— —— — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Leſebedingungen. 1 0fensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Abends 8 Uhr offen Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird.. 2 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 4 6i wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ß auf1 Monat: 1 MWk.— Pf. 5 Pf. 2 M.— Pf. „„„ 5. Auswärtige zbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines. größeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, dafür zu ſtehen haben. Hippolyt Boratynski, von A. Bronikowski. Vierter Theil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung, 18 26. S ch von Alexander Bronikowski. —— Vierte Band. S 5 t Hippolyt Boratynski. Vi te — 1. Neun Monaͤte waren ſeit dem Feſte zu Lob⸗ zow verſtrichen, der Winter war abermals vor⸗ bergegangen und der Fruͤhling des Jahres 1550 bekleidete allgemach die Fluren am ufer der Weichſel und die rieſigen Grabhügel des Krak und der Wanda mit jungem Gruͤn, die Baͤume bedeckten ſich mit zartem Laube und die Stoͤrche kehrten zuruͤck aus Nittag: in ſtiller nie veraͤnderter Ordnung fuͤhrte die Na⸗ tur die Jahreszeiten uͤber die Erde; das Lebloſe gehorchte ihren ewigen Geſetzen und das Leben⸗ dige; nur des Menſchen Sinn, dem es ver⸗ goͤnnt iſt, von ihrer leitenden Hand ſich los⸗ reißend in eigenthuͤmlicher Kraft die Höhe zu erklimmen, oder in eigner Schwere zur Sieſe hinab zu ſinken, um da vder dort das zu erſtre⸗ ben, was er in verſchiedener Anſicht ſein Gläck 1* nennt, nur des Menſchen Sinn vermag es, in ſcheinbarer Unabhaͤngigkeit vom Laufe der Zeit ihr voranzueilen, oder, ſie an ſich voruͤberfließen laſſend, auf dem gewaͤhlten Standpunkte zu ver⸗ harren. Richt der Herbſt und der Winter, nicht das Fruͤhjahr hatten wie die Umgebung, ſo auch die Geſtalt der Verhaͤltniſſe in der Hauptſtadt und im Reiche geaͤndert: noch ſtanden die Par⸗ teien einander gegenuͤber; in der Naͤhe des Hofes in ſtiller Feindſeligkeit, in den Land⸗ ſchaften in offenem Zwiſt, noch hatten Ranke⸗ ſucht, Ehrgeiz und Rache ihre Entwuͤrfe nicht aufgegeben, und nur Siegmund Auguſts ruhm⸗ wuͤrdige Feſtigkeit, welche er ſeines Unbeſtandes in andern Dingen ungeachtet, ſtets in Verthei⸗ digung ſeiner Rechte beobachtete, und die von den Feinden der Ordnung mit den Namen des Starrſinnes und despotiſcher Willkuͤhr belegt wurde, konnte die von allen Seiten bald ge⸗ heim bald oͤffentlich angefochtene Wuͤrde des Thrones behaupten. Seine in dieſer Zeit an ſeinen Schwager, den Fuͤrſten Radziwill, geſchrie⸗ benen Briefe zeugen heute noch eben ſowohl vyn der ſchwierigen Lage, in der er ſich befand, — . als von dem heitern Sinn, mit dem er ſich in derſelben bewegte und welcher ihm vorzuͤglich eigen war, wie auch von einer gewiſſen Irvnie, welche manch bedeutendes Hinderniß überwin⸗ det, eben darum weil es ihr nicht ſo bedeu⸗ tend erſcheint. Ein Beiſtand war ihm zur Seite geblieben, der um ſo kraͤftiger den Mo⸗ narchen und ſeine Vorrechte als Fuͤrſt und Menſch vertheidigte, als er ſeit geraumer Weile nur im Verborgenen wirkte: Johannes Amor, Graf zu Tarnow, der in großmüthiger Vater⸗ landsliebe ſich fuͤr eine Seit dem Argwohn Preis gab, um unter dem Scheine des Unrechts das Rechte zu thun. Zufrieden, von dem nicht verkannt zu werden, dem er dieß Hpfer brachte, und von wenigen Andern, deren Achtung ihm werth war, entſchloß er ſich als das Haupt ei⸗ ner Partei zu erſcheinen, die nur dadurch un⸗ ſchaͤdlich ward, daß ſie ihn als ſolches erkannte, und die von ihm ſich abwendend zu einem An⸗ dern, leicht einen Fuͤhrer gefunden haben wuͤr⸗ de, williger als er, Pflicht und Gemeinwohl der eignen Ehrſucht aufzuopfern. Die drohen⸗ de Stellung, die er angenommen hatte, war es, die Bona Sforza, und die verderbliche Thaͤtig⸗ — 6— keit ihres Anhanges laͤhmte, durch die Furcht in haͤuslicher Verwirrung und Uneinigkeit dem Jagiellvniſchen Geſchlecht eine Krone zu ver⸗ ſcherzen, welche mehr als die Haͤlfte der Na⸗ tion geneigt war dem geachteten Mann außzu⸗ ſetzen, welcher ſich ſcheinbar um ſie bewarb. Es war ein mißlicher Standpunkt, den ſich der Feldherr gewaͤhlt, und ſein Verfahren mancher Deutung unterworfen; auch hat es an ſolchen nicht gemangelt, und die Darſteller der Ge⸗ ſchichte jener Tage, ob ſie wohl ſeiner hohen Gaben nicht vergeſſen und der Dienſte, die er dem PVaterlande geleiſtet, ſprachen ihn nicht alle von einem Begehren frei, das in einem ariſtokratiſchen Wahlreiche wohl oft einen Maͤch⸗ tigen anwandelte, und ihm ſogar nicht zu ſon⸗ derlichem Vorwurf gereichte. Der Mailaͤnde⸗ rin boͤſer Wille war gefeſſelt, ſie wagte nicht weiter vorzuſchreiben, damit ſie nicht ſelbſt auch den Augenblick beſchleunige, dem, wie ſie glaub⸗ te, der Kaſtellan von Krakow mit Ungeduld entgegen ſah, den Augenblick, den der unvor⸗ ſichtige Eifer ihrer Genoſſen beinahe ſchon auf dem Reichstage zu Piotrkow im vergangenen Jahr herbeigefuͤhrt haͤtte, den, welchen Johan⸗ — S — nes Tarnowoki fuͤr guͤnſtig achten moͤchte das Gebotene mit Anſtand zu ergreifen. Bona Sforza hielt den gefaͤhrlichen Brand der Zwie⸗ tracht zuruͤck, den ſie von Rache und Zorn ge⸗ taͤuſchter Hoffnung geblendet, bereit geweſen war in die Koͤnigsburg zu ſchleudern, damit die Flammen nicht um ſich greifend auch das Reich entzuͤndeten, und der Gehaßte die Krone aus der Feuersbrunſt davon trage: ſie hatten ſich außerdem endlich uͤberzeugt, daß ihr Sohn, in dem ſie ein willenloſes Werkzeug ihrer Herrſch⸗ ſucht zu erziehen gedacht, Gebieter ſeyn wollte in ſeinem Hauſe und ſeinen Landen, und trug⸗ mit der Faſſung einer welt⸗ und ſtaatskundigen Frau, das, was ihr als das Unvermeidliche er⸗ ſchien, ohue demuͤthigende Klage und vergebli⸗ chen Vorwurf, bis nun der Zeitpunkt des Han⸗ delns gekommen ſeyn moͤchte. Nach langem Widerſtande hatte ſich der Koͤnig entſchloſſen, einen neuen Reichstag aber⸗ mals nach der Stadt Piotrkow auszuſchreiben? doch waren es nicht die dringenden Aufforde⸗ rungen der Senatoren, nicht des Primas Dzierzgowski uͤbermuͤthige Drohworte, die ihn bewogen eine Verſammlung zu berufen, welche, — 5— wie die Erfahrung vergangener Zeiten ihn lehrte, jedesmal die koͤnigliche Macht mit enge⸗ ren Graͤnzen umzog: erſt nach einer Unterre⸗ dung, die er unter dem wohlbewahrten Siegel des ſtrengſten Geheimniſſes mit Johannes Tar⸗ nowski gepflogen, und in der er ſich uberzeugte, nur durch die Erfuͤllung der Wuͤnſche des Adels koͤnne er die ſeinigen erreichen, fugte er ſich dem allgemeinen Verlangen. Die Herren, wel⸗ che theils langgewohnte Anhaͤnglichkeit an die Koͤnigin Mutter, theils Mißgunſt und Haß ge⸗ gen den Kaſtellan von Krakow fuͤr die Partei der Erſtern angeworben hatten, beſchloſſen, ihrer Anfuͤhrerin gleich ſich ruhig verhaltend, die Ent⸗ ſcheidung einer Zukunft zu uͤberlaſſen, deren Nichtaußenbleiben ihnen ihre Kenntniß der Ge⸗ müthsart Bonens von Mailand verbuͤrgte; Ei⸗ nige von ihnen lehnten unter mancherlei Ent⸗ ſchuldigungen die Aufforderung ab, in Piotrkow zu erſcheinen, Anderen gab man dieſelben unter die Hand, und bald war es entſchieden, daß die Littauer und die Proteſtanten der Krone die Mehrzahl in der Verſammlung der Staͤnde bilden wuͤrden. Gleichwie ſpaͤter Katharina von Medieis zu Zeiten gethan, hielt es die Wittwe — . — 9— König Siegmunds jetzt für rathſamer, ſich den Letztern zu naͤhern, nelchen die Sache ihres Glaubens es zur Pflicht machte, die Erhebung Barbarens auf den Thron und das wachſende Anſehn des Hauſes Radziwill zu beguͤnſtigen, welche uͤberdieß dem Geſchlecht der Jagiellv⸗ nen, dem die Verfolgung um Meinungen ſtets fremd geblieben war, anhingen, und durch ihr Uebergewicht zu Piotrkow und die Erſcheinung des königlichen Schwagers, Nikolaus Radziwill daſelbſt bedeutenden Einfluß auf die dort ge⸗ faßten Beſchluͤſſe gewinnen mußten. Vald ſah man den Vornehmſten der Akatholiken der Kro⸗ ne, Johannes Firley, ſo oft in den Gemaͤchern der Mailaͤnderin, als es fruͤher geſchehen war, und von Neuem ſchienen die Bande eines Ver⸗ haͤltniſſes geknuͤpft zu ſeyn, uͤber deſſen Gat⸗ tung man in fruͤheſten Zeiten manch zweideu⸗ tiges Urtheil gefaͤllt hatte; doch iſt zu glau⸗ ben, daß ein ſolches jetzt ſchwerlich mit Recht eine Annaͤherung treffen konnte, welche nicht eine laͤngſt erkaltete Zuneigung, welche vielmehr gegenſeitige Liſt und eines jeden Ei⸗ genſucht herbeigefuͤhrt hatten, bereit, beim er⸗ ſten Anlaſſe die nur verſchlungenen Haͤnde feind⸗ ———————— 0— ſelig zu trennen. Wie immer ernſt und den im Innern lodernden Vulkan unter kalter ge⸗ ſtaltloſer Eisdecke verbergend, ſchaute die Prin⸗ zeſſin von Mazowien auf das Treiben um ſich her, gleich der Nemeſis des Augenblickes war⸗ tend, da ſich alles nun erfuͤllen werde und das Langverborgene erſcheinen— doch— ſie be⸗ dachte nicht, daß ſie dem Geſchlechte der Sterb⸗ lichen angehoͤre, und daß die menſchliche Bruſt nicht ungeſtraft das Ungeheuer beherbergt, das nun ploͤtzlich hervorbrechend, oft zuerſt das ver⸗ gaͤngliche Gefaͤß zerſchmettert, das es enthielt. Finſter ſchaute die Schickſalsgoͤttin auf die Toch⸗ ter des Staubes, die ſich vermaß ihr gleich ſeyn zu wollen, und lenkte bereits den noch verborgenen Pfeil nach dem Herten, das ſeiner Verwundbarkeit vergeſſen. Seit der Geburtſeier des Koͤnigs und dem Zweikampf, welcher Tags darauf zwiſchen dem Herzoge zu Liegnitz und dem Verlobten ihrer Tochter Statt gefunden, begegnete ſie Helenen ſtrenger als je; der Streit des Staroſten vvn Samborz mit einem ihrer Verwandten war ihr ein willkommener Vorwand, ihre ganze Abnei⸗ gung gegen ihn zu zeigen, und bald entfernte — ihn die ſproͤde Kaͤlte, mit der ſie ihn empſing, und der gleichſam verwundernde Blick, mit dem ſie ihn nach ſolchem Begegniß in ihren Zim⸗ mern erſcheinen ſah, voͤllig aus denſelben; nur an Hoffeſten und bewacht von den Blicken der Mutter ſah den Winter hindurch Helene Odro⸗ wonz den Liebling ihres Herzens, und ſelten nur mochten ſie ſich in wenigen fluͤchtigen Wor⸗ ten mit einer beſſern Zukunft troͤſten. Jetzt war Hippolyt, der bereits als Hauptmann ein Faͤhnlein Reiter der Leibwacht des Koͤnigs be⸗ fehligte, demſelben nach Piotrkow gefolgt, und ſein Bruder in's geheim nach den ruſſiſchen Landen geſendet worden, um unter dem dorti⸗ gen Abel die Ruhe zu erhalten; das Fraͤulein auch des einigen Troſtes verluſtig, den ihr zu Zeiten die Gegenwart des Verlobten und des erfahrnen Freundes Rath gewaͤhrte, entfernt von ihrem koͤniglichen Beſchutzer blieb der fin⸗ ſtern Laune Annens von Mazowien uͤberlaſſen, die ihr nicht verzeihen konnte, daß ſie im An⸗ geſicht des piaſtiſchen Vetters ſelbſt eine Nei⸗ gung erklaͤrt hatte, deren Gegenſtand ihrer Mei⸗ nung nach derſelben ſo unwuͤrdig war. Unter den wenigen Herren hohen Ranges, welche ſich auf den Reichstag begaben, war auch der Groß⸗ feldherr; mit vielem Geraͤuſch und großem Pomp wurden gegen ſeine Gewohnheit die An⸗ ſtalten zu ſeiner Abreiſe von Tarnow, wo er ſich aufhielt, betrieben. Gaſtmahl folgte auf Gaſtmahl in ſeinem Schloſſe, ein ſtarkes Geſol⸗ ge von Edelleuten und reich gekleideten Die⸗ nern umringte ihn, wenn er zu Krakow er⸗ ſchien und das Geruͤcht meldete, er werde zu Piotrkow mit nicht weniger denn zwei hundert Edelleuten, aus mehr oder minder angeſehenen Haͤuſern, und mit tauſend Bewaffneten auf dem Reichstage einreiten. Argwoͤhniſch und miß⸗ gͤnſtig richtete beſonders der Großmarſchall Pe⸗ trus Kmita ſein Auge auf die bedeutſamen Vorbereitungen und die Berichte, die er dar⸗ uͤber in den Kammern der verwittweten Koͤni⸗ gin ablegte, erfullten dieſe mit Befremdung, und ließen ſie fuͤrchten, ſie ſey zu ſpaͤt auf dem eingeſchlagenen Wege umgekehrt. Laͤglich er⸗ hielt man neue Nachrichten von dem Aufwande, der zu Tarnow gemacht worden, man ertaͤhlte von ſilbernem und goldnen Geſchirr, das aus Ve⸗ nedig angelangt ſey, und von vortrefflichen Roſſen morgenlaͤndiſcher Zucht, es wurden vieler rei⸗ 6 — cher Geſchenke erwaͤhnt, die der Großfeldherr unter die bedeutendſten ſeiner Anhaͤnger ver⸗ theilt habe, und man raunte einander insge⸗ heim den befremdlichen Umſtand zu, daß die Zimmer, welche einſtmals der Koͤnig von Un⸗ garn Janus Zapolski bewohnt hatte, und von denen einige mit Baldachinen verſehen waren, nun auf das Koͤſtlichſte neu verziert wuͤrden. Bona Sforza ermangelte nicht, durch ihre Eil⸗ boten nach Piotrkow dieſes Alles ihrem Sohne zu hinterbringen, doch lauteten ſeine Antworten kurz und unbeſtimmt, und endlich verſicherte er in einem Handſchreiben: er hoffe zu Gott und ſeinem Recht, daſſelbe zu vertheidigen gegen Jeden, welcher geſonnen ſey es anzutaſten, er ſey wer er wolle. Da verlautete es, der Graf von Tarnow nahe mit ſeiner Begleitung der Hauptſtadt, um durch dieſelbe zum Reichstag zu ziehen. Man bemerkte unter den Buͤrgern zu Krakow eine gewiſſe dumpfe Unruhe, welche die Erwartung wichtiger Exeigniſſe zu begleiten pflegt, wenig laute Aeußerungen wurden vernommen, doch deſto mehr gewahrte man leiſes Fliſtern und neugieriges Hinhorchen. Man ward in der — 14— Burg ungewiß uͤber die Stimmung die in der Stadt herrſche; denn wenn auch Siegmund Auguſt ſich der Zuneigung des Volks erfreute, ſo fuͤhlte Bona von Mailand doch nur zu ſehr, man betrachte ſie mit weniger guͤnſtigem Auge, und