nuſcen, gliſcer n un ſn cher Fer Cduard Ollmunn in bicen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Tefehedingungen. 6. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur m⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: eufz Monat: 15 F— Ff 5. 2W= 3 Sig Wonhenten haben für Hin- und Zurkickſendung der 2 Bücher auf ihre Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ₰ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleih keit. weſel⸗ iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir auch dafür zu ſtehen haben⸗ 3 — von Alexander Bronikowski. 3 5 nd Inhalt: Polen im Eilften Jahrhundert. Olgierd und Olga, er Polen im Eilften Jahrhundert, Won Alerander Bronikowski. S tter Sh e. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 828. — F Die Sarmaten, die vor Jahren ſchon in die⸗ ſen Kampf ausgezogen, waren rauh und ein wenig wild wohl, gleich ihren Lieblingsbeſchaͤf⸗ tigungen, der Jagd und dem Kriege, aber ein⸗ fach und beſchraͤnkten Beduͤrfniſſes, wie ihr Hauptgewerbe der Ackerbau ſie gelaſſen, doch machte geſchonte Kraft und lang muͤßig geblie⸗ benes Begehren ſie nur um ſo empfaͤnglicher fur die mannichfaltigen Genuͤſſe, die ſich in den frucht⸗ baren, bevolkerten Landſtrichen am Boryſthenes und in der reichen Hauptſtadt dem Sieger dar⸗ boten, ſo daß er die Hand nur danach auszu⸗ ſtrecken brauchte, wie der Voruͤbergehende nach den unbewachten Fruchtbaͤumen, welche die Heer⸗ ſtraße beſchatten. Zu allen Zeiten hat die Er⸗ fahrung ſich mehrmals beſtaͤtigt, daß allzuſchnel⸗ les Bekanntwerden mit hoͤherer Bildung, verfei⸗ nerter Sitte und geſteigertem Beduͤrfniß einer rohen Voͤlkerſchaft ſelten erſprießlich iſt. Die wandernden Staͤmme der Aſiaten fanden in den Gefilden Welſchlands einſt das Grab ihrer Kraft und ihres Ruhmes; viel ſpaͤter hat man Gelegenheit gehabt, die oft ſeltſame Wirkung wahrzunehmen, die eine ſolche plotzliche Um⸗ wandelung hervorbringt, welche nur von Au⸗ ßen bekleibend, ohne Einfluß auf die Eigen⸗ thuͤmlichkeit bleibt, und nicht hindern mag, daß ſolche nicht unterweilen roh hervorbreche durch den dichten buntfarbigen, aber leicht abbroͤk⸗ kelnden Firniß, ſich in wunderlichem Kontraſte aͤußernd. Längſt ſchon, ſeit den Zeiten Boleslaw's des Heldenmuͤthigen, hatten die Polen den Krieg in das Ausland getragen; an dem Ufer der Saale hatte jener gewaltige Kriegesfuͤrſt ſein Siegeszeichen aufgeſtellt, viele waren der Zuͤge nach Böhmen und Ungarn gel eſen, aber keine dieſer Völkerſchaften ſtand auf einer höhern Stufe der Bildung als die Sarmaten, und dieſe fanden bei ihnen nicht mehr oder weniger noch, als ſie daheim verlaſſen. Auch zu Kijow waren ihre Vaͤter mit dem erwaͤhnten Koͤnig geweſen, und ſelbſt ein Theil der Jetztlebenden unter ſeinem Enkel, aber beide Fürſten hatten daſelbſt nur ſo lange verweilt, als nöthig war, eine mehr Ehre als Nutzen gewährende Ober⸗ lehnöherrlichkeit zu beſtätigen, und fuͤhrten drauf alsbald ihre Schaaren zuruͤck zu Wald und Feld, zu Jagdſpieß und Pflugſchaar. Dies⸗ mal war es anders; alle Verfuͤgungen, die vom Koͤnige ausgingen, deuteten auf einen ver⸗ laͤngerten Aufenthalt, und der Kriegsmann, ein Stuͤck der beſchwerlichen Ruͤſtung nach dem an⸗ dern ablegend, begann, es ſich bequem zu ma⸗ chen in dem ſchoͤnen Lande, wo es ſich ſo gut leben ließ, und abſonderlich ſo ohne Muͤhe und Arbeit und fuͤr keinen andern Preis als den des Zugreifens. Doch der, welchen der Großfuͤrſt und die Optimaten von Kijow vornehmlich gern ſorglos und den Vergnuͤgungen ergeben geſehen haͤtten, ſchien allein unempfindlich fuͤr die Freuden, mit welchen ſein allzu ſorgfältiger Gaſigeber ihn umringte. Konig Boleslaw zeigte ſich ſelten außerhalb des Schloſſes, wo er ſich auf den Umgang der Vertrauteſten ſeiner Unterthanen beſchraͤnkte; griechiſchen Prunk und Schwelge⸗ rei verſchmaͤhend, blieb er in Nahrung und an⸗ derer Lebensweiſe der einfachen Sitte ſeines Landes getreu; wenn er in den Straßen der Hauptſtadt erſchien, war ſeine Miene und ſein Anſtand die eines ſtrengen Herrſchers; ſelbſt jene Ausbruche munterer Laune, denen er ſich ſonſt nicht ungern uͤberließ, wurden ſeltener, und es ſchien, als fuͤhle er die Nothwendigkeit vollig, umgeben von ihm wenig geneigten Ue⸗ berwundenen, die Majeſtäͤt der königlichen Wuͤr⸗ de, und in den Augen der Schismatiker den Ernſt zu behaupten, der dem Vertheidiger des chriſtkatholiſchen Glaubens gezieme. Häufig je⸗ doch ritt er hinaus auf Jagd und Fiſchfang, und nicht ſelten durchſtrich er das Land, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, oder die feſten Schloͤſſer und ihre Beſatzungen heimzuſuchen, ſich uͤberall als der wahre Herrſcher erweiſend, Aind als ein Solcher, der es ſein wolle im— zen Sinne des Worts. Fuͤrſt Izaslaw fuͤhlte, er ſei durch die An⸗ weſenheit des oberſten Lehnsherrn zum Range des Erſten ſeiner Dienern herabgeſetztz ihm ent⸗ ging es nicht, daß ſelbſt in den Augen des Volks der Schimmer ſeiner Wuͤrde, ſo ſehr er ihn auch durch die wiedererworbenen Reichthuͤ⸗ mer zu erhoͤhen ſtrebte, verdunkelt ward durch den Glanz der Koͤnigkrone, und nicht ſelten begegnete er in den Geſichtszuͤgen ſeiner Unter⸗ thanen einem Mitleiden, das von Verachtung nicht weit entfernt war, oder Blicken, die ihn zu fragen ſchienen, wie er es denn ertruͤge, in der Burg ſeiner Ahnen, in dem Bereich ſeines Erbes fuͤr nichts zu gelten, als fuͤr eines fremden Gewalthabers Vogt und den demuͤthigen Knecht ſeiner Laune. Er berieth ſich oft insgeheim mit ſeinen Söhnen, mit den angeſehenſten Ruſſen, ſelbſt mit dem Abgeſandten des Cäſar Auguſtus. Auf Mieczyslaw aber, den Aelte⸗ ſten der Prinzen, welcher aus Italien zuruͤck⸗ gekommen, hatte Gregor des Siebenten kräftig Wort und Thun tiefen Eindruck gemacht; ſein Sinn wendete ſich dem römiſchen Glauben zu, und er war eher geneigt, die Bemuͤhungen Bo⸗ leblaw's zu Gunſten deſſelben zu unterſtutzen, als ſeine Entfernung zu wuͤnſchen. Seine, Bruͤder, junge Männer von geringen Geiſtes⸗ gaben, begnuͤgten ſich, uͤber das aufgelegte Joch zu murren, um es mit moglichſter Verdroſſen⸗ „ heit zu tragen; nur Klagen hatten die Boja⸗ ren und fruchtloſen Ungeſtuͤm, und Leontios Angelos war fort und fort reich an Vertroſt⸗ ungen auf die Zukunft. So waren die Verhaͤltniſſe beſchaffen, als das Feſt herankam, welches die morgenlaͤndi⸗ ſche Kirche unter dem Namen der Waſſerweihe feiert. Der Fuͤrſt von Kijow, welcher gern die Reichthuͤmer zur Schau trug, deren Beſitz ihn einigermaßen uͤber den Verluſt anderer Vorzuͤge tröſtete, hatte die Vorbereitungen zu demſelben mit großer Pracht getroffen, und nicht aus den ruſſiſchen Landen allein, auch vom Tau⸗ riſchen Cherſones und andern noͤrdlichen Pro⸗ vinzen des oſtroͤmiſchen Reiches waren zahlrei⸗ che Schaaren herbeigekommen, der Andacht in der Stadt obzuliegen, welche damals durch ih⸗ ren Umfang und Glanz keine unbedeutende Stelle einnahm, und eine hoͤhere noch durch den Schimmer der Heiligkeit, den fruͤhere Er⸗ innerungen und die Gebeine unzaͤhliger Mär⸗ tyrer, in ihren Katakomben ruhend, uͤber ſie verbreitete. Koͤnig Boleslaw hatte angekuͤndigt, er wer⸗ de auf die Dauer des Feſtes die Hauptſtadt der ruſſiſchen Lande verlaſſen, denn es zieme dem Streiter fuͤr Rom nicht, Theil zu haben an byzantiniſchem Ketzergräuel. Ungern ver⸗ nahm Jzaslaw dieſen Entſchluß; er fuͤrchtete, das Volk werde die Entfernung des Koͤnigs fuͤr ein neues Merkmal ſeiner geringen Ruͤck⸗ ſicht auf ſeinen Fuͤrſten anſehn, und der Fa⸗ natismus ſich zur Unzufriedenheit geſellend, ihm ſelbſt die Verachtung zum Vorwurfe machen, die Der, welcher ihn wieder eingeſetzt, gegen die Gebräuche ihres Glaubens zur Schau trug. Er lag demnach dem Koͤnig dringend an, ihm ſolche Kraͤnkung nicht zuzufuͤgen, und als die⸗ ſer, wie gewoͤhnlich ſeine bitter herriſche Un⸗ beugſamkeit entgegenſetzte, rief er ſeinen Sohn Mieczyslaw, und den kuͤrzlich eingetroffenen Adalbert Druzyniec auf, ſeinen Wunſch zu un⸗ terſtuͤtzen. Der junge Ruſſenfurſt, welchem Bo⸗ leslaw der Zweite vor Allen ſeines Stammes wohlwollte, hielt mit Recht dafuͤr, es ſei nicht wohlgethan, ein Volk, das man zu bekehren beabſichtige, allzu plötzlich in lang beſtandenen Begriffen zu kraͤnkenz dem Druzyniec aber, der nur ungern Kijow zu ſolcher Zeit verlaſſen hätte, um ſeinem Herrn in eine öde Grenzveſte ——— —— zu folgen, gelang es, ihm die ſchismatiſche Feierlichkeit als ein ſeltſam ergötzend Schau⸗ ſpiel darzuſtellen, dem man ohne Bedenken bei⸗ wohnen duͤrfe, da es ja doch bald verdraͤngt werden wuͤrde durch die Gebraͤuche der wahren Kirche. Vielleicht machten die ſtaatsklugen Gruͤnde des Prinzen Eindruck auf den Koͤnig, viel⸗ leicht auch ließ er ſich nicht ungern bereden, aus einer Abgeſchloſſenheit hervorzutreten, die eben ſo wenig mit ſeiner Neigung als mit ſeiner Gewohnheit uͤbereinſtimmte, kurz er bewilligte den Vertrauten, was er dem verbuͤndeten Fuͤr⸗ ſten verweigert hatte, und ſendete an ſeiner Statt den Nikolaus Strzemieniec. Als die Menge ſich voll Andacht und Neu⸗ gier am Ufer des Dniepr draͤngte, um die Stelle, wo die Gewaͤſſer von ihrer Eisdecke be⸗ freit worden und die fuͤr dieſen Tag den Na⸗ men des Jordan trug, erblickte man unter den Anweſenden auch den Konig Lon Polen und ſein Gefolge, zwar ohne aͤußeres Abzeichen der Wuͤrde, und dicht in weite Pelze gehullt, doch an einem ausgezeichneten Platz, und nicht un⸗ erkannt, wie man aus der Ehrfurcht ſchließen — 45— konnte, mit der die Umſtehenden dem durch⸗ lauchtigen Gaſte Raum gaben. Dieſer indeß ſchenkte der eigenthuͤmlichſten und glänzendſten Ceremonie der orientaliſchen Kirche ſo wenig Aufmerkſamkeit, als ſie in der Meinung des guten Katholiken und eifrigen Bekehrers verdiente; die untere Halbſcheid des Geſichtes in den verbraͤmten Kragen ſeines Mantels gehuͤllt, waren ſeine Augen bald theil⸗ nahmlos an den Boden gefeſſelt, bald richtete er ſie auf die polniſchen Herren ſeines Gefol⸗ ges, welche mit mehr als halblautem Geſpräch und lebhafter Geberde nicht ſelten die religiöſe Stille des Vorganges ſtörend, ſich ganz mit der Nachläͤßigkeit Fremdglaͤubiger und der Ruͤck⸗ ſichtloſigkeit ſiegender Kriegsmaͤnner gehabten. Wohl traf mitunter ein finſterer Blick unter den buſchigen Augenbrauen eines dunkelfarbi⸗ gen Ruſſenantlitzes hervor auf die wenig an⸗ däͤchtigen Zuſchauer, wohl ſtieß mancher Grie⸗ che, ſein bruͤnſtig Gebet unterbrechend, ein Ana⸗ thema aus zuſammengebiſſenen Zaͤhnen hervor, doch ſchien der König, dem der unguͤnſtige Ein⸗ druck nicht entging, ſich einigermaßen deſſelben zu erfreuen, wenigſtens glitt unterweilen ein — verachtendes Lächeln uͤber ſein ernſtes, ſtrenges Angeſicht. Auch Jzaslaw bemerkte das Be⸗ nehmen ſeiner Gaͤſte und die Wirkung deſſel⸗ ben auf das Volk, und er war ungewiß, ob ihn dieſer Beweis geringer Achtung mehr kraͤn⸗ ken, oder ob er ſich deſſen mehr erfreuen ſollte, was ſeinem Lehensherrn und deſſen Dienern den allgemeinen Haß einer fanatiſchen Menge zu⸗ zuziehen gar wohl geeignet war. Obſchon Le⸗ ontios Angelos, in der ſtreng-kleinlichen Ob⸗ ſervanz der damaligen morgenlaͤndiſchen Kirche auferzogen, gleich den meiſten ſeiner Landes⸗ und Glaubensgenoſſen das Weſen des Chriſten⸗ thums hauptſaͤchlich in genaue Beobachtung frommer Gebraͤuche ſetzte, hielt er doch fuͤr gut, ſich fuͤr heut mit denſelben in moͤglichſter Kurze abzufinden, und die gewonnene Zeit in der Naͤhe des Königs zuzubringen, an deſſen Seite ihn ſein Amt als Abgeſandter berief, und den Ort und Umſtände heut zugaͤnglicher fuͤr ihn machten, als er es in den Mauern der Fuͤrſtenburg, ſeine Zeit ernſten Beſchaͤftigun⸗ gen widmend, gemeinhin war. Wie gewoͤhn⸗ lich betrachtete er die Geſichtzuͤge Boleslaw's II. mit verſtohlener Aufmerkſamkeit, und als er in * ihnen jenes öfter wiederkehrende fluͤchtige Lä⸗ cheln gewahrte, das ihm ſchon fruͤher fuͤr ein Merkmal erwachender, lang unterdruͤckter, ein wenig wuͤſter Frohlichkeit des Barbarenherrſchers gegolten, wagte er es, die Nede an ihn zu richten. Ihr Inhalt war, der koͤniglichen Lau⸗ ne gemaͤß, Spott; zwar richtete der ſtrengglaͤu⸗ bige Grieche ihn nicht gegen die fur ihn gehei⸗ ligte Ceremonie ſelbſt, er traf nur manches Un⸗ geſchickte, was dem im Vorgemach und Kir⸗ chenchor aufgewachſenen Konſtantinopolitaner an den nordiſchen Nachahmern auffiel, doch fand er Gefallen vor dem Koͤnig, und der er⸗ freute Strator durfte ſich geſtehen, noch nie ſo huldreiche Begegnung von ihm erfahren zu haben. Das Feſt war indeſſen vorgeruͤckt; bereits hatte der Metropolit den Segen uͤber die Ge⸗ waͤſſer ausgeſprochen, die Gläubigen eilten hin⸗ zu, ſich mit ihnen benetzend, der erſten Kraͤfte derſelben theilhaftig zu werden, die Angeſehenern unter ihnen kehrten darauf, Gebete murmelnd, vom neuen Jordan zuruͤck an ihre Plaͤtze, um auch die Menge an der Spende des Heiles Theil nehmen zu laſſen, da gewahrte der By⸗ zantiner, wie der Koͤnig ſeine Blicke nicht mehr ſo ausſchließlich vor ſich nieder rich⸗ tete, wie ſie oͤfter nach einer gewiſſen Stelle hinflogen, und nach und nach gaͤnzlich an der⸗ ſelben haften blieben. Leontios ließ ſein Auge ihnen folgen mit der Geuͤbtheit eines ſpaͤhenden Hoͤflings, und entdeckte in der Richtung, die ſie genommen, zwei weibliche Geſtalten, welche ſich vor den Umſtehenden auszeichneten, jede auf eigene Weiſe. Die Eine gehorte einer an⸗ ſehnlichen Frau zu, welche, obſchon ſie den hohen Mittag des Lebens erreicht, doch noch manch Merkmal an ſich trug, der Morgen des⸗ ſelben ſei hochſt anmuthig geweſen. Ihre Klei⸗ dung war mehr durch Reichthum als durch Geſchmack bemerkenswerth, und ſtellte die Trä⸗ gerin als eine Landes⸗ und Standesgenoſſin der Griechen dar, welche ſeit geraumer Zeit ſchon ſich des Handels oder anderer gewinnrei⸗ chen Gewerbe wegen in Kijow niedergelaſſen. Es war nemlich dieſelbe ein mehr wunderliches als anmuthiges Gemiſch oſtroͤmiſcher und ruſ⸗ ſiſcher Tracht; uͤber der zierlich gefalteten Tu⸗ nika ſchloß ſich ein anliegendes, doch etwas dick mit Rauchwerk gefuttertes Oberkleid zuſammen, mit unzaͤhligen Schnuͤren und Knopfen verziert; das noch reiche und dunkle Haar war in viele Zöpfe geflochten, durch welche Perlen, Jaſpis⸗ koͤrner und Korallenſchnuͤre ſich wanden, doch entſtellte ſie ein ſteifer, oben ſeltſam zuſammen⸗ geſpitzter Schleier oder vielmehr ein Behaͤnge von goldenem gebluͤmten Stoff, deſſen ſtarre Enden ſie unterweilen das Antlitz verhuͤllend zuſammenzog, zumal wenn die Betſchnuren in eifriger Andacht raſcher durch die mit Sam⸗ methandſchuhen bedeckten Finger liefen. Ihre Gefaͤhrtin ſchien einer andern Zeit und einem andern Lande zuzugehören. Auch ſie trug ei⸗ nen Pelz, doch ſo ſehr ihr denſelben der harte, vielleicht ungewohnte Winterfroſt nothwendig machen mochte, ließ er, halbgeöffnet, das reizende Ebenmaaß einer ſehr jugendlichen Ge⸗ ſtalt wahrnehmen, mehr erhoͤht als verborgen von dem einfach gefaͤlligen Faltenwurf eines griechiſchen Gewandes. Nur ein leichtes Ge⸗ webe von einer Weiße, welche ſelbſt gegen den Schnee blendend erſchien, der die Ufer des Dniepr bedeckte, flatterte um die glaͤnzend brau⸗ nen Locken, nur durch einige kranzartig geord⸗ nete Schmucknadeln feſtgehalten, und mancher IM. 2 — 5 Anweſende zuͤrnte der rauhen Jaͤnnerluft, die dem zarten unbedeckten Hals und Nacken eine ſanfte Röthe angehaucht hatte, ſo daß ſie un⸗ ter den Diamanten des Halsbandes erſchienen, wie die Blaͤtter einer Roſe, auf welcher Thau⸗ tropfen ſich ſchaukeln. Das edel und doch bei⸗ nahe kindlich anmuthig geformte Antlitz war, obſchon vielleicht gewoͤhnlich nur wenig gefarbt, jetzt ebenfalls in Purpur getaucht, und gewaͤhrte, zuſammengeſtellt mit dem beinahe völlig ausge⸗ bildeten Wuchſe, das Bild einer jugendlichen Hebe, oder vielmehr einer Jungfrau aus den mittagigen Gegenden Europa's, wo die raſch wirkende Natur wie Alles, auch den Maͤdchen⸗ reiz fruhzeitig entfaltet. Ihr großes Auge war nicht dem ihrer Begleiterin gleich, unaufhoͤrlich auf ihre Betkuͤgelchen geſenkt, ſie ſchaute mit⸗ unter verſtohlen um ſich her, und der blodſchalk⸗ hafte Ausdruck ihres Blickes deutete ein wenig auf das Behagen, welches ihr die Aufmerkſam⸗ keit der Naͤherſtehenden gewaͤhrte.. Die Feierlichkeit war beendet, die Popen, an ihrer Spitze der Metropolit, reihten ſich zur Heimkehr in feierlicher Prozeſſion, die Andaͤch⸗ tigen und die Zuſchauer waren im Begriſſ, — — 19— theils ſich ihnen anſchließend, theils einzeln ih⸗ rem Beiſpiele zu folgen, und Füͤrſt Jzaslaw, begleitet von ſeinen Söhnen und mehren vor⸗ nehmen Ruſſen, nahte ſich dem Hügel auf wel⸗ chem der Koͤnig ſtand, ſeinen durchlauchtigen Gaſt zu begruͤßen, ihm zu danken fuͤr die Ge⸗ waͤhrung ſeines Geſuchs, und ihn einzuladen, zugleich mit ihm und ſeinem zahlreichen, feſtlich geſchmuckten Gefolge ſich zur Burg zuruͤck zu begeben. Boleslaw ſah ihn kommen, doch lag ihm vielleicht etwas im Sinn, was ihm wich⸗ tiger däuchte, als der Wechſel formlicher Re⸗ densarten, vielleicht auch geſchah es nicht un⸗ abſichtlich, und er wollte vor den Augen des verſammelten Volkes den Unterſchied zwiſchen dem Oberherrn und ſeinem Lehenstraͤger bemerk⸗ lich machen; kurz, der mit Purpur, Gold und Edelſteinen reich geſchmuͤckte Fuͤrſt mußte in einiger Entfernung harren, bis es dem Koͤnig, deſſen einfache Tracht ihn wenig vor allen An⸗ weſenden unterſchied, gefallig ſein wuͤrde, den abgewandten Blick auf ihn zu richten. Einer von Euch— ſprach Boleslaw nach einer Pauſe zu den gegenwaͤrtigen Polen— moͤge, ſo es ihm gefällt, gehn und Erkundigung einziehen 2* von den Frauen, welche Ihr dort ſehet in ge⸗ ringer Entfernung, weß Landes ſie ſein. moͤgen, und weß Standes und Namens. Es ſcheinet, als ſeien ſie fremd, die Eine wenigſtens.— Mit anſtaͤndiger Eile befolgten mehre der Herren das Gebot, doch uͤberflügelte ſie bald Adalbert Druzyniec's ſchnellerer Schritt. Allen indeß fiel es unmoͤglich, ihren Auftrag zu er⸗ fulen. Die Aeltere der Frauen ſchlug bei ih⸗ rer Ankunft alsbald die Zipfel ihrer Kopfbe⸗ deckung uͤber das Geſicht, und begann mit gro⸗ ßem Eifer zu beten, die Andere aber ſenkte, ſich gleicher Beſchaftigung hingebend, mit zierlicher Verſchämtheit das Haupt abwaͤrts, und Beide antworteten auf die Fragen der pol⸗ niſchen Ritter nur durch ein bald leiſer bald lauter ausgeſprochenes Kyrie Eleison, Christe Eleison! Als ſie darauf zu Boleslaw zuruͤckkamen, ſprach Herr Adalbert, deß Selbſtgenügſamkeit, nicht wenig durch die erhaltene Abfertigung ge⸗ kraͤnkt war: Allzufromm ſind dieſe Ketzerin⸗ nen, als daß man ihnen Rede abgewinnen konnte, und ſchon darum waͤre es Pflicht eines romiſch⸗katholiſchen Kriegsmannes, ſie zu be⸗ kehren, wenn auch der Mutter oder Baſe we⸗ gen nicht, ob ſie ſchon noch ſtattlich genug iſt. — So moͤget Ihr es denn bei der Tochter verſuchen— fiel der Koͤnig ein, ſich der hei⸗ tern Stimmung des Augenblickes uͤberlaſſend. Der Edelmann antwortete— Allerdings ein verdienſtlich Werk, und nicht eines der beſchwer⸗ lichſten. Doch hat mich das Anſchauen der Jungfrau, ſo fluͤchtig es war, eine Aehnlichkeit wahrnehmen laſſen, welche mir wenig Gluͤck verheißt.— Eine Aehnlichkeit?— fragte Bo⸗ leslaw der Zweite— und welche, werther Rit— ter?— Findet Eure Gnaden nicht— verſetzte der Hoͤfling leiſer— daß ſie der Frau von Skalmierz gleicht, nur um etwas juͤnger und ſchlanker von Geſtalt? So meine ich denn, wenn es mit dem Innern eben ſo beſchaffen, wie mit dem Aeußern, moͤchte dieſe liebliche Jungfrau mir gleichfalls Herz und Ohr ver⸗ ſchließen und beide nur oſſen behalten fuͤr ei⸗ nen Hoͤhern.— Der Koͤnig machte eine raſche Bewegung, gleich Einem der Etwas ablehnen will, was ihn halb angenehm halb verlez⸗ zend triſſt, und ſchritt darauf den Huͤgel herab, nach der Seite, auf welcher der Großfuͤrſt ſtand. Er naͤherte ſich im Gehen, vieleicht mehr als es gerade unumgaͤnglich noͤthig war, den beiden Frauen, und als er nur um weniges von ihnen entfernt war, erhoben ſie ſich, und begruͤßten ihn ehrfurchtvoll, die Eine mit dem Anſtande einer weltkundigen Matrone, die An⸗ dere mit anmuthig⸗blöͤdem Neigen des Ober⸗ leibes. Stehen bleibend fragte Boleslaw: Ihr ſeid fremd hier, wie es ſcheinet; kennt Ihr mich, achtbare Frauen?— Die Aeltere erwie⸗ derte: Bedarf es auch des Mantels und der Krone, um den Koͤnig zu erkennen, den Herr⸗ ſcher unter Allen, die ihm dienen?— So wohlgeſetzt dieſer Beſcheid ſein mochte und ſchmei⸗ chelhaft, beſonders in dieſer Umgebung, war es doch, als befriedige er den Koͤnig nicht, denn er fuhr fort, gegen die Zweite gewendet: Und Ihr, liebreizende Jungfrau?— Hoch erroͤthend, doch mit vernehmlicher Stimme entgegnete die⸗ ſe: Laͤngſt ſchon, auf den Inſeln des Archi⸗ pelagus wuͤnſcht' ich einen Helden zu ſehn; dort aber ſind heut nur noch die Steinbilder der Heroen zu finden aus uralter Zeit, und gern hab' ich ſie betrachtet. So mir nun Ei⸗ ner derſelben in Lebensfuͤlle und Kraft begeg⸗ )3 — 0— net, mag ich mich ruͤhmen, ihn zu erkennen. — Dies Wort aus ſchönem Munde trieb fuͤr einen Augenblick das Blut in des Sarmaten männlich braune Wangen, und nicht gleich fand er die geziemende Antwort, doch wuͤrde er das Geſpraͤch vielleicht fortgeſetzt haben, aber ſein Gefolge kam heran, und alsbald verhuͤllte die Frau ihr Geſicht, und das Maͤdchen barg ſich ſchuͤchtern hinter ihre Beſchuͤtzerin. Jetzt erſt fand Konig Boleslaw fuͤr gut, die oft erneuerten Begruͤßungen des Ruſſenfuͤr⸗ ſten zu erwiedern; waͤhrend aber die hohen Haͤupter und ihr Geleit die Roſſe beſtiegen, fand Die, welche fuͤr eine griechiſche Kauf⸗ mannsfrau galt, Gelegenheit, dem byzantini⸗ ſchen Abgeſandten einige Worte zuzufluͤſtern, die derſelbe erſt mit einiger Befremdung, dann aber mit einer bewilligenden Geberde beant⸗ wortete. Noch nie hatte Fuͤrſt Jzaslaw Gelegenheit gehabt, mit dem Benehmen ſeines Lehnöherrn ſo zufrieden zu ſein, als auf dem Wege vom Strande des Boryſthenes bis zum Schloß, nie hatte dieſer den Gruͤßen des nebenherſtrömen⸗ den Volkes ſo huldreich gedankt, als heut, und die uͤber ſo ungewohnte Gnade erſtaunten Ruſ⸗ ſen ermangelten nicht, dem Winke ihres. Be⸗ herrſchers gehorchend, dem Polenkonig ein wie⸗ derholtes, weitſchallendes„Hurrah“ zuzurufen. Obgleich ermuthigt durch die Heiterkeit ſei⸗ nes Gaſtes, doch am Gelingen zweifelnd, trug Jzaslaw Demetrius ihm die Bitte vor, er moͤ⸗ ge durch ſeine Anweſenheit ein Feſt verherrli⸗ chen, welches nach altem Brauch an dieſem Tage der Hof den angeſehenſten Buͤrgern der Hauptſtadt gebe, und ihren Weibern und Toch⸗ tern. Seine Befuͤrchtung war aber vergeblich, denn ſein Anliegen ward ihm auf der Stelle gewaͤhrt, und auf die verbindlichſte Weiſe. Mehre Tage nach dieſer Begebenheit geſchah es, daß des Caſar Auguſtus Abgeſandter ſpaͤt in der Nacht aus der fuͤrſtlichen Burg heimkehrte von einem Banket und Tanz, die jetzt in ununter⸗ brochener Reihe auf einander folgten, ſeit dem Boleslaw der Zweite, nach und nach aus ſei⸗ ner Abgeſchiedenheit heraustretend, oͤfter Theil nahm an den Luſtbarkeiten des Hofes und der Hauptſtadt. Wohl hatte er Manches wahrge⸗ nommen, was ihn erfreute, wenigſtens konnte ſeine Selbſtzufriedenheit ſich an dem Gedanken . 6 weiden, die Gemuͤthart des Polenkonigs rich⸗ tig beurtheilt zu haben, der jetzt allmahlig ſich den Feſſeln vaterlaͤndiſcher Sitte und langbewahr⸗ ter Gewohnheit entledigend, ſich nur um ſo bereit⸗ williger den Freuden dahingab, die er nun einmal gekoſtet, als er ihrer ſo lange entbehrt. Doch war Leontios nicht frei pon Sorgen, denn nur ein Schritt war geſchehen, ein unbedeutender, deſſen Wirkung zunicht ward, wenn ihm nicht andere entſcheidendere folgten. Zwar ruhte des Siegers Auge mit Wohlgefallen auf den Jung⸗ frauen der Hofburg und der Stadt, zwar hatte man ihn vornehmlich mit Einer unter ihnen mehremal in leiſes angelegentliches Geſpraͤch verwickelt geſehen, zwar verſchmaͤhte er nicht das feurige Getraͤnk der joniſchen Inſeln in goldenem Pokal; dies Alles aber war wenig genuͤgend. Den Abend der Freude weihend, verbrachte der Koͤnig den Morgen in ernſten Geſchaͤften, ſo heiter er ſich in der Verſamm⸗ lung zeigte, ſo gefallig gegen den prunkenden Gaſtgeber, ſo ſtreng handhabte er fort und fort ſeine oberherrlichen Rechte, und wie vor blieb Fuͤrſt Jzaslaw, von der Fuͤhrung des Regimen⸗ tes ausgeſchloſſen, ſein vornehmſter Unterthan. ———— Auch drohte die eigennuͤtzige Freigebigkeit des Protoſebaſten alsbald zu ermuͤden; nach jeder Feſtlichkeit beinahe richtete er in Blick oder Wort die Frage an den Byzantiner, wenn denn wohl die Zeit kommen werde, da man ſich des neuen Hannibal entledigen könne, ihm Eiſen bietend ſtatt Gold, und das Getön der Schlacht⸗ trompete ſtatt der Weiſen der Geigen und Pfei⸗ fen, und wenig nur hatte der Strator darauf zu erwiedern. Wie er den Koͤnig und den Fuͤrſten, vertroͤſtete man ihn ſelbſt von Byzanz aus mit entfernten Hoffnungen; geheime Nach⸗ richten, die er von dem Zuſtand der Dinge am Kaiſerhofe eingezogen, ließen ihn an der Nich⸗ tigkeit derſelben nicht zweifeln, und er mußte ſich ſelbſt eingeſtehn, Demetrius Jzaslaw habe nicht Unrecht gehabt, als er ſagte, ehe von dort her Huͤlfe kaͤme, werde kein Goldſtuͤck in ſeinen Truhen, keine Dorfſchaft zwiſchen dem Dniepr und dem Bog uͤbrig bleiben, eine Vor⸗ herſagung, welche die etwas ungeſtuͤme Ver⸗ gnuͤgungluſt und die Habſucht des verbuͤndeten Heeres bereits einigermaßen zur Erfuͤllung zu bringen begann. Er ſah den Augenblick her⸗ annahen, da der Lehensherr wie der Vaſall, ſeiner Verheißungen jeglicher auf ſeiner Seite muͤde, ihm beiderſeits den Unmuth getaͤuſchter Hoffnungen empfinden laſſen wuͤrden, und ſei⸗ ner wartete daheim Tadel und Spott, falls ihn nicht, ehe er noch dahin gelangte, ein ern⸗ ſteres Schickſal traf. Solche Gedanken waren es, die Leontios aus den hellerleuchteten Saͤlen des Schloſſes uͤber die dunkeln Hoͤfe begleiteten, und bis in die Vorhallen der Wohnung, die ihm in einem Seitengebaͤude angewieſen worden. Hier nahte ſich Serapion, der vertrauteſte ſeiner Diener, dem mißgelaunten Herrn, und raunte ihm ge⸗ heimnißvoll zu, drinnen ſei eine Frau ihres Volkes und Glaubens, die dringend verlange, ihn auf kurze Zeit nur zu ſprechen, jedoch un⸗ verzuͤglich. Haͤtte man dem Griechen in ſeiner gegenwaͤrtigen Stimmung die Anweſenheit ge⸗ ruͤſteter Kriegsleute verkuͤndet, ſo wuͤrde er viel⸗ leicht den unwillkommenen Zuſpruch durch ſchnelle Flucht vermieden haben, ſo war es aber nur ein Weib das ſeiner wartete, und er durfte ſich hinlänglichen Muthes einem ſolchen gegenuͤber ruͤhmen, auch lag etwas Räthſelhaftes in die⸗ ſer Erſcheinung zur Rachtzeit, was dem Sinne 5 des Staatskuͤnſtlers vor allem zuſagte, und ſo legte er, zwar nicht gänzlich ohne Beſorgniß, doch voll Neugier, mit beflugeltem Schritte den kurzen Weg zu ſeinem Gemache zuruͤck. Als er die ſeiner dort Harrende erbliekte, ſchwand jegliche Befuͤrchtung eines mißlichen Abentheuers, wenn auch nicht ſeine Befremd⸗ ungz denn er erkannte in der ſtattlichen Frau, die ſich bei ſeinem Eintritt erhob, Eine die ihm nicht fremd war, denn nicht allein vom Tage der Waſſerweihe her erinnerte er ſich ih⸗ rer, ſondern er war ihr in den darauf folgen⸗ den Tagen mehr denn einmal in feſtlicher Ver⸗ ſammlung begegnet, und in Geleitſchaft der Jungfrau, auf welche des Königs Aufmerkſam⸗ keit die Beachtung des Hofes gerichtet hatte. Euer Beſuch— fluͤſterte der Strator mit anmuthiger Geberde, in der Sprache von By⸗ zanz— Euer Beſuch, ehrbare Frau, iſt mir ſo erfreulich als uͤberraſchend, und obgleich Ihr mich gewiſſermaßen auf denſelben vorbereitet am Jordan, haͤtte ich nimmer vermuthet, daß Ihr es ſeid, die den Glanz des fuͤrſtlichen Fe⸗ ſtes verlaſſet, um die einſame Behauſung ei⸗ nes wenig bedeutenden Fremdlings aufzuſuchen, der Euch jedoch in derſelben hoͤflich willkommen heißt, und ſich bereit erklaͤret zu jeglichem Dienſt. — Allzu beſcheiden iſt der Beamte des Pur⸗ purpalaſtes, des erhabenen Auguſtus Geſand⸗ ter— lautete die Gegenrede— wenn er ſich einen wenig bedeutenden Fremdling nennt, und allzuguͤtig, wenn er das ſonderbare Eindringen einer ſchlichten Buͤrgerfrau mit dem Namen eines erfreulichen Beſuches beehrt. Nur mit Zagen nahet eine ſolche Dem, deſſen Fuß ein⸗ herſchreitet gleich dem eines Einheimiſchen auf den kaiſerlichen Teppichen, und Wichtiges al⸗ lein mag ihre Kuͤhnheit entſchuldigen. Doch laſſet mich Gnade vor Euren Augen finden, Hey Veſtiarius und Strator. Die Bewohner der archipelagiſchen Inſeln moͤgen ſich insge⸗ ſammt Kinder des alten Okeanos nennen, und die Tochter des Eilandes Chios wagt es, dem erlauchten Sohne der weltberuͤhmten Euboea vertrauend zu nahen.— Leontios warf einen pruͤfenden Blick auf die Sprechende. Der Eingang dieſes Geſpra⸗ ches ließ ihn fuͤrchten, der Zweck dieſes ſpäten Zuſpruchs koͤnne ein Anliegen der Landsmaͤn⸗ nin an ſeinen von Konſtantinopel aus nur ſpaͤrlich verſehenen Seckel ſein, oder irgend eine Anforderung an ſeinen Einfluß, deſſen Gering⸗ fugigkeit er ſelbſt nur allzuwohl kannte, und welchen er uͤbrigens zu allererſt und einzig fuͤr ſich ſelbſt zu benutzen entſchloſſen war. Jedoch die reiche Kleidung der Frau und ihr bei aller Hoͤflichkeit beſtimmtes, ja beinahe gebieteriſches Weſen beruhigte ihn ſogleich, und er fuhr fort: Gewiß moͤgen die Kinder des alten Griechen⸗ landes ſich als nahe verwandt betrachten, zu⸗ mal aber in dieſer rauhen Fremde, umgeben von Barbaren, und Ihr werdet mich erfreuen, wenn Ihr mir Gelegenheit gebet, die werthe Pflicht ſolches Bandes zu erfuͤllen. Wie aber mag es geſchehen; worin kann eine ſo acht⸗ ungwerthe Frau meiner geringen Huͤlfe beduͤr⸗ fen, die— hier gab er ſeiner Rede einigen Nachdruck— die reizende Mutter oder Baſe der Reizendſten, welcher die Herzen der Mo⸗ narchen und Fuͤrſten ſich zuneigen?— Die Chiotin verſetzte darauf: Die, welche Ihr mei⸗ net, iſt mir nicht verwandt; Eudora nennt Theophraſtos ihren Vater, den Kaufherrn, deß der edle Abgeordnete des alleredelſten Alexios Komnenes ſich unfehlbar erinnert, falls er ei⸗ — 3— ner gewiſſen Nacht nicht vergeſſen nach der Schlacht am Worsklafluß.— Angelos verfärbte ſich ein wenig; das, was er damals mit den Worffuͤhrern des griechi⸗ ſchen Handelſtandes zu Kijow verhandelt, war von mißlicher Art und mochte ihm leichtlich, ward es bekannt, nur die unangenehme Wahl laſſen zwiſchen des Königs ungebändigtem Zorn und der leiſer ſchreitenden, aber deſto ſicherer treffenden Rache Jzaslaw's. Jene bemerkte ſein Erſchrecken, und ſprach laͤchelnd: Laſſet Euch meine Worte nicht bekuͤmmern, edler Herr, was ich auch vernommen haben kann von ge⸗ wiſſen heimlichen Dingen, in das Ohr einer Landesgenoſſin iſt es gefallen, und es iſt ein treues griechiſches Herz, in dem ich es bewah⸗ re. Ich koͤnnte Euch ſagen, ich ſtände vor Euch als Botin des Theophraſtos, doch verzei⸗ het der Eitelkeit des Weibes, wenn ich hinzu⸗ ſetze, mehr bin ich als Botin in ſo wichtiger Sache, und in meiner eigenen Hand lieget die Erfullung deſſen, was die Staatskunſt ange⸗ legt durch einen ihrer Meiſter, durch Euch, Herr Veſtiarius des Palaſtes.— Zoͤgernd ent⸗ gegnete Leontios: Eure Reden ſind ſo räth⸗ ſelhaft, daß ich Euch bitten muß, mir, eine neue Ariadne, den Faden zu leihen, der mich aus dem Labyrinthe fuͤhre, das Ihr ſelbſt vor mir aufthut.— Ich lobe Eure Zuruͤckhaltung — unterbrach die Frau ihn etwas ungeduldig — und ſie mag Eurer Stellung an dieſem hyperboraͤiſchen Hoflager geziemen, es iſt indeß an der Zeit, von der Vorbereitung zum Han⸗ deln zu ſchreiten, und wenig wird der Fechter verrichten, ſo lange er den Kopf und beide Arme hinter dem ſchuͤtzenden Schilde verbirgt. Kennet Ihr nicht— ſetzte ſie langſam und mit ſchaͤrferer Betonung hinzu— kennet Ihr nicht einen Herkules, dem Ihr den Rocken der Omphale in die Hand geben mögtet, ihm die Keule zu entwenden? Nun, die Omphale iſt gefunden. Wuͤnſchtet Ihr nicht, daß er in trunkener Liebesluſt aus den Haͤnden einer De⸗ janeira das verderbliche Kleid empfange, mit dem Blute des Kentauren benetzt? Däs Kleid iſt fertig, erlauchter Abgeſandter Caͤſars, und ſchon ſtreckt er die Hand danach aus, es zu ergreifen.— Nicht weniger betreten und noch geſpann⸗ ter als zuvor ſprach Leontios: Iſt es doch, als habe ein dienſtbarer Daämon Euch Worte zugetragen, die vielleicht, vielleicht auch nicht, einſt gefluͤſtert worden von Mund zu Ohr in der Einſamkeit. Es ſcheinet, als wollet Ihr mein Vertrauen erzwingen, erhabene Matrone, Euch gleichſam gewaltthaͤtig in das Meine draͤngend, und— ſo ungewohnt ſolch Ver⸗ fahren ſein mag, bin ich doch nicht ungeneigt, Euch die andere Haͤlfte des Weges entgegen zu kommen, denn— Ihr habt gewiß bedacht, daß Ihr Euch in meiner Behauſung befindet, daß niemand uns nah' iſt, als mein Diener, und daß— verzeihet— daß Ihr den Aus⸗ gang nicht ſo leicht finden werdet, als den Ein⸗ gang, ſo Ihr mir zuvor nicht genuͤgende Aus⸗ kunft uͤber die Abſicht gebet, in der Ihr ge⸗ kommen, und uͤber den Gebrauch, welchen Ihr von Dem zu machen gedenkt, was Ihr viel⸗ teicht erfahren habt, oder noch zu erfahren wuͤnſcht. — Sparet die Drohung— entgegnete die Fremde ſpottend— ſie iſt uͤberfluͤßig bei der, die Eines Sinnes iſt mit Euch— und un⸗ nuͤtz waͤre ſie im andern Falle. Denn, wenn jenes leiſe Wort am einſamen Orte gefluͤ⸗ ſtert, einen Lauſcher gefunden, wer buͤrgt Euch II. 3 — 834— dafuͤr, daß nicht auch hinter dieſen Wänden mehr denn ein aufmerkſames Ohr lauſcht, daß nicht mehr als ein Arm, naͤher als Ihr glaubt, bereit iß, ſich zu erheben, ſo Ihr unedelmuͤthig ſein wolltet gegen ein Weib, das Euch vertraute und der adeligen Sitte des konſtantinopolitaniſchen Hofmanns. Beruhigt Euch— ſetzte ſie hinzu, als die Blicke des Strators ſcheu und miß⸗ trauiſch in die Winkel des Gemaches flogen — Beruhigt Euch— der beßte Fuͤhrer hat mich zu Euch geleitet, der eigene Vortheil, und der Eure birgt mir fuͤr einen ſichern Ausgang. So wollet mir denn erklären— ſprach Angelos— wie Beide ſich einander verbinden konnen; denn was auch kaiſerliche Weisheit beſchloſſen haben, in wiefern es ausgefuͤhrt wer⸗ den mag durch ihren geringſten Diener, ſo muß ich dennoch fragen, wie ſolches mehr als ge⸗ woͤhnliche Theilnahme erregen kann bei einer — vetzeihet wiederum— bei einer Perſon Eu⸗ res Standes und Geſchlechts? Da entgegnete die Frau mit raſchen Wor⸗ ten: Laſſet Euch daran genuͤgen, daß ich haſſe, was man haſſet zu Byzanz. Iſt es darum, weil ich eine Griechin bin, oder walten andere Gruͤnde ob, kann Euch gleichviel gelten. Ge⸗ nug, eine Verbuͤndete ſteht vor Euch, Eine, die nicht zu verachten iſt, trotz ihres Standes und Geſchlechts.— So ſehr auch die den Frauen angeborene Milde ſie von gewiſſen Geſchaͤften der Maͤnner entfernt— ſagte der Botſchafter mit zweideu⸗ tigem Lächeln— ſo iſt es doch gewiß, daß, ſobald irgend eine Leidenſchaft, wie Ihr ſie eben genannt, wuͤrdige Matrone, ihr zartes Gemuͤth in lobenswerthe Bewegung ſetzt, dieſelben es uns oftmals gleich thun in Thatkraft und Be⸗ harrlichkeit, ja, daß ſie uns ſogar darin uͤber⸗ treffen. Doch, wenn ich nicht irre, iſt, was Ihr mir mittheilen wollet, von eben ſo viel Umfang als Bedeutungz es gefalle Euch alſo, Platz zu nehmen in dem Gemache Eures auf⸗ richtigen Freundes und geneigten Dieners.— Damit bot der ſtolze Beamte des Auguſtus der anſcheinenden Buͤrgerin von Kijow einen Seſſelz ſie ließ ſich nieder auf denſelben, rich⸗ tete eine Zeitlang die dunkeln brennenden Au⸗ gen mit einer Art ſpöttelnder Selbſtgenugſam⸗ keit auf ihren wißbegierigen Wirth und ſprach dann nachläßig: Von Belang iſt allerdings, 3* — 3— was Ihr hoͤren werdet, doch mag man es in wenige Worte faſſen. Daß ich die Abſicht des Kaiſerhofes kenne, und die Kehrſeite Eures hieſigen Treibens, Herr Strator, iſt Euch nun nicht mehr fremd, und ich kam, Euch die Hand zu bieten, auf daß die weiſen Ent⸗ wuͤrfe, die Eurer Fuͤrſorge anvertraut ſind, endlich einmal uͤbergehen moͤchten in die Wirk⸗ lichkeit. Auch ich, edelſter Herr, habe, wie viele Frauen unſeres Volkes, die Schule der Weltweisheit beſucht, und nicht unbewußt iſt mir, daß, um den Regeln der Wohlredenheit Genuͤge zu thun, man dem Bilde getreu blei⸗ ben muͤſſe, das im Anfang aufgeſtellt worden. Vom einem Herkules ſprachen wir und von dem Rocken der Omphale, und ich habe er⸗ klärt, die Letzte ſei gefunden. Eudora, die Toch⸗ ter Eures demuͤthigen Clienten Theophraſtos, iſt eine wuͤrdige Buͤrgerin Griechenlands; der Fun⸗ ke, den ihre Augen in ein durchlauchtiges Herz geworfen, und deſſen Daſein manch auf⸗ merkſamer Beobachter geahnet, iſt, was Nie⸗ mand noch ahnet, zur gewaltigen Flamme wor⸗ den, und auch wenn ich die ſchuͤrende Hand abzoge, darf ich dieſer Prieſterin vertrauen, ſie — 3— werde dieſelbe ſo bald nicht verloſchen laſſen. Bereits erlahmt die Stärke des ſauromatiſchen Alciden; die Keule iſt im Begriff, ihm zu ent⸗ gleiten, und nur an einer kraftvollen Hand gebricht es, welche ſie ergreife. Ihr ſchauet mich bedenklich an und kopfſchuttelnd? Sollte auch Euer Arm, nur gewohnt die Feder kunſt⸗ reich zu fuͤhren, nicht geeignet ſein, zu ſo krie⸗ geriſch rohem Geſchaͤft, wohnet in dieſen Mau⸗ ern nicht Demetrius, der erlauchte Protoſebaſt? Mußte er nicht wuͤnſchen ſich des aufgedrunge⸗ nen Lehnöherrn zu entledigen und beſchwerlichen Gaſtes? Euer zweifelnder Blick ſagt mir, auch der Protoſebaſt ſei nicht der Mann, der ſich deſſen erküͤhnen werde. Nun ſo wendet Euer Auge ruͤckwärts zum Geſtade des thraziſchen Bosporus; ſicher iſt dort an die Stelle des Berathſchlagens bereits das Handeln getreten, ſicher ſammeln ſich dort die Legionen des Cä⸗ ſar, um ihren Vorfahren gleich, die Barbaren⸗ horden zu vernichten, und ihre Könige dem Triumphwagen des ſiegreichen Imperators an⸗ zuſchirren. Unfehlbar entbloßt ſchon der Held un⸗ ſeres Glaubens, des Abendlandes Todfeind, der alleredelſte Sebaſtokrator das Schwert, die Schismatiker von den Grenzen des uralten ein⸗ zigen Weltreiches zuruͤckzutreiben, und im Un⸗ tergang des ſauromatiſchen Konigs, Europa ah⸗ nen zu laſſen, was dem unaͤchten Kaiſer der Franken bevorſteht. Wie, Herr Abgeſandter des allerdurchlauchtigſten Nikephoros Botonia⸗ tes, Euer Antlitz iſt immer noch nachdenklich, als furchtetet Ihr, all dies Herrliche ſei noch ſehr entfernt oder nur im Reich der Einbild⸗ ungkraft zu finden? Nun, auch ich furchte es, und darum hab' ich unſerm Glauben einen andern Helden, dem Ruhm von Byzanz im Norden einen andern Verfechter erkohren.— Ihr ſetzet mich in Verwunderung!— rief Leontios— und ich moͤchte zweifeln, daß ich recht gehoͤrt, wenn ich Euch betrachte. Man nennt Euch die Tochter, die Wittwe viel⸗ leicht, eines Kaufmannes, und nie hat Euer Vater oder Eheherr ſein Gewicht oder den Maaßſtab mit groͤßerer Unbefangenheit gehand⸗ habt, als es Euch gefaͤllt, es mit der Wagſchale der Staatskunſt und dem Szepter zu thun; Eure Augen, die, wenn ich nicht irre, vor nicht langer Zeit noch, nur die Wirkung erſpaͤhten, die Eure andern Reize hervorgebracht, richten ſich kuͤhn auf Dinge, vor denen auch ein ge⸗ uͤbterer Blick geblendet zuruͤckweichen wuͤrde. Ihr entreißet der Vergangenheit leiſe Worte und heimlich gehaltene Entwuͤrfe, Ihr rollet die Gegenwart auf, gleich einem beſchriebenen Blatt, und deutet ſeine Seiten, und vermeſſet Euch nicht allein, das Zukuͤnftige zu kennen, ja ſogar es zu leiten. Goͤnnet mir einige Au⸗ genblicke Zeit, mich von meinem Erſtaunen zu erholen, wuͤrdige Frau, damit ich zu faſſen vermoͤge, was auf ſolch ſeltſamen Eingang folgt.— Suchet Euch zu faſſen, ſo ſchnell Ihr koͤn⸗ net,— war die Antwort— denn die Au⸗ genblicke ſind koſtbar, wo es gilt zu handeln. Wozu auch Euch verwundern; ſtellt doch die Geſchichte unſeres Reiches genug der Beiſpiele auf von Frauen, die niedriger geboren als ich, ſich groͤßerer Dinge unterwanden. Mehr denn Eine ſtieg empor aus der Dunkelheit zum hoͤchſten Throne des Erdkreiſes, ich aber begeh⸗ re nichts zu ſein, als Caͤſars demuͤthige Diene⸗ rin und ein Werkzeug Eurer Entwuͤrfe. Laſ⸗ ſet es Euch genug ſein, wenn meine Hand ſtatt Maaßſtab und Gewicht, das, was Ihr — 0 die Wagſchale der Ereigniſſe nennet, mit Si⸗ cherheit erfaßt hat; was kuͤmmert Euch der ehemalige Gebrauch meiner Augen, ſo Ihr nicht ſagen koͤnnet, was ſie ſehen, iſt Taͤuſch⸗ ung; und daß ich nicht fehlgegriffen in der Vergangenheit, mag Euch in der Zukunft da⸗ fuͤr buͤrgen. Hinweg nun mit der Bilderſpra⸗ che und den Schnoͤrkeln der Redekunſt; hoch⸗ wichtig iſt, was ich Euch zu ſagen habe, und kurz die Zeit, denn weit von hier, wo Euch zweifelndes Ueberlegen muͤßig zuruͤckhaͤlt, ruft mich die That.