſagen, was Du wolleſt, freien und ungehinderten Abzuges. Nicht ohne einige Beſchämung, welche die Un⸗ wahrheit ſeiner Ausſage hinlänglich bewies, hãt⸗ ten dieß auch nicht alle Umſtände gethan, fuhr *) Isfendiaroghli kam wirklich nach Conſtantinopel, ſich für einen Wohlwünſcher der Griechen ver⸗ kündend, den einzig ſeine perſönliche Neigung führe; in der That aber war er vom Sultan abgeſandt, ſei es, um dem Geſetze zu genügen, welches vorſchreibt, dem Feinde Frieden gegen Er⸗ gebung anzutragen, ſei es, um ſich durch einen Augenzeugen des unhaltbaren Zuſtandes der Stadt zu verſichern. — 263— Jofendiaroghli fort: Weil dieſe Stadt ſchon acht⸗ undzwanzig Belagerungen erlitten hat und dar⸗ unter nur ſiebenmal eingenommen worden iſt, glaubet Ihr ſicher, und nicht ohne Anſchein gut⸗ en Grundes, ſie werde auch die jetzige Belager⸗ ung, welche der erhabenſte Mohammed der Zwei⸗ te, den Gott erhalte, über Euch verhängt hat, glücklich beſtehen; dagegen bitte ich Euch Folgen⸗ des zu bedenken: Dieſe Stadt iſt eine ſieben⸗ namige, Ihr nennt ſie Byzanz, Antonina, das neue Rom, Conſtantinopel, die Erdtheilſcheidende, die Weltmutter und die Wiege Eurer Religion, ſie iſt die Stadt der ſieben Hügel und der ſieben Thürme, der ſiebente Paläologe herrſcht in ihr, und ſiebenmal iſt ſie ohne Zerſtörung eingenommen worden, aber ich ſage Euch, das achte Mal wird ſie durch den ſieben⸗ ten der Osmanen*) eingenommen und zerſtört werden! Euere Weiber und Kinder werden mit Euch zugleich in die Sklaverei geſchleppt werden, und Ihr werdet nicht den Troſt haben, an ih⸗ rer Seite dulden zu können, denn das Loos wird Euch nach allen Weltgegenden hin zerſtreuen und *) Conſtantinos Dragoſes der Elfte und Letzte, und Mohammed der Zweite waren Beide die ſiebenten Herrſcher aus ihrem Geſchlechte. Euch nicht allein der Knechtſchaft, ſondern Euere Weiber und Töchter der Entehrung preisgeben! Und worauf baut Ihr Euere Hoffnung, dieſem Allen zu entgehen? Weil dieſe Stadt einund⸗ zwanzig Belagerungen, ohne erobert zu werden, ausgehalten hat? Ich könnte darauf antworten: ſie iſt doch ſchon ſiebenmal erobert worden; aber ich will's nicht, ſondern gebe Euch den Unter⸗ ſchied zwiſchen allen vorigen und der jetzigen Be⸗ lagerung zu bedenken. Sonſt iſt ſie imner nur berennt, oder nur von einer Seite ernſtlich bela⸗ gert worden, wir aber ſtehen bereits in den Grä⸗ ben der Landſeite, unſere Flotte im Hafen un⸗ mittelbar unter den Mauern der Stadt; auf der Landſeite haben wir vier Thürme zuſammenge⸗ ſchoſſen und an dem Thore des heiligen Roma⸗ nos eine Sturmlücke geöffnet, ſo daß durch die zerrollende Mauer der Graben gefüllt und ge⸗ evnet worden iſt. Zwar kenne ich die Anzahl Euerer Streiter nicht; aber laſſet ſie ſo groß ſeyn, als die Mauern von Byzanz nur immer zu faſſen vermögen— und ſie iſt gegen unſer Heer doch nur ein winziges Häuflein.*) Was, *) Das Heer der Belagerer zählte über zweimal⸗ hundert und funfzigtauſend Mann. ich bitte Euch, verleiht Euch noch eine Ausſicht des Sieges? Ihr habt nur das von mir an⸗ gedeutete Schickſal zu erwarten; wollt Ihr hin⸗ gegen meinen Rath befolgen, ſo werdet Ihr ihm entgehen. Mein Rath aber iſt dieſer: Wählet Einige aus Euerer Mitte, ſendet ſie an den Stellvertreter Allah's und des Propheten, und laſſet dem Ergrimmten Unterwerfung anbieten und im voraus alle ſeine Bedingungen und Befehle als vollgiltig anerkennen. Solltet Ihr aber bie⸗ ſen meinen Vorſchlag, wie es Euch allerdings frei ſteht, verwerfen, ſo ſage ich Euch an, daß der Padiſchah den ſechsten Tag, von heute an gerech⸗ net, zum allgemeinen Sturm beſtimmt und bei allen Propheten geſchworen hat, mit Stürmen nicht abzulaſſen, bis die Stadt in ſeinen Händen ſeyn wird, und ſollte er auch drei Viertheile ſei⸗ nes Heeres zu Grunde richten oder halb Aſien gegen Euch in's Treffen hetzen. Nun wählet! Der Kaiſer ſprach: In vielen Fällen ſteht dem Herrſcher das Recht zu, Verträge zu ſchlie⸗ ßen und über des Landes Wohl und Wehe zu entſcheiden; aber dieſes Recht hört auf, ſobald Ehre und Loben der Beherrſchten als Bedingung⸗ en genannt werden. Daher ſage ich jetzt als — 266— Oberhaupt der Familie Paläologa, und nicht als Kaiſer von Rom: ich will Gott danken, wenn der Sultan, wie ſein Vorfahrer, Frieden zu ge⸗ ben und zu halten gedenkt. Er möge erwägen, daß Keiner, der die Stadt des heiligen Conſtan⸗ tin belagert, lange regiert und gelebt hat, er mag Tribut, aber nicht die Stadt ſelbſt fordern, in deren Vertheidigung ich zu ſterben entſchtoſ⸗ ſen bin. Sollten aber die hier Verſammelten, die Geehrteſten der Nation, es vorziehn, Sktaven eines übermüthigen Eroberers freiwillig zu wer⸗ den, ohne vorher Leib und Leben, Gut und Blut an Abwendung ſo ſchmachvollen Looſes geſetzt zu haben, ſollten ſie es nur verzeihlich finden, das theure Vaterland in ſeiner höchſten Noth zu verlaſſen und der Schande preiszugeben— wohl auf: ich der einzelne Mann kann's nicht hindern. Aber ich hoffe, die Geſchichte wird der Nachwelt verkünden: Conſtantinos Dragoſes hat⸗ te keinen Theil an dem ehrloſen Verrathe. Und ſo rufe ich, der Letzte meines Stammes und der Erſte dieſes Volkes: Lieber der Tod, als ein ſchimpfliches Leben!