Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur cednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗§ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— — —— .—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 55 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koöſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7 Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, Se — c n von Alexander Bronikowski. 8 wanzig ſter Band. S a Eungenia. Zweiter Theil. von Alerander Bronikowski. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1833. Mit ritterlichem Anſtande empfing der unbe⸗ kannte Begleiter die Jungfrau am Ufer, um ſie in das Fahrzeug zu geleiten und auf dem Verdecke deſſelben trat ihr der Hauptmann ent⸗ gegen, ehrerbietig zwar, aber mit beſorgter, verdrießlicher Miene. Der Blick des Seeman⸗ nes hatte ihn nicht getäuſcht, falbe Wolken, den Sturm in ſich tragend, zeigten ſich im Oſten, zweimal ſchon hatten ſeine Vorboten, kurze heftige Windſtöße, ſeine Nähe verkündet, und er fürchtete mit Recht, der lange Aufſchub der Abfahrt werde es ihm unmöglich machen, vor Ausbruch des Unwetters dieſe Gegend des Archipelagus zu verlaſſen, reich an Untiefen und“ Felſenriffen, und das offene Fahrwaſſer zu er⸗ reichen, mit welchem das Inſelmeer ſich in den Helleſpont ausmündet. 6— Lange ſtand die Enkelin des Silentiar, deſ⸗ ſen Gebeine fortan fern von dem Lieblinge ſei⸗ ner Seele ruhen ſollten, auf dem Verdeck, nach dem Geſtaate zurückſchauend, dem Schau⸗ platze einer glücklichen Kindheit, nach dem Grab⸗ mal des Großvaters, welches auf einer Höhe, von weißem Marmor errichtet, weithin ſchim⸗ merte, und auf die Diener und die Mägdlein der Inſel, die am Ufer der jugendlichen Herrin Abſchiedgrüße nachſandten. Und auch ſie winkte Lebenden und Lebloſen Abſchiedgrüße zu und manche Thräne rann auf die eichenen Bohlen des Verdeckes. Als aber die weiße Küſte von Antiparos mit ihrem grünen Baumſchmuck allgemach in die Meeresfluth ver⸗ ſank, da wandte ſie ſich abſeit dem Norden zu, nachdem ſie der Vergangenheit ihr Recht angethan, auch des Zukünftigen zu gedenken, und Leuke und Mele traten zu ihr. Ernſt war die Erſte, ernſter noch als ge⸗ wöhnlich, es war ſogar als umſchatte ein leich⸗ ter Nebel der Traurigkeit ihr liebliches Angeſicht; die Zweite aber ſchien wie immer, nichts war von jener Pythoniſſin an ihr zu ſehen, die vor wenigen Stunden in der Grotte, von Geheim⸗ niſſen umringt, dunkle Orakelſprüche ertheilte, nichts war ſie als die gewandte unterwürfige Sclavin, welche der Schnelle und Bereitwillig⸗ keit ihrer Dienſtleiſtungen durch manchen lau⸗ nigen Scherz noch mehr Annehmlichkeit zu ge⸗ ben verſteht. Und als Zoe ſie ſo ſah, ge⸗ mahnte ſie, was ihr begegnet, immer mehr als ein Traum. Aber doch empfand ſie die Wirkung, die von ihm zurückgeblieben, ſie fühlte ſich ermü⸗ det von ſo manchfacher Erregung, auch von der Gluth der ſtechenden Sonnenſtrahlen wohl, und alsbald ward auf des Schiffers Wink der Herrin ein Lager bereitet von weichen köſtlichen Decken unter einer Laube, theils durch Tep⸗ piche verdeckt, theils durch ein Geflecht von Roſen, Oleander und ſyriſchem Jasmin, leiſe durchwehet von dem Südoſtwinde, welcher noch immer ſeine ſanfte Herrſchaft über die Meeres⸗ fluth behauptete. Bald ſchloß der Schlummer Zoe's Augen und entführte ſie, dem Geiſte Schwingen leihend, in die Gefilde, die ihrer warteten. Sie ſah ſich in den Armen der Ritern, ſie durchwandelte die ſchimmernden Hal⸗ len des Kaiſerpalaſtes, aber, wie es im — 5— Traume zu geſchehen pflegt, es geſellte ſich die⸗ ſen Bildern bald ein unbekanntes Etwas, wel⸗ ches ſie verwirrte. So war denn ihr Schlaf nicht durchaus ruhig, doch währete er ziemlich lange. Als einer jener beängſtigenden Widerſprüche, welche ſich im Schlafe oftmals dem Geiſte dar⸗ ſtellen, dieſen verſcheucht hatte, ſah ſie die Srene um ſich völlig verändert. Die Sonne beleuchtete nicht mehr das Ge⸗ wäſſer, der Tag war verſchwunden und den Himmel deckte tiefes Dunkel, undurchdringlich, außer in Augenblicken, wo die Mondſcheibe den ſie ſcheinbar verfolgenden Wolkenrachen ent⸗ rann. Der erfriſchende Wind hatte aufgehört die Laube zu durchſtreichen, wohl aber legte ſich ein leiſes Heulen an die beſchützte öſtliche Wand, in der Ferne brauſete es dumpf und kam in Zwiſchenräumen gewaltig einher und flog brauſend über das ſich beugende Fahrzeug und durch die ächzenden, von ihren Segeln ent⸗ kleideten Maſten. Vom Vordertheile des Schif⸗ fes her vernahm ſie die rufende befehlende Stimme des Hauptmanns und der Mann⸗ ſchaft unruhige Bewegung. Die Gefahr, wel⸗ S che, als ſie noch entfernt war, die Unkundige nicht beachtet hatte, that jetzt ihre ganze Wirk⸗ ung, und der Gedanke an einen Sturm auf nächtlicher Fluth mußte die zarterzogene Jung⸗ frau wohl entſetzen, in deren Locken zu ſpielen, des Großvaters Beſorgniß kaum dem Zephyr erlaubt hatte. Beſtürzt raffte ſie ſich daher auf, in ihrer Schwäche Schutz bei der Stärke zu ſuchen, und ſie ſtand im Begriffe, nach dem Vordertheile zu eilen, um den Schifffüh⸗ rer aufzufinden oder den, welchen der Großdo⸗ meſtikus ihr als Beſchützer geſandt. Da ver⸗ nahm ſie in ihrer Nähe ein Zwiegeſpräch, und als ſie hinausſchauete aus der Laube, waren es die beiden Sclavinnen, die an dem Ein⸗ gange ſtanden, und ſie fühlte ſich beruhigt durch ihre Gegenwart, meinte auch, das Wet⸗ ter ſei nicht ſo ſchlimm, da die Mägdlein ſie nicht geweckt, noch ſelbſt Schutz geſucht hätten in der Kajüte, und ſie blieb ruhig an ihrer Stelle. Aber der Sturm, der in ihrem Zuflucht⸗ orte keinen Eingang fand, tobte draußen in voller Wuth, hoch flatterten die Haare und Gewänder der Dienerinnen, Leuke's goldene 5 3 Locken und weiße Schleier leuchtend wie das Gefieder des Schwanes, der auf dunkler Fluth daherziehet, Mele's Flechten und Gewand dunk⸗ ler noch als der Horizont, gleich dem Fittiche des Meergeiers, welcher unter ſchwarzen Wet⸗ terwolken ſchwärzet noch als ſie dahinſtreicht. Es war jedoch als achteten Beide nicht des Streites der Elemente, denn ſie blieben unver⸗ rückt an ihrer Stelle, beſchäftigt mit Geſpräch oder vielmehr mit eigenem Streit. Anmaßend iſt der Glückliche— ſagte die Schwarze mit Bitterkeit: und dem es ein⸗ mal gelungen, dem Andern einen Theil ſeines Rechtes zu entreißen, trägt Verlangen, ihn auch noch deß zu berauben, was ihm blieb.— Welches Recht nenneſt Du das Deine?— war der Weißen Antwort: Magſt Du auch je dieß Wort nur im Munde führen?— Und wie zuvor entgegnete die Afrikanerin: Warum nicht? Ward uns doch gleiche Oblie⸗ genheit aufgetragen und von demſelben ſogar, obgleich ſie verſchiedener Gattung.— Unmittelbar ward mir das Gebot— ſagte Leuke darauf etwas gebieteriſch: Du weißt, durch wen das Deine Dir geworden. Mehr — gehorchteſt Du dem eigenen Sinne und dem, der ihn irre geleitet, als dem Gebieter, dem wir Beide unterthan.— Ich kenne nur einen Gebieter, nicht den, der mich nicht anerkennt. Einen eigenen Sinn habe ich wie der, dem ich gehorche; nun wohl, ich bin ſtolz darauf, daß dem ſo iſt, haben wir es doch theuer erkauft.— Stolz biſt Du— ſagte die Weiße beinahe mitleidig: Gedenkeſt Du nicht, wie oft das, was Du Stolz nenneſt, ſich umgewandelt zu brennendem Schmerz und bitterer Beſchämung? Du weißt, der uns nach Antiparos geſendet, läßt ſein nicht ſpotten, und wie Du Dich auch ſtellet, Du biſt ihm unterthan; hüte Dich daher, daß Du die Gewalt nicht verkenneſt, der Du abtrünnig geworden, um einer ande⸗ ren Sclavin zu ſeyn, denn ob er Dich ſchon geſtraft, doch weiß er noch mehr zu beſtra⸗ fen.— Strafe?— ſprach die Schwarze mit ſchmerz⸗ lichem Hohne: Wohl weiß ich, daß ich ſolche erduldet und ſie meiner noch wartet, denn den Lieblingen wird der Lohn zu Theil und das Gute, den Verſtoßenen das Gegentheil; ſo * — 12— will ich denn auch bleiben wie ich bin, eine treue Dienerin des Weſens, dem die Thnlich⸗ keit des Sinnes mich verbindet und des Ge⸗ ſchickes. Du weißt, ich muß es ſeyn, drum gehe Deinen Weg und laß mich den meinen gehen.— So lange Du nicht abweicheſt von ihm und den meinigen durchkreuzeſt, muß ich es geſtatten, denn ſolches war der Wille des Herrn.— Und weiche ich denn von ihm ab?— fragte die Abyſſinierin mit dem Tone des Unmuthes. Verlaſſe ich ihn denn, der zum Ziele führet, dem einzigen, das zu verfolgen mir beſchieden, zum einzigen Preiſe, der mir zu erreichen ver⸗ gönnt iſt? Und er iſt, daß, was mir gewor⸗ den, auch anderen werde durch mich, es iſt nicht erfreulich, allein zu ſtehen; nach dem — ſetzte ſie mit gezwungenem Scherze hinzu: nach dem alten Sprüchwort: je mehr der Tho⸗ ren, je mehr man lacht.— Aber Leuke wiederholte ernſt und nachdrück⸗ lich: Lacht?— Oder weint, wie Du willſt— war die Antwort: immer iſt doch ergötzlich, in Geſellſchaft zu weinen.— Und die Weiße verſetzte: O, daß Du einen andern kennteſt, daß ich ihn der verleihen könnte, die einſt mit mir in ferner Jugendzeit einträchtiglich ſtand am Stuhle des Gebieters, der verloren gegan⸗ genen Schweſter!—— Drauf ſagte die Schwarze halb ſchmerz⸗ lich, halb zornig: Höhneſt Du mich mit Dei⸗ nem Mitleid, übermüthige? Wohl habe ich einſt jenen Troſt gekannt wie Du, aber ich kenne ihn nicht mehr, ich will, ich darf ihn nicht kennen. Triumphire nicht zu früh, auf gleicher Stufe ſtehen wir hier, und vielleicht wird Dir die Freude verkümmert und auf Au⸗ genblicke die Ruhe geſtört, in welcher Du läch⸗ elnd auf mich herabſchaueſt, und das iſt mein Streben, denn ich haſſe die Ruhe und die Ruh⸗ igen, die den leichten Dienſt verrichten auf ewig ebener Bahn und ohne Beſchwerde. Eine Sclavin nenneſt Du mich, nun wohl, ich bin eine Sclavin und finde Freude in der Mühe des Dienſtes, in der Anſtrengung und Raſt⸗ loſigkeit. Du haſt dieſe Bahn gewählt— entgegnete die Weiße: und mußt auf ihr wandeln; ſo ſchreite denn fort, doch weißt Du, daß mächtige Schranken ſie bezeichnen, wahre Dich, — ſie zu überſchreiten, denn wenn ich der Milde des Herrn diene, ſo diene ich auch ſeinem Zorne.— Sie ſagte dieſe Worte in beinahe drohendem Tone, aber die Andere erwiederte darauf: Ich fürchte Dich nicht, was ſollte ich auch noch fürchten? Die Furcht geziemet dem Glücklichen nur, darum iſt ſie an Dir. Fürchte, daß Deine Macht zu Schanden werde vor der meinen, und Du zurückkehreſt mit unvollende⸗ tem Auftrag.— Nicht bei mir iſt die Macht, alleinig bei dem Herrn, und wie er will, wird geſchehen, wozu Du geſendet worden und ich.— Wenn dem ſo iſt, ſo meide den Vorwurf, den Du mir machteſt, ſtöre auch Du mich nicht in meiner Obliegenheit. Wo ich vor kur⸗ zem war, iſt mein Gebiet und mein Weg; warum haſt Du Dich zu ihm gedrängt? Wa⸗ rum hörte ich in der Ferne Deine Stimme, und warum drang Dein Hauch hinab in die Region, wo Du fremd biſt?— Weil Deine Stimme empordrang zur Höhe, das Wort ſprechend, das ihr verſagt iſt, und Du weißt, nicht in die Höhe drang es allein, ſondern auch in die darob erzitternde Tiefe.— Und Mele rief unwillig: O, daß Du doch Recht haben mußt, die, der ich eigen bin, er⸗ zürnte ſich ob des Wortes, das mir im Eifer, ihr zu dienen, entſchlüpfte, und die Lichter wankten und droheten zu verlöſchen, darum reuete mich das raſch geſprochene, nicht weil Du es tadelſt. Leichter wird es Dir freilich, Deine Pflicht zu erfüllen, gemächlich wandeln auf ruhig ebenem Pfade; die verachtete Tochter der Nacht aber hat keinen Beiſtand als in ſich ſelbſt, keine Kraft als die Kraft des Geiſtes, der ihr inwohnt, und die unauslöſchliche Be⸗ gier, der Herrin zu dienen und ſie an ihren Widerſachern zu rächen. Und ſolche immer wiederkehrende Gier mag ſich wohl manchmal ver⸗ irren, aber zuweilen überwand ſie doch, und ich meine, es wird wieder geſchehen. Zwei Strei⸗ tern gleichen wir, kämpfend um einen Beſitz, im Kriege aber iſt alles erlaubt, dem Gegner zu ſchaden.— Und magſt Du, Arme, Dir ſelbſt dadurch nützen?— fragte wehmüthig die Weiße.— Aber die Abyſſinierin verſetzte: Dem, welchem der Trank der Bitterkeit beſchieden iſt, verſüßt — 16 ein Tropfen Wermuth in den Becher des Fein⸗ des gegoſſen, auf lange Zeit den eigenen Kelch.— Hier entſtand ein kurzes Stillſchweigen, nach welchem Mele wiederum begann: Krieg iſt alſo zwiſchen uns; doch ſei es, wie Du ſagſt, und weil es ſo ſeyn muß, ein offener Krieg. Doch ſchwierig iſt es auch dem kühnſten Sinn, mit überlegener Macht zu ſtreiten, der in die Ferne Geſtoßenen mit dem begünſtigten Kinde des Herrn, und billig iſt die größere Vorſicht auf der Seite des Schwächern. Drum kann ich fordern und ich fordere es, daß Du mich gewähren läſſeſt, ſo weit ich zum Thun befugt bin.— Unnöthig— war die Antwort: iſt, daß ich Dir ſolches verheiße, denn ſo ward mir gebo⸗ ten, und nicht um eines Haares Breite weiche ich von dem Gebote.— Alſo auch in dem, was ſich heute noch ereig⸗ net, wirſt Du mir nicht hinderlich ſeyn?— O, könnte ich es!— rief Leuke mit einer Stimme, die der des Unmuthes nahe kam: Doch werde ich Dir nicht hinderlich ſeyn, denn beſchloſſen iſt es, daß Du einen Theil Deiner Bahn vollbringeſt bis hart an den Scheidepunkt, ehe ich hinzutrete, zu erfüllen, was mir obliegt. Doch nur ge⸗ leiten darfſt Du, nicht vorauseilend nach Dir ziehen, der die Wahl zuſtehet, welcher ſie folge. Auch iſt Dir verwehrt, des Irrenden Sinn zu berücken auf die Weiſe, die Dir ſonſt zu Gebote ſteht.— Sehr großmüthig würde ich das nennen— ſagte drauf die Tochter der Oaſis abermals in etwas herbem Tone: wäre es nicht billig, daß im Laufe nach einem Ziele der Schnellſte und die geringere Laſt Tragende dem mit Mühe ſchreitenden Gefeſſelten einen Vorſprung ge⸗ währt. Aber vorauszueilen, ſagſt Du mei⸗ ſternd, ſei mir nicht geſtattet, und Du haſt es ſelbſt doch gethan, Schade nur, daß ſol⸗ ches Dir wenig gefruchtet, und das Konterfei, welches Du dem von zwiefacher Fluth geſchau⸗ kelten Schifffahrer als leuchtenden Pharos auf⸗ zuſtellen gedachteſt, alsbald erblindete vor dem Bilde, welches meine geringere Kraft ihm her⸗ beirief. Beide ſind kein Trugbild der Sinne, beide gehören dem Leben und ſo habe ich nur Dein Beiſpiel befolgt, welches ja wie das Deines ganzen Geſchlechtes als nachahmens⸗ werth geprieſen wird nahe und fern von Vielen, . 2 — 6 doch nicht von Allen. Eine Dienerin nenneſt Du Dich im Gebiete, wo der Tag wohnet und das Leben, ich bin eine Sclavin nur und Tochter der Nacht, ſo walte ich denn im Reiche der Bilder und Träume. Glaube mir nur in Deinem triumphirenden Stolze, ich kenne das Gefilde, welches ich oft durchwandert habe mit ermüdetem Fuße, während Du über ihm in heiterer Ruhe dahinſchwebſt, ich kenne den Bo⸗ den, deſſen Beſteller wir ſind, und den Keim, für den er empfänglich und herrlich gedeihet am Tage, was der Säemann im Dunkeln geſäet. Dann wird ſich zeigen, wem der Siegerkranz blühet, dem, den ich nicht nenne, oder dem, welchem ich diene. Bald kommt er, der Tag, aus jenen Sturmwolken bricht er hervor, aber auf keine geſchloſſenen Augenlider trifft er, denn in der Nacht ſchon und mitten unter ih⸗ ren Träumen iſt die Jungfrau erwacht.— Leuke erwiederte nichts, nur ein leiſer Seuf⸗ zer ſchien auf den Flügeln des Windes davon zu eilen, und Genia⸗Zoe richtete ſich von ih⸗ rem Lager empor. Nicht ohne Verwunderung hatte ſie die ſeltſame Unterredung gehört und nicht ohne einigen Unwillen gegen die Weiße. — 19— Von irgend einem anderen Gebieter hatte dieſe geſprochen, als halte ſie ihn höher als die jetz⸗ ige Gebieterin, als geſchehe es nur, um ſeinem Willen gehorſam zu ſeyn, daß ſie bei dieſer verweile; demüthig nannte Mele ſich eine Scla⸗ vin, nichts an ſich rühmend als ihre unmittel⸗ bare Treue gegen die Herrin; das Erſte miß⸗ fiel der Enkelin des Silentiar, während das Andere ſie erfreuete, denn ob ſie wohl wußte, daß Athanaſios Phranzes Befehl die Diener⸗ innen an ſie gebunden, ſo wollte doch ihr ju⸗ gentlich Herz geliebt ſeyn um ſein ſelbſt willen, und ſeit kurzem begehrte es auch wohl aus eigener Macht zu gebieten. So verlöſchte denn, was ſie auf ſich ſelbſt bezog, den Eindruck manches Fremdartigen, das ſie vernommen, und ſie konnte nicht umhin, den übermuth zu ta⸗ deln, mit welchem das weiße, lieblich gebildete Mägblein auf die dunkelfarbige Genoſſin her⸗ abſchauete und dieſer ein wenig Bitterkeit nicht verargen. So rief ſie denn den Beiden in ziemlich gebietendem Tone zu: Fürwahr, ich bin er⸗ wacht, und nicht ohne Verwunderung auch, wenige Schritte von mir Streit führen zu ſe⸗ 2* — 6 hen. Was mag Euch denn alſo ereifern, daß Ihr den wüthenden Sturm nicht achtet, noch meine Gegenwart, was insbeſondere Dich, Du immer beſonnene Weiße, daß Du Deine Ge⸗ fährtin ſchmäheſt? Seid Ihr nicht Beide meine Dienerinnen, und keine hat etwas vor der andern voraus? Beide waret Ihr mir gleich lieb, aber lieber wird mir doch die ſeyn, die mir gern dienet und treu und die kein Gebot an mich bindet als das der Anhänglichkeit. Du wareſt frei, Leuke, von dem Augenblicke an, da Dein Gebieter die Welt verließ, wa⸗ rum ſchiedeſt Du nicht, da ich es doch in Deine Wahl geſtellt? Ich haſſe den Zwang, und nicht günſtig mag ich auf den ſehen, der nur gezwungen mir dient.— Da erwiederte Leuke: Wenn gleich das Grab die Gebeine des Athanaſios Phranzes deckt, verließ doch der Herr die Welt nicht, noch Dich, und wird ſie nimmer verlaſſen, und über den Tod hinaus beſtehet ſein Wille. Nicht Zwang feſſelt mich an Dich, denn ſolcher Wille iſt auch der Wunſch meines eige⸗ nen Herzens.— Mele aber ſagte ſchmeichelnd und klagend: Mag man immer mich ſchmähen, wenn Du mir nur gnädig biſt und in Deiner Hoheit und Schönheit die Schwarze nicht verachteſt. Das iſt der Lohn und der Preis, welchen ich begehre, denn was mögen die Gegner mir ſchaden, wenn mein Dienſt nur der Herrin gefüllt?— Aber das Unwetter tobt entſetzlich und wir ſind wohl in großer Gefahr? fragte Zoe angſthaft. Nahe iſt die Gefahr— antwortete die Weiße: doch hoffe ich, wirſt Du dahin ge⸗ langen, wo Dich der Vater erwartet.— Nicht ſehr geeignet war dieſer Beſcheid, die Furcht der Jungfrau zu verringern, aber es geſchah doch, als die Abyſſinierin hinzuſetzte: Sehnſüchtig blickt die Mutter nach Dir, daß Du in der Cäſarenſtadt landeſt, und machtlos ſtreichen die Stürme über das Schiff hin, das ihre geliebte Tochter trägt. Ihre Wünſche be⸗ gleiten Dich unſichtbar, und bis jetzt noch un⸗ ſichtbar birgt ſich in dem Dunkel der Wolken das erfreuliche Licht.— Wenige Augenblicke noch und es wird Dich umſtrahlen. Etwas ruhiger, aber immer noch zagend be⸗ gehrte Genia, daß man den Schiffherrn herbei⸗ rufe oder den fremden Kriegesmann. Mele, ge⸗ gen ihre Gewohnheit, ſäumte, den Auftrag zu vollführen, ſich emſig und unterwürfig um die Jungfrau beſchäftigend, Leuke aber eilte das Schiff entlang und kehrte alsbald mit den bei⸗ den Begehrten zurück. Alleredelſte Zoe— erwiederte der Schiffer auf die raſch auf einander folgenden Fragen derſelben: Obſchon ich denken kann, daß ein Wetter, wie es uns heute überraſchte, der an die Stetigkeit des Landes und der Ruhe im Palaſte Deines Großvaters Gewöhnten ein wenig Schrecken verurſachen muß, bin ich doch ſo glücklich, Dich in dieſer Rückſicht beruhigen zu können. Ganz gegen meine Erwartung hat dieſer Oſtwind nichts zu bedeuten, und nur die Beſchaffenheit dieſer Meeresgegend bewegt mich, an der Inſel beizulegen, welche Du dort in geringer Entfernung, einem dunkeln Nebel⸗ ſtreif gleich, ihre Ufer ausbreiten ſieheſt. Sehr bekannt iſt mir das Eiland und ſein Geſtade, und nicht an mir wird es liegen, wenn wir es nicht in weniger als einer halben Stunde erreichen, fofern nicht ein Hinderniß anderer Art uns in den Weg tritt.— Und welch Hinderniß?— fragte die wie⸗ derum Beängſtigte, und der Fremde verſetzte: Schon vor dem Ausbruche des Wetters zeigte ſich ein Fahrzeug in unſerer Nähe und es iſt ſeitdem fort und fort mit uns in derſelben Richtung geblieben, ſo daß es ſcheint, als werden wir von ihm verfolgt.— Ich darf— fügte der Hauptmann mit aller Gleichmüthigkeit eines Seemannes hinzu: Ich darf Dir, Erlauchteſte, die Möglichkeit nicht verbergen, daß es zu einem kleinen Waſſerge⸗ fecht komme, denn meinen Wahrnehmungen nach iſt dieſer unwillkommene Begleiter eine Brigantine, wiewohl die Dunkelheit mich ver⸗ hindert, die Flagge zu erkennen odere anbere Merkmale, anzeigend, welcher Nation ſie ge⸗ hört.— O, wäre es doch eine türkiſche! rief der junge Krieger mit Feuer: Mir würde dann der zwiefache Wunſch erfüllt, Dich vertheidigend das Vertrauen zu rechtfertigen, das Dein edler Vater in mich geſetzt, und gegen den Feind unſers Reiches und Glaubens das Schwert zu führen, welches bisher und nur allzu lange ſchon kleinmüthige Bedächtigkeit in der Scheide gehalten.— Faſſe Muth, gnädige Gebieterin— ſprach zu dieſer, die ihn allgemach zu verlieren begann, der Schiffer: in dieſem höchſtedeln Herrn hat Dir und Allen der erhabene Ariſtobulos einen Beſchützer zugeſellt, der die Gefahr von Dei⸗ nem theuern Haupte mit höchſt preislicher und bereits rühmlichſt bekannter Tapferkeit abhalten wird.— Hier verbeugte er ſich zierlich gegen den Gelobten. Darauf ſagte der junge Kriegesmann, wie ge⸗ theilt zwiſchen zween Empfindungen, einer ältern und einer neuern, die eine ſchmerzlich, wohl⸗ thuend die andere, halb zürnend, halb mit Wärme: Wenn ich wirklich hier und da Ei⸗ niges gethan, ſo geſchah es leider vergebens, hier aber läge in der That ſelbſt ihr Lohn.— Nicht ohne Wohlgefallen ſah, als er ſo ſprach, Zoe auf den Fremden, der durch die Worte und das Benehmen des Hauptmanns, die ihn als einen Mann von Bedeutung und wahrſcheinlich von höherem Stande darſtellten, nicht wenig bei der unter den Einflüſſen ſebaſt⸗ — iſchen*) Stolzes Erzogenen gewann, und ſeine edle Geſtalt, im Waoffenſchmucke widerglänzend im Scheine der herbeigetragenen Leuchten, ſein ſchöngebildetes Antlitz von Kampfesluſt, wie es ſie däuchte, geröthet und die wohlklingende Rede ſchie⸗ nen ſolche Muthmaßungen nicht Lügen zu ſtrafen. Sie ſtand im Begriff, ihm ein ermuntern⸗ des Wort des Dankes zu ſagen, da ſprach Mele: Unſtreitig hat Dein hoher Vater, Ge⸗ bieterin, Dir einen tapfern Begleiter gewählt, aber vielleicht iſt es unnöthig, daß er ſeinen Muth beweiſe, noch weiß man ja nicht, wel⸗ ches Schiff jenes iſt, und oft findet man im geglaubten Feinde den Freund.— Noch öfter aber— entgegnete ihr Leuke: nahet ſich in Freundesgeſtalt der Feind.— Jetzt war das unbekannte Fahrzeug ganz in die Nähe gekommen, und der ſorgliche Be⸗ fehlhaber erſuchte die Tochter ſeines Herrn, ſich in den ſchützenden Raum unter dem Verdeck zu begeben, der Führer der Bewaffneten gebot ihnen, ſich zur Vertheidigung zu bereiten; die Drehbaſſe auf dem Vordertheile, das einzige Sebaſt, Name der griechiſchen Fürſten. — 25 Geſchütz, welches der geringe Umfang der Ga⸗ liote und der damals noch ſeltene und ſchwierige Gebrauch der Feuerſchlünde erlaubte, ward ge⸗ richtet, da erſcholl von drüben vom Brauſen des Windes und Meeres gedämpft durch das Sprachrohr die Frage: Woher des Landes, wo⸗ hin und welcher Nation iſt das Schiff?— und deſſen Führer antwortete mit der üblichen Loſung: Panagia und das oſtrömiſche Reich, von Antipards nach Konſtantinopolis. Auf ſeine Gegenfrage tönte es zurück: Vom Py⸗ räus nach Samos, Sankt Georg und das durch⸗ lauchtige Genua!— und alsbald zeigten ſich an den hellen Nachtſignalen hier das Zeichen Konſtantin's, dort das genueſiſche rothe Kreuz. Du ſieheſt, Gebieterin, ich hatte recht ge⸗ ahnet— rief die Schwarze mit einer Art von Triumph, aber der bis jetzt uns noch Unbe⸗ kannte ſprach im Tone des Zweifels: Leider iſt es ſo weit gekommen in der Chriſtenheit, daß man nicht immer auch die Glaubensgenoſſen für Freunde halten darf, und ſonderlich befindet ſich Griechenland in dieſem Falle; die zweideu⸗ tigſten unſerer Freunde aber ſind dieſe Repu⸗ blikaner“) und ungern ſehe ich, daß man zu Byzanz ein Vertrauen in ſie ſetzt, deß ſie gleichfalls, und ich fürchte, beſſer verdient, in Pruſia und Adrianopolis genießen. Doch— wandte er ſich beinahe gebietend gegen den Hauptmann: da es ſcheint, dieß Fahrzeug habe keinen Angriff vor, ſo lande, Palämon, und wenn ſie ein Gleiches thun wollen, ſei es ihnen verſtattet. Sind es Freunde, wie ſie ſich nennen, ſo geziemet es nicht, ihnen in ſolch ſtürmiſcher Nacht die Zuflucht zu verwei⸗ gern; führen ſie Schlimmes im Sinne, ſo mögen ich und meine Krieger ihnen auf dem feſten Boden kräftiger begegnen als im engen ungewohnten Raume des wankenden Schiffes.— *) Die Geſchichte der letzten Zeiten des oſtröm⸗ iſchen Reiches wiederholt dieſe Beſchuldigung, und durch das, was ſich bei ſeinem Falle begab, wird ſie beſtätigt. Es ſcheint daher, daß es ſchon früher der Grundſatz handeltreibender Völ⸗ ker geweſen, die Wohlfahrt des Ganzen, ja ſelbſt die eigene Meinung dem Vortheil hintan⸗ zuſetzen. Wenig gilt die Empfindung der Staats⸗ kunſt, noch weniger aber kaufmänniſcher Staats⸗ kunſt. Es geſchah nach ſeinen Worten, die Ga⸗ liote lief in die Rhede, und bald befand ſich Genia⸗Zoe in einem kleinen Schloße, welches der Großdomeſtikus außer mehren anderen auch auf dieſem Eilande beſaß, unbefeſtigt wie die meiſten griechiſchen Schlöſſer im Archipelagos damals und mit geringer Beſatzung, die man um ſo weniger verſtärkt hatte, da gerade jetzt, wie es von Zeit zu Zeit der Fall war, die Waffen ruheten zwiſchen den St und den Osmanli⸗ Als man in das ziemlich verödete Gebäude eingetreten war, bewillkommnete der Schiffer die Jungfrau im Hauſe des Vaters; aber an die reiche Pracht im Palaſte des Athanaſios Phran⸗ zes gewöhnt, ſchauete ſie unzufrieden um ſich her, und es entſchlüpften ihr einige Worte des Mißbehagens. Da ſagte ihr ritterlicher Be⸗ gleiter: Herrlich iſt Deines Vaters Haus in der alten Konſtantinopolis, in ihrem alten Glanze ſteht noch die Burg der Cäſaren, und ſie wer⸗ den noch ſtehen, wenn Gott es will und un⸗ ſer Thun ſich ſeiner Hilfe würdig bezeigt, denn dem Schwachen ſtehet er bei, nicht aber dem Schwächling. O des Greuels der Verwüſtung, des tiefen Wehes, die über das ſchönſte Land der Erde gekommen, alſo, daß ſeine Eingebore⸗ nen Flüchtige ſind, oder als Miethlinge woh⸗ nen; o des ſchmähligen Verfalles alterthüm⸗ lichen Ruhmes, da das Volk, welches einſt ſtolz auf alle Völker herabſah, ſie Barbaren nennend, nun die Kniee beugt vor den rohe⸗ ſten aller Barbaren. Wohl ehre ich Tapferkeit und Vaterland⸗ liebe— verſetzte Genia: auch mir iſt das rühm⸗ liche Alterthum nicht unbekannt und ich halte es werth. Dennoch habe ich in dem Unter⸗ richte meines Ahns und meines Hiſtorienlehrers wahrgenommen, wie von jeher der Lauf menſch⸗ licher Dinge veränderlich und alle Größe vor⸗ übergehend geweſen, alſo, daß ein Wechſel plötzlich das Neue herbeiführt. Vorüber ſind die Zeiten des römiſchen Glanzes, im Abend⸗ lande ward dem Romulus Auguſtus das Dia⸗ dem vom Haupte geriſſen, das einſt Romulus und Auguſtus getragen, fern ſind ſchon im Oſten des Konſtantinos und Theoboſios Zeiten. und Byzanz hat keinen Horatius Cocles. Weh thut mir es allerdings, unſere ſchönen Gefilde in der Gewalt der Barbaren zu ſehen, aber Athanaſios Phranzes meinte: wenn auch die Macht die Unmacht körperlich überwinde, bleibe doch der Genius Sieger und oftmals ſeyen die überwundenen die Lehrer der überwinder gewe⸗ ſen. Schon, ſprach er, ſind viele der Natio⸗ nen, die unſere Vorvordern vor Zeiten Barba⸗ ren genannt, hoch geſtiegen in Wiſſenſchaft und Kunſt, Europa's Sitte werde auch die Horden des Orients zähmen, und dem ver⸗ ſchiedenen Keime ein neues Geſchlecht entſprie⸗ ßen, die Kraft der Fremden vereinend mit der einheimiſchen Kunſt und Erleuchtung. Wohl möchte ich nicht, daß das Reich meiner Ahnen ruhmlos unterginge, aber da das Kriegesglück von dem römiſchen Labarum gewichen, ſo feſſele das Band des Friedens die ſtreitenden Völ⸗ ker.— g Es war dieſes das erſte Mal, bemerkt der Verfaſſer der griechiſchen Urſchrift, daß Zoe, des Silentiars Enkelin, ihre Gelehrſamkeit an den Tag legte, zumal vor männlichen Zeugen — 31— und Fremden, und er meinet daneben, es könne den Leſer verwundern, daß es von einer chriſtlichen und oſtrömiſchen vornehmen Jung⸗ frau in ſolcher Art und dem Moslem beinahe das Wort redend, geſchehe. Doch ſucht er ſol⸗ ches mit der ſeltſamen Erziehung, welche ihr geworden, zu erklären, durch einen wunder⸗ lichen Greis, der ſo ſchwankend im Glauben als in ſeiner politiſchen Meinung geweſen, überdem ein Feind der Geiſtlichkeit und unzu⸗ frieden mit dem konſtantinopolitaniſchen Hofe, der von demſelben ſich ſeine Verbannung ab⸗ zwingen laſſen. Solches mochte, ſpricht er weiter, nicht ohne Einfluß auf die jugendliche Schülerin bleiben, auch wenn derſelbe, ſetzt er geheimnißvoll hinzu, ihr nicht noch auf andere Weiſe geworden. Anderer Meinung iſt jedoch der überſetzer in die lateiniſche Sprache, und wir, die wir es von Beiden ſind, achten für unſere Schul⸗ digkeit, auch ſie zu berichten. Zum erſtenmal gibt gleichfalls hier Pater Euthanaſios ſeine An⸗ ſicht zu erkennen, und in ſolcher Art, daß man vermuthen möchte, er theile den Glauben, welchen hundert und vierzig Jahre früher viele Abendländer, ja ſogar der große Johannes von Hunyad einer Prophezeihung geſchenkt, der Un⸗ tergang der abtrünnigen Griechen ſei kein Un⸗ gemach, vielmehr heilbringend für die übrige Chriſtenheit und das Ende ihrer Bedrängniß. Wiewohl die bis dahin verlaufene Zwiſchenzeit dieſe Weiſſagung wenig gerechtfertigt, und un⸗ ter Suleiman dem Zweiten der Halbmond bis an die Thore von Wien gedrungen, ſo be⸗ harret er bei ſeinem nicht ungerechten Haß ge⸗ gen den Patriarchen Gennadius und nimmt dießmal und darum eifrig Partei für Athana⸗ ſios Phranzes, den Vertheidiger des„Henoti⸗ kon“(Vertrag der Vereinigung der griechiſchen Kirche mit der lateiniſchen) als einer löblichen Abſicht, deren Märtyrer er ihn nennt, und welcher zu Gunſten der allmächtige Gott ihm, wie er aus dem Vergangenen ejehen haben will, manche ſchwere übertretung vergeben⸗ Daher behauptet er, die Meinung, welche der Verfaſſer unſerer Legende von böſem Ein⸗ fluße auf die Jungfrau Zoe wähnt, und ver⸗ derblich, ſei letzteres keinesweges geweſen, ſon⸗ dern vielmehr höchſt löblich und weiſe, darin veſtehend, daß er, wie es durch ihn früher bei dem für einen osmaniſchen Heiden ziem⸗ lich ſanftmüthigen Murad dem Zweiten ge⸗ ſchehen, man durch Vermittelung des den Grie⸗ chen gewogenen Großweſir Chalil Paſcha ver⸗ ſuche, auch Mohammed den jungen unbän⸗ digen Tiger bei Gutem zu erhalten. Jedoch— fährt er fort: Das Volk, welchem der Herr zürnt, das ſchlägt er mit Blindheit, daß es klugen Rathes nicht achte, und ſo man⸗ gelt denn den Griechen nichts, als nachdem ſie der Hilfe Gottes, der nur die wahren Gläu⸗ bigen liebt, und ihrer Mitchriſten Hilfe ſich unwürdig gemacht, auch noch die Pforten der Hölle herausforderten in ihrer Ohnmächtigkeit. Es war als ob Leuke, die abendländiſche Sclavin, anderes Sinnes ſei als der Welt⸗ prieſter aus Prag, denn ſie ſchauete trüben Blickes auf die Gebieterin, dann wendete ſie ſich ſchweigend und trat zum Fenſter und ſchauete ſinnig und unverwandt hinaus in die ſtürmiſche Nacht, mit gefalteten Händen; im⸗ mer lauter tobte aber der Sturm, immer wilder brauſ'te die See. Mele indeß ſchmiegte ſich an die Jung⸗ frau und flüſterte unterwürfig und ſchmeichelnd: I. 3 5 — 34— O, wie lieblich iſt es, die Weisheit als ſo frühe Begleiterin der Erwählten auf dem glänz⸗ enden Pfade zu ſehen, der ihr vorgezeichnet; wahrlich, ſo ausgerüſtet wirſt Du das Ziel nicht verfehlen zu Deinem Glücke und zur Freude vieler Anderen.— Der Fremde aber ſprach, den Kopf ſchüt⸗ telnd und mit gefalteter Stirn: Ungern höre ich Dich ſo ſprechen, edle Jungfrau, wie kommt Dir auch ſolche Meinung, von wem ſie wolle, doch die nicht Deines Vaters iſt, und weniger noch Deines Bruders, des Proto⸗Ve⸗ ſtiar, denn ſolchen Rang bekleidet bereits der wackere Georgios Phranzes. Verzeihe, wenn ich ſage, auch ihrer Tochter und Schweſter zieme ſie nicht, dieſe Meinung, wüßte ich Dich nicht auferzogen in der Einſamkeit und uner⸗ fahren in dem Laufe der Welt und das Gute hoffend von Allem. Bewahre, Herrin, ſolche milde Geſinnung, doch vergende ſie nicht an unwürdige; bald wirſt Du ſelbſt inne werden, daß kein Vertrag iſt mit der Untreue und kein Friede mit dem heimtückiſch lauernden Raub⸗ thiere der Wüſte.— Da erwachte der Stolz in der Enkelin der — 3— Palaeologen und ſie fragte den kühnen Spre⸗ cher entrüſtet: Wer biſt Du, daß Du ſo zu 80e Phranza redeſt und wageſt, ihr zu wider⸗ ſprechen und ſie unerfahren zu nennen?— Der Unbekannte hob ſich jetzt plötzlich ein wenig empor und ſchien gleichfalls nicht ohne Stolz erwidern zu wollen, aber alsbald nahm er die vorige Stellung wieder an, ein leichtes Lächeln überzog ſein Antlitz und er ſchwieg, und Mele raunte der Herrin zu: Wie der Klugheit gebührt, die Sprache blinder Leiden⸗ ſchaft nicht zu achten, ſo ziemt es der Hoheit, Verwegenen mit Würde entgegen zu treten.— Und beſtärkt in ihrem Unmuthe ließ Genia ſich weiter vernehmen: Meines erlauchten Ahns Worte ſind es, die ich ſprach und die zu ta⸗ deln Du Dich vermiſſeſt. Zum Beſchützer hat, meine ich, mein Vater Dich mir beſtimmt, nicht zum Mentor; wo der Mund eines Wei⸗ ſen geredet, verſtummt billig der minder Er⸗ fahrene, und das Urtheil des Silentiar findet keinen Gegner in des Großdomeſticus Diener.— Immer noch lächelnd antwortete der Ge⸗ ſcholtene: Wahr iſt es, ich bin ein Diener; doch nur meines Herrn und keines Andern 3* — möchte ich es ſeyn, am mindeſten der Sclave des Thronräubers zu Adrianopolis. Und Viele denken noch wie ich, und kein Auguſtelus herrſcht zu Byzanz, und das neue Rom fände wohl gleich dem alten ſeinen Horatius Cocles. Doch verzeihe mir, Jungfrau, Unrecht hatte ich, mit Dir darüber zu rechten, was Du bald ſelbſt erkennen wirſt. Verzeihlich, ja löblich ſogar iſt an Deinem Geſchlechte Vertrauen und WMilde, wollte nur Gott und die heilige Pa⸗ nagia, daß ſie nicht bei Männern zu finden ſeyen, denn anders lautet dann ihr Name.— Was iſt der Magd? fragte er plötzlich, zu Mele gewendet, in völlig gebietendem und beinahe hartem Tone, denn ein ſeltſames Lächeln ließ die Perlen ihres Mundes ſichtbar werden.— Geziemt es ihr, zu deuteln, was freilich ein ſclaviſcher Sinn nicht begreift, geziemt es ihr, Theil zu nehmen, wenn Höhere ſprechen?— Genia war nicht abgeneigt, ihre Lieblingin gegen den unberufenen Tadel zu vertheidigen, aber die Weiſe, welche der Unbekannte, obſchon wie es ſchien, unwillkürlich angenommen, ſchüch⸗ terte ſie etwas ein und ſie begann ihn mit mehr Neugier als Unwillen zu betrachten. Die — Abyſſinierin jedoch, auf einen Augenblick ihre gewohnte Demuth vergeſſend, richtete ſich auf, ſtarrete den Krieger mit blitzendem Auge an und entgegnete ſchneidend: Mit Deinen Worten ſage ich, ich bin eine Dienerin, doch diene ich nur einer; Deine Scla⸗ vin bin ich nicht, und wie es mich gemahnt, werde ich es nimmermehr ſeyn— Jener wandte ſich mit verachtendem Wider⸗ willen von ihr ab, zu Zoe ſagend: Manch Wunderliches hat Ariſtobulos Phranzes vernom⸗ men von Deinem Aufenthalte auf Antiparos, edle Jungfrau, und von Deiner Umgebung, und nicht ohne Beſorgniß iſt ſein väterlich Herz. Doch— ſetzte er, raſch in einen gefälligen, ſogar bewegten Ton übergehend, hinzu: Doch ſie wird ſchwinden, dieſe Beſorgniß, ſobald er die Tochter erblickt. Ein herrlich Kleinod bringe ich ihm zu, bald wird es unter feiner Hand den Glanz gewinnen, der ihm zukommt und eine deſſelben würdigere Faſſung.— Er ſchwieg hier, nachdem er noch einen mißfälligen Blick auf die Abyſſinierin geworfen, aber was er geſagt, machte auf Zoe nicht den vielleicht beabſichtigten günſtigen Eindruck. und wenn wir, die wir kein ander Verdienſt haben, als unſerer Vor⸗ gänger Griechiſch und Latein treulich im Deut⸗ ſchen wiederzugeben, uns eine Anmerkung er⸗ lauben dürfen, ſo geſtehen wir, daß der Ton des Unbekannten für einen jungen Mann und Soldaten uns allerdings etwas zu pädagogen⸗ haft däucht und wenig geeignet, einer vier⸗ zehnjährigen Jungfrau zu gefallen, die erfreut, des immerwährenden Lernens überhoben zu ſeyn, eben in die bunte glänzende Welt tritt, ganz Anderes erwartend als eben wiederholte Lehren. Es iſt jedoch möglich, daß er etwas min⸗ der ſtrenge geweſen wäre ohne die unerklär⸗ liche Abneigung, die er gegen die Schwarze empfand, und wenn, was er von der Tochter des Großdomeſticus jetzt gehört und was er auf ledigliche Muthmaßung hin der Afrikaner⸗ in ſchuld gab, nicht gerade dem entgegengeſetzt geweſen wäre, was ihn, wie leider nicht alle ſeine Mitbürger beſeelte, der Feuereifer für die Sache des Vaterlandes. Dieſem ſich hingebend, fuhr er fort: Es iſt jetzt eine Zeit, da Alle feſthalten müſſen an Einem, Alle, jedes Standes, Geſchlechtes und Alters, und davon abzuſtehen, ſei fern von einem Sprößlinge des Stammes der Palaeo⸗ logen.— Dennoch— fiel hier Mele ein, welcher es dem Sprechenden gegenüber unmöglich zu fallen ſchien, bei der ihr geziemenden demüthigen Rolle zu beharren: Dennoch ſind Beiſpiele davon vor⸗ handen. Kaum iſt ein Jahrhundert verfloſſen, als Manuel, der Erſte der Palaeologen,— ſie betonte dieſe Worte mit einem Tone eben ſo herb als das Lächeln, welches ſie begleitete— ſeine Tochter, die chriſtliche Authentopula*), dem Sohne Osman's zur Gemahlin gegeben, dem Ur⸗Chan, damals nur Häuptling einer ſtreifenden Horde, und ihn Melek**) nannte und ihn neben ſich ſitzen ließ auf dem Purpurthrone, und das Diadem um den Tülbend wand, der das greiſe Haupt des Eidams bedeckte. Der⸗ gleichen hat ſich ſeitdem mehrmals erneuert, und was damals vielleicht allzu viel war und un⸗ nöthig, mag jetzt erſprießlich ſeyn, nothwendig *) Authentopulos, Authentopula, Prinz und Prin⸗ zeſſin des Kaiſerhauſes. *) Melek, König, in arabiſcher Sprache. — ſogar. Kein ſechszigjähriger Ur-Chan bedrohet an der Spitze weniger Männer die entfernte Grenze des oſtrömiſchen Reiches, zu Adriano⸗ polis herrſcht der zweiundzwanzigjährige Mo⸗ hammed über Millionen, und das byzantini⸗ ſche Reich kann man von den Thürmen von Byzanz überſchauen.