Leihbiblivthet dentſchet, engliſcher und frauzöſiſcher Literatur von. 6dard Oitmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und weſebedingungen. 1 0fensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr bis Abenvs 8 Uhr offen.*. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 6 6. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und e hb für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf. Monat: Pf 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5„„„ S 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 66 Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 2 S2 — —— ——— von Alexander Bronikowski. Dreizehnter Band. . Jnbal6 Polen im Eilften Jahrhundert. i ei Olgierd ud Olga, o der Polen im Eilften Jahrhundert, von Alexander Bronikowoski. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandiung. 1 3 3 2. K Sommer des Jahres 1077 war herbei⸗ gekommen und noch verweilte das Polenheer an deu Ufern des Dniepr in unthaͤtiger Ruhe, anfangs von Manchem mi Ungeduld ertragen, aber nach und nach durch die Macht der Ge— wohnheit, verbunden mit den Freuden, die eine reiche Umgebung und die Naͤhe einer ſchwelger— iſchen Stadt boten, ſelbſt den Kampfluſtigſten lieb geworden. Das Lager, welches die Sar— maten bei Kijow aufgeſchlagen, glich wenig dem einſtweiligen Wohnplatz ernſter, gegen Alles, nur nicht gegen den Ruhm gleichgiltiger Krie⸗ ger, wie ſie vor Jahren Boleslaw der Zweite in den Kampf gefuͤhrt, und die, welche es be⸗ völkerten, noch weniger den gefuͤrchteten Scha⸗ ren, die einſt ſeinem Ahnherrn mit eiſernem 6 Wamms, Arm und Herzen durch das öſtliche Germanien folgten. Man hatte es ſich ſo be⸗ quem gemacht als möglich, und das war es in nicht geringem Grade in der Nachbarſchaft der wohlhabenden, handeltreibenden Hauptſtadt der Ruſſen. Die Behauſungen der Anfuͤhrer, aus welchen die Willkuͤhr den fruͤhern Bewoh⸗ ner vertrieben, zeigte nichts mehr von der Ver⸗ odung, in welcher man ſie gefunden. Fuͤrſt Jzas⸗ law's eigennutzige Gaſtfreiheit, der vornehmen Ruſſen gezwungene Großmuth und vor allen die zuvorkommende Sorgfalt der griechiſchen Anſiedler hatten das Innere mancher unſchein⸗ baren Huͤtte zum behaglichen Aufenthalt um⸗ geſchaffen. Bunte und koſtliche Teppiche be⸗ deckten die nackten Waͤnde und den holperigen Eſtrich, ſtatt der holzernen Schemel ſah man ſchwellende Ruhebetten, auf denen der Ritters⸗ mann ſich pflegte, gegen das leichte wollene Hauskleid nur ſelten den ſtarren, gewichtigen Panzer vertauſchend, welchem jetzt für die meiſte Zeit ſein Platz in der Waffenkammer angewie⸗ ſen war unter der Aufſicht der Knechte, die, bald dem Gebieter nachahmend, nur wenige Sorgfalt auf das wandten, was fruͤher waͤh⸗ „— — rend kurzer Waffenruhe des reiſigen Knechts vornehmſte Obliegenheit war. Statt der irdenen Kruͤge, aus welchen der Herr daheim ſelten nur den Saft der Reben, gemeiniglich aber Bier oder Meth ſchlurfte als Labetrank nach vollbrachtem Kampf oder gepflogener Waidluſt, gewuͤrzt durch Muͤdigkeit und Erhitzung, umgaben jetzt den Verwoͤhnten koſtbare Geſchirre, theils aus den Schreinen der Einwohner in die Hand der Schutzherren uͤber⸗ gegangen, theils freiwillig dargeliehen oder ge⸗ ſchenkt, und der feurige Wein, den ſie enthiel⸗ ten, war fuͤr den Muͤſſigen, nimmer Entbehren⸗ den ein unentbehrliches Beduͤrfniß geworden, deſ⸗ ſen Befriedigung keinen andern Reiz mehr hatte als den einer augenblicklichen Erregung. Es war nicht wie in der heimiſchen Burg die Hausfrau, welche den Trunk kredenzte mit ehrerbietiger Freundlichkeit und haushälteriſcher Sorgfalt, darauf ſehend, daß der Gebieter be⸗ friedigt und doch der Vorrath nicht vergeudet werde, eingeborene Dirnen, des Siegers leichte und willige Beute, reichten lachend den be⸗ kränzten, uͤberfließenden Becher dar; ſtatt des ernſten Hausmeiſters, der mit durch lange * X Dienſte erworbenem Anſehn dort das Schloß⸗ geſinde in Zucht und Ordnung hielt, waren es griechiſche Junglinge, welche von ihren ehema⸗ ligen Herren willig dem Meuen abgegeben oder ſogar empfohlen, dieſem als Vertraute und Lieb⸗ linge, Jenen aber als Kundſchafter dienten, den Launen und Begierden des Ritters fröh⸗ nend, und die Zuchtloſigkeit ihrer fremdlaͤndi⸗ ſchen Hausgenoſſen nach Kraͤften befördernd. Wie vom Haupte in der Burg zu Kijow aus Schwelgerei Muͤßigang und ihre Beglei⸗ terin, ſchlimme Sitte, auf die vornehmſten Glieder uͤbergegangen, ſo theilten ſie durch dieſe ſich dem geſammten Körper mit. Wenig war von der alten ſtrengen Mannszucht im polni⸗ ſchen Heere zu gewahren; waͤhrend die Fuͤhrer ſich guͤtlich thaten im behaglichen Gemach, das ſie nur verließen zu einem Luſtritte, oder um ei— nem andern Schauplatz aͤhnlicher Vergnuͤgungen zuzueilen, oder auch ſich an das Hoflager zu begeben und zu dem Könige, zu welchem jetzt der Zutrilt allgemach ſeltener und ſchwieriger ward, thaten die gemeinen Krieger in ihren Quartieren und Zelten nach Verhältniß ein Gleiches. — 6 Auch ihnen fehlte es nicht an berauſchendem Getränke und ſchmiegſamen Maͤdchen, die Bu⸗ den der varangiſchen und griechiſchen Wein⸗ ſchenken boten ihnen daſſelbe, was ihre Häup⸗ ter in den Palaͤſten und Landhaͤuſern der vor⸗ nehmen Städter fanden, und der Schall dẽs Kriegshorns berief nur Mißmuthige und ungern Geſtörte zum unwillkommenen, nachlaͤßig ver⸗ ſehenen Dienſt. Von den im Anbeginn haͤufig unternom⸗ menen Streifzuͤgen in den benachbarten Land⸗ ſtrichen war kaum mehr die Rede; zeigte ſich doch alles unterwuͤrfig rings umher und fried⸗ lich und freundlich, verſah man doch von nah und fern reichlich mit allen Beduͤrfniſſen den Kriegsmann, ohne daß er nöthig gehabt hätte, ſie ſelbſt zuſammen zu raffen auf beſchwerli⸗ chem Zuge. Auch fand man die vorher ſtreng ge⸗ handhabte Wachſamkeit gegen die Einheimiſchen unnothig; was konnte man von ſo gaſtfreien Wirthen zu befuͤrchten haben, die dem Sar⸗ maten täglich auf freundſchaftliches Vernehmen und gute Genoſſenſchaft zutranken in dem Be⸗ cher, von den Freigebigen willig geſpendet. Nur Wenige, die geringe Obliegenheit träge und ver⸗ — — droſſen erfuͤllend, ſah man im Mittelpunkte des Lagers die alten ruhmreichen Fahnen und Roßſchweife umſtehen, welche wechſelweiſe nach dieſer oder jener Seite wehend im Hauche des Morgen- oder Abendwindes, gleich dem Koͤnige unſchlußig ſchienen, ſollten ſie dem Heere nach Suͤdoſt vorangehen in unbekannte, entlegene Laͤnder oder gen Weſt zur Heimat, und un⸗ terweilen gleich ihm und ſeinen Rittern Wur⸗ zel gefaßt zu haben ſchienen in der fremden Erde. d Der Abend eines in jenen Landſtrichen nicht ſelten druͤckend heißen Sommertages war angebrochen, als die bedeutendſten Ritter und Hauptleute des polniſchen Heeres in einem unfern der Stadt gelegenen Landhauſe nach einem ſchwelgeriſchen Gaſtmahl der Ruhe pfleg⸗ ten, ſoweit es der immer noch kreiſende Becher ihnen vergönnte. Theophraſtos, der Kaufherr, hatte es gefällig zur Verfuͤgung der theuern ſauromatiſchen Gaͤſte geſtellt, wie auch das köſtliche Geraͤth in demſelben, die Schar der Sklaven und Sklavinnen, die Vorraͤthe ſeiner Keller und die Erzeugniſſe byzantiniſcher Koch⸗ kunſt. Haͤufig in der Stadt zuruͤckgehalten — 1 und in der Hofburg, ſeiner Handelsgeſchafte wegen, wie er ſagte, vielleicht aber mitunter durch Geſchaͤfte anderer Art, verſah er nicht immer perſoͤnlich ſein Amt als Gaſtgeber; da ſich aber Stellvertreter genug fanden, welche den Eingeladenen nichts zu wuͤnſchen uͤbrig lie⸗ ßen, und uͤberhaupt in einem wohlverſehenen Hauſe den wandernden Krieger nichts uͤber⸗ flͤſſiger beduͤnkt als der Wirth deſſelben, ſo ſtorte ſeine Nichtgegenwart auf keine Weiſe das Vergnuͤgen der polniſchen Herren. Das war auch heute der Fall geweſen, man hatte den Gaben des Himmels, durch Theophraſtos großmuͤthig geſpendet, ſo fleißig und anhaltend zugeſprochen, daß dem unmaͤßi⸗ gen Genuß wie immer eine Art von Abſpann⸗ ung gefolgt war, noch verſtaͤrkt durch die ſchwuͤle, druͤckende Luft und bis zu ſolchem Grade, daß der Chierwein des Nachtiſches bei⸗ nahe geſchmacklos durch den uͤberreizten Gau⸗ men glitt. Die Veränderlichkeit des nordiſchen Kli⸗ ma hatte zwar die griechiſchen Anſiedler ge⸗ zwungen, bei Errichtung ihrer Gebaͤude Ruͤck⸗ ſicht auf die Strenge des Winters zu nehmen, doch in den en fuͤr die ſchöne Jahreszeit⸗ beſtimmt, blieben ſie gern der Bauart ihres Vaterlandes getreu. Es war demnach ein offe⸗ ner griechiſcher Portikus, in weichem die Sau⸗ romaten ſich nach den Muͤhen des Tages er⸗ friſchten. Abſpannung der Sinne fuͤhrt gemeiniglich das Nachdenken herbei, und zwar ſelten von erfreulicher Art; bei alternden Leuten äußert ſich ſolches in tadelndem, unzufriedenen Wort, rechthaberiſch und belehrend geſpendet; ſo be⸗ gannen denn die bejahrten Fuͤhrer, fuͤr den Au— genblick deß uͤberdruͤßig, was ihnen ſonſt recht wohl gefiel, von der Heimat zu ſprechen, von alten Zeiten und manchem längſt vergangenen ruͤhmlichen Feldzuge. Die juͤngern Herren, durch die freiere Sitte des Landes und durch des Krieges ungebundenes Treiben etwas von der Zuruͤck⸗ haltung entwoͤhnt, welche der heimiſche Ge⸗ brauch dem jugendlichen Alter im Beiſeyn grauer Häupter auferlegte, fanden nun wohl, wie es zu gehen pflegt, wenig Gefallen an ſol⸗ chem Bericht bereits vergeſſener Dinge, aber von ähnlicher Ueberſättigung angefochten, mein⸗ ten ſie doch auch, man habe ſich nun lange d es ſei ein⸗ genug gütlich gethan zu mal Zeit, wieder das Roß tummeln und das Schwert zu ſchwingen, Md andere Städte und Laͤnder zu ſehen, und andere Gaſtgeber heimzuſuchen und andere Dirnen. Wie der Sinn der Bejahrten nach der Heimat ſtand, ſo rief die lockende, entzuͤgelte Begier des Nordens junge Söhne nach dem Suͤden. Mancher, deſ⸗ ſen Einbildekraft vom Rebenſaft erhitzt war, ſah ſich ſchon als den Beſieger Malekſchah's, ein etwas Fröͤmmerer legte im Geiſte ſein vom Blute der Unglaͤubigen geroͤthetes Schwert weihend nieder auf dem wiedereroberten hei— ligen Grabe, und wieder Andere, ſich oſſen als Verehrer ſinnlicher Luſt bekennend, vertief⸗ ten ſich in Vorſtellungen, was der Purpurpa⸗ laſt zu Caragrod in Vergleich mit der ruſſi⸗ ſchen Fuͤrſtenburg ſeyn muͤſſe, und die Harems ſeldſchukkiſcher Emirn gegen Herrn Theophraſtes weibliche Dienerſchaft gehalten. Unter den Letztern war Nicolaus Sttrze⸗ mieniec, der Kronſchwerttrager, der Schweig⸗ ſamſte. Schwerer als auf den Andern laſtete auf ihm das Mißbehagen uͤber den langen Auf⸗ enthalt in den ruſſiſchen Landen, mehr als Ei— ner der alten ren erkannte er die Nothwen— Nuͤckkehr in's Vaterland, Koͤnige war nur ihm die digkeit ſchleuni denn außer dem Kunde von dem dort Vorgefallenen bewußt, und Boleslaw's Gebot hatte ſie ſtreng verſchloſ— ſen in der Bruſt des treuen Dieners und ho⸗ hen Beamten der Krone. Gleichmaͤßig hörte er alſo mit truͤbem Laͤcheln die entgegengeſetzten Wuͤnſche der Tafelgenoſſen an, innerlich hofſend, die Nachricht von dem, was doch nicht immer verborgen bleiben konnte, werde ſie insgeſammt auf ein gemeinſames Ziel richten, auf das ver⸗ nachlaͤſſigte, vergeſſene Vaterland. Doch durfte dieſe Nachricht nicht von ihm kommen, der dem Koͤnige mit Handſchlag und Wort Still⸗ ſchweigen zugeſagt, und ſo verbarg er vor den Andern, welche in ihm den Wuͤrdentrager der Krone achteten und den tapfern Feldherrn, die Bekuͤmmerniß des Gatten und Hausherrn um den bedrohten Herd, die Befuͤrchtung des Va⸗ terlandfreundes, der wenig Vertrauen in die Fähigkeit und den guten Willen des Erzbi⸗ ſchofs von Gniezno ſetzte, und er troſtete ſich der Hoffnung, bald werde der einſtimmige Ruf * ſeiner Genoſſen den Koͤnig aus ſeiner Betäub⸗ — 15 ung erwecken, die der einzelnen Stimme des Freundes widerſtand. Etwas redſeliger als dieſer, doch minder als er es zu ſeyn pflegte, war Adalbert Dru⸗ zyniec. Durch keine haͤuslichen und chelichen Bande an die Heimat gefeſſelt, hatte er wie die Andern ſeines Alters und Standes ſich unbeſorgt und ohne beſondere Maͤßigung dem luſtigen Leben uͤberlaſſen, in welchem ihnen der Koͤnig mit ſeinem Beiſpiele voranging, und wie ſie, wuͤnſchte er deſſen Unterbrechung nur, um es nach abenteuerlichem Zuge wiederum in andern Gegenden zu beginnen, von welchem ſein neuer Freund, der Sohn des Dynaſten von Negropont, ihn mit redneriſchem Feuer eine reizende Beſchreibung entworfen. Er ſchuͤttelte alſo halb ſpoͤttiſch laͤchend den Kopf bei den uͤbellaunigen Aeußerungen der bejahrten Herren, und ſtimmte in das muntere Krähen der jun— gen Kampfhaͤhne ein, obſchon mit einiger Zu— ruͤckhaltung und dem deutungvollen Weſen eines koniglichen Vertrauten und Guͤnſtlings. Nicht allein dem eigenen Geluͤſten that er ſo Genuͤge, ſondern auch dem Wunſche, ſeinen Lands⸗ leuten zu verbergen, daß er jenes nicht in dem 1 fruͤhern Grade geblieben. Obgleich jung und leichtſinnig, und nebenbei thoͤrig genug, Koͤnig Boleslaw's jetzige Lebweiſe zu billigen und nachzuahmen, war er doch immer ein Pole, und Die, in deren Plane es lag, den Oberlehns⸗ herrn ſeinem Volke gaͤnzlich zu entfremden, hat— ten ihn allmaͤhlig von einem Platze verdrängt, den nun ein gewandterer Hofmann als er, ſein ſogenannnter Freund, der Strator Leontios An⸗ gelos einnahm. Die Unterhaltung blieb matt und gedehnt, der Wein der joniſchen Inſeln war ein zu oft gebrauchtes Mittel, um ſie zu beleben, und wirklich war außer Abſpannung und langer Weile noch mancher Beweggrund zu ernſterer Stimmung vorhanden. Die Nachrichten, welche von dem juͤngſt abgeſendeten Heerhaufen angelangt waren, lauteten nicht guͤnſtig; ob⸗ ſchon die geringe Anhaͤnglichkeit der Landesbe⸗ wohner und vielleicht des Großfuͤrſten geheime Maßregeln ſchleunige und unmittelbare Bot— ſchaft verhinderten, fluͤſterte doch das Geruͤcht von allerlei bedenklichen Dingen. Wſzewolod, hieß es, und ſein Vetter, der aus Kijow ver⸗ triebene Wſzeslaw, hätten ſich verſohnt, und — ———— — vereinigt gegen die Polen, ſie zoͤgen von Now⸗ gorod laͤngſt des Dnieprs herauf, jener Heer⸗ haufen ſei mit ihnen zuſammengetroffen und ſein Führer, Herr Mieczyslaw von Skalmierz nebſt vielen Andern gefangen. Was man hier nur als unverbuͤrgte Sage erwaͤhnte, war Nikolaus Strzemieniec in ſeinem ganzen Umfange bekannt. Er befand ſich bei dem Könige, als ihm dieſe Kunde gebracht ward; mißfällig hatte er die Gleichgiltigkeit geſehen, mit der dieſer ſie aufnahm, und den Befehl empfan⸗ gen, auch ſie dem Heere geheim zu halten, gleich als ſchäme ſich der Monarch, daß ſelbſt ſolch Begebniß ihn den Banden nicht entreißen konne, die ihn unwuͤrdig umſtrickten, und noch mißfälliger hatte er die höhniſche Geberde und das ſcherzende Wort wahrgenommen, mit denen ſein Gebieter die Meldung von des Ritters Gefangenſchaft erwiederte. Sie erinnerten ihn an Manches, was zu Zemboein vorgegangen, und was der ſtolze Kronbe⸗ amte, als eine Ungebuͤhr gegen ſeine Verwandte im Hauſe ſeines Voters begangen, widerwillig ertrug, ſie erinnerten ihn an David, als er die Botſchaft vom Tode des Urias erhielt. IW. Band. 2 — 18— Ein ſolch Begebniß, obſchon unverbuͤrgt, haͤtte wenige Monden fruͤher die ganze Kampf⸗ luſt einer tapfern Ritterſchar aufgeregt, aber jetzt waren wie ihre Gewaͤnder auch ihre Gemuͤther weicher und fuͤgſamer geworden, die Alten, wie ihres Gleichen zu jeglicher Zeit, be⸗ gnuͤgten ſich, die arge Zeit zu ſchelten und den Verfall chemaliger Mannlichkeit und Sitte, die Juͤngern aͤußerten ihre Befuͤrchtung, ſolch Er— eigniß mochte wohl ein Hinderniß werden fuͤr den Zug in das Morgenland, und richteten Fragen an Rikolaus und Adalbert über die etwaige Entſchließung des Königs. Der Erſte antwortete, ſie trocken auf dieſe verweiſend, der andere aber meinte, ſo Geringfuͤgiges, wenn es ſich auch beſtätige, werde in Boleslaw's hoch⸗ fliegenden Entwuͤrfen nichts ändern. So war der Nachmittag verſtrichen, der Abend kam heran, und ſeine Kuͤhle begann er— friſchend auf die erſchlafſten Sinne zu wirken, wie auf den verduͤſterten Blick die Hunderte Wohlgeruch duftender Kerzen, deren Schein all⸗ mählig Theophraſtos Säle erhellte. Man er⸗ wartete ihn ſelbſt und eine ganz neue Luſtbar⸗ keit, welche er fuͤr dieſen Abend den hochgeehr⸗ — 19— ten Gäſten verſprochen, und die Erwartung der letztern war es wohl hauptſaͤchlich, welche ihm, als er nun wirklich erſchien, einen Empfang in ſeinem eigenen Hauſe bereitete, ſo verbindlich, als Rittersleute des eilften Jahrhunderts in ih⸗ rem Feudalſtolz ihn dem reichen Kaufmanne gewaͤhren konnten, deſſen Vorrathkammern, Keller und Geldtruhe dem hochgebornen und begehrlichen Schutzherrn im oft wiederholten Forderungfalle ſich ſelten verſchloſſen, und deſ⸗ ſen Tochter uͤberdem mit dem Könige in einem Verhaͤltniſſe ſtand, geeignet, die Bedeutung ih⸗ res Vaters um ein Merkliches zu erhöhen. Ich flehe— ſprach der beſcheidene Mann von Reichthum und Einfluß— ich flehe um großmuͤthige Verzeihung fuͤr mein langes Au⸗ ßenbleiben an, edle Dynaſten und tapfere Rit⸗ ter; Ihr wiſſet jedoch, daß der, dem der Him⸗ mel den geringen unbedeutenden und muͤhſeli⸗ gen Beruf eines Handelsmannes auferlegt hat, jeden ſeiner Augenblicke von Sorgen und Ge⸗ ſchaͤften in Anſpruch genommen ſieht. Solche ſind nun wohl kleinlich zu nennen, wie es denn auch nicht anders ſeyn mag bei einem ſchlich⸗ ten Manne wie Euer demuͤthiger Diener, aber 2 ————— — 20 nicht Jedem iſt es beſchieden, die Guͤter dieſes Lebens auf leichtem und ruhmvollem Wege zu gewinnen, wie es trefflichen Kampfeshelden al⸗ lerdings zuſtehet.— Ein Blick auf die Reſte des Gaſtmahls und einiges zertruͤmmertes Ge⸗ rath begleitete und erlaͤuterte dieſe Worte.— So— fuhr er fort— ward ich jetzt lange aufgehalten bei des Königs hoͤchſten Gnaden, welchen die Luſt anwandelte, allerlei Schmuck⸗ werk und Stoffe zu beantlitzen, die ich eben von Konſtantinopel erhalten habe, dem Sitze des Geſchmacks, der Kuͤnſte und aller Freuden des Lebens. So war es ehedem nicht— murrte ein alter Ritter— die Koͤnige von Polen fanden kein Gefallen an dergleichen Tand. Boleslaw der Große haͤtte nicht die Hand ausgeſtreckt nach Putz und Kleinodien— ja, wären es Schwerter und Ruͤſtungen geweſen, aber was Ihr da ſagt, kaufte der Pole vor wenig Jahren nur mit der Schaͤrfe ſeines Schwertes, um den Altar ſeiner Kirche daheim zu bekleiden oder hoͤchſtens die Hausfrau mit einem neuen Rock.— Der Hausherr meinte im Stillen, wenn auch der Gebrauch, ſo habe ſich doch die Art des Erwerbes nicht um Vieles geändert, ein junger, vorlauter Edelmann aber ſprach: es ſtehet zu hoffen, daß unſer Wirth dem Herrn Boleslaw gleichfalls einen guten Preis gemacht haben wird. Weiß man doch, welches Heiligen⸗ bild ſeine Waaren zu ſchmuͤcken beſtimmt ſind, und wie koſtbar ſie auch ſeyn mogen, bleiben ſie doch immer in der Verwandtſchaft.— Gewiß— verſetzte Theophraſtos, deſſen oſtröͤmiſche Sitte ihn ſolche Andeutung nichts weniger als beleidigend finden ließ— gewiß darf Eudora, das Kind meines Hauſes, ſich der Huld des durchlauchtigſten Boleslaos ruͤhmen, und iſt gebenedeiet zu nennen unter den Wei⸗ bern dieſes Landes, auch darf man ſie, obſchon ſie nur ein gebrechlich Werkzeug iſt, ge⸗ wiſſermaßen eine Heilige heißen, da ſie es war, deren Fuͤrbitte zuerſt das Auge des Herrn in Gnaden ſeinen treuen Unterthanen am Boryſt⸗ henes zugewendet.— Dann— fiel der Naͤmliche ein— dann mag Saneta Eudora ſich eines eben ſo großen Gefolges ruͤhmen als die heilige Urſula unſere 6 lateiniſchen Kirche, denn mehr als zehntauſend ihrer Mitſchweſtern haben ſich bei uns eben ſo des Suͤhnamtes befleißiget als ſie bei unſerm König und Herrn.— Der Sohn des Archipelagus zog ein ſaures Geſicht bei dieſem hyperboraiſch unzarten Scherz, der bejahrte Rittersmann aber bereitete ſich, ſei⸗ nen jungen Waffengefaͤhrten in einer ſcharfen und vielleicht auch langen Geſetzpredigt uͤber ſeine leichtfertige und frevelhafte Rede zu ta⸗ deln, als Jener ihn unterbrach. Nicht um meiner Tochter geringe Leibes⸗ ſchonheit zu ſchmuͤcken— ſagte er in ſanftem Tone— ſondern in einer wichtigern und ei⸗ nes chriſtlichen Helden wuͤrdigen Abſicht hat der Hochgewaltige meinen geringen Kram mit ſeiner Aufmerkſamkeit beehrt. Ein koſtlich Reitzeug begehrt er von Gold und Sapphiren, damit er glanzvoll an der Spitze ſeiner muthi⸗ gen Scharen in das Morgenland ziehe, und meine Stoffe ſind allerdings beſtimmt, eine Kirche zu ſchmuͤcken, die erſte nämlich, welche ſein ſieg⸗ reiches Schwert ſaͤubern wird von mahometani— ſchem Gräuel, denn alſo iſt das Geluͤbde, wel⸗ ches ſeine Hoheit gethan.— Art läßt nicht von Art— erklärte der Alte — und Boleslaw der Zweite iſt, man ſage was man will, gleich ſeinen Vorvätern ein got⸗ tesfuͤrchtiger Herr. Es ziemt dem polniſchen Edelmanne, ſolch aͤhnlich Beiſpiel des Koͤnigs nachzuahmen; auch ich habe ein aͤhnlich Ge⸗ luͤbde gethan, und wuͤnſchte demnach, Herr Wirth, den Vorrath Eurer Stoffe in Augen⸗ ſchein zu nehmen, ſo es Euch beliebt.— Es beliebte Theophraſtos indeſſen, dieſen Antrag zu uͤberhoren, als aber mehre Anwe⸗ ſende mit Fragen in ihn drangen, ob man nach dem, was er geſagt, wohl ſchon bald in's Feld ruͤcken werde, und ob ihm nichts Näheres bekannt ſei von der Entſchließung des Königs, welchen Viele von ihnen bereits wochenlang nicht geſehen, da antwortete er mit anſpruchlo⸗ ſer Einfachheit: Wie ſollte ich, ein ſchlichter Krämer, um die Entwürfe eines Heros und Monarchen wiſſen. Nicht an meines Gleichen ergeht uͤber ſolche Dinge ſein Wort, ſondern an Euch, hochedle Herren, die Ihr es zur That machet, Ihr, die Ihr gleichſam die Blitzſtrah⸗ len ſeid, welche Zevs in der Hand haͤlt, ſtets bereit, auf den niederzuſchmettern, welchen der — Herrſcher zu vernichten gedenkt. Auch— fuhr er fort, auf den Schwerttraͤger und auf Druzyniec zeigend, mit dem Tone der Ehrfurcht — auch ſehe ich unter Euch erlauchte Häup⸗ ter, welche dem Hoͤchſten von Allen nahe ſtehen und beſſer als ich wiſſen muͤſſen, was im Rathe der Götter beſchloſſen.— Adalbert fuͤhlte den Spott, der den gefalle⸗ nen Liebling treffend, auf der ſcharfen Zunge des Griechen lag, er erroͤthete vor Unwillen und Scham, aber er ſchwieg, denn er wagte nicht, den letzten Reſt ehemaliger Gunſt gegen Eudorens Vater auf das Spiel zu ſetzen, Ni⸗ kolaus aber ſprach ernſt: Herr Theophraſtos hat Rechtz immer fin⸗ det der Koͤnig ſeine Ritter bereit, ſein Gebot zu erfuͤllen, drum hat es Zeit damit bis zum Augenblicke der That. Auch, meine ich, wird er es dann ſelbſt an uns richten, denn zwiſchen dem Polenkönig und ſeinem Adel bedarf es kei⸗ nes fremdlaͤndiſchen Mittlers.— Nicht allein, was ich geſagt— nahm der Kaufherr wiederum das Wort— hat mich ſo lange des Vergnuͤgens beraubt, meine verehr⸗ ten Gäſte willkommen zu heißen, ſondern et⸗ was außerdem, das, glaube ich, ſie ſelbſt an⸗ geht. Eben kam ich heraus von des Koͤnigs Gnaden, als ich einen Fremden gewahrte in eifrigem, ſogar hitzigem Wortwechſel mit den Junglingen meines Volkes, welche der Ehre theilhaftig ſind, des Koͤnigs geheiligte Perſon zu bedienen. Beim erſten Blick erkannte ich ihn als zu der Nation der Helden gehoͤrig, als Einen der Euren, als einen ſauromatiſchen Ritter, welchem die Diener, des Herrn Gebote zufolge, den Eintritt verweigert.— Verweigert?— fragte Strzemieniec duſter — Verweigert ward unſerem Landsmanne der Eintritt, während Ihr doch bei dem Könige waret, Herr Theophraſtos von Chios?—— Nur meiner Unbedeutenheit— entgegnete dieſer ein wenig erſchreckt und ſich tief verbeu⸗ gend— darf ich ſolche Verguͤnſtigung zuſchrei— ben. Unſer Einer tritt in die Gemächer der Konige unbeachtet, der Fliege gleich, die un⸗ — 26 verwehrt die Hallen von Sancta Sophia durch⸗ ſchwirrt.—— Da wie dort ſollte man ſich ſolches Ge⸗ chmeißes erwehren— murmelte Adalbert Dru⸗ zyniec vor ſich hin. Der Kaufmann ſprach weiter: Als nun der tapfere Rittersmann mich erſah, meinte er, obſchon mit großem Unrecht, ich geringer Mann konne ihm behilflich ſeyn zur Erreichung ſeines Wunſches, dem Monarchen zu nahen, auch fand ich, der eifrigſte Verehrer unſerer ſauromatiſchen Erretter und Schutzherren, mich bereitwillig, ihm zu gewaͤhren, was meine wenige Bekanntſchaft im Palaſte des Protoſebaſten oder vielmehr ſeines erhabenen Lehnshertn vermochte, da trat aus des Königs Zimmer der Abgeſandte des allerdurchlauchtigſten Cäſar Auguſtus, Leontios Angelos, der edle Veſtiarius und Strator, und vermeldete, der erhabene Boleslaos wolle allein ſeyn, ſintemal er in frommen Gebete be⸗ griffen.— Wohl vor dem bewußten Heiligenbilde?— fiel jener junge Ritter ſpottend ein. Jener fuhr fort: Drauf begann Euer verehrlicher Landesgenoſſe ſich mit dem Unge⸗ ſtuͤme zu aͤußern, welcher die hoͤchſt treffliche Nation der ſauromatiſchen Slaven ſo wohl kleidet, ſprechend, er wolle und muͤſſe den Kö⸗ nig ſehen, denn hoͤchſt Wichtiges ſei es, was er ihm bringe, und als darauf Seiner Hoheit erſter Silentiar, meines Bruders Frauen Schwe⸗ ſterſohn, ihm hoͤflich andeutete, nicht Sitte ſei es, alſo Geraͤuſch zu machen im Vorzim⸗ mer des Herrſchers, antwortete er ihm gar un⸗ muthig, ſagend, es ſei demnach anders hier als daheim, und in der Burg zu Krakow wuͤrde der Konig dem Landpfleger von San— ja von Sandomierz, glaube ich, heißt es, und Kronmarſchall das Gehör nicht verſagen, auch ſei es nicht Zeit zum Silentium, ſondern zu lautem Wort.— Der Marſchall der Krone! Er ſelbſt her⸗ uͤbergekommen nach Kijow? riefen die Anwe⸗ ſenden erſtaunt durcheinander. So ſagte der ehrbare Herr— beſtätigte Theophraſtos— obſchon nach dem oftmals truͤgenden Ausſehn, urtheilen, ich ihn kaum fuͤr eine ſo wichtige Standesperſon gehalten haͤtte. Ihr werdet inveſſen alsbald ſelbſt von der Wahrheit ſeiner Angaben urtheilen können. Als ihm ſein Geſuch, beim Monarchen einzu⸗ treten, fortwährend verweigert ward, begehrte er, daß man ihn zu den Gebietigern des Heeres fuͤhre, meinend, wenn der König nicht wolle, wuͤrden dieſe ihn doch hoͤren, denn auch an dieſe ſei ſeine Botſchaft gerichtet. Da ich nun der Ehre theilhaftig worden, Euch, edle Herren, in meinem armen Hauſe zu verſammeln, ſo habe ich ihm hierher zum Fuͤhrer gedient, und bitte demuͤthig um Verzeihung, wenn ſein Er— ſcheinen oder der Inhalt ſeiner Botſchaft die geringe Luſtbarkeit ſtören duͤrfte, welche ich Euch anzubieten vermochte. Draußen ſtehet der Beſagte und wartet auf Eure Verguͤnſtig⸗ ung, daß er eintrete.— Draußen ſtehet er und wartet— riefen die Hauptleute— der erſte Mann des Rei⸗ ches?— Und der alte Ritter ſetzte hinzu— Noch hat er wohl das Warten nicht gelernt, wie leider wir, und mag ihm abſonderlich vor⸗ kommen, bis er ſich daran gewoͤhnt.— Da⸗ mit eilten die Polen dem Eintretenden ent⸗ gegen. Dieſer war allerdings Andreas Gorka, der vornehmſte Beamte der Krone, entſproſſen aus dem edelſten Geſchlecht, dem Erzbiſchof-Statt⸗ halter nahe befreundet, und der Beſitzer um⸗ fangreicher Landſchaften im heutigen Großher- zogthum Poſen, doch hatte der Kaufherr nicht Unrecht, als er meinte, ſein Aeußeres entſpreche ſeinem Range nur wenig. Die einfache Ruͤſt⸗ ung eines Giermek(Knappen), die ihn verhuͤllte, war mit Staub und Roffflecken bedeckt, un⸗ zaͤhlige Beulen auf derſelben bezeugten, ſie ſei ihrem Traͤger nicht unnuͤtz geweſen, das lederne Unterkleid trug die Spuren eines weiten und ſchnellen Rittes, ſein gebraͤuntes Antlitz mehr denn eine kaum verharrſchte noch blutrothe Narbe und den Ausdruck tiefen Unmuthes, er⸗ neut durch die Verweigerung eines Gehöres beim König, ein ganz neues und nimmer ge⸗ ahntes Begebniß fuͤr den Großmarſchall der polniſchen Krone. Mit Unrecht beſchuldigte er indeſſen Boleslaw den Zweiten der widerfah⸗ renen Kränkung; nach der Weiſe mancher Ca⸗ marilla ſpaͤterer Zeit hatten die griechiſchen Schranzen, die ihn umlagerten, fuͤr gut gefun⸗ den, den gar nicht zu melden, deſſen Anblick dem Auge des Monarchen eben ſo wenig an⸗ genehm ſeyn moͤchte, als die Kunde, die er braͤchte, ſeinem Ohre ergötzlich. Nikolaus Strzemieniec errieth die letztere ſogleich; nur hochſt Wichtiges konnte einen Mann dieſes Ranges ſo weit herbeigerufen haben, nur ein großes Unheil ihm dieſe Ver⸗ kleidung aufgezwungen; er wuͤnſchte wohl, daß ein kraͤftiger Anſtoß, wie er jetzt zu erwarten ſtand, das Heer und den Koͤnig aus ihrer Starrſucht erwecken möchte, aber treu dem ge⸗ gebenen Worte trat er dem Marſchalle entge⸗ gen und verſuchte ihn auf die Seite zu führen zu abgeſondertem Zwieſprach. Andreas Gorka folgte ihm indeſſen nicht; zwar ſchuͤttelte er treulich die Hand des Genoſſen im Rath und im Felde, aber er ſagte laut und nachdruͤcklich: Mit nichten, mein ehrenwerther Waffenge⸗ fährte, wohl freuet es mich, in dieſem fremden Lande voll heimtuckiſcher Verraͤther und nichts⸗ nuͤtziger Gaukler auf einen wackern Ritters⸗ mann zu trefſen, der es wohl meint mit dem Vaterlande, und mit dem Koͤnige beſſer als er ſelbſt, doch habe ich es nicht mit Euch allein. Wohl gedachte ich mein Wort an Einen ins⸗ beſondere zu richten, er aber will es nicht ver— nehmen, und Andreas Gorka ward ausgeſtoßen von der Schwelle Boleslaw's des Piaſten, der erſte Wuͤrdenträger der Krone von dem, wel⸗ chen ſie, duͤnkt mich, jetzt unwuͤrdig ſchmuͤckt. Wohl bereitete mich das Geruͤcht ſchon in der Heimat auf Manches vor, das ich hier leider im erſten Augenblicke ſchon beſtätigt geſehen, aber dabei ſoll es nicht bleiben. Dieß Wort, ich will es vor Euch ausſprechen, Ihr achtba⸗ ren Herren und Bruͤder, daß es wiederholt von Euren Stimmen allzumal bis zu ihm dringe, mitten unter ſeinen Dirnen und Buben.— Wir ſind bereit, Euch zu hören— ſprach einer der bejahrten Ritter— doch nehmet zu⸗ vor dieſen Trunk. Das iſt das Beßte noch in dieſem Lande, welches Ihr mit Recht ein nichtsnuͤtziges heißet. Ihr ſeid der Erquickung 3 — 32— bedurftig nach langer und, wie es ſcheint, be⸗ ſchwerlicher Fahrt. Nimmer, bei Sankt Adal⸗ pert, haͤtt' ich gemeint, den hochgebornen Mar⸗ ſchall des Reiches ſo vor mir zu ſehen in ge⸗ meiner Knappentracht und wohl gar, verzeihet — als Fluͤchtling.— Andreas that Beſcheid mit der Haſt eines beinah Verſchmachteten, dann ſprach er: Auch, werther Herr, bin ich nichts als ein Fluͤchtling, ſo ſelten es auch ſeit hundert Jahren ein Pole geweſen ſeyn mag und zumal ein polniſcher Feldherr. Marſchall nennet Ihr mich? Ich vin es nicht mehr. Was beduͤrfte auch das Reich und die Krone eines Marſchalls, da das Erſte verloren iſt und die Zweite entwuͤr⸗ digt?— Ungeſtum und mit Geraͤuſch umringten die Ritter das Haupt ihres Standes, ihre Blicke hingen an ſeinen Lippen, und ungeduldige Fra⸗ gen verſuchten ſein zoͤgerndes Wort zu beſchleu⸗ nigen.— Das Gewand eines Knechtes— fuhr er fort— ſcheltet Ihr dieſe Ruͤſtung und Koller, doch iſt es das Einzige, welches dem Erſten unter Euch, meine Herren und Brüder, Sicherheit gewährte im Vaterlande, ja auf dem Boden ſeiner Ahnen und auf ſchimpflicher Flucht von demſelben. Es iſt das, welches mir gebuͤhrt und Euch, denn daheim iſt die Welt umgekehrt, die Knechte ſind Herren, die Herren aber ſind Knechte! Lanzen und. Schwerthiebe hätten die glänzende Ruͤſtung Eures entweich⸗ enden Marſchalls getroffen, vor dieſer Blech⸗ haubeund dieſem Schuppenwammsſenkten ſich die Keulen unſerer jetzigen Gebieter, und die Beu⸗ len, die Ihr ſehet, ſprechen nur von der Be⸗ willkommnung, mit welcher unſre treuen Freunde, die Ruſſen, den an ihren Oberherrn Geſendeten gaſtlich empfingen.————— Frage folgte immer raſcher auf Frage und ihnen die Ant⸗ worten des Marſchalls, und bald erfuhren die Fuͤhrer des polniſchen Heeres Alles, was ſich in der Heimat begeben, das Gemaͤlde beiſpiel⸗ loſer Verwirrung und Unheils lag aufgerollt vor ihnen da, und der Augenzeuge, der ſelbſt Betheiligte und Schwergekränkte ließ es den Farben an Nachdruck nicht mangeln. Die ganze Ebene vom Fuß der Karpathen an bis zu den Grenzen des heidniſchen Preußens, vom IW. Band. 8 —— Bug bis zum Oderſtrome befand ſich in Aufruhr, Recht und Geſetz waren verhoͤhnt, die grauen und ehrwuͤrdigen Häupter der Na⸗ tion mit Schmach oder mit dem Tode bedroht, oder bereits ihnen verfallen, die Zuͤgel der Ge⸗ walt waren den Haͤnden des Petrus Nalencz entglitten, wohl geuͤbt, Raͤnke anzuſpinnen, doch unfähig, Scepter und Schwert der Gerechtigkeit, ihnen zur Ungebuͤhr anvertraut, mit Nachdruck und Wuͤrde zu handhaben; Alle, die noch an der Pflicht hingen und am Gemeinwohl, ſchau⸗ ten beſtuͤrzt und ſehnſuchtvoll aus nach dem Koͤnige, und der Konig pflegte der Muße im fernen Lande, der nahen Gefahr ſo wenig ach⸗ tend als des Unheiles in der Heimat. Ein Bettler— fuhr Andreas mit Bitterkeit nach einer Pauſe von Ausbruͤchen des Entſez⸗ zens und Ingrimms unterbrochenen Stillſchwei⸗ gens fort— ein Bettler trete ich unter Bettler, doch das iſt nicht genug, auch ein Geſchaͤndeter unter die Geſchaͤndeten, denn nicht allein Hab' und Gut iſt verloren, ſondern die Ehre. Als ich heimkehrte aus der Schlacht, merket es wohl, aus der Schlacht, in welcher Boleslaw's — 85 23 ſieggewohnte Ritter geſchlagen wurden von üͤber⸗ maͤchtigen Haufen nichtswuͤrdiger Troßbuben, kam ich vor mein Schloß zu Gorka. Ich war allein, denn wen die Keule der Emporer nicht niedergeſchlagen von meinem Gefolge, der wartreu⸗ los uͤbergegangen zu ihnen, ich ſtieß in mein Horn und wähnte, das Thor werde ſich auf⸗ thun und ich mich ausruhen koͤnnen in der Burg meiner Ahnen. Da erſchien auf dem Söller ein Mann, und ich erkannte unter dem übelkleidenden Prunk ſeiner oder vielmehr meiner Gewaͤnder den verworfenſten meiner Knechte. Ziehet hin— rief er mir ſpoͤttiſch zu— wo Ihr hergekommen oder wohin Ihr ſonſt wollet, edelſter Herr Andreas Gorka, hochgeborner Herr Marſchall des Reiches. Lange genug habt Ihr dieß Haus das Eure genannt, es hat nun ſeinen Herrn gewechſelt, und der jetzige bin ich. Drum tummelt Euch ſtracklichſt von hinnen, ſo Euch nicht geluͤſtet, zu verſuchen, wie es Euern Leibeigenen, die nun frei worden, einſtmals behagte in dem feuchten Kellerloch, in das Eure Milde ſie ſandte, und bei faulem Waſſer und verſchim⸗ meltem Haferbrote, Euerer Großmuth köſtlicher * 3 — 36 Gabe.— Und bei ihm war ein Weib, das rief hoͤhniſch darein: Ja, ja, ſo iſt es, geſtren⸗ ger Herr, und nicht anders. Vorbei iſt es mit ſtrenger Hauszucht und Kloſterzwang, das Reich der Liebe und Freude hat begonnen, und mein Liebſter iſt Marſchall in demſelben. Ge— het daher immerhin und laſſet Euern Segen zuruͤck unſerm Ehebund und Euern zukuͤnftigen Enkeln.— Es lachte, als es ſo ſprach, und das Weib war meine Tochter, eines ruhmwuͤrdigen Geſchlechts verworfener Sprößling. Ihr ſehet mich ſtaunend an, Herren und Bruͤder? Ihr bemitleidet den, welchen man das Haupt der Ritterſchaft nannte, ob der Schmach, die ihn betrofſſen? Bemitleidet Euch ſelbſt. Jeden von Euch erwartet ein gleicher Empfang in der Heimat. An Eurer Tafel ſitzt der Knecht, Eure Tochter umſchlingend oder Euer Eheweib, und ſie ſträuben ſich nicht; die Becher, woraus einſt Eure Väter ſich erquickten, heimkehrend von Kampf und Sieg, erklingen jetzt in wuͤſter Schwelgerei zu ihrer Sohne Verderben, nicht der Prunkſaal Eurer Gemaͤcher ſteht Euch of⸗ fen, wohl aber deren Kerkergewolbe, und in die⸗ ſen moͤgt Ihr Euch des Jubelgeſchreies erfreuen, — das in Eure Einſamkeit dringt, und an dem Gekreiſch der Baſtarde, das den Stiefvater hoͤhnt oder den Ahn.—— Wie in dem engen Felſenthale, das dem Lö⸗ wen zur Schlummerſtaͤtte dient, wenn nun der Tagesſtrahl, uͤber die ſchrofſfen Waͤnde herein⸗ brechend, die geſchloſſenen Augenlider des Ge⸗ waltigen trifft, ſo ließ ſich in Theophraſtos er⸗ leuchtetem Saale ein einſtimmiger furchtbarer Schrei vernehmen, oder vielmehr ein Gebruͤll der Wuth, und erſt nach einiger Zeit ertoͤnten durch daſſelbe die einzelnen Worte: Auf in das Vaterland— auf zur Vergeltung, zur Rache!—— Nach langer Zeit ließ Andreas ſich wei⸗ ter vernehmen: Ich wandte den Schritt ab— waͤrts von meinem Hauſe und floh in den Wald. Hier, wo ich ſo oft das Dickicht durch⸗ zogen in luſtigem Waidwerk an der Spitze ei⸗ nes mannlichen, zahlreichen Gefolges unter dem Schalle der Hörner, barg ich mich, dem wilden Thiere gleich, das ich einſt dort hetzte, ver⸗ band meine brennenden Wunden mit Moos ——— auf dem Lager von hartem Geſtein, und friſtete mein Leben mit Wurzeln und Waldbeeren, während der Schaͤnder meiner Ehre die plum⸗ pen Glieder dehnte auf meinen Pfuͤhlen und tafelte in dem entweiheten Ruͤſtſaale. Einige Tage waren ſo vergangen, da traf mich einer meiner aͤlteſten Diener, er brachte mir die⸗ ſen Koller und dieß Wamms und rieth mir, baldigſt die Gegend zu meiden, denn ſchon reue den Eindringling, daß er mich unverletzt entlaſſen, und eine Schar durchſtreife den Forſt, mich zu fahen. Ich that nach ſeinem Geheiß und eilte gen Oſten auf einſamen Pfa⸗ den den Waͤldern zu, welche das Ufer der Weichſel bedecken. Hier fand ich an einſamer Stelle mehre meiner Ungluͤcksgefaͤhrten, ehr⸗ wuͤrdige Greiſe, von gleicher Schmach betrof⸗ fen wie ich, gottſelige Prieſter, vertrieben aus dem geſchaͤndeten Heiligthum, und ich verweilte unter ihnen, um meine Wunden zu heilen. Dorthin gelangte auch nähere Kunde von dem allgemeinen Elend; Niemand war mehr, der ihm ſteuerte, Viele des Adels waren gefallen in Vertheidigung ihres Eigenthumes, mein Vet⸗ ter, der Erzbiſchof, verſchloſſen in ſeiner feſten — 39— Burg zu Gniezno, beſtuͤrmte gerade jetzt, wo es zu handeln galt, mit Gebeten den Himmel, den er wohl ſonſt oftmals uͤber menſchliche Händel verſaͤumte, weltlich und geiſtlich Re⸗ giment war vernichtet, nur zu Krakow, hieß es, und in der Umgegend, wo doch die verderb⸗ liche Flamme ſich entzuͤndet, wuͤthe ſie min⸗ der furchtbar, beſprochen von den Seg⸗ nungen Stanislaw's Szczepanowöki, des Bi⸗ ſchofs. Einen Heiligen nennt man ihn, deſſen Anblick ſelbſt die grimme Wuth des entfeſſelten Volksungeheuers beſchwichtigt, ſeine Stimme, bald ſtrafend, bald ermahnend, ergeht an die Edlen wie an das Volk, den erſtern Mißbrauch der Gewalt vorwerfend und ſie auf⸗— fordernd zu glimpflicher Milde, das letztere zur Ordnung verweiſend und es vertröſtend auf eine beſſere Zeit, ſo nicht ausbleiben werde, wenn es zur Pflicht zuruͤckkehrte und zur Ruhe. So gehet er denn feſt und unſtraflich ſeinen Weg, und die mordfertigſte Fauſt wagt es nimmer, ſich gegen ſein geheiligt Haupt zu erheben, und ruhig ſiehet man ihn unter der grimmen Horde, wie einſt in der Loͤwengrube Daniel, den Propheten.— 0— Das ſiehet ihm ähnlich, dem Apoſtel des Poͤbels— unterbrach mit Schaͤrfe Nicolaus den Redenden— und es ſtehet ihm auch wohl an, mildiglich mit denen zu verfahren, für deren Schuld er verantwortlich iſt, und ganz ſanft auf die Flamme zu hauchen, die ſich entzundet hat durch ihn oder mindeſtens durch ſeine Ver⸗ ſchuldung.— Nicht gern hoͤre ich Euch ſo ſprechen, Waf⸗ fenbruder und Herr— verſetzte Andreas— ich und Viele mit mir achten Herrn Szezepa⸗ nowski als einen ehrwuͤrdigen Prieſter. Auch verdient er ſchon Dank darum, weil er allein thatig geblieben, wo leider alle Andere die Hand muͤſſig fallen laſſen in Unvermögen oder Furcht.— Sorget Euch nicht— ſprach der Kron⸗ ſchwerttraͤger wie vorher— ſelten ſind die geiſtlichen Herren muͤßig bei ſolcher Veranlaß⸗ ung, und wiſſen als Sankt Petrus Söhne gar trefflich im Truͤben zu fiſchen. Wo die welt⸗ liche Macht bedrängt iſt, ſteigt das Anſehen der — Kirche, und was der Thron einbuͤßt, gewinnt der Altar.— Ja— ließen ſich Einige hören— das Prieſterregiment hat nimmer getaugt und nir⸗ gends— Beten und Meſſeleſen gehört dem Prieſter, die Gewalt dem Adel und König:— Ganz recht— erwiederte der Marſchall, den Blick um ſich herwerfend— doch bedunkt mich, Beide nehmen ihre Obliegenheit nicht ſonderlich wahr. Kehret heim an die Stelle, die Euch gebuͤhrt, und es bedarf keines Andern, ſie zu vertreten. Auch tadelt Ihr, Herr Ni⸗ colaus, zur Ungebuͤhr den ehrwuͤrdigen Biſchof. Mancher Edle, ſagt man, verdankt ihm ſeine Rettung von der Wuth des Volkes, und Viele der Emporer haben, bezwungen durch die Ge⸗ walt ſeiner Rede, die Waffen niedergelegt. Ich mag nicht glauben, daß, wie Ihr andeutet, der gottſelige Mann Schuld trage an dem, was er ſo kräftig und weiſe Ich weiß, was ich ſage— erwiederte Ni⸗ colaus duͤſter— doch ziemt es ſich, beſondere Beſchwerde zu vergeſſen uͤber der allgemeinen Noth. Da Ihr doch nun Euern Bericht be⸗ gonnen, edler Kronmarſchall, ſo fahret fort in ſelbigem. Einmal mußte es ſo kommen, drum geſchehe bald, was geſchehen muß. Euch hat vielleicht Polens Schutzengel hierher gefuͤhrt, vollendet denn Eure Sendung.