— Ich hoͤre, verehrte Matrone, ich hoͤre;— entgegnete Leontios beinah betaͤubt von dem raſchen ſtuͤrmiſchen Fluge, in welchem die wun⸗ derliche Beſucherin ſeine Gedanken aus der ge⸗ wohnten Bahn ſyſtematiſcher Bedaͤchtlichkeit da⸗ hinriß. Nun wohl— begann Jene von Neuem— ſo wiſſet denn, was Hofburg, Stadt und Land in Kurzem erfahren werden; nicht bei den Feſten allein, mit denen Fuͤrſt Demetrius den weichenden Staarſinn ſeines gekroͤnten Gaſt⸗ freundes zu mildern ſich bemuͤht, iſt das Auge deſſelben auf die Jungfrau Eudora gerichtet ge⸗ — weſen; auch in der Verſchwiegenheit meiner Behauſung fand ſie der Suchende, und waͤhr⸗ end Polen und Ruſſen den gefuͤrchteten ſtrengen Oberherrn in ſeinem unzugaͤnglichen Gemach waͤhnen zu ſpaͤter Nachtſtunde, beſchaͤftigt mit ernſter Sorge, mit den Entwuͤrfen ſeiner Ehr⸗ ſucht, oder den ketzeriſchen Gebraͤuchen des Glaubens, dem er zugethan, entflieht ihm die Zeit ſchneller und anmuthiger, der reizendſten Griechin gegenuͤber, im ſtillen Kloſet Eurer Dienerin. Nicht lang muͤßig bleibt das Be⸗ gehren des Gewaltigen, und mitunter gleichen Koͤnige den Kindern, die ungeſtuͤm nach dem greifen, was ihren Augen behagt. Ihr lächelt, Herr Strator, und ſcheinet zu glauben, ich unterhalte Euch zur Ungebuͤhr in ſo vorgeruͤck⸗ ter Stunde von einem gewöhnlichen Liebes⸗ Abentheuer, das ſchnell, wie es entſtanden, und ſpurlos ſich auflöſen wird. Mit Nichten; wäre mir die erſte angeborene Klugheit des Weibes fremd, kaͤnnte ich die natuͤrlichen Waſſen un⸗ ſers Geſchlechtes nicht, welche einmal allzu willig dem Sieger uͤberantwortet, auf immer machtlos werden, ſo moͤchtet Ihr mich verhoͤh⸗ nen, daß ich, der das Gewoͤhnliche unbekannt 4— iſt, zu Euch trete, Ungemeines prahleriſch im Munde fuͤhrend. Und noch mehr; ruhte auf der jugendlichen Eudora nicht etwas von dem Geiſte Sophroniens, von dem Geiſte, den Ihr Eurer Weisheit und Menſchenkenntniß unge⸗ achtet nur zu ahnen vermöget, nimmer haͤtte Sophronia, des Palaͤmons Tochter aus Chios, ihrer zarten Hand ein Werk anvertraut, deſſen Gelingen ihr ſo werth iſt als Euch.— Ich zweifle keinesweges an den hohen und ſelt⸗ ſamen Gaben,— verſicherte Angelos— deren Daſein ſich genugſam ausſpricht in nicht gewoͤhn⸗ lichem Wort und Bezeigenz wollet indeß mir ge⸗ neigteſt verdeutlichen, in welcher Beziehung der erlauchte Liebeshandel Eures reizenden Pfleglings zu mir ſteht, zu dem Botſchafter des Auguſtus, und zu den Angelegenheiten, deren Betreibung Ihr bei demſelben vorausſetzt.— Sophronia antwortete ſtolz: Ich hoffe nicht, daß es nothig ſein werde, es zu erklären. Schon das, was Ihr gehöͤrt, uͤbertrifft, was bisher ge⸗ ſchehen; was Ihr gedacht, hab' ich gethan, und noch habt Ihr erſt den Anfang meiner Mittheilung vernommen. Goͤnnet mir daher auch ferner Eure Aufmerkſamkeit. Nicht ver⸗ geblich ſind Schoͤnheit und Klugheit aufgeſtan⸗ den gegen den ſauromatiſchen Eroberer, und leicht war der Sieg. Es bedarf nicht, Euer Maͤnnerauge in das geheime Arſenal unſers Geſchlechtes dringen zu laſſen; kurz, Nachge⸗ ben und Verweigern, Anziehen und Zuruckſto⸗ ßen, haben jenen Funken zur Flamme ange⸗ facht, die um ſo raſcher das Herz des Witt⸗ wers ergriff, durch lange Entſagung empfäng⸗ lich gemacht. Ihr erwaͤhntet einſt, wo Ihr ungehort zu ſein dachtet, der allegoriſchen Dar⸗ ſtellung des Loͤwen, den eine Jungfrau, auf ſeinem Ruͤcken ſitzend, gangelt an einer Roſen⸗ kette; das Bild iſt in die Wirklichkeit getre⸗ ten, willig tragt das grimme Raubthier die ſanfte Laſt, und uͤber ein Kleines mag, ſo es ihr geluͤſtet, die Reiterin es herumfuͤhren durch Stadt und Land zu allgemeiner Beluſtigung.— Schon, herrlich— rief der Byzantiner— es ſei indeß Euch gefällig, mir zu deuten, welch abſonderlicher Zweck die achtungwerthe Ma⸗ trone bewogen, dergleichen Amt zu uͤberneh⸗ men, das Amt, meine ich—— Einer Gelegenheitmacherin, wollet Ihr ſa⸗ gen;— unterbrach ihn die Frau— ſolches aber mag, duͤnkt mich, die griechiſche Matrone nicht herabſetzen, ſo lange die Fuͤrſten des oſt⸗ romiſchen Reiches, die Urenkel erlauchter Vaͤ⸗ ter, ſich das Gewerbe eines Kundſchafters zur Ehre rechnen. Auch pflege ich, was ich trei⸗ be, nicht auf gemeine Weiſe zu treiben, und nimmer wird dieſer Simſon im Schooße die⸗ ſer Delila ruhen, es ſei denn gewiß, daß er in ſelbem entſchlummere.— Und dann?— fragte der Abgeſandte, die herbe Rede verſchmerzend.— Und dann— wiederholte Sophronia hoh⸗ niſch— dann werden die Philiſter kommen, ihm das Haar abzuſchneiden, und es ſteht zu hoffen, der hochgeborne Dynaſtides von Euboea werde gleichfalls zu treffen ſein unter der ge⸗ nannten wackern Schaar; was aber mich be⸗ trifft, werd' ich dann darthun, daß ich nicht nur die Gelegenheit zu machen verſtehe, ſon⸗ dern auch ſie zu benutzen!— Ich will nicht laͤugnen— antwortete Je⸗ ner— daß Eure Worte beginnen, mir wichtig zu werden, und mit Ungeduld erwarte ich das Ende Eurer Mittheilung.— Immer noch mit einiger Bitterkeit ſprach die naͤchtliche Beſucherin: Ungeduld? Fuͤrwahr, ich ſollte glauben, es könne Euch an Geduld nicht mangeln, wenn Ihr die Entwickelung der Ergebniſſe von Konſtantinopolis erwartet. Doch Ihr erwartet ſie nicht, Ihr muͤßtet denn, um Andere zu taͤuſchen, bei Euch ſelbſt beginnen. Ich weiß ſo gut als Ihr und der Koͤnig und der Protoſebaſt, daß der Cäſar Nikephoros ein Greis iſt, gebeugt durch die Laſt der Jahre und häuslicher und öffentlicher Sorgen; auch mir iſt bekannt, daß Alexios Komnenes, der Se⸗ baſtokrator, das Auge auf das Diadem rich⸗ tend, beide Haͤnde gebraucht, daß ſolches ihm nicht entſchluͤpfe, daß die Anſpruche der Hele⸗ na Auguſta, unterſtützt durch Robert Guiscard, ihren maͤnnlichen Gemahl, ihm allzuviel im Suͤden Beſchaͤftigung gewaͤhren, als daß er des Nordens gedenken könne in langer Zeit; daß endlich Eurer hochwichtigen Botſchaft geringer Inhalt kein Anderer iſt, als dieſe Hyperboraer zu entzweien in Eiferſucht und Haß, damit ſie uneins mit ſich ſelbſt, wehrlos daſtehn, wenn nun Alexios Komnenes den Thron beſtiegen, oder vielmehr wenn er ihn mit Sicherheit be⸗ ſitzt. Ehe aber zumal das Letzte ſich ereignet, wird manche Welle des Boryſthenes an der Stadt Kijow voruͤberfließen; jeder Augenblick vermag der Menſchen, auch der Fuͤrſten Sinn umzuſtalten, und es konnte leichtlich kommen, daß fruͤher noch der erwachende Argwohn Euch eine Lagerſtatt bereite, auf welcher Ihr den kaiſerlichen Triumphzug ſchwerlich anſchauen konntet unter einer fein dichten Decke von Ra⸗ ſen und Erde.— Leontios ſchauderte ein wenig zuſammen und ſprach mit gedämpfter Stimme: Mit allzuvieler Beſtimmtheit ſprechet Ihr von dem Uebel, als daß ich nicht glauben ſollte, Ihr beſäßet das Mittel zur Heilung, ſo befremdlich es auch iſt, es gerade bei Euch zu finden.— Selbſtgefaͤllig erwiederte darauf die Frau: Allerdings iſt, was wir beduͤrfen, in meinem Gewahrſam. Nicht Ihr moget es wagen, noch Fuͤrſt Demetrius, den gebundenen Helden an⸗ zuraſten, leichtlich wachſen die Haare ihm wie⸗ der, ehe der Helfer kommt aus Byzanz.— So habe ich ihn denn näher geſucht und ge⸗ funden— Nicht von Griechenland aus, nicht zu Kijow, in Sauromatien ſelbſt iſt der Sau⸗ romat zu bekämpfen. Ihr ſtaunet mich an, Herr Abgeſandter, meine Rede gemahnt Euch gleich dem Geſchwätz einer Thörin, weil ſie hin⸗ ausgeht uͤber die Schranken einzelnerer Staats⸗ wiſſenſchaft? Glaubt mir, arm wäre die Welt⸗ geſchichte, haͤtte man das Ungemeine ſtets auf gemeinem Wege verfolgt.— Sophronia hielt hier ein wenig inne; nach⸗ dem ſie aber eine Weile ſich an der Befremd⸗ ung des Botſchafters geweidet hatte, deſſen Blick unverwandt an ihren beredten Lippen hing, fuhr ſie fort: Es ſind die Sauromaten ein rauhes Volk und eigenſinnig den alten Ge⸗ bräuchen und Begriffen zugethan, wie man es gemeiniglich findet bei den Barbaren, doch un⸗ ruhig und oft uneins in ſich ſelbſt, dem Beiſpiele der Germanier folgend, ihrer Nachbarn. Es hat aber ſeit mehr denn einem Jahrhundert ei⸗ ne Reihe von Koͤnigen auf ihrem Throne ge⸗ ſeſſen, die von Vater zu Sohn, theils durch weiſe Ordnungliebe, theils durch kräftige Hand⸗ habung der Gewalt den Samen der Vielherr⸗ ſchaft und des Buͤrgerzwiſtes erſtickten, der uͤp⸗ pig aufſchoßte unter dem Scepter der Pſeudo⸗ Cäſaren des Abendlandes, welcher oft uͤberge⸗ — 48— hend von einem Geſchlecht zu dem Andern, ſelten feſt in der Hand deſſen lag, der ihn fuͤhrte.— Wie jeder Andere meines Standes— fiel Leontios ein— habe ich im Laufe meines Un⸗ terrichtes mich der Staatenkunde und Hiſtorie befliſſen, und glaubte einiges davon begriffen zu haben; wenigſtens meinte ich nimmer, hier und durch eine Matrone meine Kenntniſſe des nordiſchen Europa bereichert zu ſehen.— Wohl— entgegnete die Frau auf dieſe halb hofliche halb ſpottiſche Aeußerung— Wohl, und es wäre erſprießlich, wuͤrde ein Gleiches Mehren Eures Standes und Landes zu Theil. Vielleicht wurdet Ihr dann hinfort nicht ver⸗ ſuchen, den gewaltigen ehernen Fuß der Bar⸗ baren in den engen leichten Soccus zu zwän⸗ gen, und zu glauben, er ſchreite gleich dem Euren daher im Zeitmaß der Ceremonie des Hofes zu Konſtantinopolis. Auch Boleölaw — ſetzte ſie hinzu— den ſeine Unterthanen den Vater des Veterlandes nennen, uͤberkam mit dem Diadem das genannte Erbtheil ſeiner Väter; beharrlich in Ausubung königlicher Ge⸗ walt und ein gerechter, obwohl ſtrenger Rich⸗ ter, ließ er den Zuͤgel nicht fahren, den die Vorfahren um die zahlloſen Haͤupter des Un⸗ gethuͤms geſchlungen, das man Volk nennt. Doch legte das Geſchick eine bedenkliche Zugabe zu jenem Vermaͤchtniß, oder ſteigerte es zum gefahrbringenden Uebermaß. Die Tapferkeit der Ahnen ward in ihm zur Vermeſſenheit; was bei ihnen als geziemende Behauptung der Wuͤrde und des Rechtes ſchien, hat ſich im Enkel zur Herrſchſucht geſtaltet, und die Gerechtigkeit na⸗ hete ſich der Haͤrte. Doch die Naͤhe des ge⸗ fuͤrchteten Gebieters erſtickte das leiſe beginnen⸗ de Murren, und das Andenken an die alten Koͤnige verhuͤllte vor den Augen der Menge manch dunkeln Flecken des jetzigen. Als aber mit den Jahren der Manneskraft auch der Un⸗ geſtuͤm des Begehrens eintrat, als er ihn vom Richterſtuhl hinweglockte in weit entlegene Fer⸗ ne, da hob die Unzufriedenheit allmählig und leiſe ihr Haupt, und den geheiligten Namen des Koͤnigs verſchonend, nannte ſie anklagend ſeinen Statthalter, den man Metropolit zu Gniezno ſchilt, einen ränkeſuͤchtigen Greis. Immer jedoch ſchauen die Sauromaten mit Furcht und mit Liebe auf den Sproͤßling ihres II. 4 Herrſcherſtammes, und ſo wird es ſein, ſo lang, er ſich deſſelben nicht offenbar unwuͤrdig ge⸗ zeigt. Wenn ſolches aber eintritt, ſo duͤrfte der Sturm ſich losreißen, der bis jetzt noch gefangen liegt in unterirdiſcher Kluft, und ver⸗ wuͤſtend einherfahren uber die ſauromatiſche Ebe⸗ ne. Und dahin muß es kommen, Herr Stra⸗ tor; entwuͤrdigt muß der König daſtehen vor den Augen der polniſchen Slaven, und ſie wer⸗ den ſich wegwenden von dem, dem ſie ange⸗ hangen, und verlaſſen von den Seinen, wird er ſeinen guten Freunden anheimfallen, den treuen Lehenstraͤgern zu Kijow. Ihr ſehet, daß ich Eure eigenen Worte wohl im Gedächt⸗ niß behalten.— Als hier die Erſchoͤpfung der Rednerin ih⸗ ren Wortſtrom ein wenig hemmte, fiel Leon⸗ tios, den Augenblick benutzend, ein: Werthe Frau, Ihr habt mich während der Dauer eini⸗ ger Minuten einen Weg zurucklegen laſſen, vor deſſen Weite ich gewiſſermaßen erſchrecke. Auch ſeid Ihr dieſelbe wohl ſelbſt nicht gewahr wor⸗ den, denn Ihr laſſet aus der Acht, wie entfernt, abſonderlich in wichtigen Dingen, der fluchtig gezeichnete Entwurf von der möglichen Aus⸗ fuͤhrung iſt.— Ihr irret, Herr Abgeſandter,— verſetzte Sophronia mit beinah verächtlichem Laächeln — zumal bei Wichtigem muß die Zweite dem Erſten auf dem Fuße folgen. Leicht ermuͤdet des Menſchen Geiſt in ſaumiger That, und der Langſamſchreitende ſtrauchelt uͤber winzige Steinchen, die dem Eilenden unbemerkt blei⸗ ben.— Daß Ihr nur nicht himmelhohe Mauern und ſteile Gebirge fuͤr ſolche Steinchen neh⸗ met,— aͤußerte Jener bedächtlich— Wenn ich Euch recht verſtanden, ſo redet ihr von Auf⸗ ruhr und Buͤrgerkrieg, und laſſet mich Euch ſagen, daß der wetterwendiſchen Menge Un⸗ muth ſchleunig verdampft, ſo derſelben nicht ein Haupt gefunden wird, um welches ſie ſich vereinige. Dies aber zu finden iſt mißlich; leichtlich täuſchet man ſich in der Wahl, und hat man gewaͤhlt, iſt es ſchwer, es nach Be⸗ lieben zu leiten.— Da antwortete die Frau: Laſſet Euch das nicht kuͤmmern, es iſt bereits gewaͤhlt, und auch der iſt gefunden, dem es gehorſam folgt 4* an lang gewohnten Banden. Es kann Euch als Staatskundigem nicht neu ſein, Herr Stra⸗ tor, daß ſolch unſichtbaren Hauptes Macht nicht ſelten furchtbarer iſt, als Deſſen, welcher vor den Augen der Welt angethan mit der Gewalt, einhertritt mit reiſigem Volk und gro⸗ ßem Getoſe.— Dies Haupt aber, treffliche Matrone,— ſprach kopfſchuͤttelnd Angelos— wird, furcht' ich, uns ſelbſt lange unſichtbar bleiben.— Es iſt es fuͤr Euch nicht mehr,— unter⸗ brach Sophronia ihn mit Nachdruck— Ihr ſehet es, in Eurem Gemach, in dieſem Au⸗ genblicke ſehet Ihr es vor Euch.— Dem iſt alſo,— fuhr ſie mit ſtolzer Kaͤlte fort, als der Byzantiner unwillkuͤhrlich ſeinen Seſſel ei⸗ nes Schrittes weit von dem ihrigen entfernte — Laͤngſt glimmt das Feuer unter der Aſche, und mir iſt die Macht gegeben, es anzufachen zur ungeheuern Brunſt. Zähmet Euer Erſtau⸗ nen, faßt mich nicht ſo ins Auge, als wolltet Ihr meine Geſtalt mit meinen Worten ver⸗ gleichen. Es iſt nicht anders, Sophronia, des Palaͤmon Tochter, die Chiotin, welche man hier eine Kaufmannsfrau nennt, und anders an andern Orten, haͤlt, um bei Eurem Sym⸗ bolum zu bleiben, den Faden zum Labyrinth, das Eure Weisheit errichtet, ſich ſelbſt darin zu verirren. Seit Jahren ſchon, warum, ſei Euch gleichviel, ſeit Jahren ſchon war ihr Ohr wachſam, und ihr Mund fluſterte lang nach⸗ wirkende Worte, Hunderte ſtreitbarer Maͤnner gehorchen ihr, Tauſende ſind bereit, ſich ihnen zuzugeſellen, und an ihrer Hand fuͤhrt ſie den Schaaren Den zu, welchen ſie Herr nennen werden und Heerfuͤhrer. Ihr ſchweigt, edler Angelos? Ihr habt Recht, die Zeit nicht mit Worten zu vergeuden, denn auch an Euch kommt jetzt die That. Fern bleibe der Koͤnig und das Heerz wenn der Hirt nicht da iſt, und die Hunde, haben die Wölfe gut Spiel. Daß es aber alſo geſchehe, dafuͤr ſollet Ihr Sorge tragen, und deshalb kam ich hieher.— Ich?— rief Leontioss— Die Kuͤhnheit Eurer Einbildungkraft verwirrt mich.— Was kann, wenn ich es auch wuͤnſchte, ich dazu bei⸗ tragen, der ich, wie Ihr ſelbſt geſagt, wahr oder falſch, ein Gegenſtand des Argwohns bin für dieſen nordiſchen Deſpoten? — Die Antwort lautete: Wer das Herz der Koͤnige gewinnen will, trachte danach, ſich ihnen nothwendig zu machen; Ihr habt es nicht verſtanden, darum hab' ich es fuͤr Euch ge⸗ than an Eurer Statt. Ich ſehe, daß meine Rede Euch dunkel iſt, und will Euch Licht ge⸗ ben mit einem Mal. Ich habe gegen Euch der Jungfrau Eudora erwähnt, Ihr ahnet, warum ich ſie in guͤnſtiger Stunde dem Koͤnig nahe gebracht, und mit der Zeit werdet Ihr gewahr werden, welcher Geiſt in dieſer ſchlanken, friſchen, lieblichen Huͤlle wohnt. Bald werdet Ihr es erkennen; mich ruft groͤßere That in die Ferne, ſo hab' ich Euch denn ihr zum Vormund er⸗ wählt. Ihr werdet es nicht ſein, Ihr ſeid es bereits, und in wenigen Minuten ſchon werdet Ihr aufgefordert werden, Euer Amt an⸗ zutreten vor dem gefurchteten Boleslaos ſelbſt. Stets und uͤberall beduͤrfen die Traͤger des Diadems dienender Haͤnde, auch in der Liebe können ſie derſelben nicht entbehren; ungern vertraut der Koͤnig den rauhen Landesgenoſſen das zarte Geheimniß, da ward Euer Name ihm genannt von ſchoͤnen Lippen, und— ver⸗ gebt— er ſcheuet die Strenge Eurer Sitten nicht ſo ſehr, als den tadelnden Blick ſeiner bäͤrtigen Kriegesgenoſſen. Meinet Ihr nicht, Strator der Blachernen und Veſtiarius des Purpurpalaſtes, daß ich mir den Einlaß zu Euch erkauft habe durch nicht geringe Dienſt⸗ leiſtung? Fuͤrwahr, keine verwerfliche Befor⸗ derung fuͤr einen Abgeſandten, der Freund des Fuͤrſten zu werden, den er verderben ſoll, und gar Manches laͤßt ſich daraus machen.— Unſtreitig begriff Leontios Angelos jeglichen Nutzen, der ihm aus ähnlichem Verhaͤltniß er— wachſen konne, und ſein zweifelndes Erſtaunen wich allgemach einer wachſenden Theilnahme an der ſeltſamen Mittheilung, die ihm geworden. Doch war noch nicht jede Bedenklichkeit beſei⸗ tigt, ſelbſt was den Willen der neuen Verbuͤn⸗ deten betraf; es lag nicht in der Eigenthuͤm⸗ lichkeit ſeiner Nation und ſeines Berufes, ſo unbedingt zu trauenz durfte er Sophronia auch als eine Feindin des Konigs betrachten, ſo bürgte ihm nichts dafuͤr, daß der ganze Vor⸗ gang nicht eine Falle ſei, die der mißtrauiſche Jaslaw ihm aus irgend einem Grunde gelegt, und er begann mit ſuͤßlichem Ton und Weſen: Ich kann Euch meine Achtung nicht verſagen, ehrbare Matrone, ſo wenig ich auch gleich Euch mit einem Blick die Wahrſcheinlichkeit von der Moöglichkeit ſondere, und das ungeheure Gewe⸗ be uͤberſchauen kann, das Ihr mit Blitzesſchnelle vor mir entfaltet. Fuͤrwahr, ſie iſt ſelten und lobenswerth, die Treue gegen Euren Fuͤrſten und Herrn, die Euch zu Dingen begeiſtert, die nicht allein die geſchmeidige Klugheit Eures Geſchlechtes auffordern, ſondern auch den Muth des unſern. Euch kann, geſchehe auch nur zum Theile, was Ihr verkuͤndet, die glaͤnzend⸗ ſte Belohnung nicht entgehen, und ſollte der Lauf der Begebenheiten mich dem Protoſebaſten naͤher ruͤcken, als ich ihm leider jetzt ſtehe, ſo werde ich, wie Ihr mich deſſen beim König gewuͤrdigt, auch bei ihm Euer treuer und eif⸗ riger Stellvertreter ſein.— Da erglommen Sophroniens Augen in duͤ⸗ ſterer Gluth und ſie verſetzte in wunderlicher Bewegung: Haltet ein mit Euren Lobſpruͤ⸗ chen, erſparet Euch die Verheißung, ich verdie⸗ ne die Erſtere nicht, und bedarf keinesweges der Letzten. Ich haſſe den Konig, denn er iſt meines Glaubens Feind, ich haſſe ſein Volk, aus Gruͤnden, die nicht zur Sache gehoͤren, dieſen Demetrius aber verabſcheue ich und mit ihm das Geſchlecht der Varangier. Die kluge Geſchmeidigkeit des Griechenvolkes, plump nach⸗ geahmt von ihnen, wird zu frecher Treuloſig⸗ keit, die mild heitere Sitte unſerer Landesge⸗ noſſen zu geſchmackloſer Schwelgerei, die Wuͤr⸗ de des Herrſchers zu ungeſchlachtem Trotz, das, was bei uns durch die Staatsnothwendigkeit entſchuldigt, hier und da geſchiehet im Innern des Palaſtes, oder in der Verwirrung kuͤnſt⸗ lich erregten Aufruhrs, tragen ſie taͤglich mit nordiſchem Phlegma zur Schau in wuͤſter Rau⸗ ferei und unnuͤtzem Mord. Zwiſchen den ge⸗ bildeten Voͤlkern und den Barbaren, mitten innen ſtehet dieſe Zwittergattung, zu keinem von die⸗ ſen gehörend, und Beiden verhaßt; ſo ſoll ſie denn untergehen! Was mag Reich und Kir⸗ che von dem Demetrius hoffen„deſſen Glaube ſo ſchwankend iſt, als das Diadem auf ſeinem ſchwachen Haupt, der dem Biſchof von Rom ihn zum Tauſch anbot gegen eine Koͤnigskrone, und ihn darum nur noch nicht dahingegeben, weil er den geforderten Preis nicht erhalten? Glaubet mir, koͤnnte er damit die Gegenwart des Königs abkaufen, die das geliebte Gold in ſeinen Truhen hinwegſchmilzt, gewaͤnne er da⸗ durch die verlorne Unabhaͤngigkeit wieder, heute ſchon wuͤrfe er das griechiſche Kreuz von ſich und knieete nieder am Altare der Schismati⸗ ker. Mehr noch als der ſeine, neigt ſich des Mieczyslaw Sinn den abendlaͤndiſchen Irrthuͤ⸗ mern zu, ſeine Bruͤder aber ſind nicht werth, daß man ihrer erwaͤhne. Drum fort mit ih⸗ nen; wenn die Scheere des Archimandriten das Haupt dieſes Demetrius Jzaslaw kahl geſcho⸗ ren, wenn ſtatt des furſtlichen Purpurs die Moͤnchskutte ſeinen Leib deckt, dann bin ich belohnt!— Zu beſtimmt war dieſe Rede, als daß des Abgeſandten letzte Befuͤrchtung ihr nicht gewi⸗ chen waͤre, doch ward er darum nur ungewiſ⸗ ſer uͤber den Zweck der Sprecherin, und wie⸗ wohl er ſchon fruͤher der Rachſucht die gebuͤh⸗ rende Ehre gethan, ihr eine bedeutende Gewalt uͤber das Gemuͤth einer beleidigten Frau ein⸗ zuraͤumen, erregte der Beweggrund derſelben ſeine Neugier, und uͤberdieß war er ſelbſt zu ſehr des Eigennutzes Lehnknecht, um in ſo au⸗ ßerordentlicher unweiblicher Anſtrengung nicht eine Nebenabſicht der Art zu vermuthen. Er * — 59— ſagte alſo mit leiſer Stimme und vorgebeugtem Oberleibe: Fuͤrwahr, es muß ein ſchwerer Un⸗ glimpf ſein, der ſolchen Groll in Euch erregt hat gegen den Erbherrn dieſes Landes.— Stolz ausweichend verſetzte Sophronia: Was kuͤmmert den Hof zu Byzanz die Triebfeder, die ſein Werkzeug in Bewegung ſetzt? Nur zu ſeinem Botſchafter ſprech' ich, und nichts habt Ihr bis jetzt gethan, mein Vertrauen zu er⸗ werben.— So frag' ich Euch denn als Botſchafter, welches iſt das Ziel deſſen Allen, was Ihr ge⸗ than und thun wollet; was wird geſchehen zum Vortheil des Kaiſerhofes, den Ihr ge⸗ nannt, wenn, wie ich noch nicht glauben kann, es ſich begiebt nach Eurer Verheißung?— Dann wird geſchehen, was die Weisheit des Sebaſtokrator als das Beßte erkannt. Ich ha⸗ be Euch die Bahn gebrochen, an Euch iſt es, das Ziel aufzuſtellen an ihrem Endpunkt. Weil Ihr jedoch Alles von mir verlangt, will ich auch den Stab Euch leihen, der Euch ſtutze. Erinnert Euch meiner Worte; der Sturm der Empoͤrung wird ausbrechen uͤber Sauromatien und wuͤthen von den Moräſten am Ufer des baltiſchen Meeres bis an den Fuß der Kar⸗ pathen, Blut wird fließen in Stroͤmen, und die Nacht des Unheils nur erleuchtet werden von den Flammen, welche die Zinnen zerſtör⸗ ter Schloͤſſer umlodern— Und in Dunkel und Graus wird ein junger Drach' aufſteigen, den ich aufgezogen in tiefer Berghoͤhle, und ſeine Schwingen entfalten, ſeine Klauen werden ſtark werden im Streit und er wird das Gift aus⸗ hauchen, das ich ſorgfaͤltig genaͤhrt habe durch Rachſucht und Ehrgeiz. Der Thron des Bo⸗ leslaos wird wanken, und wenn er umgeſtuͤrzt iſt, wenn der Verfechter der lateiniſchen Kirche darniederliegt, ein Spott ſeiner Feinde, und den Freunden ein Abſcheu, dann ſehet zu, was Ihr thut. Ein Wort nur darf ich dem Dra⸗ chen ins Ohr raunen, ein Langverſchwiegenes, und er waͤlzt ſich zum Geſtade des Boryſthe⸗ nes, und bei ſeinem Nahen thun die Thore von Kijow ſich auf. Sehet zu, ob Euch ſolcher Nachbar genehm iſt.— Behuͤte uns Sankt Iohannes der Theolog vor ihm in Ewigkeit,— rief Leontios, raſch und verſtohlen um ſich ſchauend, als ahne er bereits das erwaͤhnte Ungeheuer in ſeiner Naͤhe— 6 und ſchlechten Dienſt wuͤrdet Ihr, die Grie⸗ chin, dem Vaterlande leiſten, indem Ihr es herbeiruft. Auch vergeſſet Ihr wohl, daß, was Ihr mir mitgetheilt, hinreicht, auf immer jenes Wort in Eurer Bruſt zu vergraben.— Mit nichten, Herr Strator,— erwiederte mit gleichgiltigem, beinahe mitleidigem Achſel⸗ zucken Sophronia— wenigſtens durch Euer Zuthun nicht. Ihr muͤſſet auf eine andere Weiſe ſinnen, mich ſtumm zu machen. Ge⸗ denket Eudorens, gedenket, daß ſie meine Pfleg⸗ befohlene iſt; einmal hat ſie Eurer erwaͤhnt ge⸗ gen den Koͤnig, geſchähe es zum zweiten Male und auf andere Weiſe, wahrlich, ſeine gewich⸗ tige Hand wuͤrde Euch ſo jach treffen, daß Ihr nicht Zeit uͤbrig hättet zu unnuͤtzem Ge⸗ ſchwatz. Ja, und wolltet Ihr, Eures eigenen Beßtens uneingedenk und adelicher Sitte, in dieſem Augenblicke ſelbſt den Vortheil mißbrau⸗ chen, den Ihr uͤber mich zu haben wähnt, ſo beduͤrfte es des kleinſten Zeichens, und der Bote des Boleslaos, der jetzt bereits durch die Höfe des Schloſſes zu Euch eilt mit willkommenem Auf⸗ trage, erſchiene Euch als Bote des Todes.— Erſchreckt und unzufrieden mit ſich ſelbſt und ſeiner unzeitigen Drohung, legte Leontios die Hand an die erbleichende Stirn, und ſagte zögernd: Haltet der Verwirrung, in die Euer Bericht mich geſetzt, ein unbedachtes Wort zu gute. Ich ſehe, die Zukunft allein kann mich vollig vertraut machen mit Euren Entwuͤrfen; möge ſie das Gute bringen durch die Fuͤrbitte aller Heiligen und Martyrer der einzig wahren morgenlaͤndiſchen Kirche.— Ihr ſprechet wahr,— lautete die Antwort der Griechin— die Zeit iſt es, die das Große auferzieht, doch iſt ſie fluͤchtig fuͤr Den, wel⸗ cher entſchloſſen iſt, ihr alles abzugewinnen, was ſie bietet. Drum noch Weniges nur— Nicht mehr iſt meines Bleibens in Kijow, ich habe daſelbſt vollfuͤhrt, was ich wollte, und lege das Uebrige in Eure Hand und in die meiner Muͤndel. Doch mit mir verſchwinde auch meines Daſeins Gedächtniß. Nie, horet Ihr, niemals erwähnet in dieſen Mauern der Tochter des Palamon; es binden ſich Erinner⸗ ungen an ihren Namen, die Euch Gefahr brin⸗ gen könnten. Einſt, ſo hoffe ich, werd' ich wieder erſcheinen; dann iſt es Zeit, an den Lohn zu denken, den Ihr mir allzubereitwillig im Voraus zugeſagt. Jetzt nichts davon. Ob⸗ gleich aus kaufmaͤnniſchem Geſchlecht entſproſ⸗ ſen, begehre ich doch nicht die Zahlung im Voraus, und nur fuͤr das, was ich gethan, werd' ich fordern. Es iſt Cäſar Auguſtus, den ich verpflichtet, meine Gabe iſt eines Kaiſers werth, ſo wird der Preis auch kaiſerlich ſein, und einem Opfer angemeſſen, das Ihr nicht klein nennen werdet, ſo Ihr es erfahrt. Nur Eines vernehmet noch, und es moge Euch fuͤr meine Wahrhaftigkeit buͤrgen. Das reifere Alter lebt zum Theil der Vergangenheit, und ſiehet, mit ihr beſchaͤftigt, der Zukunft geduldig entgegen, doch ein Anderes iſt es mit Eudo⸗ ren. So ungemein der Geiſt auch ſein mag, der in ihr wohnt, iſt ſie doch jung und ein Weib, und ein König iſt es, wiewohl ein Bar⸗ barenkonig, der zu ihren Fuͤßen liegt. Sie wird von dem Gefuhl nicht getrieben, mit deſ⸗ ſen reichen Genuͤſſen ich mich für jetzt begnü⸗ gez ſo moͤget Ihr denn dort fuglicher die Ver⸗ heißungen anbringen, die ich zuruͤckwies. Ich weiß, ſolche Waare iſt nicht ſelten bei Euch, und mit freigebigem Munde ſpendet Ihr Gold⸗ — 64— haufen, Fuͤrſtenkronen und Jegliches, was ein jugendlich ehrgeiziges Gemuͤth reizen kann.— Wirklich ließ dieſe Weiſung die letzten Schat⸗ ten des Zweifels in Leontios Seele verſchwin⸗ den; im weitern Laufe des Geſpraches horchte er aufmerkſam den Worten der klugen Frau, und vertrug ſelbſt ohne anſcheinendes Mißbe⸗ hagen die gebieteriſche Weiſe, in welcher ſie zu ihm redete. Manches ward noch verabredet, oder viel⸗ mehr dem byzantiniſchen Abgeſandten anbefoh⸗ len von dem wunderlichen Haupt einer uner⸗ meßlichen Unternehmung, und Sophronia war im Begriffe zu ſcheiden, als Serapion, der Diener, mit allen Merkmalen des Schrek⸗ kens eintrat. Herr,— ſprach er mit ſtocken⸗ der Stimme— draußen ſtehet ein Bote des ſauromatiſchen Koͤniges, und er bringt Euch das Geheiß, ſtracks vor dem Angeſicht des Ge⸗ bieters zu erſcheinen.— Einen verſtohlenen Blick wechſelten die Bei⸗ den, Sophronia aber nahte mit tiefer demuͤthi⸗ ger Verbeugung dem Strator, und ſagte in der verderbten Mundart des nordlichen Graͤzi⸗ ens: So geruhet denn, edelſter Herr Groß⸗ 6— bramter des Palaſtes, Eurer demüthigen Magd in Gnaden zu gedenken, und ſeid, wenn meine Wuͤnſche erfullt werden, nicht nur meines Dan⸗ kes gewiß, ſondern auch des Dankes aller ar⸗ men Griechenkinder, die in dieſer wildfremden Stadt kuͤmmerlich leben.— Als Leontios durch die Hoͤfe des Palaſtes ſchritt, ſprach er zu ſich ſelbſt: Von einer theſſaliſchen Zauberin mag dieſe erzeugt ſein, nicht von einer Bewohnerin des anmuthigen Chios. Wahrlich, wo der Kakodämon eine Solche hinſchickt, müſſen die Sachen ganz gut gehn oder— ganz ſchlecht. Bleibt mir indeß eine Wahl?— Darauf ſtieg er mit klopfen⸗ dem Herzen die enge Wendeltreppe hinauf zu des Koͤnigs Gemach. H. In den Karpathen, wo deren Vorberge ſich weit ausbreitend gegen Mitternacht zu all⸗ maͤhlig bei Lwow, Lemberg und Przemysl in der Ebene verflaͤchen, unweit der Stelle die jetzt das Städtchen Samborz einnimmt, doch II. 5 weiter zuruͤck im wilden Gebirge liegt ein Thal, von hohen Felswänden umgeben, deren rauhe Rippen nicht Moos noch Geſtraͤuch bekleidet, und von ſteilen Anhoͤhen, auf deren Stirn dunkle Foͤhren und noch dunklere Schwarztan⸗ nen das zackige Haupt vor dem ſelten ruhen⸗ den Sturm beugen. Heut zu Tage noch iſt es duͤſter und einſam, viel einſamer war es noch zu damaliger Zeit. Erſt ſpaͤter wurden die genannten Städte erbaut, und ſelbſt die nachmals ſo beruͤhmt gewordene Burg Halicz war noch nicht gegruͤndet, die im folgenden Jahrhunderte bereits der Stammſitz des grie⸗ chiſch⸗ruſſiſchen Fuͤrſtengeſchlechts werden ſollte, das bald unter dem Schutz des oſtroͤmiſchen Reichs, bald unter der Oberherrlichkeit Polens die koͤnigliche Krone trug, deſſen Prunkliebe, Eigenthuͤmlichkeiten und ſeltſam wechſelnde Schick⸗ ſale nun längſt großentheils vergeſſen, die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Zeitgenoſſen auf ſich zogen, und deſſen Daſein und mit ihm verfallene Anſpruͤche erſt vor einem Jahrfunfzig dem Dunkel der Vorzeit entriſſen wurden, um auf ihnen den Namen und das Beſitzthum des Koͤnig⸗ reiches Gallizien zu gruͤnden. Wohl kannte 6— man bereits in der Umgegend und in ganz Rothrußland den Berg Halicz, doch war ſeine Hohe noch unbebaut. Tiefe Stille lag auf den verborgenen Gruͤnden, auf den dichten welt⸗ alten Forſten, nur durch das Brauſen der Bergſtrome unterbrochen, die von dieſen Gebir⸗ gen herabſtuͤrzend und weithin die Ebene durch⸗ ſchneidend, ſich vereinigen und mitunter beruͤhmte Namen tragend, als Pruth und Dnieſtr, dem ſchwarzen Meere zufließen. Hoch in den Luͤf⸗ ten uͤber die Thäler hin zogen Huͤhnergeyer, Weihe und der gewaltige Steinadler von der lang unbeſtrittenen Heimat zum flachen Lande, ihre Atzung zu ſuchen, und im Dickicht wohnte Bar, Wolf, Buffel und das nun erſterbende Geſchlecht des Urſtiers, in ſtetem Kampfe un⸗ ter ſich und gegen noch gefährlichere Mitbe⸗ wohner dieſer Wuͤſte, die ſeit Jahren ſchon dort ſich niedergelaſſen, um gleich ihnen in der Ein⸗ ſamkeit des Raubes ſich zu erfreuen, welchen ſie aus reichern Fluren heimgetragen. Hin und wieder ſchlichen zu beſtimmten Zei⸗ ten nächtlicher Weile einzelne Maͤnner aus den Gebirgkluͤften auf unbetretenen Waldpfaden der Ebene zu, und von da wieder zuruͤck, im Win⸗ 5* — 65 ter in rohe ſteife Bäͤrenfelle gehuͤllt und das Haupt bedeckt mit einer tief heruntergehen⸗ den Muͤtze von Wolfsfell, in der waͤrmern Jahreszeit aber bekleidet mit grobem ungefaͤrb⸗ ten haͤrenen Zeuche, welches nachlaͤßig und oft die Spuren langen Gebrauches tragend, die rau⸗ hen gebraͤunten Gliedmaßen umflatterte; doch nimmer ſah man ſie ohne Bogen und Koͤcher, ohne ein breites Meſſer im ledernen Guͤrtel und einen zur Keule geformten Ulmenaſt in der gewaltigen Fauſt, der ihnen bald zur Stuͤtze auf unebenem Wege, bald zur Verthei⸗ digung gegen die Raubthiere, bald vielleicht zu bedenklicherm Gebrauche diente. Mehre unter ihnen waren mit wohlgearbeiteten Armbruͤſten bewaffnet, ihre Keule mit eiſernen Spitzen ver⸗ ſehen, die Griffe ihrer Meſſer ſogar von koſt⸗ lichem Metall oder mit Edelgeſtein beſetzt, und nebſt einem ſtaͤhlernen Streithammer in dem Gurt befeſtigt, deſſen Lederwerk kupferne Schup⸗ pen bekleideten. Einige unter ihnen zeichneten ſich ferner durch die ziemlich abentheuerliche Zierde aus, die ſie auf der Muͤtze von Fellen trugen, bei Einem war es ein wolliger braun⸗ rother Fuchsſchweif, bei Andern der Schweif — 69— eines Wolfes, Wenigen nur waren Federn aus dem gewaltigen Fittig des Adlers zu Theil worden, noch ſeltener ſchien die Verguͤnſtigung, ſich mit der Kopfhaut des Bären zu ſchmuͤk⸗ ken, und an Einem nur gewahrte man zwei mächtige Buͤffelhorner, abwaͤrts von den Schlaͤ⸗ fen ſich kruͤmmend, eine Verzierung, die eher beſtimmt ſchien, durch ihre furchtbare Seltſam⸗ keit das Anſehn des Trägers zu erhoͤhen, als etwas zu ſeiner perſoͤnlichen Anmuth beizu⸗ tragen. So oft wie es hier und da ſich zutrug, daß die Thalbewohner in Haufen auszogen, ſah man immer Einen der Letztgenannten an ihrer Spitze, wenn aber die Buͤffelhoͤrner ſich in der Ebene zeigten, ſo geſchah es nur mit zahlrei⸗ chem Gefolge, dann floh der Landmann eilig, ſeine Heerden und andere Habſal zuruͤcklaſſend, und wenn er zuruͤckkehrte, fand er Stall und Scheuer leer, und die Huͤtte nicht ſelten in ei⸗ nen Aſchenhaufen verwandelt. Die Edelleute aber ſammelten ihre Dienſtleute, verbollwerkten ihre Burgen und Höfe, und von Zeit zu Zeit kam es zu grimmigen Gefechten am Fuße des Gebirgs, in welchen bald der eine bald der an⸗ dere Theil obſiegte. Doch nurdeilhle Söhne der Einoͤde nie vollig uͤberwunden; wenn ſie im Blachfelde geſchlagen, ſich in eiliger Flucht zu ihren Bergkluͤften wandten, begnuͤgten ſich die Leute der Ebene mit der Entfernung der ge⸗ faͤhrlichen Nachbarn, denn Mehre, welche verſucht hatten, ſie dahin zu verfolgen, kehrten nimmer wieder, und niemand war, der Bericht abgeſtattet hätte uͤber die Lage und Beſchaffen⸗ heit ihres Hauptſitzes. Seit einiger Zeit indeß ſchien das gegen⸗ ſeitige Verhältniß der Nachbarn ſich allmaͤhlig anders zu geſtalten. Wenig hatte Bauers⸗ mann und Kothſaß fuͤr ſein geringes Beſitz⸗ thum zu fuͤrchten, die Zuͤge der Waldleute gin⸗ gen mehrentheils an ſeiner Huͤtte voruͤber, um ſich nach den Meiereien und Schloͤſſern des Adels zu wenden. Dieſer glaubte mitunter ſo⸗ gar zu bemerken, daß die Verſchonten manch Unternehmen ihrer ehemaligen Feinde beguͤnſtig⸗ ten; hin und wieder ſah ein Landgebieter ſeine Hoͤfe uͤberfallen und gepluͤndert, ohne daß er die mindeſte Warnung von den Unterſaſſen er⸗ halten hatte, die dem Gebirge naͤher wohnten; des Landvolkes ſtörriſcher Sinn fing an, ſich hin und mcr in offenem Ungehorſam zu äu⸗ ßern, und ſogar ließ Der oder Jener ſich in ſcheuem Trotze verlauten, es koͤnne bald anders werden, als es geweſen, und maͤchtige Freunde ſeien bereit zu helfen, ſobald es ihnen beliebe, das Joch abzuwerfen, unter dem die Zwing⸗ herrn ſie allzulang ſchon gehalten. Die Rit⸗ terſchaft und die koöniglichen Landpfleger am rechten Ufer der Weichſel, in Beſorgniß geſetzt durch ſo mißliche Wahrnehmungen, fanden fuͤr nöthig, ein wachſames Auge auf die Ortſchaf⸗ ten am Fuß des Gebirges zu richten, und bald erfuhren ſie, daß nicht ſelten daſelbſt ſich eine oder mehre der oben bezeichneten Geſtalten blicken ließ, daß ſie verſtohlen zwar, aber nur zu willig und gaſtfreundlich aufgenommen ward, und die Beherberger ſelbſt ſie den Nachforſch⸗ ungen der Gebieter zu entziehen wußten. Als nun ſogar nach dem zuruckgeſchlagenen Ueber⸗ fall eines adlichen Hofes, unter den zuruckge⸗ bliebenen Leichnamen der Angreifer, mehre der eigenen Unterthanen erkannt wurden, ward die geheime Verbindung des Landvolkes mit den Raͤubern der Karpathen unzweifelhaft. Die Gerechtigkeit zuckte das Schwert uber den Haͤup⸗ — — tern der Verdächtigen, die Kerker der Burgen 1 fuͤllten ſich mit gefangenen Leibeigenen, und die ausuͤbende Gewalt verſuchte der drohenden Gefahr vorzubeugen nach der Weiſe damaliger Zeit, durch Foltern nemlich und Hinrichtungen. Doch gelang es derſelben nicht, ihren vornehm⸗ ſten Zweck zu erreichen; die Wohnſtätte der Gebirgmaͤnner blieb unbekannt, und unbekannt der Weg, auf welchem man zu ihr gelange, niemals hatte man Einen von ihnen lebend gefangen, die Eingekerkerten beharrten einmuͤ⸗ thig bei der Ausſage, erſt in der Ebene ſeien ſie zu den Anruͤckenden geſtoßen, und nie habe ihr Fuß das innere Gebirge betreten; und ſo traf die Keule des Henkers den Schaͤdel der Bezuͤchtigten, ohne daß ihr Mund ausgeſpro⸗ chen haͤtte, was zu wiſſen immer nothwendiger ward. Bewußtſein des Unrechts und Furcht vor der Strafe geſellten ſich zum alten Miß⸗ muth des eigenen Landmanns; in kurzer Zeit befanden ſich beinahe alle Doͤrfer der Vorberge im Stande des Aufruhrs, und wenn die raͤ⸗ . chende Hand des Geſetzes Eines derſelben traf, verſtärkten die fliehenden Bewohner die gleich⸗ geſinnten Nachbarn. Da begann man einzu⸗ — ſchen, es beduͤrfe ernſtlicher Maßregeln, und dringende Vorſtellungen wurden nach der Haupt⸗ ſtadt Krakow geſandt. Doch der Koͤnig war fern mit der Bluͤthe des Adels und dem beßten Theile des Heeres, im entlegenen Gniezno wohnte Ralencz der Statthalter, mehr mit Ent⸗ wuͤrfen des eigenen Ehrgeizes fur ſich und ſein Geſchlecht beſchaͤftigt, als mit dem ihm anver⸗ trauten Wohle des Reiches; kuhl und verdroſ⸗ ſen wurden ſeine ſpaͤt anlangenden Verordnun⸗ gen aufgenommen, denn der Stolz der Weni⸗ gen, welche daheim waren von der Ritterſchaft, unterwarf ſich ungern dem gehaßten Prieſter. Die Landeigenthuͤmer jenſeit der Weichſel, oder vielmehr ihre zuruͤckgelaſſenen Hausfrauen, blie⸗ ben ziemlich gleichgiltig fur die entfernte Ge⸗ fahr, und ſo ließ man, wie es denn immer zu geſchehen pflegt, wo die Glieder, des Hauptes ermangelnd, uneins unter ſich ſelbſt wirken, die Wolken ſich ſammeln, die ſich bald entla⸗ den ſollten in verderblichem Strahl, und be⸗ ſchleunigte das Herannahen des Ungewitters durch unzweckmaͤßige, oder durch Greiſe und Weiber uͤbel ausgefuͤhrte Maaßregeln. Selte⸗ ner als biöher ſtiegen die Leute des Berges in die Ebene hinab; es ſchien als wollten ſie Be⸗ draͤngniß und Furcht der befreundeten Aufruͤh⸗ rer bis zur Verzweiflung ſteigen laſſen, ehe ſie denen die Hand böten, die ſie ſelbſt dem Ver⸗ derben entgegengefuͤhrt, doch war man nicht muͤßig in dem abgelegenen Thal, und manche Vorbereitung ſeltſamer Art deutete auf baldige entſcheidende That. Es iſt ein Nachmittag des fruͤhen Len⸗ zes, an welchem die halb geſchichtliche, halb romantiſche Muſe, welcher uͤberall der Zutritt offen ſteht, in die Cabinetter der Großen, wie in die Höhlen der Raͤuber, den Leſer in die mehr verrufene als bekannte Gebirgſchlucht der Karpathen fuͤhrt. Die Jahreszeit, minder vorgeruͤckt als in der Ebene, bietet noch das Schauſpiel des Widerſtandes dar, mit welchem der Winter ſproͤd' und ſchmollend dem freund⸗ lichen Nachfolger weicht. Die hohen Berg⸗ waͤnde ſind nach Mitternacht zu noch mit Schneelagen bedeckt, deren glaͤnzendes Weiß die allmaͤhlig aufthauende Luft bereits in mat⸗ tes Gruͤn und roͤthlich Gelb verwandelte, mit verdoppelter Wuth ſtuͤrzen von ihnen die wil⸗ den Gewaͤſſer ihre dunkeln Fluthen herab, die auf den Felsſtücken des Grundes ſich in viel⸗ farbigem Schaume brechend, mit donneraͤhnli⸗ chem Getoͤſe den Widerhall der ſtillen Gruͤnde erwecken. Noch ſind die Zweige der Eichen, der Ulmen und des Ahorns nur mit kaum werdenden Knospen geſchmuͤckt, und die nackten Wipfel ragen noch ſchwarzgrau hervor unter den Fichten und Tannen, an denen der junge Jahreswuchs bereits luſtig hervorbricht, grell abſtechend gegen die dunkeln Nadeln, die meh⸗ re Winter uͤberlebten. In der tiefen Thal⸗ ſchlucht ſelbſt hat die am beſchraͤnkten Hori⸗ zonte nur kurz verweilende Sonne erſt die Spitzen des Graſes mit der Farbe des Fruͤh⸗ lings angehaucht, und nachdem ſie ſchon mehr als die Hälfte ihres taͤglichen Laufes vollbracht, häͤngen an den Halmen noch die Tropfen des Nebels, den ſie gegen Mittag muͤhſam ver⸗ ſcheuchte. Auf der engbegraͤnzten Ebene zwi⸗ ſchen den Bergen aber ruͤhrt ſich ein Gewerb⸗ fleiß wunderlicher Art, und nicht gewohnlich ſind die Geſtalten, die die rauhe Landſchaft be⸗ leben. Rings an den Felswaͤnden hin ſind, in regelloſe Gruppen gelagert, bärtige Männer zu ſchen, die läßig ausgeſtreckt auf dem Raſen, — 6— theils dem Trinkhorn zuſprechen, das Mal fuͤr Mal aus herbeigeſchleppten Schlaͤuchen gefuͤllt wird, theils der Unterredung pflegen, welche von rohem Scherz unterweilen zu lautem Zank und von dieſem zu wilder Schlaͤgerei uͤbergeht, theils auch die Augen nach dem Mittelpunkte des Thalgrundes richten, wo eine Art Schau⸗ ſpiel ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zieht. Hier tummelte ſich eine zahlreiche Schaar junger Leute in laͤrmendem Spiel oder Kampf⸗ uͤbung vielmehr. Die Verſchiedenheit ihrer Ge⸗ ſichtzuͤge, die mannichfachen Laute, in denen ſie ſich wechſelweis bald Beifall bald Schelt⸗ worte zuriefen, deuteten an, man ſaͤhe in ih⸗ nen nicht die Soͤhne eines Geſchlechts, nicht Buͤrger eines patriarchaliſchen Freiſtaats„ ſon⸗ dern eine Schaar, die der Zufall oder irgend ein Zweck aus entfernten Gegenden hier zu⸗ ſammengefuͤhrt. Wohl war ihre Tracht gleich⸗ foͤrmig, wenn man dieſen Namen einer Art Sack von härenem Zeuche beilegen kann, die um die Huͤften nachlaͤßig geguͤrtet und mit fuͤnf Heffnungen verſehen, den Kopf mit Hals und Bruſt, Arme und Beine unbekleidet ließ; es fiel indeſſen nicht ſchwer zu damaliger Zeit, — da die Eigenthuͤmlichkeit der Volker weder in Sitte noch Bildung ſo in einander geſchmolzen war, den Sohn des Czech zu erkennen an ſeiner gerin⸗ gern Behendigkeit und dem verſteckt liſtigen Aus⸗ druck ſeiner Zuͤge, den kraͤftig gebauten, gemeſ⸗ ſen ſich geberdenden Ungar, den Sproͤßling des Lech, den ſchlanken Sauromaten mit gelbem Haar, hoher Stirn, karg an Worten, raſch in That, mit mißtrauiſchem Blicke und hochfah⸗ render Geberde, den dunkelfarbigern Enkel des Rus, mit geſchmeidigen Gliedern, gleich kuͤhn und gewandt in hitzigem Angriff und ſcheinba⸗ rer Flucht, den klug dreinſchauenden Bulgaren, der durch die Kunſt die geringe Körperkraft zu erſetzen verſtand, und den Illyrier endlich, der dem Welſchen und Griechen gleich nah ver⸗ wandt, noch weniger ſtark als jener, am ge⸗ uͤbteſten war in der Fuͤhrung des Meſſers, und dem unbeholfenen Gegner bald die unver⸗ theidigte Seite abgewann. So unterſchiedener Länder verlorene Soͤhne hatten begangene Miſ⸗ ſethat und das Streben, ſie zu wiederholen, Zuͤgelloſigkeit und Habſucht in dem Grenzge⸗ birge verſammelt, in deſſen Schluͤnden die Stimme des Geſetzes gänzlich verhallte, welche — 5 damals an den Thoren der Hauptſtaͤdte ſelbſt ſich oft nur ſchwach vernehmen ließ. Ringen, Fauſtkämpfe und Gefecht mit ſtum⸗ pfer Wafſe waren die Spiele, welchen ſie ob⸗ lagen, doch man konnte ſie nicht harmlos nen⸗ nen. Erhitzt durch den Streit, erboßt durch manchen erhaltenen Stoß oder Schlag, vermochte es der ungroßmuͤthige Sieger nicht immer uͤber ſich, den Kampfgeſetzen gemäß vom üͤberwun⸗ denen Gegner abzuſtehen, ohne ihm noch gleich⸗ ſam auf ſeine eigene Hand einen verletzenden oder demuͤthigenden Beweis rohen Triumphes oder per⸗ ſoͤnlichen Widerwillens zu geben; öfter noch ver⸗ wundete der Beſiegte, der Regel zuwider, heim⸗ tuckiſch den Ueberwinder, deſſen Hohnlachen ihn entbrennen ließ in Scham und Wuth— Bei⸗ de erneuerten den Streit, der nun aus blo⸗ ßer Uebung ſchnell zum erbitterten, feindſeligen Gefecht ward, welches wohl nur mit dem Le⸗ ben des Einen geendet haben wuͤrde, haͤtten die Zuſchauer, deren beguͤtigender Ruf ungehort blieb, ſich nicht zwiſchen die