F— S— dentſcher, engliſcher und franzs ſer Gduard Ollmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Ceſebedingungen. 1offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ½ eträgt; auf Menut B— IF. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas. zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: S— Olgierd und Olga, d d er Polen im Eilften Jahrhundert, von Alexander Bronikowski. 8 6 ei i ———— Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 8 2 8. I. Das Geräuſch des koͤniglichen Zuges, welcher das Schloß Zemboein verließ, um ſich nach Oſten zu wenden, drang auch in die unterſten Behaͤlt⸗ niſſe der Burg. In Einem von ihnen war auf kärglichem Strohlager ein junger Mann aus⸗ geſtreckt, regunglos, doch nicht ſchlafend, und das ſtiere Auge unverwandt vor ſich hin auf eine der Waͤnde gerichtet, die hin und wieder aus dem felſigen Grunde, den man nur noth⸗ duͤrftig behauen, zum groͤßten Theil aber aus einer Miſchung von Moͤrtel und Steinen, oder aus einem Verſchlage von ſtarken Holzbohlen beſtanden, welche dem Nachſtuͤrzen der Sand⸗ Erde wehrten, die allmaͤhlig das Gerippe des Berges kleidet und ſeine Spalten ausgefuͤllt hatte. Das Gefaͤngniß, denn ein ſolches war — ep es allerdings, konnte jedoch nicht mit den Ver⸗ ließen verglichen werden, deren duͤſtere tief ver⸗ borgene Kluͤfte, aufgedeckt von der Hand der Zeit, die Jetztwelt, in den Truͤmmern teutſcher Schlöſſer, an die Jahrhunderte der Fehden und die Herrſchaft der Willkuhr erinnern. Die go⸗ thiſche Baukunſt war, wie ſchon erwähnt, im 14ten Jahrhunderte noch nicht allgemein ver⸗ breitet; in Polen, das einem unumſchränkten Herrn gehorchte, waren damals innerliche Krie⸗ ge zwiſchen Nachbar und Nachbar ſelten, wo nicht unerhort, und erſt in der naͤchſtfolgenden Zeit, welche dieſe Darſtellung noch beruͤhren wird, ward im Reiche der Sarmaten der Keim zu der anarchiſchen Verwirrung und wachſen⸗ den Feudalgewalt gelegt, die ſeit geraumer Zeit ſchon im Weſten herrſchten, und welcher nach dem Rathſchluß des Schickſals hier viel ſpäter erſt zur verderblichen Wucherpflanze aufſchießen ſollte, und zu einer Zeit, da er dort ſchon aus⸗ gerottet worden. So waren alſo die Sitze der Edeln nicht ſo ſorgfältig befeſtigt als in Teutſchland, noch mit den Erforderniſſen eines immerwaͤhrenden Kriegſtandes verſehen; man wendete in ihrer — — 7— Auffuͤhrung ſelbſt viel Holz an, und das leich⸗ tere Gebaͤu bedurfte der tiefen und ſtarken Grund⸗ feſten nicht, welche die gewaltigen Bogen und Thuͤrme gothiſcher Bauart unterſttzten. Das Gemach, in welchem wir uns befin⸗ den, ſchien ehemals zu einer Art Rumpelkam⸗ mer gedient zu haben, und mehrere ſchadhafte Raͤder, zerbrochene Pflugſchaaren und derglei⸗ chen Dinge in einem Winkel aufgehauft, be⸗ zeugten, es werde noch jetzt dazu gebraucht, wenn nicht etwa irgend ein Umſtand auf ei⸗ nige Zeit ſeine Beſtimmung veraͤnderte. Dieſe Beſtimmung aber ward deutlich genug durch den Anblick hier und da in dem Steingemaͤuer befeſtigter Ketten, durch einige Halseiſen, die in die ſtarken buͤchenen Bohlen eingerammt waren, und vornehmlich durch die Anweſenheit wohlgeflochtener Peitſchen und mehrerer doppelt durchloͤcherter gewaltiger Klötze, jener unbeque⸗ men Fußbekleidung, die man allgemein unter dem Namen: polniſcher Bock, kennt. Bei dem zeitigen Bewohner dieſes unfreund⸗ lichen Aufenthaltes war kein Gebrauch von die⸗ ſen Straf⸗ und Beſſerungmitteln gemacht wor⸗ den, ſo ſehr auch die Veranlaſſung, die ihn hierher gebracht, ihre Anwendung herbeifuhren konnte, und ſo wenig ſeine Verhältniſſe ihn uͤber ein Verfahren erhoben, das ganz eigentlich hartnaͤckigen Leibeigenen aufbewahrt war. Der, in deſſen Hände König Boleslaw das Geſchick des Uebertreters niedergelegt, war ihm ein gnä⸗ diger Richter geweſen. Er lag ungefeſſelt auf den Strohmatten, und die Geißel war nicht uber ſeinem Nacken geſchwungen worden, doch ſprach in dem Auge, mit dem er die genannten Werkzeuge betrach⸗ tete, ein finſterer Hohn, gleich als ſey es ihm leid, daß er nicht das Uebermaß der Mißhandlung erfahren, das den Haß rechtfertige, und die Sehn⸗ ſucht nach Rache, die ſein Inneres erfuͤllten.— So war ihm eine lange ſchlafloſe Nacht vergangen, und die Fruͤhlingſonne ſchaute be⸗ reits zu der kleinen, hoch uͤber dem Fußboden angebrachten Fenſteröffnung herein, vor welcher dichtverwachſenes Dorngeſtripp aus den Stein⸗ ritzen emporgeſproßt, im Morgenwinde ſchwank⸗ te, und die mit jungen Blättern geſchmuͤckten Zweige des Flieders, der in dem leichten Sand⸗ boden ſeine nothduͤrftige Nahrung fand. Da ließen ſich draußen die Hörner vernehmen und — unfern des Kerkers drohnten auf der Zugbrucke die Hufſchläge der Roſſe Boleslaw's und ſeines Ge⸗ folges. Der Gefangene ſprang auf und nahte ſich der Oeffnung; einen Haufen alten Holzes und Eiſengeräthes erglimmend, erreichte er dieſelbe und ſchaute hinaus auf die Bruͤcke und die Straße, auf welcher ſich der Zug langſam und ſtattlich dahin bewegte. Wie er nun die Fähnlein der Paniere ſah, luſtig flatternd in der bewegten Luft, und die Waffen, ſchimmernd im Fruͤhroth, und die nach dem Maße der Roſſesſchritte ſchwankenden Adlerfluͤgel der Har⸗ niſche, war ihm, als zöge es ihn hinaus in das Freie, und unwillkuͤhrlich draͤngte er ſich zwiſchen die Oeffnung der Luke. Doch hatte ſie nicht Raum fuͤr ihn; die ſpitzigen Zacken des Gemäuers bohrten ſich verletzend in ſeine Sei⸗ ten, vor ihm lag der ſteile Abhang des Huͤ⸗ gels; da üͤberfiel es ihn mit doppelter Bitter⸗ keit.— Sein Blick traf auf den König, der an der Spitze des Haufens ritt, zu ſeiner Rechten den Ruſſenfuͤrſten, den Byzantiner zur Linken, und ſein nicht hohes, doch kraft⸗ volles und gewandtes Roß unterweilen zu ei⸗ nem muntern Sprunge anreizend, und unter⸗ ——— — weilen zuruckſchauend nach dem Schloß mit anmuthigem Kopfneigen und dankender Hand⸗ bewegung; denn aus einem Erkerfenſter flat⸗ terte ein weißer Schleyer, dem Monarchen Ab⸗ ſchied gruͤßend, nach. Da zieht er hin— murmelte der Eingekerkerte— ſich auf den Stuhl zu ſetzen, von welchem er Den ver⸗ drängt, Dem er beſchieden, uud ſeine tolle Schaar mit ihm, an fremdem Heerde ſich nie⸗ derzulaſſen, den Eigenthuͤmer hinwegſtoßend in frecher Willkuͤhr der Gewalt, und das Brod zu verſchlingen, das er gebauet im Schweiße ſeines Angeſichtes. Und wenn der Unterdruͤckte das Haupt erhebt, oder die Fauſt in gerechter Noth⸗ wehr, ſo— Sieh! wie er gebieteriſch die Hand ausſtreckt in die Ferne, wie ſtolz er auf die edle fuͤrſtliche Geſtalt blickt, die neben ihm rei⸗ tet, gebeugt durch Ungemach und ungewohnte Demuͤthigung— Iſt es nicht, als ſage er— Folge mir dort hinaus, weit uͤber die Huͤgel und Stroͤme; dort wird mein Schwert Deine Unterthanen freſſen und Glaubensbruͤder, und wenn es alles abgethan iſt, ſetze ich Dich ein in das verodete Land Deiner Väter, Dich, den Erſten unter meinen Knechten. — 1— Warum beugeſt Du Dein adlich Haupt vor ihm, Fuͤrſt? Biſt Du doch hochgeboren wie er, und von erlauchtem Geſchlecht— Zu dem Leibeigenen mochte er wohl ſprechen: Hin⸗ weg, daß die Keule Dein Hirn zerſchmettere; und wieder: er ſoll leben, weil ich es gebiete — denn was gilt Tod oder Leben des Knech⸗ tes dem Gewaltigen? Du aber, Großfurſt, ermanne Dich, und richte Deinen Nacken em⸗ por, in wuͤrdigem Freimuth! Es erbarmt mich, den elenden Sklaven, einen Hochgewaltigen in gleicher Schmach zu ſehn. Auch haſt Du Dich mein ja erbarmet, weil Du fuͤhleſt, wie bitter die Knechtſchaft iſt, und Dein Wort hat des Kothſaſſen Leben gerettet! Vor Kijow ſoll ich es Dir danken, ſprach er? Warum kann ich es nicht, warum kann ich Dir nicht folgen, dem Einzigen, der ein menſchlich Auge auf den Verachteten geworfen? Laß dieſes Kerkers Pforte aufthun vor mir, laß dieſe verroſteten Pflugeiſen zum ſchneidenden Schwert werden in meiner Rechten; vielleicht mag ich Dir An⸗ ders danken und beſſer, als Jener es gemeynt. Was lächelt der Fremde vor ſich hin, halb abgewandt von den Fuͤrſten? Iſt es doch, als hoͤhne er den Stolz des Einen, und des An⸗ dern unwillige Demuth. Wahre Dich, Du ſtolzer, ſtrenger Koͤnig, denn wahrlich, ſein Laͤcheln bedeutet Dir nicht Gutes. Du biſt ſchwach und gebrechlich, Mann von Carogrod, unanſehnlich ſchreitet Dein Zelter neben den. bäumenden Roſſen der Gebieter, wie magſt Du ſo unbefangen ſeyn neben dem, deſſen Wink Dich ſo gut zu tödten vermag, als mich, den leibeigenen Knecht? Immer noch lächelſt Du? Jetzt wendet der Herrſcher ſein drohen⸗ des Auge auf Dich, und Deine gebeugte Stirn beruͤhrt die Mähne Deines Gaules. Verſtehe ich Dich recht? Liſt iſt die Waffe des Machtloſen. Du ſchaueſt heruͤber zu mir? f — Willſt Du mir andeuten, daß auch mir ſie gezieme, bis die Zeit ſich aͤndert, ſo oder ſo, wie die wilde Katze des Gebirges ſich im Laub verſteckt haͤlt mit eingezogenen Klauen, und wenn der Augenblick da iſt, die ſpitzigen Krallen plötzlich ausſtreckt, ſie in das Fleiſch der Beute zu hauen!— Er wandte ſich ſchnell und ſein Blick fiel ruͤckwaͤrts in das Gefaͤng⸗ niß. Da lachte er ingrimmig auf und rief: Wer ſpricht hier in alſo hochtrabenden Wor⸗ 13— ten? Iſt es der Eingekerkerte, der Sklav, deſſen Ruͤcken vielleicht heut noch dieſe Geißeln wund hauen, deſſen Schritt dieſe Klötze hemmen wer⸗ den, wie die Dienſtbarkeit den regſamen Geiſt? Iſt es der Thor, der Empfindungen hegt, die ihm nicht gebuͤhren und ſie ausdruͤckt in Wor⸗ ten eines Freyen, in Worten, die er beſſer nie gehoͤrt hätte? Wozu auch dem Knecht die Wiſſenſchaft, die ich dem Munde des Lehrers begierig abgehorcht, waͤhrend ſie am Ohr des hochgebornen Junkers ungehoͤrt voruͤberglitt? Wozu mir dieſe Kenntniß eines Beſſern, die⸗ ſes Ahnen, ſtets gepflegt und aufgefriſcht durch der Mutter argliſtig Thun und Reden? Nicht genug war es, daß ich elend ſey, auch die dumpfe Huͤlle der Unwiſſenheit ſollte mir entriſ⸗ ſen werden, damit ich Euch recht begreife, wie ſehr ich es bin, daß ich immerdar ſchwebe, aus⸗ geſpannt zwiſchen ſchnoͤder Wirklichkeit und ge⸗ traͤumter Hohe! Fluch meiner Halbheit, Fluch der grauſamen Wohlthat, die mir geworden, Fluch Denen die ſich prahleriſch meine Wohl⸗ thaͤter nennen!— Und ſollte dieſe Höhe wirk⸗ lich nur getraͤumt ſeyn?— fuhr er nach einer Pauſe fort— ſollte nimmer, nimmer ein Au⸗ genblick kommen, wo ich den Veraͤchtern zeigen mag, ich ſey, obſchon im Knechteswams, den⸗ noch zu Beſſerem geboren? Nicht unter Dir ſtaͤnd' ich dann vielleicht, Nikolaus, und nicht ſo groß wäre der Abſtand zwiſchen dem Jun⸗ ker des Landvogts, und dem Sohne eines un⸗ bekannten Elenden. Vielleicht wurde dann die Welt ſelbſt meynen, Olgierd, geboren im Konig⸗ ſchloſſe zu Krakow, wäre ein Held worden, waͤh⸗ rend jener furchtbare Boleslaw, nennte er eine Ver⸗ worfene ſeine Mutter wie ich, ſeyn wuͤrde was ich nicht ſeyn kann, ein heimlich murrender, tuki⸗ ſcher, fuͤhlloſer Knecht!— Iſt Jemand da, der mir antwortet?— fuhr er fort, denn es be⸗ duͤnkte ihm, als rauſche es leiſe an der Thuͤr — iſt es der Untervogt vielleicht, welcher kommt, dem vermeſſenen Frager Beſcheid zu geben, und ihm mit Peitſchenhieben das Räthſel ſeiner Be⸗ ſtimmung zu löſen?— Als alles ſtill blieb, ſprach er weiter zu ſich ſelbſt: Ich habe den Sohn des Hauſes nicht unter den Abziehenden geſehen. So ſteht es mir vielleicht bevor, in ſeinem Beiſeyn die ſchimpfliche Strafe zu er⸗ leiden, oder das veräͤchtliche Wort der Gnade von ihm zu vernehmen! Das aber iſt bitterer als der Tod. Er ſoll ſich nicht weiden an meiner Schmach, aus ſeinem Munde lautet der Spruch der Verzeihung mir widriger, als das Todesurtheil, das Boleslaw ſprach. Huͤte Dich, dem Feinde zu vergeben, Nikolaus Strze⸗ mieniec! Nimmer mag Friede ſeyn zwiſchen Dir und mir, und ſo Du mir auf den Nacken trittſt, ſo zertritt mich auch mit eiſernem Fuß, daß ich nicht einſt mich aufrichte und Dir die Ferſe tödlich verwunde. Deinen Geſpielen nen⸗ neſt Du mich, Uebermuͤthiger, den Gefährten Deiner Knabenluſt, den Mitkaͤmpfer im unblu⸗ tigen Gefecht? Wahre Dich, daß die ſtarkge⸗ wordene Fauſt nicht frei werde! Nicht wie ſonſt moͤchte es Dir gluͤcken, als Du den Juͤn⸗ gern leicht nieder warfſt, der geſtrenge Junker den Buben knechtiſcher Herkunft, und ſeiner ſpotteteſt, ein unruͤhmlicher Sieger— auch ich bin ein Mann worden, und es geluͤſtet mich, einen ernſtern Kampf mit Dir zu beſtehn um einen Preis, den Du nicht ahneſt!— Was war das?— fuhr er plötzlich empor mit wahn⸗ ſinniger Verzuͤckung aufwaͤrts ſtarrend— War es nicht ihre Stimme, die heruͤber tonte von der Burg, nicht Dein Name, den ſie rief? — 16— O laß mich heraus, werther Geſpiele, laß mich heraus aus dieſem dumpfen Behälter, laß mich ein Schwert erfaſſen, und trotz des gewaltigen Szczerbiec Deines Herrn und Königs ſoll Jene noch einmal Deinen Namen ausrufen, doch mit dem Wehſchrei des troſtloſeſten Jammers, und— vielleicht wird ſie darauf einen Andern nennen mit dem Laute der Liebe, denn— ſo war ja der Wahlſpruch jener Römer, der be⸗ täubend in das dumpfe Knechtesohr gefallen: Dem Kuͤhnen gehört die Welt!— Und wie⸗ der nach einigem Schweigen fuhr er fort, das alte Geräth unter ſich wuͤthend mit den Füͤßen ſtampfend, daß es klirrend auseinander rollte und dicke Staubwolken aufwirbelten:— Thor, raſender Thor, wohin verirreſt Du Dich wie⸗ der? Ziemt es auch dem Schmachbedeckten, des hoͤchſten Preiſes zu gedenken? Prahlet man von Kampf und Rache und herrlicher That unter der gehobenen Fauſt der Schergen? Her⸗ bei mit Euch, ihr Knechte der Willkuͤhr, ma⸗ chet ploͤtzlich ein Ende! Ich verachte Deine Gnade, Graukopf, der Du trotz Deinem lan⸗ gen Bart und Deinem herriſchen Thun launi⸗ ſcher biſt und wetterwendiſcher als ein Weib! — Die Keule zerſchmettere ſein Haupt, ſprach der Koͤnig, und Dir ſtellte er das Richteramt anheim. So laß ſie denn niederfallen, daß ich ſterbe, weil ich nicht leben kann, wie ich allein nur mag, in Freiheit und kuͤhnem Be⸗ ginnen, daß ich ſterbe, Dich verwuͤnſchend und mich, und Alle, die mich gepeinigt haben durch Wehthat oder truͤgeriſche, hohnende Mil⸗ de!— Und damit ſprang er hinab auf den Boden des Kerkers, als wolle er dem kom⸗ menden Todesboten entgegen eilen, und ſtand plötzlich vor Olga, die, geraͤuſchlos eingetreten, bereits ſeit geraumer Zeit, Zeugin ſeines Selbſt⸗ geſpraͤchs geweſen war. Sanfter als ſonſt ihre Weiſe, ja beinahe klagend, redete ſie ihn an: Du verwuͤnſcheſt Dich, mein Sohn, und die, welche Dir weh gethan? Du magſt es, denn größeres Recht haſt Du, ihnen zu zuͤrnen, als Du wohl mey⸗ neſt. Doch ſollſt Du auch Derer fluchen, die bei Dir ſtanden von huͤlfloſer Kindheit an, Dich ſorgfältig ſchuͤtzend vor der Gefahr, die Du nicht kannteſt, die Du heut noch nicht kennſt?— Sprichſt Du von Dir, Mutter? erwiederte Olgierd finſter— Auch fuͤr Dich 4 — — 16— habe ich keine Worte des Segens, denn Du biſt es, die mich gebracht in dieſes Elend.— Wie magſt Du mir zurechnen, was Dein Vorwitz verſchuldet?— lautete des Weibes kalter Beſcheid— Einen Mann glaubt ich er⸗ zogen zu haben, der beſonnen das Kuͤhne zu vollbringen vermoͤge, und finde einen Knaben, welcher, uͤberwältigt vom Rauſche gebrannter Waſſer und kindiſchen Zornes, den thörigten Muth prahleriſch uͤbt in gemeiner Schenkſtube, und unnuͤtzen Frevel begeht, nicht achthabend auf Ort noch Zeit.— Der Juͤngling antwor⸗ tete wie vorher: Ihr ſeyd gekommen, wie es ſcheint, mich mit bußpredigendem Geſchwätz vorzubereiten auf Peitſchenhieb' und auf Aerge⸗ res vielleicht noch. Sparet Euch die Muͤhe — nicht fein ſteht Eurem Munde der Sitten⸗ ſpruch, und Eurer Ermahnung bedarf ich nicht, um zu leiden, was ich leiden muß. Warum tretet Ihr zu mir, mich zu ſchelten— fuhr er hoͤhniſch fort— da ich gethan, wie Ihr mir geheißen? Sehet, nun hab' ich ja mit kuͤhnem Arm den kuͤhnen Sinn bewaͤhrt, mein Arm hat das Blut des Beleidigers vergoſſen — Eures Lobes war ich gewaͤrtig, denn, blik⸗ — 19— ket um Euch, und Ihr werdet wahrnehmen, welch' herrliche Frucht Eure Lehre getragen.— Hieß ich Dir jemals— unterbrach ſie ihn mit Nachdruck— mit Niedern den niedrigen Streit zu beginnen, ſo magſt Du mich an⸗ klagen. Doch war dies nicht der Sinn der deutungvollen Worte, die ich zu Dir geredet, ſeitdem Du Worte zu vernehmen vermochteſt; und haſt Du ſie alſo gedeutet, ſo hat Olga ſich in Dir betrogen, ſo biſt Du geboren fuͤr die Kutze, die Du trägſt, wozu auch ſonſt das Geſchick Dich berufen. Wahr iſt es, ich habe den edeln Zorn in Deiner Bruſt zu entflam⸗ men getrachtet, der Dem geziemt, welcher ſchweres Unrecht erlitten. Ich habe Dich fruͤh bereitet zu harten Kampf und Deinen jugend⸗ lichen Arm geſtaͤhlt, daß er einſt die Wehr kräftig erfaſſe, und Dein Herz geſtärkt, daß es nicht kleinmuͤthig werde beim Anblick ver⸗ goßenen Feindesblutes. Doch jenes, mit dem Du Dich aber befleckt, mag den Unglimpf nicht abwaſchen, der einſt Dir angethan, nicht eines gemeinen Reifigen Haupt iſt es, das ich Dir zum Ziele gerechter Rache geſteckt. Raͤu⸗ ber nenneſt Du dieſe Gewappneten, die Recht 2 — — 20 und Geſetz nicht achten, noch fremdes Eigen⸗ thum! O wahrlich, ſie ſind es nicht allein, auch Helm und Krone ſchuͤtzt des Räubers Schaͤdel, und nicht der Knittel eines Leibeige— nen mag dieſe zerſchellen. Was ſchaueſt Du mich ſo befremdet an, Olgierd? Sprich, was wuͤrdeſt Du thun, waͤreſt Du der Beraubte, und der Raͤuber ſtuͤnde vor Dir, angethan in ritterlichem oder fuͤrſtlichem Schmuck? Da rief Olgierd dumpf und mit ingrimmi⸗ gem Laͤcheln: So hoͤre ich noch einmal die Stimme, die mir zugefliſtert von Kindesbei⸗ nen an; das ſind ſie, jene ſinnverwirrenden Reden, die den ſchwarzen Geiſt des Mißmu⸗ thes in mir herauf beſchworen haben, die mich, Zauberformeln gleich, tappend durch die dickſte Nacht führten, einem Frrlicht zu, das mich in Sumpf und Moder fuͤhrt. In Sumpf und Moder, wie Du ſieheſt, zuaͤrtliche Mutter. Sprich, iſt Dein Sohn noch nicht elend ge⸗ nug? Willſt Du ihn wahnſinnig machen, daß er deſto ſicherer verderbe?— Wohin ſchweifen Deine Gedanken?— ſprach Olga feſt— Höre auf mich, und ſey ein Mann, denn wie ich geſagt, ſo iſt es; der Naͤuber iſt einer von Denen, die ich genannt, und Du biſt der Beraubte!— So nenne mir ihn,— rief der Juͤngling, doch minder heftig als vorher und die Hand an die bleiche, ſchweiß⸗ benetzte Stirn legend— nenne das Unrecht, das er mir gethan, zerreiße die Binde, die Du um meine Augen gelegt und immerdar nur ſchadenfroh geluͤpft haſt, daß der einfallen⸗ de Strahl nicht blende. Sey es was es ſey, das Du mir zeigeſt, ich werde Dich ſegnen; ſegnen werde ich Dich, traͤfe mich auch im naͤchſten Augenblick die Keule des Frohns, ge⸗ lenkt von Nikolaus Strzemieniec's pflegbruderlich wohlwollender Hand. Doch dies Dunkel nimm von mir, helle die Räthſel auf, die mich ſo lange gepeinigt in wechſelnder, ſteigender Fieber⸗ gluth.— Und dies Räthſel ſelbſt— entgeg⸗ nete Olga mit feierlichem Ausdruck— dies Räthſel ſelbſt, iſt es Dir nicht Burge fuͤr eine erfreuliche Löſung? Wahrlich, nicht Gemeines birgt ſich in tiefem Geheimniß. Doch magſt Du es jetzt auch erſchauen? So ich die Bande löſen wollte, was hälfe es Dir, daß Deine Blicke und Dein Wille entfeſſelt ſeyen, waͤhr⸗ end Deine Kraft gebunden?— Du haſt recht, — Mutter,— ſprach Olgierd im leiſen Tone der Ermattung,— ich fuͤhle mich betaubt, und mein Geiſt iſt unfähig Deine verworrene Rede zu deuten. Auch taugt es wohl nicht, auf das Gute zu blicken, was doch fern und ungewiß iſt, denn das Schlimme iſt nah und ſicher.— Nur dem freien Mann— fuhr Olga fort— nur dem freien Mann frommt es zu wiſſen, was ihm obliegt. Zeige man die Beute dem Wolfe, der in die Grube gefallen, und er wird ſich das Hirn einſtoßen an dem Gemäuer ſei⸗ nes Kerkers in ohnmaͤchtiger Wuth.— Mey⸗ neſt Du?— fiel der Gefangene mit halbem Lächeln ein— Wahrlich, ich fuͤhle ſo etwas. Was ſoll mir auch noch das Gaukelſpiel der Hoffnung, da ſich mir dieſe Thuͤr doch wohl nur offnet zum Wege nach dem blutigen An⸗ ger. Dem iſt ſo, nicht wahr, Mutter? Der Koͤnig hat wohl gewußt, weſſen Gnade er den Miſſethäter uͤbergeben, und leichtlich konnte er in ſcheinbarer Milde den Bitten des Ruſſen genuͤgen. Nimmer entlaͤßt Nikolaus mich le⸗ bend; er ahnet den Todfeind in mir, denn wie die Liebe, die ich nicht kenne, thun ſoll, ſpricht auch der Haß, den ich beſſer erkannt, ſich aus in geheimer Wechſelwirkung.— Du geheſt nicht zum Tode, Olgierd— erwiederte die Frau— manchen Tag noch wirſt Du ſehen, und wenn Du Der biſt, den ich in Dir ahne und wuͤn⸗ ſche, auch den glorreichen Tag der Vergeltung. — So werden ſie mich doch geißeln,— ſiel jener lebhafter ein— und der Kronſchwerttraͤ⸗ ger wird das zögernde Wort der Gnade aus⸗ ſprechen, ehe die Seele den zerfleiſchten, be⸗ ſchimpften Leib verlaſſen? Mag es ſeyn, nur der Todte iſt nicht mehr furchtbar, ich aber werde leben! Doch, wenn dem ſo iſt, ſo ſprich, damit wenn es waͤre, wie ich ahne, wie Deine Rede mir es andeutet, das Maaß meiner Wuth ſich fuͤlle zum Ueberlaufen, und jeder Streich ein neues Zeichen werde im Kerbholze meiner Rache! — Du wirſt nicht gegeißelt werden,— ließ ſich Olga wie zuvor vernehmen.— Dir iſt Gnade worden vor den Augen des Koͤnigs, und ob ſie Dich verderben wollten, die Dich haſſen, ſie duͤrfen es fortan nicht.— Da ſprach der Juͤngling im Tone der Ruͤhrung:— So iſt denn Dein Wort mir zum Heil worden, edler Fuͤrſt, und gleich wie Du Dich des Nie⸗ drigen erbarmet, ſo hebe das Gluͤck Dich wie⸗ derum empor aus Deiner Niedrigkeit. Sieh, Mutter, ich haſſe das Gold und den Purpur, ich verabſcheue Den, welchen ſie bekleiden, doch ihn kann ich nicht haſſen. Gern moͤchte ich ihm das Leben weihen, das er mir theuer er⸗ kauft, erkauft mit ſchwerer Bitte, gerichtet an ſeinen uͤbermuͤthigen Schutzherrnz wahrlich, kein Kleines fuͤr ein furſtlich Gemuͤth. Du biſt, glaub' ich, geboren in Fuͤrſt Jzaslaw's Landen, Mutter; auch Dein Sohn iſt ihm unterthan; ſende mich drum hinaus zu dem Einzigen, den ich meinen Herrn nennen mag auf der Welt, daß ich meine Schuld abtrage, denn auch ihm will ich nicht umſonſt verpflichtet ſeyn.— Olga hatte ſich waͤhrend dieſer Worte ſeit⸗ waͤrts gewendet, ſie hielt die Haͤnde vor das geſenkte Antlitz und es war, als habe eine maͤch⸗ tige Bewegung ihr ſteinernes Herz ergriffen, und ein leichtes Zittern die ſproͤden Glieder. Olgierd fuhr fort: Eines Fremden bedurfte es; nur der Bedraͤngte mochte Theil nehmen am Bedrängten; hier kennt man das Mitleid nicht, und verlacht wird das Recht des zur Un⸗ terdruͤckung Gebornen. Jener Severin, der ſtrenge Gebieter dieſes Schloſſes, ſo gerunzelt — auch ſeine Stirn war, und ſo rauh ſeine Re⸗ de, doch hab ich oft in ſeinem Auge einem Blicke begegnet, gleich dem Blick— eines— ja eines Vaters. Wenn ſeine Rochte den Skla⸗ ven zuruͤckſtieß, der ſeine Kniee umfaßte, fuͤhlte ich nicht ſelten den Druck der Linken, die mich unwillkuͤhrlich an ſich zog; hart war ſeine Re⸗ de, ſeine Geberde war gebieteriſch, doch ſein Thun, Mutter, ſein Thun war mild. Und nun heut,— ich will es Euch geſtehen, was mir von Hoffnung uͤbrig blieb, es war auf den Landvogt geſtuͤtzt,— aber der Konig ſprach: Hinweg mit ihm zur Schaͤdelſtaͤtte, und gleich⸗ muͤthig ſtand der Alte und ſchweigend, als gelte es einen Jagdhund. Das griff mir vernichtend ans Herz. Als aber drauf des Großfuͤrſten ſanfte Stimme erſcholl, ging es auf wie ein erfreu⸗ lich Licht in meinem umnachteten Innern, und ich achtete fortan weder Herrn Severins, noch ſelbſt des Konigs. Die, zu welcher der Leibeigene ſprach, hatte ſich wieder gegen ihn gekehrt, und ſchaute ihn an mit zweideutigem Laͤcheln. Ihr war das leiſe Zwiegeſpraͤch zwiſchen dem Rittersmann und dem Biſchof nicht entgangen, nicht die fluͤſternden Worte des Letztern zum König; ſie wußte, weſſen Fuͤrſprache den Todesſtreich vom Haupte des Jünglings abgewendet, und es er⸗ freute ſie, daß ſie allein es bemerkt, denn alſo 1 ſtimmte es zu ihren Entwuͤrfen. Ihr Herz ſchwoll auf in gehäſſiger Freude, die alsbald die Oberhand uͤber manch anderes ſeltſames Gefuͤhl gewann, welches ſie einen Augenblick fruher befallen, und ſie ſprach: Was ſollte Dir auch Gutes kommen von ihm und dem Sei⸗ nigen? Und wenn es ſchon ſchien, als neige ſich Einer oder der Andere wohlwollend zu Dir, glaube dem nicht. Wie mag auch in dem Lande der Sarmaten der Edelgeborne es wohl— meynen mit dem Knecht, wo uͤberall auf der Welt der Beleidiger mit dem Beleidigten? Drum bereite Dich vor; nicht zu offenen Widerſtand, der unnutz waͤr' und verderblich, ſondern zu wei⸗ ſer Vorſicht, die Ruͤſtung des Schwachen ge⸗ gen die Gewalt. Vielleicht kommt es bald 5 1 dahin, daß Du gegen ſie auftreten magſt auf wuͤrdigere Weiſe; heut iſt es aber noch nicht 3 an der Zeit. Zeige Dich denn als den Zög⸗ ling Olga's, welche auch die Widerſacher die* Kluge nennen, denn in wenig Augenblicken ſollſt Du vor Jenen erſcheinen.— Vor ihnen? fragte Olgierd mißmuͤthig.— Kannſt Du das Bittere nicht abwenden, Mutter? Kannſt Du, die, wie ich oft bemerkt, mehr vermag als eine Andere, welche das Sklavengewand trägt, mir nicht die Thuͤr dieſes Gefängniſſe oͤffnen, daß ich ungekraͤnkt entrinne? Ich mag dieſen Nikolaus Strzemieniec nicht ſehen, ſo lang' ich als Knecht vor ihm ſtehe. Ich wuͤrde ein hartes Wort nicht ertragen von ihm und ſchwerer noch ſein veraͤchtlich Mitleid.— Olga aber antwortete gebieteriſch: Dem muß ſo ſeyn und nicht an⸗ ders. Wie mag Dir ſo ſchwer duͤnken, wor⸗ an Du von Jugend auf gewohnt? Einmal noch beuge den ſtarren Nacken vor der Nothwendig⸗ keit, es iſt das Letztemal.— Nach einigem Bedenken ſetzte ſie hinzu: Auch irreſt Du; wenige Vorwuͤrfe wirſt Du hoͤren und nur ge⸗ linde, und manch glattes Wort wird ihr Ab⸗ ſchiedgruß enthalten. Abſchiedgruß, Olgierd, denn ihr Wille iſt, daß Du morgen auszieheſt von Zembocin. Warum blickſt Du ſo freudig „aufz haſt Du bereits vergeſſen, daß nichts Gu⸗ tes Dir vom Landvogt kommen kann, und von * — 56— allen Bewohnern dieſes Hauſes? Man ge⸗ wahrt, ſo heißt es, daß Dein Gemuͤth ſich nicht eigene fuͤr den niedern Stand, dem Du bis jetzt angehoͤrt, man will bemerkt haben, daß die Samenkörner des Wiſſens, die der Zufall Dir zugeworfen, auf kein unfruchtbar Land gefal⸗ len ſind; ſo lautet die Sprache des Schloß⸗ herrn, in die der Schrey des erwachenden Ge⸗ wiſſens ſich argliſtig hullt. Darum— merke wohl, was ich Dir ſage— darum iſt es beſchloſſen, Dich in die Haͤnde des Ketzerprieſters zu Kra⸗ kow zu uͤberantworten, auf daß er Dich mit ſich fuͤhre und Du das Knechteswamms ver⸗ tauſcheſt mit der Kutte. Nun, Olgierd, ſind die Herren zu Zembocin nicht milde Richter und gnaͤdige Goͤnner? Auch klug iſt der Alte, denn wohl weiß er, warum er will, was Du gehort. Ich aber ſage Dir: ſo Du Dich dem Beſcheide fuͤgeſt in feiger Demuth, ſo zittre vor mir, die ich eine freie Seele trage in der Bruſt einer Eigenen, denn kaͤm' es dahin, ſo waͤre die Arbeit langer Jahre verloren mit Einemmal. Sollteſt Du der altgläͤubigen Kirche entſagen, in deren Lehren ich Dich aufgezogen, ſollte je⸗ mals der Strick der römiſchen Monche Deine Huͤfte umguͤrten, ſo reiße ich ihn ab von der⸗ ſelben, damit ich Dich mit ihm erwuͤrge!— Olgierd hatte die heftige Rede mit gleich⸗ giltigem Laͤcheln angehoͤrt, und ſprach darauf: Warum tobeſt Du, Weib? Meyneſt Du, auch ſelbſt als Kloſterbruder koͤnnte ich Dich fuͤrchten und Deinen Zorn? Gieb Dich zu⸗ frieden, frommglaͤubige, ſorgfältige Mutter; mich verlangt nach der Kutte nicht. Ganz Anderes iſt mein Begehr— Was? das iſt mein Geheimniß, und mich geluͤſtet nicht, es Dir zu entdecken. Haſt Du doch auch mehr denn ein ſolches, daß Du dem Sohne ver⸗ birgſt. Beider jetzt zu erwähnen— verſetzte Ol⸗ ga mit Nachdruck— waͤre fruchtlos Geplau⸗ der. Beides bleibe verborgen, bis Du die Freiheit wieder erlangt. Damit aber ſolches geſchehe, horche meinem Rath— Nimmer läßt der gefangene Wolf ſein Geheul hoͤren; ſtumm bleibt er in der Falle und zeigt nimmer das ſcharfe Gebiß; doch wenn er entkommen iſt zu ſei⸗ nen Bruͤdern, ſtößt er das Geſchrei lang verhal⸗ tener Wuth aus, und ſie horchen auf, und ſie + 35— ſammeln ſich zu ihm und folgen ihm zum Werke der Rache. Alſo auch Du— Deine Stirne bleibe glatt bei der ſtrengen Ermahn⸗ ung des Alten, gebiete dem Haß, wenn Niko⸗ laus Strzemieniec's Stimme Dein Ohr trifft, preiſe unterwuͤrfig und dankbar die Huld Dei⸗ ner Gebieter, und ſcheine bereit, Deine kampf⸗ fertigen Glieder in die friedliche Kutte zu huͤllen. — Sey, was Du nicht ſeyn kannſt— un⸗ terbrach der junge Mann ſie bitter— Heuch⸗ le und ſchmeichle, wie es dem Leibeigenen zu⸗ kommt, und laͤchle, ob Du nun mißhandelt werdeſt, oder geliebkoſ't.