— Jetzt laſſe Dir von den Uebrigen ihten kund geben, Isfendia⸗ roghli. — 67— Nach dieſer mit Würde geſprochenen Rede lehnte ſich der Cäſar Auguſtus würdevoll in ſeinen Seſſel zurück, Jedem ſeinen freien Willen laſſend. In allen Gemüthern aber überwog die Stimme der Ehre den Wunſch der Selbſterhaltung, denn wie aus einem Munde riefen Alle: Lieber der Tod, als ein ſchimpfliches Leben! Du ſiehſt, rief der Kaiſer dem ſtaunenden Moslem freudig zu: daß Alle nur ein Geiſt be⸗ ſeelt, daß Alle bereit ſind, in der Vertheidigung des Vaterlandes zu ſterben. So gehe denn hin und verkünde Deinem Herrn, was Du gehört, erinnere ihn aber auch an die Wandelbarkeit des Glückes und das, was Muth und Seelengröße freier Männer oft vollbrachten. Wir ſind keine Sinnloſen, die Gefahr nicht achtend, weil nicht kennend; was wir, um den Vorwurf der Toll⸗ kühnheit von uns abzuwenden, mit Ehren thun können, Tribut zahlen, das wollen wir. Mehr aber auch nichts! Es war, als oo ein beſſerer Geiſt ſeit jenem Momente, wo Conſtantinos ſich und ſeine Wür⸗ de geltend machte, in die Häupter der Griechen gefahren ſei, vielleicht auch war es die volle Er⸗ kenntniß der Gefahr, die Allen gemeinſchaftlich ——— Verderben drohte, welche das Beſſere in ihnen weckte und kleinliche oder gar gemeine Rückſicht⸗ en aufgeben hieß; kurz, die Verketzerungſucht war beſſern Gefühlen gewichen, und eine heftige Rührung hatte ſich Aller bemeiſtert, welche in Thränen und Schluchzen ſich auflöſ'te. Der Kardinal Iſidor ging zum Patriarchen Genna⸗ dios und ſprach, dieſem die Hand reichend: Es ſcheint, als ob Gott ſelbſt unſern Streit ſchlich⸗ ten wollte, indem er Keinem den Sieg läßt. So wollen wit denn, ſeinem Winke folgend, am Schluſſe unſerer Laufbahn beweiſen, daß es uns Ernſt war mit unſerer Sache, indem wir Jeder für das allgemeine Wohl ſterben. Der Legat umarmte den mürriſchen böswilligen Patriarchen, und obwohl dieſer das Entgegenkommen des lateiniſchen Prieſters nicht allzu herzlich er⸗ wiederte, war dieß doch das Zeichen zu allge⸗ meiner Verſöhnung, welche wohl mehr das Er⸗ gebniß des durch Noth und Gefahr erweckten Gefühles der Nichtigkeit alles Menſchlichen, als feſte Ueberzeugung ſeyn mochte. Ein eintretender Hofbeamter meldete jetzt dem Kaiſer die Rückkehr des Protoveſtiarios Phran⸗ zes, und nachdem Jofendiaroghli in derſelben Begleitung, in welcher er die Stadt betreten, den Saal verlaſſen hatte, eilten alle an ihre Poſten, um dem immer näher rückenden Ver⸗ hängniß nach Kräften entgegenzuarbeiten. Der Logothetes brachte üble Nachrichten von den Despoten, an welche er geſendet worden war. Es ſei ihnen unmöglich, hatten ſie auf ſeine Ford⸗ erungen geantwortet: ſo viel Kriegsvolk aufzutreiben, um den Sultan mit Erfolg im Rücken angrei⸗ fen zu können, ſondern ſie müßten ſich im Ge⸗ gentheil darauf beſchränken, ihr Gebiet, als Lehn⸗ träger der Krone, zu vertheidigen. Dieſer ver⸗ ächtlichen Selbſtſucht hatten ſie ihren baldigen Untergang zuzuſchreiben. — Als Isfendiaroghli in das türkiſche Lager zurückgekehrt war, ließ Mohammed, ergrimmt über die von ihm gehörten Nachrichten, alle Oberſt⸗ en ſeines Heeres vor ſich kommen und beſtimmte den neunundzwanzigſten Mai als den Tag des allgemeinen Sturmes. Alles, was ſie finden würden in der eroberten Stabt, ſchwur er ihnen als Beute zu, nur die Mauern und alle Ge⸗ 18 bäude bedingte er ſich aus, Todesſtrafe auf jede Verletzung derſelben ſetzend. Die ungezügeltſte Freude war im Lager die unmittelbare Folge jenes Vertrages, welche durch die von Scheichen und Derwiſchen ausgerufenen Belohnungen der Tapferkeit noch geſteigert wurde. Am Abende deſſelben Tages, des vierundzwanzigſten Mai's, war das ganze Lager durch eine allgemeine Be⸗ leuchtung in ein Freudenfeuer verwandelt, welches den Bosporos, die Höhen von Galata, das In⸗ nere des Hafens, ja ſogar die aſiatiſchen Ufer mit ſeinem Wiederſchein beleuchtete. Die Hoff⸗ nung der geängſteten Stadt, daß eine große Feu⸗ ersbrunſt die Florte und das Heer verzehre, war bald durch das Jubelgeſchrei der Türken: Es iſt kein Gott als Gott, und Mohammed iſt ſein Prophet! Gott iſt Einer, ihm gleich iſt Keiner! vernichtet. Wir geben hier, dem Erzähler der Legende folgend, eine kleine Beſchreibung der Gelegenheit von Conſtantinopel und der Hauptpoſten, durch welche es vertheidigt wurde, theils, weil mit dem nun beginnenden Kampfe dieſe Erzählung ihrem Ende zuſchreitet und, mit ihm in naher Bezieh⸗ ung ſtehend, durch eine klare Anſicht von dem⸗ ſelben an Reiz gewinnt, theils, weil jener ein ho⸗ hes weltgeſchichtliches Intereſſe hat, theils um die Namen einiger Männer zu nennen, die den Edelſten ſich anſchließen, welche die Geſchichte uns nennt. Der Hauptangriff geſchah von der Landſeite gegen das Thor des heiligen Romanos. Hier, wo der tapfere Giuſtiniani bisher gefochten hat⸗ te, ſtand nun an ſeiner Seite der Kaiſer ſelbſt, unterſtützt von Giuſtiniani's dreihundert auser⸗ leſenen Genueſern, mit Francesco von Toledo. Das Thor der tauſend Männer, dem Thore des heiligen Romanos zunächſt gelegen, ward von den Brüdern Paolo und Antonio Troilo Bochiardi löwenmüthig vertheidigt, wie ſchon während der ganzen ſiebenwöchentlichen Belagerung. Theodo⸗ ros aus Kariſtos und Johann Grant hatten die Beſchütung des charſiſchen Thores über ſich. Vom Thore des Kynegion bis zur Kirche des heiligen Demetrios befehligte der Kardinal Iſidor. Die Blachernen ſchirmte der Venetianer Hiero⸗ nymus Minotto, das Hafenthor aber an der untern Seite derſelben bewahrten der Italiener Hieronymus und der genueſiſche Capitain Leo⸗ nardo de Langasco. Die ganze Länge des Ha⸗ 18 —— fens bewachte der Großadmiral Lukas Notaras. Ga⸗ briel Treviſano mit vierhundert venetianiſchen Edel⸗ leuten hatte die Fläche zwiſchen der Akropolis und dem Leuchtthurme zu vertheidigen, der Schiffskapitän Andrea Dinio ſperrte mit der Flotte den Ein⸗ gang