Ergrimmten ge⸗ worfen. Seitwaͤrts auf einer Raſenerhöhung am Fuße eines uͤberhangenden Felſens, an den mäch⸗ tigen Stamm einer noch blätterloſen Ulme ge⸗ lehnt, ſtand der, welchen die ſcheue Ehrfurcht, mit der die Andern ihm auswichen, als den Archonten dieſer antiplatoniſchen Republik er⸗ kennen ließ. Es war derſelbe, welcher die ſelt⸗ ſame Auszeichnung der Buͤffelhoͤrner trug, und ſein Blick, den er rings umher ſchweifen ließ uͤber alle Gruppen ſeiner Untergebenen, rich⸗ tete ſich oͤfter nach einer ſchmalen Schlucht, welche den Bergkeſſel, den Hauptverſammlung⸗ ort der Riederlaſſung, mit noch rauhern und gänzlich verwachſenen Thälern verband. Auch hier war es lebhaft, auch hier gab es Uebungen und kriegeriſche Spiele, und die, welche ihnen oblagen, ſchienen insgeſammt zu den Optimaten der kleinen Völkerſchaft zu ge⸗ hören. Ihre Mützen waren alle mit dem fruͤ⸗ her erwaͤhnten Schmucke der Bärenrachen, Fuchs⸗ ſchweife, Geierfittige und Adlerfedern geziert, ihre Luſtbarkeit war weniger geraͤuſchvoll als die der niedern Menge, und ward nicht durch Thatlichkeiten unterbrochen. Einige ſelbſt tru⸗ gen in Antlitz und Geberde das Gepräge ho⸗ herer Abkunft und beſſerer Sitte; doch war dieſer Abglanz fruͤherer Zeit getrubt durch die Schatten, welche Schwelgerei, Habgier und jegliche Art des Verderbniſſes uͤber ihre Züge geworfen; feindſelige Blicke und hoͤhnende Worte bezeugten, daß das Reich Belial's uneins ſei mit ſich ſelbſt. Ihre Beſchaͤftigung gewaͤhrte ein ungewohntes Schauſpiel; es war ein Wett⸗ ſchießen mit Armbruͤſten, und ein gleiches Schleu⸗ dern der Wurfſpieße nach dem Ziele. Dieſe Ziele aber glichen nicht denen, welche man heut zu Tage aufſtellt, unfoͤrmliche Bilder wa⸗ ren es, aus Stocken verfertigt, mit Moos und Baumrinde umwunden, und hie und da mit einer alten, unbrauchbar werdenden Thierhaut bedeckt. Sie ahmten in lächerlich abſcheulicher Entſtellung die menſchliche Geſtalt nach, und die Mannigfaltigkeit ihrer Ausſchmuͤckung die verſchiedenen Stufen der Geſellſchaft. Hier prägte eine zerbrochene Blechhaube, dem plum⸗ pen Stummel aufgeſtulpt, eines dieſer Zerrbil⸗ der zum Ritter oder reiſigen Kriegsmann, ei⸗ ne verſchoſſene Mutze machte den Klotz zum Kaſtellan oder Landpfleger, die unbehuͤlflichſten unter ihnen mit den Fetzen eines Gewandes behangen, und ein Kreuz von Baumzweigen an dem beveſtigt⸗ was in der Entfernung al⸗ — 81— lenfalls einem Arm ähnlich ſah, bedeuteten Bi⸗ ſchofe und Erzbiſchöfe; Einer ſogar trug einen Zierrath von Stroh geflochten, einer Krone gleichend, einen Stab, den Szepter vorſtellend, und anſtatt des Reichsapfels einen maͤchtigen rothgelben Kuͤrbiß; dieſe Geſtalt nannten die Schuͤtzen den Koͤnig. Kurz alle Stände wa⸗ ren hier aufgeſtellt in mißrathener Nachbildung, doch ſah man nichts, was an einen Bauer oder Leibeigenen erinnern konnte. Unaufhoͤrlich flogen die Bolzen und Speere der Geuͤbten nach den Sinnbildern, an denen die Sohne des Gebirgs ihren Haß gegen Vor⸗ nehme und Reiche, gegen Geſetz und buͤrgerli⸗ che Ordnung, gleichſam zu ernſterm Angriſſe vorbereitend, kuͤhlten, und wenn einer jener nur wenig befeſtigten Klotze umſtuͤrzte, getroffen von der Waffe, da brach der Schuͤtz in ein lautes Triumphgeſchrei aus, die Umſtehenden riefen dem gefallenen Kaſtellan oder Biſchof höhniſche Worte oder Schimpfreden zu, und nur die, welche minder gluͤcklich geweſen wa⸗ ren, machten Bemerkungen, die dem oder je⸗ nem Umſtande zum Nachtheil der Geſchicklich⸗ keit den guͤnſtigen Erfolg zuſchrieben. M. 6 Einer der ungluͤcklichſten Schuͤtzen und da⸗ her unzufriedener und mißguͤnſtiger als alle an⸗ dern, war ein junger Menſch, der ſeiner Be⸗ kleidung und ſeinem noch wenig gebraͤunten Antlitze nach, erſt kurze Zeit ſich unter den Anſiedlern in der Thalſchlucht befand und uͤber⸗ haupt nicht ganz eigentlich zu ihnen zu geho⸗ ren ſchien. Er trug, obſchon etwas nachläßig und verwildert, das Gewand eines polniſchen Vornehmen, ſein Weſen war heftig und voll Uebermuthes; ein Sklav, der Einzige in die⸗ ſem Aſyl ſogenannter Freiheit und Gleichheit, harrte mit zitternder Demuth ſeiner Gebote, und das Benehmen der Uebrigen gegen ihn war, ſo weit es die unfeine Sitte des Ortes geſtattete, weniger vertraulich und trug ſogar das Gepraͤge einer gewiſſen Achtung, obſchon augenſcheinlich nur mit Widerwillen gewaͤhrt. Wohl mochte der Juͤngling zu anderer Zeit nicht unempfaͤnglich fuͤr dergleichen Auszeichnung ſein, welche die Herrſchbegier, die in ſeinem ganzen Weſen ſich ausſprach, als ihr gebuͤhr⸗ end zu fordern ſchien, aber jetzt achtete er ih⸗ rer nicht, und es war, als ob ſeine wild und argwoͤhniſch herumfliegenden Blicke ſtrebten, in den Zuͤgen der Naheſtehenden einem Ausdruck des Tadels zu begegnen, den er ruͤgen konne, denn er war der Letzte geweſen in der heutigen Uebung. Ihm war es vorbehalten geblieben, die Scheuche niederzuwerfen, die den König darſtellte, doch mehr als zehnmal hatte er den Wurſſpieß umſonſt geſchleudert. Ringsum fie⸗ len unter lautem Beifallruf Kronbeamten und Ritter, Richter und Erzbiſchofe, doch immer noch ſtand der Koͤnig aufrecht mit Strohkrone, hoͤlzernem Szepter und weithin leuchtendem Kuͤrbiß, und immer dunkler ward bei jedem vergeblichen Wurfe des Juͤnglings Wangenrö⸗ the, immer feuriger ſein Auge, und feſter und feſter ſchloß ſich der in unmuthig verachtendes Laͤcheln verzogene Mund. Bereits zum eilften Male flog ſein Wurf⸗ ſpieß weit ab vom Ziele in das verbergende Gebuͤſch, da trat einer der Gebirgſohne zu dem ungluͤcklichen Wettkaͤmpfer und ſprach hohnla⸗ chend: Scheinet es doch, junger Herr, als ſollen des Königs Gnaden den heutigen Abend uͤberleben, der alle ſeine Getreuen zu Grabe gebracht, denn ſehet, er ſtehet noch und Eure Spieße ſind alle verſchoſſen. Geduld nur, 6* — 84— morgen iſt auch ein Tag, und wenn es Euch nicht gelingt, den Klotz umzuwerfen, der doch breiter iſt und dicker als alle die uͤbrigen, ſo trifft ihn wohl Einer von uns. Ich zum Bei⸗ ſpiele mag nicht fuͤglich begreifen, wie es mog⸗ lich ſei, ihn zu fehlen, und ſo Ihr mir vergon⸗ nen wollet, Euch abzuloͤſen, wird in wenig Augenblicken Herrn Boleslaw's des Zweiten Kon⸗ terfei neben ſeinem Statthalter liegen und ſei⸗ nen Kriegesfuͤrſten und Räthen, wie ihn ſelbſt vielleicht meine Hand denſelben zugeſellet in kurzer Friſt, wenn er ja heimkehren ſollte von der Stadt Kijow.— Damit wollte er an den Platz des Unge⸗ uͤbten treten, doch dieſer ſtieß ihn ſchweigend und veraͤchtlich zuruͤck, und herrſchte mit zorn⸗ bebender Stimme dem naheſtehenden Diener zu: Auf, nichtswuͤrdiger Sklav, tummle Dich! Auf, in das Dickicht, mir die Speere zu ſu⸗ chen!— Waͤhrend der Gehorſame den erhal⸗ tenen Befehl vollzog, ſammelten Mehre ſich um den jungen Mann, welcher mit geſenktem Blicke da ſtand, und mit wechſelnder Farbe muͤhſam die Wuth bezähmend, und das druͤckende Ge⸗ fuhl gekränkten Stolzes. Keuchend kehrte der Abgeſchickte zuruͤck nach langer Weile, dicke Schweißtropfen bedeckten ſeine Stirn; die Hand, in der er einen der fehlgegangenen Speere hielt, und ſein Antlitz waren blutig, denn weit in dem dornigen Geſtripp hatte er den verlor⸗ nen ſuchen muͤſſen, und in der Eil und Furcht vor dem Grimme des unmilden Gebieters war er mehr denn einmal geſtrauchelt auf dem un⸗ ebenen felſigen Boden. Jener aber entriß, ohne ihn eines Blickes zu wuͤrdigen, ihm die Waſſe und bereitete ſich, ſie maͤchtig erhebend, zum letzten Verſuch. Ehe er ihn aber unternahm, ſchweifte ſein Auge rings umher, und es be⸗ gegnete in den Zuͤgen der Umſtehenden ſpotti⸗ ſchem Zweifel; es richtete ſich auf den fern ſte⸗ henden Haͤuptling, und auch auf ſeinem An⸗ tlitz gewahrte der junge Mann eines finſtern ſeltſamen Lächelns, da ſchwang die Rechte den Speer gewaltig uͤber dem Haupt und ſauſend entflog er der kraͤftigen Fauſt. Doch, als trage die beſtandloſe Luft die gewichtige Wehr em⸗ vor, ſchwirrte ſie hoch uͤber dem Ziele dahin an die Felswand des Berges, fiel zerſplit⸗ tert herab und unerſchuͤttert ſtand das formloſe Konigbild. Da erſcholl im Kreiſe ein lautes Gelaͤchter. Der Ergrimmte aber, ohne das gluͤhende Auge zu erheben, faßte ſeinen leibei⸗ genen Sklaven, warf ihn zu Boden, und im ungezuͤgelten Zorne ihn mißhandelnd mit dem ſchwerbeſchuhten Fuß, rief er ihm dumpf und keuchend zu: Dein iſt die Schuld des Miß⸗ geſchicks, zu leicht der Speer, den Du Verwor⸗ fener mir gebracht, und nicht einer von den meinigen.— Siehet man es doch— ließ Der, welcher fruͤher geſprochen, ſich vernehmen— ſiehet man es doch, daß Ihr der Sohn eines Edelmannes ſeid, junger Herr, denn Ihr habt wahrlich adelich Blut in den Adern. Iſt es doch allgemein die Sitte dieſer Herren, was ſie ſelbſt verſchuldet, Andern aufzubuͤrden, und es iſt eine lobliche Weiſe, den Knecht zu ſtra⸗ fen fuͤr das Ungeſchick des Gebieters⸗ Hat man Euch alſo gelehret im ebenen Lande, che Ihr zu uns kamet?— Es war etwas in dieſen Worten, das den Angeredeten empfindlich traf; er antwortete nur mit einem Blicke der Verachtung, und fuhr fort, den Leibeigenen zu zuͤchtigen, der heulend und wimmernd vor ihm lag. Ihn bekuͤmmerte das Murren der Umſtehenden nicht, welche — 8— meinten, es ſei unziemlich und ihren Geſetzen zuwider, daß Einer Gewalt uber einen Knecht habe am Wohnplatze der Freiheit, und eben ſo wenig achtete er der Anmerkung Anderer, es geſchehe dem Tomek ſchon recht, der immer ein nichtsnutziger Burſch geweſen, und ſo feig als heimtuckiſch. Während dem trat Borziwoy, der Haͤuptling, von dem Hugel herab zu ihnen, und ſprach zu dem jungen Manne mit zwei⸗ deutigem Lächeln: Wie, Junker, da Ihr alſo dem König kein Leid zufüͤgen konnen„ kuͤhlet Ihr Euer Muͤthchen an dem Knecht? Schon eher, hab' ich mir ſagen laſſen, waͤhltet Ihr gern niedere Haͤupter zum Ziel Eurer Streiche, und ungern wird Eure Mutter, die weiſe Ol⸗ ga, vernehmen, das Ihr bei ſolchem Beginnen verharret.— Storriſch antwortete Olgierd: Der Knecht iſt mein, und Niemand iſt befugt, Ihr wiſſet es ja, Hauptling, in das zu reden, was ich mit ihm vornehme. Und ſo ſchlecht er ſein mag, iſt er dennoch etwas beſſer, als jene elende Vogelſcheuchen, die freilich dem tapfern Arm Eurer Gefahrten nicht auswei⸗ chen konnen; wahrlich, ein wuͤrdig Ziel ihres Heldenmuthes, und wohl iſt es des Lärmens und Freudengeſchreies werth, wenn ein plum⸗ per Klotz umſtuͤrzt. Mich ekelt vor ſolchem Spiele; nach Ernſterm verlangt mich, und ſol— chen Sieg uͤberlaſſe ich gern ſolchen Wettkaͤm⸗ pfern.— Mit Unrecht— verſetzte Borziwoy — nennet Ihr ein Spiel, was das Auge ſchärft und die Hand ſicher macht. So man⸗ cher meiner Wackern hat ſich wohl unter die⸗ ſen Bildern eines erſehen, deſſen Urbild ein Gleiches von ihm erfahren wird, begegnet er ihm einſt in eigener Geſtalt. Sollte fuͤr Euch kein ſolcher dabei ſein? Mit dem Koͤnig iſt es nun nichts, wenigſtens für heut' nicht! Ver⸗ ſuchet es mit ſeinem Nachbar. Sehet doch die Blechſtange, die er traͤgt; gleicht ſie nicht von fern auf ein Haar dem hochberuͤhmten Szczer⸗ biec Herrn Boleslaw's, und ſieht der ganze Burſch nicht aus, als ſei er der Schwerttrger Seiner Gnaden aus faulem Holz, Moos und Lum⸗ pen zuſammengeflickt?— Dieſe Aufforderung des Oberhauptes, in ſpottendem Tone hervorgebracht, galt den Maͤn⸗ nern des Gebirges fuͤr einen Scherz oder eine Zurechtweiſung, den Uebermuth des jungen Sarmaten zu zuͤgeln, und pflichtſchuldigſt be⸗ gleitete ſie lauter Beifall. Es war aber, als naͤhme Olgierd ſie anders auf; er warf einen raſchen brennenden Blick auf die bezeichnete Ge⸗ ſtalt, und als treibe eine unwiderſtehliche Macht ihn gegen dieſelbe, ſprang er vorwaͤrts gegen den Felſenrand, ſtieß ſie mit einem gewaltigen Fußtritt um, waͤlzte ſie, fort und fort unver⸗ nehmliche Worte durch die geſchloſſenen Kinnladen preſſend, zu dem ſteilen uͤberhangenden Ufer des „Waldſtromes, der ſich durch das Thal ergoß, und ſtuͤrzte das Bild unter grimmigem Lachen von demſelben hinab in die wilden Gewaͤſſer, die alsbald ſchaͤumend und tobend die unfoͤrm⸗ lichen Truͤmmer dahinwälzten. Dann ſtand er eine Weile ſtill und kehrte zoͤgernd und ge⸗ ſenkten Hauptes zuruͤck, als ſchäme er ſich ei⸗ nes Triumphes, deſſen laͤcherliche Nichtigkeit er eben erklärt. Ihn empfing der ſpottende Ju⸗ bel der Menge, und Borziwoy meinte, er habe nun auch wohl den Gegner gefunden, der ihm am meiſten zuſage. Da hob der Juͤngling, unter die Genoſſen tretend, das Haupt empor, und ſprach mit er⸗ zwungener Kälte: Ihr habt Recht, Haupt⸗ mann, nicht zu verachten iſt das Spiel, wel⸗ ches das Auge ſcharft und den Haß, was den Arm ſicher macht zur Rache; doch iſt es im⸗ mer nur ein Spiel, und fortan verſchmaͤh' ich es. Uebet nur ferner Eure Gefaͤhrten, daß ſie ihres Mannes nicht fehlen; ich, Borziwoy, ich bedarf deſſen nicht, denn ein Etwas wird mei⸗ nen Arm leiten, ein Etwas, das Ihr vergeb⸗ lich ihnen aneignen wollet durch Vorbereitung und Ueben. Meine Speere fliegen zu hoch, ſagen ſie Alle; und nichts Niederes iſt es, auf das mein Sinn ſich richtet, und wenn mein Fußtritt den Einen zu Boden geſchleudert, kann es kommen, ich treffe auch Den, der nicht wie hier eine Scheuche unter den Scheuchen, der hoch erhaben iſt uͤber die Andern.— Hinweg — rief er, indem er den Wurfriem von ſich ſchleuderte— hinweg mit den Taͤndeleien kin⸗ diſcher Luſt! Zum Ernſte fuͤhrt uns, Borzi⸗ woy, in den heißen blutigen Kampf, und was dort mein Speer verfehlt, wird, ich ſchwoͤre es Euch, mein Schwert treffen, oder mein Meſ⸗ ſer!— Ich bin der Juͤngſte unter Euch— fuhr er fort, ſich mit Stolz gegen die Ver⸗ ſammlung kehrend— und vielleicht mag ich Manchem nachſtehen von den Euren in nie⸗ —— derer Fertigkeit; doch ein anderes iſt es um den gemeinen Kriegsmann oder— Strauch⸗ helden, ein anderes wieder um den Fuͤh⸗ rer; und zu ſolchem fuͤhle ich mich geboren. — Leichtlich möget Ihr den fällenden Speer ſchicken auf todte Puppen, und wenn es hoch kommt, Weiber und wehrloſe Greiſe wuͤrgen um eine Hand voll Tympfe oder ein ſilbern Schauſtuͤck; ſolches iſt Eures Gewerbes wuͤr⸗ dig. Doch, wenn wir einmal uͤbergehen vom Schimpfſpiel zum ernſten Kampf; wenn Ihr De⸗ nen wirklich gegenuͤber ſtehen werdet, uͤber deren Fratze Ihr ſo herrlich obgeſiegt, wahrlich, mehr denn Einen kenn' ich unter Euch, der dann weniger großthun, ja der ſich vielleicht abſeit ſchleichen wird zu gefahrloſerem Geſchäft in Schatzkammer und Vorrathgewoͤlbe. Und ſo mag es auch ſein; bleibe Euch die Beute; die Ehre iſt es, nach der mich verlangt— und ob⸗ ſchon hier wenig zu erwerben iſt von derſelben, ſo geluͤſtet es mich doch, Jeglichem von Euch, dem es in den Sinn kame, ſich mir gleichzu⸗ ſtellen, einen Beweis zu geben, daß mein Sä⸗ bel ſein Fleiſch und Gebein ſo kräftig trifft, als ſein Bolzen Lumpen und Moos.— — 92— Dieſe uͤbermuͤthigen Worte wurden von den anweſenden Buͤrgern des Freiſtaats nicht all— zuwohl aufgenommen. Mancher von ihnen, ergraut in wuͤſtem Treiben und heilloſem Thun, fand ſein Verdienſt gekraͤnkt durch die Rede des bartloſen Burſchen; die Meiſten blickten auf den Haͤuptling, ob er nicht auffahren wer— de in gewaltigem Zorn, den Kuͤhnen zu zer⸗ ſchmettern, der da, wo Borziwoy allein gebot, es wage, in ſo hohem Tone zu ſprechen, und es verlautete rings umher allerlei von unreifen Mutterſoͤhnlein, die bereits mit der Zunge wak⸗ ker zu fechten wuͤßten, waͤhrend ihr Arm noch ungeſchickt ſei zur That. Doch der Anfuͤhrer befahl mit ſinſterer Stirn Stillſchweigen und fuhr dann fort mit gewaltiger Stimme: Wer wagt es, den zu verunglimpfen, den der Haupt⸗ mann haͤlt gleich ſeinem eigenen Sohn? Wer erhebt vorlaut das Wort wieder Den, deſſen Wink für ihn vielleicht morgen ſchon ein Ge⸗ ſetz ſein wird, dem er gehorchen muß auf Ge⸗ fahr ſeines Leibes und Lebens? Er hat wahr geſprochen, der Juͤngling; er iſt es, der Euer Fuͤhrer ſein wird auf gefährlicher, blutbedeckter Bahn, gefäͤhrlicher als die heimlichen Pfade, auf denen Ihr in der Stunde der Nacht zum Meierhof des Edelmanns geſchlichen. Es wird bald gelten, am hellen Mittag zu kaͤmpfen in der Ebene, wo weder Bergſchlucht noch dichter Forſt den Fluͤchtigen ſchutzt; nicht den Wölfen, die unverſehens einbrechen in die Huͤrde, dem Loͤwen geziemt es uns, nachzuthun, der die Liſt verſchmähend, mit weittönendem Gebrull ſich naht, den vorbereiteten Feind im offenen Streit zu beſiegen. Drum thut Einigkeit und ſtren⸗ ger Gehorſam vonnöthen, und doppelt ſchwer wird die Strafe den treffen, welcher ergriffen wuͤrde auf Widerſtand und Meuterei.— Mehre Stimmen antworteten durcheinan⸗ ander: Nimmer ſeien ſie zuruͤckgeblieben, wenn Borziwoy ſie aufgeboten. An ſein Gluͤck ha⸗ ben ſie das ihre geknuͤpft, ſein Ruf habe ſie um die Buͤffelhörner verſammelt, und auch fort⸗ an wuͤrden ſie ihnen folgen, denn immer noch haͤtten ſie die Schaar gefuͤhrt zu reicher Pluͤn⸗ derung und luſtigem Schmauſe. Doch dem Juͤngling, dem Fremden, haben ſie keinen Ge⸗ horſam gelobt, Keiner ſei unter ihnen, deſſen Arm nicht zehnmal mehr vollbracht, als der des Knaben, welcher ſelbſt auf den Zuͤgen, bei — 94— welchen er ſie begleitet, ſich als ein achtloſer Schuͤler ihres Gewerbes gehabt habe, und un⸗ fahig, irgend einen guten Fund auszuwittern. — Warum— frugen Andere— willſt Du Dich der Obergewalt begeben, der wir freiwil⸗ lig uns unterworfen? Meineſt Du, wir ſeien eine Heerde frommer Laͤmmer, oder ein Haufen Leibeigener, den man verſchenken mag oder verkaufen, wie die Edelleute thun im flachen Lande? Und biſt Du es muͤde, die Keule des Haͤuptlings zu fuͤhren, giebt es keinen Wuͤrdi⸗ gern unter uns, der ſie nach Dir truͤge, als dieſer unbärtige Bube? Sieh, wie er bereits hoch aufgerichtet da ſteht und ſtolz um ſich blickt, gleich dem Polenritter auf ſeine Knechte; Wir aber ſind es nicht und wollen es nicht ſein!— Laut und gebieteriſch erwiederte Borziwoy: Auch entſage ich der Wuͤrde nicht, die ich be⸗ kleide, und zum Zeichen deſſen befehle ich Euch, kraft des Gehorſams der Euch gebuͤhrt, den Juͤngling Olgierd fortan zu ehren gleich dem Erſten nach mir. Wer verwegen genug waͤ⸗ re, ihn, ſobald dies Gebot nur aus meinem Munde gegangen, zu verletzen durch That, durch Wort, auch nur durch einen Blick, deß Hirnſchädel zerſchmettert augenblicklich die Keu⸗ le, die ich noch fuͤhre und ferner fuͤhren will. — Er ſchwieg und ſah finſter im Kreiſe um⸗ her, die ſtrenge Befolgung ſeines Befehls zu beobachten; regunglos wie die Mauern ſtanden die Sohne des Gebirgs, kein Laut ließ ſich vernehmen, und ſelbſt ihre Augen wandten ſich ab von Olgierd, der kalt und mit nachlaͤßig verſchraͤnkten Armen unter den kaum gebändig⸗ ten Widerſachern ſtand. Da begann der Haupt⸗ mann der Raͤuber mit weniger rauher Stim⸗ me von Neuem: Andren Bedarf bringt andre Zeit. Als Dieſer unſer Thal betrat, nahm ich ihn auf als meinen Sohn, denn die Hoffnung einer beſſern Zukunft ging an ſeiner Seite. Eine beſſere Zukunft, ſage ich. Wie oft hab' ich Euer Murren nicht vernommen, daß Ihr nach der Heimkehr von blutig gefahrvoller Strei⸗ ferei keine Heimat faͤndet als das unwirthli⸗ che Gebirg, wie Mancher ſtand nicht verdroſ— ſen auf von dem geraubten reichlichen Mahle, von welchem die Söldner der Edelleute anruͤk⸗ kend ihn verjagten? Wie unwillig zumal war⸗ fen nicht die Meiſten das geraubte Gold und —— Silber in den Gemeinſchatz, nur einen kleinen Theil den ihrigen nennend, der dazu ihnen unnuͤtz blieb bis zu unbeſtimmt entfernter Zeit? Es wird anders werden mit Euch. Ihr werdet nach der Arbeit im bequemen Gemache ruhen in wohl⸗ bewachter Feſte, ungeſtört werdet ihr ſchmauſen von dem Koͤſtlichſten, das Dankbarkeit oder Furcht Euch darbringt, nicht auf dem rauhen Felsſtein werdet Ihr den eilig bereiteten Biſſen eilig verzehren, die Tafel im Herrenſaale tragt fuͤr Euch, was ſie einſt fuͤr den vertriebe⸗ nen Kaſtellan oder Ritter trug, ihre Weiber und Töchter werden Euch dienen beim fröh⸗ lichen Mahle, und die Söhne der entfern⸗ ten Edeln werden Knechtesdienſte thun in Stall und Kuͤche. Eigenthuͤmer wird Jeder ſein von der Frucht ſeiner Thaten, Reichthum und Ehre wird dem Tapfern zu Theil, wie dem Feigling Schmach und Tod. Fallen werden vor Euch die Vornehmen und Beguterten, wie ihre Bil⸗ der heut' unter Eurem Wurf, und ihre Klei⸗ node der Schmuck des Sieger werden. Alles dies wird ſich in Kurzem ereignen, und Der⸗ welcher vor Euch ſteht, iſt es, deſſen Hand Euch die Schloͤſſer aufthun wird, wo der Hausherr nicht daheim, vor ihm ſpringen die gefullten Truhen auf und großmuͤthig wird er ihren Inhalt unter Euch theilen. Er wird Euch voran ziehen, trachtet danach, ihm zu fol⸗ gen auf der neuen ruhmvollen Bahn, an deren Ende Gold und Hoheit ſtehn; nicht mehr die Räuber des Gebirges werdet Ihr heißen, Euer Name iſt fortan„Wiederbringer der Freiheit“, und freiwillig wird ſich Euch darbieten, was Ihr bisher dem kargen Gluck entriſſet mit uͤbel belohntem Muͤhen. Ich aber werde den Zug ſchließen, und meine Stimme wird Euch er⸗ ſchallen wie bisher, und mein Auge nicht von Euch laſſen, denn ſo Einer weichet rechts oder links nur um eines Haares Breite, den ſendet Borziwoy zur Hoͤlle!— Ein Wink des gefuͤrchteten Anfuͤhrers zer⸗ ſtreute die Verſammelten. Als jener ſich mit Olgierd allein befand, fuhr er zu ihm gewen⸗ det fort: Viel hab' ich in Eurem Namen verſprochen, junger Mann, und an Euch iſt es, dazu zu thun, daß ich nicht zum Luͤgner werde. Gedenket deß fort und fort, denn nicht ohne Gefahr wäre es fuͤr Euch, ſäͤhen Jene ſich getaͤuſcht. Richt willige Knechte ſind es, H. 7 die Euch folgen, und der Eigennutz, der dieſe Schaaren zuſammenhaͤlt, iſt zwar ein ſtarkes Band, doch ſproͤd, und ſo es einmal bricht, iſt es ſchwer es zu loͤthen. Ich haͤtte gewuͤnſcht, daß Ihr minder ſtolz und zuruckhaltend unter ſie getreten waͤret, denn ungern ertraͤgt der, welcher der Freiheit Alles geopfert, den Ueber⸗ muth eines Andern. Doch mag auch die Furcht den Ingrimm des wilden Roſſes zuͤgeln, und je zorniger es iſt, deſto kuͤhner wird es ſpringen, zumal wenn es weiß, daß ein warmer Stall ſeiner wartet, und reichlich Futter. Bedenket jedoch, daß ſolcher Zaum mit feſter Hand ge⸗ fuͤhrt ſein will, denn den abgeworfenen Reiter zerſchmetterte unfehlbar der Huf des unwillig gehorchenden Thieres.— Sorget Euch nicht— ſprach Olgierd leicht⸗ hin— meine Hand iſt nicht ſchwach, und mei⸗ ne Schenkel werden es zuſammen preſſen, daß es keucht. Auch an Futter ſoll es ihm nicht mangeln, offnet nur den Zwinger, daß wir hinabkommen in die Ebene.— Ihr habt eine mißliche Verpflichtung auf Euch genommen— ſprach Borziwoy weiter— oder vielmehr Eure Mutter an Eurer Statt. Meinet Ihr— 5— ſetzte er mit einem ſcharfen Blick auf den An⸗ dern hinzu— meinet Ihr, es ſei mir ein Leich⸗ tes, die lang behauptete Herrſchaft mit einem Juͤngling zu theilen, und der alte Häuptling werde ſich derſelben entaͤußern ohne Hoffnung reichen Gewinnes! Ich ſage Euch nochmals, es iſt nicht Kleines, was Eure Mutter verhei⸗ ßen in Eurem Namen, und ſo Ihr es nicht erfuͤllet an den Genoſſen und an mir, ſo wuͤr⸗ de mein Wink ihre Arme gegen Euch erheben, wie er heut ſie entwaffnet.— Es iſt die Art meiner Mutter ſchon lange— verſetzte Olgierd unwillig— mir Verpflichtungen aufzulegen und dergleichen fur mich einzugehen, ohne meine Zuſtimmung zu erwarten, und ohne daß ich erfuhre, warum? Laͤngſt ſchon bin ich muͤde, das Wort Pflicht zu hören, und ſelbſt hier bin ich ihm nicht entgangen, in der Heimat zuͤgelloſer Willkuͤhr, unter einer Horde, der jegliche Pflicht fremd iſt. Doch was Ihr mei⸗ net, glaub' ich, Euch gewaͤhren zu können. Reich iſt das ebene Land an Gold und Sil⸗ ber, und was mag der Rauber Beſſeres begeh⸗ ren als dies. So laſſet uns denn aufbrechen, das Andere wird Olgierd's Sache ſein. Oder 7* . — 100— wollet Ihr, daß ich noch laͤnger die Zeit ver⸗ geude in läppiſchem Spiel? Ich aber ſage Euch, mich verlangt nach andern Gegnern, als jene ſcheußlichen Puppen ſind, und ſo Ihr mir den Weg aus dem Gebirge nicht zeiget, ehe der Mond ſich fullt, find' ich ihn wohl von ſelbſt. Ich ſollte ein Mann werden unter Euchz ich bin es geworden, mehr als Ihr meinet, und bedarf fortan keines Gaͤngelbandes, weder der Mutter, noch des Euren.— Du biſt ſehr keck und ungeduldig— lau⸗ tete Borziwoy's Antwort— Doch mag ich das gern, und es ſtehet dem Zögling des Waldes und dem kuͤnftigen Krieger wohl an. Harte indeß noch ein Weilchen; nicht wenn die Mon⸗ desſcheibe ſich fullt, bereits wenn ſie halb zu ſehen iſt am naͤchtlichen Himmel, wird die Trompete des Aufbruchs in dieſem Thale dem Geſchrei der Empoͤrung in der Ebene antwor⸗ ten, und Du wirſt ausziehn, ein ſtattlicher Fuͤhrer an der Spitze eines zahlreichen Hau⸗ fens, nicht, wie Du wollteſt, als einſamer Fluͤchtling, als Verbannter, den die Zuͤchtigung daheim erwartet, oder ein unruͤhmlicher Tod in den Reihen aufruͤhriſcher Bauern. So wird es ſein, denn alſo will es Olga die weiſe Frau, und die, welcher die freien Herzen der Gebirg⸗ leute gehorchen, wird in dem Sohn ihres Lei⸗ bes nicht den einzigen Widerſpenſtigen finden.— Wahrlich— lachte Olgierd— nicht ge⸗ ringe Macht beſitzt meine Mutterz es könnte ſich aber doch treffen, daß gerade ihr Sohn der Einzige ſei, der ihr nicht blindlings gehor⸗ ſamt.— Das moͤget Ihr mit ihr ſelbſt abthun,— ſprach Borziwoy— denn ſie iſt hier und war⸗ tet Euer.— Hier?— frug Olgierd raſch im Feuer lang geſpannter Erwartung— Olga iſt unter uns?— Drauf ſetzte er aber langſam und nachlaͤßig hinzu: Nun, ſo wird es ſich ja zeigen, ob ich neue Gebote verneh⸗ men ſoll, und neue Verheißungen, oder die Erfuͤllung der alten.— Sie ſchritten Beide nach dem Hintergrun⸗ de des Thales zu, Olgierd mit ungleichen Schrit⸗ ten, bald angeſpornt durch die Hoffnung, die Ankunft ſeiner Mutter bedeute ihm Wichtiges, Langerwartetes, bald zuruckgehalten durch Trotz und Verdruß in dem Gedanken, er werde viel⸗ leicht wiederum getaͤuſcht werden, wie bisher. — 102— Seine Laune und Geberde glich der des jun⸗ gen Roſſes, das umher ſprengt in der geliebten, kurze Zeit nur genoſſenen Freiheit, und nun die Schlinge wieder fuͤhlt, die der Herr um ſeinen Hals geworfen, und dem Fortziehenden mit unwilligem Straͤuben folgt. Am Ende des tiefen Grundes zeigte ſich eine vorſtehende mächtige Bergwand, und in derſelben hart am Ufer des Waldbachs, uͤber den hier ei⸗ ne ſchmale Bruͤcke fuͤhrte, der Eingang einer Höle. Die eben knoſpenden ſchlanken Zweige des Schwarzdorns und der Zwergbirken hingen beinahe verdeckend uͤber ihn herab, und bildeten einen dichten, im Winde wallenden Vorhang. Vor demſelben gewahrte man unordentlich um⸗ hergeworfenes Hausgeraͤth von grober Arbeit und nur dem nothwendigſten Bedarf beſtimmt; größer war die Anzahl der in verſchiedenen Haufen aufgethuͤrmten Waffen, und wenn dieſe Gegenſtaͤnde nicht angedeutet haͤtten, daß hier ein Menſch hauſe, ſo haͤtte man leicht glauben können, vor der Hoͤhle eines wilden Thieres zu ſtehn, den Knochen nach von verſchiedener Ge⸗ ſtalt, die hie und da den falben Moosboden bedeckten, theils fleiſchlos und gebleicht von — 103— Regen und Sonne, theils auch nur halb be⸗ nagt von großen grimmigen Hunden, den Hausgenoſſen des Bewohners, und, wie er ſelbſt, vielleicht nicht mit Unrecht ſagte, ſeinen treueſten Freunden. Selten, und nur von dem aufgefordert, was man hier Dienſtpflicht nannte, nahte ſich ſelbſt einer der Thalbewohner dem Sttze des Häuptlings, welcher nur zu gewiſſen Zeiten des Tages heraus zu treten pflegte auf den Plan vor der Höhle, dem gehörnten Fabelbild eines boͤſen Geiſtes ähnlich, der auftaucht aus dun⸗ kelm Schlunde, und fern blieb dann die Men⸗ ge im Kreiſe ſtehen, jenſeit des Baches, mit Aufmerkſamkeit den Befehlen horchend, die er ihnen mit einer Stimme mittheilte, welche den fernen Wiederhall weckte und das wilde Raub⸗ geflugel auftrieb aus ſeinen Reſtern. Auch die Untergebietiger verharrten in dieſer Entfernung, ſo Borziwoy nicht Einen oder den Andern her⸗ beirief, insbeſondere ihm Aufträge zu geben, doch fuͤhrte er ihn ſelten in das Innere des Hei⸗ ligthums, deſſen Prieſterin eine alte Sibylle war, die vielleicht vor Zeiten in anderer Eigen⸗ ſchaft es bewohnend, jetzt der Kuche und Haus⸗ — 104— wirthſchaft des angehenden Greiſes vorſtand. Hefterer als die Andern ward Hlgierd gerufen, und, was die Aufmerkſamkeit der Uebrigen und ihren Neid erregte, er durfte den Haͤuptling in ſeine Wohnſtatt begleiten. Mancher, der be⸗ fremdet von ſo ſeltſamer Auszeichnung eines unbe⸗ kannten jugendlichen Burſchen, den keine That, nach ihrer Meinung der Rede werth, derſelben wuͤrdig machte, ſchuf ſich wohl, wahrend Bei⸗ de drinnen waren, irgend einen Behelf, der ihn in ſpäͤter Stunde an das andere Geſtade des Waſſers forderte. Ob nun gleich gemei⸗ niglich die Bullenbeißer des Häuptlings den Beſuch zu ungebraͤuchlicher Zeit bald erwitter⸗ ten, und ſich bereit machten, ihm, uͤber den Bach ſetzend, ein unfreundlich Geleite zu ge⸗ ben, ſo hatte man doch ausgefunden, daß der Anfang des Zuſammenſeins Borziwoy's mit dem ſauromatiſchen Ankömmling gemeiniglich mit lautem unterweiſenden Reden des Erſten ausgefuͤllt ward, daß der Zweite darauf erſt wenig, dann immer mehr, und endlich im To⸗ ne der Ueberlegenheit und des Widerſpruchs antwortete, und daß endlich ſolche Kuͤhnheit, die Jeglichem unter den Maͤnnern des Gebirgs harte Zuͤchtigung, vielleicht ſelbſt augenblickli⸗ chen Tod zuwege gebracht hätte, mit Gelaſſen⸗ heit aufgenommen ward, ja daß ſogar, je hef⸗ tiger der Juͤngling ſprach, die Stimme des Al⸗ ten leiſer ward, und endlich ganz verſtummte. Der, den die Neugier ſpaͤter an den Ort der Beobachtung zog, ſpuͤrte dann den koöſtlichen Geruch gebratenen Wildes, deſſen beßte Stuk⸗ ken der Kuͤche des Hauptmanns anheimſielen, er vernahm das Klingen der Becher und ein heiteres Geſpraͤch, wenn die Hunde, die zu dieſer Zeit gewöhnlich durch eben dieſen lok⸗ kenden Dampf an die Tafel des Herrn gefeſ⸗ ſelt wurden, ihn nicht verſcheuchten, oder das lauerſame Auge der bejahrten Wirthſchafterin; wenn er den Augenblick des Auseinandergehens abwartete, ſo konnte er gewahren, wie Borzi⸗ woy den jungen Gaſt zum Ufer des Baches geleitete, wie er ihn ermahnte, vorſichtig uͤber die kleine Bruͤcke zu gehen, die hinter dem Scheidenden zuruͤckgezogen ward, und wie er, obgleich ſelbſt ſichtlich unter der Herrſchaft des Geiſtes, der im Meth wohnt und im Wein, dennoch hin und wieder verſuchte, die Schritte Olgierd's zu leiten, und ihm gemeiniglich leiſe — 106— ermahnende Worte auf den Weg gab, die die⸗ ſer mit einer Art geringſchätziger Unbefangen⸗ heit erwiederte, welche von jedem andern Buͤr⸗ ger dieſer hochſt ariſtokratiſchen Republik als eine Gattung des Hochverraths gegolten haben wuͤrde. Mit Befremdung ſahen die Juͤngern und Unbedeutendern unter ihnen, mit Arg⸗ wohn und Mißgunſt die Bejahrten und Aus⸗ gezeichneten, auf die Vorrechte des unbekannten Burſchen, der, ihres Wiſſens nach, nichts war als ein entlaufener Leibeigener, wie Viele un⸗ ter ihnen, oder hoͤchſtens, denn davon hatte das Geruͤcht ſich bereits unter ihnen verbreitet, das Fallkind eines Edelmannes, waͤhrend wie⸗ der Mancher der Genoſſen der mißrathene, doch aͤchte Sproßling anſehnlichen Geſchlechts zu ſein ſich ruͤhmte. Wenn daher ein Theil den Hauptmann tadelte und ſeinen Guͤnſtling haßte, ſo glaubte der andere unter der Anwe⸗ ſenheit der Bevorrechteten irgend ein Geheim⸗ niß, und in ihm ſelbſt eine wichtige Perſon, waͤhrend Andere von ihm Beeintraͤchtigung ih⸗ rer Rechte und Anſpruͤche befuͤrchteten, denn wo irgend die Menſchen ſich verſammeln zu einer Geſellſchaft, man nenne ſie wie man — 107— wolle, tritt der Eigennutz unter ſie, und nicht minder als um den goldnen Palaſt der Konige ſchleicht die Ränkeſucht um die Hole des Räu⸗ berhauptmanns. Dieſe war, als Borziwoy und Olgierd ſich ihr naͤherten, von fern umringt, wie in den Stunden des Befehls, deren jetzt erwaͤhnt wor⸗ den; beinahe die ganze Voͤlkerſchaft wartete am Ufer des Waldwaſſers, neugierig auf den Huͤ⸗ gel vor der Höle blickend und von Zeit zu Zeit umſchauend, ob der Hauptmann nicht komme, deß Erſcheinen wahrſcheinlich das Raͤth⸗ ſel deſſen loͤſen konnte, was die Verwunderten ſahen. Denn auf dem Abhange vor dem Ber⸗ ge, wo gewöhnlich Niemand ſich zeigte als der Gebieter, deſſen Hunde und eisgraue Wirth⸗ ſchafterin, ſtand eine hochgewachſene Frau, mit koſtlichen Kleidern angethan, und mit gebieten⸗ dem Anſtande ſprechend zu mehren Gewappne⸗ ten, die ſie umgaben. Sie ſchien ſchon früͤher eingetroffen zu ſein, und vielleicht waͤhrend der Uebungſpiele, die wir beſchrieben, und ihr Ein⸗ treffen ſchien nicht unerwartet, denn die Waͤch⸗ ter des Hauſes, die grimmigen Bullenbeißer, waren angekettet, und einige junge Leute der Horde, welche in Borziwoy's beſonderem Dienſte ſtanden, waren beſchaͤftigt, allerlei Gepack zu ordnen, oder bereit, weitere Befehle zu verneh⸗ men. Etwas abwaͤrts, diesſeit des Baches, ſtanden mehre bepackte Pferde, geleitet von ei⸗ ner reiſigen Schaar. Olgierd ſchaute vorwaͤrts im Gehen, ſein Auge traf auf die weibliche Geſtalt, die die Aufmerkſamkeit Aller auf ſich zog, und obgleich in ganz veraͤnderter Geſtalt, erkannte er ſeine Mutter. Er ſtutzte einen Augenblick, doch war es als wenn eben das Ungewohnte, welches er an der Erwarteten wahrnahm, ihn erfreue, und er ſprang mit Behendigkeit uͤber die ſchmale Bruͤcke, in Begleitung Borziwoy's, dem die verſammelten Untergebenen von beiden Seiten auswichen. Als Olgierd raſch das Ufer hinaufflog und er nun vor der Mutter ſtand, richtete ſie einen pruͤfenden Blick auf ihn, ihn von der Scheitel meſſend bis zur Fußſohle, und, als ſei ſie zu⸗ frieden mit der Wahrnehmung, glitt ein un⸗ merklich Lächeln uͤber ihr Geſicht, und ſie bot dem Sohne die Hand. Williger als ſonſt er⸗ — 109— griff er ſie, denn die veraͤnderte Geſtalt, in welcher er Olga ſah, ſchien ihm ein erfreulich Vorzeichen der erſehnten Löſung aller Räthſel. Nichts war mehr an ihr zu ſehen von der Tracht der leibeigenen Saſſin, ſelbſt jenes ge⸗ ſchmacklos reiche Gewand der ruſſiſch⸗griechi⸗ ſchen Kaufmannsfrau, in welchem wir ſie zu Kijow ſahen, war es nicht, welches ſie jetzt bekleidete; es war eine Tunika, wie ſie einſt ihre helleniſchen Ahnfrauen trugen, ein reicher Guͤrtel umſchloß ſie uͤber den Huͤften, und an demſelben hing ein leichtes koͤſtliches Schwert mit gerader Klinge, nicht gekruͤmmt, wie die Säbel der Polen. Die ſchoͤngefleckte Haut ei⸗ nes Panthers leicht um ihre Schultern gewor⸗ fen, diente weniger, ſie gegen die Kaͤlte in den Gebirgſchluchten zu ſchuͤtzen, als in ungewoͤhn⸗ lichem Schmuck die Wuͤrde ihrer Erſcheinung zu erhöhen, ihr Haar war ſorgfältig geordnet, und die Edelgeſteine, die es durchflochten, wa⸗ ren auf eine Weiſe angebracht, welche beinah die Geſtalt einer furſtlichen Stirnbinde nach⸗ ahmte. Sie ſchien es zu wiſſen, daß der Glanz aͤußerer Erſcheinung immer mächtig auf die Menge einwirkt, ſei dieſe auch noch ſo roh, — 140— und daß, wer die Abſicht hat ſich zum Mei⸗ ſter ihres Willens zu machen, dies am leichte⸗ ſten durch das Erſtaunen erreicht und durch die Anerkennung der Ueberlegenheit, welches ein ſtarker Eindruck auf die Sinne zuerſt hervor⸗ bringt, und ſpaͤter die hoͤhere geiſtige Kraft zu erhalten vermag. So halb feſtlich, halb krie⸗ geriſch geſchmuͤckt, mochte man die, in reifen Jahren noch ſchoͤne, hochgewachſene Frau, um⸗ geben von gewaffneten Maͤnnern, der Zenobia vergleichen, oder einer ſcythiſchen Koͤnigin, wel⸗ che unter die Horden der Barbaren tritt, ſie zum Kampfe aufzurufen. War es ihr Beſtre⸗ ben, einen ſolchen Eindruck auf die Maͤnner des Thales zu machen, ſo war es ihr gelun⸗ gen; die Blicke der Umſtehenden richteten ſich auf ſie mit Verwunderung und ſtummem Er⸗ warten der Dinge, welche der Eintritt dieſer glänzenden Geſtalt in ihrer Mitte verhieß, und obſchon nur Raͤuber ſie umſtanden, ſo wagte doch nicht Einer von ihnen ein Auge des Be⸗ gehrens auf die Kleinode der Fremden zu hef⸗ ten, welche der Haͤuptling ſelbſt freundlich, ja ſogar mit einem Anſchein von Unterwuͤrfigkeit begruͤßte. Mutter— rief Olgierd noch keuchend von Eil und Ueberraſchung— Mutter, ſo haͤltſt Du Wort, und kömmſt mich hinwegzurufen aus unruͤhmlicher Dunkelheit, weg von dieſem Winkel wo die Thatenluſt ermüdet an Bär und Stier, und an zweckloſem Schimpfſpiel? Du kommſt den Schleier von meinem Daſein zu reißen, den Du ſelbſt daruͤber geworfen? O, der langverſchobene Tag iſt da, ich fuͤhle es, und die Hoheit, die Dich umgiebt, buͤrgt mir dafuͤr, es iſt Gutes, was er bringt. Ja, ſo wie Du hier ſtehſt, mag ich mich gern Dei⸗ nen Sohn nennen, denn nimmer ward der ko⸗ nigliche grimme Löwe von laſtbarer Mutter er⸗ zeugt. Sprich, biſt Du eine Fuͤrſtin, und wo liegt das Land, das der beraubte Erbe wieder gewinnen ſoll mit der Kraft ſeines Armes? Auf, zogere nicht! Laß uns ausziehen; nicht Kleines iſt es, dem Du mich entgegenfuͤhrſt, und mich verlangt brennend nach Großem! Was harren wir noch?— fuhr er ungeſtuͤm drängend fort— Komm abſeit mit mir, da⸗ mit Du mir ſageſt, was ich doch nun wiſſen muß, und dann fort, um zu thun, was ge⸗ ſchehen ſoll!— — Nicht ohne Wohlgefallen hoͤrte Olga des Juͤnglings ſchnell hervorgeſtoßene Worte, doch erwiederte ſie langſam und gemeſſen: Nicht ganz von der Wahrheit entfernt iſt, was Du⸗ geſprochen, und es koͤnnte ſein, daß Du er⸗ fuͤhreſt, wos ich bisher Dir verbarg; es koͤnnte ſein, daß ich Dich aufriefe zum Handeln, noch aber heißt das Wort, welches ich an Dich richte, Geduld.— Als ſie drauf die duͤſteren Schatten gewahrte, welche Olgierd's gluͤhendes Antlitz uͤberzogen, und das bittere Laͤcheln, das den Ausdruck der Freude verdraͤngte, und die in Zorn ſchwellenden Stirnadern, ſetzte ſie hin⸗ zu mit großem Nachdruck und ganz im Geiſte der hier uͤbernommenen Rolle, einer geborenen Monarchin gleich: Haſt Du noch nicht gelernt, junger Menſch, daß es dem, der hoch geſtellt iſt uͤber Viele durch das Geſchick oder die eigene Kraft, daß es ſolchem geziemt, zuerſt des All⸗ gemeinen zu gedenken, und dann erſt deſſen, was ihn ſelbſt betrifft? Wahrlich, Borziwoy, faſt ſollte ich meinen, Du habeſt Dein Lehr⸗ amt nachlaͤßig verſehen, oder Dein Schuͤler ſei unfaͤhig zu begreifen, was eigene Erfahrung aus Deinem Munde zu ihm redet.— Allzu ſehr ſchmeichelte dieſe Vermahnung der Sinnesart Olgierd's und ſeinen Hoffnungen, als daß er ſie nicht geruhig aufgenommen haͤt⸗ te; mit ungewohnter Folgſamkeit ſtand er ab von ſeinem Dringen, und ſuchte ſeine Unge⸗ duld zu beſchwichtigen, auf die wunderliche Szene ſchauend, die ſich um ihn her zutrug, und in das Thal, in deſſen fernſter Stelle, halb verdeckt vom Gebuͤſch, es ſchimmerte gleich einer Menge Kommender, und unter deren Fußtritten, deren gedaͤmpften Schall man be⸗ reits vernahm, leichte Staubwolken aufſtiegen vom ſteinigen Grunde. Borziwoy aber trat zu Olga und ſprach leiſe: Ich habe gethan, wie Du geſagt, und gebe Dir ihn wieder, wie Du ihn wuͤnſcheſt. Freilich kehrt er nicht zu⸗ ruͤck, ein zahmer Baͤr, dem man tanzen ge⸗ lehrt hat, und welcher mit demuͤthigem Sinn allerlei feine Kunſtſtuͤcklein macht; ich ſollte aber meinen, nicht ein Solcher ſei es, den Du gebraucheſt zu Dem, was nun kommen wird, und wollteſt Du ihn ſo, warum uͤbergabſt Du ihn der Pflege des alten Borziwoy und der Genoſſenſchaft der Thalmaͤnner?— in. 8 Ein leichtes Kopfneigen bedeutete den Häupt⸗ ling, der eben gemachte Vorwurf ſei nicht ernſt gemeint geweſen, drauf ſprach die Frau mit lauter Stimme: Nun Freund, es gehet leb⸗ haft her am Fuße des Gebirgs, und wie ich gewahrt, ſind, ſo wie jenſeit der Weichſel, auch auf ihrem linken Ufer die Keime herrlich ge— diehen, die wir ausgeſtreuet. Meinet Ihr nicht, die Halme ſeien reif zur Ernte, und es werde Zeit, daß die Schnitter herabſteigen von den Hoͤhen?— Sie haben Eurer Ankunft gewartet— ver⸗ ſetzte Borziwoy.— Am Willen zu ernten fehlt es denen nicht, die uns umgeben; auch ſind die Senſen ſcharf geſchliffen, und der ruͤſtigen Arme genug, um ſie zu ſchwingen.— Einen Augenblick ſtand Olga ſinnend, dann trat ſie raſch auf den Rand des Huͤgels uͤber dem Bache, und ſprach zu den Druͤbenſtehenden: Ihr Maͤnner der Karpathen, horchet meiner Rede!— und Borziwoy ſetzte hinzu: Horchet auf, ihr Gefaͤhrten, und kein Wort noch Ge⸗ räuſch unterbreche, was Ihr vernehmen werdet von unſerer guͤnſtigen Freundin und Verbuͤn⸗ deten, denn von ungemeinem Inhalt iſt es, hochſt unerwartet und erfreulich.