— Wie lange— herrſchte die Frau ihm zu— Wie lange wirſt Du mir noch widerſtreben, ſtoͤrriger Bube, wie lange wirſt Du nicht begreifen, daß ohne mich Du nimmer ein Anderer ſeyn wirſt, als Olgierd, der Kothſaß? Meyneſt Du, es fehle an Gewappneten in der Burg, die den Wi⸗ derſpenſtigen zum Kloſter ſchleppen, wie die Metzger den Stier zum Scharrn, ob er ſich auch noch ſo unwirſch gehabe? Nur von dem Reuevollen, Demuͤthigen wendet ſich das Auge des Argwohnes, und wenn Du thuſt, wie ich Dir's heiße, ſieht die Sonne des morgenden — 5— Tages Olgierd den Freien.— Eine leichte Rothe faͤrbte bei dieſen Worten Olgierd's Angeſicht, und ſein Auge ward feuriger; doch gleich da⸗ rauf fragte er im Geiſte des Mißtrauens, der ſeinem Volke und Stande eigenthuͤmlich war und iſt: Und dann? Werd' ich dann erfah⸗ ren, zu welchem Ziele Deine Weisheit mich leitet auf dunkelm, abſonderlichem Wege?— Olga ſann ein Weile, ehe ſie antwortete: Dann wird Dein Geſchick ſich anders geſtalten. Fuͤr jetzt ſey folgendes Dir genug. Du biſt nicht zum Gehorchen geboren, Hlgierd, und ich will Dich in eine Schule bringen, da Du lernen wirſt zu befehlen. Du weißt nicht, was Deiner wartet, was die Zukunft von Dir fordert; ich aber weiß es, und Jahre lang war es meine Sorge, Dich vorzubereiten. Noch biſt Du es nicht; lange uͤbt der Schuͤtz ſich, das Ziel zu treſſen, und wieder lange Zeit ſendet er ſeine Bolzen auf das nie⸗ dere Gethier des Waldes, ehe er ſich an Bär und Eber wagt. Ein weiter Raum liegt zwiſchen dem, was Du jetzt biſt, und dem, was die Folgezeit Dir aufbewahrt— So— oder ſo—— ſetzte ſie mit zögernder Stimme hinzu, mehr zu ſich ſelbſt ſprechend, als zu dem Sohne. Dieſem entgingen die letzten Worte nicht und er wiederhohlte ſie mißmuthig— So — oder ſo? Alſo ſoll ich denn, wie es mich gemahnt, die Sklavenkutte abwerfen, um der Knecht eines Weibes zu ſeyn, ſoll ich wie bis⸗ her ein willenlos Spielzeug Deiner Laune blei⸗ ben? Denn Laune ſpricht aus Deinen ſchwan⸗ kenden Reden, nicht ein langgehegter reif ge⸗ 1 wordener Entſchluß, ſo ſehr Du Dich auch 3 ruͤhmeſt. Befehlen ſoll ich, ich weiß nicht wem, gehorchen aber fort und fort Dir. Iſt dem nicht ſo?— Mit nichten, Monden wer⸗ den vergehen, ehe Du mich wieder ſieheſt. — Sobald Du dieſem Zwinger den Ruͤcken gewandt, iſt auch meines Bleibens hier nicht mehr. Weit entfernen ſich unſere Wege; der Deinige fuͤhrt gen Mittag, gen Morgen der Meinige.— Gen Morgen ſagſt Du?— rief Olgierd— o ſo nimm mich mit Dir, dort hinaus iſt ja Fürſt Jzaslaw gezogen! Laß mich ihm nacheilen, denn mich draͤngt es, ihm die Wohlthat zu vergelten.— Und wie willſt Du ſie ihm vergelten?— fragte Jene ſpottiſch. — 56— — Wahrlich, ein mächtiger Bundesgenoſſe wuͤr⸗ de dem Großfuͤrſten von Kijow zuwachſen in einem eigenen Knecht, und herrlich magſt Du ihm die Schuld abtragen, ſeiner Koppelhunde wartend, oder ſein Gewand ſaͤubernd, das er beſtaͤubt, auf den Knieen liegend vor ſeinem Lehensherrn. Doch mag ich wohl, daß Dein Sinn ſich ihm zuneigt, denn fuͤrwahr, wunder⸗ lich ſind die Wege des Schickſals, und oft fuͤhren ſie den Wanderer, wohin er nimmer geahnet. Lang⸗ ſam— ſprach ſie wieder in ſich verſinkend— langſam tritt das Verborgene hervor aus der Nacht der Zeit, und oft in veraͤnderter„ nicht erwarteter Geſtaltung. Der Weiſe aber nimmt es auf, wie es ſich auch zeige.— Hier vera ſtummte ſie, und begann bald drauf gefaßter. Ein tuͤchtiger Mann ſollſt Du werden„ denn nur ein tuͤchtiger Mann mag ausfuͤhren, was Du denkeſt und ich, ein Jeglicher auf ſeine Weiſe. Dann kannſt Du dem, zu dem, ich weiß nicht was— ſoll ich ſagen, ein Finger⸗ zeig unbekannter Hand? dein unbaͤndig Herz ſich gewendet, vielleicht beſſer vergelten, als durch nie⸗ dern Dienſt.— Fern iſt es von hier bis zum Dniepr, doch die Schlaͤge eines Schwertes, ge⸗ 3 ſchwungen von ruͤſtiger Fauſt, ſchallen weit, und wenn hier Eines oder das Andere zuſammen⸗ bricht, kann dort Dies und Jenes feſter wer⸗ den.— So vertraue ich mich Dir denn noch Einmal an, Mutter. Dann ſagte er leiſer— Fuͤhre mich wie Du meynſt, doch wiſſe, auch ich habe ein Ziel vor Augen, ein dreifaches, ſeltſam geſtaltetes. Rache heißt es, Dankbar⸗ keit und—— Da unterbrach das Weib ihn lächelnd: dem Kuͤhnen gehoͤrt die Welt, ſprachſt Du vor wenigen Augenblicken. Das iſt ein ſchoͤnes Wort; gedenke ſein in der kommenden Zeit. II. Es war ſtiller auf Schloß Zemboein gewor⸗ den ſeit dem Abzuge des Koͤnigs; das gewohnte haͤusliche Treiben war jedoch noch nicht vollig in ſein ehemaliges Gleis zuruͤckgekehrt. Die geiſtlichen Herren hatten beſchloſſen, ſchon in den Nachmittagſtunden deſſelben Tages abzu⸗ reiſen, und wendeten den Morgen dazu an, die Geſchaͤfte abzuthun, welche ihnen noch ob⸗ 1 „ lagen. In ſein Gemach zuruͤckgezogen ſaß Pe⸗ trus Nalencz der Erzbiſchof und Statthalter, von Pergamenten umgeben, und fertigte unter⸗ weilen mit kurzen befehlenden Worten Einen und den Andern der Eilboten ab, die ſeiner Befehle gewaͤrtig, im Vorgemache ſtanden. Nur Zweien war außerdem der Zutritt zum Stellvertreter des Koͤnigs verſtattet, dem Sohne des Hauſes, dem ſein hohes Kronamt und die von ſeinem Herrn erhaltenen Aufträge dieſen Vorzug erwarben, und dem Woyciech(Adal⸗ bert) Druzyniec, einem jungen Edelmann, wel⸗ cher in beſonderm Grade das Vertrauen Bo⸗ leslaw des Zweiten und ſeines vornehmſten Staatsbeamten beſaß. Die Vorrichtungen des Biſchofs von Krakow waren ſeinem Stande angemeſſener. Er hatte gleich nach der Abreiſe des Koͤnigs eine lange Unterredung mit Seve⸗ rin Strzemieniec gehabt, von welcher dieſer dem Anſchien nach etwas heiterer zuruͤckkehrte, als wir ihn am vorhergehenden Abende geſehn. Dar⸗ auf begab ſich der geiſtliche Oberhirt zur Kir⸗ che, die Pflichten ſeines Amtes zu uͤben, und im Angeſichte der verſammelten Gemeine auf die Waffen des Heeres und auf die Haͤuſer 3* und Huͤtten der Zuruͤckgebliebenen den Segen„ des Himmels herabzuflehen, der Beiden, ſeiner Meinung nach, mehr als je vonnoͤthen war. Im ſtillen Kloſet lag Agnes, die kuͤnftige Non— ne, aͤhnlicher frommer Beſchaͤftigung ob; Chri⸗ ſtina von Skalmierz ruhte ſchweigend und ſin— nend in gewaͤhlter Stellung auf einem Faul— bett, und ihre verminderte Lebhaftigkeit, die un⸗ terdruͤckten Seufzer ſelbſt, welche ihre ſchöne Bruſt hoben, veranlaßten die muntere Ilgazu der ſtillen Bemerkung, ſelbſt damals, als der Eheherr ihrer Muhme in den Krieg gezogen, ſey dieſe kaum ſo betruͤbt geweſen als heut. Malgorzata aber gedachte nur des baldigen abermaligen Scheidens von ihrem Gemahl, und zuͤrnte den Reichsgeſchaͤften und dem Erzbiſchof, welche ihr die letzten fluͤchtigen Stunden des Zuſammenſeyns verkuͤmmerten. So war der Vormittag vergangen, und die Schläge des holzernen Klöppels gegen ein im Hausflur an Seilen haͤngendes Brett, das damals die Stelle einer Glocke verſah, rief die Bewohner von Zemboein und ihre Gaͤſte zum Mittagmahl. Es war, obgleich eben ſo reichlich, doch nicht ſo geraͤuſchvoll und fröh⸗ lich als die, welche bei der Anweſenheit des Koͤnigs begangen worden; jeder der Anweſen— den hing, ohne ſie beſonders mitzutheilen, ſeinen eigenen Gedanken nach, und bald gab der Erz— biſchof das Zeichen, die Tafel zu verlaſſen. Da neigte ſich aber der Kronſchwerttraͤger gegen ſeinen Vater mit den Worten: So es Euch gefaͤllt, edler Kaſtellan, und den Frauen, ſo will ich einen Trinkſpruch ausbringen, in wel⸗ chen jeglich polniſches Herz unfehlbar mit mir einſtimmt.— Als der Schloßherr ſchweigend ſeine Einwilligung gegeben, nahm Nikolaus das Trinkgeſchirr, deſſen am Eingange dieſer Dar⸗ ſtellung Erwaͤhnung geſchehen, fuͤllte es bis an den Rand und ſprach: Auf das Wohl unſers Königs Herrn Boleslaw des Zweiten und das Gluͤck ſeiner ſieggewohnten Waſſen.— Wahr⸗ lich— entgegnete Petrus Nalencz, ihm Beſcheid thuend, mit dem Tone ausdruckvoller Wichtig⸗ keit, die dem Statthalter geziemt, und zugleich mit der frommen Geberde, die ſeinem Stande zukam, indem ſein Blick mehr forſchend als freundlich auf ſeinen geiſtlichen Mitbruder fiel: — Wahyrlich, Ihr habt wohlgeſprochen, ehren⸗ feſter Schwerttraͤger der Krone; Keiner der es wohlmeynet mit dem Ruhme des Herrn, und die Ehre des Reiches im Herzen traͤgt, wird ſich deſſen weigern. Auch wir, obſchon uns beſchieden iſt, auf andere, gewichtigere Weiſe zu Beiden zu wirken, wollen uns dem freundli⸗ chen Gebrauch nicht verſagen, der den Wunſch eines redlichen, dem Koͤnig und Vaterland er⸗ gebenen Gemuͤthes beim Klange der Becher ausſpricht. Doch mein ehrwuͤrdiger Bruder von Krakow ſcheint wider Erwarten uns nicht bei⸗ zuſtimmen, denn ſein Pokal ſteht unberuͤhrt.— Herr Erzbiſchof,— antwortete Stanislaw ernſt, — ich habe bereits meine Wuͤnſche fuͤr des Koͤnigs Gluͤck und Ehre dargebracht, wo und wie es, wie ich meyne, mir ziemt; vor dem Altare des Hoͤchſten nehmlich, und im inbruͤn⸗ ſtigen Gebet. Das geheiligte Trankopfer, wel⸗ ches uͤber meine Lippen gegangen, war dem nehmlichen hochwichtigen Gegenſtande geweihet, dem dieſe wackern Ritter und Herren, nach al— lerdings loblicher und urväterlicher Weiſe ein frohlich Gedeihen zutrinken, und ſo ſey es mir vergoͤnnt, mein Trinkgeſchirr mit Quellwaſſer zu fullen, wie ich es gewohnt, und nur in der Stille meine Wüͤnſche zu den Eurigen zu ge⸗ ſellen.— Der Erzbiſchof ſah einen Augenblick vor ſich nieder, dann ſagte er mit zweideuti⸗ gem Ton: Ihr ſeid ein unſträflicher Prieſter, Herr und Bruder, und ſtreng von Sitte. Wahr⸗ lich, was die Sache der Kirche betriſſt, zumal im Sprengel der Hauptſtadt, darf unſer Herr der Koͤnig ſich des Beßten getroͤſten, da ſie Euch anheimgeſtellt iſt.— Wo die Sitte nach⸗ läßt unter dem Volke, wie bei uns nur allzu⸗ deutlich zu gewahren,— war Stanislaw's Antwort,— ziemt es dem Lehrer voran zu ge⸗ hen mit deſto ſtrengerem Beiſpiel. Nur zum Lehrer bin ich berufen; ich will es ſeyn und ganz, ſoweit mir dazu die Kraft verliehen von oben.— Es iſt nicht zu läͤugnen— verſetzte der Primas gereizt,— daß Ihr dieſem Berufe Genuͤge thut, denn nicht bei Layen allein uͤbet Ihr das Lehreramt, ſondern wie es uns beduͤn⸗ ken will, erſtreckt ſich Euer Eifer ſogar auf Sol⸗ che, die nicht nur Prieſter ſind, wie Ihr, ſon— dern auch uͤber Euch ſtehen auf der Stufen⸗ leiter der Hierarchie.— Der biſchofliche Sitz zu Krakow— erwiederte Stanislaw Szezepa⸗ nowski feſt— iſt keinem Andern unterworfen, denn allein dem Apoſtoliſchen Stuhle. Ueber⸗ — 40— dem mag ich gar wohl beurtheilen„daß Dem, welcher weltlich Regiment fuͤhret neben dem geiſtlichen, auch Manches vergönnt iſt oder zu⸗ ſteht, was dem einfachen Prieſter nicht zu⸗ kommt, der vor allem Andern dem Herrn des Himmels und der Erden dient.— Unfehlbar — ſiel Nikolaus Strzemieniec ein— gedenket der hochwuͤrdige Herr von Krakow mit derlei Rede nicht anzudeuten, daß der Dienſt des Al⸗ tares freiſpreche von der Pflicht gegen den Thron? In Eurem Munde, Herr Biſchof, deſſen Aus⸗ ſpruͤche dem Volke fuͤr die Ausſpruͤche eines Heiligen gelten, wuͤrde ſolch Wort leichtlich Anlaß zu gefährlicher Mißdeutung geben.— Severin warf einen unzufriedenen Blick auf ſeinen Sohn und ſprach kurz und rauh: Wenn die Worte dieſes Mundes fuͤr heilig gehalten werden von frommen Chriſten, ſo moͤgen ſie Euch auch dafuͤr gelten, Nikolaus Strzemie⸗ niec, und es thut nicht noth, daß der ehrwuͤr⸗ dige Herr dieſelben verantworte gegen einen jun⸗ gen Mann, ſey er auch ein Wuͤrdentraͤger des Reiches, am wenigſten aber gegen meinen Sohn, dem ſolche Frage ſchlecht anſtehet am Tiſche ſeines Vaters, und gerichtet an einen erlauch⸗ — ten und wuͤrdigen Gaſt, indem dieſes Hauſes Herr ſeine Lehren verehrt und Fuͤrbitte bei Gott.— Niko⸗ laus Strzemieniec's Wange entbrannte in hoher Gluth, als ſein Vater ſo ſprach; da begegnete ſein Auge dem bittenden Auge Malgorzatens, und er antwortete mit geſetztem Weſen: Ihr habt es aus des Koͤnigs Munde vernommen, Herr und Vater: wo es das Reich betrifft, tritt jeg⸗ lich Amt deſſelben in ſein Recht, ohne anderlei Ruͤckſicht. Nun ſcheint aber der Gegenſtand, welchen der Herr Biſchof beruͤhrt, allerdings zu denen zu gehoren, uͤber welche dem Diener des Konigs, eine Meinung zu haben, verſtattet iſt.— Der Burgherr war im Begriſſe darauf zornig und gebieteriſch zu erwiedern, da unter— brach ihn Stanislaw laͤchelnd: Ueberlaſſet es mir, werther Kaſtellan von Proſzowice, zu recht⸗ fertigen, was ich geſagt. Ich lobe Euren Ei— fer, Herr Nikolaus, und wohl dem Fuͤrſten, dem Solche zur Seite ſtehen, wohl dem Volke, das ſie unter ſeine Haͤupter zählt. Ich danke Euch, daß Ihr mir Anlaß gegeben, meine Rede zu deuten, denn ich mag nicht, daß ſie FJe⸗ mand zum Irrſal oder Aergerniß gereiche, am wenigſten einem ehrenhaften Rittersmann. Ihr ſollet nicht ſo fälſchliche Meinung von mir he⸗ gen, als glaube ich, die heilige Weihe habe mich losgeſprochen von der Pflicht gegen den weltlichen Herrſcher; iſt er doch der Geſalbte des Herrn, und Dieſer hat ihn ſelbſt eingeſetzt, auf daß man ihm gehorche. Ein unzerreißba⸗ res Band umſchlingt den Thron und den Al⸗ tar, und auf der Grundveſte der Kirche ruht der Chriſtenreiche Wohl. Auch beſtehen Beide fort und fort neben einander, ſo lange das welt⸗ liche Regiment treu bleibet den Geboten Deſ⸗ ſen, von dem es kommt, und dem, welcher ein Fuͤrſt des Reiches iſt und der Kirche zugleich, iſt ein herrlich Loos beſchieden, mitzuwirken in zweierlei Kraft zu Einem Zwecke, dem Gluͤcke der Völker. Wo aber, denn gebrechlich iſt der Menſch, wo aber Eines ſich ſcheiden wollte von dem Andern, und das Weltliche dem entgegen treten, was ewig iſt, den Satzungen der Kir⸗ che, wie der Heiland ſie gelehret, ohne menſch⸗ liche Zuthat, da geziemt es dem Prieſter, das Ewige zu vertreten gegen das Wandelbare. Es geziemt ihm eben ſo wohl, als Euch es geziemt, das Wort zu führen für Eures Herrn Macht und Wuͤrde, denn jeglichem Manne, dem Prie⸗ ſter wie dem Ritter liegt ja ob, aufzutreten fuͤr das, was er als Recht erkennt. Doch nichts mit Trotz noch Ungeſtuͤm, noch mit aufruͤhri⸗ ſchem Beginnen, denn alſo wuͤrde er dem Worte ſelbſt untreu, das er vertheidigt. Der Ritter trete gewappnet vor ſeinen Herrn, ihn zu ſchuͤz⸗ zen, zur Seite ſtehe demſelben der Prieſter, mit ſanfter Mahnung verhuͤtend, daß das Ho⸗ he nicht abfalle vom Hochſten. Sehet, das iſt meine Meinung, Herr Schwerttraͤger der Kro⸗ ne, und bei ihr werde ich verharren, ſey es auch mit Gefahr meines Leibes und Lebens, bis ans Ende, ſo wahr mir Gott helfe und ſein heiliges Wort, Amen! Eine ſanfte Rothe hatte, während er ſprach, die Wangen des Greiſes uͤberzogen; ſeine Au⸗ gen glaͤnzten in mildem Feuer, und es war, als umdaͤmmere ihn bereits ein Wiederſchein der Glorie des Maͤrtyrerthums. Ein kurzes Stillſchweigen herrſchte an der Tafel, und Nikolaus von Zembocin halb zu⸗ friedenes, halb beſchaͤmtes Ausſehn deutete an, wie ſehr er den augenblicklichen Argwohn be⸗ reue, den er auf den Prieſter ohne Furcht und Tadel geworfen. Woyciech Druzyniec aber nahm nach einer Weile das Wort, rufend: Nach dem, was der geiſtliche Herr eben geſagt, weiß ich es dem Himmel Dank, der mir die Ruͤſtung ſtatt des Ordenkleides beſchieden, und mir frei geſtellt hat, fuͤr meinen König zu fechten und zu trinken, ohne groß Forſchen und Gruͤbeln, ob auch recht und gottgefaͤllig ſey, wofuͤr ich den Zaraz(Saͤbel) ziehe oder das Trinkhorn leere. Wollte mein heiliger Schutzpatron nur, daß es mit mir zum Erſten gekommen ſey, denn ſo trefflich auch Euer Schloßkeller verſehen iſt, hochge⸗ borner Kaſtellan, ſo mundet es doch beſſer nach durchfochtener Schlacht, aus dem Kruge des Griechenkaufmannes, den er zwar nicht halb ſo willig, als Ihr, fuͤllet, doch mit Eurer Vergunſt, mit eben ſo koͤſtlichem Safte der Trauben. Abſonderlich hat mich Eure Wahl geehrt, hochwuͤrdigſter Erzbiſchof— ſetzte er mit einiger Unterwuͤrfigkeit gegen dieſen hinzu — und Ihr werdet an mir den getreueſten Boten finden, welcher Eure Auftraͤge dem Ko⸗ nige uͤberliefern mag in ſeinem Feldlager, und ihm die nochmalige Beſtaͤtigung bringt, daß er den Wuͤrdigſten zu ſeinen Stellvertreter erkoh⸗ ren. So es jedoch Eurer Gnaden gefiele, dieſe Sendung zu beſchleunigen, wäre es mir' genehm, denn nicht gern kaͤme ich zu ſpaͤt, um Theil zu nehmen an der Eroberung von Kijow, das eine herrliche reiche Stadt ſeyn ſoll, und wo es gar anders und luſtiger hergehen mag, als in unſerm guten Polen, welches, wie ich geſtehe, mir ziemlich mißbehagt, ſeitdem ich fremde Landſtriche geſehen.— Mit wohlgefaͤl⸗ gem Laͤcheln und vornehmer Kopfneigung ant— wortete der Praͤlat: Faſſet Euch in Geduld — Eines Edelmannes Obliegenheit iſt, dem Gebote des Koͤnigs nachzukommen wo und wie es auch ſey, und— fuhr er mit einem be⸗ deutendem Seitenblicke fort— fuͤr Jeglichen iſt es eine ſolche, da zum Heil der Chriſten⸗ heit Herrn Boleslaw's Wille nicht rechts ab⸗ weicht, noch links von dem Willen des heili⸗ gen Vaters Gregorius des Siebenten, welcher der Nachfolger und Stellvertreter Chriſti iſt, und ſeines Wortes einzig untruglicher Ausleger. Indeß wollen wir nicht laͤnger als noth thut, Euch aufhalten, und ſenden Euch des baldigſten hinaus, damit Ihr dem gebenedeyeten Adalberto nachahmend, Eurem Namenspatron, Theil neh⸗ met an dem löblichen Werke der Bekehrung — verſtockter Irrglaubiger, oder wenn es ſo ſeyn muß, zu deren Unterjochung und Vertil⸗ gung. Der Kaſtellan aber ließ den Ritter mit der patriarchaliſchen Strenge an, welche ſich viel ſpäter noch ſeine bejahrten Landsleute gegen die Jugend geſtatteten. Es iſt nicht fein, junger Edelmann, daß Ihr Euer Vater⸗ land verunglimpft. Kijow iſt allerdings eine reiche Stadt, obgleich heut zu Tage minder als vor Zeiten, und nur allzuviel bietet ſie deſſen dar, was den Geluͤſten der Jugend zu⸗ ſagt; doch mag es einem aͤchten Polen nicht wohl ſeyn unter dem halbgriechiſchen Volk, und werther iſt ihm der Heimath einfache Sit⸗ te und der Mitbuͤrger Treuherzigkeit, als jenes eitle Gepräͤnge, hinter dem Lug und Trug lauſcht, von Carogrod heruͤbergekommen.— Das Alter hat Euch ſtreng gemacht, edler Herr— wendete Druzyniec ein— wie es denn ſo zu gehen pflegt. Einſtmals, als Ihr jung waret, wie ich es jetzt bin, ſprachet Ihr wohl anders, und es hat Euch die Stadt, die Ihr ſo ſchmaͤhet, gewißlich zugeſagt.— — 4— Severin antwortete mit umwoͤlkter Stirn:“ Ihr moͤgt Recht haben, mehr vielleicht als mir lieb iſt. Da Euch aber nun einmal der Heer⸗ bann dahin ruft, und Ihr nicht daheim blei⸗ ben konnt, wie es beſſer waͤre fuͤr Euch und Viele noch, ſo wuͤnſche ich nur, Ihr moͤchtet aus der Fremde nicht nach Hauſe bringen, was ich mitgebracht.— Nichts als Ruhm, Ehre, und ein wenig Beute— verſicherte Woyciech— Und wenn ich mich ſattſam her⸗ umgetummelt habe, mag ich wohl daheim ausdauern. Einem jeden Lebenszeitraum das Seine. Wir ruͤſtigen Juͤnglinge und Maͤnner wahren draußen der Ehre des Reiches, indeſ⸗ ſen Ihr zu Haus fuͤr ſeine Wohlfahrt wachet im Kreiſe der Vaͤter, unter der weiſen Leitung des hochwuͤrdigſten Herrn von Gniezno.— Wir ge⸗ denken dem zu entſprechen— ließ Petrus Na⸗ lencz ſich vernehmen— was der Koͤnig und ſein Adel von uns erwarten; nicht ſo, Herr von Proſzowice, nicht ſo, mein gottſeliger Bruder von Krakow?— Des Erſten Antwort war: Da Seine koͤnigliche Gnaden mich ge⸗ wuͤrdigt, aufzunehmen unter die Haͤupter der Nation, ſo will ich nach der geringen Einſicht, die mir worden, treulich ſo hohen Amtes war⸗ ten, und Recht und Gerechtigkeit handhaben, ſo viel ich vermag.— Obſchon ich— gegen⸗ redete der Biſchof— das Haus fuͤr verwaiſet erachte, dem der Herr fehlt, ſo mag ich doch nicht zweifeln, daß der Verwalter, den er ge⸗ ſetzt, wenn ſolcher, wie zu hoffen, den Pflich⸗ ten ſeines Standes genuͤgt und dem Vertrauen, das Jener ihm geſchenkt, es unverſehrt in ſeine Hände uͤberantworten wird, ſobald er zuruck⸗ kommt. Daß aber ſolches des Schleunigſten geſchehe, dahin gehn meine Wuͤnſche mit den Eurigen nicht minder innig und lebhaft, als bekräftigte ich ſie mit dem Becher in der Hand. Genug aber haben wir geſprochen uͤber das, was wir Männer, Edelleute und Prieſter den⸗ ken und begehren; laſſet uns nun dieſe edeln Frauen und Fraͤulein befragen, ob ſie nicht gleich mir der Ruͤckkunft des Konigs und ſei⸗ ner Tapfern mit Ungeduld entgegen ſehn? Ihr zwar, meine fromme Agnes, habt jegli⸗ chen Banden der Welt entſagt, und beinah moͤchte man den Zeitlaͤufen nach meynen, daß Ihr das beßte Theil erwaͤhltet, doch mag auch die gottergebene Nonne fuͤglich in ihr Gebet —— das Wohl des Landes einſchließen, das ihr zum Vaterland beſchieden, ehe die befreite Seele eingehet zur ewigen Heimath— Ihr hingegen, Frauen und Jungfrau, habt aller⸗ dings eine Stimme in ſolcher Sache, denn auch die Ehe iſt ein geheiligt Sacrament und aufgeſtellt von Gott, und ein preißlich Band, das die Menſchheit zuſammen haͤlt, und den Mann feſſelt an den eigenen Heerd. Malgorzata ergriff erröthend und ſchuͤchtern die Hand, die der Gatte ihr reichte, druͤckte ſie an ihre Bruſt und fliſterte: Haͤtte ich ei⸗ ne Stimme in der Berathung, ſo wuͤrde kein Krieg ſeyn, und die Ruſſen ihre blutigen, brudermoͤrderiſchen Händel ausfechten, wie ſie es vermoͤgen. Doch da es alſo der Wille Gottes iſt, des Koͤnigs Gebot und der Be⸗ ſchluß meines Herrn und Gemahles, ſo gebuͤhrt mir als einer chriſtlichen Ehefrau Unterwerf⸗ ung, und wenn waͤhrend langer Trennung, ach vielleicht allzulanger, die Stunden gemach⸗ ſam und trub' voruͤberſchleichen, ſo will ich des Wiederſehens gedenken und mich erfreuen an dem Augenblick, da mein Herr in das wohl⸗ bewahrte Haus zuruck kehrt, und zu deſſen treuer 4 Wirthin.— Meine Schnur— ſiel Severin ein— ſpricht wie ſie thut, denn ſie iſt die Krone polniſcher Frauen. Moͤchte doch— fuhr er nach einigem Sinnen fort— möchte doch die Tugend des Weibes ſtets den eigenen Lohn finden, deſſen ſie begehrt, in des Man⸗ nes Dankbarkeit und Treue. Dem iſt aber leider nicht immer ſo; oftmal wird die duften— de Lilie geknickt vom Sturmwind und darauf von achtloſem Fuße zertreten, waͤhrend der ſtarre Strauch der gluhenden Diſtel ungebeugt bleibt und ihre Stacheln die Ferſe verwunden; doch hat die junge Frau auf Burg Zemboein einen Verfechter in dem grauköpfigen Schwaͤher, der es nicht dulden wird, daß ihr Unglimpf geſche⸗ he, waͤre es ſelbſt vom eigenen Sohne. Denn das, ehrwuͤrdige Herren und wackre Edelleute, betrifft das Reich nicht, ſondern allein mein Haus, in welchem ich Herr und Richter bin, ſo lange ich lebe, und nicht zum Andernmal ſoll—— Verduͤſtert durch die unfreundliche Rede, zog Nikolaus die Rechte aus Malgorzata's umfaſ⸗ ſenden Haͤnden, und die unzeitige Vermahnung wuͤrde vielleicht das Gluͤck der Verbindung ge⸗ ſtort haben, das ſie befeſtigen ſollte, hätte der ſanften Gemahlin freundliche Geberde und ihre nochmals bittend ausgeſtreckte Hand, den Er⸗ bitterten nicht bedeutet, wie ſie ſo ganz und gar nicht den ausgeſprochenen Argwohn theile, und ihn anflehe, um ihretwillen des Vaters rauhes Wort nicht zu beachten. Doch erwie⸗ derte der Schwerttraͤger mit gewaltſam unter⸗ druͤckter Bewegung: Es iſt ſchon geraume Zeit her, daß ich muͤndig bin und meine Pfticht kenne, ohne daß man mich an ſelbige erinnerte, wie vielleicht fruͤher erſprießlich war. Auch ſind dieſe Augen, welche die harte Rede eines Vaters zum Sohn mit Thraͤnen gefuͤllt, kraf⸗ tigere Fuͤrſprecher als ſelbſt Euer Draͤuen, Herr Kaſtellan von Proſzowice.— Der Bi⸗ ſchof aber raunte dem Alten zu: Was habe ich vernehmen muͤſſen, Freund und Beichtſohn? So wenig hat meine Lehre, hat jahrelange Reue bei Euch gefruchtet, daß Ihr in Eures Herzens Haͤrtigkeit vermeinet, Unrecht mit Un⸗ recht zu verguͤten, und die Laſt des eigenen Fehles zu erleichtern, ihn Andern aufbuͤrdend? Moͤget Ihr den rechtmaͤßigen Erben hintanſez⸗ zen und anfeinden um des Eindringlings wil⸗ 4* — len, und die zarte Bluͤthe Eures haͤuslichen Gluckes vernichten, da Ihr ſie betaſtet mit un⸗ zarter Hand? Es iſt Zeit, daß dem ein Ende werde, und nicht laͤnger ſoll der Fluch der Ge⸗ burt, der auf jenem Ungluͤcklichen ruht, den Segen rings um ſich her erſticken, nicht laͤnger die Folgen der Uebelthat tragen, der ſie nicht beging. Es iſt ein ſtrenges Wort, daß die Kinder und Kindeskinder heimgeſucht werden um der Väͤter Suͤnde willen, wiſſet aber, auf den Uebelthaͤter fällt doppelt und dreifach das Unheil zuruͤck, das er auf Jene gebracht.— Unterwuͤrfig, doch widerwillig, fuͤgte ſich der Schloßherr, der Dogge gleich, die aber den Zahn fletſcht, und nur zögernd und murrend dem abhaltenden Gebote des Wärters gehor⸗ ſamt.— Während dem hatte Druzyniec ſich an Chri⸗ ſtine von Skalmierz gewendet: Seid auch Ihr, edle Frau— fragte der Ritter— eine ſolche Widerſacherin des Krieges, als unſere chrenwerthe Wirthin? Man ſollte es glauben, denn die Entfernung der Edelſten und Tapferſten iſtein Verluſtan der Huldigung, die Eurem Reiz von ihnen gebuͤhrt. Drum möget Ihr wohl der Schlacht⸗ — 53— Trompete gram ſeyn, welche ſie hinweg ruft außer dem Bereich Eurer Augen, den min⸗ der angenehmern doch nicht ſcharfern Pfeilen ent⸗ gegen, welche die Ruſſiſchen Bogen abſenden. — Man muß ihnen ſchon einen kurzen Ur⸗ laub gonnen— verſetzte Chriſtina mit zierlicher Lebhaftigkeit— damit es ſich darthue, ob ſie es werth ſind, von jenen Pfeilen verwundet zu werden, mit denen Euer Scherz, glaub' ich, meine Blicke vergleicht. Ihr wiſſet, kein maͤnn⸗ licher Schmuck iſt den Frauen angenehmer als der kriegeriſche Ehrenkranz; gehet denn hin⸗ aus, einen ſolchen um Eure Stirn zu flech⸗ ten, und ich verſpreche Euch, daß keine meiner Mitſchweſtern Euch unfreundlich anblicken wird, ſo Ihr ihn derſelben darreicht als ritterlich Pfand. Was mich betrifft— ſetzte ſie fluͤch⸗ tig hinzu— ſo darf ich ſolche Gabe, gleich Frau Malgorzaten, nur von Einem erwarten, einzelne Blaͤtter vielmehr, ſie in den Kranz zu flechten, der ſeit mehr denn einem Fahre ſchon mein ehelich Eigenthum iſt.— Und ſolltet Ihr — antwortete der Hofling des eilften Jahrhun— derts mit gefaͤlligem Weſen, doch nicht ohne Bedeutung— ſolltet Ihr Euch mit ſo gerin⸗ — 54 ger Ausbeute begnuͤgen, allein beſtimmt, ei⸗ nen Kranz auszuſchmuͤcken, welcher vielleicht etwas welk worden im Laufe der Zeit? In⸗ deß meyne ich, wenn wir zuruͤckkehren, wird es auch an friſchem Lorbeer nicht fehlen, die mancher Erlauchte zu Euren Füßen niederlegt, vielleicht ſogar nicht an ſchimmernder Haupt⸗ zierde. Wuͤrdet Ihr dann unfreundlicher drein ſchauen, als Andere Eures Geſchlechtes, wie Ihr eben geſagt?— Ein kleines Lächeln ſchwebte alsbald unterdruͤckt um den Mund des Erzbiſchofs, Staniblaw ſchien auf das Geſagte nicht Acht zu haben, und der Schloßherr blickte muͤrriſch auf den Ritter, der ſeines Erachtens weit redſeliger war, als ihm im Beiſein Bejahrterer zuſtand. Die Frau von Skalmierz verſetzte ſchnell: Zie— het denn hinaus, auf daß Ihr bald wiederkeh⸗ ret mit den herrlichen Dingen, die Ihr ange⸗ kundiot. Nur was man ſieht, mag man ſchäz⸗ zen, ob es der Annahme wuͤrdig ſey, oder nicht.— So ſehet Ihr denn unſerer Wider⸗ kehr gewißlich eben ſo mit Ungeduld entgegen als die Gemahlin des Herrn Schwerttraͤgers— rief Druzyniec— mit groͤßerer vielleicht noch, da die edle Frau nichts erwartet, als aus der Hand des Eheherrn. Gern wuͤrde auch ich das Wenige, das mir zu Theil werden kann, zu all den Opfern legen, die Euch beſtimmt ſind, ich fuͤrchte nur, das Geringfuͤgige mochte unbemerkt bleiben unter dem Haufen köſtlicher Gaben, wie der Darbringer unter erlauchten Gebern. So möchte ich denn Euch fragen, edles, liebreizendes Fräulein, ob Ihr thun wuͤr⸗ det gleich Euren Mitſchweſtern, wie Frau Chri⸗ ſtina von Skalmierz verheißen, ſo ich Euch ein ritterlich Pfand darbraͤchte bei der Wieder⸗ kehr? Oder ſeid Ihr der Meinung des hoch⸗ wuͤrdigen Biſchofs, es ſei beſſer, daß der Mann daheim bleibe und des Hauſes warte, ſtatt in das Feld zu ziehen und, von Ort zu Ort ſchwei⸗ fend, dennoch nichts zu finden, was Euch gleiche? Fuͤrwahr, ein ſolch Wort aus Eu⸗ rem Munde koͤnnte mich des Krieges vergeſſen machen, und des Sieges und der luſtigen Stadt Kijow.— Mit nichten,— antwortete Ilga — fern ſei es von mir, die Kampfesluſt zu dampfen, die Ihr eben ſo lebhaft geaͤußert. Ich bin des Sinnes meiner Muhme, und bitte Euch, ziehet des baldigſten von dannen. Es iſt der Krieg, wie man mir geſagt, ein Pruf— — 56— ſtein, an dem der wahre Werth der Maͤnner ſich beglaubigt. Nicht ſelten„ hab' ich ferner gehort, ſoll draußen gar klein und gewoͤhnlich erſcheinen, welcher daheim das große Wort ge⸗ fuͤhrt, und wiederum Mancher gar herrlich er— ſcheinen im Waffenſchmuck, der beſcheiden ein⸗ hertrat in der Heimath, und der Ehre wuͤrdig erfunden werden, die er ſelbſt erworben, und der Frauengunſt, welche, wie man uns ſchmei⸗ chelt, der Lohn des Verdienſtes iſt. Waͤhrend das Fräulein ſprach, ſchaute der Kaſiellan beifaͤllig auf ſie, Petrus Nalencz lä⸗ chelte abermal und merklicher als vorher, ſelbſt Stanislaw wendete ſich halb gegen die ſchone Rednerinz die Stille im Gemach aber ward durch das gedämpfte Schelten des Hausmei⸗ ſters unterbrochen, das ſeinem Enkel Georg galt, der bereits zum dritten Male das groß⸗ väterliche Gebot uͤberhört hatte, die geleerten Becher auf dem Kredenzſchreine zu reihen. Es iſt nun an der Zeit— begann nach einer Weile der Erzbiſchof— daß wir dem ehrenwerthen Schloßherrn Lebewohl ſagen, und, ſeine Gaſtlichkeit nicht länger mißbrauchend, ihm fuür dieſelbe den gebuͤhrenden Dank abſtat⸗ — ten. Ehe wir aber Beſcheid thun auf den Va⸗ lettrunk, den eben ſein wackerer Major domus bereitet, ſei es uns vergonnt, ein Geringes vor⸗ zunehmen, das zu den Pflichten gehort, die des Konigs Gnaden uns uͤbertragen. Es befindet ein Uebelthaͤter ſich in Eurem Schloſſe, Herr Kaſtellan, deſſen Verbrechen vor unſern hoch⸗ ſten Richterſtuhl gehort.