— War es die Reizbarkeit des Soldaten, die durch die vorlaute Kühnheit der Negerin ge⸗ reizt ward, war es jene Abneigung gegen die⸗ ſelbe, oder hatte zu ſeinem Ohre etwas von dem verlautet, deſſen Spuren ſich in der Un⸗ terredung der drei Diener im Planetendome vorfinden, und hatte er beſondere Urſache, da⸗ mit unzufrieden zu ſeyn, genug der Zorn über⸗ mannte die Faſſung des ſichtlich hochgebildeten Mannes, erröthete ſeine Wange und riß ihn hin zu den Worten: Wehe, daß jemals ſolches ge⸗ ſchehen, wehe Dir, die es hier erwähnt, und wehe dem, welcher der Erſte war, es zu thun, würde ich ſagen, wenn— hier brach er ab, und zu ihrer Verwunderung gewahrte Zoe in ſeinen Zügen Verlegenheit und Betrüb⸗ niß, auf dem dunkeln Antlitze Mele's aber ein bemerklicheres höhniſches Lächeln. — Dieß iſt es— fuhr er immer noch in gro⸗ ßer Erregung fort: Dieß iſt es und ähnliche Dinge, welche das erſte Reich der Chriſtenheit herabgewürdigt haben und ſeine Sache enthei⸗ ligt. Doch nicht verloren iſt die Erfahrung mehrer Jahrhunderte, nicht kleinmüthig Nach⸗ geben, ſondern kühner Muth rettet vom Falle, nicht länger wird Cäſar Auguſtus ſich beugen vor dem Sohne einer Sclavin, nicht länger wird Griechenland ſein Köſtlichſtes dem Mino⸗ tauros opfern, der es gefräßig verſchlingt, mit ungeſtillter Begier fort und fort auf das ſchauend, was man durch ſchmählige Ernie⸗ drigung zu erkaufen gedachte. Es iſt eine ernſte Zeit, Jungfrau, in der Du das Haus Dei⸗ nes Vaters betrittſt und den Cäſarenpalaſt, drohende Wetterwolken hängen über ihnen, und Männer wirſt Du ſehen und Frauen, von denen viele Dir befreundet und ſtammver⸗ wandt, entſchloſſen, ihnen die Stirn zu bieten. Kein Manuel iſt Konſtantinos Dragoſes; was der Erſte der Palaeologen verſchuldet, ſühnen wird er es, und mit ihm die Letzten der Pa⸗ laeologen, ſei es auch durch einen würdigen Untergang. Ein ihm geziemendes Wort hat Auguſtus geſprochen, das Wort zu dem Thron⸗ räuber und Brudermörder: ſteig' ab von dem Sitze, der Dir nicht gebührt, und weiche dem, dem er zuſteht, denn ſo fordert es das Recht und mein Wille, daß Ur⸗Chan, Suleiman's Enkel, Dein geborener Herr und mein Schütz⸗ ling herrſche ſtatt Deiner!— Niemand hatte dieſe feurige Rede unterbro⸗ chen, niemand erwiderte darauf, es ſei denn der Hauptmann, der ſeinen Beifall durch oft⸗ malige Verbeugungen ausdrückte, obſchon manche Falte auf ſeiner Stirn und ein verlegenes Lä⸗ cheln bezweifeln ließen, ob ſolcher Beifall auch in ſeinem Innern geweſen. Zoe aber, wie der geneigte Leſer vermuthlich bemerkt haben wird, etwas ſchwankenden und leicht beweglichen Sin⸗ nes, fühlte ſich durch den Eindruck gewonnen, den männliche Kraftäußerung meiſt auf ein weiblich Gemüth ausübt, und ſie ſtand im Be⸗ griff, den Befehlhaber der Felukke abſeit zu fragen, wer denn der Unbekannte ſei, deſſen eigenthümliches Weſen gleichſam unwillkürlich unter der beſcheidenen Hülle hervorbreche, mit dieſer in ſeltſamen Widerſpruche. Da rief Mele plötzlich: Wer mag noch in ſpäter Nacht hier zuſprechen? Höreſt Du nicht, Herrin, Geräuſch im Hofe und eilig nahende Tritte?— Gleich darauf erſchien der Schloßverwalter, meldend, der genueſiſche Signor, Franz Gher⸗ tuccio, Eigenthümer der zugleich mit der Herrin gelandeten Brigantine, bitte um Herberge für dieſe Nacht mit geringer Begleitung, unter welcher ſich zween Reiſende von Anſehen be⸗ fänden. Als der Diener ſo ſprach, wandte ſich Leuke raſch vom Fenſter ab, an welchem ſie bisher geſtanden und heftete ihr klares und doch durchdringendes Auge auf Zoe⸗Genia; Mele aber nahete ſich dieſer, ließ ſich halb knieend an ihrem Seſſel nieder und ſchmiegte ihr ſchwarzlockig Haupt an die glänzenden gold⸗ geſtickten Sandalen, als wolle ſie um Verzeih⸗ ung flehen für ihre frühere Zungenfertigkeit.— Fremde noch in ſo ſpäter Stunde!— ſagte etwas bedenklich die Jungfrau, welcher das Alleinſtehen und ſich ſelbſt Entſchließen noch neu war; dann aber ſetzte ſie hinzu, vielleicht in Folge deſſen, was ihr unbekannter Beſchützer geſprochen, in leichtem, ein wenig ſpottendem Tone: Sprechet, ziemet es ſich, ſolche Bitte zu erfüllen, Ihr, meine Gefährtinnen, mir vom Großvater zugeſellt?— Euch ſtehet ja zu, mir zu rathen, und Euch erlaube ich es auch.— Die Weiße erwiderte mit mehrem Ernſte, als die Veranlaſſung zu fordern ſchien: Dein iſt der Wille, Herrin, doch ehe Du Dich ent⸗ ſchließeſt, bedenke, daß ein Augenblick, ſo ge⸗ ringfügig er ſcheint, oftmals die Zukunft ent⸗ ſcheidet, und das Schickſal eines Hauſes der Tritt eines Fremden über die Schwelle; dieß aber iſt das Haus Deines Vaters.— Wohl iſt der Wille Dein— ließ die Schwarze ſich mit Lebhaftigkeit vernehmen: und mich dünkt, es bedürfe keines großen Ent⸗ ſchlußes. Eine Mohrin bin ich, und obſchon mein Stamm geringgeſchätzt wird von den an⸗ ders Gefärbten, ſo iſt doch die Gaſtfreund⸗ ſchaft bei ihm einheimiſch, und wenig dürfte dieſelbe geübt werden, wollte man beim Nahen jedes Fremden im Reiche der Möglichkeit for⸗ ſchen, ob ſein Eintritt von Folgen ſeyn könne oder nicht, erſprießlich oder nachtheilig. Dieß iſt das Haus des Großdomeſticus, und wenn⸗ gleich eine Dienerin, ſo habe ich genug begrif⸗ fen von der Welt, um zu glauben, es zieme ſeiner Tochter nicht, ermüdete und durchnäßte Schifffahrer zurückzuweiſen, die um Aufnahme bitten.— Dieſe Worte, augenſcheinlich in Bezug auf den jungen Byzantiner geſagt, ergötzten Zoe's lebhaften Sinn, und zu dieſem ſich wendend, ſagte ſie in der vorigen Weiſe: Du ſieheſt, daß meine Beratherinnen uneins unter ſich ſind; jetzt trifft demnach Dich die Reihe, zu thun, was Du ſchon unaufgefordert gethan. Meineſt Du, ich ſoll die Bitte gewähren? Sprich immerhin, denn ſolches betrifft einiger⸗ maßen Dein Amt, mich zu beſchützen.— Auch beſchränke ich mich auf dieß Amt— entgegnete er mit etwas gefalteter Stirn: Allerdings ſtehet es einer Jungfrau Deines Ranges zu, der Ehre des väterlichen Hauſes zu wahren, und mir lediglich, mich zu über⸗ zeugen, daß dabei keine Gefährde ſei.— Er eilte darauf hinaus, Leuke aber kehrte wieder zum Fenſter zurück und blickte hinaus auf das Meer, welches wieder zu toben begann unter dem neu entfalteten Fittiche des Sturmes, der einige Augenblicke hindurch beinahe ge⸗ ſchwiegen. Theophilos, ſo war des Kriegsmannes Name, trat wieder ein, nachdem er ſich über⸗ zeugt, das Gefolge des Genueſers beſtehe aus nicht mehr als ſechs Perſonen, und einige Be⸗ fehle zur Bewachung des Schloßes ertheilt. Da dem ſich nun ſo befand, ward den Schiff⸗ fahrern der Zutritt vergönnt, und ſie erſchienen gleich darauf vor der Tochter des Hauſes. Als die Sieben ſich nun darſtellten, er⸗ kannte man recht wohl, daß, ſo hochgeboren auch die war, welche ſie vor ſich gelaſſen, ih⸗ nen doch ſolch Zuſammentreffen weder zum Theil ungewohnt, noch ſie deſſelben unwerth waren, was den Anſtand und die äußeren Kennzeichen des Ranges betrifft. Signor Ghertuccio, der Beſitzer des Schif⸗ fes, und als ſolcher als Hauptperſon unter den Ankömmlingen aufgeführt, rechtfertigte in⸗ deß ſolche Verhältniſſe durch ſein Erſcheinen nicht gänzlich. Zwar war er nach der Weiſe eines abenbländiſchen Edelmannes oder ange⸗ ſehenen Bürgers angethan, und dieſe Weiſe bedingte allerlei köſtlichen Schmuck, welchen er auch ſorgfältig aus ſeinem Schiffgepäck ausge⸗ wählt zu haben ſchien, um in angemeſſener Art vor die Muhme des Kaiſers zu treten. Vom ſchönſten Sammet ſeiner Vaterſtadt war ſein bauſchiges Wamms, ſein Mantel von ſei⸗ denem geblümten Damaſt, mehre goldene Ket⸗ ten ſchmückten, beide italiſcher Arbeit, die eine mit Edelgeſteinen beſetzt, wahrſcheinlich auf den Märkten von Alep und Smyrna ein⸗ gehandelt, die andere mit trefflichen Gemmen, deren Werth noch gehoben ward durch die zier⸗ liche Faſſung von der Hand eines korinthiſchen Künſtlers. Aber ſeine Geſtalt und Geſicht ſtimmten wenig mit dieſer ſtolzen Pracht über⸗ ein; die erſte war kiein, hager und gedrückt, obgleich anſcheinend von mehr als gewöhnlicher Muskelkraft; das letztere, die italiſche Form überſchreitend, kam der iſraelitiſchen etwas nahe und wie die dazu gehörigen Augen, konnte man die ſeinigen eher lauernd und ſtechend nennen, als durchdringend und feurig, und noch mehr ward dieſe Annäherung durch die Farbe ſeines Bartes und Haares erhöhet, nicht ſchwarz, wie gewöhnlich bei ſeinen Landesge⸗ noſſen, ſondern brandroth, wie man ſie öfter bei dem genannten Volke als bei den Welſchen antrifft. Ein ſchön verzierter Degen hing an ſeiner Seite, doch gewiſſermaßen gleich einem ſelten gebrauchten unbequemen Geräth; aber die Blicke beobachtend, die er mitunter auf den Dolch in ſeinem Gürtel warf, ließen vermu⸗ then, er ſei bekannter mit dieſem. Der oſtrömiſche Legentenſchreiber fügt hier einige Bemerkungen bei, welche ein großes Vor⸗ urtheil gegen einen Mann verrathen, deſſen Name kurz darauf bekannter ward, als er es zur Zeit war, und als er vom Strome der Vergangenheit dahingewälzt, heut zu Tage dem Leſer ſeyn mag. Bis er es ihm durch uns gleichfalls werden wird, verſchweigen wir die erwähnten Bemerkungen, uns nur eine verſtat⸗ tend. Wenn man ihn gleich Eigenthümer eines Schiffes und einen genueſiſchen Edelmann, zwar nur des zweiten Ranges, nannte und in ſeinen Zügen und Geberden etwas lag, an⸗ deutend, er könne wohl bei Gelegenheit ſich ziemlich herriſch gehaben, ſo trugen doch Beide jetzt das Gepräge der Scheu, ja ſelbſt der Unterwürfigkeit, ganz abweichend von dem Weſen eines Patrons in Gegenwart ſeiner Un⸗ tergebenen und Reiſegefährten. Vielleicht brachte die Gegenwart der fürſtlichen Jungfrau ſolche unbehagliche Stimmung, aber ſie ging in ſicht⸗ liche Verlegenheit über, ja in ſchnellbemeiſterten Schrecken, als er den Fremden gewahrte, wel⸗ chen wir unter dem Namen Theophilos kennen, dem er von da an, ſo oft es ſich unbemerkt thun ließ, fort und fort verſtohlene, gleichſam ungewiſſe und forſchende Blicke zuſandte. Mit ſichtlicher Zerſtreuung und Befangen⸗ heit erwiederte er den ſeemänniſchen Gruß ſei⸗ nes Gewerbgenoſſen, des Hauptmannes im Dienſte des Ariſtobulos Phranzes, der bei ſei⸗ nem Anblicke ſich alsbald erinnernd, ihn der jungen Gebieterin als einen angeſehenen, in Ga⸗ lata) einheimiſchen Kaufherrn vorſtellte. Vier ſeiner Begleiter, gleichfalls Genueſer, welche der Angabe nach ſich von Galata ——————— ) Galata, eine im Norden gelegene Vor⸗ ſtadt von Byzanz, war meiſt von Genue⸗ II. nach Lesbos begeben wollten und vom Stur⸗ me an die Küſte von Morea verſchlagen worden, wo ſie ſich auf der Brigantine ihres Landsmannes eingeſchifft, indem der Despot von Sparta, Demetrios Palaeologos, der Bruder des Kaiſers, ihnen den Aufenthalt verweigert habe, welches Signor Ghertuccio be⸗ ſtätigte, jedoch mit augenſcheinlichem Bemühen, die Klagen ſeiner Gefährten über die Ungaſt⸗ lichkeit des chriſtlichen Fürſten zu unterdrücken. Die edlen Namen Ajaccioli, Condulmer u. ſ. w. ſchmückten dieſe jungen Leute, weniger aber das Gepräge zwiefachen Stolzes, des kauf⸗ männiſchen und ariſtokratiſchen, welcher ſich nicht ſelten in den Optimaten der italieniſchen handeltreibenden Freiſtaaten zuſammenfand. ſern bewohnt, unter dem Schutze des griech⸗ iſchen Kaiſers, aber auch, als die Zeit⸗ läufe dieſen wünſchenswerth gemacht, unter dem Schutze des Sultans.— Auch die Inſel Lesbos war der Aufenthalt Vieler von ihnen. Der Despot, Herzog oder Dur derſelben unter der Oberherrſchaft des oſtrömiſchen Reiches, war ein Genueſer, damals aus dem Geſchlecht Ga⸗ teluſio. Dieſer Stolz ward aber doch durch zwei Andere überboten, wenigſtens von dem Jün⸗ gern derſelben, wilche nach des Patrons Ver⸗ ſicherung bereits mit ihm von Galata abgeſe⸗ gelt waren. Der Bejahrtere, bereits dem Greiſenalter ziemlich nahe, trug die Kleidung eines arme⸗ niſchen Handelsherrn, welche gleich den Genue⸗ ſern dieſes Gewerbes ſowohl in Adrianopolis als in Byzanz vielen Verkehr trieben und in nicht geringem Anſehen ſtanden; ein langer, ſchon ergrauender Bart erhöhete das Ehrwürdige ſeiner Geſtalt und ſeiner beinahe über ſeinen Stand ſtolzen, aber höchſt ruhigen und gemeſſe⸗ nen Haltung, nach welcher man hätte meinen ſollen, er ſei der Vornehmſte unter den bis jetzt Angeführten und nicht ein reiſender Kauf⸗ mann am Bord eines fremden Schiffes. Doch währete es nicht lange, bis Zoe, welche ihm ſeines ſtattlichen Anſehens und ſeiner Jahre wegen zuerſt ihre Aufmerkſamkeit ſchenkte, wahr⸗ nahm, des Armeniers übergewicht erſtrecke ſich auf alle, nur nicht auf den ſiebenten und letz⸗ ten der Angekommenen. Der alte Kaufherr redete italieniſch, doch mit der fremdländiſchen 4* Mundart eines Aſiaten, auch waren ſeiner Worte nur wenig, und ob ſie ſchon immer mit Würde und Nachdruck geſprochen wurden, ſo ward der langſame Gang ſeiner Rede doch je⸗ desmal unterbrochen, wenn jener Siebente die Stimme erhob. Auch er redete die Sprache Welſchlands gleich Einem, dem ſie weniger durch häufigen Gebrauch als durch Erlernung eigenthümlich worden, auch er war anfangs wortkarg, doch lautete das Wenige, was er ſprach, kurz und entſcheidend, und es ſchien ihn nicht ſonderlich zu kümmern, daß ſeine Redefügung ein unge⸗ wöhnlich, gleichſam orientaliſch Gepräge trug, welches auch um ſo weniger zu verwundern, da man ihn der Tochter des Großdomeſticus als Don Manrique de Luna nannte, einen Edelmann vom Hofe Don Juan's des Zwei⸗ ten, Königs von Caſtilien, der in Aufträgen deſſelben mehre Jahre zu Granada verlebt. Und doch ſchien er deren ſelbſt nur wenige zu zäh⸗ len, denn obgleich der erſte Blick ihn als ei⸗ nen etwa Dreißigjährigen darſtellte, ſo war man beim zweiten geneigt, ihn um vieles jünger zu halten, und den noch dünnen Flaum ſeines Knebelbartes erſt ſeit kurzem aufgeſproſſen. We⸗ nig jedoch ſtimmte mit dieſen Anzeichen der Jugend eine tiefe Falte in der Stirn überein, ſich hinabſenkend zwiſchen zween feurig und kalt zugleich, höhniſch und wieder gebieteriſch blik⸗ kenden Augen; obſchon die Farbe ſeines Ge⸗ ſichts den Spanier nicht verleugnete, ſo ſchienen die Züge deſſelben doch einem öſtlicheren Län⸗ gengrade anzugehören als der Mittaglinie, die man vor kurzem erſt über die Inſel Ferro ge⸗ zogen; ſein Antlitz hatte eine beinahe viereckige Form, ſeine Naſe war, was Griechen und Osmanen damaliger Zeit einen Rabenſchnabel nannten, und die übrigens wohlgebildeten Ohren ſtanden etwas weiter von den Schläfen ab, als man beim Abendländer es zu ſehen gewohnt iſt. Dieß fiel jedoch nur wenig in das Auge, denn lange braune, wie es ſchien, mit großer Sorgfalt geordnete Locken floſſen ihm bis auf die Schultern herab; viel dunkler aber waren dieſe Locken als der leichte, hellkaſtanienfarbene Lippenbart, ſo daß es beinahe war, als hätte beide mehr das Ungefähr als die Natur in ſo nahe Nachbarſchaft vereinigt. Was ſein Weſen und Geberde betrifft, ſo — war allerdings darin caſtiliſche Grandezza zu be⸗ merken, in ſehr hohem Grade ſogar, und eine völlig vornehme Gleichgiltigkeit, denn es war als ob er Niemandes Anweſenheit bemerke von denen, die mit ihm gekommen, auch des ſtatt⸗ lichen armeniſchen Greiſes nur dann, wenn dieſer, wie es einige Mal geſchah, mit ehrer— bietigem Weſen einige kurz erwiederte Worte an ihn richtete, auch ſelbſt nicht derer, welche er bei ſeinem Eintritte in das Gemach vorfand, Eine ausgenommen. Und dieſe Eine, die Jungfrau Genia⸗Zoe, bemerkte wohl, wie ihr Anblick einen ſeltſamen Eindruck auf den hiſpaniſchen Caballero machte, gleichſam des Erſtaunens zugleich und befrie⸗ digter Erwartung, und wie er, als er ſie begrüß⸗ end, der Sitte genuggethan, etwa wie zwiſchen dem angeborenen Stolze und einer überraſch⸗ enden Empfindung getheilt, ſich hoch aufge⸗ richteten Hauptes einige Schritte zurückzog, aber ihr gegenüber ſtehen blieb und ſie betrachtete, und nicht aufhörte, ſie zu betrachten. Und auch ſie heftete den Blick, ſo weit es die Sitte einer hochgeborenen griechiſchen Für⸗ ſtentochter geſtattete, auf die gebietende Geſtalt — deſſen, den man einen Jüngling nennen konnte, und doch wieder vollendeten, ja übervollendeten Mann, und gefällig lieh ſie ihr Ohr dem leiſen Flü⸗ ſtern der Schwarzen zu ihren Füßen und ſchauete wieder auf den Caſtilianer, gleich als ſeinen Anblick mit einer Erinnerung vergleichend. Fort und fort ſtand Leuke am Fenſter und ſchauete hinaus in die ſtürmiſche Nacht, und mitunter erhob ſie die gefalteten Hände, und es war als flögen leiſe Worte durch ihre Lip⸗ pen, und immer wilder ward der Sturm aus Südoſt, und immer lauter brauſ'ten die Wo⸗ gen des Archipelagos. Und im ſtillen, vor der Windsbraut, vor den Wogen und dem draußen herniederſtröm⸗ enden Regen geſchützten Gemache war es nach den erſten Begrüßungworten ſtill, aber es war eine unheimliche Stille, wie wenn feindſelige Wolken ſich einander gegenüberſtehen, die gleich⸗ ſam wiſſend, Vereinigung ſei unmöglich ohne Blitz und Donnerſchlag, ſich vorbereitend auf beides. Solch Gleichniß aber war am meiſten anzuwenden auf den konſtantinopolitaniſchen Krieger und den ſpaniſchen Don; ſtolz und forſchend faßte jener dieſen in's Auge, ver⸗ ächtlich und ſtolz dieſer jenen. Aber immer ſaß die Abyſſinierin zu den Füßen der Jungfrau, und immer mehr blickte dieſe, des Theodoros nicht achtend, auf den, welchen man ihr Man⸗ rique de Luna genannt. Und als dieß eine Weile gedauert hatte, nahm der Signor Francesco Ghertuccio das Wort und begann zu ſprechen von der ſchwe⸗ ren, dem Handel und Wandel ungünſtigen Zeit, und wie er in ſelbiger die Entſchuldigung alleinig finde, der alleredelſten und erlauchten Jungftau Zoe Phranza beſchwerlich zu fallen; aber in ſeinem ganzen zierlichen Vortrage ver⸗ mied er, das zu erwähnen, was doch in der That dieſe Zeitldufe zu beſchwerlichen machte, der ſeit Murad des Zweiten Ableben eingetrete⸗ nen Spannung zwiſchen dem Purpurpalaſte und der Pforte, und indem er redete, blickte er bald auf den Caſtilianer, bald auf den griech⸗ iſchen Strator“), auf den Erſten mit einer *) Strator, ein griechiſcher Hauptmann über einige hundert Mann; Protoſtrator, eine Benennung, welche der Leſer in der Folge mehrmals ange⸗ führt finden wird, der Titel des Heerführers, welcher jedoch damals ſchon ſo herabgeſunken — Art ſcheuer und demüthiger Vertraulichkeit, auf den Andern nicht vertraulich, aber ſcheu, auf Beide indeſſen, als mäße er ſeine Worte nach ihren Mienen ab, welche in der That nicht geeignet waren, ihn zu beſonderer Red⸗ ſeligkeit zu ermuntern. Und immer ſchauete Leuke auf das Meer, immer noch ſchmiegte ſich Mele zu den Füßen der Jungfrau, da erklang es draußen weit ab⸗ wärts wie Schifferruf aus dem Sprachrohre und ein dumpfer Knall von Geſchütz, und ſie wie⸗ derholten ſich, aber immer ferner und ferner, und immer ſchwärzer wurde der nächtliche Ho⸗ rizont und immer wilder tobte der Sturm. Da ward allmählig das Antlitz des Hiſpaniers fin⸗ ſter, und als habe er ihnen etwas vorzuwerfen, ſchoß er drohend unzufriedene Blicke auf den Genueſer und den Armenier, von denen der Erſte die ſeinigen angſthaft niederſchlug und die der Zweite mit deutungvollem Achſelzucken erwiederte. war mit dem Anſehen der Krone, die ihn er⸗ theilte, daß er nicht viel mehr bedeutete als der Anführer von 4— 5000 Soldaten. Eine Weile währte es ſo fort in ſonderba⸗ rer Spannung, da trat ein wohlthuender deus ex machina an der Spitze mehrer Schüſſel⸗ tragenden Diener der Schloßverwalter ein, der Herrin die in der Eile bereiteten Erfriſchungen zu bieten; ſchnell ward eine Tafel bereitet, mit glänzendem Geſchirr beſetzt, und Zoe nahm Platz an derſelben, und auf ihren Wink die bekannten und die zufälligen Gäſte. Wie der Gebrauch es erheiſchte, begann das Mahl mit einem Trunk auf das Wohl des Hausgebieters und ſeines Geſchlechtes; leicht berührte Zoe's Lippe den Pokal, mit demüthiger Verneigung gegen ſie leerten ihn die beiden Schiffpatrone aus Byzanz und Galata, mit dem Eifer eines Durſtigen und der Erquickung Bedürftigen die genueſiſchen Signori, der konſtantinopolitaniſche Strator das Zeichen des Kreuzes vor ſich beſchreibend und mit einem laut ausgeſprochenen Wunſche für das Heil des Vaterlandes; der Armenier lehnte ihn mit einiger Verlegenheit ab, aber auf dieſen einen bedeutendſam ſpöttiſchen Blick richtend, that der hiſpaniſche Seüor vollſtän⸗ dig Beſcheid, der Jungfrau vor allem zu Eh⸗ ren, doch aber auch, wie er etwas ſeltſamlich hinzuſetzte, zu Ehren der Träume.— Und als habe dieß Wort irgend eine ſchlum⸗ mernde Saite in Genia⸗Zoe's Gemüth auf⸗ geregt, ſagte ſie plötzlich: Der Träume?— Wie meint das der Seüor Caſtellano?— ſprach mehr befremdet als gefällig Theophilos, der Strator. Da ſah der Herr de Luna ihn gleichſam verwundert an, als befremde es ihn, daß Je⸗ mand, den er nicht angeredet, das Wort an ihn richte, und er erwiederte, ihn wie gefliſ⸗ ſentlich überſehend, der Tochter des Großdome⸗ ſtikus: Erſt vergangene Nacht, oder am Mor⸗ gen vielmehr hatte ich einen ſeltſamen Traum. Es gemahnte mich, es ſei dunkel und ſtürm⸗ iſch wie jetzt und hoch gingen die Wogen des Meeres, auf dem ich ſchwamm im leichten Na⸗ chen. Ich ſuchte etwas und wußte wohl, was ich ſuchte, denn nicht ſchlafend allein, auch im Wachen war es der Gegenſtand meines Begeh⸗ rens, aber wie denn im Schlummer auch den kühnſten Mann hier und da ein ſonſt unbe⸗ kanntes Zagen befällt, war ich jrre im Geiſte und kleinmüthig. Da ſprach eine Stimme — 6 dicht neben mir zu meinem Ohre: Verzage nicht, denn alsbald wird dir ein Pfand deſſen, was Du begehreſt.— Und als ich ausſchauete hin über die immer noch tobenden Wellen, da ſah ich es glänzen in weiter Entfernung wie die Edelgeſteine am Altare der Moſchee— der Moſchee des granadiſchen Alhambra, und ich fühlte, daß Jemand meinen Nachen lenkte, doch konnte ich ihn nicht erkennen, denn ſeine Geſtalt war dunkler als die Nacht um mich her. Aber heller ward es vor mir, die unſichtbare Macht führte mich durch die empörte Fluth zum Geſtade eines Eilandes und an dem Ge⸗ ſtade ſtand die Blume der Schönheit. Sie war es, deren Glanz mir geleuchtet, und ich kannte die Blume wohl, denn ich hatte ſie ſchon früher gleichfalls im Traume geſehen.— Der ſeltſam leidenſchaftliche Ton, in wel⸗ chem der Caſtilianer ſprach, die Blicke, die er auf Genia⸗Zoe warf, machten es ungewiß, ob ſeine Worte wirklich die Darſtellung eines gehabten Traumes enthielten, oder nur eine Schmeichelei etwas morgenländiſcher Gattung; beides mißfiel indeſſen dem Theophilos, denn er fiel ein kalt und in ſkoptiſcher Weiſe: Und da es ſo weit war, ſeid Ihr erwacht, nicht, mein hiſpaniſcher Don? Und Ihr wurdet ge⸗ wahr, Euch trenne von der Blume wie zuvor eine weite Entfernung?— Die Stirnfalte des Angeredeten vertiefte ſich und die dünne, mit leichtem Flaum beſetzte Oberlippe zeigte, ſich in ſtolzem Lächeln aufwärts ziehend, eine Reihe glänzender Zähne, als er erwiederte: Noch bis heut, mein konſtantinopo⸗ litaniſcher Kriegsheld, wollte mir das Verhäng⸗ niß alſo wohl, daß es ſogar dem Träumenden nicht ſeine Wünſche verſagte.— Und eben ſo antwortete Theophilos: Ein nicht geringer Vor⸗ theil fürwahr, denn dem Wachenden dürfte ſolches zu Zeiten begegnen; geſtattet denn, daß ich Euch die Fortdauer ſolchen Traumglückes wünſche.— Die Augen des Manrique begannen zu blitzen, ſeine Hand ballte ſich krampfhaft und dem zornbebenden Munde ſchien eine Antwort entſchlüpfen zu wollen, welche den geheimen Widerwillen der Beiden gegen einander leicht⸗ lich hätte zur offenen Flamme der Zwietracht anblaſen können; aber er ſah auf des Arme⸗ niers ſtill ernſtem Antlitz die Beſorgniß, er ſah — 65 den Signor Ghertuccio die Farbe wechſeln, ja ihn beinahe zittern und Blicke auf ihn und den Theophilos werfen, deren Ingſtlichkeit kund thaten, er fürchte nichts mehr als einen Streit zwiſchen den jungen aufbrauſenden Männern, da lächelte er gleichgiltig, man kann wohl ſagen, geringſchätzig und ſprach in hinge⸗ worfenem Tone: Die edle Dame und die an⸗ deren Gegenwärtigen mögen wiſſen, daß ich aus einem Geſchlechte ſtamme, von deſſen Gliedern mehr denn ein Traum nicht nur erzählt wird, ſondern auch deſſen Erfüllung. Zween meiner Vorvordern zumal iſt ein ſolcher zu Theil wor⸗ den, und ſo es die erlauchte Zoe Phranza er⸗ laubt, will ich ſie gleich dem meinigen berich⸗ ten.— Der armeniſche Alte richtete hier einen ſchnellen Blick auf den Redenden, der Ver⸗ wunderung ausdrückte und zugleich eine Art von Vermahnung; der aber achtete nicht dar⸗ auf, denn ſein Auge hing an den Lippen der Jungfrau, als wolle er von ihnen die Genehm⸗ igung ſeines Anerbietens erhaſchen. Wohl hatte auch Genia in jener Erzählung den Bezug auf ſich ſelbſt wahrgenommen, und gern hätte ſie wie früher der Dreiſtigkeit des byzantiniſchen Strators auch dem kühnen Rei⸗ ſenden gezürnt, aber ſie fühlte ſich befangen, ſeiner Rede und ihrem Inhalte antwortete ein geheimer Wiederhall ihres Innern, es war ihr, als begleite auch ſie durch das erſt begonnene Leben ein Traum, und er ſchmölze wunderlich mit dem des Fremden zuſammen, der ihr nicht fremd däuchte, und ſie überließ ſich gern dem ſeltſamen Eindrucke, auch war die Enkelin des Athanaſios Phranzes Träumen und Ahnungen nicht abhold, die gleichſam ſchon ihre Wiege umringt hatten, und ſie forderte den Hiſpanier auf, zu beginnen. Er that es in folgender Weiſe: Vor einigen Jahrhunderten ſchon, denn ich kann mich rüh⸗ men, aus einem uralten und erlauchten Stamme entſproſſen zu ſeyn, durchzog einer meiner Ahnen im fernen Lande das Gebirge. Obwohl Herr vieler Unterthanen, war in jenem Lande doch noch der Beſitz zahlreicher Herden der hauptſächlichſte Reichthum des Gebieters, wie die Schriften des Moſes von den Patri⸗ archen berichten, und ſo zog denn gleich ihnen mein Ahn von Weide zu Weide. Eines Tages — 64— aber, als der Zug ſich zur Nachtruhe nach ei⸗ nem grasreichen Thale wendete am Ufer eines Quelles in der Mitte der Berge, lenkte das Ungefähr oder vielmehr des Verhängnißes un⸗ ſichtbare Hand ſein Roß abſeit, er verirrte ſich in der Wildniß und die Nacht brach herein. Doch der Arm, welcher die Schickſale der Men⸗ ſchen leitet, vornehmlich ſolcher, von welchen dereinſt Großes ausgehen ſoll, führte ihn zu einer einſamen Hütte. Der Bewohner derſel⸗ ben, ein hochbetagter Greis nahm den Verirrten freundſelig auf, nach der gaſtfreien Sitte jener Länder und Zeiten, und erquickte ihn mit Speiſe und Trank. Als aber die Zeit kam zum Schla⸗ fengehen, nahm der Hausherr, ehe er den Gaſt verließ, aus einem Wandſchränkchen ein Buch und legte es an die erhabenſte Stelle im Gemache. Mein Vorfahr aber kannte das Buch nicht, denn ſo lange Zeit iſt verſttichen ſeit jener Nacht, daß damals noch viele Men⸗ ſchen und auch er, des Heiles unkundig, Göz⸗ zen anbeteten, gefertigt aus Menſchenhand, oder die Thiere des Feldes. Er fragte alſo den Greis und erhielt zur Antwort, dieß ſei das Wort Gottes, durch Offenbarung den Men⸗ ſchen verkündet. Und als alles ſchlummerte in der Hütte, nahm mein Vorvorderer das Buch und las es durch vom Anfange bis zum Ende, ſtehend an einer Stelle, und dann erſt ſuchte er zu kurzem Schlummer die Lagerſtatt. Sol⸗ ches geſchah mit Anbruch des Tages, der Zeit wahrhaftiger Träume, in welche— ſette er mit einem bedeutſamen Blick auf Genia hinzu: in welche auch der meine eben berichtete gefallen. Und als er nun entſchlummert war, ſprach eine Stimme zu ihm folgende Worte: Dieweil Du mein Wort ſo geehret, welches von Ewig⸗ keit beſtehet, alſo ſollen hochgeehrt ſeyn deine Kinder und Kindeskinder durch alle kommende Geſchlechter und Zeiten. Hier ſchwieg er, und die Weiſe, in welcher er geſprochen hatte, halb mit dem Stolze eines Sprößlings ausgezeichneter Ahnen, halb mit dichteriſchem Feuer, das ſelbſt die Gegner, de⸗ ren er auch außerhalb dieſes Gemaches nicht wenige hatte, ihm zuſchreiben, brachte ein kur⸗ zes Stillſchweigen hervor. Zoe gemahnte es, als reihe ſich Traum an Traum, als Glieder einer Kette, die ſie fortzog in eine unbeſtimmte, aber ſchimmernde Zukunft. Franz Ghertuccio II. 5 665— gab demüthiglichen Beifall zu erkennen, doch mit allen Merkmalen noch nicht verſchwundener Unbehaglichkeit; der Armenier ſchauete drein wie einer, der oftmals Gehörtes wiederum ge⸗ hört; Theophilos beobachtete mißmuthig den lebhaften Eindruck, den des Fremden Worte auf die Tochter des Ariſtobulos hervorbrachten; nur der Schiffhauptmann, ein eifriger alt⸗ gläubiger Chriſt, fragte: Somit war jenes Buch denn die heilige Schrift, und muthmaß⸗ lich die übertragung der alepandriniſchen gebene⸗ deieten Septuaginta?—— Allerdings— erwiederte Manrique kurz: war es die heilige Schrift, die Offenbarung, von oben zu den Menſchen gekommen. Doch— fügte er hinzu: phantaſtiſcher noch und dichter⸗ iſcher, aber auch bedeutender iſt der zweite Traum, den ich berichten will, da ich ſehe, daß unſere holde und gütige Gebieterin die Boten nicht verſchmäht, die ein unſichtbares Reich in das Leben ſendet.— Abermals blickte der Armenier den Caſtilianer an, augenſcheinlich befremdeter noch und dringender abmahnend, abermals jedoch warf dieſer die Ober⸗ lippe auf und begann mit tönender Stimme: — 67— Des eben Genannten Sohn iſt es, von dem ich rede. Ein Jüngling noch, doch an Weisheit und Macht erhaben über den Vater, wie denn ein von Gott begünſtigt Geſchlecht fort und fort zunimmt an beiden, durchzog auch er das Land; doch ihm folgte eine zahl⸗ reiche Begleitung, und ſchon ging die Ehre und Furcht ſeines Namens vor ihm her. Und er kam in eine Stadt, in derſelben wohnte ein Weiſer des Volkes, dem Athanaſios Phranzes zu vergleichen, deß Name längſt zu meinen Ohren erſchollen, und er hatte ein Töchterlein, lieblich wie die Enkelin des Erwähnten, welche dem Enkel jenes Jünglings jetzt Gehör ſchenkt. Und er war in Liebe zu ihr entbrannt, der Vater aber trug Bedenken, ſolche zu genehmigen, denn er ſcheuete des Werbers feurigen und hoch⸗ fahrenden Geiſt und ſeine erhabene Herkunft. Als wenn die Liebe nicht Meiſterin des Erſten würde und vor ihr die Schranken des Ranges nicht fielen!— Zwei Jahre waren ſo vergan⸗ gen, und mancher Werber niedrigeren Standes ſtrebte nach der Jungfrau Beſitz, begünſtigt von dem Weiſen, der thörig das Heil ver⸗ bannte, ſeinem Geſchlechte beſtimmt. Da 5 — 6 ſandte, als er einſt im Hauſe deſſelben über⸗ nachtete, der Himmel ſeinem Liebling einen Traum voll hoher Bedeutung für die Zukunft, ein Troſt aber auch für die Gegenwart, denn ein erhabenes Wort ſagt:„Wer liebt und ſchweigt und entbehrt und ſtirbt, der ſtirbt als Martyr,“ und nahe war mein Ahn dem Martyrthum.— Als der Sprechende dieſe Worte ſagte, wie man einen Vers ſpricht, das Metrum beton⸗ end, ſchaueten die jungen Genueſer hoch auf, Franz Ghertuccio aber erblaßte ſichtlich und der Armenier ſenkte das Haupt und faltete die Hände. Die Andern aber blieben in ihrer zu⸗ hörenden Stellung und der Erzähler fuhr fort: Es gemahnte ihn, als ſähe er den alten Weiſen ausgeſtreckt in ſeinem Blute, und ein leichter und feiner Dampf ſtiege aus dem Blute empor und erfüllte das Gemach, welches des Träumenden Einbildekraft erweitert hatte zu ei⸗ nem herrlichen Dom mit Säulen verziert und manchfachen höchſt verwunderlichen Bildern.— Da hob die Jungfrau Genia plötzlich den geſenkten Blick und ſchlug ihn ſofort wiederum nieder, und ihr Gebein erzitterte in ſeltſamen wohlthuendem Weh, und ihre Bruſt wogte und ihr Auge umflorte ſich und es war ihr, als ſähe ſie auch rings um ſich einen Dom, ihr wohl bekannt und Säulen und Geſtalten, von den letztern eine gar deutlich. Da ſchmiegte Mele das ſchwarzgelockte Haupt an die Kniee der Hertin und flüſterte ihr zu: Faſſe Dich, theure Gebieterin, habe ich Dir nicht geſagt, durch die Nacht gehe es zum Lichte? und nun beginnt es Licht zu werden.— Drauf ſprach die Jungfrau auch wie noch träumend: Wie iſt mir denn? War er es nicht, der—2 Und ſie verſank abermals in Sinnen und An⸗ ſchauen, und kaum hörte ſie, wie die Abyſſi⸗ nierin ihr zuraunte: Alles geht in Erfüllung, was die Mutter dem Kinde zu ſchauen verſtat⸗ tet in der Region der Träume.— Und— fuhr Don Manrique de Luna fort: Und der Dampf geſtaltete ſich und be⸗ gann röthlich zu glänzen und es balite ſich zu⸗ ſammen in Geſtalt des Vollmondes, und der Vollmond neigte ſich zum Buſen meines Ahn⸗ hern und verſank in demſelben. Da wuchs aus ſeinem Leiden ein Baum empor und wuchs und wuchs an Schönheit und Stärke immer eee — größer und größer, und breitete ſeine Fſte und Zweige aus immer weiter und weiter, über Län⸗ der und Meere ſeinen Schatten werfend, bis an die äußerſten Grenzen der drei Theile der Erde. Unter demſelben ſtanden Gebirge, an⸗ zuſchauen wie der Kaukaſos und der Hämos, der Tauros und Atlas; die Alpen, die Pyre⸗ näen und des Herkules Säulen, und in tiefer Ferne noch manch anderes Gebirge, gleichſam des unendlichen Laubzeltes himmelanſtrebende Pfeiler, und es ſtrömten durch daſſelbe an ih⸗ rem Fuße hervor die Hauptflüſſe der Welt. Schiffe deckten die Flüſſe, Flotten die Meere, Saaten die Fluren, und Wälder die Berge und Hügel. Aus denſelben ſprangen Quellen, er⸗ quickend und befruchtend in ihrer Fülle und durchrieſelten das Roſen⸗ und Cypreſſen⸗ gebüſch der duftenden paradieſiſchen Fluren. Und auf denſelben thürmten ſich Städte empor, mit Thürmen und Kuppeln, mit der Pyramide zeittrotzendem Gebäu und ſchlanken Obelisken mit Prachtſäulen, von denen das Wahrzeichen ſei⸗ nes Geſchlechtes funkelte, und Geſang tönte in den Jubel tauſendſtimmiger Nachtigallen und goldglänzender Papageien, die im Schatten der Bäume koſeten und buhlten, die Blätter der Bäume aber waren alle ſchwertförmig, ei⸗ nes wie das andere. Da erhob mit einem Mal ſich ſingend die Windsbraut und ſenkte die Spitze der ſchwertförmigen' Blätter gegen die Städte, und eine von ihnen war auf ſieben Hügeln er⸗ baut zwiſchen zwei Erdtheilen und zwei Meeren, dem Diamanten zu vergleichen, mit zweien Sap⸗ phyren und eben ſo vielen Smaragden gefaßt, und noch viele andere Städte, und unter ih⸗ nen noch eine, auch auf ſieben Hügeln ge⸗ gründet, beide Ringen gleich, und ſie boten ihm die Ringe, der Verlobung die Eine, die An⸗ dere der Vermählung, und mein Ahn wollte ſie eben an ſeinen Finger ſtecken, als er er⸗ wachte. Das iſt der Traum, deß Gedächtniß noch in meinem Geſchlechte beſteht.— Beim heiligen Antonius, ein herrlicher Traum!— rief Franz Ghertuccio eifrig, aber mit erſtickter Stimme und mit ſonderbarer Be⸗ fangenheit um ſich ſchauend; die genueſiſchen Signoren ſchienen Luſt zu haben, der dichter⸗ iſchen Beſchreibung einige höchſt weiſe Bemerk⸗ ungen hinzuzufügen, aber es ſchien, als ob des Redners Geſtalt und Miene, die, während er ſprach, immer ſtolzer und gebieteriſcher wor⸗ den, ihren Zungen Einhalt thäte; der Arme⸗ nier ſprach langſam und nachdrücklich, wie er pflegte: Wem der Himmel wohl will, dem ſendet er die Boten ſeiner Gnade.— Und Zoe, zu deren Füßen Mele immerfort lag, ſeufzte vor ſich hin— Wie ſchön iſt es doch, zu träu⸗ men, ach ja, ich kenne die Träume! und die Schwarze liſpelte: Alles iſt nur Traum; die ihn aber verwirklicht in der Zeit, iſt es, die ihn ſendet als Boten ihrer Gnade.— Leute aber ſchauete durch das Fenſter auf's Meer, das der heulende Sturm hoch emportrieb bis zu den Wolken des verfinſterten Firmaments, und ein hellleuchtender Blitz zerriß die Dunkel⸗ heit, und bei ſeinem Scheine ſahen die an der Rhede ausgeſtelten Wachen Schiffe mit der Fluth kämpfend in einiger Entfernung und hör⸗ ten Nothgeſchrei, welches unverzüglich in ei⸗ nem ungeheuern Donnerſchlage verhallte. Der Schiffhauptmann ſetzte den ergriffenen Becher hinweg, machte eilig das Zeichen des Kreuzes und ſagte: Sprechet nicht dergleichen, hochver⸗ ehrter caſtilianiſcher Don, dieweil der Herrgott über die Erde wandelt, denn, mit Eurer Ver⸗ — 73— günſtigung, was Ihr eben geſagt, klingt ein wenig heidniſch, oder die allerheiligſte Panagia ſei uns gnädig, gar mahometaniſch, welches einem chriſtlichen ſpaniſchen Ritter nicht allzu wohl anſteht.— Und Euer Ahnherr erwachte alſo?— fragte Theophilos der Strator, einen finſtern arg⸗ wohnvollen Blick auf Manrique werfend: und es hatte dabei ſein Bewenden, denn nichts iſt mir von ſolchem Baume bewußt, und die zween ſiebenhügeligen Städte ſind noch nicht von ſeinem Schatten verdunkelt. Auch Ihr, Freund, ſeid erwacht aus Eurem Traume, und ob Ihr gleich erzählet, was ſie Eurem Votvor⸗ dern und vieteicht glichfuls Euch verheißhn, vergaßet Ihr doch, der Erfüllung zu erwähnen, und mit Recht, denn wie es Ken iſt ſie ausgeblieben und wird ausbleiben trotz aller ver⸗ meſſenen Hoffnung.— Du irreſt, Soldat des Konſtantinos Dra⸗ gofes— erwiederte der Caſtilianer mit mehr als herriſchem Anſtande: Zum Theil iſt bereits er⸗ füllt, was die Engel des Traumes meinem Stamme verheißen. Die Offenbarung, Du weißt es— ſetzte er in zweideutigem höhniſchen 3 Tone hinzu— herrſcht ſchon über drei Theile der Welt; der aber den zweiten Traum träumte, gab meinem Geſchlechte ſeinen Namen, und der Name de Luna wird, meine ich, nicht ge⸗ ringer werden durch den, der ihn jetzt führt.