— Und Fene ſprach weiter: Wohl iſt es das erſte Mal, daß eine Frau zu Euch redet in offener Ver⸗ ſammlung Eurer tapfern Genoſſenſchaft, und doch iſt dem alſo, wie Euer Fuͤhrer, mein Freund, es geſagt, und mein Anbringen iſt ei⸗ nes, das jeglich wackeres Gemuͤth mit Freude erfullen muß, und mit Thatendurſt. Sehet, ſchon iſt es eine geraume Zeit her, daß die Freiheit, das koſtlichſte Gut, von der Welt ver⸗ ſchwunden iſt, die Tage ſind voruͤber, da dem ſtarken Manne das Beßte zu Theil ward, da ſein Arm erreichen konnte, was ſeinem Auge behagte, und gleich Feuer, Luft und Waſſer, alles Preiswuͤrdige der Erde das Eigenthum deſſen ward, der es zu erwerben wußte und zu bewahren. Solches gefiel den Schwächern uͤbel und den Reichen, und ſie gedachten, den un⸗ rechtmaͤßigen Beſitz, den ſie ſelbſt nicht verthei⸗ digen konnten, auf bequeme Weiſe zu ſchuͤtzen. Aus der Verjaͤhrung entſtand das Herkommen, aus dem Herkommen zimmerten läßige Haͤnde und muͤßig gruͤbelnde Köpfe das Geſetz, und ſo entſtand die Wand, welche den wahren Be⸗ ſitzer, den Tapfern, ausſchloß von ſeinem Ei— 8* 6— genthum, und ſo wurden endlich daraus die Befriedigungen der Felder, die Zaͤune der Meyer⸗ hoͤfe, und Wälle und Mauern, welche Staͤdte und Schloͤſſer umgeben. Zugleich mit ihnen erſchien die Herrſchaft Eines uͤber Viele, und das, was man jenſeit dieſer Berge den Unter⸗ ſchied der Stände nennt, und mit der Zeit verſchanzten ſich dergeſtalt die Beguͤnſtigten hin⸗ ter Bollwerken von Wahnbegriffen und Hau⸗ fen von Pergament, meinend und ſprechend, ſie ſeien die Herren, weil ſie es ſchon lange geweſen, nicht bedenkend, daß ihre Vorväter der feigen Nachkommen vermeintes Erbe, durch das wahre und einzige Geſetz der Welt, durch das Recht des Staͤrkern erlangt, und ſie nahmen das Köſtlichſte fuͤr ſich allein, Gold und Silber, die Fruͤchte des Feldes, das beßte Getraͤnk und der ſchönſten Weiber Liebe, als gebuͤhre ihnen das Alles, denn ſie bedachten nicht, daß Jahrhunderte des Unrechts keinen Augenblick des Rechtes erzeugen. Da traten Koͤnige auf und Edelleute, Prieſter, Landpfle⸗ ger und Zwingherren, wer aber von den Tap⸗ fern unter dem entarteten Geſchlechte weilte, den druckte das eiſerne Joch der Knechtſchaft, ShS und man legte ihm Feſſeln an die kräftigen Arme, daß er ſie nicht ausſtrecke, das Entriſ⸗ ſene wieder zu gewinnen. Doch Ihr habt Euch mit kuͤhnem Muth dem unwuͤrdigen Drucke entriſſen, in die Einſamkeit der Wälder und Bergklufte Euch zuruckziehend, als ächte Söhne der alten Freiheit, der vertriebenen Mutter eine Wohnſtatt aufgeſchlagen, Euch vorbereitet in tapferm, ungezwungenem Treiben, ſie unter Ju⸗ bel und Waffenklang wieder hinabzufuͤhren in das verlorene Reich, wenn es an der Zeit ſein wird. Sprechet, welcher von Euch iſt nicht bedraͤngt worden, auf weſſen Haupt trat nicht der eherne Fuß des Zwingherrn, wen von Euch umſchloß nicht die eiſerne Schranke des Ge⸗ ſetzes, ihn abhaltend von dem, was ihm als das Hochſte und Liebſte erſchien?— Welcher von Euch entbrennt nicht in der Begierde, ſol⸗ che Schmach zu rächen, und ſeinen Theil an ſich zu nehmen von den Guͤtern des Lebens? — Iſt Einer unter Euch der mit kleimuͤthiger Ruhe die Widerſacher in dem ihm geraubten Genuße ſchwelgen ſähe, ſich begnuͤgend mit Wurzeln und Waldbeeren, waͤhrend Jene an wohlbeſetzter Tafel ſchmauſen, oder mit Muͤhe — 118— und Gefahr, dem ſcheuen Wolfe gleich, gehaßt wie er, ein Stuͤck zu rauben aus ihren ſetten Heerden; den muͤden Leib auszuſtrecken auf feuchtem Moos und ſteinigem Grunde, fern von den Burgen, wo ſie der Ruhe auf wei⸗ chen Pfuͤhlen pflegen?— Ein dumpfes Gemurmel des Beifalls lief bei dieſen Worten durch die Reihen der Raͤu⸗ ber, Olga aber fuhr mit verſtaͤrkter Stimme fort: Die Zeit iſt gekommen, Maͤnner des Gebirgs; in den Sarmatiſchen Ebenen hat ſich die lange Erſtarrung geloͤſ't, und ihre Bewoh⸗ ner erwarten mit Sehnſucht die Freiheit, die von Euch ihnen kommen ſoll. Sie ſind fern die Waͤchter des Herkommens und Geſetzes, der Koͤnig iſt fern mit ſeinen Edeln und Krie⸗ gern, und kraftloſe Greiſe bewachen die Boll⸗ werke der Willkuͤhr, kraftloſer noch durch Arg⸗ wohn und Uneinigkeit unter ſich ſelbſt. Da haben die Leibeigenen allgemach das gebeugte Haupt erhoben, von Ohr zu Ohr iſt leiſe Re⸗ de gegangen, und ſie iſt angeſchwollen zu lautem erd⸗ und lufterſchuͤtternden einſtimmigen Geſchrei. Hoͤret Ihr nicht die Stimmen erſchallen am Ein⸗ gange Eurer Schluchten? Ihr ſeid es, denen — 119— ſie rufen, und wie hier, ſo rufen ſie Euch auch am andern Ufer der Weichſel, daß Ihr her⸗ uͤberkommt und ſie lehret, frei zu ſein. Wol⸗ let Ihr taub bleiben für den Ruf zu Reich⸗ thum, Ehre und Liebe?— Stuͤrmiſcher war der Beifall und unter— miſcht mit dem Zuſammenſchlagen der Schilde und dem Geklirr der Waffen. Olga redete weiter: Der Reichthum wartet Eurer in den Tru⸗ hen der Zwingherren, auf ihren Triften und Acckern, der Ehrenſchmuck, geriſſen von den Haͤuptern der Gewaltigen, wird die Euren zie⸗ ren, und an der Pforte der Schloͤſſer und Städte erwartet Eurer die Liebe, bereit, ſie Euch zu öffnen— Nicht die bedraͤngten Bruͤ⸗ der allein, auch mein ganzes Geſchlecht blickt hoffend und erwartend auf die Starken von den Bergen, darum ſpreche ich, ein Weib, zu Euch— Wollet Ihr langer noch das herrlich⸗ ſte Gut des Lebens miſſen in unfreiwilliger Entſagung? Schauet ruͤckwaͤrts, Maͤnner der Karpathen, und dann ſagt, ob Ihr es wollet!— Indem erſcholl an der hintern Felswand ein hier ſelten gehoͤrtes Gerauſch; unwillkuͤhr⸗ — 120— lich und beinahe auf einmal wandten ſich die Raͤuber und ihre Blicke blieben an einem un⸗ gewohnten Schauſpiele haften. Ein langer Zug von mehren hundert Maͤn⸗ nern bewegte ſich langſam und gewiſſermaßen feierlich heran. Glaͤnzend war er großentheils nicht zu nennen, denn die Mehrzahl der Kom⸗ menden beſtand aus Landleuten in grober Kutze und mit nackten holzbeſchuhten Fuͤßen. Doch waren die Meiſten jugendlich kraͤftig und wohl⸗ geſtaltet, und ihre nervigen Fäuſte ſchwangen Senſen, eiſerne Harken, Pflugeiſen und andere Werkzeuge ihres friedlichen Gewerbes, denen die Zeitlaͤufe eine andere Beſtimmung gegeben hatten. Aber mitten unter dieſer dichten Maſſe gewahrte man einer beinah anmuthigen, wenig⸗ ſtens auffallenden Erſcheinung. Umgeben von den Bauern ſchritt eine Schaar Frauen daher, alle jung, die meiſten ſchoͤn, und mit reichen Kleidern angethan. Ein gewaltiger Willkomm⸗ ruf der Gebirgklausner begruͤßte die ſeltenen weiblichen Gaͤſte, und das Gedrange öffnete ſich, um ihnen den Weg freizulaſſen zum Huͤ⸗ gel vor der Höhle des Hauptmanns., — 14— Unſtreitig haͤtte ein nur wenig geuͤbteres Auge, als die, welche die Kommenden anſtaun⸗ ten, wahrgenommen, daß ſelbſt der Lieblichſten unter ihnen jener ſtille nicht zu beſchreibende Reiz jungfraͤulicher Sittſamkeit, oder der ehr— baren Zuruͤckhaltung unbeſcholtener Frauen ge⸗ brach, daß ihr Thun und Weſen, fruͤherer An⸗ gewohnheit zuwider, manches von der Weiſe der Genoſſen angenommen hatte, in deren Ge⸗ leitſchaft ſie erſchienen, daß ſelbſt ihre mitun⸗ ter koſtliche Kleidung ſichtbar die Spuren eines weiten Weges und zufaͤlliger Raſtörter an ſich trug. Den Untergebenen Borziwoy's entgingen ſo ge⸗ ringfuͤgige Nebenumſtaͤnde, oder ſie achteten ihrer nicht, und Bewunderung ſprach aus den ſtarren klotzenden Blicken, mit welchen ſie die weiblichen Geſtalten bis an das nahe jenſeitige Ufer des Berges verfolgten. Paarweiſe gingen die wandernden Schoͤnhei⸗ ten; jede hatte an ihrer Seite einen jungen ſtäm⸗ migen Burſchen, gekleidet wie ſeine Gefährten in grobes Zeuch, und mit unbekleidetem Arm und Bein, und die Vertraulichkeit, mit welcher die Dame ſich an ihren Begleiter ſchmiegte, that kund, daß die Ankömmlinge die Statu⸗ 22 ten des Rauberfreiſtaats durch keine ungebuͤhr⸗ lichen Anmaſſungen ariſtokratiſcher Sinnesart beeintraͤchtigen wuͤrden. Auch war es, als werde dieſe Art der Uebereinſtimmung anerkannt von Borziwoy's Untergebenen, denn ein einſtimmig Freudengeſchrei erſcholl in der Runde. Auf der Fläche des Uferhuͤgels angelangt, neigten die Frauen und ihre Begleiter ſich tief vor Olga, welche ſie auf die Weiſe empfing, wie eine fuͤrſtliche Mutter die Huldigung einer wohlgerathenen Nachkommenſchaft aufnimmt, und dann vor dem Haͤuptling, der beſ⸗ ſer mit der weſentlichen Obliegenheit der Wuͤrde eines Dictators oder Conſuls als mit dem aͤußern Anſtande bekannt, den ſie erfodert, ihre Begruͤßung ziemlich verlegen und unge⸗ ſchickt erwiederte, und den ganzen Auftritt ſo viel als moglich verkuͤrzte, vielleicht im dun⸗ keln Gefuͤhle ſeiner Sonderbarkeit. Nachdem ſolchergeſtalt die Ceremonie der Vorſtellung ſo ſchnell als moͤglich abgethan war, wandte Olga, die allein vielleicht das Ganze richtig wuͤrdigte, ſich wie vorher mit vornehmen Anſtande an die Horde. — 123— Ihr ſehet— ſprach ſie— die Botſchaf— ter des ebenen Landes vor Euch, wuͤrdige Soͤhne der Freiheit. Die lieblichſten ſeiner Be⸗ wohnerinnen flehen zu Euch um Schutz und Huͤlfe— Vernehmet ihr Anbringen, und mö⸗ ge Jugend und Schönheit Euch den Preis ver⸗ kuͤnden, der Eurer Tapferkeit harret.— Die neuen Quiriten, nicht gewohnt, Ge⸗ ſandſchaften auf ihrem Forum zu ſehn, waren, obſchon einigermaßen verwirrt, doch nicht un⸗ empfaͤnglich fur die nicht gehoſſte Ehre. Einer und der Andere ruͤckte die Muͤtze von Rauch⸗ werk von dem zu hoͤren bereiten Ohr hinweg, die Meiſten lehnten ſich in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, auf ihre Keulen und Speere, hier und da ſah man zwiſchen maͤchtigem Knebelbart und wirrem Kinnhaare einen geraͤumigen Mund ſich weit oͤffnen, und die tiefe Stille hochgeſpannter Neugier herrſchte rund um, als die eine der fremden Frauen zu ſprechen begann. Tapferer Haͤuptling— begann die Abge⸗ ſandtin, die Augen anfangs niederſchlagend und mit hochgeroͤtheten Wangen, die wohl eher das Ungewohnte ihrer Stellung gefaͤrbt hatte, als — 124— Zächtigkeit und weiblich Zartgefuhl— Tapfe⸗ rer Haͤuptling und muthige freie Krieger des karpathiſchen Gebirges— ich ſiehe mit meinen Genoſſinnen vor Euch, als Abgeordnete eines zahlreichen Volkes, das unter der Laſt ſeufzet, die abgeworfen mit maͤnnlicher Willenskraft, und das gegen Euch, hoffend und bittend, die gefeſſelten Arme ausſtrecket, daß ihr kommet und es erlöſet. Wir ſind nicht geboren un⸗ ter den Schaaren der Leibeigenen, welche langer Mißbrauch der Rechte der Menſchen beraubt hat; denen gehören wir an, welche die Geißel ſchwingen uͤber den Nacken der Ge⸗ meinen, ich bin edler Geburt, und Alle ſind es, die mit mir gekommen. Doch nicht allein den Knecht bedruͤckt die Willkuͤhr, wie uͤber den Huͤtten der Kothſaſſen herrſcht auch im Innern der Schloͤſſer der finſtre Zwang deſſen, was ſie Geſetz nennen. Wie der Gebieter ein ſtrenger Herr iſt fuͤr ſeine Eigenen, ſo iſt er es fuͤr die, welche ihm angehören durch die Bande des Blutes, wie zwiſchen Jenem und der Ausuͤbung angebornen menſchlichen Rechtes die Frohnveſte ſteht, und der Vogt mit der Peitſche und die Henker mit ſchimpflich tödten⸗ — 16— dem Werkzeug, ſo offnen ſich fuͤr uns an den Grenzen des Zwingers die Zellen des Kloſters, und der, welche ſie uͤberſchreiten will, harret Cicilium und Bußgewand, traurige Einſamkeit und Entſagung, oder heimliche Haft in den Gewoͤlben der Burgen, oder lauter Hohn und oͤffentliche Entehrung. An die Stelle war⸗ mer Empfindung iſt das eiskalte Herkommen gezwaͤngt worden, ſtaubige Pergamente ver⸗ draͤngen das lebendige Wort, den Pulsſchlag des Herzens wollen ſie regeln nach feſtgeſetztem Maaß, und ſelbſt die Liebe wird zum Ver⸗ brechen, wenn ſie nicht einhergeht in abge⸗ zirkeltem Schritte. Ihr ſehet vor Euch, Ihr ſehet in mir und in dieſen liebreizenden Frauen und Jungfrauen die Opfer thörigten Zwanges. Daſſelbe Schickſal iſt uns mehr oder minder gemeinſam, und wenn Ihr das meinige ver⸗ nehmet, ſo kennet Ihr gleichfalls das der An⸗ dern und Vieler unſeres Geſchlechts noch im ebenen Lande jenſeit des Weichſelſtromes. Da wo die Pilica ſich mit ihm vereinigt, liegt meines Vaters Schloß. Ein rauher Herr fuͤr die Landſchaft, der er gebot, wie fuͤr die Ge⸗ noſſen ſeines Hauſes, trugen die Unterſaſſen — 126— ſein hartes Joch mit fruchtloſem Murren, und das Burggeſinde zitterte vor ſeinem draͤuenden Blick. Selbſt ich, die einzige Tochter, durfte mich ſelten eines milden Wortes von ihm getroͤſten, und hielt er mich ein wenig hoher, als ſeine Roſſe und Hunde und Sklaven, ſo geſchah es, weil ich die Erbin ſeines alten Stammes war, und mein aufbluͤhender Ju⸗ gendreiz ihm das Gelingen ehrgeiziger Ent⸗ wuͤrfe verhieß. Lange ſchon verduͤſterte ihn der Gedanke, ſein Wappenſchild werde mit ihm verſenkt werden in die Gruft. Einer nur trug außer ihm noch daſſelbe und den Nahmen ſei⸗ nes Geſchlechtes. Juͤnger zwar als mein Va⸗ ter, war er eben ſo rauh wie er, den Frauen abhold, und jeglicher Luſt fremd, nur dem Waidwerk obliegend und dem Kriege. Auch hatte er mancherlei verrichtet in letztern, was ſie Ritterthaten nennen, er war drum hochan⸗ geſehen in der Wawelsburg zu Krakow, und ſehr reich an Geld und Gut. Mit dem ward denn mein Vater eins beim Becher nach wuͤ⸗ ſter Waidluſt, ich ſolle, meine Hand in die Seine legend, die beiden Zweige des erſterben⸗ den Stammes verbinden, daß er wieder auf⸗ — — —— bluͤhe in neuen Sprößlingen. Und als er mich geſehen, war er es zufrieden. Ich aber war es nicht, denn bereits war mein Herz verſchenkt. Ihr ſeht Den an meiner Seite, wackere Maͤn⸗ ner, der es ſchon damals beſaß. Zwar war er nicht hochadelichen Stammes; er war gebo⸗ ren in der Zunft, sie draußen verachtet wird, und die hier in den einſamen Gebirgthaͤlern ihr altes Recht wiedergewonnen, die Kutze des Leibeigenen bedeckte ihn, und er verrichtete Knechtesdienſte in dem Hauſe, wo ihm die Herrſchaft gebuͤhrt hätte, dem Stattlichſten, Muthigſten von allen ſeinen Bewohnern. Ich weigerte mich, doch mein Vater gebot und ich gehorchte. Ich reichte die verkaufte Hand dem unwillkommenen Werber. Wie konnte ich auch anders? Drei Dinge warteten meiner, hätte ich das Geheimniß des Herzens den Lippen entſchluͤpfen laſſen, die das Jawort der Braut widerwillig ausſprachen am Altare vor dem Prieſter, der es forderte, gleichgiltig, ob es ein Wort des Seegens ſey, oder des Fluches. Abgeſchoren waͤre dies lockige Haar worden, das Abzeichen der Edeln, und allgemeiner Spott waͤre der Verſtoßenen gefolgt, welche — 128— glaubte, das Liebenswerthe lieben zu muͤſſen, auch ohne Helmkleinod und Wappen. Oder die Schmach des erlauchten Stammes wäre verborgen worden in den unterſten Kerkern der väterlichen Burg, und das Auge der adelichen Erbtochter, das ſich auf den Leibeigenen ge⸗ richtet, hätte nimmer das erfreuliche Licht des Tages geſchaut, oder des Vaters Milde haͤtte fuͤr immerdar mich in die dumpfigen Mauern eines Jungfrauenzwingers verwieſen, die eitle Luſt zu ertodten durch Bußpſalme und Geißel⸗ ung, ſtatt auf die hehre Geſtalt des Geliebten, auf hölzerne Heiligenbilder zu ſchauen, und des Herzens Stimme zu verhoͤren unter dem Chorgeſang der Nonnen. Ich ward des Stammerben Hausfrau und der Vater ſtarb, froh daß ſeines Namens Gedaͤchtniß bleibe auf Erden, und die Tochter ſegnend, die ihm ge⸗ waͤhrt, was er ſeine letzte Freude nannte.— Als die Edelfrau dieſe Worte geſagt hatte, hielt ſie ein wenig ein. Olga warf ihr einen fragenden Blick zu, ob nicht etwa eine unzei⸗ tige Ruͤhrung den ihr bereits bekannten Be⸗ richt unterbreche, und die Wirkung vermindern konnte, welche ſie beabſichtigte, aber ihre Be⸗ ſorgniß war vergeblich. Das Auge der Red⸗ nerin blieb trocken, ihr Anſtand frei und un⸗ gezwungen, und die Stimme war feſt, mit welcher ſie weiter ſprach.— Ein Jahr ging voruͤber, ein langes Jahr, und unertraͤglich wäre es mir geworden an der Seite des verhaßten Gemahles, wenn die Liebe mich nicht getröſtet haͤtte in einſamen Stunden, in ſicherer Verborgenheit, denn der Freund meiner Seele war mir nahe geblieben, und Der, welcher uͤber die Gebieterin herrſchte, war nach wie vor unter dem Geſinde ihres Hauſes.— Hier wurde ſie unterbrochen, doch war es nur der rohe Jubel der Raͤuber, die mit lau⸗ tem Beifall und manch' ungemeſſenem Scherz⸗ worte eine Mittheilung aufnahmen, welche vielleicht ihnen ſelbſt im Munde einer Frau, und einer Frau edler Geburt, ziemlich ſeltſam däuchte. Olhgierd allein ſchien davon etwas zu fuͤhlen, denn er ſchaute verwundert auf die Rednerin, und ein ſpottendes Laͤcheln flog uͤber ſeine Lippen; aber begierig, das Ende des Auf⸗ trittes zu erfahren und den Zweck deſſelben, der ihn aus Olga's ernſtem Auge dunkel IMI. 9 — b— anſprach, ſtörte er ſie durch keine Unterbrech⸗ ung, da ſie fortfuhr.— Obwohl die Liebe verbannt iſt aus dieſem Freiſtaat, ſo iſt doch zweifelsohne Keiner un⸗ ter Euch, Ihr Krieger, der ihrer Suͤßigkeit nicht gedächte aus vergangener Zeit, vielleicht Keiner, dem ſie auch jetzt nicht ihre Gaben auf fluͤchtige Augenblicke dargeboten, denn im⸗ mer iſt die Gunſt der Frauen der Lohn kuͤhnen maͤnnlichen Thuns. So moͤget Ihr denn ur⸗ theilen, wie dies Jahr verfloß unter ſtillen Freuden und ſtets wacher Beſorgniß. Da trug ein Ereigniß ſich zu, das mein Geſchick um⸗ geſtaltete und vieler andern Frauen, das viel⸗ leicht auch das eure umgeſtalten wird, Ihr Männer des Gebirges, und Eurer Bruͤder im ebenen Lande. Der Koͤnig ließ wiederum das Heerhorn erſchallen, und fuͤhrte die Bluͤthe ſeines Adels ins Ausland. Auch mein Ge⸗ mahl folgte ſeinem Rufe. Zwar mag wohl manche Thraͤne gefloßen ſeyn, beim Lebewohl in Schloß und Huͤtte, manche Hausfrau ſah dem ſcheidenden Gatten nach, den ſie fuͤr ihr Alles hielt, bis die Kunde der Untreue und das bisher unbekannte Freiheitgefuͤhl ihre Au⸗ gen trockneten und ſie dieſelben um ſich her Fwarf nach Erſatz und Rache. Nicht ſo war es mit mir; als mein Gemahl im Schloßhofe Abſchied nahm von mir mit kurzen Wort, als er mir die Hand bot, mich ermahnend, ich moͤge ihn mit meinem Gebete begleiten auf die gefahrvolle Kriegesbahn, und indeß des Hauſes huͤten als eine fromme und getreue Edelfrau, da warf ich mich wohl in ſeine ge⸗ oͤffneten Arme, doch geſchah es nur, um die thränenloſen Augen an ſeiner Bruſt zu verber⸗ gen und das verraͤtheriſche Laͤcheln der Freude, auch ich ſah ihm nach, doch mit Ungeduld, ob denn die Staubwolke nicht verſchwinden werde, die unter den Hufen ſeines reiſigen Geſchwaders vor der Heerſtraße aufſtieg? Und da ich ihrer nun nicht mehr gewahrte, da ergriff mich die Wonne der Freiheit zum erſten Male in meinem Leben; ich flog jauchzend herab vom Söller des Hauſes und in die Arme des Freundes.— Hier abermals inne haltend, warf ſie einen Blick der Zärtlichkeit auf den neben ihr Stehen⸗ den, und Beiden ertoͤnte aus dem Munde der ſie Umgebenden ein brauſender Gluͤckwunſch. 9* — 132— Der Beneidete jedoch wuͤrde andern Jungfrauen vielleicht, die aͤußere Geſtalt abgerechnet, der Negermißgeburt aͤhnlich vorgekommen ſeyn, welche die Gemahlin des armen Sultan Uzim⸗ Oſchantay mit den marmornen Beinen, dem edlen und liebenswerthen Gemahl vorzog; ſei⸗ ne Gebehrde war halb toͤlpiſch, halb dumm⸗ dreiſt, und das Laͤcheln, das auf ſeinem vollen nichtsſagenden Antlitze erſchien, kaͤmpfte zwi⸗ ſchen Betroſſenheit und befriedigtem Duͤnkel. In den Augen der Raͤuber indeß war alles herrlich und hoͤchſt angemeſſen, wie es war, nur Olgierd, vor deſſen Seele vielleicht eine reizendere und zuͤchtigere Geſtalt ſtand, wandte ſich mit dem Widerwillen des noch nicht gaͤnzlich Verderbten von der wunderlichen Gruppe ab, und ſelbſt Olga verbarg muͤhſam nur den Aus⸗ druck der Verachtung auf ihrem Antlitz.— Doch— fuhr die leidende Unſchuldige mit einem tiefen Seufzer fort— Doch war die neue Freiheit nur ein Traum, und durch Euch allein, Ihr Helden, die Ihr unter ihrem Paniere fechtet, kann er in Wirklichkeit uͤbergehen. Noch umzingelten mich die Schranken des Herkommens, und an ihnen lauerte der Argwohn. Schei⸗ — 133— dend hatte der Gemahl einen bejahrten Ritters⸗ mann mir und der verlaſſenen Burg zum Waͤchter geſetzt, und der Abt des nicht fern ge⸗ legenen Kloſters ſollte Sorge fuͤr das Heil meiner Seele tragen, wie jener fuͤr die Ehre des Hauſes und deſſen Wohlfahrt. Fruͤher ſchon hatte Gleichheit des Schickſals und der Geſinnung mich mit mehren Frauen und Jungfrauen der Umgebung in Freundſchaft ver⸗ bunden, dieſen meinen reizenden Gefaͤhrtinnen, welche Ihr vor Euch ſehet. Nicht alle die Gattinnen hinweggezogener Edelherren, nicht alle Töchter, des Zwanges ſtolzer Vaͤter entle⸗ digt, waren vorſichtig wie ich, und die Rache trat auch alsbald der Liebe zur Seite. Es gelangte Nachricht zu uns aus den fernen ruſſiſchen Landen, wie die ſarmatiſchen Maͤn— ner des Vaterlandes vergaͤßen und der Daheim⸗ gebliebenen in wilder Luſt und fremder Umarm⸗ ung. Da erhob der Stolz ſich in dem Buſen der Gekraͤnkten, und ſie boten die Hand der Vergeltung. Nicht der Hermelin iſt es, der dem Auge der Frauen wohlgefaͤllt, es iſt die hehre Mannesgeſtalt, die er umgiebt, und auch in haͤrenem Wamſe mag ſie gefallen, gleich viel ob der befiederte Helm oder die Muͤtze von ungegerbter Haut das Auge beſchattet, aus welchem des Lebens Luſt und die Liebe uns winken; Viele thaten wie ich. Da wur⸗ den die Wächter aufmerkſam und begannen beſorgt zu werden fuͤr das, was ſie adeliche Ehre nannten und die Unbeflecktheit uralter Geſchlechter. Auch auf mich richtete ſich der Blick des Mißtrauens, ernſt und drohend re⸗ dete der Verweſer zu mir, welchen mein Eh⸗ gatte geſetzt, eindringlich ermahnend der Abt. Dem Einen ſetzte ich den Stolz der beleidigten Edelfrau entgegen, dem Andern fromme Be⸗ theuerung, und Beide waren befriedigt, oder ſchienen es zu ſeyn. Eine Wallfahrt war an⸗ geſetzt nach Piotrowin zu dem wunderthaͤtigen Marienbild, unter deſſen Anrufung, ging die Sage, Stanislaw Szezepanowski, der Biſchof von Krakow, einen Todten zum Leben erweckt habe. Auch ich und meine Genoſſinnen berei⸗ teten uns zu dem gottſeligen Werke, und wir zogen aus unſeren Burgen gen Piotrowin mit geringem Gefolge, Jede Den als demuͤthigen Diener mit ſich fuͤhrend, der der Herr ihrer Gedanken war. Auf dieſem Zuge aber folgte — uns der Blick des Argwohns, und neben uns ſchlich der Verrath her, der nimmer ſchläft, und fort und fort bereit iſt, der Macht zu die⸗ nen und dem Golde. Unſer Empfang bei der Heimkehr war finſter und wortkarg, und ſtren⸗ ger beobachteten uns die Wäͤchter. Das aber war uns heilſam, denn auch wir erwachten aus dem Schlummer der Sicherheit, und ſchauten um uns und horchten auf. Da vernahmen wir eine dunkele Sage, ein Gericht werde nieder⸗ geſetzt werden uͤber mehre edle Frauen, die der Pflicht vergeſſen und der Hoheit ihres Standes. Es kamen uns heimliche Warnungen zu, und wir entflohen in der Nacht vor demſelbigen Tage, da Hinterliſt und muͤrriſche Grauſamkeit uns die Thuͤre des Kerkers aufzuthun gedach⸗ ten, aus dem wir nur zum Tode hervorgegan⸗ gen waͤren, oder zur ſchimpflichen Entehrung, denn ſolches verhaͤngen Geſetz und Herkommen uͤber die Ehegattin, deren freies Herz ſich uͤber eingebildete Schranken wagt. Längſt war das Geruͤcht Eures ſtillen Waltens tief in die Ebene gedrungen, und des Aufſtandes am an⸗ dern Ufer der Weichſel. Wir eilten voruͤber an Staͤdten und Schloͤſſern, wo fortan nur — 136— Feinde fuͤr uns wohnen, die wackeren Land⸗ leute am Fuße des Gebirges nahmen uns freu⸗ dig auf, deren Sache die ihre geworden„ wir fanden Beſchuͤtzer an ihnen, an dieſer weiſen und maͤchtigen Frau eine Fuͤhrerin und kom⸗ men vertrauenvoll zu Euch, Maͤnner der Frei⸗ heit, daß Ihr der Bruͤder Unbill rächet und die unſere.— Man darf vorausſetzen, daß wenige unſerer Zeitgenoſſen ohne Widerwillen und Verachtung auf ein weiblich Weſen geblickt haben wuͤrden, das ſeine Schmach gleichſam ſelbſtgefällig zur Schau trug, ſelbſt Zeugen, denen ähnlich, von welchen ſie ſprach, wuͤrden heut zu Tage mit Befremdung die Hochgeborene betrachten, die, Rechte und Pflichten des Standes und der Er⸗ ziehung veraͤchtlich von ſich ſchleudernd, ſich unter ſie draͤngte, und das wenigſt verwöhnte Ohr konnte ohne Abſcheu einige ihrer Worte verneh⸗ men, die das Gepräge gaͤnzlichen Verderbnißes und unweiblicher Gefuͤhlloſigkeit trugen. Aber die Begebenheit, welche wir darſtellen, und de⸗ ren Wahrhaftigkeit die Geſchichte verbuͤrgt, fällt in das 11te Jahrhundert, in das Mittel⸗ alter, das uns unzählige Zuge darbietet, in allen — 137— Laͤndern Europa's und unter allen Volkerſchaf⸗ ten die es bewohnt, trotz dem, daß Manche ſeiner Vertheidiger es zum Nachtheil der Jetzt⸗ welt erheben, die, wenn ſie auch nicht immer recht thut, doch den Schein des Rechtthuns behaupten mochte, ein weſentlicher Schritt zur ſittlichen Verbeſſerung! Im Fruͤhling des Jahres 1078 war es, als dieſe ſeltſame Rede gehalten ward, die Zuhoͤrer waren Raͤuber, die Auswuͤrflinge verſchiedener Völker, was ſie vernahmen, ſagte ihrem wuͤſten Sinne zu, ein Wunder alſo, wenn ſie mit ſtuͤrmiſchem Beifall aufgenommen wurde? Selbſt Olgierd's Spottläͤcheln ver⸗ ſchwand in ernſter Aufmerkſamkeit, welche ſich verdoppelte, als ſeine Mutter mit gebietendem Anſtande das Wort nahm. Sie hat wahr geſprochen, Hauptmann und Ihr Streiter fuͤr das Aelteſte aller Rechte. Das ganze Volk der Ebene harret auf die Stunde der Wiedergeburt einer beſſern Zeit; viele ſchoͤne thraͤnenvolle Augen blicken nach uns, viele Arme ſtrecken ſich Euch entgegen aus den Gittern der Sklaverei. Das morſche Gebaͤu der Tyrannei faͤngt an zu wanken, und an ſeinen Pforten werden ſchon verſtohlene Fe⸗ — 138— ſte dem goldenen Zeitalter gefeiert, wie einſt die Römer ſie zu deſſen Andenken begingen, die Roͤmer, die Buͤrger des beruͤhmteſten welt⸗ umfaſſenden Freiſtaats, Feſte, gleich denen der Saturnalien, da Herrſchaft und Knechtthum in eins verſchmolz wie im Anbeginn der Welt. Nicht dieſe Vertriebenen allein, Tauſende ſchoͤner Weiber und Jungfrauen ſeufzen in freudenloſer Eingeſchloſſenheit, verlaſſen von Gatten und Verlobten, und netzen das einſa⸗ me Lager mit Thränen, waͤhrend die Unge⸗ treuen ſich taumelnd in den Strudel griechi⸗ ſcher Wolluͤſte ſtuͤrzen, denn alſo lautet die Kunde vom Heere von Boleslaw ſelbſt, dem Sklaven der Feinde des Vaterlandes, der ſich deſſen König nennt. Auf, Freunde, ſtuͤrzt die Zwinger nieder und befreiet die Gefangenen, denn ſiehe— die Waͤchter ſind fern!— Die Menge ſtieß abermals Speere und Schilde klirrend zuſammen, Olgierd aber trat zur Mutter und fragte mit feurigem Blick: Iſt dem wirklich, wie Du ſageſt, ſtrecken die Gefangenen bittend die Arme aus nach dem Retter, dem Raͤcher an dem Ungetreuen, der ihrer vergaß?— So iſt es— war ihre — 139— Antwort— Nicht Eine iſt im Polenlande, die nicht ſchweres Unrecht erduldet, die den Gram nicht im Herzen truͤge und die Sehn⸗ ſucht nach Vergeltung. Wuͤrdeſt Du zuruͤckbleiben von dem ruͤhmlichen Zuge, den die wackeren Ge⸗ faͤhrten ſo eben beſchließen?— Zuruͤckbleiben? — ſchrie Olgierd mit gewaltiger Stimme, die ſelbſt das Rufen der Raͤuber uͤbertoͤnte, die wild jauchzend augenblicklichen Aufbruch forder⸗ ten.— Zuruͤckbleiben? Mein Schwert ſoll ihnen den Weg zeigen, mein Arm die Mau⸗ ern umſtuͤrzen vor ihnen, und die Thore auf⸗ reißen, der Erſte will ich einziehen in die be⸗ zwungene Feſte, und zuerſt ſoll dieſe Hand die ſuͤße Beute ergreifen, den ſchoͤnſten Lohn maͤnnlicher That! Und kommt der, welcher ihn beſitzt, und ſein nicht achtet, daß er mir ihn wieder entreiße, ſo ſoll ſein Gebein unter meinen Fuͤßen zerſchellen, wie heute ſein Zerr⸗ bild! Borziwoy aber rief hinab zu den Genoſ⸗ ſen: Auf denn, wenn der Morgen grauet, zur Rettung, zur Rache— morgen ziehen wir dorthin, wo Ehre und Reichthum unſerer war⸗ tet und der Frauengunſt herrlicher Preis. Vor Euch her werden die Buͤffelhoͤrner ziehen, — das Sinnbild der Kraft, und der Fittig des Steinadlers, mit dem ich das Haupt dieſes Juͤnglings ziere, den die weiſe Hlga Sohn nennt; des Adlers Fittig, Euch ein Wahrzei⸗ chen, nichts ſey dem Kuͤhnen zu hoch auf Erden! Und der Aar— fiel Olga ein— wird die Brut des Geyers aus dem Neſte treiben, daß es denen, die ihm folgen, offen ſtehe mit ſeinen Schätzen, ſeit Jahrhunderten zuſammen⸗ geraubt, er trägt den Blitzſtrahl in der ſchar⸗ fen Klaue, ihn auf die Hoffärtigen zu ſchleu⸗ dern, daß ſie nicht mehr geſehen werden auf Erden, und die Welt, wieder wie einſt, das Eigenthum des Tapfern ſey, mit dem Schoͤn⸗ ſten, was ſie enthaͤlt!— Willig ſchworen jetzt die hocherregten Maͤnner des Gebirges demſelben Treue und Gehorſam, der vor wenig Stunden noch der Gegenſtand ihrer Ei⸗ ferſucht, vielleicht ihres Mißtrauens geweſen war, doch Olgierd achtete der Huldigung wenig, er ſchien ſie nur zu ertragen, gleich einer läſtigen Noth⸗ wendigkeit zur Erreichung deſſen, was vor ſei⸗ ner Seele ſtand. Nur der Mutter leiſes drin— gendes Mahnen vermochte ihn, der jubelnden Begruͤßung mit einigen dankenden Worten zu entgegnen, er that es, doch kurz und mit Gleichgiltigkeit, wie ein geborener Fuͤrſt oft ge⸗ hoͤrtes Zujauchzen der Menge erwiedert, dann wandte er ſich zu Olga: Ich verſtehe Dich — raunte er ihr mit gedaͤmpfter Stimme zu — Und ich bin bereit, Dir zu folgen, wohin Du mich fuͤhreſt. Doch widert mich dieſe rohe Genoſſenſchaft an, und unruͤhmlich daͤucht es mir, das Große ſelbſt mit dieſen Wichten zu beginnen. Gold und wilde Luſt iſt ihre Looſung, und ſie gehorchen mir, weil Dein Mund ſie ihnen verheißen durch mich, aber vermagſt Du auch ihrer Unerſättlichkeit zu ge⸗ nuͤgen? Der Leithund ſoll ich ihnen ſeyn, der das koͤſtliche Wild aufſpuͤrt, der Dietrich, der ihnen die Truhen der Edeln offnet; haben ſie jedoch die Spur aufgefunden, ſind die Schlöſ⸗ ſer aufgethan, ſo kehrt das wuͤſte Geſindel ſich wohl gegen Den ſelbſt, Dem es heute Treue geſchworen, die ihm fremd iſt. Selbſt dieſer Borziwoy iſt mir zuwider, nur als ſeinen Stellvertreter ſieht er mich an, ich aber will Herr ſeyn durch mich ſelbſt— Heut noch er⸗ ging ſein Wort an mich, nur die Erwartung — 142— reichen Lohnes habe ihn zu dem vermocht, was er Dir in plumper Heuchelei zugeſagt.— Nur die Erfullung uͤbernommener Pflicht könne mich auf der Stelle erhalten, die ich ihm verdanke, und mich vor ſeiner Rache ſchuͤtzen. Ich aber will nicht, daß man mir drohe, frei wie die Luft will ich ſeyn; und nicht die Ketten der Leibeigenſchaft abgeworfen haben, um der Sklav' eines Diebes zu ſeyn. Ich haße das Wort Pflicht und Verpflichtung, und vielmehr gedenke ich—— Was Du auch willſt und gedenkeſt— un⸗ terbrach ihn Olga— ſpare es auf andere Zeit. Wiſſe, es gehorcht die Menge nur großem Worte, das ihm gewichtig ins Ohr fällt auf eine Art oder die andere. Weit aber iſt es vom Worte zur That, und auf dem Wege dahin mag ſo Manches ſich anders geſtalten. Nicht Du biſt es, der ihnen die Bahn er⸗ oͤffnet, wie ſie waͤhnen, ſie oͤffnen ſie Dir, Dir wuͤrden die Thore der Feſte verſchloſſen bleiben, und beſaͤßeſt Du die Kraft des Herak⸗ les, ihre plumpen Faͤuſte zertruͤmmern ſie, daß Du einzieheſt. Und iſt ſolches geſchehen, dann iſt es an der Zeit, zu bedenken, was man mit den Helfern beginne, den Gehorſa⸗ men ein gnoͤdiger Gebieter zu ſeyn, der Wie⸗ derſpenſtigen ſich abzuthun, denn alſo iſt die Weiſe der Welt immerdar und derer die ſie beherrſchen. Laͤngſt voruͤber iſt das goldene Zeitalter, wofern es irgend jemals geweſen, und nicht das blutige Eiſen dieſer Mörder wird es zuruckfuͤhren, fort und fort wird man Herrſcher ſehen und Beherrſchte. Du aber ge⸗ horſt zu den Erſten, ſey durch Klugheit wuͤr⸗ dig, zu ſeyn, wozu das Geſchick Dich be⸗ ſtimmt.—. Und wer werde ich ſeyn?— frug Ol⸗ gierd.— Herr, wo Du Knecht warſt— antwortete ſie nachdruͤcklich— Herr auf Zembocin und Derer, die es bewohnen. Was weiter folgt, liegt in des Schickſals Hand. Jetzt begleite mich zur Hoͤhle des Anfuͤhrers; ehe wir ausziehen ein Mehreres.— Bis ſpaͤt in die Nacht hoͤrte man lautes Geſpraͤch und das Klirren der Becher in Bor⸗ ziwoy's Wohnſitz; doch ſtand heut kein Lauerer am andern Ufer des Baches, denn alle Vor⸗ — 144— räthe waren Preis gegeben, und die Maͤnner des Gebirges bewirtheten nach ihrer Weiſe die Verbuͤndeten vom flachen Lande und ihre ſchonen Gefaͤhrtinnen. II. Nach ziemlich langer Abweſenheit kehrte Nico⸗ laus Strezeminiez, der Schwerttraͤger, gen Kijow von den Grenzen zuruͤck, die er im Auftrag des Koͤnigs beſichtigt hatte. Er war unter den Genoſſen Boleslaw's des Zweiten einer von Denen, welche am Hofe Jzaslaw's und in der Stadt fuͤr die Stolzeſten und Untheilneh⸗ mendſten galten, auch war ſeine Gemuͤthsart wirklich ernſt, und vielleicht noch ernſter wor⸗ den durch die Weiſe, in welcher Severin, ſein Vater, ſtets mit ihm verfahren; Ehrgeiz und Vaterlandsliebe, die in Staaten ariſtokratiſcher Verfaſſung ſo oft ununterſcheidbar in einander verſchmelzen, erfuͤllten das Gemuͤth des noch jungen und bereits viel bedeutenden Kronbeam⸗ ten, er war dem Volke der Ruſſen niemals geneigt geweſen, und der Unfrieden, welchen Eine deſſelben uͤber ſein Vaterhaus gebracht, 6 hatte dem volksthuͤmlichen Widerwillen doppel⸗ te Schaͤrfe verliehen. Uebrigens war der Eif⸗ rigſte unter den eifrigen Verfechtern des ro⸗ miſch katholiſchen Glaubens, und die Lehre des Morgenlandes, und die, welche ſie bekannten, ihm ein Greuel. 3 — „ So nahte ſich denn der Wirth der Herber⸗ ge, vor welcher er abſtieg, ihm nur demuͤthig und furchtſam, er wagte es nicht bei dem geſtrengen Rittersmann, der Sprachluſt, dem Erbtheil ſeines Gewerbes Raum zu geben, und auch Nikolaus ließ nur die Befehle vernehmen, die er zu geben hatte, mit kurzem gebieteriſchen Wort. Als er demnach ſogleich ſich zur Burg verfuͤgte, dem Herrn Bericht von ſeiner Send⸗ ung abzuſtatten, war er keinesweges vorberei⸗ „ tet auf das, was indeß ſich zugetragen, und manches Neue, das er wahrnehmen ſollte. Da er die erſten Hoͤfe der Burg durch⸗ ſchritt, wo jetzt der Großfuͤrſt ſeinen Wohn⸗ ſitz aufgeſchlagen, ſah er, ob es gleich am ſpaͤten Abend war, die Dienerſchaft noch in volliger Bewegung der Geſchaͤftigkeit. Das Erdgeſchoß war beinahe durchgehends erhellt, aus den Kuͤchen fiel der helle Schimmer M. 10 — 146— vieler Heerdfeuer auf den dunkeln Hofraum, ſelbſt aus den Luftlöchern der Keller glänz⸗ te Licht, und uͤberall, oben, unten, war viel Gerede, Lachen und Lärmen. Er wuͤrde darauf nicht ſehr geachtet haben, denn der Hof zu Kijow galt damaliger Zeit fuͤr den ſchwelgeriſchſten im Norden, und ſchon vor der Vertreibung Jzaslaw's hatte ihn der Ruf als einen prachtliebenden und uͤppigen Fuͤrſten be⸗ zeichnet; aber er unterſchied unter dem Getoſe der Stimmen nur allzudeutlich die Toͤne ſeiner vaterlaͤndiſchen Mundart. Seine Stirn ward noch finſterer, denn er hielt in ſeinem Ritter⸗ ſtolz dieſe Vermiſchung der Sieger mit den Beſiegten fuͤr herabwuͤrdigend, mit mehrem Rechte noch erſchien ſie ihm als unweiſe, und der Staatsbeamte und Katholik fuͤrchtete von ihr bei der einſtigen Ruͤckkehr nachtheiligen Einfluß auf vaterlaͤndiſche Sitten und Glau⸗ ben. Ihn zog die Sehnſucht hinuͤber nach dem Heerde und nach der geliebten Malgorza⸗ ta zuruͤck, und ob er gleich ſo willig und wil⸗ liger noch als Andere dem Schlachthorn des Konigs und dem Rufe der Ehre gefolgt war, ſo war ihm doch das lange, muͤſſige Verweilen —— in der fremden Hauptſtadt verhaßt. Er gedach⸗ te alſo bei ſich, noch im Laufe dieſes Abends ſeinem koͤniglichen Feldherrn daruͤber Vorſtel⸗ lung zu thun, wie die Mannszucht allmaͤhlig abnehme im Heere, damit er aufſtehe in ſei⸗ nem Zorne, die Zuͤgelloſen zu ſtrafen und vor allen Dingen ihm die Nothwendigkeit un⸗ geſäumten Aufbruchs darzuthun. Zur Zeit, als er Kijow verließ, war der innerſte Raum und die Hauptgebaͤude, die ihn umgaben, in welchen der Oberlehnsherr ſeinen kriegeriſchen Hof hielt, mitten unter dem Ge⸗ raͤuſche der Luſtbarkeiten und dem Schimmer morgenlaͤndiſchen Prunkes, gleichſam ein Hei⸗ ligthum ſtrenger, einfacher Sitte geweſen. Fruͤh verloſch die Erleuchtung der halbrun⸗ den byzantiniſchen Fenſterbogen, und wenn aus dem Gemache des Königs noch ein Lichtſchein brach, war es der einer einzelnen Kerze, die ihm zu gewohnter Andachtuͤbung leuchtete, oder zu wichtigem unaufſchiebbaren Geſchaft. Nur der eiſerne Tritt gewappneter Hauptleute raſſelte die gewundene Wendeltreppe hinan, oder man vernahm das minder geräuſchvolle Auf⸗ treten irgend eines romiſchen Prieſters, der ſich 10* nach der Kapelle begab, die gereinigt vom ketzeriſchem Unfug, auf's Neue dem lateiniſchen Ritus geweihet worden; keine andere Muſik war zu hoͤren, als der Geſang der Kapellane im Heiligthum, oder das Schmettern der Trompete, den ſtets wiederkehrenden Geſchaͤften des Dienſtes ihre Zeit zu bezeichnen. So glaubte Nikolaus Strzemieniec es noch zu fin⸗ den, doch bald ſollte er ſeinen Irrthum gewahr werden. Schon beim Eintritt ſchallten ihm von mehren Seiten die weichen, ſchmelzenden Toͤne der Theorbe entgegen, oder Gelispel der Har⸗ fen und der Floͤte ſuͤßer Hauch, er ſah befrem⸗ det um ſich, und ſein erſter Blick fiel auf die lange Reihe der Fenſter in des Koͤnigs Ge⸗ maͤchern, weit hinausſchimmernd in das Dun⸗ kel, vom Strahle unzaͤhliger Fackeln und Ker⸗ zen. Er blieb einen Augenblick ſtehen, ſinnend, welch hohes Feſt der Kirche wohl heut gefeiert werde, oder ob ſonſt ein volkthuͤmlicher Be⸗ gehung geweihter Tag im Kalender verzeichnet ſey; ſein Gedaͤchtniß wußte ihm nichts der⸗ gleichen zuruͤckzurufen und ungeduldig betrat er die weite Halle. — — 149— Doch das Pflaſter derſelben erdrohnte nicht wie ſonſt, unter ſeinem gewaltigen Tritt, mit weichen buntfarbigen Teppichen war es belegt, als ſollten ſie jeden uͤberlauten Ton verſchlin⸗ gen, der einem verwohnten Ohre läſtig werden oder das leiſe Toͤnen der Muſik unterbrechen koͤnnte. Die Haupttreppe, welche gemach⸗ ſam von der Halle ſich aufwaͤrts wand nach dem obern Geſchoß, war tageshell erleuchtet von vielen Harzfackeln, getragen von den Marmorhaͤnden der Karyatiden, deren Haupt das ſteigende Gewolbe trug, zwar nicht Mei⸗ ſterwerke altgriechiſcher Kunſt, doch ſinnenſchmei⸗ chelnde uͤppige Erzeugniſſe eines byzantiniſchen Meißels. Auch ihre Stufen waren mit Dek⸗ ken bekleidet, glänzende mit phantaſtiſchen Blumen durchwebten ſarazeniſcher Arbeit, und auf ihnen glitten viele Geſtalten weiblichen und maͤnnlichen Geſchlechts hinauf und hinab, bei⸗ nahe den marmornen Fackelhaltern gleich ge⸗ kleidet, ſilberne und goldene Schalen auf den bekranzten Haͤuptern tragend, und halb ver⸗ wundert halb ſcheu auf den eintretenden Rit⸗ tersmann ſchauend, welcher in der ſtaubigen roſtigen Eiſenruͤſtung, mit den gewaltigen Ad⸗ — 150— lerfittigen uͤber den Schultern, ſich gar ſeltſam und fremdartig ausnahm unter dem leichtge⸗ ſchuͤrzten huͤpfenden Volklein. Raſch wendete ſich Nikolaus gegen eine ſchmale Wendelſtiege, deren Eingang ſich in ei⸗ nem Winkel der untern Halle befand, und leer und dunkel geblieben war. Auf ihr war er ſonſt zum innerſten Gemach Herrn Boles⸗ law's gelangt, doch jetzt hemmte eine geſchloſ⸗ ſene Gitterthuͤr alsbald ſeine Schritte; ſie deu⸗ tete ihm an, dieſer Weg ſei fortan nicht offen fuͤr die getreuen Diener ihres Herrn, und er kehrte unmuthig zuruͤck auf die zierliche Haupt⸗ treppe. Unwillkuͤhrlich folgte er der Menge, die einer weitgeoffneten Thuͤre zuſtromte, und ſah ſich in einem geraͤumigen Vorgemach. Hier war mancherlei zu ſchauen, das dem Kriegsmann ungewohnt erſchien, der in der väterlichen Burg zu Zemboein auferzogen, von Kindheit an nur das gediegene Wohlleben eines polniſchen edeln Hauſes kennen gelernt, der ſpäter in der Wawelsburg zur erſten Hof⸗ haltung eines kriegeriſchen Koͤnigs gehoͤrt, nur ſelten unterbrochen von herkömmlichen Fei⸗ erlichkeiten, an denen ſich koniglicher Anſtand mehr wuͤrdig als ſchimmernd offenbarte, der endlich die letzten Monde in dem wilden Trei⸗ ben eines Feldlagers zugebracht, und nun von einer Reiſe durch verwuͤſtete Landſtriche zuruͤck⸗ kehrte. Ein feiner, dem Rittersmann unbekannter Duft wogte ihm an der Thuͤr entgegen; er huͤllte die Gegenſtaͤnde in eine Art Nebel, und als die Augen des Eintretenden ihn zu durch⸗ dringen begannen, gewahrte er, derſelbe ſteige aus zierlichen Rauchpfannen auf in den acht Ecken des geräumigen Zimmers. Rings an den Waͤnden glaͤnzten auf Schenktiſchen an einander gereiht, Gefaͤße allerhand Formen von köſtlichem Metall, und viele Diener und Die⸗ nerinnen, gekleidet wie wir fruͤher angedeutet, waren unaufhoͤrlich beſchaͤftigt, ſie aus großen ſteinernen Kruͤgen zu fuͤllen, die ſich in ge⸗ waltigen mit Waſſer angefuͤllten Becken von Marmor oder Porphyr befanden, dann hob der Schenk oder die Schenkin das ſchimmernde Geſchirr mit zierlicher Bewegung auf ſein Haupt, und ſchritt darauf mit anmuthiger Leichtigkeit davon, dem Ganymed oder die Hebe zu vergleichen, oder wenigſtens den opfer⸗ bringenden Geſtalten eines alterthuͤmlichen Baſſo rilievo. Aber ſo groß auch die Zahl der Hin⸗ und Hergehenden war, ſo munter ihr Treiben, ſo ſchwebten ihre Tritte doch beinah unhoͤrbar auf dem Boden einher und nur mit⸗ unter ſtörte ein leiſes Lachen oder ein gedaͤmpf⸗ tes Scherzwort der muthwilligen Schaar die Stille, durch welche fort und fort aus den innern Gemaͤchern die Harmonie der Tonwerk⸗ zeuge drang. Es war dem Erbherrn auf Zemboein, als muͤſſe er auf der Stelle umkehren, als ſey er fehl gegangen und befinde ſich im Harem Ma⸗ lekſchah's, des Sultans von Syrien, oder wenigſtens in einem der Gemaͤcher des Kaiſer⸗ palaſtes zu Byzanz, nicht an der Hofſtatt ſei⸗ nes ernſten kriegeriſchen Gebieters, Boleslaw's des Zweiten, Koͤnigs von Polen. Er ſtand wirklich im Begriff ſich zu entfernen, als aus dem Gewirr eine, ihm wenigſtens ſehr wunder⸗ lich duͤnkende Geſtalt auf ihn zutrat, ihn ver⸗ traulich bei dem Namen nannte und ihm Gluͤck wuͤnſchte zur Ruͤckkehr. Lange ſchaute Herr Strzemieniec auf die⸗ ſelbe, ohne errathen zu koͤnnen, wen dieſes leichte, loſe Gewand von feinem ſeidenen und wollenen Gewebe umgab, wer auf dieſen zierlichen Sandalen einherſchritt, wem dieſes Geſicht angehoͤrte mit beinahe bartloſem Kinn, mit gefärbten Augenbrauen, und umgeben von einer Fuͤlle ſalbenduftender Locken, welche rings um die Scheitel ein friſcher Blumen⸗ kranz ſchmuckte. Endlich brach er im Tone der Verwunderung aus: Nein, ſeyd ihr es wirklich, Woyeiech Druzyniec? Hätte ich doch geglaubt, den Heidengott Apollo vor mir zu ſehen, oder Einen der Gebruder Lelum Pole- lum, deren vermaledeiter Götzenunfug abge⸗ than iſt auf dem kahlen Berge bereits ſeit hun⸗ dert Jahren.— Sehe ich wirklich aus gleich einem von Dieſen?— fragte Adalbert mit Selbſtgefaͤllig⸗ keit.