— Dem Primas ſtarr ins Auge ſehend, auf dem ein zweideutig, nicht heilverkuͤndendes Laͤcheln zu finden war, fiel Nikolaus Strzemieniec ein: Der Leibeigene, den Ihr meinet, hat das Wort der Gnade aus Herrn Boleslaw's Munde gehort, und er iſt dem Gericht des Landvogts uͤbergeben, welches vielleicht Euch entgangen, Herr Erzbiſchof.— Allerdings— entgegnete dieſer— iſt er der verdienten Todesſtrafe ledig worden durch er⸗ waͤhnten Ausſpruch koniglicher Huld; doch mag ihn derſelbe nicht befreien von langem Gewahr⸗ ſam und ſonſtiger Zuͤchtigung, wie unfehlbar auch Eure Meinung iſt, damit er Andern zum Beiſpiel diene, dergleichen gar wohl noth thut in ſo arger Zeit.— Der Biſchof ſprach dar⸗ auf: Was die Zeit betrifft, kann ich ſie lei⸗ der ſo wenig loben als Ihr— auch mag ein 58 38 S Beiſpiel nicht vom Ueberfluß ſeyn; ein Beiſpiel der Gnade aber iſt oft ſo wirkſam als das der Strenge, und mag uͤbrigens die Kriegsleute lehren, das Recht des Inſaſſen fortan zu eh⸗ ren, was ſie im Auslande verlernt.— Petrus unterbrach ihn mit erkuͤnſtelter Verwunderung. Wie, Herr von Krakow? Euch höre ich von Nachſicht und Strafloſigkeit ſprechen, der Ihr nimmer aufhort, uͤber den Nachtheil zu ſeufzen, welchen Ordnung und Zucht durch des Königs Entfernung erleidet? Wir aber ſind gemeynt, den Zweiflern darzuthun, daß ein ſtrenger Wäch⸗ ter des Geſetzes zuruͤckgeblieben, damit uns der Vorwurf nicht mit Grund treffe, wir verſaͤhen mit Läſſigkeit das Amt, das uns anvertrauet worden.— So entfernt zuvor die Urſache des Uebels— erwiederte Stanislaw mit Lebhaf⸗ tigkeit— ſendet den Kriegsmann nicht auf Jahre hinaus in die Ferne, daß er ſich dem Mitburger nicht entfremde, daß der, welcher das Schwert fuhrt, und jener, dem die Pflug⸗ ſchaar beſchieden, Bruͤder bleiben, wie ſie es ſind im Auge Gottes und nach menſchlichem Recht.— Ihr machet mich verantwortlich fuͤr etwas, das mir fremd iſt,— bemerkte der — Primas.— Was geſchehen iſt, geſchah durch den Willen des heiligen Vaters und Boleslaw des Zweiten, des ergebenen Sohnes der Kir⸗ che; wir, die wir Beider Diener ſind, können nichts, als dem Uebel ſteuern, entſpringe es aus was es wolle, Eurer Meinung zufolge. Drum fordern wir Euch auf, Kaſtellan von Proſzo⸗ wiee, den leibeigenen Todſchläger zu unſerm Ge⸗ wahrſam zu ſtellen.— Mit großer Kaͤlte ver⸗ ſetzte dieſer: Es iſt bereits uͤber ihn verfuͤgt. — So eigenmaͤchtig, Herr Strzemieniec?— fragte der Prälat mit einem Ton, welcher nicht undeutlich anzeigte, eine andere, wahrſcheinlich minder lobliche Triebfeder als der Eifer fuͤr das Geſetz, beſtimme ihn zu der Anregung die⸗ ſes Gegenſtandes. Nicht eigenmaͤchtig— lau⸗ tete des Schloßherrn abermal trockener Be⸗ ſcheid— ſondern der Machtvollkommenheit ge⸗ maͤß, die mir vom Konig worden.— Und waͤre ſie ſo ausgedehnt, als Ihr ſie deutet— ließ Petrus ſich vernehmen— ſo wuͤrde die⸗ ſelbe doch dem Gebrauch zuwider ſeyn, der pein⸗ liche Fälle dem Gerichtöhof anheimſtellt, deſſen Ausſpruch denn freilich dem Koͤnig zu mildern zuſteht.— Mit Nachdruck ſprach Nikolaus von — 60— Zemboein: Da Ihr ſo angelegentlich die Rechte der Krone in Schutz nehmet, Herr Erzbiſchof, ſo nimmt es mich Wunder, daß Ihr, wie es ſcheint, Ausnahme macht in ſolchen Fällen, da aus einem oder dem andern Grunde Eure eigene Mein⸗ ung anders wohin gewendet iſt. Dieſe aber, ſo hoch ich Eure geiſtliche und weltliche Wuͤrde ehre, mag hier nicht in Betracht kommenz des Königs Wort war deutlich und unbedingt— Wo aber Gericht gehalten werden ſoll, darf es am Klaͤ— ger nicht mangeln. Wer jedoch ſollte hier Klaͤ— ger ſeyn außer mir, denn meiner Mannen Ei⸗ ner war es, den Jener erſchlagen. Nun, hoch— wuͤrdigſter Herr, ich klage nicht, und uͤberlaſſe, wie mein Herr es gethan, die Entſcheidung dem Vater, welcher, wie ich deß gewiß bin, die Frechheit des Knechtes nicht unbeſtraft laſſen wird.— Zu gleicher Zeit aber lachte Druzyniec: Was groß Aufhebens um einen leibeigenen Burſchen? Laſſet ihn den Kantſchuh Eures Frohns koſten, Herr Kaſtellan, einhundert Mal oder mehrere, dann arbeite er ein Jahr oder zwei in den Gru⸗ ben, und ich ſtehe dafür, ihm wird der Kitzel vergehen. —— Der Kaſtellan aber rief mit gewaltiger Stimme: Schweigt, Nikolaus! Richt an Euch iſt es, hier das Wort zu fuͤhren und zu beſtimmen, was ich thun ſoll oder laſſen. So wie Ihr, Schwerttraͤger der Krone meinem Gebot unterthan ſeid, als dem Eures Vaters, ſo ſind es Eure Mannen auf dieſem Grund und Boden dem Schloßherrn und Landpfleger dieſes Gebietes. Auch Euch, Herr Druzyniec, muß ich bitten, Eure Meinung in Gegenwart Aelterer bei Euch zu behalten, bis man Euch um dieſelbe befragt. Nicht alſo die Rede die⸗ ſer jungen Leute diene Euch als Antwort, Herr von Gniezno, ſelbſt nicht die Worte des hochwuͤrdigen Biſchofs, ſondern allein mein Beſcheid. Der aber lautet, wie folgt: Nicht Herrn Boleslaw's Ausſpruch allein, der mir den Uebertreter anheimgeſtellt, ſpricht mir das Recht zu, deß er ſich begeben. Als oberſter Vogt uͤber dieſen Landſtrich bin ich geſetzt, ehe Ihr Statthalter des Konigreiches waret, Recht und Gerechtigkeit zu verwalten nach Gewiſſen und Einſicht, und Niemand verantwortlich als dem Koͤnig und verſammelten Senat. Das iſt das Herkommen im Polenreich, ſeit Kazi⸗ — 6— mierz dem Wiederherſteller, uͤber deſſen Seele das Licht des Himmels leuchten möge. Was der Konig feſtgeſetzt, mag kein Statthalter ab⸗ thun, und dabei ſoll es bleiben. Wenn ich alſo meinen eigenen Knecht züchtige oder ledig ſpreche, ſo geſchiehet ſolches nach meinem Gut⸗ duͤnken, und wenn ich ihn Euch nicht zur Gewahrſam ſtelle, geſchieht es, weil ich nicht will.— 5 Die Art, in welcher der alte Ritter ſich aus⸗ gedruckt hatte, war zu unzweideutig, die Stimm⸗ ung der Meiſten unter den Anweſenden zu deut⸗ lich, und die Wagniß, dem eiſenfeſten Greiſe in ſeiner eigenen Burg, umgeben von ſeinen Dienſi⸗ leuten, zu trotzen, ſchien dem Statthalterzu bedenk⸗ lich, um ſeine perſoͤnliche Sicherheit an den Genuß kleinlicher Rache zu ſetzen. Dieſe war es nem⸗ lich, welche ihn zu jener Anforderung bewogen hatte; ihm war der Antheil nicht unbemerkt geblieben, welchen der Biſchof von Krakow an der Erhaltung des Leibeigenen genommen, und obgleich er die Triebfeder deſſelben nicht genau erkannte, war ihm die Gelegenheit doch will⸗ kommen, dem bitter gehaßten geiſtlichen Mit⸗ bruder eine Kraͤnkung zu bereiten. Er ant— wortete mit ſtolzem Laͤcheln: Dem Koͤnig und dem Senate ſeid Ihr allein verantwortlich, meynet Ihr, Herr Kaſtellan? Beide werden von Eurem Beginnen unterrichtet werden, und Ihr werdet nicht vergeſſen, daß wir im Let⸗ tern den Vorſitz haben in des Erſtern Abwe⸗ ſenheit.— Thuet denn, wie es Euch gefällt, — war Severin's Erwiederung— Herr Bo⸗ leslaw mag mir ſchwerlich zuͤrnen, daß ich des Rechtes wahrnehme, das er mir verliehen; mei⸗ ne Herren und Bruͤder aber werden nicht ſcheet dazu ſehen, daß ich nicht ſaͤumiger worden bin in deſſen Behauptung, ſeit dem mir die Ehre worden, Einer von ihnen zu ſeyn. Damit es aber Eurer Hochwuͤrden Bericht nicht an Voll⸗ ſtändigkeit gebreche, ſo wollet ſelbſt Zeuge ſeyn, wie ich mein Richteramt uͤbe nach Gefallen. — Auf einen Wink von ihm ward Olgierd herbeigefuͤhrt, der, bereits aus ſeinem Gewahr⸗ ſam entlaſſen, in der Vorhalle des Urtheiles wartete. Als der Juͤngling nun erſchien, bleich und abgemattet, mehr von den ſtuͤrmiſchen Empfin⸗ dungen ſeines Innern als durch die kurze Haft, vor ſich niederblickend und anſcheinend gleich⸗ giltig, ward der Kaſtellan von Proſzowice un⸗ ruhig; unwillkuhrlich zuckte ſeine Lippe und es dämmerte in ſeinen Augen auf, gleich einem Gewölk. Er wendete ſich raſch gegen den Bi— ſchof, als wolle er bei ihm ſich Rathes oder Muthes erholen, und ſprach dann mit rauher, gepreßter Stimme: Du biſt ein Eigener dieſes Bodens, Kna⸗ be, und haſt die haͤrene Kutze getragen von Jugend auf. Doch haſt Du an mir einen gnaͤdigen Herrn gehabt, deß allzu große Milde mit Dir nicht verfuhr wie mit Deines Glei⸗ chen. Schau um Dich, auf die, welche Du Bruͤder nennen mußt; im Schweiß ihres An⸗ geſichtes bauen ſie das Feld, fort und fort ſchwebt die Geißel uͤber ihrem Nacken und ſie ſchleppen ihr Leben dahin in ſchwerer Arbeit, und immerdar zitternd vor der Strafe, die ſie verſchuldet, in dumpfer Traͤgheit oder bosarti⸗ ger Widerſetzlichkeit. Anders war es mit Dir; aufgenommen in die Burg des Herrn, kannteſt Du die Noth nicht, das Joch Deiner Dienſt⸗ barkeit war leicht, und Du wurdeſt gehalten gleich einem freien Diener in dieſem Hauſe. Der Sohn und Erbe deſſelben erbarmte ſich Dein, Du wurdeſt ſein Gefährte in den Waf⸗ fenuͤbungen adelicher Jugend, und es war Dir vergonnt, Theil zu nehmen an dem Unterrichte der Lehrmeiſter, und herauszutreten aus der ſinſtern Unwiſſenhenheit, dem Looſe Deines Standes. So gedachte ich denn mit Gottes Huͤlfe einen wackern Mann aus Dir zu ma⸗ chen, und damit Du nicht eine Knechtesſeele heruͤbernaͤhmeſt in den Stand eines Freien, der Dir dermaleinſt beſtimmt war, iſt wiederholt die ſchimpfliche Zuͤchtigung an Dir voruͤbergan⸗ gen, die Du oftmal Dir bereitet durch un⸗ baͤndigen Trotz und wachſende Tuͤcke. Doch hat die Gelindigkeit ſchlimme Frucht getragen in Deinem verhaͤrteten Herzen, und der unſau⸗ bere Geiſt, der Macht uͤber Dich gewonnen durch Eines und das Andere, das Gott erwo⸗ gen in ſeiner Gerechtigkeit, iſt frecher und fre⸗ cher worden und hat Dich verblendet fuͤr das Gute, das Dir wiederfahren vor vielen An⸗ dern; dieſer Geiſt aber iſt der Teufel des Hoch⸗ muths und der Mißgunſt, der uͤberall ein ar⸗ ger Gaſt iſt, zumal aber in der Bruſt eines Knechtes. Und allmählig hat er Dich gefuͤhrt zu allerlei Heilloſem, zur Undankbarkeit gegen 5 — Deinen Gebieter und zu finſterm Haß gegen Deines Wohlthäters Geſchlecht, zur Wider⸗ ſpenſtigkeit gegen die, die uͤber Dir ſind, zur Ueberhebung gegen Deines Gleichen, vielleicht zu Manchem noch, deß verderblicher Keim zur Stunde verborgen iſt in Deinem ſtörriſchen, feind⸗ lichen Gemuͤth. Zu allerletzt aber— hier ward die Stimme des Sprechenden weich und ſchwan⸗ kend— hat er Dich getrieben zu ſchreiender Miſſethat, und Deine Fauſt zum Werkzeug ſeines hölliſchen Geluͤſtens gemißbraucht. Du haſt des Koͤnigs Frieden gebrochen im Weich⸗ bild ſeines Hoflagers, Dein Leben iſt des Hen⸗ kers Eigenthum; Du haſt den Reiſigen Deines Erbherrn angetaſtet, das Geſetz ſpricht das Blut⸗ urtheil uͤber Dich aus; Du, ein leibeigener Knecht, haſt einen Freien erſchlagen, dafuͤr iſt Dein Haupt der Keule verfallen, und Dein Gebein den Raubvögeln auf dem Anger der Schmach! — Hier erſtarb ſeine Rede in allzuheftiger Be⸗ wegung; er ſchaute eine Zeitlang auf den Ver⸗ brecher, auf welchen, durch Olga vorbereitet, dieſe Drohworte wenig Eindruck machten, dann fuhr er, einen ſtolzen bedeutſamen Blick auf den ſeitwaͤrts im Seſſel ruhenden Erzbiſchof richtend, mit feſterm Tone fort: Doch hat der oberſte Richter im Reich Dich mir uͤbergeben zur Gnade oder zum Recht, und obſchon Einer oder der Andere etwas dawider haben moͤchte, obgleich Du ſelbſt, Unglucklicher, vor mir ſte⸗ heſt ſtarr und reulos, den Zorn des Richters herausfordernd durch Verſtockung und Herzens⸗ härtigkeit, ſo ſpreche doch ich, Severin Strze⸗ mieniec auf Zemboein, Kaſtellan von Proſzowice, Landvogt dieſes Gebietes und dieſes Grundes Herr, Dich los von jeglicher Strafe und thue Deine Unthat von Dir ab auf immerdar.— Eine ſchnelle, raſch unterdruͤckte Bewegung des Juͤnglings bezeigte, daß des Greiſes Worte nicht vollig an ſeinem Herzen abgeglitten wa⸗ ren, und ohne jenes Weibes, das er Mutter nannte, liſtige Vorbereitung, duͤrfte vielleicht die Eisrinde, die es umgab, geſprengt worden ſeyn, ſo aber vernahm er alsbald in dieſer Rede nur den Wiederhall des koͤniglichen Ausſpruchs, und ſah in der Weiſe, wie ſie an ihn gerich⸗ tet ward, die Beſtaͤtigung deſſen, was Olga ihm verkuͤndet. Er faßte ſich ſogleich und ſtand ſtill und wortlos wie zuvor. Nikolaus aber trat einen Schritt vor und ſprach befremdet: 5* Wie, ſo ohne alle Strafe, mein Vater? Solch Beiſpiel wird nicht gut thun und Eure Milde fruchtlos verſchwendet ſeyn an dieſem harten Sinn.— Da ſchien es, als ergriſſe den Alten ein ge⸗ waltiger Ingrimm; mit gluͤhenden Augen und donnernder Stimme ſchrie er: Schweigt! Noch Einmal befehle ich es bei dem Gehorſam des Sohnes gegen den Vater!— Beſturzt nahte ſich Stanislaw, und faßte den Arm des Erzuͤrnten. Sehet Ihr wohl— raunte dieſer ihHm zu— Nicht genug hat er daran, daß. Ehre und Reichthum ſein Theil ſind, auch die Schmach und den Tod des Bru⸗ ders will er. Ich kann es nicht dulden, ihn ſo ſtolz dem Ungluͤcklichen gegenuͤber ſtehen zu ſehn, den geſegneten Jakob dem verbannten Eſau!— Euch beherrſcht der Geiſt des Ab⸗ grundes, von dem Ihr redet,— ſprach der Biſchof leiſe aber ſtreng— und von Euch iſt er uͤbergangen auf den Sprößling Eurer Suͤnde. Euch hat er verblendet, daß Ihr das Herz abgewendet von dem rechtmaͤßigen Sohn, von dem ehrenhaften Rittersmann, und in ihm die Mutter ſchmaͤhet, die heimgegangen, ein Opfer Eures Frevels, an deren Grabe Ihr vor wenig Stunden erſt Reue und Beſſerung gelobtet, ehe ded Richters Ruf Euch hinůͤber fordert. Blik⸗ ket auf die edle ritterliche Geſtalt, die in ih⸗ rem Antlitz die Züge der Frau trägt, deren Gedaͤchtniß Euch heilig ſein muß; moͤgt Ihr ſie dieſem bleichen Suͤnder vergleichen, aus deſſen finſterm Antlitz die Tücke der gottverhaß⸗ ten Mutter ſpricht?— Unwillkuͤhrlich richtete Jener die Augen von Einem auf den Andern und ſenkte ſie dann zu Boden. Nikolaus war beſturzt zuruͤckgetreten, und lich nur ein zerſtreutes Ohr den fluͤſternden Worten des Primas, welchem der vergangene Auftritt mehr als einmal ein ſpottendes Laͤ⸗ cheln entlockt hatte, und der jetzt ſich ihm nahte: Fürwahr— ſagte er— ſeltſam und kaum erhort iſt es, daß der Sohn des Hau⸗ ſes, der Wuͤrdenträger der Krone ſo unglimpf⸗ lich angelaſſen werde um eines Kothſaſſen und Morders Willen. Uns däucht, Euer Herr Va⸗ ter dehnt den Begriff patriarchaliſcher Hausherrn⸗ gewalt ein wenig zu ſehr aus, und wenn man überall ſolchem Beiſpiele folgte, wuͤrden der Konig und ſeine vornehmſten Diener wenig — 56— mehr gelten im Reich, und gerade nur ſo viel, als Jeglichem beliebte im Bereiche ſeines Hau⸗ ſes. Wohl findet man dergleichen im alten Bunde, doch iſt unſer hochwuͤrdiger Bruder von Krakow ein Prieſter des Neuen, und ſo ver⸗ wundern wir uns billig, daß er ſolcherlei be⸗ ſtaͤrke durch Lehre und Mitwirkung, wie uns hier leider der Fall zu ſeyn beduͤnkt.— Allerdings,— beantwortete der Schwert⸗ traͤger dieſe aufreitzenden Worte des Prälaten noch in hoͤchſt unmuthiger Aufwallung— Al⸗ lerdings dienet der Theil, welchen der Biſchof an dieſer Angelegenheit nimmt, die ſeit des Koͤnigs Richterſpruch Niemand bekuͤmmert, als uns, zum Beweiſe, daß die geiſtlichen Herren die Hand nur allzugern uͤber ihren Wirkungkreis hinaus auf Dinge erſtrecken, die demſelben fremd ſind, der Eine in haͤuslich Regiment, der Andere in die Verwaltung des Staates. Es ſcheinet mir zwar, als wäre gleichermaßen auch Eure Sorge uͤberfluͤſſig, hochwuͤrdigſter Erzbiſchof, und Herr Severin habe ſich keines Dinges unterfangen, das ihm nicht gebuͤhre. Ihr möget indeß Recht haben zu glauben, —— auch mir ſtehe es zu, ein Wort dareinzuſpre⸗ chen, und alſobald werde ich es thun. Olgierd — fuhr er fort, ſich zu Dieſem wendend— es hat meinem Vater, unſerm Herrn, gefallen, Dich jeglicher Strafe ledig zu ſprechen. Es ſei ferne von mir, ſolchem Worte mich entge⸗ gen zu ſtellen, gemahnte es mich auch allzu mild, denn Allen den Unſern und auch Dir hab' ich, der Sohn des Hauſes, von Jugend auf das Beiſpiel der Unterwerfung gegeben, ein Beiſpiel, welches Du, obgleich nur ein leib⸗ eigener Knecht, ſchlecht befolgt. Alſo verzeihe denn auch ich Dir, obſchon es mein Reiſiger iſt, an dem Du gefrevelt, obſchon Du Dich ſtelleſt im ſeltſamen Starrſinn, als beduͤrfeſt Du meiner Vergebung nicht. So gehe denn hin, und moge die Gnade, die Dir wiederfah⸗ ren, den Trotz brechen, der ein ſchlechter Stab iſt auf der Lebensbahn, und ſie moͤge Dich, ſo lange Du lebeſt, auffordern zur Treue und Dank⸗ barkeit gegen Deinen Herrn und ſein Geſchlecht. Mich wird es erfreuen, Gutes zu horen von dem, den ich einſt meinen Spielgefährten ge⸗ nannt, und daß Du der Freiheit wuͤrdig worden, die, Du wirſt Dich deß erinnern, — auch ich Dir gelobt, als Du noch ein Knabe warſt, frohlich, ergeben und ſchuldlos.— Halb ſich zu dem Sprechenden kehrend, antwortete Olgierd mit dumpfer Stimme: Ich danke Euch fuͤr dieſen Euren Wunſch, mein gnaͤdiger, gebietender Herr, und er wird, hofſe ich, erfullt werden, waͤre es auch nur, damit ich vergelten könne, was Ihr an mir gethan. Wenn es aber dahin kommt, werdet Ihr mit der Hilfe der Heiligen erkennen, daß ich nicht unwerth bin, den Namen eines Freien zu fuͤh⸗ ren, ſollte ich auch noch länger das Joch der Knechtſchaft tragen, als es bereits geſche⸗ hen.— Des Kaſelluns Stirn hatte ſich erheitert, als er des Schwertträgers freundlich ernſte Re⸗ de gehoͤrt; er reichte ſeit langer Zeit zum er⸗ ſten Male ihm die Hand, uͤber welche ſich die⸗ ſer ehrerbietig neigte, er nahm mit Mißfallen den duͤſtern Blick wahr, der des Leibeigenen zweideutige Antwort begleitete, und begann in großer Bewegung: Wayrlich, nichts Gutes iſt es, das in dieſem wohnet, und ſeine Nähe bringt kein Heil. Drum hinweg mit ihm aus dieſen Mauern; Euch üͤbergeb' ich den Ver⸗ wahrloſeten, hochwuͤrdiger Herr von Krakow, auf daß Ihr das Böſe austreibet von ihm mit dem Stabe Sanft und dem Stabe Wehe; Euch und Euren gottſeligen Mitbruͤdern uͤber⸗ trage ich meine Herrengerechtſame an dieſem eige⸗ nen Knecht, uͤbet dieſelben nach Euerm Gefallen; doch— ſetzte er leiſe hinzu— mein Herr und Freund, verfahret ſaͤuberlich mit dem Knaben Abſalon.— Da nahm Stanislaw Szczepanowöki das Wort, den Juͤngling auf⸗ merkſam betrachtend: Ein finſterer Geiſt iſt es, der aus dieſen zuſammengezogenen Augen⸗ brauen ſpricht, und aus den feſtgeſchloſſenen Lippen. Doch wer vermag alle die Wege zu zaͤhlen, auf denen der Feind der Seelen zu dem Menſchen tritt, wer die Art beſtimmen, auf welche er Macht uͤber ihn gewonnen nach des Himmels unerforſchlicher Zulaſſung? Tritt denn her zu mir, Unglcklicher, daß ich die Laſt von Dir nehme, denn Du biſt ſchwer beladen, ob Du ſie gleich nicht fuͤhleſt, noch weißt, von wannen ſie Dir geworden. Die wohlthätige Hand der Kirche allein mag die unſichtbaren Bande löſen, die die Hölle um ihr erleſenes Opfer geſchlungen, und der Fuͤrſt der Finſter⸗ niß kann Dem nicht zur Seite gehn, der den ſchmalen Pfad des Heiles wandelt. Noch iſt Dein Auge geſenkt, doch es wird ſich aufrichten und fromm und menſchlich auf den Himmel und die Welt ſchauen rings um Dich her, wenn es der Gnadenſtrahl Gottes beruͤhrt. Du biſt der Stein, den die Bauleute verworfen, moͤgeſt Du einſt zum Eckſtein werden in dem ewigen Baue der allwaltenden Vorſicht. Alle Au⸗ gen blicken mit Unwillen auf Dich, mögen ſie einſt wohlgefaͤllig auf Dir ruhen; dazu gebe der Himmel ſein Gedeihen, in dem mehr Froh⸗ locken iſt uͤber einen Verlornen und Wiederge⸗ fundenen, denn uͤber neun und neunzig Ge⸗ rechte. Wir aber auf der Erde ſollen uns gleichfalls Deſſen freuen, der vom Tode erkauft iſt und der Suͤnde, denn wem von uns, ſo fromm und heilig ihn die Welt auch nenne, gebuͤhret es nicht, an die Bruſt zu ſchlagen und zu ſeufzen: Herr gehe nicht mit mir Schuldigen ins Gericht! Beim heiligen Adalbert— raunte Dru⸗ zyniec dem juͤngern Herrn von Zemboein ins Ohr— Verſchwendet doch Herr Szczepanow⸗ ski ſo ſchoͤne Worte an den Taugenichts, als gelte es eines Koͤnigs oder mindeſtens eines Senatoren Leichenrede.— Dieſer aber, dem ——— 3————* =. die fortwahrende Erſchuͤtterung ſeines Vaters endlich ein Geheimniß verrathen, welches bis jetzt ſtrenge Hauszucht und kindliche Scheu ihn zu entdecken verhindert, welches uͤbrigens ſeit dem Beginnen dieſes Auftrittes Wenigen der Gegenwaͤrtigen, am wenigſten aber dem weltklugen, ſcharfblickenden Erzbiſchof verbor⸗ gen geblieben war, entgegnete mit einiger Bit⸗ terkeit: Ihr irret, Herr, wenn Ihr den jun⸗ gen Mann, fuͤr welchen ſo viel Aufwand in Wort und That gemacht wird, ſo gar gering achtet. Ich meyne, wir haben es mit keinem ſo unbedeutenden Weſen zu thun, als es uns erſcheinet in grober haͤrener Kutze. Drauf fuhr er fort, in der Erinnerung an manches Langſt⸗ vergangene und an die wenige Liebe, die von jeher der Vater ihm bezeigt: Richt nur das ſehe ich, ſondern noch Manches außerdem— wie die Kirche unter andern eine ſorgſame Helferin iſt fur einen verlorenen Sohn, auch in Dingen, welche nicht loblich zu nennen, wie ferner ſie Verbrechen und Unehre mitleidig mit dem Moͤnchsgewande bedeckt; auch werde ich wohl noch ferner ſehen, wie ſie ihren Zoͤgling gemachſam emporhebt aus der ſchmachvollen Niedrigkeit ſeiner Geburt, und ihr Schluͤſſel die Truhen ihm öffnet, zu denen die Geſetze des Reiches ihm den Zugang verſchloſſen. — Was hoͤre ich, mein Herr und Sohn? — ſagte der Erzbiſchof, der dazugekom⸗ men war, in ſanftem Tone— Mag auch ein frommer Chriſt die Kirche ſo boslich anklagen? Gewißlich iſt ſie eine gütige Mut⸗ ter der Verwaiſeten und Ausgeſtoßenen, doch wacht ſie eben ſo ſtreng uͤber Fug und Recht, und wenigſtens bin ich, Ihr vornehm— ſter Diener in dieſem Reich, ſolcher Meinung, und ſollte mein wurdiger Bruder ſich zu einer verſchiedenen bekennen, ſo mag man es ihm nicht uͤbel deuten, da er wie bekannt, und er ſelbſt ſich deſſen ruͤhmet, weltlicher Ordnung wenig achtet in ſeinem gottſeligen Eifer.— Das muͤrriſche Schweigen des Schwerttraͤgers deutete an, daß die ſpitzigen Worte des königli⸗ chen Statthalters diesmal tiefer in ſein Ge⸗ muͤth gedrungen waren, als jene fruͤhern, wel⸗ che er in aͤhnlicher Abſicht an ihn gerichtet. Du bift ſonach fortan ein Eigener des Stuhles zu Krakow— begann der Kaſtellan von Neuem— und bleibeſt ein ſolcher in de⸗ —— — muͤthiget Tracht und ſchwerem Dienſt des Lay⸗ enbruders, und nur die Prieſterweihe, Dein ſchuldig Haupt entſuͤhnend, kann Dir die Frei⸗ heit geben, die Du verſcherzt auf immerdar nach weltlichem Recht. Gehe ſonach hinaus, Leibeigener, Deinem Gebieter zu folgen; doch ehe Du ſolches thuſt, gehorche dem letzten Befehl, den ich an Dich richte. Hier ſtehet der Sohn deſſen, der Dein Herr geweſen, der Erbe des Bodens, dem Du pflichtig wareſt bis auf den heutigen Tag, der hohe Kronbeamte, gegen den Du gefrevelt. Auf denn, Knecht, demuͤthige Dich vor ihm, und erflehe die Ver⸗ zeihung, die er dem Halsſtarrigen großmuͤthig geboten. Regunglos ſtand der Angeredete, dem Fel⸗ ſen gleich, gegen deſſen Waͤnde der Sturm gewaltig, doch vergebens heranbraußt und auch Nikolaus blieb an ſeiner Stelle, kalten Blickes und mit ſtolz gehobenem Haupte.— Laſſet ab, Herr Kaſtellan— ſprach er mit ſchneidendem Nachdruck— Laſſet ab, den Gegenſtand Eu⸗ rer beſondern Fuͤrſorge zu dem zu zwingen, was ihm ſo ſchwer ankommt. Ich ſehe, es iſt ein hoher Geiſt in ihm, hoͤher als man beim 7 600 ( Sohne eines Sklaven erwarten darf, und wahrlich, ich weiß ſeit Kurzem nicht mehr, ob demſelben, der ja eben ſo des ehemaligen Herrn Gnade beſitzt, wie die des Neuen, ob⸗ liege, meine Verzeihung zu ſuchen, noch mir, ſie ihm zu gewaͤhren. Das Recht der Ver⸗ geltung hab' ich in Eure Haͤnde niedergelegt, wollet dagegen, ich Nikolaus von Zemboein bitte Euch darum, deſto beſſer der Andern wahren, die mir noch zuſtehn mögen nach dem Recht, das mir die Geburt verliehen und das Andenken an meine Mutter.— Malgorzata ſah den kaum noch unterdruͤck⸗ ten Unmuth in den Zügen ihres Gemahles; ſie begegnete der Flamme des Zornes und der Scham auf den Wangen und in den Augen des Schwaͤhers, ſie fuͤhlte die Nothwendigkeit die peinliche Scene zu verkuͤrzen, und ſchnell und freundſelig trat ſie, ein vermittelnder En⸗ gel, zwiſchen Beide. Mein theurer Herr und Vater— ſagte ſie mit einem Blicke, vor deſſen mildem Glanze plotzlich alle Wolken von der Stirn des alten Herrn flohen— ſtehet ab von einem Begehr, das der Begnadigte jetzt zu er⸗ fuͤllen nicht im Stande iſt, betäubt von der — Gefahr, der er kaum entgangen, und erſchut⸗ tert durch Eure unverdiente Gelindigkeit. Har⸗ ret, bis der Thau der himmliſchen Gnade ſein Herz erweicht haben wird; alle guten Keime werden dann aufſprießen in ihm und mit ih⸗ nen Dankbarkeit und Anhaͤnglichkeit an die, welche einſt ihm wohlgethan. Sehet es dem Rittersmann nach, daß er nicht alsbald guͤtig auf den blicken kann, der ihm den Diener er⸗ ſchlug, dem Kronbeamten, daß er dem Be⸗ leidiger der Majeſtaͤt zuͤrnt, dem raſchen ju⸗ gendlichen Krieger, daß er nicht ſo bereit iſt, dem wohlzuthun, der uͤbel gethan, als ſein ehrwuͤrdiger Vater! Ziehe hin, Olgierd— ſprach ſie zu dieſem, als der Schloßherr ſich abwandte, ſprachlos im Kampfe der Ruͤhrung mit dem Zorn, und der Reue mit dem Stolze— Ziehe hin und werde dem Hauſe Gottes ein treuerer und ge⸗ waͤrtigerer Diener, als Du dieſem geweſen. Manche Gabe hat Dir der Geber alles Guten verliehen, weit uͤber den Stand, in den das Geſchick Dich verſetzt; lobpreiſe ihn, der es alſo gefuͤgt, daß Du ſie gebrauchen moͤgeſt zu ſei⸗ ner Ehre und Deinem Wohl. Und ſo Du alſo — thuſt, wird Dir werden, wonach Dein Herz ſich ſehnet, Freiheit und Ehre, und dermaleinſt werde ich Dich auf Zembvein begrußen, nicht als einen losgeſprochenen Uebertreter mehr, ſon⸗ dern als einen wackern Mann, nicht als eige⸗ nen Knecht, ſondern als den willkommenen Gaſt derer, die Deine Gebieter waren, und wenn Gott und die Heiligen es alſo fuͤgen, als unſern Fuͤrbitter am Altar, vor welchem mei— nes theuern Vaters Gnade Dich geſtellt. Da fielen die unſichtbaren Bande ab, die Olgierd's Glieder bisher gefeſſelt; mit einem dumpfen Laute ſtuͤrzte er ſchnell und gewaltſam vor Malgorzata nieder, und preßte ihre Kniee ſo gewaltſam an ſeine Bruſt, daß die liebliche Frau verlegen und erroͤthend in der unerwarte⸗ ten Umfangung ſtand; dann aber ſprang er auf, und ehe der Herr von Zembocin ſich ihm noch nähern konnte, um ihn nach dem Ge⸗ brauch an dem Halsband von ungegerbtem Le— der, das er trug, ſeinem neuen Herrn zuzu⸗ fuͤhren, verließ er raſchen Laufes und ohne um⸗ zublicken auf Jemand der Andern, den Saal. Der verderbliche Sprößling iſt hinwegge⸗ than— ſo waren die gedaͤmpften Worte des — 81— Biſchofs zum ernſiſinnenden Kaſtellan— es gilt nun, die Wurzel auszureißen aus dem nachbarlichen Boden. Laſſet wie den Sohn auch die Mutter ziehen, die wohl die Zaube⸗ rinn ſeyn mag, die dem boͤſen Geiſt den Ein⸗ gang zu ſeinem Herzen aufthat, die Heilloſe, in deren Nähe das Schlimme waltet, denn arg redet man von ihr in Eurem Gebiet, und ſelbſt in hochwichtigen Vorgaͤngen der letzten Tage iſt ihre Mitwirkung klar worden. Ich ſpreche Euch los von dem was ich vor Jahren Euch aufgelegt, Eure Miſſethat zu buͤßen im fortwaͤhrenden Anblick der Mitſchuldigen und der Frucht, die ſie getragen. Ich furchte, ſie war Euch zu ſchwer zu tragen, und ſonach weder heilſam fuͤr Euch, noch fuͤr Andere mehr. Mochten— ſetzten er mit einem ſorgenvollen Blick auf Nikolaus Strzeminiec hinzu— moch⸗ ten mit der ſichtbaren Spur des Vergangenen auch ſeine Folgen verſchwunden ſeyn. Dem Irrthum unterworfen iſt der Menſch, und nur mit menſchlichem Munde ſprach der Prieſter das Urtheil aus, das Ihr der That, doch nicht dem Sinn nach befolgtet. Habe ich nun ge— irrt, ſo wird der Herr, welcher allein untruͤg⸗ 6 lich iſt im Himmel und auf Erden, dem man⸗ gelhaften Werkzeug verzeihen um des unſträf⸗ lichen Willens, und vielleicht mein Gebet das Uebel von Euch wenden, das aus dem ent⸗ ſproſſen, was gut und weislich ſchien im An⸗ fang.. HMI. Der Kronſchwerttraͤger hatte mit gefalteter Stirn und den Vater feyerlich und kalt be⸗ gruͤßend, die Halle verlaſſen und ſeine Gattin war ihm gefolgt, ob es ihr gelaͤnge, die Wol⸗ ken zu zerſtreuen, die ſie, ſeitdem ſie das Schloß Zemboein als Erbherrin betreten, langſam her⸗ anziehend wahrgenommen hatte, und welche jetzt ſich zuſammendraͤngend den Himmel ihres haͤus⸗ lichen Gluͤckes bedrohten. Schon laͤngſt hatte ſie mit Schmerz das rauhe Weſen