— Hier den Fortgang der Legende unterbrech⸗ end, läßt Frater Euthanaſius des Fremden Wahrheitliebe Gerechtigkeit widerfahren, beſtä⸗ tigend, daß noch zu ſeiner Zeit ſeine Träume in friſchem Andenken geweſen bei dem Volke, zu dem dieſer Caſtilianer gehörte, und bei den angrenzenden, in noch friſcherm aber der Träums bereits mehr als zur Hälfte eingetre⸗ tene Erfüllung). Din Soldaten des Konſtantinos Palaeolo⸗ *) Den Leſer, welchem, wie ihm nicht ſonderlich zu verargen, die Gewährleiſtung des böhmiſchen Adepten nicht genügen dürfte, verweiſen wir auf eine andere, von größerer hiſtoriſcher Glaub⸗ würdigkeit, ihn erſuchend, nachzuleſen, was . Hammer in ſeiner Geſchichte des osman⸗ iſchen Reiches, erſter Theil, Seite 46— 50 von der Sage berichtet, welche die Träume Er⸗ thogruls und Osman's bis auf unſere Tage er⸗ halten. 4. 6 —— — 8 — 75— gos heißeſt Du mich— verſetzte ſeinerſeit Theo⸗ philos gleichfalls mit beinahe königlichem An⸗ ſtande: Wohl, ich bin es und achte für Ruhm, es zu ſeyn, auch in meinem Geſchlechte er⸗ wähnt die Sage nicht, die Geſchichte erwähnt eines Traumgeſichts, und auch iſt daſſelbe in Erfüllung gegangen, und beſtehet noch in der Völker Gedächtniß, was auch zween Nomaden träumen könnten, als welche Du Deine Vor⸗ vordern darſtellſt, obgleich mir ſeit der Völker⸗ wanderung dergleichen nicht bekannt ſind unter den hiſpaniſchen Gothen.— Dieſe Worte waren mit einem finſtern arg⸗ wohnvollen Blicke begleitet, als ſei ihm ein Zweifel entſtanden oder beſtätigt an der Per⸗ ſönlichkeit des eaſtiliſchen Don; dieſer ſchien hinwiederum in dem, was der Andere geſagt, über denſelben eine unerwartete Erklärung zu finden; er ſchauete ihn mit größerer Aufmerk⸗ ſamkeit an, als er es bis jetzt zu thun ihn ge⸗ würdigt und ſprach, gleichſam um ihn zu reizen, in herausforderndem Tone: Ich ahne wohl, welches Geſicht Ihr mei⸗ net, mein byzantiniſcher Herr, aber ſchon lang iſt das her, und des Zeichens Bedeutung ver⸗ 76— loren gegangen. Sieg verhieß es, doch hat ſich der Sieg abgewendet.— Dich ſchützt das Gaſtrecht im Hauſe eines griechiſchen Edeln— ſprach Theophilos zornig: und die Gegenwart dieſer hochgeborenen Jung⸗ frau, welche Dir die Aufnahme am väterlichen Heerde vergönnt hat, ſonſt würde ich Dich fragen, wer Du biſt, daß Du, was uns hei⸗ lig und ehrwürdig iſt, mit verwegener Rede verunglimpfſt?— Verwegen?— erſcholl es dumpf aus den zuſammengepreßten Zähnen des Andern, und ſein Auge entflammte ſich in röthlicher Glut, dann aber faßte er ſich plötzlich in wunderlich raſchem übergang und ſagte nachläſſig, ſogar mit Phleg⸗ ma: Du irreſt; nicht was Du meinſt, mich ſchützt etwas ganz Anderes.— Mit dem zornigen Blicke ihn von oben bis unten meſſend, erwiderte Theophilos: Ich habe Urſache, zu meinen, Dich, wer Du auch ſeieſt, ſchütze vor Allem der Friede oder der Waffenſtillſtand vielmehr, der den Haß und die Rache gefangen hält. Aber bald kommt die Zeit, da man anders ſtreiten wird als mit Worten und vielleicht wirſt Du dann gewahr, —„— ob der Sieg ſo gänzlich von Konſtantin's Ad⸗ lern gewichen.— Da richtete ſich Jener hoch auf, und in ſeinem Stolze jede Zurückhaltung verſchmähend, ſagte er mit ſtarker Stimme: Ja wahrlich, bald kommt die Zeit, und wenn ſie erſcheint, bleibt auch der Königsgeier nicht aus.— Allzu bekannt war dieß Symbol auch im chriſtlichen Morgenlande, um dem byzantini⸗ ſchen Krieger nicht zur Gewißheit zu machen, was er längſt geahnet, dieſer Fremde ſei nicht, was er vorgab, zu ſeyn, und fern von den Ufern des Guadarrama geboren. Er verwünſchte ins⸗ geheim den Frieden, welchen Murad der Zweite mit dem oſtrömiſchen Kaiſer geſchloſſen, und ſein Nachfolger wenigſtens noch nicht öffentlich gebrochen, er zürnte in der Aufregung ſeines Zornes ungerecht der weiſen Verordnung des Konſtantinos Palaeologos, welche ſtreng aßbefahl, die gefährlichen Nachbarn nicht zu reizen und eher ſo viel nur möglich zu dulden, bis die Mäglichkeit ſich darthue, den Drängern wirk⸗ ſam entgegen zu treten. Gewaltſam an ſich haltend und mit Würde ſagte er zu dem räthſelhaften Fremden: Wo Du 78— auch hingeheſt, nimm den Glauben mit, daß der Erfolg die Sache nicht adelt, daß ein edles Gemüth, ehrenvoll Ungemach dem Glücke des Ungerechten vorziehet, und der Gott, den wir verehren, oftmals huldreicher auf den Schwä⸗ chern ſiehet, als auf des Starken übermuth.— Als Jener das hörte, drückte ſein ſcharf gezeichnetes Antlitz ſprechende Verwunderung aus, als habe er ganz etwas Seltſames und Unſinniges vernommen, und achſelzuckend und ſpöttiſch lächelnd ſah er auf den armeniſchen Alten. Der aher nahm das Wort in gemeſſe⸗ nem Tone, wie Einer, der ein längſt aner⸗ kanntes Aphorisma vorträgt, ſprechend: Du täuſcheſt Dich, junger und wackerer Kriegesmann; wo der Sieg iſt, iſt auch das Recht, und die Sache, welche Gott begünſtigt, iſt ihm werth und darum die beſſere Sache.— Pas leichte Mahl war vorüber, die Gäſte erhoben ſich von ihren Sitzen, und der, wel⸗ cher ſich Manrique de Luna nannte, trat zum Fenſter, von welchem Leuke nicht gewichen war, eben ſo wenig als Mele von dem Fußſchemmel ihrer Herrin. Auch er ſchauete auf das Meer hinaus, mit einiger Unruhe wie es ſchien, und — 79— da er die Fortdauer des Sturmes gewahrte, vertiefte ſich die Falte auf ſeiner Stirn. Dann gewahrte er plötzlich das beinahe regunglos ſteh⸗ ende weiße Mäglein und faßte es ſchärfer in's Auge, doch muthmaßlich ohne beſonderes Wohl⸗ gefallen, denn er ſprach zu ihr trocken und beinahe hart: Was beginneſt Du hier, Scla⸗ vin, und worauf richten ſich Deine Blicke?— Mag auch ſolch wüſte Nacht dem Sinne ei⸗ nes Mägdleins behagen?— Ich höre— antwortete langſam und deut⸗ lich die Gefragte: Ich höre den Schritt des Herrn, der über die Welt gehet in den Wet⸗ tern, ich ſchaue die Nacht, den Saum ſeines Mantels, der über die Erde herabhängt, und die Blitze, welche den Pfad gehen, den ihnen ſein Finger bezeichnet, und der Sturm, der ſeinem Gebote gehorcht.— Und was, Du kluge Magd, was ſpricht dieſe Stimme?— fragte der übermüthige mit verachtendem Lächeln. Sie ſpricht: laß ab von dem, was Du begehreſt, denn Du wirſt es nicht erreichen, weil ich es nicht will. Noch iſt Deine Zeit e e nicht erſchienen, und ſo ſie erſcheint, iſt es Dir zum Gericht.— War es die nachdrückliche Betonung des Wortes„Dir“, brachte die Gedankenfolge des Unbekannten ſolche Muthmaßung hervor, ge⸗ nug, es ſchien ihm, als ſei die Rede des Mägd⸗ leins insbeſondere an ihn gerichtet, und er er⸗ widerte trockener und härter als zuvor: Selt⸗ ſam klingen Deine Worte; weißt Du auch, wer vor Dir ſtehet, daß eine Magd alſo zu ihm ſpreche?—— Nicht auf meine Rede höre— war die Ant⸗ wort— ſondern auf des Herrn Rede in Un⸗ gewitter und Sturm. Er kennet Dich und mich, und wohl weiß er, daß ich bin, was Du niemals ſeyn wirſt und ſeyn kannſt, ob⸗ gleich Dein Urſprung dem meinigen ähnlich.— Da färbte, wir wiſſen nicht warum, ein glühendes Zornroth die Wange des Fremden, und wuthſtammelnd erwiderte er: O des eiteln Stolzes der Griechen, wie denn ſogar die Mägde ſich brüſten. Wiſſe, die Füße des Sohnes der Selavin küſſen Deine Gebieter, doch— fuhr er fort, gleichſam auf ſich ſelbſt ungehalten über ſeine Aufregung bei ſo gering⸗ fügigem Anlaß— Dir ſtehet der Trotz wohl an, denn wer es der Mühe werth hält, auf den Nacken der Gewaltigen zu treten, ſiößt das ſich krümmende Inſekt verächtlich zur Seite.— Es war als walte wie zwiſchen Theophi⸗ los und der Afrikanerin eine ganz eigene Idio⸗ ſynkraſie, auch zwiſchen Leuke und dem angeb⸗ lichen Caſtilianer, denn wenn dieſer, in ſeinem hochfahrenden Sinne kaum Acht habend auf alles was ihn umgab, ſich ihr gegenüber unwillkürlich zum Zorn gereizt fühlte, that auch ſie ſich der gewohnten Ruhe und Gelaſſenheit ab und verſetzte mit mehr als ernſter Würde: Nicht nur der Sohn der Sclavin iſt der, der alſo ſich nennt, er iſt ſelbſt ein Sclav, ſchmachtend in eigen geſchmiedeten Ketten. Wen könnte er auch verachten, der nicht höher ſtände als er, welcher Wurm wäre auch ver⸗ ächtlicher als der in ihm wohnt; aber wahrlich nicht bei Seite geſtoßen wird er, wie er auf dem Nacken der Gewaltigen einherkriecht, wird er zertreten durch den, welcher ihn ſchon ein Mal zertrat.— Da war es dem Andern als höre er das II. 6 Geſchwätz einer Wahnſinnigen, denn nur eine ſolche wagte das gegen ihn, welchen ſie doch, wie es ihn däuchte, erkannt, das Ungeheuere des Frevels ſchien gleichſam ihn zu mildern, und das übermaß der Wuth ihm etwas der Faſſung Vhnliches zu verleihen.— Tolldreiſte Dirne— ſprach er kalt und höhniſch wie vor⸗ her: danke es Deiner Niedrigkeit, daß ein Wink meines Auges Dich nicht zermalmet.— Während dem war der Armenier zu Theo⸗ philos getreten und ſprach leiſe und ſcheu um ſich ſehend, aber nicht ohne Wohlwollen zu ihm: Es ſcheinet, byzantiniſcher Herr, als hät⸗ teſt Du erkannt, was beſſer für Dich war, es nicht zu erkennen. Wie bärge ſich aber auch der Königsgeyer unter dem Gefieder des Ra⸗ ben? Ein weiſer Mann herrſchet in Byzanz, folge ſeinen Fußtapfen, wie vielleicht Du ihm folgen wirſt auf anderem Wege, denn auch ich habe Dich erkannt. Nicht weiſe iſt es vom alternden Adler, den Condor zu reizen, da die eigenen Klauen ſtumpf ſind und die Flügel g⸗ lähmt.— Alſo?— fragte Theophilos, dem jetzt bas — 83— Dunkelgeahnete völlig klar worden, aber der Greis unterbrach ihn Frage nicht— die Rede iſt Gabe Gottes, dem Menſchen zu beliebigem Ge⸗ brauche verliehen, und keiner, dem der Menſch ſie zukommen läßt, hat ein Recht, das Mehre zu fordern. Wozu auch die Frage, da die Antwort unnütz genannt werden kann oder bedenklich. Und ſo der Vogel ſich auch ver⸗ rathen hat, wozu taugt es, ihn bei Numen zu nennen? Iſt doch kein Käfig hier, weit und feſt genug, daß er ihn bewahre. An je⸗ nem Tage wird man Rechenſchaft geben für überflüſſige Worte, auch hienieden geſchiehet es ſchon. Sprich daher Du, den ich gleichfalls nicht zu nennen brauche, nicht überflüſſiges, noch minder thue desgleichen, das iſt der Nälh Eines, der es wohl mit Dir meint und mit Andern, die Dir werth ſind, obſchon die Pflicht der Freundſchaft vorangehet. Und ſo Du die Blachernen betrittſt und vor dem, der Recht hat, Dich zu befragen, Rechenſchaft ablegſt, gedenke Chalil's Chaireddin⸗Paſcha⸗Sade's*) des Greiſes.— *) Das Schlußwort„Sade“ bedeutet im Türk⸗ 6* 5 Die ihm jetzt ſehr begreifliche Vorſicht des armeniſchen Kaufmannes nachahmend, erwiderte der Soldat des Konſtantinos Dragoſes ſeine leiſe Anrede nur durch eine verbindliche Geberde, wie des Verpflichteten gegen den ungehofften Ver⸗ pflichter, aber auch wie die Vornehmen gegen einen andern Vornehmen. Gleich darauf trat zu ihm Signor Ghertuccio, der, wie es ſchien, nicht ohne Unruhe das Zweigeſpräch der Bei⸗ den bemerkt hatte und ſagte in ſehr demüth⸗ igem und klagenden Tone: Groß Leid erwächſ't mir aus der Beſchwerde, welche, wie ich mit wahrer Betrübniß gewahre, Euch zwar durch mich, doch ohne bösliche Ab⸗ ſicht geworden. Es iſt jedoch, wie Ihr huld⸗ reichſt zu erkennen geruhet, die Pflicht und Befugniß des Patrons eines Schiffes, zumal eines Frachtſchiffes, jeglichen Reiſenden aufzu⸗ nehmen gegen Zahlung der Gebühr, wie ſich iſchen die Abſtammung, Paſcha⸗Sade, der Ab⸗ kömmling eines Paſcha. Die Folge wird dar⸗ thun, daß dieſer Armenier nicht nur das Recht hatte, ſich ſolche vornehme Benennung beizule⸗ gen, ſondern daß ſie in ſeinem Munde ſelbſt eine beſcheidene war. 3 verſteht. So durfte ich denn auch ſolches einem Kavalier wie dieſer Don Manrique de Luna nicht weigern, von dem ich übrigens nichts weiß als dieſen ſeinen Namen, ſo wahr mir San Giorgio di Carignano helfe.? Wäre ich jedennoch unglücklich genug geweſen, dadurch Euer Mißfallen auf mich zu ziehen, ſo ver⸗ gebt mir ſolche unwillkürliche Schuld als ei⸗ nem getreuen Bürger in Galata und allerun⸗ terthänigſten Vaſallen des allerhöchſten Cäſar Auguſtus. Und ſo, wie nicht zu zweifeln ſtehet, von ſelbiger Begebenheit die Rede ſeyn ſollte in dem gebenedeieten Palaſte der Blacher⸗ nen, wolltet des geringſten Eurer Diener nicht ungnädig gedenken, alleredelſter, durchlauchtig⸗ ſter—— Still— entgegnete Theophilos, den Finger an die Lippen drückend, die ein verachtend Lä⸗ cheln verzog: Still! ich kenne der Kaufleute Gebrauch, und nebenbei noch der Fledermäuſe Natur. Aber ich habe hier von einem Königs⸗ geier ſprechen gehört und von einem Adler; hüte ſich denn die Fledermaus, zu verrathen, was die Federn des Raben und Falken ver⸗ bergen. Nicht freundlich ſind ſich die Bei⸗ — 86 den, und käme es zum Streit, ſo wahre die Fledermaus ihr Fell.— Betrübt und verlegen zog ſich der Galater zurück und die angſthafte Anſpannung ſeiner Augen und Ohren verbop⸗ pelte ſich. Im nämlichen Momente ſagte einer der ge⸗ nueſiſchen Nobili, nachdem er das ziemlich ver⸗ ödete Gemach mit Verwunderung und einer Art von Bedauern betrachtet, mit ſüßlichem Tone zu der Jungfrau gewendet: Mit Recht ſprach unſer eaſtilianiſcher Reiſegefährte, die Blume der Schönheit entfalte ſich an dieſem Geſtade; doch nicht würdig iſt ihrer die Stelle, an welcher wir ſie gefunden, nicht würdig der Tochter des Großdomeſticus. Ehemals mag dieß Schloß ein ander Ausſehen gehabt haben, aber jetzt erſcheint es mir als ein Denkmal der Barbarei der Osmanen und der Oſtrömer Ver⸗ zagtheit und Nachläſſigkeit, zwiſchen denen ſo manches Herrliche untergangen.— Und plötz⸗ lich dreheten mit einem Mal ſich Theophilos und de Luna dem Sprechenden zu. Verzeihet— unterbrach ihn Franz Gher⸗ tuccio eifrig und mit vor Schreck und Unwil⸗ len wankender Stimme: Verzeihet Monſignor Condulmer, eine kleine Bemerkung dem Pa⸗ tron des Schiffes, an deſſen Bord Ihr ſeid und dem erfahrenen Manne. Eure Excellenz iſt, ich geſtehe das ein, aus höchſt erlauchtem Geſchlecht und, ſo zu ſagen, auferzogen im Schatten der durchlauchtigen Signoria. Nun gehet zwar dieſer Schatten ſehr weit, doch nicht überall hin, und als Reiſender ſeid Ihr nur ein Anfänger, mit Eurer gnädigen Erlaubniß. Ein Anfänger, ein Reiſender denn, ſehet, Mon⸗ ſignor Condulmer, hat vor allererſt die Zeit und den Ort zu beachten, in welchen er, und ſodann nicht weniger die Perſonen, mit wel⸗ chen er ſich befindet; drum wollte ich Eurer Excellenz unverholen ſeyn laſſen, wie nämlich eine gewiſſe Zeit und ein gewiſſer Ort und ge⸗ wiſſe Perſonen von einer gewiſſen Bedeutung gewiſſe Rückſichten nothwendig machen.— Er brach hier ab in ſeiner wohlgeſetzten Rede, nicht ſowohl des ſpöttiſchen Lachens we⸗ gen, mit dem der junge Nobile ſie erwiderte, ſondern weil zwei andere ſich verfinſternde Ge⸗ ſichter ihm andeuteten, er ſei im Begriff, in ſeiner Weisheit einen ſtärkern Anſtoß zu geben, ——————— ——0 als es durch die Unbeſonnenheit des Signor Condulmer geſchehen. Jedoch hatte, was dieſer ſprach, die Auf⸗ merkſamkeit früher mit dem Genuße der Speiſe und des Trankes und dem Anſchauen der lieb⸗ lichen Tochter des Hauſes beſchäftigt, dem Ge⸗ mache ſelbſt zugewendet, in dem man ſich be⸗ fand, und allerdings rechtfertigte es des Ge⸗ nueſers Bemerkung. Zwar war das Geſchirr, welches noch die Tafel bedeckte, zu dem Reiſegeräthe der reichen Erbin des Silentiars gehörend, von künſtlicher Arbeit und großer Pracht, aber eben ſein Glanz ließ die Umgebung noch düſterer erſcheinen. Die Wände wohl von Marmor, mit Simſen von erhabenem Bildwerk und Säulen von Porphyr in doriſcher Ordnung geziert, trugen die Spu⸗ ren der Verwüſtung, die Karnieße waren zum Theil ausgebrochen, verſtümmelt die Capitelle der Säulen, und um dieſelben wob ſich das Gewebe der Spinnen, die der Verwalter des öden Inſelſchloßes, der Ankunft der Herrin nicht gewärtig, ungeſtört im mehrjährigen Beſitze ge⸗ laſſen. Ein Bild der Panagia, wie die Got⸗ tesmutter von ihren griechiſchen Verehrern ge⸗ 60— nannt wird, der vornehmſte und beinahe un⸗ erlaßliche Schmuck ihrer Gemächer, war nicht nur vetunſtaltet, ſondern die Art ſeiner Ver⸗ ſtümmelung zeigte an, daß nicht ſowohl Raub⸗ ſucht, auch nicht rohe Gewaltthätigkeit allein, auch die Abſicht frecher Beſchimpfung die Fauſt des Zerſtörers geführt; außer dem Seſſel, den Ge⸗ nia⸗Zoe einnahm, zu ihren Füßen die Abyſſi⸗ nierin, war augenſcheinlich zuſammengerafft zur nothdürftigen Bequemlichkeit unverhoffter zahlreicher Gäſte; die nach byzantiniſcher Weiſe rund gewölbten Fenſterbogen zeigten in den Lük⸗ ken des halbzerſtörten, immer noch bröckelnden Mauerwerks die zerſtörende Wirkung der unge⸗ heuren Feuerſchlünde, welche, das Erzeugniß chriſtlicher abendländiſcher Künſtler, die Osma⸗ nen gegen die Brüder derſelben im Orient rich⸗ teten; zerriſſen hingen an ihnen die Reſte der reichen Behänge herab, welche die Habgier ſich, ohne in ihrer Haſt der Beute zu ſchonen, an⸗ geeignet hatte, und durch die Fenſter ſelbſt ſah man, wenn der Blitz die Sturmnacht auf Au⸗ genblicke erhellte, die zertrümmerten Thürme und Mauern, der Nachtvögel Zufluchtort, des — —— —— —— — Schloßes, das traurige Bild der Verwüſtung er⸗ gänzend. Wohl hatte daſſelbe die Jungfrau bei ih⸗ rem Eintritte peinlich überraſcht, aber ſeit einer Stunde ungefähr ſchien ſie allem, was ſie um⸗ gab, fremd geworden zu ſeyn, nur auf einen Gegenſtand war ihr Auge gerichtet, ihr Ohr nur auf die Rede der Schwarzen, welche nicht auf⸗ hörte, von Zeit zu Zeit einige Worte zu ihr em⸗ por zu flüſtern. Auch der Jüngſte unter den Fremden ſchauete rings um ſich her auf die Denkmdler entſchwundener Pracht, indem ſein Antlitz eine ſonderbare Miſchung von nachdenklichem Ernſte und einer gewiſſen Zufriedenheit kund gab; ur⸗ plötzlich aber ſchienen beide einer Art Begeiſter⸗ ung zu weichen, und er ſprach mit wohlkling⸗ ender Stimme und langgehaltenen Tönen: Das iſt der Stempel, den die Zeit allem Irdiſchen aufdrückt; Es zieht an öder Fürſtenſchlöſſer Thor Der Spinne Netz den leichten Teppich vor, Und in Efraſiabs eingeſtürzten Hallen Hört man der Eule Heermuſik erſchallen.— Unverſtändlich war der perſiſche Vers den meiſten Anweſenden, doch für Leuke war er es nicht; gleichfalls in gemeſſenem ſangähn⸗ lichen Tone erwiderte ſie: Die Zeit zerſtört auch des Gerechten Hallen, Doch noch durchſäuſelt ſie des Geiſtes Weh'n, Es muß das Große ſelbſt, das Gute fallen, Doch kommt der Tag, da es wird auferſteh'n; Nur was der Frevler baut in ſtolzem Wahn, Gehört im Werden der Vernichtung an.— Auch Theophilos der Byzantiner, der vrientaliſchen Sprachen kundig, hatte den Sinn jenes Verſes begriffen, er däuchte ihn, von dieſem Munde geſprochen, gleich höhniſchem Triumphgeſang, er ſah des Fremden flammende Augen auf Zoe gerichtet, und zwiſchen Schmerz und Erbitterung getheilt, entgegnete er: Wie auch Barbarei das ſchöne Griechenland geſchän⸗ det, noch ſind nicht alle ſeine Burgen gefallen, noch ſtehet das alte Haus des Konſtantinos, noch ſind ſeine Bewohner der Willkür nicht alle hingegeben, noch mangelt es nicht an einem Zufluchtort für Schönheit und Unſchuld. Du haſt es gehört— entgegnete der An⸗ dere kalt lächelnd: auch das Große und Gute muß fallen; die Größe des Hauſes, das Du nenneſt, iſt längſt verſchwunden, und des Ver⸗ —— 5— hängnißes Beſchluß, dem kein Sterblicher ent⸗ gehen mag, hat, was Du gut nenneſt, mit dem Stempel der Verwerfung bezeichnet; ſeine Stimme aber iſt Gottes Stimme.— Wohl loderte es im Innern Theophilos em⸗ por, als er dieſe Schmähworte hörte, aber er gedachte der weiſen Warnung deſſen, der ſich Chalil nannte, des Gebotes des Cäſar und der ſchweren Verantwortlichkeit, die er auf ſich lade, vor der Zeit Hl in das fort und fort, aber jetzt unter der Aſche glimmende Feuer der Zwietracht gießend, und die Feſſeln der Noth⸗ wendigkeit ſchüttelnd, die ſo ſchwer laſten auf einem kräftigen Geiſte, antwortete er nur: Was auch Gottes Beſchluß ſei, der Menſch ergründet ihn nicht, und es geziemet ihm nim⸗ mer, ihn zuverſichtlich zu verkünden, ehe der Tag der Erfüllung kommt, an dem es ſich darthut, wer da ſtehen ſoll und wer fallen. Vielleicht vereinigt uns dieſer Tag an den Mauern, die noch feſt genug ſind, um nicht, wie die von Jericho von dem Schalle der Trom⸗ peten, vom Hauche eines Mundes zu fallen.— Des jungen Byzantiners Anſtand bei die⸗ ſen Worten war zugleich keiegeriſchund fürſt⸗ — 0 9 lich zu nennen, auch ſchauete ihn der Andere aufmerkſam und ſogar nicht ohne eine Art von Wohlgefallen an und verſetzte milder als vorher: Du ſprichſt wahr, Grieche, obſchon nicht nach Deines Volkes Gebrauch. Beſſer als ſich rühmen, ſtehet dem Manne das Rühmliche zu thun an; es ſei denn, wie Du ſagſt— ge⸗ denke denn an jenem Tage des heutigen und des perſiſchen Dichters.—— Ach, an je⸗ nem Tage ſollten die Worte deſſelben noch ein Mal ausgeſprochen werden von dem nämlichen Munde, und hart hinter ihnen rauſchte durch die entweiheten Hallen auf ſchwerem Fittige die Erfüllung.— Und wenn es kommt, wie es im Buche des Schickſals verzeichnet iſt— fuhr halb ge⸗ gen Zoe gewendet, der kühne Fremdling fort: So möge die Schönheit nicht zagen, ein ihrer unwerther Beſchützer iſt der Schwache, dem Starken gebührt ſie als Preis des Sieges, und den Sieg legt er zum Preis ihr zu Füßen, und triumphirend vereinigen ſich Beide auf den zer⸗ trümmerten Baſteien!— Und lägen ſie ſchon in Trümmern jene Baſteien gleich dieſen— erwiderte Theophilos 9— heftig, ſo wird an ihrer Statt dort wie hier der Männer Bruſt die Ehre der Frauen beſchüz⸗ zen; wehe aber der griechiſchen Jungfrau, die dem Feinde entgegenträte über die Leichname der Freunde!— Es war als höre der Fremde nur halb auf dieſe Rede, in Sinnen verloren, und als käme wiederum jene Begeiſterung über ihn, denn raſch trat er näher zu Zoe und ſprach mit ſonderbar bewegter, aber helltönender Stimme: Feind nennt mich dieſer Dein Landesgenoſſe; nenneſt Du mich auch ſo, reizende Griechen⸗ jungfrau?— Und ſie antwortete in ſchwankendem Tone: Vielleicht ſollte ich Dich ſo nennen, Du Unbe⸗ kannter, aber Haß und Feindſchaft ſind mir noch fremd, und nicht ſie ſind es, welche ich bei Deinem Anblicke empfinde.— Jener ſah mit einem nicht leicht zu be⸗ ſchreibenden Ausdrucke auf die Jungfrau, denn er hatte etwas von ſtolzer Freude und wieder⸗ um von tiefer Erregung, ſein Mund lächelte beinahe ſanft, aber ſeine Augen glüheten als er ſprach: Es iſt die innere Stimme, Jung⸗ frau, die zu Dir ſpricht, darum folge ihr— auch zu mir hat ſie geredet, und was mich hierher geführt, es iſt mein Verhängniß und auch das Deine, die ein unbekanntes Etwas verbindet. Es hat mir Dich einſt in einem ſeltſamen Augenblicke im Spiegel der Ahnung gezeigt; haſt Du nie in einen ſolchen geſe⸗ hen?— Da ſeufzte die Jungfrau aus tiefer Bruſt, wie ergriffen von einem übermächtigen Gefühl: In einen Spiegel, ſagſt Du? Wohl ſah ich in einen ſolchen.— Du erſchieneſt mir— fuhr er heftiger fort und als vergäße er alles was ihn umgab: den ſchönſten Preis in der Hand, den Preis, nach dem meine Seele begehret, wie die Houri dem Erwählten den goldenen Apfel bietet, aus welchem ſie ſelbſt geboren.— Sprich, wie ſaheſt Du mich?— Träumeriſch und doch innig, wie hingeriſ⸗ ſen von einer unerklärbaren Gewalt entgeg⸗ nete Zoe: Schrecklich erſchieneſt Du mir und in der Majeſtät des Gebieters; doch erſchrack ich nicht vor Dir und ſtand aufrecht, gleich einer Herrin, wo Andere ſich in Feſſeln und Todesnoth wanden.— — 9 Und er verſetzte ſtolz: So ſiehet mich die Welt, ſo wird ſie auch Dich ſehen, denn alſo iſt es des Schickſals Wille und der meine.— Mit Befremden und beinahe zorniger Wehmuth ſah Theophilos auf die Tochter des Großdome⸗ ſticus, die alſo der jungfräulichen Sitte und des Gebrauchs ihres Standes vergeſſend, ſich dem ohne Widerſtand hingab, der ihr fremd ſeyn ſollte und mehr noch als fremd; aber ſeine Empfindung überwältigend, ſagte er nur zu dieſem kurz und mit Ernſt: Wie auch die Welt Dich ſehe, hier ſieht man in Dir nur den Gaſt, fteundlich aufgenommen am Herde eines Archonten, und nicht geziemet es ſolchem, daß er das heilige Gaſtrecht verletze, ſei⸗ ner Tochter zu nahe zu treten mit ſonderbaren und unſtatthaften Worten, leicht und vergäng⸗ lich wie die Nebel, die der Sturm vor ſich da⸗ hinwehet.— Da ließ ſich Leuke plötzlich vernehmen: Er weht ſie dahin; o möchte es immer ſo ſeyn!— Mit gebieteriſchem Tone, in dem doch gleich⸗ ſam ſich noch das Nachbeben der frühern Aufregung ſpüren ließ, ſagte der Unbekannte: Nicht ſo leicht verwehet der Wind das Wort, — das ich ſpreche, zumal wenn des Schickſals Griffel es in ſeinen Blättern aufgezeichnet hat. Wie Dich auch die Welt nenne, Byzantiner, wer biſt Du, ihm entgegen zu treten? Hüte Dich, ſolches zu thun, daß es Dich nicht zer⸗ malme. Der Augenblick, den es gewählt, er⸗ ſcheinet ſchnell wie der Blitz, und indem ich ſpreche, erſcheint er vielleicht.— Noch— ſagte Leuke nachdrücklich, aber ein⸗ tönig— Noch manche Welle entfließt dem Rachen des rothen Hundes, ehe dieſer Augen⸗ genblick erſcheint— und die übermüthige Ant⸗ wort lautete: Schon iſt dem rothen Hunde das Halsband gefunden, und er erkennet, dem er unterthan iſt und ſein flüſſiges Bett.— So zuverſichtlich auch der vermeinte Hiſpa⸗ nier die räthſelhaften Worte des Weiſen mit eben ſo räthſelhaften erwidert hatte, ſo war es doch, als hätten ſie auf ihn einigen Eindruck gemacht; er begann wiederum mit verdoppelter Unruhe um ſich zu ſchauen und auf das Meer, an deſſen Rande ein falbes Grau den Anbruch des Tages verkündete, und dann wieder auf die Jungfrau mit leuchtenden, begehrlichen Blik⸗ ken, und er glich Einem, der einen Entſchluß II. gefaßt, ſich aber in deſſen Ausführung durch ein Hinderniß wider Gewohnheit gehemmt ſieht. Im Gemache ſelbſt herrſchte eine drückende Stille; Theophilos ſchien bedrängt von wech⸗ ſelnden, nicht erfreulichen Gefühlen; Zoe ſaß ſtumm und in ſich verloren; ſelbſt die Schwarze flüſterte nicht mehr und blickte wie mißmu⸗ thig zur Erde; auf dem Antlitze des Armeniers zeigte ſich Etwas, mühſam verhehlter Bekümmer⸗ niß gleich; Signor Ghertuccio aber ſchien gänzlich aller Faſſung verluſtig und ging hin und her mit Haſtigkeit und ſprach unzuſammen⸗ hängende Dinge zu den jungen Genueſern, welche jedoch, ſelbſt Signor Condulmer, weni⸗ ger ſprachſelig und umſichtiger geworden waren durch die Seltſamkeit des vorigen Auftrittes. Da trat Leuke mit einem Mal ſchnell vom Fenſter zurück und ihr roſiges Antlitz ſtrahlte freudig, und in ſelbigem Augenblicke ſtrahlte auch hinter ihr die Sonne am Himmelsrande empor, die Wolken des Oſtens entzündend in roſiger Gluth. Nach dem Fenſter der Halle aber, das nach Südweſten hinausſchauete, eilte der Fremde und ſah in die Ferne, wo weit hinaus dunkle zerſtreuete Punkte ſich auf der — Waſſerfläche zeigten, gleich einer ziemlichen Anzahl vom Sturme auseinander getriebener Schiffe, und in merklicher Bewegung, als ſtrebten ſie, ſich wieder zuſammenzufinden und Wind und Fahrwaſſer zu gewinnen. Und als er dieß ſah, umzog ſich ſeine Stirne mit ſchreckhafter Dunkelheit, und er biß die Zähne zuſammen, und unter ſeinen ſtarken Augen⸗ brauen leuchtete es hervor wie vor kurzem noch der Blitz aus den Wetterwolken, und er rief ein paar dumpfe unverſtändliche Worte dem alten Kaufmann zu, der alsbald zu ihm trat und gleichfalls hinausblickte. Der Jüngere ſprach mancherlei mit gedämpfter Stimme und ungemein heftigen Geberden, der Greis aber antwortete nur einſylbig und ſchien, der Ruhe in ſeinen Zügen nach, die Aufregung des An⸗ dern ganz und gar nicht zu theilen, ja nur eine beſondere Rückſicht ihn abzuhalten, daß er ſeine Mißbilligung derſelben nicht äußere. Der Schiffpatron Ghertuccio aber ſah aus gleich Einem, der einer großen Beſorgniß zum Theil enthoben iſt und ungeduldig darauf warte, daß er es ganz ſeiz ſeine Bewegungen nahmen an Haſtigkeit zu, er ermahnte ſeine 72 11 — 00— adeligen Landsleute, ſich zur Abfahrt bereit zu halten, und wiederholte mehrmals wie abſicht⸗ lich, es wehe ein friſcher Südoſt, mit dem man allenfalls nach Lesbos unter Segel gehen könne, doch ganz vorzüglich nach Konſtantinopolis, und der Armenier, welcher ſich wieder von dem im⸗ mer noch durch Ungeduld gepeinigten jungen Mann entfernt hatte, beſtätigte ſolches gegen Theophilos gewendet, ſehr vorſichtig und leiſe redend, aber mit ſonderbarem Nachdrucke. Der Schiffer des Großdomeſticus nahm darauf das Wort, die Herrin ehrerbietig er⸗ mahnend, daß ſie den günſtigen Augenblick wahrnehmen, die Beſorgniß und ſehnliche Er⸗ wartung des edelſten Vaters und der durch⸗ lauchtigſten Mutter zu kürzen, und der byzan⸗ tiniſche Kriegsmann, unter deſſen Füßen der Boden zu brennen ſchien, auf dem er ſtand, ſprach zu ihr zwar mit dem gebührenden An⸗ ſtande, doch auch mit merklicher Kälte: Ver⸗ laſſen wir, ſo es Dir gefüllt, edle Zoe Phran⸗ za, dieß Haus, in welchem des Großdomeſti⸗ cus Tochter ſich nicht mehr einheimiſch nennen mag, um dem wahren Vaterhauſe zuzueilen, — 101— deſſen Schutz, wie es ſcheint, Dir vor Vie⸗ lem vonnöthen. Zoe blickte empor, doch regte ſie ſich nicht, und es war als hielte die Schwarze, ihre Kniee umſchlingend, ſie auf ihrem Seſſel zu⸗ rück, da trat Leuke zu ihr, und ſprach nach ihrer Gewohnheit in feierlichem Tone: Sieh, die Nacht iſt vorüber mit ihren Schrecken, und der Morgen beleuchtet die abgewendete Gefahr. Säume denn nicht, bis die Nacht wiederkehrt und der Sturm, nicht immer gehen beide un⸗ ſchädlich vorüber.— Die Jungfrau erhob ſich, und als der Fremde das gewahrte, ſchwoll die Ader ſeiner Stirn und er ſtreckte die Hand aus mit einer herriſchen Geberde, wie des Verbietens, doch ein Blick nach dem Meere ſchien ihn andern Sinnes zu machen, und er ſah zornig und mürriſch aus, gleich dem Löwen, der im Be⸗ griff, auf ſeine Beute zu ſtürzen, plötzlich zwiſchen ſich und ihr eine Kluft erblickt, ſelbſt ſeiner Kraft zu überſpringen unmöglich, und er trat vorwärts und ſagte: Selbſt der höch⸗ ſten Beſtimmung tritt hier und da der Augen⸗ blick feindſelig entgegen; doch bringt ein ande⸗ — 102— rer wieder, was dieſer geraubt, denn unver⸗ änderlich iſt des Schickſals Beſchluß und ſei⸗ ner Auserkorenen Wille. Auf Wiederſehen denn, byzantiniſcher Kriegsmann, holde Jungfrau, auf Wiederſehen! Nicht fern iſt der Tag, der erfüllt, was der heutige unvollkommen gelaſ⸗ ſen, und weit mehr noch bringt er mit ſich, und bei dem Barte meines Vaters, ich ge⸗ denke ihn zu beſchleunigen.— Theophilos fühite die Hand her Jungfrau, die er gefaßt, in der ſeinigen erbeben, und als er ſie hinwegführte, wendete ſie wie unwill⸗ kürlich nochmals ihr Haupt nach dem ſtolzen trotzigen Unbekannten. Es war, als ſei Franz Ghertuccio nicht ſo begierig, bei dieſem zurückzubleiben, denn er folgte den Byzantinern und auf ſeinen deut⸗ ungvollen Wink auch die übrigen Genueſer; ſie begleiteten die Abfahrenden zur Felukke; der Schiffpatron richtete zierliche Worte und klagende Entſchuldigungen an den unmuthig dreinſehenden Theophilos, dann betrieb er in Eile die eigene Abfahrt. Kaum hatte aber das Fahrzeug des Ariſtobulos Phranzes die Bucht verlaſſen, ſo ſprang der Wind um in Südoſt gen Süd, pfeilſchnell flog es auf den leichtgekräuſelten Wogen dahin, jene zerſtreueten Schiffe aber ſammelten ſich, und langſam nahete der In⸗ ſel ein anſehnlich Geſchwader. 3 Scheu trat, um ſich pflichtſchuldigſt vvn den Reiſenden zu beurlauben, welche auf an⸗ dere Weiſe ihren Weg fortzuſetzen gedachten, der Schiffpatron in die Halle des Schloſſes, wo er ſie Beide fand, den Jüngern zu ſeinem Erſchrecken noch aufgeregt in gewaltigem Zorne. Er machte, als er den Eintretenden gewahrte, eine heftige Bewegung nach ſeinem Gürtel, vor welcher dieſer erbleichend zurückfuhr; aber ſtatt, wie er vielleicht befürchtete, den Dolch zu ziehen, der dort glänzte, zog der über⸗ müthige Reiſegenoſſe einen Beutel und warf ihn zu den Füßen des tief Verbeugten mit ver⸗ achtender Miene und den rauhen Worten: Hier Dein Lohn, Ungläubiger, doch ſo Du mir wieder dieneſt, gedenke daran, daß das Käufliche nur vergolten wird nach dem Maßſtabe deſſen, was es genützt.— — 104— Ghertuccio wollte auch hier wahrſcheinlich etliche Redensarten anbringen; als aber der unholde Geber mit funkelndem Blicke auf ihn zuſchritt, raffte er das Gewebe auf, deſſen Klang und Gewicht ihm einen erwünſchten In⸗ halt verriethen, und ſchied, zwar mit nochma⸗ liger, beinahe kniefälliger Verbeugung, aber ſonſt ohne unnöthigen Zeitverluſt. Wie jedoch die Thür zwiſchen dem Spen⸗ der lag und dem Beſchenkten, hemmte der Letz⸗ tere ſeinen Schritt, wog bedächtig die Gabe in der Hand und ſagte zu ſich ſelbſt: Abermals dienen? das iſt eine große Frage, denn ob⸗ ſchon das Fahrgeld nicht zu verachten, ſo war es drum und dran, daß ich mehr daran ein⸗ gebüßt hätte, als ſelbſt der unternehmendſte Kaufmann für tauſend Dukaten auf's Spiel ſetzt. Einträglich mag es wohl ſeyn, den Geier auf ſeinem Fluge zu begleiten, doch miß⸗ lich iſt die Begegnung des Adlers, und ſo lange nicht demſelben Flügel und Klauen völlig geſtutzt ſind, ſucht Euch einen andern Schiff⸗ patron, mein großmächtiger Herr! Sobald dieß jedoch, wie zu erwarten ſteht, eintrifft, bin — 105— ich Euch in Unterthänigkeit zu allen Dienſten erbötig.— Als er an das Ufer kam, wo ſein Fahr⸗ zeug ihn erwartete und ſeine Landesgenoſſen, rief er dieſen entgegen: Zu Schiffe, Miei Signori, zu Schiffe, es iſt ein ſchlechter An⸗ kerplatz, den zwei Winde beſtreichen. Es lebe das durchlauchtige Genua! Ich ſage Euren Epcellenzen, es gibt Fälle im menſchlichen Le⸗ ben, recht geeignet, das Glück eines Frei⸗ ſtaates beſonders ſchätzbar zu machen.— Und als ſie ihn befrugen, legte er den Fin⸗ ger auf den Mund und beſchwor ſie, dieſes Abenteuers nicht nur gegen Niemand zu er⸗ wähnen, ſondern wo möglich ſein zu vergeſſen, und da Signor Condulmer äußerte, er ſpreche als ſei er der Scylla und Charybdis glücklich entronnen, ſo antwortete er: Recht, ganz recht, der Scylla und Charybdis. Wahrlich, ich bewundere die Vergleichunggabe Eurer Ep⸗ eellenz, welche dieſelbe gleichſam unwillkürlich ſo gut bedient und wider Wiſſen. Vor der Thüre des Gemaches, in welchem die Schifffahrer die Nacht zugebracht hatten, ſtanden jetzt acht oder zehn Männer, welche als Matroſen gekleidet, mit der Bemannung des genueſiſchen Fahrzeuges das Schloß betra⸗ ten, aber es nicht zugleich mit derſelben ver⸗ laſſen hatten. Sie gehörten nach der Verſchie⸗ denheit ihrer Farbe und Geſichtsform augen⸗ ſcheinlich mehren Nationen an und ihre Bewaffnung, Dolche und lange Lunten⸗ piſtolen, in Deutſchland damals Muske⸗ donner genannt, gab ihnen ſo ziemlich das Anſehen von Piraten, ein ſo drohendes An⸗ ſehen, daß der Schloßverwalter und ſeine ge⸗ ringe Mannſchaft es nicht gerathen hielten, ſelbſt nicht mit Vorſtellungen und Fragen, weniger durch thätigen Widerſtand der Ungezwungenheit Einhalt zu thun, mit welcher ſie nach dem Abſegeln der beiden Schiffe Beſitz von dem Ge⸗ bäude und insbeſondere vom Vorgemache nah⸗ men. Die Weiſe jedoch, in welcher ſie ſich da⸗ ſelbſt verhielten, ſtimmte wenig mit den Sitten dieſer Bewohner ſchwimmender Republiken über⸗ ein, und mit der lauten Fröhlichkeit, die die⸗ ſen auf dem Lande eigen zu ſeyn pflegt, denn eine tiefe Stille herrſchte in dem Raume, eine Stille, ſelbſt nicht durch einen hörbaren Athem⸗ — 107— zug unterbrochen, ſo daß man hätte meinen ſollen, ſie befänden ſich im Vorgemache der Blachernen unter des Silentiars ſtrengem Ge⸗ ſetze. Zwar konnte man wahrnehmen, daß un⸗ geachtet ihrer gleichförmigen Kleidung auch ihr Stand und Bedeutung verſchieden ſeyn mochten, aber Vornehmere und Geringere ſtanden nur durch ihren Platz unterſchieden, die Einen wie die Andern ſteif und regunglos, ſichtlich ge⸗ ſpannt auf die Töne horchend, welche mitun⸗ ter in der Weiſe eines lebhaften Geſpräches aus dem Saale, jedoch immer nur von einer Stimme erſchallten, neben deren Klang nur ſelten ein einzelnes gedämpftes Wort eines der Draußenſtehenden ſich vernehmen ließ, als wagten ſie nicht, den Hauch ihres Mundes mit der Luft zu vermiſchen, von jener oft gewalt⸗ ſam genug erſchüttert. Aber auch ein ſolches Wort hörte man nicht von den Zweien, welche der Thür zunächſt ſtanden, menſchliche Unge⸗ thüme, welche die Natur in übler Laune auf die Sandwüſten Achiopiens geworfen, noch ſcheußlicher gemacht durch die Kunſt, welche das Thieriſche ſogar, das jene ihnen allein zu Theil werden laſſen, noch verſtümmelt hatte. — 108— Aus gelblichen Kreiſen ſtarrten die blutrothen Augäpfel ſinnlos oder vielmehr nur von dem Inſtinkt ihrer vierfüßigen Heimatgenoſſen, den Raubthieren der Wüſte, beſeelt hervor, faltig und welk bauſchten die Hängebacken in widri⸗ gen Falten um den bartloſen Mund, der mit⸗ unter dumm lächelte, oder ſich grimmig ver⸗ zog, wenn ſie auf die Todeswerkzeuge blickten, mit welchen ihr Gürtel beſonders reichlich ver⸗ ſehen war, auf einige ſeidene Schnuren be⸗ ſonders, die denſelben zierten, und wiederum die ſtumpfe Fühlloſigkeit andeutend gegen die Verachtung, mit der einige der Anweſenden, gegen den ſcheuen Widerwillen, mit denen die Andern ſie betrachteten, ſich gähnend weit auf⸗ riß, ein dunkler Schlund, von mißfarbigen Zäh⸗ nen eingefaßt, in deſſen Tiefe ſich keine Zunge bewegte. Im Gemache ſelbſt ſaß jener Fremde auf dem Seſſel, welchen früher Zoe Phranza inne gehabt, indeß nicht in gewöhnlicher Stellung, ſondern die Beine auf den Kiſſen des Sche⸗ mels ineinander geſchlagen, auf welcher bie Abyſſinierin ſich an die Kniee ihrer Gebieterin ſchmiegte. Vor ihm ſtand auftecht der Arme⸗ — 109— nier, doch geſenkten Hauptes. Groll und Zern ſprachen aus den Zügen des Erſtern; Ruhe, beinahe Gleichgiltigkeit zeigte ſich auf des Zwei⸗ ten Antlitz; heftig und laut ſprach Jener; ge⸗ laſſen und mit kurzen Worten entgegnete dieſer. Beim Barte des Auserwählten Gottes— rief der, welchen wir uns von nun an einen Caſtilianer zu nennen enthalten— Noch im⸗ mer wälzt ſich der räudige Seehund in den Wogen, und nicht genug, daß ſeine Säumniß meiſt mein Wünſchen vernichtet, gibt er toll⸗ kühn dem Zorne des Gebieters Zeit, ſich an⸗ zuhäufen wie die Blitze in der Wetterwolke, daß ſie ſich auf ſein Haupt zermalmend entlade.