Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S 5 Ednard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih und eſebedingungen. 1. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pfnutnghnhende 8 kſhn oſſen. 5 2 Peseppeis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 3 für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 5 Monat: F.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Die Jagd iſt beendet, und ſchon kann man den luſtigen Hoͤr⸗ nerklang recht deutlich hoͤren— ſo rief Marek, der alte Hausmeiſter den Dienern zu, die in einem der Saͤle des Schloſſes zu Zemboein die langen eichenen Tafeln zum Morgenmahle bereiteten.— Hoͤreſt Du nicht, Geoig; ſchon wieder! Wie das ſo kraͤftig ſchmettert; das verkuͤndet gute Beute und einen ſchonen Zu⸗ wachs fuͤr das Speiſegewolbe Frau Margare⸗ thens. Es iſt doch ein herklich Ding um die Waidluſt, und in dem Forſte und auf den Bergen gehet einem das Herz gar anders auf in der friſchen, ſcharfen Morgenluft, als hier hinter dem dunkeln Gemäuer.— Hierher; un⸗ terbrach er ſich ſelbſt; hierher, chrg, das Trink⸗ 4 horn des jungen Herrn, das von dem Buͤf⸗ felſtier den er erlegt hat mit mir, als er noch beinah ein Knabe war, und ich ein gut Theil ruͤſtiger als jetzt.— Nun, ein jeglich Ding hat ſeine Zeit— fuͤr mich iſt es vorbei, nun iſt es an Dir, Georg, mein Enkel— hoͤrt der Burſche nicht? fuhr er plotzlich unwillig auf — das Horn fuͤr den Herrn Nikolaus Strze⸗ mieniec!— Der Hlgierd hat den Schluͤſſel zum Kredenzſchrein, Großvater— te Georg mit Unterwuͤrfigkeit; Ihr wißet ja, daß der alte Herr ihm ſolchen uͤbergeben.— S'iſt wahr; ſprach darauf der Hausmeiſter et⸗ was muͤrriſch: Weiß ich doch nicht, was der Herr von Zemboein an dem Burſchen hat? Mir gefaͤllt er uͤbel; ſollte man nicht meynen, er ſei aus edlem Geſchlecht, der doch nur ei— nes Leibeigenen Sohn iſt, ſo trotzig ſchaut er drein, und ſoll er etwas verrichten, ſo gehabt er ſich, als geſchehe es um Gottes Willen. Warum laſſet Ihr aber des Herrn Nikolaus Becher aufſetzen, Vater? fragte Georg neugie⸗ rig— iſt er doch nicht daheim und fern von hier im Lager von Kyow.— Was faͤllt dem Jungen ein? rief der Major domus entruͤſtet. — 5— Seit wann iſt es Sitte, daß der Sohn den Grund zu wiſſen begehrt von des Vaters Ge⸗ bot? Gehorchen, Burſche— hieß es in mei⸗ ner Jugendzeit— und nicht fragen; und ſo will ich es gehalten wiſſen wenigſtens mit Dir! Jetzt aber iſt die Jugend uͤberklug, und die Welt geraͤth in das Arge immer mehr, ſo daß auch wohl der juͤngſte Tag bereits nicht fern ſeyn F wie der gelehrte Doktor in Prag es verkuͤndet auf das Jahr unſers Heilandes 1111, und welches um ſo gewiſſer eintreffen wird, als es damit nichts geworden im Jahre Eintauſend nach unſers Herrn Geburt. Dar⸗ um aber ſollſt Du fein thun, was Dir anbe⸗ fohlen, wie ich gethan mit meinem Vater, des Seele jetzt des Himmels Licht umglaͤnzen mo⸗ ge.— Dir aber iſt es wohl gar recht, daß Dir ein Stuͤck Arbeit abgenommen worden mit dem Kredenz, damit Du beſſer Zeit habeſt, muͤßig zu ſtehn und zu ſchwatzen. Seid doch nicht ſo zornig, Herr Marek, antwortete der Juͤngling: Ihr wiſſet es ja, es iſt mir von Euch und dem Aeltervater die An⸗ hänglichkeit zugekommen an dieſes edle Haus, und ſo muͤßt Ihr es nicht Reugier ſchelten, wenn ich mich ein wenig befrage. Erwartet man den Herrn Nikolaus in der Burg, daß Ihr die Tafel ruͤſtet auch fuͤr ihn?— Hmz ſprach der Alte gemaͤßigter: wenn dem alſo iſt, mag es diesmal drum ſeyn. Und ſo will ich Dir ſagen, daß es noch kein rechter Diener iſt, der nur thut was ihm geheißen wird; einem Solchen aber, der lange Jahre im Schloſſe geweſen und von Kindesbeinen an, bis ihm die Zeit ſilberweißes Haar beſcheert hat, gebuͤhrt auch zu errathen, was man nicht geboten. Sieh, ſo lange der junge Herr hinaus iſt gegen die Ruſſen, haſt Du wohl je Frau Malgorzaten, ſein ehelich Gemahl, froöhlich geſehen und guter Dinge, und nicht vielmehr immer, wie es ei⸗ ner chriſtlichen Edelfrau geziemt, deren Herr den morgenlaͤndiſchen Ketzern gegenuͤber ſtehet, mit geſenktem Haupt und kummervollem Antlitz, und die Sehnſucht nach dem Entfernten nur beſchwichtigend durch Gebet und fromme Werke? Nun, heut' morgen, als ſie mit dem Eilboten geredet, und dann heraus kam aus ihrem Ge⸗ mach, nach loblich alter Sitte das Haus ſelbſt zu beſchicken, war ſie ganz anders— die blei⸗ chen Wangen waren wieder friſch und roth, die verweinten Aeuglein glänzten vor Freude, und dazu tönt ihre Stimme ſo hell und ſilbern durch das Haus, wie das Jubelglöcklein auf dem Dome zu Krakow. Auch ſchaut ſie gar fleißig aus nach den Jägern, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man Jemandes wartet, dem man erfreuliche Botſchaft zu geben hat, und end⸗ lich hat ſie die Tonne aufſchlagen laſſen, in wel⸗ cher die Hechte und Aale eingemacht ſind mit Wurzelwerk, und den Hirſchziemer zu berei⸗ ten anbefohlen mit geſaͤuertem Kraut; ſol⸗ ches aber ſind die Lieblingſpeiſen des hochwohl⸗ gebornen Nikolaus von Zemboein, wie ich doch wohl wiſſen muß, der ich ihn oftmals auf den Knieen geſchaukelt. Dieſes aber alles deutet an, daß derſelbe heut noch— Im nemlichen Augenblicke tonte durch den Saal ein ſeltſam ſchillerndes Gekrach, als wenn jemand ein Ge⸗ ſchirr mit einiger Kraft gegen den ſteinernen Fußboden geworfen hätte. Raſch wandte ſich der Hausmeiſter und erblickte einen Diener, der eben ſich buͤckte, das in Silber gefaßte Ende eines Buͤffelhornes wieder auf zu nehmen. Biſt Du beſeſſen vom boſen Feind, verdammter Jungez ſchrie ihm Marek zu:— daß Du des Herrn * Trinkgefäß fallen laͤßt, oder es gar wegwirfſt, das ihm das Liebſte und Köſtlichſte iſt im gan⸗ zen Schrein? Iſt ihm doch nichts wiederfahren, dem köſt⸗ lichen Horn— entgegnete der Diener mit ei⸗ nigem Trotz, indem ein bitteres Laͤcheln um den Mund zuckte, und die von rabenſchwarzem Haar beſchattete Stirn ſich in duͤſtere Falten zog.— Wohl iſt es ein köſtliches Stuͤck— fuhr er fort, indem er es vor ſich hin hielt: und theuer bezahlt mit den Peitſchenhieben, die es dem armen Tomek einbrachte, als er beim Treiben ſich nicht von dem wuͤthenden Thiere ſpießen laſſen wollte, und auf die Seite ſprang, und das theure Leben unſers gnaͤdigen Junkers ein wenig in Gefahr kam.— Ich habe es wohl nicht mit Unrecht geſagt;— unterbrach ihn der Hausmeiſter ernſt: daß der böſe Feind Dich beſitzt— der aber, der in Dir wohnt, iſt der Geiſt des Mißmuths und der Widerſpenſtigkeit — gut nur, daß es an kräftigen Mitteln nicht fehlt ihn auszutreiben aus einem Leibeigenen.— Wohl auch durch Peitſchenhiebe? erwiederte der junge Mann, deſſen bleiches Geſicht plötzlich im Purpur des Zornes aufflammte; ſo meint * ———————————— Ihr denn, daß das, was dem Einen begegnete, auch dem Andern recht ſei?— Dein Vater, der Tomek; ſprach Marek: war ein feiger Tropf und ſchlechter Dienſtmann; Du aber, huͤte Dich daß Du nicht etwas Schlimmeres ſeyſt.— Darauf entgegnete Olgierd mit abgewand⸗ tem Geſicht:— So ich es Euch nicht recht mache, Herr Hausmeiſter, moͤget Ihr es dem alten Herrn ſagen, daß er den Schrein mir abnehme; dann wandte er ſich plotzlich, und ſchritt hinaus mit feſtem Gange, auch warf er unter der Thuͤr noch einen höhniſchen Blick auf Großvater und Enkel.— Iſt es nun nicht wahr;z rief der erzuͤrnte Alte:— daß es immer ſchlimmer wird in der Welt? Wer hat jemals vor funfzig oder mehreren Jahren einen Leibeigenen ſich ſol⸗ ches erdreiſten ſehen? Und nun dieſer nichts⸗ nuͤtzige Burſch dazu, der ſo wenig taugt, als ſein Vater getaugt hat und die Mutter, von der man allerhand Dinge redet im Dorfe. — Wie mag es nur kommen; fragte Georg; daß dem Buben, dem alles gram iſt in der Burg, der alte Herr zu Zemboein ſo gewogen iſt und er ihn vertritt vor jedermänniglich? Wie — muß das nur kommen? wiederholte der Groß⸗ vater hitzig— und mußt Du das wiſſen, Gelb⸗ ſchnabel? Du taugſt ſo viel wie er, und Euch Beiden giebt der Herr das Brod als unnuͤtzen Freſſern; Dir um des Vaters willen, der fuͤr ihn das Leben gelaſſen, und des Großvaters; dem da, weiß der—— heilige Adalbert, warum?— Da ſind ſie; nun ruͤhret Euch, daß Ihr fer⸗ tig werdet, rief er dem eintretenden Geſinde zu — und indem wiederhallte der Burghof von ſchmetternden Jagdhörnern. Schau doch hin⸗ aus, Georg; ſprach er drauf freundlicher zu dem Enkel:— iſt der Herr Severin nicht noch recht ruͤſtig und ſtattlich zu Roß? und er iſt traun doch der Juͤngſte nicht mehr, ob er ſchon ein funfzehn Male weniger als ich den Storch wieder uͤber die Weichſel ziehen ſehen. Tum⸗ melt er nicht ſein Thier weidlicher denn alle Andern und ragt wohl um eines Kopfes Laͤnge uͤber die hervor, die um ihn ſind?— Ach Groß⸗ vater, wer doch ein Rittersmann wäre; ſeußzte der Juͤngling aus voller Bruſt, und das Auge feſt auf die Jäger gerichtet, die theils von ih⸗ ren Pferden abſprangen, theils mit fröhlichem Rufen den hochbeladenen Wagen umringten, auf welchem unter gruͤnen Tannenreiſern das be⸗ ſchweißte Wild aufgehäuft lag.— Wer doch ein Thor wäre, willſt Du ſagen; unterbrach der Großvater ſeine Entzuͤckung.— Wahre Dich vor dem Teufel des Hochmuths, der in jenen Olgierd gefahren iſt; biſt Du auch beſſer geboren, alser, und ein Freier, ſo iſt es doch noch weit von dem Sohn des Rottmeiſters bis zum gebietenden Herrn.— Waͤr' ich der Erſte auch nicht; meinte Georg: der aus der Niedrigkeit zu hohen Ehren gelangt waͤre, und warlich Groß⸗ vater, manchmal ſcheint es mir, als ſei ich zu was Anderm beſtimmt, als die Aufſicht zu ha⸗ ben uͤber Speiſekammer und Keller und ich denke, ich mochte den Säbel ſo gut ſchwingen uͤber dem Haupte des Feindes, als den Kant⸗ ſchuh auf dem Ruͤcken der Leibeigenen. Da ſah ihn der Großvater lachend an und ſprach: Dir ſcheint es? Wem häͤtte es nicht auch alſo geſchienen in Deinen Jahren? Auch ich hatte, da ich jung war, ſolche Grillen im Kopfe; doch muß man ſich deren entſchlagen, damit man nicht unzufrieden werde mit dem beſcheideneren Theile, das uns zugefallen. Aber was ſehe ich; Frau Malgorzata(Margarethe) unter den Herren? Solches iſt doch ſonſt nicht ihr Brauch.— Wie ſie dem Schwieger ent⸗ gegen eilt— und wie er auf einmal ſo heiter darein blickt, der ehrenwerthe Herr auf Zembo⸗ ein! Traun, Georg, der Großvater hat Recht gehabt wieder einmal, und nicht umſonſt ſteht das Buͤffelhorn auf der Tafel und nicht um⸗ ſonſt dreht ſich der Hirſchruͤcken am Spieß.— Starke Tritte polterten die holzerne Win⸗ delſtiege herauf; die ſchwere eiſenbeſchlagene Saal⸗ pforte drehte ſich in ihren Angeln und die Waid⸗ genoſſenſchaft trat ein. An ihrer Spitze befand ſich ein hochgewachſener Mann in den Jahren des angehenden Greiſenalters.— Zwar war das wenige Nackenhaar des geſchornen Haup⸗ tes ſchon ergraut, doch bluͤhte auf den Wan⸗ gen die Roͤthe der Geſundheit, noch erhoͤht durch die ſtarke Bewegung und die ſcharfe Luft des kaum erwachten Fruͤhlings; ein dichter Knebel⸗ bart bedeckte die Oberlippe, und ein leicht ge⸗ kräͤuſeltes, hellbraunes Geloͤck umgab ſein Kinn, beide noch ſparſam nur mit dem Reife des Al⸗ ters beſtreut. Seine Glieder waren kräftig und ſein Anſtand war gebietetiſch; er war mit ei⸗ 6 —— nem Wams von Bieberfellen bekleidet, welches bis auf die Hälfte der Schenkel herabging; Jagd⸗ ſtiefeln von rothgegerbter und weicher Buͤffel⸗ haut ſchloſſen ſich hoch uͤber dem Knie an; ein reiches Gewebe orientaliſcher Kunſt, auf deſſen ſilberſtoffenem Grunde bunte phantaſtiſche Blu⸗ men zerſtreut waren, ſchlang ſich unter dem ledernen Gurt, an dem das breite kurze Waid⸗ meſſer hing; ſeine Rechte trug Jägerhorn und Wurfſpieß, die er drauf den demuͤthig nahen⸗ den Dienern uͤbergab, und mit der Linken hielt er eine junge Frau umfaßt, die mit geſenktem Auge, aber ſtill vor ſich hin laͤchelnd, neben ihm herging. Ihr Gewand war von braͤunli⸗ cher Wolle, vorn uͤber einem Bruſtſtuͤck von ſchwarzem ſeidenen Stoff mit wollenen Schnuͤ⸗ ren zuſammengezogen, die an ſilbernen Heften befeſtigt waren. Das blonde Haar in Zöpfe geflochten, wand ſich theils um ihr Haupt, theils fiel es tief uͤber den Rucken hinunter, und nur zwei dichte Locken wiegten ſich auf ihren Schultern; ein einfacher, nicht gefalteter Kragen offnete ſich hart unter dem lieblichen Oval ihres Geſichtes, ſo daß man nur eben die ſchwere goldne Kette gewahrte, die ihren * Hals umſchlang; eine zweite noch gewichtigere Kette von Silber umgab ihre Huͤften und an derſelben hing das Kleinod der häuslichen Re⸗. gentin, ein anſehnlich ſauber gehaltenes Schluͤſ— ſelbund, auf einer Schuͤrze von ſchwarzem Wol⸗ lenʒeug herab. Willkommen, Herren und Nach⸗ barn, redete der Schloßherr die Gäſte, die nach und nach eingetreten waren, mit voller, tönen⸗ der Stimme an: willkommen zu Zemboein nach frohlich gepflogenem Waidwerk und mit guter † Beute. Es iſt mir heut doppelt erfreulich, Euch bei mir zu ſehen, denn nicht allein auf den Tod des Hirſches, Ebers und Baͤren werden wir beim Mahl die Becher leeren, ſondern auch auf das Leben und die Geſundheit eines friſchen jungen Jägersmannes, der fuͤrwahr nicht erman⸗ geln wird, Euch wacker Beſcheid zu thun. Zwar iſt er ausgegangen auf anderes Wild, als wir, und während wir mit Jagdſpieß und Pfeil das Volk des Waldes hier bekämpften, hob er den Saͤbel und die Streitaxt gegen die Ruſſen und griechiſchen Irrglaͤubigen auf im Heere des Koͤnigs, den Gott erhalten moͤge und der heilige Adalbert. Denn meine holdſe⸗ lige Schnur, die dieſes Hauſes ehrbare Wir⸗ ia iſt und gleichſam deſſelben guter Geiſt, hat, wie denn mir nichts als Erfreuliches von ihr zu kommen pflegt, mir die frohe Botſchaft mitgetheilt, daß wir heut noch in dieſen Mau⸗ ern den Herrn Nikolaus Strzemieniec, Erben auf Zembocin, ſehen werden.— Darauf wendete er ſich gegen den Haus⸗ meiſter und rief ihm zu— dem iſt ſo, Alter, der Sohn iſt im Anzuge.— Freudig nickte der Major domus mit dem Kopf und ſandte ſeinen Blick nach dem Enkel, als fordere er ihn auf, ſeine Scharfſichtigkeit zu bewundern. So werdet Ihr Euch, edle Genoſſen; fuhr Severin Strzemieniec fort: gefallen laſſen ein wenig mit dem Morgenmahle zu harren, denn es geziemet ſich nicht, daß der Sohn, der ein⸗ ſpricht im Vaterhauſe und der Krieger der aus dem Feldlager heimkehrt, nur die Brocken fin⸗ de vom Feſte.— Es iſt nicht der Sohn, den ich alſo ehre; ſetzte er gleichſam ſich entſchul⸗ digend hinzu; es iſt der Rittersmann und Wafſengenoß des Konigs.— Doch;— fuhr er fort zu ſprechen, ohne daß er die Antwort der Geladenen erwartete, deren größter Theil in untergeordneter Beziehung zu ihm ſtand; 5 — i6— doch wollen wir indeſſen nicht feyern, ſondern dem Willkommsbecher vor Allem zuſprechen. Zuerſt alſo, rief er, indem er ſein Trinkgeſchirr, die Hirnſchaale eines Baͤren auf zierlich gear⸗ beitetem goldnen Fuß ruhend, ein Werk byzan⸗ tiniſcher Kunſt, ergriffz auf das Wohl Königs Boleslaw des Mten, des ruhmwuͤrdigen Ver⸗ theidigers der römiſchen Kirche, des Vaters des Vaterlandes!— Hiemit bringe ich es Euch zu. — Waͤhrend die Andern Beſcheid thaten, fiel das Auge des Edelmanns auf das Trinkhorn ſeines Sohnes, und lachend ſprach er zu dem Hausmeiſter:— Es ſcheinet, als habe Alles hier in der Burg fruͤher um die Ankunft des Herrn Nikolaus gewußt, als ſein Vaterz und auch Du, alter Marek!— Da ſei Gott vor, entgegnete der Hausmeiſter: daß irgend einer Eures Geſindes vorwitzig nach etwas frage, oder von etwas plaudere, was Euch und Euer edles Haus betrifft, ſo lange Ihr, das Haupt deſſelben, es nicht verkuͤndet; denn nur fuͤr des Herrn Wort ſoll des Dieners Ohr offen ſein. Da ich aber Frau Margarethens Augen heut ſtrahlen ſah im Sonnenglanz der Freude und ihren Mund laͤcheln ſeit langer Zeit zum erſten — Mal, da hab' ich wohl etwas geahnet; denn was moͤchte meiner Gebieterin Herz erfreuen, wenn der Gemahl nicht daheim iſt, als die Hoffnung, daß er kommen wird? So wollet mir alſo als langjaͤhrigen Diener den Vorwitz verzeihen.— Schon gut; verſetzte der Herr: biſt Du doch geraume Zeit im Dienſt meines Geſchlechts, und magſt etwas voraus haben vor den Andern; auch biſt Du uͤberdem ein freier Inſaſſe. Aber— ſetzte er hinzu, indem er das Geſchirr näher betrachtete— da iſt ja die Faſſung krumm und verbogen.— Wer wartet alſo uͤbel ſeines Amtes— rief er plötz⸗ lich mit donnernder Stimme: daß er des Hau⸗ ſes Kleinode verwahrloſet, oder ſie muthwillig ſchaͤndet? Georg, nichtsnuͤtziger Burſch! wer hält mich, daß ich Deinem Kopf nicht eine Beule verſetze, gleich der, die meines Sohnes Trink⸗ horn verunſtaltet?— Gemach, hochgeborner Herr! ſagte Marek etwas trocken und ſtellte ſich vor den beſtuͤrzten Enkel: Eines moͤchte Euch doch wohl halten; die Erinnerung, daß des Jungens Vater einſt fuͤr Euch eine ſchlim⸗ mere Beule davon getragen, die ihn ſcheiden laſſen von Leib und Leben.— Auch iſt es der 5— Georg nicht, der ſolches verſchuldet, der hat Sorg⸗ ſamkeit und Pflichttreue von mir gelernt— und ſo Ihr zuͤrnen wollet, ſo gelte es dem Olgierd, denn ihm habt Ihr den Kredenzſchrein uͤberge⸗ ben, den Ihr meinem Enkel nahmt.— Ol⸗ gierd? fragte der Herr von Zemboein, und es war, als flohe plotzlich die helle Roͤthe von den gebräunten rauhen Wangen.— Olgierd? wiederholte er nochmals, indem er mit der Hand uͤber die gerunzelte Stirn ſtrich.— Fuͤrwahr, dem iſt ſo; ſprach der Alte eifrig: und ich ha⸗ be es ſelbſt geſehen, wie er den Becher, den ich und Georg gehuͤtet wie den Apfel unſers Auges, ſchmählig gegen die Steinplatten warf, und als ich ihn deshalb ſtrafte, höhnte er mich beinahe, er mich, der Leibeigene den Freien, den Erſten unter dem Schloßgeſinde zu Zem⸗ boein; denn nicht nur träge und unluſtig iſt er, ſondern auch böſer Tücke voll! 3 Eben trug der Beklagte eine gewaltige Schuſ⸗ ſel hoch aufgethuͤrmter Honigkuchen auf die Tafel, da rief ihn der Gebieter zu ſich; demuͤ⸗ thig nahte der Leibeigene, warf ſich zur Erde und beruͤhrte mit der Rechten den Fuß des Herrn. Da ſprach Severin zu ihm, doch in — 10— einem Tone, der minder hart war, als ſeine Nede: Sklav, der Hausmeiſter fuhrt Beſchwer⸗ de gegen Dich; es iſt heut ein Freudentag fur dies Haus, ſo will ich Dich nicht zuchtigen— doch wiſſe, das naͤchſte Mal daß Du Dich nach⸗ laͤßig finden läſſeſt im Dienſt, wirſt Du in den Klotz geſpannt drei Tage lang, und zeigſt Du Dich widerſpenſtig gegen die, welche beſſer ſind als Du, trägt Dein Kopf die Hornkappe, und Deinen Ruͤcken begruͤßt die Peitſche des Vogtes! Als der junge Mann jetzt das ge⸗ beugte Antlitz erhob„richtete er auf den ſtren⸗ gen Gebieter einen Blick, in welchem Trotz, Groll und Demuth ſich wunderbar vermiſchten; indeſſen ſchien der Herr von Zemboein den zwei⸗ deutigen Ausdruck ſeiner Züge nicht zu gewah⸗ ren; er ſaß gedankenvoll und bewegte gleichſam unwillkuͤhrlich die Hand gegen den Knieenden, doch zog er ſie raſch wieder zuruͤck und fuhr fort, indem er auf den Hausmeiſter deutete— Wie jetzt vor mir, ſo beuge Dich vor Dieſem, damit er Dir verzeihe, meinem Sohn zu Ge⸗ fallen, Deinem Herrn, deß Ankunft wir heut feiern.— Dieſe Worte ſchienen einen heftigen Eindruck auf den Leibeigenen zu machen,— 2* —— — 20— ſeine Augen flammten in duͤſterer Glut und ein gichtiſches Zucken bewegte ſeinen Mund; er neigte das Haupt und unbeweglich knieete er vor dem Herrn.— Gehorche, Knecht! rief dieſer in aufwallendem Zorn;z da raffte er ſich ſchnell empor, ſtand dann einen Augenblick, als ſei er unſchluͤſſig, und warf ſich nun mit wil⸗ der Geberde vor dem Alten nieder.— Als dieſer aber, vollig verſohnt durch die Genugthu⸗ ung, ihm die Hand bot, ihn aufzurichten, wies er ſie zuruck, ſprang auf und verließ den Saal, ohne waͤhrend des ganzen Vorganges ein Wort geſprochen zu haben. Darauf wendete ſich Severin zu ſeiner Schwiegertochter, die im Begriff ſtand, ſich zu entfernen, und ſagte ihr: Verlaſſet uns nicht, Frau Malgorzata! Wie ich ſehe, habt Ihr das Haus wohl beſchickt und mögt mir Eure Ge⸗ genwart gonnenz wenn ich aber Euch ſehe, iſt mir gleich dem Konige Saul im Beiſein des Pſalmiſten, und kein finſterer Geiſt mag wei⸗ len, wo Ihr ſeid.— Dankbar verneigte ſich Malgorzata, und auf einen Wink des Herrn näherte Georg nicht ohne Anſtrengung einen — mächtigen Lehnſeſſel, auf welchen ſie ſich nie⸗ derließ. Ihr ſeid ſchon fruͤh auf, und als wir in den Forſt ritten— ſprach der Herr von Zembo⸗ ein weiter— hoͤrte ich Euch bereits die Arbei des Tages unter die Mägde vertheilen. Sol⸗ ches iſt wohl löblich und geziemt einer ehrba⸗ ren Edelfrau; doch müßet Ihr des Guten nicht zuviel thun, Tochter, damit der Edelſtein mei⸗ nes Hauſes ja nicht erblinde.— Morgenſtunde hat Gold im Munde, antwortete ſie heiter— und warlich heut hat ſich dies Wort an mir bewährt, denn ſie brachte mir die Botſchaft, daß mein Herr und Gemahl wiederkehre. Wenn ich nun nicht fruͤh auf geweſen wäre, hätte ich ſie wohl eine Stunde ſpaͤter erhalten oder eine halbe; das aber gilt viel nach monden⸗ langem Harren.— Traunz verſetzte der alte Edelmann: mein Sohn hat ein trefflich Loos gezogen, denn in Euch hat. ihm das Geſchick alles beſcheert, wodurch das Weib des Man⸗ nes Herz erfreuen kann.— Schoͤnheit des Lei⸗ bes und untadelige Sitte, thaͤtige Sorgſamkeit und heitern Sinn, häusliche Wirthlichkeit und fromme Milde.— Hoͤret auf, mein Vater— — unterbrach ihn Margaretha errothend und ver⸗ legen: oder meinet Ihr, daß unter den Gaben die Eure Guͤtigkeit mir beileget, die Beſchei⸗ denheit mangelt, welche nicht gern das unver⸗ diente Lob in Gegenwart ſo vieler Zeugen ver⸗ nimmt? Verzeihet mir, Frau Tochter; ſagte Severin, ihre widerſtrebende Hand mit ritter⸗ licher Courtviſie zu den Lippen fuͤhrend; verzei⸗ het mir, wenn der Mund von dem uͤbergehet, deß das Herz voll iſt, des Gluͤckes, mein' ich, das durch Euch mir im Alter geworden iſt, in hoͤherem Maaße vielleicht, als ich——— Da verſetzte Margarethe lachend: Hoͤret man es doch, Herr, daß Ihr eine geraume Zeit am Hofe zu Carogrod(Byzanz) und zu Kyow ver⸗ weilt habt, und Ihr noch manches im Gedächt⸗ niß bewahret, was die ſchoͤnen Griechinnen viel⸗ leicht nur allzugern von Euch vernahmen. Auch darf ich nicht ſtolz werden durch ſolche Worte, denn nicht minder der Muhme habe ich ſie Euch ſagen hoͤren. Warlich nicht ſolche; ant⸗ wortete der Rittersmann ernſter: nicht ſolche, theure Frau Margaretha. Verſchiedenen das Verſchiedene. Wo ſind aber Eure Schweſtern und die Muhme? Ilga luſtwandelte mit mir im Buſch an der Wieſe— berichtete die junge Frau. Agnes betet, und Frau Chri⸗ ſtina ſchmuckt ſich, unfehlbar, um dem Herrn dieſer Burg zu gefallen, welches ihr, wenn ich nicht irre, ſchon ganz wohl gelungen.— Ihr ſeid warlich zu beneiden, hochgeborner Herr Landvogt; ließ ein alter Edelmann ſich verneh⸗ men: bei hohem Anſehn und vielem Gut trifft Euer Auge, wohin es ſich wendet, nur auf Er⸗ freuliches, und beſonders mag man dazu die edlen Frauen und reizenden Jungfrauen zah⸗ len, welche Euer Haus zieren und Euch die Erinnerung an eine Zeit zuruͤckrufen, in der, wie ich mich wohl beſinne, der ehrenveſte Herr Severin Strzemieniec fuͤr einen großen Vereh⸗ rer der Weißkopfe(pialaglowa, Weißkopf, Frauenzimmer) galt. Da ſchaute der Schloß⸗ herr unmuthig auf ihn und ſprach etwas rauh: wenn Ihr Euch dergleichen zu erinnern meint, ſo halte ich dafür, es ſei hier nicht der Ort und die Zeit, die Schätze Eures Gedächtniſſes auszuſpenden.— Der Sprecher verſtummte be⸗ troffen, Malgorzata aber hatte ſich abſeits ge⸗ wendet; ſie redete mit dem Hausmeiſter, und die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen und des al⸗ — ten Marek freundliches Laͤcheln deuteten an, der Erwartete ſei der Gegenſtand ihres Ge⸗ ſpraͤchs. nn Jetzt that ſich die Saalthuͤr wieder auf und leiſe, als wolle er die Anweſenden uͤberraſchen, trat ein anſehnlicher, junger Mann herein. Er war in voller Ruͤſtung; ein Wams von Buͤf⸗ felleder kleidete ihn, aber vollig bedeckt mit ge⸗ glätteten ſchuppenformig gelegten Eiſenplatten; von dem Guͤrtel herab ſchuͤtzte eine Schiene den vordern Theil der Schenkel und des Fu⸗ ßes, an denen goldne Sporen befeſtiget waren; ein leicht gekruͤmmtes Schwert hing an ſeiner Seite, deſſen eiſerner Griff mit unvollkommen gearbeiteten Tuͤrkiſen beſetzt warz er trug in der Hand einen kurzen eichenen Stab mit ei⸗ nem runden Knauf, in welchem, doch ziemlich regellos, viele Edelſteine derſelben Gattung ſich befanden, durch die Gewalt des Hammers in das Holz eingeſchlagen. Von ſeinen Schultern erhob ſich eine ſonderbare Zierde; zwei mäch⸗ tige Fluͤgel von ſtarkem Eiſendrath gebildet und mit Adlerfedern bekleidet, ſtiegen uͤber ſeinem Haupte empor, und gaben ihm das Anſehn eines ungeheuern Pogels, der eben aufſtrebe, um ſich in die Lufte zu ſchwingen. Kurz ab⸗ geſchnittenes braunes Haar bedeckte das unbe⸗ helmte Haupt, und uber dem laͤchelnden Mun⸗ de bildete ein leichter Knebelbart einen zierli⸗ chen Bogen. Ein Giermek(Knappe Poursui- vaut d'Armes) der ihm nachtrat, trug eine maͤchtige Wehr, einem Krönungſchwerte nicht ungleich und ſehr reich mit Juwelen aller Art geſchmuͤckt, einen Streithammer von glänzen⸗ dem Stahl und einen großen Schild vom Holz der Weichſelpappel mit ſilbernen Nägeln und Buckeln und dem Geſchlechtzeichen, dem eben⸗ falls eingerammten goldnen Steigbuͤgel in der Mitte. Das leichte Klirren der Waffenſtucke lenkte Malgorzatens Auge gegen die Thuͤr.— Eine ſchnelle Röthe uͤberzog ihre zarte Wange; das eben angefangene Wort blieb unvollendet; ih⸗ ren Lippen entfloh ein kurzer Schrei des Ent⸗ zückens, ihre Arme erhoben ſich, als wollten ſie den Eingetretenen umfangen, doch ſanken ſie alsbald hernieder; der ausgeſtreckte Fuß wur⸗ zelte am Boden, und ſo ſtand ſie, die freude⸗ leuchtenden Augen unverwandt auf den Rit⸗ tersmann gerichtet, und ihre Bruſt von raſchen 6 Athemzuͤgen gehoben. Auch der Eintretende ſchien im Begriff zu ſeyn, zu ihr zu eilen, je⸗ doch hielt er ſich gleichſam mit Anſtrengung zuruͤck; er ſah weg von ihr, als wolle er die Anziehungkraft ihres Blickes vermeiden und ſchritt gerade auf das Oberende der Tafel zu. Alle Anweſenden hatten ihre Sizze verlaſ⸗ ſen, dem Schwertträger der Krone Polen die Ehrfurcht zu bezeugen, die ſeinem hohen Range gebuͤhrte und ſtanden, ſich verneigend, mit den gefuͤllten Bechern und Trinkhoͤrnern in der Hand, in der Erwartung des Augenblickes, da man beym Schall der Zinken und Trompeten die Ankunft des Erben von Zembocin durch einen Willkommentrunk feyern wuͤrde. Nur Herr Severin war in ſeinem Lehnſtuhl geblieben; nach einigen Augenblicken erſt ſchaute er, nicht unfreundlich zwar, doch ernſt auf den Sohn und ſprach in gemeſſenem Tone: Willkommen auf Zembocin, Herr Nikolaus Strzemieniec! Als nun der hohe Krieger ſich ihm nahte, und tief ſich verneigend, mit dem gepanzerten Arm das Knie des Vaters umfing, reichte ihm dieſer die Hand zum Kuſſe und fuhr fort wie bevor: Schon lange aufgebrochen aus dem La⸗ — 2— ger zu Kyow?— Vor Monden ſchon, Herr und Vater!— erwiederte Nikolaus.— Und wo habt Ihr verweilt die Zeit uͤber?— Be⸗ reits ſeit zwanzig Tagen bin ich zu Krakow, Herr! Seit zwanzig Tagen? fragte der Alte laut und gebieteriſch.— Und waͤhrend der gan⸗ zen Zeit habt Ihr verabſäumt, den Vater zu begruͤßen und, wie es einem Ehegemahl und Erbherrn geziemt, nachzuſehen, ob es der Haus⸗ frau wohl ergehe, und den Unterſaſſen? War⸗ um das?—— Hochgeborner Herrz ſprach der junge Mann mit einigem Unmuth, den er aber alsbald uͤberwand; ich bekleide ein Kronamt; hier bin ich Euer Sohn und Diener, draußen der Diener des Königs.— Herr Severin ſchaute raſch auf ihn, doch ſchien es, als habe die Antwort ihm beſſer behagt als er den Schein haben wollte, und nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen fuhr er fort: was habt Ihr da für abſonderlich Waffengeräth, Herr Nikolaus? Zu meiner Zeit, als noch Koͤnig Kazimierz, der Wiederherſteller glorwuͤrdigen Andenkens, den Szepter fuͤhrte, gingen die Adlerfittiche abwärts, nicht in die Höhe, welches ein Anſehen giebt gleich einem zornigen Haushahn; auch war ſolches weit heilſamer gegen den Lanzenſtich der ſächſiſchen Reiter, und die Ruͤſtung aus ge⸗ ſchmiedetem Eiſen wahrte ihren Mann beſſer, denn das Stuͤckwerk, das bei jedem Schritte klappert, einer Schellenkappe gleich. Iſt dem nicht ſo, Herren und Nachbarn?— Die Herren und Nachbarn waren gleich wenig geneigt, der Meinung des geachteten Herrn auf Zemboein zu widerſprechen und durch ihre Beiſtimmung zu beſtätigen, daß die edle Geſtalt des hohen Kronbeamten einem gereizten Hahn und ſein Ruͤſtzeug einer Narrenkappe gleiche; ſo be⸗ harrten ſie Alle im Stillſchweigen und Herrn Severin's Rede ging des gewohnten Beyfalls verluſtig. Nikolaus aber antwortete: Gegen die eingelegten Speere und maͤchtigen Schwer⸗ ter der ſchwer geharniſchten Sachſen mochte die Weiſe, die Ihr nennt, Herr von Zembocin, al⸗ lerdings erſprießlich ſeyn fuͤr die leichter berit⸗ tenen und gewaffneten Sarmaten, die in plotz⸗ lichem Angriff und ſchleunigem Ruͤckzug oft⸗ mals dem Feinde, obſchon nicht unruͤhmlich, den Ruͤcken wendeten; den Ruſſen jedoch ge⸗ genuͤber, die uns gleich ſind an Schnelle und Bewaffnung, ſchuͤtzt der aufwärts ſtrebende Fittich den Mann mehr vor dem krummen Saͤ⸗ bel des Gegners und das gewichtige Waffen⸗ zeug taugt dem Polen nicht, der nun einmal ſich eignet zum raſchen Treiben leichter Rei⸗ terei. Beifällig horchten die Gäſte der Entſcheid⸗ ung des vornehmen Kriegsherrn; der Vater aber ſchuttelte mißbilligend das Haupt und eine abweiſende Bewegung der Hand deutete dem Sohn an, das Geſpräch ſey geendet. Nun erſt durften die langgetrennten Gatten ſich des Wie⸗ derſehens freuen, waͤhrend unter dem Schmet⸗ tern der Hörner die Verſammlung auf das Wohl des erlauchten Kronſchwerttragers trank, und Herr Severin, der jetzt ſeiner Wurde als Haus⸗ herr und Vater genug gethan zu haben meinte, aus vollem Herzen und mit kraͤftiger Stimme in den Jubelruf einſtimmte. Doch bald trennte der Herr von Zembocin die Umarmung der Gluͤcklichen, den Sohn bedeutend, es ſey nun angemeſſen, daß er den ehrbaren Gaͤſten Be⸗ ſcheid thue mit gebuͤhrendem Dankſagungtrunk. — Es wird Zeit zum Mahle, ſprach der froh⸗ liche Schloßherr— ſo vergönnt denn, Frau Zochter, daß man nachſehe, ob Fräulein Ilga 3 heimgekehrt iſt vom Luſtwandeln, ob Fräulein Agnes ihre Andacht gehalten und Frau Chri⸗ ſtina ſich ſchoͤn genug findet, dieſes jungen Rit⸗ tersmannes Blick unterweilen auf ſich und von dem Kleinod abzulenken, daß ihn ſein fuͤrwahr wunderbarlich Gluͤck hat finden laſſen.— Eben traten die Erwaͤhnten ein. Zuerſt ſehen wir die Frau Chriſtine, die Gattin des Miecislaw Skalmierz, der an der Spitze eines Fäͤhnleins Reiter dem König an die Ufer des Boryſthenes gefolgt war. Durfte man von den bluͤhenden Wangen, den Sieger⸗ blick des dunkeln Auges, der raſchen Beweglichkeit der reitzenden Geſtalt auf die Stimmung ihres Gemuͤths ſchließen, ſo trug ſie die Abweſenheit des Gemahls um ein gutes Theil gelaſſener als ſie Margaretha getragen, und der Kummer um den Entfernten ſchien weder ihrer Geſundheit noch Heiterkeit Eintrag gethan zu haben, noch dem Beſtreben zu gefallen, das ihr Weſen und ihre den byzantiniſchen Frauen nachgeahmte Klei⸗ dung ankuͤndigten. Neben ihr zeigte ſich eine anmuthige Geſtalt, Malgorzatens Ebenbild im verjuͤngten Verhaͤltniß, Ilga, die letztgeborne ih⸗ rer Schweſtern. Wie dieſe, hatte ſie blondes 5= Haar und ihr Auge war blau; doch blickte es raſcher umher und ein leichter Ausdruck ſchalk⸗ haft heitern Sinnes ſpielte oft um den lieblich geformten Roſenkelch ihrer Lippen. Zuletzt er⸗ ſchien langſamen Schrittes mit geſenktem Haupt und klöſterlichem Anſtand Agnes, um mehrere Jahre aͤlter als die Gemahlin des Schwertträ⸗ gers; nur einmal auf kurze Zeit erhob ſich ihr Auge auf die gerauſchvolle Verſammlung, in die ſie trat, und heftete ſich darauf wieder an den Boden, als verſage es ſich den Anblick ei⸗ ner Welt, der das Fräulein auf immer zu ent⸗ ſagen im Begriffe ſtand. Als der Schloßherr die Frauen gewahrte, verließ er ſchnell ſeinen Sitz— mit ſittigem Weſen und großer Freundlichkeit bot er, ſie be⸗ grußend, ſeine Hand der Frau zu Skalmierz und fuͤhrte ſie durch die ausweichenden Jagd⸗ genoſſen auf den Ehrenplatz an der Tafel. Wah⸗ rend dem die erſten Speiſen den Hunger ſtill⸗ ten, den die Waidmänner im Forſt erjagt hat⸗ ten, fuͤhrte der Herr von Zemboein allein das Wort, meiſt mit den Frauen verkehrend, und nur ſelten richtete er eine kurze Frage an ſei⸗ nen Sohn, dem der ſcharfe Ritt von der Haupt⸗ ſtadt her ebenfalls Eßluſt genug gegeben, um, während dem fluͤſternden Geſpräch mit Mal⸗ gorzaten, den bereiteten Lieblingſpeiſen alle Eh⸗ re anzuthun. Als aber die Schuͤſſeln ſich zu leeren begannen und die bei der Mahlzeit die⸗ nenden Eigenen die Trinkgeſchirre fleißiger full⸗ ten, wendete ſich die Unterhaltung auf die Jagd und auf den Krieg. Die Edelleute horchten mit Wißbegierde der Rede des Feldoberſten, die ihnen Stoff geben ſollte auf manchen langen Winterabend zum Geſchwätz bei der Flamme des Kamins. Als nun Nikolaus, den Aufforderungen nachgebend, das berichtete, deſſen Darſtellung uns der Gang dieſer Geſchichte fuͤr eine andere Zeit aufſparen heißt, ward auch der Herr von Zemboein nach und nach ein aufmerkſamer Zuhörer, doch nicht ohne hier und da eine ſeiner Meinung nach berichtigende Anmerkung einzuſchalten. Waͤhrend alſo die Tafelrunde das vernimmt, was zu erfahren uns noch nicht geſtattet wird, ſey es vergonnt, einen Blick auf die zu wer⸗ fen, welche ſich, ohne zu jener zu gehören, ge⸗ genwaͤrtig befinden. Hinter dem Stuhl des Gebieters ſehen wir Marek, den alten Hausmeiſter freundliche Blicke auf den jungen Herrn des Hauſes werfen, und ihn bewundern in ſeiner kriegeriſchen Herrlich⸗ keit, auch wohl dem Alten heimlich zuͤrnen, daß er ſo rauh ſey gegen den edlen Sohn, den ſeine Wuͤrden und Kriegsthaten hoch geſtellt hatten im Reich, und wenn Frau Margarethens Blick dem ſeinigen begegnete, deutete er ihr durch ein Neigen des Hauptes und bedeutendes Lächeln den Antheil an, den der bejahrte, treue Diener an dem Gluͤcke nahm, das ihr der heu⸗ tige Tag gebracht. Indeß zeigte ſich mitunter der Ausdruck der Unzufriedenheit auf ſeinem Antlitz, wenn er gewahrte, wie läſſig Georg, ſein Enkel, heute des Dienſtes pflege. Als ſeyen ſeine Gedanken weit entfernt, ſtand der Jüng⸗ ling zerſtreut und der Beduͤrfniſſe der Gelade⸗ nen, auch wohl ihres Zurufes nicht achtend; und doch ſchien es wieder, als ſey ſein Geiſt feſtgebannt wie ſein Auge und ſein Ohr auf eine Stelle der Tafel, auf welche jenes unver⸗ ruͤckt gewendet war, und von welcher dieſes den leiſeſten Laut auffing. Dem jungen Ehepaar zunaͤchſt ſtand Olgierd; es war, als ob er des 3 „ — echaltenen Verweiſes noch mit Scham und Ingrimm gedächte, denn er ſchaute däͤſter drein, und verrichtete die Handreichung die ihm ob⸗ lag mit einem gewiſſen Ungeſtuͤm, der nur dann weniger ſichtbar ward, wenn Frau Margare⸗ thens ſuͤße Stimme ein freundlich gebietendes Wort an ihn richtete. Er theilte wohl die Freude nicht, mit der die Ruͤckkehr des jungen Ritters auch den Geringſten unter dem Schloß⸗ geſinde zu Zemboein erfullt hatte, denn er hielt ſich abſeits von ihm, als vermiede er einen un⸗ erfreulichen Anblick. Der Krieg war beſprochen; manches Won uͤber die Verhältniſſe, die ihn erregt, war dem Kronſchwertträger enkfallen, nicht hinreichend, den Anweſenden das zu enthüllen, was ihnen vielleicht verborgen bleiben ſollte, doch genuͤgend denen, die ſo glücklich geweſen, es aus dem Munde eines ſo hohen Herrn zu vernehmen, mit gehö⸗ rigen Zuſaͤtzen ausgeſchmuͤckt, weit umher in der Landſchaft ein gewiſſes Gewicht zu verleihen, da richtete Nikolaus das Wort an Herrn Se⸗ vetin— Was wuͤrdet Ihr ſagen, Herr und Vater! ſprach erz wenn ich Euch ankuͤndigte, daß ich Gäſte auf das Schloß Zembocin gela⸗ den mit Eurer Vergunſt und Euch erſuche ſchon heute Abend ſie aufzunehmen mit der Gaſt⸗ freundlichkeit die Euch eigen? Denn in wenig Stunden ſchon werden ſie erſcheinen.—— Ich wuͤrde ſagen— verſetzte der Alte, auf deſſen Stirn ſich ſchnell eine Wolke des Un⸗ muths zeigte— ich wuͤrde ſagen, Herr Schwert⸗ träger, daß Ihr noch um einige Jahre zu fruͤh Euch deſſen vermeſſen, da bis jetzt ſolches nur dem Herrn auf Zemboein zukommt, deſſen Sohn Ihr ſeid, wie Ihr vor kurzem geſagt, und Diener, möget Ihr gleich ein vornehmes Reichs⸗ Amt bekleiden.— Das Mißfallen an ſo har⸗ ter Begegnung, welches Severin auf den Zü⸗ gen der Jagdgefaͤhrten las, hätte vielleicht ſtatt ſeinen Zorn zu mäßigen, ihn noch mehr ge⸗ reizt; doch Malgorzata, die während der kur⸗ zen Zeit ihres Eheſtandes oft das Amt der Vermittlung uͤbernommen, neigte ſich zu ihm; ſie fliſterte ihm einige Worte zu, und ſchnell und ſpurlos verſchwanden die Falten von des Schwiegervaters Angeſicht. Da ſprach Niko⸗ laus laut und mit bewegter Stimme: Eben Kraft des Amtes, deſſen Ihr erwähnt, habe ich ſolches gethan, und wenn Ihr die Bitte des 3 6 Sohnes zuruͤckweiſet, ſo befehle ich, ein Wuͤr⸗ dentrger der Krone und Feldhauptmann von Kleinpolen Euch, dem Edelmann auf Zembo⸗ cin und Landvogt zu Proßowice, denen, welche ich meine, unweigerlich die Thore der Burg zu öffnen, und mit ihnen nach der Weiſung zu verfahren, die Ihr von mir erhalten werdet. Mancher gefuͤllte Becher ward unberuͤhrt wieder niedergeſetzt, manch Stuͤck lockeren Ho⸗ nigkuchens entglitt der Hand, die es zum Mun⸗ de fuͤhren wollte; die Tafelfreunde blickten er⸗ ſchrocken auf den Gaſigeber, wähnend, er wer⸗ de nun auffahren in wuͤthendem Zorn, und es werde zwiſchen den hochgebornen Herrn ein Zwiſt beginnen, bei dem es fuͤr den Niedern mißlich war, Parthei zu nehmen; doch Severin Strzemieniec wendete ſich gegen Frau Marga⸗ retha und ſprach: Ihr wollet es ſo, werthe Schnur— Nun Ihr ſeyd dieſer Burg gebie⸗ tende Frau, und wenn es Euch genehm iſt, jene unbekannten Heimſucher zu empfangen, ſo werden ſie auch mir willkommen ſeyn.—— Da klangen die Becher wieder fleißig, das un⸗ terbrochene Geſpraͤch erhob ſich von Neuem und ward laut; der alte Haushofmeiſter rieb heim⸗ „. 6 lich die Häͤnde gegen einander, ſich freuend, daß der ſtrenge Herr diesmal auch ſein Theil be⸗ kommen; Olgierd aber warf einen Seitenblick auf den Gebieter, und ein herbes Lächeln ent⸗ ſtellte fuͤr einen Augenblick ſeine wohlgebildeten Zuͤge. Als das Mahl geendet war, trat Herr Nikolaus in ein Fenſter mit dem Vater, und Beide begannen ein leiſes Geſpräch, zu dem alsbald auch Marek, der Major domus, gerufen ward.— Wie ſie darauf die Halle verließen und der Rittersmann an Olgierd voruͤberging, blieb er ſtehen und redete alſo zu ihm: Ich hoͤre we⸗ nig Gutes von Dir, Burſch, und es iſt mir leid, daß der Jugendgeſpiele ſo ubel ausgeartet, wie ſie ſagen. Auch habe ich bemerkt, daß Du nicht mehr biſt wie ſonſt.— Druͤckt Dich et⸗ was, Idzi; mangelt es Dir an dem was Du bedarfſt? Als) in dies Schloß trat, rief Alles mir ein freudiges Willkommen entgegen, nur Du bliebſt ſtumm. Verbanne den unſeli⸗ gen Mißmuth, der ein böſer Fuͤhrer iſt fuͤr den Menſchen, und ſo ich Dir helfen kann, vertraue Dich mir.—— Was ſollte mir auch man⸗ geln?— entgegnete Jener mit höhniſch trotz⸗ gem Tone und der Geberde tiefer Unterwuͤrſig⸗ keit— Eſſen und Trinken vollauf!— Was gebuͤhrt dem Sklaven anders? Iſt es auch an ihm, ſich zu freuen oder Kummer zu fuͤh⸗ len?—— Wenn es ſo ſteht mit Dir— ſprach Nikolaus kopfſchuͤttelnd— ſo biſt Du warlich an der Stelle, die Dir zukommt.