— Doch— ſetzte drauf Herr Gorka ſeine Rede fort— doch nur im Kirchſprengel des Biſchofs von Krakow widerſtehet der gute Geiſt dem Geiſte der Zwietracht und des Ver⸗ derbens, gegen Mitternacht weht allenthalben ſein blutiges Panier. Nicht mehr ſind es ein⸗ zelne Horden, welche beutegierig die Schloͤſſer der Edlen bezwingen oder verwuͤſten, ſondern ſie haben ſich geſammelt zu einem geregelten Heere, und eine Art Ordnung ſcheint der Un⸗ ordnung Dauer verleihen zu wollen. Ein jun⸗ ger Burſch, welchen Einige einen Knecht nen⸗ nen, Andere den Abkoͤmmling eines hohen Ge⸗ ſchlechts, von verwegenem Gemuͤth und rauher Sitte, iſt herabgekommen vom Mittag, und ihm gehorchen alle Emporer, einem Weibe viel⸗ mehr, das ſich ſeine Mutter nenht, von dem Volke aber fuͤr eine große Fuͤrſtin gehalten wird und fur erfahren in der ſchwarzen Kunſt.— Ich kenne dieſe Fuͤrſtin und ihren Sohn — murmelte Strzemieniec vor ſich hin— und bin begierig, ein ernſtes Woͤrtlein mit Bei⸗ den zu ſprechen. Nur weiter, ehrenfeſter Herr Andreas, nur weiter!— Unter ſeiner oder des Weibes Fuͤhrung— ſprach dieſer— geſtaltet die wuͤſte Menge ſich zu einem furchtbaren Ganzen. Nicht nur Haupt⸗ leute ſetzen ſie ein, ſondern auch Landpfleger und Richter, die alte Verfaſſung des Reiches verhohnend, und eben ſo laut und gebieteriſch ſchallt die Stimme des Abenteurers durch das Land als weiland König Boleslaw's, der ſie jetzt gebraucht, um zur Begleitung griechiſcher Zithern zu ſingen. Saͤumet nur noch eine Weile— rief er, ſich gegen die Anweſenden wendend, und Ihr werdet das neue Regiment trefflich begruͤndet finden, und den, der da an⸗ klopft an das Thor ſeines Hauſes, wird man fragen: Woher, guter Freund, woher des Lan⸗ des?— Aber freilich iſt es gar anmuthig ſchloſſen, daß Einer heruberreite zum König, hier und bequem, im wollenen Kleide der Ruhe zu pflegen, während daheim die Greiſe auf dem Schlachtfelde niedergeſunken ſind unter des Harniſches entwohnter Laſt, der Wein von den Inſeln perlt lieblich in den goldenen Po⸗ kalen, während das Blut Euerer Standesge⸗ noſſen die vaterländiſche Erde röthet, die Ge⸗ noſſenſchaft griechiſcher Metzen und Buben mag Euch billig behagen, ſind doch Eure Weiber und Tochter indeß daheim gleichfalls zu Metzen geworden, und Eure Söhne Knechte des Knech⸗ tes, und waͤhrend der Vater nach Aſien ziehet, falls ihm naͤmlich die gefaͤlligen Gafifreunde den Abzug geſtatten, erzieht jenen die ſorgſame Mutter, dermaleinſt die Roſſe des knechtiſch gebornen Bankerts zu ſtriegeln.— Hier unterbrachen ihn auf's neue Ver⸗ wuͤnſchungen und das einmuͤthig ausgeſprochene Begehren, heimkehrend die erlittene Schmach blutig zu raͤchen. Der Marſchall ließ ſich drauf ferner ver⸗ nehmen: Es ward im Rathe der Alten be⸗ — 45— ihn aufzuſtoren aus der Unthaͤtigkeit, in welche man leider mit Recht ihn verſunken glaubt, und ſo dieß nicht gelaͤnge, die Väter und Söhne des Vaterlandes an ihre Pflicht zu mahnen und an den verwahrloſeten Herd. Da ich nun, obſchon ziemlich betagt, doch der Juͤngſte an Jahren unter den Verbannten wär und auch ziemlich hergeſtellt von meinen Wunden, ſo er⸗ bot ich mich zu ſolchem Ritt, denn zur Zeit allgemeiner Gefahr ziemt es ſich, abzulaſſen von dem Stolze des Ranges, und wer nicht mehr thun mag, was ſelbiger von ihm er⸗ heiſcht, thut am beßten, was er kann, ob es auch das Geringere ſei. Ungefaͤhrdet gelangte ich an die öſtliche Grenze des Reiches, denn mich ſchuͤtzte mein Knappenwamms; als ich aber in den Landſtrich kam zwiſchen dem Bug und der Worskla, begann meine Fahrt merkli— che Störung zu erleiden. Nicht Haufen un⸗ ſerer Landsleute waren hier ausgeſtellt, wie ich es erwartete, um die Verbindung zwiſchen dem Reich und dem Heere zu bewahren, des Groß⸗ furſten Jzaslaw Scharen hielten das Feld, des Wſzewolod und Wſzeslaw wegen, wie man vorgab, und der Buͤrger von Nowgorod, aber nebenbei auch wohl, um beſagte Verbind⸗ ung zu hindern. Denn ich ward angehalten und von einer Feldwacht zur andern gefuͤhrt, als man erfuhr, ich kaͤme aus Polen heruͤber, und endlich ſogar gehalten in ſtrenger gefaͤng⸗ licher Haft. Ich glaubte meinen Stand und Bot⸗ ſchaft noch verborgen halten zu muͤſſen, aber nach mehren Wochen entriß mir die Ungeduld das Be⸗ kenntniß von beiden. Da wardich zwar leidlicher, doch ſtrenger noch bewacht, und nach einiger Zeit, während welcher vielleicht ein Bote nach Kijow geſendet worden und wieder zuruͤck, deutete man mir an, ich koͤnne weiter reiten zum Ziele meiner Reiſe. Doch fand man fuͤr gut, mir ein Geleit mitzugeben, vorſchuͤtzend, man glaube nicht an den hohen Rang, wel⸗ chem meine Tracht und Ausſehen nicht ent⸗ ſpraͤchen, und erſt in dieſem Hauſe verließ mich dieſe Wacht. Waͤhrend meiner Gefangenſchaft nun, und auf dem Wege hierher, habe ich manches Wort vernommen, Manches geſehen, welches wenig fuͤr die Lehnstreue des Ruſſen⸗ furſten ſpricht, und ich furchte nicht, ich weiß, wahrend die Flamme hoch auflodert daheim⸗ gluht ſie hier unter Euern Fuͤßen, um, ſchnell her⸗ vorbrechend, Euch Alle zu verderben. Der, an welchen meine Botſchaft, das Wort der Bitte und Mahnung ſeiner wenigen Getreuen daheim, gerichtet ward, hat ſie nicht vernommen; was ich nimmer fuͤr möglich ge— halten hätte, iſt geſchehen, fremdländiſches Ge⸗ ſindel hat den hohen Kronbeamten hinweggewie⸗ ſen von der Schwelle des Königs von Polen. Nicht noch einmal will ich ſolchen Verſuch wiederholen, nicht zum zweiten Mal ſoll, die Wuͤrde ſeines Ranges verunglimpfend, Andreas Gorka nichtswuͤrdigen Sklaven zum Geſpotte dienen. Und doch muß Herr Boleslaw, er ſoll die Stimme des Vaterlandes vernehmen, in Polen herrſcht kein Sultan uͤber zitternde Knechte, ſeinem Könige ſtehet ein freier Adel zur Seite, der Krone ergeben, dem aber, der ſie tragt, nur ſo lange, als er ſolches Schmuckes ſich wuͤrdig bezeigt. So geſchehe es denn auch durch Euch, Herren und Bruͤder, Eure Stimmen vereint werden doch wohl den Klang der Flöten und Cymbeln uͤbertonen, und geſchieht ſolches nicht, ſo ſchmettere die Trom⸗ — 48— pete des Aufbruchs darein. Das Paterland iſt in Gefahr, ich fordere Euch auf zu ſeiner Rettung, ich, der Marſchall der Krone, welchen Ihr bisher den Vorſtand Aller ſeines Gleichen nanntet, der Euch vertritt am Throne und im Rathe, der Euch mehr denn einmal angefuͤhrt in ruͤhmlicher Schlacht. Werdet auch Ihr meinem Worte das verwöhnte Ohr verſchließen, uͤbertont das Geklingel dieſer Pokale den Ruf des Vaterlandes und der Ehre? Wollet Ihr abenteuernd hinausziehen in das Morgenland, des Euren vergeſſend, wollet Ihr hier unthaͤtig ſchwelgen, während dort der Schimpf Eurer Wappenſchilder beſudelt, wollet Ihr heimatloſe Krieger eines Koniges ohne Reich zum Hohn falſcher Freunde werden, oder in tollem Wag⸗ niß das Spielwerk konſtantinopolitaniſcher Arg⸗ liſt, die vor dem Maͤchtigen ſich feige buͤckt, aber auf den Nacken der Kraftloſen treten wird in ſchnoͤdem Uebermuth?—— Fort— ſchallte es— fort nach Polen! Hier iſt keines Bleibens fuͤr uns. Und will er nicht Konig der Polen ſeyn fortan, ſind die Ruſſen ihm werther als ſeine Landesgenoſſen, — 49— wohlan, ſo mag er immerhin bleiben, wir aber eilen nach Hauſe. Will der Koͤnig das Rich⸗ teramt nicht verſehen, ſo uͤbe ein Jeglicher es bei ſich, wie einſt die Vaͤter gethan.— Und woher, Herren und Bruͤder— ſprach Nikolaus Strzemieniec eifrig— woher wiſſet Ihr, daß Boleslaw der Zweite ſich weigert, ſeine Pflicht zu erfüllen? Nicht ihn allein, wohl manch Andern noch hat man beſtrickt geſehen von den Schlingen, die nicht zweideutiger Freunde Liſt allein, die eigene Leidenſchaft ihm gelegt, und doch ſehe ich jetzt dieſelben erwacht beim erſten Rufe der Pflicht und der Ehte— Meinet Ihr wirklich, edler Schwertträ⸗ ger— fiel Andreas Gorka ein— der König habe ſo wenig von all dem Unheil gewußt als, wie es ſcheint, dieſe Herren und Bruͤder? Gebt Euer Wort darauf und ich will es glau⸗ ben, obſchon man anders vermuthen konnte nach den Schreiben, welche er dem Erzbiſchof⸗ Statthalter geſendet an der Stelle thaͤtiger, dringend nothwendiger Hilfe.— Nikolaus verlegenes Zoͤgern goß Hel in die Flammen der Ungeduld und des Zornes; man IV. Band. 4 rief laut, es ſei an der Zeit, daß ein Jeglicher fur ſich ſelbſt ſorge, da der Konig ſich jegli⸗ cher Sorge entſchlagen, und wie er das Reich ſeinem Schickſale ͤberlaſſen, koͤnne man mit ihm nun das nämliche thun.—— Strzemieniec aber rief in die Verwirrung mit gebietender Stimme: Ein Jeglicher greife in ſeinen Buſen und ſpreche, ob er in dieſer Zeit ſelbſt ſo aufmerkſam geweſen auf den Ruf der Pflicht. Nun aber, da er entſcheidend und vernehmlich ertoönt, meint Ihr denn, der Enkel des Piaſt ſei fuͤr ihn minder empfänglich als Ihr? Gilt Euch Euer Lehnseid ſo wenig, daß Ihr deſſen Erfuͤllung nicht eines Verſuches werth achtet, welchen nicht er allein, welchen das Wohl des Ganzen gebeut? Denkt Ihr, mit der Unordnung die Unordnung zu be⸗ kaͤmpfen, meinet Ihr, ſelbſt Emporer gegen Euern König und Herrn, Eure aufruͤhriſchen Knechte zu ſtrafen? Hochgeborner Herr Gorka, Ihr ſeid der Erſte unter uns, machet denn Euer Anſehn geltend, verweiſet Eure Genoſſen zur Pflichttreue, welche Ihr unfehlbar nicht zu erſchuͤttern gekommen.— Unſtreitig war ſolches nicht meine Abſicht — beftätigte Andreas.— Es ergehe eine Mahnung des Adels an Herrn Boleslaw; ſo er aber ſolcher nicht achtete, dann freilich, dann mag Jeder thun, was ihm erſprießlich iſt und dem Ganzen.— Hinauf— riefen die Ritter— hinauf zur Burg; unſer Aller Mund ſoll Worte der Wahrheit zu ihm ſprechen. Laßt doch ſehen, ob die Schar ſeiner griechiſchen Kaͤmmerlinge das Gemach des Königs verſchließen wird vor ſeinem verſammelten Adel. Er muß uns hoͤ⸗ ren und gaͤlte es, die Thuͤren zu ſprengen und hineinzuſtuͤrmen uͤber die Leichname ſeiner Lieblinge und Schranzen, er muß uns folgen, und ſollten wir ihn aus den Armen ſeiner Buhldirne reißen!—— Mit nichten!— verſetzte der Schwerttraͤger ernſt— Wenn die Noth auch das Ungemeine erfordert, ſo geſchehe es dem Herkommen nach, das eine heilſame Schranke iſt zu jeglicher Zeit, zumal aber, wenn ſich Pflichten ſtreitend be⸗ gegnen. 4* Glaubet Ihr, Herren und Bruͤder, Eure Mahnung werde wirkſamer ſeyn, wenn Ihr ſie ausſprecht mit drohender Geberde und ver⸗ worrenem Geſchrei? Kennet Ihr Boleslaw den Kuͤhnen ſo wenig, daß Ihr ihn einzu⸗ ſchuͤchtern hoffet, ihn, deſſen Blick und einzelnes Wort Euch fuͤr Befehl galt ſo lange Jahre hindurch im Gericht, im Rath und in der Feldſchlacht? Wollet Ihr den koͤniglichen Stolz in ihm aufreizen, daß er verſchmähe, was ſeine Einſicht als loblich erkannt, darum weil man es ungebuͤhrlich gefordert? Abgeordnete wählet aus Eurer Mitte nach der Väter Brauch, ich ſelbſt fuͤhre ſie vor das Antlitz des Herrn, und — ſo Gott will, wird Kazimierz, des Wieder⸗ herſtellers Sohn, ſie hören.— Dieſer Vorſchlag wurde gebilligt, einige der älteren Herren erwählte man zu der Geſandt⸗ ſchaft an den König, zum Wortfuͤhrer Andreas Gorka, den Marſchall, und ſie begaben ſich im Geleit des Kronſchwerttragers und Adal⸗ bert's zur Burg. Die Andern zerſtreuten ſich in ihre Behauſ⸗ ungen, um ſich zum feſt und auf jeden Fall beſchloſſenen Abzug zu ruͤſten; nur eine geringere —— Anzahl der juͤngern Ritter, durch kein beſon— deres Band an die Heimat gefeſſelt, bedauerte das plötzliche Ende des Wohllebens und die vereitelte Hoffnung auf die Schätze der ſeld⸗ ſchukkiſchen Emirn und ihre Frauengemächer, und kam uͤberein, der Entſcheidung des Königs zu harren. Theophraſtos aber, als er ſich nun allein ſah in dem plotzlich leer gewordenen, hell er⸗ leuchteten Saale, rieb ſich ſelbſtzufrieden und mit ſpöttiſchem Lächeln die Haͤnde, und der Blick, den er rings umher warf auf die Truͤm⸗ mer des Feſtes, glich ſo ziemlich dem, mit wel⸗ chem ein Landmann den Acker uͤberſieht, von dem ſich ſo eben ein Heuſchreckenſchwarmz um Weiterziehen erhoben. Die Gewalt des Augenblickes, die Wichtig⸗ keit der erhaltenen Kunde hatten den Sieg davon getragen uͤber den Rauſch gedankenloſer Freude; ernſten und ſtrengen Angeſichts, feſten und bedachtſamen Schrittes, unter gerunzelten Augenbrauen auf die neugierig herzuſtromende Menge blickend, traten die Abgeordneten der polniſchen Ritterſchaft in den Hof des groß⸗ — furſtlichen Schloſſes, an ihrer Spitze Nikolaus Strzemieniec und Andreas Gorka, nicht mehr in Knechteswamms gekleidet, ſondern in der Tracht ſeines Standes. Beſtuͤrzt ließen die Wachten die duſtere Schar mit ihren buſchi⸗ gen Helmen und Adlerfittigen, einem Fluge verderbendrohender Raubvögel gleichend, durch das Thor, das ſich aufthat vor des Kron⸗ ſchwerttragers bekannter und gefuͤrchteter Stim⸗ me, und der Tritt der bepanzerten Fuͤße hallte wieder in dem weiten Raume, den ſie unge⸗ hindert durchmaßen. Aus einem Erkerfenſter gewahrte ihrer De⸗ metrius Jzaslaw, eben im Begriff, zweideutige Frieden- und Freundſchaftantraͤge, ihm uͤber⸗ bracht durch einen Geheimboten der ruſſiſchen Fuͤrſten, unbeſtimmt und bedingt zu erwiedernz er erkannte die Annaͤherung der polniſchen Edelleute als die Wirkung der durch ihn ſelbſt veranlaßten Kunde und beeilte ſich, den Unter⸗ händler zu entlaſſen mit freundlichem Wort und langverzögerter Genehmigung oft wieder⸗ holter Antraͤge. Bald darauf traten ſeinem Gebote zufolge ruſſiſche und griechiſche Diener den Polenrittern entgegen mit ungefordeter, ver⸗ zoͤgernder Ehrenbezeigung, und ehe noch die Letztern die Haupttreppe der Burg erreicht hat— ten, befand ihr Beſitzer ſich ſchon bei dem ko— niglichen Gaſt. Ihre Unterredung, in Gegenwart weniger Zeugen gepflogen, zu welchen die ſchoͤne Eudora gehoͤrte, war lebhaft, von Wichtigkeit und nicht geringer Dauer. Deutlich vernahm man in den an— ſtoßenden Gemächern des Großfuͤrſten flehende Stimme und des Konigs im Tone der Un⸗ ſchluſſigkeit gegebene Antworten. Dann aber miſchte ſich der reizenden Griechin ſanft kla— gender Ton in den ernſten Zwieſprach der furſt⸗ lichen Maͤnner, und nachgiebiger begann Bo⸗ leslaw's Rede zu lauten. Als nun eine halbe Stunde etwa ſpäter, nach fluchtig mit Eudora gewechſeltem Wort, der Strator der Blacher⸗ nen Leontios Angelos heraustrat unter die warten⸗ den Ritter in's äußetſte Vorgemach, ſahen die naͤher am koniglichen Zimmer ihres Dienſtes wartenden Schranzen durch die halb geoͤffnete Pforte Boleslaw den Zweiten den Großfürſten emporheben aus ſeiner beinahe knieenden Stell— ung und hoͤrten ihn die Verſicherung ertheilen, — wie er ſeinen Freund und Lehnsmann vor der Begehrlichkeit ſeiner Bruͤder und Vettern ſchuͤz⸗ zen und, was auch geſchehe, nicht wanken noch weichen werde, bis ſein Wort geloͤſ't und Jzaslaw ſicher ſei auf dem Stuhle Jaroslaw's, ſeines Vaters⸗ Waͤhrend der Kaͤmmerer und Stallmeiſter des byzantiniſchen Cäſars die Hallen durchſchritt, ſich mit unerfreulichem Beſcheide zu den Po⸗ lenrittern zu begeben, war ihm allerdings nicht ſonderlich wohl zu Muthe, und mancher Seuf⸗ zer hob die reichgeſtickten, uͤber der Bruſt ſich ſchließenden Zipfel ſeines Talars, bei dem Ge⸗ danken, welch verdrießlich Geſchäft ihm gewor⸗ den, dem Dynaſtides von Eubda, dem einem ehemaligen Kaiſergeſchlecht im ſiebenten Grade ſeitwaͤrts Verwandten, dem Zögling der Philo⸗ ſophen und ſpäter hof- und ſtaatskundigen Ve⸗ teranen des Purpurpalaſtes, zweien, wie er ſag⸗ te, halbwilden Deſpoten zu dienen gegen ein⸗ ander, des Einen Liſt zu fröhnen und des An⸗ dern Geluͤſten und Launen, Beide taͤuſchend, und umgeben von einer Gefahr, die leicht weſentli⸗ cher ſeyn konnte als, ſelbſt im Falle des voll⸗ ſtaͤndigen Gelingens, der Lohn eines Hofes, wel⸗ cher ſelbſt den eifrigſten Diener nach dem ſchwier⸗ igſten Geſchaͤft gern mit einem purpurbeſetzten Ehrenkleide abzufinden pflegte, oder mit einem hoch- und leertönenden Titel. Am allerun⸗ angenehmſten, ſo erwuͤnſcht er auch fuͤr ſeine Zwecke war, ſchien ihm doch der Auftrag, welchen er ſo eben empfangen. Im kaiſerlichen Palaſte zu Konſtantinopel, wo glatte, höſiſche Sitte längſt alle eigenthuͤmliche Kraft verdraͤngt oder gedaͤmpft hatte, war es gewoͤhnlich und ein Leichtes, eine Schar Heerfuhrer und Sebaſten mit dem Beſcheide heimzuſchicken, Cäſar Augu⸗ ſtus ſei unſichtbar, denn dem Geſetze des Si⸗ lentium gehorſam, entfernten ſich unſtreitig die Abgewieſenen mit der gebuͤhrenden Ehrfurcht. Vielleicht traf es ſich wohl, daß den Morgen darauf dieſe Beſcheidenen den erlittenen Un⸗ glimpf vergalten mit Entthronung, Blendung oder Ermordung des Herrſchers, das war aber dem Boten gleichviel, wurde doch ſeine hoͤfliche Botſchaft hoöflich empfangen. So pflegt die rohe Kunſt der Willkuͤhr, unfaͤhig, das Innere ihrer Geſchoͤpfe nach ihrem Belieben umzuge⸗ ſtalten, die äußere Form mit einem glatten Fir⸗ niß zu überziehen, der zwar ſchön glaͤnzt und ſich gar ſanft anfuͤhlen laͤßt, aber bei genugſa⸗ mer Veranlaſſung herabbrockelt, daß die ſchar⸗ fen Ecken hervortreten, oft die ungeſchickte Hand verletzend, welche nicht verſtand, ſie zu runden, nur zu verhuͤllen. So trifft es ſich wohl, daß die wilden, biſſigen Wolfshunde im Zwin⸗ ger vor dem Wort und der Peitſche des ſchlag⸗ fertigen Pflegers zitternd heulen und ſchmeicheln, und in unbewachtem Augenblick uͤber ihn her⸗ fallen und die lange Unbill rächen mit grim⸗ migem Zahn. Nicht ſo ſtand es mit den Polen; bei ih⸗ nen war die Konigswuͤrde minder gefurchtet als geehrt, und wenn ein Herrſcher, wie es mit Boleslaw dem Zweiten der Fall, auch das Erſte war, ſo beſtand ſolche Scheu nicht gegen das Bewußtſeyn angeborener Rechte. Aus ihnen und ihrem gegenſeitigen Beſitzthum mag auch gegenſeitige Anhaͤnglichkeit entſprießen, und die Sarmaten durften ihren Konig lieben, weil ſie nicht gezwungen waren, ihn haſſend, ihm Liebe zu luͤgen. Solchen Maͤnnern, gekommen, um in wich⸗ tiger Sache ihr Wort an den zu richten, wel⸗ chen ſie nicht den Allerdurchlauchtigſten Herr⸗ ſcher der Welt, den Gebieter demuͤthiger Skla⸗ ven nannten, dem ſie die Benennung des Er⸗— ſten ſeines Gleichen, und den noch ſchoͤnern eines Vaters des Gemeinweſens beilegten, eines Heer⸗ fuͤhrers tapferer Edelleute im Kriege, war es nun nicht eben ſo leicht, einen Beſcheid zu hinter⸗ bringen, wie ihn der Byzantiner fuͤr ſie hatte, und kaum durfte er bei ſauromatiſchen Slaven genugſame hofiſche Sitte erwarten, ihr Miß⸗ vergnuͤgen zu verbergen, es in zierliche Worte zu kleiden, oder ſelbſt es den aufgedrungenen Mittler nicht entgelten zu laſſen. Der Weg zu den nordiſchen Baͤren ward alſo, ſo gemachſam er auch einher ſchritt, dem Veſtiarius zu kurz, und doch mußte er zuruͤck⸗ gelegt werden, denn ſo wollte es Boleslaw, welcher nicht recht wußte, was er wollte. Izas⸗ law Demetrius, der es etwas beſſer wußte, und ſein Geſchäft an dieſem Hofe mit allen ſeinen wenig angenehmen Nebenumſtänden war ihm angelegentlich empfohlen von dem Dyna⸗ — 60 ſten von Eubda, der des Ruhmes und Ranges ſeiner Ahnen vergeſſend, ſich im zahmen Chr⸗ geiz begnugte, ſeinen Sohn im Schatten des Purpurpalaſtes zur gedeihlichen Schmarozer⸗ pflanze aufwachſen zu ſehen, es war ihm in allerhoͤchſt eigener Perſon aufgetragen vom Ca⸗ ſar Auguſtus, und was mehr galt als Alles, von dem alleredelſten Alexios Komnenes, dem Sebaſtokrator, vor deſſen finſterm Blick oder zweideutigem Lächeln der ganze chriſtliche Orient ſchon damals mehr zitterte, als vor ſtundenlan⸗ gen Vorwuͤrfen des alternden Schattenkaiſers Nikephoros Botoniates. Wie das Gefuͤhl der Freiheit und der mit ihr verwandten Vaterlandliebe den Menſchen aufregt zu ſelbſtaͤndiger Bewegung und That, ſo vermag auch der Deſpotismus das Uhrwerk ſeiner Maſchinen in Thätigkeit zu ſetzen; das, welches bei Leontios Angelos die Stelle des Gemuͤthes vertrat, trug ihn bis zu den unge⸗ duldig harrenden Rittern und bewegte ſeine Sprachorgane zu gewohnter formlicher Rede. Wie ſehr— begann er im ſuͤßen Tone zu dem jetzt mit den Zeichen ſeiner Wuͤrde be⸗ kleideten Andreas— wie ſehr ſchmerzt mich das Verſehen, welches veranlaßte, daß man, durch den taͤuſchenden Anſchein irre geleitet, den erlauchten Protoſtrator des polniſchen Dia⸗ dems verkannte und ihm einen Empfang be⸗ reitete, ſeinem hohen Range ſo wenig entſprech⸗ end. Tief iſt der erhabene Boleslaos bekuͤm⸗ mert uͤber den Unfall, welcher den Erſten ſei⸗ ner ſehr achtbaren Dynaſten betroffen, und er hat mich mit dem Auftrage beehrt, ſolches Eurer Wuͤrden kund zu thun, beifuͤgend, was ſeiner Dienerſchaft unzeitigen Eifer entſchuldigen mag. Wir leben in einer ſchweren und bedenklichen Zeit, und in einem Lande, wo untreue Lehn⸗ träger ſelbſt furſtlichen Standes, das Heil ver⸗ kennend, das demſelben wiederfahren durch den Helden des Occidents, ſich gegen ihn aufleh⸗ nen und gegen ihren rechtmaͤßigen Herrn, ge⸗ ziemt es ſich, des Monarchen geheiligte Perſon ſorgfältig vor Gefahr zu behuͤten, und demnach Unbekannten den Eingang nur nach genauer Pruͤfung zu geſtatten. Ich hoffe, erlauchter Herr, daß Ihr, ein treuer Diener des durch⸗ lauchtigſten Boleslaos ſolche Vorſicht billigen — werdet, obſchon ſie ſich fuͤr dieſen Fall in ih⸗ rem Gegenſtande vergriffen.— Ja wohl— entgegnete Andreas trocken— wohl billige ich, was Ihr ſagt von Gefahr in dieſem Lande, von untreuen furſtlichen Lehn⸗ trägern und unbekannten Menſchen, wohl bin ich ein treuer Diener des Koͤnigs oder des Reiches, wenn Ihr wollt. Darum eben will ich und dieſe Herren und Bruͤder, die ihm be⸗ kannt ſind, dem heiligen Adalbert ſei Dank, von Jugend auf, zu ihm treten, ihm unſer Be⸗ gehr offenbaren und berathen mit ihm, was ihm frommt und uns. Auch bedarf unſer Herr und Konig, wo wir ſind, keiner andern Be⸗ ſchuͤtzer und Leibwacht, auch beduͤnken mich, mit Euerm Verlaub, die, welche Ihr ſo nennet, geeigneter, vor ihm zu tanzen, zu ſpringen und zu muſiciren als fuͤr ihn zu fechten, wenn es Noth thut, falls ſie es auch wollten, wel⸗ ches vielleicht bezweifelt werden mag.— Mit Pathos antwortete der Konſtantinopo⸗ litaner: Wer kennet nicht die heroiſche An⸗ hanglichkeit edler Sauromaten an ihren ruhm⸗ gekrönten Monarchen, wer zweifelt an ihrer Tapferkeit, deren Ruf nicht nur das Abendland, ſondern auch den Orient erfuͤllt, ihm hoffendes Vertrauen gewaͤhrend? Aber Ihr ſprecht da von einem Begehr. Welches iſt dieß, wenn Ihr Euern ergebenſten Diener wuͤrdigt, es ihm an⸗ zuvertrauen, daß er es dem hinterbringe, der ihn geſendet?—— Euch?— fragte der Kronmarſchall ſtolz — Und haben wir es nicht bereits ſchon ge⸗ nannt, Herr Kaͤmmerer? Zum Koͤnige wollen wir, zu unſerm Könige und ohne Verzug. Seltſam mag es ſcheinen, daß es nöthig ſei, deßhalb an Euch ein Wort zu richten; da es aber nun ſo ſtehet, iſt es, denke ich, an einem genug. Gehet denn hin zum Herrn, ihm zu ſagen, daß die Fuͤhrer ſeines Heeres, die Edlen ſeines Volkes draußen ſtehen unter dem Ge⸗ ſinde, harrend darauf, ſein Angeſicht zu ſchauen, das ſie nicht erblickt haben in ungebuͤhrlich langer Zeit. Saget ihm, mit ihnen befaͤnde ſich einer ſeiner alten Diener, der erſte unter ihrer Zahl, der nach noch längerer Zeit ſich ſehnt, ihn zu begruͤßen, und kraft des Amtes, das ſein glorwuͤrdiger Vater ihm verliehen, zu — 5 dem Sohne zu reden von den Pflichten des Seinen.— Wie ſehr— rief Leontios mit erkuͤnſteltem Enthuſiasmus— wie ſehr wird den koniglichen Boledlaos ſolch Wiederſehen erfreuen, wie gern wird er morgen den vornehmſten Wuͤrdentraͤger ſeines Reiches bewillkommen in deſſen entle⸗ genſter Gegend, wie ich dieſen Landſtrich nen⸗ nen muß, bis eine nicht ferne Zeit ſauromati⸗ ſche Macht und ſauromatiſchen Kriegsruhm auch jenſeit des Pontos Euxinos verbreitet. Heute aber— ſetzte er mit Achſelzucken hinzu— heute aber verhindert ihn eine hoͤhere Pflicht, der hohen wahrzunehmen, denn eben ſo gott⸗ ſelig als tapfer iſt der Held des chriſtlichen Occidents.— — Cure Antwort, mein Herr aus Caragrod, ſieht einer abſchlagigen ähnlich— ſprach An⸗ dyeas rauh— Bedenket, daß Ihr der Erſte ſeid, der ſolche dem Kronmarſchall ertheilet, an der Spitze des verſammelten Adels.—— Auch— entgegnete Angelos halb ſcheu, halb hochmuͤthig— auch iſt es nicht der Strator des Cäſar Auguſtus, von welchem der Protoſtrator des ſauromatiſchen Herrſchers die⸗ ſelben vernimmt, und nur in ſeinem Namen ward ſie ertheilt. Heilig— fuhr er mit Sal⸗ bung fort— heilig iſt die Pflicht deſſen, der das Diadem traͤgt, gegen ſein Volk, doch eine heiligere liegt ihm noch ob gegen den Koͤnig der Könige, von dem er es empfangen. Am Fuße des Altars knieet der Monarch, den Se⸗ gen des Himmels herabzuflehen auf ein Unter⸗ nehmen, von dem die Chriſtenheit ihr Heil er⸗ wartet, und die hochſt treffliche Nation, welche er beherrſcht, unvergaͤngliche Ehre und reichen Gewinn. Sein Arm, der ſo kraͤftig das Schwert fuͤhrt, umfaßt in dieſem Augenblicke inbrunſtig das Kreuz, daß es, ſeinen Scharen voranziehend, durch ſeine Strahlen den halben Mond verdunkle, und er gewuͤrdigt werde, es wieder aufzupflanzen an der entweihten Staͤtte des heiligen Grabes. Vereinigt denn, hochge⸗ borne Herren, wie wir es thun, Euer Gebet mit dem Eures Königs, und alſo vorbereitet, beginne morgen das irdiſche Geſchaͤft.—— Statt dieſer Einladung Folge zu leiſten, flüſterten die Ritter halb unwillig, halb ſpöt⸗ tiſch untereinander, auf eine Reihe von Skla⸗ W. Band. 5 — 66— vinnen deutend, welche, beladen mit koͤſtlichem Tafelgeräth und gefolgt von Tonkuͤnſtlern und Pantomimen, durch einen offenen Nebengang dem Gemache des Koͤniges zuſchritten, und ſie meinten, ſolch Schauſpiel— das vielleicht Jzas⸗ law's berechnende Schlauheit ihnen abſichtlich vor Augen gebracht— deute ſchwerlich auf die Feier gottesdienſtlicher Handlung; Andreas Gorka aber ſprach: Was da zu ſehen, Herr Kaͤmmerer des Kaiſers von Carogrod, ſtraft, mit Vergunſt, Eure Worte Luͤgen.—— Plumper Hyperboraer, dachte Leontios, aber er ſagte: Edelſter Herr, dieſe Worte ſind die meinigen nicht, ſie ſind die des erhabenen Bo⸗ leslavs, Eures Gebieters, den ich für jetzt auch den meinigen nenne, und ſo, glaube ich, muͤſ⸗ ſen wir Beide ſie achten.— Der Marſchall fiel zornig auffahrend ein: Wagſt Du es, Grieche, den Lug und Trug Deines Volkes in den Mund des Polenkönigs zu legen? Aber— ſetzte er ſich faſſend hinzu — aber wie dem auch ſei, es liegt wenig da⸗ ran. Es hat Zeit mit den Gebeten fuͤr den Zug in's Morgenland, wie es mit ihm — 6— ſelbſt Zeit hat, bis das Nothwendigere ge⸗ ſchehen. Zu andern Dingen beduͤrfen wir den Segen des Himmels, und ſolche Dinge abzu⸗ thun ſind wir gekommen. Doch wozu mit Euch daruͤber rechten, mit dem fremdlaͤndiſchen Hoͤflinge, dem unbekannt iſt, was das Herz eines freien polniſchen Ritters bewegt? Fuͤhrt denn dieſer griechiſche Herrallein den Schtuͤſſel zu des Kö⸗ nigs Gemach? Iſt keiner unſerer Landesgenoſſen, der Zutritt habe zu Boleslaw dem Piaſten? —— Da trat Woyciech Druzyniec hervor, mit der Zuverſicht eines Lieblings ſich erbietend, das Gewerbe der Herren und Bruder zu be⸗ ſtellen. Er ging alſobald, und der Veſtiarius ſah ihm nach mit einem Lächeln, zwar ſpöttiſch genug, aber ſo flüchtig, ſo verſtohlen, als es die bedenkliche Umgebung gebot. Finſter ſchweigend und in beinahe drohender Haltung ſtanden, bis er zuruͤckkam, die Ritter, das Schloßgeſinde keines Blickes wuͤrdigend, das ſich um ſie verſammelte, ſie aus einer an⸗ gemeſſenen Ferne mit ſcheuer Neugier betrach⸗ tend. Länger als man geglaubt blieb der junge Edelmann aus, endlich erſchien er, und die 5* 5 Wartenden ſahen ſein Antlitz erhitzt und ſeine gemeiniglich glatte Stirne gefaltet. Schwei⸗ gend und mit geſenkten Augen trat er in die Mitte der Landesgenoſſen, die verwundert und ſchlimmer Ahnung voll auf ihn ſchauten, und ſo verharrte er, bis der Marſchall nachdrucklich ſprach: Ihr kommt ſpaͤt, Herr Woyciech, und ohne Beſcheid, wie es ſcheint, oder mit gutem we⸗ nigſtens nicht. Sollte dem Abgeſchickten des Marſchalls und Adels Unglimpf widerfahren ſeyn in der ruſſiſchen Burg? Ich will nicht glauben, daß Herr Boleslaw ſelbſt, angeſteckt von fremder Sitte, vergeſſen, was ſolchem gebuͤhrt, der in unſerm Namen kommt, ſelbſt von Seiten des Koͤnigs?— Mit nichten— erwiederte Druzyniec, Ver⸗ legenheit, Unwillen und Scham unter erkuͤn⸗ ſtelter Heiterkeit bergend— mit nichten, ſehr huldreich war der Koͤnig. Obſchon nicht im Gebet, doch ſonſt angelegentlich beſchaͤftigt, redete er Manches zu mir, von dem Vaterlande zwar nicht, aber von dem bevorſtehenden ſarazeniſchen Zuge, auch erfreuete ihn Eure Anweſenheit, hochgeborner Herr Marſchall, und der Zuſpruch der Herren und Bruͤder, und er iſt geſonnen, ihn zu empfangen und Euer Begehr zu verneh⸗ men, zwar heute noch nicht, nicht morgen und uͤbermorgen; drei Tage bedarf er fuͤr die An⸗ gelegenheiten hieſigen Landes, und ſich vorzuberei⸗ ten zur Fahrt in's Morgenland, am vierten aber gedenkt er ſeine Heerfuhrer und Ritter zu vorſammeln bei koͤniglichem Feſtmahle, das zu⸗ gleich ein Abſchiedmahl ſeyn werde, denn ehe die Mondesſcheibe halb ſich fuͤllt, will er zu Roſſe ſteigen und uns hinwegfuhren gegen ihr Sinnbild.— Nicht Alles hatte der junge Ritter geſagt; er hatte verſchwiegen, wie er den König nicht zu den Fuͤßen des gekreuzigten Heilandes ge⸗ troffen, ſondern zu den Fuͤßen der reizenden Eudora; noch weniger behagte es ihm, zu berichten, wie der Gebieter ihn hart angelaſſen ob un⸗ willkommener Ueberraſchung, wie er darauf, ihn wenig beachtend, ſich bemuͤht, die Thränen der ſchoͤnen Verzweifelnden zu trocknen, der nahen Trennung geweint, wie er, um ſie zu troſten, ihr die Begleitung zugeſagt, und wohl gar ir⸗ gend einen anatoliſchen Thron, wie er darauf in einem Anflug herbſcherzender, deſpotiſcher — Laune den immer noch daſtehenden verdräng⸗ ten Guͤnſtling gehohnt, ihn fragend, was denn ihn, dem daheim kein Eheweib untreu gewor⸗ den und keine Burg genommen, von griechi⸗ ſchem Weine und griechiſchen Maͤdchen ſo maͤchtig in's Vaterland ziehe zu Bier und Meth und dem zuͤchtigen Liebchen leibeigener Knechte? Dieß Geſtändniß fiel ſeiner Eitel⸗ keit allzu ſchwer, und noch bedenklicher ſchien es, den Rittern den Beſcheid des Königs zu uͤberliefern in ſeiner ganzen gebieteriſchen Kuͤr⸗ ze, denn dahin lautete er: ſie ſollten drei Tage in Geduld und Unterwuͤrfigkeit verharren, am vierten aber deß gewärtig ſeyn, was ſein, des Koͤnigs Wille beſchließe. So unvollkommen nun auch Herrn Adal⸗ bert's Ueberlieferung war, ſo erzeigte ſich doch, was er geſagt, als genug und uͤbergenug. — Drei Tage?— hoͤrte man es laut und zornig erſchallen— Drei Tage zugebracht nicht in Berathung und Gottesdienſt, ſondern unter Geigern und Pfeifern und lockerem Weibsvolk, unter Heuchlern und Schmeichlern, während daheim jede Stunde das Unheil vermehrt, und Schimpf und Schande uͤber uns bringt und —— unſere Geſchlechter? Und am vierten will er uns zulaſſen in ſeine konigliche Gegenwart, vor den Ruſſen und Griechen mit unſerer De— muth groß zu thun und mit unſerm feigen Gehorſam! Nimmer hat, ſeit Popiel's des Wirr⸗ kopfes Zeit, ein polniſcher König ſeinem Adel dergleichen geboten, nimmer wurde der Ritter⸗ ſtand alſo beſchimpft. Kazimierz, ſein ruhm⸗ wuͤrdiger Vater, nannte uns die Stuͤtzen ſeines Thrones; obſchon ſelbſt mit Weisheit begabt, achtete er unſers Raths, gleich ſich ſelbſt, gebot er, die Haͤupter unſers Standes des Vaterlandes Väter zu nennen; Boleslaw aber ſpricht uns Hohn im Angeſicht nichtswuͤrdigen Troſſes, ſeine Waffengenoſſen verſchmäht er fremdem Volke zu Liebe, und kraͤnkt unſere Ehre, daß unſre Feinde und die ſeinen ſich an unſerer De⸗ muͤthigung weiden! Das ſoll nicht ſeyn, nicht ſagen ſoll man, die ehrenhafte Nation ſei ein Haufe unterwuͤrfiger Sklaven, wer Konig hei⸗ ßen will, ſei es in der That, und will er un⸗ ſere Bitte nicht vernehmen, ſo wird er den Fordernden ihr Recht nicht verweigern!—— Und damit drängten ſie gegen das Zimmer des Koͤnigs, nach welchem Leontios Angelos bereits entwichen war, froh, das Seine gethan zu haben, und nach dem Weitern nicht ſo be⸗ gierig, als den Ungeſtuͤm der ſauromatiſchen Herren mit den lebendigſten Farben zu ſchildern. Ni⸗ kolaus und Adalbert bemuͤhten ſich, dieſen zu däͤmpfen, der Erſte mit einfach kräftigem Wort, der Andere, bereits etwas befangen von orien⸗ taliſcher Sitte, mit Vorſtellungen vor des Ko⸗ nigs gemeſſenem Befehl und ſeinem unaus⸗ bleiblichen Zorne. Seine Rede goß indeß Oel in die Flamme, die noch hoͤher aufloderte bei dem Klange der Zithern und Floten, der ſich jetzt aus dem Innern vernehmen ließ, gleichſam als wolle man die Erzurnten verhohnen, vielleicht auch dem bethoͤrten Monarchen den ſteigenden Larm verbergen. Zornig iſt er?— hieß es— Wahrlich, wir ſind es auch, und anders ſoll unſer Lied klingen als dieſe griechiſchen Pfeifen. Heraus mit ihm und zu Roß und den Szczer⸗ biec in die Fauſt, wie es einem Polenkönig und Boleslaw's des Erſten Enkel geziemt, daß er uns in die Heimat fuͤhre, daſelbſt Ordnung wieder⸗ herzuſtellen und Recht, ehe wir ausziehen auf unge⸗ wiſſe Fahrt, denn Jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte, —3 — 7— und unſers Reiches Thron iſt uns werther als des carogrodiſchen Kaiſers goldner Seſſel. Und weigert er ſich, ſo ergreife ein Anderer des Ahnherrn glorreichen Saͤbel, und er lege die Krone ab, die ihm weniger gilt als die Blu⸗ menkraͤnze, geflochten von niedrigen Dirnen.— Nach dem Morgenlande ſollen wir ziehen, wir aber wollen es nicht.— Glaubt er, bereits ein Sultan zu ſeyn, der in ſeinem Serail ſich vor den Blicken ſeiner Edlen verbirgt und ſeine groß⸗ maͤchtigen Befehle ausgehen läßt durch ſeine ver⸗ ſchnittenen Sklaven? Oder der Afterkaiſer der Kez⸗ zer, daß ſeine Silentiaren uns Ruhe gebieten? Wir ſind keine byzantiniſchen Feiglinge, keine ſeld⸗ ſchukkiſchen Moslems, lateiniſche Chriſten ſind wir und freie Polen, und wollen es bleiben, und ſprechen und kaͤmpfen fuͤr Freiheit und Recht!—— Abermals drang die Ritterſchar gegen die innere Pforte, Nikolaus Strzemieniec aber trat ihr entgegen und ſprach mit lauter gewaltiger Stimme: Halt, Ihr Herren und Bruͤder, nicht um einen Schritt uͤbertretet Ihr dieſe Schwelle, es ſei denn uͤber meinen Leichnam hinweg. Mir, der unter ihm uͤber Euch ge⸗ boten in dieſem Kriege, mir hat der Koͤnig ver⸗ traut, und ob ihn gleich ein ſeltſamer Irrthum befangen, werde ich, wie gegen heimliche Feinde, ihn ſchuͤtzen gegen abtruͤnniger Freunde offen⸗ bare Empoͤrung. Fur Freiheit und Recht, ſagt Ihr, ſtehet Ihr hier, und gehabt Euch doch wuͤſt und ungeſtuͤm wie aufruͤhreriſche Skla⸗ ven? Wollt Ihr den alten Ruhm der Polen ſchaͤnden, Euern Koͤnig verunglimpfend vor den Augen der Welt? Wollet Ihr denen, denen Ihr mit Recht mißtraut, ein Beiſpiel geben, man duͤrfe unſern und ihren Gebieter in's An⸗ geſicht ſchmaͤhen? Wahrlich, ſie werden es willig genug befolgen, und waͤhrend daheim Habe und Gut verloren geht, und das haͤusli⸗ che Gluck entweicht von dem zertruͤmmerten Herde, wird dieß feindſelige Land das Grab unſerer Ehre. Dann, wenn auch dieſe dahin iſt, Ihr Herren und Bruͤder, dann erſt iſt Al⸗ les verloren. Herr Marſchall, es iſt eine ſchlimme Zeit, in der wir leben, eine ſchlimme Botſchaft habt Ihr gebracht von gefaͤhrlicher Krankheit des Vaterlandes, wohl ziemt es ſich, ihm zu Hilfe zu eilen, doch trachtet danach, — 75— daß das Mittel nicht ſchlimmer ſei als das Uebel!— Kaͤmpfend zwiſchen Unmuth und angebor⸗ nem ritterlichen Sinn, erwiderte der Kron⸗ wuͤrdentraͤger: Es ſoll nicht heißen, als habe Andreas Gorka gefrevelt am Throne und dem Hauſe der Piaſten, als habe der Marſchall des Reiches die Ritter aufgewiegelt gegen den Lehnsherrn. Wir wollen die Ehre unſers Volkes nicht beflecken, noch boſes Beiſpiel geben, ſon— dern jene aufrecht erhalten, und unſer Thun ſei das Erzeugniß nothwendiger Entſchließung, nicht aufwallenden Zornes. Aber nothwendig iſt dieſe Entſchließung, mein achtbarer Waffen⸗ genoß; nicht des Königs Haupt allein, dem ge⸗ ſammten Reiche iſt der Ritterſtand verpflichtet, ein altes Herkommen nennt den Marſchall Vorſteher deſſelben in des Lehnsherrn Abweſen⸗ heit, und ſo verletze ich nicht meine Obliegen⸗ heit, ſo erfulle ich ſie, indem ich meine Her⸗ ren und Bruͤder auffordere, zur Rettung des Vaterlandes mir zu folgen, da der, dem ſelbi⸗ ge zuſteht, ſie vernachläſſigt und verſäͤumt. Die Noth iſt eine treffliche Lehrmeiſterin, Herr Strzemieniet, bald wird Herr Boleslaw den Unterſchied einſehen lernen zwiſchen der rauhen Kreue ſeiner Polen und der Ruſſen und Grie⸗ chen glatten und zweideutigen Worten, bald wird der Nebel verſchwinden, den Schmeichelei um ihn verbreitete, denn aus der Scheu vor der Macht wird auch dieſe verſtummen, er wird erkennen, wo zu ſeyn ihm gebuͤhrt, und nicht ſaͤumen, die vergeſſene Pflicht zu erfuͤllen. Wohlan, Ihr Ritter und Herren, wer geſon⸗ nen iſt, heimkehrend, die geſchehene Unbill zu raͤchen und neue zu verhuͤten, wer ſeinem Recht als Gebieter ſeines Hauſes, als Gatte und Vater nicht entſagt hat, der hebe die Hand auf und trete zu mir.— Die Meiſten, vornehmlich geſetzten Alters, gehorchten dieſer Anfforderung, Andere blieben unſchluͤſſig, der Schwertträger aber ſchwieg; zwar mochte er den gefaßten Beſchluß nicht mißbilligen, doch geſellte er ſich nicht zu dem Marſchall, und Mehre thaten wie er. Da ſprach Andreas zu ihm: Wie, tapfe⸗ rer Edelmann und ehrenwerther Wuͤrdentraͤger der Krone, Ihr wollet uns nicht nach der Heimat begleiten? Und dennoch haben Wenige ſo triftigen Beweggrund als Ihr. Wiſſet Ihr nicht, daß Euer Stammhaus der Sitz der Em⸗ porung iſt, ihre rathſelhaften Häupter haben da⸗ ſelbſt ihren Wohnplatz aufgeſchlagen, Euer grei⸗ ſer Vater, Euer tugendlich Gemahl, Eure Schweſtern ſind verſchwunden, und ſo man ſie auffände, wuͤrde ihr Loos beklagenswerth ſeyn und das Eure, denn beſondern Haß, ſagt man, traͤgt dieß Weib gegen Euer Geſchlecht, und ihr Sohn, haltet dem Draͤngen der Umſtaͤnde ein verletzendes Wort zu gut, ihr Sohn zu Frau Malgorzaten ein Gefuͤhl, das Euch wi⸗ driger ſeyn muß als der Haß.— Fruͤher— entgegnete Strzemieniec ernſt und nicht ohne Bitterkeit— fruͤher wußte ich ſchon das Meiſte von dem, was Ihr verkuͤndet, Herr Marſchall. Ich wußte, daß Schloß Zembocin nicht der Sitz allein, ſondern auch die Wiege des Aufruhrs iſt, ich wußte, wer ihn gehegt und gepflegt und groß gezogen, in parteilichem Starrſinn der Eine, der Andere in unbefugtem Walten. Und doch bin ich geblieben, und doch habe ich, meinem Worte getreu, die Kunde nicht ausgeſprochen, die Ihr uͤberbracht, nicht die Looſung zur Heimkehr gegeben, nach der ich mich wohl ſehnte, wie jetzt alle dieſe. So will ich auch jetzt, meinem Worte getreu, bleiben und in Kijow verharren. Gottes Hand wird die Meinigen ſchuͤtzen vor der giftigen Wider⸗ ſacher Haß, mein Weib gegen freches Geluͤſten ihre Unſchuld. Der Vater aber— brach er unmuthig aus— der Vater duͤrfte ſich mei⸗ nes Erſcheinens wohl ſchwerlich getröſten, und wenn ich zuſammenträfe im Kampfe mit die⸗ ſem Konige der Troßbuben, möchte es ungewiß ſeyn, weſſen Sieg ihn erfreue. Zudem deuten Eure eigenen Worte, Herr Gorka, mir an, was ich zu thun habe und zu laſſen. Die Noth, ſagt Ihr, iſt bereit hereinzubrechen üͤber des Konigs geheiligtes Haupt, mit Recht meinet Ihr, wenn die Macht verſchwunden und die Scheu, ſo werde die Larve geheuchelter Ehr⸗ furcht und Anhaͤnglichkeit ſinken, und der lang verborgene Haß ſich zeigen in ſeiner widrigen Geſtalt. Demuͤthig neigte ſich die Argliſt des Feigen und Schwachen vor dem Herrſcher von treuen und tapfern Kriegern umringt, Ihr rufet ſie hinweg, Herr Marſchall der Krone, und dem Lehnöherrn ohne Heer duͤrfte man leichtlich die fruͤhere Gaſtfreundſchaft weigern⸗ — 55— Erwachen wird der Koͤnig aus ſeinem Schlum⸗ mer, durch das, was zu thun Ihr fuͤr noth⸗ wendig geachtet, erwachen, wie Simſon einſt in Delila's Schooße, und daſſelbe Schickſal wird ihn betreffen, oder ein ſchlimmeres noch. Drum thut es noth, daß eine Schar treuer Maͤnner bei ihm ausharre, und wenn keiner ſonſt will, ſo werde ich es allein, und wie ich jetzt ſeine Schwelle gegen offenen Angriff, werde ich ſie gegen ſchleichende Hinterliſt ſchuz⸗ zen und feigen Meuchelmord. Fuͤhret immer⸗ hin das Panier des Reiches heimwaͤrts, Herr Gorka, der Szczerbiec Boleslaw's des Erſten iſt noch das Eigenthum ſeines Großſohns, und keinem Andern als ihm trage ich ihn vor. Wenn er die Augen oͤffnet, lange von Blind⸗ heit geſchlagen, ſoll er ſich nicht gänzlich ver⸗ laſſen ſehen von Allen, die zu ihm hielten zur Zeit des Gluͤckes und des Ruhmes, Einer min— deſtens ſoll zu ihm ſtehen mit Rath und That, und ſo Gott will, fuͤhre ich ihn bald zuruͤck, daß er das Regiment an ſich nehme aus den Haͤnden der Prieſter und Greiſe, die, wie ich beſſer als ſonſt Jemand weiß, ſolches uͤbel ver⸗ walten.