des Hafens. Der ſpaniſche Conſul Pe⸗ dro Giüuliani war Commandant der Seemauern vom Palaſte Bukoleon bis Kontoskalion, und der Venetianer Contareno, der Befehlshaber des goldenen Thores, von dort an bis nach Pſama⸗ tia. Vom goldenen Thore an bis zu dem von Selymbria wachte der edle Genueſer Maurizio Cataneo, die Mauern zwiſchen Selymbria's Thore und dem des heiligen Romanos beſchützte Irene's Verlobter, Theophilos der Paläologe. Demetri⸗ os der Paläologe und Nikolao Gudelli hatten die Pflicht, überall die Runde zu machen und Hilfe zu ſchaffen, wo ſie Noth that. Das türkiſche Heer war in zwei große Säu⸗ len zum Angriffe von der Landſeite geordnet, die Flotte bildete einen großen Halbmond. So war am Abende des achtundzwanzigſten Mai's jede Partei zum blutigſten und hartnäck⸗ igſten Kampfe bereit, die Türken voll Raubluſt — 273— und voreiliger Siegestrunkenheit, die Chriſten voll Ergebung und verzweifelnden Muthes. Noch nicht war die Sonne am Morgen des neunundzwanzigſten Mai's des Jahres ein tauſend vier hundert drei und funfzig aus den Wellen des Bosporos aufgetaucht, denn erſt ſei⸗ nen zweiten Ruf hatte der Hahn, der wachſame Stundenverkünder, geſungen, als die türkiſche Vorhut, um die Chriſten vor dem Beginnen des eigentlichen Kampfes ſchon zu ermüden, von Mo⸗ hammed aus der Hefe ſeines Heeres zuſammen⸗ geſetzt, gegen die Mauern von Conſtantinopel anrückte. Zwar hatte der Kaiſer die Wachen derſelben Tages vorher, nachdem er in Aja So⸗ phia die Sakramente genommen, in Begleitung des Protoveſtiarios Phranzes, des Kardinals und Anderer zu Erfüllung ihrer Pflicht angefeuert; aber hätte er das auch nicht gethan, die Feinde des chriſtlichen Namens hätten doch Alles zu ih⸗ rem Empfange bereit gefunden. Und obwohl Theophilos wegen erlittener Täuſchung hoffender Liebe, der Legat Iſidor aus Kummer über das Mißlingen der von ihm beabſichtigten Kirchenver⸗ einigung und der daraus entſprungenen unheil⸗ vollen Zwiſte, Georgios wegen der Sorge um — die dahin ſinkende Schweſter Irene, alle Uebrig⸗ en aber im Vorgefühle der nahenden Schrecken jener Freudigkeit und Zuverſicht ermangelten, welche halbe Gewährleiſtung des Sieges ſind, ſo entging ihnen dennoch die mannhafte Entſchloſ⸗ ſenheit nicht, welche, verzichtend auf Alles, was das Leben Wünſchenswerthes beſitzt, das ſicherſt Kennzeichen des wahren und des Sie wür⸗ digen Helden iſt. Mit Wuth z unter einem ungeheueren Getöſe von Muſik, Commando⸗Ruf, Jauchzen und Donner aller auf einmal losgebrannten Be⸗ lagerunggeſchütze begann der Angriff zugleich auf allen vorhin angegebenen Seiten, ohne nach zwei Stunden etwas entſchieden zu haben. Mit eiſernen Ruthen und Ochſenpeitſchen von Tſchauſchen, vom Sultan ſelbſt mit einer eiſernen Keule im Rük⸗ ken angetrieben, tobten die Stürmer, von Beu⸗ tegier, Rache und Wolluſt ohnedieß zu reißenden Thieren umgewandelt, an den Mauern und Thürm⸗ en, von welchen ſie durch geſchleuderte Stein⸗ laſten, Pfeile und Kugeln herabgeſtürzt wurden; unlöſchbares griechiſches Feuer ſtrömte von den Mauern der Hafenſeite in das Meer und ver⸗ zehrte, in demſelben fortbrennend, jedes Fahrzeug —— das in ſeinen Bereich gerieth; Leitern zerbrachen auf Leitern, Kugeln zerſchellten an Kugeln, ſchwarz⸗ er Pulverdampf deckte die Stadt und die Son⸗ ne, und noch hatte Mohammed keinen Fuß breit Boden gewonnen. Schon brannte die Sonne heiß auf den Scheiteln der ſchweißbetrieften Ver⸗ theidiger der Stadt, welche je einer gegen drei⸗ ßig ſtritten, der Kaiſer wie der gemeinſte Krieger, Giuſtiniani, Theophilos, dem Thore des heiligen Romanos zunächſt befehlend, und der Protove⸗ ſtiarios zunächſt um ihn; da begannen die Grie⸗ chen in der Wage des Schickſals zu leicht ge⸗ funden zu werden. Giuſtiniani empfand dieß zuerſt unter Allen. Wunderbar! Es beſchlich ſeine Heldenſeele plötzlich ein unwiderſtehliches Grauen, was ſein Gebein zittern machte. Al⸗ les, was Ehre und Ruhm Lockendes haben, hielt er ſich vor, ſein thatenreiches vergangenes Leben, die Noth der Chriſten und das Schimpfliche fei⸗ ger Flucht; aber nichts vermochte ſeine zagende Seele aufzurichten, und als er ſich verwundet fühlte, wandte er ſich zum Abzuge. Der Kaiſer, von Phranzes darauf aufmerkſam gemacht, drängte ſich mehr an ihn, und der Pro⸗ toſtator bat: Gnädigſter Herr, nur einen Augen⸗ — 276— blick vergönnet mir, auf ein Schiff zu gehen, um meine brennende Wunde verbinden zu können. Giuſtiniani, ermahnte der Auguſtus; achte dieſer leichten Verletzung nicht, Du haſt ja größ⸗ ere in geringer Gefahr nicht geachtet, wie kann Dich die Sorge um die leicht geritzte Haut in der höchſten Noth von mir treiben? Weit entfernt, durch dieſe Worte ſich ermu⸗ thigen zu laſſen, kehrt Giovanni Longo ſich im⸗ mer entſchiedener zur Flucht, denn ſein Herz war wie durch Zauber aller früheren Mannhaftigkeit beraubt. Wohin? Wohin? rief ihm der durch die Flucht ſeines Tapferſten erſchütterte Fürſt mit ſtarker Stimme zu, die durch das Getöſe der Schlacht drang. Dorthin, entgegnete Giuſtiniani: wohin Gott ſelbſt den Türken den Weg öffnet, und entwich nach Galata, vergangenen Ruhmes und kſſee Schmach vergeſſend.