Leihbiblivthet cher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n 6dnard Otlmann in Hieen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ei und eſcbedingungen. 1. 6fensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 53 Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet nnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2ßBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: onat: 1 Mk.— Pf. Wt. 5 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 Ausnürtige Khonnenten haben für Hin- und Juräckſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und k vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen init Kupfern ꝛe) muß der 4 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt r beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. reis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ——— S r von Alerander Bronikowski. Neunzehnter Band. Inhalt: e ni. Erſter Theil. — — — 1 von Alerander Bronikowski. Erſter Theil. 6 Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1833. In jener Stadt vom Hellespont umfloſſen, dem Herrſcherſitz im fernen Orient, die man ſeit Kaiſer Konſtantin dem Großen ſo lang' Konſtantinopolis benennt, bis Palaeologus vom Thron' geſtoßen und Stambul nun zum Jölam ſich bekennt, da hat in noch nicht längſt vergangnen Tagen ſich, was ich euch berichte, zugetragen. Mit dieſen aus dem Lateiniſchen hier frei wie⸗ dergegebenen Reimverſen beginnt eine Hand⸗ ſchrift in derſelben Sprache abgefaßt uns gleich⸗ viel auf welche Weiſe zu Geſicht gekommen. Wie ihr Inhalt unleugbar ſeltſam genannt werden muß, ſo iſt auch die Schreibart nicht gewöhnlich, zumal für das Zeitalter, aus dem ſie ſtammt, der Anfang des ſiebenzehnten Jahr⸗ hunderts. Sie beſteht theils aus Verſen wie die obenſtehenden, welche wir, wo es uns angemeſſen ſcheint, gleichfalls metriſch wieder⸗ zugeben gedenken, und die Proſa des übrigen 1 iſt meiſt blumenreich und nicht ſelten pomphaft, welches man bei dem damaligen nüchternen Styl abendländiſcher Schriftſteller dem Umſtan⸗ de zuſchreiben muß, daß ſie wenigſtens, was den Hauptgegenſtand betrifft, ebenfalls nur eine Nachahmung aus dem Griechiſchen iſt, wie es zur Zeit des ſinkenden Reiches(du bas empire) geredet ward. Der Verfaſſer, welcher hin und wieder von ſich ſelbſt ſpricht, iſt ein Mönch, der ſich in ein ſehr einſam gelegenes Kloſter wahrſcheinlich im Böhmerwalde zurückgezogen hatte, vielleicht aus überdruß an der großen Welt, in der er früher als Weltgeiſtlicher eine nicht ganz unbedeutende Stellung behauptet haben mag⸗ Sogar am Hofe ſcheint er einheimiſch geweſen zu ſeyn, zwar nur an dem kleinen wunderlichen Hofe, welchen Kaiſer Rudolph der Zweite auf dem Hradſchin zu Prag hielt, größtentheils aus Goldarbeitern, Mechanikern und Stallknechten zuſammengeſetzt. Aber es befand ſich an dem⸗ ſelben auch noch eine Gattung von Höflingen höhern Ranges zwar, aber nicht minder unge⸗ wöhnlich, zumal heutigen Tages, an den Stufen des Thrones zu finden; zu dieſen gehörte wahr⸗ — 9 — 3— ſcheinlich Bruder Euthanaſius, und zu denen, die des Kaiſers Vertrauen beſaßen. Er hatte es ohne Zweifel auf dieſelbe Art gewonnen wie die oben Erwähnten, denn auſ⸗ ſer den in jener Zeit im Schwange gehenden Wiſſenſchaften, in welchen er ſattſam bewan⸗ dert erſcheint, war er auch, wie er ſich deutlich darſtellt, der Jünger einer höhern Schule und wohl erfahren in Alchymie, Aſtrologie und an⸗ dern geheimen Künſten, durch deren ſchwanken⸗ des Licht, wie bekannt, Rudolph ſein düſteres Daſeyn zu erhellen ſtrebte. Ohne Zweifel um einige Geheimniſſe dieſer Art aus dem reichen Schatze derſelben zu ent⸗ wenden, welchen der Orient von Europa bewah⸗ ren ſoll, und vermuthlich auf Tycho de Bra⸗ he's beſonderes Anliegen ward er, wie man jetzt die Botſchafter an morgenländiſche Höfe von Malern, Naturforſchern, Geſchichtkundigen und andern begleitet ſieht, dem Internuntius beige⸗ ſellt, welchen Kaiſer Rudolph an Sultan Mo⸗ hammed den Dritten nach Konſtantinopolis ſen⸗ dete mit dem ſchimpflichen Tribut, welchen der ſchwache Nachfolger der Caeſaren dem Padiſchah zu entrichten gezwungen war. 1* — Von dieſer Reiſe hat er denn außer man⸗ chen andern ſeltſamen Dingen, auch die er⸗ wähnte Handſchrift heimgebracht. Ehe wir je⸗ doch von der Art ihrer Entdeckung ſprechen, ſey es uns vergönnt, ihn ſelbſt noch einige Schrit⸗ te zu geleiten. Rudbolph und die Weiſen, die ihn umga⸗ ben, empfingen vermuthlich den Zurückkehren⸗ den und ſeine Ausbeute mit vieler Zufrieden⸗ heit und Auszeichnung, denn er gedenkt Kepp⸗ ler's und Tycho's immer mit Dankbarkeit und einer geheimnißvollen Ehrfurcht, und wo er des Kaiſers Erwähnung thut, iſt er, ziemlich der Einzige ſeines Zeitalters, durchgängig ein eif⸗ riger Lobredner dieſes Monarchen. Aus der Art, wie er im Gegentheil von dem nachmali⸗ gen Kaiſer Matthias redet, und von dem über⸗ müthigen Kardinal Cleſel, läßt ſich vermuthen, daß er erſt dann des Hofes und der Welt über⸗ drüßig geworden, als durch das Pactum des habsburgiſchen Hauſes, in welchem es heißt: Dieweil es leider allzuviel offenbar, daß Römiſch Kaiſerliche Majeſtät, unſer allerdurchlauchtigſter und vielgeliebter Herr Bruder und Vetter, aus denen bei Ihr zu unterſchiedlichen Zeiten ſich zeigenden Gemüthsblödigkeiten ſich nicht genug⸗ ſam noch tauglich befinden c.(1606), dieſer aller ſeiner Diademe, des vornehmſten und un⸗ bedeutendſten, die Kaiſerkrone ausgenommen, be⸗ raubt ward. Weder die Einkünfte der letztern, noch die Goldmacherkunſt vermochte die Truhen zu füllen, welchen der Zufluß ſo vieler reichen Landſtriche entging; eine genaue Sparſamkeit ward am Hofe des Hradſchin ein dringendes Erforderniß, und ſo vertauſchte denn Bruder Euthanaſius eine Art von Kloſter, deſſen fin⸗ ſterer und menſchenſcheuer Oberer nicht ſelten ſeine ſonderbaren Launen an den eben ſo ſonderbaren Cönobiten ausließ, mit einem wirklichen, um der Bedeutung ſeines Namens gemäß, das iſt, eines ſchönen Todes zu ſterben, zu dem die übung jener dunkeln Wiſſenſchaften eine mißliche Vorbereitung war. Als ich— ſagt der überſetzer unſerer Legende, nach einer kurzen Beſchreibung der Stadt Kon⸗ ſtantinopel, des Serails und der osmaniſchen Pforte*), aus welcher der Leſer wenig Kennt⸗ — *) So heißt der Palaſt des Großweſſirs, nicht, — 6 niſſe ſchöpfen würde, da unſer Gewährsmann ſich mehr mit dem Unſichtbaren beſchäftigt zu haben ſcheint als mit dem Sichtbaren, mehr mit dem Vergaugenen, als mit dem Gegenwär⸗ tigen, mehr mit dem, was der Schooß der Er⸗ de verbirgt, als mit dem, was auf ihrer Ober⸗ fläche zur Schau ſteht— Als ich von dem wohlgeborenen Herrn Internuntio Urlaub erhal⸗ ten, meinerſeits den Geſchüften obzuliegen, mit welchen Kaiſerliche Majeſtät mich insbeſondere beauftragt, begab ich mich auf ein genueſiſches Kauffartheiſchiff, nach dem Archipelagus be⸗ ſtimmt, und zwar zuerſt nach den Eilanden Pa⸗ ros und Antiparos. Es war ſolches am 18ten des Brachmonats im Jahre des Heils Eintau⸗ ſend fünfhundert und ſechs und neunzig. Das Wetter war ſchön und günſtig der Wind, und letzterer Umſtand ſtellte mich aus der Maßen zufrieden, denn ich war ſehr begie⸗ rig, die weltbekannte Höhle von Antiparos zu ſehen. Viel hatte ich bereits von ihr erfahren, und weit mehr hoffte ich noch zu erfahren in wie man irrig glaubt, das Schloß des Padi⸗ ſchah oder Serai. ihr, und wahrzunehmen, nicht mit dem Blick eines Reiſenden, ſondern mit dem Auge eines Forſchers, welcher in die Geheimniſſe der Na⸗ tur ſchauet, die da die Mutter aller Kunſt heiſ⸗ ſen muß, nicht bloß die Form betrachtend, ſon⸗ dern das Weſen, und den Sinn erkennend, wo Andere alleinig den Zufall gewahren und ſein Spiel. So erfreuete es mich ſehr, als ich am Mor⸗ gen des ſiebenten Tages unſerer Fahrt die ſelt⸗ ſamlich geſtalteten Felſen von Antiparos vor mir liegen ſah. Einige waren auf dem Schif⸗ fe, die ſprachen von dem köſtlichen Marmor, der allda zu finden, Andere von dem Verkauf und Eintrag unterſchiedlicher Waaren, wieder Andere von dem vortrefflichen Wein, auch er⸗ wähnten Mehrere anderer ſchnöder Sinnesluſt, welche die Eilande des Archipelagus bieten; ich vernahm aber gar wenig davon und zuletzt nichts, wie ich denn auch von dem Meinigen nichts dazu gab, welches doch wohl niemand verſtan⸗ den hätte, denn es waren eitel ungeweihte, in leeren Tand verſunkene Menſchen. Unverwandten Blickes ſchaute ich auf die Felſen und mich däuchte, ich ſähe ein Stück weißen Gebeines des alten Erdgeiſtes genannt Daemogorgon, das wieder zu Tage gekommen im Kreislauf und Wechſel, nach welchem die Zeit den Raum beherrſchet; als wir aber näher kamen, ſchien es mir, als ſey dieß eine dort feſtgebannte Schar ſeiner Söhne, der Gigan⸗ ten, die der Bann eben getroffen, als ſie ſich mit einander beſprachen über die Wunder der Urwelt, und nun harreten, bis ein Kundiger käme, das unhörbare Wort von den verſtumm⸗ ten Lippen zu leſen, oder, wie man es nennen kann, mit dem Auge zu hören. Und je län⸗ ger ich hinſchauete, je mehr war es mir, als ſey mir ſolches beſchieden; hier deutete eine Rie⸗ ſenfauſt ſeit Jahrtauſenden unverrückt auf ei⸗ nen Ort, einen Wink gebend, den noch Nie⸗ mand verſtanden. Dort lag ein ungeheuerer Finger auf geheimnißvoll lächelnden Lippen, hier ſchauete ein Haupt hernieder mit gerunzelter Stirn und wallendem Gelöck von wunderſam ineinander ſchimmernden dunkeln Käſtenbäu⸗ men und hellgrünen Platanen, dort wendete ſich ein anderes gar ſonderbar auf dem von der Erde bedeckten Halſe und ſchien zu lächeln und zu ſagen: Komm nur, komm, wenn du mich — verſteheſt; biſt du aber ein Thor, wie ſo Viele, die vor dir kamen, ſo bleib immer hinweg. Wie wir darauf gelandet waren in der Bucht, und alles abgethan mit den Zollaufſe⸗ hern und der Wacht, ging die Schiffgeſellſchaft auseinander, die Einen ihren Geſchäften nach, die Andern zum Weine, und noch Andere, um ſich an den Tänzen zu vergnügen, welche die Dirnen halten am Ufer des Meeres, ich aber, meiner prieſterlichen Weihe eingedenk und einer andern noch, der ich gleichermaßen gewürdigt bin, gürtete meine Lenden und ſchritt der Höhle zu, begleitet von einem Wegweiſer, einem Ein⸗ geborenen der Inſel. Der Grieche war, wie alle Leute ſeines Ge⸗ werbes, ſehr ſprachſelig, und ſo ſich ein Gegen⸗ ſtand unſeren Augen darthat, redete er ein Lan⸗ ges und Breites, wahr und falſch durcheinan⸗ der, wie mich dünkt, denn ich hatte wenig Acht. darauf, ſo ſehr ſtand mir der Sinn danach, hinab zu ſteigen in die Tiefe und die Ge⸗ heimniſſe zu erforſchen, welche hier und da die Unterwelt auslegt an der Schwelle ihrer Pfor⸗ ten, von welchen beſagte Höhle eine iſt, ſonder allem Zweifel. Eines von dem, was er ſprach, erinnere ich mich jedoch, welches indeß kaum geſchehen würde, hätte ec nicht in Bezug zu dem geſtan⸗ den, was der geneigte Leſer bald erfahren wird, und mich jetzunder in meiner Kloſtereinſamkeit beſchäftigt. Nicht fern von dem Eingange der Höle lag auf einem unter den Felſen gar lieblich ſchimmernden, grünbewachſenen Berge ein ſtatt⸗ lich Gebäu. Wie ich es genauer beantlitzte, waren es nur die Rudera eines ſolchen und gewannen ſomit für mich ein wenig an Werth, aber ſie ſchienen noch gar neu, und was küm⸗ merte das, was Menſchenhand geſchaffen und ſeit längſtens hundert Jahren dem ewigen Pro⸗ zeß der Umwandelung der Stoffe wieder an⸗ heim gefallen, den, der im Begriffe ſtehet, in die geheime Werkſtatt der Natur hinabzuſtei⸗ gen, wo ſie ſeit Jahrtauſenden ſchafft durch Hilfe ihrer Diener, der Geiſter. Jedennoch ſah ich am Abhange des Hügels ein Bildniß der allerheiligſten Jungfrau, Panagia genannt von den baſilianiſchen Ketzern, von pariſchem Marmor kunſtreich ausgehauen, und ich ent⸗ blößte mein Haupt in ſchuldiger Ehrfurcht. Da dieß mein Grieche ſah und zugleich die Tonſur, mochte es ihn erfreuen, und er zeigte auch drei andere Bildniſſe, die gleichſam dem einen zur Einfaſſung dienten, auf dem ſtufenförmigen Fußgeſtelle ſtehend. Im erſten erkannte ich alsbald einen Engel mit Flügeln und flatterndem Gewande, alles meiſt wie friſch gefallener Schnee; von etwas röthlichem Stein, wie man ihn hier findet, war das zweite, eine liebreizende Jungfrau, die er bei der Hand hielt, als wolle er ſie zur Himmelskönigin führen, und die Jungfrau trug um das Haupt gleich⸗ falls einen Reif, wie die Steinhauerkunſt die Heiligenſcheine andeutet. Links, aber weiter abwärts, ſtürzte ſich ein weiblich Gebild aus rabenſchwarzem Marmor kopfüber in einen Ab⸗ grund, fleißig dargeſtellt in erhabener Arbeit am Fußgeſtelle. Ich befragte den Führer, wer denn die zwei⸗ te Heilige ſey, welcher, dem Anſcheine nach, auſ⸗ ſer der gebenedeieten Gottesmutter, dieſes from⸗ me Denkmal geweihet; die Griechen aber ſind ein weltlich geſinntes Volk, auf Handel und Wandel erpicht, ſtatt auf Geiſtliches und Geiſt⸗ iges, welches doch beides ſehr in Obacht zu nehmen; er ſagte, das wiſſe er nicht, ſehr lan⸗ ge ſey das ſchon her, obwohl noch jünger als das Gebäude auf der Höhe. Von dem aber könne er mir Nachricht ertheilen, wenigſtens von dem letzten Beſitzer. Georgios Phranzes habe er geheißen, ein vornehmer Herr zu ſeiner Zeit, zur chriſtlichen noch, doch unter welchem Kaiſer, könne er nicht ſagen, er ſey jedoch wie ſo viele Andere ſeiner Güter verluſtig gegangen und im Auslande geſtorben, auch ſey keiner ſei⸗ nes Namens weder im Peloponnes noch auf den Inſeln, noch im Fanar zu Stambul. Als er ſo redete, konnte ich mich nicht ent⸗ halten, ein wenig zu lächeln, und zwar wegen doppelter Urſache, zuerſt nämlich, weil dem gu⸗ ten Ignoranten für was ſo Altes galt, das ſeiner Rede nach vor kaum Einhundert vierzig Jahren ſich begeben, zweitens, weil mir, als einem Literaten, dieſer Georgios Phranzes mit nichten fremd war, noch ſeine ferneren Schick⸗ ſale. Wem in aller Welt, in der gelehrten meine ich, wäre auch wohl die Schrift nicht be⸗ kannt, welche der Groß⸗Veſtiarius oder oberſter Kämmerer, als er zu Wien verſtarb, hinter⸗ laſſen, ein köſtlich Materiale zur Geſchichte des höchſtbetrübten und gänzlichen Falles des oſtröm⸗ iſchen Kaiſerthrones? So beantlitzte ich nochmals das verfallene Gebäude, war auch willens, daſſelbe gelegentlich zu unterſuchen; vor der Hand ſehnte ich mich jedoch allzu ſehr, das zu ſchauen, wonach all mein Dichten und Trachten ging, und ich ſchritt getroſten Muthes in die dunkle und ſtille Vor⸗ kammer des Hades⸗ Es folgt hier eine Darſtellung der Höhle von Antiparos, welche wir indeß übergehen, weil ſie anderweit zu finden iſt, auch im Verfolg dieſer Legende zu finden ſeyn wird und die ge⸗ genwärtige, wenn gleich ausführlich genug, dem Leſer dennoch keinen deutlichen Begriff geben würde. Frater Euthanaſius,— wir wollen ihn bei ſeinem Kloſternamen nennen, wiewohl er da⸗ mals einen anderen trug— Frater Euthanaſius pflegte, nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe, viele Dinge anders zu ſehen als die übrige unge⸗ weihte Welt, und oftmals was gar nicht da war. Als eine Probe ſeiner Art der Auffaſſung und Schilderung möge folgende Stelle dienen, um ſo mehr, als ſie in genauem Bezug zu dem Hauptgegenſtande vorliegender Handſchrift ſeht. Nachdem ich— fährt er fort— die Wun⸗ der der Natur ſattſam betrachtet an dieſem Orte, der gleichſam zweien Welten angehörig und, zwiſchen ſelbigen inneliegend, Spuren von beiden an ſich trägt, betrat ich, der Warnung meines Führers ungeachtet, welcher behauptete, es ſey nicht geheuer, und mehr angeſpornt als abgeſchreckt durch ſolche Abmahnung, einen allgemach nie⸗ derwärts ſinkenden Gang gen Norden führend. Solche Himmelsgegend mochte ich allein aus dem Taſchencompaß erkennen, mit dem ich mich verſehen, denn der gute Grieche hatte davon keinen Begriff, überdem lag das alte Dach dieſes Palaſtes der Dämonen dicht über mir, die himmliſche Sonne verhüllend, und durch den. Boden unter mir wohl Tauſende von Klaf⸗ tern dick, mochte ich keinesweges die unterird⸗ iſchen Geſtirne erkenn“n, welche durch den Raum wandeln, den er einſchließt. Solche Geſtirne aber ſind wirklich vorhan⸗ den, nach meiner Meinung, in welcher ich hier⸗ in von Meiſter Tycho de Bre und Keppler abweiche, und ob ſolche keinesweges denen des —— Empyräum gleichen, regieren ſie doch ohne Zwei⸗ fel die Schickſale der Unterirdiſchen wie jene die unſerigen, denn wenn auch in der Tiefe die Materia träg, und unvollkommen ſich ausbilden mag, ſo rühret ſich doch der Geiſt lebendiger, friſch erhalten durch Sal und Sulphur, und nicht verdunſtet durch die Gewolt des Sol. Nachdem ich ſo eine Weile fortgeſchritten, die Fackel in der Hand und den Compaß, nicht gewahrend in meiner ſinnigen Beſchauung, daß der Wegweiſer zurückblieb, gelangte ich an ei⸗ nen Ort, allwo es mir recht deutlich in's Auge fiel, wie blind afterklug die Kinder der Welt ſind, welche da wähnen, dergleichen ſey nur ein Werk der Natur oder des Ungefährs; ja der Natur wohl, aber ſo, wie wir Geweihte ſie er⸗ kennen. Es war ein runder Dom, von vielen und hohen Säulen getragen; zwar war das Rund nicht recht eigentlich rund nach den Lehren der Baukunſt, das Gewölbe ungleich und ſo auch die Säulen. Dieſe Werkmeiſter bauen anders. Zwar ſpricht man viel von der Regelmäßigkeit des berüchtigten Dom. Daniel zu Tunis unter dem Meere, aber den haben die Geiſter der Hölle errichtet, die jegliche Kunſtfertigkeit be⸗ ſitzen, und ſo weit wie vom Empyräum zur unterirdiſchen Welt iſt es von dieſer zur Hölle, und eben ſo weit, was man auch irrig ſagen möge, der Unterſchied zwiſchen ihren Bewoh⸗ nern. Eine große Stufenleiter befindet ſich im Reiche der Weſen, und auf jeder ihrer Sproſ⸗ ſen ſtehen tauſend mal tauſend. Gleichwie wir und auch wohl die ſolariſchen Menſchen hinter denen himmliſchen Geiſtern zurück ſtehen, ſtehen auch Menſchen der Unterwelt den Gei⸗ ſtern nach, die ihr inner Gewölbe bewohnen, ja dieſe übertreffen ſie ſo ſehr, daß ſie, obſchon ſie keinesweges denen Geiſtern des Lichtes zu vergleichen, doch manchen Vorzug vor dem Men⸗ ſchen auf der Oberfläche der Erde beſitzen, ob dieſer ihnen gleich hin und wieder gebieten mag, Kraft des Lichts, das ihm beiwohnt. Auch ſind ſie nicht ganz des Körpers bar, denn das ſolariſche Feuer und der Aether hat die Sub⸗ ſtanz der Materie nicht verfliegen laſſen, wie bei den Dämonen des Himmels und der mitt⸗ leren Sphären; jedoch iſt ſolcher Körper ſubtil und mag eine Wandelung der Form leichtlich ———.——— — annehmen. Rein ſind ſie nicht wie die Gei⸗ ſter der Höhe, doch nicht nachtſchwarz gleich den hölliſchen Dämonen, die das Loos der Ver⸗ dammten beherrſchen, ihre Natur ſchwebet zwi⸗ ſchen dem Guten und dem Böſen, ſich mehr dem lebteren zuneigend, boshaft ſind ſie unge⸗ reizt nicht, aber launiſch und neckiſch, und Zwang thut ihnen von Nöthen. Das Reich, in dem ſie walten, iſt nicht das Reich der Qual, auch nicht das Reich der Freude, dumpfe Stille herrſchet daſelbſt, und der unächten Geſtirne Glanz vermag nicht, die gro⸗ ben Stoffe zu entwickeln. So ſind denn auch Menſchen und Thiere der unterirdiſchen Welt nur ſpöttliche und grauſenhafte Nachbildungen der unſeren und, wie im Vergleich zu den an⸗ deren, das ſchleichende Gewürm der Oberfläche, welches in ihren Ritzen wohnet, plump und wi⸗ derwärtig anzuſchauen. Ob ich ſchon hier und da mit den Geiſtern dieſer unterirdiſchen Zwiſchenwelt zwar nicht un⸗ mittelbar verkehrt habe, geſtehe ich doch, daß mir von ihren Menſchen und ihrem Gethier vorher niemals etwas vor Augen gekommen; hier aber 2 ſollte es geſchehen, wonach ich mich lange ge⸗ ſehnet, wenn gleich nur im Bildniß. Wer mochte auch hier das Werk der Gei⸗ ſter verkennen, die es aufgeführt mit dem Stolz ihrer Natur, mit der Pracht, die ihnen zu Ge⸗ bot ſtehet, und zugleich in der tollen ungebän⸗ digten Laune ihrer Gemüthsart; wer wollte die Geſtalten verkennen, die ſie hingeſtellt am Ein⸗ gange zu ihrem Aufenthalt, gleich wie der wan⸗ dernde Beſitzer ſeltener und fremdländiſcher Thie⸗ re ihre Bildniſſe an ſeiner Bude, um die Vor⸗ übergehenden zum Eintritte zu locken?! Zwar hatte ich große Neigung zu ſolchem Eintritte, und auch Gelegenheit, wie der geneigte Leſer alſogleich vernehmen wird, doch war ich des Legegeldes wegen nicht einig mit mir, und das ſtehet an ſolcher Pforte wohl zu bedenken. Sah man eine dieſer Säulen flüchtig an und mit gewöhnlichem Auge, ſo ſchien ſie nichts als eine ſolche nur ſeltſam und gegen die Re⸗ gel obetirdiſcher Sculptur geformt; that ſich aber der innere Blick auf, wie er mir beſchieden, ſo zeigte ſich ein anderes, und das Licht der Fak⸗ kel auf die Erzeugniſſe der Nacht fallend, rief ſie in's Leben. Jenes ungeheuere Geſicht mit großen hervor⸗ ſtehenden, aber blind und ſinnlos ſtarrenden Augen, mit aufgeriſſenem gähnenden Rachen auf kurzem Halſe ruhend zwiſchen unförmlichen Schultern, der übrige Theil der Mißgeſtalt in ein faltig Gewand verhüllt, wer könnte es ſeyn als ein Menſch des dunkeln Reiches? Ein eh⸗ mals berühmter vielleicht, denn die Wulſt über der ſcharfgeeckten Stirn ähnelt einem Helm oder einer Krone; auf Kriegeriſches deutet das Un⸗ gethüm zu ſeinen Füßen, auf einen Löwen, ob⸗ ſchon gar anders geſtaltet als die, welche des Kaiſers Majeſtät im Zwinger zu Prag hält, und ſo gemahnte es mich denn, es müſſe auch ein Kaiſer ſeyn oder ein König, Trotz ſeinem ſeltſamlichen, halb bejammernswerthen, halb ent⸗ ſetzlichen Anſehen, denn, noch ein Mal ſage ich es, Alles in der Welt ſtehet auf einer Stu⸗ fenleiter, und wenn der Herrſcher des Erdballs vielleicht nur der geringſte Knecht ſeyn möchte unter den ſolariſchen Menſchen, kann auch in der Zwiſchenwelt Krone und Scepter tragen, der bei uns nur ein Spottbild ſeyn würde oder ein Scheuſal. Jener Block von bräunlichem Marmor ward, W — als ich ihn näher beleuchtete und die Schatten der Fackel, wie ſie ſollten, auf das ſcheinbar Unförmliche fielen, mir plötzlich als der kund, der er war. Dieß faltige und doch dumpfſtiere Antlitz, halb verſteckt durch einen wirren zottigen Bart, dieſe übereinander geſchlagenen Arme, mit langgekrallten Fäuſten verſehen, dieſe Kutte, in ſtarren Marmorfalten ihn umgebend, gehörten unfehlbar einem Prieſter an, aber weſſen Prie⸗ ſter. †††— Sicherlich nicht des Herrn, denn wenn auch die Zwiſchenwelt ihm nicht abgeſagt hat wie die Hölle in offener Empörung, ſo fin⸗ det man daſelbſt doch nicht ſeine Erkenntniß. Rieſenmäßig ausgeſtreckt, nur halb emporge⸗ hoben, liegt es vor mir am Boden; es iſt eine ungethümliche Weibesgeſtalt, von mehren klei⸗ nern umringt, theils knieend, theils liegend, theils gleichſam ſich heranſchleppend zu jener. Da gedachte ich der Niobe und ihrer Kinder, welche mir aus einer Copey bekannt, die ſich auf dem Hradſchin zu Prag in des Kaiſers Studirzimmer befindet, und alsbald ſah ich hier davon eine Nachbildung, obſchon über alle Maßen abſcheulich. Denn des Weibes Züge waren ſcheußlich und noch verzerrt mehr in dumpfem Wahnſinn als im Schmerz, und das Gezücht, das ſie umkroch, hatte gar wenig Menſchliches an ſich und glich eher der Brut der Eidechſen, Kröten und Molche, woraus ich denn ſchließe, daß dieß ihnen verwandte und nachbarliche entſetzliche Menſchengeſchlecht in ſei⸗ nem Wachsthum ähnliche Verwandlungen er⸗ leidet, bis es zum höchſten Grade aller Häß⸗ lichkeit gekommen, bis zur ungeſtalteten Khnlich⸗ keit mit uns. Ferner beſtätigte ſolcher Anblick in mir die bereits gefaßte und oben angeführte Muthmaßung, daß die Geſtirne des nächtlichen oder vielmehr dämmernden Reiches einiger Maßen Gewalt haben über ſeine Bewohner, denn dieſe konnten nicht wie jene Kinder der Niobe durch Phöbus Apollo getödtet worden ſeyn, das heißt durch die ſolariſche Macht, die ihrer Materie allzuſchnell und gewaltſam das Salz und den Schwefel entführte. Rings an den Wänden hingen Blumenge⸗ winde, und ich, welcher, wie einem Chemikus gebühret, auch etwas begriffen von der Botanik, gewahrte ſofort die bleiche, dürre, befingerte Geſpenſterblume, die Sumpfdiſtel, das Eiſen⸗ hütlein und den Lotos, der, wie weltbekannt, — aus der Unterwelt zu uns gekommen, aber Alles häßlich entſtellt und mit mißgeſtalteten dicken Kanken und Blättern, und auf ihnen ſaß allerlei Gewürm, gegen welches die Elephantenlaus und der Larvenkäfer gleich wie dem wandelnden Blatt nur ergötzlich Spielzeug zu nennen. Und unten regte es ſich beim wankenden Fackellicht, dämiſch und grimmig ſchauete es hervor wie ein gewaltiger Hund, aber mehr als einen Kopf hatte er und den Leib einer Schlange, und halb Bär, halb Tiger wälzte es ſich, und ungeheure Eidechſen krochen, und der Krokodil mit ſchrecklich-menſchlichem Ge⸗ ſicht, und kurze dicke Schlangen und der Horn⸗ kröte vierfach großes Nachbild, und immer wil⸗ der ward das Getümmel und immer ſeltſamer. Da erfteuete ich mich, und, obgleich un⸗ ter Schauern, ging mir das Herz auf, und ich glaubte ſchon da zu ſeyn am Ziele meines Stre⸗ bens, und alles in Wirklichkeit zu ſchauen, was nur im Konterfey mich umgab, da ſfiel mein Auge auf etwas Blendendweißes von großem Umfange, in der fernſten Ecke ſtehend, hart an der Felswand. Als ich näher kam, erſah ich freilich, es ſey eine Sphynx; nicht eine ſolche, wie ſie uns aufbewahrt worden unter den griechiſchen und römiſchen Alterthümern, oder in den Pyramiden gyptens, es war eine Sphynx der Unterwelt, entſetzlich groß und gräulich. Und ſie ſchien gewachſam zu ſeyn, ſeitdem ſie hier lag, oder vielmehr der Stein, aus dem ſie geformt war, denn überall gab es Unregelmäßigkeiten, ſo daß kein Anderer als ich ſie erkannt hätte für das was ſie war. Und daraus ſchloß ich denn, wie lange dieß ungethümliche Bildwerk, hier ſchon liegen müſſe an der Pforte des Geheimniſſes, des Geheimniſſes Symbolum, denn der Geiſt, der im Steine wohnt, iſt der trägſte von allen, dar⸗ um muß er auch den andern Geiſtern dienen wie ſeine Materie jedem Geſchöpf. Ganz na⸗ türlich gerieth ich ſofort auf allerhand Muth⸗ maßungen, weßhalb ſolch bedeutungvolles Merk⸗ mal gerade an dieſer Stelle ſich befinde, aber bald ſollte ich es erfahren. Hart hinter dem Standbilde that ſich eine Kluft auf, eng und ſchmal, dem Schlot eines unterirdiſchen Laboratorii zu vergleichen, aber wohl hunderttauſend Mal tiefer denn ſolches, dieweil der Schimmer der Fackel nur ſchüchtern —— den Rand erhellte, aber gleichſam bezwungen zurückwich von der alten Finſterniß, die empor⸗ ſah. Und dumpfig wehte es aufwärts und kühl und ſchauerlich, und das dichte Element, welches da unten die Stelle der Luft vertritt, trug beim Emporſteigen auf ſeinen feuchten Flü⸗ geln ein ganz leiſes, aber ununterbrochenes Ge⸗ tön, wie ſehr fernherkommend, das Getön glich aber weniger dem Schrei der Qual als dem Murren der Unzufriedenheit, und ſo war es denn kein Zweifel, ich ſtand an einer jener Oeffnungen, welche die Oberwelt mit der Un⸗ terwelt verbindet, nicht mit der Hölle, wie denn Trotz manchen irrthümlichen Begriffen die Grie⸗ chen den Hades ganz füglich vom Tartarus un⸗ terſchieden, und die Juden den Scheol von der Gehenna. Da geſchah es, daß mich die Luſt anwan⸗ delte, die den Geweiheten beiwohnt, in die tiefſte der Tiefen zu dringen, aber kein Pfad noch Treppe zeigte ſich in den finſtern Schlot, zu⸗ dem konnte ich nicht wiſſen, wie weit ſein Aus⸗ gang noch entfernt ſei von dem innerſten Glo⸗ bus, dem rollenden Kerne des Erdballs, ob das Element, das dieſen umgiebt, erträglich ſei — 25— für die Organe des menſchlichen Leibes, ob ich, das Reich der himmliſchen Geſtirne verlaſſ⸗ end, dem Einfluß jener düſteren Leuchten im Gebiete der Dämmerung nicht auch anheimfallen, vor Allem aber, ob mich die göttliche Gnade begleiten werde, wenn ich ſo eigenmächtig aus ihrem Bereich mich hinabwagte, wo nicht in die Behauſung ihres Widerſachers, des † Teufels, doch in den Vorhof derſelben, wo der Erdkönig, der finſtere Dämogorgon regieret. Ich blieb demnach oben und begnügte mich wie zuvor, im Bilde zu ſchauen, deſſen An⸗ blick in der Wirklichkeit doch allzu mißlich er⸗ ſchien. Vornehmlich aber richtete ich meine Aufmerkſamkeit auf die Sphynx, deren Umriſſe, je länger ich ſie betrachtete, immer deutlicher hervortraten, und die ungethümliche Geſtalt ſchien nach und nach zu einem halben Le⸗ ben zu erwachen, wie es alten Berichten nach mitunter dergleichen Bildwerken geſchieht, zumal an ſolchen Orten; denn der Geiſt des Steines, obſchon unſtätiger Natur und mehe als andere gedrückt und eingepreßt durch die Materie, die ihn umſchließt, gehorchet doch zu⸗ weilen den Dämonen höherer Gattung, wie — z. B. die Memnonſäule erklang, wenn die Gei⸗ ſter des Lichts heraufzogen am nächtlichen Him⸗ mel, und an Geiſtern und Dämonen aller Art mangelt es zweifelsohne nicht in dieſer verwun⸗ derlichen Höhle. Möglich iſt aber auch, ohne Ruhmwürdigkeit ſei es geſagt, daß mein eigener Genius mit der Kraft, die ihm die Weisheit verliehen, durch ſeine Nähe auf einen Augen⸗ blick den Lapidargeiſt ſeiner Feſſeln entband und ihn aus vielleicht mehr als hundertjähr⸗ igem Schlummer erweckte. Dem ſei wie ihm wolle, ich ſah deutlich, wie das Monſtrum drei Mal die ungeheuere Klaue erhob von dem Geſteine, an welches ſie gefeſſelt war; wenn ſie aber zurückfiel, gab es keinen Schall, die dicken wulſtigen Lippen des gräulichen Weibesantlitzes bewegten ſich und tonloſe Worte gingen aus ihnen hervor, und ein Schrecken ging durch den Dom und alle Bildniſſe wankten und verzerrten ſich, wie aus Furcht vor der entſetzlichen Pförtnerin ihrer Hei⸗ mat. Ich aber fürchtete mich nicht; ſtand ich doch unter dem Schutze der himmliſchen So⸗ phia, ich trat dreiſt hervor und ſagte laut, mit Beifügung einiger Worte, die ich hier billig verſchweige: Was für Räthſel du auch birgſt, zweideutig Bild, halb der Erde angehörend, halb der Tiefe, und gleichſam der Markſtein zwiſchen beiden, ſo befehle ich dir bei denen ge⸗ heiligten Namen, welche nicht nur Beide ehren, ſondern der Himmel auch und die Hölle, daß du ſie mir kund thuſt zur Stunde.— Wohl blieb das Ungethüm regunglos, aber ich begann es kühn zu betaſten, und da mir plötz⸗ lich der halboffene Rachen auffiel, der die ſtum⸗ men Worte geſprochen, ſteckte ich die Hand in denſelben, einem Ringe vertrauend, den ich an derſelben trug, einſt zu Uranienburg von einem klugen Meiſter für Tycho de Brahe geſchmiedet, unter denen Menſchen günſtiger, böswilligen Geiſtern feindſeliger Conſtellation und mit den gehörigen Zeichen verſehen. Auch trog mich meine Zuverſicht nicht und mein Erwarten, denn als ich die Hand unver⸗ letzt zurückzog aus dem Maule des grimmen Monſtri, lagen wirklich tonloſe Worte in der⸗ ſelben verzeichnet auf einem Pergament. Die Handſchrift, welcher wir im Eingange erwähnten, war es, welche Bruder Athanaſius in einem Riſſe eines Marmorblockes gefunden, — der in der Höhle zu Antiparos an einem Fel⸗ ſenſpalte liegt, in deſſen Tiefe ein Bächlein dem Meere zuſtrömt, und welchem ſeine Einbilde⸗ kraft die abenteuerliche Geſtalt eines Thier⸗ weibes lieh, welche, wenn ſeiner Verſicherung nach die Geſchöpfe ſeines Zwiſchenreiches denen der Oberfläche nachgeahmt ſeyn ſollen, in je⸗ nem ſich nicht befinden kann, wie alles übrige, was beleuchtet von der himmliſchen Sophia und einer irdiſchen flackernden Fackel, für ihn aus den phantaſtiſchen Bildungen des Geſteins her⸗ vortrat. Die Handſchrift ſelbſt ſcheint jedoch ſeine Wahrnehmungen gewiſſermaßen zu beſtätigen und die berühmte Grotte als einen Ort darzu⸗ ſtellen, an welchem ſich unterweilen Geiſter ein⸗ fanden, aber anderer Art als die, mit welchen der Jacob⸗Böhmiſirende Kloſtergeiſtliche verkehrt haben will, obgleich, wie er mit weiſer Mäßig⸗ ung eingeſteht, nicht unmittelbar. Aus der Tiefe heraufgeſtiegen, unterſuchte er den gethanen Fund und war, wie wohl er bekennt, Anderes erwartet zu haben, darüber erfreut, auch beſichtigte er ſofort den alten Pa⸗ laſt, zu welchem wir jedoch den Leſer nicht mit — ihm zu führen gedenken, ſondern zur Zeit, da ſeine Marmormauern, ſeine glänzenden Gemäch⸗ er noch nicht durch die rohe Wuth und die Raubſucht der Moslemim zerſtört waren. Wir übergehen die Erzählung ſeines noch⸗ maligen Aufenthaltes in Byzanz und ſeiner Rück⸗ kehr nach Prag und bemerken nur, daß unter allen den merkwürdigen und köſtlichen Dingen, die er aus dem Oriente mitbrachte, dieſes Pergament⸗ heft dem Kaiſer nicht das unbedeutendſte ſchien. Gar nicht lange währete es; fährt er in ſeiner Einleitung fort— ſo ſendete Kaiſerliche Majeſtät vorliegende Urkunde in beglaubigter Copey an Pabſt Innocentium den Neunten, mit Recht wähnend, es betreffe am nächſten den Vater der Chriſtenheit, der Petri Himmelſchlüſ⸗ ſel führet; ſeine Heiligkeit aber meinte mit eben ſo vielem Rechte, es ſei ſchon um der Anfang⸗ worte willen mißlich, es dem Inhalte wegen be⸗ kannt werden zu laſſen, ſintemal es dadurch mehr als ungewiß werde, ob die Hauptperſon im römiſch⸗katholiſchen Glauben oder im griech⸗ iſchen Schisma verſtorben, alſo daß bei ihr ſelbſt ein Zweifel ſtatt fände, geſchweige denn 3— bei Anderen, denen ſolches wohl gar zum Ar⸗ gerniß gereichen könne. Somit befahl mir der allerdurchlauchtigſte Herr Rudolphus, ſolche Handſchrift aus der neugriechiſchen Sprache in das Lateiniſche zu übertragen, jedoch nicht zur Bekanntmachung, ſondern alleinig für ſeine eigene Bücherei. Lange Zeit hat mich davon meine gewohnte philoſophiſche Beſchäftigung abgehalten, und dann auch der Welt Sorge, zumal als das Mißge⸗ ſchick über meines Herrn geweihetes Haupt her⸗ einbrach. Nun aber vom irdiſchen Treiben entfernt, habe ich mich an das Werk gemacht und denke es mit der Hilfe Gottes zu vollbringen. Lan⸗ ges Leben, Regierung und Geſundheit Seiner Majeſtät dem Kaiſer, dem weiſen und hocher⸗ leuchteten Rudolpho dem Zweiten und dem ge⸗ ſammten Erzhauſe Sſterreich, den argliſtigen Jacob ausgenommen, der dem Eſau für ein Linſengericht die Erſtgeburt abſchwatzte, den bru⸗ dermörderiſchen Kain, den halbketzeriſchen Mat⸗ chias, den ſie König nennen in Ungarn und Böhmen; Ehre aber Gott in der Höhe und Friede auf Erden. Dir aber, geneigter Leſer, wünſche ich die himmliſche Gnade durch die Vermittelung der gebenedeieten Jungfrau in der heiligen philoſophiſchen Zahl!!! Im Namen des Vaters, des Sohnes und Geiſtes, der von den Beiden ausgehet. †† Schon war die Zeit herbeigekommen, die dem großen Strafgerichte voranging, mit wel⸗ chem der Herr Herr ſein Volk heimzuſuchen ge⸗ dachte, ſchon war die tauſendjährige Konſtan⸗ tinopolis, das alte Bollwerk der Chriſtenheit, bedroht und erſchüttert, und die Strafe nahte herzu für den Kaltſinn, mit welchem man das Grab des Erlöſers in der Gewalt ſeiner Feinde geſehen, die Strafe, welche zuerſt die treffen ſollte, welche in Kleinmuth die Wacht an ſelbigem verlaſſen, und welcher diejenigen nicht entgehen werden früh oder ſpät, welche ſelbigem zur Zeit der Noth ihren Beiſtand ge⸗ weigert. Längſt ſchon war Anatolien nicht nur der Ungläubigen Eigenthum, nur geringe un⸗ terbrochene Strecken des weſtlichen Aſiens ge⸗ horchten noch unvollkommen dem oſtrömiſchen Scepter, und auch in Europa hatten die Os⸗ manen auf blutbeſtrömtem Pfade feſten Fuß ge⸗ wonnen, und von Adrianopel aus erſcholl des grimmen Mahomet II. Donnerſtimme drohend bis zum zitternden Byzanz. Einſt der Herr⸗ ſcherſitz des erſten, des vornehmſten Reiches der Welt, ſah die hehre Stadt im Umkreiſe weniger Meilen den halben Mond glänzen und die Roß⸗ ſchweife wehen, und wenn der Blick des Kon⸗ ſtantinopolitaners ſich in die Ferne richtete, nach den Inſeln des Archipelagus, und einige Landſtriche jenſeit und dießſeit des Helleſpont, wo noch das Kreuz aufgerichtet ſtand, ſo fan⸗ den ſie dort geringe Hoffnung für die eigene Sich⸗ erheit, denn nicht die Tapferkeit ihrer gerin⸗ gen Beſatzungen hatte ſie dem Reiche erhalten, ſondern das Ungefähr, die ſtolze Nachläſſigkeit des Sultans vielmehr, der die leichte Erober⸗ ung bis zum Falle der Hauptſtadt erſparte. Schon war Konſtantinos, der Vierzehnte dieſes Namens, Darukas beigenannt, aus dem Geſchlechte der Palaeologen von Trapezunt zu⸗ rückgekehrt und mit ihm ſeine Gemahlin Maria, die Tochter des ſogenannten Kaiſers dieſes Lan⸗ des komneniſcher Herkunft, und mit ihnen — 33— ſchien ein neuer Strahl der Hoffnung aufzu⸗ gehen, denn anmuthig, gebietend und helden⸗ mäßig war die Geſtalt des neuen Auguſtus, glänzend der Auguſta Schönheit, und in Bei⸗ den entſprach das Innere dem Vußern. Bald wollte man auch beruhigende Kunde von Adria⸗ nopolis vernommen haben, Mahomed der Dritte, ſprach das Gerücht, hege hohe Achtung gegen den nachbarlichen Monarchen und habe laut erklärt, derſelbe ſei als Retter des Reichs zu betrachten, denn nie werde er den Thron um⸗ ſtürzen, ſo lange Konſtantinos den Purpur trage. Leichten Sinnes, unſtät und nur den Au⸗ genblick beachtend, überließ die Bevölkerung der Hauptſtadt ſich der Freude, welche noch höher ſtieg, als ſich zwiſchen der Pforte und dem Purpurpalaſt eine Art gütlicher Verhandlung entſpann. Konſtantin Palaeologos theilte dieſe Freude nicht, zu bekannt war ihm die Sinnesweiſe des osmaniſchen Herrſchers, zu wohl erinnerte er ſich der Unzuverläſſigkeit und des Nachtheils ähnlicher Verhandlungen, zu denen die Hand zu bieten, die Schwäche ſeiner Vorfahren ſie bewogen, wozu ihre Folge ihn ſelbſt gegenwär⸗ 3 — tig zwang, er fühlte den Thron wanken, als er ſich auf ihn niederließ, und, wie dem Fein⸗ de, auch dem eigenen Volke mißtrauend, ver⸗ fammelte er an ſeinen Stufen alle diejenigen, welche durch den Ruf untadeliger Treue, durch geleiſtete Dienſte oder Verwandtſchaft mit dem kaiſerlichen Geſchlecht ſeines Vertrauens würdig erſchienen. Zu den Letzteren gehörte Theobulos Phranzes. Er war aus erlauchtem Geſchlecht entſproſſen und ein ſehr großer Herr an einem Hofe, wo man der alten Macht wohl, doch nicht den alten Titeln entſagt hatte und dem Glanze, früher in einem ungeheuern Raume über Aſien, Europa und das nördliche Afrika ſich verbreit⸗ end, der jetzt nur in ſehr beſchränkten Grenzen leuchtete. Er war Großdomeſticus des röm⸗ iſchen Reiches, befehligte als Herzog, Dux, mehre Eilande des Inſelmeeres, bis es dem Sultan gefallen werde, einen Paſcha an ſeine Stelle zu ſetzen, und ſeine Gemahlin war die Schweſter des letztverſtorbenen Auguſtus. Nicht mit Unrecht hatte Konſtantin der Vierzehnte ihn ſeines Vertrauens gewürdigt, er war ein vorſichtiger und verſtändiger Staats⸗ ₰ 4r 33— mann, des öffentlichen Wohles gedenkend, während Andere deſſelben Standes der droh⸗ enden Gefahr über den Streit um das geſäuerte und ungeſäuerte Brod vergaßen, weßhalb nach einigen Andeutungen unſerer Handſchrift, von welcher wir uns allmählig ein wenig entfernt haben, er bei den frommen Byzantinern im Geruch eines lauen Chriſtenthumes ſtand. Selbſt noch in rüſtigen Mannesjahren, ſah er bereits neben ſich einen Erben ſeiner Gaben heran⸗ wachſen, und ſeiner Treue gegen das Geſchlecht der Palaeologen. Schon ſeit einigen Jahren hatte Georgios Phranzes die Blachernen verlaſſen und die Schar der Stratoren, eine Bildunganſtalt für den ho⸗ hen Adel Griechenlands, und lag dem Rechte ob, ſeit Juſtinianus Zeiten eine in Konſtan⸗ tinopolis hochgehaltene Wiſſenſchaft. Schon ſah man in dem jungen Manne den künftigen Großlogotheten, um ſo mehr als Cäſar Au⸗ guſtus die Phranzes durch neue Bande an die Palaeologen zu knüpfen, ihm ſeine Schweſter Irene verlobt hatte, beinahe noch ein Kind. So war denn der Palaſt des Großdomeſti⸗ cus der Schauplatz des Glanzes und der Größe 3* vor allen Häuſern der weiten Kaiſerſtadt, ob⸗ ſchon wie ſie auf unterhöltem Boden ſtehend, und ſein Gebieter trat ſtattlich einher im Ge⸗ fühle eigener Würdigkeit und der dereinſtigen ſeines Sohnes. 