—— Der Ritter entfernte ſich und vernahm die Worte nicht, die der Leibeigene durch die zu⸗ ſammengebiſſenen Lippen preßte. I. Etwa eine Viertelſtunde Weges vom Schloſſe Zemboein ergießt ſich zwiſchen hohen Ufern ein Bach, der im raſchen Lauf der nicht entfernten Weichſel zueilt. Einige uͤber denſelben gewor⸗ fene Fichtenſtämme, durch In Geflecht von Weidenzweigen verbunden, bilden ein ſchwan⸗ kendes Bruͤcklein, unter welchem in einer Tiefe von ungefaͤhr dreißig Fuß die Wellen murmelnd und aufſchaͤumend in kleinen Wirbeln uͤber den unebenen Grund ſchlupfen. Mitunter draͤngt ſich eine Forelle durch das Waſſergras und die w mit Schlingpflanzen bewachſenenen Steine, durch die klare Fluth in rothlich geſprengtem Schup⸗ penglanz dem Fiſcher eine willkommene Beute ſich darbietend, und hochſtengelige Maiblumen und blätterreiches Vergißmeinnicht beugen ſich über das Ufer hinab, beperlt von den Tropfen, die an den kleinen Klippen aufſpritzen. Ein nied⸗ riges, doch dichtes Gebuͤſch von jungen Mayen und Buchen, untermiſcht mit den Straͤuchern der wilden Roſe, bekränzt von beiden Seiten das Ufer des Baches, gegen die Brucke zu ſich zu einer Art Luſthain geſtaltend, durch den ein enger Pfad fuͤhrt. Doch hat die Aprilſonne erſt wenig Blätter entfaltet, die Roſengeſträu⸗ che ſtehen noch ſchwarz und dornig und man erblickt durch das ſparſame Laub gegenuber die uralten Ulmen und Buchen des Hochwaldes und ſeitwärts die Mauern des Schloſſes zu Zemboecin. Vergeblich wuͤrde man in einer polniſchen Ritterburg, die ſchon im Jahre 1078 der Wohn⸗ ſitz mehrerer Geſchlechtfolgen geweſen war, ein Erzeugniß gothiſcher Baukunſt zu finden wah⸗ nen, welche ſelbſt in den weſtlichen Ländern Europens erſt ſpäter die Bauſtämme ihrer ge⸗ — 5* heiligten Haine und ihre Laubkronen nachahm⸗ ten, und ſchon war der Kunſtſinn des Alter⸗ thums verſchwunden, der nach dem zierlichen Blätterfall des Lotos und Akanthos die Kapi⸗ täler ſeiner Säulen formte. Das Hauptgebaͤude des Schloſſes war ein unregelmaͤßiges Fuͤnfeck, deſſen eine größere Seite in einer Rundung hervortretend, einem weiten niedrigen Thurm glich, an welchem drei oder vier kleinere Thuͤrmchen oder Erker angebaut waren. Wenige Fenſter hatte man durch die ſtarken Mauern gebrochen, meiſt breit und niedrig und in ungleicher Rich⸗ tung und Entfernung; doch war bey einigen der obere Theil gewoͤlbt und die Pfeiler zwi⸗ ſchen ihnen glichen unvollkommenen Säaͤulen aus der Zeit, die man die byzantiniſche nennt. Höoͤlzerne Gaͤnge, hart unter dem Dach hinlau⸗ fend, verbanden die Erkerthuͤrme mit einander, und ſchienen beſtimmt, im Falle einer Belager⸗ ung, der Beſatzung theils zum Vereinigungmit⸗ tel, theils zum Standpunkt zu dienen, von welchem ſie Pfeile, Steine, heißes Waſſer und ſie⸗ dendes Pech auf den Feind herabſenden konnten. Aehnliche Gänge, die zu den Nebengebäuden mit⸗ unter in ziemlicher Entfernung fuͤhrten, gewähr⸗ E—— ten, hoch in der Luft gleichſam ſchwebend, ei⸗ nen ſeltſamen doch mahleriſchen Anblick; die übrigen Wohnungen und Wirthſchafthaͤuſer, die den Hofraum umgaben, waren nur von Holz oder Lehm erbaut, denn obſchon es in der Gegend des nur vier Meilen entfernten Kra⸗ kow an Steinen nicht mangelt, ſo hatte ſich doch der Stolz des Adels das Vorrecht vorbe⸗ halten, ſie zum Bau ſeiner Wohnſitze zu ge⸗ brauchen. Ein halb durch die Natur, halb durch Menſchenhand errichteter Wall von un⸗ gleicher Höhe und Ausdehnung umgab das Schloß Zembocin und von dem Fuße deſſelben zog ſich das Dorf hin auf Hügeln und durch kleine Schluchten, wie die unebene Gegend und der Wille des Grundherrn den Inſaſſen geſtat⸗ tet hatte, ſich anzuſiedeln. Doch hob ſich aus dieſen unordentlichen Hüttenreihen noch ein Ge⸗ bäude empor, unfern der Burg, und einen ſcho⸗ nern Anblick als dieſe darbietend. Es war die Kirche. Erbaut im Anfange des 14ten Jahr⸗ hunderts von Eudoxien, einer griechiſchen Prin⸗ zeſſin,(deren Vater der Fuͤrſt zu Kyow, Wo⸗ lodzimierz der Große, und deren Mutter, Anna, des byzantiniſchen Kaiſers Baſilius Tochter ge⸗ — weſen und welche Einige Boleslaw des Held⸗ muͤthigen Koͤnigin, Andere ſeine Geliebte nen⸗ nen), trug ſie deutliche Spuren des oſtromiſchen Geſchmacks ſeit der Zeit, als unter den Stuͤr⸗ men der Volkerwanderung mit der Macht der Weltbeherrſcher auch ihre alte Kunſt unterge⸗ gangen war. Aufgefuͤhrt in der Form eines griechiſchen Kreuzes, war ſie von Außen mit vielen Saͤulen geſchmuͤckt, deren etwas unver— haltnißmäßige Schlankheit und uͤberreich ver— zierten Kapitäler dem Auge des Kenners nicht genügt haͤtten; kleine ſchmale Fenſtern, welche die Rauheit des Klimas den weit geoffneten Hallen griechiſcher Tempel vorziehen laſſen, ga⸗ ben dem Gemaͤuer im Widerſpruch mit der Saͤulenordnung ein Anſehn von Leere und Nacktheit, und die Schießſcharten, die das nur wenig erhobene Dach umgaben, und in deren Errichtung man unfehlbar den Nutzen mehr im Auge gehabt, als die Schönheit, machten das Gotteshaus geeignet, im Falle der Roth als Eitadelle gebraucht zu werden. Ein mäßig ho⸗ her Thurm, der an der Seite des griechiſchen Kreuzes angebracht war, die nach dem Schloſſe zuging, ebenfalls mit einer Unzahl Säulen ge⸗ ſchmuͤckt, welche ſeine Rundung uͤber die Ge⸗ buͤhr erweiterten, und die zackigen Zinnen die auch auf ihm ſich erhoben, gaben dem ganzen Erzeugniß morgenländiſcher und nordiſcher Ar⸗ chitektur eine ziemlich abenteuerliche Geſtalt. An der Bruͤcke uͤber den Bach, von wel⸗ cher man das eben Beſchriebene uͤberſehen konn⸗ te, ſtand Olgierd der Leibeigene. Wahrſchein⸗ lich entgingen ſeinem wenig geuͤbten Auge die Maͤngel, die wir eben geruͤgt haben, und das, was er jetzt aufmerkſam betrachtete, mochte ihm als ein ſtolzes Denkmahl der Macht des Adels und der Kirche erſcheinen, aber es war nicht, als ob ihn der Anblick erfreue; je mehr er hinſtarrte, je mehr zogen ſich ſeine Augen⸗ brauen zuſammen, und kurze, heftig herausge⸗ ſtoßene Worte draͤngten ſich aus der bewegten Bruſt. Euer Mitleid haß' ich— rief er dumpf und keuchend— wie ich Eure Mißhandlung ver⸗ achte! Bin ich auch geeignet, ein Spiel der Launen zu ſeyn, wie der Hund, den nach Ge⸗ fallen der Herr ſtreichelt und ihn zuchtigt, mit dem der eigne Knecht gleich geſchätzt wird, oder geringer als er? Wahrlich, nicht wie der Hund — 1— werd' ich mich unter den Füßen krümmen, die mich getreten, und geſchaͤhe es, ſo wahret die Ferſe vor dem biſſigen Zahn, daß er ſie nicht packe und Euch verwunde zum Tode, wie Je⸗ ner es thut, wenn ihm der Geifer der Wuth den Rachen vergiftet. Quälet nur immer, mar⸗ tert den, den ihr geringer achtet als den Fal⸗ ken, der geblendet auf Eurer Fauſt ſitzt und ſeine Klauen in Euer Fleiſch hauen wuͤrde, und ſeinen Schnabel in Eure Augen, waͤre er ſich ſeiner Staͤrke und Schnelligkeit bewußt; nicht wie er, wuͤrde ich herabkommen aus den lufti⸗ gen Höhen, wo die Freiheit wohnt, der Pfeife gehorchend, die ihn ruft, daß er ſich geduldig die Kappe uͤber den Kopf ziehen laſſe. Mar⸗ tert nur immer fort, doch wähnt nicht, es ſolle der Gequälte Euch lieben!— Vor allen Leib⸗ eigenen, ſagen ſie, hat der Alte den Olgierd werth gehalten, ja gleich einem Freyen? Die Hölle möge es ihm danken! Wäre ich umher⸗ gekrochen wie die Andern in Verworfenheit und Elend von Jugend auf, ſo wuͤrde ich wie ſie denken: es kann nicht anders ſeyn; nimmer hätte ich den Blick auf das gerichtet, was mir verſagt iſt und in gluͤcklicher Dumpfheit die Pein des Entſagens vertraͤumt. Was will er mit mir, der ſchnode Graukopf; er, der ſelbſt dem erlauchten hochgefeyerten Sohne gegenuͤber, nur ein ſtrenger Gebieter iſt; was hat er mit mir, daß ſeine rauhe Stimme ſich unfreiwillig mildert, wenn er zu mir redet? Was mag ich ihm ſeyn, daß ſein Blick, ſonſt ſo kalt und herriſch, ſich umwolkt, wenn er auf mich fällt? Iſt es darum, daß er das Gefuͤhl in mir wecke, auch ich ſey ein Menſch, um darauf, wenn ich das Haupt erhebe und die Seele mir aufſtrebt in angeborner Kraft, mich höhnend zuruͤck zu ſtoßen in den Abgrund der Niedrigkeit? Spiele nur, Alter, ſpiele mit dem gezähmten, angeket⸗ teten Wolf, doch huͤte Dich, daß ſeine Feſſel nicht reiße! Ich verfluche Deine trugeriſche Milde, Tyrann, wie ich das kaltherzige Mit⸗ leid deſſen verfluche, der ſich meinen Jugendge⸗ ſpielen nennt! Jugendgeſpiele? wiederholte Ol⸗ gierd, und ſein Ingrimm machte ſich Luft in einem ſpottenden Lachen.— Warum nicht? Iſt der leibeigene Knecht nicht der Ehre theil⸗ haftig worden, die Krähen aufzuſuchen, an de⸗ nen der junge Herr die Erſtlinge ſeiner Waid⸗ kunſt erprobt? Hab' ich nicht oftmals duͤrfen — 46— Moor und Bruch durchwaten, um die Kriech⸗ enten zu holen, die ſein Bolzen getroffen? Bin ich nicht ſogar gewuͤrdigt worden, die Streiche zu empfangen, die mein hochgeborner Geſpiel verwirkt, wenn er des Vaters Roſſe uͤberjagt hatte, oder dem Kapellan die Buͤcher verſteckt, um der Lehrſtunde zu entrinnen, die ich mit ihm theilen mußte, damit des Paters Spruͤche doch wenigſtens Einen Zuhörer fänden? Hab' ich ihm nicht ſpäter den Steigriemen gehalten, und bin hinter ihm drein geritten durch Nacht, Regen und Sturm, im wilden Wald und auf grundloſen Pfaden, als er nach Skalmierz ritt jegliche Woche dreymal, um Frau Margarethen zu freyen? Füͤrwahr in dieſer Genoſſenſchaft iſt mir nicht der beßte Theil gefallen, nicht bei jenen Jagden, nicht bei dieſen Ritten!— Und er fragt mich, was mir mangele? So kuͤhl, ſo unertraͤglich mitleidig, als fragte man den Todtkranken, ob es ihn auch hie und da ein wenig ſchmerze? Und wie das Gefuͤhl des Elendes ausbricht in Worte, in bittre grimmi⸗ ge Worte, damit ich mich nicht ſchände durch weibiſche, fruchtloſe Klage, ſo meint er, es ſey ſchon recht wie es ſey, und geht zufrieden von — 47— dannen. Dem iſt aber mit Nichten alſo, Herr Nikolaus Strzemienice! Ihr waret ein Knabe und ſeyd ein gewaltiger Herr worden, einer der Großen im Reich, der dem Vater ſelbſt gebie⸗ ten mag im eignen Hauſe; der leibeigene Knabe iſt auch zum Mann empor gewachſen, und im⸗ mer iſt er noch was er war, ein Knecht; doch hat ſich auch ihm ein weiteres Feld aufgethan, auch ihm behagt, was Euch gefällt, auch ihm leuchtet die Sonne, glaͤnzt die Frucht, auch ihm ſtrahlen die Augen der——— Dem Stärkern gehört die Welt— werd' ich immer der Schwächere ſeyn? O duͤrft' ich nur ein⸗ mal, auf eines Augenblicks Dauer nur, die Kraft entzuͤgeln, die ich fuhle, damit Ihr, ſey es auch zu meinem Verderben, gewahrtet, wie ich Euch haſſe; Dich, Du launenhafter Zwingherr; wie ich Dich haſſe, aberwitziger Graukopf! und jenen weibiſchen Jungen, Deinen Enkel, der gar ſtolz auf mich herabſieht, weil er eines Haa⸗ res breit uͤber der Liefe ſteht, in die mich das Loos geſchleudert, aber vor Allen Dich, Du Glücklicher— Da unterbrach ihn eine klangvolle, doch tiefe weibliche Stimme mit der Frage: Haſſeſt Du ſie auch wirklich, Sohn?— Es war eine Frau, gekleidet in den gewohnlichen Kittel von un⸗ gebleichtem Linnen, welche damals die Bauerin⸗ nen in den wärmeren Jahreszeiten trugen, die dieſe Worte an ihn gerichtet hatte; ein ſchleier⸗ ähnlich gefaltetes Tuch bedeckte ihren Kopf, ſie trug in der Hand eine Huͤrde voll friſch ge⸗ pfluͤckter Kräuter und Wurzelwerk. Wie fragſt Du mich alſo, Mutter? erwiederte Olgierd— haſt Du mich auch je gelehrt, die zu lieben, die mir weh thun? Ja, beinahe moͤcht ich auch Dich haſſen, die Du mir ein Leben gegeben, das der Schmach und dem Schmerze geweiht iſt.—— Dagegen moͤchte ſo man⸗ ches ſich einwenden laſſen— ſagte drauf die Frau, mit zweideutigem Lächeln, dann ſetzte ſie hinzu: Wohl habe ich Dich niemals gelehrt, Böſes mit Gutem zu vergelten, wie es Man⸗ cher gebietet, der ſelbſt den Spruch nicht be⸗ folgt; doch gelehrt hab' ich Dich, des Herzens Empfindung zu verſchließen, auf daß ſie nicht verfliege in eitlem Dampf. Was frommet es Dir, Dein Leid den Fiſchen des Baches vorzu⸗ tragen und den Baͤumen und Steinen, hier wo Dich Niemand hört als der ſpottende Wie⸗ „ derhall, der Dir nachſpricht, was ja Du laͤngſt ſchon gewußt, daß Idzi ein leibeigener Sklav iſt?— So eines Menſchen Ohr Dich vernäh⸗ me, wahrlich es möchte Dir Schaden bringen. Wäreſt Du ein Weib, ſo wurde Dir die Klage anſtehn, dem Manne geziemt die That.—— Und wo ſind die Werkzeuge, damit ich ſie voll⸗ bringe? fragte Hlgierd bitter,— wo find die Heerhaufen, die ich dem Feldhauptmann des Koͤnigs gegenuͤber ſtellen mag, wo das adlige Wappen das ich aufſtellen darf in den Schran⸗ ken, damit ich den lebermuͤthigen fordere zum Kampf um das, was ihm das Gluͤck beſchie⸗ den, und mir verſagt hat, dem das Preisliche nicht minder gebuͤhrt, als dem verzogenen Sohn des Ueberfluſſes?—— Es iſt hier nicht der Ort von ſolchen Dingen zu ſprechen— fiel ihm die Mutter in die Rede— folge mir nach Hauſe. Hinter dem Gebuͤſche, deſſen wir Erwaͤhn⸗ ung gethan, zog ſich eine Wieſe bis an den Rand des Hochwaldes; unter den erſten Baum⸗ wipfeln deſſelben am Ufer des Baches, der hier eine Kruͤmmung bildete, lag umgeben von jun⸗ gem Geſtraͤuch ein kleines Gebaͤude. Es war 4 . nicht einer Bauernhuͤtte aͤhnlich, auch nicht ei⸗ nem ritterlichen Wohnſitz; von geringem Um⸗ fang, doch von Stein erbaut, glich es einem Jagdhauſe. Seine Fenſtern waren hoͤher als ſelbſt die Fenſtern auf der Burg Zembocin, und die Scheiben beſtanden theils aus Marienglas, theils waren ſie von gewöhnlichem Glaſe, mit der Mahlerei verziert, deren Geheimniß ſich nicht bis auf unſere Zeiten erhalten. Die Gruͤn⸗ derin der Kirche zu Zemboein, Fuͤrſtin Eudoxia, hatte, ſo lautete die Sage, es eine Zeitlang bewohnt, um dem Bau näher zu ſeyn, vielleicht auch um in der Einſamkeit gewiſſe Fehltritte zu buͤßen, oder Manchem zu entrinnen, das ſie in Folge deſſelben, wie man meinte, ge⸗ troffen. Deutete das Aeußere des Hauſes auf den Rang der fruͤhern Beſitzer, ſo hatte die jetzige Bewohnerin auch nicht ermangelt, fuͤr die Annehmlichkeit eines Aufenthaltes Sorge zu tragen, welchen der Grundherr Severin Strzemieniet ihr aus Gruͤnden angewieſen, die der Verfolg dieſer Darſtellung enthuͤllen wird. Die geruchreichſten Blumen der ſarmatiſchen Flora, untermiſcht mit manchem Erzeugniß ſüd⸗ licher Landſtriche, umgaben zierlich geordnet das * — — 531— kleine Gemaͤuer und gediehen luſtig in der Nä⸗ he des erfriſchenden Waldſtroms und vom na⸗ hen Forſte vor dem Nordwind geſichert; der ſchmale Gang, den ſie begraͤnzten, war ſorg⸗ ſam mit gelbem Kiesſand beſtreut, und hin und wieder die Geſträuche, an denen die Knos⸗ pen ſich zu erſchließen begannen, in luftige, ſchattenreiche Lauben zuſammen gebogen. Auch glich das Innere dem Aeußern an ſorgfaͤltiger Pflege und Reinlichkeit, und das Gemach, in welches wir der Mutter und dem Sohne nach⸗ folgen, ermangelte keinesweges an den Beduͤrf⸗ niſſen der Bequemlichkeit, ja ſogar nicht an den Anzeichen eines gewiſſen Ueberfluſſes, dem man damals ſelten nur ſelbſt in den Burgen des Adels begegnete. Eine mit kuͤnſtlichen Blumen durchwirkte Decke war über das Lager gebrei⸗ tet, von ſchwellendem Mooſe unter einer weichen Elenhaut aufgeſchichtet; ein Teppich, der nach langer Zeit noch Spuren ſeiner urſpruͤnglichen Schönheit zeigte, bedeckte den Eſtrich, das Ge⸗ ſchirr in den Faͤchern an der Wand war wohl⸗ gehalten und blank, und der Lagerſtatt gegen⸗ uͤber glaͤnzte, unter einem Baldachin mit fri⸗ ſchen Blumen durchzogen auf ſilbernem Fuß⸗ 4* geſtell ein anſehnliches griechiſches Kreuz, in deſſen Mitte in einer rundlichen Vertiefung das Bild der Jungfrau mit dem göttlichen Kinde, darunter aber die Abbildung des heiligen Ba⸗ ſilius zu ſehen war. Finſter und ſchweigend war der Leibeigene in das hintere Zimmer getreten; die Mutter aber ſchritt eilig nach dem Wandſchrank, ſie riß das verhuͤllende Tuch von ihrem Haar und warf den linnenen Kittel von ſich, der ihre Kleidung verdeckt hatte. Wie ſie nun vor dem Sohn ſtand, glich ſie keiner Bäuerin mehr, noch der Mutter eines eigenen Knechtes. Ihr dunk⸗ les Haar war theils in geordneten Flechten mit einer ſilbernen pfeilähnlichen Nadel auf dem Wirbel des Kopfes befeſtigt, theils wallte es in reichen Locken herab; ein dunkelblaues, ei⸗ ner Tunika aͤhnliches Gewand ſchloß ſich eng an die wohlgeformten Glieder uͤber einem hell⸗ farbigen Unterkleide. War auch die Bluͤthe der Jugend von ihren Wangen gewichen, ſo erkannte man noch, daß die Mutter des Ol⸗ gierd einſt der reizendſten Jungfrauen Eine ge⸗ weſen war in einem fremdländiſchen Völker⸗ ſtamm. Stumm blickte der Sohn auf ſie, 53 dann fiel ſein Auge auf die grobe Kutze von Ziegenhaar, die Tracht des Knechtes, die ſeine Glieder bedeckte, und er lächelte unheimlich vor ſich hin. Hier ſind wir ungeſtört— ſprach Olga, indem ſie dem Sohne andeutete, ſich auf einer mit Thierfellen bedeckten Bank niederzulaſſen, die eine Wand des Gemachs einnahm— und hier magſt Du ſprechen; der Lauſcher wagt es nicht, ſein Ohr an die Thuͤre dieſes Hauſes zu legen— und— fuͤgte ſie nach einer Pauſe hin⸗ zu— ſeit geraumer Zeit betritt Niemand ihre Schwelle, den Du zu ſcheuen Urſache haben konnteſt. Widerwillig erſt und ſtockend begann der junge Mann, aber je lebendiger im Laufe des Berichtes das vor ſeine Erinnerung trat, was ihn empoͤrte, deſto heftiger wurden ſeine Stim⸗ me und ſeine Gebehrden, und mit zornrother Wange und unaufhaltſamen Redefluß ſchilderte er die harte Dienſtbarkeit, in der er ſich befin⸗ de, des Hausmeiſters verachtende Behandlung, des Gebieters unerklärbare Laune, die ihn jetzt auszeichne durch Milde vor allem Geſinde, und jetzt wieder ihn mit doppelter Schärfe in die — „ Zahl ſeinet Elendsgenoſſen zurückſtoße, ihn be⸗ drohend mit ſchmaͤhlicher Strafe; von dem Herrn Nikolaus aber ſchwieg erz was er fuͤr dieſen empfand, lag zu tief in ſeiner Bruſt verborgen, als daß es in Gegenwart eines Zeu⸗ gen, ſey es auch die Mutter, ſogleich an das Licht treten konnte⸗ Ohne ihn zu unterbrechen und als naͤhme ſie wenig Theil an dem Geſagten, hatte ſie ihm zugehoͤrt; als Olgierd aber des alten Herrn auf Zemboein erwaͤhnte und ſeines befremdli⸗ chen Beginnens, war es, als erleuchte ein Strahl der Freude ihre dunklen Augen, und ſie ſprach vor ſich hin: Ha! ſo hat vor der Hand Eure eigne Thorheit das Amt der Rache begonnen, hochedter Herr Landvogt und Ritter— doch wird dem nicht genug ſeyn; fremde Klugheit wird das Uebrige vollenden.— Drauf befragte ſie den Leibeigenen genauer um Alles was ſich begeben, und immer heiterer ward ihr Antlitz, immer feuriger ihr Blick. Doch, je mehr ſie erfreut ſchien, je mißmuthiger ward Idzi und er unterbrach die abgebrochenen Laute, die ihr fort und fort entſchluͤpften, plotzlich mit der rauhen Frage: Was ſoll aber das Alles? Faſt — 5— ſcheint mir, Mutter, als habeſt Du den Schlüſſel zu einem Räthſel, zu dem Räthſel das, obſchon ich es nicht begreife, doch fuͤhlbar mich umgiebt, ſeit ich denken kann. So gieb ihn denn heraus, dieſen Schluͤſſel, Mutter, denn es iſt, als habe es mit mir eine abſon⸗ derliche Bewandniß, als ſtehe es anders mit mir, als mit den uͤbrigen Knechten des Herrn von Zemboein, und es zieme mir nicht, das Joch geduldig zu tragen wie ſie.— Was meinſt Du damit? fragte Olga— und welches Ge⸗ heimniß glaubſt Du, kann ich Dir löſen?—— Vergeblich willſt Du mich hintergehn, Mutter! rief Olgierd aufbrauſend.— Wohl hat mich oftmals mein Fuß in die elenden Huͤtten ge⸗ tragen, wo meiner Mitknechte Angehörige nach harter Arbeit, an der kuͤmmerlichen Brotrinde auf faulem Stroh nagen, nimmer hab' ich dort Teppiche wahrgenommen und weiche Lager und funkelndes Silber; ſage mir, wie es kommt, daß Du wohnſt ſeit des Paters Tod, gleich einer Edelfrau, und muͤſſig geheſt, während ich Knechtarbeit verrichte, daß dieſe Gewande Dich bekleiden und mich das dürftige Sklavenwams? Sage mir vor Allem, was iſt es, daß mir ge⸗ genuͤber jener uͤbermuͤthige Gebieter oft befan⸗ gen iſt, gleich als ſähe er in Olgierd etwas Anderes als den eignen Sklaven? Sieh, das iſt es, was mich verſtört aus dem Gleichmuth, der die Mitgenoſſen fuͤhllos macht fuͤr die Ver⸗ achtung der Freien, und die Peitſche der Voͤg⸗ te!—— Und waͤre es auch etwas Anderes um Dich— verſetzte die Mutter— warum ſollte es Dich betruͤben? Wie kann es Dich erniedrigen, daß Du meineſt, hoher zu ſtehen als Andere Deines Gleichen? Dieſes Gefuͤhl, das Jene vermiſſen, nimm es als ein freudig Vorzeichen beſſerer Zukunft.—— Verſteh ich Dich recht, Olga?— rief er laut auf— ſpricht die Ahnung wahr, die mir ſagt, ich ſey zu Beſſerem beſtimmt? O ſage ja! damit ich das Haupt aufrichten darf, und ſie ſollen ſe⸗ hen, daß der junge Baͤr es verſchmäht, langer nach des Fuͤhrers Pfeife zu tanzen.—— Du träͤumſt— ſagte drauf die Mutter gleichmü⸗ thig— nichts Anderes biſt Du, als des Herrn auf Zemboein leibeigener Knecht, und nicht auf die Gegenwart läßt ſich deuten, was vielleicht erſt die entfernte Zukunft bringen mag.—— Und warum bin ich ſein ſeibeigener Knecht? * Du biſt nicht dürftig, Mutter, ſprechen die Leute, und ich hab es ſelbſt oft gewahrt. War⸗ um eilteſt Du nicht vor langer Zeit ſchon hin⸗ weg aus dieſem Gebiet, warum zogſt Du hie⸗ her von den Ufern des Dniepers, und verkauf⸗ teſt des Sohnes Freiheit fur dieſen Steinhau⸗ fen und eine Handbreit Ackerlandes?* Eine Zeitlang bedachte ſich Olga, dann ant⸗ wortete ſie: Und was mochte es Dir helfen, hätte ich anders gethan? Biſt Du doch ge⸗ boren als ein Knecht des Herr Severin, und wenn ich auch auswanderte, hielte die Erd⸗ ſcholle doch Dich.—— Mich die Erdſcholle? Wie mag das ſeyn, Mutter? Glaubſt Du, ich erinnere mich, obwohl dunkel, der ſchonen Stadt nicht mehr und des großen Hauſes, wo ich geboren, und des Mannes mit langem Bart, den ich Vater nannte, und der bunten Kramläden, peich ausgeſtattet mit zierlichen — „Die altpolniſchen Leibeigenen waren, obſchon mitunter hart behandelt, doch nur als Inſaſſen, Glebae adscripti, dem Grundherrn unterthan, und das Geſetz verſtattete ihnen in den meiſten Faͤllen mit Hinterlaſſung ihrer Habe, ihren Wohnort zu mnlen Stoffen und ſilbernem und goldenem Geſchirr, die zuerſt das Auge des Kindes auf ſich ge⸗ zogen; nicht der langen Wanderung, die wir einſt antraten in der Nacht auf unbetretenen Waldpfaden, wo wir raſtlos weiter gingen, bis ich erſchoͤpft war und der Bruder auch, welcher drauf ſtarb, und dem Du ein Grab gegraben unter heißen Thränen am Ufer des Stromes, den man Bug nennt? Wie kann mich nun die Erde halten, wo ich nicht gebo⸗ ren bin?—— Du haſt ein trefflich Gedächt⸗ niß— erwiederte die Frau, indem ſie das An⸗ geſicht auf einen Augenblick abſeit wendete— und dennoch iſt es nicht anders. Jenen Mann, welchen Du Vater genannt, nicht allein Du nannteſt ihn ſo, auch die Stadt und das Land in weitem Umkreiſe; der aber, dem dieſer Name gebuͤhrt vor Allen von Dir, war Konig Bo⸗ leslaw's Unterthan und ſein Wohnſitz unfern von dieſer Stelle, wie ich Dir oftmal geſagt. —— Oftmal auch habe ich es gehort— unterbrach ſie Olgierd unwillig— und nimmer, ſeit ich denken kann, wie auch jetzt nicht, ge⸗ nuͤgte mir dieſer räthſelhafte Bericht. Warum habe ich ihn nie geſehen, den, deſſen Sohn ich „ ſehn ſoll, wie Du ſagſt und nicht deſſen, deß Geſtalt immer vor mir ſteht, in dem reichen, zobelverbrämten Kaftan, der mich weinend in ſeine Arme ſchloß in jener Nacht, als Waſſen⸗ geklirr und wildes Geſchrei das Gebaͤude er⸗ fullten, in dem wir gewohnt, und das herrli⸗ cher war als die Burg auf Zembocin? Wie kommt es, daß er nimmer nach dem Weibe gefragt und dem Sohn, der— leibeigene Sklav, den Du mir zum Vater gegeben? So iſt er wohl ſchon todt, vielleicht hat er den dumpfen Geiſt ausgehaucht unter den Hieben der Vögte, und ſein Leichnam liegt irgendwo verſcharrt an unheiliger Stätte?—— Nimmer hab' ich Botſchaft erhalten von ſeinem Tode und keines Vogtes Zuͤchtigung hat er zu fuͤrchten— lau⸗ tete Olga's Antwort.— Doch was taugt es Dir, Kunde von dem zu erhalten, der, wie Du ſagſt, Dich und die Mutter verſäumt? —— Da rief Olgierd wilder aus: Ja wohl, verſäumt bin ich von Allen, ein Auswurf der Menſchen und rings umgeben mit Verwirrung und Dunkel! Schwer liegt das Joch der Knecht⸗ ſchaft auf dem Haupte, das ſich unwillig nur beugt; den Vater hab' ich nimmer gekannt, und er, der vielleicht hoch ſteht unter den Men⸗ ſchen, wendet ſich verſchmähend ab von dem leibeigenen Sohn und uͤberantwortet ihn der Laune des harten Gebieters und dem Elend! Verſchloſſen und ſtumm ſtehet die Mutter ne⸗ ben mir, einem feindſeligen Geſpenſte gleich, das hohnend auf die Schmerzen blickt, in de⸗ nen meine Seele erbebt, das nur Raͤthſel hat fuͤr die Fragen des Sohnes und mit kalter Zweizungelei mich aufregt zu Ingrimm und Jollheit.—— Thue ich das, Olgierd?— fragte Olga.— So war denn mein Beſtre⸗ ben nicht vergeblich; bewahre das Feuer, das in Dir gluht, das ich angefacht mit ſtiller Sorg⸗ ſamkeit, daß es auflodere zur rechten Zeit, denn, höre mich, Sohn, Du irrſt nicht, ein Räthſel ſchwebt über Dir, und die Flamme der Rache wird es erhellen, wenn der Tag gekommen iſt. —— Und wenn kommt dieſer Tag?—— Wenn Du den Vater erkannt.—— Eine geraume Zeit blieb Olga ſtumm und in ſich gekehrt; ſie ſchien des Sohnes unge⸗ ſtuͤme Fragen nicht zu vernehmen und als er ihre Hände ergriff, ſie beſchwörend, ſie moge die Dämmerung, die ſie ihm aufgehen laſſen, in volles Licht verwandeln, erhob ſie ſich plötz⸗ lich und ſprach im gebietenden Ton? Was be⸗ ſtuͤrmſt Du mich, Knecht, noch iſt es nicht Zeit, daß ich Dich hinausſende auf die Bahn, die ich Dir vorgezeichnet von Kindesbeinen an, denn wiſſe, nicht ein feindſelig Geſpenſt trete ich Dir nah, aber wohl bin ich die Macht, die Dein Geſchick beherrſcht, und nur dem Ge⸗ horſamen wird ſie ſich guͤnſtig beweiſen. Mit Widerwillen blickſt Du auf die grobe Kutze, die Dich bedeckt? Wohlan, ich vermag ſie Dir abzureißen, und Dich zu kleiden in ritterlichen Schmuck, oder einen beſſeren noch. Doch bis dahin biſt Du ein Sklav, drum uͤbe Dich im Gehorchen. Schweig, kein Wort mehr, Widerſpenſtiger, ſo Du je erlangen willſt, was ich Dir ertheilen kann, oder auch verſagen, nach Gefallen.—— So ſprich denn, Mutter, denn ich weiß, nichts friedliches iſt es, worauf Du ſinnſt; ich kenne Dich, Mutter— ſo gebiete mir was ich thun ſoll; doch reitze den aufge⸗ brachten Wolf nicht allzuverwegen, auch Dich koͤnnte ſein Zahn trefſen, entzögſt Du ihm die Beute, die Du ihm gezeigt!— Sprich es nur 65 aus, das Wort, daß Dir auf der Lippe ſchwebt: heiße es Aufruhr, heiße es Mord— ich folge ihm freudig, denn warlich es geluͤſtet mich nach dergleichen— und möge auch die Laufbahn blutig ſeyn, die Du mir zeigeſt, ich achte deſſen nicht, ſo ſie mich zu dem fuͤhret, was ich be⸗ gehre.—— Du ſchwaͤrmſt, Knabe, verſetzte Olga gleichgiltig— Wen könnteſt Du auch morden, Sklav, gegen wen Du Dich empoͤ⸗ ren? Nicht dergleichen iſt es, was ich gebiete — fuhr ſie fort, ohne des Sohnes zornſpruͤ— hende Blicke zu bemerken— Nichts thue, als das, was die Pflicht Dir auferlegt.— Kehre zuruͤck in das Schloß, man hat Deiner dort nothig. Nahe Dich dem Gebieter in Unter⸗ wuͤrfigkeit, und achte nicht ſeines Zornes; beuge Dein Haupt ſtill und demuͤthig, und ſeine Hand, ſey ſie auch ſchon erhoben gegen Dich, wird kraftlos herabſinken. Blickt er aber truͤb' und mild auf Dich, wie es wohl manchmal ſich ereignet, dann ſcheine es nicht zu gewahren. Kein Wort des Trotzes entfahre Deinen Lip⸗ pen; Deine Rede ſey fromm und ſchmeichelnd gegen den Sohn des Hauſes und Dein Auge voll freundlicher Sanftmuth.—— O des weiſen Rathes des Weibes!— lachte Olgierd auf— der herrlichen Laufbahn die Du mir zeigeſt, die Du Dich die Macht nennſt, die meinem Schickſal gebietet! So ſoll ich mich kruͤmmen fortan und winſeln und ſchmei⸗ cheln wie die Andern, daß den gekruͤmmten Ruͤcken der Kantſchuh nicht treffe? Wahrlich, ſolche Thaten ſind geeignet, mich des Ritter⸗ ſchmuckes wuͤrdig zu machen, den Du mir ver⸗ heißen. Ich bin ein Mann, Mutter; nicht dem Weibe gleich, vermag ich ſuͤße Worte an den zu richten, den ich verabſcheue; nicht lä⸗ chelnden Blickes das Gluck anzuſchauen, das Der Leibeigene ſchwieg, doch ſchien Olga den Sinn der Worte zu ergänzen; ein zwei⸗ deutihes Lächeln zeigte ſich auf ihren Lippen, um augenblicklich zu verſchwinden; ſie nahm des Sohnes Hand und fuhr fort mit gewin⸗ nendem Ausdruck und Geberde: Und dennoch mußt Du alſo thun. Nur ſo, Higierd, wirſt Du das Gewebe nicht zerreißen, das der Mut⸗ ter Hand ſorgſam bereitet— Nur ſo wirſt Du ihr das Glück gewäͤhren, Dich einſt an der Stelle zu ſehen, die Dir gebuͤhrt, und— ſetzte 6 ſie bedeutend hinzu— das gewinnen, was Du ſelbſt vielleicht erkohren. Höre mich weiter— ſprach ſie und legte traulich die Hand auf ſeine Schulter— noch ehe der Abend hereinbricht, wird eine Schaar Reiter vor der Burg erſcheinen, und die Zug⸗ pruͤcke fallen auf den erſten Stoß der Trom⸗ pete, gleich als halte der Gebieter draußen, Ein⸗ laß begehrend. Vier Männer ſiehſt Du an der Spitze des Fähnleins. Sie werden eintreten in die Ehrengemächer der Burg, und der uͤber⸗ muͤthige Herr von Zembocin wird ſie geleiten als hochgeehrte Gäſte. Zwei von ihnen tragen das Prieſtergewand der roͤmiſchen Kirche, die Andern ſind weltliche Herren⸗ Dieſe halte im Auge und mache Dir zu ſchaffen in ihrer Nä⸗ he, damit Du den Ausdruck ihrer Zuͤge ge⸗ wahreſt, und der Inhalt ihrer Rede Dir nicht entgehe. Solches merke Dir wohl und berichte mir, was Du geſehen und gehoͤrt, denn nicht fremd iſt ihr Erſcheinen dem Schickſal Deiner Zukunft. Wenn alſo nach genoſſenem Mahl die Geſellſchaft ſich trennt, um der Ruhe zu pflegen, ſo eile herab uͤber die Stelle des Wal⸗ les, die Du kennſt, und harre meiner am Bach— 1 dort wird es ſich erkläͤren, wenn der Tag er⸗ ſcheinen ſoll, deſſen ich erwaͤhnt, und was er bringt. Olga blieb, als ſich der Sohn entfernt hatte, eine Zeitlang ſinnend vor dem griechiſchen Kreuz ſtehen, deſſen Stelle wir fruher bezeichnet ha⸗ ben.— Sollte— ſprach ſie, als richte ſie die Rede an das Zeichen des Heils— ſollte der Augenblick da ſeyn, da dein Inneres ſich er⸗ oͤffnet, und das Langverborgene an das Tages⸗ licht tritt? Wird das, was hier ruht, durch meine Hand Den begluͤcken, den das eilende Roß jetzt zu der Burg Zembvein tragt? Soll ich aber das ſelbſt zerſtoren, was ich aufgebaut ſeit Jahren? Und warum nicht, wenn der Preiß des Opfers wuͤrdig iſt? Ob er es aber ſeyn mag, entdeckt mir die kommende Stun⸗ de.— Wie es auch treffe, mir bleibt der Lohn gewiß; ſey es die Rache, die ihn gewaͤhrt, oder die Dankbarkeit des Erfreuten. Wohl, Olgierd, wohl bin ich die Macht, die die Looſe Deines Geſchickes in der Hand haͤlt; weiß und glän⸗ zend, oder blutig und ſchwarz. Wirſt Du einſt die Botin des Gluͤcks in Olga erblicken, oder, wie in dieſer Stunde, ein feindſelig Geſpenſt? 5 — Richt Du magſt es beſtimmen, noch ich; noch darf der Schleier nicht fallen; was, wenn es nun geſchehen, Dir erſcheint, entſcheidet das Verhaͤngniß. MMI. Die Hausgenoſſen des alten Severin Strze⸗ mieniec waren in einem Gemach verſammelt, deſſen Fenſter der Kirche gegenuͤber lagen, in welcher man eben die Veſper ſang. Mit ra⸗ ſchen Schritten, als beſchaͤftige ihn eine nicht unwichtige Erwartung, ging der Gebieter von Zemboein auf und nieder. Er hatte das Jagd⸗ wams von Biberfellen mit einem ſtattlichen Zupan vertauſcht; anſtatt des Waidmeſſers hing an ſeiner Seite ein koͤſtlicher Saͤbel, und ſo⸗ wohl an ihm war eine gewiſſe feſtliche Hal⸗ tung wahrzunehmen, als an den Frauen und Jungfrauen, die in leiſem Fluͤſtern begriffen, Frau Malgorzaten zuzuſprechen ſchienen, von wel⸗ cher nach der erſten Freude des Wiederſehens der her⸗ vortretende Gedanke der abermaligen baldigen Scheidung die kurze Heiterkeit verdraͤngt hatte. = 55— Sie hörte mit freundlicher Gelaſſenheit die Tro⸗ ſtungen der Schweſtern an, aber unaufhörlich wendete ſie den umwolkten, wehmuͤthig freund⸗ lichen Blick nach einem Fenſterbogen, in wel⸗ chem ihr Gemahl, der nun auch die Ruͤſtung abgelegt und ſich mit einem leichtern Gewande bekleidet hatte, dem Major domus einige Be⸗ fehle gab. Es war nicht, als ob der Vater jetzt die Freiheit uͤbel aufnähme, mit der Niko⸗ laus in ſeinem Hauſe ſchaltete; er nahte ſich mehrmal den Sprechenden, und ein beifaͤlliges Neigen des Hauptes ſchien mitunter den Al⸗ ten zu berechtigen, daß er genau alles erfulle, was der junge Herr fuͤr gut befaͤnde anzuord⸗ nen. Die Jagdgefaͤhrten, deren Gegenwart fur heut uͤberfluͤßig ſeyn mochte, waren ungewoͤhn⸗ lich fruh entlaſſen worden und kein Fremder mehr in der Burg. Da trat Georg in das Gemach, und ver⸗ neigte ſich vor dem Herrn und meldete: es ſteige Staub empor auf der Straße von Pro⸗ ßowice her, und man erkenne durch die Wir⸗ bel eine Schaar Reiter, wohl funfzehn an der Zahl, die in ſchnellem Trabe hahe. Nachdem der Juͤngling ſeine Botſchaft ausgeri tet, warf 5* 1 1 — 68— er einen halben Blick in die Ecke, wo die Frauen ſaßen, und eine leichte Röthe uͤberflog ſein An⸗ tlitz; drauf neigte er ſich abermals tiefer als vorher und zog ſich zuruͤck.— Nun, Herr Schwerttraͤger der Krone— ſprach Herr Severin halblaut, doch eifrig— nun iſt es wohl an der Zeit, daß wir die Pflicht uͤben, die den Wirthen des Hauſes obliegt, in⸗ dem ſo ehrenwerthe Gaͤſte Herberge ſuchen.— — Noch nicht, Herr und Vater— war die Antwort des Sohnes— die, welche wir er⸗ warten, haben ſich fuͤr heute des Anſpruchs auf ſo große Auszeichnung begeben.—— Wie Ihr meint— entgegnete der Vater etwas trocken, und ſetzte ſeinen Gang fort, doch wur⸗ Den ſeine Schritte ſtets ſchneller und ungleicher. Da ertoͤnte ein Trompetenſtoß am Thor, und wie Olga verkuͤndet, es fiel die Zugbrucke, ohne daß die Waͤchter die Kommenden um Stand und Namen befragten, und der Herr von Zem⸗ Pocin und ſein Sohn eilten hinaus, ſie auf dem Schloßhofe zu empfangen; die Frauen ent⸗ Fernten ſich eilend, Chriſtinen ausgenommen, die zoͤgernden Schrittes den Muhmen folgte, und der Hausmeiſter, nachdem er einen Blick — 69— der Pruͤfung rings umher geworfen, ob auch Alles in Ordnung und bereit ſey, verließ das Gemach in welchem ſeine Gebieter die Einzie⸗ henden ohne Zeugen empfangen wollten.—— Schnellen und feſten Schrittes trat der Ei⸗ ne, dem die Uebrigen in einiger Entfernung folgten, in den Saal. Er war, wie die An⸗ dern, in einen weiten Reitermantel gehuͤllt, und trug auf dem Kopf einen leichten Helm, von welchem lange Roßmaͤhnen herabwallend die Zuͤge ſeines Antlitzes verbargen. In des Gema⸗ ches Mitte ſtand er, und fragte mit kurzen Wor⸗ ten und ſtarker Stimme: Sind wir allein, Landvogt, und keiner Eurer Nachbarn auf der Burg?—— Als drauf Herr Severin mit einer bejahenden Geberde dies beantwortet, warf er raſch den Mantel von ſich, den Folgenden andeutend, ein Gleiches zu thun, und nun erſt vermoͤgen wir ein Bild der Gäſte zu entwer⸗ fen, die Herr Nikolaus ſeinem Vater angekun⸗ digt. Der Erſte, welcher erſchienen, und auch wohl der Erſte im Range, war ein hochgebau⸗ ter, kraͤftiger Mann, in der Bluͤthe der Jahre. Sehr dunkelbraunes Haar bedeckte in kurzen dicken Locken ſeine Scheitel, und ein eben ſol⸗ cher Bart ſein Kinn; unter der ebenen Stirn fun⸗ kelten gebieteriſch große feurige Augen, deren Blick feſt und doch mit der Gleichgiltigkeit auf den Umſtehenden ruhte, welche man oftmals an denen bemerkt, die des Herrſchens gewohnt ſind. Seine Geberde war kurz und raſch, wie der Laut ſeiner Sprache; ſeine Kleidung unter⸗ ſchied ſich nicht von der damaligen Tracht des Adels, doch glaͤnzte der Knauf ſeines Saͤbels in reicher Pracht. Den, welcher ihm zunächſt gefolgt, konnte man in jeglicher Ruͤckſicht des Aeußern, des Vorangehenden Widerſpiel nen⸗ nen; von weniger als mittlerer Groͤße, war ſein Koͤrper hager und etwas gebuͤckt; ſparſam glitten rings um die Tonſur, die das Alter er⸗ weitert, weißliche Locken auf die leichtgefaltete Stirn, eine fein geformte Adlernaſe zog ſich ein wenig uͤber den ſchmallippigen Mund, ein. langer doch bereits duͤnner Bart, fiel beinahe bis an den Guͤrtel herab, und vermochte nicht, den Schimmer von Juwelen zu verdecken, mit denen ein Geſchmeide beſetzt war, das er auf dem geiſtlichen Kleide trug; und wie die ganze Geſtalt des Erſten, den kuͤhnen feurigen Mann bezeichnete, der Alles ungeſcheut und ſogar un⸗ — 71— geſtum an das ſetzte, was er fuͤr recht hielt oder wuͤnſchenswerth, und den heitern Sinn zugleich, der ein tadelloſes Bewußtſeyn vielleicht dem in höherm Maaße gewährt, der in ſich die Leidenſchaften gewahr wird, die ihm deſſen Erhaltung erſchweren, und der Macht, die ihm vergönnt, dieſe zu befriedigen, ſo trug das Aeu⸗ ßere des Andern das Gepraͤge eines Geiſtes, der im Kampf mit den Verhältniſſen nur durch ſich ſelbſt den Sieg uͤber ſie davon getragen, und der eben ſo ſorgſam als er bemuͤht war, das zu erwerben, was ihm zu Theil ward, nun daruͤber wacht, daß er das Errungene nicht verliere. Hoͤher noch war des Dritten Wuchs, als deſſen, den wir anfangs bezeichnet, doch minder kraftvoll. Die Anzahl der Jahre nicht ſowohl, als das, was er vielleicht in ihrem Laufe erfahren, hatten ſein Haupt geneigt, und fruͤhzeitig lichte Streifen durch das vollig ſchwarze Haupthaar gezogen. Auch in ſeinem tieflie⸗ genden Auge leuchtete etwas von jenem gebie⸗ teriſchen Strahlz doch war es, als ſey es ver⸗ dunkelt durch Unmuth und Mißtrauen und als richte es ſich mehr auf das Innere, in welchem die Erinnerung ihm das bot, was die Gegenwart ihm verſagte. Sein Kinn war bei⸗ nah bartlos, ſeine Kleidung reicher, als die der Andern, doch fremdlaͤndiſchen Schnittes. Er trug ein ſilbergraues weites Gewand mit mehr als handbreiten Purpurſtreifen verbraͤmt, ein zweiter Mantel von gleicher Farbe und mit gleichem Zierrath wallte in zierlichen, durch den Ritt nur wenig zerſtoͤrten Falten um ſeine Schultern, und die Steine an der Spange die ihn befeſtigte, waren Diamanten von ſeltener Groͤße und Werth. Wenn wir von der be⸗ ſonderen Ehrfurcht ſchließen wollen, die der Herr von Zemboein dem Vierten erwies, der Achtung unbeſchadet, die den Uebrigen, vornehmlich dem braunen, raſchen Krieger gebuͤhrte, ſo war Je⸗ ner, obſchon zuletzt erwähnt, doch ſchwerlich der Unbedeutendſte unter den Fremden. Auch er trug das Gewand eines Prieſters. Seine wuͤrdevolle Haltung und eine gewiſſe Beſtimmt⸗ heit ſeines Weſens ertheilten ihm einige Aehn⸗ lichkeit mit dem Rittersmann, doch ſchien hier mehr aus dem eignen Gemuͤth zu entſpringen, was dort vielleicht eine Wirkung aͤußerer Ver⸗ haͤltniſſe war, und die Ruhe in ſeinen Zügen auf einen unwandelbareren Grund zu deuten, als die ſchwankenden Looſe der Menſchheit zu gewähren vermoͤgen. Sein Alter war um We⸗ niges höher, als das des duͤſtern Auslaͤnders, ſein Auge klarer, als das ſeines geiſtlichen Ge⸗ noſſen, und bald ernſt, doch nicht unfreundlich, auf die Welt um ihn her blickend, bald frei, aber demuͤthig, emporſchauend, ſchien er mit Ei⸗ nem Gedanken das Treiben der Menſchen und die Pflichten des Amtes zu umfaſſen, das ihm anvertraut war unter ihnen, waͤhrend das Feuer, das nicht ſelten auf einen Augenblick in ihm aufloderte, und der mitunter gebietende Aus⸗ druck ſeiner Rede andeuteten, er fuͤhle ſich beru⸗ fen, jenes Treiben zu lenken, und dieſen Pflich⸗ ten unter jeden Umſtaͤnden genug zu thun. Der Kriegsmann hatte ſich gegen das Fen⸗ ſter gewandt, dann begruͤßte er in hoͤflichem Tone die Wirthe des Hauſes. Ein ſolcher Gruß war zu damaliger Zeit, und viel ſpäter noch, die Aufforderung, den Becher des Will⸗ kommens zu fuͤllen; auch naͤherte ſich Nikolaus der Thuͤr, und bald erſchienen Georg, Idzi und mehrere Knechte mit Kruͤgen und Trinkgeſchir⸗ ren, an ihrer Spitze Marek, der Hausmeiſter. — Fuͤrwahr, Ihr wohnet nicht ſchlecht auf Zembocin— fuhr der, welcher geſprochen hatte, fort— dies Schloß iſt feſt, und zur Zeit der Noth mag jenes heilige Gebaͤu ſich wohl zu wirkſamer Vertheidigung eignen.—— Auch iſt es dazu gebraucht worden, Herr— ant⸗ wortete Severin— Als im dritten Jahr die⸗ ſes Jahrhunderts, zu Eures Urgroßvaters Leb⸗ zeiten, die Böhmen einfielen in das Reich, und das Schloß erſtuͤrmt ward, zog ſich Sie⸗ ciech Strzemieniec, mein Großvater, mit Eini⸗ gen ſeiner Getreuen in das Gotteshaus durch einen Gang, und die Feinde, welche wähnten, alle Mannſchaft ſey erſchlagen oder gefangen, waren froͤhlich und guter Dinge; in der Nacht aber, als ſie trunken und voll Schlafes wa⸗ ren, kehrte er zuruͤck und erſchlug ſie, und nahm ihnen nicht nur die Beute wieder ab, ſondern manch ſchoͤnes Stuͤck dazu.—— Auf Euer Wohlſeyn, Herr auf Zembocin, und die ewige Ruhe Eures Ahnherrn— ſprach Je⸗ ner, indem er den Becher nahm, welchen der Major domus ihm kniebeugend uͤberreichte.— Euer Geſchlecht war wacker von jeher, und Euer Sohn wird demſelben keine Unehre bringen.—— — Während dem hatten Georg und Higierd den Andern das Getraͤnk dargeboten; als aber dieſer ſich dem fremdgekleideten Manne naͤherte, heftete derſelbe einen aufmerkſamen, beinah ver⸗ wunderten Blick auf ihn, und zögerte, das Geſchirr zu ergreifen, gleich als vergäße er uͤber dem Anſchauen des Mundſchenken des Beduͤrfniſſes, nach ſchnellem Ritte ſich zu er⸗ quicken. Da rief der braungelockte Kriegsmann ihm zu: Trinket, Herr! und ſeid frohen Mu⸗ thes; Ihr befindet Euch jetzt in der gaſtfreien Burg eines polniſchen Edeln, nicht mehr im Gewahrſam des Dedo, des Markgrafen zu Meißen, der Euch den Labetrunk etwas theuer bezahlen laſſen, welchen er Euch gereicht auf Heinrich des Franken Geheiß.—— Ihr mahnet mich daran zu rechter Zeit, Gebieter, lautete die Antwort des Andern, abgebrochen und tonlos, als ſeyen ſeine Gedanken ab⸗ weſend, und es werde ihm ſchwer, die Auf⸗ merkſamkeit von dem Leibeignen abzulenken, der noch vor ihm ſtand.— Eben jetzt trat, ich weiß nicht warum, manches Bild der Vergangenheit vor mich und die Erinnerung an das, was ich erduldet.—— Fetzt nahete — 76— ſich der ältere Prieſter und ſprach lächelnd und im gewinnenden Tone: Es iſt Euch wohl nicht zu verargen, daß Ihr all des Har⸗ ten nicht vergeßet, was Euch angethan wor⸗ den, doch ſind ja nun die Stuͤrme voruͤber, Ihr ſeyd nicht mehr in Kaiſer Heinrich's Nähe, der Euch leere Verſprechungen mit Gold auf⸗ wiegen ließ, Ihr befindet Euch an der Seite eines mächtigen Gönners, der ſtatt Euch zu berauben und einzukerkern, dem Vertriebenen das zuruͤckzugeben gedenkt, was er verloren. —— Ja ich habe viel verloren, vielleicht Alles— entgegnete mit einem unterdruͤckten Seufzer Jener— und mehr als irgend Je⸗ mand mir zuruͤckzugeben vermag; doch habt Ihr Recht, Hochwürdigſter, ich meyne, ich bin jetzt ſicher, und ſo wie ich hoffe, unter dem Schutz eines großmuͤthigern Helfers zu ſtehen, als es jener Heinrich mir war, ſo hoffe ich auch fortan, Keinem zu begegnen, der dem Bur⸗ chard gleiche, dem Domprobſt zu Trier.—— Es mußte etwas in dieſer Rede liegen, was weder dem geiſtlichen Herrn noch dem Ritters⸗ mann behagte, denn der Erſte trat ſchweigend abwärts, der Andere aber rief mit etwas ge⸗ — runzelter Stirn und gezwungenem Lächeln: Alles ſcheinet Ihr dennoch nicht verloren zu haben, und betrachtet man Euch und Euer Ge⸗ ſchmeide und dies einfache Wams, ſo ſollte man billig Euch fuͤr den Reichern unter uns anſehn.— Herr— verſetzte der Fremde nicht ohne Schaͤrfe— der Arme ſchmuͤckt ſich gern mit dem, was ihm von fruherm Ueberfluß ge⸗ blieben, und ſeit einiger Zeit halte ich dafuͤr, es ſey wohlgethan, was man noch beſitzt an ſich zu tragen, weil es da ſicherer iſt, als in fremder Verwahrung.—— Abermals ließ der Prieſter ſich vernehmen: Dann iſt zu be⸗ klagen, daß Ihr alles Solchen dahin gegeben, die Euch dafuͤr nichts gewaͤhrt, als dieſe, ob⸗ ſchon heilſame Lehre, und daß Ihr nichts uͤbrig behalten, fuͤr die, die es beſſer mit Euch im Sinne fuͤhren.