des Feldherrn Leutſeligkeit und freigebige Milde haben ihm ſeinen Mitbuͤrgern werth ge⸗ macht. In einer eilig berufenen Verſammlung ihrer Vertrauteſten und der koͤniglichen Raͤthe, ward die Frage eroͤrtert, vb man dem Kaſiellan von Krakow die Thore verſchließen und einen Aufruf an die Buͤrgerſchaft ergehen laſſen ſollte, oder ob es gerathener ſey, ſich mit weniger auffallenden Vorſichtmaßregeln zu begnuͤgen. Der ungeſtuͤme Kmita ſtimmte fuͤr das Erſte; er war begierig, ſich mit dem alten Feinde im Kampfe zu meſſen, und gegen ihn die Anklage des Hochverraths auszurufen, den er doch ſich ſelbſt unter guͤnſtigern Umſtaͤnden verziehen ha⸗ ben wuͤrde; auch die Koͤnigin war einem ge⸗ waltſamen Schritte nicht abgeneigt, doch die Mei⸗ nung bedaͤchtigerer Rathgeber, die ernſte War⸗ nung bes Biſchofs von Kuſawien und endlich die Furcht vyr der Mißbilligung des Koͤnigs gewannen die Oberhand— man verſtaͤrkte ins⸗ „* + — 15— geheim die Beſatzung des Schloſſes, traf Vor⸗ kehrungen zu einer Vertheidigung, welche noth⸗ wendig werden konnte, und das Geſchuͤtz, mit dem die Waͤlle rings um beſetzt waren, ward aufgedeckt. Es ſchien jedoch bald, als ſeyen alle dieſe Vorbereitungen unnoͤthig geweſen; das Gefolge des Kaſtellans ward in die umlie⸗ genden Doͤrfer vertheilt, und er ſelbſt, nur von den Vornehmſten ſeines Gefolges und einem maͤßigen Reiterhaufen begleitet, erſchien vor dem Schloſſe, um Urlaub von der Koͤnigin Mut⸗ ter zu nehmen. Die befreundete Verſtellung⸗ kunſt aufrufend, empfing die Mailaͤnderin den Gefurchteten mit aller Anmuth, mit der ſie oftmals gegen den am freigebigſten war, den ſie am meiſten haßte; als ſie aber wahrzunehmen glaubte, des Feldherrn Weiſe ſey ſtolzer und der Ausdruck ſeiner Rede entſcheidender als ſonſt wohl, trat die Bitterkeit ihrer Seele auf ihre Lippen, und wie nun der Graf ſich an⸗ ſchickte, ſie zu verlaſſen, ſprach ſie zu ihm: Fuͤrwahr Herr Großfeldherr des Reiches, nach Eutem zahlreichen Gefolge ſollte man meinen, Ihr zoget auf Eroberungen aus, nicht um Euern Dienſt zu verſehen bei Euerm Herrn. Solch — ſtattlicher Comitat muß Euch viel Koſten ver⸗ urſacht haben, ſo viele Koſten, als gaͤlte es ei⸗ ne Krone.—— Eine ſolche gilt es auch; verſetzte Johannes trocken. Wir leben in gar beſonderer Zeit, und jeder thut wohl, zu ſehen, wo er bleibt, und deß Acht zu haben, was er treibe. Beſorgt ſchaute die Koͤnigin aus ihrem Erker hinaus auf die Ebene, wo dicht unter ihren Augen, als geſchehe es, ihr des Feindes Macht darzuſtellen, die Schaaren des Grafen Johannes ſich ſammelten— beſorgt blickte ſie ihnen nach, bis die blinkenden Speere und flat⸗ ternden Faͤhnlein am Rande des Geſichtkreiſes verſchwanden. Langſam und in kurzen Tagereiſen bewegte ſich gleich einem Triumphzuge das Geſchwader des Feldherrn vorwaͤrts auf der Straße nach Piotrkow, als wolle er ſeine Erſcheinuns bis zum entſcheidenden Augenblicke verzoͤgern; doch bald langte die Nachricht zu Krakow an, er ſey von ploͤtzlicher Unpaͤßlichkeit befallen wor⸗ den; der folgende Tag brachte den Bericht, ſein Zuſtand verſchlimmere ſich, ſo daß er, in einer Saͤnfte getragen, nur wenige Stunden Weges von einer Poſt zur andern zuruͤcklege, und end⸗ „ 3 ————— —— lich erfuhr man, er ſey genoͤthigt geweſen in dem Kloſter Sulejow an der Piliea, drei Mei⸗ len von der Stadt der Reichsverſammlung, zu verweilen und ſein Leben ſchwebe in großer Gefahr. Da begann Bona Sforza das Haupt hoͤher zu heben; in aller Stille verließen eini⸗ ge ihrer Getreuen die Hauptſtadt, um die Ver⸗ handlungen des Reichstages zu beobachten und den Faden wieder aufzunehmen, velchen ſie fallen laſſen in der Scheu vor dem, den ja nun Krankheit unſchaͤdlich mache, und von wel⸗ chem ſie vielleicht der Tod bald ganz befreien werde. Doch die Arzneiflaſchen, mit denen die Offiein des Benediktiner-Kloſters den er⸗ lauchten Erkrankten reichlich verſah, wanderten regelmaͤßig in das Waſſer des Pilicafluſſes, und waͤhrend die Herren der Partei des Ka⸗ ſtellans ſich taͤglich in dem Vorzimmer einfan⸗ den, aͤngſtlich fragend, ob das Uebel denn noch nicht weichen und man nicht aufbrechen werde nach Piotrkow, getraͤumte Entwuͤrfe auszufuh⸗ ren, waͤhrend ihre Erkundigungen von dem Arzt, von Walenty Bielawski und anderen vertrau⸗ ten Dienern mit gedaͤmpfter Stimme und be⸗ denklichem Achſelzucken verneinend und vertroͤ⸗ Hipp. Borat. 4r Lheil. 2 — 18— ſtend beantwortet wurden, befand ſich Johan⸗ nes von Tarnow, ſchon laͤngſt verborgen im Schloſſe zu Piotrkow, bemuͤht, die Krone auf dem Haupte deſſen zu befeſtigen, dem, wie man waͤhnte, er ſie zu entreißen gekommen war, und, den Frieden im koͤniglichen Hauſe und im Rei⸗ che zugleich herſtellend, die Plaͤne der Bosheit und der Herrſchgier zu vereiteln. So glich denn die Lage der Dinge in der Koͤnigsſtadt ſo ziemlich einem jener nebligen Morgen, da man ungewiß iſt, werden die auf⸗ ſteigenden Duͤnſte, den Himmel umziehend, ei⸗ nen duͤſtern regnigen Tag bereiten, oder nie⸗ derfallend die Flur mit glaͤnzenden Tropfen be⸗ decken, in denen der unverhuͤllte Sonnenſtrahl ſich abſpiegelt; und ſo wie gemeiniglich der Ei⸗ ne dieß, der Andere jenes Wetter begehrt, ſo waren auch hier die Wuͤnſche getheilt. Nicht ohne Anſtrengung, doch mit gebuͤhrendem An⸗ ſtund, wußte die verwittwete Koͤnigin das aͤu⸗ ßerlich gute Vernehmen mit der uͤbelgelaunten und argwoͤhniſchen Wojewodin von Podolien zu behaupten; es fehlte nicht an Einladungen an ſie, die durch die Einſamkeit des Schloſſes et⸗ was langwaͤhrende Zeit verkuͤrzen zu helfen, und vornehmlich ermangelte man niemals, Fraͤu⸗ lein Helenen zur Begleitung der Prinzeſſin aufzufordern, und ſie wie fruͤher ſchon mit Auszeichnung und Freundſeligkeit zu behandeln. Helena folgte dem Gebot der Koͤnigin, oder vielmehr dem Willen der Mutter, doch ge⸗ wann ſie kein Herz zur Mailaͤnderin, und nimmer konnte ſie bei den Liebkoſungen, mit denen dieſe ſie beehrte, ein baͤnglich widerſtre⸗ bendes Gefuͤhl unterdruͤcken.