3 Doch war derſelbe nicht ſein einziges Kind, eine Tochter lebte ihm noch in ſehr zartem Alter auf der Inſel Antiparos. Sie ſtand unter ih⸗ res Großvaters Obhut, und dieſer bewohnte jenes nun verödete, damals ſo herrliche Schloß. Ein ſeltſamer Greis war— ſo lauten die eigenen Worte der Urkunde: der ehemalige Si⸗ lentiar Athanaſios Phranzes, und ein merk⸗ würdig Beiſpiel, wie nahe Weisheit und Thor⸗ heit nicht ſelten ſich ſtehen. In ſeiner Knaben⸗ zeit galt er für ein Muſter der Frömmigkeit; im Purpurpalaſte, zu deſſen Edelknaben er gehör⸗ te, heranwachſend, belobte ihn bei einer öffent⸗ lichen Katechiſation der hochwürdigſte Patriarch als eine Stütze des alleinwahren alten Glau⸗ bens, und da er in dem Katechumenen noch allerhand Gaben bemerkte, empfahl er denſel⸗ ben dem Kaiſer Johannes Palaeologus vor an⸗ deren Jünglingen vornehmen Geblütes. Solche fromme und wohlmeinende Vermit⸗ telung ſollte indeß nicht ganz reine Frucht tra⸗ gen. Wohl hatte in ihm Cäſar Auguſtus ei⸗ nen klugen und bereitwilligen Diener, wohl fuhr er fort, ſich tugenblich und gottesfürchtig zu erzeigen, ja er war im Glanze und Getüm⸗ mel des Hofes ein ſo ſtrenger Asketiker, daß Gott und Menſchen an ihm Wohlgefallen hat⸗ ten; aber ſolch beſeligender Zuſtand ſollte leider baldigſt ſeine Endſchaft erreichen. Er geleitete den Kaiſer Johannes Palaeolo⸗ gus auf ſeiner Reiſe nach Rom. War es nun des Herrn Beiſpiel, der in der Noth ſein Knie beugte vor dem Stuhle, den man den apoſtol⸗ iſchen nennet, hatten die Syrenenſtimmen, welche in den Kirchen der Hauptſtadt des abendländiſchen Chriſtenthums verführeriſch klin⸗ gen, ſein Ohr bezaubert und mit ihm ſein Hetz, als er zurückkehrte, war ſein Begleiter der Zwei⸗ fel. Dieſer aber iſt der Bote, den der Geiſt der Finſterniß zu allererſt in des Menſchen un⸗ verwahrtes Gemüth abſendet, daß er es ihm ge⸗ winnez hat er es aber einmal gewonnen, ſo läßt er ſich es nicht entſchlüpfen und führet es, wohin er begehrt, weiter als es anfangs möglich geſchienen. Man gewahrte bald, daß der Silentiar nicht wie ſonſt auf Frömmigkeit und Gottes⸗ vorehrung im Palaſte wachte, die Controverſen, welche nach alter löblicher Sitte der Pattiarch und die hohe Geiſtlichkeit zu Sankta Sophia hielten, und welchen er ſonſt eifrigſt und un⸗ ausgeſetzt beigewohnt, hatten an ihm einen ſeit⸗ enen Zeugen, und endlich mied er ſie gänzlich. Als das Haupt der wahren Kirche ſolches ge⸗ wahrete, redete es ernſtlich zu Athanaſios, dem Silentiar, ihn vermahnend, wie ſolcher Kalt⸗ ſinn nicht allein ihm, ſondern als ein durch einen Herrn von ſolchem Range gegebenes Bei⸗ ſpiel auch vielen Andern verderblich werden müſſe, und entſetzte ſich nicht wenig, als er die Antwort erhielt, allerdings ſcheine es dem Befragten, als ſeien Glaubensſtreitigkeiten ge⸗ genwärtig nicht an der Zeit, und man thäte veſſer, ſich mit der übrigen Chriſtenheit zu ver⸗ einen als den Bekennern des falſchen Pro⸗ pheten zur Beute zu werden. Da ergrimmte der eifrige Prieſter im Geiſte und ſprach nachdrückliche und heftige Worte zu Cäſar Auguſtus. Der Herr Herr hält die Herzen in ſeiner Hand, abſonderlich die der Monarchen, und der Sage nach war Johannes Palaeologus nicht feſter im Glauben als ſein Großſilentiar Atha⸗ naſios Phranzes. Demungeachtet, dem ſei wie ihm wolle, leiſtete der großmächtigſte Johannes dem Begehren des gottſeligen Patriarchen Folge und pflog mit dem Würdenträger ſeines Reiches einer ziemlich langen Unterredung. Der Inhalt derſelben iſt nicht bekannt geworden, aber gleich nach derſelben ſchied Athanaſios Phranzes aus der Stadt des großen Konſtantin, ſo huldreich vom Auguſtus entlaſſen, daß einige meinten, ſolche Entfernung gleiche weniger einem Exil als einer Gnadenbezeigung, und die fromme Prieſterſchaft aus dieſer Lauigkeit des Monar⸗ chen und ſeiner Diener nahes und gräßliches Ungemach prophezeihete. Der Weg, welchen der Großſilentiar ge⸗ nommen und das Ziel ſeiner Reiſe blieben ein Geheimniß und wurde allerhand darüber ge⸗ muthmaßt. Einige meinten, er halte ſich im Verborge⸗ nen an der osmaniſchen Pforte auf zu Adria⸗ nopolis bei Sultan Mahomed dem Erſten, dem wüthigen Chriſtenfeinde, Andere, er ſei nach — Rom gegangen, um in des Kaiſers Auftrag das gottverhaßte Pactum zwiſchen der wahren altgläubigen Kirche und ihrer unächten jüngern Schweſter, welche da auf den ſieben Hügeln ſitzet, abzuſchließen, wieder Andere hatten Nach⸗ richt, man habe ihn im einfachen Gewande eines alten heidniſchen Philoſophen in Attica geſehen und im Peloponnes eifrig nach den Denkmalen der Götzenzeit forſchend, und es waren ſogar welche, die behaupteten, er ſei in Igypten in die Pyramiden hinabgeſtiegen und habe in Meſopotamien die Ruinen von Pal⸗ myra durchwandert. Während Geiſtlichkeit und Volk alſo über den Silentiarius redete, ſchien Johannes Pa⸗ laeologus ihm keinesweges ſeine Gunſt entzo⸗ gen zu haben, ja ſie ergoß ſich über den Ab⸗ weſenden in verdoppeltem Maße. Seinen Sohn Theodulos, bereits in die Mannesjahre getre⸗ ten, fand er als Großdomeſticus wieder und als Schweſtermann des Cäſar Auguſtus. Als er nun bei ſeiner Rückkehr ſein Haus durch ſo hohe Würden und vornehme Ver⸗ ſchwägerung verherrlicht ſah, wuchs ſein Stolz alſo, daß er vermeinte, er habe weder Gott — 41— zu fürchten noch Menſchen; ſeine vertrauten Diener ſagten aus, er bringe oft Nächte zu bei Pergamenten in fremder Sprache und ver⸗ dächtigen Charakteren geſchrieben, gekleidet in den Philoſophenmantel, und eben ſo ungewöhn⸗ lich bezeigte er ſich in Ausübung ſeines Amtes. Das uralte heilige Palaſtgeſetz des Silentium, deſſen Bewahrung ihm anvertraut war, kam unter ihm in Verfall, er ſprach das nimmer vernommene Wort: Ein Jeglicher, der ein wichtig Anbringen habe bei dem Auguſtus, müſſe ſofort zu ſelbigem gelaſſen werden, ohne erſt nach dem Gebrauch etliche Stunden im Vorgemache zu verweilen und den Fuß mit Sok⸗ ken zu bekleiden, damit ſein Tritt unhörbar ſei. Wenn es— ſetzte er hinzu— immer ſo ſtill im Palaſte bleibe, auch um des Kaiſers aller⸗ höchſte Perſon, werde man in nicht gar langer Zeit daſelbſt einen wunderlichen Lärm verneh⸗ men. Aus ſolchen Worten der Weiſſagung läßt ſich denn ſchließen, wie er wirklich auf ſei⸗ nen Reiſen ſich mit geheimen Künſten beſchäft⸗ igt hat, denn wie er geſprochen, iſt es leider geſchehen. Aber nicht allein dem weltlichen Geſetze ſprach er Hohn, er erhob ſich auch gegen Got⸗ tes Gebote. Dringend lag er den Kaiſer an, die polemiſchen Redeübungen der Geiſtlichkeit zu unterſagen, wenigſtens ihre Hffentlichkeit, denn ſolche machten das Volk irre und zögen es von dem, was ihm noth thät', ab zu dem, wo⸗ von es nichts verſtünde. Auch wollte er, man ſolle einen guten Theil der Lehrer ſcholaſt⸗ iſcher Theologie abſchaffen und die Kathedraen der Rhetorik, Dialektik, Logik, Dogmatik und Exegeſis, und für die erſtern ſich mit tüchtigen und erfahrenen Soldaten verſorgen aus Ungarn oder Polen, deren Unterricht der griechiſchen Jugend jetzt am nothwendigſten ſey, die zwei⸗ ten aber ſolle man in Fechtſäle und Reitbahnen umwandeln. Ja er vermochte ſogar den aller⸗ durchlauchtigſten Johannes zu dem ganz und gar unerhörten Befehl, die jungen Mönche, deren Zahl in der Hauptſtadt ſich wohl auf zehntauſend belief, ſollten ſich im Gebrauche der Waffen üben. Demnach ſtieg denn der gerechte Widerwile der Geiſtlichkeit gegen Athanaſios Phranzes zu einem ganz außerordentlichen Grade, und der Ausbruch deſſelben wartete nur eines günſtigen Augenblickes, welchen auch der Geiſt des Jrr⸗ thums, der ſich des Silentiaren bemeiſtert hatte, ungeſäumt herbeiführte. Bei einer der Verſammlungen im Purpur⸗ palaſte, welcher die hohen Würdenträger bei⸗ wohnten und die vornehmſten Prieſter, und in denen man Staatsverhandlungen pflog und ne⸗ benbei weiſes Geſpräch, kam die Rede auf die Geſchichte des römiſchen Reiches, des oſtröm⸗ iſchen insbeſondere. Da führten denn die An⸗ weſenden der Reihe nach von dem großen Kon⸗ ſtantinos an alle Kaiſer auf, welche den höch⸗ ſten Thron verherrlicht hatten durch Weisheit, Gerechtigkeit, Kriegesthaten und Frömmigkeit, jedesmal dem Gebrauch und der ſchuldigen Pflicht gemäß, mit einer preiſenden Andeutung auf den jetzt herrſchenden gegenwärtigen Auguſtus. Der Silentiar aber ſagte nichts dazu, außer ganz zuletzt, da er bemerkte, man habe doch einen vergeſſen. Und auf die Frage, welchen? antwortete er: Julianus.— Den— verſetzte der Patriarch— Mit Recht hat Niemand des Apoſtaten erwähnt, deß Name nicht verdient, an dieſem Orte genannt zu wer⸗ den, noch in dieſer Begleitung. Schwarz ſtehet 4 v= ſein Andenken da unter ſo vielen frommen Mo⸗ narchen, und möge es in den Abgrund verſin⸗ ken, in welchem er wohnt!— Darauf ſprach Athanaſios ungeſcheut: Nicht mag ich die Apoſtaſie des Julianus Auguſtus vertheidigen, ſo viel aber iſt gewiß, hätte er ſtatt jener frommen Kaiſer viele Nachfolger ge⸗ habt, die ihm glichen, ſo wären die Grenzen unſeres Reiches noch der Euphrates und das atlantiſche Meer, und nicht wie heut zu Tage wenige Stadien von Byzanz.— Das Haupt der wahren Kirchengemeinſchaft entſetzte ſich ob ſolcher Rede, deren Anfang nur eine geringe Beſchönigung der Folge war, aus welcher klärlich die Behauptung hervorging, man dürfe der göttlichen Hilfe nicht allein ver⸗ trauen, erworben durch Glaubenseifer und Ge⸗ bet, ſondern vielmehr der eigenen menſchlichen Macht, ja ſogar der Macht des †tt Teufels, welche unfehlbar mit dieſem Julianos verbündet geweſen. Er ſtand auf und zerriß ſeine Kleider, und alle Geiſtliche thaten daſſelbe, und ſie eilten hinweg aus dem befleckten Purpurhauſe, auf — den ermahnenden Nachruf Seiner Majeſtät Johannes Palaeologus nicht achtend. Am andern Morgen aber erſchien eine feier⸗ liche Prozeſſion im Palaſte, an deren Spitze der Patriarch ging und mit ihm viele Metro⸗ politen und Biſchöfe, denn deren befand ſich zur Zeit in Konſtantinopolis eine ungemeine Zahl, von ihren Sitzen vertrieben, noch mehre Archimandriten und Protopopen und hintennach eine große Menge Popen und gottesfürchtige Kloſtercenobiten mit aufgerichteten Kreuzen, wehenden Fahnen und klingenden Glöcklein. Die drangen denn hinein in den Kaiſerpalaſt, und während die Letzten noch in den Höfen ſich drängten, waren die Erſten ſchon in des Au⸗ guſtus Purpuigemach und forderten des Silen⸗ tiaren Ausſtoßung ſo dringend, daß Johannes ſie, wenn gleich ungern, verwilligte. Doch weigerte er ſich hartnäckig, dem Großdomeſticus Theobulos Phranzes, ſeinem Schwager, ein Gleiches zu thun. Athanaſios ſoll die Nachricht ſeiner Ver⸗ bannung mit Gleichgiltigkeit aufgenommen ha⸗ ben, ja ſogar mit ſpottendem Lächeln; ſo viel iſt gewiß, daß man an ihm eine heitere Miene bemerkte, als er nach einem langen Geſpräche mit dem Kaiſer, bei welchem ſein Sohn zu⸗ gegen, das Schiff beſtieg, um nach Antiparos zu ſegeln. Auf ſeiner Burg daſelbſt richtete er einen prächtigen Hofſtaat ein; ſchon war das Ge⸗ bäude herrlich geſchmückt, als habe er es längſt bereitet zu ſeinem Empfange; auch ward man hier den Weg inne, welchen er auf jener ge⸗ heimnißvollen Reiſe genommen und vielleicht ihren Zweck, denn in mehren Sälen ſah man Standbilder aufgeſtellt und andere Denkmale altgriechiſcher und noch älterer ägyptiſcher Kunſt, Tafeln mit Hieroglyphen bedeckt, und manch Werk chaldäiſcher Weiſen. Inmitten dieſes Glanzes aber war die Erſcheinung des Beſitzers höchſt einfach; ſtatt der reichgeſtickten, purpur⸗ verbrämten Kleidung des hohen Palaſtbeamten trug er insgemein den braunen Mantel der Stoa, während im ganzen Palaſte Freude und Wohlleben herrſchte, war er ſtill in ſeinem Ge⸗ mache, welches er ſelten verließ, und wenn es geſchah, war ſeine Rede kurz, nachdenklich und den Prophezeihungen der alten Orakel zu ver⸗ gleichen. — 47— Bereits früher in Konſtantinopolis hatte man einiges von der prophetiſchen Gabe des Athanaſios Phranzes wahrgenommen, wie wir es gegen den günſtigen Leſer in Betreff auf Angelegenheiten des Staats und der Kirche er⸗ wähnt haben; ſolches war jedoch auch in an⸗ dern Dingen der Fall, dem Gerüchte nach. Als die erlauchte Theodora Palaeologa, die im Purpur geborene*) Gemahlin ſeines Sohnes ihm einen Enkel brachte, las er in ſeinen Mienen, oder in dem Horoſkop, welches er ihm vielleicht geſtellt, ſein Sinn und Wirken werde ſich mit der Erde beſchäftigen, mit ird⸗ iſchen Dingen heißt das, oder der Welt, und er verlangte darum, man ſolle ihn Georgios nennen. Solches Namens Bedeutung hat ſich denn auch bei dem edelſten Großlogotheten Georgios Phranzes bewährt, da er wohl eigent⸗ lich nicht nach des Wortes engerem Sinne die Erde gebaut hat, aber auf irdiſche Dinge viel ¹) Im Purpur Geborene, Porphyrogenetes nannte man die Kinder eines oſtrömiſchen Kaiſers, welche während der Regierung deſſelben„ alſo im Purpurhauſe, Porphyrion geboren waren; eine ſehr auszeichnende Benennung. — 48— Fleiß und Mühe, wiewohl leider ohne Erfolg verwendet. Wohl achtzehn Jahre ſpäter, als der Greis ſich ſchon deren einige auf Antiparos befand, ward ſeinem Sohne Theobulos ganz unverhofft noch ein Töchterlein geboren, und die erfreueten Ritern beeilten ſich, die Spätfrucht ihrer ehe⸗ lichen Liebe in die Arme des Ahnherrn zu legen, welcher den Wunſch geäußert hatte, den Sohn, die Schnur und die Enkel zu ſehen. Wie er nun das Kind betrachtete und er⸗ fuhr, es ſei Zoe genannt, ſchüttelte er das er⸗ graute Haupt und ſprach, ſolcher Name ſei nicht geeignet für daſſelbe, aus dieſen Augen, aus dieſem kindlichen Antlitze ſpräche ein Sinn dem Unſichtbaren zugewendet und den höhern Mächten, und begehrte, man ſolle es Genia heißen. Als nun der Großdomeſticus und Theodora Porphyrogeneta ihm die Ungewöhnlichkeit dieſes Namens vorſtellten, und ſeinen gar nicht chriſt⸗ lichen Klang, auch wie der, welchen das Kind im Bade der heiligen Taufe erhalten, von da an nicht abgethan werden könne, ſo beharrete er dennoch darauf;, ihm den ſelbſterfundenen zu e geben. Auch faßte er eine große Zärtlichkeit zu ihm und ließ nicht ab, bis das Flternpaar es ſeiner Pflege anheimſtellte und das Töch⸗ terlein, von Antiparos abſegelnd, daſelbſt zu⸗ rückließ. Mit jedem Tage wuchs des bejahrten Si⸗ lentiaren Zärtlichkeit für ſeine Enkelin, ſelbſt ihrer Mutter Purpurwiege konnte einſt kein blendenderer Glanz umringt haben als das elfenbeinerne Lager der kleinen Genia ⸗Zoe. Scharen von Dienerinnen waren bereit, die freilich jetzt noch ſehr einfachen Wünſche der lallenden Gebieterin zu erfüllen, und wenn ſie in einem leichten und niedrigen, aber zierlichen und goldglänzenden Wäglein, mit zwei ſchnee⸗ weißen Ziegen beſpannt, am Ufer eine Luſtfahrt machte oder in einer ſchön verzierten Gondel auf den ſchlummernden Wellen der Bucht, ſo waren außer den Wärterinnen funfzig Sclaven ihre Begleiter. Es war damals in Griechenland der löb⸗ liche, doch nur ſehr Begüterten verſtattete Ge⸗ 4 — brauch, die Etziehung ſchon in der früheſten Kindheit und allmählich zu beginnen, Lehrer und Lehrerinnen jeglicher Wiſſenſchaft und Kunſt umgaben den Stammhalter oder die Erbtochter eines erlauchten Hauſes, ſobald ſie der Obhul der Amme entnommen waren, vom rändelnd⸗ en Geſchwätz zum Geſpräch und von dieſem nach und nach zum wirklichen Unterrichte über⸗ gehend. Ein trefflicher Gebrauch, der den zarten Sinn der Kunſt und der Wiſſenſchaft begründ⸗ et, ihm gleichſam Blüthen darbietend, damit es unter ihnen diejenigen wähle, die auf an⸗ ſprechendem Boden dereinſt Früchte tragen kön⸗ nen. Wie ſo manches Andere, was vor Kurzem noch die letzten Tage des uralten römiſchen Reiches verherrlichte, iſt auch dieſer Gebrauch verſchwunden, unſere Paläſte und Akademieen ſtehen verödet; vor der glutäugigen Bellona ſind die Laren entflohen und mit ihnen die Grazien und Muſen, und mehr als Einer, den ſie als Säugling umſtanden, ſind jene Blüthen zur Brotfrucht der Nothwendigkeit geworden im fremden ungaſtlichen Lande. So hatte denn auch Athanaſios Phranzes alles verſammelt, was dem Mägdlein beim Ein⸗ tritt in das Leben die irdiſchen Gaben des Reichthums, die geiſtigen der Erziehung darbot, die letzte aber beſchloß er ſelbſt zu leiten. Ofter als ſonſt trat er hervor aus ſeinen Gemächern, um das erlauchte Kind zu beſuchen, die Enkelin mütterlicher Seit des allerdurchlaucht⸗ igſten Geſchlechtes der Palaeologen, und der⸗ ſelbe, der einſt die Diſſertationen frommer und gelahrter Prieſter verſpottet hatte, und ihre tiefſinnigen Geſpräche langweilig gefunden, er⸗ götzte ſich jetzt an dem Geplauder der noch ſtammelnden Kleinen. Ihm hatte jedes Wort, das ihren Lippen entfloh, eine verborgene höhere Deutung, auch mochte dem wohl ſo ſeyn, we⸗ nigſtens theilte bald die geſammte Dienerſchaft des Palaſtes dieſe Meinung. Am liebſten be⸗ trachtete er ſie jedoch, wenn der Schlummer ſie in ſeinen Armen hielt, und während deſſelben verſah er das Amt eines Silentiaren eifriger als ehemals im Purpurhauſe, denn ſtrenge Rüge traf jedes Geräuſch, das denſelben ſtören mochte und des Greiſes Beobachtung. Doch ſchien dieſe nicht immer erfreulich zu ſeyn, denn wenn auch oft ein Lächeln das Antlitz des ſchlummernden Kindes verſchönte, 4* „ — 52— dem gleich, von welchem man ſagt, daß die Annäherung eines Engels es hervorruft, ſo ent⸗ ſtellten doch mitunter ſchmerzliche Zuckungen die lieblichen Züge, und die kleine Bruſt hob ſich unruhig und gewaltſam wie unter den Ingſten eines ſchweren Traumes, von welchem aber beim Erwachen ſelbſt der Schatten der Erinner⸗ ung ſchwand. Wenn ſolches geſchah, ſahen die Diener den Glanz der Freude auf dem großväterlichen An⸗ geſichte vor den Schatten der Wehmuth und der Beſorgniß entweichen, mit verdüſterter Stirn zog er ſich zurück in ſein Gemach, und nicht ſelten bemerkten die Kämmerlinge, daß er die Nacht ſchlaflos zubrachte zwiſchen Büchern in fremdartiger Schrift, Werkzeugen unbe⸗ kannten Gebrauches und Tafeln, mit ſonderbaren Zeichen bedeckt. Genia⸗Zoe hatte ſo nach und nach das Alter erreicht, in welchem die entpuppte Pſyche die noch feuchten Flügel zu entfalten anfängt, um den muntern jugendlichen Flug durch die Flur des Lebens anzutreten, wo bas enthüllte Auge beginnt, ſich auf das, was es umgibt, zu richten, und das ſich langſam erſchließende Herz ſich nach Mittheilung ſehnt. Des greiſen Ahnherrn feierlicher Anſtand und ernſte Züge flößten dem erwachenden, noch zaghaften Ge⸗ fühle ſcheue Ehrfurcht ein, der Pädagogen ge⸗ runzelte Stirn und langer Bart ſetzten die Kleine in Schrecken, unverſtändlich und beängſt⸗ igend waren ihr der Lehrerinnen Sittenſprüche, der jungen Sclavinnen unterwürfige Rede lang⸗ weilte ſie, und die Scherze aus den Lippen erwachſener Mädchen fanden keinen Anklang in der noch ſchlummernden Einbildekraft. Kurz, dem Kinde verlangte nach ſeines Gleichen. Kaum hatte Athanaſios Phranzes von die⸗ ſem Wunſche Kunde erhalten, ſo winkte er und die Diener ſeines Willens flogen, verſehen mit dem Metall, das ihm unterthan iſt, nach Famaguſta auf dem Eilande Kypros, wo da⸗ mals der berühmte Sclavenmarkt war. Als eines Morgens Zoe die Augen dem Aufgange der Sonne öffnete, welche ihrem ſie⸗ benten Geburttage ſchien, ſah ſie an beiden Seiten ihres Lagers zwei Mädchen knieen, beide in dem Alter, da die Kindheit in die Jugend tritt, ſchweigend und regunglos ihr Aufwachen erwartend. Sie waren den Abgeſchickten des — Silentiaren von Famaguſta gefolgt, aber ſchon ihr Anblick that dar, daß ſie der Zufall, viel⸗ leicht der Sturm der kriegbewegten Zeit ſie ih⸗ rer Heimat entreißend, aus entlegenen Zonen dort zuſammengeführt. Langes, goldenes, leichtgelocktes Haar um⸗ ſchwebte der Einen Antlitz, das dem Schnee oder der jungfräulichen Lilie an Weiße gleichend, mit einem leichten Roth überhaucht war, das eher dem Abglanze der eben prangenden Mor⸗ genröthe zuzugehören ſchien als der Färbung, die das jugendliche Blut den zarten Wangen mit⸗ theilt. Ihr Mund war roſig und friſch, und das Lächeln der Heiterkeit ſchwebte um ihn, tiefblau war das Auge, wie der Himmel eines Früh⸗ lingtages im Zenith, und ein gewiſſer Ernſt, der gleichſam ihrem Alter voranſchreitend, auf der marmornen Stirn wohnte, war weniger ei⸗ nem Gewölk zu vergleichen als dem durchſicht⸗ igen Duft, der am Abend den Gipfel des Ge⸗ birges krönt, um in der Nacht in das Thal hernieder zu ſteigen, verwandelt in erquickenden Thau. Schlank war die Geſtalt der Halber⸗ wachſenen und umfloſſen von einem einfachen weißen Gewande nach altgriechiſcher Art, welche im erſten Augenblicke den Schauer ungewiß ließ, ſehe er einen Knaben vor ſich oder eine werdende Jungfrau. Ihr Gegenbild war die Zweite. Schwarz war ihr Antlitz, dem Ebenholz an Dunkel und Reinheit der Farbe gleich, ein ſcharlachrothes Gewand, mit goldenen Ketten und Spangen ge⸗ ſchmückt, umſchloß eng ihre Glieder, deren Aus⸗ bildung die heiße Sonne ihres Vaterlandes ge⸗ zeitigt, die Sonne des mittäglichen Erdgürtels, deren Feuer im großen, nächtlichen Auge brannte, das helle und ſinnige Blicke um ſich warf. Der volle Purpurmund lächelte zugleich ſchlau und lebensfroh, zwei Reihen Perlen gleich glänzender Zähne zeigend. Beide waren Meiſterbilder der Schönheit zu nennen, jede nach ihrer Weiſe und ihres Geburtlandes Begriff, dem nördlichen Europa ſchien die Eine entſtammt, die Andere Lybiens Wüſten. Das weiße Mädchen zur Rechten zog, nach⸗ dem die Kleine ſich von der freudigen Ueber⸗ raſchung erholt, zuerſt ihre Aufmerkſamkeit auf ſich und ſie wollte es mit kindiſcher Neugier befragen; da ſprach es in ſanftem, ſieberhellem — Tone: Ich grüße Dich, Zoe, meine Gebieterin, ich grüße Dich an einem ſchönen Tage. Sieh wie das Morgenroth glänzend und freundlich hereinbricht, die Dämmerung verſcheuchend. Das iſt ein Bild Deines Lebens und möge es fortan dieſem Tage gleichen. Auch hinter Dir liegt die Dämmerung, Dein Morgenroth iſt herangebrochen, laß uns denn dem Herrn der Welten Dank ſagen, der es Dir ſcheinen ließ, und zu ihm beten, daß, wenn es ſein Wille iſt, auch der Mittag ſchön werde und der Abend.— Fromm faltete das Kind die kleinen Hände, und die Augen auf die Lippen der lieblichen Dienerin gerichtet, ſchien es zu warten, bis die Worte des Gebetes über ſie gehen würden„um ſie nachzuſprechen. Da ſprach die Schwarze zur linken: Ich grüße Dich, Genia, meine Herrin, ich grüße Dich an einem ſchönen Tage. Die Dämmerung iſt vorübergegangen und das Morgenroth gekommen, Freude und Glück verheißend für viele nachfolgende Stunden. Sieh wie der Sonnenſtrahl ſo herrlich wieder⸗ glänzt auf dem blauen, ruhigen Spiegel der See, ſieh wie der Wind frei und luftig und friſch durch die grünen Gebüſche ſtreicht und ſie ſich ſchütteln und nicken, als warteten ſie ungeduldig Dein. Auch die Mädchen von An⸗ tiparos warten Dein am Geſtade, die junge Ge⸗ bieterin zu bekränzen und ihr ihre Wünſche zu bringen, auch ſtehen Deine Dienerinnen drauſ⸗ ſen, Dich zu kleiden mit köſtlichen Gewändern und reichem Schmuck, Dir vom erlauchten Großvater zur Feier des heutigen Tages ge⸗ ſchenkt.— Beſſer gefielen dieſe Worte der kleinen Herr⸗ in als die Farbe derer, welche ſie ſprach; ſie war im Begriff, munter vom Lager zu ſpring⸗ en, um alle die ſchönen Sachen zu ſehen, die ihr der gute Ahn verehrt, und dann ſich zu ſchmücken und hinabzueilen an das Ufer zu den Mädchen; da traf ihr Blick auf das ſanft, aber ernſt fragende Auge der Weißen, und ſie be⸗ reuete ihren Ungeſtüm und faltete die Hände abermals und that ein kurzes Gebet, während die zur linken Hand hinausging, die Frauen zu rufen. Als ſie darauf zurückgekommen und nun Beide wieder neben Genia, die ſich erhoben hatte, ſtanden, ſagte dieſe zu ihnen: Ihr ſeid os gewiß, Mädchen, welche der Vater mir ſchon vor einiger Zeit verſprochen und auf wel⸗ che ich mich ſo ſehr gefreuet, Ihr ſeid meine Geſpielinnen, und obſchon älter als ich, wollen wir uns ſchon zuſammen ergötzen. Laſſet mich aber nun bekannter werden mit Euch. Wer ſeid Ihr und wo kommt Ihr her?— Auf der Inſel Kypros— antwortete die Blondgelockte— hat mich der Diener Deines Großvaters gefunden, doch iſt meine Heimat weit, ſehr weit entfernt. Engelland nennet man ſie, von einem Ozean iſt ſie umfloſſen, den viele Schiffer, um ſie zu erreichen, befahr⸗ en. Manche gelangen dahin, Manche aber leiden auch Schiffbruch; wohl dem, der dahin gelangt, denn obgleich vor geraumer Zeit ein furchtbarer Sturm ſie durchtobte, iſt ſie doch jetzt ein Wohnplatz des Friedens.— Auch hier auf Antiparos iſt es ſchön— ſagte die Kleine— bleibe nur einige Zeit, an nichts, was Du wünſcheſt, wird es Dir ge⸗ brechen und, glaube mir nur, Du wirſt nicht bereuen, hierher gekommen zu ſeyn.— Ich bin gern gekommen— verſetzte das Mädchen— denn meine Beſtimmung iſt, Dir zu dienen, auch zu rathen iſt mir erlaubt, wenn Du es der älteren Gefährtin verſtatten willſt; der einzige Lohn aber, den ich begehre, iſt, daß Du mir Deine Zuneigung ſchenkeſt und ſie mir bewahreſt. Die haſt Du ſchon ganz, meine ſchnee⸗ weiße Lilie— antwortete das Kind— aber Du, dunkle, brennende Fackeldiſtel, wo biſt Du daheim und was führet Dich nach Antipa⸗ ros?— Darauf ſagte die Schwarze: Auch mich hat des erlauchten Herrn Schiff hierher von Fama⸗ guſta geführt, von Amathunt vielmehr, wo ich einige Zeit verweilte, doch auch ich komme von fern. In den weiten ſandigen Strecken, durch die der gelbe Fluß ſeine glänzenden Fluthen wälzt, befindet ſich eine immergrüne, immer kühle Oaſis, in deren Mitte ein Thal ſich tief, tief hinabſenkt, bis zu Schachten, die die köſt⸗ lichſten Schätze der Erde verbergen. Dort iſt meine Heimat.— Nicht ſo ſchön ſcheint ſie zu ſeyn als die unſerer Geſpielin— entgegnete Genia darauf: und ich hoffe, Du ſollſt ſie hier bald vergeſſen. — Gold und Edelſteine gibt es genug hier im Pa⸗ laſte, und auf der ganzen Inſel keine Löwen, Tiger und Schlangen, die, wie man mich ge⸗ lehrt, in Afrika ſo häufig ſeyn ſollen.— In meiner Heimat nicht— lautete die Antwort der Lybierin: Die Ungeheuer der Wüſte flichen die Oaſis, denn ſie fürchten ihre Be⸗ wohner. Doch bin auch ich gern nach Anti⸗ paros gekommen; auch meine Beſtimmung iſt, Dir zu dienen; zu rathen ſtehet der Sclavin nicht zu, außer Du geböteſt es denn. Auch ich begehre keinen Lohn als meine theure und liebliche Herrin ſtets munter und fröhlich zu ſehen, allzu glücklich aber würde ich ſeyn, ſo Du mir Deine Huld ſchenken willſt und Dan Vertrauen.— Ei, warum ſollte ich denn das nicht— rief die kleine Genia lebhaft: wenn Du mir die Zeit vertreibeſt und Alles thueſt, was ich will.—. Bald war die Enkelin Athanaſios Phran⸗ zes mit ſeinen reichen Geſchenken geſchmückt, da trat der Geber ein, heiterern Geſichts als gewöhnlich und ſagte, ſeinen Liebling umarm⸗ end, zu ihm: Sprich, Genia, mein Töchter⸗ — 61— lein, gefallen Dir meine Gaben auch wohl, und welche von ihnen gefällt Dir am beß⸗ ten? Das iſt alles herrlich und ſchön, Vater— jubelte das hüpfende Mägdlein— aber die Wahrheit zu geſtehen, das Liebſte ſind mir die Beiden. Von den andern köſtlichen Dingen habe ich ſchon genug, die aber haben mir ge⸗ fehlt. Nun aber, Herr— ſetzte ſie mit einer Art von Ernſthaftigkeit hinzu— von dem was nicht ſprechen kann von Deinen Ge⸗ ſchenken, wirſt Du mir den Namen ſchon ein Mal ſagen, die aber reden, mögen es ſelbſt thun.— Wie aus einem Munde antworteten die Beiden: dem Herrn gebührt es, der Dienerin den Namen zu ertheilen.— Das iſt ſo der Gebrauch— erwiederte der Silentiar— und der meinige, Jeglichem den Namen zu geben, der ſich für ihn eignet. Leuke heißeſt Du denn, Du aber Mele*). Kenne ich in der Folge mehr als Eure Farbe, dann *) àwoe weiß, feedo ſchwarz⸗ — kommt wohl die Zeit, Euch andere Namen zu geben.— Ich danke Dir, Herr— erwiederte Leuke — und hoffe, nicht fern mehr wird die Zeit ſeyn, da ſolches geſchieht.— Was mich betrifft— ſagte Mele— ſo bin ich zufrieden mit dem Namen, den Du Erlauch⸗ ter mir beſchieden haſt, unter jedem werde ich eine treue Dienerin ſeyn, und die That gilt mehr als das Wort.— Du irreſt— ſprach darauf Athanaſios ernſt— nicht ſinnleer iſt das Wort, am allerwenigſten ſinnleer der Name.— Möchte— entgegnete die Lybierin, mit ge⸗ kreuzten Armen ſich verbeugend: möchte die Bedeutung des Deinen in Erfüllung gehen.*) So wird es ſeyn— ließ Leuke ſich verneh⸗ men: und ich hoffe, ſolche Bedeutung wird eine glückliche ſeyn.—— Huldvoll dankte der Silentiar den beiden Mädchen; der vornehme Mann aber vom kon⸗ ſtantinopolitaniſchen Hofe, welcher, die Geiſt⸗ lichkeit ausgenommen, von Jedermann tiefe Ehr⸗ erbietung gewohnt war, fand mehr Behagen *) Athanasios, unſterblich. —————— an der wohlangebrachten Schmeichelei der Lybi⸗ erin als an ihrer Genoſſin ziemlich ernſt und doch unbeſtimmt ausgeſprochenem Zuſatze, und bereits in dieſem Augenblicke wendete ſich die Gunſt, die der Europäerin blendende Schön⸗ heit ihr erworben, ein wenig dem muntern, feurigen und, wie es ſchien, auch gefügigen Geiſte der Afrikanerin zu. Man begab ſich hinab an däs ſonnige, vom friſchen Winde des Morgens noch berührte ufer der Bucht, wo die Kinder des Eilandes, ihre Altersgenoſſin mit Kränzen und Geſängen empfingen. Zoe⸗Genia überließ ſich ganz dem Frohſinn ihrer Jahre, Leuke ſchien mit herz⸗ inniger Freude auf die Kleinen zu blicken und ermunterte ſie zur Fröhlichkeit mit allerlei kind⸗ lich ſinnigem Worte, Mele aber ſtand in der unterwürfigen Stellung einer Selavin, das Auge auf die ſiebenjährige Herrin gerichtet, als wolle ſie des Kindes wechſelnde Wünſche im Moment ihres Entſtehens erfaſſen, und erſt da dieſes, in ſeiner Unbefangenheit die Abſtuf⸗ ungen des Ranges nicht achtend, ſie auffor⸗ derte, zu thun wie Leuke und fröhlich zu ſeyn, miſchte ſie ſich in die Reihen. Da aber ward 6— die Luſtbarkeit erſt vollkommen, immer abwech⸗ ſelnder der Tanz, immer munterer die Lieder; zu großer Zufriedenheit des Gebieters wurden auch ſolche angeſtimmt, wie ſie ſich aus der Vergangenheit in Griechenland erhalten haben bis auf den heutigen Tag, theils die olymp⸗ iſchen Götter in wunderlicher Miſchung mit den geheiligten Namen des Chriſtenglaubens zuſammenſtellend, theils jene allein preiſend in der Art alter Dithyramben und Hymnen. Bereits ſenkte ſich die Sonne hinab über dem Iſthmus von Korynth, und leichte Schat⸗ ten verlängerten ſich am Geſtade, als Zoe⸗ Genia's Geburtfeier ihr Ende erreichte. Angelangt in ihrem Gemache und nachdem die Frauen die junge Gebieterin entkleidet und ſie ſich allein befand mit den neuen Diener⸗ innen, denen ſich bereits ihr Herz zugewendet, vis jetzt ohne Unterſchied, und es ſie drängte, es auszuſchütten mit ſeiner ganzen unſchuld⸗ igen, vor den ihr im Alter nahen Vertrauten, ſprach ſie: Ihr hattet Recht, das war ein ſchöner Tag, ich wollte, alle wären ſo und man bliebe ſein ganzes Leben ſieben Jahre. Die Alten ſind nicht ſo fröhlich als wir, der Groß⸗ ℳ vater iſt oft ernſt, trüber Laune ſogar, und die Pädagogen und Lehrmeiſterinnen immer ver⸗ drießlich.— Ein ſchöner Wunſch— verſetzte Leuke mit anmuthigem Lächeln— den Du, Herrin, da ausſprichſt; nicht ganz erfüllbar iſt er doch in ſeiner Weiſe, und wohl dem, dem ſolches ge⸗ ſchieht.— Höre doch, Leuke— ſagte die Kleine leicht⸗ hin— Du biſt recht lieblich anzuſehen, wohl was man ſchön nennt, Dein Lächeln hab' ich gar gern, und Deine Worte tönen recht angenehm. Aber Du lächelſt nur immer und lachſt nicht, und was Du ſprichſt, iſt manchmal recht feier⸗ lich, ein wenig zu ernſthaft biſt Du und kein Kind mehr, ja mir kommt es vor als wäreſt Du nie eins geweſen.— O wohl, wohl war ich es und bin es noch — war die Antwort der Blondgelockten. Zoe⸗Genia aber ſchüttelte nachdenklich das Köpfchen und meinte: Nun da müſſen die Kinder in Deiner Heimat anders ſeyn als hier zu Lande. Sieh' doch die Mele, ſie iſt auch fremd und mit Dir von gleichem Alter, doch konnte ſie ſich mit uns ergötzen am Spiel und 5 — 66— Geſang und war weit vergnügter als Du, zu⸗ mal gegen das Ende. Eins nur gefällt mir nicht an ihr, daß ſie erſt auf Befehl wartet, zu thun, was ſie doch gern thut.— Theuere Gebieterin— verſetzte die Schwarze — gib mir nur oft ſolchen Befehl und Du wirſt mich glücklich ſehen wie Leuke. Deine Sclavin findet ihr Glück darin, Dir zu gefal⸗ len Die Kleine ſagte etwas lebhaft: Du wirſt mir aber weniger gefallen, wenn Du immer das Wort„Sclavin“ im Munde führſt. Scla⸗ ven hat der Großvater genug, Dich hat er mir aber zur Geſpielin beſtimmt, da mußt Du denn auch manchmal Deinen eigenen Willen haben; bis jetzt hat mir noch niemand wider⸗ ſprochen, das iſt langweilig, ich bitte Dich, tiebe Mele, widerſprich mir manchmal.— Du willſt es— entgegnete dieſe: und ſo wider⸗ ſpreche ich Dir. Dein Wunſch einer immer⸗ währenden Kindheit iſt nicht allein nicht erfüll⸗ bar, ſondern Du wirſt auch in kurzer Zeit ſchon darüber lachen. Ich bin ſo alt als meine Gefährtin, doch weiß ich ſchon, daß es Freu⸗ den gibt, die die Kinderluſt übertreffen, wie die entfaltete Blume die Knospe übertrifft. Auch Deiner warten ſie, Gebieterin, denn die Götter halten Dir ihr reichſtes Füllhorn bereit. Wenn Du ſeine Gaben kennen gelernt, wirſt Du gern das Geringere vermiſſen.—. Kann ſeyn, doch iſt es noch lange bis da⸗ hin: antwortete das unbefangene Kind— Bis jetzt⸗ gefällt es mir recht wohl unter den Mäd⸗ chen und mit Euch, denn ich habe Euch alle gar lieb.— Bewahre dieß Gefühl— ſprach Leuke— dieſes iſt's, welches den Wunſch verwirklichen mag, deſſen Erfüllung ich für Dich erflehe.