des Vaters bemerkt, und die zuruͤckgehaltene Ungeduld, mit welcher der Sohn es ertrug, ſie hatte es zum Ziele ihres ſtillen wohlthuenden Wirkens ge⸗ macht, den Launen des ungeſtuͤmen Greiſes zu ſchmeicheln, welche hervorgerufen durch läͤſtige ———— * Erinnerungen ihn oftmal hart und muͤrriſch machten, und ſeine Zuneigung zu gewinnen, damit dieſelbe von ihr auf den Geliebten uͤber⸗ ginge, und es war ihr gelungen. Doch nun fuchtete ſie, die Wahrnehmung des heutigen Tages, die Aufhaltung deſſen, was ſie laͤngſt geahnet hatte, werde gleich ſchlimme Wirkung thun auf den Alten, der durch das Bewußt⸗ ſeyn entdeckten Unrechts nur noch gebieteriſcher und unbeugſamer ward, und auf den ſtolzen Rittersmann, der von nun an in dem Thun des Kaſtellans ſchnode Beeintraͤchtigung ſeiner Vorrechte zu Gunſten eines Baſtards erblicken werde. Sie bemuͤhte ſich, im einſamen Zwiegeſpräch die Empfindlichkeit des Gemahles zu mildern, und bald traulich koſend, bald eindringlich bit⸗ tend, ermahnte ſie ihn, gegen den Vater die fromme Pflicht der Nachſicht zu uͤben, welche die Lehre des Chriſtenthums ja auch gegen min⸗ der werthe Perſonen gebiete. Ohne Wider⸗ ſpruch hoͤrte Nikolaus ihren Reden zuz ſowohl ihre ſanfte Gewalt, als die Achtung, in der die Wuͤrde des väterlichen Hausherrn damals veſonders ſtand, hielt anfaͤnglich ihn ab von 6* 5 lautem Vorwurf, und nur mit Achſelzucken und etwas ſpottendem Lächeln gedachte er der verjaͤhrten Verirrung. Doch trieb der Zorn die Adern ſeiner Stirne auf, als er der Mut⸗ ter ſich erinnerte und ihres fruͤhen Todes, von welchem zur Zeit manch ſeltſames Gerede ge⸗ gangen. Er entſann ſich der Geruͤchte, die uͤber Olga's räthſelhaftes Treiben im Umlauf waren, uud ſiellte ſie mit jenen Sagen zuſam⸗ men, und ſchwor, einſt, wenn er die Macht habe, ſchwere Rechenſchaft von der Verworfe⸗ nen zu fordern, die der Mutter nicht allein das Herz des Gemahles geraubt, ſondern vielleicht das Leben, und deren nichtswürdiger Sproß⸗ ling auch ihrem Sohne die Liebe des Vaters entzogen von fruͤher Jugend an. Wohl war ich der Erbe des Hauſes und er mein Knecht, — fuhr er entruͤſtet auf— doch ward mir nie Anderes als herriſches Wort und Geberde, und wenn er auch dem geheimen Liebling ein harter Gebieter war, ſo geſellte ſich der ſtren⸗ gen Rede doch zu vielen Malen ein Blick, ei⸗ ne unwillkuͤhrliche Liebkoſung ſogar, die mir nimmer zu Theil worden. Einſt, ich erinnere mich deſſen, war ich mit Jenem, den ich nun —— —— ——— S— —— —— ———— — — wohl Bruder nennen muß, ausgeritten zur Jagd, und die ſpaͤte Nachtzeit uͤberraſchte uns im Walde, und ein furchtbar Unwetter, von deſſen Regenguͤſſen die Gewäſſer hoch anſchwollen, die vom Gebirge kommen, denn zu Izdobnik auf der Mutter Erbgut war damals des Va⸗ ters Aufenthalt, jenſeit der Weichſel. Und es war auf der Burg Nachricht angelangt, daß zween Jaͤgeröleute ertrunken ſeien im Raba⸗ Strom, der uͤber ſein Uferbette getreten, und Alle glaubten, wir ſeien die Verungluͤckten, und groß Jammern und Klagen hob an um den jungen Erbherrn. Auch Herr Severin— ſetzte er finſter lächelnd hinzu— den peinliche Un⸗ ruhe umhertrieb die ganze Nacht hindurch, ge⸗ dachte nur meiner in den Worten, welche die Sorge ihm entriß. Nun hatte, vielleicht zum Gluͤck, mein Roß fehlgetreten, und ich mich ſtark beſchaͤdigt an Kopf und Fuß, alſo daß wir den grauenden Morgen erwarteten in einer Hoͤhle des Forſtes, und ich den Knecht vor⸗ ausſandte nach einer Tragbahre. Wie nun der Leibeigene eintrat zum Herrn, eilte dieſer auf ihn zu, ſo hat man mich ſpaͤter berichtet, und offnete die Arme, ihn zu umfangen, alſo — 86— 8 daß die Hausgenoſſen meinten, er glaube, ich ſelbſt ſei es. Sie waren aber im Irrthum. Wohl trat er zuruͤck und ließ ihn gar hart an, und auch gewiſſermaßen unbillig, daß er ſo wenig Acht gehabt auf den Junker, denn ich war der Aeltere, und des Waidwerkes und Roſ⸗ ſebändigens kundiger als er. Wie ich aber ſpaͤter anlangte, auf der Bahre liegend, bleich und blutig, ſtand zwar die geſammte Diener⸗ ſchaft am Burgthor und brach in laute Kla⸗ gen aus, als ſie mich ſo ſahen, und drauf in hellen Jubel, da ſie wahrnahmen, ich ſei außer Gefahr. Auch Herr Severin war unter ihnen, doch kam er mir nicht entgegen, obſchon ich ei⸗ nem Todtwunden glich, und begruͤßte mich ganz kuͤhl aus der Ferne, und da ihm kund wor⸗ den, es bedeute wenig, ſchalt er mich ſchaͤrfer als er Jenen geſcholten, und ich habe des Tages lange nicht vergeſſen koͤnnen, ob⸗ wohl der Herr dann Befehl gab, mich ſorgfaͤl⸗ tig zu pflegen mit Arznei und koſtlicher Stär⸗ kung, wie es dem Erbherrn gebuͤhrt.— Als Malgorzata nach dieſem, bald im ge⸗ zwungenen gleichgiltigen Tone gezuͤgelten In⸗ grimmes, bald mit hervorbrechendem Groll aus⸗ geſprochenen Berichte, betruͤbt und verlegen ſchwieg, fuhr er fort mit mancher Schilder⸗ ung aus fruͤhern Jahren, welche die geringe Zuneigung des Vaters zu ihm und den gehei⸗ men Vorzug andeutete, den er dem Sclaven gegeben, der jetzt als ein unaͤchter Sproßling erkannt worden, und mit jedem Worte wuchs gegen dieſen der Haß, den bisher Stolz, Groß⸗ muth und Mitleid mit dem vermeintlich nied⸗ rig Gebornen zuruͤckhielten. Dann erwaͤhnte er unglimpflich des Biſchofs von Krakow; er warf ihm mit Bitterkeit unbefugtes Eindrin⸗ gen in die Angelegenheiten des Hauſes vor, er tadelte die Nachſicht, durch welche derſelbe des Kaſtellans von Proſzowice ungerechtes Verfah⸗ ren beſtärke, und gab ihm Schuld, nach der Weiſe der Geiſtlichen damaliger und noch ſpä⸗ terer Zeit, und in dieſer nicht des roͤmiſchen Glaubens allein, bei ſolchem Beginnen, gehei⸗ me Zwecke im Auge zu haben, den eigenen Vortheil oder den Nutzen der geſammten Hier⸗ archie befordernd. Dem Dafuͤrhalten des Er⸗ zurnten nach— meinte Stanislaw— den neuen Pflegling, wenn er ein dankbarer Sohn der Kirche worden, unter ihrem Schutze Theil 65 nehmen zu laſſen an den Rechten und Guͤtern, deſſen die Prieſterwuͤrde den unehelich Erzeugten zu erlangen faͤhig mache zum Nachtheil der rechtmaͤßigen Erben, um einſt vielleicht eine und die andere Vergeltung oder Gegendienſt von dem reich und mächtig gewordenen Schuͤtz⸗ ling zu erlangen. Mit Eifer vertheidigte die junge Frau von Zemboecin den ehrwuͤrdigen Prieſter, deß an⸗ ſpruchloſe Frömmigkeit nicht unerkannt geblie⸗ ben war von dem verwandten Gemuͤth, und vielleicht waͤre es ihr gelungen, die widrigen Nebel ungerechten Mißtrauens aus der Seele des Gatten zu verſcheuchen durch die ſanfte Gewalt der Wahrheit in einem ſchoͤnen Mun⸗ de, durch die wohlthaͤtige Macht der Liebe, verſtaͤrkt durch lange Trennung und kurze Wiedervereinigung, da beſchied ein Diener des Erzbiſchofs von Gniezno den Schwerttraͤger in das Zimmer deſſelben. Auch der Biſchof von Krakow hatte ſich in das Seinige zuruͤckgezogen. Die nachtheilige Wirkung des Vorgegangenen auf den Sohn des Hauſes war von ihm nicht unbemerkt ge⸗ blieben; er mußte ſich geſtehen, daß ein vor — 6— Jahren ertheiltes wohlgemeintes Gebot die Veranlaſſung gegeben und deſſen Folgen gar leicht dem Gluͤcke dieſes Hauſes hinderlich ſeyn konnten. Er beſchloß, den eigentlichen Storer deſſelben in ſtrenger Zucht und gaͤnzlich ent⸗ fernt zu halten, und ihn gebeſſert oder nie vor die Augen des Vaters zu ſtellen; er hoffte das Erſte einſt zu konnen, um dem Greiſe den beß⸗ ten Troſt zu gewaͤhren, und die Unruhe der bedraͤngten Seele zu beſchwichtigen, ihm und den Seinen zum Heil. Dann aber draͤngte es ihn, den Kummer, der ihn ſelbſt druckte, im Gebet zu mildern und Gott anzurufen, daß ihm Kraft werde, gut zu machen, was er vielleicht uͤbel gemacht wider Wiſſen und Willen. Der Kaſtellan von Proſzowice ſaß in ei⸗ nem der Erkerthuͤrmchen ſeines Schloſſes am Fenſter, von dem man eine weite Ausſicht uͤberblicken konnte auf das untenliegende Dorf mit ſeinen regellos hier und da auferbauten Huͤtten, auf die nahe Kirche, und auf Korn⸗ felder, die ſich, bedeckt von gruͤnen, wallenden Halmen, ringsum ausbreiteten, auf der einen Seite begrenzt von maͤhlig aufſteigenden Hoͤhen, auf der andern von dem Walde, an deſſen Rande die Huͤtte Olga's gelegen war und wel⸗— cher damals ſich beinahe bis an den Weichſel⸗ ſtrom erſtreckte. Wohl konnte er ſich des rei⸗ chen Beſitzes freuen, wohl hatte er am vorher⸗ gehenden Tage den langgenaͤhrten Wunſch er⸗ fuͤllt geſehn, unter den Vaͤtern des Volkes zu ſitzen, gleich Andern ſeines Standes und Al⸗ ters, aber ſein Auge glitt gleichgiltig uͤber die freundliche Umgebung, und ſeine Zuͤge erheiter⸗ ten ſich nicht, denn ſein Inneres war der Tummelplatz verſchiedener Empfindungen, neben denen keine erfreuliche Raum fand. Haſtig und gleich wie unwillkuͤhrlich leerte er einen Becher ſuͤßen Methes nach dem andern, die der greiſe Marek ihm darreichte, und es war als bemerke er den Diener gar nicht, der nach der Weiſe bejahrter Hausbeamten unterweilen forſchende Blicke auf ihn richtete und die Ach⸗ ſeln zuckte mit dem Ausdrucke des Unmuths und der Befremdung in dem treuen offenen Antlitz. Lange hatte es ſo gewaͤhrt, da klopf⸗ te es leiſe an der Thuͤr, und ein ſchweigender Wink des Gebieters ſandte den Hausmeiſter, ſie zu öffnen. Mit verdrießlichem Weſen kehr⸗ —— — 9— te der Alte zuruͤck und deutete mit der Hand hinter ſich auf eine verhuͤllte Frau, die ihm auf dem Fuße folgte, und ſeine Geberde fragte, ob es dem Kaſtellan genehm ſei, daß ſie komme. Ein abermalig Zeichen gab bejahende Antwort, und ein anderes wieder, hieß den Diener hin⸗ ausgehn. Zoͤgernd und widerwillig gehorchte dieſer; er ſchritt langſam gegen den Eingang, mehrere Male ſich umſchauend mit der Miene des Verdruſſes und des Mißtrauens, er zog die Schultern ſtaͤrker als zuvor, und es ent⸗ ſchluͤpften ihm ſogar einzelne dumpfe Laute, die, zu Worten gefugt, wahrſcheinlich keine Lobrede der Eintretenden gebildet haben wuͤrden. Olga ſtand vor dem Burgherrn. Dieſer ſchaute eine Weile vor ſich hin, als beduͤrfe er der Faſſung, darauf fturzte er den Inhalt des bereits halbgeleerten Bechers hinab, als glaube er ſie auf dem Boden deſſelben zu finden, dann ſchaute er die ſchweigende Frau an, als erwarte er, ſie ſolle zuerſt ſprechen, und als dieß nicht geſchah, begann er nach ſeiner Wei⸗ ſe, wenn eine widrige Empfindung in ihm auf⸗ ſtieg, rauh und ſcheltend: Haſt Du vernom⸗ men, Weib, was uͤber den Knaben Olgierd 6 beſchloſſen?— Ich habe— antwortete ſie leiſe und demuͤthig— und gehorche gern dem Rufe, der mich zu Euch beſchied, mein hoch⸗ geborner gnaͤdiger Herr, daß ich Euch fuͤr die Milde danken moͤge, die Ihr dem Armen er— zeigt, nicht allein die ſchwere Schuld ihm er— laſſend, ſondern ihn auch einen Weg fuͤhrend, auf dem er zu Freiheit und Ehre gelangen mo⸗ ge, von denen ihn eine ſchlimme Nothwendig⸗ keit ausgeſchloſſen von Jugend an. Severin war nicht darauf gefaßt, die Spre⸗ chende ſo gefuͤgig zu findenz fruͤhere Erfahrung hatte ihn auf einen Strom giftiger Reden vor— bereitet aus dem Munde des Weibes, deſſen Gemuͤthart er kannte, und die in aͤhnlichen Zuſammenkuͤnften ſich ſchonunglos des Rechtes bedient hatte, welches ihr einſtiges Verhaͤltniß und manch Unrecht, deß er ſich bewußt war, ihr gab. Das unterwuͤrfige Weſen, mit dem ſie vor ihm erſchien, gab ihm die vermißte Haltung wieder, und er fuhr weniger gebiete⸗ riſch fort: So iſt es Dir recht, daß ich den Sohn der roͤmiſchen Kirche geſchenkt, der ich angehoͤre, obſchon, wie ich weiß, Du noch im⸗ mer an den Irrthuͤmern von Carogrod haͤngſt, ———————— r und ins Geheim verſuchteſt, ihn abzuziehen vom einzig richtigen Wege zum Heil?— Da ſprach ſie mit klagender Stimme: Gern hätte ich mein Einziges auf Erden den Pfad wandeln ſehen, der mir der beßte duͤnkt nach der ſchwa⸗ chen Einſicht des Weibes, doch mag ich dem widerſtreben, was Ihr verordnet? Auch Ihr habt ja ein Recht an dem Juͤnglinge und ein doppeltes. Das Erſte brauch ich Euch nicht zu nennen, außerdem ſeid Ihr aber auch ſein Grundherr und moͤget nach Belieben uͤber den Eigenen verfuͤgen.— Eine Zeitlang ſchweiften des Edelmannes Augen umher, dann heftete er ſie plotzlich auf das Weib und fragte raſch: Wie find' ich Dich heut ſo anders als ſonſt? Ich kenne Dich, Olga; bereitwillig nimmt Dein Aeußeres die Farbe an, die Du ihm zu geben fuͤr gut findeſt; wohl eher ſah ich Dich ſanft und beſcheiden, aber nur allzubald trat Dein Inneres aus der taͤuſchenden Huͤlle hervor— bald und dennoch zu ſpaͤt fuͤr mich! Iſt dem jetzt wieder ſo, und bereitet ſich Dein tuͤckiſcher Sinn abermal auf Ausbruͤche vor, wie ich ſie in langem Zeitraum oft erfahren?— Mit den Jahren— erwiederte ſie— iſt die Kraft des — Widerſtandes geſchwunden, zu dem ich einſt mich berechtigt hielt in thoͤrigtem Jugendmuth, und das Ungluͤck hat auch an mir ſeine beſſern⸗ de Kraft bewährt. Denn Unglüͤck habe ich erfahren, das wiſſet Ihr, mein erlauchter Herr, und Ihr wiſſet auch, von wem es mir ge⸗ kommen.— Dieſe Worte, einem Vorwurf aͤhnlich, reizten den Herrn von Zemboein, und er entgegnete mit erhoͤhter Stimme: Waͤre dem, wie Du ſprichſt! doch will Niemand Dei⸗ ne Beſſerung ruͤhmen. Wohl mag der unſaubere Geiſt hinweggefahren ſeyn von Dir, der vor Zeiten das Gluͤck meines Hauſes und den Frie⸗ den meiner Seele vernichtete, ich kann aber nicht glauben, daß nach ſeinem Abſcheiden ein Engel des Lichtes ſeine Stätte eingenommen. Ich ſchweige von dem, was einſt ſich begeben; wie die Stimme des Bewußtſeyns zu mir, moͤge auch Dein Gewiſſen allein deſſen gegen Dich erwaͤhnen, und glucklich will ich Dich preiſen, zeihet es Dich nur menſchlicher Schwachheit, wie mich das Meine. Man redet ſchlimm von Dir, Olga, das Volk rings umher ſpricht von dunkeln Kuͤnſten, die Du treibeſt; ſonder⸗ bare Geſtalten, wilden fremdartigen Anſehens will man zur Nachtzeit in Dein Haus ſchluͤ⸗ pfen geſehn haben, oder im Zwielicht in Dei⸗ ner Geleitſchaft auf offenem Felde und im Forſt. Mit dunkeln Reden verwirreſt Du, von Huͤtte zu Huͤtte gehend, die ſtumpfen Köpfe der Koth⸗ ſaſſen, und gaukelſt ihnen Dinge vor, die zu hoͤren ihnen nicht gut thut. Am geſtrigen Tage noch haſt Du im Hauſe Deines Herrn, ohne deſſen Genehmigung zwei Fremde aufge⸗ nommen zu verbotener Unterredung, Zwei, de⸗ ren Einen Du kannteſt. Laͤugne nicht, Olga, ich weiß daß Du ihn kannteſt, und Du ſelbſt magſt nicht zweifeln daß ich es weiß. Ich frage Dich nicht, was ſie geſprochen, denn die Wahrheit iſt Deinem Munde fremd.— Sehr verſtohlen und fluͤchtig war der gluͤhende Blick den die Leibeigene auf ihren Gebieter ſchoß, ſonſt haͤtte er ſeinen Argwohn gegen die Auf⸗ richtigkeit ihrer Unterwerfung unfehlbar beſta⸗ tigt, alsbald aber ſenkte ſie die Augen nieder⸗ waͤrts und klagte wie zuvor: Ihr ſeid ſtreng gegen mich, Herr, und es gab eine Zeit, wo ich ſanftere Worte von Euch hoͤrte. Ich bin eine Fremde in dieſem Lande, und Boöheit und Unwiſſenheit des Poͤbels finden ein will⸗ — 95— kommen Ziel an der Schutzloſen.— Der Ka⸗ ſtellan unterbrach ſie: Du nenneſt Dich ſchutz⸗ los? Iſt es Dir entfallen, wie oft Du die Nachſicht gemißbraucht, die ich Dir gewaͤhrt, trotzend auf gemeinſames Unrecht? Geſtern noch haſt Du Dich ſchwerer Ahndung ſchuldig gemacht, und keine Andere waͤre ihr entgan⸗ gen, Keine als Du vor Severin Strzemieniec, der Dein Richter nicht ſeyn will. Doch frag' ich Dich nochmals, warum geſtatteteſt Du dem Fuͤrſten Izaslaw den Eintritt in Deine Behau⸗ ſung zu verſtohlener Zuſammenkunft, warum, da es nun geſchehen, bliebeſt Du unerkannt von dem ehemaligen Gebieter? Ich ſage Dir, Hlga, ich kenne Dich, und was bei andern Weibern gleichgiltig ſcheinen wuͤrde und der Nachfrage unwerth, erregt meinen Argwohn, kommt es von Dir.— Und doch— war ihre Antwort— habe ich daran nicht mehr Schuld, als Eine von ihnen haben wuͤrde in aͤhnlicher Sache. Der Fuͤrſt war der Gaſt meines Herrn; durfte ich ihm den Zugang in das Revier ver⸗ ſagen, das Dieſem zugehoͤrt? War ſein Kom⸗ men unerlaubt, ich wußte es nicht. Was kuͤmmern auch— ſetzte ſie mit ſcharfem Tone — 97— hinzu— die Sklavin die Händel der Fuͤrſten? Und als er erſchien, mochte ich mich ihm zei⸗ gen wie ich jetzt bin, ihm, der mich gekannt in ganz anderer Lage?— Der Kaſtellan ver⸗ ſetzte kurz: Vergeblich ſuchſt Du mich zu tau⸗ ſchen durch vorgeſpiegelte Unwiſſenheit. Man nennt Dich weit und breit die kluge Frau, und wer wuͤßte beſſer als ich, wie ſehr dieſer Name Dir zukommt, wenn er erworben wer⸗ den mag durch unheimlich Treiben und nim⸗ mer ruhende Tuͤcke?— Ich bekenne mich Man⸗ ches von dem ſchuldig, was Ihr nennet, Ge⸗ bieter; ſeid Ihr doch auch nicht ſo unſtraͤflich, als Ihr ſcheinen wollet, erlauchter Herr, wofuͤr Jeglicher leichtlich gilt, ſo er nur reich iſt und vornehm. Doch iſt das Ungemach ein ſtrenger Lehrmeiſter, und wie koͤnnte eine Mut⸗ ter den einzigen Sohn, das Kind ihrer Schmer⸗ zen und Schmach in Gefahr ſehen, eines ſchimpf⸗ lichen Todes zu ſterben, ohne daß ihr Herz zer⸗ knirſcht wuͤrde? Der Vater, ja der Vater mag gleichgiltig zuſchauen, ob er ſchon ein gut Theil daran gehabt, daß es ſo mit ihm gekommen. Herr Severin ſtand raſch auf von ſeinem Seſſel und ſchritt einige Male haſtig im Zim⸗ — . mer auf und nieder, dann begann er: Dem Himmel und mir iſt bewußt, ob er gleichgiltig geblieben. Nun aber iſt der Knabe gerettet, und was beſſer laͤngſt geſchehen wäre, geſchie⸗ het heut; er ſcheidet aus dieſen Mauern, wo ſein Bleiben nicht laͤnger taugt.— Hoͤchſt de⸗ muͤthig antwortete Olga: Trieb doch der Erz⸗ vater Abraham die Hagar hinaus mit ihrem Sohne, ſo muß ich es Euch danken, daß Ihr Ismael den Verachteten nicht in die Wuͤſte ſtießet, daß er allda verſchmachte.— Ja— wie Jene ſcheidet Ihr,— rief der Alte in plötzlicher Bewegung— doch ſtehet hier keine Sara vor der Thuͤr, ſich am Jammer der Ne⸗ benbuhlerin weidend. Sie, die dieſes Hauſes rechtmäßige Frau war, ſchlummert laͤngſt im Grabe.— Sie kannte den Haß nicht und die Schadenfreude, Du weißt, wem ſie bei⸗ wohnen, und der Himmel ruht zwiſchen ihr und Dir.— Doch hore auf meine Rede, Weib, denn es wird die letzte ſeyn, die ich an Dich richte. Das Band des Unheils, das uns an einander feſſelte, iſt gelöſet, nicht mir noch Dir gehoret fortan, Der es zuſammen hielt, ſondern der Kirche; der Fluch Deiner Gegen⸗ ——— —,————— — 99— wart iſt von mir genommen, und es iſt Zeit, daß wir unſere Rechnung ſchließen fuͤr dieſe Welt.— Wollet nicht thun, wie die Großen pflegen,— erinnerte Jene— und das was auf Euch kommet, mindern oder gaͤnzlich durch⸗ ſtreichen, und den Betrag des Andern geltend machen bis auf das geringſte Titelchen.— Der Kaſtellan ſeufzte und ſprach: Leider weiß ich, daß ich nur allzuhoch im Schuldbuche ver⸗ zeichnet ſtehe, und der grundguͤtige Gott moͤge mir dagegen lange Reue anrechnen, und heim⸗ lich getragenes, doch ſchweres Ungemach. Ich war ein ruͤſtiger Kriegsmann, als ich Dich zu Kijow ſah, Du wareſt ſchon, und damals ſchon verſtandeſt Du die Gebrechen des Innern un⸗ ter truͤgeriſch lockender Auſſenſeite zu verhuͤllen. Der Krieg iſt iſt keine Schule ſtrenger Zucht fur die adeliche Jugend; ich war fern vom Vater⸗ lande, die Weichheit griechiſcher Sitte riß den an ſtrengere Ordnung Gewohnten dahin, und ich vergaß meines ehelichen Gemahles und der Treue, die ich ihm gelobt, in der Ruſſin be⸗ reitwillig geoffneten Armen.— Olga hatte ihm mit zweideutigem Lächeln zugehoͤrt, und unterbrach ihn jetzt mit den Worten: Wahr⸗ — 100— lich, Ihr hattet ihrer vergeſſen, und ſo ſehr, daß Ihr ſelbſt gegen mich niemals ihrer erwaͤhntet. — Des alten Herrn Wangen färbten ſich ein wenig, und er fuhr fort: Laß mich uͤber eine Zeit dahingehn, an die ich nimmer ohne die Reue gedenken mag, welche Du, obgleich ein Weib, zu verſchmähen ſcheineſt. Einige Mon⸗ den waren verfloſſen und mein Geſchaͤft in den ruſſiſchen Landen hatte ſeine Endſchaft er⸗ reicht. Wir ſchieden, und ſchnell und leicht wie unſer Band ſich geknuͤpft, ward es ge— trennt.— Nicht ſo leicht als Ihr ſaget, Herr, — warf Olga ein— wenn ich der Worte mich recht erinnere, mit denen beim Abſchiede Ihr mich ewiger Liebe verſichertet, noch ſo gaͤnz⸗ lich, da Ihr mir ein Pfand der Erinnerung zuruckließet, ein Pfand ſpäteren, doch nicht aus⸗ bleibenden Wehes. Jetzt erſt, da dies Pfand, wie Ihr ſaget, Keinem von uns mehr zugehöre, iſt jenes Band geloͤſet— weil Ihr es wollt.— Gewiß— war des Herrn von Zembocin Ge⸗ genrede— gewiß folgt die Strafe dem Unrecht bald raſch bald hinkend, doch ſicher immer, daß ſie es ereile; damals aber ſaheſt Du nicht mit Sorge noch Reue auf die Frucht unſerer fluͤch⸗ ——————— — 101— tigen verbrecheriſchen Verbindung. Wohlleben und griechiſche Gebraͤuche hatten die Sitten verderbt in der reichen Handelsſtadt; was man im Polenlande ein todwuͤrdiges Verbrechen nennt, hieß dort ein leichter verzeihlicher Fehltritt, und nicht gewiſſenhafter erſchieneſt Du als die An⸗ dern. Ich nahm den Schmerz und die Reue mit mir hinweg bei unſerem Scheiden, Du aber ſaheſt mich ziehen mit trockenem Auge, und der Mund, welcher mir Lebewohl ſagte, läͤchelte im ſelben Augenblick einem Andern.— Olga läͤchelte jetzt wieder wie vielleicht damals, des Ritters Angabe zufolge, aber unheimliche Falten bedeckten ihre Stirn, als ſie ſprach: Ihr hieltet mich demnach fur ſehr leichten Sin⸗ nes, Herr Severin; ſagt, glaubet Ihr heut noch, daß ich es ſei?— Ohne die ſeltſame Frage zu beantworten, fuhr er fort: Du ließeſt mich ziehen, und kein Wort entſchluͤpfte Deinen Lip⸗ pen, daß Du die anmuthige Vaterſtadt verlaſ⸗ ſen wollteſt, um mir zu folgen; kurz darauf vernahm ich, Du ſeieſt aufgenommen worden in die Hofſtatt des Fuͤrſten, und nimmer waͤhnt' ich Dich wieder zu ſehn in dieſer Welt, und ſtrebte, das Uebel, das ich gethan, zu verfuͤh⸗ — 102— . nen durch Buße und unſträflichen Wandel, und durch treue Liebe der Hausfrau das Un⸗ Unrecht zu verguͤten, das ich derſelben zugefugt, ihr unbewußt. So vergingen Jahre, und die Zeit begann die Bilder der Erinnerung zu ſchwächen, und ich hoffte, was vorgegangen, ſei abgethan vor Gott und den Menſchen. Da geſchah es, daß Fuͤrſt Jzaslaw das erſte Mal von ſeinem Stuhle geſtoßen ward durch der Brüͤder Verrath. Wie jetzt, rief er die Huͤlfe ſeines Lehnsherrn des Koͤnigs auf, und das Heer ruͤckte heran, ihn wieder einzuſetzen; auch ich machte mich auf mit meiner reiſigen Schaar, und Boleslaw's Befehl ſtellte mich an die Spitze des Nach⸗ trabs. Eines Tages, Du wirſt Dich deſſen er⸗ innern, am Ufer des Bug, brachten unſere Leute einen Trupp fluchtiger Ruſſen in das Feldlager, und mir ward gemeldet, ein Weib befinde ſich unter ihnen, das vor mich gebracht zu werden verlange. Ich ſah Dich wieder, Sophronia, daß ich Dich noch einmal nenne mit dieſem Namen, Du warfeſt Dich nieder vor mir mit dem Knaben, den Du die Frucht jener Tage zu Kijow nann⸗ teſt, und flehteſt mich an, daß ich mein Kind und ſeine Mutter errette von harter Sklaverei, und das Gut zuruͤckgegeben werde, welches die Kriegsknechte Dir geraubt. Ich gewaͤhrte Dein Verlangen; o haͤtte ich es nicht ge⸗ waͤhrt! Doch mag deshalb kein Vorwurf auf mich fallen, denn was ich that, war die Obliegenheit eines Vaters und Edelmannes. Anders war es mit dem, was nun folgte. Was bedarf ich es, der Theilnehmerin gegen⸗ uͤber, das Vergangene zu durchwuͤhlen und die Wunden aufzureißen, die nie gaͤnzlich vernar⸗ ben werden? Trotz der verfloſſenen Zeit uͤbte Dein Anblick die ehemalige Gewalt uͤber mein ſchwaches frevelndes Herz, Du kannteſt ſie und umſchlangeſt den Wiedergefundenen mit neuen Ketten, Du folgteſt mir zu meiner Burg, und als Du ſie betrateſt, flohen Friede und un⸗ ſträͤfliche Freude. Und abermal vergingen Jahre. Fuͤrſt Jzas⸗ law kehrte zuruͤck in ſeine Hauptſtadt, der Krieg war beendet und nichts ſtand Deiner Heim— farth entgegen, als Deines Gemuͤthes böſes Geluͤſten, das Geluͤſten nach Unmöglichem oder Verdammenswerthen. Du aber bliebeſt und trateſt zu mir mit verſuchenden Worten, ſo daß ich mitten inne ſtand zwiſchen dem guten Geiſt und dem böſen, nicht ruchlos genug, dieſem mich zu ergeben, doch zu ſchwach, zu ihm zu ſprechen: Hebe Dich von hinnen. Da glitt die Larve der Sanftmuth und uneigennuͤtzigen Liebe allgemach von Deinem Antlitz, und an ihre Stelle trat bittere Klage und ungeſtuͤmer peinigender Vorwurf. Mein chelich Gemahl ſtarb. Ich will den Sagen nicht glauben, welche halblaut von Mund zu Munde gehend, endlich das Ohr des Gebieters erreichten— ich glaubte ihnen nicht, und wollte gern ihnen nimmer glauben, damit ich mich ſelbſt nicht hoffnunglos verdam⸗ men muͤſſe. Aber der letzte Blick der Ster⸗ benden, ein Blick milden ſchweigenden Vor⸗ wurfs hatte das Herz des Suͤnders getroſſen, mein Vergehen ſtand vor mir in ſeiner wahren ſinſtern Geſtalt, und als Du mir nahteſt in uͤbermuͤthigem Hoffen und mich mahnend an eine vermeinte Verheißung, an dem Sterbebette der Frau, die Du, wo nicht des Lebens ſelbſt beraubteſt, doch ſeiner Freuden, im Buͤndniß mit dem ſchuldigen Gatten, daß ſie im langſa⸗ men Gram dahin gewelkt war, da ſtieß ich Dich zuruck, Dich, meine Verderberin!— Ohne das Beben der zuruͤckgehaltenen Wuth wahr⸗ zunehmen, das Olga's Gebeine ſchuͤttelte, ſprach er weiter: Von Dir mich losſagend, gedachte ich, Dich aus meiner Naͤhe zu entfernen. Du empfingeſt mein Gebot mit Widerwillen, doch weder Dein ungeſtuͤmes Flehen vermochte mir den Sinn zu beugen, noch Dein Ungeſtuͤm, denn ich hatte Dich erkannt. Da gelangte Gottes Ausſpruch an mich durch den Mund eines ſeiner ehrwuͤrdigſten Diener. Ich ſolle, lautete er, mein Vergehen buͤßen durch den Anblick ſeiner Folgen ſelbſt, ich wies Dich, als Du nicht gehen wollteſt, in das Haus am Walde, und der Knabe ward ein Knecht meines Hauſes.— Da ent⸗ gegnete Olga: O des weiſen gelinden Aus⸗ ſpruchs des hochwuͤrdigen Biſchofs von Kra⸗ kow, der dem Gewaltigen und Reichen die bequeme Buße auferlegt, welche er tragen laͤßt von den Schultern der Andern, der die Be⸗ trogene zum Geſpoͤtt und Abſcheu des Volkes machte, und des gebietenden Herrn Sohn zum leibeigenen Sklaven!— Und ſo ich Dir ſag⸗ te, ſie ſei der Schwerſten Eine geweſen— rief Severin— wuͤrdeſt Du es begreifen? Du, in deren Herzen keine menſchliche Empfindung mehr 05 hauſet, ſeitdem das Geluſten es verlaſſen, wuͤr⸗ deſt Du erkennen, wie bitter es dem Vater ankam, ſein Kind im Sklavenwamms zu ſehen, unter dem Haufen roher Elender„ihnen gleichgeſtellt den, welchen er nur allzuſehr im Herzen trug, ſo daß er ihn, was Gott mir verzeihen moͤge, dem rechtmaͤßigen Stammhal⸗ ter im Geheimen vorzog, den Unglucklichen dem vom Geſchick Beguͤnſtigten, wie hart der Aus⸗ ſpruch, alltäglich den widrigen Kampf zu beſtehen zwiſchen der Vaterliebe und der Strenge des Gebieters„ welche der Prieſter ihm zur Pflicht gemacht? Du unterwarfſt Dich wider Erwarten bereitwillig dem Beſchei⸗ de; lieber wollteſt Du, lautete Deine Rede, nahe bei Zemboein ein duͤrftig Leben in Nied⸗ rigkeit fuͤhren, als fern der Gaben genießen, die ich Dir bot; heimathleer nannteſt Du Dich, denn es war gerade zu der Zeit, als Fuͤrſt Jzaslaw zum andern Male den feindlichen Brudern weichen mußte. Solche Worte klan⸗ gen fein, doch traute ich ihnen nicht, da Dei⸗ ne Zunge ſie ausgeſprochen, und keinesweges habe ich mich getaͤuſcht; Du haſt in der dar⸗ auf folgenden Zeit meinen Argwohn bewaͤhrt, — 107— nicht Reue, nicht Demuth noch jene Anhaͤng⸗ lichkeit, die Du heuchelteſt, waren es, Die Dich an dieſen Boden feſſelten, Du gehorchteſt dem Geiſte des Grolles und der Rachſucht, und fort und fort umſchlicheſt Du, ſeine Ab⸗ geſandtin, den Kreis meines Wirkens, ihn oft ſtorend durch heimlich gehaͤßiges Streben. Ver⸗ geblich eroͤffnete ich Dir die beſſere Zukunft, die dem zuruͤckgeſetzten Sprößling der Suͤnde beſtimmet war, vergeblich gewahrteſt Du, wie Unterricht und milde Behandlung ihn vorberei⸗ teten auf dieſelbe; Du verhärteteſt des Kna⸗ ben Herz gegen den Wohlthäter, ſtillen grim⸗ migen Haß impfteſt Du ihm ein gegen mich und mein Geſchlecht, mit leiſem Schritt und verfaͤnglichem Worte naheteſt Du dem Erb⸗ herrn von Zemboein, des jungen Edelmannes Mißmuth aufregend gegen den Vater, eine Predigerin des Aufruhrs ſah man Dich um⸗ hergehen unter den Kothſaſſen; in jeglichem Beginnen innerhalb meines Hauſes oder außer demſelben begegnete ich dem leiſen Wirken ei⸗ ner feindſeligen Hand, der Deinen, Olga; oft⸗ mals rief Dein verdaͤchtig Treiben mit fremd⸗ laͤndiſchem, wuͤſtem Geſindel die Wachſamkeit — 108— des Landpflegers auf, deſſen Arm ſaͤumig war, die Genoſſin fruͤhern Unrechts zu ſtrafen, und Dein Name iſt zum Abſcheu worden in der Umgegend. Sprich, was magſt Du antworten auf ſolche Anklage, und bekräftigt Dein Be⸗ wußtſein nicht Jegliches, das ich geſprochen?