— So manches hatte ſie uͤberzeugt, die Verſoͤhnung beider Fuͤr⸗ ſtinnen ſey, wo nicht nur ſcheinbar, doch gewiß nicht die Wirkung milderer Geſinzungen, und nur mit Furcht und Mißbehagen mochte ſie auf ein Treiben blicken, deſſen unreine Quelle ſie wohl nicht kannte, doch ahnete. Ihr Geiſt war zu Piotrkow; dort, wußte ſie, ſollte mit dem Schickſal Barbarens auch das ihre ent⸗ ſchieden werden, und oft ſandte ſie zum Him⸗ mel ſtille Wuͤnſche füͤr den koͤniglichen Freund. Eines Tages, es war gegen die Mitte des Mai⸗ monds, befanden ſich außer den Damen der Hof⸗ haltung die wenigen hohen Beamten, welche ſich nicht entweder zur Reichsverſammlung, oder, um dem Erſcheinen daſelbſt auszuweichen, auf ihre Guͤ⸗ 2* —— ter begeben hatten, bei der Koͤnigin Mutter. Die warme Luft und die Heiterkeit des Himmels hatte die Geſellſchaft aus den innern Gemaͤchern in eine große Galerie des Erdgeſchoſſes gelockt, auf deren einer Mauer, zwiſchen den Standbil⸗ dern der Koͤnige und Prinzen des Jagielloni⸗ ſchen Regentenſtammes, erſt vor nicht gar lan⸗ ger Zeit viele Gemaͤlde italieniſcher Kunſt in zierlicher Ordnung aufgeſtellt worden waren. Auf der gegenuͤberſtehenden Seite gewaͤhrten hohe und breite Fenſter, nur durch ſchmale Saͤulen unterbrochen, eine weite Ausſicht uͤber die Flur uhd einen Theil des Stromes; nur ihre geoͤffneten Scheiben vergoͤnnten der balſa⸗ miſchen Fruͤhlingsluft, geſchwaͤngert mit den Duͤften des ſich bis an den Fuß des Schloß⸗ bergs hinanziehenden Blumengartens, den Ein⸗ zug. Das dem Eingang in die koͤniglichen Zimmer gegenuͤber ſtehende Ende des langen und ſchmalen Saales ging auf den großen Hof des Schloſſes hinaus und auf die Thuͤre, durch welche die Bewohner deſſelben die Kathedrale betraten. In dieſem Ende befand ſich in ei⸗ nem Lehnſtuhle die Koͤnigin Bona, ihr zur Seite auf einem Seſſel die mazowiſche Fuͤrſtin —— und um ſie her ſtanden oder ſaßen die Frauen und Maͤnner, unter den letzten der Großmar⸗ ſchall und der Biſchof von Kujawien. Unfern von dieſen gegen die Fenſterthuͤre gewendet, war Helene Odrowonz mit der uns nicht un⸗ bekannten Staroſtin Falezeska in einem Ge⸗ ſpraͤch begriffen, das von Seiten der bejahrten Dame mit vieler Lebhaftigkeit und wohlgeſtell⸗ ten Redensarten, von dem Fraͤulein aber mit kurzen Worten und in ziemlicher Zerſtreuung gefuͤhrt ward. Auch in dem groͤßern Kreiſe ſtockte die Unterhaltung. Nicht die Umgebung, ſchimmernd in koͤniglicher Pracht und verſchoͤnt durch Erzeugniſſe der Kunſt und des dermaligen Geſchmacks, nicht die junge rings umher freund⸗ lich hereinblickende Natur aͤußerte einige Wir⸗ kung auf Gemuͤther, die, entweder befangen von Furcht und Hoffnung, oder abgeſtorben fuͤr das, was den Reiz der Neuheit fuͤr ſie verloren, ſich ſelbſt und alles, was ſie betraf, im Auge behielten, und fuͤr die auch das Erfreulichſte keine andre als die Farbe der augenblicklichen Stimmung trug. Am Morgen des geſtrigen Tages hatte die letzte Sitzung des Reichstages Statt finden ſol⸗ len, und mit jedem Augenblick erwartete man Botſchaft von ſeinen Beſchluͤſſen. Es war den meiſten Anweſenden nicht unbekannt, daß viel⸗ leicht in einer Stunde dem Schloſſe zu Kra⸗ kow eine neue Gebieterin gegeben werden koͤn⸗ ne, und Einige von ihnen bedachten im Stil⸗ len, wie weit es wohl in Zukunft gerathen ſeyn moͤchte, der fruͤhern Wirthin dieſes Hau⸗ ſes ſeine Ergebenheit zu bewahren, da nach dem, was vorgefallen, kaum ein gutes Vernehmen zwiſchen ihr und der Gemahlin des Sohnes zu hoffen ſtand, und ſie bereiteten ſich im Stillen auf das Benehmen vor, durch welches ſie Frau Barbarens Verzeihung vormaliger Hintanſetzung gewinnen wollten; Andere bemuͤhten ſich, auf den Zügen der Koͤnigin Mutter die Nachrich⸗ ten zu leſen, die ſie unfehlbar uͤber den Stand der Sachen erhalten, noch Andere, welche der unlieblichen ſtolzen Anna von Mazowien das Nißlingen ihrer von hoͤſiſcher Scharfſicht laͤngſt aufgeſpuͤrten Entwuͤrfe von Herzen goͤnnten, waren begierig zu errathen, welche Empfin⸗ dungen jetzt wohl unter der dichten Huͤlle dieſer ſteinernen Zuͤge verborgen ſeyn muͤchten. Doch hielt die Ungewißheit des Ausganges noch Jeden in den gewohnten Schranken, ob ſie — gleich genuͤgte, eine ſonſt ſelten geſpuͤrte Unbe⸗ haglichkeit in der Verſammlung des Hofes zu verbreiten; auch war es, als ob den Fuͤrſtin⸗ nen die Stimmung der Umgebenden nicht ent⸗ ginge. Obgleich Bona Sforza ſich wie immer in ruhiger Faſſung zeigte, und auch jetzt jenes gewiſſermaßen feſtſtehende Laͤcheln herablaſſen⸗ der Milde ihr Antlitz nicht verlaſſen hatte, ſo waren die wenigen Worte, die ſie ſprach, doch kuͤrzer betont als gewoͤhnlich, und ſogar mit einiger Bitterkeit verſetzt, wenn ſie dieſelben nicht an den Großmarſchall richtete, der ſeit einiger Zeit hoͤher in ihrer Gunſt zu ſtehen ſchien, als es je der Fall geweſen: die Prin⸗ zeſſin jedoch war, wo moͤglich, noch wortkarger als man ſie immer geſehen, und ihre Augen ſandten mehr forſchende Blicke unter dem tief herabhaͤngenden Wittwenſchleier hervor. Das Geſpraͤch war ſchon einigemal ins Stocken ge⸗ rathen, und jetzt trat unwillkuͤhrlich ein druk⸗ kendes Schweigen ein, waͤhrend deß Jeder der Gegenwaͤrtigen zu horchen ſchien, ob der Huf⸗ ſchlag des Pferdes noch nicht bald auf den Pflaſterſteinen des Schloßhofes wiederſchallen werde, das den Eilboten vom Reichstage her⸗ —— fuͤhre,— da beſchloß Andreas Zebrzydowski, ſey es um der Langweile zu entgehen, welche an⸗ fing ſich in der reichverzierten Galerie nieder⸗ zulaſſen, ſey es, daß er in anderer Abſicht dem Geſpraͤch, das gewoͤhnliche Gegenſtaͤnde heut nicht beleben konnten, aufhelfen wollte, unmit⸗ telbar einen der Gegenſtaͤnde außzufuͤhren, mit dem Alle insgeheim ſich beſchaͤftigten und den Keiner zu beruͤhren Luſt bezeigte. Als ich mich zu Eurer Majeſtaͤt verfügte, begonn der Biſchof von Kujawien: iſt mir un⸗ terwegs eine Nachricht zugekommen, welche ich Euch ſowohl als den geehrten Anweſenden um ſo williger mittheile, als ſie die Beſorg⸗ niß aufhebt, welche der Geſundheitzuſtand ei⸗ nes geachteten Herrn bei uns Allen, und un⸗ fehlbar auch bei meiner Koͤnigin erregte.— Der wuͤrdige Großfeldherr der Krone iſt, wie ich vernommen, ſchon ſeit einiger Zeit bei der Verſammlung der Staͤnde eingetroffen, und hat bereits den beiden Sitzungen der vergangenen Tage beigewohnt.— Ich meine, geiſtlicher Herr von Kujawien— widerlegte ihn Petrus Kmita nach ſeiner Gewohnheit kurz und ſcharf— ich meine, Eure weltbekannte Zuneigung gegen — den Grafen zu Tarnow habe Euch ſchnell einer unverbürgten Nachricht Glauben beimeſſen laſ⸗ ſen, die denen geradezu widerſpricht, welche mir auf zuverlaͤſſigere Weiſe zu Theil worden. Nach der meinigen aber, befindet ſich derſelbe in irgend einer Zelle des Kloſters Sulijow, und es ſteht zu befuͤrchten— ſetzte er hoͤhniſch hinzu,— daß das Vaterland vielleicht in nicht gar langer Zeit den Verluſt ſeines Vaters zu betrauern haben werde.— Gleichmuthig ver⸗ ſetzte der Biſchof: Ich will keinesweges zwei⸗ feln, Herr Wojewode, daß auch bei Euch das Beſinden des Herrn Johannes eine Theilnah⸗ me erregt, welche der mindeſten gleich kommt, die ich der Ergebenheit gegen ihn, welche ich nicht verleugne, ſchuldig bin.