— Lobenswerth iſt dieß Gefühl— beſtätigte Mele— beſonders gegen ſolche, denen für Ehrfurcht gegen die Enkelin Cäſar Auguſtus höchſtens huldvolle Nachſicht zur Erwiederung gebührt. Die Zeit führte die Stunden über die In⸗ ſel Antiparos dahin, wie das Meer ſeine Wellen an ihrem Geſtade, ſie reihten ſich zu Monden und Jahren. Schneeweiß war Atha⸗ 5 naſios Phranzes Haupthaar geworden, doch er⸗ ſchien ſein Körper noch ſo kräftig als ſein Geiſt, der ſich den gewohnten Beſchäftigungen hingab. Noch verbrachte er die meiſte Zeit in ſeinem Gemache und in den Sälen der Kunſt und dem Alterthume geweiht, oft meiſt in der Ein⸗ ſamkeit, welche jedoch mitunter von einer der beiden Sclavinnen getheilt ward, die, obſchon im Palaſte ſich viele freigeborene Diener be⸗ fanden, täglich mehr im Anſehen und der Gunſt des Gebieters ſtiegen. Doch ſchien nach und nach Mele den Vorrang vor ihrer Ge⸗ fährtin zu gewinnen, man bemerkte, daß ſie öfter als dieſe zu dem Silentiar beſchieden ward, und in der Zeit, welche dieſer Abſchnitt der Legende bezeichnet, wurde ihr bereits dieſe Ehre ausſchließlich zu Theil. Noch immer be⸗ trachtete unterweilen der Ahnherr die Enkelin forſchend und beſorgt, und die Diener, längſt gewohnt, Seltſames an ihrem Herrn wahrzu⸗ nehmen, ſchloſſen aus einigen flüchtigen An⸗ zeichen, ſeine geheimen Beſchäftigungen bezögen ſich meiſtentheils auf Z0e⸗Genia's Zukunft. Und doch ſchien es als lüge dieſelbe, bei jedem Schritte, den ſie vorwärts that auf der — 69— Bahn des Lebens, offener und an erfreulichen Hoffnungen reicher vor ihr, und wie es die beiden Mädchen verkündet, dem heiteren Mor⸗ genroth waren heitere Frühſtunden gefolgt. Mit der Dämmerung der Kindheit war vor ihr jenes Zwielicht verſchwunden, deſſen ſelt⸗ ſamer Wechſel den nachdenklichen Greis ſo oft bekümmert hatte, die Engel, denen ſie zuge⸗ lächelt, ſchienen aus ihren Träumen entwichen, aber auch das, deſſen Nähe nach des Silen⸗ tiars Meinung, die Züge der Schlummernden durch das Zucken der Angſt entſtellt hatte. Die Knospe entfaltete ſich allgemach der Zeit entgegen, wo ſie in aller Blüthe an der Stelle erſcheinen ſollte, welcher ſie hohe Geburt, ihres Pflegers unermeßliche Schätze, Schönheit und Gaben des Geiſtes beſtimmten, Zoe hatte das Alter erreicht, in welchem der Leſer am Mor⸗ gen jener Geburtfeier ihre beiden Geſpielinnen ſah und dieſe waren zu Jungfrauen geworden, die eine dem belebenden Tage gleich, die andere der mondloſen, aber ſternefunkelnden Nacht.— Da geſchah es eines Tages, daß etliche Diener des Silentiarius in den Bilderſälen eines und das andere in Ordnung brachten, — 70— was durch den Gebieter, der am vorigen Abend bis ſpät dort verweilte, aus der Stelle gerückt worden war. In dem erſten dieſer umfang⸗ reichen Gemächer befanden ſich, wie bereits ge⸗ ſagt worden, Denkmäler der Kunſt und alter⸗ thümlicher Wiſſenſchaft in angemeſſener Ord⸗ nung aufgeſtellt, im letzten aber, welches, wie des Ortes Gelegenheit es darthat, an eine Seite der Felſen ſtieß, die die Höhle von An⸗ tiparos überwölben, ſah man zwar gleichfalls Gegenſtände der Kunſt, aber verſchiedener Gatt⸗ ung, auch war ihre Anordnung eine andere. Es war in der Form eines Domes gebaut, von dem dunkelfarbigſten Marmor, den die Brüche von Paros erzeugen, und achtgeeckt, bei der ſparſamen Beleuchtung, die nicht das Licht des Tages durch die überall geſchloſſenen Wände, die der Schein einer Ampel in dem großen Raume verbreitete, konnte das Auge nur mühſam das Gewölbe erreichen, von dem ſie herabhing, und ſeine Umriſſe waren um ſo weniger zu erkennen, da es die Farbe des nächtlichen Horizontes trug, von acht nur matt ſtrahlenden Himmelskörpern am Geſimſe ge⸗ reiht, unterbrochen. Unter jedem dieſer Stern⸗ — bilder befand ſich eine Bildſäule in heroiſchem, wie man es nennt, beinahe gigantiſchem Maß⸗ ſtabe. Sie waren aber nicht Werke eines Mei⸗ ſters aus dem goldenen Alter, und trugen ſie auch in ihren Kennzeichen die Spuren altgriech⸗ iſcher Götterlehre, ſo war doch der ſpätere Ge⸗ danke nicht zu verkennen und ſein geheimniß⸗ voller Einfluß. Merkur trug zwar die Geſtalt eines ſchönen jungen Mannes und die Attribute des Hermes, doch ähnelte er mehr dem Hermes Trismagiſtos, dem Ebenbilde, das ihm die Kabbala gegeben. Dreifach war ſein Antlitz, obſchon nur eins, auf der einen Seite lächelte es fröhlich, ſogar übermüthig, die andere verzog grimmer Schmerz und Hohn, im Gegenüberſtehen betrachtet, ſchien es zweideutig und bitter zu lächeln*). *) Aoch die Bildhauerkunſt der entlegenſten Zei⸗ ten hat uns etwas Aehnliches hinterlaſſen. Die berühmte Knochenſpielerin, welche für weit älter gehalten wird als die mediceiſche Venus und der Apoll des Belvedere, dieſe liebliche und rührende Geſtalt einer werdenden Jungfrau, in der mit einem Begriff von Wirklichkeit ein räth⸗ ſelhaſtes Ideal verbunden iſt, das noch keine — Es befanden ſich Schwingen an ſeinem Hute und ſeinem Soccus, aber der Hut glich einer zackigen Krone und die Schwingen ähnelten den Flügeln der Fledermaus. Von den Schlan⸗ gen an ſeinem Stabe wand ſich die eine gerad' aufwärts und glich in ihrer Ruhe dem Sinn⸗ bilde der Geſundheit, die andere trug auf weit und ſtarr vorwärtsgeſtrecktem Halſe einen ſtruppigen Kopf mit dem Drachenkamme ver⸗ ſehen und mit weit gähnendem züngelnden Rachen. Und mit dem Stabe ſchien der Füh⸗ antiquariſche Erklärung deutlich gemacht, dieſe marmorne, geheimnißvolle Poeſie, vielleicht Liebe und Tod in einander verſchmelzend, trägt ein ſolch dreifaches Antlitz. Schmerz ſpricht es aus auf der linken Seite, wo die ſeitſamen Würfel fallen, aus Menſchengebeinen gebildet, auf der andern beinahe kindliche Fröhlichkeit; im Ganzen geſehen, ſtille freundliche Wehmuth. Der Dar⸗ ſteller, der manche Stunde im Anſchauen dieſes Bildwerkes zugebracht hat, geſteht, daß es ihm erſchien gleich einem uralten Geheimniß der Religion und des menſchlichen Gemüthes, wel⸗ ches aus der Vergangenheit in die Nachwelt ge⸗ treten iſt, im urſprünglichen fleckenloſen Glanze und in ewiger unverwelklicher Jugend. rer zur Unterwelt nach der ihm beinahe gegen⸗ überſtehenden Wand des Achteckes zu deuten, deren Beſichtigung wir dem Leſer zuletzt vorbe⸗ halten. Ihm zur rechten ſtand unter dem Abend⸗ ſterne die Venus; es war aber nicht die Venus Urania. Sie war vom Gürtel abwärts in ein weites faltiges Gewand gekleidet, des Oberlei⸗ bes üppige Formen überſchritten die Regeln plaſtiſcher Kunſt, und der Spiegel, den ſie hielt, von ungewöhnlicher Größe, wiederſtrahlte die wunderliche Umgebung in noch abentheuer⸗ licheren wankenden Umriſſen. Darauf folgte die Erde in der Geſtalt der allgemeinen Mutter abgebildet, der alles erhalt⸗ enden Natur, der ägyptiſchen Iſis, Bruſt reihte ſich an Bruſt bis zu dem königlichen Gewande, das ihre Füße umfloß, auch auf ihrem Haupte ruhte eine königliche Krone, aber ſie war ſchwer und ſchien das Gebild zu drücken, und ſein Antlitz war traurig und leidend. In der einen Hand trug ſie ein verſchloſſenes Käſtlein, die andere ein Füllhorn haltend, ſtreckte ſich nach der Stelle aus, die der Laduzeus des Hermes bezeichnete. ₰ Links neben dieſem befand ſich unter der Sonnenſcheibe, welche jedoch dunkelroth und mattglänzend erſchien als von Gewitterwolken oder von einer Finſterniß verdunkelt, ihr Sinn⸗ pild Phöbos Appollon. Es war aber nicht Muſagetes, nicht der erfreuende Hyperion, er war dargeſtellt im Begriff, den ungeheueren Pfeil vom gewaltigen Bogen zu ſenden, in einem Augenblicke wie der, als er die Kinder der Niobe traf. Zackige Flammen umkränzten das ſtolz aufgerichtete Haupt, und in den Zügen deſſel⸗ ben leuchtete nicht die Milde des gemeinſamen Wohlthäters, ſondern eine kalte übermüthige Majeſtät. Darauf folgte der Mars, röchlich glänzend in ſeinem Panzer wie der Stern über ihm, mit grimmigem Antlitz, das entblößte Schwerdt bedrohlich erhoben, und auf dem Schilde das ſchlangenhaarige Haupt der Gorgone. Jupiter kam nach ihm, von Allen am meiſten den Bildſäulen ähnlich, welcher das Alterthum theils erwähnt, theils hinterlaſſen, aber auch er war der Jupiter tonans, gebiet⸗ ender Ernſt wohnte auf der gekrönten Stirn, die Hand ſchien das Bündel der Blitze zu —* 75 ſchütteln, gleichviel wen ſie trafen, der Mapi⸗ mus war es, doch nicht der Optimus Pater. Mit einer Art von triumphirendem Hohne richtete ſich das ſteinerne gefühlloſe Auge auf den Nächſtfolgenden, auf Saturnus, den Alten. Als ein ſolcher war er auch hier dargeſtellt, doch nicht in der kräftigen Greiſengeſtalt, welche die alten Meiſter dem Vater der Götter gege⸗ ben, abgezehrt und dürre ſchien er ein Denk⸗ mal anatomiſcher Kunſt, als eine Geſtalt der Mythologie, ſein Nacken war gebeugt, ſein Haupthaar und Bart ſtarr und verworten, ein bitteres Lächeln verzerrte ſeinen Mund gleichwie in der Erinnerung an eine Vergangen⸗ heit, die nicht mehr iſt, an eine gefallene Größe. Alle Züge waren angeſpannt wie von uraltem unverſöhnlichen Haße und von einer Gier, wie die des wüthenden unſtillbaren Hun⸗ gers. Seine fleiſchloſen Hände umkrallten ein todtes Kinderbild, doch führte es daſſelbe nicht an den Mund, wie an anderen ſeiner Bilder zu ſehen, er reichte es gleichſam widerwillig der nachbarlichen Bildſäule dar, derſelben, auf welche der Merkurſtab zeigte, gegen die die Hand der Erde ſich ausſtreckte, zwiſchen welcher und dem Saturnus ſie befindlich. ueber ihr ſchwebte am Gewölbe der Mond, eben ſo bleich und glanzlos als die Sonne und die übrigen Sterne. Doch nicht die keuſche Luna war ſein Sinnbild, nicht die leichtge⸗ ſchürzte Diana, Hekate war es, die furcht⸗ bare Göttin. Dreifach erhob ſich, in einen verbunden, ihr ungeheuerer Leib, drei Ange⸗ ſichter trug der ſchlangenumwundene Hals, drei Rronen ſchmückten die vereinigten Häupter, und alle drei blickten gebieteriſch um ſich her, das eine in herrſchender Ruhe, das zweite finſter drein ſchauend, das dritte mit einem geheimnißvollen, beinahe verachtenden Lächeln. Die rechte Hand hielt einen dreifachen Scepter, die linke drei Schlüſſel ſo loſe, daß ſie bei jedem dieſen Ort nur ſelten dürchſtreichenden Luftzuge wunderlich erklangen, ſeltſame Kinder⸗ geſtalten ſchmiegten ſich an ihre Kniee, entſtellte Leichname bildeten den Schemmel ihrer Füße, den phantaſtiſche Ungeheuer der Tiefe umring⸗ ten. So war das Bild der Göttin, dem die Natur und die Zeit ihre Erzeugniſſe dahin⸗ reichten, lebendige und lebloſe. In der Mitte des Domes unter der Ampel und halb von ihrem Schatten bedeckt, ſtand ein runder Liſch und zween Seſſel. Der Tiſch glich einem Altar und war zweifelsohne einſt das Geräth eines griechiſchen Tempels, auf ihm ſah man mehre Pergamente mit Hieroglyphen beſchrieben, eine Erdkugel und eine Himmels⸗ kugel nebſt anderem Werkzeug ſchwerer zu be⸗ ſtimmenden Gebrauchs. Die Stühle waren von jenen Thronſeſſeln, auf welchen die Ae⸗ gyptier die Mumien ihrer Herrſcher in den Py⸗ ramiden ſitzend bewahrten. Selten betrat außer Athanaſios Phranzes und dem Auserwählten, dem er die Begleitung vergönnte, dieß unheimliche Heiligthum und nur, wenn wie heute, das Hl der Ampel er⸗ neuert werden mußte und die eingeſchloſſene Luft des Gewölbes durch Spezereien gereinigt, naheten ihm einige alte vertraute Diener des Hauſes, für deren Schweigen von dem was ſich daſelbſt befand, ein feierlicher Eid bürgte, und welche es, auch wenn ihre Pflicht ſie da⸗ hin rief, nur ungern und unter Schauern be⸗ traten. Dieß war auch heute der Fall. Mit un⸗ gewiſſer Hand ſuchte der Veſtiarius(Kämmer⸗ ling) des Gebieters einiges Geräth, um es in einen der benachbarten Säle zu bringen, den man den mathematiſchen nannte, ein Anderer verſah, auf ein hohes Geſtell geſtiegen, die Lampe mit friſchem, wohlriechenden Hle, hütete ſich aber wohl dabei, in den Spiegel der Venus zu ſchauen, eingedenk, wie einſtmals der Schrecken über das was er darin geſehen, ihn von den Sproſſen zu Boden geſtürzt; noch Einer ging umher mit einer Pfanne voll köſt⸗ lichen Weihrauchs, deſſen Wolken ſich langſam vor den Götterbildern aufwärts hoben, währ⸗ end ihre leichten Schatten, über die Geſichtzüge des Standbildes vorüberziehend, dieſen einen Schein zuckender Bewegung veriiehen. Eilig verrichteten ſie ihr Geſchüft und ſcheu, ihnen war in dem Dome nicht wohl zu Muthe obgleich Altersgenoſſen des Herrn, hochbetagte Greiſe, deren zwei ihn auf jener Reiſe beglei⸗ tet hatten; der Dritte, dem die Sorge der Be⸗ leuchtung anvertraut, war in Konſtantinopel geblieben und von da mit der übrigen Diener⸗ ſchaft nach der Inſel gekommen. Biſt Du fertig, geehrter Herr Protoveſtiar⸗ ius— ſprach der Letzte, nachdem er mit einem erleichternden Seufzer den Fuß wieder auf den marmornen Fußboden geſetzt hatte— ſo laß uns eilen, denn es gefällt mir hier wenig.— Herrendienſt geht vor Allem— war die Ant⸗ wort— im übrigen bin ich Deiner Meinung, wackerer Makrobios. Obgleich ich dieß Alles ſchon ſeit geraumer Zeit kenne und dabei war, als es der Herr an ſich gebracht vor zwanzig Jahren und drüber, kann ich mich doch nie⸗ mals daran gewöhnen.— Und wo war das? fragte Jener und ihm ward die Antwort: in Korynthos war es, auf der Burg Akrokorynthos vielmehr.— Du weißt, geehrter Simonides— ließ hier der Räucherer ſich gegen den erſten Kämmer⸗ ling vernehmen— ich war mit Dir und dem Gebieter in den Pyramiden und in den meſo⸗ potamiſchen Ruinen, doch nirgend ward mir ſo grauſig zu Muthe als in der Werkſtatt des Bildhauers, der dieſe Statuen gemacht.— Das will ich glauben— verſetzte Simoni⸗ des etwas ſpottend— kamſt Du doch in den Pyramiden nicht weiter als zum erſten Umgang, wo es noch ganz hell iſt und gar nichts zu ſehen, weder Schönes noch Häßliches, und Alles leer, wie in einer türkiſchen Moſchee, oder in den Zeughäuſern des römiſchen Reiches in den Dardanellenſchlöſſern. Auch biſt Du den Ruinen nicht näher gekommen als ſo weit der Schatten ihrer erſten Säulen reicht vor der un⸗ tergehenden Sonne. Ein Gleiches gilt, mit Ver⸗ laub, von Dir, trefflichſter Veſtiarius— ant⸗ wortete Jener ein wenig erzürnt: Es war des Herrn Wille ſo— Allein trat er ſeine Wan⸗ derungen durch jene verdächtigen Stellen an, ich wollte, er hätte das zu Korynthos auch gethan oder vielmehr gar nicht, und vor allem dieſe Heidengötzen an ihrer Stelle gelaſſen, welche einem chriſtlichen Haushalte nimmermehr Segen und Glück bringen können.— Wie war es denn mit dem Meiſter? fragte abermal der Byzantiner. Ein ſchöner Meiſter— entgegnete Simo⸗ nides mürriſch— hat ihn doch ſonſt Niemand dafür gehalten als unſer Herr, der edelſte Si⸗ lentiar. Die Abendländer haben jetzt eine or⸗ dentliche Wuth nach unſeren Alterthümern, ganze Schiffladungen werden vom Peloponnes nach Italien geführt und bleiben theils in Rom, — 81— der Ketzerſtadt, theils gehen ſie nach Norden zu den Franken und andern Barbaren, und wo ſie die Urbilder nicht erlangen können, kau⸗ fen ſie die Nachahmungen von einheimiſchen Meiſtern; von dieſem aber hatte noch Niemand etwas begehrt, auch ſtammt er nicht von klaſſ⸗ iſchem Boden, wie ſie es heißen, denn er war ein Theſſalier.— Hm— verſetzte der Lampenzünder— Theſ⸗ ſalien iſt ſeit uralten Zeiten wegen Zauberei übel berüchtigt und ich meine immer, es iſt bei dieſen Dingen auch ſo etwas daran. Der heilige Sinodus zu Konſtantinopolis hat es ja längſt ſchon erklärt und dargethan, wie die Götter unſerer Vorfahren hölliſche Dämonen geweſen, alſo ſind ihre Bilder Teufelsbilder und der Dienſt, den man ihnen erweiſ't, ein Dienſt des Teufels, wonach, die Wahrheit zu geſtehen, es hier ganz außerordentlich riecht. Der Veſtiarius antwortete mit dem Anſehn eines vornehmen Hausbeamten: Es ziemt dem Diener nicht, alſo Bedenkliches von dem Gebieter zu ſprechen, überdem iſt Athanaſios Phranzes ein Herr von hohen Gaben, und ihm mangelt die Frömmigkeit nicht.— — 4 Nun— ſagte Jener darauf kopfſchüttelnd — die Gaben ſpricht Niemand ſolch vorneh⸗ men Herrn ab, der in Konſtantinopolis, dem Sitze der Weisheit, geboren und ſo viel gereiſet iſt im Morgen⸗ und Abendlande, unter Heiden und Schismatikern; aber wegen der Frömmig⸗ keit, unter uns geſprochen, meinen doch die Popen in der Hauptſtadt, ſie ſei nur ſo, ſo— Allerdings— antwortete mit Wichtigkeit Simonides— Allerdings, mein ehrlicher Ma⸗ krobios, ſind die Popen gottesfürchtige und hell⸗ erleuchtete Männer, und unſeres Gleichen thut wohl daran, ihr Wort ſich zur ſtrengen Richt⸗ ſchnur zu nehmen; aber ein anderes iſt das mit den Optimaten. Nicht ſelten fordert die Staatskunſt oder ſonſt eine andere Pflicht, was ſcheinbar der Kirche entgegen ſeyn kann, und ſie werden daher manchmal, wenn ſie auch das Rechte thun, bei der Geiſtlichkeit des Unrechts verdächtig.— Man hört, wohledler Simonides, daß Du mit dem Herrn in Rom geweſen— verſetzte Makrobios: Was ſich dort begeben, ſei dahin⸗ geſtellt, denn ich verſtehe es nicht; aber was hier geſchieht, das ſieht der einföältigſte Chriſten⸗ — menſch, das iſt ſchnurgerade gegen alle Vor⸗ ſchriften der Kirche und gegen unſern alleinig wahren urſprünglichen Glauben. Du ſollſt keinem Gotte dienen neben mir, heißt es, und wenn der allerhochwürdigſte Patriarch nur einen Blick in dieß abſcheuliche Gewölbe thäte, es würde größeren Lärm geben als vor unſerm Abgange aus der Hauptſtadt.— Der Kämmerling bedeutete ihn: Schon hab' ich Dir geſagt, daß das mir eben ſo we⸗ nig gefällt, aber große Herren haben ihren Willen, um den ſich die Kleinen nicht beküm⸗ mern ſollen. Sie gehen ihren Weg durch die Welt, wie es ihnen gefällt, laſſen wir ſie auch auf dem Wege zum Heil gehen, wie es ihnen behagt, ein Jeglicher erreicht es, wie er meint und kann. Jedoch— ſetzte er nachdenklich hinzu— wollt' ich wohl, er hätte mit dem Theſſalier nichts zu thun gehabt, der wohl in der That ein Zauberer war, wie Theophilos ſagt, und dem, ich weiß nicht wer zum Vor⸗ bild ſeiner Standbilder gedient haben mag, ob⸗ ſchon, das verſichere ich Dich, ſie hier nicht Frevelhaftes noch Gottloſes hedeuten.— Meineſt Du das?— warf Makrobios 6* zweifelnd ein: Ich will Dir geſtehen, daß ich ſchon mehr als einen Scrupel gehabt, ob ich hier die Ampel anzündend, nicht gleichſam Theil nähme an einer entſetzlichen Sünde, und wäre der Eid nicht, ich hätte mich ſchon längſt bei einem Popen befragt. Du ſagſt ſelbſt, der Meiſter war ein Zauberer, die Urbilder dieſer gräulich⸗ſchönen Geſtalten gehören der Hölle, und dieß Gemach( mich, als ſei es ihr Vorhof.— Er ward hier vbich unterbrochen, der Thurifer(Räucherer) hatte ſein ihm ſehr wid⸗ riges Geſchäft eilig und weniger auf daſ⸗ ſelbe als auf die Unterredung der beiden An⸗ deren achtend, fortgeſetzt; jetzt ſtrauchelte er über eines der Ungethüme, die das Fußgeſtell des Hekate⸗Bildes umgaben und ſein Kopf ſtieß ge⸗ gen die Schlüſſel, die es hielt. Da klirrten dieſe zuſammen und ein ſeltſamer, ſchrillender, heulender Klang ging von ihnen aus und gellte an den Wänden rings umher, bis er an der Decke des Domes ſich langſam und wie in klagendem Singen verlor. Er⸗ ſchreckt riß ſich der gefallene Theophilos empor und von dem furchtbaren Bilde zurück, Ma⸗ krobios ſchrie laut auf, die Heiligen zu Hilfe rufend, und ſelbſt der erfahrene und gebildetere Simonides ſchrak zuſammen. Das kommt davon— ſprach der athem⸗ loſe Theophilos— wenn von einem verlangt wird, man ſolle den Teufel mit Spezereien be⸗ räuchern, die doch nur den heiligen Märtyrern und Bekennern gebühren. Lege ein gut Wort für mich ein, Herr Veſtiarius, daß der Er⸗ lauchte mich künftig dieſes Dienſtes überhebt.— Das kann ich nicht— antwortete dieſer ſtreng— und Du weißt wohl, daß Du dann Deines Dienſtes im Ganzen und auch des Aufenthaltes in Antiparos überhoben ſeyn dürf⸗ teſt, der denn doch für alte Leute wie wir ſein Annehmliches hat.— Ach, wäre das nicht und der Eid— ſeufzte Makrobios— meiner Mutter Athe aus Gala⸗ ta längſt hinterlaſſener Sohn würde nimmer⸗ mehr dieſe Stätte betreten! Was war das für ein entſetzlicher grauenvoller Ton, gerade als hätte die Hölle geantwortet, als ich ſie nann⸗ te! Du ſagſt— fuhr er wie um ſich ſelbſt zu beruhigen, gegen den Kämmerling fort: Du ſagſt, nichts Frevelhaftes noch Gottloſes bedeu⸗ — ten dieſe Bildſäulen hier, nun ſprich, was be⸗ deuten ſie denn?— Die acht Planeten— war der Beſcheid— ſechs nämlich, die man ge⸗ wöhnlich ſo heißt und die Sonne und der Mond.— Die Planeten?— ſprach der unwiſſendere Erleuchter.— Nun die ſtehen freilich am Him⸗ mel und leuchten, und haben demnach mit dem Reiche der Finſterniß nichts gemein; drum meine ich aber auch, Euer theſſaliſcher Bild⸗ hauer auf dem Akrokorynthos hat übel daran gethan, das Oberſte mit dem Unterſten zuſam⸗ men zu mengen. Ich hatte es bisher für et⸗ was ganz Anderes gehalten, jenen Greis zum Beiſpiel für das Bild unſers gebietenden Herrn, und das Kind, welches er dem dreiköpfigen Un⸗ gethüm darreicht, ſchien mir der Jungfrau Zoe zu gleichen, die ich mit dem andern un⸗ chriſtlichen Namen gar nicht nennen will, zwar wohl nur, wie ſie an ihrem ſiebenten Geburt⸗ tage war, nicht am zwölften, den ſie heute feiert. Und da wunderte es mich denn, daß er ſich ſo abbilden laſſen, wie er die Enkelin ſolchem Scheuſal dahingibt, die den Leichen nach, welche um ſie herumliegen, wohl gar ——— — 87— eine Anthropophage ſeyn mag wie die Aſtarte, von der ich manchmal gehört, und gar todt iſt das liebliche Fräulein, das noch in vollem Le⸗ ben blühet, und ſo Gott und der heilige Ba⸗ ſilios will, von heut an viele Jahre.— Man nimmt wahr, daß Du wenig bewan⸗ dert biſt in Werken der Kunſt— erwiederte der Kämmerling etwas geringſchätzig— Wie magſt Du dieſen dürren, häßlichen Alten dem erha⸗ benen Athanaſios Phranzes vergleichen? Glaubſt Du, er werde ſich nackt darſtellen laſſen, gleich einem Bettler oder moslemiſchen Fakir, und nicht im purpurbeſetzten Gewande des Groß⸗ ſilentiarius oder wenigſtens im Philoſophen⸗ mantel? Und dieß Kind? Würde er die, die er ſo ſehr liebt, ſeine Enkelin und die Enkelin Manuels, des Cäſar Auguſtus, auch nur im Bilde der Vernichtung zum Opfer bringen? Denn dieß Scheuſal, wie Du es nannteſt, iſt wirklich das Bild der Vernichtung, es iſt die Aſtarte, de⸗ ren Du erwähnſt, ſo nannten ſie die Chaldäer, unſere Vorfahren aber Hekate mit dem drei⸗ fachen Haupte. Zugleich aber bedeutet es gleich⸗ falls den Mond.— Du biſt ein Gelehrter und im Dienſte des — 6— Herrn ſelbſt ein halber Philoſoph geworden— ſagte der Aufſeher der Lampen: ich aber bin ein unwiſſender Mann. So kommt es mir denn wunderlich vor, wie ein Ding zugleich den freundlichen Mond vorſtellen könne und das Unheil oder die Vernichtung?— 5 Das will ich Dir ſagen— bedeutete der Veſtiarius den Frager: Obgleich der es ver⸗ fertigt, zweifelsohne mit verbotenen Dingen umging und ich dieß Standbild ungern hier ſehe, ſo hat er doch daſſelbe verfertigt nach den Regeln uralter Theoſophia, davon ein Theil ſogar in das Chriſtenthum übergegangen. Der Mond, mein wertheſter Makrobios, ſo freund⸗ lich er Dir erſcheint, iſt ein feindlich Geſtirn, nur der Zauberei, dem Raube und anderer Miſſethat günſtig, wie denn die theſſaliſchen Herren beim Mondſchein die Hekate beſchwo⸗ ren; ſein kaltes Licht aber iſt allem Leben ver⸗ derblich. Ueberdem halten ihn gelehrte Aſtro⸗ nomen für einen abgeſtorbenen Körper, für ei⸗ nen blaſſen, wandernden Himmelsleichnam, und es heißt, er ſei gar nicht bewohnt, oder nur von unglücklichen klagenden Dämonen. Somit mag er denn recht eigentlich ein Sinn⸗ bild der Vernichtung abgeben, und ſo wenig dieſer Greis, der alte Saturnus oder die geit, den Silentiarius Athanaſios Phranzes darſtellt, eben ſo wenig gleicht dieß todte Kind unſerm Fräulein, ſondern bedeutet nur, wie die Zeit das Leben, das ſie gab, wieder nimmt und die irdiſche Hülle der Vernichtung anheimſtellt.— Du ſprichſt wie ein Buch, geehrter Herr Veſtiar— verſicherte Makrobios— und haſt wenigſtens zum Theil meinen Zweifel gelöſet. Nur eine Frage bleibt mir noch. Wie mag es wohl kommen, daß der Gebieter jetzt dieß längſt verſchloſſene Gewölbe plötzlich wieder öff⸗ nen laſſen— Die erſte Zeit hindurch trieb er es doch immer nur in den vorderſten Sälen, wo die ſchönen Bildſäulen ſtehen und die wunder⸗ lichen Thiere aus Igyptos, und die Leuke be⸗ gleitete ihn oft dahin. Aber nun bringt er hier die meiſte Zeit zu und hat die Lybierin zur Gefährtin. Sprich, was mag er hier wohl treiben?—— Du biſt ſehr neugierig für einen Graukopf— verſetzte bedächtig der vornehmſte der anweſenden Hausbeamten, wel⸗ cher mit Sorgfalt die ihm anempfohlenen Ge⸗ — räthſchaften zuſammengeräumt hatte— indeß eben weil Du alt biſt, mag ein Alter Dir ein Wort mehr ſagen als einem jungen Unbeſon⸗ nenen, jedoch unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit.— Hab' ich doch geſchworen — entgegnete Makrobios, deſſen weißes Haar ſeinen Namen„der Langlebende“ rechtfertigte. Nun denn— begann mit einiger Feier⸗ lichkeit Simonides, den das Alter ſo wenig als den Andern von der Wißbegier, von der Red⸗ ſeligkeit befreiet hatte: Was den Erlauchten und Edeln ſo oft hierher ruft, betrifft aller⸗ dings ſeine Enkelin, doch nicht in ſolcher Art, wie Du meinteſt. So viel ich weiß, bemühet er ſich, ihr künftiges Schickſal zu erforſchen. Iſt das auf ſolch geheimnißvolle Weiſe erlaubt? Ich weiß es nicht, jedoch iſt er verſtändiger als wir und was ihm thunlich erſcheint, mag auch uns recht ſeyn.— Es iſt allerdings ein mißlich und verboten Ding um die Zeichendeuterei— ſagte der Lam⸗ penaufſeher kopfſchüttelnd, ſetzte indeß gleich darauf neugierig hinzu: Weißt Du nicht, ob ſich ſchon etwas ergeben? Recht Seltſames ohne Zweifel?—. Aber der Berichterſtatter entgegnete: Noch hat ſich aller Muthmaßung nach nichts ſo ganz klärlich ergeben; ſonſt führe er wohl nicht in ſeinen Beſtrebungen fort; das Seltſame indeß ging ſchon vorher. Das Horoſtop der durch⸗ lauchtigſten Jungfrau, das heißt die Berech⸗ nung des Standes der Geſtirne bei ihrer Ge⸗ burt, mit welchem es doch wohl nicht eitel Trug und Jerthum ſeyn mag, ſoll ihr gar Wunder⸗ liches geweiſſagt haben und Erfreuliches, über alle Frauen und Jungfrauen ihrer Zeit ſoll ſie erhoben werden, wie der Gebieter ſich in väter⸗ licher Freude verlauten laſſen, und mehr als königlicher Glanz ſie umgeben. Auch ſoll ihr Schickſal in gewiſſem Bezuge ſtehen zu dem Schickſale des oſtrömiſchen Reiches, des röm⸗ iſchen vielmehr, denn was man im Abendlande ſo nennt, iſt nur ein Afterbild und Raub am kaiſerlichen Throne. Drum iſt er, glaub' ich, beſchäftigt mit der Wahl eines Gemahls für die fürſtliche Zoe, welcher dieſer zweifachen Vorherſagung entſpreche.— Der— ſiel der Weihrauchſpender Spiri⸗ dion ein, welcher nach vollbrachter Verrichtung ſich den andern genähert hatte: Der iſt ihr —— ſchon gefunden, wie man ſagt, und trefflich geeignet, beidem zu genügen. Der junge Löwe von Adrianopolis, grimmig, aber auch groß⸗ müthig, wie man ſagt, Mahomed, des Murad Nachfolger im osmaniſchen Reiche. Fürwahr, mehr als königlicher Glanz wird ihn umgeben und keiner Einfluß haben wie er auf Konſtan⸗ tinopolis und ſein Schickſal. Erinnerſt Du Dich, geehrteſter Protoveſtiarius, nicht der Zeit, da wir insgeheim an der Pforte verweilten, und der Zuneigung des Herrn zu dem Sultan, der damals noch ein Knabe war und der Worte, die et ſprach? Derſelbe ſei zu den höchſten Dingen auf Erden beſtimmt und nimmer werde ſeines Namens Gedächtniß vergehen. Nun, jetzt ſteht Mohammed in der Blüthe des Le⸗ bens, die erlauchte Zoe tritt in das jungfräu⸗ liche Alter, und zwei ſo hohe Beſtimmungen mögen ſich füglich vereinen.— Was?— rief Makrobios entſetzt— Der Belialſprößling Mohammed, der Erzfeinde Se⸗ lim und Murad Enkel und Sohn, der An⸗ beter des Lügenpropheten einer chriſtlichen Jung⸗ frau Gemahl, einer dem Hauſe der Palaeo⸗ gen mütterlicherſeit Entſproſſenen, der Enkelin und Nichte und Muhme dreier Cäſares Au⸗ guſtit— O weh, wenn der allerhochwürdigſte ökumeniſche Patriarch das wüßte!— Eine Unwahrheit würde er wiſſen— fiel der Kämmerling mißmuthig ein— oder wenig⸗ ſtens ein unvollkommen ſchlecht verdautes Ge⸗ wäſch. Es befremdet mich ſehr, ſolches in Dei⸗ nem Munde zu vernehmen, Spiridion, als eines ſo alten Mannes und langiährigen Die⸗ ners, noch mehr aber, daß Du davon ſchwatz⸗ eſt, was der Herr geheim gehalten wiſſen will, wie jenes Verweilen in Adrianopolis.—— Der Makrobios hat ja geſchworen— ſüchte der Geſcholtene ihn zu begütigen, aber er verſetzte: Für das, was hier ſich begibt, hat er geſchwo⸗ ren, doch nicht für vergangene Dinge. Nun glaub' ich ſchon, daß ſolch unbeſonnene Rede in Ohren gefallen iſt, zwiſchen denen eine ſchweigſame Zunge ſich befindet, aber es ge⸗ bührt dem Diener nicht, die Schranken zu überſchreiten, die der Herr ſeinem Vertrauen geſetzt.— Drauf fügte er, vielleicht im Be⸗ wußtſeyn, er habe ſich dieß ſelbſt ein wenig zu Schulden kommen laſſen, hinzu: Wenn man auch die Worte nicht allzu ſehr auf die Wage legt mit einem Bekannten und Hausgenoſſen, ſo darf dennoch das Zünglein derſelben nicht allzu weit überſchnappen, denn Maß und Ziel iſt die Hauptſache in jeglichem Dinge, das iſt ein Spruch der alten Weiſen, in welchen ſogar der Patriarch einſtimmt mit allen ſeinen Archi⸗ mandriten und Popen. Wie kann es Euch in den Sinn kommen, daß der edelſte Athanaſios Phranzes, des Purpurpalaſtes Großſilentiar ſeine und des Kaiſers Manuel Palaeologos Enkelin als Odaliske dahingeben wolle in das Serail des künftigen Padiſchah? Zwar ſind leider ſchon Beiſpiele vorhanden von ſolchen gottverhaßten Vermählungen kaiſerlicher Prin⸗ zeſſinnen mit dem Geſchlechte des Ortogrul, doch haben ſolche dem Reiche wenig genutzt, auch würde ſolchergeſtalt die Weiſſagung nicht erfüllt, denn der Glanz des Harems wäre be⸗ ſchimpfend für eine chriſtliche hochgeborene Jung⸗ frau und ihrem Vaterlande entſpränge wohl Unehre daraus, aber kein Heil. Zwar will ich der Sache nicht ganz in Abrede ſtehen, doch nur auf eine Weiſe kann ſie geſchehen. Das osmaniſche Reich iſt ein großes— ſetzte er mit Nachdruck hinzu: und ſeine Beherrſch⸗ — 95— erin ſtände wohl hoch übet alle Frauen und Jungfrauen ihrer Tage, aber Beherrſcherin iſt nur des Herrſchers einzige, rechtmäßige Ge⸗ mahlin, und der Chriſtin rechtmäßiger Gemahl iſt nur der Chriſt.— Sprich— wendete er ſich an den ihn ſinnlos anſtarrenden Makro⸗ bios mit dem Wiederſcheine des Herrenſtolzes, in dem nicht ungern ein alter und vertrauter Diener ſich brüſtet: Sprich, was würde der allerhochwürdigſte Patriarch ſagen, wenn ſol⸗ ches geſchähe. Ich meine, Hoſianna würde er ſingen in der Metropolitankirche zu Sankta So⸗ phia und ganz Konſtantinopolis mit ihm. Denn die alte Stadt würde dann wieder der Haupt⸗ ſitz eines mächtigen Reiches ſeyn und unſere Grenze im Oſten der Euphrates wie vor Zei⸗ ten, im Norden der Hämus, im Mittag das Mondgebirge und im Abend vielleicht wiederum die Säulen des Herkules, denn wenn die Kraft ſich dem Rechte verbindet, wird der fränkiſche Afterkaiſer dem Cäſar Auguſtus ſchon weichen, und dem griechiſchen das lateiniſche Kreuz.— Verſchiedenen Eindruck machte dieſer Rie⸗ ſenentwurf, erzeugt auf einer felſigen, halb⸗ wüſten, kleinen Inſet des Archipelagus, viel⸗ — 96— leicht übertrieben durch den Berichterſtatter auf die ihm Zuhörenden; der fromme Makrobios rief erfreut: Ei, dazu helfe der heilige Baſilios und die ganze himmliſche Chorarchia, insbeſondere mein gebenedeieter Schutzpatron mit ſeinem Hummeln, daß ich ſolche Freude an der Jung⸗ frau Zoe erlebe! Freilich wäre dann die Pro⸗ phezeihung der Geſtirne erfüllt, denen ich hier⸗ mit feierlichſt Abbitte leiſte— hier unterbrach er ſich plötzlich, ſchaute ängſtlich um ſich her und fragte leiſe: Hörtet Ihr nicht etwas gleich einem Gelächter? Es war als käme es von dem Weibe mit dem Spiegel daher, oder, ich weiß nicht, von allen Bildſäulen zugleich.— Da die Anderen aber verneinten, faßte er ſich gleichfalls und fuhr fort, wenn gleich ein we⸗ nig verworren: Da wäre Alles in Richtigkeit mit dem mehr als königlichen Glanze, mit der Erhebung über alle Weiber und mit dem Looſe Griechenlands, und Hoſianna würde nicht nur der Patriarch ſingen, ſondern alle altgläubigen Chriſten, nicht allein ein Mal, ſondern für ewige Zeiten, und eben ſo lange würde des Fräuleins Zoe Gedächtniß beſtehen! Mag es — dann immerhin der Drachenbrut, dem Mahom⸗ med auch ſo gut werden, wenn er dem alten Drachen abſchwört, nachdem er heißt, und ein griechiſcher Chriſt wird!— Spiridion, der Räucherer, hingegen ant⸗ wortete: Trefflich wäre das allerdings, doch meines Bedünkens etwas ſchwierig; ſelten hat man geſehen, daß der Beſiegte den Sieger be⸗ kehrte.— Mit gefalteter Stirn und verzogenem Munde, als höre er das ungern, verſetzte der Veſtiarius: Noch iſt die zweite Roma nicht beſiegt, guter Thurifer. Und überdem— ſetzte er bedeutſam hinzu: iſt Deine Behauptung falſch. Bildeten die Alten, denen es, obſchon ſie blinde Heiden waren, an Sinn und Ver⸗ ſtand nicht gänzlich gebrach, den Amor nicht ab auf einem Löwen, mit einem Roſenkettlein ihn gängelnd? Doch— brach er ab im Be⸗ wußtſeyn ſeiner höheren Würde und höheren Grades des Vertrauens, deſſen er beim Herrn genoß: das iſt nichts für Euch. Schwierig mag ſolch Vorhaben allerdings ſeyn, auch iſt es nicht das einzige, durch welches jenes Ho⸗ roſtop in Erfüllung gehen mag. Es gibt im 7 Abendlande der ſtreitbaren Prinzen viele, deren Schwert wohl ein Diadem zu erwerben und den Osman zu Paaren zu treiben weiß, im Fall, daß er verſtockt bleibt, und der junge König von Neapolis dürfte wohl nicht verſchmähen, ſein Großgriechenland mit dem Mutterreiche zu ver⸗ einigen, wenn ſolche Bande durch eine liebreiz⸗ ende und alleredelſte Jungfrau gewoben werden, wie unſere iunge Gebieterin Z0e⸗Genia es iſt, auf welcher das unbeſtreitbare Recht der Thron⸗ folge ruht im Falle des Abganges des jetzt herrſchenden Zweiges der Palaeologen.— Dieſer neue Ausſpruch, in welchem Staats⸗ kunſt und Zeichendeuterei wie in jenen Zeiten und auch noch ſpäter ſich ſonderbar vermeng⸗ ten, hatte den ganzen Beifall des Räucherers Spiridion.— Solche Verbindungen— ſagte er mit dem Anſehen eines Mannes, der ſich bewußt iſt, die Chroniken ſeines Vaterlandes, ſogar die Denkwürdigkeiten der Anna Komnena geleſen zu haben: Solche Verbindungen zwi⸗ ſchen Griechenland und Apuliern und Sizilia⸗ nern ſind in der Geſchichte unſers Reiches nichts Neues. Schon vor viertehalb hundert Jahren und mehr hat man ſie geſehen zur Zeit 2—— 2—— des Nikephoros Botoniates und Alexios Kom⸗ nenes, und wenn die ſich damals als furcht⸗ bare Feinde gezeigt, weil man ihnen den Wil⸗ len nicht that, ſo werden, wenn das geſchieht, aus ſolchen oft brauchbare Freunde. Aber Makrobios, der gottesfürchtige Er⸗ leuchtung⸗Aufſeher, ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen und ſchrie: Was muß ich vernehmen, der Schismatiker und der Latei⸗ ner? Mit Vergunſt, Herr Protoveſtiarius, Du ſteheſt weit über mir in Würden und Wiſ⸗ ſenſchaft, aber ich bin froh, daß der Erlauchte mich nicht mit nach Rom genommen, wo auf den ſieben Hügeln die Verführerin ſitzet und Niemand vor ſich läßt ohne Anſteckung der un⸗ ſterblichen Seele. Vom Patriarchen will ich ganz ſchweigen, aber der geringſte Pope würde entbrennen in heiligem Grimm bei ſolchen Ge⸗ danken, denn einmüthiglich rufet die ganze hochheilige Hierarchie: Beſſer iſt es, türkiſch zu ſeyn als lateiniſch.—— Der Veſtiarius ſchauete ihn unzufrieden an und ſagte ſpöttiſch: Eine ſchlimme Wahl iſt es freilich, die Du aufſtellſt, ehrlicher Ober⸗ lampenverſorger, und es kann treffen, daß 2 ⸗ — 100— Mauche anders entſchieden als Du oder viel⸗ mehr Dein geringſter der Popen. Indeß glaube mir— fuhr er geheimnißvoll fort— die Ent⸗ ſcheidung ſteht weder an ihm, noch an mir, noch an Dir, das Schickſal entſcheidet.—— Die göttliche Vorſehung willſt Du ſagen, wohl⸗ edler Herr— verſetzte der Vertheidiger des rei⸗ nen Glaubens.—— Die Antwort war: die göttliche Vorſehung und ihre Diener, von welchen Einige, meines Erachtens, noch uns hier umringen. Dem auch die Geiſter der Finſterniß dienen, wenn gleich widerwillig dem Licht, und gehorchen dem, welcher ſie zu gutem Zwecke aufruft, ſobald er es mit genugſamer Macht thut und auf die gehörige Weiſe.— Und hat denn der Erlauchte dieſe Macht und dieſe Weiſe?— ſiel der unermüdliche Frager ein. Zu gering bin ich, das zu beurtheilen, Du zu gering, es zu verſtehen— entgegnete Si⸗ monides— obgleich das Wiſſen und die Kraft oftmals Geringen zu Theil wird, auch Scla⸗ ven, Sclavinnen ſogar.— Du redeſt wohl, Herr, von der Weißen — 101— und von der Schwarzen?—— Es iſt mög⸗ lich, daß ich von ihnen ſpreche: antwortete zurückhaltend der vertrauteſte Diener des Atha⸗ naſios Phranzes.— Dann nähme ich, wäre ich wie der Herr, die Leuke zu Hilfe— meinte Makrobios— denn ich denke, wie ihre Farbe iſt auch ihre Seele rein wie der Schnee, und hier in dem dunkeln Gewölbe müßte ſie ordentlich leuchten. Ich bin ein freigeborener griechiſcher Mann und achte der gekauften Selaven nicht viel, aber doch hab' ich meine Freude an der Jungfrau. Keinen Gottesdienſt verſäumt ſie und ſtets geht ſie den Andern vor in frommer Inbrunſt, und oft habe ich ſie bei Sonnenaufgang betend ge⸗ ſehen auf dem Felſen über der Höhle. Der Herr aber ſcheint ihr zu grollen ſeit einiger Zeit und ſeine Gunſt der Afrikanerin geſchenkt zu haben.