— Bedenke, o Herr— ſagte beſänftigend der Altere— die Nacht und den Sturm.— Und wiederum ſagte Jener: Tönet nicht mein Gebot lauter als der Sturmwind, iſt nicht der Wille des Herrn der Sclaven Leuchte im nächtlichen Dunkel? Wahrlich, mein Wort ſoll den Donner ſelbſt übertönen, daß die Un⸗ gläubigen ſich vor ihm entſetzen und die Feuer⸗ flammen meines Gebotes Beide vernichten! Mein Vater iſt heimgegangen und ruhet zu Burſa im grünen Heiligthume; jetzt aber ſteh' — 110— ich an ſeiner Stelle, und nicht wie er werde ich in allzu großer Nachſicht die hohe Würde herabſetzen laſſen, die mir geworden. So wahr meine Seele lebt, die Welt ſoll den Unter⸗ ſchied erkennen zwiſchen Vater und Sohn.— Der Greis entgegnete ehrerbietig, aber mit Nachdruck: Dein Vater, über dem jetzt im Pa⸗ radieſe das Auge Gottes leuchtet, war nicht nur ein gütiger Herr, auch ein tapferer Krie⸗ ger. Laut genug ſprach ſeine Stimme im Orient, und bei Warna traf der Blitz ſeiner Macht den Feind bis zum Tode.— Bei Warna!— wiederholte der Jün⸗ gere verächtlich— Gering iſt der Sieg über einen unmündigen Knaben, und wo er auf⸗ gehört, ſcheint mir kaum der Mühe werth zu beginnen. Durch den Orient, fagſt Du, er⸗ ſcholl ſeine Stimme? Noch iſt daſelbſt ein Ort, wohin ſie nicht gedrungen. Wer nicht Alles gethan, that nichts, und ich kann nicht gleich dem Iskander klagen, daß mein Vater mir nichts übrig gelaſſen. Ehe man mein Gebot nicht vernimmt vom Tigris bis zur Do⸗ nau, von den Küſten Syriens, wo der ſchwache Hatimit den Khalifennamen entwür⸗ — 111— digt, bis zum Ponkus Eurinus, wo ein An⸗ derer ſich blähet in erblindeter Größe, werde ich nicht ruhen, denn der Name beherrſcht die Welt und Einer nur kann Kaiſer ſeyn und Kalif. Dein iſt der Wille, o Herr!— verſetzte der Alte, ſich tief verneigend, aber in miß⸗ muthigem Tone.— Da ſchauete ihn Jener plötzlich ſtreng und forſchend an und ſagte mit feindſeligem Lächeln: Sprich, Lala, ich weiß, Du wa⸗ reſt meinem Vater ein treuer und gewärtiger Diener.— Eine Weile zögerte der Alte, als ahne er in dieſer Frage eine Beſorgniß erregende Zwei⸗ deutigkeit, dann aber ſagte er gefaßt: Das war ich, o Herr, wie jetzt der Deine, ſeitdem Du es biſt.— Und der Andere ſprach wie vorher: Wohl, wohl, ſeitdem ich es bin, ich weiß auch, warum ich ſo ſpät es geworden bin. Doch trage ich Zweifel an Deiner Verſicher⸗ ung.— Ein wenig beſtürzt lautete die Antwort: Und warum zweifeſt Du am Worte des Chalil Tſchenderely?— Dem Diener iſt das Gebot des Herrn 112— ein Geſetz, es mag Großes oder Kleines betreffen, es entſpringe aus feſtem Willen oder aus Begehren, das ſchnell vorübergehet. Das heutige Abenteuer ſchien Dir nicht zu behagen.— Was Du geboteſt, habe ich erfüllt, Herr, der Gedanke bleibt des Menſchen Eigenthum.— Redeſt Du doch als ſei ich noch Dein Schüler und bedürfte Deiner Rathſchläge und Lehren.— Als— ſprach Chalil nicht ohne Würde— Als Dein Ahnherr den Meinen zu dem Amte berief, das ich jetzt bekleide, nannte er ihn Lehrer und Rath; ſo iſt es in beiden Ge⸗ ſchlechtsfolgen geraume Zeit geblieben, und als Dein glorwürdiger Vater mich ſterbend als Deinen Diener hinterließ, ſprach er, dieſer ſei, wie Du mich eben genannt, Dein Lala. So ſage ich denn nein— nicht habe ich gebilligt, was auch das Verhängniß gemißbil⸗ ligt hat, als Deiner, o Herr, nicht wür⸗ dig, ſo wenig als die Geſtalt, in der ich Dich ſehe Sehr verwegen redeſt Du— rief der Ge⸗ bieter, deſſen flammender Blick ein neues Auf⸗ — 131— lodern des Zornes verrieth, aber alsbald ſetzte er ſpottend hinzu: Wie magſt Du denn an mir tadeln, was man am größten Fürſten des Orientes preißt? Wandelte Harun Arreſchid nicht oft unerkannt umher und in Knechtesge⸗ ſtalt?— Geſegnet ſei das Andenken Harun's, er war ein würdiger Herrſcher der Gläubigen, und wenn er ſich ſeiner Hoheit entäußerte, geſchah es zur Ehre des Glaubens und ſeines Reiches Wohlfahrt.— Wohl wird er von den folgenden Geſchlech⸗ tern geprieſen, doch findet man ſein Lob ſelten im Munde der Weſſire; ſein gewöhnlicher Be⸗ gleiter auf ſolchen Wanderungen war Dſchaffer, der Barmekide, und weißt Du, was dem ge⸗ ſchah, Du, mein Dſchaffer?— Es war in dieſen Worten etwas von dem grauſam ſpie⸗ lenden Hohne, mit welchem das Raubthier den ohnmächtigen, zu entrinnen unfähigen Schwachen betrachtet, auch etwas von dumpfem Groll, doch beide gleichſam durch eine andere Empfindung in Schranken gehaltenz ruhig aber gegenredete der Greis: Du haſt Recht, Gebieter, ein dunkler II. 8 — 1— Flecken iſt dieſe That in einem glanzvollen Le⸗ ben, und ein warnend Beiſpiel für treue Räthe, aber auch für den Herrn, welcher in vorübergehender Aufwallung jahrelange Dienſte vergißt.— Immer in demſelben Tone ſagte der An⸗ dere: Für Diener, ja, ein warnend Beiſpiel und eine Lehre, daß Gehorſam allein ihre Pflicht iſt, wortloſer Gehorſam. Sieh, ich halte es für ein Mährchen, was man von Abaſſa ſpricht, der Schweſter Harun's, von Söldnern und Koſtgängern der Barmekiden er⸗ dacht; es hatte wohl der Weſſir in ſeiner Rath⸗ fertigkeit die Ehrfurcht vergeſſen, die dem Herr⸗ ſcher gebührt, auch ſeinen Launen, Chalil, ge⸗ bührt, und ihn traf nur die verdiente Strafe. Was meineſt Du, würde es auch meinen Nachruhm verdunkeln, wenn ich gleichfalls hier⸗ in thäte wie Harun, den man den Gerech⸗ ten benennt?— Unerſchüttert durch ſolche unheilbrohende Rede und mit Würde verſetzte der Alte: Herr, es würde an Dankbaren nicht fehlen, welche wie einſt das Haus der Barmekiden Trauer trügen um das Geſchlecht Dſchendereli, und — 115— die Welt nicht vergeſſen, daß es zweihundert Jahre am Throne Osman's ſtand, wie jenes am Stuhle der Kalifen, ich aber, der ich Dſchaffer⸗Pflichten ererbt, werde auch ſein Schickſal nicht fürchten.— Gleichſam widerwillig milderten dieſe ernſten, wie mit Nachdruck geſprochenen Worte des Jüngern Zorn und er ließ ſich milder ver⸗ nehmen: Du irreſt, Lala, wenn Du meineſt, daß eine Grille allein mich zu dieſem Aben⸗ teuer vermocht, die Stimme des Schickſals war es, welche zu mir ſprach im Geſicht, und ſie hat mich nicht getäuſcht, das Pfand habe ich gefunden, welches ſie mir verhieß, und hat das Ungefähr oder Huſſein⸗Paſcha's Ungeſchick es mir für jetzt entzogen, ſo wird es mir nicht entgehen in einer nahen Zukunft.— So danke ich Gott und ſeinem Stellver⸗ treter, daß es heute geſchehen— ſagte mit Ruhe der Greis Chalil. Fürwahr— rief der Andere, wiederum auf⸗ lodernd— Schwer iſt es, an ſolchem Worte den treuen Diener zu erkennen, der Du Dich zu ſeyn rühmeſt, eher eignen ſie ſich für den, als welchen das Volk Dich benennt, für den 8* — 116— Giaour Ortaghi, den Stiefbruder der Ungläu⸗ bigen.— Nicht um ihretwillen— war die Antwort— freuet es mich, ſondern um der Gläubigen Ehre und Wohlfahrt, und nicht von Gott kommt der Traum, der abführt von beiden. Mag der Sohn Murad's, welchem der Höchſte bei Warna den Arm lieh zur Beſtrafung des Meineides, ihn gegen ſich bewaffnen, den Frieden brechend, den er beſchworen? Mag es mit ſeines Namens Ehre beſtehen, daß ſolches um eines Weibes Willen geſchehe, eines eit⸗ len Traumbildes ſogar?— Chalil Dſchendereli⸗Sade— entgegnete der Gebieter— Du mißbrauchſt meine Nachſicht, Du feileſt an dem Haare, an welchem das Schwert über Deinem Haupte hängt, mit der Schärfe Deiner Zunge. Und doch ſpricht ſie nur vergebliche Worte, denn wiſſe, ehe der Weinſtock Trauben anſetzt für der Griechen gottmißfälliges Getränk, zerſtampfen die Hufe meiner Roſſe ihre Reben. Und der Diener ſagte: Dein iſt der Wille, o Herr, doch ſchonet der Löwe des Schwachen, — 17— und ein Löwe war Murad, Dein preiswür⸗ diger Vater, tapfer und großmüthig zugleich.— Da riß der Ingrimm Jenen auf von ſei⸗ nem Sitze und er rief mit donnernder Stimme: Mag man auch großmüthig ſeyn gegen den argliſtigen, verrätheriſchen Fuchs? Beim Barte des Propheten, ſolchen Rath gibt nur, der ſelbſt zu dieſem Geſchlechte gehört! Wahre Dich, Alter, noch ein Wort dieſer Art, und Du dürfteſt des Barmekiden gedenken! In dieſem Augenblicke ertönte Geräuſch in der Bucht, und das Rufen des Schiffvolkes verkündete das Einlaufen eines Fahrzeuges. Da trat der Fremde, dem zurückgetretenen Greiſe ſtolz den Rücken zudrehend, zum Fen⸗ ſter und ſchauete hinab mit den glänzenden funkelnden Augen des Wolfes, der, ſich ab⸗ wendend von der ſchon gelähmten Beute, ſie auf andere Zeit zu verſparen, der neuen ent⸗ gegenblickt, die ſich darbietet, des Augenblickes Heißhunger zu ſtillen. Gleich darauf erſchien einer von dem drau⸗ ßenſtehenden Gefolge und ſſprach, tief zur Erde geneigt, einige kaum verſtändliche Worte, „ und ein Zeichen, der Bejaung ähnlich, ward ihm zum Beſcheid. Und wiederum wenige Augenblicke darauf erſchien ein Mann in türkiſcher Tracht, mit dem Zeichen eines bedeutenden Ranges, denn zwei Reiherfedern erhoben ſich auf ſeinem Dül⸗ bend, und von geblümtem Silberſtoffe war ſein Kaftan, mit Zobel verbrämt.— Was iſt es an der Lageszeit?— fragte der vor ihm Stehende kurz und kalt den bis zur Erde Geneigten, und mit zitternder Stim⸗ me antwortete dieſer: Eine Stunde nach Son⸗ nenaufgang o Herr.— Darauf ſagte Jener eben ſo gleichgiltig: Du irreſt, Huſſein⸗Paſcha, denn zwei Stunden nach Untergang beſchied Dich mein Gebot.— Der Knieende las in den Augen des Ge⸗ bieters eine unheilverkündende Schrift, und mit ſtammelnder Zunge erwiederte er: Nicht der Mangel meines Eifers iſt ſchuld, ſondern das Unwetter, der widrige Wind; ſo zürne denn nicht dem Diener, ſondern dem Ungemach, welches das Verhängniß ihm beſchieden.— Du haſt Recht, Kapidſchi⸗Baſchi— ließ Jener ſich mit Eiſeskälte vernehmen: Es ſtand — 119— im Buche des Naſſib alſo geſchrieben. Doch wiſſe, nur die Glücklichen liebt Gott und der Prophet Gottes, und ſo hält es auch der Stellvertreter deſſelben, denn die Nähe des Unglücklichen tauget dem Mächtigen nicht, und gleich des Upas Hauch macht ſie den Baum der Größe verwelken. So war denn im Buche des Naſſib mit dem Mißlingen Deiner Fahrt auch Dein Schickſal verzeichnet. Er winkte abermals, und die ſtummen Ungeheuer traten herzu und der Baſchi neigte gehorſam ſein Haupt vorwärts, und des Schick⸗ ſals Spruch war vollbracht. Einen Augenblick ſchauete der, aus deſſen Munde er gegangen, den Todten an, dann aber länger und mit be⸗ deutſamen Lächeln den Chalil Tſchendereli. Unmittelbar darauf ſtürzte eine gewichtige Laſt in einen Teppich gehüllt aus dem Fenſier in das Meer. Beide Reiſende, der Jüngere und de Fr tere, begaben ſich zu Schiffe, und das indeß vereinigte Geſchwader ſegelte nach Norbweſt, wo ſich der Berg Athos in der Fluth ſpiegelt*). *) Siehe Note am Ende des Bandes. — 120— Indeß durchfegelte die Felukke des Großdo⸗ meſticus die wieder hellſchimmernde Fluth, auf welcher ein friſcher Wind der Fahrt günſtig, die noch immer aufſteigende und ſchnell wieder ſchwindende Hügel emporwarf. Laut und kräf⸗ tig ertönte die Stimme des Hauptmanns auf dem Verdecke, thätig und munter erfüllte die Mannſchaft ihre Pflicht, und des Befehlhabers Antlitz ſtrahlte von Heiterkeit wie der Morgen, bei deſſen Erſcheinen der Anblick jenes zahlrei⸗ chen Geſchwaders ihn ahnen ließ, er ſei einer großen Gefahr entronnen. Er fürchtete anfangs, dieſe ſei nicht völlig vorüber, und als die Fahrzeuge hinter ihm ſich vereinigt hatten, machte er ſich darauf gefaßt, verfolgt zu werden und ſetzte alle Segel bei; als aber gegen Mittag die höherſteigende Sonne ihm zeigte, jene Schiffe nähmen ihren Strich mehr nach Weſten, verringerte er die Schnel⸗ ligkeit ſeiner Fahrt, welches ohnehin nothwen⸗ dig ward durch eine gegen das Fahrzeug her⸗ anrauſchende Stromfluth. Da ließ er das Steuer walten und die Ruder, und berief ſeine Leute, nach dem Ge⸗ brauch des Volkes und der Zeit, einen frommen — 121— Dankhymnus anzuſtimmen, an die Panagia gerichtet und Sankt Johannes, den Evangeli⸗ ſten, denn nahe bei Pathmos war die gefähr⸗ liche Inſel gelegen, welche ſie heute früh ver⸗ ließen. Nicht ganz ſo heiter war die Stimmung der Reiſenden; Genia⸗Zoe, noch bewegt von dem, was in dieſer Nacht um ſie her, noch mehr aber durch das, was in ihr ſelbſt vor⸗ gegangen, ſchwankte zwiſchen den ſeltſamen und manchfachen Bildern der Erinnerung und der Freude, die ihr noch unbekannten Fltern zu ſehen, und das Erſte that der Zweiten Ein⸗ trag, ja es war ſogar, als ſage ihr etwas, ſie habe einen Theil von dem Rechte verloren, ſich zu freuen. Theophilos, der junge Kriegesmann, ſtand an den Hauptmaſt gelehnt, mit verſchränkten Armen; der Blick, mit welchem er in das Meer hinaus ſchauete, war nachdenklich, be⸗ ſorgt ſogar, und ein unverkennbarer Mißmuth umflorte die am geſtrigen Abende während des Sturmes ſelbſt ſo helle gebietende Stirn. Seine Rede war kurz, und wenn die Veranlaſſung ihn bewog, ſie an die Jungfrau zu richten, ehrerbietig wohl, aber kalt, zurückhaltend, mit⸗ unter ein wenig bitter ſogar. Das vermehrte Zoe's Unbehaglichkeit, und ſie wendete ſich, um ſolche durch Geſpräch zu verſcheuchen, zu den beiden Mädchen, welche nicht von ihr und aus der obern Kajüte wichen, während ihr übriges Gefolge ſich im untern Raume befand. Aber auch die Beiden ſchienen verſtimmt, eine un⸗ gewöhnliche Betrübniß verdunkelte der Weißen milde Züge, und auf den vollen Lippen der Schwarzen wohnte ſprechender Mißmuth. Als nun die Schiffmannſchaft den Hymnus begann, wendete ſie ſich an den Begleiter mit einiger Scheu, zum Theil durch das erregt, was ſie im Laufe der Nacht an ihm wahrge⸗ nommen, zum Theil auch vielleicht durch ein inneres dunkles Gefühl, gleich dem Bewußt⸗ ſeyn begangenen Unrechts und fragte ihn, was dieſer Geſang bedeute, welchen, wie ihr wohl⸗ bekannt, man anzuſtimmen pflege nach über⸗ ſtandener großer Gefahr. Der verbeugte ſich und antwortete ernſt: Möge ſie immer an Zoe⸗Phranza vorüberge⸗ hen, ſchadlos, wie ich hoffe, daß es geſchehen, doch nicht immer unbemerkt. Reich an Ge⸗ — 123— fahren iſt dieſe Zeit, nicht für den Mann und Krieger allein, auch für Frauen und Jung⸗ frauen, und nur wer ſie erkennt, mag ihr entgehen oder ſie beſiegen. Dem Einen nahet ſie in wilder drohender Geſtalt, in trügeriſcher Verhüllung dem Andern; aber nicht minder ver⸗ derblich iſt die Schlange, wenn ſie in ſanften Windungen ſich naht, im Farbenſpiele ihrer Schuppen, als wenn ſie ſich emporbäumt zum Angriff mit glühenden Augen und offenem, geifernden, züngelnden Rachen. Sehr geheimnißvoll redeſt Du, den man Theophilos nennt— ſagte Genia unbefriedigt und im Tone des Verdruſſes— Nichts habe ich von dem bemerkt, was Du ſagſt, weder eine Schlange, noch überhaupt eine Gefahr. Dich vor derſelben zu beſchützen, geleite ich Dich— war die Antwort— nicht Dir ſie zu erkennen zu geben. Bald habe ich nun mein Amt erfüllt, und Beides mögen fortan die thun, denen es anheimfällt.— Der an Schmeichelei und Unterwürfigkeit gewöhnten Archontide mißfiel des jungen Man⸗ nes trockene Kürze, und ſie ſprach empfindlich, beinahe ſpottend: Was es auch ſei, das Dei⸗ — ner Meinung nach die Schutzbefohlene bedrohe⸗ te, ich gewahrte es nicht, wohl aber, daß Du Dich und ſie ihm entzieheſt durch das, was freilich ein ſicheres Mittel, ich meine die Flucht.— Da blitzte es auf in Theophilos Antlitz und ſein Mund ſchien ſich zu raſcher Gegenrede öff⸗ nen zu wollen, aber nach einigem Beſinnen antwortete er wie zuvor: Vor Allem, Jung⸗ frau, preiſe Du Gott und die Heiligen, daß es ſo gekommen, und vereinige Deinen Dank mit dem Hymnus der Gläubigen, welcher, ich hoffe es, bald bei einer andern Veranlaſſung ertönen wird, als nach glücktich bewerkſtelligter Flucht.— J— ſagte der hinzugekommene Schiff⸗ führer— danke, erlauchte Jungfrau, den ge⸗ benedeieten Patronen dafür, daß ſie dieſem Fahrzeuge des Windes Flügel angelegt und, ohne Ruhm zu melden, in mir zwar einen geringen Mann, aber erfahrenen Piloten zum Führer gegeben, der Gefahr zu entwei⸗ chen, abſonderlich aber, daß ſie während ber⸗ ſelben Dir einen eben ſo weiſen als tapfern Beſchützer zugeſellt in dem—— — 125— Still, Palämon— rief hier Theophilos heftig— ich will nicht, daß Du Deine Rede vollendeſt!— Und ob dieſer mit einiger Ver⸗ wunderung ihn anſah, ſetzte er nicht ohne Bit⸗ terkeit bei: Wozu auch unnöthige Erläuterun⸗ gen? Bald iſt die Reiſe vollbracht und mein Schutz unnöthig, was kümmert es die Enkelin des Athanaſios Phranzes, wer ihr ſolchen ge⸗ währt, da es ſie nicht zu kümmern ſcheint, gegen wen?— Stolz kehrte ſich Genia von ihm ab und ſagte zur Schwarzen, welche ihres Mißmuthes ungeachtet ſich fort und fort ſorgfältig um die Gebieterin beſchäftigte: Wie es mich gemahnt, macht man hier auf meinen Dank Anſpruch, mir verbergend, was ihn verdiente. Sprich denn, welches war die Gefahr, der ich ent⸗ ronnen, damit es nicht heiße, die Enkelin des Athanaſios Phranzes ſei undankbar gegen ge⸗ leiſteten Dienſt?— Die Abyſſinierin nahete den Mund ihrem Ohr und flüſterte nur ihr hörbar: Auf Ge⸗ ringes legt das Gewöhnliche Werth, für un⸗ willkommene Hilfe will der ungebetene Helfer bedankt ſeyn, und das Erzeugniß des Unge⸗ — 26— fährs ſchreibt ihrer Kraft die Schwäche zu gut. Freund ſoll der Eine Dir heißen, der Andere Feind, aber die Zukunft erſt lehrt, welchem dieſer Name gebührt oder der andere. Dank gebührt allein dem Himmel— ließ Leuke ſich laut vernehmen— ſo ſäume denn nicht, Jungfrau, ihm den Deinen zu ſagen, denn wahrlich, mehr als dieſe Alle hat er Dich heute begünſtigt.— Die Jungfrau that aber nicht nach ſolchen Worten, ſie klagte über Erſchöpfung nach der ſchlafloſen Nacht und zog ſich in das ihr an⸗ gewieſene Gemach im Schiffraume zurück, wo auch bald der Schlummer ſie abermals heim⸗ ſuchte, ein Schlummer von wunderlichen ver⸗ worrenen Traumbildern begleitet, gleichſam Schatten eben ſo ſeltſamer wacher Träume zu nennen. Nach nicht gar langer Zeit wurde ſie wie⸗ derum durch ein ungewöhnliches Getöſe geweckt, nicht des Sturmes, obſchon heulend wie er; als ſie die Augen aufſchlug war es heller Him⸗ mel, und vor ihr lagen die Küſten zweier Welttheile, durch einen engen Waſſerpfad ge⸗ ſchieden. —— Und als ſie ſich erhob an der Schwelle der dem Säuglinge unbekannt gebliebenen Heimat, umringte ſie ihr Gefolge und mit dieſem Theo⸗ philos der Krieger, Palämon der Schiff⸗ hauptmann und die beiden Selavinnen, Leuke und Mele, und das Herz Genia's that ſich auf in wohlthätigem Gefühl, wie erfriſcht von der Luft, die ſie beim Eintritt in's Leben um⸗ wehete, und obſchon ſie noch wenige Schritte in demſelben gethan, war es aber doch, als bedürfe ſie einer ſolchen Erfriſchung. Zutrauli⸗ cher als es bisher geſchehen, und mit kindlicher Lebhaftigkeit vorwärs deutend, fragte ſie Theo⸗ philos nach den Gegenſtänden, die ſich in rei⸗ cher Manchfaltigkeit ihrem Auge darboten, in das röthliche Licht des herannahenden Abendes getaucht. Du ſieheſt die Meerenge von Konſtantino⸗ polis vor Dir— war die Antwort— auch Rhoodes geheißen und Phonoides*), rechts ſie⸗ heſt Du auf dem aſiatiſchen Ufer die Stelle, wo einſt Darius Hiſtaſpes die Brücke ſchlagen *) Rhoodes, Fluthendrang; Phonoides, Wogenlärm. — 128— ließ, welche ſeine Heere hinüber nach Europa trug, links das Vorgebirge Hermaeon mit den Ruinen des Hermestempels und des Felſenthro⸗ nes, von welchem der Perſerkönig herab auf den übergang ſchauete. Doch kurz war die Siegesfreude der Aſiaten, griechiſche Tapferkeit vernichtete ihre Scharen, und nicht lange dar⸗ auf rächete zu Perſepolis Alexander den An⸗ griff auf Hellas an einem andern Darius. Der Halbmond, der ſich jetzt übermüthig auf ihren Fluren emporhebt, ward aufgerichtet durch einen Mohammed; ſo Gott will, wird er niedergehen unter dem andern. Es war als habe die Nähe des alten Byzanz die Vaterlandliebe in der Enkelin der Palaeologen geweckt, denn ſie hörte dem Spre⸗ chenden mit Aufmerkſamkeit zu, da flüſterte Mele: Andere Zeiten ſind jetzt, zerſtört iſt der Tempel des Hermes und die Gottheit will fort⸗ an den Byzantinern nicht wohl.— In der Schifferſprache— ſagte Paldmon— gibt man heut zu Tage dieſem Orte noch den Namen, den er in der allerälteſten Zeit ge⸗ führt, des rothen bellenden Hundes.— Und wahrlich— verſetzte Zoe nachdenklich wie — 129— von einer neuerlichen Erinnerung ergriffen: gleicht dieſes Getöſe dem Bellen, aus dem Ra⸗ chen eines rieſigen Hundes hervorbrechend. Doch rechts und links ſehe ich Schlöſſer mit ſeltſam geſtalteten himmelanſtrebenden Thürmen, ſprich, ſind ſie auch ein Werk alter Zeit und Denk⸗ mäler des vaterländiſchen Ruhmes?— Keins von beiden— rief Theophilos er⸗ röthend wie vor Scham und bitter: Der neuern Zeit gehören ſie an, und nicht Denk⸗ mäler unſers Ruhmes ſind ſie, ſondern Wahr⸗ zeichen, daß er vergangen, Mahnungzeichen, ihn zu erheben von ſeinem ſchmählichen Falle. Güſolhiſſar heißt die Barbarenburg am aſiati⸗ ſchen Geſtade, von Bajeſid erbaut. Moham⸗ med, der jetzt an der Spitze der Feinde Got⸗ tes ſtehet, gründete die andere auf dem Vor⸗ gebirge des Hermes, Boghat Keten iſt ſein Name, und ſie ſind es, die— Einer in dieſer Nacht, in Deinem Beiſeyn und dem meinen das Halsband des Hundes genannt.— Darauf fügte Palämon hinzu: übler noch lautet der Name, der„Schlundabſchneider“ be⸗ deutet, denn Du mußt wiſſen, Herrin, daß die Mündung des thraziſchen Bosporos nach II. 9 dem Archipelagas zu der Schlund genannt wird, die entgegengeſetzte aber der Mund.— Das Fahrzeug war jetzt eingelaufen in die hallende Meerenge und ſegelte langſam der Strömung entgegen, am Fuße des Vorgebir⸗ ges und unter den Mauern des europäiſchen Schloßes dahin. Die wunderliche Bauart deſſel⸗ ben reizte die Neugier der jungen Reiſenden, und ihre Frage erhielt von Theophilos den Beſcheid: Den Namen des Lügenpropheten und ſeines wür⸗ digen Nachfolgers bildet dieß Gebäu, deſſen An⸗ fangbuchſtaben vielmehr, ein arabiſches„M“. Wo ſeine Züge ineinanderſchließen, erheben ſich die drei Thürme, von dreien Weſſiren erbaut, der mittelſte und höchſte von dem erſten derſelben, Chalil Tſchendereli iſt ſein Name— ſetzte er mit Nachdruck hinzu, dann aber fuhr er ſchnell ab⸗ ſenkend fort: Drei Monden dauerte der Bau der Thürme und Mauern, vöſchon die erſten drei⸗ ßig Fuß meſſen, fünfundzwanzig die andern. — Und wie weit iſt es noch bis Byzanz?— fragte Zoe.— Wenige Stadien nur— ver⸗ ſetzte der Kriegsmann finſter: wenige Stun⸗ den nur vom Hauptſitze der Chriſtenheit ſtol⸗ zirt das Bollwerk des Islam.— Da fragte Genia mit ſchneidendem Tone: Und niemand fand ſich in der Stadt der Au⸗ guſte, kein würdiger Nachkömmling der alten Hellenen, der ſolch ſchmachvollen Denkmales Errichtung verhinderte, und ſo müſſig ſchauete man zu und mit in einandergelegten Hän⸗ den, daß ſolch ungeheuere Maſſe im kurzen Zeitraume von dreien Monden empor ſtieg? Ihr möget meinen, Kriegshauptmann meines kaiſerlichen Ohms, daß es einer Jungfrau meines Aters nicht zieme, über ſolche Dinge ein Urtheil zu fällen; doch iſt es einmal die Art meines Geſchlechtes, die Stärke auch im übermaße der Willkür höher zu achten als der Schwachen Nachgiebigkeit, und ich be⸗ dauere den Konſtantinos Dragoſes— fuhr ſie beinahe geringſchätzig fort: daß Diener ſeinen Thron umringen und Krieger in den Reihen ſeines Heeres ſtehen, welche in ihrer Fahrläſ⸗ ſigkeit das herabwürdigen, was ſie ein altes geheiligtes Recht nennen, es aber mehr mit Worten vertheidigen als durch die That.— Das tiefe Roth auf Theophilos Wangen wich hier plötzlich der Farbe des Schnees, er wandte ſich raſch wie erfaßt von einer bittern 9* — 132— Empfindung, und ſehr bitter mußte ſie ſeyn, denn er ſchlug die Hände vor das Geſicht und blieb abſeit ſtehen und nahm forthin keinen Antheil am Geſpräch.— Durchlauchtigſte 30e— nahm das Wort der Schiffhauptmann, in deſſen Blick auf den jungen Krieger gerichtet, ſich Bedauern und Verlegenheit ausſprach, und dann wieder, als er auf die Herrin fiel, Unmuth, nur durch die ſchuldige Ehrerbietung in Schranken gehalten — Durchlauchtigſte Zoe— ſprach er mit Wär⸗ me und der Offenheit eines alten Seemannes: Wenn ich ſchon nicht zweifle und bereits mich überzeugt habe, daß treffliche Geiſtesgaben auf Dich übergegangen ſind als das Erbtheil Dei⸗ nes erlauchten Geſchlechts, ſo wolle doch einem alten Diener deſſelben verzeihen, wenn es ihn einigermaßen befremdet, Dich jetzt ſo ganz an⸗ ders urtheilen zu hören, als es noch vor we⸗ nigen Stunden geſchehen. Ich hörte Dich ſa⸗ gen der Klugheit zieme es, den Gewaltigen nicht zu reizen, und wo des Streites Aus⸗ gang zu fürchten, es weiſe ſei, ihn zu ver⸗ meiden und allmählig das ruhende Schwert mit der Palme des Friedens zu umwinden. So oder Thnliches ſprachſt Du aus, als die Meinung eines der Weiſen im Volke Deines ehrwürdigen Ahns, des erlauchten Athanaſios Phranzes.— Da warf die Jungfrau einen Blick in ſich ſelbſt und gewahrte vielleicht zum erſten Mal das Schwanken ihrer Gefühle und Meinungen, welches ihr doch von Kindheit auf beigewohnt hatte; daß aber ſolche Wahrnehmung ihr durch Einen ward, der in den Augen der ſtolzen Archontide nur ein geringer Mann war, ver⸗ letzte ſie und ſie erwiederte halb beſchämt, halb zornig: Alſo war meines Großvaters Meinung; die meinige aber iſt, nur Standhafligkeit ziere den Mann und erwerbe die Achtung des Geg⸗ ners, der Kleinmuth aber die Knechtſchaft.— Palämon gewahrte dieſer Worte beſänftig⸗ enden Einfluß auf den, welchen er immer noch ſeitwärts im Auge hielt, und antwortete ge⸗ fäliger: Solcher, die eben ſo denken, wird die alleredelſte Verwandte des Kaiſerheſchhchtes nicht Wenige am Throne ihres erhabenen Oheims finden. Mit Unrecht machſt Du den byzantiniſchen Kriegern den Vorwurf des Klein⸗ muthes, am— hier dämpfte er ſeine Stimme — 134— — am allerungerechteſten dem, an welchen Du ihn gerichtet. Laut rief die Stimme edler Ju⸗ gend zu den Waffen, doch nicht den Ruf des Muthes allein darf der Herrſcher vernehmen, auch die Stimme der Weisheit, der Nothwen⸗ digkeit Dolmetſcherin. Ihr gehorchte, als der Weg gütlichen Vergleiches noch ein Mal ver⸗ ſucht ward, Cäſar Auguſtus ſelbſt und ſeine Archonten“), unter ihnen Einer, Dein Vater, Ariſtobulos welcher, wie das geſammte Reich es erkennt, dieſen Namen mit Recht trägt**). Milder geſtimmt und aufmerkſam gemacht durch das Lob ihres Vaters, fragte Genia: Und welches war der Beſchluß Auguſtus und der Archonten? Du richteſt eine Frage an mich— entgeg⸗ nete der Schiffer, als ſehne er ſich, ſein Herz wenigſtens zum Theil von etwas zu erleichtern, was es bedrückte: Eine Frage, welche ein An⸗ Archonten; dieſen ehemaligen Namen der Oberrichter zu Athen führten in den ſpätern Zeiten des griechiſchen Reiches die vornehmſten Beamten deſſelben und Räthe des Kaiſers; Pairs, nach dem heutigen Ausdruck, und Miniſter. **) Ariſtobulos, der das Beßte will. — 135— derer als ich zu beantworten geeigneter und würdiget wäre. Dech Du haſt ihm Still⸗ ſchweigen auferlegt, ſo vernimm denn, was Dit ein einfacher Mann ſagen kann, der we⸗ niger die Führung des Staatsſchiffes verſteht, als die Fahrzeuge ſeines Herrn wohlbehalten an den Ort ihrer Beſtimmung und wieder zu⸗ rückzubringen, wie es mir auch jett, der Pa⸗ nagia ſei Dank, gelungen, denn von der Landſpitze von Epibaton, die wir eben umſe⸗ gelt, gehört die Küſte linker Hand zum kon⸗ ſtantinopolitaniſchen Reiche. Es ging, als der Bau des Schlundabſchneiders begonnen, eine Geſandtſchaft nach Kallipolis, wo der Osma⸗ nen Sultan ſich damals befand, bittend, ſolch Werk einzuſtellen, nicht trotzend auf das Recht der Völker und Staaten, nur bittend, ſage ich, und Löſegeld bietend für das bedrohete Geſtade. Sie erſchien vor dem Padiſchah, doch er empfing ſie mit ergrimmtem Antlitz und alſo war ſein Beſcheid: Sein Vater, als er, der Geiſt des Lü⸗ genpropheten ſprach, wie allgemein bekannt, Lüge aus ſeines Nachfolgers Munde, von Deinem allerdurchlauchtigſten Großvater Ma⸗ nuel Palaeologos im Kriege gegen die Ungarn — 15 am übergange aus Aſien hinterliſtig gehindert, habe den Bau des Schloßes geſchworen, und ſeinem Sohne liege es ob, ſolchen Eid zu er⸗ füllen. Derſelbe Sohn aber, jetzt mit Mo⸗ hammed's Schwerte umgürtet, und Moham⸗ med ſelber geheißen, ſei, alſo ſollten ſie dem Auguſtus berichten, ein ganz Anderer noch als Murad, ſein Vorgänger und Vater; was dieſer gewollt, führe er aus, was er nicht ge⸗ wollt, wolle der Sohn, und mit ihm ſei die Kraft und die Macht, alſo, daß nichts ihn hindere, am wenigſten ein Schloß zu bauen auf ſeinem eigenen Boden, und wer darum komme, ſei er auch abgeordnet vom Kaiſer, der thue es auf Gefahr ſeiner Haut.— Wohl regte ſich das Gefühl der griechiſchen Fürſtentochter, aber ihr Blick fiel auf die ſpöt⸗ tiſch lächelnde Mele, und auch beinahe ſpöttiſch fragte ſie: Und ſolch ſchmählichen Beſcheid ver⸗ nahm man ruhig in Byzanz und fuhr fort in den Streitigkeiten um das geſäuerte und unge⸗ ſäuerte Brod, wovon mir mein Großvater mehrmals erzählt, und überhörte die Stimme des Vaterlandes und der Ehre?— Der fernſtehende Theophilos zuckte heftig — 137— zuſammen, aber Palämon, in Verlegenheit ge⸗ ſetzt durch eine Bemerkung, die, obſchon na⸗ türlich genug, doch im Munde einer jungen chriſtlichen Archontide ſeltſam gelautet haben würde, wäre ſie nicht der Zögling des wunder⸗ lichen Greiſes von Antiparos geweſen, ant⸗ wortete ſtockend: Fragſt Du mich, hohe Herrin, wie ich gethan haben möchte, ſo würde ich Dir ſagen, ich leide auf meinem Bord kein fremdes Wort noch Gebot, und ſo ihn einer gewaltſam be⸗ träte, würde ich mich wehren, wie ich kann, und ſo ich überwunden, ſprengte, eine Lunte in die Pulverkammer geworfen, den Sieger und den Beſiegten mit eins in die Luft.— Du biſt ein wackerer Mann, Palämon— ſagte die Jungfrau— nur zu beklagen iſt es, daß ſolcher Meinung nicht Alle ſind, die ſich in Rang und Würden, auch in Tapferkeit vielleicht hoch über Dich ſtellen.— Da ſei Gott vor— rief der Schiffer, wie abſichtlich die Stimme erhebend: daß ich allein ſo dächte, und nicht viele Höhere als ich. Es iſt jedoch ein anderes um einen Auguſtus als um einen Schiffhauptmann, und ein tauſend⸗ jährig Reich iſt keine Felukke, an deren Statt man wohl in wenig Tagen eine neue erbaut. Da nun der Bau des gottverhaßten Schloſ⸗ ſes vor ſich ging, kamen abermals Geſandte zum Mohammed, ihn zu bitten, daß man der Dörfer am Bosporos ſchone und ihre Saat nicht verwüſte, und reiche Geſchenke führte ſie mit; doch war der Beſcheid nicht erfolgt, als mir der Befehl und die Ehre ward, Dich, Herrin, in die Arme des Großdomeſticus zu führen.— Der treuherzige Seemann meinte nicht an⸗ ders, als ſolche Darſtellung müſſe die Tochter eines der erſten Archonten im oſtrömiſchen Reiche, des allgemein geehrten Ariſtobulos Phranzes, die dem kaiſerlichen Geſchlechte nahe Befreundete mit Schmerz und mit Haß gegen die Barbaren erfüllen, aber ſchon war, wie der Schreiber der Legende meint, ihr Sinn durch eine mächtigere geiſtige Kraft, als ſie dem guten Palämon zugetheilt war, allzu weit von der Bahn des Rechten abgeführt worden, und zu ſeinem Erſtaunen entgegnete die Jungfrau ge⸗ ringſchäbig und ſchnöde: Und auf welchen Be⸗ ſcheid hofft man zu Konſtantinopolis? Ich meine, er wird rauher ſeyn als der erſte. Wer — 139— den Nacken knechtiſch beut, ladet den Fuß ein, daß er ihn trete. Ich ſelbſt, obſchon ich ein Mägdlein bin, fühle, wenn mir aller Wille geſchieht, möchte ich gar mancherlei wollen, und wüßte, wenn es ſo fortginge, deſſelben kein Ende.— Da ergriff den ehrlichen Hauptmann ein unheimlich Gefühl, von dem er ſich nicht ſo deutlich Rechenſchaft geben konnte, und noch unheimlicher ward es, als er in Mele's, der Schwarzen, funkelnde Augen ſah, und auf ihren lachenden, die glänzenden Zähne weiſen⸗ den Mund; er trat betrübt zurück und wollte ſich der Weißen nähern, die aber ſtand reg⸗ unglos vor ſich hinſchauend, ſo daß ſie mehr einer marmornen Bildſäule glich, als einem lebenden Weſen, und es kam ihm wiederum eine Scheu an, doch anderer Art, und er ging auf dem Verdeck entlang, ſeine fernern Befehle zu geben. Die Landſpitze von Epibaton lag im Rücken des Fahrzeuges, und der des Bosporos kun⸗ dige Schiffer ließ es der ruhigen Strömung — 140— wegen, hart am europäiſchen Ufer hingleiten, von welchem aus kein Angriff mehr zu be⸗ fürchten war, denn wie der Leſer weiß, befand ſich hier die ſehr beſchränkte Grenze des ehe⸗ mals ſo gewaltigen oſtrömiſchen Reiches, und noch beſtand der Friede zwiſchen dem Purpur⸗ palaſte und der osmaniſchen Pforte. Leicht ging der Schiffmannſchaft ihr Werk von der Hand, unter muntern Geſängen, mit der ſie im voraus den nahen Hafen der Hei⸗ mat begrüßte, und der immer noch wehende Südwind ſchien einverſtanden mit ihren Wün⸗ ſchen, die Segel blähend und die Felukke kräf⸗ tig der Fluth entgegentreibend, die ſich durch den Helleſpont aus dem ſchwarzen Meere in das ioniſche drängt, die immer mehr ſinkende Sonne beleuchtete verſchönernd und wie liebend die herrlichſte aller Landſchaften, und aus der⸗ felben klangen die Lieder der Schnitter herüber, denn man befand ſich im Juniusmonate des eintauſend vierhundert und zweiundfunfzigſten Jahres nach des Erlöſers Geburt; auf dem gegenüber liegenden Geſtade Aſiens aber hatte vor kurzem das achthundert ſechsundfunfzigſte Jahr der Hedſchra begonnen. So heiter nun auch die lebloſe Umgebung war, ſelbſt ein Theil der Lebendigen, die ſich auf dem Schiffe befanden, ſo wich dennoch die unter den vornehmſten Perſonen eingetretene Verſtimmung nicht dem erfreuenden Eindrucke. Genia⸗Zoe, mit ſich ſelbſt uneins, ein wenig früh für ihr Alter, überließ ſich dem Schmol⸗ len, welches jedoch durch der dicht an ſie ſich drängenden Schwarzen demüthig trauliches Ko⸗ ſen in eine minder geſpannte, ja wohlthuende Stimmung überging, von der ſeit der vergan⸗ genen Nacht wortkargen Leuke auch nicht ein Mal geſtört; Palämon zerſtreuete ſeinen Ver⸗ druß durch die Erfüllung ſeiner Obliegenheit, und Theophilos ſtand immer noch am Maſt⸗ baume, doch mitunter nordwärts ſchauend, als erſehne er das Ende einer Reiſe, die eine Er⸗ wartung, welche es auch ſei, getäuſcht ben ſchien. Da rief plötzlich ein mit dem Tauwerke be⸗ ſchäftigter Matroſe von oben herab, er ſähe in der Richtung von Epibaton einen Glanz aufgehen, ſtärker als das Abendroth und als käme er von einer Feuersbrunſt her, und gleich darauf erſcholl aus der Ferne ein Getöſe, dem — 142 Schlachtrufe gleich, mit Wehklagen unter⸗ miſcht. Die Mannſchaft drängte ſich zuſammen auf dem Verdecke, denn alſo bedenklich war die Zeit, daß man ſolche Wahrnehmung irgend einem Unfalle nicht gewöhnlicher Art zuſchrei⸗ ben konnte, und da das Fortrücken des Schif⸗ fes geſtattete, an einer niedrigern Stelle weiter in das Land zu ſehen, gewahrten Alle den röthlichen flackernden Schimmer, ſich wohl aus⸗ zeichnend von der Röthe im Weſten, und bald ſich über dieſelbe hinaus erhebend gegen die dunkeln Wolken, die ſie beſäumten, und Alle überzeugten ſich, das Dorf Epibaton ſtehe in Flammen. Auch blieb ſofort kein Zweifel mehr über die Urſache dieſer Erſcheinung, denn ſie unterſchieden in dem Getöſe deutlich den Ruf: Allah, Allah akbar! und dann wieder: Kyrie Elelſon!—*) *) Allah akbar, Gott iſt groß, der Osmanen ge⸗ bräuchlich Feldgeſchrei. Da die Litanei in den meiſten Kirchen abgeſchafft iſt, dürfte es nicht ganz uſhöthig ſeyn, zu ſagen, daß Kyrie Elesſon in griechiſcher Sprache„Herr, er⸗ — 143— Palämon, der Schiffhauptmann, war nicht wenig geneigt, mit Beiſetzung aller Segel dem gefährlichen Orte zu entkommen, denn ihn drängte es, in die Hände des Großdomeſticus das anvertraute Pfand abzuliefern, deſſen über⸗ nahme auf Antiparos ſchon ſo ſehr verzögert worden, und deſſen Heimführung, wie ihm keinesweges entgangen, auf dem Inſelſchloße bedeutende Gefahr gelaufen; aber Theophilos gebot ihm, beizulegen in einer kleinen Bucht, und als er einige ermahnende Worte flüſterte, auf die Jungfrau deutend, die, um das Schau⸗ ſpiel zu betrachten, aus ihrem Gemache her⸗ vorgetreten war, wiederholte Jener den Befehl in einer Weiſe, welche keinen Widerſpruch litt. War es die manchfache aufregende Sce⸗ nerei der jüngſt vergangenen Tage, welche barme Dich unſer!“ bedeutet. unſtreitig haben Auftritte wie dieſer und andere in den letzten Zeiten des griechiſchen Reiches die Aufnahme dieſes Nothrufes im genannten Kirchengeſange veranlaßt, welcher„der Türkes grauſamen Mord“ erwähnt, und welchem rſt die Refor⸗ mation„den Pabſt“ beigeſellte. — 144— Zoe's Muth gehoben, ſie fühlte weniger das ihrem Alter und Geſchlechte eigenthümliche Ban⸗ gen bei ſo wildem Kriegesſchauſpiel, als Neu⸗ gier, oder vielmehr eine Art Spannung, und nhht unwillkommen war ihr der Aufſchub; Mele aber doch ſonſt, wie der Leſer bemerkt haben wird, beherzter Natur und mit Außer⸗ gewöhnlichem ziemlich befreundet, ſchien von Furcht ergriffen, ſie drang auf Fortſetzung der Fahrt und meinte, unverantwortlich ſei es, um eines ihnen ganz fremden Ereignißes wil⸗ len die Sicherheit der Herrin zu gefährden. Leuke hingegen, die ſanfte Leuke, welche nim⸗ mer Gefallen findend an wilder zerſtörender Leidenſchaft, bis jetzt jeder Ausbruch einer ſol⸗ chen mit Schmerz und Wehmuth erfüllte, lobte Theophilos Abſicht und ſchaute mit hellem, be⸗ geiſterten Blicke auf das ferne Gewühl und die Flammen. Näher kam das erſte; fliehende Weiber wa⸗ ren es, Greiſe und Kinder, die gegen das Ufer rannten, und als ſie das Fahrzeug erblickten und an ſeiner Bauart und Flagge erkannten, es ſei mit Griechen bemannt, hoben ſie die Hände flehend empor und ſchrieen um Beiſtand gegen der Osmanen überfall, grauſame Verheerung und Mordbrand*). Da rief den Verzagenden, Hoffenden Theo⸗ philos plötzlich mit heller Stimme zu: Ghriſtos Kyrios und Griechenland!