deutſcher, engliſ cher und franzöſiſcher L iteratur Gdnard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet t Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: r wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ne oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt er Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. g2 8 22 8 8 88 ag — von Alexander Bronikowski. Vierzehnter Band. uhalt Polen im Eilften Jahrhundert. F 9 —— Olgierd ud Olga, 9 der Polen im Eilften Jahrhundert, Alexander Bronikowski. F t. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1 8 3 2. I. Edler Herr Schwerttraͤger— unterbrach, als Boleslaus der Zweite hinweg war, das be⸗ denkliche Schweigen nach einer Weile Andreas Gorka, der Marſchall— Ihr habt Euer Wort geloſ't als Ehrenmann, den Herrn zuruͤckfuͤhrend in die Heimat, und Alles iſt dieß, was von Euch zu begehren ſtand. Es will mich aber doch beduͤnken, als haͤttet Ihr ihn nicht ganz wiedergebracht wie er gegangen, und es iſt, als fehle ihm etwas daran, oder es ſei et⸗ was hinzugekommen, ich mag nicht entſcheiden, welches von beiden. Euer Begehr, Herr Marſchall— verſetzte Nikolaus mit einiger Kaͤlte— war, ich moͤchte 6— ihn zuruckfuͤhren als einen wahren Koͤnig von Polen, das, meine ich, habe ich gaͤnzlich erfullt nach den Umſtaͤnden, welche in der Heimat obwalten. Severin Strzemieniec hatte ſeinen Sohn, waͤhrend er ernſt und hochaufgerichtet neben dem Koͤnige, in glaͤnzendem Waffenſchmuck, dem bleichen, blutenden Gefangenen gegenuͤber ſtand, mit zuſammengezogenen Brauen und mißfälligem Blicke betrachtet, jetzt ſagte er ſchnell: Ihr ſehet, hochgeborner Herr Marſchall der Krone, wir Alten, die wir nicht Theil ge⸗ nommen an dem ruhmwuͤrdigen Zuge nach Kijow, und denen das Vaterland lieber war als das Morgenland, werden jetzt manches Neue lernen. Wir werden uns daran gewöh— nen muͤſſen, daß der Koͤnig, den wir bisher nur den Erſten unter uns Gleichen gewaͤhnt, einen Edlen verunglimpfe in ſeiner eigenen Behauſung, ſie ſchweigen heiße, wie der Ruſ⸗ ſenfuͤrſt ſeinen Bojaren thun mag, der turko⸗ manniſche Sultan ſeinen Emirn, und ſeinen Schranzen der Kaiſer zu Carogrod; ihm das Recht abſpreche uͤber ſeine Kriegsgefangenen, und ſein Haupt bedrohe, welches doch, ſo viel uns bekannt, nur angetaſtet werden mag nach Recht und Urtheil, durch ſeine Herren und Bruͤder geſprochen, nimmermehr aber nach Gefallen der Willkuͤhr. Wir muͤſſen uns daran gewöhnen, daß ein Sohn in das Haus des Vaters tritt, ohne ihn zu begruͤßen mit ſchul⸗ diger Ehrfurcht, wie es Sitte war zu der Ahn⸗ herren Zeit und, Gott beſſere es, auch zu der unſern noch.— Herr Severin Strzemieniee— verſetzte Nikolaus kalt wie zuvor— zwiefach iſt Euer Ladel, er trifft den Koͤnig, Euern Herrn, und fernerweit mich. Billig ſtehe ich Herrn Boles⸗ law nach. Der Erſte, ſagt Ihr, iſt er unter den Gleichen? Nun wohl, darum, weil er der Erſte iſt, gebuͤhrt es ihm, Obacht zu ha⸗ ben uͤber die Andern, wahr zu nehmen, was ſie verſäumt, und ſie an ihre Pflicht zu halten auf jegliche Weiſe. Nicht allen— fuhr er nicht ohne Bitterkeit fort— nicht allen Haus⸗ vätern iſt es gegeben, ruhig dem Zwieſpalte zuzuſehen im Hauſe, den Widerſpänſtigen ſich nachſichtig zu zeigen, ja wohl den, welcher ihn vertrieb, ruckkehrend zu beſchuͤtzen. Auch den — 6 Konig wollte man vertreiben aus ſeinem Hauſe, er fand es verſchloſſen bei ſeiner Heimkunft. Seines Ahnherrn Szczerbiec hat es ihm auf⸗ gethan, wie einſt die Pforten vor Kijow; eben als er eintrat, ſchallte rings um ihn des Auf⸗ ruhrs Geſchrei, ſein Blick fiel auf den Graͤuel der Verwüſtung, und verkannt ſah er des Herrſchers Majeſtaͤt. Da iſt es wohl an der Zeit, ein ernſtes Antlitz zu zeigen; nicht ge⸗ baͤhtt dem Koͤnige, zu loben, wer Vorwurf verdient, und erſt reinige der ſtuͤrmende Fittig der Vergeltung die verpeſtete Luft, che die Gnadenſonne wieder leuchtet mit troſtendem Strahl. Nicht krieggefangen iſt, wer im offenen Aufruhr ergriffen gegen das Reich und den König; der des Hochverrathes ſchuldig, iſt dem oberſten Richter verfallen, nicht dem Gerichte des Burgbannes, damit es vielleicht, zum zweiten Mal das Haupt des Verbrechers⸗ ſchonend, ihn wieder hinweg laſſe zu neuem Verbrechen. Was nun mich betriſſt, edler Kaſtellan, ſo habe ich den Herrn auf Zembocin gleich den andern Rittern begrüßt, doch wenn es noch nicht vom Sohne dem Vater geſchah, ſo war es darum, weil ich dieß Haus nicht . — 9— als Sohn betrat, ſondern als Beamter des Reichs und Diener der Krone, und weil es hoch Noth wird in dieſer verworrenen Zeit, daß die Pflicht allem vorangehe, ſelbſt den Banden des Blutes. Tief hatten ſich die mehrfaͤltigen Stachel dieſer Rede in Severin's Bruſt geſenkt; als aber ein deutſamer Blick des Sohnes den ſchaͤrfſten, der in ihrem Schluſſe verborgen lag, noch empfindlicher machte, ward ſein Angeſicht dunkelroth, ſeine Augen ſchoſſen Bl itze, und er fiel mit erſtickter Stimme ein: Ihr hoͤrt es ſelbſt, Marſchall, und Ihr andern Herren Bruͤder, weß wir uns nun zu Hewarten haben in Zukunft. Statt der Wun⸗ den und Lorbern, mit denen wir uns einſt guͤtlich thaten in der alten Zeit, bringen dieſe wackeren Rittersleute ruſſiſchen Knechtſinn heim und griechiſche Weisheit und Redekunſt. Mit uns iſt es denn wohl vorbei, wie mit der Sitte der Vaͤter, und der Greis muß ſchweigen vor den Worten des Juͤnglings. Ha, bei Sankt Adalberl's heiligen Gebeinen, erfreulich iſt es, zu ſehen, wie ein polniſcher Ritters⸗ mann ſich beſtrebt, die Willkuͤhr auf den Thron — 5 der freien Heimat zu ſetzen, ergötzlich iſt es, den Edelmann zu hören, der die Rechte ſeiner Genoſſen herabſetzt, aber dreifach herrlicher iſt es noch, wenn der Sohn ſich des Unglimpfes erfreuet, der das graue Haupt ſeines Vaters getroffen, der ihm Hohn ſpricht und ihn tadelt in's Angeſicht!—— So, wende denn der polniſche Adel ſich ab von dem, der aus ſeinen Reihen tritt zur Seite des Königs, höher hallend, ſein Diener zu ſeyn als ein ritter⸗ licher Freier, ſo treffe den uͤbermuͤthigen Sohn des Vaters——. Zuruͤck!— rief hier plötzlich mit kräftiger Wuͤrde der Biſchof von Krakow— zuruͤck in die ſchuldbeladene Bruſt mit dem gottverhaßten Worte, auf daß es ſich nicht umkehrend, ihr zum todtlichen Pfeil werde.— Huͤtet Euch— fuhr er ſanfter fort, ſich gegen die Anderen wendend— huͤtet Euch, dieß langerſehnte, heilbringende Wiederſehen zu truͤben, und die Freude und die Dankbarkeit gegen den Höchſten zu erſticken in feindſeligem Groll. Eine jam⸗ mervolle Zeit der Zwietracht und Noth iſt voruͤbergegangen, laſſet uns denn einig zu⸗ ſammentreten, uns die Hände bietend zu ge⸗ „ deihlichem Werke. Wenn das Recht erſt wieder hervortritt aus der allgemeinen Zerſtörung, moͤgen auch allmaͤlig die Rechte wieder die alte Stelle gewinnen, doch auf das erſte gehe jetzt unſer Bemuͤhen. Die Treue umſtehe den kaum wieder aufgerichteten, noch wankenden Thron, und von ihm gehe die Gnade aus, die den Zagenden ermuthigt, vor deren belebenden Strahlen das Mißtrauen und die Widerſetz⸗ lichkeit zur Hölle entfliehen, daß die Erde wieder werde, wozu Gott der Herr ſie ge⸗ ſchaffen, zum Wohnplatze eintraͤchtiger Bruͤder. Der Kaſtellan verſtummte, obſchon wider⸗ ſtrebend, in gewohnter Ehrfurcht vor dem ehr⸗ wuͤrdigen Diener des Altars; Nikolaus aber ſprach zu dieſem in trockener, und beinahe ge⸗ ringſchaͤtziger Weiſe: Geiſtlicher Herr von Krakow, in einer ſo ſchlimmen Zeit des Zwie⸗ ſpaltes, der Noth und Verwirrung, wie Ihr die gegenwaͤrtige mit Recht benennet, iſt vor allen heilſam und erforderlich, daß ein Feder ſeines Amtes warte mit ganzer Seele und ganzer Kraft, auch nicht daruͤber hinaus gehe, weder rechts noch links. Dem Koͤnige gebuhrt es, zu und zu ſtrafen nach der * ihm vom Himmel verliehenen Gewalt und Ein⸗ ſicht, dem Adel und den Rittern, deren Gerecht⸗ ſame ich keinesweges, wie mir vorgeworfen, her⸗ abſetzen will, daß er dieſe und ſich ſelbſt zu dem Koͤnige ſtelle, der Macht des Willens die Kraft der Ausfuͤhrung zu verleihen, dem Se⸗ nat, weiſe Vorkehrungen zu treffen zur Ver⸗ huͤtung des Unrechten, dem Hausvater, auf Ordnung und Zucht zu ſehen in ſeinem Hau⸗ ſe, dem Prieſter, daß er bete und ſinge, und wo es ſeyn muß, den Bannſtrahl der Kirche auf das Haupt der Uebertreter ſchleudere. Von dem allen iſt nun gar wenig geſchehen, oder gerade das Gegentheil, und daher kommt eben die Noth der Zeit. Der König ſah ſich gezwungen, fuͤr einige Monden oder Jahre ſein Friedensamt durch Andere verwalten zu laſſen, und das Schwert des Krieges aus der Scheide zu zie⸗ hen, denn nicht allein die Wohlfahrt ſeines Reiches iſt ihm anheim geſtellt, ſondern auch ſeine Ehre; die aber, welche jenes Friedens⸗ amt verwalteten fuͤr ihn, haben es leider nicht ſonderlich gethan; ein Theil des Adels, bedraͤngt in ſeinem Kigenen Rechte, war nahe daran, die Rechte des Thrones 3 die Se⸗ natoren, welche dem herankommenden Unge⸗ witter muͤßig zugeſchaut, ſtoben, als es nun da war, auseinander, in ihren Kapellen das von der himmliſchen Weisheit zu erflehen, was ihre eigene Weisheit nicht vermochte, waͤhrend im Gegentheile der Prieſter aus dem Heilig⸗ thume heraustrat, ſich in Welthaͤndel mengend, ja ſogar in die Angelegenheiten beſonderer Ge⸗ ſchlechter, Verwirrung ſtiftend in ihnen, und das Ungethuͤm, das aus ſolcher Verwirrung geboren, ſtatt es zu zuͤchtigen mit dem Stabe „Wehe“, mit dem Stabe„Sanft“ ſtreichelnd, daß ihm trotzig der Kamm ſchwillt, und es wohl gar meint, es haͤtte groß Recht, weil es ſo mildiglich angelaſſen wird vom heiligen Manne, vom Fuͤrſten der Kirche, vom Se⸗ nator. Weil nun der Koͤnig zuruckgekehrt zu ſeinem hieſigen Amt und ſeiner Obliegen⸗ heit, ſo geziemt es ſich fuͤr die Anderen, daß ſie ein Gleiches thun, ſein Beruf aber iſt, darauf zu halten nicht nur, ſondern vergangenes Thun und Laſſen zu ahnden an den untreuen oder unfaͤhigen Verwaltern der Macht, an den⸗ jenigen vom Adel, welche das heilige Vorrecht des Erſten unter eſchätt, an den Vaͤtern des Reiches, die ihre Soͤhne nicht im Zaume zu halten gewußt; an den Hausvaͤtern, die verſaͤumen, daheim uͤber die hergebrachte Ordnung zu wachen, und auch— am pflicht⸗ vergeſſenen geiſtlichen Herrn. Stanislaus Sczepanowski erwiederte ſanft, aber feſt: Euere Rede betruͤbt mich von Herzen, Herr Nikolaus Strzemieniec. Es iſt eine uͤble Vorbedeutung, wenn der Richter zum Gericht kofht mit ſolchen Gedanken. Wer uͤberall Schuld ſehen will, der findet ſie uͤberall, nur nicht bei ſich ſelbſt. Ich bedauere mein Vater⸗ land und meine Mitbuͤrger, wenn die Heil⸗ mittel, die der von Gott verordnete Arzt mit⸗ bringt, ſchmerzhafter, wohl auch verderblicher ſind als ſelbſt die Krankheit geweſen. Was mich anbelangt, edler Herr, ſo bin ich wie Andere ein Menſch, und mein Thun und Laſſen iſt mangelhaft, gleich dem der Andern, und ich unterwerfe es dem Gericht, das uͤber mir iſt in weltlichen Dingen, dem Koͤnig und dem verſammelten Senat und Adel, doch nicht dem Einen allein, noch jegliches Einzelnen taͤuſchbarem Urtheil; meine Meinung aber hat . nur einen Richter, und dieſer Richter iſt der Gott, dem ich diene! Herrn Severin's kaum muͤhſam bezähmter Grimm war von neuem bei der Rede des Sohnes erwacht, und er ließ ſich ver⸗ nehmen: Goͤnnet Ihr, hochwuͤrdiger Herr, wohl dem jungen Edelherrn ein Wort auf ſein vermeſſenes Schwatzen? Ueberlaſſet die Ant⸗ wort mir, ich bitte darum. Wir haben von Euch erfahren, Nikolaus Strzemieniec, daß ein Kronamt ſeinen Traͤger losſpricht von Rder Pflicht gegen ſeine Mitbruͤder, und von Ehr⸗ furcht und von Gehorſam gegen den Vater. Ein Hausvater, ſaget Ihr, muͤſſe uͤber Sitte und Ordnung wachen daheim; nun wohl, ich bin der Herr dieſes Hauſes, und werde nicht dulden, daß in ſelbigem Jemand der Ehrerbietung vergeſſe, die er meinem Gaſte ſchuldig iſt, dem Biſchof dieſes Sprengels, dem heiligen, gottwerthen Manne. Nicht dulden werde ich es, bei meiner adeligen Ehre, mein Hausrecht werde ich gebrauchen gegen den Verwegenen, und ſei er immerhin Schwerttraͤger der Krone. Pax vobiscum— ſprach mit Salbung und Milde Petrus Ralencz, deſſen Stolz um vieles vermindert worden war durch den ſchlim⸗ men Ausgang ſeiner Statthalterſchaft, durch die ausgeſtandene Angſt und die jetzt noch be— ſtehende, vor dem finſtern vorwurfvollen Antlitze Boleslaw's— pas vobiscum; danken wir Gott und den Heiligen, daß ſie den Retter herbeigefuͤhrt haben in großer Noth, laſſen wir ihn ſchalten, wie es ihn gut duͤnkt, und hoffen wir, daß er ſeine treuen Diener unter⸗ ſcheiden wird von den Wankelmuͤthigen und Widerſachern. Jenen wird er nach ſeiner Weisheit verzeihen oder ſie belohnen, die An⸗ dern aber ſtrafen in ſeinem Grimme. Solches iſt beiderlei wohlgethan, und erſt, wenn der Gerechtigkeit genug geſchehn iſt, wenn die Uebertreter ausgerottet ſind bis auf den letzten Mann, werde ich mit meinem ehr⸗ wuͤrdigen Herrn Bruder von Krakow ein Hoſianna anſtimmen zur Wiederkehr des Friedens. ——— MH. Im großen Saale des Schloßes zu Zem⸗ bocin ſaß unter einem in der Eil aufgerich⸗ teten Baldachin Koͤnig Boleslaw der Zweite. Nicht ohne Befremden ſchauten die Anwe⸗ ſenden auf ihn, denn nie in fruͤheren Zeiten hatte ein Polenherrſcher zu Gericht geſeſſen wie er. Zwar trug er den Eiſenharniſch, doch Schenkel und Fuͤße bedeckte ein weißes, reich⸗ geſticktes Unterkleid bis auf die geſchuppten Halbſtiefeln von vergoldetem Erzz vom ſtrah⸗ lenden Guͤrtel hing ein leichtes, zierlich gear⸗ beitetes Schwert an ſeiner Huͤfte herab; nicht ein, mit Steinmarder oder Hermelin verbräm⸗ ter wollener Mantel, ſondern ein weiches Pur⸗ purgewebe umfloß ie Schultern, und ſein Haupt deckte nicht der Helm noch die ge⸗ wichtige Krone Boleslaw's des Erſten, eine Art von Diadem, dieſe nur nothduͤrftig nach⸗ ahmend durch goldene Akanthusblätter, oben in einem Knaufe ſich ſchließend, ſchlang ſich durch ſein dunkles gebrauchwidrig langes Haar. V. Band. 2 v — 18— Mit Mißvergnuͤgen ſahen die Polen an ihrem Könige die fremdländiſche Tracht, und was ſie ſonſt noch an ihm gewahrten, diente nicht, es zu mildern. Das war nicht der Ernſt des Richters uͤber Leben und Tod, nicht des Herrſchers ruhige Majeſtaͤt; unter ſeinen finſtern Augenbrauen gluͤhte eine wilde Fpeude hervor, der des Raubthieres gleich, welches nun den innern, nimmer raſtenden Grimm abkuͤhlen kann in Stroͤmen von Blut. Dem Könige zur Linken ſtand, mit dem Reichsſchwert in der Hand, Nikolaus Strze⸗ mieniec, duſter wie er, doch keine gehäſſige Leidenſchaft verrathend; zur Rechten der Mar⸗ ſchall mit dem Stabe, und Adalbert Druzy⸗ niec mit der Hand der Gerechtigkeit, einem neuen Symbol der Obergewalt, damals erſt aus der Fremde mit heruͤber gekommen. Auf niedrigen Stuͤhlen ſaßen der Erzbiſchof und Stanislaw, und auf beiden Seiten reiheten ſich ſtehend an ſie die uͤhrigen Senatoren und Ritter. Den mit Gewappneten ringsum beſetzten Vordergrund des Saales fuͤllte eine minder glänzende, aber zahlreiche und fuͤr das Auge — 19— des Malers vielleicht nicht minder anziehende Gruppe. Meiſt mit ſchweren Wunden und Alle mit Feſſeln bedeckt, ſtanden hier die Maͤn— ner des Gebirges und diejenigen unter den Leibeigenen, welche ſich an die Spitze ihrer Genoſſen ſiellend oder ſonſt durch beſondere Unthat dieſe Auszeichnung erworben; denn der uͤbrige Haufe ſollte nach des Koͤnigs Beſchluß und der Kuͤrze wegen, im Ganzen niedergehauen werden. Aus den rohen Zuͤgen der erſten ſprach der Hohn der Verzweiflung, die dem längſt befreundeten, nun unvermeidlichen Tode mit krampfhafter Feſtigkeit in's Auge blickt; auf den todblaſſen Angeſichtern der letzten malte ſich die dumpfe Erſtarrung der Hoff⸗ nungloſigkeit und der angeborene Knechtſinn, dem vorbeigehender Uebermuth gewichen. Weiter hin bot ſich dem Auge ein noch ungewöhn⸗ licheres Schauſpiel dar, Weiber und Dirnen, meiſt ſchoͤn und jung, aber bleich und die verweinten Augen furchtſam zu Boden ſchlagend, meiſt in koſtlichen Klridern, aber mit Stricken die Arme gebunden, in denen viele einen Säug⸗ ling hielten, ihn mit jammervollem Blicke be⸗ trachtend. Es waren die edlen Frauen und 2* 20— Jungfrauen, die man gefangen mit ihren knechtiſchen Buhlern. Viele der Herren und Ritter am Throne erkannten unter ihnen ihr ehelig Gemahl, ihre Tochter oder Schweſter, manch Herz kaͤmpfte zwiſchen Zorn und Mit⸗ leid, manche Wange, auch die des Marſchalls Andreas, faͤrbte ſich dunkelroth vor Scham uͤber den Schimpf ihres Geſchlechtes und deſſen oͤffentliche Schauſtellung.. Vor den Reihen der Verbrecher, dem Bal⸗ dachine zunaͤchſt, ſah man die Haͤupter der Emporung, Olgierd und Olga. Auch ſie wa⸗ ren gefeſſelt, und wie die Andern auch, als Vorzeichen des nahen Todes, am Halſe u den Schultern entblößt. Dem Juͤngling ſchien die Gewißheit Vernichtung Kraft verliehen zu haben, er ſtand aufrecht, beinahe ſtolz, und tiefe Gleichgiltig⸗ keit wohnte in ſeinen Zuͤgen. Das Ungluͤck wie der Tod haben eine verſoͤhnende Kraft, ſelbſt diejenigen, die im grimmigſten Haß ge⸗ gen den frechen Leibeigenen entbrannt waren, gegen den Verderber des Reiches, ihres Be⸗ ſitzthums und ihrer Stammehre, verweilten mit einer Art von Mitleid auf der jugendlichen Geſtalt, die nun bald vernichtet werden ſollte in unnennbarer Qual, und als ihre Blicke an derſelben herabglitten, begegneten ſie uͤber der linken Bruſt, hart an der Schulter, einem tiefrothen. Mal, gleich einem flammenden Schwerte geſtaltet. Fluͤſternd theilte man ſich dieſe Wahrnehmung mit, und einige begleiteten ſie mit der Anmerkung, ſchon ſeit der Geburt ſei dieſer beſtimmt geweſen zum Mordbrenner und zur Zuchtruthe Gottes, andere aber mein⸗ ten, es ſei ein Vorzeichen des martervollen Todes, der ihm beſchieden. Nicht derſelben Theilnahme durfte ſich Olga erfreuen, auch ſie ſtand feſt und aufgerichtet, doch ſprach Uebermuth aus ihren Zuͤgen, ein Strahl der Hoffnung ſchien ſogar aus ihrem großen, nicht geſenkten Auge zu blitzen, und widerwillig wendete man es ab von der Frechheit des Weibes, welche als die Schuldigſte unter Allen betrachtet ward, und als die heilloſe Mutter des Aufruhrs. Nicht allein auf die Herren machte ihr Weſen dieſen Eindruck, auch der unfern ſte⸗ hende Borziwoy ward deß gewahr, und er raunte ihr zu mit grimmigem Spott: Wie ſteht es nun, weiſe Frau? Euere Geiſter ha⸗ ben ſich ſaumſelig erzeigt, und wenn ſie dazu thun, kommen ſie gerade zurecht, um Euren Scheiterhaufen den luſtigen Reigen zu tanzen, und Euch abzuholen in ihr Reich. Da ſah die Frau ihn beinahe mitleidig an und ſagte kalt und ſtolz, wie gewohnt: Mit nichten, die Geiſter haben mich nimmer ge⸗ täuſcht, auch dießmal nicht, als in dem Einen, daß Du grauer Thor, ihres Schutzes nicht theilhaftig wirſt. Ein ihrer wuͤrdiges Opfer begehret die Unterwelt zur Suͤhne, dießmal aber wird ſie mit Dir ſich begnůgen⸗ und Deinen Genoſſen. Hier ſtörte die Wacht den Zwieſprach der Verbrecher. Polniſche Senatoren, Edle und Mäͤnner! — begann der Koͤnig mit dumpfer und rauher Stimme— Gott, der den Frevel heimſucht bis in's dritte und vierte Glied, hat uns, ſeinen Stellvertreter, aus der Fremde zuruͤckge⸗ fuͤhrt in unſer Reich, um das Uebel äbzuthun, und deſſen Urheber und Beförderer zu ſtrafen. Und ſo wollen wir denn thun nach ſeinem Beiſpiel und Gebot, und kein ſchuldig Haupt ſoll unſer königlicher Zorn verfehlen, und die Ahndung ſoll den Verbrecher nicht nur treffen, ſondern ſeinen Stamm und ſein Geſchlecht. Mannichfach ſind die Vergehen, die unſere Wuͤrde beleidigten, mannichfach wird die Ausuͤbung unſeres Richteramtes ſeyn, wer mag ſagen, wo es ende? Beginnen ſoll es jedoch da, wo die Miſſethat offen zu Tage liegt, damit das Auge Raum gewinne, nach verdeckterem Fre⸗ vel zu forſchen. So der Landmann einen Fleck Waldes rodet, ihn umzuſchaffen in ur⸗ bares Land, triſſt zuerſt die Axt das niedere Geſtripp und er vertilgt es und wirft es in's Feuer, dann beſchauet er die Bäume, und weſſen Stamm er ſchadhaft befindet oder faul, den hauet er nieder, und waͤre es die aſtreiche Fichte, ja ſelbſt die ſtolze, uralte Eiche. Dieſe Elenden ſind das Geſtripp; wer zu den verderb⸗ ten Baͤumen gehort, ſei ſicher, wir werden ihn finden. Hier warf er einen wilden Blick auf die Emporer, einen andern viel laͤngern aber auf die Herren und Edlen, welche mit ſtei⸗ gendem Unmuthe der ſeltſamen Rede zuhorchten, die mit orientaliſchem Wortprunk die Grund⸗ ſätze des damals nur im Orient bekannten Despotismus aufſtellte, welche freilich auch in uns näheren Zeiten und Gegenden oftmals ausgeſprochen und ausgeuͤbt worden ſind. Die Krone— fuhr Boleslaw fort— als die herrlichſte Gabe des Himmels, ſteht unter ſeinem beſonderen Schutze. Wer ihre Gerecht⸗ ſame verletzt durch Thun oder Laſſen, durch Wort und Gedanke, hat ſeinen Zorn verwirkt, wer aber ſie antaſtet mit frecher Raͤuberfauſt, der iſt ſeiner Rache verfallen. Wir aber ſind das Werkzeug des göttlichen Zornes und in unſere Hand hat der dreimal eifrige Gott die Rache gegeben. Drum geſchehe nach unſerm Aus⸗ ſpruch und Willen. Dieſem Verworfenen und ſeiner ruchloſen Mutter umſchlinge das Diadem, nach dem ſie geluͤſtet, gluͤhend die fluchbedeckten Schlaͤfe.— Hier drang ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer aus Severin's Bruſt, der Koͤnig hoͤrte ihn wohl, aber mit herbem Läͤcheln ſprach er weiter— die Hiebe der Geißel bekleiden ſie vom Scheitel bis zur Sohle mit koſtlichem Purpurgewand, und alſo geſchmuͤckt fuͤhre man ſie zum Throne, den geſchonter Flammen Gold umlodert. Dem Könige und der Königin— — 25— fuhr er mit bitterm Lachen fort— gebuͤhrt der Vortritt, ſo geſchehe denn ihre Kroͤnung im An⸗ geſichte ihrer Unterthanen und Getreuen, deren Verdienſt denn auch an den Stufen ihres Thrones ſeinen Lohn empfangen wird. So groß auch das Verbrechen der Verurtheil⸗ ten war, verletzte die beſonnene Grauſamkeit des Ausſpruchs ein Volk, deſſen einfache Sitte keine Todesſtrafe kannte als Beilhieb und Keu⸗ lenſchlag; die Grauſamkeit an der Seite der Obergewalt iſt fuͤr Niemand eine erfreuliche Erſcheinung, beſonders wo, wie hier, der Macht⸗ haber ſelbſt das bedenkliche Wort ſprach: Wer weiß, wo ſie ende?— Durch das dumpfe Schweigen klirrten die Schritte der Krieger, welche ſich nahten, die Todgeweiheten zu greifen. Schon hatte ſich Hlgierd ſtolz und ſchwei⸗ gend gewandt, ihnen zu folgen, da that Olga einen Schritt vorwärts, warf ſich, das grie⸗ chiſche Kreuz mit den gebundenen Händen feſt an ſich preſſend, auf die Kniee und rie Furchtbar biſt Du in Deinem Zorn, Herv und Koͤnig, wie mag der Schuldige vor Dir beſtehen, der Du Gericht haͤltſt an Gottes N Statt? Aber auch dem Suͤnder iſt eine Bitte vergonnt, ſo beſchwore ich Dich, bei ſeinem ge⸗ heiligten Sinnbilde, Du wolleſt mir die meine gewahren! So groß war zu jener Zeit die Ehrfurcht vor dem Heiligen, daß auch der Tyrann ſich ihrer nicht abzuthun, wenigſtens, wie manche Andere in ſpäterer Zeit, ſie nicht offen zu ver⸗ leugnen wagte, oder ſie doch zu heucheln fuͤr gut fand; Boleblaw alſo ſprach: Sie ſei Dir ge⸗ waͤhret, Weib, ſo ſie unſern Spruch nicht vetrifft und deſſen ſtrenge Erfullung. Wer moͤchte— ſprach darauf Olga mit Faſſung— wer möchte auch dem Spruche des Königs widerſtreben, wer möchte ihn wandeln als er ſelbſt? Um ein minutenlanges Gehoͤr fleht Deine Magd, um ein geheimes Gehör, denn nicht ſie betrifft das Wort, das Du ver⸗ nehmen wirſt, ſondern Dich ſelbſt und Dein Reich. Ich ſchwore beim Symbole des Heils, das meine Hand haͤlt, es wird ſelbſt die Wahr⸗ heit meiner Rede bezeugen, und ſo Du ſie als Lügen erfindeſt, möge Dein Grimm die Qua⸗ len vervielfaltigen, die meiner warten, und ihnen ſchließe die Qual der Hoͤlle ſich an. Bedenket wohl, was Ihr thut, Herr— fluͤſterte der Erzbiſchof von Gniezno dem Ko⸗ nige zu— in argem Geruchte ſtehet dieß Weib, als Hexe und Verbuͤndete des Satans. Huͤtet Euch, daß ſie Eueren Leib nicht ſchaͤdige, oder Euere unſterbliche Seele, und wahret Eures uns Allen ſo koſtbaren Lebens. Aber Boleölaw lachte ſpottiſch und erwie⸗ derte ganz laut: Sparet Euere Ermahnungen, Herr Nalencz, lange iſt die Zeit voruͤber, da Ihr der Lehrer waret und wir Euer Schuͤler. Meinet Ihr, der König von Polen fuͤrchte ſich, ſeinem Statthalter gleich, vor Weibern und Knechten? Es ſtehet dem geiſtlichen Herrn uͤbel an, uns von dem abzurathen, was wir um des Kreuzes willen verheißen. Aber es iſt doch nur ein ketzeriſch Griechen⸗ kreuz— ſtammelte der gedemuͤthigte Primas, der Konig hatte jedoch nicht weiter Acht auf ihnz er hob ſich von ſeinem Sitze und trat ſeitwaͤrts unter dem Baldachin einer Mauer⸗ vertiefung zu, nach welcher ihm Olga auf ſeinen Wink unbegleitet folgte. Die Minute verſtrich, ihr folgten mehre, ſie reihten ſich zu einer Viertelſtunde, an dieſe noch eine zweite, whtend welcher man von jener Seite her nichts vernahm als die unver— ſtändlichen Laute eines eifrigen leiſen Geſpraͤches; die Befremdung nahm uͤberhand, und ſchon ſtand Nikolaus Strzemieniec im Begriſſ, es auf den Zorn des eigenwilligen Gebieters wagend, nach ihm zu ſchauen, ob ihm nichts begegnet ſei in ſo bedenklicher Geſellſchaft, da zeigte er ſich plotzlich und hinter ihm Olga mit freude⸗ em Geſicht. Rit feſtem Gange ſchritt der Koͤnig durch den bis zu Olgierd heran, der in ſich gebuͤckt ſtand und kaum etwas von dem ſelt— ſamen Vorgange bemerkt zu haben ſchien, neigte ſich betrachtend ein wenig gegen die Schulter des jungen Mannes, blieb eine Weile ſinnend, und ſprach dann ſehr laut und tonend: Dieſer Juͤngling hat Gnade funden vor unſern Augen und dieß Weib. Sie ſind frei. Eine Schar Gewappneter geleite ſie und ſo viel Habe als zween Saumroſſe tragen, wohin und ſoweit ihr Begehr und ihre Sicherheit es er⸗ heiſchen. Wer ſie beſchaͤdigt an Leib oder Gut, deß Haupt iſt dem Beile verfallen. Solches thut dem Wachtpoſten kund am Thore dieſer Burg, und denen, die ausgeſtellt ringsum im Felde, denn daran geſchieht unſer königlicher Wille. Auf ſeinen Wink löſ'ten die Gewappneten die Feſſeln Beider, und als dieß geſchehen, ſagte er zu Olgierd: Gehe hin und meide fortan den Boden meines Reiches, auf dem der 6 Dich nicht dulden mag, wenn auch Boleslaw Dir verziehen.. Olga ergriff den Betaͤubten, wie im Traume Befangenen bei der Hand und ſchritt nach der Thuͤre mit ſtolzen Blicken, von denen einer vorzuͤglich auf Severin Strzemieniec ſiel, und ein anderer auf Borziwoy, der ſie grimmig anſtarrte und in ihrer Rettung und ihrem Triumphe die Bitterkeit des Todes zwiefach empfand. Auch Boleslaw der Zweite ſah den Schei⸗ denden nach, dann ſprach er zu ſich ſelbſt mit zweideutigem Laͤcheln: Meinen Ritterdank habe ich gelöſ't, moͤge die bedenkliche Gabe dem wohlgedeihen, der ſie begehrte. Dann wandte ſich raſch und nahm ſeinen Sitz wieder ein. Das Erſtaunen hatte ſeinen hoͤchſten Grad erreicht, dieß Uebermaß der Milde mit unge⸗ — 30— meſſener Strenge wechſelnd, erregte das Be⸗ fremden der polniſchen Herren, es war jedoch kein erfreuliches bei den Meiſten, geneigt, es fuͤr das Spiel der Laune zu halten, ſo gefähr⸗ lich, wenn ſie uͤber die Macht gebietet, und uͤber einen kraͤftigen, gewaltthätigen Sinn; Petrus Nalencez aber murmelte etwas vor ſich hin von Fallſtricken und Verblendung des leidigen Satans. Da ſchaute der Koͤnig drohend um ſich und rief mit gewaltiger Stimme: Wer murrt, wenn ich befehle? Wer wagt es, noch eine Meinung zu haben, wo mein Wille ent⸗ ſchieden? Darauf erhob ſich Herr Severin, nahte dem Koͤnig, beugte vor ihm ſein graues zittern⸗ des Haupt und ſprach mit bewegter Stimme: Euere Gnade, Herr Koͤnig, erfuͤllt meine Bruͤder mit Erſtaunen, mich aber ruͤhret ſie tief. Ihr habt eine große Laſt hinweggenommen vom Herzen eines Greiſes, und den wenigen Tagen, die mir noch uͤbrig ſind, ten Selbſtvorwurf und herbe Reue erſpart. Empfanget denn mei⸗ nen Dank und den erneuerten Schwur der Treue gegen meinen Herrn, der auch mein Wohlthaͤter geworden, denn wuͤrdig iſt der der Gewalt, der ſie mit menſchlichem Herzen uͤbt. Der Koͤnig aber wandte ſich halb von ihm ab und ſprach mit geringſchaͤtziger Kuͤrze: Be⸗ muͤhet Euch nicht, Kaſtellan von Proſzowice, Euere Treue gebuͤhrt uns, ohne daß wir ſie er⸗ kaufen, und ſolcher Mittel beduͤrfen wir nicht, Euch bei derſelben zu halten, eben ſo wenig als fuͤr die Gewalt, die uns uͤbertragen iſt nach Gottes Beſchluß und unſerm Erbrecht, irgend einer Rechtfertigung, oder Eures Zeugniſſes gar. Wenig Dank verdienet Ihr von uns, des Lohnes noch viel weniger, und als wir thaten, wie wir gethan, dachten wir Eurer nicht, nur eines verpfaͤndeten Königwortes. Jener Juͤng⸗ ling iſt nicht der, den Ihr gewaͤhnt, und beim Barte des Piaſt, es iſt gut fuͤr ihn, daß er es nicht iſt, und auch fuͤr Euch! Severin trat zuruͤck, beſtuͤrmt von den Ge⸗ fuͤhlen, welche die ſeltſame, uͤberraſchende Kunde von einem, lange Jahre gehegten Irrthume er⸗ regen mußte, vereint mit dem Augenblicke und der rauhen Weiſe, in welcher ſie ihm gegeben, ſein Blick traf auf Nikolaus und ſank abwaͤrts, zum erſten Mal im deutlichen Gefuͤhle be⸗ gangenen Unrechts. Er wendete ſich und las auf den Stirnen der Ritter den Verdruß uͤber die Behandlung ihres Genoſſen, und in den Zuͤgen des Biſchofs von Krakow tiefen Ernſt, durch einen Strahl von Heiterkeit gemildert. Wider unſer Erwarten— begann der Koͤnig von neuem— hat das ernſte Geſchaͤft dieſes Tages mit einer Handlung der Gnade be⸗ gonnen, walte ſie denn nun noch ein wenig, damit wir dann wieder zur Pflegung unſeres Richteramtes kehren. Auch— fuhr er mit ungefaͤlligem Lächeln fort— auch wird ſolcher Aufſchub nur kurz ſeyn, denn nicht viele ſehen wir hier, unſerer Gnade wuͤrdig, nur Einen.— Knappe Georg!— rief er gegen die reiſige Schar, und als der Juͤngling aus derſelber hervortrat, gebot er ihm, niederzuknieen und ſagte dann— Du haſt die Waffen gefuͤhrt fuͤr das Recht Deines Königs und Herrn, zu einer Zeit, da viele Edle ſeine Fahnen verließen, und andere ſcheu ſich verkrochen vor den leib⸗ eigenen Knechten; wer thut wie ein Edler und beſſer als die Meiſten von ihnen, iſt werth ein Edler zu ſeyn. Du haſt in der Schlacht das Panier der Emporer ihrem Haͤuptling entriſſen⸗ 3 3 — 83— ſein Sinnbild, der Holzſchuh der Leibeigenen, werde das Deine, Trepka ſei Dein Name und Deines kuͤnftigen Geſchlechts. Stehe auf, beſſer Edler als Knecht.— Es war, als fuͤhrten ſelbſt die Gnadenbe⸗ zeigungen des heimgekehrten Boleslaw eine Herbigkeit mit ſich, die ihre Wirkung ſchwächte, denn Viele, die dem wackern Juͤngling die Ehre gegönnt, fuͤhlten ſich durch die, ſo viele Andere demuͤthigende Weiſe gekränkt, in der ſie ihm ertheilt worden, und ſelbſt der neue Ritter, ſo ſehr auch der empfangene Preis das Ziel ſeiner feurigſten Wuͤnſche geweſen, fuͤhlte jetzt ſeine Freude untergehen im Unmuthe der Ge⸗ genwaͤrtigen, und beinahe ſcheu barg er ſich alsbald unter der Menge, die ſtrahlenden Blicke ſeines Großvaters meidend. Aber es war, als ob Boleslaw keinen Ge⸗ fallen mehr daran faͤnde, Freude zu gewähren, denn gleich einem, der, von laͤſtiger Buͤrde befreit, eilt, ſich wieder im gewohnten Kreiſe zu bewegen, ſprach er gleich darauf mit finſterer Strenge: Wir haben jetzt der Pflicht der Koͤnige genuggethan, zu verzeihen, wo es die Wohl⸗ V. Band. 3 fahrt des Reiches erheiſcht und unſere Einſicht, und Gnade dem Verdienſt zu gewaͤhren, eine andere Pflicht ruft uns nun, wir gedenken ſie treulich zu erfuͤllen, und wie unſere Milde ſich gezeigt, zeige ſich auch unſer Zorn in ſeiner Kraft. Hell wie des Tages Licht iſt die Miſſethat, ſchnell wie ſein Strahl ſei auch die Vergeltung. Alſo gebietet der König. Die Flamme des Holzſtoßes verzehre langſam die Wiederherſteller der Freiheit, damit keine Spur von ihnen bleibe und von dieſer, als die Aſche der Elenden, die, ausgeſtreut in die vier Winde des Himmels, frei genug herumflattern mag. Die tapferen Fuͤhrer des leibeigenen Geſindels, die ſo ruͤſtig die Keule geſchwungen gegen die Rechte des Koͤnigs, mogen der Keule Kraft erproben in gemeſſenen Schlägen, bis zum Tode, und ihr zerſchmettertes Gebein bleichen am Hochgericht, zur Warnung fuͤr aͤhnliche choren, falls irgend eine ihrer wohlgeborenen Feinsliebchen ſich nicht etwa den Schaͤdel des Trauten erbittet, als ſuͤßes Pfand der Erin⸗ nerung und Liebe. Dem Troß dieſer Helden fuͤr Menſchenrechte und Gleichheit werde ſein Recht angethan, und Gleichheit werde ihnen im — 35— Tode durch das Beil. Alſo geſchehe denen, welche Gott, der Beſchuͤtzer koͤniglicher Macht und Wuͤrde, in unſere Hand gegeben, und Allen, ſo noch in dieſelbe fallen werden, und bei der Krone Boleslaw's des Großen ſei es geſchworen, nicht an einem Einzigen gehe der Lohn ſeiner Thaten voruͤber. Er ſchaute, nachdem er ſo geſprochen, aber⸗ mals um ſich her, vielleicht um ein Zeichen der Mißbilligung zu erſpaͤhen, aber er gewahrte keines; der Feudalſtolz der Herren konnte dieß, gegen aufruͤhreriſche Knechte geſprochene Urtheil nicht allzuſtreng nennen. Da hob der König wiederum an: Der Herrgott, wie wir geſagt, ſuchet die Miſſethat heim im dritten und vier⸗ ten Gliede, das gebüͤhret ihm, dem Einigen, vor dem ein Menſchenalter iſt wie eine Stunde, wir aber können, als ſterblich, die Rache nicht hinausſetzen auf ſo ſpaͤte Zeit, ſie werde dem⸗ nach ſtracks am erſten Gliede vollzogen. Den Baſtarden, erzeugt von knechtiſchem Vater und edelgeborener Mutter, werde der weiche Schaͤdel an ſteinernem Pfeiler zerſchmet⸗ tert, und ihr Blut und Hirn an ihm klebend, 3* 56 ſei das einzige vergängliche Denkmal der Schande des polniſchen Adels! Eine laute, herzzerreißende Wehklage der jammervollen Muͤtter tönte durch den Saal, aber die Ritter und Herren blieben ſtumm, nur Stanislaw Szezepanowöki ließ tiefſeufzend das Haupt auf die Bruſt ſinken. Höhnend fuhr Boleslaw fort: Es gebuͤhret jedoch dieſen zärtlichen Muͤttern ein Erſatz. Des werthen Liebepfandes beraubt, das unſer koniglicher Spruch von der naͤhrenden Bruſt geriſſen, lege man einer jeden einen jungen Hund an dieſelbe, luͤſterner Huͤndinnen nicht unwuͤrdigen Säugling. Alſo geſchehe dieſen und allen Ehrvergeſſenen, die ein gleiches ge⸗ than. Wie das Brauſen der Fluth, die den zwangenden Damm uͤberſtromt, tonte jetzt das laute Murren der Edeln in der Frauen Weh⸗ geſchrei; der Biſchof von Krakow aber ſtand auf von ſeinem Seſſel und ſprach mit lauter Stimme: Der Stellvertreter Gottes auf Erden ſeid Ihr, Herr König, doch gleicht Eure Macht nicht der ſeinigen noch Euer Recht. Ihm nur ſteht es zu, der Aeltern Miſſethat an den Kin⸗ dern zu zuͤchtigen. Wo keine Schuld iſt, ſei auch keine Strafe, nach menſchlichem Geſetz⸗ Aber auch er, der gnaͤdig iſt wie gerecht, hat ſolche Strafe oftmals erlaſſen; greifet ihm denn nicht vor mit uͤbereilter Gewaltthaͤtigkeit, denn eine ſolche iſt die Ermordung der unſchuldigen Kleinen, und auch der Baſtard iſt ein Kind des ewigen Vaters. Menſchliche Gerechtigkeit mag den Leib des Uebertreters verderben, die unſterbliche Seele liegt nicht in ihrem Bereiche. Haͤufet nicht Schmach auf die Haͤupter dieſer ungluͤcklichen Frauen, damit nicht Verzweiflung die heilſame Reue erſticke. Ueberſchreitet nicht die Grenzen der Euch anvertrauten Gewalt, Herr, damit der Koͤnig der Könige nicht Rechen⸗ ſchaft fordere; den Verbrecher ſtrafet, der wiſſent⸗ lich gefrevelt hat an Gott, an der Menſchheit, an Euch; dem, welcher, fehlgetreten, reuig zu⸗ ruͤckkehrt, laſſet Zeit zur Buße, gleich der gottlichen Langmuth; beduͤrfen wir ihrer doch Alle, und auch Ihr, Herr Koͤnig. Der All⸗ mächtige hat den Thron aufgerichtet unter den Volkern der Erde, aber neben ihm den Altar, den ſichtbaren Thron deſſen, der uͤber ſie herrſcht — 6— und uͤber die Herrſcher, und vor ihm ſind alle ſich gleich. Der Kirche uͤberlaſſet es, den Buͤßenden mit Gott. und der Menſchheit zu ſuͤhnen, die vom Pfade der Zucht und Sitte Verirrten zuruͤck zu fuͤhren auf ihn; durfte doch Maria Magdalena die Fuͤße des Heilandes um⸗ faßen— goͤnnet der Kirche das ſchoͤne Recht, Mutter dieſer armen Kleinen zu ſeyn, von welchen die Mutter ſcheiden muß, die keinen Vater mehr haben und kein Geſchlecht. Boleslaw antwortete hart: Wir haben Euch das Wort geſtattet, Herr von Krakow, und Euch angehort bis zu Ende, doch als Mitglied unſerer Rathsverſammlung, nicht als Diener der Kirche, die nichts zu ſchafſen hat mit weltlichen Dingen noch mit den Gerecht⸗ ſamen des Koͤnigs. Wohl wiſſen wir, daß neben dem Throne der Altar beſteht, und beide unter den Voͤlkern aufgerichtet ſind, der eine, das Leibliche zu beherrſchen, das Geiſtliche der andere. Auch gedenken wir nur den Leib des Miſſethäters zu vernichten oder zu zuͤchtigen, die Seele uͤberlaſſen wir Euch, und verwehren Euch nicht Meſſe zu leſen fuͤr die Todten und den Lebendigen Buße zu predigen. Aber wir — wiſſen gleichfalls, wie die Diener des Altars bemuͤht ſind, ihn uͤber den Thron zu erheben, und außerhalb ihres Gebietes ihre Macht aus⸗ zudehnen uͤber das unſere, innerhalb deſſelben jedoch verſinkt ihre Macht, und zum Unter⸗ than wird der Prieſter; zum gezuͤchtigten Un⸗ terthan, Herr Stanislaw, ſo er ſich deſſen vermißt, was ihm nicht geziemt. Mögen alle Euere Bruͤder auf dieß Wort des Koͤnigs achten, und Ihr ins beſondere, Herr Biſchof. Uns hat das Geruͤcht Eueren Namen verkuͤndigt, aber was dem Volke behagt, mag oft dem Fuͤrſten mißfallen, jenes preiſet Euch heilig, huͤtet Euch, daß wir Euch nicht anders be⸗ nennen; beſchuͤtzen wollet Ihr die Ehebrecherin⸗ nen und zuchtloſen Dirnen und ihre Baſtarde, im Schatten des Altars? Sehet zu, daß Ihr ſelbſt geborgen ſeid an ſeinen Stufen, denn ſo Ihr des Königs Zorn reizet, ſo, bei den Ge⸗ beinen unſerer Vaͤter, ſo ſchuͤtzt der Altar Euch ſelbſt nicht! Stanislaw richtete einen. langen, ernſten, furchtloſen Blick auf den ergrimmten Fuͤrſten, wendete ſich dann gegen den Vorgrund des Saales und breitete die Arme gegen die Ver⸗ — 40— urtheilten aus, als wolle er ihnen, denen menſchliche Hilfe uud Troſt verſagt war, den Segen der Kirche ertheilen darauf ließ er ſich wieder ruhig nieder auf ſeinen Platz. Die Kraͤnkung, einem ehrwuͤrdig hochgeachteten Manne, einem Fuͤrſten der Kirche, einem Se⸗ nator des Reiches öffentlich angethan, war nicht geeignet, die Edeln mit einem Urtheilſpruche zu verſohnen, deſſen Haͤrte zum Theil auf ſie zu⸗ ruͤck fiel, und von allen Seiten hoͤrte man die Klage des Jammers, leiſere oder laute Be⸗ ſchwerde. Vergeblich flehten die Frauen um den Tod, anſtatt ſolcher Schmach, vergeblich drangen in den Koͤnig mehre Ritter, bei denen das Mitleid die Oberhand gewonnen, Ehebande, unauflöslich nach römiſchem Kirchengeſetz, nicht fuͤr immer zu ſchaͤnden; vergeblich forderten andere, unter ihnen Gorka, der Marſchall, mehr fuͤr die Ehre ihres Stammes ſprechend, als fuͤr die Schonung der Uebertreterinnen, ſolche nach dem Geſetze zu beſtrafen, nicht auf ſolche, den Gemahl und ihren ganzen Stamm zugleich beſchimpfende Weiſe. Boleslaw der Sweite antwortete: Wir haben unſer königlich Wort gehalten, dem verzeihend, der an uns vor allen andern gefrevelt, wir werden es nicht brechen unzeitiger Milde willen. Billig trifft die Strafe den mit, der das Unheil durch Fahrläſſigkeit ſich bereitet, der Schimpf, dem er Raum gegeben in ſeinem Geſchlecht, falle auf dieſes zuruͤck und auf ihn. Was an uns gefrevelt worden durch einen unter ihnen, dar⸗ uͤber wollen wir urtheilen in unſerer Wawels⸗ burg, in offenem Reichsgericht, und wer ſchuldig befunden wird, den ſoll die Strafe treffen wie dieſe. Jetzt zur Vollziehung unſeres Spruchs, denn bei meinem Eid, nicht ein Jota aͤndern wir an demſelben!