—— Sprechet nicht alſo, wuͤrdiger Petrus Nalencz— unterbrach ihn der polniſche Ritter— moͤchte es doch bei⸗ nah nach Euren Reden verlauten, als ſeyen wir um nichts beſſer als der Franke. Geld und Gut ſind nicht zu verachten, doch ſtehet die Ehre höher als ſie.—— Auch jene— bemerkte der Auslaͤnder— ſind an dem Ziele — zu finden, wohin dieſe durch Euch mich füh⸗ ren wird, und ich billige— ſetzte er ſich ver⸗ neigend hinzu— die Sorgfalt des Hochwuͤr⸗ digen fuͤr das Beßte ſeines Gebieters.—— Des alten Hausmeiſters Erfahrung ließ ihn bemerken, daß der Gang, den das Geſpraͤch zu nehmen begann die Gegenwart unberufener Zeugen zum mindeſten uͤberfluͤßig mache; er ſah mit finſterm Blick auf den Enkel und Ol⸗ gierd, der anſcheinend eifrig mit der Aufwar⸗ tung beſchaͤftigt, ſich, ſo ſehr als es thun⸗ lich war, in der Nähe der Redenden aufhielt, und raunte ihnen mit gedaͤmpfter Stimme das Gebot zu, ſich zu entfernen. Der Erſte der Unbekannten aber, der es bemerkt hatte, ſprach zu ihm guͤtig und herablaſſend: Mit nichten, laſſe die Knaben immer des Dienſtes pflegen, Alter, und Die ſelbſt gonne die Ruhe, die Dir wohl vonnoͤthen ſein mag.— Du biſt hoch bei Jahren, Hausmeiſter, und ge⸗ denkeſt vielleicht noch der Zeit, von der unſer wohlgeborner Wirth redet, als die Böhmen in die Burg drangen und der wackere Sieciech auf Zemboein ſie drauf niederſchlug in Schlaf und Siegestrunkenheit.—— Mit freundli⸗ —= cher Gebehrde und ſchnellem Wort erwiederte Marek: Als waͤre erſt eine Woche vergan⸗ gen ſeitdem, hoher Herr; noch erinnere ich mich wohl, als Herrn Severin's Großvater die zitternde Gemahlin und die Kindlein hin⸗ abfuͤhrte in den unterirdiſchen Gang mit zwanzig Knechten, und wie ich folgte und die Mutter mich bedräuete, ich ſolle ſchweigen, wel⸗ ches jedoch unnothig war, denn obſchon ein zehnjährig Knaͤblein, wußte ich doch ſchon, daß es nicht zieme zu plaudern bei ernſtem Werk und will man den Feind irre fuͤhren, alles fein ſtill zugehen muß und ohne Geräuſch. Und wie wir in das Gotteshaus traten, das damals erſt ganz neu erbaut war, ſtellten ſich die geharniſchten Maͤnner rings um an die Pfeiler, ganz behutſam, damit ihre Waffen nicht klirren möchten; das gab Euch einen ſeltſam⸗ lichen Anblick bei dem matten Scheine der heiligen, immer brennenden Lampe;— die edle Frau aber warf ſich mit den Kindern nieder am Altar und hob ihre Häͤnde empor im ſtil⸗ len Gebet, und ſie hieß die Kleinen ein Glei⸗ ches thun, waͤhrend Herr Sieciech leiſe Worte zu dem Rottmeiſter ſprach, und auch ich knieete nieder neben dem Voater des jetzigen Herrn, und ſo flehten wir, die wir noch nichts anders thun konnten, als das, der Himmel moge ſich unſer erbarmen.— Derſelbe hat wohl auch das Gebet der Unmuͤndigen erhort, denn er half ſchon in der folgenden Nacht. Da trat der andere Prieſter hinzu, der noch nicht geſprochen und den Leibeigenen ebenfalls aufmerkſam betrachtet hatte und legte die Hand auf die Schulter des Greiſes, ſprechend: Fuͤnf und achtzig Jahre zaͤhlet Ihr demnach, Major domus, und fuͤnf und ſiebenzig derſel⸗ ben ſind verſtrichen, ſeitdem ſich jenes zuge⸗ tragen; und nicht? in ſo langer Zeit habt Ihr noch öfter erfahren, daß das Auge, das Alles ſieht, ſich nicht abwendet von flehender Un⸗ ſchuld, und der Arm, dem nichts widerſteht, ſich erhebt, um den Dränger zu zuͤchtigen?—— So iſt es, Hochwuͤrdiger— war die Antwort des Marek— und damals erhob der Herr ſei⸗ nen Arm und Herr Sieciech auch, den jetzt ſeine Gnade umſtrahlt, und ſie ſchlugen Beide auf das Böhmervolk ein, daß es eine Luſt war. Nachher hat denn der edle Ritter die Zimmer zu errichten anbefohlen, auf dem Kir⸗ — chendach, und das Gebaͤude befeſtigt, damit es noch öfter moge zum Schutzort dienen.—— Da fragte der Ritter: Und der Gang beſte⸗ het wohl bis heut, der ſo gute Dienſte gethan in Deiner Knabenzeit, Graukopf?—— Al⸗ lerdings, ich ſollte meynen. Doch ward er nicht betreten ſeither— erwiederte dieſer ſtok⸗ kend und unſchluͤſſig.—— Nun, da Du ein ſo gutes Gedaͤchtniß haſt, entſinnſt Du Dich zweifelsohne noch deſſelben und vermöchteſt mir ihn zu zeigen?—— Ich weiß nicht, ob ich es kann nach ſo langen Jahren— ſprach Ma⸗ rek beſcheiden doch beſtimmt— und wenn ich es konnte, weiß ich noch minder, ob ich es ſoll.—— Der Kriegsmann lachte und ſprach freundlich: Du biſt mir ein treuer Diener, der ſeines Herrn Geheimniſſe wohl bewahrt; doch, wie meinſt Du, wenn er ſelbſt es mir entdeck⸗ te?—— Dem Gebieter ſtehet es zu, zu thun, was dem Untergebenen nicht ziemt.—— Einem Gaſt wie Ihr— fluͤſterte Severin, der herzutrat— öffnen ſich alle Pforten dieſes Hau⸗ ſes, auch die verborgenen; doch verzeihet, Herr — ſetzte er noch leiſer hinzu— nur Euch.—— Der Andere ſann eine Weile, dann ſagte er: 6 fern ſey es von mir, Eure Gaſtlichkeit zu miß⸗ brauchen, doch wenn Ihr Vertrauen habt zu mir, ſo gedenket deß zu gelegenerer Zeit.—— Dem geſchehe alſo.—— Irre ich nicht— ſprach drauf der Fremde— ſo iſt die Form, in der dies Gebaͤude aufgefuͤhrt worden, die ei⸗ nes Kreuzes der morgenlaͤndiſchen Kirche; ſol⸗ ches habe ich aber noch nicht geſehen diesſeits des Bugſtroms.—— Seine Erbauerin hat es ſo verordnet— ließ ſich Nikolaus, der Schwerttraͤger vernehmen— denn ſie war Eu⸗ res Glaubens, Herr; auch beſtimmte ſie es dem Gottesdienſt, nach der Weiſe des Baſilius, ſol⸗ cher ward aber abgethan unter Koͤnig Kazimierz, dem Wiederherſteller.—— Auch ging ſie Euch noch naͤher an, Vetter— fiel der Braune ein — denn Eudoxia war des Fuͤrſten der Ruſſen Tochter, des Wlodzimierz, den man den Gro⸗ ßen nennt, und ſie iſt dem Koͤnig Boleslaw dem Erſten, glorreichen Andenkens, als er die Bruͤder beſiegt und mit dem Schwerte den Splitter gehauen aus dem goldenen Thore zu Kyow, gefolgt, als eine ſchoͤne Kriegsbeute— es heißt jedoch, ſie habe ihr Schickſal wohl er⸗ tragen, obgleich ſie nimmer des Prieſters Hand mit dem geliebten Sieger vereinte, und die Kö⸗ nigskrone den jungfraͤulichen Kranz nicht er⸗ ſetzt hat. Die bleichen Wangen des Angeredeten faͤrb⸗ ten ſich mit dunklem Roth, als ergluͤhten ſie in Schaam und Bekraͤnkung und er antwortete: Wahrlich, ein ſchmaͤhlich Loos fuͤr des großen Wlodzimierz Tochter, und die Enkelin eines romiſchen Kaiſers.—— Eines Kaiſers von Konſtantinopolis, wollet Ihr ſagen— unter⸗ brach Petrus Nalencz ſeine Rede— und es ſtand bei ihr, ſolche Schmach zu vermeiden; doch ließ ihres Herzens Härtigkeit ſie das Licht des wahren Glaubens verſchmähen; der recht⸗ glaͤubige Koͤnig aber und das Volk der Sar⸗ maten mochten nicht die als Koͤnigin erkennen, die, ein abtruͤnnig Lamm, den Hirten der Chri⸗ ſtenheit verlaͤugnete.—— Jener ſagte drauf mit Bedeutung und einiger Lebhaftigkeit: Dar⸗ aus mag man wahrnehmen, wie ſchwer es iſt, die alte Meinung auszurotten, die ſelbſt der Liebe und dem Ehrgeiz zu widerſtehen weiß.—— Und doch wird es jetzt ſeyn muͤſſen, Vetter!— rief der Kriegsmann aufwollend.— Höret Ihr? Jetzt muß es ſeyn.— Nicht dem ſchno⸗ 6* — * den Mammon zu dienen, zieht der Pole das Schwert, wohl aber in der Sache Gottes!— Was ſaget Ihr, Herr Stanislaw Szczepanow⸗ ski?—— Dieſer entgegnete mit feſter Stim⸗ me— Iſt es Gottes Sache, welche Ihr mei⸗ net, ſo wird Er ſie zu ſchuͤtzen wiſſen und zu vertheidigen, und ſo Er einen Menſchen wuͤr⸗ digt, fuͤr ſie zu ſtreiten, huͤte derſelbe ſich wohl, daß er nicht Unreines vermiſche mit dem Rei⸗ nen, und nicht dem Baal diene neben dem Je⸗ hovah, denn ſolch doppelter Dienſt iſt Ihm ein Graͤuel.—— Dem ſey alſo— ſprach der Ritter— drauf in Gottes Namen! Faſſet Muth, Vetter, Gott und Szezerbice werden es wohl machen!— Und Beide ſind gegen⸗ waͤrtig in dieſer Stunde— rief Stanislaw feyerlich, indem er auf die mächtige Wehr deu⸗ tete, die Nikolaus auf den köſtlichen Teppich niedergelegt hatte, der uͤber einen großen Tiſch — * Szezerbice, das Schwert Konig Boleslaw. „des Heldenmuͤthigen“, nachher das Reichs⸗ und droͤnungſchwert der Koͤnige von Polen, wie es das Schwert Karl's des Großen fuͤr die deut⸗ ſchen Kaiſer war. in der Mitte des Gemachs ausgebreitet war: der Gott Eurer Väter und ihre preiswuͤrdige Waffe— Nie hat ſolche eine untreue Hand gefuͤhrt, und ſeit Boleslaw I. ſie eingeſetzt zum Palladium des Reichs, iſt ſie niemals entbloͤßt worden als fuͤr das Recht. Käme es jemals anders, ſie würde der entweihenden Hand ent— fallen, und wohl die Spitze gegen den kehren, der ihren reinen Glanz befleckt.—— Tief bewegt ſchritt der Braune auf das Schwert zu, faßte es mit beiden Händen und hob es empor— Sehet, Jzaslaw; ſchon einmal ſpreng⸗ te der Szezerbice die Pforte von Kyow— Er wird ſie aufthun vor Euch, und ein zweiter Spalt neben dem, der nun ſeit ſechzig Jahren an ihr zu ſchauen, wird der Nachwelt bezeu⸗ gen, daß Boleslaw der Zweite, Boleslaw des Erſten nicht unwerth iſt! Ein Strahl der Zufriedenheit glitt uͤber das ernſte Geſicht deſſen, den wir Jzaslaw nennen hörten; er beugte das Haupt vor dem Schwerte, und dem, der es ſchwang. Heiter und ſtolz aufgerichtet ſtand Nikolaus, als freue er ſich der Ehre, der Huter dieſes Kleinods zu ſeyn — Herr Severin, der Hausmeiſter und Georg — 86— falteten die Haͤnde, wie zum Gebet; der Prie⸗ ſter Stanislaw erhob ſegnend die Seinen, doch der Leibeigene ſchaute lauernd darein, und uͤber des Petrus Nalencz ſteinerne Zuͤge glitt ein unmerkliches Lächeln. W. Die Nacht war hereingebrochen, der Wind wehte ſcharf und ſchaurig durch die noch blaͤt⸗ terloſen Baumwipfel, und wiegte das ſchwan⸗ kende Brucklein uͤber den Bach, daß die alten Fichtenſtamme ſich ſeufzend bogen; die Wolken flohen zerriſſen an der Mondſcheibe voruͤber und aus dem Walde tonte das heiſere Geſchrei des He⸗ hers und der Weihe, die auf den bewegten Aeſten die Ruhe nicht finden konnten. Am linken Ufer des Baches ſtand Olga, durch einen dichten Mantel vor dem Nachtſturm geſchuͤtzt und ſchaute von Zeit zu Zeit hinüber nach dem Schloße, ob die Ampeln nicht verlöſchen wollten, die weit von der Hoͤhe herab durch die Gegend ſtrahlten. Da ergriff Ungeduld die Wartende; ſie ſchritt ſchnell auf und ab am hohen Ge⸗ — —4— ſtade, mitunter leiſe Worte zu ſich ſelbſt fluͤſt⸗ ernd, dann blieb ſie ſtehen, die Augen wieder nach der Burg richtend, doch immer noch wur⸗ den die Fenſter nicht dunkel. Da kniſterte es jenſeit des Gewaͤſſers in den Buͤſchen und ein Fußtritt rauſchte durch das abgefallene Laub des vergangenen Jahres, das noch einzeln das junge Gras bedeckte; ei⸗ ne dunkle Geſtalt zeigte ſich auf der Bruͤcke; ſie verweilte ein wenig, rings umherſchauend, dann ſchritt ſie behutſam hinuͤber. Biſt Du es, Thomas?— fluͤſterte eine weibliche Stimme im Schatten der Geſtraͤuchez und als der Verhuͤllte muͤrriſch erwiederte: Wer ſollte es anders ſeyn als ich?— trat Olga auf ihn zu.— Was treibt Dich hinaus in Nacht und Wind? fuhr Jener fort— ſchon glaubte ich Dich nicht zu finden; Deine Thuͤr war verriegelt und mein Klopfen vergeblich, da hoͤrte ich des Waldwarts Horn in der Nähe, und wollte fort, denn Du weißt, ich mag ſolch Geſindel nicht leiden.—— Es giebt Zeiten, da Wachen mehr Noth thut als Schlaf, und es geziemt ſich, der Ruhe zu pflegen nach gethaner Arbeit, nicht wenn ſie — 88— beginnen ſoll.—— Ei, wahrhaftig, ſoll ſie beginnen? fragte Thomas mit dem Ausdruck der Freude.— Nun es iſt auch einmal Zeit, denn ſaͤumeſt Du noch laͤnger, ſo bin ich ge⸗ ſonnen, in meine Bergſchluchten heim zu kehren zu den Genoſſen, von denen mich Deine Ver⸗ heißungen gelockt in die Ebene, die mir nicht behagt und in dieſe Gegend, die mir zuwider iſt ſeit langer Zeit.— Und was möchte es Dir helfen, waͤre nicht Alles bereit?— fragte Olga.— Laß ſie noch draußen, Deine Gefaͤhr⸗ ten, noch iſt hier fuͤr ſie nichts zu thun, Du aber harre meiner Weiſung.—— Und wie lange ſoll es werden, Frau? Du weißt, die hierlaͤndiſche Luft taugt mir nicht, und noch Mancher kennt um Zemboein des Tomek Ge⸗ ſicht. Wohl verberge ich mich den Tag uͤber im dichteſten Forſt, doch iſt der Wald noch kahl, und wie leicht erſchauet mich ein wach⸗ ſames Auge;— was mir aber dann bevor⸗ ſteht, weißt Du.—— Wohl weiß ich es— ſagte das Weib gleichgiltig— Peitſchenhiebe zum Tode und ein Grab unter Doͤrnicht und Geſtein— doch ich weiß auch, was Deiner dort w iſt, Freund; etwas Beſſeres iſt es nicht, ſo Du nicht meineſt, der Galgen oder der Scheiterhaufen ſeyen ein noch zu ruͤhmlich Ziel fuͤr Dich.—— Nun, ſtehn wir doch Alle in des Schickſals Hand— verſetzte Tho⸗ mas verdruͤßlich— und ſoll es nun geſtorben ſeyn, ſtirbt es ſich immer beſſer in guter Ge⸗ ſpannſchaft, als hier, wo ich allein dran kom⸗ men wuͤrde, denn Du, ich weiß es, Du redeſt Dich abermals aus.—— Daran zweifle nicht; indeß meine ich, daß hier noch etwas Anderes Deiner wartet, als das Werkzeug des Vogtes, das Du fuͤrchteſt aus alter Bekanntſchaft, und Manches findeſt Du hier muͤhlos in Haufen, was Du dort einzeln zuſammenraffeſt in tag⸗ licher Todesgefahr, von welcher Du ja kein Freund biſt, Tomku, wie ich Dich kenne.—— Ich bin ſo gut als ein Anderer— ſagte die⸗ ſer empfindlich— ob ich ſchon geſtehe, daß mir wohler iſt unter einem halbhundert ehrli⸗ cher Jungen, die allenfalls dem beßten Roß um Halicz im Laufe die Eiſen unter den Hu⸗ fen wegſtehlen, aber dafuͤr auch ihren Mann ſtehen, als hier allein mit einem Weibe, wel⸗ ches Andere hinausſchickt in die Gefahr, und wenn es ſchief geht, allenfalls ein Ave betet — — 90— fuͤr die arme Seele des Narren, der ſich auf⸗ reden laſſen. Doch was red' ich von Ave, biſt Du doch eine Ketzerin und baſilianiſche Jrrgläubige.—— Haͤtteſt Du die wackern Genoſſen nicht, Armſeliger— fuhr Olga auf, wozu hätte ich Dich gerufen?— Schweig' und gehorche! ſetzte ſie gebieteriſch hinzu. Sieh, jenes Schloß, wo vor Jahren einſt Dich die ſchimpfliche Zuͤchtigung traf, die Deine Feigheit verſchuldet, ſieh wie die Fackeln und Lampen heruͤberleuchten. Wenn die letzte erloſchen iſt, geht dieſes Hauſes Gluͤckſtern unter, und der Deine geht auf.—— Nun, wenn es weiter nichts waͤre— ſprach Thomas, der mit aber— witziger Verwunderung nach der bezeichneten Stelle geſchaut hatte— dann waͤre mir bald geholfen, denn eben ſcheint es, als verdunkeln ſich die Fenſterbogen. Doch mag ich nicht be— greifen, was mir es nutzt oder ſchadet, wenn in jener Burg, die der Abgrund der Höoͤlle ver⸗ ſchlingen möge, tauſend Lampen brennen oder keine.—— Wahrlich, unterbrach ihn Olga mit Heftigkeit— hier erloͤſcht eine Leuchte, dort wieder eine! O brich herein uͤber Zem⸗ bocin, Nacht, Vorbild jener Nacht des Todes, 8 — 91— die kein Lichtſtrahl mehr erhellt! Roch einen Augenblick Geduld, bald wird Alles klar ſeyn! — Und wie— ſetzte ſie zoͤgernd hinzu— und wie wird das Schickſal entſcheiden? Wird es mir des lang verlorenen Gluͤckes Wiederkehr bie⸗ ten, oder die ungekannten erſehnten Genuͤſſe der Rache?— Ich erwarte den Olgierd, mei⸗ nen Sohn hier, Thomas; es iſt ein tuͤchtiger Burſch worden, und Du wirſt Deine Freude an ihm haben.— Gehe drum abſeit, nicht allzufern aber, denn einige Worte hab' ich mit ihm zu wechſeln— das was er bringt, wird mich beſtimmen. Doch verberge Dich wohl, und nur auf meinen Ruf zeige Dich wieder.—— Olgierd?— fragte der An⸗ koͤmmling aus dem Gebirg— ich freue mich, ihn wiederzuſehn; hat er doch einmal fuͤr mei⸗ nen Sohn gegolten. Und traun! iſt er es nicht, haͤtte ich ihm doch ein Paar Bruͤder geben koͤn⸗ nen, nicht ſchlechter denn er, wenn Ihr nur gewollt haͤttet, wie es des Herrn Wille war. —— Woran mahnſt Du mich in dieſem Au⸗ genblick?— fuhr Olga wuͤthend auf, und ihr entflammtes Auge rollte wild in ſeiner Hoͤhle— War es die Stimme des Schickſals, die aus 92— dem Munde des Verworfenen, des entlaufenen Knechtes ſprach?—— Ich verſtehe Euch nicht, wie mir ſchon manchmal geſchehn— und ich weiß nicht, warum Ihr zuͤrnt, denn ſchön waret Ihr genug, daß ſolcher Wunſch einem wohl beikommen mochte.—— Fort, Richtswuͤrdiger!— rief ſie mit zuͤrnender Stim⸗ me— mag auch der Dachs ſeine Brut ſtatt in den finſtern Bau in die Höhle des Lowen betten? Fort! ich hoͤre die Schritte des Na⸗ henden.—— Kopfſchuͤttelnd entfernte ſich der Buſchklep⸗ per und brummte in den Bart: Wahrlich“ waͤre ich nicht allein hergekommen von den Ber⸗ gen, und nur fuͤnf oder ſechs Burſche mit mir, Du ſollteſt nicht ſo zu mir ſprechen, und ſtatt zu harren auf die wetterwendiſche Laune eines Weibes, wuͤrde ich das Kleinere nehmen fur das Große, und Dein Waldhäuslein ein we⸗ nig aufräumen; denn Frau Olga beſitzt manch mitnehmenswerthes Geſchmeide, und hat ſol⸗ cherlei ſeit langer Zeit um mich verdient. Doch will es der Haͤuptling ſo, und was der will, muß man wohl erfuͤllen, denn dem, welcher in ſeine Hand faͤllt, waͤre beſſer zu Muthe unter dem Kantſchuh des Vogtes.—— Nun, wie iſt es? rief Olga dem herbeieilen⸗ den Sohn entgegen— Du kommſt ſpät; bringſt Du mir Nachricht? Mitternacht iſt ſchon vor⸗ uͤber.—— Erſt jetzt— antwortete der Leib⸗ eigene noch athemlos vom ſchnellen Laufe— erſt jetzt iſt die Verſammlung auseinander ge⸗ gangen— denn der Eine von den Fremden iſt ein ruͤſtiger Zecher und, ſo daucht es mich, den Frauen nicht feind.— Die glaͤnzenden Augen Frau Chriſtinens leuchteten ihm ſo wun⸗ derſam, daß er daruͤber nicht gewahrte, es ſey tieß i rief die Frau ungeduldig: Was kuͤmmert mich die Edel⸗ frau des Mieczyslaw von Skalmierz, und die Blicke, die ſie Jenem zugeworfen?—— Weißt Du auch, wer er iſt, den ich meyne? oder ſoll ich Dir ſagen, wen heut die Burg Zembocin beherbergt?—— Was konnteſt Du mir auch ſagen, das ich nicht wußte?— unterbrach die Mutter ihn ſpottiſch— doch ſprich, iſt der, den ich kenne, wohlgebaut und die Andern auch? Was redeten ſie zuſammen? Der Wein löſt die Zunge und bringt oft verborgene Gedanken 9— an den Tag.—— Von der Jagd, von dem Kriege— erwiederte Olgierd gleichgiltig— von des Kaiſers Hofhaltung; was kuͤmmert das uns mehr?—— Und ſolche Nichtswuͤr⸗ digkeiten zu berichten, fliegſt Du herbei in fin⸗ ſterer Nacht, wie der Pfeil von dem Bogen? — Sprich, Olgierd; ich kenne Dich; ſtumpf⸗ ſinnig biſt Du nicht, und kein muͤßiger Plau⸗ derer.—— Und mag ich wiſſen, was in Eure Entwuͤrfe taugt, da Ihr ſie mir ſo ſorgſam verbergt— ſprach der Leibeigene, wie zuvor— fraget und ich will Euch berichten.—— Ich weiß, Du haſt einen ſcharfen Blick und ein ſo leiſes Gehoͤr, als einer der Waidmaͤnner in un⸗ ſern Forſten, Idzi— ſagte Olga, vertraulich ſich zu ihm neigend— und nicht umſonſt hab' ich Dich gelehrt, daß der, welcher ſchwach iſt und ſchutzlos, wohl thue, beide zu uͤben, wie der Vogel fernhin den nahenden Schuͤtzen ge⸗ wahrt, und ſein Ohr das Knarren des Bogens vernimmt, deſſen Pfeil ihn durchbohren wuͤrde, traͤf' er ihn ungeahnet. Sprich, haſt Du ſonſt nichts bemerkt, als was Du berichtet, und mein wachſamer Sohn vielleicht ſich verloren im Anſchauen derer, die ihm ſchöner duͤnkt, als ———————— — die Edelfrau des Mieczyslaw?—— Idzi fuhr auf und ſprach ſtörrig— Redet nicht alſo, Mutter; ich will es nicht leiden! Eine Stelle iſt's, wo ich verwundet bin, huͤtet Euch, ſie verletzend zu beruͤhren.— War mir es doch, als ſey der Schmerz milder geworden, und Ihr habt ihn wieder erweckt. Fragt, ich will Euch berichten, dann aber werde auch ich fragen, und ich hoffe, Ihr gebt mir Beſcheid, denn muͤde bin ich es, am Gäͤngelband zu gehen. —— Was iſt Dir? frug Olga— Du biſt nicht wie ſonſt, ungeſtuͤmer denn je, und doch anders als ich Dich ſonſt wohl geſehn.—— Fragt— ſchrie der Leibeigene ſo heftig auf, daß Olga beſtuͤrzt von ihm zuruͤcktrat, und erſt nach einiger Zeit fuhr ſie fort: Haſt Du nicht noch Einen bemerkt unter den Fremden„einen hochgewachſenen Mann, bluͤhenden Antlitzes, mit ſchwarzem Haar und fremdländiſchen Zuͤgen? Idzi ſtand eine Zeitlang ſtumm und im Sinnen verloren„dann antwortete er langſam und träumeriſch: Wohl hab' ich ihn bemerkt, und er mich, doch iſt ſein Antlitz nicht bluͤhend mehr, und ſein Haar hie und da gebleicht.—— Und bezeigte er ſich munter, und der Andere — ₰ ſprach freundlich zu ihm, und ſie trunken auf eine beſſere, vielleicht nicht ferne Zeit?—— Munter, nein, munter war er nicht— lautete die Antwort des Leibeigenen im vorigen Tone⸗ — Der Gram ſcheint das Antlitz gefurcht zu haben, das einſt wohl das Antlitz eines herr⸗ lichen Kriegers war, und in der langen Haft, von der ich vernommen, das Feuer ſeines Blik⸗ kes erloſchen. Selten nur flammte es empor, Mutter, und truͤb und dunkel, und wunder⸗ ſam, gerade dann, wann es auf mich ſchaute, den leibeigenen Knecht, den ſonſt die ihm gleich ſind, oder wohl niederer als er, gleichgiltig be⸗ trachten, wie den Schemel ihrer Fuͤße. Ja einmal ſogar meinte ich, zu gewahren, daß er eine Thraͤne zerdruͤckte. Es iſt ſo weibiſch zu wei⸗ nen, und ehe mir eine Thräne entſiele, mußte erſt mancher Strom Blutes vergoſſen werden, meines oder eines Andern, denn ſo ziemt es dem Mannz auch pflege ich, mich wohl am Schmerze zu weiden, der Andere betrifft, als ſey er ein Labſal fuͤr den eigenen, vornehmlich wenn ich ihn an Einem von Denen gewahre, die man groß nennt und reich— und doch— Mutter, ich will es Euch geſtehen, ich konnte mich der Thränen des Mannes nicht erfreuen, und beim Anſchauen ſeines Kummers ward mir, als ſey mir ſelbſt ein Leid geſchehen, oder ein Gluͤck ſey meinem Todfeind zu Theil wor⸗ den, dem Nikolaus Strzemieniec, meinem er⸗ lauchten Jugendgeſpielen. Mit vieler Aufmerkſamkeit, doch mit al⸗ len Anzeichen unterdruͤckter Bewegung hatte Olga den Worten des Sohnes gehorcht; als er geendet hatte, ſprach ſie einiges unverſtänd⸗ lich und ſchnell vor ſich hin, dann faßte ſe 6 ſich gewaltſam und fuhr fort in ihren Fragen. Mehrere Male mußte Olgierd, die ihn ergreifende Ungeduld zuͤgelnd, das Geſagte wiederholen;z nicht den geringfuͤgigſten Umſtand erließ ihm die Mutter, und uͤber Mienen und Blicke der vier Fremden ſollte er ihr Rede ſtehen, ſo daß ihm die fruͤh erweckte Scharfſichtigkeit in die⸗ ſer Befragung wohl zu ſtatten kam. Mit er⸗ zwungener Langmuth hielt er ihr Stand; er fuͤhlte, daß er nah an einer unbekannten Ent⸗ ſcheidung ſtehe, die ſein unzufriedenes Herz ſchon ſeit Jahren herbei geſehnt hatte; er fuͤhlte, ſie liege in den Haͤnden der Fragenden, und er furchtete, die Mutter kennend, ein unbedachtes 7 —— Aufbrauſen mochte dieſe Entſcheidung vielleicht auf immer in ihren Buſen vergraben, wie der Geiſt der Nacht auf ein unzeitiges Wort des Schatzgräbers den Hort, den er bewacht, um zehn Klaftern tiefer in die Erde verſenkt. So begannen denn ſchon die Hähne zu rkrähen, ein bleicher Streifen in Oſten kuͤndigte den kommenden Morgen an, ſchauriger wehten die Luͤfte, und im nahen Dorfe ertönte das Gebell der Hunde und das Raſſeln der Acker⸗ werkzeuge, das Beginnen des Tagewerks anzei⸗ gend, und noch ſtanden Olga und der Leibei⸗ gene in tiefem Geſpräch beiſammen. Da be⸗ richtete er das, was der Leſer am Ende des dritten Abſchnittes dieſer Darſtellung vernom⸗ men und die Aufmerkſamkeit der Horerin ver⸗ doppelte ſich.— Als er nun ſagte, wie auf des Prieſters Stanislaw Andeutung der brau⸗ ne Rittersmann das Schwert, Szczerbice ge⸗ nannt, ergriffen und es emporgehoben und ge⸗ ſchworen habe, einen zweiten Spalt damit in die goldne Pforte zu Kyow zu hauen, ergriff Olga eine heftige Bewegung— nicht Freude war es, es war ein ſeltſames Gemiſch ſtreiten— der Empfindungen, welches das zunehmende — Licht des Tages auf ihrem ausdruckvollen An⸗ tlitz ſichtbar werden ließ, und mit erſtickter Stimme fragte ſie ſchnell: den Szczerbier hat er erhoben, und geſchworen die Stadt am Dnie⸗ per zu erobern, wie ſein Ahn?—— Alſo geſchah es— erwiederte Olgierd geſpannt— und als er es that, hob der Geiſtliche die Häͤnde wie zum Segnen, die Herren auf Zembvein fal⸗ teten, ich weiß nicht warum, die ihrigen, der bleiche Fremde aber verneigte ſich ſtumm, doch dankend und geruͤhrt.—— So ſoll es denn geſchehen— rief Olga dumpf— und heute ſchon, Olgierd, ſollſt Du gewahren, daß ich Dein Loos in ſorgſamer Hand bewahrte. Richte Dein Haupt empor; Du wirſt es fortan aufrecht tragen duͤrfen unter den Menſchen, und wenn Du umſtrahlt biſt von dem Glanz, der Dein wartet, ſo gedenke, daß ich es war, die Dir ihn gab.—— Wie ſoll ich Dich verſtehen, Mutter?— rief Ol⸗ gierd— ſprich deutlicher, daß ich das Unbe⸗ kannte begreife, das aus Deinen Worten plotz⸗ lich auf mich zutritt. Was iſt es, das Du mir andeuteſt?— Fſt es das Gluͤck, dem mei⸗ ne ganze Seele entgegen fliegt zum erſtenmal 7* — 100— mit ungefeſſeltem Fittich, o ſo entreiße ihm die Huͤlle, daß ich es faſſe, um es nim⸗ mer von mir zu laſſen!—— Da ſprach Olga langſam und ernſt: Nicht alſo; was geraume Zeit hindurch verſchloſſen war in des Herzens geheimer Kammer, tritt nur zoͤgernd und ſcheu aus der Dunkelheit hervor, und ich kann es nicht leichtſinnig aus dem langjaͤhrigen Gewahr⸗ ſam entlaſſen.—— Und warum nicht? rief der Leibeigene in ausbrechendem Zorn.— So unterdruͤckt denn die ſchmaͤlige Knechtſchaft das Muttergefuͤhl, dem doch die Thiere ſelbſt treu ſind! Du ſagſt, ich duͤrfe mein Haupt aufrichten, und ſo will ich es auch nicht einen Augenblick unter das Joch beugen, gegen das mein Inneres ſich emport. Sprich, Weib, oder die erſte Handlung des Freien wird fur den Raub Rechenſchaft von Dir fordern, den Du durch boshaftes Zögern an mir begeheſt. —— Du droheſt mir?— ſprach ſie mit bit⸗ term Lächeln— Kennſt Du Olga nicht? Sie läßt ſich nicht zwingen. Siehſt Du dieſen Dolch? Noch ehe Du ihn mir entwindeſi, wird eine einzige Bewegung dieſer Hand mei⸗ nen Mund auf ewig verſchließen, und auf im⸗ — 101— mer, Thor, bis an das Grab wirſt Du ein leibeigener Knecht ſeyn!—— Idzi ſah die funkelnden Augen, den drohend gehobenen Arm und er verſtummte knirſchend.— Drauf ſprach die Frau in gemeſſenem Ton weiter: Es ſcheint, als wolle es das Schickſal ſo, als ſollteſt Du auf höherer Stelle Dich als den bewähren, zu dem ich Dich im Stillen gebildet, weit uͤber den Stand, der Dir ſcheinbar beſtimmt war — Damit iſt es gut fuͤr Dich— weißt Du, ob es auch gut fur mich iſt? Doch ſey dem alſo, weil es ſeyn ſoll.— Laß jedoch mich mit mir ſelbſt berathen, denn anders geſtalten ſich die Begebniſſe in Deinem Auge, als in dem meinigen.—— Sie blieb jetzt eine Weile ſtumm und mit geſenktem Blicke, als bemerke ſie den Sohn nicht, der vor ihr ſtand, bebend vor Grimm und Ungeduld, dann wandte ſie ſich plötzlich und ſchlug in die Haͤnde. Die Sonne war eben im Aufgehen und zerſtreute die letzten dämmernden Schatten; Ol⸗ gierd erkannte augenblicklich den, der ſcheu und langſam aus dem Geſträuch hervorkroch. Was fuͤhrt den Tomek hieher? fragte er ver⸗ wundert— Wie kommt der entflohene Sklav — 102— nach Zemboein?— Olga aber fuhr ihn hoͤh⸗ niſch an, ſprechend: Magſt Du auch den ver⸗ unglimpfen, den Du ſo lange Vater genannt? Drauf ſagte ſie zu dem Nahenden kalt und be⸗ fehlend: Es hat ſich anders geſtaltet; ſo kehre zu deinen Bergen zurück, und gruße den Häupt⸗ ling und ſage ihm, noch ſey es nichts, doch moͤge er ſich bereit halten auf nahe Zeit.—— Als Thomas dieſe Worte hörte, ſtampfte er zornig den Boden und ballte die Faͤuſte und ſprach: Hab' ich es nicht geſagt? Anders ſteht wieder der Wind im Kopfe des Weibes, und es heißt, gehe nach Hauſe und biete den Ruͤcken der Gei⸗ ßel des Oberſten, den wir genarrt haben.—— Welches iſt dieſes neue Räthſel?— unterbrach Olgierd den Freibeuter.— Mutter, wiſſe, ich bin muͤde, laͤnger im Dunkeln zu tappen, wie ein Blindgeborner. Was beginnt er hier, und was haſt Du mit ihm?—— Alſo treibt ſie es mit Dir, wie mit mir?— lachte To⸗ mek— Nun, was dem Voater geſchieht, kann auch dem Sohne recht ſeyn.—— Ich Dein Sohn, Nichtswuͤrdiger? ſchrie der junge Mann auf— Sprich dies Wort noch einmal, ſo ſoll es wahrlich Dein Letztes ſeyn.—— Ho ho— „ — 3— erwiederte der Andere— Ihr ſeyd wohl gar ſchon ein vornehmer Herr geworden, geſtrenger Junker in ziegenhaarner Kutze? Nun wahr⸗ lich, mein Gewand eines Bergritters iſt wohl des Euren werth.—— Der Erzuͤrnte war im Begriff, ſeine Drohung wahr zu machen, ſo gut es die kraͤftige Fauſt des Unbewehrten gegen den mit Saͤbel und Meſſer bewaffneten Gegner vermochte, doch Olga trat zwiſchen ſie. —— Was hadert Ihr— rief ſie leiſe, doch nachdruͤcklich— da Ihr doch nicht wiſſet, war⸗ um? Es bleibt bei dem, was ich geſagt.—— Indem fiel ihr Blick auf die Seite nach dem Schloſſe zu; ſie ſchwieg alsbald und horchte mit verhaltenem Athem, denn auf dem gebahnten Wege ließen ſich Fußtritte hören. Unwillkuͤhr⸗ lich folgten die Augen der Andern den ihrigen, und ſie gewahrten zweier Maͤnner, die im ge⸗ machſamen Schritt des Luſtwandelns auf den Bach zukamen.— Fort!— raunte ſie den Gefaͤhrten zu— man darf uns nicht beiſam⸗ men finden, am wenigſten aber die, welche ſich eben naͤhern. Schlüpft durch die Buͤſche nach der Huͤtte und harret meiner; Du Tomek, da⸗ mit Du dort den Zehrpfennig empfangeſt, Du — 104— aber Idzi, damit ich Dir vielleicht etwas Beſ⸗ ſeres gebe.—— Die Feigherzigkeit des Ei⸗ nen, und des Andern lange Gewöhnung zum Gehorſam gegen das ſeltſame Weib, beſiegten ihren Unmuth gegen ſie und ihre beiderſeitige Ent⸗ ruͤſtung; unwillig zwar, doch ohne Verweilen ent⸗ fernten ſie ſich in das Geſträͤuch. Auch Olga war im Begriff, ihnen langſam zu folgen, da dran⸗ gen einige Worte des Geſprächs der Herankom⸗ menden an ihr Ohr— ſie ſtand eine Zeit un⸗ entſchloſſen, dann glitt ſie ſchnell und ohne Ge⸗ räuſch unter die Brucke, und während der Eine der Maͤnner ſich an den Stamm einer Buche lehnte, und der Andere eifrig redend vor ihm ſiehen blieb, verbarg ſie ſich unter den Glas⸗ halmen und Blumenſtauden des Ufers. W Der Prieſter, den wir unter dem Namen Stanislaw Szczepanowski auffuͤhren ſahen, hatte ſich in die Kirche bei fruhem Morgen verfügt, um den Tag mit Erfuͤllung der Obliegenheiten zu beginnen, die ihm ſein heilig Amt aufer⸗ — 105— legt. Wenig Landleute nur hatten der ſtillen Meſſe beigewohnt und verließen nach Beendigung derſelben das Gotteshaus einzeln und geraͤuſch⸗ los. Der Geiſtliche ſtieg vom Altar herab, vor welchem der Pfarrer des Ortes und der Schloß⸗ Kaplan ihm ehrfurchtvoll miniſtrirt, und ſchickte ſich an, auch heimzukehren, da trat Herr Se⸗ verin Strzemieniec aus einem Seitengang, in welchem er der Andacht obgelegen, ihm in den Weg.— Schon lange— ſprach der Edel⸗ mann— ſehnte ich mich nach einem Augen⸗ blick des Zuſammenſeyns mit Euch, hochwuͤr⸗ digſter Biſchof, und da der Herr einen Gang in das Feld gemacht mit Eurem erlauchten Mitbruder, der Fremde aber leider Eures geiſt⸗ lichen Beiſtandes nicht begehrt, ſo meyne ich, dieſer Augenblick ſey gekommen, und Ihr wer⸗ det Euren Troſt und Zuſpruch dem nicht ver⸗ ſagen wollen, der in fruͤher Jugend Eur Spiel⸗ und Streitgenoſſe, ſpäter aber der treue Ver⸗ ehrer Eurer Tugenden war.—— Die Tu⸗ gend des Menſchen— erwiederte der Praͤlat ernſt doch wohlwollend— iſt nur Stuckwerk und gebrechlich, doch die Kraft von Oben ver⸗ mag ſie zu ſtärken, und der Prieſter ſoll da⸗ nach trachten, daß er vor den Mitbruͤdern da⸗ ſtehe, ein feſter Stuͤtzpunkt und zuverläßiger Fuͤhrer auf dem Pfade des Heils. So eroͤff⸗ net Euch denn mir und ſeyd verſichert, daß der Biſchof von Krakow, ſo viel er vermag, zu der Beruhigung beitragen wird, welche Ihr beduͤrfet, wie ich ſehe. Sie ſtiegen jetzt einige Stufen hinab in eine Nebenkapelle, welche eine der Seiten des kreuzformigen Gebaͤudes einnahm. Der Strahl der Morgenſonne fiel ſchraͤg durch die Baum⸗ wipfel des Kirchhofs, deſſen Boden etwas hoͤher lag als das Gewoͤlbe, in dem ſie ſich befan⸗ den, in die ſchmalen Fenſter, und erleuchtete mehrere aufgehängte Helme, Schilder und Schwerter, ſo daß ſie ſeltſam und grell her⸗ vortraten auf dem dunkelgrauen Mauerwerke. Unter ihnen ſah man ſteinerne Behaͤltniſſe, auf welchen unfoͤrmliche Bilder, Erzeugniſſe eines rohen Meißels, hier einen Rittersmann in vol⸗ ler Ruͤſtung, dort eine Frau in nonnenartigem Gewand ausgeſtreckt liegend, unvollkommen darſtellten. Dieſe Bilder und mehrere grin⸗ ſende Todtenköpfe, die die Zierrathen der Be⸗ haͤltniſſe bildeten, zeigten, man befinde ſich —— zwiſchen den Grabſteinen des Geſchlechtes der Strzemieniec, das in der Gruft unter ihnen den langen Schlaf des Todes ſchlief. Acht waren ihrer an der Zahl, je zwei und zwei, doch der letzte, dicht neben einem andern, der durch ein weiblich Bild bezeichnet war, ſtand noch offen, und die nur undeutlich eingehauenen Buch⸗ ſtaben S. E. W. verkuͤndeten, er ſey bereit, den aufzunehmen, der jetzt noch lebend und in voller Kraft den Biſchof von Krakow zu den Grenzſteinen des Irdiſchen geleitete. Hier will ich Euch mein Herz aufſchließen, wuͤrdiger Herr— ſprach Severin mit leiſer, un⸗ ſicherer Stimme— hier neben der todten Huͤlle Derer, die ich beleidigt, damit, ſo ſie zuͤrnend auf mich ſieht, die Anweſenheit eines heiligen Prieſters mich vertrete bei ihr, und ſie mir vergeben habe, wenn ich mich nun niederlege zur Ruhe an ihre Seite.—— Schweigend legte ſich Stanislaw an das Denkmal der Frau, gleichſam als ſey er der Stellvertreter Derer, deren Lippen auf ewig geſchloſſen waren, dem Gatten gegenuͤber, ihm zu verzeihen oder ihn zu richten. Wunderlich ſpielten die Morgen⸗ lichter um die duͤnnen, ſchon gebleichten Locken 4 — 408— des angehenden Greiſes, ſo daß ſein Haupt ge⸗ gen den beſchatteten Hintergrund anzuſchauen war, als umwebe es ein ſchimmernder Kreis, und ſein Auge ruhte mild und bedeutſam auf dem ſtolzen Rittersmann, der in gebeugter Stel⸗ lung ſtumm und demuͤthig vor ihm ſtand, die eine Hand auf das Gemaͤuer geſtuͤtzt, das ſeine kuͤnftige ſtille Wohnung umſchloß.— Ich weiß, was Ihr mir ſagen wollet— unterbrach der Biſchof die Stille des Grabgewoͤlbes— iſt es nicht jener Dunkelgelockte?—— Es iſt, wie Ihr ſagt— antwortete der Schloßherr mit einem tiefen Seufzer.—— Der erſte Blick hat es mir verrathen— fuhr Stanis⸗ law fort— ſein Angeſicht traͤgt die Spuren fremdlaͤndiſcher Abkunft von Seiten der Mut⸗ ter, und ſein Weſen iſt nicht das eines Soh⸗ nes des leibeigenen Knechts.—— Eben dies iſt es, was mich bekuͤmmert— verſetzte der Herr von Zemboein— und das, was mich erfreuen wuͤrde unter anderm Verhaͤltniß, wird mir jetzt zum Gericht.—— Der Mund des Weibes hat ihm das Geheimniß nicht verra⸗ then, ich weiß es, denn als ich, wie Euch be⸗ kannt, hochwuͤrdiger Herr, um der Frommen willen, die nun hier ſchläft ſeit manchem Jahr, den Schwur des Schweigens von ihr verlang⸗ te, bis ich ſelbſt ihn löſen wuͤrde, hat ſie ihn geleiſtet mit Bereitwilligkeit, ja mit einer Freude ſogar, die mich gleichſam erſchreckte an der Mut⸗ ter, welche den Sohn auf Lebenszeit in die Knechtſchaft dahingiebt. Auch hat ſie zweifels⸗ ohne den Eid gehalten, denn nimmer iſt ein Wort uͤber ſeine Lippen gekommen, welches an⸗ deutete, er wiſſe darum. Solches aber hätte er nicht uͤber ſich vermocht, wäre dem anders, denn des jungen Mannes Gemuͤth iſt ehrbe⸗ gierig, und mit Ingrimm blickt er auf die Kutze, die ihn bekleidet. Es iſt aber eine Ahn⸗ ung aufgeſtiegen in ihm, vielleicht erweckt durch des Blutes leiſe, doch mächtige Stimme, viel⸗ leicht durch das, was er an mir gewahrt in unbewachten Augenblicken, und ſie verwirrt ſein Gemüth und macht ihn ſchwankend zwiſchen dem, was die Wirklichkeit ihm gewährt, und dem, wozu er vielleicht geboren.— Fort und fort gelangen Beſchwerden an mich, daß er widerſpenſtig ſey und uͤbermuͤthig; verdroſſen verrichtet er das Tagewerk, das ihn anwidert, gleich dem Schlachtroß, geſpannt vor den Acker⸗ pftug, und ein Wort der Ruͤge faͤllt in ſeine Seele, gleich dem Funken in leichtentzuͤndlichen Stoff. Ich habe Euer Gebot erfuͤllt, weiſer Biſchof und Herr; der Buße habe ich mich unterzogen, welche Ihr mir auferlegt, die Stim⸗ me des Herzens zu uͤbertaͤuben, jeglichen Tag und jegliche Stunde; ich richte das rauhe Wort des Gebieters an ihn, den ich nur widerwillig unter den Knechten erblicke, die Peitſche mei⸗ ner Schaffner ſchwingt ſich, um das Fleiſch zu verwunden, das von meinem Fleiſch iſt, und ſelten nur wage ich die Laſt zu erleichtern, die doch ich ihm aufgebuͤrdet mit dem Leben— und dennoch, laßt es mich geſtehen, fuͤhle ich mich nicht verſoͤhnt mit mir ſelbſt, und es ſcheint mir oft, als ſammle ſich allmaͤhlich ein Sand⸗ korn Unheil zu dem andern, bis es nun auf⸗ gewachſen zum Berge, uͤber mich zuſammen⸗ ſtuͤrzt, ehe der Schlußſtein dieſer Ruheſtätte mich noch beſchirmt.—— Der Biſchoff verſetzte mit Strenge: Sol⸗ ches hab' ich Euch auferlegt, oder die richtende Kirche durch mich; denn es gebuͤhrt ſich, daß der Uebertreter ſeine Buße finde in den Folgen der That ſelbſt, damit er, indem er gezuͤchtigt ———— Feee — 411— wird, fort und fort der Urſache gedenke, die den Zorn des Himmels uͤber ſein Haupt geru⸗ fen, und nur in ſeinen unabſehbaren Folgen mag er das Böſe erkennen, dem er ſich dahin⸗ gegeben und ſich entſuͤndigen in unaufhorlichem Kampf gegen dieſelben in der Zeitlichkeit, da⸗ mit es ihm nicht aufbehalten werde und der⸗ maleinſt ihm vorgelegt am Tage des Gerichts. Doch— begann Severin Strzemieniec, unter⸗ wuͤrſig, von Neuem— ſoll auch Der, welcher nicht Schuld iſt an der Miſſethat, die ihm ein elendes jammervolles Daſeyn gegeben, ſolche buͤ⸗ ßen? Denn ich kann nicht zweifeln, daß der feind⸗ liche Geiſt des Neides und des Unmuthes ſich in ſein Herz geſchlichen und es ſtill und ge⸗ machſam vom Guten abwendet, um vielleicht, ſpaͤt oder fruͤh aufſtehend, in ſeiner heilloſen Kraft ihn und Andere zu verderben? Nicht fuͤr jenen Olgierd allein bin ich bekuͤmmert, hochwuͤrdiger Biſchof, und da Ihr mir ein⸗ mal vergoͤnnt, meine Gedanken vor Euch zu enthuͤllen, ſo laſſet mich fortfahren, mich der Laſt zu entledigen, die mich bedruckt.— Ihr entſinnet Euch wohl, daß kurz nach der An⸗ kunft jenes Weibes, und wenig Tage, nachdem — 12— ſie den Schwur abgelegt, deſſen ich eben er⸗ waͤhnt, meine Ehefrau plotzlich erkrankte und ſtarb und hieher getragen ward, wo ich mir neben ihr das Todtenlager bereitet habe, und wo ſie ſich hinſehnte; denn mit der Fremden Kommen war die Ruhe von mir gewichen, und die Erinnerung klagt mich an, der ſanften Dulderin nicht immer wohl begegnet zu ſeyn in der Verduͤſterung meines Gemuͤths. Kaum war das Leichenbegaͤngniß voruͤber, und Reue und Trauer erfuͤllten noch mein Herz um die, deren unſtraͤflicher Wandel ſo fruͤh ſein Ziel fand, die in jungen Jahren noch, vom Gat⸗ ten und Sohn und dem Leben ſcheiden mußte, das ihr nicht gewaͤhrt hatte, was ſie verdiente, da trat Olga zu mir und mahnte mich an die Verheißungen, die ich ihr einſt jenſeit des Dnie⸗ per im Taumel der Leidenſchaft gegeben. Ich gedachte Eures Befehls, auch empoͤrte mich die Verwegenheit, mit der jetzt ſchon die Zweideu⸗ tige ſich zwiſchen mich und den Schatten der Dahingeſchiedenen ſtellte; ſo Manches, was ich bemerkt und man mir berichtet, hatte meinen Argwohn erregt und ich hatte wahrgenommen, was fruher der eitle Sinnenrauſch mir verbarg; „ — 413— ich ließ ſie alſo an mit harten Worten, und als drauf Einer meiner Knechte mich anging um die Hand der Unterſaſſin, der Niedrigſten Einer der Leibeigenen meines Hauſes, der ſpaͤter entflohen, ge⸗ bot ich ihr, ihm ſolche zu reichen, verſprach auch, ihm die Freiheit zu geben und ihr eine reiche Mor⸗ gengabe, daß ſie ſich in der Ferne anſiedele und ich ſie aus den Augen verloͤre. Wie ich ihr nun dies angedeutet, Herr Biſchof, da fuhr ſie nicht auf in jaͤhem Zorn und wortrei⸗ chem Schelten, wie die Weiber wohl pflegen; Todtenbläſſe uͤberzog ihr Geſicht und— und ſie brach aus in ein Hohngelächter, bei deſſen Er⸗ innerung noch die ſeitdem ergrauten Haare ſich emporſträuben, und die Gluth in ihren Augen ließ mich das Weſen erkennen, dem ich die Treue aufgeopfert und das Gluͤck meines tu⸗ gendſamen Ehegemahls, ja ſein Leben gewiſſer⸗ maßen. Sie gab mir weiter keine Antwort, auch begehrte ich keine. Sollte ich ſie nun hinaus ſtoßen mit dem Sohne, wie Abraham die Hagar in die Wuͤſte hinausſtieß mit dem Knaben Ismael? Ach! meine Sara ruhet im Grabe, an dem Ihr lehnet, wuͤrdiger Herr, und nicht ſo fromm und untadelig bin ich wie der 8 Erzvater, daß mir anſtaͤnde zu thun, wie er. So habe ich ihr fortan Unterhalt und Herber⸗ ge gewaͤhrt, doch ſah ich ſie ſelten nur waͤhr⸗ end der langen Zeit, die ſeitdem vergangen, und fuͤhrt das Ungefaͤhr ſie mir entgegen, ſo wen⸗ de ich mich ab von ihr und ſpreche ein kurzes Gebet um Vergebung geheimer Schuld. Auch drängt ſie ſich nicht zu mirz ſie waltet ſtill und einſam in dem Waldhauschen, das einſt auch eine Verfuͤhrte bewohnte, doch erregt dieſe Ruhe mir Bangen und immerdar fluſtert die Ahnung mir zu, das Unheil ſey in der Naͤhe. So iſt mein Gemuͤth denn lange ſchon ver⸗ wirrt und beängſtet, und nur das Toben der Jagd und das lärmende Gelag kann mir den Sinn erheitern, der ſich vor dem verſchließt, was wohl das wahre Gluͤck genannt werden muß. Und endlich— damit Ihr das Maaß meines Unglůcks kennet und meine Strafe zu⸗ gleich, hat ſich mein Herz abgewendet von dem einzigen Sohn, den mir die geſchenkt, die viel⸗ leicht dieſe Worte mit Abſgheu vernimmt, und ob er gleich nicht Theil hat an der Uebertret⸗ ung des Vaters, ſo ſehe ich oft auf ihn, als auf den, dem ich den Andern geopfert, der — — 115— doch auch mein Sohn iſt, und es entbrennet bitterer Groll in mir, wenn ich dann dieſen erblicke, gefeiert und hochgeſtellt im Vaterlande, und neben ihm den Bruder in demuͤthiger Knecht⸗ geſtalt. So verſtreichen meine Tage und des Nachts treten Bilder duͤſterer Ahnung an mein Lager, und ich waͤhne zu fuͤhlen, wie die Grund⸗ feſten meines Hauſes wanken, die ich ſelbſt untergraben in thörichtem Uebermuthe des Leicht⸗ ſinns. Der Biſchof von Krakow hatte die Mit⸗ theilungen Severln's von Zembocin mit nach⸗ denklichem Schweigen angehört und mitun⸗ ter den Blick auf die Grabmaͤler um ihn her gerichtet, und dann wieder auf den Sprechen⸗ den, als vergliche er die Ruhe der Todten, die das Ziel des menſchlichen Strebens erreicht ha⸗ ben, mit den Anfechtungen derer, die im Kampf mit Drangſal und Schuld unter ihnen wan⸗ deln, bis auch fuͤr ſie die Stunde der Ent⸗ täuſchung ſchlägtz dann begann er ſanfter als zuvor: So meinteſt Du denn, ſuͤße Frucht zu pftuͤcken vom Dornſtrauch den Du gepflanzt, armer Jugendfreund, und Gutes zu ernten von der Saat des Boͤſen? Jede That aber iſt, ja 8* V jeder Gedanke unendlich in ſeinen Wirkungen, und dieſe tragen das Gepräge des Geiſtes, dem. jene entſtammen. Das aber iſt die Gerechtig⸗ keit Gottes;— doch moͤge auch ſeine Gnade nicht fern ſeyn von Dir, daß Du die Heilmit⸗ tel nicht verkenneſt, die ſie Dir bietet, und dann in Demuth die Zuͤchtigung annehmeſt, die Du ſelbſt Dir bereitet; denn wendeſt Du Dich ab von ihr, ſo wird alsbald der Feind nicht fern ſeyn, der lüͤſtern nach dem Gemuͤth blickt, das in der eigenen Verduͤſterung das Licht des Himmels ausgelöſcht wähnt, und ſchon beurkundet ſich ſeine Näͤhe in der Entfremdung vom eignen Sohn aus Gottgefälliger Verbind⸗ ung erzeugt, den der verſteckte Hochmuth un⸗ gerecht anklagt, daß Du Dich ſelbſt deſſen nicht beſchuldigen moͤgeſt, was Du doch allein berei⸗ tet. So ziehe Dich denn ab vom unheimli⸗ chen Gruͤbeln und ſchaue froh und vertrauend um Dich, ob nicht irgend ein Gnadenzeichen Dir nahe ſtehe, und gieb Dich dem finſtern Geiſt der Ahnung nicht dahin; denn obſchon unterweilen göttliche Kraft die Bilder der Zu⸗ kunft aus dem unendlichen Meer der Zeit her⸗ vorhebt, wie den Propheten und Vätern begeg⸗ „ — net, ſo fuhrt doch der Vater der Lugen auch ſolche vor die geblendeten Sinne, daß er die Seele aͤngſtige und verwirre. Sollte es aber wahr ſeyn, was Du empfunden, ſollte der Herr des Vaters Suͤnde heimſuchen an ſeinem Ge⸗ ſchlecht, ſo unterwirf Dich der gewaltigen Hand, die Dir die Züchtigung gewährt in dieſer Zeit⸗ lichkeit, auf daß Du gereinigt eingeheſt in das ſtille Haus, an deſſen Pforte Du jetzt ſteheſt. — Amen! dem geſchehe alſo, frommer Mann und heiliger Biſchof!