*) Laſſet den Verräther ziehen, rief Theophilos dem Kaiſer zu; gezwungen, hier zu bleiben, wür⸗ de er ein Feind in unſerer Reihe ſeyn. ) Geſchichtlich treu. — 277— Giuſtiniani's Entfernung verbreitete Muth⸗ loſigkeit unter den Seinen, und die Janitſcharen, dieß bemerkend, begannen mit neuem Ungeſtüm den Angriff. Dreißig derſelben, angeführt von dem Rieſen Haſſan aus Ulubad, erſtiegen die Mauer, aber achtzehn von ſeinem Troſſe ſtürz⸗ ten zugleich über die Mauer hinunter, getroffen von den Schwertern, Pfeilen und Steinen der kaiſerlichen Schaar. Noch mehre, von ihrem Führer ihm zu folgen angeeifert, theilten dieſes Schickſal. Theophilos, der Neffe des Kaiſers, wie ein Löwe kämpfend, ergriff einen losgebroch⸗ enen Mauerſtein, und mit dieſem den gewaltigen Feind zu Boden ſchmetternd, hielt er auf einen Augenblick das Geſchick in ſeinem Gange auf, denn Haſſan, unfähig, ſich ganz wieder aufzu⸗ richten, wurde von den Belagerten erſchlagen und dadurch ſeinen Genoſſen das Nachdringen ver⸗ leidet. Während aber hier die durch Longo's Flucht vermehrte Noth durch Wunder der Ta⸗ pferkeit beſiegt ſchien, erreichte ſie an anderen Punkten den höchſten Gipfel, denn die Türken waren bereits an einem anderen Orte in die Stadt gedrungen, und zwar durch das Thor des Tylokerku, welches ſonſt immer wegen der e —— Prophezeiung, daß Feinde durch daſſelbe einſt eindringen würden, verrammelt geweſen und erſt vorigen Tages auf Befehl des Kaiſers zu einem unvermutheten Ausfalle geöffnet worden war. Fünfzig Türken drangen durch daſſelbe ein und griffen die Schaar des Kaiſers im Rücken an. Zwar wurden auch ſie wieder aus der Stadt ge⸗ trieben, aber da erſcholl vom Hafen her der Schreckenruf, daß die Stadt bereits eingenommen ſei. Jetzt trieb die quälende Sorge um die Seinen Georgios Phranzes von den Mauern, und nur noch Theophilos, Francesco Toledo der Spanier und Joannes der Dalmate umgaben den Kaiſer, welcher nun erkannte, daß aller Wi⸗ derſtand vergeblich ſey. Ich will lieber ſterben als leben! rief er, ſich dem Schwarme der Feinde entgegenſtürzend, und abermals: Iſt denn kein Chriſt vorhanden, der mir den Kopf nehme? Rief's und ſank, von zwei Türken am Kopf und Rücken tödtlich mit verwundet, zu Boden,“) auf ihn Theophilos, mit dem Seufzer: Irene! die Seele *) Geſchichtlich. aushauchend. Seinem Beiſpiele folgten der Spanier und Dalmate, ſo daß ſie mit ihren Leichnamen im Tode dem noch ein Grab bild⸗ eten, dem ſie lebend am treueſten gedient, bis die Feinde den erſchlagenen Monarchen fanden, um entſetzlichen Muthwillen mit ihm zu treiben. Während dieſes Alles hier vorging, war im Hauſe der Phranzes Wunderbares geſchehen. Irene Zoe⸗Genia war, trotz des allgemeinen und heftigen Tumultes, von geiſtigen und körperlich⸗ en Leiden erſchöpft, in einen Schlummer voll geheimnißvoller Andeutungen und prophetiſcher Bilder verfallen. Zuerſt ſah ſie deutlich den Traum an ihrem innern Auge vorübergleiten, welchen die Prinzeſſin Theophano Irenen bei ihrem erſten Auftreten in Byzanz als jüngſt von ihr geträumt mittheilte. Sie ſah den Schwan und den ſchrecklichen Condor um ein ſchlafendes Kind kämpfen und fühlte ganz deutlich, daß Niemand anders als ſie ſelbſt dieſes Kind ſei, was ſie ſonſt für eine Geburt der geängſteten Mutterliebe gehalten hatte, denn ſie merkte, wie ihre Geſtalt in die des Kindes überging und ſich raſch zum jungfräulichen Leibe ausdehnte. Und ſeitwärts ſtand wieder jener Greis, in ein fremd⸗ artiges Gewand gekleidet, mit der Binde voll ſeltſamer Zeichen, ſeine Augen und die Hälfte ſeines Geſichtes verhüllend. Auch ihr kam der Alte nicht fremd vor und nur, ſo dünkte ihr, ſeine Bekleidung hielt ſie ab, ihn zu erkennen. Die Glocken ſummten melancholiſch von Aja Sophia her, ihre Mutter lag betend auf den Knieen, und der Schwan ſchien neue Kraft zu gewinnen. Von fern und dann immer näher zogen Krieger von ſchrecklichem Aeußern; der aber, deſſen Geſtalt beſonders ihre Mutter geſchreckt hatte, der ſchrecklicher als Alle anzuſehen geweſen, mit dem Diadem, der Mondſcheibe gleich, wenn ſie blutroth durch aufſteigende Dünſte blickt, der Mann mit der blutigen Chlamys und der un⸗ geheuern Geißel in der Hand, war Niemand als Mohammed, oder Manrique de Luna, oder jener in dem unterirdiſchen Gemache, auf Menſchen⸗ Kronen, Seeptern, Biſchofsmützen thronende Herrſcher, ihr einſt von Mele auf Antiparos ge⸗ zeigt. Der drohte wieder mit der einen Hand nach Aja Sophia hin, und mit der anderen griff er nach Irenen. Kaum jedoch war er erſchien⸗ en, da erſchien Theophilos, und indem er nach der Jungfrau blickte, empfand er heiße Liebe zu — 281— ihr und tiefen Haß gegen den ſchrecklichen Krieg⸗ er, mit welchem er alsbald auf Tod und Leben einen Kampf begann. Da faßte ſie einen recht innigen Haß gegen Theophilos und Liebe zu Mohammed, worauf jener erlag ſammt ſeinen Kriegern, welche Irene jetzt erſt gewahrte, und zwar im Streite mit Mohammed's Kriegern. Nachdem dieſer Kampf geendet war, ſank der Sieger vor ihr nieder und verhieß ihr Alles, was ſie fordern würde, ſo ſie ſich ihm aus Liebe ergebe. Nicht lange beſann ſich die Jungfrau, ſondern forderte eilig die Vernichtung Aja So⸗ phia's, die auch ſogleich nach abermaligem Drohen Mohammed's, mit ungeheuerem Krachen zuſamm⸗ enſtürzte. Zugleich erkannte ſie jetzt, daß jener Greis mit den verbundenen Augen Athanaſios, der Schwan Leuke, der Condor Mele ſei. Zwar verwundert über dieſe ſeltſame Verwandlung, aber doch auch erfreut, wollte Irene auf den Greis zueilen; dieſer aber wies ſie mit einer Geberde des heftigſten Seelenleidens, zuſammengeſetzt aus Jammer und Entſetzen, von ſich, und bevor Irene eines Gedankens, geſchweige einer Frage mächtig war, ſah ſie ſich mit jenem vor den Thron des Weltenrichters verſetzt. 