— und es geſchah, wie er geſagt. Bis zum folgenden Tage verweilte der Konig in Zembocin. Doch nicht als ein hei⸗ terer Gaſt im Hauſe eines Edlen gehabte er ſich dort; wie er zu Kijow ſich daran ge⸗ wöhnt, war der Zutritt zu ſeinen Gemächern den Rittern, ſelbſt dem Burgherrn verſchloſſen; wie dort Eudora, ſo theilte hier Frau Chriſtine ſeine Einſamkeit, die er nur auf kurze Zeit dem Erzbiſchof zu unterbrechen erlaubte, welcher bald von ihm heraustrat, mit bleichem, von Furcht und Bekuͤmmerniß zeugendem Antlitzz dem Adalbert Druzyniec und dem Schwert⸗ traͤger, welcher ihn nach laͤngerem Geſpräch verließ, um ſo finſter und wortkarg unter die Andern zu treten, als wir ihn ſeit ſeiner Heim⸗ kehr geſehen. Vom Schloßhofe und der Ebene am Fuße des Huͤgels herauf ſcholl das Schmettern der Keule und des Beiles dumpfer Hall, der lang⸗ ſam Gemarterten Geheul, der Kinder Winſeln, verſtummend nach einigem krachenden Getön, und das herzzerreißende Wehgeſchrei der Muͤt⸗ ter, die man von den zuckenden Leichnamen ihrer Saͤuglinge gebunden hinwegfuͤhrte, ihrer Strafe entgegen. Von den Hoͤhen ringsumher erleuchtete die Flamme der angezuͤndeten Scheiterhaufen blutig 3 den Abend des blutigen Tages. Hier konnte gaſtliche Freude nicht ihren Wohnplatz aufſchlagen, auch blieb der Haus⸗ herr in ſeinem Gemach, nach welchem, auf ſeine Bitte, ſich der Biſchof von Krakow be— gab, doch verlangte er nicht nach dem, ſo lange entfernt geweſenen, nun heimgekehrten Sohne. Auch begehrte derſelbe den Einlaß zum Vater nicht, es ſchien als habe ihn wirklich nur ———— ſein Amt und die Dienſtpflicht nach Zembocin gefuͤhrt, ganz lag er deren Beſchaͤftigungen ob, bis zum ſpaͤten Abend, da er endlich im Ge⸗ mache der Frauen erſchien. Mit freudegluͤhenden Wangen, aber mit be⸗ ſcheiden geſenkten Augen und zaͤrtlich demuͤthiger Gebehrde trat Malgorzata ihm entgegen, die wirkliche Perle unter den Frauen,*) die einzig Reine unter den vielen Befleckten, in der Er⸗ wartung, ihres Gemahls Arme wuͤrden ſich offnen, ſie an den Platz zu ziehen, deſſen ſie allein ſich wuͤrdig gehalten, mit dem Knaben an ihrer Bruſt, dem Pfande treuer Liebe. Aber Nikolaus Arme öffneten ſich nicht, und ein— Gott gruͤß Euch, Frau Malgorzata— verſteinerte die Getaͤuſchte. Beſturzt trat ſie zuruͤck, Agnes ließ den Roſenkranz ihrer Hand entgleiten und Ilga verließ ein zierlich Wehr⸗ gehenk, an welchem ſie arbeitete, vielleicht dem neuen Ritter Trepka beſtimmt. Herr und Ge⸗ mahl— ſprach Malgorzata mit erſtickter, be⸗ bender Stimme— den Knaben, wollet Ihr ihn nicht herzen? Es iſt Euer Sohn. *) Malgorzata, Margarete, die Perle. Da ecrheiterte ſich Nikolaus Antlitz ein wenig, er nahm das Kind, betrachtete es, kußte es dann und ſagte nicht ohne Bewegung: Ja, es iſt mein Sohn— drauf gab er es der Mutter zuruͤck und kehrte ſich zu Agneſen. Noch immer im kloſterlichen Gewande, gottſelige Jungfrau?— fragte er— So ſeid Ihr denn noch immer entſchloſſen von der Welt zu ſcheiden, in ſtille, heilige Mauern? Mit feierlichem Nachdruck erwiederte dieſe: Mehr als je bin ich es. Seit das Uebel herrſcht auf der Erde, und an allen menſch⸗ lichen Banden zerrt und ſie entwuͤrdigt oder erſchlaffen läßt, ſehn' ich mich nach dem Bande, das mich mit dem Braͤutigam der Seelen ver⸗ einigt, dem einzigen, das der boͤſe Geiſt der Welt nicht zu zerreißen vermag. Was ſollte mir auch wuͤnſchenswerth ſeyn in ihr, wo die Suͤnde mit frecher Stirn triumphirt, und die fleckenloſe Reinheit demuͤthig vor der Ungerech⸗ tigkeit ſich beugt und vor unverſchuldeter Haͤrte, wo Chriſtine lachen darf, wenn meine Schwe⸗ ſter weint? Wirklich war Malgorzata in Thränen aus⸗ gebrochen, die ſie nicht mehr zu unterdrucken vermochte; ihr Gemahl, ſie bemerkend, ent⸗ faͤrbte ſich, doch ſprach er mit gezwungener Freundlichkeit zu Ilga: Ihr aber, ſchoͤnes Schweſterlein, ſcheinet nicht geſonnen der from— men Agnes Beiſpiel zu folgen, dem Wehrge⸗ henke nach, das wohl einem irdiſchen Braͤuti⸗ gam beſtimmt iſt. Das Fraäulein verſetzte: Herr, einem Ritter iſt es beſtimmt, der zwar nicht ausgezogen nach Kijow, noch gegen die Sarazenen, und fein daheim geblieben, aber doch wacker geſtritten hat fuͤr das Recht, und die Ehre der Frauen bewahret, einem Ritter, welchen Ihr auch ein wenig Dank ſchuldig ſeid füͤr ein Gluͤck, das, daucht mir, Ihr nicht genugſam erkennt. Doch erhaͤlt er es nicht, er gelobe denn zuvor, ſein kuͤnftig ehelich Gemahl, und glich es auch nur von fern der Malgorzata Strzemienczowa, werth zu halten, und ein Herz nicht zu betruͤben, das an ihm haͤngt mit Liebe und Treue. Sprecht, mein Gemahl— wagte die Weinende zu bitten— habe ich Euch durch irgend etwas beleidigt? bin ich eines Vergehens angeklagt vor meinem Herrn? — 46— Das nicht, Malgorzata— entgegnete Ni⸗ kolaus mit rauher aber ſchwankender Stimme — das nicht, Ihr ſeid nicht des Verbrechens beſchuldigt, für welches jene Verworfenen die verwirkte, nur allzumilde Strafe erleiden. Waͤre das, Ihr ſtuͤndet nicht vor mir, nicht, wie die Andern, haͤtte ich geduldig des Schimpfes ge⸗ wartet, ich ſelbſt wurde der Richter geweſen ſeyn uͤber den Frevel, an mir begangen. Ver⸗ wundbar iſt meine Ehre, und nicht der hoͤch⸗ ſten Schande bedarf es, ſie zu kränken. Es iſt ein altes Wort, am beßten iſt der Ruf des Weibes, von welchem man nicht redet, Ihr aber ſeid beruͤhmt worden, ſehr beruͤhmt, Mal⸗ gorzata, allzu beruͤhmt. In dem fernen Kijow nannte das Geruͤcht Euch des Räuberkönigs Geliebte; an den Grenzen der Heimat ſcholl es mir entgegen, mein Ehegemahl ſei der Preis, um den der Leibeigene die verruchte Hand aufgehoben gegen Recht und Geſetz, und ge⸗ ſchworen habe er, ihn zu erringen, er ſuchte Euch, hieß es, mit der Mordfackel in der Fauſt, durch das ganze Reich, er ſuchte Euch, und ich finde Euch hier, wenige Schritte von ih — Komm, Schweſter!— rief Agnes in hei⸗ ligem Unwillen— folge mir aus der Welt der Ungerechtigkeit, nur am Altare iſt Troſt und Balſam fuͤr ein zertretenes Herz. Aber Malgorzata antwortete verneinend: Dort iſt die Stelle der Nonne, aber die der Hausfrau iſt hier.— Drauf fuhr ſie mit ſanfter Wuͤrde fort: Ich habe denn den Glauben bei Euch verloren, Herr, ob ich das verſchuldet, iſt Gott bekannt, vor dem mein Herz offen lag und mein Thun. Aber nicht allein vor ihm lag es offen, auch vor den Augen dieſer unbeſcholtenen Jungfrau, vor Eurem Vater, Herr und Gemahl, und dem hochwuͤrdigen Biſchof von Krakow. Und wenn ich eines Zeugniſſes bei Euch bedarf, ſo rufe ich das ihrige auf, denn nächſt Eurer Liebe iſt mir, wie Euch, das Theuerſte die Ehre! Ich glaube Euch— verſetzte Nikolaus nicht ohne Ruͤhrung— nicht bedarf ich ſolches Zeugniſſes, aber es genuͤgt mir auch nicht. Lange noch wird das Geruͤcht nah und fern wiederhallen, von dem, was geſchehen, von Mund zu Mund der Name des leibeigenen Knechtes ertonen, der nun, Gott verdamme ihn, wohl gar zum Prinzen geworden. Euern Namen wird man nennen neben dem ſeinen, die er die Dame ſeines Herzens genannt, und man wird hinzuſetzen, daß Ihr nur wenige Schritte von ſeiner Mörderhöle verweilt. Jener Cäſar ſprach es, und ich ſpreche es mit ihm: auch der leiſeſte Verdacht darf auf meinem Weibe nicht haften. In weiſer Strenge hat der König einen Ge⸗ richtstag anberaumt, zu enthuͤllen was bis jetzt noch Dunkel verbirgt. Ihr ſollt auf demſelben er⸗ ſcheinen, alſo iſt mein Befehl; dort rechtfer⸗ tiget Euch durch Zeugniſſe oder thut ſonſt Euere Unſchuld dar, daß Jeglicher an ſie glaube wie ich, und wenn das Euch gelungen, wenn Ihr fleckenlos daſtehet vor dem Koͤnige, den Edeln und der Welt, dann iſt Eure Stelle in den Armen, die ſo lange ſich verſchließen vor Euch. Truͤbt aber auch nur ein Schatten Euren Leumund, blickt auch nur ein Auge ruͤgend oder zweifelnd auf Euch, dann nimmer, bei meines Stammes Ehre, dann nimmer! Bis dahin geziemt es ſich, das Einzelne dem Allgemeinen nachſtehen zu laſſen, meine Pflicht als Wuͤrdentrger der Krone, als des — 49— Koͤnigs Rath und Feldherr, ruft mich mor⸗ genden Tages mit ihm aus Schloß Zembocin. Einen Vater habe ich allda nicht gefunden, ſo gebe denn Gott, ich möge daſelbſt bald mein Ehegemahl wiederfinden und meinen Sohn. Dieß war der Empfang, welcher der edelſten Frau von dem Treugeliebten ward, dieß der Lohn, leider der Vorbote ſpätern, noch trau⸗ rigern Lohnes. IIH. Der Zug Boleslaw's des Zweiten nach Krakow, begleitet von mehren Prälaten, Se⸗ natoren, Herren und Edeln, glich eher dem Zuge eines aſiatiſchen Nomadenfuͤrſten durch ein erobertes, verheertes Land, als der Ruͤckkehr des Vaters des Vaterlandes in die, lange ihn entbehrende Heimat. Auch ſcholl nicht, wie einſt, ihm dieſer Name entgegen, nur ſcheue oder ſinſtere Blicke fielen auf den Finſtern, der jener ſchönſten Benennung eines Herrſchers ent⸗ ſagt zu haben ſchien, und deſſen Antlitz ſich 4 V. Band. 4 — 506 nur aufheiterte, wenn ſein Auge auf Frau Chriſtinen traf, die auf milchweißem Zelter neben ihm herritt, den braunen Knaben in ihren Armen haltend, den Sultaninnen eines morgenländiſchen Länderverwüſters zu ver⸗ gleichen. Die Umgebung vollendete dieß widrige Bild. In geringer Entfernung zu beiden Seiten des Weges ſandten halb ausge⸗ brannte Scheiterhaufen noch ſchwere, ſchwarze Rauchwolken gegen den Himmel, kopfloſe Leich⸗ name und vom Rumpfe getrennte Köpfe, zer⸗ ſchmetterte Korper und blaſſe Kinderleichen fuͤllten die Gräben, und damit nichts fehle am Triumphe koöniglicher Macht, ſchritt langſam auf der Straße ein jammervoller Zug daher, der Zug der Weiber, den ſchmaͤhlichen Saͤug⸗ ling an der Bruſt, von reiſigen Knechten um⸗ geben und vorwaͤrts getrieben. Mit wankenden Knieen ſchlichen ſie, ſprechende Bilder des Elends und der Schande, ihr ſcheues Auge ſenkte ſich, den Strahl des Tages meidend, und wendete ſich wieder ſchaudernd ab von der Beſtie, deren Winſeln ſich ihren Seufzern ver⸗ mählte. Als ſie nun die ritterliche Schar — 51— herankommen ſahen, in der Viele den Vater wußten oder den Gatten, ſanken mehre nieder, uͤberwaͤltigt von Scham und todtlicher Er⸗ mattung, aber die Gewappneten riſſen ſie empor und ſtießen ſie vorwaͤrts, und die knechtiſche Geißel beruͤhrte die Geſtalten, deren fruͤherer Reiz hinweggerafſt war durch einen Tag na⸗ menloſer Pein. Die Ritter ſahen es und beug⸗ ten das erroͤthende Antlitz tief herab auf den Hals ihres Pferdes, oder bargen es unter dem Helmgitter, in ſchweigender Wuth ihrem Thiere den Sporen in die Seite ſtoßend, daß es ſich bäumte. Als die Ungluͤcklichen ſich nahe am Könige befanden, ſtanden ſie ſtill, und kein rauhes Ge⸗ bot, kein Geißelhieb brachte ſie von der Stelle, und wie einſtimmig flohen Laute aus dem Munde einer Jeden. Es waren keine Worte der Bitte, nur ein dumpfes Geheul war es, den Tod anflehend und die Berge, über ſie zu fallen, und die Huͤgel, ſie und ihre Schmach mitleidig zu bedecken. Aber Koͤnig Boleslaw antwortete nur mit herbem Lächeln, ſein Pferd zu kurzen Spruͤngen zwingend, als wolle er des erfreulichen Anblicks ſo lange als moͤglich 4* genießen, aber Chriſtine von Skalmierz ſah ver⸗ ächtlich auf die Elenden herab und druͤckte mit Zärtlichkeit den Knaben an ihre Bruſt, der doch auch nur ein Baſtard war wie die, wel⸗ che mit zerſchmettertem Hirn um ſie lagen; die Ehebrecherin der Ehebrecherinnen ſpottend. Da hoben ſich die geſenkten Augen und ſchoſſen wuthentbrannte Blitze, da ſchwieg das Geheul, aber uͤber die blau werdenden Lippen ſchlichen leiſe Fluͤche gegen den Urheber ihres Elends, der, ſelbſt Uebertreter, nur ſchonend war gegen eigene Miſſethat, und unverſohnlich fuͤr anderer Vergehen. Der Fluch aber des Daniedergetretenen findet ein Ohr, das ihn hoͤrt. Herr Bruder in Chriſto— fluͤſterte leiſe und ſcheu der Erzbiſchof von Gniezno dem Biſchof von Krakow zu— was duͤnkt Eurer Ehrwuͤrden von dieſer Reiſe? Ich finde keinen ſonderlichen Gefallen an ihr, und nur gering iſt dieſe Augenweide. Solche Dinge hat man wohl ehemals bei dem Triumphe irgend eines romiſchen Imperators geſehen, ein ſolcher aber war ein blinder Heide und iſt nun ewig ver⸗ dammt, ſeit dem hat man jedoch von derglei⸗ chen nicht wieder gehoͤrt, und ſcheinet es mir allzu unchriſtlich, ſo ſehr ich auch dafuͤr bin, daß auf Ordnung und Regel gehalten werde und das gemeine Volk im Zaume. Von jeher war der Herr ein wenig unbaͤndigen Gemuͤths, und widerſetzte ſich der Zuchtruthe wohl gar, nun aber, fuͤrcht' ich, hat er ſich draußen im fremden Lande gar ſehr geaͤndert, und möchte wohl die Ruthe ganz gern auch gegen uns kehren. Der Geiſt der Luͤge— antwortete Stanis⸗ law ernſt— hat mehre Schlingen im Vorrath, die Menſchen zu fahen, und wohl weiß er, welche für Jeden ſich eignet. Die gefäͤhrlichſte und verderblichſte zugleich haͤlt er den Maͤchtigen bereit und den kraftvollen Gemuͤthern. Die Zucht⸗ ruthe Gottes zu ſeyn, haucht er ihnen zu, und ſie erheben ſich in thörigem Stolz, und wähnen nicht, daß ſie nichts ſind als eine Geißel in der Hand des Feindes der Seelen, denn der himmliſche Vater iſt nicht zornig, ſondern langmuͤthig, und wenn ſeine Gerechtigkeit ſich offenbaret, bedarf es des gebrechlichen Werk⸗ zeuges nicht, er verſchmähet es und zerbricht den, der in thorigem Wahne der Bote ſeines —— Zornes zu ſeyn glaubt, da er ihn doch nur gewurdigt, der Mittler ſeiner Gnade zu werden. Das Amt des Unendlichen zu verwalten, unter⸗ fängt ſich der endliche Menſch; wie er, der den Uebeln ſeine Grenzen ſteckt nach ſeinem heiligen Willen, waat er, das Uebel zu verbreiten, der unfähig iſt, es auch nur um einen Schritt zu hemmen, und nicht weiß, ob es ihn ſelbſt nicht ergreife. Wahrlich, es iſt eine ſchwere Buͤrde, der Stellvertreter des Koͤnigs der Koͤnige zu ſeyn; die Blitze des Allerhoͤchſten zu fuhren iſt kuͤhn, auch fuͤr den Unſtraͤflichen, aber wehe der unreinen Hand, die die Arche Gottes beruͤhrt. Schutzend umſtehen ſie ſeine Prieſter— verſetzte der Oberſte derſelben mit einer Feier⸗ lichkeit, welche ſeltſam genug gegen den leiſen Ton und das beſorgte Umherblicken nach einem Lauſcher abſtach— wo die weltliche Macht, ſich verirrend, Verwirrungen hervorbringt, iſt es an der Kirche, ihr Recht geltend zu machen; oftmals trotzt ihr der Gewaltige in ſeinem Hochmuth und Frevel, ſolchen aber folget ge⸗ meiniglich der Fall und die Strafe und mit ihnen die Reue, der Reuige aber kehrt zuruͤck zur allgemeinen Mutter, ein unterwuͤrfigerer Sohn als zuvor, ſich ihrer Geißel ſchmiegend. Ihr waret des Koͤnigs Lehrmeiſter, hoch⸗ wuͤrdigſter Herr?— fragte plötzlich der Biſchof. Ihr wiſſet es ja— lautete Petrus Na⸗ lencz etwas verwunderte Antwort— was ſoll das jetzt, werther geiſtlicher Mitbruder? Ich war es nicht, doch moͤchte ich unſern Herrn lieber vor Fall und Strafe bewahren, als ſolche erwarten; mehr geziemt es der Kirche, ihre Soͤhne, den erſten derſelben zumal, von ſuͤndigem Hochmuth und Frevel zuruͤckzuhalten, als fich ihrer Folgen zu erfreuen; die Mutter, welche das Kind zuͤchtiget, das, von ihr un⸗ gewarnt, fehlte, iſt eine unzaͤrtliche Mutter. Unſtreitig— ſagte der Herr von Gniezno mit einiger Verlegenheit— unſtreitig iſt es Pflicht, zuerſt zu warnen— aber— Stanislaw fuhr mit ſteigendem Eifer fort: Ihr, ich, wir alle ſehen mit leiblichen Augen, was uns umgibt, und mit Recht nennet Ihr es ein widrig Schauſpiel, und unerhoͤrt unter Chriſten. Mein Blick aber dringt ahnend in eine noch truͤbere Zukunftz ich ſehe den Zorn ——— —— Gottes erwachen uͤber dieſem Reiche, ſeine Hand den ſchlagend, der, ihm nachäffend, ſein ſpottet, der, der eigenen ſchweren Gebrechen nicht ach⸗ tend, nicht im Drange nothwendiger Gerechtig⸗ keit, in dem Wahne der Leidenſchaft und un⸗ ſeliger Erbitterung unbarmherzig wuͤthet gegen geringern Fehl, der mit der eigenen Unthat ſich bruͤſtend, und vorangehend mit ſchlimmen Beiſpiel, die in den Abgrund des Elends ge⸗ ſturzt, die doch nur thaten wie er, deſſen Fuß einherſchreitet auf zermalmten Leichnamen und deß Haupt ſich dennoch ſtolz in die Wolken erhebt, dem Ewigen trotzend. Ich ſehe dieſen Fuß ausgleiten auf dem mit Blut geduͤngten, ſchluͤpfrigen Boden, und dieß Haupt von Blitzen umzuckt. Nur mit Schmerz ſäh' ich es fallen, das vor geringer Zeit noch die Voölker mit Ehrfurcht ſchauten und mit Liebe, wie jetzt mit Mißfallen und Furcht, mich jammert ſein und dieſes Landes; wenn die Eiche ſtuͤrzt, zerſchmet⸗ tert ſie ringsum die niedrigen Baͤume des Waldes. Darum hat uns der Herr ausge⸗ ſendet unter die Völker, daß Friede auf Erden ſei, und Warnung und Lehre ſind unſer erſter und heilſamſter Beruf. — 5— Wie oben verſetzte der Erzbiſchof: Gewiß iſt nicht alles, wie es ſeyn ſoll, und daran, daß es nicht iſt, traͤgt der König großentheils die Schuld. Seines Amtes hat er ſich abge⸗ than— fuhr er mit anſcheinender Demuth fort— um es auf die ſchwachen Schultern eines Greiſes zu legen, die es zu tragen nicht vermochten; er ging den Rittern auf dem breiten Pfade der Luſt voran, ſie ſind ihm gefolgt in ſuͤndlicher Verblendung, und ihnen die zuruͤckgebliebenen Verſaͤumten, und das Uebel, von Kijow ausgehend, zog ſein Gefolge nach ſich: Empoͤrung, Mord, Unheil und Elend. Wohl mag man ihn fragen: Warum ſtrafeſt Du an Andern ſo hart, was Du ſelber gethan? Die Verſäumniß, da Du doch ſelber verſäumt? Den Ehebruch, da Du ſelbſt die Ehe gebrochen? Hohnlachend reiteſt Du an den Buhlerinnen voruͤber, die Buhlerin an der Seite? Der Ba⸗ ſtarde zerſchmettertes Gebein knirrſcht unter den Hufen Deines Roſſes, und neben Dir prangt Dein Baſtard, in Sammt und Seide gehuͤllt? Der entehrten Ehegatten Antlitz färbeſt Du mit Scham und Entruͤſtung, und der, welchen Du entehrt, ſchmachtet in den Ketten der Feinde, denen Du ihn uͤberliefert? Ihr habt Recht, ehrwuͤrdiger Bruder in Chriſto, es thaͤte Noth, Femand ſpraͤche alſo zu ihm, und allerdings kommt es am meiſten dem Diener des Al⸗ tars zu. Und wem— antwortete Stanislaw— wem kaͤme es mehr zu als Euch, der Ihr dieſen verirrten Füͤrſten Euren Schuͤler nanntet, dem erſten Fuͤrſten der Kirche, des Reiches Primas, dem Haupte des Senats? Mir?— rief Petrus Nalencz im Tone des Erſchreckens, dann ſetzte er mit klagender Stimme hinzu: Nicht mich hat der Himmel zu ſeinem Werkzeug erkoren in ſolch hoch⸗ wichtiger Sache. Wie ſollte ich, der von Kummer gebeugte Greis dem gereizten Loöwen gegenuͤber ſtehen? Ohne Kraft wuͤrde mein Wort bei ihm ſeyn, nicht wie Gottes Stim⸗ me wuͤrde die Stimme ihm lauten, die allzu⸗ oft in weltlichen Dingen zu ihm geredet; er wuͤrde den Primas in mir ſehen, wie Ihr ſagt, den Statthatter, das Haupt des Senats, doch nicht den Diener Gottes, und ſein herriſch argwohniſcher Sinn die Sprache der Wahrheit in meinem Munde mißdeuten; nicht ſein Ge⸗ wiſſen wuͤrde ich erwecken, nur ſeinen Grimm. Ich kenne ihn, dieſen Grimm, der fruh ſchon in der Bruſt des Knaben ſchlief, und nun zur Flamme geworden im Manne, und geſtern erſt hab' ich ihn erprobt. Solche Botſchaft Gottes und der Kirche ziemt einem andern als mir, ihrem unwuͤrdigen Diener, ſie ziemt einem heiligen Manne, wie Ihr. Ein frommer Prieſter, der das Zeitliche nie, das Ewige nur im Auge gehalten, ſelig geſprochen vom Volk, hochverehrt von den Großen, untadelig ge— blieben in gottſeligem Wandel, mit dem Geiſte der Weiſſagung und wunderthätiger Kraft be⸗ gabt, wie man ſpricht, ein zweiter Samuel, deſſen an die Stille des Heiligthums gewohntes Ohr die Stimme des Herrn oftmals beruͤhrt hat, Ihr duͤrfet thun, was Andern nicht zu⸗ kommt, Ihr duͤrfet, dem Propheten gleich, vor den Koͤnig treten, und Euer Wort wird ihm lauten wie Gottes Wort, und er wird in ſich gehen und ſprechen: Herr, ich habe geſuͤndigt vor Dir. Der Biſchof von Krakow antwortete kalt: Wenn ich ſolch Amt uͤbernehme, Herr Erz⸗ biſchof von Gniezno, ſo thue ich es nicht in — 6 ſtrͤflichem Ueberheben ſondern, weil der erſte Diener der Kirche im Polenreich ſich deſſen weigert, als der Zweite. Zwar hab' ich dazu nicht ſo viele Veranlaſſungen als Ihr, dem es wohl zukäme, die Folgen des Grimmes und der Leidenſchaft abzuleiten, welchen Ihr in dem Knaben zu bezaͤhmen verabſäumt, deſſen Rath den Konig zu langem verderblichen Kriegszug bewogen, der als Verweſer des Reichs in ſeiner Abweſenheit dem Uebel nicht zu ſteuern vermocht, das jetzt auf uns laſtet und mit noch größerem bedroht, doch theile ich Befug⸗ niß und Pflicht mit Euch in anderer Art, als Prieſter des Gottes der Gnade, und ich werde ſie erfuͤllen, wenn nicht die Stimme des Tempels, wie den Propheten, der heiliger war als ich, wenn das fortwährende Wehge⸗ ſchrei des Unglucks mich dazu auffordern ſollte. Hier wandte er ſeinen Zelter und wartete des Marſchalls, welcher ſchon eine Weile un⸗ fern von ihm ritt. Als Stanislaw ſich gifich hatte ſprach Petrus Nalencz mit tuͤckiſchem Laͤcheln zu ſich ſelbſt: Mit großen Schritten wandelt der Herr Bruder von Krakow der Canoniſation zu. Ich wuͤnſche ihm Gluͤck; was das Amt des Wun⸗ derthaͤters und Apoſtels begonnen,„vollendet vielleicht das Maͤrtyrerthum. Lange ſchon, ſehr ehrwuͤrdiger Biſchof und Herr— begann Andreas Gorka zu Stanis⸗ law Sczepanowski— ſehnte ich mich, mit Euch einige Worte zu wechſeln. Wir haben nun, was Ihr gewuͤnſcht, die leibeigenen Knechte ſind geſchlagen, die Mordbrenner, die ſich Wiederherſteller der Freiheit und des Rechts nannten, haben die Fackel, mit der ſie die Welt erleuchten wollten, den eigenen Holzſtoß entzuͤnden ſehen, der Schimpf— hier lachte er bitter auf— der Schimpf unſerer Ge⸗ ſchlechter iſt geraͤcht und der angeborene Herrſcher wieder in unſerer Mitte. Nun iſt denn alles wieder gut und in Ordnung, meinet Ihr nicht auch, Herr Biſchof von Krakow? Was Ihr ſagt, iſt wahr, doch widerſpricht Eurer Rede der Ton Eurer Stimme, Herr Gorka, und das Lob, welches Ihr ertheilt, traͤgt das Gepräge des Tadels. Wollet Ihr meine Meinung erfahren— verſetzte der Marſchall— ſo reitet ein Stuͤck⸗ lein Weges mit mir. Wir Beide, meine ich, — 62— taugen nicht ſo recht dazu, in ſolchem Zuge einherzuprunken, und uͤberdieß geht meine Bitte an den Prieſter. Dieſe Aufforderung war hinreichend, den Biſchof zu beſtimmen, und er folgte ihm ſo⸗ gleich. Abwärts von der Straße ging ihr Weg, einem kleinen Gebuͤſche zu. Hier lag ein ſterbendes Weib. Gram und Scham hat⸗ ten fruͤher noch als die Todesnoth den Reiz entſtellt, der ſie fruͤher augenſcheinlich ge⸗ ſchmuͤckt hatte; Verzweiflung verzerrte ihre Zuͤge und ein dumpfes Wimmern entriß ſich der krampfhaft athmenden Bruſt, als ſie den Rittersmann gewahrte und den Biſchof. Einige Schritte abſeits kroch im Graſe ein junger Hund. Vergebung, Vater— winſelte die Ungluͤck⸗ liche zu dem Marſchall empor, der aber ſprach? Nur bei Gott iſt Vergebung und nicht ich bringe ſie Dir, ſondern dieſer heilige Mann⸗ Aber etwas anderes fuͤhle ich mich Dir zu ge⸗ währen geneigt, Rache naͤmlich; denn, Gott ſei gelobt, nicht die Elendeſte biſt Du, und wer Dir gleicht, ſoll nicht lachen, nicht prunken, nicht leben, wenn Andreas Gorka's Tochter in Verzweiflung gleich einer Landſtreicherin endet. Ihr ſeht hier eine Verworfene— fuhr er kalt fort, gegen Stanislaw gewendet— die Tochter eines edeln Geſchlechts, eines ehren⸗ werthen Ritters Gemahlin; Ehre, Reichthum und Gluͤck ſtanden um ihre Wiege und be⸗ gleiteten ſie durch eine ſchuldloſe Jugend; Va⸗ terſorge bewachte ſie und uͤbergab dann ihr theuerſtes Kleinod der Hand eines Ehrenman⸗ nes. Da folgte er dem Könige auf dem Zuge in's Ausland, den Gott verdammen moͤge, den Vater hielt ſein Reichsamt fern, und zu ihr, wie zu den andern trat die Verſuchung in Knechtsgeſtalt. Sagt, Herr Biſchof, wuͤr— det Ihr in dieſer Elenden die Tochter des Kronmarſchalls wieder erkennen? Mitleidig blickte Stanislaw auf das Weib, deſſen Angeſicht bereits die Schatten des herannahenden Todes bedeckten, und dann auf den Vater, der aber ſagte mit feſter, rauher Stimme: Schauet nicht bedauernd auf mich, hochwuͤrdiger Herr, wuͤnſcht mir Gluͤck, daß das Geſchick mich der Pflicht uͤberhebt, mein eigen Blut zu vergießenz ich preiſe es, daß das Schwert des Feindes den Eidam getroffen und ich nicht errdthen darf vor ihm, ich preiſe es, daß es dieſen Schandfleck hinwegtilgt aus meinem Geſchlecht. Aber— ſetzte er weicher hinzu— obſchon eine Verworfene, iſt ſie doch mein Kind und ein Geſchoͤpf des allmaͤchtigen Gottes; der Leib hat gebuͤßt was der Leib verbrach, rettet die unſterbliche Seele. Ihr ſeid ein frommer Mann, und wenn nicht bei dem Frevler, findet doch bei Euch der Suͤnder Erbarmen. Da fiel Stanislaw auf ſeine Kniee neben der Sterbenden und betete und ſprach Worte des Troſtes zu ihr, und ertheilte ihr die Ent— ſuͤndigung in der Todesnoth, da glitt ein leiſes Laͤcheln uͤber ihr bleicher werdendes, von Ver— zweiflung entſtelltes Geſicht, aber es haftete an den allgemach verſtarrenden Zuͤgen, da be⸗ ſchrieb der Biſchof das Zeichen des Kreuzes uͤber der Todten und ſagte: Requiescat in pace Requiescat— wiederholte der Marſchall 8 dumpf— und ſo ergehe es allen, die am Geſetze freveln und an der Zucht. Dieſer,— fuhr er fort mit langſam ſteigendem Zorne— dieſer iſt geſchehen wie ihr gebuͤhrt, alſo geſchehe es — 65— auch Andern. Ich will ein Wort ſprechen im Angeſicht des verſammelten Adels zu dieſem Boleslaw, der unter den Sklaven des Aus⸗ landes vergeſſen hat, er ſei ein Koͤnig freier Maͤnner, der die, welche den Thron wiederherſtell⸗ ten, den er gleichgiltig verfallen ließ, anſchauet mit krauſer Stirn, und harte Worte zu ihnen redet, ſtatt des gebuͤhrenden Dankes, der die, welche die Ehre ſeiner Krone retteten, geflißentlich mit Schmach uͤberhaͤuft, und ſie zu verletzen trachtet. Wäre dieß Haupt unter dem Schwerte gefallen nach dem Ge— ſetz, ich haͤtte den Gerechten geſegnet, doch die Willkuͤhr duldet kein polniſcher Edler, und den Tyrannen verfluche ich. Wie dieſe Elende dahingefahren iſt in Schande und Verzweif⸗ lung, alſo treffe auch ſeine Buhlerin Ver⸗ zweiflung und Schande, keine hat etwas vor— aus vor der Tochter des Gorka; wie er die Baſtarde zerſchmettern ließ, wie— hier zer⸗ malmte ſein eherner Fußtritt das Huͤndlein — wie ich dieſe Beſtie zertrete, ſo zerſchmettere ich auch ſeinen Baſtard; ſind die niedern Ehebrecher dem Tode dahingegeben zum war⸗ nenden Beiſpiel fuͤr Andere, ſo kann man V. Band. 5 365 wohl auch ein Beiſpiel am Höchſten unter ih⸗ nen aufſtellen! Herr Marſchall— verſetzte Stanislaw mit Wuͤrde— es iſt ein ſchlimmes Wort, das Ihr ſprecht, und am wenigſten ziemt es ſich in Gegenwart dieſes Leichnams. Sehet das Laͤcheln dieſer bleichen Lippen, ein Merkmal iſt es, daß die Langmuth Gottes der Suͤnderin Gnade gewaͤhrt hat. Darf der Menſch we⸗ niger langmuͤthig ſeyn als er? Mild iſt der Herr der Welten gegen den Geringſten, wie darf der Unterthan wuͤthen gegen den, welchen er uͤber ihn als Herrſcher geſetzt? Nimmer— unterbrach ihn Andreas finſter — nimmer haͤtt' ich geglaubt, der geiſtliche Herr von Krakow koͤnne rechtfertigen, was ſich hier begibt, noch dem das Wort reden, der das Uebel verſchuldet von Anfang herein, und es jetzt pflegt und vergroßert. Auch gedenke ich es nicht zu thun— war des Biſchofs Antwort— doch lehrt uns eben, was geſchehen, das Unrecht ſei ein arges Mit⸗ tel gegen das Unrecht, und ſo es ſich fort und fort an einander reiht, wird es zur Kette, welche die Volker leiblich vernichtet, und ihre Seelen zur Hölle hinabzieht. Die Hoͤlle, Herr Andreas, zeigt ſich geſchaͤftig in dieſen Tagen, laſſet uns alſo doppelt wachſam ſeyn, daß ſie uns nicht Verderben bereite. Der Marſchall entgegnete mit herbem Laͤ⸗ cheln: Nun, ſo moͤge der Himmel dazu thun, aber bald, ehe es der Erde zu viel wird. Der Himmel hat ihr einen Boten geſendet — ſagte Sczepanowski mit Nachdruck— er heißt das Geſetz. Ganz recht, aber das Geſetz eben ſtößt Jeglichen aus, der es verhoͤhnt, er ſtehe auch, wo er wolle. Gott iſt der Richter der Konige; doch hat er nicht ſelten ſein Amt den Völkern ͤbertragen— ſchaltete Andreas ein. Der Biſchof fuhr fort: Und wie der ir⸗ diſche Richter dem Uebertreter Zeit laͤßt zu Buße und Erſatz, und Ermahnung der Strafe vorausgehen laͤßt, aiſe thut auch er, und, wie jener uͤberantwortet er ihn erſt, wenn dieſe fruchtlos geblieben, den een ſeiner Befehle. Und woran kennen dieſe daß es Zeit ſei, ſie zu voll ireken 5 — 68— Meinet Ihr nicht— fragte der Biſchof mit einigem Unwillen— der Allmaͤchtige wiſſe zu zeichnen, wen er zum Opfer ſeines Zornes erkoren? Mit Blindheit ſchlaͤgt er, den er verwirft, und ſelbſt ſtuͤrzt ſich der Verlorene in den Abgrund, und zur Zuͤchtigung wird ihm die eigene That. Der Menſchen Schick⸗ ſale liegen in ſeiner Hand, Lohn und Strafe waͤgt er ihnen zu, und wehe dem, der ihm vorgreift, der die Vergeltung uͤbernimmt ohne beſondere Befugniß. Es ſei darum— antwortete der Marſchall trocken— müch duͤnkt, dieſem Boleslaw iſt, was Ihr ſagt, ſchon begegnet, und ſein Weg fuͤhrt ihn gerade zum Abgrund. Möge denn am Rande deſſelben noch ein Bote des Him⸗ mels warnend zu ihm treten, moͤget Ihr es ſeyn, ehrwuͤrdiger Herr, denn keinen kenne ich, der ſich mehr dazu eigne. Wenn er aber taub bleibt gegen die mahnende Stimme, und blind gegen die Gefahr, wenn er eine That begeht, die ihn unverkennbar mit dem Stem⸗ pel der Verwerfung bezeichnet, dann hat der Himmel gethan, was er ſollte und die Erde tritt in ihr Recht. 6 — 69— Darauf wandte er ſich und befahl ſeinen Dienern, den Leichnam der Tochter hinweg zu fuͤhren zur ſtillen Beerdigung. Die anberaumte Verſammlung auf dem koniglichen Schloſſe zu Krakow wurde auf eine ſpätere Zeit ausgeſetzt, denn ſo begierig auch Boleslaw der Zweite nach uͤberſtrenger Aus⸗ uͤbung ſeiner koniglichen Gewalt war, ſo fand er doch, in ſein Haus zuruͤckgekehrt, die Be⸗ treibung anderer Geſchaͤfte fuͤr nothwendig, deren Natur die Vorausſetzung des Kron⸗ marſchalls zu rechtfertigen ſchien und nebenbei darthat, Grauſamkeit und Verachtung der Sitte ſeyen nicht die einzigen Eigenſchaften, welche ſein Aufenthalt in der Fremde in ihm erzeugt oder vielmehr nur entwickelt hatten. Auch Habſucht hatte ſich zu ihnen geſellt. Viele der Schloͤſſer und Landſchaften, fruͤher dem Adel gehörig, und aus dem man die leibeigenen Uſurpatoren vertrieben, wurden von ihm den fruͤheren Herren nicht zuruckge⸗ geben, ſondern fuͤr das Eigenthum der Krone erklärt, der geſchmälerte Beſitz durch die Laſten gedruͤckt, welche ein unaufhörliches, meiſt zweckloſes Hin⸗ und Herziehen kriegeriſcher E Haufen erzeugte, die die Roſſe aus den Ställen der Edelleute und freien Bauern, und ihre Stiere vom Pfluge hinweg fuͤhrten, und ſich in den Höfen und Maiereien geiſtlicher und weltlicher Guͤter auf beliebige Zeit nieder⸗ laſſend, die Eigenthuͤmer verdrängten, und ab⸗ ziehend, um einen aͤhnlichen Beſuch zu machen, ihnen leere Speicher hinterließen, verwuͤſtete Wohnungen und zerſtampfte Felder. Auch forderte er ganz gegen Herkommen und Recht wrillkuͤhrlich ſchwere Steuern von der Ritter⸗ ſchaft und Geiſtlichkeit, welche, was die erſte anbelangt, ſeine Tyrannei verhaßt machten, in Hinſicht auf die zweite aber nach dem Geiſte der Zeit ſeine Froͤmmigkeit verdächtig, und waͤhrend er durch dieſes, in Polen uner⸗ horte und der Weiſe ſeiner Vorgänger ganz entgegengeſetzte Verfahren alle Gemuͤther ſich entfremdete, während laute Beſchwerde erſcholl, vermehrte er die Abneigung durch die Härte und den wegwerfenden Stolz, mit denen er Alle empfing, die gerechte Klagen vor ſein Ohr brachten. Am oͤfterſten hatte, Andern geleiſteten Zuſag ner, ſich ſelbſt und 6 * gemäß, dieß der Biſchof von Krakow gethan, doch ohne an⸗ dern Erfolg, als den Zorn des Deſpoten ſteigernd zu reizen, bis er ſich zum Haß ge⸗ ſtaltete. Sein Hofſtaat blieb der nämliche wie zu Kijow; die patriarchaliſche Gaftfreiheit der fruͤheren Koͤnige war mit ihm nicht wieder⸗ gekehrt in die uralte Burg, nur wenige Ver⸗ traute durften ihm nahen, unter dieſen Adal⸗ bert Druzyniec, welcher in ſeine Stelle als Guͤnſtling wieder eingetreten war, und Nikolaus, zwiſchen welchem, an Sinnesart von ihm ſo verſchieden, und dem Konige kein anderes Band ſtatt fand, als der gemeinſchaftliche Widerwille gegen den ehrwuͤrdigen Biſchof. Auch des Koͤnigs Bruder, Wladislaw, beigenannt Herrmann, hatte ſeine Gering⸗ ſchätzung von ihm verſcheucht und der Kron⸗ erbe Mieczyslaw mußte, vernachlaͤßigt, dem Baſtarde hintenanſtehen, mit deſſen Mutter der Koͤnig meiſt in verſchloſſenem Gemach weilte, außer wenn, wie es manchmal geſchah, ſie ſich mit ihm dem Volke zeigte, gleichſam um der Sitte zu ſpotten. In dieſen fruͤhen Zeitraum darf man viel— leicht die erſte Eutſtehung des Beſtrebens der — polniſchen Ritterſchaft legen, ihre Rechte, welche von den piaſtiſchen Königen, und zu⸗ mal von dem ſchwachen Mieczyslaw und dem weiſen Kazimierz, der Wiederherſteller ge⸗ nannt, ohne beſonderes Uebereinkommen aner⸗ kannt worden, durch dieſen erſten oſſenen Ein⸗ griff gewarnt, fuͤr die Zukunft der koͤniglichen„ Obergewalt gegenuͤber, ſicher zu ſtellen, ein Beſtreben, welches in ſpaͤteren Zeiten gelang, und deſſen allzu ausgedehnter Erfolg das Reich noch ſpäter in den Gegenſatz des Unheils ver⸗ ſenkte, mit welchem es ſich damals bedroht ſah, in die Anarchie. Dem ſei wie ihm wolle, immer war zur Zeit ſolche Vorſicht ge⸗ gen einen Monarchen zu entſchuldigen, der nicht allein durch die That, ſondern auch durch Worte im Angeſichte der ganzen Nation er⸗ klaͤrte, er erkenne keine anderen Schranken ſeines königlichen Willens als ſeine Geluͤſte und meiſt unruͤhmliche Leidenſchaften. Unter den Konigen aus dem Hauſe Piaſt waren wohl kriegluſtige, eroberungſuͤchtige Fuͤrſten geweſen, auch ſtrenge Herren, doch hatte, ſeit dem fabel⸗ haften Popiel, Polen keinen Tyrannen geſehn; rauh war oft ihr Regiment, aber immer be⸗ *3 73— — wahrte es ein patriarchaliſches Gepräge, wenn auch den Einzelnen ſtreng beſtrafend, doch die eingefuͤhrte Ordnung im Ganzen nicht an— taſtend, und die Gerechtſame, die ſie Jedem ertheilte. Boleslaw ſchien aus Rußland zuruͤckge⸗ kommen mit dem Entſchluße, dieß alte Gebaͤude zu zertruͤmmern, und der Entſchluß reifte, wie wir ſahen, ſofort zur Ausführung; mit Un⸗ willen und beleidigtem Stolze hatten die Ritter des Heeres zu Kijow des Koͤnigs umge⸗ wandelte Weiſe geſehen, heimkehrend theilten ſie dieſelben den Bruͤdern mit, und das Miß⸗ fallen wuchs noch, als man die Königsburg in einen aſiatiſchen Hofhalt umgeſtaltet ſah, von welchem ein ſelten ſichtbarer Despot die ſultaniſchen Verordnungen ausſandte. Zu die⸗ ſen unerfreulichen Thatſachen geſellte ſich Et⸗ was, anſcheinend von geringer Wichtigkeit, doch ſolche beſitzend in den Augen der Sarmaten, der fremdlandiſche Prunk in der Kleidung des Koͤnigs. Noch in viel ſpäͤteren Tagen ward auswaͤrtige Tracht nur ungern an den Herr⸗ ſchern geſehen, und entfremdete ihnen die Zu⸗ neigung einer Nation, deren ſtrengem, beinahe eigenſinnigem Halten an volkthuͤmlicher Weiſe, wenn es ſich auch zuletzt nicht mehr in dieſer Art ausſprach, es doch vielleicht insbeſondere zuzuſchreiben iſt, daß ſie nach ſo vielem Unge⸗ mach, ja nach gaͤnzlicher Vernichtung ihrer politiſchen Exiſtenz immer noch eine Nation geblieben, etwas, deſſen manches nachbarliche Volk nicht ſo von ſich ruͤhmen kann, obſchon guͤnſtiger vom Schickſale behandelt. Als daher der aufgeſchobene Reichstag ſich endlich verſammelte, fanden die meiſten Staͤnde fuͤr gut, ſich nicht ohne Vertheidigung gegen einen Verſuch zu ofſener Ausuͤbung unum⸗ ſchraͤnkter Gewalt einzufinden. Als König Boleslaw der Zweite vom Wawelberge herab die in ſeine Hauptſtadt einziehenden Herren und Edlen ſah, mit ernſter, vieldeutender Miene daherreitend an der Spitze einer minder oder mehr zahlreichen Schar, ein Anblick, der ſeine Nachfolger oftmals mit Beſorgniß, die Schwaͤchern ſogar mit Scheu erfuͤllte, fuͤhlte er zwar nichts Aehnliches, aber doch warf er das Auge um ſich und erkannte zwar nicht die Gebrechen ſeines Regiments, aber einen Klugheitfehler, den er begangen. „ — 5— Fuͤr einen umſichtigen Alleinherrſcher, wel⸗ cher das Joch der Willkuͤhr uͤber ein Volk