— Sein Ton war bei den letzten 5 Worten ſcharf geworden, dann ſetzte er milder hinzu: So Gott mein Weib und meine Schweſtern bewahrt hat vor Schimpf und Tod und ſie kommen Euch zu Geſicht, ſo ſaget ih⸗ nen, ich ſei ihr treuer Gatte und Bruder, doch auch des Konigs Diener und Freund. Herrn Severin Strzemieniee aber ſaget— ſchloß er von neuem mit ſinſterm Blick und herbem Nachdrucke— ſein Sohn ſei ich, zwar aus rechtmäßiger Ehe erzeugt, aber auch ein Traͤ⸗ ger des Reichsſchwertes, und fuͤhren wuͤrde ich es gegen Je ic en, der gefrevelt, ſonder Unterſchied Foch einige Ruckſicht.— Der Marſchall antwortete, ihm die Hand pietend: Ihr ſeid ein edler Mann, Herr Ni⸗ kolaus, und wackerer Ritter. Wie leben in ei⸗ ner ſeltſam verworrenen Zeit, wo man leicht irre werden kann in dem was recht iſt oder unrecht, da thut ein Jeder am beßten nach eignem Gewiſſen und nach eigner Einſicht. Ich mag Euern Entſchluß nicht tadeln, und erkenne die Wahrhaftigkeit deſſen, was Euch zuruͤckhäͤlt. Auch werdet Ihr wohl nicht allein hier bleiben, noch Manchen ſehe ich zu gleichem Entſchluſſe bereit, obſchon vielleicht aus ande⸗ — rem Grunde. Kommet uns denn bald nach und bringet ihn mit Euch, nicht den ange⸗ ſtammten Herrſcher allein, auch den wahren Koͤ⸗ nig der Polen.—— Am andern Morgen wehten die Fahnen und Roßſchweife nicht mehr in der Mitte des ver⸗ ödeten Lagers, und eine ferne Staubwolke ver⸗ kuͤndigte den eiligen Abzug des Heeres, von welchem nur etwa ſechzig Ritter, unter ihnen Adalbert Druzyniec, zu Kijow geblieben. Froh uͤber die Entfernung unwillkommener, allzulang bewirtheter Gäſte, nahmen die Ruſſen wieder Beſitz von ihren Wohnungen und Ställen, Theophraſtos hielt halb zufrieden, halb mißmu⸗ thig Muſterung uͤber ſeine anſehnlich vermin⸗ derten Vorrathe, in Demetrius Izaslaw's Zimmer aber wurden öfters geheime Rathſchlagun⸗ gen gepflogen, und ſie fuͤllten ſich in dem Maße, als es den Gemächern ſeines Lehnsherrn an Beſuchern zu mangeln begann. w. Band ₰ M. Mit geſträubtem Haar und wildem Lachen war Olga in Herrn Severin's Zimmer getre⸗ ten, beinahe gewaltſam Olgierd mit ſich zerrend, der doch nicht ſaͤumte, noch ſich ſträubte, ſon⸗ dern das Schwert in der Hand hielt, es ſchwingend zu blutiger That. Aber des Weibes Lachen verſtummte, die Waffe ſenkte ſich mit der Fauſt des Empörers, als ihre Blicke, das Gemach durchforſchend, die u Opfer nicht gewahrten.— Trei⸗ ben hier boſe Geiſter ihr Spiel?— ſchrie Olga mit Ingrimm und Erſtaunen— Wie vermochte der Alte, ſeit Wochen ſchon an das Lager gefeſſelt, wie konnte jener Andere, ein achtzigjaͤhriger, ſchwer verwundeter Greis, aus dem wohlverwahrten Behaͤltniſſe entfliehen? Auf!— herrſchte ſie einigen Knechten zu, die ſie ſtets begleiteten als Mordgehilfen und Scher⸗ gen— auf, ſuchet genau nach, ob ſich hier kein Ausgang befinde, durch welchen man ent⸗ rinnen mag ohne Hilfe des böſen Feindes Apol⸗ Vergeblich war jede Bemuͤhung und Olgierd ſchaute den Suchenden höhniſch lächelnd zu mit untergeſchlagenen Armen. Fuͤrwahr— ſagte er mit ingrimmigem Spott — fuͤrwahr, ich hätte nicht geglaubt, das Weib, das ſich meine Mutter nennt, ſei ſo uneins mit Apollyon, dem Verderber, daß er ſich von ihr ab zu frommen lateiniſchen Chriſten geſelle. Doch hat ſeines Gleichen es an der Art, manch⸗ mal nicht Wort zu halten Einer dem Andern, und er ſieht darin meiner theuern Mutter gleich. Folge mir, ſprach ſie, ſo wahrhaftig als ſie immer zu ſeyn pflegt, folge mir nach jenem Ge⸗ mach, dort findeſt Du lange Geſuchtes— und der Streich Deines Schwertes, der das Haupt Severin's von Zemboein zum Tode trifft, zer⸗ reißt die Huͤlle, die Deine Herkunft bedeckt. Siehe, nun bin ich hier, das Schwert iſt be⸗ reit, den Streich zu fuͤhren, doch mangelt es an etwas Geringem noch, an dem Haupte, dem er beſtimmt iſt, und abermal wird wohl das Raͤthſel unentdeckt bleiben. Wahrlich, ich ſpuͤre etwas von der Luſt in mir, es durch einen andern Streich zu loͤſen!—— 6* Die erſten Worte hatte Olga ſchweigend angehort mit der Dumpfheit, die auf ge⸗ täuſchte Erwartung folgt, jetzt aber richtete ſie ſich ſtolz empor und ſagte mit Nachdruck in der, den Knechten unverſtaͤndlichen, byzantini⸗ ſchen Mundart: Es loͤſen, oder auf ewig in Dunkel vergraben. Du droheſt mir, thöriger, unbaͤndiger Knabe? Weißt Du nicht, daß Du nur biſt, nur ſeyn wirſt, was ich will, daß Du ſeyn ſollſt? Weißt Du nicht, daß, ſo ich von Dir ſchiede, Du in das Nichts zuruͤckſinken wuͤrdeſt, aus dem ich allein Dich erhoben? In dem Augenblicke droheſt Du mir, da ich vielleicht gedenke, Dich hinwegzuwerfen, das un⸗ nuͤtze Werkzeug einer Rache, die auf unbegreif⸗ liche Weiſe mißlungen?—— Weib, reize meinen Ingrimm nicht!— ver⸗ ſetzte Olgierd düſter.— Vor Wochen noch mochteſt Du ſo zu mir reden, jetzt nicht mehr. Ich bin Deinem Leitbande entwachſen, und der Fuͤhrer dieſer Scharen mag einer Frauen Beiſtand entrathen, und ſei ſie auch ſo weiſe, als die Menge Dich wähnt. Das Werkzeug Deiner Rache ſollte ich ſeyn? Was habe ich mit Deiner Rache zu ſchafſen? Die meine —— iſt's, die mich fuͤhrt, und ſie kann des Alten Tod nicht befriedigen. Ich fͤrchte Dich nicht, und alsbald wuͤrde der entwachſene Lehrling wahr machen, was er gedroht, haͤtteſt Du nicht meiner Rache gedient! Dieſe aber iſt anderer Art, und Blut ihre mindeſte Wuͤrze. Nicht, mein trauter Jugendgenoß, erlauchter Schwertträger der Krone, nicht vergilt Dir der leibeigene Knecht mit dem Tode des Dir gehäſſigen Vaters, immerhin wuͤrde er doch den üͤbermuͤthigen Sohn nur wenig betruͤben, ein anderes iſt Dir aufbehalten, und zwiefach beſeligen mich Deine Schmach und mein Glück⸗ — Fuͤhret die Frauen des Schloſſes hierher! — gebot er den Knechten— auf daß ſie dem Herrn deſſelben ihre Ehrfurcht bezeigen, und dienend ihm den Willkommbecher kreden⸗ zen.—— Da trat einer von den Maͤnnern des Gebirgs hinzu, berichtend, wie man die Erwähnten vergeblich geſucht, und ſie unſtreitig entflohen ſeien wie der Kaſtellan von Proſzowice, ſein Hausmei⸗ ſter, und Georg, deſſen Enkel, der weder unter den Gefangenen, noch unter den Todten zu finden. Wie fruher ſeine Mutter, ſtand Olgierd — 5 bei dieſem Beſcheide erſtarrt, dann entſtellte ſich ſeine Geberde in wuͤthendem Zorne, Verwuͤnſch⸗ ungen draͤngten ſich hervor zwiſchen den knirr⸗ ſchenden Zäͤhnen, er fluchte der Nachläſſigkeit ſeiner Mordknechte, er fluchte ſich ſelbſt und ſeinem Schickſal, das ihm im Augenblicke des getraͤumten Erringens den Preis entriß, nach dem er gelechzt in zwiefacher Brunſt lang ge⸗ naͤhrter Leidenſchaft und lang unbefriedigter Rachſucht. Dann befahl er mit donnernder Stimme ſeinen Genoſſen, Feuer zu werfen in's Schloß Zembocin, auf daß der Schauplatz des Un⸗ glimpfes, welchen er vermeintlich erlitten, und der verfehlten Genugthuung vertilgt werde mit ſeinen Kunden und gefangenen Bewohnern. Ohne Saͤumen bereiteten ſich die Maͤnner des Gebirgs, das willkommene und gewohnte Werk zu vollbringen, aber ihre hinwegeilenden Schritte wurden durch Olga's Winke gehemmt, die eine Zeitlang ſinnend vor ſich hin geblickt und deren Wille mehr in der Horde vermochte, als ihr Sohn es vermeinte und wuͤnſchte. Mit dem gebietenden und feierlichen Tone, der ihr ſo ſehr zu Gebote ſtand, ſprach ſie: Soll ich Euch — 8 nochmals wiederholen, Hauptmann der Käm⸗ pfer fuͤr Freiheit und Recht, daß einem Fuͤhrer nicht ziemt, wilder Leidenſchaft den Zuͤgel zu laſſen, denn mit ihm entſchluͤpft ihm der, wel⸗ cher diejenigen baͤndigt, die ihm gehorchen. Du raſeſt in Blindheit befangen, weil Dir das Un⸗ gefahr ein Spielzeug entzog, ich aber, ich, in meiner Rache getäuſcht gleich Dir, ich, die ich heller ſehe als Du, ich erblicke in dieſem ſcheinbaren Mißlingen des Geſchickes deutlichen Wink. Das Geringere iſt Dir fehlgeſchlagen, Severin's alterſchwaches, ſorgenbelaſtetes Haupt iſt Deinem Schwertſtreich entronnen, zu Gröſ⸗ ſerem biſt Du erkoren und hoͤhere Haͤupter fallen von Deinem Arm, der ſie nicht verfeh⸗ len wird, wie ihre Zerrbilder in Borzywoi's Thal.—— Was haſt Du es immer mit dem Severin? — verſetzte der junge Anführer muͤrriſch— Ein Greis iſt wohl der Gegenſtand fuͤr eines Wei⸗ bes Rache, unwuͤrdig aber der meinen, ein wehrloſes Opfer, ohnedieß dem Tode verfallen, und eine geringe Vergeltung iſt der Raub we⸗ niger Tage, verbittert durch Alter, Krankheit und Gram. Ein beſſeres Ziel hatte ich mir er⸗ — 88— waͤhlt, ein mannlich jugendlich Herz, um es langſam mit vergiftetem Pfeile zu durchbohren, ein ſtolzes Haupt, um es niederzudruͤcken unter dem Gewichte der Schmach, ein liebend Ge⸗ muͤth, um es in Feindſeligkeit und in frucht⸗ loſem Neid zu entzuͤnden. Nikolaus Strze⸗ mieniec's Wuthgeſchrei und Klagen ſollten den Reigen verſchoͤnern bei meiner Hochzeit mit ſeinem Eheweibe, die Liebe ſollte neue Reize leihen vom Haß, und der willkommenſte Gaſt fuͤr den Herrn dieſer Burg deren ehemaliger Erbe ſeyn, in Knechtesgeſtalt, verarmt an Habe und Gut, an Liebe und an Ehre. Wie mag auch ein Weib begreifen, was die Bruſt eines Mannes erfuͤllt, und ihn beſchwichtigen wollen mit leerem Geplauder?—— Glaube mir— entgegnete Olga mit ſchnei⸗ dender Stimme und unheimlich loderndem Blick— glaube mir, recht wohl begreife ich das, und bin nicht geſonnen, die Rache aufzu⸗ geben fuͤr Dich und mich, deren wir jetzt ver⸗ luſtig gegangen. Mir ſtehe, ſagſt Du, es zu, ſie an dem Severin Strzemieniec zu nehmen? Nun wohl, er wird mir nicht entgehen, und wie es mich beduͤnkt, iſt Dein Arm nicht — 8— mehr vonnöthen. Auch Du wirſt Malgorza⸗ ten wiederfinden, und der ſtolze Genoſſe Dei⸗ ner Knabenſpiele eines ergötzlichern Spieles un⸗ freiwilliger Zuſchauer ſeyn. Zwei wunde Greiſe ſind unter den Entflohenen, und nur langſam kann ihr Zug ſeyn. In dieſem flachen, offenen Landſtriche, von unſern Genoſſen erfullt, finden ſie keinen Verſteck, und iſt es ih⸗ nen gelungen, die benachbarte Burg eines Edlen zu erreichen, wird ſie Deinem Schwerte erliegen wie dieſe. Drum auf, alle Schloſſer zu brechen, eins birgt doch wohl die Geſuch⸗ ten, immerhin vernichte dann das Feuer die Bollwerke uͤbermuͤthiger Willkuͤhr, nur Schloß Zembocin nimmermehr. Der Heerfüh⸗ rer, der Wiederherſteller der Freiheit bedarf ei⸗ nes Hauſes, wuͤrdig ſeines erhabenen Ranges, eines Mittelpunktes bedarf die Emporung, ſoll ſie ſich zum dauernden Ganzen geſtalten. Er⸗ freut Dich nicht mehr der Gedanke, da Herr zu ſeyn, wo Du die leibeigene Kutte getragen, in dem Saale zu tafeln, in dem Du einſt de⸗ muͤthig dem Zwingherrn den Becher kredenzteſt, das Weib Deines Feindes in ſein eigen Schlaf⸗ gemach zu fuͤhren und, wie Du eben geſagt, — 90— ihn als Bettler zu ſehen an der Pforte ſeines ehemaligen Erbes, oder als Gefangenen in dem nämlichen Kerker, in den er Dich vor kurzer Zeit noch ſtieß?—— Nicht fruchtlos hatte die kluge Frau die Hauptleidenſchaften des Juͤnglings aufgeregt, Liebe, Ehrgeiz und Rachſucht. Schloß Zembo⸗ cin blieb verſchont und war von nun an der Wafſenplatz der Emporer und gewiſſermaßen die Hofburg ihres Oberhauptes. Die ausges⸗ ſendeten Späher kamen zuruͤck, ohne auf eine Spur der Fluͤchtlinge getroffen zu ſeyn, zahl⸗ reiche Haufen zogen aus gegen die Schloͤſſer nah und fern, uͤberall oͤffnete ihnen Verrath oder Muthloſigkeit die Thore, aber in keinem fand man den Kaſtellan von Proſzowice und ſeine Tochter und Schnur. Nach jedem Zuge kehrte man gen Zembocin zuruͤck, nach der blutigen Werke der Ruhe zu pflegen oder un⸗ maͤßigen Genuſſes, aber auch der Berathung. So ging von hier, wie Olga vorausgeſagt, allmaͤhlig ein Geiſt der Ordnung aus, der dem Aufruhr eine geregelte Form gab, und ihn im ganzen Reiche verbreitete nah und fern; die zerſtreuten Mordbrenner-Horden bildeten ſich — 91— zu einem zahlreichen Heere, mehre Schlachten wurden geſchlagen und in allen ſiegten die Em⸗ poͤrer, wie in der, aus welcher Andreas Gorka, der Marſchall, entfloh. Monde waren auf dieſe Weiſe dahin ge⸗ gangen in immer ſteigender Verwirrung, und das Jahr, das neun und ſiebenzigſte im zwei⸗ ten Jahrtauſend nach des Heil ands Geburt, neigte ſich allgemach dem Herbſte entgegen, da war eines Tages, wie ununterbrochen waͤhrend vieler vorhergehenden, eine Anzahl Perſonen verſammelt in einem ziemlich geraͤumigen Ge⸗ mache ſeltſamer Art. Die ſteinernen Waͤnde ringsumher zeigten keine Spur einer Thuͤre, noch ſonſtigen Zuganges, auch waren ſie nicht mit Fenſteroffnungen durchbrochen, ſo daß das Taglicht nur durch eine ſolche hereindrang, in der Mitte der gewolbten Decke angebracht, jetzt vom ſchraͤg fallenden Strahle der Abend⸗ ſonne vergoldet, in der auf dem aͤußern Ge⸗ ſimſe ringsherum einige Voögelchen ſaßen, hinab⸗ ſchauend in das Gemach, das keinem Blicke als dem ihrigen zugänglich war, und zwit⸗ ſchernd ſich gleichſam der Freiheit erfreuten, welcher die Bewohner deſſelben entbehrten. Dieß Zimmer oder dieſe Halle glich einem Betſaale in ſeiner laͤnglich gerundeten Form, auch hatte es einſt zu ſolchem gedient, dem Altare nach, welchen die eine Seite deſſelben ſchmuͤckte. Doch die Beſchaffenheit und Anwendung des uͤbrigen Geraͤthes deutete auf eine gegenwaͤr— tige Beſtimmung anderer Art. Die Betbaͤnke rings an den Mauern zuſammengeſchoben, bil— deten mehre Lagerſtätten, deren duͤnne Stroh⸗ matten nur einen geringen Grad von Bequem⸗ lichkeit gaben, ein Taufſtein von Porphyr auf Engelkoͤpfen ruhend und im Geſchmacke by⸗ zantiniſcher Kunſt, diente dem Anſcheine nach zu einem minder ehrwuͤrdigen Gebrauch, naͤm⸗ lich die Reinlichkeit eines, wie es ſchien, von der Außenwelt ganz abgeſonderten Haushaltes zu befoͤrdern, auf dem Altare befand ſich eini⸗ ges heiliges Geräth, aber auf den zu Tiſchen umgeformten Betpulten der damaligen einfa⸗ chen Kochkunſt nothoduͤrftigſtes Geſchirr, eine Niſche, vielleicht ehedem eine Art Sakriſtei fuͤr den Meſſeleſenden Prieſter, war zur Kuͤche um⸗ geformt, zur Vorrathkammer eine andere, ehemals den Beichtſtuhl enthaltend. Auf einem dieſer harten und duͤrftigen Ru⸗ hebetten lag ſeufzend und murrend ein bejahr⸗ ter Mann mit verbundenem Schenkel, auf einer Bank neben ihm ſaß ein noch viel älterer Greis, zwar auch verwundet, den Binden nach, die ſeine Stirn und den rechten Arm umgaben, aber heiterer als jener, und theils beſchäftigt, ihn mit ehrerbietig traulichem Worte zur Geduld zu ver⸗ mahnen, theils mit einem muntern, roſenwangigen Knäblein zu koſen, das ſich ſeines alterſchwa⸗ chen Kniees ſtatt Roſſes huͤpfend und mit den Fuͤßchen arbeitend bediente. Am Herde, auf dem nur eine ganz kleine Flamme brannte, ſtand eine junge Frau im einfachen, aber doch zierlich geordneten Hauskleide, die ſpärliche Abendmahlzeit bereitend, und oft nach allerlei Salben und Mitteln ſehend, welche in Keſſeln und Toöpfen am Feuer brodelten, doch öfter noch nach dem unterweilen fröhlich aufjauchzen⸗ den Kinde, dem dieſe Art von Kerker kein ſolcher war, da es, in ihm geboren, nie einen andern Aufenthalt gekannt. Ab und zu, ihr helfend und nebenbei Wolle weifend, ſchritt eine ſchmucke Jungfrau, geklei⸗ det wie die eben Erwaͤhnte, und froh geduldig wie ſie, doch dem Anſcheine nach lebhafterer Gemuͤthsart, denn es war als koͤnne ſie hun⸗ dert Dinge auf einmal thun und fände doch noch Zeit, dem einen Alten ein Wort des Tro⸗ ſtes zu ſagen, an den andern eine ehrfurchtvoll beantwortete Frage nach ſeinem etwaigen Be⸗ gehr zu richten und dem Kleinen im Voruͤber⸗ gehen zu ſchmeicheln. Am Altare aber knieete eine ſchlanke Ge⸗ ſtalt, beinahe nonnenartig gekleidet, und beglei⸗ tete mit halblautem Gebete die Toͤne der Ves⸗ per, welche aus der Tiefe heraufſchwollen zu der hochgelegenen Halle, gleichſam wie aus dem Bauche der Erde, dieſe glich der Maria, der Tochter des Lazarus, wie die beiden andern der Martha. Keiner von Beiden aber glich eine Fuͤnfte, die auf einer mattenbedeckten Bank ſich aus⸗ ſtreckte, augenſcheinlich nicht durch Krankheit, ſondern durch Langweile und Traͤgheit an die⸗ ſelbe gefeſſelt. Ganz im Gegenſatz zu den an⸗ dern war ſie ſorgfäͤltig geſchmuͤckt, ſo ſorgfaͤltig, daß es abſonderlich ſcheinen konnte in dieſer gaͤnzlichen, von der Schonen ſichtbar ſchmerz⸗ lich empfundenen Abgeſchiedenheit, und einem mehr al häuslichen Stillleben. Nicht der Bei⸗ fall ihrer Gefaͤhrten war es, den ſie wuͤnſchte, denn ſie hatte wenig Acht auf ſie, und kaum hatte ſie deren mehr auf ein zweites Kind, daß einen geringen, wie es ſchien, nur ungern ge⸗ goͤnnten Raum auf derLagerſtatt neben ihr einnahm. Nur wenn es ſein Daſeyn, wie es oftgeſchah, durch Laute des Unmuthes zu erkennen gab, warf ſie ihm einen finſtern unzufriedenen Blick zu, eben ſo finſter von dem ſchwäͤrzlichbraunen Kna⸗ ben erwiedert, der aus den dunklen Augen trotzig in die Welt ſchaute, gleich als wiſſe er, daß Niemand ſich ſeines Eintrittes in dieſelbe ſon⸗ derlich freue. Wahrſcheinlich hat der Leſer in dem lie⸗ genden, muͤrriſchen Alten den Kaſtellan von Proſzowice erkannt, in dem andern Greiſe den Marek, den Majordomus, in dem Knäblein auf ſeinem Kniee den Sprößling Nikolaus Strzemieniec's und der am Herde beſchaͤftigten tugendlichen Malgorzata, in der ſchmucken, ruͤhrigen Jungfrau die muntere Ilga, und die fromme Agnes in der betenden Nonne. Viel⸗ leicht wird er nicht eben ſo raſch in derzuletzt Aufge⸗ fuͤhrten Chriſtinen entdeckt haben, die Ehefrau des Herrn von Skalmierz, und der neben ihr — 96— liegende Knabe iſt ihm noch gänzlich unbekannt. Auch er hatte das Licht des Tages erſt in die⸗ ſem Behaͤltniß erblickt, wie ſein blondlockiger, rothwangiger Altersgenoß, doch daſelbſt ein un⸗ willkommener, ſogar, bis kurze Zeit vor ſeiner An⸗ kunft, ein unerwarteter Gaſt. Dieſer Knabe mit bräunlichem Geſicht, dunklem Haar und duͤſterer, ja beinahe ſchon ſtolzer Miene, auf welchen der Kaſtellan nicht ſehen konnte, ohne mit der Verderbniß der Zeit zu rechten, und nebenbei ſeiner eigenen Suͤnden zu ge⸗ denken, Malgorzata und Ilga ſelten, ohne er⸗ rothend die Augen niederzuſchlagen, und die gottſe⸗ lige Agnes nie, ohne ſich abwendend ein Stoßgebet zu murmeln„erinnerte durch ſeine ſprechende Aehn⸗ lichkeit mit dem eilfjaͤhrigen Thronerben von Po⸗ len, Mieczyslaw, den man das verjungte Eben⸗ vild ſeines Vaters nannte, verbunden mit der Dauer der Abweſenheit des Ritters von Skal⸗ mierz, an gewiſſe Vorgaͤnge, welche bei des Konigs Anweſenheit zu Zemboein ſtattgefunden. Die nämlichen Umſtande moͤgen dem geneigten Leſer gleichfalls die beinahe an Scheu und Widerwillen grenzende Gleichgiltigkeit deuten, mit welcher Frau Chriſtine der Wiederkunft —— ihres Gemahls entgegenſah, die Raſchheit, mit welcher Boleslaw der Zweite eins ſeiner Worte er⸗ griff, um ihn hinwegzuſenden auf gefahrvollem Reiterzuge, und das ſpoͤttiſche Laͤcheln, mit dem er ſeine Gefangenſchaft vernahm, und welches, wie man ſieht, Nikolaus Strzemieniec nicht unbillig mit der Weiſe verglich, in der einſt der fromme und weiſe David die Kunde vom Tode des Urias aufgenommen haben mag. Zu jeder andern Zeit haͤtte ſolch Ereigniß im eilften Jahrhundert die, welche es betraf, aus der Naͤhe ehrbarer Frauen und zuͤchtiger Jungfrauen verbannt, aber jetzt milderte die allgemeine Verderbniß die Strenge gegen ein⸗ zelnes Vergehen, Hunderte edler Damen und Fraͤulein hatten ihrer Tugend und Ehre in den Armen leibeigener Knechte vergeſſen, die Schwaͤche gegen einen gekronten Galan konnte daher verzeihlicher ſcheinen. Zwar konnte ſol⸗ cher Unterſchied die Verwandte in den Au⸗ gen Malgorzatens und ihrer Schweſtern kei⸗ nesweges rechtfertigen, aber das Mitleid ſprach fuͤr ſie und auch die Nothwendig⸗ keit; die Ausſtoßung einer der Bewohnerinnen dieſes Verſteckes haͤtte ſie unausbleiblich dem IW. Band. 7 — 56. Tode oder der niedrigſten Schmach uͤberliefert und, der Andern Aufenthalt verrathend, auch dieſe. So duldeten denn die Unbeſcholtenen die Be⸗ ſcholtene neben ſich und die Frucht unrecht⸗ maͤßiger Leidenſchaft neben dem Sprößling ehe⸗ licher Liebe. Zu anderer Zeit haͤtte im Gegen⸗ ſatze vielleicht Frau Chriſtine minder gewiſſen⸗ haft die Art von Reue nicht gefuͤhlt, welche ſie jetzt uͤber ihren Fehltritt empfand, ja ſogar in dem lebendigen Zeugen deſſelben einen Buͤr⸗ gen kuͤnftiger Große geſehen, denn oft waren damals ſchon Baſtarde der Herrſcher zu hohen Ehren und Wuͤrden und ſogar zur Krone ge⸗ langt, wie kurz zuvor Wilhelm von der Nor⸗ mandie. Aber der Koͤnig war ſern, und den Nach⸗ richten zufolge, welche unſere Eingeſchloſſenen auf geheimen Wege erhielten, konnte er es lange noch bleiben; ungewiſſer noch als ſeine Ruͤckkehr war ſeine Erhaltung auf dem, von ſiegreichen Empoͤrern erſchuͤtterten Throne, ſo blieb denn ſeiner nun auch ſchon ziemlich ver⸗ geſſenen Geliebten nicht viel anderes als das Bedauern des Geſchehenen, und dieß und der Anblick des Kindes, der ſie daran erinnerte, des alten Herrn verdruͤßliches Weſen, das kühle Benehmen der Frauen und der Nonne from⸗ mer Abſcheu trugen ſo wenig dazu bei, ihr den Aufenthalt in der Halle erträglich, als ſie zu einer beſonders angenehmen Mitbewohnerin in derſelben zu machen. Dieſe Halle, in der gewolbten Kuppel des Gotteshauſes zu Zembocin befindlich, war es, in der deſſen Herren bereits vor Jahren bei dem Einfall der Ungarn einen Zufluchtort gefunden hat⸗. ten, hierher fuͤhrte Georg, als die Knechte in die Burg drangen, die Gebieter und den greiſen Ahn durch den verborgenen Ausgang im Ge⸗ mache des Kaſtellans, den dieſer einſt dem Könige gezeigt. Die rings umher geſchloſſenen Waͤnde der Kuppel verbargen zur Abendzeit den Schein der Lampe, dem Feuer, welches die untere Sakriſtei erwaͤrmte, ward die duͤnne Rauchwolke zugeſchrieben, die von Zeit zu Zeit ſich von Malgorzatens kleinem Herde erhob, und Lebensmittel und Nachricht erhielten die Klausner durch einen geheimen, aus dem Sei⸗ tengewolbe der Kirche aufwärts fuͤhrenden Gang, zu dem der S allein den Schluſſel beſaß, 7* — 100— durch die Obliegenheiten ſeines Amtes und insbe⸗ ſondere noch durch ſeinen Oberhirten, den Bi⸗ ſchof von Krakow, zum ſtrengſten Schweigen verpflichtet. Der ehrwuͤrdige Stanislaw Szczepanowski, der mehr durch den Geruch der Heiligkeit, in wel⸗ chem er ſtand, und durch ſeine milde Feſtigkeit als ſeinen hohen Rang vor jeder Beleidigung ge— ſchuͤtzt, ungefährdet unter den Rebellen einher⸗ ging, begab ſich unterweilen von Krakow nach Zemboein, um in der Kirche daſelbſt Gottes Wort und ſeinen Frieden den aufgeregten Ge⸗ muͤthern zu ſpenden, welche, trotz aller Verwil⸗ derung, denſelben damaliger Zeit noch empfäng⸗ licher waren, als die Buͤrger ſpaterer Jahrhun⸗ derte in wirklichem oder ſcheinbarem Zuſtande geſellſchaftlicher Ruhe. Mehr als einmal hatte er den verborgenen Gang beſchritten nach abgehaltenem Gottesdienſte, dem eingeſchloſſenen, mit ſich ſelbſt und mit der Welt zerfallenen Freunde und den Frauen geiſtlichen und menſchlichen Troſt zuzuſprechen. So fehlte es denn im Grunde den Be⸗ wohnern der Kirchenkuppel zu Zembocin nicht am eigentlich Nothwendigen, an der unent⸗ — 101— behrlichen Erquickung des Leibes und der Seele; wenn auch Herr Severin Strzemieniec es unleidlich fand, nicht mehr den Eber des Waldes hetzen zu konnen, und nebenbei ein wenig ſeine Leibeigenen, wenn auch Frau Mal⸗ gorzata es bedauerte, daß ſie fern ſei von ih— rem Gemahl und dem gewohnten herrſchaftlichen Haushalt, wenn auch Ilga ſich nach etwas ſehnte, das ſie ſich eben ſo ſehr zu verheimli⸗ chen ſtrebte, als wir es bis jetzt dem Beſchauer dieſer Darſtellung verheimlicht haben, wenn auch Agnes beklagte, ihre Gebete nicht mit denen gottſeliger Mitſchweſtern vereinigen zu koͤnnen, und Frau Chriſtine von Skalmierz etwas un⸗ geberdig die Unmoͤglichkeit ertrug, vor den Au⸗ gen des durchlauchtigſten Geliebten zu glaͤnzen und an den Stufen des Thrones. Außer dem wenigen Geraͤuſch in der Halle ſelbſt, ließ ſich kein anderes vernehmen, als der dumpfe Schall der Geſaͤnge aus der unten lie⸗ genden Kirche, von dem Schloſſe her tönte kein Laut. Oft hörte man ſonſt in der ge⸗ ringen Entfernung das Getoͤſe der Zechgelage, das mißtönige Schmettern der Kriegshoͤrner, von Unkundigen geblaſen, das wilde Jubelge⸗ — 102 ſchrei der von Raub und Mordbrand heimkehrenden Troßbuben, oder ihr lautes, nicht ſelten blutiges Gezaͤnk. Jetzt war alles ſtill von daher ſchon ſeit mehren Tagen, denn der Afterherr von Zembocin befand ſich nicht daheim, er war ausgezogen mit ſeinen Scharen eine weite Strecke Weges zu einer, wie es hieß, wahr⸗ ſcheinlich entſcheidenden Schlacht. Wie es ſo oͤde hier iſt!— murrte Severin, ſich ungeduldig auf ſeinem harten Lager um⸗ herwerfend— Nichts hoͤrt man als das Ge⸗ ſumme der Chorknaben am Altare unten, und mochte den ganzen Tag Mal für Mal einſchlafen, ſtörte einen nicht der Buben Ge⸗ ſchrei. Bei Sankt Adalbert, wenn ich mich ſo ſehe und gedenke der vergangenen Zeit, wo der luſtige Schall des Jagdhorns oder die Kriegstrommete die Luft erſchͤtterte und das Herz erfreute, ſo gemahne ich mich gleich dem alten Baͤren, der in der Grube ſchlummert und an den Tatzen ſaugt, und wieder einſchlummert, bis er nicht mehr erwacht. Wahrlich, ich haͤtte noch lieber das Gebrull der nichtsnuͤtzigen KRnechte um mich her als dieſes langweilige Schweigen.— — 103— Wie mag mein Herr und Oheim alſo ſpre⸗ chen— verſetzte Agnes, ihr Gebet unterbrechend — und dieſer Stille, in der das Gemuͤth ſich frommen und friedlichen Gedanken dahingeben mag, der Uebelthaͤter wuͤſtes Gelarm vorziehen? Jene Toͤne, die zu uns heraufſchwellen, ſind dem Herrgott erfreulich und wie ein ſuͤßer Weihrauch vor ihm, auch an dem Lallen un⸗ ſchuldiger Saͤuglinge hat Er behagen, des Suͤn⸗ ders Toben und Jauchzen iſt Ihm und den Menſchen ein Graͤuel.— Gedenket die Jungfrau den Alten zu mei⸗ ſtern?— fragte der Kaſtellan mit herriſchem unmuth— Meinethalben ſei Beten und Sin⸗ gen wie ihr Beruf auch ihr Zeitvertreib, an⸗ dern hat der Rittersmann⸗ Und was das Lallen der Saͤuglinge betrifft— ſetzte er mit Bitterkeit hinzu— mag an ihm der Herr des Himmels wohl nicht mehr Gefallen finden, er⸗ innert Ihn wie hier die Stimme des einen an des Vaters Verſaͤumniß ſeiner Pflicht, des andern aber——— An der Mutter Vergehen, wollte er hinzu⸗ ſetzen, aber Malgorzata unterbrach ihn mit ſanfter Stimme, ſprechend: Wohl iſt dieſer Aufenthalt ein freudenarmer, und außerhalb deſſelben ſchweifen unſere Hoffnungen und Wuͤnſche, doch muͤſſen wir dem Himmel Dank ſagen, daß er uns denſelben gewaͤhrt in dieſer Zeit der Thraͤnen und Noth. Freudenarm, ſage ich, iſt er, doch nicht freudenleer— fuhr ſie fort, den zärtlichen Mutterblick nach dem Klei⸗ nen auf des Hausmeiſters Knieen richtend — Viel, was uns theuer iſt, befindet ſich fern, aber auch in dieſem engen Raume hat Gottes Gnade uns Pflichten angewieſen, und ihrer Erfuͤllung das Gluͤck.— Ein feines Gluͤck, bei meinem Schutzpatron, und eine treffliche Pflichterfuͤllung— ſprach der alte Rittersmann, mehr mit ſich ſelbſt grollend als mit des ungeliebten Sohnes gelieb⸗ ter Gemahlin— Daß Ihr, mein wackeres Toͤch⸗ terlein, beide uͤberall zu finden wiſſet, iſt mir bekannt, doch ſtehet es nicht ſo mit Allen un⸗ ter uns.— Wollet mich davon nicht ausnehmen, Herr Severin und auch nicht Agneſen— fiel die heitere Ilga ein— Sie ſiehet ja uͤberall auf der Erde nur die Schranken, die ſie von dem Himmel tren⸗ nen, und bin ich auch nicht ſo fromm als ſie, und ſtehe ich auch Malgorzaten, der werthen Schwaͤgerin, weit nach, ſo habe ich doch auch Geduld und guten Muth und thue, was mir obliegt, und thue es gern, mich mit dem be⸗ gnuͤgend wie es iſt, da es nicht ſeyn kann wie ich es wuͤnſche.— Ein ganz kleiner Seufzer, der hier die Bruſt der Jungfrau hob, ſchien anzudeuten, ſolch Wuͤnſchen habe vielleicht einen beſondern Gegenſtand, Herr Severin Strzemieniec aber antwortete in ungefaͤlliger Weiſe: So hat denn das vorlaute Maͤgdlein auch ſein Wort darein gegeben, und es ſcheinet als thäͤte hier ein Jegliches ſeine Pflicht, der alte Marek ſo⸗ gar, der den Buben wartet und pflegt, um welchen ſein Vater ſich nicht kuͤmmert wie um keinen von uns, und ich ſei der einzige Muͤſſige, ich und etwa noch Frau Chriſtine von Skalmierz.— Beleidigt durch die ſcheltende Rede, wandte dieſe ſich abwaͤrts; die Erbfrau von Zemboein aber ſprach, wie ſie pflegte jedes Bittere zu mil⸗ dern: Werther Herr, mit Unrecht nennet Ihr Euch muͤſſig, und Ruhe nach langer Arbeit wird Niemand Trägheit ſchelten. Wer ſo wie — 406— mein Herr Vater viele Jahre hindurch dem Vater⸗ lande gedient hat als Krieger und Richter, der mag ſich wohl fern halten und was er einſt ſelbſi gethan, den Jungern uͤberlaſſen, an welche nun die Reihe gekommen.— Das iſt es eben— fuhr der Kaſtellan zornig empor— Wo ſind dieſe Jüngern? Waͤhrend den Alten das längſt entwohnte Schwert aus den ſchwachen Haͤnden geriſſen, oder ſie noch ruͤſtig, wie ich es vor wenig Wochen geweſen, ſich ſcheu verkriechen muͤſſen gleich Dieben vor den Dieben ihres Eigenthums, leben ſie weit von hier in Saus und Braus und vergeſſen bei den Dirnen und Gauklern des Auslandes und beim vollen Weinbecher und luſtigen Lied⸗ lein, der Weiber und Väter und Kinder, der Thränen, die daheim fließen und des Schreies der Noth. Richter und Krieger! Bei der Blende des heiligen Adalbert, wo findet man ſolche in dieſer verderbten Zeit? Der oberſte Richter, der König, hat jetzt andere Sachen zu thun, als auf Ordnung und Geſetz zu hal⸗ ten, er muß urtheilen, welche Farbe am beßten ſtehet zu dem Haare ſeines Kebsweibes und welcher Rebenſaft koſtlicher mundet, der von Cy⸗ — 10— pern oder von Chios. Und der, welcher ihm das Schwert des Sieges und der Gerechtigkeit vorträgt, der Diener macht es gleich dem Herrn, er haͤngt die alte ruhmwuͤrdige Waffe an den Na⸗ gel, weil ſie zu ſchwer iſt und nicht zierlich genug fuͤr das leicht geguͤrtete Gewand von ty⸗ riſcher Wolle. Wahrlich— ſetzte er hinzu, indem er ſeinem Mißmuthe durch einen wenig verbindlichen Blick auf die Frau von Skalmi⸗ erz Raum gab— wahrlich, nicht ſo ſehr mag ich es Herrn Boleslaw verargen; ihm, dem Wittwer weilt hier kein ehelich Gemahl, und was er daheim verließ, hat er dort wiederge⸗ funden; aber dem Herrn Schwerttraͤger der Krone ſtehet es uͤbel an, unter leichtfertigem Weibsvolke der tugendlichen Hausfrau zu ver⸗ geſſen, welcher er nimmer werth geweſen ſein Lebtag.— 6 Edler Herr— fiel mit Bitterkeit Frau Chriſtine ein, der Manches aus der Lebensge⸗ ſchichte des Alten nicht unbekannt war— iſt es denn anders geweſen in fruͤherer Zeit, und gedachte der Ehemann ſtets in der Fremde des Gemahls, das er zu Hauſe gelaſſen? Wol⸗ let Ihr darum ſo ſtreng richten mit Euerm Sohne, wenn er thut, was Andere vor ihm gethan? Wohl iſt meine Muhme ein koſtlich Tugendbild, aber der Männer Sinn iſt wechſelnd und nicht immer nach der Tugend gerichtet, wie Euch, Herr Oheim, vielleicht be⸗ kannt iſt, und ſo mochte es ſich wohl treffen, daß ein Anderer mehr deß gedachte, was er hinter ſich ließ, als der hochgeborne Nikolaus Strzemieniec, der ehrenfeſte Schwertträger des Reiches.— Als ſie dieſen zweigeſpitzten Pfeil abge⸗ ſendet, wendete ſie ſich mit boshaftem Lächeln zu dem ungeberdigen Ebenbilde des polniſchen Thronfolgers; Herrn Severin hatte er getroffen, und das Bewußtſeyn daͤmpfte das Aufbrauſen ſeines Zornes zu unwilligem Murmeln, Frau Malgorzata aber, erhaben uͤber den Angriff, den die Suͤnderin in ihrer Verſtimmung ſpottend gegen die Tugend richtete, ſprach zu dem Schwie⸗ ger mit freundlichem Wort und heiterer Stirn: Umſonſt, Herr, verklagt Euer verzeihlicher Miß⸗ muth bei mir den Gemahl und Gebieter. Nicht Hausvater iſt er allein und Ehemann, auch Feldherr und hoher Beamter, und nicht eigen⸗ nuͤtzig genug bin ich, zu wollen, daß er eine — 109— Pflicht um die andere verſaͤume; hat er der er⸗ ſten genug gethan, wird er die zweite erfuͤllen, bald, ich ahne, ich weiß es, bald kommt er zuruͤck, und wie er auch vor mir erſcheine, im⸗ mer wird ihn ſein Weib demuͤthig und mit Liebe empfangen.— Gewiß wird das in kurzem geſchehen — verſicherte Ilga— und noch ehe das Schlimme zum Schlimmſten geworden. Nicht Alle ſind daheim und draußen der Pflicht und Treue vergeſſen, noch kaͤmpft mancher ruͤſtige Mann und wackere Knappe fuͤr das Recht, und noch bevor es unterlegen, werden ſeine gebornen Vertheidiger herbeieilen und Alles wird werden wie zuvor, und der Frevel beſtraft, die Treue aber belohnt.— Nicht fern mehr iſt die Stunde, da ſich ſolches begibt— fiel Agnes feierlich ein— das Schwert wird den Drachen des Aufruhrs treffen, und die Hand der Vergeltung das erſte ſeiner unzaͤhligen Haͤupter. Der Sohn des Hauſes zieht in die Mauern ſeiner Väter und ſein Fuß ſchreitet hinweg uͤber den gedemuͤthigten, im Staube liegenden Räuber, denn Alles hat ſeine Zeit, das Mebel und das Gute, und ſo ſehr — 110— auch Gog und Magog ſich bruͤſten, nimmer beſtehen ſie vor dem Engel des Herrn; ſo furchtbar auch der Lindwurm ſich windet, ihn ereilet der Arm des heiligen Georg.— Noch verſpuͤret man wenig davon— ſprach Severin finſter und hohniſch— noch liegt der Raͤuber nicht am Boden und der Sohn des Hauſes beeilet ſich nicht. Gog und Magog ſind tuͤchtige Streiter, doch am Engel des Herrn gebricht es bis jetzt. Die Sohne des Jsmael ſind eingezogen in die Wohnſtätte, aus welcher des Iſaak's Nachkommen vertrieben ſeit tau⸗ ſend Jahren ſchier, und noch hat es keinen An⸗ ſchein, als kehrten die rechtmäßigen Erben je⸗ mals zurüͤck.— Mit Schadenfreude horte Frau Chriſtine, mit unterdruͤcktem Unmuth der greiſe Major⸗ domus, mit Befremden und Kummer die An⸗ dern die ungeziemende Rede des erbitterten Greiſes, und einige Zeit herrſchte Stillſchweigen im Gemache. Da ward dieſes plotzlich von einem Getöſe unterbrochen, wie von einem nah⸗ enden Heerhaufen, man vernahm die Huf⸗ ſchlage der Roſſe, das Klirren der Waffen, der Krieger Geſchrei. Doch ſchien es ziemlich ei⸗ — —— lig und unregelmäßig herzugehen bei dieſem Zuge, man hoͤrte die Fuͤhrer durcheinander re⸗ den, als wie zur Ordnung ermahnend, und ih⸗ nen antwortete ein verworrenes Rufen vieler Stimmen, aber das Rufen glich nicht dem Jubel der Sieger, eher dem Aufſchreien des Unmuthes, der Widerſpaͤnſtigkeit, ja ſogar der Furcht. Drauf folgte der knärrende Schall der ſich niederſenkenden Zugbruͤcke, die Roſſestritte dröhnten raſch auf derſelben, wie in eiliger Flucht, dann ſchloß ſich mit dumpfem Krachen das Thor und alles ward ſtill wie vorher.— Die Horde der Verruchten iſt nun wieder⸗ gekehrt— ſeufzte Agnes— und die frommen Lieder der Andacht verſtummen vor dem Mord⸗ gebruͤll rauher, blutlechzender Kehlen. Wird denn das Elend nimmer abgethan werden von uns, werden die Gewolbe des Heiligthums noch lange wiederhallen von Waffengeklirre und wuͤſtem Gelaͤrm?— Daß ich hier eingepfercht ſeyn muß unter Weibern und Kindern— rief ungeduldig der Kaſtellan— und ihr Klagen und Jammern anhoͤren, waͤhrend draußen es munter und krie⸗ geriſch hergeht, und nicht einmal das Anſchauen — 112— iſt mir vergoͤnnt; ringsumher ſtarren die ſtei⸗ nernen Waͤnde des Käfiches und nichts ge⸗ wahrt mein Blick als immer nur den Himmel, die ziehenden Wolken und die Voͤgel, welche neugierig hereinſchauen, als ſpotteten ſie des ge⸗ fangenen, lahm gewordenen Adlers.— Und moget Ihr, edler Herr— entgegnete Agnes in ermahnendem Tone— moget Ihr bedauern, daß Euch der Anblick der Erde ent⸗ zogen, auf der jetzt der Frevel frech einher⸗ ſchreitet, erfreuet Euch nicht das Anſchauen des Himmels, der immer ſich gleich iſt, ſo ihn auf Augenblicke auch Gewolke verdunkeln, iſt ſein klares Blau nicht erfreulicher als das Purpurroth des Bruderblutes, das rachefordernd von jener zu ihm hinaufdampft?— Männer will ich ſehen!— ſchrie zornig der Alte— Maͤnner, die es recht ſind, denn lange hat mein Auge keinen ſolchen erblickt. Nur Frauen und verkuͤmmerte Greiſe zählt das Vaterland, und die es vertheidigen ſollen, ſind ſelbſt zu Weibern geworden. Warum kommen ſie nicht, die Kraft aufzubieten gegen die Kraft? Am Ende achte ich einen kuͤhnen Leibeigenen hoͤher als den Rittersmann, der ſich herabge⸗ — —— S———— — 113— wuͤrdigt zum Knecht, dem Starken gehoͤrt die Welt, und wer ſie ihm abzwingen will, ſei ſtär⸗ ker als er.— Bei dem Recht iſt die Staͤrke— ver⸗ ſetzte Agnes mit der Wuͤrde ihres geiſtlichen Berufes— und auf ſeiner Seite ſtehen die Heerſcharen des Herrn.— Ganz recht, fromme Jungfrau— war der Beſcheid des eigenſinnigen Greiſes— und eben darum iſt der Kampf ein Gottesurtheil zu nennen. Einen ſolchen moͤchte ich ſehen, und gaͤlte es um Zembocin, denn nicht werth, ſein Erbtheil zu behalten, iſt der, der es nicht ſchuͤtzen mag, und die Fremde höher achtet als die Heimat.— Da fragte Marek, der Majordomus, der bisher ſtill geſchwiegen, plotzlich mit Nachdruck: Und moͤchtet Ihr ſolchen Kampf auch ſehen, mein hochgeborner Gebieter, ſo Bruderblut in demſelben floſſe?— Herr Severin ſchwieg eine Weile, dann murmelte er in ſich hinein: Iſt es doch ge⸗ floſſen von Anbeginn und ein alt Geſetz, daß der Ausgeſtoßene und Verſaͤumte ſein Recht geltend machen will an dem Beguͤnſtigten.—— W. Band. 8 — Da erhob ſich der greiſe Diener ſo raſch, als es ſein Alter und ſeine Wunden geſtatteten, und entfernte ſich, das Kind in ſeinen Armen haltend, einige Schritte.— Wohin ſo ſchnell? erief ihm der Kaſtellan gebieteriſch zu⸗ Den Knaben— ſprach Marek mit zittern⸗ der Stimme— den Knaben hinwegbringen, auf daß in ſein kindiſches Ohr nicht Worte fallen wie die, die ſo eben ſeines Vaters Va⸗ ter geſagt.— Weſſen erdreiſteſt Du Dich, eis⸗ grauer Thor?— rief Severin— Iſt es an dem, daß der Diener es wagt, den Gebieter zu meiſtern?— Leider iſt es an dem— antwortete mit einiger Haſtigkeit der Majordomus— ſobald der Gebieter der Knechte Unterfangen beſchö⸗ nigt, und dem freien Hausgenoſſen mag ein Wort vergonnt ſeyn, wo des Leibeigenen Frevel und Raub Entſchuldigung findet bei dem Beraub⸗ ten. Wie dieſen Knaben, habe ich Euch, da⸗ mals noch ein ruͤſtiger Burſch, auf den Armen getragen, damals war noch eine gute Zeit, und der Vater liebte den Sohn, und der Sohn ehrte den Vater. So moͤchte ich nun nicht, daß des alten Herrn Urenkel es anders lerne, — 115— daß er lerne, es ſei möglich, daß ſich die vä⸗ terliche Liebe umwandle in Haß, daß der Stammherr ſchwanken koͤnne zwiſchen dem Er⸗ ben ſeiner Beſitzung und deſſen Raͤuber, zwi⸗ ſchen dem hinterlaſſenen Pfand einer tugendli⸗ chen Gemahlin und einer Unholdin zweideuti⸗ gem Baſtard. O, wohl iſt es eine ſchlimme Zeit, da das Recht ſelbſt entweicht von dem Rechten, und wohl mir, ich hätte ſie nimmer erlebt!—— Du biſt wahnwitzig, Alter— unterbrach ihn der Kaſtellan— und vergiſſ, zu wem Du rredeſt.— Ich vergeſſe es nicht— lautete des Auf⸗ geregten Beſcheid— und wohl weiß ich, daß ſolch Wort mir nicht ziemt gegen den gebie⸗ tenden Herrn. Aber die Welt iſt umgekehrt in unſern Tagen, der Knecht iſt zum Herrn worden, und der Herr lobt ihn darum, die Hand des Frevlers erhebt ſich gegen den Va⸗ ter, und dieſer tadelt ihn nicht, und ſähe wohl gern, er geſelle den Brudermord zum Morde des Vaters. Herr, ich bin ein alter Mann, und uͤber dergleichen mag man wohl wahnwitzig werden.— 8* Der Herr zu Zemboein ſah ihn an mit funkelnden Augen, dann aber ſenkte er ſie plotz⸗ lich und ſprach leiſe und mild, ja beinahe ſcheu: Still doch, Alter, ſtill. Haſt Du mich auf den Armen getragen, ſo ſei nachſichtig gegen den grauen Pflegling. Sieh, ich bin auch ein alter Mann worden, und die Zeitläufe ver⸗ wirren mich und leider noch Anderes dazu.— Da kehrte der leicht verſoͤhnte Diener zu⸗ ruͤck, beugte ſich uͤber die Hand des Gebieters, legte dann den Knaben in ſeine Arme und ſagte: Hier iſt, was die Verwirrung Eures Gemuͤths loͤſen mag, ſie komme auch her, von was ſie wolle. Dieß ſuͤße Kindlein iſt Euer Stamm und Geſchlecht, kein Anderer, und es moge ein Pfand der Einigkeit und Liebe wer⸗ den zwiſchen meinen theuren Herren Strzemie⸗ niec auf Zembocin.— Durch ein engeres Beiſammenſeyn mit dem Haupte des Hauſes von Manchem unterrichtet, das ihnen fruͤher verborgen geblieben, und des duͤſtern Geiſtes gewohnt, der nicht ſelten uͤber Jenen kam, erfreuten ſich die drei Schweſtern im Schweigen des Zartgefuͤhles der wiederkeh⸗ renden Ruhe, der alte Herr aber ſchaute mit freundlichem Auge auf den Enkel und lachte, als dieſer mit den kleinen Haͤndchen etwas gewaltſam an dem ſilbergrauen Barte zog, ſprechend: Mich beduͤnkt, Juͤnglein, Du wirſt einmal ein tuͤchtiger Raufer werden; immerhin, auch Deine Zeit wird kommen, und ſo Gott will, eine beſſere Zeit.