— Ihr mogt es mir nachſagen, auf mein Wort— verſicherte der Schwertträger— entweder ſo gemahnet Ihr mich— oder— verzeihet, wie ein lombardiſcher Gaukler beim Larvenſpiel zu Faſtnacht.— Etwas empfindlich verſetzte Jener: Wenn einer von uns Beiden * Lelum Polelum, Castor und Pollux der Slaven. — 154— hier vermummt erſcheint, hochgeborner Herr Strzemieniec, ſo ſeyd Ihr es wohl in Eurem ſtaubigem und roſtigen Harniſch und dem Helm und dem Fittig, mit welchen ihr zum Abendfeſte kommt, als gehe es zur Schlacht. — Wenige Worte nur hab' ich dem Könige zu ſagen— lautete die Antwort— ſie be⸗ treffen den Dienſt unſeres gnaͤdigſten Herrn, und ſo wird er wohl dem Ritter und Kron⸗ beamten, den ſolch Geſchaͤft zu ihm fuͤhret, lie⸗ ber kommen ſehen in der Tracht ſeines Stan⸗ des, als— in bunter Narrenjacke.— Mein Herr— ſprach Adalbert— Eure Sprache ſtimmt ganz trefflich zu Eurem Eiſenſchmuck, beide ſind etwas ſchwerfaͤllig und ungefugig, auch zweifle ich, daß beide hier ſo vielen Beifall finden werden, als Ihr meinet.— Erzuͤrnet Euch nicht, Woyciech Druzyniec, Ihr ſeyd ein junges Blut, und noch nicht Ehemann und Hausherr, da mag man Euch ein wenig Thor⸗ heit zu gut halten.— Er bot ihm bei die⸗ ſen Worten die Hand, deren eiſerne Huͤlle der ſauromatiſche Griechling nur leiſe und mit ei⸗ nigem Widerwillen beruͤhrte. Drauf fuhr Nikolaus fort: Meldet mich nur dem Herrn; wenn ich dann mich der Pflicht entledigt habe, werfe ich mich wohl auch in den Zupan und komme zierlich angethan, wie es ſich zu einem Feſte eignet, das wirklich von ganz be⸗ ſonderer Bedeutung ſeyn muß.— Beſonderes Feſt?— antwortete Jener— das ich nicht wuͤßte.— Und woher dieſe Geiger und Pfeifer?— fragte Nikolaus ungeduldig— warum dieſer Prunk und Lärm, wenn hier nicht ein Feier⸗ tag begangen wird, obwohl ich nicht begreifen mag, welcher?— Ah! das meinet Ihr?— antwortete Druzyniec gleichgiltig— Ja, ſehet, werther Herr Schwerttrager, das iſt nun nichts Beſonderes, und ſolcher Feiertage ſind nicht weniger als ſieben in der Woche.— Strzemie⸗ niec unterbrach ihn verwundert— Um Gott, ſo ſaget mir, wenn bei Euch Werkeltag iſt?— Die ſind voruͤber— belehrte ihn Adalbert— Die Tage des Zuges, der Gefechte, der Schlacht an der Klaſma, der Eroberung von Kijow, das waren unſere Werkeltage; doch nun, da die Arbeit gethan iſt, iſt es Zeit ſich zu er⸗ holen.— Daß ſolche Erholung Euch nur nicht neue Arbeit bereite und ſchwerere— — 156— ſprach Nikolaus Strzeminiec unmuthig vor ſich hin— Was ſagt aber unſer koͤniglicher Herr zu dergleichen Treiben?— Ein ſonder⸗ bares, halb verwundertes, halb ſpottiſches Lä⸗ cheln zeigte ſich auf dem Geſichte des Andern, und er ſtand im Begriffe zu antworten, als ihr Geſpraͤch durch die Dazwiſchenkunft eines Dritten geſtort ward. Angethan mit aller Zierlichkeit des kon⸗ ſtantinopolitaniſchen Hoͤflings ſchritt Leontios Angelos einher, begruͤßte Adalbert vertraulich und ſchaute dann ſeinem Gefaͤhrten neugierig und befremdet in das Helmviſir. Es war ei⸗ nen Augenblick, als empfaͤnde der Strator nicht beſonderes Vergnuͤgen, in dem Ankoͤmm⸗ ling den Erben von Zemboein zu erkennen, aber alsbald kehrte das entflohene Laͤcheln zu⸗ ruͤck, und er rief mit anmuthiger Lebhaftigkeit: Wie freuet es mich, hochgeborener Herr Schwerttraͤger, daß ich Euch hier willkommen heißen kann.— Ich danke Euch— war die kalte Antwort— willkommen iſt Nikolaus Strzemieniec immer geweſen am Hoflager ſei⸗ nes Herrn, des Koͤnigs von Polen, und ſo —— viel ich weiß, befinde ich mich jetzt daſelbſt, Herr Abgeſandter des Caeſar Auguſtus.— Der Byzantiner, welcher, wie wir bereits oft bemerkt, ziemlich leicht begriff, verſtand auch diesmal den Sinn der zu ihm geſproch⸗ nen Worte; er fand indeß fuͤr gut, mit großer Unbefangenheit fortzufahren: Unſtreitig theilen Viele mit mir die Zufriedenheit, welche das Erſcheinen eines ſo achtbaren Herrn dem er⸗ gebenſten ſeiner Diener gewaͤhrt, auch wird ſolches unfehlbar Herr Demetrios, der erlauchte Protoſebaſt; drum vergoͤnnet, daß ich in ſeiner Burg und in ſeinem Namen den ſchätzbaren Ankoͤmmling begruͤße, welcher ihm ſo werth iſt, als dem erlauchteſten ſeiner Gaͤſte.— Gaſt?— verſetzte Nikolaus mit ſteigendem Mißmuth— Gaſt mag man Herrn Boleslaw den Zweyten wohl zun Kijow nicht nennen. Ueberall iſt der Koͤnig Herr in jeglichem Hau⸗ ſe auf dem Boden, der ſeiner Lehnsherrſchaft unterworfen iſt.— Gewiß— gewiß— be⸗ kräftigte der Grieche— Wer wollte auch da⸗ ran zweifeln, am wenigſten ich, welcher ich des Heros des Nordens innigſter Verehrer bin und ſein unterwuͤrfigſter Knecht. Ihr waret es, edelſter Herr— fuhr er fort— welcher mich zuerſt vor ſein Angeſicht fuͤhrte, an deſſen Strah⸗ len ich mich jetzt erfreuen darf, vergoͤnnet alſo, daß ich Euch den unvergeßlichen Dienſt mit einem kleinern gewiſſermaßen vergelte. Ge⸗ ſtattet, daß ich es ſey, der den hohen Kron⸗ beamten und tapfern Kampfgenoſſen zu dem allerdurchlauchtigſten Herrn geleite, der Euer Gebieter iſt und der meine.— Ihr ſeyd ſehr hoͤflich, Herr Strator— erhielt er zur Antwort — es war noch nie Sitte in Polen, daß Einer, wie Ihr mich nennet, ein hoher Be⸗ amter und Ritter eingefuͤhrt werde bei dem eigenen Herrn durch den Abgeſandten eines fremden Fuͤrſten, auch meine ich, es ſey dies nicht Brauch an irgend einer Hofſtatt der Chriſten⸗ heit. Laſſet Euch alſo immer gefallen, daß Nikolaus Strezeminiec ſich ſelbſt anmelde.— Mit gemeſſener Verbeugung entfernte ſich der Byzantiner. Sagt mir— ſprach der Schwertträger, ſich raſch zu Druzyniec wendend— Sagt mir, was bedeutet das Alles? Es iſt mir, als wandelte ich im Traume. Iſt dies die Vorhalle des ſtrengen Boleslaw, ſind wir noch — 159— Sarmaten? Wie kommt Dieſer dazu, den ich noch vor wenig Wochen als den Gegenſtand des Mißfallens verlaſſen und des gerechten Argwohnes, daß er ſich gehabt, als ſey er ein⸗ heimiſch in den koͤniglichen Gemaͤchern, und uns, uns, ſage ich, den Zutritt zu denſelben großguͤnſtig verſtattet? Es gleicht einer Mähr⸗ chenwelt, was mich umgiebt, und Ihr ſelbſi, Ihr, den ich frage, gemahnet ſelbſt mich mehr wie ein abentheuerlich Bild, denn als ein polniſcher Ritter, welcher dem Standesgenoſſen ernſten Beſcheid geben moͤchte auf ernſte Frage. — Adalbert antwortete leicht hin. Es hat ſich wohl Manches hier veraͤndert, doch mei⸗ nes Beduͤnkens nicht zum Schlimmen. Ge⸗ woͤhnet Euch nur erſt an die Luft, die hier wehet, werfet das eiſerne Gehaͤuſe von Euch, und ich denke, es ſoll Euch bald ſo wohl un⸗ ter uns behagen als Andern. Auch habet Ihr, werther Herr, den Strator Angelos ein wenig zu rauh angelaſſen; er ſtehet hoch in der Gunſt des Koͤnigs, und nicht mit Unrecht, wie ich meine; er iſt treuherzig und ohne Falſch, und wir Alle ſind ihm geneigt, denn unerſchoͤpf⸗ lich iſt er in Erfindung neuer Luſt, und der — 160— treſſichſte Genoß bei Tanz und Gelage.— Nikolaus unterbrach den feurigen Lobredner, ſich mit Verdruß von ihm wendend; dann ſchritt er eilig auf die innere Thuͤre zu. Noch vermochte er, geblendet vom Scheine unzaͤhlicher Fackeln und Kerzen, das glaͤnzende Gewirr nicht zu unterſcheiden, das um ihn her wogte, eben gewahrte er, daß viele reizende Geſtalten vor ihm ſchwebten und huͤpf⸗ ten, als er mit einem Male einen vielſtimmi⸗ gen ſilberhellen, aber gedaͤmpften Schrei des Schreckens vernahm und alle die Schwebenden und Huͤpfenden vor ihm auseinander ſtoben. Griechiſche Taͤnzerinnen waren es, die einen zierlichen uͤppigen Reigen nach dem Zeitmaaße ſanfter Toͤne vor einer Verſammlung auffuͤhtten, welche den Hintergrund des Saales einnahm. Die plötzliche Erſcheinung der metallenen Ge⸗ ſtalt trieb mit magiſcher Gewalt die Nachah⸗ mer der Grazien und Liebesgoͤtter hinweg, und auch wirklich mochte dieſelbe, wie wir ſie be⸗ ſchrieben, in ſolcher Mitte ſich nicht wenig finſter und unheimlich ausnehmen. So er⸗ ſchreckt aber die leichte Schaar durch den An⸗ blick des Schwerttragers vnrde ſo war er — ſelbſt es nicht weniger uͤber das, was er ſah. Solche Luſtbarkeiten, den Heiden nach ſeinen Begriffen entliehen, meinte er, was er auch befuͤrchten konnte, nimmer im Saale eines chriſtkatholiſchen Konigs zu ſchauen— ſolch ſuͤndlichem Unfug dachte er die Bruͤder und Nitkämpfer fur den Glauben nicht hingegeben; er glaubte einen Augenblick lang, ſich im Saale Koͤnig Belſazer's zu Babel zu befinden, und es war ihm, als ſolle er die Eiſenhand aus⸗ ſtrecken, um an die Marmorwand ein drohen⸗ hendes Mene, mene tekel zu ſchreiben. Es befand ſich nun ein leerer Raum zwi⸗ ſchen ihm und einer reichlich, in den Augen ei⸗ nes ſlaviſchen Kriegsmannes ſchwelgeriſch be⸗ ſetzten Tafel. An der vornehmſten Stelle der⸗ ſelben unter vielen Andern ſaß auf goldenem Stuhle ein Mann, den der Schwerttraͤger wohl erkannte, ob er gleich geneigt war, die eigenen Sinne Luͤgen zu ſtrafen. Ein leichtes fal⸗ tiges Gewand von purpurfarbener Seide um⸗ gab die kräftige Geſtalt, auf der Bruſt zuſam⸗ mengehalten von einem ſchimmernden Kleinod; die Fuͤße, bekleidet mit Sandalen und umwun⸗ den mit Schnuren derſelben Farbe, ruhten auf III. 11 ſchwellendem Polſter; ſein Haupthaar, ziemlich lang gewachſen gegen die Sitte der Vaͤter, und der geſtutzte wohlgelockte Bart glänzten von duftenden Helen; der letzte bedeckte nur zum Theil den unbekleideten Hals und durch das erſte ſchlang ſich ein ſchmales goldenes Band. Seine Wange war hoch gerothet, ſein Auge ſchimmerte in ungewöhnlichem Feuer, er ſtreckte die rechte Hand gegen ein koſtliches Trinkge⸗ ſchirr aus, welches ihm ein dienender Knabe knieend darbot, während er mit der linken ſanft einen Kranz von vollen, bluͤhenden Roſen zuruͤckwies, mit dem eine reizende, reich und uͤppig gekleidete Maͤdchengeſtalt ſcherzend ſeine Stirne zu umwinden verſuchte. Zur Seite halb hinter ihm ſtand eifrig und dem Anſcheine nach ſehr heiter zu ihm redend Demetrius Jzas⸗ law, der Großfuͤrſt, und auf der andern Seite ehrfurchtvoll gegen ſein Ohr geneigt, des Nike⸗ phoros Botoniates Geſandter. So glich der gewaltige Boleslaw nicht wenig dem Jupiter beim olympiſchen Mahle, und das ganze Bild uͤberhaupt, ſtark erhellt vom Kerzenlicht und ſchimmernd in unzaͤhligen lebhaften Farben, der Darſtellung eines beruͤhmten Meiſters alter — 165— Zeit, und es konnte jedem Andern einen hochſt erfreulichen Anblick gewähren, nur Nikolaus Strzemieniet nicht, dem Schwerttraͤger der Krone. Ihm gemahnte das Ganze ziemlich wie heidniſcher Greuel, er dachte ſich das Bild eines Königs nicht anders, als wie er den, der jetzt vor ihm ſaß, ſonſt nur geſehen, entweder mit Krone und Scepter in der Raths⸗ verſammlung, umgeben von den Vaͤtern des Volkes, oder mit Helm und Harniſch angethan, den gewaltigen Szczerbiec ſchwingend an der Spitze ſeines Heeres, oder entkleidet von aller weltlichen Hoheit, betend an den Stufen der Altaͤre, oder in den innern Gemaͤchern des Wawelſchloßes ein einfacher Hausherr unter den Gliedern deſſelben und den Genoſſen und Dienern, und es ſchmerzte ihn, den Sohn Ka⸗ zimierz des Wiederherſtellers ſo zu finden. Am anſtößigſten aber erſchien ihm der Kranz, der unziemliche Schmuck, den die dreiſte Nachba⸗ rin dem Koͤnige von Polen bot, er gedachte ei⸗ nen Augenblick lang der zuchtigen Malgorzata, er ergrimmte im Innerſten uͤber die Frechheit der Dirne, wie er es nannte, und einigen Troſt gewährte es ihm nur, als Boleslaw 11* — 164— fort und fort, zwar lachend, doch mit Be⸗ ſtimmtheit die unkonigliche Zierde von ſich wies. Er trat einige Schritte vorwaͤrts und begruͤßte den Lehnsherrn mit lauter und tiefer Stimme, welche die Muſik und das frohe Getuͤmmel des Mahles uͤbertonte. Der Koͤnig ſah empor und rief ihm zu: Willkommen, Eiſerner, im Saale der Freude! Was bringeſt Du uns, Du ernſter verkappter Bote? Kommeſt Du aus dem Vaterlande? Wir hoffen, Deine Kunde enthalte nichts was uns ſtören könne, und unſere werthen Gaͤſte. — Der Ritter war um die Tafel herum ge⸗ gangen, um dem Gebieter nach herkoͤmmlicher Weiſe ſeine Ehrfurcht zu bezeigen, er blieb vor ihm ſtehen und erwiederte: Nikolaus Streze⸗ miniet bin ich, mit Eurer Gnaden Wohlneh⸗ men; auch denke ich keineswegs verkappt zu ſeyn, war doch meine Geſtalt immer wie ſie jetzt iſt, wenn ich mit Euch in die Schlacht ritt, das Schwert Eures Ahnherrn, tragend. Nicht aus dem Vaterlande, von welchem ich ſchon allzulang entfernt geweſen, wie leider Gottes wir Alle, ſondern von den Grenzen gegen No⸗ wogrod zu, wohin mich das Gebot meines koniglichen Herrn geſendet.— Habt Ihr mir Bericht abzuſtatten, Herr Strzemieniec?— fragte Boleslaw etwas ernſter.— Solches iſt meine Pflicht und es wuͤrde mein Begehr ſeyn, wenn—— Nikolaus brach ab, einen bedeu⸗ tenden Blick auf die Anweſenden richtend. Der König ſchien im Begriff ſich zu erheben, da raunte ihm die Jungfrau, die neben ihm ſaß, einige Worte zu, und er beugte ſich zu ihr und antwortete eben ſo leiſe. Jzaslaw aber ſprach zu dem Ritter: Wenn Ihr von dort kommt, edler Herr, ſo ſtehet zu hoffen, daß Euer Anbringen bei meinem koͤniglichen Gaſtfreunde kein bedenkliches ſey, noch große Eile erfordernd. Nach den Botſchaften, die mir zugekommen, befindet Alles ſich in der er⸗ wuͤnſchten Ruhe, und lange haben wir noch bis zu der Zeit, da Wſzewolod, mein meuteri⸗ ſcher Bruder es wagen wird aufzuſtehen gegen ſeinen rechtmaͤßigen Herrn und gegen Koͤnig Boles⸗ law's ſiegreiche Waffen. Vergonnet alſo, Herr Nikolaus, daß ich Euch den Willkommen⸗ Becher reiche, zum Zeichen der Freude, Euch in Kijow zu ſehn.— Nicht allerdings ſo be⸗ ruhigend waren die Nachrichten, welche der — 166— Ritter uͤberbrachte; bedenkliche Bewegungen war man in der maͤchtigen Stadt Nowogrod gewahr worden, Wſzewolod bemuͤhte ſich ſeine Streitigkeit mit den andern Gliedern ſeines Stammes beizulegen und ein Buͤndniß mit ihnen zu errichten gegen den allgemeinen Feind, und hier und da ging das Gerucht, ſolches ge⸗ ſche nicht ohne Jzaslaw's Mitwiſſen, ja der Großfuͤrſt koͤnne vielleicht geneigt ſeyn, vergan⸗ genes Unrecht auf einen Augenblick zu vergeſſen und ſich des gegenwaͤrtigen Draͤngers zu ent⸗ ledigen; er lehnte daher das ihm dargebotene Trinkgeſchirr ab und verſetzte trocken: Nur an des Koͤnigs Gnaden ergeht der Bericht ſei⸗ nes Feldhauptmanns— und wenn Ihr, hoch⸗ geborner Fuͤrſt, ſo genaue Kunde habt von dem Zuſtande Eures Gebietes, ſo gebuͤhrt es ſich wohl, daß der Lehensherr gleiche empfange und unmittelbar aus dem Munde ſeines Die⸗ ners.— Alſo wirklich?— fragte Boleslaw, dem, ſo beſchäftigt er mit ſeiner Nachbarin ſchien, dennoch dieſes Geſpräch nicht gänzlich entgangen war, und zum zweiten Male war es, als wolle er ſich entfernen, aber die ſchöne Eudora hatte die begonnene Mittheilung noch nicht beendet, ihr bittender Blick hielt ihn zu⸗ ruͤck, und er verließ ſeinen Seſſel nicht. Nach einer Weile wendete er ſich von ihr zu dem Ritter und ſprach froͤhlich— Der Herr Fuͤrſt von Kijow hat ein gutes Wort geredet. Je⸗ des Ding hat ſeine Zeit, die Muͤhe und der Lohn, die Arbeit und die Freude— Laſſen wir das Ernſte auf Morgen.— Ein aͤhnlich Wort— ließ ſich Leontios An⸗ gelos mit tiefer Verneigung hoͤren— Ein ähn⸗ lich Wort ſprach einer der weiſeſten Monar⸗ chen der griechiſchen Vorzeit, jener Philippos von Makedonien, den nur ſein Sohn uͤbertraf, welcher ſeinerſeit wieder uͤbertroffen wird, von Dem, der des Vaters Scharfſinn mit des Sohnes Heldenmuthe verbindet.— Der Koͤnig ſchien, abermals ausſchließlich mit Eudoren beſchaͤftigt, dies letzte Schmeichelwort nicht wahrzunehmen, und auch das Laͤcheln nicht, mit welchem der Byzantiner ſeine zweideutige Anſpielung auf des klugen Philipp's ziemlich unkluge Rede be⸗ gleitete. Nach einer Pauſe aber wandte ſich Boles⸗ law gegen Nikolaus, welcher immer noch vor — 168— ihm ſtand, mit ſtillſchweigender Gebehrde Seſ⸗ ſel und Trunk ablehnend, und ſprach mit ge⸗ runzelter Stirn und im Tone der Erregung: Gefallt es Euch nicht, an der Tafel des Koniges Platz zu nehmen, Herr Schwerttraͤger? Es ſcheinet uns, als waͤre kein Bedenken für Euch, zu thun, was wir nicht verſchmähen? Gehorſam folgte Nikolaus der Einladung des Herrn, wie er fruͤher ſich den Andern verwei⸗ gert, und da er, obwohl ſtreng von Sitten, den⸗ noch wie die Meiſten ſeiner Zeit und ſeines Standes, kein Veraͤchter des Traubenſaftes war, ſo that er dem dargereichten Becher auch ziemlichen Beſcheid. Die Taͤnze hatten wieder begonnen, in uͤp⸗ pigen Windungen ſchwebten die luftigen Ge⸗ ſtalten durch einander, und alle Blicke richteten ſich auf den glanzenden Reigen; nur Herr Strze⸗ mieniec wandte ſein Auge fort und fort ab von dem ſuͤndlichen Schauſpiel, und meiſtentheils dem Trinkgefaͤß zu, welches er Mal fuͤr Mal auf das Wohl ſeiner Hausfrau Malgorzata leerte, gleichſam als ſtille Buͤßung fuͤr den unwill⸗ kuhrlichen Bruch ehelicher Treue und Züchtigkeit. Doch auch auf den Koͤnig richtete er es un⸗ — 169— terweilen, den der Tanz ſo wenig beſchaͤftigte als ihn, doch war es nicht der Becher allein, auf den deſſelben Aufmerkſamkeit ſich richtete, es war vielmehr der Roſenkelch friſcher Lippen, die ſuͤßlaͤchelnd und koſend ihm einen berau⸗ ſchendern Trank boten. So unmuthig dieſe Wahrnehmung den Schwerttraͤger machte, ſo uͤbte doch auch an ihm der Geiſt des Weines ſeine Macht; das Band ſeiner Zunge begann ſich zu loͤſen, und er nahm Theil an dem angeſponnenen Geſprach. Mit Vergnuͤgen ſah der Fuͤrſt von Kijow die Stirne des ernſten Rittersmannes ſich erheitern; er kannte die Strenge ſeiner Grundſaͤtze, er wußte, daß er und ſein Volk in ihm keine Fuͤrſprecher bei dem oberſten Lehensherrn hatten, er befuͤrchtete, ſein ſcharfer und unpartheiiſcher Blick moͤge Manches auf ſeinem Zuge durch das Land wahrgenommen haben, und beſonders, daß ſein Bericht auf den Koͤnig nicht allzu⸗ guͤnſtigen Eindruck machen koͤnnte. Er beſtrebte ſich alſo, das Geſpraͤch auf dieſen Gegenſtand zu bringen, welcher im Geraͤuſche des Mahles dem nur halb aufmerkſamen Boleslaw vorge⸗ tragen, ſchwaͤcher auf ihn wirken mußte, als im einſamen Gemach bei ernſter Berathung. Strzemieniec jedoch entſprach ſeinen Erwartungen nicht, und es ſchien im Gegentheile, als wer⸗ de er wiederum ernſter und kalter. Da ſah der Koͤnig auf ihn und rief heiter: Fuͤrwahr, Ihr ſeyd ein aͤchter Sarmat, Herr Nikolaus. Obſchon Ihr die Gabe des Wein⸗ gottes nicht verſchmäht, ſo vermag ſie Euch doch nicht aus dem gewohnten Gleichgewicht zu bringen, Euer Antlitz bleibt verſchloſſen und Eure Zunge wortkarg. Inzwiſchen moͤgen weder wir Euch deshalb tadeln noch die uns freund⸗ lich lieben Anweſenden.— Ich zeige Euch— fuhr er mit ſteigender Laune fort— ich zeige Euch in dieſem wackern Herrn den treueſten Ehegatten meines Volkes, und die Entfernung von ſeiner Liebe iſt es unſtreitig, was ihn ſo ſtill macht. Und ich muß ihn loben darum, denn unſtreitig iſt des Ritters Gemahl eine der lieblichſten Blumen auf ſarmatiſcher Flur und ſo tugendlich als ſchon. Stoßet mit mir an— fuhr er fort, ſeinen Becher ergreifend— auf das Wohlergehen der edeln uud wohlgebor⸗ nen Frau Malgorzata zu Zembocin.— Niko⸗ laus that ehrerbietig, wie ihm geheißen und — 171— entgegnete: Ich thue Euch Beſcheid, koͤniglicher Herr, und auf das Wohl aller edlen und rei⸗ zenden Frauen und Jungfrauen im Vaterlande, und auf daß wir ſie baldigſt wiederſehen moch⸗ ten.— Trinket Ihr auch darauf, mein al⸗ lerdurchlauchtigſter Herr?— fluͤſterte Eudora dem Koͤnige zu. Dieſer nahm liebkoſend eine der langen Locken, die uͤber die Schulter der jungen Griechin herabfielen, und ſchwieg eine Zeit lang wie in lieblicher Taͤndelei befangen; dann ſagte er halblaͤchelnd: Mein werther Ritter, ſolcher Wunſch iſt gar loblich und fein; dennoch aber moͤchte ich zweifeln, ob alle un⸗ ſere Landesgenoſſen ihn mit Euch theilen. Se⸗ het doch, Herr Schwertträger, ſehet doch den Ritter von Skalmierz— fuhr er fort, auf ei⸗ nen Polen deutend, welcher eben einer der ſchonen Taͤnzerinnen, die ihm einen Becher bot, länger und inniger Dank ſagte, als gerade nothwendig ſchien— Auch er hat ein lieblich Gemahl zu Haus, und es ſcheinet doch, als ob die Sehnſucht nicht allzugewaltig ſey bei ihm.— Der Genannte brach alsbald das be⸗ gonnene Geſprach ab und halb verlegen, halb ſtolz ſich vor dem Koͤnige verneigend, ant⸗ — 12— wortete er: Des Herrn Gebot hat mich in das Ausland berufen, und ſein Beiſpiel heißt mich deſſen Fruͤchte nicht verſchmaͤhen. Ein Anderes iſt es jedoch um den Mann, und um die Frau wieder ein Anderes; darum, wenn ich heimkomme uͤber kurz oder lang in die väterliche Burg, meine ich, werde Frau Chri⸗ ſtine nicht rechten mit mir.— Und Ihr nicht mit Frau Chriſtinen? fragte Adalbert Druzyniec lachend.— Dem hat es nicht Noth— ver⸗ ſicherte Skalmierz unmuthig— unſere Frauen ſind wohlgeborgen daheim unter der Großvater Obhut und unter dem Auge ſtrenger Prieſter. Traͤfe es ſich aber dennoch, daß ſolche Bewahr⸗ ung nicht hinreiche, und es waͤre die Edelfrau zu Skalmierz, auf welche der Leumund auch nur den kleinſten Mackel wuͤrfe, Herr Dru⸗ zyniec, ſo moͤchte— doch was ſoll Eure Fra⸗ ge?— Nichts, werther Herr— verſicherte der junge Edelmann— als daß deren Beant⸗ wortung einen Junggeſellen belehre uͤber die verſchiedenen Rechte des Eheherrn und Fus Gemahls.— Der Koͤnig hatte waͤhrend dieſes kurzen Geſpräches fortgefahren, mit der Griechin zu — 173— koſen, jetzt aber warf er einen ſeltſamen Blick auf den Ritter zu Skalmierz, einen Blick halb mißfaͤllig, halb ſpottend, wie es ſchien, denn erſt die Folgezeit wird dem Leſer die Empfind⸗ ung erklären, welche vielleicht jetzt im Gemuͤ⸗ the des Monarchen aufſtieg; dann rief er dem Druzyniec zu: Mit nichten, Woyciech, moͤget Ihr den Herrn von Skalmierz zum Richter waͤhlen in einer Sache, da er vielleicht auf eine Weiſe Parthei worden oder auf die andere. Wendet Eure Frage an den Schwerttraͤger; ihm ſind wohl die Obliegenheiten des Eheherrn in friſcherm Andenken als ſeinem Vetter, und er mag ſie uns beſſer deuten, mir und Euch, dem Wittwer und dem Junggeſellen. Nikolaus Stirne faltete ſich ein wenig, denn er gedachte der Begebniſſe im Vaterhauſe, und er ſprach mit einigem Nachdruck: Immer und uͤberall iſt Untreue ein ſchlimmer Gaſt am heimiſchen Heerde, und boſe Frucht trägt jeglich Abweichen von der Pflicht; doppelt ſind ſie zu verbannen, wo ein Band, geheiligt durch das Sakrament und Gottes Gebot, den unſteten Sinn feßeln ſoll an eine Einzige, und wohl mir— fuͤgte er mit einem Blick auf den Ritter von Skal⸗ — 174— mierz hinzu— wohl mir, daß Die, welche ich mein nennen kann, auch die Wuͤrdigſte iſt. — Ihr leget gar fein und löblich das Geſetz des Eheſtandes aus, Herr Schwerttraͤger— unterbrach ihn Adalbert— Ihr habet jedoch nicht Beſcheid gethan auf die Frage unſeres koniglichen Herrn, ob man denen nicht etwas mehr zu gut halten moge, die ſolch Band noch nicht geknuͤpft, oder bei denen der Tod es zer⸗ riſſen?— Nikolaus Strzemieniec war ſtreng von Wort und Sitte, doch nicht roh, er wußte ſehr wohl, es tauge nicht uͤberall noch gegen Jeden die Wahrheit unumwunden zu ſagen, und er ent⸗ gegnete alſo minder ernſt: Ich ſagte Euch ſchon fruͤher, Herr Druzyniec, daß man Eu⸗ rer Jugend und Eurem ledigem Stande wohl ein wenig Thorheit nachſehen koͤnnte, was aber Seine Gnaden betrifft— Mein Herr Koͤnig bedarf des Dieners Urtheil nicht, um das zu erkennen, was er nun Jahre lang ſchon ge⸗ uͤbt in angeſtammter Tugend. Zwar hat die Hand Gottes die Frau Wislawa, über welcher ſeine Gnade leuchten moͤge, von der Seite des Gemahles geriſſen; doch, lebt ihm nicht auf der — ——— — 175— Wawelsburg ein bluͤhender Sohn? Tauſend und abermal tauſend Kinder nennen ihn Vater, und Alle hoffen, daß er bald zuruckkehren wer⸗ de mit ungetheiltem Herzen, und ganz derſelbe, der er war, als er ſchied.— Dieſe ſittige und zugleich eindringliche Mahn⸗ ung verfehlte nicht ganz ihres Eindrucks auf Boleslaw. Seine Blicke, bisher meiſt auf Eu⸗ doren geheftet, glitten abwaͤrts, und die Fal⸗ ten des Nachdenkens lagerten ſich auf ſeiner breiten Stirn; da fluͤſterte das griechiſche Maͤdchen mit geſenkten Augen: Und ſind denn allein jenſeit des Bogſtromes Eure Kinder, al⸗ lergnädigſter Herr? Umgiebt Euch nicht auch hier ein Volk, das ſeinen Helden liebt und ſeinen Vater?— Gleichſam erſtarkt durch den Gedanken, den Eudora ihm darbot, verſetzte der König: Ihr hoͤret es, Schwerttraͤger, und weil Ihr in Eurer Rede von haͤuslicher Pflicht uͤbergegangen zur Obliegenheit des Herr⸗ ſchers, ſo laſſet Euch jenes zur Antwort die⸗ nen. Nicht naͤher ſind uns die Bewohner un⸗ ſerer Koͤnigsburg, als die Voͤlker zwiſchen dem Bog und dem Dniepr, und Boleslaw's Herz . — 176— iſt nicht ſo eng, daß es nicht alle ſeine Kin⸗ der umfaße.— Strzemieniec ſprach mit Lebhaftigkeit; Und unterſcheidet der Koͤnig nicht die Einen von den Andern? Gelten ihm Die, welche bereits laͤnger denn zwei Jahrhunderte ſeinem erlauchten Geſchlechte hold und gewaͤrtig gewe⸗ ſen in freiwilligem Gehorſam, nicht mehr als Jene, welche ſeit kurzer Zeit erſt zu ſeiner weiten Hausgenoſſenſchaft getreten, die, fern ſey es von mir, an dieſes hochgebornen Fuͤrſten Dankbarkeit und Treue zu zweifeln gegen ſei⸗ nen Lehenöherrn und Wohlthäter, die, ſage ich, ſolch Band doch nur geſchlungen haben nach langem Widerſtreben und im Drange der Noth? Wayrlich, ſelbſt der Fuͤrſt zu Kijow, ſelbſt die achtbaren ruſſiſchen Maͤnner muͤſſen das Vorrecht den Erſtgeborenen eingeſtehen, und lange, lange Zeit noch muß vergehn, ehe das ihre dem unſern gleicht.— Ein aufmerkſamer Beobachter haͤtte in Jzas⸗ law's verlegenem Lächeln vielleicht den ſtillen Wunſch entdeckt, daß dieſe lange Zeit zur ſehr kurzen werden und die erwaͤhnte Wirkung nie⸗ mals erſcheinen mochte; drauf ſagte er etwas — 177— erregt: Ich fuͤrchte, daß mein Volk ſich nicht eines eifrigen Gonners in dem Herrn Schwert⸗ rraͤger der Krone erfreuen mag, doch hoffe ich, der Koͤnig ſelbſt ſchaut auf uns mit weniger mißfaͤlligem Auge. Er verſchmaͤhet die Huldig⸗ ung Derer nicht, welche Ihr, mein Herr, als Stiefſohne Seiner Gnaden bezeichnet, und wen⸗ det ſich nicht verweigernd von den Opfern der Ehrfurcht, welche die Bewohner mriner Hof⸗ burg und der Stadt Kijow ihm mit treuem Herzen bringen.— „ Nikolaus antwortete ziemlich laut und be⸗ . ſtimmt: Nicht Euch, Herr Fuͤrſt, mag ich, ich wiederhole es, eines andern beſchuldigen, auch nicht Eure Hofſtatt und die Buͤrger zu Kijow nicht, weil Ihr fuͤr ſie einſteht. Nicht uͤberall aber, vergebt es mir, in den Grenzen Eures Gebietes bin ich auf Merkmale der Treue geſtoßen, von welcher Ihr redet. Und ſoll ich Euch meinen Sinn offenbaren, ſo thaͤte daſelbſt wohl einige Wachſamkeit noth, welche hier, wie Ihr verſichert, ſo ganz uͤberfluͤſſig iſt.— Izaslaw ſah ſchnell und verſtohlen auf den Kdͤnig, dann verſetzte er: Sollte dem ſo ſeyn, wie Ihr ſaget, und was der Himmel verhuͤten IMI. 12 —— moͤge, ſo beruht meine Hofſnung und meiner Lande Wohlfahrt doch auf einem ſichern Grun⸗ de. Der koͤnigliche Arm, welcher mich zuruck⸗ gefuͤhrt hat in das Erbtheil meiner Väter, wird mir daſſelbe auch zu erhalten wiſſen.— Das wird er, bei Sankt Adalbert!— rief Boleslaw— Ich erwarte morgen des fruͤheſten Euren Bericht, Herr Strzemieniec, und wenn es denn Gottes Wille iſt, ſo ziehet das Schwert meines Großvaters nun wieder⸗ um aus der Scheide, und wenn es zweimal in das Thor von Kijow gehauen, wird es auch eine tuͤchtige Schmarre in die Pforte von Nowogrod, der ſtolzen Kaufmannſtadt, ſchlagen.— Dazu bedarf es dieſer Waffe nicht, noch Eures Armes, koͤniglicher Herr— entgegnete der Ritter mit beſcheidenem Freimuth— Einer Eurer Feldhauptleute genuͤgt wohl, das Wort zu loſen, welches Ihr dem Herrn Fuͤrſten von Kijow gegeben. Wenn ich aber den Szezer⸗ biec Euch nochmals vortragen ſollte, ſo wuͤrde ich ſeine Schneide nach anderer Gegend wen⸗ den. Es iſt derſelbe, wie Ihr wiſſet, nicht — 179— eine Schlachtwehr allein, auch ein Richt⸗ ſchwert iſt er in den Haͤnden der Könige“ von Polen.— Wenn ich den Sinn Eurer Worte zu deu⸗ ten weiß— ließ Jzaslaw ſich mit ge⸗ ſpannter Wißbegier vernehmen— ſo ſind es nicht die Hinzukoͤmmlinge allein, auch die Erſt⸗ geborenen, die Eure Beſorgniß erregen. Ablehnend ſprach Strzemieniee: Was dieſe Landſtriche betrifft, ſo mochtet Ihr wohl erfahren, was daſelbſt ſich begiebt, ſo Ihr es noch nicht wußtet. Das andere jedoch gehet durch meinen Mund nur zu des Königs Ohr.— Eine allgemeine Stille war im Saale des Feſtes entſtanden, mit gleicher Aufmerkſamkeit horchten Polen und Ruſſen den deutſamen Worten des Schwerttraͤgers, Jzaslaw beobach⸗ tete im Stillen den Koͤnig, Leontivs Angelos unterbrach das zierliche Geſchwätz, welches er bis jett fort und fort an dieſen und ſeine ſchone Landesgenoſſin gerichtet, und Eudora beugte ſich mit zauberiſchem Laͤcheln zu dem gekrönten und hielt ſeine Rechte feſt 12 N — 150— mit beiden zarten Haͤnden umſchloſſen, als fuͤrchte ſie, der Umſtrickte werde ſich nun los⸗ reißen von ihr. Auch geſchah dies in dieſem Au⸗ genblicke. Boleslaw entzog ſich den lieblichen Feßeln, er ſtand auf und ſprach ſchnell: Ihr habt uns alſo in der That nicht unwichtige Kunde zu bringen, Herr Nikolaus?— Er gab ihm einen Wink, ihm zu folgen, und als Jzaslaw ihn ermahnte, ſich des Abends Freude nicht zu ver⸗ kuͤmmern, antwortete er mit gerunzelter Stirn: Mit nichten, Herr von Kijow.— Nicht im⸗ mer mag das Ernſte auf Morgen bleiben, was auch jener macedoniſche Koͤnig geſagt haben mag. Es ſoll nicht heißen, daß Eure Gaſt⸗ freiheit uns die Herrſcherpflicht vernachlaͤſſigen laſſe, die zu uͤben wir gekommen, Euch und allen Getreuen zum Frommen, zum Schrek⸗ ben der Uebertreter. Geſtattet demnach, daß wir dieſem wackern Edelmann und wuͤrdigem Beamten unſeres Reiches ungeſaͤumt Gehoͤr er⸗ theilen.— Der Blick des Königs war ſo flammend, ſeine Stimme ſo gewaltig, er war ſo ganz der fruͤhere Boleslaw, den der Ruſſenfuͤrſt vor ſich ſah, daß dieſer alsbald zuruͤcktrat und mit — 181— beſorgtem Blick den Beiden nachſchante, welche ſich ſchnell in ein Nebengemach entfernten. Das Gebot des Fuͤrſten hatte die Tänzer entfernt, aber die Becher kreisten nicht weniger fleißig, ja es ſchien ſogar als wuͤrden ſie häu⸗ figer noch den anweſenden Sarmaten gereicht, welche begannen, nach dem Zimmer zu hor⸗ chen, in dem des Konigs Stimme Mal fuͤr Mal laut und zornig erklangz zutraulich nä⸗ herten ſich ihnen die ruſſiſchen Bojaren, und bald hatte eine ſchmucke Mundſchenkin wieder das Auge des Herrn von Skalmierz gefeßelt, und die Fluthen des Weins bei den Andern dem Geſchmack den Sieg uͤber den Sinn des Gehöres gewonnen. Fuͤrſt Jzaslaw lehnte in einer Fenſterwoͤlbung, kurz darauf trat Leontios Angelos zu ihm, und ein wenig ſpäter ver⸗ ließ auch Cudora ihren Sitz, und nahm Theil an einer eben ſo leiſen als lebhaften Un⸗ tercedung. In dem anſtoßenden Zimmer war es ein⸗ ſam; es war eine Art Vorhalle, durch welche man in die eigentliche Wohnung des Köoniges gelangte, eine Ampel nur erhellte ſie und we⸗ nig Geraͤth befand ſich daſelbſt. Boleslaw — 182— war vorangegangen mit weitem ungleichen Schritte, ſo daß bei jedem derſelben, das leich⸗ te weite Purpurgewand rauſchte, ihm folgte der ſchwergeruͤſtete Schwerttraͤger langſamer mit drohnendem Tritt.— So ſaget denn an, Herr Rikolaus— ſprach der Fuͤrſt, ſich gegen ihn kehrend, mit finſterer Miene und im Tone der Ungeduld— Seyd Ihr der Ueberbringer ſchlimmer Nachticht, und wie lautet dieſelbe? — Iſt es Eurer Gnaden nicht gefällig, daß wir uns in Euer Geheimzimmer verfuͤgen? Allerdings iſt, was ich zu berichten habe, von Bedeutung und nicht erfreulich. Die Mau⸗ ern fuͤrſtlicher Schloßer haben Ohrenz ich ſollte meinen, dieſelben hörten noch leiſer hier. als in der Burg zu Krakow, und nicht erſprieß⸗ lich wäre es, meines Erachtens, wenn man erhorchte, was beſſer ſo lang ein Geheimniß bliebe als möglich.— Boleslaw war im Begriffe, ſich der ent⸗ gegengeſetzten Thuͤre zu nähern, da drang aus dem Saale der Laut einer weiblichen Stimme heruͤber; er blieb alsbald ſtehen und ſagte mit merklicher Zerſtreuung: Wozu auch, es bedarf der Worte nicht viele von Euch zu dem Ko⸗ 1— nig, und was es auch betreffe, ſo iſt jeglicher Ort gleich, um einen Entſchluß zu faſſen, deſſen augenblickliche Ausfuͤhrung ohnedem die ſpaͤte Nachtzeit verbietet.— In gedraͤngter Kuͤrze berichtete nun Strze⸗ mieniec, was er vernommen von den Krieges⸗ ruͤſtungen in Nowogrod, von der einſtweiligen Ausſohnung des Fuͤrſten Wſzewolod mit ſeinen Vettern, von ſeinem Buͤndniß mit dem aus Kijow vertriebenen Wſzeslaw, und von der Wahrſcheinlichkeit, daß im Kurzen die uneinige Nachkommenſchaft Wolodimer's des Großen, die alten Zwiſtigkeiten beilegend, insgeſammt gegen ihn aufſtehen werde. Dieſer Vortrag ward in der gemeſſenen Weiſe eines Kriegers gehalten, der zwar den Belang ſeiner Kunde begreift, doch nicht, um ihre Wichtigkeit zu er⸗ hoͤhen, eine Gefahr vergroͤßert, die ihm ſelbſt vielleicht nur geringfuͤgig ſcheint. Dem tapfern und ſtolzen Sarmaten gemahnte dieſes Buͤnd⸗ niß der Ruſſenfuͤrſten nur als die letzte An⸗ ſtrengung beſiegter Aufruͤhrer, die zwar uner⸗ wartet ausbrechend, bedenklich werden kann, aber einmal bekannt worden, mit geringer Kraft vereitelt wird. Auch der Konig ver⸗ — 54— nahm das Gehorte höchſt gleichgiltig, ja ſogar unaufmerkſam, ſein Auge war faſt immer nach der Pforte des Saales gewendet, und ein verächtliches Lächeln war das einzige Merk⸗ mal, daß die Worte des Schwertträgers nicht vollig unbeachtet verklungen waren. Auf dieſe Weiſe verſetzte er endlich: Fuͤr⸗ wahr, ſo regen ſich denn die Falken und Gey⸗ er wieder in ihren Neſtern, und es geluͤſtet ſie abermals nach einem Kampfe mit dem Adler? Nun, ſeine Klauen ſind nicht ſtumpf worden, und wie fruͤher wird er auf dieſe Ketzer die Blitze des Vaticans ſchleudern, die der Vater der Chriſtenheit ihm uͤbergeben. Doch iſt bei Eurer Botſchaft weder Eil noch Gefahr, und jene Zuſammenrottung verlohnte die Muͤhe nicht, die geſellige Freude dieſes Abends zu ſtoren.— Auch verlohnt es ſich nicht, daß ſie uns fortan beſchaͤftige. Es möge einer unſerer Heerhaufen den Emporern entgegen ziehen, Wir aber, gedenken an ſo Kleines nicht die eigene Kraft zu wenden, die wir fuͤr größere Dinge aufbehalten. Will jedoch das Glü dem treubruͤchigen Stamm des Faroslaw wohl fuͤr einen fluchtigen Augenblick, wagen ſie es heran zu ziehen gegen Kijow und ſeinen Fuͤrſten, ſo moͤgen ſie die harten Schaͤdel zer⸗ brechen an den feſten Mauern dieſer ſichern Stadt.— Nicht ohne Befremdung hoͤrte Strzemieniec des Gebieters laͤſſige Rede, die ſo ſehr von der Aufwallung verſchieden war, in welcher er vor kaum einer Viertelſtunde noch das Thor von Nowogrod mit einem Schwertſchlage zn ſpren⸗ gen verhieß; die Unterlaſſung eines neuen Feld⸗ zuges in dieſen Landſtrichen ſtimmte indeß gaͤnz⸗ lich mit ſeinen Wuͤnſchen uͤberein, und er ant⸗ wortete Auch ich bin der Meinung meines konig⸗ lichen Herrn, daß ihm ferner nicht anſtehe, Kraft und Zeit, die Wichtigeres in Anſpruch nimmt, an die Schlichtung der Zwiſtigkeiten zu vergeuden, die dieſem Geſchlecht fort und fort wuͤthen zwiſchen Bruder und Bruder, und ſo es auch gelaͤnge, vielleicht ſchlimmen Lohn davon zu tragen. Ein Haufen wackerer Männer reicht hin, wie Ihr geſprochen, die Oftbeſiegten zu bändigen, und ſollte mein Herr mich zu deſſen Haupemann waͤhlen, ſo zweifle ich nicht, ſie fern von Kijow zu halten — 186— mit Gottes und des heiligen Woyciech Huͤlfe. Aber daran zweifle ich— ſetzte er nachdruͤck⸗ licher hinzu, indem der Koͤnig einen Schritt naͤher trat— daran muß ich zweifeln, daß dieſe Stadt, daß die Burg ihres Fuͤrſten fuͤr Euch ein ſo gefahrloſer Aufenthalt ſey, als Ihr wähnet in Eurer Großmuth, und weil ich es nicht glaube, muß ich Eurer Gnaden offen meines Herzens Meinung enthuͤllen als Edel⸗ mann und Beamter der Krone.— Der Koͤnig ſtand einige Minuten ſinnend, dann ſagte er mit gedämpfter Stimme: Re⸗ det deutlicher, Herr Nikolaus; ſchon eher und heut Abend noch, glaub' ich bemerkt zu haben, daß Ihr Argwohn heget gegen unſern fuͤrſtlichen Wirth. Sollte irgend etwas zu Eurem Ohr gelangt ſeyn, was dies Mißtrauen rechtfer⸗ tigt?— Es iſt ein mißlich Ding darum— erwie⸗ derte der Pole bedaͤchtig— eines Mannes Treu und Glauben zu beargwoͤhnen ohne voll⸗ giltigen Beweis, zumal wenn ſolcher ein Fuͤrſt iſt und Ritter. Wohl hab' ich manches Geruͤcht vernommen, des Volkes Leumund in⸗ deß kann nicht Zeugniß ablegen in ſo gewichti⸗ — — 187— ger Sache. Drum ſey es fern von mir, den Lehensmann zu beſchuldigen bei dem Ober⸗ herrn, denn das Wort ſolcher Klage hieße Hochverrath, und den Ueberwieſenen träfe das Beil. So ziemet es mir denn nicht, wo es Leib und Leben gilt, leichtfertig gegen den auf⸗ zutreten, deſſen Brod ich gebrochen, und aus deſſen Becher ich getrunken; Vorſicht aber iſt gut in allen Dingen, und es moͤge genuͤgen, daß ich der Worte gedenke, die Eure Gnaden einſt geſprochen, und in Ruͤckſicht auf denſelben Mann: Gefaͤhrlich iſt es, einem verſoͤhnten Feinde vertrauen, ſagte mein Herr der Koͤnig, und gezwungener Diener Treue iſt wie Glas.— Ich erinnere mich, alſo geredet zu haben— rief Boleslaw unmuthig— doch iſt es anders ſeitdem. Wohl mochten wir uns nur zu hal⸗ ber Treue von dem verſehen, den der Franken⸗ koͤnig kurzlich erſt hintergangen, und zu ver⸗ zeihen war es dem Herrn von Kijow, wenn er juͤngſt dem Verrath und ſchmäͤhlicher Haft entronnen, nicht alſogleich Vertrauen hatte zu Anderer Verheißung. Doch haben wir ſeitdem unſer fuͤrſtlich Wort erfuͤllt, wir haben der — 188— Wohlthaten reichlich Gewicht in die Schale gelegt, und Huͤrfen wohl hoffen, daß ſolches ein verbrecheriſches Geluͤſt uͤberwiege, da wir beſon⸗ ders im Stande ſind, ihm die Furcht hinzu⸗ zufuͤgen und die Waffen eines zahlreichen und wohlgeuͤbten Heeres.— Wohlthat?— fragte der treue Diener ernſt— Seyd Ihr auch gewiß, durchlauchtig⸗ ſter Herr, daß der Begabte als ſolche betrachte, was Ihr ihm erwieſen? Des Menſchen un⸗ genuͤgſam unzufriedener Sinn richtet ſich oft⸗ mals mehr auf das, was er verloren, als auf das Wiedererlangte, und ſtets wird der ſich noch fuͤr beraubt halten, der nur die Haͤlfte des Eigenthumes zuruͤckerhielt. Eine unum⸗ ſchraͤnkte Herrſchaft war es, welche er an Wßze⸗ wolod, ſeinen Bruder, verlor, ein zinsbar Fuͤr⸗ ſtenthum habt Ihr ihm wiedergegeben, Groß⸗ fuͤrſt von Rußland war er, nun iſt er meines⸗ Herrn Statthalter und Vaſall.— Und er wird es bleiben!— rief Boleslaw — ſo wie ſein Vater es dem Meinen ge⸗ weſen?— Daß dem ſo ſey— entgegnete Rikolaus mit Feuer— iſt auch mein Wunſch, wie je⸗ — 189— des Mannes, der ſein Vaterland liebt, und in⸗ ſonders deſſen, der eiferſuͤchtig auf die Ehre der Krone iſt, deren Wuͤrdentraͤger er genannt wird. Jedennoch— ſetzte er zögernd hinzu— jeden⸗ noch duͤnket es mich, als werde dies Band nicht verſtaͤrkt durch Euer Gnaden Verweilen am Hofe des Lehenstraͤgers. Ihr blicket zornig auf mich, Herr und König? Soollte der En⸗ kel des Piaſt mehr Gefallen finden an aus⸗ laͤndiſcher Schmeichelei und byzantiniſch zierlich geſetzter Rede, als an dem einfachen Worte ei⸗ nes polniſchen Edelmannes, an dem wohlge⸗ meinten Rath, zu welchem Ihr ſelbſt mich be⸗ rechtigt, als Ihr mich, obſchon jung von Jah⸗ ren, in die Zahl der Senatoren aufnahmt?— Es iſt hier nicht der Saal der Verſamm⸗ lung— war Boleslaw's Antwort— und nicht uͤber Jegliches haben wir die Senatoren ihre Meinung zu erklaͤren befugt; ſprechet indeß, Manches haͤlt der Koͤnig dem treuen Diener und wackern Kampfgenoſſen zu gut. Eilet Euch aber, denn es iſt ſchon viele Zeit vergangen, ſeitdem wir unſern gaſtfreien Wirth verlaſſen und ſeine muntern Tafelgenoſſen.— — 490— Da ſprach Strzemieniec ſchnell: O moͤchte doch laͤngere Zeit vergehen, moͤchte Euer Fuß ſtatt der Schwelle jenes Saales bald den hei⸗ miſchen Boden betreten!— Als er den wie⸗ derkehrenden Unmuth auf des Gebieters Ant⸗ litze bemerkte, fuhr er mit nachdrucklicher Kurze fort— Wenn der Koͤnig unter ſeinen Treuen fuͤr Augenblicke ſich des Glanzes ſeiner Wuͤrde abthut und er unter ſie tritt, der Erſte unter die Gleichen, ſo mag ſolch Thun, die Liebe zur Pflicht fuͤgend, ihm viele edle Herzen ge⸗ winnen. Ein Anderes iſt es mit Solchen, die widerwillig gehorchen. Die Furcht, ſagte mein erlauchter Herr, nicht die Dankbarkeit all⸗ ein buͤrge ihm fuͤr die Ruſſenlande und ihren Fuͤrſten? Nur die Ehrfurcht kann die Furcht erhalten, und geringer lernt man das Alltägli⸗ che achten.— Wählet Eure Worte beſſer, Schwerttraͤger! — fuhr der Monarch auf, ihn mit ſtolzem feurigen Blick anſchauend— Worin meinet Ihr, habe Euer Konig ſeine Wuͤrde vergeben, worin laͤßt man es an der Ehrfurcht mangeln, die ihm gebuͤhrt? Wahrlich, Herr Strzemie⸗ niec, unterwuͤrfigere Diener haben wir gefunden — 191— unter dieſen Ruſſen, als unter unſerm Adel, welcher uͤbermuͤthig auf eingebildete Rechte, der Majeſtät Thrones oft nur was er muß.— Ihr pabt es geſagt— auntt des Ritters ernſte Gegenrede— Von freien Maͤnnern iſt Eure Gnaden dort umgeben, hier draͤngen tief⸗ gebuͤckte Sklaven ſich um Euch mit knechti⸗ ſchem Wort und Gebehrde. Das iſt es aber nicht, was wir Ehrfurcht nennen daheim, die den Herrn ehrt und den Diener, Beider Ge⸗ rechtſame ſichergruͤndend auf uraltes Herkommen und in weiſer Beſchraͤnkung. Dienſtfertig re⸗ chet Euch Fuͤrſt Jzaslaw den Becher, als be⸗ neide er ſeiner Diener Einem das niedere Ge⸗ ſchaͤft, ſeine Augen haͤngen an den Eurigen, als wolle er in ihnen jeden fluͤchtigen Wunſch leſen, oder jeden aufſteigenden Gedanken, er ſtehet an der Lehne Eures Seſſels mit gebeug⸗ tem Nacken, doch ſtehet er Euch ſehr nah, weit näher als damals, als er, ein Bittender, an den Stufen Eures Thrones erſchien.