werfen will, deſſelben noch nicht gewohnt, iſt es eine Regel, einen Theil deſſelben zu Gehilfen oder doch wenigſtens zu geneigten Zuſchauern ſeines Unternehmens zu machen. Die Unterdruͤckung der Ritterſchaft war ſein Zweck und ihre Umwandelung zu demuͤthigen Bojaren, die den Fuß kuͤſſen, der ihnen den Nacken tritt; dazu war ihm der Beiſtand des erſten, des reichſten, durch ſeine Herrſchaft uͤber die Meinung maͤchtigſten Standes er⸗ ſprießlich, der Geiſtlichen, und er empfand, er habe ſich dieſes Beiſtandes verluſtig ge⸗ macht. Petrus Nalencz, durch eine plötzlich ihn uͤberkommene Gottſeligkeit und eine eben ſo plotzlich ihm zugeſtoßene Alterſchwaͤche abge⸗ halten, verweilte in ſeinem Sprengel zu Gni⸗ ezno, ſcheinbar zuruͤckgezogen von jedem offent⸗ lichen Geſchaͤfte; der erſte nach ihm, der Biſchof von Krakow, zeigte ſich eher entſchloſſen, das Abthun des Unrechts zu fordern, als es zu vertheidigen, die andern Biſchofe traten auf die Seite des geehrten, beinahe lebend ſchon im Geruch der Heiligkeit ſtehenden Mitbruders, und die niedere Geiſtlichkeit war nicht geneigt, die Waſſen der Kirche fur den zu gebrauchen, der ihr Erbtheil geſchmälert. Mancher Monarch neuerer Zeit, wenn die ausgebildetere Staats⸗ kunſt derſelben ihn nicht vor ſolchem Mißgriff bewahrt, haͤtte, ihn ſchmerzlich bereuend, fuͤr weislich gehalten, ein uͤbelvorbereitetes, miß⸗ liches Vorhaben auf gelegenere Zeit zu ver⸗ ſparen, aber Boleslaw hieß nicht umſonſt der Verwegene. Eine Stütze hatte er noch, ſein Heer. Beguͤnſtigt zum Nachtheil aller Andern, von ihm ermächtigt den Mitbuͤrger jetzt zu bedruͤcken, wie einſt den Feind, und in den Behauſungen jener das uͤppige Schwelgerleben fortzufuͤhren, an das es ſich in den mittägigen Gegenden Rußlands gewöhnt, war es bereit, fuͤr ihn, gleichviel ob Recht oder Unrecht zu behaupten. In dieſer Ueberzeugung blickte er mit finſterm Spott auf die Edeln und ihre Reiterhaufen, und mit dem Entſchluß, ihr Herandringen auf dem Throne zu erwarten, wie auf dem Felſen, gegen den die Brandung unkräftig ſchlagt, und die allzukeck ſich erhebenden Haͤupter durch die Donner ſeiner Macht zu zermalmen. Die Königsburg zu Krakow, zwar von ziemlichem Umfange, hatte damals noch nicht — das ſtattliche, nun großentheils wieder ver— ſchwundene Anſehen, das ſie unter den nach— folgenden Königen, namentlich unter den Jagiellonen erhielt; der aͤlteſte Theil des Ge⸗ baͤudes, angeblich noch in der dunkeln, maͤhr— chenvollen Zeit des Krakus von Eichenholz erbaut, war noch ziemlich vollſtaͤndig, obſchon mehre neue Anbaue ſich an daſſelbe ſchloſſen, halb von Holz, halb von Steinen aufgefuͤhrt, welche die nahen Bruͤche der rohen Baukunſt darboten. Zu dieſem gehoͤrte auch die Ka⸗ thedralkirche, dem heiligen Koͤnige und Maͤr⸗ tyrer, Wenzeslaw von Boͤhmen, geweiht, aber im neunten Jahrhundert bei der Einfuͤhrung des Chriſtenthums errichtet, glich ſie noch nicht der, welche wir heute ſehen nach ihrer Ein⸗ aͤſcherung im Jahre 1320 unter Wladislaw's „Ellenlang“ Regierung vom Biſchof Nanker erbaut, noch weniger zierte ihr Aeußeres der jagielloniſchen Kapelle vergoldete Kuppel und die Kuppeln vieler anderen Kapellen, jetzt noch der Hauptſchmuck des, ſeiner alten Wuͤrde großentheils entkleideten Ganzen der Burg. Nicht ſchmuͤckten ihr Inneres die Mauſoleen der Herrſcher, denn damals war die Ruhe⸗ ſtätte der Polenkonige noch in der Metropole Sankt Adalbert's zu Gniezno, nicht das be⸗ ruͤhmte Grabmahl, das die Hauptzierde der heutigen Kirche iſt, mit den Gaben, welche die Froͤmmigkeit ſuͤhnend an ihm niedergelegt, denn der, welchen es umſfchließen ſollte, wan⸗ delte noch auf Erden. Es war ein hohes, enges, duͤſteres Gebäude, mit unformlichen Pfeilern, dazwiſchen in Holz ausgeſchlagene, ſchmale Fenſter gaben ihm durch die dicken runden Scheiben wenig Licht, doch glaͤnzte der Altar ſchon von zahlreichen Weihgeſchenken, und viele Betende umgaben ihn fort und fort, herbeigerufen von der Heiligkeit des Ortes und des in ihm pontifizirenden Biſchofs. Jene anderen neuen Gebaude glichen ziemlich der Kathedrale, eins ausgenommen, das anſehn⸗ lichſte, ihnen in byzantiniſcher Bauart hinzu⸗ gefuͤgt durch Boleslaw den Erſten, welcher dieſelbe auf ſeinem Zuge gegen Oſten kennen gelernt, und welches wuͤrdig genug herab⸗ ſchaute uͤber die Mauern, Waͤlle und Graͤben, die den von der Natur befeſtigten Wawel⸗ berg ſchuͤtzten. Hier befanden ſich die Prunkgemaͤcher des einfachen Hofhalts kriegeriſcher Könige, ein Ruͤſtſaal, die Angriff⸗ und Vertheidigung⸗ waffen der alten Konige enthaltend, von jenes Krakus ſchwerem, unformlichem Waffenzeug und ſeiner Tochter Wanda leichtem Panzer, bis auf den Harniſch des letztverſtorbenen Kazimierz, der ihn gegen die weggeworfene Moönchskutte vertauſchte,*) uͤber eichene Klötze gehangen, eine rohe Nachahmung menſchlicher Geſtalt. Auch viele fremdläͤndiſche Wafſen fanden ſich allhier, Fahnen, Schwerter, Mor⸗ genſterne, Schilder und Helme germaniſcher Art, Keulen und Wurfſpieße, jene den oſt⸗ laͤndiſchen Meißnern und Sachſen, dieſe den Wenden der Lauſitz auf den Obotriten abge⸗ nommen im Kriegez auch ruſſiſche Roßſchweife, Wollenpanzer, Streitäxte, kuͤrzlich und fruͤher zu Kijow erbeutet. An dieſe Halle ſchloß ſich *) Kazimierz J., der Wiederherſteller genannt, mußte mit ſeiner Mutter Riſſa, die den Haß der Nation auf ſich gezogen, noch bei Lebzeiten ſeines Vaters Mieczyslaw IHI. aus Polen entftiehen, und verbarg ſich erſt in Ungarn, dann ward er Bene⸗ diktinermoͤnch in Clugny, wo ihn des Vaters Tod und die Bitten der Polen zuruckriefen. der Banketſaal, ohne anderen Schmuck als eichene Tiſche und Schämel, einige vergoldete Seſſel ausgenommen, und hohe weite Kredenz⸗ ſchreine von derſelben Beſchaffenheit. In den letzten war aber bereits der Schädel des Wolfes, des Bären und des Auerſtiers und ſein und des Buͤffels Horn den ſilbernen Humpen deut⸗ ſcher Fuͤrſten gewichen, und den zierlichen und koſtbaren Trinkgeſchirren griechiſcher Kunſt, die der erſte und zweite Boleslaw theils als frei⸗ willige, theils als unfreiwillige Gabe mit ſich von den Ufern des Dniepr gebracht. Im darauf folgenden Gemache pflegten die Herren und Edlen ſich bei außerordentlicher Veranlaſſung zu verſammeln, und die Biſchoͤfe, Kronwuͤrdenträger und Mitglieder des Reichs⸗ raths in einem andern von geringerem Um⸗ fange; von dieſem aber fuhrte eine kuͤnſtlich geſchnitzte Thuͤre mit halbrunden Bogen in den koͤniglichen oder Thronſaal. Fruͤher war dieſer, wie die ubrigen erwaͤhnten Gemächer, ziemlich ſchmucklos, und einen etwas erhoͤhten Sitz ausgenommen, ſah man in Ihm keine an⸗ dern als kriegeriſche Zierden. Dieß war ſeit der Ruͤckkehr Boleölaw's des Zweiten nicht mehr der Fall, wie ſein Begriff von koͤniglicher Herrſchgewalt in der Fremde eine groͤßere Aus⸗ dehnung gewonnen, ſo hatten ihn Gewohnheit und Ueberzeugung auch Geſchmack an größerer Schau⸗ ſtellung ihres Prunkes finden laſſen und nicht mit Unrecht nach unſerer Meinung. Der Glanz des Thrones, zumal eines Despoten mag wie die Strahlen der Sonne die Augen fuͤr man⸗ chen dunklen Flecken blenden, und ungern und mit einer Art Erſtaunen, gleichwie durch ein Gefuͤhl des Widerſpruchs, empfindet man den Druck, ausgehend von Einem, der nicht wie in That auch in aͤußerer Erſcheinung ſeinen Vor⸗ zug geltend macht, und der Negerfuͤrſt, der von ſeiner Binſenmatte aus willkuͤhrliche Befehle ausſendet, findet hoͤchſtens nur in Negern bereit⸗ willige und unterwuͤrfige Sklaven. Die kunſtfertige Hand eines neugriechiſchen Bildners hatte den vergoldeten Thronſeſſel ver⸗ fertigt, auf vier ſeltſam geformten byzantiniſchen Lowen ruhend, oder ſolchen Thiergeſtalten, welche Loͤwen bedeuten ſollen, wie man ſie heut zu Tage noch alte Taufſteine, ſelbſt in deutſchen Kirchen tragen ſieht. Der Purpur⸗ ſammet des Thronhimmels, der bunt und reich⸗ V. Band. 6 ſchimmernde Teppich der Stufen ſtammten aus Herrn Theophraſtos Waarenlager her, einſt vielleicht beſtimmt, wie dieſer ſagte, eine zum chriſtlichen Gotteshauſe umgeſchaffene Moſchee in Anatolien zu ſchmuͤcken, jetzt aber zu welt⸗ licherm Gebrauch verwendet. Die Seſſel derer, welchen ihr Rang ein Recht verlieh, hier einen ſolchen einzunehmen, waren im Verhältniße gleichfalls koſtbar, und laͤngs den Mauern, deren rauhe Nacktheit faltige, herabwallende Tapeten verhuͤllten, ſah man mehre Stand⸗ bilder. Zwar ruͤhrten ſie nicht von einer laͤngſt vergangenen Zeit her, deren Erzeugniſſe damals meiſt in vergeſſenen Winkeln oder ſogar im Schooße der Erde verborgen lagen, bis ſie viel ſpaͤter aus dem Grabe erſtehend, auch die Kunſt aus dem ihrigen hervorrufen ſolltenz ſie waren, was man in artiſtiſcher Sprache „du bas empire“ nennt, und zwar aus deſſen letzter und ſchlimmſter Periode, die an die Barbarei des Mittelalters grenzte; ein Alter⸗ thuͤmler wohl, aber kein Kunſtkenner wuͤrde ihnen heut zu Tage einen Platz in ſeiner Sammlung goͤnnen, aber fuͤr einen Audienzſaal des eilften Jahrhunderts waren ſie ſtattlich ge⸗ C —0 1 nug, und vielleicht nicht ein Füͤrſt des Abend⸗ landes ſeiner Zeit konnte ſich ruͤhmen, einen ſchoͤnern zu beſitzen als der Koͤnig von Polen. Zu beiden Seiten des Thrones befanden ſich Thuͤren, in einen Gang fuͤhrend, welcher, ſich theilend, von einer Seite an die Kathedrale ſtieß, von der andern an die beſondern Ge⸗ maͤcher des Königs, oder vielmehr an ſeinen, jetzt unzugänglichen Harem. Boleslaw ſaß auf dem Throne, auf ihren Seſſeln die Senatoren, die Herren und Edlen ſtanden in Reihen, und Schreiber, Wache und Zuſchauer fuͤllten den Vorgrund. Der Koͤnig ſah weniger finſter drein als gewöhnlich, es ſpielte ſogar ein Lächeln um ſeinen Mund, vielleicht erregt durch den Ge⸗ danken, wie er in wenig Augenblicken ſeine Macht darthun werde in ihrer ganzen Kraft, vielleicht auch durch die ihm zugekommene Nachricht, Herr Mieczyslaw von Skalmierz ſei, als er, der Haft zu Nowogrod entlaſſen, heimkehren wollte, von ſtreifenden ruſſiſchen Scharen ermordet, eine Kunde, mit der er am Morgen ſchon das bangende Herz Chri⸗ ſtinens, der zärtlichen Ehegattin, erfreut hatte. 6* —— Nikolaus Strzemieniec war ſtarr und ernſt wie immer, doch richtete ſich ſein Blick unver— wandt nach einer Seite, wo er in der Naͤhe ſeines Vaters, von wenig Frauen umgeben, in ſchwarzem Gewand und Schleier eine weibliche Geſtalt entdeckte. Er hatte Wort gehalten, der ſtarrſinnige Rittersmann; obſchon ſeit jenem Tage auf Zembocin der Herbſt und der Winter verfloſſen waren und der Fruͤhling herangekommen, hatte ſein Fuß das Vaterhaus nicht einmal betreten, und er ſah heut ſeine Gattin zum erſten Mal wieder. Aber ſo gleich⸗ formig der Ausdruck ſeiner Zuͤge blieb, ſo ſchwellte doch die Freude ſein Herzz er hatte nie an ihrer Unſchuld gezweifelt, unzählige Zeugniſſe hatten ſie beſtaͤtigt, ungeduldig harrte er ihrer offentlichen Rechtfertigung, die ſein Stolz nothwendig glaubte, und der Endſchaft ſeines Entbehrens der Freuden des Gatten und Vaters. Die Blicke der meiſten waren nach dem⸗ ſelben Punkte gewendet, mancher dachte an die ihm widerfahrene Schmach, als er die unbeſcholtene edle Frau ſah, Bekuͤmmerniß fuͤllte ſein Herz aber nicht Neid, und alle waren entſchloſſen den Triumph der Schuld⸗ loſen zu feiern, die gleichſam einen verſoͤhnen⸗ den Abglanz warf auf ihr entwuͤrdigtes Ge⸗ ſchlecht. Auch der Koͤnig faßte ſie in's Auge, und nach allgemeinem Stillſchweigen einiger Minuten, während deſſen ſie ſich mit geſenk⸗ tem Haupte nahte, ſprach er: Wir ſehen an den Stufen unſeres Thrones unſeres getreuen Schwerttraͤgers ehelich Gemahl, Malgorzata, die Erbfrau auf Zembocin. Was iſt es, das die edelgeborene Frau hierher fuͤhrt, Anklage oder Vertheidigung? In beiden Fällen ſoll ihr Gerechtigkeit werden, denn ſolche zu uͤben, iſt unſere Obliegenheit und unſer Wille. Mich zu rechtfertigen, bin ich gekommen, Herr Koͤnig— antwortete Malgorzata mit ſanfter Stimme— und auf den Befehl meines Herrn. Auf Euer Geheiß, ehrenfeſter Strzemieniec? — fragte Boleslaw— Traget denn Eure Sache vor, ſo ſie nicht lediglich die kanoniſchen Geſetze betrifft, denn auch— hier ſchaute er auf die anweſenden Prieſter— auch nur um eines Haares Breite daruͤber hoͤrt der Kirche Gewalt auf und die des Koͤnigs beginnt. —— Hoͤchſter Herr— ließ der Kronſchwertträger ſich vernehmen— ſchmähliches Ungemach iſt hereingebrochen uͤber meine Herren und Bruͤder, und der Unglimpf laſtete beinahe auf allen edlen Geſchlechtern. Eure königliche Macht und Gerechtigkeit hat ihn geahndet, und der Unehre iſt Unehre zu Theil worden. Die be⸗ leidigten Gatten und Vaͤter haben dieſelbe drauf abgethan von ihrem Geſchlechte, und in ſtrenger Kloſterzucht buͤßen die Uebertre⸗ terinnen, oder im harten Gefaͤngniß. Ja wohl— ließ ſich der Marſchall mit ſchwankender Stimme vernehmen— ja wohl ſind die Haͤuſer unſerer Edlen verodet, und auch das meine. Nikolaus fuhr fort: Hier ſtehet eine, die einzig von allen ſolch herbes Geſchick nicht be⸗ troffen, doch darum, weil keiner war, der ſie einer Verſchuldung öͤffentlich zieh. Jedoch ge⸗ buͤhret dem Richter, auch ſtilles Vergehen zu erforſchen, und aus dem Dunkel des Geheim⸗ niſſes Schuld und Unſchuld zu ziehen, damit ſie offenbar werden der Welt, dieſe zur Aner⸗ kennung, jene zur Strafe. Gleich den Andern hat Mäalgorzata Strzemieniec in der Behauſung verweilt, zu deren Herr der Knecht ſich aufge⸗ worfen, ſein frecher Mund hat ſie ſein Lieb⸗ chen genannt und meine ritterliche Ehre ge⸗ ſchmaͤht. Drum rechtfertige ſie ſich, wenn ſie es vermag, im Angeſichte des Koͤnigs und des verſammelten Adels, damit entſchieden werde, ob ihr gebuͤhrt, was den Andern geſchehen, da⸗ mit ich wiſſe, ob ich mit ihr thun ſoll, wie die Herren und Bruͤder mit denen, die ihre Ehre beſchmitzten, oder ſie wieder erkennen ſoll als meine treue eheliche Hausfrau. Ihr habt den Willen Eures Herrn ver⸗ nommen— ſprach der Koͤnig— thut denn, wie er geſagt. Aber Malgorzata ſchwieg, ſich verfaͤrbend, und ſandte nur einen flehenden Blick zu ihrem Schwieger heruͤber. Da ſtand Herr Severin auf von der Bank und ſagte: Herr Koͤnig, ſo viel ich weiß, und ſo lange es Gott gefaͤllig ſeyn wird, mir das Leben zu friſten, bin ich Herr auf Zembocin und das Haupt des Geſchlechts der Strze⸗ mieniec, drum mag mein Zeugniß wohl gelten, wo es die Ehre deſſelben betrifft. So lege ich es denn ab in Gegenwart Gottes, in der — 35— Euren und meiner ehrwuͤrdigen und edeln Herren Bruͤder. Waͤhrend der Zeit, da ich mein Haus mit dem Ruͤcken anſehen mußte, weil der Ko⸗ nig und die Ritter anders zu thun hatten, als daheim ſeine, ihre und unſere Gerechtſame zu wahren, hat der greiſe Schwieger Frau Malgorzaten nimmer aus dem Auge verloren, und ſie fort und fort als den Preis der Frauen erfunden, als einen Preis, den der, welcher ihn beſitzt, nicht verdient, und verwirkt haben ſollte durch ſchmaͤhlichen Verdacht, ob er gleich, mit Verlaub, ob er gleich Euer Gnaden Schwerttraͤger und Rath iſt. Boleslaw erwiderte mit Spott: Ihr moͤchtet immerhin einen umwerflichen Zeugen abgeben, Kaſtellan von Proſzowice, denn maͤnniglich iſt bekannt, daß Ihr mit Weibern Euch verkrocht, aus dem Neſte entfliehend, von welchem des Kukuks ausgebruͤtet Ei Euch verdrängte, doch entkraͤftet, was Ihr ſagt, Eure bekannte Zuneigung zu dem, der vielleicht jetzt der Liebedienſte lacht, die der geträumte Vater dem vermeinten Baſtard erzeigte, zum Rachtheile des rechtmäßigen Sohnes und Erben. — 89— Von Zorn bebend bei dieſen, in mehr⸗ facher Hinſicht beleidigenden Worten, verſetzte Severin: Wenn ich denn ſo gethan, war ich es doch nicht allein, denn auch Andere ſieht man, die den Baſtard dem rechtmäßigen Sohne vorziehen, aber—— Hier hemmte ein Blick des Biſchofs von Krakow die bittere Rede des Greiſes, und er ſetzte ſich, gluͤhend vor Zorn und Scham. Aber Stanislaw Szezepanowski nahm das Wort, ſagend: Königlicher Herr, wie der Diener des Altars verpflichtet iſt, bedraͤngter Unſchuld Stuͤtze zu ſeyn, ſo darf auch ſeine Stimme, ſie vertheidigend, Eingang in das Ohr des Gewaltigen finden. Meine Beicht⸗ tochter iſt dieſe edle Frau, ihr Troͤſter war ich wie vieler Andern in einer allerdings drang⸗ ſalvollen Zeit, und wenn auch die weltlichen Schuͤtzer fern waren, ſo wachte doch das Auge des Hirten ſorgſam uͤber das reinſte Lamm ſeiner ihm von Gott vertrauten Heerde. Nicht von Allen, leider, die zu derſelben gehoͤren— ſetzte er bedeutend hinzu— kann ich am Tage der Rechenſchaft vor dem hoͤchſten Richter der Welt wie hier dieß Zeugniß geben, aber fleckenlos 5 ſteht dieſe Dienerin Gottes vor ihm, wie vor ihrem Gemahl, vor dieſer Verſammlung und Euch. Seinen Ingrimm unter wegwerfendem Stolze verbergend, antwortete Boleslaw: Allerdings iſt der Prieſter Befugniß, die Unſchuld zu ſchutzen, auch ſie zu vertheidigen; aus dem Zeugniſſe deſſen aber, der, wie Ihr, Herr Biſchof, auch den Uebertretern das Wort redet, mag man nicht unſchwer Schuld und Unſchuld erkennen. Da rief der Marſchal Andreas: Herren und Bruͤder, da denn der König nichts gibt auf das Wort zweier hochachtbaren Männer, eines ehrwuͤrdigen Biſchofs und untadeligen Ritters, ſo laſſet uns ſehen, ob unſer einſtim⸗ miges Zeugniß ihm gleichfalls nichts gilt. Und alle Herren und Edle riefen und viele Senatoren und Prieſter ſtimmten mit ein: Ehre dem Ehre gebuͤhrt! Ehre Frau Mal⸗ gorzata Strzemieniec! Ihr Name, dem gan⸗ zen Vaterlande werth, ſei geachtet und geſeg⸗ net bis in die ſpaͤteſten Zeiten! Dieſe allgemeine Aufregung, ſo löblich auch ihr Beweggrund ſeyn mochte, mißſfiel des Koͤnigs herriſchem Sinne, und vielleicht hͤtte er in einer Anwandlung despotiſcher Laune ſich dem Begehrten entgegengeſetzt, gerade därum, weil man es begehrte; aber er kannte Riko⸗ laus Wunſch, er las die Befriedigung auf ſei⸗ nem Antlitz und wollte ſie ihm nicht ver⸗ kuͤmmern, nicht ſowohl weil er ſein Freund und treuer Diener war, als weil er des, beim Heere in hohem Anſehen ſtehenden Fuͤhrers zu den finſtern Entwuͤrfen ſeiner Herrſchſucht bedurfte; er wendete ſich alſo zu Malgorzaten und ſprach ziemlich huldreich: Ihr ſeid entlaſſen von unſerm Richterſtuhl, edelgeborene Frau Strzemienczowa, und ge⸗ rechtfertiget ſcheidet Ihr von hier. Obſchon unſere ehrwürdigen und ehrenfeſten Raͤthe ihre Meinung nicht in gebuͤhrlicher Weiſe ausge⸗ ſprochen vor uns, ſo treten wir derſelben doch bei in unſerer koniglichen Entſcheidung, und erklaͤren Euch hiermit fuͤr eine wackere Edelfrau von unbeſcholtener Sitte. Wollte Gott, es glichen Euch Allel Ein zweiter Ruf, dießmal des Beifalls, durchtönte den Saal, aber an ihn ſchloß ſich eine dumpfe Stimme, aus einer Ecke des Saales kommend, mit den Worten: Ja fuͤrwahr, glichen ihr Alle! So wuͤrde auch Mieczyslaw von Skalmierz ſagen, konnt' er noch reden. Der König warf einen zorngluhenden Blick nach der Gegend, und es war vielleicht ein Gluck fuͤr Malgorzaten, daß der unbeſcheidene Bemerker nicht fruͤher geſprochen, denn wer mag die Wirkungen der Laune ermeſſen, die keinen Zügel kennt, aber jene befand ſich bereits an der Seite ihres Gemahls. Ge⸗ theilt zwiſchen der Zuruͤckhaltung in Gegen⸗ wart ſolcher Verſammlung, welche die Sitte den Frauen gebot, und dem Draͤngen ihrer Gefuhle, ſtand ſie vor ihm, er aber bot ihr die Hand und ſagte bewegt: So ſei mir denn gegrußt, Malgorzata Strzemieniec, mein ehelich Gemahl. F. Dieſe duͤrftige Rechtfertigung, ihr werther als des Konigs Lob und der Beifall der Edlen, durchdrang ihr Herz mit Entzucken, und kaum fuͤhlte es ſich beruhigt, ſo offnete es ſich auch der Theilnahme an fremder Noth⸗ Wiewohl die tugendliche Frau gleich wäh⸗ rend ihrer einſtweiligen Verſtoßung in gaͤnz⸗ 6 licher Zuruͤckgezogenheit gelebt, war doch manch Geruͤcht von dem zu ihr gedrungen, was ſich im Reiche begab; die alten Ritter, die zu Zembocin einſprachen, ſprachen viel von Bo⸗ leslaw dem Zweiten, und ſelten zu ſeinem Lobe, Herrn Severin hatte ſie ſorgenvoll und mißmuthig geſehen auf ihrem Zuge nach der Hauptſtadt, und als ſie jetzt vor den Koͤnig trat, zum erſten Mal ſeit ſeiner Heimkehr, ſchau⸗ derte ſie zuruͤck vor ihm, denn ihre ahnende Seele begegnete in ſeinem Auge dem Abglanz der duͤſtern Flamme, die in der Tiefe loderte; die Stimme, welche Worte der Huld an ſie richtete, ohne den Ton des Wohlwollens, daͤuchte ſie dem dumpfen Murren des Bären ähnlich, ehe er brullend aufſteigt, ſeine Beute zu umfaſſen. Ihre Seele war voll Bangig⸗ keit, und ſie beſchwor in leiſen, flehenden Tonen den Gemahl, er möge, als vektrauter Diener und Rath des Königs, ihn vor Gewaltthaͤtig⸗ keit warnend, eine große Gefahr vom Vater⸗ lande abwenden, vornehmlich aber von Severin Strzemieniec und dem ehrwuͤrdigen Stanislaw. Da wandelte ſich plötzlich des Kronſchwert⸗ trägers Weſen, ſeine Miene ward wiederum — kalt und ſtreng, und er fagte mit gebieteriſcher Kuͤrze: Es ziemt dem Weibe nicht, zu ſpre⸗ chen in der Verſammlung der Männer, noch, wenn es nicht mehr noth thut, in derſelben zu verweilen.— Darauf gebot er den Die⸗ nerinnen, ſie hinweg zu geleiten. Einige Rechtsfalle geringerer Bedeutung ka⸗ men jetzt an die Reihe und wurden in mög⸗ lichſter Schnelle von dem Koͤnige abgethan, welcher ungeduldig war, zu dem eigentlichen Zwecke dieſer Reichsverſammlung zu gelangen⸗ Eben war er im Begriffe ihn zur Ordnung des Tages zu bringen, als Andreas Gorka, der Marſchall, vor den Thron trat. Cuer Gnaden— ſprach er— hat nach dem Gebrauch ihrer Vorvordern den Rath des Reiches und ſeine Edeln beſchieden, um, wie ſie mit ihnen, daruͤber zu berath⸗ ſchlagen, welch Uebel abgethan, und welch Gutes eingefühet werden muß zum Wohle des Reiches. Leider gibt es des erſten nur allzu⸗ viel, und des letztern iſt wenig geſchehen; ſo bitte ich denn, im Namen meiner Herren und Brüder, der Konig wolle beides in Erwaͤgung nehmen mit Zuziehung ſeines Adels. Ihr habt Recht, Herr Gorka— erwiderte Boleslaw in dem herben, ſpöttiſchen Tone, der ihm ſchon zur Gewohnheit geworden war — uͤbergenug gibt es des Uebels abzuthun, und damit gedenken wir zu beginnen, denn der weiſe Gaͤrtner rottet das Unkraut aus, bevor er den nuͤtzlichen Keim legt. Mit Zu⸗ ziehung unſeres Reichsrathes und unſerer Edeln, ſagt ihr, moͤgen wir das Beßte des Reiches in Erwägung ziehen; vorerſt aber liegt uns ob, zu erwägen, wer von ihnen ſolcher koͤniglichen Huld und Vertrauens werth iſt, und nicht vielmehr unſeres Zornes und Beſtrafung. Wahr⸗ lich— fuhr er fort, indem ſein duͤſterer Blick langſam umherrollte— wahrlich, nur wenige ſehen wir von den erſten, deſto mehr aber ſol⸗ che, die pflichtwidrig ihres Koͤnigs Fahnen verlaſſen, und ſolche, welche ſich nachlaͤſſig oder untreu bezeigt in Erfullung ihrer Pflicht. So werde denn vorerſt die Spreu vom Wei⸗ zen geſondert, und wir meinen, es wird ſich nur eine geringe Anzahl guter Korner ergeben. Viele ſehen wir hier, bereit Rath zu ertheilen, deſſen bedarf jedoch der König nicht, nur des Gehorſams. Viele wollen Buͤrge ſeyn fuͤr 6 — 96— Andere, die ſelbſt Buͤrgſchaft ſtellen muͤßten fuͤr ſich. Der erſte unter ihnen wird unſerer Ahndung nicht entgehen, der Zweite iſt der Kaſtellan von Proſzowice. In ſeinem Hauſe, unter ſeinen Augen, durch den Funken, den er gepflegt, ward die Feuersbrunſt entzundet, die Polen verheerte, als Landpfleger und Vaſall hat er gefrevelt am Reich' und an uns. Severin antwortete, aufſtehend, mit Feſtig⸗ keit: Herr Konig und Herren Bruͤder, die Gedanken des Menſchen wäget nur Gott, was ich that, dazu hatte ich ein Recht, des Hausvaters Recht, der Herr daheim iſt und kein Anderer als er, auch nicht der Koͤnig⸗ Die Folge der That, des Zufalles oder des Verhaͤngniſſes Frucht mag dem Thaͤter nimmer zur Laſt gelegt werden, noch ihn Jemand deß⸗ halb verdammen⸗ Schuldig bin ich vor Gott, doch nicht vor Euch und dem Reiche, noch vor dem Geſetze der Menſchen. Haͤtte ich ein Urtheil zu fuͤrchten, ſo waͤre es das meiner Herren und Bruͤder, als welche das Mißge⸗ geſchick betrofſen, das ohne mein Wiſſen und Willen von Zemboein ausging. Sie aber haben den Greis losgeſprochen von dem, was abſichtlos durch ihn gekommen, denn Irrthum iſt das allgemeine Loos, und nicht einer befin⸗ det ſich hier, Herr König, der anders ſagen konnte von ſich. Und waäͤre dem nicht ſo, waͤre ich meiner Schuld nicht erledigt, wo iſt mein Anklaͤger?— Es muͤßte denn— ſetzte er mit ſchneidender Stimme hinzu— der Herr Kronſchwertträger ſeyn, der wie manch Anderer aus Kijow Neues mitgebracht, viel⸗ leicht auch die Meinung, es ſei löblich, gleich dem Ham, dem Sohne des Noah, den Vater zu verunglimpfen, zum Beßten des Reichs, des Dienſteifers wegen, oder vielmehr nach dem Gefallen des Koͤnigs. Aller Augen wendeten ſich gegen Nikolaus, auch der Koͤnig ſchaute auf ihn, als meine er wirklich, der Sohn werde thun, wie der Vater geſagt; aber Strzemieniec's Wangen er⸗ gluͤhten in Scham und Unwillen, und er ſag⸗ te feſt: Ein Jeglicher warte ſeines Amtes. Ich bin ein Wuͤrdentraͤger der Krone und des Königs Feldherr, und bereit, ſeinen Befehl zu vollziehen an der Spitze des Heeres, auch zu ſtrafen, wo er es gebeut; doch bin ich kein Ankläger vor Gericht, weder meines Vaters, V. Band. 7 — 6 noch irgend Eines meiner adeligen Standes⸗ genoſſen⸗ Boleslaw ſagte darauf: Einen Anklaͤger be⸗ gehret Ihr, Severin Strzemieniec? Es ſoll Euch nicht mangeln an Solchem, deß Wort ſo viel gilt als alle Stimmen Eurer Herren und Bruͤder. Wir ſelbſt klagen Euch der Pflicht⸗ vergeſſenheit an, und Felonie⸗ Mit Eurer Gnaden Verlaub— ſagte der Marſchall trocken— es iſt ein alt Statut, daß Kläger und Richter nicht vereinigt ſeyn mögen in einer und derſelben Perſon. Es heißt vielmehr, wo der Erſte nicht iſt, kann auch der Zweite nicht ſeyn. Stehet demnach ab von Eurem Vorhaben, ein Urtheil uͤber den ehrbaren Kaſtellan von Proſzowice zu ſpre⸗ chen, denn, traun, es findet ſich kein Anklä⸗ ger fuͤr ihn. Fuͤr ihn nicht— ſetzte er lau⸗ ter und nachdruͤcklicher hinzu— und fuͤr kei⸗ nen Andern unter uns, wenn wir noch Polen ſind und Ritter. Denn nach gepflogener Be⸗ rathſchlagung mit meinen Herren und Bruͤdern, erkläre ich in ihren Namen, ich, der Mar⸗ ſchall des Reichs, ſo Einer gegen den Andern anklagend aufträte in ſolch vielfach bedenkli⸗ — 99— cher Zeit, das Unheil vermehrend durch Zwie⸗ ſpalt und Argwohn, daß irgend einem Gel⸗ ſten Raum und Gelegenheit wuͤrde, das Recht der Edeln zu ſchmälern und die alte Ordnung umzuwandeln im Reich, ſei er ausgeſtoßen aus unſern Reihen und ehrlos. Ein Diener des Konigs mag er dann immerhin heißen, doch nimmer ein polniſcher Edler! Ihr redet die Sprache des Aufruhrs, Herr Marſchall!— fuhr Boleslaw empor.— Mit nichten— entgegnete Andreas kalt— Unordnung will der Aufruhr, wir aber wollen Ordnung und Recht, und behaupten wollen wir ſie gegen Jeglichen, der ſie verletzt. Dem Könige von Polen ſteht zu, uͤber ſie⸗ zu entſcheiden— ſagte der Herrſcher mit Stolz.— Ganz recht, ihm und der Verſammlung des Reichs. So entſcheide denn in Gegen⸗ wart ſeines Adels der König von Polen, was Boleslaw dem Zweiten geziemt. Er wird entſcheiden— donnerte dieſer— und nach Gerechtigkeit, wen ſie auch treffe! Alſo hoffen wir— ſagte der Marſchall kalt wie zuvor, doch mit Ehrerbietung— — 4 — 100 Es gefalle denn Eurer Gnaden, unſer Anbringen zu vernehmen, mit dem wir eins unſerer ehr⸗ wuͤrdigſten Mitglieder beauftragt. Doch iſt demſelben außer dem unſern noch ein höherer Auftrag geworden. Die Stimme der Nation, ſagt man, iſt Gottes Stimme; Ihr höret beide aus dem nämlichen Munde.— Der König blickte ſeitwaͤrts auf den Bi⸗ ſchof von Krakow der abermals ſeinen Sitz verlaſſen hatte, und ſprach— Ihr ſeid der Redner, Herr von Krakow.— Faſſet Euch denn kurz, Ihr ſteht nicht am Altare, ſondern am Throne.— Wohl— begann Stanislaw—*) Wohl ſtehe ich vom Altare abgeſendet vor dem Throne, dem, welcher auf ihm ſitzet, die Worte Deſſen zu bringen, der im Himmel thronet, und deſ⸗ ſen Fußſchemel die Erde iſt.— Schon manches Mal— unkerbrach ihn Boleslaw— habt Ihr mir dergleichen Worte hinterbracht, und ſie gemahnten mich, ſolcher *) Die Rede des heiligen Stanislaw und des Foͤnigs Antworten ſind großentheils wortlich ange⸗ fuͤhrt. Siehe Naruſzewicz Geſchichte polniſcher Na⸗ tion, Theil I. — 101— vermeinten Sendung ungeachtet, in Eurem Munde ſehr kuͤhn. Huͤtet Euch, Eurer Zunge nicht zu freien Raum zu geſtatten, ſonſt furch⸗ tet des Königs Zorn. Stanislaw antwortete: Ich fuͤrchte Gott, in deſſen Namen ich hier ſtehe, ſonſt kenne ich keine Furcht. Zur Sache, rief der Konig mit Ungeduld: — Zur Sache, Herr Biſchof! Herr und König— nahm der Biſchof von Krakow ſeine Rede wieder auf— Die Nacht des Truͤbſals war hereingebrochen uͤber unſer Va⸗ terland, und beguͤnſtigt von ihr trat der Feind der Menſchen herzu, die in der Finſterniß Ir⸗ renden zu blenden durch ein truglich Licht, und die Verwirrten noch mehr zu verwirren. Auch gelang es ihm, denn der Hoͤlle Macht iſt groß, wo der Himmel ſich abgewendet vom Frevel; der Mord ſchritt mit ehernem Fuße durch un⸗ ſere Fluren, die Brandfackel verkehrte Schlöſ⸗ ſer, Häuſer und Huͤtten in rauchende Truͤm⸗ mer, die Ordnung wankte, und göttlich und menſchlich Recht wurden verhöhnt. Da ſchau⸗ ten die, welche noch an demſelben hielten, zu ſchwach, es zu vertheidigen gegen die üͤberlegene —— Zahl, gedruͤckt durch häuslich und öffentlich Ungemach, ſie ſchauten aus nach dem fernen Koͤnige, und tauſend und abermal tauſend Ge⸗ bete ſtiegen taͤglich empor zu Gott, daß er ſeinen Stellvertreter zuruckfuͤhre, damit derſelbe dem Uebel ſteuere und die Ordnung wiederherſtelle durch weiſe Strenge, durch Vaterguͤte, und durch das Beiſpiel voranleuchtend, die Irren⸗ den zuruͤckfuͤhre auf den verlornen Wege des Heils. Lange waͤhrte es, ſehr lange, ehe der Allmächtige unſer Flehen erhoͤrte; aber endlich kehrte der König zuruͤck.— Ja, er iſt zuruͤckgekehrt— ſprach dieſer— und die weiſe Strenge, deren Ihr mit Recht erwaͤhntet, die tuͤchtigſte Begleiterin königlicher Macht war in ſeinem Gefolge, und er wird ſie nicht ſobald entlaſſen. Der Biſchof fuhr fort: Die Strenge ſchritt an ſeiner Seite, doch war die Gnade fern ge⸗ blieben, den Richter und Zwingherrn erblickte man, man mußte aber den Vater und den Hausvater vermiſſen.— Boleslaw ſagte— Es iſt ein weiſer Vater, der ausgeartete Kin⸗ der zuͤchtigt, und ein wackerer Hausherr, der nachlaͤßig Geſinde beſtraft.— Ein dumpfes — 103— Gemurmel that kund, wie wenig dieſer Ver⸗ gleich den polniſchen Edeln behagte; Stanislaw aber ſprach weiter: Ein Vater, welcher der Liebe nicht er⸗ mangelt, zuͤchtigt die Kinder nur mit bluten⸗ dem Herzen, und ſiehet wohl zu, daß er kei⸗ nem zu viel thue, lieber zu wenig; ein gerech⸗ ter Hausvater mag die Diener nicht ſtrafen, wenn er heimkehrend findet, daß Erdbeben und Sturm das Haus beſchädigten, dem er ſelbſt den Ruͤcken gekehrt; wer aber dennoch ſolches thut, den mag man nicht guͤtig nennen, und auch nicht gerecht, denn nur zwiſchen Guͤte und Strenge wandelt die Gerechtigkeit, die Wahrheit hält ſie im Auge, und das Wohl derer, die ihr anvertraut ſind vor Gott, und das Geſetz, das ruhig herrſcht und ohne Leidenſchaft; und immer ſteht ihr die Willkuͤhr gegenuͤber, uͤber alle hinwegſchreitend, und uͤber alles, und doch der Leidenſchaft Sklavin. Herr Biſchof von Krakow!— rief Boles⸗ law drohend.— Gelaſſen und nachdrucklich fuhr Stanislaw fort— Auch das Beiſpiel mußte man ver⸗ miſſen, das das Rechte zeigt, während das — 104— Geſetz nur das Unrechte beſtraft. Ein Vater und Hausherr, mein Koͤnig, ſoll vorangehen mit ihm, auf daß die Kinder und Diener nicht zu einander ſprechen: was iſt ſo groß Uebel zu thun, wie er doch ſelbſt thut, und wie mag er zuͤchtigen an uns, was er ſich doch ſelber verzeiht?— Der König antwortete zornig— Ihr vergeſſet, Stanislaw Szizepa⸗ nowöki, daß Ihr nicht im Beichtſtuhle ſitzet.— Der aber antwortete ſehr ernſt: Das Ver⸗ gehen des Niedrigen, ſo er nur gegen Gott ge⸗ frevelt und gegen ſich ſelbſt, mag abgethan werden im Beichtſtuhle, und Gott den Suͤnder wieder aufnehmen in den Bund, den er durch den Heiland mit den Menſchen geſchloſſen; ſo aber Andere litten durch ihn, muß der Erſatz der Entſuͤndigung vorangehen. Der Suͤnder aber, der hoch ſtehet, der auf dem Throne ſitzt, mag nimmer gegen Gott allein freveln und gegen ſich, weit umher verbreiten ſich die Folgen ſeines Thuns, und verantwortlich iſt er fuͤr die Vergehen derer, die ſein Beiſpiel irre geleitet, derer, die er zum Heile zu fuͤhren beſtimmt war.— Wollet Ihr damit ſagen, die Kirche wei⸗ gere uns die Abſolution?— fragte der König mit allmaͤhlig hervorbrechendem Ingrimm. Nach einer Weile antwortete Stanislaw nachdruͤcklich: Den Reuigen, Genugthuenden entſuͤndigt die Kirche, den Unbußfertigen, Be⸗ harrenden nimmer, nimmer den, der Aergerniß gegeben, er thue denn zuvor das Aergerniß ab.— Ihr ſeid im Saale der Reichsverſammlung — herrſchte ihm der Konig zu— als Stand des Reiches, als Senator iſt es Euch ge⸗ ſtattet zu reden, ſo lange wir Euch anhoͤren wollen, keine Stimme hat hier der Prieſter. Welches— ſprach der Biſchof mit Wuͤrde — wrelches iſt der Ort, da Gottes Stimme nicht hindringt? Welches die Stelle, die ſein Arm nicht erreicht? Pwiefach iſt meine Send⸗ ung, und in beiderlei Art will ich ſie erfuͤllen. Im Namen Gottes verlange ich von Euch, horet auf, ein boſes Beiſpiel zu geben, ſonſt wird er die Seelen von Euch fordern, die es verderbet; hoͤret auf, zu thun, was Ihr beſtraf⸗ tet, damit das verwegene Spiel, das Ihr Ge⸗ rechtigkeit nanntet, nicht die ewige Gerechtig⸗ — 6— keit gegen Euch aufrufe, und Euch geſchehe, wie Ihr an Andern gethan. Im Namen der Nation aber, und doch auch im Namen Got⸗ tes, des Schuͤtzers der Bedraͤngten, bitte ich Euch, den Koͤnig, daß Ihr derſelben ein rech⸗ ter Konig ſeyn wollet. Gebet das ungerechte Gut heraus, das Ihr an Euch geriſſen, zu einer Zeit an Euch geriſſen, da die Beraubten ſchweres Ungemach druͤckte, erzeugt durch Eure lange Entfernung, von Euch deſſen zum zwei⸗ ten Mal beraubt, was ſie durch Eure Hilfe wieder zu erlangen hofften; gebet heraus, was nicht Euer Eigenthum iſt, ſondern Eurer Un⸗ terthanen und der Kirche; bedruͤckt nicht laͤnger das geſchmälerte und verwuͤſtete Beſitzthum beider mit unertraͤglichen Laſten; haltet Eure Heerſcharen im Zaum, damit es nicht heiße, der, von dem man die Segnungen des Friedens hoffte, habe den Fluch des Krieges mit ſich gebracht, und ſtatt des Troſtes das Elend; wie Ihr wollet, daß man Eure Gerechtſame ehre, ſo ehret auch die Gerechtſame der Andern; wie Ihr wollet, daß man in Euch den an⸗ gebornen Herrn ſehe, im Enkel Eurer ruhm⸗ wuͤrdigen Ahnen, im Sproßling des Geſchlech⸗ — 107— tes, dem ſeit Jahrhunderten der Thron be⸗ ſchieden, ſo haltet auch an ihrer Sitte und der Ordnung, durch Jahrhunderte begruͤndet: auf ihr ruhet das beiderſeitige Recht, und wenn das eine verletzt wird, wie mag das andere beſtehen? Der Spruch heißt: Gebet Gott, was Gottes iſt, was des Kaiſers, dem Kaiſer; fuͤr die Konige aber lautet er: Gott gib, was Gottes, und Jedem das Seine!