— Aber Frau Chriſtine, die, mit ſich ſelbſt ent⸗ zweit, kein Behagen fand an dem Frieden um ſie her, ließ ſich vernehmen: Ja wohl, gebe Gott, daß ſie bald komme, dieſe beſſere Zeit, denn wenig iſt an der gegenwärtigen zu loben. Wollte der Himmel, er kehrte bald zuruͤck, dem das Regiment zuſteht, das ſo uͤbel verwaltet worden, ſeit er fern iſt, durch Prieſter, deren einer nur den Uebermuth der Macht beſitzt ohne ihre Kraft, und der andere gar den Uebertretern ſchmeichelt, und ſich mit ihnen gehabt, als ſeien ſie Edle und haͤtten groß Recht, und ihnen zu Sinne redend, ſie wohl gar beſtärkt in ihrer Emporung und Frechheit.— Frau— unterbrach ſie Severin wiederum er⸗ zurnt, wie ſie es wahrſcheinlich beabſichtigt— Frau, verunglimpfet mir den ehrwürdigen Herrn von Krakow nicht, eben ſo gut, mit Euerm — 118— Verlaub, ſchäͤlte der Kranich, der im Sumpfe des Ufers einherſtolzirt, den fleckenloſen Schwan, ruhig dahin gleitend uͤber die Fluth, ob ſie eben ſei oder bewegt.—— Und— fuhr die Gemahlin des Herrn Mieczyslaw von Skalmierz fort, ohne ſich ſtö⸗ ren zu laſſen— Und von Landpflegern, wel⸗ che, ſtatt ihres Amtes wahrzunehmen, mit Un⸗ parteilichkeit und Strenge den Drachen des Aufruhrs, wie die gottſelige Agnes ganz rich⸗ tig ſagt, nicht allein groß geſaͤugt haben, ſon⸗ dern ihn auch hinausgelaſſen zum allgemeinen Verderben, und wohl noch wuͤnſchen, das Werk der Bosheit moge ihm vollſtändig ge⸗ lingen.— Severin war im Begriff, eine heftige Ant⸗ wort zu geben mit rauhem Ton und befeh⸗ lender Geberde, wie es ſeine Art war in den Tagen des Gluͤcks, aber er unterdruͤckte ſie, und gleich als naͤhme er das Stachelwort der Feindſeligen als verdiente Buße dahin, ſchlug er die Bruſt und ſeufzte: mea culpa, mea maxima culpa!— Frau Malgorzata indeß ſagte mit der gewohnten Leutſeligkeit: Wir allzumal mangeln des Ruhmes und bedürfen 119— der Vergebung, drum rechten wir nicht mitein⸗ ander, wie wir wollen, daß man auch mit uns nicht rechte.— Agnes aber, in deren Gemuͤthsart ſich mit geiſtlicher Demuth auch ein wenig Schaͤrfe geſchlichen, ließ ſich verneh⸗ men: Wie mag auch Malgorzata, meine un⸗ tadelige Schweſter, den Kebertretern ſich gleich⸗ ſtellen? Wohl iſt es wahr, wir allzumal ſind ſuͤndig vor dem Auge des Herrn, aber glücklich mag am Tage der Rechenſchaft ſich der ſchaz⸗ zen, deß Vergehen nur durch Irrthum erzeugt war bei ſcheinbar widerſtreitender Pflicht, glück⸗ licher als der, welcher wiſſentlich frevelte, der einzigen erſten, unbezweifelten Pflicht Hohn ſprechend in ſuͤndigem Leichtſinn.— Blick, Ton und Geberde der gottſeligen Jungfrau gaben hinlaͤnglich zu erkennen, an wen dieſe Homilie gerichtet ſei, aber Chri⸗ ſtine lachte, obſchon ein wenig gezwungen, und antwortete ſchnoͤde: Ich hoffe, dieſer Tag der Rechenſchaft iſt nahe, und ich weiß nicht, welcher ſich glucklicher zu preiſen haben wird, wenn er erſcheint.— Weine nicht— ſetzte ſie hinzu, in einem ſeltenen Anfall von Zaͤrtlich⸗ keit den ſchreienden Knaben emporhebend— weine nicht, mein Boleslaw, ich hoffe, der, — 120— welcher nun bald heimkehret, um Gericht zu halten, wird gnaͤdiger auf Deine Mutter ſchauen und auf Dich als auf den Beſchuͤz⸗ zer des Emporers, dem man wohl noch einen andern Namen geben mag, und auf ſeine Sipp⸗ ſchaft.—— Agneſens Erregung wich der Pflicht ihres Standes, ruhig tragender Geduld, ſie bewegte nur leiſe die Lippen und griff zum Roſenkranze, Ilga warf einen Blick des Unwillens auf die uͤbermuͤthige Suͤnderin, Malgorzata ſah nur bekuͤmmert den Ausdruck des Zornes und der Scham auf dem Angeſichte des Schwiegers, dieſelbe Wahrnehmung aber überwand des Ma⸗ jordomus gewohnte pflichtſchuldige Zuruckhalt⸗ ung, und er ſprach mit gepreßter Stimme: Meinet Ihr auch ſo wohl vor Herrn Mieczys⸗ law von Skalmierz beſtehen zu können, edle Frau, welcher doch Euer Richter iſt vor allen Andern?— Da antwortete mit ſtolz aufgeworfenem Kopfe die edle Frau: Nicht gewohnt bin ich es, mit dem Diener Worte zu wechſeln, doch befremdet mich ſolche Dreiſtigkeit kaum in ſol⸗ cher Umgebung. Weſſen man mich auch be⸗ —— ſchuldiget, keiner Herabwuͤrdigung habe ich mich anzuklagen, mit denen aber, die ich um mich ſehe, iſt es ein Anderes. Was dieſen ſtolzen Ritters⸗ mann und Senator des Reiches zu ſolcher Nach⸗ ſicht gegen die Leibeigenen bewegt, daß man geneigt ſeyn möchte, ſie Anhaͤnglichkeit zu nen⸗ nen, wenigſtens was einen von ihnen betrifft, hat laͤngſt aufgehört, ein Geheimniß zu ſeyn, irdiſche Hoheit gilt wenig in den Augen der frommen Kloſterjungfrau, nur an der edlen Ge⸗ mahlin des Kronſchwerttraͤgers liegt es, des Aufruͤhrerkönigs Eheweib zu heißen, und allge⸗ mein nennt man ſie des entlaufenen Troßbu⸗ ben gefeierte Schöne, und auch dieſe zuchtige, beſcheidene Jungfrau hat, meine ich, wie es ei⸗ ner ſolchen geziemt, ihren Sinn nur auf Nie⸗ deres gerichtet.—. Sie wandte bei dieſen Worten einen Blick des Spottes auf Malgorzata und Ilga; er prallte machtlos zuruͤck von der Aegide des reinen Bewußtſeyns, welche die Erſte beſchuͤtzte, Ilga jedoch ſah, wir wiſſen nicht warum, ſcheu und erroͤthend zu Boden. Noch hatte die Frau von Skalmierz nicht all ihr Gift ausge⸗ goſſen uͤber ihre Verwandten und Beſchuͤtzer, Herr Severin Strzemieniec fand ſich nicht geneigt, die unverſchuldete Verhoͤhnung ſeiner Schwiegertochter ſo geduldig aufzunehmen als den eigenen, nicht voͤllig ungegruͤndeten Tadel, und auch Marek, der Greis, einmal gereizt und in's Sprechen gebracht, war, wie alte Leute pflegen, bereit, ſeinem Mißmuthe ferner Raum zu geben, noch geſteigert durch ſeine Vergleichung mit leibeigenen Knechten, die den Stolz des freien Mannes und langjaͤhrigen Hausbeamten bekraͤnkte. Es haͤtte ſich demnach in dem Aſyl des Gotteshauſes zu Zembocin ein noch boshafterer Streit entſponnen, haͤtte nicht etwas Anderes die Aufmerkſamkeit ſeiner Bewohner plötzlich auf ſich gelenkt; es ſchallten nämlich unter dem Fußboden Schritte empor, als kaͤmen ſie von der, aus dem Kirchenſchiffe zur Kuppel fuͤhren⸗ den, verborgenen Treppe, ihr Nahen verſcheuchte jeden Zweifel, und man unterſchied deutlich eines vorſichtig ſchreitenden Gewappneten leiſe klirrenden Gang. Dieſer Laut, welcher nicht von dem Kaplan herruͤhren konnte, welcher bisweilen zu naͤchtlicher Zeit der kleinen Verſammlung geiſt⸗ lichen Zuſpruch brachte, oder weltliche Kunde, oder irdiſche Nahrung, die kurz vorher wahr⸗ genommene Ruͤckkehr Olgierd's und ſeiner Ge⸗ noſſen erfullte einen Theil der Eingeſchloſſenen mit Beſorgniß, den andern mit Furcht. Der Kaſtellan raffte ſich empor und ſeine durch Gram und Krankheit geſchwächte Hand griff nach dem lange nicht gebrauchten Saͤbel, die noch kraftloſere des Hausmeiſters nahm die Keule von der Wand, die Frauen flogen ſchuch⸗ tern auf von ihren Plätzen, Agnes dem Al⸗ tare zu, Malgorzata, um ihr Kind ſchuͤtzend in die Mutterarme zu ſchließen, Ilga an ihre Seite und Frau Chriſtine nach dem ehemali⸗ gen Beichtſtuhle, den koͤniglich gebornen Kna⸗ ben auf der Ruhebank vergeſſend. Da that die Fallthuͤre in der Mitte der Halle ſich auf und aus ihr ſtieg eines Leibeigenen mit Staub und Blut bedeckte Geſtalt. Und der Kaſtellan hob muͤhſam das Schwert, und noch muͤhſamer ſeine Keule der Majordomus, und der erſte, mit Augen von erwachter Kampfluſt gluͤhend, ſchrie dem Her— aufklimmenden zu: Steh, nichtswuͤrdiger, ver⸗ wegener Knecht, nicht um eines Fußes Breite — 4124— vorwärts, ſo Du nicht gewöhr werden willſt, Du habeſt gefunden, den Du ſuchſt, einen Rit⸗ tersmann und Deinen Gebieter!— Aber Il⸗ ga's Stimme rief freudig dazwiſchen: Georg! — Und Georg antwortete eben ſo freudig: Wohl bin ich es, edle Jungfrau, wohl bin ich es, Herr Großvater, aus der Schlacht komme ich und bringe Botſchaft.— Aber ſtatt alles Willkommens ließ der Hausmeiſter ſich mit gerunzelter Stirne ver— nehmen: Haſt Du, Burſch, ſo aller Sitte vergeſſen, und glaubſt, weil die leibeigenen Knechte ſich der Ehrfurcht abgethan haben, ſtehe dem freien Saſſen ein Gleiches an? Nicht mir gebuͤhrt Deine erſte Begrußung, noch ſelbſt dieſem hochgebornen Fraͤulein; hier ſtehet der erlauchte Kaſtellan von Proſzowice, Dein Herr, und hier die Erbfrau zu Schloß Zembocin, Frau Malgorzata Strzemienien⸗ czowa.— Gehorſam und demuͤthig verneigte ſich der Jüngling gegen die es ihm geboten, und Alle verſammelten ſich um den Willkommenen mit Neugier und Ungeduld, aber Keines unterfing „ — 125— ſich einer Frage, bis Herr Severin ihm zu ſprechen befahl. Erlauchter Herr— begann Georg, ſeine Worte an den Gebieter richtend, ſeine Augen jedoch noch der Seite, wo Fraͤulein Ilga ſtand — Aus der Schlacht komme ich, wie ich ge⸗ ſagt, und erfreulich iſt meine Kunde. Geſiegt hat das Recht, die Empoͤrer ſind auf das Haupt geſchlagen, und Wehklage und eilige Flucht ſind gefolgt auf ihr Jubelgeſchrei und ſchnoͤden Triumph.— So haben— fragte Severin mit freude⸗ ſtrahlenden Augen, alles vergeſſend, was ihn eben noch in Ungewißheit gequält— ſo haben denn die alten Herren wacker dargethan, daß ſie den Säbel noch zu fuͤhren vermoͤgen, und ſie haben die Schmach des Vaterlandes gerächt und des Adels? O, daß ich nicht dabei ſeyn konnte— ſetzte er unmuthig hinzu— nicht unter meinen Waffenbruͤdern, ich allein, gleich einem Weibe mich in — Nicht die alten peiten— erwiederte der Knappe— die Ritter, heimgekehrt vom Heer, haben die erlittene Unbill den Troßbuben ver⸗ golten, und ihre Scharen ſind auseinander ge⸗ — 16— ſtäubt vor den Zürnenden, wie die Spreu vor dem Sturme!——— Die Ritter zu⸗ ruͤck vom Heer? fragten Alle einſtimmig. So iſt es— war die Antwort— unter der Fuͤhrung Andreas Gorka's, des Marſchalls, der ſie von Kijow zur Rettung berufen.— Iſt mein Herr und Gemahl unter ihnen? fragte Malgorzata mit hochklopfender Bruſt, und etwas zögernd Frau Chriſtine: So iſt der König denn gleichfalls heimgekehrt und— der Ritter von Skalmierz?— Georg verſetzte: Noch im Ruſſenlande be⸗ findet ſich der edle Schwerttraͤger der Krone, auch der Koͤnig iſt allda verblieben und der geſtrenge Herr Mieczyslaw, der letzte, wie man ſpricht, in ſtrenger Haft der untreuen Fuͤrſten.— Malgorzata wendete ſich ab mit einer Thraͤne im Auge und einem Seufzer getaͤuſch⸗ ter Erwartung; als ſie aber auf ihren Sohn blickte, brach wiederum ein Lächeln der Sanft⸗ muth und Ergebung durch das leichte Gewölk. Chriſtine ſeufzte gleichfalls, jedoch wie eine, die bei einer Botſchaft zwiefachen Inhalts zwiſchen Unzufriedenheit und Beruhigung ſchwankt, da fiel ihr Auge auf ihr Kind, und ihr Anklitz verfinſterte ſich. Auch das Angeſicht des Kaſtellans war finſter, da er ſprach: Alſo auch die Kunde aus dem Vaterlande hat den Erben von Zembocin nicht losreißen koͤnnen von den unwuͤrdigen Banden, die ihn im Aus⸗ lande halten, auch nicht das ruͤhmliche Bei⸗ ſpiel der Herren und Bruͤder?! Wahrlich, ſol⸗ ches lautet uͤbel von dem, der ſich unterfing, Geringeres an Andern zu meiſtern, denen ſeine Ehrfurcht gebuͤhrt, ob er ſchon ein Kronamt bekleidet, deſſen Obliegenheit er verſäumt wie die Pflichten gegen die Seinen.— Wollet Euern edlen Sohn nicht ſchelten— flehte Georg ehrerbietig und durch Frau Mal⸗ gorzatens Blick ermuthigt— ſein Herz rief ihn hierher, ſein Amt hielt ihn dort zuruͤck beim Koͤnige, der, wie man ſagt, in großer Gefahr ſchwebt. Alle zuruͤckgekehrten Herren preiſen ihn als ein Muſter eines Ritters in Tapferkeit und Sitte, und mehr denn einer betheuert, mehr Muth beduͤrfe es wohl zum Verweilen in Kijow, als in der Schlacht gegen das Empoͤrergeſindel. Auch erwartet man Herrn Nikolaus in kurzem mit dem Koͤnige, von dem er nicht läßt.—— Das Auge der Frau zu Zembocin und Fräu⸗ lein Ilga's Lächeln dankten dem Eifer des Ver⸗ theidigers, Herr Severin, zur Halbſchied zufrie⸗ dengeſtellt, aber doch noch den Kopf ſchuͤttelnd im Eigenſinne des Alters, befahl ihm fortzu⸗ fahren, und Georg that es folgendermaßen: Dieſe Schlacht war aber dennoch ziemlich heiß, und nicht leicht haben es die Leibeigenen den Herren gemacht. Der Anblick der Schwer⸗ veleidigten reizte die Beleidiger zur Wuth, und als nach hitzigem Kampfe ſie den kriegserfahr⸗ nen Rittern zu weichen begannen, lieh ihnen die Verzweiftung Kraft, und die Gewißheit, es ſei keine Gnade zu hoffen, und ſie fochten wie angeſchoſſene Eber. Auch hat ihr Haͤupt⸗ ling, der verdammungwuͤrdige Olgierd, etwas gelernt auf Schloß Zembocin und unter den Waffenleuhn meines erlauchten Herrn, und wenn er gleich ein arger Wicht geblieben, wie er war von Jugend auf, ſo iſt er 5. ein tuch⸗ tiger Kriegsmann.— Mit einem ſeltſamen Gemiſch von Zufrie⸗ denheit und Unwillen verſetzte der Kaſtellan halb ſpottiſch: Hm, ehemals fuͤhrte er den Knuͤppel gar gut, und hat e8 mehr als einmal, —— — 129— glaube ich, bewieſen an Dir.— So mag er auch nun wohl jetzt mit dem Saͤbel umzuge⸗ hen wiſſen und mit der Keule. Davon iſt Dir aber wohl nichts bekannt, mein Burſch, denn ſchwerlich haſt Du Dich an ihn gewagt.— Etwas gekraͤnkt erwiederte Georg: Wohl habe ich das, erlauchter Herr, wohl dreimal bin ich mit ihm zuſammengetroffen im Ge⸗ wimmel der Schlacht, und es iſt wahrlich nicht meine Schuld, wenn er daraus entron⸗ nen. Das letzte Mal aber—— Schweig— unterbrach ihn der Großvater, ſeiner gewohnten Strenge getreu und nach dem verduſterten Angeſicht des Gebieters auf das Nahen eines neuen Sturmes ſchließend— ſchweig von den Waffenthaten des unbärtigen Knappen vor dem Ohre des edlen Herrn;z wenig kuͤmmert ihn, was Du gewollt, ſondern nur, was die Ritter gethan.— Sie thaten, wie es ihnen geziemt— fuhr Georg fort— doch viel trug zum Ausgang etwas bei, wodurch die Knechte ſich den Sieg zu ſichern gewaͤhnt. Viel edle Frauen, ungern ſage ich es in Eurer Gegenwart, viel edle Frauen und Frauleig befanden ſich in ihren IV. Band. 9 — — 130— Reihen, wie fruͤher der Zucht, ſo auch i weiblichen Sitte vergeſſend.— Ein einſtimmiger Ruf des Erſtaunens und Abſcheues ließ ſich vernehmen, auch und zwar am lauteſten aus Frau Chriſtinens Munde; Agnes ſagte halbleiſe ein Stoßgebet fuͤr ſich hin, und der Giermek ſprach weiter: Was die Knechte ermuntern ſollte zum Schutz eines ſchmaͤhlichen Preiſes, fachte den. Ingrimm der Herren zur lodernden Flamme, zum Gefuͤhle alter Schmach die Vergeltüng des bitterſten Hohnes geſellend. Manche ritter⸗ liche Linke, nach dem die Rechte den Buhlen erſchlagen, faßte im Augenblicke darauf die un— treue Genoſſin, um ſie zur Strafe zu ſchlep— pen, und manch Schwert durchbohrte ein ehe⸗ brecheriſch Paar zum gemeinſamen Tode.— Und Olgierd, der Haͤuptling der Knechte — fragte mit gedämpfter Stimme Herr Se⸗ verin— ergriff er die Flucht, feig aufgebend, was er tollkuͤhn begonnen?— Das that er nicht, gebietender Herr, er hielt Stand, bis alle Hoffnung fuͤr die Seinen dahin war, und wahrlich, trotz der Tapferkeit und Wuth unſe⸗ rer Ritter, moͤchte der Sieg noch lange un⸗ — — 131— entſchieden geblieben ſeyn, waren Alle ſo ver⸗ wegen geweſen wie er, und ihre Sache ge⸗ recht.— Herr Severin konnte bei dieſem Lobe ſich einiges Vergnuͤgens nicht erwehren und fragte mit Theilnahme: Und Du biſt ſein gewahr worden auf dem Schlachtfelde, mein Burſch? —— Wohl bin ich das— erwiederte der Juͤngling und ſetzte darauf, die Augen ſenkend, beſcheiden hinzu— Ich hatte ihn immer ge⸗ ſucht den ganzen Tag, denn ich habe es dem Buben zugedacht ſeit geraumer Zeit, und ge⸗ ſchworen hatte ich es an dem Tage, da er ver⸗ raͤtheriſch die Burg ſeines Herrn und Wohl⸗ thaͤters uͤberfiel, ſo wir einmal zuſammentraͤfen in der Welt, ſollte nur einer von uns den Platz lebendig verlaſſen. Auch geriethen wir an einander, aber zweimal trennte uns das Ge⸗ tuͤmmel der Schlacht.— Der Hausmeiſter glaubte einige Unruhe in Herrn Severin wahrzunehmen und unterbrach ſeinen Enkel mit der hoͤhnenden Anmerkung: Und demnach blieben denn beide Burſchen am Leben.—— 9* Roch ein drittes Mal erblickte ich ihn— fuhr der Knappe fort— es war gegen das Ende des Kampfes und die Leibeigenen vollig geſchlagen. Auf einem Huͤgel ſtand er zu Roß, das blutrothe Banner des Aufruhrs in der Hand haltend, und es hoch empor ſchwingend, rief er mit gewaltiger Stimme ſeinem Geſin⸗ del zu, abzuſtehen von ſchimpflicher Flucht. Er war allein, denn die Reiter des Haufens, welchen er ſeine Leibwacht nennt, als ſei er ein Koͤnig, hatten ſich zerſtreut, um ſich den Wei⸗ chenden entgegen zu werfen unter der gottver⸗ haßten Olga Fuͤhrung, die umherſprengte, den Helm mit funkelnder Stirnbinde geſchmuͤckt, und mit weitflatterndem Purpurmantel, einer Fuͤrſtin gleich, oder der Mutter der Leilum Poleilum auf dem kahlen Berge.“— Und warum wandteſt Du Dich nicht gegen ſie— fragte Severin finſter— gegen die Un⸗ * Leilum Poleilum, die ſlaviſchen Caſtor und Pollux. Sie wurden auf dem kahlen Berge ver⸗ ehrt, einer Hoͤhe in den karpathiſchen Unterge⸗ birgen. Nach Einfuͤhrung des Chriſtenthums ſanken ſie, gleich den andern Goͤttern, in der Volks⸗ meinung zu hoͤlliſchen Geiſtern herab, und der kahle Berg ward in Polen eben das, was in Deutſchland der Brocken. 13 holdin, welche die Schuld trägt an aller Ver⸗ wirrung und allem Unheil?— Herr— er⸗ wiederte Georg— ich meinte, wo ein Mann zugegen, gezieme es ſich beſſer, das Schwert auf ihn zu zucken, denn auf ein Weib. So ſprengte ich denn an gegen Olgierd, und er erkannte mich gleich, und da er mich eben ſo liebt als ich ihn, brach er in ein Wuthgeſchrei aus und bruͤllte mir zu: So lebſt Du denn noch, feiger Knecht der Tyrannen, und haſt ſie wohl gar entfuͤhrt aus Zembocin, meiner Burg? Sprich, wo iſt der— verzeihet Herr Kaſtellan Dder graue Boſewicht, wohin haſt Du meine Braut verſteckt, die— hier nannte er einen Na⸗ men, den ſolcher Mund nie ausſprechen ſollte, zumal in ſo frecher Beziehung, aber— In⸗ der Hölle hole Dir Antwort! ſprach ich und unſere Schwerter trafen zuſammen. Er weiß das ſeinige wohl zu gebrauchen, deß ſeid ver⸗ ſichert, Herr und Gebieter, und ich ward es inne; aber führte Gott meinen Arm, oder habe ich auch etwas gelernt in Eurer Palaͤſtra, ge⸗ nug ich traf ſein Haupt, daß er wankte und ihm der Panner entfiel und er dem Roſſe. Noch ehe jenes den Boden beruͤhrte, fing ich es — 134— auf und bereitete mich', ein Ende zu machen mit dem Verraͤther. Eben jedoch als ich herab⸗ ſpringen wollte von meinem Thiere, hörte ich hinter mir Hlga's gellende Stimme und die Hufſchläge der Reiter, die herbeiflogen zur Rett⸗ ung des Haͤuptlings. Da galt es nun, das eigene Leben zu vertheidigen und die gewonnene Ehrenbeute, und ich machte mich wieder feſt in den Buͤgeln. Es kamen im naͤmlichen Au⸗ genblicke auch einige der Unſeren herbei, und die Troßbuben ließen ab von mir, hoben den Verwundeten empor und ſprengten mit ihm von dannen. Und als ich darauf das Panier zu den Fuͤßen des Marſchalls niederlegte, meinte er, ich haͤtte ganz wohl gethan, und ſolches waͤre nicht unnuͤtz geweſen, denn bereits fingen die Knechte wieder an, ſich zu ſammeln bei der Hexe Olga Geſchrei und zauberiſcher Beſchwoͤrung; da ſie aber den Hauptmann fal⸗ len ſahen und ihre Fahne verloren, hielt kei⸗ ner mehr Stand.—— Trotz aller Beſcheidenheit konnte ſich der Knappe nicht entbrechen, verſtohlen auf die Frauen zu ſehen und ein klein wenig des Bei⸗ falls zu genießen, den er in ihren Zuͤgen las, vornehmlich in denen der Juͤngſten. Auch aus Marek's Augen leuchtete etwas von väterlicher Freude und Stolz, aber dergleichen durfte ja nicht uber die Lippen treten in lobendem Wort. Ein blindes Huhn findet auch manchmal ein Korn— ſagte er trocken— Genug hiervon und fahre fort in Deinem Bericht. Die Schlacht iſt gewonnen durch Gottes Hilfe, ſage denn dem erlauchten Kaſtellan an, was die Herren weiter beſchloſſen, ſo Du, ein Milchbart und geringer Burſch, davon weißt.—— Nach ei⸗ ner Pauſe, während welcher Herr Severin mit verſchiedenartigen Empfindungen zu kaͤmpfen ſchien, ſagte er guͤtiger, als er pflegte: Wie kommſt Du hierher, Georg, mein wackerer Junge?— Der Großvater aber ergaͤnzte: Und warum, ein freigeborner Knappe, im Schuppenwamms eines Knechtes?— Der junge Kriegsmann verſetzte: Hierher hat Olga ſich gefluͤchtet mit ihrem Sohne; der Waffenlärm und der entmuthigten Knechte Geſchrei haben Euch wohl ihre Ruͤckkehr verkuͤn⸗ det. Hier, von wo aus der Aufruhr ausging in die Ebenen gen Morgen, Mitternacht und Abend, gedenket ſie ſeine Flammen zu nähren — durch ihre Zauberformeln und ihren Rath mit Hilfe des boſen Geiſtes, oder durch den eige⸗ nen, nicht viel beſſer als jener. Da beſchloſſen denn die Herren, das Ungeheuer in ſeiner eige⸗ nen Höhle zu erſticken, unfern von hier ſteht Herr Andreas Gorka mit dem Heere, und ge⸗ denket in kurzem Schloß Zembocin zu beren⸗ nen. Da bedurften ſie denn Jemandes, der des Ortes Gelegenheit kenne, und da ſie es von mir erfuhren, ſendeten ſie mich voran. Gern erfuͤllte ich ihr Gebot, denn ich brannte vor Begier, dem erlauchten Herrn Kaſtellan Troſt zu bringen und den hochgebornen Frauen. Ich huͤllte mich denn in das Wamms eines in der Schlacht gefallenen Knechtes, und folgte dem eiligen Zuge der Fluͤchtlinge. Nicht weit von Zemboein traf ich auf ſie, und ſchloß mich ihnen an, denn keiner kannte mich außer dem Weibe und ihrem Sohne, deren Nähe ich mied, und der, welcher ihren Haͤuptling geſchlagen, galt Allen fuͤr einen, wie ſie, entflohenen Ge⸗ noſſen. Als aber die Männer des Berges einritten zur Burg, bin ich ihnen nicht gefolgt, wie ich es anfangs doch wollte, denn es kam mir der Gedanke bei, ich konne draußen eben ſo gut und beſſer thun als drinnen, auch habe ich kein Behagen am Handwerk des Kundſchafters. Da ich nun viele der abtruͤnnigen Knechte in die ofſe⸗ ne Kirche ſtrömen ſah, weil das Ungluͤck Man⸗ chem ein trefflicher Bußprediger geworden, und ihn plotzlich die Froͤmmigkeit uͤberkommen iſt durch den Stab Wehe, ſo ging ich mit ihnen hinein, und nach geendigter Veſper entdeckte ich mich insgeheim dem Pater Kaplan, und er that mir den Weg auf zu Euch, hochgebieten⸗ der Herr und edle Frauen.—— Und was gedenkt der Marſchall denn wei⸗ ter zu thun?— fragte Severin Strzemieniec — Schloß Zembocin iſt nicht ſo leicht zu neh⸗ men, zumal wenn eine ſtarke Beſatzung es vertheivigt, und der Grimm der Verzweiflung. Noch ſtreifen zweifelsohne zahlreiche Horden umher; ſo man ihnen Zeit läßt, werden ſie ſich ſammeln, und der Erfolg einer Schlacht buͤrgt nicht fuͤr den Sieg in der zweiten.— Das iſt es eben— antwortete Georg— was ich bedacht habe in meiner geringen Ein— ſicht, und darum geſchehe es anders. Erſticken, ſagte ich, will der Kronmarſchall das Ungeheuer in ſei⸗ ner Hoͤhle, zu welcher es das Haus meiner Her⸗ ren entwuͤrdigt, drum treffe es das Verderben ungeahnet und ſchnell. Auf demſelben Wege, auf dem ich den ausgeſtoßenen Burgherrn zur Rettung fuͤhrte, will ich die Rache leiten; wäh⸗ rend das Heer der Ritter die Wälle ſtuͤrmt, dringt durch den verborgenen Gang aus der Kirche eine wackere Schar in das Innere des Schloſſes und greift die Verbrecher. Mit ih⸗ ren Häuptern und denen der Rauber, die ſich Maͤnner des Gebirgs heißen und Wiederher⸗ ſteller der Freiheit, fällt auch die Empörung, denn viele der irregeleiteten Knechte wandelt ſchon die Reue an und die Furcht, und Man⸗ chen hoͤrte ich auf dieſem Zuge davon ſprechen, wie es wohlgethan ſei, flehend nach Krakow zu ziehen, daß ihnen Gnade wuͤrde durch Herrn Stanislaw Szczepanowski's Vermitt⸗ lung.—— Da war es als kaͤme der finſtere Geiſt aber⸗ mal uͤber den Kaſtellan von Proſzowice, ſeine Gedanken verwirrend, ſeine Stirne zog ſich kraus, ſeine Wange faͤrbte ſich braunroth, und er blickte auf den treuen Knappen, auf den Retter ſeines Lebens, auf den tuͤchtigen Strei⸗ — ter fuͤr Recht und Vaterland, gleich als auf einen gehäſſigen Feind. Zwar rief der ſanfte Blick ſeiner Schnur wie immer den beſſern Geiſt in ihm auf, aber beſiegen konnte er je⸗ nen nicht ganz, und Herr Severin ſprach mit ungewiſſer Stimme: Siehe da, eine ſchlimme Art Krieg zu fuͤhren und ein Entwurf, allen⸗ falls einem Knappen und Unadeligen zu ver⸗ zeihen, aber polniſcher Ritter unwuͤrdig. Nicht hinterrücks gebuͤhrt es ſich, den Feind anzugrei⸗ fen, ſondern gerad' aus, Angeſicht gegen Ange⸗ ſicht in offener Feldſchlacht. Ich bin Herr auf Zembocin und will nicht zuruckkehren in mein Haus auf einem Schleichwege.— Marek, welcher ſeinem Herrn nie wider⸗ ſprach, noch deſſen Meinung tadelte, außer wo ſie Bezug hatte zu ſeiner Schwaͤche fur den verhaßten Sohn der verhaßten Oiga, verſetzte: Manchen Krieg habe ich mitgemacht unter Euerm Vater, uͤber deſſen Seele der Himmel leuchten moge, und unter Euch, nimmer aber horte ich es verdammen, daß man ſich eines Vortheils bediene, den Feind, das Blut der Seinen ſpa⸗ rend, zu verderben. Gerad' aus, ſagt Ihr, er⸗ lauchter Herr, muͤſſe der Ritter den Ritter an⸗ — 140— ritterliche Feinde, jene aufruͤhreriſchen Knechte? Verdienet, laſſet mich gerade weg ſprechen, ver⸗ dienet dieſer Bube, daß man ihn ſchone, er, der in die Burg ſeines nur allzugütigen Herrn brach, und die Mordfauſt aufhob gegen ein Haupt, das ihm heilig ſeyn ſollte, er, deſſen Frevel verhundertfacht wird durch das naͤmliche, was Eure Milde gegen ihn aufruft? Wahrlich, Herr, es thut einem treuen Diener weh, zu ſehen, wie Schelmerei und Verrath Schutz fin⸗ den und die Pflichttreue Tadel.—— Wahrlich— fiel Frau Chriſtine ein— es wird Herrn Boleslaw, wenn er zuruͤckkehrt, erfreuen, die ſchon ſo gelichteten Reihen ſeines Adels noch vermindert, und die Streiter fuͤr ſein königlich Recht erſchlagen zu finden vor Burg Zembocin, weil es dem Herrn derſelben, eil es ſeinem Landpfleger, weil es dem Ka⸗ § ſtellan von Proſzowice beliebt hat, ein verbre⸗ eiſch Haupt dem Geſetze zu entziehen, dem erfallen.— e Dein Auge Dich ärgert— predigte Agnes— ſo reiße es aus und wirf es von . greifen im ehrlichen Kricge? Nun wohl, iſt denn aber dieſer Krieg ein ehrlicher, ſind ſie Dir. Und welch Aergerniß iſt wohl großer als das, welches dieſe Uebertreter nicht uns nur, der geſammten Chriſtenheit gegeben, gottliche und menſchliche Rechte verhohnend? Milde aus⸗ uͤben gegen den Frevel, heißt Samen ſtreuen auf ein unfruchtbares Land, und ſo er aufgeht, mag ſich der Saͤemann wenig erfreuen.—— Herr und Vater— baten Malgorzata und Ilga— ſchon iſt des Blutes allzuviel gefloſ⸗ ſen in dieſem unſeligen Streite, Ihr werdet nicht wollen, daß man Euch deß anklage, welches noch fließen moͤchte. Ihr ſeid Herr von Zembocin— ſetzte die Erſte hinzu— bei Euch ſtehet das Recht der Gnade in Euerm Beſitzthum, ſo uͤbet es denn, und wer von den Gefangenen verſchont ſeyn ſoll nach Eurem Willen, der werde verſchont.— Nach einiger Zeit ſprach der Kaſtellan: So ſeltſam auch, Frau Chriſtine von Skal⸗ mierz, eine Ermahnung zur Pflicht lauten mag in Euerm Munde, ſo möget Ihr Recht haben füͤr dieſes Mal; zwar ſtehet dem Konige nicht zu, den Willen eines Edelmanns in ſeinem Burgbann zu beſchraͤnken, zwar iſt es nicht Euch zu Liebe, daß ich es anders beſchloſſen, — 142— aber ich will, weil ich es will, und meine Schnur Malgorzata. Reite denn hin zum Herrn Andreas Gorka, Knapp, und ſage ihm, der verborgene Gang ſtehe ſeiner Schar offen, weil ich, des Schloſſes Herr, es erlaubt; Du aber, Marek— ſprach er leiſe zu dieſem, ihn bei Seite ziehend— gebiete dem Enkel, was ich ſelbſt ihm nicht gebieten mag, den Kron⸗ marſchall zu bitten, daß er ſäuberlich verfahre mit dem Knaben Abſalon.— Bei allem Gehorſam des alten Dieners ge⸗ gen ſeinen Herrn, fand er doch fuͤr gut, als er Georg eine Stiege hinabgeleitete, ſolch Ge⸗ bot dieſem zu verſchweigen. Allzuſehr haßte er Olga und ihren Sohn, und wir wiſſen, daß er wenig geneigt war, den Letzten fuͤr den zu halten, für den er auf der Mutter unverbuͤrgtes und ſeiner Meinung nach wenig glaubwuͤrdiges Zeugniß, immerdar dem Kaſtellan, und all⸗ mählich auch Anderen gegolten⸗ III. Der Leſer weiß bereits, daß nach der Ent⸗ fernung des polniſchen Heeres in der Hofburg zu Kijow eine gewiſſe Umwandlung der Ver⸗ hältniſſe eingetreten war; ſie war indeß nicht merklich genug, daß der befangene und ver⸗ blendete Boleslaw ſie alsbald empfunden haͤtte. Dem Aeußern nach behielt alles die fruͤhere Geſtalt, im Anfange zumal, als nur noch eine geringe Entfernung die abgezogenen Krieger und ihren Koͤnig trennte, auch ſpaͤter betrachtete man die zuruckgebliebenen ſechzig Ritter und ihre Man⸗ nen als eine zu anſehnliche Leibwacht, um die Larve gerade hin von ſich werfend, ofſene Feindſchaft an die Stelle geheuchelter Freund⸗ ſchaft treten zu laſſen, auch lag ſolch Beginnen nicht in Demetrius Jzaslaw's Gemuͤchsart und noch weniger in der gewohnten Weiſe ſeiner griechiſchen Rathgeber, deren Muth ihrer Schlauheit weit nachſtand. Zwar hörten die Ruſſen allmählich auf, den fremdlaͤndiſchen Ober⸗ lehnöherrn als ihren wirklichen und alleinigen — 144— Herrſcher anzuſehen, zwar begannen ſie, dem Großfuͤrſten einen Theil der Aufmerkſamkeit und des Gehorſams zuzuwenden, welchen ſie ihrem herabgewuͤrdigten Fuͤrſten verſagend, bis jetzt dem Könige allein bezeigten, zwar wurden die Befehle, die er gab, ziemlich nachläſſig oder wohl gar nicht befolgt, aber doch geſchah dieß ſo geheim als moͤglich und man that keinen auffallenden Schritt. Dem Koͤnige ward eben ſo viele aͤußere Ehrerbietung erwieſen als zuvor, die verſchwenderiſche Pracht ſeines Hofhaltes erlitt keine merkliche Beſchraͤnkung; hatte man doch nun weniger Gaͤſte zu ernaͤhren. Feſte und Mahle, dem einſt ſo maͤßigen Boleslaw unentbehrlich geworden, wurden nach wie vor in ſeinen Zimmern gefeiert, und Eudora Ka⸗ lypſo ließ die Bande nicht erſchlaffen, mit wel⸗ chen ſie ihren Odyſſeus umgarnt. So traͤumte der Koͤnig denn fort und fort, zu ſeyn, was er nicht mehr war, ein maͤchti⸗ ger und gefuͤrchteter Herrſcher, er glaubte an eine Ergebenheit, welche mit den Mitteln, ſie zu erzwingen, ſehr geſchwaͤcht worden, er lieh auch jetzt noch ſein Ohr ſchmeichelnden Hoͤflin⸗ gen, die ſie nicht ſparten, um ihn gaͤnzlich zu * — 145— betaͤuben, und wenn er, ſelten genug, denen, die es wahrhaft treu mit ihm meinten, den Zutritt geſtattete, ſo geſchah es nur, um ſich in zornige Vorwuͤrfe gegen ihre heimgekehrten Bruͤder zu ergießen, und in beleidigende Zwei⸗ fel an ihrer eigenen Anhaͤnglichkeit. Auch Nikolaus war davon nicht ausgenom⸗ men und Adalbert Druzyniec; ihn verletzte des Erſten Ernſt und untadelige Sitte, und was der Zweite ihm geweſen, hatte Leontios Angelos ihm uͤberreichlich erſetzt⸗ Wir haben fruͤher von geheimen Berath⸗ ſchlagungen geſprochen, die man jetzt häufig in den Gemaͤchern des Großfuͤrſten pflog; der Le⸗ ſer geſtatte uns, ihn zu einer derſelben zu fuͤhren. Es war bereits Abend geworden, und das Cloſet nur durch eine Kerze erleuchtet. Bei ihrem Scheine ſehen wir Demetrius Jzaslaw in einem Lehnſtuhle ſitzend, angethan mit allem feſtlichen Prunk ſeines Ranges, denn die naͤchſte Stunde berief ihn zu der Mahlzeit ſeines kö⸗ niglichen— Freundes und Schutzherrn, der letzten, ſeinem geheimen Wunſche nach. IW. Band. 10 — — 146— Rechts neben ihm auf einem niedrigen Seſſel einen bejahrten Mann in geiſtlicher Amtstracht, den Metropolitan von Kijow, einen Griechen aus dem tauriſchen Cherſones gebuͤrtig, wohl be⸗ wandert in den Beſchluͤſſen aller Concilien, in den Streitigkeiten uͤber das geſauerte und un⸗ geſaͤuerte Brod, nebenbei aber auch in den Welthaͤndeln, ein eifriger Diener und Söldling des byzantiniſchen Hofes und abgeſagter Feind der Lateiner in Glaubens- und Staatsſachen. Links neben dem Sitze des Fürſten befan⸗ den ſich zwei junge Maͤnner, der Eine, wohlge⸗ bildet und mit dem Ausdrucke milden Ernſtes in ſeinen Zuͤgen, der jedoch in dieſem Augenblicke eine etwas duͤſtre Farbe trug, beſonders wenn ſein Auge den geiſtlichen Herrn traf. Seine Kleidung naͤherte ſich der, welcher damals die Abendlaͤnder ſich am Hofe bedienten, ſie beſtand aus einem Wamms von dunkler Farbe, eine Art Schurz von Wollenzeuge, mit Gold ge⸗ ſtickt, bedeckte ſeine Lenden zur Haͤlfte, und an den Fuͤßen trug er uͤber den eng anſchließenden Beinkeidern kleine Stiefeln von rohem Leder. Ein kurzer Mantel, mit Hermelin verbrämt, eine goldene Halskette und die t —— — lenden Locken ſeines braunen Haares waren die Zeichen ſeiner fuͤrſtlichen Abkunft. Der Andere obſchon im griechiſchen, mit Purpurſtreifen be⸗ ſetzten, weißen Talar, in einem Unterkleide von gebluͤmtem Stoffe, zuſammengehalten durch ei⸗ nen ſchimmernden Guͤrtel, fiel weniger vortheil— haft in's Auge, und der byzantiniſche Putz zierte nicht beſonders die varangiſchen Glieder. Er war mittler Groͤße und von gedraͤngtem Wuchs, ſein kurz abgeſtutztes Haupthaar von röthlicher Farbe, ſein Geſicht finſter, wenn auf ihm nicht das Lächeln des Spottes oder knech⸗ tiſcher Demuth ſich zeigte, und nicht eben ver⸗ ſchönt durch eine platte, kaum merkliche Naſe. In dem Erſten ſehen wir Mieczyslaw, den Ael⸗ teſten, im Anderen Jaropelk, den Dritten un⸗ ter Fuͤrſt Jzaslaw's Söhnen. Noch Jemand befand ſich hier, deſſen An⸗ weſenheit im Gemach eines Fuͤrſten nicht ſo⸗ wohl als ſeine Gegenwart bei geheimer Berath⸗ ung ſeltſam erſcheinen mag; es war die ſchone Eudora. Minder geſchmüͤckt durch die zierli⸗ chen Gewaͤnder der Frauen ihrer Heimat, und durch den Schmuck, mit welchem des Va⸗ ters Geldſtolz und ſtaatskluge Freigebigkeit, 6 10* — 146— und Boleslaw's des Zweiten Liebe ſie ver⸗ ſchwenderiſch bedeckt, als durch ihren jugendli⸗ chen Reiz, ſchien ſie, bis eine ernſtere Be⸗ ſchaͤftigung einträte, darauf bedacht, die letzteren vei den Prinzen geltend zu machen. Ihr Be⸗ ſtreben hatte nicht bei Beiden den nämlichen Erfolg; Jaropelk's kleine Augen verweilten mit Behaglichkeit auf der reizenden Geſtalt, Mie⸗ czyslaw aber wandte die ſeinigen von ihr ab, und wenn ſie dem auffordernden Blicke des Mädchens von Chios begegneten, druͤckten ſie nur Gleichgiltigkeit aus, oder ſogar Verachtung. Ihr zur Seite, doch ein wenig ruͤckwaͤrts, ſtellt ihr Vater ſich dar, der Kaufherr Theo⸗ phraſtos, mit dem demuͤthig zuverſichtlichen Weſen eines Mannes, welcher weiß, daß ſein Einfluß bedeutender iſt als ſein Rang, unge⸗ fähr wie in neuern Zeiten der juͤdiſche Hof⸗ faktor eines oft geldbeduͤrftigen Fürſten ſich ge⸗ haben mochte. Außerdem waren noch zwei Maͤnner zu ſchauen, oſſenbar untergeordnete Theilnehmer an der hoͤchſtwichtigen Verhand⸗ lung, zu der man ſie beſchieden; der eine, ein ſtarker, wild ausſehender Mann, mit buſchigem Haare und Bart, den man leichtlich fuͤr einen —— — 149— Raͤuber oder Mordgehilfen halten konnte, hät⸗ ten einige ſilberne Zierathen auf dem Leder⸗ harniſch ihn nicht als einen ruſſiſchen Haupt⸗ mann bezeichnet, der andere in einem Talar von dunkelbrauner Wolle mit Marder verbraͤmt, und einem mächtigen Schreibzeuge am Guͤrtel, eine Art Geheimſchreiber oder Rath, deſſen plumpen Zuͤgen es uͤbrigens nicht an einem Ausdruck von Verſchmitztheit gebrach. Die geſchilderten Acht ſchienen eines Neun⸗ ten zu harren, und einige mit Ungeduld, vor⸗ nehmlich Fuͤrſt Jzaslaw, deſſen nachdenkliche Miene erſt dann eine gewiſſe Heiterkeit annahm, als der Erwartete eintrat. Vergoͤnnet mir, Euch Gluͤck zu wuͤnſchen, erlauchter Protoſebaſt des Nordens— ſprach der Veſtiarius Angelos nach drei Verbeugungen, die ſeinem Lehrer in plaſtiſcher Mimik Ehre, und dem Cermonienmeiſter des Hofes zu Kon⸗ ſtantinopel, haͤtte er ſie geſehen, Vergnuͤgen ge⸗ macht haben wuͤrden— Endlich iſt der ge⸗ hoffte Tag erſchienen, da der glorreiche Deme⸗ trius, der Caͤſarentochter Anna ſehr edler Sohn, ſich unumſchraͤnkten und alleinigen Herrn nen— nen kann in den Landen, auf ihn vererbt durch — 10 ſeinen durchlauchtigen Vater, den hochſt tapfern Jaroslaos.— Euer Gluͤckwunſch— entgegnete der Fuͤrſt zu Kijow— kommt etwas zu fruͤh und in ande⸗ rer Hinſicht wieder ziemlich ſpaͤt. Zu fruͤh, weil dem unumſchraͤnkten und alleinigen Herr⸗ ſcher nur um wenige Schritte der fern iſt, wel⸗ cher ſich ſein Oberhaupt nennt; zu ſpät, Herr Dynaſtides von Eubda, weil wir Eurer bedurf⸗ ten zu vertrautem Geſpraͤche.— Beides wage ich zu verneinen, erhabener Herr — entgegnete der Grieche— Eben an der Zeit iſt es, Euch meine Huldigung in der er⸗ waͤhnten Art darzubringen, und wenn ich dieß ein wenig verſaͤumte, ſo geſchah es, weil eine verhaßte Pflicht mich bei dem ſauromatiſchen Barbarenkonig zuruͤckhielt. Und doch muß ich dieſe Pflicht auch wiederum eine angenehme nennen, da ſie mir auferlegt worden vom Cä⸗ ſar Auguſtus, vom alleredelſten Sebaſtokrator, und von Euch, hoͤchſt edler Protoſebaſt, und fernerhin, weil mir dadurch die Genugthuung worden, Euch manch erfreuliche Nachricht zu bringen, und zwar aus des eben Genannten eigenem Munde.— Hat der Koͤnig Kunde von dem erhalten, was ſich kuͤrzlich in Polen zugetragen und beim Heer? Er hat— beſtaͤtigte der Veſtiarius— zwar nicht die, welche er gewuͤnſcht, noch auf die von ihm begehrte Weiſe.— Ihr wiſſet, daß er in dem nicht genug fuͤr uns zu preiſen⸗ den Mißtrauen gegen ſeine zuruckgebliebenen Krieger und Feldherren, mir die Sendſchreiben einhaͤndigte, in welchen er dem Heere die ſchleunige Ruͤckkehr befahl, und dem Aelteſten der ſauromatiſchen Slaven, ein neues zuſam⸗ menzubringen, den König von Ungarn auffor⸗ derte, daß er in Polen einruͤcke, die Emporer zu zuͤgeln, und den Ketzerbiſchof zu Rom um den Petersgroſchen anſprach und ſeine Bene⸗ diction.* „Petersgroſchen oder Peterspfennig, eine Art Ab⸗ gabe, welche die Paͤpſte zur Zeit allgemeiner Be⸗ draͤngniß und namentlich bei Kreuzzuͤgen erhoben, und mitunter zum Theil den, gegen die Feinde der Kirche ſtreitenden Fuͤrſten uͤberließen. Auch nach Beendigung der Kreuzzuͤge blieb das ein⸗ mal Eingefuͤhrte, und ward zu einer ſtehenden Einnahme des apoſtoliſchen Stuhles. Polen ſpaͤter gaͤnzlich von dieſer Auflage be⸗ reit. 132 Ihr wiſſet, Beherrſcher des nordiſchen Grä⸗ ziens, wie ich dieſe Aufträge erfuͤllt habe, daß Eure Haͤnde es waren, denen ich ſie uͤbergab, und welche ſie vernichteten. Auf andere Art jedoch ſind dem Könige Nachrichten zugekom⸗ men, die beſtaͤtigend, welche ich auf beſonderem Wege unmittelbar fruͤher erhielt. Das, was eine— was, will ich ſagen— verbeſſerte er ſich, Olga's Verbot gedenkend, ihrer jemals und beſonders in Jzaslaw's Beiſeyn zu er⸗ waͤhnen— was gewiſſe gute Freunde und eif⸗ rige Diener des Cäſar Auguſtus und Eurer fuͤrſtlichen Wuͤrden angeſtiftet, der Aufruhr der Sklaven nämlich hat einen trefflichen Fortgang gewonnen, das polniſche Heer fand daheim genug Beſchäftigung vor, um nicht an Kijow zu denken, die Väter des Vaterlandes, wie die Sauromaten ihre Primaten und Logotheten nennen, wiſſen ſich ſelbſt nicht gegen die wi⸗ derſpänſtigen Söhne zu ſchutzen, und hätten ſie ein Heer, ſie gebrauchten es beſſer. Von allen Seiten erſchallen Klagen und Vorwuͤrfe gegen den Konig, die einen begehren den Umſturz al⸗ ler Obergewalt, die andern beſchuldigen ihn, daß er ſein und ihr Recht zu ſchuͤtzen verſaͤume. —— —— Von großem Umfange iſt das Reich der polniſchen Slaven, doch beſchraͤnkt ſich jetzt in der That die Herrſchaft Boleslaos nur auf die Burg zu Ki⸗ jow, und auf den Willen ihres eigentlichen Herrn kommt es an, ob er auch dieſe noch lange beſitze.— Aehnliche Botſchaft— verſetzte Demetrius Jzaslaw— obſchon mit einigen Abaͤnderungen, iſt mir geworden, und deßhalb beſchied ich Euch hierher, Abgeſandter des Nikephoros Botoniates. Wie empfing ſeine koͤnigliche Gnade ſolche Kunde?— ſetzte er fragend mit Bitterkeit hin⸗ zu— Was ſprach mein Oberlehnsherr, als er den gänzlichen Abfall ſeiner treuen Untertha⸗ nen vernahm, und die eben ſo bedenkliche Ge⸗ ſinnung ſeiner tapferen Ritter? Hat ſolches den durchlauchtigen Stolz in etwas gemildert? ———— Ich mag dieß nicht behaupten — war die Antwort des Strators— er uͤberließ ſich dem wuͤthendſten Zorne um ſo ungemäßig⸗ ter, als Ihr, ſchone Eudora, nicht gegenwärtig waret, den gereizten Loͤwen mit Roſenbanden zu feſſeln. Dann erging ſein Befehl an die polniſchen Ritter, ſich augenblicklich zu ihm zu begeben, und ein zweiter, unwillkommener an 2 — 154— mich, bei ihrem Erſcheinen gegenwaͤrtig zu ſeyn. Er trat unter ſie, ich muß es ſagen, mit der Kraft eines Heros und der Wuͤrde eines Mo⸗ narchen, zwar verſtand ich die Worte ſeiner Anrede nicht, aber ſie war kurz und buͤndig, und ward durch den einſtimmigen Ruf erwie⸗ dert, mit dem die Barbaren ihre Konige begruͤ⸗ ßen. Dann rief er den finſtern Mann bei Seite, den man ſeinen Schwertträger nennt, und ſprach, mir vernehmlich, zu ihm in latei⸗ niſcher Mundart: Es iſt nun an dem, Niko⸗ laus, daß Euer Wunſch in Erfuͤllung geht, und wir kehren nach Hauſe, dem Volk und den Rittern zu zeigen, daß ich noch ihr Herr bin und Koͤnig! Gebet den Befehl, daß die ausgeſendeten Haufen ſich auf's ſchleunigſte ſammeln, damit der Oberlehnsherr nicht gleich einem Fluͤchtling abziehe aus dem Lande ſeines Vaſallen, und der Enkel des großen Boleslaw in ſein Reich wuͤrdig einziehe.