— und bedeut den Schiffmeiſter nur mit einer Bewegung der Hand, daß er lande, und Mele ſchrie auf, ſolch Wagniß ſei unzeitig und unnütz, und bat die Herrin, es zu verbieten; der aber ge⸗ fiel der Konſtantinopolitaner in ſeiner krieger⸗ *) Die Geſandtſchaft Konſtantin's an Mohammed war zum zweiten Mal erfolglos geblieben. Der Sohn des Weſſir Jsſendyer⸗Paſcha und einer Schweſter des Padiſchah(Großſultans) ſette von dem gegenüberliegenden Adramyton nach Epibaton über und verwüſtete deſſen Gärten und Saatfelder. Ein türkiſcher Stallknecht ſchlug bei dieſer Gelegenheit einen Griechen, und es kam zum Gefecht, in dem von beiden Seiten Einige blieben. Als darüber dem Kiaja⸗Beg (Miniſter des Innern) Bericht geſchah, befahl ihm Mohammed, zur Vergeltung die Einwohner von Epibaton in Stücke zu hauen. Die Schar überfiel die Schnitter des Ortes auf dem Felde, und ſo begann der letzte byzantiniſche Krieg im Junius 1453. IM. 10 iſchen Hitze mehr als ſie, und der Schwarzen oft einflußreiche Mahnung blieb unbefolgt; aber Leuke ſagte mit ſilbern und laut tönender Stimme: Auf, tapferer Krieger, dem Streiter für Gott und die Chriſtenheit entgehet nimmer der Siegerkranz! Und Theophilos gebot dem zaudernden Palämon mit donnernden Worten des Herrſchers, daß er nach ſeinem Willen thue, und er that alſo. Es war aber, als rege ſich in Theophilos Bruſt noch etwas An⸗ deres als Muth und Vaterlandliebe; er warf einen deutungvollen, ſogar ſtolzen Blick auf die Jungfrau, und als er mit ſeinen bewaff⸗ neten Gefährten das Ufer hinanſprang, hörte man ihn ſagen: Nicht alle Oſtrömer beugen den Nacken, daß man ihn trete, und beſſer iſt es, mit Würde zu fallen, als unwürdig mit gebogenen Knieen zu ſtehen, ein Gegen⸗ ſtand der Verachtung deſſen, den man ver⸗ achtet!— Noch herrſchte er dem Schiffer zu, bis er Nachricht ſende, in der Bucht vor Anker zu bleiben, denn alſo befehle er es kraft ſeiner Würde und Gewalt, und gleich darauf ver⸗ ſchwand er und ſeine Begleiter, dem Dorfe Epibaton zueilend, gefolgt von den Segens⸗ wünſchen ſeiner flüchtigen Bewohner, aus den Augen derer, die ihm vom Schiffe aus, wahr⸗ ſcheinlich mit höchſt verſchiedenen Empfindunger nachſahen. Was den bejahrten Palämon anlangt, ſchien die ſeinige nicht zu den erfreulichſten zu gehören, mit einiger Verdroſſenheit machte er Anſtalt zu längerm Verweilen am Ankerplatze, und konnte ſich trotz ſeiner Ergebenheit gegen das Haus der Phranzes nicht enthalten, hin und wieder einen vorwurfvollen Blick auf die Tochter deſſelben zu werfen, während er die Vorkehrungen traf, die das raſche Umſetzen des Windes in Nordweſt nothwendig machte, ein Umſtand, der ſeinen Mißmuth noch erhöhete, ihre Fahrt nach der Hauptſtadt mit weiterer Verzögerung bedrohend. Gleichwie an der Windroſe hatte ſich auch in Genia⸗Irenens Gemüth eine Veränderung erzeugt, vielleicht durch das mannhafte und gebieteriſche Weſen des Kriegsmannes, denn Mannhaftigkeit und entſchloſſenes Thun hat Beifall bei den Frauen; es gemahnte ſis, als habe ſie ihm Unrecht gethan, als habe ſie 10* 6— ihren Landsleuten überhaupt etwas abzubie⸗ ten; ſie wendete ſich daher mit der Freund⸗ lichkeit, die ihrem jugendlichen Antlitze ſo wohl ſtand, an den Hauptmann, ihn fragend Warum ſo unmuthig, wackerer Palämon? Iſt doch unſers tapfern Begleiters Vorhaben ein löbliches, und Pflicht des Kriegsmannes, Bedrängten Beiſtand zu leiſten.— Ferne ſei es von mir, zu tadeln, was er thut: war die Antwort— und in jeglichem andern Falle würde ich es preiſen; aber dem untergeordneten Manne, dem Diener Deiner erlauchten Altern geziemet es vor allererſt, ſeiner eigenen Verantwortlichkeit zu gedenken, die den Ho⸗ hen nicht, ſondern gemeiniglich den Niedern trifft. Nur eine Nacht— fuhr er in ſeinem Grolle fort— gedachte ich auf der Rückteiſe zuzubringen; Dein Zögern, Alleredelſte, auf Antiparos hat dieſe Abſicht vereitelt, und ge⸗ gen dieſelbe mich gezwungen, auf jener Inſel zu landen, wo wir, wenn mich nicht Alles trügt, nicht gar zu wohlbehalten waren. Unb jetzt zum zweiten Mal findet ein Aufſchub ſtatt; wer weiß, auch ohne eines größern Un⸗ heils zu gedenken, wann der wieder erſcheint, — 149— den Du an das Land geſendet, denn ſchnell fährt ſein Schwert aus der Scheide, langſam aber kehret es zurück.— Ich ihn geſendet? fragte Genia mit dem ſchwankenden Tone des Schuldbewußtſeyns, das den Stolz der Ar⸗ chontentochter in dieſem Augenblicke überwog. Der ereiferte Seemann aber überhörte das leiſe Wort und ſetzte hinzu: Und zur Strafe meiner Sünden ſetzt ſich der Wind um, un⸗ beſtändig, mir wolle verzeihen, wie Weiber⸗ laune, und im beßten Falle erreichen wir Kon⸗ ſtantinopolis erſt gegen Morgen, und Dein erlauchter Vater und die im Purpur geborene Mutter verbringen die Nacht in Unruhe und Beſorgniß, bei jetzigen Zeitläufen wahrhaftig nicht grundlos, und wenn wir angelangt, trifft ihr Unwille nicht die edle Irene Phranza, auch ſonſt niemand, denn alleinig den alten Palä⸗ mon, welcher dieſer Fahrt gedenken wird, ſo lange er lebt.— Trotz des früher Erwähnten konnte ſich die Jungfrau nicht enthalten, ein wenig über den Eifer des bejahrten Mannes zu lächeln, der ſeine ſteife Ehrerbietung gewältigend, die Rau⸗ heit ſeines Gewerbes an den Tag gebracht — 150— hatte; Mele aber ſprach: Mit Recht ſagſt Du, ehrbarer Hauptmann, daß Deine Ver⸗ antwortlichkeit groß iſt, doch magſt Du ſie be⸗ ſeitigen, wie auch Dein gerechtes Befürchten. Nicht wohlgethan wäre es, die Tochter des Herrn einer Gefahr auszuſetzen und die Pflicht zu vernachläßigen um Jenes willen, der, die Anvertrauete verlaſſend und unnützen Aben⸗ teuern nachjagend, die ſeine hintanſetzt. Lichte demnach ſchleunig die Anker, dieſem gefähr⸗ lichen Orte zu entrinnen, er findet den Weg wohl zu Lande nach der unfernen Stadt, falls ſein Schwert ſo wacker iſt als ſeine Worte. Da röthete ſich des Schiffers Geſicht, er ſah mit zornigen Augen auf die Abyſſinierin und verſetzte: Wohl empfange ich an meinem Borde Befehle und Weiſungen von der Toch⸗ ter meines Herrn, oder wer ſonſt ein Recht hat, ſie zu geben; von Niemand Anderm je⸗ doch, am wenigſten von einer heidniſchen Mohrin und Magd. Wiſſe denn, Du ruß⸗ farbene Schöne, wäreſt Du an das Ufer ge⸗ ſtiegen oder gar in die Meerenge gefallen, ſo thäte ich wie Du ſagſt, unbekümmert, ob Du den Weg fändeſt zu Waſſer oder zu Lande. — 151— Ja, aufrichtig geſagt, es würde mich nicht wenig erfreuen, denn wie ein alter Seemann ſo ſeinen Glauben zu haben pflegt, iſt der meine; Du bringſt unſerer Fahrt wenig Glück. Ein Anderes iſt es mit dem, von welchem Du redeſt, und ein gewaltiger Unterſchied zwiſchen ihm und Dir, auch werde ich ſein Gebot er⸗ füllen und, obſchon ungern, ſeiner warten oder der Nachricht von ihm, es geſchehe auch, was da wolle. Bin ich doch außer Schuld.— Irene verwarf mit Unwillen den Vorſchlag ihrer Vertrauten, aber da ihre Neugier durch des Schiffers letzte Worte noch mehr gereizt war, ſagte ſie zu ihm: Wenn ſolcher Aufſchub Dir ſo zuwider, warum wehrteſt Du dem Stator nicht, biſt Du doch Hauptmann des Schif⸗ fes?— Palämon antwortete nach einigem Beſin⸗ nen: Der Stator gehört nicht zur Mann⸗ ſchaft deſſelben und ſtehet mithin nicht unter meinem Befehl.—— Noch geſpannter fragte abermals die Jungfrau: So führt er wohl einen edlen Namen? Nenne mir ihn, damit ich wiſſe, wem ich zu danken habe, nicht für ſein Geleit allein, ſondern auch dafür, daß — 152— er, der erſte konſtantinopolitaniſche Krieger, den ich ſah, mir eine gute Meinung von ſeinen Mitbrüdern gewährt. Auch dafür, daß er mich um ſolcher Urſache wegen verlaſſen, will ich ihm danken, wenn er, wie Gott wolle, unverletzt wiederkehrt. Wozu— flüſterte Mele: Wozu dient es der erlauchten Jungfrau, den Namen deſſen zu wiſſen, der nach ihrer Ankunft in der Hauptſtadt ſich zweifelsohne unbeachtet und vergeſſen unter der Zahl ihrer Diener verliert? Eine tüchtige Reiterzehrung und ein gnä⸗ diges Lächeln Deines Vaters belohnen den Kriegesknecht hinlänglich für ſein Geleit und für ſein abenteuerlich Wagſtück.— So leiſe die Schwarze auch geredet, hatte ſie der Hauptmann doch vernommen, und plöblich brach es aus, gleich einem, der in der Aufregung die läſtige Feſſel eines lange und ungern beobachteten Verſchweigens von ſich wirft: Mit Vergunſt, alleredelſte Herrin, Du biſt zwar eine Jungfrau aus hohem Geſchlecht, dennoch aber vermagſt Du dem, von welchem wir ſprechen, keinen Lohn zu ertheilen, we⸗ — 153— nigſtens— ſetzte er nicht ohne Bedeutung hinzu— wenigſtens nicht einen ſolchen, wie er für einen Abenteuerer ſich eignet. Dein ruhm⸗ würdiger Vater, wenngleich einer der Erſten in Griechenland, lächelt dem Theophilos Pa⸗ laeologos wohl zu, aber nicht mit dem Lächeln der Gnade.— Theophilos Palaeologos?— rief Irene über⸗ raſcht— und der Alte verſetzte: So iſt es, Gebieterin, der, deſſen dem geſammten Reiche theures Leben in dieſem Augenblicke in Gefahr ſteht, die Laſt meiner Verantwortlichkeit meh⸗ rend, iſt der Authentopulos Theophilos Pa⸗ laeologos, der Neffe des Auguſtus, Deſpot erſt von Sparta, nun von Meſembrya, und ſeine Perſon iſt mir ſo heilig als ſein Befehl; wird doch dem Letzten dereinſt das ganze Reich gehorſamen, denn ſein Hoffen und wie man ſpricht, auch des Auguſtus Wunſch, nennt ihn den Erben des kaiſerlichen Diadems.— Seltſam ergriffen achtete die Tochter des Großdomeſtikos nicht auf ein ſonderbares Lächeln, welches um die Lippen der Schwarzen zuckte, und ſprach nach einigem Sinnen zu Palämon gewendet: Der Erbe des Thrones, ſagſt Du? — 154— Zwar iſt mir bekannt, daß meines erhabenen Oheims Purpurbett ſich keines Sohnes erfreuet, aber viele Brüder hat, wie ich weiß, Kon⸗ ſtantinos Auguſtus.— Das Vergnügen, das der wackere Schiffer über die Aufmerkſamkeit empfand, trieb ihn, zu ergänzen, was eine zornige Aufwallung ihm entlockt hatte, und nachdem er ſich ein wenig geräuſpert, begann er: Allzu große Wiſſenſchaft von dem, was am Hofe ſich be⸗ geben, darfſt Du, alleredelſte Archontide, bei einem Manne meines Schlages nicht vor⸗ ausſetzen, doch was ich erfahren, theils bei denen Landungen in verſchiedenen Häfen, theils im Palaſte meines großgünſtigen Patrons, theils auch durch die tauſend Zungen des Ge⸗ rüchtes, will ich Dir nicht vorenthalten. Kaiſer Manuel, wie Dir, ſeiner Enkelin, beſſer be⸗ kannt ſeyn mag als mir, Kaiſer Manuel alſo hinterließ, als er abſchied in das ewige Freudenreich, ſieben Söhne. Der Alteſte, Jo⸗ hannes, folgte ihm auf dem Throne des erſten Reiches der Welt; Konſtantinos, welcher jetzt auf demſelben ſitzet, und den Gott, die gebe⸗ nedeiete Panagia und der heilige Johannes — 155— Evangeliſta lange auf ihm erhalten möge, ward in der Erbtheilung Deſpot von Meſem⸗ brya am Propontis; Theodoros erſt, und als dieſer Todes verblich, Andronikos der dritte, des alleredelſten Theophilos Vater, erhielt Sparta, Demetrios ſpäter Korinth, Thomas Achaja und Andreas Theſſalonien. Noch vor dem Vater ſtarb Andronikos, und der Neffe, des geliebten Oheims Wunſch erfüllend, tauſchte mit ſelbigem für Meſem⸗ brya Lakedämon. Als nun Johannes Palaeo⸗ logos gleichfalls und zwar unbeerbt zu ſeinen glorreichen Ahnen verſammelt ward, und ſchon früher, entſpann ſich ein Streit um die Thron⸗ folge unter den Brüdern, und wiewohl ſie nach allem Rechte, auch nach dem Willen Manuel's und Johannes dem Konſtantinos gebührte, welcher nach dieſem der Alteſte war, und dem ſie auch durch Gottes Hilfe geworden, ſo be⸗ hauptete dennoch Demetrios, ſie ſtehe ihm zu als im Purpur geboren*). Nach manchem dem *) Die Eigenſchaft, im Purpur, das heißt, wäh⸗ rend der Regierung des Vaters geboren zu ſeyn, hat im griechiſchen Reiche ſehr oft die — oſtrömiſchen Reiche und der geſammten Chri⸗ ſtenheit verderblichen Streite wandten ſie ſſich zur Pforte in Adrianopolis, an Sultan Mu⸗ rad den Zweiten, welcher denn auch die Zwi⸗ ſtigen verglich, dem Konſtantinos das Diadem zuerkennend, denn wiewohl ein ungläubiger Türk, war ihm Recht und Gerechtigkeit nicht ganz fremd, welches ſich leider auf ſeinen Sohn, den grimmen Mohammed mit nichten vererbt hat. Da nun, wie Du, Aleredelſte, zu er⸗ wähnen geruhteſt, kein Erbſohn zu des Kai⸗ Anſprüche jüngerer Brüder unterſtützt, und iſt nicht ſelten die Veranlaſſung zu blutigen Auf⸗ tritten und bürgerlichen Kriegen geworden, weil über dem niemals recht feſtgeſtellten Staats⸗ grundſatze nur das Kriegsglück oder die größere Kraft der Intrigue entſchied. Auch bei den Osmanen, welche ſich allmählig manches von ihren immer beſiegten Nachbarn aneigneten, ward dieſer Begriff einheimiſch und hatte die⸗ ſelben Folgen, wie z. B. bei Bajeſid's I. Tode. Die Furcht vor Aehnlichem bewog Mohammed II. ſich ſeines Bruders Ahmed zu entledigen, und ſogar das Verbrechen des Brudermordes zum Geſetz zu erheben. ſers Seiten ſtehet, da von denen Brüdern Authentopulen bereits Theodoros, Andronikos und Andreas mit Tode verblichen, da ihm ſich Demetrios ermeldetermaßen früher feindlich und auch jetzt noch ſeinem rechtmäßigen Herrn ſich nicht freundlich bezeigt, und der durch⸗ lauchtige Despot Thomas, vergib, daß ich ſol⸗ chergeſtalt von einem hohen Herrn ſpreche und Deinem nahen Blutfreunde, nicht allerdings im Rufe einer ſehr löblichen Sinnesart ſtehet, ſo meinet man, hat Auguſtus das Auge ſeiner Gnade auf Theophilos, den Neffen gerichtet, ihm dereinſt das Scepter zu überantworten, und mit Recht, da er der Sohn des älteſten Bruders nach ihm iſt, und zur Freude der Griechen, welche in ihm ihre Hoffnung in den jetzigen betrübten Zeitläufen ſehen und das Pfand einer beſſern Zukunft.— Allerdings war ihrer nahen Verwandtſchaft mit dem Regentenhauſe das jetzt Gehörte ziemlich neu, denn Athanaſios Phranzes erwähnte ſelten des Hofes, wie überhaupt der Welt, denn die, mit welcher er ſich und ſeine Pflegetochter vor⸗ zugweiſe umgab, lag nicht ſowohl in den Räu⸗ — 158— men der Wirklichkeit als im Gebiete der der Träume. Genia ſagte betroffen: So war denn der, welcher ſich darſtellte als ein einfa⸗ cher Kriegsmann, einPrinz aus dem Hauſe der Palaeologen und mein Vetter? Fürwahr, ich that Unrecht, bei einem Solchen an Muth und Vaterlandliebe zu zweifeln.— Du ſagſt es ſelbſt, Herrin— verſetzte der Seemann etwas rauh— freilich hatteſt Du Unrecht, das zu thun, und um vieles wollte ich, Du hätteſt es nicht gethan.— Und was that denn die Gebieterin, daß Du Dich unterfängſt, ſie zu meiſtern?— fragte die Schwarze in ſchneidendem Tone— Iſt ſie auch ſchuld, daß ein ſolcher Herr das theure Leben daran ſetzt im unwürdigen Kam⸗ pfe mit Troßbuben für Bauerngeſindel, und vielleicht die türkiſchen Chiourmen herbeilockt zu dieſem Schiffe?— Dir antworte ich, Gebieterin— ſprach der Alte erhitzt— nicht der Heidin, welche ſelbſt vom Geringſten unter den Chriſten mit gebühr⸗ ender Ehrfurcht ſprechen ſollte, und der, was ich ſage, zu hoch iſt. Ein Blitz iſt der Blick — 159— der Frauen, ein Dolchſtich ihr Wort, wenn ſie den Mann verletzend treffen; viele Jahre zähle ich, doch wiſſe, ich hätte wie ich jung war, nimmer ſchmählichen Zweifel aus ſchö⸗ nem Munde erduldet, viel weniger denn ein ruhmwürdiger Kriegesheld und hochgeborener Fürſt.— Da begann die Reue in Irenen laut zu werden und klagend rief ſie: Verhüte Gott und die heiligen Nothhelfer, daß dem edlen Prin⸗ zen um meinetwillen ein Leid widerfahre.— Und Leuke, die bisher ſchweigend auf die Flam⸗ men von Epibaton geſchauet hatte, ließ ſich vernehmen: Dein Gebet iſt erhört, drum be⸗ ruhige Dich. Noch ſiegt das Recht, noch iſt die Stunde nicht da, in der die Bosheit triumphirt, ſo thätig ſie auch im Dunkeln ſich gehabe. Vorüber gehet die Gefahr an Dir und an ihm, wie es heute ſchon ein Mal ge⸗ ſchehen.— Möchteſt Du ein wahres Wort geſprochen haben, Du weißes Mägdlein, das ſo wenig ſpricht— ſagte Palämon mürriſch: Es wäre gut für uns Alle. Zwei Pfänder führt mein Schiff, eines meinem Gebieter theuer, das — 160— andere Griechenland; ohne ſie zurückzukehren nach Konſtantinopolis, trage ich kein Verlan⸗ gen, und käme das Schlimmſte zum Schlim⸗ men, ſo hat der Abendländer Berthold Schwarz ein Mittel erfunden, wenigſtens die Ehre ei⸗ nes alten Seemannes zu retten, und zu be⸗ ſtrafen, was allenfalls Nichtsnutziges an ſei⸗ nem Bord ſich befindet.— Dieſe bedenkliche Rede und der noch be⸗ denklichere Wink gegen den Pulvervorrath des Fahrzeuges hin, zwar nicht anſehnlich, aber doch hinreichend, die Waſſerreiſe in eine Luft⸗ fahrt umzugeſtalten, ſchienen zwar Mele, wel⸗ cher ſie wahrſcheinlich galten, nicht ſonderlich zu berühren, aber ihre Gebieterin ſchauderte in ſich zuſammen, und ſie verlor die Neig⸗ ung, mit ihres Vaters übertreuem Diener fer⸗ nere Worte zu wechſeln. Zurückgezogen in ihr Cloſet, begann ſie zum erſten Mal in ihrem Leben ſich ernſten Gebanken zu überlaſſen, unter welchen ſich auch allgemach ein nicht ganz ſo trüber einfand, der Gedanke, warum wohl der Großdomeſtikos ge⸗ rade des Kaiſers Neffen zu ihrem Begleiter erwählt, warum dieſer, des Diademes muth⸗ — 161— maßlicher Erbe zu ſolch geringfügigem Amte ſich herabgelaſſen, und vornehmlich, warum dieſer ſo angelegentlich vermieden, daß ſie ihn als den erkenne, der er war. Allerdings gab dieß alles genug Stoff zum Denken für eine im funfzehnten Jahre ſtehende Jungfrau, für eine griechiſche zumal, der Blüthenzeit wohl um zwei Jahre der ihrer nordiſchen Genoſſinnen vorangeeilt. Doch Mele, die in vorzüglicher Gunſt ſtehende Dienerin war Genia⸗Irenen in das kleine Gemach gefolgt, die zeugenloſe Einſamkeit und das hereinbrechende Dunkel begünſtigte vertrauliche Mittheilung, und mit ſüßem Koſen, wie ſie pflegte, munterm und leichtem Scherz manch ſinniges Wort beimiſch⸗ end, gelang es ihr bald, der Herrin Sinn, wo nicht von dem jüngſten Bilde abzuziehen, doch ihn zwiſchen ihm und dem vorhergegangenen zu theilen. Alſo ſchwankend zwiſchen beiden und von beiden befangen, ſagte die Tochter Ariſto⸗ bul's nach einiger Zeit: Ein ſtattlicher und freudiger Kriegsmann iſt mein Vetter, der Au⸗ thentopulos, aber der Andere war es auch und wohl gleichfalls von hohem Range, daß er des Auguſtus Neffen alſo die Spitze bieten I. 11 — 162— durfte, denn, ſoll ich meiner Wahrnehmung trauen, ſo waren Beide einander nicht gänz⸗ lich unbekannt.— Da antwortete die Abyſſinierin: Ein ſtatt⸗ licher Kriegsmann mag der Palaeolog ſeyn, doch meine ich, mag der Andere ſich wohl mit ihm vergleichen, wenn anders des Mondes glänzendes Licht zu vergleichen mit dem Geſtirn der Dioskuren, das am Rande des Horizontes auftaucht, um alsbald wieder unterzugehen. Bekannt waren ſie ſich, ſagſt Du? Man ſpricht, es ſei eine Ahnung im Menſchen vor⸗ handen, daß zwei Solche ſich erkennen, welche vom Schickſal beſtimmt ſind, dereinſt ſich gegenüberzutreten, ſei es in Freundſchaft, ſei es in grimmigem Streit. Du aber, o Herr⸗ in, magſt vielleicht wiſſen, ob das eine oder das andere bei Dieſen der Fall ſeyn wird.— Zwar ſchalt die Archontide die vorlaute Scla⸗ vin ob der Herabſetzung des fürſtlichen Blut⸗ freundes, welche gewiſſermaßen in ihren Wor⸗ ten lag, aber nur ſchwach, denn eben dieſe Worte hatten ſie in den Dom der Planeten auf Antiparos zurückgeführt, beide Geſtalten traten in ihrer Erinnerung auf, aber auch die Art ihrer Erſcheinung an jenem geheimnißvollen Orte, und ſie verſank wiederum in träumer⸗ iſches Sinnen, in welchem die Schwarze ſie dießmal nicht ſtörte. Noch loderte die Gluth vom Lande herüber, noch tönte von daher das Kampfgeſchrei, doch war es, als würde der Ruf„Kyrie eleiſon!“ ſeltener, als miſche ſich allmählig unter das Allah akbar, das nicht ſo freudige„Bis mil⸗ lah!(Gott iſt barmherzig!) Und auch Palä⸗ mon, welcher indeß mit tiefgefurchter Stirn alle nothwendigen Maßregeln auch für das von ihm angedeutete Schlimmſte getroffen, zur Vertheidigung oder zu ehrenvollem Untergange, nahm das wahr, und ſein Antlitz erheiterte ſich ein wenig, und er ſprach ermunternde Worte zu ſeiner Mannſchaft, welche kurz dar⸗ auf in ein lautes langhallendes Freudenge⸗ ſchrei ausbrach, in welches Leuke, die das Auge nicht vom Ufer gewandt, einſtimmte, mit ihren ſüßen hellen Lauten die rauhen Männer⸗ ſtimmen übertönend und rufend: Sieg! Gelobt ſei der Herr der Heerſcharen!— Und bald naher ſah die durch den Jubelruf herbeige⸗ lockte Irene einen langen Zug dem Ufer ſich na⸗ 11* — 14— hen, von unzähligen Fackeln beleuchtet, und erkannte darauf an der Spitze deſſelben den Despoten*) Theophilos, umringt von ſeinen Gewaffneten und einer Menge fröhlichen, dan⸗ kenden Volkes; hinter ihm aber zeigte ſich eine Schar bärtiger Männer und reichge⸗ ſchmückter Jünglinge und Knaben, mit ge⸗ ſenktem Haupte einherſchreitend und mit gebun⸗ denen Händen. Ein abermaliges Jubelgeſchrei des Schiffvolkes beantwortete den Freudenruf der Strandbewohner und hieß den Sieger will⸗ kommen, der alsbald in das Fahrzeug trat. Irene kam ihm entgegen und ſagte mit einer Verwirrung, die, welchen verſchiedenartigen Urſachen ſie auch entſprang, doch dem zarten jungfräulichen Weſen wohl anſtand: Geneh⸗ mige, o Herr, daß die, wo nicht zuerſt, doch Es iſt kaum nothwendig, zu erklären, daß der Name Despot“ dem der Sprachgebrauch in der Folge eine mißfällige Bedeutung gegeben, die er damals nicht hatte, ſo wenig als das frühere Tyrannos. Despot hieß ein griechiſcher Fürſt, ein abgeſondertes Gebiet unter kaiſerlicher Ober⸗ herrſchaft beſitzend, dem Herzog des Abend⸗ landes gleichbedeutend. aus ganzem Herzen Dir Glück wünſcht, eine Griechentochter ſei, die Dir ein Unrecht abzu⸗ bitten hat, das ſie Dir nicht angethan haben würde, hätte ſie gewußt, Du ſeieſt ihr ver⸗ ehrter Blutfreund und ein Sprößling des durch⸗ lauchtigſten Stammes ber Palaeologen.— Ihre Wange überzog nach dieſen Worten ein dunkles Purpurroth, von welchem, da ſie ſelbſt ſich vielleicht nicht darüber Rechenſchaft geben konnte, der Legendenſchreiber und noch billiger wir, uns zu entſcheiden enthal⸗ ten, ob es von der Geſchämigkeit der Jung⸗ frau herrührte, ſo verbindliche Worte einem jugendlichen Manne ſagend, ob aus dem Be⸗ wußtſeyn einer dieſem früher angethanen Kränk⸗ ung, oder weil in ihr etwas dem Ausdruck „aus ganzem Herzen“ widerſprach, der ihr ent⸗ ſchlüpft war; Prinz Theophilos hingegen ſchau⸗ te unwillig auf den Schiffer, der dieſen Blick verſtehend, entgegnete: Wahrlich, Herr, Du darfſt mir nicht zürnen, denn Dein Name iſt nicht gemacht, lange verſchwiegen zu bleiben. Und was hätte es nun auch geholfen? Ruft nicht ganz Griechenland mit mir: Es lebe Theophilos von Meſembrya, der alleredelſte „ — 166— Palaeolog und die theure Hoffnung des ural⸗ ten byzantiniſchen Reiches?!— Und auf dem Schiffe und vom Geſtade wiederhallte tauſendſtimmig der Ruf. Leutſelig dankte der Authentopulos, dann wendete er ſich zu Irenen und ſagte mit einem halb kriegeriſchen, halb hofmäßigen Verneigen, aber auch mit Zurückhaltung: Zu dem Gerin⸗ gen, was ich gethan, bedurfte es nicht des Neffen des Kaiſers Konſtantinos Dragoſes, der Niedrigern einer hätte es vollvracht. Faſſe, ich bitte Dich, Muhme, einen beſſern Begriff von dem Volke, in dem Du geboren. Habe ich dazu beigetragen, ſo erfreuet es mich; noch mehr aber, daß ich— hier zeigte er auf die ge⸗ bundenen Türken— die Nichte des Auguſtus in ſeine Stadt einführen kann in einer würdigen Begleitung, der einzigen, welche eines Zwei⸗ ges der Palaeologen würdig genannt werden kann.— Hier kehrte er ſich ab von der betroffenen und verletzten Jungfrau und ertheilte, nicht mehr die Würde ſeines Ranges verbergend, die nöthigen Befehle mit allem Anſtande deſſelben. Da die Felukke nicht Raum hatte für die Ge⸗ — 167— fangenen, ſo ſchafften die erfreueten Bewohner von Epibaton mit großer Schnelligkeit mehre Kähne herbei, begierig, die Dränger in die Knechtſchaft abführen zu ſehen, der ſie ſelbſt kaum entronnen waren, und die Fahrt wurde fortgeſetzt. Sie war ohne weiteres Hinderniß und Abenteuer, und kaum hatte die Sonne das Viertheil ihres langen Juniusweges zurück⸗ gelegt, als die Stadt Konſtantinos, ihre Geburtſtadt ſich Irnens Auge zeigte, die Ufer zweier Meere umarmend. Da verſchwand aus der Bruſt der Jung⸗ frau jede fremdartige Empfindung vor dem Anblick deſſen, was ihr zugleich neu war und alt; ſie ſtand auf dem Verdecke mit leuchtenden Augen und halberhobenen Armen, und als Theophilos der Despot ſie ſo ſah, näherte er ſich ihr und aus ſeinem edlen wohlgebildeten Antlitze verſchwand nach und nach die Spur des Grolles und Zwanges, die es früher ver⸗ dunkelten. Aber am Eingange des Hafens gewahrt Palämon, derſelbe ſei mit der großen Kette geſchloſſen, und gleich darauf rollte von einer ihn beherrſchenden Schanze ein Kanonenſchuß — 168— herüber, welchen die Felucke alsbald aus ihrer einzigen Drehbaſſe beantwortete. Die mittägliche Seite, von welcher Kon⸗ ſtantinopolis„die Mutter der Welt“ ſich den Schifffahrern zeigte, bietet heut zu Tage einen herrlichen Anblick dar; noch großartiger war er jedoch unſtreitig damals, als die noch unzer⸗ trümmerten Denkmäler griechiſcher Baukunſt vom hohen Ufer auf das goldene Horn her⸗ abſchaueten, denn ſo nannte man einen der ſicherſten, geräumigſten und beſuchteſten Häfen der damaligen Erde, den Hafen von Byzanz. Der reizendſte Juniusmorgen ergoß ſich ſchimmernd über die hohen Kuppeln der unzähligen Kirchen und Paläſte, über das grünende, mit Gärten bepflanzte Geſtade, über die hüpfenden, von den ſieben Strömungen des Bosporos immer bewegten Wellen des Mar⸗ mora⸗Meeres der altberühmten Propontis. Schon längſt hatte Genia⸗Zoe die Augen auf das ſchnell ſich nähernde Ufer gerichtet, welches jedoch dem jetzt lebhaft erwachten Seh⸗ — 169— nen noch allzu ſäumig nahete; wie aber der Lauf des Schiffes ſtockte und ſie jenes Hinder⸗ niß gewahr ward und die befremdete, etwas ſorgenvolle Miene des Palämon, fragte ſie den neben ihr ſtehenden Palaeologen, was ſolches bedeute, und ob der Hafen, in welchem ſie doch zahlreiche Schiffe verſchiedener Nationen vor Anker liegend gewahre, immer geſperrt ſei? Der aber antwortete mit frendigrothem Ge⸗ ſichte, kriegeriſchem Anſtande und munterm Tone: Mit nichten, ſchöne Muhme, gaſtfrei wie der Hof des Auguſtus war von jeher ſeine Stadt, und wie die Völker der Erde ſich zu ſeinem Throne drängten, das Füllhorn ſeiner Gnade offen findend, fanden auch ihre Schiffe das goldene Horn unverſchloſſen. Was Du ſieheſt, beſtätigt, glaube ich, die Worte, die ich Dir geſagt; nicht auf den Schauplatz des Friedens führe ich die Tochter des Ariſtobulos Phranzes, und des nächſten Nachbars Treu⸗ loſigkeit hat der Gaſtlichkeit vieler Jahre ein Ende gemacht und dem übelbelohnten Vertrauen. Meineſt Du das nicht auch, Palämon?— — 170— Der Schiffer verſetzte ehrfurchtvoll, aber be⸗ denklich: Herr, ich meine, was vor wenig Stunden unſere Fahrt verzögerte, hat auch dieſen Aufſchub zu wege gebracht.— Möglich— entgegnete der Prinz gleichgiltig und beſtimmt— wahrſcheinlich ſogar, denn durch einen Boten, welchen ich zu Lande geſendet, hat mein Oheim die Kunde erhalten, welche allerdings ſolche Maßregel rechtfertigt. Ja!— ſetzte er mit freudefunkelnden Augen hinzu: Auguſtus hat ſich erhoben in ſeiner Würde, die alte Kon⸗ ſtantinopolis iſt aus ihrem Schlummer erwacht; ich ſehe es an dem Gedränge und Treiben am Hafen und auf den Mauern.— Wie nun das Krachen des Geſchützes er⸗ tönte, das erſte, welches Irene in ihrem kur⸗ zen Leben vernommen, und die raſch darauf folgende Antwort der Felukke verhallt war, fragte ſie abermals nach der Urſache ſolches Be⸗ ginnens, und Theophilos erwiederte: Auf An⸗ dere als auf uns ſind dieſe Feuerſchlünde den Tod zu ſprühen bereit; für uns haben ſie nur eine freundliche Begrüßung.— Da deutete die Jungfrau nach der Stelle, wo ein bläulicher Dampf noch auf der Mauer⸗ ſcharte hervordrang, einen Augenblick ſich in ſich ſelbſt kräuſelnd, um dann vom Winde ge⸗ tragen, verſtäubend über die Waſſerfläche zu ziehen, und der Authentopulos beantwortete die Geberde folgendermaßen: Jene Höhe zur rechten Hand, auf der Landſpitze, welche den Bosporos von dem Propontis ſcheidet, iſt die Akropolis von Byzanz, und das Schloß auf ihrem Gipfel mit ſeinen feſten Thürmen und Mauern zum Schutze des Hafens erbaut, nennt man die Burg des heiligen Demetrios. Und jenes eirunde Gebäu am andern Ende des Hafens?— fragte Irene— und jene ma⸗ jeſtätiſche Maſſe von Kuppeln, Thürmen und Dächern, die ſich hinter ihm erhebt?—— Im erſten ſieheſt Du das Kynegion, das Amphitheater zu Kämpfen wilder Thiere be⸗ ſtimmt, welche jedoch ſeit einiger Zeit, da es gilt, mit noch wilderen Beſtien in Menſchenge⸗ ſtalt zu kämpfen, eingeſtellt ſind; das andere aber iſt der Palaſt der Blachernen, wo ſich jetzt das Purpurgemach befindet, ſeitdem unſer Ahnherr Manuel, der erſte Palacolog das Bu⸗ kolion verlaſſen, wie ſchon ſeine Vorvordern den großen kaiſerlichen Palaſt des Konſtantinos ge⸗ — 172— nannt, deſſen Gebäude Du rechts in der Ferne hinter der Akropolis gewahreſt.— Und jener herrliche Dom, der recht mit⸗ ten in der Stadt ſein Haupt zu den Wolken erhebt?— Ehe der Despot von Meſembrya noch ant⸗ worten konnte, rief Leuke, die weiße Sclavin plötzlich mit begeiſterter Stimme: Das, Herr⸗ in, das iſt der Tempel der Aja Sophia!*)—— Und des Mägdleins Worte beſtätigend, rie⸗ fen alle Umſtehenden, das Haupt entblößend: Ewig, wie ſie es iſt, leuchte über Konſtan⸗ tinopolis die Aja Sophia!— Da näherten ſich die Boote der Lootſen eilig, denn ſie hatten die weiße Flagge des Schiffes bemerkt, mit breiten Purpurſtreifen berändert, ein Zeichen, daß auf derſelben ſich ein Mitglied der kaiſerlichen Familie befände, und von zweien Seiten wurde die Kette gelöſt, und das Schiff fuhr durch den freigewordenen *) Ganz irrthümlich iſt der Glaube, die Sophi⸗ enkirche zu Byzanz ſei einer Heiligen dieſes Namens geweiht geweſen; ſie war der Aja So⸗ phia, das iſt, der göttlichen Weisheit gewid⸗ met.— — 173— Hafen unter dem abermaligen zehnfach wieder⸗ holten Donner des Geſchützes, mit welchem das Kaſtell des heiligen Demetrios den Neffen des Auguſtus und ſeine Muhme begrüßte. Geradeaus führten die Lootſen das Fahr⸗ zeug, welchem die andern Platz zur Durch⸗ fahrt machten, denn obſchon der Eintritt der im Hafen Gelandeten in die Stadt gewöhnlich durch das Thor des Kynegion, oder durch das Thor Petra, auch des heiligen Johannes ge⸗ nannt, oder durch das(liebenswürdige) Thor Oraja, da die Lederpforte Fyloporta verſchloſ⸗ ſen, ſo machte der Rang dieſer Ankömmlinge eine Ausnahme, und die Tochter der im Pur⸗ pur geborenen Authentopula betrat Konſtanti⸗ nopolis durch das Thor der Blachernen. Wie auf den Mauern herrſchte auch in den Straßen eine Lebhaftigkeit, ſelbſt in der Stadt ungewöhnlich, welche lange Zeit mit Recht, wenn auch jetzt nur der Erinnerung wegen, den ſtolzen Namen der Welthauptſtadt führte, aber auf den Geſichtern der meiſten unter den unzähligen Begegnenden wohnte die bleiche Furcht, nicht das muntere Gewerbe bewegte die Menge, die den Kirchen zueilte, — häufig von Prozeſſionen mit hochgehaltenen Zeichen des Heils und wehenden Fahnen durch⸗ kreuzt. Aber ſo wenig ſolcher Anblick erfreu⸗ lich und ermuthigend für die Jungfrau ſeyn konnte, deren Fuß heute zum erſten Mal die unbekannte Heimat betrat, aus welcher der Arm der Wärterin das noch bewußtloſe Kind einſt zum Schiffe getragen, ſo entging ihr doch der Eindruck nicht, den die Erſcheinung ihres Begleiters auf die ſichtlich Bekümmerten machte; wie auf den erſten Stern, der in Gewitter⸗ nacht am ſchwarzumflorten Himmel auftaucht, blickten ſie auf ihn mit erheiterten Zügen, und Mal für Mal erhob ſich der Ruf: Der Pa⸗ nagia und dem Evangeliſten ſei Dank, er iſt wieder da! Da iſt er zur Zeit der Noth! Lange lebe Theophilos, der Palaeolog! Und als die Prozeſſion vorüberſchritt und die Reiſe⸗ geſellſchaft ehrerbietig den Schritt hemmte und die Kniee bog, ſprach der an der Spitze geh⸗ ende Archimandrit Worte des Segens über den Prinzen, und die nachfolgenden Prieſter wieder⸗ holten ſie einſtimmig und die Fahnen neigten ſich, ihn begrüßend. Da erhob das umſtehende Volk wiederum — 175— ein Freudengeſchrei, Mancher aber zeigte dem Andern die holdſelige Jungfrau, die jetzt nur von einer, einer ſchönen Bewegung ergriffen, mit geſenktem Blicke, gerötheter Wange und hochklopfender Bruſt neben ihm knieete; Viele indeß fragten, wer wohl das Mägdlein ſeyn möchte, welche auf den Zug ſchaue mit Augen, glänzend wie die Edelſteine am Hochheiligen, und deren goldenes Haar im Winde walle wie die Fittiche eines Engels oder die Fahnen der Prozeſſion. Mele, die Schwarze jedoch, obſchon auch ſie das Knie gebeugt hatte, beugte mit ihm zugleich das dunkellockige Haupt und heftete den gleichgiltigen Blick vor ſich hin an den Boden. Der Großdomeſtikos, das geliebte Töchter⸗ lein, die Spätfrucht einer langen Ehe ſehn⸗ ſuchtvoll erwartend, hatte nicht ermangelt, ihr und dem durchlauchtigen Begleiter ein ſtattlich Geleit an den Hafen entgegen zu ſenden, und es war aufgebrochen, ſobald als von demſelben die Kanonen das Einlaufen des Fahrzeuges verkündeten; aber der Tumult, der an dieſem Tage in der Stadt herrſchte, hatte den glänz⸗ — 176— enden Zug gehemmt, und die Neugier und Ehrerbietung gegen alles, was einem Groß⸗ würdenträger des Reiches zuſtändig, welche ei⸗ nem ſolchen in anderer Zeit Raum unter dem Volke machte, war ſtärkeren Eindrücken ge⸗ wichen, denn, wie Theophilos vermuthet, hatte Konſtantin Dragoſes auf die Kunde von dem, was zu Epibaton vorgefallen, und die ſchnöde Antwort, welche Mohammed der Zweite, nur zwei deutſche Meilen entfernt, der noch in derſel⸗ ben Nacht an ihn abgeſandten Botſchaft ertheilt, vor einer Stunde den Frieden durch die os⸗ maniſche Pforte für gebrochen erklärt, und die ſchon mit dem Nothwendigen verſehene Haupt⸗ ſtadt in Vertheidigungzuſtand verſetzt*). *) Der Kaiſer ließ dem Sultan vermelden, er ſuche ſeine Zuflucht bei Gott in Betreff des Schickſals der Stadt, deren Thore er nur nach dem osmaniſcherſeits gebrochenen Frieden ver⸗ ſchließe, und deren Einwohner, ihm vom Himmel anvertraut, er nach Kräften vertheidigen werde, falls Gott dem Sultan nicht friedlichere Geſinn⸗ ungen einflöße. Mohammed's Beſcheid war eine Kriegserklärung in ungezügelten Ausdrücken. Seit ſechs Monaten ſchon hatte Konſtantin die „—— — 177— Erſt in der Nähe des väterlichen Palaſtes begegnete die ſchimmernde Schar der Hausbe⸗ amten ihrer jugendlichen Herrin, und als ſie nach dem Gebrauche des Landes derſelben ihre Ehrfurcht etwas weitläufig und förmlich be⸗ zeigte, bildeten ſich mehre Gruppen von Zu⸗ ſchauern um ſie, denn die neuen Römer hat⸗ ten von ihren abendländiſchen Vorgängern das Adagium geerbt, Brod und Augenweide. Der einſam auferzogenen Irene war es be⸗ haglich, ſich bei ihrem Eintritt in die große Stadt öffentlich ſo gefeiert zu ſehen, und ihr Auge blickte ſelbſtzufrieden um ſich her auf das neugierig gaffende Volk; auch der Despot von Meſembrya betrachtete es, jedoch mit ge⸗ ringerm Vergnügen, denn viele Weiber und Kinder waren zu ſehen, auch Greiſe, doch gar wenig waffenfähige Männer, und die, deren Alter und Leibesbeſchaffenheit ſie zu dieſen zäh⸗ len ließen, trugen entweder das unkriegeriſche Fußere von Krämern und Handwerkern, oder zeigten die Schorköpfe von Mönchen und No⸗ Stadt nach und nach mit Krieg⸗ und Nahr⸗ ungbedarf verſehen. II. 12 — 178— vizen, die nach beendigter Prozeſſion herum⸗ ſtrichen, um, ſtatt in ihre Zellen, auf den Straßen müſſig zu gehen. Doch ſchallten bald darauf gemeſſene Schritte die Straße herab wie von einem Trupp Krie⸗ ger; auch waren es ſolche, aber Griechen wa⸗ ren es nicht; der tuchne Koller, der runde Hut, der ungekrümmte Degen und die ſchwere Hakenbüchſe thaten die Kommenden als Söhne Italiens kund, welche damals, wie ſpäter ihre Nachbarn, die Schweizer, gegen Lohn jeder fremden Macht dienten, mehr dieſen beachtend als die Sache, für welche ſie fochten. An der Spitze dieſer Genueſer, welche ſich zum Thurme des heiligen Romanos auf der Landſeite des byzantiniſchen Dreiecks begaben, ritt im glänz⸗ enden Ritterſchmucke ein hochgewachſener Mann. Seine Züge trugen das Gepräge der Klugheit und des Muthes zugleich, aber auf ihnen lag es gleich einem Nebel der Ungewißheit und Beſorgniß, und wiewohl dieſer ſich bei dem ehrerbietigen Gruße etwas verzog, den er dem mit auszeichnender Verbindlichkeit erwiedernden Prinzen bot, ſo kehrte er doch ſchleunig genug wieder, daß dieſer ihn, und wie es ſchien, nicht — 10 mit angenehmen Eindrucke wahrnahm. Kaum hatte der Reiter einige Schritte zurückgelegt, da begegnete ihm ein Anderer, auch ein ſtatt⸗ licher Mann, doch breiteren Gliederbaues, mit einem ernſten gleichgiltigen Geſichte, ſehr im Gegenſatze ſtehend zu des Andern lebendigen, von wechſelndem Eindruck ſprechenden Zügen; er trug einen ledernen Koller, ein umfangrei⸗ ches mehrfach geſchlitztes Beinkleid, am vor⸗ dern Schenkel durch eiſerne ſilbereingelegte Schienen bedeckt, wie der erſte durch einen kurzen Mantel, unter dem ein langes Schwert mit großem künſtlich gearbeiteten Griffe hervor⸗ ragte, und ein breiter Hut mit einer einzigen abwärts gekrümmten ſchwarzen Feder ruhte auf dem kurzgeſtutzten Haar. Seine Begleitung beſtand theils aus Leuten, beinahe wie er ge⸗ kleidet und mit Hakenbüchſen bewaffnet, theils aus griechiſchen Soldaten, die ſtatt des Feuer⸗ gewehrs lange blecherne Röhren trugen, an ei⸗ nem Ende mit einem runden Knauf, ungefähr in der Größe einer heutigen Kegelkugel verſe⸗ hen. Die beiden Anführer begrüßten ſich und ritten darauf ein wenig abſeit, eines kurzen Geſpräches zu pflegen, während deſſen der Etſt⸗ 12* — 180— genannte manch Zeichen des Unwillens und der Ungeduld von ſich gab, mit Hand und Blick auf die müſſige Menge deutend, die ſie gaffend umringte, der Zweite aber ſtill blieb und geſetzt, wie einer, dem ziemlich gleichgiltig iſt, was Andere thun, ſo er nur ſelbſt ſeine Pflicht erfüllt. Nach einer Weile trennten ſich beide Scha⸗ ren und ihre Führer, die eine zog nach der Landſpitze der Stadt zum Thore des heiligen Romanos, bei welchem ſowohl alte Sagen als auch der Kriegskundigen Meinung den heftig⸗ ſten Angriff verkündigten, etwas links die an⸗ dere, dem charſiſchen Thore, auch Kaligaria ge⸗ nannt, zu. Wer, mein erlauchter Vetter— fragte Irene: iſt der ſtattliche Kriegsmann, den Du ſo ausgezeichnet begrüßt? Er ſcheinet von ho⸗ hem Range und unfehlbar gehört er zu einem der edelſten Geſchlechter des Reiches.