— Manches, erlauchter Kaſtellan— verſetzte die leibeigene Frau— konnte ich erwiedern auf die lange Rede, welche freilich die Erinnerung an mehr als Ein Vergangenes in mir aufrufen wuͤrde, beduͤrfte es deſſen. Ich koͤnnte ſagen, daß Ihr gethan habt, wie ich erwartete, der eigenen Schuld fluͤchtig und unvollkommen ge⸗ denkend, und die andere Wagſchaale erſchwer⸗ end durch das, was Ihr der Euern entzogen. Vieles von Allem, was Ihr aufgezählet, be⸗ gruͤndet ſich auf Muthmaßung allein, oder auf das Geſchwaͤtz tölpelhafter Bauern, denen un⸗ ſtreitig Die als ein fremdartig Weſen erſchei⸗ nen mußte, die, hoͤher als ſie geboren und ei⸗ nes Beſſern wuͤrdig, durch das Geſchick zu ih⸗ nen hinabgeſtoßen ward, und durch Eure Wil⸗ lensmeinung, mein hochgebietender Herr. Und ſei es Alles wahr und ich ſchuldig deſſen, deſſen Ihr mich bezuͤchtigt,— ſetzte ſie mit einem — — 109— gewiſſen Stolz und erhoͤhter Stimme hinzu— moͤgte Der, welcher richten ſollte zwiſchen mir und Euch, der Weiſe nicht gedenken, wie es dahin gekommen? Einmal noch ſei es mir vergoͤnnt, der Herabgewuͤrdigten, die Stimme zu erheben, die lange hier nicht mehr gehoͤrt ward, einmal nur will auch ich Euch aufrech⸗ nen, was mir geſchehen, dann moͤget Ihr den Stab uͤber mich brechen, und mich hinausfuͤh⸗ ren laſſen zum Tode oder in das Elend, denn Ihr ſeid ja dieſes Grundes Herr. Geboren in der reichen Stadt Kijow, eines griechiſchen Kaufherrn einzige Tochter, ward ich auferzogen in Pracht und Wohlleben, wie ſie unbekannt geblieben ſind in dieſem Reiche, bewohnt von Ackerleuten und Kriegern. Mag es ſeyn, wie Ihr ſagt, mag die Sitte meiner Heimath min⸗ der ſtreng ſeyn als der hierlaͤndiſche Gebrauch, ich will nicht laͤugnen, auch auf mich wirkte das Beiſpiel, ich trug die Schuld des heißen chiotiſchen Blutes, das in meinen Adern floß — und— damals begluͤckte Euch das, was Ihr unedelmuͤthig heute mir vorwerfet. Ihr erſchienet zu jener Zeit, ein ernſter Ritters⸗ mann, und Eure rauhe Kraͤftigkeit, an welche 440— die Schwaͤche des Weibes ſich ſo gern ſchmiegt, gewann von mir, was die Zierlichkeit der jun⸗ gen Landesgenoſſen nimmer von mir erhalten. Ihr gedachtet in der Fremde der Ehefrau nicht, die daheim des Untreuen wartete, und allzu ſchnell vertraute ich dem Wort Eures Mundes, der uͤberfloß von Schwuͤren ewiger Liebe. Auch beim Scheiden gelobtet Ihr ſie abermal, und nicht ſo ſchnell ſind ſie in meinem Ohre ver⸗ klungen, als Ihr gewaͤhnt. Die Zeit verfloß und Ihr bliebet fern. Meynet Ihr wirklich, daß die Betrogene immer gelaͤchelt habe, und keine Thraͤne dem Opfer gefloſſen ſei, das ſie Euch gebracht? Großfuͤrſt Jzaslaw nahm mich auf in die Dienerſchaft ſeiner Hofburg, und ich folgte dem Ruf, welcher mich uͤber die Geſpie⸗ linnen erhöhte, unter denen ich fortan nicht er⸗ ſcheinen konnte wie einſt, gefeiert und unbe⸗ ſcholten. Wohl mag es ſeyn, daß Glanz und Geraͤuſch, die mich umgaben, den ſtillen Gram beſchwichtigten, meine Thraͤnen verſiegten allge⸗ mach, und ich dachte Eurer vielleicht nur noch mit Wehmuth, gleich eines ſchmerzlich werthen Bildes der Vergangenheit. Dies Gluͤck, wenn Ihr es ſo nennen wollet, währte jedoch nur — 111— kurze Zeit. Der Aufruhr brach abermals aus, und der Buͤrgerkrieg; der Großfuͤrſt mied zum zweiten Male Thron und Land, und der Haß der Bruͤder bedrohte Alle, ſo ihm angehangen mit dem Tode. Ich floh, gleich den Andern ſeines Hofgeſindes; als ich aber mit dem Knaben Olgierd an der Hand, auf rauhen Pfaden, umringt, von Gefahr, der bittern Noth ich und mein Kind fortwaͤhrend preisgegeben, an das Ufer des Bug⸗ ſtroms gelangte, und hinblickte auf das jenſei⸗ tige Geſtade, da milderte den Kummer der Mutter der Gedanke, druͤben liegt die Heimath ſeines Vaters; ich ſchaute auf das Pfand je⸗ ner Tage, welche ich nicht ſo ſchnell und gaͤnz⸗ lich vergeſſen als Ihr, und hoſſte füͤr das Kind des Ungluͤcks eine Ruhſtatt zu finden fuͤr ſein zartes Haupt. Und es war, als zeige das Ge⸗ ſchick ſich meinen Wuͤnſchen guͤnſtig; in dem Anfuͤhrer des erſten polniſchen Heerhaufens auf den ich ſtieß, und deſſen Reiter mich fingen, ſah ich Herrn Severin Strzemieniec, und da ich den Sohn zu ſeinen Fuͤßen fuͤhrte, nahm er Beide guͤtig auf, Kind und Mutter. Nicht guͤtig allein, bald wähnte ich in ſeinen Blik⸗ ken den Wiederſchein der einſtigen Flamme zu finden, ſeine Worte, feurig wie ehemals, uͤbten ihre alte Macht, und wiederum ſank die Ver⸗ trauende in die Arme des Mannes, dem ſie nichts mehr zu weigern hatte. Er aber— hier wurde ihr Blick feſt und ihre Rede lang⸗ ſam und nachdruͤcklich— Er aber that, wie er fruher gethan, kein Wort, des ehelichen Ge⸗ mahles erwaͤhnend, entſchluͤpfte ſeinen Lippen, und als ich ihm zu ſeiner Burg folgte, mußte ich hoffen, das Recht, welches ich an ihm ge⸗ wonnen, werde geheiligt werden durch den Se⸗ gen des Prieſters.— Herr Strzemieniec ſtand eine Weile ſtumm, drauf ſchlug er ſich plotzlich die Bruſt, machte das Zeichen des Kreuzes zu verſchiedenen Ma⸗ len und murmelte in ſich hinein: Sancte Adal- berte, ora pro me! Bitte fuͤr mich, daß mei⸗ ne Schuld abgethan werde von mir!— Als er aber in Olga's Antlitz dem Triumph uͤber ſeine Zerknirſchung begegnete, rief er laut und zornig: Weib, Deine Rede iſt unwahr, und Deine Worte voll gleißneriſchen Betrugs. Alſo hat es ſich begeben und dennoch nicht alſo. Am Bugſtrom, wie ehemals zu Kijow kamſt Du mir bereitwillig entgegen; nicht dem Einen — 113— Geliebten opferteſt Du den koͤſtlichſten Schatz der Jungfrau; und nicht der Erſte noch der Letzte gewann ich die leichte Beute. Wahr iſt es, daß ich gegen Dich nicht von der Frau re⸗ dete, deren unbefleckten Namen Dein Ohr zu vernehlken nicht wuͤrdig war, doch ward er oft genug lobpreiſend genannt von den Leuten mei⸗ nes Gefolges; ihr Daſeyn war Dir nicht un⸗ bekannt, und wie mich Reue und Scham, ver⸗ hinderte die Argliſt Dich, ſein zu gedenken. Nicht ich forderte Dich auf, mich zu geleiten; auf einer fernen Beſitzung bot ich Dir den Aufenthalt, und fuͤr Dich und den Sohn reich⸗ liche Gaben; doch feſt hatteſt Du Dich an mich geklammert, wie der boͤſe Geiſt an die Seele des Suͤnders, und auch dann, als im Ange⸗ ſichte dieſes Schloſſes ich Dir eroͤffnete, was Dir laͤngſt nicht fremd war, wollteſt Du von mir nicht laſſen.— Ganz recht,— erwiederte Jene mit trockenem Hohn— ich erfuhr mein Geſchick, da es nicht Zeit mehr war, ihm zu entgehn. In das Haus, wo ich waͤhnte ein⸗ zuziehen als Gebieterin, ward ich als Gefan⸗ gene gefuͤhrt; eine Andere ſah ich an dem Platz, der mir gebuͤhrte, und mich als ihre demuͤthige 8 „ Magd. Wohl war Frau Ludmilla fromm und tugendlich, und ihr Lob in jedem Munde; doch wer mag es Dem verargen, der den Feind nicht liebt, wer fordert von dem Unglucklichen, daß ſein Herz ſich hänge an den glucklichen Beſitzer deſſen, was er das Seine gewähnt? Moͤgen Die, welchen ſie wohlgethan, ihr An⸗ denken ſegnen, nur Wehe iſt mir durch ſie ge— kommen und nimmer hab' ich ſie geliebt. Sie ſtarb—— Da fuhr der Kaſtellan empor und herrſchte ihr zu mit gewaltiger Stimme: Schweig, ſo Dir Dein Leben lieb iſt, ſchweig, daß der Name der Verklaͤrten auf Deiner Zunge meinen Grimm nicht wecke, daß dies boshafte Lächeln, der haͤmiſche Ausdruck Deiner frevel⸗ haften Worte den Argwohn nicht hervorrufe, der lange geſchlummert, doch leiſe nur und bereit, die ſäumige Rache auf Dein beſcholten Haupt zu ſchleudern!— Sie ſtarb— erwie⸗ derte Olga kalt und gedehnt— und ich meinte, der Tag ſei gekommen zur Erfullung jener Betheuer⸗ ungen ewiger Liebe. Ich trat zu Euch mit bittender Rede, doch uͤbel klingt dem Ohr des Gewaltigen die Mahnung an laͤſtige, gern vergeſſene Schuld. Statt der Liebe kam der Haß mir entgegen, ſtatt v— der ehemaligen ſuͤßen Worte hattet Ihr nur ſchnoͤde Vorwuͤrfe fuͤr mich, ſtatt der Ehre ſollte Schmach mir werden, und die, welche Ihr einſt die Luſt Eurer Augen nanntet, ſah ſich aus Euren Blicken verbannt. Ich bin eine Freigeborne, Herr Severin, und Oſtroͤmer wa⸗ ren meine Vorfahren; der ganze Stolz meines Blutes emporte ſich in mir, doch ſchaute ich auf meinen Knaben, den ich zuruͤcklaſſen ſollte unter der Botmäßigkeit eines unzaͤrtlichen Va⸗ ters, als eines ſtolzen Halbbruders Knecht. Ich flehte Euch an, mir ein Obdach zu gonnen unfern von ihm; Ihr weigertet die geringe Bittez dennoch— ſetzte ſie ſeltſam lächelnd hinzu— ſollte ſie erfuͤllt werden, wiewohl auf abſonder— liche Art. Nicht nur— ſo lautete der Ausſpruch eines gottſeligen Biſchofs— nicht nur ſollte es mir vergonnt ſeyn, mich anzuſiedeln auf Eurem Grund und Boden, ſondern ich war demſelben verpflichtet als Eigene. Mochte es darum ſeyn, hieß ich doch Eure Gefangene nach Krieges⸗ brauch. Auch Olgierd der Knabe ward des Vaters Sklave; nun wohl, es hatte ja eine Magd ihn geboren. Und endlich— fuhr ſie immer ſtaͤrker betonend fort— damit des ge⸗ 8* — 416— bietenden Landpflegers Ehrenſpiegel nicht befleckt erſcheine vor der Welt, ward ich der Schmach dahingeworfen. Euer Sohn, ging das Geruͤcht, Euer eigener Sohn, erlauchter Kaſtellan, ſei der elende Sproßling eines Verworfenen. Jenen Thomas, den Niedrigſten der Knechte, die einſt Euch nach Kijow geleiteten, nannte man ſei⸗ nen Etzeuger; ich hörte mich die Buhlerin ei⸗ nes Troßbuben nennen, ich die freigeborne Grie⸗ chin, ich begegnete dem Lächeln der Verachtung auf den Lippen Eures Geſindes, und ich ſchwieg — hattet Ihr doch das Eine anbefohlen, wi⸗ derſprachet Ihr doch dem Andern nicht, waret Ihr doch der Dienſtherr und ich Euer Eigen⸗ thum. Nicht ſo— mein gnaͤdiger Herr— das war fein demuͤthig und fugſam? Doch hättet Ihr wirklich geglaubt, die Zertretene füͤhle den Fußtritt nicht, der ſie zermalmte? Konntet Ihr meynen, weil mein Mund ſtumm blieb und mein Antlitz ruhig, auch in meinem Innern ſei es ruhig und ſtumm? Zwar ſpra⸗ chen unſere Väter von einem Sklaven in der vergangenen glorreichen Zeit, der, als des Ge⸗ bieters Schlag ihm das Bein zerbrach, die Klage unterdruckte und den Ingrimm, gleich⸗ muͤthig ſprechend: Sagte ich nicht, Du wuͤr⸗ deſt es zerbrechen? Doch Epiktet war kein Weib, kein Weib— das einſt ſchon geweſen und geliebt, deſſen Thraͤnen jetzt Den unge⸗ ruͤhrt ließen, welchen einſt ihr Laͤcheln begluͤck⸗ te. Oft, ich geſtehe es, zumal in der erſten Zeit, trat in der Einſamkeit des Waldhauſes ſeine fruͤhere Bewohnerin im Geiſte vor mich, des großen Wlodzimierz Tochter, welche aus meiner Heimath entſproſſen, gleich mir Schmach und Entwuͤrdigung im Polenreiche gefunden, und die gleich mir in dieſen duͤſtern Mauern bittere Taͤuſchung beweint hat. Ich wähnte, ihre Klagen geſellen ſich zu den meinigen, und es erhob ſich in mir einem Entſchluſſe aͤhnlich, nicht geduldig zu tragen, wie ſie. Obſchon ich nicht wie meine Vorgaͤngerin aus furſtli⸗ chem Gebluͤte ſtammend, war ich doch ein Weib und reizend, wie ſie es geweſen; auch ich war getaͤuſcht, und der mich taͤuſchte, kein Koͤnig. Ich habe des Knaben Gemuͤth erbit⸗ tert gegen Euch und Euer Geſchlecht, ſagt Ihr? Wenn er vor mir ſtand in der haͤrenen Kutze, dem ein koſtlich Gewand zukam, wenn er un⸗ terwuͤrfig den Buͤgel des Roſſes hielt, das ſein — 1418— Bruder beſtieg im funkelnden Rittergeſchmeide, ſollte da der verhaltene Schmerz nicht uͤber die Lippen dringen, und die bittern Tropfen aus meinen Augen nicht auf des Kindes zar⸗ tes Herz fallen? Ich habe mein Unrecht ein⸗ geftanden,— ſagte Olga dann mit plotzlich fallender Stimme— Dem habe ich es geſtan⸗ den, der es mit mir getheilt. Weß Ihr mich uͤberdem bezuchtigt, gehoͤrt nicht vor den ein⸗ ſtigen Genoſſen frohlicherer Tage, nicht vor Ol⸗ gierd's Vater; dem Landpfleger ſtehet es zu, mich zu richten, und will er mich verdammen auf unerwieſene Anklage niedern Poͤbels, ſo geſche⸗ he wie er uͤber mich verfüͤgt. Doch ſei die Schuld fruͤherer Zeit auch groß, ich habe ſie gebuͤßt durch lange dunkle Jahre, gleich wie zu Eurem Herzen, hat auch zu dem Meinen die Reue den lang verſchloſſenen Weg gefunden, und der Engel der Gnade es geoͤffnet. Den Sohn meiner Schmerzen habe ich unter der Keule des Henkers geſehen, Ihr habt ſie abgewendet von dem theuern Haupt; hinausgelaſſen habt Ihr ihn aus ſchmählicher Knechtſchaft, daß er ge⸗ langen möge zu den Rechten eines Menſchen und Freien; weltlicher Ehre und ewigem Heile — 119— fuͤhret Ihr ihn zu, obgleich auf beſchwerlichem Pfade; ſo tilget denn der Mutter Dank den Groll der Verſtoßenen, und nicht Olga ſtehet nun vor Severin, ſondern die Magd vor dem gebietenden Herrn.— Der Kaſtellan von Proſzowice hatte währ⸗ end der langen zuletzt unterbrochenen Rede die gewohnte Haltung wieder erlangt, und ernſt und mit Wuͤrde ſprach er: Ich habe Deine Worte vernommen, HOlga, und viel Falſches darinnen befunden, neben dem, was leider nur allzuwahr, und ich habe das Herbe, das her⸗ ber noch wird in Deinem Munde, in Ergebung aufgenommen, als die letzte Strafe, mit wel⸗ cher der Herrgott mich heimſucht fuͤr das Bö⸗ ſe, ſo ich gethan. Siehe, mein Haar iſt grau worden, und nicht Zeit iſt es zu Rache und Jorn, ſondern zu heilbringender Reue, die dem Schuldigen die Pforten des Himmels aufthut. Auch Deine Jugend iſt entflohen, Olgaz moͤge auch bei Dir die Reue einkehren, nicht auf den Lippen allein, ſondern im innerſten Ge⸗ muͤth, nicht nur um der Fehltritte willen, die Du bekannt, ſondern auch um verborgener Un⸗ that, ſo ſolche auf Deinem Gewiſſen laſtet; — 420— denn wenn des menſchlichen Richters Auge nicht in die Falten des Herzens ſieht, lie⸗ gen ſie doch offen da vor dem Richter dort oben. Ihm uͤbergebe ich Dich, und habe ich das Amt verſaͤumet an Dir, in welches er mich eingeſetzt, vielleicht um eitler Weltehre willen, vielleicht um anderer ſuͤndiger Schwachheit, iſt es wahr, woran zu denken mich ſchaudert, ſo wende der Geopferten Fuͤrbitte den gottlichen Zorn von mir, denn nimmer mag ich dann ſelbſt ihn verſuͤhnen. Du haſt ſchwer gebußt, ſageſt Du, was Du begangen; mogeſt Du voll⸗ guͤltig gebuͤßt haben auch vor Ihm. Doch ge⸗ mahnt es mich, als ſchwebe der Schatten ei⸗ ner furchtbaren Unthat neben Dir, mich fort und fort anklagend, den ſäͤumigen Rächer; Deine Naͤhe druckt mich nieder, und bitterer iſt mir Dein Anblick als der Tod. Ziehe denn hinaus, denn keine Gemeinſchaft iſt fortan zwiſchen Dir und mir. Wende Dich zur Hei⸗ math, deren Thore bald ſich öffnen werden vor Deinem ehemaligen Herrn durch den Schwert⸗ ſchlag unſers ſiegreichen Konigs; ich bin be⸗ freit von der Laſt, die ich getragen, und ſo ſpreche ich auch Dich los von der Knechtſchaft; wenn aber, nicht die Geſtalt jener Fuͤrſtin, de⸗ ren Du erwaͤhnt, wenn die Geſtalt Ludmillens kuͤnftig vor Dich tritt in der Einſamkeit, wenn ihre Seufzer Dein Ohr treffen, ſo zittere, denn auch ſie fordern leiſe die Rache auf, die Rache Gottes uͤber Dich!— Als er geendet, und Jene nur durch eine ſchweigende und demuthvolle Kniebeugung ant⸗ wortete, ging Herr Severin zur Thuͤr, und ge— bot, ſie aufreißend, dem Hausmeiſter einzutre⸗ ten. Heut noch— ſprach er raſch und be⸗ fehlend— ſcheidet dieſe Freigelaſſene hinweg aus meinem Schloß und Gebiet. Ungehindert laſſe man ſie ziehen auf dem Pfade, den ſie erwählet, doch jeglicher iſt ihrer Ruͤckkehr ver⸗ ſchloſſen. Ich will nicht, daß ſie duͤrftig hin⸗ weggehe, und ſo trage man Sorge, daß ihre Habe unvermindert ihr folge.— Er warf noch einen langen vielſagenden Blick auf die gewe⸗ ſene Sklavin, und verſchwand dann ſchnell im Nebengemach. Iſt es denn endlich wahr,— rief Marek mit einem herzerleichterndem, tiefen Athemzuge — und Du hebſt Dich weg von hier, und die Luft wird rein, und Du magſt nicht wieder⸗ 129— kommen, ſie zu verpeſten mit Zauberei und allerlei unheimlichem Weſen?— Olga richtete ſich ploͤtzlich auf, und einen ſtolzen Blick auf den Alten richtend, ſagte ſie hohniſch: Dem iſt ſo, Graukopf, ich gehe; doch meyne ich, die Luft wird nicht rein ge⸗ nug werden nach meinem Scheiden, daß Du nicht noch ein Gewitter erlebeſt vor dem Abend, ſo nahe Du ihm auch biſt. Jeglicher Pfad iſt mir verſchloſſen; es ſei; immer bleibt der Weg mir doch oſſen durch die Luft, denn mit ſol⸗ chem ſind ja die Hexen vertraut.— Moͤgeſt Du vertraut mit dem Feuer werden, Unholdin — murrete der Greis;— ſie aber lachte und ſprach: Ich danke Dir fuͤr den freundlichen Wunſch. Nicht fein klingt der Abſchiedgruß, es koͤnnte ſich aber wohl ereignen, der Willkommen lau⸗ tete dermaleinſt beſcheidener. Als kurz darauf die Gäſte ſich zum Abzu⸗ ge ruͤſteten, und man Olgierd ſuchte, daß er den Biſchof geleite, war er nirgend zu finden, auch ſeine Mutter war verſchwunden, und das Waldhäuschen ſtand leer und öde, wie fruher, ſeit dem Tode der Ruſſenfuͤrſtin. ——————— w — 123— W. Die heimliche Entfernung Hlga's und ihres Sohnes gab Anlaß zu lautem Hin- und Wi⸗ derreden auf Schloß Zemboein, ebenfalls aber zu manch ſtillem Sinnen; waͤhrend der groößte Theil der Dienerſchaft darin nichts ſah, als ein ſehr gewoͤhnliches Begebniß, und ſich dar⸗ uͤber freute, der Hexe und ihres ſtörriſchen, zank⸗ ſuͤchtigen Baſtards ledig zu ſeyn, welchen der Herr, man wiſſe nicht warum? allen Freien und Unfreien augenſcheinlich vorgezogen, ſchut⸗ telte der Hausmeiſter ſein weißes Haupt, und murmelte allerlei vor ſich hin von nahendem Unheil und ſchlimmen Dingen. Georg, ſein Enkel, der von jeher mit dem ſtolzen Leibeige⸗ nen in heimlicher Feindſchaft gelebt, deren Aus⸗ bruch nur die gemeſſene Hauszucht zu unter⸗ druͤcken vermochte, war am fröhlichſten daruͤber, daß er nicht mehr da ſei, und ruͤſtig nnd ruͤh⸗ rig einen Theil der Obliegenheiten übernehmend, die Jener nur mit mißmuͤthiger Laͤſſigkeit ver⸗ ſehn, traf er im Vorrathgewolbe auf den Ma- jor domus, welcher die innere Zufriedenheit mit dem treuen thätigen Burſchen verbergend, ihn —— mit Schelten uͤber irgend eine Verſäumniß em⸗ pfing, wie es damals dem Alter gegen die Ju⸗ gend auch ohne ſonderliche Urſache eignete und gebuͤhrte. Seid mir nicht boͤſe, Großvater, — ſprach Georg bittend— ich will mich ſchon finden mit der Zeit. Wohl hab' ich Vieles mehr zu ſchaffen, ſeit der Olgierd fort iſt, und die Abfahrt der ehrwuͤrdigen Herren haͤlt Einen wacker in Athem, aber ich denke, ich will es eben ſo gut und beſſer machen, als der faule Knecht, und doppelt ſo viel thaͤte ich recht gern, da ich ihn nicht mehr zu ſehen brauche mit ſeinen ſcheelen Blicken und ſaurem Geſicht. — Hm— entgnete der Greis— es iſt ein ſchlimmes Ding um das Unkraut; wenn man es ausgerottet glaubt, ſchießt es unerwartet wieder auf, frecher wuchernd als zubor.— So denket Ihr, er werde wieder kommen mit dem Weibe?— fragte der Enkel.— Nun, das geſchiehet wohl nimmermehr; Feuer, Erde und Waſſer ſind den fluͤchtigen Eigenen verbo⸗ ten im Gebiete von Zembocin, und waͤre der Befehl des Kaſtellans auch nicht, ſie wuͤrden ſchlecht empfangen werden, denn Keiner mochte ſie leiden von Freien und Knechten. Aber auch der Herr wuͤrde ihnen eine harte Ruheſtatt be⸗ reiten im Kerkerloch und am Halseiſen, denn er iſt gar ſtreng, und ich moͤchte kein Werg am Rocken haben bei ihm.— Marek war un⸗ ter den Dienern auf Zembocin der Einzige, den ſein langer Aufenthalt im Schloß und die genaue Kenntniß ſeiner Bewohner das eigent⸗ liche Verhaͤltniß des Kaſtellans zu den Fluch⸗ tigen bereits fruͤher errathen laſſen, und er theil⸗ te Georg's Meinung nicht; doch hielt er kei⸗ nesweges fuͤr gut, dem jungen Menſchen anzu⸗ vertrauen, was noch nie uͤber ſeine Lippen ge⸗ gangen, und er begnuͤgte ſich, langſam und zweifelnd zu ſagen: Gebe Gott, daß wir Beide nimmer wiederſehn, ſo oder ſo. Es will mich aber leider beduͤnken, als koͤnne es anders kom⸗ men. Gar bedenkliche Worte entſielen dem gottverhaßten Weibe, und als ich der ſaubern Freigelaſſenen das Geleite gab in alle vier Winde der Welt, im Namen des † † Teufels, deſſen Eigene ſie ſeyn wird immerdar, ſprach ſie dies und das, und gehabte ſich gar uͤbermuͤthig, und was ſie redete, hlang, als ſei ſie nicht fuͤr im⸗ mer gegangen, und als werde ich ſie dann de⸗ muͤthiger begruͤßen als jetzt. Solch Geſchwaͤtz 26 will mir nicht gefallen, denn ſo abſcheulich dies Weib auch iſt, wie Gott, noch Einem und mir am beßten bekannt, ſo wohnt ihr dennoch die Gabe der Weiſſagung bei, und manche andere uͤberdem, mit denen der Fuͤrſt der Finſterniß ſeine Kinder ausſtattet.— Warum hat alſo Herr Severin— warf Georg ein— die Unholdin mit ihrer Brut nicht in Gewahrſam genommen, bis Jedes da⸗ hin abzog, wohin es ſollte? Mich daͤucht, ſolche Vorſicht waͤre wohl angebracht geweſen bei dem widerſpenſtigen Knecht und dem un⸗ heimlichen Weibe?— Marek zog die Achſeln, denn unſtreitig war ſeine Anſicht dieſelbe, nach ei⸗ ner kurzen Weile aber fuhr er den Juͤngling an: Was ſteheſt Du hier und zauderſt?— Ziemt es dem Diener, daß er die Hände muͤßig zu⸗ ſammenlege und den Hausherrn meiſtere? Auf, an die Arbeit, daß Du nicht ebenfalls gelteſt fuͤr einen unnuͤtzen Knecht, gleich Jenem, den der Himmel verdammen— moge!— Gott ver⸗ zeihe mir— ſetzte er leiſe hinzu, denn er ent— ſann ſich, er ſei der Sohn ſeines Herrn, dem er fluche. —— Eilig raffte der gehorſame Georg einiges Geraͤth zuſammen; indem er es aber that, ſprach er weiter: Nun, laſſet ſie nur kommen, ſie und ihn, und wie Ihr, Großvater, zu denken ſcheinet, in boͤslicher Abſicht. Mich verlangt danach, etwas Ernſthafteres zu treiben, als den leichten Dienſt im Gemach und in der Vorrath⸗ kammer, und an dem Olgierd moͤcht' ich wohl mein Probeſtuͤck machen.— Da lachte der Alte, ſpoͤttiſch fragend: Dein Probeſtuͤck? und womit? Etwa mit Bankbein und Feuerzange, wie Du ſchon mehrere Male verſucht hätteſt, waͤre ich nicht herbei gekommen, die ungezoge⸗ nen Buben aus einander zu jagen?— Un⸗ muthig entgegnete der junge Menſch: Ich bitte Euch, Herr Marek, ſprechet nicht alſo zu mir. Ich bin frei geboren und mag wohl das Schwert fuͤhren ſtatt Zange und Bankbein. Und das gedenke ich zu thun; der Krieg iſt der Pruͤf⸗ ſtein des Maͤnnerwerths, und Mancher, der be⸗ ſcheiden einhertrat, wird herrlich im Waffen⸗ ſchmuck und der Ehre wuͤrdig, und der Gunſt edler Frauen, die derſelben Preis iſt.— Der Alte fuhr mit der Hand uͤber die gefaltete Stirn, als wollte er ſich an irgend Etwas er⸗ innern, dann ſchaute er lange auf die gerothe⸗ ten Wangen und leuchtenden Augen des Juͤng⸗ lings, und ſprach endlich gedehnt und mit Nachdruck: Du biſt ein Narr!— und wies ihm hiermit die Thuͤr. Obgleich Georg ganz und gar nicht der Meinung des Alten war, fuͤhlte er doch, er wußte nicht warum? den Purpur ſeines Ge⸗ ſichts ſich erhöhen, und um ſo eiliger befolgte er den erhaltenen Wink. Als aber der Ma- jor domus ſich allein befand, und mehr aus Gewohnheit als abſichtlich im Gewölbe rückte, ſchob, hob und ordnete, brummte er in den Bart: Behuͤte uns Gott und der heilige Woy⸗ ciech vor dieſer Olga, denn wo ſie wellet, ſind Verrath und Mord nicht fern. Duͤnket mich doch, als muͤſſe Frau Ludmillens todter Leich⸗ nam nun ruhiger liegen in ſeinem Grabe, da ſie fern iſt, und ihr Geiſt Wacht ſtehen am Thore der Burg, daß die Moͤrderin nicht wie⸗ der eintrete, neuen Unfug zu ſtiften. Es iſt ein bos Ding um das Gewiſſen— fuhr er nach einigem Sinnen fort— und die Fauſt, welche von ihm gelähmt iſt, mag den Becher der Freude nicht mehr recht munter und kraͤf⸗ — — 129— tig ſchwingen, auch nicht das Richterſchwert. Fern ſei es von mir, den Herrn Kaſtellan ar⸗ gen Frevels zu zeihen, doch leider iſt er nicht rein von jeglichem Fehl. Auch iſt, den er be⸗ gangen haben mag, ihm nur allzuſehr heim⸗ gekommen in Kummer und Verdruß, welcher, obſchon verborgen vor Allen, dem alten Marek nicht entging. Und wenige Freude erlebt er an dem Sohn in Unehren erzeugt.— Nach einer abermaligen Pauſe begann er das Selbſt⸗ geſprach von Neuem: Wenn ich mir den Bu⸗ ben ſo vorſtelle, iſt kein Zug in ihm vom Ka⸗ ſtellanz im Innern iſt er der Mutter nachge⸗ artet, von Außen mit ſeinem dunkeln Haar, dem bleichen Geſicht und der krummen Naſe, Gott weiß, Wem a wohl, Gott weiß Wem;— Jene hier, der Andere dort— und mehr als ein ſchlimmer Geiſt hat dies Weib beſeſſen. Oft habe ich ſo meine Gedanken uͤber Dieß und Jenes gehabt, und vielleicht waͤre Manches an⸗ ders gekommen, haͤtt' ich geſprochen. Aber, obwohl ich alt bin und Herrn Severin gekannt habe als unmuͤndig Kind, ſo mag ich mich doch nicht erdreiſten, ungefragt meine Meinung zu ſagen ihm gegenuͤber, zumal in ſo bedenklicher 9 — 130— Sache. Die Welt verkehret ſich mehr von Tage zu Tage, und man erſieht deutlich, daß nach dem Worte der Weiſſagung der juͤngſte Tag vor der Thuͤr iſt, uns zu uͤberraſchen, wie ein Dieb in der Nacht. Denn ſo kann es nicht laͤnger waͤhren; jeglich folgendes Geſchlecht taugt weniger als das, welches voranging, und die Jugend unſerer Zeit ganz und gar nichts. Jener Baſtard iſt ein Boͤſewicht geworden, un⸗ ſer Erbherr, der hochgeborne Schwerttraͤger be⸗ ſibt zwar ein adelich Gemuͤth und mag ein tapferer Kriegsmann heißen, doch— ſo es dem Diener erlaubt iſt, alſo von der Herrſchaft zu ſprechen— doch hat der Feind den Samen des Mißmuths auch in ſein Herz gelegt und die Eintracht geſtört zwiſchen Vater und Sohn, welches der Himmel gnädig wenden moöge, denn Beide ſind gar hitzig und ſtolz. Mein Bube aber, der Georg; nun wohl, er iſt ein wacke⸗ rer, freudiger Burſche und die Arbeit geht ihm ſtattlich von der Hand, welches daher kommt, daß ich es nicht ermangeln laſſe am Schelten und Dräuen. Und doch, doch furchte ich, hat auch der Junge einen Sparren zu viel im Kopfe, und mochte wohl gar den lieben Mond ,————— — 131— vom Himmel langen, und bellt ihn an, ver⸗ zeihe mir Gott, wie ein Hund. Bei dem will aber ich zum Rechten ſehen, und das bei gu⸗ ter Zeit.— Sorgenvoller noch als der Hausmeiſter im Vorrathgewoͤlbe, ſchritt der Schloßherr in ſei⸗ nem Gemache umher, der ausgeſandten Boten harkend. Die ſeltſame, verſtohlene Flucht der Freigelaſſenen wuͤrde ihn mehr erfreut als be⸗ kuͤmmert haben, da ſie ihn der Verhaßten ent⸗ ledigte, haͤtte nicht ihre Gemuͤthsart dieſem un⸗ nothigen Schritte die Wahrſcheinlichkeit eines geheimen, unheilbringenden Grundes gegeben; und das gleichzeitige Verſchwinden Olgierd's konnte dieſe nur beſtaͤtigen. So war denn ih⸗ re Demuth, wie all ihr Thun und Treiben nur Luͤge geweſen, ſo war die Ergebung, mit wel⸗ cher ſie die Entſcheidung uͤber ihr und des Sohnes Schickſal aufgenommen, erheuchelt, und nicht mehr war an die Reue zu glauben, in der, wie ſie verſicherte, fruͤhere Entwuͤrfe der Rachſucht untergegangen ſeien. Wohl fürch⸗ tete Severin dieſe Entwuͤrfe nicht, denn Furcht vor Leibes⸗ und Lebensgefahr war ein ſelten Gefuͤhl in der Bruſt des ſtolzen, muthigen Grei⸗ 9* — 232— ſes; aber es bekuͤmmerte ihn, den Sohn, der immerdar verfolgt vom Unſegen ſeiner Geburt, dem Wege des zeitlichen und ewigen Heiles durch einen feindſeligen Geiſt in Geſtalt eines ſchlimm gearteten Weibes entriſſen zu ſehn. Er ahnete, die arge Fuͤhrerin, welche ſchon fruͤ⸗ her ſo verderblichen Einfluß auf des Juͤng⸗ lings Sinnesweiſe gehabt, könne in Wuth ihn wohl gar aufreizen zu gottverhaßter Frevelthat, und wenn ihm auch fuͤr ſich ſelbſt nicht bang⸗ te, zitterte er doch vor dem Gedanken, das un⸗ gluͤckliche Kind ſeiner Verirrung werde verlo⸗ ren gehen fuͤr Diesſeit und Jenſeit. Die Eil⸗ boten kamen zuruͤck, und keiner brachte Nach⸗ richt von der Entflohenen. Da trieb es den Bedrangten zum Zimmer des Biſchofs, ſeines geiſtlichen Vaters, denn das Vorgegangene hatte die Abreiſe der Gaͤſte verſpätet. Kummervoll wie er, empfing ihn Stanislaw Szczepanowöki. Sein Gebet war nicht erhort worden, der Faden des Gewebes an dem er ſelbſt Theil genommen durch den oft erwaͤhnten prieſterlichen Ausſpruch, war ſei⸗ ner Hand entglitten, und fortan außer Stan⸗ de, ſelbſt zu wirken, empfahl er der Fuͤgung Ske des Himmels den Troſt, den er vergeblich ge⸗ hofft hatte einſt dem Freunde zu gewaͤhren, und die Leitung des Juͤnglings, den eine feind⸗ ſelige Gewalt ſeiner beſſernden Hand entzogen. Auch ſprach er in dieſem Sinne zu dem Ka⸗ ſtellan, und wiewohl in unſerm Jahrhunderte Troſtgruͤnde dieſer Art ſchwerlich fuͤr etwas An⸗ deres als Gemeinplaͤtze aufgenommen werden wuͤrden, ſo waren ſie doch in jener Zeit und im Munde dieſes ehrwuͤrdigen Mannes von ſolchem Gewicht, daß Herr Severin zwar nicht ſorgenlos, aber erheitert und mit ruhigerm We⸗ ſen in den Saal trat, wo die vornehmern Be⸗ wohner von Zemboecin, Einheimiſche und Frem⸗ de verſammelt waren. Die Letztern, wenig betroffen durch einen Vorfall, welcher ihnen als geringfugig erſchien, beſchaͤftigten ſich Jeder auf ſeine Weiſe. Mit aller Wuͤrde ſeines Ranges und dem ſtill prun⸗ kenden Anſtand des Prieſters und Statthal⸗ ters, ertheilte Petrus Nalencz, mitten im Saa⸗ le ſtehend, die letzten Befehle, ſeine Abfahrt und andere Angelegenheiten betreſſend; Adalbert Druzyniec ſpendete ſuͤße Worte an die Frau von Skalmierz, welche dieſe zwar geſprächig — 134— genug, aber mit einer gewiſſen Nachläßigkeit erwiederte, die anzudeuten ſchien, die Exro⸗ berung des Ritters, ſo wohlgeſtaltet und ange⸗ nehm er auch ſeyn mochte, duͤnke Der zu ge⸗ ring, die ihren Sinn auf ein höheres Ziel ge⸗ richtet. Auch ſchien die Eitelkeit Adalbert's nicht völlig zufrieden geſtellt; er fiel von Zeit zu Zeit aus dem Ton deſſen, was man heut zu Tage Galanterie nennt, in den davon wenig unterſchiedenen leichter Spoͤtterei, und öfter noch richtete er die Augen auf Fraͤu⸗ lein Ilga, an die er gewiß ſeine Worte gerich⸗ tet haben wuͤrde, hätte ſie ihn nur mit einem Blicke dazu aufgemuntert. Doch wartete er eines ſolchen vergeblich; die zierliche Jungfrau ſchaffte bald Dies und Jenes im Hausweſen, bald trat ſie zur frommen Ahnes, die im fern⸗ ſten Winkel ſaß, geſenkten Hauptes und ſchweig⸗ ſam auf den Roſenkranz ſchauend, deſſen Kör⸗ ner durch ihre Finger glitten, bald flaͤſterte ſie troͤſtend Malgorzata zu, welche in ſich gekehrt da ſtand und unterweilen mit der Hand eine heimliche Thrane zerdruͤckte, denn eben hatte der Gemahl ihr mit finſterer Miene mitgetheilt, wie er, dem fruhern Vorhaben zuwider, noch deſſelben Tages das vaͤterliche Schloß verlaſſen werde. Wir hatten ſchon fruͤher zu bemerken Ge⸗ legenheit, daß die Wunde, die das Vorgefallene dem reizbaren Gemuͤthe des Kronſchwerttraͤgers geſchlagen, nicht unbedeutend war. Die Erin⸗ nerung an vergangene Zeit hatte ſie in Eiter⸗ ung uͤbergehen laſſen; jetzt zum Erſtenmale war die Haͤrte des Vaters, die er ſonſt wider⸗ willig zwar, doch mit kindlicher Demuth erdul⸗ det, ihm unertraͤglich, und im bewegten In⸗ nern empörte ſich der Stolz gegen den Gedan⸗ ken, daß er, der rechtmaͤßige Erbe, ein hoher Beamter des Reiches, ſeines Koͤnigs geachteter Freund, minder gelte im Herzen des Vaters, als ein Baſtard, erzeugt mit einer leibeigenen Magd; ihm erſchien die Flucht der Mutter und des Sohnes als insgeheim genehmigt vom Herrn auf Zembocin, nur mit bitterm Laͤcheln ant⸗ wortete er dem Bericht der zuruͤckkommenden Reiter, daß ſie keine Spur der Entwichenen entdeckt, und als er den Kaſtellan beinahe gänz⸗ lich gefaßt ſah, war ſeiner Meinung nach ſein Verdacht hinlänglich beſtätigt. — 136— Nur allzuwohl bemerkte Severin die Stimm⸗ ung des jungen Rittersmannes; er fuͤhlte zum Theil, was ſie hervorbringe, ſein ſpröder Sinn aber, unfähig eines Haares breit zu weichen, am allerwenigſten dem Sohne, ward ſtarter noch im Gefuͤhl des Unrechts; er hatte nur finſtere Blicke fuͤr ihn, und weiter und weiter wichen die Herzen auseinander. Da brach der Erzbiſchof auf, und das Ge⸗ räuſch des Abſchieds machte der wortkargen, allgemach peinlich werdenden Szene ein erwuͤnſch⸗ tes Ende. Als beide geiſtliche Herren an die Stelle gekommen waren, wo ihre Wege ſich ſchieden, ſprach der Primas: Hier trennen wir uns, hochwuͤrdiger Bruder, rechtsab geht gen Gniezno mein Pfad, links der Eure nach Krakow; zum Altar, ohne Zweifel, fuͤr den Koͤnig zu beten und fur ſeine baldige Ruͤckkehr. Vergeſ⸗ ſet auch des Volkes nicht, denn es dunkt mich, ihm koͤnnte des Himmels heilſame Zuͤchtigung noth thun, ſo der weltliche Arm, wie ich nicht hoffen will, zu ſchwach wäre, es zu baͤndigen. — Ueberall— erwiederte Stanislaw gelaſſen — iſt des Herrn Altar, und immer gedenk' ich vor ihm meines Herrn und meiner Brüder.