*) Solches ſollte der Wahlſpruch der Herrſcher ſeyn; wer ihn aber von ihnen, jetzt oder in ferner Zukunft freventlich fuͤhret, und nicht danach thut, den wird die Rache des Herrn Zebaoth fruͤh oder ſpaͤt nicht verfehlen, ſie wird ihn in Scher⸗ ben zerbrechen wie ein thönern Geſchirr, und ſeine Macht, auf die er trotzt, in Stücke zer⸗ malmen! Der Konig ſchrie wuͤthend: Fort, Pfaff, in die Kirche, fort aus dem Saale der Ver⸗ ſammlung, dort magſt Du Spruͤche deuten, wie es Dir behagt, nicht in aufruͤhreriſcher Frechheit vor dem Ohre Deines Herrn! — * Suum cuique. — 108— Wohl— entgegnete Stanislaw mit Wuͤr⸗ de und Nachdruck— wohl iſt es an der Zeit, da in Polen der Unſchuld und dem Recht kein Zufluchtort bleibt, als das Haus des Herrn, dem aber, der beide verletzt und ihn, dem werde es verſchloſſen bis zur Stunde der Erkenntniß und Reue! Dieſem Worte, das dem Interdikt glich, folgte tiefe Beſtuͤrzung, aber Boleslaw ſprang auf und rief mit donnernder Stimme: Dem Koͤnig gebet, was des Konigs iſt, lautet der Spruch— Jedem das Seine, erklaͤrt ihn der zungenfertige Prieſter, nun wohl, ſo nimmt denn der Koͤnig das Seine. Unſer iſt das Reich, von Geſchlecht zu Geſchlecht auf uns vererbt, unſer die Oberflaͤche der Erde vom Dniepr bis zur Neiſſe, von den Karpathen bis zur Grenze der preußiſchen Heiden, unſer jede Erdſcholle und was ſie traͤgt. Wer mag auch ein Recht haben außer uns? Iſt doch das Lebendige gleichfalls unſer Eigenthum, der Leib des Be⸗ wohners gehoͤrt dem Koͤnige, und dieſſeit des Grabes auch ſeine Seele, moge ſie jenſeit immer Gott anheimfallen oder dem Teufel! Wer mag uns hindern, von Unwuͤrdigen zu⸗ ruͤck zu nehmen, was unſere Vorfahren dem — 109— Wuͤrdigen verliehen? Die Macht iſt unſer, und nicht ſie, ſondern der ſie antaſtet, wird zertruͤmmert werden wie ein gifterfuͤlltes Ge⸗ fäß, und ihr Schwert den Frevler in Stüͤcke zerhauen! Starres Entſetzen ergriff die Verſammlung bei dieſen tyranniſchen, gottesläſterlichen Worten, aber gleich darauf erhob ſich plötzlich ein furcht⸗ barer Sturm. Sind wir Polen— ſchallte es in ſteigendem Lärme— ſind wir im Vater⸗ lande, daß wir ſolche Rede vernehmen? Leib⸗ eigene Knechte ſieht er in dem freien polniſchen Adel, nehmen meint er zu koͤnnen, was uns, wie ihm die Krone, das Erbrecht gegeben, nicht er noch ſeiner Vorvordern einer! Mit dem Tode bedroht er in ofſener Reichsverſammlung den Edlen, den Senator, den Geſalbten des Herrn! Entweiht iſt durch ihn der Stuhl des Piaſt, des großen Boleslaw's Schwert tragt unwuͤrdig ſein Enkel! Zitternd vor Ingrimm, mit den Zaͤhnen knirrſchend und ſchaumend blickte der König um ſich, ſein Blick traf auf Nikolaus Strze⸗ mieniec, und er gab ihm einen Wink. Er war von ernſter Bedeutung dieſer Wink, er — 110— forderte den Feldherrn auf, die Schar der Leib⸗ wacht herbei zu fuͤhren, daß das Schwert der Willkuͤhr ihr Wort geltend mache; aber hatte auf den polniſchen Edelmann der einſtimmige Beſchluß ſeiner Bruͤder, vom Marſchall ver⸗ kuͤndet, Eindruck gemacht, ſcheute er ſich, im Reichsſaale ſelbſt die Loſung zum Buͤrgerkriege zu geben, hielt er den Ausgang ſolchen Auf⸗ trittes fuͤr bedenklich, genug, er richtete auf Boleslaw den Zweiten einen bittenden, mahnen⸗ den Blick, aber keine Mißbilligung war in ihm zu leſen, nur Bedenklichkeit und Vertröſtung auf eine gelegnere Zeit. Der Koͤnig verſtand ihn und erklärte mit wenigen herriſchen Worten die Verſammlung fuͤr geſchloſſen. Sie ſei denn geſchloſſen— ſagte der Mar⸗ ſchall Andreas— denn das Herkommen ge⸗ ſteht Euer Gnaden dieß Recht zu. Viel iſt aber noch abzuthun geblieben, und ich begehre, damit ſolches baldigſt geſchehe, die Anberaum⸗ ung einer zweiten, im Namen meiner Herren und Bruͤder. Deß thut es nicht noth— war Boleslaw's Antwort— ſorget nicht, daß wir eins ver⸗ geſſen noch das andere; das Unrecht ſteht zu dem Unrecht, zu dem Frevel der Frevler, und er findet keinen Ankläger noch Richter außer uns. So wollen wir es denn ſeyn, wir wol⸗ len das Urtheil ſprechen, und es vollſtrecken aus königlicher Machtvollkommenheit, die keinen Theilhaber weder duldet noch bedarf. Ein Jeglicher wahre ſich, der unſeren Zorn ver⸗ ſchuldet, wahret Ihr Euch in's beſondere, Herr Marſchall! Da trat Andreas Gorka näher zu ihm und ſprach mit miſderer, beinahe bewegter Stim⸗ me: Ihr habt uns allen groß Leid zuge⸗ fuͤgt, und mir ſelbſt wie den andern, aber Ihr ſeid des ruhmwuͤrdigen Kazimierz Sohn, von dem ich dieſen Stab erhielt, und deßhalb thut es mir leid um Euch. Wahret Euch ſelbſt, Herr König; erſchreckliche Worte habt Ihr geſprochen, aber Worte ſind Worte, und ſie verwehet der Wind, wahret Euch jedoch vor der That, denn kein Gott mag ſie unge⸗ ſchehen machen, und keine zu ſpäte Reue ihre Folgen vernichten. Der König wandte ihm verächtlich den Ruͤcken zu, die Edlen ſahen es und verließen — 2 unter neuen Ausbruͤchen des Unwillens den Saal. Mit ihnen ging der Geiſt des Arg⸗ wohns und der Zwietracht von der Wawels⸗ burg aus in alle Gegenden des Reichs, und unterhölte in dumpfer Geſchaͤftigkeit den Bo⸗ den, auf welchem der Thron Boleslaw's des Verwegenen ſtand. W. Olgierd und Olga hatten ihren Weg raſch fortgeſetzt, mit ſolcher Eile ſogar, daß ſie dem Verwundeten beſchwerlich fiel, und mit einer Schweigſamkeit, welche die Begleitung noth⸗ wendig machte, die der Koͤnig freilich eben ſo zur Aufſicht als zur Sicherheit den Begna⸗ digten zugeſellt hatte, der eine ganz neue räth⸗ ſelhafte Bedeutung in ſeinen Augen gewonnen zu haben ſchien. Gefuͤgiger als ſonſt zeigte ſich der junge Mann gegen den weiblichen Mentor, korperliche Schwäͤche, heftige Erſchuͤtterung des Gemuͤths und die Erinnerung an ſeine Nie⸗ derlage hatten den hochfahrenden Sinn voruͤber⸗ gehend gebeugt; es war ihm einleuchtend, daß er ohne die Mutter einen ſchimpflichen Tod erlitten hätte, daß ſie allein ihn vor demſelben bewahren konnte, wiewohl auf unerklaͤrliche Weiſe, und mit mehrem Glauben horchte er den dunklen Weiſſagungen von kunftiger Ho⸗ heit, die Olga ihm zuzuraunen nicht unterließ, ſobald ihre Worte das Ohr der Geleiter nicht beruͤhrten. Angelangt am Zuſammenfluſſe des San und der Weichſel mit der reiſigen Schar, nahte ſich der Führer derſelben, welcher ſich waͤhrend der Reiſe in moglicher Entfernung von der gefuͤrchteten Zauberin gehalten hatte und von dem gehaßten aufruͤhreriſchen Knechte, deſſen Begnadigung er im Innern tadelte, beiden und kuͤndigte ihnen mit kurzen Worten an, ſein Geſchäͤft ſei vollbracht und das Gebot des Konigs erfuͤllt, ſie bis zur Grenze zu fuͤhren, denn jenſeit des Stromes begann da⸗ mals das Gebiet der rothruſſiſchen Fürſten von Lutomierz, ſpaͤter von Halicz geheißen. Er lud ſie mehr dringend als verbindlich ein, ſich mit ihrem Habſal unverweilt an das jenſeitige Ufer zu begeben, befahl einigen Gewappneten, mit ihnen den Prahm zu beſteigen, fugte hinzu, V. Band. 8 — 1— er werde noch eine Zeitlang mit ſeiner Mann⸗ ſchaft in der Gegend bleiben, und gab zum Schluß deutlich genug zu verſtehen, nicht ſo glimpflich als der Abſchied werde der Willkom⸗ men ſeyn, ſo ſie jetzt oder jemals den pol⸗ niſchen Boden wieder betraͤten, von dem der Wille des Koͤnigs und der Haß der Nation ſie auf immer verbanne. Olgierd, welcher durch die letzten Vor⸗ gänge von ſeiner Bedeutung noch mehr uͤber⸗ zeugt worden war, fuͤhlte ſeinen Stolz bei den Worten des Hauptmanns erwachen, aber Olga befolgte ſchleunig deſſelben Geheiß, und wenige Augenblicke nachher trug das Fahrzeug die Verwieſenen, ihre Saumroſſe und ihr Geleit uͤber die Weichſel. Kaum waren ſie am andern Ufer angelangt und am Saume des wilden, beinahe undurchdringlichen Forſtes, der die Land⸗ zunge zwiſchen beiden Fluͤſſen damals bedeckte, kaum war die Faͤhre mit den polniſchen Ge⸗ wappten wieder abgeſtoßen vom Strande, da drang auch Olga auf Fortſetzung des Weges in Olgierd, den Ermattung, die kuͤhle Stille des Waldes und das behagliche Gefuͤhl der Sicherheit an dieſe Stelle feſſelten. Stets treibſt Du mich, wie die Wolke der Sturm— ſprach der Juͤngling— unfreiwillig in raſtloſem Fluge auf unbekannter Bahn. Wozu dieſe tolle Eile, welche ſelbſt dieſe Männer befremdete, denen doch wahrlich nicht wenig daran lag, ſich unſerer zu entledigen, warum goͤnneſt Du mir nicht eine kurze Zeit der Ruhe? Ich bin doch fuͤrwahr nicht der Saumſeligen einer, aber Dir— folgend in ſelt⸗ ſamem Treiben ergreift mich Schwindel, und beinahe möchte ich glauben, Du ſeieſt des Fuhr⸗ werkes gewohnt, das, nach der Meinung des Volkes, Dich oftmals zum kahlen Berge traͤgt. Auf unbekanntem Wege habe ich Dich bis jetzt gefuͤhrt— erwiderte ſie— Du ſagſt es mit Recht, doch magſt Du mir ferner ver⸗ trauen, die, wie das juͤngſt Geſchehene Dich lehrt, die Gefahren kennt, die uns auf dem⸗ ſelben erwarten, und Dich und mich aus der hoͤchſten zu retten vermochte. Du wunderſt Dich meiner Eile? Mag auch der Wolf, der aus der Hoͤle des Löwen entrann, ſich um⸗ ſchauend ſtille ſtehen, bevor er zu ſeinen Ge⸗ noſſen gelangt? Du hoörteſt bis in dieſe Ferne die letzten Töne ſeines Gebrülls, und wohl 8* — 116— galt es, nicht zu ſaͤumen, denn leicht konnte es ihn reuen, daß er den Feind aus ſeinen Pranken entlaſſen. Sein Feind?— ſagte Olgierd, den Kopf ſchuͤttelnd, zwiſchen Truͤbſinn und Bitterkeit — Ja, ich war es, doch nur ein veraͤchtlicher Feind, den, einem Wurme gleich, ſeine eherne Sohle zertrat. Nun aber bin ich des Koͤnigs Feind nicht mehr, ich darf es nicht ſeyn, denn er hat mir ja das verwirkte Leben geſchenkt, zwar hingeworfen nur, wie dem Bettler die geringe Gabe, mir, der ich darum nicht ge⸗ bettelt. Die Frau ſprach: Du irreſt, mehr hat Dir der Koͤnig geraubt, als er Dir ſchenkte, Du biſt ſein Feind auf ewige Tage, und er weiß, daß Du es biſt und ſeyn wirſt. So ſprich denn— forderte Olgierd be⸗ fremdet— den Feind, ſagſt Du, ſieht er in mir, und nicht ſeinem Mitleid oder ſeiner Verachtung dankt der niedere Gegner die Los⸗ ſprechung von der Schmach und vom Tode? Wie begab ſich denn, was mich, den es betraf, ja Dich ſelbſt, wie es ſchien, mit Erſtaunen er⸗ fuͤllte? Durch welchen Zauberſpruch haſt Du — 44— ihn vermocht, der gegen geringern Frevel un⸗ barmherzig wuͤthet, daß der nimmer Verzeihende dem erſten der Uebertreter verzieh? Frage nicht— beſchied ſie ihn— allzuſehr hat Dein wunder Leib die Kraft des Geiſtes gefeſſelt, als daß Du jetzt ertruͤgeſt, was ich antworten muͤßte, was ich einſt Dir ant⸗ worten werde. Wohl war es ein kräftiger Spruch, der den Zorn des Despoten bannte, und neben ihm ein maͤchtiger Talisman, aber, laß mich ſo aufrichtig zu Dir ſprechen als ich darf, ich geſtehe es, ſelbſt mein Erwarten uͤbertraf ihre Wirkung. Ein ſeitſam Wagſtuck — fuhr ſie mit geheimnißvollem, zweideutigen Lächeln fort— war es, das ich unternahm, ein koſtbares Pfand legte ich in die Haͤnde des Königs, das Leben meint' ich wohl mit ihm zu erkaufen, aber nimmer haͤtte ich gemeint, er wuͤrde des Pfandes ſelbſt ſich freiwillig ent⸗ äußern. Was ihn dazu vermocht, liegt außer dem Kreiſe meines Wiſſens, aber daß es ge⸗ ſchehen, iſt ein neues Merkmal, das Gluͤck ſei dem Kuͤhnen hold; ein Vorzeichen ſei es uns von einer beſſern, von einer herrlichen Zukunft. Laſſen wir dieß wundergleiche Geſchenk des Schickſals nicht unbenutzt. Erhebe Dich, es geziemt Dir nicht auf dieſem, gerade auf die⸗ ſem Boden geziemt es Dir nicht, im Augen⸗ blicke, da Du ihn betrittſt, muͤßig der Ruhe zu pflegen. Folge mir, junger Wolf, zu den Wolfen, daß ihr Geheul Dich aus dem Dumpf⸗ ſinn erwecke, daß unter ihnen Deine Kraft wiederkehre und der angeborene Sinn. Ueber eine Weile magſt Du dann abermals den Kampf mit dem Lowen beginnen, und zwar einen ernſtern. Drauf zog ſie ihn mit kraͤftiger Hand vom Raſen empor und fuͤhrte ihn durch den Forſt auf anſcheinend unbetretenem Pfade, aber mit einer Sicherheit, welche andeutete, ſie werde durch gewiſſe Kennzeichen geleitet, mit welchen in den damals noch waldreichen Gegenden von Europa Jäger und Strauchdiebe eben ſo ver⸗ traut waren, als noch heut zu Tage in den nordamerikaniſchen Hainen. Beinahe zwei Stunden waren ſie ſo lang⸗ ſam fortgeſchritten, die oft ſtrauchelnden Saum⸗ roſſe hinter ſich drein ziehend, es ward ſchon dunkel unter dem dichten Laubgewölbe, und der beſchwerliche Weg hatte ſelbſt die raſtloſe — 119— Olga erſchöpft, als ſie in geringer Entfernung vor ſich ein dumpfes Geräuſch hoͤrten; bald darauf blitzte durch das Gebuͤſch und die im⸗ mer tiefer werdende Daͤmmerung der Schein mehrer Flammen, und, in eine geraͤumige Lichtung tretend, erblickten die Wanderer eine ziemliche Schar von Maͤnnern, die um die Feuer gelagert waren, ein Schauſpiel, wie es hier und da, auch in unſerer Zeit eine Men⸗ ſchengattung gewaͤhrt, die vielleicht zum Theil von Borziwoy's Gebirgsmaͤnnern herſtammt, die Zigeuner. HOlga's ſchnelle Antwort auf den Ruf der ausgeſtellten Wachen machte ſie ihren Schuͤtzlingen kenntlich, ein lauter Jubel⸗ ruf empfing die Erſehnte, Verlorengeglaubte, und zu Olgierd's Fuͤßen wand ſich Tomek in ſeltſamen Verrenkungen und uͤbertriebenen Freu⸗ denbezeigungen uͤber die Wiederkehr ſeines ty⸗ ranniſchen Herrn. Mutter und Sohn wurden aufgenommen wie die Königin und der Thronfolger dieſes nomadiſchen Völkleins, und die gegrabenen Erdhölen, die Paläſte, zu denen man ſie fuhrte, waren reich und bequem genug ausgeſtattet mit der Beute aus den Schlöſſern polniſcher Edlenz — 120— denn unſtreitig weiß der Leſer ſchon, daß er ſich in der Mitte der Wiederherſteller der Frei⸗ heit befindet, und derjenigen ihrer Erlöſ'ten, denen keine Wahl geblieben war, als mit Bär und Auerſtier im wilden Walde zu hau⸗ ſen, oder unter dem Beile des Henkers zu verbluten. Nur wenige Tage, waͤhrend welcher ſie Eilboten abſendete, gonnte ſich Olga einige Ruhe, die weniger ihr als dem kaum Gene⸗ ſenden nothwendig war, dann verſammelte ſie einen Kriegsrath, in dem freilich keine andere Stimme vernommen ward als die ihrige, be— gleitet von beifaͤlligem Brummen der Andern, und am folgenden Morgen zogen die Verthei⸗ diger der Menſchenrechte ihres Weges nach Oſten. Anfangs ging er durch Waͤlder und men⸗ ſchenleere Wuͤſten, aber je mehr man ſich dem Worsklaftuſſe naͤherte, je bevölkerter wurde die Landſchaft, aber mit der Annehmlichkeit des Zuges ſchienen auch die Hinderniſſe zu ſteigen, die ſich deſſen Fortſetzung entgegenſtellten. Nicht ſelten ſtieß man auf Haufen ruſſiſcher Kriegöleute, ausgeſtellt, um die Grenze Polens —— zu beobachten, und ohne Zweifel beauftragt, am wenigſten ſolchen Wanderern den Eingang zu geſtatten, aber Olga, deren Eilboten ſich bereits wieder eingefunden, ließ ſich in ihrem, wie es ſchien, abſichtlich langſamen Vorſchreiten durch dieſe bedrohlichen Erſcheinungen nicht irren, und mit Recht. Vergebens wetzten die Maͤnner des Gebirges ihre mordgewohn⸗ ten Saͤbel, vergebens entſchloſſen ſich die Leibeigenen, durch einen ruͤhmlichen Tod im Gefechte dem Beile oder dem Holzſtoße zu ent⸗ gehen, eine Botſchaft der weiſen Frau an den Fuͤhrer einer ſolchen Schar geſendet mit irgend einem Zeichen, oder einem immer wechſelnden Loſungworte, reichte hin die Gefahr zu ent⸗ fernen, die Scharen verſchwanden am Horizont, und uͤberließen den Wiederherſtellern der Frei⸗ heit die Landſtraße und die daran befindlichen Doͤrfer, deren Bewohner bald durch eigene Erfahrung zu beurtheilen wußten, wie es kurz zuvor ihren ſatmatiſchen Nachbarn ergangen. Man reiſ'te damals nicht ſo ſchnell als jetzt, beſonders eine ſo zahlreiche, nur zum Theil be⸗ rittene, mit vielem Gepaͤcke belaſtete Geſell⸗ ſchaft; ſo währte denn, was wir hier mit — 122— wenigen Worten berichtet, mehre Wochen. Waͤhrend ihres Verlaufes ward Olga immer nachdenklicher, die raſche Beſtimmtheit, die ihr im Augenblicke der hochſten Gefahr beiwohnte, ſchien ſie allmaͤhlig zu verlaſſen, und der auf⸗ merkſame Olgierd nahm bereits nicht ſelten jene Unentſchloſſenheit an ihr wahr, von zwei⸗ felhafter Wahl zwiſchen zweien Gegenſtänden erzeugt, die er fruͤher oft und immer mit Un⸗ muth bemerkte. Mehre Boten, in mancherlei Tracht ge⸗ hullt, kamen ihr entgegen, ſie pflog heimliche Geſpraͤche mit ihnen, nach deren Beendung ſie nachdenklich erſchien, aber weiterhin, als man ſich dem Ziele der Reiſe näherte, der Stadt Kijow, ward ihre Stirne heiterer, weniger Botſchafter erhielt ſie, aber lauter ließ das all⸗ gemeine Geruͤcht ſich vernehmen. Fuͤrſt Jzaslaw hatte ſich zwar eines läſtigen Gaſtes und gebieteriſchen Lehnsherrn entledigt, aber ſich zugleich eines mächtigen und ihm ſehr nothwendigen Beſchuͤtzers verluſtig gemacht, des allzubegehrlichen Freundes hatte er ſich ent⸗ äußert, aber der Gier alter Feinde neue Kraͤfte verlichen. Die Fuͤrſten Wßzewolod und Wßes⸗ law, ehedem erbitterte Gegner, wie es die Sproßlinge des ganzen verwandten: und bruder⸗ moͤrderiſchen Geſchlechtes Wolodzimierz des Er⸗ ſten unter einander waren, hatten, wie dem Leſer bekannt iſt, ein voruͤbergehendes Buͤndniß geſchloſſen, um den Bruder und Vetter, De⸗ metrius Jzaslaw, zum zweiten Mal vom Großfuͤrſtenſtuhle zu Kijow zu ſtoßen, und wahrſcheinlich hernach ſich um die errungene Beute wiederum ſelbſt zu bekämpfen. Die Gegenwart des Koͤnigs von Polen und ſeiner ſtreitbaren Haufen, ihr kriegeriſcher Ruf, und der Schutz, den er Jzaslaw zugeſagt, hatte bis dahin die raubſuͤchtigen Blutfreunde im Zuͤgel gehalten, und ihnen nur leichte Angriffe und pluͤndernde Streifzuͤge geſtattet. Jetzt waren die Polen fern, Jzaslaw, ein unkriegeriſcher Fuͤrſt, ſich ſelbſt und der höchſt zweideutigen Treue ſeiner Unterthanen uͤberlaſſen, und jene nahmen den Zeitpunkt wahr. Mit Vergnuͤgen hatten ſie die Verrätherei des Furſten von Kijow vernommen, die Boleslaw's des Zwei⸗ ten Freundſchaft in grimmigen Haß verkehren mußte, ſie wußten dieſen in der Heimat all⸗ zu beſchaͤftigt, um vor geraumer Zeit in die Angelegenheiten Rußlands einſchreiten zu kön⸗ nen, und Jzaslaw's Fall war beſchloſſen. Mit ſtarker Heeresmacht ruͤckten ſie von Nowogrod und von Smolensk in das noͤrd⸗ liche Gebiet des Fuͤrſten von Kijow, ſie er⸗ fuͤllten es nach varangiſcher Kriegsweiſe mit Mord und Brand, und ruͤckten, die ihnen ent— gegengeſendeten Scharen theils vernichtend, theils ſie zu ihren Fahnen lockend, langſam aber be⸗ drohlich der Hauptſtadt immer naͤher und naͤher. Auch in dieſe ſelbſt durfte der Fuͤrſt nur geringes Vertrauen ſetzen. Stark war die Par⸗ tei des vertriebenen Wſzeslaw, noch zahlreicher des kuͤhnen und raͤnkevollen Wſzewolod's An⸗ haͤnger, kaum kam beiden die Zahl derer gleich, die dem rechtmaͤßigen Herrn zugethan waren, aber weit uͤbertraf alle drei, nicht ſowohl in der Menge als in innerer Kraft und klug be⸗ rechneten Maßregeln, eine vierte Faktion. Ihre Wirkſamkeit, dahin gerichtet, die Kraͤfte der andern durch gegenſeitigen Streit zu lähmen, ward von Tage zu Tage fuͤhlbarer, ohne daß irgend eine Spur die Hand verrathen hätte, die ſie leitete. — 125— Auch Jzaslaw empfand dunkel dieſe Wirk⸗ ſamkeit im Kreiſe der Höflinge, die ihn jetzt, wie fruͤher den König Boleslaw ſchmeichelnd und unterwuͤrfig umringten, er ahnte aber nicht, daß unter dieſen ſich ſeine geheimen Gegner befanden, in einem nur allzu gemeinen Irrthum befangen, kam es ihm nicht in den Sinn, man koͤnne gegen ihn ſelbſt die Waffen an⸗ wenden, die er doch wenig Monde zuvor ſelbſt angewendet, den zweiſchneidigen Dolch der Treuloſigkeit, gehullt in die glaͤnzende Scheide truͤgeriſcher Ehrfurcht. Oft beſchlich Stunden⸗ kummer den von Natur und durch herbe Erfahrungen trub geſtimmten Mann, aber noch tiefer wäre ſein Gram, größer ſeine Beſorgniß geweſen, hätte er die ganze Gefahr ſeiner Lage erkannt, und peinigender Selbſtvorwurf wuͤrde ſich zu ihnen geſellt haben, wäre es ihm an⸗ ſchaulich geworden, daß er freiwillig ſich der beßten, der beinahe einzigen Stuͤtze beraubt hatte. Den Kniaziewicz Mieczyslaw umſchloß noch immer der Kerker, und es war der Wunſch jener doppelzuͤngigen Diener ſeines Vaters, daß er ihn nimmer verlaſſe. Sie ſcheuten des — 6 jungen Fuͤrſten ſcharfen Blick und ritterlichen Sinn, der Metropolit von Kijow horte nicht auf, Anatheme gegen, wie er ihn nannte, den Verbuͤndeten der Schismatiker und Freund der Lateiner zu ſchleudern, und Leontios An⸗ gelos, der ſein, jetzt einfaches Geſchäft mit mehr Muße und Behaglichkeit verſah, unterließ nicht, jenes edelmuͤthige Verfahren des Prinzen ge⸗ gen den verrathenen Gaſt zu einem hochver⸗ rätheriſchen Uebereinkommen mit dem Koͤnige umzugeſtalten, den Fall ſeines Vaters be⸗ zweckend, und er that dieß mit einer ſolchen Gewandtheit, daß Demetrius Jzaslaw in dem edelſten Kleinod ſeines Hauſes, in dem treſſ⸗ lichen Sohne den gefaͤhrlichſten Feind zu er⸗ blicken vermeinte. Was Jaropelk an Seele beſaß, war dem Metropoliten unterthan, ſein Leib der ſchonen Eudora, welche ſeit ihrem Eintritte in die grö⸗ ßere Welt, Geſchmack an der ihr zugetheilten Rolle eines Lockvogels gefunden hatte; beide ſowohl als ihr Bundesgenoß, der Strator Angelos, beherrſchten ihn völlig, und hätten ihn leicht zu einem Verſuch bewogen, ſeinen Vater vom Throne und in's Grab zu ſtoßen, 42— ein, bei den Ruſſenfuͤrſten nicht ganz unge⸗ wöhnliches Unternehmen, haͤtten ſie ihn nicht als unfaͤhig, ſelbſt zum ſcheinbaren Haupte einer Faktion gehalten, und ihre Aufmerkſamkeit ſich nicht im Stillen auf einen Andern gelenkt. Die andern Sohne Jzaslaw's waren noch ſehr jung und verhießen uͤberdem, dem zweiten ihrer Bruͤder ähnlicher zu werden als dem erſtge⸗ bornen. Dieß waren die Nachrichten, welche der weiſen Frau des Waldes bei Zembocin die Heiterkeit zuruͤckgaben, die ein feſter Entſchluß erzeugt, und daß dieſer Bezug auf ihren Sohn hatte, konnte man aus der wiederkehrenden Sorgfalt und Zaͤrtlichkeit ſchließen, welche die⸗ ſer gegen die Halbſchied der Reiſe ziemlich ver⸗ mindert geſehen. Die Abendſonne erleuchtete bereits die vie⸗ len, großentheils vergoldeten Kuppeln der hei⸗ ligen Maͤrtyrerſtadt, als man vor derſelben anlangte; hier verabſchiedete Olga ihr kleines Heer, das ſofort von mehren Perſonen, die es erwartet haben mochten, in ſeine Quartiere gebracht ward, und ſetzte nur mit einem ge⸗ ringen Gefolge, unter welchem ſich Tomek be⸗ fand, ihren Weg fort. Er fuͤhrte uͤber eine Ebene, die noch die Spuren des fruͤher hier geſtandenen Lagers der Polen trug, und endigte vor einem zierlichen Landhauſe griechiſcher Bau⸗ art. Am Eingange empfing der Herr deſſelben, Theophraſtos, denn wir befinden uns auf be⸗ kanntem Boden, die Ankoͤmmlinge mit Achtung und Freude, aber in gleichſam geheimnißvoller Weiſe, auch wurden nach ihrem Eintritte ſo⸗ gleich die Pforten verſchloſſen. Mit aller muͤt⸗ terlichen Beſorgniß, deren Gegenſtand Olgierd von neuem geworden, forderte, kaum im Saale angelangt, Olga ihn auf, der Ruhe zu pflegen, ihm um ſo nöthiger, wie ſie hinzuſetzte, da eine nahe Zukunft alle Kraft ſeines Geiſtes und Koͤrpers in Anſpruch nehmen werde. Als der Juͤngling in die ihm angewieſenen Gemaͤcher trat, deren Fenſter keine andere Ausſicht als auf weite Gaͤrten gewährte, ſah er mit Wohlgefallen die außerordentliche, ihm ſelbſt auf Burg Zemboein unter geraubten Koſtbarkeiten unbekannt gebliebene Pracht ihrer Ausſtattung, noch mehr aber fand er Behagen, wiewohl mit Verwunderung gemiſcht, an der — 129— tiefen Ehrfurcht der Diener, welche herbeikamen, ſeine Befehle in Empfang zu nehmen. Er hing in meiſt ungeſtoͤrter Einſamkeit anfangs den Traͤumen des Stolzes nach, neu aufgeregt durch das Ahnen ſeiner eigenen Bedeutung; aber Tag folgte auf Tag, und er begann zu fuhlen, ein goldener Kaͤfig ſei doch immer ein Käfig. Mit der wiederkehrenden Geſundheit beſchlichen ihn das Beduͤrfniß der Thätigkeit und die Langweile; die letztere um ſo mehr, weil gemeiniglich tiefe Stille in dem geräumigen Palaſte herrſchte, deſſen Thore verſchloſſen blie⸗ ben und nur zur Nachtzeit hin und wieder, wie es ſchien, mit Vorſicht irgend einem Be⸗ ſucher aufgethan wurden, der ſich jedoch vor ihm nicht zeigte. Der einzige Zuſpruch, den er erhielt, war der täglich zweimal wiederholte eines griechiſchen Arztes, der ihm zwar viele Ehrerbietung und Sorgfalt erwies, aber fuͤr nichts anderes Sinn zu haben ſchien als für ſeine Kunſt. Denn er beantwortete ſeine Fra⸗ gen nur mit Verordnungen, und fuͤgte ſeiner Abſchiedbegruͤßung jedesmal die Weiſung hin⸗ zu, ſein Gemach nicht um eines Schrittes Breite zu verlaſſen, eine Weiſung, welche mehr V. Band. 9 — 130— an ſeine Diener gerichtet als an ihn, dieſe fuͤr die Befolgung verantwortlich machte. Seine Mutter ſah er ſeit ihrer Ankunft nicht wieder, auch der Herr des Hauſes, der ſo verſchwen⸗ deriſch für ſeine Beduͤrfniſſe ſorgte, mußte fuͤrchten, durch einen Beſuch der Geſundheit ſeines Gaſtes zu ſchaden, auch Tomek ſogar ließ ſich nicht blicken bei dem geſtrengen Herrn, der einſt ſein Sohn geweſen, niemand umgab ihn als jene unterwuͤrfigen, reichgekleideten Diener. Zwar war ihm ſowohl die Mund⸗ art des Landes, in dem er ſich befand, als auch die byzantiniſche Sprache von Jugend auf gelaͤufig, aber ſobald er einen Verſuch machte zu einem Geſpräͤch, das uͤber die Schran⸗ ken des gewöhnlichen Beduͤrfniſſes hinaus ging, ein eben ſo tiefes Stillſchweigen, gleich als hätte der Großſilentiar des Purpurpalaſtes zu Kon⸗ ſtantinopolis in eigener Perſon die Lippen die⸗ ſer Leute verſiegelt. Seine Ungeduld war auf den hochſten Grad geſtiegen, ſchon mehr als ein Mal hatten die ſchweigſamen Diener vor dem drohenden Wort und der zornigen Geberde des ehemaligen Auf⸗ antworteten ihm nur tiefe Verbeugungen und, — rührerhäuptlings gezittert, da trat eines Tages in fruͤher Abendſtunde Olga zu ihm ein. Kaum hätte er ſie erkannt, denn ſie war gehuͤllt in die entſtellende, geſchmacklos prunkende Tracht einer vſtroͤmiſchen Matrone des höhern Mittel⸗ ſtandes, in welcher wohl wir, er aber ſie nim⸗ mer geſehen, und ſelbſt als ſie näͤher kam und ſprach, ſtand er an, dem Zeugniſſe ſeines Auges und Ohres zu trauen. Das war nicht die kuhne Haltung und das begeiſterte Wort der weiſen Frau im Waldhäuschen, untermiſcht mit hexenhafter Bosheit, nicht die wuͤrdige Haltung, der kuͤhne Ton der kriegeriſchen Ama⸗ zone, eine ganz gewoͤhnliche Buͤrgerfrau des chriſtlichen Morgenlandes ſtand vor ihm und begehrte vom Sohne in gemeiner Redeweiſe und breiter Geſchwätzigkeit, er ſolle ſich kleiden, denn es ſeien Beſucher gekommen von großer Bedeutung und großem Anſehen, und ihm ſelbſt gelte ihr Zuſpruch. Als er aber ſein Erſtaunen üͤber dieſe Um⸗ wandlung zu erkennen gab, lächelte ſie in ihrer gewohnten zweideutigen und geheimnißvollen Weiſe und ſprach: Was Du an mir gewahrſt, möge Dich lehren, daß es dem Weiſen zukommt, 9* ſein Aeußeres umzugeſtalten, je nachdem es er⸗ forderlich iſt. Du findeſt mich verandert? Wohl, auch Dir ſteht eine Veraͤnderung bevor, ahme mir denn nach, Dich in ſie ſchickend. Mich wirſt Du noch eine Zeitlang ſehen wie jetzt; was ich nicht bin, muß ich ſcheinen, da⸗ mit Du ſcheinen duͤrfeſt, was Du biſt. Laͤngſt war Hlgierd des Raͤthſelhaften in Sprechen und Thun ſeiner Mutter gewohnt; ſeit ſeiner Rettung vom Tode auf dem Holz⸗ ſtoß, durch ſie ſo unbegreiflich bewerkſtelligt, erkannte er ihren Einfluß auf ſein Geſchick mehr an als ſonſt, und uͤberdem fuͤhlte er ſich in dieſem Lande, wo ſie ſo lange einheimiſch ge⸗ weſen, ſich abhaͤngiger von ihr denn jez er folgte alſo ihrem Geheiß, die Kleidung eines polniſchen Edlen ergreifend, welcher er ſich in der letzten Zeit bedient hatte, ſie aber laͤchelte wiederum, wehrte ihn ab und ſagte: Mit nichten, Du biſt nicht mehr das Haupt em⸗ porter leibeigener Knechte, nicht mehr Herr auf Schloß Zembocin. Nicht im armen Po⸗ lenlande befinden wir uns unter den rauhen Lateinern, ſondern in der reichen, handeltrei⸗ benden, geſitteten Stadt Kijow, der Konſtan⸗ — 183— tinopolis des Nordens. Fuͤge Dich denn dem Gebrauche des Landes, denn dieß zu thun, ge⸗ buͤhrt Dir vor andern, gebuͤhrt Dir mehr als Du glaubſt. Darauf winkte ſie den Dienern und ſie fuͤhrten ihn in ein Bad. Wohlgeruͤche ſchwän⸗ gerten das kryſtallhelle Waſſer des alabaſter⸗ nen Beckens, und die kuͤhle duftige Fluth er⸗ friſchte ihn und erhob ſeine Lebensgeiſter bis zu einem leichten Rauſche. Drauf ſalbten ihn die Diener mit koͤſtlichem Balſam und berei⸗ teten ſich, ihn zu kleiden. Ungern ging Olgierd an dieß Geſchaͤft; obgleich rauhen Sinnes und ernſten Gegen⸗ ſtaͤnden zugewendet, war er doch noch ein Juͤngling, und mit Widerwillen haͤtte er das wohlkleidende ſarmatiſche Gewand mit einem andern vertauſcht, welches, wenn es dem ſeiner Mutter glich, ihm hoͤchlich mißfallen mußte. Er ſah ſich angenehm getaͤuſcht, ob er ſchon nicht ohne Befremden ſeine Geſtalt in einem ſilbernen Spiegel gewahrte, welche der Diener Arm muͤhſam ihm vorhielt. Seine Fußbekleidung hielt das Mittel zwi⸗ ſchen der Sandale und dem heutigen Pantoffel, — 134— purpurroth, wie ſie, waren die Schnüre, wel⸗ che, ſie befeſtigend, das in hellgraue, feine Wolle gehuͤllte Bein bis in die Mitte deſſelben umſpannten, zuſammengehalten durch ein Schloß, mit Rubinen beſetzt. Hellgrau war ebenfalls das eng anſchließende Unterkleid, aber von der Weiße des friſch gefallenen Schnees das Ober⸗ kleid, welches keinen andern Schmuck hatte als einen handbreiten, ringsumherlaufenden Saum von purpurfarbener Wolle. Mit ei⸗ nigem Befremden ſah er, es laſſe Hals, Bruſt und Schultern ſo enblößt, daß jenes Mal völlig ſichtbar blieb, nur unterweilen durch die langen, in zierliche Locken gelegten Seiten⸗ haate bedeckt. Sein Bart, welcher ſchon das Kinn mit ſchwaͤrzlichen krauſen Flocken bedeckte, war bis auf ein kleines Lippenbaͤrtlein ver⸗ ſchwunden, und eine kuͤnſtleriſche Hand hatte der durch die Krankheit gebleichten Wange einen leichten Aufflug von Röthe verliehen. Ein purpurrother Gurtel umſpannte ſeine Huͤf⸗ ten, und an demſelben hing ein kurzes, breites Schwert in goldener Scheide, deſſen Knauf mit Rubinen und Diamanten verziert war. Nur eins mangelte, eine Hauptbedeckung, und als er, an die ſarmatiſche Muͤtze gewöhnt, ſolche begehrte, wurden ihm abermals Ver⸗ beugungen und Stillſchweigen zur Antwort, die er bereits als der Verneinung gleichbedeu⸗ tend kannte. 3 So gekleidet fuͤhrte man ihn zu Olga zuruͤck als dieſe ihn aber erblickte, ſprach ihr Auge nicht das Vergnuͤgen aus, das eine Mut⸗ ter wohl empfindet, wenn ſie den wohlgebil⸗ deten Sohn geſchmuͤckt ſieht, vornehmlich, wie ſie doch angedeutet, zum erſten Mal in der ihm zukommenden, lange vorenthaltenen Tracht, vielmehr war in ihren Zuͤgen eine Art von Widerwillen zu leſen, und nachdem ſie ihn einige Zeit aufmerkſam und mit ſtechendem Blicke betrachtet, wandte ſie ſich plotzlich hin⸗ weg. Bald faßte ſie ſich indeß und ſagte, mehr mit Nachdruck als mit Wohlwollen: Du traͤgſt jetzt die Kleidung, die Dir geziemt, die Kleidung des Heimatlandes Deiner Mut⸗ ter, ſorge, daß Du Dich ihrer wuͤrdig be⸗ zeigeſt. Es lag wiederum etwas Vieldeutiges in dem Tone dieſer Worte, aber Olgierd hatte wenig Acht darauf, er glaubte, an der lang ver⸗ — 136— ſchloſſenen Pforte des Geheimniſſes zu ſtehen, das uͤber ſein Leben ſich verbreitete, er erwar⸗ tete, dieſe Pforte werde nun aufgehen und eine glaͤnzende Erſcheinung hervortreten, und er folgte auf den Fluͤgeln der Hoffnung Olga, nachdem er auf ihr Geheiß einen weiten, ver⸗ huͤllenden Mantel über ſich geworfen. Schweigend führte ſie den Sohn durch die hohen und weiten Hallen des Hauſes, durch den ofſenen, ſaͤulengetragenen Portikus, durch lange, ſchattige Gänge des Gartens, in wel⸗ chem die Erzeugniſſe eines ſuͤdlichern Himmel⸗ ſtriches neben den einheimiſchen durch ſorgfaͤltige Pflege gediehen, bis zu einem Dickicht hoher Bäume. Als ſie daſſelbe durchſchritten hatten, ſtanden ſie vor einem runden, tempelaͤhnlichen Gebaͤude griechiſcher Bauart und ungefaͤhr denen gleichend, welche man in den Gärten unſerer Zeit triſſt, nur was bei dieſen ſelten der Fall iſt, von Marmor aus Paros aufgefuͤhrt, und umgeben von duftendem Geſträͤuch und Blu⸗ men. An der Pforte blieb Olga ſtehen und ſprach mit Feierlichkeit und einer Bewegung, deren Ausdruck das hereingebrochene Nachtdunkel in ihren Zuͤgen zu leſen verhinderte: Sobald Du uͤber dieſe Schwelle ſchreiteſt, Du, den ich noch Olgierd nenne, wird Dir Seltfames kund werden, und was Du nimmer erwartet; wähne jedoch nicht, es werde jegliche Huͤlle vor Dir fallen. Was Dir aber auch noch dunkel bleiben mag, forſche nicht. Thaten nur, Reden nicht be⸗ waͤhren den Mann. Das mußt Du ſeyn in der ganzen Bedeutung des Wortes, denn höher iſt der Standpunkt, den des Gluͤckes eigen⸗ ſinnige Laune Dir anweiſt, als die Stelle, von der es Dich herabgeſtuͤrzt in einer anderen Laune. Was Dir aber auch beſchieden ſeyn mag, vergiß nie, weſſen Hand Dich bis hier⸗ her gefuͤhrt; noch bedarfſt Du ihrer Leitung, noch liegt, wo nicht Nacht, doch Dämmerung auf Deinem Wege, und nur Beharrlichkeit im Vorſchreiten, Muth auf der einen Seite, auf der andern Vertrauen bringen Dich zum Lichte. Bei dem letzten ſtarkbetonten Worte oͤff⸗ neten ſich, wie aufgethan von unſichtbarer Hand, die Pforten des Tempels, und Olgierd trat, ungeduldig der Mutter voran eilend, hinein. — 128— Mehre Perſonen befanden ſich in dem run⸗ den, hellerleuchteten Saale, aber erſt allmäͤhlig entwickelten ſich vor Olgierd's, durch den plötz⸗ lich auf die Finſterniß draußen folgenden Schim⸗ mer zahlreicher Kerzen geblendetem Auge, ihre Geſtalten. Nur eine unter ihnen war ihm bekannt, der gaftfreie Herr des Landhauſes, der ihm mit chrerbietiger Verneigung entgegen trat. In der Mitte der Halle ſtand ein Greis mit ſilbernem, ſparlichem Haupthaar, aber dichtem, lang herab⸗ wallendem Barte, er trug das prunkvolle Ge⸗ wand eines Oberprieſters der oſtrömiſchen Kirche, und ſeine Hand hielt ein Kreuz. Hinter ihm waren einige Popen zu ſehen, Kiſſen, wie es ſchien, haltend, uͤber welche eine geſtickte Decke gebreitet war. Links zeigte ſich ein noch junger Mann in ſehr reichen Kleidern, von der Gat⸗ tung derer, die Olgierd angelegt hatte; ſein Mund lächelte, aber nur ſein Mund, die uͤbrigen Zuͤge ſeines Antlitzes waren marmor⸗ glatt, und ſein Auge heftete ſich mit mehr Neugier als Freundlichkeit auf den Eingetre⸗ tenen. Anmuthiger war die Erſcheinung zur rech⸗ ten Hand des geiſtlichen Herrn, eine Jungfrau in der Bluͤthe der Schönheit und Jugend, angethan mit einem leichten, maleriſche Falten bildenden Gewande. Auch ſie lächelte Olgierd zu, aber alle Züge des reizenden Geſichtes druͤckten Wohlgefallen an dem jungen Manne aus, an deſſen Geſtalt ihr Auge langſam hinabglitt. Etwas entfernter ſtanden noch einige Maͤnner, gekleidet wie der Herr des Hauſes, kluge, doch meiſtentheils widrige Ge⸗ ſichter, aus denen Verſchmitztheit ſprach, aber die Verſchmitztheit des Furchtſamen; dann wa⸗ ren noch vier oder fuͤnf andere da, Ein⸗ heimiſche, von den Letztgenannten eben ſo ver⸗ ſchieden in ihrer Tracht als im Ausdruck ihrer Mienen;z zottige Pelzmäntel, vom Felle des Wolfs oder Baͤren, deckten ihre kraͤftigen aber plumpen Glieder, und der finſtere, ſtiere Blick klagte ſie nicht des Mangels an Tapferkeit an, oder roher Wildheit vielmehr, wohl aber des Mangels an deutlichem Begriff und ſinnigem Muth. Hier iſt er, den Ihr erwartet, Hochwuͤr⸗ digſter und edle Herren— ſprach Olga So⸗ phronia, den jungen Mann in die Mitte des Kreiſes fuͤhrend— ich bin es, die ihn Euch aufbewahrt, von mir erhaltet Ihr ihn, und ich hoffe, Ihr werdet die Gabe mir dan⸗ ken.— Sei uns willkommen— ſprach mit Pa⸗ thos der Metropolit— ſei uns dreimal will⸗ kommen, wenn Du heimkehrſt, ein aͤchter Sohn der urſpruͤnglichen Kirche, feſt im Glauben und im Gehorſam, unangeſteckt von den Frrlehren der Lateiner und abendlaͤndiſchem Schwindelgeiſt. Olgierd's Antwort ließ ſich ein wenig er⸗ warten; der Knecht und Pflegling des from⸗ men Herrn von Zembocin war in der That im Gottesdienſt der roͤmiſchen Kirche erzogen und ſtreng dazu angehalten worden, aber eben dieſer Zwang hatte dem widerſpänſtigen Kna⸗ ven fruͤh die fromme Pflicht verhaßt gemacht, dieſer Haß war durch die Mutter im Wald⸗ häuschen verſtärkt worden, ſie verwarf den Glauben der Lateiner, fluchte ſeinen Beken⸗ nern, ohne daß deßhalb die Lehren der grie⸗ chiſchen Kirche beſonders häufig oder erbaulich im Munde der landkundigen Hexe erklungen —— waͤren; er haßte die eine Religion ohne die andere zu lieben, er hatte waͤhrend ſeines Auf⸗ enthalts im Bergthal und dem Getuͤmmel des Aufruhrs beide aus den Augen verloren, und es war ihm bei der Frage des Metropoliten gleich einem, der von Laͤngſtvergeſſenem Re⸗ chenſchaft geben ſoll. Sophronia that es fuͤr ihn: Wohl— ſprach ſie— wohl hat die Verfuͤhrung die⸗ ſen jungen Rechtglaͤubigen umringt von Ju⸗ gend auf, wohl hatte die Verworfene des römiſchen Babylon ein lüſternes Auge auf ihn gerichtet, wohl legten ihre Prieſter Schlin⸗ gen um das Kind Gottes, es heruͤber zu zie⸗ hen in den heidniſchen Dienſt ihres Tempels, aber der Engel des Herrn hat es beſchuͤtzt und der heilige Baſilius, und die Tugend und reine Lehre, die es mit der Muttermilch eingeſogen, haben den Zufluͤſterungen der Baals⸗ pfaffen widerſtanden. Olgierd konnte ſich bei dieſer pomphaften Rede einiger Verwunderung nicht erwehrenz ſo hoch auch ſeine Meinung von ſich ſelbſt war, ſo hatte er ſich doch nie fur ein ſonder⸗ liches Kind Gottes gehalten, der vorzugliche 2 Schutz, deſſen der heilige Baſilius ihn wuͤr⸗ digte, war ihm ganz neu, und die Tugend, die er mit der Milch dieſer Mutter eingeſo⸗ gen, rief ſogar ein Lächeln auf ſeine Lippen. Dieß Lächeln wurde allein von dem geſicht⸗ kundigen Veſtiarius Leontios bemerkt, und ſo unzeitig es auch war, ſo mißfällig es dem Metropoliten und mehren Gegenwaͤrtigen ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde, ihn ſprach es an, und erhöhte ſeine Meinung von dem Akolythen eines Bundes, an deſſen Spitze er ſelbſt im Verborgenen ſtand. Mit vieler Anmuth redete er ihn an? Auch ich heiße Euch willkommen, Herr, in einer Geſtalt und Verhaͤltniſſen, Eurer wuͤrdiger als die, welche Euren Werth ver⸗ huͤllten, als ich das erſte Mal Euch er⸗ blickte. Der junge Mann faßte ihn ſchaͤrfer in's Auge, und plötzich färbte ſeine Wangen das brennende Roth der Scham, denn er erkannte in dem Byzantiner einen Zeugen jenes Auf⸗ trittes zu Zembocin, da er in der Kutze des Leibeigenen und bedroht mit ſchimpflicher Strafe, vor ſeinen Richtern ſtand. Er hatte geglaubt die Niedrigkeit ſeiner erſten Jahre ſei hier nicht ruchbar geworden, ſein argwöhniſch Gemuͤth flüſterte ihm zu, es werde hier wohl gar ein Spiel mit ihm getrieben, und ſein Blick flammte zornig empor. Leontios ward es gewahr und ſagte raſch: Nicht moge Euch, Herr, eine Erinnerung be⸗ kuͤmmern, die Euch zu hohem Ruhme gereicht. Damals ſchon ſprach die Stimme des Blu⸗ tes zu Euch, den Ahnenfeind nennend, den Ihr zu bekaͤmpfen beſtimmt waret, zu fern ſtand er Euch, und den Niedern traf der Streich des Armes, der den Hohen einſt nicht verfeh⸗ len wird; damals ſchon erſchient Ihr mir in niederem Gewand gleich dem entdeckten Achil⸗ leus, und als Ihr vor den Barbarenkönig tra⸗ tet, aufrecht und ſtolz, da belebte Euch ein dunkles Gefuͤhl, daß Ihr vor dem Ebenbuͤrti⸗ gen ſtaͤndet. 4 Worte dieſer Art waren wohl geeignet, des Jünglings Unmuth zu zähmen, er ſchaute zufrieden und uͤbermuͤthig um ſich her, aber bald ſchien eine Empfindung anderer Art uͤber ihn zu kommen, und er ſprach mit einiger Bewegung: Ihr mahnt mich an eine Schuld — 4 * der Dankbarkeit, Herr Abgeſandter von Kon⸗ ſtantinopolis, denn ſo horte ich Euch damals nennen. Es war der Fuͤrſt diefes Landes, welcher ſeine Stimme fuͤr mich erhob, als Alle den Leibeigenen verdammten. Unaubloſch⸗ lich hat ſich die Erinnerung an ihn in mein Herz gegraben, noch ſteht ſeine Geſtalt vor mir, noch tönt in meinem Ohre der Klang ſeiner Worte. Sprecht, Herr, werde ich mich ihm bald nahen? Sehr wuͤrde es mich er⸗ freuen, wenn der Freie, der Hochgeborene vielleicht, ihm die Wohlthat vergelten koͤnnte, dem geglaubten Knechte erwieſen. Die Wirkung, welche dieſe Rede, die einzige vielleicht des Beifalls wuͤrdige, welche der Leſer von dem Helden dieſer Darſtellung ver⸗ nommen, war ſeltſam, und ſie trug keines⸗ weges das Gepräge des Beifalls. Das Antlitz des Oberhirten druckte Verlegenheit aus, und er ſandte einen Blick auf Olga, die ihn jedoch nur mit Achſelzucken und kaltem Spott⸗ lächeln, und den Finger auf die Lippen druk⸗ kend, erwiderte; die Geſichter der griechiſchen Kaufherren verlaͤngerten ſich um ein Merk⸗ liches, unter den Ruſſen erhob ſich ein dumpfes Murren, und ſie ſchauten nach der Thuͤre, als wuͤnſchten ſie, ſie im Ruͤcken zu haben, Leontios aber ſprach mit gefalteter Stirne: Allzu hoch, Herr, ſchlaget Ihr eine Fuͤrbitte an, welche mehr der furſtliche Stolz als das Wohlwollen dem vermeinten Sklaven gewaͤhrte, die uͤberdem fruchtlos blieb, ja ſogar Euer Loos noch verſchlimmert haben wuͤrde, hätte das Verhaͤngniß nicht uͤber ſeinen Liebling gewacht, und ſich des Irrthums zu hohem kuͤnftigem Zwecke bedient. Nicht dem Sebaſten von Kijow habt Ihr Eure Rettung zu danken, ſo mich mein Gedächtniß nicht trugt, ſondern jenem Irrthum eines Andern, der noch um Euer Leben flehte, als Demetrius es ſchon gleich⸗ giltig aufgab. Mäßiget Eure lobenswerthe Er⸗ kenntlichkeit bei ſo geringem Anlaß; wahrlich, hätte jener Euch als den Freien, Hochgebornen, als den erkannt, der Ihr ſeid, Ihr hättet ihn anders erfunden. Aber nicht ſeiner Hilfe be⸗ darf der, welcher unter hoͤherm Schutze ſteht. Willkommen heiße ich Euch im Namen des hoͤchſten Monarchen der Chriſtenheit und der Welt, des allerdurchlauchtigſten, großmaͤchtig⸗ ſten und unůberwindlichſten Cäſar Auguſtus, V. Band. 10 Nikephoros Botoniates, und des durchlauchtig⸗ ſten und alleredelſten Alexios Komnenes, des alleinigen römiſchen Reiches Sebaſtokrator. Beide haben ihr Auge hoffend auf Euch ge⸗ richtet und begruͤßen Euch als werthen Ver⸗ wandten. Obſchon nicht jeglicher gute Keim in Ol⸗ gierd's Herzen erſtorben ſeyn mochte, ſo war der Boden doch längſt allzu ſehr durch ſorg⸗ lich angepflanztes Unkraut verwildert, um daß ſolches gedeihe; was Wunder alſo, daß die fluͤchtige Regung der Dankbarkeit gegen eine Wohlthat, deren geringe Bedeutung man ihm begreiflich gemacht, dem Stolze wich, der bei des Veſtiarius hochtönenden Worten ſein Herz ſchwellte. Nicht, wie fuͤr den Glauben, hatte er fuͤr die Heimat der Mutter Gleichgiltig⸗ keit von ihr gelernt. Oft hatte ſie ihm mit allem Aufwande griechiſcher Redekunſt, mit allem Eifer der Liebe zum Vaterlande die Reize deſſelben geſchildert, die Pracht des konſtan⸗ tinopolitaniſchen Hofes und, zwar mit der ih⸗ ren Landsleuten gewoͤhnlichen Uebertreibung, des Kaiſers Macht, und nun ließ ihn, den unbekannten Fuͤngling, der Monarch dieſes 2 herrlichen Reiches bewillkommnen, das hochſte Haupt der Welt, nach ſeinem Begriff, Cäſar Auguſtus und ſein muthmaßlicher Thronfolger, der Sebaſtokrator, begruͤßten als Blutsfreund den, welcher einen Tomek Vater genannt, und hochſtens fuͤr den Baſtard eines ſarma⸗ tiſchen Edlen gegolten. Ein Rauſch hatte ſich ſeiner Sinne be⸗ meiſtert und er ward nicht vermindert durch die Anrede der liebreizenden Eudora: Will⸗ kommen— hauchte ſie zwiſchen den roſenrothen Lippen hervor— willkommen, jugendlicher Heros, Du, geboren, uͤber die Seelen der Maͤnner zu herrſchen, und uͤber die Herzen der Frauen und Jungfrauen. Gleich der Bahn des He⸗ lios wird Dein Weg glänzend ſeyn, und Sankta Sophia möge ihn beſchirmen. Olgierd war nicht gelehrt genug, Anſtoß an der, uͤbrigens damals ſehr gewoͤhnlichen Zuſammenſetzung von Perſonen der Fäbel und der chriſtlichen Glaubenslehre zu nehmen, uͤber⸗ dem haͤtte auch Unpaſſenderes noch angenehm er⸗ klungen im Munde der glänzenden Chiotin, vor welcher Malgorzatens ſtill ernſtes Bild in den Hintergrund zu treten begann. 