— Ich geſtehe, erlauchter Protoſebaſt, daß mir nicht allzu⸗ wohl war bei dieſen Worten. Ihr kennet ja das Schickſal dieſer Haufen, welches man bis⸗ her dem Koͤnige und ſeinen Rittern weislich verborgen, und Euern Blutsfreunden, im Ent⸗ deckungfalle, aufzubuͤrden geſorgt. Auch be⸗ hagte mir Boleslaos Entſchluß ſo wenig als wahrſcheinlich Euch, und noch weniger ſeine plotzliche Hinneigung zu den lang vernachläſſig⸗ ten Sauromaten, als das Anzeichen eines er⸗ wachenden Mißtrauens, von welchem ich, wenn ich nicht irre, wirklich etwas in ſeinen Augen geleſen. Betruͤbe Dich nicht, Adalbert— ſprach er zu dem jungen Menſchen, deſſen Stelle ich einige Zeit zu vertreten die Ehre hatte, und der gewiſſermaßen erſtaunt ſchien uͤber die Leutſeligkeit des Herrn— Betruͤbe Dich nicht, ſo Du auch eine Zeitlang entbeh⸗ ren mußt, was Dir gefällt, und zu Roſſe ſitzen, ſtatt auf weichem Lager Deines Leibes zu pfle⸗ gen, in wenigen Wochen iſt dort alles abge⸗ than, und Du wirſt, ſo Gott will und Dein Namenspatron, zuruͤckkehren zu Deinen hieſi⸗ gen Freundinnen und Freunden.— Das wird Gott vielmehr verhuͤten— ſprach der Metropolitan mit einem Stoßſeufzer— Jener Schismatiker-Heilige aber hat wohl wenig zu ſagen in der himmliſchen Curia.— Noch ſind ſie nicht fort— fluͤſterte der Großfurſt beinahe unvernehmlich vor ſich hin. Drauf wendete ſich der Konig zu mir— fuhr Leontios fort— und ſprach mit heiterer Miene— Es will wohl ſcheinen, als habe das Gluͤck ſich von mir abgewendet, aber es wird wiederkehren in kurzer Zeit. Stehe ich doch nicht allein da, ſehe ich mich doch von dieſen wackeren Maͤnnern umringt, und von meinen getreuen Ruſ⸗ ſenvaſallen, im Hauſe Herrn Izaslaw's, meines Vetters. Wird mir doch ihre Hilfe nicht ent⸗ ſtehen und die ſeine; wie ich ihn wieder auf den Stuhl ſeiner Väter geſetzt, wird er in ſchuldiger Dankbarkeit mir helfen, meinen Thron zu vertheidigen, und nach kurzem Zuge gen Abend kommen wir wieder hierher, und dann geht es nach dem Orient, fuͤr die Sache Got⸗ tes zu fechten.— Ein deutungvolles Spottlächeln zeigte ſich, nach dieſem Schluſſe der Rede des Byzanti⸗ ners, im Antlitze der meiſten Gegenwaͤrtigen, und der geiſtliche Wuͤrdenträger ließ ſich ver⸗ nehmen: Gottes Sache? Was haben die Abendländer mit ihr zu ſchaffen? Wahrlich, verwerflicher vor ſeinen Augen als die blinden Bekenner des Lugners Mahomed, ſind dieſe La⸗ teiner, welche die Wahrheit erkennend, von ihr S — 157— abgewichen ſind mit ſehenden Augen, und die reine Lehre verderbt haben durch Dogmen, vom Antichriſtos erfunden, deſſen Vorläufer jetzt auf dem Stuhle der Verworfenen zu Rom ſitzen, bis er ſelbſt ihn beſteigen wird am Ende der Tage, auf daß er untergehe mit ihm, und das tauſendjaͤhrige Reich beginne, das heißt die Herrſchaft des alten, unbefleckten, allein ſelig⸗ machenden Glaubens.—— Gott bedarf wahrſcheinlich nicht des Armes unſerer Beſchuͤtzer— ſprach Demetrius, der Großfuͤrſt, dem die Geſchichte ſeiner Zeit kei⸗ nen beſondern Glaubenseifer, ſondern vielmehr ein Schwanken zwiſchen der griechiſchen Lehre und der lateiniſchen zuſchreibt, von Gleichgiltig⸗ keit gegen beide zeugend.— Unſerer Sache aber möchte der eine Heereszug ſo wenig er⸗ ſprießlich ſeyn als der andere, und auch Kon⸗ ſtantinopolis entbehrt, meine ich, ſolches Bei⸗ ſtandes nicht ungern.— Das Reich der oſtroͤmiſchen Kaiſer— ent⸗ gegnete der Veſtiarius mit der Selbſigenuͤgſam⸗ keit, die damals ſeiner Nation eigen war— bedarf uͤberall keines Beiſtandes, und ſollte es ſich je in dieſem Falle befinden, ſo wuͤrde es ihn nicht von einem irrgläubigen Koͤnig empfangen, ſondern von einem Fuͤrſten, der durch Bekennt⸗ niß derſelben Lehre und durch die Bande des Blutes ſeinen Herrſchern befreundet iſt, von ei⸗ nem Fürſten— ſetzte er mit anmuthiger Ver⸗ beugung hinzu— deſſen Wohl dem Cäſar und dem Sebaſtokrator am Herzen liegt, und deſſen Wuͤrde und Macht ſie ungern durch die Ab⸗ hangigkeit vermindert ſahen, welche jener Koͤ⸗ nig ihm auferlegt.— Aber doch habe ich gehort— fiel Füͤrſt Mieczyslaw ein— daß man auch uns vor nicht langer Zeit zu Byzanz noch mit dem Namen Barbaren beehrte, und es niemand ſo ungern vor ſeinen Thoren geſehen haͤtte, als die varangiſchen Horden.— Leontios antwortete verbindlich: Vor Zei⸗ ten wohl, doch nicht, ſeitdem ſich beide Regenten⸗ haͤuſer durch eine durchlauchtige Vermaͤhlung näher getreten, durch eine Vermählung, aus welcher auch Ihr, mein Protoſebaſtides, ent⸗ ſproſſen.— Sonach— entgegnete der Prinz mit merklicher Trockenheit— ſonach meint man wohl bei Euch, dieſen Sprößlingen gezieme 5 keine andere, wohl aber die Abhängigkeit vom verſchwaͤgerten Kaiſergeſchlecht.— Der Veſtiarius ſchwieg, Fuͤrſt Jzaslaw lächelte vor ſich hin, der Metropolitan aber ſprach: Wie uns Altgläubigen ein Bekennt⸗ niß gemein iſt, ſo belebe uns auch ein feſter, gemeinſamer Sinn, wie von jeher, vornehmlich dahin gerichtet, die Lateiner fern zu halten, und ſie zu ſchaͤdigen, wo und wie wir vermö⸗ gen. Solches war vor langer Zeit das Axio⸗ ma morgenlaͤndiſchen Chriſtenthums und mor⸗ genländiſcher Staatskunſt. Es will mich je⸗ doch beduͤnken, als ob mein fuͤrſtlicher Sohn in Chriſto von ſelbem abgewichen ſeit ſeiner Reiſe nach Rom, der neuen Babel, wo nicht gar von der reinen Lehre, welches der Herr verhuͤte und der heilige Baſilius!— Der Prinz fand nicht fuͤr gut, etwas auf dieſe geiſtliche Ermahnung zu er⸗ wiedern, auch nahm ſein Vater das Wort: Fern ſei es von mir, zu widerlegen, was der hochwuͤrdigſte Metropolitan von der Einheit unſerer Kirche geſagt, indem ich mich niemals ſonderlich befaßt habe mit dergleichen Dingen, doch iſt mir neu, was er von dem feſten, ge⸗ meinſamen Sinne der Oſtroͤmer erwähnt, wel⸗ — 166 chen man, ſo viel ich weiß, weder in alter Zeit, noch in der neuen beſonders an ihnen ge⸗ ruͤhmt. Auch möchte ich in Zweifel ziehen, daß, wie der wohlgeborne Kaͤmmerer des Kai⸗ ſers berichtet, ſein Vaterland niemals der Hilfe bedurft haͤtte, dieweil die Geſchichte in jedem Jahrzehend beinahe das Gegentheil aufſtellt. Wir ſind dem Abgeſandten Cäſars hochlich ver⸗ vunden fuͤr den Antheil, den er im Namen ſeines Herrn uns bezeigt, können denſelben aber unmöglich fuͤr eine feſte Stuͤtze anſehen, ſo lange es ungewiß bleibt, ob das befreundete Kaiſergeſchlecht nicht ſchon morgen einem an⸗ deren weicht, dem es belieben kann, uns wieder⸗ um Barbaren zu ſchelten. Höchlich billigen wir aber, wenn er ſpricht, Abhängigkeit gezieme uns nicht, Abhaͤngigkeit keiner Art, und ver⸗ trauen ſeiner und ſeines Gebieters Wahrhaftig⸗ keit, fuͤr welche beide wir ihn als Buͤrgen be⸗ trachten.— Sehr unzufrieden war der Byzantiner mit Blick und Ton des Großfurſten, als er dieß ſprach, und verwuͤnſchte insgeheim zum hun⸗ dertſten Male den Auftrag, welcher ihn zwiſchen den Auerſtier und die Hyäne geſtellt, liebliche — 161— Schmeichelnamen, mit denen er nicht ſelten tief im Innern ſeines aufrichtigen Herzens den Koͤnig und Jzaslaw belegte. Der Letztgenannte ſprach weiter: Welche Gefahr aber auch dem Ruſſenlande von dort aus drohen könnte, ſo gehoͤrt ſie der Zukunft an— uns gebuͤhrt es zuerſt des Naͤhern zu gedenken. Ihr habet den Entſchluß des Koͤ⸗ nigs vernommen, heimzukehren in ſein Reich, uns zur Hilfe aufzubieten, und dann zuruͤckzu⸗ kehren nach Kijow, wie er ſagt, mich auf meinem Fuͤrſtenſtuhle zu befeſtigen, und dann den Zug gegen den Halbmond anzutreten. Thei⸗ let uns Eure Meinung mit; an Euch, Leon⸗ tios Angelos, der Ihr fremd ſeid und Cäſars Abgeordneter, iſt zuerſt die Reihe, zu ſpre⸗ chen.—— Der Aufgeforderte ließ ſich vernehmen: Dreifach iſt Boleslaos Vorhaben, und eins folgt aus dem andern. Wer demnach die Er⸗ fullung des letzten nicht wuͤnſcht, verhindere das erſte. Der Koͤnig darf nicht von hinnen!— Ein Gemurmel des Beifalls folgte dieſer Rede. IW. Band. 11 An Dir iſt die Rede jetzt, Mieczyslaw Izas⸗ lawicz— ſprach der Fůrſt— der Du jetzt der Aelteſte biſt unter meinen Söhnen.— Was mich betrifſft— verſetzte der Prinz — ſo bin ich nicht der Meinung, welche ich ſo eben von dem Abgeſandten des Nikephoros vernommen, mit geringerer Verwunderung, ich geſtehe es, als die Zuſtimmung, die ihr gewor⸗ den. Man weigere dem Polenkoͤnige den Ab⸗ zug nicht, der ihm frommt und uns, und eh⸗ renvoll ſei er, wie er ſeinem Range zukommt und unſerer Wuͤrde.— Deine Meinung haben wir gehoͤrt— ſagte Jzaslaw darauf— doch Deine Gruͤnde nicht. Der Herr Leontios hat ſolche angeführt, thue demnach ein Gleiches.—— Sicher bedarf es bei meinem fuͤrſtlichen Vater der Gruͤnde nicht, fuͤr das, was Ehre und Gaſtrecht er⸗ heiſchen, dennoch gebricht es keinesweges an ihnen. Ich bin ein Sohn dieſes Landes und aus dem Geſchlecht ſeiner Herrſcher, und ob ich gleich Herrn Boleslaw achte als einen rit⸗ terlichen Konig, ſo mag ich ihn doch ungern als Oberherrn ſehen, und ſeine Polen, unwillkom⸗ — 163— mene und beſchwerliche Gäſte, den Wohlſtand der Eingebornen vernichten.— Wenn ich— fiel Prinz Jaropelk haͤmiſch ein— die Rede des Dynaſtides richtig deute, ſo durften wir uns der langen Gegenwart des Erſten dieſer Gäſte erfreuen, ohne zugleich die Laſten weiter zu tragen, die mein Bruder mit gerechtem Unwillen betrachtet.—— So ſpreche denn— ſagte der Aelteſte— der Herr Dynaſtides ſeine Gedanken deutlicher aus, auf daß man ſie verſtehe.— Euer Herr Bruder hat Recht, erlauchter Protoſebaſtides— er⸗ klaͤrte ſich dieſer— Allzuſehr bin ich der Freund der ruſſiſchen Nation, allzuſehr verehre ich das Geſchlecht ſeiner Regenten, um der Erſten Be⸗ druͤckung und die Herabwuͤrdigung des Zwei⸗ ten verlaͤngern zu wollen. Nicht auf dem Throne zu Kijow, welcher allein dem erlauch⸗ ten Demetrios gebuͤhrt, nicht in ſeinem Palaſte ſoll der Uebermuͤthige weilen, ihm genügt ein Kerkergemach, oder auch ein noch engerer, ſtil— lerer Raum, vor allem aber ſtopfe Erde den Alles verſchlingenden Mund ſeiner ſauromatiſchen Slaven.— 11* Wahrlich, nun verſtehe ich Euch!— rief Mieczyslaw mit heftigem Unwillen— Ich wollte aber, ich haͤtte Euch nicht verſtanden, ich hätte nimmer gehort, daß Jemand es wagt, dem Großfuͤrſten von Kijow ſolchen Rath zu ertheilen in Gegenwart ſeiner Unterthanen und Sdhve. Mogen die Ruſſen immerhin der grie⸗ chiſchen Glaubenslehre folgen, wehe ihnen, folg⸗ ten ſie jetzt oder kuͤnftig dem Beiſpiele griechi⸗ ſcher Treue!— Ohne auf des Metropoliten tadelndes Kopfſchutteln zu achten, fuhr er fort: Läſtig iſt uns des Konigs Lehnsherrlichkeit, nun wohl, ſo thuen wir uns derſelben ab, wie es Männern geziemt, aber nicht durch Verrath und Mord. Mord und Verrath ſind ein allzuſchlimmer Lohn fuͤr den Helfer in der Roth, und, was man auch ſage, ein Helfer war uns König Boleslaw in dem Treubruche der Vettern, und darf man ihn gleich nicht ei⸗ nen großmuͤthigen Freund nennen, ſo iſt er doch großmuͤthiger noch als Wſzewolod, als der Bruder, der meinen fuͤrſtlichen Vater ver⸗ trieb, und ihn jahrelang in Gefangenſchaft halten ließ durch den fräͤnkiſchen Heinrich. Der Konig gedenkt heimwaͤrts zu ziehen, ſo ziehe er denn frei, wie Furſt Jzaslaw, dem er vertrauete, es geblieben, als er Jenem vertraute; er verlangt un⸗ ſere Hilfe, wie er ſie geleiſtet. Nun wohl, ſie ſei ihm gewaͤhrt, nicht als Lehnspflicht wohl, doch als ein Ritterdienſt fuͤr den andern.—— Mein Sohn— ſagte Demetrius Jzaslaw mit gerunzelter Stirne und ungewiſſer Stimme — Du ſchlägſt die Hilfleiſtung der Polen zu hoch an, und wenig Dankbarkeit gebuͤhrt dem eigennuͤtzigen Dienſte. Beraubt hat mich Bo⸗ leslaw nicht, wie Heinrich gethan, doch ſparte er wahrlich deſſen nicht, was in meinen Tru⸗ hen geblieben, nicht in der Haft hielt er den Blutsfreund und fuͤrſtlichen Standesgenoſſen, aber ſeinen Vaſallen nannte er ihn.— Miechyslaw antwortete mit Feuer: Nicht länger ſollt Ihr ſeine Herrſchaft tragen, Herr und Vater, doch ſich ihrer abzuthun habt Ihr ein beſſeres Mutel, als dieſer byzantiniſche Staatskuͤnſtler vorſchlägt, und dieſes Mittel hat er ſelbſt genannt, die Worte des Koͤnigs anfuͤhrend. Er und ſein Heer haben meinen erlauchten Vater wieder eingeſetzt in ſeine Herr⸗ ſchaft, befeſtigen wir die ſeinige an der Spitze unſerer Scharen, dann geht Eins mit. — 166— dem Andern auf; gegenſeitige Verpflichtung er— zeugt gegenſeitiges Vertrauen, und aus dem unwillkommenen Schutzherrn wird ein dankba⸗ rer Freund.—— Dankbarkeit bei den Lateinern?— rief wie im groͤßten Erſtaunen der Metropolit, Augen und Haͤnde zum Himmel erhebend:— Gegen⸗ ſeitig Vertrauen zwiſchen Schismatikern und Rechtgläubigen? Wer hat jemals von derglei⸗ chen ſprechen gehoͤrt? Ich fuͤrchte, furſtlicher Juͤngling, ich furchte, die Lockungen der Ver⸗ worfenen zu Babylon haben Euch tiefer verſtrickt, als man meint. Doch ſtehe ich in der Hoſſ⸗ nung, Euer erlauchter Bruder wird anders ſprechen und wie es einem aͤchten Sohne der urſpruͤnglichen Kirche geziemt.— Allen ihren Ausſpruͤchen unterwerfe ich mich demuͤthig— antwortete Jaropelk, welcher, wie es nicht ſelten ſich trifft, Knechtesſinn mit rauhem Uebermuthe verband— ſo ſie auch nicht wie hier mit meiner Meinung uͤbereinſtimm⸗ ten und mit unſerem Vortheil. Es iſt eine vedenkliche Sache um die Dankbarkeit, und der verpflichtete zweideutige Freund wird nicht ſelten zum grfährlichſten Gegner.— —— ,— —„ — 167— Wolle Gott nicht— rief Mieczyslaw, ihn un⸗ terbrechend— daß wir ein Beiſpiel aufſtellen von der Wahrheit dieſes Satzes!—— Und. welche iſt unſere Verpflichtung gegen dieſen Ueber⸗ muͤthigen?— erwiederte Jaropelk fragend— Sei⸗ nen Dank hat er dahin, und er hat ſo wacker damit geſchaltet, daß uns wenig davon uͤbrig geblieben. Nicht genug, fuͤrwahr, ihn abzutra⸗ gen zu unſerm eigenen Schaden, und Muͤhe und Gefahr zu beſtehen, um einen Zwieſpalt zu ſchlichten, der fuͤr uns nicht anders ſeyn kann als erwuͤnſcht. Laſſet die Polen ſich immerhin aufreiben in blutigem Streit, jeder thue daheim, was ihm gutduͤnkt, wir aber ge⸗ brauchen unſere Waffen gegen die Vettern, da nun das Schättenbild verſchwunden iſt, das ihren ſchlimmen Willen gezähmt.— Der geiſtliche Herr richtete einen ſchnellen, etwas ſeltſamen Blick auf Leontios, der ihn eben ſo raſch erwiederte, und ließ ſich verneh⸗ men: Nicht bedarf es dazu Boleslaw's und ſei⸗ ner Sauromaten, die rechtgläubige Kirche ver⸗ wirft ſolche Mittler, ſie ſelbſt wird ihre ent⸗ zweiten Kinder verſohnen, und bedarf es eines Schiedrichters, ſo ſei es der blut⸗ und glau⸗ — 168— bensverwandte Monarch, das weltliche Haupt einer großen Familie, der Cäſar Auguſtus.—— Jzaslaw ſagte mit unmuthigem Laͤcheln: Moͤchte doch dieß Haupt ſein Anſehn be⸗ haupten können in ſeiner eigenen Familie. Was oaber die Verſoͤhnung vor dem Altar be⸗ trifft, ſo kenne ich des Bruders und der Vet⸗ tern Gemuͤthsart, und nimmer mag ich dem Frieden trauen, ſo lange Haß und Hab⸗ ſucht nicht vertilgt ſind aus den Herzen, was ſchwerlich eines Prieſters Wort und Segen vermag, auch die Euren nicht, frommer Me⸗ tropolit, ſelbſt nicht die des allerhochwuͤrdig⸗ ſten Patriarchen zu Konſtantinopel.— Drum iſt die Rede meines Sohnes Jaropelk wahr, wenn auch nicht ſo wohltönend als ſeines Bruders Mieczyslaw Spruͤche; wir wollen, was wir da⸗ heim beduͤrfen, nicht vergeuden in auslaͤndi⸗ ſchen Staaten, nicht noch einmal uns zwi⸗ ſchen Buͤrgerkrieg ſtellen und fremde Bedruk⸗ kung.—— Nicht die ſchuldige Ehrerbietung allein— nahm Angelos das Wort— laͤßt mich der weiſen Meinung des erhabenen Protoſebaſten und ſeines erleuchteten Sohnes beipflichten, ſon⸗ — 169— dern der Ueberzeugung Kraft, durch manchen Grund noch verſtärkt. Was ſich auch ereignet in den ſauromatiſchen Ebenen, wohl kann Bo⸗ leslaos es allein zu Ende bringen und wird es, meines Beduͤnkens. Er iſt ein kuͤhner Fuͤrſt und mannlicher Kriegsheld, und des Herrſchers perſönlich Erſcheinen ruft oftmals die Ehrfurcht zuruͤck und den Gehorſam, zumal bei Barbaren. Mit der alten Kraft kehrt dann das alte Ge⸗ luͤſten wieder; wie er zu mir in ſeiner Ohn⸗ macht geſprochen, wird er thun, wenn er die fruͤhere Staͤrke erlangt. Wenn daheim ſich der Sturm gelegt hat, wendet ſein Blick ſich von neuem nach Oſten, die Untreue der ruſſiſchen Fuͤrſten fuͤhrt den Beſchutzer wieder herbei und mit ihm den Lehnsherrn, und Alles wird ſeyn wie zuvor, und die ſauromatiſchen Sla⸗ ven trinken aus den Becher ihrer gaſtfreien Nachbarn, und fuͤhren den Schluͤſſel zum Schatzgewölbe und Frauengemach, wie es der König ja ſelbſt dem Einen von ihnen ver⸗ heißen.—— Wofuͤr!— rief mit Eifer Theophraſtos: — wofuͤr uns Gott behuͤte und Sancta So⸗ phia und alle Heiligen und Maͤrtyrer der Ka⸗ —— takomben zu Kijow. Zwar hat der Himmel mein Beſtreben und Muͤlen geſegnet, aber kehrte ein aͤhnlicher Zuſpruch wieder, ſo wuͤrde ich zum armen Mann. Da, um nicht wie— derzukehren, es am ſicherſten iſt, daß ſie bleiben, ſo geſchehe dieß denn auch, ſofern man Sorge tragt, ihre begehrlichen Haͤnde kraft— los zu machen.— Hier und da ſagt man— fiel Prinz Mie⸗ czyslaw mit Geringſchätzung ein— nicht al⸗ les, was der Kaufherr Theophraſtos freigebi⸗ ger als freiwillig geſpendet, ſei nicht allein aus ſeiner Truhe gekommen, und— ſetzte er mit ei— nem Blick auf die geſchmuͤckte Eudora hinzu— eine dieſer Haͤnde, welche er begehrlich nennt, ſei großmuͤthig geweſen gegen ihn und ſein Ge⸗ ſchlecht, ſo daß, wenn der Haß, der ein er⸗ habenes, jetzt gebeugtes Haupt trifft, an Andern verzeihlich genannt werden mag, der ſeine es allenfalls nur ſeyn mag bei einem— griechi⸗ ſchen Kaufherrn.— So geſchehe denn— ſprach, andaͤchtig die Hände faltend, der Metropolit— wie es zu Gottes Ehre frommt und der alleinſelig⸗ machenden griechiſchen Kirche. Das Ketzervolk werde ausgerottet bis auf den letzten Mann in dieſen rechtglaͤubigen Landen, und ſein Koͤnig ſchlage ſeinen Thron auf im Kerkergewölbe auf feuchtem Stroh, wo ſeine Naͤgel werden wie Vogelklauen und ſein Haar und Bart gleich dem Fittig des Adlers, damit er auch im Anblick dem Raubvogel gleiche, welcher blutduͤrſtig die Lämmer der frommen Herde verſchlingt—— Hinweg mit dieſen Lechen— murrte der ruſſiſche Feldherr— deren Hauptleute den Stab fuͤhren wollen in fremdem Lande uͤber den eingebornen Kriegsmann, und die abend⸗ laͤndiſche Narrentheidung, die ſie Ritterſchaft nennen, uns aufzwingen, die wir, dem alten guten Brauche getreu, uns beugen unter dem Fußtritte des Fuͤrſten, aber doch reichliche Ver⸗ geltung nehmen an denen, die unter uns ſind. Ordnung muß ſeyn, weg mit der Freiheit und Gleichheit des polniſchen Adels, nichts iſt der Mann, als wozu der Fuͤrſt ihn gemacht; bei den Lechen aber glaubt ein Jeder etwas Rechtes zu ſeyn, und iſt gern uͤberall der Erſte, vornehm— lich beim Pluͤndern, wo wir oftmals erlebt, — daß uns eingebornen Ruſſen im eigenen Lande nur das leidige Nachſehen blieb.— Hinweg mit den Lechen— wiederhallte es aus des Geheimſchreibers Munde— Alle Gelehr⸗ ſamkeit geht unter bei ſolchem Regiment, wo der Rittersmann die Geſetze ſchreibt mit dem Saͤbet, und der gar nichts mehr gilt, welcher, wie ich, Kalligraphie muͤhſam ſtudirte und Or⸗ thogräphie.— Nur eine Stimme haben wir noch nicht vernommen— ſagte Prinz Jaropelk Dmpytriewicz in der Weiſe eines varangiſchen Stutzers im ei' en Jahrhundert, alſo nicht mit beſonderer Anmuth— Die ſchöne Eudora ſcheint das Loos ihres gekrönten Freundes zu beklagen, und vielleicht gedenkt ſie den Thron mit ihm zu theilen, welchen unſer hochwuͤrdi— ger Herr ihm zugedacht, und die Langweile ſeiner kuͤnftigen Wohnung auf eine Art zu ver⸗ kuͤrzen, welche ihm angenehmer ſeyn duͤrfte als die Bekehrungreden des gottſeligen Prie⸗ ſters, die ohnedem, denke ich, verloren ſeyn wuͤrden bei dem Irrglaͤubigen, den, meiner Anſicht nach, Gott zu zeitlichem Untergang und zum ewigen Verderben beſtimmt hat.— Mit ſanfter Stimme und zierſamen We⸗ ſen antwortete das chiotiſche Maͤdchen: Ge⸗ wiß wuͤrde ich den Boleslaos beklagen, welcher mir nicht unwerth war einige Zeit lang, waͤre ich uͤberhaupt etwas zu beklagen nicht zu jung. Auch hatte ich mich recht ſehr gefreut auf den anatoliſchen Thron, den er mir verheißen; da es aber nun wohl nicht dazu kommt, mag es immerhin ſeyn. Zu dem andern Thron aber, von welchem Ihr redet, erlauchter Pro⸗ toſebaſtides, trage ich kein Geluͤſten, und uͤber⸗ laſſe ihm ſolchen allein. Feuchte Luft macht die Stimme rauh und unfaͤhig zum Singen, die Dunkelheit des Kerkers ſchwaͤcht der Au⸗ gen Glanz, Langweile die Lebhaftigkeit des Geiſtes, und allzu groß wären dieſe Opfer, ei⸗ nem lateiniſchen Ketzer gebracht.— Der Koͤnig bleibt denn als Gefangener zu Kijow! ſprach Demetrius Jzaslaw mit ei⸗ nem Tone, der gebieteriſch entſcheidend ſeyn ſollte, aber nur gepreßt war. Alle ſtimmten in den großfurſtlichen Beſchluß, Mieczyslaw aus⸗ genommen, welcher den bewölkten Blick zu Boden ſenkte, und den achſelzuckenden, zwei⸗ deutig laͤchelnden Strator. Ihr ſchweiget, Herr Veſtiarius des Purpur⸗ palaſtes? fragte dieſen der Fuͤrſt. Ich ſchweige— verſetzte er— weil mir, als einem Fremden und Abgeſandten, obſchon des erſten Monarchen der chriſtlichen Welt, in dieſer erlauchten und weiſen Verſammlung nicht zu ſprechen gebuͤhrt, ich werde denn dazu auf⸗ gefordert.— Eine lobenswerthe Maͤßigung— fiel Mie⸗ czyslaw ein— und doch habt Ihr ſie vor Augen⸗ blicken noch mehr als zur Gebuͤhr uͤberſchritten.— Da jedoch— fuhr Angelos mit einiger Betonung fort— ſolche Aufforderung an mich ergangen iſt von dem edelſten Protoſebaſten des Nordens, deſſen Wille, meine ich, hier der einzige zu befolgende iſt, da ferner, wie der hoͤchſt ehrwuͤrdige Metropolit eben mit ſo vieler Richtigkeit bemerkt, wo es Lateiner und Abendlander betrifft, die Söhne der wah⸗ ren Kirche, wie im Glauben, auch im Han⸗ deln einig zu einander zu ſtehen verpflichtet ſind, und ich mich in dieſer Ruͤckſicht nicht als einen Fremden in dieſem hochachtbaren Kreiſe betrachten darf, ſo ſtehe ich nicht an, meine unmaßgebliche Meinung demſelben zu — 475— verkundbaren, vornehmlich aber deſſen verehrli⸗ chem Haupte.—— Thut das und bald, ſo es Euch gefällig iſt— ſprach Jzaslaw etwas ungeduldig— die Zeit draͤngt, und der Entſchluß des Königs erheiſcht eine ſchleunige Faſſung des unſern. In Worten habt Ihr Euch ſtets als Meiſter be⸗ wieſen, jetzt aber bedarf es der That.—— Der Strator zoͤgerte, dieſer dringenden Mahnung ungeachtet, noch eine Weile ehe er ſagte: Ja, unſtreitig bedarf es ſolcher, und zwar einer ganzen That, nicht einer halben. Gefangen wollet Ihr den Sauromaten halten? Er iſt ein ſchlimmer Vogel, nach den Worten des geiſtlichen Herrn, und ich zweifle, ob Ihr einen Käͤfig habet, der feſt genug für ihn ſei. Ermeſſet ſelbſt, was ſich begeben wuͤrde, gelaͤnge es ihm einmal, ihn zu durchbrechen. Des Le⸗ bens Schickſale ſind veraͤnderlich, unſicher die Zukunft, und nur der Todte hat ſeine Rech⸗ nung abgeſchloſſen mit ihr.— Langſam verhallte der deutungſchwere Schluß dieſer Rede im Stillſchweigen und der Regungloſigkeit ringsum, denen nach und nach einzelne Toͤne und Geberden ſich entriſſen. Prinz Mieczyslaw ſprach mit dumpfer Stimme ei⸗ nige unverſtändliche Worte, aber verſtaͤndlicher war der Blick des Zornes und der Verachtung, den er auf den Byzantiner warf. Jaropelk lächelte tuͤckiſch vor ſich hin, der Metropolit faltete die Haͤnde, Eudora fand fuͤr anſtaͤn⸗ dig, einen kleinen Stufzer auszuſtoßen, ihr Vater rieb ſich die Haͤnde und ſchaute dar⸗ ein mit dem Behagen eines Mannes, der es an jeglichem Böſen, zumal an niedri⸗ gem findet, der Hauptmann ſtierte den Groß⸗ fuͤrſten an mit großen Augen und geſpitzten Ohren, dem Fleiſcherhunde gleich, welcher des Befehls gewärtig iſt, das Schlachtopfer zu pak⸗ kenz eben ſo, nur etwas tolpiſcher war der Aus⸗ druck in des Geheimſchreibers Zuͤgen, Deme⸗ trius Jzaslaw aber rief mit wahrer oder er⸗ kuͤnſtelter Beſtuͤrzung: Der Todte, ſaget Ihr? Bedenket ſolch Wort, Herr Angelos. Der Mordſtreich ſoll in eines Fuͤrſten Hauſe ein ge⸗ krontes Haupt treffen, an meinem Herde den Gaſtfreund?— Nicht wahr, Herr und Vater— ſprach Miechyölaw im edlen Zorne— ſolcher Rath findet keinen Eingang bei dem Fuͤrſtlichgebor⸗ —— nen, nicht wird der Ruſſe ſich mit der Schmach beflecken, ihn auch nur ungeahndet zu hö⸗ ren?— Leontios, bei welchem der angeborne Klein⸗ muth, von ihm kluge Vorſicht genannt, mit⸗ unter dem Stolze oder der Eitelkeit wich, ent⸗ gegnete: Der Abgeſandte des Cäſar Auguſtus hat keine Ahndung zu befuͤrchten, und wer den Namen Angelos fuͤhrt, darf ſeine Geburt wohl der jegliches Anderen gleich ſchaͤtzen.— Der Sohn des Großfuͤrſten antwortete mit geringſchaͤtziger Kaͤlte: Um ſo mehr beklage ich Euch, wenn, aus erlauchtem Stamm ent⸗ ſproſſen, Ihr in langer Dienſtbarkeit die Ge⸗ ſinnungen abgelegt, die ihm gebuͤhren. Ich bitte Euch, fuͤrſtlicher Herr, lehret doch dieſen Dy⸗ naſtiden von Negropont, dieſen Abkömmling eines Kaiſergeſchlechts und Hofbedienten des jetzigen, was die gegenſeitige Pflicht der Herr⸗ ſcher erfordert und das geheiligte Volkerrecht. An Euch ward es verletzt durch den Koͤnig der Deutſchen, und tief habt Ihr, haben viele Fuͤr⸗ ſten ſolchen Unglimpf empfunden; ſaget denn dieſem oſtrömiſchen Herrn, Ihr wollet an einem IV. Band. 12 Andern nicht ſchlimmer noch thun, als man Euch gethan.— Des Vaters Unwille war jedoch weit ent⸗ fernt, dem des Sohnes zu gleichen, und er er⸗ wiederte ziemlich kuͤhl: Mein Sohn, es iſt zweifelsohne Ruͤckſicht zu nehmen auf das, was man Volkerrecht nennt und ſolche gegenſeitige Obliegenheit der Regenten; dieſen ſteht jedoch eine andere gleichfalls zu erwägen zu, das Wohl ihrer Staaten und des eigenen Volkes. Es ſtehet der Jugend wohl an, eifrig fuͤr das Gute zu ſeyn; dem erfahrenen Manne und Fuͤrſten zumal geziemt es indeſſen, auch der Nothwendigkeit wahrzunehmen, die manchmal das minder gut Scheinende herbeifuͤhrt, und, die Wahl beſchränkend, es weniger tadelns⸗ werth macht. Es iſt— wendete er ſich mit Ernſt an den Strator— Es iſt ein bedenklich Wort, welches Ihr ausgeſprochen, und gewich⸗ tiger Gruͤnde bedarf es, um es zu entſchuldigen, gewichtigerer noch, um es in einige Erwaͤgung zu nehmen; wollet daher ſie uns nicht ver⸗ halten.— Der Grieche, welcher zu gut die Denkweiſe deſſen kannte, der ſo zu ihm ſprach, ward — 9— wenig durch den gebieteriſchen Ton dieſer Auf⸗ forderung erſchreckt, und begann in ſeiner ge⸗ wohnten Weiſe, aus ſcholaſtiſcher Pedanterei, religiöſer Salbung, höfiſcher Gewandtheit und oſtländiſchem Pathos zuſammengeſetzt und aus⸗ gedehnt zu unnöthiger Weitſchweifigkeit: Wohl ſind die Schismatiker uneins unter ſich ſelbſt in Kirchen- und Staatsſachen, Thron und Altar ſind zerfallen, das romiſche Ketzer⸗ haupt und der König von Germanien, der ſich den abendländiſchen Kaiſer ſchelten laͤßt, be⸗ kaͤmpfen einander mit Ingrimm, jener ſpricht uͤber dieſen den Bannfluch aus, dieſer die Reichsacht uͤber jenen, das Schwert des welt⸗ lichen Tyrannen ſetzt Gegenpäpſte in Italien ein, des geiſtlichen Tyrannen Bullen Gegen⸗ kaiſer in Deutſchland, die Tiare wankt auf dem Haupte des unaͤchten Nachfolgers des Apoſtels Petrus, und dieſer vergibt im Namen deſſelben das Diadem an Rudolph von Schwa⸗ ben. So ſcheinet es denn wirklich, als ob die Langmuth des Allerhoͤchſten ermuͤdet ſei am Frevel der Lateiner, und die ſiebente Schale bereit, ſich zu ergießen, von welcher Sankt Jos hannes redet, der Theolog—— 12* — 180— Zur Sache, wenn ich bitten darf— un⸗ terbrach ihn Jzaslaw— es iſt, meine ich, hier die Rede nicht von Sankt Johannes, auch nicht von Heinrich dem Vierten und Hilde⸗ brand Gregor, ſondern von dem polniſchen Koͤnige.— Etwas mißmuthig, in ſeiner wohlgeſetzten Rede geſtort worden zu ſeyn, ſpann Leontios den Faden derſelben wieder an mit folgenden Worten: Doch duͤrfte die Weiſſagung des begeiſterten Sehers noch vielleicht eine Zeitlang unerfullt bleiben, wie er denn gleich mehren Propheten ſich eines andern Maßſtabes der Chrono⸗ logie bedienet, wie die Hiſtorienſchreiber. Zwar hat ſich ſolcher Geiſt der Zwietracht weit verbreitet unter den Lateinern, und wir ſehen mit rechtgläubigem Behagen deſſelben Wirk⸗ ſamkeit in dem uns zunächſt gelegenen ſchis⸗ matiſchen Reiche. Jedennoch darf man derſel⸗ ben nicht allein und gänzlich vertrauen. Es ſind die Sauromaten eine wilde, barbariſche Nation, und jetzt zumal einem Rudel Hirſche zu vergleichen, die ſich in der Brunſtzeit ſto⸗ ßen und ſchlagen; ſie ſind denſelben aber auch darin ähnlich, daß ſie zuſammentreten, ſobald ein gemeinſamer Feind ſich zeigt, und ihn bedrohen mit vorgeſtrecktem Kopfe und Ge⸗ hoͤrne. Einiges iſt ihnen aus den weſtlichen Nachbarlaͤndern uͤberkommen vom Geiſte der Ritterſchaft, der Barbarei Lieblingerzeugten, welcher allerhand Phantasmen aufſtellt von Freiheit und perſoͤnlichen Rechten, und daher verdammlich iſt, wie dieſer wuͤrdige Kriegs⸗ mann dargethan, und der Macht des Autokra⸗ tors verderblich, welcher doch alle gebildeten Völker, zu denen ich unſtreitig die Ruſſen zähle, unſere edlen Freunde und Glaubensbruͤ⸗ der, ſich willig unterwerfen, als der beßten Form einer Regierung. So meiſtern ſie wohl mitunter ihren Ko⸗ nig, und ſprechen von ihren Rechten, und leh⸗ nen ſich gegen ihn auf, wenn er ſie, nach ih⸗ rer Meinung, antaſte, aber ihr ſchnoͤder Ueber⸗ muth duldet nicht, daß außer ihnen Jemand ihn verunglimpfe oder verletze. Die erſte Nach⸗ richt, erlauchte Sebaſten und weiſe Herren, welche ſie von der Haft Boleslaos zu Kijow erhielten, wuͤrde ſie, fürchte ich, ſchnell verſoh⸗ nen zu einem Zweck, das nämlich zu räͤchen, was ſie Volksehre nennen, ſobald nur die — 16— Ruhe wieder hergeſtellt iſt in der Heimat. Und ob ich ſchon mit Vergnuͤgen die Beſorg⸗ niß des Koͤnigs wahrgenommen und ſie pflicht⸗ ſchuldigſt beſtärkt, muß ich doch zweifeln, ob, was er wuͤnſcht und wir ſcheuen, ſich nicht ereigne uͤber lang oder kurz. Bedenket Ihr ſelbſt, erlauchter Protoſebaſt, das Loos Eurer Staaten, bedenket Ihr, ſeine erfahrenen Raͤthe, das Schickſal Eurer Mitburger, Eurer edlen Matronen und hoffnungvollen Kinder, Ihr, ehrwuͤrdige Prieſter, die Gefahr der rechtgläu⸗ vigen Kirche, wenn dieſelben, die als Freunde und Beſchutzer ſich ſo gewaltthätig bezeigt, nun erſchienen als erbitterte Feinde, den Herrſcher zuruͤckforderten aus ſchmaͤhlicher Haft. Ich trage keinen Zweifel an dem Muth der Be⸗ wohner des nordlichen Graͤziens, aber uͤber⸗ mächtig iſt das ſauromatiſche Volk, und hart⸗ näckig, und nicht abſtehen wuͤrde es, bis es ſein Begehren in Gewalt oder Guͤte erlangt. Sehet zu, erhabener Fuͤrſt und wackere Haupt⸗ leute des varangiſchen Heeres, ob Ihr die Ge⸗ walt hinwegtreiben moget, denn nimmer duͤrf⸗ tet Ihr ihnen in Guͤte willfahren. Wie wuͤr⸗ det Ihr dieſen Boleslaos erfinden, ihn, der, — 183— als er ſich Euern Freund nannte, dem vermein⸗ ten Vaſallen ein ſtrenger, argwoͤhniſcher Despot war, bis griechiſche Kuͤnſte und Eure Klug⸗ heit ihn einſchlaͤferten, der auch dann noch, von Zeit zu Zeit erwachend, mißtrauiſche Blicke um ſich warf, bereit, die ſchlagfertige Hand, ſtatt mit Euern Locken zu taͤndeln, ſchoͤne Eudora, zerſchmetternd auf Griechen und Ruſſen fal⸗ len zu laſſen, dem die tiefſte Ehrfurcht und die kuͤnſtlichſt nachgeahmteſte Anhaͤnglichkeit, die ihn umgaben, nur ſelten ein Laͤcheln der Milde abgewinnen konnten; ſagt, wie wuͤrdet Ihr ihn erfinden, wenn er nun als offener Feind Euch gegenuͤber ſtände, an der Spitze ſeiner wieder⸗ erlangten Macht, nach erlittenem ſchweren, wirklichem Unglimpf? Wahrlich, dann wuͤr⸗ den Rauchſaͤulen die Ufer des Boryſthenes einhuͤllen, Blutſtröme ſich mit ſeinen Wellen vermiſchen, und bald der Wanderer fragen, wo war Kijow, die ſchoͤne Stadt, wo war die nordiſche Konſtantinopolis?— Wahrlich, dann muͤßte doch das Nothwendige geſchehen, aber dann waͤre es zur Unzeit. Aber wenn jetzt die Kunde nach Polen ge⸗ langte, der König ſei nach plötzlicher Krankheit durch einen ſanften Tod aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit ubergegangen, nur ſchwach würde ihre Wirkung ſeyn in der Entfernung, zumal jetzt, da die Herzen ſeines Volkes ſich ihm ent⸗ fremdet. Des Monarchen Gefangenſchaft, nicht ſein dem Zufall zugeſchriebener Tod, ver⸗ unglimpft das Koͤnigthum, an dem es mehr hängt als an ihm ſelbſt; wenn es hier fuͤr das Gemeinſame nichts mehr zu retten gibt oder zu raͤchen, denkt Jeglicher an ſich ſelbſt; dem polniſchen Reiche fehlt es nicht an einem Erben, und des Knaben Unmuͤndigkeit geſtat⸗ tet jener Ritterſchaft, ihr ſogenanntes Recht dem wankenden Throne abzuzwingen, und ehe ſie fertig ſind daheim, ſind auch wir fertig zu ih⸗ rem Empfange, ſollte es ihnen jemals wieder nach dieſen Landſtrichen geluͤſten. Warum nun, was doch geſchehen muß, nicht gleich thun, da es noch erſprießlich iſt und an der Zeit; gleich jetzt, ehe das Miß⸗ trauen ſich befeſtigend, den Sauromaten auf⸗ fordert zu ſchneller That, das Mißtrauen, wel⸗ ches ſchon halb erwacht iſt in ihm, wie ich be⸗ zeugen kann und alle die Unſern, die ſich in — 185— der Naͤhe des umſtrickten, doch nicht gefeſſelten Loͤwen befinden?!— Hier ſchwieg der Veſtiarius, und Eudora, bereit, in die Abſicht ihres Bundesgenoſſen und Vormundes einzugehen, ſetzte hinzu: Der edle Leontios Angelos hat ein wahres Wort geſpro⸗ chen, und ich muß ihm beipflichten. Es iſt ein gefaͤhrliches Amt, das Ihr mir aufgetragen, erlauchteſter Fuͤrſt, oftmals ſtraͤubte ſich des Löwen Mähne unter der liebkoſenden Hand, beſonders in der letzten Zeit, ſeitdem er vergeb⸗ lich Nachricht erwartete von den fern lagernden Scharen; auch auf mich ſogar fiel mitunter ſein Blick finſter und drohend, die bleiche Furcht verſcheuchte die Liebegötter, und nur zitternd wagte ich ihm zu nahen, denn wehe mir, wenn er die Wahrheit ahnt; ſelbſt das roſenfarbene Blut des Weibes, ſelbſt die Geſtalt, an der ſein Auge, ſo oft vergotternd, gehangen, er wuͤrde ihrer nicht ſchonen in der entzugelten Wuth des Barbaren.— Und um wie viel weniger unſerer! ſagte der Metropolit mit dem Ausdrucke des tief⸗ ſten Entſetzens. — 186— Waͤhrend des Schweigens, das nun ein⸗ trat, wendeten ſich die Augen Aller, begierig, ſeinen Entſchluß zu erforſchen, auf Demetrius Jzaslaw, und dieſer ſprach nach einer Weile nicht öhne Verlegenheit und den Blick ſeines aͤlteſten Sohnes vermeidend: Der Abgeſandte des Cäſar Auguſtus hat der an ihn geſchehenen Forderung genuͤgt, ge⸗ wichtige Gruͤnde hat er aufgeſtellt fuͤr ein ge⸗ wichtig Wort. Der Himmel ſcheint nicht ſelten den Fuͤrſten die harte Nothwendigkeit auferlegt zu haben, zwiſchen menſchlicher Pflicht und den Obliegenheiten des Herrſchers zu waͤhlen. Mein Herz widerſtrebt ſolch grauſamer Wahl, ſo ſei ſie denn Euch anheimgeſtellt, meine Getreuen. Wahr iſt es, uns drohet Gefahr, darum ent⸗ ſcheidet Ihr, was dem Staate frommt und der Kirche.— Mieczyslaw ſchreckte heftig zuſammen, dann ſenkte er das Auge und ſtand regunglos, wie mit ſeinen Empfindungen beſchaͤftigt und mit irgend einem Entſchluß, die Anderen aber, nicht mehr im Zweifel uͤber die Geſinnung des Herrn, licßen ſich beifaͤllig vernehmen. Prinz Jaro⸗ pelk ſagte mit rohem Halblachen: Lange ge⸗ nug haben dieſer Boleslaw und ſeine Lechen an unſern Tafeln geſchwelgt und gekoſet mit un⸗ ſern Jungfrauen, es iſt nun Zeit, daß ſie die letzte Mahlzeit halten, an deren Schluß der Tod ſie umarmt. Jeder gute Ruſſe goͤnnt ih⸗ nen am liebſten dieß Henkersmahl; mein Herr und Vater hat geſprochen als ein wahrhafter Fuͤrſt, und gern pflichte ich dem bei, was er genehmigt, als treuer Unterthan und gehorſamer Sohn.— Alles zur Ehre Gottes und ſeiner uranfaͤng⸗ lichen Kirche!— ließ feierlich der Vorſteher der Geiſtlichkeit ſich vernehmen— Halte keine Ge⸗ meinſchaft mit dem Gottloſen, und thue Dich ab von dem Böſen. Das Schwert des Herrn treffe die ketzeriſchen Sauromaten und ihr ver⸗ dammliches Haupt!—— Wenn es das Schwert des Herrn nicht thut— ſprach der Feldoberſte— wird es das unſere verrichten, ſo naͤmlich der Großfuͤrſt es in ſeiner Gnade und Weisheit ſeinen Knechten gebietet.— Befiehlt— fragte der Rechtsmann, ſein Schreibzeug ruͤſtend— mein erhabener Herr, daß ſolches verzeichnet werde als foͤrmlicher — 158— Beſchluß, mit dem durchlauchtigſten Inſiegel verſehen?—— Durch eine ſtumme Geberde wies Jzaslaw die unpaſſende Anfrage zuruͤck und ſprach im Tone der Betruͤbniß— Was ich vernommen, bekuͤmmert mich tief, doch mag ich es nicht tadeln, denn was mich ſelbſt betrifft, unterliegt zur Zeit der Noth dem allgemeinen Beduͤrfniß. So iſt es alſo wahr, daß ich demſelben ihn opfern muß, mit. dem mich manches Band vereinigt, der Wafſenverbruͤderung, der Bluts⸗ freundſchaft, des täglichen Umgangs? Der Konig muß fallen, und das iſt Euer feſter Beſchluß?— Und Alle ſprachen: Er muß fallen, das iſt unſer feſter, einmuͤthiger Beſchluß, zum Heil des Landes und der Kirche. Da rief Mieczyslaw plotzlich: Nicht ein⸗ muͤthig iſt dieſer Beſchluß, denn ich wider⸗ ſpreche ihm, ich, der Princeps juventutis? im *Princeps juventutis, Fürſt der Jugend, ein Titel, welcher bei den alten roͤmiſchen Au⸗ guſten dem Cäſar oder auch dem muthmaßli⸗ chen Thronerben ertheilt ward. Auch ihre oſt⸗ ruſſiſchen Lande, der Vorſteher ſeiner Jugend, ein Ritter, ſage mich los von dieſem Frevel in meinem Namen und im Namen der kuͤnf⸗ tigen Geſchlechter. Nicht ich, nicht ſie ſollen Theil haben an dem Schimpf, der das Haus meiner Väter, ihrer Fuͤrſten, triſſt, das zur Mordhoͤhle geworden, nicht Theil daran, daß ein edles, konigliches Haupt durch gemeine Meuchlerhand fällt!—— Fuͤrſt Demetrius erhob das Auge mit Stolz und verſuchte, es auf den widerſpaͤnſtigen Sohn mit befehlendem Ausdruck zu richten, es ſenkte ſich jedoch unwillkührlich, und das Herrſcher⸗ wort erſtarb ihm im Munde. Der Metropolit aber erhob vaͤterlich warnend den Zeigefinger und ſprach: Mein Herr und Sohn, was Ihr da redet, erfuͤllt mich mit Kummer. Alſo hat Euch der Aufenthalt in Germanien und Ita⸗ lien umgeſtaltet, daß man in Euch kaum noch mehr den Ruſſen erkennt, geſchweige den roͤmiſchen Nachfolger verliehen ihn manchmal den Letztern, als die erſte Benennung außer Gebrauch gekommen war, und in dieſem Sinne wendet der varangiſche Erbprinz ihn auf ſich an. — 490— Fuͤrſtenſohn und griechiſchen Chriſten. Einen Ritter nennet Ihr Euch, mit abendlaͤndiſchem Wort, und Fuͤrſten der Jugend. Keine Rit⸗ ter gibt es hier, und nur einem Fuͤrſten ge⸗ horcht Alles, wie er der Kirche gehorcht. Edel heißt Euch das Haupt des gottverhaßten Ketzers, und Ihrwaͤhnt, ein dem Himmel gefälliges Opfer entweihe das Haus unſerer Fuͤrſten? Wahr⸗ lich, die Anſteckung hat Euch ergriffen, Euer Sinn hat ſich der thorigen Eitelkeit der La⸗ teiner zugewendet, der Glanz ihrer Ruͤſtungen, und ihr prahlendes Wort Euch bethoͤrt, und Eure Seele haben die verdammlichen Bande umſtrickt, mit denen der Antichriſt, oder ſein Bote oder Vorgänger wenigſtens, trachtete, den Sohn der rechtglaͤubigen Kirche zu fahen, die⸗ ſer Hildebrand, den Gott verdammen möge und der heilige Baſil.— Wenn ich es denn ſagen ſoll— entgegneke Mieczyslaw heftig— ja, anders bin ich zu⸗ ruͤckgekommen, als ich ging. Dieſer Papſt Gregor, ſo ſehr man ihn auch ſchilt, nicht hier allein, ſondern auch im Abendlande, iſt doch ein hoher Geiſt und kraͤftiger Mann. Sei auch unrecht oder zuviel, was er begehrt, er erſtrebt es nicht auf kleinliche Weiſe. Großar⸗ tig will er das Große erlangen, und ein wak⸗ kerer Kaͤmpfer fuͤr das, was er als Recht er⸗ kannt, iſt er nicht im Gluck allein, auch im Ungemach iſt er muthig und ſtandhaft. Viele der Geiſtlichen ſah ich die Gerechtſame der Kirche verfechten, ſie zu weit auszudehnen vielleicht, aber es waren Männer von feuriger Rede und nicht minder feuriger That. Was ſie wollen, wollen ihre Mitbruͤder auch hier, die Gewalt— aber— ſetzte er mit einem halb forſchenden, halb verachtenden Blicke auf den Metropoliten hinzu— ein anderer Weg iſt der ihre, ihr Gang iſt das Schleichen der Schlange, fuͤr treffliche Buͤrger wollen ſie gelz ten und getreue Unterthanen in ſcheinbarer De⸗ muth, und doch haben ſie kein Vaterland, doch, wenn es in Gefahr iſt, falten ſie muͤſſig die Hände, um ſie zu erheben in auswendig gelern⸗ tem Gebete, und ſteht der Feind vor den Tho⸗ ren, er kuͤmmert ſie weniger als irgend ein ſcholaſtiſches Dilemma— doch, hochwuͤrdiger Herr, da ſie zu feig ſind, den Thron zu er⸗ ſchuͤttern, trachten ſie, ihn zu untergraben.