— entgegnete der Ritter, indem er ſich hinabbuͤckte uber die leere Gra⸗ beshoͤhlung; drauf richtete er ſich empor und ſprach gelaſſener:— Auch iſt es mir wirklich, als ſey ein Bote der gottlichen Gnade einge⸗ treten in mein Haus. Ihr kennt meine Schnur, hochwuͤrdigſter Herr; iſt Einem ſterblichen Ge⸗ ſchoͤpf ſolch heilbringende Sendung worden, ſo iſt es Malgorzata, meines Sohnes eheliche Hausfrau. Wo ſie erſcheint, fliehen Unmuth und Zwietracht vor dem reinen Glanz ihres Auges, vor ihrer Stimme Harfenklang weicht der boͤſe Geiſt, eine friedliche Mittlerin tritt ſie zwiſchen den rauhen, verfinſterten Vater und den jungen hochfahrenden Kriegsmann, und — 118— ſelbſt jenes Unglucklichen duſterer Sinn, ſo ſcheint es, erhellt ſich im Mondesſtrahl ihres Blickes. —— Wohl— ſagte der Praͤlat— iſt ein fromm holdſelig Weib eine der beßten Gaben des Erdenlebens, und ſo wie, wenn ſie einmal gewichen vom rechten Wege, die Hölle ſich leicht des ſchwaͤchern Werkzeuges bemeiſtert, ſo ſteht es in urſpruͤnglicher Reinheit als ein Bild jener ſeligen Geiſter da, die die Sohne des Stau⸗ bes vertreten vor dem ewigen Throne, die ſich ihrer Tugenden freuen und dem Gefallenen die Thräne des Mitleids weihen. So haltet denn aus— fuhr er feierlich fort— in der Pruͤf⸗ ung, Severin Strzemieniecz immerdar bleibe Euer Herz und Sinn offen fuͤr die Gnaden⸗ gaben Gottes und es unterwerfe ſich demuͤthig den Strafen, die er Euch ſendet.— Thut Ihr aber alſo, ſo verſpreche ich Euch im Namen Derer, deren Huͤlle dieſer Stein bedeckt, ich ein Diener des Herrn, der ſie aufgenommen in ſein Reich, diesſeit ihre Vergebung und einen freundlichen Empfang an der Pforte des Jen⸗ ſeit!— Indem er ſo ſprach, legte er die Hand auf das Herz des ſtumm liegenden Bildes, und als der biſchoͤfliche Ring die ſteinerne Bruſt 119— berührte, zog ein leiſer klingender Laut durch das ſtille Gewolbe. Sie waren in das Schloß zuruͤckgekehrt und im Vorgemach begegnete ihnen Frau Mal⸗ gorzata, die nach ihrer Weiſe fruh auf, ſchon beſchaͤftigt war, die Obliegenheiten der Haus⸗ frau zu erfullen, welche durch die Ankunft zahl⸗ reicher und ſo vornehmer Gäſte an Umfang gewonnen hatten. Als der Herr von Zembo⸗ ein ſie erblickte, erheiterte ſich ſein Geſicht, auf dem noch der Ernſt ruhte, den das eben er⸗ wähnte Geſpraͤch in ihm hinterlaſſen; mit freund⸗ lichem Laͤcheln gegen ſeinen Begleiter gewen⸗ det, zeigte er auf ſie, als deute er an, dies ſey der Schutzgeiſt des Hauſes, von welchem er geſprochen, und als die liebliche Frau den Bi⸗ ſchof ehrerbietig begrußte, legte dieſer die Hand ſegnend auf ihr blondgelocktes Haupt, und ſprach das Wort des Friedens uͤber ſie aus. Wie ſie ſich nun wieder entfernt hatte, ſagte Sta⸗ nislaw Szezepanowski: Wahrlich, das iſt ein lieblich Frauenbild, und ſo ſittig als ſchön; wo aber ein Solches hauſet, iſt der Segen nicht fern.— Wollet mir nun— fuhr er drauf fort— ſagen, wer die Andern ſind, welche geſtern an dem Nachtmahl Theil nahmen? Gehören ſie auch zu Eurem Hauſe?—— Durch meine Schnur— entgegnete der Burg⸗ herr— und darum ſind ſie mir willkommen. Die Eine, die heitere Ilga, iſt der Schweſter Ebenbild; jedoch mag man ſie ihr nicht gleich⸗ ſtellen, denn noch treibt das junge Blut zu raſch in ihren Adern, und die Zeit erſt wird ihr den ſtillen Reiz gewaͤhren, den ſinnige Hei⸗ terkeit Malgorzaten verleiht. Fruͤh abgezogen von der Welt, iſt der Sinn der frommen Ag⸗ nießka dem Himmel zugewendet und dem Klo⸗ ſter, fuͤr das ſie um ſo mehr ſich eignet, da ſie nur mit Gleichgiltigkeit auf die kleinen Sor⸗ gen des Lebens ſchaut, in denen der Sinn der Frauen ſich ſo erfreulich entfaltet und durch deren Uebernahme ſie den Pfad des Mannes ebenen, der nicht vor ſich nieder, ſondern auf⸗ waͤrts in die Ferne blicken ſoll.—— Ich ehre das Amt der Hausfrau— erwiederte der Biſchof— und wie ſollte ich nicht; iſt es doch das Erſte was der Himmel eingeſetzt, und auch ich bin vom Weibe geboren; doch mag man ſich ſchwerlich einer erfreulichern Ruͤhrung ent⸗ halten, wenn ein demuͤthig frommes Gemuͤth ſich der Welt zntzieht, da es weder Freude zu empfinden noch zu geben vermag, und uͤber das kurze Leben hinweg nach druben ſchauend, wahrlich nicht das Schlimmere erwaͤhlt hat. —— Die Dritte endlich— warum ſehet Ihr ſo ernſt drein, Hochwurdiger?— die Dritte, welche den Andern nahe befreundet iſt, hat man Euch als die Gemahlin des Herrn auf Skalmierz genannt, eines wackern Edelmanns, der ſein Fähnlein mit dem Panner des Königs aufgepflanzt hat vor der Stadt Kyow; ſie war ein Fräulein von hoher Geburt und ſeltenem Reiz, und, ſo wie Malgorzata, erſt ſeit weni⸗ gen Tagen vermählt, als das königliche Auf⸗ gebot den Eheherrn wegrief, das ihn nun ſchon in das andere Jahr entfernt haͤlt.—— Vier verſchiedene Sinnesarten— unterbrach ihn der Prälat— gewahre ich in den vier Frauen die⸗ ſes Schloſſes. Das reine weibliche Gemuͤth, das eins mit ſich ſelbſt und ſeiner Beſtimm⸗ ung ſegenvoll wirkt im angewieſenen Kreiſe— den unbefangenen, auch wohl unbedachten Sinn der Jugend, die das Leben vor ſich liegen ſieht im Sonnenglanz, auf deren Pfade tauſend Blumen blͤhen, die ſie freudig betrachtet, ob — 1 ₰ es ſchon ungewiß iſt, ve ic zu Früch⸗ ten geſtalten oder verdorren— die ſtille Ent⸗ ſagung, welche, ob auch das Herz zuweilen widerſpenſtig ſich zeigt, ihre Kraft von Oben empfaͤngt, und——— Herr Severin, mir ſcheint nicht, als ſey von Allem dieſen etwas in Frau Chriſtinen zu finden. Nicht die Pflich⸗ ten ſind es wohl, die ſie ſucht im Leben; der Unbefangenheit ſuͤße Täuſchung läßt ſie nicht mit kindlicher Freude bei den Bluͤthen ver⸗ weilen, und nicht nach dem Himmliſchen iſt ihr Sinn gerichtet.—— Ihr ſeyd ſtreng, Herr Biſchof, doch wer moͤchte auch beſtehen vor dem Auge des Gottvertrauten? Wohl trägt Frau Chriſtine nicht Leides um den Ge⸗ mahl, den ſie wenig gekannt, wie Malgorzata, meine Schnur, es trug um den ihrigen. Zwar meynte ich anfangs und Andere mit mir, der Schmerz des Scheidens bei ihr ſey heftiger ge⸗ weſen, indeßen ging er, wie denn alles heftige nicht dauernd iſt, auch ſchneller voruͤber; doch nicht Jedem iſt es verliehen die tiefſte Empfin⸗ dung lange zu bewahren und neben ihr die Freudigkeit der Gott und Menſchen ergebenen Seele, und manches muß man der verſchiede⸗ — 125— nen genith zu gut halten und langer Trennung.—— Da verſetzte Stanislaw Szczepanowöki nachdenklich: Solche Trennung eben iſt es, die nichts Gutes erzeugt, und de⸗ ren Wirkungen allmaͤhlig hervortretend, mich bekuͤmmern. Zwei und zwanzig Monden iſt es abermal ſeit achtjährigem Kriege, daß die Ritterſchaft ſchon entfernt iſt vom haͤuslichen Heerd, daß die Kinder den Vater miſſen, die Frauen den Gatten, die Jungfrauen die Ver⸗ lobten, Bruͤder und Beſchuͤtzer. Nur unter dem Auge des Herrn gedeihet das Haus, Se⸗ verin von Zembocin, und nicht allein das Gluck iſt wandelbar, ſondern auch des Men⸗ ſchen Sinn, vornehmlich aber des Weibes. Manches hab ich vernehmen muͤſſen, was des Hirten Beſorgniße um ſeine Heerde erweckt; ſchon hat die Kirche das Wort ſtrenger Rüge ergehen laſſen an die, die vom ebenen Pfade abzuwei⸗ chen beginnen, aber nicht immer gnuͤgt die Warnung, wenn ſich die Strafe den Verſtock⸗ ten nicht in ihrem Gefolge zeigt; drum hab' ich nach dem Recht und der Pflicht meines Amtes den König aufgefordert, das Heil des ihm vertrauten Volkes wahrzunehmen.—— —— Und was erwiederte darauf Bleslaw„der den Herrſcherſtab in kräftiger Hand haͤlt und voll Feuereifers iſt fuͤr das Recht, wie für die Eh⸗ re?—— An dem Feuer mangelt es ihm nicht; er ſchwor, mit unerbittlicher Strenge die Uebertretung zu ahnden— ſobald— ſobald er erſt heimgekehrt ſey aus den ruſſiſchen Landen.—— Das hab ich von ihm erwar⸗ tet— rief der alte Edelmann freudig— er wird es nicht dulden, daß ſeine Ritterſchaft daheim Schimpf erleide, waͤhrend ſie draußen mit ihm Blut und Leben an den Ruhm des Reichs ſetzt und den chriſtkatholiſchen Glau⸗ ben. Schon oft hat man ihn auch in juͤn⸗ geren Jahren, entkleidet vom koniglichen Prunk, geſehen durch das Reich ziehen und allenthal⸗ ben zum Rechten ſchauen, und plotzlich ward drauf das Verborgene offenbar, und er trat auf als ein Abthuer des Böſen und gerechter Richter. Darum iſt wohl auch dieſe Reiſe eine ſolche?—— Gewißermaßen— nahm der Biſchof langſam das Wort— iſt der Zweck derſelben ein ähnlicher. Doch kann ich, was das Andere betrifft, Euere Meinung nicht theilen. Nach der meinigen geziemt es dem, —— der des Namens, eines Vaters des Vaterlan⸗ des, werth ſeyn will, dem Unheil vorzubeugen, damit er nicht das beſtrafen muͤſſe, was viel⸗ leicht nicht ohne ſein Verſchulden ſich erzeugt hatte. Und glaubet Ihr nicht, daß jenes lan⸗ ge Verweilen im Auslande manchen Keim hervorgerufen hat, der erſtickt waͤre durch die Gegenwart des Königs und ſeiner Edeln?— — Wie ſoll ich Euch verſtehen, Herr? ſcheint es mir doch, als misbilligtet Ihr den Zug nach dem Dnieper, der die Ausrottung des baſi⸗ lianiſchen Irrglaubens bezweckt und zu wel⸗ chem Gregorius VII., der heilige Vater zu Rom, ſeine Aufforderung erlaſſen und ſeinen Segen ertheilet?—— Der Biſchof ſchwieg einige Zeit, dann ließ er ſich mit tiefem Ernſt alſo vernehmen: Es iſt des Chriſtenritters und Ko⸗ nigs Pflicht allerdings, die Fahne des Glaubens zu erheben, und ſo es Noth iſt, ſie allenfalls durch Schlacht und Sieg unter den Irrenden aufzupflanzen, jedoch eine iſt hoͤher, als dieſe, das ſchon laͤngſt Anvertraute zu bewahren, ehe man die Hand ausſtrecke, es zu vermehren.—— Zu meinem Erſtaunen ſeh' ich immer deutli⸗ cher, würdiger Herr, daß Ihr nicht Gefallen — 126— findet an dem Feldzug, der doch mir, einem alten Kriegsmann, gar preißlich vorkommt und ehrenwerth, ob ich gleich ihm nicht mehr beiwohnen kann, und noch mehr denken wohl die ruͤſtigen Helden alſo, die den Herrn umgeben. Er iſt aber ja ein unterwuͤrfiger Sohn der Kirche, und des frommen Biſchofs von Krakow Stimme iſt ihm immer geweſen gleich einem Gebot der Weisheit von Oben; ſo laßet denn an ihn gelangen, was die Wahr⸗ heit ſeyn muß, da Ihr es dafuͤr haltet und ſein Gemuͤth, das ſo treu iſt als kraͤftig, wird ſie willig aufnehmen und unverruͤckt ihr nachfol⸗ gen.—— Meinet Ihr?— fragte Stanis⸗ law kopfſchuttelnd— Nicht das Unternehmen iſt es, das ich tadle, die Triebfedern ſind es, von denen es ſtammt, die Weiſe, wie es be⸗ gonnen. Der Menſchen Auge wuͤrdigt die That, die Abſicht der Himmel!—— Da⸗ rum ſpreche er zu ihm durch Euch, und der Koͤnig wird ſein Gebot achten.—— Auch habe ich es gethan— ſprach der Biſchof, in⸗ dem er das ſtrahlende Auge emporrichtete— und werde es ferner, ſo wie mir dazu der Be⸗ ruf kommt. Waͤhnet indeſſen nicht, daß der — i— Geiſt der Eide ſich nicht widerſpenſtig zeigen werde gegen die ewige Wahrheit; er wird auf⸗ ſtehen und ſich wappnen mit der Leidenſchaft, und das Dunkel wird dem Licht entgegentreten, wie es geſchehen von jeher, und Verwirrung wird ſich ausbreiten und blutige Stroͤme ſich ergie⸗ ßen; das Heilige wird nicht mehr heilig ſeyn und die losgelaſſene Zerſtörung blind wuͤthend auf das Haupt des fallen, den der Jergewor⸗ dene ſo wenig erkennt als ſich ſelbſt.— Und ſollte es auch ſo kommen, Herr, Dein Diener iſt bereit, Dein Wille geſchehe!—— Erſchoͤpft ſchwieg der Prieſter, ſein Blick aber ſtarrte noch aufwärts, gleich als in from⸗ mer Verzuͤckung.— Was iſt Euch, Herr von Krakow?— begann Severin beklommen— Noch nie habe ich Euch geſehen, wie jetzt. Wäre es möglich, daß Ihr Arges dächtet von dem König, der ſo glorreich einhertritt in die Fußtapfen ſeiner Ahnen, den die Fremden hoch⸗ halten und das PVaterland preißt? Sprecht, mein hochgeehrter Vater, denn Eure dunkeln, ja weiſſagenden Worte erfuͤllen den bejahrten Mann mit Bangigkeit, der das Vaterland im⸗ mer im Herzen getragen und ein guter Pole — 4128— geweſen iſt, mag er auch ſonſt ſich manches Unrechtes anklagen. Noch immer ſchwieg der Praͤlat, dann ſagte er halblaut und eintönig, als ſpräche er mehr zu ſich ſelbſt als zu dem vor ihm Stehenden: Treu wäre ſeine Seele wie ſie kraͤftig iſt? O glaubet es nicht! So war ſie einſt, als der Feind noch nicht zu ihm getreten im gleißneri⸗ ſchen Prunk, Kronen in ſeiner Hand haltend und die Schaͤtze des Auslandes. Die Duͤnſte des irdiſchen Verlangens haben den klaren Spie⸗ gel getruͤbt, und nicht mehr das reine Bild der Wahrheit kann die bewegte Fläche zuruͤck⸗ werfen, denn der Sturm hat ſich aufge⸗ macht und wird nicht raſten, bis die Ernte verwuͤſtet iſt, und die hohen Eichen des Wal⸗ des gebrochen, und das Waſſer wird uͤber ſein ufer treten und verheeren was die Windesbraut verſchont, und wird ſich ergießen weit und Preit, bis es zum faulenden Sumpf geworden, und es dann im Sande ſpurlos verſiegt; das verlaſſene Bett aber wird umgegraben werden zum Saatland für ein neues Geſchlecht!— Dann fuhr er in gemeſſenem Tone fort, als bemerkte er jetzt erſt die Gegenwart des — 1— Rittersmannes: Allerdings mißbehagt mir die fortwaͤhrende Abweſenheit des Königs aus dem Reich, und ich gewahre die Folgen im Vor⸗ aus, die ein Unternehmen herborbringen wird, das an ſich wohl ruͤhmlich und tadellos, den⸗ noch, der den Koͤnig liebt und das Vaterland, nicht mit gůnſtigem Auge betrachten mag. Durch manche Baͤnde hat die göttliche Ordnung den Menſchen an die Pflicht gefeſſelt; unter ihnen ſind Heimath und Gewohnheit die maͤchtigſten. Sind ſie einmal locker geworden, oder zer⸗ reißt ſie das Verhältniß oder die Willkuhr, dann reißt mit ihnen der Verein der Menſch⸗ heit und die Liebe und das wechſelſeitige Be⸗ duͤrfniß, die ihn begruͤnden. Wild aufjauchzend in der neugewonnenen Freiheit ſchweift der Ent⸗ bundene durch die Erde, jede Stelle auf der ſein Fuß weilt, als ſein Eigenthum betrachtend, und was vor ihm liegt, als zu erwerbenden Preis; die Zucht und die Treue läßt er am Hausaltar zuruͤck, als ein laſtend Gepaͤck, und ihm unnuͤtz da, wo ſein Schwert ihm ge⸗ nuͤgt, das Buͤrgertecht zu erwerben; ſo ſah man vor Zeiten die aſtatiſchen Nomaden die Abendlaͤnder durchzichen, und ihre Ge⸗ 9 — 130— zelte aufſchlagen, gleichgiltig, auf welchem Boden. Fremd uͤberall, maͤhten ſie die Saa⸗ ten nieder, deren Ernte ihnen nicht reifte, ſie warfen den zuͤndenden Brand in die Hutten, in denen ihre Kinder nicht heranwachſen ſoll⸗ ten, und weit hinter ihnen, jenſeit des Kau⸗ kaſus lag die Heimath daͤmmernd wie ein Traumbild aus tiefer Vergangenheit. Und wenn nun der Tag kommt, der die Wanderer zuruͤck⸗ ruft zum Heerde, da zieht die Zuchtloſigkeit mit ihnen ein; unwillig beugt ſich das Haupt der längſt entwohnten Regel, fremd erſcheint der Kriegsmann in der Huͤtte, die ihm nicht mehr heimiſch iſt, und den Fremden empfaͤngt theil⸗ nahmlos ein fremdes Geſchlecht. Richtet die Augen auf die, die geſtern in Eure Burg ein⸗ ritten mit dem Koͤnig, richtet ſie hoher ſelbſt — O wahrlich, Fuͤrſt Jzaslaw mag ſich wah⸗ ren, die Schluͤſſel ſeiner Städte in die Haͤnde ſolcher Helfer zu legen!—— Noth kennt Fein Gebot— meinte Severin— und die Rittertreue Herrn Boleslaw's mag dem vertrie— triebenen Ruſſen wohl Buͤrgſchaft gewaͤhren. Ihr wißt— nahm Stanislaw Spezepa⸗ nowöki, der Biſchof, in erzaͤhlendem Tone das — 131— Wort— daß nun ſchon vor geraumer Zeit Jaroslaw der Erſte, Wolodzimierz des Großen Sohn, der Fuͤrſt uͤber ganz Rußland war, auch uͤber eine Strecke jenſeit des Dniepers, und Boleslaw's I. glorwuͤrdigen Andenkens Lehns⸗ mann, bei ſeinem Tode ſein Gebiet unter ſeine Söhne vertheilte.— Izaslaw, der Aelteſte von ihnen, erhielt Kijow; Swientoslaw, Czernie⸗ chow; Wezeslaw, Wolodzimierz und Wözewo⸗ lod, Smolensk. Sie vertrieben den Vetter Igor, des Königs Schwaͤher aus Polock, und als dieſer drauf ſein Fuͤrſtenthum der Krone Polen unterwarf, veruneinigten ſich die Bru⸗ der unter einander, und die Juͤngern ent⸗ ſetzten Jzaslaw zu Kijow. Da rief er den König um Huͤlfe und beſtieg den Stuhl von Neuem, jedoch nur auf kurze Zeit, denn alsbald mußte er abermal weichen. Drauf ſendete er zum König der Deutſchen, Heinrich dem Franken, und flehte zu ihm, er moͤge ſich ſeines Rechtes annehmen, und der Dompropſt des Erzſtiftes zu Trier, Burchard, ein geborner Graf zu Stade, ward abgeſendet nach den ruſ⸗ ſiſchen Landen, den Bruderzwiſt zu ſchlichten. Wie drauf mittlerweile Fürſt Jzaslaw den Sie⸗ 6* 9* — 132— gern nicht widerſtehen mochte, floh er in das polniſche Lager am Fluſſe Klasma und um⸗ faßte des Königs Kniee, daß er zum zwei⸗ tenmal ihm helfe; doch war dieſem nicht un⸗ bekannt geblieben, wie er mehr Vertrauen ge⸗ ſetzt in den Kaiſer, und er nahm ihn kaltſin⸗ nig auf und wies ihn an den neuen Schutz⸗ herrn, den er ſich ſelbſt gewaͤhlt. Der ruſſiſche Fuͤrſt hatte fruͤher ſchon nach Rom geſendet an den heiligen Vater, und ſein Bericht an den⸗ ſelben war dem Koͤnig Boleslaw nicht guͤnſtig ge⸗ weſen; als er nun ſah, dieſer wiſſe darum und das alte Vertrauen ſey dahin, eilte er nach Mainz mit vielem Golde zu Heinrich dem Vier⸗ ten. Waͤhrend dem verweilte der Propſt Bur⸗ chard zu Kijow, doch hatte ſein Beſtreben ge⸗ ringen Fortgang. Fuͤrſt Wszewolod, der des Bruders Stuhl eingenommen, ſparte die Schätze ſeiner Lande nicht, und man ſollte meynen, die Abſicht des Kaiſers ſey nur darauf gerich⸗ tet geweſen, ſolche von beiden Bruͤdern zu er⸗ werben, denn der Sachſenkrieg feſſelte ſeinen Arm, auch war er in Liebe befangen zu der Wittib des Markgrafen von Stade, Eupraxia, des Wözewolod Tochter, welche die Deutſchen ———— Adelheid nennen, der Schwäherin des Prop⸗ es, der er auch jetzt die Hand gereicht als ſeiner Kaiſerin. So ward denn Jzaslaw am Hoflager des Kaiſers, der ihm ſeinen Schutz verhei⸗ ßen hatte, plotzlich verhaftet, und er folgte dem öſtlichen Markgrafen Dedo nach dem Meißner⸗ lande, wo er geraume Zeit auf der Burgveſte Tharand in ſtrengem Gewahrſam verblieb. Als darauf Burchard heimkehrte, ließ man den Fuͤr⸗ ſten entrinnen und ſeiner Hoffnungen in Deutſch⸗ land und Italien verluſtig, kehrte er wieder zu⸗ ruͤck zu ſeinem fruͤhern Helfer, dem Konig. Als derſelbe Kunde erhielt von ſeinem Nahen, verließ er mit geringem Gefolge ſein Lager und eilte ihm entgegen; auf dem Kleparz zu Kre⸗ kow kamen die Fuͤrſten zuſammen und Jzas⸗ law warf ſich abermal bittend vor dem König zur Erde. Zwar bot dieſer ihm die Hand, da⸗ mit er ſich emporrichte und fuͤhrte ihn abſeit in ein ander Gemach, wo ſie lange ins Ge⸗ heim der Unterredung pflogen; doch als ſie wieder erſchienen, war des Königs Wange dun⸗ kelroth und ſein Auge funkelte in befriedigtem Stolz; der Ruſſe aber blieb wortkarg ſeitdem und ſein Auge erhebt ſich nur ſelten, während — 134— der Erzbiſchof fort und fort Acht hat auf ſein Thun und Gebehrde.— Meynet Ihr nun noch, das Vertrauen und die Pflicht dem Be⸗ draͤngten zu helfen, ſeyen die Grundfeſten ei⸗ nes Buͤndniſſes, da der Eine nur widerwillig dem ſtrengen Gebot der Noth folgt, und der Andere fruͤhere Untreue und Hinterliſt nimmer vergeſſen kann? VI. Wir haben am Ufer des Baches den brau⸗ nen Rittersmann verlaſſen, an einen Buchen⸗ ſtamm gelehnt, und mit ihm einen ſeiner geiſt⸗ lichen Begleiter, denn ſie waren es, deren na⸗ hende Tritte die entruͤſteten Maͤnner aus Ol⸗ ga's Naͤhe verſcheuchten. Die Schatten des Strandes, die Geſtrauche und die Fichtenſtäm⸗ me der Bruͤcke verbergen ihnen die Mutter des Olgierd, die jedes ihrer Worte vernimmt.— Ich bin fruͤh erwacht— begann der Krie⸗ ger— denn nicht im Feldlager gewöhnt man ſich zu Trägheit und langem Schlaf, und die Luft des Fruͤhlingmorgens that mir Noth, die — ——— % — — 35— Hitze abzukuͤhlen, die der ſcharfe Ritt des geſt⸗ rigen Tages, des alten Severin Trinkhoͤrner und vielleicht noch manches Andere mir in den Adern angefacht. Doch Ihr, Herr Erzbiſchof, was vermochte Euch, das greiſe Haupt dem ſcharfen Winde preis zu geben, der dem Mor⸗ genroth voran fährt, und mit mir gleichen Schritt auf weitem Ackerfeld zu halten, Ihr, deſſen Fuß doch nur gewohnt iſt, Euch uͤber glatten Steinboden oder auf weichen Teppichen vom Lehnſeſſel nach dem Beichtſtuhl zu tra⸗ gen, und dem bei der Kirchfahrt ein ſittig Maulthier den bequemen Ruͤcken beut? Ge⸗ ſtehet nur, umſonſt habt Ihr dergleichen Un⸗ gemeines nicht unternommen, wie Ihr Diener der Kirche denn ſelten etwas umſonſt thut in unſern Tagen.— Drauf ſprach der Primas des Reiches, Petrus Nalencz: Gern will ich den Vorwurf des Eigennutzes tragen bey ſo geringem Bemuͤhen, denn kannte ich je einen andern Nutzen als den Eurigen, mein königli⸗ cher Herr?— Hat jemals eine Sorge den Frieden dieſes, der Welt und ihren Genuoͤſſen entfremdeten Herzens geſtört, als die, welche ich die Stirn meines erlauchten Zöglings ver⸗ dunkeln ſah? So habe ich Euch jetzt um mei⸗ netſelbſt willen den Wandel dieſer alterſchwa⸗ chen Fuͤße Eurem Siegerſchritt angemeſſen, wie ich das fromme Maulthier ſpornen wuͤrde, ſo Ihr es gebötet, um Eurem Schlachtroß unter die Schaaren der Feinde zu folgen.—— Be⸗ muͤht Euch nicht, hochwuͤrdiger Herr von Gniez⸗ no— lachte der Konig— der Wind der dort weht, duͤrfte Euch doch wohl den Athem ver⸗ ſetzen, den Ihr ja gebraucht, um ſo zierlich ge⸗ ſtellte Worte zu bilden, und die Baſilianer, wiſſet Ihr, achten des römiſchen Prieſters nicht genug, um ihre Geſchoſſe von Euch ab auf den weltlichen Gefährten zu richten. So dankbar ich Euch indeß fuͤr Euer Anerbieten bin, ſo werdet Ihr mich doch wohl nie in den Fall ſetzen, zu fragen, was den Friedensmann in den Kampf fuͤhrt, wie ich jetzt frage, was Euch bewogen, den Weg zu erſpäͤhen, den ich genommen?—— So haͤtten Euer Gnaden mir wirklich nichts zu ſagen? ſprach der Erz⸗ biſchof— ſo hätte mich mein Auge, das ſeit den Jahren der fruͤhſten Jugend ſchon wachfum ſorgend auf Euch gerichtet war, mich irre ge⸗ leitet, wenn es auf Euren Zuͤgen einen beſon⸗ dern Ausdruck geleſen, gleich eines innern Zwie⸗ ſpaltes, oder— der Unentſchloſſenheit? Boleslaw der Zweite ſtrich mit der Hand uͤber die Stirn, als wolle er die Falten glätten, die ſo leſerliche Schrift fuͤr den men⸗ ſchenkundigen Prieſter waren, dann pief er im ſcherzenden Tone, wie vorher: Wahrlich, ich bin nicht ſo ſchriftgelehrt als Ihr, und trotz Euren Bemuͤhungen habt Ihr mir wenig mehr vom Leſen beigebracht, als dazu gehoͤrt, die weißruſ⸗ ſiſche Schrift unſerer heiligen Buͤcher wohl oder uͤbel zu entziſſern, doch aber, werther Herr und Vater, obwohl Euer Antlitz um ein gut Theil unbeweglicher iſt, als das meine, wollte ich doch etwas heraus finden, das mir andeutet, auch Euch läge etwas im Sinn, und Ihr wuͤr⸗ det vortreten damit, ſo es Euch nicht gelänge, mich zu uͤberhoren, wie Ihr wohl vor zwan⸗ zig Jahren gethan in Eurem Gemach auf der Burg zu Krakow. Wiſſet denn, ich bin heut' nicht bei Laune zu dergleichen, und ſo werdet Ihr ſchon beginnen muͤſſen; auch ſollet Ihr in mir einen willigen Hörer finden, wenn auch keinen geſprächigen Antworter.—— 320 — 138— Etwas unzufrieden ſah der geiſtliche Herr vor ſich nieder, dann ſprach er: Euer Gna⸗ den kehren jetzt zuruͤck auf das Feld des Ruh⸗ mes, und mit Euch der vertriebene Fuͤrſt; die Mauern, die bis jetzt Eurem Schwert wider⸗ ſtanden, wie einſt dem Schwerte Boleslaw's des Erſten, werden fallen vor dem Palmenzweig, den Ihr bietet, und die Thore, welche ſich vor dem Schalle Eurer Trompeten nicht oͤffneten, werden ſich aufthun vor dem Namen Izas⸗ law's, mit dem Euren vereint.—— Der Koͤnig ſeufzte ein wenig, als fuͤhlte er ſich in irgend einer Befuͤrchtung angenehm getaͤuſcht, dann wiederholte er zerſtreut: Sein Name? — ja, ſein Name iſt allerdings von Gewicht bei unſerm Vorhaben.—— Der Name alſo, nicht der Mann?— fragte der Erzbiſchof ſchnell und eifrig— iſt ſolches nicht meines koͤnigli⸗ chen Herrn Meinung?—— Wie werfet Ihr Euch doch ſo eifrig auf das, was mir unbe⸗ deutend entſchluͤpft iſt, Herr Petrus— unter⸗ brach ihn Boleslaw unzufrieden— ich mag es nicht leiden, wenn eines Andern Gedanke ſich an meine Worte haͤngt, wie die Meute an das Wild, das unvorſichtig heraustritt uͤber — 139— des Waldes Saum.— Sehet doch, ſehet— rief er plotzlich— oͤffnet ſich dort nicht ein Fenſter in der Burg? und eine Geſtalt zeigt ſich in ſchneeweißem Morgengewand.— Wie die langen dunkeln Locken, noch nicht gefeſſelt von der Frauenhaube, in dem Windhauch wal— len! Guten Morgen, liebreizende Frau.— Es iſt doch ein herrlich Bild, dieſe Chri— ſtine, und der Mieczyslaw beneidenswerth, der längſt ihrer vergeſſen hat beim Becher voll grie⸗ chiſchen Weines und den munteren Dirnen am Dnieperfluß.—— Herr!— unterbrach der Prälat die Ausrufungen des Königs etwas heftig— Ihr fragtet, warum der Erzbiſchof von Gniezno, ſeines Alters und ſeiner Wuͤrde uneingedenk, bei Tagesanbruch dem Lager ent⸗ ſtiegen und Euch in das Feld gefolgt ſey, ehe er ſelbſt die heilige Pflicht ſeines Amtes er⸗ fuͤllt, und am Altar den Segen des Himmels fuͤr dieſen Tag herabgefleht hat und die fol⸗ genden, die deſſelben vielleicht ganz insbeſondere beduͤrfen werden.— Glaubt Ihr, daß meine Antwort iſt, es ſey geſchehen, um den Aus⸗ bruͤchen ſuͤndiger Leidenſchaften beizuwohnen, welche der Prieſter und der Greis nur mit — 140— Widerwillen vernimmt?—— Wie ſeid Ihr doch ſo ſtreng worden auf einmal— lautete Boleslaw's Gegenrede— und welches iſt alſo der wichtige Grund, der Euch vermocht, die heilige Meſſe zu verſäumen, bei welcher der geiſtliche Herr von Krakow unfehlbar an Eu⸗ rer Stelle pontifizirte, denn eben als der Erz⸗ biſchof von Gniezno eilenden Schrittes die Burg verließ, ſah ich den Biſchof ſtill und in from⸗ me Betrachtungen vertieft, nach der Kirche wandeln. Welcher, glaubt Ihr, iſt wohl nun jetzt an der rechten Stelle, der Erzbiſchof oder der Biſchof?—— Der geiſtliche Herr Szcze⸗ panowöki iſt ein gottesfuͤrchtiger Prieſter— verſetzte Nalencz mit finſterer Stirne— doch denk' ich, das Vertrauen, das mir mein Ko⸗ nig geſchenkt, lege mir auch noch andere Pflich⸗ ten auf, als jene alltäglichen, deren der Pfar⸗ rer zu Zemboein allenfalls eben ſo wohl wahr⸗ nimmt, als der Fuͤrſt der Kirche im polniſchen Reich. Sollte dies Vertrauen mir jedoch, wie es ſcheint, verloren ſeyn, ſo iſt es mir freilich beſſer, in der Stille für den zu beten, dem ich nicht rathen darf.—— Nach Gefallen, Herr Erzbiſchof— ſagte der Koͤnig und wandte dubhth ———— — ſich gleichgiltig, um zu gehen. Hätte er es gethan, ſo waͤre dieſer Augenblick entſcheidend geworden fuͤr einen von denen, welche wir bereits jetzt im Laufe dieſer Darſitellung aufge⸗ fuͤhrt haben, und welchen aufzufinden, wir dem Scharfſinn unſerer Leſer uͤberlaſſen; Olga ſchickte ſich an, ſich aus ihrem Verſteck zu ent⸗ fernen, als die Stimme des Erzbiſchofs ſie zuruͤckhielt. Gemach, Herr Koͤnig,— ſprach er laut — Soll ich Euch erinnern, daß es nicht der Unterthan allein iſt, und der ehemalige Lehrer, der zu Euch ſpricht, daß Ihr in mir den erſten Seelenhirten Eures Volkes ſehet und den ge⸗ bornen Legaten des apoſtoliſchen Stuhles, und daß ich als ſolcher Euch auffordern darf, mir Rede zu ſtehen?—— Da zog Boleslaw der Zweite den aufgehobenen Fuß zuruͤck und antwortete mißmuthig durch die Gegenfrage: Und was iſt es, das der, den Ihr nennt, zu hören begehrt?—— Nichts mehr und nichts weniger, Herr, als ein entſcheidend Wort, ob Ihr die Bedingung zu erfuͤllen geſonnen ſeyd, unter der, wie einſt im Jahre Eintauſend acht⸗ zehn, Benedikt der Achte, Eurem Ahn, jetzt * — Papſt Gregorius der Siebente„Euch die Ober⸗ herrſchaft der ruſſiſchen Lande beſtaͤtigte? Ob es wirklich die Sache des Glaubens iſt, fuͤr die Ihr den Szczerbiec erhoben?—— Mogt Ihr daran zweifeln?— antwortete der König ein wenig befangen— Ihr waret ja ſelbſt Zeuge, als ich dem Jzaslaw dieſe Bedingniß auf dem Kleparz machte, und wie ich ſie ſeit⸗ dem unausgeſetzt wiederholt.—— O dieſer Jzaslaw— rief drauf Petrus im wegwerfen⸗ den Tone— er wäre wohl bereit, ſich jeder Bedingung zu fuͤgen, mit dem Vorbehalt je⸗ doch, daß er keine erfuͤlle, denn nicht umſonſt ſtammt er von der Großmutter Seite aus byzantiniſchem Geſchlecht. Ich mag es jenem Heinrich nicht verargen, den ich doch ſonſt haſſe als der Kirche Feind und ihres Ober⸗ hauptes, daß er, die Hinterliſt des Ruſſen durchſchauend, ſich an das Sichere gehalten hat, an ſein Gold und an ſeine Kleinodien, und nun, da dieſer nichts mehr beſitzt als Worte, welche er nicht gebrauchen mag, großmuͤthig den Gepluͤnderten dem alten Schutzherrn zu⸗ ruckſchickt, daß ſich derſelbe weide an der leich⸗ ten Waare.—— Ein unwilliger Ausruf des ——————— — 143— Koͤnigs unterbrach den Biſchof; doch dieſer fuhr ſogleich fort: Moͤget Ihr ihm auch Dank wiſſen fuͤr die gezwungene Ruͤckkehr zu dem Schirmherrn, den er verabſaͤumt, ſo lange ihm eine andere Hoffnung geleuchtet hat? Seyd Ihr ihm ſo hoch verpflichtet dafuͤr, daß er dem Kaiſer ſeine Schaͤtze zu Fuͤßen legte, und ihm huldigte als dem Nachfolger der Caeſaren, als dem gebornen Herrn des Erdkreiſes? Damals galt ihm der Polenkoͤnig nichts; nun aber, da ihm Heinrich's Falſchheit klar geworden, nun der Sachſen Sieg an der Unſtrut ihm die Macht und die Liebesflamme, die Adelheid von Stade in ihm entzuͤndet, ihm den Willen geraubt hat, da erinnert er ſich Boleslaw's des Zweiten und kehrt zuruͤck nackt und blos, ihn abermal durch glatte Worte zu bethoͤren.— — In dieſem Augenblick ließ ſich ein leiſes Rauſchen ſeitwaͤrts unter den Sprechenden vernehmen, als ringele ſich eine Schlange durch das hohe Gras; der Biſchof hielt inne, als aber alles ruhig blieb, endigte er ſeine Re⸗ de mit dem Ausruf: Wahrlich, ein trefflicher Verbuͤndeter, und er iſt es werth, daß man die Sache der Kirche aufopfere, um ihn auf — dem Fuͤrſtenſtuhl zu erhalten, von welchem der Haß des Volkes ihn von Mal zu Mal zu ver⸗ draͤngen bereit iſt.—— Nicht ſogleich antwortete der König; es ſchien, als habe die Rede des Nalencz gewiſſe Saiten ſeines Innern gewaltſam beruͤhrt, und er bedurfe einiger Zeit, ſie mit andern in Ein⸗ klang zu bringen; erſt nach ziemlich langem Schweigen nahm er das Wort mit Heftigkeit: Ich haſſe dieſen Jaslaw, und kann ich den Undank auch vergeben, ſo iſt es doch unmoͤg⸗ lich, ihn zu vergeſſen— ich achte ihn nicht, der immer der fremden Huͤlfe bedarf, ſein Recht zu behaupten, ich verabſcheue jenen furchtſamen Trotz, der hie und da hindurchſchimmert, durch die Huͤlle der Unterwerfung und Dankbarkeit, die nicht Neigung des Herzens, die dic Noth⸗ wendigkeit allein uͤber ihn geworfen hat, und doch, Herr Biſchof, es iſt etwas heiliges um das Wort der Könige, und nicht Liebe noch Haß, das ſtrenge Pflichtgebot ſoll den Aus⸗ ſpruch der Ritterehre deuten.—— Ich kenne dieſe hochtönenden Worte— ſprach der Biſchof mit bitterm Lächeln— durch die man die Verſäumung hoherer Pflicht beſchonigt.—— Herr Erzbiſchof von Gniezno!— fuhr Boles⸗ law drohend auf; doch dieſer ſprach ruhig wei⸗ ter: Und was gedenken Eure koͤnigliche Gna⸗ den zu thun, wenn, wie Ihr ſelbſt es meint, Fuͤrſt Jzaslaw im Gluͤck das weigerte, was er in der Noth verheißen?—— Dahin wird es nicht kommen— rief der König ſtolz— bin ich nicht ſein Lehnherr und Gebieter, wel⸗ cher, wie er den Vaſallen zu unterſtuͤtzen ver⸗ pflichtet iſt, auch wiſſen wird, ihn in der Pflicht zu erhalten!? Stehen nicht tapfere Schaaren um mich her, die wuͤrdigen Sproͤßlinge jener Krieger, die vor Jahren unter Boleslaw dem Heldenmuͤthigen ſeine ſiegreichen Fahnen am Dnieperfluß aufpflanzten, und an den Geſtaden der denn der Säbel der Polen ſchon ſtumpf geworden?—— Noch nicht — wandte Nalencz ein— doch koͤnnte er es werden im Kampf mit einem Volke, das fuͤr den heimiſchen Boden ſtreitet und den Glau⸗ ben ſeiner Väter, und wenn ſeine Streiche durch einen zweideutigen Verbuͤndeten geleitet werden.— Fuͤr den Glauben, ſagt Ihr? Um ſo mehr iſt es dann wahr, was der Fuͤrſt von Kijow angedeutet am geſtrigen Abend, und 10 — 146— ungroßmuthig iſt es, die Erfullungvon dem zu er⸗ heiſchen, der ſie verheißen im Augenblick der hochſten Bedraͤngniß.—— Alſo waͤre es, wie ich meinte, und dieſer Feldzug, auf den die katholiſche Chriſtenheit, auf den der heilige Vater mit hoffendem Auge blickt, iſt nur un⸗ ternommen, eitler Ruhmbegier zu genuͤgen, und nebenbei ein ketzeriſch Fuͤrſtlein des Aus⸗ landes einem Volke aufzudringen, das ſein nicht begehrt?—— Ihr ſprecht ſo ir⸗ rig, als verwegen, geiſtlicher Herr— erwie⸗ derte der König ſtreng— Verlaſſen von den Vettern in Konſtantinopel, die muͤhſelig nur noch dem Andrang der Sarazenen widerſtehen, wird Fuͤrſt Jzaslaw das nicht von der Hand weiſen, welches ihm den Schutz und die Freund⸗ ſchaft der Abendlander ſichert, und den Ober⸗ herrn aufruft, ihn zu unterſtuͤtzen gegen die irr— gläubigen Bruͤder. Es iſt nicht ſein Wille, dem ich vertraue, es iſt die Einſicht des eige⸗ nen Vortheils, die ihn beſtimmen wird, das zu thun, was er nicht laſſen kann, und dem Letzten gehorcht die Welt, vornehmlich aber, wie es heißt, die Griechen, und Alle, die ihnen naͤher oder ferner verwandt ſind. Doch kann ich nicht glauben, daß es das Werk eines Ta⸗ ges ſey, Sankt Petri Stuhle ein Volk zu unterwerfen, welches ſeit Jahren ſchon den Pa⸗ triarchen zu Byzanz als ſeinen geiſtlichen Va⸗ ter erkennt, und es mag der Zeit, des Jzas⸗ law eigenſuͤchtigem Beſtreben und unſerer dro⸗ henden Nähe vorbehalten ſeyn, das Schwierige zu vollenden.—— Euer Gnaden mehnen, Jzaslaw werde wollen, weil er muß. Ich zweifle an dem Muͤſſen, denn nicht unmaͤchtig ſind die ruſſiſchen Lande, und vornehmlich Kijow, eine reiche handeltreibende Stadt, der man nicht mit Unrecht den Namen des Konſtantinopolis in Mitternacht beilegt. Gold hat aber nicht ſelten Eiſen beſiegt. Doch ſey dem nun al⸗ ſo, wird er auch koͤnnen, was er will?—— Eure Worte ſind kuͤnſtlich gewunden, und ſie zu entwirren, ſcheinet mir Zeitverderb, Erzbi⸗ ſchof.—— Ihr wiſſet, Herr, er iſt nicht ge⸗ liebt von den Ruſſen; des Wszewolod fuͤrſtliche Freigebigkeit und des Wezeslaw ritterlicher Sinn, die man an ihm nicht erkennt, haben ſie mit den Thronräubern verſoͤhnt, und die, welche es nicht ſind, richten das Auge auf Byzanz; ſey auch Heinrich jetzt machtlos, ſo wird er doch 10* ſpaͤt oder fruͤh des Schwaͤhers gedenken, ſey es auch nur den orientaliſchen Kaiſer zu hindern; kann man glauben, daß der Vertriebene, zuruͤck⸗ gekehrt aus ſchmaͤhlicher Haft, in die er von dem geworfen ward, der ſeine Gunſt dem Nez benbuhler geſchenkt, daß der Verhaßte, Ver⸗ armte, guͤnſtig aufgenommen werde, wenn er mit ſolchen Forderungen erſcheint?—— Ihr wiederholt meine Worte, Petris Nalencz, und darum ſey es der Zukunft anheim geſtellt und unſerer Wachſamkeit.—— Ihr wollet alſo an dem Dnieper ſtehen Euer Leben lang, mein Föniglicher Gebieter? Seyd Ihr denn ſo ge⸗ wiß, daß Alles ſo ruhig iſt zu Haus, daß der Herr ſein Auge abwenden möge, wie von ei⸗ nem Räderwerk, welches einmal aufgezogen, fort und fort läuft ohne ſein Zuthun?—— Der Koͤnig ſenkte den Blick und ſprach leiſe vor ſich hin: Dem iſt nicht ſo; Manches habe ich von dem ehrenwerthen Biſchof von Kra⸗ kow vernommen, und mehr als ich wuͤnſchte. —— So hat der ehrenwerthe Biſchof von Krakow ein Wort der Wahrheit geſprochen, welches mein König längſt von mir vernom⸗ men haben wuͤrde, vermochte ich ihn zu betruͤ⸗ ben, ehe die Pflicht es dringend gebietet. Hat der hochwürdige Szezepanowski Euch entdeckt, daß Treue und Gehorſam gegen den Thron zu wanken beginnen, daß kuͤhne Rauberhorden ungeſtraft vom Gebirg in die Ebenen nieder⸗ ſteigen, mit Mord und Brand die Schlöſſer zu verwuͤſten, deren Vertheidiger fern im Ausland fuͤr das zweifelhafte Recht eines Fremden käm⸗ pfen? Daß in langer Trennung die gehei⸗ ligteſten Bande der Natur erſchlaffen und die Zuchtloſigkeit das freche Haupt erhebt? O, wahrlich, er hat Euch nicht zu viel geſagt, und Manches konnte auch ich noch hinzufuͤgen.—— Und worauf deutet die ſpäte Warnung?— fuhr der König auf— Wollet Ihr damit ſa⸗ gen, ich ſolle das Begonnene unvollendet luſ⸗ ſen, und feigherzig nach Hauſe kehrend, die Rechte aufgeben, die Boleslaw der Erſte mei⸗ ner Krone erworben?—— Das ſey fern von mir, daß ich, ein Pole, meinem Herrn ſo Schimpfliches anſaͤnne, daß ein Prieſter der römiſchen Kirche das Werk ſelbſt zerſtoͤrte, das heilbringende, auf dem der Segen des apoſto⸗ liſchen Stuhles ruht— Doch giebt es ein Drittes, mein Herr und Koͤnig, das Euch ſchneller zum Ziele bringt, und hier die Ruhe bewahrt, während es draußen den alten Kriegs⸗ ruhm der Polen bewaͤhrt und den Euren.—— Und dieſes Dritte?—— Ihr ſeyd der Ober⸗ herr der ruſſiſchen Lande, und die Fuͤrſten zu Kijow, Smolensk, Czerniechow, Wolodzimierz und Polock nennen ſich Eure Statthalter. Wenn nun ein Herr, ein rechter, wie er ſeyn ſoll, gewahrt, daß ſeine Voͤgte das anvertraute Gut nachläſſig verwalten, wenn ſie ſeine Gebote ſtrafwuͤrdig verſaͤumen, und ſich ſelbſt anfallend in räuberiſcher Wuth, den Grund verwuͤſten, den ſie anbauen ſollten, werdet Ihr es ihm. verargen, wenn er die untreuen Knechte ausſtoßt, und ſelbſt Hand anlegt, das Gute zu fördern und das Unheil abzuthun?—— Ich verſtehe Euch — war Boleslaw's Antwort— doch iſt Eu⸗ er Gleichniß nicht treu. Seit Jahrhunder⸗ ten herrſcht dieſer Stamm ſchon am Dnieper und an der Klasma— und nicht ich, nicht meine Vorgänger haben ihn auf den Stuhl gehoben, der in demſelben fortgeerbt iſt von Geſchlecht zu Geſchlecht. Nicht meine Vögte kann ich die Fürſten nennen, ob ſie gleich der Krone huldigen, die ich trage, und es ſind Verträge abgeſchloſſen worden zwiſchen ihren Vätern und den Meinen; ſolche aber binden nicht den Ei⸗ nen nur, auch der Andere iſt verpflichtet, ſie zu halten, und wo die Treue iſt, iſt auch der Beifall Gottes und der Menſchen. Nimmer werd' ich es dulden, daß auch nur ein Titel⸗ chen verloren gehe der Rechte, die mir uͤber⸗ kommen ſind, doch ſey auch das der Andern. den Koͤnigen heilig!—— Werdet Ihr ſie auch bewahren, Herr?— rief der Erzbiſchof eifrig — dieſe Rechte, wenn Ihr zu thun denkt wie Ihr meinet? Beharret in ſträflicher Halbheit, die bei dem Troß des Menſchengeſchlechts nur eine mitleidwerthe Schwaͤche iſt, ein Ver⸗ brechen aber am Gebieter eines maͤchtigen Rei⸗ ches, am Feldherrn der Kirche; nicht lange wird es waͤhren, ſo wird man jene ſchwächlich vertheidigten Rechte ſcheinbarer Oberherrſchaft ver⸗ ſpotten, das Heer getaͤuſcht, in der Hoffnung auf Beute und Kriegsruhm wird ſich unwil⸗ lig von Euch abwenden, nimmer wird Euch der Name eines Glaubenshelden ſchmuͤcken, und wenn Ihr gezwungen und feldfluͤchtig heimkehrt in das verabſaͤumte Reich, das Getoſe des Auf⸗ ruhrs Euch willkommen heißen!—— Eure — 152— Worte ſind ſcharf und gewichtig— ſagte Bo⸗ leslaw zoͤgernd— und wie glaubt Ihr ſolche Gefahr zu entfernen?—— Ihr denkt an Bablaw's Hand die Ruhe in Rußland zuruͤck⸗ zuführen, durch die Einheit des Glaubens die Verbindung der Völker zu vollenden und mit Hausmitteln das Ungemeine zu bewirken? Das iſt allerdings löblich und gerecht zu nennen; doch vergeßet Ihr, daß, wenn es fehl ſchlagen ſollte, Ihr die eigne Ehre und das Wohl des Reichs auf ein gefährlich Spiel ſetzt. Und fuͤr wen, fuͤr dieſe treuloſen Ketzer, fuͤr dies bru⸗ dermörderiſche Geſchlecht, das in gottverhaßter Wuth den biſſigen Zahn in ſein eignes Fleiſch haut? Fuͤr ſolche vergießet Ihr das Blut Eurer Kinder und werfet ihren alten Ruhm dahin?