2— Ekine Stimme, vor welcher ihr ganzes Weſen in Nichts zurückzuſinken drohte, tönte ihnen die Worte entgegen: Unglückliche, die ihr in Ueber⸗ muth und Verblendung Euer Herz verſtocktet, um das, was zum Heile der Welt von Ewigkeit her beſchloſſen war, zu zerſtören, ſeid ausgeſchloſſen von der Ruhe und Freude des Herrn, bis alles Geſchaffne verwandelt wird vor dem Hauche ſeines Mundes und eine neue Welt beginnt in Friede und Gerechtigkeit. Nach dieſen ſchrecklichen Worten ſah ſie ſich mit dem Greiſe entrückt an einen Ort, wo ſie alle jene Geſtalten aus dem Dome und den unterirdiſchen Hallen zu Antiparos, nur in grauenhafter Entſtellung und troſtloſer Oede wiederzuerkennen wähnte, Mele unter ihnen. Irene erwachte und ſah Leuke und die Abyſ⸗ ſinierin vor ſich, jene zu den Häupten ihres Lagers mit freudeſtrahlendem Geſicht, dieſe zu ihren Füßen mit den Mienen der Verzweiflung. Sie öffnete den Mund zu zürnender Rede, aber die Weiße herrſchte ihr die Worte zu: Schweig, kehre zurück, von wannen Du gekommen, und preiſe Dein Geſchick, daß es nicht gekommen, wie Du wünſchteſt, denn ſchrecklich war bann Dein Loos! Und Mele antwortete trotzend: Nicht Dir geziemt dieſe Sprache; mein Loos hat Dich nie gekümmert, auch haſt Du kein Recht, mich von hier zu bannen, nur die kann es, der ich all' meine Kraft geweihet. D'rum ſprich, o Herrin, und richte zwiſchen uns!“ Irene entgegnete mit matter Stimme: Der Schleier, den Du und die Deinen um mich und den Greis von Antiparos gewoben, iſt zerriſſen. Darum weiche von mir! Du aber, Leuke, ſage mir, wird es mir vergönnt ſeyn, den, welchem Jene mich verkaufte durch böſe Künſte, zu ſpre⸗ chen, um das wo irgend möglich wieder gut zu machen, was ich Uebles ſtiftete? Es wird Dir vergönnt ſeyn, verſicherte die Weiße, und als die Thüre des Zimmers aufging und der Protoveſtiarios, verſtört und mit Blut beſpritzt eintrat, waren die geheimnißvollen Weſen verſchwunden, die der Jungfrau Irene ſeit ihrer Jugend als Sclavinnen gedient hatten. Wir kehren zum Kampfplatz zurück, wo das Ende dieſer wunderbaren Geſchichte vorbereitet wird. Nach dem Tode des Kaiſers brachen die Türken auch durch das Thor Kaligaria über ei⸗ nen Wall von Erſchlagenen in die Stadt, jeden ihnen vor Geſicht Kommenden zuſammenhauend, obwohl nicht aus Blutgier, denn die nach Sclaven und Sclavinnen überwog dieſe, ſondern in dem Wahne, daß fünfzig⸗ bis ſechszigtauſend Mann Beſatzung die Stadt vertheidigt hätten. Durch dieſen Irrthum verloren zwei⸗ bis dreitauſend jener Tapfern ohne Widerſtand ihr Leben, auf der Flucht oder von Hunderten erdrückt. Kurz vor dieſer Metzelei ſchlichen an der Hafenſeite, wo noch kein Feind eingedrungen war, zwei Männergeſtalten hart an der Mauer hin, welche die innere hieß, weil ſie mit einer zweiten, nach außen ſtehenden, einen tiefen Graben bild⸗ ete. Die Beiden, in Mönchskutten gehüllt, drückten ſich auffallend ängſtlich an den rauhen Flächen hin, ſei es, um von den Wachpoſten nicht geſehen, oder von den häufig über die Ba⸗ ſtionen hereinſchlagenden Kanonenkugeln nicht getroffen zu werden; doch ſchien ihr häufiges und ängſtliches Umherblicken eher das Erſtere an⸗ zudeuten. In der Nähe des Hafenthores ange⸗ kommen, wo Viele der Galatenſer Kaufleute wegen häufigen Verkehrs mit der Hauptſtadt Wohnungen hatten, drangen ſie in die Ruine eines ehemaligen Palaſtes, der in den früheren Belagerungen eingeäſchert worden war, und be⸗ gannen, nachdem ſie aus den weiten Kaputzen Hacken und Spaten vorgezogen hatten, emſig zu graben, während ſie folgendes Geſpräch mit ſen⸗ lich lauter Stimme führten. Wahrhaftig, Neophytos, ich hätte dem groß⸗ mächtigſten Cäſar Auguſtus keine ſo vortreffliche Prophetengabe zugetraut, als er an ſich ſelber bewieſen. Denn wenn ich nicht irre, meinte er mit jener myſtiſchen Rede, ols wir ihm ſeinen Vorſchuß zurückzuzahlen verſprachen, den heutigen trübſeligen Tag. Nur Schade, daß er ſein Weis⸗ ſagevermögen nicht zur Rettung des Reiches verwendet hat. Du ſprichſt, bemerkte der Andere, fleißig fort⸗ grabend: von Prophezeiungen des Kaiſers, Bru⸗ der Giagari, mit wahrem Vergnügen, ohne dar⸗ an zu denken, daß, hätteſt Du Recht, uns ſelbſt kein beneidenswerthes Loos erwartete. Oder ſind Dir die Worte ſchon entfallen, mit welchen der Auguſtus, auf uns zielend, unſer Anerbieten, das 19 — 286— veruntreuete Geld wiederzuerſtatten, zurückwies? — Pſt! hörteſt Du nicht Tritte? Lachend warf der Andere ein: Dein Ohr müßte feiner ſeyn, als das des erddurchwühl⸗ enden Klausners, wollteſt Du aus dem uns rings umgebenden Kampfgetöſe eines Elephanten, geſchweige denn eines MenſchenSchritt heraushören. Spute Dich, Giagari, ermahnte Neophytos: eine ſeltſame Beklommenheit läßt mich Uebles fürchten. Bei Sanct Chryſoſtomos, ſpöttelte Giagari: iſt über Dich auch die Gabe der Weiſſagung gekommen? Der Herr ſei mit Euch, hochwürdige Väter in Jeſu Chriſto! rief eine Stimme hinter den Beiden, welche, als ſie ſich, heftig erſchreckt, um⸗ ſahen, den wohlbekannten Genueſer⸗Galatenſer Francesco Ghertuccio erkannten. Was führt Euch, fragte Neophytos nach dem erſten und heftigſten Staunen,— was führt Euch heute in die Hauptſtadt und hierher? Ghertuccio, auf die bereits zu Tage liegende Geldtruhe in der Grube ſchielend, erwiederte ſchmunzelnd: Ich könnte zwar, wär' ich nicht ein beſcheidener und geſetzter Handelsmann, mich mit der Gegenfrage abfinden: was die hochwürd⸗ igen Väter hierher geführt; das will ich aber nicht, ſondern ich ſage: es iſt Euch ja nicht unbekannt, daß ich während der ganzen Belagerung zwiſchen Galata und Byzanz verkehrte, weder Gefahr noch Mühe ſcheuend. So war ich denn auch geſtern hier, wo ein arger