10* Seid uns gegruͤßt in der heiligen und rei⸗ chen Hauptſtadt Kijow, erlauchter Herr— ließen ſich die Griechen vernehmen— moͤge Euer Erſcheinen auf guͤnſtigen Tag und Stunde ge⸗ troffen haben, auf daß es auch uns Gluͤck bringe und Segen dem Handel. Herr— ſagten die Ruſſen— wenn Du der biſt, welchen dem hochwuͤrdigſten Metro⸗ politen der Geiſt des Herrn durch Sankt Ba⸗ ſilius gezeigt hat, als zu hohen Dingen be⸗ ſtimmt, ſo begruͤßen auch wir Dich in De⸗ muth. Sprechet, Ehrwuͤrdigſter, habt Ihr an ihm das Zeichen erfunden, das der Heilige Euch angedeutet im Geſicht? Der Oberprieſter trat ſchnell, als erinnere er ſich etwas Vergeſſenen, zu Olgierd hinan, warf einen Blick auf ſeine Schulter und ver⸗ huͤllte dann dieſe ſchnell und ſo gut es mög⸗ lich war, mit den langen Seitenlocken des Juͤnglings. Drauf kehrte er ſich zur Ver⸗ ſammlung und ſprach in feierlichem Tone: Zweifelt nicht, er iſt es, den mir der heilige Erzvater unſeres Glaubens gezeigt in frommer Verzuͤckung, und der Herr hat ihn gezeichnet zum Vollſtrecker ſeines ewigen Willen. So — 149— wollen wir denn dazu thun, ſolchen zu erfuͤllen, ſo viel an uns iſt, kraft unſeres von Gott verliehenen Amtes, und der Vollmacht die uns geworden von unſerm allerhochwuͤrdigſten Va⸗ ter, dem einzigen Haupte der wahren chriſt⸗ lichen Gemeine, dem Patriarchen von Kon⸗ ſtantinopolis.— Kniee nieder, Knecht der allein ſelig machenden Kirche— wendete er ſich gegen Olgierd. Der aber ſprach: Geiſtlicher Herr, denn das ſeid Ihr doch wohl, was Ihr mir anſin⸗ net, habe ich wenig geuͤbt. Nicht vor dem Koͤnige habe ich geknieet, der zweimal meinen Tod auf den Lippen trug und in der Hand; Niemandes Knecht will ich ſeyn, und daß ich es nicht ſeyn will, davon wiſſen die Sarmaten zu ſprechen. Verwundert und kopfſchuttelnd ſchaute der Metropolit Olga an und ſagte: Was muͤſſen wir hoͤren, Frau Sophronia? Iſt das der, welcher ein Löwe ſeyn ſollte gegen die Feinde des Glaubens und diejenigen, welche die Kirche verwirft, ein ſanftmuͤthig Lamm aber unter dem Stabe des Hirten? Wahrlich, ich meine, 50 neben dem Rehabeam iſt ein Jerobeam er⸗ ſchienen⸗ Doch ſie ſprach vermittelnd: Vergebet ihm, Herr, denn er weiß nicht, wer zu ihm redet, auch duͤrfet Ihr nicht alsbald Gefuͤgigkeit von dem erwarten, welchen, wie Ihr verabredet mit mir, Stolz und Unzufriedenheit ſaͤugten, den Raͤuber bildeten und der Buͤrgerkrieg vollendete. So wie er iſt, gebrauchet Ihr ihn, und ſo uͤbergebe ich ihn Euch; ein wenig Stolz oder Starrſinn moͤchte ich, moͤchtet Ihr wohl ungern an ihm vermiſſen. Du aber, Olgierd, bedenke Dich; es iſt der hochwuͤrdigſte Metropolit von Kijow, der vor Dir ſteht, der Zweite in unſerer Hierarchie, doch beugeſt Du, wie vor Niemand, auch nicht vor ihm die Kniee, ſondern vor dem Zeichen des Heils in ſeiner Hand, vor dem auch Caͤſar Auguſtus ſich demüthig in den Staub wirft. Erinnere Dich deſſen, was geſchrieben ſtehet: Wer ſich er⸗ niedriget, der ſoll erhoͤhet werden. Der Sinn, welchen dieſer Spruch zu ent⸗ halten ſchien, verſohnte Olgierd fuͤr dießmal mit der neuen Froͤmmigkeit ſeiner Mutter und mit ihrer Forderung, und er that wie ihm ge⸗ heißen war. Nach einem ziemlich langen, in halb ſin⸗ gender Weiſe geſprochenen Gebete, in das nicht nur die anweſenden Popen in naͤſelndem Tone, ſondern auch die Griechen halblaut ein⸗ ſtimmten und mit droͤhnenden Bruſtſchlaͤgen die Ruſſen, waͤhrend deſſen der konſtantinopoli⸗ taniſche Hofling und das Maͤdchen von Chios und die weiſe Frau des Waldes ſich gar gott⸗ ſelig gehabten, wie alle Uebrigen zu Boden geworfen, uͤberreichte einer der Diakonen dem Oberprieſter ein goldenes Buͤchslein. Er netzte den Finger mit dem darin enthaltenen heiligen Chryſam und beruͤhrte leicht in Kreuzesform die Stirn, die Schlaͤfe und die Bruſt Olgierd's, dazu ſprechend: Alſo weihe ich Dich im Na⸗ men des Vaters, des Sohnes und des Geiſtes, der von beiden ausgehet, zum Vertheidiger der wahren Kirche, nicht gegen die Schismatiker allein, ſondern auch gegen die, welche nicht kalt ſind noch warm, und dem Herrn ein Greuel. Abermals ſang er einige Strophen der Li⸗ tanei, dann ſchlang er um das Haupt des — 1 vor ihm Knieenden ein goldnes, bogenförmiges Stirnband, und als 3s Diadem Olgierd's Schlaͤfe beruͤhrte, zuckte durch dieſelbe ein brennender Schmerz, gleich als ſei es die gluͤhende Krone, die Boleslaw der Zweite ihm verheißen. Weiter ſprach der Metropolit: Ich umguͤrte Deine Stirn mit der fuͤrſtlichen Binde, welche der Kirche zu ertheilen gebuͤhrt, und ihre erſtgeborenen Sohne, dem Cäſar Au⸗ guſtus, damit Du ſie trageſt als ein gleichfalls treuer Sohn der allgemeinen Mutter, und die Glaubigen, die ſolch Zeichen auf Deinem Schei⸗ tel ſehen, ſich um Dich ſammeln, als um ihren rechtmaͤßigen Herrn, und ſolchen Schmuck von dem Haupte des Abtruͤnnigen reißen, der ſich ſeiner unwuͤrdig gemacht. Von neuem folgte ein kurzer Geſang, drauf hing der Oberprieſter um den Hals des jungen Mannes ein laͤnglich Kreuz von Rubinen an einer Kette mit den naͤmlichen Edelſteinen beſetzt, nnd fuͤgte hinzu: Dieß geheiligte Zeichen ſei Dir ein Merkmal deſſen, was Dir obliegt, des Zweckes, zu dem der Herr Dich erhoben aus anſcheinender Niedrigkeit, was Gott, die Kir⸗ che und Cäſar von Dir erwarten, nach dem, was bereits durch Dich geſchah, nach der Vorſehung Willen. Schon hat Dein Arm ſich tief in das Blut der Schismatiker ge⸗ taucht; nimmer erlahme er gegen die Feinde der reinen Lehre, nimmer gegen die falſchen Freun⸗ de, die noch verderblicher als Feinde ſind. Keine menſchliche Ruckſicht, ſie ſtelle ſich ihm auch dar, in welcher Geſtalt ſie wolle, ent⸗ waffne den Streiter fuͤr göttliches Recht. Roth iſt dieß Kreuz, das ſei Dir ein Sym⸗ bol, daß, obſchon die Kirche kein Blut ver⸗ gießt, ſie doch allein triumphiren mag durch das Blut ihrer Verächter, im heiligen Kampfe vergoſſen. Wie einſt die Stimme vom Him⸗ mel zu dem großen Konſtantinos ſprach, ſpre⸗ che ich zu Dir: In dieſem Zeichen wirſt Du ſiegen. So ſei der Herr mit Dir, und wende Dir gnaͤdig ſein Angeſicht zu, und ſeiner ur⸗ anfaͤnglichen chriſtlichen Kirche. Kyrie eleison, Christe eleison, Amen!— Und damit gab er ihm ein Zeichen, ſich zu erheben. In dem Augenblicke, als dieß geſchah, nä⸗ herte ſich Leontios Angelos, legte um Olgierd's Schultern einen weiten, ſchleppenden Mantel von perlfarbener feiner Wolle, mit ſehr brei⸗ — 5 tem Purpurſaume beſetzt, und ſprach: Der allerdurchlauchtigſte Auguſtus und Herr be⸗ ſtatigt in ſeiner weltlichen Machtvollkommen⸗ heit die Wahl der vekumeniſchen Kirche, und zum Zeichen deß bekleidet er Dich, erlauchter Herr, mit dem Ehrenkleide der Sebaſten.*) Gleichwie der Abglanz des kaiſerlichen Purpurs auf dieſem Gewande wiederſtrählt, alſo wie⸗ derſtrahle von dem fuͤrſtlichen Blutsfreunde ſelbſt der Abglanz kaiſerlicher Weisheit, Wuͤrde und Macht. . Beſtatte mi, Fuͤrſt— ſprach Olga⸗So⸗ phronia, ein wenig das Knie beugend, unge⸗ fahr mit dem Anſtande einer verwitweten Re⸗ gentin, welche den Sohn nach ſeiner Thron⸗ *) Der oſtromiſche Kaiſer maßte ſich das Recht an, allein den Purpur ohne Beimiſchung anderer Farben zu tragen. Die Mitglieder ſeiner Familie und die hohen Reichsbeamten, die zu derſelben ge⸗ zaͤhlt wurden, zeichneten ſich nur durch ſchmälere und breitere Streifen dieſer Farbe aus, wie einſt roͤmiſche Senatoren und Ritter. Befand ſich der Auguſtus im Staatsgewande, ſo war ſelbſt jein ge⸗ ringſtes und verborgenſtes Kleidungſtuͤck purpur⸗ roth, eben ſo die Verzierung ſeiner Gemaͤcher. Da⸗ her Purpurpalaſt. beſteigung begruͤßt— geſtatte mir, daß ich die Erſte ſei, welche Dir ihre Huldigung dar⸗ bringt. Auch habe ich wohl ein Recht dazu, denn ich bin es, die Dich dahin gefuͤhrt, wo Du ſteheſt, auf rauhem, dornenvollem Wege, unter zahlloſen Gefahren und Opfern. Mein Werk iſt vollbracht, und ich erwarte nur die Belohnung, die Deine Dankbarkeit mir nicht verſagen wird, die Du mir nicht verſagen kannſt, ohne deſſen verluſtig zu gehen, was ich Dir muͤhſam bereitet. Aber Olgierd ſah mit gefaſteter Stirne auf ſie herab und ſagte mit Tone und Blick: Wie iſt mir denn? Wie ehe⸗ mals ſchon oft, ſtehe ich ungewiß vor Dir, und ſo glaͤnzend das Licht iſt, das mich um⸗ gibt, ſo blendet es mich doch mehr als daß es mir leuchte. Du haſt mich hierher gefuͤhrt, ſprichſt Du, Dir habe ich alles zu verdanken, und von dieſen Maͤnnern vernehme ich, es ſei mein Recht, das mir geworden. Wer bin ich? Der Cäſar Auguſtus nennt mich ſeinen fuͤrſt⸗ lichen Blutsfreund, was habe ich mit Dir zu ſchaſſen? — 136— Weiblicher Seits, Herr— ſagte der Stra⸗ tor— ſtammeſt Du von den Herrſchern des romiſchen Reiches. Und wenn dem ſo iſt— fragte Olgierd wie zuvor— was kann dieſe mir ſeyn, und wer iſt ſie ſelbſt? Deine Mutter— ſprach Sophronia, ſich aufrichtend, ſtolz und mit Nachdruck— die ein heilig Recht hat zu dieſem Namen, und Kraft genug, ihn geltend zu machen. Deine Mutter, Herr— fuͤgte der Metro⸗ polit hinzu— der die allgemeine Mutter Dich anvertraut hat, und ſie mit hohen Gaben aus⸗ geruͤſtet zu hohem Zweck. Dieſe, die Kirche, aber fordert Vertrauen und Gehorſam, und noch hat ſie ihre Gewalt in die Hände dieſes auserkorenen Werkzeuges gelegt. Seltſam genug— erwiderte Hlgierd un⸗ muthig— Fuͤrſt nennet Ihr mich, und habt mich mit den Zeichen der Herrſchaft bekleidet, und doch, ſcheint es, ſoll ich fort und fort gehorchen wie immer. Wann kommt denn der Augenblick, da ich gebieten werde, und welches Bodens Herr bin ich, wer ſind die, die mir unterthan ſind? — 1537— Du ſteheſt— antwortete Leontios— auf dem eigenen Boden, edelſter Sebaſt, und Deine Unterthanen ſind, die Dich umgeben. Noch iſt jedoch der Augenblick nicht da, da alle, die es ſind, Dich für ihren Herrn erkennen; nicht fern iſt er zwar mehr, aber geſtatte, daß bis dahin die Klugheit Deiner Tapferkeit den Weg bereite. Furſt von Kijow wäre ich— ſprach Ol⸗ gierd mit Befremdung— und das Recht ſetzte mich auf Demetrius Jzaslaw's Stuhl? So iſt es, mein gebietender Herr— war die Antwort des konſtantinopolitaniſchen Bot⸗ ſchafters. Der junge Mann ſtand eine Weile ſchwei⸗ gend, wie zwiſchen ſtreitende Empfindungen ge⸗ theilt; dann ſagte er langſam und nicht ohne Bewegung: So ſoll ich denn im Kampfe auftreten gegen den Fuͤrſten Jaslaw? Nim⸗ mer haͤtte ich das gewaͤhnt, nimmer ſogar ge⸗ wuͤnſcht, ſelbſt um ſo hohen Preis, um den Preis einer Krone. Wahrlich, mit kuhnerm Muthe wollte ich als Feind mich jenem Bo⸗ leblaw entgegen ſtellen, wie ich es als Ge⸗ — 158— fangener ſchon that, als dem Großfuͤrſten von Kijow. Einer iſt dem Andern gleich— fiel der Metropolit mit Heftigkeit ein— Beide hat der Herr verworfen vor ſeinem Angeſicht. Wie den ſauromatiſchen Koͤnig der Ketzer, hat das Anathema maharam motha auch den ge⸗ troffen, der in ſuͤndlichem Zweifel ſchwankt zwiſchen lateiniſchen Irrlehren und dem wahren Glauben; die griechiſche Chriſtenheit ſtoͤßt ihn aus, deß ſchwankender Sinn den Abendländern ſpät oder fruh die goldene Pforte von Kijow zur Pforte des Hrients machen könnte; die Kirche hat ihn aus dem Buche des Lebens geſtrichen, und ein gleiches Schickſal trifft Jeglichen, der, gegen ihr Gebot widerſpänſtig, menſchliche Ruͤckſicht der göttlichen vorzieht. Der byzantiniſche Hof- und Staatsmann gewahrte an Olgierd's gerötheten Wangen und zuſammengezogener Stirn den widrigen Ein⸗ druck, den des Pralaten befehlhaberiſche Rede auf ihn gemacht, und er beeilte ſich, denſelben zu ſchwaͤchen. Edelſter Sebaſt— ſagte er— weit ent⸗ fernt bin ich, die lobenswerthen Empfindungen ———— — 159— zu tadeln, welche auch der Bruſt eines Helden trefflich anſtehen, aber vor Allem geht das Recht, zumal wenn Geott durch ſeinen Diener es beſtätigt, und ſein weltlicher Stellvertreter, Auguſtus. Ihr werdet dem Vertrauen, das in Euch geſetzt worden, entſprechen, nicht werdet Ihr, ungerecht gegen Euch ſelbſt, das Diadem von Euch werfen, das Euch zukommt und bereits die Schläfe des Auserwählten ziert, Ihr werdet das große Werk vollenden, zu dem Ihr be⸗ rufen. So lange aber, bis dieß geſchehen kann, bis Ihr offentlich auftretet in Eurer Macht und Wuͤrde, ſchauet gutig auf die, welche ſie bereits pflichtſchuldig anerkennen, und laſſet ihre Huldigung Euch gefallen. Auf ſeinen Wink warfen die Ruſſen ſich nieder und ſprachen: Heil, Heil dem Kniaz Olgierd, und Gehorſam und Treue dem, wel⸗ chen Gott und der heilige Waſilij zum Herrn uͤber uns geſetzt!— Als ſie ſich nun auf des neuen Fürſten gebieteriſche Handbewegung wie⸗ der erhoben, ſprach der Vornehmſte unter ihnen, jener Feldoberſte, welchen wir bereits in jener geheimen Berathſchlagung gegenwaͤrtig geſehen: — 160— Ja, die Treue iſt Eurer Unterthanen ange⸗ borene Tugend, fuͤrſtlicher Herr; ich bin ein alter Kriegsmann und habe immer den Fuͤr⸗ ſten zu Kijow treu gedient, dem Jaroslaw, drauf dem Jzaslaw, dann dem Wſzewolod, ferner dem Wſzeblaw, nun Jzaslaw wieder, und fortan Euch. Der Fuͤrſt iſt der Fuͤrſt, er heiße wie er wolle, der rechte aber iſt der, der auf der Burg zu Kijow wohnt, und den Gott dafuͤr erkennt, der hochwuͤrdigſte Metro⸗ polit und die heilige Synode. So habe ich denn immer treu und pflichtgemäß gethan, und un⸗ beſchwert iſt mein Gewiſſen geblieben. Dieſer etwas wunderlichen Zuſicherung der Treue, in rauhen Toͤnen gegeben, folgte un⸗ verzuͤglich ein zierlichere Huldigung. Theo⸗ phraſtos begann als Wortfuͤhrer der knieenden Griechen: Geſegnet ſei der Tag, an welchem der Wiederbringer einer goldenen Zeit einzog in Kijow, und geſegnet meine geringe Behauſung, die eines ſo erhabenen Gaſtes gewuͤrdiget wor⸗ Nur demuͤthige Handelsleute ſind es, die den Verwandten Cäſar's begrüͤßen, und un⸗ terwuͤrfig die Kniee des Herrſchers umſchlingenz nicht ihr Schwert mag Euer Recht ſiegreich — 161— unterſtuͤtzen, doch iſt Euer Eigenthum alles, was ſie beſitzen, wenig zwar nur, ihr Herz und ihre ſparliche Habe. Das Eiſen iſt es zwar, mit dem man Diademe erkaͤmpft und vertheidigt, doch ſchaͤrfer wird es an Golde geſchliffen, und was von letzterm unſere Tru⸗ hen enthalten, ſteht zu des Sebaſten Gebot. Der Raͤuberzögling, das Haupt der Em⸗ pörer, der halbſtuͤndige Herrſcher vermochte ſehr wohl das Gewicht einer ſolchen Huldigung zu wuͤrdigen, und eine gnadenreiche Geberde, von einem Lächeln begleitet, lohnte dem Red⸗ ner. Noch ein Unterwerfungact war zuruͤck, und deſſelben entledigte ſich die ſchoͤne Chiotin: Hoher Herr— ſagte ſie mit dem Fluͤſtern furchtſamer Magdlichkeit— dem Rechte Eurer Geburt haben dieſe wuͤrdigen und edlen Män⸗ ner erwieſen, was ihm gebuͤhrt, noch ein an⸗ deres aber iſt Euch verliehen, das des Pur⸗ purs und Diadems nicht bedarf; geſtattet mir denn, daß ich mich beiden unterthan bekenne. Kehrt der königliche Adler zuruͤck in den hei⸗ miſchen Forſt, und es tönen ihm die Stim⸗ men ſeiner geſiederten Diener entgegen, mag V. Band. 41 — 15— er ſein Ohr auch wohl dem leiſen Fluͤſtern der Grasmuͤcke leihen. Oigierd's Blick und Wort thaten ihr kund, daß der Grasmucke Geſang ihm lieblicher klinge als das Schreien der Eulen, Raben und Geier, das er eben vernommen. Bald darauf verließ er, feierlich begleitet, den zum Kroͤnungſaal umgewandelten Gartentempel, um in Träu⸗ men naher Groͤße und Freuden zu ſchwelgen. Allein mit dem Metropoliten zurückgeblieben, ſagte der Dynaſtides von Negropont zu dieſem: Das Schauſpiel hat nun begonnen, hoch⸗ wuͤrdigſter Herr, und mich daͤucht, es ginge ziemlich von Statten. Der Chor hat ſeine Sache wohl gemacht, und auch der Held ſchreitet keck und ſtattlich einher in der Maske. Doch, meine ich, man muß ihn im Rauſche der Begeiſterung erhalten, bis zur Kataſtrophe, denn er iſt ſtörriſcher Gemuͤthsart und fiele wohl gar aus der Rolle. Ernſtlich geſprochen, mehr als er weiß, darf ihm nicht kund wer⸗ den, der Strom der Handlung reißt ihn wohl von ſelbſt dahin, wo wir ihn ſehen wollen, vis zu der That, die, einmal geſchehen, nichts zuruͤckruft. Ohne ſie ganz zu erkennen, be⸗ gehe er ſie, dann erſt falle der Schleier, im Augenblicke der Vergeltung. Ueber ein kleines noch, gottſeliger Prälat, und dieß verworfene Geſchlecht, das, wie die Brut des Wolfes, ſich ſelbſt zerfleiſcht, ſcheidet hinweg, und macht einem beſſern Raum; des Jaroslaos ausgeartete Sproßlinge, dem edlen Stamme der Kom⸗ nenen. Alſo— entgegnete der Metropolit, den frommen Blick zum Himmel erhebend— Herr Veſtiarius und Strator, alſo geſchehe es zur Ehre Gottes und der Kirche, zum Beß⸗ ten der griechiſchen Chriſtenheit, und durch die Gnade ihrer Beſchutzer, der Heiligen, Amen! Im Ritterſaale der Burg zu Krakow ſtand Rikolaus Strzemieniec, der Kronſchwertträger, des Augenblicks wartend, da er Zutritt finden werde beim Könige, um ihm Bericht von 11* 1 einem Zuge abzuſtatten, welchen er in die Gegend des, heut in Oberſchleſien gelegenen Ra⸗ tibor unternommen; ſchon fruͤher war daſelbſt Georg Trepka, der neue Rittersmann, zu ihm getreten, und Beide ſtanden im angelegentlichen, beinahe beendeten Geſpraͤche. Wie ich Euch ſage, hochgeborener Strze⸗ mieniec— ſagte Trepka mit Eifer— nichts hat ihn bewegen koͤnnen, nicht das Andenken an die langen Dienſte meines Großvaters, nicht des Fraͤuleins Wunſch, nicht der from⸗ men Agnes Ermahnung, ſelbſt nicht Eurer ehrbaren Hausfrau Fuͤrbitte, die doch ſonſt alles vermag uͤber den Herrn Kaſtellan. Und als man ihm vorſtellte, wie ich doch, freilich uͤber Verdienſt, gewuͤrdigt worden, unter den polniſchen Edlen zu ſtehen, und den beßten von ihnen meines Gleichen zu nennen, und wie der König mir auch ein Beſitzthum ver⸗ liehen, die neue Wuͤrde zu behaupten, ward er gar unwillig und ſchwur in ſeinem Eifer, nimmer ſolle ein Liebling und Soldner Herrn Boleslaw's in ſeine Sippſchaft treten, denn, verzeiht, edler Nikolaus, es waͤr in derſelben an einem genug. Das, ich leugne es nicht, hat mich empfindlich verletzt, denn der geringe Dienſt, deß ich mich ruͤhmen kann, war nicht allein dem Koͤnige, ſondern dem geſammten Vaterlande geleiſtet, und er nicht allein hat es anerkannt, ſondern auch alle die ehren⸗ werthen Ritter, die Herren und Bruͤder zu nennen mir jetzt erlaubt iſt. Nikolaus verſetzte mit Bitterkeit: Krän⸗ ken mag es Euch, Ritter Trepka, doch nicht befremden; der, dem der Koͤnig wohl will, hat ſich Herrn Severin's Gunſt nicht zu er⸗ freuen. Ein Geiſt der Verwirrung herrſcht im Reiche, deſſen Spuren ich leider auf meinem gegenwaͤrtigen Zuge nur allzu deutlich wahr⸗ nahm, und nicht nur die Jugend hat er er⸗ griffen, auch das Alter. Was aber den Ka⸗ ſtellan von Proſzowice betrifft, ſo furchte ich, er wird durch Herrn Szezepanowski bei ſolcher verkehrten Geſinnung erhalten, welcher derſelbe, wie man ſpricht, Anhaͤnger wirbt und dieſe durch ſein eigenes Beiſpiel beſtarkt. Das mag ich nicht glauben— war Ge⸗ org's Antwort— gewiß iſt aber, daß Euer Herr Vater, mißgelaunt von der Reichsver⸗ ſammlung heimkehrend, weniger Beſchwerde — 6— uͤber das fuͤhrte, was ihm ſelbſt widerfahren, als uͤber die Drohworte, welche unſer Herr gegen den Biſchof ſich verlauten ließ. Nikolaus verſetzte mit finſterm Lächeln: O, dieſes heiligen Mannes Ein- und Aus⸗ gang hat unſerm Hauſe immerdar wenig Heil gebracht. Auch dem Reiche taugt, mei⸗ nes Erachtens, das Prieſterregiment nicht, das dieſe geiſtlichen Herren einzufuͤhren ſtreben, einer wie alle, nur auf verſchiedene Art, dieſer durch Raͤnke, durch Scheinheiligkeit und Buß⸗ predigten jener, die letzte Waffe aber, die jeder von ihnen bereit haͤlt, der Schlaue wie der Taubenſinnige, der Verwegene wie der Sanft⸗ muͤthige, ſind die Donner des Laterans. Da ziemet es ſich wohl der weltlichen Macht, zu zeigen, daß ſie ein Fels iſt, der ſolcher Blitz⸗ ſtrahlen ſpotten kann. Ich fuͤrchte— ſagte Ritter Georg— es wird bald zu ſo betruͤbendem Zwieſpalt kommen, bei dem, wie immer, das Unheil die triſſt, die den ſtreitenden Maͤchten unterthan ſind. Bedenkliches habe ich vernommen, als ich in Krakow einritt; als ich, hierher meinen Weg richtend, an der Kathedrale voruͤber kam, ſah — ich eine große Anzahl Geiſtlicher verſammelt, zu dieſer Tageszeit ein ungewöhnlich Exeigniß, und Worte habe ich gehört, die keiner Segnung gleich lauteten. Strzemieniec antwortete nach einer Pauſe ernſt: Auch mir iſt dergleichen zu Gehor ge⸗ kommen, und der Augenblick ſcheint mir nicht fern, da Altar und Thron ſich feindlich von einander trennen. Das verhuͤte Gott— rief Trepka— denn groß Ungemach braͤchte ſolche Trennung uͤber das Reich, im Einzelnen wie im Ganzen. Aber— ſehet, hochgeborner Herr Schwert⸗ träger, ich bin ein junger Menſch und in den Reihen polniſcher Edlen der Letzte, mag mich auch der Entſcheidung uͤber Wichtiges nicht vermeſſen, doch, Ihr wiſſet es ja ſelbſt, nicht die Geiſtlichkeit allein, auch die meiſten Herren und Bruͤder tadeln des Königs Verfahren ſeit ſeiner Heimkehr. Mein Wohlthaͤter iſt Herr Boleslaw, ich bin ihm lebenslang mit Dank⸗ barkeit verpflichtet, und ſo der Stamm der Trepka Wurzeln ſchlagen ſollte, mein Geſchlecht fuͤr alle kommende Tage— aber doch meine ich, nicht ſo ganz ohne Grund ſei jene Miß⸗ — 168— billigung der Edeln und die Ermahnung der Prieſter. Ich liebe ihn, der den feurigſten Wunſch meines Herzens erfullte, der mich em⸗ porhob zu Männern wie Ihr, mein hochacht⸗ barer Herr, und darum wuͤnſchte ich wohl, daß ihn Alle ſegneten wie ich, und der Fluch der Kirche das Haupt nicht treffe, das ich ver⸗ ehren muß, wenn ich es auch nicht tadelfrei zu nennen vermag. Der Fluch der Kirche?— rief der Kron⸗ ſchwerttraͤger heftig— Wahre ſich jeder ihrer Diener, ihn auf dieſem Boden auszuſprechen gegen den geborenen Herrn!— Gelaſſener aber ſetzte er hinzu: Auch ich wuͤnſchte, manches wäre anders, und von ganzem Herzen ver⸗ damme ich dieſen Zug nach Kijow und ſeine verderblichen Folgen; wohl moͤchte ich, der Koönig gaͤbe manchem treuen Rathſchlage Ge⸗ hoͤr, und nicht Alle, denen er zuͤrnet, haben es um ihn verdient und um das Reich. Aber fern bleibe der Prieſter vom weltlichen Regi⸗ ment, ſein Einfluß iſt unheilbringend im Großen wie im Kleinen, und wie er meine Jugend vergiftete und meine Mannesjahre trubte, wird er Unheil ſtiften im Vaterlande, wie er — im Vaterhauſe gethan. Sehr jung ſeid Ihr, Ritter Georg, Ihr ſagt es ſelbſt, und die Ju⸗ gend, nur die Gegenwart wahrnehmend, hat nicht den umfaſſenden Blick, den die Er⸗ fahrung reiferem Alter gewahrt. Ein weithin leuchtend Beiſpiel hat die Gegenwart in Rom aufgeſtellt, ermuthigend fuͤr die Prieſter, die Laien warnend und ihre Gewaltigen und Fuͤr⸗ ſten. Hildebrand-Gregor hat eine Frage zur lauten Sprache gebracht, die man ſchon laͤngſt im Lateran fluſternd aufgeworfen, und damit die Welt ſie bejahe, hat er ſie ſcharfſinnig entſtellt. An den Platz des Himmels hat er die Kirche geſtellt, ſein Sinnbild auf Erdenz an Gottes Stelle ſich ſelbſt, ſeinen Statthal— ter, und wie die Kirche hervorragt uͤber andere Häuſer an Wuͤrde, ſo, meinte er, ſtuͤnden ihre Diener auch uͤber den anderen Menſchenz wie Gott der Koͤnig der Könige iſt, ſo ſei ſolch Amt von Rechtes wegen auch ſeinem Stellvertreter uͤberkommen. Es trug ſich zu, wie es immer pflegt im Kampfe zwiſchen Stärke und Geiſtesohnmacht, der ſchwache Heinrich beugte ſich in den Staub vor dem kuͤhnen und klugen Gregor, und zu Canoſſa — 0— feierte Sankt Peter's Stuhl den glänzendſten Sieg. Zwar ward er drauf wiederum ſtreitig gemacht, aber was geſchehen war, blieb ge⸗ ſchehen, die große Frage war in die Wirklich⸗ keit getreten, und obſchon Gregor VMe ſelbſt unterlag, ſo ſtanden Thron und Altar ſich feindlich und mißtrauiſch gegenuͤber, und die Entſcheidung war dem Siege des einen oder des andern anheim geſtellt. Hoch ſchauten die Prieſter auf in der katholiſchen Chriſtenheit, denn ſie ſind begehrlichen Sinnes, wenige ſind unter ihnen, die nicht gern ſich zu dem Fehde⸗ handſchuh bekennten, den ihr Oberer hinwarf, wenige, die nicht trachteten, die Tiara zum Nachtheile der Krone zu erheben. Darum ziemt es dem, der ſein Vaterland lieb hat, dem Edlen, treu zu der Krone zu ſtehen, ſo auch das Haupt, das ſie trägt, nicht aller Maͤngel bar ſei, nicht um die Perſon handelt es ſich, ſondern um die Sache, um alte Ord⸗ nung und altes Recht; darum muß man die Anmaßung der Kirche danieder halten, daß ihre Diener nicht uͤbermuͤthig werden, daß der Bi⸗ ſchof nicht herrſche in der Konigsburg und in den Schlöſſern des Adels, bei den Saſſen der Pfarrherr, und in den Huͤtten der Knechte der Bettlermoͤnch, denn alle ſind die Glieder eines ungeheuren Körpers, und dieſer Körper ſtrebt Alles zu umſchlingen und zu erdrücken. Wichtige Worte habt Ihr geredet, hoch⸗ edler Herr Schwertträger der Krone— er⸗ wiederte Trepka— vieles Wahre mag dabei ſeyn, und wenn Ihr auch etwas weit ge⸗ gangen waͤret, ſo ziemt es mir, dem jungen Manne, der nur das Waffenhandwerk er⸗ lernte, doch nicht, den erfahrnen Beamten des Reiches zu widerlegen. Doch wenn ſolche Befurchtung auf den Biſchof von Krakow Bezug hat, ſo glaube ich doch, Ihr betrachtet mit allzu unguͤnſtigem Auge den heiligen Mann, deſſen Sinn zum Himmel gerichtet iſt, nicht auf die Zeitlichkeit, und der gleichſam unter den Menſchen einhergeht, wie der Bote des Friedens, ihn, der in ſeiner Bruſt wohnt, ringsumher zu verbreiten. Gerade dieſer— fiel Rikolaus ſchneidend ein— gerade von dieſem Boten des Friedens geht der Unfriede aus in die Welt. Bei mei⸗ nem Eid, minder gefährlich erſcheint mir jener Petrus Nalencz, ſo wenig er taugt, der den Nimbus der Heiligkeit aufgegeben fuͤr weltliche Ehre, und die Schluͤſſel des Paradieſes fuͤr die Siegel des Reichs, als dieſer Stanislaw, welcher erſcheint gleich einem Buͤrger aus der andern Welt, fremd den Menſchenkindern, und ihnen gegenuͤberſtehend, ein Prophet, ein Bote Gottes, wie Ihr ſagt, und wie er will, daß man es glaube; in ſolcher Hand vornehmlich moͤgen die Waffen der Kirche verderblich wer⸗ den. Solche beherrſchen die Meinung, und eben ſo leicht wenden ſie die Herzen der Völ⸗ ker vom KFoͤnige ab, als das Herz des Vaters vom Sohne. Wenn ich Eurer Wuͤrden letztes Wort recht verſtehe— ſagte Georg eifrig— ſo habt Ihr auf Herrn Stanislaw einen ſchweren Arg⸗ wohn geworfen, und begehet eine Ungerechtig⸗ keit gegen den wuͤrdigen Biſchof, die Ihr einſt—— Trocken unterbrach ihn Strzemieniec: Ihr hattet ja wohl ein Gewerb an mich, Herr Trepka, ſagt, worin es beſteht. Mit einiger Verwirrung entgegnete der Juͤngling: Ihr habt vernommen, wie des Herrn Kaſtellans Wille meinem Wunſche — 173— entgegen ſtehet, und den Grund ſeiner Wei⸗ gerung. Wohl fuͤhle ich, daß ich mich nicht Kleines vermeſſen, um eine Jungfrau aus altem und beruͤhmtem Geſchlechte, um Fraͤulein Ilga zu freien; da ich nun aber ſo hoch geehrt worden bin durch den König und meine Her⸗ ren und Bruͤder, darf ich wohl um einen Preis ringen, den ſie, die ihn ertheilen ſoll, mir nicht verſagt. So wollte ich denn Euch, falls Ihr nichts dagegen habt, bitten, Eure Fuͤrſprache bei dem Herrn Vater mit der Eurer Ehege⸗ gemahlin und der Andern zu vereinigen; ſeid dafuͤr lebensläͤnglichen Dankes gewiß. Fuͤrwahr— rief der Schwerttraͤger mit unmuthigem Lachen— Ihr habt Euch uͤbel bedacht, wenn Ihr mein Fuͤrwort bei Herrn Severin Strzemieniec begehrt. Höchſtens taugt es dazu, ſeine Weigerung unuͤberwindlich zu machen. Und doch— fuhr in gefälligerer Weiſe fort, des jungen Ritters Hand ergrei⸗ fend— doch habe ich nichts gegen Euer Be⸗ gehr. Nicht bin ich der Meinung, daß Ihr niedriger ſtaͤndet als irgend einer der Unſern, weil Ihr der Stammherr und Erſte Eures Geſchlechtes ſeid, ein jedes hat einen ſolchen, und wahrlich, Ihr habt das Eure nicht uͤbel begonnen, Herx Trepka, und die edelſte Jung⸗ frau mag ſich nicht zu gut halten, den wohl⸗ erworbenen Namen mit Euch zu theilen. Nun denn, auch aus meiner Hand koͤnnt Ihr empfangen, was Euch der Kaſtellan von Pro⸗ ſzowice verweigert. Meine Hausfrau iſt Mal⸗ gorzata Strzemienczowa, ihrer Schweſtern Vor⸗ mund bin ich, nicht meinen Vater alſo habt Ihr anzuſprechen, ſondern mich, und wenn Ilga, meine Schwiegerin, es meint, wie Ihr ſagt und ich glaube, ſo iſt ſie die Eure, auf das Wort eines Ritters— aber unter einer Bedingung. Die Hand auf die Bruſt legend, betheuerte Georg, er ſei bereit, auch die ſchwerſte zu er⸗ fuͤllen. Nicht Schweres fordere ich von Euch— erwiderte Nikolaus, ernſt laͤchelnd— wie mag die Erfuͤllung einer Pflicht dem Ritter und Ehrenmanne ſchwer fallen? Aber die Beding⸗ ung, die der Sohn aufſtellt, iſt gerade des Vaters Bedenken entgegengeſetzt. So ſtiehen wir nun einmal zuſammen, wir vom Geſchlecht der Strzemieniec, dahin iſt es zwiſchen uns gekommen durch den Boten des Friedens, durch jenen heiligen Mann, und wahrlich, mehr dergleichen wuͤrde man ſehen, ließe man ihn und ſeines Gleichen gewaͤhren. Herr Severin weigert des Frauleins Hand dem Guͤnſtling und Söldner des Königs, wie er Euch nennt, ich aber ſage Euch, nimmer wird ſie einem Andern zu Theil als dem, der treu an Herrn Boleslaw haͤngt, und an der Lehnöpflicht ge⸗ gen den Wohlthäter und Herrn, dem, der das ritterliche Schwert, was er von ihm erhielt, fuͤr ihn gebraucht, wenn es Noth thut. Und vielleicht dürfte es bald Noth thun, denn Ihr habt recht geſehen, Herr Trepka, und recht gehort. Groß Aergerniß ſtehet dem Reiche bevor, und ein maͤchtiger Zwieſpalt zwiſchen Thron und Altar; ſehet nun zu, auf welche Seite die Ehre Euch ruft und die Liebe. Da ſei Gott vor— rief Georg— daß ſolch unheilſchwangeres Wort in Erfuͤllung ginge, aber, wie es auch komme, ſo bin ich Herrn Boleslaw treu und gewärtig in allen rechtlichen Dingen. So harret denn ein wenig, bis er aus der Kathedrale zuruͤckkommt— ſagte der Andere — 176— — daß ich Euch zu ihm fuͤhre. Erſprießlich iſt es, daß er die kenne, die es wohl mit ihm meinen, und ſie ſich zu ihm ſammeln, denn ich fuͤrchte, deren Zahl iſt nicht groß. Nach einer Pauſe ſprach der junge Ritter: Ich hore die eiligen Schritte vieler Gewapp⸗ neten; iſt es vielleicht der Koͤnig? Der Schwertträger antwortete: Es ſcheint beinahe ſo, doch befremdet es mich, denn kaum hat wohl noch das Hochamt begonnen. Im naͤmlichen Augenblicke ſahen ſie im ge⸗ öffneten Thronſaale die eine der Hinterthuͤren auffliegen, und alsbald ſturzte Boleslaw der Zweite herein mit wildem Blick und gluͤhendem Geſicht, hinter ihm Frau Chriſtine, in Thraͤ⸗ nen gebadet, und dann mehre Herren und Ritter, alle in ſichtlicher Beſtuͤrzung. Mehr rennend als haſtigen Schrittes, eilte der Koͤnig vorwärts, gegen die Mitte der Halle, durch den Halbkreis der Seſſel, die den Thron umgaben, an einen von ihnen ſtieß ſein Fuß, er warf einen Blick auf denſelben und erkannte ihn als den Senatorſitz des Biſchofs von Kra⸗ kow. Da packte er ihn mit der Kraft des Ingrimmes und ſchleuderte ihn ſo gewaltig ge⸗ ———— gen die Mauer, daß das ſchwerfällige eichene Geraͤth krachend in Truͤmmer zerborſt, dann raͤnnte et wieder vorwaͤrts dem Ritterſaale zu. In demſelben angelangt, und vor dem er⸗ ſtaunten Schwerttraͤger ſtehend, rief er aus keus chender Bruſt: Bin ich noch Boleslaw, Kazimierz Sohn, und der Urenkel des Piaſt?— Bin ich noch Koͤnig in dieſem Reich? Vergeblich fragte Nikolaus, er erhielt kei nen Beſcheid, mit funkelndem Blick ſtarrte der Wuͤthende zuruck in den Thronſaal und ſchrie: Bei den Gebeinen meiner Ahnherren, wie ſei⸗ nen Stuhl will ich dieſen hoffärtigen Prieſter zertruͤmmern, auf daß er allen kommenden Geſchlechtern ein Beiſpiel ſei von dem Zorne des Königs und der Strafe des Frebels! Dann wandte er ſich ab und durchſchritt raſchen, ſtampfenden Ganges die Saͤle, beglei⸗ tet von Chriſtinens Klage und Vorwurf, und dem dumpfen Fluͤſtern der Edeln. Was hat ſich zugetragen, Herr Adalbert? — fragte Nikölaus den ihm zunächſt ſtehenden Druzyniec— Nichts Kleines muß es ſehn, V. Band. 12 — 178— nach der Bewegung des Koͤnigs zu ſchließen, und der Betroffenheit dieſer Herren. Kleines und nicht Kleines, wie Ihr wollt — verſetzte leichthin der Höfling— wir fan⸗ den die Pforte der Kathedrale geſperrt, und im Kirchenbanne iſt der König. Alſo doch— und ſo ſchnell?— rief Strze⸗ mieniec erſchuͤttert— beſcheidet mich denn, wie ſich das Ungeheuere begab, von dem Ihr ſo gleichgiltig redet? Nun— ſagte der Andre wie zuvor— obgleich bei uns dergleichen noch nicht vorge⸗ gefallen, ſo weiß man doch, wie die geiſtlichen Herren es zu halten pflegen in aͤhnlichen Din⸗ gen. Als wir eintreten wollten in die ge⸗ wöhnliche Thuͤre, die zur Betkammer des Ko⸗ nigs fuͤhrt, war ſie nicht offen, wie immer, ſondern geſperrt durch zwei gewaltige Riegel. Das verwunderte uns, und dem Herrn ſtieg alsbald das Blut in die Wangen, und mit gewaltiger Stimme befahl er zu klopfen. Als dieß nun geſchehen, erſchallte drinnen aus dem Munde des Woͤchners*) die Frage, wer da *) Wochner, Hebdomadarius, hei einer, mit mehren Geiſtlichen verſehenen Kirche, der Prie⸗ — 179— ſey? Herr Boleslaw der Andere, von Gottes Gnaden König in Polen, antwortete ich und waͤhnte, die Pforte, irgend eines Tagesgebrauches wegen verſchloſſen, werde ſich alsbald aufthun, aber mit nichten, denn abermals ließ ſich die Frage vernehmen: Was iſt des Genannten Begehr?— Ich ſagte drauf: Dem heiligen Meßopfer beizuwohnen iſt des Koͤnigs Begehr. — Und der drinnen fragte immer wieder: naht er ſich dem Altare des Herrn allein, im Gewande der Buße, und Reue im Herzen? — Mit nichten, war mein Beſcheid, mir vom Könige mit zornbebender Stimme zu⸗ geraunt: Mit dem Gewande des Herrſchers iſt er bekleidet, das ihm gebuͤhrt, die Herren und Edlen ſeines Gefolges begleiten ihn, und die wohlgeborene Frau Chriſtine von Skal⸗ mierz. Hier unterbrach ſich Adalbert, als er des Schwerttraͤgers mißbilligendes Kopfſchuͤtteln be⸗ ſter, bei einer Kathedrale der Canonicus, der, woͤch⸗ entlich der Reihe nach abwechſelnd, den gewoͤhn⸗ lichen Gottesdienſt verrichtet, und die Aufſicht uͤber Geraͤthe, die Sacriſtane und Kirchendiener uhrt. 12* — 180— merkte, ſprechend: Ich geſtehe Euch, daß ich die letzten Worte minder laut ſprach, ſie auch gern hinweggelaſſen haͤtte, allein ſo war des Koͤnigs ausdruͤcklich Gebot, und Ihr wiſſet, daß es bedenklich iſt, von ſelbem auch nur um eines Haares Breite zu weichen. Weiter, wenn es Euch gefaͤllig iſt, weiter — ſagte Nikolaus unzufrieden. Ja, weiter ſprach ich nichts— war Adal⸗ bert's Gegenrede— denn Herr Boleslaw, ſei⸗ nen Zorn nicht laͤnger bemeiſternd, ſchrie laut, daß es wiederhallte am entlegenen Thore: Thu' auf, und ſaͤume nicht, ſonſt wahre Dich vor dem Ingrimm des Koͤnigs. Thu' auf, Pfaff, denn alſo iſt unſer Gebot!