—— Noch iſt es ſo weit nicht— unterbrach ihn der Koͤnig— Manches rechtfertigt die Noth⸗ wendigkeit, doch greift der Weiſe ihr nimmer vor, und nur widerwillig gehorcht die Jugend ihrem Zwang.—— Wenn ſie es aber ge⸗ bieten wird, mein hoher Gebieter; nicht? dann ſprechet Ihr ein königlich Wort, und fortan ſchallt der braſilianiſche Lobgeſang von allen Altären zwiſchen dem Queiß und dem Bory⸗ — 166— ſthenes, und Ein Wille heerſcht, ausgehend vom Berge Wawel, von dem Fuß der Sudeten bis zu den Grabhölen von Kijow?—— Das Wort wird leicht geſprochen— ſagte der Ko⸗ nig wie vor ſich hin— doch fällt es oft mit Centnerlaſt auf den zuruck, der es geſagt. Nicht ohne Wahrheit iſt das, was ich von Euch ver⸗ nommen habe, und Manches kann ſich geſtal⸗ ten, wie Ihr gemeynet. So laſſet uns denn die Zukunft erwarten und uns Rathes erholen bei der Zeit!—— Beide ſchritten zuruck des Weges nach dem Schloſſe Zembvein, in nachdenk⸗ lichem Schweigen der Eine, der Andere die Regungen der Freude tief vergrabend in der ehrſuͤchtigen Bruſt.— Langſam ſtieg Olga unter der Brucke her⸗ vor, das ſteile Ufer hinan; da ſtand ſie eine Weile unbeweglich und fluͤſterte dann: Tau⸗ ſchend war Jenes, was ich fuͤr das Wort der Entſcheidung gehalten; was ich jetzt vernahm, iſt, wenn nicht des Himmels Stimme, doch die Stimme des Schickſals.— Deines Schick⸗ ſals, betrogener Harrender!— Fſt es doch, als draͤnge mir etwas aus dem Herzen herauf, dem Mitleid ähnlich.— Hinweg— bin ich es auch, die die Strahlen des Unſterns leitet, der Deinem Leben gebietet? Sollt' ich dem Spruch mein Ohr verſtopfen, der mir zurief, ich ſey im Begriff, den Zweck meines Lebens vielleicht fuͤr ein leeres glänzendes Nichts da⸗ hinzuwerfen? Fahre dahin, Schattenbild, und kehre nicht wieder, ehe du dich verkörpert; und Du, Olga, tritt zuruͤck in Dich ſelbſt, und ſey wieder ganz was Du ſeyn ſollſt. Wohl iſt noch Richts entſchieden, ſo ſage denn auch ich, wie dieſer erlauchte ritterliche König es geſagt, dieſer ruhmvolle Feldherr des Glaubens im be⸗ lachenswerthen Scheinkampf zwiſchen Pflicht und Begier: Laſſet uns Raths von der Zu⸗ kunft erholen! Mit Wort und Geberde der Ungeduld em⸗ pfingen ſie die Männer an der verſchloſſenen Huͤttenthuͤr, doch ſie ging ſchweigend zwiſchen ihnen voran in das Gemach, gleichſam unwill⸗ kuͤhrlich lenkte ſie ihre Schritte nach dem Kreuz und ſchlug mit der Hand gegen das Fußgeſtell deſſelben. Ein duͤſteres Lächeln flog uͤber ihr Antlitz bei der Bewegung, und ſich von dem Leibeigenen abwendend, als vermeide ſie es, ihn anzublicken, ſprach ſie zu Thomas: Es — 155— ſtehet anders ſeit wenigen Augenblicken. Nimm dieſen Seckel und ſage dem, der Dir gebietet, Alles ſei bereit, und Olga erwarte ſein, wenn der Mond ſich abermal fuͤllt.—— Thomas wollte etwas erwiedern, doch finſter und ſtreng winkte ſie ihm mit der Hand, und er entfernte ſich durch die Pforte, die ſich nach der Wald⸗ ſeite aufthat. Ein unheimlich Schweigen herrſchte im kleinen Gemach. Mit verſchränkten Armen ſtand Olgierd vor der abſeit ſtehenden Frau, wuthſpruͤhende Blicke auf ſie richtend.— Du wendeſt Dich weg von mir?— hob er endlich mit ſtockenden Worten an— Du haſt nichts mir zu ſagen, gar nichts? Kein Wort von allem dem Herrlichen, was Du mir verheißen vor ganz kurzer Zeit erſt?—— Hlga ver⸗ ſtummte, zum erſtenmal hatte ſie die Furcht erfaßt, oder ein anderes eben ſo widriges Ge⸗ fuͤhl; der ungekannten Bewegung muͤhſam widerſtehend, fuhlte ſie die gewohnte Beſonnen⸗ heit entfliehen und ihre Geſtalt erbebte im heimlichen Schauder.—— Es iſt Alles an⸗ ders worden, ſagſt Du— fuhr Jener dumpf zu ſprechen fort— alſo wohl auch mit mir, — 156— ſuͤß Muͤtterlein?—— Und leiſe flog es uͤber die bebenden Lippen: Wie Du ſagſt, ſo iſt es, mein Sohn.—— So ſprich doch, wie es gekommen?— erſchallte des Leibeigenen Stimme, nach und nach von dem Fluͤſtern kalten Hohnes, in den Schrey des ausbrechen⸗ den Grimmes üͤbergehend— Sag' wie es kam, daß eine Spanne Zeit alles das Schoͤne zer⸗ ſtäubte, das Du mir hohnneckend vor Augen geſtellt? Ich aber laſſe nicht Hohn mit mir treiben! So bin ich wohl nicht mehr der, der ſein Haupt aufgerichtet tragen darf unter den Menſchen, mein wartet kein ritterlicher Schmuck oder das Beſſere noch? Sprich, war das Alles ſo leichtes Geſpinnſt, daß ein Wind⸗ hauch es verwehte?— Sprich Verworfene!— donnerte er plotzlich, daß die Huͤttenfenſter er⸗ bebten und Leichenblaͤſſe Olga's ſchweißbedeckte Stirn uͤberzog— denn Mutter kann ich Dich nicht nennen; kann auch eine Mutter ſich wei⸗ den an den Qualen des Erzeugten? Sprich, bin ich ein Leibeigener, und vielleicht der Sohn des Nichtswuͤrdigen, der Dich ſo eben verließ? Rede, oder Dich werden die Schlangen ergrei⸗ fen, die Du mir in die Bruſt geworfen von Kindheit an!—— Da wendete ſich Olga zu ihm und ſprach gefaßter: Was rechteſt Du mit mir? Kann ich auch den Lauf des Schick⸗ ſals ändern, und ſoll meine Liebe verantwort⸗ lich ſeyn für das Gelingen deſſen, das ſie Dir zugedacht?—— Nicht dieſes Geziſch leerer, glatttonender Worte will ich vernehmen— unterbrach ſie Idzi— Eines nur, aber bald! Bin ich ein leibeigener Knecht, bin ich es nicht? —— Du biſt— Du biſt es nicht— lau⸗ tete die Antwort.—— Und wer bin ich? ſchrie Olgierd wild auf.—— Höre mich— ſprach jetzt feſtern Tones die Mutter— Dein Gefuͤhl hat Dich nicht betrogen, Du biſt aus edlem Blute entſproſſen— doch dränge mich nicht— Eine finſtere Wolke iſt zwiſchen Dich und die Sonne Deines Gluckes getreten; harre, bis der Sturm ſie verſcheucht. Einer lebt auf der Welt, der Dich um das betrogen, was Dir gebuͤhrt; auch mich hat er gekränkt, und ich habe ihm Rache geſchworen. Willſt Du es nicht auch? Willſt Du Dich unmaͤnnlich zertreten laſſen und dem Dränger verzeihen?—— So ſoll die Vergebung des Himmels auf ewig ſich von mir abwenden, wenn ich ihm verzeihe! — 758— Nenne mir ihn, und Du wirſt ſehen, wie Ol⸗ gierd, Dein Sohn, ſich mit dem Feinde ver⸗ ſoöhnt!—— Wohlan denn— ſprach Olga mit freudeglaͤnzenden Augen— ſo halte Dich bereit; wenn der Mond ſich wieder fuͤllt, zer⸗ reißt die Huͤlle, die Dein Schickſal verbarg⸗ —— Wenn der Mond ſich wieder fuͤllt?— wiederholte Olgierd ſinnend— Du magſt recht haben; bin ich doch jetzt allein, dann vielleicht nicht mehr.— O, ich kann warten, Mutter, doch umſonſt mich warten laſſen zum andern Mal, moͤchte Dir Gefahr bringen; gedenke deß fein, Mutter Olga— Siſt nicht weit mehr zum Vollmond.—— Wenn der letzte Huſ⸗ ſchlag der Roſſe verklungen iſt— ſprach ſie drauf im Tone der Weiſſagung— die jene Gaͤſte hinwegfuͤhren aus Zembocin, und die Stille wieder herrſcht in dem finſtern Gemaͤuer, dann beginnt die Saat Deines Gluckes zu rei⸗ fen.— Zaͤhle die Stunden bis dahin, denn jede iſt ein Raub an Deiner beſſern Zukunft. —— Ich werde warten und zählen— ant⸗ wortete Olgierd bedeutſam— doch ich ſage Dir, ſchlimm waͤre es, wen ich mich verzaͤh⸗ len ſollte. Du haſt des Herzens Geluͤſte er⸗ — 159— weckt; wahre Dich, daß Du es nicht auf ei⸗ gene Gefahr gethan.— Haſt Du niemals von dem Raubthiere gehört, das muͤhſam gezähmt worden, und gleich einem Haushund dem Herrn und dem Wärter folgte, als es aber einmal Blut gekoſtet, nun im wůͤthenden Heiß⸗ durſt ſich uͤber alle herwarf, denen es ſich ſonſt freundlich genaht, und den Herrn nicht allein ſelbſt zerriß, ſondern auch den, der es gepflegt? Es iſt bedenklich, ſolch einem Raubthiere in den Weg zu kommen, Mutter Olga! VII. In gleicher Entfernung von dem Schloſſe und der Kirche zu Zembocin, jedoch außer⸗ halb des Walles lag ein drittes Gebäude, un⸗ ſtreitig nach Beyden das Wichtigſte in der Ort⸗. ſchaft, das wenigſtens zu mancher Tageszeit eben ſo viel Zuſpruch erhielt, als das Zweyte, und deſſen Beſucher, wenn ſie den Gaben des Hausherrn fleißig zugeſprochen hatten, ſich ſo reich und vornehm duͤnkten, als die Beſitzer des Erſten. Es war die Schenke des Dorfes, — 160— vor welcher an einer Stange befeſtigt, ein un⸗ geheuerer Steigbuͤgel von verroſtetem Eiſen, der hoͤchſtens am Sattel des trojaniſchen Pfer⸗ des von richtigem Maaße geweſen wäre, umge⸗ ben von einem Kranz gruͤnender Tannenreiſer, den Voruͤbergehenden andeutete, der Gaſigeber ſey gegen ein Gewiſſes berechtigt, durch Aus⸗ bietung herrſchaftlicher Getränke das geringe Lehngeld oder das ſonſtige Verdienſt der In⸗ ſaßen in die Truhen des Herr Severin Strze⸗ mieniec zuruͤckzuleiten. Gewoͤhnlich ging es um dieſe Zeit, kurz nach der Vesper, an Sonn⸗ und Feſttagen hier ziemlich ruhig zu, denn es bedurfte mehr Zeit, bis das duͤnne Bier, und der mit Waſſer unſchädlich gemachte Meth des Wirthes, den Leibeigenen Duͤrftigkeit und Kum⸗ mer vergeſſen ließen, und erſt nach Sonnen⸗ untergang pflegte die verdroßene Miene der Trinker ſich aufzuheitern, das Kerbholz vom aufmerkſamen Gaſtgeber fleißiger gehandhabt zu werden, und hier und da ein leiſes Wort die Stille in der dumpfen Stube zu unter⸗ brechen. Noch eine Stunde weiter hin er⸗ tonten hier und da Bruchſtuͤcke des Krakowiak durch das lebhafter werdende Geſpräch und Beide arteten zuletzt in wuͤſtes Geſchrei und wilden Zank aus, von welchem Jeder, uͤberzeugt, er habe Recht, und ſein Nachbar Unrecht ge⸗ habt, vor ſich hin, ſcheltend nach Hauſe tau⸗ melte, um auf aͤrmlicher Streu einen neuen Morgen voll Arbeit und Noth heranzuſchnarchen. Dies war ungefaͤhr der Verlauf der Ruhetage des Landmanns in der weit und breit bekann⸗ ten Schenke zu Zemboein, wenn nicht mit⸗ unter die Erſcheinung eines Vogtes das Getöſe der Luſt und die ſchweren Zungen der Streit⸗ enden verſtummen machte, oder gar auf einen bedeutungvollen Wink ſeines Kantſchuhs die Verſammlung erſt halb berauſcht ſich trennte. Doch ereignete ſich ſolche Störung nicht haͤu⸗ ſig, und nur Neulingen im Aufſeheramte be⸗ gegnete es, ihre kuͤrzlich erlangte Wichtigkeit durch eine richterliche Handlung bewaͤhren zu wollen, die den Einkuͤnften des Grundherrn ſo wenig zuträglich war. Heute aber ſchien Un⸗ gewöhnliches hier vorzugehen; auf tuͤchtigen Balkengeruͤſten laͤngs den eingeraͤucherten Waͤn⸗ den der niedern Stube ſtanden Faͤßer, die nach dem jedesmaligen Koſten zu urtheilen, das der Wirth ſich beim Abzapfen erlaubte, wohl et⸗ 11 was Beſſeres enthalten mochten, als ſchaal ge⸗ wordenes Bier und gewäſſerten Meth; unge⸗ braucht lag das Kerbholz im Winkel, und ohne Zögern und berechnende Unſchluͤſſigkeit ſetzten Chleb Halenga und ſeine Gehulfinnen bereitwillig die vollen Krüge vor den durſtigen Gaͤſten auf. Doch waren dieſe auch keine Bauern; eiſerne Waͤmſer bedeckten die ruͤſtigen Glieder, Pickelhauben das bärtige Haupt, und mächtige Saͤbel hingen an den ledernen it ſtarken Schnallen von Kupfer beſetzten Gurten; doch flatterte hin und wieder ein koſtliches Ge⸗ webe von ſeidenem oder reichem Stoff, gar ſchoͤn gewirkt mit ſeltſamen Blätter-Blumenwerk um ihre Schultern, und oft richteten die Maͤgde begehrliche Blicke nach dem fremdartigen Putz⸗ werke, welches ſie ſo herrlich ſelbſt nicht bei den Frauen des Schloſſes geſehen, und wuͤnſch⸗ ten nur ein Stücklein davon zu beſitzen zum Sonntagſchmuck in das geflochtene Haar, un⸗ ter der Bedingung, verſteht ſich, daß es ihnen keinen hoͤhern Preiß koſte, als der, welchen wahrſcheinlich dieſe Einkaufer dafür bezahlt hatten. Die Wehrmaͤnner zechten mit großem Eifer, indeßen war unter ihnen Mancher, der jedoch deßhalb nicht minder Beſcheid thuend, gar verächtlich von dem Gerſtentrank ſprach, und von dem Meth und dem gebrannten Waſſer, und meynte, in ſolch einem armen Lande muͤſſe man ein Uebriges thun, ſonſt aber ſei ſein gewohntes Lieblinggetraͤnk griechi⸗ ſcher Wein; auch erinnerten ſich dieſe wechſel⸗ weis an die und jene Stadt, wo ſie ſolchen am beßten gefunden, und prahlten mit der Zahl der Becher, die ſie ohne Beſchwerde zu leeren vermocht, und Jeder der es hörte, glaubte ih⸗ nen auf das Wort, was ſie ſagten, und oben⸗ drein das, was ſie verſchwiegen, die Weiſe nehm⸗ lich, wie ſie den edlen Rebenſaft an ſich ge⸗ bracht, und die ziemlich uͤbereinkam mit dem Einkauf ihrer Stoffe. Doch kann man nicht umhin, die Großmuth zu erwaͤhnen, mit der ſie von Zeit zu Zeit ein halbgeleertes Trinkge⸗ ſchirr oder die Neige eines Kruges den ſchuch⸗ tern umherſtehenden Leibeigenen mittheilten, mit dem Vermerken: ſie ſollten gutes Muthes ſeyn, die Zeit ſey nicht fern mehr, wo jeder Acker⸗ mann die Sturmhaube aufſetzen und den Sä⸗ bel umguͤrten werde, und mit der leutſeligen Verſicherung, ſie gäben es gern. Dankend nah⸗ 113 — 164— men die Leibeigenen das Gebotene und ohne Bedenklichkeit, ob ſie ſchon wußten, daß die Freigebigkeit der Gewappneten ſie auf Koſten des Herrn von Zembocin bedenke, und fruher als gewohnlich betaͤubten die Duͤnſte des Ge⸗ tränkes die Erinnerung an geſtern und das Vorgefühl an morgen, und bald herrſchte ein Geiſt unter Kriegsknechten und Fröhnern, der Geiſt des gebrannten Waſſers. Wie nun dieſer mit ſeinen irdiſchen Bruͤdern die Ei⸗ genſchaft gemein hat, das Verhaltniß des nicht irdiſchen Namensvetters zu dem Genoſſen, dem er zugetheilt worden, etwas zu veraͤn⸗ dern, ſo hatte er auch hier in der Schenke von Zemboein es bei den Reitern des konigli⸗ lichen Gefolges nicht unterlaſſen, die der alte Burgherr auf das Stattlichſte bewirthen ließ. Eine morgenlaͤndiſche Parabel ſagt nicht ohne Bedeutung: als der Erzvater Noah den Urahn aller Weinſtöcke auf dem Gebirge Ararat pflanzte, ſey das Stuͤck Landes, in das er geſenkt ward, von dreien Thieren der Arche gedungt worden, durch den Pfau, den Löwen und das den Iſrae⸗ liten verbotene Thier— und ſo theile ſein Saft denn nach ſtufenweiſer Ordnung dem, der ihn — 165— genießt, etwas von der Eigenthuͤmlichkeit die⸗ ſer Drey mit. Die Reiter, geuͤbte Trinker und an regelmaͤßiges Vorruͤcken gewoͤhnt, befanden ſich noch auf der erſten Staffel in allerlei vor⸗ nehmen Redensarten und aufrichtigem Selbſt⸗ lob, ſich langſam der Zweiten naͤhernd, waͤhr⸗ end die Bauern, genöthigt die Wirkung dieſer beiden Zuſtände in Gegenwart ſo bedenklicher Gäſte in ſich felbſt zu verſchließen, mit vielem Gluͤcke und ohne merklichen Uebergang dem Dritten zuſtrebten. Ohne die Zeit ſehr mit Sprechen zu vergeuden, begnuͤgten ſie ſich, nicht ohne Erſtaunen dem Bericht unerhoörter Hel⸗ denthaten zu horchen, und das Mißbehagen, welches hie und da ein den Stand des Acker⸗ manns veraͤchtlich bezeichneter Ausdruck in ihnen erregte, mit den Gaben, die ihnen zugeſchleu⸗ dert oder zugeſchoben wurden, herunter zu wuͤr⸗ gen. Eines nur ſchien ihnen ſchwer zu ertra⸗ genz die Maͤgde des Wirthshauſes und andere Dorfſchoͤnheiten, welche die Neugier herbeige⸗ lockt hatte, und unter denen mancher Froͤhner Eine ſein Schaͤtzlein nannte, hatten heute kein Auge fuͤr den Werkeltaggeliebten, und kein Dhr fuͤr ſeine unzierlichen Schmeichelworte. — 166— Beide waren unabläſſig beſchaͤftigt mit dem Kriegsvolk, deren, waͤhrend eines achtjaͤhrigen auslaͤndiſchen Krieges, im Innern ziemlich ſel⸗ ten gewordener Anblick fur ſie beinahe den Reiz der Neuheit hatte, die ſo ſchone Tuͤcher auf den verroſteten Panzern trugen, und von denen der Jüngſte, ſeiner Angabe nach wenigſtens ein Dutzend irrgläubiger Ruſſen in die Hölle geſchickt hatte. Selbſt der Wirth, ein ehema⸗ liger Kriegsmann, erfreute ſich des ſchmucken Anſehns der Gewappneten und ihrer tapfern Reden, und achtete gar nicht auf ſeine Stamm⸗ gäͤſte, als hochſtens nur um zu bedauern, daß ih⸗ nen heute umſonſt die Reſte zu Theil wurden, von denen er gehofft hatte, ſie dem Schaffner der Burg in aller Gewiſſenhaftigkeit unterſchla⸗ gend, bei Jas und Walus* gegen manchen Korzec** Erbſen oder Hafer umzuſetzen, zur kuͤnftigen Ernte zahlbar. —.— „ * Johann, Valentin. ** Korzec, Getreidemaaß, ungefaͤhr ein Dresdener Scheffel; dieſe Art des Kreditgebens wird von denjetzigen Schankpächtern in Polen, den Juden, auch jetzt noch fleißig beobachtet.* — 167— Heda Wirth— ließ ſich Einer dieſer Rei⸗ ter mit rauher Stimme vernehmen— noch einen Krug Wiszniak!* Doch ſorget dafuͤr, daß ihm zur Hälfte tuͤchtiger Branntwein beige⸗ miſcht ſey, denn ſonſt iſt es ein jämmerlich Ge⸗ traͤnk, bei welchem, wie man zu ſagen pflegt, einem die Zaͤhne lang werden. Als ich— fuhr er im ſelbſtgefälligen Tone fort— Als ich, es werden nun wohl ſechs Jahre ſehn, mit der Vorwacht in das kleine Städtlein Chwa⸗ ſtow einruͤckte, ſechs Meilen von Kijow dies⸗ ſeit des Dnieper am Fluͤßchen Repin gelegen, traf es ſich, daß mein Quartier mir angewie⸗ ſen ward bei einem Weinkaufmann aus Theſe ſalonich.— Wie denn nun unſereins in frem⸗ den Landen manches erlernt, woran ihr faulen daͤmiſchen Ofenhocker nicht gedenkt Euer Leb⸗ tage, hatte ich auch einen Theil Griechiſch er⸗ lernt, welches zu Kijow und Czerniechow die Sprache der feinen Welt iſt, und es alsbald zu ſolcher Fertigkeit darin gebracht, daß ich ohne ſonderliche Beſchwerde die Worte: Brot, *Wiszuiat, Meth von Kirſchen. — 168— Fleiſch, Wein und Geld ausſprechen, und auch wohl die Dirne rufen konnte, falls ich ihrer Dienſte vonnoͤthen hatte. Und auch zu Chwa⸗ ſtow machte ich denn Gebrauch von meiner Sprach⸗ kunde. Mein Hauswirth jedoch, der ſchurkiſche Grieche, mochte ſolche Kenntniß nicht bei mir ver⸗ muthen, denn nachdem ich ihm befohlen, den Be⸗ cher zu fuͤllen vom Beßten, wie es ſich zieme für einen Reiter des ſechsten königlichen Fähn⸗ leins, hoͤrte ich ihn draußen die Magd ſchel⸗ ten, die mir brachte, was ich gefordert, und ſagen: Biſt Du von Sinnen, Magd, daß Du den edlen Rebenſaft von Samos herbeibringeſt!? Linker Hand, das iſt gut genug fuͤr die polni⸗ ſchen Biergurgeln, die der heilige Baſil bald wieder heimſchicken moͤge zu ihrem ſchalen Ge⸗ ſoͤff.— Darauf ging denn die Magd und kam wieder mit gefuͤllten Kannen, und den Trank mit weitſchweifigen Worten anpreiſend, no⸗ thigte der ſchurkiſche Wirth uns, Beſcheid zu thun auf das Wohl Seiner königlichen Gnaden, Herrn Boleölaw, die ein zweiter Alexander ſeyen, und auf das Gluͤck unſerer Waffen und unſerer Herr⸗ ſchaft uͤber die getreuen Ruſſen. Meine Ka⸗ meraden denn, denen Alles ſo ziemlich recht — 4169— war, was nur die Kehle herunterging, ließen es ſich nicht zweimal ſagen, und ob ſie ſchon hie und da das Geſicht verzogen, ſchluckten ſie doch wacker. Ich aber koſtete das Getraͤnk, und ſtand alsbald auf, die Hand legend an meinen Zaraz,“ herrſchte dem Griechen zu, ob er wohl gedaͤchte, die Lanzenreiter des Koniges mit Gift zu vergeben, wie ſchon mehr ſich er⸗ eignet im ſpitzbuͤbiſchen Ruſſenlande? Da er⸗ hob der Wicht Augen und Haͤnde zum Him⸗ mel, und verſchwor ſich bei allen Heiligen ſei⸗ ner Ketzerkirche, es ſey das Beßte, was er auf dem Lager habe.— Nun, wenn dem alſo iſt, verſetzte ich: ſo gebuͤhret dem Gaſtgeber, zu kre⸗ denzen.— Wohl redete er ſich aus, es ſey Feſttag, und drauf, er habe ſeinen Fruͤhtrunk ſchon genommen, und es zieme einem Wein⸗ Kaufmann, maͤßig zu ſeyn vor allen Andern; doch half es ihm nicht. Die Burſchen mein⸗ ten nun wirklich, er habe ihnen den Becher gewuͤrzt auf die Weiſe die zu Carogrod uͤblich; hier und da griff ihm eine Fauſt nach der „Zaraz, Sarras, Saͤbel; dies Wort polniſchen urſprunges bedeutet„Sogleich.“ — 170— Kehle, hier und da erhob ſich auch wohl eine Streitaxt, und da mußte et denn gut oder uͤbel; und es kam ihm hart an, denn die Griechen ſind Gutſchmecker und abſonderliche Kenner in Weinen. Und immerzu mußte er trinken und immerzu, und ob er gleich in der Noth befahl, man ſolle uns bedienen aus dem Mutterfaß, und wir es uns auch behagen lie⸗ ßen, ſo mußte er immer weiter, ſo daß er auf⸗ ſchwoll gleich einem Schlauch, und faſt der Beſinnung beraubt, hinfiel. Da trat ich zu ihm, ſprechend: Merkſt Du nun wohl, ſchel⸗ miſcher Grieche, daß die polniſchen Biergurgeln noch etwas Anderes kennen, als den Gerſten⸗ ſaft? Sie werden auch nicht heimkehren zu ihrem ſchalen Geſoff, ſo lange noch Wein iſt in den ruſſiſchen Landen, und Seine königlichen Gnaden werden Ihr gutes Recht behaupten ge⸗ gen die abtrüͤnnigen Ketzer, und ſie haben ih⸗ ren treuen Lanzenreitern anheimgeſtellt, es zu uͤben.— Der rohe, ungeſalzene Scherz des Kriegsmannes fand Beifall bei ſeinen Genoſ⸗ ſen, und ein junger neugeworbener Reiter, wahr⸗ ſcheinlich begierig auf die Lehren eines Erfahre⸗ nen, frug— Und wie ward es, Herr Rotten⸗ —— meiſter?— Wie ward es, Gelbſchnabel, ent⸗ gegnete Jener gleichgiltig— Nun, er jammerte ſehr, doch ſtand eine halbe Stunde ſpaͤter des Griechen Hof unter Wein, daß man hinein trat bis uͤber den Sporn, und was hätte er auch laͤnger im Faſſe geſollt; war doch kein Wirth mehr da, der ihn ausſchenkte.— Nach einer Pauſe fuhr er fort:— Denn alſo iſt der Brauch im Kriege; mehr gilt da das Schwert, denn der Stab des Schultheißen, ſo wie auch der Szezerbiec unſers Herrn und Koͤnigs mehr gilt, denn das Seepter des Kaiſers zu Athen, und des unglaͤubigen Griechen in Carogrod, und ſo moͤge denn der Herr hoch leben, der ihn fuͤhrt, und ſeine wackern Reiter und ihr Gewaſſen! Jubelnd ſtimmte die Schaar in den Trinkſpruch des Rottenmeiſters ein. Der aber ſprach weiter: Die weite Erde iſt des Kriegsmannes Heimath, und der Boden, den er betritt, iſt ſein eigen, da iſt kein Unterſchied. Wer mir gut Eſſen giebt und Getraͤnke, iſt mein Landsmann und Freund, wohne er auch jenſeit des Dniepers, wer's nicht thut, iſt ein Feind und Verräther und waͤre zehnmal ſein Taufwaſſer aus der Weichſel geſchoͤpft.— Ge⸗ — 172— nug nun des Bieres, des Branntweines und Meths; gieb Wein her, Wirth! Der alte Herr droben iſt auch ein tuͤchtiger Rittersmann geweſen, und weiß, was Lanzenreitern gebuͤhrt, die aus Rußland kommen, und dahin zuruͤck⸗ kehren mit ſeinem hochgebornen Sohn.— Der Wirth zum Steigbügel zauderte ein we⸗ nig; wohl hatte der Schloßherr auf den er⸗ wähnten Geſchmack der fremden Gäſte Ruck⸗ ſicht genommen, doch ſchien es dem Wirth noch zu fruͤh am Tage, mit dem köſtlichen Getränke vorzuruͤcken, vielleicht in der Beſorgniß, man moͤge den Boden des Faſſes allzubald ſehen, auf welchem er jedoch manch Tröpflein zu an⸗ derweitigem Verbrauch zuruckzuhalten gedachte. — Dieſe Saͤumniß ſchien aber dem Retten⸗ meiſter nicht zu gefallen. Er ſchlug mit der gepanzerten Hand auf den Tiſch und rief mit gewaltiger Stimme: Wirſt Du Dich eilen, Kothſaß? oder geluͤſtet es Dich nach dem Be⸗ ſcheidtrunk des Wirthes zu Chwaſtow? Mit erbleichender Wange und demüthig gekruͤmmtem Rucken druͤckte der Gaſtgeber ſich zur Seite, um das Gebot zu volffuhren, che des Kriegmanns Fauſt einen anderen Ruhe⸗ platz ſuche, als die eichenen Bohlen der Trink⸗ tafel; aber aus den Reihen der ſcheu zuruͤck⸗ weichenden Leibeigenen, ſchritt Einer hervor, trat dicht vor den Rottenmeiſter hin, und ſprach mit langſamen gedämpften Werten: Gemach, Herr Soldat, gemach. Ihr ſeyd hier nicht in Feindesland— und ſo geziemen Euch ſolche Drohungen nicht, die hier Keiner fuͤrchtet.— Veraͤchtlich und ohne den Reden⸗ den anzublicken, murmelte Jener in den krau⸗ ſen Bart: Sprichſt Du? Einmal ſey Dir es vergönnt, doch wahre Deine Zunge— ſonſt moͤchte ich vergeßen, daß wir zu Zembocin ſind, dem Eigenthum des erlauchten Schwert⸗ traͤgers der Krone. Waͤre das nicht, Buͤrſch⸗ lein, moͤgte Dir es alſo gleich ergehen, als waͤreſt Du ein Ruſſe.— Nicht auf dem Grund und Boden Nikolaus Strzemieniec ſeyd Ihr — fuhr der unerſchrockene Leibeigene fort— noch gebietet hier Severin, ſein Vater, und wahrlich, er iſt nicht der Mann, daß er ſeinen Leuten Trotz bieten laſſe von den Reiſſigen des Soh⸗ nes, ſo wenig als ſich ſelbſt von ihrem Ge⸗ bieter.— Was da! fiel der junge Reiter ein, der fruͤher ſchon geſprochen— Sohn! Wenn „ Einer einmal den Panzer umgeſchnallt hat, und ſich mit dem Schwerte geguͤrtet, da iſt nicht mehr die Rede vom Vater noch Sohn, noch von Schweſter und Bruder, und von garnichts. Ich wollte doch ſehen, was geſchehen wuͤrde, kaͤme ich einmal heim zum alten Dzierzek nach Piotrowin, und er wollte mich ſchlechter be⸗ wirhen, denn einen Andern, weil er die Ehre hat, der Vater zu ſeyn eines braven Burſchen, der ein halbes Dutzend Ketzer geſpießt hat, oder ein ganzes! Nicht ſo, Herr Rotten⸗ meiſter?— Mit vieler Wuͤrde verſetzte der Gefragte: Wohl— mein Sohn. Und obſchon Du bis jetzt noch nichts geſpießt haben magſt, als die Speckſchwarten des alten Dzierzek, von denen Du uns einige mitgebracht, ſo redeſt Du doch gleich Einem, aus dem ein wackerer Burſche werden kann.— Der Leib⸗ eigene aber blickte hoͤhniſch auf den eben Ge⸗ lobten und ſagte: Es kann auch ſeyn, daß es bei der Schwarte bleibt mit dem Spie⸗ ßen, und ſeyd froh, wenn Ihr ſelbſt ungeſpießt zuruͤckkommt zum Rauchfang Eures Vaters, obſchon nicht pochend und trotzend, ſondern fein demuͤthig bittend, daß er Euch aufnehme. Das kann eben gar bald geſchehn, denn es heißt, die Ruſſen ſeyen ein rachſuͤchtig Volk, und hinterliſtig gleich ihren Glaubensgenoſſen, den Griechen, und es iſt ein mißlich Ding, herumzutrampeln auf dem geſchlagenen Drachen; er ſticht Euch wohl in die Ferſe. Auch giebt es ein Sprichwort, das heißt: ſtrenge Herren regieren nicht lange, und ein Anderes: Hoch⸗ muth kommt vor dem Fall. So ſage ich Euch hier als Pole, und wär ich ein Ruſſe, ſo—— Da drängte der Wirth, mit Weinkrugen bela⸗ den, ſich durch die Leibeigenen, die ängſtlich zwar und mit blinzelnden Augen, doch inner⸗ lich erfreut, auf den kuͤhnen Genoſſen ſchau⸗ ten, der es wagte, den verhaßten Draͤngern ſo kuͤhn entgegen zu treten, und der Ehrenmann ſprach eifrig: Was ficht Dich an, Olgierd? Willſt Du Streit bringen in dies friedliche Haus? Sind die werthen Männer nicht vom Gefolge des Erbherrn und des Landvoigts Gä⸗ ſte? Kriegsleute ſcherzen gern; was iſt das nun mehr? Auch bin ich es nicht, der ſie bewirthet, ſondern es iſt Euer Gebieter, und er giebt es gern und— und— ich geb' es auch gern. Verzeihet, geehrte Herren, der Burſch iſt — eines Bauern Sohn wohl nur und ein Eigner, doch gehört er zum Hauſe des hochgebornen Strzemieniec, und ſteht in großer Gunſt bei ihm, da glaubt denn das junge Blut, es duͤrfe mehr dreinſprechen, als ein Anderer.— Der beleidigte Soldat war aufgeſprungen und ſchien im Begriffe, ſein jungfräulich Schwert im leich⸗ ten Kampf gegen einen Unbewehrten einweihen zu wollen; furchtſam ſtoben die Bauern aus⸗ einander, nur der Bedrohte ſtand unerſchuͤttert mit finſterm gluͤhendem Blick, und zuſammen⸗ gebiſſenen Zaͤhnen, die Rechte krampfhaft um einen gewichtigen Knotenſtock geklammert, der der ungeuͤbten Waffe des Prahlers vielleicht nachdruͤcklich begegnet waͤre, da verwies der Rottenmeiſter mit einer gebieteriſchen Handbe⸗ wegung den Untergebenen zur Ruhe, und richtete, den dargebotenen Becher langſam koſtend, das Auge zum erſten Male auf Olgierd. Die An⸗ weſenden ſahen einem Ausbruch des Zornes entgegen, den die verwegene Rede des Leibeige⸗ nen im gefuͤrchteten Gewalthaber erweckt haben koͤnnte, doch wider Erwartung ſprach er gleich⸗ muͤthig: Hm! wahrlich, ein huͤbſcher Burſch, und wacker dazu— Ich mag es wohl leiden, —— wenn ein junger Knabe tuͤchtig Maulwerk hat, zumal wenn ſolches ihm Puͤſſe eintragen könn⸗ te, denn aus ſolchem Holze ſchnitzt man den ächten Reiter.— Was meinſt Du Burſch? Wirf die Kutze weg, und folge dem Schwert⸗ traͤger, Deinem gnädigen Herrn.— Als dieſe Aufforderung unbeantwortet blieb, wandte er ſich gegen den Reiſigen, der noch immer ſtreit⸗ fertig daſtand, einem Kampfhahn gleich, wel⸗ cher ungeduldig wartet, daß man ihm den ſtählernen Sporn anlege, und herrſchte ihm zu: Nieder auf Deinen Platz, Junge! Meynſt Du, der erlauchte Strzemieniec habe Dich ge⸗ worben, damit Du gegen ſeine Unterſaſſen groß thueſt? Herein mit Deinem Eiſen! Denkſt Du es ehrenhaft zu fuͤhren gegen den Knüttel eines Bauern? Dies Volk glaubt, es ſei dazu allein, den Herrn zu ſpielen in der Schenke, und ſein Muͤthchen zu kuͤhlen an Bauern und Eigenen. Gegen den Feind ſey trotzig, Gruͤnſpecht, das Andere mag Dir dann erſt ziemen, wenn Du die Haͤlfte von dem gethan, was Du eben geprahlt. Auch hat der Burſch dort nicht Unrecht, und man muß gewiſſermaßen einen Unterſchied machen zwi⸗ 12 — 6 ſchen der Heimath und dem feindlichen Lande. — Dort wie hier— uuterbraͤch ihn Idzi— moögt Ihr Euch alſo gehaben, wenn es Euch gefaͤllt, ſo lange nemlich— als man es leidet.— Daß Dich der Donner, Sklav! rief halb er⸗ zuͤrnt, halb lachend der Unterbefehlhaber; drauf reichte er ihm eine Schale, in welcher ſich noch ein wenig Meth befand, den er beim Erſcheinen des beſſern Getränkes zuruckgeſetzt hatte, und ſprach rauh, doch wohlwollend— Da, trink, ſo wirſt Du weniger ſprechen.— Eine Weile zöͤgerte Olgierd, dann nahm er das Gefaͤß, doch trank er nicht; mit vorneh⸗ men Anſtande reichte er es einem neben ihm ſtehenden Bauer, der, minder ſtolz als er, mit einem Zuge den Inhalt in die vertrocknete Kehle hinabgoß. Der Wirth gewahrte an den aufwaͤrts ge⸗ zogenen Augenbraunen des Rottenmeiſters, daß er die geringe Achtung uͤbel vermerke, die der Beſchenkte fuͤr die Gabe gezeigt, und be⸗ ſorgt, es moͤchte neue Unruhe entſtehen, die ihn in Verantwortlichkeit bräͤchte bei dem ſtren⸗ gen Schloßgebieter, verſuchte er alsbald, ein Geſpraͤch anſpinnend, die Aufmerkſamkeit der — 70— Reiter von Olgierd abzuleiten; denn die ſtoͤrri⸗ ſche Gemuͤthart des Juͤnglings, und ſein hoch⸗ fahrendes Weſen, mit ſeinem Stande ſo we⸗ nig uͤbereinſtimmend, waren in der ganzen Gegend um Zembocin bekannt, und gaben be⸗ reits Anlaß zur Verwunderung und zu man⸗ cher Muthmaßung. Hochgeehrter Herr Wachtmeiſter! begann er mit unterwuͤrſiger Freundlichkeit, ſich lang⸗ ſam in gebuͤhrender Entfernung auf den Rand der Bank niederlaſſend: Preißwerther Herr, ſo ſeyd Ihr denn der wuͤrdige Anfuͤhrer des reiſigen Geleites, welches unſerm jungen Herrn, dem Gott Ruhm verleihe und ein langes Le⸗ ben, gefolgt iſt aus dem Feldlager in das Va⸗ terland?— Es iſt, wie Ihr ſagt— antwor⸗ tete der Reiter— Und ſo ſoll der Herr Land⸗ voigt ſich nicht lange des Erben und Sohnes erfreuen, und Ihr gedenket wieder hinaus?— Je eher, je lieber; denn es iſt nicht gut fuͤr den Kriegsmann, ſtill zu ſitzenz; draußen dem Feind gegenuͤber, oder im Gehöfte des Frem⸗ den iſt es ihm beſſer und freier zu Muthe, als daheim, wo er ſich die Speiſe und das Getränk zuwaͤgen laſſen muß, und zufrieden ſeyn mit dem, was man ihm giebt.— Lieber— ſprach der Rottenmeiſter muͤrriſch weiter— will ich mich tummeln, je zwei Tage einmal mit den baſilianiſchen Irrgläubigen, als mich hier herumzutreiben, gleich einem blinden Muͤhl— pferde im ſtrengen Dienſte, und täglich ſprechen zu hoͤren von Ordnung und puͤnktlichem Ge⸗ horſam und pflichtſchuldiger Unterwerfung ge— gen Obere.— Indem er ſo redete, erhob ſich ein lautes Geſpraͤch und Lachen unter den mit am Tiſche ſitzenden Reitern, welche die auf— wartenden Dirnen neckten, und er rief zornig und polternd: Was ſoll das Geſchrei, Jungen? Vergeßet Ihr, daß der Rottenmeiſter gegen⸗ waͤrtig iſt, und gedenket nicht der ſchuldigen Achtung und Disciplin?— Chleb Halenga aber fand fuͤr gut, den Widerſpruch nicht zu bemerken, der zwiſchen den fruͤhern Worten des Befehlhabers und dem ſpaͤtern Tadel ſtatt fand, und fuhr fort: Schoͤne und anſehnliche Herren ſind es, die ſich dem Kronſchwerttraͤger angeſchloſſen, und mit ihm eingeritten zur Burg; auch Geiſtliche ſind dabei, wie mir däucht. Ziehen die ehrwuͤrdigen Herren auch zum Hee⸗ re?— Wenn ſie wollen, warum nicht? ant⸗ — 1— wortete der Soldat mit der wichtigen Miene eines Mannes, der ein Geheimniß nicht dem erſten Fragenden entdecken will, aber doch nicht ungern ſieht, daß man ahne, er beſitze ein ſolches.— Iſt ja doch unſer Krieg ein Krieg des Glaubens. Wenn es ihnen jedoch beliebt, ſo kehren ſie wieder um und bleiben zu Hauſe, wie es Pfaffen zukommt und Weibern und Stubenhockern, wie Ihr Einer ſeyd, Meiſter Halenga.— Die Reugier des Fragenden, ein altes Erbtheil ſeiner Zunftge⸗ noſſen, war noch nicht abgeſchreckt durch die Antwort, und er redete weiter— Ja, ja— ſprach er, die Haͤnde reibend— den preißlichen Herren, moͤchte wohl die Sonne draußen zu heiß auf die kahlen Scheitel brennen, doch iſt auch Einer da, ein gar derber Rittersmann, dem, wie es ſcheint, wohl ſo mancher ſcharfe Wind um den Bart geweht hat, und—— Fragt ihn! polterte der Rottenmeiſter: Geht nur und fragt ihn, wer er iſt, und ich ge⸗ be Euch mein Wort, ehe Euer Fäßlein noch ge⸗ leert iſt, ſchaukelt der Wind Euch am Galgen und die Sonne, wenn ſie wieder kommt, trocknet Euch den Rachtthau vom Scheitel.— — 16— Bewahre mich Gott und der heilige Adalbert; rief der Wirth ſich bekreuzend: Iſt das ein ſo ſtrenger und gewaltiger Herr? Aber der Andere; mich beduͤnkt, ſein Gewand ſei nicht nach hierlaͤndi⸗ ſcher Art, und obſchon er wohlgeſtaltet, iſt doch ſein Auge ſo truͤbe und ſein Antlitz ſo bleich, wie ich gewahrt, als ſie hier voruͤberritten —— Das will ich Euch ſagen, unterbrach ihn Jener mit zweideutiger Miene; das iſt des Erſten Narr, und weil er vorwitzig geweſen, hat er in einem kühlen Loch geſeſſen, ein Jahr oder drei— Und was meinet Ihr, ſo Euch Gleiches begegnete, wuͤrde das Roth ſich wohl auch verlieren, mit dem Ihr Eure Naſe beklei— det, Dank ſei es den Tröpflein, die Ihr beiſeit gemeſſen in des Herrn Strzemieniec Trankpacht? Was ziſchelt Ihr da unter einander, Reiter? Wiſſet Ihr nicht, der Soldat ſolle nur einen Mund haben zum Eſſen und Trinken und zwei Ohren fuͤr den Befehl?— Ein Narr? mur⸗ melte Chleb, ungläubig mit dem Kopfe ſchuttelnd. Noch immer ſtand HOlgierd an der Ta⸗ fel, weder die Winke des Wirthes achtend, noch die finſtern Blicke der Reiter am Trink— tiſche; als er die Rede des Rottenmeiſters — vernahm, ſtieg plotzlich ein ſchwaches Roth auf ſeine gewöhnlich farbloſe Wange und er ſprach mit einiger Bewegung: Allzu unglimpflich, mein' ich, Herr, ſprecht Ihr von dem edeln Fremdling; ſein Anſehn iſt nicht das eines Thoren; wohl ſcheinet er nicht gluͤcklich, und ein Solcher, hab' ich gehoͤrt, entgehet ſelten dem Spott, zumal dem Spotte Solcher, die kaum wuͤrdig ſind, ſeine Schuhriemen zu lo⸗ ſen.—— Ihr habt da einen vorlauten Skla⸗ ven im Dorf— rief der Kriegsmannz iſt es Sitte bei Euch, daß der Eigene ſich draͤngen darf zum Gelage der Freyen und Lanzenreiter des Koͤnigs?— Vergebt— warf Halenga mit einiger Verlegenheit ein— ich ſagte Euch ſchon, der junge Menſch ſei wohlgelitten beim Herrn und— hier raunte er dem Etzuͤrnten etwas ins Ohr, was dieſer mit lautem Gelaͤchter er⸗ wiederte; Olgierd aber ſprach— Niemand wird mich hier vertreiben, es iſt dies das Haus meines Herrn, und eine Schenke, offen fuͤr Jedermann, der Geld hat, und Luſt es zu ver⸗ zehren.— Und hat der Eigene Geld?— ſpot⸗ telte der junge Soldat, welcher waͤhrend des Vorhergehenden fort und fort zornige Blicke — 4— auf den Widerſacher geworfen hatte. Olgierd wuͤrdigte ihn keiner Erwiederung, er zog aus einem ziemlich gefuͤllten Seckel eine Silber⸗ muͤnze, und warf ſie auf den Tiſch mit den Worten: Schaff Meth und Wsziniak, Chleb⸗ Deine Nachbarn wollen trinken, obſchon ſie den Durſt nicht gereizt haben mit Speck, aus des Peters Nauchkammer geſtohlen.—— Die Leibeigenen blickten halb befriedigt, halb neidiſch auf den, nach ihren Begriffen, uͤberreichen Ge⸗ noſſenz die Hoffnung auf einen guten Schluck ermuthigte die Befangenen, und die Anſpielung des Olgierd erregte hier und da ein unterdruck⸗ tes Gelächter, und manch ſpöttiſches, wohl auch witziges Wort ließ ſich vernehmen, denn dergleichen findet ſich nicht ſelten im Munde des ſarmatiſchen Bauern. Der, dem es gegol⸗ ten, war zu beſchäftigt mit dem Becher und den Aufwärterinnen, um Acht auf das zu ha⸗ ben, was um ihn vorging. So wie der Weinkrug unter den Reitern, gingen jetzt gebrannte Waſſer und Honig, und Kirſchtrank unter den Inſaſſen umher; immer raſcher kreiſte das Geſchirr, immer lauter ward das Geſpraͤch. Des Rottenmeiſters Strenge — 185— hatte nachgelaſſen in dem Maaß, in wekchem er die Becher leerte und dem Uebermaaß erlie⸗ gend, hatte er nicht Acht mehr auf die wach⸗ ſende Unordnung und den ſteigenden Lärm. So währte es wohl eine halbe Stunde lang, da drang plotzlich ein weibliches Gekreiſch durch das verworrene Getöſe, und gleich darauf ließ ſich die laute, etwas ſtammelnde Stimme ei⸗ nes Bauern vernehmen, unterbrochen von wie⸗ herndem Gelaͤchter und ſoldatiſchem Fluchen. Je⸗ ner junge Reiſige hatte Gefallen gefunden an der Tochter des Chleb Halenga, und ſie gewaltſam zu ſich ziehend, ihr ſeine Neigung auf die Weiſe kund gegeben, die der Rauſch ihm eingab, und der Vorſatz, ſich in allen Dingen als ein rechter Reitersmann zu zeigen. War es Miß⸗ fallen an der rohen Liebeberkläͤrung, oder daͤuchte der Dirne, Ort und Zeit uͤbel zu ſolcher ge⸗ wählt, ſie widerſtand mit aller Kraft zweier nervigen Arme und einer klangreichen Kehle, und alsbald trat der anweſende Verlobte der Dirne hinzu, ſie zu vertheidigen, denn des Ol⸗ gierd Freigebigkeit hatte ihm den ſeltenen Muth verliehen. Doch beſeelt vom loͤblichen Gemein⸗ geiſt umringten ihn lachend und ſpottend die — 186— Kriegsleute, und raſch vom Wort zur That uͤbergehend, ſtrebten ſie, ihm durch manchen Schlag mit gepanzerter Hand, und manchen Stoß mit dem Schwertknauf zu beweiſen, es ſey dem Bauer eine Ehre, wenn ein Lanzenreiter Koͤnig Boleslaw's ſeine Braut herze. Da begannen die Leibeigenen zu murren, mitunter ſah man ein Auge blitzen in dem Grolle, der um ſo ge— fährlicher iſt, je ſeltener er ſich zeigen darf in dem Unterdruͤckten, mancher eichene Knuͤttel er— hob ſich, und ſchweigend erſt und dann mit ploͤtzlichem Gebrull ſtürzten ſich die Bauern auf die Beleidiger. Auf der andern Seite flogen die Säbel aus den Scheiden, immer tobender miſchte ſich das Lachen hoͤhnenden Uebermuths und das Schreien der entfeſſelten Wuth; es ſchien als ſolle die Schenkſtube der Herberge zum Steigbuͤgel, der Schauplatz eines blutigen Kampfes werden, und der Rottenmeiſter, er⸗ weckt durch dieſe grellen Toͤne, taumelte auf von der Bank. Da drängte Olgierd ſich in das Getuͤmmel, mit ſtarker Fauſt entriß er den Gemißhandelten ſeinen Peinigern und ſchleu⸗ derte ihn in die Reihen der Gefaͤhrten, die ihn alsbald ſchuͤtzend aufnahmen, dann trat er raſch — 187— vorwaͤrts, mit einem Weſen, das im ſeltſamen Widerſpruch zu der Kutze ſtand, die ihn beklei⸗ dete, zu dem jungen Reiter, und ohne auf die ihn Umringenden zu achten, die im Erſtaunen uͤber die Stärke und Verwegenheit eines Ein⸗ zelnen, einen Augenblick hindurch unthaͤtig ſtan⸗ den. Laß das Maͤdchen, Soldat! rief er mit donnernder Stimme.— Und was geht es Dich an? ließ des Rottenmeiſters lallende Zunge ſich vernehmen. Füͤr die Truhen und Fäſſer der Kothſaſſen magſt Du wohl ſprechen, der Du doch einmal ſprechen mußt, doch mag man ei⸗ nem wackern Burſchen vom Fähnlein des Herrn Nikolaus Strzemieniec nicht wehren, ein Mägd⸗ lein zu kuͤſſen, wenn es ihm behagt. Was geht es Dich an, frag' ich noch einmal;z iſt es denn Deine Braut?— Indeſſen hatte Ol⸗ gierd die Dirne den umfangenden Armen des Reiſigen entwunden, und hielt mit der Rech⸗ ten den Straͤubenden, wahrend er mit der Lin⸗ ken die Befreite den Bauern uͤbergab, die nun durch ſein Beiſpiel ermuthigt, ihm nachgedrun⸗ gen waren. Als er die Rede des Anfuͤhrers hoͤrte, wendete er ſich zu ihm und ſprach: Al⸗ ſo ſeid Ihr auch von denen, welche glauben, — 188— wenn der Eigene Brot habe und einen Trunk den Durſt zu ſtillen, koͤnne er zufrieden ſeyn, und dem Thiere genuͤge die Befriedigung des thieriſchen Beduͤrfniſſes? Dem iſt nicht ſo, auch dem Kothſaſſen iſt ſein Weib werth und ſein Kind; auch der Kothſaſſe, Herr, iſt ein Mann und vertheidigt als ſolcher, was ſein iſt, gegen freche Bekränkung.— Hört doch— lachte Jener— wie der Knabe ſo hochtrabend ſpricht und in gewählten Worten! Weg da, ſag' ich, Rottenmeiſter im Fäͤhnlein des Schwerttraͤgers! Wie mag der Sklav es wagen, die Hand auf⸗ zuheben gegen Einen, der des Königs Wappen⸗ rock traͤgt. Sey demuͤthig, wie es Dir zukommt und Deines Gleichen, denn— ſey Dein Va⸗ ter auch noch ſo hoch geboren, Du biſt nichts als ein Knecht!— Olgierd's Wange ward bleicher bei dieſen Worten, in denen er eine Verhoͤhnung ſeiner niedern Geburt wahrzuneh⸗ men glaubte, ſeine Fauſt ballte ſich und ſeine Lippen bebten krampfhaft; da ſah er, wie der Soldner nochmals die Hand nach dem Mäd⸗ chen ausſtreckte, und er faßte ihn gewaltig und wiederholte mit erſtickter Stimme: Laß die Dirne, Raubbube, oder wahre Dein Haupt! — Seine Augen flammten in blutrother Glut, wie die des entfeſſelten Tigers, der ingrimmig an den letzten Banden zerrt, die ihn hi d en, ſich auf den Raub zu werfen. Der Andere, kuͤhner geworden durch die Billigung des Vor⸗ geſetzten, ſtieß ihn zuruͤck mit beſchimpfender Rede, und griff nach dem Schwert. Da ſauſete der Knotenſtock des Leibeigenen durch die Luft, er fiel auf das helmloſe Haupt des Gegners nieder, und dieſer ſtuͤrzte ohne Regung zu Boden. Vergeblich ſuchten die Bauern den Gefähr⸗ ten zu ſchuͤtzen; aufgemuntert durch den Zuruf des entruͤſteten Befehlhabers, trieben die Kriegs⸗ leute die Unbewaffneten bald in die Flucht, und ſtammelnd vor Zorn, gebot Jener, den Ue⸗ bertreter mit Stricken zu binden. Schweigend, mit verachtendem Laͤcheln bot Olgierd ſeine Ar⸗ me den Bandenz keine Reue uͤber das Began⸗ gene, keine Furcht vor dem Kommenden, war in ſeinen Zugen zu leſen; es ſchien, als freue er ſich, Einmal nun lange verhaltener Wuth den Ausbruch vergoͤnnt zu haben aus dem be⸗ laſteten Herzen, und als habe er im Augen⸗ — 90— blick der erſten That die Beſtimmung ſeiner Zu⸗ kunft erkannt.