— Doch ſcheint es, als ſey die Furcht, welche jene Botſchaft in Euch erregt, ungegruͤndet geweſen, denn die meinige ward mir von dem jungen Bielawski, einem der Sdelleute des Feldherrn mitgetheilt, und ſie iſt von andern Umſtaͤnden begleitet, die ihre Zuverlaͤſſigkeit auſſer Zweifel ſetzen.—— Und waͤre es Euch gefaͤllig, Biſchof— ließ ſich die Koͤnigin Bona vernehmen— Uns mit eini— gen dieſer Umſtaͤnde bekannt zu machen, welche 25— die wunderlich ſchnelle Geneſung Eures oft ge⸗ nannten achtbaren Freundes auszeichnen?— — Geneſung?—— wiederholte Andreas im vorigen Tone, doch einen bedeutenden Blick auf die Mailaͤnderin richtend— dieſes Wort ſcheint nicht an ſeiner Stelle zu ſeyn, wo wahrſcheinlich keine Krankheit Statt gefunden, wenigſtens keine erheblicher Art— da es nach dem Berichte des erwaͤhnten Gewaͤhrsmannes verlauten will, als ſeyen die Arzneien, die der Kloſterarzt dem Grafen Johannes verordnet, unnoͤthig und ohne Anwendung geblieben, in⸗ dem er, als ſie bereitet wurden, ſich allem An⸗ ſcheine nach nicht mehr zu Sulijow, ſondern vielmehr in der Naͤhe Eures allerdurchlauchtig⸗ ſten Sohnes befand, wahrſcheinlich eher beſchaͤf⸗ tiget, Heilmittel zu bereiten, als ſolche zu ge⸗ brauchen.— Redet deutlicher— ſprach die Koönigin mit ſteigender Aufmerkſamkeit.— Der ungeſchickte Vortrag des Salacheicen, deucht Uns beinahe, hat in Eurem redneriſchen Mun⸗ de nicht ſonderlich an Klarheit gewonnen. Wo⸗ hin deutet das raͤthſelhafte Vorgeben einer Krankheit, deſſen ihr eben ſo raͤthſelhaft er⸗ waͤhnt?— Wenn ich nicht irre, entgegnete —— der Biſchof ſtark und ſchnell— ſo deutet es auf die Abſicht des Feldherrn, vor dem Koͤnige ohne das Gefolge zu erſcheinen, mit deſſen glaͤn⸗ zendem Anblick er die guten Buͤrger von Kra⸗ kow und den Hof zu erfreuen fuͤr gut fand, und was ſpaͤter ſich begeben, deutet darauf, daß er darum, daß er allein kam, Seiner Ma⸗ jeſtaͤt nicht minder willkommen geweſen, da ſel⸗ bige ihn vor zweien Tagen durch den eignen Schwager, den Fürſten Radziwill zu einer Un⸗ terredung einladen laſſen, welche jedoch, wie man meint, nicht die erſte geweſen, die zwi⸗ ſchen ihnen in der letzten Zeit gepflogen wor⸗ den. Dem ſey nun ſo oder nicht, ſo ſind doch mehrere achtbare Herren und Staͤnde Zengen der Umarmung geweſen, mit welcher Eurer Gnaden königlicher Sohn ihn empfangen, und in welcher beide geraume Zeit, ohne zu ſpre⸗ chen, verblieben ſind, ingleichen vieler anderer Beweiſe wahrer Einigkeit und erfreulichen Ein⸗ verſtaͤndniſſes zwiſchen Herrn und Diener, wel⸗ chem Gott ſein Gedeihen ſchenke zu unſer al⸗ ler Wohl.—— Lautlos blieb die Koͤnigin; ſchon bei den erſten Worten des Praͤlaten daͤm⸗ merte der Argwohn in ihr auf, ſie ſey aber⸗ ℳ — 28— mals getaͤnſcht; das Ende der Rede und vor⸗ nehmlich der Blick und Ausdruck des Sprechen⸗ den erhoben ihn ſchnell zur Gewißheit, und die muthmaßliche Abſicht und die Wichtigkeit dieſer Taͤuſchung entgingen ihr nicht. Schnell wen⸗ dete ſie ſich ab von der Prinzeſſin von Mazv⸗ wien, deren ausdruckloſes und doch ſo bedeu⸗ tendes Laͤcheln ihr in dieſem Augenblick uner⸗ traͤglich ward, und ſchaute mit kalter Hoheit auf die Umſtehenden, als wollte ſie durch das Gewicht koniglicher Wurde das Gefuͤhl der Ge⸗ ringſchaͤtzung niederdruͤcken, dem, wie ſie wuß⸗ te, der Getaͤuſchte ſelten entgeht; doch mochte was ſie ſah, ihr wenig Troſt gewaͤhren.— Schweigend und zweifelhaft wechſelten die Um⸗ ſtehenden bebenkliche Blicke, ja die Meiſten waren um eines Schrittes Weite von der ge⸗ feierten Gebieterin zuruͤck gewichen, und ſenk⸗ ten das Haupt, als vermieden ſie ihren Augen zu begegnen; nur Petrus Kmita naͤherte ſich ihr, und wollte eine leiſe Frage an ſie richten,* die ſie jedoch, ihn abweiſend, unerwiedert ließ. Sufrieden, des beabſichtigten Eindrucks auf die Koͤnigin nicht verfehlt zu haben, deren — 29— Thun laͤngſt die ſchwache Dankbarkeit fur eigen⸗ nutzige Wohlthaten bei ihm in Haß und Ab⸗ ſchen verwandelt hatte, und erfreut, in den Gemaͤchern des Schloſſes gewiſſermaaßen der Verkuͤndiger einer, wie er ſich ſchmeichelte, beſſern Zukunft geweſen zu ſeyn, naͤherte ſich der Biſchof von Kujawien Fraͤulein Helenen, deren Geſpraͤch mit der Vertrauten Bonas von Mailand zu ihrer nicht geringen Erxleichterung durch die lebhafte Unterredung der Andern ge⸗ ſtoͤrt worden war.— Mein Fraͤulein, ſo re⸗ dete Andrens Zebrzydowski ſie an, laut genug, um von der Wojewodin verſtanden zu werden, welche ſeit einiger Zeit beſonders ihre Tochter mit vieler Wachſamkeit huͤtete— habt Ihr das gehoͤrt, was ich ſo gluͤcklich war Ihrer Maje⸗ ſtaͤt und der werthen Geſellſchaft mitzutheilen, und was gewiß Euch vornehmlich erfreuen mag, die Ihr, meine ich, als eine fromme und wohl⸗ geſinnte Jungfrau keinen Gefallen findet an Zank und Hader?—— Was kann auch Fraͤu⸗ lein Helenen es kuͤmmern— nahm an ihrer Stelle die Starvſtin das Wort,— ob der Feld⸗ herr krank ſey oder bei guter Geſundheit? der⸗ leichen bejahrte Herren ſind es nicht, die das Auge einer jungen Dame auf ſich ziehen, und der Koͤnig mag immerhin den Feldherrn umar⸗ men; waͤre dieß jedoch an ſeiner Stelle einer ſchönen Sieradierin widerfahren, ſo duͤrftet ihr mit Recht glauben, Hochwuͤrdiger Herr, daß es meiner reüzenden Freundin nicht gleichgultig ſeyn wuͤrde.—— Darauf unterbrach Helena ſie mit den Worten: Wenn Ihr alſo in meiner Seele ſprecht, Frau Staroſtin, ſo muͤſ⸗ ſet Ihr mich fuͤr ſehr anmaßend halten, daß ich mir erlaubte das zu meiſtern, was meinem Herrn zu thun gefaͤllt; die Freundſchaft aber, mit welcher er mich beehrt, ertheilt mir kein ſolches Recht.— PVortreflich! rief Frau Fal⸗ eieska mit erkͤnſtelter Lebhaftigkeit.— Es ſteht einer Jungfrau wohl an, niemals geradezu zu geſtehen, was ſie empfinden mag, ſollte auch laͤngſt alle Welt es kennen; das iſt unſte Staatskunſt, wuͤrdiger Herr von Kujawien, und was daruber hinaus iſt, uͤberlaſſen wir der Weis⸗ heit der Maͤnner.—— Es waͤre allerdings zu„ wuͤnſchen, verſetzte Zebrzydowski laͤchelnd, daß dem letztern immer in der Wahrheit ſo waͤre; auch glaube ich, daß es bei dem Wojewoden⸗ Fraͤulein ſo ſeyn mag, an welches ich eigentlich — 3 meine Rede gerichtet— Freilich— meinte Frau Falezeska etwas ſpitz— laͤßt ſich nicht erwarten, daß, wo ein ſchoͤnes Fraͤulein gegenwaͤrtig iſt, der Biſchof von Kujawien einer Andern einige Aufmerkſamkeit erweiſe.— Darauf antwortete der Biſchof immer laͤchelnd und gleichguͤltig: Leider iſt Schoͤnheit und Jugend eine Zierde, die nimmer außer Werth kommt und ſtets in der Mode bleibt, obgleich fort und fort von Andern getragen. Solches iſt nun freilich be⸗ truͤbt fuͤr uns, Frau Staroſtin, fuͤr mich und Euch und Mehrere noch, die ſolche abgelegt haben ſeit geraumer Zeit, und wo jene auftre⸗ ten, kommt das Zuruͤcktreten an uns.