— Wahrlich— ſagte Boleslaw ein wenig ſpottiſch— Wir ſollten eher vermeinen, daß ein Biſchof zu uns ſpreche, denn ein Ritter, ſo buͤndig und folgerecht iſt Eure Rede. Wie kommt es aber, Herr Strzemieniec, daß ſich Euer Sinnſo urploͤtzlich gewandelt? Keiner der polniſchen Herren war bereitwilliger zu dieſem Zuge als Ihr, und nun, da erſt die Hälfte ge⸗ than, ermuͤdet bereits Euer Dienſteifer?— Damals war es der Ruf der Ehre aus meines Koͤnigs Munde, dem ich freudig folgte — ſprach Strzemieniec— Denn ich wußte, Ihr wuͤrdet uns zum Siege fuͤhren wie im⸗ mer, und Euren Vorvaͤtern gleich, den Glanz Eurer Krone bewahren. Doch nun iſt, wie mir duͤnkt, alles abgethan, nicht zur Hälfte nur, ſondern ganz, und was noch uͤbrig iſt, iſt eines Konigs Muͤhen nicht wuͤrdig. Ja, wenn das Schlachthorn erklingt, da fuͤllt ſein Ton das ganze Herz des Kriegsmannes, und er ziehet ihm nach, nicht ruckwaͤrts noch zur Seite ſchauend oder horchend, nun aber iſt es verſtummt, und weder das Bechergeklingel in Fuͤrſt Jzaslaw's Sälen, noch die Weiſen ſeiner Geiger und Pfeifer moͤgen mich fuͤr die Stimmen betaͤuben, die flehend oder gebieteriſch uns an das andere Ufer des Bogfluſſes ru⸗ fen.—* — 193— Als habe er die abermalige Mahnung zum Aufbruch uͤberhort, ſagte Boleslaw: Ihr ſcheinet dem Herrn von Kijow wenig geneigt; doch duͤrfet Ihr nicht vergeſſen, daß wir ob⸗ ſchon ſein Lehensherr, ein Gaſt ſind in ſeinem Schloße, und daß es ſelbſt koniglicher Anſtand von uns erheiſcht, ſeine Dienſtbeflißenheit ge⸗ buͤhrend und dankbar zu erkennen. Ihr ſeyd ein wackerer Kriegsmann, Nikolaus von Zem⸗ boein, aber ein wenig rauh von Sitte, und wohl moͤchten wir wuͤnſchen, daß unſer Adel empfaͤnglicher werde fuͤr Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft, die das Leben verſchönern, und nachſt dem Kriegsruhme ein Volk hoch ſtellen uͤber die andern.— Meines Erachtens, allerdurchlauchtigſter Herr— entgegnete Strzemieniee mit dem Eifer des Nationalſtolzes— meines Erachtens ſind wir getreue Unterthanen und Diener Eu⸗ rer Gnaden nicht ſo gaͤnzlich fremd im Gebiete der Wiſſenſchaft, daß wir darum Andern nach⸗ ſtehen ſollten. Man treibet Latein in unſern Schulen, und ob ich gleich manch Jahr zuge⸗ bracht an der Hoſſtatt zu Krakow und im Feldlager, iſt mir doch genug davon im Ge⸗ HI. 13 dächtniß geblieben, daß ich in alten Schriften der romiſchen Krieger Thun und Treiben nach⸗ leſen kann zu löblicher Nacheifrung, ſo weit es nemlich dem chriſtkatholiſchen Ritter erlaubt iſt, ein Beiſpiel zu nehmen an blindem Heidenvolk, von dem Gott nichts weiß, ſo wenig als von den baſilianiſchen Ketzern, die hier ihr Weſen treiben. Und mit dem Latein und dem Saͤbel, mein koͤniglicher Herr, iſt es uns immer noch gegluckt, uns unſern Nachbarn verſtändlich zu machen, in Oſt und in Weſt. Was nun aber die Kunſt und Wiſſenſchaft betrifft, welche ich hier wahrgenommen, meine ich, ſie tau⸗ ge ganz und gar nichts fuͤr uns. Was kann uns auch vom Oriente Anderes kommen, als irrig Glauben und thoricht Thun? Hat doch der Herr Gott ſelbſt ihn verſtoßen von ſeinem Angeſichte, und ſeine Kirche aufgerich⸗ tet im Abendlande; ſogar daß er das Grab ſeines Sohnes den ſarazeniſchen Heiden dahin⸗ gegeben aus den Haͤnden der Ketzer, die nicht wuͤrdig ſind, es zu bewachen. Drum mag ich denn nicht läugnen, daß mir ihr ganzes Weſen zuwider iſt, und ich ungern ſehen mag, wie Ihr ſie duldet und ich nicht wohl da ausdauern kann, wo — ſie ſich eindrängen mit ihrem ſuͤndlichen Fratzen⸗ ſpiel und ihrem Wortgeklingel und ſuͤßen Mie⸗ nen, dahinter doch nichts Anderes verborgen iſt als Lug und Trug und ſchnoͤde Hoffahrt.— Redet Ihr von dem Botſchafter des Caeſar Nicephorus? fragte der Koͤnig. Ihr habt es geſagt, mein Herr und Koͤnig; nimmer haͤtte ich erwartet, dieſen glattzuͤngigen Geſellen unter Euren Hausgenoſſen zu finden, und ſo bequem ſich gehabend. Nimmer— fuhr er mit erhoͤhtem Eifer fort— konnte ich glau⸗ ben, daß ein Fremder, ein Ketzer, alſo vieler Freiheit ſich anmaßen duͤrfe im Vorgemache meines Herrn, daß er einen hochgebornen Po⸗ len bei demſelben anmelde und einfuͤhre, und es wollte mir nicht in den Sinn, daß der Schwertträger der Krone eines griechiſchen Kaͤmmerlings beduͤrfe, um vor das Angeſicht des Konigs zu treten, das er ſo oft ungehin⸗ dert im Getöſe der Schlacht erſchaut, oder in der Verſammlung der Senatoren.— Halblächelnd verſetzte Boleslaw: Auch iſt deß wirklich nicht Noth, und immer wird Euer Erſcheinen mir willkommen ſeyn, werther Niko⸗ 138 — 196— laus, ob ich ſchon Eure Stirn etwas minder gefaltet wuͤnſchte, denn jeglich Ding hat ſeine Zeit, der Ernſt und die Freude.— Nach einer kurzen Weile des Nachdenkens, ſprach Strzemieniec mit einem unterdruͤckten Seufzer und etwas beklommen: Wolle Gott, daß die Zeit des Ernſtes wirklich voruͤber ſey und es nun einzig gaͤlte, zu ſingen und zu jubitiren, wie meine Herren Kampfgefaͤhrten allhier zu glauben ſcheinen.—— Er wollte etwas hinzuſetzen, indeß unterbrach ihn Boles⸗ law: Allerdings hat in dem erwaͤhnten Erbieten der byzantiniſche Strator ſich Unziemliches an⸗ gemaßt gegen Euch, doch nehmet Ihr es auch allzu ſtreng. Verſchieden ſind die Sitten der Völker und was Euch als vorlaute Ueberheb⸗ ung gemahnet, gilt vielleicht dort fuͤr ein höf⸗ lich Merkmal der Achtung. Die Gebraͤuche der Oſtroͤmer ſind milder als die unſern, Strze⸗ mieniec, und in jeglichem Fall war es die Ab⸗ ſicht des Botſchafters nicht, Euch zu beleidigen; allzuſehr bin ich von ſeiner Anhaͤnglichkeit an mich uͤberzeugt, als daß er meine werthen — Freunde und vornehmſten Diener gering achten könnte.— Und woher, verzeihe Eure Gnaden einem von den Letztern die Frage; woher ſeyd Ihr der Geſinnung dieſes Fremdlings ſo gewiß worden?— Es war als ob dieſe Erkundigung dem Koͤnige nicht willkommen ſey, er blickte abſeits und ſprach dann zogernd: Wohl iſt de That, die unſerer wartet noch nicht zur Erfuͤllung gediehen und im Schatten des Geheimniſſes reift der Entwurf am beſten, doch bedarf es keines Heimlichhaltens zwiſchen uns und dem Nikolaus von Zemboein. Immer haben wir Euch als einen ehrbaren Edelmann erfunden, Eure Treue makellos, und Euren Arm bereit, ſich zu erheben zur Ehre des Königs und des Vaterlandes. Wiſſet denn, Ihr begehet Un⸗ recht an dem Leontios Angelos. Mit Recht bedauert Ihr, bedauert die ganze Chriſtenheit das große Schisma der Kirche, mit Recht ſehen ihre Vertheidiger dem glorreichen Augen⸗ blick entgegen, da alle Völker, die an den Hei⸗ land der Welt glauben, ſich verſammeln wer⸗ den um den Nachfolger Sankt Petri, eine — 198— Heerde um einen Hirten, und hoffen, daß dann die Heerſcharen des Herrn unter einer Fahne kämpfend den Graͤuel der Verwuͤſtung hinweg⸗ thun werden vom heiligen Grabe. Die mor⸗ genländiſchen Chriſten und die Pilgrime des Oecidentes ſehen aus nach einem Helfer, und an uns ergeht ihre Bitte, die am Ohre des fraͤnkiſchen Heinrichs verklungen.— Haltet Ihr es nun Eures Koͤnigs nicht fuͤr wuͤrdig, daß er dieſem Rufe gehorche; ſoll er den Boten von ſich ſcheuchen, der ihm denſelben uͤberbracht? Ein ſolcher iſt uns Leontios Angelos, die Wor⸗ te, die er redet, ſind an uns gerichtet von ei⸗ nem hohen Haupte chriſtlicher Welt, und die Hand, welche er uns in Ehrfurcht bietet, duͤrfte gar leicht zum Pfande baldiger Vereinigung des Orients und Occidents werden gegen den Erbfeind.— Erſtaunt und mißmnthig verſetzte der Schwert⸗ traͤger: Daß gewaltige Dinge Platz haben auf der Zunge dieſes Griechen, daran hab ich nim⸗ mer gezweifelt, doch hätte ich nicht geglaubt, daß er in der ſchwachen Hand die Schluͤſſel ſo vieler Staͤdte hielte zwiſchen Kijow und Jeruſalem. Einen Schluͤſſel beſitzt er wohl, — 199— wie ich bemerke, den, der Ohr und Herz off⸗ net, denn die Worte, welche ich aus dem Munde meines Herrn und Koͤnigs hoͤre, ſind dieſelben, welche er von ihm auf Schloß Zem⸗ bocin mit gerechtem Mißtrauen vernahm.— Boleslaw blickte finſter auf ihn und herrſchte ihm zu: Was wir fuͤr Recht erkannt, muß auch Recht heißen fuͤr unſere Vaſallen, und wo der Koͤnig gebietet, gehorchet ſchweigend der Ritter. Ihr maßet Euch allzuviel an, Schwert⸗ traͤger— fuͤgte er darauf gemilderter hinzu— doch verzeihen wir vergangener That das un⸗ beſcheidene Wort, denn wir wiſſen, der Strze⸗ mieniec wird nicht zuruͤckbleiben, wenn ſein Herr voranzieht. Das aber wird in kurzer Zeit geſchehen, und ehe noch das Korn reift, ergeht des Sebaſtokrators Aufſorderung an uns, und der Pole wird thun, wie er immer gethan, er wird ſein Pferd beſteigen und den Saͤbel ziehen, zur Ehre Gottes und des Reiches.— Mit beſcheidener Feſtigkeit hatte Nikolaus des Koͤnigs Ungeſtuͤm ertragen, und eben ſo ſprach er jetzt: Als Ritter antworte ich Eu⸗ rer Gnaden; alles fuͤr Koͤnig, Vaterland und Glauben, als Senator jedoch ſage ich, daß erſt erwieſen ſeyn mochte, daß Solchen das Begonnene nicht zum Nachtheil gereiche ſtatt zum Nutzen, als Feldhauptmann bezeuge ich, daß ſolch Unternehmen jetzt nicht Statt finden kann, nicht von hier aus, und daß ein laͤn⸗ ger Verweilen in dieſen Gegenden, dem Koͤnige, dem Reiche, und dem Heere zugleich verderb⸗ lich iſt. Dreifach iſt meine Verpflichtung Eurer Gnaden gegenuͤber, und ſo Gott mir ſeinen Segen giebt, will ich ſie dreifach er⸗ fuͤllen.— Und dreifach habt Ihr ſie verletzt— rief der Koͤnig heftig ergrimmt— denn der Ge⸗ horſam ziemet vor Allen dem Edelmann, Krie⸗ ger und Senator! Ihr weigert Euch das Schwert fuͤr Euren Herrn zu ziehen, leget es denn ab! Gebt Eure Wehr, Nikolaus von Zembocin!— Er ſtreckte hierbei die Hand nach dem Säbel des Kronſchwerttragers aus, um ihn zu ergreifen, dieſer aber trat einen Schritt zuruͤck und ſagte gemeſſen: Es iſt ein alt Geſetz bei den Polen, Herr, daß der Koͤnig keinen Edelmann noch Freien zur Haft bringen — kann, er ſey denn eines Vergehens uͤberwieſen, oder es geſchehe unter den Waffen im oſſenen Kriegsdienſt; am aller wenigſten mag er ſol⸗ ches thun an einem Mitgliede des Senats waͤhrend der Berathung, Ihr wißet, gnaͤdig⸗ ſter Herr, nicht allein Pflichten hat der polni⸗ ſche Adel, er hat auch Rechte, und beiden genug zu thun bin ich geſonnen.— Iſt es— ſetzte er mit uͤberſtromender Empfindung hinzu — iſt es denn wirklich ſo weit gekommen, daß der Koͤnig von Polen in der Ruſſenburg ſeinen Rittern thun will, wie man den Sklaven thut in dieſem Lande, und daß der treueſte Diener verjaͤhrte Vorrechte behaupten muß dem an⸗ gebornen Beſchuͤtzer derſelben gegenuͤber?— Der Koͤnig hatte das alte Adagium der Reichsverfaſſung gehoͤrt und urplotzlich war ſei⸗ ne erhobene Rechte geſunken, er vermochte in⸗ deß nicht dem erwachten Grimme augenblicklich zu gebieten und verſetzte mit duͤrſterm Ernſt: Wohl es ſey, Herr Senator des Reiches, in Kurzem wird unſer Befehl an das Heer ergehen, und Ihr wiſſet, daß nicht Strafe allein, daß auch Schimpf denjenigen trifft, der trotzig oder feig ſich ſeine Pflicht zu erfullen weigert.— — 202— Mein königlicher Gebieter— nahm Niko⸗ laus mit Warme das Wort— wahrlich, ſo wie Ihr ſelbſt eben geſagt, iſt es, Nikolaus von Zemboein wird nicht dahinten bleiben, wo Ehre und Glauben ihm rufen durch Euch— Seyd Ihr aber auch gewiß, daß Jeder Euch ſo wil⸗ lig folgen wird, als er? Nicht mehr iſt das Heer der Polen wie es war, da es aufbrach aus der Heimath, und mit Betruͤbniß glaub' ich bemerkt zu haben, daß ſchlimmes Beiſpiel und fremdlaͤndiſche Sitte Eingang gefunden haben in das Zelt des gemeinen Kriegers, wie — in die Hofſtatt des oberſten Feldherrn.— Boleslaw that einige raſche Gaͤnge durch das Zimmer, dann erwiederte er: Wir wollen annehmen, daß es der Eifer fuͤr unſer und des Polenlandes Beſtes iſt, der Euch reden heißt, Schwerttraͤger, und wir entſchuldigen ihn, wie⸗ wohl Ihr ihn zu weit treibt. Ihr habt Euch unterfangen, einen richtenden Blick auf des Koͤnigs Thun zu werfen, ſo moͤget Ihr denn auch tadeln, mit Recht oder mit Unrecht, was Ihr am Kriegsvolk wahrzunehmen vermeint und ſeinem Beginnen. Doch iſt es nicht billig, — 203— Dem, welcher arbeitet, ſeinen Lohn zu verſagen; viele heiße Tage, viele ſtuͤrmiſche Nächte haben meine Kriegesgefährten durchlebt in der letzten Zeit, drum muß man ihnen nicht verargen, wenn ſie des Daſeins froh werden wollen in der Zeit der Muße, und um deſto ſtaͤrkerer und freudiger werden ſie ſich aufmachen zu neuer Arbeit. Kurz iſt die Ruhe, deren wir hier genießen, Herr Nikolaus, und bald mag das Heerhorn folgen auf Seitenſpiel und Floten. In Muͤhe und Genuß iſt der Menſchen Leben getheilt; gonnet dem Heere die fluͤchtigen Feier⸗ tage, goͤnnet ihm die vergaͤngliche Anſiedelung auf fremdem Boden, denn ſtracklich werden die leichten Huͤtten, die wir uns hier erbaut, abge⸗ brochen werden, und der Ruf der Ehre und des Glaubens, der ja auch Euch heilig iſt, wird er⸗ ſchallen, und alle Sarmaten werden ihm fol⸗ gen wie Ihr, und Jahre werden vielleicht ver⸗ gehen, ehe ſie ins Vaterland heimkehren von abermaligem weiten Zuge.— Von weitem Zuge?— rief der Schwert⸗ trager— Um Gott! nehmet das Wort zuruck, Herr und Koͤnig, das Wort, deß Erfuͤllung Euch in's Verderben ſtuͤrzen wuͤrde und uns!— Nimmer nehmen wir zuruͤck, was wir ge⸗ ſagt— fuhr Boleslaw empor— und dies Wort werdet Ihr an der Spitze des Heeres vernehmen, und wer demſelben dann nicht ge⸗ horſamt, bei Sankt Adalbert, den wird unſer Zorn treffen, ſey er was er wolle, ſey er ein uͤbermuͤthiger Vaſall, oder ein untreuer Freund und Diener!— Er wandte ſich hierauf und ſchritt raſch zur Thuͤre des Saales, Nikolaus aber vertrat ihm eben ſo ſchnell den Weg: Ihr werdet dies Wort nicht ſprechen, mein ehrenwerther Herr und Koͤnig, wenn Ihr ver— nommen, was mir ſchwer auf dem Herzen liegt.— Einen Augenblick noch— raunte er gedämpft aber hoͤchſt eindringlich dem Monar⸗ chen zu, welcher die Hand nach dem Thuͤr⸗ griff ausgeſtreckt hatte— Einen Augenblick nur horet mich an, doch mit Aufmerkſamkeit, denn leiſe nur laͤßt ſich von ſolchen Dingen in dieſen Mauern ſprechen, und wenn Ihr dann noch ausziehen wollet gen Anatolien, Syrten und Jeruſalem, dann mag Polen wei⸗ — 205— nen und Eure alte gute Stadt Krakow, denn ſie haben ihren Vater verloren!— Die ungewohnte Bewegung des ernſtruhi⸗ gen Mannes fiel dem Koͤnige auf; er ſtand, drehte ſich halb nach ihm um und gewahrte mit Befremdung in ſeinen Zuͤgen das Zucken, welches heftige Ruͤhrung oder heftiger Schmerz im maͤnnlichen Antlitz hervorbringen, das wenig gewohnt iſt, ſolche Empfindungen auszudruͤcken. — Ihr habt Euren Bericht noch nicht geen⸗ det, Schwerttraͤger?— fragte er ſchnell— irgend eine unwillkommene Botſchaft lauert noch in Eurem Inneren und tritt unwillkuͤhr⸗ lich auf Euer Angeſicht; ſo ſaget denn ſchnell, was es iſt?— Wahrlich— antwortete Nikolaus mit ge⸗ dampfter Stimme— wahrlich, was ich Eu⸗ rer Gnaden zu verkuͤnden habe, iſt geeignet, den Horer ſo wohl zu erſchuͤttern, als den Ueber⸗ bringer, und doch muͤſſen Beide uͤber ſich wa⸗ chen an dieſem Orte, umgeben von zweideuti⸗ gen Freunden, daß ihre Bewegung ſich nicht verrathe. Nicht— ſetzte er noch leiſer und eben ſo nachdruͤcklich hinzu— Nicht gedenke mein Herr und Koͤnig, fremde Reiche zu er⸗ — 206— obern und die Throne des Morgenlandes zu beſteigen, denn das Vaterland iſt in Gefahr, und es wankt der Thron der Piaſten!— So viele Beiſpiele auch zur damaligen Zeit die Geſchichte bereits aufſtellte von gewalt⸗ ſamen Erſchuͤtterungen eines Staatskorpers, von Emporung der Völker und Umſturz der Throne, ſo waren dergleichen Vorfaͤlle den Jahrbuͤchern Sarmatiens doch noch fremd, und ſeit den fabelhaften Zeiten Lech des Dritten, des Brudermoͤrders, ſeit mehr dénn vierhundert Jahren, welche von deſſen unverbuͤrgter That und Beſtrafung bis auf Boleslaw II. verfloſ⸗ ſen, war nimmer ein Wort ſolchen Inhaltes zu einem Koͤnige von Polen geſprochen wor⸗ den. Auch begriff der Sohn Kazimierz des Wiederherſtellers ſeine Bedeutung nicht augen⸗ blicklich und er ſchaute finſter und fragend auf den Herrn von Zembocin.— Daß ich es ſeyn muß, der dem Konige ſolche Kunde bringt— ſprach dieſer weiter— daß ich ihn nicht allein vor dem Unheil in fremdem Lande warnen, ſondern auch vor Abfall und Buͤrger⸗ krieg in der Heimath! Wenige Stunden vor — 207— Kijow traf auf mich der Eilbote von Petrus Nalencz, des Erzbiſchofs von Gniezno, dem Eu⸗ re Gnaden die Verwaltung des Reiches anver⸗ traut; an mich hatte er ihn abgeſendet, in ge⸗ rechter Furcht, daß ſeine Kunde nicht laut werde in der Burg zu Kijow, und bei ihrem Schall die Untreue das Haupt nicht empor⸗ richte, das jetzt die Furcht danieder haͤlt.— Danach fuhr er auf des Koͤnigs ungeſtuͤme Frage fort zu berichten, wie der Aufruhr vom Fuße des Karpathengebirges ausgehend, uͤber die Ebene ſich verbreitet habe gleich reißenden Berggewäßern und bereits das halbe Reich uͤberſchwemmt, wie die Leibeigenen den abwe⸗ ſenden Herren den Gehorſam aufgeſagt, und an vielen Orten ſchon die wehrloſen Greiſe und die unmuͤndigen Soͤhne des Adels vertrieben, die verlaſſen waren von ihren ritterlichen Söh⸗ nen, Bruͤdern und Vaͤtern. Rings um die Hauptſtadt, ſagte er weiter, tobe der Aufruhr; Prinz Wladislaw Herrmann, des Koͤnigs Bruder, unfähig, den Sturm zu beſchworen, den nur des Herrſchers eigene Gegenwart be⸗ ſchwichtigen konne, ſey entflohen nach ſeiner Veſte zu Plock, Mieczyslaw, den jungen Thron⸗ — 208— erben mit ſich fuͤhrend; der Primas ſelbſt ſtehe im Begriff ihm zu folgen, ſich nicht ſicher haltend in Gniezno, und er flehe den Koͤnig an, auf's ſchleunigſte zuruͤckzukehren.— Doch — ſprach er endlich— doch hat der Himmel nicht den Aufruhr und die bruͤderliche Zwie⸗ tracht allein aus der Schale ſeines Zornes uͤber das Vaterland ergoßen, auch des Uebels Mutter hat er ausgeſendet, die Suͤnde und die Schmach, die ſie begleitende Magd! Die heilige Scham iſt gewichen von den pol⸗ niſchen Frauen und Jungfrauen, niedere Knech⸗ te haben viele von ihnen eingelaſſen in die Burg der Väter in das eheliche Schlafgemach, wenig edle Geſchlechter ſind noch, welche nicht der unauslöſchliche Schimpf getroffen; mit frecher Stirn ziehen die Entarteten einher un⸗ ter den Schaaren der Knechte, der Leibeigene ſitzt an der Tafel des Herrn, und ſeine rohe Fauſt umfaͤngt, ohne daß ſie ſich ſtraͤube, die Hausfrau des Gebieters. Vergebens blieb der Bannſtrahl der Kirche, vergebens der Senato⸗ ren Drohen, des Statthalters Gebot.— Das Recht der Vergeltung ſey es, welches ſie uͤben, ruͤhmen ſich die Treuloſen, vexlaſſen ſeyen ſie und hintangeſetzt von Gatten und Verlobten, und man moͤge nicht fordern, daß ſie daheim in verſchloſſener Klauſe allen Lebensfreuden ent⸗ ſagten, waͤhrend Jene am Dniepr ſchwelgten in fremder Dirnen Umarmung und griechiſchen Luͤſten. Alſo kam ich— endete der Schwert⸗ traͤger die lange leiſe Rede, welche der Koͤnig vernommen, ohne ſie anders, als durch eine Gebehrde der Wuth zu unterbrechen— Alſo kam ich gen Kijow, das Herz mit dieſer Kunde belaſtet— der Raͤnkeſucht fluchend, welche ihren finſtern Entwuͤrfen zu Gunſt die Ehre des polniſchen Adels in der eigenen Hei⸗ math befleckt— ich gelangte zu den Vorwach⸗ ten des Heeres; aus den Zelten ſchallte mir das Gelaͤchter ruſſiſcher Dirnen entgegen und das Toben der Voͤllerei; ich betrat den Hof die⸗ ſer Burg, und gewahrte polniſche Edle ſorg⸗ los zechend und koſend mit dem Geſindel die⸗ ſes Hofes und dieſer gottverhaßten Stadt; ich ſtieg hinauf zu den Gemaͤchern Herrn Boles⸗ law des Zweiten, meines Koͤnigs; an ihrer Pforte trat ein Grieche mir entgegen, geſchmink⸗ ten Angeſichts und in heidniſch wunderlicher Tracht, und er lud mich ein in den Saal zu IM. 14 — 210— treten, zu dem Enkel der Piaſten, und ich wußte nicht, daß ich vor dem Angeſicht mei⸗ nes Herrn ſtand, denn zwiſchen ihm und mir drehten ſich in uͤppigem Tanz hochgeſchuͤrzte Dirnen und leichtfertige Buben.— Der aufgebrachte Monarch war nicht in der Laune, den Tadel, der in dieſer Rede ver⸗ borgen war, zu beherzigen; das Gefuhl jedoch, er ſey nicht ohne Grund, hielt ihn ab, dem unaufgeforderten Mahner ſeinen Zorn fuͤhlen zu laſſen; ſo ließ er ihn ohne Antwort, und heftig im Gemach auf und nieder gehend, that er von Zeit zu Zeit abgebrochene leiſe Fragen an den Schwertträger. Das, was dieſer der fru⸗ hern Schilderung hinzuſetzte, war mit derſelben uͤbereinſtimmend, und um ſie zu ergaͤnzen, reich⸗ te er dem Koͤnige ein Schreiben dar, an die⸗ ſen gerichtet, welches der Bote des Erzbiſchofs ihm uͤbergeben, damit es ungefährdet und un⸗ bemerkt zu ſeiner Beſtimmung gelange. Boleslaw nahm mit einer Gebehrde des Unmuths das Blatt an ſich, und faltete es haſtig auseinander; während des Leſens aber ſchien ihm nach und nach ruhigere Faſſung zu⸗ — 211— ruͤckzukehren, die drohenden Wolken zogen hin⸗ weg von ſeiner Stirn, und ſein Ton war der verachtender Gleichgiltigkeit, als er das Blatt zuſammenlegend, ſprach: Unſtreitig beſtätigt der hochwuͤrdige Nalencz, was ich von Euch vernommen, Herr Nikolaus, ja, er vermeldet noch weit mehr Unheil; aber gerade das Un⸗ glaubliche, das Ungeheuere, was er mir glau⸗ ben machen will, erreget meine Zweifel. Ja, wenn ich ſo meines ehemaligen Schreib- und Zuchtmeiſters wankend geſchnörkelte Zuͤge vor mir ſehe, gedenke ich ſeiner ſelbſt und ſeiner Eigenthuͤmlicheit. Herr Petrus iſt zwar ein kluges und gelahrtes Haupt, und wohl erfähren in den Welthaͤndeln, jedoch nur in Theoria, wie er ſpricht, und ſeinem Muth im Ausuͤben hab' ich von fruͤher Zeit an nicht Sonderliches zugetraut. Wo Worte genuͤgen, da ſind ſolche Herren trefflich an ihrem Platze, die That aber, ſey ſie auch nur gewoͤhnlich, ſcheinet ih⸗ nen rieſengroß.— Wahrlich— verſicherte Strzemieniee— alſo hab' auch ich immer geurtheilt von dem Herrn zu Gniezno, dem der König ſo viel Vertrauen geſchenkt. Er iſt umſichtig und . 14* kennet der Menſchen Sinnen und Thun, auch mag er eben ſo gottſelig ſeyn, denn irgend ein anderer Prieſter, welcher zwar immer gen Him⸗ mel blicket, aber, obſchon der Ruf anders von ihm ſpricht, auch wohl auf der Erden herumſchauet, hier und da zu thun, was ſeines Amtes nicht iſt. Ein weiſer Rath iſt nun wohl der Herr Erzbiſchof, doch meine ich, daß er durch Alter und Stand wenig geeignet iſt, eines heldenmuͤ⸗ thigen Königes Statthalter zu heißen, uͤber ein kriegeriſch unruhiges Volk. Auch hat es mich befremdet, daß Eure Gnaden ihn zu ſolchem erwaͤhlt.— Wirklich?— verſetzte Voleslaw— Es iſt ein alt Sprichwort, daß der Pole nach dem Schaden klug wird, und ſolcher Rathgeber nach geſchehenen Dingen ermangelt es nicht zu Krakow. Es ſcheinet indeß, als hege Herr Petrus eine beſſere Meinung von ſich, als Ihr und vielleicht Andere. Wiewohl viel Verderb⸗ liches ſich zutragt, gedenkt er doch nicht, ſo lautet ſein Schreiben, uns aufzuhalten auf unſerer glorreichen Siegerbahnz eine Abtheilung unſeres Heeres, meint er, wird, im Vaterlande — 213— erſcheinend, alsbald die Ruhe wieder herſtel⸗ len.— Und nicht ſelbſt will mein koniglicher Herr eilen, der bedraͤngten Heimath zu helfen, und die Wuͤrde ſeines Thrones zu erhalten?— So fragte Strzemieniec dringend und er⸗ ſchreckt. Noch bedarf es deſſen nicht, meinen wir. Waͤre die Gefahr ſo dringend, als der Statthalter ſie verkuͤndet, er wuͤrde ſelbſt uns zur ſchleunigſten Heimkehr mahnen. So hat aber der Hochwuͤrdige, welcher immer Behagen gefunden an zierlicher Schrift und Redensart, wohl auch hier ſeine Ga⸗ be geltend gemacht, und vielleicht daneben nicht vergeſſen, daß, je groͤßer er das Unheil dar⸗ ſtellt, je mehr Lobſpruͤche dem werden, welcher es beſchwichtigt. Ihr werdet es erfahren, eine Muͤcke iſt es nur, was einem Kameele gleich im Auge der Furcht erſchien. Der Zuſammen⸗ lauf einiger Kothſaſſen gilt fuͤr allgemeinen Auf⸗ ruhr; einiger leichtfertigen Dirnen Schalkſtrei⸗ che ſollen Sitte und Glauben umſtuͤrzen, und weil ein Haufen Knechte vielleicht ſich hie und da Recht genommen an einem muͤrriſchen — 214— Vogt, ruft man, unſer Thron ſey in Gefahr. Der aber ſteht zu feſt, gelobt ſey Sankt Adal⸗ bert! als daß die Fäaͤuſte ſolch nichtsnutzigen Geſindels ihn umwerfen könnten. Mit tiefem Verdruß gewahrte Strzemieniec den Unterſchied, welchen eine kurze Zeit in Reden und Thun ſeines Herrn hervorgebracht. Er, deſſen einziger Makel ſonſt allzugroße Strenge war in Ausuͤbung der Gerechtigkeit, deſſen Hand fruͤher bei geringem Anlaſſe eben ſo bereitwillig nach dem Schwerte griff, als nach der Schlachtwehr, ſah jetzt, ſich ſelbſt täuſchend, mit Gleichgiltigkeit auf das Wichti⸗ ge, und ſtrebte ſich und Andern ſein Daſeyn zu laͤugnen, damit es ihn nicht ſtöre in unzei⸗ tiger Luſt. Nicht ſo geringfügig iſt, was daheim ſich zutragt, Herr und Koͤnig— antwortete der Erbe von Zembocin— und wenn der Herr von Gniezno aus irgend einem Grunde ſeinen Belang vermindert, ſo hat ſein Bote offen zu mir geredet. Mag er glauben, ohne Euch mit leichter Muͤhe das Uebel zu hemmen, das bei Eurer Anweſenheit nimmer geſchehen wäre, ich glaube es nicht. Zwar, wie ich ſchon betheuert, achte ich des — 215— hochwuͤrdigſten Herrn Gaben hoch— indeß— vergoͤnnet mir, Herr, daß ich Euch ſchlicht und recht meine Gedanken eroffne.— Es ziemt dem Koͤnige, das Scepter zu halten, dem Richter die Wage des Geſetzes, dem Ritter den Saͤbel, dem Prieſter die hochheilige Monſtranz, und ſo Einer griffe nach des Andern Attribut und Werkzeug, moͤchte er weder dieſes, noch des eigenen ſich fuͤglich gebrauchen; darum hat der Herrgott die mannichfaltigen Staͤnde ein⸗ geſetzt in ſeiner Weisheit. Wo aber die Hohen hinaustreten aus den Schranken des ihrigen, thut es ihnen das Volk nach, und es ent⸗ ſtehet eitel Verwirrung, zumal wenn der Erſte von Allen— Vergebet mir, Herr und Koͤnig, aber ich meine, kehrtet Ihr nach Haus zuruck, ſo wuͤrde auch ſtracklich alles Andere zuruͤck⸗ treten in das gewohnte Gleis.— Auch wollen wir thun, wie Ihr ſaget— ließ Boleslaw ſich milder vernehmen— ſo bald es uns nothwendig erſcheint. Ihr habt noch mehr der Kunde in Ruͤckhalt, theilet ſie uns mit nach gewohnter Treu. Vielfach ſind die Pflichten des Herrſchers, und es gebuͤhrt ihm ſie zu erkennen, damit er nicht das — 216— Groͤßere verabſaͤumend, das Kleinere beruckſich⸗ tige.— Mit der Beredſamkeit treuen Eifers wieder⸗ holte Nikolaus Strzemieniec nun, was ihm der Abgeſandte des Erzbiſchofs vielleicht aus eigener Bewegung, den erhaltenen Auftrag uͤberſchreitend, mitgetheilt hatte. Beide ufer des obern Weichſelſtromes ſtanden in vollen Flammen der Empörung, und ſie begannen ſchon nach verſchiedenen Richtungen ſich aus⸗ zubreiten. Mehrere Schloͤßer waren gebrochenz das Landvolk hatte hier und da grauſame Ra⸗ che an Denen genommen, welche es ſeine Be⸗ druͤcker genannt hatte; von ruͤſtigen Vertheidi⸗ gern entbloͤßt, waren die Herrenſitze dem wuͤ⸗ thenden Andrang des Pobels unterlegen; die ritterlichen Greiſe verlaſſen von ihren mannli⸗ chen Sohnen und Enkeln, waren vertrieben oder ermordet, die Voͤgte unter Qualen hingerichtet, und die zuͤgelloſe Schaar ſchaltete mit den Schaͤtzen der Beraubten, mit ihrem Hausge⸗ ſinde und ihren Weibern und Töchtern. Nur allzu wahr befand ſich, was Petrus Nalencz nur fluͤchtig erwähnt hatte; die Beſchimpfung vieler anſehnlichen Geſchlechter, mehre Frauen — und Jungfrauen nannte Nikolaus, die der Scham und dem Stolze ihres Standes abge⸗ ſagt hatten; ſie trugen die edelſten Namen, und als er ſie ausſprach, entbrannte ſeine Wange in der Gluth der Beſchämung. Boleslaw vernahm die unerfreuliche Dar⸗ ſtellung mit wachſendem Ernſt, und endlich rief er aus: So iſt denn das Unheil am toll⸗ ſten in der Gegend der Hauptſtadt; wie kommt es, daß unſer Statthalter die Gegend verlaͤßt, wo die Gefahr ſich befindet, um im fernen Gniezno oder im noch fernern Plock, ſeiner ei⸗ genen Sicherheit die Wohlfahrt des Reiches hintenanſetzt?— Weil er ein alter Mann iſt und geiſtlich — entgegnete der Schwertträger einfach— weil, ob er ſchon des Gegentheils ſich rühmet gegen Eure Gnaden, er doch wohl fuͤhlt, daß ſeine Klugheit und geborgte Wuͤrde da nicht ausreicht, wo es feſten Mannesſinnes und des angeſtammten Herrſchers bedarf. Es gab mir ſein Dienſtmann jedoch noch einen andern Grund an zur Entfernung des Biſchofs. Al⸗ lerdings, ſagte er, ſey das Treiben am heilloſe⸗ — 28— ſten um Krakow, auch ſey der Statthalter dem Volke daſelbſt ſo verhaßt, daß ſein Verweilen ihm unausbleiblich Verderben bereitet haͤtte. Denn, als er heraufgekommen von ſeinem Biſchofſitz, die Stelle im Senat einzunehmen, die mein Herr der Koͤnig ihm angewieſen, und dem bereits begonnenen Unfug zu ſteuern, habe man ihn empfangen mit Fluͤchen und Droh⸗ ungen, ja ſelbſt in der Rathsverſammlung ſey er mit bitterm Vorwurf aufgenommen, und mit dem Anſinnen, daß er ein Amt niederlege, dem er nicht gewachſen ſey und ſtracklich Eure Gnaden aufzufordern, daß Ihr herbeieiltet, das Uebel zu erſticken, das in Eurer Abweſen⸗ heit aufgekeimt ſey unter der läßigen Obhut eines untauglichen Stellvertreters. Bedrohet in der Stadt und draußen, von maͤchtigen Gegnern und aufgebrachtem Pöbel, ſey er dar⸗ auf eilig und in tiefer Vermummung entflo⸗ hen. So lautet der Bericht ſeines Dieners, der ein Edelmann iſt aus der Nachbarſchaft von Proſzowice und mir gar wohl bekannt; ich mag indeß nicht wohl begreifen, wie er mit dem Begehren des Erzbiſchofs uͤberein⸗ ſtimmt, es wolle der Koͤnig nicht abſtehen von — 219— ſeiner glorwuͤrdigen Siegerbahn, und nur vor⸗ waͤrts gehen nach neuen Thronen und Reichen, während daheim das Unheil losgelaſſen iſt, und die ſchwache Hand Herrn Petrus Nalencz, das entfeſſelte Unthier nicht wieder an die Kette zu legen vermag.— Wichtiger iſt, was ich durch Euch erfah⸗ ren— ſprach Boleslaw— als der Inhalt dieſes Schreibens, welches, wie es uns gemahnt, einen Theil der Wahrheit verſchweigt. So lange es nur Leibeigene ſind, die ſich zanken, mag daraus nur geringe Gefahr entſtehen fuͤr das Reich, wo jedoch die Hirten der Volker uneins ſind unter ſich, da iſt es an der Zeit, daß der oberſte Hirt ſelbſt komme und ein Einſehn thue.— Schnell und freudig beſtätigte Nikolaus: Ja, wahrlich, Herr, das iſt es, und bei Eurem Erſcheinen werden die Wogen ſich ebenen, das Ungewitter ſich verziehen, und des Herrgottes Sonne wie ſeit Jahrhunderten wieder uͤber Polen leuchten.— Ihr konnet Recht haben— fuhr der Kö⸗ nig nachdrücklich fort— vielleicht iſt Herr Pe⸗ —— trus der Mann nicht, den wir in ihm zu ſehen glaubten, befangen von dem Vorurtheil, wel⸗ ches dem Schuͤler im Lehrmeiſter gemeiniglich den achten Weltweiſen erblicken läßt. Indeß, er war der Mann unſerer Wahl, und als ſol⸗ cher ſollte er geachtet werden von unſern Un⸗ terthanen und zumal von denen Senatoren, die dem Adel und gemeinen Volk voranleuch⸗ ten ſollen, ein Beiſpiel der Treue und des Ge⸗ horſams. Von maͤchtigen Feinden ſpricht der Erzbiſchof? Traun, wir wären begierig zu wiſſen, welcher maͤchtig ſeyn könnte gegen Den, welchem wir unſere Macht anvertraut und den Feind des Mannes, den der Konig ſeinen Freund genannt. Hat Euch, Herr Schwerttraͤger, jener geſchwätzige Bote daruͤber nichts berichtet?— Nach einiger Zögerung erwiederte Nikolaus: Eure Gnaden wiſſen, daß ich ein unfertiger Ankläger vor dem König ſtehe, und Bedenken trage, Beſchuldigung zu fuͤhren gegen ein er⸗ lauchtes Haupt und vornehmlich gegen einen meiner Mitbruͤder in der Rathöverſammlung des Reiches. Jedennoch, da Eure Frage an mich ergangen, Herr und König, ſo mag ich Euch nicht bergen, daß der Herr von Gniezno Beſchwerde fuͤhrt uͤber den Biſchof zu Kra⸗ kow, und in Dingen, welche, wenn ſie ſich al⸗ ſo verhalten, allerdings die ſtrengſte Ruͤge ver⸗ dienen.— Stanislaw Szczepanowski?— rief der Koͤnig— Eiferſucht, welche ſtatt findet unter den Dienern des Altars, gleich unter den Laien. Der Biſchof iſt ein heiliger Prieſter, obſchon dem Himmel etwas zu ſehr zugewendet und irdiſchen Geſchaͤfts unkundiger, als es wohl ei⸗ nem Senatoren geziemt. Schon eher haben wir etwas bemerkt von der Verfeindung der beiden geiſtlichen Oberhaͤupter unſeres Reiches, und entbrechen uns vor der Hand, ein Urtheil zu faͤllen uͤber eine Zwiſtigkeit, welche ſowohl die Kirche betrifft, deren Diener wir uns nen⸗ nen, als das Reich, deſſen Herr wir ſind. Großen Rufes der Heiligkeit und unſtraͤflichen Wandels genießt der geiſtliche Herr zu Kra⸗ kow in der Chriſtenheit und unter dem Volk. Uns aber liegt es ob, Beiden ihr Recht zu verleihen, dem klugerfahrnen Rath und dem frommen Biſchof. Was iſt Eure Meinung uͤber die Beiden, Herr Nikolaus? Warum zoͤgert Ihr und blickt zur Erde? Habt Ihr Euch doch ein unaufgefordert Wort erlaubt uͤber den König, warum wollet Ihr Euer Ur⸗ theil zuruͤckhalten, wenn es die Unterthanen betrifſt?— Allerdings zoͤgerte Strzemieniec und ant⸗ wortete erſt nach einer Weile: Ihr habt es geſagt, königlicher Herr, heilig nennt das Volk den Biſchof Stanislaw, doch mögt' ich nicht glauben, er habe ſo ſehr den Blick auf den Himmel gerichtet, daß er ihn nicht unterweilen der Erde zuwende. Die Zwiſtigkeiten jedoch, ſeyen ſie von Biſchof zu Biſchof, vom Sena⸗ tor zum Senator, die Unruhen unter dem ge⸗ meinen Volk, ſie waͤren nimmer entſtanden, wenigſtens nimmer laut worden in Eurer Ho⸗ heit Nähe. Waͤhrend die Leibeigenen freche Läſterungen ausſtoßen gegen den König und ſei⸗ ne erſten Diener, ſo ſprach der Edelmann des Erzbiſchofs, während die Aufruͤhrer in frecher Willkuͤhr jede geſetzliche Ordnung umzuſtoßen trachten, iſt ihnen der Name Herrn Stanis⸗ law's ein geheiligter; noch beſudelt mit Blut, eben zuruͤckkehrend von der rauchenden Brand⸗ ſtätte der Schloͤſſer, wallfahrten die mordgieri⸗ — 223— gen Banden gen Piotrowin, und ihr wuͤſtes Jubelgeſchrei verklingt in fromme Litaneien an der Stätte, wo, wie die Sage geht, Herr Szczepanowski den Edelmann des Dorfes von den Todten erweckte; waͤhrend man Allen flucht, ſegnet man ihn, und mehr denn einmal ſoll ſein Erſcheinen die Volkswuth geſaͤnftigt haben in ihrem wildeſten Treiben.— Der Koͤnig ſah finſter vor ſich nieder und ſprach dann: Eure Worte, Strzemieniec, ſind, und in Eurem Munde zumal, den ich nimmer leichtfertig erfunden im Reden, zu gewichtig, um der Deutung zu entbehren, und zu dunkel dennoch, daß ich dieſelbe von Euch nicht for⸗ dere. Habet Ihr etwas gegen den Biſchof, Schwerttrager? Es iſt nicht der König nur, der den Kronbeamten zum Reden auffordert, der Ritter verlangt von dem Ritter, daß er ihm Wahrheit gebe.— Mein hoher Herr— entgegnete Nikolaus — und hätte der Erbherr zu Zemboein Beſchwerde gegen den Biſchof von Krakow zu fuͤhren, ſo wäre zu Solchem hier weder die Zeit noch der Ort. Da jedoch es ſich hier um Wichtigeres — 224— handelt, als um haͤuslichen Verdruß, welcher nicht vor das Ohr des Koͤnigs gehört, ſo mag ich Euch nicht bergen, daß, wenn Herr Sta⸗ niölaw auch nicht, wie der Erzbiſchof meint, das Unheil beguͤnſtigen ſollte, welches jetzt die Heimath bedruckt, er doch gewiſſermaßen e Erzeuger genannt werden kann.— Das iſt ein ſchwer und gewichtig Wort— ſprach der Koͤnig— gegen einen Praͤlaten und hochgeachteten Mann; waͤre es nicht Euer Mund, der es geſprochen, wir wuͤrden es ver⸗ läumderiſch nennen, doch auch von Euch be⸗ gehren wir, daß Ihr es alsbald mit Beweiſen unterſtuͤtzt.— Drauf erwiederte Strzemieniee: Da ſey Gott vor, daß ich als ein Verlaͤumder daſtehe, oder leichtfertiger Angeber vor dem Geringſten im Volk, geſchweige denn vor dem Koͤnig. So geruhe er denn anzuhoͤren, was ich vernommen, und ſein eigen Urtheil moͤge die Wichtigkeit der Kunde beſtimmen. Ein Weib zieht einher an der Spitze der Aufruͤhrer, und mit ihr ein Juͤngling; Beide, das Weib und der Juͤngling ſind mir bekannt, und auch Ihr kennt ſie, Herr Koͤnig. Sie iſt dieſelbe, welche damals ihre Huͤtte zur Zuſammenkunft eroffnet dem Fuͤrſten von Kijow und dem Abgeſandten des Cäſar Au⸗ guſtus; er iſt es, der den Frieden des Konigs bre⸗ chend an der Schwelle des Hauſes das ihm barg, einen ſeiner Reiſigen meuchleriſch ſchlug; ber Beide ſprachen Eure Gnaden das gerechte Blut⸗ urtheil, Beide entriß der Strafe des Todes die Fuͤrbitte des Biſchofs von Krakow.— Der Name Stanislaw Szcepanowöski toͤnt in den Jubelgeſaͤngen des Volkes, und an beiden Ufern der Weichſel ſchon rufen die Aufruͤhrer Olga und Olgierd!— Olgierd und Olga?— wiederholte der Konig ſinnend, dann ſetzte er hinzu: Wirk⸗ lich, ich gedenke der Namen. Mich duͤnkt, alſo war das Weib geheißen, in deſſen Huͤtte man den Byzantiner gefunden mit dem Herrn von Kijow, der uns heute beherbergt. Ja, dem iſt ſo, und Olgierd nannte man mir damals den ſtarrkoͤpfigen Knecht, der den Reiſigen ſchlug im Burgbann Eures Vaters, und deſſen Nak⸗ ken, uͤber dem das Beil ſchwebte, ſich nicht beu⸗ gen wollte vor ſeinem Richter und Konig.— Derſelbe— bekraͤftigte Nikolaus— und er durfte wohl trotzen, wiſſend, es fehle ihm HMI. 15 nicht an mächtigen Fürſprechern bei Eurer Gnaden.— Herr Schwertträger— unterbrach ihn der Monarch ernſt— wir ſollten nicht meinen, daß Ihr deshalb den Biſchof tadeln duͤrftet, oder ſogar uns. Des fronimen Stanislaw Fürbitte und unſere Milde wären eher geeig⸗ net, Euch Zeichen zu ſeyn von ſeiner Anhäng⸗ lichkeit und unſerer Gunſt gegen den Kaſtel⸗ lan von Proſzowice. Wie kommt es aber, daß der Burſch, wie Ihr ſagt, das Land durch⸗ ſtreift, da wir ihn Euerm Vater zu ſtrengem Gewahrſam anheimgeſtellt?— Mit einiger Bitterkeit entgegnete Strzemie⸗ niect: Kaum hatte ſich das Thor von Zem⸗ bocin hinter Eurem reiſigen Geleit zugethan, als ihm die Pforte des Kerkers geöffnet ward. Wohl— ſprach er mit dem Errothen des Un⸗ willens weiter— wohl danke ich Euch, könig⸗ licher Herr, jene Begnadigung, ſo wenig ich Urſach haben mag, mich der Triebfeder der⸗ ſelben zu erfreuen— aber dennoch ziemt es ſich nicht, daß der Schuldige ganz ſtraflos ausgehe und welches auch das Verhaͤltniß ſey zwiſchen dieſem Knecht und dem Herrn 6 * von Zembocin, nimmer haͤtte er ſolch uͤbles Beiſpiel läſſiger Gerechtigkeitpflege gegeben, wäre des eigenen Herzens Wunſch nicht un⸗ terſtuͤtzt worden von dem Biſchof.— Den aber— ſprach der Redende in wachſender Ent⸗ ruͤſtung weiter— den aber jammerte des Kna⸗ ben Abſalom, er wollte den jungen Wolf ein⸗ fuͤhren in die Huͤrde der Kirche, damit er da⸗ ſelbſt zum frommen Lamme werde; da derſelbe aber frei worden, brach er aus, und ſuchte die Bruͤder auf in wilder Bergkluft, und iſt mit ihnen wieder herbeigekommen, daß er des Her⸗ zens ſchlimmes Geluͤſt buͤße. Das aber iſt nicht das Erſte, was er dem gottſeligen Sta⸗ nislaw verdankt; ſeit Jahren ſchon war er der Schirm und der Helfer dieſes Weibes und ih⸗ res Sprößlings, geſchuͤtzt durch ſeine Fuͤrſprache haben Beide geraume Zeit den Frieden unſeres Hauſes geſtört, ſo wie nun Beide durch ſein Wort der Bande ledig, ganzen Landſtrichen Gefahr bringen, wo nicht geſammtem Reich, denn zahlreich iſt der Anhang der ihm folgt, unfehlbar ihm erworben durch der gottver⸗ haßten Mutter Ränke und unheimlich Trei⸗ ben.— 15* —— Vor ſich hin blickend und mit verfinſterter Stirne murmelte Boleslaw in ſich hinein: Die Hand der Gnade nennen ſie das, welche verſoͤhnend in das Schwert der Gerechtigkeit faͤllt, ſo aber Unheil entſteht aus ſolchem Ab⸗ wehren, ſo ziehet ſie ſich zuruͤck und waͤſcht ſich in Unſchuld, und es wird mancherlei ge⸗ redet von den Obliegenheiten eines Dieners des Friedens, dem weltlichen Herrſcher aber bleibt es uͤberlaſſen, dem Uebel zu begegnen, das der Prieſter Einmiſchung herbeizog.— Ich bin— ſagte er dann raſch und laut— ich bin ſehr unzufrieden it Eurem Vater, daß er ei⸗ gener Ruͤckſicht halber die Pflicht eines Rich⸗ ters und Landpflegers in ſolchem Maaße hint⸗ angeſetzt, und faſt geluͤſtet es mich, einmal herbeizukommen und nach dem Rechten zu ſehen bei Geiſtlichen und Laien.— Daran werdet Ihr wohl thun, durchlauch⸗ tiger Herr— betheuerte der Schwerttraͤger— Zwar iſt Herr Severin ein ſtrenger Ehren⸗ mann, und Eure Gnaden mag ſich keines treu⸗ ern Dieners ruͤhmen, aber auch ihn beherrſchet die geiſtliche Gewalt, die heut zu Tage ſo gern ſich in der Welt Haͤndel mengt, und auf ver⸗ ſchiedene Weiſe. Der Eine greift, ausgeruͤſtet mit Klugheit und Wiſſenſchaft, nach dem konig⸗ lichen Szepter, der Andere tritt mit Worten des Friedens auf den ſalbungvollen Lippen in die Schloßer der Edeln und in die Huͤtten der Leibeigenen; ob dort Verwirrung und Noth ent⸗ ſtehe, do hier Zwietracht entkeime aus unbe⸗ rufener Vermittlung, gilt ihnen gleichviel— wenn Jener nur den Ruhm eines ſtaatsklugen Kirchenfuͤrſten erwirbt, und das Volk Dieſen einen Heiligen nennt. In wiefern Herr Pe⸗ trus Nalencz ſolchen Ruf verdienet, mag mein Herr, der Koͤnig, entſcheidt; doch was den Biſchof von Krakow anbelangt, ſo hat derſelbe den Zweck nicht verfehlt, das gemeine Volk nennet ihn ſeinen Fuͤrbitter bei Gott und ſei⸗ nen Beſchuͤtzer auf Erden: mehre Male, heißt es, habe ein Wort von ihm, ja ſein Erſchei⸗ nen allein, die Wuth des Pobels geſänftigt und die ergrimmten Haufen zerſtreut. Ja, waͤhrend die edelſten Namen des Reiches, der geheiligte Name des Koͤnigs ſelbſt, mit raſen⸗ der Laͤſterung begleitet werden von den Emporern, iſt ihnen der des Biſchofs gleich dem eines Heiligen und Wunderthäters.