— Nach dem Schloſſe! ſchallte das Gebot des Rottenmeiſters— nach dem Schloſſe mit dem Buben, daß er zu den Fuͤ⸗ ßen unſers Herrn, des Nikolaus Strzemieniec, ſein Urtheil empfahe! Da zuckte es durch des Gebundenen Glieder, und er verſuchte, in frucht⸗ loſer Anſtrengung ſeine Feſſeln zu zerreiſſen, man ergriff ihn und draͤngte ihn gegen die Thuͤre. Eben hatten ſie ſie erreicht, da trat eine neue Abtheilung der Lanzenreiter in die⸗ ſelbe, und in ihrer Mitte einige Männer fremd⸗ laͤndiſchen Ausſehens und Gewandes. Nicht deutlich waren ſie zu erkennen in der menſchen⸗ erfuͤllten Stube, in der nur wenige Kienſpaͤne den dichten Dunſtkreis erhellten, doch gewahrte man, daß ſie heftig zitterten vor Furcht oder Kaͤlte. Beide Haufen vereinigten ſich, um⸗ ſchloſſen die Gefangenen und fuͤhrten ſie zur Burg. Immer noch wortlos ſchritt Hlgierd, und mit ungebeugtem Nacken, doch die Frem⸗ den mit gerungenen Haͤnden, und laut jam⸗ mernd in unbekannter Sprache. — 191— VII. Sinnend ging Olga auf und nieder im ſtil⸗ len Gemache des einſamen Waldhauſes. Noch war ſie bleich von dem Schrecken, mit dem des Sohnes erwachender Grimm ſie erfuͤllt hatte, und von Zeit zu Zeit druͤckte ſie die ver⸗ ſchlungenen Haͤnde an die geſenkten Augen. Mitunter ſtand ſie ſtill und ſchaute auf das griechiſche Silberkreuz, das im Wiederſcheine des Abendrothes gluͤhte, dann wandte ſie ſich ſchnell ab, und ging weiter mit raſcherem Schritt, wie es der zu thun pfleßt, der mit ſeinen Ge— danken zu Rathe geht, in unentſchiedener wich⸗ tiger Sache. Die Zeit war heran geruͤckt, da langgenaͤhrte Entſchluͤſſe zur Ausfuͤhrung kom⸗ men ſollten, der Augenblick nahte, der tief ver⸗ borgenen Leidenſchaften die erſehnte Genug⸗ thung verhieß; ſie ſtand dem Ziele nah, ſo nah, daß ſie es mit der Hand zu erreichen meynte, doch eben jetzt ſchien es ihr zweifelhaft und ungewiß, wo die Taͤuſchung ſey und wo die Wahrheit, auf welcher Seite ſie die Be⸗ friedigung ergreifen werde oder das Mißlingen, und es erneute ſich in ihrem Gemuͤth der alte Streit widerſtrebender Geluͤſte. Da klopfte es leiſe an der Thuͤr, und auf ihrem Nuf zeigte ſich des Tomek widriges Geſicht. Was ſuchſt Du noch hier? rief die Frau ihm gebieteriſch entgegen. Willſt Du durchaus hier zaudern, bis der Vogt kommt mit Kantſchuh und Strick, und ſeine Knechte Dich hinweg⸗ fuͤhren, daß die Keule Dir das wenige Gehirn aus dem Kopfe ſchlage? Harre nur ein Weil⸗ chen noch, er wird gleich hier ſeyn, denn ſeit⸗ dem die Gäſte angelangt ſind, auf dem Schloſſe, durchſtreift die Schaarwacht alle Flu⸗ ren, als gelte es doppelte Vorſicht.— Der Henker wird ihn doch nicht herfuͤhren? fluͤſterte Thomas, ſcheu um ſich her blickend.— Ihn her und Dich fort— verſicherte Olga.— So horet doch nur ein einzig Wörtlein, ſo es Euch moͤglich iſt.— Schwer iſt wahrlich mit Euch zu ſprechen— und manchmal ſcheinet es mir, als habe ich Eurem Eigenſinn Dank zu ſagen, und Eurem Hochmuth, daß Ihr einen Mann, wie ich bin, zu gering fuͤr Euch hiel⸗ tet.— Und warum biſt Du zuruckgekehrt, Elender, um mich mit ſolchem Geſchwätz zu belaͤſtigen?— Fort, oder ich ſelbſt rufe die — 195— Schergen! Ein Teufelsweib— murmelte der entflohene Sklav— ſchlimmer wahrlich, als der blutige Häuptling ſelbſt.— Ihr werdet doch nicht? Dazu ſeyd Ihr zu klug, auch iſt das, was ich Euch ſagen will, ſo ſchlim⸗ men Lohnes nicht werth, denn ich komme aus alter Lieb' und Freundſchaft Euch ein paar Goldſtuͤcklein zuzuwenden, oder eine Hand voll ſilberner Groſchen, und denen ſeyd Ihr nicht Feind, wie ich weiß, und leget gern einige Bracteaten zu dem Hort, den Ihr bereits ges ſammelt.—— Was weißt Du von Geld, das ich beſaͤße? fragte die Huͤttenbewohnerin mit argwoͤhniſchem Blick.— Und wenn dem waͤre, wie es nicht iſt, was ginge es Dich an?— Nichts, gar Nichts, denn man weiß ja, daß der boͤſe Feind die Morgengabe huͤtet, die er ſeinem feinen Liebchen gebracht. Davon iſt auch die Rede nicht.— Und wovon?— Hört; eben als ich mich getrennt hatte von der böſen Brut, deß Vater man mich nennt, wovor Sankt Adalbert mich bewahre, von dem Idzi, den meine Gönnerinn wohl erziehlt haben mag mit dem Fuͤrſten der Finſterniß, und ich meines Weges ging, und er den Seinen, jeder 13 —— um zu ſehn, wie er am kürzeſten zum Galgen käme, trat ein Mann mich an, in Pelz ge⸗ huͤllt bis uͤber den Mund, der ſeltſamlich an— zuſchauen war, ſo daß mich allgemach zu grau⸗ ſen begann, denn ich meinte, wo die Hexe iſt, iſt auch der Meiſter nicht weit; Schaut mich nur nicht ſo ingrimmig an, Frau Olga, ſon⸗ dern vernehmt das Weitere. Er ſprach zu mir, aber ſeine Stimme war keinesweges ſo rauh und dumpf, wie die, in welcher der, den ich mey— ne, Euch wohl manchmal begruͤßt; ſie war klar und weibiſch, lange nicht ſo kraftvoll als die Eure, und dazu klapperten ihm die Zähne, als ſey ihm kalt. Was er aber ſprach, mochte ich kaum verſtehen, denn er war der polniſchen Sprache nicht mächtig, und all ſein Wiſſen beſchränkte ſich wohl auf die Worte— guten Abend, wie weit— und ſo weiter, wie wir geſehen an den ſtummen* Landsknechten, die vor einiger Zeit hier waren mit den Abgeſandten ——— *Es iſt ſchon anderswo geſagt worden, daß der Ausdruck Niemiec, Teutſcher, von dem Worte „Niemy“ ſtumm, herſtammt. — 195— des Sachſenfuͤrſten*. Auch wollt' ich ihn ſtehen laſſen, er aber griff in ſeinen Guͤrtel, und gab mir etwas, deſſen Klang man verſtehet in der ganzen Chriſtenheit. Nun begriff ich denn ſo⸗ gleich was er wollte, nemlich Obdach, doch nur auf kurze Zeit, und fern von der Burg, auch ſchien es mir, als ſey ihm nicht viel daran gelegen, daß alle Welt darum wiſſe, wo er ſey. dachte ich denn an Euch, und ſo Ihr wollt, fuͤhre ich ihn herein, denn er ſteht draußen im Gebuͤſch, und nach dem was er dem Weg⸗ weiſer gegeben, moͤget Ihr keinen unebenen Miethmann haben an dem wunderlichen Bur⸗ ſchen.— Was fällt Dir ein? entgegnete Ol⸗ ga, mißtrauiſch den Kopf ſchuttelnd— Wie mag ich, ein einſam wohnendes Weib, fremdes ver⸗ daͤchtiges Geſindel aufnehmen, und noch däzu eingefuͤhrt von Dir! gar?— lachte Tomek.— Ihr ſeyd ja ſonſt nicht ſo bange. Wahrlich, von dem habt Ihr nichts zu befahren; ſeine Hand, ich ſah ſie als er mir das Geld gab, war klein und zart * Boleslaw II. hatte ſich mit den Sachſen gegen Heinrich W. verbuͤndet. 438 — 196— wie eine Jungfern-Hand, und mag wohl eher die Spindel gefuͤhrt haben als die Keule oder den Säbel. Traun, unter uns, ich glaube, wenn Ihr zuſammen ſeyd und der Fremde, ſeyd Ihr es nicht, die etwas zu furchten hätte. Nun, Ihr werdet ja ſehen, wie es ſich triſſt; allein wollte ich nicht mit ihm anbinden; es iſt hier nicht geheuer fuͤr meines Vaters Sohn und allzubreit darf er ſich nicht machen; doch, wenn Ihr mich etwa braucht, ich bin in der Nahe. So ein Schlaftruͤnklein etwa, oder ſonſt ein Saͤftlein aus des Teufels Apotheke, deſſen Be⸗ ſchließerin Ihr ſeyd, das macht kurze Geſchäͤfte und gefahrloſe, und ich denke, Ihr werdet nicht vergeſſen, daß ich Euch den Kundmann zuge⸗ wieſen.— Der Zorn und die Verachtung, die aus Olga's Augen blitzten, deuteten den Un⸗ willen an, den des Räubers Feigheit in ihr erregte, und daß er es wage, ihr ſich gleich zu ſtellen, doch deutete ihm ein Wink an, ſie wil⸗ lige in die Aufnahme des Fremden. Eilig ſich zuruͤckziehend flüſterte Thomas noch in der Thuͤr: Zuͤndet aber ein Feuer an auf Eurem Heerde, denn wahrlich, das arme Männlein zittert vor Froſt.— Olga that, wie ihr geheißen, dann warf ſie ſchnell das weite, baͤueriſche Obergewand uͤber, in welchem wir ſie zum erſten Male geſehen, und wartete ihres Gaſtes. Sie vermu⸗ thete, ſein Erſcheinen ſtehe in Verbindung mit dem Aufenthalt der Reiſenden im Schloſſe Zemboein, der aus irgend einem Grunde, wie wir ſchon bemerkten, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und uͤberdem glaubte ſie, nach des Raubers Schilderung in dem Unbekannten ein verkleidetes Weib zu finden; alles Geheimnißvolle aber, war anziehend fuͤr ihre Seele. Dieſe Ver⸗ muthung jedoch verſchwand bei ſeinem Eintritt. Zwar war ſein Geſicht verhuͤllt, doch ſchien ſein Wuchs, obgleich nicht die mittlere Groͤße uͤberſteigend, zu hoch fuͤr den eines Frauen⸗ zimmers, obſchon die Stimme, mit welcher er ſie anredete, weich und klangvoll war. Er begruͤßte ſie in fremder Sprache. Wohl war ſie nicht unverſtaͤndlich fuͤr die Wirthin des Hauſes, doch fand ſie nicht fuͤr gut, ihre Kenntniß zu verrathen, und als der Fremd⸗ ling drauf im gebrochenen Polniſch ſeine An⸗ rede wiederholte, umfaßte ſie mit demuͤthigen Worten nach der Landesſitte ſeine Kniee; da — 198— ſie aber ſich aufrichtete, ſah ſie ihm forſchend in das gaͤnzlich verborgene Antlitz, und zog ſich dann ſchweigend und ehrfurchtvoll zuruͤck. Er ſchien wirklich von der Kälte ergriſſen„die jedoch nicht groß war an dem Fruͤhlingabend, und eilte der Flamme des Kamins zu. Drauf warf er den, von einem Regenſchauer durchnaͤßten Pelz ab, und rieb die weißen, zierlichen Hände wohlbehaglich am Feuer, in⸗ dem er Olga ein Zeichen gab, die Thuͤr zu ſchließen. Während dies geſchah, fiel ſein Blick auf das glänzende, vom Wiederſchein des Kamins erhellte Kreuz, er trat einige Schritte näher, und alsbald warf er ſich vor dem Sym⸗ bole des Heiles nieder, entblößte ſein Haupt, und bezeichnete mehrmals andächtig Stirn und Bruſt. Drauf wandte er ſich zu der Frau, mit einem fragenden Blick, und ſie, denſelben wohl verſtehend, bedeutete ihn, ſie gehoͤre der morgenländiſchen Kirche zu. Des Fremden Zuͤ⸗ ge erheiterten ſich bei dieſer Mittheilung, er ging auf ſie zu, und reichte ihr mit freundli⸗ chem Anſtand mehrere Goldſtuͤcke. Wohl war der Empfängerin weder Geſtalt noch Werth der Byzantiner unbekannt, auch war ſie kei⸗ . — 199— nesweges eine Veraͤchterin derſelben, doch rich⸗ tete ſie nur einen Blick auf die Gabe, zwei aber auf den Geber, deſſen Antlitz und Geſtalt jetzt keine Huͤlle mehr barg. Er ſchien das dritte Jahrzehend des Lebens erreicht zu haben, die Zuͤge ſeines Geſichts, das jetzt durch das ſogenannte Ausſchlagen der Kaͤlte leicht gerothet war, waren fein und ſcharf, ſeine Augen, obwohl unſtaͤtt, wie die eines Arg⸗ woͤhniſchen, waren groß und feurig, und doch mild, ein kurzer zierlich gepflegter Bart von dunkler Farbe, umgab in leichten duftenden Locken den Mund, um den ein Laͤcheln ſpielte, halb anmuthigen halb ſpottenden Ausdrucks, ſeine Kleidung beſtand in einem engen doch ge⸗ falteten Kleide von weißgrauem feinen Gewe⸗ be mit breitem ſcharlachfarbenen Beſatz, eine Kette von koͤſtlicher Arbeit hing um ſeinen Hals, und an derſelben ſchwebte ein ſteinbeſetztes Kleinod in ſehr verkleinertem Maßſtabe, dem Kreuze aͤhnlich, vor dein er ſich eben niederge⸗ worfen. Er zeigte darauf ſchnell nach der Thuͤr, dann nach dem Kreuz, und endlich auf die Goldſtuͤcke, welche Olga noch hielt, als wolle er andeuten, er ſey in bedenklicher Lage, doch hoſſe er, durch gemeinſamen Glauben und er⸗ zeigte Wohlthat ihren Schutz und ihre Treue erworben zu haben, und da Fene ſogleich die Hand betheuernd auf die Bruſt legte, ſchien er beruhigt, und ſetzte ſich auf das Ruhebett nie⸗ der mit vornehmer Läſſigkeit. Olga aber daͤuchte es, ſie habe den Mann ſchon geſehen, doch ver⸗ barg ſie dieſe Bekanntſchaft eben ſo, wie fruͤ⸗ her die mit ſeiner Sprache. Nach und nach begann der Reiſende unruhig zu werden, er blickte durch das Fenſter mehrere Male nach dem Stande der Sonne, ſchuͤttelte ſich und ſtampfte mit dem Fuße, wie Einer, der wenig an Geduld gewöhnt, auf Etwas wartet, und brach endlich in ein halblautes abgebrochenes Selbſtgeſpraͤch aus, ohne Acht zu haben auf die ſchweigende Bäuerin, die ſcheinbar gleichgiltig im Gemach umherging, Eines und das Andere ordnend.— Es wird ſchon ſpaͤt— murmelte der Fremdling— und noch kommt er nicht — ſollten wohl die ihn riefen, von den Hun⸗ den gepackt ſeyn, die an der Höhle des nordi⸗ ſchen alten Baͤren lauern? Drauf wandte er ſich zu ſeiner Wirthin, als wolle er ſie um etwas befragen, doch nur wenige kauderwelſche Worte im Polniſchen hervorbringend, lachte er unmu⸗— thig uͤber ſich ſelbſt, gerieth wieder in Nachſin⸗ nen und bald darauf von Neuem in ein Selbſt⸗ geſpraͤch.— Heilloſes Geſchaͤft! rief er halb⸗ laut, aber mit großer Lebhaftigkeit. Heilloſes Geſchäft fuͤr einen im Pallaſt Erzogenen, im Lande der Barbaren herumzuſchweifen, von de⸗ ren uͤbellautendem Geheul ich keine Sylbe ver⸗ ſtehe, nach einem bettleriſchen Dynaſten, und den Tag uͤber vor Kaͤlte zu erſtarren, um viel⸗ leicht Abends—— hier unterbrach er ſich ſelbſt mit der Frage: Und wozu? Wenn er nun auch kommt, wird er nicht fragen, wo iſt das Heer, das Du mir bieteſt, wo ſind die goldnen Byzantiner, mit denen Dein Mund wohl freigebiger ſeyn mag, als die Hand Dei⸗ nes Herrn? Und was werd ich ihm antwor⸗ ten? Pah! was werde ich ihm antworten. Hat es jemals den Enkeln der Demoſthene an Redensarten gefehlt? Und ſchon mehr als ein Jahrhundert hindurch haben ſie uns gute Dien⸗ ſte gethan, und noch kuͤrzlich ſelbſt gegen Alp Arslan's Pfeile und die breiten Schwerter der Normannen. Gute Dienſte, ja, denn ob wir ſchon einige Kleinigkeiten verloren haben, wie — 202— zum Beiſpiel Kleinaſien an Jenen und Neapo⸗ lis an den Andern, ſo iſt das doch nur der au⸗ genblickliche Sieg roher Kraft, der bald dem Geiſte weicht, denn der beſteht immer, und bei uns iſt der Geiſt, das geſtehen Jene ſelbſt ein. Auch wird es ein Leichtes ſeyn mit dem Bar⸗ baren— hat ihn doch jener Afterkaiſer des Oecidents in Feſſeln geworfen, nachdem er ihm Alles genommen, was er beſaß, gleich als wenn der Franke die Staatskunſt erlernt hätte in den Blachernen; das kann er noch nicht vergeſſen haben, und ein alter Groll herrſcht zwiſchen den Rechtgläubigen und Lateinern. Wird er aber auch trauen? Wird er glauben, man habe bei uns den Uebermuth ſeines Ahnen Igor vergeſſen, der mit ſeinen plumpen Barken üͤber den Pontus Euxinus ſchwimmend am Kaiſer⸗ pallaſt landen wollte, und den wiederholten Verſuch Jaroslaw's ſeines Vaters? Und wem kann er hier trauen? Dem Polenfurſten, der mit begehrlichem Auge auf ſeine Länder blickt, und ſo er ihm das Verlorene wiedergewoͤnne, jenem iölamitiſchen Kadi gleich, die Auſter ver⸗ ſchlucken wird, die Schalen großmuͤthig unter die Brüder vertheilend, denn auch die Barba⸗ — 203— ren ſind ſo dumm nicht mehr ſeit einiger Zeit. — Kommt er denn noch nicht?— Eile mit Weile, der Wahlſpruch des großen Alexius, wie es der Wahlſpruch deſſen war, der zuerſt das Diadem trug, das ſein Haupt ſchmuͤckt. Fort muͤſſen die Bruͤder, fort aus der reichen Stadt in die Steppen, vor Allen aber jener Wszewolod, der ſich den Franken verbuͤndet, und der Schwieger worden jenes Heinrich,“ der ſich Caͤſar Auguſtus ſchelten läßt, als ken⸗ ne die Welt einen andern Herrn, denn Kon⸗ ſtantin's Nachfolger, jenes Schattenbildes eines Monarchen, der bald vor ſeinen Vaſallen zit⸗ tert, bald ſich in den Staub buͤckt vor dem Biſchof von Rom, waͤhrend der wahre Augu⸗ ſtus, der Einzige, mit einem Wink ſeiner Hand die Haͤupter ſeiner Fuͤrſten fallen laͤßt, und ein Runzeln ſeiner Stirn die Thuͤr des Kerkers aufthut vor dem Patriarchen. Hinweg muͤſſen * Eupraxia, Adelheit, verwittwete Markgraͤfin von Stade, war die letzte Gemahlin Heinrich IV. und Tochter des Fuͤrſten Wszewolod von Smo⸗ lensk, Eines der Bruͤder des Jaslaw, die ihn aus Kijow vertrieben. — 204— die Bruͤder, und was denn weiter? Nun ich denke, wenn man ſich Zweier entledigt hat, wird man mit dem Dritten auch fertig zur rechten Zeit.— Es wird ſchon ſehr ſpät— ſollte der luchsaͤugige, rehfuͤßige Donatas töl— pelhafter ſeyn, als da es galt, die piſaniſchen Ehemanner zu Galata zu beruͤcken?— Ich fange an zu fuͤrchten— Es iſt mir nicht gemuͤthlich in der Nähe dieſes wilden Hufeiſenſpaltenden Königs, und wenn irgend ein Ungeſchick vorge⸗ fallen, könnte es wohl ſeyn, ich ſtunde, ehe der Hahn kräht, ihm gegenuͤber Auge in Auge. Wenn das geſchehen ſollte?— Nun— troſtete er ſich ſelbſt mit etwas gezwungenem Lachen, und fuhr fort in der uͤberladenen, bilderreichen Sprache ſeines Volks— was wäre es denn mehr?! Selbſt der Hippopotamus in Egypten horcht ja ſchmeichelnden Geſangestonen, und auch dieſes Ungeheuer des Nordens wird ja empfaͤnglich ſeyn fuͤr kluggeſtellte Worte, und man hat mir ja an hohem Ort die Melodie gegeben zu meinem Liede; auch das Rhynoce⸗ ros iſt verwundbar an einer Stelle, die Ferſe dieſes hyperboreiſchen Achilles aber iſt ſein Haß gegen den Koͤnig der Deutſchen, und mehr noch, viel mehr noch———1* Hier ließ ſich ein leiſes Klopfen vernehmen; aufmerkſam horchte der Unbekannte, den Finger auf den Mund legend, halb gegen Olga gewendet; als der Schall ſich wiederholte, in abgemeſſenen Pauſen, wie es ſchien, ſo neigte er den Kopf wohlgefällig, und deutete ihr an, zu offnen. Während dem erhob er ſich und ging mit lang⸗ ſamen, feierlichen Schritten und zierlich höfiſcher, Geberde auf den Erwarteten zu. Leiſe, doch haſtig, trat der Kommende ein, und in augenſcheinlicher Unruhe. Den Entge— genſchreitenden vornehm begruͤßend, warf er das Auge umher im nicht geraͤumigen Zimmer, als mißtraue er der Umgebung, uud es haftete ei⸗ Wir muͤſſen den Leſer, welchem dieſe Sprach⸗ weiſe des 11ten Jahrhunderts nicht angemeſſen ſcheint, darauf aufmerkſam machen, wer ſie führt. Damals war die Wiſſenſchaft fruͤherer Zeit, obſchon bercits verdunkelt, doch noch kei⸗ nesweges in Griechenland gaͤnzlich erloſchen, und ſelbſt die Sarazenen hakten in Krieg und Frieden mit dem oſtroͤmiſchen Reiche, genug da⸗ von erworben, um es den damaligen Abendlaͤn⸗ dern zuvorzuthun. Als Beleg und Zeuge zu⸗ gleich diene die Zeitgenoſſin dieſer Begebenheit, Anna Komnena. N — — 206— ne Zeitlang auf der Wirthin des Hauſes, die ſich alsbald abgewandt hatte bei ſeinem Er— ſcheinen, und nun ſich wieder umwendete, das Geſicht mehr als vorher mit der Kappe ihres Oberkleides bedeckt. Ein fragender Blick ward alsbald von dem fruͤhern Gaſte mit einigen leiſe geſprochenen Worten erwiedert; dann tra⸗ ten Beide vorwaͤrts in die Mitte des Gemachs. Ihr habt mich ſprechen wollen, Herr,— ſagte der Zuletztgekommene mit gedämpfter Stimme — Ich muß bitten, daß Ihr Euch kurz faſ⸗ ſet, denn meine Augenblicke ſind gezaͤhlt.— Der Andere jedoch ſchien ſich nicht der ge⸗ wuͤnſchten Kuͤrze befleißigen zu wollenz er trat einige Schritte zuruͤck, verneigte ſich dann zwei⸗ mal mit abgezirkelter Geberde, zog zier⸗ lich und langſam ein mit purpurfarbener Seide umwickeltes Paͤcklein aus dem Buſen, oͤffnete es, nahm von mehreren Pergamentrollen, wel⸗ che es enthielt, Eine heraus, druͤckte ſie an Stirne und Bruſt, und uͤberreichte ſie dem Gegenuͤberſtehenden mit wiederholter zweimali⸗ ger Verbeugung. Waͤhrend dieſer nun das Blatt auseinander ſchlug, an welchem in ſil⸗ berner vergoldeter Kapſel ein gewaltig Inſiegel befeſtigt war, begann Jener wie folgt: Der Caeſar Auguſtus Nikephoros Botoniates, der unuͤberwindliche Herrſcher des geſammten römi⸗ ſchen Reiches, hat an Euch, erlauchter Proto⸗ ſebaſt?, einen ſeiner demuͤthigen Diener geſen⸗ det, den Leontios Angelos. Den Inhalt der Botſchaft erſiehet mein verehrter Herr aus dem kaiſerlichen mit Purpurfäden gehefteten Schrei⸗ ben; was derſelbe noch zu wiſſen begehrt, wird ihm der Mund des Ueberbringers eröff⸗ nen.— Die Zuͤge des Fuͤrſten nahmen bei Durchleſung des Pergaments einen zweideuti⸗ gen, doch nicht ungefälligen Ausdruck an, wie den, den Etwas hervorbringt, das ſeinem Ge⸗ halte nach, zwar zweifelhaft iſt, doch bei deſ⸗ ſen Empfang man ſich ſchmeichleriſcher Hoff⸗ nung nicht erwehren mag. Er bewahrte ſorg⸗ »Protoſebaſt, eigentlich einer der fuͤnf Litel, die am Hofe zu Konſtantinopel den vornehmſten Perſonen gegeben wurden, die man zur kaiſer⸗ lichen Familie zaͤhlte; da ſeine Bedeutung mit dem Namen Großfuͤrſt ubereinſtimmt, ſo ertheilt der Abgeſandte ihn dem Fuͤrſten von Kijow, dem Primaten der ruſſiſchen Fürſten, der uber⸗ dem von muͤtterlicher Seite von einem der Kai⸗ ſergeſchlechter abſtammte. — 208— fältig und mit feierlicher Achtſamkeit das Ge⸗ leſene, und ſprach dann hoͤflich: Euer Rame, wie war er doch, und welches Amt, mein Herr, bekleidet Ihr am Hofe?— Leontios Angelos werde ich genannt— verſetzte der Grieche mit ſelbſtgenuͤgſamer Beſcheidenheit— mein Vater iſt Dynaſt von Eubda, und der Pallaſt der Blachernen zaͤhlet mich unter ſeine Stratoren“, im Purpurhauſe aber ſiehet man Euren ergebenen Diener unter den Rei⸗ hen der Veſtiarien.— Caeſar ehret mich hoch durch die Wahl eines ſolchen Botſchafters— ſprach Jzaslaw verbindlich— Der Name Ange⸗ los iſt nicht unbekannt in der Geſchichte des oſtrömiſchen Reiches.— Des Römiſchen, unterbrach ihn der Strator ehrerbietig, doch mit einigem Nachdrucke verbeſſernd, und Jener fuhr fort— Er iſt ſogar in den Reihen der „Strator, Stallmeiſter: der Protoſtrator, Ober⸗ ſtallmeiſter, bekleidete die 4te, jener erwaͤhnten 5 Wuͤrden im kaiſerlichen Pallaſte, und war zugleich der zweite Befehlhaber der Landmacht unter dem Groß⸗Domeſtikus(Maire du Pa- lais) Oberſter Hofmeiſter. Veſtiarien, Kaͤm⸗ merer, Maitres de Ia Garderobe. . — 209— Auguſte zu finden, und ſo mocht' ich ſagen, daß die Wuͤrde, die Ihr bekleidet, Dynaſten⸗ Sohn von Negropont?“, obſchon anſehnlich fuͤr den Abgeſandten an einen entſetzten, fluͤch⸗ tigen Fuͤrſten, dennoch kaum Eurer Herkunft entſpricht, noch Eurem Verdienſt.— Leontios ſagte darauf mit dem unterdruckten Laͤcheln ge⸗ ſchmeichelten Stolzes: Wohl trug Mancher meiner Ahnen den Purpur, doch der Menſchen Geſchick iſt wandelbar, und in der Hand Got⸗ tes liegen die Diademe.— Ihr ſehet davon ein Beiſpiel an mir; verſetzte der Ruſſenfuͤrſt tiefſeufzend.— Gewiß iſt die Schale der Pruͤfung nicht an Euch voruͤbergegangen, Pro⸗ toſebaſt des Nordens, indeſſen, obſchon einhei⸗ miſche Untteue und auswärtiger Verrath Euch fuͤr eine Weile herabgeſturzt haben vom Stuhle Eurer Vaͤter, ſo ſeyd Ihr doch im Begriff ihn wieder zu beſteigen, und landesflüchtig — fuhr er mit erhoͤhtem Ausdruck und lauern⸗ dem Blicke fort— landesfluͤchtig mag ſich der Fuͤrſt nicht nennen, der im Feldlager ei⸗ „Negropont, der neuere Name der Inſel Euboa. 14 — 210— nes mächtigen Koͤnigs eine Heimath gefunden hat, bis die Eigene ſich ihm wieder aufthut, und welcher mit Heereskraft heranzieht, um ſolche zu erobern.— Jzaslaw ſchwieg, und das Haupt abwendend, vermied er das Auge des Griechen; erſt nach einigem Verzuge ſprach er; Wenn ich nicht irre, ſehe ich Euch heute nicht zum erſten Male. Ja, ich erinnere mich, ſchon fruͤher waret Ihr mir bekannt; zu Ki⸗ jow, ſo mich mein Gedächtniß nicht trugt, erblickte ich den edeln Leontios Angelos in Begleitung des Botſchafters, den der Hof zu Konſtantinopel damals an mich geſendet. Ver⸗ zeihet, daß ich deſſen erſt jetzt gedenke; Miß⸗ geſchick truͤbt die Erinnerung, und Manches hat ſeitdem ſich zugetragen.— Es iſt, wie Ihr ſagt, mein Füͤrſt; ich befand mich unter den Abgeſchickten des Caeſar Auguſtus Dioge⸗ nes Romanus glorreichen Andenkens, und da ich mir zur Zeit einige Kenntniß erworben, Eurer preißlichen Hofſtatt und Eurer Lande, und der Sprache, welche die Völker des Bo⸗ ryſthenes* reden, ſo hat das Haupt des römi⸗ „Boryſthenes, der Fluß Dnieper. —— ſchen Reiches mich erkohren, Euch, Herr, ſei⸗ nen Gluͤckwunſch zu bringen, und das Erbie⸗ ten ſeiner Huͤlfe zu Eurem Vorhaben.— Noch imma glitten Fuͤrſt Jzaslaw's Blicke in dem, nur durch das Kaminfeuer erleuchteten Gema⸗ che umher, und hafteten endlich an der regung⸗ los ſeitwaͤrts ſtehenden Olga. Wir ſind nicht allein— fliſterte er, nach⸗ dem er das Weib mehrere Male aufmerkſam angeſehen— Wißet Ihr das gewiß, daß man uns nicht verſtehe?— Deß ſeyd ſicher, Fuͤrſt— entgegnete der Botſchafter— wahr⸗ ſcheinlich iſt ihr die Mundart Eures Landes bekannt, denn ſie iſt unſeres Glaubens; doch die Sprache der Weltherrſcher, die Laute, de⸗ ren einſt Iſokrates ſich bediente, das Idiom, in dem Ariſtoteles ſprach und ſchrieb, die Hofſprache des hohen Byzanz mag wohl ſchwer⸗ lich in dieſe kimmeriſchen Wildniſſe gedrungen ſeyn. Wenigſtens hat dieſe gute Frau wohl ſelten etwas Anderes gehoͤrt, als das Geziſch und Gerolle, mit dem ſie bereits mein ver⸗ woͤhntes Ohr gequaͤlt.—— Unſeres Glau⸗ bens? wiederholte Jzaslaw kopfſchuttelnd; dann richtete er in weißruſſiſcher Sprache eine 14* — 3— Frage an die demuͤthig Schweigende, ihre Herkunft betreffend.— Sie muͤſſe dem Herrn nur ſagen— antwortete Olga mit dumpfer Stimme, doch mit gemeiner Weitſchweifigkeit und im verdorbenſten Dialekte des Poͤbels— — daß ſie gebuͤrtig ſey am Ufer des Bug⸗ flußes, und da ihr Mann erſchlagen worden während der heilloſen Streitigkeiten der Fuͤrſten, in einem Gefecht, ſey ſie darauf, ſchutz- nnd und rathlos, gefangen hinweg gefuͤhrt worden in das Land der lateiniſchen Ketzer, die Gott verdammen moͤge und der heilige Baſilius.— Es ſchien als wuͤrde die redſelige Auseinander⸗ ſetzung noch länger gewaͤhrt haben, hätte Izas⸗ law, völlig uͤberzeugt von der Harmloſigkeit der Zuhörerin, ihr nicht einen Wink gegeben, zu endigen. Seine Lage erlaubte ihm nicht, die Unterredung mit dem Sohne des eubbiſchen Dynaſten aufzuſchieben, und noch weniger den Ort zu derſelben zu wählen, und ſo ſetzte er ſie denn fort in der Sprache der Weltherrſcher und Weltweiſen, wie Jener ſie mehr ruhmre⸗ dig als wahrhaft genannt hatte; denn eben ſo wenig konnte man den Grako⸗Römern den er⸗ ſten Namen zugeſtehn/ als ihre Mundart die⸗ —— ſelbe war, die ſie einſt zur Zeit des Ariſtoteles geweſen. Damals war es, ſagt Ihr, geſtrenger Herr Strator, als Ihr das erſte Mal bei mir er⸗ ſchienet? Ganz recht, ich entſinne mich deſſen nun vollig; es war der Kaiſer Diogenes, der zu der Zeit mich beſchickte, und wenn mein Gedaͤchtniß mich nicht irre fuͤhrt, ſo war jene Sendung ganz aͤhnlich der, mit welcher der allerdurchlauchtigſte Nikephoros heut mich be⸗ ehrt. Wahrlich, die Anerbietungen des höchſt⸗ ſeligen Herrn lauteten wohl; doch iſt zu bekla⸗ gen, daß es bei dieſen Anerbietungen geblieben. Ob ſie ſich bewaͤhrt haben, das zeigt die Fol⸗ gez ja— der Ort und die Weiſe unſerer Zu⸗ ſammenkunft mag es bezeugen. Freilich iſt es wahr, daß zu eben der Zeit, als ſie mir ge— than wurden, der glorreiche Auguſtus mehr dar⸗ auf bedacht ſeyn mußte, den eigenen wanken⸗ den Thron zu erhalten, als den Stuhl eines ſeythiſchen Fürſten zu ſtutzen; es iſt ferner wahr, daß zu eben der Zeit, als ſeine Großmuth den Frieden im Norden herſtellen wollte, das Kaiſerreich ſelbſt deſſelben ermangelte, indem die Seldſchukiſchen Spahi bis an die Pforten 5 — 214— von Byzanz ſtreiften. Nicht zu laͤugnen iſt uͤberdem, daß ſein Heer kurz darauf ganzlich geſchlagen und der Auguſtus ſelbſt Alp Arslan's Gefangener ward; jedoch muß man billig ſol— che kaiſerliche Verſprechungen hochſchatzen, ſeyen ſie auch nicht unterſtuͤtzt von der Möglichkeit ſie zu vollfuhren, ja vielleicht nicht einmal durch den Willen es zu verſuchen.— Der Grieche lächelte bitterſüß bei dieſer Rede; er empfand einigen Verdruß uͤber die Herabſetzung der oſtrömiſchen Macht, die ſie enthielt, doch konnte er ſich des Eindruckes nicht erwehren, den ein treffendes Wort allemal auf einen gewandten Geiſt macht, ſey es auch ge⸗ gen ihn ſelbſt oder ſeine Abſicht gerichtet; eingedenk ſeines Geſandtenamtes aber erwie⸗ derte er ſogleich mit gemeſſenem Weſen: In dem, was Iyr ſelbſt geſagt, vortrefflichſter Herr Protoſebaſt der Varangico“, liegt der Grund des geringen Erfolges deſſen, was der verſtor⸗ bene Romanus Diogenes Euch verhieß. Doch * Die Griechen nannten die öſtlich wohnenden Slaviſchen Volkerſchaften Varangiev. — 25— iſt es nicht mehr dieſer tapfere doch allzuraſche Monarch, welcher den Purpur traͤgt, es iſt nicht Manuel Dukas, den Alterſchwaͤche niederdruͤck⸗ te, noch Konſtantin, deſſen Nachfolgerz zu Euch ſpricht jetzt der erhabene Nikephoros Botoniates, ein Fuͤrſt in der reifen Kraft der Jahre, deſſen Waffen jenes erlittene Ungemach geraͤcht und aufgehoben, deſſen Entſchluſſe, wenn ich mich der heidniſchen Redensarten unſerer blinden Vor⸗ vaͤter bedienen mag, Athene? leitet, und dem der ſchildſchuͤttelnde Ares** zur Seite ſteht, in der Geſtalt des erlauchten Sebaſtokrators**, des Alleredelſten Alexios Komnenes.— Nie⸗ mand— entgegnete der Fürſt von Kijow lä⸗ chelnd— Niemand hat je gezweifelt an dem Reichthum des Kaiſerhofes, wenn es herrliche * Athene, Minerba. ** Ares, Mars. Sebaſtokrator, die erſte jener fuͤnf Hofwuͤrden, und die vornehmſte Perſon des Reichs. Dies Amt, Anfuͤhrer, Haupt der Fuͤrſten, war ziem⸗ lich an die Stelle der ehemaligen Wuͤrde eines Caſar getreten, deren Ernennung die Staats⸗ kunſt der Auguſte zur Zeit des Verfalls der ro⸗ miſchen Macht fuͤr mißlich hielt. Sein Titel war Nobiliſſimus, der Alleredelſte. —— Verheißungen betrifft und wohlgeſetzte Redens⸗ arten, welche die Raubſucht der Turkmanen nicht alſo ungebüͤhrlich antaſten konnte, wie es mit Schätzen anderer Art leider geſchehn, und die auch ihr, Herr Dynaſtides von Euboea, als ein wuͤrdiger Abgeſandter in vollen Um⸗ lauf zu ſetzen verſtehet. Auch will ich keines⸗ weges die hohen Gaben des Auguſtus in Ab⸗ rede ſtellen, den Gott der Vater und der Sohn zuſammt dem heiligen Geiſte, welcher der Erſte nach Ihnen von Ihnen ausgeht, erhalten moͤ⸗ gen, doch iſt mir hier und da etwas kund wor⸗ den, von einem gewiſſen Malek Schah und von der Entſtehung eines tuͤrkiſch⸗römiſchen Reiches, Roum genannt durch die unglaͤubigen Barbaren, welches man ſonſt nimmer gekannt. Eben ſo ſpricht das Geruͤcht auch in unſern kimmeriſchen Wildniſſen von einem Robert Guiskard und ſeinen Normännern, und von ihrer nicht freundſeligen Anſiedelung in Groß⸗ Griechenland.*“ Ihr habt es geſagt, das Ge⸗ ſchick iſt wandelbar und ungewiß der Beſitz des *Groß⸗Griechenland, Unter-Stalien — 217— Diadems; ſo ſteht denn billig zu erwägen, ob es dem allerdurchlauchtigſten Nikephoros nicht eben ſo unmöglich fallen konnte, als ſeinen Vor⸗ fahren, die Hand huͤlfreich dem zu bieten, auf den er das Auge ſeiner Gnade geworfen.— Mit einiger Ungeduld hatte der Grieche die Bedenklichkeiten des Hyperboreers angehort, und als dieſer innenhielt, ſprach er nicht ohne Leb⸗ haftigkeit: Ich will nicht laͤugnen, daß die Seldſchukiſchen Horden den Boden des alten Romerreiches beſudelt haben durch ihre Gegen⸗ wart, ja daß es bis jetzt noch nicht gelungen iſt, ſie ganz zu verbannen von dem geheiligten Boden, auch durchziehet der rauhe Normann verwuͤſtend die geſegneten Fluren Groß-Grie⸗ chenlands, doch erſchuttert bruͤderliche Zwie⸗ tracht das Reich der Moölemim, wie ſie Eure Herrſchaft erſchuͤttert hat, mein ſehr erlauchter Protoſebaſt, und man darf dort von der nem⸗ lichen Urſache dieſelbe Wirkung hoffen, die man zu Kijow fuͤrchten gelernt hat. Ihr ſcheinet erzuͤrnt, mein Fuͤrſt? Ihr werdet mir verzeihen, denn nicht fuͤr mich ſelbſt ſtehe ich hier, ſondern im Namen des Cäſar. Was jedoch den Robert anbetrifft und ſeine eiſernen Rei⸗ — 218— ter, ſo ſind ſie nichts als eine Abart jener no⸗ madiſchen Gothen: Alanen und Hunnenſchwaͤr⸗ me, von denen Euer varangiſch Volk entſproſ⸗ ſen, vortrefflichſter Herr, und wie es Eure Stammverwandten jenſeit des Boryſthenes noch heut zu Tage ſind; jene Normannen aber, die heruͤbergekommen aus den Finſterniſſen des ark⸗ tiſchen Poles, von dem eisbedeckten Strande der aͤußerſten Thule, werden wieder dahin zu⸗ ruͤckkehren, wenn ihre Zeit voruͤber iſt, oder mindeſtens nach Franken, wo die abendlän⸗ diſchen Irrglaͤubigen zuſehen mögen, wie ſie ihrer ledig werden. Solcher Stürme aber ſind viele hereingebrochen uͤber das Weltreich, und immer hat es ſich wieder erhoben in ſeiner Wuͤrde und Kraft, durch Macht und Kunſt, durch That und Rath, wie die Sonne wieder leuchtet, nachdem die Heuſchreckenwolken vor⸗ uͤbergezogen ſind, die auf Augenblicke ihr ſtrah⸗ lend Angeſicht verdunkelten.— Ohngeachtet es Manchem, was er geſagt hatte, nicht an einem Stachel gebrach, obgleich die ganze ſchwungvolle Rede dem Ruſſenfuͤrſten die Ueberzeugung nicht benehmen konnen, der Stolz des konſtantinopolitaniſchen Hofes gründe — 219— ſich mehr auf glänzende Erinnerungen als auf gegenwaͤrtige Kraft, ſo hatte doch das Ganze einen nicht unguͤnſtigen Eindruck hervorgebracht, oder vielmehr der bedraͤngte Fuͤrſt fand fuͤr gut, ſeiner Empfindlichkeit nicht allzuvielen Raum zu geben und ſeine Zweifel nur in ſo weit zu äu⸗ ßern, als es ſeine bedenkliche Lage gebot. Den Heuſchrecken vergleichet ihr— hob er be⸗ däͤchtig an— dieſe nordiſchen Krieger; ſollte man ſie nicht fůglicher eine Schaar ungebaͤndig⸗ ter reißender Thiere nennen, die, nachdem der Fraß ihnen mangelt in den verwuͤſteten Räu⸗ men, vorwaͤrts dringen und vorwärts, dahin, wo neue Beute ſich ihnen zeigt. Und jener Herzog Robert, ähnelt er nicht dem Löwen, der nimmer laͤßt, was ſeine Pranken einmal gefaßt, es ſey denn nun, wenn er es verſchlun⸗ gen, Beſſeres zu ergreifen?— Leontios ent⸗ gegnete mit Leichtigkeit: Dem Lowen iſt der Baͤndiger gefunden, Herr. Sicher iſt Euch je⸗ nes altgriechiſche Sinnbild nicht unbekannt, das die Grazie darſtellt, das zahmgewordene Unge⸗ thuͤm gaͤngelnd; die kaiſerliche Helena hat ſei⸗ nen Ruͤcken beſtiegen und leitet es ſpielend am Purpurband ihres Guͤrtels.— Sein Gebiß ſey etwas ſcharf— meinte Iʒalaw— und es ſtehe zu fuͤrchten, ſo locker gewordener Zaum moͤge ihm auf die Dauer nicht widerſtehen. Es ſey denn— ſetzte er mit Bedeutung hinzu— die erlauchte Löwenbändigerin laſſe denſelben etwas nach, wenn die Zeit es erfordert, und ihr eigen Belieben.— Mit ausdruckloſer oder vielmehr gaͤnzlich verſchloſſener Miene ſchaute der byzan⸗ tiniſche Kämmerer ihn an, als erwarte er den Aufſchluß einer ihm unerklaͤrlichen Andeutung.— Ihr erwaͤhntet vorhin des Sebaſtokrators— fuhr Jzaslaw fort, nicht unzufrieden, einem Zögling der damaligen Hochſchule der Staats⸗ kunſt einen vortheilhaften Begriff von ſeiner Kenntniß zu geben— Meinet Ihr, Herr Ab⸗ geſandter, daß dieſer vornehme hochbegabte Staats⸗ beamte mit guͤnſtigem Auge dies Ehebuͤndniß geſehen, das einen grimmen Feind ſchnell zum Freunde umgeſchaffen, wenn auch nicht des Reichs, doch des herrſchenden Geſchlechts?— Mit unveraͤnderten Geſichtzugen verſetzte Leon⸗ tios: Wie könnte es auch anders ſeyn? Der Erſte im Reich kennt ſeine Pflicht gegen das⸗ ſelbe zu wohl,. in dem, was er begluͤckt oder fur Augenblicke nur beruhigt, nicht ſein — eigen Heil zu ſehn. Doch, mein Fuͤrſt, ſoll ich aus Euren Worten ſchließen, daß der Ruhm des Alleredelſten Alexios, der den Occident er⸗ fuͤllt, wie den Orient, nicht bis zu Euch ge⸗ langt ſey? Sooll ich befuͤrchten, daß Ihr un⸗ guͤnſtig von dem Helden urtheilet, in deſſen Morgenröthe das Römerreich den Vorboten ei⸗ nes herrlichen Tages ſieht? Um ſo mehr wuͤrde mich das ſchmerzen, da Der, welchen Ihr zu verkennen ſcheinet, ganz verſchiedene Geſinnung gegen Euch, ſeinen hochgeſchätzten Vetter, hegt. — Jzaslaw hatte aufmerkſam zugehoͤrt und nahm darauf das Wort: Es ſey fern von mir, die Hoffnungen nicht zu theilen, welche die geſammte griechiſche Chriſtenheit auf Den gruͤndet, welchen Ihr genannt; und ſo er wirk⸗ lich den Fuͤrſten von Kijow mit ſeiner Gewo⸗ genheit beehrt, ſo wuͤrde das geringſte Zeugniß derſelben mir willkommen ſeyn, als jegliches Anerbieten eines Andern, nenne man ihn, wie man wolle.— Hoͤchſt erfreut und mit erhobe⸗ ner Stimme rief Leontios: So iſt vielleicht dieſer dunkle Verſteck beſtimmt, die Wiege ei⸗ ner großen Weltbegebenheit zu werden, ſo er⸗ zeugt vielleicht dieſer, uͤberlaͤſtigen Draͤngern ab⸗ —— geſtohlene fluͤchtige Augenblick eine ſtrahlende Zukunft, in der das Kreuz, das auf dem Do⸗ me von Sanct Sophia flammt, den halben Mond nicht allein, auch das Irrlicht, das vom Lateran ausgeht, verdunkelt, da nur ein römiſch Reich ſeyn wird, und ſeine Fuͤrſten, wie Jo⸗ hannes der Theologe es in ſeinem Bilde ſah, auf goldenen Thronen ſitzen, und die königliche Krone tragen auf der ruhmbekraͤnzten Stirn. Schon, mein edler Protoſebaſt, ſehe ich eine Solche auf einem Haupte, das jetzt unfreiwil⸗ lig und mißmuthig ſich vor einem irrglaubigen barbariſchen Despoten beugt!— Etwas beſorgt, doch mit gefaͤlliger Miene trat Jzaslaw ihm ein wenig naͤher, ſagend: Fuͤrwahr, nicht einen unberedten Mann hat der Auguſtus erwaͤhlt. Doch moge derſelbe bedenken, daß er ſich nicht in dem Paläſtra von Konſtantinopolis befindet, noch in den Propyläen zu Athen, ſondern an einem Orte, wo es mißlich waͤre, andere Zuhörer herbeizu⸗ locken, als dieſe unſere wackere Wirthin; denn ſolche wuͤrden ihm ſchwerlich Beifall klatſchen. Darum wollet nicht eben ſo laut reden, als Ihr ſchön redet. Habt Ihr, geehrter Herr, auch die noͤthige Vorſicht beobachtet bei dieſer Zu⸗ ſammenkunft, wie ich es gethan? Denn ich ſähe es ungern, wenn ſie bekannt wuͤrde. Ihr ſeyd nicht zu einem Fuͤrſten geſendet, der Euch gemaͤchlich Gehoͤr geben mag, umringt von ſeinem Hofe, ſondern zu Einem—— Welcher nicht viel anders iſt— unterbrach Angelos den Zoͤgernden— als ein Gefange⸗ ner im Lager ſeines koͤniglichen Freundes, und von Spaͤhern umgeben. Ich weiß es, doch iſt der Diener, den ich ſandte, der hierlaͤndi⸗ ſchen Sprache und Sitte ſo kundig, daß man ihn uͤberall fuͤr einen Eingeborenen gehalten. Vier Andere meiner Leute aber befinden ſich in der Naͤhe verſteckt. Laßet uns alſo beſprechen, was noch uͤbrig iſt, denn ſchwerlich werd' ich Euch fruͤher wieder meine Ehrerbietung bezeigen, als im Lager am Worsklafluß, wohin ich Euch und Eurem Schirmherrn voran zu eilen gedenke. Ich muß gewiſſermaſſen eingeſtehen, daß das römiſche Reich manche Wiederwärtig⸗ keiten erfahren fruͤherhin und in den letzten Zeiten, ja, daß der Glanz des hoͤchſten Thro⸗ nes der Welt hin und wieder verdunkelt er⸗ ſchienen im Auge der Nationen, doch pflegt in der dringendſten Noth der Helfer nicht fern zu ſeyn, und die rechtgläubige Chriſtenheit hat ihn zu erwarten in dem Sebaſtokrator Alexi⸗ os Komnenes. Er bietet Euch ſeine fuͤrſtliche Rechte: Koͤnntet Ihr ſie verſchmaͤhen, und fuͤr Wen? Fuͤr jenen Franken etwa, den Heinrich, welcher ſich einen roͤmiſchen Augu⸗ ſtus nennet, vielleicht darum, weil ihm die Ehre geworden, im Bußhemde an der Pforte des uͤbermuͤthigen Ketzerbiſchofs von Rom zu ſtehen, fuͤr den Fuͤrſten, den ſein eigen Volk verwirft? Was mag von ihm, von jenem Lande uͤberhaupt Gutes kommen?! Denket Ihr Trauben zu leſen von den Dornen, und ſuͤße Feigen von der ſtachligen Tanne des Nord⸗ landes? Ihr habt erfahren, wie wenig ein ſolcher Verſuch lohnt.—— Nennet ihn nicht!— rief der Ruſſenfuͤrſt, im ausbrechenden Grimme den Boden ſtampfend — Heinrich den Vierten, nennet nicht den Mann ohne Treue und Glauben, der dem Voͤlkerrecht Hohn ſpricht, der mit gleißneri⸗ ſchen Verheißungen den bedraͤngten Fuͤrſten be⸗ thorte, welcher vertrauend zu ihm geflohen war, den Raͤuber, der habſuͤchtig die Schätze an ſich riß, die ich ihm bot, und drauf ſtatt eines gerechten Vermittlers, einen raͤnkevollen Prieſter nach Kijow ſandte, und den meineidigen Bruder, mit deſſen Tochter er buhlt, auf dem⸗ ſelben Stuhle befeſtigte, auf welchen mich zuruͤckzufuͤhren er gelobt!— Und an deſſen Statt— ergänzte der Grieche— als Ihr Nichts mehr zu geben hattet, Euch einen Ruheplatz anwies in ſtillem Kerkergewoͤlbe. O wahrlich, es ſtehet dieſen Lateinern gar wohl an, uͤber griechiſche Treue zu laͤſtern. Ihr Thun iſt um nichts beſſer, als das unſere in den ſchlimmſten Zeiten unſeres Reiches, nur weil ſie plumper dabei zufahren, ruͤhmen ſie ſich des Geradſinnes, und ungeſchickt ſeyn, nennen ſie ehrlich. Und welchem Andern von dieſen Schismatikern zu Lieb' wolltet Ihr Euch abwenden von Konſtantinopolis, dem Ihr verbuͤndet ſeyd durch das Blut und mehr noch durch den einzig wahren Glauben? Iſt es um des Polenkoͤnigs willen? Einmal ſchon, es iſt wahr, hat er Euch wieder eingeſetzt in Euer Erbe, doch ſeitdem hat Vieles ſich um⸗ geſtaltet. Nimmer, Herr Protoſebaſt, wird der ſtolze Sauromat es Euch verzeihen, daß 15 Ihr, den er ſeinen Lehnsmann nennt, Euch an ſeinen Stammfeind, Heinrich von Franken, gewendet; mit Mitleid nicht, mit Hohn ſah er Euch von ihm betrogen, und als der Ge⸗ demuͤthigte zum andern Male vor ihm erſchien, nahm er ihn auf, nicht als einen fuͤrſtlichen Blutsfreund, ſondern als ein Opfer, das un⸗ freiwillig ſich ihm uͤberlieferte, und das nun gerade gut genug iſt, den eigenen Triumphzug zu verherrlichen.— Still!— fliſterte Jzas⸗ law, den Eindruck gewaltſam verbergend, den dieſe Worte auf ihn gemacht— es iſt nicht wohl gethan, vom Bäaͤren uͤbel zu ſprechen am Eingang ſeiner Hoͤhle. Wir ſehen uns wieder, wie Ihr ſagt, und unterdeſſen kann Manches ſich ereignen.—— Wohl; doch Eines nur vergoͤnnet mir noch in die Wagſchale zu legen. Was Ihr erlitten, was Ihr vielleicht jetzt noch erleidet von den Lateinern, mag nicht vergeſſen ſchlummern im Buſen eines Enkels der römi⸗ ſchen Cäſaren. Euer Schickſal aber zwingt Euch, den Schutz eines Maͤchtigen fuͤr noth⸗ wendig zu erkennen. Hier bietet man Euch Dienſtbarkeit, dort den Schirm eines Glau⸗ bensverwandten, und kein Koͤnig der Erde mag — ſich entwuͤrdigt fuͤhlen durch den Schutz des Auguſtus. Der es jetzt iſt, hat zu Euch ge⸗ ſprochen durch meinen Mund.— Der es— ich rede ohne Hinterhalt zu dem erlauchten Herrſcher der Ruſſen,— der es ſeyn wird, ſpricht zu Euch in dieſem Schreiben.