— Ich vermiſſe in dieſen Worten die gewohnte Zier⸗ lichkeit Eurer Reden— erwiederte Jene ziemlich ereifert, und Ihr ſcheint zu vergeſſen, daß man Frauen nie an gewiſſe Dinge erinnern ſollte.—— Warum nicht, wenn dem Scharf⸗ ſinn der Hoͤrerin, wie jetzt bei Euch, die Deu⸗ tung nicht entgeht, die in der Erinnerung an das liegt, was, wie ich ſagte, Mehreren bevor⸗ ſteht zu einer Zeit, wo Schoͤnheit und Jugend im Begriff ſtehen, die gebuͤhrende Herrſchaft wieder anzutreten?—— Meinet Ihr? ſtam⸗ melte die Staroſtin mit zornrothen Wangen, welche zeigten, ſie habe den Sinn allerdings be⸗ griffen, den Andreas in ſeine Worte gelegt hatte.— Kommt Fraͤulein, mich duͤnkt der Hochwuͤrdige Herr ſei heute nicht in der Stim⸗ mung, Damen zu unterhalten.—— Doch das Fraͤulein uͤberhoͤrte das abrufende Wort; ſie ſchaute unverwandt hinaus auf den Burghof, dann trat ſie einen Schritt zuruͤck, kehrte ſich gegen den Biſchof und deutete ſchweigend mit dem Finger nach dem gegenuͤber liegenden Portal der Domkirche. Langſam er⸗ hob ſich die Prinzeſſin von Mazowien, welche die freudige Bewegung der Lochter bemerkt hatte, von ihrem Seſſel, und naͤherte ſich mit der Frage: was es ſey, das ihre Aufmerkſam⸗ keit errege?— Wahrſcheinlich— verſetzte Bi⸗ ſchof Andreas— werden wir in einigen Augen⸗ blicken Botſchaft erhalten von dem Reichstage, denn wenn des Wojewoden⸗Fraͤuleins ſcharfer Blick und mein ſtumpferes Auge nicht truͤgen, ſo ſchreitet eben Einer uͤber den Hof, welcher den durchlauchtigſten Herrn nach Piotrkow ge⸗ leitete.— Neugierig draͤngten ſich die in der Galerie Anweſenden gegen die Fenſter, auch „— — 33— Bona verließ ihren Sitz, doch ohne Eil, und ſchaute hinab, neben ihr der Großmarſchall. Da ſahen ſie den jungen Staroſten von Sam⸗ borz, Hippolyt Boratynski und den Bartholv⸗ maͤus Sabinus, Archidiakonus zu Krakow mit raſchen Schritten auf die Kathedrale zugehen, deren Pforte vor ihnen geoͤffnet ward; ihnen folgten viele von des Koͤnigs Leuten und Kir⸗ chendiener, belaſtet mit allerlei Teppichen und Behaͤngen, die letztern von blauem Sammt mit ſilbergeſtickten Adlern— hinter dem Zuge drein ſtroͤmte eine Menge Volks durch das offene Hofthor, eilig und draͤngend, doch geraͤuſchlos, wie es bei Erwartung neuer und wichtiger Dinge zu ſeyn pflegt— doch wich das Ge⸗ draͤnge unmittelbar darauf auseinander, dem Biſchof von Krakow Raum gebend, der dem voranſchreitenden Kreuttraͤger in der Mitte ſei⸗ ner Kapitularen folgte. An der Kirchpforte ſtand Samuel Maeiejowski ſtill, und der Sta⸗ roſt naͤherte ſich ihm, ihm ein Pergamentblatt, mit dem großen Reichsſiegel verſehen, uͤberrei⸗ chend, der Biſchof empfing es, und nachdem er es durchleſen, hob er Augen und Haͤnde wie dankſagend zum Himmel empor, faltete Hipp. Borat. 4r Theil. 3 dann die Arme demuͤthig uͤber die Bruſt, und verſchwand mit ſeinem Gefolge in der Pforte, die ſich hinter den nachfolgenden Traͤgern des Geraͤthes ſchloß. Wohl eine Viertelſtunde lang dauerte eine tiefe Stille, allmaͤhlig ſtieg drauf leiſes Fliſtern empor vom innern Hofe nach der Galerie, in welcher kein Wort, kaum das Säuſeln der Athemtuge ſich hoͤren ließ, da flo⸗ gen beide Flügel der Kirchthure weit auf in ihren Angeln, und das Volk draͤngte ſich in das Gotteshaus, und aus dem oberſten Fenſter des Thurmes flatterte eine weiße Fahne. Und plotzlich erbebte das Gemaͤuer des lautloſen Saales vom Donner einer Karthaune, und noch einmal krachte das Geſchuͤtz, und aber⸗ mals und immer wieder. Angſthaft ſchrieen die Damen bei dem erſten ſchmetternden Schall auf, auch die Koͤnigin fuhr unwillkuͤhrlich zu⸗ ſammen, doch war es wohl nicht das gewaltige Getoͤn allein, das ſie erſchreckte. Auf den Schrei der Frauen folgte abermals dumpfes Schweigen, als wolle man die maͤchtigen Stim⸗ men zaͤhlen, welche den Freudenruf um die Wälle wiederholten, und in die jetzt das Ge⸗ laͤute der Glocken darein klang von der Kathe⸗ — 35— drale und den ſiebzig Kirchen der Hauptſtadt und der laute Jubel des Volkes. Allzu ſchnell war jedoch fur die erlauchte Verſammlung die Entſcheidung hereingebrochen die dieß Alles ver⸗ kndete; man bedurfte eines Augenblickes Ue⸗ berlegung, um zu erkennen, was nun zu thun ſey. Verlegenheit und Beſorgniß mahlten ſich auf allen Angeſichtern, doch der Biſchof von Kujawien trat vom Fenſter zuruͤck in die Mitte der Galerie, dem Standbilde Wladyslaws Ja⸗ giellw gegenuͤber, und rief mit lauter Stimme und freudeglaͤnzenden Augen: Te Deum lau- damus—! Erhebt eure Donnerſtimmen, ihr ehernen Schluͤnde, die ihr ſonſt nur Tod und Verderben verkuͤndet, und rufet dem Reiche den freudigen Gruß zu! Und du, ehrwuͤrdiger Fuͤrſt, Ahnherr der Jagiellonen, blicke ſegnend auf uns herab, denn heut iſt deinem Hauſe großes Heil wiederfahren, und dein Geſchlecht wird ſich verjuͤngen, daß es noch Jahrhunderte ſitze auf deinem Thron!—— Da ſprach Bona Sforza mit erſtickter Stimme zu ihm: Eure Begeiſterung reißt Euch allzu weit hin, Herr Biſchof; ſie laͤßt Euch Uns vorgreifen, die das, was geſchehen ſeyn mag, doch am naͤch⸗ 3 — 36— ſien betrifft, und Euch vergeſſen, wo ihr ſeyd.— — Wo ich bin— erwiederte Andreas feurig — iſt dieß nicht die Burg der Koͤnige? Und waͤre ich, wie ich es nicht bin, der Eintige hier, der ſich deſſen freute, was dieſe Jubeltoͤne uns berichten, wer haͤtte mehr Recht das zu preiſen, was die Rechte der Kirche beſtaͤtigt und dem Reich erſprießlich iſt, als ich, ein Prieſter und Senator?—— Da warf ſich der Mailaͤnderin ſtiller Ingrimm auf den Praͤ⸗ laten, als auf einen willkommenen Gegenſtand, und ſie ſprach hoͤhniſch: Fürwahr, es ziemet der Eifer fuͤr die Kirche dem Prieſter wohl⸗ der die Mithra erkaufte!—— Doch von Euch, Frau Koͤnigin; verſetzte Andreas— Und warum ſollte ich nicht kaufen, wo Alles feil war?*) Verſtummend blickte Bona Sforza um ſich her, und das kaum verhehlte Laͤcheln, dem ſie auf dem Antlitz der meiſten Anweſenden be⸗ gegnete,— zeigte ihr an, ihr Reich ſey vernichtet. Da trat des Koͤnigs Bote, der Starvſt von Samborz in den Saal, und naͤherte ſich der *) Eigene Worte der Koͤnigin und des Biſchofs von Kujawien. — 37— Koͤnigin Mutter. Schnell gefaßt, mit ſtrengens Blick und Ton redete ſie ihn an: Ihr habt Uns ſehr lange auf die Mittheilung har⸗ ren laſſen, Hauptmann, mit welcher ihr wahr⸗ ſcheinlich beauftragt ſeyd. Es ziemt ſich nicht, daß die koͤnigliche Mutter das, was ihrem Her⸗ zen ſo wichtig iſt, gleich dem Geringſten im Volke erfahre durch jene laute Stimmen, die der Gebrauch zu Verkuͤndigern des Erfreulichen beſtellt hat. Habt Ihr Euch demnach einer Vernachlaͤſſigung deſſen zu Schulden kommen laſſen, was Uns gebuͤhrt nach Unſerm Rang und muͤtterlicher Wuͤrde, ſo ſeyd der ſtrengſten Ahndung gewaͤrtig.