— — 435— Petrus ſprach darauf: Vielleicht wurde es Eu⸗ rem Herrn genehmer ſeyn, gedaͤchtet Ihr ſeiner und ſeines Willens auch in anderer Art. Sein Gebot, beim Abſchiede zu den Senatoren ge⸗ ſprochen, war ein Gebot der Strenge, Ihr aber vergeſſet in gottſeligem Eifer, daß Ihr zu ihrer Zahl gehoͤrt, wie heut ſtets nur Milde uͤbend mit dieſem meuteriſchen Poͤbel, den Ge⸗ walt allein im Zaume hält.— Darauf ſagte der Biſchof: Und mißfiele mein Thun dem Könige, ſo geziemt es dem Prieſter, vornehm⸗ lich danach zu trachten, daß ſein Thun dem Koͤnig der Koͤnige gefalle.— Und glaubt Ihr — raunte ihm der Erzbiſchof zu, ſich ihm naͤ⸗ her neigend, damit ſeine Worte vom Gefolge unvernommen blieben— Glaubt Ihr, daß, was Ihr heut gethan, Dem behage, den Ihr nennt? Iſt es ein ſo gottgefällig Werk, ſchlimme Zucht durch Nachſicht zu beſtarken, den Keim des Unfriedens im Hauſe des Freundes nicht aus⸗ zurotten, ſondern ihn zu pflegen durch prieſter⸗ lichen Rath, den rauhen Alten auf einen mißlichen Weg zu fuͤhren, wo wohl gar Vater und Sohn ſich moͤgen in Unfrieden begegnen? Iſt es end⸗ lich weislich gehandelt und fromm, jenem wer⸗ denden Böſewicht Euren Schutz zu gewähren, und ihn und ſie, die der Volksglaube eine Ver⸗ buͤndete des böſen Feindes ſchilt, frei hinaus⸗ gehen zu laſſen in die Welt, damit ſie Unheil ſtiften mögen nach Belieben? Auch aus gerin⸗ ger Quelle kann viel Uebles kommen, und ich fuͤrchte, Ihr werdet Euch ſchwere Verantwort⸗ lichkeit aufgeboͤrdet haben.— Der Biſchof ſah eine Weile vor ſich nieder und ſeine Hand machte eine Bewegung gegen die Bruſt, dann erwie⸗ derte er: Ihr thut mir Unrecht, hochwuͤr⸗ digſter Herr, nimmer hab' ich das Böſe beför⸗ dert, noch ungehindert ſeinen Weg gehen laſſen, und moͤchten Alle, die dies Gewand tragen, das Gleiche von ſich ruͤhmen können. Der Men⸗ ſchen Wille iſt ohnmächtig, die Kraft Gottes allein ſteckt Jeglichem, was begonnen iſt, ſein Ziel. Ich habe das Gute gewollt, und das iſt ein troſtend Bewußtſeyn, Herr Erzbiſchof. Habe ich in der Weiſe gefehlt, ſo wird Der, welcher nimmer irrt, dem Irrenden verzeihn. Ob Er auch Denen verzeiht, die abſichtlich wei⸗ chen vom rechten Wege, daruͤber entſcheidet die Stunde, die alles ausgleicht auf Erden. Mö⸗ get Ihr derſelben ſo froh entgegen ſehn als ich. — 439— — In dieſem Augenblick ſtimmten die Prie⸗ ſter, ſich einem Walffahrtorte nähernd, die Li⸗ taneien des heiligen Adalbert an, und der Ge⸗ ſang uͤbertönte den undeutlichen Abſchiedgruß, den Petrus, ſeinen Zelter abwendend, dem Bi⸗ ſchof von Krakow zurief. Die folgende Nacht war bereits beinahe voruͤbergegangen, als am Ufer der Weichſel zwiſchen Brzesko und Koſzyce ein Trupp Reiter im ſchnellen Laufe anlangte. Das Wetter war ſtuͤrmiſch und unfreundlich, dichte Wolken verdunkelten den Oſten, das Anbrechen der Daͤmmerung verzoͤgernd, und ſandten ihre Gewaͤſſer fort und fort in feinem und kaltem Staubregen herab, dem Winde träge voran⸗ ziehend, der mit den Fluthen des Stromes kampfte, die hier noch raſch fließend, ſich un⸗ ter ſeiner Beruͤhrung unwillig aufbäumten. Der Stelle gegenuͤber, wo auf einem mit Ginſter und Haidekraut bewachſenen Huͤgel die Schaar anhielt, ergießt ſich der Dunajec in den Haupt⸗ fluß Polens, und truͤbte zum erſten Male ſei⸗ ne klaren Wellen mit dem Schlamm und Sand, die er in ſeinem raſchen Lauf dem Boden entriſſen, welchen er, ihn oft uͤber⸗ 5— ſchwemmend, durchſchneidet. Zu dieſer Jahres⸗ zeit, dem Beginnen des Fruͤhlinges, war der Bergſtrom ſtark angeſchwollen, und er ſturzte aus weiter Muͤndung ſeine weißlichen Wogen in die Weichſel. Dem Vereinigungpunkte beider Fluͤſſe etwas oberhalb gegenuͤber, am dieſſeitigen Strande, lag ein kleiner Nachen, halb im uͤberhaͤngenden Geſtruche verborgen, und gefuͤhrt von zween Mannern„deren Aeu⸗ ßeres die Sorgfalt rechtfertigte, mit der ſie die Blicke unberufener Zeugen zu vermeiden ſchienen. Doch mochten die eben angelangten nicht zu Denjenigen gehoͤren, welche dieſe ver⸗ mummten, abentheuerlichen Schiffer zu ſcheuen Urſache hatten, denn als das Getrampel der Pferde auf dem Kalkgrunde des Huͤgels dumpf erſchallte, hob Einer derſelben ſich behutſam empor aus ſeiner gebuͤckten Stellung, lugte durch die noch ſparſam beblätterten Zweige, und ließ drauf ein leiſes aber durchdringendes Pfeifen vernehmen, welches alsbald von oben herab erwiedert ward. Das Wetter war Reiſenden wenig guͤnſtig; der Dampf, der von den Roſſen aufſtieg, die ungeachtet der rauhen Witterung mit Schweiß — 141— bedeckt waren, ließ auf einen raſchen und wei⸗ ten Ritt ſchließen, die Art aber, wie eine ſelt⸗ ſame verhuͤllte Geſtalt, die ſich an der Spitze des Zuges befand, vom Ruͤcken ihres Thieres herabſprang, zeugte von keiner Ermuͤdung. Sie nannte gebieteriſch rufend einen Namen, und ſchnell mit der Eile des Gehorſams ſon⸗ derte ſich von den Uebrigen ein Anderer ab, klein, gedraͤngten Wuchſes und von tölpiſch un⸗ behuͤlfiger Geberde. Nicht lange darauf folgte den Beiden lang⸗ ſam und nachlaͤßig ein Dritter, hoch und wohl⸗ geſtaltet, ſo weit man es unter dem dicht zu⸗ ſammengezogenen Mantel erkennen konnte, reich mit dem Pelze des Fuchſes verbraͤmt, den man den podoliſchen nennt, ein koſtliches und da⸗ mals wie jetzt hochgeſchätztes Rauchwerk. Nachdem er einige Schritte gegangen, blieb er ſtehen, und als wenn ihm zu warm werde un⸗ ter der dichten Huͤlle, warf er ſie von beiden Seiten auseinander. Die Kleidung, die nun ſichtbar ward, war die eines vornehmen Polen damaliger Zeit, die, Weniges abgerechnet, ſich nicht von der unterſchied, welche ſich ſo viele Jahrhunderte durch erhalten, welche man heut — kaum anders als aus Bildern und Beſchreib⸗ ungen kennt, und hochſtens an einem alten, eigenſinnig auf Nationalſitte haltenden Land⸗ edelmann ſieht. Und doch iſt es noch nicht lange her, ſeit ſie allmählich verſchwandz zu der Zeit erſt geſchah es, als man, fremden Ge⸗ bräͤuchen huldigend, ſich gleichſam jeder Volk⸗ thuͤmlichkeit entaͤußerte, der auch alsbald das Volkthum ſelbſt nachfolgte, die lange behaup⸗ tete Stelle fremdem Geſetz uͤberlaſſend. Das Gewand, von dem wir ſprechen, war von aus⸗ gezeichneter Zierlichkeit und feinem wollenen Stoffe, die Knopfe, die es in großer Anzahl zuſammenhielten, waren etwas unförmlich ge⸗ arbeitete Saphire; mit gleichem Edelſtein wa⸗ ren Heft und Scheide des Saͤbels beſetzt, und der Guͤrtel, an dem er hing, von feinem Gewe⸗ be aus Syrien, reihenweis belegt mit ſtarken ſilbernen Schuppen. Er warf, ſo ſtehend, ei⸗ nen forſchenden unzufriedenen Blick um ſich her auf die Gegend und die Begleiter, dann einen zweiten auf ſich ſelbſt, dem ein halbes Lächeln der Zufriedenheit folgte, welches jedoch gleich darauf in den minder gefälligen Ausdruck zweifelhaften Sinnes uͤberging. Da erſchallte, — 143— ihm geltend, zum andern Male der Ruf der fruͤher erwaͤhnten Geſtalt, welche ſchnell vor⸗ an geſchritten war bis zum Abhange nach dem Strome zu;z er horte ihn, er ward indeß zwei⸗ mal wiederhohlt, ehe der Aufgeforderte ihm zogernd folgte. Ich gruͤße Dich, Olgierd— ſprach Olga ihm ein wenig entgegen tretend auf feierliche Weiſe— Ich gruͤße Dich in der Freiheit und in der Tracht Deines Standes. Frei biſt Du geboren, nicht als Knecht, und dieſe Kleidung gebuhret Dir ſtatt der groben Kutze, die man Dich zu tragen gezwungen in ſchmaͤhlicher Ver⸗ mummung. Du biſt nicht der Sohn dieſes Erbärmlichen, der gebuͤckt vor Dir ſteht— fuhr ſie fort, auf den Dritten zeigend, in wel⸗ chem wir Thomas den entlaufenen Leibeigenen erkennen— Deine Herkunft iſt edel; ihre Rechte Dir zu erwerben, ſei meine Sorge, ihrer wuͤrdig zu werden, die Deine.— Ol⸗ gierd ſtrich mit der Hand die Regentropfen aus dem Haar, wickelte ſich in ſeinen Mantel, ob er ihm gleich zuvor laͤſtig geſchienen und ant⸗ wortete kalt: Es iſt dies ein wuͤſter, unfreund⸗ licher Platz, Mutter, und die Witterung un⸗ — 144— lieblich. Sicher haſt Du nicht um gemeiner Urſache mich hierher gefuͤhrt durch Nacht und Sturm in die Einſamkeit, und ich werde nun wohl erfahren, wie und wohin es weiter geht, und auch, wie es ſo gekommen?— Olga ver⸗ ſetzte, auf den Fluß zeigend: Ueber dieſes Ge⸗ waͤſſer ruft Dich Deine Beſtimmung, der Kahn, den Du dort halb verſteckt gewahreſt, wird Dich an das andre Ufer fuͤhren, ich aber, wie ich ſchon Dir verkuͤndet, ziehe gen Oſten. Die Wege der Menſchen durchkreuzen ſich fort und fort, und die unſern fuͤhren uns bald zuſam⸗ men zu frohlichem Wiederſehn.— Wiederſehn? — lachte der junge Mann unmuthig und ſtör⸗ riſch— Und bis zu dieſem Wiederſehn geden⸗ keſt Du mich wohl mit der Verheißung zu ge⸗ troͤſten, die ſo oft gegeben, doch nimmer er⸗ fuͤllt worden iſt? Meine Meinung iſt nicht alſo; nicht bin ich Dir gleich einem zahmen Haushunde hierhergefolgt, um zu hoͤren, was ich bereits wußte. Daß ich frei geboren und edler Herkunft, laͤngſt haſt Du es mir zuge⸗ fluͤſtert mit raͤthſelhaften Worten, und deutli⸗ cher ſprechend hat es ein inneres Gefuͤhl mit lauter Stimme bekraͤftigt. Daß ich den leib⸗ „ — 145— eigenen Tomek nicht Liebvater nenne? Wuͤßte ich nicht von Dir ſelbſt, daß nur das Geſchwatz des Pobels mir ſolche Ehre erzeigt? Und, o der wichtigen Nachricht, des neidenswerthen Gluͤckes, nicht der Sohn des Elendeſten unter den Menſchen zu ſein! Beſchraͤnkt ſich darauf die glanzende Ausſicht, die Du mir vorgeſpie⸗ gelt? Kurz und gut, Mutter, oft genug hab' ich gehoͤrt, wer ich nicht bin, es iſt an der Zeit, daß ich wiſſe, wer ich bin?— Olga ſchaute ihm eine Zeitlang mit einem zweideutigen Lächeln ins Antlitz und ſprach dann: Du biſt wer ich will, das Du ſein ſollſt; ein Sklav wie vorher, wenn Du nicht gehorcheſt.— Bei Himmel und Hölle! ich werde es nicht,— ſchrie der Juͤngling— nicht eher verlaſſe ich dieſen oͤden Huͤgel, als ich erfahren, was Du mit mir vorhaſt.— Nicht eher?— hoͤhnte die Frau— ſchau um Dich, tollkuͤhnes Geſchoͤpf, das ſich gegen ſei⸗ nen Meiſter auflehnt; ſieh dieſe Maͤnner, wie ſie Dir unterthan ſind und Dich geleitet ha⸗ ben auf mein Geheiß, ſo bedarf es nur eines Winkes von mir, und ſie ergreifen Dich, und fuͤhren Dich dahin, von wannen Du gekom⸗ 10 16„ men. Nicht Anhänglichkeit noch Pflicht iſt es, die ſie an den Fremden, Namenloſen bindet, es iſt der Eigennutz. Der Eigennutz aber be⸗ herrſcht die Welt, und nicht unbekannt iſt ih⸗ nen, daß Severin Strzemieniee Dem großmü⸗ thig lohnen wuͤrde, der Dich ihm zuruͤckbringt. Dann aber fahre wohl Hoffnung einer ſtolzen Zukunft, die Dich begeiſterte von Jugend auf; das Gewahrſam der Burg erwartet Dich, und das haͤrene Wams oder die Kutte werden Dich bekleiden ſtatt dieſes Flitterſtaates, der Dich ge⸗ ſchmuͤckt zu eitlem, ſchnell voruͤbergehenden Faſtnachtſpiel.— Hlgierd tobte: Ha fuͤrwahr, ein ſolches wird hier getrieben, und ich merke, ich bin der Narr darin. Vermummung nann⸗ teſt Du die Tracht des Leibeigenen, auch dieſe Fetzen, ſagſt Du jetzt, ſind nur laͤppiſche Mum⸗ merei? So will ich denn— rief er wuͤthend, indem er ſein Gewand vor der Bruſt mit beiden Fäuſten packte— ſo will ich ſie denn von mir reißen und fortan mir den eigenen Weg ſu⸗ chen, ein freier Mann, und werden und ſeyn, was mir, nicht was irgend einem Andern ge⸗ fällt. Doch Eines will ich bewahren von dem geborgten Schmuck; dieſen Saͤbel einmal an meiner Huͤfte und Niemand ſoll mir ihn ent⸗ reißen! Laß ſie nur kommen, die Du ſagſt, ſie werden mich ergreifen, moͤgen ſie zu ihren Koͤpfen ſehn; den Unbewaffneten moͤchte man wohl antaſten und einſperren; wer wagt ſich an Olgierd, den Bewehrten? Herbei, wem es geluͤſtet zu pruͤfen, ob ich das Schwert eben ſo tuͤchtig ſchwinge, als ich juͤngſt den Knittel gefuͤhrt? Olga ſah den entſchloſſenen Widerſtand in Auge und Geberde des Erzurnten, der wirklich die entbloßte Waffe uͤber ſein Haupt empor hob; ſie bemerkte den Eindruck, den ihr Gezänk und des Sohnes Treiben auf die Gegenwaͤrti⸗ gen gemacht, welche mit dumpfem Staunen in den groben Zuͤgen auf den Juͤngling ſtarrten, der in dieſem Augenblicke dem ergrimmten Ajax glich. Es war ihr ſehr darum zu thun, daß ihr Anſehn durch ein Beiſpiel des Ungehorſams nicht in den Begriffen jener uns unbekannten Begleiter herabgeſetzt werde, uͤber welche ſie die allmählig gewonnene Gewalt nur durch den“ Glauben an ihre Macht und an gewiſſe ihr beiwohnende Gaben erhalten konnte. Sie be⸗ gann daher von Neuem, wie vorher mit ge⸗ 10* — 146— dämpfter Stimme und auf weniger gebieteri⸗ ſche Art: Warum durchſchneideſt Du die leere Luft mit der ungewohnten Wehr, Olgierd? Willſt Du ſie an der Mutter pruͤfen? Soll, wie der Gegenſtand Deiner erſten That ein gemeiner Kriegsknecht war, die zweite einem Weibe gelten? Höre mich noch Einmal, und dann thue, wie Dich geluͤſtet. Laͤngſt haſt Du geahnet, wie Du jetzt es ſieheſt, daß ich mehr bin und vermag, als es ſcheinen mochte nach der Niedrigkeit, in der man mich ſeit Jahren geſehn. Entfernt von den Menſchen, von den Thoren mit Furcht betrachtet, mit Geringſchaͤz⸗ zung von den Widerſachern, habe ich unſicht⸗ bare Helfer um mich zu verſammeln gewußt; muͤhſam thaͤtig, in ſcheinbarem Muͤßiggang ließ ich fort und fort geheime Kräfte wirken, und huͤtete Schätze, die ein König nicht ver⸗ ſchmaͤhen wuͤrde. Fuͤr wen glaubſt Du, als fuͤr den Sohn, hätte ich das Alles gethan, fuͤr wen bei der verborgenen Macht und dem Reich⸗ thum einer Fuͤrſtin die Kette der Leibeigen⸗ ſchaft getragen, als fur Dich? Willſt Du nun mir mit Undank und Trotz lohnen für ſo lange peinliche Jahre, jetzt, da das Schwerſie — geſchehen? Birg das Schwert nicht in die Scheide, Du wirſt es gebrauchen, doch nicht gegen dieſe unterwuͤrfigen Sklaven, die ſtets nach Freiheit ſtrebend, doch ſtets eines Herrn beduͤrfen, und ihre Augen jetzt auf meinen edel⸗ kuͤhnen, ritterlichen Olgierd gerichtet haben, daß er ſie, nicht zu Ehre und Ruhm— dieſe ſind ihm allein beſchieden— daß er die Habſuͤchti⸗ gen zum Raube fuͤhre. Die Zeit draͤngt, ſchon ergraut der Oſten, und die aufgehende Sonne darf uns nicht an dieſem Orte, darf uns nicht beiſammen finden. PViel iſt, was ich Dir zu ſagen habe, lang und verwickelt der Bericht von dem, was Dich betrifft, und die Zeit koſt⸗ bar. Noch biſt Du ein Fluͤchtling, und Herrn Severin's Boten ſchweifen auf allen Wegen, den ungern Vermißten zu ſuchen. Es iſt die Frucht der Rache, die ich fuͤr Dich gepflegt. Laß ſie uns nicht unzeitig pfluͤcken, daß ſie, ſtatt den Widerſachern, nicht uns ſelbſt ver⸗ derblich werde. Etwas beſaͤnftigt, doch noch ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend, rief der Juͤngling: Und wenn und wo ſoll das Geheimniß ſchwinden? Sprich, und gelobe die Wahrheit Deines Ver⸗ — 150— ſprechens mit einem theuern Eide, und noch⸗ mals will ich Dir glauben.— Wozu bedarf es des Schwures zwiſchen Sohn und Mutter? — antwortete ſie.— Wiſſe aber, Du geheſt an einen Ort in tiefer Einſamkeit gelegen, und dennoch nicht menſchenleer, und Alle, die da⸗ ſelbſt wohnen ſind Dir unterthan durch meine Macht, trachte danach, daß ſie es in Kurzem um Dein ſelbſt willen ſeyen. Eh' aber die Mon⸗ desſcheibe ſich das zehente Mal fuͤllt, trete ich zu Dir und Denen, die Dir dienen, und dort, wo kein Zwang mehr iſt fuͤr Dich und mich, wo Hunderte kräftiger Arme bereit ſind, ſich auf unſern Wink zu erheben, werde ich Dir das Loſungwort geben zu ruhmvoller That. Gehe denn, und Dieſer ſei Dein Geleits⸗ mann.— Dieſer?— fragte Hlgierd, widerwillig auf Thomas deutend— und ſo ſoll er abermals Vaterſtelle vertreten bei mir?— Nicht des Paters Stelle, die des unterwuͤrfigen, zitternden Knechtes, deſſen verworfenes Daſein an einem Zucken Deiner Augenwimper haͤngt. Ich ken⸗ ne Dich,— ſetzte ſie ſtolz hinzu, ſich plotzlich gegen den Betroffenen wendend— könnte auch ein plumper Schurke, gleich Dir, Olga die kluge Frau hintergehen? Du wareſt es, der um eine Hand voll Scheidemuͤnze dem Koͤnige die Zuſammenkunft verrieth, deren Wichtigkeit Dein ſtumpfer Sinn, geblendet von Habſucht, nicht begriff. Kenneſt Du das Geſetz im Ge⸗ buͤrge, die Strafe, die Den trifſt, der den Haͤuptling verraͤth, oder ſeine Verbuͤndeten?— Anfangs verſuchte der Beſchuldigte mit frechem Laͤugnen der Anklage zu begegnen, als er aber Olga's kalten, ſtrengen Blickſah, als ſie die Hand winkend gegen ihr Gefolge ausſtreckte, warf er ſich zu ihren Fuͤßen und flehte heulend um Vergebung. Veraͤchtlich entzog ſie ihre Kniee den umklammernden Armen und ſprach: Jam⸗ mere nicht, Feigling, ich achte des Wurms nicht, welcher verſucht mir die Sohle zu ver⸗ letzen; ich halte nicht ein auf meinem glorrei⸗ chen Wege, daß ich ihn zertrete.— Dir uͤber⸗ gebe ich ihn, mein Sohn; an ihm magſt Du die Schmach raͤchen, die Dir wiederfahren im Knechtesſtande, an ihm zuerſt die Freude des Herrſchens kennen lernen. Vergiß nicht, daß er es einſt wagte, ſich Deinen Vater zu nen⸗ nen, vergiß nicht, wie oftmals die Knaben 14152— hinter Dir herriefen: Seht, da geht der Baſtard des entlaufenen Tomek! Ich weiß, mein Sohn wird ihm den Schimpf vergelten, den er der Mutter und ihm angethan. Beuge Dich vor Deinem gebietenden Herrn, Sklav, und flehe ihn an um Gnade. Und ſo Du irgend er⸗ mangelſt an Treue und Demuth, wird er die alte Schuld zu der neuen thun, und Du wirſt erfahren, was es iſt, Olga zu beleidigen und ihren Sohn. Doch wird er ſeine ritterliche Hand nicht beſudeln, ſie an Dich legend; ein Wort ſeines Mundes, und Du weißt, welch Schickſal uͤber Dich verhängt wird im Rathe der Anfuͤhrer.— Olga hatte mit erfahrener Hand die Sai— ten angeſchlagen, die am lauteſten im Herzen des Juͤnglings wiedertonten. Rache und Ehr⸗ geiz war ihr Name, und die Befriedigung bei⸗ der beſiegte ſeinen Widerſtand gegen ihren Wil⸗ len. Er ſollte jetzt zum erſten Male das nie gekannte Herrenrecht uͤben, er verſprach ſich im Stillen, es in vollem Maaße zu thun, und es erfreute ihn, daß es an dem geſchehe, fuͤr deſſen Sohn er gegolten, denn dieſe Erinnerung war ihm die peinlichſte von allen. Er begruͤßte die Mutter kurz, rief den neuen Diener mit rau⸗ her Stimme, ihm zu folgen, und ſtieg hinab zum Strande. Eine Weile noch ſtand Tomek tief in ſich zuſammengebuͤckt, und ſah auf ihn mit einem Blick, in dem Furcht, Groll und Spott ſich ſeltſam miſchten. Als aber Olga ihm höhnend zurief: Was zauderſt Du, mei⸗ neſt Du noch, es ſei Dein Sohn, der Dich ru⸗ fe? Eile Knecht, dem Gebieter zu gehor⸗ ſamen! Da machte er ſich ſchnell auf, dieſem zu folgen. Olga aber blickte eine Zeitlang auf den „Kahn, der uͤber die Fluthen der Weichſel nach dem jenſeitigen Ufer glitt, und ſprach dann ſelbſtzufrieden: Es hat ſich gefuͤgt, wie es ſoll; zu doppeltem Ziele fuͤhrt der Pfad, den ich ge⸗ he, und beide will ich im Auge behalten. Das Naͤchſte ſei das, zu dem ich zuerſt gelange, dann mag ich wohl weiter ſchreiten, dem Hoͤhern, Entfernten zu. So wachſe denn heran in der Berghoͤhle, junger Drache, lerne die Klauen gebrauchen und die Zaͤhne, damit Du thueſt, wie ich will. Er hat nicht Un⸗ recht, der Alte, die Olga läßt die Tuͤckt nicht. — Darauf fuhr ſie, vor ſich hinlächelnd, fokt, — 154— als ſchwelge ſie in irgend einem wohlthuenden Gedanken: Der Pfeil des Todes thut weh; doch, nicht wahr, Herr Kaſtellan von Proſzo⸗ wice, weher thut er noch, abgeſchoſſen von die⸗ ſes Knaben Hand?— Und wenn es dann geſchehen, wenn die Rache ihre erſte Beute ver⸗ ſchlungen, ſtuͤrze ſie ſich auf die zweite, koſt⸗ lichere, und wenn auch ſie gefallen, kröne die Ehre die weiſe Siegerin!— Sie wendete ſich um, ging nach ihrem Roſſe, und nach wenigen Augenblicken ſprengte ſie mit ihren Begleitern der aufgehenden Sonne entgegen. W Die Lage der Dinge in den ruſſiſchen Lan⸗ den beguͤnſtigte Konig Boleslaw's Unternehmen, und beſtärkte die Hoffnung des vertriebenen Fuͤrſten von Kijow, wieder in ſeine Hauptſtadt einzuziehen. Zwar herrſchte noch Wſßzeslaw, ſein Vetter, daſelbſt, aber die Bewohner wa⸗ ren in mehrere Faktionen getheilt, von denen. die Eine, zwar gering nur an Zahl, die Ruͤck⸗ — 155— kehr Jzaslaw's wuͤnſchte, die Andere dem jetzi⸗ gen Herrn ergeben war, die Dritte, größten⸗ theils aus den einheimiſchen und fremden Kauf⸗ leuten beſtehend, die Vereinigung Rußlands mit dem oſtrömiſchen Reiche beabſichtigte, die Vierte aber, die zahlreichſte von Allen— und den Stand, der damals ein ſo entſcheidendes Uebergewicht behauptete, den Kriegſtand in ſich begreifend, hegte insgeheim die Hoffnung, das ganze Land unter dem Szepter Wſzewolod's vereinigt zu ſe⸗ hen. Auch hatte dieſer ſelbſt vor Kurzem ziem⸗ lich unzweideutig kund gethan, daß er die Al⸗ leinherrſchaft im Auge halte, und ſowohl das Verhaͤltniß als ſeine Eigenſchaften ſchienen ihm den Weg zu derſelben zu bahnen. Dieſer ge⸗ faͤhrlichſte und erbittertſte Feind ſeines Bruders Jzaslaw, der Vater der Kaiſerin Adelheit, war der maͤchtigſte unter den vielen Fuͤrſtlein, wel⸗ che von Wlodzimierz dem Erſten ſtammend, an beiden Ufern des Dniepers herrſchten, und ſo vorſichtig im Handeln als kuͤhn im Ent⸗ wurf. Einer ſeiner Bruͤder, Swientoslaw, welcher fruͤher mit ihm das Beſitzthum des beraubten Erſtgebornen getheilt, war geſtorben, und Wſze⸗ — 156— wolod hatte die Soͤhne deſſelben aus ihrem Erbe Czerniechow vertrieben. Zwei derſelben jedoch, Oleg und Boris, welche ſich bei des Vaters Tode nicht gegenwaͤrtig befanden, kehrten an der Spitze eines Heeres zuruckz ſie uͤberwanden den herrſchgierigen Oheim in einer Schlacht bei Sicza, Oleg beſtieg den väterlichen Stuhl, und Boris machte ſich auf, unter den Nachbarfuͤr⸗ ſten Verbuͤndete gegen den immer noch furcht⸗ baren Wßzewolod zu werben. So ſah dieſer ſich fuͤr den Augenblick in ſeiner Laufbahn auf⸗ gehalten; die Nothwendigkeit bewog ihn, gegen ſeinen Vetter zu Kijow den Anſchein der Freund⸗ ſchaft zu bewahren, und dieſes lockere Band zwiſchen beiden Fürſten wurde bald zu einem ernſten Buͤndniß der Vertheidigung gegen die herannahenden Raͤcher, denn in dieſem Zeit⸗ punkte war es, als der Konig von Polen und Jzaslaw am Fluſſe Worskla erſchienen. Un⸗ gebeugt durch die Niederlage bei Sicza verei⸗ nigte Wſzewolod die Schaaren von Kijow und andern ruſſiſchen Gebietern mit den ſei⸗ nigen, und warf ſich dem Bruder und ſeinem Beſchuͤtzer entgegen. Man ſagt, er habe eine Schlacht vermeiden wollen, und ſie nur, durch ſeine Unterfeldherrn gezwungen, angenommen, als Boleslaw's kriegeriſcher Ungeſtuͤm ſie ihm bot. Lange ſchwankte die Wage des Geſchicks, bis die zahlreichen Ruſſen die Oberhand gewan⸗ nen, und aus ihren Reihen brach der Sieges⸗ ſchrei: Die Sarmaten fliehn! Da nahm Bo⸗ leslaw der Verwogene das Schwert ſeines Ah⸗ nen aus der Hand des Nikolaus Strzemieniec, und warf ſich an der Spitze ſeiner Reiter in die Schlacht. Sein geſchlagener rechter Fluͤ⸗ gel ſtand, als er den König kaͤmpfen ſah, und nach wenigen Stunden waren die Polen Sie— ger. Viele Heerfuͤhrer der Ruſſen waren er⸗ ſchlagen, unzaͤhlbare Todte und Gefangene nie⸗ drigen Standes beglaubigten ihre Ueberwindung, und Wſzewolod entrann nur mit wenigen Be⸗ gleitern. Zwar hatte auch Boleslaw den Ge⸗ winn des Tages theuer erkauft; die Leichname von mehr als tauſend Edelleuten allein bedeck⸗ ten das Feld, aber die Landſtrecken diesſeit des Dnieper waren erobert und offen; von keinem Feinde mehr vertheidigt, lag der Weg nach Kijow vor ihm und ſeinen Schaaren. Der Abend dieſes folgenreichen Tages war ſchon ziemlich vorgeruͤckt; der Theil des Polen⸗ heeres, welcher nicht zur Verfolgung der Flie⸗ henden ausgeſendet worden, war der Haupt⸗ ſtadt bereits um etwas naͤher geruͤckt; luſtig flackerten die Wachtfeuer fern und nah um ein Dorf, in welchem der König in einer baufaͤl⸗ ligen Lehmhuͤtte, deren Beſitzer hinausgeworfen worden, auf einige Thierfelle ausgeſtreckt, die Nacht zuzubringen gedachte. Schon war das reichliche, doch wenig gewaͤhlte Abend- und Sie⸗ germahl voruͤber, ſchon ſchlummerte Boleslaw, und im Flure des Häuschens, dicht vor ſei⸗ nem beſcheidenen Gemache, nach guter alter Sitte, die vornehmſten Kriegsbeamten und Wuͤr⸗ denträger des Reichs, gehullt in ihre rauchen, pelzverbraͤmten Maͤntel, und die ausgeſtellten Wachen gingen leiſe und ringsüm ſpähend auf und nieder, die Stille manchmal durch das dumpfe Geton ihrer Waffen unterbrechend und durch den halb unterdruͤckten Ruf: Wer kommt? (das Wer da? der Polen). Da traten um einen hier und da niedergeriſſenen Gartenzaun am äußerſten Ende des halb eingeaͤſcherten und gaͤnz⸗ lich verwuͤſteten Weilers, gemach und behutſa⸗ men Schrittes einige ſorgfaͤltig verhuͤllte Män⸗ ner, manchmal ſtehen bleibend und mit ihren — Blicken die dunkle, wolkige Nacht durchbohrend, als gelte es, einen Gegenſtand zu gewahren, dem ſie zu begegnen oder ihn zu vermeiden wuͤnſchten. Der Eine von ihnen, ein ſtattli⸗ cher ſtark beleibter Mann mit langem Barte, deſſen wohlgepflegtes Gelock ſich unter der zu⸗ ſammengezogenen Huͤlle hervordräͤngte bei jeder der lebhaften unruhigen Bewegungen, die ſei⸗ nem Beſitzer eigenzzu ſein ſchienen, lag am eifrigſten dieſer Beobachtung ob, und be⸗ ſchwichtigte unterweilen durch Fluͤſtern oder Ge⸗ berde die Gefährten, welche augenſcheinlich zo⸗ gernd und mißmuthig ihm folgten. Sie wa⸗ ren eine kleine Strecke fortgewandelt, als ein Anderer zu dem Erſten ſagte: Beim heiligen Gregor von Nazianz, meinem Hauspatron, es ſcheinet mir nicht wohlgethan, Herr. Theophra⸗ ſtos, noch Eurer in Geſchaͤften ſo ruͤhmlich be⸗ kannten Vorſchrift gemaß, ſich ſo nahe an die Höhle dieſes zehntauſendkopfigen ſchlafenden Cer⸗ berus zu wagen, den, ſollte er erwachen, we— der die kleinen Kuchen der Sybille, noch ſelbſt ein goldner Palmzweig beſchwichtigen wuͤrde. Und welche Gewäͤhr habt Ihr fuͤr unſere Si⸗ cherheit, um die es mißlich zu ſtehen ſcheinet, — 160— als ein kaum geſprochenes Wort, oder vielmehr ein ſchmutzig zerknittert Handbrieflein, Euch ver⸗ ſtohlen zugeſteckt von einem Weibe, das ohnfehl⸗ bar zu dem Troße des ſauromatiſchen Volkes gehort, das der Himmel zur Strafe unſerer Suͤnden ins Land gelaſſen. Zwar gönne ich dem Wſzewolod den Zeitvertreib des heutigen Tages, denn unter dem Szepter des Wutherichs wuͤrden die edlen Fruͤchte des Oelbaums und Weinſtocks wohl eher ſeinem raubgierigen Krie⸗ gergeſindel zu Theil werden, als gutzahlenden Käufern, und unſre koſtlichen Stoffe mit ab⸗ ſonderlichem Maaße gemeſſen und mit der Saͤ⸗ belklinge geſchnitten, ſtatt mit der Scheere des umſichtigen Handelsherrn.