—— Der aber ſprach beinahe eben ſo laut: Ich ſtehe hier im Namen eines groͤßern Herrn, und alſo ergeht durch meinen Mund deſſelben Wort an Dich, Boleslaw, Koͤnig von Polen: Dem bußenden und bereuenden Sohne der Kir⸗ che ſtehet ihre Gnadenthuͤr offen, und willig thut ſie dieſelbe auf vor dem erſigeborenen Sohne; dem verſtockten und beharrenden Sün⸗ der aber bleibt ſie verſchloſſen, und mit um ſo blutenderm Herzen wendet ſich die Mutter — 181— von dem, den ſie fruͤher im Herzen getragen. Gedenkeſt Du, den Tempel zu betreten, der Suͤnde Dich nicht abthuend, ſondern, prahlend mit ihr, der frommen Gemeine Aergerniß zu geben; willſt Du dem Koͤnige der Könige Hohn ſprechen in ſeinem Hauſe, vor ihn tre⸗ tend mit der Genoſſin Deines Frevels? Wahr⸗ lich, der Gott, der die Ehebrecher richtet, laͤßt ſeiner nicht ſpotten. Willſt Du vor den Rei⸗ nen treten, mit Haͤnden, beſudelt von unge⸗ rechtem Gute? Willſt Du den Zorn des Vaters der Menſchen auftufen, ihm opfernd, befleckt von dem Blute ſeiner Kinder? Kehre denn um von dieſer heiligen Schwelle, die, zu betreten, Du Dich unwuͤrdig gemacht, und nicht eher erſcheine vor ihr, an die Gnaden⸗ pforte klopfend, bis Du das Aergerniß abge⸗ than vor Dir und dem Reich, das Dir Gott anvertraute, bis Du den Himmel und die Menſchheit verſuͤhnt durch Erſatz, durch Reue und Buße. Alſo ſpricht durch meinen Mund, im Namen Gottes, ſein Knecht Stanislaw, dieſer Kirche Biſchof und Pfarrherr, zu Dir, Boleslaw dem Andern, Koͤnig in Polen, . Nicht ſanftmuͤthig nahm dieſer Andere ſolche Rede auf, er ließ harte Worte vernehmen, doch vermochten ſie nicht, die Kirchthuͤr zu ſprengen, und da ſie verſchloſſen blieb wie zuvor, ſind wir hier. Ihr ſchauet zu Boden und ſchweigt?— fragte Nikolaus, den ſchmerzlich betroffenen Trepka aufmerkſam betrachtend— Wohl iſt Vieles nicht wie es ſeyn ſoll, doch unſere Obliegenheit immer dieſelbe. Voruͤbergehend iſt der Konig und ſeine Vergehen und Mängel; der Unglimpf aber, der Krone zugefuͤgt, pflanzt ſich fort bis in die entfernteſten Zeiten. Ich aber gab mein Wort, feſt halte ich an ihm, Ihr kennt es und habt Euch danach zu richten. Der Ritterſaal fuͤllte ſich immer mehr und mehr, und alle, die kamen, trugen ſchlimme Botſchaft auf dem Angeſichte und der Zunge. Schnell hatte das Geruͤcht von dem, was ſich in der Kathedrale begeben, die Hauptſtadt durcheilt, beſtuͤrzt floh die Menge aus den Gotteshaͤuſern, denn in allen Pfarr- und Klo⸗ ſterkirchen hatten die Prieſter den Bann des Koͤnigs verkuͤndet, uͤberall war das Sakra⸗ — 183— ment ausgeſtellt und vierzigſtuͤndige Gebete angeſagt, daß der Himmel Boleslaw den Zwei⸗ ten erleuchte und den Fluch von ihm nehme, che er ausgehe uͤber ſein ganzes Reich; angſt⸗ voll eilten die Bewohner Krakow's in ihre Haͤuſer, und Niemand war auf der Straße zu ſehen, als lange Prozeſſionen Buͤßender, die Luͤfte mit dumpfem Klaggeſang und dem Schwirren ihrer Geißeln erfuͤllend. In jenen Zeiten, und namentlich in dem Abſchnitte derſelben, der dieſe Darſtellung um⸗ ſchließt, da Gregor VII. laut die Suprematie der Kirche erklärt, und dieſelbe durch die Staͤrke ſeines Geiſtes und manchen, anſcheinend hoͤchſt entſcheidenden Grund unterſtuͤtzt hatte, da ſeine Nachfolger den Weg, welchen er ihnen vor⸗ gezeichnet, mit beinahe der naͤmlichen Kuͤhn⸗ heit, und zum Theile mit beſſerm Glucke ver⸗ folgten, war der Kirchenbann wirklich ein oft zündender, immer läͤhmender Blitzſtrahl, und verlor er auch in der weiten Entfernung der öſtlichen Grenze katholiſcher Chriſtenheit etwas an Kraft, ſo wurde dieſe doch hier durch das Bewußtſeyn erſetzt, daß den Gebannten das Urtheil nicht unverſchuldet betroffen. Mehre — 184— der unteren Diener der Hofſtatt erſchienen mit allen Zeichen des Schreckens, zu melden, wie nicht allein das Domkapitel die Kacthedrale verlaſſen, ſondern auch der Kapellan des Koͤnigs, aus der Kapelle die heiligen Gefaͤße mit ſich nehmend, das Schloß, und ſie entfernten ſich drauf, um ein Gleiches zu thun. Ein nicht geringer Theil der Edlen und Herren folgte im Stillen und ohne Lebewohl ihrem Beiſpielez die Andern, welche die langgewohnte Treue zu⸗ ruͤckhielt, ſchauten unentſchloſſen drein, und mit finſterm Vorwurf auf die nächſte, ſicht⸗ barſte Urſache des Uebels, auf Chriſtinen von Skalmierz. Mit aller Aufregung des getroffenen Be⸗ wußtſeyns der Schuld drang dieſe in den Koͤnig, ſeine angetaſtete Wuͤrde und ihre ver⸗ letzte Ehre zu raͤchen, mit allem Feuer machte ſie das Vorrecht des Thrones geltend, der ihr als ein Aſyl galt, ſelbſt des Verbrechens, vor gottlicher und menſchlicher Ahndung, und ihren Thraͤnen, Klagen und Vorwuͤrfen gelang, was die Bitten und Vorſtellungen der koͤniglichen Raͤthe, und unter dieſen auch des Nikolaus Strzemieniec nicht bewirkt hatten. Langſam — 185— richtete er ſich empor aus der Betaͤubung, die den erſten Augenblicken wuͤthen den Zornes ge⸗ folgt war, wendete ſich von dem Fenſter ab, aus dem er mit irrem, umflortem Auge auf die unten liegende Stadt hinab geſehen, aus der Klaggeſaͤnge, die gleichförmigen, gemach⸗ ſamen Schritte der Prozeſſionen und das Ge⸗ klingel ihrer Glöcklein herauf ſchallte, und trat unter ſeine Edlen. Jetzt ergriff ihn zum erſten Mal das Gefuͤhl, wie ſehr er ihres Beiſtandes beduͤrfe, wie ohne Freunde und Diener ſeines Willens, ſelbſt der Koͤnig nichts ſei als ein einzelner, hilfloſer Menſch, er erhob ſein Auge, und von Allen, die er erblickte, waren nur Wenige, die er nicht durch Hochmuth oder Habſucht beleidigt; doch auch dieſer Gedanke vermochte den Stolz des entarteten, aber noch kräftigen Gemuͤthes nicht zu zahmen, und er ſprach mit tiefer Stimme und monarchiſchem Anſtande: Warum ſtehet Ihr ſtumm und wendet Eure Blicke von uns? Hierher ſchauet. Hat wohl des frechen Prieſters Bannſtrahl einen Reif unſerer Krone geſchmolzen, hat er auch nur ein Haar unſeres Hauptes verſengt? Ohne — 186— Kraft iſt ſeine Flamme, blenden mag ſie, aber nicht verletzen, wenigſtens die Konige nicht. Hoch ſtehet der Herrſcher uͤber die Menſchen, und das Frrlicht des Sumpfes, das den Nie⸗ drigen ſchreckt auf ſeinem Pfade, erliſcht am Fuße der Hoͤhe, auf welcher der Thron ſteht. Verzeihet, Herr Koͤnig— erdreiſtete ſich der bejahrte Schloßhauptmann zu ſagen— aber um den Kirchenbann iſt es doch eine bedenkliche Sache. Dem Feuer des Himmels gleicht ſein Strahl; der Baum, den es ge⸗ troffen, ſcheint noch kraͤftig und friſch zu gruͤ⸗ nen, und kein Merkmal laͤßt ſich an ihm er⸗ ſchauen, aber im Innern verdorret das Mark, und uͤber eine Weile welken die Blaͤtter und fallen ab, und zum duͤrren Klotz wird der ge⸗ deihliche, ſchattengebende Stamm. Drum, Herr, thut ſolch Unheil von Euch, ehe es ſo weit mit Euch kommt; dem Bittenden wird Vergebung, und in der einen Hand trägt die Kirche das Schwert, in der andern aber die Palme des Friedens. Wer wagt es, ſolch Wort an uns zu rich⸗ ten?— donnerte ihm Boleslaw zu, dann ſagte er mit ſpottendem Lächeln: Die Flieder⸗ ſtaude mag dieß Feuer des Himmels zernich⸗ ten und ihr weiches Mark auftrocknen, am Eichbaume ritzt ſie hoͤchſtens die knorrige Rinde. Abthun ſoll ich mich des Unheils; nun wohl, beim Bart meines Ahnherrn Piaſt, das bin ich ſehr geſonnen, zuruckſchleudern will ich es auf den, von welchem es ausging; zermal⸗ mend ſoll ihn treffen, was mich nur beruͤhrt wie ein Streich von Knabenhand, und bald wird ſich's zeigen, wer beſſer donnert, er oder ich! Die Worte der Laͤſterung verklangen im lautloſen Saale, und ſelbſt die Kuͤhnſten ſenk⸗ ten abermals den erſt erhobenen Blick. Wohl— fuhr Boleslaw drauf ein wenig gemaͤßigter fort— wohl haben wir der Knechte thorige Scheu bemerkt, welche mit gebeugtem Kopfe und eingezogenen Schultern hinweg⸗ ſchlichen, auch Edelgeborene, welche Ferſengeld gaben aus dieſem Saale, den Knaben gleich, welche die Ruthe des Zuchtmeiſters furchten. Als ob das Wort eines Prieſters vermoͤchte, die hoͤchſte Wuͤrde auf Erden zu erniedrigen, daß der König ſchlechter ſei als ein Sklav, als ob ein kraftloſer Hauch des Mundes den Geſunden mit Ausſatz bedecke, die Ehre zur Schmach umwandle. Mögen ſie immer hin— gehen und den Saum der Stola kuͤſſen und, vom Wege der Pflicht abweichend, den Weg des Heiles zu finden vermeinen. Wer aber von Euch, die Ihr noch gegenwaͤrtig ſeid, verlaͤßt ſeinen Koͤnig, weil ein Rebell es gewagt, ihn zu ſchmaͤhen, wer von Euch entſagt der Lehns⸗ pflicht, um ein Vaſall der Kirche zu werden, wer bedeckt ſein Wappenſchild mit der Schmach des Meineides, um roͤmiſche Indulgenzen zu gewinnen? So viel zweckmaͤßiger auch dieſe zweite Anrede Boleslaw's war, als die erſte, ſo brachte ſie doch nicht den Eindruck hervor, den er er— wartet hatte, und welchen das Wort des Herrſchers gemeiniglich auf dieſe kriegeriſche und leicht erregbare Nation machte, nur die Vertrauteſten, die Mitglieder einer Camarilla des eilften Jahrhunderts, empfingen ſie mit Beifall. Die Theilnahme der uͤbrigen war ſehr maͤßig, zweideutig ſogar, und es ſchien unge⸗ wiß, in welcher Art ſich die Meinuns aus⸗ ſprechen wuͤrde, da nahm zur rechten Zeit — 189— Nikolaus Strzemieniee im Namen Aller das Wort. Keiner— rief er mit Nachdruck— kei⸗ ner von uns wird ſich deß ſchuldig machen, was Frevel zugleich waͤre und Thorheit; Kei⸗ ner wird abfallen von der Krone, die den Adel beſchirmt, auf den ſie ſich ſtuͤtzt, Beide einander unentbehrlich. Einen Gott haben wir und einen Lehnöherrn, gegen jeden erfuͤllen wir unſere Pflicht; wenn aber die Diener des erſten die Krone antaſten, gebuͤhrt es ihren Dienern, ſie zu beſchützen. Anders— ſetzto er, noch ſtaͤrker betonend hinzu— anders möch⸗ ten Ruſſen wohl thun, die mit einem Auge auf den Fuͤrſten ſehen, und mit dem andern auf den Metropolit oder Archimandriten, wir aber ſind Polen! Bis jetzt haben wir in dem Kronſchwert⸗ träger nur den ernſten, ſtrengſittigen Mann, den tapfern Krieger geſehen, hier bewaͤhrte er ſich auch als Menſchenkenner und Staats⸗ mannz mit Geſchicklichkeit und Gluck brachte er den Nationalhaß in Anregung, der laͤngſt ſchon zwiſchen Polen und Ruſſen beſtand, und durch die letzten Vorgange in Kijow noch — 190— geſtiegen war, und Alle, auch die Zweifelnden riefen, um nur nicht den angefeindeten Nach⸗ barn zu gleichen: Keine Ruſſen ſind wir, wir ſind Polen, und Gut und Blut ſetzen wir an die Gerechtſame unſerer Krone! Nun— rief der Koͤnig mit uͤbermuͤthiger Freude— nun mag der Bannſtrahl des Sta⸗ nislaw immerhin herankommen, ja ſelbſt die Blitze des apoſtoliſchen Stuhles, von ſolchen Schildern prallen ſie machtlos zuruͤck. Nikolaus mit ſolch unzeitiger und gewag⸗ ter Aeußerung wenig zufrieden, unterbrach den Konig, ihm Georg Trepka vorſtellend: Euer Gnaden— ſagte er— ſieht hier einen Rit⸗ tersmann, zwar der Juͤngſte unter uns an Jahren und Geſchlecht, der aber bereit iſt, Euch den Dank abzutragen, mit welchem er Euch verpflichtet iſt, und wie es einem wackern Edelmanne ziemt, ſein ritterlich Schwert zum erſten Mal fuͤr den Lehnsherrn zu gebrauchen und zur Ehre ſeines kuͤnftigen Stammes. So jung auch Trepka war, und ſo neu ſein Adel, war er doch unter dieſen Umſtänden fuͤr Boleslaw den Zweiten ein nicht unwich⸗ tiger Erwerb; ſeine That in der Schlacht ge⸗ — 191— gen die Knechte, war eine von denen, welche die Aufmerkſamkeit der Menge anziehenz bei⸗ faällig ſahen die niederen Krieger des Heeres, jetzt des Koͤnigs beßte und beinahe einzige Stuͤtze, auf den, welcher aus ihren Reihen hervorgetreten, den hoͤchſten damaligen Preis der Tapferkeit erlangt, und der Einzelne ſah in ihm den Buͤrgen fuͤr die Moöglichkeit eines aͤhnlichen Glückes. Boleslaw ſprach zu dem Juͤngling mit ungewohnter Huld: Willkom⸗ men, junger Soldat, ehe haſt Du die Holz⸗ ſchuhe der Leibeigenen zum Laufen gebracht, verſuche es nun einmal mit den Sandalen der Moͤnche. Wer weiß, gibt es nicht ein neues Sinnbild in Dein Wappenſchild, und einen neuen Zunamen fuͤr Deine Nachkommen. Nach dieſen unwiſſentlich prophetiſchen Wor⸗ ten wendete ſich Boleslaw von dem ernſt⸗ blickenden, ſchweigenden Trepka zur Dame von Skalmierz, welche ſich in ungemaͤßigten Aus⸗ bruͤchen der Verzweiflung und der gekraͤnkten Ehre, oder vielmehr des beleidigten Stolzes gefiel.— Trocknet Eure Thraͤnen, Chriſtina— ſagte er mit rohem Scherz— nicht der Zwie⸗ bel achte ich dieſes Pfaffen Geſchwätz einmal — 492— gleich, daß es das Waſſer in die Augen treibe⸗ Auch bedurfet Ihr ſolches nicht, um damit den Unglimpf abzuwaſchen, der Euch, oder vielmehr mir widerfahren, auf andere Weiſe wird es geſchehen. Bis jetzt band mich die Zuneigung an Euch, fortan meine konigliche Ehre, und ich laſſe Euch nimmer, damit es nicht heiße, Koͤnig Boleslaw habe Acht auf eines Heuch⸗ lers Gerede.— Damit reichte er ihr die Hand und fuͤhrte die Zufriedengeſtellte von dannen. Ihr ſcheinet unzufrieden, Georg?— ſagte Nikolaus zu dieſem— Wahrlich, ich bin es auch, und ſchwer wird es manchmal, den Mann vom Amte zu unterſcheiden. Aber nicht irren kann man auf dem geraden Wege der Pflicht; ein Recht gibt es, und dieſes iſt ewig. Meinet Ihr, Herr— fragte kopfſchuttelnd der junge Mann— daß man doch wohl irre gehen konnte mit ſolchem Fuͤhrer, der, daͤucht mich, ſelbſt des Weges verfehlt. Er wird ihn wiederfinden— verſicherte der Schwerttraͤger— ſo Gott will. Die Zeit wird kommen, da er auf die Stimme treuer 193— Freunde hort, und ſie ſoll ihn zuruͤcktufen, nicht das Gebot eines herrſchſuchtigen Prie⸗ ſters, denn immer iſt er der König. Mehre Tage vergingen, Tage der Betruͤb⸗ niß, nicht nur fuͤr die Hauptſtadt, auch fuͤr die ſie umgebenden Landſtriche. Gleich als wolle er dem Kirchenbanne trotzen und der öffentlichen Meinung, haͤufte Boleslaw Bedruͤckung auf Bedruckung, er hatte mehre Heerhaufen in die Naͤhe gezogen, und die Güter der Edeln, die nach ſeiner Excom⸗ munikation von ihm gewichen, waren der Schauplatz von ihm genehmigter Pluͤnderung und anderer Greuel, und die an ihn gelan⸗ genden Klagen beantwortete er mit dem Aus⸗ ſpruche, ſein Eigenthum ſei es, woruͤber er ſchalte, nicht der treubruͤchigen Vaſallen, die deſſen ſich verluſtig gemacht auf immerdar. Wäͤhrend er ſo, ſtatt dem Rathe des Biſchofs von Krakow zu folgen, die Verachtung deſſel⸗ ben zur Schau legte, ſprach er demſelben auch noch in anderer Weiſe Hohn. Faſt taͤglich durchritt er die Straßen mit einem zahlreichen Gefolge und Frau Chriſtinen zur Seite; jede auch noch ſo leiſe Aeußerung der Mißbilligung V. Band. 13 — 194— ward auf der Stelle mit beſchimpfender Strafe geahndet; die, welche der Begegnung des Ge⸗ bannten auszuweichen verſuchten, wurden mit Gewalt vor ihn gebracht, und ihre Zuͤchtigung hohniſch der Buhlerin anheimgeſtellt, welche dann ſelten unterließ, ſcharf zu ahnden, was ſie als eine Beleidigung anſah, ihr ſelbſt zu⸗ gefüͤgt; lachend ſprengte er oft unter die Hau⸗ fen der Buͤßenden, die im frommen, gutge⸗ meinten Wahne ſich fuͤr ihn und ſeine Los⸗ ſprechung geißelten, und nun beſtuͤrzt auf den uͤbermuͤthigen Frevler blickten und auf die, welche man als ſeine Verderberin betrachtete und die Quelle alles Unheils im Reich, denn gern ſucht treuer, einfaͤltiger Sinn die Schuld möglichſt vom Gegenſtande langgewohnter Ehr⸗ furcht und Zuneigung auf Andere zu waͤlzen, deſſen eigene Verderbniß der Verfuͤhrung zur Laſt legend. Zur Ehre des Schwerttraͤgers ſei es geſagt, daß er ſelten oder nie an ſolchen Luſtritten Theil nahm, auch Georg Trepka hielt ſich ſtets von ihnen entfernt. Alles deſſen ungeachtet beſchickte der Koͤnig unaufhörlich den Biſchof, die Löſung des Ban⸗ nes fordernd, aber es war nicht Reue und — 195— Wunſch der Verſoͤhnung, die er ausſprach, ſondern herriſcher Befehl und erneute Drohung, mit Feſtigkeit aufgenommen von Stanislaw Szczepanowöki, doch mit Mäßigung. Buße und Erſatz, lautete ſein wiederholter Beſcheid, muͤßten der Entſuͤndigung vorangehen, welche ſonſt nur ein ſchnoͤder Mißbrauch des Rechtes zu binden und zu loͤſen, genannt werden koͤnnez bei dem Koͤnige ſelbſt ſtehe es, in die Arme der Kirche zuruͤck zu kehren, und daß ſolches geſchehe, ſei der innigſte Wunſch ſeines Her⸗ zens, und täglich ſende er und die andern Die⸗ ner des Altars Gebete zum Himmel. In der Zornwuth, welcher Boleslaw ſich nach jeder ſolchen Antwort im Beiſeyn ſeiner Getreuen uͤberließ, behielt er jedoch Beſonnen⸗ heit genug, jene mildernden Zuſaͤtze zu ver⸗ ſchweigen; ein hartnäckiger Aufruͤhrer war, ſei⸗ nen ungemeſſenen Worten nach, der Biſchof, der, in geiſtlichem Stolze ſchimpfliche Unter⸗ werfung verlangend, die dargebotene Hand zu⸗ ruͤckweiſe, und feſt entſchloſſen ſei, ſelbſt durch verratheriſches Einverſtndniß mit den Boͤhmen, den vermeinten Vortheil zu behaupten, welchen * 13* — 196— die Mitra uͤber die Krone voruͤbergehend er⸗ rungen. Immer bedenklicher wurde die Lage der Sachen, immer größer die Spaltung. Die zunehmenden Unthaten des Herrſchers, die ge⸗ faͤhrliche Lage des Oberhirten, deſſen Leben un⸗ geſcheut bedroht wurde, empoͤrte die Geiſtlich⸗ keit; das Domkapitel zu Krakow und einige Biſchöfe, eiferſuͤchtig auf die Rechte ihres Stan⸗ des, und geneigter vielleicht, dem Beiſpiele des ſiebenten Gregor's nachzuahmen als der ehr⸗ wuͤrdige Stanislaw, begannen anzudeuten, was ein ſcharfes Mittel nicht vermocht, werde ein ſchärferes bewirken, und es ſei Zeit zu einem Berichte nach Rom, damit der Nach⸗ folger des Apoſtels das Interdikt ausſpreche, nicht uͤber den Koͤnig allein, ſondern uͤber das geſammte polniſche Reich. Boleslaw, zu deſſen Ohren ſolche Drohung gelangte, ſchrieb ſie dem vornehmſten Gegenſtande ſeines Haſſes zu, und dieſer und die Begierde nach Rache erreichten den hoͤchſten Grad. Er erkannte die Gefahr, die uͤber ihn hereinbrechen mußte, wenn der allgemeine Bann das Reich traf, jede gottesdienſtliche Handlung aufhebend, — 197— die Taufe den Neugeborenen entziehend, den Verlobten den prieſterlichen Segen, den Ster⸗ benden den Troſt der Kirche; er empfand im voraus den Abſcheu, mit dem Fanatismus und Zeitgeiſt ſeine Unterthanen gegen den erfuͤllen wuͤrden, der ſie nicht fuͤr die Zeitlichkeit, auch fur die Ewigkeit, nach den damaligen Be⸗ griffen, elend gemacht, ein Abſcheu, den die beleidigte Prieſterſchaft nicht ermangeln wuͤrde, zum offenen Aufruhr zu entflammen; er be⸗ ſchloß daher, dem zuvor zu kommen, doch in ſeiner Weiſe. Es war der achte Mai des Jahres 1079, in den Fruͤhſtunden, als die, an der verſchloſſe⸗ nen Kirche Sankta Maria, auf dem Fels⸗ huͤgel zu Krakow, Voruͤbergehenden einen ſchwachen Schimmer, doch ſtärker als er von der ewigen Ampel ausgehen konnte, durch die dicken, bemalten Fenſterſcheiben gewahrten, und aufmerkſam geworden dadurch, im Innern lei⸗ ſes Geraͤuſch und gedaͤmpftes Singen vernah⸗ men. Wie in dieſen Zeiten der Verwirrung und Gefahr es ſchon mehrmals geſchehen, fei⸗ erte hier Stanislaw Szczepanowski mit we⸗ nigen Prieſtern den ſtillen Gottesdienſt. — 158— Ehe derſelbe begann, rief der ehrwuͤrdige Greis die kleine, geweihte Gemeine um ſich her und ſprach zu ihr in beweglem Tone: Lieben Bruͤder im Heiland, es iſt jetzt eine ſchlim⸗ me Zeit kommen ſtatt der beſſern, die wir gehofft, ein Unrecht iſt abgethan, doch iſt das Recht nicht an ſeine Stelle getreten, ſondern ein anderes Unrecht, und es ſtehen uns große Pruͤfungen bevor. Nicht in dem vornehmſten Tempel des Herrn, nicht von der Stelle aus, da ich nun bald neun Jahre geſtanden, darf ich das Wort des Herrn verkuͤndigen, denn es mußte verſtummen vor dem Veraͤchter. Leiſe nur darf es ertönen in dieſem kleinen Kirch⸗ lein, doch iſt ja ſelbiges auch Gottes Haus, und nicht minder innig wird unſere Andacht ſeyn, und unſer Flehen aus bekuͤmmerten Her⸗ zen als Prieſter und Söhne dieſes Landes, auf dem der Zorn Gottes ruht, ich fuͤrchte, fuͤr manches Jahr. O, wollte er mein Opfer gnaͤdig annehmen, gern bot' ich ihm dieß graue Haupt, und die wenigen Tage meines Lebens gäb' ich willig hin, daß das Unheil genom⸗ men werde von meinen Bruͤdern, und gluͤck⸗ — 194— lichere Tage kommen, die zu ſehen mir doch wohl nicht beſchieden iſt. Was druͤckt Euren Geiſt ſo nieder, hoch⸗ wuͤrdigſter Herr?— ließ der Decan der Ka⸗ thedrale ſich vernehmen— und raubt Euch die gewohnte Freudigkeit? Faſſet Muth, wie Ihr ihn immer gehabt, das Unrecht faͤhret voruͤber, aber ewiglich beſtehet das Recht. Der Himmel wird ſich uͤber dieß Reich er⸗ barmen, der Koͤnig wird zuruͤckkehren zu ſei⸗ ner Pflicht, laſſet uns denn beharren im Ge⸗ bet und der Feſtigkeit, die Gottes Dienern geziemet. Er wird zuruͤckkehren, meint Ihr, wuͤrdiger Decan?— ſagte langſam, den Kopf ſchuͤt⸗ telnd, Stanislaw— Auch ich habe es gehofſt, doch nun glaube ich es nicht mehr. Nicht gegen die Kirche im allgemeinen iſt fein Zorn entbrannt, nicht gegen Euch, mich haßt er, mich allein, und weil das Wort der Wahr⸗ heit aus meinem Munde ging, iſt es ihm ein Hohn, und er verſchmaͤht es. O, daß der, in deſſen Namen ich ſprach, die druͤckende Laſt hinweg nähme von mir, daß er mich hinweg nähme von der Stelle, auf der ich nicht mehr ein Bote des Friedens ſtehe, ſondern ein un⸗ freiwillig Werkzeug des Zornes. Erſt wenn ich im Grabe ruhe, wird er verloͤſchen, nur uͤber daſſelbe hinweg nahet ſich Boleslaw dem Altare; moͤchte ich doch bald hinabſteigen, wo nicht ein Konig dieſer Welt die Gedanken wägt, ſondern der allſehende Richter. Theilnehmend befragten die Geiſtlichen ihr Haupt um die Urſache ſeiner ungewoͤhnlichen Nie⸗ dergeſchlagenheit, da antwortete der Biſchof mit einem tiefen Seufzer: Der Koͤnig dieſer Welt hat nach der Weiſe der Ungerechten auf den, wel⸗ chen ſein Ingrimm auserkoren, ſchwere Be⸗ ſchuldigung gewaͤlzt, Euer Bruder, Euer Vater iſt des Hochverraths bezuͤchtigt, und des Ver⸗ ſtändniſſes mit den Feinden des Reiches. Das — fuhr er mit tiefer Bewegung fort— das iſt der herbeſte Tropfen im Kelche des Leidens, den zu leeren mir beſchieden iſt, und die Bit⸗ terkeit des Todes, der meiner harrt, erhoͤhet der Gedanke, mein Gedächtniß wird ge⸗ ſchmähet werden in kommenden Tagen. Wer iſt, der ſich rein nenne vor dem Herrn, auch ich habe geſuͤndigt vor ihm in menſchlicher Schwachheit, aber das habe ich nicht verſchul⸗ det. Ich bin nicht Prieſter nur, ich bin auch ein Pole, und keiner unſeres Standes, meine Bruͤder, moͤge je vergeſſen, er ſei ein Sohn des Vaterlandes, er ſei es friher geweſen als der Diener des Altars, und beiderlei Pflicht ſei geheiligt von Gott. So laſſet mich denn auch mit aufrichtigem Herzen geſtehen, daß, als ich das Wort der Warnung zum Koͤnige ſprach, als das Strafurtheil uͤber meine Lip⸗ pen ging, ſo that ich meiner zwiefachen Ob⸗ liegenheit genug, als Hirt dieſes Sprengels und Mitglied des Senats, und mich bewog eben ſo wohl das Elend des bedraͤngten Reiches als die Ehre Gottes und ſeiner Kirche. Mit Sanftmuth und Ernſt gedachte ich den Ver⸗ irrten zuruͤck zu führen auf den rechten Weg, Gott wollte nicht, daß mein Vorhaben gelänge, aber nie wollte ich den Fluch des Interdikts auf meine Mitbuͤrger werfen, wie man mich beſchuldigt, nie war ich geſonnen den Frem⸗ den die Heimat zum Raube zu geben, deß ſei mir der Allmächtige Zeuge.*) *) Einige wenige Chronikenſchreiber, unter an⸗ dern Martin Gallus, legen dem Stanislaw Szcze⸗ — Die Prieſter, welche ihren Biſchof rein wußten von den Beſchuldigungen Boleslaw's, deren erſte manchen unter ihnen mit mehrem Grunde getrofftd haben wuͤrde, ſprachen ihm rechtfertigend und troſtend zu, er aber ſagte: Wenn Ihr denn, lieben Bruͤder, den Worten Glauben beimeſſet, die ich zu Euch geſprochen im Angeſichte Gottes, ſo wolle der Aelteſte unter Euch nach mir, ſo wolle der ehrwuͤr⸗ panowoki andere Geſinnungen unter, die ihn dem Thomas Becket von Canterbury ziemlich gleich ſtel⸗ len, welchen nicht lange darauf daſſelbe Schickſal betraf. Die Thatſachen zeigen jedoch den Unter⸗ ſchied zwiſchen Beiden. Heinrich IH., Plantagenet, war kein Tyrann wie Boleslaw I., Piaſt, er waͤre vielmehr ein ruhmwuͤrdiger Fuͤrſt geweſen, wie er die Tugenden des Privatmannes beſaß, koͤnnte man ihm, im Gegentheile von Haͤrte und Grauſamkeit, nicht Schwaͤche zur Laſt legen; England war nicht gedruͤckt unter ihm, und nicht das Volk verthei⸗ digte Thomas, ſondern die angemaßten Vorrechte des Papſtes, der Geiſtlichkeit und beſonders die Forderungen des eigenen Ehrgeizes. Bei der Lage Polens aber kann man wohl annehmen, daß in Stanislaw, außer der Wuͤrde ſeines Amtes auch Patriotismus ſeine Gefuͤhle in Anſpruch genommen. um die Verſchiedenheit ihrer Lage, und den Charak⸗ ter ihrer beiderſeitigen Gegner ſich deutlich zu ma⸗ chen, genuͤgt die Bemerkung, daß das, was dort auf Heinrich's raſch ausgeſtoßenes Wort geſchah, hier Boleslaw ſelbſt that. — 20— dige Dechant mir die Vergebung meiner Suͤn⸗ den ertheilen. Hochwuͤrdigſter Herr— ſagte dieſer beſtuͤrzt — ich bin nicht wuͤrdig, ſolch Amt bei einem heiligen und gottgeliebten Manne, wie Ihr, zu verſehen; aber wenn mich auch meine prie⸗ ſterliche Weihe berechtigt, wozu das eigene Verdienſt mir gebricht, warum waͤhlet Ihr dieſen Augenblick? Noch werdet Ihr manchen Tag wandeln auf Erden in den Wegen des Herrn, und keiner wird die Zahl Eurer Suͤn⸗ den vermehren, daß die himmliſche Barmher⸗ zigkeit ihre Schale nicht leicht faͤnde. Da ſprach Stanislaw mit ſanftem Laͤcheln und wie von fernem Lichte wiederſtrahlendem Blicke: Weißeſt Du nicht, mein Bryuder, wie im Anbeginn des Chriſtenthums die erſten Maͤrtyrer, wenn ſie ſtill zuſammen beteten wie wir, einer dem andern die Entſuͤndigung ertheilte, damit der Tod, wenn er nun plötz⸗ lich herein braͤche, ſie nicht unvorbereitet fände? Nun, auch jetzt iſt das Reich Gottes in der Bedraͤngniß, thue demnach, Prieſter des Herrn, wie ich Dich gebeten. — 204— Und er knieete nieder und der Decan ſprach mit bewegter Stimme die loͤſenden Worte uͤber ihn aus, drauf beſtieg der Biſchof den Altar und begann das heilige Meßopfer. Kaum war es zur Hälfte vollbracht, ſo ertönte Geraͤuſch vor der Pforte und ein hef⸗ tiges Klopfen, betroͤffen ſahen ſich die Geiſt⸗ lichen an, aber ruhig fuhr der Erſte unter ih⸗ nen fort in der frommen Handlung, bald darauf erſcholl es draußen: Heffnet im Na⸗ men des Herrn Konigs!— und unverzuͤglich nachher hoͤrte man mit Brechſtangen gegen die Thuͤre ſtoßen, um ſie gewaltſam zu ſprengen. Entſetzt flohen die Geiſtlichen zum Altare, ſich dicht um den geheiligten Zufluchtort draͤngend, aber der geweihete Kelch ſchwankte nicht in des Biſchofs Hand, er leerte ihn, und hielt ihn dann vor ſich hin und ſah zum Himmel. Im naͤmlichen Augenblicke flog die zertruͤm⸗ merte Pforte in das Gotteshaus, und draußen tobte die Stimme des Koͤnigs, und herein ſtuͤrzte Nikolaus Strzemieniec mit gehobenem Säbel, und hinter ihm viele Ritter und Ge⸗ wappnete, unter ihnen Adalbert Druzyniec und Georg Trepka mit todbleichem Geſichte, ſich neben den Schwerttrager ſtellend mit fle⸗ hender Geberde. Da wandte ſich Stanislaw, noch immer den Kelch in der Hand, und ſprach mit den Worten des Rituals zn dem Erſten: Geſeg⸗ net ſei, der da kommt im Namen des Herrn! Du trittſt in das Haus des Friedens mit ge⸗ waffneter Hand, doch ſei mir immer geſegnet. Iſt es dieß graue Haupt, das Du ſucheſt, ſieh, hier biete ich es Deinem Streiche dar. Triff es, ſo Du willſt, und doch ſegne ich Dich noch ſterbend, Sohn meines Freundes, Euch Alle, meine Söhne und Bruͤder! Da ſank Nikolaus Arm herab mit um Schwerte, und er wandte ſich abſeit, wie ge⸗ blendet, und die gekommen waren, zu tödten, ſtanden ſtumm und erſtarrt, und warfen ſich drauf, dem Beiſpiele Trepka's folgend, nieder auf ihre Kniee. Da wuͤthete Boleslaw: Alſo hat Euch Feiglinge der verraͤtheriſche Pfaffe bethoͤrt, daß Ihr ungehorſam ſeid dem Befehle Eures Koͤnigs und Herrn? Aber nichts fruchtet ihm die heuchleriſche Geberde, nichts Eure Zagheit; beim Barte des Piaſt, er muß ſterben! Und damit rannte er vorwaͤrts, gegen den Altar, wo der Biſchof noch immer aufrecht ſtand, den Blick zum Himmel gerichtet; hin⸗ geriſſen von ſeiner Empfindung eilte ihm Trep⸗ ka nach, entſchloſſen, ſelbſt gegen den König den ehrwuͤrdigen Mann zu vertheidigen, aber es war zu ſpaͤt, Boleslaw's Schwert hatte bereits das Haupt des Greiſes geſpalten, und ſein Blut und Hirn troffen in das fallende heilige Gefaͤß und bedeckten das Tabernakel. Georg's Schreckensruf tönte in die Stim⸗ men der Prieſter, Wehe ſchreiend uͤber die Ent⸗ heiligung des Altars, aber des Koͤnigs Bei⸗ ſpiel hatte die Wuth der rohen Menge ent⸗ zuͤgelt, man ſchleppte den Leichnam an den Fuͤßen zur Pforte, und auf den Stufen der⸗ ſelben, wo man heut zu Tage noch dem Be⸗ ſchauer Blutflecken zeigt, ward er, nach Boles⸗ law's einſt geſprochenem Worte, in Stuͤcke zerhauen. Nikolaus nahm nicht Theil an dem Entſetzlichen, ihn hatte der Donner Gottes getrofſen, und auf Trepka geſtutzt, entfloh er eilend der Stätte des Greuels. Die Stuͤcke der ſterblichen Huͤlle Sankt Stanislaw's des Maͤrtyrers wurden auf Boles⸗ law's Geheiß auf den nahe liegenden Feldern umhergeſtreut, den wilden Thieren und den Raubvögeln zur Speiſe. Und ſie kamen her⸗ bei, doch, wie die Sage ſpricht, wagten ſie nicht die heiligen Ueberreſte zu beruͤhren, ihr Gebrull und Krächzen aber drang durch die Wolken und rief der Vergeltung. VI. Demſelben Tage, an welchem ſich dieß zu Krakow vor ſechs hundert und ſieben und vierzig Jahren begab, folgte zu Kijow ein ſtuͤrmiſcher Abend. Dichte Gewitterwolken bedeckten den Himmel, ihn zeitig umnachtend, der Sturm heulte um die vergoldeten Kuppeln der Stadt, nur auf Augenblicke ſchimmernd im Wiederſcheine des Blitzes; die Wellen des Boryſthenes ſturzten ſich brauſend zwiſchen ſeinen zahlreichen Inſeln hindurch, ſie weithin mit Schaum bedeckend, und ihr Toſen ſchallte auf beiden Seiten des Ufers in die Ferne. Auf der Terraſſe des Garten⸗ — 208— hauſes Theophraſt's, am Strome gelegen, ſtand Olgierd der Emporer und ſchaute hin auf die Emporung der Natur, die ſeinem Sinne zuſagte. Der Wind trieb die Locken ſeines Haares auseinander, ſein Mantel flatterte em⸗ por, der ſtroͤmende Regen durchnaͤßte den koſt⸗ lichen Stoff ſeiner Gewaͤnder, aber er achtete es nicht, ihm war die Ruhe zuwider, und unfreiwillig zu derſelben gezwungen, fand er Behagen an der wilden Bewegung um ihn her. Er wendete ſeinen Blick gegen die Stadt, verſuchend, ob er die Fuͤrftenburg nicht ent⸗ decke, die jetzt das Dunkel des Unwetters ver⸗ huͤllte, und das Auge ſeines Geiſtes fand ſie auf; er ſah ſich, ihre Mauern erſtuͤrmend mit gewaffneter Hand, er wähnte, ſich als Sieger einziehen zu ſehen in ihre Thore, und im hell erleuchteten Saale den Thron zu beſteigen, an ſeiner Hand Eudora. Die Reize der erfahrung⸗ reichen Schoͤnen hatten im leicht entzuͤndbaren Herzen des jungen Mannes eine Flamme an⸗ gefacht, von welcher bereits das Bild Mal⸗ gorzatens verzehrt war, und die ſorglich von Olga⸗Sophronia unterhalten wurde, welche — 209— ihm die Tochter des Kaufmanns von Chios, Boleslaw's und Jaropelk's bereitwillige Ge⸗ liebte, als eine Perle der Schoͤnheit pries, eingefaßt in die koſtlichen Edelſteine, Geiſt und Tugend, und als ein Kleinod, begehrenswerth ſelbſt fur den kuͤnftigen Fuͤrſten von Kijow. So ſtand er eine Weile, da duͤnkte ihn als werde das Schattenbild eines Kampfes, das ihm eben vorgeſchwebt, allgemach zur Wahrheit. Eine Erleuchtung, dauernder und heller als ſie der Blitzſtrahl gewährt, zeigte ſich ihm in der Gegend des Schloſſes; bald ſchien es ihm als truͤge der Fittich des Windes Waffengeklirr zu ihm daher, und kurz hernach miſchte ſich deutlicher noch dumpfer Glocken⸗ ton in das Heulen des Sturmes und des Stromes Brauſen. Dieß Getöſe gemahnte ihn unwillkuͤhrlich gleich dem Rufe ſeines Schickſals, das heran⸗ nahe in Ungewitter und Sturm; ſeine Ner⸗ ven ſpannten ſich, und ſein Geiſt flog der Zu⸗ kunft entgegen, die verhuͤllt vor ihm lag, wie die Stadt, als deren Herrſcher man ihn begruͤßt hatte; da ward er aus dem unru⸗ higen Traume durch ein leiſes Geraͤuſch er⸗ V. Band. 14 —— weckt, welches ſich dicht hinter ihm vernehmen ließ. Er kehrte ſich um nach demſelben und ſah Sophronia ſich ihm nahen, und Leontios Angelos, mit dem gewohnten herriſchen An⸗ ſtande die Erſte, der Zweite unterwuͤrfig und geſchmeidig, wie immer. Gern— ſprach ſie— ſehe ich Euch ſo der⸗Nacht und dem Sturme trotzen, Fuͤrſt Olgierd, denn der, wem beſtimmt iſt, durch dieſelbe zum glänzenden Ziele zu dringen, mag ſich immer mit ihnen befreunden. Sprichſt Du zu einem Knaben, Frau— erwiderte der Juͤngling ſtolz— daß Du waͤhnſt, mir ſagen zu muͤſſen, was ich langſt ſchon er⸗ fahren? Bin ich doch immer Dir gefolgt, und immer war der Weg dunkel und ſturmiſch, nichts iſt mir unbekannt geblieben unter Dei⸗ ner Leitung als das Ziel, von dem Du redeſt, und ob es mir wohl gezeigt iſt, ſo genugt mir daran nicht; ich will es erreichen. Die naͤchſte Stunde fuͤhrt Dich dahin— erwiederte Sophronia mit Nachdruck. Dieſer Sturm— begann der Kaämmerling des Purpurpalaſtes, vor Froſt und Naͤſſe be⸗ bend— dieſer Sturm, mein hochſtedler Pro⸗ 244 toſebaſt, ſchleudert einen hohlen und ſchadhaf⸗ ten Stamm, ſo zu ſagen, von der Stelle, die er allzulange ungebuͤhrlich auf der Höhe behauptete, und macht Raum dem jungen, kräftigen Baume, daß er daſelſt Wurzel faſſe, und ſeine Aeſte ſchattengebend verbreite. Nur kurze Zeit kenne ich Euch, Herr Kon⸗ ſtantinopolitaner— verſetzte Olgierd— doch habe ich bereits wahrgenommen, daß Ihr fer⸗ tig in Worten ſeid, mich aber verlangt nach Beſſerem.. Da rief Sophronia⸗Olga mit Eifer: Wahr ſprichſt Du, wuͤrdiger Zögling einer ſorgſamen Mutter; was das Wort bereitet, vollendet die That, was die Klugheit erſonnen, macht die Tapferkeit wirklich. Der Augenblick, da ſol⸗ ches geſchehen ſoll, iſt erſchienen, ruͤſte Dich denn, Fuͤrſt von Kijow, und die Wunde, die der Pfeil der Liſt gebohrt hat, werde toͤdtlich durch Dein Schwert. Und wie ſie pflegte, nahm ſie ihn bei der Hand und zog ihn hinein in das Haus, und drinnen warteten ſein die ſchweigſamen, ſich tief verneigenden Diener und das ſuͤßlächelnde Maͤdchen von Chios. 14* — 212— Raſch bekleideten ihn die erſten mit einer präͤchtigen Ruͤſtung und ſetzten auf ſein Haupt einen goldglaͤnzenden, mit dem Diademe um⸗ wundenen Helm, als ſie aber vollendet hatten, nahte ſich Eudora und umguͤrtete ihn mit dem Schwerte. Siegreich— ſprach ſie errothend und mit zu Boden geſchlagenem Blicke— ſiegreich kehre es zuruͤck in die Scheide, aber lange moͤge es dann in derſelben raſten, gefeſſelt von umwin⸗ denden Roſen und Myithen. Drauf ſtieg man die Treppe hinab, auf welcher Theophraſtos, ſich verbeugend, ſtand. Draußen ſtrahlten durch die Nacht zahlreiche Fackeln, und in ihrem Scheine erglänzte das Waffenzeug einer nicht geringen Schar. Ein beſſarabiſch Roß ward Olgierd vorge⸗ fuͤhrt, auf einen ſtattlichen Zelter ſchwang ſich Sophronia, und die gezogenen Schwerter klirrten rings um Beide. Dorthin— rief die weiſe Frau, nach der Burg von Kijow hin⸗ deutend, die jetzt ſich ihnen zeigte von Flam⸗ men angeſtrahlt— dorthin geht unſer Pfad, der Ruͤckweg nur in das Grab!— Und ſie ſetzte ihrem Thiere die Sporen in die Seite — 213— und der Zug ſprengte raſſelnd der Haupt⸗ ſtadt zu. Sie war der Schauplatz eines blutigen und hartnäckigen Kampfes, den jedoch die Ankunft Olgierd's und ſeiner Schar ſofort der Entſcheidung zu nähern ſchien. Nicht nur Tapferkeit ſtand hier der Tapferkeit gegenüber, es war als ſchliche der Verrath uͤber das Schlachtfeld und laͤhme unter den Wider⸗ ſachern ſelbſt den Muth der Verzweiflung. Ganze Haufen warfen vei Olgierd's Erſchei⸗ nen die Waffen von ſich, oder geſellten ſich zu ſeiner Fahne, und wo einige widerſtanden, ſah man Griechen in ihren langen Talaren durch ihre Reihen laufen, mit uͤberredendem Wort und gefülltem Seckel, und der letzte zumal that ſeine Wirkung, der nur ſehr We⸗ nige widerſtanden, und nicht ſtark genug, daß ſie die Mehrzahl abhielten, zu thun, wie ſchon Andere gethan. So gelangte Olgierd ohne Muͤhe und ſon⸗ derlich Blutvergießen in die Nähe des Schloſ⸗ ſes; hier aber ſtellte ſich ihm ein Hinderniß entgegen, nicht wie die vorigen, ſondern au⸗ genſcheinlich nur durch die Gewalt der Waf⸗ S fen zu uͤberwinden. Am Saume des Huͤgels, auf dem die Burg gelegen war, deren Thor ſich hier auf einen geräumigen Marktplatz oͤff⸗ nete, hielt eine gedraͤngte, wohlgeruͤſtete Reiter⸗ ſchar, bereit, jeden Fußbreit Raumes hartnaͤckig zu vertheidigen, und zu beiden Seiten neben ihr mehre Haufen Köoͤchertraͤger(Sahaydaczni, Pfeilſchuͤtzen) und andern Fußvolkes, mit Keu⸗ len und Streitäxten bewaffnet, zwar nicht mit ſo entſchloſſener Haltung als Jene, aber doch bedeutend durch ihre Menge. Dieſes waren die waffenfaͤhigen Bewohner der Stadt Kijow, die dem Fuͤrſten treu geblieben, ſeine auser⸗ leſenen Krieger, deſſelben Leibwacht bildend. Auch Olgierd's Schar hatte ſich verſtarkt auf dem Wege, und die einander Gegenuͤber⸗ ſtehenden waren ſich ziemlich gleich an Zahl, und gleich begierig, handgemein zu wer⸗ den. Olgierd jedoch, bereits nicht unerfah⸗ ren im Kriege und belehrt durch ſeine Niederlage in jener Schlacht gegen die Ritter, gebot, Halt zu machen, und unterſuchte, welche Stelle des Angriffs die vortheilhafteſte ſei. Da raunte ihm Sophronia zu: Nur vorwaͤrts, junger Held! Stillſtehn auf dem Wege zum — 245— Siege, gilt dem Zuruͤckweichen gleich. Vor Dir iſt der Feind, was Du rings um Dich ſieheſt, ſind leere Schattenbilder, die andere Waffen beſiegen werden als die Deinen!