— — 230— So verunglimpfte ein edler Mann den edlern, befangen durch Vorurtheil, aufgereitzt vielleicht durch die argliſtige Mittheilung des erzbiſchöflichen Botſchafters, und die Worte ei⸗ nes wahrlich nicht unreinen Mundes ſollten zum Zauberſpruch werden, der im Laufe der Zeit ungeheuere Begebenheiten heranzubeſchwoö⸗ ren beſtimmt war. So reihet ſich Glied an Glied in der Kette des Uebels, und Severin Strzemieniec's längſt begangener Fehltritt ward zum Erzeuger einer Reihe fluchwuͤrdiger Un⸗ thaten. Des Schwertträgers Worte hatten einen tie⸗ fen und widrigen Eindruck auf Boleslaw's ſtolzen Sinn gemacht; mit unterdruͤckter Stimme ſprach er: Ich liebe die Heiligen unſerer Tage nicht, welche auf offenem Markte dem Pobeltroß predigen, ich mag den Senator nicht loben, den der Aufruhr ſeinen Schirmherrn nennet. So will ich denn unter die Widerſpenſti⸗ gen treten, und unter die, welche ſich un⸗ gebuͤhrliche Anmaßung geſtatten, und ſie ſollen ſehen, daß ich noch ihr Herr bin. Drum ziehen wir denn heim, Nikolaus Strze⸗ mieniec; wir ſind Eurer Meinung, daß es nur unſeres Annäherns beduͤrfe, um daß dieſer tolle Geiſt der Verwirrung wieder in das Dunkel zuruͤckkrieche, aus dem er gekommen, und bald werden wir dem Hrient abermals zueilen, wo uns angenehmere Muͤhe erwartet, das ritterlich lobliche Streben nach Ruhm.— Doch— fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher Nikolaus durch Geberden ſeine Freude uͤber des Koͤnigs Entſchluß dargelegt hatte— doch will es nach ſolchem Bericht beduͤnken, als ſtehe Euer Vaterhaus in Gefahr und ein unrechtmaͤßiger Erbe ſtrecke, kuͤhn geworden durch voruͤbergehendes Gluͤck und gelungene Miſſethat, die Hand nach Eurem Eigenthume aus. Eilet uns denn voran zur Vertheidigung deſſelben, nur wenig iſt hier noch abzuthun, dann folgen wir Euch ſelbſt, und wir hoffen, daß vor unſerer Ankunft ſchon, unſer wacke⸗ rer Schwerttraͤger den Trotz des Geſindels weidlich gedemuͤthigt haben wird. Euer Vater iſt bejahrt, und ein lieblich Ehgemahl wohnet Euch daheim.— Doch Nikolaus ſchuͤttelte den Kopf: Ver⸗ gonnet mir, Herr, daß ich Euren Urlaub nicht — 232— annehme. Malgorzata von Zemboein iſt in keiner Gefahr, denn, was auch das Geruͤcht von Vielen ihres Geſchlechtes verkuͤndet, ihr ſtehen zween ſchuͤtzende Engel zur Seite, fromme Zucht genannt und eheliche Liebe. Herr Severin iſt ein Greis, doch noch ein ruͤſtiger Ritters⸗ mann, der es gar wohl mit ſolchen Strauch⸗ rittern aufnehmen mag, und ſo er auch ein⸗ mal nicht obgeſiegt im Kampfe ſtrenger Pflicht mit anderm Gefuhl, ſo wird doch ſein Herz und ſein Arm ſich wappnen gegen den Un⸗ dankbaren, und kein Strzemieniec wird ſeines Koͤnigs Burgen in Feigheit oder Verrath dem Aufruͤhrer oͤffnen, ſey er auch— ſein leiblicher Sohn. Drum geſtattet, Herr, daß ich bei Euch verweile. Es ziemt dem Kron⸗ beamten nicht, daß er daheim die Feinde von ſeinem Eigenthum treibe und den Koͤnig im fremden Lande zuruͤcklaſſe, umringt von Sol⸗ chen, die geſchmeidiger zwar, aber vielleicht nicht weniger gefaͤhrlich ſind als Jene. So⸗ dann, Ihr habt mich mit hoher Wuͤrde beklei⸗ det und nicht gering iſt mein Anſehen im Heere, und es ſtande zu fuͤrchten, daß meine Entfernung Aufſehn errege, und mehr denn — 233— Einer meinem Beiſpiele folge. Ich kann aber den Gedanken nicht ertragen, Eure Gnaden hier verlaſſen zu wiſſen von Euren treuen Dienern und Eurem Kriegsvolk, in der Mitte dieſer Ruſſen und Griechen.— Nach einigem Sinnen bot Boleslaw dem Ritter die Hand und verſetzte: Wohlan, ſo verweilet denn, werther Kampfgenoß'. Berei⸗ tet, was zur Abreiſe nothwendig iſt, jedoch im Stillen, damit kein ſpähendes Auge unſer Vor⸗ haben allzuzeitig entdecke. Nur im halben Glanze ſchimmert eine angefochtene Krone, und weniger fuͤrchtet man den Lehenöherrn, deſſen angeborene Vaſallen das Haupt frech emporheben. Eine zahlreiche Schaar moͤge je⸗ doch uͤber unſere neuen Freunde wachen, daß uns hier nicht Unglimpf geſchehe, waͤhrend wir dort denſelben rächen.— Der uͤbrige Theil des Heeres ſey geruͤſtet zum Aufbruch, wohin? bleibe Geheimniß, denn mit Recht iſt zu ver⸗ meiden, daß die ſchlimme Kunde aus der Hei⸗ math ſich voreilig verbreite. Jetzt aber kehren wir zuruͤck in den Saal, aus welchem wir bereits allzulang uns entfernten, und verbergen wir unter einer wolkenloſen Stirne, was den König bekuͤmmert und den wackerſten ſeiner Heeresfuͤrſten.— Allerdings fiel bei des Monarchen Eintritt manch lauernder Blick auf ihn, er jedoch ſchritt mit aufgerichtetem Haupte, mit heiterer Miene und ſtolzem, raſchen Gange ſeinem Seſſel an der Tafel zuz er ließ ſich nieder auf demſelben und begann wie vorher dem Becher zuzuſpre⸗ chen, trauliches Geſpraͤch an ſeine ſchone Nach⸗ barin richtend. Der Jungfrau zierliche Lebhaftig⸗ keit war aber entflohen, die wenigen Worte, die ſie entgegnete, entwanden ſich im Tone ſchmerz⸗ licher Ruͤhrung den roſigen Lippen, ihr Blick blieb geſenkt, und von Zeit zu Zeit zerdruckten, wie verſtohlen, ihre Finger eine Thraͤne unter der langen ſeidenen Wimper. Nicht unbe⸗ merkt blieb die plötzliche Veränderung der Chio⸗ tin dem Könige, er ſchien ſie indeß nicht ge⸗ wahren zu wollen, und fuhr fort mit heiterer Rede, bis Fuͤrſt Jzaslaw, der Pflicht des Gaſtgebers eingedenk, mit Beiſpiel und Wort die ziemlich wortkarge Verſammlung aufſor⸗ derte, in die fröhliche Laune des Allerdurch⸗ lauchtigſten einzuſtimmen. Als Dieſer aber im Begriff ſtand, das Gaſtmahl aufzuheben, trat der Ruſſenfuͤrſt zu ihm und ſprach mit gedaͤmpften Lauten: Sehr erfreuet es mich, mein Lehensherr, daß die Heiterkeit, die uns Alle begluckt, nicht ver⸗ ſcheucht worden durch den Bericht des hoch⸗ gebornen Strzemieniec, wie Eure Treuen, ich geſteh' es, einen Augenblick gefuͤrchtet. Und ſo darf ich hoffen, daß keinerlei und Niemand ſich Euer Mißfallen zugezogen in den ruſſiſchen Landen, welche in Euch ihren oberſten Schirm⸗ herrn verehren?—— Boleslaw antwortete ſehr laut: Nicht ganz moͤchten wir bekraͤftigen, was Ihr geſagt, Herr Fuͤrſt von Kijow, nicht völlig ſo guͤnſtig lautet, was wir vernommen, und wenn es nicht vermag unſere Laune zu truͤben, iſt es wahrſcheinlich allzugeringfuͤgig, unſere abſonder⸗ liche Beachtung auf ſich zu ziehen.— Alſo doch?— rief der Fuͤrſt mit der Ge⸗ berde der Betroffenheit— alſo doch befaͤnde ſich in meinem Gebiet nicht Alles, wie es ſoll?— Die kurze Gegenrede lautete: Ihr habt es geſagt, mein Vetter von Kijow.— — 236— So gebietet, König und Herr! Sollen meine Ruſſen aufſitzen und mit Säbel und Pfeilen, die Undankbarkeit der Landesgenoſſen beſtrafen, die die Wohlthat nicht erkennen, welche ihnen durch die Ruͤckkehr des rechtmaͤ⸗ ßigen Herrn geworden iſt, und durch den Schirm der durchlauchtigſten Krone Polen? Denn nach dem, was Eure Hoheit geſagt, ſcheinet es nicht, als wollet Ihr das eigene ſiegreiche Schwert gegen aufruͤhreriſch Geſindel richten.— Vielleicht mit Recht, vielleicht nur befan⸗ gen von dem, was er gehoͤrt, war es dem Koͤnige, als läge in der Rede des Fuͤrſten ein beſonderer Sinn; er faltete die Stirn, und ſagte ſchnell und nachdrücklich: Weder das Eine, noch das Andere. Euer Kriegsvolk, ent⸗ artet durch wilde Streiferei und blutigen Buͤr⸗ gerkrieg, mag jetzt am beßten bewahrt ſeyn in dieſer feſten Stadt und ihrer Umgebung, da⸗ mit es die verlorene Mannszucht gewinne, und bereit ſtehe, dem Heere der Krone als wuͤr⸗ dige Verbuͤndete zu folgen, wenn unſer Ge⸗ bot es aufruft zu großerer That. Solche —,— — 237— aber haben wir in Kurzem vor, und wollen dem Kleinlichen nicht Zeit noch Kraft wid⸗ men Fuͤrſt Jzaslaw verſtummte mit der Miene ehrerbietiger Unterwerfung, unter welcher er indeß große Neugier und Unruh verbarg; laͤngſt hatte er Nachricht erhalten von den krieger⸗ iſchen Bewegungen im Norden des Ruſſen⸗ landes, die Bruͤder und Vettern hatten ihn insgeheim beſchickt, und er denſelben wohl ausweichend, doch nicht abſchlägig Beſcheid ge⸗ geben. Die Erfahrung lehrte ihn, den Bluts⸗ freunden mißtrauen, er ſah mit Widerwillen auf ſeine Abhängigkeit vom Könige und es ſchien ihm am zweckmaͤßigſten, zu veranſtalten, daß die Gegner ſich ſchwaͤchten in wiederholten zweckloſen Kaͤmpfen, während er von der feſten Burg zu Kijow herabſchauend in Si⸗ cherheit den Augenblick wahrnehmen könnte, ſich Beider zu entledigen. Ihm war die zu⸗ nehmende Unordnung im polniſchen Lager nicht entgangen, er ſelbſt hatte dieſen Entwurf, nach dem Rathe des Byzantiners, welcher ſei⸗ nen Schaͤtzen ſo nachtheilig war, befolgt, und ob er gleich auch auf dieſen das Auge des Mißtrauens geheftet hielt, und längſt nicht mehr an eine Huͤlfe des orientaliſchen Reiches glaubte, ſo ſah er doch nicht mit Unzufrieden⸗ heit die Träume des Ehrgeitzes, welche des Strators beredſamer Mund in Boleslaw's Seele hervorrief, Traͤume, die den eigenen Abſichten ſo guͤnſtig waren, und den ſau⸗ romatiſchen Monarchen in den Schlingen feſt hielten, mit welchen argliſtige Staatsklugheit ihn umgeben. Er warf einen Seitenblick auf Leontios Angelos, deſſen Auge aber war niederwärts gerichtet, und kein Zug verrieth ſeine Gedanken. Auch der König war ſinnend ſtehen geblie⸗ ben, plötzlich aber glitt ein ſonderbares Lächeln uͤber ſein bisher ernſtes Angeſicht, er winkte den Herrn von Skalmierz zu ſich heran, und ſprach zu ihm halb gebietend, halb ſpottend: Ihr ſeyd der Meinung, Ritter, daß es einem Kriegsmann wohl zieme, nach gethaner Arbeit der Luſt zu pflegen. Wollet Ihr denn wohl einen Zug unternehmen, daß nach der Ruͤckkehr Euch kurze Entbehrung den Becher der Freude wuͤrze, dem Ihr bisher genug und uͤbergenug — 239— zugeſprochen, alſo, daß er Euch vielleicht ſchon unſchmackhaft worden?— Als der Ritter ſchweigend ſeinen bereitwilli⸗ gen Gehorſam angedeutet, fuhr Boleslaw fort: Wir muͤſſen fuͤrchten, durch ſolch Gebot manch liebliche Jungfrau zu kraͤnken, doch Euch ſelbſt denken wir nicht zu betruͤben durch ſolch au⸗ genblickliche Trennung; ſehet Ihr doch, wie es ſcheinet, dem Wiederſehen des eigenen Ge⸗ mahls mit loͤblicher Gelaſſenheit entgegen.— Herr— antwortete leichtſinnig der Ritter— auch da, wo Eure Gnaden mich hinſenden, wird es wohl an ſchoͤnen Frauenbildern nicht mangeln, deren Anmuth und Pflege ſo wohl thut nach rauher Kriegsarbeit. Was die zier⸗ lichen Jungfrauen zu Kijow anlangt, ſo wer⸗ den ſie ſich zu troͤſten wiſſen unter dem Schutze meiner werthen Herren und Bruͤder; Frau Chriſtina aber iſt wohl aufgehoben bei dem alten Herrn auf Zemboein, auch mag die Verſuchung fern von ihr bleiben, ſind doch die Verſucher ſaͤmmtlich jenſeit des Bugfluſſes, und großentheils allzu befangen in ſuͤßen Banden, um einer ſchlichten polniſchen Edelfrau zu ge⸗ denken.— Dem ſtrengen Sinn des Schwerttragers mißfiel dieſe Rede; der Zuſammenhang, in welchem ſie gewiſſermaßen mit den Begebenhei⸗ ten in der Heimath ſtand, erregte eine Art Bangig⸗ keit in ihm. Boleslaw jedoch ſchien ſie min⸗ der ernſt aufzunehmen, und jenes Laͤcheln zeigte ſich ſtaͤrker wie vorher, als er ſprach: Nun wohl, ſo ruͤſtet“ Euch zur Abfahrt, Herr von Skalmierz, und erſcheinet mit dem Anbruch des morgenden Tages in unſerem Vorgemach, unſere Befehle zu empfangen. Als der Gemahl Frau Chriſtinens ſich zur beſtimmten Zeit einfand, erhielt er die Weiſ⸗ ung, mit einem zahlreichen Haufen am Ufer des Dniepr aufwaͤrts zu ziehen, bei dem erſten Ruf aber nach Kijow zuruͤckzukehren, und daſelbſt, im Fall der Konig ſich entfernt, bis auf weiteres Gebot zu verbleiben. Wohl erfuͤllte Nikolaus Strzemieniec die erhaltenen Auftraͤge gewiſſenhaft und behutſam, alles war zum ſchnellen Aufbruch vorbereitet in der Hofburg und im Lager, der Aufbruch ſelbſt erfolgte jedoch nicht. Unaufhoͤrlich folg⸗ ten Feſte und Gaſtmahle in den Sälen des Schloßes, Boleslaw wohnte ihnen bei, wie immer, doch nicht immer blieb er gleichgiltig gegen den ſtummen Schmerz Eudorens, und auf welche Weiſe er ſie auch getroſtet, kurz, bald vertrockneten die Thraͤnen im Auge der Griechin, und das liebliche Lächeln der Freude und Zaͤrtlichkeit kehrte auf ihre Wangen zu⸗ ruͤck. Immer guͤnſtiger wurden die Ehrfurcht⸗ bezeigungen des Fuͤrſten von Kijow aufgenom⸗ men, immer hoͤher ſtieg der Strator Leontios in der koͤniglichen Gunſt. Der Schwerttraͤger bemerkte alles und ſeine Seele erfuͤllte Betruͤb⸗ niß, denn er ſah die Gefahr um ſich wachſen, waͤhrend immer bangere Ahnung ihn bei der Erinnerung an das Vaterland ergriff. Waͤre er ein Hoͤfling geweſen, haͤtte er die Veraͤnder⸗ ung in des einſt ſo untadeligen Boleslaw Sinnesart genugſam erkannt, ſo wuͤrde er die unlautere Abſicht errathen haben, mit welcher derſelbe den Ritter von Skalmierz entfernte, da er gerade im Begriff ſtand, den Zug nach Polen anzutreten; haͤtte ſeine Sittenlehre ihm geſtattet, guten Zweck durch verwerfliche Mittel zu verfolgen, er haͤtte um dieſen Zug zu be⸗ ſchleunigen, Frau Chriſtinens erwaͤhnt. Zwar IMI. 16 — 242— hatte Adalbert Druzyniec einen ſchärfern Blick in das Innere ſeines Herrn gethan, aber er gefiel ſich allzu wohl in Kijow, um dazu bei⸗ zutragen, daß man es verließe. So ſiegte denn in Boleslaw dem Zweiten uͤbel verſtan⸗ dene Ruhmbegier uͤber Vaterlandsliebe und Königspfticht, der Reiz des Gegenwaͤrtigen uͤber die Erinnerung an das Entfernte, und die fluͤchtige Grille eines Monarchen, die den Gemahl der Frau von Skalmierz der Gefahr, vielleicht dem Tode entgegen geſandt hatte, ging unter in der Leidenſchaft fuͤr Eudoren; eine Leidenſchaft, die ſich ſelbſt nicht mehr be⸗ meiſternd, auch vor den Augen des Hofes und der Welt die letzte Huͤlle abwarf. Immer zahlreicher und geraͤuſchvoller wurden die Luſtbarkeiten der Burg, immer mehr verfiel auch im Polenheere die Mannszucht, wel⸗ che Boleslaw an dem ruſſiſchen Kriegsvolk des innerlich hohnlächelnden Fuͤrſten getadelt hatte, und des Abzuges ward nicht mehr ge⸗ dacht. W. In der großen Halle der Burg Zembocin waren abermals die vornehmen Bewohner der⸗ ſelben verſammelt. Zwar war es ungewohn⸗ lich lebhaft in den Gaͤngen, Kammern, Spei⸗ chern und Ställen des unregelmäßigen Gebäu⸗ des, aber die ſich in dem Saale befanden, ſchienen, die Männer ernſt und wortkarg, die Frauen niedergeſchlagen. Auch deutete das vermehrte Treiben draußen nicht auf ein Ge⸗ ſchaͤft frohlicher Art; Manche liefen mit gewal⸗ tigen Buͤrden von Ruthen und anderm Flecht⸗ werk, den ſandigen Wällen der Burg hin und wieder mehr Feſtigkeit zu verleihen. Dort ſchallten Hammerſchlaͤge auf dem Eiſenwerk des großen Thores, weiterhin waren Andere zu ſehen, belaſtet mit Mundvorrath aller Art, in der Umgegend aufgebracht. In der Ecke des Hofes loderte ein großes Feuer und funkelnd entſpruͤhten dem Amboß, auf welchem verboge⸗ nen Blechhauben und ſchartigen Saͤbeln der ehemalige Glanz und die ehemalige Brauchbar⸗ keit wiedergegeben wurden. Kurz, man ruͤſtete ſich augenſcheinlich auf Zemboein, eine bevor⸗ 16* ſtehende Belagerung auszuhalten. Marek, der Hausmeiſter, und ſein Enkel Georg leiteten dieſe Anſtalten, der Letzte mit allem feurigen Ungeſtuͤm eines jungen Kriegsmannes, welcher ſich des baldigen erſten Kampfes freut, der Greis mit aller Wichtigkeit ſeines Amtes, Lä⸗ ßige aufmunternd, die Unaufmerkſamen ſchel— tend, die Fleißigen mitunter durch widerſpre— chende Aufträge verwirrend. Dabei hielt er jedoch ein Auge des Argwohns auf manche finſtere Miene, auf manche trotzige Geberde ſchlimmer Vorbedeutung gerichtet, ſeinem Ohr entging manch' heimlich Gefluͤſter nicht. Und er trieb alsbald mit harten Worten die aus⸗ einander, die deſſelben pflogen, denn es war eine boͤſe Zeit herangekommen und nicht aller⸗ dings und uͤberall mochte man ſelbſt den Haus⸗ genoſſen vertrauen. Obwohl ein Tag des ho⸗ hen Sommers, war der heutige dennoch truͤb' und unfreundlich; dicke Regenwolken verdeckten die Sonne, gejagt von einem erwachenden Sturm, und von Zeit zu Zeit ihren Inhalt in reichlichen Maſſen herabſendend, theilweiſe die Staubwirbel daͤmpfend, welche der Wind em⸗ porgetrieben, der von den Karpathen kommend, uͤber die Ebene zog und uͤber die Zinnen und Mauern der Burg, wie mit ahnungvollem Geſeufz' und dann hinwegrauſchend durch die bewegten Gipfel des nahen Forſtes. Truͤber indeß noch als draußen, ſchien es in der Seele des Severin Strzemieniec zu ſeyn. Er lag auf einem Ruhebett mit ver⸗ bundenem Bein, denn vor wenig Tagen hatte ein Sturz ſeines Pferdes auf der Jagd ihn nicht ungefaͤhrlich beſchaͤdigt. Seine Stirn war gerunzelt, die ſtarken Brauen hingen tief uͤber die duͤſtern Augen herab und aus dem ſelten nur und widerwillig ſich oͤffnenden Munde draͤngte ſich zwiſchen den Ausrufungen, welche der Schmerz der Verletzung ihm entpreßte, unterweilen das Murren boͤſer Laune, deren Ausbruch vielleicht nur durch die Gegenwart ſeines hochgeachteten Beichtigers gehemmt ward. Reiſefertig ſtand der Biſchof von Krakow an ſeinem Lager, im Begriff, Abſchied zu nehmen. Wohl waren auch des Prälaten Zuͤge ernſt und nachdenklich, doch wohnte immer noch auf ſeiner hohen Stirne die Heiterkeit eines feſten, gottergebenen Gemuͤths, und der gehaltene Ton — 246— ſeiner Rede, ſeine ruhig gemeſſene Geberde, deuteten an, daß er nicht zu den Hirten des Volkes gehore, welche nur bei Sonnenſchein und heiterm Himmel die Heerde zu weiden wiſſen, ſondern auch im Sturm und Unwet⸗ ter, daß er bereit ſey, die Abtruͤnnigen mit ge⸗ waltigem Wort zuruͤck zu rufen, ja, ſelbſt den Arm, bewaffnet mit dem Hirtenſtabe, dem Wolf entgegen zu ſtrecken, welchen ein ſchlimmes Geluͤſt antreiben koͤnnte, die Gelegenheit be⸗ nutzend, ſich mordſuͤchtig den Verirrten zu nähern. In einiger Entfernung befanden ſich die Frauen, wenig und leiſe ſprechend, wie es der Gebrauch ihrem Geſchlecht und Alter in Gegenwart der Maͤnner gebot; Malgorzata, obgleich ihre Augen die Spuren vergoßener Thraänen trugen, ſchien dennoch die eigene Bekuͤmmerniß der vermehrten Pflicht einer Hausgebieterin hintanzuſetzen, welche der Au⸗ genblick ihr auferlegte. Sie gab dem ab und zu gehenden Hausmeiſter leiſe Auftraͤge, ver⸗ wies die herbeigerufenen Maͤgde zu ihrer Pflicht und ging auch unterweilen ſelbſt hinaus, durch eigene Thaͤtigkeit die Veranſtaltungen zu be⸗ leben, welche die Gefahr, die dem Schloße be⸗ vorſtand, nothwendig machte. War ſie aber nun zuruͤckgekommen und fuͤr einen Augenblick geſchaͤftlos, dann uͤberließ ſie ſich in einer entfernten Gegend des Gemachs, im Stillen den bangen Empſindungen ihres Innern. Halb unterdruͤckte Seufzer hoben ihre Bruſt, ſie blickte mit zaͤrtlicher Unruhe auf das ver⸗ duͤſterte Antlitz des Kranken, oder ſie gedachte, die Augen zu Boden ſchlagend, eines noch ge⸗ liebtern fernen Gegenſtandes. Da trat Ilga zu ihr mit freundlichem, troͤſtenden Wort, und es gelang ihr wohl auf einen Augenblick die truͤben Wolken von der Stirne der Schweſter zu verſcheuchen. Ward aber dieſe hinaus ge⸗ rufen, dann trat die Jungfrau an eines der Fenſter des Gemaches und ſchaute hinaus auf das Treiben im Schloßhof, und horchte den Stimmen, welche von dort aus in wirrer Ge⸗ ſchaͤftigkeit ſich durchkreuzend herauf tonten. Agnes, die Verlobte des Himmels, gedachte im ſtillen Gebet des gottlichen Braͤutigams und flehte zu ihm, daß er ſie bald hinwegfuͤhren moͤge in die Brautkammer des Kloſters, aus der argen Welt, wo jetzt die Suͤnde frech ein⸗ her trete und das Aergerniß. Minder geruhig war die Stimmung der Frau von Skalmierz; abwechſelnd uͤberließ ſich die ſchöne Chriſtina der Furcht und dem geberdenreichen Schmerz, bald ſtarrte ſie in die leere Luft vor ſich hin⸗ aus, als hefte ſich der Blick ihres Geiſtes auf etwas, was weit außerhalb ihres Geſichtkrei⸗ ſes gelegen ſey, und dann uͤberzogen, gleich wie die Landſchaft an einem ſtuͤrmiſchen Fruͤhling⸗ tag, ihr liebreizend Angeſicht Mal fuͤr Mal die Sonnenblicke der Hoffnung und die Ge⸗ woͤlke der Ungeduld und des Verzagens. So wollet denn Ihr hinaus, hochwuͤrdiger Herr— ſprach der Kaſtellan von Proſzowice zum Biſchof— Ihr wollet hinaus in Regen und Wind und vielleicht Schlimmerem noch ent⸗ gegen? Zwar— fuhr er leiſer ſprechend fort — zwar mag ich Euch's nicht verargen, wenn Ihr von dem Schmerzenlager Eures unwuͤr⸗ digen Beichtſohns ſcheidet, um Andern das Heil und den Frieden zu ſpenden, welche ſelbſt Euer gottgeweihter Mund meiner belaſteten Seele nicht zu gewaͤhren vermag. Doch mag ich es nicht dulden, daß Ihr hinaus zieht, be⸗ vor ich reitende Knechte vorausgeſendet, den — 249— Weg zu erforſchen; denn die Hoͤlle hat ihre Schaaren ausgeſpieen uͤber das Vaterland und ſie ſendet ſie gen Zemboein, dem rechten Ziel— darauf fuͤgt' er noch leiſer und mit knirrſchendem Ingrimm hinzu— iſt doch dies Haus die Wiege des Uebels und ich deſſen Erzeuger, der dem holliſchen Erbfeind getreulich in die Hand gearbeitet zu meines Geſchlechtes Schmach und vielleicht zu des Polenlandes Verderben. Verweilet ein wenig noch, bis ſol⸗ ches geſchehen, damit außer dem Unheil, das, bereits begangen, mich anklagt als ſeinen Ur⸗ heber, nicht noch eine Unthat um Rache ſchreit gegen mein graues Haar, ein Frevel begangen an Eurem ehrwuͤrdigen Haupt!— Wenn die Stimme des Biſchofs Reue und Schmerz in ernſten Toͤnen in das Herz des Suͤnders zu gießen wußte, verhaͤrtet und uͤbermuͤthig worden durch langes Gluͤck, ſo ſprach ſie zu dem Reuigen mildere Worte: Maäͤßiget den Selbſtvorwurf— ſagte er zu dem alten Ritter mit ſo gedaͤmpfter Stimme, daß dieſer allein nur ihn vernehmen konnte— und laſſet den Zweifelmuth nicht uͤberhand neh⸗ men in Eurer Seele, denn wie ſtraͤfliche Si⸗ — 250— cherheit der wahren Buße entgegen iſt, ſo iſt es auch das Verzagen an ſich ſelbſt, welches den Blick der Hoffnung vom Himmel abwen⸗ det, der die That nach den Gedanken wägt, nicht nach den Folgen. Und ſo, meine ich, wird derſelbe uns Beiden verzeihen, denn kurz⸗ ſichtig iſt der Menſch und mag kein Glied der Kette uͤberſchauen, in welcher Begebenheit ſich eine Begebenheit reiht außer dem, welches er wiſſentlich oder willenlos erfaßt hat. Auch ich, Herr Severin, auch ich habe die Hand daran gelegt und hoffe, es wird mir nicht angerechnet werden.— Das duͤrfet Ihr hoſſen, Ihr der Gerechte — ſtoöhnte der Kaſtellan— wo aber iſt mei⸗ ne Rechtfertigung? Euch leitete der Geiſt der Liebe, zu rathen, wie Ihr riethet, und zu thun, wie Ihr gethan. Mag auch der Säemann da⸗ fuͤr ſtehen, daß nicht eins ſeiner Koͤrner unter das Unkraut falle und erſtickt werde durch deſſen uͤppigen Wachsthum, ich habe aber bös⸗ lich das Böſe ausgeſtreut und nun, da der Tag der Ernte da iſt, kommt es mir heim. Das iſt eben der Fluch des Böſen, daß es dem Guten ſelbſt ſich geſellend, immer⸗ dar nur Boſes erzeugt. Gehet hinaus, frommer Biſchof, denn der Segen, welcher auf Eurem Haupte ruht, mochte nicht vermoͤgen, das Ur⸗ theil der Verdammniß abzuwenden, welches uͤber Euern alten Freund ausgeſprochen, und das vielleicht in wenig Stunden an ihm voll⸗ zogen wird.— Ihr bekuͤmmert mich, alter ehrenwerther Herr— ſprach der Praͤlat— und Eure Selbſtanklage erweckt in mir manche Stimme des Vorwurfs, die ich mehr denn einmal in einſamen Stunden vernommen. Etwas fuͤhl' ich in mir, der geringſten Diener Gottes einem, etwas von der Freundlichkeit und Langmuth des Heilands, doch vergaß ich, daß mir die Weisheit nicht beiwohnt, die ſeine Beſchluͤſſe leitet und ſelbſt ſchwach, begehrte ich von einem ſchwachen Bruder, wozu ſeine Kraft nicht hin⸗ gereicht, und Gutes zu thun wähnend, habe ich, fuͤrchte ich, das Schlimme gewirkt; doch geht der Herr nicht alſo ſtreng mit ſeinen Knechten in's Gericht, es wird ihnen gemeſſen nach der Kraft, die ihnen verliehen und wo ſolche nicht zureicht, beginnt die Wirkung der göttlichen Gnade. Unſtraͤflich war mein Wille, aufrich⸗ 3 — — 25 t tig Eure Reue. Euch trieb das Vatergefuͤhl, mich die Pflicht des Freundes und Beichtigers. Es ſcheint, als haben wir uns Beide geirrtz wohl iſt es, als ob Verderbliches entſtanden ſey aus unſerm einfachen Streben; hoffen wir zur Barmherzigkeit des Himmels, daß er uns vergebe. Das Uebel iſt nahe— ſetzte er mit lauterer Stimme hinzu— und die irdiſche Huͤlfe fern; flehen wir alſo zu Dem, der im⸗ mer gegenwaͤrtig iſt, daß er es von uns wen⸗ de. Amen. Als der Biſchof ſo geſprochen, brachen Malgorzata und Ilga in ein lautes Weinen aus. Frau Chriſtina that einen Schrei des Entſetzens und Agnes glitt fort und fort ſtill betend von ihrem Seſſel herab auf die Kniee. Der Kaſtellan aber rief ingrimmig: Von Euch wird er es wenden, Ihr Unſchuldigen, Einer aber iſt hier, deß Haupt es nicht verfehlen wird. Doch— ſetzte er hinzu, nach dem Schwerte greifend— noch kann ich mich ihm entgegenſtellen, noch iſt mein Arm ſtark, um es abzuhalten von der Schwelle dieſes Hauſes, und wenn das nicht gelänge, ſo ſchreite es her⸗ — ein uͤber meinen Leichnam und die Kette lang⸗ jähriger Unthaten ende ſich mit Vatermord! Die Gewalt des Schmerzes hatte die letzten Worte dergeſtalt erſtickt, daß ſie nur dem Herrn von Krakow horbar wurden. Die An⸗ ſtrengung Herr Severin's, ſich empor zu richten, war vergeblich und er ſank mit einem leiſen Wehlaut auf ſein Lager zuruck. In demſelben Augenblicke erſchallte von draußen ein vielſtimmiges, lang anhaltendes Geſchrei, gleich darauf ward das große Schloß⸗ thor droͤhnend zugeworfen, das Raſſeln der Ketten und Schlöſſer verkuͤndete, man beveſti⸗ ge es vor nahender Gefahr. Laut ſchreiend flogen die Frauen von ihren Sitzen den Fen⸗ ſtern zu, die Pforte öffnete ſich und Marek, der Hausmeiſter, trat ein. Das Geſicht des Alten war hochgerothet, und ſein Auge, flammend vor Zorn und ver⸗ jaͤhrter Kampfesluſt, irrte im Gemach umher; es fiel auf die verzagenden Weiber, auf das Ruhebett des Herrn und auf Stanislaw Szcze⸗ panowski, der hochaufgerichtet in ruhiger Wuͤr⸗ de an demſelben ſtand, mit erhobenem Finger auf den gänzlich Beſinnungloſen hinweiſend. — 254— Sie ſind da— begann der Alte mit zuruͤckge⸗ haltener, bebender Stimme— ſie ſind da, ringsum auf den Höhen wimmelt es wuͤſt' und ſchwarz, und es ſteht uns ein ſtreng Stuͤnd⸗ lein bevor. So Ihr das Schloß meiden wollt, hochwuͤrdigſter Herr, duͤrft Ihr nicht ſaͤumen, denn ihre Zahl iſt groß und im Kurzen wird Burg Zembocin umzingelt ſein; was ſich dann ergeben wird, weiß Gott und Sanct Adalbert!— Regunglos lag der Kaſtellan, immer lauter weinten die Frauen, der Biſchof aber naͤherte ſich langſam dem Alten: Warum zageſt Du ſo, Du eisgrauer Diener dieſes Hauſes?— ſprach er ermunternd zu ihm— Es iſt doch nicht der erſte Kampf, den Du heut beſtehen ſollſt. Gedenkſt Du nicht deſſen, was Du oftmal erzählt, wie vor mehr als funfzig Jahren die Boͤhmen Burg Zemboein berannten und abzo⸗ gen von ſeinen Mauern, ohne ſie niedergeſtuͤrzt zu haben; noch waltet derſelbe Gott uͤber dem Polenlande und Sanct Adalbert fleht noch zu ihm fuͤr die, welche ihm vertrauen. Gewiß— antwortete Marek ſcheu und eilig— und nicht Sanct Woyciech allein, man⸗ cher fromme Mann noch ſpricht fur dies ſuͤn⸗ dige Land zum Herrgott. Ihr ſeyd unter ih⸗ nen und geſegnet iſt die Stätte, da Ihr weilt. Es iſt aber oftmal der Fluch maͤchtiger als der Segen, und der Heilige, den Ihr genannt, fiel als Maͤrtyrer unter den Beilen der abgöt⸗ tiſchen Preußen. So wollet denn fuͤrder nicht weilen, hier wird es bald nichts gelten als verzweifelnden Kampf um ein ehrliches Grab, damit der Freie nicht des Knechtes Knecht wer⸗ de. Eure Roſſe ſind geſattelt, Herr Biſchof, befehlet Ihr zu reiten? Achtzig Jahre ſind dahingeſtrichen uͤber Deinem Haupte— erwiederte Stanislaw— und noch haſt Du Greis nicht gelernt, des Schickſals Schlaͤge gleichmuͤthig zu ertragen? Wolle jeder, was er kann, und kann er nicht, was vonnothen, deß iſt die Rechenſchaft nicht ſein. Wohlan denn, Alter, thun wir Beide, was wir ſollen. Geh' hinaus, Deine Pflicht zu erfullen, ich erfuͤlle aber bleibend die meine. Mitten in der Heerde iſt des Hirten Platz, wenn der Feind droht. Nicht der Leib allein, auch der Geiſt iſt bedrängt in dieſer verhaͤng⸗ nißvollen Stunde. Geh' hinaus und pflege des Irrdiſchen, ich aber warte des unſterblichen Theils, und wenn uns der Tod trifft in ſol⸗ chem Thun, ſo wird einſt zu uns Beiden ge⸗ ſprochen werden: Eya, Du frommer und ge⸗ treuer Knecht, gehe ein zu Deines Herrn Freude.— Der Hausmeiſter beugte ſich demuͤthig zu den Knieen des Biſchofs, dann richtete er ſich raſch wieder auf und ſagte wie vorher: Dem geſchehe mir, ſo Gott will, und baldigſt, denn hier, mein' ich, der Freude nicht viel mehr zu erleben. Es iſt dies kein ehrlicher, offener Krieg wie jene Boͤhmenfehde es war, ein Krieg zwiſchen Volk und Volk, da man denn ſehen mag, wer der Staͤrkere iſt und den Andern von Burg und Land vertreibt. Was jetzt uͤber uns kommen, iſt die Strafe des Himmels, der uns heimſucht fuͤr unſere Suͤnden, und der Abgrund der Hoͤlle iſt aufgethan, denn nah iſt der Welt Ende. Das ſcheußliche Ge⸗ ſchlecht der Laſter iſt heraufgeſtiegen auf den Erdboden, ihn zu vergiften, und die Erſten unter ihnen fuͤhren ihre Reihen gegen Zembo⸗ — 257— ein, eines fluchwuͤrdigen Baſtards vatermoͤr⸗ deriſcher Frevel, und der Olga Zauberei, der grauſen Hexe, die den Geiſtern der Finſterniß verbuͤndet iſt.— Und— fragte der Praͤlat— und iſt ge⸗ gen die Waffen der Hoͤlle, das Gebet nicht das ſicherſte Schild? Ich hoffe in Demuth, der Herr der Heerſchaaren, der ſo manchmal das Flehen ſeines unwuͤrdigen Dieners erhort hat, wird auch jetzt mich erhoͤren; Der, welcher in die ſchwachen Worte meines Mundes einſt die Kraft legte, dem Tode die bereits gewon⸗ nene Beute zu entreißen, wird ihnen die Macht verleihen, das nahende Verderben abzu⸗ wenden. Doch noch einmal, es iſt bis zum Aeußerſten noch nicht gekommen, da menſchliches Streben fruchtlos geworden, den Wundern des Himmels die Rettung uͤberläßt. Dieſe Mau⸗ ern und Waͤlle ſind nicht ſchwach, genuͤgend iſt die Burg mit allem Bedarf verſehen und darf wohl eine lange Belagerung aushalten, zumal, wenn ein alter wackerer Krieger ſie ver⸗ theidigt. Wohlan denn, eilet hinaus und be⸗ reitet alles zum ernſtlichen Widerſtande.— MI. 1 — 258— Da fragte der Alte bitter: Und mit wem ſoll ich dieſe Burg vertheidigen, deren Gebieter darniederliegt, hart getroffen durch die Hand Gottes, in dem Augenblick der dringendſten Gefahr, damit er ſich nicht dem Unheil wi⸗ derſetzen moͤge, dem Polen dahingegeben iſt, wir aber vor allen Andern? Mit dieſen wei⸗ nenden Weibern etwa— ſetzte er fluſternd hin⸗ zu— oder mit wenigen reiſigen Knechten und einer Schaar widerſpenſtiger Leibeige⸗ nen?— Ihr meinet alſo, Hausmeiſter— fragte Stanislaw raſch— dem Schloßgeſinde nicht ver⸗ trauen zu koͤnnen?— Wer mag auch— lautete die Erwieder⸗ ung— wer mag auch dem Geſtripp in der Ein⸗ zaͤunung vertrauen, daß es ſich nicht entzuͤnde, wenn der Forſt ringsum in Flammen ſteht? Ich fuͤrchte, wenn das Geſchrei des Aufruhrs vor dem Thore ertoͤnt, wird nur allzubereit⸗ willig der Wiederhall innerhalb derſelben ant⸗ worten.— Der Biſchof trat ſichtlich erſchuttert ein wenig abſeits, er warf einen truͤben Blick auf — 259— den immer noch lebloſen Severin und verſank in tiefes Sinnen. Die vorhergegangene Unterredung war zu leiſe gepflogen worden, als daß die vier Frauen des Schloßes ihren Inhalt erfahren haͤtten; Malgorzata und Ilga knieeten am Bette des alten Herrn, bemuͤht, obwohl vergeblich, ihn aus der tiefen Ohnmacht zu ermuntern, die, da ſie nun einmal die Kraft des ſtarken Koͤr⸗ pers gebrochen, ihn mit ehernen Armen um⸗ fangen hielt; Agnes hatte die Haͤnde, in wel⸗ chen der Roſenkranz ruhte, in den Schooß ſin⸗ ken laſſen, und ſchaute unverrüͤckt auf den Praälaten, in traͤumeriſchem Starren, das einem Zuſtande der Verzuͤckung glich. Die Frau von Skalmierz aber, welche fuͤr nichts Sinn hatte, als fuͤr die Gefahr ihrer Lage, und nichts em⸗ pfand, als Furcht, ſie ſelbſt betreffend, fuhr auf von ihrem Seſſel und ſchritt eilig und mit 4 gerungenen Hinden auf den Herrn von Kra⸗ kow zu. Um Gott, Hochwuͤrdigſter, ſprecht, was iſt geſchehen!— rief ſie heftig und ſchluchzend — Jenes alten eiſenveſten Mannes Knie 17* — 260— wanken, und blitzſchnell wechſelt die Farbe auf ſeinem Angeſicht. Auch Euch ſehe ich zum erſten Male bleich und verſtort, und die Ruhe, die von Euch, dem immer Ruhigen, gewichen, erfuͤllt mich mit Entſetzen. Sprecht, ſo iſt denn Alles vorbei, und wir ſind verloren?— Tochter— entgegnete ernſt der Prälat— Keiner iſt verloren, er verliere ſich denn ſelbſt. „Es iſt aber die Stunde der Prufung da, und ſo wollen wir uns ruͤſten, ein Jeglicher auf ſeine Weiſe, daß er in derſelben beſtehe.— O verlaßet uns nicht in dieſem ſchreckli⸗ chen Augenblick— ſchrie Chriſtine, ihn mit jener Angſt umfaſſend, welche in jedem Nahe⸗ ſtehenden einen Retter zu gewahren glaubt, denn nicht der heilige Mann war es, den ſie zuruͤck⸗ halten wollte, nicht der Fuͤrbitter bei dem zuͤr⸗ nenden Himmel, es war ein Menſch mehr in ihrer Nähe. Wer— fuhr ſie fort— wird den Rathloſen rathen, wenn Ihr ſcheidet. Schwer krank liegt der Herr des Schloßes, ſein Sohn iſt fern, und Beider Stelle ver⸗ treten ein achtzigjähriger Greis und ein unbaͤr⸗ tiger Knabe.— — 261—= Unſchluͤßig ſchwieg der Biſchof, Frau Mal⸗ gorzata aber ließ das kraftloſe Haupt des Schwiegers ſanft aus den ſtuͤtzenden Armen auf die Kiſſen gleiten, und naͤherte ſich dem Prie⸗ ſter und ſprach leiſe und traurig: Wohl iſt Eure Gegenwart mir ein Troſt, und Euer Anblick richtet die gebeugte Seele auf— Aber dennoch bitte ich Euch, Hochwuͤrdigſter, daß Ihr ein Haus verlaſſet, uͤber welches der Herr die Ruthe ſeines Zornes ausſtreckt. Nicht uns allein gehort Euer Leben, fuͤr deſſen Erhaltung taglich Tauſende dankbarer Herzen zum Himmel flehen. Ziehet hinaus, daß Ihr ſein nicht ver⸗ luſtig geht in, ach, nur allzu ruchloſem Kam⸗ pfe, erhaltet es dem Vaterlande, daß Gott ihm verzeihen moͤge, Euretwillen, wie er einſt eines einzigen frommen Mannes wegen der Stadt Zoar verzieh. Und Euer Gebet moͤge aus der Ferne uns beiſtehen in der kommenden Noth.— Ja, thuet dem ſo, ehrwuͤrdiger Vater— ſetzte Ilga hinzu, ſeine Hand an ihre Lippen druͤckend— betet fuͤr uns. Ihr ſeyd dem Himmel werth, und er wird die nicht verlaſſen, — 262— welche Ihr ſeiner Fuͤrſorge empfehlet. Wahr⸗ lich, ich zage nicht, es ſcheinet zwar ziemlich dunkel um uns her, doch hoſſe ich auf das Licht eines heitern Tages. Gehet, Herr, ihn fuͤr uns herab zu beten.— Mit einiger Unruhe antwortete Stanislaw: Es iſt vielleicht rathſam, ich gebe Euren Bit⸗ ten Gehoͤr, doch wenn ich von Euch ſcheide, ſo geſchiehet es nicht dem feigen Hirten gleich, der im Unwetter zur ſichern Huͤrde entfleucht, die Lämmer auf der Weide verlaſſend. Ich werde von Euch ſcheiden, ja, doch nicht ab⸗ waͤrts fuͤhren mich meine Schritte, und wenn der Allmächtige ſein Gedeihen nicht verſagt, wird mein Gehen Euch mehr fruchten, als mein Bleiben es kann. Lobet mich nicht— ſagte er weiter, die Hand der Frau von Zembvein faßend— mehr denn Einem liegt mir ob, das Uebel abzuwenden von dieſem Hauſe.— Frau Chriſtine brach in ſchmerzliche Kla⸗ gen aus, und das Gewand des Biſchofs er⸗ greifend, beſchwor ſie ihn, ſie nicht zu verlaſ⸗ ſen. Da erhob Agnes, die bisher ſtumm und unverruͤckt auf den Prieſter geſchaut, ſich lang⸗ ſam von ihrem Sitze. Eben ſo langſam na⸗ hete ſie und ließ ſich vor ihm auf die Kniee nieder. 16 Wie Du geſprochen, Mann Gottes, ſo geſchehe es!— begann ſie feierlich— Nicht wuͤrdig ſind dieſe Mauern, Den zu umſchließen, welcher bald ein Bewohner des Paradieſes ſeyn wird. Ich habe Dich heut Nacht erblickt— fuhr ſie mit ſeltſamen Tone und Geberden fort— und Dein Anſchaun war betruͤbend, und voll Entzuͤckens zugleich. Auf einem lei⸗ chenvollen Felde ſtandeſt Du, Deine Stirn triefte von Blut, und Blut rieſelte durch Dein zerriſſenes Gewand. Deine Wangen waren bleich, nicht wie vorhin, ſondern bleich wie der Tod ſie faͤrbt, ein roſiger Schimmer aber legte ſich uͤber ſie, wie der Abglanz ewiger Freude, Deine Zuͤge waren freundlich und eine Glorie ſchimmerte um Dein Haupt. Auch jetzt bei wachen Sinnen, ſteheſt Du alſo vor mir, Gebenedeyeter des Himmels, und wie ich die Schweſtern im Fleiſch Deine Kniee um⸗ faßen ſehe, ſo ſehe ich im Geiſt Myriaden kommender Geſchlechter, welche die Haͤnde flehend zu Dir emporſtrecken, Du heiliger — 264— Fürbitter der Sarmaten bei Gott! Ziehe denn hinaus und ſcheue Dich nicht, denn uͤber deſ⸗ ſen Haupt die Hand aus den Wolken die glorreiche Märtyrerkrone haͤlt, auf den faͤllt ſie herab, uͤber kurz oder lang, hier oder dort! Ziehe hinaus; wo Du wandelſt, wändelt der Segen, Deine Worte bringen der Erde den Frieden, aus Deinem Blut entſprießen Dir des Himmels unvergängliche Roſen!— Verwundert blickten alle Anweſenden auf die ſtille, gottergebene Jungfrau, die nimmer ſo laut und anhaltend geſprochen; bewegter aber, als Alle, ſchritt der Biſchof auf ſie zu und hob ſie empor vom Boden. Dann trat er ein wenig zuruͤck, richtete Kopf und Auge jen Himmel und bezeichnete ſich mit dem heiligen Kreuz. Endlich, nach einer Weile ſprach er: Fuͤrwahr, es iſt ein ſeltſam und gewichtig Wort, das Ihr zu mir geſprochen, fromme Himmelsbraut, und mag wohl nicht von dieſſeit ſtammen. Auch folge ich ihm, wohin es mich ruft, denn wahr habt Ihr geſagt: uͤberall iſt die Erde des Herrn, und naͤhme man Fluͤgel der Morgenrothe und flöge bis zum äußerſten Meer, doch wuͤrde ſeine Hand uns erreichen! — 265— Ich ſcheide von Euch, ehrbare und gottergebene Frauen, denn alſo ſpricht der Geiſt in mir, den dieſer Jungfrau Rede erweckt. Thut das Eurige, alter Kriegsmann, ich verlaſſe das Haus, der Obhut eines treuen Dieners vertraut, und auch, wenn ich uͤber ſeine Schwelle geſchrit⸗ ten, wird es nicht aller frommen Bewohner baar ſeyn noch thätiger Furbitter bei Gott, denn— — hier zeigte er auf Agnes, Malgorzata und Ilga— denn des alten Freundes Schmer⸗ zenslager umſtehen drei ſeiner Engel, der Glaube, die Liebe und die Hoffnung. So geh ich denn an mein Werk und ſollte heute noch an mir ſich bewähren, was vielleicht dieſer Verlobten des Heilands offenbart worden in einem Geſichte von Oben, ſo geſchehe mir, wie der Wille des Ewigen gebeut!