— Ihr vergeſſet— erwiederte der Angeredete— daß ohne dieſes Weib es uns wohl ſchwerlich gelungen wäre, in die Naͤhe des hohen Herrn aus Konſtanti⸗ nopolis zu kommen, und uͤbrigens muß ich Euch ſagen, daß, truͤgt mich mein Gedaͤchtniß oder vielmehr eine gewiſſe Ahnung nicht vollig, ſie allerdings etwas an ſich hat von einer Sy⸗ bille. Ich meyne, ſie gehort mehr uns zu als dem feindlichen Heere, und es will mich be— duͤnken, ich habe ſie einſt gekannt. Wohl be— — 161— fremdet es mich, die ich meine, ſo wieder zu finden und hierz doch taͤuſche ich mich ſchwer⸗ lich, und iſt ſie es, ſo verſichere ich Euch, daß ſie einſtmals, obgleich in Chios geboren, gute Anlage zu einer theſſaliſchen Zauberin hatte— bei den Weibern bildet ſich aber dergleichen treff⸗ lich aus.— Gott weiß es und das Gynaͤce⸗ um meines armen Hauſes,— ſeufzte wieder ein Anderer— wie ſich die Anlagen Frau Ana⸗ ſtaſiens, meines Eheweibes, ausgebildet haben in dieſer Art.— Nun aber— redete der Erſte weiter— wiſſet Ihr ja, daß wir in Verbind⸗ ung treten muͤſſen mit dem edlen Byzantiner, unſerm vornehmen Landsmann, wollen wir des Wßzewolod ledig bleiben auf immer, und eine Weile noch den Wßzeslaw behalten, welcher, den Heiligen ſei Dank, der traͤgſte iſt und blö⸗ deſte unter allen Nachkommen des alten Wlod⸗ zimierz, dem die Holle heiß werden moͤge, ob er gleich der erſte Chriſt geworden unter ſeinem Volke; Gott verzeihe mir!— Richt von Wßzes⸗ law aber iſt ja jetzt die Rede,— fiel der Dritte ein— ſondern von Jzaslaw Demetrios, dem Gottverhaßten, der wankelmuͤthig in ſeinem Glauben, Verſtändniſſe angeſponnen hat durch 11 — 162— ſeinen Sohn Mieczyslaw mit dem Afterpatri⸗ archen zu Rom. Und dieſe Schismatiker ſol— len kommen; und glaubt Ihr denn, daß Hel und Wein, wie der werthe Herr eben erwaͤhnt, und unſre koͤſtlichen Zeuche ihren Gurgeln und ungeſchlachten Leibern minder behagen werden, als den Kriegern des Fuͤrſten von Czerniechow? — Unter mehren Uebeln— belehrte ihn Theo⸗ phraſtos— waͤhlet der weiſe Mann das Klein⸗ ſte, das nehmlich, welches am cheſten voruͤber geht. Auch dieſer Jzaslaw mag, wenn es ſeyn muß, eine Weile herrſchen. Nicht er iſt zu fuͤrchten, noch alle die andern Sebaſten, nur des Wſßewolod's ungebeugter Sinn— Laͤngſt ſchon hat die Brut des alten Wolfes Jaroslaw ſich zerfleiſcht mit biſſigem Zahn; laſſet ſie ſich auffreſſen Einer den Andern dieſer Varangier. Dann wird es ruhig hier und Handel und Wandel werden bluͤhen unter dem Schutz von Byzanz.— Aber die ſauromatiſchen Slaven — wandte der Vierte ein.— Theophraſtos entgegnete: Wenn es vergoͤnnt wäre, gut zu ſprechen von einem Barbaren und abendlaͤndi⸗ ſchen Ketzer, ſo wuͤrde ich mich erinnern, daß Boleslaw vor ſechszehn Jahren glimpflicher mit Fr— — — 163— uns verfuhr als dieſe Sebaſten ſelbſt, die uns ihre Unterthanen und Schutzverwandte nennen. — Mit bedenklichem Kopfſchuͤtteln zeigte Je⸗ ner rings umher auf die rauchenden Truͤmmer der Huͤtten, und die fernen Flammen, die hoͤ⸗ her ſich erhebend als die nahen Wachtfeuer, die Statte brennender Doͤrfer bezeichneten; drauf ſprach er: Ich moͤchte meinen, ſeine Laune ſei eher ſchlimmer geworden als beſſer ſeit der Zeit. Solche Fackeln erleuchten den Triumph⸗ zug des Siegers, oder Befreiers, wie er ſich nennt, auf eine Weiſe, daß dem Befreiten vor lauter Jubel die hellen Thraͤnen ins Auge kom⸗ men. Es iſt mir wohl nicht um das elende Landvolk, aber was kann man bei ſolchen An⸗ zeichen fuͤr unſere gute Stadt Kijow hofſen und vernehmlich fuͤr mein ſtattlich Gewoͤlbe voll Goldſtoff und ſeidener Waare?— Ihrkönnt Recht haben— ſagte darauf der Wortfüͤhrer— doch ſollte es auch ſo ſein, nun ſo ſchickt man ſich in die Zeit. Oft ſchon haben die Katakomben neben den Gebeinen der Heiligen auch manchen irdi⸗ ſchen Schatz aufbewahrt, und daß es nicht lange dauere, dazu wird ſich ſchon ein Mittel finden. Und eben um es zu finden, iſt ein 11* — 164— Geſpräch nur nothwendig mit dem Abgeſandten des Cäſar Auguſtus.— Ach!— ſeufzte aber⸗ mals Frau Anaſtaſiens Eheherr, indem er furcht⸗ ſam in eine beſchattete Ecke ſah, aus der ein leiſes Gerauſch ſich vernehmen ließ— ach waͤren wir nur ſchon drinnen bei dem verehrlichen Strator, wie auch hochbetrautem Veſtarius des Palaſtes, und was weit beſſer noch, wieder heraus von dem vortrefflichen Herrn, und daheim in Kijow:— Geluͤſtet Euch ſo ſehr nach Eurem Gynaͤceum und deſſen Beherrſcherin?— ſpöttelte der Zwei⸗ te, doch nicht ohne gleichfalls hinzuhorchen nach der verdaͤchtigen Stelle— ich minerſeits Doch er ſprach nicht aus, was er ſeinerſeits meinte, denn das Geraͤuſch nahm zu, und eine dunkle Geſtalt trat aus dem noch dunklen Hin⸗ tergrunde ihnen entgegen. Theophraſtos! fluͤſterte es mit weiblichem Tone. Der Gerufene horchte hoch auf und ſchritt dann gemachſam vorwaͤrts, als gehorche er dem Ruf einer bekannten Stimme, einiger Bedenklichkeit unerachtet, die Zeit und Ort bei dem erregen konnten, welcher ſich im Feldlager der Polen als Abgeſandter einer ihnen wenig guͤnſtigen Parthei befand. Kennet Ihr mich * nicht mehr, Theophraſtos? fragte es wiederum vernehmlicher, und er erwiederte: Vorhin zwei⸗ felte ich, ob mich nicht Auge und Gedaͤchtniß getaͤuſcht haͤtten, als ſie mir eine Aehnlichkeit zwiſchen der ſauromatiſchen Frau in gemeinem Gewande, und der ſchoͤnen Sophronia, die ich einſtmals gekannt, vorgaukelten, doch ſeit ich Eure Stimme vernahm, iſt mir nur noch Er⸗ ſtaunen, doch keine Ungewißheit geblieben.— Ich bin nicht mehr die ſchoͤne Sophronia— antwortete die Frau— Viel veraͤndert ſich im Laufe der Jahre, am meiſten der Weiber ver⸗ gaͤngliche Wohlgeſtalt. Wir haben uns lange nicht geſehen und Vieles hab' ich Euch zu ſa⸗ gen; tretet ein wenig abſeit mit mir von Eu⸗ ren Gefaͤhrken. Füͤrchtet nichts von einer al⸗ ten Freundin, unſer Ziel iſt daſſelbe, und was Euch hierher fuͤhrte, rief mich aus fremden Landen in die Heimat.— Trotz dieſer Verſicherung folgte der griechi⸗ ſche Kaufherr der alten Freundin nur mit Be⸗ hutſamkeit und in geringe Entfernung, wo das Dorngeſtraͤuch des Zaunes ſie zwar den Au⸗ gen der vielleicht nahen Wachen, doch nicht vor den Männern von Kijow verbarg. Das Zweigeſpraͤch, das ſich nun entſpann, war zwar ziemlich lebhaft, es wurde jedoch ſo leiſe ge⸗ fuͤhrt, daß kein Wort zu den Andern drang, bei welchen die Unruhe nach und nach in Reu⸗ gier uͤberging. Doch bemerkten ſie, daß bald nach den erſten Worten ihr Anfuͤhrer unzwei⸗ deutige Zeichen der Verwunderung von ſich gab, die je länger je mehr den Ausdruck der Zufriedenheit annahmenz darauf draͤngte die Fremde ſich plötzlich durch eine Heffnung im Gehege, und Theophraſtos winkte ihnen, ihm und der Führerin in den verödeten Garten zu folgen, den es umſchloß. Und abermal, obſchon die Zahl der Spre⸗ chenden vermehrt war, waren Rede und Ant⸗ wort ſo gedämpft, daß auch wir den Inhalt der⸗ ſelben dem Leſer nicht entdecken koͤnnen, ſondern ihn auf die Folge verweiſen, ob ſie ihm vielleicht Licht gebe. Wohl eine halbe Stunde lang hatte es ſo gewährt, da ſchallten auf der holp⸗ rigen, mit allerlei Geraͤth hin und wieder be⸗ deckten Dorfſtraße langſame Schritte, und ein hochgewachſener Mann ging geſenkten Hauptes voruͤber, in einen verbraͤmten Mantel gewickelt. Es ward vollig ſtill hinter dem Zaune, und die Ver⸗ ſtummten draͤngten geraͤuſchlos die Koͤpfe durch das Geſtripp, dem gemaͤchlich Wandelnden nach⸗ ſchauend; Zwei oder Drei aber unter ihnen mach⸗ ten eine Bewegung als wollten ſie ihn begruͤ⸗ ßen, gleichſam wie in unwillkuͤhrlicher Ehr⸗ fucht. Jener ſchlitt weiter und blieb drauf in einiger Entfernung von den Lauſchenden ſtehen, als erwarte er Jemand. Er iſt es, Sophro⸗ nia, von dem wir ſprachen— raunte Theophra⸗ ſtos ihr zu— denn durch fuͤnfjäͤhrige Abweſenheit nnd lange Haft im teutſchen Lande, ſind mir ſeine Zuge nicht unkenntlich geworden, obgleich ſie nicht ſolchen Eindruck auf mich gemacht, als einſt vielleicht auf Euch.— Es iſt der Großfuͤrſt— ſiel ein Anderer ein— ſo wahr mir der heilige Baſilius helfe. Er iſt allein, und wir ſind fuͤnf, die werthe Frau eingerech⸗ net, die ziemlich ruͤſtig ſcheinet. Was meinet Ihr?— So wuͤrden wir doch Einen los von ihnen.— Und was meinet Ihr?— fragte Theophraſt die, welche wir bald Olga bald Sophronia nennen hoͤrten.— Mich daͤucht, Ihr habt nicht Urſach, ihm beſonders guͤnſtig zu ſein, nach dem was Ihr geſagt.— Ziem⸗ lich lange hatte ſich Olga beſonnen, und ziem⸗ — 168— lich kuͤhl war ihr Ton, als ſie die ſanftmuͤthi⸗ ge Antwort gab: Es ſei fern von mir, ſolche Rache zu üͤben, was ſich auch begeben haben mag, und es ziemet ſich nicht, die Sache des Vaterlandes eigener Befriedigung nachzuſetzen, fänd' ich ſie auch in ſolch ſträflichem Begin⸗ nen.— Der Erſte der Abgeordneten lächelte ein wenig und verſetzte: Ich lobe Euer verſohn⸗ lich Gemuͤth und erkenne Eure Weisheit. Laſ⸗ ſen wir ab; beſſer iſt es, wir ſparen Einen dieſer thebaniſchen Bruͤder auf fuͤr den Andern.— Auch ohne dieſen zweideutigen Spruch der Gnade aus dem Munde eines aufruͤhriſchen Un⸗ terthan waͤre das Leben des Furſten außer Gefahr geweſen; denn noch war er nicht been⸗ det, als Jemand durch die Truͤmmer der Brand⸗ ſtellen ſich ihm verſtohlen naͤherte; er wechſelte einige Worte mit ihm, dann verſchwanden Beide in der dichter werdenden Finſterniß. Er iſt bei dem, zu dem Ihr wollet— ſprach Olga zu Theophraſt— und Ihr müſſet verziehen. Laſſet uns drum die Zeit wahrneh⸗ men, und höret, was Euch vornehmlich zu wiſ⸗ ſen von nöthen.— Wie ſie ſich nun, zuſam⸗ men ſprechend, entfernten, begann der, welchen — 169— wir uͤber ſeinen haͤuslichen Wehſtand klagen hoͤrten: Herren und Freunde, es iſt ein miß⸗ lich Ding um dieſes Weib, ſage ich Euch, ob ſie ſchon, wie ich vernommen, allerdings zu den Unſern gehoͤrt, und nicht zu den Sauromaten, die, wären ſie nicht einfältige Barbaren, ſich ſolche Begleitung abthun ſollten und des ehe⸗ ſten, denn wo eine Solche haußt, iſt Unheil allemal nahe. Ich ſpuͤre eine gewiſſe Bangig⸗ keit in ihrem Beiſein, und ſolche kann nicht truͤgen, denn es iſt eine Gabe vom Sankt Jo⸗ hannes dem Theologen, zu dem ich beſondere Verehrung gehabt habe von Jugend auf, daß mir dunkel wird vor den Augen und der Angſt⸗ ſchweiß ausbricht, ſo oft eine Hexe mir naht, oder ſonſt etwas aus der hölliſchen Sippſchaft. — Fuͤrwahr lachte Jener— nun mag man bezweifeln, was unſere Weiſen Sympathie nen⸗ nen und Antipathie. Iſt ſie doch die Muhme unſter werthen Frau. Sagt, Freund, wo habt Ihr Eure Augen; kennet Ihr Sophronien nicht mehr, die Tochter des Pataͤmon aus Chios? — Sophronia, meiner Frauen leiblich Ge⸗ ſchwiſterkind?— wiederholte verwundert der Ehemann— Ja wahrlich, mich duͤnkt, Ihr — 170— habt Recht. Nun, demnach wundert es mich nicht, daß ſie des böſen Feindes Vorlauf ge⸗ worden, wie es ergeht aus ihren Reden und Thun, ob ſie ſchon ſich zu unſerer Parthei geſchlagen, der einzig aͤcht chriſtlichen und recht⸗ lich geſinnten von allen.— Der Andere fuhr fort: Darum war auch Theophraſtos anfangs ſo betroſfen und dann ſo erfreut, denn ſtadt⸗ kundig iſt, was ſie ihm gegolten vor vielen Jahren. Wahr iſt es, es war eine liebreizen⸗ de Jungfrau, obſchon ein wenig ſtolz, ein we⸗ nig zaͤnkiſch und nicht ganz unbeſcholtenen Nufes, doch hab' ich mich auch eine Zeitlang unter die Reihen ihrer vielen Verehrer geſtellt, denn der Vater hatte ihr ein Anſehnliches hin⸗ terlaſſen und vornehmlich begehrte ich der Eh⸗ re, werther Herr Nikandros, mit Euch in Ver⸗ bindung zu treten durch eine Blutsfreundin Frau Anaſtaſiens.— Bitte,— verſetzte drauf Herr Nikandros— Ihr erweiſet mir allzu viel Höflichkeit, und ich muß Euch Gluͤck wuͤnſchen, daß ſolch Vorhaben zunicht worden, denn, ſo zahlreich das Geſchlecht meiner Haͤlfte ſein mag, iſt doch, ſo viel ich weiß, aus Keinem viel Gutes worden.— Auch ließ ich bald ab,— ſprach Jener weiter— das ſchoͤne Geld und Gut ging ſchnell dahin in Prunk und Zerſtreuung, erſt ſtand Theophraſtos mir im Wege, dann gar ein Barbarenritter, ein polniſcher Slave glaub' ich, und drauf noch viele Andere. Zuletzt aber trat ſie gar in den Hausſtaat des Großfuͤrſten Demetrios, deſſel⸗ ben, der eben hier voruͤber ging. Es ſcheinet nach dem, was unſer Gefährte zu ihr geredet, ihr dort nicht nach Wunſch gegangen zu ſeinz wie aber? iſt mir unbekannt, denn nie mag ich mich bei meinem großen Geſchaͤft um eine ehemalige Geliebte bekuͤmmern oder um das Treiben am Hofe des Despoten?— Daruͤber kann ich Euch Beſcheid geben,— ſagte Ni⸗ kandros— ſo viel nehmlich, als aus der feſt verſchloſſenen Burg in die Stadt gekommen. Erſt ward ſie gar uͤbermuͤthig und mochte die Freunde und Verwandten nicht mehr kennen, wie mein Ehegemahl oftmal in vollem Zorn berichtet, wenn ſie nach Haus kam von ihrer Begegnung. Der ſchone Name Sophronia war ihr zu ſchlecht und Olga wollte ſie heißen, wie die Varangier am Hoflager ſie nannten; ja es ging ſogar das Geruͤcht, als habe der Deme⸗ — 2 trios Gefallen gefunden an ihrem bereits etwas verwelkenden Reiz; ich wiederhole Euch nehm⸗ lich Frau Anaſtaſiens Worte. Wie es weiter gekommen, möget Ihr mich nicht fragen— kurz, es hieß, der Juͤngſte der fuͤrſtlichen Söhn⸗ lein ſei ihr gegeben in Pflege und Erziehung, als der Großfuͤrſt ins Feld zog, den Bruͤdern entgegen, und wie dieſe nun hereinbrachen in die Stadt und ſie verheerten mit Feuer und Schwert, nach der Hyperboraͤer loblichen Wei⸗ ſe, iſt denn ihre Behauſung auch in Flammen aufgegangen. Da ſollte ſie verbrannt ſein mit all ihrer Habe und dem was von Lebendigen darin war;z auch hat man wirklich des fuͤrſtli⸗ chen Knaben Leichnam gefunden, von einem herab⸗ gefallenen Balken erſchlagen, mit zerſchmettertem Haupt, doch kenntlich an den reichen Gewän⸗ dern. Andere aber meinten ſchon damals, ſie ſei entflohen mit manch köſtlichem Geſchmeide, welches ſie erhalten durch des Gebieters Gunſt, oder entwendet, wie meine Hausfrau meint. Und auch die Fürſten ſchienen ſolches zu glau⸗ ben, denn es war viel Suchens und Unruhe um die Verſchwundene. Nun iſt ſie wieder da, und—— Er würde vielleicht weiter ge⸗ — 173— ſprochen haben, haͤtte die Zuruͤckkunft der in Rede Stehenden ſeiner Geſchwätzigkeit nicht Ein⸗ halt gethan. Andere Gegenſtaͤnde beſchaͤftigten die kleine Verſammlung, bis ſie geräuſchlos, wie ſie gekommen, auf verſchiedenen Wegen ausein⸗ ander ſchied. 2 * VI. In demſelben, von ſeinen Einwohnern ver⸗ laſſenen, nur von Fremden augenblicklich be⸗ wohnten und hart behandelten Weiler lag ein Gehöft, deſſen äußerer Bezirk an die Einzäun⸗ ung desjenigen ſtieß, welches der Konig zu ſei⸗ ner Ruheſtätte fuͤr die Nacht nach dem Tref⸗ fen erwaͤhlt hatte. Alles trug hier die Spu⸗ ren eiliger Flucht der Beſitzer und darauf fol⸗ gender Verwuͤſtung; der geraͤumige, fruͤher ſehr ſauber gehaltene Hof lag in wilder Unord⸗ nung, uͤberſaͤet mit Ackerwerkzeugen und halb⸗ zertruͤmmertem, groben Geräth einer Bauerwohn⸗ ung; zum Theil getaucht in die uͤbelriechende Lache, ſah man auf ihrem kothigen Ufer die zierliche Decke von bunter Wolle, unter welcher — 174— vielleicht der Hausherr ſich zum erſten Male mit ſeiner Ehewirthin zuſammen gefunden; an einem zerbrochenen Pfluge flatterte im Nacht⸗ wind das Sonntaggewand der Dirne, welche fuͤr gut befunden hatte, vor der ſtürmiſchen Artig⸗ keit der Gäſte in den nahen Wald zu entflie⸗ hen, und ein gewaltiger Riß in ſelbigem be⸗ zeugte, es ſei, feſtgehalten von den Haken der Handhabe, wider Willen Einem von Denjenigen entriſſen worden, welcher in Ermangelung der Eigenthuͤmerin ſich mit ihrer Huͤlle begnügen wollen. Viele herumgeſtreute Federn und hier und da ein abgeriſſener Kopf mit Kamm oder warzigem Auswuchs verſehen, deutete auf den ehemaligen Aufenthalt der Haus- oder Trut⸗ huͤhner, die jetzt draußen im Lager in den ent⸗ wendeten Toͤpfen und Keſſeln ihrer Beſtimm⸗ ung entgegen ſchmorten und kochten. Das Thor der Scheuer war weit aufgeriſſen und dann halb wieder verſtopft mit Heubuͤndeln, Korn⸗ und Strohgarben durch einander, und im Stalle blöckte ein einſames Kalb, als wundere es ſich, daß es durch Ueberſehen dem Schickſal entgan⸗ gen ſei, das ſeine Genoſſen insgeſammt betrof⸗ fen. Das Haus oder die Hütte ſelbſt war in — noch traurigerm Zuſtande; die, welche es des Ueberfüuͤſſigen entledigt hatten, mochten dafuͤr gehalten haben, es ſei unnuͤtz, daß das leere Neſt noch länger ſtehe; es war in Folge ihrer Bemuhungen zur Haͤlfte vom Feuer verzehrt, und wuͤrde ihm unfehlbar ganz zum Raube worden ſein, haͤtte nicht die Nachricht von der Annaͤherung des Königs und die Nothwendig⸗ keit, erzeugt von Mangel an Raum, hier ei⸗ nen bedeutenden Mann ſeines Gefolges unter⸗ zubringen, dem Eifer der Krieger ein Ziel ge⸗ ſetzt. Im Gemach Pelbſt, ſo lange Zeit der Schauplatz der Leiden und Freuden des wirth⸗ lichen Ehepaares, ſeiner Nachkommen und ei⸗ nes guten Theiles ihrer gefiederten und vierfuͤ⸗ ßigen Hausthiere, im Allerheiligſten dieſes Tem⸗ pels varangiſcher Penaten, war der Greuel der Verwüſtung zu ſchauen. Bis zu der niedri⸗ gen Decke war es mit dem Rauche der nahen Brandſtätte erfuͤllt, zu dem ſich noch der dicke Staub geſellte, den das Gehen, Ruͤcken und Schleppen der thaͤtigen Aufreimer vom unge⸗ dielten Eſtrich aufgejagt hatte, und beide ver⸗ mochten keinen Ausweg durch die fenſterarti⸗ gen Luftloͤcher zu finden, welche wenige Zoll — 176— uͤber der Erde auf die erwaͤhnte Lache hinaus⸗ gingen. Staub und Rauch blieben gebannt in den dumpfen Raum, obſchon die Stuͤcken von Marienglas und altem Pergament, welche einſt die Stelle der Scheiben vertreten hatten, ausgebrochen und zerriſſen waren, und dem eindringenden Dunſt des Pfuhles geſtatteten, die Lieblichkeit dieſer Atmosphaͤre zu erhohen. Man bemerkte, ſo weit dieſe es zuließ, in einem Win⸗ kel einige ſchadhafte Breter, vor kurzem erſt durch die Hand geſchaͤftiger Diener zu einer Art von Ruhebank und Tiſch zuſammen gehaͤuft, auf welchem letztern ſich einige Eßwaaren befanden, und in einem andern ein Lager von Moos, auf welchem ſchwellende Matratzen ſich bläheten un⸗ ter einer feinen mit Gold und Seide geſtickten Decke. An den Wänden ſah man nichts als zertruͤmmertes Töpfergeſchirr aus gewaltſam ge⸗ offneten Schraͤnken; nur an einer von dieſen ſchaute ein heiliger Nikolaus, grob aus Ulmen⸗ holz geſchnitzt von der Hand eines griechiſchen Moͤnchs, und geſchwaͤrzt von altem und neuem Rauch, finſter grollend auf das Elend herab, dem ſeine Gegenwart nicht zu wehren ver⸗ mocht, und das glänzende Prachtlager, das S— deſſelben, fuͤr eine Nacht nur hier aufgeſchla⸗ gen, zu ſpotten ſchien. Draußen ſtolperten die umhergehenden Wäͤch⸗ ter murrend und fluchend in polniſcher Spra⸗ che, uͤber die mancherlei Hinderniſſe auf ihrem vollig verdunkelten Berufwege, drinnen klagte der vornehme Gaſt in fremdlaͤndiſcher Mund⸗ art; die im Hofe wurden bald darauf etwas beſſerer Laune, als die Diener Jenes in zierli⸗ chem Geſchirr ihnen zutrinkend, griechiſchen Wein boten; der im Gemach verſuchte eben— falls Ekel und Ungeduld durch einen maͤßigen Schluck Rebenſaftes von Chios zu beſchwichki⸗ gen, alsbald aber ward es ſtiller im Hofe, die Ermuͤdung und der ungewohnte Trank hatte ſeine Kraft an den Lanzenknechten bewaͤhrt, und Der, dem ſie als Ehrenwacht oder zur Bewachung vielmehr zugetheilt waren„begann trot der Stickluft in ſeinem Aufenthalte freier zu athmen, als er hier und da ein leiſes, dann ein ſtärkeres Schnarchen vernahm, welches all⸗ mählig zum lauten Uebereinklang anwuchs. Er ſchritt oder lief, um eigentlicher zu reden, ungeduldig in dem ſehr beſchränkten Raume umher, bald an die Luke, um friſche Luft zu 2 — 178— ſchoͤpfen, bald, als er da nun mephitiſche Aus⸗ duͤnſtungen einathmete, zum Kamin, welchem der Kraft des Feuers folgend, die Dampf⸗ und Staubwolken langſam zuzogen, darauf wieder zu dem Bretergeruͤſt, das ihm zum Tiſche dien⸗ te, um von der Speiſe zu koſten, welche ihm von des Koͤnigs einfacher Feldtafel geſendet wor⸗ den. Doch langte er nur maͤßig zu, und ſein verzogener Mund ſprach ohne Worte die Un⸗ zufriedenheit des Verwöhnten mit der Krieger⸗ koſt aus. Endlich machte ſein Mißmuth ſich in Worten Luft, und er begann, zu ſich ſelbſt ſprechend: Sie ſchlafen endlich, dieſe eiſenkno⸗ chigen Barbaren, und trotz der Muͤhe und Ar⸗ beit des blutigen Tages wuͤrden ſie unſtreitig wachen, häͤtte ich ihnen den Wein nicht mit Mohnſaft gewuͤrzt. Endlich ſchlafen ſie, und alles iſt ſtill druͤben beim König; es waͤre Zeit, daß er kame, denn auch ich bin todtmuͤde. He, Johannes, Dionyſios, Serapion! Doch ſie horen nicht, ſchon lange hat Morpheus ſie um⸗ armt, ob ſie ſchon nur gemachſam einhergeſchli⸗ chen ſind beim Gepaͤck, weit hinter dem Heere. Ich wollte, es wäre mir eben ſo gut, denn kaum mag ich die Augen offen erhalten, — die dieſer holliſche Qualm wund gebeizt; mich grauet es aber, mich niederzulaſſen in dieſer Hoͤhle, die man hier zu Lande ein Gemach nennt, und der Ekel wuͤrde den Schlummer fern halten von den ermatteten Gliedern. Zudem iſt es ſo einſam und unheimlich hier, und das Schlacht⸗ feld iſt nah mit ſeinen Tauſenden von Todten — Hore doch, Serapion! Auf Dionyſios! Vergebens— Ich liebe die Schlachtfelder nicht — fuhr er leiſer fort— ſchon zu der Väter Zeiten hieß es, ihnen entſtiegen zuweilen die Geiſter der Erſchlagenen. Horch, was war das?— Schlafe, Barbar!— fuhr er nach einer Pauſe fort— ſchlafe lange und feſt, doch ſchnarche weniger, denn Dein Ton zer⸗ ſchneidet Mark und Bein. Immer noch kommt er nicht. Wahrlich, eine ſchoͤne Verrichtung iſt es, die mir der Sebaſtokrator aufgetragen und beſonders anmuthig fuͤr einen Zögling des kai⸗ ſerlichen Palaſtes. Tag fuͤr Tag an der Seite eines uͤbermuͤthig wilden Herrſchers, vor deſſen Blick ſelbſt ſeiner ſchwergepanzerten Rieſen ſonne⸗ verbranntes Antlitz erbleicht, deſſen Finſterſehn ein Todesurtheil iſt, und deß ſeltenes Läͤcheln gefaͤhrlichem Spott auf ein Haar gleicht, unter 12 — 180— ſeinen Augen zu leben fort und fort, Entwuͤrfe ſpinnend, deren leiſeſte Ahnung hinreichend wäre, daß Leontios Angelos nie die Geſtade des Pro⸗ pontis wieder ſehe. Und auf der andern Seite dieſer Demetrios, ein wunderlicher Fuͤrſt, furcht⸗ ſam und trotzig, verſchwenderiſch und karg, jetzt voll Uebermuth und dann vergehend in kleinli⸗ chem Zagen, heut Griech' und morgen Lateiner, leichtgläubig und argwohniſch, und bei alle dem ein Mann, der, waͤhrend Boleslaw's Zorn den Beleidiger vernichten wurde im Angeſicht aller ſeiner Schaaren, wohl ganz ſtill und heimlich einen Dolch finden möchte fuͤr den, dem er mißtraut. Und zwiſchen dieſen bin ich feſtge⸗ ſchmiedet, zwiſchen dem wilden, zaͤhnefletſchen⸗ den Wolfshund und der tuckiſchen, lauernden Katze; in Einigkeit ſoll ich ſie erhalten, damit ſie uneins werden mehr als ſie es ſchon ſind; zum Siege ſoll ich ſie begleiten, damit ſie ver⸗ derben; Beiden zuſammen ſoll ich dienen, und Jedem gegen den Andern, um Beide zu betruͤ⸗ gen. Wahrlich ein feines Geſchäft; und dazu eine Mördergrube zur Behauſung, zum Nacht⸗ lager dieſer ſchmutzige Eſtrich, zur Speiſe das zähe Fleiſch des Stieres, zur Tafelmuſik das — 181— Schnarchen der berauſchten Waͤchter, Rauch und Qualm zum Wohlgeruch und zu alle dem ſtatt der Kerzen die Flamme angezuͤndeter Dör⸗ fer. Bei Sankt Sophia, ich wuͤnſchte Euch fuͤr einen Tag nur an meine Stelle, alleredel⸗ ſter Alexios Komnenes!— Da ließ ſich drau⸗ ßen ein dumpf polterndes Getöſe vernehmen und er horchte hoch auf. Sollten die Maͤn⸗ ner erwacht ſein?— fragte er ſich— Doch nein, mein Opiat war kräftig genug, ſelbſt den dreigehaupteten Wächter an der Höllenpforte einzuſchlaͤfern. Höllenpforte? Was kommen mir doch fuͤr ſchwarze, widrige Gedanken in dieſem unheimlichen Aufenthalt? Dionyſios, höre Deinen Gebieter! Puh, wie iſt es ſo einſam hier, rings um mich der Schlaf, und draußen auf dem Schlachtfelde ſein Bruder, der Tod.— Herein!— rief er mit gedämpf⸗ ter Stimme— herein, der Du da kommſt, welcher von Beiden Dich auch aus ſeiner Um⸗ armung entlaſſen! In dieſem Augenblick öffnete ſich leiſe knarr⸗ end die Thuͤr, und der, deſſen erwartetes Kom⸗ men der Byzantiner in ſeiner unangenehmen Aufregung vollig vergeſſen, der Ruſſenfuͤrſt trat 4* 2 — 182— oder fiel vielmehr uͤber aufgehaͤuftes Gemuͤll ſtrauchelnd, in das Gemach und in ſeine auf⸗ fangenden Arme. Schnell und gehorſam kehrte das Lächeln auf des Leontios Antlitz zuruck, und nachdem er den erlauchten Beſucher ehrer⸗ bietig aus der unwillkuͤhrlichen Umſchlingung entlaſſen, begann er mit Pathos: Heil Euch, erhabener Demetrios, Protoſebaſt des nordiſchen Graͤciens, und Heil mir, dem es vergoͤnnt iſt, Euch Gluͤck zu wuͤnſchen am Abend eines ſo glorreichen Tages. Zwar iſt der Ort, da es geſchiehet, nicht allerdings der lieblichſte zu nen⸗ nen, aber wo fuͤrſtliche Hoheit eintritt, begleitet vom ſtrahlenden Siege, da bekleiden die nack⸗ ten Waͤnde ſich von ſelbſt mit Purpur, und Lorbeern ſprießen auf aus dem Boden.— Noch ſehe ich— ſprach Jzaslaw, mit halbem Laͤcheln um ſich ſchauend: Noch ſehe ich hier nichts von ſolcher Verwandlung. Ich danke Euch fuͤr den hoͤflichen Gruß, aber ſprecht, ſchlum⸗ mern die Wächter, und iſt alles ſicher um uns her?— Vertrauet der Vorſicht Eures aller⸗ getreueſten und gewaͤrtigſten Dieners;— lau⸗ tete die Antwort— ſie ſchlummern unerweck⸗ lich, wie die Tauſende, die heut grfallen ſind unter Eurem raͤchenden Schwert, und eben ſo fern iſt die Gefahr, als Euer fliehender Bru⸗ der.— Der Großfuͤrſt antwortete mit ſorgen⸗ voller Miene— Moͤchten Beide immer ſo fern bleiben, als Ihr es ſagt.— Und was habt Ihr noch zu befuͤrchten?— fuhr der Strator im vorigen Tone fort— Ihr tretet als Ue⸗ berwinder in das Land Eurer Väter, zitternd und hoffend ſchmiegt Euer Volk ſich zu den Fuͤßen ſeines rechtmäßigen Herrſchers, Ihr ſeid beinahe im Angeſicht Eurer Hauptſtadt, Nichts widerſetzt ſich Euerm Vordringen auf offenem blutloſen Pfade, wenig Tage noch und Ihr ziehet ein, als unumſchraͤnkter Gebieter.— Bei den letzten Worten lenkte er den Blick un⸗ vermerkt auf Jzaslaw's Angeſicht, und bemerkte nicht ohne Zufriedenheit die Wolken, die es be⸗ deckten. Mit einiger Bitterkeit wiederholte der Fuͤrſt: Unumſchraͤnkter Gebieter? Wohl erwartet ei⸗ nen ſolchen die aufruͤhreriſche Stadt, doch ich werde es nicht ſein. Ich komme eben von der Abendmahlzeit des Koͤnigs. Fleißig ging, Ihr kennet ja die Sitte der Sauromaten, bei kaͤrg⸗ lich grober Speiſe der Becher umher, gefullt — 184— mit dem Erzeugniſſe des joniſchen Inſelmeeres. Der Wein löſet die Zunge, und ruhmredig macht der Siegesrauſch. Da ſagte mein ko⸗ niglicher Bundesgenoß mit duͤrren Worten her⸗ aus, was er fruͤher ſchon in ſtolzer Kuͤrze an⸗ gedeutet, und jener Petrus Nalencz mit zwei⸗ deutiger Rede und ſauerſuͤßem Lacheln. Wie Ihr, wuͤnſchte der König mir Gluͤck, doch verhehlte er es nicht, ich habe naͤchſt Gott daſſelbe ihm zu danken. Da glaubte ich denn, es ſei nicht mehr von noͤthen, es weiter in Worten zu thun, hat er doch ſelbſt den Dank dahingenommen in Eigenlob! Da dem nun alſo ſei,— fuhr er fort— und zu hoffen ſtehe, Gott und die Heiligen der abendlandi⸗ ſchen Kirche wuͤrden den polniſchen Waffen auch fortan Sieg und Heil ſchenken, ſo werde ich einziehen in die Burg meiner Ahnen, die zweimal geraubte Krone werde wieder auf mein Haupt geſetzt werden durch ſeine Hand, ober⸗ ſter Fuͤrſt werde ich heißen und Haupt ſaͤmmt⸗ licher Enkel des großen Wlodzimierz, jedoch nur als Seiner Gnaden und des Polenreichs Statt⸗ halter in Rußland. Damit indeß ſolche Abhängigkeit fein unvergeſſen bleibe, und da es ferner nicht billig ſei, daß er, wie er vor Jah⸗ ren in uͤberſchwaͤnglicher Milde gethan, zum andern Male den Aufwand und Muͤhe des Krieges unentgeldlich trage, ſo erſuche er mich, ihm auf kurze Zeit den Schluͤſſel der Schatzge⸗ woͤlbe meiner fuͤrſtlichen Burg zu uͤberantwor⸗ ten, einen Tribut alljährlich durch eine Ge⸗ ſandtſchaft, jedes dritte Jahr aber in eigener Perſon in gebuͤhrender Unterwuͤrfigkeit an den Stufen ſeines Thrones niederzulegen, den zwan⸗ zigſten Mann ſämmtlicher Bevölkerung aufſiz⸗ zen zu laſſen, damit er in Sachſen gegen Hein⸗ rich von Franken kaͤmpfe, und noch ſonſt al⸗ lerlei geringfugige Verbindlichkeit zu uͤberneh⸗ men, die ſich fuͤr einen dienſtpflichtigen Mann und königlichen Lehntraͤger eignen und gebuͤh⸗ ren. Dies war der Sinn ſeiner Rede, und ſeines königlichen Willens unwiderruflicher Aus⸗ ſpruch.