— Das macht— ließ Spiridion ſich vernehmen: Das macht, weil hier weniger Frömmigkeit vonnöthen iſt als Verſtand und Wiſſenſchaft, wie überhaupt in irdiſchen Dingen, wie viel⸗ mehr in ſolchen, die man ſogar ein wenig un⸗ terirdiſch zu nennen verſucht iſt. In den er⸗ — 102— ſten ſteht freilich die gelbgelockte Tochter des Nordlandes obenan, in den zweiten hingegen, mit Vergunſt, höchſt ehrbarer Ampelaufſeher, gewinnt wohl Mele den Preis, obſchon ich nicht begreife, wie ſie dazu kam in ihrer lybi⸗ ſchen Wäſte. Schwarz iſt ſie wie die Nacht, das iſt wahr, oder wie die Sünde, wie man ſagt, aber ihre Augen glänzen wie Sterne, und ich muß ſagen, je länger ich ſie betrachte, je mehr ich mich an ſie gewöhne, deſto ſchöner finde ich ſie. Und was hat ſie nicht für eine Gabe des Redens? Ich und viele Andere noch im Schloße denken ſo, und horchen lieber zwei Stunden den mileſiſchen Mährchen der Afri⸗ kanerin als halb ſo lange den Sittenſprüchen der Leuke, wiewohl ſie aus einem gar lieblichen roſenfarbenen Munde kommen. Der edelſte Athanaſios Phranzes zählt viele Jahre, das Alter iſt froſtig, das weiß ich aus Erfahrung, und ſo wendet es ſich lieber der Glut des Mit⸗ tags zu als dem Eiſe des Nordlandes, ſo ſchön und weiß es auch glänze. Dazu kommt, was man von ihrem Wiſſen erzählt, wie es denn überhaupt bekannt iſt, daß jenſeit des Mond⸗ gebirges viel kluge Leute wohnen, und überdem — 103— ſcheint ſie mir bei weitem geeigneter für dieſen Ort und was daſelbſt geſchieht, als die Andere, die, ſo viel ich weiß, ſich geweigert hat, ihn zu betreten. Die Schwarze aber kennt keine Furcht, ſie iſt hier wie zu Hauſe, und oft hab' ich bemerkt, wie ihr Blick freudig funkelt, wenn ſie dem Herrn bahin folgt. Was ſagſt Du dazu, wohlachtbarer Protoveſtiarius, hab' ich nicht Recht?— Die beiden Mägdlein— ſagte dieſer be⸗ dächtig— ſtehen einmal in Gunſt bei dem Ge⸗ bieter und der höchſtedeln und durchlauchtigen Jungfrau Zoe⸗Genia, drum geziemt es uns, obgleich wir freie Männer ſind und ſie Sclav⸗ innen, auf dem Markte in Famaguſta erkauft, ihr Verdienſt anzuerkennen und zuftieden zu ſeyn, wie die Herrſchaft daſſelbige zu ihren Dienſten gebraucht. Er ſchwieg hier eine Weile, dann ſetzte er geheimnißvoll und mit Nachdruck hinzu: Eins will ich Euch noch ſagen, Freun⸗ de. Was die Lybierin betrifft, ſo glaub' ich, ſie kennt ein Mittel oder mehre, gewiſſe Dinge zu erlangen, welche in den Augen der Welt ſchwierig, ja unerreichbar ſcheinen mögen. Ja, die Jugend iſt gar klug in dieſen Tagen; nun — 104— alles zu Gottes Ehre. Jetzt aber gehen wir eiligſt von hinnen, denn die Zeit iſt da, wo alles fertig ſeyn ſoll; ich meine, heute, als zur zwölften Geburtfeier des edelſten Fräuleins ſteht eine Hauptbeobachtung oder ein anderes wich⸗ tiges Geſchäft bevor. ——— Ein Stündlein— wir wenden uns mit wie⸗ derkehrender Treue zur eigenthümlichen Schreib⸗ art der Legende, von welcher wir uns im vor⸗ hergehenden Geſpräche vielleicht nicht unabſicht⸗ lich entfernt haben— Ein Stündlein mochte der Planetendom im Schloſſe auf Anti⸗ paros einſam geblieben ſeyn, wenn man dieß von ſolchem Orte ſagen kann, auch ſo lange die Menſchengeſtalt in Fleiſch und Bein nicht in ſelbigem wandelt, da öffnete ſich die Pforte, welcher rechts der Merkurius, links aber der Sol ſtand, und es kamen ihrer drei. Jungfrauen waren es, wohl geſchmückt und wohl gebildet, doch jegliche ſehr verſchieden von der Andern an Geſtalt und Gewand. Hoch — 105— und hehr ging die Eine einher, ſchlank und wenig füllreich, und ihres Antlitzes und Kleides blendende Weiße leuchtete gleichſam durch das Gewölbe, wie es auch Makrobios, der Lampen⸗ anzünder bei der Sclavin Leuke vermuthete, und ſie verdunkelte den Schimmer des Mar⸗ melſteins an den Standbildern. Sie ging lang⸗ ſam, doch nicht mit dem Zaudern der Furcht, ſie trat bis in die Mitte des Domes und ſchauete um ſich mit ernſtem Blick und ihr oft lächelnder Mund lächelte nicht. Niedrigeren Wuchſes war die Andere, ſchwarz ihr Antlitz und Gliedmaßen, ja ſelbſt das leichte Gewand, daß die dunkeln Mauern licht er⸗ ſchienen hinter ihr, ihre Geſtalt war zierlich, ihr Mund lächelte, ihr Auge blickte brennend, die Diamanten und Rubinen überſtrahlend, mit welchen der freigebige Gebieter Ohr und Hals der Lieblingſclavin geſchmückt hatte, alſo daß ſie wohl der Königin von Saba glich, wie wir ſie auf dem Bilde ſehen, den weiſen Sa⸗ lomo heimſuchend. Auch gehabte ſie ſich friſch und froh an dem düſtern Ort und zeigte mehr Behagen als Scheu, wie es auch Spiridion, der Räucherer von der Sclavin Mele gerühmt. — 106— Von Beiden verſchieden und doch von Bei⸗ den gleichſam etwas an ſich tragend, zeigte ſich die Dritte. Obſchon zarten Wuchſes, erreichte dieſer die mittlere Größe, obſchon erſt zwölf⸗ jährig, konnte ſie für funfzehnjährig gelten, die Tochter des Archipelagus, wo die Natur nicht lange zurückhält mit den Gaben jugend⸗ lichen Reizes; hellbraun war ihr Haar, das mit reichem Geſchmeide durchflochten in langen gewundenen Locken herabfiel, nicht weiß war ihr Angeſicht und die nach dem Gebrauch des Landes halbentblößten Schultern und Bruſt, ſie waren getaucht in durchſichtige röthliche Farbe, in der das raſche Jugendblut durch die zarte Haut ſchimmerte, ihre braunen Augen blickten feurig und mild, und um den vollen Roſenmund flog bald ein ſinniges Lächeln, bald ein unbefang⸗ enes, auch ſchmollten ſie unterweilen trotziglich, wie denn ſolches zu Zeiten ihr ganzes Weſen ein wenig war, welches an einer Jungfrau ſo hoher Herkunft und dem verzogenen Pfleg⸗ kinde eines etwas ſeltſamen Greiſes nicht ver⸗ wunderlich war.— Sie trug ein leichtes Gewand von perl⸗ farbener ſeriſcher Seide, breite Purpurſtreifen — 107— an demſelben bekundeten ihre Abſtammung vom Kaiſerhauſe der Palaeologen, gewaltige Smaragden funkelten in der Farbe der Hoff⸗ nung, welche ſolchem Alter wohl anſteht, an ihrem Gürtel, umſchlungen von Perlen, dem Sinnbilde magdlicher Unſchuld, und eben ſolche Schnüre wechſelten mit den Purpurbändern ih⸗ res perlgrauen Soccus. Sie ging ein wenig ſchneller als ihre weiße Gefährtin, langſamer als die andere, ein wenig Furcht war in ihrer Geberde wahrzunehmen, viel Neugier in ihrem Auge, und als ſie nun im Mittelpunkte des Domes ſtehen blieb, ein wenig athemlos, mit wechſelnder Farbe und umherſtreifendem Blicke, ſo gab ſie ein gar liebliches Bild, wofür denn auch das ganze Eiland Antiparos die Enkelin des Athanaſios Phranzes erkannte. Wohin haſt Du uns geführt, Mele?— fragte ſie mit hellklingender, aber etwas wank⸗ ender Stimme: Ich fürchte mich ein wenig, denn es iſt ſo dunkel hier und ſo wunderlich dieſe Bildniſſe! Nicht, Leuke, draußen in den vorderſten Sälen iſt es ſchöner, da iſt Tages⸗ licht und Sonnenſchein und alles iſt heiter und fröhlich und mit Luſt ruht das Auge auf den — 1098— ſchimmernden Geſtalten. Laßt uns wieder hin⸗ ausgehen.— Auch ich liebe das Dunkel nicht— ant⸗ wortete die Tochter des fernen Landes: Dem Lichte iſt das Schöne verwandt, ſich freuen ſich ihrer wechſelſeitig und erfreuen des Schauers Auge und Herz. Doch nicht immer und über⸗ all herrſchet das Licht auf dem Erdball, auch durch die Nacht muß ihr Bewohner wandeln; ſo lerne er ſie immerhin kennen, die ihm gleichfalls beſchieden worden von oben, damit er ſich der Rückkehr zum Licht zwiefach er⸗ freue.— Auch die Nacht iſt erfreulich, nahm die Afrikanerin das Wort: und manchmal ermüd⸗ end des Tageslichts glänzend Einerlei. So lange das Herz ſchlummert, ergeht ſich das Auge wohl in dem gewohnten Schimmer, zu⸗ frieden mit den längſt bekannten Geſtalten; ſo⸗ bald es aber erwacht iſt, verlangt es nach Wechſel und blickt nicht ſelten ſehnſüchtig nach dem Dunkel und begehrt ſein Geheimniß zu ergründen.— Geheimniß? flüſterte wiederum zaghaft um⸗ herſehend die fürſtliche Jungftau. —————— 2 Wohl— fuhr Mele fort— Wohl hat ſie ihre Geheimniſſe, hehr und erquickend, wie das Waſſer aus tiefen Felſenbrunnen das reinſte und erfriſchendſte iſt, und Jeglicher begehret nach ſolchem Trunk, wenn ihn die Hite des Tages ermattet, jeglicher empfindet den Durſt zu ſei⸗ ner Zeit, und die Deine, Herrin, iſt gekom⸗ men. Du ſteheſt an der Quelle; auf daß Du ſie finden mögeſt, wenn Du dürſteſt, hab' ich Dich zu ihr geführt und mit Genehmigung deſſen, der bisher für Deine nun entflohene Kindheit Sorge getragen.— Etwas erleichtert verſetzte Genia⸗Zoe: Alſo mit des Großvaters Erlaubniß betrete ich dieß Gemach, das ſo lange verſchloſſen geweſen? Seltſam genug iſt es hier, es ſcheint beinahe wie eine Kapelle, doch ſehe ich nirgend das Zeichen des Heils und keine Heiligenbilder ſind doch wohl die dort an der Mauer?— Du ſteheſt im Tempel der Nacht, in deſ⸗ ſen Vorhof vielmehr— antwortete das lybiſche Mägdlein. Die junge Herrin ſprach: Der Tempel der Nacht? Das iſt ein ſeltſames, von mir noch nimmer gehörtes Wort, und auch Du biſt heut — 110— ſeltſam, Mele, ſo froh wie es ſcheint und doch auch ſo feierlich und überhaupt gar nicht wie ſonſt.— Dem Kinde mag die Tändelei gefallen— entgegnete dieſe— der werdenden Jungfrau noch der Scherz, doch der Sinn begehret ſein Recht, drum ſieheſt Du mich ſinnig und fröh⸗ lich zugleich und immer wirſt Du mich finden, wie Du meiner bedarfſt. Es iſt wahr— hob Zoe nach einer Weile an— Nach und nach fängt es an mir hier zu gefallen und ein Mal etwas Neues zu ſehen. Aber Du ſchweigſt ja ganz, Leuke. Iſt es wohl Unrecht, daß wir hier verweilen in dem Tempel der Nacht, wie Mele dieß wunderliche Gewölbe nennt? Dem Lichte nur, ſagſt Du, iſt das Schöne befreundet und ſie erfreuen das Herz. Ich geſtehe Dir aber, mich fängt an dieſe Dämmerung zu erfreuen, dieſe wankenden Umriſſe, dieſe wunderlichen Schat⸗ ten und Bilder, und da ich nun einmal hier bin und der Vater es geſtattet, möchte ich mich wohl ein wenig umſchauen, wenn Du meineſt, es ſei nichts Unrechtes dabei.— Feierlich und gewiſſermaßen ausweichend — 111— erwiederte Leuke: der den Tag werden ließ, ſchuf auch die Nacht und ſein Auge und Arm ſind nicht an die Bahn der Sonne gebunden. Auch hier und wo Du überall ſeieſt, ſteheſt Du unter der Obhut des Vaters, der dieſen Weg Dir geöffnet.— Du ſieheſt, Gebieterin— fiel die Afrikaner⸗ in ein— auch die Nacht hat ihre Lichter und ihre Geſtalten. Bleich ſind jene zwar, doch blenden ſie nicht, und iſt man ihrer gewohnt, ſo genügen ſie, den Blick zu erhellen, ihre Ge⸗ ſtalten ſind wunderlich zwar, aber nicht ohne Reiz und je länger Du ſie betrachteſt, je ſchö⸗ ner wirſt Du ſie finden. Nicht am Lichte des Tages, Jedermanns Blick preisgegeben, liegt das KFöſtlichſte, das Erhabenſte wohnt in der Tiefe und das Licht, das die Welt erfüllet, wird erzeugt im Schooße der Nacht.— Oftmals hab' ich dergleichen von Vater Atha⸗ naſios gehört, zumal in der letzten Zeit— ſagte die Jungfrau. Mele aber erwiederte: Längſt ſchon haſt Du es gehört, denn ſo lautet nicht nur der Spruch der Weiſen, ſondern die allgemeine Stimme der Natur. Nur iſt Dein Ohr und — 112— Herz jetzt für ſie empfänglich geworden und da Du zu hören gelernt, 6 es auch Zeit, daß Du ſchaurſt.— Nun ſo laß uns denn ſchauen— rief Genia mit beinahe kindiſcher Ungeduld— ſprich, was bedeuten dieſe Standbilder?— Die Planeten— erklärte Mele— die Dir durch die Lehren des Herrn und des Haus⸗ aſtronomen bekannt ſind, doch ſinnbildlich nur. Eigentlich ſtellen ſie Mächte dar, gewaltig über den Menſchen, auch über Dich, Herrin, und doch nur Diener einer einzigen, verborgenen, höheren Macht.— Zoe ſagte etwas unzuftieden: Zwar hab' vom Ahn ſchon gehört, Mele, daß Du hohe Gaben beſitzeſt und mehr verſteheſt als zu tan⸗ zen, zu ſingen und Mährchen zu erzählen. Das genügt mir freilich nicht mehr, doch be⸗ denke, daß Du zu einem jungen Mäbdchen redeſt und nicht zu einem Greiſe, der ſo dunkle Worte verſtehen mag.— Noch wie Dein Auge mit dem Dunkel, hat ſich Dein Ohr nicht auch mit dem Flüſtern des Geheimnißes befreundet, ein wenig Geduld nur und ſie treten freiwillig an Dein Herz, in Dein Herz.— Zum erſten Mal, Lybierin— ſprach Zoe nicht ohne herriſchen Nachdruck— redeſt Du mir heut von Geduld und, wie mich bedünkt, ſehr zur Unzeit. An einen Ort führeſt Du mich, den Du ſelbſt geheimnißvoll nenneſt, und wenn ich frage, antworteſt Du mit Geheim⸗ niſſen. Sprich denn Du, Leuke, ob Du mich gleich manchmal zum Ueberfluß zur Geduld er⸗ mahneſt, ſprich, ich will es. Kenneſt Du die Bedeutung dieſer Geſtalten und welche iſt ſie?— Kurz und mit einiger Kälte verſetzte die hellgelockte Sclavin: Ich kenne ſie— die, welche eben geredet, ſprach wahr, nichts ſind ſie als die Diener der einzigen und höchſten Gewalt, wie Alle, wie auch die, welche mei⸗ nen, ſie ſeyen es nicht. Es war der Pflegling des Silentiars an Zögerung nicht gewöhnt, ſo gedachte er denn, die ſeltſamen und, wie es ihm vorkam, wider⸗ ſpänſtigen Mägdlein zu ſchelten, da ſagte die Schwarze: Frage, hohe Jungfrau, und ich werde antworten.— 8 — 114— Und ſie fragte demnach: Wer iſt der mit dem Bogen und Pfeil? Sieht er doch beinahe einem Jägersmanne gleich. Und die Tochter der Wüſte erwiederte: wohl iſt er ein Jägersmann, der ſeine Geſchoße über die ganze Erde ſendet und noch viel weiter. Es iſt der Sonne Sinnbild, bei den Alten Phöbos Apollon ge⸗ heißen. Kaum— meinte Zoe— Kaum hätte ich ihn für einen dieſer Beiden gehalten, ſchön iſt er zwar, doch nicht freundlich wie der Phö⸗ bos Muſagetes da draußen und finſter ſeine Stirn, nicht ſtrahlend wie die Sonne, wenn ſie über die Berge von Halikarnaſſos nach dem Archipelagos ſchaut.— Auch— ſagte Mele mit einer Art von Läch⸗ eln: Auch iſt es nicht die Sonne, des Tages Spenderin, es iſt ihr verfinſtertes Bild, wie es in dem Tempel der Nacht ſeyn muß, um nicht zu blenden; ein anderer Phöbos iſt er als der Muſaget, und nur den Pfeil weiß er zu handhaben, nicht die Lyra. Auch iſt er ſo eigentlich keins von beiden, ſondern, wie ich Dir geſagt und meine weiße Genoſſin beſtätigt, 11* — 115— das Symbol einer den Menſchen beherrſch⸗ enden Kraft.— Und welche Kraft?— fragte Zoe. Dem An⸗ ſehen des Bildes nach muß ſie eine verderb⸗ liche ſeyn, denn ſtolz und finſter ſchauet er drein, wie auf die Beute, die ſein eben auf⸗ gelegter Pfeil ſich erkoren.— Wohlthätig und verderblich, als beides magſt Du ſie erfinden, frei iſt der Menſch, die Wahl iſt ihm gegeben, und frei iſt die Wahl. So greift er denn nach einem oder dem andern, wie das Gemüth ihn bewegt, oder der Führer, den er erkoren.—— Ich verſtehe Mele heute nicht recht— ſage denn Du, Leuke, wie iſt es mit dieſer Kraft, iſt ſie wohlthätig oder verderblich?— Die, die beides geſagt, hat die Wahrheit geſprochen; lautete die Antwort: ſie kann eins und das andere ſeyn; auf dem, der da wählt, beruhet es, aber irrig iſt der Sinn des Men⸗ ſchen, drum kommt es ihm vor Allem darauf an, den richtigen Führer zu wählen.— Der Jungfrau Antlitz überzog ſich mit den Falten des Mißmuthes und ſie ſprach raſch: Oft habt Ihr mich geärgert durch Euren Zwiſt, 8* — 116— wenn ich gedachte, mich mit Euch zu ergötzen. Heut ſeid Ihr endlich einmal einig und, wie es ſcheint, wiederum, um mich zu ärgern. So ſpreche denn wer da will, wenn nur Eine ſpricht, jedoch meine ich, an Dir ſei die Reihe, Mele, die mich hierher geführt, um mir Neues zu zeigen, und der alſo die Erklärung ob⸗ liegt.— Was mich betrifft— verſetzte die Schwarze ehrerbietig— ſo möchte ich ſie eine wohlthät⸗ ige nennen, zumal für ein Gemüth, welches wie das Deine, Gebieterin, ſich Hoffnung ge⸗ während entfaltet. Die Kraft, deſſen Sinnbild dieſer Bogenſchütz darſtellt, iſt die allererſte, urſprüngliche Kraft, die alle andere erzeugt, die Kraft des Begehrens. Wer ſie in ſich fühlt, der wandelt gleich Phöbos auf hoher Himmelsbahn über die Erde, hinabſchauend, ob er gewahre, was würdig iſt, daß er es wünſche. Gehorſam, edle Genia, ſind die Zeit und der Raum dem Genius, wenig wird dem, der we⸗ nig begehret, und je weiter der Wünſche Kreis ſich dehnt, je mehr mag er umſchließen.— Der Wünſche? fragte beinahe ſich ſelbſt allein die werdende Jungfrau, den Finger nach⸗ — 117— denklich gegen die Stirn erhebend.— Bis jetzt hab' ich noch wenig und ſelten vergeblich ge⸗ wünſcht, doch beginne ich zu fühlen, es ſei noch manch Begehrenswerthes vorhanden, da möchte ich wohl, es würde mir eben ſo we⸗ nig verſagt. Ja, dieß Bild— ſagte die Schwarze leiſe vor ſich hin: Dieß Bild oder was es bedeutet, gibt nicht nur den Wunſch, es mag auch die Gewährung ertheilen.—— Zoe, vor deren jugendlichem Gemüthe ſich plötz⸗ lich der Ozean von Wünſchen aufgethan hatte mit undeutlich wogenden Wellen und fernen nebelbedeckten Ufern, rief: O, dann iſt das ja eine gewaltige und wohlthätige Macht! Sprich, iſt es möglich, daß man ihre Gunſt erwer⸗ be?— Die Antwort war: Durch Wollen kann man ſie ſich geneigt machen, durch beharrliches Wollen.— Dann ſprach das Jungfrau⸗Kind: dann wird es mir nicht fehlen. Ihr Beide wißt es ja, am Willen gebricht es mir nicht, und was ich einmal will, will ich recht und ſo lange, bis ich es habe.— Da fiel Leuke im Tone des ſanften Ver⸗ 118 weiſes ein: Möchteſt Ou es auch wohl? Sieh, Du haſt ſelbſt bemerkt, wie dieß Bild finſter drein ſchaut und gleichgiltig, wohin ſein Pfeil treffe. Möchteſt Du wohl ſo Deine Wünſche verſenden, unbekümmert, ob durch Dein Ge⸗ lüſten nicht ein Herz, viele Herzen vielleicht verbluten? Du biſt nur ein Menſchenkind, Herrin, magſt Du auch den Pfeil in die Ferne abſchicken, ohne Furcht, daß er zurückpralle und die eigene Bruſt Dir durchbohre?—— Betroffen entgegnete das Mägdlein: Du haſt Recht. Es iſt dieß auch ein häßlich Bild und ihm möcht' ich nicht gleichen. Wünſchen iſt zwar ſchön und noch ſchöner, das Gewünſchte erlangen, aber ich wollte es nicht, wenn es Jemand betrübt; ich kann nur froh ſeyn, wenn Andere es mit mir ſind. Beſſer gefällt mir der, der ihm zunächſt ſteht, mit dem Fit⸗ tig am und an den Füßen, mit den heiteren Zügen des Jünglings.— Er iſt— ſagte die Afrikanerin— z Planeten einer, die die Sonne umkreiſen, als ſolcher heißt er Hermes oder Merkurius. Zu⸗ gleich iſt er aber auch einer der Boten der Kraft, welcher Du, Herrin, eben den Rücken — 119— gewendet. Mancherlei Gaben bringt er den Sterblichen und wird hoch von ihnen geehret und das mit Recht, denn zu dieſen Gaben gehört der Reichthum, das ſchätbarſte Gut des Lebens.— Der Reichthum?— fragte Zoe⸗Genia, die Lippe aufwerfend: den nenneſt Du das ſchätz⸗ barſte Gut des Lebens? Sagt doch der Groß⸗ vater, es ſei das verächtlichſte von allen und das entbehrlichſte dazu; der aber ſei glücklich, welcher habe, was er bedarf, und ſo viel bedürfe als er hat.— Mele neigte ehrerbietig das Haupt und ant⸗ wortete mit einem beinahe unmerklichen Lächeln: Der erlauchte Silentiar iſt ein Weiſer und weiſe hat er geſprochen nach den Grundſätzen der ſtoiſchen Philoſophie. Jedoch, o Jungfrau, ſpricht wohl ein Jeglicher ſo, ein Jeglicher aber nach ſeinem Begriff. Der Dürſtende ſehnt ſich nach der Gabe des Dionyſos, der, deſſen Durſt geſtillt iſt, wendet ſich verſchmähend und gleich⸗ giltig von ihr ab⸗ So hat denn dieſer geflü⸗ gelte Bote auch Dir nichts von dieſer Gabe zu bieten; nur um zu erlangen, was ihm man⸗ . gelt, bedarf der Menſch der höheren Mächte. — 120— Doch iſt nicht alles, was er bietet, zu ver⸗ ſchmähen, denn nicht nur des Reichthumes, er iſt auch des Wiſſens Symbol.— Des Wiſſens?— fragte die Enkelin des Schloßherrn, aufmerſam werdend: Gewiß, viel wiſſen iſt ſchön und ich möchte es gern. Aber — ſebte ſie kleinlaut hinzu— Schade iſt es, daß es dazu grämlicher Pädagogen und lang⸗ weiliger Ajas bedarf.— Das Wiſſen, welches dieſer mittheilt, be⸗ darf nicht ſolcher Vermittler— verſicherte die Afrikanerin— von ſelbſt erſchließt es ſich dem forſchenden Geiſte, auf blumigem Erdenpfade, auf luftiger Wolkenbahn führet Hermes den Akolythen dem Ziele zu, das ſein Caduzeus an⸗ zudeuten ſcheint in der Ferne.— Auf ſo leichte Weiſe möchte ich wohl gelehrt werden: auch gefällt mir der Führer— ver⸗ ſicherte das Mägdlein. Du aber, Leuke, ſteh⸗ eſt ſo ſtumm und wie unzufrieden. Sonſt ver⸗ mahneſt Du mich ja oft genug zum Lernen; iſt es etwa mit dieſem nicht, wie die Mele geſagt?— Sie hat wahr geredet— antwortete Leuke: auf ungewöhnlichem Wege führt den Schüler —— dahin, wohin ſein Caduzeus zeigt.— Aber⸗ mals beſchlich ein wenig Ungeduld die reizbare Genia⸗Zoe und ſie ſagte halb ſpöttiſch: Nun wohl, wenn die weiſe Leuke es genehmigt, ſo verſuche ich es wohl mit dem ſchönen und freundlichen Führer auf Blumenpfad und Wol⸗ kenbahn.— Sie ging ſo ſprechend um die Bildſäule herum, ſie mit Wohlgefallen be⸗ trachtend, plötzlich aber malte ſich die Betrof⸗ fenheit auf ihrem Antlitze und ſie rief verwun⸗ dert: Was iſt das? Auf dieſer Seite iſt er gar nicht ſchön und ſieht finſter aus und or⸗ dentlich höhniſch und grimmig. Was hat das zu bedeuten, ſprecht, Leuke, Mele?— Darauf erwiederte die Erſte: Dem Schüler zeigt er auf dem Wege die eine Seite, der Vollendete erſchauet am Ziele die andere.— und— fuhr die Gebieterin fort: die Flü⸗ gel an der phrygiſchen Mütze und am Soccus ähneln dem ungeſtalteten Fittige des Vampyrs, und gleich der giftgeſchwollenen Natter ſcheint die eine Schlange des Stabes zu ziſchen und zu ſprühen, gar nicht wie die Schlange, die wir draußen am Bilde der Hygiäa geſehen und die, welche im Kreiſe gewunden die Urne umſchlingt, —— die mein Großvater für ſein Mauſoläum be⸗ ſtimmt, als Sinnbild der Unſterblichkeit, ſagt er.— Dennoch bedeutet ſie Thnliches— ſprach die weiße Dienerin langſam: denn ſie bedeutet den Wurm, der nie ſtirbt.— Eein widrig Gleichniß— ſagte Zoe, indem ſie leicht erblaſſend etwas zurückwich. Was ſagſt Du, Mele, davon?— Leichthin verſetzte dieſe: Leuke hat wahr ge⸗ ſprochen, zwei Seiten hat die Wiſſenſchaft, die heitere wendet ſie dem Schüler zu, von ſelbſt ſucht der Meiſter die ernſte. Was Du ſonſt an dem Standbilde ſieheſt, mag Dich nicht be⸗ fremden, der Fittig der Fledermaus deutet dar⸗ auf, daß dem Blicke des Kundigen die Nacht hell iſt wie der Tag, von jeher war der Drache ein Sinnbild der Wachſamkeit, allegoriſche Zei⸗ chen des Strebens nach Wiſſen ſind es, des Wiſſens ſelbſt dieß zwiefache Antlitz.— Laß Dir ſagen, Mele— ſprach die Herrin eifrig: daß ich die Wiſſenſchaften, die zwei Seiten haben, nicht liebe, und noch weniger zum Führer ſolche, die ein zwiefach Angeſicht haben. Solchen iſt, wie der Vater ſpricht, nicht zu trauen, lieber ſehe ich noch meinen alten Hiſtorienlehrer, mürriſch ſieht er wohl aus, aber auf beiden Seiten doch gleich. Weg von dem zweideutigen Bilde; gehen wir zu der ſchönen Frau dort mit dem Spiegel.— Wohl iſt ſie ſchön— ſagte die Lybierin mit dem Feuer der Begeiſterung— und ſchön wie das Bild iſt ſeine Bedeutung. Der Mor⸗ genſtern glänzt über ihrem Haupte, das ſchön⸗ ſte unter den Geſtirnen des Himmels.— In unſern heiligen Büchern ſteht, der Mor⸗ genſtern ſey vom Himmel gefallen— verſette die Jungfrau, die nach damaligem Gebrauche mehr in ſcholaſtiſcher, etwas myſtiſcher Theologie bewanderter war als in anderer Wiſſenſchaft, abſonderlich in der Sternkunde, und deren Au⸗ genlider Lucifer niemals offen beſchienen: Iſt er wieder aufgenommen an der himmliſchen Sphäre? Das ſollte mir lieb ſeyn um ſeines reizenden Sinnbildes willen.— Einen Moment lang ſenkte Mele die flam⸗ menden Augen, dann erhob ſie ſie wieder und ſagte begeiſtert wie zuvor: Wie ſollte auch der Himmel verſtoßen, was ſeine ſchönſte Zier iſt, wie gleichfalls der Erde?! Allnächtlich funkelt — 124— der Stern der Liebe am Himmel, wenn die Sonne untergegangen, und ehe ſie aufgeht, und fort und fort waltet auf Erden die Liebe!—— Die Liebe? wiederholte Zoe, indem ein leichter Purpur ihre Wangen überzog, gleich der Farbe der eben aufbrechenden Roſe: Viel habe ich von ihr gehört, doch mochte ich es nicht recht begreifen, aber etwas Schönes muß es drum ſeyn, ſchöner als Reichthum und Wiſſen. Sage mir, Mele, iſt ſie auch eine Dienerin deſſen, den Du die Kraft des Be⸗ gehrens genannt?— Sie iſt die erſte unter ihnen— war die Antwort— denn auch in ihr iſt beides befind⸗ lich, das Begehren und die Erfüllung. Die mächtigſte iſt ſie, denn noch hat kein Sterb⸗ licher ſich ihrer Herrſchaft entzogen.— Wohl glaube ich Dir— antwortete unbe⸗ fangen Zoe: Unſere Mädchen auf Antiparos ſingen daſſelbe von ihr. Aber, Leuke, warum ſteheſt Du ſo abgewendet? Biſt Du der Liebe denn feind. Leuke, die goldgelockte Jungfrau, verſetzte feierlich: Wie ſollt' ich, Herrin, wohl die Liebe ſchelten, Den reinſten Abglanz von dem ew'gen Licht, — 125— Der ſeinen Strahlenganz um alle Weiten, Auch um des Menſchen Mikrokosmus flicht? Wohl mag die Liebe für das Höchſte gelten, Doch dieß ihr Abbild iſt das Wahre nicht. Die Strahlen, die dem Brunn des Lichts entquellen, Vermag der Erde Dunſtkreis zu entſtellen. Etwas kleinmüthig ſagte Genia: Du magſt Recht haben, Mägdlein; des Himmliſchen ge⸗ wahr' ich nicht an dieſem Bilde, wie es an der Panagia zu finden und den Gemälden der Heiligen und Märtirinnen, welche die Kapelle des Palaſtes ſchmücken; aus dieſem Antlitze, aus dieſer Geſtalt ſpricht die Freude, am Le⸗ ben zwar nur, aber man mag ſich doch nicht enthalten, ſie mit Freuden zu ſehen. Auf, Mele, vertheidige doch das Standbild, von dem Du mit ſolcher Begeiſterung ſprachſt; wie mich dünkt, iſt es die Liebe, deren Du in Deinen mileſiſchen Mährchen hin und wieder erwähneſt; obgleich ich ſie nicht gänzlich verſtehe, ſo höre ich ihnen doch gern zu, ſo wie ich dieß Bild⸗ werk gern ſehe. Sprich, iſt es ſo tadelhaft, wie Leuke geſagt?— Was ſie ſagte, iſt die Wahrheit— entgeg⸗ nete die Afrikanerin: üjber der Erde und unter — 6— ihr rings um wohnt die Kraft und der Be⸗ griff, und denen, die auf ihr wandeln, nur faßlich durch die Geſtalt. Darum erfanden die weiſen Meiſter das Sinnbild, daß ſeine Be⸗ deutung anſchaulich werde; damit er es aber auch dem Gemüth ſei, ließen ſie dem überird⸗ iſchen die irdiſchen Formen, denn durch die Sinne führet der Weg in's innerſte Herz. Viel Dinge gibt es im weiten Reiche der We⸗ ſen, ruhend in ewiger Einſamkeit und unbe⸗ kannt, weil des Menſchen Sinn die Brücke zu ihnen noch nicht gefunden, ſo ziehet denn die Weisheit das Hohe herab in den Dunſtkreis der Erde, daß es ihr und des Menſchen Eigen⸗ thum werde.— Mit nichten— entgegnete Leuke ernſt: Nicht herab zieht die Weisheit das Hohe, ſie erhebt den Menſchen zu ihm.— Ich bin ſehr jung noch und der Ahn nennt mich ein halbes Kind— fiel Zoe ein: Ihr ſeid völlig erwachſene Jungfrauen und ſtehet, wie ich täglich mehr begreife, mit Recht in dem Rufe tiefer Gelahrtheit und Klugheit, ſo laßt Euch denn ſagen, daß mir die Kunſt oder die Weisheit bequem und erfreulich dünkt, die, uns den halben Weg erſparend, das Ferne, Unbekannte in unſere Nähe führet. Zweierlei iſt wohl die Liebe, das begreife ich, die, von welcher Leuke redet, und die in Mele's Geſän⸗ gen und Mährchen; auch ſchöner mag die erſte ſeyn, doch warum birgt ſie ſich im Ge⸗ heimniß? Warum ſteigt ſie nicht herab zu den Menſchen?— Zu Zeiten ſteigt ſie herab— war die Ant⸗ wort der Weißen— aber leider wird ſie mei⸗ ſtens verkannt, wie unter andern ein hohes Beiſpiel gelehret.—— Dann liegt wohl die Schuld an ihr— entſchied die weiſe Richterin. Einen Augenblick lang ſenkte ſich die Wim⸗ per der goldlockigen Sclavin, wie von einem duftigen Thauwölkchen beſchattet, Mele's Auge aber ſtrahlte heller und die dunklen Purpur⸗ lippen zeigten die weißen glänzenden Zähne. Worauf deutet der Spiegel— fragte dar⸗ auf Zoe: den Kyprios hält, oder da es keine Heidengötter mehr gibt, ſeit der geſegneten Nie⸗ derfahrt des Erlöſers, das Sinnbild der Schön⸗ heit und Liebe?—— Alles was lebet und athmet, drängt ſich zum Quell der Schönheit und Liebe, und in ſeiner — 128— klaren Fluth ſchaut jeder ſich ſelbſt, liebend und verſchönt, wie einſt die Mythe von Narziſſos erzählt; dann iſt der Spiegel auch wieder nur ein Spiegel, ſetzte ſie leichthin und beinahe ſcherzend hinzu. Und ſo jung meine reizende Gebieterin iſt, kennt ſie doch ſchon deſſen Ge⸗ brauch.— Dieſe antwortete mit nicht ganz auftichtiger Beſcheidenheit: Noch niemals hat mich mein Spiegel ſo genannt wie Du, Mele, afrika⸗ niſche Schmeichlerin.—— In dieſem wür⸗ deſt Du die Wahrheit finden, denn wenn die Schönheit in ihn ſchauet, ſo erkennet ſie ſich ſelbſt, ihre Macht und ihre Wirkung.— Wahrhaftig? rief die kleine Schöne ſelbſt⸗ gefällig— ja, wenn das iſt und ich wirklich ſchön wäre, möchte ich mich gar gern darin ſehen.—— Noch nicht, ſprach die Lybierin nach einigem Zögern— Doch biſt Du die Gebieterin und ich die Magd, es ſoll geſchehen, ſobald Du es wieder begehreſt, denn nicht zum letzten Mal haſt Du, hoffe ich, vor dieſem Bilde geſtanden.— Das hoffe ich auch, denn es gefällt mir — 129— über die Maßen, was auch Leuke, die ſtrenge Tadlerin dazu ſage.— Die Erde iſt dieß, der Planet, deſſen Tochter Du biſt— fuhr die Schwarze in ihrer Erläuter⸗ ung fort: und die allgemeine Natur, die Erzeug⸗ erin und Erhalterin alles Lebens, darauf deuten dieſe Quellen, an welchen alle ſich tränken, an den Buſen der gütigen Mutter geſchmiegt.— Das beßte Sinnbild iſt dieß vor allen, die Du, Zoe, bis jetzt hier geſehen— ließ ſich Leuke vernehmen: doch nur ein unvollkomme⸗ nes. Nicht die Natur ſtellt es dar, nur ih⸗ rer Dienerinnen eine, die Amme des Lebenden, nicht ihre Mutter, nur wenig Kinder trinken an ihrer Bruſt, tauſendmal Tauſende aber an reineren Quellen. Dem Säugling behagt der Amme nährende Milch, dem, der der Kindheit entwachſen, frommt andere Nahrung, und die befreiete Pſyche ſehnt ſich von der Amme zum Vater.— Ein wenig ſonderbar biſt Du, Leuke, das muß man geſtehen— wandte Genia ein— ſchön iſt dieß Bild und, wie mich dünkt, auch treffend. Heißt nicht, was uns auf der Erde umgibt, die Natur, iſt ſie nicht die Erzeuger⸗ 9 —— in alles Schönen und Herrlichen, das ich ſehe, nicht die meinige, des dankbaren, fröhlichen Kindes, das es ſieht? Schelte mir die Erde nicht, Leuke, mir gefällt es ſo wohl auf ihr, und wenn ich mich nach etwas ſehne, ſo iſt es, recht lange zu verweilen und alle Freuden zu kennen, die ſie beut. Sie iſt freigebig gegen mich, die gütige Mutter, und hat mir vieles geſchenkt, eine fröhliche Jugend, den Ahn, den Vater, die Mutter und liebe Geſpielen, auch Dich, Leuke. So meine ich denn, ſie wird auch künftig nicht geiziger ſeyn, und ich wäre undankbar, wollte ich ſie eine Amme ſchelten, eine ge⸗ miethete Dienerin, wie Du es thuſt.— Die Weiße ſchauete ihr mit freundlichem Blicke in's Auge und ſagte: Und doch iſt ſie gleichſam nur gemiethet zu nennen, denn ihre Pflege iſt auf kurze Tage beſchränkt. Dank⸗ bar magſt Du ihr ſeyn, doch hüte Dich, allzu viel von ihr zu begehren, und in der Liebe zur Pflegerin vergiß nicht des Vaters, der Dich ihr anvertraut, damit Du Dich ihrem Arme entwindeſt, ſobald ſeine Stimme Dich ruft.— Die Deutung des Füllhorns iſt nicht — 131— ſchwer— fiel Zoe ein— was verſtand aber der Meiſter unter dieſem verſchloſſenen, mit ſie⸗ ben Siegeln verſehenen Kiſtlein?—— Wie — erwiederte Mele— Wie die Natur für Alle ohne Unterſchied Gaben darbietet zum all⸗ gemeinen Genuß, mag ſie auch andere ihren beſondern Günſtlingen verleihen, jene ſtellt das Füllhorn dar, das Kiſtlein dieſe. Es enthält die Schätze, denen beſtimmt, die der Führung des Hermes folgen, ſein Stab ſprengt die ge⸗ heimnißvollen Siegel und wem ſie ſich geöffnet, dem wird das Köſtlichſte zu Theil, des Geiſtes und Leibes erquickende Nahrung, die Am⸗ broſia.— Und wer ſie gekoſtet in frevelnder Gier— ergänzte Leuke mit Nachdruck— den erfaßt der nimmerſatte Hunger, der nie zu ſtillende Durſt, und in dem Durſte ſaugt er fort und fort an den Brüſten der Erde und ihre Quelle wird ihm zu berauſchendem Gifte, alſo daß er, wie ſie von ſteinerner Krone gedrückt, ermüdet tiefer und tiefer hinabſinkt, denn der taumelnde Schritt vermag nicht, ihn aufwärts zu tra⸗ gen.— Mele antwortete nicht und ſo entſtand eine 9* — 132— Stille, während welcher Zoe von einer ihr un⸗ erklärlichen Bangigkeit ergriffen, ſich von dem Bilde der Iſis⸗Kybela abwandte. Da unterbrach die Schwarze die Folgereihe der Statuen und führte die Herrin, wie vorher die Legende den Leſer, zum Bilde des Mars.— Des Krieges Symbol iſt dieß— ſprach ſie— und der Stern, der ſeinen Namen trägt, wie die Aſtrologen behaupten, dem Menſchen verderblich. Doch iſt es mit ihm wie mit je⸗ der das Schickſal der Erdbewohner beherrſch⸗ enden Gewalt, verſchieden iſt ſein Wirken, wie die Zeit, der Raum und des Menſchen Sinn ſie geſtaltet.— So iſt es, Herrin— ließ ſich die Weiße vernehmen— Nichts, was aus dem Urquell der Dinge hervorgeht nach ewigem Geſetz, iſt verderblich, ob es auch ſo ſcheine, und wenn es ſolches wird, geſchieht es durch den Raum der Zeit und des Menſchen Gemüth.— Des Haßes Symbol iſt er auch— fiel die Schwarze ein— der Haß aber iſt unent⸗ behrlich wie die Liebe, und im Streite zwiſchen beiden beſteht die wechſelnde Welt.— Durch den Haß? fragte die kindliche Jungfrau mit — 133— Befremdung: Wie mag auch der Haß noth⸗ wendig ſeyn und ſogar erſprießlich? Wahrhaf⸗ tig, Du biſt mitunter abſonderlich, Mele, und kennte ich Dich nicht als fröhlich und unbe⸗ fangen und bemüht, Dir Aller Zuneigung zu gewinnen, ſo würde ich, nach dem was Du ſprichſt und wie Du Dich überhaupt heute ge⸗ habſt, ſeltſame Gedanken faſſen⸗ Mir iſt der Haß, obſchon ich nichts von ihm kenne als ſeinen Namen, abſcheulich und ſeine Nenn⸗ ung betrübt mich.— Fern ſei es von mir, Herrin, Dich be⸗ trüben zu wollen— ſagte die Schwarze— und troſtlos würde ich ſeyn, ſetzteſt Du Miß⸗ trauen in mich. Doch hab' ich das jetzt nicht verdient, denn nur die Wahrheit enthalten meine Worte. Schön mag das Reich der Liebe ſeyn und licht, doch iſt es einförmig und Lühlend ſtil, bis der Haß nahet und im Kampfe ſich Wärme erzeugt und Thatkraft und Leben. Alſo beſtehet die Welt; damit aber ſie im Streite nicht vergehe, iſt die Schönheit vor⸗ handen, daß ſie die feindlichen Gewalten ver⸗ — 134— ſöhne. Willſt Du mir nicht glauben, fürſt⸗ liche Jungfrau, ſo frage meine Gefährtin.— Da dieß nun geſchah, antwortete Leuke: Wahr hat Mele geſprochen; im Streite zwi⸗ ſchen Liebe und Haß beſtehet die Welt wie ſie iſt, und lange noch wird ſie alſo beſtehen, bis die urſprüngliche Schönheit den Haß be⸗ ſiegt und Alles umfängt in unvergänglicher Liebe.— Das— rief Z0e— das iſt eine gar köſtliche Gabe und Gewalt der Schönheit, und man könnte ſie ſich deßhalb wohl wünſchen.— Alt iſt dieſe ihre Macht— verſicherte die Lybierin: und oftmals erprobt und wird ſich auch künftig bewähren. Mit Recht rühmeſt Du ſie, die Dich ſchmückt, mit Recht nenneſt Du die Gewalt köſtlich, die Dir geworden. Es wird die Zeit kommen, da Du ſie übeſt, und wenn ein Bild wie das Deine aus dieſem ehernen Schilde widerſtrahlt, dann verſchwindet das gräuliche Antlitz der Gorgo und dieß Schlangenhaar wird zu wallenden blumendurchflochtenen Locken, dann ſenkt ſich das Schwert in die Scheide, dann erhellet ſich Mavors finſtere Stirn, und — 135— im Helme, der ſie nicht mehr bedeckt, niſten, wie der Mythos ſagt, die Tauben der Ana⸗ dyomene.— Zoe⸗Genia ſchwieg, aber die höhere Röthe ihrer Wangen, der ſchnelle und lautere Athem⸗ zug deuteten an, daß unter manchem Gefühl, welches ſeit wenigen Augenblicken aus dem Schlummer erweckt worden, die befriedigte Ei⸗ telkeit nicht das geringſte war, und das Ge⸗ fallen an der ihr zugeſchriebenen Macht, doch wandte ſie ſich ab vom Bilde des Ares, ſprech⸗ end: Noch blickt er finſter drein und glühend, noch leuchtet auf ſeinem Schilde das häßliche Meduſenhaupt, drum laſſet uns weggehen von ihm zu dem Andern, der wohl einen König darſtellt oder ſonſt einen mächtigen Herrſcher.— Auch iſt es ein ehemals mächtiger Herrſcher, und noch heut zu Tage das Sinnbild der Herrſchaft im Empyreum und auf Erden. Der Stern, der über ſeinem Haupte funkelt, iſt der ſtrahlendſte und gewaltigſte unter den Planeten, und wie er am Himmel ſeine Bahn wandelt in ruhiger Majeſtät, alſo ſchreitet hie⸗ nieden die Gewalt einher in der Fülle beftiedigter Kraft, nichts begehrend, als was ſie erreichen — 136— kann, und alles erreichend, was ſie begehrt. Es iſt Zeus, Gebieterin, den Du ſieheſt.— Ich erkenne ihn wohl an dem Blitzſtrahl für den donnernden Zeus, entgegnete die Jung⸗ frau— Aber als ſolcher iſt er mehr ein furcht⸗ bares Bild der Macht denn ein ſchönes. Wär' ich zum Herrſchen geboren, nicht ſolch Emble⸗ ma würde ich mir wählen; beſſer gefällt mir das Bildwerk an der Urne draußen im Saal, wo der, den die Heiden den Vater der Götter und Menſchen nannten, auf dem Wolkenwagen daher fährt, die Hand ſegnend ausſtreckend über die Erde und vor ihm die Botin der Gnade und Hoffnung ſchwebend, die freund⸗ liche Iris mit dem Regenbogen.—— Nahe am Throne biſt Du geboren, fürſtliche Herrin — verſetzte Mele: und unbeſtimmt iſt, was Dir die Zukunft bewahrt. Möge Milde und Sanftmuth, die Dich zieren, immerhin Deine Jugend verſchönen; wenn aber einſt zur Wirk⸗ lichkeit wird, was mir, was einem hochver⸗ ehrten Greiſe die Ahnung zuflüſtert, dann wird die Erfahrung Dich lehren, daß die Ge⸗ walt nur durch Strenge beſteht, einherfahrend auf ehernen Rädern, mit gleichgiltiger Hand 137— die Blitze verſendend, unbekümmert, wen ſie zermalmen, nur ſich ſelbſt betrachtend, und ihr Wollen, denn nicht von getheiltem Willen wird das Große erzeugt. Ein ſclaviſch Ge⸗ ſchlecht iſt das Geſchlecht der Menſchen und nur zitternd gehorſamt der Sclave. Gleich⸗ giltig blickt er bald auf den immer heiteren Himmel, und der Iris farbige Brücke erfteuet ihn nur, über dunkle Wolkenabgründe ge⸗ bauet.