— Dieß gehoͤrt in Euren Bereich; weſſen Ihr — 6 ſonſt noch erwaͤhntet, deß ſeid Ihr unkundig. Ein friſcher, belebender Geiſt weht durch die Ritterſchaft des Abendlandes, ſie iſt das Er⸗ zeugniß einer dunkeln, jammervollen Zeit, gekom⸗ men, um eine beſſere zu verkuͤnden. Auch hier iſt die Zeit jammervoll und dunkel, doch erſcheint kein Vorbote des nahenden Tages, dumpfſinnig umlagern Knechte den Thron, den Finſterniß einhuͤllt, bis, von ihr beguͤnſtigt, ei⸗ ner die Fauſt erhebt, daß er den Herrſcher hin⸗ abſtoße. Die Sklaven liebe ich nicht, die mit ihren Ketten prahlen, und ſie heimlich abzuſtrei⸗ fen verſuchen, ich liebe die freien Dienerz denn wer ein Recht das ſeine nennt, trachtet weni⸗ ger, das des andern zu verletzen; dem ein Theil vergoͤnnt wird, beneidet und haſſet weniger den Beſſerbetheilten, als der völlig Eigenthumloſe den Beſitzer des Ganzen. Es gibt ein ſchoͤnes Wort, nur im Abendlande habe ich es nennen horen, es heißt Ehre. Bei uns iſt es unbe⸗ kannt, es gedeiht nicht neben Willkuͤhr und Knechtſchaft; möge es heruͤber toͤnen und ein⸗ heimiſch werden, und feigen Mord hinweg⸗ ſcheuchen und ſchnöden Verrath. Eines Sin⸗ nes ſollen wir ſeyn mit unſern Glaubensbruͤ⸗ 05 dern in Byzanz? Leider ſind wir es nur allzuſehr geweſen bisher, und daher folgten, wie im Purpurpalaſt, auch im Schloſſe zu Kijow Blutſchuld auf Blutſchuld, Aufruhr auf Auf⸗ ruhr, und wie dort, erſchlug oder vertrieb hier den Vater der Sohn, den Bruder der Bruder, der Verwandte den Verwandten. Es iſt Zeit, daß es anders werde, und jetzt. So Mord und Untreue befreundete Gaͤſte bleiben in den Paläͤſten ruſſiſcher Fuͤrſten, werden ſie da⸗ ſelbſt ihren Wohnplatz aufſchlagen fuͤr immer⸗ dar und dem Hausherrn lohnen nach ihrer Art, und fort und fort durch den Lauf der Zeiten wird die Herrſcher der Streich gemeiner Meuchler treſſen, wie man ihn heute einem rit⸗ terlichen Helden und König bereitet!— Fuͤrſt Jzaslaw hatte der langen und feuri⸗ gen Rede ſeines Sohnes im Anfang mit Be⸗ wegung und nicht ohne das Gefuͤhl ſeines Un⸗ rechts zugehoͤrt, wie aber dieß Gefuͤhl oft den Stolz gleichſam als Bundesgenoſſen herbeiruft, begann er allgemach zu ergrimmen, ein krank⸗ hafter Ueberreiz bemächtigte ſich des von Na⸗ tur unkraͤftigen, durch Ungluck, Gefangenſchaft und langwierigen Zwang noch mehr geſchwäch⸗ IV. Band. — 04— ten Gemuͤths, ſeine gewoͤhnlich blaſſe Wange uͤberzog ſich mit dunklem Purpur, halb vom Zorne, halb von der Scham geliehen, und bei den letzten, ihn hart anklagenden, Unheil ver⸗ kuͤndeten Worten, fiel er ein mit ſchneidender, wankender Stimme: Was hoͤre ich? Der Juͤngling wagt es, dem Vater tadelnd gegen⸗ uͤber zu treten, der Unterthan dem Herrn in ſeinem richterlichen Amt? Der Ruſſe ſchmähet, fremde Gebraͤuche lobend, ſeiner Heimat altes Herkommen, der Fuͤrſtenſohn verletzt, von Frei⸗ heit und eingebildeten oder angemaßten Rech⸗ ten ſprechend, die einzigen, die geheiligten Rechte der Fuͤrſten? Und fuͤr wen thut er das?— fuhr er fort, indem der lang verhal⸗ tene Haß gegen Boleslaw in zuckenden Flam⸗ men aus ſeinen Augen brach.— Fuͤr den Widerſacher ſeines Volkes, fuͤr ſeines Vaters todtlichſten Feind! Nicht genug, daß dieſer Lechenkonig mich herabwuͤrdigte im Angeſichte meines Volkes, auch in meinem Hauſe mußte mein Recht an ſich reißen und der Meinen Herz mir entfremden! Ha! bei den Gebeinen der Heiligen in den Katakomben zu Kijow, wie ich einſt zu ſeinen Fuͤßen lag auf dem — 5 Wawel zu Krakow, will ich ihn zu den mei⸗ nigen ſehen; wie er mein Herz ſpaltete mit den herben Worten der kaͤrglichen Großmuth des Stolzes, ſo werde ſein Herz, das uͤbermuͤthi⸗ ge, durchbohrt; wie ich einſt mit Goldſtuͤcken jeden Schritt bezahlen mußte, den der vermeinte Lehnsherr ſeinem unfreiwilligen Dienſtmann entgegen trat, ſo ſoll ſein Blut jeden Schritt des Pfades rothen, auf welchen er nun vor den geſchleppt wird, der jetzt ſein Herr iſt und Richter; wie ich Tag fur Tag zu ihm treten mußte in ſchnöder Unterwerfung, ſo will ich Tag fuͤr Tag auf ſein Grab treten, ſpottend des gefallenen Stolzes!— Schweig!— rief er, als Mieczyslaw zu antworten verſuchte— Schweig, bei meinem vaͤterlichen, und, wenn es ſeyn muß, bei meinem oberherrlichen Zor⸗ ne!— Etwas gefaßter und in feſterm Tone ſagte er darauf zu den Uebrigen: Beſchloſſen iſt, was geſchehen ſoll, nun bleibt noch das „wie“? zu erörtern.— Der Metropolit erwiederte zuerſt: Der Schlag treffe zugleich das Haupt und die Glie⸗ der, auf daß dieſe, ſelbſt Nebenhaͤupter des Dra⸗ chen, ſich nicht, gewarnt, aufbaͤumen mogen, 13* — 196— jenes aber, wenn es ihn empfaͤht, fruchtlos umherſchaue nach Hilfe.— Dieß erſte Haupt nehme ich auf mich— ſprach Jaropelk— und ich will es nicht verfehlen, wenn der Rauſch des Weines und der Liebe es betaͤubt. — Fuͤrchtet nichts, ſchone Eudora— ſagte er zu dieſer, als er ſie ein wenig erſchreckt ſah— den Eichſtamm, nicht aber die Roſe, die unter ihm bluht, trifft die Axt. Sorgſam wird ſie ge⸗ ſchont, um ſie in einen andern Garten zu ver⸗ ſetzen zu beſſerer Pflege.— Der zierſam ſchmachtende Blick, mit wel⸗ chem die Roſe, die, wie man weiß, nicht ohne Dornen war, dieſe feine Allegorie erwiederte, ſchien anzudeuten, als ſaͤhe ſie nicht ungern, wenn der Axtfüͤhrer auch zum Gaͤrtner wuͤrde, ſo ſehr ſeine Geſtalt auch den erſten Vergleich rechtfertigte. Auf dem Antlitze Theophraſtos, des nachſichtigen Vaters, mahlte ſich eine Zu⸗ friedenheit, die, wir wiſſen nicht, warum? als⸗ bald in den Zuͤgen des Byzantiners wieder⸗ ſtrahlte. Dieweil— hob mit moglichſt ſchlauer Miene der varangiſche Jurisconſultus an— dieweil ſolcher höchſt weiſen Maßregel die — 197— hoͤchſte und unwiderlegliche Willensmeinung unſers erhabenen Herrn billig zum alleinigen Rechtsgtunde dienet, iſt ſonſt nichts dabei zu beobachten, als nach geſchehener Sache ſie kalligraphiſch und orthographiſch zu verzeichnen, als Denkmal der großfurſtlichen Weisheit und Macht.—— Demetrius Jzaslaw verſetzte unmuthig: Es handelt ſich nicht darum, was nachher zu thun iſt, ſondern vorher, und waͤhrend der That. Sie gehoͤrt in meiner treuen Kriegs⸗ leute Bereich; ſprecht darum Jaroslaw Se⸗ meonowicz!—— Herr— entgegnete der Feldoberſte, den Bart ſtreichend— was Ihr befehlt, muß ge⸗ ſchehen, es ſei auch was und wie es wolle; dafuͤr ſind wir da, Eure Knechte und ſtreit⸗ bare Sklaven. Euer Herr Sohn will den König uͤber ſich nehmen, und ſolch wuͤrdig Vorrecht gebuͤhrt dem furſtlichen Blute. So gehe ich denn an dieſe lechiſchen Ritter und ihre Mannen mit meinem reiſigen Volke. Dazu kenne ich denn keine andere Weiſe, als wir nehmen Bogen und Pfeile, Spieß und Keule — 8 zur Hand und clge uns mit ihnen herum, bis Keiner mehr todt zu ſchlagen iſt.— Herr des Erbarmens, was faͤllt Euch bei, wackerer Hauptmann?— rief erſchreckt der Metropolit— Offen wollt Ihr dieſe Sauro⸗ maten angreifen? Bedenket Ihr nicht, daß ſie immer noch zahlreich genug ſind, und, mit al⸗ ler Achtung fuͤr das ruſſiſche Kriegsvolk, es mehrmals geſchlagen haben in uͤberlegener Zahl? Wie leicht waͤre es nicht möglich, daß Ihr unterläget, und welches wäre dann das Schickſal der frommen, altgläubigen Chriſten, welches erwartete beſonders die, welche ſie als Theilnehmer bei ſolchem Ereigniß beargwohn⸗ ten?—— Gleichgiltig erwiederte der Soldat: Wohl ſind es einige Hundert noch an Herren und Knechten, und man muß ihnen nachſagen, daß ſie nicht feig ſind, wenn es daran geht. Ob⸗ ſchon ich nun nicht meine, daß ſie fertig wer⸗ den mit mehren Tauſenden von uns, ſo mag es ſich leicht treffen, daß wir s ſo ſchnell nicht vollenden. Wahrſcheinlich iſt es ſogar, daß ein oder der andere Haufe ſich durch⸗ breche, und freilich durften ſie dann nicht ſaͤu⸗ — 199— berlich umgehen mit denen, auf die ſie irgend einen Haß haben oder Argwohn. Doch was thut das, muß ich nicht auch daran und meine Leute? Was der Sudar(Herr) will, muß ausgerichtet werden, und um zu ſprechen, wie der erlauchte Kniaziewicz(Fuͤrſtenſohn, Prinz), ſagt, wo Holz gehauen wird, da fallen Späne.— Allzugewaltſam und bedenklich iſt dieſe Weiſe— ließ der etwas erbleichte Jzas⸗ law ſich vernehmen— Bei einem Vorhaben zum Wohle meines Volkes ausgefuͤhrt, gebuͤhrt es ſich, das Blut deſſelben zu ſchonen.— Weiſe geſprochen, erhabener Protoſebaſt— ſprach mit gepreßter Stimme Leontios, deſſen Angeſicht eine ſolche Laͤnge gewonnen hatte, daß es bereits einem jener Spaͤne glich— Geſprochen mit der Weisheit eines Salomo. Gilt es, den Feind zu verderben, ſo iſt es uͤbel gethan, dem Ungefähr auch nur das Mindeſte anheimzuſtellen, ja ſogar die Gefahr auf die Haͤupter der Freunde zu locken. Darum ſei es mir als Abgeſandtem des verbuͤndeten Monarchen, als Einem, dem die Wohlfahrt des edlen Ruſ⸗ ſenvolkes nahe am ergebenen Herzen liegt, ge⸗ ſtattet, einen andern Vorſchlag zu thun.— 00— Sprechet denn, ergebener, ſtets tuitnili⸗ ger Rathgeber! gebot Demetrius. Höchſt loblich und von großem Scharf⸗ ſinne zeugend— hob der Grieche an— war der Vorſatz des ſehr edlen Protoſebaſtides, den Koͤnig zu treffen, von den Banden des Schlum⸗ mers umgarnt, oder im Rauſche der Liebe und Freude. Die Nothwendigkeit mag das Opfer eines verhaßten Lebens gebieten, gluͤcklich, wenn ſie nicht eines oder mehrer Theuern Gefahr er⸗ heiſcht.—— Mieczyslaw unterbrach ihn hier mit der Frage: Und iſt Euch, Herr Veſtiarius, wohl mehr als eins noch theuer? Das Eurige meine ich.— Sein Vater winkte ihm mit zornigem Blicke Stilſchweigen zu, Leontios aber fuhr fort: So falle denn auch auf dieſe ſauromati⸗ ſchen Paladine und ihre Heloten, wie aus heiterm Himmel der Blitzſtrahl, mitten im Getuͤmmel der Freude die kalte, ſchwere Hand des Todes, wenn ſie erhitzt ſind von Wölluſt und Wein, und ehe die erſchlaffte Hand die muͤſſig bei— Seite gelegte Waffe ergreift, falle ſie ohn⸗ mächtig nieder auf immerdar, ſich nie wieder verderblich zu erheben, und die Nacht des To⸗ des decke das vom Glanze des Feſtes geblendete Auge, welches ſo oft gierig ausſchaute nach den Schätzen dieſes geſegneten Kijow. Wie dem Koͤnige der hoͤchſtedle Protoſebaſt, ſo bereite auch die Einwohnerſchaft ſeiner Hauptſtadt den aufgedrungenen Gäſten zum Abſchiede ein Mahl.— Während ein prunkvolles Feſt die Fuͤhrer in einem der Paläſte vereinigt, haͤufe man in den Wirthöhaͤuſern und Schenken Al— les zuſammen, was des gemeinen, Kriegers rohe Begier zu reizen vermagz laͤngſt an Befriedig⸗ ung gewoͤhnt, wird ſie ſich noch zuletzt im Uebermaß genugthun, gleich wie das Kameel trinkend ſich ruͤſtet zu langer Entbehrung, und gefahrlos mogen dann die tapferen Scharen der Ruſſen die Gefahr vom Vaterlande abthun. Aber auf einmal geſchehe der Schlag, daß, wenn das Ohr erſchreckt aufhorcht, das Ge⸗ raͤuſch der Fittige des Wuͤrgengels der letzte Ton ſei, den es vernimmt, und Feden das Verderben erfaſſe, ehe er es von ſich abwehren kann und von den Andern, — 202— Wenn nun draußen der Tod ſeine Boten ſendet in die Häuſer und Huͤtten der Freude, trete er ploͤtzlich in den fuͤrſtlichen Prunkſaal; waͤhrend der Sturm die Aeſte der Eiche zer— ſplittert, falle der Stamm unter des erlauchten Sebaſtides Axt.—— Vergoͤnnet— rief der Metropolit — vergonnet, wuͤrdiger Sohn der uranfaͤngli⸗ chen Kirche, daß ich Euch danke in ihrem Na⸗ men fuͤr den ruͤhmlichen Eifer und den Scharf⸗ ſinn, den Ihr bezeigt, und empfanget den Se⸗ gen, den ich Euch ertheile in ihrem Namen. Moge er Euch fort und fort begleiten bis ſun Ziele Eurer Bahn.— Fuͤrſt Jzaslaw ſchaute im Kreiſe umher, und da er, ſeinen älteſten Sohn ausgenom⸗ men, den vollkommenſten Beifall auf allen Ge⸗ ſichtern las, ſprach er: Ein Entwurf, der den Feind des Vaterlandes vernichtet, die Buͤrger deſſelben ſicher ſtellend, muß die Genehmigung des Fuͤrſten erlangen, ob er auch ſonſt ſeinem Gefuͤhle widerſpricht. Es geſchehe denn, wie des Cäſar Nikephoros Botſchafter geſagt, und ob es dazu gleich einiger Vorbereitung bedarf, ſo werde ſie doch ſo viel als möglich beſchleu⸗ — 203— nigt, denn nicht nur die Klauen des Adlers haben mein Lehnöherr und ſeine lechiſchen Krie⸗ ger, ſondern auch ſein Auge und Ohr. Auf Morgen denn, gelehrter Jurij Aſafanaſjewicz — wendete er ſich zu dem Geheimſchteiber— bieteſt Du unſere treuen Buͤrger von Kijow auf, nach des wohlgebornen Dynaſtides An⸗ gabe die Schenkhäuſer vorrichten zu laſſen; Du, Jaroslaw Semeonowicz haͤltſt Deine Mannſchaft bereit; Du, Theophraſtos, wirſt es Dir gefallen laſſen, Deine werthen und oft einſprechenden Gäſte nochmals in Deinem Landhauſe zu bewirthen; Ihr aber, Eudora von Chios, gebrauchet noch einmal die Macht Eu⸗ rer Reize, den König fuͤr das zu verblenden, was eine von mir tief betrauerte Nothwendig⸗ keit ihm bereitet, und ihn zurückzuhalten in den gewohnten Banden, falls ihm der Gedanke kommen ſollte, uns ſeine. Gegenwart zu ent⸗ ziehen, ehe die Nacht zum zweiten Mal ihren Schleier uͤber die Erde breitet.— Etwas zögernd entgegnete Theophraſtos: Weil Ihr es denn ſo wollt, erhabener Herr, und es doch das letzte Mal iſt, ſo gehorcht Euer demuͤthiger Sklav. Geruhet indeß, zu be⸗ — 204— denken, wie ſchwer der Aufwand eines Ab⸗ ſchiedfeſtes dieſer Art einem geringen Manne fallen muß, der ſein Hab' und Gut—— Eine Geberde des Großfuͤrſten unterbrach den vorſichtigen Kaufmann und ſtellte ihn zu⸗ frieden, ihn bedeutend, wie dieſer Aufwand aus derſelben Quelle fließen werde, welche den fruͤhern beſtritten. Nur mit Zittern— ſagte die zart empfin⸗ dende Eudora— wage ich mich in die Naͤhe des furchtbaren todgeweihten Hauptes, doch ſoll man einer Tochter des Eilandes Chios, einem Sprößling heldenmuͤthiger Frauen, nicht nachſagen, ſie habe Begonnenes unvollendet ge⸗ laſſen. Jedoch, erhabener Herr, denke ich, ge⸗ vuͤhrt mir fuͤr die hohere Gefahr eine höhere Belohnung, wie auch ein Erſatz fuͤr den klein⸗ aſiſchen Thron, welcher nun verſinkt mit dem, der ihn mir verheißen.— Demetrius Jzaslaw laͤchelte nur, aber ſein Sohn Jaropelk ſprach troſtend und mit aller ihm moglichen Anmuth: Reizende Jungfrau, an Erſatz wird es Euch nicht fehlen, und wenn auch kein ketzeriſcher Koͤnig, iſt es doch der Sohn eines maͤchtigen Fuͤrſten, ein Glaubens⸗ verwandter, der ihn Euch bietet. Allzuſehr zieret Ihr die Burg von Kijow, als daß man Euch geſtatte, ſie ſobald zu verlaſſen.— Eu⸗ dorens Blick glitt uͤber den Prinzen dahin, als wolle ſie ſeine mißrathene Form mit Boles⸗ law's Heldengeſtalt vergleichen, und ſie ſchien nur maͤßig zufrieden mit dem gebotenen Erſatzz aber als ſie Leontios, des Strators, deutung⸗ vollen Wink wahrnahm, erheiterte ſich ihr lieb⸗ liches Angeſicht, ein ſuͤßes Laͤcheln ward dem Prinzen zu Theil, und ſich tief verneigend, ſprach ſie zu Jzaslaw: So ſei es denn drum, und ich thue, wie mein Herr mir geboten.— Noch einige Zeit ward berathſchlagt uͤber dieß Vorbild der ſpätern ſizilianiſchen Veſper, und Alles gehoͤrig erwogen; drauf ließ ſich der Fuͤrſt zu Kijow vernehmen: Wichtiges iſt hier verhandelt worden, und ſtreng muß es ge⸗ heim gehalten werden, darum druͤcke ich, Euer Herr, das Siegel der Verſchwiegenheit auf Eu⸗ ern Mund. Euer Gehorſam buͤrgt mir fur deſ⸗ ſen Bewahrung, Euer Vortheil und Euer Wunſch; nur Einer iſt unter uns, der den letz⸗ ten nicht mit uns theilte, aber er iſt mein Sohn, und nicht vergeſſen wird er, welche „ — 5 Pflicht ſolcher Name ihm auflegt, er wird nicht vergeſſen, was er der Wohlfahrt ſeiner Nation ſchuldig iſt als Fuͤrſt und als Ruſſe. Herr und Vater, entgegnete Mieczyslaw ernſt— bei meiner Ehre, die mir theuer iſt, ſeit ich des Wortes Bedeutung kennen gelernt, bei meiner Ehre gelobe ich Euch, nichts von dem werde ich thun, was dem von Euch Ge⸗ nannten widerſtreitet.— Der Metropolit meinte zwar, ein Schwur auf die heilige Schrift ware genugthuender als dieſe abendländiſche Betheuerung, zwar gab der Veſtiarius, dem Geiſtlichen beipflichtend, nebenbei zu verſtehen, noch ſicherer als das Verlangen ſolchen Schwures ſei es, bis zum Ausgang der Sache den erlauchten Protoſe⸗ baſtides in leidlichen Gewahrſam zu bringen, allein Demetrius Jzaslaw verwies Beide zur Ruhe, mit dem herriſchen Weſen, das nicht ſowohl ſeine Gemuͤthsart als das Bewußtſeyn ſeines Ranges ihm lieh. Herr Metropolit der Baſilika zu Kijow— ſagte er trocken— nicht ſo fremd, als mein furſtlicher Sohn es den Griechen und ſeinen Landesgenoſſen vorwirft, iſt mir der Ehre Be⸗ — griff. Mag den Niedriggeborenen nur des Ei⸗ des Förmlichkeit binden, mag, wie wir mehr als einmal geſehen, der Geiſtlichen Spruch ihn entbinden, dem Fuͤrſten iſt uͤberall, wo hoͤhere Pflicht nicht eintritt, die Ehre ein heiliges Ge⸗ ſetz. Ich vertraue des Kniaziewicz Gelöbnif, und das iſt, duͤnkt mich, genug.— Ihr aber — fuhr er fort— Herr Veſtiarius des byzan⸗ tiniſchen Purpurpalaſtes, trachtet danach, das Hausrecht anderer Paläſte genugſam zu ehren, daß Ihr Euch in demſelben nicht anmaßt, was keiner ihrer Herren ſelbſt Eurem Gebieter ge⸗ ſtatten wuͤrde, dem oſtrömiſchen Kaiſer.— Die Zeit verrinnt— beſchloß er, ſich ethebend, die Sitzung— noch einmal gehe ich zur fuͤrſtlichen Frohne beim Lehnsherrn, das letzte Mal, ſo Gott und der heilige Baſilius will. Ihr aber, Maͤnner, gehet an Eure Verricht⸗ ung.— Sie gehen zu löblichem Geſchaft— nahm der Metropolit das Wort— die Kirche aber ſcheuet das Blut. Darum gehe ich, in des Ge⸗ heimniſſes tiefſter Stille die Diener des Altars zu verſammeln, und waͤhrend die Kinder dieſer Welt ihr Schwert weten zu Gottes Ehre, flehen hundert Popen den Segen des Himmels herab auf das ihm wohlgefaͤllige Werk.— Mehr, als der Oberhirt der Kirche zu Ki⸗ jow ſeiner ehrwuͤrdigen Mitbruͤder genannt, flamm⸗ ten der Kerzen in den Zimmern des Königs von Po⸗ len, koſtliches Raͤucherwerk, aus vielen köſtlichen Urnen emporſteigend, vermaͤhlte ſeine ſuͤßen Daͤmpfe mit den Geruchen wuͤrziger Speiſen, die köſtlichſten Weine Griechenlands perlten in goldenen und ſilbernen Bechern, zahlreiche Grup⸗ ven von Taͤnzern und Taͤnzerinnen bewegten ſich regelmaͤßig und anmuthig nach dem Klange der Floͤten und Zithern, mehr der Theilnehmer an dem fröhlichen Abend hatten ſich eingeſtellt als in der letztvergangenen Zeit, man hatte nichts verſäumt, das vorletzte Feſt zu verherr⸗ lichen, damit das letzte nicht unterbliebe, denn der Koͤnig hatte ſeinen Entſchluß er— klart, Kijow am Morgen des darauf folgenden Tages zu verlaſſen. Er ſchien jedoch Willens, wie Lentios An⸗ gelos geſagt, durch einen ſummariſchen Genuß aller Vergnuͤgungen ſich zur“ folgenden Ent⸗ behrung vorbereiten zu wollen, durch gehaͤuften Sinnenkitzel zum rauhen Kriegerlebenz ſeinen — Leib ſchmuͤckte ein Purpurtalar, das leichte, funkelnde Diadem das Haupt, welches nun bald der ſchwere, eiſerne Helm druͤcken ſollte, die Hand bereitete ſich auf das Ge⸗ wicht des Szczerbiec vor, gewichtige, goldene Pokale ſchwingend, und das Auge, vor wel⸗ chem ſeine Unterthanen ſich zitternd zerſtreuen ſollten, verfolgte luͤſtern die Reigen der Mimen. Eben ſo wie der König zuletzt noch ſich dem Vergnugen uͤberlaſſend, der Gaſtfreiheit ſeiner Bewirther Gerechtigkeit widerfahren ließ, beſtrebten ſich dieſe, den Werth derſelben durch Anmuth und Ehrerbietung zu erhoͤhen. Einen Kranz von bluͤhenden Roſen im dunkeln Haare, angethan mit zierlich leichten Gewaͤndern, ſaß das Mäͤdchen von Chios ihm, wie immer, zur Seite, ganz Liebe, Hingebung und Freundlichkeit. Unabläſſig hatte ſie ihr Auge auf den erhabenen Geliebten gerichtet, ihm nur galt das ſuße Lächeln des Purpur⸗ mundes, aber auch ihm nur der Seufzer, der von Zeit zu Zeit die ſchöne Bruſt hob, die Wolke, welche die Alabaſterſtirn beſchattete, ja die Thraͤne ſogar, welche in dem ſtrahlen⸗ W. Band. 14 0 den Auge perlte, vom Gedanken an das nahe Scheiden ausgepreßt. Mit mehr Demuth und Aufmerkſamkeit als je, horchte und entgegnete Fuͤrſt Demetrius Jzaslaw den Worten, welche ſein Lehnsherr in ſeiner gewohnten Weiſe, halb ſcherzend, halb gebieteriſch an ihn richtete, mehr als je pries er das Heil, welches er ihm und dem Ruſſenlande gebracht, und wuͤnſchte mit eifriger Lebendigkeit, eine laͤngere Dauer derſel⸗ ben moͤge es erhalten. Prinz Jaropelk Dmytricz, gleichſam als fuͤhle er, daß die Natur ihm hoͤhere, ſeines Standes wuͤrdigere Gaben entziehend, alle Ei— genſchaften eines Knechtes gewährte, vertrat heut die Stelle eines ſolchen, als Mundſchenk hinter dem Koͤnige ſtehend, und ſo fleißig als dieſer ihn leerte, den goldenen Pokal wieder fuͤllend. Aber von Zeit zu Zeit laͤchelte er haͤmiſch bei dieſer Beſchaͤftigung, daran denkend vermuthlich, wie der, welchem ſeine Hand heute den Becher der Freude reichte, morgen um dieſelbe Stunde den bittern Kelch des To⸗ des aus ihr empfangen werde. Leontios Angelos, ausgezeichnet durch feine Rednergabe, machte dieſe heut vorzuͤglich gel⸗ — 211— tend, unerſchopflich war er im Streuen des Weihrauchs, von welchem der Sauromaten⸗ koͤnig, daran gewoͤhnt, bereits eine reichliche Gabe ſich behagen ließ; er ſprach von der nun wohl ausgeſetzten, doch gewiß nicht mehr fernen ſchoͤnen Zeit, da der Held des Abendlandes das Kreuz aufpflanzen werde in Anatolien, in dem befreieten Jeruſalem ſogar, da er, nachdem er ſeinen Thron wieder befeſtigt, den Sitz Malek⸗ ſchah's erſchuͤttern, ja ihn beſteigen werde, er pries ſein Gluͤck, der Ehre theilhaftig geworden zu ſeyn, dem nordiſchen Heros zu nahen, und Auguſtus und den ganzen Purpurpalaſt und das kaiſerliche Byzanz durch ſeine Schilderung auf das ſehnlich erwartete Anſchauen eines Mo⸗ narchen vorzubereiten, deſſen Name bereits dort auf allen Zungen ſchwebe, in jeglichem Ohre wiedertöne. So ſehr aber Boleslaw auch heut ſich den Freuden des Feſtes dahin gab, war er doch min⸗ der empfaͤnglich fuͤr die ſchimmernden Bilder, welche der Konſtantinopolitaner vor ihm auf⸗ ſtellte. Jzaslaw's Hoffen ſeines laͤngern Blei⸗ bens zu Kijow erwiederte er nur mit kurzem, zweideutigem Wort, mitunter war es, als trete 14* ein ernſterer Geiſt zwiſchen ihn und die Luſt, ſeine Miene ward nachdenklich, und ſein Blick, ſich mitunter abwendend von all dem Prunk und der Fröhlichkeit rings, ſchien, theils vor ſich hinſtarrend auf irgend einen nicht anweſenden Gegenſtand, theils einen oder den andern Gegenwaͤrtigen anſtarrend, ihn argwohniſch zu betrachten. Und jedes Mal, wenn er ſo that, wurden Eudorens Seufzer lauter, und häufi⸗ ger zerdruckte ſie eine Thräne, Jaropelk fuͤllte raſcher den Becher, und der Fuͤrſt zu Kijow ermunterte eifriger die Verſammlung, froͤhlich zu ſeyn. Dieſe war ſo zahlreich als ſie es jemals in den Tagen geweſen, da Boleslaw wirklich die Macht beſaß, deren Schattenſpiel ihn jetzt um⸗ gaukelte, zwar befand ſich, wie ſchon ſeit ge⸗ raumer Zeit, kein porniſcher Ritter beim konig⸗ lichen Mahle, aber dafuͤr mangelte es nicht an Einheimiſchen und an Griechen. Alles, was von den Letzten durch feine Sitte und Reich⸗ thum, von den Erſten ſich durch Rang auszeich⸗ nete, war zugegen, nur Mieczyslaw nicht, wel⸗ cher ſeinen Vater erſucht hatte, ihn mit der Theilnahme an dieſem Vorfeſt eines Opfers zu — 213— verſchonen, eine Verguͤnſtigung, die der Furſt ihm gewaͤhrte, ſeines Sohnes Sinnesart ſcheu⸗ end, und gern vermeidend, in ſeiner Gegen⸗ wart die niedrige Rolle des Heuchlers zu ſpie⸗ len. Aber wohl ſah man am unterſten Ende der Tafel jenen ruſſiſchen Hauptmann, ſchein⸗ bar mit thieriſchem Behagen dem Genuſſe der Speiſe fröhnend und des Getränks, aber doch zuweilen das bärtige Haupt erhebend und unter den verwachſenen Augenbrauen hervor den Kö⸗ nig anglotzend und dann umherſchauend in alle Ecken des Saales, gleich, als wolle er des Ortes Gelegenheit erkunden. Während in der weiten Halle vom Pris⸗ ma truͤgeriſcher Freude echellt, das Leben wogte in buntfarbigen Kreiſen, war es drau⸗ ßen eine ſtuͤrmiſche, finſtere Nacht, und der Re⸗ gen fiel plätſchernd auf das Pflaſter des Schloßhofes nieder. In einer offenen, an denſeiben ſtoßenden Halle, die zum Wachthauſe fuͤhrte, ging in ei⸗ nen Mantel gehullt, Ritter Woyciech Druzyniec auf und nieder. Ihn traf heut die Reihe des Dienſtes, denn Koönig Boleslaw, ob er gleich die angebornen Unterthanen neuen Freunden — 214— und Schmeichlern hintanſetzend, jenen nur ſel⸗ ten den Zutritt zu ſeinen Gemaͤchern, ſeltener noch zu ſeinen Feſten geſtattete, hielt es doch ſeiner Wuͤrde und Sicherheit angemeſſener, aus ihnen ſeine Leibwacht zu bilden. Dem jungen Edelmanne behagte der Ort, wo er ſich befand, wenig, unmuthig und ſehn⸗ ſuchtvoll hob er von Mal zu Mal die Augen empor nach den hell erleuchteten Fenſtern des Koͤnigs, und jedesmal huͤllte er ſich dichter in ſeinen Mantel und beſchleunigte den Schritt, wie in Unmuth, erregt durch die Vergleichung der Luſt, die oben herrſchte, und der behagli⸗ chen Waͤrme, von unzähligen Kerzen und Rauchpfannen ausgehend, mit der feuchten Kuͤhle und der langweiligen Stille des Hofes. Die letztere ward indeß bald durch das: Wer kommt? der Wachen am äußerſten Thor unterbrochen, welches eine tiefe und gebieteri⸗ ſche Stimme mit dem Feldgeſchrei„Sankt Adalbert und Polen“ beantwortete, und gleich darauf ſah Adalbert eine hohe Geſtalt uͤber den Schloßhof einherſchreiten, wie er, in einen Mantel gewickelt. — 215— Ah! Ihr ſeid es, hochgeborner Herr Kron⸗ ſchwerttrager— redete er den Erkannten an— Wie kommt es, daß man Euch hier ſieht zu ſo ungewöhnlicher Stunde? Kommet Ihr, um da hinauf zu gehen, wo ein polniſcher Ritter keinen Raum mehr hat vor den ruſſiſchen Bo⸗ jaren und griechiſchen Schranzen, oder geden⸗ ket Ihr den anmuthigen Aufenthalt zu theilen, der jetzt fuͤr unſer Einen gut genug iſt?— Ich komme, Euern Poſten nachzuſehen— erwiederte Nikolaus im Tone eines Feldoberſten — denn genaue Wachſamkeit iſt nothwendig kurz vor dem Abzuge, zumal aus einem Lande, wie dieſes. Auch den Koͤnig will ich ſprechen, der Befehle wegen zum morgenden Zuge, de⸗ ren ich noch keinen erhalten, und ihm wiſſent⸗ lich machen, wie, ſeines Gebots ungeachtet, kein Aufruf an die Ruſſen ergangen, den Lehns⸗ herrn nach Polen zu geleiten. Mich daͤucht, es ſei an der Zeit, hier ein Ende zu machen.— Das daͤucht mich jetzt auch— antwortete Adalbgg mit einem Seufzer— obſchon nicht ſo lange als Euch. Was meinen Poſten be⸗ trifft, werdet Ihr ihn in guter Ordnung fin⸗ den, aber zum König——? Die Zeit iſt — 216— voruͤber, wo er uns gern um ſich ſah, und ich furchte, ſie wird nicht wiederkehren, auch da⸗ heim nicht, denn ganz hat er ſich von uns ge⸗ wendet, und wenn der Troß, der ihn hier um⸗ gibt, ihn geleitet, werden wir draußen auf dem Hofe der Wawelsburg ſtehen, wie ich jetzt im Schloßhofe zu Kijow.—— Ich meine— ſagte Strzemieniec duͤſter— dieſer Furcht können wir uͤberhoben ſeyn, doch manches andern nicht.— Ihr glaubt demnach— entgegnete Druzy⸗ niec— daß es mit dem Aufſitzen der Ruſſen ſo ſeine eigene Bewandtniß habe, ich wuͤrde ſo⸗ gar meinen, mit dem unſern wäre es nicht ſo ganz gewiß, wenn unſere guͤtigen Wirthe es verhindern wollten. Das ſcheint jedoch nicht zu ſeyn, denn auf Morgen hat man das Ab⸗ ſchiedmahl angeſagt, ohne welche ihre Gaſt⸗ freiheit uns nicht entlaͤßt.— Sie werden uns entlaſſen muͤſſen ohnedem — verſetzte Nikolaus— denn der morgende Abend darf in Kijow keinen Polen mehr finz den.— Adalbert aber zuckte die Achſeln und ſprach: Das kommt auf die Zahl der Becher an, die —— der Koͤnig heut leeret, auf der Chiotin Seuf⸗ zer und Blicke, auf des Byzantiners Redſelig⸗ keit. Wollen dieſe, wir ſollen bleiben, ſo blei⸗ ben wir, morgen nicht nur, ſondern uͤbermor⸗ gen und ſo lange es ihnen gefaͤllt; gefaͤllt es ihnen, daß wir gehen, ſo werden wir ge⸗ hen.— Alſo auch Euch— fragte der Schwertträ⸗ ger etwas ſcharf— behagt es nicht mehr in Kijow, und anders denket Ihr jetzt uͤber das, was Ihr, wie leider viele Andere und der Ko⸗ nig ſelbſt, mit getäuſchten Augen betrach⸗ tetet?—— Anders, edler Herr Strzemieniec— war Adalbert's Antwort— anders erſcheinen die Dinge freilich in einem ſchoͤn hell erleuchte⸗ ten und Wohlgeruch duftenden Saale, in der Nähe eines maͤchtigen und gnaͤdig geſinnten Koͤnigs, als in dieſem dunkeln, vom Winde durchfahrenen, vom Regen naſſen Gewoͤlbe, welches Herr Boleslaw jetzt gut genug hält fuͤr ſeine alten Freunde und Diener, da ſelbſt die Wacht vor ſeinen Gemaͤchern den treuen und vielgeliebten Ruſſen anvertraut worden. Und da es doch wohl hier nicht anders werden — 218— wuͤrde mit ihm und mit uns, ſo kehrte ich lie⸗ ber nach der Heimat zuruͤck, mich herum zu ſchlagen mit den Knechten, als in Erwartung eines, vielleicht nur getraͤumten, morgenlaͤndi⸗ ſchen Zuges hier muͤſſig zu ſtehen und zu frieren. Auch iſt es wohl vorbei mit dieſem Zuge, denn wiewohl wir wackere Kriegs⸗ leute ſeyn moͤgen, ſo ſind wir doch wohl zu we⸗ nig, um dem Malekſchah den Garaus zu ma⸗ chen, ſelbſt mit Hilfe dieſer ruſſiſchen Horden und des Kaiſers von Carogrod baumwollenen Helden, falls es auch ihr Ernſt waͤre damit, woran ich zu zweifeln beginne. Darum freut mich des Herrn Entſchluß, zumal da es mir nicht mehr beſonders allhier gefaͤllt, wo bereits eine merkliche Abnahme an der alten Achtung und guten Bewirthung zu ſpuren.— Habt Ihr ſie wirklich geſpuͤrt?— fragte Nikolaus halb laͤchelnd— Fuͤrwahr ich auch, und meine, wir wollen nicht noch geringere Achtung und vielleicht eine noch ſchlechtere Be⸗ wirthung abwarten, die man uns leichtlich zu⸗ denken könnte.— Nur die morgende noch— ſagte leichtſin⸗ nig Druzyniec— nicht gern moͤchte ich mein Abſchiedfeſt in dieſem Behaͤltniſſe feiern, und lieber unſern werthen Gaſtfreunden noch ſo vielen Wein austrinken als ich kann, und mich an dem falſchen Laͤcheln ihrer gezwungenen Gaſtfreundlichkeit noch einmal von ganzer Seele ergötzen.— Achſelzuckend wendete ſich der Schwertträͤ⸗ ger von dem gedankenloſen Waffengefaͤhrten und trat in das Innere der Burg. Im Sinnen verloren, oder vielmehr von ei⸗ ner unbeſtimmten Unruhe ergriffen, hatte er bereits die gewundene, aber nach konſtantinopolitani⸗ ſcher Bauart, ziemlich breite Treppe, und den matt erleuchteten Hauptgang bis zu der Stelle zuruͤckgelegt, wo dieſen ein anderer, zu den Ge⸗ maͤchern des Königs fuͤhrend, durchkreuzte, da trat im Schatten eines aus vielen zuſammengekup⸗ pelten Saͤulen beſtehenden Pfeilers eine Geſtalt auf ihn zu, deren ſorgfältige Vermummung zwar ihre Umriſſe nicht erkennen ließ, aber doch die Haltung eines Kriegsmannes und eine gewiſſe Wuͤrde nicht gaͤnzlich entſtellte. Auf den ſchallenden Anruf des polniſchen Ritters erwiederte eine dumpfe, wie es ſchien, verſtellte Stimme in lateiniſcher Sprache das gebräͤuchliche: Freund!— — 220— Ein wenig zu allgemein iſt dieſe Benenn⸗ ung— bemerkte Nikolaus— als daß ich den, welchen ich zur Nachtzeit ſo geheimnißvoll bei den Gemaͤchern meines Herrn herumſchleichend finde, nicht auffordern ſollte, ſich naͤher kund zu geben.— Nun denn, ein Ehrenmann! tonte es zuruͤck. Der Schwerttraͤger laͤchelte bitter und ſprach: Ihr thut wohl, guter Freund und Eh⸗ renmann, Euch alsbald als einen ſolchen zu nennen, deſſen Daſeyn in beiderlei Hinſicht be⸗ zweifelt werden mag in dieſem Palaſte.— Ihr moͤgt leider ſo Unrecht nicht haben— ſprach der Andere— doch daß ich es bin, mag mein Begehr an Euch bezeugen. Ihr ſeid der Schwerttraͤger der polniſchen Krone, wenn mich mein Blick in dieſem Dämmerlichte nicht täuſcht, und Ihr wollet zum Koͤnig, Euerm Herrn?—— Strzemieniec verſetzte, die Hand an den Saͤbel gelegt: Den Ihr genannt, bin ich, und will zum Könige, meinem Herrn und dem Euern. Außerdem will ich noch, ſo Euch ge⸗ luͤſtete, mich abzuhalten, Euch darthun, daß ich das Schwert zu tragen gelernt.— Der Unbekannte blieb furchtlos ſtehen und ſagte nicht ohne Stolz: Zwar nenne ich Eu⸗ ern Herrn nicht den meinen, doch gedenke ich Euch keinesweges abzuhalten, Euch zu mahnen vielmehr, daß Ihr Euern Weg ſchleunigſt ver⸗ folgt, ja ſogar ihn Euch zu ebnen.— Zu ebnen?— fragte Nikolaus eben ſo ſtolz— Seit wann bedarf es ſolcher Hilfe fuͤr den zweiten Gebieter des polniſchen Heeres, durch einen verkappten Nachtwandler zumal? Laß ſehen, wer es iſt, der ſo uͤbermuͤthiges Wort ſpricht, und es wagt, ſich unabhängig vom Oberlehnsherrn zu nennen?— Und damit ſtreckte er die Hand aus, dem Vermummten die Huͤlle zu entreißen, aber die⸗ ſer faßte ſeinen Arm kräftig, doch nicht ge⸗ waltſam und ſprach feſt: Herr Nikolaus Strzemieniec, nicht nur ein tapferer, auch ein weiſer Ritter werdet Ihr genannt, und ich ehre Euch als ſolchen; wollet denn auch Ihr Man⸗ chem nachahmen, der nur nach den Worten urtheilend, den Feind nicht vom Freunde zu unterſcheiden vermag?—— Dieß Wort wenigſtens iſt ein wahres— ſagte der Pole zuruͤcktretend— und ſeinetwe⸗ — 0— gen will ich Euch fuͤr einen Freund halten, obſchon Ihr nicht einmal mein Bekannter ſeyn wollet. Gehabet Euch denn wohl.— Da ſprach der Fremde raſch: Mit nichten, vorerſt vergönnt mir ein kurzes Gehor. Der Koͤnig gedenkt morgen von Kijow zu zie⸗ hen?— Der Kronſchwerttraͤger iſt nicht gewohnt, auf jegliche Frage zu antworten, mein unbe⸗ kannter Herr Freund! war Jenes nachdruͤck⸗ licher Beſcheid. Der Verhuͤllte entgegnete: Auch gut, ſo hoͤret, wenn Ihr nicht antworten wollt. Viel⸗ leicht werdet Ihr den König veraͤnderten Sin⸗ nes finden, vielleicht auch nicht. Sollte jedoch das Erſte der Fall ſeyn, ſo beſchworet ihn, daß er bei ſeinem Entſchluß verharre— Der Rath iſt gut, doch warum gebt Ihr ihn? Was liegt Euch, der Ihr doch ein Ein⸗ heimiſcher ſcheinet, beſonders an ſeiner Befolg⸗ ung?— Auch ich— ſagte der Andere mit Wuͤrde— auch ich bin nicht gewohnt, Beſcheid zu geben auf jegliche Frage.— Seine Entfernung thut noth, um ſeines Reiches, um ſein ſelbſt willen, — um unſerer— ſich unterbrechend fuhr er fort. — Beſchwöret ihn, der Ihr ein Pole ſeid, um der Gefahr willen, die ſeinem Throne droht und ſeinem Leben— vielleicht durch aufruͤhre⸗ riſche Knechte.— Der Grund iſt triftig, leicht moͤglich in zwiefacher Bedeutung. Ich danke Euch, Herr, denn ein Knecht ſeyd Ihr in keiner von ihnen, und ich werde thun, wie Ihr geſagt.——— Noch Eins— hielt der Fremde den ſich Ab⸗ wendenden auf. Ihr wiſſet, daß Ruſſen die Wacht vor den Sälen des Koͤnigs verrich⸗ ten?—— Ich weiß es leider, ſprach Nikolaus un⸗ muthig. Sie werden Euch den Einlaß verweigern, Herr Ritter! Iſt es wieder dahin gekommen?— rief der Kronſchwertträger zornig— Selbſt nicht in ſo hochwichtiger und bedenklicher Zeit darf Herrn Boleslaw ein getreuer Diener und Lan⸗ desgenoſſe ſich nahen, nur griechiſche Wichte und verrätheriſche Ruſſen? Alſo hat der glatt⸗ zuͤngige Jzaslaw wiederum den Bethoͤrten um⸗ ſtrickt!— — 224— Der Unbekannte entgegnete mit einiger Heftigkeit: Sprechet in anderer Weiſe, Herr Ritter, von dem Großfuͤrſten zu Kijow, in deſſen Burg Ihr Euch befindet; nicht ihm meſ⸗ ſet bei, was des Polenkönigs eigner Befehl iſt, längſt ſchon ertheilt, wie Euch bekannt, zwar zuruͤckgenommen ſeit wenigen Tagen, doch am heutigen Abend erneuert.— Und auf dieſes geprieſenen Großfuͤrſten von Kijow Betrieb, oder jenes zweideutigen Kon⸗ ſtantinopolitaners!— entgegnete Strzemieniec eben ſo heftig. Ich haſſe und verachte den Letzten wie Ihr, und kenne ihn beſſer— ließ ſich der Warner ver⸗ nehmen— ich will nicht, daß ihm ein Vor⸗ haben gelinge, Euerm Paterlande verderblich und dem meinen. Darum nehmet dieſes Zei⸗ chen; ſo Ihr es dem Kriegsmann zuſtellt, wel⸗ cher Wacht haͤlt an der Thuͤre des Ganges linker Hand, wird ſie ſich aufthun vor Euch.— Den einfachen Goldring ergreifend, ſprach der Kronſchwerttraͤger: So wahr ich ein Rit⸗ tersmann bin, mein ſonderbarer Warner, meine ich, der Sinn Eurer Worte iſt von ſchwererm — 225— Gewicht, als Ihr wollet, daß es ſcheine, und der ſie geſprochen, kein Geringer an Sinnes⸗ weiſe und Stand. Werde ich Euch wiederſe⸗ hen von Angeſicht zu Angeſicht, wie es wak⸗ kern Männern, gleich Euch und mir, zukommt, und wann?—— Aber ſchon war der Warner verſchwunden, und aus der Entfernung ſchallte es durch das Gewolbe: Bald, wenn es ſeyn muß, aber, Gott wolle es, erſt dereinſt in der Schlacht!— In der Vorhalle angelangt, fand Herr Ni⸗ kolaus Alles, wie es der Unbekannte berichtet hatte. Ehrerbietig, aber beſtimmt verweigerten die wachſtehenden Ruſſen ihm den Eingang, ſich mit des Koͤnigs ausdruͤcklichem Befehl ent⸗ ſchuldigend, und als er, den gereizten Stolz der Nothwendigkeit unterordnend, hinausſchritt in den Gang, welcher zu Seitengemaͤchern fuͤhrte, ward ihm die Pforte nach Einhaͤndig⸗ ung des Ringes alsbald geoffnet. Als er in den Saal trat, hatte ſich die Verſammlung bereits von den Tafeln erhoben, Boleslaw der Zweite ſtand abſeit, umringt von dem Großfuͤrſten, dem Prinzen Jaropelk, dem Veſtiarius und Eudoren. Obgleich ihr Geſpräch ein ſehr angelegentliches ſchien, bemerkte er doch IW. Band. 15 — 5 den Eintritt des polniſchen Ritters, kein Zei⸗ chen des Erſtaunens oder Unwillens, dieſen hier zu ſehen, war in ſeinem Antlitze zu leſen, und der huldvolle Wink, den er ihm gab, naͤ⸗ her zu treten, gewaͤhrte Nikolaus die Beruhig⸗ ung, die Ausſchließung ſeiner Landesgenoſſen vom fuͤrſtlichen Mahle ſei nicht die Folge ei⸗ nes neuen Befehls, ſondern eines Mißbrauchs des fruͤher gegebenen. Aber dieſer Mißbrauch ſelbſt deutete auf geheime Abſichten, und ver⸗ lieh den Worten des verhuͤllten Warners ein verſtärktes Gewicht. Ungeſäumt trat er demnach zu ſeinem Ge⸗ bieter, und begehrte in gebräuchlicher Art ſeine Befehle fuͤr den morgenden Tag. Seid uns willkommen, Freund Nikolaus Strzemieniec— verſetzte der Koͤnig in einem Tone guter Laune, welcher darthat, daß die Bemuͤhungen des Gaſtgebers, die Freuden des Feſtes, vornehmlich aber der Chiotin Liebeblick und die Pokale des Prinzen Jaropelk Dmitrjicz, die Nachdenklichkeit beinahe verbannt hatten, von welcher wir ihn beim Beginnen des Mahles befangen geſehen— Seid uns ein willkomme⸗ ner, obſchon ſeltener Gaſt. Wir ſehen— fuhr er, halb gegen die Andern gewendet, fort — dieſen wackern Ritter und wuͤrdigen Be⸗ amten unſerer Krone nur, wenn ihn ernſtes Geſchäft zu uns fuͤhrt, und auch dießmal bringt er uns ein ſolches. Meine Befehle verlangt Ihr auf morgen? Bei Sankt Adalbert, ich bin mit mir ſelbſt noch nicht einig daruͤber. Denket, als ich zum Schluſſe des Mahles den Trunk ausbringe zu Dank und Valet, geliebt es dieſem ehrenwerthen Fuͤrſten und lieben Vet⸗ ter nicht, mir Beſcheid zu thun auf denſelben. Meinet Ihr nicht, ſolches ſei eine Weigerung ganz beſonderer Art?—— Mein König— verſetzte Jzaslaw— nim⸗ mer wird der getreueſte Eurer Diener Euch ir⸗ gend etwas Anderes verweigern, als was ihm das allzuſchnelle Scheiden eines erhabenen Gaſtes, und ſeinen Landen den Verluſt Eures Schutzes anzeigt. Suͤß iſt der Saft der Reben, doch Bitterkeit miſcht ſich in den Abſchiedstrunk; zuͤrnet Ihr mir darum, wenn ich ihn ſo lang als möglich verzoͤgere?— Sehr wohl geredet, Herr von Kijow— entgegnete Boleslaw— und Eures halbbyzan⸗ tiniſchen Urſprunges wuͤrdig. Ich aber bin ein Krieger, kurz im Wort, wie in der That, lan⸗ ges Scheiden bringt langes Weh, und raſch — 228— den Abſchiedtrunk hinabgeſtuͤrzt, ſo bleibt viel⸗ leicht der bittere Tropfen am Boden.— Bei dieſer unabſichtlich bedeutenden Rede des Königs faͤrbte ſich des Ruſſenfuͤrſten Wange ein wenig, und nach einem ſchnellen, forſchen⸗ den Blick, auf jenen geworfen, ſuchte ſein Auge den Boden, Nikolaus aber ſagte, ihn im ſei⸗ nigen haltend, mit Nachdruck: Mein koͤniglicher Herr hat da ein Wort geſprochen, ſo weiſe als ritterlich, wie ich meine, denn in allzulang aufbewahrtem Trunke ſetzen ſich Hefen. Auch handelt es ſich hier vom Scheiden aus Kijow, nicht aber von ſeinem Fuͤrſten, der ja den Lehnsherrn geleiten wird in die Heimat, die den Gebieter ſehnſuͤchtig er⸗ wartet.— Leider— begann Eudora mit ſanftklagen⸗ der Stimme— leider geziemt das Schweigen dem ſchwächern Geſchlechte, wo Maͤnner, wo Koͤnige ſprechen; nur Bitten iſt unſer Recht, und ich wage, es geltend zu machen. Auch iſt es ein Geringes ja nur, um das ich bitte, ein kurzer Tag; wird er der Armen verweigert wer⸗ den, der einſt der Mund eines Helden zuſagte, ſie nimmer zu verlaſſen?— Reizende Nymphe der archipelagiſchen In⸗ ſeln— antwortete Boleslaw mit einem Ge⸗ miſch von Zaͤrtlichkeit und Laune— auch jetzt ſoll es nicht geſchehen, ſo Du ſelbſt nicht willſt. Freilich duͤrfen die Gelicbten der Könige nicht hoffen, daß ſolche ihnen den Scepter dahinge⸗ ben zur Spindel, und des Kriegsmannes Lieb, daß er fein daheim bleibe und die Trompete uͤberhore vor dem ſuͤßen Klange ihrer Stimme. So komme denn mit mir, auch auf der Wa⸗ welsburg iſt gut hauſen, und ein weicher Sitz wird Dir dort bereitet ſeyn, bis wir nach Ana⸗ tolien ziehen.— Nicht viel war darauf zu antworten, alſo erheiterte ſich kuͤnſtlich Eudorens kuͤnſtlich ver⸗ duͤſtertes Antlitz, ſie neigte ſich mit bezauber⸗ tem Lächeln zum Könige und fluͤſterte: O mein theurer Koͤnig und Herr, wo Ihr mich hinfuͤhret, wohnet mein Gluͤck, und meines Ge⸗ bieters Magd zu ſeyn, iſt mir theurer, als der Thron, den Ihr mir verheißen, deß ich aber nicht achte.