— Jetzt entledigt Euch Eures Berichts.—— Hippolyt vernahm die ſtrafende Rede ohne Betroffenheit, und begann in langſamen gemeſſenem Tone, gleich als wie⸗ derhole er mit Genauigkeit Worte, die ihm vorgeſagt worden: Als der allerdurchlauchtigſte Herr Siegmund U. Auguſtus, Koͤnig von Po⸗ len und littauiſcher Großfuͤrſt, mich Hippolyt Boratynski, Staroſten zu Samborz, einen der Hauptleute ſeiner Leibwacht, der Ehre gewuͤrdi⸗ get, Ueberbringer einer freudenvollen Zeitung zu ſeyn, ſprach er alſo zu mir: Eilet nach — 38— Unſerer Stadt Krakow und berichtet dem Bi⸗ ſchof derſelben, daß es dem Himmel gefallen, Unſere Gemahlin Barbara, bis jetzt Großfuͤrſtin in Littauen, an Unſrer Seite auf den Thron Unſers Koͤnigreichs zu erheben, damit er als⸗ bald am Altare dem Geber alles Guten fuͤr ſolche Wohlthat den gebuͤhrenden Dank abſtatte, und ſofort das Noͤthige ruͤſte zur Kroͤnung Un⸗ ſrer Koͤnigin, welche nach altem Brauch in ſeiner Kathedrale Statt finden wird; ſodann werde auf das foͤrderſamſte den guten Buͤrgern Unſrer Hauptſtadt und in ihnen Unſern ge⸗ ſammten Unterthanen, auf die Weiſe wie es uͤblich, bekannt gemacht, daß die Gnade Gottes ihnen eine Mutter gegeben, die mit Seiner Huͤlfe ihnen eine gute Mutter ſeyn wird, gleich wie Wir Uns beſtreben, ihnen ein loͤblicher Vater zu ſein. Wenn aber ſolches vollbracht iſt, ſo verfuͤget Euch in geziemender Ehrfurcht zu der Wittib Unſers glorwuͤrdigen Herrn und Vaters Koͤnigs Siegmund, und uͤberbringet Ih⸗ rer Majeſtaͤt Unſern koͤniglichen Gruß, nebſt der Meldung, wie geſammter Reichsſtaͤnde Wille und Genehmigung in Frauen Barbaren, welche ſchon vorlaͤngſt Unſer durchlauchtiges und viel⸗ — 39— geliebtes Ehegemahl geweſen, die Wuͤrde und Rechte einer Koͤnigin dieſes Reiches anerkannt und beſtaͤtigt, und fuͤget die Bitte hinzu, ſol⸗ che Unſere Frau Gemahlin Majeſtaͤt aufzuneh⸗ men und zu empfangen, wie es derſelben ge⸗ buͤhret als ihrer Schnur und regierenden Koͤ⸗ nigin. Ihro beſagte Maſeſtaͤt wird demnach morgen des Tages von Janowiee in dem Schloſſe eintreffen, deſſen Schluͤſſel ihr fortan zu fuͤh⸗ ren geziemt, in Geleitſchaft des Herrn Groß⸗ feldherrn Gnaden, welchem ſolch ehrenvoller Auftrag geworden, weil es recht iſt, daß der, welcher der Republik das Gluͤck wiedergeſchenkt, auch dem Koͤnige das Seinige zufuͤhre. Hippolyt hatte geendet, doch Bona ließ einige Zeit auf ihre Antwort warten; auch die An⸗ dern, deren Befremdung durch die Weiſe, nach welcher die Botſchaft Siegmund Auguſts an ſeine Mutter abgefaßt war, wenigſtens nicht verringert worden, huͤteten ſich das Schweigen zu unterbrechen; nur Petrus Kmita, der abſeits ſtand, ließ dumpf und leiſe den Namen des Feldherrn mit Verwuͤnſchungen begleitet durch die zuſammengebiſſenen Zaͤhne ertoͤnen; immer — 40— noch rollte der Donner der Karthaunen, noch erſchollen die Glocken in der Naͤhe und Ferne, und der Volksruf: Es lebe der Koͤnig— die Koͤnigin lebe! ſchlug gegen die Fenſter der Galerie; da raffte ſich die Koͤnigin empor aus augenblicklicher Betaͤnbungz ſie faltete die Haͤn⸗ de, und mit Beſtuͤrzung vernahmen die Gegen⸗ waͤrtigen durch das laute Getoͤſe von außen folgende Worte: So wollen Wir denn den Lenker der Schickſale preiſen, der Unſern Wunſch erhoͤrt und Unſerm koͤniglichen Hauſe den lang entbehrten Frieden wieder geſchenkt hat. Von nun an iſt kein Dunkel mehr um uns, denn die Hand des Herrn hat uns eine Leuchte auf⸗ geſteckt, daß Jeder ſeinen Weg erkenne, und er ihn wandele, ohne von ihm abzuweichen rechts oder links. Alſo wollen Wir thun wie es ſein Wille iſt, bis ans Ende. Seltſam war der Eindruck, den dieſe Aus⸗ rufung auf die Zuhoͤrer hervorbrachte; gleich als ſey ein finſterer Geiſt von ihnen ausgegan⸗ gen, war aller Blicke ſcheu abgewandt, und Todtenblaͤſſe bedeckte aller Wangen: allmaͤhlig wichen ſie zuruck, als graue auch dem Fuͤhlloſe⸗ ſten vor der Laͤſterung, die er in dieſer Rede, von Bona'n von Mailand in ſolchem Augenblick ausgeſprochen, ahnte. Die Prinzeſſin vvn Ma⸗ zowien aber raunte ihr zu— Eure Gnaden haben das Amen vergeſſen in Ihrem frommen Gebet; ſo verſpart Ihr es wohl bis ans Ende2 Die Koͤnigin ſchaute ſie mit geiſterartigem Blick an, und ſprach leiſe wie Jene und hohl als kaͤme das Wort aus dem Grabe: Amen!— Da faßte Schauder auch Annens eherne Bruſt; mit einer namenloſen Empfindung entzog ſie ihre Hand Bona's eiskalter Rechte, und das Entſetzen uͤbermannte ſie auf die Dauer eines Augenblicks. Doch nur voruͤbergehend wirkte die letzte Mahnung ihres Schutzgeiſtes. Als der Biſchof von Kujawien ernſt und warnend zu ihr trat und ſprach: Noch ein Wort nur vergoͤnnt dem, der Euch zugethan war vor lan⸗ ger Zeit ſchon. Laſſet es nun genug ſeyn. Ihr ſehet, der Himmel hat geſprochen; muͤget Ihr ihm widerſtreben? Und ſo Ihr es wolttet, ahnet Ihr nicht, wohin der Weg Euch fuͤhrt, den Ihr begonnen? ſo ſchaute ſie ihn an mit verwundertem fragenden Blick, und ertheilte dem Bekuͤmmerten keine Antwott. 9 — Schon waͤhrend des eben Berichteten hatte ein fluͤchtiger Wink, ein ſchnelles Wort des jungen Staroſten von Samborz Helenens Hoff⸗ nung beſtaͤtigt, daß das Ereigniß zu Piotrkow ebenfalls auf ihr Verhaͤltniß einen guͤnſtigen Einfluß haben werde. Noch an demſelben Abend fand der junge Rittersmann Gelegenheit, der Geliebten die Entwuͤrfe ihres erhabenen Freundes mitzutheilen, und wer mas es ihr verargen, wenn in der Erwartung, daß nun die ſo lange und ſo treu bewahrten Wuͤnſche erreicht werden wuͤrden, das Fraͤulein die Wolken uͤber⸗ ſah, welche ſich uͤber ihrem Haupte zuſammen⸗ zogen, und daß es meinte, des Koͤnigs ausge⸗ zeichnete Großmuth werde ſelbſt der Mutter ſtarren Sinn erweichen. Am Nachmittag des folgenden Tages langte Siegmund Auguſt an, und begab ſich, nachdem er ſich auf einen Au⸗ genblick der verwittweten Koͤniginn gezeigt⸗ als⸗ bald zu der ihm ſo werthen Blutsfreundin, ſie zu erfreuen und mittheilend ihre eigne Freude zu erhoͤhen, und waͤhrend er mit großer Leb⸗ haftigkeit der freundlich aufhorchenden Helene eine weite Ausſicht von Gluͤck und Zufrieden⸗ heit aufthat, trat in derſelben Abſicht der Ka⸗ ſtellan von Belzk, aus Rußland eintreffend, in das Zimmer ſeines Bruders.