Krankheit⸗Zufall mir den Rück⸗ zug abſchnitt und mich zwang, die gemeinſchaft⸗ liche Noth mit zu ertragen, obwohl ich ſeit mehr⸗ en Tagen einen heftigen Schmerz in meinen Füß⸗ en verſpürte, der auch eigentlich an meinem heut⸗ igen Aufenthalte hier durch ſeine plözliche Wie⸗ derkehr Schuld iſt. Da er nun aber guter Be⸗ handlung und ſtrenger Diät ſo weit gewichen, daß ich bisweilen, und unter andern auch heute, etwas weniges dem Luſtwandeln obliegen kann, ſo wollte ich eben aus meiner unfern von die⸗ ſem Orte gelegenen Wohnung gehen, um Nach⸗ richten über den Zuſtand der Dinge einzuziehen. Da erblickte ich zu meiner großen Freude Euch, hochwürdige Väter, und ging Euch nach, ſo ſchnell ich konnte, um etwaigen Troſt bei Euch zu holen. Nun, laſſet Euch nicht ſtören— ſetzte er, mit dem verſchmitzteſten Lächeln auf den Kaſten deutend, hinzu— von mir habt Ihr 19* nichts zu fürchten, am allerwenigſten Verrath, ſogar an die Türken nicht, im Falle ja Gott uns in ihre gottloſen Hände geben ſollte. Das iſt ein anmuthiges Wortſpiel, Herr Gher⸗ tuccio, bemerkte Neophytos mit einem ſtechenden Seitenblick auf Giagari: Gott— gottloſen. Schade nur, daß man es nicht ausdehnen kann auf Alles, es müßte eine recht hübſche Wirkung hervorbringen. Z. B. Gieb unſer Leben nicht in die Hände der Lebloſen, könnte man nicht ſagen, ſondern man müßte durchaus ſagen: Gieb unſer Leben nicht in die Hände der Todt⸗ ſchläger. Ghertuccio, viel zu ſehr mit der Kiſte be⸗ ſchäftigt, welche myſtiſch⸗lockend mit dem Deckel und ſeiner Handhabe aus der friſch gegrabenen Erde guckte, hörte nicht jene Rede des Mönchs, vielweniger bemerkte er das erwiedernde Augen⸗ zwinkern Giagari's, und wurde erſt wieder auf⸗ merkſam, als Neophytos fortfuhr: Da Ihr ein⸗ mal durch Zufall unſer Geheimniß zur Hälfte erfahren habt, ſo erfahret es gegen beſchworenes Stillſchweigen nur gleich ganz, damit wir Ver⸗ trauen zu einander faſſen, was uns jetzt am meiſten Noth thut. 250 Ghertuccio ſchwor und der Erzähler fuhr fort: Wir haben hier auf Befehl des hochwürd⸗ igſten und heiligen Patriarchen eine große Sum⸗ me Geldes vergraben, die wir jedoch nicht ſicher genug halten, und deßhalb anderwärts verbergen wollen vor den gierigen Händen der Ungläubi⸗ gen, damit die heilige Kirche nicht eines ihrer letzten Mittel beraubt werde. Wollt Ihr nun als ein frommer Chriſt uns die ſchwere Laſt aus der Erde ziehen und an dem andern Orte unterbringen helfen, ſo werdet Ihr Euch Gottes und des Patriarchen Dank verdienen. Als ſich Ghertuccio ſogleich bereit zu dem verlangten Dienſte finden ließ, den Schatz ſchon als ſein Eigenthum betrachtend, ſetzte Neophytos zurechtweiſend bei: So nehmet einen Spaten und Giagari einen, ſteckt ſie beide zwiſchen die Seiten des Kaſtens und das Erdreich und wuchtet damit, während ich mit einer Hacke an dem Griffe ziehe. So wird die Arbeit leicht werden. Nicht lange dauerte Ghertuccio's ſüße Hoff⸗ nung, die ihm das Geld ſchon als Waare, und dieſe wieder in reichlichen Erlös verwandelt vorſpiegelte, denn indem er noch mit ſein⸗ em Gehilfen bemüht war, Neophytos Anord⸗ — 290— nung in's Werk zu ſetzen, traf das eiſerne Werk⸗ zeug, von des Mönches ſtarken Armen geführt, ſeinen von Gedanken durchkreuzten Hirnkaſten ſo hart, daß ſein phyſiſcher Inhalt alsbald den Boden roſenroth, mit Weiß durchfloſſen, färbte, und ſomit allen weitausſehenden Planen des Herrn Ghertuccio für immer ein Ziel geſetzt war. Die Diener der Kirche ſchienen aber keine große Furcht vor Entdeckung zu ſpüren, vielleicht weil ſie wußten, daß die Feinde ſchon in die Stadt einzudringen begannen, auf deren Rechnung des Rechnenmeiſters unberechnetes Ende jedenfalls kam, vielleicht weil es nicht ihr erſter Todtſchlag war und Uebung ihnen die ſtümperhafte Aengſi⸗ lichkeit eines Neulings benommen, denn ſie lie⸗ ßen den noch zuckenden Leichnam gleichgiltig lie⸗ gen, und nachdem ſie den Inhalt des Kaſtens⸗ aus goldenen und ſilbernen Münzen beſtehend, in mehre lederne Beutel geſteckt und unter ihre Kutten genommen hatten, eilten ſie, ſo ſehr es die Laſt des Metalls geſtattete, von dem Orte ihrer Verbrechen. Aber auch ſie hatten ihren Calcul irrig geſtellt und ihr Leben mit hineinge⸗ rechnet. Indem ſie nach dem Hafenthore abzu⸗ beugen im Begriffe waren, um dort ein Schiff — 291— zu erreichen und nach Galata zu entkommen, ereilte ſie das ſchnell einherſchreitende Verhängniß. Eben hatten die Türken auch das Thor des Ko⸗ negion erſtürmt und drangen in dichten Maſſen in die Stadt. Ihrem Falkenblick entgingen die Kloſterbrüder nicht, und da ſehr Viele*) von dieſen in den Reihen der Griechen mitgekämpft hatten, ſo wurden Neophytos und Giagari ohne Weiteres als Feinde angeſehen. Nichts half ih⸗ nen ihr Flehen um Barmherzigkeit, nichts, daß ſie die große Summe Geldes den Moslems frei⸗ willig hinwarfen, weiter nichts als das nackte Leben dafür fordernd— auch das wurde ihnen nicht gewährt.