— Was ſeinen Rang anbetrifft und ſeine krie⸗ geriſchen Gaben— war die Antwort— ſo biſt Du nicht im Irrthume, wohl aber über ſeine Herkunft. Johannes Longo, den Proſtator haſt Du geſehen, den ernannten Despoten von — 18— Lemnos, einen edeln Genueſer aus dem Ge⸗ ſchlechte der Güuſtiniani, der wenigen Abend⸗ länder einer, die ſtatt der Worte mit der That ihren Brüdern im Orient zu helfen gekommen, und eben der Seltenheit wegen hochgeehrt und begünſtigt. Unſer durchlauchtiger Oheim ſchätzt ihn ausnehmend und hat, wie ich ſehe, da⸗ von einen neuen Beweis abgelegt, ihm die Vertheidigung jener Stelle überantwortend, welche nicht ohne Anfechtung bleiben dürfte. Auch ich ſchätze ihn, fuhr er, wie halb zu ſich ſprechend fort— und doch— für Ruhm und Ehre und preisliche Belohnung mag der Fremd⸗ ling wohl tapfer kämpfen; wenn aber die Hoff⸗ nung auf dieſe dahin iſt, wenn es nur gilt, zu fallen, ſterbend zu fallen an der Schwelle des einſtürzenden Hauſes, dann kommt es ihm doch vielleicht in den Sinn, es ſei ja nicht ſein eigenes Haus.— Und mangelt es— fragte abermals die Jungfrau— unter den Römern ſo gänzlich an wackern und kundigen Männern, daß man dem Ausländer die Bewachung der Hauptſtadt anvertrauen muß, und der Italiener die Nach⸗ kommen der Hellenen befehligt? —— Nicht ſogleich antwortete der Palaeolog, etwas wie Verlegenheit oder auch unwillige Scham war in ſeinen Zügen zu leſen, und erſt nachdem er, wie früher Giuſtiniani, einen unmuthigen ſpöttiſchen Blick ringsum auf die ſich ſpreizenden herumſchweifenden Bürger und die ſorgloſen Mönche geworfen hatte, entgeg⸗ nete er ablenkend: Warum frageſt Du nicht nach dem Andern, Irene Phranza? Iſt er doch auch ein bedeutender Mann, und mit wich⸗ tiger Obliegenheit betrauet. Johannes Grant heißt er, ein Deutſcher, aus Nürnberg ge⸗ bürtig, er iſt des Auguſtus Zeugmeiſter und führt die Aufſicht über das griechiſche Feuer.— Es lag eine ſolche Bitterkeit in dem Tone des Prinzen, und ein ſolch ſichtbarer Wider⸗ wille an dem, was er geſagt, deß Irene, in deren Augen der fürſtliche Vetter Vieles ge⸗ wonnen, beſchwichtigend hinzuſetzte: Wohl iſt es ſchlimm für das Relch, welches einſtmals die halbe Welt beherrſchte, daß es in ſolch tiefer Noth der Hilfe der Barbaren bedarf; doch meine ich, oben darin, daß ſie ſich zu ſolcher herbeidrän⸗ gen, wenn auch nur vom Eigennutz getrieben, 6 6 — 183— liegt eine Hoffnung des Erfolges für ſie und ſomit auch für uns, und das Vertrauen auf der Chriſten gemeinſamen Gott.— Dieſe, für eine noch nicht ſechszehnjährige Jungfrau ziemlich durchdachte Bemerkung ward von dem Prinzen Theophilos nur mit einem gezwungenen Lächeln erwiedert, und mit den Worten: Nur in der Bruſt, da die Liebe zum Vaterlande wohnt, wohnt auch das Vertrauen auf Gott und ſich ſelbſt zur Zeit der Gefahr. Wohl mag ſie ſich des Eigennutzes bedienen als eines gemietheten Knechtes, doch wähne ſie nicht, ihn zu halten, wenn die Quelle des Lohnes verſiegt iſt. Vertrauen auf des Chri⸗ ſtengottes Beiſtand? Wahrlich, er geſtaltet ſich ſeltſam verſchieden bei dieſen Lateinern; denn wenn Konſtantinopolis deren einige Tau⸗ ſend in ſenen bedroheten Mauern zählt, ſo mangelt es auch an ihnen nicht im osmani⸗ ſchen Lager. Des Sultans Feldzeugmeiſter, der Schöpfer des feuerſpeienden Ungeheuers, durch deſſen Hauch Mohammed die Cäſaren⸗ ſtadt zu zermalmen gedenkt, iſt Orban, ein Ungar und römiſcher Chriſt.— Doch— fügte er einlenkend hinzu— Eben hörte ich Dich fra⸗ — 184— gen, ob es unter den Römern keinen wackern und kundigen Anführer gebe; glaubſt Du, bis jetzt noch keinen ſolchen zu kennen, ſo richte den Blick auf den, der eben uns naht.— An der Spitze eines höchſt reichgekleideten und anſehnlichen bewaffneten Gefolges ritt in langſam würdigem Schritt ein anſehnlicher Mann daher, deſſen mit breiten Purpurſtreifen beſetzte Kleidung anzeigte, er gehöre zu den er⸗ ſten Archonten und vornehmſten Herren des Reiches. Er hatte die mittleren Jahre bereits zurückgelegt, ſeine Haltung war aber noch feſt und kräftig; auch wäre ſein Antlitz noch ſchön zu nennen geweſen, ohne das augenſcheinliche Gepräge manchfacher und heftiger Leidenſchaf⸗ ten, unter denen Stolz und Starrſinn ſich be⸗ ſonders auszuzeichnen ſchienen. Beide waren wohl ganz neuerlich gewaltſam aufgeregt wor⸗ den nach der tiefen Röthe ſeiner Wange und dem finſtern Blicke ſeines Auges, auch erhei⸗ terte ſich dieſer nicht, als er den Neffen des Auguſtus gewahrend, ihn förmlich bewill⸗ kommnete. Du biſt es, erlauchter Despot— ſprach er— deſſen Arm kühn in die Wolke greifend, — 185— welche ſo lange drohend über uns hing, den Blitzſtrahl endlich entladen. Das Ungewitter bricht aus, Männern wie uns ziemt es, ihm die Stirne zu bieten, und ich meine, Lukas No⸗ taras wird nicht der Letzte ſeyn, der ſein Leben an das Vaterland ſetzt und an den Glauben.— Solches erwartet das Reich von dem edlen Großadmiral— verſetzte Theophilos— und wie ich ſehe, biſt Du ſchon in Bereitſchaft, auszufühten, was du geſagt.— Bereits ausgeführt iſt, was ich zuletzt nannte— ſagte Notaras darauf mit herbem und zweideutigem Lächeln— wenigſtens zum Theil und von einer Seite; mit Hilfe Sankt Johannes, des Evangeliſten, wird es auch auf der andern vollendet.— Woher des Weges, laß Dich fragen, und wohin? erkundigte ſich nach einigem Zögern der Authentopulos. Leicht iſt das„Wohin?“ zu beantworten; dorthin, wo die Pflicht meines Amtes mich führt, zur Hafenſeite der Stadt, die Ver⸗ theidigung zu ordnen. Dort ſollen die isla⸗ mitiſchen Feinde des Glaubens mich finden mit aufgerichtetem Haupte und eherner Bruſt, wie — 186— vor wenig Minuten noch mich die andern Feinde des Glaubens gefunden. Woher? fragſt Du, Prinz? Von den Blachernen komme ich, und noch tönt mir das Wort Henotikon in das Ohr, mir ſo verhaßt wie das gottes⸗ läſterliche Schreien der mohammedaniſchen Mucz⸗ zin. Weder das Eine, noch das Andere ſoll je erklingen in den Mauern des alten By⸗ zanz, ſo lange Notaras noch lebt, und un⸗ unterſtützte auch das Zweite der Sultan mit noch gewaltigeren Kanonen und das Erſte der Phranzes, des Großdomeſtikos und des Pro⸗ toveſtiars Spitzfindigkeiten, ja ſelbſt des Kon⸗ ſtantinos Dragoſes wankelmüthiger Sinn, wie es heute in den Blachernen geſchehen. Ent⸗ ſchuldige der Authentopulos— ſetzte er weniger in begütigendem als vielmehr ſpottendem und aufgebrachtem Tone hinzu— daß ich alſo rede von ſeinem allerdurchlauchtigſten Oheim; wo aber das Reich in Gefahr iſt, gebührt es dem Archonten, kühn und ohne Anſehen der Perſon für die Wahrheit zu ſprechen, für den einzig richtigen Glauben und das Recht.— Das umſtehende Volk hatte viel von dieſen Worten vernommen, welche der erzürnte Ad⸗ — 187— miral mit ungemäßigter Stimme hervorgeſtoßen, und es brach alsbald in ein lautes Beifallge⸗ ſchrei aus, in welchem die gellenden Stim⸗ men der Mönche und Laienbrüder ſich vornehm⸗ lich auszeichneten, rufend— Nieder mit dem Henotikon, es lebe Lukas Notaras, der Pfei⸗ ler der alten und wahren Kirche, es lebe der durchlauchtige Großherzog!— Der griechiſche Verfaſſer der Urſchrift ſtimmt in dieſen Beifallruf ein, der lateiniſche über⸗ ſeter jedoch äußert in einer Randgloſſe eine ganz entgegenſtehende Meinung, behauptend, dieſer Widerwille der konſtantinopolitaniſchen Griechen gegen das Henotikon, das iſt, gegen die Ausgleichung des großen Schisma und die Vereinigung der orientaliſchen Kirche mit Rom, ſei einer der unzähligen Beweiſe, wie Gott das Volk, dem er zürnt, mit Blindheit ſchlage, damit es ſelbſt in das ihm beſchiedene Unglück renne, und bezüchtigt den Großadmiral, gegen welchen er auch weiterhin eine ungünſtige Ge⸗ ſinnung zu erkennen gibt, ein vorzüglicher Be⸗ förderer derſelben geweſen zu ſeyn. Welcher dieſer Meinungen auch der Des⸗ pot von Meſembrya war, ſo hielt er doch nicht für gut, ſie in dieſem Augenblicke an den Tag zu legen und ſagte bloß: Wenn auch die Abkömmlinge des edelſten Volkes der Erde ſich in Meinungen des Glaubens tren⸗ nen, ſo vereiniget ſie doch noch ein anderes heiliges Band, die Liebe zur berühmten Hei⸗ mat; bei ihrer Vertheidigung ſind ſie eins, und auf der Mauer werden auch wir zuſammen⸗ treffen, Theophilos der Palaeolog und Lukas Notaras.— Nach einer leichten Verbeugung ſein Pferd zum Weiterreiten wendend, ſagte dieſer: An mir wird es nicht fehlen. Mein Wahlſpruch iſt: Blut und Leben für die herrliche Konſtan⸗ tinopolis, nicht allein als Hauptſtadt des ein⸗ zigen römiſchen Reiches, ſondern auch als Sitz des einzig wahren chriſtlichen Glau⸗ bens.— Und als er nun ſich fortbewegte, langſam und ſtolz, wie er gekommen, brauſ'te ihm abermal ein Jubelgeſchrei nach, unter welchem man häufig die Worte vernahm: Weg mit dem Henotikon, weg mit den Lateinern! Hoch lebe der Großherzog! Weg mit dem heiligen Geiſte aus der Dreifaltigkeit, als gleiche Perſon, im⸗ — 180— mer und ewig das Azymon!(ungeſäuerte Brod).— Ziemlich unverſtändlich waren dieſe Aus⸗ drücke dem Zöglinge von Antiparos, ſo wie auch der Sinn des kurzen Geſpräches zwiſchen Theophilos und Lukas; doch waren ihr die Vorwürfe nicht entgangen, welche er ihrem Vater und Bruder, ſelbſt ihrem kaiſerlichen Oheim zu machen ſchien, und ſie richtete auf den Begleiter einen fragenden Blick, den der⸗ ſelbe folgendermaßen beantwortete: Erlaſſe mir und Dir die Beſchwerde, edle Muhme, Dir zu deuten, was Du nur allzu oft hören wirſt, obgleich es beſſer wäre, man hätte es nimmer gehört, zumal in ſolch be⸗ denklicher Zeit. Ein tapferer Soldat und ein ſehr großer Herr iſt der Großherzog und Ad⸗ miral Lukas Notaras, und im Kriege ſchäz⸗ zenswerth, obſchon zu bezweifeln, daß er im Frieden ein trefflicher Bürger und Unterthan wäre. Nirgend iſt die Meinung ſo mächtig als hier, auch er hat die ſeine, und wenn ſie irrig, wird er doch für ſie kämpfen und, wenn es ſeyn muß, fallen, wie vielleicht manch An⸗ derem beſtimmt iſt, der ſie nicht getheilt.— — 190— Er ſchwieg hier mit einem Ausdrucke der Betrübniß auf dem vor kurzem noch ſo freien und freudigen Geſicht, der ſich doch ſchon ſeit dem Landen im Hafen bemerklich gemacht, als hätte während des Ganges durch die Straßen von Byzanz manche Wahrnehmung die Krie⸗ gerhoffnung verringert, welche ihn auf der ganzen Reiſe und insbeſondere auf der Fahrt von Epibaton nach der Hauptſtadt beſeelte. Er faßte ſich jedoch bald und ſprach mit etwas erheiterter Stirne: Laß mich, Jungfrau, Dei⸗ nen Blick abwenden von den Schatten, die über das herrliche Gemälde ziehen, welches ſich Dir darbietet, wie ſoiche wohl keinem in der Welt ganz gebrechen. Nichts trübe die Freude beim Wiederſehen der Altern, die Deiner mit Sehnſucht harren, und nichts halte unſern Schritt auf, derſelben genug zu thun.— Er beſchleunigte auch wirklich den Gang des Zuges, verſank aber bald darauf wieder in Sinnen und ſprach halblaut vor ſich hin: Noch ragt das Heiligthum der göttlichen Weis⸗ heit empor in die Luft; noch umglänzt die Sonne die Kuppeln von Konſtantinos altem Palaſt, des Bukolion und der Blachernen; — 191— noch ſchwebt die Hoffnung auf belebenden Schwingen über der Cäſarenſtadt. Warum ihr entſagen? Warum dem Vertrauen auf den Beiſtand des Höchſten, ſo viel auch der began⸗ genen Fehle ſeyn mögen? Auch dem Irrenden neigt ſich die himmliſche Gnade zu; wem möchte ſie auch ſonſt, da Keiner rein beſtehen mag vor ihm? Treue aber und ausharrender Muth verſöhnt ihn, und wer ſich ſelbſt hift, dem reicht er die helfende Hand.— Gern und leichten Schrittes folgte Irene dem eilenden Führer; ſeit ihrem Eintritte in Konſtantinopolis war eine große Veränderung mit ihr vorgegangen, glänzende und bedeut⸗ ungvolle Bilder einer ihr ſchnell liebgewordenen Wirklichkeit hatten die Nebelgeſtalten verdrängt, halb von der Phantaſie erzeugt und eingeborene wachgewordene Gefühle des Herzens eine von fremder Hand ausgeſtreuete Saat. In den Schleier der Vergangenheit gehüllt lagen An⸗ tiparos und die Jahre ihrer ſeltſamen Kindheit, ja die noch ſeltſameren Ereigniſſe der letzten Tage hinter ihr; ſie fühlte, hier ſei ihr Vaterland, das Haus der Altern ihre Hei⸗ mat, und indem ſie derſelben zueilte, be⸗ — 192— merkte ſie nur flüchtig, wie Leuke's Antlitz, das bei dem Gange durch Konſtantinopolis ſtille Bekümmerniß gezeigt hatte, ſich nach und nach erhellte und das dunkle Antlitz der Abyſſi⸗ nierin, auf welchem ſie in manchen der eben verſtrichenen Augenblicke ein deutungvolles Lä⸗ cheln wahrgenommen, eben ſo allgemach an Heiterkeit verlor, wie ihr Schritt und Geberde an der gewohnten Sicherheit und Gewandtheit. Während die Ankömmlinge ſich dei Palaſte des Großdomeſtikos nähern, ſei es dem deut⸗ ſchen übertrager der griechiſch⸗lateiniſchen Le⸗ gende erlaubt, Einiges anzuführen, welches auf die Gefahr hin, von mehren Leſern überſchla⸗ gen zu werden, andern eine vielleicht nicht überflüſſige Nachricht von der Lage des oſtröm⸗ iſchen Reiches gegen die abendländiſchen Chri⸗ ſten gewährt, in Betreff auf Glaubensmein⸗ ungen und Staatsverhältniſſe. Als vornehmlich unter der, nur durch Jo⸗ hannes Kantakuzenos kurze Herrſchaft unter⸗ brochenen Regierung des Palaeologiſchen Hau⸗ ſes, welches in ſiebenfacher Geſchlechtfolge Re⸗ genten ſehr ungleicher Eigenſchaften zählte, das Reich allgemach ſeinem Verfalle näher rückte, — 193— begannen die letzten Kaiſer desſelben einzuſehen, nur aus Weſten könne ihm Rettung werden, und da der Stolz und der Eifer des römiſchen Stuhles und die Orthodorie der abendländiſchen Fürſten ſich hartnäckig weigerte, demſelben ſol⸗ chen zu gewähren, welche ſie, wie dieſe hin⸗ wiederum, Schismatiker und Abtrünnige nann⸗ ten, ſo entſtand, während das Volk von Kon⸗ is, von der Geiſtlichkeit beherrſcht, als je auf den Beſchlüſſen des Concij ims von Nicäa beharrte, in der Stille des kaiſerlichen Purpurgemaches der Gedanke und der Wunſch einer Vereinigung, des ſo⸗ genannten Henotikon. Was Johannes Kantakuzenos, allzu ſchnell vom Throne in ein Kloſter geſtoßen, nur gedacht und gewünſcht hatte, führte Johannes der Erſte, Palaeologos aus. Er begab ſich nach Venedig, um den Papſt Urban um Hilfe anzuflehen und um ſeine Vermittelung bei den abendländ⸗ iſchen Fürſten. Dieſer empfing ihn mit Güte und Auszeichnung in Rom, wo der Auguſtus des Oſten ſich der Oberherrſchaft der römiſchen Kirche unterwarf und ſich zu ihren Lehren, namentlich der des zwiefachen Ausgehens des I. 13 heiligen Geiſtes bekannte. Aber die Zeiten wa⸗ ren ungünſtig, vergeblich blieb des Kaiſers An⸗ näherung und Urban's Fürſprache bei den la⸗ teiniſchen Höfen, und als Johannes der Erſte auf ſeiner Rückreiſe Venedig wieder berührte, ward der Beſitzer des älteſten Thrones der Welt daſelbſt wegen Schulden verhaftet. Die Konſtantinopolitaner, obgleich ihre Stadt damals noch ungeheuere Reichthümer in ſich hielt, weigerten ſich, mit des Auguſtus Reiſe unzufrieden, ihm beizuſtehen; Androni⸗ kos, ſein erſtgeborener Sohn, eiftiger für den Glauben, und vielleicht auch in ſeinem Stre⸗ ben nach dem Purpur, als in Erfüllung der Kindespflicht, war eher erfreut über des Va⸗ ters Gefangenſchaft, als geneigt, ſie zu be⸗ endigen; der zweite aber, Manuel, verkaufte alsbald alle ſein Beſitzthum und eilte in die Lagunenſtadt, den befreieten Greis mit ſich heimzuführen, ſich ſelbſt zur Haft für den noch nicht getilgten Reſt erbietend. Nach dem Tode Johannes des Erſten ward dem beſſern jüngeren Sohne der Purpur, und kaum hatte ſich Manuel mit demſelben beklei⸗ det, ſo folgte er des Vaters Beiſpiel, ſich nach dem Weſten begebend. Doch beſchränkte er ſich nicht darauf, Hilfe und Vermittelung beim römiſchen Stuhle zu ſuchen, er verfügte ſich in mehre Hauptſtädte des Abendlandes, und ward in Venedig, Paris und London wohl und mit der ſeinem Range gebührenden Auszeich⸗ nung aufgenommen. Aber die Republik wog bei ſeinem Anliegen das Dafür und Dawider bedächtig auf ihrem Krämergewichte, auf wel⸗ chem das erſte ſich zu leicht befand; bereits war Karl der Sechſte von Frankreich vom Wahnſinn befallen, und die Herzöge von Or⸗ leans und Burgund in heftigem Streit um die Regentſchaft, und der König von Großbritan⸗ nien, Heinrich IV. Bolingbroke, genugſam beſchäftigt mit der Feſtſtellung des uſurpir⸗ ten Thrones. Manuel Palaeologos kehrte zurück ohne einen andern Vortheil als das Bewußtſeyn, ſeiner Würde nichts vergeben und keine vergeblichen Schritte zur Annäherung ge⸗ than zu haben, und den vielleicht bedeutendern, daß Genua, Venedigs Nebenbuhlerin, von da an begann, einigen thätigen Antheil an dem Schickſale des oſtrömiſchen Reiches zu nehmen, 13* ein Antheil, der jedoch nicht zu den uneigen⸗ nützigſten gehörte. Lange Zeit gönnten unter Mohammed des Erſten Regierung die Streitigkeiten zwiſchen ihm und den andern Söhnen Bajeſſid des Blitzſtrahls ſeinen Brüdern, dem konſtantino⸗ politaniſchen Reiche Ruhe; als aber Murad II. im Jahre 1422 die Hauptſtadt belagerte, ge⸗ dachte man im Purpurgemache wieder des He⸗ notikon, und erzeigte dem heiligen Geiſte die hartnäckig geſchmälerte Ehre. Die Belagerung ward aufgehoben, nach der griechiſchen Sage durch eine Erſcheinung der Panagia, und bald verſöhnte ſich der mildgeſinnte Murad mit dem gleichfalls ehrenwerthen Manuel, ja es geſtal⸗ tete ſich ſogar eine Art freundſchaftlichen Ver⸗ hältnißes zwiſchen Beiden. Ob nun ſchon daſſelbe die Gefahr und mit ihr die Nothwen⸗ digkeit einer Vereinigung mit den Lateinern ent⸗ fernte, ſo dachte doch Manuel, der Zukunft wenig vertrauend, immer noch, zwar nur in gewiſſer Art an ſie, und ſtand während ſeiner langen Regierung in anhaltendem Briefwechſel mit den Fürſten des Weſten. Kurz vor ſeiner Thronentſagung ertheilte er ſeinem beſtimmten Nachfolger, Johannes dem Zweiten eine Weiſ⸗ ung in Gegenwart des Athanaſios Phranzes, der, damals ſeiner Geiſtesgaben und feſten Sinnes wegen beim alten Kaiſer in hoher Gunſt und Zutrauen ſtand. Unſere letzte Hilfe gegen die Osmanen— fagte er zu dieſem— iſt ihre Furcht vor un⸗ ſerer Vereinigung mit den kriegeriſchen Völkern des Weſten und ihrem thätigen Beiſtand. So⸗ bald Euch die Irrgläubigen drohen, gebrauchet Euch derſelben als Schreckbild. Traget auf eine allgemeine Kirchenverſammlung an, berath⸗ ſchlagt Euch über die Mittel zur Vereinigung; doch hütet Euch, daß jene zu Stande kom⸗ me und dieſe angewendet werden.— Die Lateiner ſind ſtolz, die Griechen hals⸗ ſtarrig, keine Partei iſt geſonnen, zu weichen, umſonſt wäre der Verſuch der Vereinigung, noch mehr würde er beide Kirchen entzweien, und der mißlungene uns den Barbaren zur Beute dahingeben.— Der Authentopulos nach Art der Jugend die gewundenen Wege der Klugheit verſchmäh⸗ end und gänzlich der eigenen Kraft vertrauend, erhob ſich ſchweigend von ſeinem Sitze und 5 verließ das Gemach mit einer Geberde des Unwil⸗ lens; da ſagte Manuel Palaeologos trüblächelnd zu dem Silentiar: Mein Sohn hält ſich ſelbſt für einen großen heroiſchen Prinzen, aber ach, unſer jämmerlich Zeitalter hat nicht Raum für Seelengröße und Muth. Sein kühner Geiſt eignete ſich beſſer für die glücklichen Tage un⸗ ſerer Vorfahren, heute bedarf Byzanz keines Imperator Auguſtus mehr, ſondern des vor⸗ ſichtigen Haushalters eines ärmlichen Reſtes. Ich kenne die Hoffnungen wohl, die er auf die Zwiſtigkeiten im Geſchlechte des Osman gründet, aber ich fürchte, ſein raſcher Muth wird den Untergang unſers Hauſes beſchleu⸗ nigen und die Religion ſelbſt, ſtatt uns zu ſchützen, uns vernichten.— Wenige Tage darauf zog er ſich in ein Kloſter zurück, wo er bald im achtundſieben⸗ zigſten Lebensjahre ſtarb. Johannes der Zweite gab ein neues Bei⸗ ſpiel, daß, was der Kronprinz gehofft oder ge⸗ wünſcht, dem Träger des Diadems ſchwierig oder minder erſprießlich erſcheint, er ſollte bald zur Wahl geſtellt werden, die ſein Vater ihm — 199— zu meiden gerathen, und anders wählen, als er ftüher im Sinne trug. Die verſammelten Väter der Kirchenver⸗ ſammlung zu Baſel hatten ſich für die höchſte Gerichtſtelle der lateiniſchen Chriſtenheit erklärt, deren Ausſprüchen nicht allein alle ihre Mit⸗ glieder unterworfen ſeyen, ſondern auch ihr Haupt, der Pabſt in eigener Perſon, und ſie wurden darin vom abendländiſchen Kaiſer un⸗ terſtützt und von mehren andern Fürſten, der Oberherrſchaft der römiſchen Curie müde. Die Verſammlung, begierig, ſich durch einen gro⸗ ßen Glaubensactus vor Welt und Nachwelt zu verherrlichen, glaubte denſelben in der viel⸗ beſprochenen Vereinigung der beiden getrennten Kirchen zu ſehen, und lud den Kaiſer des Oſten ein, und den Patriarchen von Konſtan⸗ tinopel; dieß Anſuchen war von großen Ver⸗ ſprechungen begleitet, des Erſatzes der Reiſe⸗ koſten, einer anſehnlichen Summe für die by⸗ zantiniſche Geiſtlichkeit, einer anderen bedeuten⸗ den während der Abweſenheit des Auguſtus, mehren Galeeren und einer Anzahl Bogen⸗ ſchützen zur Vertheidigung der Hauptſtadt. Aber auch Pabſt Eugenius der Vierte ſah ein, wie kräftig die Anſchließung eines ſolchen Clienten an den apoſtoliſchen Stuhl das ge⸗ fährdete Anſehen deſſelben zu unterſtützen ge⸗ eignet ſei; er verſprach nicht, er ſendete, um Johannes den Zweiten zur Reiſe nach Fer⸗ rara zu bewegen, wohin er eine Synode beru⸗ fen hatte, der zu Baſel entgegengeſetzt, als⸗ bald eben ſo viel, als jene nur verheißen, und neun Galeeren zur überfahrt, mit prachtvollen Geſchenken beladen, auch waren der That lockende Verſprechungen beigefügt. Doch bedachte ſich der Auguſtus noch einige Zeit, ſich an den Rath ſeines Vaters erin⸗ nernd; da beſtimmten zwei an ihn ergehende Abmahnungen ſeinen Entſchluß, und gerade ihrem Sinne zuwider. Die erſte kam vom Kaiſer Siegmund, wel⸗ cher ſolchen Triumph dem Concilium mehr gönnte als dem Papſte; die zweite von Mu⸗ rad dem Zweiten, welcher ſich erbot, ſelbſt dem Geldbedürfniße des oſtrömiſchen Hofes abzu⸗ helfen, aber zugleich in ſeiner leutſeligen Weiſe verhieß, Konſtantinopolis ſolle ungefährdet blei⸗ ben, während Johannes Palaeologos, der Sohn ſeines Vaters Manuel, ſo nannte der — Türk den verſtorbenen Kaiſer, nicht daheim„„ ſei. Der Rath des weſtlichen Kaiſers lautete übel in den Ohren des öſtlichen Auguſtus, der ihn, wie alle ſeine Vorfahren den In⸗ haber dieſer Würde als einen Eindringling und unrechtmäßigen Träger derſelben betrachtete; in Murad's Anerbieten aber ſah er, und nicht mit Unrecht, eine Frucht der nämlichen Be⸗ ſorgniß, welche einſt Manuel richtig beurtheilte. Er entließ die Botſchafter der Pforte mit höf⸗ lichem Dank, die Baſeler Abgeſandten mit ei⸗ ner ausweichenden Antwort und ſchiffte ſich auf den Galeeren des Papſtes ein, begleitet von dem greiſen Patriarchen Joſephos, vielen Biſchöfen und Mönchen, Hofleuten, Mini⸗ ſtern und Philoſophen, Eugenius dem Vierten in Hoffnung der Vergeltung einen Beiſtand zu leiſten, der dieſem in der That von großem Nutzen gegen die Kirchenverſammlung ward, welche in ihrer Hoffnung getäuſcht und in ih⸗ ren Schritten irre geworden, durch allzu große Heftigkeit und übertreibung ihre im Weſent⸗ lichen nicht tadelnswerthe Sache verſchlim⸗ merte. Nach fünfundzwanzig Sitzungen der Sy⸗ — 20— node von Ferrara während neun Monden kam die Vereinigung zu Stande. Da unter den Leſern dieſer Legende ſich vielleicht einige befin⸗ den, welchen die Abweichungen, die das große Schisma hervorgebracht, nicht erinnerlich ſind, und denen es doch nicht unangenehm iſt, ſie ſich in's Gedächtniß zurückzurufen, ſo erlauben wir uns in der Kürze die Glaubens⸗ und Disci⸗ plinartikel aufzuführen, welche die Lateiner den Griechen vorlegten, und die Art, wie die Letztern ſie aufnahmen. Sie betrafen den Gebrauch des ungeſäuerten Brodes beim Abendmahle, das Fegfeuer, die Gewalt des Pabſtes und das Ausgehen des heiligen Geiſtes von beiden andern Perſonen der Dreieinigkeit, oder nur von einer. Die beiden erſten wurden als weniger wich⸗ tig und beſtimmt, den Gebräuchen jedes Lan⸗ des, und die Entſcheidung dem künftigen Le⸗ ben anheimgeſtellt, auf die dritte antwortete man umſichtig, dem Papſt ſolle die Gewalt zukommen, welche der heilige Canon ihm er⸗ theilte, die Erwiederung auf die vierte aber war ein nicht unbedeutend Probeſtück der ſcho⸗ laſtiſchen Dialektik damaliger Zeit, welche nicht . —— weniger als die diplomatiſche Sprache in der folgenden verſtand, zuzugeben, und doch eigentlich wenig oder nichts einzuräumell. Sie lautete; der heilige Geiſt gehe vom Vater aus und vom Sohne, als von einem Prin⸗ zip und einem Weſen, er gehe durch den Sohn, aus, mit welchem er Weſen und Beſchaffen⸗ heit gemein habe, aber auch vom Vater und Sohn durch einen Aushauch und ein Erzeugen. Obgleich ſolche gewundene Erklärung ſich dem Lehrbegriffe Roms nur ſehr unvollkommen nä⸗ herte, ſo bezeigte ſich daſſelbe doch leidlich zu⸗ frieden und die ziemlich brüchige Zuſammen⸗ kittung galt für eine Vereinigung. Nicht ohne beſondern Einfluß und vielleicht, wie manchem unſerer Leſer, auch den Griechen begreiflicher waren die einleitenden Punkte. Der Pabſt trug die Koſten der Rückreiſe, verhieß zwei Galeeren und dreihundert Bogenſchützen zur Vertheidigung von Byzanz, die Pigrimme nach dem heiligen Grabe zu verpflichten, daß ſie im Hafen dieſer Stadt landeten, zehn be⸗ mannte Galeeren auf ein Jahr, oder zwan⸗ zig auf ſechs Monate, ſobald ſolche nöthig, —— und den Beiſtand der weſtlichen Mächte aus⸗ zumitteln im Falle eines Angriffes zu Lande. Genug hatte Johannes Palaeologos erreicht, ohne ſeinerſeit ſonderlich viel zuzugeſtehen, doch empfingen ihn die undankbaren und fanatiſchen Konſtantinopolitaner ſehr übel; während ſeiner zweijährigen Entfernung hatte die Anarchie ihr Haupt erhoben, und der Mönche Geſchrei fachte den Haß gegen die Lateiner an und gegen den Auguſtus, den man ihren Verbün⸗ deten und einen Abtrünnigen nannte. Obſchon es ihm nicht an Muth, Klugheit und Feſtig⸗ Leit mangelte, ſo war er doch genöthigt, dem Sturme für den Augenblick zu weichen und dem Volke nachzugeben, an deſſen Spitze ſich ſein bösartiger Bruder Demetrios zu ſtellen drohete unter dem Vorwande der Vertheidig⸗ ung des alten Glaubens, er ſah ſich gezwun⸗ gen, viele von denen zu verbannen, die ihn vegleitet hatten, und unter ihnen, wie bereits erwähnt, den alten Athanaſios Phranzes; der Patriarch Joſephos ward in ein Kloſter geſtoßen, dem übermüthigen Nachfolger Raum gebend. Die andern Prälaten, welche in Italien geweſen, das Schickſal ihres Hauptes befürchtend, ſeines — 25— Nachfolgers Zorn und des Volkes Mißhand⸗ lungen, änderten ihren Sinn oder wenigſtens ihre Sprache; ſie bezeigten innige Reue über ihre Mitwirkung zu dem verdammlichen Henoti⸗ kon, und überließen ſich der Gnade Gottes und ihrer Mitbürger. Durch Ungemach— klagten ſie— durch Betrug und eitle weltliche Rückſicht haben wir uns irreführen laſſen; wenn die Hand, welche die unſelige Vereinigung unterzeichnet, abge⸗ hauen; wenn die Zunge, welche die ketzeriſchen Glaubensartikel nachgeſprochen hat, ausgeriſſen würde, geſchähe nicht mehr als wir ver⸗ dient.— Dieſe Stimmung des Volkes und der Mönche, welcher die geſunkene Kaiſermacht keine kräftigen Maßregeln mehr entgegenſtellen konnte, und die Ruhe, die Murad theils aus Achtung für ſeine Verſprechungen, theils auch durch Johannes Hunyad und Georgios Ka⸗ ſtriota, unter dem Namen Skanderbeg be⸗ kannt, hinlänglich beſchäftigt, dem oſtrömiſchen Reiche gönnte, vernichtete die Wirkung der in Italien geſchloſſenen Verträge, und wie man⸗ — 26— che derſelben beſtand das Henotikon nur auf dem Pergament. Als nach ſechsundzwanzigjähriger Regier⸗ ung Johannes II. Palaeologos ſtarb, beſtieg Konſtantinos, ſein Bruder, den Thron, nicht allein auf unterhölter Grundlage ſtehend, ſon⸗ dern auch gewaltſam erſchüttert, und zwar nicht durch die Osmanen, ſondern durch die Palaeologen ſelbſt und ihre Uneinigkeit. Schon haben wir aus dem Munde des Schiffhaupt⸗ mannes Palämon gehört, daß Demetrios auf ſeine Eigenſchaft eines im Purpur geborenen Sohnes des Manuel ein Recht auf das Dia⸗ dem begründete; um das ſchwache Reich nicht gänzlich zu vernichten, willigte Konſtantin ein, ihre beiderſeitigen Anſprüche einem Schiedsrich⸗ ter anheim zu ſtellen. Dieſer Schiedsrichter war Murad, der Padiſchah', und ſeine Entſcheid⸗ ung war Konſtantin günſtig, welcher darauf, mehr der angeborenen Großmuth als der Staatsklugheit Gehör gebend, die Halbinſel Morea unter ſeine Brüder Demetrios und Tho⸗ mas vertheilte. Sieben Jahre noch regierte gleichzeitig mit ihm der gewiſſenhafte Murad; als aber nach — deſſen Ableben ſein Sohn Mohammed der Zweite zum dritten Mal und fortan für immer mit dem Schwerte des Propheten umgürtet ward, gewannen die Sachen eine andere dro⸗ hende Geſtalt. Das Gerücht hatte nicht ermangelt, ſchon ſeit geraumer Zeit manche bedenkliche Kunde zu verbreiten von des jungen Sultan Ungeſtüm, von ſeinem ungemeſſenen Ehrgeize und ſeiner ge⸗ ringen Gewiſſenhaftigkeit in der Wahl der Mit⸗ tel, ihn zu beftiedigen. Chalil Tſchendereli, der Großweſſir, ermangelte nicht, die Griechen zu warnen und ſie auf den Unterſchied zwiſchen Vater und Sohn aufmerkſam zu machen, und obgleich Mohammed die ihm zur Thronbeſteigung glückwünſchenden byzantiniſchen Abgeſandten mit vieler Huld empfing, rechtfertigte er doch bei⸗ nahe gleich darauf, allen Zwang von ſich wer⸗ fend, die Worte des Miniſters durch ſeine ei⸗ genen, die Grundſätze ſeines ehrenwerthen Va⸗ ters als Zeichen der Schwäche und eines Nach⸗ folgers des Propheten und geborenen Vertilgers der Ungläubigen unwürdig, laut verſpottend und den nachfolgenden Abgeordneten Konſtantin's ſeine Abſicht ohne ſonderliche Umſchweife ankündigend. 208 Da erkannte Konſtantinos Dragoſes, es ſei nothwendig, alle Mittel zur Vermeidung des drohenden Unterganges anzuwenden, und allerdings hätte er auch eins derſelben im Bei⸗ ſtande finden können, welchen die Palaeolog⸗ iſchen Fürſten in Morea ihm ſchuldig waren, die Brüder dem Bruder, die Lehnträger dem Oberherrn. Aber kaum dem Namen nach erkannten Demetrios und Thomas dieſe Ober⸗ herrſchaft an, ſtatt ſich der allgemeinen Sache in Einigkeit anzuſchließen, wurden ſie uneins unter ſich ſelbſt, und gingen ſo weit in ihrem übelwollen und ihrer Thorheit, daß ſie Beide des Reiches gefährlichſten Feind zur Hilfe ge⸗ gen einander aufriefen, ein Anliegen, welches Mohammed mit Freuden gewährte, jedoch frei⸗ lich nur, um, wie es auch ſpäter geſchah, Beide zu verderben. Wiewohl ſchon in reiferm Alter, doch noch unverehelicht, gedachte Konſtantin Dragoſes durch eine Gemahlin Verbindungen anzuknü⸗ pfen, deren Vortheile ihm ſein eigenes Ge⸗ ſchlecht nicht gewährte. Die, welche er zuerſt gewählt, die Tochter des damals zu Venedig herrſchenden Dogen würde unſtreitig dieſer Ab⸗ — 209— ſicht entſprochen haben, aber der Hochmuth der byzantiniſchen Archonten erklärte dieſe Ehe für ein Mißbündniß, und ſtatt einen mächtigen Bundesgenoſſen zu erwerben, hatten der Kaiſer und das Reich nur die Zahl ihrer Feinde ver⸗ mehrt. Nimmer vergaßen der ariſtokratiſche Stolz des Hauptes der Republik und ihre Edlen die Beleidigung, wie es die Folge dar⸗ that, vornehmlich zur Zeit der höchſten Gefahr. Der Auguſtus ſendete ſeinen Wrotoveſtiar Georgios Phranzes, deſſen die Geſchichte wie dieſe Legende Erwähnung thut, an den Hof von Trapezunt, wo ein komneniſcher Fürſt mit dem Titel eines Kaiſers regierte, und von Georgien, deſſen Herrſcher aus demſelben Hauſe war. Nach zweijähriger Wahl entſchied ſich der Geſandte für Maria, die Tochter des Letztern, theils durch ihre Schönheit und Gei⸗ ſtesgaben beſtimmt, theils auch durch eine bedeu⸗ tende Mitgift und einen anſehnlichen Jahrgehalt, nicht unwillkommene Begleiter jener Vorzüge. Doch waren dieſe Hilfmittel nicht hinreichend, als das Ungewitter nun ſchnell herannahete, verkündet durch die Donner aus Mohammed's Munde, und nach ihnen richtete II. 1 — 210— Cäſar wie einſt ſein Bruder, den Blick nach dem Weſten. In dieſer ſtürmiſchen Zeit die be⸗ ängſtete unruhige Hauptſtadt zu verlaſſen, war unmöglich und er gezwungen, was er per⸗ ſönlich nicht konnte, durch Briefe und Geſandt⸗ ſchaften zu erſetzen, und die damals im Abend⸗ lande beſtehenden Verhältniſſe machten die ſchwa⸗ che Maßregel völlig unwirkſam. In Frankreich ruhete der alternde Karl VII. von den Stürmen aus, die ſeine Jugend be⸗ moffen, und die Blicke, welche er noch um ſich that, waren hauptſächlich auf ſeinen meuter⸗ iſchen und treuloſen Sohn, den nachmali⸗ gen eilften Ludwig gerichtet; in England kämpfte der gleichfalls bejahrte Heinrich VI. nur matt gegen den Aufruhr, der ihn bald darauf vom Throne in den Tower und in das Grab ſtoßen ſollte. Auf dem Kaiſerſtuhle träumte Friedrich III. ſchon dreizehn Jahre ſei⸗ nen dreiundfunfzigjährigen Regierungtraum, und wenn der Friedſame auch mitunter an die Vergrößerung ſeines Hauſes dachte, ſo ſchien ihm dazu der freundliche Hymen ein beſ⸗ ſerer Vermittler als der ſtrenge, Opfer for⸗ dernde Mavors.