— Ein ſclaviſch Geſchlecht wären die Men⸗ ſchen?— fragte Zoe kopfſchüttelnd, aber mit ſchwankender Stimme, gleich als beſchäftige ſie eben ſo ſehr als dieſer Zweifel die Andeutung auf ihr künftig Geſchick: Nur zermalmend waltet die Macht und nur über Zitternde? So mag immerhin nicht geſchehen, was Du ſagſt und auch wohl der Ahn hier und da in räthſelhaften Worten geſprochen, ſo ſchön es auch ſeyn mag, zu herrſchen. Was iſt Deine Meinung, Leuke, ſagſt Du auch jetzt, daß die Afrikanerin die Wahrheit geredet?—— Feierlich wie zuvor antwortete dieſe: Eine nur iſt die Quelle der Wahrheit, doch vertheilt ſie ſich in unzählige Ströme, und wie ſie ſich — 138— über die Erde ergießt, trübt ſich die Fluth. Zu ſolcher haben Dich Mele's Worte geführt und nur ihr wankend Bild haſt Du geſehen, wie Du in dieſer Geſtalt nur ein eitles Schat⸗ tenbild der höchſten Gewalt ſieheſt. Frei iſt der Menſch, und auch Selav', frei iſt er ge⸗ boren, doch gibt er nur allzu oft die Freiheit dahin gegen Ketten, von ihm ſelbſt und von Anderen geſchmiedet und, des Herrn vergeſſend, beugt er ſich vor dem Zwingherrn, deß das unfrei gewordene Geſchlecht nicht zu entbehren vermag. Doch auch entartete Kinder bleiben die Kinder des Vaters und zürnend blickt er auf den, der ihre Feſſeln erſchwert und in über⸗ müthiger Nachahmung den göttlichen Blitzſtrahl führt in der ſterblichen, in der frevelnden Hand. Wahrlich, ich ſage Dir, Jungfrau, er wird ſolche Afterbilder ſeiner Herrlichkeit zerſchmettern, wie einſt dieſe täuſchende Herrſchergeſtalt in den Staub fiel!—— Ehre ſey Gott allein in der Höhe!— ſetzte das Jungfräulein fromm hinzu, dann ſprach es aber, noch immer Mele's Verheißung ge⸗ denkend: Wenn es mir beſchieden, auf dem Throne zu ſitzen an eines Gewaltigen Seite, — 139— ſo ſollte die Milde neben der Strenge ſtehen und die Welt vertrauend zu der Macht empor⸗ blicken, nicht zitternd, wie zu dieſem finſtern, gebieteriſchen Gott.— Und wenn Du ſo thäteſt, Herrin— fiel die cybiſche Dienerin ein: übteſt Du ein unver⸗ äußerlich Recht, denn mächtiger als die Macht ſind Schönheit und Liebe. Haſt Du nicht oft ſchon den Eros dargeſtellt geſehen, wie er den Löwen gängelt, das Symbol der Kraft und Gewalt? Reich ſind die Sagen Deiner Vor⸗ vordern an ſolchen Andeutungen, vor allem die Sagen vom Zeus. Eine aber iſt mehr als die andere ſinnreich und von tiefer Bedeutung. Auf dem Rücken des Gottes ſchwamm die Jungfrau an das Geſtade des Welttheils, nach ihr Europa genannt, und das wüſte unbekannte Gefilde ſchmückte ſich, als ſie es betrat, mit Blumen und bald bevölkerte das Geſchlecht der Menſchen die Einöde. Noch iſt Zeus nicht gänzlich vernichtet, noch walten ſeine Ebenbilder auf dem Throne, und vielleicht erſcheint aber⸗ mals eine Jungfrau, die wie jene Europa und Aſien in Frieden und Freundſchaft ver⸗ bindet!— — 140— Die Stimme der Schwarzen hatte hier ei⸗ nen Ausdruck von Feierlichkeit angenommen, ihr Blick ruhete feſt und forſchend auf Zoe, während ihr lächelnder Mund dem Gleichniße einen gefälligen Sinn lieh, und ganz entging derſelbe dem jugendlichen Mägdlein nicht und es wallte leiſe und unbegriffen etwas empor in der zarten Bruſt, und es ſchauete beklom⸗ men und in noch nie gefühlter Scheu auf Leuke; die aber blickte vor ſich hin ernſt, mit ſtummen Munde und ſchweigenden Zügen. Die der Jungfrau gingen indeß urplötzlich in ſprechendes Entſetzen über und ſie fragte bänglich: Aber jenes grauſenhafte Greiſenbild dort, iſt es der Tod? Wohl haben, wie ich weiß, die Alten ihn abgebildet als einen freund⸗ lichen Jüngling mit umgeſtürzter Fackel, aber dieſe Geſtalt ſcheint mir beſſer für den geeig⸗ net, der aller Freude ein Ende macht und aller Lebensluſt. Gehört er denn auch zu den Pla⸗ neten? Doch wohl, denn leider ſind alle Men⸗ ſchen dem Streiche ſeiner Senſe verfallen, die eben dieß Kindlein getroffen zu haben ſcheint.— Es iſt nicht der Tod— erklärte die Schwarze: doch ihm einigermaßen befreundet, —— denn es iſt die Zeit, in deren Gefolge er über die Erde wandelt. Schön iſt dieß Bild nicht, aber wohl ſinnig, meine junge Gebieterin hat indeß noch lange Friſt, es aufmerkſam zu be⸗ trachten.— Nie iſt es zu früh, ſolches zu thun— warf Leuke ein: denn, wie Mele mit Recht ſagt, ſinnig iſt dieß Bild.— Aber ſehr häßlich— erklärte die verwöhnte und reizbare Jungfrau— und wir wollen es laſſen, wenn eine von Euch nicht Erfreulicheres davon zu ſagen weiß, wie ich es mir denn bei dieſem wiberwärtigen Alten kaum denke.— Und doch— ſagte die Lybierin: ſo Du ein wenig Geduld haben willſt, edelſte Jungfrau, welche freilich von nöthen im Betreff auf die Zeit. Für jetzt nur ſo viel. Der Stern, den er darſtellt, der bleiche Saturnus, der äußerſte im Planetenſyſtem, ſoweit es der Blick des Erdbewohners heut zu Tage überſchaut, deu⸗ tet auf die Vergangenheit, welche mißgünſtig auf das Neuere blickt, das es verdrängte, wie Zeus den Vater von dem Olymp, und gilt da⸗ her für den Menſchen Verderben bringend, und Thieren und Pflanzen. Die Vergangen⸗ — 142— heit aber ſtirbt nie, denn jeder Augenblick, der dem andern vorangegangen, fällt ihr anheim, und ſo wird ſie zur ewig wandelnden Zeit. Wie aber der alte Kronos aus einem Herrn ein Diener geworden des Sinnbildes der Kraft, ſo iſt er auch allen Kräften unterthan und muß ihnen widerwillig gehorchen.— Nur zu oft— ließ ſich die Weiße verneh⸗ men: wird er ihr Herr, nur der ewigen nicht, die erhaben iſt über die Zeit und über den Raum, in welchem ſie waltet, und wem de⸗ ren ein Strahl beiwohnt, wird beider Beſie⸗ ger.— Leuke ſpricht wahr— beſtätigte die afrika⸗ niſche Sclavin— Wem höhere Kraft beiwohnt, mag ſie überwinden, und alle die Gewalten, die Du hier ſieheſt, ſind ſeiner Gewalt Erben und Beſitzer, des Begehrens feurige Kraft, des Wiſſens Genius, der Liebe wohlthätiger Zau⸗ ber, die immer erzeugende Natur, des Haßes aufregend Gefühl, der Gewalt Befriedigung haben ſich in ihr Reich getheilt, und was der greiſe Wanderer bringt, iſt ihr Eigenthum.— Bis er es wieder vernichtet— erinnerte die Norhländerin ernſt: was er aber nicht erzeugte, — ——— — 143— mag er auch nimmer vernichten, und der es be⸗ ſizet, den begleitet es über die Schranken der Zeit.— So iſt es, Herrin— erwiederte Mele leb⸗ haft, gegen Zoe gewendet: Die Kraft iſt nicht von ihr geboren, ſie währet über ſie hinaus, und wem ein günſtig Geſchick ſolche verliehen, wendet, wenn der Augenblick da iſt, ihr ſieg⸗ reich und triumphirend den Rücken, daß wie er bisher ihr gefolgt, ſie ihm nun folge mit allen ihren Gaben, ſie nicht widerwillig ertheil⸗ end, ſondern als einen gezwungenen Tribut, zu geben vermögend, doch nicht zu entreißen. Allzu tiefſinnig ſprecht Ihr für mich, Ihr Mägdlein— ſagte Genia: als daß ich Euch gänzlich begriffe.— Das Wenige, was ich weiß— war der Schwarzen Entgegnung: ſteht Dir bereit, ſo⸗ bald Du es gebieteſt, wie Alles, was ich ver⸗ mag.—— Dir ward das Urtheil gegeben — ſtetzte die Weiße hinzu: und die Wahlz wenn Du mich frageſt, werd' ich Dir antwor⸗ ten.— Ihr Beide ſcheinet mir eine ſolche aufzuer⸗ legen— ſprach Zoe nachdenklich: denn Jede — 1— meinet, es thue Noth, Meiſter zu werden über die Zeit, und doch ſeid Ihr nicht über die Weihe.—— Die leichteſte dünkt mich die beßte, und die Genuß gewährt, ſtatt Opfer zu fordern, verſicherte Mele; Leuke aber ſprach: Nicht die leichteſte wohl, doch die, welche das Unſchätzbare nicht zum Opfer erheiſcht.— Es iſt— ſagte die Jungfrau— als müſſe man ein ſolches dieſem Bilde bringen, oder was es bedeutet; ſehet nur dieſen Kinderleich⸗ nam. Man mag kaum erkennen, nimmt es daſſelbe für ſich ſelbſt, oder bietet es einem An⸗ dern, wohl auch einer Gewalt, wie Ihr es nennet. Löſet mir, wenn Ihr könnet, dieß Rächſel, das uns ein wunderlicher Bildmeiſter aufgeſtellt.—— Der Körper fällt der Zeit anheim— war die Antwort der Erſten: denn er iſt ihr Unterthan und Erzeugter; der unſterb⸗ liche Geiſt aber ſcheidet hinweg mit den Krän⸗ zen und Trophäen des Sieges.— Und die Zweite: Was vom Staube geboren, verfällt dem Staube der Vergangenheit, des Lichtes Kind aber, von ihm ſcheidend, ſchwingt den Fittig nach oben, ſo die Zeit ihn nicht gelähmt, — 145— daß ſie es gefeſſelt dem übergebe, das nach ihr folgt. Nachdenklicher noch als zuvor ſchauete Ge⸗ nia auf das Bild des Saturnus, dann auf die beiden Genoſſinnen; da aber Beide ſchwie⸗ gen, lenkte ſie ihre Schritte zögernd nach der achten und letzten Statue des Domes der Pla⸗ neten. Und eine ſolche Veränderung hatte ſich mit der Jungftau während ihres Ganges durch den Dom ereignet, daß ſie nicht, wie bei den andern geſchehen, in jugendlicher Lebhaftigkeit, ja bei⸗ nahe in kindiſcher Verwunderung oder Erſchrek⸗ ken aufſchrie bei dem allergräulichſten Bildniße der Hekate; zwar vermochte ſie nicht, es ohne heimliches Schaudern zu betrachten, aber nur ſchweigend und mit ſinnigem Blicke hob ſie den Zeigefinger gegen die Königingeſtalt, auf Leich⸗ namen und Ungethümen thronend, gleichſam um von ihren dienenden Geſpielinnen eine Er⸗ klärung derſelben zu fordern. Leuke war einige Schritte abſeit zurückgeblieben, der Herrin dicht zur Seite ſtand die lybiſche Sclavin. Du ſieheſt— begann dieſe: über der drei⸗ fachen Krone der Herrſcherin ſchwebend den 10 — 146— Mond, den Herrſcher der irdiſchen Nacht und in ihr in dieſem Sinne und in anderem noch dieſes Tempels vornehmſte Gottheit.— Sprich nicht ſo, Mädchen— ſagte Zoe ernſt und mit bewegter Stimme: Es iſt kein Gott außer Einem. Die antwortete lächelnd: Entſchuldige mich, Herrin, wenn ich die Sprache des Mythos und ſeiner Tochter, der Allegorie rede, zumal an einem Orte, der beiden vorzüglich geweihet iſt. Auch iſt ſie nicht ohne Sinn dieſe Sprache, nur eine Weile beharrend, dann kommt das Verſtehen und mit ihm der Begriff, der ohne dieſelbe in unvernehmbaren Geiſtertönen, alſo auch vergeblich zum Kinde der Erde redet, zum Pfleglinge der Planeten.— Es lag in dieſen Worten der Mele und in ihrer Geberde, als ſie ſie ſprach, eine Art ſiegeriſchen, überhebenden Stolzes. 30e gewahrte ſolches aber nicht und fragte, was die drei Häupter bedeuten mit eben ſo viel Kronen ge⸗ ſchmückt. So Du den Hausaſtronomen befrageſt, Herrin, wird er Dir ſagen, die bedeuten die Phaſen des Mondes, der der Erde ein Mal — 147— ſein ganzes Angeſicht zukehrt und dann wieder ſeine Hälften in verſchiedener Richtung; aber an dem Orte, wo Du Dich befindeſt, gilt es mehr den Sinn als die Worte eitler Schulge⸗ lahrtheit. Auch wie bei Jenen iſt der drei⸗ fachen Göttin nur das Geſtirn der Nacht ge⸗ weihet worden als ein unvollkommen Abbild ihres Weſens, doch nicht ohne Bedeutung, denn ſie beherrſchet die Zukunft dunkel wie die Nacht, flüchtig wie ſein ſtiller, aber ſichtbarer Lauf durch Wolken und verdunkelten Vther iſt die Gegen⸗ wart, und der Vergangenheit ſtetes Bild mag uns ſein immer gleichförmiger Schimmer be⸗ zeichnen. Das erſte Viertheil galt den Weiſen für der erſten Symbol, der zweiten der Voll⸗ mond, das letzte Viertheil der dritten. Drum ſieheſt Du auch Saturnus, den Gott der Zeit, ihr huldigen. Doch bald erkannte die wachſende Weisheit der Völker der geheimnißvollen Göttin noch eine zweite Gewalt zu, die ihr den Raum unter⸗ chan macht, und ſie iſt es, welcher die Natur, die Du dort im Bilde der Erde geſehen, ihre Opfer darbringt.— Wohl hat— mir ſagte Zoe: der Ahn 10* — 6— mehrmals von dieſen Deutungen chaldäiſcher Weiſen geſprochen, Kabbala nannte er ſie.— Du ſteheſt vor ihrer Meiſterin— verſetzte Mele— die als ſolche nicht nur Meiſterin des Raumes iſt und der Zeit, ſondern auch der unermeſſenen Bahnen des Geiſtes. Drei Reiche durchlaufen dieſelben, und in den dreien herr⸗ ſchet die Göttin. Auch darum hat man ihr den Mond beigegeben, denn es gehet die Sage, er ſei der Aufenthalt abgeſchiedener Geiſter, die unverwandt von ihm nach der verlaſſenen Erde zurückblicken, der er fort und fort ſeine Fläche zurichtet.— Mele!— erklang es hier plöslich aus dem Munde der abwärts ſtehenden Weißen, in tiefem durchdringenden, beinahe männlichen und droh⸗ enden Tone.— Da ſank Mele's Auge ein wenig abwärts und erſt nach einer Weile fuhr ſie fort, doch in weniger lebhafter und nach⸗ drücklicher Weiſe: Du haſt Recht, hohe Herrin, ſolches ſind die Auslegungen der alten Chalbäer und derer, die ihnen nachgefolgt ſind auf dem Wege ge⸗ heimer Wiſſenſchaften, die es gemeiniglich mit dem Wortklang hielten, eitle Folgerungen be⸗ — 140— gleitend. Dergleichen biete ich, und wie könnte es eine arme afrikaniſche Sclavin, Deinem er⸗ luchteten und ſchnellgezeitigten Sinn nicht, nur die Symbole will ich Dir andeuten; iſt doch hier alles ſymboliſch.— Ich geſtehe Dir— entgegnete die Enkelin des Athanaſios Phranzes: daß ich beginne, daran Geſchmack zu finden; fahre denn nur fort, Du beredſame und ſinnreiche Tochter der lybiſchen Haſis.— Drei Reiche, ſagte ich, ſind es, in denen der Geiſt des Menſchen ſich ergeht, ſie ſind Dir bekannt und ich will ſie nicht nennen, in allen dreien iſt die Macht, deren Bild Du ſchaueſt, wickſam, oder iſt es geweſen, darauf deutet der Schlüſſelbund, den ſie trägt in der gedritten Zahl. Das erſte biſt Du, wir Alle ſtammen vom Zweiten, das dritte der Reiche wird nur dem bekannt, der kühn genug iſt, in daſſelbe zu dringen und den Preis davon zu tragen, den es enthält. Du nenneſt mich eine Tochter der Oaſis, Gebieter⸗ in, nun wohl, ich will es nicht leugnen, ihre Bewohner wiſſen etwas davon, ſelbſt ich, der geringſten Eine, habe einige Kenntniß deſſel⸗ — 10 ben, und wie die beiden Andern iſt es mir nicht fremd. Das wird ſelbſt Leuke nicht leug⸗ nen, mit welcher ich mich unter Sclaven eines Herrn begegnet, wie auch nicht, daß dieſes Reich bietet, was das Erſte zu geben nicht vermag, das Zweite zu gewähren verſchmä⸗ het. Ich beſtätige ihre Worte— ließ Leuke ſich vernehmen: Diener waren wir eines Herrn, aber was auch geſchehen ſeyn möge, wir ſind es wiederum und werden es immerdar ſeyn.— Aber der köſtliche Preis, von dem ſie re⸗ det?— fragte Genia⸗Zoe. Und die Weiße antwortete: Ihre Rede klang gleich der Wahrheit— das eine der Reiche gewährt nicht, das andere kann nicht gewähren, was dem Sucher im dritten zu Theil wird.— Wohl— erwiederte die Jungfrau, wieder⸗ um das Haupt ein wenig ſchüttelnd: Doch meine ich, dieß ſeltſame Reich ſey das der Nacht; da muß das Suchen peinlich ſeyn und ſchwer das Finden. Ich freue mich des Ta⸗ geslichts, da treten die Geſtaltungen alle ſo lebendig und freundlich in Auge und Herz.— — 151— Und Du liebeſt die Nacht nicht?— fragte Mele wie verwundert: ihre erquickliche Kühle, ihr Dunkel, welches das vom Licht geblendete Auge erfriſcht, die ſeltſamen magiſchen Formen, die freilich nicht in greller Beſtimmtheit zu Dir treten, aber in ihrer Ungewißheit eben Dein Herz und Dein Auge an ſich ziehen. Beides iſt aber ſehr jung noch, aber es kommt eine Zeit, wo beide ſich dem nächtlichen Zauber er⸗ ſchließen.— Ungern gilt ein vierzehnjährig Jungfräulein für ein Kind, Zoe richtete ihre ſchlanke Ge⸗ ſtalt demnach ein wenig empor und ſagte ein⸗ lenkend: Bereits habe ich dergleichen geſpürt, und eben ſo gern als am Morgen ergehe ich mich mit eintretender Dämmerung am Ufer des Meeres und ſchaue dahin, wo fern der Hori⸗ zont ſich an die dunkelnde Fluth ſchließt, und horche dem Säuſeln des Windes in den Pi⸗ nien und Palmen, und manchmal iſt mir, als ſpräch' er oder dieſe geheimnißvolle Worte zu mir. Das iſt aber nur die irdiſche Nacht, und die, von der Du redeſt, dünkt mich, ſei eine andere.— Du irteſt nicht, Herrin— erwiederte Mele — 152— gefüllig— und wie ich ſehe, hat Dein hoher Verſtand meine geringen Worte hinlänglich be⸗ griffen, daß Dein erlauchter Ahn hoffen darf, Du werdeſt bald klaren Blickes in die Geheim⸗ niße ſchauen, die ſeine Weisheit für Dich ge⸗ ſammelt in Beziehung auf Dich und als deren einſtige Erbin. Eine Andere iſt dieſe, doch hat ſie vieles mit jenem, ihrem Gegenbilde gemein. Wie dieß verbirgt ihr Dunkel das Hohe und die ſüße Befriedigung des Seh⸗ nens.— Mehr rühmeſt Du, was dieſe Statue dar⸗ ſtellt, als ihr Anblick von ihr verheißt— un⸗ terbrach ſie Zoe— ſieh dieſe Leichname, dieſe Ungeheuer, es ſcheint als ſeien die Letzteren ge⸗ fallen auf dem dunkeln Wege, den die Erſten bewachen.— Nochmals ſage ich Dir, Gebieterin— fiel die Schwarze mit wiedergewonnener Lebhaftigkeit ein: nur ſymboliſch iſt alles, was Du hier ſieheſt, täuſchende Bilder, die wie in der Nacht auf der Oberfläche der Erde ihre wahre Geſtalt zeigen, wenn die Leuchte der Erkenntniß ſie be⸗ ſtrahlt. Auch fehlet es an ſolchen Leuchten nicht in ihrem Gebiete; gleichwie am nächtlichen — 1— Himmel die Geſtirne des Horizontes den Weg des Wanderers erhellen, ſo leiten ihn dort jene Mächte, deren ſichtbare Bilder ſie ſind, zur höchſten Macht, deren Sclaven ſie ſind. Wahr iſt es, nur ihre Führung vermag dieß, drum muß, der die Weihe begehret, die ſich befreun⸗ den, die ihm bereits geneigt, die Mißgünſtigen aber zwingen zum unfreiwilligen Dienſt. So lautet der Spruch der Weiſen aller Zeiten, da⸗ nach ſtrebte ihr Bemühen; was aber Manchem ſchwierig wird oder unerreichbar, iſt ein Leichtes nur für den Liebling des Schickſals, für den, welchem vom Anfange das Hohe beſtimmt iſt, für die holde Roſe, auf welche die Bewohner aller drei Reiche mit Luſt und Zuneigung ſchauen, des Empyreum, der Natur und der uralten heiligen Nacht!—— Es war gegen den Schluß dieſer Rede als werde die Stimme der Afrikanerin dumpf und ſchwach, gleich einer durch große Anſtreng⸗ ung Erſchöpften, und beinahe tonlos ſette ſie hinzu: Wem es aber gelungen, der faßt die Schlüſſel, die die ernſte Göttin in der Hand trägt, und durch ſie wird er zum Gebieter des — 154— Weltalls, durch die Tiefe gelangt er zur Höhe, durch das Dunkel zum Licht.— Und„Mele!“ ertönte es abermals noch tie⸗ fer und durchdringender aus Leuke's Munde, daß Zoe ſich erſchreckt umſchaute, meinend, ſolcher Ton könne nicht von den roſigen Lippen des blondgelockten zarten Mägdleins kom⸗ men, die Lybierin aber ſprach noch tonloſer und dumpfer: Zu dem Lichte, meine ich, der vollen Erkenntniß.— Das Jungftdulein hatte den Mißmuth ih⸗ rer weißen Geſpielin bemerkt und ſelbſt ein an ihr gar ſeltenes Zürnen, ſie fühlte einige Un⸗ ruhe und ſprach, zu ihr ſich wendend: Seltſam ergreift mich, was ich geſehen und gehört, und es iſt mir beinahe, als ſei etwas Unrechtes in meinem Hierſeyn. Sprich denn, Leuke, hat Dir der Vater auch etwas von der Beſtimm⸗ ung geſagt, deren jetzt Deine Gefährtin und auch er hier und da gegen mich erwähnte, und von der Beziehung aller dieſer geheimnißvollen Dinge auf mich? Vor Allem ſage mir aber, denn obſchon nicht ſo dienſtwillig als Mele, hab' ich Dich immer aufrichtigen Gemüthes er⸗ kannt, iſt es wahr, daß wir uns an dieſem wunderlichen, ſo lange verſchloſſenen Orte mit ſeiner Genehmigung befinden?— Kurz und mit einiger Kälte verſetzte die Dienerin: Wohl hat Athanaſios Phranzes auch mit mir davon geredet, und wir Drei be⸗ finden uns hier nach dem Willen des Va⸗ ters.— Etwas beruhiget war Zoe, als die Lybierin in der Weiſe unverſchuldeten Gekränktſeyns und zugleich mit ſüßem Schmeicheltone ſich ver⸗ nehmen ließ: So mißtraueſt Du mir denn, Herrin? Eine Sclavin bin ich, darum dienſt⸗ willig, wie es ſolcher gebührt, obſchon ich frei geboren, und nichts thue ich ohne den Willen derer, die mir gebieten. Siehe, da kommt der erlauchte Silentiar, er wird mich rechtfertigen bei Dir Und Athanaſios trat in den Dom. Die hohe Geſtalt vom dunkeln Philoſophenmantel umhüllt und ſchwach nur angeſtrahlt vom Schein der Ampel, ſchien recht eigentlich dem düſtern Behältniß anzugehören. Einem Zau⸗ berer glich er, umringt von den Werkzeugen und Sinnbildern ſeiner Kunſt, und die drei vor ihm ſtehenden Jungfrauen glichen von ihm — 156— beſchworenen Geiſtern. Auch war ſein Antlitz ernſter als je und bleicher ſeine Wangen, in ſeinen Augen aber ſtrahlte ein ſeliſames, wech⸗ ſelndes Feuer, wie der Freude angehörig, doch noch ſieghaft im Kampfe mit der Beſorgniß. So ſchauete er um ſich nach der Reihe auf die Bildſäulen, auf jede eine Weile, dann auf die Mägdlein und endlich ſprach er in feier⸗ lichem Tone: Ich komme, dem Kinde meines Herzens und Geiſtes meinen Segen und Wünſche zu bringen am Jahrestage ſeiner Geburt. Es be⸗ fremde Dich nicht, Genia, daß es an dieſer Stelle geſchieht, zu welcher Dich mein Wille beſchieden; wem das Gewöhnliche beſtimmt iſt, der mag ſich im Gewöhnlichen ergehen, der aber, dem das Ungemeine zu Theil werden ſoll, ſich zeitig mit ihm befreunden.— Solches aber findet ſtatt mit Dir, o meine Enkelin; Die, welche nimmer dem, der ſie zu be⸗ fragen verſteht, die Wahrheit verleugnen, haben geweiſſagt, was ſie ſelbſt Dir bereitet, den Lauf eines ungewöhnlichen Lebens. Du haſt eine Stufe deſſelben heute erreicht, eine geheimniß⸗ voll bedeutende Stufe; während der Zeit, da — 15— Du Dich in dieſem Saale befandeſt, vor we⸗ nigen Augenblicken trateſt Du ein in das dritte Jahrſiebent, und es iſt dieß der Periodus, in welchem der menſchliche Geiſt hervortritt in das Leben und zugleich der, im welchem andere Geiſter ihm nahen mit ihren wohlthätigen Ein⸗ flüßen und ihren verderblichen. Für jeglich Er⸗ denkind iſt dieß dritte Jahrſiebent ein hoch⸗ wichtiger Zeitraum, zumal für die Jungfrau, am allermeiſten aber, Genia, für Dich, denn alſo ſpricht der Mund des Orakels, noch ehe es verrinnt in den Ozean der Tage, die nicht mehr ſind, iſt Dein Schickſal entſchieden. Fort und fort trug ich es in meinem Herzen; was die Vergangenheit mir gewährt, die Gegenwart beut ja ſelbſt, was mir die Zukunft verheißt, gelegt hab' ich es auf meiner Enkelin theueres jugendliches Haupt. Die Zeit der Erfüllung nahet heran, doch werde ich ſie wohl nicht ſchauen mit den Augen des Leibes, das Alter hat Schnee auf meine Scheitel geſtreut; zwar iſt die Kraft noch nicht von mir gewichen, aber unerbittlich ſind die Mächte, die der Vernicht⸗ ung des Vergänglichen gebieten; im Hauſe mei⸗ nes Lebens, ſagt der Geſtirne ſtummer Aus⸗ — 158— ſpruch, ſteht der Feind, und in meinem In⸗ nern ſelbſt fühle ich ſeine Nähe. Aber kühn trete ich ihm entgegen, mag er immerhin den greiſen Kämpfer erfaſſen, ſo er ihm den Preis nicht raubt, für welchen er gelebt und es ihm vergönnt ſei, ſich deſſen zu freuen, was er vielleicht theuer erkaufte.— O, ſprich nicht von Deinem Tode, ehrwür⸗ diger Vater— bat Zoe klagend: Fern ſei er noch, noch lange möge Griechenland ſich des Weiſen erfteuen, die, welche Dir gehorchen, des gütigen Herrn, die Enkelin des Ahns und Beſchützers. Sieh, fremd iſt mir die Welt, fremd ſelbſt Vater und Mutter, Dich nur hab' ich allein, und Du wyollteſt mich verlaſſen, gerade in einem, wie Du ſelbſt ſagſt, obſchon ich es nicht verſtehe, in einem bedenklichen Zeitpunkt?— Und die beiden Seclavinnen ſprachen wie aus einem Munde, aber in verſchiedenem Tone, beſchwichtigend Mele, Leuke wie ermahnend: Gedenke, Herr, an Deines Namens Bedeut⸗ ung, worauf er verſetzte: Wohl gedenke ich ihrer, doch trifft ſie nicht den vergänglichen Stoff. Schwer drückt der — 159— Zenith auf den Ermüdeten und der Nadir zieht ihn hinab. Bald, meine Zoe, wird dieſe Greiſengeſtalt, die Dir lieb iſt, im Grabe ru⸗ hen, der Geiſt aber, der Dich liebt, hoffe ich, mitunter Dir nahen, angezogen wie jetzt durch Liebe und Beſorgniß. Ja, nicht ohne Beſorg⸗ niß ſcheide ich von Dir, denn mit Recht ſagſt Du, fremd ſei Dir die Welt, die fortan Dich eng und enger umſchlingt, umſchlingen muß, damit aus ihren manchfachen Kreiſen ſich die Erfüllung erzeuge. Doch nicht ohne Vermächt⸗ niß ſcheide ich von Dir, nicht ohne Beſchützer laſſe ich Dich, noch ohne Führer. Vernimm denn, Jungfrau, was des Kindes unempfänglich Ohr zwar zu Zeiten, doch undeutlich nur und flüch⸗ tig vernommen, was nicht Jedem zu hören vonnöthen, aber doch Dir, auf daß Du das Leben kenneſt und abſonderlich die Bedingniß des Deinen.— Er hielt hier etwas inne, als ſei er unſchlüßig in der Wahl ſeiner Worte, und erſt nach minutenlangem Sinnen fuhr er mit erhöheter Feierlichkeit fort: Mit wie vielen Gottheiten auch die Sage der Vorvordern den Raum der Zeit Gebiet bevölkerte, die allwal⸗ tende Kraft verſchiedentlich nach ihrem Wirken — 160— benennend, ſo ruhete doch ſtets in des Men⸗ ſchen Innern das Gefühl und laut ſprach es in der Bruſt des Weiſen, nur Eine iſt, es iſt nur ein Gott, und was bisher der Ein⸗ zelne empfunden oder begriffen, ward durch die hochheilige Offenbarung zur allgemeinen Er⸗ kenntniß. Es iſt in Dein Herz gelegt worden von Kindheit an der Glaube der Kirche, und fern ſei von mir, Dich abzuwenden von dem, wozu ich ſelbſt Dich geleitet, wovon ich nim⸗ mer abgewichen, ſo auch Manche irre worden an mir, mit ſchmähenden Namen belegend, was ihrem Begriffe zu hoch war. Solches aber habe ich geſagt, auf daß auch Du, Ge⸗ nia, mein Kleinod, durch des bejahrten Ahns nun folgende Worte nicht irre werdeſt an ihm und in Dir.— Abermals hemmte ſich hier ſeine Rede, ſein Auge ſchweifte ringsum an den Bildſäulen hin, nicht ſtummere Zuhörer, als die durch des Vaters wunderlich⸗feier⸗ liche Weiſe ergriffene Jungfrau es war und die beiden dienenden Mägdlein. Ein Gott iſt nur und eine Kraft— ſetzte er darauf mit erhöheter Stimme hinzu: aber hoch erhaben iſt ſie über den Menſchen — 161— und alles irdiſche Seyn, eine ungeheuere Kluft trennt ſie von ihm und verbindet ſie zugleich, denn nicht leer iſt die Kluft, ſondern von Ge⸗ walten erfüllt, dem Hocherhabenen dienend, herrſchend jedoch nach ſeinem Willen über das Alles. Auch ihr Daſeyn empfand der Menſch, erkannte der Weiſe. Dämonen nannte er ſie, Götter des Irrthums, und der nach Bildern haſchende Sinn der Erdbewohner ſuchte ſie rings um ſich und über ſich am Horizont, und der Blick des Weiſen folgte und fand, was er ſuchte, die Wahrheit vom Nebel der ſinnlichen Täuſchung entkleidet. Da erkannte er das Band, welches die ganze Schöpfung umſchlingt, das ſtille Walten der untergeordneten Mächte in ihren ewigen Bahnen, und er fühlte, ob⸗ gleich durch weite Räume getrennt, ſei kein Werk des Herrn fremd dem andern, und währ⸗ end der Stoff, aus dem ſie beſtehen, unwan⸗ delbaren Geſetzen gehorſamt, begegnen die Geiſter, die in ihm wohnen, ſich wie auf Erden der menſchliche, in abgeſonderten Körpern im Em⸗ pyreum freundlich und feindlich, doch alle nur dem höchſten der Geiſter unterthan und ſeinen Willen erfüllend. In Ewigkeit herrſchet er fort 11 — 162— und fort und allein, was aber der Zeit und dem Raume angehört, dem gebieten unter ihm ſeine Diener, die Dämonen, und ſomit auch dem Menſchen und allem irdiſchen Treiben. Still iſt ihr Walten und unerkennbar dem blöden Auge, nicht geſtärkt durch der Wiſſen⸗ ſchaft Strahl, und leiſe wie ſie wandeln auf ihren Pfaden, lenken ſie die Schickſale und un⸗ wiſſend folget ihnen und ihm der gewöhnliche Menſch, durch das Gewöhnliche ſchreitend. Wo es aber den Ungemeinen betrifft und das Un⸗ gemeine, da treten ſie hervor aus dem Dunkel und ſichtbar wird ihr Walten und fühlbar, ein Geſtirn nahete ſich glückwünſchend der Erde, als das Heil auf ihr geboren worden; vor der, die es gebar, neigten ſich die Sterne, vor dem Glanzkreiſe der Sonne erblickte Konſtantinos der Große das deutungvolle Zeichen, ein Wan⸗ delſtern verkündete Cäſar's Tod, der ſchwarze Genius beſchied den Brutus gen Philippi und Sokrates fühlte die Nähe des Dämons. Wie Du nun auch, Genia, zu Großem beſtimmt biſt, ſo umgaben Deine Wiege die Planeten, die Wächter der Erde, Deiner Mut⸗ ter in deutſamer Stellung die Bahn verkünd⸗ igend, welche auf ihr Dir zu wandeln be⸗ ſchieden, und den gewaltigen Einfluß, der ihnen auf dieſelbe zuſteht, und den Kräften, die ſie beherrſchen. Nur oben iſt ewiger Friede, was aber der Körperwelt verwandt, lebet im Streit; auch im Empyreum oder der mittleren Sphäre muß er walten, denn das All beſtehet durch ihn, wie durch den Kampf der Elemente die Erde. So durchkreuzen ſich denn, wie der Sterne Bahnen, auch die Beſtrebungen ihrer Dämonen, einer iſt nicht ſelten dem andern feindlich geſinnt, ſo auch dem Erdball; noch andere wieder einzelnen ihrer Bewohner von der Stunde ihrer Geburt an, der ſie ſich ab⸗ geneigt im fallenden Hauſe; andere ſchauen wieder im Augenblicke des Werdens liebend auf ihn, und bis zum Ende bleiben ſie ſeine Be⸗ ſchützer. Viele dieſer Kräfte ſind Dir geneigt, Genia, doch gibt es auch ſolche, die Dir übel wollen, und mitten im ungewöhnlichen Glanze Deines Horoſkops ſeh' ich, mit Schmerz ſage ich es, mein theures Kindlein, auch Dir ſeh' ich den Verderber nicht fern.— Hier verſagte die Stimme dem Greiſe, und mit einem Blick, in welchem Vaterangſt ſich 11* — 164— ſeltſam mit Freude miſchte, verſchmolzen im Feuer des Sehnens, mit ſcharf angeſpannten Zügen und beinahe ſich ſträubendem Silber⸗ haare ſchauete er auf die betroffene und zagende Enkelin und ein tiefes Schweigen herrſchte im düſteren Dome, bis Leuke's ſilberhelle Stimme es unterbrach mit den Worten: Wohl lauert der Verderber fort und fort, und näher iſt er oft als man glaubt, doch mag man ihm widerſtehen mit den Waffen des Geiſtes; drum trachte ein Jeglicher, daß er ſtets gerüſtet ſei, ihn zu bekämpfen.— Und Mele ſprach: Mit Recht und nach Deiner Weisheit ſprichſt Du, erlauchter Gebie⸗ ter, daß unter den Gewalten, die den Men⸗ ſchen umringen, auch einige feindlich ſind; man ſtehe demnach dem Geiſtigen gegenüber mit geiſtigen Waffen, daß man den Widerſacher bezwinge, und er aus einem Feinde ein Freund werde und bereitwilliger Diener, denn wechſelnd iſt der Schein der Geſtirne, und Höheres mag wohl Hohes beſiegen.— Drauf ließ der Silentiar ſich vernehmen: Nicht ungerüſtet wollt' ich Dich laſſen, meine Enkelin Genia, und ſo viel ich vermochte, hab' — 165— ich Dich mit jenen Waffen umgeben. Für⸗ wahr, es gilt, den Feind zu verſöhnen oder ihn zu bezwingen, und damit Du einſtmals ihn erkenneſt und die Freunde, hab' ich Dich in dieſer verhängnißvollen Stunde, in welcher ein neuer Abſchnitt Deines Lebens, der wich⸗ tigſte beginnt, an den Ort beſchieden, da ihre Symbole Dich umgeben. Du haſt ſie geſehen, Du haſt ihre Deutung gehört, Du kenneſt die Gewalten, die Deinem Leben gebieten, und das hab' ich gewollt, das mußte ſo ſeyn. Mag der Troß der Sterblichen blind dem Ver⸗ hängniß gehorchen, oder ſich dagegen wehren mit der geringen eigenen Kraft— was mäßig iſt zu erreichen, genügt das Mäßige, das Große wird nur durch Großes erlangt, je herr⸗ licher iſt, was Dir die Freunde bereiten, deſto ingrimmiger und raſtloſer der Gegner Wider⸗ ſtand; gegen Dämonen aber genügt nicht die Kraft des Menſchen allein. Zwei Führerinnen hab' ich darum, oder viel⸗ mehr das gütige Schickſal durch mich Dir zur Seite geſetzt, Du ſieheſt ſie vor Dir, mein Auge hat ſie geprüft und ihren Sinn erkannt, und die Wohlthat, die Dir durch ſie geworden. — 166— Der Einen, in zarter Frömmigkeit dem Vater des Lichtes ergeben, ſei Dein unſterblich Theil anvertraut, daß ſie es führe, ſo lange es ihr vergönnt iſt im irdiſchen Wallen, damit es durch die Zeit und den Raum unver⸗ ſehrt gelange bis dahin, wo beider Grenze ſie von der Ewigkeit ſcheidet, von dem Reiche, in welchem ohne Anfang und Ende der Hoch⸗ heilige herrſcht; der Stab des Glaubens ſei ſie Dir auf ſeltſam gewundenem Pilger⸗ pfade. Feurig und dunkel iſt das Treiben der Erde, in dem Du beſtimmt biſt zu weilen, ſo ſei denn die Andere Deine Führerin durch daſ⸗ ſelbe, Dein Beiſtand gegen die Mächte, die auf ihr walten und die ſie umgeben. Ver⸗ ſprich mir, Genia, mein Kind, ihnen zu fol⸗ gen in jeglicher Weiſe, denn zwiefach iſt des Menſchen Natur, und zwiefach ſeine Beſtimm⸗ ung.— Und Zoe küßte weinend des Großvaters Hand und verſprach, nur bittend, daß er ſei⸗ nes hoffentlich fernen Todes nicht mehr er⸗ wähne; er aber wandte ſich zu den Dienerin⸗ nen und ſagte mit Würde und Nachdruck: Verſprechet auch Ihr mir, Ihr Mägdlein, — 167— zu thun nach Eurem verſchiedenen Vermögen und meinem Gebot?— Und wiederum antworteten wie aus einem Munde die Mägdlein, ein Jegliches für ſich: Ich verſpreche, zu thun nach der mir beſchiede⸗ nen Kraft und dem Gebote meines Herrn.— Darauf umarmte Athanaſios Phranzes ſeg⸗ nend die Enkelin und ein huldvoller Wink be⸗ deutete ſie, ſich mit Leuke zu entfernen, die Schwarze aber behielt er zurück. ʒ—————— Eine Zeitlang ſtand ſchweigend der Silen⸗ tiar, das Auge auf des Jupiter Tonans fin⸗ ſter-majeſtätiſche Geſtalt gerichtet, wie auf ihn ſelbſt der leuchtende Blick der Schwarzen, die an der Säule der Hekate lehnte mit geſenktem Kopfe und in ehrerbietiger Stellung, dann wandte er ſich und fragte nachdenklich, aber doch im Tone des Herrn: Iſt der Augenblick der Conjunctur ge⸗ kommen, Aftikanerin, wie ihn die Stellung'der Geſtirne verheißen in der heutigen Nacht?— Er iſt es— lautete die Antwort: Zwiſchen dem Jovisgeſtirn und dem Mars ſtehet die Ve⸗ — 168— nus, ſie beide beherrſchend in des Abendſterns Glanz, denn eben taucht Sol in den Ozean; aber noch weilet im Spätroth Merkurius, als wolle er die Erde nicht laſſen. Du kenneſt, o Herr, ſeine Macht, und weißeſt, wie er uns zum Vorhabenden unentbehrlich; drum laſſe die koſthare Zeit nicht entſchlüpfen.— So viel Eile hat es noch nicht— entgeg⸗ nete Athanaſios, ein auf dem altarähnlichen Tiſche liegendes Pergament betrachtend; wohl der ganze Lauf einer Stunde mag vergehen, ehe die Conſtellation ſich verändert. Koſtbar— fuhr er mit gefalteter Stirn und ungewiſſer Stimme fort: Koſtbar nenneſt Du die Zeit— wahrlich ſie iſt es, auch eine Stunde, wenn man an der Grenze des Gebietes ſteht, wo die Stunde nicht mehr waltet und der Pendel⸗ ſchlag der Zeit verſtummet im ewigen Schwei⸗ gen.— Aber— ſprach die Lytierin dringend: Aber der Halbmond wandelt eilenden Fußes durch den Himmel, ſäume drum nicht, daß er dem Einfluße der drei Planeten nicht entrinne, Du weißt, o Herr, wie ſehr es von vonnöthen, ihn zu gewinnnen.— — 160— Wohl weiß ich das— entgegnete der Greis noch düſterer: und heut iſt mir zum erſten Mal, als bekümmere mich, daß ich es weiß.— So zauderſt Du denn, Gebieter?— fragte die Dienerin ehrfurchtvoll, aber nicht ohne das Wort zu betonen: Deiner Weisheit iſt es nicht fremd, wie die Sphären des Empyreum unauf⸗ haltſam dahin eilen, nur ſie zu begleiten vermag der menſchliche Geiſt, nicht ſie zu hemmen, noch ſie zurückzuſchieben um die Breite eines Haares.— Ich zaudere, ſageſt Du— verſetzte Atha⸗ naſios herriſch: Und wenn dem ſo wäre? Dieneſt Du nicht mir, und biſt Du Sclavin nicht der Geringſten eine, die mir dient?—— Es war als flöge bei dieſen Worten ein leiſes Lächeln um die granatfarbenen Lippen der Lybierin, aber unterwürfig und ſcheu entgeg⸗ nete ſie: Wie es dem edelſten Phranzes ge⸗ füllt; freilich kehret die Conſtellation, wie ſie heu⸗ te ſich zeiget, nach ſo manchem Jahre erſt wieder und nicht mehr in dieſer Beziehung zur Stunde.— Nach Jahren?— wiederholte, wie mit ſich ſelbſt im Streite, der Silentiar: dann beſcheint ſie mein Grab.— So mag es kommen nach dem Laufe der — Natur— klang die Antwort— obſchon Dein Ende, o Herr, noch entfernt ſeyn möge, aber auch aus dem Grabe dürfteſt Du ſie vergeblich erſchauen. Nimmer trifft ſie wieder zuſammen mit Deiner Enkelin geſiebenten Zahl, verron⸗ nen iſt dann der von den Sternen ihr bezeich⸗ nete Zeitraum, ſie leuchten zwar wiederum wie heut, doch leuchten ſie Andern.— Unwiederbringlich wär' es alſo dahin— flüſterte der Greis in ſich ſelbſt: und es iſt ſo, ich weiß, daß es ſo iſt. Dann ſetzte er lauter hinzu: Was ereignet ſich ſonſt noch am Himmel?— Den Stand der Planeten haſt Du erforſchet — ſagte drauf Mele: aber auch die Sterne der höheren Sphären zeigen ſich günſtig, hell funkelt der Adler und nahe am Zenith ſchweb⸗ end über der Erde, wie der Adler über der Trift, und Du weißt, er iſt der Erkenntniß günſtig, glühend ringelt ſich die Hydra im We⸗ ſten, im Oſten funkelt Aldebaran, der Weis⸗ heit Symbole.— Und wohin führeſt Du mich? frug plöt⸗ lich, aber wie einer, der ſchon mehrmals ſolche Frage gethan, der Silentiar. — 171— In das Reich der Nacht; lautete der kurze Beſcheid. Und abermals wiederholte der Alte ergriffen: der Nacht? Und wann bricht dann wieder der Tag an?— Hat der weiſe Schüler des Hermes ver⸗ geſſen, daß er erzeugt wird im Schooße der uralten Mutter? Aus ihr ging das goldene Ei des Horus hervor, kennet mein erhabener Ge⸗ bieter nicht mehr das unterirdiſche Licht? Nicht dem Olymp, dem Mittelpunkte entwand es Prometheus.