— Seg⸗ nend breitete er ſeine Haͤnde aus uͤber die knieenden Weinenden und ſchritt dann gemeſſe⸗ nen Ganges hinweg mit der Miene der Freu⸗ digkeit und leuchtendem Auge. Als er hernieder geſtiegen war in den Schloßhof, fuͤhrte einer der Diener ihm ſein Saumroß vor; er wies es indeß durch einen Wink zuruͤck und ging davon, uͤber die Zug⸗ — 266— bruͤcke, zu Fuß, ſtill und einfach, gleich einem der Kirchenväter der erſten Zeiten des Chriſten⸗ thums, vor ihm ſein Kreuzträger mit dem heiligen Zeichen, hinter ihm die Prieſter, Kaplaͤne und Diakonen, ſeine Begleiter. Der Leſer erinnert ſich vielleicht noch des Baches, der am Waldſaume hinweg in engem Bette dem entfernten Weichſelfluß zuſtroͤmt, und des ſchmalen Bruͤckchens, das uͤber ihn hinwegfuͤhrt vom Schloße zu dem einſamen Häuschen, welches Hlga einſt bewohnte. Im Angeſicht dieſer Stelle erhebt ſich, vom Forſte bis zum Dorfe fortlaufend, eine Reihe niedri⸗ ger Huͤgel, die gemeiniglich mit Hafer, auch wohl mit Weizen beſaͤet, jetzt keine Halmen, wohl aber noch die Spuren einer gewaltſam vernichteten Ernte trugen. Der hoͤchſte unter ihnen war in dieſen Augenblick mit Menſchen bedeckt, und gewaͤhrte ein ſeltſam verworren Schauſpiel. In weiten Gruppen lagen an ſeinem Fuße um dampfende Feldkeſſel her viele Maͤnner, welche die wollene Kutze als Bauern und Leibeigene bezeichnete, waͤhrend Senſen, Beile, Pflugeiſen, Radhauen und andere Werkzeuge unordentlich in große Haufen auf⸗ gethuͤrmt und hier und da untermiſcht mit Spießen, Schwertern und Keulen, den Be⸗ ſchauer zweifelhaft ließen, ob, was er ſah, ein Feldlager ſey, oder eine Verſammlung von, nach der Arbeit ruhenden Ackerleuten. Mit großer Be⸗ haglichkeit und einiger Gier lagen ſie dem Ge⸗ ſchaͤft des Eſſens ob, ohne daſſelbe durch ab⸗ ſonderliches Reden zu unterbrechen, und außer dem Klappern der holzernen Loͤffel und dem Schlurfen und Kauen war ſelten etwas anderes zu horen, als ein Ausdruck der Zufriedenheit, wenn irgend etwa Einer der zahlreichen Tafel⸗ genoſſen aus dem Keſſel ein beſonders ſchmack⸗ haftes Stuͤck von dem Fleiſch aufgefiſcht hatte, das, ſonſt eine ihnen ziemlich ungewohnte Speiſe, heut den Viehſtaͤllen der benachbarten Edelſitze abgenommen, der alltäglichen Grutze, oder dem Mehlbrei zugefuͤgt war. Mitunter ſpulten ſie auch die anſehnlichen Biſſen hinunter mit gebranntem Waſſer, Meth und truͤbem Bier, welches in großen Faͤſſern um ſie her ſtand. Unfern davon, den Huͤgel ein wenig aufwaͤrts, ward der Anblick kriegeriſcher; zwar aß und trank man hier auch, die Handelnden aber waren ſaͤmmtlich, wie wohl wunderlich — 268— mitunter, doch völlig gewappnet, und Mehrere von ihnen trugen auf ihren Muͤtzen und Blechhauben die Unterſcheidungzeichen, welche wir im Bergthale der Karpathen kennen gelernt haben. Auch war ihre Koſt gewaͤhlter als die der Bauern, ſie beſtand meiſtentheils aus je⸗ nem Gemiſche von geſaͤuertem Kraut und Fleiſchſtuͤcken verſchiedener Gattung von Haus⸗ thieren und Wildpret, das heut zu Tage noch den Namen: das„Eingemachte der Raͤuber“ fuͤhrt,(bigos hultayski) ſchmorend in reichli⸗ chem Speck oder Butter. Getraͤnke beſſerer Art an Branntwein, Bier und Meth, als es den Befreiten zu Theil ward„labte die Gau⸗ men der Befreier, und hin und wieder ging wohl Einer von den Herren mit verziertem Kopfſchmuck irgend einem Faſſe zu, welches aus dem Kellergewolbe eines Schloſſes oder Kloſters an das Tageslicht befördert worden, und erklärte trinkend den Inhalt deſſelben fuͤr köſtlichen Rebenſaft und die Zeiten fur hoͤchſt gluͤckſelig, wo ſo etwas an wackere und freie Männer käme, nicht an Adliche und Monche allein. Auf des Huͤgels Spitze war die Geſellſchaft noch anſehnlicher; hier ſaßen im Kreiſe, und bunte Reihen mit ihren baͤueriſchen Galanen bildend, einige der Edeldirnen, welche einſt als Abgeordnete vor den Maͤnnern des Gebirgs er⸗ ſchienen waren, doch hatte ſich ihre Anzahl vermindert. Mehre von ihnen, deren Vater⸗ haus dem verwuͤſtenden Gange der Emporung nahe gelegen, hatten es in Beſitz genommen unter dem Beiſtand ihrer Verbuͤndeten, und hatten die Schluͤßel gehorſam niedergelegt zu den Fuͤßen des Buhlen und gehabten ſich mit ihm daſelbſt als rechtmaͤßige Gebieter, unbe⸗ kuͤmmert um Vater, Bruͤder oder Gemahl, welche, wie ſie wähnten, ihrer langſt vergeſſen hatten im fremden Lande. In der Mitte die⸗ ſer großen Welt eines wandernden Raͤuber⸗ ſtaates befanden ſich drei Perſonen, die gleich⸗ ſam die Gipfel deſſelben bildeten, wie ſie die hoͤchſte Stelle des Schauplatzes einnahmen. Auch hier uͤberließ man ſich den Freuden der Tafel, ſie waren aber ſo verfeinert, als es Zeitalter und Verhältniſſe geſtatteten. Das junge Huhn, der Sarmaten altes Leibgericht, welches unter dem oft nur angeblichen Namen Ka⸗ — 270— paun auch jetzt noch von ihren Nachkommen beſonders geſchätzt wird, dampfte in feiner Gruͤtze von Krakow, feiſte Lendenbraten bezeug⸗ ten das Recht, welches dem Anfuͤhrer den beßten Theil an jeglicher Beute zuſpricht, der Kopf des hauenden Schweins, der Rehruͤcken, der Ziemer des Hirſches prangten auf der Beiwachttafel, reichlich mit Safran gewuͤrzt, oder mit weit duftendem Knoblauch, und alter Wein von Dalmatien und mitunter auch von den Ufern des Rheins, loͤſchten den Durſt der hoͤchſten Behoͤrde, denn damals waren die Weinberge des nachbarlichen Ungarns noch be⸗ pflanzt mit Gebuͤſch und Dörnicht. Viele ſil⸗ berne, vergoldete und goldene Geſchirre ſah man hier, doch ſo verſchiedener Geſtalt und Arbeit, daß man gar wohl bemerken konnte, ihr Zu⸗ ſammentrefſen an dieſem Orte ſey zufallig; mehre derſelben waren mit Wappenzeichen und Inſchriften bedeckt, und manches anweſende Edelfraͤulein, welches aus demſelben dem töl⸗ piſch dringlichen Geliebten Beſcheid that, er⸗ kannte den Becher, den ſie einſt dem Vater zum Nachttrunk kredenzt. — 271— Die genannten drei Perſonen nahmen we⸗ niger Theil an der allgemeinen Fröhlichkeit, als die Umgebenden; Olgierd, der jugendliche Feldhauptmann der Empoͤrer, ſchaute bald mit unmuthigem Spott auf ſein wunderliches Heer, bald richtete er das Auge auf die Zinnen der Burg Zembocin, und dann loderte eine duͤſtre Flamme in demſelben empor. Und auch Olga ſchien ſinnend, doch ließen die ſteinernen Zuͤge des Antlitzes ungewiß, ob es die Vergangenheit ſey, die ſie beſchaͤftige, oder die Zukunft, und eine ge⸗ wiſſe Gleichgiltigkeit, die in ihrem Weſen ſich ausſprach, deutete an, ſie halte, was ſie um⸗ gab, kaum ihrer Beachtung wuͤrdig und ihr Sinn ſey auf wichtigere Dinge gerichtet. Der Dritte unter ihnen, Borziwoy, war wohl geneigter denn die Beiden andern, ſich der allgemeinen rohen Fröhlichkeit hinzugeben; er uͤberzaͤhlte in Gedanken die bereits gemachte Beute, er ſah mit Zufriedenheit hinuͤber nach dem Schloß, das vor ihm lag und ihm die Hoffnung einer weit reichlichern gewährte, es aͤußerte ſich dieſe gefaͤllige Stimmung jedoch nur in abgebrochenen und unverſtaͤndlichen Worten. Er lag den Freuden der Tafel allzufleißig ob, — 272— um ſie durch unnuͤtze Proben der Beredſam⸗ keit zu unterbrechen, und ein Stuck ſaftigen Wildprets nach dem andern und Becher auf Becher voll feurigen Weines, verſchwan⸗ den unter dem Buͤffelgehoͤrn. Da vernahm man von einer Seite des Huͤgels ein dumpfes Gemurmel; die bisher wacker arbeitenden Loffel der Eſſer ruhten ei⸗ nen Augenblick in dem halbleeren Geſchirr, Ei⸗ nige von ihnen rafften ſich muͤhſam auf aus ihrer bequemen Lage, und ſchauten mit dumpfer Verwunderung auf die Ebene nach Zembocin zu. Die Kriegskunſt war damals in ihrer Kindheit und noch unvollkommener bei dieſem zuſammengerafften Haufen, als bei einem ge⸗ ruͤſteten Kriegsheer damaliger Zeit. Man hatte keine Vorwachten ausgeſtellt; die wenigen Kothſaſſen, denen man ſolche gewiſſermaßen uͤber⸗ tragen, hatten fuͤr gut befunden, ſich den Keſ⸗ ſeln zu naͤhern, fuͤrchtend, es moͤchten den All⸗ zudienſteifrigen von dem leckern Banquet nur die Knochen uͤbrig bleiben, und ſo haͤtte eine Schaar wohlbewaffneter leichter Reiter dem⸗ ſelben fuͤglich ein unerwuͤnſchtes Ende machen koͤnnen. Dergleichen aber gab es damals in — 273— Polen nicht, die Bluͤthe der waffentragenden Mannſchaft war hinweggezogen mit dem Koͤ⸗ nig, nur wenige meiſt bejahrte Reiſige bewahr⸗ ten die Staͤdte und die Sitze der Edlen, und zu ſchwach, dem aufruͤhreriſchen Troß im offe⸗ nen Kampfe die Stirne zu bieten, harrten ſie innerhalb der Mauer des Angriffes, entweder verzagend und bereit zu ſchleuniger Uebergabe, oder entſchloſſen, in ruͤhmlicher Vertheidigung zu ſterben. Auch war es keine Schaar Gewappneter, welche allgemach die Aufmerkſamkeit der An⸗ weſenden auf ſich zog, es war ein Zug, beſtehend nur aus wenigen Perſonen, welche langſam und reihenweis dem Huͤgel zuſchritten. Wohl wehten Fahnen an ſeiner Spitze, es waren aber nicht kriegeriſche, und ſtatt des Schalles der Trompeten ließ ſich der leiſe ſchillernde Klang eines Glockleins vernehmen. Da ſprach Olga zu Olgierd: Schau auf, mein wackerer Sohn! iſt es doch, als komme Deinen ſiegreichen Waffen eine Friedensbotſchaft entgegen?— Wird wenig ausrichten!— fiel Borziwoy ein— ſie müßte denn ein ſtattlich Löſegeld mit⸗ bringen, denn wahrlich nicht um leere Worte zu MI. 18 —* — vernehmen, ſind die freien Maͤnner des Gebirgs herabgeſtiegen in die Ebene. Meinet Ihr?— wandte Hlgierd ein— vielleicht mein' auch ich es, ich will indeß zuvor den Inhalt ihrer Sendung anhoͤren und dann beſchließen, was geſchehen ſoll, und was nicht.— Der karpa⸗ thiſche Haͤuptling warf einen finſtern Blick auf den, der ſo gebieteriſch zu ihm ſprach, und ertraͤnkte den aufſteigenden Verdruß in einem tuͤchtigen Zuge aus dem Pokal. Und wie der Zug naͤher heran kam, ſtan⸗ den nach und nach die Leibeigenen auf vom Boden und entbloͤßten ihre Haͤupter, denn die Paniere, die man geſehen, waren Kirchen⸗ fahnen, zu beiden Seiten des Kreuzes getragen, und ein Meßner ſchwang das Glbiktelt, deſſen Laut zu ihren Ohren drang. Olga aber wendete ſich zu ihrem Sohne und raunte ihm zu: Es ſind Prieſter, welche heran kommen, und, ſo mich mein Auge nicht truͤgt, ſchreitet an ihrer Spitze der Biſchof von Krakow.— Er ſey willkom⸗ men!— rief Jener, indem er den Becher, den er bisher achtlos und ungebraucht in der Hand gehalten, auf die Breter ſtampfte, wel⸗ che uͤber Klötze gelegt, ihnen zur Tafel dien⸗ ten— hab' ich doch noch eine Rechnung ab⸗ zuthun mit dem hochwuͤrdigen Herrn und es iſt mir erfreulich, daß er ſelbſt kommt, ſie zu berichtigen.— Sothane Rechnung— meinte Borziwoy— duͤrfte meines Erachtens nach am fuͤglichſten in baarer Muͤnze zu berichtigen ſeyn, denn dergleichen findet man bei den Pfaffen am eheſten. Olgierd ließ die rohe Anſprache ohne Antwort. Borziwoy gab, unbemerkt von den Andern, ſeinen Leuten einen Wink, und ſie richteten ſich auf und traten zuſammen, die waͤhrend der Mahlzeit verſchobenen Wehrge⸗ hänge zurechtruͤckend und Säbel und Keule zur Hand nehmend, wie der Raubvogel ſein Ge⸗ fieder ſträubt und die Fittige ſchuttelt und die Klauen ſpreizt, wenn er der Beute anſichtig wird. Indeß ſprach die ruſſiſche Frau ernſt zu dem Sohne: Sieh, wie Deine Genoſſen und Hel⸗ fer ſich ruſten zu unruͤhmlicher Gewaltthat an ei⸗ nem Greiſe und wehrloſen Prieſter. Sie ſind gemeine Raͤuber, Du aber nicht, und Dich 18* — 276— nennt man den Feldhauptmann dieſer Horde. Dulde drum nicht, daß ein Haar angetaſtet werde auf dein Haupte des Biſchofs. Schau dorthin— fuhr ſie fort, auf die Bauern deu⸗ tend, welche nach und nach, wie das Kreuz an ihnen voruͤbergetragen ward, die Kniee beugten— merke auf das, was Du die Men⸗ ge thun ſiehſt, und Du wirſt begreifen, es ſey noch nicht Zeit, ſich Alles zu geſtatten, was man kann, und zu dem ſich wohl ſpaͤter eine gelegnere Stunde trifft. Schon ſtrecken drin⸗ nen in der Burg die Knechte die Hand aus nach den Riegeln des Thores, um es aufzuthun vor Dir und den freigewordenen Bruͤdern, ſo Du aber des Volkes Wahn verletzeſt in ſeinem Götzen, wird Zemboein Dir verſchloſſen bleiben fur immerdar, und die hier ſich andächtig neigen, werden Dich, gleich einem Ausſaͤtzigen flichen.— Olgierd erkannte ſehr wohl die Weisheit dieſes Rathſchlags, doch fuͤgte er ſich ihm nur mit Widerwillen, denn wie ſeine Gefährten die Habſucht, trieb ihn der Ehrgeiz und die Rach⸗ gier. Es lag nicht in ſeiner Art, mit Worten irgend eine Ueberzeugung einzugeſtehen, am wenigſten der Mutter, deren gebietendes Weſen und Anſehen unter den Seinigen ihm taͤglich verhaßter ward, daher antwortete er nur durch Stillſchweigen und durch einen duͤſtern Blick, welcher aber bei der Annäherung des Zuges unwillkuͤhrlich immer mehr erdwaͤrts ſank. Stanislaw ſtand vor den Dreien. Seine Halt⸗ ung war wuͤrdevoll, doch nicht ſtolz, er hielt in der einen Hand das Kreuz, welches er ſei⸗ nem Träger abgenommen, die andere bewegte er dreimal ſegnend gegen das Landvolk, das ihm ehrerbietig gefolgt war; der Wind ſpielte leiſe in den duͤnnen Locken ſeines Silberhaares und Bartes, ſeine Wange war geroͤthet vom Strahle der Abendſonne, welche kurz vor ihrem Niedergange die Wolkenhuͤlle durchbrochen hatte, ſein Auge glaͤnzte in mildem Feuer, und ſo ſchien es wirklich, als gehe von der ehrwuͤr⸗ digen Geſtalt eine Art des Schimmers aus, mit welchem Agneſens gereitzte Phantaſie ihn im Traume und wachend bekleidet geſehen. Er ſtand und hielt den Blick feſt auf Olgierd gerichtet, deſſen ungewoͤhnliche Befangenheit verrieth, ſein Herz ſey noch nicht verhaͤrtet ge⸗ nug, dem Eindruck dieſer Erſcheinung zu wider⸗ ſtehen, waͤhrend Olga's unbewegliche Zuͤge — 278— nichts ausdruͤckten, als gleichguͤltige lauernde Aufmerkſamkeit und in Borziwoy's plumpem Angeſicht ſich roher Spott und das Behagen geſchmeichelten Duͤnkels zeigten. Raſch, doch nicht ſo gebieteriſch und ſchnei⸗ dend, als er es ſonſt pflegte, redete der jugend⸗ liche Anfuͤhrer der Emporer den Greis an: Ihr erſcheinet ohne Zweifel vor mir, Herr Biſchof, um den Dank in Empfang zu nehmen, welcher Euch fuͤr die Sorgfalt gebuͤhrt, mit der Ihr mich vor einiger Zeit der Kirche einverleiben wolltet. Vergebt jedoch, wenn dieſer Dank nicht abſonderlich lebhaft ſeyn ſollte. Ein Jeg⸗ licher verlangt, begluͤckt zu werden auf ſeine Weiſe, die Eurige behagte mir nicht, drum hab' ich den eigenen Weg eingeſchlagen, und es befremdet mich, Euch auf demſelben zu finden.— Borziwoy ſchaute empor von dem Hirſch⸗ ziemer, dem er bisher zugeſprochen, ohne in bäueriſcher Unſitte die Anweſenheit des vorneh⸗ men Geiſtlichen zu achten und ſprach mit vol⸗ lem Munde: Es iſt dies meine Meinung Zanz und gar nicht, vielmehr erfreut es mich hoch⸗ lich, den Herrn Stanislaw Szczepanowski hier zu ſehen. Es mag ihm gelingen, ſtatt Eines, Viele ſeinem geiſtlichen Schaafſtalle zu⸗ zufuͤhren und nicht nur Euch findet er hier, ſondern eine ganze Schaar wackerer Maͤnner, welche befangen ſind in frommer Luͤſternheit nach den Schätzen der Kirche, die geiſtlichen mein' ich damit nicht, nur den eiteln Mammon an Gold und Silber, welcher ſich in ihrem Gewahrſam befindet und zu dem der Hochwuͤr⸗ digſte wahrſcheinlich den Schluͤſſel bei ſich traͤgt. Da es ſich nun ſo gefuͤgt und er ſelbſt zu uns gekommen, ſo achte ich dafuͤr, er moͤge bei uns verweilen, bis er benannten Schluͤſſel heraus⸗ gegeben in Guͤte oder Gewalt.— Die Männer des Gebirgs riefen ihrem Haͤupt⸗ linge Beifall zu, doch fand ſeine Rede deſſel⸗ ben weniger bei den ſcheuen niederblickenden Bauern und Olgierd verſetzte mit gerunzelter Stirn und im Tone des Gebieters: Freund Borziwoy, in der Karpathen⸗Schlucht mochte es Euch zuſtehn, Abgeordnete zu empfangen, eine Meinung zu haben und ſo weiter. Jetzt liegt ſolches Amt mir ob und mein iſt die Entſcheidung, welcher Jeglicher ſich fuͤgen wird, der mir gehorcht. Er wandte ſich hierauf ver⸗ ächtlich ab, ohne den wuͤthenden Blick zu be⸗ merken, den der Gedemuͤthigte auf ihn ſchleuderte, und gegen Stanislaw gerichtet, ſprach er ſchnell: Was auch Euer Begehr iſt, Herr Biſchof, wollet es an mich richten.— Da begann dieſer laut und im gemeſſenen Tone: Auch rede ich nicht zu dieſem grauen Knechte der Suͤnde, dem eine unabſehbare Reihe von Unthaten bereits das Thor der Gnade verſchloſſen, ſondern zu Dir Juͤng⸗ ling, dem der langmuͤthige Himmel noch eine geraume Zeit zur Buße und zur Beſſerung gewährt. Wirklich iſt das Gute noch nicht völlig todt in Dir; denn Du blickſt abwaͤrts und zur Erden und Dein Auge ſo kuͤhn und trotzig beim Wuͤrgen und Mordbrand, mag den Anblick eines waffenloſen Greiſes nicht ertragen, Deine Stimme, die ſo laut und herriſch das Verderben heranruft uͤber dieſe Landſtriche, mag ſich nicht erheben gegen den, welcher es wohl⸗ gemeint mit Dir von Kindheit auf; das aber iſt die Mahnung des Wäͤchters, welchen der allmächtige Gott uͤber des Menſchen Herz ge⸗ ſetzt, des Gewiſſens Mahnung iſt es. Auf Dei⸗ ne Weiſe willſt Du gluͤcklich werden, ſagſt Du? — 284— thörigter Knabe? O wahrlich, die, welche Du erwaͤhlt, iſt nicht geeignet dazu. Den eigenen Weg haſt Du angetreten? Sieh' Dich vor, wohin er fuͤhrt. Schon biſt Du weit darauf fortgewandelt; ein Schritt noch und Alles iſt voruͤber und auf immer wenden ſich weinend die guten Geiſter von Dir, die Dich jetzt noch unſichtbar umſtehen.— Olgierd'es Weſen und Geberde waren, während der Biſchof ſprach, wirklich die eines Erſchuͤtterten, jetzt aber traf ſein Blick auf ſeine Mutter und er ſah ein ſpottendes Lächeln um ihre Lippen zucken, da fuhr eine bren⸗ nende Röthe auf die Wange des uͤbermuͤthigen Juͤnglings, und er rief: Ihr vergeſſet Prieſter, vor wem Ihr ſteht. Es iſt nicht der Knabe, den ungerechte Willkuhr in der Knechtſchaft ſchimpflich Gewand gezwängt, es iſt nicht der Laienbruder, welcher demuͤthig die ſtrafende Hand des geiſtlichen Oberherrn kuͤßt. Ihr redet zu dem Feldhauptmann der Kampfer fuͤr die Frei⸗ heit, und derſelbe gebietet Euch bei ſeinem Zorn, ihn als ſolchen zu ehren⸗ Welches auch der Weg ſey, den ich erwaͤhlt, ich werd' ihn verfolgen und weder heuchleriſch Geſchwaͤtz ſoll S — 282— mich daran verhindern, noch eines Pfaffen ſchwache Hand.— Stanislaw antwortete ruhig: Deinen Zorn, ich fuͤrchte ihn nicht; es iſt nicht mein Wort, ſondern das Wort des Herrn, nicht meine Hand iſt es, ſondern ſein Gnadenzeichen, welches ſie hält, die Dich von dem heilloſen Pfade verſcheuchen werden, der Dich zum Un⸗ tergang fuͤhrt fuͤr Zeit und Ewigkeit hart an dem Rande deſſelben. Hart an ſeinem Rande ſag' ich, Verblendeter! denn wiſſe— Olga hatte bei den letzten Worten mehre⸗ mal unruhig nach dem Biſchof geſehen und ſchien im Begriff, ihn zu unterbrechen. Aber bereits hatte er inne gehalten, er ſchien in hef⸗ tiger Bewegung, ſeine Farbe wechſelte mehre Male, er druckte wiederhohlt das Kreuz an ſeine Lippen, als woll' er um Vergebung flehen, daß das Geheimniß der Beichte beinahe auf ſeine Lippen getreten ſey, welche daſſelbe nie⸗ mals ausſprechen durften, außer bei Veranlaß⸗ ungen, wo, wie damals dem König gegenuͤber, der Beichtſohn ſelbſt ſein Siegel bedingungweis und auf Augenblicke gelöſt. — 283— Wiſſe— fuhr er drauf eben ſo lebhaft nach einigem Zoͤgern fort— jenes Haus, nach dem Dein begehrliches Auge ſich richtet, es iſt Dir nicht geſtattet, es zu betreten. Fleuch' hinweg aus ſeiner Umgebung, gehorche der warnenden Stimme des Greiſes. Fleuch' hinweg, denn ſo wie Du deſſelben Schwelle uͤberſchreiteſt, ſo uͤberſchreiteſt Du die Grenzſcheide zwi⸗ ſchen Himmel und Hölle und wie ſein Thor hinter Dir zufällt, ſchließt ſich Dir die Pfor⸗ te des ewigen Lebens.— Da ſprang Olgierd wuͤthend emporz dieſe Burg als Herr zu betreten, in der er ſo lange als Knecht gehaußt, war das ſehnlichſte Stre⸗ ben ſeines Ehrgeizes, die Hoffnung, ſich an de⸗ nen zu raͤchen, welche ihn, wie er meinte, ſo ſchmaͤhlich danieder gehalten, welche, der Mut⸗ ter dunkler Andeutung nach, ihn angeborner Vorrechte beraubt, war das erwuͤnſchte Ziel ſeines unverſoͤhnlichen Haſſes; er hoffte, in den Mauern Zembocin's noch einen andern ſuͤßern Preiß zu finden, und es fiel ſeinem zůgelloſen Sinn unertraͤglich, auch nur durch ein Wort ſich zuruckgehalten zu ſehen. — 284— Er ſprang alſo empor und rief mit gewal⸗ tiger Stimme: Fort! wahnſinniger Alter! Mag auch ein raͤudiger Hund dem Löwen ent⸗ gegentreten in ſeiner Bahn? Fort! damit mein Grimm Dich nicht treffe!— Lachend und jubilirend ſchlugen die Räuber ihre Waffen zuſammen und ſie waren bereit, ſich auf den Prieſter zu ſtuͤrzen, der hoch auf⸗ gerichtet und heiter um ſich ſchauend da ſtand. Unter den Landleuten aber ließ ſich ein dum⸗ pfes Murren des Unwillens hören. Borziwoy ſprach mit großer Zufriedenheit: Wayrlich, mein junger Feldhauptmann, jetzt habt Ihr ein kluges Wort geſprochen. Uebergebt den Hoch⸗ wuͤrdigen mir und meinen Leuten, und ich ſiehe Euch dafuͤr, er ſoll die Augenblicke, die wir vergeudet haben mit ſeinem Geplauder, in baaren glaͤnzenden Goldguͤlden bezahlen oder in irgend einem Kellergewolbe Muße finden, ſich ſelbſt Bußpſalmen vorzubeten, die ihm mehr vonnothen ſind, als uns.— Olga aber fluͤſterte: Sieh'Dich vor, was Du thuſt, es ziemt dem Heerfuͤhrer nicht, der Stimme des blinden Zornes zu folgen. Ver⸗ nimmſt Du nicht die Laute des Mißmuths unter den Eigenen? Solch' Gemurmel iſt der Vor⸗ bote des nahen Sturmes, und keinem iſt Em⸗ porung gefährlicher als dem Haupt der Em⸗ poͤrer.— Herr Biſchof— redete dieſen Olgierd muͤhſam gefaßt an— das Werk der Bekehr⸗ ung gehet Euch hier nicht von ſtatten, laſſet drum ab von demſelben; es iſt ein Kriegslager, zu dem Ihr gekommen und in ſolchem iſt des Thuns mehr noth, als des Redens. Wollet nicht Andere vertreten, wenn die Gefahr ſelbſt Euer Haupt bedroht und danket es meiner Milde, wenn ſie an Euch voruͤbergeht. Euer Geſchaͤft iſt beendet, Herr Biſchof von Kra⸗ kow, benutzet denn die kurze Friſt, die ich Euch zum Abzug gewaͤhre.— Weiſe mich nicht von Dir, Ungluͤcklicher! — rief der Praͤlat— Verſtopfe Dein Ohr nicht vor der Stimme des guten Geiſtes, die heut' vielleicht zum letzten Male zu Dir ſpricht. Sey meinem Rufen nicht taub, das aus angſter⸗ fulltem Herzen dringt, dem Dein Geſchick nä⸗ her liegt, als Du wohl meineſt. Gewaͤhre mir, daß ich dem Himmel und der Welt ei⸗ nen Verirrten zuruͤckfuͤhre, denn mehr freuen — ſich Engel und Menſchen üͤber einen Einzigen von ihnen, denn uͤber neun und neunzig Ge⸗ rechte.— Der junge Mann aber kehrte ſich kalt von ihm hinweg und winkte den Umſtehenden, ihn fort zu fuhren. Begierig draͤngten ſich die Maͤnner des Gebirgs heran, das willkommene Gebot zu vollbringen, aber ſtumm und ent⸗ ſchloſſen umringten die Landleute ſchuͤtzend den Biſchof, ihre nervigten Faͤuſte draͤngten die Begehrlichen zuruͤck und manche Senſe und Radhaue erhob ſich in der Hand manches Befreiten gegen die Befreier. Noch ſtand Stanislaw vor Olgierd und Schmerz, Mit⸗ leid und Abſcheu ſprachen ſich in ſeinen reinen Zuͤgen aus, er hob die zitternden Haͤnde, das Kreuz haltend, gefaltet, hoch empor, dann wandte er ſich raſch und ſtieg den Huͤgelz hin⸗ ab, umgeben von dem Haufen der Eigenen. Langſam zog er die Straße gen Krakow hinab und ſein Mund ſprach gewichtige Worte zu den Verirrten und je weiter ſie ſchritten, deſto ſtiller ward es um ihn her. Vor den Tho⸗ ren von Krakow war der Zug des Gefange⸗ nen bereits zum Triumphzug geworden, die⸗ ſelben Häͤnde, die vor wenig Tagen noch ſich ausgeſtreckt nach ungerechtem Gut, die ſogar das Blut der Mitbuͤrger vergoßen, verſchraͤnk⸗ ten ſich, den hochverehrten Diener des Altars zu tragen und viele von denen, die ihn be⸗ gleitet, kehrten zuruͤck zu ihrem hauslichen Heerde. Während dieſer Vorgange war die Daͤm⸗ merung hereingebrochen, und noch befand ſich auf Burg Zembocin Alles in dem nemlichen Zuſtande, als da wir ſie verlaſſen. Dumpfes geſchaͤftiges Treiben herrſchte in den Hoͤfen und auf dem umgebenden Wall, man gewahrte indeß ei⸗ ne gewiſſe Läſſigkeit in den Bewegungen des leibeigenen Geſindes und es gehorchte nur traͤg und mit immer merkbarererm Widerwillen der unaufhörlich ertonenden Stimme des Haus⸗ meiſters. In truͤbe Gedanken verſunken lehnte dieſer an der niedrigen Bruſtwehr der Mauer, und ſchaute hinab nach den Huͤgeln, ob er nicht aus irgend einer Bewegung daſelbſt auf den Erfolg ſchließen konnte, den das Wagniß des Biſchofs von Krakow gehabt, aber da wogte und wimmelte es immer noch verworre⸗ ner in dem von Augenblick zu Augenblick zwei⸗ —— felhafter werdendem Lichte des Abends. Als darauf die Lagerfeuer anfingen, heller zu leuch⸗ ten durch die zunehmende Finſterniß, da er⸗ kannte er wohl, wie Stanislaw's fromme Be⸗ redſamkeit fruchtlos geblieben ſeyn müſſe bei dieſer verwilderten Menge, er glaubte aber aus demſelben Umſtande ſchließen zu konnen, die Nacht werde vielleicht ruhig voruͤbergehen, und der kommende Morgen könne neuen Rath und Huͤlfe bringen, nach welcher insgeheim Boten gen Krakow geſendet worden. Als er jedoch ſo ſtand, vernahm er das halblaute Geſprach zweier Knechte, die gemachſam an ihm voruͤber gingen, ſein nicht gewahrend, und manches Wort, das ihm verſtaͤndlich ward, uͤberzeugte ihn von dem uͤblen Willen des Geſindes und von ihrer Bereitwilligkeit, gemeinſchaftliche Sache mit dem Feinde zu machen. Er war im Begriff, den Meutern, wie er gewohnt, zuͤr⸗ nend und drohend entgegen zu treten, eine kur⸗ ze Ueberlegung aber brachte ihn zu der Erkennt⸗ niß, es ſey nicht an der Zeit zu ſolchem Be⸗ ginnen.— Morgen, dachte er, iſt auch ein Tag, und ſo der Himmel geſtattet, daß wir ihn erleben, kann Manches ſich anders geſtal⸗ — 289— ten, und was an mir liegt, wird ein ſtreng Gericht uͤber die Treuloſen ergehen, ſo bald die Haufen herangeruͤckt ſind von der Hauptſtadt, die der hochwuͤrdige Herr Stanislaw uns un⸗ fehlbar zuſendet— wenn— wenn er ſich nicht ſchon in wirklich der Gefahr befindet, die uns erſt bedroht.— Und drauf blickte er wieder hinuͤber nach den Hügeln, gleich als koͤnne er aus der Bewegung der dunkeln Geſtalten, die an den Feuern voruͤberſchwebten, das Schick⸗ ſal errathen, das den Biſchof von Krakow be⸗ troſſen. Eben ging ſein Sohn Georg voruͤber, den rief er zweimal zu ſich, eh'er horte, und ſagte: Burſch, was läufſt Du und biſt geſchaͤftig und horcheſt nicht der Stimme des Vaters, die Dir gebietet? Biſt Du auch der Widerſpenſti⸗ gen Einer, die dieſes Schloß bewohnen und duͤnkeſt Dich weiſe und vornehm, wie es aller Taugenichtſe Art iſt in dieſer boͤſen Zeit, wel⸗ che dem juͤngſten Gericht voran geht, wie die Propheten geweiſſagt.— Georg, des Alten Weiſe kennend, antwor⸗ tete freundlich: Nein Vater, ich thue weder nI. 18 N — 290— weiſe noch vornehm und denke auch, ich ſey kein Taugenichts, denn ich thue gerade ſo, wie Ihr mir geheißen und bin raſch, wil— lig, thaͤtig und zu allem Guten bereit.— Nun, wenn dem ſo iſt— brummte der Alte — mag's ſeynz hore mich indeß lieber an auf einen Augenblick, anſtatt umher zu laufen in unnuͤtzer Geſchaͤftigkeit, mit der Du Dich groß und wichtig gehabſt.— Der Teufel iſt los, Junge, und ich denke in kurzer Zeit wird ſein Regi⸗ ment angehen auf Zembocin, da er ſeine Buh⸗ lin losgelaſſen und den dreimal vermaledeiten Baſtard. Sieh nun zu wie Du fertig wirſt mit dieſem, ruͤhmteſt Du Dich doch vor einigen Monden, Du wuͤrdeſt leicht Spiel mit ihm haben, es geht aber jetzt nicht um ausgeriſſene Schemelbeine und zerbrochene Töpfe, ſie ſich um die Ohren zu werfen, denn aus jungen Tagedieben werden, leider Gottes, heut zu Ta⸗ ge erwachſene Schurken.— Vater— entgegnete Georg— den Sche⸗ melbeinen hab' ich abgeſagt und wenn ich dem mißguͤnſtigen, ſcheelſehenden Buben eins ver⸗ ſetzen kann, der ſich draußen aufblähet unter —— — einem Haufen nichtsnuͤtzigen Geſindels, ſo ſoll es nicht mit einem alten Topf geſchehen, ſon⸗ dern mit meinem Saͤbel, dem es ſchon lange nach einem ſeiner Ohren geluͤſtet.— Buͤrſchlein, Buͤrſchlein!— entgegnete der Al⸗ te, halb muͤrriſch, halb freundlich auf den kecken Juͤngling ſchauend— Wahre Dich, daß Du nicht heute ſchon um beide kommeſt. Sieh', es iſt leider, als hätte diesmal der Teufel wi⸗ der alle Gewohnheit die Wahrheit geſprochen durch den Mund der Hexe, und er hat ſie hieher gefuͤhrt und ſie wird hier einziehn, wie ſie's geſagt, uͤber kurz oder lang, aber doch hat ſie gelogen, denn nimmer werd' ich ſie begruͤßen mit demuͤthiger Beugung und gekruͤmmtem Ruͤcken, wie ſie ſich deſſen geruͤhmt. Wie es uͤberall geht, hat der Teufel ſeine Freunde auch hier, die ſeine Großmutter willig aufnehmen. Biſt Du auch unter ihnen, Burſch! und was ge⸗ denkſt Du zu thun?— Zu ſterben, wenn es nicht anders iſt— antwortete Georg feurig— zu ſterben unter dem Thore dieſer Veſte, wenn es mir nicht gelingt dieſe Horden abzutreiben mit ihrem a den Fuͤhrer.— 10* — 292— Zu ſterben?— fragte der Alte auflachend— iſt es etwa ſo großes darum, ob ein Milch⸗ bart wie Du, ſterbe oder lebe?— Drauf ſetzte er ernſter hinzu, indem er des Enkels Hand ergriff: Sieh' es iſt Ernſt geworden und ich zweifle nicht, daß meines wackern Sohnes wackerer Sohn das Haus vertheidigen werde, deſſen Gebieter von Geſchlecht zu Geſchlecht dem meinigen freundliche Herrn und Wohl⸗ thaͤter geweſen. Aber ſo der gnädige Gett nicht ein Einſehn hat, iſt es wohl aus mit ih⸗ nen und mit uns, eh' der Morgen herankommt, und— ſetzte er hinzu, indem er des Juͤnglings Wange ſtreichelte— morgen vielleicht wird dies bluͤhend jugendliche Antlitz bleich ſeyn und blutig. Daran aber liegt nichts, wenn mein ſterbendes Auge es nur dem Feinde entgegen gekehrt ſieht, denn der Tod iſt aller Adams⸗ kinder Loos, vornehmlich aber des Kriegsman⸗ nes, und obwohl eine bittere Frucht der Erb⸗ ſuͤnde, doch heilſam nach einem pflichtgetreu zu⸗ gebrachten Leben, es habe nun achtzehn Jahre gezahlt oder achtzig.— So weit wird es wohl noch nicht ſeyn— antwortete der Enkel— haben wir doch noch ——————————————— — 293— tuͤchtige Mauern und Waͤlle vor uns und auch wohl ein hundert Arme und funfzig Schwer⸗ ter, welche dem Geſindel draußen Sitte zu lehren vermoͤgen. Des meinen nicht zu geden⸗ ken, das ich ganz eigentlich fuͤr meinen werthen Schulkameraden aufgehoben habe, den Ol⸗ gierd.— Drauf polterte wiederum entruͤſtet der Alte: Will das Ei abermals kluͤger ſeyn als die Henne, wie es Gebrauch worden in dieſen letzen Zeiten, da der Junge dem Alten wider⸗ ſpricht, der Unterthan der Obrigkeit und der Dienſtmann dem Herrn, wie die heilige Schrift ſagt, daß es hergehen ſoll kurz vor dem Ende der Zeiten? Funfzig Schwerdter und hundert Arme ſagſt Du? Viere der letzten haben wir nur, die deinen und die meinen und uͤberdieß das Maul eines Gelbſchnabels, welches unnuͤtze Dinge redet. Hierher komm!— rief er gebie⸗ teriſch, ihn auf die Mauerbruͤſtung ziehend und zeigte nach der Kirche, die vor ihnen lag.—— Wie wir fruͤher erwähnt, war dieſes Gebäu⸗ de völlig abgeſondert von dem Schloß, der Zitadelle einer Feſtung aͤhnlich, ausgeruͤſtet mit — 24— den Erfordernißen eines Feſtungwerkes dama⸗ liger Zeit, mit Zinnen und Schießſcharten fuͤr Armbruſtiſchutzen und Schleuderer, umge⸗ ben von Wällen und Mauern; nur ein höl⸗ zerner Steeg uͤber den Graben des Schloßes hatte früher die Bewohner deſſelben und die Inſaſſen des Dorfes von der Mauerbruͤſtung der Burg zu derſelben gefuͤhrt, und ſchon in den erſten Tagen der drohenden Gefahr war er auf das Gebot des umſichtigen Hausmeiſters abge⸗ worfen worden. Dorthin zeigte der Finger des greiſen Marek, als er wiederhohlte— Sieh' und erinnere Dich deſſen, was einſt d die zu täppi⸗ ſche Neugier eines muͤſſigen Buben dem Groß⸗ vater entlockt. Wenn das Schlimmſte zum Schlimmen kommt, ſo weißt Du, was zu thun und während ich ein Auge habe auf das meuteriſche Geſindel in Zemboein, ſo ſorge fuͤr Die da drinnen. Der Herr Gott hat dies Haus verlaſſen, ſein Gebieter liegt krank da⸗ nieder, greinendes Weibvolk umſtehet ſein La⸗ ger, Verräther bewachen die Pforte und drau⸗ ßen drohet der Feind. Gedenke drum in dem Augenblick, der vielleicht bald erſcheint, Herrn Severin zu retten und Frau Malgorzaten, denn — 295— nimmer, was auch geſchehe, duͤrfen Beide in die Gewalt jenes Elenden kommen, der ſich druͤben auf den Huͤgeln bruͤſtet an der Spitze nichtswuͤrdiger Raͤuber, als ſey er Großfeldherr der Krone.— Und Fraͤulein Ilga?— fragte Georg. Fräu⸗ lein Ilga— antwortete der Alte— wird den⸗ ſelben Weg treſſen, den die andern genommen. Du aber biſt ein Narr!— Mit dieſem Be⸗ ſcheide war Georg im Begriff ſich zu ent⸗ fernen, als plotzlich ſich großes Getöſe und wildes Geſchrei vor dem Schloßthore verneh⸗ men ließen. Beide eilten der Stelle zu, von der es kam. Kein freudig Schauſpiel gewaͤhrte der Saal. Nicht wie damals, als der Konig gegenwaͤrtig, erfullte ihn eine ritterliche, glaͤnzende Verſamm⸗ lung, den Gebieter umringend, und den hochge⸗ achteten Hausherrn, NRath pflegend, oder heitern Geſpraͤches; die Pokale klirrten nicht beim gaſtlichen Mahl. Bange Stille herrſchte in dem weiten, hohen Gemaͤuer, in welchem Krankheit und Bekuͤmmerniß ihren Wohnplatz aufgeſchlagen. Zwar hatte der Kaſtellan von —— Proſzowice die Beſinnung wieder erlangt, doch war ſie ihm nicht wohlthaͤtig. Sein Inneres ward fort und fort von bittern Empfindungen bedräͤngt, unterbrochene Ausdrucke der Selbſt⸗ anklage, des Zornes und Jammers preßten ſich aus ſeinem trockenen, lechzenden Munde, die heftige Spannung ſeines Gemuͤthes entzuͤndete ſein Blut, die Wunde begann heftig zu ſchmer⸗ zen und bald verſank der Kranke in das Hin⸗ bruͤten eines brennenden Fiebers. Malgorzata und Ilga waren bemuͤht ihm beyzuſtehen mit Heilmitteln und freundlichem Worte, ſelbſt Ag⸗ nes hatte ihren Sitz verlaſſen, um ihre geiſtige Beſchauung unterbrechend, ein Werk thaͤtiger Barmherzigkeit zu uͤben, ſie knieete an dem Lager und fluͤſterte leiſe Gebete in Severin's 1 betäubtes Ohr. Nur Frau Chriſtina ging, dieſes traurigen Anblicks nicht achtend, hände⸗ ringend auf und nieder und beſtuͤrmte unter⸗ weilen den Arzt, einen Geiſtlichen aus dem Ge⸗ folge des Biſchofs, welchen derſelbe zu Zembvein zuruͤckgelaſſen, damit er des verwundeten Freundes pflege, mit vergeblichen Fragen. Der mönchiſche Heilkunſtler war jedoch rathlos wie ſie ſelbſt, und ſtatt ſeines Amtes zu warten, — 2 murmelte er Stoßgebete um Befreiung aus dem ſchon geoͤffneten Rachen des Todes, oder Vorwuͤrfe gegen ſeinen Vorgeſetzten, daß er ihn nicht mit ſich genommen. Auch auf die Uebrigen hatte die Entfernung Stanislaw's ei⸗ nen entmuthigenden Eindruck gemacht, und ſelbſt Nikolaus Strzemieniec's Gemahlin, die ihn doch zu derſelben aufgefordert, vermißte jetzt ſchmerz⸗ lich ſeine Gegenwart, und zu dem Gefuͤhl ihrer beinahe hilfloſen Lage geſellte ſich die Ungewiß⸗ heit uͤber das, was nur allzuwahrſcheinlich den geehrten Prieſter betrofſfen. Zwar verſicherte Agnes zu mehren Malen, es ſey demſelben kein Leid geſchehen und ſeine Zeit ſey noch nicht gekommen, doch war der ſchwankende Troſt zu ſchwach in dieſer erſchuͤtternden Stunde. Traurig verrichteten ſie ihr traurig Geſchaͤft am Lager des Kaſtellans, als jenes Getoͤſe am Schloßthor auch zu ihren Ohren drang und alsbald drinnen in der Burg ein lautes Angſtgeſchrei der weiblichen Dienerſchaft es beantwortete. Gleich darauf traten einige Leibeigene mit duͤſtern Mie⸗ nen in den Saal und berichteten, Burg Zem⸗ bocin ſey in den Haͤnden der Feinde. Da uͤberwand die weibliche Furcht die bis— her muͤhſam erhaltene Standhaftigkeit; die Frauen entflohen, unwillkuͤhrlich trugen ihre gefluͤgelten Schritte nach dem Behaͤltniſſe, das am entfernteſten vom Kampfplatze lag; es war dies das Geheimzimmer des Hausherrn. Mal— gorzata beugte ſich beinah bewußtlos uͤber Se⸗ verin, und verſuchte, ihn emporzuheben; die Laſt des jeder Bewegung unfaͤhigen Greiſes aber war zu ſchwer fuͤr ihre zarten Arme, da gebot ſie den Knechten, ihren Herrn in ſein Gemach zu bringen; ſie beſchwor den Arzt, Sorge fuͤr ihn zu tragen und folgte darauf den Schweſtern. Kaum aber hatten ſie ſich entfernt, da eil⸗ ten, ohne einen Blick auf den Kranken zu werfen, die Leibeigenen hinaus, den laͤngſt er— wuͤnſchten Befreiern entgegen, und auch der heilkundige Moͤnch meinte, es ſey rathſamer, fuͤr ſich ſelbſt nach einem Schlupfwinkel aus— zuſehen, als bei einem Manne zu verweilen, der, wie er meinte, ja doch auf eine oder die andere Weiſe des Todes ſichere Beute ſey. — 209— Marek und ſein Enkel waren dem Thore zugeeilt, aber ſie kamen zu ſpaͤt; bereits hatte das untreue Hausgeſinde es den Emporern ge⸗ offnet, und eben ſprengte auf einem kleinen beſſarabiſchen Roß uͤber die herabgelaſſene Zug⸗ bruͤcke Olga heran, im Scheine des Mondes, der auf ihrer leichten Blechhaube widerglaͤnzte, und ihrem gezuͤckten Säbel. Da ſchrie der Haus⸗ meiſter mit zornerſtickter Stimme dem Georg zu und einigen treu gebliebenen Kriegsmaͤnnern, ſie ſollten ſich zu ihm ſammeln und nicht wei⸗ chen, und ſterben, ehe ſie Schande und Suͤnde hereinließen in das Haus ihres Herrn. Auch zeigte der wackere Greis, er habe noch nicht verlernt, das Schwert zu fuͤhren; Jeglicher that ſein Beßtes und Georg's ungeuͤbter Arm ſtreckte einige der hereindringenden Gebirgsmaͤnner zu Boden, ſo daß noch keiner die Schwelle des Thores uͤberſchritten hatte und Olga mit Wuth und Betroffenheit ſich eine Zeit lang von dem Ziele ihres heilloſen Strebens zuruͤckgehalten ſah⸗ Da ließ plotzlich hinterwärts ſich ein neuer Lärm und Waffengeklirr vernehmen. Olgierd hatte an der Spitze einer zweiten Schaar den — 300— Wall erſtiegen an einer ihm bekannten und zugänglichen Stelle, derſelben, die fruͤher ſeine geheimen Zuſammenkuͤnfte mit der Mutter und kurzlich erſt ſeine Flucht befördert hatte. Der Hausmeiſter wandte ſich nach dem Geraͤuſch, er ſah' was ſich begab, der Schreck lähmte auf einen Augenblick ſeine Fauſt und alöbald ward er ergriffen und niedergeworfen. Georg ge⸗ wahrte ſeinen Fall, und ſeine erſte Bewegung war, dem Großvater zu Huͤlfe zu eilen. Er ſchien indeß das Fruchtloſe dieſes Verſuches zu erkennen, und ſtatt vorwaͤrts auf den Haufen zu ſtuͤrzen, der Jenen bereits umringt hatte, wandte er ſich zu ſchneller Flucht. Da rief der Alte, indem Ingrimm und Kampfesluſt jeden andern Gedanken verdraͤngt hatten, ihm zu: Steh' Bube! Willſt Du nicht ſterben in Deiner Pflicht, ſondern ein Knecht dieſes nichtswuͤrdigen Troßes werden? Steh', Schandfleck Deines Geſchlechts!— Doch Georg ſtand nicht und bald war er in einem nahen Seitengebaͤude verſchwunden. Die andern Vertheidiger des Thores waren bereits gefallen, oder hatten durch einen Sprung in den ziemlich trockenen Schloßgraben ſich ———— — 301— zu retten verſucht, der Weg war frei wor⸗ den und Olga ritt langſam an den gefeſſelten Hausmeiſter heran. Sie ſchaute ihm mit kal⸗ tem Hohn in das bleiche, blutige, grimmentſtell⸗ te Antlitz und ſprach: Warum ſchiltſt Du alſo, grauer Thor, und geberdeſt Dich? Wahr⸗ lich, der, den Du rufeſt, wird ſeinem Geſchick nicht entgehen, ſo wenig als Du ſelbſt und irgend ein Bewohner dieſes Schloßes. Gedenke deſſen, was ich einſt geſprochen, und geſtehe, die weiſe Olga habe wahr geweiſſagt; gar an⸗ ders iſt der Willkommen als der Abſchied war, und wie es ſich gebuͤhrt, begruͤßeſt Du mich, ausgeſtreckt zu meinen Fuͤßen.— Da der Greis ſchweigend und veraͤchtlich den Kopf abwandte, fuhr ſie fort: Hinweg mit ihm! Fuͤhret ihn zu dem Severin, damit der Zwingherr und ſein Helfershelfer beiſammen bleiben, wie ſie aneinander gehalten in den Zeiten der Willkuͤhr und des Hochmuths, die nun voruͤber ſind für immerdar. Bereitet den Saal zum Einzuge des neuen Gebieters, Jenen diene das Gemach des geſturzten Draͤngers zum Gefaͤngniß, bis Der, dem nun die Gewalt zuſtehet, das Ur⸗ theil geſprochen uͤber Beide.— — 302— Jubelnd gehorchte die Horde, und man ſchleppte den Gebundenen dem Hauptgebaͤude zu, und riß den Kaſtellan auf von ſeinem Lager, und Herr und Diener wurden in das bezeich⸗ nete Zimmer gebracht, deſſen Eingang ſich hin⸗ ter ihnen verſchloß. . Auch Olgierd hatte die Burg betreten, zu welcher ihm den Zugang nichts mehr verwehr— te; indeſſen Habgier die Raͤuber nach den ver⸗ muthlichen Schaͤtzen und Koſtbarkeiten umher— ſpähen ließ, und die Völlerei die Bauern in Kellergewölbe und Vorrathskammern fuͤhrte, ſuchte er Eines nur, Malgorzaten, den Gegen⸗. ſtand ſeiner langen im Stillen gluͤhenden, ver⸗ brecheriſchen Leidenſchaft, welche nun in hellen Flammen emporloderte gleich allem Unheil, das bisher in ſeinem Innern verborgen geweſen, nicht mehr unterdruͤckt vom Zwange des Ge⸗ ſetzes oder der Nothwendigkeit, und angefacht durch das Gefuͤhl der längſt erſehnten Gewalt. Aber vergeblich durchſtrich er Gänge und Ge⸗ maͤcher des Hauſes, vergeblich rief er mit don⸗ nernder Stimme dem zitternden Geſinde zu,„ ihm ihren Aufenthalt anzuzeigen. Niemand wußte Beſcheid zu geben, nirgends war die junge Gebieterin zu finden, nirgends ihre Schweſtern und Frau Chyriſtine. Wie jeden ſein Geluͤſten verſchiedene Wege gefuͤhrt hatte in der eroberten Burg, ſo war es die Rachgier, welche Olga zum Gemache des Kaſtellans rief. Die Erſchuͤtterung, wel⸗ che er beim Hinwegtragen aus dem Saale er⸗ litten und das furchtbare Getoſe, das um ihn her tobte, hatte den Kranken abermals aus ſei⸗ ner Betaͤubung erweckt, und wie Einer, der plotzlich aus ſchwerem Schlummer aufgeſchreckt worden, ſah er verwundert und aus halb ge⸗ oͤſfneten Augenliedern auf den Hausmeiſter, der vor ihm, gefeßelt und ohnmaͤchtig auf dem Eſtrich des Bodens lag. Da trat die Verder⸗ berin ein. Severin Strzemienicc— ſagte ſie zu dem, der ſie anſtarrte, einem unbekannten Schreckbil— de gleich, wie ſie vor ihm erſchien mit Helm und Panzer und in der Hand den entblößten blutgefärbten Saͤbel— Serverin Strzemieniec, dies Zimmer iſt es, aus deſſen Pforte Du mich ſtießeſt, wie Abraham einſt die Hagar, doch nicht eine geduldige Sklavin bin ich. Nach allen vier Winden der Welt haſt Du mich gewieſen, einer aber unter ihnen, ein guͤnſtiger, hat mich zuruͤckgefüͤhrt und ich ſtehe nun wiederum vor Dir, nicht als eine demuͤ⸗ thige Magd, ſondern um Boͤſes mit Boͤſem zu vergelten!— Wie immer noch kämpfend mit den Traum⸗ bildern des Fiebers, antwortete in abgebrochenen, verworrenen Tonen, der Herr zu Zembocin: Wenn es nicht Deine Schattengeſtalt iſt, die mich ſeit geraumer Zeit ſchon drohend verfolgt, wenn Du es ſelbſt biſt, Olga, die ich ſehe, ſo ſey mir willkommen! Zwar iſt meine Begruͤß⸗ ung nicht ſegnend, ein Fluch iſt ſie, wie der, den ich Dir nachſandte, da Du ſchiedeſt, wie der, der Dich verfolgt auf den Schlangenpfaden des Verbrechens, wie der, den Du uͤber mich gebracht, und uͤber mein Haus! Aber dennoch heiß' ich Dich willkommen, denn mit Dir nahet die Erfuͤllung deß, was enden mußte, wie es endet, durch den Tod, der die Frucht der Suͤn⸗ de iſt. Ich fuͤhle mich aber wohl in Deiner — 305— Nähe und Dein Anſchaun erquickt meine Seele mehr, als ſelbſt des Prieſters fromme Ermahn⸗ ung. Fuͤhl' ich mich doch ganz rein neben Dir, und was ich mir auch vorzuwerfen habe, jede Selbſtanklage verſchwindet in dem Anblick Dei⸗ ner Abſcheulichkeit. So ende denn nun, da⸗ mit das Wort in Erfuͤllung gehe, daß Jeder die Strafe finden ſoll in den Folgen ſeiner Thaten. Gezuͤchtigt durch Dich, tret' ich ent⸗ ſuͤndigt vor den ewigen Richter, der Dich ver⸗ wirft. Warum zauderſt Du? Der Mord iſt Dir ja nicht fremd und an einem heiligern Haupte wohl haſt Du gefrevelt, als an dem meinen.— Mit Verachtung ſah Olga auf ihn nieder und ſprach kalt und eintoͤnig: Wohl iſt Dei⸗ ne letzte Stunde da, Severin, doch gedenke nicht, ſie ſolle Dir alſo leicht werden, wie Du meineſt und Dich ſanft hinuͤber fuͤhren, dorthin, wo Du hoffeſt, daß Dir Vergebung werden wird. Haß, Rache und Verzweiflung gebe ich Dir zu Geleitern mit, ſiehe zu, welche Aufnahme ſie Dir bereiten. Nicht ich— fuhr ſie langſam und nachdrucklich fort— bin IMII. 20 — 306— es, von deren Hand Dich der Todesſtoß er⸗ wartet, es iſt— Olgierd. Fuͤhleſt Du wohl — fuhr ſie fort— was es heißt, Dein Le⸗ ben unter Olgierd's Streichen aushauchen? Sieh, ſo räch' ich mich— ſagte ſie dann— und ſo nur mag enden, was ſich zwiſchen Severin und Olga begab!— Unwillkuhrlich tappte des Kranken irrende Hand umher nach dem abweſenden Schwert, und als er's nicht fand, ſtrebte er, ſich auf⸗ zuraffen, um ſich auf die Feindin zu ſtuͤrzen, die Gewalt des Schmerzes aber riß ihn auf das Ruhebett zuruͤck. Olga ſtand noch einen Augenblick, ſie ſchlug ein lautes Gelächter auf, welches wunderlich ſchrillend an dem Gemäuer des Zimmers wie⸗ derklang, dann ſchritt ſie von dannen. Draußen begegnete ihr Olgierd athemlos und ergrimmt. Sohn, ſprach ſie zu ihm, die Du ſucheſt wirſt Du nicht finden, Du ſeyeſt denn Herr dieſer Burg und der Umge⸗ gend; drinnen liegt der, dem man bis jetzt — — 307— alſo geheißen, und ſo lang er athmet, iſt Dein Beſitz ungewiß; ſein Tod uͤbergiebt Dir die Schluͤſſel dieſer Burg; thue denn, wie Du mußt, verſchließe Dein Ohr vor ſeiner Stimme, denn zu weit biſt Du vorgeſchritten, damit weichlich Erbarmen Dich entwaffne im Augen⸗ blick der Entſcheidung. Gedenke, daß es der Draͤnger Deiner Kindheit iſt, den Du dort ſin⸗ deſt und hore mich, Olgierd! Bei Allem, was mir theuer iſt auf Erden, an ſeiner blutigen Leiche wird das lang verhuͤllte Räthſel Deines Daſeins geloͤſt. Entflammt von wilder Leidenſchaft und all⸗ zubereit nur, dem Ruf des Verbrechens zu ge⸗ horchen, rannte Olgierd dahin, wo die Mutter ihm geboten; als er aber die Pforte aufſtieß, waren Herr und Diener verſchwunden und das Gemach war leer. Ende des dritten Theils. mſiſ 9 10 11 12 13 14 15 16 18 19 — 6 F. 3 5 1 4