— — Papſt Nikolaus der Fünfte war es ziemlich allein unter den Gekrönten des Abendlandes, deſſen Ohr ſich nicht den Klagen und Bitten des oſtrömiſchen Hofes verſchloß, aber indem er ſich geneigt zeigte, zu thun, was ſein Vor⸗ gänger Eugenius zugeſagt, machte er dabei die Bedingung, vorher müſſe geſchehen, was man dieſem gegenſeitig verſprochen. Der Kaiſer und ſeine einſichtvolleren Räthe erkannten die Noth⸗ wendigkeit der Vereinigung mit den Lateinern als des einzigen Mittels zur Rettung, und ſie verſuchten mit Vorſicht, die Geiſtlichkeit und die von derſelben beherrſchte Menge für ihre überzeugung zu gewinnen, aber die Stim⸗ me der Klugheit und Mäßigung ward vom Gebrüll des Fanatismus übertäubt. Auch mehre Große des Reiches befanden ſich bei dieſer nur allzu zahlreichen Partei und der ungeſtüm⸗ ſte dieſer weltlichen Zeloten war der Großherzog Lukas Notaras, der nicht nur dieſe Maßregel ſeines Herrn, ſondern alle ſeine Handlungen mit der Hitze des Vorurtheils und der Rück⸗ ſichtloſigkeit eines ungemeſſenen Stolzes öffent⸗ lich und bitter tadelte und ſogar ſich über die 14* —— Perſon des Auguſtus in heftige Schmähreden ergoß. Noch einige Hoffnung ſette Konſtantin XIV. auf die Ankunft des Kardinals Iſidor, den Nikolaus zu ſenden verſprochen, doch durfte er nicht wagen, ſie kund zu thun, die Gegen⸗ maßregeln der Glaubenseiferer befürchtend. So ſtand es um das Henotikon, ſo um das oſtrömiſche Reich oder deſſen jammervolle Trümmer, als Mohammed begann, ſeine Drohungen zur That zu machen, als Irene Phranza zum erſten Mal ſeit den Tagen un⸗ mündiger Kindheit ihre Vaterſtadt wiederſah. Nachdem wir gehörig diejenigen unſerer Le⸗ ſer um Verzeihung gebeten haben, denen die⸗ ſelbe, ſie nicht übergehend, dieſe ernſte Unter⸗ brechung einer etwas phantaſtiſchen Darſtellung Langweile verurſacht hat, wenden wir uns zur letten zurück. In der Halle des Palaſtes ſtand die Die⸗ nerſchaft verſammelt zum Empfange, welcher wohl minder feierlich und freudig in ſolcher Lage der Dinge war, als er fonſt geweſen ſeyn würde, aber immer einem ſo großen Hauſe und der Tochter deſſelben angemeſſen. Ehr⸗ furchtvoll führten die vornehmeren Hausbeam⸗ ten die junge Herrin durch Galerieen und Säle, deren herrliche Ausſchmückung ihre Aufmerkſam⸗ keit wenig auf ſich zog, deren Anzahl und Länge aber ihre Bewegung vermehrte, ihr nach und nach die Ungeduld zugeſellend, und ſie war beinahe athemlos, als ſie im Geleit ihres fürſtlichen Vetters ein prachtvolles Gemach be⸗ tretend, ſich vor der Verſammlung ihrer Ange⸗ hörigen befand. Sie war zahlreich und glänz⸗ end in verſchiedenartiger Weiſe, doch das erſte Gefüht, welches Irenen ein wenig abkühlend antrat, war eine Art Verlegenheit, durch die Wahrnehmung erzeugt, daß alle Blicke auf ſie gerichtet ſeyen, und die meiſten unter ihnen prüfend, denn wie wir wiſfen, war die ſelt⸗ ſame Weiſe ihrer Erziehung auf Antiparos im väterlichen Hauſe nicht unbekannt geblieben. Indeß verfehlte der Anblick der lieblichen Jungfran ſeine Wirkung nicht; bald wurden die Blicke der Männer, vornehmlich zweier un⸗ ter ihnen milder und heiterer und aus den — 214— Augen der Frauen ſprach Wohlgefallen, welches bei der Aiteſten derſelben ſogar den Ausdruck der Freude annahm, vielleicht nur durch die Anſtandsregeln in Schranken gehalten, welche an keinem Hofe der damaligen Welt ſo ſtreng beobachtet wurden als an dem zu Byzanz. Der, deſſen Stellung und Anſehen die ei⸗ nen Moment lang zweifelnde Irene aufforder⸗ ten, ihm zuerſt zu nahen, um kniebeugend des Vaters Willkommen zu empfangen, war ein Greis, denn bereits in den Sechszigen vor⸗ gerückt ſehen wir den Sohn des mehr als neunzigjährigen Athanaſios Phranzes, doch ward ſeine Tochter alsbald gewahr, er gleiche dieſem nur wenig, der wechſelnde, oft raſch alle Staf⸗ feln des Gefühls bis an ihre äußerſten End⸗ punkte durchlaufende Wechſel der Empfindung, den man am Ahnherrn gewohnt geweſen, man⸗ gelte den feſten ernſtheiteren Zügen des Groß⸗ domeſtikos; ſein Auge blickte nicht bald finſter zu Boden, bald von fremdartigem Glanze be⸗ lebt in eine unbeſtimmte Ferne, es ſchien aber im Gegentheile das, was ihn umgab im Reiche der Wirklichkeit und der Begriffe, klar aufzu⸗ faſſen und klug und genau zu würdigen. Zwar — 215 mangelte es ihm nicht an Lebhaftigkeit und Wärme, doch waren ſie von der Art, die thã⸗ tig in das Leben tritt, ſtatt in unbeſtimmte Räume ſchweifend, ſich zu verlieren, oder nach fruchtloſem Umherſchweifen zurückkehrend, das unzuftiedene Herz noch unzufriedener zu ma⸗ chen. Auch gewahrte Irene alsbald, ſie werde nicht für ihn, wie für den Großvater, ein Gegenſtand der Vergötterung und dann wieder unbegriffenen Tadels ſeyn; er legte die Hand auf das Haupt der knieenden Tochter, in einer Weiſe, zwiſchen der Außerung des Vaterge⸗ fühls und der ſolchem Wiederſehen anſtändigen Feierlichkeit haltend, dann hob er ſie emper, ſah ihr eine Weile beifällig in das Geſicht, und nachdem er ihre Stirn geküßt, wies er ſie an die neben ihm ſtehende Mutter, um dem ſeine Achtung zu bezeigen, welchen man am Hofe von Konſtantinopolis als den erſten Prin⸗ zen vom Geblüt und muthmaßlichen Thronfol⸗ ger unſch Es iſt nicht zu leugnen, auch in der That wenig befremdend, wenn die an das Unge⸗ wöhnliche nicht gewöhnte und mit der Weiſe der großen Welt unbekannte Jungfrau dieſen Em⸗ — 216— pfang ziemlich klalt und dem nicht ſonderlich entſprechend fand, was man ihr von der Sehn⸗ ſucht geſagt hatte, mit der ſie im Vaterhauſe erwartet werde, und mit einiger Scheu nahete ſie ihrer Mutter. Auch konnte wirklich der erſte Anblick der im Purpur geborenen und mit dieſer Farbe reichlich geſchmückten Theo⸗ phano eine ſolche rechtfertigen; der ganze Stolz, die ganze Würde ihrer Geburt ſprach ſich in dem Weſen der Tochter Johannes des Erſten, Palaeologos aus, und ihre trotz dem Verſchwin⸗ den der Jugend noch immer wohlgeformten Züge trugen ein, obſchon nicht übertriebenes Gepräge der Zurückhaltung und Strenge. Aber leichter als den Sinn der Männer beſticht eine anmuthige Perſönlichkeit das Herz einer Frau, zumal wenn ſie Mutter iſt; nicht lange knieete Irene zu den Füßen der ihrigen, da fühlte ſie ſich emporgehoben und an die mit Purpur und Edelgeſteinen bedeckte Bruſt gedrückt; ſie hörte ſich, wiewohl mit einiger Mäßigkeit, lo⸗ ben und darauf eine Anzahl Fragen an ſich gerichtet, welche ſämmtlich zu beantworten ihr beinahe unmöglich fiel, zunächſt ihres verſchie⸗ denen Inhaltes wegen und der Schnelligkeit, S— mit der ſie geſchahen, dann aber auch, weil ſie fühlte, manche ihrer Erwiederungen möchte ſeltſam und unverſtändlich lauten in einem Kreiſe, der, wie ſie ſofort empfand, höchſt ver⸗ ſchieden von dem war, in welchem ſie ihre Kindheit verlebte. Dieſe Zurückhaltung ward noch durch die Gegenwart der Gemahlin ihres Bruders vermehrt, welche ſich genähert hatte, um in weiblicher Wißbegier Theil an dem Ge⸗ ſpräche zu nehmen und den vielbeſprochenen Zögling des ſeltſamen Einſiedlergreiſes kennen zu lernen. Wie ihre Schwiegermutter und Baſe war Prinzeſſin Zoe mit den Abzeichen ihres Ranges geſchmückt, doch minder ſtolz und gemeſſen ihre Haltung und Geberden, wechſelnder der Aus⸗ druck ihrer Züge, zwiſchen vorübergehender Er⸗ regung und einem gewiſſen Trübſinn, dem Erbtheile, wie es hieß, der derzeitigen Ge⸗ ſchlechtfolge ihres Hauſes, welches bei einigen ihrer Brüder in finſtere Menſchenfeindlichkeit ausgeartet war, und den Kaiſer ſelbſt, ob ihn gleich ſolcher Vorwurf nicht traf, als ein Geiſt der Ahnung begleitete, doch nur in der —— 8 Einſamkeit hervortretend, zur Unſichtbarkeit ge⸗ zwungen im öffentlichen Leben. Eine Matrone war Theophano, denn nicht jung mehr war die jüngſte Prinzeſſin Johannes des Erſten, als ihres Bruders Manuel Politik und Dankbarkeit ſie dem wenig ältern Groß⸗ domeſtikos zur zweiten Gemahlin dahingab, nnd Irene noch mehr mütterlicher als väter⸗ licherſeit ein Spätling zu nennen; aber auch die Tochter Manuel's Palaeologos, jung mit dem jungen Georgios Phranzes verehelicht, hatte die Zeit der Blüthe zurückgelegt, und es umgaben ſie mehre Sprößlinge dieſer Verbindung, wer⸗ dende Jungfrauen und Knabenjünglinge, alle von ausgezeichneter Wohlgeſtalt. Aber die Er⸗ ſten, theils von gleichem Alter mit der jugend⸗ lichen Baſe, trugen in ihrem abgemeſſenen Weſen die Spuren der Erziehung vornehmer griechiſcher Jungfrauen in der Stille des Gy⸗ näceum, die Knaben aber zeigten das ſcheue ungelenke Weſen, dieſes Alters gewöhnliches Erbtheil, welches durch eine halb vornehm⸗ höf⸗ liche, halb pedantiſch⸗gelehrte Bildung noch vemerklicher gemacht wird, bis das Erlernte ſich zum Begriffe geſtaltet, der Hörſaal zur — 219— Schaubühne der Welt, und has dort Empfan⸗ gene in die Wirklichkeit eintritt und in das die That erfordernde Leben. Da rief Theophano, daß er die Schweſter begrüße, Georgios herbei, der bald nach dem Eintritte derſelben zu dem Vater und dem Des⸗ poten getreten war, mit ihnen ein heimlich Ge⸗ ſpräch zu führen, angelegentlich, wie es ſich darthat und ernſten wichtigen Inhalts. Der Staatsmann und Hiſtoriograph wendete ſich und der mehr als dreißig Jahre ältere Halb⸗ bruder näherte ſich der Jungfrau. Sein Willkommen war freundlich, aber ernſt und ließ das Ohr ſo wenig den Bruder der noch nicht Sechszehnjährigen erkennen, als ihn das Auge ausgefunden haben würde. Sein Anblick und' ſeine gemeſſene Rede vermehrte in Irenen noch das bis jetzt ihr ganz neue Gefühl der Beklommenheit, einer Art von Furcht ſo⸗ gar, die ſich ihrer beim Eintritt in dieſe ihr ſo fremdartig dünkende Umgebung bemeiſtert hatte. Noch weit unähnlicher war er dem Groß⸗ vater, als Ariſtobulos, der durch ſeine hohe Geſtalt, das gleichfalls ſchon greiſe Haar und — 220— manchen Zug ſeines Antlitzes an jenen erinnerte, der Großkämmerer des oſtrömiſchen Reiches er⸗ reichte kaum den mittleren Wuchs, ſein Haar war füllreich und von dunkler Farbe, eben ſo ſeine Augen, die von minderer Lebhaftigkeit als des Vaters, noch mehr ſchnellfaſſenden und berechnenden Scharfſinn ausſprachen; ſein Mund lächelte nur ſelten, und wenn es ge⸗ ſchah, ſchien es ſich gelegenheitlich zu ereignen; ſeine Rede, meiſt zögernd, als warte ſie vor⸗ angehende Erwägung, lautete, wenn ſie ſich darauf vernehmen ließ, kurz und beſtimmt, obſchon ſie nicht ftei war von einigem Anflug der damals ſo hochgeachteten Dialektik, und nur ſelten und bei geeigneten Veranlaſſungen verfiel er in die andere Sprechart ſeiner Zeit und Nation, in die blumige orientaliſche Be⸗ redſamkeit. Jeder ſeiner Züge und Geberden bezeichnete deutlich den Mann, der beinahe ſeit dem Eintritt in das Jünglingalter vom gewun⸗ denen Roſenpfade der Freude ſich abwendend den minder anmuthigen Weg eines ernſten Geſchäftlebens eingeſchlagen, deſſen Stimme oft für die wichtigſten Angelegenheiten der Ge⸗ ſammtheit geſprochen, und an welchem, beinahe —— eben ſo oft die Perſon ſeines Monarchen dar⸗ ſtellend, der Typus allgemach verlöſcht war, den die Natur wie jedem ihrer Erzeugten ihm eigenthümlich verliehen. So ſchildern wir den Mann, der gleich⸗ ſam als die letzte Denkſäule eines verſunkenen Reiches in der Geſchichte und vor den Augen der Nachwelt daſteht, unſerm böhmiſchen Le⸗ gendenſchreiber folgend, zwar nur dem Sinne nach, nicht den Worten, die ein wenig kraus und unverſtändlich lauten, wie es einem Manne zukommt, der ſeine Forſchungen mehr den Be⸗ wohnern der Unterwelt gewidmet hat als de⸗ nen, die am Tage wandeln und auf der Ober⸗ fläche der Erde. übrigens ſcheint dem Adepten die klare und beſtimmte Sinnesweiſe des byzantiniſchen Staats⸗ mannes wenig zu behagen, denn obgleich er ihm einen Ehrennamen ertheilt, welcher ihn freilich den weiblichen Leſerinnen nur wenig em⸗ pfehlen wird, den eines höchſtgelahrten Scri⸗ benten, ſo behandelt er ihn doch auch in der Folge mit einiger Kälte, ſelbſt wenn er ihm die Lobſprüche zugeſteht, die ihm als treuen Rath und Beiſtand eines unglücklichen Fürſten — 2— gebühren und als einem der kräftigſten Ver⸗ theidiger und Beförderer des Henotikon, für den Abendländer und Mönch ein geheiligtes Werk. Irene jedoch vermochte nicht, im erſten Au⸗ genblicke ſolch ruhmwürdige Eigenſchaften unter der kalten abgeſchliffenen Hülle zu entdecken, und die ernſte gemeſſene Anrede des Bruders ließ die, gegen welche der Hausphiloſoph zu Antiparos ſelbſt dem Ernſte der Stoa ein übel⸗ anſtehendes Lächeln aufgezwungen hatte, er⸗ röthend, betrübt und verlegen. Das ſehend, kam ihr die gütige Mutter mit dem zu Hilfe, was am eheſten ein jugendlich, ein weibliches Gemüth wieder aufrichtet, mit einigen ſchmeichelnden Worten des Lobes.— Geſtehe nur, Georgios Phranzes— ſprach ſie zu dem Stiefſohne— daß es eine ſchmucke Blume iſt, die der bejahrte Pfleger auf Anti⸗ paros für unſern Garten erzog.— Allerdings— entgegnete der Hofmann— Allerdings, erlauchte, im Purpur geborene Mut⸗ ter, mag man Irenen eine zierliche Blume nennen oder eine Staude, prangend mit ſchim⸗ mernden Blüthen. Doch, fürchte ich, war der —— Ort, wo ſie emporwuchs, gewiſſermaßen ein Treibhaus zu nennen, in dem wohl Blüthen ſich erzeugen, doch ſolche, welche abfallen, wenn der Sturm ſie trifft, ehe ſie zu Früchten gereift ſind.—— Und glaubſt Du— verſetzte die Prinzeſſin Theophano mit der Empfindlichkeit einer ge⸗ kränkten Mutter— Glaubſt Du, Protove⸗ ſtiarios, mein Sohn, daß dieß Blümlein nicht die Natur des Stammes bewahrte, dem es entſproſſen?—— Der Großwürdenträger ſagte darauf, ſich abermals verneigend, halb ſtolz, halb verbind⸗ lich: Fern ſei es von mir, das von der Toch⸗ ter des Stammes zu meinen, dem ich ſelbſt angehöre, noch weniger aber von der, welche mütterlicherſeit von dem Herrſchergeſchlecht ab⸗ ſtammt. Nicht verlorengehen mag einer Sol⸗ chen die angeſtammte Natur, doch in fremd⸗ artigem Boden ſich fremdartig entwickeln. Um bei der Parabel zu bleiben, welche meine ge⸗ bietende Frau und fürſtliche Mutter erwählt, ſei es mir vergönnt, zu ſagen, daß man zur Zeit der Entwickelung die Treibhausgewächſe in ihren angeſtammten Boden verpflanzt, und ſie — 224— der Luft ausſetzet, damit ſie ſich allgemach an ſelbe gewöhnen, und der Sturm, ſo er ſie treffen ſollte, ſie nicht jähling entblättert. Sol⸗ ches iſt jetzt mit dieſer meiner Schweſter ge⸗ ſchehen, ſie befindet ſich unter der Obhut ihrer natürlichen Pfleger, welche dazu geeigneter ſind als, mit aller Ehrfurcht von meinem Großva⸗ ter geſprochen, als er, der bei aller Weisheit und Erfahrung, meines Erachtens nicht ſon⸗ derlich dazu getaugt, einem jungen Gemüthe klare Begriffe und eine richtige Weltanſicht zu geben, das Allernothwendigſte, wie ich meine.— Des Bruders lange und trockene Rede hatte Irenens Unbehaglichkeit nicht wenig vermehrt, und ſie ſtand, dem gewohnten Eigenwillen nach⸗ gebend, im Begriffe, ihm den Rücken zuzuwen⸗ den, da trat der Großdomeſtikos hinzu, faßte ihre Hand und ſprach, als er ſie bekümmert ſah, gütig: Friede ſei mit der Aſche des Vaters und Freude mit ſeinem Geiſte im Paradieſe. Wohl lobe ich es, meine Tochter, daß Du dem An⸗ denken des zärtlichen Pflegers Dankbarkeit be⸗ wahreſt, und wäre dem nicht, es würde mich vetrüben. Jedoch iſt nun der Traum Deiner Kindheit vorüber, welcher, wenn man mich recht berichtet, einförmig gewiſſermaßen, und doch auch wieder lebhaft und ſeltſam geweſen, alſo daß ich mich nicht enthalten konnte, aus der Ferne manch ſorgſamen Blick nach Dir zu richten. Du biſt jetzt wieder unter uns, Irene, Du biſt auf den Schauplatz des Lebens getre⸗ ten, und das helle Licht des Tages wird die Dämmerung verſcheuchen, mit der die Liebe Dich umgeben, wie man ſpricht; die Liebe, ſage ich, denn ſolche umgibt ihren Gegenſtand gern mit dem, was ihr ſelbſt behagt, in verzeih⸗ lichem Irrthume meinend, auch ihn müſſe be⸗ glücken, was ſie für beglückend geachtet. Aber auch ich liebe Dich, Irene, und Deine Mut⸗ ter, auch wir wollen Dich glücklich ſehen nach unſerer Art, und die beßte iſt, ſage ich mit meinem Sohne Georgios, mit hellem unver⸗ ſchleierten Sinne in das Leben zu treten, daß man es erkenne und ſeine Beſtimmung. Mögeſt Du, mein Kind, Dich derer würdig zeigen, welche der Altern Liebe Dir zugedacht.— Irene ſtand ſtumm und ein wenig übelge⸗ launt; ſeit ihrem Eintritte in das Vaterhaus hatte ſie, an ausſchweifende Lobeserhebungen II. 15 gewöhnt, noch nicht viel Anderes vernommen als verſteckten Tadel und Ermahnungen, ſie fühlte, man betrachte ſie nicht nur als ein verzogenes Kind, ſondern auch, was der Mut⸗ ter Beſchönigungen eher offenbarten als ver⸗ deckten, als fremdartig in dem ihr fremden Kreiſe. Jedoch richtete ſie bei dem Worte„Be⸗ ſtimmung“ den Blick unwillkürlich auf Theo⸗ phitos; ſie wandte ihn aber ſchnell wieder ab, da ſie den ſeinigen gerade vor ſich hin gerichtet fand, mit einem ſonderbaren Ausdrucke des Zweifels, des Mißmuthes ſogar. Hatte der Großdomeſtikos daſſelbe bemerkt, oder fand ein anderer Grund ſtatt, genug, ſeine Stirn faltete ſich und er ſprach in ſtren⸗ gerem Tone: Ich wünſchte, Irene Phranza vergäße au⸗ ßer der Liebe und Dankbarkeit gegen ihren Großvater die Zeit, die ſie auf Antiparos verlebt, und manchen Eindruck, welcher, meine ich, an ihrem jetzigen Aufenthalte ihr nicht günſtig ſeyn dürfte. Ungern— fuhr er noch ſtrenger fort, auf die beiden Sclavinnen deu⸗ tend, die regunglos hinter der Gebieterin ſtan⸗ den— Ungern ſehe ich in ihrer Geleitſchaft dieſe —— Gefährtinnen, deren Anblick die Erinnerung an Manches hervorrufen muß, was ich ver⸗ geſſen ſehen will. Da näherte ſich die Prinzeſſin Z0e dem Großdomeſtikos und ſagte vorſprechend: Schließe, ich bitte Dich, von Deinem Verbannungur⸗ theile dieß blonde, liebliche Kind aus. Ich müßte mich ſehr irren, wenn dieſe Züge eine andere als wohlthätige Erinnerung erwecken könnten, und aus dieſem anmuthig lächelnden Munde andere als heilſame Worte hervorge⸗ hen.— Und damit näherte ſich die Durchlauchtige Leuken, um mit huldvoller Herablaſſung ihr die Wange zu klopfen; aber im Begriff, es zu thun, hielt ſie ein, trat einen Schritt zu⸗ rück und ſagte mit einer Art von Befangen⸗ heit: Bei der hochheiligen Panagia, iſt es doch, als ſei dieß Mägdlein aus hohem Geſchlecht und nicht zum Dienen geboren.— Und doch diene ich— antwortete die Weiße ſanft, aber nicht ohne Würde: Und wenn ich hier mich zeige, geſchieht es nur auf das Ge⸗ bot meines Herrn.— Wahrlich— fiel der etwas herbe Diplo⸗ 228— mat und ſtarke Genealogiker Georgios ein— Sie ſpricht dieß demüthige Wort mit ſolchem Selbſt⸗ gefühl aus, als der Prinz von Engelland an ſeinem Helmkleinode dergleichen Spruch führet „ich diene.“—— Deutlicher— ſprach Theo⸗ phano— deutlicher ſteht er auf dem Antlitz dieſer Schwarzen geſchrieben, doch muß ich ge⸗ ſtehen, daß mir die Züge wenig gefallen; ſei es denn um die Weiße; die Abyſſinierin meide den Palaſt, mit reichlicher Gabe verſehen, da⸗ mit ſie ſich erinnere, ſie habe der Enkelin Jo⸗ hannes des Palaeologen gedient.— Da verſetzte Mele mit Feſtigkeit: Und doch vin ich nicht von geringerer Herkunft als meine Genoſſin, und ſo wenig als ſie dient die Freie um Lohn. Auch mich feſſelt allein der Wille des Herrn an die Enkelin der Auguſte, und ihr Wille nur iſt es, der mich entbinden mag von der gern übernommenen Pflicht. Spricht ſie— fuhr ſie in traurigem Tone fort, und mit einem betrübten Blicke auf Irene— Spricht ſie das Wort der Verbannung aus, dann freilich, dann gehorche ich, dann muß ich ge⸗ hen.— Die erlauchte Verſammlung zeigte einiges . 20— Befremden über der Mohrin Widerſetzlichkeit, Irene aber, jetzt das Recht auf ihrer Seite fühlend, ſprach mit Lebhaftigkeit: Des Groß⸗ vaters Athanaſios Gebot, noch wenige Stun⸗ den vor ſeinem Ableben wiederholt, iſt es, das dieſe Mädchen an mich und mich an ſie bin⸗ det. Zwar kann ich es zerreißen dieß Band, doch würdeſt Du Herr und Vater wollen, daß ich alſo den Willen deß übertrete, für welchen Du ſelbſt und noch mehr mein Herz mir dankbare Erinnerung zur Pflicht macht?— Vielleicht hätte der Grosdomeſtikos und noch mehr der Protoveſtiar der urplötzlich an den Tag tretenden Beſtimmtheit der Tochter und Schweſter mehr oder minder ſcharfen Ta⸗ del nicht erſpatt, aber der Despot von Me⸗ ſembryo, ſeines Widerwillens gegen die Schwarze ungeachtet, trat rechtfertigend und beſtätigend auf die Seite der Jungfrau; da wich Ariſto⸗ bulos Phranzes, wiewohl augenſcheinlich un⸗ gern und nur aus Achtung für das Fürwort des Prinzen, und er entſchied mit finſterer Stirn: Heilig iſt der Wille des Todten den über⸗ lebenden, zumal des Valers dem Sohne. Es — 230— geſchehe demnach, wie der Meinige es gewollt; nur, nur hoffe ich, Irene Phranza wird der Vergangenheit ihr Recht anthuend, auch der Gegenwart und Zukunft gedenken, für welche Sorge zu tragen, mir jetzt obliegt. Den Bei⸗ den jedoch möge erinnerlich bleiben, daß des Silentiaren Vermächtniß ſie zu Dienerinnen ſeiner Tochter beſtimmt und Ariſtobulos Phran⸗ zes Herr iſt in dieſem Palaſte.— Dieſe Erörterung trug nicht dazu bei, die Scene des Wiederſehens zu erheitern; trotz Theophano's milderndem Einſchreiten, trotz der Prinzeſſin Zoe Beſtreben, die Unterredung auf erfreuliche Gegenſtände zu lenken, blieb ſie ge⸗ zwungen und ernſt, auch war ſie nur von kurzer Dauer, denn Theophilos Palaeologos, ſichtbar in befangener Stimmung, entfernte ſich bald, ſich mit Georgios nach den Blacher⸗ nen zu ſeinem kaiſerlichen Oheim zu begeben, und der Großdomeſtikos, bemerklich unzufrie⸗ den mit ſolch ſchleunigem Abſchiede, gab gleich nach demſelben den andern Kindern und En⸗ keln das Zeichen zum Rückzug. In ziemlicher Verſtimmtheit durchſchritt, der vorleuchtenden Dienerſchaft folgend und begleitet von ihren beiden Jugendgenoſſinnen, Irene die langen Galerieen, welche nach der hintern Seite des Palaſtes führten, in dem das Gynäceum ſich befand. Wohl ſchimmerte in denſelben das herrlichſte Geräth, wohl erleuchtete der vorüber⸗ gleitende Schein der Fackeln manch ausge⸗ zeichnetes Bildwerk, mit dem Geſchmacke des Kunſtſinnes aufgeſtellt, aber die Tochter des Hauſes hatte auf das erſte nicht Acht, und als ſie auf die zweiten einen flüchtigen Blick warf, däuchte es ihr, als ſei das Alles viel ſchöner auf Antiparos geweſen, ja in ihrer Mißlaune gemahnte es ſie ſogar, ſelbſt jenen ſeltſamen Darſtellungen in der Höhle ſtänden ſie nach, deren Erinnerung in dem raſchen Treiben der letzten Zeit in ihr verblichen war, wie die an einen Traum, aber jetzt urplötzlich in wunderlicher Lebendigkeit erwachte. So gelangte ſie in die köſtlichen, ihr be⸗ ſtimmten Gemächer, und ihr Wink verabſchie⸗ dete die Diener, ausgenommen Leuke und Mele. Stumm ſtanden dieſe, wie ſie meiſtens pfleg⸗ ten, und der Herrin Anrede erwartend; dieſe — 232— aber trat auf den Altan eines geöffneten Fen⸗ ſters und ſchauete rings um ſich in die unbe⸗ kannte heimatliche Gegend, welche ſich von dem hochgelegenen Standpunkte dem Auge in einem weiten Geſichtkreiſe darbot. Es war eine der ſchönſten Nächte des an⸗ muthigſten Klima's, der Mond ſtand am tief⸗ blauen Himmel, weithin durch ſeinen Glanz die Sterne verdunkelnd, und über die unge⸗ heure Häuſermaſſe ein Gewand werfend, ge⸗ woben aus duftigem Licht, Dämmerung und ſchwarzen, grell ſich abſchneidenden Schatten. Am hellſten beſchienen hob ſich der große runde Steinthurm empor, der das Thor des heiligen Romanos bewachte, gleich als ſei er der Ge⸗ genſtand, der vorzugweiſe die Strahlen der nächtlichen Leuchte an ſich zöge; mitunter aber zogen Wolkenſchatten über ſeine Kuppel und an ſeinen Mauern dahin, ſo daß im flüchtigen Wechſel von Licht und Dunkel es ſchien, als wanke der uralte Thurm. Neben ihm zu bei⸗ den Seiten glitt der Blick in das Gefilde, be⸗ reits ruhend im Schlummer der Nacht, noch ruhend im Frieden, und im Mondglanz wall⸗ ten fernhin die halmenreichen Fluren und ma⸗ leriſch ſich erhebende Wäldchen und Gebüſche, leicht vom Winde bewegt. Rechts vom Roma⸗ nosthurme in größerer Entfernung und haib vom aufſteigenden Dufte verhüllt, erhob ſich der kaiſerliche Palaſt der Tuellen und das Thor von Selymbria; noch entfernter glänzte die goldene Pforte, welche zu den Blachernen führte, links dem Meere zu, das Thor von Kaligaria, dann bas Thor des Kynegon, der Thierhetze, und hinter demſelben ſtrahlten, nur unterbro⸗ chen hinter den Kuppeln und Dächern ſichtbar im flüſſigen Schimmer, die Fluthen des golde⸗ nen Hornes. Hart unter dem Altan herrſchte tiefes Dunkel, aus welchem hier und da Ce⸗ dern, Platanen und Terebynthen emporſtiegen; vom umnachteten Grunde aber erhoben ſich füße Düfte der Geſträuche und Blumen des Gartens. In der ſtillen Feierlichkeit des Anblickes ging das Herz der Jungfrau abermals auf, die lebloſe Natur der Heimat begrüßte ſie freundlich, freundlicher, wie ſie meinte, als ihre lebenden Bewohner, ſie fühlte ſich von Zärtlichkeit und Wehmuth ergriffen, welche die förmliche Empfangſcene und manch ſcharfes Wort 234— zurückgedrängt hatten, und ſich ihnen dahinge⸗ bend und manchem undeutlich vor ihr aufſtei⸗ gendem Bilde, verſank ſie in ein träumeriſch Sinnen, aus dem ſie die Gegenwart der kaum aufathmenden Mädchen nicht aufſtörte, wohl aber nach einiger Zeit das leiſe Offnen ihrer Thür. Die Prinzeſſin Theophano war es, mit einer Leuchte in der Hand und im einfachen Nachtkleide. Wie der Purpurbeſatz und die Goldſtickerei abgethan waren von ihrem Gewande, die Perlen und Diamanten aus ihrem Haare geflochten, ſo war auch der ſtolze Anſtand ver⸗ ſchwunden, welcher nach dem Gebrauche des Landes der Gemahlin eines hohen Archonten, der kaiſerlichen Authentopula die Gegenwart mehrer Zeugen zur Pflicht machte, vor Irenen ſtand nur die liebende, etwas beſorgt ſcheinende Mutter. Ein leutſeliger Wink hieß die Freigelaſſenen ſich entfernen, und Beide gehorchten, Leuke mit freundlicher Willfährlichkeit, zögernd und unmuthig Mele, als ſchmerze es ſie, daß ſie von jetzt an nicht mehr, wie in der letzten Zeit auf Antiparos ausſchließlich, der jungen 28— Gebieterin Einſamkeit im inneren Gemache theilen ſollte. Theophano drückte die Tochter an ihre Bruſt, und nachdem ſie ihr eine Zeit lang in das bewegte Antlitz geſchauet und in die Au⸗ gen, in welchen ſich Thränen zu ſammeln be⸗ gannen, ſagte ſie ſanft: Du haſt jetzt die Heimat betreten, Kind, die ſich zum erſten Mal Deinen damals noch ver⸗ ſchloſſenen Augen darſtellt; ſprich, fühleſt Du Dich zufrieden? Sieh, da rollt eine Thräne Deine Wange herab; iſt ſie der Freude ge⸗ weiht oder einer anderen Empfindung?—— Schnell trocknete Irene den verrätheriſchen Tropfen und antwortete mit Faſſung und auf das offene Fenſter zeigend: Wen— durchlauchtige Mut⸗ ter— wen ſollte dieſer Anblick nicht erfreuen, ſo reich, ſo großartig? Wohl war die Ausſicht von des Großvaters Schloſſe auch ſchön auf die zackigen Felſen des Eilandes, auf die grü⸗ nenden Wieſen an ihrem Fuße, auf das weite wallende Meer, das ſie umgürtet; aber ſo ganz anders iſt dieß, ein Schauplatz wimmein⸗ den Lebens, das nach kurzer Ruhe ihn wieder erfüllen wird mit Aufgang der Sonne, aber — 236— noch dünkt er mich ſeltſam und ftemd; dort ſtand ich gleichſam im Mittelpunkte deſſen, was mich umgab, nur um meinetwillen ſchien Al⸗ les vorhanden zu ſeyn; hier, umringt von un⸗ zähligen, ach ſo unzähligen ſich verſchlingenden mir ganz unbekannten Kreiſen, da fühle ich es, daß ich nur Eine bin unter Vielen. Aber — ſetzte ſie etwas feſter hinzu— ich werde mich ſchon gewöhnen und auch ſtolz darauf ſeyn lernen, daß ich eine Bürgerin von Kon⸗ ſtantinopolis bin, der herrlichen Weltſtadt, ſo reich mit Kunſtwerken geſchmückt, der Beherr⸗ ſcherin einer ſo herrlichen Gegend.— Mit etwas umwölktem Blicke und erſt nach einer Pauſe ſagte Theophano: Du redeſt nur von dem Lebloſen, was Dich umgibt, nur dieß, deuteſt Du an, mag Dich der Heimat befreun⸗ den? Viele Kreiſe umgeben Dich, ſprachſt Du, einem aber gehöreſt Du insbeſondere anz öffnet ſich Dein Herz nicht ſeinem Willkommen?— Irene ſchlug die Augen nieder und ſchwieg; da fuhr die Tochter Johannes des Erſten fort: Fühleſt Du Dich auch ftemd am Herzen der Mutter?— und bewegt, aber zurückhaltend küßte die Jungfrau ihre dargebotene Hand. — 237— Jene aber ſprach weiter: Was ich höre und ſehe, beſtätigt, was ich, was wir Alle gefürchtet. Eine unter Vielen ſcheineſt Du Dir hier; dort wähnteſt Du im Mittelpunkte der Dinge zu ſtehen, die Dich umgaben, das erſte, Tochter, iſt das allgemeine Loos, das beſſere auch, denn dem, der Alles um ſich her ſein ſelbſt vorhanden wähnt, genießt nur ein kümmerlich Glück, ein ſcheinbares nur, denn alsbald wird es durch das Leben zerſtört. Du haſt, fürchte ich, zu wünſchen gelernt, viel zu wünſchen, nicht aber zu entbehren, viel zu entbehren, und ſolches iſt doch dem menſchli⸗ chen Geſchlechte beſchieden, den Frauen zumal, es war es auch Deiner Mutter, wie Allen.— Mit einer Art ungläubiger Befremdung ſchauete die Jungfrau an der Matrone empor und verſetzte: Dir, meine Mutter? Unmöglich. Die im Purpur geborene Authentopula, die ge⸗ borene Herrſcherin, die nur aus den Blacher⸗ nen, aus dem Kreiſe erhabener Blutfreunde hervortrat, um fort und fort herrſchend an der Hand des hohen Archonten, den ihre Wahl geehrt und ihre Liebe beglückt, zu erſcheinen, 1 als die erlauchteſte unter vielen erlauchten Frauen, wie hätte ſie das Entbehren kennen gelernt?— Ein trauriges, beinahe mitleidiges Lächeln der Prinzeſſin Theophano folgte dem Blicke in das Innere der des ſechszehnjährigen Mägd⸗ leins und der, wie ſie meinte, ihr außer einem in dieſem Alter ungewöhnlichen Stolze noch manch andern Keim verrathen, gepflegt durch eine wunderliche Erziehung; darauf ſagte ſie ernſter als vorher: So Gott Pantokrator es will und die heilige Panagia, wird der Toch⸗ ter Loos nicht geringer ſeyn als das der Mut⸗ ter, es iſt ſolches mein lebhafter Wunſch und der Deines Herrn und Vaters, und unſer eif⸗ rig Bemühen, noch mehr aber wünſchen wir, daß Du Dich ſein würdig bezeigeſt. Du aber täuſcheſt Dich ſehr, wenn Du meineſt, daß, wer auf der Höhe des Lebens geboren iſt, oder ſie erſteigt, eine unſers Geſchlechtes zumal, losgeſprochen ſei von der ſchweren Pflicht des Entſagens, daß die Erfüllung ihrer Wünſche ſie bereitwillig umſteht, gleich dem demüthigen Sclaven, unſers Winkes gewärtig, leicht zu er⸗ faſſen wie das Goldgeräthe unſerer Gemächer, — 239— wie unſerer Kleidung köſtliche Stoffe. Auch ich trug das allgemeine Loos. Wahr iſt es, ich bin Manuel's, Palaeologos Tochter, doch bald nachdem ich das Licht der Welt erblickte, einer ſpäten Verbindung Frucht, deckte den Vater ſtatt des Thronhimmels der Grabſtein; in den Purpur⸗ gemächern bin ich nicht nur geboren allein, ſon⸗ dern auch in ihnen erzogen, auch die ſchönſte Zeit des Lebens, die Jugend und noch eine längere habe ich in ihnen verlebt. Meineſt Du denn, Du habeſt allein Wünſche? Glaubt das junge Geſchlecht, auf dem ernſtgewordenen Antlitze des vorhergegangenen habe niemals des Lebens Fülle geblühet, das jetzt ruhigere Blut niemals ra⸗ ſcher in den Adern gerollt? Auch die Porphy⸗ rogenete Authentopula hatte ihre Wünſche; doch ſie verklangen ungehört in den goldenen Zimmern, Sclaven ihrer Befehle ſah ſie um ſich, tauſend Hände geſchäftig, ſie zu erfüllen, auf keinem Antlitze ein ihrem Gefühle antwor⸗ tender Zug. Längſt ein Mann, als ich zur erwachſenen Jungfrau geworden, ſah in mir Kaiſer Johannes fort und fort ein Kind und das Gynäceum als den Aufenthalt, der einem ſolchen gebühre.— —— Ich höre auf, meiner Mutter Jugendzeit glücklich zu preiſen— rief Irene, der ihrigen gedenkend;— obſchon Athanaſios Phranzes für einen ſtrengen, oft finſtern Greis galt, ob⸗ ſchon auch gegen mich ſich ſein Benehmen nicht gleich blieb, ſo war ihm doch ſchon das Kind von Bedeutung und mein Wunſch, dem der ſeinige nur ſelten, wiewohl mir manchmal un⸗ begreiflich widerſtrebte, für die Andern Ge⸗ ſihr* Nicht erfreuet mich, was Du ſprichſt— erwiederte die Prinzeſſin kopfſchüttelnd— nicht was noth thut, erlernt man in der Schule der Laune, des Weſens genugthuende Be⸗ ſtimmtheit, und je weiter die Lehrzeit verſcho⸗ ben, je ſchwerer mag man ſie überſtehen. Höre jedoch weiter. Viel älter als ich war der Kai⸗ ſer, mein Bruder, ſein ernſter und doch feu⸗ riger Sinn kämpfte gegen ein geheimnißvoll drohendes Schickſal, welches ſein heller Blick früher als Andere erkannt. Der Muth blieb ihm, doch nicht die Freudigkeit, die uns ſelbſt und die uns umgeben, velebt; ſelten ſah ich ihn, ich hörte von ihm nur wenige Worte, und was dem gewaltſam bezwungenen Kummer⸗ der auf ihm lag, in räthſelhaften Andeutun⸗ gen entſchlüpfte, machte die Griechin, die Toch⸗ ter der Palaeologen erzittern, und in der Ein⸗ ſamkeit ſchien es mir oft, als wanke mein herrlich Gemach, als ſeyen die Blachernen in ihrer Grundfeſte erſchüttert. Es mangelte nicht an edlen Frauen, welche kamen, der Schweſter des Auguſtus ihre Ehr⸗ furcht zu bezeigen, aber der Hofzwang herrſchte in dieſen Kreiſen, obſchon nicht mächtig genug, daß ich an den Beſucherinnen nicht die Lang⸗ weile wahrgenommen hätte, die ich ſelbſt em⸗ pfand, und wenn mitunter das Geſpräch leb⸗ hafter ward, ſo war es trüben Inhaltes und recht geeignet, meine Beſorgniß zu mehren; man erwähnte ſeufzend ehemaligen Glanzes und Ruhmes im Gegenſatz zu der jetzigen Zeit, ja nicht ſelten ließ ſich ein verſteckter Tadel des Kaiſers vernehmen, denn nach den Mönchen waren die Frauen ſeine größten Wi⸗ derſacherinnen und der Maßregel feind, die ſein kräftiger vorurtheilfteier Geiſt als die ein⸗ zige zur Rettung erkannt. Sie gingen davon im Geräuſche des Lebens, der Sorgen und Bilder düſterer Zukunft vergeſſend, ich blieb 1. 16 * — 242— allein zurück mit ihnen in meinem ſchweigenden dunkeln Purpurgemache. Die fröhlichſten Augenblicke, welche ich wäh⸗ rend langer Zeit verlebt, wurden mir, wenn Geſchäfte oder Anſtandpflicht meine jüngern Brüder aus Attika und dem Peloponnes nach den Blachernen beriefen. Dem mir im Alter Näheren neigte ſich mein Herz zu, doch bald ſah es ſich getäuſcht, und die Freude ver⸗ ſchwand, denn ich nahm den Haß und die Ei⸗ ferſucht wahr, welche die Erben glorreicher Trümmer vor einander entfremdeten, ſie auf⸗ fordernd, um dieſelben zu ſtreiten, und ſollte auch durch die Erſchütterung der letzte Pfeiler des ſchon mehr als halb eingeſtürzten Hauſes fallen. Dieſer Haß und dieſe Eiferſucht wa⸗ ren hauptſächlich gegen Einen gerichtet, gegen den Beßten unter ihnen, den auch als ſchwa⸗ cher Erſatz meine Liebe deſto inniger umſchloß, und nimmer von ihm weichen wird bis zum Grabe. Ich rede von Konſtantinos, dem jetzt herr⸗ ſchenden Auguſtus, meine Tochter, von dem edelſten Manne nicht allein, auch von dem edelſten Fürſten, muthvoll wie ſein Vorgänger — —— =— Johannes, beſonnener als er, mehr ein Ver⸗ theidiger ſeines Volkes als ſeiner Würde, und doch dieſe behauptend, indem er dem Unver⸗ meidlichen weicht, von ihm, den Gottes wie⸗ derkehrende Milde in ſo ſchwerer Zeit dem oſt⸗ römiſchen Reiche geſchenkt zu haben ſcheint, daß es ſein niedergedrücktes Haupt wiederum hoffend emporrichte, daß ſein Beiſpiel und löb⸗ licher Wille die verdumpfte Maſſe belebe. Möchte er nicht umſonſt geſendet ſeyn, möchten die, für welche er väterlich waltet und männlich, erkennen, was ihnen in ihm ge⸗ worden; möchte das Vorurtheil ſeiner Ein⸗ ſicht, die Zaghaftigkeit ſeinem Muth, trotzige Verwegenheit ſeiner Beſonnenheir nicht wider⸗ ſtreben; möchte er nicht allein ſtehen auf ſei⸗ nem Throne, wenn das Unglück hereinbricht, denn übermächtig würde es ſeyn für den Ein⸗ zelnen, ſo er auch den Stepter trägt und das Diadem.— Einige halbbezwungene Seufzer hatten die letzten Worte der Prinzeſſin unterbrochen; ſie ſchwieg jetzt eine Weile, ernſt vor ſich hin⸗ ſehend, dann ſprach ſie weiter: Du biſt ſtolz, Irene, wie ich bemerke, 16* — 44— ſtolz auf Deine Herkunft; ich mag das nicht tadeln, ſolch Gefühl ſchützet, wenn es richtig geleitet, den Sprößling eines erlauchten Ge⸗ ſchlechtes vor Entartung, auch magſt Du in der That ſtolz ſeyn, Konſtantinos dem Vier⸗ zehnten anzugehören, doch ſein Anſchauen ſelbſt, wiewohl dieſe Empfindung mehrend, wird das übermaß derſelben verhindern; blicke ihn an, und bald wirſt Du wahrnehmen, daß die Sorgen, des Menſchen allzu getreue Beglei⸗ ter, auch den Thron umſtehen, daß die Wolke des Kummers auch die gekrönte Stirn um⸗ ſchattet, daß die Hand, die das Bild des Erd⸗ kreiſes hält, ſich oft umſonſt ausſtreckt nach Erfüllung des gerechteſten Wunſches. Längere Zeit verlebte ich auf die erwähnte Weiſe; meine Brüder waren in ihre Fürſten⸗ thümer zurückgekehrt, theils mit ihren Zwiſtig⸗ keiten beſchäftigt, theils mit noch verderblichern Dingen, welche von Palaeologen zu erwäh⸗ nen, der Palaeologa widerſtrebt, meine Halb⸗ ſchweſter, Zoe, aber, jetzt meines Stiefſoh⸗ nes, Deines Bruders Gemahlin war noch ein Kind. Da trat eines Tages ohne das Gepränge, welches den Auguſtus gewöhnlich begleitet, Jo⸗ hannes der Zweite in mein Zimmer. Sein Ausſehen war heiterer als es pflegte, ſeine Rede gütig, brüderlich ſogar, er nannte mich eine treffliche Schweſter, der Fürſtenkinder nach⸗ ahmenswerthes Vorbild, und wünſchte ſich Glück, meine lange Abgeſchiedenheit beendend, meinen tadelloſen Wandel zu lohnen. Die Ge⸗ mahlin, fuhr er fort, ehe ich noch geantwor⸗ tet, die Gemahlin des Großdomeſtikos Ariſto⸗ bulos Phranzes iſt geſtorben, und dich, Theo⸗ phano, habe ich zu ihrer Nachfolgerin be⸗ ſtimmt.— Ich hatte von dem, der mein Gatte werden ſollte, viel Rühmliches gehört, jedoch ihn nur ſelten geſehen, und nie anders als in Gegenwart des Auguſtus, und obſchon ſeine Geſtalt und Weſen mir Achtung ein⸗ flößten, hatte die Hofſitte und der ihm eigen⸗ thümliche Ernſt jede nähere Berührung ver⸗ hindert. Als ich mich auf den unerwarteten Antrag ſchweigend verbengte, fuhr Johannes fort: Ohnerachtet du, Schweſter Theophano, in einer weislichen und deinem Geſchlechte ange⸗ meſſenen Zurückgezogenheit gelebt haſt, woran — 246— viele Kaiſerinnen und kaiſerliche Prinzeſſinnen des oſtrömiſchen Reiches in früherer Zeit gleich⸗ falls beſſer gethan hätten, als ſich zum Nach⸗ theil deſſelben in Staatsgeſchäfte zu mengen, ſo iſt es dennoch deinem Scharfblicke nicht ent⸗ gangen, daß den Thron von Byzanz manche Gefahr bedroht von außen und von innen. Da gilt es denn, gegen den Feind auf ſeiner Hut zu ſeyn und zur Gegenwehr bereit, er heiße Moslem oder Chriſt, Sultan und Paſcha oder Authentopulos und Archont; es gilt aber auch, ſich die Freunde enger zu verbinden. Lange ſchon gehört das Geſchlecht der Phran⸗ zos zu dieſen, und des Sohnes Treue hat ſich nicht verleugnet, als der Kaiſer, widerwillig der Nothwendigkeit gehorchend, den Vater ver⸗ bannte, er hat ihn mir völlig erſetzt, über⸗ reichlich ſogar, da er Jenem an Scharfſinn nicht nachſtehend, da ihm die Klarheit des Sinnes ward, welchen bei dem Andern oft ſeltſame Grillen verdüſterten. Immer war mir Ariſtobulos der Groß⸗ hofmeiſter ein weiſer und treuer Rath, neben dem fruchttragenden Baume wächſt ein blüthen⸗ reicher, hoffnungvoller Sprößling empor, ſein — 247— Sohn Georgios; ſo wünſche ich denn, das Haus der Phranzes mit dem Geſchlechte der Palaeologen auf's innigſte zu verketten, nicht nur für jetzt, ſondern auch für künftige Zei⸗ ten. Hoch ſtehet es bereits in Konſtantinopo⸗ lis und dem Reiche; Würden und Reichthü⸗ mer ſind bereits ſein Theil, nur eine Belohn⸗ ung gibt es für den erſten Diener des Thro⸗ nes, für des Auguſtus geprüften Freund; ſie liegt in der Hand der im Purpur geborenen Theophano, und nicht weigern wird ſich Ma⸗ nuel's Tochter, die Schuld des Bruders und des Vaterlandes zu entrichten.— Darauf, ohne eine Antwort abzuwarten, die ihm über⸗ flüſſig däuchte, küßte mich der Kaiſer auf die Stirn und entfernte ſich, um, wie er ſagte, Vorbereitungen zu den erlauchten Hymenäen zu treffen.—— Und Du gehorchteſt, Mutter?— fragte Irene, wie unwillkürlich hingeriſſen, mit Be⸗ fremdung; dann ſetzte ſie, ſich beſinnend, mit fallender Stimme hinzu: Ja wohl, Du haſt gehorcht.— 8 Ich habe gehorcht— verſetzte die Kai⸗ ſertochter mit einiger Strenge— und habe es — 248— nimmer bereut. Bald empfand ich die Würde der Verpflichtung, die Johannes mir auferlegt, bald erfüllte ich ſie gern und vom eigenen Ge⸗ fühle getrieben, denn Deines Vaters ſtrenges, oft kaltes Nußeres verbirgt das edelſte, warm für Vaterland und Menſchheit ſchlagende Herz, das meine verbündete ſich ihm in kurzer Zeit, und eine lange iſt ſeitdem verfloſſen, in wel⸗ cher ich mit freudiger Theilnahme das wohl⸗ thätige und weiſe Wirken meines Gemahls be⸗ obachtete, und das wahrhaft patriotiſche Band, das ihn und Johannes und nach dieſem Kon⸗ ſtantinos umſchlang, befeſtigt durch mich. Es war dieß eine Zeit, in welcher, die allgemeinen Beſorgniſſe ausgenommen, welche die Zeitum⸗ ſtände in jeder oſtrömiſchen Bruſt erregten, ich nie einen beſondern Kummer empfand, als da⸗ mals, da ich mein einzig Kind fremder Pflege anvertrauen mußte und— ſetzte ſie leiſer hinzu: vielleicht jetzt, da ich bei ſeiner Rückkehr glau⸗ ben könnte, manche meiner frühern Befürcht⸗ ungen gerechtfertigt zu finden.— Sie hielt hier ein wenig inne und fuhr bald darauf mit heiterem Tone fort: Ich habe bemerkt, daß das Weſen Deines Bruders ei⸗ — 249— nen ungünſtigen Eindruck auf Dich gemacht hat, Irene, die Du in der Abgeſchiedenheit Dir den Menſchen gebildet haſt nach Deinem Be⸗ griffe, dem die Verhältniſſe der Welt, ſo ein⸗ flußreich, gänzlich fremd geblieben; wahr iſt es, er erſcheint abgeſchloſſen, kalt und ſtreng, mehr noch als ſein Vater, aber gleichwie bei dieſem umſchließt die harte glattgeſchliffene Schale ei⸗ nen köſtlichen Kern, und ich wünſchte, Du erkennteſt ihn, wie ich ihn baldigſt erkannt. Er hat meine und des Kaiſers und Aller Er⸗ wartungen gerechtfertigt, und als meine Halb⸗ ſchweſter Zoe zur Jungfrau herangewachſen war, erinnerte ich Johannes den Zweiten zu⸗ erſt an ſeinen Vorſatz, das Geſchlecht der Phranzes, jetzt das meine geworden, dem der Palaeologen auch für die Zukunft zu verbin⸗ den.