— Noch am andern Tage lag⸗ en ihre Leichname enthauptet und verſtümmelt am Thore des Kynegion, von wo ſie an das Hafenthor gelangen wollten. Kein Ohr war nun mehr in Conſtantinopel, welches die Kunde, daß die Stadt erobert ſei, *) Geſchichtlich. Auf Befehl des Kaiſers wurden die ſtreitfähigen Mönche zwiſchen die Soldaten auf die Mauern geſtellt. nicht erreicht hätte, und die ganze Vevölkerung wogte nach der Hafenſeite hin, wo das Schwert der Saracenen noch nicht blitzte, um ſich auf griechiſche und genueſiſche Schiffe zu flüchten. Als aber die Thorwache den Andrang der Menge gewahrte, ſperrte ſie die Thore, von einem alt⸗ en Aberglauben verleitet, nach welchem die Tür⸗ ken, bis in die Mitte der Stadt vorgedrungen, von den Einwohnern zurückgetrieben werden würden. Als die Geängſteten ihren Rettung⸗ verſuch ſomit vereitelt ſahen, ſtrömte Alles nach der Kirche Aja Sophia zu, welche ſich binnen wenigen Minuten mit Menſchen jeden Alters und Standes füllte. Die Thüren wurden ge⸗ ſchloſſen und Tauſende inbrünſtiger Gebete zum Himmel geſchickt. Heftige Schläge an die Haupt⸗ thore des größten Tempels der Chriſtenheit bracht⸗ en neuen Schreck unter die zuſammengepreßte Menſchenmaſſe, denn ſie waren ein Zeichen, daß die Türken auch den heiligen Ort nicht achten würden. Bald ſtürzten die Thüren unter den Aexten der Wüthenden, und das Volk ward ge⸗ feſſelt wie zahmes Schlachtvieh in die Knecht⸗ ſchaft geführt. Nach entſchiedener Einnahme der Stadt be⸗ — 293— trat ſie Mohammed, umgeben von ſeinen Großen. Von glühender Leidenſchaft getrieben, eilte er zu⸗ erſt nach dem Palaſte der Phranzes, vor deſſen Pforte er ſein Gefolge zurückließ. Entſetzt warf ſich ihm Alles zu Füßen, er aber forderte ge⸗ bieteriſch, vor die Tochter des Großdomeſtikos ge⸗ führt zu werden, und bebte erbleichend zurück, als man ihn vor eine Sterbende geleitete. Ge⸗ wöhnt an die unbedingteſte Erfüllung des klein⸗ ſten wie des ungemäßigteſten Wunſches, hatte ſein Geiſt keine Fähigkeit, das völlige Fehlſchlagen ſeines Lieblingsgedankens vorerſt nur zu faſſen. Er ließ es geſchehen, in dumpfes Hinſtarren ver⸗ unken, daß Irene ſeine Hand faßte, und kam erſt wieder zu ſich, als ſie mit matter Stimme ſprach: Ein Höherer hatte anders beſchloſſen, als wir wollten. Ihr wolltet der Lebenden Alles gewähren, und es ward Euch verſagt, gewährt nun der Sterbenden zweierlei, woran Euch Nie⸗ mand hindern kann! Sich am Lager niederlaſſend und den thränen⸗ ſchweren Blick abwendend, ſagte Mohammed: Verlange, was Gott in meine Macht legte, und ich werde Deinen Wunſch zu erfüllen eilen. So thut das nicht, warum ich jüngſt Euch bat, flehte Irene: thut es nicht, und ſchwöret es mir mit einem heiligen Schwure zu, da⸗ mit die dunkle Macht, die hier mich leitete, dort keinen Theil an mir habe! Ich ſchwör's bei meines Vaters Geiſte, bei dem Säbel, womit er umgürtet geweſen, bei den einmal hundert vierundzwanzig tauſend Propheten der Gläubigen, und bei'm Koran! gelobte der Padiſchah, und neigte ſich auf die Geliebte mit allen Zeichen des ungemeſſenſten Schmerzes her⸗ ab. Noch hatte Irene ihr zweites Begehren nicht ausgeſprochen, als er verzweifelnd rief: Sie ſtirbt an Gift, ſie haben ſie mir gemordet! o ſtirb nicht, Du Freude meines Herzens! Mit den zärtlichſten Schmeichelnamen ſie rufend, ſuchte er Irene zu erwecken, aber als er erkannte, daß ihr Herz aufgehört hatte zu ſchlagen, barg er ſein Geſicht lange in die Kiſſen des Lagers, und da er es, bleich und regunglos, wandte, lag der Protoveſtiarios und die ganze Familie der Phranzes vor ihm auf den Knieen. Nachdem er ſie eine Weile ſchweigend betrachtet, ſprach er mit ſchneidender Kälte: Verdankt dieſer Todten Euer Leben und ſchreibt Eure künftige Sclaverei Euern Verbrechen zu— und verließ — 295— mit dröhnenden Schritten das Gemach, aus welchem die Unglücklichen alsbald getrieben wur⸗ den, um nach Aſien abgeführt zu werden.“) Nachdem der Kaiſer die Aja Sophia ange⸗ ſtaunt, ſie zur Moſchee eingeweiht und darin ſein Gebet verrichtet, ließ er ſich den Groß⸗Ad⸗ miral Lukas Notaras vorführen und ſprach zu ihm: Sieh' Dein ſchönes Werk der verweigerten Uebergabe in dem Haufen der Erſchlagenen, in der Zahl der Gefangenen. So demüthig, als er ſonſt trotzig geweſen, antwortete der Großherzog: Nicht ich, nicht der Kaiſer hätte ſo viel Anſehen in der Stadt ge⸗ habt, um die Uebergabe derſelben zu bewirken, beſonders nachdem der Kaiſer Briefe empfangen die zum Widerſtande aufforderten. Der Verräther hat gebüßt, murmelte Mo⸗ hammed mit zuſammengebiſſenen Zähnen, und fragte dann, in leutſeligen Ton übergehend: Wo iſt Dein Kaiſer? wahrſcheinlich zu Schiffe ent⸗ flohen, denn fünf Genueſer ſind glücklich mit vollen Segeln aus dem Hafen gekommen. Notaras betheuerte, die Hand auf die Bruſt gelegt: Ich weiß es nicht, denn ich war lam. *) Geſchichtlich. — 206 ₰ Thore des Palaſtes, als Deine Sieger durch das charſiſche drangen. Sogleich naheten ſich zwei Janitſcharen mit der Verſicherung, den Kaiſer zuſammengehauen zu haben. Der Sultan befahl ihnen, den Leich⸗ nam aufzuſuchen und vor ihn zu bringen, gab dem zitternden Großherzoge tröſtliche Worte und ſchenkte jedem Mitgliede ſeiner Familie tauſend Aspern, worauf der elende Notaras ihm eine Liſte der höchſten Staats⸗ und Hofwürdenträger über⸗ reichte. Mohammed's Auge funkelte düſter, doch verhieß er, am nächſten Tage den Admiral wie⸗ der zu ſehen. In dieſem Augenblicke rollten die Köpfe des gedrohten osmaniſchen Thronnebenbuhlers Urchan und des letzten byzantiniſchen Kaiſers aus Sclav⸗ enhänden zu ſeinen Füßen. Aus Mohammed's Leben ſchien mit Irene die letzte friedliche Macht gewichen zu ſeyn, denn ſchrecklich höhnte er ge⸗ fallene Größe, indem er das Haupt des letzten Paläologen an die Bildſäule Juſtinian's heften ließ, welche, in der linken Hand die Erdkugel mit dem Kreuze tragend, die rechte drohend gegen Oſten ſtreckte, des Kaiſers Herrſchaft über das Morgenland andeutend und ſeinen Feinden das Vorſchreiten verbietend. So lag das Haupt des Kaiſers, der ihm mit einem Thronnebenbuhler zu drohen gewagt, unter dem Hufe eines Pferdes! Ein Hohn, deſſen Tiefe nur von dem ganz ge⸗ fühlt wird, welcher weiß, daß dem öſtlichen Tri⸗ umphator der Segenswunſch zugerufen ward. Mögen die Köpfe Deiner Feinde unter die Hufe Deines Pferdes rollen! Den Tag über blieb der Kopf an der Säule ausgeſetzt, Abends wurde die abgezogene Haut ausgeſtopft und der Kopf als Siegeszeichen in die ee. Städte zur Schau geſandt.