— Mit minderer Foͤrmlichkeit als den Brief des alternden Nikephoros Botoniates, aber mit mehrerer freudiger Haſt empfing Jzaslaw die Botſchaft des Sebaſtokrators Alexios, deſſen ſchlau verwegener Geiſt ſchon damals in deut⸗ lichen Merkmalen die wichtige Stellung ver⸗ kuͤndete, welche er in der Geſchichte ſeiner Zeit einnimmt. Dennoch ſprach er, als er geleſen, nur wenige Worte, ſeine Achtung gegen den durchlauchtigen Briefſteller ausdruͤckend, und ſeine Dankbarkeit gegen deſſen wohlwollende Ge⸗ ſinnung. Leontios aber, deſſen Auftraͤge von einer Art waren, die ihm die ſchleunige Voll⸗ fuͤhrung jedes Einzelnen nothwendig machte, be⸗ gnuͤgte ſich nicht an ſo unvollkommenem Beſcheid. Es iſt die allgemeine Sache der orientali⸗ ſchen Kirche— ſprach er mit mehrerem Ernſt, als er bis jetzt gezeigt,— die durch mich der Alleredelſte Euch vorgelegt. Sollte er ſich in 15* ſeinem hochgeſchätzten Vetter geirrt haben? Waͤre es moͤglich, daß ein Bekenner des urchriſtlichen Glaubens wanken könne, wo es die Wahl gilt zwiſchen ſeinen Bruͤdern und den Abtruͤnnigen? Sollte hier das Unmoͤgliche wahr geworden ſeyn und Raub und Unglimpf Lieb' und Treu erzeugen? Sprechet Herr, iſt es dem ſo, ſeyd Ihr der Freund Eurer Dränger, neigt Euer Sinn ſich zu den Lateinern, ſo hab' ich geen⸗ det.— Jzaslaw antwortete raſch und unmu⸗ thig: Eben ſo möget Ihr den fragen, der in die Hände der Mörder gefallen, ob er ſie liebe. — Das Aergſte haben die Abendlaͤnder an mir gethan, und ihr Anblick ſchon wuͤrde bittere Er⸗ innerungen in mir wecken, truͤge man auch nicht taäglich Sorge, ſie zu erneuen.— So mögen ſie alſo fern bleiben— ſiel Leontios ein— und eben, ſie fern zu halten iſt auch die Abſicht des Sebaſtokrators, das hoͤchſte Ziel ſeines glorreichen Strebens. Manches mag ihm anſtehen— warf der Fuͤrſt achſelzuckend ein— das mir nicht zukommt. Wohl habt Ihr mir zwei hoffnungreiche Schreiben uͤbergeben, Herr Stra⸗ tor, und von hochgeehrter Hand, aber verge⸗ bens wurde ich Euch fragen, wo die goldenen — 229— Byzantiner ſind, welche die Gnade Eurer Her⸗ ren dem Verarmten beſtimmt, wo die Heere ſich befinden, welche ihre Macht mir ſendet? Dieſer Polenkoͤnig aber hat ein zahlreich Kriegs⸗ volk verſammelt an der Worskla und Klasma, und ſein Eiſen oͤffnet mir die Schatzkammern der reichen Handelsſtadte Kijow und Nowogo⸗ rod. Saget ſelbſt, ob es weislich gethan waͤ⸗ re, die ſichere Huͤlfe zuruͤckzuſtoßen, kaͤme ſie auch von rauher Hand, um nach dem Ent⸗ fernten zu greifen, das, verzeihet mir Herr Ab⸗ geſandter, mir zur Zeit noch erſcheint als ein zwar glaͤnzend doch weſenloſes Luftgebild. Nur ein Thor moͤchte Euch ſolches rathen; — verſetzte Leontios— oder Euer Feind; ich aber bin auferzogen in der Schule der Welt⸗ klugheit, und Euer bereitwilligſter Diener. Nein, ſo wie jenes Boleslaw des Erſten Säbel einſt in das Thor von Kijow hieb, ſo moͤge die Waſſe ſeines Großſohnes es vor Euch aufthun. Zu ſo etwas ſind dieſe abendlaͤndiſchen Fauſthelden wohl zu gebrauchen; ein weiſer Mann aber ſtellt jeglich Ding und Geſchoͤpf an ſeinen Platz, es klug⸗ lich benutzend, wozu es taugt. Wenn es aber nun dahin gekommen iſt, wenn Ihr einziehet 65— in die Burg Eurer Väter, wenn die Schluͤſſel zu den Geldtruhen der Staͤdte in Euren Häͤn⸗ den ſind, wird dann Konſtantinopolis ſich des Gluͤckes eines werthen Verbuͤndeten erfreuen konnen, oder die Hoffnung beklagen, die ein Abtruͤnniger getaͤuſcht? Es iſt Euch nicht un⸗ bekannt, daß jene reichen Handelſtaͤdte, die Ihr genannt, die hoffenden Blicke nach dem Pur⸗ purpallaſt richten; ſoll Cäſar Auguſtus die za⸗ gende Heerde allein in ſeinen Schutz nehmen, und wird der Hirt ſich den Wölfen geſellen? —— Nach einigem Bedenken antwortete Jzas⸗ law: Sobald es dahin gediehen, werdet Ihr mich nicht uneingedenk deſſen finden, was ei⸗ nem griechiſchen Chriſten ziemt, und einem Ver⸗ wandten des Kaiſerhauſes.— Fort alſo mit dieſen Romlern!— rief der Strator— Fort, wie aus dem Peloponnes und aus Groß⸗Griechen⸗ land, auch von dem Geſtade des Boryſthenes mit ihnen! Wenn einſt die Nachwelt den Na⸗ men Alexios neben die Namen der erſten Wel⸗ tenherrſcher ſtellt, ſo wird auch der Eure neben dem Seinen erglänzen. Schet hier— ſetzte er hinzu, ſich gegen das Kreuz wendend, deſſen ſchon mehrmals Erwaͤhnung geſchehn— Se⸗ het das heilige Zeichen unſers Glaubens! Laſſet uns bei ihm den Bund beſchwoͤren gegen Rom und die Franken! Seyd von jetzt an der Freund des hohen Byzanz; wer mag enthuͤllen, was die Zukunft birgt? Fromm moͤge frommes Werk beginnen, und ein ſolches iſt es, zu dem ich Euch aufrufe, oder vielmehr der hohe Komnene durch das geringe Werkzeug ſeines machtigen Willens. Man kennt im Purpurpallaſte die Bekehrungſucht dieſer Sauromaten. Wie im Suͤden Alexios, wird Jzaslaw im Norden der Paladin der Kirche ſeyn! Vergönnet mir, Euch auf die Stufen des Thrones zu geleiten; nur Ein Schritt iſt von da hoher hinauf, und ſo wie vielleicht die Volker jenſeit des Gebirges Rhodoxe laͤngs den Ufern des mittelländiſchen Meeres, wie einſt, nur Einem Herrn gehorchen werden, ſo werden ihre Nachbarn bis an den tauriſchen Cherſonnes und die Geſtade des Pon⸗ tus Euxinus verſammelt ſeyn unter einem Szepter! So erfreulich auch die lang entbehrte Spra⸗ che der Schmeichelei in Jzaslaw's, ſeit gerau⸗ mer Zeit nur an Worte der Geringſchätzung oder hoͤchſtens kuͤhlen Mitleids gewohntes Ohr — 232— fiel, ſo vermochte der ſüße Klang dennoch nicht, ihn die unermeßlichen Spruͤnge uͤberſehn zu laſſen, in welcher die Redefertigkeit des Neurdmers ſich bewegte. Er verſetzte läͤchelnd: Eure Einbil⸗ dungkraft hat ſcharfe, weit ausſehende Augen, Herr Abgeſandter; die meinigen reichen nicht von der demuͤthigen Stelle, auf welcher ich ſtehe, zu dem Gipfel, den Ihr mir zu zeigen beliebt. Doch gewahre ich das Naͤhere deutlich genug, und dies könnte mich vielleicht bewegen, die Huld Eurer Gebieter dankbar anzunehmen, wenn—— Folgt mir— ſprach Leontios dringend— Folgt mir, durchlauchtiger Proto⸗ ſebaſt, und dies Symbol unſerer Kirche ſey Zeuge des Buͤndniſſes zwiſchen den Griechen in Mittag und Mitternacht! Er drängte mit ehrerbietiger Haſt den Fuͤr⸗ ſten gegen die Zimmerwand, und ſtreckte die Hand aus, das Kreuz zu ergreifen. Doch ge⸗ lang es ihm nicht, die gewichtige Maſſe von der Stelle zu bewegen, an welche eine verbor⸗ gene Schraube ſie befeſtigte. Da legte er un⸗ geduldig, den guͤnſtigen Augenblick zu benutzen, die Finger an die Mitte des Kreuzes, und in⸗ dem er es that, entfuhr den bis jetzt ſo ſchweig⸗ — 233—„ ſamen Lippen der Huͤttenbewohnerin ein kurzer, halb unterdruckter Laut des Unwillens, als ent⸗ ruͤſte ſie ſich uber die Freiheit, die der Fremde ſich in ihrem Eigenthum nehme. Raſch drehte Izaslaw ſich nach ihr um, als habe er den Laut einer fruͤher ſchon gehorten Stimme ver⸗ nommen, zugleich aber donnerten von Außen gewaltige Schlaͤge an die verſchloſſene Pforte, und mehrere rauhe Stimmen riefen: Aufge⸗ than! Thuet auf im Namen des Landvogts! Beide Maͤnner entfaͤrbten ſich, als ſie das Getöſe vernahmen, doch bald richtete Jzaslaw ſich empor in ruhiger Wuͤrde, und auch des Griechen Schrecken ging in leichte Verlegenheit uͤber. Da ging die Thuͤr auf und viele Män⸗ ner traten ein, an ihrer Spitze Nikolaus Strze⸗ mieniec und neben ihm Marek, der alte Haus⸗ meiſter auf Zembocin. So gewaltſam auch der Eintritt der uner⸗ wuͤnſchten Gaͤſte in Frau Olga's Huͤtte gewe⸗ ſen, ſo gemaͤßigt waren die Worte, welche der Schwerttraͤger der Krone an den von Kijow richtete. Es iſt mir leid, erlauchter Herr— ſagte er— daß der Befehl meines Gebieters, den ich Euch nicht zu nennen brau⸗ % — 264— che, mich nöthigt, Euch ſeine Unzufriedenheit mit dem kund zu thun, das, wie er meinet, ſich hier zugetragen, und ſeinen Willen, daß ich Euch vor ſein Angeſicht geleite. Doppelt leid iſt es mir, da Ihr jetzt ein Gaſt ſeyd im Hauſe meines Vaters.— Der Fuͤrſt antwor⸗ tete: Ich bin Euch verbunden für die Weiſe, mit der Ihr vollbringet, was Euch leid iſt. Auch will ich Euch um ſo weniger uͤbel Eures Auftrages willen, da es allerwege erſprießlich iſt, ſeine Lage ganz kennen zu lernen. Ihr habt mir den Dienſt geleiſtet, mich vollig uͤber dieſelbe zu unterrichten, denn ich weiß nun, was ich bin, ein Gefangener in den Staaten meines königlichen Bundesgenoſſen.— Drauf verſetzte Nikolaus mit Nachdruck: Richt als Solchen gebot mir mein Lehnsherr, und der Eure, Euch zu betrachten; gefangen waret Ihr im Meißnerlande, der König von Polen jedoch gedenkt ſeines fuͤrſtlichen Schuͤtzlings Freiheit nicht zu beeintraͤchtigen, ſo er ſie nicht miß⸗ braucht zu ſeiner eigenen und des Reiches Ge⸗ fährde.— Jzaslaw erwiederte kurz: Ich bin bereit, Euch zu folgen.— Eben ſo kurz lau⸗ tete des Kronbeamten Beſcheid: Wohl, doch — 235— in Begleitung dieſes Fremden.— Und warum das?— fiel der Ruſſe erbittert ein.— Zwei⸗ felsohne haben die Romiſchkatholiſchen genug⸗ ſam an mir bewieſen, daß ſie des Völkerrech⸗ tes lachen, doch hoffe ich, wird das Recht der Abgeſandten Herrn Boleslaw heilig ſeyn, der Heinrich's W. Treuebruch ſo bitter ſchalt. Ich bin ein gefangener Fuͤrſt, ich ahnete es ſeit ei⸗ niger Zeit ſchon, und heut bin ich deß gewiß worden; doch bin ich noch immer ein Fuͤrſt, und man wird meine Rechte nicht alſo krän⸗ ken, daß der Botſchafter verletzt werde, den ein hohes Haupt an mich abgeſendet, frei⸗ lich ohne zu wiſſen, wie er mich antreffen werde.—— Verzeihet mir, erlauchter Herr; — unterbrach ihn Leontios ſehr laut und mit gleichmuͤthigem Anſtand— eben dies Geſand⸗ tenrecht erhebt mich ſo ſehr uͤber jegliche Be⸗ fuͤrchtung, daß ich des Schutzes kaum zu be⸗ duͤrfen glaube, den Eure Großmuth mir ge⸗ waͤhren will, und es vergonnt mir zugleich, un⸗ getruͤbt die langgewuͤnſchte Freude zu genießen, die mir bevorſteht. Ja, mein edler ſauromati⸗ ſcher Kriegesheld, der Name Deſſen, welcher fuͤr einen Augenblick unerkannt in den Mauern Eures väterlichen Schloſſes weilt, wird oft ge⸗ nannt am Strande des Hellespontes, und viele Neider werd' ich finden, wenn ich, zuruckgekehrt in den Purpurpallaſt, mich ruͤhmen kann, Leon⸗ tios Angelos habe dem koͤniglichen Löwen des Nordens gegenübergeſtanden. Waͤre es möglich, daß meine Zufriedenheit noch einen Zuwachs gewonne, ſo wuͤrde es dadurch ſeyn, daß ein ſehr ehrenwerther Ritter mein Dragoman ſeyn will. Säumet daher nicht, ich bitte Euch, mich dem Augenblick entgegenzufuͤhren, den ich fuͤr den gluͤcklichſten meines Lebens achte.— Dieſe mit ungemeiner Schnelligkeit und zierlicher Geberde geſprochenen Worte waren von Nikolaus mit verwundertem Lächeln, von Jzaslaw jedoch mit nicht ganz angenehmer Befremdung angehort worden. Der Erſte ver⸗ beugte ſich gegen die beiden Verhafteten, und deutete darauf nach dem Ausgange, dem der Grieche ſich mit ſorglos nachläſſigem Weſen näherte, der Fuͤrſt hingegen mit ſtolzem zoͤgern⸗ den Schritte. Aber hart vor derſelben kehrte er um, und ſprach gegen Olga gewendet: Es ziemt mir nicht, die Gaſifreundſchaft unbelohnt zu laſſen, ſey ſie auch nur fuͤr Augenblicke ge⸗ — 237— waͤhrt und in einer Huͤtte. Nimm gutes Weib— fuhr er fort, indem er einen nicht werthloſen Ring vom Finger zog— nimm und erinnere Dich bei dieſer Gabe, daß Du der Ehre theilhaftig worden, den Großfuͤrſten der Ruſſen unter Dein Dach aufzunehmen.— Saͤumig empfing die Beſchenkte das Kleinod, und es war ſogar, als ſey ſie im Begriff es zuruͤck⸗ zuſtoßen, aber plotzlich, als fiele ihr bei, ſolch uͤbermuͤthig Verſchmaͤhen eigne ſich weder fuͤr ihren Stand, noch ſey es raͤthlich fuͤr ſie in anderer Weiſe, ergriff ſie das Gebotene mit anſcheinender Gier, und verbarg es mit hab⸗ ſuͤchtiger Sorgſamkeit. Wie ſie ſich drauf em⸗ porrichtete von der unterwuͤrfigen Kniebeug⸗ ung, trugen die wenigen ſichtbaren Zuͤge ihres Antlitzes einen ſo beſondern Ausdruck von Mitleid und Spott, daß es in dem Fuͤrſten, wie fruͤher beim Laut ihrer Stimme, aufſtieg, wie eine dunkle Erinnerung, er habe dies Ge⸗ ſicht ſchon geſehen und denſelben Ausdruck in ihm. Doch die Zeit war gemeſſen, und Bo⸗ leslaw's des Zweiten Einladung zu dringend, um ihr nicht Folge zu leiſten. — 238— Als die Maͤnner das Waldhäuschen ver⸗ laſſen hatten, naͤherte der greiſe Major domus ſich Olga. Was ſieheſt Du hier?— fragte er ſie muͤrriſch— meineſt Du, Frau, der Herr Landvogt werde es gut heißen, daß Du in ſei⸗ nem Hauſe Sarazenen beherbergſt und Griechen⸗ volk und Zigeuner? Nur fort, Frau Olga, im⸗ mer fort mit Dir; waͤhrend Deine ſaubern Gäſte vor einen Andern treten, wirſt Du Herrn Severin Rechenſchaft ablegen von Deinem Treiben, und, ſo Gott will, wird er endlich gewahr werden, weß Geiſtes Kind Du biſt.— Ohne ihm zu antworten warf das Weib ihm einen verachtenden Blick zu. Es iſt wie ich Dir ſage— fuhr der Alte laut und gebieteriſch fort— Dein Herr gebietet, daß Du mir fol⸗ geſt. Auch wirſt Du dort noch anderes erfah⸗ ren. Wie verwegener Trotz gezuchtigt wird, zum Beiſpiel, und was der Lohn eines Leibeigenen iſt, der ſeine Hand legt an einen Freien und Dienſtmann ſeines jungen gnädigen Herrn.— Drauf erhob Olga das Haupt und fragte ton⸗ lo: Olgierd?— So iſt es, Ungluͤckſelige; der Saame Deiner Boöheit iſt auf ein fruchtbar Land gefallen. Huͤte Dich, daß Du nicht Blut ernteſt. Doch moͤge der heilige Adalbert mich bewahren, daß ich Jemanden Boͤſes wuͤnſchte, waͤreſt auch Du es ſelbſt.— Es waͤre nicht leicht geweſen, aus den Zuͤ⸗ gen der Frau die Art der Bewegung zu deuten, welche die Worte des Hausmeiſters in ihr er⸗ regten. Es war nicht das Aufwallen des fuͤrch⸗ tenden Mutterherzens, nicht der Schrecken bei drohender Gefahr des einzigen Kindes— der aufmerkſame Beobachter haͤtte auf ihren Lippen das zuckende Laͤcheln der Schadenfreude wahr⸗ genommen, wunderlich gepaart mit den Falten beſorglicher Ungewißheit, die ſich auf ihrer Stirne lagerten, er haͤtte den ſeltſamen Streit zwiſchen widerſprechenden Gefuͤhlen bemerkt, wel⸗ che die Folge dieſer Darſtellung dem Leſer all⸗ maͤhlich enthuͤllen wird. M. In den fruͤhern Stunden deſſelben Abends waren in der großen Halle zu Zembocin nur wenige Perſonen gegenwaͤrtig. Der Vornehmſte der Gäaͤſte war auf die Jagd geritten, beglei⸗ tet vom Sohne des Hauſes, und man erwar⸗ tete Beide erſt ſpät. In einem geraͤumigen Erkerfenſter ſaß Petrus Nalencz, der Erzbiſchof, vertieft in einige vor ihm liegende Schriften, neben welchen auf demſelben Tiſche ein ſilber⸗ ner vergoldeter Becher ſtand, deſſen Inhalt der leſende Prieſter unterweilen, doch nur in klei⸗ nen Zuͤgen behaglich koſtete. Der Biſchof von Krakow ging im halblau⸗ ten Geſpräche mit Herrn Severin auf und nieder; die Frauen hatten ſich in ihre Gemaͤcher zuruͤckgezogen. Nach einiger Zeit richtete der Primas den Kopf ein wenig in die Höhe und fragte den Schloßherrn, ob er den Fremden nicht geſehn?— Er iſt nicht daheim, Hoch⸗ wuͤrdigſter— beſchied ihn Severin Strzemie⸗ niec— ich ſah ihn vom Fenſter aus, an der Kirche hingehen in das Feld. Wohl mag Ein⸗ ſamkeit ihm manchmal Noth thun, er hat Vieles erfahren, nur wenig Gutes, und ſcheint ſehr bekuͤmmert und ſorgenvoll. Wahrlich, als ich zu Kijow war vor zwanzig Jahren, da mich der Koͤnig hinſandte nach Jaroslaw's Tode, den Sohn und Nachfolger zu begruͤßen, meinte ich nicht, ihn einſt bei uns zu ſehen auf Zemboein und in ſo betruͤbter Lage. Es iſt mir noch, als ſei es geſtern, da ich ihn erblickte unter ſeinen Bruͤdern, den ſtattlichſten von ihnen, und noch gedenke ich der Eintracht, die zwiſchen ihnen waltete und wie die Uebrigen ihn ehrten als ihren Aelteſten und Oberherrn. Es ſollte jedoch dieſer Friede nicht lange waͤhren, denn ſo wie es Gott wohlgefaͤllig iſt, wenn Bruͤder einträchtiglich beiſammen wohnen, ſo iſt ſolches dem Feinde der Seelen zuwider, und er bleibt nicht lang aus mit dem verderblichen Saamen, der heilloſe Saͤmann.— Nur zu oft iſt es der Menſch ſelbſt— fiel Stanislaw ſtreng und bedeutungvoll ein— der die Koͤrner des Un⸗ heiles ausſtreuet, an deſſen Ernte dann der Boͤſe Gefallen findet.— Ja wohl, Herr Bi⸗ ſchof— erwiederte der alte Rittersmann ſeuf⸗ zend— und wehe dem, durch deſſen Thun das Aergerniß kommt.— Ich erfreue mich Eurer Gottſeligkeit, Landvogt— ließ Petrus ſich ver⸗ nehmen— und ſie iſt zu erwarten bei dem Schuͤler und Beichtſohn des frommen Herrn von Krakow; indeß habt Ihr nicht wohl ge⸗ than, es nicht alsbald anzuzeigen, daß der Furſt ſich entfernt. Es taugt nicht, ihn ſehr aus 16 — 242— den Augen zu laſſen.— Severin antwortete mit einiger Kaͤlte: Als des Konigs Gnaden Herrn Jzaslaw in mein Haus fuͤhrten, daß ich ihn bewirthen ſollte, nannten Dieſelben ihn nicht einen Gefangenen, ſondern einen Gaſt. Iſt nun ſeitdem Anderes uͤber ihn verfugt, ſo erwar⸗ te ich Herrn Boleslaw's Gebot; ohne daſſelbe aber werde ich dieſe Burg nicht zu einem Ker⸗ ker machen, und ſo Ihr eines Schließers beduͤr⸗ fet, oder Ausſpaͤhers, Hochwuͤrdiger Herr, ſo bitte ich Euch, einen Andern zu waͤhlen als den Severin Strzemieniec.— Vergoͤnnet, Erzbi⸗ ſchof von Gniezno— fiel Stanislaw ein— daß ich Euch geſtehe, wie bei ſo ſtrenger Auf⸗ ſicht und ſonſtigem Verfahren der Herr von Kijow kaum ſich Gluͤck wuͤnſchen moͤchte, aus der Haft des Markgrafen entronnen zu ſeyn, um hier ein ähnlich Loos zu finden. Es iſt Euch nicht unbekannt, daß ich mich niemals dieſes Bundes erfreut; doch da er nun einmal geſchloſſen, mag ihn wohl nur das Vertrauen erhalten, oder mindeſtens der Anſchein deſſelben. Nimmer auch, glaub' ich, wird Boleslaw wollen, daß man ihn dem Kaiſer gleichſtelle, den er ſo hart ſchilt; man wird dem König 4 — 243— nicht nachſagen duͤrfen, daß man ihm vertraut, es auf eigene Gefahr thue.— Nalencz ſagte darauf lächelnd: Es iſt mir und Allen bewußt, Hochgeehrter Herr und Bruder, daß Ihr im Geiſte der Sanftmuth, die unſerm Stande gebuͤhret, ſtets Worte der Suͤhne redet, und ich ruͤhme Euch deshalb wie billig, wiewohl ich Euch nicht bergen mag, daß ich die Art, wie Ihr dieſe Dinge beurtheilt, etwas befremd⸗ lich finde an einem Fuͤrſten der Kirche. Hein⸗ rich der Franke iſt ihr entarteter Sohn, ſein Geluͤſten iſt das Geluͤſten weltlicher Hoffartz ſchnoͤder Eigennutz und die fleiſchliche Begier haben ihn getrieben zu dem, was er gethan. Der ungerechte Mammon und der Beſitz Adel⸗ heidens von Stade waren ſein Ziel, verwerflich an ſich ſelbſt, und ſo ſind gleichfalls die Mittel, die er gebrauchte, verwerflich, wären ſie auch untadelich in anderer Beziehung. In dieſer ſehen wir unſern Herrn und Koͤnig; treu ſei⸗ nem Glauben und dem apoſtoliſchen Stuhle, erfuͤllt er die Gebote Beider, und erhebt ſich in ſeiner Kraft, daß er ſein Panier aufpflan⸗ ze im Lande der Baſilianiſchen Ketzer. Auch die fromme That will mit weltlicher Vorſicht 16* — 244— unternommen ſeyn, und was in einem Falle gottlos iſt und abſcheulich, wird lobenswerth in dem andern. Ihr ſeyd ein frommer Bi— ſchof, mein Bruder, und ein getreuer Hirt der Heerde, die Euch anvertraut worden, aber auch ich bin ein Biſchof, und außerdem iſt mir noch die Sorge fuͤr das Reich uͤbertragen von des Konigs Gnaden, obſchon ich mich der Laſt ge⸗ weigert, die meine alterſchwachen Schultern daniederdrüͤckt. So moͤchte ich denn, wo Weltliches mit dem Geiſtlichen ſich vereinigt, etwas ſchaͤrfer ſehen, als Ihr, Herr und Bru⸗ der.— Stanislaw erwiederte mit tiefem Ernſt: Bedenklich iſt dieſe Zuſammenfuͤgung Beider, und ſie mag ſchwerer Verantwortlichkeit aus⸗ ſetzen. Ihr ſagt, Euch druͤckt die Verwaltung des Staates? ſo leget ſie denn ab von Euch, auf die Schultern deſſen, dem der Wille des Königs der Konige ſie anheimgeſtellt. Geſellet Euch zu mir und noch einigen Maͤnnern, daß wir ihn bitten, daheim ſeines Amtes zu pfle⸗ gen; rufet ihn zuruͤck aus jenem fremdlaͤndi⸗ ſchen Kriege, dann wird das Vaterland Euch preiſen, und die Laſt wird von Euch genommen ſeyn, uͤber deren Schwere Ihr jetzt ſchon klagt, und deren Druck vielleicht vertauſendfacht auf Euch ruhen koͤnnte.— Nur mit einem finſtern Blicke antwortete der Primas; das Geſpräch war abgebrochen, und eine Zeit lang herrſchte eine mißbehagliche Stille im Saale. Doch nicht lange waͤhrte es, da ließen ei⸗ lige klingende Fußtritte ſich draußen vernehmenz in der raſch geoffneten Thuͤr erſchien Boles⸗ law und mit ihm der Schwerttraͤger. Das Antlitz des Koͤnigs war erhitzt, der Schweiß troſf von ſeiner Stirn und unter den zuſammen⸗ gezogenen Augenbrauen ſchoſſen wilde unzufrie⸗ dene Blicke hervor. So fruͤh ſchon zuruͤck vom edeln Waidwerk, mein koͤniglicher Herr?— fragte der Erzbiſchof, ihm entgegengehend, indem er ihn mit verſtohlener Aufmerkſamkeit betrachtete. Jener ſprach darauf mit zornigem Lachen:— Wie Ihr ſehet, Herr von Gniezno. Auch war es Zeit, abzuſtehen von der Jagd nach Rehen und Haſen; denn waͤhrend ich derſelben oblag, iſt mir ein fremder Wildſchutz in das Gehege gegan⸗ gen. Einem Edelhirſch galt es, und da liegt uns denn ob, Acht zu haben, auf welche Wei⸗ ſe es ſey, daß er ihn nicht heruberlocke auf ſein Revier aus dem Garne, mit welchem wir — 246— ihn umſtellt, und von welchem auch Ihr man— che Maſche kunſtreich geſchlungen habt, Herr Primas.— Der Angeredete ſchwieg nachdenklich, der Biſchof von Krakow aber trat einen Schritt vorwärts, und ſprach mit aufgehobenem Haupt und langſamen Worten: Mein hochherziger Kö⸗ nig hält es mit offener Jagd; gewiß, Er ver⸗ ſchmaͤhet das Stellen der Netze, und uͤberläßt, was ſeiner nicht wuͤrdig iſt, minderen Waidleuten. Und wenn der Hirſch verſuchte, dem Garne zu entſchluͤpfen, von welchem er ſich umſchlungen fühlt, in der Befriedigung, wo er ſich ſicher gewaähnt, wer mochte es ihm verargen?— Wir ſehen— lautete Boleslaw's etwas ſcharfe Gegenrede— wir ſehen, daß Ihr uns verſtanden, und auch wir begreifen den Sinn Eurer Worte. Wir ſchätzen Euch hoch, Biſchof von Krakow, Eure Stimme iſt die Stimme der Weisheit in Jeglichen, was die Kirche betrifft und den Glauben, und daruͤber uns mit Euch zu berathen, haben wir Euch eingeladen in dieſe Burg, um Manches zu ordnen vor unſerm Abzug zum Heer. Doch duldet der Sohn Kazimierz des Wiederherſtellers keinerlei Ein⸗ griff in ſein königlich Amt. Ich bin nicht Heinrich, Herr Biſchof, und hier iſt nicht Canoſſa! Dergleichen ſei ferne von mir— ſprach Sta⸗ nislaw Szezepanowöki unerſchuͤttert— es iſt aber meinem Amte nicht fremd, zum Guten zu leiten, wo— Eure Gnaden verzeihen— wo der Weg abwärts zu gehen ſcheint, mit treugemeintem Rath; als Senator und Prieſter Euch auf⸗ merkſam zu machen auf die verderblichen Folgen, welche allzugroße Raſchheit—— Genug, Herr Biſchof!— rief der Konig mit gewaltiger Stimme und gerunzelter Stirn; dann wandte er ſich gegen Petrus Nalencz und ſprach zu ihm:— Ihr ſchet, der hochwuͤrdige Herr von Krakow iſt nicht zufrieden mit der Art, wie Ihr ſeinen Herrn auferzogen; Euch als unſerm ehemaligen Lehrmeiſter gebuͤhrt es, Euer Werk zu vertreten. Wir ſollten Euch tadeln, Landvogt von Proſzowice, daß Ihr nicht genug⸗ ſam Acht gehabt auf das, was in Eurem Hauſe ſich begiebt, damit in demſelben ſich nicht etwas entſpinne, das uns unheilſam ware oder dem Reich, doch ſeid Ihr allzulang vom Hoflager entfernt geweſen, um Euch zu erinnern 48— daß oft gerade der Dienſt den Königen der ge— nehmſte iſt, welchen ſie nicht geboten.— Eure Gnaden hat Recht— verſetzte der Ritter etwas trocken— ich bin nur ein Land⸗ mann, und ein ſolcher thut am beßten, wenn ihm nur das geſprochene Wort fuͤr ein Wort gilt, und er ſich nicht damit befaßt, die zu deuten, die im Hinterhalt geblieben. Dann mag er ſicher ſeyn, keinen Tadel zu verdienen, vornehm⸗ lich aber nicht den eigenen.— Nun ſo ſpre⸗ chen wir das Wort— ſagte Boleslaw halb lächelnd— doch nicht zu Euch, werther alter Herr und Wirth, ſondern zu Eurem Sohne. Herr Nikolaus, Ihr muͤßt abermal aufbrechen; Ihr wiſſet, wohin! Wir hoffen Euch bald und nicht unbegleitet wieder zu ſehn. Der Kron⸗ beamte neigte ſich und verließ den Saal. Es iſt unnütz, verborgen zu halten, was ſich zugetragen;— ſprach der König nach ra⸗ ſchem Auf⸗ und Niedergehen plötzlich ſtille ſte⸗ hend, und als der Erzbiſchof ſich ihm naͤherte, als begehre er, allein der Mittheilung gewuͤr— digt zu werden, wehrte er ihn ab und fuhr fort:— Mit nichten, Herr von Gniezno, ich nenne die, welche hier gegenwaͤrtig ſind, eben — 249— ſo wohl meine treuen Diener und Freunde als Euch. Man ſpricht zwar, nichts Gutes moͤge kommen aus ſchlechtem Munde, doch meyn' ich, wird die Erfahrung das Sprichwort Luͤgen ſtra⸗ fen. Das Treiben hatte ſchon begonnen, und ich befand mich allein mit einigen Waidleuten, mich bereitend, das fluͤchtige Gewild zu em⸗ pfangen mit Wurfſpieß und Bolzen, da trat oder kroch vielmehr ein uͤbel gekleidetes, ver⸗ mummtes Menſchenbild an mich heran. Es war einem Raͤuber aͤhnlicher als ein Waſſer⸗ tropfen dem Andern, und ſchon richtete ich meine Armbruſt nach ihm, da beugte es die Kniee und bat um Gnade, da es nur gewagt habe, ſich mir zu naͤhern, damit ich nicht Un⸗ wichtiges vernähme. Und wahrlich, was der Menſch ſprach, war wichtig genug. Der Frem⸗ de, welcher mich nach Zembocin geleitet, lau⸗ tete es, ſei in geheimem Zwieſprach begriſſen in einem Waldhäuschen, das Euch zugehört, Herr Severin, mit einem Andern, einem Manne, wahrſcheinlich von hoher Bedeutung. Seine Pflicht ſei es, mir das zu entdecken, deſſen Kennt⸗ niß, wie er gemeint, mir zuſtehe. Der Schall meines Horns rief Nikolaus Strzemieniec her⸗ bei und das Gefolge; wir umzingelten den Wald, und fanden bald darauf, in dem Ge⸗ buͤſche verſteckt, vier Maͤnner in polniſcher Tracht zwar, doch mit fremdländiſcher Geſicht⸗ bildung und Sprache. Die Furcht entriß ih⸗ nen alsbald das Geſtaͤndniß, daß ſie von Ca⸗ rogrod“ heruͤbergekommen, und die Eitelkeit der Byzautiner bruͤſtete ſich mit dem Rang ihres Gebieters, eines kaiſerlichen Abgeſandten. Die Huͤtte iſt rings umſtellt, und der Schwert⸗ traͤger wird die, welche ſich daſelbſt befinden, alsbald zu uns geleiten. Wir wollen nicht— ſetzte der Konig, heftiger werdend, hinzu— Wir wollen nicht, daß der Mann, den wir, manch uns zugefügter Unbill ungeachtet, wieder auf⸗ genommen haben in unſere königliche Gnade, daß unſer Lehnsmann heimliche Buͤndniſſe ſchließe mit den Fuͤrſten des Auslandes. Wir dulden es nicht, daß die Schismatiker ſich zuſammen⸗ thun zum Nachtheil des Reiches und der Kir⸗ che, und werden darauf halten, daß die grie⸗ chiſche Spißfindigkeit fern bleibe vom Heerde *Carogrod, der ſtaviſche Name fuͤr Keuſtantinopel. —— unſerer Vaͤter.— Da fluͤſterte der Metropoli⸗ tan von Gniezno dem Biſchof zu: Sehet Ihr nun wohl, hochwuͤrdiger Bruder, wozu die Großmuth fuͤhren wuͤrde und das Zutrauen, welches Ihr ſo beredt anpreiſet?— Stanis⸗ law entgegnete auf dieſelbe Weiſe: Ich ſehe, daß es nicht weislich gethan iſt, den Bogen allzuſtark zu ſpannen; es koͤnnte ſich ereignen, daß er breche. Noch aber furchte ich, zu ſehen, wie zweideutige Erfullung angelobter Verträge auf Einer Seite dem Verrath, auf der Andern Thuͤr und Thor oͤffnet, während Milde und Geradſinn die Dankbarkeit zum Wächter be⸗ ſtellt haben wuͤrden.— Es gemahnt uns— ſprach Boleslaw der Zweite— als ob unſere Raͤthe verſchiedener Meinung ſeyen; was ſaget Ihr dazu, mein ehrenfeſter Landvogt?— Was ich ſage zu dieſen Dingen?— war Severin's Ant⸗ wort— Nichts beſondres Gutes! Auch iſt mir wahrlich noch wenig Gutes gekommen von allen dieſen Griechen und Ketzern, und ich wuͤnſchte, mit Eurer Gnaden Wohlnehmen, daß ſie insge⸗ ſammt Schloß Zemboein mit dem Ruͤcken anſehen alsbald und auf ewige Zeiten. Nur mit Weni⸗ gen hab' ich zu thun gehabt von dieſem Volk — 252— und vor langen Jahren, doch mag ich heut noch daran gedenken zur Strafe meiner Suͤn⸗ den.— Wir haben davon gehört,— lachte der Koͤnig— wie Ihr einſtmals wohlangeſehen bei den Frauen in Kijow; und dergleichen, ſo ſuͤß es auch anfangs dem Munde iſt, laͤßt doch wie jenes Buͤchlein, von dem die Apokalypſe ſpricht, hin und wieder Wehthat hinter ſich. Nicht ſo, Herr von Krakow?— Herzweh;— murmelte der Burgherr fuͤr ſich. Als Boles⸗ law auf den Zuͤgen des Einen tiefe Bekuͤm⸗ merniß, im Antlitz des Andern aber ſtrenge Mißbilligung wahrnahm, ſetzte er hinzu: Ver⸗ gebt dem Kriegsmann ein leichtes Wort, ehr⸗ würdiger Vater; wenn ich erſt die ausländi⸗ ſchen Händel abgethan habe, kehre ich zuruck, heilſame Lehren aus Eurem Munde zu hoͤren, denn unſer Erzbiſchof iſt ein wenig allzuviel beſchaͤftigt mit weltlichen Dingen.— Stanis⸗ law aber antwortete: Gebe Gott, daß das geſchehe, und bald.— Mittlerweile hatte die Vorhalle ſich wieder mit Menſchen angefuͤllt und man unterſchied das Klappern der Holzſchuhe an den Fuͤßen 15 der Bauern, und daneben das Raſſeln der Schienen an der Ruͤſtung gewappneter Maͤn⸗ ner. Gleich darauf zeigte ſich einer der un⸗ tern Befehlhaber des königlichen Gefolges, ſah umher, und zog ſich dann wieder zuruͤck, als habe er Den nicht gefunden, welchen er ge⸗ ſucht. Bleib!— rief ihm der Koͤnig zu— Weſſen begehreſt Du?— Es iſt der hochgebo⸗ rene Schwerttraͤger, den ich hier zu treſſen glaub⸗ te, Herr;— antwortete der Kriegsmann.— Nikolaus Strzemieniec iſt nicht zugegen, und ſo Du einen Bericht abzuſtatten haſt, magſt Du ihn an uns wenden, denn wir hoͤren gern mit eigenem Ohre, und ſehen mit eigenem Auge.— Drauf ſagte der Soldat: Siiſt nichts von Belang, Herr Koͤnig— eine Rau⸗ ferei iſt geweſen in der Schenke, und es hat blutige Kopfe gegeben, wenigſtens Einen. Ei⸗ ner von unſern Reitern liegt erſchlagen und wir haben den Thäter hierher gefuͤhrt, einen Kothſaſſen des Dorfes.— Ermordet?— ſchrie der Konig plötzlich und gewaltſam auf, daß die Wände des Saales von ſeiner Stim⸗ me erdröhnten— Ermordet Einen unſerer Kriegsleute, von einem leibeigenen Knecht? 6 1— So wagt denn ſelbſt in unſerer Nähe zuͤgel⸗ loſe Frechheit das Haupt zu erheben?— Lei⸗ der— ließ ſich der Biſchof vernehmen— Leider ereignet ſich das jetzt nur allzuhaͤuſig, wovon Ihr eben ein Beiſpiel ſehet, mein Koͤ⸗ nig, und was unter Euren Augen ſich begeg⸗ net, mag Euch bezeugen, was zu erwarten ſteht, wenn der Herr fern bleibt, wie bisher. — Sorget nicht— gegenredete Boleslaw fin⸗ ſter— Wir werden wiſſen, jeglichen Ueber⸗ muth zu daͤmpfen, wir mögen ihm begegnen, wo es auch ſey. Bleibet an Eurem Orte, Landvogt!— herrſchte er Severin zu, der be⸗ troffen nach dem Ausgang geeilt war, wo ihm der Hausmeiſter einige Worte zugefluͤſtert, und nun in großer Bewegung zuruͤckkehrte— Nie⸗ mand mag Richter ſeyn, wo ſich der Konig beſindet. Wir ſelbſt werden entſcheiden in die⸗ ſer Sache; macht doch ohne demz was hier geſchehen iſt, und noch geſchehen ſoll, unſere Verbergung fortan unnutz und unmöglich.— So befichlt Eure Gnaden, daß der Burſch Ihr vorgeſtellt werden?— fragte der Reiter. — Fuͤhre ihn herein, doch— mit nichten — ſetzte der Monarch gleich darauf mit duͤ⸗ — 255— ſterm Lächeln hinzu— Ehre dem Ehre ge⸗ buͤhrt, erſt der Fuͤrſt, dann der Knecht!— Nach einer geraumen Weile ofſnete ſich die Pforte, dem Nikolaus Strzemieniec den Eingang verſtattend, und mit ihm dem Fuͤrſten von Kijow und dem Beamten des Pallaſtes von Konſtan⸗ tinopel. Haſtig und mit flammendem Auge ging der Koͤnig auf Jzaslaw zu, der bleicher zwar als gewoͤhnlich, doch mit ruhigem An⸗ ſtande vor ihm erſchien; alsbald aber, und ehe noch der beſorgte Biſchof von Krakow ſich, ab⸗ haltend, ihm genaͤhert hatte, erwachte das Ge⸗ fuͤhl deſſen in ihm, was er ſeiner Wuͤrde und dem Range des Andern ſchuldig ſey; er blieb ſte⸗ hen und begann ernſt und ſtolz, aber ohne Heftig⸗ keit: Wir beklagen, Herr Fuͤrſt, daß Ihr uns in die Nothwendigkeit verſetzt habt, Euch durch unſern Diener in unſere Gegenwart la⸗ den zu laſſen, auf die Gefahr ſelbſt, Euch in einer erfreulichern Geleitſchaft zu ſtören, als es die Unſrige Euch zu ſeyn ſcheint. Doch wird Euch Solches weniger befremden, wenn Ihr gedenket, wie Ihr angelobt, Euch lediglich mit dieſer zu begnuͤgen; die einzige Bedingung, unter welcher wir Euch derſelben gewuͤrdigt. — 256— — Wenn ich mich deſſen erinnere, was ich verſprochen— lautete die Antwort des Ruſſen ſo geſchieht meinerſeit mehr, als ich an Andern ruͤhmen mag. Doch glaube ich, niemals mich gegen Eure Hoheit verpflichtet zu haben, mich der Wuͤrde und Rechte zu entledigen, welche ich von meinen Vorvaͤtern ererbt, und nicht gleich Jedem meines fuͤrſtlichen Ranges, wo es auch ſey, Botſchafter zu empfangen, zumal von einem Monarchen, dem ich verbuͤndet bin durch Glauben und Verwandtſchaft.— Was die Bande Eures Glaubens anlangt— ver⸗ ſetzte Boleslaw geringſchätzig— ſo moͤgen die⸗ ſelben wenig gelten in den Augen eines chriſt⸗ katholiſchen Koͤniges; die Verwandtſchaft hinge⸗ gen zwiſchen dem Fuͤrſten von Kijow und Kai⸗ ſer Nicephorus iſt, daͤucht uns, weitlau⸗ ſig genug. Solltet Ihr aber auch vergeſſen haben, was zu vergeſſen Euch minder geziemte, als uns, daß die Frau, welche Kazimierz der Wiederherſteller auf ſeinen Thron hob, daß meine Mutter die Schweſter Eures Väters Jaroölaw geweſen, ſo ſollte Euch doch erinner⸗ lich ſeyn, daß es Euer Lehnherr iſt, vor wel⸗ chem Ihr ſteht.— Jzaslaw's Lippen bebten * — 257— in unterdruͤcktem Groll, als er verſetzte: Die Zeit, da Ihr es geworden, Herr Koͤnig, iſt zu unlaͤngſt verfloſſen, und zu mannichfach bin ich daran erinnert worden, als daß das, was Ihr ſagt, meinem Gedaͤchtniß entfallen ſeyn koͤnnte. — Bei der hochheiligen Dreieinigkeit— rief der Koͤnig— Ihr ſeyd ja recht redefertig, Herr Fuͤrſt von Kijow, und man ſollte bei⸗ nahe glauben, dieſe Gabe ſey Euch uͤberkommen mit dem byzantiniſchen Weiberblute, deſſen Ihr Euch ſo gewaltig ruͤhmet. Meynet Ihr wirk⸗ lich, das Recht ſtehe auf Eurer Seite?— Wenigſtens das Recht, nicht gleich einem ge⸗ meinen Uebelthaͤter behandelt zu werden von einem geſchlechtverwandten Koͤnig, zumal ehe ich des Unrechtes uͤberwieſen.— Euere Bemerkung iſt wahr, und wir wuͤnſchen, daß der Erfolg ſie zu Eurem Beßten kehre. Da⸗ rauf wandte Poleslaw ſich raſch gegen den Fremden, und fragte gebieteriſch: Wer ſeyd Ihr, und was fuͤhrt Euch hierher?— Während der letzten, in ſlaviſcher Mundart gefuͤhrten Unterredung, hatte der Grieche ſich ruhig verhalten, und ob er ſchon wahrſcheinlich etwäs dem Aehnliches fuͤhlte, was einſt die 17 — 258„ Abgeſchickten Valentinian des Vierten in Atti⸗ la's Gegenwart befiel, als er nun die tiefe Stimme des Barbarenkonigs vernahm, und ſeine raſche Bewegung und ſeine gluͤhenden Blicke ſah, ſo hatte er dennoch mit vielem Gluͤcke den Anſchein völliger Sorgloſigkeit be⸗ hauptet. So ungezwungen als moglich beob⸗ achtete er die Merkmale des ſteigenden oder fallenden Zornes in Boleslaw's Ton und Ge⸗ behrde, und als nun plötzlich jene Frage in lateiniſchen Worten an ihn geſchah, ſprach er ehrfurchtvoll, doch mit hofiſch gefälligem An⸗ ſtand; Der, welcher ſich des Gluͤckes erfreut, Eurer Hoheit Angeſicht zu ſchauen, iſt der Sohn des Statthalters im Eyland Euböa, welches die Abendlaͤnder Negropont nennen, er hat die Ehre einer der Kaͤmmerer und Stall⸗ meiſter des Caͤſar Auguſtus zu ſeyn; ſein Ge— ſchlechtname iſt Angelos, und Leontios ward er genannt in der heiligen Taufe.— Angelos? — erwiederte der Herrſcher mit einigem Spotte — Fuͤrwahr, ein paſſender Name fuͤr einen Botſchafter; ſehet nur zu, Herr Leontios An⸗ gelos, daß Ihr nicht Lin Engel boͤſer Verkuͤn⸗ digung ſeyd fuͤr Den, an welchen Ihr geſen⸗ — 259 det, und gleichermaßen fuͤr Euch ſelbſt, Herr kaiſerlicher Kaͤmmerer und Stallmeiſter. Wir fuͤrchten, Euch als einen Solchen zu erfinden, der vom ſchlimmen Orte herkommt, Unheil aus⸗ zuſaen und Zwietracht.— Was das Zweite betrifft, ſo ſtehet es bei Euch, mein hoher Mo⸗ narch, Euch alsbald ſelbſt davon zu uͤberzeu⸗ gen. Das Erſte aber ſei fern von Euch und mir, denn um Eurer ſelbſt willen wuͤrdet Ihr es nicht wuͤnſchen.— Um Unſertwillen? Wir verſtehen Euch nicht, Herr Abgeſandter; bedenket, daß Ihr vor dem Koͤnig eines Vol⸗ kes ſteht, dem Ihr den Namen der Barbaren zu geben beliebt, und laſſet Eure Redekunſt et⸗ was beiſeit. Wie moͤget Ihr glauben, daß Eure Gegenwart fuͤr uns alſo von Bedeu⸗ tung ſei, daß dabei etwas fur uns wuͤnſchens⸗ werth ſeyn koͤnne, oder das Gegentheil? Ihr habt einen allzuhohen Begriff von Euch, Herr Angelos, und wir werden Sorge tragen, daß Ihr einen minder geringen von unſerer Hoheit mit hinwegnehmt.— Nichts mag Den ver⸗ groͤßern, welcher mich Stufen Eures Thrones begleitete, doch ijt wirklich auch fuͤr Eure Hoheit ſelbſt der Inhalt meiner Botſchaft 1 — 160— der Beachtung nicht unwerth, denn Ihr ſelbſt ſeid es, koniglicher Herr, an Den ſie gerichtet iſt vom Auguſtus durch Einen, der nicht der Unterſte iſt von ſeinen Dienern.— An uns geſendet von Nicephorus Botoniates? frug Bo⸗ leslaw uͤberraſcht. Und an wen— ſprach Leon⸗ tios mit Eifer— koͤnnte in dieſem Reich eine Botſchaft gerichtet ſeyn, als an das erhabene Haupt deſſelben? Nicht die Niedern beachtet der Auguſtus, und nur Ein Haupt iſt hier, auf den ſein Auge haften mag, das Haupt, das die Krone Boleslaw's des Erſten traͤgt. — Und wie kommt es, daß Ihr, anſtatt vor unſer Angeſicht zu treten, wie es einem kaiſer⸗ lichen Abgeſandten geziemt, uns auf ſeltſamen Umwegen nahet? Warum fandet Ihr Euch, ehe Ihr Euch der aufhabenden Pflicht entle⸗ digt, in einem heimlichen Verſteck mit gegen⸗ waͤrtigem Herrn zuſammen, dem wir, ſo viel uns bewußt, niemals das Amt eines Drago⸗ mans uͤbertragen haben. Dragoman, ſo nennt Ihr es ja wohl nach turkmaniſcher Weiſe, wie Ihr denn manchehi angenommen von den Feinden Gottes, S4 Schuͤlern Mahomed's des Luͤgenpropheten, die bald Eure Feinde ſind, bald — 261— Eure Bundesgenoſſen?— Eure Hoheit muß ſolchen Fehl dem verzeihen, welcher in den Hallen des Purpurpallaſtes aufgezogen, und ihn dem Ruhme des erhabenen Boleslaw zuſchrei⸗ ben, welcher am Ufer beider Meere wiedertönt, die die Baſteien von Konſtantinopolis benetzen. Ich mußte zweifeln, ob die Burg eines Dyna⸗ ſten ein Ort ſey, geeignet, daß daſelbſt der Ab⸗ geordnete eines großen Kaiſers ſich einem gro⸗ ßen Könige darſtelle. So richtete ich denn mein Auge auf den hochgebornen Sebaſten von Kijow, daß er dem Unkundigen ſeinen Rath ertheile. Zugleich lag mir ob, mich in ſeine Haͤnde eines Sendſchreibens zu entledigen, mit welchem ich fur ihn beauftragt worden.— Izas⸗ law hatte waͤhrend des ganzen Auftrittes mit einiger Befremdung bemerkt, daß der Grieche ſeine Nähe, ja ſeine Blicke ſelbſt vermied, und ſie ging bei dieſer unerwarteten Aeußerung in Unruhe uͤber; Boleslaw aber fragte mißtrauiſch: Alſo doch eine Sendung an unſern Vetter von Kijow?— Mit nachdruͤcklicher Betonung und einem ſchnellen Seitenblick auf den Fuͤrſten, erwiederte Angelos: Der Brief meines aller⸗ durchlauchtigſten Gebieters an den edelſten Herrn —— wird Eure Hoheit unterrichten, wie er des Himmels Segen fuͤr Eure glorreiche Unter⸗ nehmung erfleht, und bereit iſt, ſolche auch mit weltlichen Kräften zu unterſtuͤtzen. Auch— fuhr er fort— wuͤrden Seine Gnaden ſelbſt mich der Ehre gewuͤrdigt haben, mich zu den Fuͤßen ſeines erlauchten Beſchuͤtzers zu führen, hätte nicht dieſer hochſttreffliche und ehrenwerthe Kronwuͤrdentraͤger ihn der geneigten Bemühung uͤberhoben. Doch weiß ich dies nur dem ta⸗ pfern Dynaſtides Dank und klage mich ſelbſt an ob meiner Unſchluſſigkeit, denn das Dach unter welchem der Monarch der Sauromaten weilt, wolbt ſich zum Thronhimmel, und jedes Haus, das der Konig betritt, wird zum Palaſt.— Die Art, wie Boleslaw die geſchraubte und pomphafte Rede des Byzantiners anhoͤrte, be⸗ zeugte, wie die Schmeichelei den Weg beinahe in jegliches Ohr findet, und mit ungewohnter Milde fragte er: Wohlan denn; was entbietet uns unſer Herr und Bruder, der Cäſar in Konſtantinopolis?— Darauf beugte der Strator die Kniee, ſo daß Eines derſelben beinahe den Boden beruͤhr⸗ —— te, dann erhob er ſich, beugte ſich noch zu dreien Malen mit dem Oberleibe, und uͤber⸗ reichte dem Konig ein purpurfarben Päcklein, gleich dem, in welchem jenes andere Schreiben eingehuͤllt geweſen, doch entkleidete er es nicht wie dort ſeines Umſchlages. Boleslaw em⸗ pfing aus ſeinen Haͤnden den kaiſerlichen Send⸗ brief und gab ihn dem Erzbiſchof, welcher, das Amt eines Kanzlers verwaltend, den Inhalt zwar nur halblaut, aber deutlich genug, vor⸗ las, daß der Botſchafter ſich durch das Gehor von der Treue des Vortrages uͤberzeugen konn⸗ te. Als das höchſt bildreiche, von ſtolzer Schmei⸗ chelei uͤberfließende Schreiben abgeleſen war, begruͤßte Boleslaw den Abgeſandten und ſprach: Wir erfreuen uns der Geſinnung unſers Bru⸗ ders, des oſtlaͤndiſchen Kaiſers, und er moͤge ſich verſichert halten, in uns, ſofern ſeinerſeit die That das Wort beſtätigt, einen gewärtigen Freund und bereitwilligen Diener zu finden. Euch aber insbeſondere danken wir fuͤr die uͤbernommene Muͤhwaltung und verſichern Euch unſerer koͤniglichen Huld. Noch eine Pflicht liegt uns ob,— fuhr er fort nach einer Pauſe, wel⸗ che durch die feierlichen Verneigungen des Leontios Angelos ausgefuͤllt wurde— und wir entledi⸗ gen uns ihrer mit Freuden. Es will beinahe ſcheinen, Vetter von Kijow, als habe Euch ei⸗ ne ungegruͤndete Muthmaßung betroſſen, und wir ſind Euch wohl gar zu Dank verpflichtet. So wir Euch nun in Wahrheit Unrecht gethan, ſo möget Ihr es der nothigen Vorſicht zuſchrei⸗ ben, von der ein Fuͤrſt nimmer abgehen mag in ſo bedenklicher Zeit, wie Euch ſelbſt aus Er⸗ fahrung bekannt ſeyn muß. Jedoch ſtehet es in unſerm Willen, wie in unſerer Macht, auch die Unbill, wofern Ihr nemlich ſolche, wie wir glauben wollen, unverſchuldet getra⸗ gen, Euch zu verguͤten durch Merkmale unſerer oberherrlichen Huld und abſonderlich durch un⸗ ſern Beiſtand, deſſen Ihr gar ſehr beduͤrftig ſeid, wie Ihr wiſſet.