— Da ließ Jaropelk, in welchem die Eiferſucht neu entſtandener Leidenſchaft die geringe Klug⸗ heit uͤberwaͤltigte, ſich vernehmen: Ich wuͤn⸗ ſche Euch Gluck zu ſolcher Entſagung, Jung⸗ frau Eudora, und daß Ihr den Stand einer Magd einer verſprochenen Krone vorziehet. So wird es Euch nicht befremdlich vorkommen, wenn Ihr das Schickſal erfahret, das Manche Eurer Glaubensgenoſſinnen im Polenlande be⸗ troffen, Fuͤrſtinnen ſogar, wie die Tochter Wo⸗ lodzimierz des Erſten zum Beiſpiel.—(Siehe Der Konig lächelte verächtlich und ſprach: Ihr habt keinen guten Begriff von unſerm Reiche, Jaropelk Jzaslawowiez, wir entbinden Euch demnach der Verpflichtung, uns dahin zu be⸗ gleiten. Sehet nach den Bechern, junger Herr, mehr Beſcheid wiſſet Ihr mit ihnen als mit Liebe und Krieg, wie mir däucht.— Jaropelk wollte antworten, aber ein gebietender Blick ſeines Vaters, und ein anderer bedeutender, den Leontios ihm zuſandte, verſchloſſen ihm den Mund. Die Chiotin ſagte darauf: Was ſo erha⸗ bener Frau geſchehn, mag auch das geringe Griechenmaͤdchen erdulden, und welches auch das Schickſal ſei, das mich betreffe, theile ich doch das meines königlichen Helden, ſo lange — 234— die Flamme des Lebens in ihm gluͤht, und harre treu bei ihm aus bis zum Tode, der freilich alle Bande zerreißt.— Die Betonung, welche Eudora auf dieſe Worte legte, machten ſie ſogar fuͤr den ruſſi⸗ ſchen Kniaziewicz verſtändlich, und ſein vom Unmuthe verzogenes Geſicht hellte ſich aber⸗ mals auf in einem hämiſchen Laͤcheln. Ihr ſehet, Fuͤrſt Jzaslaw— ſprach der Koͤnig frohmuͤthig zu dieſem— Liebe und Freundſchaft erleichtern mir das Scheiden aus Kijow und werden, mich begleitend, die kurze Zeit der Trennung noch mehr verkuͤrzen. Zwar laſſe ich Euch, Herr, zuruͤck, denn billig finde ich es, daß Ihr daheim gegen Bruder und. Vettern Euer Erbe vertheidigt und unſer Lehn, aber ein köſtliches Pfand Eurer Freundſchaft nehme ich mit mir, Mieczyslaw, Euern Sohn; ein koſtliches Pfand ſage ich, denn Euer Erb⸗ ſohn iſt, obſchon noch jung an Jahren, ein hoffnungvolles Fuͤrſtenkind und verſpricht, ein ruͤchtiger Ritter zu werden. Auch hoffe ich, der Sohn wird mir ver⸗ gelten, was ich an dem Vater gethan. Doch, wo iſt unſer kuͤnftiger Wafſengefährte, uns — 232— däucht, er hat ſich den ganzen Abend nicht ge⸗ zeigt?— Herr und Koͤnig— beſchied ihn Izaslaw — Dienſtpflicht geht vor der Luſt. Seit Euer Befehl an mich gelangte, meine Scharen zum Aufbruch zu entbieten, nimmt er, meine Stelle vertretend, des Amtes wahr, deß Eure Huld ihn gewuͤrdigt.— Wir duͤrfen uns denn des Geleites Eurer Ruſſen erfreuen, Herr Fuͤrſt von Kijow— nahm der Kronſchwerttraͤger das Wort— wie kommt es wohl, daß an Keinen von ih⸗ nen, ſo viel mir bewußt, das Aufgebot ergan⸗ gen, von welchem Ihr redet?— Mit großem Mißfallen hatte der Fuͤrſt Nikolaus Eintritt bemerkt, ungern antwortete er ihm, doch mußte es geſchehen und er that es ohne merkliche Verlegenheit: Glaubet Ihr, werther Herr Ritter— fragte er— es ſei der Wuͤrde eines Koͤnigs der Polen geziemend und der meinen, daß ich ihn ziehen ließe mit geringer Begleitung? An der Spitze eines Heeres muß der Herrſcher ſich zeigen an den Grenzen ſeines aufruͤhreriſchen Reiches, damit der Schrecken vor ihm hergehe und der Sieg ihn begleite. Da es nun— fuhr er mit ei⸗ niger Bitterkeit fort— da es nun Euern Lan⸗ desgenoſſen gefallen hat, ſich von den Fahnen ihres Herrn zu entfernen, ſo thut es noth, daß andere in die Reihen treten, die ſie verlaſ⸗ ſen. Meine Boten ſind ausgeſendet nah und fern, die Scharen der Krieger zu ſammeln, die morgende Nacht findet ſie hier, und ſo lange bedurfte es des Aufgebotes nicht, denn auch die Ruſſen ſind in jedem Augenblicke des Be⸗ fehls ihres Fuͤrſten gewaͤrtig, ihm weder zuvor⸗ kommend, noch ihn verſaͤumend, abſonderlich — hier ging ſein etwas ſcharfer Ton in den gezwungener, zweideutiger Hoflichkeit uͤber— ſeitdem ihr Beiſammenſeyn mit den polniſchen Scharen, die Euerm Gebote gehorchen, ihnen ein Beiſpiel ſtrenger Kriegszucht gegeben.— So iſt es, durchlauchtigſter Herr, und die aufgehende Sonne des üͤbermorgenden Ta⸗ ges beleuchtet Euern Siegeszug in die Heimat. Moöchte doch bald eine andere Sonne Eurer Wiederkehr leuchten und dem heiligen Zuge gegen den Halbmond.— Rikolaus Strzemieniec, der des Königs Unſchluſſigkeit ſah und feſt entſchloſſen war, — 234— der ruſſiſchen Heerhaufen durfe des Koͤnigs Abzug um ſo weniger hindern, als beide Abtheilungen ſich nach wenigen Tagen auf einem beſtimm⸗ ten Sammelplatz vereinigen konnten, aber Bo⸗ leslaw unterbrach ihn unwillig: Der Fuͤrſt von Kijow hat Recht, nicht eig⸗ net es ſich fuͤr den Koͤnig von Polen, daß er, gleich einem Abenteurer, an der Spitze we⸗ niger Reiter aus der Stadt ziehe, in welche er mit einem ſtattlichen Heere gekommen, und uͤbel wuͤrde es laſſen, wenn, damals geleitet von Herrn Jzaslaw's Scharen, er jetzt ſolcher Begleitung entbehrte.— Da Strzemieniec fortfuhr, in ihn zu drin⸗ gen, fiel er mit ſteigendem Zorn ein: Und wer tragt die Schuld, daß meine Fahnen fremden Geleites beduͤrfen, als Eures Gleichen, Herr Schwertträger der Krone, Eure adeligen Bruͤ⸗ der, die Ritter? Waͤren ſie treu verharrt in ihrer Pflicht, ſo beduͤrfte ich wahrlich keines anderen Heeres; ſo aber ſoll die Treue derer, welche ſie beargwohnten, die ihre beſchaͤmen, und obſchon ſie hinweggewichen von mir, will ich mit Heeresmacht erſcheinen, nicht nur den nicht abzuſtehen, meinte, ſolche verſpätete Ankunft ——— toll gewordenen Knechten furchtbar, ſondern auch dem von Duͤnkel angefochtenen Adel.— Mein königlicher Wille iſt es, und er ſoll beſtehen, bei den Gebeinen meines Ahnherrn Piaſt!— So begehen wir— ſetzte er milder gegen den Fuͤrſten von Kijow hinzu— denn erſt mor⸗ gen das Feſt kurzer Trennung, des baldigen Wiederſehens Vorfeier.— Mit gewaͤhlten Worten dankte Fuͤrſt Jzas⸗ law ſeinem Lehnöherrn fuͤr die Gewährung ſei⸗ ner Bitte, dann wendete er ſich zu Nikolaus und ſprach zu ihm, den Triumph der erreichten Abſichten unter freundſchaftlicher Waͤrme ver⸗ bergend: Ich muß Euern Eifer loben, hoch⸗ edler Herr Schwerttrager der Krone, denn welcher Fuͤrſt erfreute ſich nicht der Treue des Unterthanen, die die beßte Leibwacht der Herr⸗ ſcher genannt werden mag, beſonders der ge⸗ achteten und vornehmen Haͤupter, die der Menge mit ruͤhmlichem Beiſpiel vorangehen. Auch ſei es fern von mir, Euch zu tadeln, wenn mehrfache Sehnſucht Euch heimwaͤrts zieht, als Pole, deſſen Vaterland bedraͤngt iſt, als Erbe gefaͤhrdeten großen Beſitzthums, als Sohn eines bedraͤngten Greiſes, als Gatte 26 einer ſittigen und ſchoͤnen Hausfrau, als Va⸗ ter vielleicht. Doch verarget auch mir nicht, daß es mich erfreut, Euch, mit dem ich mich in der Geſinnung fuͤr den erhabenen Boleslaw vereine, den Preis abgelaufen zu haben fuͤr einen Tag, der mir die Freude gewaͤhrt, den könig⸗ lichen Gaſt koniglich zu entlaſſen, und meinen Unterthanen, noch einmal ihren Beſchuͤtzern und Rettern allen Dank und guten Willen zu be⸗ zeigen.— Schwer war es, dieſe hoͤfliche Anſprache unhöflich zu erwiedern, auch nahm ſie Niko⸗ laus ohne große Antwort dahinz wußte er doch, alle Bemuͤhung ſei vergeblich, den Herrn für den Augenblick, da er ſeinen Herrſcherwillen erklärt, zu einer Aenderung deſſelben zu ver⸗ mogen, und hofſte, dieß nach beendigtem Feſt in einſamen Zwieſprach beſſer zu koͤnnen. Noch eine Zeit lang dauerte dieſes, dem ern⸗ ſtern Auftritt folgte die durch ihn verſcheuchte, wiederkehrende Freude, ganz ſchienen die Ge⸗ ladenen und der Hausherr ſich ihr zu uͤberlaſ⸗ ſen, ganz uͤberließ ſich ihr wirklich der König, nur ſein Schwerttraͤger blieb auf der Hut, er mied das Geſpräͤch mit dem ſich unablaͤſſig an ihn draͤngenden Konſtantinopolitaner und wies die Becher zuruͤck, welche Fuͤrſt Jzaslaw's griechiſche Knaben ihm Mal fuͤr Mal reich⸗ ten. Doch auch der Fittig der Freude erlahmt endlich, wie vielmehr, wenn er nur erborgt iſt, wie es hier bei einem Theile der Hauptperſo⸗ nen der Fall warz nach und nach verklang das Geraͤuſch, die Gaͤſte verloren ſich, und bald befand ſich Nikolaus allein mit dem Könige und der chiotiſchen Schoͤnen. In maleriſcher Stellung hatte dieſe ſich auf einen der leeren Polſterſitze geworfen, ſchein⸗ bar nicht Acht habend auf den polniſchen Rit— ter und vertieft in die Bilder, die eine Verän⸗ derung ihres Schickſals und der Zug in ein unbekanntes Barbarenreich der Griechin wohl darbieten konnten; Boleslaw aber wandelte mit großen Schritten auf und nieder im Saale, halb unzufriedene, halb verlegene Blicke auf Nikolaus werfend, gleich Einem, der Uner⸗ wuͤnſchtes erwartet, und wenn er auch könnte, ſich ſcheut, es gewaltſam von ſich zu weiſen, und nicht geneigt iſt, es auffordernd zu beſchleu⸗ nigen. Mit einer Art von zuͤrnendem Mitleid ſah der Schwerttraͤger auf den königlichen Helden, der einſt gerade, feſt und ſtolz unter ſeinen Edlen ſtand, wie der Eichbaum unter niedri⸗ germ Geholz, die dunkle, zuͤrnend rauſchende Krone weit uͤber ſie erhebend, und jetzt vor dem Einen befangen ſchien und gedruͤckt von Selbſtanklage, oder wenigſtens vom Mangel vollig reinen Bewußtſeyns. Vergeblich harrte er auf die Entfernung der uͤberläſtigen, ihm hochverdächtigen Zeugin, vergeblich auf des Ko⸗ nigs Anrede, uud da weder die eine noch die andere erfolgte, trat er zum Letzten und brach das Stillſchweigen, der Erſten wegen, in ſar⸗ matiſcher Mundart. Er redete mit aller Waͤrme und Zuverſicht, die die Liebe zum Vaterland ihm gewaͤhrte, die ſein Rang ihm geſtattete, und die Kriegs⸗ zuge, in denen er an Boleslaw's Seite gefoch⸗ ten, und die alte wechſelſeitige, beinahe an Freundſchaft grenzende Zuneigung. Der Ko⸗ nig aber nahm ſeine Rede ſehr kuͤhl auf, er ſchalt es in abgeriſſenen, ſpottenden Worten Grille, eines Tages wegen ſo ſeltſames Be⸗ denken zu tragen, und als jener fort und fort 23 in ihn drang, deutete er ihm mit trockener Kuͤrze an, wenn er gleich den Uebrigen das Vertrauen zu ſeinem Herrn verloren habe, und dem pflichtſchuldigen Gehorſam entſagt, ſo moͤge er immerhin thun, wie ſie und vorangehen. An Feldoberſten fehle es ihm nicht, der Kniaziewicz Mieczyslaw ſei ein Kriegsmann trotz Einem, den Szezerbiec koͤnne er ſelbſt tragen, wie er ihn zu fuͤhren vermoͤge, und daß es dem ſo ſei, gedenke er bei ſeiner Heimkehr den Ab⸗ truͤnnigen vom Volke und von der Ritterſchaft zu beweiſen. Da ſah der Tiefgekraͤnkte, es ſei Noth, dringender zu Werke zu ſchreiten; mit raſchem, kraͤftigem Worte that er Manches Erwähnung, was dem nuͤchternen, ernſtgeſinnten Diener nicht entgangen war, waͤhrend Kerzenglanz und Weihrauchdampf es vor dem Auge des Gebie⸗ ters verhuͤllte, und doch blieb, was er ſagte, ohne Wirkung, denn es trat ein neuer Feind gegen ſie auf, die Eitelkeit des Monarchen, die ſich beleidigt fand durch des Ritters ange⸗ maßten ſchaͤrfern Blick. Jedem, auch dem bedenklichſten Umſtande, ſetzte er irgend einen mildernden Grund entgegen, und alle ſchien er — — 2 aus Eudorens Augen zu ſchoͤpfen, an der das ſeine, waͤhrend er ſprach, unverwandt hing⸗ Strzemieniec ergriff das letzte Mittel, und wie⸗ wohl er ſich von ihm den geringſten Erfolg verſprach, ſo that es ſich doch als das wirk⸗ ſamſte kund. Als er des unbekannten Warners erwaͤhnte, ward die Neugier des Koͤnigs rege, die Weiſe, wie jener ſeine Worte ausgeſprochen, zog an⸗ fänglich ſeine Aufmerkſamkeit an, ſodann ihr bedenklicher Inhalt ſelbſt, die Andeutungen des Berichterſtatters ihm darthuend, jene Vermumm⸗ ung habe nicht Gemeines verborgen, lieh ih⸗ nen ein vermehrtes Gewicht, ſo daß Boleslaw der Zweite allmaͤhlig von der Neugier zur Aufmerkſamkeit uͤberging, und von ihr zu ern⸗ ſter Beſorgniß. Kaum aber begann dieſe, ſein Antlitz zu verfinſtern, als die reizende Eudora, welche ihrer ſcheinbaren Zerſtreuung ungeachtet, den koͤniglichen Galan nicht einen Augenblick aus den Augen verloren, die hier die Stelle des Gehoͤrs vertreten mußten, ſich mit anmu⸗ thiger Langſamkeit von ihrem Sitze erhob, und gemachſam durch den Saal der innern Thuͤre zuſchwebte. An derſelben blieb ſie ſtehen, und 241— wandte ſich mit einem Laute, zwiſchen tiefem Seufzer und melodiſchem Klageton mitten inne ſtehend, warf einen truͤben Blick, einen Blick der Sehnſucht und des ſanften Vorwurfs auf Boleslaw, und verſchwand⸗ Sie nahm des Koͤnigs Aufmerkſamkeit mit ſich, ſein Blick haftete an der Pforte, durch welche das Maͤdchen von Chios gegangen, nur ein halbes Ohr goͤnnte er der eifrigen Rede des Ritters, Gleichgiltigkeit mahlte ſich in ſei⸗ nen Zuͤgen, und darauf ſogar Verdruß und Ungeduld ſo deutlich, daß Nikolaus zu ſeinem Mißfallen bemerken mußte, er habe ganz ver⸗ geblich geredet. Auch war er im Begriff, von ſeinem unnuͤtzen Beſtreben abſtehend, ſich zu ent⸗ fernen, ungern zwar, denn er konnte nicht zweifeln, der Zauber des unächten Torus werde Boleslaw den Zweiten fuͤr das Wahre und Wahrſcheinliche verblenden, und ihn zu dem ge⸗ fuͤrchteten Aufſchub bewegen, oder zu allem, was die zweideutige Zauberin wuͤnſchte, da vermehrte ſich plotzlich die Zahl der Anweſen⸗ den um einen Dritten⸗ Zu derſelben Thuͤre, durch veche Nikolaus auf ſo ſeltſame Weiſe eingelaſſen worden, trat IW. Band. 16 — eine Geſtalt in den Saal, welche, obſchon ihre Erſcheinung zu damaliger Zeit unter die gewohn⸗ lichen gehörte, dennoch in der Burg des nord⸗ oſilaͤndiſchen Herrſchers befremdlich ſeyn konnte, ſelbſt bei der Anweſenheit der ſarmatiſchen Gaͤſte. Der Eintretende ſchien darauf bedacht ge⸗ weſen zu ſeyn, dieß Fremdartige wenigſtens dem erſten Blicke eines unberufenen Schauers zu entziehen, denn der Mantel von ſilbergrauem Bärenfell, welcher von ſeinen Schultern herab⸗ ſiel, war der eines polniſchen Ritters. Das aber, was dieſer zur Haͤlfte verdeckte, und ſeine uͤbrige Tracht, glichen weder der Wafſenruͤſtung eines ſolchen, noch dem Lederharniſche ruſſiſcher Bojaren, noch der Konſtantinopolitaner leichtem Panzer, mehr durch Zierde ausgezeichnet, als durch Tauglichkeit zum Bedarf. Der Helm, deſſen geſchloſſenes Gitter ſein Antlitz verhuͤllte, war von Stahl, eingelegt mit goldenen und ſilbernen Blumen und Ranken, nicht der Adler- oder Geierfittich der Polen, auch nicht der bei ihnen übliche Roßſchweif wogte von ihm herab, wohl aber vier, hinten niederfallende, ſchwarze und weiße Straußfedern; 0) 3 * eine ganze Ruͤſtung mit Schulterblättern, Hals⸗ berge, Krebs, Bruſtharniſch und alle dem Zu⸗ behör, mit welchem die Ritterromane des ſchei⸗ denden achtzehnten Jahrhunderts ihre Leſer ſatt⸗ ſam bekannt gemacht, umſchloß ſeinen Leib, auch Arme und Beine waren nicht wie bei Je⸗ nen nur mit dem wollenen, oder ledernen Unter⸗ kleide bedeckt, welches der leichten Reiterei, ihrer hauptſaͤchlichen Waffengattung, genuͤgte, auch ſie waren gaͤnzlich in Eiſen gehuͤllt, und ſo glich er im Ganzen mehr den majeſtätiſch ſchwerfälligen Geſtalten, welche uns das Bild⸗ werk vergangener Zeit auf mächtigen Streit⸗ roſſen darſtellt, als dem leicht bewaffneten Pan⸗ zerreiter auf raſchem Pferde von maͤßiger Hoͤhe, wie uns das Sinnbild des lithauiſchen Wap⸗ penſchildes erſcheint. Alle dieſe Waffenſtuͤcke mit Zierathen aus⸗ gelegt, wie der Helm, waren unſtreitig das Er⸗ zeugniß vorzuglicher Schmiedekunſt, einer der geachtetſten damaliger Zeit, und konnten ſchwer⸗ lich von einem andern als einem mailändi⸗ ſchen oder bologneſiſchen Meiſter herſtammen, welche an Ruf ihren Zunftgenoſſen voranſtandenz ſie ließen demnach auf einen Aufenthalt ihres 16* — 244— Beſitzers in Welſchland ſchließen. Solche Ver⸗ muthung ward noch durch eine Roſe von ge⸗ ſchlagenem Golde beſtätigt, die an einer Kette von gleichem Metall uͤber den Bruſtharniſch herabhing, und dieſe buͤrgte uͤberdem fuͤr ſeinen hohen Rang, denn nur der durfte ſie tragen, welchem der Papſt ſie verehrt, von ſeiner ei⸗ genen Hand geweihet, eine Auszeichnung, die lediglich, wo nicht gekroͤnten, doch hohen Häup⸗ tern, wie noch heut zu Tage, gewaͤhrt ward. Ehrerbietig, aber ſchnell verbeugte ſich der Fremde vor dem Koͤnige, und eben ſo ſchnell ſprach er mit vom Helmgitter gedaͤmpfter Stimme zu Nikolaus: Wie? Ihr noch hier, Herr Schwerttrager der Krone, und muͤſſig ſtehet die Wacht im Schloßhofe, und das Heerhorn ertonet nicht im polniſchen Lager? So iſt denn meine Ahnung eingetroffen, und meine Warnung und Euer Bemuͤhen ſind fruchtlos geweſen?—— Wer ſeid Ihr?— fragte Strzemieniec, der bei des Gewappneten raſchem Eintritt, die Hand an den Säbel gelegt, vertheidigend vor Boleslaw getreten war— Wer ſeid Ihr, der ſolche Fragen thut, und zur Nachtzeit geruͤſtet — 245— und bewaffnet in die Gemaͤcher des Koͤnigs von Polen dringt?—— Der Andere antwortete: Dieß Zeichen wird Euch, ehrenwerther Herr, kund thun, zwar nicht wer ich bin, doch aber die Urſache meiner Erſcheinung.— Der Schwerttraͤger betrachtete das Darge⸗ reichte und erkannte den einfachen Goldring, welcher ihm den Eingang geoͤffnet; darauf ſprach er: Wie ich ſehe, iſt ein ziemlich glaͤnzender Schmetterling aus jener unſcheinbaren Puppe gekrochen, doch erkenne ich den Unbekannten wieder. Ihr ſtehet vor des Koͤnigs Gnaden, richtet alſo das Work, das ich leider nicht mit ſonderlicher Wirkung Euch nachgeſagt, an ihn ſelbſt.— Ihr ſehet ihn vor Euch, Herr— wendete er ſich an Boleslaw, deſſen fragenden Blick beantwortend— deſſen Mahnung Euch einen Augenblick lang der Beachtung werth duͤnkte; moͤge ſie, von ihm wiederholt, meinem Herrn und Koͤnige gewichtiger lauten als in dem Munde Nikolaus Strzemieniec's, Eures Dieners und langjährigen Kriegsgefaͤhrten.— Ihr habt ſeltſame Dinge zu dem Ritter geſpro⸗ chen— wendete ſich nach einer Pauſe der — 246— Koͤnig mit Anſtand zu dem Fremden— ſo ſeltſam, daß ich mich weigerte, an ſie zu glau⸗ ben. Wenn Ihr kommt, ſie zu beſtätigen, ſo erwaͤget vorerſt, was Ihr thut, denn das Wort der Luͤge mag leicht dem verderblich ſeyn, der es vor Koͤnige bringt.— O, waͤre es ein Wort der Luͤge!— ver⸗ ſetzte der Gewappnete in einiger Bewegung— Freuen wollte ich mich deß, obſchon ein ſolches niemals meine Lippen entweiht hat. Aber die Wahrheit iſt es, die ich zu dieſem edlen Ritter geredet, und ſie Euch zu wiederholen, bin ich gekommen, die ernſte Mahnung, daß Ihr, koͤ⸗ niglicher Herr, Kijow mit Euern Scharen ver⸗ laſſet, noch ehe der Tag ſich neigt, welchen das Morgenroth eben verkuͤndet.——— Die Wahrheit— ſagte Boleslaw ernſt— pflegt ſich offenen Angeſichts zu zeigen; ſchlagt denn Euer Viſir zuruͤck, damit ich ſehe, ob Euer Antlitz mir Buͤrge ſeyn mag fuͤr Eure Aufrichtigkeit, oder eine Warnungtafel, den Worten Eures Mundes zu mißtrauen.—— So glaubet Ihr denn wirklich noch— ſagte der unbekannte Rittersmann— daß je⸗ des Angeſicht ein treuer Spiegel deſſen ſei, was ſich auf dem Grunde der Seele befin⸗ det?—— Boleslaw ſchwieg eine Weile ſinnend, dann antwortete er: Was Ihr redet, mag nicht des Sinnes ermangeln, doch iſt das Git⸗ ter eines Helmes eine bedenkliche Huͤlle fuͤr ſol⸗ chen Spiegel treu oder unwahr. Es ziemt uns nicht zu geſtatten, daß man vermummt ſich uns nahe, darum oͤffnet Euer Viſir, ich gebiete es nochmals, ich, Euer Herr!— Ich bin nicht Euer Diener, Herr Koͤnig! verſetzte der Andere mit Nachdruck. Wer— rief ſtolz der Koͤnig— wer wagt es zu ſagen, daß er es nicht ſei von den Ufern des Bobrfluſſes bis zum Dniepr?—— Da antwortete der Fremde: In Euerm vaterlaͤndiſchen Reiche rufen es Tauſende, doch ſtimme ich nicht in den Ruf wahnwitziger, Gott verhaßter Empoͤrung, dafuͤr buͤrgt meine Bitte, daß Ihr eilet, den Aufruhr zu dämpfen. — Aber hier, Herr— fuhr er zögernd fort — hier ſagt es wohl niemand, aber Tauſende denken es, und Ihr werdet deß uͤberzeugt wer⸗ den, ſo Ihr meine Warnung verſchmaͤhet.— — 248— Abermals ſah der Koͤnig vor ſich hin, dann begann er wieder; Ihr gehoͤrt denn nach Eu⸗ ern Worten weder zu den Bewohnern meines Reiches, noch zu den, meiner Herrſchaft un⸗ terworfenen ruſſiſchen Volkern.— Doch iſt Euch die Ehrfurcht nicht fremd, welche auch im Abendlande die Sitte den geſalbten Haͤup⸗ tern gewährt. Sie koͤnnen Euch nicht fremd ſeyn, dieſe Sitte und dieſes Land, dafuͤr zeugt Eure Ruͤſtung, Eure Ausſprache lateiniſcher Mundart, und dieſe Roſe, die, wie Euer An⸗ ſtand, eine nicht gemeine Abkunft verkuͤndet. Ihr kommet mir vor wie ein edler Mann, laſſet ſehen, ob ich nicht irre, denn ein wacke⸗ rer Mann ſchaut auch dem Koͤnige unverzagt in's Auge.— Oder— ſetzte er, als Jener immer noch zoͤgerte, mit plötzlichem Mißtrauen und aufwallendem Zorne hinzu— Oder haͤtte ich mich wirklich geirrt, und dieſer ritterliche Harniſch birgt Einen, der unwuͤrdig iſt, ihn zu tragen, wenn nicht durch ſein Geſchlecht, doch durch niedrigen Sinn? Hat Euch viel⸗ leicht der fränkiſche Heinrich abgeſendet, dem nichts heilig iſt, weder menſchliches, noch gött⸗ liches Recht, abgeſendet, Zwietracht zu ſtiften zwiſchen dem Könige und dem Fuͤrſten zu Kijow, ſeinem Schwaͤhervater zu Gunſten, dem treubruͤchigen Wſzewolod? Gehet heraus mit der Sprache, denn wahrlich, beſſer waͤre es fur Euch, nicht geboren zu ſeyn, als daß Ihr den Argwohn Boleslaw's des Piaſten reiztet und ſeinen Zorn.— Der Gepanzerte verſtummte einen Augen⸗ blick, wie im Erſtaunen uͤber die unerwar⸗ tete Beſchuldigung, dann rief er mit hefti⸗ gem Unwillen: Ich haſſe dieſen Heinrich wie die Suͤnde, deren Sklav er iſt, und wahrlich, der Letzte wäre ich, den Groß— fuͤrſten von Rußland zu ſchädigen, um ſeines meineidigen Bruders willen. Nun wohl, ich bin nicht unbekannt in den Abendlaͤndern, ich kenne ihre Sitte und ſie iſt mir werth, und dieſe Ruͤſtung, die mir der Markgraf von Fer⸗ rara verehrt, er haͤtte ſie keinem Niedriggebor⸗ nen geboten. Werther aber noch iſt mir dieſe Roſe, die ich aus Gregor's VII. Hand em⸗ pfing, obgleich, als er mir ſie geſchenkt, er nicht mehr das Schwert Petri fuͤhrte neben den Schluͤſſeln- des Apoſtels. Nicht auf dem Stuhle deſſelben ſaß er, ein aͤrmliches La⸗ — 250— ger in einem Häuslein zu Urbino war es, auf dem ich, Abſchied nehmend, ihn fand, und ſeine gelahmte Hand reichte mir die geheiligte Gabe.— So habt Ihr— fragte der Koͤnig geruͤhrt — ſo habt Ihr denn Seine Heiligkeit geſehen in der Flucht, in die der kirchenſchaͤnderiſche Heinrich ihn gejagt? Ein Schweres iſt es fuͤr ein hohes Haupt, ſolche Erniedrigung zu tragen. Wie fandet Ihr den allerheiligſten Vater?— Ich fand ihn— berichtete Jener— wie ich frͤher im Lateran ihn geſehen. Das duͤrf⸗ tige Strohlager ward unter ihm zum Throne, und der Erniedrigte blieb das Haupt der rö⸗ miſch-katholiſchen Welt. Bis an ihre fernſten Grenzen uͤberſah ſie ſein ungetrubter Blick, er zählte und wog ihre Haͤupter, auch Eurer, Herr Koͤnig, hat er gedacht, und ſendet Euch ſeinen Segen durch mich und einige Worte.—— Wie lauten ſie?— fragte Boleslaw, den Blick forſchend auf das Helmgitter richtend, als konne er, es durchbohrend, die Beſtätigung — 251— irgend einer in ihm aufſteigenden Muthmaßung finden. Etwas zaudernd antwortete der Ritter: Der Polenkönig, ſprach Pabſt Gregor, iſt ein Fuͤrſt von hohen Gaben, und viel darf die Chriſtenheit von ihm erwarten, ſo der Som⸗ mer dem Fruͤhlinge gleicht. Doch ſtehet zu fuͤrchten, allzu heiß werde er ſeyn, ſo daß ſich Gewitter ſammeln mögen, die leichtlich die Aernte des Herbſtes vernichten. Seiner Vaͤ⸗ ter Erbtheil iſt Tapferkeit, ihm uͤberkommen, er huͤte ſich, daß ſie nicht zur Verwegenheit entarte, ein feſter Sinn iſt ihm gegeben, und ſein Begleiter, offenes Vertrauen; der Erſte aber erſtarre nicht zur Hartnaͤckigkeit, das Letzte wandle ſich, nach der Welt Lauf oftmals ge⸗ tuſcht, wenn es allzu unbegränzt iſt, nicht in das Gegentheil, den finſtern Argwohn, wel⸗ cher jenem nicht ſelten nachfolgt wie der Schat⸗ ten dem Licht. Viel iſt ihm gegeben, viel wird auch von ihm gefordert werden, und an eine gefaͤhrliche Stelle hat das Schickſal ihn geſetzt mit den genannten Begleitern, wel⸗ che, ſo lange er uͤber ſie herrſcht, ihm Diener und Freunde ſeyn werden, ſo er aber ſie — 252— uͤbermaͤchtig werden laͤßt, ſeine Herren und Verderber. Hoch ſteht er, er ſehe zu, daß er feſt ſtehe, denn einmal fallend, wird es tief ſeyn. Das Gluͤck des Menſchen iſt vergänglich, es hat mich hinabge⸗ ſtuͤrzt von großer Hoͤhe, meinen Feind Hein⸗ rich wird es hinabſtuͤrzen, wie mich, und wie es auch von Boleslaw ſich wenden kann, ſo trachte er danach, des Troſtes theilhaftig zu bleiben, der Jenen nicht erquicken kann in ſei⸗ nem nicht mehr fernen Elende, der mich aber aufrecht erhaͤlt, das Bewußtſeyn, geſtanden und gefallen zu ſeyn fuͤr das, was ich als Recht erkannt, und die Zuverſicht, mit der ich mein Leben und Thun dem Richter anheimſtelle, der uͤber mir und uͤber allen Königen der Erde iſt.— Es entſtand eine Pauſe, ehe der Koͤnig ant⸗ wortete, eine Pauſe des Kampfes zwiſchen der Erſchuͤtterung des getroffenen Bewußtſeyns und dem Ringen des beleidigten Stolzes nach ſchein— barer Ruhe, dann ſprach er: Ein gewichtiges Wort im Munde des Vaters der Chriſtenheit, aber ein ſehr kuͤhnes in dem Euren, mein un— bekannter Rittersmann; wer buͤrgt mir dafuͤr, ———— — 253— daß der kränkelnde Gregor es in denſelben gelegt und nicht eigene Verwegenheit oder ſonſtige, vielleicht bösliche Abſicht? Meine ritterliche Ehre, Herr Koͤnig, buͤrgt Euch dafuͤr! antwortete ſtark und ruhig der Fremde. Dieſes Wort hatte in der damaligen Zeit eine Bedeutung, welche auch Könige, die Er⸗ ſten unter der Ritterſchaft, achteten, auch war es ausgeſprochen in der Weiſe eines Mannes, der dieſe Bedeutung, ihre Wichtigkeit, die Gefahr und den Schimpf kannte, ſie zur Un⸗ gebuͤhr zu gebenz uͤberdem lag in ſeinem Tone etwas, das Boleslaw beſonders auffiel, und er ſagte, einen forſchenden Blick abermals auf den Fremden richtend: Wie kommt es, daß Ihr heut erſt Euch ſolchen Auftrags des Papſtes entledigt, hattet Ihr fruher, wie ich doch meine, keinen Anlaß dazu, noch Gelegenheit? Nach einigem Zoͤgern, welches von leichter Verwirrung herzuruͤhren ſchien, entgegnete der Geharniſchte: Hochwichtiges Wort ſpart man billig auf zum Augenblick der Noth, darum habe ich es Euch aufbehalten, wie auch meine Warnung. ½ — 254— Und iſt er alſo da, der Augenblick der Noth? fragte Boleslaw, ernſt werdend. Jener antwortete: Nur die Laͤnge eines Sommertages ſcheidet Euch von ihm, Herr Koͤnig. Den, das verhuͤllte Haupt Senkenden im⸗ mer aufmerkſam anblickend, ſagte dieſer: Ihr behauptet, es ſei ferne von Euch, den Herrn von Kijow zu ſchädigen, noch ihn mit mir zu entzweien, und doch beſchuldigt ihn ſchwer, was Ihr anzudeuten ſcheinet; vom erſten Diener des Friedens, ſagt Ihr, zu kommen, und doch iſt Eure Botſchaft keine Botſchaft des Friedens. Wiſſet Ihr auch, was es auf ſich hat, den Argwohn des Konigs von Polen aufzurufen gegen den Fuͤrſten der Ruſſen? Mit Wuͤrde erwiederte der Fremde: Kein Kundſchafter bin ich, Herr, und wenn ich ver⸗ trauend zu Euch kam, und Glauben begehrend, nicht an mich, ſondern an das, was dem Kö⸗ nige von Polen ſo wahrſcheinlich ſeyn koͤnnte, als es wahr iſt, ſo geſchah es nicht, ihm zu ſchmeicheln, noch mit glatter Zunge Zwietracht zu ſtiften, wo ſie ohnedem das Geſchehene ſatt⸗ ſam gepflegt. Noch weniger, Herr, bin ich zu Euch gekommen, daß ich den Großfurſten ver— unglimpfe, vielmehr zu thun, was ihm frommt, und ihn vor wahrhaftem Unglimpf zu bewahren. Ich bin ein Kriegsmann, Herr Konig, und mag den Krieg wohl leiden, doch werde er ehr⸗ lich gefuͤhrt; den Verrath aber haſſe ich und die Hinterliſt, die den verletzen, der ſie leidet, und den ſchmaͤhen, der ſie veruͤbt. Beide war⸗ ten auf Euch, ſo Ihr ſaͤumet, und ich warne Euch denn nicht allein Euch zu Liebe, ſondern gleichfalls dem Andern. Freund Ritter— ſprach darauf Boleslaw wie vorher und mit bedeutſamen Nachdruck— Zwar moͤgt Ihr mich leichtlich deß uͤberreden, was ich lange geahnt oder gewußt, daß meine ruſſiſchen Vaſallen es nicht treu zu mir meinen, und vielleicht auch der Erſte unter ihnen nicht, Herr Demetrius Jzaslaw, denn Untreue iſt der Dank der Welt, und wie ſein Name zwiefach iſt in der Sprache der Ruſſen und Griechen, ſo iſt auch ſein Sinn zuſammengeſetzt von dem Trotze der Einen und der Anderen Tuͤcke. Herr— antwortete Jener mit bemerklichem Unmuth— wollet den nicht ſo arg ſchelten, den ihr genanntz ein fuͤrſtliches Herz mag am — 256 beßten ermeſſen, wie ſchwer es einem ſolchen wird, Herabwuͤrdigung und Druck zu ertragen; dem Menſchen ſtehet es aber nicht wohl an, den andern allzuſtreng deß anzuklagen, was er wohl ſelbſt veranlaßt durch eigenen Fehl. Wer Ihr auch ſeid— ſagte der Herrſcher mit Hoheit— vergeſſet nicht, daß es Niemand geziemet, des Königs Rede zu hemmen, oder ihm in's Angeſicht ſeine Thaten zu meiſtern. Auch— ſetzte er milder hinzu— auch ließen wir ſolches wohl Niemand ſo ungeahndet da⸗ hingehen als— als gerade Euch. Vernehmet denn weiter des Koͤnigs Wort: Nicht ſo ganz als Ihr meinet, hat uns die Larve der Freund⸗ lichkeit bethort und der Schmeichelei ſuͤßes Ge⸗ ton, und ob wir uns ſchon ſolchen Frevels, wie Ihr andeutet, nimmer verſehen, waren wir doch auf der Hut, wenn auch nicht im⸗ mer, und ſo ſehr wir vielleicht geſollt. Einer aber iſt unter den Bewohnern dieſer Burg, welchen wir immer fuͤr einen ehrbaren Ritter geachtet, wir haben ihm vertraut und vertrauen ihm noch; es iſt Mieczyslaw, der Kniaziewicz. Da er es nun iſt, dem ſein Vater auf unſer geſtriges Gebot den Befehl uber das dienſt⸗ pflichtige Geleite vertraute, ſo haben wir unſers Erachtens nichts zu befahren. Mieczyslaw?— rief der Gewappnete mit einem Erſtaunen, das, zu Empfindungen anderer Art geſellt, den Ton ſeiner Stimme ganz ver⸗ äͤnderte— Nimmer, Herr Koͤnig, hat er— — hier unterbrach er ſich und ſetzte gefaßter hinzu— ich zweifle, ob der Kniaziewicz in der That ſolchen Auftrag erhalten, ich weiß, daß er nicht erſcheint, und ſolch fälſchlicher Bericht mag Euch die Wahrheit deſſen beſtätigen, was ich geſagt. Immer noch den Redenden aufmerkſam be⸗ trachtend, verſetzte Boleslaw: Das iſt fuͤrwahr ſeltſam und bedenklich genug, und keinem wuͤr⸗ den wir es glauben, denn Euch, deß Worte wir geneigt ſind fuͤr wahrhaftig zu nehmen. Somit thäte es denn wohl Noth, der Hinter⸗ liſt Gewalt entgegenzuſtellen, und ſie zu zuͤch⸗ tigen mit oberherrlicher Strenge. Ihr rathet uns, an der Spitze unſrer Scharen aus Ki⸗ jow zu ziehen, ohne die ruſſiſche Hilfmacht zu erwarten, welche, Eurer Rede nach, wohl nimmer erſcheint? Wie waͤre es, wenn ſtatt deſſen der erzuͤrnte Lehnsherr, der verrathene Gaſtfreund W. Band. 17 — 258— eben dieſe Scharen zur Rache fuͤhrte an den Verraͤthern, denn immer noch anſehnlich iſt die Zahl ſeiner Treuen und die Staͤrke ihres Ar⸗ mes bewaͤhrt? Wie waͤre es, wenn er dieß heimtuͤckiſche Geſchlecht ausrottete, und ſeine Wiege, die Fuͤrſtenburg zu Kijow, verheerte mit Feuer und Schwert, daß ihre Staͤtte nicht mehr gefunden werde auf Erden?— Dann— rief der Verhuͤllte ſtolz und in heftiger Aufwallung— dann wuͤrde derſelbe, der nicht duldet, daß die Burg ſeiner Ahnen entweiht werde durch Meuchelmord, der Euch auf des Vaters Geheiß gern geleitet haben wuͤrde, nicht als Dienſtmann den Herrn, ſon⸗ dern den erlauchten Gaſt als verbuͤndeter Fuͤrſt, Mieczyslaw, wuͤrde Euch gegenuͤbertreten, ſein Geſchlecht vertheidigend, ſein Erbe und ſein Recht, und freudig wuͤrde er es thun, denn das waͤre ein ofſener, ehrbarer Krieg, und Gott wuͤrde entſcheiden zwiſchen Euch und ihm, und nicht ſo gewiß, als Ihr waͤhnet, Herr König, iſt dieſe Entſcheidung, nicht ganz iſt das Recht auf Eurer Seite, und Eure Scharen nicht mehr dieſelben, die den Bogfluß uͤber⸗ ſchritten vor Jahren!— — 259— Beim heiligen Woyeiech!— betheuerte der Koͤnig— Sehr kuͤhn iſt Herr Mieczyslaw, wenn er ſolches gemeint iſt, wie Ihr ſehr kuͤhn ſeid, alſo zu ſprechen. Doch weil Ihr es ſagt, meinen wir, er wuͤrde ſo thun, und da dem ſo iſt, verzeihen wir Euch, daß Ihr es geſagt. Wir wiederholen— fuhr er mit bedeutſamer Betonung fort— wir wiederholen das Zeug⸗ niß, welches wir dem Fuͤrſtenſohne ertheilt, ja wir bekennen uns ihm zur Dankbarkeit ver⸗ pflichtet, denn indem wir in den Freunden Feinde erfunden, läßt er uns, ſeltſam genug, den Freund im Feinde erkennen.— Und wenn Ihr ihn erkannt habt— ſprach nach einer Pauſe leichter Verwirrung der An⸗ dere mit Wärme und Offenheit— werdet Ihr darum ſeinen Worten weniger vertrauen? Im Gegentheile, ſie erhalten ein groͤßeres Gewicht— antwortete Boleslaw nicht ohne Bewegung— Immerhin verhuͤlle das Helm⸗ gitter meines Warners Antlitz, nur eine ſchwa⸗ che Scheidewand iſt es zwiſchen zweien Ehren⸗ maͤnnern und wackern fuͤrſtlichen Rittern.— Noch einige Zeit waͤhrte das Geſpraͤch, wahrſcheinlich wichtigen Inhalts, aber eine 17* Stunde ſpaͤter toͤnte das polniſche Heerhorn durch die Straßen von Kijow, und das Lager, und die Buͤrger der Hauptſtadt ſa⸗ hen mit mehr Verwunderung als Mißfallen die Gaͤſte zum Abzuge geruͤſtet, ſich um ihre Panner verſammeln. Vergeblich weinte Eu⸗ dora, umſonſt verſuchte Demetrius Jzaslaw, noch einmal dem widerwillig erröthenden Ge⸗ ſichte die ſchimpfliche Larve der Heuchelei auf⸗ zwingend, des erhabenen Lehnsherrn und hoch⸗ verehrten Gaſftfreundes Entſchluß zu aͤndern, vergeblich wand ſich, der gleiſenden Schlange gleich, Leontios Angelos um die ihm entge⸗ hende Beute.— Ein Säͤckel, mit Gold ge⸗ fuͤllt und mit veraͤchtlicher Miene hingeworfen, lohnte die Buhlerin ab, mit kaltem, gemeſſenen Wort und mit ſtolzem Kopfneigen begruͤßte der König zum Abſchiede den Fuͤrſten von Kijow, ihm herriſch das Gebot ertheilend, deſſen Er⸗ fuͤllung er nicht mehr erwartete, das ruſſiſche Hilfheer ihm ungeſaͤumt folgen zu laſſen, ein drohender Zornblick uͤberzeugte den Konſtanti⸗ nopolitaner, daß er erkannt ſei, und ſcheuchte den feigen Verräther alsbald hinweg, und die aufgehende Sonne beſchien den Abzug der Po⸗ — 261— len, denen die Ruſſen heimlich knirrſchend nach⸗ ſchauten, doch nicht wagend, ſie anzugreifen mit offener Gewalt. An ihrer Spitze ritt der Koͤnig, zwar mit gebietendem Anſtande, aber nicht wie er einge— zogen war, mit der Freudigkeit des ſiegenden Herrſchers, denn ſeine Zaͤhne waren zuſammen⸗ gedruͤckt, wie in muͤhſam verhehltem Zorn, und finſtere Wolken lagen auf der ſonſt ſo heitern Stirn, als ſollten die Schatten, die das Ver⸗ gangene uͤber ſeine Seele geworfen, ihn verduͤ⸗ ſternd in die Zukunft begleiten; ihm zur Rech⸗ ten ritt Nikolaus der Schwertträger, mit zu— friedenerm Antlitze, als er es mitten unter den Freuden des nordoſtlichen Capua jemals gezeigt, zur Linken Adalbert Druzyniec, ihnen zwar noch ein leichtes Bedauern ſchenkend, aber ſtolz auf den lang entbehrten Platz an der Seite des Köͤnigs. In weiter Entfernung, bei der Nachtwacht des Zuges, begleitete ihn aber auch Einer, der nicht zu derſelben gehorte, der Fremde im ita⸗ lieniſchen Waffenſchmuck, gleich als wolle er nicht von ſeinem Werke ſcheiden, bis er es voll⸗ endet geſehen. — 262— Eine Stunde weit von Kijow lenkte der König ſein Roß vom Heerwege ſeitwaͤrts auf einen Huͤgel und ewartete daſelbſt den Rit⸗ tersmann. Als dieſer ſich genaht, ſprach Bo⸗ leslaw zu ihm: Es iſt Zeit, daß wir ſcheiden, mein Warner und Freund, hebet denn das Vi⸗ ſir, welches Euch umſonſt vor mir verhullt. Es thut mir wohl, und moͤgte auch dieſer Stadt frommen, daß das letzte Geſicht, wel⸗ ches ich hier geſehen, das Geſicht eines Ehren⸗ mannes ſei.— Der Andere that nach dem Geheiß, ſich von den Voruͤberziehenden abkehrend, und ohne Befremden ſchaute der Polenherrſcher des laͤngſt erkannten Mieczyslaw's Zuͤge. Da ſagte er zu ihm: Wir ſind Euch zu großem Dank ver⸗ pflichtet, edler Fuͤrſtenſohn, und, wie uns be⸗ duͤnkt, der Herr von Kijow noch mehr. Möge er ſolches erkennen, das wuͤnſchen wir mehr, als wir es hoffen. Uns aber gebuͤhrt es nicht, Euch ohne ein Pfand koniglicher Huld zu ent⸗ laſſen; begehret denn einen Ritterdank, und er iſt Euch im voraus gewaͤhrt.— Herr Koͤnig!— ſagte der furſtliche Juͤng⸗ ling— Krieg wird nun wohl ſeyn zwiſchen Polen und Ruſſen, und ſo gewinne ich Euch wohl meinen Ritterdank ab im Kampfe Mann gegen Mann. Doch nehme ich ein Pfand der Huld wohl an von einem gekroͤnten Haupte und heldenmuͤthigen Krieger. Gelobet mir denn, gegen mein Geſchlecht nur in offenem Felde zu ſtreiten, und, wenn das Ungefaͤhr oder Verrath einen deſſelben in Euern Gewahrſam braͤchte, gegen ritterliches Gelöbniß ihm Leben und Freiheit zu gewaͤhren, wie ich Euch bei⸗ des erhalten, obſchon nur thuend damit, was Rechtlichkeit und Ehre gebieten.— Nicht wenig iſt, was Ihr begehrt, beim Bart unſers Ahnherrn Piaſt!— verſetzte der König— Doch ziemet Euch die Fehlbitte und uns die Verweigerung nicht, darum ſoll ge⸗ ſchehen, wie Ihr geſagt, ſo wahr mir Gott helfe und die Fuͤrbitte des heiligen Woy⸗ ciech!