— Den Prometheus nenne nicht— rief Athanaſios ſchaudernd— Du läßt mich der Geier gedenken, die fort und fort ſein Einge⸗ weide zerfleiſchen.— Wie biſt Du ſo befangen, Gebieter— erwie⸗ derte die Aftikanerin theilnehmend: daß Dein erhabener Geiſt des Pöbels Sage heut zum erſten Mal mit dem erhabenen Mythos verwechſelt. Der Erde Gott im Fleiſch ſtellet ſich dar im Pro⸗ metheus, der Feigen niederes Gezücht fabelte von Beſtrafung des höchſten Strebens, zu dem ihm ſelbſt der Muth gebricht, und doch wartet nur Lohn desjenigen, welcher thut nach dem — 172— Beiſpiele des uralten Vorbildes, und unvergäng⸗ licher Ruhm; nur ſelten aber und mit geringſchätz⸗ igem Mitleid erwähnt man des Epimetheus.— Du irreſt— entgegnete der Alte: zwar läßt ſich der Mythos von den beiden Brüdern ſo deuten, doch hat er noch einen andern phi⸗ loſophiſchen Sinn. Beide wohnen in der Bruſt jedes Menſchen, zum Thun und Wagen ruft ihn der Prometheus und rafft ihn ſchnell mit ſich fort, ſo des Andern finſtere warnende Ge⸗ ſtalt ſich nicht entgegenſtellt; doch iſt er träger Natur und kommt oft zu ſpät, und dann iſt er ein läſtiger Gaſt und wird Epimetheus.— Du redeſt— antwortete Mele ehrfurchtvoll: Du redeſt, als der Du biſt, als Lehrer und Herr zur Schülerin und Sclavin, die ich bin; es iſt an Dir zu unterrichten und zu gebieten, zu lernen und zu gehorchen aber an mir.— Sie wendete ſich darauf und ſchickte ſich an, die ſeltſamen Werkzeuge und mit Zeichen be⸗ ſchriebenen Pergamente mit einem Teppiche zu verhüllen, wie es nach dem Gebrauche der⸗ ſelben zu geſchehen pflegte; da ſprach der Greis zu ihr: Was thueſt Du, Lybierin?— Und mit unterdrücktem Seufzer erwiederte ſie: Ver⸗ — 173— hüllen will ich, was nun doch verhüllet bleiben muß nach Deinem Willen, vielleicht immerdar.— Hab' ich Dir es geboten, Sclavin? fragte der Silentiar im Tone Eines, welcher, obſchon im Augenblicke nicht gänzlich der Meiſter ſeines Entſchlußes, dennoch der Herrſchaft über An⸗ dere ſich bewußt iſt und den ſchwankenden Wil⸗ len auf ſolch Bewußtſeyn zu ſtützen verſucht: Wie magſt Du thun, wenn Du noch mein Wort nicht vernommen?— Nein, noch hab' ich es nicht vernommen, dieß Wort— entgegnete die Schwarze in freu⸗ digerer Weiſe— doch— ſetzte ſie mit einer leicht⸗ ſpottenden Betonung hinzu: ich glaubte der An⸗ dere von denen, die, wie Du ſagſt, das Ge⸗ müth des Menſchen in ſich theilen, der Epi⸗ metheus, der oft zu ſpät kommt, aber auch zu Zeiten zu früh, wo es gilt, das Große zu vollbringen.— Und eilig zog ſie den Teppich zurück und warf ihn von ſich, ſo daß er zu⸗ fällig vielleicht, doch nicht ohne Bedeutung, an dem Fußgeſtelle niederfiel, auf welchem das Bild der Sonne ſich befand. Athanaſios Phranzes ſah unter zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen hervor auf ſie, jedoch — 174— ſie gewähren laſſend, wie— bemerkt einfach genug der mönchiſche überſetzer der griechiſchen Legende— mancher bejahrte Herr unſers Landes und unſerer Zeit auf die Dienerin, die ihm über den Kopf gewachſen und der er befehlend gehorcht, und ſprach halb zuftieden, halb mißmuthig: So iſt die rechte Stunde denn gekommen?— Du haſt ſie ſelbſt, hoher Herr— war des dunkelfarbigen Mägdieins Antwort— ausge⸗ funden am obern Firmament; wie es die Zeit anzeigt, ſo geſtalten ſich auf der Feſte der Erde die Gegenſtände des Raumes, und das untere Fir⸗ mament wird beſtätigen, was beide verkünden. Huldreich blicken auf Dich, erlauchter Athanaſios, die drei Angeſichter der mächtigen Göttin.— Der ehemalige Silentiar des Purpurpa⸗ laſtes war zu der Tafel getreten und beſchauete beim unvollkommenen Lichte der Ampel mit Auf⸗ merkſamkeit eins der ſeltſam bezeichneten Blät⸗ ter: Es iſt, ſprach er nach einer Pauſe: Es iſt wie ich geſehen und Du ſagſt; Jupiter und Venus in Conjunctur beſiegen den Mars, der Mond neigt ſich vor beiden, und noch muß Merkurius im ſcheidenden Abendrothe ſchwimm⸗ end verweilen.— — 175— Noch verweilet er— verſetzte die Aftika⸗ nerin: noch verweilet Hermes, der Stimme ſeines weiſen Schülers gewärtig; verſchwindet er aber unter dem Horizont, ſo verſchwindet mit ihm ſeine bindende und löſende Macht, und wenn er wieder aufgehet, winket ſein Ca⸗ duzeus einer anderen Zeit, einem andern Ge⸗ ſchlecht.— Sie hatte dieſe Worte mit Beſtimmtheit geſagt, jetzt aber fügte ſie in unterwürfigem Tone hinzu: Nur Deine eigenen Lehren wiederhole ich, der Du Gebieter biſt nicht allein der geringen Magd, ſondern auch der Gewaltigen, die über Jeglichen herrſchen, der nicht wie Du ſie be⸗ zwungen.— Aber noch ſtand der Alte und ſann und ließ darauf ſich vernehmen: Meine Schülerin nenneſt Du Dich; doch gemahnet es mich, als hätten wir ſeit einiger Zeit die Rollen ver⸗ tauſcht. Kundig bin ich des Firmaments und der Erde, mit Sicherheit umfaßt mein geiſtiger Blick die Zeit und den Raum, und wohl mag ich ein Lehrer genannt werden in überirdiſchen Dingen, doch ſeitdem ich allge⸗ — 56— mach, unwillkührlich, möcht' ich ſagen, der Tiefe näher getreten, ſcheint Dir, Du junges Mägdlein, der Pfad bekannter als mir, und Du kenneſt wie von eigenem Schauen, was ich nimmer anders als durch Bilder er⸗ kannt.— Allzu hoch ſtelleſt Du dieſe Kunde, edelſter Herr— erwiederte Mele beſcheiden: Ich bin die Tochter der Haſis, deren Bewohner, wie ich Dir mehrmals berichtet, wohl bewandert ſind in verborgenen Dingen. Lange erhält ſich im Gedächtniß, was man in der Kindheit ge⸗ hört, und auch in die Ferne begleitet den Wan⸗ dernden der Einfluß der Heimat. So iſt, was ich weiß, mir ganz natürlich worden und ohne Verdienſt; nicht ſo aber iſt es mit Dir, Deine Weisheit hat Dich erhoben über die, welche mit Dir leben, Du ſelbſt haſt den Weg ge⸗ funden zur Pforte vollkommener Erkenntniß, und wenn ich ſie auch kenne, die dienende, be⸗ gleitende Magd, ſo öffnet ſie ſich doch nur Deinem mächtigen, gebietenden Willen.— Ich weiß es— ſprach der Silentiar nicht ohne Stolz: und doch— Ein ſeltſam unheim⸗ lich Gefühl ermangelt nicht, den zu erfaſſen, — 171— der plötzlich aus dem Tagesſchein oder aus hell⸗ erleuchtetem Gemache heraustritt in die irdiſche Nacht; wie vielmehr—— Wird auch mich das Dunkel nicht täuſchen, wenn ich vom Licht mich gewendet, in dem ich mich ſo lange hehr und freudig erging?— O,— redete er weiter, wie zu ſich ſelbſt— es iſt ſchön das Licht, ſchön iſt es auf der Höhe, weithin ſtrahlt im Glanze der Verklärung der Tabor, dunkel iſt das Thal Joſaphat— Abermals brach er hier, wie von dunkeln Empfindungen beſtürmt, die dunkle Rede ab, dann ſetzte er plötzlich hinzu: Doch bin ich von jenem ſchon fern, nach dieſem ſoll ich zurückgehen auf dem mühſamen Wege, dem Preiſe der Mühe entſag⸗ end; werde ich— fragte er wie Einer, der der Antwort gewiß iſt: werde ich es auch können? Ich glaube, Herr, Du kannſt es nicht mehr, wenn ich beachte, was Dein eigener Mund mich gelehrt; ſagte die Lybierin— Du haſt den Bund geſchloſſen mit den Dienern, doch fehlet ihm noch der Herrſcherin Siegel— wetterwendiſch und reizbar, Du ſagſt es ſelbſt, ſind die untergeordneten Mächte, und gegen den, der ſie täuſcht, kehret ſich grimmig ihr 12 . —— Haß, je grimmiger als ihre Zuneigung thätig geweſen, und keinen ſchlimmern Feind hat der Gebieter als den gemißhandelten, freigeworde⸗ nen Knecht. Und wie dann die Herrſchaft in Sclaverei ſich verwandelt, wandelt ſich das Ge⸗ ſchick, und je höher Du ſtrebeſt für Dich und was Du liebeſt, je tiefer der Fall.—— Täuſchung fürchteſt Du— fuhr ſie nach einer Pauſe tiefen Schweigens fort: Vergönne denn meiner geringen Kraft, daß ſie Deinen erhabe⸗ nen Geiſt ſtütze im Augenblicke des Zweifels, daß ich Dir ſchüchtern wiederhole, was ich nur durch halbvergeſſene Sagen, Du aber durch die eigene Weisheit erkannt. Iſt ſie, die Du meineſt und deren Sinnbild deutungvoll auf uns ſchauet, nicht die uralte allgemeine Mut⸗ ter der Dinge? So nennet ſie der Weiſen Spruch, ſo nennet ſie der ſinnreiche My⸗ thos, auch der— hier ward ihre Stimme leiſer und beinahe dumpf: auch der allerneueſte unter ihnen beſtätigt, obſchon mit verändertem Worte, daß alles Seyn aus ihrem Schooße her⸗ vorgekommen. Wird ſie nun ihre Erzeugten verleugnen? Wird ſie dem abſagen, was das Firmament und die Feſte der Erde verheißen, — 179— mit denen ſie Eins iſt? Und gab ſie Dir nicht bereits Merkmale ihrer Gunſt? Sind es nicht ihre Diener, die Dir gedient? Siehe, alles iſt vereitet bis zur Vollendung, und zur Vollend⸗ ung mangelt nur Dein Wille, ausgeſprochen in einem einzigen Worte.— Alles iſt bereitet, ſagſt Du— ſprach Atha⸗ naſios beinahe träumeriſch: und nur meines Willens Wort fehlet, fehlet zur Vollendung des großen, des auf mein theures Kind, auf die Nachwelt Segen bringenden Werkes?— Da ließ Mele ſich vernehmen mit lautem feierlichen Tone: Der Horizont ſaget es Dir, geleitet vom Stabe des Hermes, umſchlingen die Strahlen der Venus den Jupiter und die Hörner des Halbmondes, und wie es dort oben geſchrieben, geſtaitet es ſich auf der Erde und durch die Fügung der Dir wohlwollenden Macht. Gebieter, Du weißt, daß unter mancher Kunſt, die mich die Väter in der Oaſis gelehrt, ſich auch eine befindet, die vereinigt, was der Raum nicht nur, was das Schickſal ſcheinbar in weiter Ferne getrennt, ich nannte ſie Dir, damit der weiſe Meiſter nicht der gänzlich un⸗ wiſſenden Schülerin, der gütige Herr der un⸗ 1 — 180— brauchbaren Dienerin nicht ſeine Gnade ent⸗ zöge. Du ſchwiegeſt und Dein Schweigen drückte das Siegel auf die Lippen der Sclavin. Nach einer Weile jedoch löſeteſt Du es ſelbſt und es erging an mich Deine Frage und ſo begab es ſich zum zweiten Mal und zum drit⸗ ten, darauf ward mir Dein Befehl. Ich habe ihm gehorcht, Herr, der den Jupiter auf Er⸗ den vertritt in Gewalt und Macht, deſſen Sinnbild der Halbmond, iſt entbrannt in Liebe für die, welche dereinſt hoch ſtehen wird über allen Frauen und Jungfrauen ihrer Zeit und vieler kommenden Jahre.— Iſt dem wirklich ſo? erwiederte in der Weiſe des gern widerlegten Zweifels Athanaſios: Iſt zur Wirklichkeit geworden, was ich halb willenlos that und kaum anders betrachtete, denn als ein eitles Kunſtſtück, als den ſpielen⸗ den Verſuch des Adepten? Du ſelbſt, o Herr— entgegnete die Schwarze— wareſt anweſend als es geſchah, Deine Weisheit leitete die eingelernte Kunſt der Empirikerin, und Deine Hand, nicht die mei⸗ ne drückte auf das geheimnißvolle Werk den Stempel der Vollendung. Kein eitles Kunſt⸗ — 181— ſtück war es, das ich unter Deiner Führung vollbracht, und es mußte in die Wirklichkeit treten. Aber, erlauchter Gebieter, Du weißt auch, es iſt bedenklich, mit den Mächten zu ſpielen, die uns damals ihren Beiſtand ver⸗ gönnt, leicht iſt es, ein Band wie dieſes zu ſchlingen, doch dem Zerreißen folget unendliches Weh. Um das Herz hat es ſich geſchlungen, und in die Adern dringt der gewaltige Zauber; wird er vernichtet, ſo erſtarret das Herz und den Adern entſtrömt das Blut, den Mißbrauch hoher Wiſſenſchaft zu verſöhnen!— So ſagen die Schriften der Weiſen, ſo lehret die Erfahrung— antwortete der Greis nachdenklich. Die unvollendete That— fuhr Mele mit ſteigendem Feuer fort: trägt gleich der un⸗ zeitig gebliebenen Frucht einen bittern Kern in ſich, in der vollendeten wohnt der Be⸗ fricdigung Süße. Wehe dem, der gewollt, und anſtehet, das Gewollte zu thun, des Gemei⸗ nen iſt ſolches würdig; wie vielmehr deſſen, der hoch ſtehet unter Menſchen und Geiſtern. Ver⸗ derblich iſt das Zurücktreten, dem Vorwärts⸗ ſchreitenden jauchzen die drei Reiche zu und— — 182— er mag ſich auch des Beifalles noch weiterhin als ſie reichen, erfreuen, denn wer möchte ihn dem verſagen, was Athanaſios Phranzes für das gethan, was er glaubt.— So ſtockend und undeutlich, wie es manch⸗ mal der Lybierin mitten im Feuer der begeiſter⸗ ten Rede geſchah, auch die letzten Worte von ihr ausgeſprochen worden, ſo war doch der Ein⸗ druck groß, den ſie auf ihren Gebieter hervor⸗ brachten; mit funkelnden Augen rief er: Der Wille regiert die Welt, ja ich fühle es, der mächtige Wille, von dem Urquell der Macht in unſer Herz ausgegoſſen, herrſcht über die un⸗ tergeordneten Mächte. Furchtlos folg' ich Dir, Mele, denn mich geleitet das Bewußtſeyn; freudig tret' ich in die Nacht, ein Kämpfer für das Licht, und der Halbmond, bis jetzt des Kreuzes Gegner, werde des Kreuzes Fundament und durch mich.— Die Afrikanerin aber ſagte: Schon— ſpricht ein Alter— ſchon das Große gewollt zu haben, iſt ſchön, dem Vollbringer aber wird ewiger Ruhm, und die ſpäte Nachwelt nennt noch mit Bewunderung Zoe⸗Genia und Athanaſios Phranzes. Dein hoher Geiſt iſt entſchloſſen, — — 183 Herr, wie ich höre; iſt dem ſo, ſo harre ich nur Deines Wortes.— Und er ſprach das Wort und ſette hinzu: Wenn dieß ſchwache Geſchlecht der Palaeologen ſeinen Traum längſt ausgeträumt haben wird auf dem Throne, ſo gedenken Griechenland und der Occident noch des griechiſchen Fürſten, die den Orient mit ihnen vereinigt. Biſt Du auch bereit, Herr— ſagte dar⸗ auf Mele— zu erſcheinen, wie es einem Für⸗ ſten des Griechenvolkes geziemt?— Und der braune Philoſophenmantel fiel von den Schultern des Silentiar, und er ſtand da in dem juwelenbedeckten purpurverbrämten Ge⸗ wande ſeines hohen Reichsamtes. Wenige Mi⸗ nuten darauf ließ ſich abermals jener Ton ver⸗ nehmen, der früher die drei Diener entſetzte, viel lauter jedoch und ſeltſam ſchrillend und wehklagend zog er durch den ganzen weiten Palaſt. Aber noch war die Mitternacht nicht vor⸗ über, ſo erfüllten ihn andere Töne, die Töne des Jammers und Entſetzens; ſie drangen zum Lager der ſchlummernden Genia, und mit ihnen die Nachricht, es haben die von einem — 184— furchtbaren Geräuſch im Dome der Planeten herbeigerufenen vertrauten Diener des Herrn ihn zu den Füßen des dreigehaupteten Bildes gefunden, tödtlich verletzt, bewußtlos und al⸗ lein.. Beſtürzt eilte die Jungfrau in des Groß⸗ vaters Gemach, und als ſie in die Thüre deſ⸗ ſelben trat, ſtellte ſich ein Schauſpiel ihrem Blicke dar, zugleich betrübend und ſeltſam. Auf den reichen Decken ſeines Bettes lag Athanaſios Phranzes mit erdfahlen Wangen und brechendem Auge, todt noch nicht, aber augenſcheinlich ſterbend. Aus dem zerſchmetterten Schädel floß durch die dünnen grauen Haare in ſpärlichen langſamen Quellen das vom Al⸗ ter verdickte Blut, es floß über das perifarbene Gewand, neuen Purpur zu dem Purpur der Säume fügend, an welchen es gerinnend ſtand, die Rubinen der Bruſtkette nachahmend, und an den Sandalen des Silentiar. Seine hohe, langausgeſtreckte, hagere Geſtalt war regunglos, doch ſchien ſie zuweilen ein Krampf, vom Herzen ausgehend, zu erſchüttern, gefaltet wa⸗ ren ſeine Hände nicht, doch lagen ſie über der Bruſt feſt an einander gepreßt und die glanz⸗ — 185— loſen Augen in ihren tiefen blutunterlaufenen Höhlen wandten ſich abwechſelnd von einer Seite zur andern, denn zu beiden ſtanden, wie ſie heute vor ſieben Jahren an der Wiege der Enkelin geknieet, Leuke und Mele, rechts die Eine, die Andere links am Sterbebette des Greiſes. Und Beide hoben bei Zoe⸗ Genia's Eintritt die Hand gegen ſie auf, wie um Stille zu gebieten, und mehr der Schmerz und das Grauen ſolches Anblickes als dieſe Geberden hemmten der Jungfrau Schritt, und ſie weilte an der Schwelle, die Augen, deren Thränen⸗ quell noch vom Schrecken aufgehalten ward, auf die ſchweigende Gruppe gerichtet. Da gewahrte ſie denn Ungewöhnliches an den Genoſſinnen; nicht ruhig und gefaßt wie immer ſchien die Weiße, ja ein ungewöhnlich hohes Roth verleugnete die Farbe ihrer Wan⸗ gen, die ihr den Namen gegeben; ihre ſonſt ſo ſanften himmelklaren Augen blitzten wie entflammt von einer gewaltigen Anſtreng⸗ ung, mit welcher ſogar ein gewiſſer Zorn ſich zu vereinigen ſchien; ihre Lippen, ohne einem Laute den Ausgang zu geſtatten, bewegten ſich — 186— wie in eifrigem unaufhörlichen Sprechen, und nur wenn ſie, wie oftmals geſchah, auf den Sterbenden blickte, milderte ſich die ungewohnte Strenge ihrer Züge in ſanften Ernſt. Durch das hohe Bogenfenſter hinter ihr, hart über ihrem Haupte, ſo daß es beinahe in die blon⸗ den Locken verflochten ſchien, ſchimmerte das Sternbild der Wage. Aus Mele's Angeſicht ſprach eine Art Stolz, dem ſonſt ſo demüthigen Sclavenmäd⸗ chen ganz fremd, auch ſie ſchien in großer in⸗ nerer Bewegung und unhörbare Worte zu flü⸗ ſtern, und wenn ſie auf den Verſcheidenden blickte, nahm die Bewegung zu und ihr Mund bewegte ſich ſchneller. über ihrem dun⸗ keln Haupte hinweg ſchauete der Halbmond in das Sterbegemach. Noch ſtand Genia 30e wie von geheim⸗ nißvollem Grauen an ihre Stelle gebannt, da nahm ſie eine leiſe Bewegung an dem Großva⸗ ter kund, die erſtarrten Finger ſanken gefaltet in einander, der Körper erſchauderte gleich dar⸗ auf wie vom Wehen eines unſichtbaren Fittichs, aber heiterer ward das Antlitz und ſo blieb es — 187— auch, denn der Wechſel der Empfindungen war vorüber für Athanaſios Phranzes. Da traten die Sclavinnen von ihm zurück, ſchweigend, wie ſie es bisher geweſen, eine dunkle Wolke verdeckte den Halbmond und im nämlichen Augenblicke ging, jedoch ſchimmernder als zuvor, das Sternbild der Wage unter. Da löſ'te ſich Zoe's ſtarrer Schmerz, ſie eilte zu dem Großvater und rief ihn im kind⸗ lichen Jammer mit zärtlichen Namen und bat ihn, daß er bei der Enkelin verweile, aber er war ſchon fern, die zurückgelaſſene Hülle hörte nicht und antwortete nicht, und die Jungfrau benetzte ſie mit ſüßen und bitteren Thränen, mit den Thränen der Wehmuth und einer dumpfen beängſtigenden Ahnung. Als ſie ſich wieder emporgehoben, ſtanden die Mägdlein neben ihr und ſie gewahrte aber⸗ mals Befremdliches an Beiden; wie im Strahle der Freude glänzte Leuke, und weit entfernt, daß in ihrem Auge eine Thräne ge⸗ ſtanden, ſchimmerte es in ungewöhnlichem Glanz und um ihren Mund flog ein heiteres Lächeln. Auch Mele weinte nicht, aber ſie ſtand ſtill und in ſich ſelbſt gebückt, und ihre Miene und Weſen trugen das Gepräge des Kummers oder vielmehr tiefer Riedergeſchlagen⸗ heit. Da war als wende ſich in dieſem Au⸗ genblicke Zoe's Herz von der Weißen ab, denn nicht ohne ein drückend Gefühl ſah ſie an der ſonſt ſo zartſinnigen, mitfühlenden Dienerin ſolche Gleichgiltigkeit bei dem Tode eines güt⸗ igen Herrn und Wohlthäters, ja mehr als Gleichgiltigkeit, etwas ſogar, das dem Ver⸗ gnügen glich, welches die Jungfrau der Hoff⸗ nung zuſchrieb, nach Athanaſios Tode die Freiheit wieder zu erlangen, und dieſe Wahr⸗ nehmung ſchmerzte ſie zwiefach. Und ihr Herz neigte ſich zur Schwarzen, deren Gefühl mehr mit dem übereinzuſtimmen ſchien, was die tief⸗ betrübte Enkelin empfand. Als aber Beide anfingen zu reden, war es als ſtänden die Worte einer Jeglichen mit ihrem Antlitze im Widerſpruche, denn Leuke erinnerte ſie an die zärtliche Liebe des Todten, an alles, was er für ſie gethan, ihr bekannt und unbe⸗ kannt, an die Hoffnung, die der Greis dieſſeit und jenſeit auf der Enkelin theueres Haupt ge⸗ legt, und ermahnte ſie, dieſelbe zu erfüllen, ihm Wort haltend und der Tugend.— — 189— Die Lybierin aber ſagte: Einen huldreichen Herrn hab' ich verloren, Du einen zärlichen Vater, und es iſt billig, ihm den Zoll des Andenkens zu entrichten; die Todten gehören jedoch der Vergangenheit an, der Jugend aber, die in Dir ihr Sinnbild ſo herrlich geſchmückt, die ſchöne Gegenwart und die noch ſchönere Zukunft. Sorgſam hat er Dich in der Kind⸗ heit geleitet, nun iſt ſie mit ihm geſchieden von Dir, an die Pforte des Lebens hat er Dich geführt und allda ſich abgewendet; tritt nun ein in dieſelbe, über dem Zurückſchauen nicht vergeſſend, was Dich umgibt. Unzählige Ge⸗ ſtalten werden an Dir vorübergehen gleich ei⸗ ner bunten ſchimmernden Kette; immerhin bleibe das einzige Bild, das Du jetzt kenneſt, des Ahnherrn ehrwürdig Bild, das erſte Glied dieſer Kette; doch nicht auf dieß allein richte Deine Augen, und wenn Du es anſchaueſt, ſei es, Dich zu erinnern, wie der erlauchte Athanaſios Phranzes für ſein Kleinod bie glän⸗ zendſte Faſſung erſtrebt, welche die reiche und herrliche Erde nur bieten mag mit ihren le⸗ bendigen und lebloſen Schätzen.— Allzu bewegt war Zoe's junges Gemüth, — 490— um dieß Widerſprechende zu bemerken, es ſehnte ſich nach vertraulicher Ergießung und im Ge⸗ fühle des ungewohnten Alleinſeyns nach einer Stütze; ſie ſagte alſo: Ja wohl hat er mich verlaſſen der väterliche Beſchützer und beim Ein⸗ tritt in das Leben und die Welt, die mir beide ſo fremd ſind. Ihr werdet wohl auch ſo thun, ihr Mägdlein? Mein Vater, Herr Ariſtobulos, iſt Erbe des Ahns, er iſt nun der Herr ſeiner Güter, Diener und Sclaven, Ihr aber ſeid mein, mir zum Eigenthum gegeben von dem Verſtorbenen. Ich liebe die Sclaverei nicht und die Sclaven, am wenigſten mag ich als ſolche die Geſpielinnen meiner Kindheit ſehen⸗ Ihr ſeid alſo ftei, Leuke und Mele, das ſei meines Willens erſte Vollbringung. Die Hei⸗ mat iſt ſchön, ich muß freilich die meinige, das liebe Antiparos wahrſcheinlich meiden, aber Ihr kehret doch wohl in die Euere zurück.— Die Weiſe, in welcher die Jungfrau ſprach, war wehmüthig, ja beinahe bittend, alſo daß man recht ſehen konnte, es ſei ihr Wunſch, daß ſolch Erbieten nicht angenommen werde; auch geſchah dem alſo, denn Leuke ſprach: Ich weiche nicht von Dir, Jungfrau, es ſei denn, daß Du mich von Dir treibeſt, denn alſo iſt der Wille des Herrn. Auch hat Dein Wort, anſtatt daß es meine Bande löſe, ſie nur noch enger geſchlungen, laß mich denn, ich bitte, bei Dir, daß ich Dich zur neuen Heimat geleite.— und Mele verſetzte: Verweiſeſt Du mich denn alſo von Dir, Gebieterin? Wie bin ich Dir doch ſo mißfällig worden, daß Du des Gebotes des edelſten Athanaſios nicht gedenkeſt, daß auch ich Dir diene auf dem neuen herr⸗ lichen Wege, der vor Dir liegt? Dulde mich immerhin, fort und fort bleibe ich Deine Sclavin und jedes Deiner Befehle gewärtig.— Alſo meine Genoſſinnen für immerdar?— ſagte Zoe, auf deren bedrängtem Geſichte ſich ein leichter Strahl der Zufriedenheit zeigte, daß ſie einer jungen Roſe glich unter Thautropfen, glühend und lächelnd. Für immerdar— antworteten die Mägd⸗ lein einſtimmig und die Gebieterin überſchüttet⸗ ſie mit halb kindlich, halb jungfräulich anmuth⸗ igem Liebkoſen. Allerlei redete man auf dem Eilande Anti⸗ paros von dem Tode des theils gefürchteten, 31 — 192— theils verehrten Herrn des Palaſtes, und das Gerücht erhielt Nahrung durch manch bedenk⸗ liches Wort, das dem Makrobios und Spiri⸗ dion, die ihren Eid nun gelöſ't glaubten, ent⸗ ſchlüpfte. Zwar verſicherte der klügere Domeſti⸗ kus Simonides, der Sturz des Greiſes von dem Gerüſte, auf welchem man zur Ampel em⸗ porſtieg, ſei die Urſache ſolchen Unfalles gewe⸗ ſen, aber doch erhielt ſich manche Sage, und ſie hat ſich auf der Inſel erhalten bis heutigen Tag, ſpäterhin durch allerlei Zuſätze vermehrt. Aber zur damaligen Zeit vergaß man allmäh⸗ lig des Seltſamen, das ſie berichtete, über dem Bedauern des Abſcheidens des wohlthätigen Herrn, und dieß Bedauern wuchs, als man erfuhr, ſeine Enkelin, die liebliche Z0e, werde gleichfalls Antiparos in kurzem verlaſſen. — Schon ſchaukelte ſich in der ſtets umſchloſ⸗ ſenen Rhede auf der Fluth das Schiff, welches Ariſtobulos Phranzes gen Antiparos geſendet hatte, um auf die erhaltene Nachricht vom Ableben des Silentiarius die Tochter nach Kon⸗* — ſtantinopolis in das väterliche Haus zu führen. Schon ſeit einiger Zeit hatte Zoe⸗Genia mit Erwartung, zuletzt mit Ungeduld entgegenge⸗ ſehen, denn nach und nach hatten wirklich, wie die ſchwarze Sclavin angedeutet, Gegenwart und Zukunft die Bilder der Vergangenheit in den Hintergrund gedrängt, ſelbſt das vornehm⸗ ſte und geliebteſte von allen, die Zeit; eine geringe Abtheilung derſelben ſogar wandelt den bitteren Schmerz des erſten Augenblickes in im⸗ mer weniger trübe Erinnerung, und wenn ſie ihr noch oft gern den Zoll eines jugendlich wei⸗ chen Herzens darbrachte in ihren Geſprächen mit der ſanften, ſinnigen Leuke, ſo war eben dieß Herz auch ſehr für die Eindrücke empfäng⸗ lich, die Mele's begeiſterte Schilderung der Welt und des Lebens hervorbringen konnten, vielleicht nur von der Phantaſie der Oaſistoch⸗ ter entworfen, denn noch beinahe ein Kind war ja Mele, als ſie zu Antiparos erſchien, ob⸗ ſchon jedenfalls ein frühreifes Kind. Als aber die bunten Wimpeln der Galiote nun am Ufer weheten, als die Zeit da war, den Schauplatz einer ungeſtört glücklichen Kind⸗ heit zu meiden, da machten die Natur und 13 — 194— das Alter ihr Recht geltend, und die kleine Erdſcholle, vom Archipelagos umſpült, um⸗ ſchlang noch ein Mal feſt mit liebenden Armen die, welche einen ganzen Lebensmorgen hindurch auf ihr gewandelt. Die ſo ungeduldig war, ſie zu verlaſſen, um der herrlichen Cäſarenſtadt zuzueilen, deren majeſtätiſche Kuppeln die wahre Fata Morgana, die Einbildekraft, ihr am Rande des fernen Meerhorizontes zeigte, hörte jetzt mit Vergnügen vom Führer des Schiffes, daß ein widriger Wind ihn nöthige, wahr⸗ ſcheinlich bis zum Abend des folgenden Tages in der Bucht zu verweilen; die, welche in Ge⸗ danken ſchon wandelnd auf den goldenen Tep⸗ pichen im Purpurpalaſte der verwandten Pa⸗ laeologen, gleichgiltig über die blumigen Wie⸗ ſen am Geſtade dahingehüpft war, um nach dem ſäumenden Fahrzeuge zu ſchauen, das vom mit Paläſten bekränzten Bosporos kom⸗ men ſollte, ſchauete wehmüthig in das ftiſche Grün, auf die Blumen, die eben erſt aufge⸗ blühet wie ſie, der ſcheidenden Schweſter ein traurig Lebewohl zuzunicken ſchienen, und die in der letztvergangenen Zeit mit vornehmen Kaltſinn die Mägdlein des Eilandes vernach⸗ ₰ 1 läßigt hatte, ihrer Kindheit anfängliche Gefähr⸗ tinnen, von den kaiſerlichen und fürſtlichen Frauen ihrer Verwandtſchaft träumend und von ſtattlichen Herren in purpurnem Mantel und goldverzierter Rüſtung, ſetzte ſich jetzt unter die Mägdlein des Eilandes und konnte nicht von ihnen laſſen, und küßte und umarmte ſie und weinte herzinniglich bei den einfachen wohlbe⸗ kannten Geſängen, mit denen ſie traurigen Tones die kleine liebliche Herrin zur guten Letzt begrüßten. Mit geflügeltem Schritte, fort und fort von Leuke und Mele begleitet, durcheilte ſie beinahe den geringen Umfang der Inſel, von jeder Stelle Abſchied nehmend, die ihr theuer geworden, und ſo ziemlich jede auf An⸗ tiparos war es ihr durch die Erinnerung. Si⸗ monides, der Domeſticus, folgte ihr nicht ohne Mühe auf dieſen Streifzügen, mit der Liebe eines alten Dieners auf ſie ſehend, doch nicht ganz ohne Verwunderung über der Ju⸗ gend Raſtloſigkeit; doch wenn ſie an irgend ei⸗ nem Orte ruhete, wich er beſcheiden zurück, ſie der Hut der Dienerinnen überlaſſend, welcher ſie, wie er wußte, insbeſondere vom verſtor⸗ benen Herrn anvertraut worden. 13* — 196— Am Morgen des zur Abfahrt beſtimmten Tages duldete es die Jungfrau Zoe nicht auf ihrem Lager nach einer beinahe ſchlaflos und in halbwachen Träumen der Erinnerung und Er⸗ wartung verfloſſenen Nacht, eben kündete der Morgenſtern die Aurora an, als ſie ſich den Kiſſen entraffte und ihre Dienerinnen rief, ſie beim letzten Luſtgange auf der Inſel zu gelei⸗ ten. Wie immer waren ohne Verzug die Weiße und die Schwarze ihres Willens gewär⸗ tig und auch Simonides verkürzte, der bald nun ſcheidenden Enkeltochter ſeines Herrn zu Liebe, den ſeinem Greiſenalter ſo nothwendigen Schlaf. Nahe— ſagt die Legende und verſichert, daß der Beſucher von Antiparos ſich heutiges Ta⸗ ges noch davon überzeugen kann, welches Fra⸗ ter Euthanaſius denn auch beſtätigt— nahe bei dem Palaſte des Athanaſios Phranzes, oder den Ruinen vielmehr, in welche der Osmanen Wuth und Mahomed des Zweiten abſonderlicher Ingrimm ihn verwandelt, ragt ein Fels empor mit ſchroffen Wänden, ſchimmernd in der röth⸗ lichen Weiſe des hierländiſchen Marmors und ſein Gipfel geſchmückt mit grünem Raſen und ſchwankenden Therebinten, Kaſtanienbäumen, — 197— Pinien und Platanen. Gerade über der weltbe⸗ kannten Grotte ſtrebt er aufwärts, gleich einem Wartthurme, den Himmel zu beobachten, über einer unterirdiſchen Feſte der Titanen. Hierher lenkte Genia ihre Schritte, denn von dieſem Gipfel konnte man die geſammte Inſel überſchauen, und die Scheidende ſehnte ſich danach, dem kleinen Lande, das ihre Hei⸗ mat geworden, nachdem ſie von ſeinen einzel⸗ nen Stellen Abſchied genommen, noch im Ganzen den letzten Gruß zuzurufen. Der Tag brach eben an, der Morgenſtern, auf den Zoe ihren Blick unwillkührlich heftete, vielleicht des räthſelhaften Bezuges gedenkend, in dem ſie, jenen Eröffnungen im Dome der Planeten nach, mit ihm ſtehen ſollte; der Morgenſtern erblaßte in dem nahenden Strahle der Sonne und nach kurzer Dämmerung, wie ſie unter Himmelſtriche zu ſeyn yflegt, ſtieg Helios auf. Nicht finſter war er wie ſein Abbild in jenem Gemache, er verſandte keine tödtenden Pfeile, nur milde, wohlthuende Strahlen, gleichſam geweihet durch ihren Flug über Jeruſalem, die heilige Stadt, die ſie we⸗ nige Augenblicke vorher auf ihrem raſtloſen — 196— Pfade begrüßt. über das ſyriſche Geſtade ſchwang ſich das Geſtirn des Tages aufwärts und im vollen Lichte ſtrahlte die Inſel und die nahen Eilande des Archipelagos, und freudig erröthete die grünliche Meerfluth. Unten aber, ſcheinbar am Fuße des Felſens, ſchimmerten die Wimpel der Galiote und wie der Fittich des ſich davon ſchwingenden Vogels bläheten ſich ihre Segel im friſch erwachten Winde des Mor⸗ gens. Auch weheten in demſelben die Gewänder der drei Frauen auf dem Gipfel, das blendend weiße Gewebe, das Leuke's hohe und ſchlanke Geſtalt umgab, Genia's perlgraues, purpurbe⸗ ſetztes Kleid, und das ſchwarze der Mele, und der Frühſonnenſtrahl wob ein leichtes Roth um die ſchneeigen Wangen der Erſten, tauchte der Zweiten zartes und doch friſches, hellbräunliches Antlitz in Lebensgluth; machtlos aber glitt er über die dunkle Färbung der Dritten. Die Drei waren anzuſchauen gleich dem Tage, dem Abend und der Nacht. So gewahrten ſie ei⸗ nen Wanderer, welcher von noch einem be⸗ gleitet aus dem Schiffe an das Land ſtieg und den Blick auf die Höhe richtete vor ihm. Wie ſo ſchön iſt doch die Erde Gottes— begann Leuke mit dem Silbertone der Lerche, die früh ſich aufſchwingt, dem Herrn der Welt ihr morgentlich Dankopfer zu bringen: wie übermäßig reich hat er ſie ausgeſtattet für den Waller, obſchon er nur kurze Zeit auf ihr weilen ſoll, damit er ſchon hienieden den Ge⸗ ber alles Guten erkenne und durch das Schöne der Geiſt vorbereitet werde zum Schönen.— Ja, die Erde iſt lieblich— ließ ſich die Afrikanerin vernehmen: und es geziemt dem Menſchen, dem ein empfänglicher Sinn gewor⸗ den für ihren Reiz, daß er ihn dankbar ge⸗ nieße. Der beßte Dank aber iſt der, wenn der Beſchenkte die Gaben nicht verſchmähet und das Auge nicht abwendet von ihnen, es nach dem Fernen, Unbekannten wendend. Mag die Zukunft bringen was ſie will, auch die Ge⸗ genwart hat ihre Rechte, und welche auch ſeine Nachfolger ſind, nimmer kehrt der Augenblick wieder, und der ihn ungenützt verſtreichen läßt, hat ihn auf immer verloren.— Der Jungftau Zoe Augen und Herz waren 200 zu beſchäftigt, um großen Theil an ſolchem Geſpräche zu nehmen und das Dilemma zu löſen, welches er gewiſſermaßen aufſtellte, ihr Blick ſchwelgte in dem herrlichen Anblicke und auch ihr Gemüth nahm Theil an dem Schauen, denn der ferne ſchimmernde Horizont auf dem Meerſpiegel ruhend, nur hier und da verdunkelt von emportauchenden Infeln, gemahnte ſie wie die eigene Hoffnung glänzende Zukunft, die bekannte Nähe aber dünkte ſie ein Bild lieblicher Vergangenheit. So ſagte ſie denn: Gewiß wäre es undank⸗ bar gegen den Geber und unweiſe, ſich deſſen nicht zu freuen, was uns beſchieden, auch habe ich es gethan bis jetzt und gedenke es ferner zu thun. Schön wie dieſer Morgen war meine Kindheit, nun, es wird ihm auch ein ſchöner Tag folgen, und deſſen will ich mich freuen, ohne daß ich jenes vergeſſe. Hei⸗ ter und lieblich iſt das Nahe, hell und glän⸗ zend die Ferne, und ich ſehne mich hinaus nach ihr, und doch hält mich die Andere mit Liebes⸗ banden umſchlungen; ſo möchte ich denn keiner entſagen und ſie beide zugleich liebend umfaſ⸗ ſen.— — 201— Du wünſcheſt, was dem Menſchen nicht gewähret iſt— entgegnete Leuke: Sieh, wie die Wellen dahin fliehen, wie der Wind vor⸗ überrauſcht an der Küſte, ſelbſt die majeſtät⸗ iſche Sonne ſchreitet vorwärts auf ihrer Bahn, daß ſie Mittaghöhe erreiche, um ſich dann gegen Abend zu neigen, alles iſt wandelbar im ir⸗ diſchen Seyn; auch der Menſch, ſofern er zu dieſem gehört, iſt dem Wandel unterworfen; was aber überirdiſch an ihm, ſchwebt hoch über dem Wechſel, ſobald er es will, und mag dann alles umfaſſen. Es herrſchen Zeit und Raum über den Körper, über ſie aber herr⸗ ſchet der Geiſt. Sie ſind nun einmal verbunden— entgeg⸗ nete Mele in einem Tone, der beinahe leichtem Spotte glich: und doch für ziemlich geraume Zeit und zu mancher Luſt und Genuß. Da denn nun der Körper nicht vermag, ſich auf⸗ wärts zu ſchwingen, ſo bleibe der Geiſt ſein Gefährte, zu dem er beſtimmt iſt, und wandle mit ihm einträchtig durch die blumigen Pfade, die ihm ein gütig Verhängniß vorgezeichnet. Und wenn er in manchen Augenblicken in der Höhe ſtehet, wie jetzt wir, ſo ſchaue er ab⸗ — 202— wärts, um die blumigſten Pfade und reizendſten Triften zu ſuchen, damit, wenn der Weg wie⸗ der durch die Ebene geht, man ſie zu finden verſtehe und, wo es behaglich, verweile. Dem Labyrinth— erinnerte ſie Zoe: ver⸗ glich der Großvater mehrmals die Welt und des Lebens verſchlungene Wege.— Und Mele verſetzte: Daran hat der er⸗ lauchte Tode wie immer weiſe geſprochen; drum ſorge man für Fittiche, die, wie den Dä⸗ dalos, den Irrenden über das Gewirre empor⸗ tragen zur Vogelanſicht, von welcher aus man die Windungen der Pfade überſchauet.— Leuke aber ſprach: Fürwahr, ſolcher Fittiche gibt es, doch die unächten meide, auf daß es Dir nicht ergehe wie dem Ikaros. Sinnig iſt der Mythos vom Labyrinth, oft erbauet es der Menſch ſich ſelbſt und weiß nachher nicht, ſich in denſelben zu finden, und wenn er em⸗ porſtrebt zur Höhe ohne die Kraft, die der Höhe entſtammt, ſo fällt er wieder herab ohnmächtig und betäubt und wird dem Mino⸗ tauros zum Opfer.— Schweiget, ich bitte Euch, ihr Mägdlein— ſagte Genia: ſchon iſt es mir, wenn ich — 203— deß gleich froh bin, bange genug, in das unbe⸗ kannte Leben zu treten, ohne daß Ihr ſolche bedenkliche Worte ſprecht. Ich muß Euch aber ſagen, daß mir bis jetzt des Großvaters Gleich⸗ niß nicht einleuchten will; hell und freundlich liegt die Welt vor mir, und der Minotauros iſt wohl nur ein Gebild der Phantaſie und ein recht häßliches dazu.— Und doch entſpricht die Welt dem Gleich⸗ niße—— Und doch lauert in ihr das Ungethüm auf die Beute; ſprachen die Schwarze und die Weiße zugleich, und ebenfalls zugleich fügten ſie bei: Noch eine Führerin in derſelben nennet uns der Mythos vom Theſeus, es iſt die Liebe.—— Die Liebe leitet durch das Dunkel und die Ver⸗ wirrung zum Licht und zur Freiheit.——— O, ich kenne ſie wohl— entgegnete die Jungfrau zuverſichtlich: iſt nicht die Liebe meine Gebieter⸗ in geweſen bis jetzt? Wohnet ſie nicht in mir ſelbſt? Liebe ich doch alles, auch die Menſchen, den hellen Himmel, die grüne Erde, das ſpie⸗ gelglatte unermeßliche Meer. Sehet, ich meine, wer die Liebe ſelbſt in ſich hat, der wird auch Liebe empfangen und freundlich wird mir die Welt ſeyn, weil ich ſie freundlich betrachte.— — 204— Nicht wird die Erwiederung Dir entgehen— verſicherte die Afrikanerin: doch eine andere Liebe iſt es, welche dem jugendlichen Wanderer die Hand bietet, um ihn zum Ziele zu füh⸗ ren.— Liebe um Liebe iſt das ewige Geſetz — ſagte die Weiße darauf: bewahre denn die holde Führerin, daß ſie Dich geleite, und ſo Du ſie einſt recht erkenneſt, führet ſie Dich auch zum Ziele.— Sehet doch— rief Zoe, den Blick abwärts wendend: die beiden Männer, die den Weg aufwärts nehmen zu uns. Der eine, däucht mich, iſt der Führer unſers Schiffes, wer aber mag wohl der Andere ſeyn? Mir gefällt ſein Anſehen, er hat keinen langen, grauen Bart wie die Grammatiker und Rhetoren und Ma⸗ thematiker und wie ſie alle heißen im Palaſte, auch hat er kein mürriſch Geſicht.— Sie kommen wohl, uns abzurufen zur Fahrt?—— Dann aber ſprach ſie, die neue Erſcheinung alsbald vergeſſend und mit leuchtenden, ob⸗ ſchon etwas feuchten Blicken: O du liebes Antiparos, du freundliche Heimat, ſo muß ich dich denn meiden! So will ich denn noch ein Mal dich recht anſchauen und dich von — 205— Herzen begrüten. Doch— wandte ſie ſich zu den Genoſſinnen: damit ich ſie wiederfinde in der Ferne, ſo deutet mir jetzt ihre Lage recht genau. Dort, ich weiß es— fuhr ſie fort, nach Norden deutend: dort liegt Konſtantinopolis.