— Wahrſcheinlich be⸗ trachtete Fuͤrſt Jzaslaw dieſe ſtolze und zwei⸗ deutige Entſchuldigung als ungenuͤgend, viel⸗ leicht auch ſagte ihm das Bewußtſeyn, die er⸗ littene Kraͤnkung ſei nicht ſo ganz unverſchul⸗ det geweſen; er beantwortete daher die Anrede ſeines Lehnherrn nur mit einer ſchweigenden Verneigung. Leontios aber zuckte ganz un⸗ merklich die Achſeln, theils uͤber die Ungefuͤ⸗ — 265— gigkeit des Ruſſen, theils uͤber des Königs ver⸗ meinte Leichtgläubigkeit, und ein ſcheuer, aber etwas hohniſcher Blick, den er durch die ge⸗ ſenkten Augenlider ſandte, ſchien zu fragen: Das iſt alſo jener gefuͤrchtete Barbarenheld, deſſen Zornwuth ſich urplotzlich legt vor einer einzigen armſeligen Luͤge aus beredtem Grie⸗ chenmunde? Wie leicht iſt es doch, dieſe un⸗ beholfenen Koloſſe zu gängeln! Der Byzantiner irrte ſich; zwar hatte der Jähzorn des Königs ſich gelegt, doch nicht ſein Mißtrauen, und was er jetzt und in der Folge ſehen ſollte, uͤberzeugte ihn, es erfordere mehr als Wortgepraͤnge, um dieſen Sauroma⸗ ten zu leiten. Hoͤchſt mißfaͤllig hatte Boles⸗ law das Benehmen des Fuͤrſten vermerkt; er ſchaute ihn eine Zeitlang ſtarr und finſter an, dann gab er ein Zeichen, das im Nu alle uͤberfluſſigen Zeugen aus dem Saale hinweg⸗ ſcheuchte, und ſprach polniſch zu den Zuruͤck⸗ gebliebenen: Gute Herren und Freunde; Ihr habt gehort, was Nicephorus der Kaiſer uns vermeldet. Zu einem Bunde ladet er uns ein, unter den Maͤchten des oſtlichen Europa, uns mit aller Macht den immer naͤher dringenden, * heidniſchen und mahomedaniſchen Horden ent⸗ gegenzuſtemmen, und verheißt uns und unſern Nachkommen ſeine Huͤlfe und Derer, die nach ihm zu Carogrod herrſchen werden, gegen den Uebermuth der teutſchen Konige, welche ſich fälſchlich Haͤupter der chriſtlichen Welt nennen und Oberlehnherrn ſaͤmmtlicher Potentaten. Um unſer Buͤndniß durch mehrere Annaͤherung zu verſtaͤrken, bietet uns beſagter Herr nicht allein ſeinen freundlichen Beiſtand zur Wieder⸗ einſetzung unſeres Lehnmannes des Fuͤrſten zu Kijow, ſondern auch zur Beſitznahme des Ge⸗ bietes der Bulgaren, der Wallachei und Mol⸗ dau, damit wir kuͤnftig Eins ſeyn mögen in Angriff und Vertheidigung gegen jeden gemein⸗ ſchaftlichen oder beſondern Feind. Solches wollten wir Euch unverborgen ſeyn laſſen, Herren und Räthe, und begehren darob Eure Meynung.— Worte, Worte— ſprach Na⸗ lencz gedämpft— toͤnendes Erz und klingende Schellen; ſie lauten indeſſen nicht ſchlimm, und haben das Gute, das man ſie erwiedern kann mit Worten von gleichem Gchalt.— Ein Lächeln glitt uͤber des Königs Geſicht, und er ſagte: An Euch, Herr von Krakow!— — Da ließ Stanislaw Szezepanowski ſich laut und in lateiniſcher Sprache vernehmen: Zwar bin ich nur ein Diener des Altars und wenig erfahren in weltlichen Geſchaͤften, doch da mein koniglicher Herr mich auffordert, ſo genuͤge ich meiner Pflicht als Fuͤrſt der Kirche und des Reiches Senator. In der erſten Eigenſchaft meyne ich, es ſtehe zu bedenken, in wiefern ſolch Buͤndniß vereinbar ſey mit den Oblie⸗ genheiten eines romiſchkatholiſchen Königs? In der andern aber werfe ich die Frage auf: Welches ſind, nicht die verheißenen, ſondern die wirklichen Vortheile beſagten Vertrages, und wo der Beweis, daß man demſelben nach⸗ kommen koͤnne und wolle?— Wir haben die Stimme unſerer geiſtlichen Raͤthe vernommen — ſprach Boleölaw ſcherzhafter, als der Gegen⸗ ſtand der Verhandlung es zu geſtatten ſchien— und nur einen Weltlichen ſehen wir neben uns⸗ Die Reihe trifft Euch, Schwertträger der Kro⸗ ne.— Dieſer, welchem nicht unbekannt war, daß, wenn der König Boleslaw um Rath frug, gemeiniglich ſein Entſchluß ſchon gefaßt ſey, verſetzte: Meine Meynung entſpricht der Benennung meines Amts. Wo Ihr auch hin⸗ gedenket jetzt und kuͤnftig, durchlauchtigſter Herr, wenn es nemlich zum Beßten des Rei⸗ ches dient und der Chriſtenheit, wird nimmer der Säbel Eures Ahnherrn Euch fehlen, noch der, dem er anvertraut iſt, und nimmer denk' ich, mit Gottes Huͤlfe, wird es beſiegt in die Scheide zuruͤckſinken, die es in gerechter Sache verlaſſen.— Um Gott— ſprach der König in der vorigen Weiſe— Ihr ſeid doch kein Clericus, Nikolaus Strzemieniec, und Euer Spruch iſt, genau genommen, um vieles deutlicher noch, als der jener hochwuͤrdigen Herren. Sprechet, in welcher Schule habt Ihr das„Wenn“ und das„Nemlich“ gelernt, denn ſo viel ich weiß, waret Ihr nicht ſo glucklich, gleich mir des Herrn Erzbiſchofs Unterricht theilhaftig zu wer⸗ den? Aber es gebuͤhrt ſich, daß das Scruti- nium in gleicher Zahl vor ſich gehe, damit des Königs Wort entſcheiden moͤge, darum laſſet uns das Eure hören, Landvogt von Proſzowice, ob Ihr gleich nicht Sitz und Stimme habt im Reichsrath. Ihr zaudert? Iſt es darum, daß Ihr aufgefordert ſeid nach Eurem Sohne? In jeglichem Dinge mag der Vater voranſtehn, doch, wo es das Reich betrifft, gilt die Wuͤrde, — nicht die Jahre.— Sterverin hatte die Zeit uͤber in tiefe Gedanken verſenkt geſtanden, er richtete ſich mit einem Seufzer auf aus ſeiner gebeugten Stellung, und ſagte ziemlich trocken und rauh: Da Eure Gnaden ſo will, ſo mag ſie denn die ſchlichte Rede aus ungeuͤbtem Munde vernehmen: Bereits ſeit manchem Jahr⸗ hundert beſtehet das Polenreich, und wenig hat man daſelbſt vernommen von Carogrod und ſei⸗ nem Kaiſer; immer haben wir den dreieinigen Gott verehrt im Vater, im Sohn, und im heiligen Geiſt untrennbar von ihnen, und der heilige Geiſt hat gewaltet uͤber dem Koͤnige und dem Volke. Euer Großvater, ruͤhmlichen Andenkens, hat in das Thor von Kijow ge⸗ hauen, und ſo denk' ich, wir halten es ferner mit dem alten Gott und dem alten Säaͤbel, ohne Griech' und ander ausländiſch Volk.— Bei der Krone unſers Ahnen!— rief Boles⸗ law— der Alte hat von Allen das tuͤchtigſte Wort geſprochen, ohne„Ob“ und„Wenn“, ein Wort, wuͤrdig eines Senatoren, und wir werden wahrhaftig Sorge tragen muͤſſen, daß er es werde. Schade nur, daß ſein kräftiger Spruch ſich nicht eignet, geradezu in das zarte — 0— Ohr eines Griechen uͤberzugehn; es gilt hier, wie uns daͤucht, mehr der Form und dem An⸗ ſtand, als dem Weſentlichen, und wir wollen, daß man zu Carogrod erkenne, daß ſie auch uns nordiſchen Barbaren nicht vollig ſo fremd ſind, als man glauben mag. Herr Abgeſand⸗ ter,— ſetzte er lateiniſch hinzu— Ihr habt dies Haus nicht fuͤr geeignet gehalten, daß der König in demſelben die Botſchaft Eures Herrn empfange; nun, klein wie der Palaſt, iſt auch die Rathsverſammlung, doch iſt ſie nicht einig in ihrer Meinung. Glaubet Ihr nicht, daß Aehnliches ſich auch in Konſtantinopolis ereig⸗ ne? Wir aber finden fuͤr gut, fuͤr jetzt Euch gegenuͤber dem zu folgen, was Ihr ſelbſt aus dem Munde unſers geiſtlichen Vaters gehort habt, des hochwuͤrdigen Biſchofs unſerer Haupt⸗ ſtadt. Welches iſt der wirkliche und, verſtehet mich, gegenwaͤrtige Vortheil, der uns und unſerm Reiche aus dem Antrage des durchlauchtigen Nice⸗ phorus erwachſen kann, und wie hoch mag man die Kraft anſchlagen, die denſelben verbuͤrgt.— Leontios, welcher fuͤhlte, daß ſeine Hoffnung auf augenblickliches Gelingen allzuraſch gewe⸗ ſen, antwortete mit muͤhſam bezwungenem Un⸗ — 271— muth: Die Vortheile ſind bezeichnet im Schrei⸗ ben des Auguſtus, wie ſein Wille ſie Euch gewaͤhren, die Kraft aber kann Dem nicht ge⸗ brechen, der auf dem hochſten Throne des Erd⸗ kreiſes ſitzt.— Wir läugnen nicht,— fuhr der Konig in dem unbefangenen Tone fort, den er nicht unpaſſend vielleicht fuͤr dieſe Un⸗ terredung angenommen— Wir läugnen nicht, daß der konſtantinopolitaniſche Stuhl, oder je⸗ ner vielmehr, deſſen Rechte er ſein Erbtheil nennt, eher beſtanden als der Unſere, und daß ſeine Benennung ihn uͤber dieſen erheben wuͤr⸗ de, falls eine Rangordnung ſtatt faͤnde unter gekronten Haͤuptern und Geſalbten Gottes. Ob er der Hochſte iſt, uͤberlaſſen wir unſerm Bru⸗ der, Heinrich dem Franken, welcher andern Sin⸗ nes ſeyn duͤrfte, denn— ſagt er— Roma caput mundi? und ſo weiter. Jedoch ſind wir, wie weltbekannt, kein abſonderlicher Freund des Königs von Germanien, und fragen ſomit nur nach dem was uns ſelbſt betrifft. Wie moget Ihr darthun, daß Euer Gebieter den *Rom iſt das Haupt der Welt. — 272— Bund aufrecht zu erhalten vermoͤge, auf daß er nicht gereiche zu unſerer eigenen und alleini⸗ gen Gefahr? Mit wachſendem, durch Boleslaw's leich⸗ tes beinah geringſchaͤtziges Benehmen, geſteiger⸗ tem Verdruß, den er unter hochtönender Rede und abgemeſſenem Weſen zu verbergen ſtrebte, antwortete der Strator: Es koͤnnte beinahe ſcheinen, als ob dem Wohlwollen des Auguſtus nur Mißtrauen entgegen kommt, und dann wuͤrde ich furchten muͤſſen, ſeiner erhabenen Wuͤrde allzuviel zu vergeben, indem ich mich, der an ſeiner Stelle hier ſteht, demſelben län⸗ ger ausſetze. Doch beſtrebe ich mich in den Einwuͤrfen Eurer Hoheit nur die loͤbliche Be⸗ hutſamkeit zu ſehen, die dem Monarchen einer zahlreichen Nation ſo wohl anſtehet, und freue mich, dieſelben mit Leichtigkeit widerlegen zu koͤnnen. Der allerdurchlauchtigſte Ricephorus bietet dem Koͤnige der Sauromaten des ebenen Landes ſeine Hülfe in Guͤte und Gewalt zur Unterwerfung der aufruͤhreriſchen Ruſſen, ſeine Schiſſe, die den Propontis bedecken, wird er ausſenden, daß ſie Euch Kriegsbedarf und Mann⸗ — 273— ſchaft von der Waſſerſeite zufuͤhren, wenn Ihr drauf Euer ſiegreich Schwert ausſtreckt gegen den Iſters; ſeine Schätze bietet er Euch, daß der Bund, den Ihr mit dem Sachſenfuͤrſten geſchloſſen gegen den Franken Heinrich, an Kraft gewinne und Wirkſamkeit, den kriegeriſchen Ruhm Eures Volkes hochachtend, und Eurer Hoheit glorwurdige Eigenſchaften, ladet er Euch ein, ein neues Neich gründend im Norden, Ein maͤchtiger Kaiſer mit dem Andern verbuͤndet, Eure Feinde und die Seinen zu Nicht zu ma⸗ chen in Oſt und in Weſt. Sobald Euer ſieg⸗ reich Heer eingezogen ſeyn wird in die Haupt⸗ ſtadt der bedrängten varangiſchen Lande, ſobald Eure Gegenwart die Ruhe hergeſtellt hat zu Kijow, wird daſelbſt eine neue Geſandtſchaft erſcheinen, beider Monarchen wuͤrdiger, als die vorlaͤufige Botſchaft, mit der ich beehrt worden, und dem förmlichen Abſchluſſe des Vertrages unmittelbar die That folgen, die bis jetzt nur meine Worte Euch verkuͤndet. Solches ſind die Anträge des Cäſar Auguſtus; was könnte „Iſter, griechiſcher Name der Donau. 18 — 2 ſein Diener noch hinzufügen, ſo ſie dem König nicht annehmlich duͤnken?— Petrus Nalencz ſchien ſprechen zu wollen; auch der Biſchof von Krakow, dem der Ein⸗ druck nicht entging, welchen das Gehörte auf Boleslaw hervorgebracht, öffnete den Mund; mit gebietendem Blick wies er aber Beide zu⸗ ruͤck, und antwortete dem Abgeſandten: Nicht der Antrag Eures Herrn iſt es, welcher uns bedenklich erſcheint, ſondern das Andere, uͤber welches Ihr hinweg geſchluͤpft in Eurem Be— ſcheid. Ihr ſeyd ein gewandter Mann, Herr Angelos, und nicht unerfahren, wie es uns gemahnt, trotz Eurer noch jungen Jahre. Koͤnnet Ihr wohl glauben, daß der Zuſtand des oſtrömiſchen Reiches uns ſo gaͤnzlich unbe⸗ kannt ſey, oder nicht erwogen werde in ſolchen Dingen, wie ſie jetzt in Rede ſtehn? Nicht mehr iſt es wie in alter Zeit, nicht mehr um⸗ ſpuͤlt der Euphrat die Grenze Eures Gebietes. Längſt ſchon ſtrahlt in Natolien der halbe Mond, oft nur um die Breite des Hellespontes vom Kreuze geſchieden; in Neapolis hauſet der Nor⸗ mann und wirft das begehrende Auge heruͤber nach der griechiſchen Halbinſel, und das Grab — W5— des Heilandes, zu deſſen Wächter der Kaiſer vom Himmel geſetzt iſt, gehet, ohne daß Ihr es wehren koͤnnet, aus einer Raͤuberhand in die andere, eine leichte, ſchnell gewonnene und ſchnell verlorene Beute der Araber, Seldſchu⸗ ken und Turkmanen.— So will man uns denn zum Vorwurf machen— rief der Strator mit großer Lebhaftigkeit— was das Abendland mit ewiger Schmach bedeckt? Schon ſeit mehr als hundert und abermal hundert Jahren erſchallt von den Ufern des Jordans der Nothruf der bedraͤngten Chriſtenheit, die Stimme der Bitte iſt mehr als einmal von den Kuͤſten Griechen— lands nach Rom gelangt und zu den Hofen der lateiniſchen Könige. Doch ſind Beide un⸗ gehoͤrt verklungen; gleich einer aufgegebenen Vorwacht uͤberlaͤßt man uns, die Bekenner des Heilands, der Wuth unglaͤubiger Barbaren; nicht unthaͤtig allein, mit Schadenfreude ſogar ſieht man eine Mauer des alten Bollwerkes der Chriſtenheit ſinken nach der Andern, und dieſelben, welche Himmel und Erde anrufen zu ritterlicher und gottgefälliger That, vergeu⸗ den ihre Kraft in nutzloſen Kämpfen unter ſich, und verabſäumen ein glänzend geheiligtes Ziel 18* — uͤber dem Gezuͤnk um eine Handbreit wuͤſten Landes. So hat das Römerreich von ſeinem Afterbilde, dem abendländiſchen Kaiſerthum, ver⸗ laſſen, allmaͤhlig der Mohamedaniſchen Ueber⸗ macht weichen muͤſſen, ſo hat man Thor und Thuͤr dem räuberiſchen Stamme geoffnet, der herabgekommen iſt aus dem hohen Norden nach dem armoriſchen Gallien, und nun um ſich ſchaut im Suͤden, und immer weiter, der Heere Wölfe gleich, die zur Winterzeit aus dem kalten Wal⸗ de der warmen Huͤrde zuziehen, und ſie wehren ihm nicht. Was kuͤmmert ſich darum der Frank', und Lateiner, gilt es doch nur dem Grie⸗ chen! Und wenn wir dann fallen, denn wir werden fallen, wenn Gott uns nicht einen Hel⸗ fer weckt, ſo werden die Fuͤrſten aufjauchzen in thörigtem Jubel, nicht ahnend, daß auch ihnen das Verderben dann näher ſeyn wird, das nun den letzten Damm durchbrochen. Sehr wohl hatte der Abgeordnete von Byzanz gethan, an der Stelle des fruͤhern Wortgeklin⸗ gels die ernſte Sprache der Wahrheit zu ſetzen; alle Gegenwärtigen waren erſchuttert durch ſie und der Schluß der Rede verhallte in lautlo⸗ ſer Stille. Petrus Nalencz ſelbſt ſchien ergrif⸗ — —— —— —— fen. Der Biſchof von Krakow hatte die Hän⸗ de gefaltet, und der alte Ritter murmelte un⸗ deutliche Worte vor ſich hin. Nach Verlauf einiger Zeit erſt nahm Boleslaw das Geſpräch wieder auf, doch war die ſpottelnde Heiterkeit aus ſeinem Antlitze verſchwunden, und der Ton war ernſt, in dem er ſprach: Nicht gaͤnzlich zu verwerfen iſt, was Ihr ſagt; indeß mag der ſchlimme Ruf, in welchem die griechiſche Treue ſteht, wohl großentheils Jene, deren Ihr erwahntet, nicht unbillig von einem Beginnen zuruͤckſchrecken, das an und fuͤr ſich lobens⸗ werth waͤre und einem chriſtlichen Haupte an⸗ ſtaͤndig.— Hingeriſſen durch den Fluß der eigenen Rede, hatte der Strator vielleicht ver⸗ geſſen, wie ſelbſt ſeine Sendung dieſen Vor⸗ wurf rechtfertigte, und er verſetzte mit Feuer: Ein Vorwand, den mein Herr nicht aus dem Munde eines edelmuͤthigen Helden erwartet hätte, eine verjahrte Redensart, mit welcher jene Franken die eigenen Gebrechen rechtferti⸗ gen durch fremde Verunglimpfung. Laßet die Abendlaͤnder erſt die unaufhorlichen Kämpfe ſchlichten, mit denen ſie ſich in blutigem Wahnwitz ſelbſt zerſtören, Fuͤrſt gegen Fuͤrſt, —— Nachbar gegen Nachbar, laßet ſie ſich ruͤſten zu gottſeligem Kriege, ſo wird ihnen die Huͤl⸗ fe des Kaiſers nicht entſtehen.— Die Zeit von der Ihr redet— ſprach Boleslaw— iſt vielleicht nicht fern mehr, ſie iſt näher, meynen wir, als Ihr glaubt.“ Möge dann der Hof zu Konſtantinopolis durch die That beſtätigen, was Ihr eben verſichert.— Und warum das Ungewiſſe erwarten— fragte Leontios Ange⸗ los raſch— wenn das Sichere in der Nähe iſt? Auf wen ſoll die bekuͤmmerte Chriſten⸗ heit ſchauen, als auf den maͤchtigen, von der Stelle der Gefahr nicht entfernten Monarchen, auf die kriegeriſchen Polen? Wird uns Huͤlfe kommen von dem Könige des Abendlandes, der mühſam nur die Krone feſthält auf dem eigenen Haupte? Ziemt es Eurer Hoheit, dem Schwächern den Preiß zu uͤberlaſſen und den Ruhm?— Das vor ihm aufgefuͤhrte glänzende Bild ergriff Boleslaw im innerſten Gemuth, vor⸗ nehmlich aber der Name des gehaßten teutſchen *Die hier dargeſtellte Begebenheit ereignete ſich nicht lange vor dem erſten Kreuzzuge. — 20— Kaiſers, dem ſeinigen ſo klüglich entgegenge⸗ ſtellt. Es daͤuchte ihm, er draͤnge bereits mit ſeinen Schaaren in die Reihen der weichenden Bekenner des Islam; er waͤhnte das Getoſe der Schlacht zu vernehmen, und den Jubel des Chriſtenheeres uͤber den Sieg, zu welchem er es gefuͤhrt; die Schattengeſtalt eines Kai⸗ ſerheeres, die des Griechen Worte hervorgezau⸗ bert, zeigte ſich in deutlichen Umriſſen vor ſeinen Augen, denn nicht ohne Grund nennt ihn die Geſchichte den Verwegenen. Da erinnerte ihn die zweideutige Miene des Primas, Biſchof Stanislaw's tief ernſtes Angeſicht, und ſelbſt Nikolaus Strzemieniec's nachdenkliches Weſen wie es nicht wohlgethan ſey, in ſo wichtiger Sache ſich allzuraſch zu entſchließen; er fuͤhlte, es ſey Zeit, daß er eine Verhandlung abbreche, welche ihn weiter hinreißen konnte als es räth⸗ lich war, und er ertheilte dem Abgeſandten ſei⸗ nen Beſcheid, ſprechend: Wir erkennen, wie bedeutend der Gegenſtand iſt, uͤber welchen der durchlauchtige Nicephorus ſich uns eröffnet, und beduͤrfen Zeit ihn zu erwägen. Auch gebricht es an ſolcher nicht; ſelbſt Cäſar hat ja die Stadt Kijow zum endlichen Abſchluß beſtimmt, — 280— ihre Eroberung vorläufig unſern eigenen Waf⸗ fen uͤberlaſſend. Wir zweifeln auch nicht, daß ſie uns gelingen werde mit Gott und Sankt Adalbert's des Bekehrers Huͤlfe, und laden Euch, Herr Abgeſandter, ein, uns dahin zu folgen, oder vielmehr jetzt nach unſerm Feldla⸗ ger am Klasma-Fluſſe. Noch Eines bleibt uns jetzt abzuthun, zwar von minderem Be⸗ lange, nicht hintanzuſetzen aber fuͤr den Fuͤr⸗ ſten, der nicht allein der Heerfuͤhrer ſeiner Vol⸗ ker iſt, ſondern gleicherweiſe ihr Richter. Man fuͤhre den angeklagten Leibeigenen vor uns.— Ein Trupp Gewappneter erſchien im Saal, unter ihnen der gebundene Olgierd. Als ſey er der Kraft eigener Bewegung beraubt, wich er nur den Stößen, mit denen die erbitterten Waͤchter ihn vorwaͤrts trieben. Als er dem Monarchen gegenuͤber ſtand, wuͤrde er, bleich und ſtarr, einem der Marmorbilder geglichen haben, in denen das Alterthum den Genius des Todes darſtellte, hätte er nicht in der gefeſſelten Hand ſtatt der geſenkten Fackel, den unheilbringenden Knotenſtock gehalten, den die Reiter dem Halb⸗ bewußtloſen als beweisfuͤhrenden Gegenſtand, oder um ihn zu hoͤhnen, aufgezwungen hatten, — 281— und hätte ſein dunkles Auge nicht unterweilen einen brennenden, grimmvollen Blick auf die Anweſenden geworfen. Bei ſeinem Eintritt eilte Stanislaw Szezepanowöki zu dem Schloß⸗ herrn, faßte ſeine bebende Hand, und verbarg ihn, vor ihn tretend, den Blicken der Andern. Das Verhor währte nicht lang; in gedräng⸗ ter Kuͤrze ſtattete der anklagende Rottenmeiſter ſeinen Bericht ab, und als der Koͤnig den Be⸗ ſchuldigten aufforderte, daß er ſich vertheidige, erwiederte dieſer nur: Es iſt dem ſo; ich hab' ihn erſchlagen.—— Und welch Schickſal, meynſt Du, wird den Mörder betreffen? fragte Boleölaw der Zweite; doch ihm ward keine Antwort. Da ſagte er weiter: So iſt es denn bis dahin gediehen in Polen? Der Eigene ſtehet auf als Richter, und ſeine freche Fauſt erſchlägt in willkuhrlicher Selbſtrache den Waf⸗ fengefährten ſeines Herrn? Noch aber ſitzen wir zu Gericht, oder an unſerer Stelle die Edeln des Landes, und ſeyen wir fern oder nah, ſoll der Spruch aufrecht erhalten werden: Wer Blut Lergießt, deß Blut ſoll wieder ver⸗ goſſen werden. Drum fort mit dem ſtorrigen Sklaven, der nicht ein einzig Wort hat, ſeine Miſ⸗ — 282— ſethat zu beſchoͤnigen. Hinab mit ihm in den Zwinger, dort treffe die Keule ſein knechtiſch Haupt!— Regunglos, wie vorher, hatte Olgierd den ſtrengen Spruch angehört; nur Einmal richtete er den Blick auf Olga, die mit den Andern eingetreten war, und dann ſchien er bereit, ſich fortſtoßen zu laſſen zum fruͤhen ſchimpflichen Tode; da trat Fuͤrſt Jzaslaw, der ihn bisher unverruͤckt im Auge behalten, zum König und ſprach mit einer Bewegung, welche, veranlaßt durch die Zuͤchtigung eines unbekannten verach⸗ teten Bauers, ungewoͤhnlich ſcheinen konnte: Ihr glaubt, Herr, mir Unrecht gethan zu ha⸗ ben vor Kurzem, und verhießet, es durch Merk⸗ male Eurer Gunſt auszugleichen. Vergoͤnnet mir daher eine Bitte; die Bitte, daß dieſer Juͤngling ein Leben gewinne, deſſen Anfang er nur noch geſehn. Wohl hat er gefehlt, doch iſt er ſchwer gereizt worden, nach des Klaͤgers eigener Ausſage. Es iſt hart, und mag wohl den Zorn erwecken, des Kriegsmanns Uebermuth in eigener Huͤtte dulden zu muͤſſenz ſchenket mir daher die kuͤnftigen Lebensjahre des Ar⸗ men, und moͤgen dafuͤr die Euren beglückt ſeyn. ——— — 283— — Der König hatte ihn mit Ungeduld ange⸗ yort, und verſetzte mit hochmuͤthiger Kuͤrze: Sowohl die Zeit als der Gegenſtand Eures Geſuchs ſind ubel gewaͤhlt, Herr Fuͤrſt der Ruſ⸗ ſen. Noch Manches wird zu erwaͤgen ſeyn, ehe es Euch zukommt, eine Bitte den Vielen hinzuzufugen, die Ihr bereits an uns gerichtet. Was aber die Vertretung zuͤgelloſer Frechheit anbelangt, die Ihr zu unſerm Befremden uͤber⸗ nommen, ſo ſollten, gemahnt es uns, die Be⸗ gebenheiten Eures eigenen Lebens Euch uͤber die Ge⸗ fahr belehrt haben, welche die allzugroße Nachſicht oder Nachläſſigkeit vielmehr, den Herrſchern und Unterthanen bereitet.— Auf eine Abfertigung dieſer Art war nichts zu erwiedern. Furſt Jzaslaw zog ſich zuruck, und es wäre ſchwierig geweſen zu beſtimmen, ob er mehr durch die Weigerung ſelbſt gekräͤnkt, oder durch die Weiſe beleidigt worden, mit der ſie ihm gegeben ward in Gegenwart des kaiſerlichen Botſchafters, deſſen forſchende Blicke und hal⸗ bes Lächeln den Gedemuͤthigten mit Scham er⸗ fuͤllten. Da vernahm man von der andern Seite einen tiefen Seufzer aus gedrängter Mannes⸗ „ — 284— bruſt, und leiſe, ungehört von den Umſtehen⸗ den, raunte der Landvogt dem Biſchof von Krakow zu: Erbarmet Euch mein, Herr und Vater; denn es wird mir wahrlich allzuviel. — Eben ſo leiſe ſprach Stanislaw: So lö⸗ ſet Ihr denn fuͤr dieſen Punkt das Siegel der Beichte, unter welchem Ihr mir das Geſche⸗ hene anvertraut vor Jahren?— Thuet wie Ihr wollt,— fluͤſterte Severin— nicht dem Prieſter nur habe ich mein Inneres eroffnet an Gottes Statt, ſondern auch dem Menſchen, dem Freunde.— Und nochmals ertonte Boleslaw's mächti⸗ ge Stimme: Fort mit dem Uebelthäter, daß ſein harter Schädel zerſchelle unter dem Keu⸗ lenſchlag!— Der ehrwuͤrdige Biſchof aber ging auf den Herrſcher zu, eilig, doch mit feierli⸗ chem Anſtand, und ſprach einige Worte in ſein Ohr, vor denen urplötzlich die Wogen des königlichen Zornes ſich legten, an deſſen Stelle ein augenblickliches Sinnen trat. Gleich dar— auf erhob ſich Boleslaw von ſeinem Seſſel, ſchaute umher und ſagte langſam und befeh⸗ lend: So wie der dreieinige Gott unſerer Rech⸗ ten das Schwert der Gerechtigkeit uͤberantwor⸗ — 285— tet, ſo legte Er den Helzweig des Erbarmens in unſere Linke. Wir wollen— und unſer Wille bedarf keiner Deutung— Wir wollen daß der Knabe lebe und bereue, den Grimm des Himmels auf ſich geladen zu haben, und ſeines Herrn Ungnade. Doch mag nimmer der Frevel ungeſtraft bleiben, und er buͤße im Ker⸗ ker, was er mit dem Tode gebuͤßt haben wuͤr⸗ de ohne die Fuͤrſprache, der wir unſer Ohr nicht verſchließen moͤgen. Er iſt Euer Eigener, Land⸗ vogt von Proſzowice, und Eurer Gerichtsbar⸗ keit ſtellen wir ihn anheim.— Drauf wendete er ſich ab von dem ſtum⸗ men, dankenden Blicke des entfernt ſtehenden alten Rittersmannes und richtete das Wort an den Ruſſenfuͤrſten: Eure Bitte hat Statt ge⸗ funden vor uns, wiewohl wir ſie anfaͤnglich verweigert, und es wird uns erfreuen, wenn Ihr ſolches aufnehmet als ein Zeugniß unſers geneigten Willens. Wir haben Euch des Juͤng⸗ lings Leben geſchenkt; vielleicht wird er Euch einſt danken mit Arm und Saͤbel vor Kijow, denn, obgleich ein Trotzkopf, ſcheint er ein wak⸗ ker furchtlos Herz zu haben, und iſt wohl ei⸗ nes tuͤchtigen Vaters Sohn.— Zu jeder an⸗ dern Zeit hätte Fürſt Jzaslaw unfehlbar, der fruͤhern ſchnöden Abweiſung eingedenk, die Gunſt, welche man ſo plotzlich ſeiner Fuͤrbitte zu ge⸗ waͤhren vorgab, mit Erſtaunen, ja mit gerech⸗ tem Mißmuth aufgenommen, doch fuͤhlte er ſich ſo begluͤckt durch die Begnadigung des Ver⸗ urtheilten, daß er fuͤr jetzt keiner andern Em⸗ pfindung Raum gab. Er ſah mit ſtiller Theil⸗ nahme dem jungen Leibeigenen nach, der eben ſo mit anſcheinender Gleichgiltigkeit ſich in das Gefaͤngniß abfuͤhren ließ, als er vor Au⸗ genblicken den Todesſpruch angehoͤrt und darauf das Wort des Lebens; dann, wie erwachend aus gaͤnzlicher Zerſtreuung, ſagte er zum Koͤ⸗ nig:— Sein Vater, gebietender Herr? Hat wohl der Knab' den Vater noch am Leben? Dann wuͤrde ich mich ſeiner Rettung doppelt freuen, denn unter vielerlei Schmerzen, kenn' ich auch den Schmerz uͤber den Verluſt eines Sohnes.— Der König erwiederte darauf nur mit einem leichten Neigen des Hauptes, und entließ die Fremden, ihnen den andern Morgen zur Weiterreiſe beſtimmend. Der Fuͤrſt und der Abgeſandte ſchritten in Begleitung einiger Maͤnner von des Koͤnigs — 28)— Gefolge, die fruher erwaͤhnten hölzernen Gaͤnge entlang, den ihnen angewieſenen Gemächern zuz der Erſte war heiterer als ſeit langer Zeit, und mehr, als man nach berichteten Vorgaͤngen eerwarten konnte, der Andere hingegen, ſchien ſeiner Gewohnheit zuwider, befangen und nach⸗ denklich. Jzaslaw, der es gewahrte, fragte in der, den Begleitern unverſtaͤndlichen Sprache von Byzanz: Nun, Herr Strator, wie be⸗ hagt Euch dies wandernde Hoflager und vor⸗ nehmlich der Gebieter deſſelben. Glaubt Ihr noch, man koͤnne ihn ſo leicht hinwegſchicken aus der varangiſchen Hauptſtadt, als ihn be⸗ wegen ſie zu erobern?— Ich will Euch ge⸗ ſtehen— verſetzte der Grieche nach einer Pauſe — daß ich mich in dem Falle eines befinde, der nun plotzlich in der That und Wahrheit kennen lernt, was er nach vorgefaßter Mein⸗ ung beurtheilt. Nicht alſo hatte ich mir einen lateiniſchen Barbarenkoͤnig gedacht, obſchon, was ich an ihm wahrgenommen, ganz verſchieden von dem iſt, was ich in Konſtantinopolis zu ſehen gewohnt bin. Ueberraſcht und ungewiß ſtehe ich vor dieſem wunderlichen Gemiſch ver⸗ ſchiedenartiger Eigenſchaften. Man wird mir — 86 im Pallaſte nicht glauben, daß irgend Jemand jenſeit des Tanais“ ſo unterrichtet ſeyn koͤnne, als ich ihn gefunden, am wenigſten ein König und Sauromat, und doch verbindet er mit dieſer Kenntniß eine Rohheit, die unſern Dok⸗ toren mit derſelben ganz unverträglich duͤnken wuͤrde.— Die Folgen der Erziehung eines ge⸗ lehrten, aber ehrgeizigen Prieſters— warf Jzas⸗ law ein.— Es iſt Etwas in ihm— fuhr Leontios fort— das man verſucht waͤre, ge⸗ wiſſermaßen— wie ſoll ich ſagen— gewiſſer⸗ maßen Groͤße zu nennen, doch ſtrahlt ſie nur hin und wieder hervor, durch ein Gewirr be— ſchraͤnkter Wahnbegriffe, deren bei uns ſich der geringſte Schuͤler der Staatskunſt ſchämen wuͤrde. Der Ehrgeiz iſt ihm nicht fremd; wie anders aber aͤußert ſich am griechiſchen Hofe der Ehrgeiz! Er ſcheint eifrig in ſeinem Glauben, und doch ſind deſſen Lehrer, wie ich be⸗ merkt, oft das Ziel ſeines bittern Scherzes. Man nennt ihn den Gerechten, und doch könnte man glauben, daß die Laune allein ihn beherrſche.— Jzaslaw unterbrach ihn: Ihr zaͤhlt da eine Menge *Tanais, griechiſcher Name des Don. Eigenſchaften auf, deren Wirkungen ich leider nur allzuoft und zu lebhaft empfunden. Auch Ihr werdet ſie kennen lernen. Denn es iſt Eurem Scharfblick ſchwerlich entgangen, daß Ihr den Konig als Geißel nach dem Feldlager begleitet, und mindeſtens eben ſo ſehr ein Gefangener ſeyd, als ich.— Gewiß— war die gleich⸗ giltige Antwort des Byzantiners— und es wuͤrde mich verdrießen, da ich, einige Anſtalten zu treffen, vorauseilen wollte, wenn ich da⸗ durch nicht Gelegenheit erhielte, dies ſeltſame Räthſel zu löſen, das in keines der Syſteme paßt, in welche die Weltweiſen die verſchiede⸗ nen Gemuͤtharten der Menſchen geordnet. Jzaslaw ſprach halblaͤchend: Nennet den Konig einen Deſpoten im ſchaͤrfern Sinne des Wortes, und Ihr habt das Räthſel geloſt, das nur eine hyperboreiſche Auſſenſeite vor Eu⸗ rem regelrechten Auge verbirgt. Nennet ihn einen Mann, der ſich noch nicht losgemacht von den Banden, mit den Gewohnheit und Erziehung ihn gefeſſelt, der aber ungedul⸗ dig iſt, ſie zu zerreißen, daß er ſich den unbaͤndigen Geluͤſten der Wilkkuͤhr dahingebe ohne Ruͤckhalt. So, Herr Angelos, werdet 19 — 200 Ihr die Erſcheinungen deuten koͤnnen, die frei⸗ lich in einem kräͤftigen nordiſchen Gemuͤth ſchrof⸗ fer ſich zeigen, als an den gewandten Herren, die uͤber die weichen Purpurteppiche des Kai⸗ ſerpalaſtes ſchleichen. Ich ſage Euch aber, Ihr werdet auf rauher Kriegesbahn, durch Berg und Wald, neben dieſem Sauromaten leiſer und vorſichtiger gehen muͤſſen, als ſelbſt dort, wo das Ohr des Silentiars jeden vernehmlichen Schritt erlauert.— Ich glaube Euch— ver⸗ ſetzte Jener— und es mag ein mißlich Stuͤck Arbeit ſeyn, doch reizt mich der Lohn.— Und welchen verſprecht Ihr Euch? Denn ich kann nicht glauben, daß Ihr ſo freudig Euch an die Mähne des Löwen haͤnget, allein nur Euren Scholarchen einen Beitrag zu ihren Syſtemen heimzubringen?— Wahrlich nicht— verſicherte der Abgeſandte— doch jeglicher Menſch hat eine Seite, auf der man ihn faſſen kann, fuͤr Jeden iſt ein Faden gewoben, an dem der Geſchickte ihn leitet; ich moͤchte ihn finden fuͤr dieſen Ko⸗ nig.— Das wird leicht ſeyn und ſchwer; nicht ſo ſehr beherrſcht ihn die Laune, als Ihr glaubt; vielleicht duͤrfte es einſt die Leidenſchaft, wenn ſie den Zuͤgel abgeworfen, der ihr bereits 16 läſtig geworden. Doch, ſoll ich einem Romer ſagen, wie er ſich des Barbaren bemeiſtere? Von Geſchlecht zu Geſchlecht ſeyd Ihr geuͤbt in Vertheidigung auf mannichfache Weiſe. Hun⸗ derte von kuͤhnen Maͤnnern haben von Hanni⸗ bal bis auf Malekſchah herab Rom und deſſen Tochter Byzanz bedroht, und immer haben noch Waffen oder Liſt oder Gluͤck Euch vor dem Aerg⸗ ſten bewahrt. Verſuchet nur weſſen Ihr be⸗ duͤrfet, Euch der Nachbarſchaft dieſes Boleslaw zu entledigen, der wohl Luſt haͤtte zu Rußland, und der Bulgarei und Moldau, und zu Allem, was Ihr ihm geboten, doch wahrlich nicht Euch zu Gunſt, ſondern ſich ſelbſt und dem Me⸗ tropolitan von RNom.— Hannibal? fragte plotzlich der Strator, indem er die Hand fal⸗ len ließ, die er an die Stirn gelegt— Sagt, mein Fuͤrſt, wie kamet Ihr auf dieſen? Bangt Euch— ſpottete Jzaslaw— der Haͤmus wer⸗ de gangbar gemacht werden mit Eſſig?— Nicht das,— war die Antwort— doch fand dieſer Hannibal nicht ein Capua? Kijow iſt eine reiche Stadt, und man nennt ſie das nor⸗ diſche Konſtantinopolis.— Dieſen Namen fuͤhrt meine Hauptſtadt mit Recht.— Wohl⸗ 19* ——— ——— * an, es gilt den Verſuch.— Auf Wiederſehn, erlauchter Protoſebaſt.— Boleslaw der Zweite war allein geblieben mit den Biſchoͤfen, und den beiden Strzemie⸗ niec, Vater und Sohn. Die kleine Verſamm⸗ lung, ſehr verſchiedenartig angeregt durch das Vergangene, beharrte im Stillſchweigen, der König aber durchſchritt geraume Zeit lang die Halle, in Nachdenken vertieft. Als nun die Ampeln angezuͤndet waren im weiten Gemach und im Kamin das mit Wachholdergeſtripp ge⸗ nährte Feuer hoch aufpraſſelte, ward ſein Gang langſamer; endlich that er ihm Einhalt, und auf ſeinen Wink naͤherten ſich die Gegenwaͤr⸗ tigen. Wir gehen mit Tages Anbruch ab zum Heere— begann er— und es beduͤnkt uns, als ſey dieſer Zug ein entſcheidender fuͤr uns, fuͤr das Reich— und— fuͤr Europa vielleicht. Darum wollen wir noch einmal, fern vom Ohre fremdlaͤndiſcher Zeugen, die Rathſchläge unſerer Getreuen vernehmen, und ſie befragen, was ſie von der Botſchaft jenes Griechen halten, denn wahrlich, nicht unwichtig oder verwerflich er⸗ ſcheinet ſie uns. Redet zuerſt, Erzbiſchof von Gniezno, Ihr habt bis jetzt Eure Meynung —— nur unvollkommen dargethan, und Euer Amt nicht allein gewaͤhrt Euch den Vortritt, auch das Vertrauen Eures Herrn, deſſen Lehrmeiſter Ihr geweſen ſeyd vom Fluͤgelkleide an.— Der Primas ſprach: Eure Huld verſtattet dem Un⸗ terthan, ſeine Anſicht darzuſtellen, ſtimme ſie auch nicht mit der uͤberein, welche der Herr fuͤr die Seinige erkennt, doch kann ich Eurer Gnaden Aufruf jetzt nicht anders erwiedern, als durch freudigen Beyfall, mit dem vielleicht eigenſuͤchtigen Gefuͤhle der Genugthuung, wel⸗ ches dem Fuͤhrer wohl zu verzeihen iſt, wenn er gewahrt, daß ſein erlauchter Zoͤgling, wie gemeiniglich, auch hier das Rechte getroffen. Herrlich, und eines koniglichen Helden werth iſt, was der Byzantiner Euch bietet, indeß mag ein roͤmiſch-katholiſcher Fuͤrſt dem Schismati⸗ ker nur mit Vorſicht vertrauen. Es ſind aber die Fälle, wo in der Kuͤhnheit ſelbſt die Si⸗ cherheit liegt, und wenn dem geiſtlichen Man⸗ ne, dem hochbetagten Greiſe ein Urtheil in ſol⸗ cherlei Dingen verſtattet iſt, ſo meyne ich, hier einen von dieſen Faͤllen zu ſehen. Von den Zinnen der Stadt Kijow beherrſcht der Blick ein weites Gebiet; bis zum Geſtade des ſchwar⸗ — 4— zen Meeres mag er ſich verlieren und der Herr eines zahlreichen, kampfgeuͤbten Volkes, wenn er das noͤrdliche Konſtantinopolis ſich unterwor⸗ fen und die Landſtrecken am Dnieper, wird ein gefurchteter Nachbar fuͤr den, welcher im Mit⸗ tag herrſcht. Zum Aufforderer kann der Auf⸗ geforderte werden und die Wirklichkeit deſſen erzwingen, was ihm vielleicht nur zum Schein angetragen ward. Dem Muthigen frohnet das Gluͤck. Doch wie mag meine ſchwache Stim⸗ me, nur geuͤbt in Worten des Friedens und heiligem Geſang, Den aufmuntern, in deſſen Bruſt das Feuer des glorreichen Ahnen unver⸗ mindert gluͤht? Wie mag meine Hand Dem den Weg zeigen, der am Ziel den hoͤchſten Preis weltlicher Ehre ſieht, und mehr noch—— das Grab des Erlöſers durch ihn den Beken⸗ nern des gottverfluchten Mahom entriſſen!— Wohlgefaͤllig ſog Boleslaw den Honig ein, der von den Lippen des Prälaten troff, und als er den Biſchof von Krakow anzuhören be⸗ gehrte, war es, als geſchehe es nur, einmal eingefuͤhrter Ordnung genug zu thun. Anders als ſeines Vorgaͤngers Rede lautete die des frommen Stanislaw, denn ihr Gehalt war fol⸗ 205— gender: Wie follte ich, ein Prieſter des hoͤch⸗ ſten Gottes, ſeines eingebornen Sohnes Grab gleichgiltig entwuͤrdigt ſehen von den Unglaͤu⸗ bigen; wie ſollte ich einen chriſtlichen Helden abmahnen, daß er ſein Schwert entbloͤße, um es wieder zu gewinnen? O wahrlich, wenn meine Glaubensbruͤder einſt ausziehen ſollten in ſo ruhmvollen Kampf, nicht wuͤrde ich mich begnuͤgen, ihnen nachzuſchauen, und den Se⸗ gen des Himmels am Altare auf ſie herabzu⸗ flehen! Baarhaupt und mit entbloͤßten Fuͤßen wuͤrde ich ihnen voranſchreiten, in meinen Haͤnden das Kreuz tragend, um es aufzupflan⸗ zen auf den Mauern des entheiligten Jeruſa⸗ lem! Aber jetzt iſt die Rede nicht von ſol⸗ chem Kriege, noch gilt es ſo Wichtigem nicht. So ruhe denn des Köͤnigs Schwert in der Scheide, bis die Stimme Gottes es hervor⸗ ruft aus derſelben fuͤr ſeine Sache. Seine Feldherren moͤgen den geringen Streit ausfech⸗ ten, er ſelbſt wehre daheim des eigenen Heerdes! Er iſt bedroht, dieſer Heerd, ich ſage es Euch, mein theurer Gebieter; das, was heut geſchehen iſt, ſey Euch ein warnendes Vorbild des ſchlimmen Kuͤnftigen. Mißmuth und — 296— Zuchtloſigkeit haben von dem Hauſe Beſitz ge⸗ nommen, dem der Gebieter den Ruͤcken gewen⸗ det; er huͤte ſich, daß bei der Heimkehr nicht Verrath und Emporung ihn empfangen. Nicht in der Bulgarei und Moldau iſt Eurer Ho⸗ heit Stelle; hier ward ſie Euch angewieſen; drum bleibet allda, wie es dem Hausvater ge⸗ ziemt, und Dem, der dem Geringeren treu vorgeſtanden, vertrauet das Groͤßere der Herr Zebaoth! Boleslaw, der, wie ſchon erwähnt, ſeit eini⸗ ger Zeit nur ſelten Rath begehrte, bevor er ſelbſt das, was er thun wollte, beſchloſſen, er⸗ wiederte die Worte des ehrwuͤrdigen Prieſters nur mit einem gezwungenen, zweideutigen Lächeln, dann ſagte er: Unſer Geſchaͤft daheim iſt vollbracht, und der kommende Morgen leuchtet unſerm Aufbruche. Euch, Herr Erz⸗ biſchof, befehlen wir das Reich und unſern Sohn Mieczyölaw. Trachtet danach, den Knaben ſo aufzuziehen, wie Ihr mit uns ge⸗ than, denn ob es auch Manchem geluͤſten möchte, ſeinen Herrn zu tadeln, ſo iſt doch unter unſerm Scepter bis jetzt das Polenriich im Innern ruhig und im Auslande gefuͤrchte — 20— geweſen. Unſern Bruder Wladyslaw Herr⸗ mann empfehlen wir Euch, geiſtlicher Herr von Krakow; ſanft und fromm wie Ihr, werden Eure Lehren Eingang bei ihm finden. Gedenket unſerer in Eurem Gebete. Was außerdem zu thun bleibt, ſtellen wir Euch an⸗ heim, Herr Schwertträger der Kronez ſobald es beendet, trefft Ihr uns vor Kijow. Noch haben wir Euch Dank zu ſagen, wackerer Wirth dieſes Schloſſes. Eure Stimme in der Verſammlung, obſchon verſchieden von der Stimme eines Hoͤflings, war uns angenehm zu horen, als das Zeugniß der Ergebenheit eines wuͤrdigen Greiſes. Drum nehmet Euren Platz ein unter den Vaͤtern des Volkes, die des Reiches Wohl berathen, ehrenfeſter Kaſtel⸗ lan von Proſzowice“ und achtbarer Senator, denn alſo nennet Euch Euer Herr und Konig. Danket nicht, alter Herr— ſetzte er mit Be⸗ deutung hinzu— wir ſind Euch eine Ver⸗ guͤtung ſchuldig fuͤr Eure Gaftfreiheit und— * Die Kaſtellaneyen,(Burggrafthuͤmer) waren von Boleslaw's II. Vater, Kazimierz errichtet wordeu. 25 dies ſprach er mit gedämpfter Stimme zu dem betreten niederblickenden Severin— vielleicht auch fuͤr manche Unruhe, die unſre Gegenwart Euch gebracht.— Ein Zeichen entließ die Anweſenden. Als am andern Morgen die Frauen des Hauſes nach altem Brauch dem Koͤnig den Abſchied⸗ trunk brachten, nahm er zwar den Becher aus Malgorzatens Hand, und begruͤßte freund⸗ lich ihre Schweſtern, aber zwiſchen ihm und 6 Chriſtinen, der Ehefrau des Herrn von Skal⸗ mierz wurden einige Blicke gewechſelt, welche andeuten konnten, es ſey unter Beyden Man⸗ ches vorgefallen, deſſen die Chronik nicht er⸗ waͤhnt, aus welcher wir dieſe Darſtellung ſchoͤpften. Ende des Erſten Theiles. . Un derjenigen Leſern willen, welche die ge⸗ . bildete Weiſe, in welcher einige Perſonen in den angeführten Unterredungen ſich ausdruͤcken, und die wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe Anderer dem — 299— Geiſte der Zeit zuwiderlaufend finden konnten, ſey uns hier Folgendes zu bemerken erlaubt. Im eilften Jahrhundert waren nicht uͤbrrall in Europa die Spuren des Wiſſens erloſchen, welche aus dem Alterthum zuruͤckgeblieben, und Italien und das oſtliche Europa ſtand damals, das Eine mehr das Andere minder hoher, als die weſtlichen und nördlichen Laͤnder, die ſpäter ſie mit raſchen Schritten uͤberholten. In Grie⸗ chenland vornehmlich glomm der Funke der Wiſſenſchaft fort und fort, freilich unter der Aſche ſcholaſtiſcher Spitzfuͤndigkeiten, dialekti⸗ ſcher Formen, geſchraubter Syſteme und ſelt⸗ ſamer Wahnbegriffe, und den ihm naͤher lie⸗ genden Nationen theilte ſich durch haͤufigern Verkehr etwas von dieſem aufbewahrten Vor⸗ rath mit. Die Sprache des Leontios Angelos, die, den morgenlaͤndiſchen Pathos und etwas Pedanterei abgerechnet, ziemlich der Sprache⸗ eines Hoͤflings in viel ſpäterer Zeit gleicht, wird⸗ dem unnatuͤrlich erſcheinen, dem Konſtan⸗ tin Porphyrogenet und die Denkwuͤrdigkeiter vaben zu eben der Zeit, da wenig abendlaͤndiſche der Anna Komnena bekannt ſind, und wer den Izaslaw fuͤr einen hyperboreiſchen Fuͤrſten zu gewandt und ſtaatsklug haͤlt, moge ſich erin⸗ nern, daß Kijow ſeine Reſidenz war. Dieſe jetzt freilich geſunkene Stadt, deren ungeheure Ruinen ihren ehemaligen Umfang noch heut zu Tage andeuten, und den hohen Luxus ihrer Be⸗ wohner, den nur ein gewiſſer Grad hoherer Bildung, aus dem Reichthum entſproſſen, er⸗ zeugen mag, ſtand in Handelsverträgen mit Konſtantinopel; ihre Schiffe durchkreuzten das ſchwarze Meer, und ein großer Theil ihrer Bevol⸗ kerung beſtand aus griechiſchen Kaufleuten, die den Ruſſen damaliger Zeit,(welche durchaus von den Moskowitern unterſchieden werden muͤſſen) ihre Beduͤrfniſſe, ihre Produkte und ihre Sit⸗ ten mittheilten. Die Republik Nowogorod glich an Macht und Reichthum nicht nur den nachheri⸗ gen Hanſeſtädten, ſondern auch den Freiſtaaten Piſa und Genua, und wenn ſie dieſen auch etwas nachſtand, uͤbertraf ſie doch jene um Vieles. Wir — Fuͤrſten ihre Landesſprache zu„reiben verſtanden, den Polenkoͤnig aufgeſtellt, in drei Mundarten fer⸗ tig redend und ſchreibend. Selbſt Teutſchland war erſt damals gaͤnzlich in Unwiſſenheit verſunken, als die Vertreibung der Griechen aus Italien, die Zerſtörung des Exarchats von Ravenna, und drauf die Eroberungen der Normaͤnner den Heerd der Wiſſenſchaft von ihm entfernten, und bis zu den Zeiten Arnulph's findet man an den Hoͤfen der teutſchen Kaiſer Spuren griechiſcher Sitte. Die Kenntniß der lateiniſchen Sprache, und zwar nicht der verdorbenen, wie in neu⸗ ern Zeiten, ward ſchon damals in Polen als nothwendig in den hoöhern Staͤnden betrachtet, und wenige Koͤnige zaͤhlt die Geſchichte dieſes Reichs, denen ſie dieſelbe nicht ausdruͤcklich bei⸗ legt. Die weißruſſiſche Sprache war die der Mutter Boleslaw's, und er der Lehnherr der Lande, in welcher ſie geredet ward. Doch waͤre dies auch nicht der Fall geweſen, ſo war dieſe Mundart die Bibelſprache, der Sanskrit gleich⸗ ſam, geſammter ſlaviſcher Völkerſchaften, wie — 302— es unter andern d. Sammlung heiliger Schrif⸗ ten bezeugt, welche die viel ſpäter lebende Ko⸗ nigin Hedwig angeordnet, und die bis auf un⸗ ſere Zeiten aufbewahrt worden. Auch Staatskunſt und Diplomatik waren keinesweges vollig untergegangen, und ſelbſt in der Geſchichte Teutſchlands, wo doch das Fauſt⸗ recht, ſchneller entſcheidend, ſie in den Hinter⸗ grund draͤngte, findet ein aufmerkſames Auge Zuge derſelben, welche manchem neuern Kabi⸗ net Ehre machen wuͤrden. Dies zur Beant⸗ wortung fuͤr Diejenigen, die in der Meynung ſtehn, daß man in dem Zeitraume, der das Mittelalter genannt wird, gar nichts Anderes gekannt habe, als Humpen, Ruͤden, Stegreif, Fehden, Bannfluch der Geiſtlichkeit und Pluͤn⸗ derung ihrer Kloͤſter durch die Kennctigt⸗ achſichtgen Layen. 1 13 14 fffffffüſn 9 10 11 2 *.