— Darauf trennten ſich die Beiden, Boleslaw an die Spitze des Zuges ſprengend, Mieczys⸗ law aber gen Kijow. Des Konigs befuͤrchtende Ahnung beſtätigte ſich fuͤr den Letztern. Leontios, des Strators, Argusauge war offen geblieben in der Nacht — 264— nach dem Feſte; begierig, dem andern Theile ſeines Auftrags zu Gunſten, ſchwächende Un⸗ einigkeit auszuſtreuen in dem Geſchlechte der ruſſiſchen Fuͤrſten, fluͤſterte er unaufhorlich in das Ohr des, durch das Mißlingen ſeines Entwurfs gereizten Jzaslaw; Jaropelk, auf⸗ gefordert durch die ergrimmte Eudora, laͤngſt dem ihm unähnlichen Bruder Feind, und ein begehrlich Auge auf ſein Erbtheil richtend, goß Oel in die Flamme des Zornes, der Metropo⸗ lit ſtieß fromme Klagen aus, den Retter und Freund der Schismatiker gottſelig zum Ab⸗ grund der Hoͤlle verdammend, und der ſolches Sohnes unwerthe Vater ſtieß ihn in ſtrenge Haft, ihn, der es treuer meinte zu ſeiner Wohlfahrt und Ehre als alle die Andern, die ihn aufgereizt hatten zu unfuͤrſtlicher That. IHI. In dem Gemache der Burg Zemboein, aus welchem ihr einſtiger Herr der Fauſt ſei⸗ — 265— ner Moͤrder entruͤckt worden, auf demſelben Ruhebette, das ſein Sterbelager werden ſollte, lag der jetzige Gebieter des Schloſſes. Ihn umringte aller rohe Prunk eines Feudalherrn jener Zeit, und in noch weit reichlicherm Maße, denn was der Stolz oder der Reichthum jedes Einzelnen von jenen um ihn her zur Schau geſtellt, hatte hier aus vielen Burgen der Raubmord zuſammengetragen, in ſcheuer Ehr⸗ furcht umſtanden ehemals leibeigene Knechte ſein Lager, nur durch verſtohlene Blicke ſich fragend, was denn dieſe neue Freiheit bedeute, welche weiter keinen Unterſcheid hervorgebracht, als daß man jetzt vor dem Mitknecht zittere, wie ehemals vor dem angebornen Zwingherrn. Wie mehren Demagogen neuerer Zeiten, wa⸗ ren Olgierd mit dem Beſitze der Macht auch ganz andere Begriffe von Freiheit und Gleich⸗ heit gekommen, oder vielmehr die laͤngſt geheg⸗ ten an den Tag getreten, und er beſtrebte ſich, ſo viel er konnte, die irrigen Begriffe der von ihm Abhaͤngenden gleichfalls zu berichtigen. Auch verſuchte er dieß nicht ohne Erfolg; auf den Wink des dreifach uͤbermuͤthigen und ſtrengen Emporkömmlings hatten die Männer des — 266— Gebirges, die Wiederherſteller der Freiheit und des Menſchenrechts, bereits mehr denn einen ihrer Be⸗ gluͤckten in den Schloßhof hinabgefuͤhrt, eine leichte Geberde, ein leiſes Murren unter dem Kantſchuh zu buͤßen, oder wohl gar dem Kopfe, in welchen das Gefuͤhl ſeines gegenwärtigen Gluͤckes und ſeiner Freiheit nicht recht Eingang finden wollte, durch Beilhieb oder Keulenſchlag den Unterſchied zwiſchen Sache und Namen ſattſam und befriedigend auf immerdar begreif⸗ lich zu machen. Trotz dieſer Schauſtellung von Macht und Reichthum ſchien ihr Beſitzer ſich derſelben we⸗ nig zu freuen, ſein Antlitz, auf dem ſelten oder nie der Schimmer jugendlicher Heiterkeit ge— ſtrahlt hatte, war noch finſterer als gewöhnlich, ſein Mund, dem das Lächeln des Frohſinnes fremd geblieben, verzog ſich unterweilen im bit⸗ terſten Hohne des Rechtens mit dem Schickſale, das ſo ſchnell ſeine hochfliegenden Plane da⸗ niedergeſchmettert, der Erinnerung an ſeine ſchmähliche Niederlage. Seine Wunde hatte ſich zwar ſchon geſchloſſen, aber eine Binde bedeckte noch die tiefe, brennendrothe, empfindlich ſchmer⸗ zende Spur, und noch hatte die Geneſung — 267— durch des Innern ſtuͤrmiſche Leidenſchaft ver⸗ zogert, keinen Anflug von Roͤthe auf die tod⸗ bleiche Wange gehaucht. Die Vergangen⸗ heit bot ihm nur die Dornen vereitelter Hoff⸗ nungen des Ehrgeizes und der Liebe, die Ge⸗ genwart wenig Linderung fuͤr geiſtiges und koͤr⸗ perliches Weh, und die Zukunft ſchaute ihn an mit drohendem Geſicht. Der Engel der Vergeltung ſchwebte uͤber ſeinem Haupte, er hoͤrte ſeinen Fluͤgelſchlag, und an das Lager gefeſſelt, konnte er ſich ihm weder entziehen, noch ihm entgegentreten in maͤnnlicher Thatkraft Burg Zembocin und ihre Bewohner befanden ſich von außen und in⸗ nen in bedenklicher Lage, täglich zeigten haͤufi⸗ ger nothwendig werdende Beiſpiele unerbittli⸗ cher Strenge von dem Geiſte des Mißmuthes, der die Getaͤuſchten ergriffen, des Mißmuthes, der die Empoͤrer leicht zur zweiten, verzeihli⸗ chern Empoͤrung aufreizen konnte, und vor den Waͤllen tönten die Hörner des Ritterheeres, welches dieſelben ſchon ſeit einigen Tagen um⸗ ringte, Poſaunen gleich, den juͤngſten Tag der kurzen Herrlichkeit in tiefen und grellen Tönen verkuͤndend. — 268— Waͤhrend der Häuptling der Aufruhrer in gezwungener Unthätigkeit und dumpfem, nur durch Anfaͤlle des wildeſten Zornes unterbroche⸗ nen Truͤbſinne ſchmachtete, hatte ſeine Mutter ihre Faſſung bewahrt. Sie war jetzt allein noch der Schlußſtein, welcher das borſtende Gewölbe zuſammenhielt, ſie war noch die Ko⸗ nigin der Empoͤrer, und fuͤhrte den Herrſcher⸗ ſtab mit der Ruhe und dem Anſtande einer ſolchen. Wie es auch ftuͤrmen mochte in ih⸗ rem Innern, keine Wege zeigte ſich auf dem marmornen Antlitze, kurz und gebieteriſch war ihre Rede, ihr unumwölktes Auge war der Stern, nach dem die Verzagenden ihre Blicke richteten, um die ſchwindende Hoffnung zu be⸗ leben; uͤberall ſchaute es rings umher, ihr fe⸗ ſter Wille hielt die Ordnung noch in den lok⸗ ker gewordenen Banden, ihre Stimme lenkte die Berathſchlagung und den Krieg, die Verthei⸗ digung und den Ausfall. Eben war eine Schar der Gebirgsmaͤnner und Leibeigenen von einem ſolchen zuruckge⸗ kehrt, doch nur um die Kunde vom gaͤnzlichen Fehlſchlagen zu bringen; das Schwert der Rit⸗ ter hatte die Reihen der Knechte gelichtet, viele lagen erſchlagen auf dem Felde, mehre noch waren gefangen, und die wenigen Ent⸗ flohenen berichteten, wie ſie zuruckblickend die Ueberzeugung gewonnen, daß es dem Mar⸗ ſchall Andreas Gorka Ernſt geweſen mit der ausgeſprochenen Drohung, Alles, was ihm le⸗ bend und mit gewaffneter Hand in die Haͤnde fiele donvden Emporern, des ſchnellſten Todes an den Galgen ſen zu laſſen, welche von den benachbarten Huͤgeln als ernſte Warnung⸗ zeichen herabſchauten. Knirrſchend in ohnmaͤchtigem Ingrimm waͤlzte ſich Olgierd auf ſeinem Lager; einer Ze⸗ nobia gleich in dem bedrohten Palmyra, vernahm Olga ruhig und wuͤrdevoll den widri⸗ gen Bericht, ihr Mund hatte Troſt fuͤr die Verzagenden, ihre zuſammengeraubten Vorräthe Labung fuͤr die Erſchopften, ihre Feſtigkeit be⸗ gegnete der wachſenden Verwirrung, und dem Befehlhaber eines von Sturm und Klippen mit dem Untergange bedrohten Schifſes aͤhnlich, der waͤhrend der Unruhe auf dem Verdeck See⸗ karte und Kompaß in ſeiner Kajuͤte zu Rathe zieht, und dann mit geſetztem Sinn Befehle ertheilt, ſo durchſah die Schreibkundige ruhig — 2— die Berichte, welche von den verſchiedenen Punkten der weit verbreiteten Emporung in den Hauptſitz derſelben einliefen, und hoͤrte die Boten ab, welche gekommen waren mit muͤnd⸗ licher Nachricht. Unter den Letztern befand ſich der, dem Leſer aus fruͤherer Zeit bekannte Borziwoy, welcher einſt fuͤr den Gebieter und Meiſter deſſen gegolten, der jetzt ſein Herr war. Zuletzt erſt ſtellte er ſich den Augen der wei⸗ ſen Frau dar, welche, ob ſie ihn gleich ſchon luaͤngſt wahrgenommen, ihn bedeutet hatte, bis zur Entfernung der Andern zu warten, nur durch einen Augenwink, welchem er gehorchte, denn ſelbſt der wilde Naͤuberhauptmann, wel⸗ cher ſich ungern den Befehlen des Juͤnglings Olgierd unterworfen ſah, beugte doch den ſtar⸗ ren Nacken vor dem Weibe, deſſen Gaben er⸗ kennend, und die ſchwarze Kunſt ſcheuend, an welche es den Glauben ſelbſt bei den Vertrau⸗ teſten zu erhalten gewußt, und nur dieſe Ehr⸗ furcht und Scheu waren es, welche im herein⸗ brechenden Ungemach ihn und ſeine Gebirgs⸗ männer bei der Treue erhielten, welche er ohne ſie dem Sohne laͤngſt aufgekuͤndigt haben wuͤrde. — 2 Sein Ausſehen deutete an, er ſei von wei⸗ tem Ritte wiedergekehrt, ſeine Miene war zweideutig, wie die Eines, der verſchiedenartige Botſchaft bringt und ungeduldig, ſie zu ver⸗ melden. Als die Drei allein waren, trat er zu Olga. Ihr ſeid ſpaͤter heimgekehrt als ich meinte, Borziwoy— ſprach ſie zu ihm— und Euer Angeſicht gleicht einem Apriltage, an welchem Regen und Sonnenſchein kaͤmpfen. Sprecht, wie lautet Eure Nachricht?—— Er antwortete: Sie lautet genau wie das, was Ihr auf meinem Antlitze geleſen, ob ich ſchon nimmer geglaubt, es ſei ein Buch mit ſo deutlicher Schrift. Gut und boſe iſt die Kunde, die ich bringe, eins und das an⸗ dere zuſammen. Ich meine aber auch, nichts Neues zu berichten, denn Euer Auge lieſ't in der Gegenwart und Zukunft wie in den Zuͤgen der Menſchen, und ſo bedarf es wohl meiner Worte nicht, noch dieſes Schrei⸗ bens.— Olga warf einen Blick darauf, aber wie⸗ wohl ihr Auge in einer gewiſſen Freude er⸗ glaͤnzte und ihre Wange ſich rothete vor Un⸗ — 272— geduld, legte ſie dieſes zierlich gefaltete Perga⸗ ment abſeit und ſagte gleichgiltig: Ihr habt Recht, Borziwoy, wie das Gemuͤth der Men⸗ ſchen, auch das zu erkunden, was geſchieht und geſchehen wird, bedarf es keiner geſchriebenen Worte. Es ſtehet uͤbel um die Sache der Freiheit uͤberall in Polen, wie hier, nicht ſo? Die ſklaviſche Menge wendet ſich ab von den Wiederherſtellern des Rechts, und kaum klirrt die alte Kette wieder vor ihrem Ohre, ſo ſtreckt ſie die Haͤnde ihr willig und demuͤthig entge⸗ gen.— Meiner Treu'— entgegnete der alte Räuber — ganz iſt es, Frau Olga, wie Ihr geſagt. Die Undankbaren wollen meiſt nichts zu ſchaf⸗ fen haben mit uns, und nur eine geringe Schar derer, die, allzuviel Werg am Rocken habend, nur den Tod hoffen koͤnnen von dem Zorne der hochgebornen Ehemaͤnner, Vaͤter und Bruͤder, haben ſich treu dem Haufen meiner Leute angeſchloſſen, die Euren Geboten harren am Zuſammenfluß des San und der Weichſel. Ich gebot ihnen, herbeizuziehen und Schloß Zembocin zu entſetzen, aber—— — 273— Aber der Weg iſt verlegt— ergaͤnzte Olga gelaſſen ſeine Rede— das Heer der Ritter halt die Zugänge beſetzt, und nur dem Einzel⸗ nen gelingt es, durchzukommen, nicht einer Schar, zu ſchwach, die Spitze zu bieten, un⸗ bemerkt zu bleiben, zu ſtark.— Sollte man doch meinen, Ihr hättet mich begleitet auf der muͤhſeligen Fahrt. Fuͤrwahr, auch dem Einzelnen wurde es nicht leicht, und nur die Uebung vom alten Handwerk her hat mich vor Unfall bewahrt Auch ohne Buͤffelhoͤrner kennt man Borziwoy, den Hauptmann, und nicht nur die ausgeſtellten Wachen hatte ich zu ſcheuen, auch manchen guten Freund, der ganz gern mit meinem Leichnam den ſeinigen losgekauft haben wuͤrde vom Galgen—— Den ihm der Kronmarſchall verheißen— unterbrach ihn die Frau. So iſt es— fuhr er fort— vor Andreas Gorka's haͤßlichem Warnungzeichen iſt den Be⸗ ſtien der Muth entfallen, und ſie verkriechen ſich heulend in ihre Loͤcher. Auch mag man es dem Bauernpack nicht verargen, thaͤten doch wackerere Maͤnner das Naͤmliche, ich und meine Burſche zum Beiſpiel, wenn—— IW. Band⸗ 18 Wenn Ihr koͤnntet— fiel Olga mit Be⸗ ſtimmtheit ein— aber Ihr koͤnnet nicht mehr, der Baͤr iſt in die Höhle des Wolfes gedrun⸗ gen, und er heult, ſeines Verſteckes beraubt und umſtellt von den Jägern.— Vergebt, weiſe Frat— fragte der Räuber — Habt Ihr nicht vielleicht heute Nacht einen Ritt gemacht auf dem kahlen Berge, oder auf der Hohe von Halicz, daß Ihr ſo gut wiſſet, was in der Naͤhe geſchehen? So Ihr noch einmal ſolchen Weg vorhabt, bitte, nehmt mich mit, denn hier iſt wohl ſchwerlich lange gut hauſen fuͤr mich und fuͤr Euch. Sei es auch durch die Luft, immerhin, auf der Ofengabel reitet es ſich doch beſſer als es ſich hängt an der dreizackigen Gabel des Marſchalls. Es iſt, wie Ihr ſagt, das Gebirgthal iſt entdeckt und hat aufgehoͤrt, eine Freiſtatt wackerer Männer zu ſeyn. Zwar iſt es mir nicht leid der alten Weiber wegen, die man dort gefunden, aber weh thut es, mit einem Mal des Erwerbes langer Arbeit verluſtig zu gehen. Und auch das moͤchte ſeyn, denn ein tuͤchtiger Mann findet uͤberall ſein Eigenthum wieder im frem⸗ — 275— — den Hauſe, und waͤren wir erſt von hier weg, ſo haͤtte ſich das Haus auch gefunden.— Nicht allein— ſprach Olga— nicht all⸗ ein das Widrige entdeckt mein Blick, auch den Strahl kuͤnftiger Freude, vor blöderm Auge ver⸗ borgen. Die Nachricht von dort iſt erwuͤnſcht, umſonſt verbirgt mir dieß Pergament die Schriftzuͤge, die es enthaͤlt; waͤhrend hier der Sturm unſere Aernte verwuͤſtet, gedeihen meine Saaten zu Kijow.— Borziwoy verſetzte unmuthig:& iſt uͤbel, Euch Botſchaft bringen, Frau Olga, und wenn Ihr Alles ſchon wißt, ſo konntet Ihr mir den mißlichen Ritt wohl erſparen. Nun ja, die Sachen ſte⸗ hen. gut bei den Ruſſen, der Tod hat ein glan⸗ zendes Feſtmahl bereitet, und die Gaͤſte halten nun wohl ſchon den langen Nachmittagſchlaf. Doch fuͤrchte ich, wir kommen zum Abhub zu ſpät, und während Eure guten Freunde ſich ihn wohl behagen laſſen, ſind wir hier ſelbſt die Speiſe der Geier und Raben.— Sorget Euch nicht— ſprach Hlga mit heiterm Blick und feſtem Tone— eines Thei⸗ les iſt wahr, was Ihr geredet von vergangener Nacht; zwar begibt ſich die Herrſcherin der 18* — 276— Geiſter nicht niedern Unholden gleich zum ſchnoͤden Sabbath der Hexen, ihr Ruf beſchei⸗ det die Diener zu ihr, und geleſen hat ſie im Buche des Schickſals. Machtlos droht das Ungewitter hier unſerm Haupte, und die Sonne des Gluͤcks ſtrahlt im Oſten. Ihr wollen wir entgegen ziehen, nicht auf luftiger Bahn nach der Weiſe veraͤchtlichen Zaubergeſindels, nicht in ſchimpflicher Flucht, ſondern gemachſam und wuͤrdig, wie es beſiegten Helden geziemt, eine unſichtbare Macht haͤlt die Hand uͤber mir und denen, die ich beſchirme. Doch wenige ſind die Auserwählten, mag der feige Troß wieder den Nacken beugen unter dem ſchmaͤhlichen Joche der Zwingherren, frei ſeien die Freien, und zu ihnen zähle ich Euch, Borziwoy, und Eure wackern Genoſſen! Darum ſchweigt von dem, was Ihr gehoͤrt; in die Ferne ruft uns das Verhängniß, nur kurze Zeit noch verweilen wir hier, und während das verdiente Loos die Untreuen und Wankelmuͤthigen trifft, wartet eine reiche Belohnung der Treuen. Jetzt aber— ſetzte ſie ſich abwendend hinzu— ſoll dieß Schreiben, ob⸗ ſchon unnöthig, meinem Auge beſtätigen, was das Ohr bereits vernommen aus dem Munde der Geiſter.—— Eine Geberde bedeutete den Raͤuberhaupt⸗ mann, zu ſchweigen, und die weiſe Frau ent⸗ faltete den Brief und las mit unterdruͤckter Bewegung und, wie es ſchien, mit wachſender Freude. Geſtrenger Junkherr— ſagte Borziwoy nach einer Weile mit gedampftem, aber rauhem und halbſpottiſchen Tone zu Olgierd— zwei⸗ felsohne gehört auch Ihr zu den Auserwählten, ja Ihr ſeid wohl gar der Erſte derſelben. Trachtet demnach, daß Ihr aufkommet, ſonſt moͤchte es zu lange waͤhren mit uns.—— Ich will nicht fliechen— verſetzte der An⸗ dere muͤrriſch und ſtolz— und wo der Heer⸗ fuͤhrer weilt, wird auch ſein Gefolge verblei⸗ ben.— Heerfuͤhrer? Gefolge?— wiederholte der Raͤuber wie zuvor— Das lautet ja herriſch genug, und ſolch Wort mag Euch anſtehen gegen den fruͤhern Mitknecht, nicht gegen mich. Es iſt vorbei, ſage ich Euch, mit Eurer Herr⸗ lichkeit auf Zemboein, und nicht bin ich ge⸗ ſonnen, mich Euretwillen hier ausräuchern zu laſſen, wie der Dachs in ſeinem Baue.— Mehr— ſprach der Juͤngling itlih— mehr aͤhnelt dieſem, der auf feige F lucht ſinnt unter dem Schutz einer Weiberkutte, als dem Wolfe, welchem Euch meine Mutter ver⸗ glichen. Eurer Mutter Wort, laſſet es Euch ſagen, gilt mir mehr als das Euere, mein hoch⸗ fahrender Junkherr, und nicht Euretwegen hat der Gebieter des Bergthals, hat Euer Meiſter dem Schuͤler gehorſamt. Aber nicht wohl iſt der Schuͤler beſtanden, und vorbei iſt es mit des Meiſters Gehorſam. Meinet Ihr denn, ich ſei zuruͤckgekommen um Euch? Nimmer waͤre es geſchehen, hätte ich nicht ihre Macht gefurchtet und die Kraft ihres Bannes. Und heute noch, daß Ihr es wiſſet, wuͤrde ich hinausbrechen mit meinen Genoſſen, Rettung zu ſuchen oder den Tod, wäre dieſe Weiberkutte nicht, die allenfalls ſo viel werth iſt als das Panier, das Euren Händen entfiel in der erſten entſchei⸗ denden Schlacht. Olgierd warf einen wi Blick auf den Raͤuber und ſprach mit zuſammengebiſſenen — 6 Zaͤhnen: Erſt dann entfiel mir das Panier, als es die Feigherzigen bereits verlaſſen, die beſſer zu morden und zu ſengen verſtehen als zu kämpfen, kuͤhne Helden gegen Greiſe, Weiber und Kin⸗ der, doch Memmen Rittern gegenuͤber und Maͤnnern. Memmen!— erwiederte Borziwoy mit zornbebender, aber immernoch gedaͤmpfter Stim⸗ me und ſcheu auf Olga hinblickend, als ſchwanke erzwiſchen der Furcht vor ihr und ſeiner Feindſelig⸗ keit gegen den Sohn— Hoͤlle und Teufel, waͤre ſie nicht, und wäret Ihr kein verwundeter Knabe, das Horn des Buͤffels der Karzathen wuͤrde Euch gelohnt haben fuͤr ſolch Wort! Der Buͤffel, ſehe ich, bedarf eines Treibers — erwiederte Olgierd mit Hohn— und ich bin gewillt, es zu ſeyn. Obſchon verwundet im ruͤhmlichen Kampfe, nicht auf naͤchtlichem Streif— zuge der Diebe, bin ich Euer Feldherr noch und dieſes Schloſſes Gebieter. Drum alſo nicht, weil dieſe Frau es will, ſondern weil ich es gebiete, verweilet Ihr hier, und weder ſie ſoll dieſe Mauern verlaſſen, noch Ihr. Feſt und hoch ſind die Waͤlle von Zemboein geworden durch meine Sorgfalt, und bald wird mein — 280— Arm ſie wieder beſchuͤtzen können. Die Steine unſerer Schleuderer ſind ſchwer, und bis ich erſtehe vom Lager, moͤgen ſie noch manche Blechhaube zerſchellen und manchen Helm. O, wenn ich nur heil waͤre— rief er, krampfhaft ſich win⸗ dend— verrätheriſche Freunde und tollkuͤhne Feinde ſollten bald genug inne daß Olgierd noch lebt. Ich meine, ſie werden es ohnedem bald inne — antwortete der Rauber— wo nicht in der Schlacht Euch eine zweite Fahne entreißend, doch dieß Freunden und Feinden ſo bedrohliche Leben an den ſeltſamen Geruͤſten, von denen das höchſte, wie die Rede geht, Euch aufge⸗ ſpart bleibt. Nun, Ehre dem Ehre gebuͤhret, dem Feldherrn geziemt das Beſondere. Ich aber, der ich nur zu Eurem Gefolge gehoͤre, bin nicht luͤſtern nach dem Geringern, das mir beſchieden. Ziehet Frau Olga ab, durch die Luft oder auf gewöhnlichem Pfade, und ſie begehret mein Geleit, ſo werde ich es Ihr nicht weigern, trotz Eurem Befehl. Was Euch nun anbe⸗ trifft, ſo gehet oder bleibet nach Eurem Ge⸗ fallen. Am liebſten waͤre mir, Ihr bliebet, und auch wohl dem Marſchall waͤre es am liebſten. — 2— In der Kraft, die der Zorn verleiht, fuhr Olgierd empor und griff nach dem Schwerte, auch der Raͤuberhauptmann entbloͤßte das ſeine, und es waͤre zum ungleichen Kampfe gekom⸗ men, waͤre Olga, die mit dem Pergamente beſchaͤftigt, dem Vorgange nur halbe Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt hatte, nicht zwiſchen die Er⸗ grimmten getreten. Stecke Dein Schwert in die Scheide, Mann des Gebirges— ſprach ſie mit Hoheit— der, wider den Du es zuͤckeſt, iſt nicht beſtimmt, durch Deine Waffe zu fallen, und wohl Dir, daß dem ſo iſt, denn an das Haupt, gegen welches Du die Fauſt frevelnd erhoben, iſt Dein Gluͤck gebannt und die Rettung der Deinen. Er iſt der Stern Deines dunklen Lebens, und obſchon ihn jetzt Wolken verhuͤllen, wirſt Du doch einſt noch demuͤthig und dank⸗ bar die Kniee beugen vor ihm.— Schweig' — unterbrach ſie den murrenden Rauber— ſchweig'! ſage ich, und wenn Du den Feldherrn nicht ehrſt, ſo ehre den Guͤnſtling des Schick⸗ ſals. Der letzte Schleier iſt gefallen, offen liegt die Zukunft vor mir, ihr Beſchluß ruht auf meinem Sohne, und wenn er ihn kennt, — 282— wird er ſich länger nicht weigern, ihm zu ge⸗ horchen. Der entſcheidende Augenblick naht— — Sie wollte weiter ſprechen, als ein ſeltſam ſtarkes Geraͤuſch, von auswärts kommend, ſie unterbrach. Sie horchte eine Zeitlang aufmerkſam, und die Heiterkeit ſchien allgemach von ihrer Stirne zu ſchwinden, dann aber ſagte ſie gefaßt: Geh hinaus, Borziwoy, und ſieh zu, was dieſes Getöſe bedeutet. Auch will ich allein ſeyn mit dem Sohne, denn was Dein Trotzen uͤber ihn nicht vermocht, wird dem weiſen Rathſchlag der Mutter gelingen. Machet Euch immer bereit zur Reiſe, Frau Olga— ſprach kopfſchuͤttelnd der Räuber— auf welche Art es auch ſei, nur je raſcher je beſſer, denn, täuſcht mich mein Gehor nicht, ſo ſtuͤrmen die Ritter die Burg. O, koͤnnt' ich hinaus— rief Olgierd zurnend und klagend— koͤnnte ich fechtend das Leben daran ſetzen, das mir verloren gegangen, durch Dich, Mutter, verloren! Und warum zogere ich denn? Die Ehre iſt dahin und die Liebe, nicht feig und wehrlos ſollen mich wenigſtens der Haß treffen und die Schmach!— Er wankte hei dieſen Worten gegen die Thuͤr, ſeine Mutter aber hielt ihn zuruͤck. Du irrſt, mein theurer Sohn— ſprach ſie mit ungewohnter Hingebung und einer Freudigkeit, die in ſolchem Moment ſeltſam erſcheinen konnte— Du ierſt, nicht verloren iſt Dein Leben gegangen, nicht durch mich, in dieſem Augenblicke beginnt es erſt wahrhaft für Dich, und Deine Mutter iſt's, die es vor Dir aufthut. Sie ſtuͤrmen die Veſte, ſagt er, nun wohl, einige Stunden ſind noch unſer, mag ſie dann immer fallen, und mit ihr die ſchnoden Bewohner. Was meineſt Du mit ſolcher Rede?— fragte finſter der Sohn— glaubſt Du, ich werde fliehen, um umherzuirren, mit Schande beladen, und den Fluch der Genoſſen und ihre Verachtung der Buͤrde h hinzufügen, die mich druͤckt? Nicht Schande wartet Dein, ſondern Ehre und Hoheit— ſprach ſie eifrig und raſch— viel Beſſeres wartet Dein als Du hier zu ver⸗ lieren gewähnt. Den Haß der Elenden, die nur meine Werkzeuge waren, magſt Du ver⸗ ſpotten, und ihren Fluch erſtickt bald das — 284— haͤnfene Halsband. Gemeſſen iſt die Zeit, ich will ſie nicht vergeuden in fruchtloſem Tadel, einſt wirſt Du beſſer begreifen, wie dem Herr⸗ ſcher zu ſeyn ziemt gegen die Knechte. Sieh auf mich, meineſt Du, ich habe thörig ge⸗ wähnt, das unwiederbringlich Verlorne ſei nicht verloren? Laͤngſt iſt mir jede Hoffnung entſchwunden, doch wohnte ſie immer noch auf meinen Lippen, in meinem Blick. Das Gluͤck iſt dem Kuͤhnen hold und dem Klugen, bereitwillig hat es eine ſchoͤnere Hoffnung an die Stelle der alten geſetzt, die ich hinwerfe gleichgiltig und lachend. Wie Du, verachtete ich in der Tiefe des Herzens das Geſindel, das uns umgibt, aber eine milde Herrſcherin war ich ihm und ſtreng zugleich, wie der Bärenfuͤhrer ſeine Thiere zahmt mit Atzung und Schlaͤgen. Und alle dieſe Ungethuͤme tanzten nach meinem Wort, und ihre Augen hingen an meinem Winke, und dieſer Borziwoy meint, ich denke an ſeine und ſeiner Mordknechte Rettung, und konne wohl gar ſchwanken zwiſchen Dir und ihm. Fuͤrwahr, umſonſt hat er das gedacht; was mag er mir auch ſeyn, daß ich ihn mit Dir vergliche?! Füͤrſten werden fortan Dir dienen, nicht leibeigene Knechte und Raͤuber, zum Throne fuͤhrt Dich Dein Weg, immerhin fuͤhre der ſeine ihn zum Schandgeruͤſte des Galgens. Vergeblich— antwortete Olgierd mit Trotz — vergeblich ſprichſt Du glatte Worte, die Du mir ſo oft ſchon gegeben fuͤr die immer ver⸗ zoͤgerte, immer nur langſame That. Ich will nicht fliehen, ich will bleiben und ſiegen oder ſterben.— Das Letzte waͤre am beßten fuͤr mich, auch kommt es doch dahin, fruͤher oder ſpaͤter, und ich mag einige Tage nicht mit der Qual erkaufen, die ich empfinde. Du wirſt fliehen— verſetzte ſie feſt— ſobald Du mich gehort. Wiſſe, in dem Au⸗ genblicke, da Deine Mutter zu Dir ſpricht, decken bereits Erde und Raſen die Leichname Boleslaos des Zweiten und ſeines Schwert⸗ traͤgers, Deines Feindes. Und was habe ich damit zu ſchaffen?— fragte der junge Mann mit ſinſterm Hohn— Meinſt Du, des todten Koönigs Thron warte nur auf den Haͤuptling der Knechte? Ein an⸗ derer Thron iſt ihm beſchieden vom Marſchall, und ich will nicht erwarten, bis die jauchzende — 286— Menge kommt, mich ihn beſteigen zu ſehen.— Nikolaus Strzemieniec iſt todt, wozu ſoll mir dann das Leben? Mit ihm ſank meine letzte Hoffnung in's Grab, die Hoffnung auf Rache an ihm, und wer nichts zu hoffen mehr hat, iſt ein Feigling, wenn er das leergewordene Daſeyn ertraͤgt. Kurzſichtiger— waͤre Dein Blick ſcharf wie der meinige, ſo wuͤrde er den Fuͤrſtenſtuhl ſchauen, welcher, Dir beſtimmt, ſich auf Boleslaw's Grabe erhebt, auf ſeinem weit von hier ent— fernten Grabe; der Geruch eines todten Fein⸗ des aber iſt immer lieblich, auch wenn eine fremde Hand ihn gefällt. Hoͤre auf das, was ich ſage, denn es iſt ein Wort, das ich außer Dir zu niemand geſprochen. Weiſe iſt es und löblich, die niedere Menge zu taͤuſchen, Du aber biſt zu Hohem beſtimmt, und ungeblendet mußt Du Deinen Weg erkennen. Fuͤr jene rohen Horden bedurfte es des Wahns, ich ſei geheimnißvoller Wiſſenſchaft kundig—— Und Du biſt es nicht— unterbrach ſie Olgierd unmuthig lachend— Wahrlich, dieſer Verſicherung haͤtte es nicht bedurft. Noch er⸗ innere ich mich keiner Deiner Weiſſagungen, — die nicht zur Luͤge geworden waͤre, und ohn⸗ maͤchtige Geiſter mußten es ſeyn, welche un⸗ ſichtbar, wie Du den Troß beredeteſt, in jener Schlacht an der Seite ihrer Verbuͤndeten foch⸗ ten.— Nicht den Geiſtern des kahlen Berges bin ich verbuͤndet— fuhr Olga ruhig fort— je⸗ nen Schattenbildern, erzeugt von Nebel und Wahn, die der erſte Sonnenſtrahl verſcheucht, ein maͤchtigerer Bundesgenoſſe ſteht mir zur Seite, der Geiſt der Welt, der Geiſt der Klug⸗ heit iſt ſein Name. Zwar vermag er Ueber— natuͤrliches nicht, aber alle menſchliche Kraft ſteht ihm zu Gebote, und wenn, wie man ſagt, jene Geſpenſter hohnlachend von dem ſich wenden, welchen ſie in den Abgrund gelockt, bleibt er im Ungemach thaͤtig und treu. Wer ihn beherrſcht, mag vieles uͤberwinden, und wie meines Vaterlandes Sage ſpricht, der Geiſt der Erde erkraͤftigt den, der mit feſtem Fuß ſie beruͤhrt. So hat er mich denn auch nicht verlaſſen, ob Alles umher zuſammenſturzte, auf die Truͤmmer fuͤhrte er mich und deutete in die Ferne auf ein ſchoneres Land. Dahin wollen wir ziehen, mein Sohn, ungeſaͤumt, — 288— denn mich daͤucht, das Geraͤuſch waͤchſt, und wir haben nicht Zeit zu verlieren.— Ihr Geſpraͤch ward durch einen der Maͤn⸗ ner des Gebirgs unterbrochen, der Botſchaft brachte, wie das Heer der Ritter unablaͤſſig ſtuͤrme, wie ſeine Genoſſen ſich wohl noch wacker vertheidigten, aber unter den Knechten die Furcht und der Mißmuth uͤberhand nehme, mit Widerſetzlichkeit und Aufruhr drohend. Als Olga darauf ihn gebieteriſch und trocken beſchied, wenige Minuten noch auszuharren, denn ſie ſei noch nicht zu Stande gekommen mit dem geheimnißvollen Werke, das ihnen ſtrackliche Hilfe bereiten werde, und den Fein⸗ den den Untergang, murrte er vor ſich hin? So thut denn bald dazu, ſonſt moͤchte es zu ſpaͤt werden fuͤr Euch. Des Marſchalls Trom⸗ peter hat mit lauter Stimme Gnade den Leib⸗ eigenen verkuͤndet, ſo ſie die Thore der Burg oͤffneten, und uns ihm uͤberlieferten und den Haͤuptling und Euch. Auch ſcheinen die Bur⸗ ſche nicht uͤbel Willens, ſolche Gunſt zu ge⸗ winnen, und haͤtte es dem Gorka gefallen, uns mit einzuſchließen in ſeinen Pardon, es ſtaͤnde wohl ſchon anders mit Euch, denn vieler ta⸗ pfern Maͤnner Blut iſt wahrlich ein hoher Preis fuͤr ein Weib und einen wunden, kraͤn⸗ kelnden Knaben.— Olga unterbrach dieſe letz⸗ ten hingemurmelten Worte mit herriſcher Feſt⸗ igkeit: Geh— ſprach ſie— und ſage den Maͤnnern des Gebirgs und ihrem Hauptmanne, ein Geſchick ſei das unſere, nahe iſt der Augen⸗ blick, da es ſich enthuͤllt; bis er kommt, möge der ſtarke Arm der Freiheit die feige Bosheit der Knechte bezahmen, bis der Arm aus den Wolken herabgreift, die verwegenen Stuͤrmer zu zermalmen, erlahme des Menſchen Arm nicht, denn nur dem Standhaften iſt die Gei⸗ ſterwelt guͤnſtig, und nur in der Stunde der hoͤchſten Noth erwacht ſie zur That!—— Der Raͤuber, wahrſcheinlich in geringerm Maßſtab als ſein Hauptmann von Olga's ge⸗ heimer Wiſſenſchaft uͤberzeugt, ſchien wenig von dieſen hochtönenden Worten zufrieden geſtellt, denn er ging murrend, wie vorher, und kopf⸗ ſchuttelnd von dannen. Du ſteheſt noch unentſchloſſen— wendete ſich die Mutter wieder an Olgierd— und be⸗ klagſt das unwiederbringlich Verlorene? Un⸗ wuͤrdig iſt das eines Mannes. Wirf es gleich⸗ W. Band. 19 — 290— giltig von Dir, wie ich gethan, denn Beſſeres ſteht Dir bevor.— Und als er immer noch zauderte in ſeinem Starrſinne, rief ſie mit un⸗ geduldigem Spotte: Und haſt Du denn noch eine Wahl? Sieheſt Du nicht, wie die Bande des unfreiwilligen Gehorſams erſchlaffen, horteſt Du nicht, wie ein Wort des Marſchalls ſie gaͤnzlich zerbrochen haben wuͤrde, ein Wort, das er vielleicht im naͤchſten Augenblicke ſpricht? Und was hoffeſt Du dann? Wehe dem Ein— dringling, welcher waͤhnt, ihm bleibe ein Recht, wenn das Gluͤck ihn verlaſſen! Im kuͤhnen Ausfall meineſt Du Verzweifelnde dem Tode entgegenzufuͤhren, und ihn ſelbſt unter ruͤhmli⸗ chem Schwertſtreiche zu finden? Thor! ergrei⸗ fen werden ſie den kraftloſen Gehaßten, nicht mehr Gefuͤrchteten, zu dem Marſchall werden ſie Dich ſchleppen und das gemeine Leben mit dem Tode des Edelgebornen erkaufen. Des Edelgebornen, ſage ich, denn keiner ſteht Dir an Herkunft gleich, nicht unter dem Ge⸗ ſindel des Schloſſes allein, auch im Heere der Ritter.— Ergriffen von der Wahrheit des aufgeſtell⸗ ten Bildes, entgegnete der junge Mann tonlos und matt: Meine nicht, daß mich die taͤu⸗ ſchenden Bilder locken, die Du mir ja von Kindheit auf nichtig vorſpiegelteſt, nicht Deine Worte rufen mich auf, Dir zu folgen, denn nimmer glaube ich an Dich. Wer vertraute auch dem immer luͤgneriſchen Munde? Un⸗ wahr iſt Deine Hoffnung, doch leider Dein Befuͤrchten iſt wahr, ungern ſtuͤrbe ich den Tod der Schande, und irgendwo iſt ja wohl fuͤr mich ein Schwert, das mein Leben zer⸗ ſchneidet. Laß mich es ſuchen mit Dir, wenn Du mit mir biſt, wird es mich ſchwerlich verfehlen. Komm denn, Ungluͤcksmutter, und leite mich den naͤchſten Weg zum Ver⸗ derben, deß ich an Deiner Seite gewiß bin.— Der Weg— ſagte Olga mit fluͤchtigem Worte— der Weg, auf welchem wir ſchon einmal entflohen, fuͤhrt durch das Gebuͤſch bis an das Ufer der Weichſel. Freund und Feind beſchaͤftigt der Sturm, und wir mögen es un⸗ bemerkt erreichen. Die ehrbare Ritterfrau und den verwundeten Edelknecht haͤlt keine Wacht auf, denn viele Fluͤchtlinge dieſer Art durch⸗ ſtreifen das Land. Am Geſtade des Stromes 15 — 2— hinab ziehen wir, bis wo der San ſich mit ihm vereinigt, dort, Du haſt es aus Borzi⸗ woy's Munde gehoͤrt, harret eine Schar der Raͤuber und Leibeigenen verborgen im Dickicht des Waldes. Dieſe, keine Gnade hoffend vor den Rittern, ſind laͤngſt meines Befehles ge⸗ waͤrtig, den ich ihnen durch Tomek geſandt, deſſen Feigheit bei der willkommenen Entfern⸗ ung vom Schloſſe ihn zum treuen Botſchafter machte. Jene, nicht, wie Borziwoy wähnt, die Knechte bewachend, ſondern von ihnen be⸗ wacht, des Hauptmanns und der Zuflucht in die Gebirge beraubt, folgen uns, weil ſie muͤſ⸗ ſen, und nicht als einſamen Fluͤchtling, um⸗ ringt von ſtattlichem Geleite fuͤhrt Olga den Pflegling und Sohn dahin, wo man ſchon Beide erwartet.— So komm nur, komm— fiel Olgierd ein, der wenig Acht gegeben hatte auf das, was die Mutter geſagt— mich geluͤſtet es nach denen, die meiner dort warten, wartet man hier doch auch auf mich.— Da hob die Frau nicht ohne Muͤhejenes, im Anfang erwähnte, griechiſche Kreuz von ſei⸗ nem Geſtelle herab, und Olgierd ſagte mit traurigem Spotte: Ich habe eine gar fromme Mutter, fuͤrwahr, und ſie ſorgt, daß der Segen des Himmels uns Gluͤck verleihend, ſie begleite.— Aber Olga druͤckte das gewichtige Kleinod heftig an ihre Bruſt und rief mit ſeltſamen Ausdruck: Du haſt wahrgeſprochen, wahrer als Du glaubſt, denn dieſes geweihte Zeichen enthaͤlt das Palladium Deines Gluͤckes und das Pfand meiner Rache!—— Das laute Geſpraͤch der Beiden hatte bis jetzt ein leiſes Geräuſch uͤbertäubt, das ſeit⸗ waͤrts aus einer Ecke des Gemaches zu kom⸗ men ſchien; aber in demſelben Augenblick, als aus Olga's Mund das Wort„Rache“ ertönte, ſcholl es von daher wie in dumpfem Echo zu⸗ ruͤck, gleich darauf ſtuͤrzte ein Theil des Ge⸗ tafels vorwärts zu Boden, und in der Oeff⸗ nung erſchien eine reiſige Schar, an ihrer Spitze der Knappe Georg. Verraͤtherei! ſchrie Olga auf in wildem Entſetzen— und: Tod den Verrathern!— Georg, und drang mit gezogenem Schwert auf Olgierd ein. Als er ihn aber ſah, tod⸗ — 294— bleich, mit der Binde um das Haupt, unter welcher Blutstropfen hervorquollen aus der wieder geborſtenen Wunde, die Wafſe nur muͤhſam hebend, da verſchmähte des Knappen wackerer Sinn den leichten Sieg uͤber den Wehrloſen, ſein Arm ſenkte ſich und er ſprach zu den ihm folgenden Gewappneten: Sehet da den Empoͤrerhaͤuptling, er iſt Euer Gefan⸗ gener.— Der Meinige iſt er!— donnerte eine tiefe Stimme dazwiſchen, und Severin Strzemieniec trat ein mit entflammtem, verſtoͤrten Geſicht — Mein Gefangener iſt er, und Niemand wage ihm ein Haar zu kruͤmmen ohne des Kaſtellans von Proſzowice Geheiß, der Herr und Gebieter iſt auf Burg Zembocin.— Als die ausgewaͤhlte Schar, vom Marſchall Gorka geſendet, in der Kirche erſchien, um in die Burg zu brechen auf dem verborgenen Wege, waren die ehemaligen Stuͤrme in Se⸗ verin's Bruſt wieder erwacht, er verweigerte ſeine Genehmigung, halsſtarrig behauptend, ſol⸗ cher Einfall ſei eine unredliche Liſt und duͤrfe nicht ſtatt haben ohne ſeine Genehmigung, und ſo geachtet waren damals die Rechte des — 295— Adels innerhalb ſeines Beſitzthums, daß der Marſchall der Krone, des koͤniglichen Heeres oberſter Feldherr, nicht wagte, oder nicht fuͤr zweckmaͤßig hielt, ſich ſolcher Verweigerung ei⸗ genmaäͤchtig zu uͤberheben. Auch wuͤrde der ei— genſinnige Greis bei derſelben beharrt ſeyn⸗ haͤtte die Verzweiflung der Maͤnner des Ge⸗ birgs dem Sturme der ritterlichen Scharen nicht eine kraͤftige Gegenwehr geboten; aber als die Wäͤlle von Zembocin ſchon vom Blute ge⸗ roͤthet, als manches edle Haupt ſchon gefallen war, beſiegten die Vorſtellungen der Ritter, das Flehen der Frauen ſeinen Widerſtand, und die abgeſendeten Reiſigen verfolgten ihren Weg nach einer Zoͤgerung, welche beinahe den Hauptverbrechern Zeit zum Entkommen gelaſſen haͤtte. Kaum hatten die Reiſigen indeß die Kirche verlaſſen, ſo erwachte in ſeiner ganzen Stärke des Kaſtellans Vatergefuͤhl zu dem un⸗ gerathenen Kinde ſeines Vergehens, und er eilte ihnen nach, es vor dem Arme der Vergeltung zu ſchuͤtzen. Lautlos und ohne Bewegung ſtanden die Kriegsleute, als ſie das Wort des edeln Herrn vernahmen, eben ſo der Empoͤrerhaͤuptling — 296— und ſeine Mutter, die immer noch das ergrifſene Kreuz hielt; Severin aber wendete ſich zu dem erſten und ſprach in einem Tone, noch ein⸗ dringlicher gemacht durch was Verſchmelzen ge— wohnter Rauhheit in tiefe ſchmerzliche Beweg⸗ ung: So muß ich Dich wiederſehen, Sohn des Ungluͤcks und des Verbrechens, als ſein Moörder ſteheſt Du⸗vor dem jammervollen Vater? — Dann wendete er ſich ab und murmelte, Stirn und Haupt mit dem Kreuze bezeichnend — Herr, ich ſtehe als ein Suͤnder vor Dir, doch wende Deinen Zorn von mir ab, denn ich bin ein Menſch nur, und allzuſchwer iſt die Laſt, die Du mir auferlegt in Deinem Grimme.— Da war es Olgierd, als fielen Schuppen von ſeinen lange gebliten Augen, tauſend widerſtreitende Empfindungen erhoben ſich in ſeiner Bruſt, endlich gewann eine die Ober⸗ hand, der oft ſchon gefuͤhlte Unmuth, das blinde Werkzeug der Plane ſeiner Mutter ge⸗ weſen zu ſeyn, und er warf auf ſie einen finſtern, fragenden Blick. Doch ſie, die alsbald ihre Faſſung wiedergewonnen, ſah achſelzuckend und mit zweideutigem Blicke vor ſich hin, und 2 erſt nach einer Weile ſprach ſie in ſchneidendem Tone: Ihr ſehet, hochedler Kaſtellan, das Schauſpiel iſt voruͤber, in welchem wir Beide die erſten Rollen geſpielt, und es ſtehet nun bei Euch, es Eurer wuͤrdig zu enden. Bei dem Klange der verhaßten, die Erinner⸗ ung an alte und neue Miſſethat zuruͤckrufenden Stimme erwachte Severin's. ganzer Zorn, mit vor Wuth bebender Hand deutete er auf das Weib, und alsbald ward ſie in Feſſeln ge⸗ ſchlagen. Als aber die Reiſigen ihn fragend anblickten und dann Olgierd, wendete er ſich ab und ſchwieg und ſenkte das Auge zu Boden. Die Sonderbarkeit des Auftrittes hatte all⸗ maͤhlig das anfaͤngliche Getöſe in tiefes Still⸗ ſchweigen umgewandelt, das plotzlich durch ein lautes Getöſe vom Burgplatze her unterbrochen ward. Sogleich nach dem Hereinbrechen der Schar vom Heere des Marſchalls war ein großer Theil derſelben dahingeeilt, die Knechte im Ruͤcken anzugreifen, und den Stuͤrmenden das Thor zu eroffnen. Einige kehrten zuruͤck und berichteten, die Burg ſei genommen. Aber gleich darauf erhob ſich das Getöſe wiederum, doch glich es weniger dem Schreien — 298— kaͤmpfender Krieger, als einem lauten, an⸗ haltenden Jubelrufe; dann nahten ſich vieler Gewappneten Schritte, die Thuͤr drehte ſich in ihren Angeln, und herein trat, den Niemand zu ſehen erwartete, Boleslaw der Zweite. Zu ſeiner Rechten ging der Erzbiſchof Petrus Nalencz, dem der Sieg uͤber die Empoͤrer und ſeines Herrn ſchnelle Zuruͤckkunft Muth und Dienſteifer wiedergegeben; zur Linken, heiter und in beſcheidener Wuͤrde, wie immer, der Biſchof von Krakow, und hart hinter ihnen Nikolaus Strzemieniec, der Erbſohn zu Zembocin. Wie im Schloßhofe des Königs Erſcheinen jenen Jubelruf veranlaßt, ſo war bei ſeinem Eintritte auch lebhafte Freude das erſte Gefuͤhl der im Gemach anweſenden Ritter und Krieger, und alles, was ihn bedruͤckte, vergeſſend, trat Herr Severin dem Oberherrn entgegen, ihn in dem wiedergewonnenen Eigenthume willkom⸗ men zu heißen, aber ſeine lebhafte Anrede ver⸗ lor an Kraft, jene Freude verflog unwillkuͤhr⸗ lich nach einem Blick auf den gaͤnzlich ver— wandelten König. Die Fuͤlle und das maͤnnlich braͤunliche Roth ſeines Antlitzes waren verſchwunden, und die hager gewordenen Wangen mit einer krankhaft gelblichen — 299— Bläſſe uͤberzogen, der Folge uͤbermaͤßig genoſſener Freuden und ſpaͤterer Sorge und Grams, ſeine Stirne, einſt dem glatten Waſſerſpiegel gleich, zwar oft und ſchnell empört vom Sturm, doch eben ſo raſch wieder geebnet, aͤhnelte jetzt mehr dem Felde, auf welchem der Unmuth bleibende Furchen gezogen; ſein dunkler Knebel⸗ bart, einſt wild und kraus nach Kriegerart, war nun zierlich geſtutzt und geſalbt mit koͤſt⸗ lichem Balſam, aber der Mund unter ihm, der vor Zeiten wohl mitunter draͤuend ſchwoll, doch auch wieder ſich öffnete zu guͤtigem Wort oder zu fröhlichem Lachen, zeigte jetzt ein herbes ſtehendes Lächeln, ein Läͤcheln, von welchem Traurigkeit ausgeht, nicht Freude, ſo wenig als vom kurzen ſchneidenden Ton der abgeriſſenen Worte, die er unwillig auszuſtoßen ſchien. Auch ſein Auge war nicht mehr das Auge deſſen, der kuͤhn und feſt um ſich herblickte von ſeinem erhabenen Standpunkte; ſonſt glich es im Wiederſcheine eines feſten Sinnes, nur un— terweilen auflodernd im Zorn, dem Sommer⸗ himmel eines heißen Tages, dem hin und wieder aus einzelnem, voruͤberziehendem Gewölke der Blitzſtrahl entfaͤhrt; jetzt war er duͤſter und kalt, und doch gluͤhend in unheimlicher Flamme, — 300— der Winternacht gleich, vom Scheine einer Feuersbrunſt erhellt. Der Heimkehrende war ein Anderer als der hinauszog gen Kijow, das fuͤhlten die anwe⸗ ſenden polniſchen Herren, obſchon damals die Geſichtkunde keine in Regeln gebrachte Wiſſen⸗ ſchaft war; ſie ſollten bald gewahr werden, daß, wie das Aeußere Boleslaw's, auch ſein Inneres ſich geändert hatte. Willkommen heißet Ihr uns auf Zemboein? — fragte er mit rauhem und bittern Tone den greiſen Severin— als ob es deſſen beduͤrfte fuͤr den Koͤnig, wo auch der Fuß deſſelben hintritt in ſeinem Reiche. Ihr heißet uns willkommen; ſind wir es aber auch in dem Hauſe, deſſen Herr, in Verſaͤumniß ſeiner Pflicht, es zur Höhle der Raͤuber werden ließ, dem Richter, der ſein Amt parteiiſch verwaltete, dem Landpfleger, welcher den Aufruhr groß zog in ſeinem Gebiete? Hierher ſchauet, wackerer und pflichtgetreuer Kaſtellan von Proſzowice— fuhr er fort, auf Olgierd und Olga deutend— hier ſtehen Euere wuͤrdigen Schuͤtzlinge, die Strafe wird ihre ſchul⸗ digen Haͤupter nicht zum zweiten Mal verfehlen, und es kann ſeyn, ſie triſſt auch den, deß Unterlaſſen ihn anklagt, wie dieſe ihr Thun. Herr Koͤnig— antwortete Severin, ſich nach und nach von der Beſtuͤrzung erholend, in welche ſolch nie gehoͤrtes hartes Wort den Ritter und Senator verſetzt hatte, nicht ohne Feſtigkeit— Herr Koͤnig, wir ſind Menſchen allzumal und ermangeln des Ruhmes; wohl manch Anderer noch hat in dieſer letzten Zeit nicht gaͤnzlich gethan, was ſeines Amtes war und ſeine Pflicht. So ſtrenge Rede zu vernehmen vom Sohne Kazimierz des Wiederherſtellers, fallt dem alten Manne ſchwer, der ihm und—— Schweigt!— donnerte der König mit fun⸗ kelndem Blicke— ſchweigt, ich gebiete es Euch bei Eurem Leben!— Der Kaſtellan ſchwieg, aber finſtere Wolken ſammelte Boleslaw's heftiger Zornausbruch auf den Stirnen der Ritter, manch Auge richtete ſich mehr unwillig als ehrfurchtvoll auf ihn, manche Geſtalt erhob ſich ſtolz. Da wandte der König ſich zu dem Ge⸗ fangenen und ſprach mit ſchneidendem Tone: Sieh da, Hauptmann der Räuber, Fuͤrſt der Mordbrenner, Koͤnig der Lotterbuben, habe ich Dich endlich? Im Kampfe wollte der leib⸗ eigene Knecht dem Geſalbten Gottes gegen⸗ uͤberſtehen, nun ſteheſt Du mir gegenuͤber; die Krone wollteſt Du auf Dein niedrig Haupt ſetzen, ſorge nicht, daß Du ſie verliereſt; auf daß ſie nicht wanke, wie Du und wohl manch Anderer, beſſer als Du, geglaubt hat, daß die meinige wanke, ſollen gluͤhende Naͤgel ſie an Deinen Schaͤdel heften; einen Thron wollteſt Du beſteigen mit plumpem Fuß, beim Bart des Piaſt, der Thron, der Dir beſtimmt iſt, ſoll hoͤher ſeyn als der meine! Seit dem Beginn dieſes Auftrittes hatte Olgierd in ſcheinbarem Dumpfſinn geſtanden, und kaum bemerkend, was um ihn vorging, nur hin und wieder hatte er einen Blick auf den König und auf Sttrzemieniec geworfen, dann wieder auf ſeine Mutter, als gewaͤhre es ihm, ſelbſt in ſolchem Augenblicke, Genuß, der Luͤge zu ſpotten, welche die fuͤr todt ausge⸗ geben, die jetzt lebend vor ihm ſtanden und als ſeine Richter; als er aber die hohnende Rede vernahm, eines ſolchen und eines Koͤnigs un⸗ wuͤrdig, richtete er das Haupt empor und er⸗ wiederte nicht ohneAnſtand und Nachdruck: Wie mag auch der, welcher, was ihm ge⸗ geben, verſaͤumt, zuͤrnen, daß ein Anderer die Hand danach ſtreckte? Wer, wo es ſeine Pflicht gebietet, nicht hilft, mag ihn die Selbſthilfe — 303— verwundern? Ihr hattet die Krone hinweg⸗ geworfen gleich einer laͤſtigen Buͤrde; befrem⸗ det es Euch, ſo jemand ſie aufzuheben geluͤſtet? War ich es nicht, ein Anderer hätte es gethan. Und fuͤrwahr, viel fehlte nicht, es waͤre mir gelungen, und beim Bart Eures Ahnherrn Piaſt, ich meine, ich haͤtte ſie wuͤrdiger getragen als Ihr, der ſie fuͤr des Zechers Blumenkränze verſchmähte, und fuͤr ein morgenländiſch Dia⸗ dem, aus Nebel gewoben, und eben ſo wuͤrdig als er, der war, was ich geweſen, ein Bauer! Die beiſpielloſe Kuͤhnheit des Verbrechers ergriff alle Anweſenden mit Erſtaunen, doch war dieß Erſtaunen mit einer Art von Beifall gemiſcht. Der hoͤchſte Grad der Kuͤhnheit ſindet immer einen Wiederklang in der Bruſt des kraͤftigen Mannes, des Kriegers zumal; fuͤr einen Augenblick ſtand der muthige Beſiegte hoͤher als der ſpottende Sieger, und mancher konnte nicht um⸗ hin, ſich die Wahrheit dertrotzigen Redezu geſtehen. Des Koͤnigs argwoͤhniſch umherrollendes Auge glaubte, deß etwas wahrzunehmen, und er rief heiſer ſtammelnd vor Wuth: Alſo dahin iſt es gekommen, daß ein niedriger Bube es wagt, Boleslaw den Zweiten in's Angeſicht zu verhoͤh⸗ nen, daß ſeiner Ritter ſtummer Mund wohl gar — 304—, einſtimmt in den Unglimpf des Koͤnigs?— Hin⸗ weg— herrſchte er den Landsknechten zu— hinweg mit dieſen in den tiefſten Kerker, und das Haupt des Schloßherrn buͤrgt mir fuͤr ſie. In einer Stunde wollen wir zu Gericht ſitzen, nicht nur 8 uͤber Raͤuber und Knechte, auch— hier ſchaute er bedrohlich auf die umſtehenden Herren— auch ² uͤber Andere noch, die wir nachlaͤſſig erfunden in ih⸗ rer Pflicht, und wankend in ihrer Treue. Unſer Thun kennt keinen Richter als Gott und uns ſelbſt, ein Wort uber daſſelbe geſprochen, iſt Hoch⸗ verrath, nicht minder als offene Empoͤrung. Wir ſind der Herr, und wollen zeigen, daß wir es ſind uͤber Edle und Niedriggeborne!— Und darauf ver⸗ ließ er das Gemach, die Erſtaunten kaum mit ſtol⸗ zem Kopfneigen begrußend. Die Flamme des Zor⸗ nes durchgluͤhte ihn, aber draußen legte ſie ſich auf kurze Zeit vor einer ſanftern Empfindung, denn Frau Chriſtine von Skalmierz trat zu ihm, und in ihren Armen ruhte der braͤunliche Knabe. Ende des vierten Theils. —— —— — — e 9 1 M 0 11 12 14 . 6 5 8 13 15 165 6 f 6 E 5