*) Die Nacht des neunundzwanzigſten Mai's, von Mohammed im Lager zugebracht, war vor⸗ über, und dieſer, an der Spitze ſeiner Großen, ritt wieder in die Stadt und gerade auf den Pa⸗ laſt des Großherzoges zu. Noch zornmüthiger als Tages vorher, ſah er heute drein, ſein Schmerz um die verlorne Geliebte ſchien in düſtere Grau⸗ ſamkeit überzugehen, der ſich Notaras zu entziehen ſuchte, indem er ihm entgegen eilte, ſich ihm zu Füßen warf und alle ſeine Schätze zeigte, ſprech⸗ end: Dieſes Alles hat Dein Knecht für Dich geſammelt und aufbewahrt! Wer, gegenfragte der Sultan; hat dieſe Schätze und dieſe Stadt in meine Hand gegeben? Gott, antwortete Notaras, und Mohammed er⸗ wiederte: Nun ſo bin ich Gott, und nicht Dir Dank dafür ſchuldig. Führe mich jetzt zu den Deinen. Unheil ahnend und zitternd gehorchte der Groß⸗ Admiral. An ſeiner Seite betrat der Kaiſer ein Zim⸗ mer, in welchem die Großherzogin krank lag. Mo⸗ hammed tröſtete ſie, ermahnte ſie, für ihre Geſund⸗ heit zu ſorgen, und ließ ihre Söhne rufen, die ſich gleichfalls vor ihm niederwarfen. Seſchichtlich. Von dem Palaſte des Großherzogs ausgehend, durchritter den größten Theil der Stadt, einſam und wüſt, erſchöpft von Plünderung, menſchenleer und nurvoneinzelnen Nachzüglerhorten durchtobt. Nach Vollendung der traurigen Wanderſchaft begab er ſich in den kaiſerlichen Palaſt, der, ein ödes Monu⸗ ment geſtürzter Herrlichkeit, andere Saiten in ſeinem Inneren erklingen machte. Denn als er in jene Halle der wichtigſten Staats⸗Berathungen kam, überdrang ihn wunderbar die Erinnerung an die, auf dem Teufelseilande mit Irenen verlebten Stunden, und er ſprach mit Wehmuth wie da⸗ mals: Es zieht an öder Fürſtenſchlöſſer Thor Der Spinne Netz den leichten Teppich vor, und in Efraſiabs eingeſtürzten Hallen Hört man der Eule Heermuſik erſchallen. Trüber und trüber ſtimmte ſich ſein Inne⸗ res, der Schmerz getäuſchter Liebeshoffnung ge⸗ ſtaltete ſich mehr und mehr zu einer am unbe⸗ ſchränkten Herrſcher des Orientes gefahrvollen Schwermuth. Den aus den Blachernen Zurück⸗ kehrenden erwartete unfern derſelben im Freien ein feſtliches Mahl, an dem er mit ſeinem ganz⸗ en Hofe Theil nahm, ſich, gegen das Geſetz, dem unmäßigen Genuſſe des Weines überlaſſend. Stärker ſchon die Macht deſſelben empfindend rief er dem oberſten Verſchnittenen zu: Geh, und ſage dem Lukas Notaras, es gefiele mir, ſeinen jüngſt⸗ en Sohn zu meinem Harems⸗Dienſte zu haben. Der Eunuche ging und verkündete, was ihm — — befohlen. Der Großherzog aber fand jetzt die ver⸗ lorene Würde der Seele wieder, indem er dem Tra⸗ banten der Tyrannei entgegnete: Sage Deinem Herrn, daß ich meinen Sohn nie freiwillig zum ſchändlichen Dienſt überliefern werde, lieber ſoll er den Henker ſchicken. Nicht lange ließ dieſer auf ſich warten, führte den vierzehnjährigen Knaben hinweg und enthauptete die übrigen vor den Augen ihres Vaters, deſſen Leich⸗ nam auf die noch zuckenden Körper ſeiner Söhne fil. Sie wurden nackt und unbegraben weggeworfen. Notaras letztes Wort war: Gerecht biſt du, o Herr!*) Der Kardinal Iſidor und der Protoveſtiarios Phranzes wanderten in die Sclaverei, aus welcher jener allein, und dieſer mit ſeinem Weibe nachmals entflohen;**) doch von den übrigen Gliedern des Hauſes Phranzes hat Niemand wieder etwas gehört. Hier ſagt der böhmiſche Weltgeiſtliche, der Ueber⸗ ſetzer der Legende: Alles ſei ihm darin klar, nur die Beſtätigung des Gennadios im Patriarchate nicht, die ihm der Sultan mit großem Gepränge ertheilte, ſtatt ihm verdientermaßen den Kopf abzuſchlagen, als dem, welcher den Uebertritt der ketzeriſchen Griechen zur alleinſeligmachenden Kirche allein verhindert habe; doch hofft der fromme und andächtige Diener des Herrn, ihn jenſeit ganz gewiß in der Muſterrolle der Verdammten zu finden. Geſchichtlich. 2*) Geſchichtlich. — 300— Frater Euthanaſios aber, der Erzähler dieſer Le⸗ gende, ſchließt mit der kritiſchen Bemerkung: Es ſei ganz unverkennbar, daß Mele ein, von den böſen Geiſtern des Abgrundes zum Sturze des Chriſten⸗ thums abgeſandter Genoſſe geweſen ſei, deſſen höll⸗ iſche Umtriehe nur durch einen Engel des Lichtes, wo⸗ für er Leuke erklärt, hätten unſchädlich gemacht wer⸗ den können, auch lobt er Mohammed mit einigen Worten, daß er ſein, der ſterbenden Irene gegebenes Verſprechen gehalten habe, die Chriſten in der freien Ausübung ihrer Religion niemals zu ſtören. In einer Randgioſſe ſetzt der Prager Prieſter noch mit kritiſchem Scharfſinne hinzu In einem früheren Geſpräche zwiſchen der Weißen und Schwarzen*) müſſe es ſonder Zweifel im Texte heißen ſtatt: Du weißt, der uns nach Antiparos geſendet — Du weißt, der mich nach Antiparos geſendet, — cheils, weil gleich darauf folge: Und wie Du Dich auch ſtelleſt, Du biſt ihm unterthan, theils, weil man ſonſt glauben könnte, Gott habe alle Beide ge⸗ ſendet, was offenbarer Irrſinn ſei; und ſchreibt dieſe Varia lectio der Unwiſſenheit eines Abſchreibers zu, welche durch eingebildete Gelehrſamkeit oftmals Miß⸗ verſtändniß in die beßten Codices gebracht, woran ſpäter die Kritiker Jahrhunderte lang auszumerzen gehabt hätten. *) Theil U. Seite 11. Zeile 13. ——— iſiſſſſiſſſi 1 12 1 14 6 7 8 9 10 1 3 15 16