—— Das iſt die Lebensgeſchichte Dei⸗ ner Mutter, der im Purpur geborenen, meine Irene, vielleicht däucht ſie Dir, deren Geiſt, fürchte ich, dem unſichern Leitbande entſchlüpfend, vielleicht von noch unſichern Führern geleitet, ſich nur allzu frei in ungemeſſenen Räumen er⸗ gangen, vielleicht däucht ſie Dir alltäglich, pein⸗ lich ſogar, aber ich ſehe mit Zufriedenheit auf — ſie zurück. Sie mag Dir gleichfalls eben er⸗ ſcheinen und beſchränkt, auch mir erſchien ſie eben, doch nicht beſchränkt, denn frühzeitig hatte ich die Schranken kennen gelernt, die heilſam auch die Höhe des Lebens umringen. Mir ward eine würdige Beſtimmung, ich hoffe ſie erfüllt zu haben; eine gleiche, wenn es ſeyn kann, eine höhere noch wünſcht die Pa⸗ laeologa ihrer Tochter; es werde ihr indeß von derſelben die Mahnung, daß keine Beſtimm⸗ ung das Daſeyn beglückt, noch das Gemüth befriedigt, es ſei denn, daß man ihrer würdig eingehe zu ihr, und nimmer mag man es ſeyn, ſo man ihre Begrenzung verkennt. Un⸗ ermeßlich iſt das Reich der Wünſche und Ge⸗ danken, eng iſt die Wirklichkeit, und wer ihre Grenzen nicht achtet, oder wähnt, ſie nach Gelüſten ausdehnen zu können, der wird, fort und fort an ſie ſtoßend, ſich verletzen, und ver⸗ letzt mit Unmuth zur nüchternen Pflicht zurück⸗ kehren zu dem entzauberten Gefilde, das man ſelbſt ſeiner Blumen entkleidete, wie erhaben auch die Pflicht ſei, wie reich das Gefilde, denn nimmer mögen ſie ſie dem vergleichen, was die entfeſſelte Einbildekraft ſchuf.— — — 251— Hier ſchwieg die Prinzeſſin; der Jungfrau Geiſt war gebildet genug, den Sinn der ern⸗ ſten Worte zu ergreifen, ſie fühlte, der Mut⸗ ter Auge habe auch zu Antiparos über ſie ge⸗ gewacht und ſie ſelbſt in die Einſamkeit ihres verſchwiegenen Gemaches begleitet; weiter aber nicht, und dieß Weiter kam ihr urplötzlich in den Sinn, und die Erinnerung daran, ver⸗ bunden mit dem Eindrucke, den der ſie am mehrſten anziehende Theil der mütterlichen Rede auf ſie gemacht, ließ ſie ſchnell und mit Leb⸗ haftigkeit ſagen: Glaube nicht, erlauchte Frau und Mutter, Deine Tochter werde ſich der er⸗ habenen Beſtimmung unwerth zeigen, die Deine Güte ihr zudenkt, längſt iſt ſie vorbereitet da⸗ zu durch des weiſen Ahnherrn inhaltvolle Worte, durch manche Vorbedeutung tiefen und erfteu⸗ lichen Sinnes.— Da lagerte ſich ein Wolkenſchatten auf Thec⸗ phano's Stirn, und nach einer ziemlichen Pauſe erſt ſprach ſie: Deine Rede bekümmert mich, mein Kind, und übel will ich dem Athanaſios Phranzes, daß er Deine junge Bruſt mit Dingen erfüllte, die, was auch von ihnen zu halten, ſich für eine ſolche am wenigſten eignen. Fern — 252— ſei es von mir, über das zu entſcheiden, wor⸗ an ſelbſt der Philoſophen Scharfſinn zweifelnd ſtehen bleibt, doch eben ſo fern, Allem dem Glauben beizumeſſen, was wohl eben ſo oft dem Abgrunde des Truges als der Quelle des Lichtes entſtammt. Auch wir haben hier Vor⸗ bedeutungen und weiſſagende Stimmen, und ſo ſie ſich wahrhaft erzeigten, würde Deiner Mutter zürtlicher Wunſch zur leeren zerplatzen⸗ den Schaumblaſe und des Großvaters Ahnung zum täuſchenden, ſchnell verlöſchenden Jer⸗ lichte.— Allzu lebhaft ſchimmerten in Irenens Ge⸗ dächtniße die Bilder, mit der man ihre Kind⸗ heit und ihr aufblühendes Alter umgeben, die Worte, oftmals vom Silentiar geſprochen, wiederholt durch das Echo der Dienerſchaft, mehr aber noch durch der Abyſſinierin ſchmei⸗ chelnde Reden und durch den wunderlichen Vor⸗ gang in der antipariſchen Grotte, um ihrem Sinne nicht weit mehr zu gelten als die Vor⸗ vedeutungen, von welchen die Mutter redete, ihr gänzlich unbekannt, und von dieſer ſelbſt nur, als unter dem Volke herumgehend, er⸗ wähnt; ſie entgegnete alſo mit ſteigender — — 253— Wärme: Für einen Greis mit tiefer Weisheit begabt, galt Athanaſios Phranzes, und nicht Gerücht oder Zufall, meine Mutter, entdeckte ihm die verborgene Wahrheit, ſondern das ei⸗ gene Forſchen. Die Mächte, in deren Obhut ſie liegt, waren ihm unterthan, er hat ſie der Enkelin befreundet, und nicht durch ſei⸗ nen Mund allein, auch unmittelbar ſprachen ſie zu mir in Geſichten und Träumen. So Du alſo, erlauchte Mutter, wie es denn der kaiſerlichen Prinzeſſin wohl anſtehet, Freude findeſt an des Kindes herrlicher Zukunft, ſo vertraue denen, die ſie leiten, an mich geket⸗ tet durch den kräftigen Segen des Ahnherrn. Aber die Mutter freuete ſich nicht, ihr Antlitz ward noch düſterer und ſie ſprach in frommernſtem Tone: Nur Eine iſt die Macht, die des Menſchen Leben beherrſcht, die Aja Sophia, und beglückt, wenn auch nicht glück⸗ lich, der ihr alleinig vertraut. Wohl mag es andere Mächte geben, die Gewalt über den Irrenden haben, doch wenn ſie auch vermögen, zu geben, was man Glück nennt, beglücken können ſie nicht. O, wie ſo eitel iſt doch die menſchliche Weisheit!— rief ſie mit Betrüb⸗ niß: Wie mag doch die Liebe, ſelbſt von ihr irre geleitet, verderbliche Frucht tragen! Blei⸗ cher Schatten des Athanaſios, blicke her auf die Frucht deines Wirkens, wo du auch ſeieſt! Befindeſt du dich an dem Orte der Reinigung, ſo möge die Verantwortung für dieß anver⸗ trauete Pfand deine Qualen nicht mehren, und dein inbrünſtiger Wunſch, daß das übel hin⸗ weggethan von deinem Lieblinge, von meinem Kinde abgethan werde, ſich dem meinen verei⸗ nigen; ſteheſt du aber am Throne des allbarm⸗ herzigen Gottes, ſo flehe ihn an, daß er mir Kraft verleihe, damit ich dieß irrende Lamm zum Lichte zurückführe und zur Wahrheit.— Tiefer als alle frühere Lehren mütterlicher Weltkenntniß und Erfahrung drangen dieſe feierlichen, einer Beſchwörung ähnlichen Worte in Irenens Bruſt, denn ſie glichen mehr als jene den geheimnißvollen Sprüchen, an die ſie von Kind auf gewöhnt war. Sie blieb ſtumm und betroffen, als meine ſie, Athanaſios werde erſcheinen, einem Angeklagten gleich, ſich nun zu rechtfertigen, und ſchnell wie der Blitzſtrahl und erſchreckend wie er, dämmerte es vor den Au⸗ gen der jungen Geiſterſeherin auf, gleich dem 255 blutigen Haupte an der Bildſäule der Sphinx. Aber dann richtete ſich ihr Blick auf Theo⸗ phano, und als ſie die hohe Frau ſah, flehend die Hände auf der Bruſt gefaltet und mit feuchtglänzendem Auge, da erkannte ſie das Erhabene und Schöne in ihr, und ihr Herz erſchloß ſich der kindlichen Liebe, und ſie ver⸗ ſicherte ſie berſelben in den rührenden Tönen tiefer Bewegung. Dieſelben Worte, welche in ihr ſolche Wirkung hervorgebracht und die der Verfaſſer der griechiſchen Urſchrift höchlich billigt, haben nicht ganz den Beifall ſeines erſten überſetzers. In einer Randgloſſe meint er, allzu weit ſei es gegangen, das Forſchen nach geheimen Din⸗ gen ſchlechthin zu verwerfen, und dadurch den Gebrauch der Kräfte zu hemmen, welche der Himmel ſelbſt den Menſchen verliehen, alles Seyn zu erkennen. Indeß geſtehet er ein, daß man allerdings, um Gefahr zu vermeiden, dar⸗ in Maß halten müſſe; auch fügt er dieſer Kri⸗ tik des Adepten die beifällige Anmerkung hinzu: die Prinzeſſin Theophano ſei unſtreitig eine wahre Bekennerin des Henotikon geweſen, da ſie eines Reinigungortes erwähnt, unter wel⸗ — 256— chem zweifelsohne nichts anderes als das Feg⸗ feuer zu verſtehen. Als Irene ſich ſo zu der Mutter neigte, erheiterte ſich das Antlitz derſelben, und ihre Thränen floſſen, wie wenn eine düſtere, ſchwere Wolkenwand durch einen leichten Windſtoß ge⸗ theilt, in leichte Flocken zerſtiebt, die am wie⸗ der blauen Himmel dahinfliegen, die Auen mit ſegnenden Tropfen befeuchtend. Dann drückte ſie ſie kräftig an ſich, als wollte ſie die Toch⸗ ter unſichtbaren Schlingen entreißen und rief weinend noch und doch lächelnd: Armes Kind, Du gemahneſt mich gleich Einem, der eine große und ſteile Höhe auf einer Staffel erſtei⸗ gen will, deren Fuß ſich auf beiſtandloſen Ne⸗ bel ſtützt. Aber ich will den Nebel zerſtreuen, ich will Dich leiten und Gott wird mir helfen mit ſeiner Weisheit und Kraft, daß Dein Auge klar werde und Du die Welt erkenneſt und Dich. Gefällt es, welches wohl manch⸗ mal geſchiehet, dem Herrn der Schickſale, ſie zu verkünden, wie er der Sonne das Mor⸗ genroth voranſendet, ſo nehmen wir die Vor⸗ bedeutung, dunkel oder heiter, freudig auf und in ſeinen Willen ergeben.— — 257— Kaum aber hatte die Tochter Manuel's Palaeologos dieſes geſprochen, ſo brach ſie plötz⸗ lich ab und ſtand ſinnend, wie von einer Er⸗ innerung ergriffen, und ihr helles Antlitz um⸗ wölkte ſich wieder, und ſie ſagte ſehr ernſt: Viel redeſt Du von Geſichten und Träu⸗ men, Irene Phranza, alſo, daß man glau⸗ ben möchte, Deine Jugend habe in dieſen Dingen, zu unenblichem Nachtheile, mehr oder wenigſtens eben ſo viel Unterricht erhalten als in den Lehren unſerer heiligen Religion und in dem Sittengeſetze. Wohl, auch ich habe einen Traum gehabt; als ich Dich jetzt hörte und ſah, ſtieg er empor vor meinem Gedächt⸗ niße, und der Traum betraf Dich. Lange iſt es her, es war an dem ſie⸗ benten Jahrestage Deiner Geburt; ob Du gleich fern wareſt, hatte ihn das Herz der Mutter doch nicht vergeſſen; da ſah ich Dich ſchlafend in Geſtalt eines Kindes von dieſem Alter auch ſchlummernd auf einer grünen blumi⸗ gen Wieſe, wunderbarer Weiſe jedoch die Füß⸗ lein ausgeſtreckt über ein ganz kleines Gewäſſer, das einem ſilbernen Faden gleich, durch die ho⸗ hen, Dir gleichſam freundlich zunickenden Gras⸗ i. 17 — 258— halme rann. Es ſchien gegen Abend zu ſeyn oder am frühen Morgen, denn die Sonne ſtand hart über dem Horizonte, und eben ſo tief ihr gegenüber zeigte ſich die Sichel des Halbmon⸗ des; ich konnte indeſſen die Tageszeit nicht unterſcheiden und welches der beiden Geſtirne ſich im Oſten befand oder im Weſten. Mir ſelbſt war es als ſtehe ich auf dem Dome des Heiligthums der Aja Sophia, und ich ſchauete auf Dich aus weiter Entfernung. Da rauſchte es plötzlich von beiden Enden des Him⸗ mels wie Flügelſchlag, von dem einen aber ſtärker als von dem andern, und von der Sonne her ſchwebte ein milchweißer Schwan, vom Monde aber mit geräuſchvoller Bewegung der Fittiche ein dunkelgefiederter Condor. Beide kreiſ'ten eine Zeit lang über Deinem Haupte, Irene, dann ließen ſie ſich zu den Seiten deſſelben nieder, rechts der Eine, der Andere links, und ſchienen Dich aufmerkſam zu betrachten. Da glitt es über die ſchlummernden Züge wechſelweis wie Sonnenſtrahl der Freude und Schatten des Schmerzes, und immer ſchneller wechſelten beide Erſcheinungen ab. Während dem aber geſchah Seltſames, Du wuch⸗ — 259— ſeſt zuſehends, und bald warſt Du wie Du jetzt biſt, alſo daß ich Dich heute bei Deinem Eintritte mehr nach dem Traumbilde erkannt, denn aus den gänzlich veränderten Zügen des ſeit dem Säuglingalter nicht wiedergeſehenen Kindes. Und wie Du wyuchſeſt, dehnte ſich auch die Wieſe aus zu einer unüberſehbaren Flur, und das Wäſſerlein ſchwoll an zu einem Strome, ja zu einem Meeresarme, gleich ei⸗ nem, der zwei Welttheile ſcheidet; wie aber die Bilder, die der Schlaf uns vorführt, wunder⸗ lich ſind und unbeſtimmt, war es noch immer, als reichten Deine Füße an das jenſeitige Ufer hinüber, wie eine Brücke, die beide Theile ver⸗ bindet. Dieß Ufer jedoch war dem Monde zugekehrt. Zu gleicher Zeit nun ſah ich nicht ohne Befremden, wie auf der Stelle, wo der Condor ſaß, das Gras welkte und gelb ward und dann purpurroth, aber rings um den Schwan ſproßten herrliche Blumen empor.— Da ſchien es als entbrannten die Vögel in Feindſchaft gegeneinander, und plötzlich rauſchten ſie empor und begannen einen erbitterten Kampf hart über Dir, ſo daß es ſchien, als wäreſt Du es, der der Kampf gelte. Ich fürchtete 17* — 260— für den Schwan, denn ich hatte ihn lieber als das häßliche mörderiſche Raubthier, auch neigt ſich die Theilnahme gemeinhin dem Schwä⸗ chern zu, und die Natur hat ſeinem Geſchlechte die Waffen verſagt. Aber bald minderte ſich mein Bangen, ich bemerkte, daß, obſchon der Geier ihn anfiel mit ſcharfem Schnabel und ſpitzigen Klauen, er jedoch einen Lichtſtrahl nicht ertragen konnte, der aus den Augen Schwanes brach. Du aber ſchieneſt im Begriffe, zu erwachen, und Trotz dem heftigen Streite ſchienen beide Vögel darauf Acht zu haben, und jemehr Du Dich regteſt, jemehr neigte ſich der Sieg auf des Schwanes Seite, je unſicherer und tau⸗ melnder wurde der Flug des Geiers, von jenem Lichtſtrahle geblendet. Da ſtieß bieſer einen mißtönenden Schrei aus, und alſogleich erſchien ein alter Mann, es war mir, als ſei er mir nicht fremd, doch mochte ich ihn nicht erkennen, denn er war in ein fremdartig Gewand gekleidet, und eine Binde, mit ſonderbaren Charakteren bezeichnet, verhüllte ſeine Augen und die Hälfte ſeines Geſichts. Der Mann trat tappend auf Dich — 261— zu und ſtreckte ſeine Hand aus und ließ aus derſelben Mohnkörner auf Dich fallen; da war es als ließe der Muth und die Kraft des Schwanes nach, der Geier aber ſtieß einen freudig⸗krächzenden Ton aus und flog gegen den Alten, ihn mit den gewaltigen dunkeln Flügeln bedeckend, und da er ſich wieder erhob, war der Alte verſchwunden, und an der Stelle wo er ſtand, ſchimmerte es röthlich wie Blut. Du aber lagſt ruhig, ſeitdem der Mohnſa⸗ men Dein Antlitz berührt, und auf demſelben zeigte ſich ein träumeriſch Lächeln, das Lächeln aber, geheimnißvoll und zweideutig, gefiel mir nicht. Und abermals begann der Streit zwiſchen den Vögeln, jedoch ſichtlich ſchwächer führte ihn der Schwan, verwundet ſchien er nicht, kein Blutfleck entſtellte ſein ſchneeweißes Gefieder, aber abgemattet wich er in immer weiteren Kreiſen zurück, erſt verfolgt von dem Feinde, welcher indeß darauf von ihm abließ und auf Dich niederſchwebte, ſo daß ſeine mörderiſchen Klauen Deine Bruſt bedeckten, recht an der Stelle des Herzens, und der weiße Vogel flog, ängſtlich nach Dir hinſehend, rings umher, — 262— aber immer weiter wurden die Ringe ſeines Fluges, und es ſchien, als wolle er ſchon, ſich abwendend, durch den blauen Himmel dahin zurückziehen, woher er gekommen, und mich ergriff eine unnennbare Angſt, als ich mein ſchlafendes Kind auf der weiten einſamen Flur ſah unter der Kralle des blutgierigen Raub⸗ thieres, und noch ſchneidender ward ſie durch Dein immerwährendes bewußtloſes Lächeln.— Da gemahnte es mich, als richte der Schwan den Blick flehend nach der Seite, wo ich ſtand, und alſogleich erklangen unter mir in der Kuppel des Domes der Aja Sophia die Glocken klagend und dumpf, als ſeien ſie geborſten, zum engliſchen Gruß, und ich ſank auf den heiligen Ruf nieder auf meine Kniee und hob die gefalteten Hände zum Himmel und betete inbrünſtig. Darauf war es als gewönne der Schwan neue Kraft, er kehrte zu⸗ rück zum Streite, der Lichtſtrahl ſchoß abermals blendend aus ſeinem Auge und traf den Wi⸗ derſacher, daß er taumelnd herabglitt von Dei⸗ ner Bruſt. Dann aber ſtieg plötzlich ein Ne⸗ bel empor, der Deine Geſtalt verhüllte, alſo daß ich Dich fortan nur undeutlich ſah, und — von ihm umgeben, ſetzte der Geier ſich dem An⸗ griffe entgegen, und hart war der Kampf zwi⸗ ſchen Nebel und Licht, zwiſchen Condor und Schwan; Du aber begannſt wiederum Dich zu regen. Je länger ich nun betete, je länger das Glockengeläute erſchallte, jemehr neigte ſich der Sieg zu dem Letztern, je lebhafter beweg⸗ teſt Du Dich, wie im Erwachen begriffen, ſo ſchien es mir durch die dunſtige Umhüllung. Nach und nach, wie die Phantasmata des Schlummers ſich mitunter minder dunkel ge⸗ ſtalten, ward ich gewahr, ich befände mich wirklich in der Konſtantinopolis, zu meinen Füßen dehnte ſich die ungeheure Stadt aus, erfüllt mit ungewöhnlichem Gelärm. Darauf ſah ich rings umher, erſt entfernt dann immer näher, Geſtalten wie von Kriegern, wild und ungeheuer, eine aber war ſchrecklicher anzu⸗ ſchauen, als alle anderen, ſein Diadem ſtrahlte der Mondſcheibe gleich, wenn ſie blut⸗ roth durch aufſteigende Dünſte blickt, rothes Blut ſchien der Purpur ſeiner Chlamys, und ſtatt des Schwertes hielt er in der Hand eine ungeheuere Geißel. Mit der drohete er hinauf gegen den Tempel der Aja Sophia, mit der — 264— andern aber griff er nach Dir, denn der Traum hatte Dich, wiewohl immer noch lie⸗ gend und ſchlummernd, urplötzlich näher ge⸗ rückt, und es war als habe er einen Ver⸗ bündeten in dem Geier, und beiden ſei der Schwan ein kräftiger Gegner. Doch bangte mir mehr als vor dem wachſenden Getümmel, das mich umgab, vor der zwiefachen Gefahr, die Dich bedrohte, und ich flehte zum Himmel, daß er Dir einen Helfer ſende gegen den neuen Feind, und alsbald trat ein junger Mann zu mir, kriegeriſchen Anſehens und heroiſch um⸗ ſchauend über die Stadt und die beginnende Schlacht. Ich kannte damals den Jüngling noch nicht, doch dünkt mich, ich habe ihn ſpäter geſehen.— Hier hielt die Matrone inne, einen ſinni⸗ gen, forſchenden Blick auf die Tochter richtend, deren Auge an ihren Lippen hing, ſich aber jebt ein wenig abwendete, dann fuhr ſie fort: Als ich ihm nun meine Bitte geſagt und mein Hoffen, erhob er zur Antwort das ent⸗ blößte Schwert, das er trug, neigte ſich und war von meiner Seite verſchwunden, beinahe aber im nämlichen Augenblicke ſah ich ihn un⸗ — 265— ten im Gewühle und im erbitterten Kampfe mit dem furchtbaren Träger der Geißel. Bald je⸗ doch ſah ich nichts mehr als das immer wü⸗ ſtere Gewimmel der Schlacht auf der Erde, und in der Luft der Vögel fortdauernden Streit. Schon ſeit einiger Zeit fühlte ich den Boden unter mir wanken; jetzt that es urplötzlich um mich her einen ſchweren, ungeheuer donnernden Hall, und ich erwachte.— Von langwierigem Sprechen, von den ver⸗ einten Gefühlen der Wehmuth und ahnung⸗ vollen Grauens erſchöpft, ſchwieg Theophano, die Jungfrau blickte mit hochathmender Bruſt vor ſich nieder, und es herrſchte ein minuten⸗ langes Schweigen, welches die Authentopula endlich mit der Frage unterbrach, nicht ohne einige Bitterkeit ausgeſprochen: Wie bedünkt dieſes Geſicht den Pflegling des Athanaſios Phranzes? Zu welcher Gattung der Träume würde der kundige Greis ihn rechnen, zu den der hörnernen, oder elfenbeinernen Pforte?— Bald aber ward die Spannung, welche dieſe Frage erzeugt hatte, durch ſanftere Empfind⸗ ung verdrängt, und ſie ſprach ernſt und mild: Wahrlich, das innere Gefühl, auch wohl — 266— die Erfahrung von Mund zu Mund durch Sage und Schrift vererbt, ja ſelbſt manche Stelle der heiligen Bücher geſtatten keinesweges, dergleichen Dinge gänzlich zu verwerfen, die Geſichte Gedichte, den Traum nur Schaum zu benennen, und wenn mein Urtheil mich nicht trügt, ſo gehört der, den ich eben berichtet, zu den deutungvollen, ja in dieſem Augenblicke bin ich völlig davon überzeugt. Ein Theil deſ⸗ ſelben deutet wohl auf eine große Gefahr der Hauptſtadt und des Reiches meiner Väter, und er iſt in Erfüllung gegangen, denn ſtündlich nahet ſich die Gefahr. Ich danke dem, wel⸗ cher die wahrhaften Träume ſendet, daß er mir den endlichen Ausgang verborgen, denn es taugt dem Menſchen nicht, daß er die Zukunft ganz erkenne, die ihm zu erwarten und zu tragen gebührt im Vertrauen auf die All⸗ macht, und lange, ehe ſich der Jammer der Witwen und Waiſen von Ilion erhob, floſſen bittere Thränen aus den Augen Kaſſan⸗ dra's. Was aber ſich bereits erfüllte, verſtärkt des andern Theiles Bedeutung, nicht mein Va⸗ terland nur ſah ich in Gefahr, auch mein Kind. Tief hat ſich damals dieſe Empfindung — 267— in mein Herz geprägt, und wenn die Fluth der Zeit ſie allmählig etwas verlöſchte, ſo hat ſie ſich heut urplötzlich erneut; doch neben der Befürchtung ſteht auch der Troſt, wie dort im Traume mein Gebet Dich ſchützte, wird meine Nähe nun auch die Langvermißte, Wiederge⸗ fundene ſchützen.— Und damit ſchloß ſie Ire⸗ nen noch ein Mal in die mütterlichen Arme. Nach einer Weile ſagte die Jungfrau: Du fragſt mich, erlauchte Mutter, was mich von dieſem Traume bedünkt? Seltſam iſt er aller⸗ dings und deutungvoll, doch in Bezug auf mich nur, weil Deine ſorgende Liebe an mei⸗ nem Bilde Dir zeigte, was das allgemeine Loos der Sterblichen iſt. Mehre Mächte, hat mich der Großvater bedeutet, beherrſchen das Leben der Menſchen, und einige von ihnen ſind ihm feindlich geſinnt. Dieſe Lehre, gerei⸗ nigt durch helleniſche Weisheit, welche die Mit⸗ tel andeutet, die mächtigen Gegner ſich zu be⸗ freunden oder ſich unterwürfig zu machen, deu⸗ teten roher ſchon die alten Parſen an, den Ormuzd und Ahriman nennend, die um alles ſich ſtreiten, was in der Zeit und im Raume beſteht, und ſomit auch unter den Menſchen. — 268— Ich aber ſtehe im Schutze höherer Mächte, drum fürchte nichts für mich, Mutter, der Gegner Beſtreben wird wirkunglos bleiben.— Hinweg— rief Theophano mit verwerfen⸗ dem Unwillen— hinweg mit den Lehrſätzen des Zoroaſter, geheimnißvoll glänzend zwar, doch erbleichend vor dem Lichte der Offenbarung; hinweg mit der Afterweisheit, welche das Fremdartige zuſammenwirft in abenteuerliche Form. Auch unſere heilige Religion ſtellt ein gutes und ein böſes Prinzip auf, doch ſind ſie nicht von gleicher Kraft, die einzige, höchſt ſchützende Macht iſt der Gott des Himmels und der Erden, der dem Kinde des Staubes Hilfe fendet durch ſein hochheiliges Wort, durch ſeine Boten und Diener. Ihm ſtehet der Ab⸗ gefallene gegenüber mit ſeiner finſtern Schar un⸗ glücklicher und neidiſcher Geiſter, nimmer mag man ſie ſich befreunden, und wer ſich ihnen nähert, und wer folches thörig verſucht, gibt ihnen erſt die Gewalt, die ihnen mangelt, denn nicht allmächtig ſind ſie. Wohl aber ſind ſie mächtig, alſo daß der Menſch ſie nicht beſie⸗ gen kann ohne göttlichen Beiſtand. Der Schlummernden ſind ſie in meinem Traumbilde — 5— genaht, mein Gebet verzögerte ihren Sieg, und es heißt: Wachet und betet, damit euch drr Feind nicht überfalle!— Wir aber ſtehen in der Zeit der Verſuchung.— Allzu eingewurzelt waren ſchon die Keime, welche des Sämannes Hand im irrigen Wahn unter die reine Saat gemiſcht, als daß wenige Augenblicke und einige Worte, ſo gewichtig ſie auch waren, ſie auszutilgen vermochten; doch blieben dieſe, nicht gänzlich ohne Wirkung, denn ſcheu und mit leiſerer Stimme erwiederte Irene: Gewiß gibt es dergleichen finſtere Mächte der Tiefe, und die guten Geiſter mögen ſie von mir abhalten und von Allen, denen ſie ein Abſcheu ſind wie mir. Wohl weiß ich, daß die Güter, die ſie bieten, glänzend von außen gleich dem Sodomsapfel die Bitterkeit des To⸗ des in ſich bergen, und nimmer wird mich nach ſolcher Gabe gelüſten, doch ein Anderes iſt es mit den Mächten der mittleren Welt, die nicht des böſen Prinzipes ausſchließliche Diener, dem eignen Geſetze gehorchen, und durch dieſes ſelbſt gezwungen ſind, zu helfen, wo ſie anders geſchadet. Ja die heiligen Bücher ſelbſt ſprechen von der Geiſter verſchiedenen Ab⸗ — 270— ſtufungen, von Erzengeln und Engeln, von Seraphim und Cherubim, von Mächten, Herr⸗ ſchaften und Thronen.— Mit einiger Ungeduld unterbrach ſie Theo⸗ phano: Was auch die Wiſſenſchaft ſagt, die Du helleniſche oder chaldäiſche Weisheit be⸗ nennſt, aber anderweit den gottverhaßten Na⸗ men der Kabbala trägt, der Offenbarung reinen Begriff unter ihrem Nebelſchleier mit gefähr⸗ lichen dunkeln Grübeleien vermengend, feſt ſteht der Erſte. Alle, die Du genannt, umringen den höchſten Thron, den Thron Gottes, ſeinem Willen nur dienend zum Guten, nicht wech⸗ ſelnd zwiſchen ihm und dem böſen, eigenen Gelüſte gehorchend oder irgend einem andern Geſetze. Die ſolches nicht thun, ſind Gottes Feinde und ſeiner Schöpfung, welches auch der Namen ſei, oder die Geſtalt, die ſie an⸗ nehmen, iſt Name ihr Kakodämon, und ihre Geſtalt ein verlarvtes Zerrbild der Hölle, ja trü⸗ gen ſie ſelbſt die Züge eines Engels des Lich⸗ tes, mit welchem Satan ſich hin und wieder vekleidet.— Mehr, fürchte ich, ſagt mir jetzt das Wachen als jener Traum, auf ein ge⸗ fäheliches Spiel hat Dich menſchliche Afterweis⸗ — 271— heit geſtellt; aber gilt der Mutter heißer Wunſch bei Gott und bei Dir, ſo ſollſt Du es nicht verlieren und Dich. Wie dort ſoll mein Gebet Dich ermuntern und mein Zuruf, erwachen ſollſt Du, denn die Zeit der Erfüllung iſt da, verkündet durch mehre ſich aneinander drängende Zeichen, für Dich iſt ſie da und für die Stadt und die Flur, die mir der Traum in ſelt⸗ ſamer Vereinigung zeigte. Da regte ſich der Jung⸗ frau abenteuerlicher Sinn und ſie fragte ge⸗ ſpannt: Wie ſollte mein Geſchick in Verbind⸗ ung ſtehen mit dem der Konſtantinopolis und des oſtrömiſchen Reiches? Die Zeit der Ent⸗ wickelung wäre da, ſagſt Du, Mutter? Welches ſind die Zeichen, die zuſammentreffend ſie ver⸗ künden? Aber Theophano, entweder des geheimnißrei⸗ chen Geſpräches müde, dem ſie nur im Drange des Augenblickes ſich überlaſſen, oder den Sinn auf andere Gedanken gelenkt, ſagte, die Fra⸗ gen übergehend: Noch wenig haſt Du den ltern und Blutfreunden von Deiner überfahrt berichtet, doch hat ſolches der Schiffführer Pa⸗ lämon an Deiner Stelle gethan, auch was jenen ſeltſamen Vorgang auf der Inſel Arſura — 272— betrifft, welche die Volkſprache das Teufelsei⸗ land benennt, ein Name, den dieſer Vorgang nicht Lügen ſtraft, und was zu Epibaton ge⸗ ſchehen, wo der erlauchte Palaeolog die ver⸗ bergende Hülle von ſich warf, durch die Noth ſeiner Mitbürger begeiſtert, vielleicht auch— dieß ſprach ſie in ſtrafendem Tone— gereizt durch eines Mägdleins ſpitzes, verletzendes Wort, welches gleichſam ein Feldgeſchrei ge⸗ worden zu einem Kriege, der im Gedächtniß der Nachwelt leben wird, wie ſein Ausgang, heute noch in Gottes Hand ſtehend. Es kämpfte etwas in Irenens Bruſt wie Reue und Beſchämung, aber auf der andern Seite wie Eigenliebe, geſchmeichelt durch den Gedanken, gewiſſermaßen die Veranlaſſung zu einer ſo wichtigen, zu einer Weltbegebenheit geweſen zu ſeyn. Vielleicht bemerkte die Prin⸗ zeſſin Theophano, was in der Tochter vorging, denn ſie ſagte mit etwas finſterer Miene und gelindem Spott: Somit wäre bereits ein Zu⸗ ſammenhang zwiſchen Irene Phranza's Geſchick mit einem andern von höherer Wichtigkeit an das Licht getreten; doch eignet ſich das ſchwer⸗ lich zum Rühmen, welches auch die Folge ſeyn möge. Die Erfahrung lehrt, daß oft⸗ mals aus geringen Urſachen große Folgen ent⸗ ſpringen, und ob Gutes oder übles daraus entſtehe, nur des Augenblickes Thun verant⸗ wortet der Menſch, wie man die Völkerwan⸗ derung wohl nicht der hohlen Nuß auf dem Hügel des Gebirges Ararat zurechnen mag, oder den Knaben, deſſen Fuß über ihn glitt, obſchon der Sage nach jene Weltbegebenheit aus dieſem Zufall entſprang. Doch, wie ge⸗ ſagt, wir haben Nachricht von dieſer Reiſe er⸗ halten durch Palämon und Deinen erlauchten Begleiter, und es bleibt Dir nichts hinzuzuſez⸗ zen, als was dieſen betrifft. Sprich, Tochter, fandeſt Du in ihm nicht einen freudigen Krie⸗ gesmann, einen hochgeſinnten Fürſten, an welchen es Griechenland noch nicht mangelt, was auch der Mißmuth des Alters der Uner⸗ fahrenheit der Jugend für Begriffe gegeben?— Es lag etwas Abſichtliches in der Weiſe, wie die Matrone dieß ſagte, und die Jung⸗ frau empfand es und verſetzte mit einigem Zwange: Gewiß, durchlauchtige Frau und Mutter, iſt der Despot Theophilos, wie Du II. 18 — 4— ſagſt, und ich erfreue mich der Ehre, ſeine Verwandte zu ſeyn.— Und doch— ſagte Theophano mit einigem Nachdrucke— muß ich glauben, Du habeſt ſie ſpät erſt erkannt, ſofern Du ſie auch jetzt recht erkenneſt.— Etwas befangener noch ſagte die Tochter: Der Prinz zürnet mir wohl? ja er zürnt mir gewiß. Hat er ſich über mich beim Vater, hat er bei Dir ſich beklagt?— O, bedenke doch, und auch er möge bedenken, daß, wenn ich gegen ihn gefehlt, die Schuld an ihm liegt, ſeinen hohen Rang und unſer Verhältniß mir verheimlichend.— Mit einem kleinen Lächeln verſetzte Theo⸗ phano: Das bekümmere Dich nicht, keines⸗ weges hat Theophilos Palaeologos ſich über Dich beklagt, wichtigere Dinge beſchäftigen den erſten Prinzen des kaiſerlichen Geblütes als die Launen eines funfzehnjährigen Mägdleins, und zu ſehr iſt er ſich ſeiner Würde bewußt, um ihr Verkennen derſelben zu achten.— Sie ſah dabei Irenen in das Antlitz, auf dem ein wenig Unmuth und gekränkte Eigenliebe ſich zeigte, doch vielleicht unzufrieden mit dieſer Wirkung, da es allem Vermuthen nach ihre — 275— Abſicht war, mit milder, aber kräftiger Hand Manches auszurotten, was ihr als Unkraut erſchien, fuhr ſie fort: Zürnt Dir der Prinz, „wie es auch den Vater und mich gemahnte, ſo trifft ſein Tadel wohl weniger das, was geringer Welterfahrenheit wohl zu verzeihen, als Manches, was er bemerkt und wie der Großdomeſtikos Dir mit Recht verkündet, hier weniger Beifall, ja ſogar Nachſicht finden würde, als vor den parteilichen Augen des Silentiars und ſeiner Dienerſchaft im Inſel⸗ palaſte. Spät, ſagſt Du, hat mein Neffe ſich Dir zu erkennen gegeben; erkenneſt Du ihn wohl jetzt? Nicht von der Geburt ſpreche ich und der Würde, obſchon ſie zu den köſtlichſten irdiſchen Gaben des Himmels gehören, ſondern von dem Sinn, der ihren Beſitzer zwiefach erhebt oder zehnfach erniedrigt. Solchen aber birgt keine Verkleidung, und beſſer hätte Athanaſios Phranzes gethan, ſeine Enkelin den Geiſt erkennen zu lehren, als die Geiſter aufzufinden in unnützem oder ver⸗ derblichem Streben. So will ich es denn ſeyn, der Dir dieſen Geiſt zeigt, nicht im magiſchen Spiegel, ſondern im Spiegel der Wahrheit. 18* — 276— Mit hoher Wiſſenſchaft begabt, kühn wie ſein Oheim Johannes, weiſe und feſt gleich Kon⸗ ſtantinos, glühend in Vaterlandliebe gleich den alten Hellenen, die Würde deſſelben behaup⸗ tend wie der Rühmlichſte unter unſern Au⸗ guſten, iſt er die Hoffnung des Kaiſers, des Meiches und ſeines Hauſes. Im innern und und äußern Sturme kräftig daſtehend gleich der jungen Eiche, richten ſich tauſend und abermal tauſend Blicke der Bewunderung und des Vertrauens auf ihn, und der Geiſt, der hell auf ſeiner Stirn ſtrahlt, verſpricht ein Leitſtern zu werden in der nahenden Dämmer⸗ ung, in der vielleicht bald hereinbrechenden Nacht. Du begreifeſt wohl, daß zwiſchen Dir, dem unerfahrenen Mägdlein und dem geprüften Kriegeshelden, dem bereits kundigen Staats⸗ manne, dem muthmaßlichen Erben des Dia⸗ dems, ihm weniger obliegt, Deinen Beifall zu gewinnen, als Dir ſich ſeiner günſtigen Meinung würdig zu zeigen. Iſt Dir dieß nicht gelungen, oder doch weniger als ich wänſchte, ſo hoffe ich dennoch ein Beſſeres von der Zukunft und Dich“ bald unter der — N7— mütterlichen Leitung aus dem Nebel, mit wel⸗ chem der Irrthum Dich umgeben, hervortreten zu ſehen, eine Zier Deines Geſchlechtes, und denen, die Dir wohlwollen, zur Freude. Dieß erinnert mich an etwas Anderes noch; ungern haben der Großdomeſtikos und ich Dich von jenen beiden Dienerinnen begleitet geſehen, ungern ihnen das Verweilen in dieſem Palaſte geſtattet; doch wer weigert gern des heimge⸗ gangenen Vaters letztes Begehren, die erſte Bitte des wiederkehrenden Kindes. Es ſei denn darum, ſie mögen Dir dienen, doch unter des Vaters weiſer Obhut; durch der Mutter Rath unterſtützt, bedarfſt Du des ihrigen nicht, wie es früher der eingezogenen Kunde zu Folge ge⸗ ſchehen. Wohl urtheile ich günſtiger von der, welche Du Leuke nennſt, wiewohl etwas in ihrem Weſen liegt, in ihrer Sanftmuth ſogar, wenig ſtimmend zu der Niedrigkeit ihres Stan⸗ des; die Schwarze aber iſt mir in der tiefſten Seele zuwider. Die Unterwürfigkeit ihrer Ge⸗ berde verbirgt übermuth und trotzige Hartnäckig⸗ keit, und obwohl Geiſt in ihrem nächtlichen Auge funkelt, ſo gemahnt er mich unheimlich. Und in der That, was Klugheit heißen mag 78— für die Nezerin, für die niedriggeborene Sclav⸗ in, liegt zu tief für die Enkelin der Palaeo⸗ logen.— Sollte— ſprach darauf Irene— Sollte meiner Mutter erlauchter Sinn nicht von dem Vorurtheile befangen ſeyn, das man gegen die Bewohner des mittlern Afrika hegt, vielleicht nur unwillkürlich durch ihre Farbe erzeugt? Wirklich, Herrin, iſt ſie es nicht, es iſt die Weiſe vielmehr, welche oftmals ihr dienend Verhältniß mit der Rolle einer Lehrerin und Ermahnerin vertauſcht. Keine Sclavin iſt Mele mehr, ſondern eine Freigelaſſene; nur die Anhänglichkeit feſſelt ſie an mich, und des abgeſchiedenen Wohlthäters Befehl, welchem er doch ſelbſt die bindende Kraft benommen. Und doch iſt ſie der ſorgfältigſten Dienerinnen eine, und weit entfernt, meinen Willen lenken zu wol⸗ len, denkt ſie lediglich darauf, ihn zu erfüllen.— Die Jungfrau hatte dieſes mit dem Stok⸗ ken geſprochen, welches das Gefühl, die Wahrheit ein wenig beeinträchtigt zu haben, auf der Zunge des Ungeübten hervorbringt, doch die Prinzeſſin Theophano bemerkte es nicht, oder ſie fand, es ſei für dießmal zum erſten — 279— Unterrichte genug, und nachdem ſie mit einiger Feierlichkeit die Tochter für dieſe Nacht der Obhut Gottes, der Schutzengel und Heiligen empfohlen, entfernte ſie ſich. Ende des zweiten Theiles. umedeung. In der Vorausſetzung, daß den Meiſten unter den Leſern ohne Erläuterung manche der im Auftritte im Inſelſchloße vorkommenden Aus⸗ drücke und ſomit vielleicht der ganze Auſftritt ſelbſt unverſtändlich ſeyn würde, haben wir uns zu einer Erklärung derſelben bewogen gefunden. Sultan Murad der Zweite, der Vater Mo⸗ hammed's des Zweiten oder des Eroberers, wird nicht nur von den osmaniſchen Schriftſtellern, ſondern auch von gleichzeitigen und ſpätern Grie⸗ chen als ein trefflicher Fürſt gerühmt. Zwar entſagte er nicht dem Grundſatze ſeines Ge⸗ ſchlechtes und Glaubens, der Ausbreitung des Islams durch das Schwert, aber er führte es in ritterlicher Weiſe, und wie ſein feindliches Drohwort war auch ſeine freundliche Zuſage ein ſicheres Pfand. Die Feindſchaft des osmaniſchen Stammes gegen den griechiſchen Kaiſerthron hatte ſich auch auf ihn vererbt, und er belagerte Konſtantino⸗ pel am 10. Junius 1422 als aber nach Auf⸗ hebung derſelben(von den Sſtrömern einer die — 280— Barbaren ſchreckenden Erſcheinung zugeſchrieben) der Friede geſchloſſen ward, beobachtete er den⸗ ſelben gewiſſenhaft und eben ſo das Bündniß, welches ſpäter aus dieſem entſprang. Er nannte den ſchon bejahrten Manuel Palaeologos ſeinen Vater und ſich deſſen gehorſamen Sohn, und man kann ſagen, daß ſein Thun ſolcher Be⸗ nennung nicht widerſprach. Zwar gab er wenig oder nichts von den eroberten Beſitzthümern des Griechenreiches zurück, aber was dieſem verblie⸗ ven, genoß ungeſtörten Friedens, auch die Län⸗ dereien der Despoten in Theſſalien, Achaja und dem Peloponnes, und den Familienzwiſtigkeiten vierer unter dieſen, Söhne des Manuel, Deme⸗ trius zu Achaja, Konſtantin zu Athen, Andro⸗ nikos zu Selymbria und Thomas zu Sparta, zeigte er ſich als ein uneigennütziger Vermittler des Friedens ſowohl unter ſich ſelbſt als mit dem Auguſtus, ihrem, wie er ſagte, gemein⸗ ſchaftlichen Vater. Er war gleich Mehren ſeines Stammes in arabiſcher Literatur und Weltweisheit wohl erfahren, auch Dichter und ein Freund der Ruhe und des Genuſſes nach den Anſtrengungen des Krieges und Herrſchens, und entſagte zwei Mal dem Throne, um ſich, wie Diocletian nach Salon, in die reizenden Gefilde und von ihm angelegten herrlichen Gärten zu Magneſia in Anatolien zu⸗ rückzuziehen. Dieß geſchah zum erſten Mal im — 281— Jahre 1440 in einem vierzigiährigen Alter, zu Gunſten ſeines vierzehnjährigen Sohnes Mo⸗ hammed; aber das wachſende Kriegsglück der Ungarn und Polen unter Johannes Hunyad und der Mangel an Vertrauen zu dem Knabenherr⸗ ſcher vermochten die Weſſire, und vorzüglich den Erſten unter ihnen, Chalil Dſchendereli, Murad zur Wiederbeſteigung des Thrones zu bewegen. Murad kam, und in der Schlacht bei Warna büßte König Wladislaw Jagielloni⸗ zyk ſeinen Treubruch mit dem Tode. Gleich darauf kehrte der Sultan nach Mag⸗ neſia zurück. Aber kaum hatte er Adrianopel verlaſſen, ſo brach ein Aufruhr der Janitſcha⸗ ren gegen ſeinen Sohn aus, zum zweiten Mal riefen die Weſſire den Vater zurück, und er ergriff zum dritten Mal die Zügel der Herr⸗ ſchaft und bewahrte ſie bis an ſeinen Tod, un⸗ ter mehren Kriegen glücklich geführt gegen den unruhigen Thomas Palaeologos, deſſen Städte Korinth und Patras er eroberte, mit wechſeln⸗ dem Glücke gegen Hunyad und Skanberbeg. Er ſtarb 1451 und ward in der Moſchee zu Burſa begraben, einem von ihm aufgeführten herrlichen Gebäude, welche man die grüne nennt, von der Farbe des Porzellans, die ihr Inneres bekleidet. Ihm folgte ſein zwei Mal entſetzter Sohn Mohammed, deſſen die Geſchichte und dieſe Dar⸗ 282— ſtellung genugſam erwähnt, um hier mehr von ihm zu erwähnen, als daß die erſte ſeiner Re⸗ gentenhandlungen der Brudermord war(Ahmed's), der unter ihm zum Staatsgrundſatz ward. Chaireddin⸗Paſcha, aus dem Geſchlechte Dſchendereli, Großweſſir unter Murad I. um das Jahr 1360. Durch drei Geſchlechtfolgen behaupteten ſeine Nachkommen dieſe Würde bis Chalil. Bis dahin hatte kein erſter Mini⸗ er der osmaniſchen Pforte das oben angeführte Schickſal Dſchaffer's des Barmekiden erfahren, Ghalil eröffnete die lange, ſelten unterbrochene Reihe hingerichteter Weſſire. Mohammed der Eroberer konnte ihm die zweimalige Zurückberuf⸗ nng ſeines Vaters nicht verzeihen, und wahr⸗ ſcheinlich war ihm dieſe Erinnerung verderblicher als ſeine Begünſtiqung der Griechen, die ihm in der That den Zunamen eines Stiefbruders der Giaours erworben. Zwei Reiherfedern trägt auf ſeinem Bunde der Paſcha von zwei Roßſchweifen, drei der Paſcha von drei Roßſchweifen(Weſſir), der Großweſſir, vier, fünf e mehre der Padi⸗ Lala, ein Eprennai/ den der Sultan dem Großweſſir ertheilt, Hofmeiſter bedeutend. Raſſib, das Verhängniß der Moslemim, von ihnen, als ſtrengen Präbeſtntiane als un⸗ asi ———— 6 17 18 ſſſſſ 8 9 11 12 13 14 15 1 ——