— Dort liegt das herrliche Byzanz— beſtätigte die Lybierin: mit ſeinen Kuppeln und Palä⸗ ſten, mit dem Purpurſchloße, das Deiner Mutter Stammhaus iſt, mit dem glänzenden Throne, an deſſen Stufen Du geboren, an deſſen Stufen Du wandeln wirſt, bis Dir das Schickſal eine andere Stelle beſtimmt. Und wenn ſolches geſchiehet, wird Dein Blick vom Dome der Blachernen ſich ſtolz und freudig in der Ferne ergehen, und kaum wirſt Du des kleinen An⸗ tiparos gedenken, das, ſich verlierend unter den Eilanden des Archipelagos, Deinem Auge ent⸗ gehet.— Glaube das nicht— verſetzte Zoe mit Ei⸗ fer: Du ſagſt ja ſelbſt, man vergäße der Stelle nicht, wo man die erſten Jahre verlebt, haſt Du doch ihrer nicht vergeſſen, und doch mag es dort kaum ſo ſchön ſeyn als hier.— Mele antwortete nicht ſogleich, ſie wendete das Auge von der Jungfrau und von der Ge⸗ — 6— fährtin und ſprach dann kurz und mit Ernſt, den, jenen Vorgang im Dome der Planeten ausgenommen, die junge Herrin beinahe nie an ihr wahrgenommen: O, wohl war ſie ſchön meine Heimat! Aber— ſetzte ſie darauf hin⸗ zu: Aber ich bin zum Wandern beſtimmt, Ge⸗ bieterin, gleich Dir, zu mancherlei Abenteuer und vornehmlich zum Suchen, drum geſtatte, daß ich Dich begleite, denn dazu tauge ich wohl.— Und Du, Leuke— fragte die Enkelin des Silentiar— wenig haſt Du noch von Deinem Vaterlande geſprochen; iſt es auch ſo ſchön als Antiparos, und trauerſt Du nicht, von ihm entfernt zu ſeyn, und ſehneſt Dich nicht nach ihm zurück?— Schöner als dieß Eiland iſt ſie— erwie⸗ derte die Weiße— ſo ſchön als meine Ge⸗ fährtin die ihre genannt, auch bin ich ſeit viel kürzerer Zeit abweſend von ihr als ſie. Ab⸗ weſend? Nein, ich bin es nicht, war ich doch auch auf Antiparos im Hauſe des Vaters, und überall werde ich es ſeyn, wohin ich gehe in ſeines Kindes Geleit.— Da näherte ſich Simonides, welcher bisher — 207— aus Ehrfurcht vor der fürſtlichen Jungfrau ſich fern gehalten, und ſprach: Du verläſſeſt uns nun, Gebieterin, und das Eiland, wel⸗ ches Dich bisher ſeine ſchönſte Zierde genannt, und Du ſchaueſt es an mit liebendem Blicke und willſt es nicht vergeſſen. Doch kenneſt Du es nicht ganz, ja weniger, möchte ich ſagen, kenneſt Du es, ſeine Tochter, als der Fremd⸗ ling, den die flüchtige Meereswelle vorüberträgt. Willſt Du denn von ihm ſcheiden, ohne die weltberühmte Grotte zu ſehen, das Wun⸗ der der Welt, auf deren Gewölbe Du ſteheſt? Wahrlich— ſetzte der Antipariot im Eifer der Vaterlandliebe hinzu: es wäre eine Schande für uns, ließen wir die Herrin ziehen, ohne daß ſie das Schönſte kennte in ihrem Ge⸗ biete.— Ja, Du haſt Recht, Alter!— rief Zoe freudig: die Grotte muß ich ſehen. Wo⸗ her— fügte ſie nachdenklich bei— Woher mag es wohl kommen, daß der Vater mir es immer verbot? Kommet mit mir, Ihr Mägd⸗ lein— lange währet es wohl nicht, und das Schiff muß meiner warten, bin ich doch die Gebieterin und des Großdomeſticus Tochter.— Zürne nicht, wenn ich Dich bitte, mir die Begleitung zu erlaſſen— ſagte die Tochter des Nordlandes mit trüber Miene: der Vater bil⸗ ligte nicht Dein Hinabſteigen in die Höhle; von ihm bin ich Dir zugeſellt und kann Dir nicht folgen, wohin Du Dich wider ſeinen Willen begibſt. Doch auch halten werde ich Dich nicht, denn Dein iſt die Freiheit, des Weges zu gehen, den Du wähleſt. Wohl iſt die Freiheit Dein und die Wahl — ließ im Gegenſatze ſich Mele vernehmen: und der Sklavin geziemt es nicht, ſie zu be⸗ ſchränken; Dir zu gehorchen und zu folgen iſt ihre Pflicht. So bin ich denn bereit, ſolches zu thun, auch erfülle ich damit nur die Ob⸗ liegenheit, mir auferlegt von dem erhabenen Atha⸗ naſios Phranzes, Dich zu begleiten auf Deinen irdiſchen Pfaden, und der, welchen Du vorhaſt, fügte ſie lächelnd hinzu— iſt ja unſtreitig ein irdiſcher zu nennen, ein unterirdiſcher ſogar. Er iſt mir überdem wohl bekannt und ich habe ihn ſchon an der Seite deſſen betreten, der ſeiner Erbin auch die Freiheit des Willens hin⸗ terließ.— Treffliche Mägdlein ſeid Ihr— ſprach Ge⸗ — 209— nia⸗Zoe lachend: doch etwas wunderlich, ſtets ei⸗ nig in der Hauptſache, und über Geringfügiges ſtreitend. Die Hauptſache alſo iſt: ich kann thun, was ich will. Nun gut, ſo will ich denn die Grotte ſehen, ehe ich die Inſel ver⸗ laſſe.— Im nämlichen Augenblicke erſchienen auf der Höhe der Hauptmann des Schiffes und der Fremde, der mit ihm an das Land ge⸗ ſtiegen. Er ſtand noch in der vollen Blüthe der Jahre, ſein Anſtand war edel und von feiner Sitte zeugend, ja es ſchien ſogar, als ſei demſelben etwas Gebieteriſches eigen. Sei⸗ ne Tracht war einfach und die eines Kriegers, aber zierlich, ein ſtählerner Schuppenwamms umſchloß den hohen und ſchlanken Wuchs und ein leichter Helm beſchattete ſein blühendes, aus⸗ druckvolles Geſicht. Er war, obſchon mit dem Schiffe gekommen, der Enkelin des Silentiar noch unbekannt, denn wiewohl die Sitte er⸗ ſchlafft war wie die Kraft im römiſchen Reiche, ſo beſtand doch der Gebrauch noch in aller ſeiner Kraft, und der Gebrauch, der das Gynäceum dem Fremden verſchloß, hatte die⸗ ſem Ankömmlinge auf der Shz Eingang 1 — 210— in einen Palaſt nicht verſtattet, deſſen Bewoh⸗ nerin eine vornehme Jungfrau war, in die Jahre der Mannbarkeit tretend. So ſtreng war dieſer Gebrauch, daß der bejahrte Domeſti⸗ cus Simonides, im Dienſte eines hohen Hau⸗ ſes ergrauet, ſeltſame Blicke auf die unberufen ſich Annähernden warf, der Verwunderung auf den Unbekannten, des Tadels auf den Be⸗ fehlhaber der Galiote, welchek ihn hierher ge⸗ führt. Er ſchien auch im Begriff, Beide zu⸗ rückzuweiſen, doch ward er anderes Sinnes. Der Hauptmann, welcher, wiewohl als einer der vornehmſten Beamten des Großdomeſticus, ſelbſt ein Mann von nicht geringer Bedeutung, ſeinem Begleiter eine Art von Ehrerbietung be⸗ zeigte, raunte dem Entgegentretenden einige Worte in das Ohr, welche ſeinen Widerſtand nicht nur augenblicklich beſeitigten, ſondern auch ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den Fremden richteten. Er ſchauete ihn wißbegierig und prüfend an, und bald ging der forſchende Aus⸗ druck ſeines Geſichts in ein verſtohlenes, liſt⸗ iges Lächeln über, welches vielleicht andeuten konnte, daß der alte Hausmeier durch lange Dienſte ſich berechtigt glaubend, an den Ge⸗ — 911— heimniſſen ſeiner Herrſchaft Thell zu nehmen, hier ein ſolches muthmaßte. Es iſt nun Zeit, ſprach der Befehlhaber des Schiffes zu der Tochter ſeines Patrons in der Weiſe, welche im leider nun verſunkenen Griechenreiche gegen Höhere, zumal gegen Frauen gebräuchlich war: Es iſt nun Zeit, das Ei⸗ land Antiparos zu betrüben, ihm ſeine ſchönſte Zierde entführend. Zwar wird es glanzlos ſte⸗ hen, verlaſſen und einſam, und es jammert mich ſein, aber ein höheres Recht hat die Cä⸗ ſarenſtadt auf die Enkelin des Purpurhauſes, und ſehnſüchtig breitet ſie Dir ihre Hundert⸗ tauſende von Armen entgegen am grünenden Geſtade des Bosporos. Sieh, der Aura günſt⸗ iger Hauch ſchwellet die Segel, und die Wel⸗ len hüpfen auf, ungeduldig, ihre ſchöne Bürde zu tragen; nimm denn Abſchied von dieſem Strande und dem Mauſoleum Deines erlauch⸗ ten Großvaters, um nach Konſtantinopolis zu eilen und in die Arme des edelſten Großdome⸗ ſticus, Deines Herrn Vaters. Die Vorzei⸗ chen deuten auf eine glückliche Fahrt, wie möchten ſie auch der durchlauchtigen Zoe übles verkünden?! Die Meſſe iſt geleſen und ſo ver⸗ 14* — 212— trauen wir uns denn den Wogen unter dem Schutze des Poſeidon und Tolus, wie auch nicht minder der gebenedeieten Panagia und aller heiligen Märtyrer und Bekenner.— Schon?— erwiederte Genia mit einigem Mißmuthe: Noch bin ich nicht fertig mit Ab⸗ ſchiednehmen von dem Schauplate meiner Kind⸗ heit, und einer Stunde wegen, die ich noch dazu bedarf, werden, hoffe ich, Neptun und die heiligen Patrone mir ihren Schutz nicht entziehen. Gedulde Dich alſo gleich ihnen, Schiffhauptmann.— Unſtreitig werden ſie das nicht— verſetzte dieſer der eigenwilligen Herrin: ſie werden viel⸗ mehr Dich durch Dein ganzes Leben beſchützen, unſtreitig habe ich keinen Willen als den Deinen, und keine Pflicht, als mich ihm geduldig zu fü⸗ gen; vergönne jedoch Deinem ergebenen Diener, daß er Dir bemerklich mache, wie nicht eine Stunde nur, wie das Fünftheil einer Secunde Aufſchub nach dem, welchen leider das Aus⸗ bleiben des Auſter(Südwindes) nothwendig ge⸗ macht hat, Deinen hohen Herrn Vater ſchmerz⸗ lich betrüben würde und Deine durchlauchtigſte im Purpur geborene Frau Mutter. Deß neh⸗ — 213— me ich zum Zeugen dieſen— dieſen jungen und wackern Kriegesmann, der unſer Gefährte auf der Reiſe ſeyn wird und unſer Beſchüz⸗ zer.— Genia⸗Zoe ſah den Bezeichneten flüchtig an und ſprach mit einer Art von kindjungfräu⸗ licher Schnödigkeit, die vielleicht eben durch ſeine gefallſame Geſtalt erregt ward: Noch ein Be⸗ ſchützer? Mich däucht, Hauptmann, Du hät⸗ teſt deren ſchon Viele genannt und von ver⸗ ſchiedener Art.— Die Sehnſucht Deiner Iltern nach Dir, edle Tochter des Phranzes, muß ich bezeugen — nahm der junge Krieger mit einfachem, aber gewinnendem Anſtande das Wort: Sie iſt ſo groß als ihre Beſorgniß, und dieſe bewog Dei⸗ nen Vater, mich mit einiger gewaffneten Mann⸗ ſchaft Dir zum Geleite zu ſenden. Nicht nur die Erde iſt in unſerer Zeit der Schauplatz un⸗ heilbringender Verwirrung, ſondern auch das Meer; Trotz dem Waffenſtillſtande und den friedlichen Geſinnungen, die der Erzfeind Mo⸗ hammed heuchelt, kreuzen die Brigantinen des Kapudanpaſcha auf dem Archipelagos, und lei⸗ der unſere Landes⸗ und Glaubensgenoſſen, —— die Mainoten, haben in ihrer Raubgier nicht Acht, ob ein Fahrzeug, von ihnen aufgebracht, den halben Mond in der Flagge führt oder das heilige Kreuz.— Wenn dem ſo iſt— antwortete die Jung⸗ frau mit der Gleichgiltigkeit, welche gänzliche Unbekanntſchaft mit der Gefahr verleihet: ſo that mein Vater wohl, uns zu den Beſchüz⸗ zern, welche der Navarch uns genannt, auch einen leiblichen Schutz zuzugeſellen. Ich theile die Sehnſucht der geliebten Altern, doch mag das Fünftheil einer Sekunde nicht von großem Belang ſeyn, und zwar eilig, will ich doch von dieſem kleinen Erdenflecke Abſchied nehmen, der mir heute noch theuerer iſt als die ganze übrige Welt.— Wie geſchah es doch— fuhr ſie fort nach einer leichten, fürſt⸗ lichen, beinahe entlaſſenden Kopfneigung gegen die beiden Männer: Wie geſchah es doch, Ihr Mägdlein, daß wir von dem Geſpräche abka⸗ men, welches mit meiner Frage nach den Um⸗ gebungen dieſer Inſel begann? Dort, im Nor⸗ den alſo, liegt Byzanz. Die Küſte aber, über welche die Sonne jetzt heraufſteigt, um ſich in der Fluth zu beſpiegeln, gefolgt von der kaum — erkennbaren Sichel des Mondes, die Küſte Aſiens iſt es, das weiß ich, doch welchen be⸗ ſondern Namen führet ſie noch, und welches ſind die Länder, die das Tagesgeſtirn beleuchtet, ehe es den Zenith von Antiparos erreicht?— Das Geſtade von Syrien iſt es— ant⸗ wortete Leuke: und das Land, welches ſie um⸗ gibt, ſchließt das Heiligthum der Erde in ſich, das Grab des Erlöſers. Trauernd ſcheint die Sonne der entweiheten Flur zu enteilen, denn leider herrſchet dort der Halbmond und macht ſich auf, gleich ihr über die Erde zu ſchreiten, und auf rüſtige Vertheidiger blickt er, während die Sonne, in der einſt das heilige ſiegverheiß⸗ ende Zeichen dem chriſtlichen Kaiſer erſchien, her⸗ abſchauet auf ein kleinmüthig verzagendes Volk.— Dem iſt ſo— rief plötlich und wie im Vergeſſen ſeiner ſelbſt der Fremde: und wehe, daß dem ſo iſt. Dem Heiligen entſagen ſie in kläglicher Dumpfheit, um ſeinen Schatten zu ſtreiten, und wähnen, ſie verlören nichts, bis ſie alles verloren. Aber— ſetzte er hinzu: noch iſt nicht alle Mannheit erſtorben in Griechen⸗ land, und die Wiege der Wiſſenſchaften und des 5 Glaubens iſt noch nicht gänzlich von Wächtern entblößt!— Hier brach er ab, als erinnere er ſich, wo er ſei und mit wem, aber ein Blick Genia's ſchien anzudeuten, als habe ſie die frommkrie⸗ geriſche Erregung des Sprechenden nicht ohne Wohlgefallen vernommen, doch fuhr ſie fort in dem begonnenen Geſpräch: Und gen Nie⸗ dergang die Berge, die hellbeleuchtet gleich Ne⸗ belwolken den Horizont bekränzen?—— Die Gebirge des Peloponneſos ſind es— ſetzte die Weiße ihre Erklärung fort: Der Taygetes, an deſſen Fuße Lakedämon liegt und hinter ihm der meſſeniſche Ithome. Weiterhin fluthet bis zu den Säulen des Herakles das mittelländiſche Meer, ihm links iſt das gottverhaßte Geſtade der Barbarei, rechts die Ufer geſegneter Län⸗ der, über welche das Kreuz herrſcht, nur ohn⸗ mächtig bekämpft von dem Halbmonde an der iberiſchen Küſte. Weithin dehnt ſich dann der atlantiſche Ozean, fern ſind die Länder, die er beſpült, und unbekannt, doch werden ſie er⸗ kannt werden und erkennen, auch zu ihnen ge⸗ langt das Heil, denn der Sonne gleich ziehet es von Morgen gen Abend!— — 27— Mit der Sonne ziehet der Mond, wie eben zu ſchauen!— rief der fremde Krieger nicht ohne Bitterkeit: Auch an jene Geſtade wird es gelangen, wenn er erſt auf ſie herüberſchauet von Sankta Sophia, wenn die Stadt des Konſtantinos ſeiner Herrſchaft verfallen wie längſt ſchon das heilige Grab, und der Chri⸗ ſtenheit Bundesbruch wird ſich an der Chriſten⸗ heit rächen.— Etwas befremdet ſchauete Zoe auf den jun⸗ gen Mann, denn noch niemals hatte Jemand in ihrem Beiſeyn ſo laut und ungezwungen geſprochen, den Ahn ausgenommen, ſelbſt ihre grämlichen, bärtigen Lehrer nicht, es ſei denn in den Stunden des Unterrichtes; alsbald aber wendete ſie ſich wieder zu ihren Dienerinnen fragend: Dort im Mittag, dem die Sonne zu⸗ eilt, dehnt ſich Afrika in unermeſſener Breite, welcher aber iſt der Theil deſſelben, gerade im Süden dieſer Inſel gelegen?— Igypten— ſprach Mele: das uralte Land der Wunder, das der Nil durchſtrömt, auf deſſen Boden die Pyramiden ſtehen, die Wäch⸗ ter der weiten Einöde, wo die Natur waltet und das Geheimniß, meiner Heimat, hohe Herrin.— — 218— Geſegnet ſei der Süden— fiel der Schiff⸗ hauptmann ein, die Gelegenheit ergreifend, um zur Abfahrt zu mahnen: denn der Wind, welcher von ihm kommt, iſt es, der die aller⸗ edelſte Jungfrau Zoe zur Kaiſerſtadt führt in die Umarmung des edelſten Großdomeſtikus Ariſtobulos Phranzes und der im Purpur ge⸗ borenen Irene.— Schön! rief Genia⸗Zoe, in ihrer Unbe⸗ fangenheit nicht Acht habend auf dieſe Erinner⸗ ung oder vielleicht erfreuet, des neuen Dieners Ungeduld ein wenig zu ſpannen, wie es mit⸗ unter auch den früheren geſchehen: So werde ich denn von der Kuppel der Blachernen, wie Du ſagſt, Afrikanerin, die Stelle, wo mein Eiland liegt, nicht vergeblich ſuchen im weiten inſelreichen Archipelagos. Mit ſeiner Oberfläche habe ich nun geendet, und es bleibt mir nur, auch zu kennen, was ſich unter derſelben be⸗ findet. Noch, obſchon gleichſam ein Kind von Antiparos, war ich doch nie in der Grotte, laß darum, Hauptmann, bis ich von dort zu⸗ rückkomme, immerhin den Auſter noch ein we⸗ nig in Deinen Segeln und Wimpeln ſpielen und die Wellen mich ungeduldig erwarten; was würde man in Konſtantinopolis ſagen, was Vater und Mutter ſelbſt, verließ ich den Ort, wo ich ſo lange geweilt, ohne das Wunder zu kennen, das es verbirgt?— Mit bitterſüßem Lächeln und tiefer Ver⸗ beugung erwiederte der Schiffer, die Herrin habe zu gebieten, der Fremde aber ſprach: So vergönne denn, edle Jungfrau, daß ich ſchon jetzt und auf dieſem Gange das Amt antrete, welches mir Dein Vater vertrauet hat. Noch nie beinahe hatte die Enkelin des Silentiar das Angeſicht eines jungen Mannes geſchauet, außer unter den niedrigſten Sclaven des Palaſtes, welche nie wagten, das gebeugte Haupt oder die Stimme gegen die Herrin zu erheben, nur von Weibern und Greiſen war ſie umringt, ſo hörte ſie denn das dreiſte An⸗ erbieten des Unbekannten mit einiger Betroffen⸗ heit, ihr Auge ſenkte ſich, ein höheres Roth ward auf ihrer Wange ſichtbar und ſie ſchauete unſchlüßig umher und wie fragend, ob ſie die Begleitung des Kriegsmannes annehmen, oder ſich über die Kühnheit deſſelben erzürnen ſollte. Bald ward ihr auch die verlangte Weiſung durch Simonides, den Majordomus, welcher, wie es mit alten Dienern hoher Geſchlechter der Fall iſt, gleichſam ein altes lebendiges Ceremonienbuch genannt werden konnte. Wie ſehr ſeine Mein⸗ ung von dem Soldaten auch durch jene Mit⸗ theilung des Schiffhauptmannes ſich gebeſſert ha⸗ ben konnte, ſo ſchien ihm doch der Antrag der Enkelin der Auguſte gemacht, höchſt wunder⸗ lich und dem ſcheinbaren Range und wirklichen Alter deſſelben ganz und gar nicht angemeſſen, ein ſo hohes und junges Fräulein auf einem Gange wie dieſer zu begleiten, durch eine dunkle und einſame Berghöhle. Jedoch hatte ſein nunmehriger Gebieter, der Großdomeſticus, dieſen zum Paladin ſeiner Tochter erkohren, und ſolche Verfügung erduldete keinen Wider⸗ ſtand. Nachdem er alſo reiflich erwogen, wie dieß Dilemma ſeiner Obliegenheiten zu lö⸗ ſen ſei, trug er mit gebührendem Anſtande ſeine Entſcheidung vor: Dieweil— ſprach er langſam und gemeſſen— Dieweil, Herrin, es Deinem erhabenen Vater gefallen, gegen⸗ wärtigem Krieger die Obhut ſeines Kleinodes zu übertragen und ſolches auch der achtbare Führer des Schiffes beſtätiget, halte ich dafür, es komme ihm zu, ſein Amt auszuüben, wel⸗ ches er gleichſam angetreten, als ihm das Glück zu Theil wurde, die durchlauchtige Zoe von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen. Mit⸗ hin, o Gebieterin, empfange gütig die Dienſte, welche Beſagter allem Anſcheine nach Dir wil⸗ lig weihet, und ſchreite, von ſeinem Arme ge⸗ ſtützt, in die Grotte hinab, zu welcher ich Dich gleichfalls begleiten werde, meinerſeit den letzten Dienſt bei Dir zu verrichten. Auch werde ich noch mehre Dienerinnen hierher beſcheiden, von bewaffneten Dienern und Sclaven eine erkleck⸗ liche Zahl, damit Du ſolche Wanderung nicht unternehmeſt mit einem Jünglinge, einer Mohrin und einem Greiſe, ſondern mit einem Gefolge, wie es der Tochter des Großdomeſticus und der Verwandten der allerdurchlauchtigſten Palaeologen gebührt nach konſtantinopolitaniſcher Sitte.— Fürwahr, alleredelſte Herrin— bekräftigte der Hauptmann: in der Kaiſerſtadt verläßt eine Jungfrau Deines Ranges nicht den vä⸗ terlichen Palaſt, ohne daß die Sänfte, in wel⸗ cher ſie mit ihrer Hofmeiſterin und vertrauten Dienerinnen ſitzet, von funfzig bis ſechzig Die⸗ nern umringt ſei, der Sicherheit wegen zum Theil, zum Theil auch, dem gemeinen Volke Achtung einzuflößen für die ſich nahende hohe Perſon.— Zoe gewahrte hier ein ſpöttiſches Lächeln auf den Lippen der Afrikanerin und dieſe ſagte ſchmollend: bei ſo ſtattlicher Begleitung, Herrin, bedarfſt Du der meinigen nicht. Zwar gehe ich mit, wenn Du es befiehlſt, aber Deine Führerin kann ich nicht ſeyn, und ich muß es dieſem fremden Kriegesmann und dem ehrbaren Domeſticus überlaſſen, Dich an einen Ort zu leiten, welcher mir, glaube ich, beſſer als ih⸗ nen bekannt iſt.— Da wandte ſich Genia an den Schiffbe⸗ fehlhaber und ſagte lebhaft: Nur in der Sänf⸗ te, ſageſt Du, und von ſechzig überläſtigen umringt, wird es mir erlaubt ſeyn, friſche Luft zu ſchöpfen?— Alſo— war die Antwort— wird es nach löblichem Gebrauche daſelbſt mit den Töchtern der Großen gehalten. Alſo— rief ſie noch lebhafter: gedenke ich noch ein Mal hier der Freiheit der Jugend und des Landlebens zu genießen. Ich danke für Eure Begleitung, Ihr Herren, denn ich bedarf ihrer nicht. Komm, Mele, mein ſchwar⸗ zes Mägdlein, wir wollen es ſelbander verſu⸗ chen.— Und damit nickte die kleine vorneh⸗ me, verzogene Herrin den übrigen leicht zu und flog eilenden Schrittes mit der Lybierin zurück nach dem Palaſte.— Unverwandt ſchauete der Fremde der jugend⸗ lichen Spröden nach, doch nicht mißfällig denn ein obſchon etwas zweifelhaftes, aber doch wohlwollendes Lächeln begleitete dieſen Blick; der Führer des Schiffes ermangelte nicht in pomphafte Lobeserhebungen der Gebieterin aus⸗ zubrechen, in welche ſich jedoch eine Bemerkung über deren anſcheinend ziemlich eigenwilligen Sinn miſchte, eine Bemerkung, welche der Domeſticus mit einer anderen erwiederte, die ſonderbare Weiſe betreffend, in der der hoch⸗ ſelige Herr die Enkelin auferzogen, in nichts ihren Willen und Laune beſchränkend; Leuke aber ſtand ſchweigend und ſchaute umwölkten Blickes, wie es ſchien, zum Oſten. Eben dahin richtete auch bald der Schiff⸗ herr ſein Auge und ſeine Ungeduld begann ſich lebhafter zu äußern, als er einige dunkle Wol⸗ ken gewahrte, des Unwetters Vorläufer, die in Südoſten aufſtiegen, von der Gegend des ara⸗ — biſchen Meerbuſens, und er beklagte ſich über die wahrſcheinlich eintretende Nothwendigkeit, ſtatt den nicht weiten Weg bis Konſtantinopolis in Einem zurückzulegen, Raſt zu machen bei irgend einer Inſel, eine bedenkliche Sache zur damal⸗ gen Zeit, und doppelt bedenklich für den, welchem ein ſo koſtbares Pfand anvertrauet worden. Sein Begleiter, an den er vorzüglich dieſe Klagen richtete, forderte ihn auf, hinabzuge⸗ hen an den Strand, damit das Fahrzeug völ⸗ lig zur Abfahrt bereit ſey, wenn es Zoe ge⸗ falle, nach ihrer Rückkehr von der unterird⸗ iſchen Wanderung die Reiſe auf der Fluth anzutreten, Simonides begab ſich nach dem Palaſte, das Gefolge aufzubieten, und ſo blieb denn Leuke allein auf dem Gipfel des Felſens. Kaum hatte der Fremde den Fuß deſſelben erreicht, ſo ſchlug ein ſeltſamer Klang an ſein Ohr, der nämliche war es, welcher im Pla⸗ netendome grell und gleichſam klagend und höhnend die drei Greiſe entſetzte und zum zweitenmal vor dem Tode des Athanaſios Phranzes erſcholl. Er war ergriffen von dem ſonderbaren Getöne und fragte nach deſſen Ur⸗ ſache und Bedeutung den Hauptmann, welcher — 225— ſich jedoch unfähig befand, ihm Auskunft zu geben; als ſie ſich aber umſchaueten nach dem Felſen, ſahen ſie das Mägdlein Leuke, wohl zu unterſcheiden durch ihr weißes Gewand im Grünen der Bäume, und es knieete mit auf⸗ gehobenen Händen, gen Bethlehem gerichtet und Hieroſolyma, den gebenedeieten Städten, der Wiege des Erlöſers und des Erlöſers Grabſtätte⸗ Der flüchtige Schritt Zoe's und ihrer Be⸗ gleiterin hatte ſie zu dem Schloße des Atha⸗ naſios zurückgeführt, das ſie bald, noch am heutigen Morgen auf immer verlaſſen ſollten, und Mele richtete ihren Weg alsbald nach den Sälen, welche der Verſtorbene ſein Muſeum benannte. Da fragte die Herrin, warum ſie ſich nach dieſer Seite wendeten, da doch allbe⸗ kannt auf der entgegengeſetzten der Eingang in die Höhle ſei, wie ſie denn oft bemerkt, daß die Beſuchenden vom Strande aus ihn betre⸗ ten, aber die Lybierin antwortete ernſt: Wer mit der Menge gehet, mag es auf 15 — 6— gewöhnlichem Wege thun, und nur Gewöhn⸗ liches wird ſich ihm darbieten; im Geleite des Fremden, des mürriſchen Domeſticus und all ſeinen Dienern und Dienerinnen wäre ich Dir dorthin gefolgt; aber mit Dir allein führe ich Dich, von Deinem abgeſchiedenen Ahn beauf⸗ tragt, nur des Pfades, den er ſelbſt zu dem Orte eröffnet, wohin Dich löbliche Wißbegier ruft.— Man war in den Gemächern angelangt, in welchen ſich die Denkmäler einer alten kunſtreichen Zeit befanden, und einige Zeit weilte Genia vor den hehren Geſtalten, deren Anblick von Kindheit auf die Empfindung für das Schöne in ihre Seele gepflanzt; länger aber als vor den andern blieb ſie vor dem Standbilde eines Jünglings ſtehen, einem von denen, welche der Mangel ſinnbildlicher Kenn⸗ zeichen, verbunden mit dem Gepräge einer hö⸗ heren Natur, mit dem Namen eines Genius belegen laſſen, unbeſtimmt, wie die Zeit ihrer Entſtehung, wahrſcheinlich älter als die, wo die Kunſt dem ſpätern das Ideal zur Verkörperung herabziehenden, dem nachhomeriſchen Mythos, wie man ihn nennen darf, zu dienen begann. — 227— Es war nicht allein die gelungene Darſtellung des Meißels, welche ihre Aufmerkſamkeit an ſich zog, noch etwas Anderes feſſelte ihren Blick und verlieh dem jugendlichen Antlitze einen ſinnigeren Ausdruck als gewöhnlich, da ſie zu der Schwarzen trat, welche indeſſen eine Nachahmung des Laokoon mit Wohlgefallen nicht nur, ſondern mit einem gewiſſen kenner⸗ mäßigen Entzücken beſchauet hatte. Wie dar⸗ auf die beiden Mägdlein weiter durch die Säle ſchritten, fragte Zoe mit einigem Zögern: Saheſt Du den Fremden, Mele?— Und dieſe verſetzte gleichgiltig und abgebrochen: Ich ſah ihn, Gebieterin.— Darauf ſprach die Jungfrau wiederum und noch zögernder: Mich dünkt, er gehört zu den Männern, die man ſchön nennet, ſo weit ich Begriff davon habe nach dem, was ich in Malerei und Bildhauerkunſt geſehen, und dem der alte Simonides ſo wenig ähnlich iſt und die Präceptoren.— Du haſt es geſagt — entgegnete die Lybierin wie zuvor: er iſt jung, dieſe ſind alt, und dem Auge ge⸗ fällt in der Natur wie in der Kunſt, was die Spuren der verwüſtenden Zeit nicht an ſich 15* — 5 trägt. Weit davon iſt aber noch die Schön⸗ heit entfernt, des Mannes beſonders, welche beide, Kunſt und Natur, weniger in die Form legen als in den Ausdruck.— Etwas lebhafter erwiederte Zoe: Ich ſage Dir, mir ſcheint er recht ſchön, wirklich ſchön, was man ſo heißt, auch mangelt er nicht des Ausdruckes. Findeſt Du nicht, daß er dem Genius gleiche, den ich eben betrachtet? Eine flüchtige Thnlichkeit— ſagte die Sclavin: in einigen Zügen doch nur, ein Ungefähr, welches zum Theil in die Wirklich⸗ keit treten ließ, was die Phantaſie des Mei⸗ ſters vor Jahren erdacht, wenn es überhaupt die Phantaſie that, denn es trifft ſich wohl häufig, daß die Nachwelt alten Erzeugniſſen höhere Namen beilegt, als ſie verdienen.— Durch den ungewohnten Widerſpruch ge⸗ reizt, erklärte die Herrin: Nicht flüchtig nur gleicht er dem Standbilde, ſondern vollkommen und edel wie ſeine Stellung und Antlitz ſind auch die ſeinen.— Ich beſtreite das nicht— antwortete die Afrikanerin, bei ihrer Gleichgiltigkeit beharrend: Mit regem Sinn hat gleich wie mit anderen — 220— herrlichen Gaben die gütige Mutter Natur ihre Lieblingtochter ausgeſtattet. Doch trügt oft⸗ mals ein gefallendes Nußeres in der Darſtellung wie im Leben. Wie oft mag es geſchehen, daß das Bild eines ſchlechten Hirtenknaben, eines geringen Doryphoren, das der Meiſter in müßiger Stunde aufgefaßt, in ſpätern Zeiten für einen Genius gilt, oder gar für einen Apol, und ſolche Täuſchung ſoll, ſagt man, ſich auch im Leben ereignen. Sie dauert je⸗ doch Augenblicke nur, denn alsbald vermißt der ſchärfere Blick des Göttlichen unverkennbares Ge⸗ präge, zum Genius ſpricht der Genius und von dem Gemeinen unterſcheidet ſich das Hohe, auch in gleichförmiger Hülle.— Empfindlich verſetzte die Tochter des Groß⸗ domeſticus: Es iſt als wolleſt Du, Mägdlein, das ſonſt immer mein Urtheil belobt, heute ge⸗ ring ſchätzen, was mir gefällt. Kein Hirten⸗ enabe iſt dieß Bild, und der Fremde trotz ſei⸗ nem Soldatenkleide kein Niedriggeborener, wie Du anzudeuten ſcheineſt. Wie möchte auch ein ſolcher ſo vertraulich ſprechen zur Enkelin des Athanaſios Phranzes, zur Tochter einer m Purpur geborenen Mutter?— Möglich, er iſt nicht, was er ſcheint— ſprach Mele noch kälter als zuvor: Aber ſei er weit mehr, gehöre er ſelbſt zu den Edelſten im Volke, ſtehe er nahe am Throne des Cäeſar Auguſtus, immer ſtehet er tief unter Dirz ſey er auch an Geburt der Tochter des Athanaſios Phranzes gleich, unwerth iſt er der Beachtung der Jungfrau, welcher die Ge⸗ ſtirne das Höchſte auf Erden verkünden. Viele der Männer im purpurverbrämten Gewande wirſt Du im Palaſte ſehen und in den Bla⸗ chernen, doch nicht anders, erlauchte Herrin, gebühret es Dir, auf ſie zu ſehen, denn als auf Deine künftigen Diener. Noch umgibt ſie Glanz und Manchen Wohlgeſtalt, der Genius aber iſt von ihnen gewichen, der lediglich das Großſcheinende zum Großen geſtaltet. Es herr⸗ ſchet der Genius, vom Schickſal auf einen Herrſcherplatz geſtellt, und wem der Gebieter nicht zu hoch iſt, ſoll der Gehorchenden nicht achten. Das Schönſte und das Höchſte ſind ſich verwandt und ſtreben ſich zu vereinen, wohl drängt auch das Geringe ſich zum erſten mit begehrlichem Sinn, doch ſei es fern, daß es ſich an dasſelbe verſchleudere.— — 231— Mit wechſelndem Eindrucke hatte Genia⸗ Zoe der Schwarzen immer lebhaftere Rede an⸗ gehört, die erweckte Eitelkeit beſiegte ohne Mühe den leichten, kaum merklichen Anflug einer an⸗ deren Empfindung, und im Innern erfreuet, ſprach nur mit geringem äußerlichen Mißbe⸗ hagen die Jungfrau: Dir gefällt alſo der Fremdling nicht, Mele? Immerhin, aber wie kommt es, daß Du, die die Welt und den Hof mir immer mit ſo reizenden Farben geſchildert, jetzt ein ganz anderes Bild davon entwirfſt, das mir gar nicht lieblich erſcheint? Wahrlich, Mohrin, ich begreife Dich nicht.— Folge mir— ſprach dieſe: und Du wirſt mich begreifen beſſer als jetzt, wenn auch nicht ganz, denn im Leben ſelbſt enträth⸗ ſelt ſich das Geheimniß des Lebens. Den Schlüſſel zu demſelben ſtehe ich im Begriff, Dir zu reichen, Deiner eigenen Hand iſt es vorbehalten, ihn zu gebrauchen.— Gedankenvoll und zerſtreut folgte Zoe der Sclavin und erwachte nicht eher aus einer ſelt⸗ ſamen, ihr noch völlig unbekannten Träumerei, als da auf den hellen Tagesſchimmer in den Sälen des Muſeums urplötzlich eine tiefe Däm⸗ — 232„ merung folgte. Sie blickte empor und ſah ſich im Dome der Planeten. Wohin führeſt Du mich? rief ſie nicht ohne ein kleines Schrecken: Gelangt man zur Grotte durch dieſen düſteren unheimlichen Ort?—— Es iſt der Weg, den Dich zu zu leiten mir obliegt— antwortete die Lybierin mit feierlichem Tone: Und warum nenneſt Du dieſen Ort unheimlich, die Behauſung Deiner Freunde und Diener?— Meine Freunde und Diener wären ſie?— fragte Genia zweifelhaft: Wohl haſt Du es ſchon geſagt und der Großvater, und auch die Weiße hat es, dünkt mich, nicht beſtritten, es bangt mich aber vor den räthſelhaften, zwei⸗ deutig dreinſchauenden Steinbildern, und ich kann kein Vertrauen zu ihnen faſſen, oder vielmehr zu dem, was ſie nach Deiner Aus⸗ legung bedeuten.— Schaue nur noch ein Mal auf ſie— er⸗ mahnte Mele: und Du wirſt ſie anders fin⸗ den als beim erſten täuſchenden Blicke.— Und als Zoe die Augen aufhob, ſchienen ihr wirklich alle Geſtalten umgewandelt; Helios ſtand da in freudiger Majeſtät, wie er über die Berge am Saume des Horizontes ſchreitet am Morgen, die Hoffnung auf einen ſchönen Tag gewährend, und den Herzen, die ſich gleich den Kelchen der Blumen erſchließen, vom Schlummer erwacht, neues Begehren einflößend und neue Thätigkeit. Lächelnd ſchauete Hermes drein und kühn, und was in ſeinen Zügen damals doppeldeutig geſchienen, that ſich jetzt als das Gepräge eines Geheimnißes kund, aber eines hohen und ſtolzen Geheimnißes, das freudig im Bewußtſeyn ſeiner Würde dahin⸗ ſchwebt, dem Forſcher überſchwänglichen Lohn verſprechend, mit Verachtung herabblickend auf die Blödſinnigen, deren Blick in dem Staube hängt und dem geringen Weideplatz, dem ge⸗ nügſamen Thiere beſchieden. Noch blickte zwar Ares ernſt und drohend, aber es war als flöchte ſich unmerklich und leiſe ein Strahl, von Cythere's Bilde aus⸗ gehend, um die hohe Stirn und als begönne er ihre Falten zu ebenen, es war als ſei das Gorgonenbild auf ſeinem Schilde gleichſam ver⸗ blindet oder verwittert, und es lauſche hinter ihm, wie man auf antiken Schilderungen zu⸗ weilen ſieht, hinter der verzerrten, tragiſchen — 234— Larve ein jugendlich heiteres liebliches Antlitz hervor. Gütig ſchien die Natur im Bildniße der Erde ihr Füllhorn dem Wünſchenden darzubie⸗ ten und mit der andern Hand das verſchloſ⸗ ſene Käſtlein, als erwarte ſie, nun ſeine Schätze ihm mitzutheilen, ſehnſüchtig den, wel⸗ cher es zu öffnen vermöge mit dem Flügel⸗ ſtabe des Hermes. Mürriſch und greiſenhaft zeigte ſich noch Saturnus, aber es war als fühle er die Nähe der Mächte, die ihn ſchon überwunden und ihn immer zu überwinden bereit ſind in ſeinem raſtloſen Laufe, und das Kind, welches er in der ausgeſtreckten Hand vor ſich hinhielt, ſchien kein Leichnam mehr, ſondern in voller Blüthe des Lebens, und es war als gäbe er es ungern dahin, den ihm entzogenen Raub ſeinen Beſiegern. Unthätig hing die Senſe im entfleiſchten Arme und um die Sanduhr auf dem mit dünnem und borſtigem Haare umge⸗ venen Scheitel wand ſich, früher nicht bemerkt, die Schlange, der Ewigkeit Symbol, und über ihr entfaltete ein Schmetterling ſeine Flügel, die Pſyche, dem Chronos nicht unterthan und — 235— ſeine Herrſchaft im fröhlichen Aufſchwunge verſpottend. In hoher Majeſtät thronte noch Jupiter, aber nicht finſter mehr war das Antlitz des Herrſchers, ſeine Hand hielt wohl die Donner der Gewalt, aber ſie ſchienen zu ruhen, ſein Auge ſah gebieteriſch vor ſich hin und doch huldreich zugleich, um ſeinen Mund ſchwebte nicht der ernſte Ausſpruch des Fatum, ein mil⸗ des Lächeln vielmehr; ſo mag er auf die phry⸗ giſchen Geſtade vom Olymp herabgeſchauet ha⸗ ben, auf denen Europa Kränze wand mit ih⸗ ren Geſpielinnen, auf die weißbuſige Leda, auf Semele, ehe ſie des Gottes Macht heraufbe⸗ ſchwor in der menſchlichfühlenden Bruſt. Und wie alle die Bildſäulen war auch der ſeinigen blendendweißer Marmor in einen ſanften röth⸗ lichen Schimmer getaucht, der das ganze Ge⸗ wölbe erfüllte, und wie Zoe's Auge dem Schim⸗ mer folgte, ward ſie gewahr, er gehe nicht von der Ampel aus, längſt ſchon erloſchen in dem mehre Tage verſchloſſenen Dome, ſondern von dem Abendſterne über dem Haupte der Venus. Am helleſten ergoß er ſich über die Bild⸗ — 236— ſäule der Göttin ſelbſt, und ihre üppigreizenden Formen ſchienen Leben zu gewinnen unter ſei⸗ ner Berührung, und er widerſtrahlte in dem gewaltigen Spiegel, den ſie hielt, und dieſer Widerſchein war es vornehmlich, der das ge⸗ räumige Achteck erhellete. Und ergriffen von der wunderſamen Erſcheinung näherte ſich Genia⸗ Zoe Anadyomenen, und es war als habe ſie den Spiegel gütig etwas geſenkt, und der Jungfrau ſtaunend gehobener Blick traf auf ſeine Fläche. Seltſam ſtrahlte und zuckte es auf derſelben hin und her in verworrenen, aber anmuthigen Geſtaltungen, wechſelnd wie die glänzenden Gebilde des Kaleidoſkops, und zuwei⸗ len ward es deutlicher, dann war es der Jung⸗ frau, als ſähe ſie ſich ſelbſt, aber umfloſſen von beinahe überirdiſchem Glanze, ein weiter Mantel, der ihre Schultern bedeckte, wallete wie von erhabenen Stufen herab, weit umher und gleichſam in ſeinen Falten eine Unzahl von Geſtalten verſchlingend, knieend und mit flehend aufgehobenen Händen; eine Krone, ſtrahlend wie der Diamant, in welchem der Mondſtrahl ſich ſpiegelt, zierte ihr Haupt, und neben ſich gewahrte ſie das Abbild des — gegenüberſtehenden Jupiter, wiederholt in der magiſch leuchtenden Fläche, doch vom Reiz der Jugend umgeben, glühend in Kraft und ruh⸗ end in heiterer Majeſtät. Aber bald ver⸗ ſchwammen die flüchtigen unbeſtimmten Um⸗ riſſe, und Farben und Lichter und Schatten wirbelten wiederum durch einander, und nichts war mehr zu erkennen. Halb freudig erregt, halb betroffen wandte ſie ſich zu der Lybierin, wie berichtend, was ſie geſehen, und beklagend, daß ſolch ſchöner Anblick ſo ſchnell verſchwunden, und Mele lä⸗ chelte und ſprach: Habe ich Dir, Herrin, nicht ſchon geſagt, daß in dem Spiegel der eigent⸗ lichen Liebe, wie Cythere ſie darſtellt, jeder nur ſich ſelbſt ſchauet und nebenbei den Ge⸗ liebten? Aber auch die Zukunft ſtellt er dar, wie ſie aus dem Menſchen ſelbſt hervorgehet und aus ſeinem Gemüth, und nicht deutlich zu erblicken vermag ſie der, dem das eigene Licht nicht geworden, ſich ſelbſt zu erkennen und was ihn umgibt.— Und wo finde ich dieß Licht? fragte Genia: Zwar lieblich ſtrahlet der Stern über der Göt⸗ tin, aber ſein Schimmer iſt ungewiß und — 238— blendet mehr als er leuchtet.—— Drauf ſprach die Tochter der nubiſchen Oaſis: Nur den Abglanz des Lichtes trägt der, den die Menſchen Lucifer nennen, des Lichtes, das die ewige Mutter, welche auch die ſeinige iſt, in ihrem Schooße bewahrt. Wem ſie es gütig verleihet, der erkennet ſich ſelbſt, die däm⸗ mernde Vergangenheit wird ihm hell, er leuch⸗ tet dem fliehenden Augenblick in's Angeſicht, und ihm verſchwinden die wirbelnden Schatten, welche dem Profanen die Zukunft verhüllen.— Und dieſe ewige Mutter?— fragte die Jungfrau wiederum neugierig und bange. Du ſieheſt ſie vor Dir, oder ihr Sinnbild vielmehr, wie der Weiſen Gedanke, des Künſt⸗ lers Hand es dem bilderbedürftigen Geſchlechte des Deukalion darſtellt— erwiederte Mele, auf die dreigeſtaltete, im Dunkeln auf Leichnamen und Ungeheuern thronende Hekate zeigend. Dieſe— rief Zoe: die Unerbittliche? Herr⸗ ſcherinn nenneſt Du ſie und Mutter; immer⸗ hin ſei ſie das Erſte in ihrer Verborgenheit, doch einer Mutter gleicht ſie nicht, wie ich ſolche mir denke, obgleich ich meine Mutter nicht geſchauet, ſeitdem ich begreife, was ich — 239— ſehe; eine ſolche birgt ſich nicht vor den Kin⸗ dern und zeigt ihnen kein ſtrenges Geſicht, wie, wenn ich gleich lange entfernt geweſen bin von der meinigen, ſie doch ſehr ſehnſüchtig meiner wartet und hervortreten wird, mich in ihre Arme zu ſchließen.