— Wahrlich— verſetzte Leontios, die geheime Freude unter dem Anſcheine mitleidi⸗ gen Unmuths verbergend— Wahrlich, das iſt ein hartes Wort, und ſchwerlich haͤtte man zu Konſtantinopolis es ausgeſprochen, auch wo man der That nicht abgeneigt geweſen. Doch iſt es nur ein Wort, nicht die That, und ſel⸗ ten folgt dieſe der voreiligen Rede.— Der Fuͤrſt erwiederte: Schon oft hab' ich Euch geſagt, Ihr kennet dieſen Boleslaw wenig. Schuͤttelt das Haupt nicht, Herr Strator, er iſt ſo beharrlich im Vollbringen, als ſeine Rede kuͤhn iſt. Und was mag ich ihm entge⸗ genſetzen zu Kijow. Euch iſt die Stadt nicht unbekannt; Ihr wiſſet, die Bewohner ſind un⸗ fähig zu Krieg und kuͤhner That. Das Wohl⸗ leben hat ihre Kraft gelaͤhmt, und— verzei⸗ het, Herr Angelos, der Verkehr mit Euern Lan⸗ desgenoſſen ſie geneigt gemacht zu Verrath und Meuterei. Was mag ich beginnen gegen ihn mit dieſem Volk, deſſen Fauſt unbrauchbar iſt, und deſſen Sinn dem eingebornen Herrn faſt eben ſo abgeneigt, als dem fremdlaͤndiſchen Er⸗ oberer? Wohl hat das Land wackerer Kriegs⸗ leute in Fuͤlle, doch ſtreiten ſie, dem Beiſpiel folgend, welches, leider, ihre Herren angeben, unter den Panieren meiner Bruͤder und Vet⸗ tern gegen einander und gegen mich, und kein Heerhorn mag dieſe zerſtreuten, verwilderten Schaaren verſammeln. Mir war der erſte Blick, den ich um mich warf, mein Beſitzthum betretend, kein erfreulicher, und nicht mag ich die Siegesfreude theilen, die dieſe Sauroma⸗ ten berauſcht.— Drauf entgegnete der Abge⸗ ſandte: Vergonnet mir ein unehrerbietig Wort, erlauchter Demetrios; Ihr ſeid ein armer Mann heut, und truͤbe ſieht das Auge des Armen. Kurze Zeit wird vergehen und Ihr werdet ein reicher Fuͤrſt ſein, der Reichſte im Norden; Geld und Gut aber erfriſchen das Herz und klären den Blick auf. Dann wird Euch Man⸗ ches ein Sandkorn ſcheinen, was Euch jetzt ein Gebirge duͤnkt.— Ihr habt Recht,— ent⸗ gegnete Jzaslaw mit Selbſtgefaͤlligkeit— Ko⸗ nige und Kaiſer giebt es im Morgen- und Abendlande, deren Schatzkammer ich nicht mit der Habe vertauſchen moͤchte, die mein gerin⸗ ges Haus enthaͤlt. Doch was mag der In⸗ halt der Truhen mir frommen, deren Obhut mir Wßzeslaw, mein Vetter uͤbergeben wird, ein unberufener, abgedankter Wächter? Meinet Ihr, ich ſolle ſie dahingeben dieſem Verbuͤnde⸗ ten und ſeinen Schaaren, damit ſie genug ha⸗ ben und abziehn? Eher wuͤrdet Ihr das Faß der Danaiden fuüllen, als den bodenloſen Seckel dieſer Nachbarn, die ſo hungrig nach Gold ſind, als bereit, es zu vergeuden. Nicht deſſen — 1868— bedarf es, ſondern eines Heeres und deſſen Be⸗ waffnung. Habt Ihr mir ſolche zu gewähren, Herr Abgeſandter? Denn damit ich dieſe Frage an Euch richte, und um Eure unumwundene Antwort zu vernehmen, hab' ich dieſe Stunde der Ruhe abgeſtohlen, die mir nach einem hei⸗ ßen Schlachttage nothwendiger iſt, als Dem, welcher fein bequem in der Abendkuͤhle ſeines Weges gezogen, da Alles voruͤber war. — Mit diplomatiſcher Gleichgiltigkeit die Sta⸗ chelrede verſchmerzend, erwiederte Leontios: Ihr ſehet mich in Verzweiflung, erlauchter Herr, vor der Hand kein anderes Gebot von Cäſar Auguſtus empfangen zu haben, als Euch bei⸗ zugehen mit freundlicher Erbietung und wohl⸗ gemeintem Rath aus der Quelle der Weisheit und der Staatskunſt gefloſſen, bis zu dem Au⸗ genblicke nemlich, da es möglich ſein wird, dem zu genuͤgen, was die Pflicht eines Bundesge⸗ noſſen und die Wuͤrde des hochſten Herrſchers erheiſchen. Daß aber dieſer Augenblick unfehl⸗ bar und des Baldigſten eintritt, verburgt Euch durch mich der Sebaſtokrator.— Und ehe er eintritt— lautete Jzaslaw's unmuthig höhnen⸗ de Antwort— wird kein Goldſtuͤck in meinen 3 . — 189— Truhen, kein Halm auf dieſen Feldern, kein Dorf noch Stadt zwiſchen dem Bug und dem Dnieper unverwuͤſtet bleiben und Euer Rath, obſchon von der Quelle der Weiöheit ſtam⸗ mend, wird nicht wiederbringen, was verloren iſt. Ihr habet es ſelbſt gewahrt auf Eurem gemachſamen Zuge, wie dieſe Beſchuͤtzer hier gehauſet, und nicht als ein Sieger habe ich mein Land betreten, wie Ihr ſagt, ſondern als ein Spielwerk fremder Laune, als ein angefeindet Schattenbild vor dem Volke, das den Herrn haſſen muß, den ſolche Wiederherſteller ein⸗ ſetzen in ſein Recht. Sprecht nun, Herr Bot⸗ ſchafter, da Cäſar Euch denn nun Einmal zum Rathgeber abgeſendet, ertheilet Rath, was ich beginnen ſoll?— Eure Weisheit ſpottet mei⸗ ner,— ſprach Angelos mit höfiſcher Freund⸗ lichkeit— wenn ſie mich um das befragt, was ſie unſtreitig längſt erwogen,— daß naͤm⸗ lich die Kunſt ſich in die Zeit zu ſchicken, der Grund aller Staats- und Lebensklugheit iſt, daß ſcheinbare Zuthaͤtigkeit gegen eine Seite zeigen, auf der andern die Unzufriedenheit, die Jene ſo unvorſichtig erregt, durch leiſe Anklage des gemeinſamen Bedruͤckers zu erhoͤhen, Euch — 190— hier und dort ſicher ſtellen wird, auf geraume Dauer wenigſtens—— Wahrlich auf gerau⸗ me Zeit,— unterbrach ihn der Fuͤrſt— wenn es waͤhren ſoll, bis mir etwas Anderes aus Konſtantinopolis kommt, als wohltonende Re⸗ den. Doch mag ich es Euch nicht bergen, Herr Angelos, ſolche genuͤgen mir nicht, und ich mißtraue ihnen. Nicht unbekannt blieb mir der wahre Zweck der Botſchaft, die Diogenes Romanos nach Kijow ſandte; ich war nicht blodſichtig genug, die geheimen Bande zu uͤber⸗ ſehen, mit denen man meine Unterthanen zu umgarnen trachtete, das Fluͤſtern des Verraths zu uͤberhoren, der ſeinen Wohnplatz in den Vorrathgewolben der griechiſchen Kaufleute aufgeſchlagen und ihre Reichthuͤmer an meine Bruder verſchwendete, damit die Zwietracht der Fuͤrſten, und des Landes Zerſtuͤckelung der by⸗ zantiniſchen Habſucht diene. Nur der Thor fällt zum zweiten Male in die nämliche Schlin⸗ ge. Muß ich mich in die Zeit ſchicken, ſo will ich es ganz; nicht ohne Edelmuth iſt Boleslaw, und unbeſchraͤnktes Vertrau⸗ en mag auch ihn verſuͤhnen. Er iſt nah, fern Nikephoros Botoniates; rauh iſt der Sau⸗ — 4941— romat, aber geraden Sinnes, die Oſtrömer ge⸗ ſchmeidig und glatt, der gleißenden Schlange gleich, und ſchwer iſt es, ſie zu faſſen in ihren Windungen. Das Erſtaunen, mit welchem der Strator dieſe Worte hoͤrte, war ſeinem Verdruße gleichz der Entſchluß des Großfuͤrſten, ſich ohne Ruck⸗ halt in die Arme ſeines Lehnherrn zu werfen, ſtuͤrzte, kam er zur Reife, alle Entwuͤrfe des kaiſerlichen Hofes um, und Tadel und Ungna⸗ de warteten im Palaſt des ruͤckkehrenden un⸗ glucklichen Abgeſchickten— zugleich befremdete ihn die Weiſe des Fuͤrſten, ſo ganz verſchieden von der, in welcher er ihn in jenem Waldhauſe bei Zembocin geſehen. Wenig war von der ſcheuen Umſicht, von der zagenden Unſchluͤßig⸗ keit zu bemerken, die er damals an ihm wahr⸗ genommen, er ſprach feſt, kuͤhn und ohne Schon⸗ ung und ſtand vor ihm in der ärmlichen Bau⸗ ernſtube, einem Herrſcher gleich, der in ſeiner Burg dem Diener Befehle ertheilt. Doch er⸗ innerte er ſich an ſeine ängſtliche Vorſicht beim verſtohlenen Eintritt, und er glaubte ſeine Ge⸗ muͤthart genugſam zu kennen, um dieſes plotz⸗ — 192— liche Auflodern nur fuͤr das eines vergaͤngli⸗ chen Strohfeuers zu halten. Vornemlich aber fußte er auf den ſtillen Haß des Fuͤrſten gegen den Koͤnig, welcher ſeiner Meinung nach eine aufrichtige Verſohnung unmoͤglich machte, und ſo verſetzte er mit Wärme: Wie thut Ihr mir ſo Unrecht, Herr, und Denen, die mich geſandt? Nicht mag ich das laͤugnen, was Euer Scharf⸗ ſinn entdeckt von ehemaligen Entwuͤrfen; iſt aber die Zeit nicht wandelbar, und ſoll man den Nachfolger deß beſchuldigen, was der Vor⸗ gaͤnger gethan? Schon fruͤher habe ich es Euch geſagt, es iſt nicht mehr Diogenes Romanos, der zu Euch ſpricht, der durchlauchtigſte Nike⸗ phoros iſt es, oder vielmehr der Alexios, den man mit Recht den Mund Cäſar's nennet, und ſeinen rechten Arm.— Doch fand, was er geſagt, wenig Eingang bei dem Gereizten, und er verſetzte mit Hoheit: Wohl weiß ich, daß der Nikephoros ein abgelebter Greis und Alexios es iſt, der ihm Mund und Arm leiht, ſo lang, bis ihm gefaͤllig ſein wird, das Diadem dem wankenden Haupte zu neh⸗ men, und das Seine damit zu umſchlingen, welches ich allerdings nach Gebuͤhr ehre; die — 193— Stimme des Erſten wuͤrde unbeachtet von mir geblieben ſein, wie ſie bereits unbeachtet iſt im eignen Palaſt, und nur des Zweiten Wort gilt mir etwas. Es iſt indeß gleichfalls der Se⸗ baſtokrator, wie man ſpricht, nicht gaͤnzlich aus der Art ſeines Volkes geſchlagen, und er mag gern den krummen Weg waͤhlen, ſcheint ihm der gerade zu ſteil. Es befremdet Euch, Herr Botſchafter, mich alſo unumwunden reden zu hoͤren von dem Allerdurchlauchtigſten und dem Alleredelſten; wiſſet denn, es iſt kein vertriebe⸗ ner, landesfluͤchtiger Fuͤrſt mehr, vor dem Ihr ſtehet, und obſchon nicht vollig eingeſetzt in mein Recht, nenn' ich den Boden, der uns traͤgt, doch den meinigen. Trachtet demnach, daß Eure Sendung an weſentlichem Inhalt gewinne, ſie moͤchte mir ſonſt nur als Vorwand anderer Abſicht erſcheinen, und Ihr wuͤrdet erfahren, daß man nicht ungeſtraft den Verdacht des Großfuͤrſten von Rußland erregt. Trachtet, die Helfer herbeizufuͤhren, die Euer Sebaſtokrator mir in himmelweiter Ferne zeigt, damit ich nicht den Arm ergreife, der heute, es ſei wie es wolle, geſiegt hat fuͤr mich: Zwei Worte rei⸗ chen hin, mir Boleslaw's Vertrauen zu gewin⸗ 13 — 194— nen; was ſie fuͤr Euch herbeifuͤhren wuͤrden, moͤgt Ihr begreifen.— Er hatte geendigt und ſchritt ſtolz und ſchnell gegen die Thuͤr. Nicht Verwunderung war es allein, die jetzt den Griechen ergriff, jäher Schreck feſ⸗ ſelte ſeine Zunge, doch die Gefahr, die denſel⸗ ben hervorgebracht, gab ihm alsbald die Spra⸗ che wieder: Geduld,— rief er— nur kurze Geduld, Herr; ein einzig Wort laſſet Euch ge⸗ fallen, ehe Ihr im voruͤbergehenden Zorn Euer Heil von Euch ſtoßet, und Eure und Eures Volkes Dienſtbarkeit unterzeichnet auf immer⸗ dar!— Und als der Fuͤrſt ſich halb nach ihm umwendete, ſprach er weiter: Kann, ich will nicht ſagen ein weiſer Herrſcher, kann uͤber⸗ haupt irgend ein Menſch das Unheil ergreifen, weil es ihm am naͤchſten liegt, ſtatt des Gluͤk⸗ kes, deſſen Hoffnung, obſchon weiter entfernt, Keiner mit der Gewißheit des Uebels vertau⸗ ſchen möchte? Ihr ſehet das Elend dieſes Lan⸗ des und wollet es verlängern, wollet das ein⸗ zige Mittel verſchmaͤhen, das es lindern wird fruͤh oder ſpat!— Das einzige Mittel,— entgegnete Jaslaw— iſt Huͤlfe in der That, nicht in Wortenz habt Ihr jene nicht zu bie⸗ — 195— ten, ſo vergeudet Ihr dieſe umſonſt.— Wol⸗ let ſie dennoch vernehmen, erlauchter Herr;— bat der Strator— Gedanken und Rede er⸗ zeugen die That— leider hab' ich jetzt nur die Erſten im Beſitz, in Eurer Hand liegt jedoch die Zweite. Der Fuͤrſt ſprach mit Gleich⸗ giltigkeit: Ihr moͤchtet mich beinahe begierig. machen, zu erfahren, wohin dieſe neue Wen⸗ dung fuͤhrt. Sprechet drum, doch bedenkt, daß ich nicht nochmals den Rathſchlag horen will, mich in die Zeit zu ſchicken, denn es be⸗ durfte keines Geſandten von Byzanz, mir zu zeigen, daß die Nothwendigkeit nothwendig iſt. Leontioss Angelos war innerlich erfreut, daß ſeiner Beredſamkeit geſtattet ward, ihre ſchimmernden Fittiche zu entfalten; ſchon oft war es ihm in andern Verhaͤltniſſen gelungen, den Hoͤrer mit ſich fortzureißen, er ſah des Ruſſenfuͤrſten Unentſchluͤſſigkeit, und zweifelte nicht, auch bei ihm werde es gelingen. Doch fuͤhlte er, es ſei noͤthig, die wenig gewaͤhlte Weiſe zu vermeiden, in welche er beim Anfang dieſes Geſpraͤchs ſich gehen laſſen, uͤberwaͤltigt von Muͤdigkeit, Verdruß und Ungeduld, alſo nahm er den Anſtand und den Ton an, 13* — 196— welchen er bisher vernachläßigt, und begann wie folgt: So laſſe Eure Gnade uns denn zuerſt die Zeit ſelbſt beleuchten, die das Opfer von Euch fordert, welches einem edlen fuͤrſtli— chen Gemuͤth am ſchwerſten zu bringen faͤllt, das Opfer der Geduld und anſcheinenden Un⸗ thaͤtigkeit. Eure Bruͤder und Vettern haben Euch ausgeſtoßen aus Eurem Erbe, und be⸗ ſitzen das geraubte Gut, doch nur mit der Unſicherheit des Raͤubers, der nicht auf den Beraubten allein, der auch ſeitwaͤrts auf die Genoſſen den lauernden Blick des Arg⸗ wohns wirft. Ich uͤbergehe, was ſich zugetra⸗ gen haben mag in Aachen und Rom, und folge Euch noch Krakow, wo Boleslaw zum zwei⸗ ten Male den erhabenen Bittenden erhoͤrt. Doch iſt es nun anders als vor ſechszehn Jahren, der hochherzige Juͤngling iſt ein ehrſuchtiger Mann geworden, an die Stelle der Großmuth iſt Habgier und Laͤndergeiz getreten, und er ver⸗ langt fuͤr den Reiterdienſt nichts geringeres als Eure Freiheit und fuͤrſtliche Ehre.— Unge⸗ duldig fiel Jzaslaw ihm in die Rede: Wozu fruchtet es, das heilloſe Verzeichniß der Uebel, die mich betroffen, Blatt fuͤr Blatt zu entfal⸗ 2—— — 197— ten, genug und abermal genug habe ich es durchbuchſtabirt vom Anfang bis zu Ende. Macht es kurz, worauf deutet dieſer ſo weit— laͤufige Eingang?— Darauf deutet er— ſprach Leontios raſch und nachdruͤcklich— daß Ihr des Koͤnigs beduͤrfet, wollet Ihr je wieder Fuͤrſt zu Kijow heißen, daß Ihr Euch ſei⸗ ner entledigen muͤſſet, gedenket Ihr es zu ſein, und daß das Letztere geſchehen muß in ſo kur⸗ zer Friſt, als es die Lage der Dinge verſtattet. — Jzaslaw antwortete: Ihr verfallet, glaub' ich, mit Eurem Muͤſſen und Muß in den Ton jenes Popilius, der die Koͤnige in den Kreis bannte, den ſein Stab zog. Schauet ein we⸗ nig um Euch, Ihr ſein Nachfolger zu ganz un⸗ guͤnſtiger Zeit; wo ſind die Legionen, die ſein verwegenes Wort unterſtuͤtzten?— Ich gewahre nur einiger ſchnarchenden Wächter, die, wenn ſie der Schlummer verließe, ſchwerlich Eurem Duͤnkel dienſtbar ſein wuͤrden. Dies und das muß alſo geſchehen, ſagt Ihr? Ich aber fra— ge wie? Denn Eure Reden, ſo treſſend ſie ſein moͤgen, ſind keine Pfeile, Ihr ſelbſt, ob⸗ ſchon Ihr wacker mit der Zunge fechtet, ſeid kein Kriegsmann, wie man heut noch bemerkt, — 198— und Beide ſind es doch, die ich gebrauche.— Mein erlauchter Herr,— verſetzte jener nach einer Pauſe, in welcher er den Unterſchied er⸗ wog, den ohngeachtet aller Nebenumſtaͤnde der Sieg des heutigen Tages in des Fuͤrſten An⸗ ſicht und Benehmen, und in ſeinen Verhaͤlt⸗ niſſen zu ihm hervorgebracht hatte— Mein erlauchter Herr, Ihr vertrauet der eigenen Macht zu wenig, wenn Ihr meint, nicht eine Zeitlang hindurch dem Uebel die Stirn bieten zu koͤn⸗ nen, auch ohne Huͤlfe von Außen. Weit hin gegen das baltiſche Meer erſtreckt ſich der Va⸗ rangier Gebiet, und beinahe eine Woche wuͤrde der fluͤchtigſte Renner des Hippodromos beduͤr⸗ fen, durchmaͤße er in Einem Laufe ſeine Gren⸗ zen von Mittag bis Mitternacht. Alle Vol⸗ ker, die es bewohnen, ehren in dem Herrſcher zu Kijow den Oberſten ihrer Fuͤrſten, und Kijow ſiehet Euch in ſeinen Mauern, ehe der jetzt zu⸗ nehmende Mond uns wiederum die Halbſcheid ſeiner Fläche zeigt. Doch allerdings wird ſolch anſehnliche Macht jetzt danieder gehalten durch den Drang der Umſtaͤnde, die uͤber Alles auf Erden gebieten, uͤber den Größten, wie uͤber den Kleinſten; die Gewalt iſt in Feſſeln ge⸗ — 100 ſchlagen durch eine ſtärkere Gewalt; ſo muß denn die Liſt die Gefangene befreien, wie in der Fabel des Phaͤdros der nagende Zahn der Maus den umgarnten Loͤwen. Erinnert ſich Eure Hoheit nicht, wie ich damals des Hanni⸗ bal in Capua erwaͤhnte in den holzerbauten Gängen jener ſauromatiſchen Dynaſtenburg?— Fluͤchtig entſinne ich mich des fluͤchtig geſpro⸗ chenen Wortes, und bitte Euch, es zu deuten. — Ihr glaubet, ich kenne den Koͤnig nicht? Wohl kenne ich ihn, und beſſer vielleicht, als er ſich ſelbſt. Die Gluth unterdruͤckter Leiden⸗ ſchaft flammt hervor unter ſeinen byſchigen, ſtreng zuſammen gezogenen Augenbrauen, das leichte Wort, unterweilen dem Munde entflie⸗ hend, deß ernſte Rede die Tapferſten mit ſcheuer Ehrfurcht vernehmen, iſt die Stimme des Ge⸗ luͤſtens, das ſich frei zu machen ſtrebt von den Feſſeln, die koͤniglicher Anſtand und die Lehren der Prieſter ihm anlegten. Ihr ſchuͤttelt zwei⸗ felnd das Haupt, erlauchter Großfuͤrſt? Von fruher Jugend auf bin ich geuͤbt, in den Zuͤgen und Geberden der Menſchen zu leſen, oft ſind auf einen fluͤchtigen Laut, auf ein kaum be⸗ merkliches Zucken des Mundes große Entwuͤrfe gebaut worden, am Hofe zumal, der eigentli⸗ chen Schule der Phyſiognomik, wo ein Jegli⸗ cher mehr oder minder Schuͤler oder Meiſter dieſer heilſamen Kunſt zu ſein pflegt— den Gebieter ausgenommen— Doch, da Ihr ſo wenig Vertrauen in ſie ſelbſt oder in meine ei— gene Gabe ſetzet, nun ſo mögen deutlichere Wahr⸗ nehmungen dafuͤr buͤrgen. Mir entging nicht, was in jenem Schloſſe ſich zugetragen zwiſchen dem Koͤnig und Einer der ſchonen Frauen, die es bewohnten; manchen Blick, manch Fliſtern hab' ich erlauſcht, und noch Mehres, das ſchwerlich, wäre es ihm kund, den abweſenden Gemahl erfreuen wuͤrde, noch den frommen Biſchof der Hauptſtadt. Erinnert Ihr Euch des Kriegers, der, als das Heer Euer Gebiet betreten, zu Mord und Pluͤnderung auch ge⸗ waltſame Entfuͤhrung geſellte? Er ward vor den Koͤnig gefuͤhrt, und der ſtrenge Richter ſprach ihm das Todesurtheil. Doch noch heut ficht derſelbe unter ſeinen Fahnen. Im Kreiſe der Vertrauteſten ſprach Boleslaos: Laſſet ihn immerhin, denn er iſt ein wackerer Kriegsmann, und es iſt billig, daß ſolcher etwas habe fuͤr ſeine Muͤh' und Arbeit. Den Einen reizt das Gold, den Andern der Rebenſaft, den Dritten einer Dirne lieblich Antlitz, und auch unter uns mag Mancher ſich finden, der ſolchen Preis gern dahin nimmt neben dem Ruhm. Und wie kann, — fragte der Großfuͤrſt— wenn auch der Keim der Luſt in ihm verborgen läge, Den man bis⸗ her unſtraͤflich genannt in dieſem Punkt, wie kann er entwickelt uns Frucht tragen?— Jeglicher Menſch— belehrte ihn die Lebens⸗ weisheit des Byzantiners— jeglicher Menſch hat ſeine ſchwache Seite; wer ihn auf dieſer angreift, wird ſein Herr, ſei er Monarch oder Leibeigener, und ich meine, die Eures Verbuͤn⸗ deten entdeckt zu haben. Fuͤhret dieſen Herku⸗ les einer Omphale zu, und er wird die Lö⸗ wenhaut ablegen, an ihrem Rocken ſpinnenz zeigt ihm eine Dejaneira, und arglos wird er das todtende Kleid, mit Reſſus Blut beſprengt, an⸗ thun; bettet den Simſon in der Delila Schooß, und wie ſein Haupthaar unter ihrer Scheere, wird ſeine Kraft fallen. Dann habt Ihr ge⸗ wonnen, mein edelſter Protoſebaſt; die Kraft dieſes Koͤniges ruhet in der Scheu und An⸗ haͤnglichkeit der Seinen, die ihn lieben und fuͤrchten zugleich, der im Auslande das Schwert des Krieges, und daheim das Schwert der Gerechtigkeit gleich kräftig handhabt. Nicht mangelt es im reichen, anmuthigen Kijow an Omphalen, Dejaneiren und Delilas; nicht man⸗ gelt es dort an den Reizen des Lebens, und raſch und unmaͤßig erfaßt ein kraͤftig Gemuͤth das kaum Gekannte, ungern Entbehrte. Stel⸗ let den Gebieter ſeinen Schaaren herabgewuͤr⸗ digt dar, und jener Nimbus wird ſchwinden, verachtend werden die Beſſern ſich von ihm kehren, die Andern aber— nun, ſie werden thun, wie er, denn ad Regis exemplar totus com- ponitur orbis. Der geheime Widerwille Jzaslaw's gegen ſeinen Beſchuͤtzer und Oberherrn hatte ihn nicht ohne Vergnuͤgen dem raſchen Gange des Red⸗ ners folgen laſſen, gern hätte auch er Den ent⸗ wuͤrdigt geſehen, deß maͤnnliche Geiſteskraft ihn eben ſo ſehr bedraͤngte, als ſeine uͤberlegene Macht; hier aber unterbrach er den Strator lächelnd. — Beim heiligen Nikolaus!— rief er— Ihr gehet hart um mit meinen Staaten, nicht nur den reichen Ertrag meiner Fluren ſoll ich dahin * Nach der Koͤnige Beiſpiel richtet ſich die Menge. — 203— geben, die Schätze meiner Burg und meiner Städte, ſondern auch den koͤſtlichſten Schmuck, den jeglicher Eigenthuͤmer unter Allem am wi⸗ derwilligſten veräußert.— Leontios ſprach, die Schultern zuckend: Eines Andern duͤrfen ſich die Bewohner dieſes Landes ohnehin nicht ge— waͤrtigen, und des Fuͤrſten hoͤchſte Weisheit iſt es, das Unheil ſelbſt zum Heile zu geſtalten fuͤr ſich und ſein Volk. Gedenket Ihr nicht der Hekatombe von Jungfrauen, die man zu Kreta einſt dem Minotauros geopfert?— So ſei es darum,— erwiederte der Ruſ⸗ ſenfuͤrſt mit einem Seufzer— doch moͤge bal⸗ digſt ein Theſeus erſcheinen.— Er wird nicht ausbleiben;— verſicherte Angelos— bald wer⸗ den ihn die Wellen des Pontos Euxinos an dieſe Geſtade tragen, und der Minos des noͤrd⸗ lichen Graziens ſeine Hunderttauſende begluͤk⸗ ken, und einſt, geſchmuͤckt mit einem glaͤnzen— dern Diadem, eben ſo viele Millionen!— Ich ſehe— ſprach der varangiſche Minos— ſei⸗ nem Erſcheinen mit Ungeduld entgegen. Sollte er aber uͤber Gebuͤhr ausbleiben, ſo erinnert Euch, Herr Leontios, daß Ihr hier nicht allein ein Abgeſandter Cäſars ſeid, ſondern auch eine Geißel, buͤrgend fuͤr die Geſinnung des Seba⸗ ſtokrators.— Tief verneigte ſich der Konſtantinopolitaner vor dem Abgehenden, als aber die niedrige Thuͤr minder leiſe in ihre wandelbaren Angeln gefal— len war, murmelte er vor ſich hin: Gehe nur hin, der Du ſo uͤbermuͤthig in Deinem zwei⸗ deutigen Gluͤck biſt, als im Ungluck verzagt.— Zeit habe ich gewonnen— ſetzte er mit einem erleichternden Athemzuge hinzu— und das iſt nicht wenig fuͤr mich. Doch, wenn die Zeit um iſt, eitler Varangier, der Du waͤhneſt, einem Oſtroͤmer zu gleichen an Verſchlagenheit und Umſicht, dann koͤnnte es wohl kommen, daß Du Dich des Spruches des Horatius erinner⸗ teſt: Sic vos, non vobis—— Du droheſt mir, eine Geißel bin ich, der Beamte des Purpurpalaſtes in den Händen eines hyperboräi⸗ ſchen Deſpoten? Fuͤrwahr, das ſind böſe Symptomata des Herrſchfiebers, das Dich er⸗ griffen ſeit dem Eintritt in Dein Land, und man muß auf ein gruͤndlich Heilmittel den⸗ ken fuͤr einen Ruͤckfall.— Serapion— fluͤſterte er dem verſtohlen eintretenden Diener zu— ſind die Maͤnner draußen aus der Stadt, — 205— die jenes unbekannte Weib mir angekuͤndigt? Die Nacht iſt mehr denn halb verſtrichen, und ich fuͤrchte, die Wirkung Deines Trankes iſt im Begriff zu enden.— Sie warten Eures Be⸗ fehles— war die Antwort— und flehen dringend um Erlaubniß, vorgelaſſen zu werden. Doch darf allerdings Euer Geſpraͤch nur kurz ſein, denn der Morgenwind hat ſich aufge⸗ macht, und die Berauſchten zucken bereits mit den Nuͤſtern, wenn er uͤber ihre krauſen Baͤrte dahin ſtreicht.— Gleich darauf ſchlichen Jene auf den Fuß⸗ ſpitzen herein, die wir im veroͤdeten Garten mit Olga geſehn. Die Unterredung war allerdings nicht lang, aber wichtig, und ſchien zur Zu⸗ friedenheit beider Theile ausgefallen zu ſein, denn als ſie geendet war, ertheilten die Schei⸗ denden, ſich entfernend, ihrem Wortfuͤhrer The⸗ 1 ophraſtos großes Lob; der Byzantiner aber rieb ſich freudig die Hände, koſtete noch ein wenig Chier-Weines aus dem guͤldenen Becher, und warf ſich dann auf ſein Lager, wo moglich den geringen Reſt der Nacht zu verſchlummern. V. Das Heer der Polen naͤherte ſich ber Haupt⸗ ſtadt, verſtärkt durch einige Haufen ruſſiſchen Kriegsvolkes, welche Jzaslaw's drei Soͤhne, Wlodzimierz, Swientopolk und Jaropolk ihrem Vater zufuͤhrten. Doch ward die Eroberung von Kijow nicht ſo raſch vollbracht, als man es gehoffſt. Wſßzeslaw vertheidigte ſich mit Ent⸗ ſchloſſenheit, auf die Huͤlfe ſeines Vetters Wßze⸗ wolod hoffend; der erſte Sturm der Verbuͤn⸗ deten ward abgeſchlagen, und ſie umzingelten die Stadt zu regelmaͤßiger Belagerung. Zwar litten die Ruſſen großen Verluſt bei ihren haͤufigen Ausfaͤllen, doch eben ſo verderblich waren den Polen ihr Wurfgeſchuͤtz und ih⸗ re Pfeile von den Mauern und Thuͤrmen der weitlaͤufigen wohlbefeſtigten Stadt. Das Jahr 1077 kam heran. Die uͤbrigen varan⸗ giſchen Fuͤrſten, Jzaslaw und dem Koͤnige feind, verſuchten mehre Male, die hartbedraͤngte Stadt zu entſetzen, doch buͤßten ſie ihr Unternehmen mit der Aufopferung ihrer Voͤlker und ſelbſt eines Theils ihres Gebietes. Boleslaw unter⸗ warf ſich beide Ufer des Dnieper, und beſchloß 20 jetzt, Kijow, von welchem jeder Entſatz und die nothwendige Zufuhr abgeſchnitten war, durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen. Seine un⸗ ermuͤdete Thätigkeit, das uͤberhand nehmende Elend innerhalb der umringten Mauern, vor⸗ nehmlich aber das Treiben der Faktionen, die ſich ſeit langer Zeit ſchon daſelbſt gebildet, be⸗ foͤrderten, was die Gewalt der Waffen allein nicht vollbracht haben wuͤrde. Fuͤrſt Wſzes⸗ law entfloh aus der Hauptſtadt und eine Schaar Abgeordneter, an ihrer Spitze Theophraſt, der griechiſche Kaufherr, lud mit erheuchelter Un⸗ terwuͤrfigkeit den Sieger ein, in die bezwung⸗ nen Mauern zu ziehn. Als der Koͤnig vor dem Thore anlangte, welches man, wahrſcheinlich Konſtantinopel nachahmend, das Goldene nannte, warf er das leichtere Schwert, das er im Kampfe gemeinig⸗ lich fuhrte, einem Waffenträger zu, und ſprach, ſich gegen Nikolaus Strzemieniec wendend: Auf, treuer Bewahrer des Erſten der Kleinode unſers Reichs, reichet uns den Szczerbice unſeres Ah⸗ nen, der es ſeit ſeiner Zeit vertheidigt hat, und ſeinen Ruhm und ſeine Ehre feſtgeſtellt vor den Volkern des Auslandes.— Drauf ſetzte er, — 208— die gewaltige Waffe ſchwingend, hinzu: Und wie Boleslaw der Erſte, glorwuͤrdigen Anden⸗ kens, mit ſelbigem ein Zeichen hier eingegraben, ein Denkmal fuͤr ewige Zeiten, will auch der Zweite dieſes Namens ein Gleiches thun, auf daß man dieſes Tages nicht vergeſſe, noch Deſ— ſen, dem von Gott und Rechtes wegen die oberſte Lehensherrſchaft gebuͤhrt uͤber dieſe Stadt und ſammtliche ruſſiſche Lande!— Der bedeu⸗ tende Blick, den er bei dieſen Worten auf den neben ihm reitenden Jzaslaw warf, ward von dieſem nur mit einer ſtummen, tiefen Verneig⸗ ung beantwortet. Drauf hieb der König hart unter dem Merkmal, das nun ſchon ſeit neun und funfzig Jahren hier zu ſchauen war, in die goldne Pforte, und ſprengte dann, den Groß⸗ fuͤrſten hinter ſich laſſend, durch die beſturzt ausweichenden Buͤrger in die Stadt. Doch war dies zweite Zeichen dem erſten nicht völlig gleich an Umfang und an Tiefe, auch wollte man bemerkt haben, der Koͤnig habe nur mit einiger Muͤhe das gewichtige Schwert aus der ſtarken eichenen Bohle zuruͤckgezogen. Viele ſa⸗ hen darin ein ahnungvolles Zeichen, die Einen zur Befuͤrchtung, zum Hoffen die Andern. Auch „ — 209— dem konſtantinopolitaniſchen Abgeſandten war es nicht entgangen, und die Deutung die dieſer ihm gab, ſprach ſich in einem Blick und Laͤcheln aus, an Jzaslaw gerichtet, welcher dem Koͤnig lang⸗ ſam, mit finſtrer Stirn und gebuͤckt, nachritt, aͤhnlicher einem Gefangenen, als dem Gebieter, der nach jahrelanger Entfernung ſeinen trium⸗ phirenden Einzug in den Sitz ſeiner Vorväter haͤlt. Die Maßregeln, welche der Koͤnig nahm, waren kraͤftig und entſcheidend, die Ruhe in der Stadt und dem Lande wurde ſchnell hergeſtellt, die eroberten Provinzen dem Herrſcherſitz zu Ki⸗ jow unterworfen, und in einer zahlreichen Ver⸗ ſammlung ſetzte Boleslaw die Krone auf Jzas⸗ law's Haupt, ihn zum Großfurſten erkläͤrend, doch unter der Lehensoberherrlichkeit der Krone Polen, und als des Koͤnigs Statthalter. Drei andere Diademe zierten die Haͤupter ſeiner Söhne als Fuͤrſten zu Smolensk, Polock und Wyßzo⸗ grod, ein viertes ward dem Juͤngſten ihrer Bruͤ⸗ der, Mieczyslaw, aufbehalten, welcher ſich noch zu Rom bei Pabſt Gregor VII. befand. Jzas⸗ law ſprach, als dieſe Feierlichkeit voruͤher war, zu Leontios Angelos: Zwoͤlf Söhnen hinterließ 14 — 240— Wolodzimietz der Große zwölf Furſtenhuͤte; ſechs derſelben hat ſein Nachfolger nur zu vergeben, und ein Anderer vergiebt ſie ſtatt ſeiner. Einen ſehe ich noch ledig, und das Haupt, das ihn tra⸗ gen ſollte, iſt dem Grabe verfallen.— Der Grie⸗ che fragte nach der Deutung dieſer ihm unver⸗ ſtändlichen Rede, doch ward ihm keine Antwort. In derſelben Verſammlung bat der Großfurſt den Koͤnig, ihm einen öffentlichen Beſuch zu gewähren, damit ſein bei dem Volke ſehr geſun⸗ kenes Anſehn etwas hergeſtellt werde, und ver⸗ hieß eine Mark Goldes für jeden Schritt?, den Boleslaw's Roß auf dem Wege bis zu ihm thun müſſe. Dies Anerbieten war nicht zu verwer⸗ fen; des Tages darauf ward ſeine Bitte erfüͤllt. Wie nun Jzaslaw, vielleicht aus ſchuldiger Ehr⸗ erbietung, vielleicht auch, damit es der Marken Goldes nicht allzuviel werde, dem Oberherrn weit entgegen ging, ſtieg dieſer ab, umarmte ihn, und um die Abſicht dieſes Vorganges gänzlich und nach dem Geiſte der Zeit zu erfuͤllen, faßte er ————— * Totidem auri marcas; Martin Gallus; doch beſtimmt er die Entfernung nicht. ihn am Bart, und rief den umſtehenden Ruſſen zu: Sehet da ein ehrwuͤrdig und furchtbar Haupt, auch ſollet Ihr es ſcheuen und ehren!* * Pretiosum osculum— vellicans barbam- Martin Gallus. Ende des zweiten Theiles. —= ffſffſ 9 10 11 12 1 ſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſiſſſiſim 3 14 15 16 17 18 1