— Und als ſie ſo ſprach, fiel der Schimmer der Fackeln, von den, ihn in Prozeſſion begleitenden Popen getragen, auf das feindliche Geſchwa⸗ der, und an ihrer Spitze wurden zwei Maͤn⸗ ner ſichtbar in glaͤnzendem Waffengeſchmeide. Der Eine, von kurzer gedraͤngter Geſtalt, warf eben ſein Pferd herum, um, Befehl erthei⸗ lend, gegen das Fußvolk zu ſprengen; der Andere, ein ſtattlicher Mann, hielt unverruckt an ſeinem Platze, auf dem hohen, ungeduldig ſtampfenden turkomaniſchen Roſſe. Olgierd's Blick haftete auf ihm, er erkannte in dem Manne den Großfuͤrſten Demetrius Jzaslaw, und abermals beſchlich ihn die Erinnerung, wie der einſt verſucht hatte, ihm das Leben zu retten, dem er das ſeine zu rauben jetzt ge⸗ kommen war, und der Befehl zum Angriff er⸗ ſtarb in ſeinem Munde. Sophronia aber draͤngte ſich an ihn und flͤſterte: Den Du ſieheſt, er iſt der Gott⸗ verhaßte, an deſſen Stelle Du berufen; ſo — 216— lange er aufrecht ſtehet, droht Dir der Fall, ſein Haupt gilt es oder das Deine, vor Dir liegen Glanz und Größe, die Dir gebuͤhren, hinter Dir lauert der Tod, einer fuͤrſtlichen Beute gewaͤrtig!— Und Du zauderſt noch? — ſetzte ſie hinzu, als Olgierd noch immer ſchwieg und nach jenen hinſtarrte— Sieh um Dich, Streiter fuͤr die Sache Gottes, er ſelbſt kaͤmpft fuͤr Dich! Im namlichen Augenblicke theilten ſich die Reihen der Prieſter, und mit gehobenem Kreuze und flatternden Fahnen warfen ſie ſich zwi⸗ ſchen Olgierd's Schar und die feindlichen Fuß⸗ truppen, rufend: Wer wagt es, gegen den Herrn des Himmels zu kaͤmpfen, und gegen den, welchen er zu Euren Herrſcher erkoren? Blickt auf dieß geheiligte Zeichen und werfet die Waffen von Euch und fallet auf die Kniee. Vermeſſene, nicht gegen Menſchen ſtehet Ihr, ſondern gegen den Allerhoͤchſten und ſeine Le⸗ gionen, und wer frevelnd die Hand erhebt, deß warten, gleich Apollyon und ſeinen Engeln, die nie verlöſchenden Flammen der Hoͤlle! Da ſanken die Streitaͤrte nieder und die ge⸗ ſpannten Bogen, ehe ſie den Pfeil abgeſendet, 2 — 217— das Fußvolk wich langſam zurück, ſelbſt Prinz Jaroslaw, dem Troß des Pöbels gleich von aberglaͤubiſchem Schrecken ergriffen; viele, zum Streiche erhobene Haͤnde falteten ſich, viele Kniee waren gebeugt, und der ganze Haufe wäre auseinander geflohen, hätte nicht die Furcht vor dem nahen Fuͤrſten und ſeiner Rei⸗ terei einen Theil zuruͤckgehalten. Hlga-So⸗ phronia ſah, es ſei Zeit; an ihres Sohnes Statt ſtieß ſie den Schlachtruf hervor, und die Aufruͤhrerſchar raſſelte in den Feind. Geraume Zeit waͤhrte das Gemetzel, aber die fuͤrſtlichen Krieger wurden nach und nach zuruckgedrängt durch die fanatiſche Wuth der Angreifer, und ſcheu wichen ſie vor Olgierd aus, der in entfeſſeltem Ingrimme, einem Bo⸗ ten des Verderbens gleich, Leichnam zu Leich⸗ nam warf; da ward Demetrius Jzaslaw ihn gewahr und erkannte den Feind, von dem ihm erſt vor wenig Augenblicken Kunde geworden, an dem Diademe des Helms und rief ihm zu: Wer biſt Du, nichtswurdiger Sklav, daß Du die Hand aufhebeſt gegen Deinen Fuͤrſten und Herrn? Wäaͤhneſt Du, es werde Dir gluͤcken, wie im Lande der Lechen, und der Großfuͤrſt * — 218— von Kijow dem Aufruͤhrer verzeihen, wie es Boleslaw thoͤrig gethan? Nieder mit dem Diademe, mit dem Du vermeſſen prahleſt, nieder mit dem Knechteshaupte, das es ent⸗ ehrt! Und Olgierd ſchrie: Nicht ein Knecht ſtehet Dir gegenuͤber, ſondern der wahre Fuͤrſt dieſes Landes, des Caͤſar Auguſtus Bluts⸗ freund iſt gekommen, den Räͤuber ſeines er⸗ erbten Thrones zu beſtrafen! Da lachte der Ruſſenfuͤrſt grimmig auf, wie Jemand, der die Worte eines Wahnwitz⸗ igen hort, dann ſprengte er auf ihn ein, und Beide begannen einen erbitterten Kampf. Aber nicht lange waͤhrte dieſer Kampf zwiſchen dem waffenentwohnten Alter und der ruͤſtigen Ju⸗ gend, und kraftlos fielen Demetrius Izaslaw's Streiche, und bald traf ihn Olgierd tief in die linke Schulter, uͤber der Bruſt, an der naͤmlichen Stelle, wo er ſelbſt das Mal trug. Der Fuͤrſt wankte im Sattel, muͤhſam wen⸗ dete er das ſinkende Haupt nach der Seite, wo Jaropelk ſtand, als wolle er ihn auffor⸗ dern, den Vater zu rächen, aber er ſah ihn unter den Fliehenden und fiel herab auf den — 219— Boden. Da richtete er das umdunkelte Auge auf den Juͤngling uͤber ihm, der den Arm ge⸗ hoben zum Todesſtoß, und er gedachte plötz⸗ lich des verſtoßenen Mieczyslaw und rief mit brechender Stimme! Mein Sohn, o mein Sohn! Als die Ruſſen den Herrſcher fallen ſahen, wandten ſie ſich theils zu wilder Flucht, theils ſtreckten ſie die Waffen und baten um Gnade;z die Krieger Olgierd's und die Mehrzahl der Städter rief: Heil, Heil dem Großfurſten HOlgierd von Kijow! Sophronia-Olga aber brach aus in ein ſchallendes Gelaͤchter. Nichts von dem allen hörte der Sieger, ſein Arm war herniedergeſunken, ohne den zwei⸗ ten Streich zu volffuͤhren, und regunglos ſtarrte er auf den bleichen, blutenden Mann. Da trat ſie zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und zog ihn uͤber den Liegenden hinweg, dem Thore des Schloſſes zu. Weit war es bereits dem neuen Herrſcher aufgethan, und bald nachher ſah dieſer im hellerleuchteten Thron⸗ ſaale das Bild ſeines wachen Traumes ver⸗ wirklicht. Leontios Angelos begluckwunſchte ihn im Namen Cäͤſar's in einer langen, — 220— zierlichen Rede; Eudora flüſterte leiſe Worte aus hochaufathmender Bruſt, und als er eben ſo leiſe, aber leidenſchaftlich bewegt, ſie die Theilnehmerin ſeines Gluͤckes nannte, traf ihn ein Blick aus dem ſchoͤnen Auge, in welchem der von Sieg und Liebe Berauſchte nur den Abglanz ſeiner eigenen Gefuͤhle ſah. Hatte er ſich getaͤuſcht oder nicht? Aber mit bezau⸗ bernder Anmuth ſtellte das Maͤdchen von Chios dem Regenten ihren ſich demuͤthig hervor⸗ windenden Vater vor, und flehte um ſeinen Schutz für ihn und feine Nation, deren Wort⸗ fuͤhrer ihn knieend umringten. Die Feldhaupt⸗ leute und Bojaren ermangelten gleichfalls nicht, dem jetzigen Herrn ihre pflichtſchuldige Unter⸗ werfung zu bezeigen, und lauter als Alle ſchrie jener Oberſte: Hurrah, es lebe der recht⸗ maͤßige Herrſcher von Kijow! Kaum hatte indeß der neue Großfuͤrſt den erhoͤhten Sitz beſtiegen, ſo langte die Kunde an, nicht todt, nur ſchwer verwundet ſei der entthronte Fuͤrſt, man habe ihn in das Ge⸗ fongniß gefuhrt, der Kniaziewiez Jaropelk aber ſei im Getuͤmmel entkommen. Fuͤrſt Olgierd vernahm dieſe Botſchaft mit einem dunklen — 221— Gefuͤhle der Zufriedenheit, weniger aber er⸗ götzte ſie Sophronia, die ſofort in dumpfes Sinnen verfiel.* Genug Reichsverſammlungen haben wir dem Leſer gezeigt, genug der Thronreden hat er ver⸗ nommen, um das Aehnliche zu wiederholen, das nun in der varangiſchen Fuͤrſtenburg vor⸗ ging, und Olgierd's erſter Ausuͤbung ſeines Regentenamtes beizuwohnen. Wir begnuͤgen uns, anzudeuten, daß ſie ganz in der Art ſtatt⸗ fand, wie es von Olga's Zöglinge, vom Pfleg⸗ ſohne der Raͤuber, vom ehemaligen Haͤupt⸗ linge einer Aufruͤhrer- und Mordbrennerhorde zu erwarten warz daß er, Boleslaw den Zwei⸗ ten wo möglich noch üͤbertreffend, es fur die erſte Obliegenheit eines Fuͤrſten hielt, bevor er nothwendiger Anordnungen, das Wohl ſei⸗ nes Volkes betreffend, gedaͤchte, zu ſtrafen, was ſchwerlich Strafe verdiente, und ſtatt den Helzweig des Friedens uͤber ſeiner verwuͤſteten Hauptſtadt auszuſtrecken, fuͤr gut fand, erſt ein wenig Keule und Beil walten zu laſſen. Mit ächt fuͤrſtlicher Kaltbluͤtigkeit ſprach er Bluturtheil auf Bluturtheil aus uͤber Fuͤrſt Jaslaw's Anhänger und Diener und ließ ſie ohne Saͤumniß vollſtreckenz auch fehlte es nicht an Opfern, denn jeder Theilhaber an der heu⸗ tigen That befliß ſich, wer ihm nur irgend mißfällig oder unbequem war, als einen Feind oder wenigſtens als gefaͤhrlich zu bezeichnen⸗ Und doch wurden die Worte, die er rauh und gebieteriſch ſprach, vom Metropoliten mit fei⸗ erlichen Segnungen erwidert, von Eudora mit dem Lächeln entzuͤckten Beifalls und von Leon⸗ tios mit ausſchweifendem Lobe, die Griechen prieſen ſeine ſalomoniſche Weisheit, und Mal fuͤr Mal erſcholl das Hurrah der Ruſſen. Zu bemerken iſt jedoch, daß Sophronia-HOlga, wider ihre Gewohnheit, den gefuͤrſteten Sohn ohne Einrede walten ließ; fort und fort in Nachdenken vertieft, nahm ſie weder das Wort, noch ſonſt irgend Theil an dem, was ſich be⸗ gab, und nur, wenn ein neues Todesurtheil ausgeſprochen ward aus monarchiſcher Macht⸗ vollkommenheit, zuckte ein leichtes Lächeln der Zufriedenheit uͤber ihr ernſtes Geſicht. Die feierliche Handlung war beendigt, un⸗ ter Kniebeugungen entfernten ſich Ruſſen und Griechen, Eudorens Mund und Geberde druͤck⸗ ten beim Abſchied zart die Hoffnung auf eine Zeit aus, da ſolches Scheiden nicht mehr ſeyn wuͤrde, der Metropolit ſegnete noch einmal den Auserwaͤhlten der Kirche, und der Byzantiner ſprach: Endlich iſt dem Wunſche des allerdurch⸗ lauchtigſten Nikephoros Botoniates und des alleredelſten Sebaſtokrator genug gethanz mit Stolz und Freude ſieht der geringſte ihrer Die⸗ ner das große Werk, zu dem er Geringes bei⸗ getragen, erfuͤllt, und noch ehe die morgende Sonne in den Meridian tritt, ſoll, hoff' ich, mein Eilbote eine Nachricht gen Konſtan⸗ tinopolis tragen, die den ganzen Purpurpalaſt mit Freude erfuͤllt. Suͤß iſt die Ruhe auf errungenen Lor⸗ bern, ſo wuͤnſche ich Euch denn, erlauchter Sproͤßling der Caͤſaren, edelſter Protoſebaſt des graͤziſchen Nordens, einen ſanften Schlaf und ein ſo froͤhlich Erwachen, als was heute ge⸗ ſchehen, Euch zweifelsohne bereiten muß im Schloß Eurer Vaͤter. Ein Wort noch, Fürſt Olgierd, mein Sohn — ſprach Olga, als ſie allein waren, zu dieſem — Du ſteheſt jetzt an der Stelle, die ich Dir beſtimmt, und alle meine Verheißungen ſind wahr geworden, zum Ueberſchwange wahr. Er antwortete mit dem gleichgiltigen Stolze eines Fuͤrſten, der Jahre hindurch auf ererbtem Throne geſeſſen: An der Stelle bin ich, die mir gebuͤhrt nach dem Recht, und die, welche es kannte, hat, wenn ſie recht vorhergeſagt, kein beſonderes Verdienſt. Ihre Empfindlichkeit unterdruckend verſetzte ſie: Mit Recht ſagſt Du, daß ich, mit allem vekannt, was Dich betrifft, einen ſolchen Blick in die Zukunft thun konnte; auch jetzt iſt dieß noch der Fall. Ich habe Deine Größe geſehen, ich ſehe auch Deine Gefahr. Gefahr?— fragte der Fuͤrſt nachläſſig— Ich meine doch, ich habe ſie genugſam ent⸗ fernet, und die Reihen meiner Widerſacher ziemlich gelichtet. Und daran haſt Du weislich gethan— erwiderte Sophronia mit dem ihr eigenthuͤm⸗ lichen Laͤcheln— weislich, doch nicht genug. Der erſte Deiner Widerſacher, Großfuͤrſt von Kijow, lebt noch, Demetrius Jzaslaw. Ich weiß es— antworte Olgierd un⸗ ruhig— ich weiß, er lebt, aber im Kerker. Da ſprach ſie mit Eifer: In dem Kerker, den er mit Mieczyslaw theilt, dem Erben der verlorenen Krone. Ein Behältniß umſchließt Vater und Sohn, Deiner ſtillen Gegner ein⸗ zige Hoffnung, und dieß Behaltniß liegt mitten in Deiner Hauptſtadt. Ich verſtehe Dich— fiel er ein wie zu⸗ vor— zu wohl iſt mir Dein Sinn bekannt, als daß ich ſeiner in dieſen Worten' verfehlte, aber genug iſt des Blutes gefloſſen, mich ge⸗ luͤſtet nicht nach dem des alten Mannes, noch des Juͤnglings, der fruͤh ſchon die Hoffnung ſeines Lebens verlor. Fuͤrwahr, hart genug iſt das Loos, das ſie betraf. Dieſe wenigen Stunden— fuhr er mit ſtolzem Anſtande und leuchtendem Blicke fort— haben mich gelehrt, wie ſchon es iſt, zu herrſchen, wie bitter es ſeyn muß, von ſolcher Höhe geſtoßen zu wer⸗ den. Bei meinem fuͤrſtlichen Worte, dem ent⸗ thronten Herrſcher iſt das Leben keine köſtliche Gabe. Und geluͤſtet Dich denn, ſolche Erfahr⸗ ung zu machen?— fragte Sophronia mit Hohn. V. Band. 15 Kalt und gebieteriſch erwiderte er: Mir gehoͤrt dieß Diadem, ich habe es erkaͤmpft und werde wiſſen, es zu behaupten und ſeine Wuͤrde, nicht gegen Feinde nur, auch gegen anmaßliche Freunde. Und wie kommt es— ſprach ſie ſchnei⸗ dend— daß der junge Held, den ich doch oftmals uͤber blutende Leichen freudig und keck hinſchreiten ſah, jetzt ſich weichlichem Er⸗ barmen hingibt gegen die, deren Tod erſt voll⸗ endet, was der Tod ſo vieler anderen verächt⸗ lichen Gegner erſt begonnen. Er verſetzte eben ſo: Und wie kommt es, daß das Weib, das ſtets freudig mit mir uͤber jene Leichname ſchritt, das mir nie ihren Bei⸗ fall verſagte bei blutigem Werk, daß das Weib, ſage ich, dann mich ſchilt, wenn es mir einmal behagt, nicht zu morden? Bedenke, was Du thuſt— fuhr ſie fort, in ihn zu dringen— oft iſt, was dem Nie⸗ drigen wohl anſtehen mag, am Fuͤrſten zu tadeln. Demetrius Jzaslaw und ſein Sohn leben, weil Fuͤrſt Olgierd es will— rief dieſer heftig— und wohl ſehe der zu, er ſei welcher er wolle, der es wagt, dieſem Willen zu widerſtreben in That oder auch nur in Wort. Einen Blick warf Sophronia auf den Fuͤr⸗ ſten; waͤre er weniger raſch geweſen, hätte er Zorn und Verachtung in ihm geleſen, vielleicht auch eine Art hämiſcher Freude, dann ſprach ſie aber kalt: Du willſt, ſo ſei es darum, auch iſt es wohl gleich, ob, was geſchehen muß, ſich fruͤher oder ſpäter ereignet. Fruͤh oder ſpät oder nie, wie ich es ge⸗ biete, Olga, weiſe Frau des Waldes, oder Sophronia, wie man Euch hier nennt— ent⸗ gegnete der Fuͤrſt von Kijow, der ihre letzten Worte auf das bezog, was ſie vielleicht nicht betrafen, auf der gefangenen Fuͤrſten Schick⸗ ſal— aber— fuhr er fort— aber zu Einem iſt es, wie mich beduͤnkt, jetzt hohe Zeit, naͤm⸗ lich, daß ich wiſſe, wie es ſteht zwiſchen uns Beiden. Welcher von den verſchiedenen Na⸗ men, die man Euch gibt iſt der Eure, welche Eure wahre Geſtalt? Wer bin ich? Des Cäſars Verwandten nennet man mich und der Ruſſen rechtmaͤßigen Beherrſcherz ich fuͤhle in mir ſelbſt, daß das wahr iſt, aber welches iſt 45 6 mein Verwandtſeyn mit dem konſtantinopoli⸗ taniſchen Kaiſer, welches mein Erbrecht und, da Du Dich meine Mutter nenneſt, wer iſt mein Vater? War es die Scheu vor dem gebietenden Herrn zu Kijow, war es ein anderer Grund, der Sophroniens Antwort zuruͤck hielt, genug, ſie zauderte eine Weile, ehe ſie mit einer Art von Ehrerbietung ſprach: Heute nicht, mein Fuͤrſt und geliebter Sohn, nicht heute, Gegen⸗ ſtand meiner jahrelangen Sorgfalt; goͤnne mir fur dieſelbe nur einige Stunden Zeit, morgen wird ſich Dir alles enthuͤllen. Morgen, und immer morgen, und nicht heute.— entgegnete Olgierd— Ich bin des Geheimniſſes muͤde. Hell muß der Herrſcher ſehen von ſeinem Throne, und was ihm dun⸗ kel bleibt, iſt ihm verdaͤchtig. Du aber, Mut⸗ ter, oder Olga, oder Sophronia, weißt, was es heißt, dem Großfuͤrſten von Rußland ver⸗ daͤchtig zu ſeyn. Einen Blick wie den fruͤhern richtete die Mutter auf den Sohn, dann ſagte ſie: Mor⸗ gen, ich ſchwöre es bei den Gebeinen der Heiligen, ſoll Dein Wille geſchehen, hochge⸗ bietender Fuͤrſt von Kijow, morgen liegt Dein Schickſal offen vor Dir und Du erkennſt den Vater. Viel aber war der Muͤhe am heu⸗ tigen Tage, noch iſt die meinige nicht beendet, Du bedarfſt indeſſen der Ruhe, gute Nacht denn. Der muͤtterliche Wunſch einer guten Nacht ging in Erfuͤllung. Im prunkvollen Schlaf⸗ gemach, umringt von Dienern und Sklaven, uͤberließ ſich Olgierd noch einmal dem ruhigen Behagen an ſeinem Gluͤcke; als er ſtch auf das Ruhebette niederſtreckte, nachdem er be⸗ fohlen, ihn zeitig zu wecken, und es nun ſtill ward um ihn her, horchte er noch ſelbſtge⸗ faͤllig dem fernen, gleichfoͤrmigen Tritte der Wachen, die auf und nieder gingen vor den fuͤrſtlichen Zimmern, und verfiel dann in ei⸗ nen Schlaf, in welchen ihn entzuͤckende Traͤu⸗ me umgaukelten, von ſinnlichen Freuden, von kuͤnftigen Siegen, Eroberungen und Ruhm. Suͤß war alſo der Schlummer, aber das Erwachen? Der Leſer, welchem die arabiſchen Maͤhrchen der tauſend und einen Nacht nicht unbekannt ſind, wird ſich des Schuſters zu Bagdad erinnern, den der Kalif trunken von — 256 der Straße aufheben und in ſeinen Palaſt auf das kaiſerliche Lager bringen ließ, den, als er die Augen aufſchlug, die Großen des Reichs umknieeten, ihn als Beherrſcher der Gläubigen grßend, und den Tag hindurch ihm ſo viel Ehre erwieſen, daß er wirklich meinte, er ſei Kalif und kein Schuſter, deſſen Gluͤck aber mit dieſem Tage verrann, an deſſen Schluß er ſich wieder einen Rauſch trank, aus welchem ihn jedoch die kuͤhle Luft des zweiten Morgens in eben der Pfuͤtze erweckte, die in der vor⸗ letzten Nacht ſeine Schlummerſtätte geweſen. Nicht ganz ſo war das Erwachen Oigierd's, doch glich es dem Einſchlafen nicht. Er ſah ſich allein, und trotz ſeinem geſtrigen Gebote ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel; er rief den Dienern, und erfolglos verhallte ſeine Stimme in den leeren Gemaͤchern, und als er aufſprang in fuͤrſtlichem Zorne, die Nach⸗ läſſigen zu beſtrafen, und durch den anſtoßen⸗ den Saal rannte, nach der Thuͤre deſſelben, fand er ſie verſchloſſen. Betroffen ſtand er ſtill und horchte, draußen gingen, wie am vorigen Abende, die Wachen auf und nieder, ja — 231— der Tritte waren mehre und ihre Anzahl ſchien ſich verſtaͤrkt zu haben. Vergebens donnerte er ihnen den Befehl zu, dem Großfuͤrſten die Pforte zu oͤffnen, aber keine Antwort erfolgte, und gleichförmig hallten die Schritte fort und fort. Da eilte er nach dem Fenſter, hoch war das Schlaf⸗ gemach gelegen, und uͤber dieſen jaͤhen, tiefen Abſturz des Schloßberges tauchte ſein Blick in die Stadt. Dort ward er eine unruhige Be⸗ wegung gewahr; wie geſtern durchzogen Krieger⸗ ſcharen die Straßen und Proezeſſionen mit wehenden Fahnen, aber nur Tumult erblickte er, keinen Kampf. Er begann zu glauben, was er ſaͤhe, ſei nichts als die Vorbereitungen zum Thronfeſte, aber plötzlich fiel ſein Auge auf einen Haufen von Maͤnnern und Wei⸗ bern, die ſich am Fuße des Berges geſammelt, er erblickte ſie, die Faͤuſte gegen ihn bedrohlich erhebend, und ſein Ohr traf verworrenes Schreien der Wuth. Auch in ihm begann ſie empor zu lodern, unwillkuͤhrlich ſuchte er nach ſeinen Waffen; er fand ſie nicht, auch nicht die vergoldete Ruͤſtung, nicht den Helm, das Diadem und den Mantel mit Purpur beſetzt. —— Da ergriff den Tyrannen eines Tages die Angſt ſeines Gleichen, er ahnte die Naͤhe der Ver⸗ geltung und verhullte ſchaudernd das Antlitz. Im nämlichen Augenblicke öffnete ſich die Thuͤr und Leontios Angelos trat ein, von Ge⸗ wappneten begleitet, unter denen ſich jener Feldhauptmann befand. Olgierd betrachtete den erſten, und da er ihn zu finden glaubte wie immer, faßte der in Hoͤflingbrauch unerfahrene Räuberzögling Hoffnung, es ſei auch alles wie immer, was ihn befremdet, ein Werk des Zufalls und ſein Argwohn ein Irrthum, und er ſprach zu dem Strator: Iſt es die Obliegenheit des Bot⸗ ſchafters meines kaiſerlichen Vetters zu Kon⸗ ſtantinopolis, daß er dem Großfuͤrſten zu Ki⸗ jow den erſten Morgengruß bringe, ſo ſeid bedankt; was dieſe aber betrifft— ſetzte er mit flammenden Blicken auf die Ruſſen hinzu — ſo werde ich ſie lehren, die eigene Pflicht beſſer zu erfuͤllen. Olgierd hatte ſich getaͤuſcht, der Veſtiarius des Purpurpalaſtes war nicht wie immer, und wenn es ſo ſchien, ruͤhrte es nur von einem Zweifel her, den jedoch ein Blick des griechiſchen Helden auf die linke Huͤfte des Fürſten, und ein anderer rings im Gemache umher, zu ſeiner Zufriedenheit beſeitigte. Den⸗ noch ſagte er mit gewohnter Zierlichkeit: Aller⸗ dings iſt es meine Schuldigkeit, mich zu uͤber⸗ zeugen, ob mein Wunſch in Erfüllung ge⸗ gangen, und Euer Erwachen ſo war, wie nach dem zu hoffen ſtand, was ſich geſtern begab. Verzeihet denn, hoͤchſtedler Protoſebaſt, dieſen wackern Maͤnnern, denn auch ſie ſind gekom⸗ men, zu thun, was ihnen obliegt. Halb befriedigt fragte der Fuͤrſt: Und wo iſt Eudora, und wo Olga, die man hier So⸗ phronia nennt? Mit etwas verändertem Tone erwiderte der Byzantiner: Die ſchöne Eudora liegt am Fuße des Altars, fuͤr die Thronbeſteigung des rechtmaͤßigen Herrſchers dem Himmel zu dan⸗ ken, der ſie gewuͤrdigt hat, eines der Werk⸗ zeuge zu derſelben zu ſeyn; die weiſe Sophronia aber, anderweit beſchaͤftigt, muß Euren An⸗ blick entbehren, doch trug ſie mir auf, Euch zu ſagen, der Augenblick ſei da, wo in Er⸗ fuͤllung geht, was ſie Euch geſtern verhieß. — Ich habe mich nun meiner Pflicht ent⸗ —— ledigt— ſetzte er zuruͤcktretend hinzu— thut nun, Ihr Unterthanen des wahren Oberherrn von Kijow, die Eure. Und auf den Wink des Feldoberſten, je⸗ nes treuen Dieners aller zu Kijow regieren⸗ den Fuͤrſten, ergriffen die Gewappneten Ol⸗ gierd, beluden ihn, ehe der Ueberraſchte ſich ermannt hatte zu wuͤthendem Widerſtande, mit Feſſeln und ſchleppten den vergeblich Ringen⸗ den hinaus. Sein Weg fuͤhrte ihn durch das Thor der Burg, in das er vor wenig Stunden einzog als Sieger und Herr, und an demſelben em⸗ pfingen den Schmachbedeckten die Verwuͤnſch⸗ ungen einer raſenden Menge. Heulend fluch⸗ ten ihm die Weiber und Kinder, die ſein ſtun⸗ denlanges Regiment zu Wittwen und Waiſen gemacht; die Männer drohten, den zu zer⸗ fleiſchen, der den Fluch des Himmels herabge⸗ rufen uͤber Stadt und Land durch eine Unthat, zu graͤßlich, ſie zu nennen. Als der Betäubte nun gezwungen weiter ſchritt, begegnete ihm der Metropolit an der Spitze einer Prozeſſion, und der fromme Praͤlat, der ihn geſtern noch geſegnet, ſchleuderte jetzt ein donnerndes Ana⸗ 235— thema gegen ihn, und die Prieſter ſtimmten ein: Anathema dem Vatermoͤrder, bis der Tag des Herrn kommt!— Und mit zer⸗ malmender Gewalt fiel der Fluch auf Olgierd's zermalmtes Herz. Weiterhin traf er auf einen Trupp Griechen, an ihrer Spitze Theophraſtos, ſein unterwuͤrſiger, freigebiger Bewirther, und ſie ſpieen vor ihm aus und ſchrieen: Weg mit dem Ausſatzigen, den der Herr verworfen, weg mit dem, der ſchlimmer iſt als Cain, der erſte der Moͤrder, weg mit dem vater- und brudermörderiſchen Geſchlechte des Wolodzimi⸗ erz; Heil, Heil dem Cäſar Auguſtus, dem wahren Beherrſcher aller rechtglaͤubigen Grie⸗ chen! Und die Ruſſen bruͤllten ihnen nach: Fort, fort mit dem Ketzer und Tyrannenz Hurrah dem Czar von Carogrod, dem recht⸗ maͤßigen Herrſcher von Kijow! So fuͤhrte man den Elenden abſichtlich langſam und auf Umwegen, daß keine Schmach ſein Haupt verfehle, nach dem Orte ſeiner Beſtimmung. Wohl war es ein finſterer Ge⸗ fängnißthurm, aber ſehnſuchtvoll blickte er auf die Pforte, die ihn vor der hoͤhnenden Welt verbergen ſollte; als er ſie aber zuruckgelegt hatte und in das Innere des Kerkers trat, und er die fruͤheren Bewohner erblickte, da ſchmetterte jener Fluch, dreifach in ſeinem Her⸗ zen wiederhallend, ihn zu Boden. VII. Seit jener blutigen Unthat des achten Mai lag uͤber der Hauptſtadt und dem Reiche der ſarmatiſchen Slaven eine druͤckende Stille, das nahe Gewitter verkuͤndet, und bereits von Zeit zu Zeit unterbrochen durch ſeine ernſten, dum⸗ pfen Donnerſchläͤge. Zwar tonte oft das Gerauſch wilder Luſt von der Koͤnigsburg herab, und weithin uͤber Kra⸗ kow ſchimmerten die erleuchteten Fenſter, aber ihr Inneres glich immer mehr und mehr dem Zwinger eines morgenlaͤndiſchen Despoten, im⸗ mer weniger dem Hofhalte eines chriſtlichen Monarchen, eines Herrſchers uͤber eine freie Nation. Die meiſten und ehrenwertheſten Herren und Edlen mieden jetzt den befleckten König⸗ ſitz, ſie hielten ſich ſtill in ihren Schloͤſſern, ſich in's Geheim ruͤſtend, mit Nachdruck ſich den Bedruͤckungen zu widerſetzen, die Boles⸗ law des Zweiten ſtarrer Trotz und Verblend⸗ ung haͤufte. Nur ſeine Vertrauteſten, ihm ver⸗ buͤndet durch Ausſchweifung und gemeinſame Frevelthat, umgaben ihn noch, aber auch un⸗ ter dieſen befanden ſich ſolche, deren Beſorg⸗ niß und Truͤbſinn nicht vor dem Getuͤmmel ſchwelgeriſcher Gelage verſtummte; Nikolaus Strzemienie und Georg Trepka gehoͤrten zu ihnen. Selbſt unter dem Geklingel der Pokale, beim froͤhlichen Geſange erkaufter Dirnen, bei den Feſten des Königs, denen jetzt der ſonſt ſtrengſittige Schwerttraͤger beiwohnte, um den nagenden Wurm des Herzens zu betauben, ſchallte der Segen in ſein Ohr, den der ſter⸗ bende Fromme uͤber den Mordgenoſſen aus⸗ ſprach; er ſah beim Glanze der Kerzen das brechende, freundliche Auge, und es riß ihn fort in die Einſamkeit, wo lauter ziſchend noch ihn die Nattern der Reue umſchlangen. Obſchon immer noch geſonnen, nicht von der Ver⸗ theidigung der beſudelten Krone abzuweichen, drängte es ihn doch heimwaͤrts, um zu den Fuͤßen des Vaters und in Malgorzatens Ar⸗ men den Troſt der Vergebung und den lin⸗ dernden Balſam der Liebe zu ſinden. Aber des Vaters Fluch war dem vorangeeilt, der in kurzem ſein Haupt treffen ſollte, und bei allem was ihm heilig, hatte Severin Strzemieniee geſchworen, ſo der Moͤrder des Biſchofs das Haus betraͤte, in dem er noch Herr ſei, warte ſeiner der Tod. Malgorzata aber, zuruͤckſchau⸗ dernd vor dem Todtſchläger und Heiligthum⸗ ſchaͤnder, und dennoch den geliebten Gatten be⸗ weinend, flehte Tag fuͤr Tag in ihrer ſtillen Kammer zu Zembocin zum Himmel um Vers gebung fuͤr ihn. Da zog er nun, ſich ſelbſt zu entfliehen, ſo oft ſich dazu Veranlaſſung fand, in das Feld mit den reiſigen Scharen, die der Ko⸗ nig ausſendete, die von ihm abgewandten Ed⸗ len durch Pluͤnderung und Verwuͤſtung ihres Beſitzthums zu ſtrafen; der finſtere Geiſt be⸗ gangener, oder doch beabſichtigter und durch ihn beförderter Miſſethat ruhte laſtend auf ihm, nur im Gewirre des Kampfes fand er Betäubung, dem ſich die Ruhe verſagte, und am lauteſten tönte die Beſchwerde in den Land⸗ ſtrichen, welche der einſt ſo gerechte und ritter⸗ liche Strzemieniec durchzogen. Man vernahm ſie auf Burg Zembocin und heftiger entbrannte Severin's Zorn und ſchmerzlicher umklam⸗ merte der Gram das Herz Malgorzatens. Weniger Vorwuͤrfe hatte ſich Georg Trepka zu machen, aber doch tadelte er ſich ſelbſt, ſein Leben nicht an die Verhuͤtung der Un⸗ that geſetzt zu haben, die vor ſeinen Au⸗ gen geſchehen, doch nannte die allgemeine Stimme den Zeugen des Mordes als Theil⸗ nehmer an demſelben, doch erſtreckte ſich die Drohung des Kaſtellans von Proſzowice auf ihn, nnd Ilga ſchaute mit thränendem Auge auf den allmaͤhlig verdorrenden Brautkranz. Da brach endlich das Unvermeidliche, das mit bangem Entſetzen Erwartete herein. Die Kunde des Geſchehenen war nach Rom gelangt, und der apoſtoliſche Stuhl erbebte in ſeinen Grundveſten. Gregor VII., nach einem, mit Heinrich dem Vierten voruͤbergehend geſchloſſenen Frie⸗ den, in die Hauptſtadt der Chriſtenheit zu⸗ ruͤckgekehrt, erhob ſich in der Gewalt ſeines Zornes, er erhob ſeine Stimme, und die Worte, die er vom Altare des Laterans herab ſprach, wiederhallten bis zu den fernſten Gren⸗ zen der römiſch⸗katholiſchen Welt. Den koniglichen Moͤrder— lauteten ſie— trifft der Fluch Gottes und der Kirche, an denen er gefrevelt, auf ewige Tage, und bis in die ſpaͤteſten Sproͤßlinge, von dem Verfluchten er⸗ zeugt. Zerbrochen ſei die Krone, die er ge⸗ ſchaͤndet, und nimmer ſetze der Herrſcher der Sarmaten ſich nieder unter den Koͤnigen der Chriſtenheit. Ausgeſtrichen iſt ſein Reich aus dem Verzeichniſſe der Reiche, ſein Volk aus⸗ geſtoßen aus der Gemeine der Glaͤubigen, ſo lange es den Gottesmoͤrder als ſeinen Herr⸗ ſcher erkennt. Verflucht ſei Jeglicher, der ihn beruͤhrt, verflucht, der ihm ein Obdach ge⸗ waͤhrt oder Speiſe und Trank, verboten iſt dem Frevler Feuer und Waſſer. Und ſo lange er auf dem Boden Polens weilt, iſt dieſer ver⸗ flucht und alle ſeine Bewohner. Wir verſchließen mit Petri Schluſſel alle Kirchen, Kapellen und Kloſter des von Gott verworfenen Landes, — 241— kein Troſt der Religion werde dem Suchenden, unterſagt iſt das heilige Meßopfer den Laien, und die Sakramente; der heiligen Taufe Bad verluſtig uͤbergeben wir die Neugeborenen der Erbſuͤnde und dem Teufel, die ungeſegneten Ehen ſeien verbrecheriſcher Beiſchlaf, den Buͤ⸗ ßenden verſagen wir Beichte und Abſolution, und uͤberantworten den Sterbenden, der, be⸗ laſtet mit allen ſeinen Suͤnden dahinfährt, den Flammen der Hoͤlle! Die Worte des Schreckens ertoͤnten in Polen, und Entſetzen ergriff das Volk. Be⸗ bend ſah es auf zu dem erzuͤrnten Himmel, ob er ſeine Donner nicht herabſenden werde auf die ihm Verhaßten, ſcheu blickte es zur Erde, waͤhnend, ſie werde ſich aufthun, um ihre Bewohner zu verſchlingen; nach Troſt ſchreiend und nach Rettung umlagerte es die Kirchen, aber kein Troſt ging aus dieſen her⸗ vor, und keine Hoffnung der Rettung. Ver⸗ geblich klopften die Verzagenden an die ge⸗ ſchloſſenen Pforten, ſie thaten ſich nicht auf, und als breche der Grimm des Himmels, vom Nachfolger des Apoſtels hervorgerufen, wirk⸗ lich herein, verwuͤſteten Hagelſchlag und Ue⸗ V. Band. 16 — 242— berſchwemmungen an vielen Orten die Felder, und die Hoffnung der Aernte war verlorenz der eintretende Mangel und die allgemeine Ver⸗ zweiflung fuͤhrten die nothwendige Folge her⸗ bei, eine peſtartige Seuche vollendete das Elend. Wimmernd nach dem Labſale des Glau⸗ bens, wand ſich der Sterbende auf ſeinem La⸗ ger, troſtlos umſchlangen ſeine Angehörigen die Kniee der Prieſter, umſonſt, jener verſchied un⸗ erhort in den Qualen der ihn vermeint er⸗ wartenden Hölle, und in thränenloſem Schmerze verſenkten die Hinterlaſſenen des ewig Ver⸗ dammten zeitliche Huͤlle in ungeweihte Erde. Jammernde Muͤtter ſahen die, ohne Taufe ge⸗ ſtorbenen Saͤuglinge, dem Wahnglauben der Zeit nach, auf den Schindanger werfen; die Noth des Leibes und der Seele hatte einen uͤberſchwenglichen Grad erreicht. Buͤßende ſah man im Sack und in der Aſche, Klaggeheul toͤnte durch Staͤdte, Dörfer und Fluren, aber mitten unter der unermeß⸗ lichen Verwirrung bereitete ſich, was ſie zu löſen beſtimmt war. Das Volk jammerte uͤber ſein Elend, die Edlen dachten darauf, es zu enden. Die ſtille Widerſetzlichkeit brach in offenen Krieg aus, die Prieſter erklarten von den Kan⸗ zeln herab Boleslaw der Krone verluſtig, die Herren und die Ritter wiederholten das Wort, und das Polk ſprach es nach. Auch das Heer wankte, vom Geiſte der Zeit hinge⸗ riſſen, in ſeiner Treue, und obgleich der Koͤnig in einigen Schlachten verſuchte, ſein Erbrecht zu behaupten, war er doch immer der beſiegte Theil, und bald ſah er ſich auch von ſeinen Kriegern verlaſſen. Da ſprach die Reichsverſammlung auch die weltliche Acht uͤber ihn aus und uͤber ſeine Genoſſen bei der Ermordung des Biſchofs, uͤber Nikolaus Strzemieniec, zweien vom Ge⸗ ſchlechte Szreniawa, zweien von dem der Ja⸗ ſtrzembiec, Adalbert Druzyniec und den un⸗ ſchuldigen Georg Trepka. Nach langem Umherirren im Reiche floh Boleslaw mit ſeinem zwolfjährigen Sohne Mieczylaw, im Fruͤhlinge des tauſend und achtzigſten Jahres, zu dem Könige Wladyslaw 16* — 244— von Ungarn, ihn begleiteten die Genoſſen ſei⸗ nes Frevels und ſeines Unglucks. Nach und nach kehrten mit der Wiederauf⸗ nahme in die chriſtliche Gemeine Ruhe und Ordnung zuruͤck, aber lange noch bluteten die Wunden, die Boleslaw der Verwegene Polen geſchlagen, und der Ruhm ſeiner Krone war verdunkelt. VII. Olgierd, der entſetzte Großfürſt, war, uͤber⸗ waͤltigt von allen den ploͤtzlichen Stuͤrmen, die ſein kuͤnſtlich gehaͤrtetes Herz plotzlich, unvor⸗ bereitet und vereint betroffen, beim Eintritt in den Kerker ohnmaͤchtig zu Boden geſunken in der Mitte der Gewappneten, die ihn umga⸗ ben, nicht ſeine Leib- und Ehrenwacht mehr, ſondern des Gefangenen Waͤchter. Als er ſeine Beſinnung wieder erlangte, ſaß er nicht auf dem Throne, mit Diadem und Mantel ge⸗ — 5— ſchmuͤckt, eiſernes Kettengeſchmeide hielt ihn feſt auf einem ſteinernen Blocke und an der feuchten Mauer des Gewoͤlbes, daß er den Blick nicht wenden konnte von dem Schau⸗ ſpiele, das ſich ſeinen irren, entſetzten Blicken darbot. Auch war es nicht erfreulich, dieß Schauſpiel, und wohl geeignet, dem entthron⸗ ten Herrſcher als Spiegelbild des eigenen Schickſals zu gelten. Gerade vor ihm, auf ahnlichem Block, ge⸗ feſſelt wie er, ſaß Fuͤrſt Demetrius Jzaslaw. Sein Haupt war geſenkt, ſeine Wangen wa⸗ ren eingefallen, aber ſein Antlitz und ſein Auge gluͤhten in dem Feuer des Fiebers, er⸗ regt durch die Wunde, die Hlgierd's Schwert ihm geſchlagen, aus der, unverbunden und klaffend, ſich immer noch das Blut in lang⸗ ſamen dicken Tropfen ergoß. Tödtliche Mat⸗ tigkeit ſchien bereits die nahe Auflöſung zu verkuͤnden; aber der Geiſt, halb losgerungen von den Banden des Koͤrpers, that ſein raſt⸗ loſes Umherſchweifen in raſchen, abgebrochenen Worten kund, halb an ſich ſelbſt, halb an einen zweiten Bewohner des Kerkers gerichtet. Wie ſeinen Nachfolger auf dem Throne und im Gefängniſſe, deckte Jzaslaw noch das pur⸗ purbeſäͤumte Untergewand, die langen, bereits ergrauenden Locken fielen herab auf die blut⸗ rothe Wunde, und Schmerz und Groll gegen ſich ſelbſt entſtellten das bleiche Angeſicht, wenn er auf einen jungen Mann blickte, der, gleichfalls mit Ketten an einen Steinſitz ge⸗ ſchmiedet, das duͤſtere Kleeblatt der Kerker⸗ bewohner fuͤllte. Fiel aber das Auge des alten Fuͤrſten auf Olgierd, ſo war in dem⸗ ſelben Zorn und Verachtung mit einer Art unruhigen Erſtaunens gemiſcht zu leſen, die mit niegefuͤhlten Empfindungen den durch⸗ drangen, welchem man abſichtlich eine Stell⸗ ung gegeben zu haben ſchien, die ihn zwang, fort und fort den Genoſſen ſeines Elendes in's Angeſicht zu ſehen. Als er nun, allmaͤhlig ſich an die Dun⸗ kelheit des Gewoͤlbes gewoͤhnend, die Geſtalt des Juͤngern von Beiden deutlicher wahrnahm, ergriff ihn ein unerklarliches Gefuͤhlz es duͤnkte ihn, er ſitze vor einer Spiegelſcheibe, oder er befinde ſich zwiefach an dieſem traurigen Orte, und er ſchauderte zuſammen. Ein Gleiches ſchien jener bei ſeinem Anblicke zu empfinden, und die wunderbare Aehnlichkeit beider jungen. Männer war es, die Demetrius Jzaslaw's Erſtaunen erregte. Plotzlich aber ſchien dieſen eine Art ſchmerz⸗ licher Freude zu ergreifen, und er rief mit ho⸗ ler ſchwankender Stimme: Wohl erkannte ich die Bosheit unſerer Feinde, als ſie mich in den naͤmlichen Kerker ſtieß, in welchem der verblendete Vater das Kind ſeines Hauſes ge⸗ worfen, dem liſtigen Rathe der Widerſacher thörig gehorſam, ſeine beßte Waſſe gegen ſie zerbrechend; wohl gewahre ich jetzt den tucki⸗ ſchen Hohn, mit welchem ſie dieſen zu uns geſellen, aber mein ſterbend Auge erkennt auch der gottlichen Gerechtigkeit Walten, die uns hier zuſammenfuͤhrt, ihn durch meinen Anblick zu ſtrafen, mich durch ſein Anſchauen und das Deine, und Dir, Mieczyslaw, der Du allein rein biſt unter uns, Dir Genugthuung zu geben, den, der unvaͤterlich an Dir gefrevelt, vor Dir zu ſehen, und mit ihm das Werkzeug, das ihn gezuͤchtigt. Wie moöchte— antwortete Mieczyslaw — ich darin Genugthuung finden, was Euch peinigt, Herr und Vater, und Eure letzte — Stunde verbittert, die wohl auch die meine ſeyn wird? Moͤchte es Euch ein Troſt ſeyn, in derſelben den Sohn bei Euch zu ſchauen, deſſen Liebe und Treue, durch Eure Strenge nur unthaͤtig gemacht, nicht vermindert, durch Euer Ungluͤck zurucktritt in ihr altes Recht. Wozu Euch auch die Liſt der Feinde verlei⸗ tete, Ihr habt es ſchwer gebuͤßt; losgeſprochen hat Euch der ſtrenge, aber auch barmherzige Gott von Eurer Schuld, wie moͤchte der Sohn ihrer noch gedenken? Laſſet uns nun thun, was uns obliegt, vereint und ſtandhaft das Ungemach tragen, zumal in Gegenwart dieſes Niedrigen, der durch That und Herkunft ſein erlauchtes Anſehen verleugnet. Fuͤrſtlich— rief Jzaslaw bitter— fuͤrſt⸗ lich hätte ich da auftreten ſollen, da die Macht bei mir war und es mir zuſtand, ſie zu be⸗ wahren und meines Geſchlechtes Haupt zu ſeyn, nicht ſein Verderber; damals gebuͤhrte mir, ſtandhaft zu ſeyn, aber ich war es nicht, der Großfuͤrſt von Rußland in ſeinem Stolze war das veraͤchtliche Spielzeug gemeiner Be⸗ truͤger. Doch ich nicht allein— fuhr er fort, gegen Olgietd gerichtet— auch Du, zwölf⸗ —— ſtuͤndiger Herrſcher von Kijow, ſo hoch Du Dich auch bruͤſteteſt in uͤbermuͤthigem Wahne, auch Du warſt nur der Narr des Schickſals und derer, die uns Alle bethoͤrten. Nicht rauh und ſtörriſch wie ſonſt, ſon⸗ dern mit niedergeſchlagenem Blicke und kaum vernehmlich antwortete Hlgierd: Ich war es, Herr, und fuͤrchte, mein Spiel war das ſchlimmſte von allen. Das ſchlimmſte?— fragte Jzaslaw im⸗ mer heftiger in der ſteigenden Gluth des Wund⸗ fiebers und beinahe ſpottend— Fuͤrchte das nicht, wir haben Beide das Unſere gethanz wohl haſt Du, ein leibeigener Knecht, Dei⸗ nen rechtmaͤßigen Herrn entſetzt und ermor⸗ det, doch war ich Dir fremd; nun ſieh, ich, ein geborner Fuͤrſt, habe den Gaſt meines Hauſes, den, dem ich Treue geſchworen, der Fauſt der Meuchler uͤberantwortet; ich, der Vater, ſtieß meinen beßten Sohn in den Ker⸗ ker. Heben wir demnach auf mit einander — ſprach er mit Bitterkeit fort— Beide waren wir ja Fuͤrſten von Kijow, auf uns Beiden laſten Meineid und Unthat, fuͤr ändere begangen, uns Beide trifft ihr Hohn, und in wenigen Stunden der Tod. Erſchuͤttert von der Rede des ungluck⸗ lichen Mannes ſtöhnte Olgierd: Nein, nein, federleicht iſt, ich ahne es, Eure Schale ge⸗ gen die meine, und ich fuͤhle, wie ihre Laſt mich, hier, hier, vor Euren Augen den un⸗ beugſamen Nacken brechend, zu Boden druckt. Matter und mit halbem Laͤcheln ſagte Jzaslaw: Wie mag das Dich ſo ſehr an⸗ fechten? Hat doch der Färſt ſich herabge⸗ würdigt zu unfürſtlichem Thun, mag der Knecht ſich nicht eher entſchuldigen, der doch nur nach Art der Knechte? O, waͤre ich es!— ſchrie Olgierd auf, mit dem Ausdrucke tiefer Seelenpein— Fluch mir, daß ich es nicht bin, daß ich nicht bin, was man glaubte, ich ſei es, was ich ver⸗ wuͤnſchte zu ſeyn! Wahrlich, alles tragen wollte ich, nur dieß Eine kann ich nicht tra⸗ gen, das, was die Stimme des Himmels mir zuͤrnend zurief, zu dem der Hölle ſchwärzeſter Geiſt mich auf einem Pfade voll Blut und Frevel geſchleppt! Wehe mir, ſage ich, und Wehe Euch, daß ich geboren! Fluch dem Augenblicke, der mich zum zweiten Mal vor Euer Angeſicht fuͤhrte! Zum zweiten Mal, ſagſt Du?