— Darauf entgegnete die Afrikanerin: Sie ſpendet ihre Gaben nicht allgemein, wie die unter ihren vielen Dienerinnen, welche ſie den Lebenden als Pflegerin geſendet, und ſelten ſchauet ein ſolcher ſie von Angeſicht zu An⸗ geſicht; doch mag es den Hochbegünſtigten wohl begegnen, den Pfad zu wandeln hin und wie⸗ der, auf welchem für die Anderen keine Rück⸗ kehr ſtatt findet. Und wen ſie ſo hoch begünſt⸗ iget, auf dem ruhen liebend ihre Augen im⸗ merdar, und wen ſie berufen, deß harret auch ſie mit Sehnſucht, ihn in die Arme zu ſchlie⸗ ßen und mit ihrer Reichthümer unermeßlichen Fülle den Liebling zu ſchmücken. Ernſt ſchauet ihr dreifaches Antlitz auf den, der im Tagesſtrahle, dem vergänglichen, leicht⸗ ſinnig flattert auf dem Fittiche des Augen⸗ blickes, der ihn ihr und doch nur ihr ent⸗ gegenträgt; wer aber als Sieger der eilenden — 240— Stunde willig eintritt in ihr Heiligthum, dem winkt ſie von der Schwelle aus, eine lie⸗ bende Mutter dem Kinde.— Und als Zoe einen ſcheuen Blick auf die Bildſäule der Göttin warf, zog ſie ihn nicht gleich wieder zurück, denn es gemahnte ſie wirklich als lächelten ihr die dreigepaarten Lippen und Augen, und die erhobene Rechte winke ihr, und es böte die Linke ihr bewill⸗ kommend die Schlüſſel der mütterlichen Be⸗ hauſung, und nicht auf Leichnamen ruhe ihr Thron, vielmehr ſei ſein Fußgeſtelle umgeben mit anmuthig ruhenden Geſtalten, die zärtlich und ehrfurchtvoll und dankend aufblickten zu der Herrſcherin in unvergänglichem Lächeln, und die Ungethüme dünkten ſie ſinnig gereihet als Bilder tiefer Bedeutung, und nicht feindſelig blickten ſie drein, ſondern wanden ſich klug und gehorſam unter den Menſchengeſtalten, wie man auf den Simſen alterthümlicher Paläſte den Delphin ſiehet, mit gekrümmtem, die Wel⸗ len peitſchenden Schweife und offenem, gewalt⸗ igen, ſprudelnden Rachen, aber nachdenklich ſanftem Auge unter dem lächelnden Eros. Wirklich ſchauet die furchtbare Göttin nicht unfreundlich auf mich— ſagte die Tochter des Ariſtobulos zwar noch ſcheu, aber etwas gefaß⸗ ter: Wäre es wahr, was Du ſageſt, daß ich zu ihren Lieblingen gehöre?— Und Mele ant⸗ wortete ernſt und feierlich: Ihr Liebling biſt Du vor allen Deines Geſchlechtes, die da leben, und das Schönſte hat ſie Dir zugedacht, ſo Du Dich nicht abwendeſt von ihr, den ande⸗ ren blöden Sterblichen gleich und ſie erkenntſt, dann wird erfüllt, was Dir die Planeten und Mächte des Firmamentes, ihre Diener, verhei⸗ ßen.— Und wann werde ich ſie erkennen? Viel⸗ leicht jetzt?— fragte die Jungfrau wünſchend und fürchtend zugleich: Willſt Du mich jetzt ſchon zu ihr führen, Du ſeltſames Mägdlein, ſo tiefen und leichten Sinnes zugleich? Solcher Sinn iſt es, der den Geweiheten bezeichnete— ſprach die Schwarze— ein gü⸗ tig Verhältniß gab ihn mir, der Sklavin, und ihm verdanke ich die Gunſt deſſen, der mich Dir zugeſellt hat. Auch Dir iſt er geworden, wie es ſich für die eignet, die beſtimmt iſt, aus der Quelle des Lebens zu ſchöpfen und auch die Blumen zu pflücken, die ihr Ufer um⸗ 16 blühen, Dir, meine hohe, vielfach auserwählte Gebieterin.— So iſt die Leuke nicht— war Zoe's Ge⸗ genrede— wohl hat ſie ein hohes Gemüth und viel der löblichen Eigenſchaften, auch die Freude iſt ihr nicht fremd, aber es gemahnet mich, als verwahre ſie ihr Inneres, und wenn ſie ein Mal hervortritt, iſt es nicht die Freude der Jugend an all dem Bunten und Schönen, was uns umgibt, nicht, wie ſoll ich ſagen? die rechte luſtige Freude. Auch hat ſie keinen Gefallen an Pracht und fröhlichem Getümmel, was mir doch alles recht wohl gefällt, und ſo iſt mir, ſeitdem ich größer geworden, als läge etwas zwiſchen mir und ihr, daß ich ſie wohl lieben kann, aber mich nicht ſo recht an ſie ſchließen. Ein Anderes iſt es, Mele, mit Dir, weniger gefieleſt Du mir anfangs, aber ſeitdem ich dem Flügelkleide entwachſen, iſt es, als gehörteſt Du näher zu mir, und ich liebe Dich, wenn Du froh biſt und auch wenn Du Dich ernſthaft und ſonderbar zeigeſt wie jetzt. Sollte das wohl daher kommen, weil derſelbe Sinn uns Beiden gemein iſt?— Als hierauf die Tochter der Oaſis ſchwieg, —— ——— — 243— fuhr Genia fort: Eine anmuthige und hohe Beſtimmung iſt es, aus der Quelle des Le⸗ bens zu ſchöpfen und nebenher die Blumen am Strande zu pflücken, ich glaube, Dich zu verſtehen, und liebe das Hohe und Anmuthige ſehr; darum weiß ich es auch dem Großvater Dank, daß er Dich mir als Gefährtin beige⸗ ſellt.— So— ſprach Jene lebhaft: ſo vertraue Dich mir allein, wer zween Führern folgt, pflegt leicht des Zieles zu verfehlen.— Die Leuke entlaſſen, meineſt Du?— ver⸗ ſetzte Genia, den Kopf ſchüttelnd— Nein, Schwarze, das werde ich nicht thun, ſie iſt wie Du des Athanaſios Vermächtniß, auch ſagte er, und ich begriff wohl, was er meinte, Euer Amt bei mir ſei zwiefacher, verſchiedener Art.— Ablenkend erwiederte Mele: Das meinige zu vollbringen auf das Gebot meines Herrn, bin ich hier.— So führeſt Du mich denn zu der dunkeln Herrſcherin? Symboliſch wahrſcheinlich wohl nur, denn ſolches iſt ja alles, was uns um⸗ 16* — 244— gebend, die höheren Mächte andeutend, wie Du ſelbſt geſagt.— Ernſter noch als vorher verſetzte die Die⸗ nerin: Es gibt Zeiten und Orte, wo die höh⸗ eren Mächte aus dem Sinnbild hervortraten in's Leben, erkennbar dem Auge, das Lehre und Erfahrung geſchärft. Doch zur dunkeln Herrſcherin führe ich Dich nicht, noch vermög⸗ teſt Du nicht, ſie zu erkennen, nur in eine Halle ihrer Wohnung, damit das Lieblingkind einheimiſch werde in der Behauſung der Mut⸗ ter.— So iſt das Haus wohl dunkel wie die Ge⸗ bieterin, wie Du ſelbſt?— wandte Genia ein, mit einer Miſchung von geſpannter Neugier und kindlich mädchenhaftem Zagen, aber die Schwarze antwortete wiederum lächelnd: Mit nichten, Gebieterin, daſſelbe iſt ein herrlicher Palaſt und glänzender als alle Für⸗ ſtenſchlöſſer auf der Oberfläche der Erde, und wiewohl Du heute nur ſeine Vorhalle betreten wirſt, noch ſo viele Pracht Dich auch dereinſt umringt, Dich nicht mehr neu und verwun⸗ dernswerth bedünken. Ja dieſes findet um ſo mehr ſtatt, da alles, was durch Natur und Zeit und Menſchenhand oben bereitet, dort, wo wir hingehen, im Bilde zu ſchauen iſt, und noch mehr, auch das, was war und einſt ſeyn wird, denn dieſe Vorhalle iſt, wie es der Herrin des Hauſes gebührt, der Vergangenheit geweiht, der Gegenwart und der Zukunft.— Nicht beſonders verlangt mich nach den bei⸗ den Erſten, geſtand Zoe: die Vergangenheit kennt weniger oder mehr Jedermann, und da ſie woht daſſelbe iſt, was man Geſchichte be⸗ nennt, ſo hat mich ſelbige in den Lektionen unſers Hiſtorikus nicht ſelten gelangweilt. Die Gegen⸗ wart, nun ſie hat mir bisher ganz wohlgefallen, aber um ſie inne zu werden, bedurfte es, meine ich, keiner unterirdiſchen Wanderung, aber die Zukunft, ja der Zukunft möchte ich wohl ein we⸗ nig in ihre geheimnißvolle Werkſtätte ſchauen.— Du haſt die Wahl, Gebieterin— lautete der Schwarzen Beſcheid: denn Jeglicher ſiehet allda, was er zu ſehen wünſcht. Aber nicht nur die Wege der Zeit ſtoßen zuſammen in dem Palaſte der Göttin, auch die Pfade des Rau⸗ mes gehen von ihm aus. In alle vier Welt⸗ gegenden führen ſie Dich; gen Mitternacht in Deine Valterſtadt, dem herrlichen Sitze der Au⸗ — 246— guſte; nach Morgen, wo der Löwe erwacht iſt, der ſiegreich durch die Welt ſchreitet; gen Abend über die Wellen, die die verſunkene Atlantis bedecken, wohin er unaufhaltſam ſei⸗ nen Lauf richtet; nach Mittag endlich, wo im Schweigen der Wüſte die Weisheit im Ver⸗ borgenen waltet. Und alle dieſe Thore werden ſich zur Zeit aufthun vor der künftigen Gebie⸗ terin der Regionen, zu welchen ſie führen; heute zwar noch nicht, heute geheſt Du des Weges wieder zurück, den Du gekommen; erſt wenn Du es willſt, ſtehen ſie Dir offen; heute leite ich Dich nur, damit Du einſt wolleſt.— Und warum zögerſt Du noch?— fragte Genia ungeduldig: Da, wie Du ſagſt, mir jene Wege noch verſchloſſen ſind, ſo laß uns nicht ſäumen, damit ich den antreten könne, der mich über den Archipelagos nach Byzanz führt.— Doch die Afrikanerin ſprach: Nicht Deine Führerin bin ich allein, erlauchtgeborene Jung⸗ frau, ſondern auch Deine Sclavin und ver⸗ mag nicht, Dir zu dienen ohne Dein aus⸗ drücklich Gebot. Sprich denn befehlend zu mir folgende Worte: Ich will, Tochter des Abyſ⸗ — 247— ſos, daß Du mich führeſt in das Reich der hocherhabenen Macht, von der alle Kraft aus⸗ gehet, und deren dreifach gekröntes Haupt das All beherrſcht und die Natur und das geiſtige Seyn.— Und ſchnell in der aufgeregten Erwartung wiederholte Genia die Worte, und raſch trat Mele, ſie bei der Hand nehmend, hart vor den Thron des Hekate⸗Bildes. Da faßte noch⸗ mals die Jungfrau plötzliche Bangigkeit und ſie wollte zurückweichen, aber die Schwarze raunte ihr zu, in die Höhe deutend: Sieheſt Du nicht den Mond über dem Haupte des Bildes? Iſt die Leuchte der irdiſchen Nacht nicht der Mond? Auch hier magſt Du ihm vertrauen, ganz insbeſondere Du, denn Dein Geſtirn iſt er und beſtimmt, Dir vorzuleuchten auf Deinen künftigen Pfaden.— Und damit er⸗ griff ſie einen der Schlüſſel in der Hand der Göttin, und von dem zuſammenklirrenden Bunde aus ging jenes Getön, welches die beiden Männer, an's Ufer hinabgehend, ge⸗ hört. Und die ſchwarze Sclavin knieete nieder und fügte den Schlüſſel in eine unmerklich im —— Auge eines Lindwurms angebrachte Offnung, da erſchallte es plötzlich wie das Geraſſel eines ſchweren Räderwerkes, und das Fußgeſtell des Standbildes begann ſich zu drehen mit den bei⸗ den Lebenden, die auf ihm ſtanden, mit ſeinen Menſchen⸗ und Thiergeſtalten und mit der Bildſäule ſelbſt. Und während dem hatte ſich eine Pforte aufgethan in der Mauer, und ſie ſahen hinaus in einen allmählig ſich ſenkenden, matt erleuchteten Gang, als ſei es wirklich die Sichel des Halbmondes, die ihn erleuchte, und die, über deren Haupte ſie glänzte, ſchien nun, rückwärts gewendet, den Wanderinnen nachzu⸗ blicken, als die Schwarze mit Genien ſchnell vorwärts eilte. Die Darſtellung, welche die Legende von dem Orte entwirft, welchen die Tochter des oſtrömiſchen Großdomeſtikus an der Hand der afrikaniſchen Sklavin betrat, läßt uns glauben, daß es ein Theil der berühmten Grotte von Antiparos war, der durch einen Erdfall oder durch ſonſt irgend eine Veranlaſſung unzugäng⸗ lich geworden, denn keine Beſchreibung eines Reiſenden von dieſer Naturmerkwürdigkeit ſtimmt mit derſelben überein. Doch müſſen wir davon 249— gewiſſermaßen eine Ausnahme machen, was die früher mitgetheilten Bemerkungen des Fra⸗ ter Euthanaſius betrifft, welcher, wie es ſcheint, ſich in der That an der nämlichen Stelle be⸗ funden, obgleich auch hier eine Verſchiedenheit der Wahrnehmungen ſtattfindet, welche man vielleicht den Veränderungen zuſchreiben könnte, welche ein Zeitraum von hundert und vierzig Jahren ſelbſt in der ſtillen Werkſtätte der Na⸗ tur hervorzubringen vermag. Es läßt ſich jedoch gleichfalls annehmen, daß ſolche Verſchiedenheit des Anſchauens nur ſubjectiv war, denn aller⸗ dings kann Manches einen ganz andern Eindruck auf einen bejahrten böhmiſchen Mönch machen, als auf eine vierzehnjährige Jungfrau, der ab⸗ weichenden Stimmung und den vorgefaßten Ge⸗ danken nach, vielleicht auch der Begleitung zu geſchweigen, in welchen Beide dieſen vergeſſenen Theil der Höhle von Antiparos betraten. Was uns einigermaßen in dieſer Vermuth⸗ ung beſtärkt, iſt, daß wir auf dem Wege von dem Palaſte des Silentiars Athanaſios, der unfehlbar zur Zeit des Prager Adepten ſchon verſchüttet war, gleichfalls in eine Art von Dom ſchreiten, in deſſen Hintergrunde eine — 35— Bildſäule der Sphinx von weißem Marmor zu ſchauen. Aber die Bildſäule war nicht, wie Jener ſie geſehen, einer nicht irdiſchen Natur oder einer vom Irdiſchen ſich gänzlich abwen⸗ denden Kunſt, wilde Nachahmung eines unter⸗ irdiſchen Ungeheuers, ſondern erſchien als ein Werk nach den ſeltſamen, aber doch beſtehenden Regeln ägyptiſcher Bildhauerei geformt, des Unerkannten Symbol, aber doch ſelbſt völlig erkennbar. Nicht ungleich war die Decke des Gewölbes, wie ſie dem vielleicht nur halb ent⸗ ſiegelten Auge des Euthanaſius erſchienen, ſon⸗ dern zierlich gerundet, und der ſeltſame Schein, der den Wanderinnen beinahe anderthalb Jahr⸗ hunderte früher leuchtete, ließ die Säulen, die es trugen, ihnen anders erſcheinen als die dampfende, verglimmende Pechfackel ihrem ſpã⸗ ten Nachfolger. Gerade und ſchlank und oftmals auf einem Fußgeſtelle zuſammengekuppelt ſtanden ſie, ob⸗ ſchon von ungleicher Höhe, doch in regelmäßi⸗ ger Abwechſelung, wie heut zu Tage man noch in den zu chriſtlichen Kirchen geweiheten Moſcheen in Sevilla und Cordova die Säulen ſieht, und in Granada im Palaſte des Alham⸗ —— bra und im Rinaralife. Auch Bildwerk war an ihnen ſelbſt zu ſchauen und in ihren Zwi⸗ ſchenräumen und am Fußgeſtelle, auch phan⸗ taſtiſch, doch nicht ſo unförmlich, als es dem Abgeſchickten Kaiſer Rudolph's des Zweiten vor⸗ gekommen, kein Monarchenhaupt war zu ſehen mit ſtumpfglotzenden Augen und weit aufge⸗ geriſſenem gähnenden Rachen, kein in ſich zu⸗ ſammengebückter ungethümlicher Prieſter, kein ſcheußlicher Block erſchien als das Bild der Niobe, von ihren ſterbenden Kindern umringt, keine widrigen Thiergeſtalten bläheten ſich plump am Boden, und war von Allem dieſen wirk⸗ lich etwas zu ſehen, und zeigte es ſich auch in abenteuerlichen Formen, ſo waren dieſe Formen doch edler. Frater Euthanaſius, welchem, wie der Le⸗ ſer dieſer Legende weiß, dieſelbe erſt nach ſei⸗ nem Heraustritt aus der Grotte bekannt wor⸗ den, bemüht ſich, an dieſer Stelle die Ver⸗ ſchiedenheit ſeiner und der beiden Jungfrauen Wahrnehmungen zu erklären und ſein Schrift⸗ ſteller⸗ und Reiſebeſchreiberſtolz die erſte gel⸗ tend zu machen; doch werden ſeine Worte nach der vorangehenden Behauptung ſeines Rechtes r4) — ſo unbeſtimmt und ſchwankend, daß es ſcheint, als ſei er ſelbſt nicht gänzlich davon überzeugt und man muthmaßen möchte, daß, hätte er das Pergament, das er im Rachen der Sphinr fand, früher geleſen, er alles eben ſo geſehen haben würde, wie es der Jungfrau Genia⸗Boe in Begleitung ihrer abyſſiniſchen Sclavin er⸗ ſchien. Wir ſind zur Stelle— ſprach dieſe zu der bangathmenden Gebieterin, die befremdet um ſich ſchaute in dem gewölbten Raume, und beinahe geblendet durch ein neues ſtärkeres, ſelt⸗ ſam wankendes Licht, das hinter der Sphinr hervorzubrechen ſchien, und ſonderbar genug, ſtatt dieſe in Schatten zu hüllen, die ernſten Züge hell beſtrahlte, die ſchweigend vor ſich hinſtarrenden Augen und den geſchloſſenen Mund; denn nicht offen war er, wie der Frater ihn geſehen zu haben behauptet, und zwar mit einigem Recht, hatte er doch in dem⸗ ſelben Alles gefunden, was er durch uns nun der Nachwelt mittheilt. Auch war überhaupt in dem ganzen Raume kein Schatten, gleich⸗ förmig wand ſich der Schimmer um die ſchlan⸗ ken Säulen und ihre Kapitäle, um die beiden )2 205— wandelnden lebenden Geſtalten und um die vie⸗ len regung⸗ und lebloſen. Aber ein feiner röthlicher Duft umzog ſie wallend, und durch den Duft blitzte, gleich unzähligen Demanten, das Geſtein an den Wänden und dem hohen Gewölbe der Halle. Sind wir im Hauſe der Herrſcherin?— fragte Zoe mit gedämpfter Stimme und ſich unwillkürlich näher an die Afrikanerin ſchmie⸗ gend. In der Vorhalle deſſelben, wie ich Dir ge⸗ ſagt— war die Antwort, und wiederum ſprach die Jungfrau: Doch iſt es ſo ſchön hier und glänzend wie im Dom Damie bei Tunis unter der Meeres⸗ fläche, im arabiſchen Mährchen, das Du mir erzählt, vom Mogreby, Deinem Landsmann. Nicht darauf gerade erwiedernd fuhr Mele fort: Wie Du es oft ſehen wirſt in den Pa⸗ läſten der Herrſcher der Erde, hat auch die Gebieterin dieſes Reiches in ihrer Vorhalle die Bilder ihrer Thaten aufgeſtellt. Auch in Kon⸗ ſtantinopolis findeſt Du in den erſten Gemä⸗ chern des Cäſar abgeſchildert, was die alten Auguſte gethan, doch ein anderes iſt es hier; — 254— dort bleibt nur die Erinnerung und der Name, der Geiſt aber iſt dahin und der Ruhm; hier ſind Beide unvergänglich, keinen Vorfahr noch Nach⸗ folger kennet die Monarchin, und was geſche⸗ hen iſt, geſchieht und geſchehen wird, ſtammt von ihr ſelbſt. Dort erfreuet ſich die Eitelkeit, daß man ſehe; hier zeigt die gütige Mutter jedem ihre Bilder, daß er ſich erfreue.— Und welcher Weg führt zu der wohlthätigen Herrſcherin?—— Dort— verſetzte Mele, auf die Sphinr zeigend: dort hat die Natur mit Hilfe der Kunſt den Grenzſtein geſtellt zwiſchen ihrem Gebiet und dem Gebiete der Mutter, dort iſt der Eingang zum Reiche des Geheim⸗ nißes, vom Symbole des Geheimniſſes be⸗ wacht.— Zögernd nahete die neugierige Furchtſame dem Standbilde, da glitt plötzlich ihr Fuß an einer feuchten ſchlüpfrigen Stelle, und als ſie auf den weißen Marmorboden ſchauete, ward ſie auf demſelben einen dunkeln Fleck gewahr, und von dem Flecke ſtieg der feine Duft auf, der die Halle erfüllte. und Zoe bückte ſich nieder und hob ſich dann ſchaudernd empor und flüſterte mit er⸗ — 255— ſtickter Stimme: Iſt das nicht Blut und, wie es ſcheint, erſt vor kurzem vergoſſen?—— Darauf ſagte die Abyſſinierin: Auch ich glaube, daß es Blut iſt, das Blut eines, der unberufen die Schwelle der Königin überſchrit⸗ ten, oder berufen geſchwankt hat an der Stelle, wo, der ſie wiſſentlich betritt, nicht ſtehen blei⸗ ben darf, noch zurückweichen. Solches geſchiehet oft und iſt auch wohl kürzlich geſchehen.— Und Zoe's Herz erbebte im innerſten Buſen, denn es war ihr, als hauche der Duft des Blu⸗ tes ſie bekannt an und in wehmüthiger Traulich⸗ keit, und ſie wich zurück von der Stelle, die es befeuchtete, damit ihr Fußtritt ſie nicht länger entheilige und fragte angſthaft: Wohin, o, wohin haſt Du mich denn geführt, Mele? Zwar herrlich iſt dieſer Ort, aber ſein Glanz iſt für mich verſchwunden, ſeit ich dieß Blut geſehen, das, ſcheint es mir, mich warnend von dannen weiſ't und doch auch gleichſam wieder zu dem meinen ſpricht, es ſolle ſich mit ihm vermiſchen. Sind wir auch nicht an gefährlicher Stelle, Mele, unberufen ſagſt Du und berufen gehet man hier unter; wel⸗ — 256— ches, ſprich, Mägdlein, welches bin ich von beiden?— Die antwortete: Berufen biſt Du, und wenn auch die Stelle gefährlich ſeyn mag, für Dich iſt ſie es nicht. Freiwillig hat die huld⸗ reiche Mutter dem Lieblingkinde den Zugang verſtattet, kein Opfer begehrend, und ſie be⸗ ſchränkt die Freiheit derer nicht, denen ſie die höchſte Freiheit beſchieden. Ein Gaſt biſt Du hier, Gebieterin, kein zinsbringender Vaſall, noch zudringlich anklopfender Bettler, Dir ſteht die Pforte offen zur Rückkehr. Noch ſchmückt Dich die Jugend und eine hoffnungreiche Zu⸗ kunft liegt vor Dir, ſie will nicht, daß Du ihren Gaben entſageſt. Wenn aber dieſe Zu⸗ kunft zur Vergangenheit geworden, wenn die Gaben, die ſie Dir bietet, Dir alltäglich und ungenügend erſcheinen, wenn Du nach Höhe⸗ rem Dich ſehneſt und es Dich aufruft, ſtatt in den bunten Kreiſen des Lebens Dich zu er⸗ gehen, dahingeriſſen von ihnen, über denſelben zu ſchweben, wenn Du der Macht ſüßes Be⸗ gehren empfindeſt, dann erſcheine nochmals an dieſer Stelle und es wird Dir Befriedigung — 257— werden, und nicht Dein Blut den Bund be⸗ ſiegeln zwiſchen Dir und der Mutter.— Dunkel und kaum zu verſtehen wären dieſe Worte wohl für manchen Andern geweſen, ſie waren es noch mehr für die kaum den Kinder⸗ jahren entwachſene Jungfrau, in ihrer gegen⸗ wärtigen Stimmung zumal. Die ſeltſam prachtvolle Umgebung, das fremdartige Licht, der feine wogende Duft, welche das Gewölbe erfüllten, hatten ſie in eine Art träumeriſchen Zuſtandes verſetzt, in welchem ſie ſich nicht deutlich bewußt war, ob, was ſie ſah, auch wirklich ſei, ſondern erſt durch die Reden der Afrikanerin in ihrem Innern erzeugt, ob, wenn es wirklich vorhanden, was ſie umgebe, nur als ſymboliſch zu betrachten, oder als das, was es in der That darſtellte, ob ſie ſich in der Höhle von Antiparos befanden, oder am Ein⸗ gange einer unbekannten Region. Doch hatten Mele's ermunternde wohl⸗ thuende Worte ſie beruhigt; je mehr aber die An⸗ ſpannung von ihr wich, durch den Anblick des Blutes erregt, deſto mehr umfingen die Bande einer unmerklichen wachſenden zauberähnlichen Beſtrickung ihre Sinne. 17 — 258— In ſolchem Zuſtande war es, daß, als die Abyſſinierin ihr die Sphinr nochmals als die Wächterin an der Pforte des geheimnißvollen Palaſtes nannte und auf die Offnung deutete, zwiſchen dieſer und der marmornen Wand be⸗ findlich, Genia⸗Zoe unwillkürlich näher trat und in die Vertiefung hinabſchauete. Es wird dem Leſer erinnerlich ſeyn, daß der böhmiſche Weltprieſter einen Abgrund ſah, den ein mattdämmerndes Licht nur am Rande erhellte, ſich weiter in der Tiefe verlierend, aus welcher ein kühler Hauch hervordrang und ein leiſes, wie fernher klagendes oder murrendes Getön; auch gedenkt er, daß andere Reiſende, im Falle, daß ſie ſich wirklich an demſelben befanden, dort nichts wahrnahmen, als neben einem unge⸗ heuren Blocke pariſchen Marmors einen ſchma⸗ len Felſenſpalt, in deſſen Grunde ein Bach dem Meere zueilt. Ganz Anderes und viel mehr ſah jedoch die Tochter des Großdomeſtikus. Eine breite geradaus gehende Treppe ſenkte ſich vom Rande der Höhlung in ſanfter Neig⸗ ung bis in eine unabſehliche Ferne; dunkel war es aber auf derſelben nicht, vielmehr ſtei⸗ gerte ſich der Schimmer, der von ihr aus den — Dom durchſtrahlte, abwärts allgemach immer mehr, bis die Stufen ſchimmernd in unzähl⸗ igen Farben edeln Geſteins, gleichſam in einem ſtehenden Lichtmeere verſchwammen, welches im Schooße der Erde ruhend ſeine Strahlen nach der Höhe verſandte. Still war es auf der Treppe, kein Laut drang aus der Tiefe hervor, kein Schatten, nur die allmähligen Abſtufun⸗ gen des Lichtes entdeckten dem Auge die uner⸗ meßliche Entfernung, in welche es ſich gleich⸗ ſam fortgezogen tauchte, des Herzens Sehnen mit ſich ziehend. Auch Zoes Auge und Wünſchen drang auf urplötzich ſich geheimnißvoll entfaltendem Fittich in die Tiefe, und leiſe und mit tiefathmender Bruſt ſprach ſie: Wie iſt es doch ſo ſchön und ſtil da unten und auch ſo hell. Nannteſt Du nicht als die Herrin dieſes Palaſtes die Nacht? Dort aber iſt ja nicht Nacht, ſondern herrlicher erfreuender Tag.— Du ſieheſt das Centrallicht— verſetzte Mele: das die ewige Mutter in ihrem Schooße erzeugt, an dem die Leuchten des Fir⸗ mamentes ſich entzünden, der Körperwelt Er⸗ 17 — halter nicht nur, ſondern auch die Geiſter er⸗ quickend. Doch iſt es einſam da und ſtill— ſagte darauf Genia, wie von unbekannter Gewalt bezwungen, noch immer in ſehnſüchtigem Schauen verloren: Wie kommt es, daß ich den Weg ſo leer ſehe, er iſt ſo ſchön und führt unſtreitig nach einem noch ſchöneren Ort. Sieh, wie es funkelt im reinen Glanze der Diaman⸗ ten, welche Schätze müſſen nicht die Gemächer bewahren, deren Zugang ſchon ſo reich ge⸗ ſchmückt iſt.— Darauf erwiederte die Afrikanerin: Aller⸗ dings umſtrahlt das Köſtlichſte den Thron der Monarchin. Viele ſind der Zugänge zu dem⸗ ſelben, dieſer Weg aber iſt es, auf welchem Hermes Trismegiſtos ſeine Geweiheten zu ihr führt.— Und mir iſt noch nicht erlaubt, ihn zu be⸗ treten?— fragte Jene; die Sclavin aber ant⸗ wortete: Noch biſt Du nicht der Geweiheten Eine, Schülerin erſt, und dann nur mag Dich der Führer der Seelen geleiten, wenn Zevs und Anadyomene ihre Strahlen verflech⸗ — ten zum Kranz für der jungen Prieſterin Haupt, mit dem Halbmonde geſchmückt.— Und wird auch dieſe Zeit kommen, von der Du ſo räthſelhaft ſprichſt und wann? Wann werde ich den Palaſt ſchauen, der wohl ſchöner iſt als das Purpurhaus, und die Mutter, die mich liebend empfängt?— flüſterte in mattem Tone Zoe, über deren Geiſt ſich nach und nach ein immer dichterer und die Begriffe ver⸗ wirrender Schleier legte, doch ſanft und weich und wohlthuend in ſeiner Berührung. Großes iſt Dir beſchieden, und Großes ward Dir ſchon gewähret, o Herrin— ent⸗ gegnete die Schwarze: Dir war vergönnet, das Ziel zu ſchauen beim Antritte des Pfades. Halte es denn im Auge und im Sinn, auf daß Du Dich nicht verirreſt und den Weg wiederfindeſt, wenn, was Dir werden ſoll, ſich erfüllt haben wird. Und noch gütiger iſt die Herrſcherin gegen Dich, denn ſie vergönnt Dir auch, den Pfad in Bildern zu ſehen, gleichwie eine zärtliche Mutter das Kind nicht hinaus⸗ ſendet in die Welt, ohne es vorbereitet zu ha⸗ ben auf ſeine wechſelnden Erſcheinungen.— Und willenlos und mit ſchwankendem „ — 262— Schritte folgte die Jungfrau der Abyſſinierin, die ſie rückwärts führte in den Mittelpunkt der Halle, feierlichen Schrittes mit hocherhabe⸗ nem Haupte und ſtrahlenden Blicke, gleich wie vor Zeiten die Prieſterin zu ſehen war im Tempel zu Delphi.— Wer iſt— fragte Genia, das nach und nach trüber werdende Auge auf eine Marmor⸗ gruppe richtend: Wer iſt dieſe Frauengeſtalt, hoch und ſtattlich, gleich einer Matrone des Al⸗ terthums zu ſchauen, aber wie es ſcheint, ge⸗ beugt durch ſtiefen Schmerz? Wer ſind die Jünglinge und Jungfrauen um ſie her und die Kindlein? Iſt es doch, als habe einige der⸗ ſelben der Tod ſchon erdrückt in ſeinen gewal⸗ tigen Armen, und die anderen kämpften noch ſchwach gegen denſelben den letzten vergeblichen Kampf. Das iſt ein traurig Bild, wie kommt es in die Vorhalle der huldvollen Herrſcher⸗ Da ſprach Mele mit noch funkelnderen Au⸗ gen, mit ſtolzem Anſtande und wunderlich durch das Gewölbe hallender Stimme: Du haſt oft von der Niobe gehört und von ihren Kindern, welche die Kinder der Latona tödteten — 263— mit dem fernhin treffenden Geſchoß, und wie die Mutter verſteinerte in hoffnungloſer Be⸗ trübniß. Sieh, gleich ihr ſtand dieſe über⸗ müthig und aufgerichteten Hauptes unter der Schar ihrer Kinder, die Götter verſpottend. Aber der Zorn der Götter erwachte, und der, den ſie über ſie geſtellt, wandte ſich Hilfe wei⸗ gernd von ihr, und Phöbos Apollo, der die Kraft ungezügelten Begehrens darſtellt und die Göttin, die das mächtige Zeichen des Halb⸗ mondes auf dem Scheitel trägt, machten ſich auf gegen die Feindin, und die Kinder derſel⸗ ben fielen unter ihren gewaltigen Streichen. Und vergeblich dringt das Gebet der Mutter durch die Wolken, da beugt der endloſe Jam⸗ mer den Nacken der Stolzen und das Leben ſchwindet hinweg aus ihren Gliedern, zu kal⸗ tem Marmor wird die erſtarrende Geſtalt und ſie trauert, fortan ein todtes Denkmal ver⸗ gangener Zeiten.— Ein Denkmal der Rache— ſagte Zoe trau⸗ rig: es freuet mich nicht, hier ſolches zu finden. Haß und Rache ſchreibt zwar der Mythos den Dämonen zu, welche man einſt die Götter des Olympos geheißen, der Olym⸗ — 264— pos iſt aber zuſammengeſtürzt, die Herrſcherin jedoch, die, wie Du ſagſt, in Ewigkeit waltet, kennet doch wohl ſolche Empfindungen nicht, ihres erhabenen Ranges unwürdig. Mich ſchmerzet das Loos der Kinderberaubten unglück⸗ lichen Mutter.— Noch— ſagte Mele mit beinahe ſchneidendem Tone: Noch iſt ſie nicht aller ihrer Kinder be⸗ raubt; Du ſieheſt ja, noch ſtehen einige halb auftecht, obſchon ſchwer verwundet, doch wird es geſchehen, wenn die Zeit kommt, denn die Gegenwart ſchaueſt Du nicht in dieſen Bildern, ſondern die Zukunft, wie es Dein Wunſch war. Noch ein Kampf, noch ein Verlauf von wenigen Tagen, wie ſie der Kreis der Geſtirne bezeichnet, und die, vor der Du ſteheſt, wird verſchwunden ſeyn von der Oberfläche der Erde, und nirgend gefunden werden, als im Bilde an dieſem Orte, der beſiegten Feindin Bild in der Halle der Mächtigen. Wohl herrſchet ſie ohne Anfang und Ende nach einem Geſetz und die Leidenſchaften bewegen ſie nicht, aber ſie ſendet ſie aus ihre Diener, die Du Dämonen nennſt oder olympiſche Götter, und fort und fort geſchiehet es, denn ſie ſind nicht, wie Du — 65 meineſt, vergangen mit dem Olymp oder der Sage von ihm. Nach dem Siege ſtrebt, der die Macht hat und erfreuet ſich des Sieges, und vielleicht kommt die Zeit, wo die zarte weichmüthige Jungfrau dieß an ſich ſelber ge⸗ wahrt, wenn ſie erſtarkt iſt im Beſitze der Gewalt.— Wer aber iſt dieß?— fragte Zoe wiederum, auf eine andere Geſtalt zeigend, wahrſcheinlich die nämiiche, welche dem böhmiſchen Reiſenden als das gräuliche Zerrbild eines unterweltlichen Prieſters erſchien: Ein bejahrter Mann ſcheint es dem langen Barte nach, der auf ſein Ge⸗ wand herabfließt, er ſchauet gebieteriſch drein, und ſein halbgeöffneter Mund, wenn gleich ſtumm, ſcheint im Begriffe, drohende mächtige Worte zu ſprechen, aus dem großen aufge⸗ ſchlagenen Buche vielleicht, welches er in der Hand hält.— Von jeher— verſetzte Mele— regierte das Wort die Welt, Worte vielmehr, welche eines das andere verdrängend ſie durchtönen. Verſchieden lauten ſie, doch ein Jegliches heilig für Viele, das Eine verrauſchet ſchnell, län⸗ ger wiederholt das Andere das tauſendſtimmige — Echo der Menſchengemüther, die tauſendzüng⸗ ige Fama. Schon längſt iſt das Wort aus dem Munde deſſen, den dieß Bild darſtellt, er⸗ klungen an der Geburtſtätte des Menſchenge⸗ ſchlechts, und einmal geboren, wird es wie dieß den Erdkreis erfüllen. Auch zu Deinem Ohre, welches es jetzt nicht vernimmt, wird es erklingen und ein anderes Wort vor ihm verſtummen, das jetzt noch beſteht.— Während des Schlußes dieſer Rede war es als erhebe ſich draußen der Wind vernehmlich, der ungeheuern Felſenmaſſen ungeachtet, welche den Dom umſchloſſen, ihn vom Gewölbe des Himmels trennend, und das Licht, das aus der Tiefe kam, wankte, und leichte Schatten zogen, wie früher nicht geſchehen, durch die Halle, und dichter ward der Duft und röth⸗ licher, der die Gegenſtände umflorte. Doch entging dieß, nur einen Moment während, dem halbbetäubten Sinne der Jung⸗ frau Zoe, und ſie fuhr mit Fragen fort: An dem Geſtelle ſcheint es mir aufgehäuft wie Tiaren und biſchöfliche Mützen und des alten Mannes Fuß gleich eines Siegers auf ſie zu tteten. Wahrlich, das iſt ein grauenvoll un⸗ — — 267— heimliches Bild, und ſähe ich unter dieſen ge⸗ heiligten Trophäen das Zeichen der Erlöſung, wahrlich ich würde glauben, den Antichriſtos zu ſehen, oder Apollyon, den Verderber.— Nach einer Weile erſt, als hätte ſie des Nachſinnens bedurft, verſetzte das dunkelfarbige Mädchen der Oaſis: Wie man ihn auch nenne, anders iſt ſein Name und heilig wird er ge⸗ prieſen von Millionen Herzen und Zungen. Wohl tritt er, was Du ſieheſt, in den Staub, doch nicht Geheiligtes iſt's, vielmehr das, wo⸗ durch entheiligt worden, was jene bekennen, de⸗ ren Scheitel einſt dieſen Schmuck trug und ſie ſind dem überwinder zugleich ein Pfand und ein Zeichen ſeines Sieges. Das Zeichen aber, von dem Du redeſt, noch iſt es nicht.—— und plötzlich heulte abermals die Winds⸗ braut in hoher Ferne daher, und wilder zuck⸗ ten die Strahlen vom Eingange des unbekann⸗ ten Palaſtes, und ſchwarze dichte Schatten flo⸗ gen vorüber, und gleichſam zur Dampfwolke wurde der Duft, und es war Zoe, als ſchauete von der Stelle, da er aufſtieg, ein bleiches ſilberhaariges Greiſenhaupt zu ihr her, und end war der Ort, wo ſie ſich befand, allzu ſeine Züge waren ihr bekannt, aber ſie waren entſtellt wie von ſchmerzlicher Betrübniß. Bald jedoch war Alles vorüber und gerin⸗ gen Eindruck hatte es gemacht auf Genia's immer befangenern Sinn, und kaum gewahrte ſie, daß die Afrikanerin mit geſenktem Haupte daſtand und zürnender Miene, und daß die letzten Worte, die ſie ſprach, zu unverſtänd⸗ lichem Flüſtern geworden. Als nun das Getöſe verhallt war und die Schatten verſchwunden und alles ringsumher wieder ſchimmerte in ruhigem Lichte, begann die Schwarze abermals, jedoch mit leiſerer Stimme: Allzu weit, Herrin, hat mich, fürchte ich, mein Eifer geführt und meine Liebe für Dich, und ich habe das Gebot der Herrſcherin übertreten, Dir mehr enthüllend, als mir für jetzt noch vergönnt iſt. Deine eigene Zukunft wollteſt Du im Bilde ſchauen und ich darf Deinem Wunſche genugthun.— Zwar hatte das Anſchauen der Greiſengeſtalt und deſſen, was dieſelbe umgab, zwar hatten die Andeut⸗ ungen der Sclavin fremdartig und beängſtigend zu ihrem Geiſte geſprochen, aber allzu glänz⸗ — 269— befangen ihr Sinn, als daß ſolche Wirkung lange gewährt hätte. Auch— ſetzt beklagend wahrſcheinlich der Ver⸗ faſſer der griechiſchen Urſchrift hinzu— üben die Worte der Väter und Lehrer einen ſtarken Einfluß auf ein junges Gemüth, und leider war dem Ohre der Enkelin des Athanaſios Phranzes Manches nicht unvernommen geblie⸗ ben, was dem Munde deſſelben zuweilen ent⸗ ſchlüpfte in ſeinem, wie er fälſchlich meinte, gerechten Haſſe gegen die Hierarchie zu Kon⸗ ſtantinopolis und insbeſondere gegen den hoch⸗ würdigſten Patriarchen und die heilige Synode. Und da die Rede der afrikaniſchen Heidin, ſo weit ſie ſelbige vollbracht, nur auf dieſe ehr⸗ würdigen Stützen der uranfänglichen Chriſten⸗ kirche gerichtet ſchien, ſo hatte das Mägdlein in dem Leichtſinne ihres Alters derſelben nicht Acht, oder war noch— fragt er— war noch etwas vorhanden, das ihr Herz verhärtete in ſträflicher Neugier, alfo daß ſie gar lebhaft begehrte, ihre eigene Zukunft zu ſehen?— Da führte die Schwarze ſie alsbald und bereitwillig zu einem Bildwerke von großem 1. 18 — 270— Umfange und aus verſchiedentlichen Geſtalten zuſammengeſetzt. Oben ragte weit über die andern die eines Mannes hernor, mit noch jugendlichen, aber gebietenden, ſtrengen und gleichſam feurigen Zügen, ein weiter Königmantel floß von ſei⸗ nen Achſeln herab bis auf das Geſtelle, und über dem Haupte, das ein Diadem be⸗ deckte, in manchfache Binden geflochten, ſtrahlte der Halbmond in röthlicher Glut, gleich der eines Karfunkelſteines. Es war wohl ein rech⸗ tes Herrſcherbild zu nennen, auch glich ſein Antlitz, nur jünger, dem des Jupiterbildes im Dome der Planeten, bekanntlich dem Symbole der Autokratie. Und näher trat die Jungfrau und heftete den Blick mit ſcheuem Behagen auf das Kö⸗ nig⸗ und Kriegerbild, und als ſie es unver⸗ wandt beſchauete, gewahrte ſie unter ſeinen Füßen, gleichſam als den Schemel derſelben, manchfache Geſtalten, und unter ihnen waren, ſich demüthig ſchmiegend, die drei Theile der Welt, Europa in der Geſtalt eines ſchönen Weibsbildes mit Scepter und Krone, mit dem Turban die ſtolze Aſia, und als eine Mohrin, — 271— mit funkelnden Ketten belaſtet, Afrika. Und noch viele Andere knieeten am Throne des Krie⸗ gesfürſten oder lagen Zerſchmetterten gleich am Boden, auch geſchmückt mit Diademen und Herrſcherſtäben, aber Diademe und Stäbe waren zerbrochen. Einer von ihnen war aus röthlichem Marmor gebildet, daß er durchaus ſchimmerte im Glanze des Purpurs, und eine Kaiſerkrone lag neben ihm, als ſei ſie ihm vom Haupte gefal⸗ len und ſein Angeſicht war gleich eines Todten. Und unter den Vielen, die den Herrſcher um⸗ gaben, gefallen wie er, ſah Zoe einen jun⸗ gen Mann, der dem Genius ähnlich war, vor dem ſie einige Stunden früher im Saale des Muſäum geſtanden, und ſchwere Ketten banden ſeine Glieder. Da that ſich das Mitleid auf in ihrer Bruſt, und ſie fragte betrübt die Schwarze: ob ſie nicht beſagte Ihnlichkeit finde und es wirklich geſchehen werde, wie hier im Bilde dargeſtellt ſei. Darauf antwortete die Sclavin aus Ha⸗ beſch: Ein wenig gleichet er wohl dem Stein⸗ bilde, das Du Genius nenneſt, doch mehr noch dem Lebendigen, von dem Du meineſt, 45* — * daß er ihm gleiche. Wie es aber hier vorge⸗ ſtellt iſt, alſo wird es ſich begeben.— Und nachdenklich ſprach Genia weiter: Aber mein eigen Schickſal, wo finde ich es abge⸗ ſchildert? Werde ich auch wie die Andern ge⸗. frſſelt liegen zu den Füßen des ſtrengen, des hehren, unerbittlichen Siegers?— Schaue empor— ward ihr zur Antwort— und Du wirſt Dich ſehen, wie Du ſeyn wirſt, ſo Du willſt.— Als ſie das Auge aufwärts wandte, ſah ſie wirklich ſich ſelbſt an der Seite des wilden Herrſchers auf dem ſtrahlenden Throne, und auch ihr Fuß trat auf den Nacken der an demſelben liegenden Geſtalten, und ihr Abbild ſchauete um ſich ſtolz und mit Siegesfrende. Da wollte den Lippen der Jungfrau ein Aus⸗ ruf der Verwunderung entfliehen, aber er er⸗ ſtarb auf denſelben und es ward wirr vor ih⸗ rem Blicke, die Millionen Strahlen des Ge⸗ ſieins zuckten durcheinander um ſie her und wie aus weiter Ferne tönte es wie Jubel⸗ ruf, doch von dumpfem Wehklagen begleitet, ſtärker ſtrömte das Licht von dem unterirdiſchen Gange, aber auch das währete nur die Dauer eines Augenblickes, da verſtummte allgemach das Rufen, dunkler ward es um ſie her, der Schimmer der Pforte verblich, undeutlicher wur⸗ den die Geſtalten vor ihr, denn es war als höbe ſich der Dampf des Blutes tauſendmal verdichtet, in dunkelrothen Wolken, und eine unſagliche Wehmuth erfaßte ihr Herz, und gleich darauf ward es vor ihren Blicken völlige Nacht. Als Genia⸗Zoe ihre Beſinnung wieder er⸗ langte, fand ſie ſich in ihrem Gemache auf ih⸗ rer Lagerſtatt, und wie ſie den hellen Tages⸗ ſchein gewahrte und die gewohnten Gegenſtände, gemahnte ſie, was ſie in der Grotte geſehen, nur als ein wilder und ſeltſamer Traum, und erſt das Geſchrei der Schiffmannſchaft am Strande und die Anzeige ihrer Dienerſchaft erinnerte ſie, es ſei geit, Antiparos zu ver⸗ laſſen. Ende des erſten Theiles. ————— ſſſſiſſſſſſſ — 1 12 13 § 6 7 8 10 1 14 15 16