— fragte Jzaslaw, nach einer Pauſe, nachdenklich— Wahrlich, es ſteigt vor der ſcheidenden Seele eine Erinnerung auf. Ich ſah Dich wirklich ſchon einmal, duͤnkt mich, in Ketten wie jetzt, und wie jetzt dem Tode verfallen; doch nicht im Purpurkleide und Diademe, Du warſt im Gewande eines Leibeigenen. Mit einem dumpfen Seufzer ſtrebte Olgierd fruchtlos, ſich abzuwenden. Nach einer abermaligen Pauſe, waͤhrend welcher der, durch die Annaͤherung des Todes getruͤbte Geiſt ſich muͤhte, irgend einen Ge⸗ genſtand in der Ferne der Vergangenheit auf⸗ zufaſſen, fuhr Fuͤrſt Demetrius fort: Ja, auf Schloß Zembocin war es, und ich verſuchte damals, Dein Leben zu retten. Das haſt Du mir freilich uͤbel vergolten, aber es kuͤm⸗ mere Dich nicht. Dankbarkeit iſt nicht die Tugend der Fuͤrſten, und Fuͤrſt zu ſeyn, war ja Deine Beſtimmung. Da ſchrie Olgierd in gellendem Tone, nutz⸗ los ſich anſtrengend, ſeinen Platz zu verlaſſen: Stuͤrzet doch uͤber mich zuſammen, ihr Mau⸗ ern, und begrabet mich in meiner Qual! O, haͤtte Boleslaw's Scheiterhaufen meine Ge⸗ beine verzehrt, ſchuldlos waͤre ich geſtorben gegen jetzt, und nicht ein verfluchtes Werk⸗ zeug unmenſchlicher Bosheit. Hell wird mir es um mich her, erleuchtet von dem Wie⸗ derſcheine der Höllez hell, aber zu ſpat, da ich ihr auf immer verfallen! Herunter— bruͤllte er auf, indem er umſonſt verſuchte, die ge⸗ feſſelten Haͤnde zum Haupte zu erheben— Herunter von der verfluchten Scheitel mit dem Diademe, mit welchem teufliſcher Spott ſie umſchlang, nimmer haͤtte mich ſo die gluͤ⸗ hende Krone gebrannt, die Boleslaw mir ver⸗ heißen. So biſt Du denn— fragte Izaslaw mit Anſtrengung— jener tollkuͤhne Juͤngling, von dem das Geruͤcht ſprach, der Haͤuptling der Empoͤrer, der Mordbrenner Feldhauptmann und Juͤrſt? Da rief der Andere mit ſchrecklichem Lachen: Ja, ich bin, was Du ſagſt, und weit mehr, mit noch ganz anderen Namen benennt mich der Abgrund! Mieczyslaw fuͤhlte das heranſchwebende Ge⸗ ſpenſt furchtbarer Entwickelung, er wollte dem Sterbenden den letzten bitterſten Tropfen er⸗ ſparen und ſprach: Laſſet ab, Herr und Va⸗ ter, von ſolchen widrigen Dingen, in wenigen Augenblicken liegt die Welt hinter Euch und ihre Boöheit und ihr Elend; laſſet ſie uns an⸗ wenden, um wuͤrdig von ihr zu ſcheiden, gön⸗ net ſie dieſem Ungluͤcklichen zur Reue, die ihn heilſam ergreift. Aber ohne auf ihn zu hören, ſagte Jzas⸗ law langſam: Ein verderblich Geſchenk wollte ich der Welt mit Dir machen, und dem Ko⸗ nige von Polen, der es, von mir verſchmaͤ⸗ hend, ſich ſelbſt aufbewahrt hat und— auch mir.— Seltſam ſind die Wege des Schick⸗ ſals, und uns, die wir frei zu ſchreiten wäh⸗ nen, fuͤhrt eine unſichtbare Hand. Welches war denn das dunkle Gefuͤhl, das mich in Deinen Kreis zog, damit Du einſt verderblich in den meinen treteſt? Ja, ich gedenke es, eine Aehnlichkeit war es— eine Aehnlichkeit, die wieder lebhaft vor mich tritt. Sieh auf dieſen jungen Mann und bewundere der Men⸗ ſchen Verblendungz dieſen ſtieß ich in Kerker und Tod, und ſein feindſelig Nachbild wollte ich erretten zum eigenen Verderben! Aber— fuhr er plötzlich empor— Du täuſchend Phan⸗ tom, wer biſt Du, Du ruͤhmſt Dich, kein Knecht zu ſeyn, ſprich denn, welchem Stamme biſt Du entſproſſen? Olgierd verſtummte, aber plötzlich ließ ſich eine Stimme vernehmen: Nicht von ihm er⸗ fährſt Du es, ſondern von mir! Die drei Kerkerbewohner ſchauten auf, und„Sophronia!“ rief mit unwilligem Er⸗ ſtaunen der Fürſt,„Olga!“ aber Olgierd, mit dem Gekreiſch fruchtloſer Wuth. Ja, ich bin es— ſprach ſie mit kaltem Hohne— Sophronia und Olga zugleich. Du erinnerſt Dich meiner, Großfuͤrſt von Ruß⸗ land, auch ich habe Dein nie vergeſſen, und damit Du es erkenneſt, trete ich in der Stunde des Todes vor Dich. Zuerſt aber noch ein Wort zu dieſem Mordbrennerhelden, zu dieſem hochmächtigen Fürſten einer Sommernacht. Ich habe ein Recht an Dich, und Mutter durfteſt Du mich nennen, ob Du ſchon nicht der Sohn meines Leibes warſt, wie Du gewähnt; Du haſt indeß an dieſer Bruſt gelegen, die Milch —————— aber, die Du geſogen, war die Milch meines Haſſes. Sie iſt Dir trefflich gediehen, Du biſt geworden, was ich Dich beſtimmte zu ſeyn, der Gehaßte, das Werkzeug des Haſſes; zerbrechen wollte ich Dich, wenn Du das Deine gethan; Du thateſt es, und biſt zerbrochen. Auf Zweien ruhte mein Haß, auf dieſem, den er nun zum Tode getroffen, und auf einem Andern noch, deſſen Leben er zwar verfehlt, aber doch vergiftet durch Reue und haͤuslichen Jammer. Du kenneſt ihn wohl, Severin Strzemieniec iſt ſein Name, ſein Verbrechen an mir, der Meineid, und ein freudenloſes Alter die Strafe deſſelben. Er entfloh der Betrogenen, ſie abet kam ihm nach, und mit ihr ſchritt das Verderben uͤber ſeine Schwelle. Am Altare ſeines Hauſes gedachte ihrer der Treubruͤchige zu ſpotten, der Vergeſſenen im Arme der tugendſamen Gemahlin, aber Olga war da, und die Nebenbuhlerin ſank in das Grab. Ich glaubte, mit ihr auch meine Na⸗ che zu verſenken, die Hochzeitfackel an den Kerzen entzundend, die ihre Bahre umflamm⸗ ten, aber ich ſah mich getäuſcht. Du warſt nicht Severin's Sohn, ſo wenig als der meine, aber er waͤhnte es doch, er wähnte es, und dennoch ſtieß er mich zuruͤck, und ſtatt der Ehre der Hausfrau, ward mir der Leibeigenen Schmach. Da hoben die Nattern der Rache zwiefach ergrimmt das Haupt, mit ſtill ge⸗ ſchaͤftiger Hand ſtreute ich den Samen kuͤnf⸗ tigen Unheils aus, und was, wenn Ihr ſo wollet, das Laſter geſaͤet, gedieh trefflich unter der Pflege der Tugend. Der fromme Eifer jenes Bi⸗ ſchofs legte dem vermeinten Vater die Pflicht der Strenge auf gegen den geglaubten Sohn, die That des glaͤubigen Beichtſohnes gehorchte dem Gebote, nicht das widerſtrebende Herz, es wandte ſich dem widerwillig Mißhandelten zu, von dem Beguͤnſtigten durch das Erbrecht, vom Stammhalter ſeines Hauſes dem Ver⸗ derber deſſelben. Ja, ſchon damals, Olgierd, der Du nicht Olgierd biſt, erkor ich Dich zu ſolchem, und mit Freude gewahrte ich und pflegte ich den Haß, der in Deiner Bruſt ſich gegen den gezwungenen Zwingherrn erzeugte, gegen den, der Dich liebte, mehr als den Beſſern, als den Sohn. Ja er hat Dich ge⸗ liebt, und eben darum ſollteſt Du ihn verder⸗ ben. Mit Behagen ſah ich in der wachſenden — 257— Abneigung zwiſchen Vater und Sohn den Keim kuͤnftigen Grames fuͤr Beide; mit Behagen naͤhrte ich Deine Bosheit, bis ſie das Herz meines Werkzeuges erfullte, leitete ich Dich auf meiner Bahn, zwiſchen Erbitterung gegen Dein Loos, und dunklen Träumen einer beſſern Zu⸗ kunft, ſchuͤrte ich die Flamme Deines Ge⸗ laſtes nach der Ehefrau des Erbherrn, daß ſie Dich entzuͤnde zur That, wenn es Zeit ſei, und das Haus einaſchere, das ich zu verwuͤ⸗ ſten beſchloſſen. Knirrſche nicht ſo mit den Zähnen, mein Pflegſohn, balle die Fäuſte nicht, denn es iſt doch wahr, niemals warſt Du etwas anderes als ein Werkzeug in meiner Hand, und dieſe Hand hat es jetzt, da es unnuͤtz geworden, in den Winkel geworfen. Schauet nicht ſo gleichgiltig drein und gelangweilt, hochſtedler Großfuͤrſt von Kijow, mehr als Ihr glaubt, betrifft Euch meine Erzaͤhlung, und noch ehe ſie beendet, werdet Ihr es erfahren. Gegen dieſen Severin Strzemieniec hatte ſich meine Rache gewendet, denn der andere, ein hoͤher Haupt, lag damals fern in Ger⸗ manien, in den Banden des fränkiſchen Hein⸗ V. Vand. — 258— rich. Ihr wurdet geloͤſ't aus denſelben, Fuͤrſt Demetrius, und erſchienet zu Zembocin mit dem Koͤnige. Damals, ich geſtehe es, kaͤmpfte der Eigennutz mit der Rache einen augenblick⸗ lichen Kampf, doch bald war er entſchieden. Ich ſtand im Begriffe, Euch damals kund zu thun, was Ihr jetzt bald vernehmen werdet mit weniger Freude, aber ich gewahrte den Argwohn und den Widerwillen in Boleslaw's Herzen und im Euren, ich belauſchte ein heim⸗ lich Geſpräͤch des Erſten mit dem Erzbiſchof von Gniezno, und alsbald ſah die weiſe Frau des Waldes vorher, was ſich ſpaͤter begab, und den nun eingetretenen Ausgang. Wenig hatte mir der laͤnderloſe Fuͤrſt zu bieten, der ein Knecht bleiben ſollte auf dem noch nicht eroberten Throne; entſchloſſen opferte ich das Geringere der ſuͤßern Rache, und ſie hat mich, wie Ihr ſeht, nicht getaͤuſcht. Da fiel mein Blick auf jenen konſtantinopolitaniſchen Hoͤf⸗ ling, und ich erkannte den befreundeten Geiſt, ich erkannte die Schlange, die neben dem Lö⸗ wen herſchleicht und der Hyaͤne, lauernd, daß der Streit zwiſchen ihnen entbrenne, damit ſie beide dann vernichtend umſchlinge. Ich er⸗ kannte ihn und den Theil der Beute, der mir anheimfallen wuͤrde. Ob es ihm gelungen iſt und mir, habt Ihr, Fuͤrſt Demetrius, geſtern erfahren. Mein Entſchluß war gefaßt, da trat zwi⸗ ſchen ihn und die ferne Ausfuͤhrung dieſes jungen Helden tollkuͤhnes Beginnen, und ich gab ihn widerwillig auf. Doch nicht die Rache gab ich auf, konnte ich doch, wenn dieß, jetzt vom Diadem umſchimmerte Haupt ſchon damals unter dem Beile fiel, des einen Feindes Herz mit truͤgender Kunde zerfleiſchen, mit wahrer das des andern. Aber noch ein Mal traten die finſtern Mächte, die mir dienen, helfend an meine Seite im Gewande des Lichtes; Euer Wort, Demetrius, ein deutungvolleres als Ihr mein⸗ tet, verhallte ungehört, aber jener Biſchof ſprach, und mein Werkzeug war gerettet, um dereinſt Euch und ſich in zehnfachem Maße zu verderben. Ihr zoget hinweg mit dem Koͤnige, Eurem Schickſale entgegen, ich aber eilte, es vorzu⸗ bereiten. Tuͤckiſch warſt Du genug, Olgierd, mein Pflegling, und zu jeglichem Frevel be⸗ — 260— reit, aber zu Ausfuͤhrung bedurfteſt Du mehr, bis dahin nur vertraut mit Knuͤppel und Bank⸗ bein. Der Arm, beſtimmt eine That zu voll⸗ bringen, der die Höoͤlle ſich freute und der Geiſt in Olga⸗Sophronia's Bruſt, mußte das Schwert fuͤhren lernen; wie Deinen Leib mußte Dein Herz ein eherner Panzer umgeben, den Feind mußteſt Du ſehen in jedem Menſchen nicht nur, auch die geſammte Menſchheit, Dir fremd geworden, bekaͤmpfen, drum fuͤhrte ich Dich zu den Maͤnnern des Gebirges, und nicht auf unfruchtbaren Boden fielen meine Lehren, ihr Beiſpiel. Die Suͤßigkeit der Rache muß⸗ teſt Du koſten, darum beugte ich unter Dei⸗ nen Fuß den Nacken des verhaßten Knechtes, den der Uebermuͤthige einſt widerwillig Vater genannt, ich aber eilte nach Kijow. Du ruͤhmeſt Dich hoher Weisheit, erlauch⸗ ter Fuͤrſt Jzaslaw, und ſcharfſichtiger wähnteſt Du zu ſeyn, als der Polenkoͤnig, aber Du taͤuſchteſt Dich; wie er in Dir den verhuͤllten Feind unter der Larve heuchleriſcher Demuth nicht wahrnahm, erkannteſt Du die neben Dir ſtehende Todfeindin nicht, nicht die Haſſer die Dich umringten mit frommer Geberde oder 6 mit gekruͤmmtem Ruͤcken und laͤchelndem An⸗ tlitz. Du meinteſt, nur Boleslaw's Sturz ſei ihr Zweck, Du irrteſt. Sie haßten Dich wie ihn, und nicht ſeinen Fall allein begehrten ſie, auch den Deinen. Da trat zu dem alten, langgenaͤhrten Ge⸗ füͤhle in mir noch ein zweites. Eine Griechin bin ich, die Tochter des edelſten Volkes der Erde, und gleich allen meinen Landesgenoſſen haſſe ich die Barbaren, wie ich ihr Haupt ver⸗ abſcheue. Damals ſchon war bereitet, was am geſtrigen Abende an das Licht trat, und ich geſellte mich zu Deinen Feinden, dem Theo⸗ phraſt und ſeinen Anhaͤngern, mir lange be⸗ freundet, und willig nahmen die kluge Ver⸗ buͤndete Leontios Angelos auf und der Me⸗ tropolit. Damit geſchehe, was wir wollten zum Heile des oſtroͤmiſchen Reiches und des Sebaſtokra⸗ tor, damit, wie ein Altar, auch nur ein Thron ſtehe unter den Glaubigen, mußteſt Du den Schutzherrn verlieren, mußte ſtiller Wider⸗ wille ſich entflammen zur offenen Feindſchaft, und eine That geſchehen, unſuͤhnbar und un⸗ —„ widerruflich. Du thateſt, wie wir gewollt und trägſt nun die Folgen der That. Damit Du aber ſolcher That Dich un⸗ terfingeſt, damit Du wagteſt, die Hand an den Maͤchtigen und Tapfern zu legen, Du, unkriegeriſcher noch als unweiſe, mußte ſeine Tapferkeit gelaͤhmt werden und ſeine Macht verringert. Wie das Erſte geſchah, weißt Du, der Zaubertrank der Luſt berauſchte den Helden, Du reichteſt ihm denſelben, nicht Dir zum Frommen, wie Du faͤlſchlich waͤhn⸗ teſt, nein, uns, Dir aber zum Verderben. Waͤhrend Du hier den Löwen umſtrickteſt, deſſen Klaue den Schwaͤchlichen ſchuͤtzte durch Leontios Angelos und Eudoren, Beide ihrer Pflicht getreu, nicht Dir, Beide den Barbaren haſſend und dem Vaterlande zugethan, wie alle Griechen zu Kijow, waͤhrend hier geſchah was Du wollteſt, treulos, undankbar und thorig zugleich, erſchuͤtterte ein Erdbeben Bo⸗ leslaw's Thron in der Heimat, nicht von Dir erregt, ſondern von mir, durch die Hilfe der mir beiſtändigen Maͤchte. Mein Werk zu Kijow war vollbracht, ich eilte dahin, wo meine Anweſenheit noth⸗ wendiger war, nahm doch alles hier den er— wuͤnſchten Gangz der Sauromatenkoͤnig tau⸗ melte dem Abgrunde zu, in den Du ihn ſto⸗ ßen wollteſt, ohne zu ahnen, er ſei Euch Beiden beſtimmt zum gemeinſamen Grabe, und es iſt Dir gelungen zur Hälfte mit ihm, uns aber vollkommen mit Dir. Meine Saat fand ich herrlich aufgegan⸗ gen, als ich in das polniſche Reich zuruͤck⸗ kehrte; waͤhrend der Koͤnig hier ſich betaͤubte im vergiftenden Tranke ſeines verrätheriſchen Gaſtfreundes, durchſtrich der Geiſt der Ver⸗ wirrung die Ebenen der ſauromatiſchen Sla⸗ ven. Da war es Zeit zu vollenden, was die weiſe Frau des Waldes durch ihre Dämonen bereitet, und ich eilte, den ſchlimmſten von ihnen herbeizurufen, der mir am meiſten un⸗ terthan war. Wie ich den entarteten Buben in die Bergſchlucht der Karpathen gefuͤhrt, fuͤhrte ich den vollendeten Boͤſewicht Olgierd heraus in die Welt, zu deren Feind ich ihn beſtimmt und erzogen. Und er war es ge⸗ worden. Mich zog die Rache nach Zembo⸗ ein, ihn die Rache und das Geluͤſten; das Schloß ward genommen und wir ſahen uns — 264— Beide getäuſcht, denn mein Opfer war ent⸗ flohen, und das, was er nach Juͤnglingsart den Preis des Sieges nannte. Als Du damals in Wuth entbrannteſi, Olgierd, ergrimmte auch ich im Innerſten, doch ich barg mein Gefuͤhl ſchon nach den erſten Augenblicken. Glaube nicht, daß es mich ſchmerzte um Deinetwillen, was kuͤm⸗ merte mich Deine Genugthuung und Deine Leidenſchaft, nie dachte ich Deiner Wohlfahrt, nimmer biſt Du mir etwas anderes geweſen, nimmer konnteſt Du mir etwas anderes ſeyn als was Du mir wareſt, der Feuerbrand in vernichtender Fauſt. Durch Dich ſollte Se⸗ verin Strzemieniec fallen, damit der Tod ihm doppelt bitter ſei durch den Wahn, es ſei ſein Sohn, ſein geliebter Sohn, von dem er ihn empfangen. Beſſer als ich ſelbſt meinten es die verbuͤndeten Maͤchte mit der weiſen Frau, was hier der Taͤuſchung mißlang, ſollte der⸗ einſt die Wirklichkeit mir gewaͤhren, und, horche wohl auf, ſie hat es gewaͤhrt! Olgierd, der bis jetzt in ſtummer Be⸗ taͤubung geſeſſen, ſtieß hier einen dumpfen Schrei der Wuth aus, und ſchleudette gluͤ⸗ hende Blicke auf das Weib; dieſes ward es gewahr, es lachte hell auf und ſprach weiter: Ich ahnte, was ſich nun ſo herrlich ver⸗ wirklicht hat, das Geringere, welches mir ent⸗ ſchluͤpft war, gab ich auf, das Groͤßere zu verfolgen, Severin fuͤr Demetrius Jzaslaw, denn, Fuͤrſt von Kijow, in Deinem Anſchauen war mein Haß neu entbrannt, und fuͤr die Vergeltung Sophronia⸗Olga's iſt ein Fuͤrſt ein wuͤrdigerer Gegenſtand als der ſarmatiſche Edle. Fort und fort ward mir Botſchaft vom Ufer des Boryſthenes durch die zuruͤck⸗ gelaſſenen Freunde, und jegliche beſtatigte mir ihre ſtille Thätigkeit und Deinen tho⸗ rigen Eifer, dem Koͤnige die Grube zu gra⸗ ben, in die Du ihm unverweilt folgen ſoll⸗ teſt. Schon damals hatteſt Du Dich ſelbſt verloren, ich wußte es und harrte unge⸗ duldig der Zeit, die mich herbeirufen wuͤrde, uͤber Deinen Fall zu frohlocken. Da that ſich mir ein glaͤnzender Weg auf, das Wuͤrdige wuͤrdig zu vollbringen; was ge⸗ meiner Räuber Habſucht, das tolle Begehren einer albernen Menge, eines Juͤnglings roher Starrſinn und belachenswerthe Leidenſchaft in unfoͤrmlichen Maſſen erzeugt, gewann Form unter der bildenden Hand der Klugheit, der Aufruhr geſtaltete ſich, aufſchwellend zum Krieg, der Thron wankte, und Olga herrſchte uͤber viele Landſtriche Polens. So wollte ich Dir entgegen treten, Demetrius, das Schickſal taͤuſchte mich indeß, um ſpaͤter mich zu belohnen. Mag auch der Geiſt immer die unzaͤhligen Glieder eines ſchwerfälligen Körpers regieren? Die Emporer von Greuel zu Greuel treibend, hatte ich die Gnadenbruͤcke hinter ihnen abgewor⸗ fen, was dem rohen Haufen an ſinnigem Muthe abging, ſollte der Rauſch der Raſerei und die Verzweiflung erſetzen. Ich hatte nicht bedacht, daß jener Rauſch, gewaltſam unter⸗ brochen, ſich in dumpfe Reue aufloͤſ't, und in Kleinmuth die Verzweiflung. Mag auch die Klugheit des weiſeſten unter den Men⸗ ſchen jeglich Ereigniß berechnen? Was in Kijow meinen Entwuͤrfen guͤnſtig war, zeigte ſich ihnen in Polen verderblich, die Ritter verließen den Koͤnig, aber ſie erſchienen beim Heere, und die Leibeigenen wurden ge⸗ ſchlagen. Vom Felde der verlorenen Schlacht haͤtte ich Dich, Olgierd, hinweggefuͤhrt mit den Maͤnnern des Gebirges, die Knechte ihrem Schickſale uͤberlaſſend, hierher, wo Du ſpaͤter erſchieneſt, und doch noch zur rechten Zeit, da vereitelte eines Knappen Schwertſtreich, mein Werkzeug laͤhmend, meinen Plan. Ich folgte Dir nach Zemboein, ich durfte nicht von Dir weichen, Du durfteſt damals nicht ſterben, damals noch nicht, vollbringen muß⸗ teſt Du erſt, was Du geſtern vollbracht. Du hatteſt damals eine ſorgliche Pflegerin an mir, waͤhne doch nicht, daß ich es um Deinet⸗ willen war, hochſtens nur ſo, wie der Herr des wunden Roſſes wartet, es des eheſten wieder vor ſeinen Wagen zu ſpannen. Wie es dem kräftigen Gemuͤthe ziemt, wohnte Ruhe und Hoffnung auf meiner Stirne, mein Mund ſprach Worte des Troſtes, meine Geberde er⸗ muthigte die Verzagenden, aber anders trug ich es im Sinne; laͤngſt erkannte ich, dort ſei alles verloren, fuͤr jene Elenden wenigſtens, doch nicht fuͤr mich, denn laͤngſt hatte ich alles zur Flucht vorbereitet, Deine Wunde ver⸗ wuͤnſchend als das Hinderniß, das ſich ihr entgegenſtellte. Es war gehoben, ſchon hatte ich den Starrſinnigen zum Entfliechen bewo⸗ gen, da kreuzte ſich abermal ein nicht geahnter Streich des Ungefährs, was ich ſo muͤhſam aufgeſtellt, an dem ich ſo ſtandhaft gehalten. Statt der gehofften Freiheit ſchlug uns der verſaͤumte Augenblick in Feſſeln, ſtatt einer ſchonen Zukunft that ſich gähnend das Grab vor uns auf. Bedrohlich trat das Schickſal vor mich, ich fuͤhlte mich zermalmt durch ſeinen ehernen Fußtritt, doch blickte ich, wie es dem Hochgeſinnten gebuͤhrt, ihm ruhig und feſt in's finſtere Angeſicht. Deß freuten ſich die dunklen, mir dienenden Gewalten, denn Gefallen haben ſie an der Kuͤhnheit, ſie er⸗ hoben das Haupt, und beſiegt entwich die Gefahr. Und nun Dank Dir, Fuͤrſt von Kijow, daß, was Du begonnen, Du unvollendet ließeſt in ſchmählicher Halbheit, Dank Deiner Zag⸗ haftigkeit, die den gereizten Loͤwen aus dem Kaͤfig entließ. Der Koͤnig erſchien, und nicht ohne die Hoffnung, denn ich hatte, was ſeinen Zorn beſänftigen konnte. — 269— Du erinnerſt Dich Deiner unbegreiflichen Rettung, Olgierd, des ſeltſamen Ereigniſſes, das ſelbſt Deinem tuͤckiſchen Herzen Dank⸗ barkeit aufzwang, das den uͤbermuͤthigen Starr⸗ kopf endlich zum Sklaven meines Willens machte.— Du biſt mir keinen Dank ſchul⸗ dig, nicht Dich wollte ich retten, ſondern mich, Dich hatte ich aufgegeben und warf Dein heillos Leben dahin, das meinige zu er⸗ halten. Ein Kleinod fuͤr ihn legte ich in des Sauromatenkönigs Hand, es zu gebrauchen wie er wollte, als Geißel fuͤr die Treue des Untreuen, als Pfand der Freundſchaft des Todfeindes, als ein Opfer der Rache fuͤr beabſichtigte Unthat, oder als Feuerbrand, in das Haus des Gehaßten zu werfen. Wie es auch kam, konnte der Entdeckung wich⸗ tigen Geheimniſſes ihr Lohn nicht entgehen, und der, welchen ich forderte, war das Leben. Doch kam es andersz erſtaunt empfing ich von ihm zuruͤck, was ich von unſchaͤtzbarem Werthe fuͤr ihn erachtet, Dich, Olgierd, em⸗ pfing ich zurück, der aus einem hingeſchleu⸗ derten Kieſel mir nun abermals ein Kleinod ward, nicht mir allein bewilligte er Leben und Freiheit, ſondern auch Dir. Haben jene duͤſtern Begleiter, die nicht von mir ließen auf dem gewundenen Pfade, den mich die Rache gefuͤhrt, haben ſie das Auge des Barbaren geblendet, daß er den Werth meines Geſchenkes nicht erkannte, hat etwas anderes den blutduͤrſtigen Sinn des Tyrannen in ungewohnte Sanftmuth verkehrt, daruͤber habe ich keine Kunde, mit keinem Worte begleitete er den unverhofften Aus⸗ ſpruch der Gnade, nur hoͤrte ich ihn bald darauf der Verſammlung andeuten, es ſei ein heilig Verſprechen, welches er loſe, eine Gabe, die er ertheile fuͤr geleiſteten Ritterdienſt, aber fuͤr den, welcher ſie gefordert, ſetzte er höh⸗ nend hinzu, eine mißliche Gabe. Da richtete Mieczyslaw einen ernſten, weh⸗ muͤthigen Blick auf Olgierd, und dieſem war als fiele mit dieſem Blicke ein neues Gewicht auf ſein belaſtetes Herz, er ſchauerte in ſich zuſammen und wandte das Auge, der Prinz aber ſah auf den Vater, deſſen bleiches Antlitz⸗ ſchon die Schatten des Todes verdunkelten, — * — und dann gen Himmel, als wolle er ihn um ſeine unbegreiflichen Rathſchluͤſſe befragen. Sophronia fuhr fort: Wie dem auch ſeyn mag, ich nahm, was das Verhaͤngniß mir bot, mit Freuden dahin, und als eine Buͤrg⸗ ſchaft kuͤnftigen Gelingens, und zog auf dem Wege, den der Feind mir eroͤffnet, dem Feinde entgegen. Was ſich hier begeben, Ihr Ruſſenfuͤrſten, wiſſet Ihr Alle, doch nun noch ein Wort zu Dir, Demetrius Jzaslaw: Du haſt mich erkannt, mein Name floh von Deinen Lippen bei meinem Eintritte, Deiner Haſſerin Name, und eine Ahnung durchflog Dein bebendes Herz, mit mir er⸗ ſcheine der Tod. Du irreſt nicht, doch kennſt Du nicht mein ganzes Gefolge, Verzweiflung heißt es und fruchtloſe Reue. Erinnerſt Du Dich einer Zeit, da dieſer ſtolze Großfuͤrſt von Rußland, ſich herablaſſend zu Sophronien, der Tochter des Palämon von Chios, um ihre Liebe flehte und das Diadem, das ihm nun geraubt, den Purpur der jetzt zerriſſen um Deine Schultern flattert, zu ihren Fuͤßen niederlegte als Preis der Ge⸗ waͤhrung? Da verſuchte Jzaslaw, ſich empor zu rich⸗ ten, und den irren, truͤben Blick auf ſie wen— dend, ſprach er mit der Heftigkeit krankhafter Ermattung: Weiche hinweg von meinem Angeſicht, Unſelige; kommſt Du, meiner im Tode zu ſpotten? Wohl habe ich mich des Purpurs nicht immer werth gezeigt, wohl iſt er mir entriſſen durch eigene Schuld und den Verrath nichtswuͤrdiger Heuchler, wohl habe ich, von Deiner Genoſſen Argliſt be⸗ ſtrickt, ſelbſt den eigenen Stamm verletzt in ſeinem edelſten Sproͤßlinge, doch gedachte ich nimmer, den einen zu entehren, ihn theilend mit einem zuchtloſen Weibe, und die Ehre meines Hauſes zu beflecken, in daſſelbe die Buhlerin des Lechen aufnehmend. Wohl tri⸗ umphirſt Du uͤber mich, und ſteheſt in uͤber⸗ muͤthiger Kraft vor dem Sterbenden, doch ſterbe ich als Fuͤrſt; gehe denn und lebe als was Du biſt, als eine Verworfene. Mit funkelndem Blicke verſetzte Sophro⸗ nia: Nicht ſo lauteten Eure Worte damals, — 3 höchſtedler Fuͤrſt Jzaslaw, beſſer gedenke ich derſelben als Ihr, und mehr galt mir, was einſt der mächtige Herrſcher gnadenvoll zu mir ſprach, als was der Vernichtete jetzt ausſtößt in ohnmäͤchtigem Grimme. Und weil es ſo iſt, ſo hat die Buhlerin den Thron umge⸗ ſtoßen, auf den zu heben, der feige Wuͤſtling und Möorder ſie nicht wuͤrdig erachtet, und weil Ihr Euer Wort bracht, ſo halte ich den Schwur, den ich ſelbſt mir geleiſtet, und gebe Dir den Tod.— Du wähneſt, wir ſeien am Ende, wir ſind es noch nicht. Schmach haͤufteſt Du auf Deinen Wortbhruch, zur Schar Deiner Dienerinnen verſtießeſt Du die edle Griſchin, zur Wäͤrterin Deines Knaben wuͤr⸗ digteſt Du die herab, welcher Du die Hoff⸗ nung gezeigt, die Mutter kuͤnftiger Fuͤrſten zu werden. Du kannteſt mich, und glaubteſt, ich wuͤrde das tragen in ſchweigender Geduld. Nun wohl, ich ſchwieg und war geduldig, doch keimte in meinem Herzen empor, was ich lange Jahre in ihm verſchloſſen getragen, was heute aus demſelben hervortritt, Dich danieder zu ſchmettern. Der Schwerbelei⸗ V. Band. 18 — 274— digten, Thor, dem zuchtloſen Weibe vertrau⸗ teſt Du den Sohn? Sieh, ich bin groß⸗ muͤthig und gebe Dir ihn zuruͤck. Jener Knabe, deſſen halbverzehrte Gebeine man bei Wſßzewolod's Einbrechen im bren⸗ nenden Schloſſe gefunden, er war nicht der . Deine. Blicke hierher— rief ſie mit gellen⸗ der Lache, indem ſie raſch dem regungloſen, gefeſſelten Olgierd das Wamms von der Schul⸗ ter herab riß— kennſt Du dieß Mal? Die⸗ ſer iſt Jgor, Dein Sohn. Dein Sohn iſt, der Dich erſchlug, und Du, es iſt Dein Va⸗ ter, den Du ermordet! Da entwand ſich ein ſchmerzlicher Seuf⸗ zer Jzaslaw's ſtarrenden Lippen, und das Haupt des Entſeelten neigte ſich auf die Bruſt; Mieczyslaw ſtarrte vor ſich hin, von Schmerz und Entſetzen ergriffen, und wuͤthend rang mit ſeinen Ketten Olgierd-Igor. Da trat das Weib zu dem Todten und ſprach: Du haſt es vollendet und ich auch. Was noch uͤbrig iſt von dem verhaßten Ge⸗ ſchlechte der Barbaren, vertilgt noch der heu— tige Morgen.— Greifet dieſe— herrſchte ſie einer eintretenden Schar Gewappneter zu — ausgerottet werde das gottverhaßte Ge⸗ ſchlecht des blutigen Wolfes Jaroslaw, und den entehrten Thron der Barbaren heilige, ihn beſteigend, der Herrſcher aller rechtglaͤubigen Griechen. Kaum aber hatte ſie dieſe Worte geſpro⸗ chen, da entſtellte der Schreck ihr Antlitz, beim Anblicke eines hohen, kräftigen Mannes, mit finſterer Miene und gebieteriſch um ſich her⸗ ſchauend, und ihre Rede verklang in dem gel⸗ lenden Schreie: Verrätherei, Wſzewolod in Kijow? So iſt es, weiſe Frau— antwortete jener pflichtgetreue Feldhauptmann— Euer Regi⸗ ment hat nur kurz gewaͤhrt; wie mit dem Eu⸗ res vatermörderiſchen Zöglings iſt es vorbei mit der Herrſchaft des Czaren von Carogrod, der nichts zu ſchaffen hat in Kijow, und den 18* —— Gott verdamme und der heilige Nikolaus, der beſondere Patron der ruſſiſchen Kirche. Hurrah dem erlauchten Sohne des großmäch⸗ tigen Jaroslaw, dem großen Wſzewolod, dem rechtmaͤßigen Herrſcher von Kijow! Hier findet Ihr ſie Alle beiſammen, groß⸗ mächtigſter Herr— ſagte Tomek, der Leib⸗ eigene, mit ſklaviſcher Unterwuͤrfigkeit und haͤmiſchem Laͤcheln— hier ſtehet mein Kebs⸗ weib, und dort iſt mein Sohn, die ein wenig hoch hinaus gewollt haben fuͤr die Beiſchlä⸗ ferin und den Baſtard eines Knechtes. Der Fuͤrſt von Czerniechow aber warf ei⸗ nen Blick der Verachtung auf Sophronien, und einen zweiten, gemiſchten Ausdrucks, auf Igor, dann nahte er ſich dem Todten, ſah lange, ernſt und ſchweigend auf ihn herab und ſprach endlich mit dumpfer, gepreßter Stimme: Noch einen finde ich hier, Dich, Bruder. Nicht uns Beide zugleich trug die ruſſiſche Erde, Einer mußte weichen, und ich danke Dir, daß Du es gethan, mir ein verhaßtes — 277— Muͤſſen erſparend. Der Tod ſoͤhnt den Groll — ſetzte er, ſich aufrichtend, lauter hinzu— fuͤhret den Herrn Jzaslaw mit fuͤrſtlichem Pompe nach der Gruft ſeiner Ahnen, er war ja doch der Sohn Jaroslaw's, meines Vaters. — Ihr ſeid ſein Enkel, Mieczyslaw— wen⸗ dete er ſich gegen dieſen— aber der Sohn meines Feindes. Nicht dem Andern kann ich verwilligen, was ich gern dem Erſten ge⸗ waͤhrte, doch ſteht eine Bitte Euch frei. Der fuͤrſtliche, gefeſſelte Juͤngling ant⸗ wortete ſtolz: Keine habe ich an den Fuͤr⸗ ſten Wſzewolod, um nichts bitte ich, das ich von ihm erlangen möchte, und nichts hat mehr Werth fuͤr mich in dieſer Welt. Frevel und furchtbares Ungemach haben das Haus mei⸗ nes Vaters verwuͤſtet, ich mag ferner nicht weilen in ihm, mein Geſchlecht iſt ausgezogen, laſſet mich ihm denn immerhin folgen in die ſtille Zelle des Grabes. Wahrlich— verſetzte Wſzewolod, den nach⸗ denklichen Blick bald auf den einen Bruder ——— — 2— richtend, bald auf den andern— wahrlich, furchtbarer Frevel und Ungemach. Doch habt Ihr keinen Theil an beiden, und ſo gewaͤhre ich Eure Bitte. Verberget in ſtiller Zelle die Schmach Eures Geſchlechtes, Ihr, ſein letzter Sproͤßling, doch nicht in der Zelle des Gra⸗ bes. Fuͤhret den Kniaziewicz Mieczyslaw in das Kloſter der heiligen Dreieinigkeit, die langen Locken fallen unter der Schere der Moönche, und als ihren Genoſſen ſehe ihn noch der heutige Abend.— Alſo— ſagte er drauf zu Tomek— mein getreuer Bote und Fuͤh⸗ rer, Deine Beiſchlaͤferin nenneſt Du dieſes leib⸗ eigene Weib? Da rief Sophronia mit ſtolzer Heftigkeit: Wohl mag rohe Gewalt der Klugheit Ge⸗ ſpinnſt zerreißen, und in einem Augenblicke des Gluͤckes Laune den Bau langer Jahre zer⸗ truͤmmern, Deine plumpe Fauſt kann mich zermalmen, doch ſtehe ich ungebeugt vor Dir, die Erhabene vor dem Gemeinen. Ungebeugt ſtehe ich und ſage, Du luͤgſt, nichts habe ich mit dieſem Elenden zu ſchaffen, keine Leib⸗ — 279— eigene bin ich, ſondern eine freigeborene Grie⸗ chin, die Todfeindin Deines Bruders, die Deine und Deines Geſchlechtes. Und auch dieſer gehoͤrt ihm zu, nicht der verworfene Sklav, Demetrius Jzaslaw war ſein Vater, und er hat den Vater ermordet! Was zau⸗ derſt Du nun, blutiger Varange? Warum ſendeſt Du mich nicht in den Tod? Habe ich es doch vollbracht, Deines Bruders Sohn hat den Vater ermordet! Sie iſt wahnwitzig— ſagte der Fuͤrſt von Czerniechow kalt— draußen iſt es friſch, bringet ſie denn hinweg, wo die Genoſſen ihrer ſchon warten, das nichtswuͤrdige Geſin⸗ del der Griechen, der zitternde byzantiniſche Hofling, und der verrätheriſche Metropolit. Sorget dafuͤr, daß in wenigen Minuten dieß allzuheiße Blut abgekuͤhlt ſei. Da warf Olga⸗Sophronia einen Blick des Hohnes und der Verachtung ihm zu, noch einen der grimmigſten Schadenfreude auf Igor, — 2860— fuhr dann plotzlich mit der Hand zum Munde und ſtuͤrzte alsbald todt zuſammen. Gleichgiltig befahl Wßzewolod, den Leich⸗ nam ihm aus den Augen zu bringen, dann trat er vor den hartnaͤckig ſchweigenden Ol⸗ gierd und ſprach langſam und nachdruͤcklich: Dieß iſt Dein Sohn, ſagſt Du, Sklav? Ich will, daß er es ſei, verſtehſt Du mich wohl? Huͤte Dich wohl, daß je eine andere Rede Deinem Munde entſchluͤpfe, dann waͤre die Keule Dein Lohn. Doch, da Du Deiner Pflicht den Sohn zum Opfer gebracht, magſt Du Dir eine andere Belohnung erbitten. Um nichts flehe ich, großmächtigſter Herr — erwiederte Tomek mit dem Grinſen nie⸗ driger Rachſucht— um nichts, als daß meine Hand es ſei, die dem ungerathenen Sohne den verdienten Tod gebe. Aber Fuͤrſt Wßewolod wendete ſich mit gerunzelter Stirne von ihm ab und zu Jgor, den die Schmach, ſich zu dem Entſetzen in . — 84 ſeinem Innern geſellend, mit eiskaltem Dolche das gluhende Herz durchbohrte, und betrachtete ihn abermals eine Weile, dann beugte er ſich herab zu ihm und fluͤſterte mit ſeltſamen Toͤnen: Als des Leibeigenen Baſtard lebe Deines unheilbringenden Namens Gedaͤcht⸗ niß; Du aber, Vatermörder, ſtirb als Jzas⸗ law's Sohn. Drauf kehrte er ſich abſeit, und auf ſei⸗ nen Wink rollte alsbald auf den Boden des Kerkers Jgor's ſchuldbelaſtetes Haupt. X. Zwanzig Jahre waren vergangen ſeit des Biſchofs von Krakow Ermordung, ſchon lebte Boleslaw's des Zweiten Bruder, Wladislaw Herrmann, nicht mehr, und Boleslaw der Dritte, ſein Sohn, trug die herzogliche, nicht mehr königliche Krone von Polen; längſt ruhte Severin Strzemieniec im Grabe, da erſcholl das Geruͤcht, Papſt Paſchalis der Zweite habe den Bann der Kirchenſchaͤnder geloſ't, und manch Herz eroffnete ſich lange aufgegebener Hoffnung. Zwar waltete ſchon manches Jahr Ilga als Hausfrau an Georg Trepka's Seite, wel⸗ cher als der Unſchuldigſte ſchon eher in's Va⸗ terland und in die Gemeinſchaft der Kirche zurüͤckgekehrt war, ohne andere Strafe, als, wie einſt Boleslaw ihm prophetiſch verheißen, einen zweiten Zunamen ſeines Geſchlechtes, necaudus, der Vogelfreie, den es bis auf den heutigen Tag traägt, aber dem Schloſſe Zem⸗ bocin mangelte noch immer der Hausherr. Da ſchritt eines Abends auf dem Wege von Krakow ein langer, hagerer Mann in der grauen Kutte eines Buͤßenden daher, und als er den Schloßhof betrat, beugte er ſich und kuͤßte den Boden, und blieb dann ſtehen, wie 02 ſinnend oder unentſchloſſen, oder vor Er⸗ mattung unfähig, weiter zu gehen. Die Burgleute ſammelten ſich um ihn und ſchauten ihm neugierig in's Geſicht, er aber hatte des nicht Acht und oͤffnete den Mund nur, um nach Herrn Severin Strzemieniec's Grabe zu fragen. Man zeigte ihm die Ka⸗ pelle und er ging hinein und knieete nieder an jenem Sarkophage des Alten, der nun ge⸗ ſchloſſen war an der Seite ſeiner Gemahlin, und verſank in ſtilles Gebet. Die Herrin zu. Zemboein erhielt Nachricht von der Erſcheinung des Fremden, und ſie eilte, von froher Ahnung getrieben, und nach dem erſten Blicke umfin⸗ gen Nikolaus Strzemieniec die Arme der al⸗ ternden Malgorzata, und ſein Sohn, ein blu⸗ hender, zwanzigjähriger Edelknecht, umſchlang ſeine Kniee. Wie immer in verfloſſener Jugendzeit, em⸗ pfing die edle Hausfrau den Herrn und Ge⸗ mahl mit Demuth und Zärtlichkeit, kein Vor⸗ wurf uͤber lange Jahre voll Kummer ent⸗ ſchluͤpfte ihren Lippen, die Freude des Wieder⸗ ſehens erfullte ſie ganz, und wie ſie einſt ſtets Mittlerin geweſen war zwiſchen Vater und Sohn, verſoͤhnte ſie des erſten Geiſt an ſeinem Grabe mit dieſem. Allmaͤhlig befreite ſich, geſtuͤtzt von ihrer pflegenden Hand, Nikolaus Gemuͤth von dem Drucke langwieriger Ver⸗ bannung und Elends, gegenwaͤrtiges Leiden ward zur Erinnerung, und die Erinnerungen wurden zu mittheilendem Berichte. Wenn er aber des Koͤnigs erwaͤhnte, truͤbte ſich die allgemach heiter werdende Stirn, und erſt ſpaͤt ward durch ihn das unbekannte Schickſal des Verbannten kund. Nach lan⸗ gem Umherirren gelangte er, von Nikolaus begleitet, nach Käͤrnthen, hier nahm Beide ein Kloſter auf, als Novizen den einen, den andern als Laienbruder. Bald that der Ko⸗ nig, deſſen Name niemand erfuhr, Profeß, und Beide lebten geraume Friſt in Buße und Abgeſchiedenheit. Einſtmals aber ward Bo⸗ leslaw ausgeſendet, Almoſen zu ſammeln, er kehrte nicht zuruͤck, erſt Tage nachher 288 fand man die Stuͤcke ſeines Leichnams von den wilden Thieren des Gebirges zer⸗ riſſen. Erſt im Jahre 1295 ſetzte Przemys⸗ law wieder die koͤnigliche Krone auf ſein Haupt, die ruſſiſchen Fuͤrſten, immer un⸗ eins und ſich bekriegend, fielen allgemach ſaͤmmtlich unter die Herrſchaft Polens zu⸗ ruͤck, und erſt am Ende des achtzehn⸗ ten Jahrhunderts ward Kijow ein Beſitz⸗ thum des neuen moskowitiſch⸗ruſſiſchen Rei⸗ ches. Ende des fuͤnften und letzten Theiles. In der Arnoldiſchen Buchhandlung zu Dresden und Leipzig ſind folgende ſchon⸗ — geiſtige Schriften erſchienen: Bronikowski, A., Hippolyt Boratinski. 4 Thle. 8. 1825. 1826. 6 Thlr. 12 Gr. —— der galliſche Kerker. 2 Thle. 8. 1827. 2 Thrl. 16 Gr — der Maͤuſethurm am Goploſee. 8. 18. 1Thlr. 3 Gr. —— Das Schloß am Eberfluß. 8. 1827. 1 Thlr. 6 Gr —— Meina. 8. 41827. 1 Thlr. 3 Gr. —— Olgierd und Olga, oder Polen im Eilften Jahr⸗ hundert. 5 Thle. 8. 1828— 1832. 7 Thlr. 12 Gr. Carne, J., Leben und Sitte im Morgenlande, auf einer Reiſe durch das griechiſche Inſelmeer, Ae⸗ gypten, Syrien und Palaͤſtina geſchildert. Aus dem Engl. von W. A. Lindau. 4 Thle. 8. 1826. 1827. 3 Thlr. 8 Gr. Clauren, H., Luſtſpiele. 2 Thle. 8. 1817. 2Thlr. 6Gr. —— Scherz und Ernſt. 40 Thle in 4 Sammlungen. 8. 1824— 1828. Jede Sammlung herabgeſetzt auf 7 Thrl. 12 Gr. —— der Braͤutigam aus Mexiko. Luſtſpiel. 8. 1824. 1 Thlr. 4 Gr. —— der Wollmarkt. Luſtſpiel. S. 1827. 1 Thlr. —— das Vogelſchießen. Luſiſp. 8. 1822. 21 Gr. —— die Vorpoſten. Schauſpiel. 8. 1821. 16 Gr. Conteſſa, C. W., Erzählungen. 2 Thle. 1819. 2Thlr. Goldſmith, H., der Landprediger zu Wakefield. Ein Roman, aus dem Engl. uͤberſ. von W. A. Lin⸗ dau. 8. 1825. 1 Thlr. 18 Gr. Hohlfeldt, Ch. Ch., neuere lyriſche Gedichte. gr. 8. 1830. 1 Thlr. 10 Gr. Hope, Th., Anaſtaſius. Reiſeabentheuer eines Neu⸗ griechen. A. d. Engl. von W. A. Lindau. 2te wohl⸗ feilere Ausgabe. 5 Thle. 8. 1528. broch. 5 Thlr. v. Houwald, E., Erzaͤhlungen. 8. 1819. 1 Thlr. 4 Gr. Morgan, Lady, Salvator Roſa und ſeine Zeit. A. d. Engl. v.Th.Hell. 3 Bde. S. 1824. 1825. 3 Thlr. 6 Gr. Planché, J. R., Oberon, Koͤnig der Elfen. Romantiſche Feenoper, uͤberſetzt v. Th. Hell. 8 1826. broch. 16 Gr. Reiſebilder aus der Levante. Aus d. Engl. von R. Lir dau, mit einer Vorrede von W. A. Lindau. 8 1828. 1 Thlr. 8 Gr. Richter's, T. F. M., Reiſen zu Waſſer und zu Land in den Jahren 1805— 1817. 10 Bde. 8. 182 — 1829. Herabgeſetzter Preis. 7 Thlr. 12 Gr. —— dieſelben. 3te verb. u. wohlf. Taſchenausg. 10 Bdchn. 16. 1831. geb. Praͤn. Pr. 3 Thlr. 12Gr. Ladenpr. 5 Thlr. Schilling, G., Schriften. 4ſte Sammlung. 50 Bde. 8. 50 Thlr. Praͤn. Pr. 33 Thlr. —— deren 2te Samml. 50 Bde. 8. 50 Thlr. Praͤn. Pr. 3 Thlr. —— ſaͤmmtliche Schriften. Rechtmaͤßige Taſchen⸗ ausgabe letzter Hand. 50 Bdchn. 16. 1828— 1832. Praͤn. Pr. 12 Thlr. Ladenpr. 18 Thlr. Schutze, St., heitere Stunden. 2te wohlfeilere Aus⸗ gabe. 8. 1828. 2 Thlr. 12 Gr. v. Tromlitz, A., hiſtoriſch-romantiſche Erzaͤhlungen. 7 Bde. 8. 1826— 1828. 7 Thlr. 15 Gr. —— ſämmtliche Schriften. 16. 1829— 1832. 27 Bde. in 3 Lieferungen. Praͤn. Pr. 10 Thlr. Van der Velde, C. F., ſaͤmmtliche Schriften. 25 Thle. 3. Aufl. 8. 1824— 1827. Prän. Pr. 21 Thlr. —— dieſelben. Rechtmaͤßige und wohlfeile Taſchen⸗ ausgabe. 27 Bde. in 3 Lieferungen. 16. 1830— 1832. Praͤn. Pr. 8 Thlr. Ladenpr. 12 Thlr. Die Walachei und Moldau, in Beziehung auf Ge⸗ ſchichte und Landesbeſchaffenheit, Verfaſſung, ge⸗ ſellſchaftlichen Zuſtand und Sitten der Bewohner. Nach Wilkinſon und anderen Quellen bearbeitet von W. A. Sene. ſ Thlr. Weisflog, C., Phantaſieſtuͤcke und Hiſtorien. 12 Bde. 8. tioß 18 Thlr. 18 Gr. Wegen Nachdruck herabgeſetzt auf 14 Thlr. —— ———————— —— —*— .————————————„ E ſinſmſſſſſſſſſiſſſiſiſ 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15