— Endlich iſt es ſo weit gekommen Hippolyt, begann der ehrenwerthe Petrus— daß ich nun ein wenig ſtill ſtehen mag, und zuruͤckſchauen auf den Weg, den ich zuruͤckgelegt. Der Anfang war freilich etwas ſchwer, doch das Ende lobt Gott. Auch jetzt noch zeigten ſich meine Herren und Bruͤder in den Landen von Halicz und Braclaw ein wenig ſtorriſch, und manches Mutterfaß aus unſers Vaters Keller, Hippolyt, hat es gekv⸗ ſtet, ehe ſie ſich drein ergaben, die Verſamm⸗ lung in Piotrkow walten zu laſſen, wie es ihr gut duͤnkte; doch nun iſt es uͤberſtanden, das Recht hat geſiegt, und die Schlange der Zwie⸗ tracht liegt machtlos zu ſeinen Fuͤßen.—— Wohl darfſt Du Dich des Gethanen freuen, theurer Herr Bruder,— entgegnete ihm der Herr von Samborz— und fortan Deinen Lohn finden in dem eignen Bewußtſeyn und der An⸗ erkennung des Verdienſtes, waͤhrend ich Dir nur von Weitem folgend auf Deiner ruͤhmlichen Bahn, nicht dem Verdienſte, dem Gluͤcke allein den Preis verdanke, den der Koͤnig nicht mei⸗ — 14— netwillen gewaͤhrt, ſondern darum, daß ich Dein Bruder bin und des Fraͤuleins vog Podolien Verlobter.—— Ei, wolle das Glück nicht gering achten,— unterbrach ihn heiter der Kaſtellan— denn wo es mangelt, pflegt das Verdienſt wenig auszurichten.— Auch ich, fuhr er ernſter ſort— habe dem Himmel Vie⸗ les zu danken, und wenn er ſein Gedeihen ver⸗ ſagte, ſo konnte es wohl kommen, daß der Pe⸗ trus Boratynski, den Siegmund Auguſt ſeinen Freund nennt, und die Mitbuͤrger einen wackern Edelmann, von dem Einen ein Empoͤrer oder von den Andern ein Bundbruͤchiger an dem gro⸗ ßen Verein der Republik geſcholten worden, und ſtatt mit Ehre und Freude, mit Schmach und Vorwurf belaſtet in ſeine Einſamkeit zuruckge⸗ kehrt waͤre— denn, Bruder, es war ein miß⸗ liches Amt, was ich übernommen wider des eig⸗ nen Herzens Stimme, und die Hinterliſt der Feinde übermaͤchtig. Nicht mir mag das Va⸗ terland danken, denn nimmer waͤre es ſo ge⸗ rommen ohne des Feldherrn Thun, das ich ver⸗ wegen nennen moöchte, waͤre er es nicht, der ſich Solches vermeſſen— dem Mann aber, dem rechten Maune, wie Ivhannes einer iſt in in⸗ — 1— nerer und aͤußerer Kraft, ſtehet es an, auch das Unbegreifliche zu wollen. So ſiehe er denn noch lange am Thron ein Waͤchter gegen nahe Feinde und entfernte, ich aber ſcheide, denn mein Handeln iſt geendet; wohl mir, wenn nicht zu Unglimpf und Schaden.—— Du gedenkſt uns zu verlaſſen, Bruder? Du willſt nicht Zeuge des Guten ſeyn, zu dem Du ſo thaͤtig gewirkt?—— Der Friede und die Einigkeit ſind zuruͤckgekehrt in das Haus des Koͤnigs; nun iſt es wohl Zeit, nach dem eig⸗ nen zu ſehen— doch will ich noch ein ande⸗ res errichten helfen, das Deine, Bruder, wel⸗ ches wohl gar ein ſtattlicher Palaſt werden duͤrfte, wie Siegmund Auguſtus meint; dann ziehe ich ein in die alte Vaͤterburg zu Bora⸗ tyn, und berichte an langen Winterabenden mei⸗ ner Hausfrau, was ſich begeben in der Welt, und wiege meine Knaben auf dem Knie, und lehre ſie die Mutter werth halten, wenn ſie einſt Wittib ſeyn wird, denn— leider ſind nicht alle Muͤtter, wie Frau Barbara Bora⸗ tynska.—— Indem die Bruͤder ſo ſpra⸗ chen, verkuͤndete der Zulauf des Volks, der laute Jubel der Menge und bald darauf das — 46— Raſſeln der Wagen der neuen Koͤnigin Ankunft, und ſie eilten in den großen Verſammlungſaal, wo der Hof ihrer wartete. Die Zuſammen⸗ kunft beider Monarchinnen, welche ſich fruͤher nicht geſehen, als bei jenem füuͤrmiſchen Auf⸗ tritt zu Lobzow, trug das Gepraͤge ſteifer Feier⸗ lichkeit. Sief gehuͤllt in die entſtellende Tracht fuͤrſtlicher Wittwen der damaligen Zeit, von der ſich Bona von Mailand ſonſt gewoͤhnlich eine gefaͤlligere Abaͤnderung erlaubte, ging ſie mit gezaͤhlten Schritten bis in die Nitte des Gemachs der Schwiegertochter entgegen, die an der Hand ihres Gemahls eintrat in allem Schmuck ihres Ranges und ihrer Schoͤnheit. Mit einer von der Hofſitte vorgeſchriebenen ſchweigenden Verbeugung begleitete ſie die kur⸗ zen kalten Worte, in denen Siegmund der Zweite ſie als Tochter und Koͤnigin ſeiner Mutter vorſtellte, deren Erwiederung ſich un⸗ vernehmlich unter der Kinnbinde verlor, welche ihr Antlitz beinahe zur Haͤlfte verbarg. Nur funf Lehnſeſſel befanden ſich im Saale, auf drei derſelben nahmen die Koͤniginnen von Polen und Ungarn Platz, auf den beiden Andern Sieg⸗ mund Auguſt und der kleine Ungarn⸗Koͤnig, Janus die Waiſe, der trotz der Unbefangenheit des Knabenſinnes das Druͤckende des Vorganges fuͤhlend, truͤbſelig und mit geſenktem Haupte da ſaß, und verlegen mit den Schleifen ſeiner Knieguͤrtel ſpielte; rings um die gekroͤnten Haͤupter ſtanden die Prinzeſſinnen, zur Erde blickend, und im Vorgrunde der Hof. Mit ungewiſſer, beklommener Stimme ſprach, der ſchweigenden Mutter Stelle vertretend, Iſabella von Ungarn einige Worte, wie man ſie bei ſolcher Gelegenheit an eine von der Reiſe Ge⸗ kommene richtet, und kaum hatte Barbara ſie in derſelben Art erwiedert, ſo erhob ſich die Koͤnigin Mutter und verließ, nach einer aber⸗ maligen Verneigung gegen das köͤnigliche Paar und einigen ſo undeutlich als vorher geſproche⸗ nen Worten, den Saal. Da ſchien es, als ſey der feindſelige Zauber geloͤſt; die Koͤnigin Iſa⸗ bella erwiederte mit Waͤrme Barbarens Um⸗ armung, und wuͤnſchte ihr leiſe, doch innig Gluck zum Eintritt in das Haus, das ſie als Mo⸗ narchin heut zum erſten Male betrat. Als dieſe aber nun die andern Schwaͤgerinnen mit dem Schweſtergruſſe begruͤßen wollte, beugten ſich die Infantinnen foͤrmlich, und ſo tief, als es das N ungelenke Hofkleid erlaubte, auf ihre Hand herab, und entfernten ſich ſodann nicht ohne einen herzerleichternden Seufter, als ſeyen ſie froh, die Erfullung einer unangenehmen Pflicht uͤberſtanden zu haben. Lächelnd in mitleidigem Spotte blickte Siegmund Auguſt den Hinweg⸗ eilenden nach, dann ergriff er Barbarens Hand, und, Iſabellen freundlich und zutraulich zur Begleitung auffordernd, fuͤhrte er ſeine Ge⸗ mahlin ſchnell hinweg, um ſich in den innern Gemaͤchern von dem Zwange zu erholen, den Etikette und die nothwendige Unterdruͤckung manch bittern Gefuͤhls ihnen im Audienzſaale auferlegt hatte. Es war ſchon Abend geworden, als Hippo⸗ lyt Boratynski das Vorgemach verließ, in wel⸗ chem der Dienſt ihn feſtgehalten. Es draͤngte ihn die Einſamkeit zu ſuchen, um ſich mit dem Bilde der frohen Zukunft zu befreunden, die ſeiner wartete, und auf den Flgeln der Phan⸗ taſie hinauszuſchweifen in die weite goldne Aue, welche vor ihm lag. Die Fürſtin Wojewodin ſchien von dem alten Widerſtand abgelaſſen zu haben, und ſie hatte, wie er vernommen, dem Koͤnig, der im Laufe dieſes Tages ihr ſeinen — 49— Willen die Tochter betteffend ziemlich unver⸗ holen erklaͤrt hatte, wohl nicht alle die Dank⸗ barkeit, die ſeine Sorgfalt verdiente, erwieſen, doch ſeine dringenden Vorſtellungen auf eine Weiſe erwiedert, welche auf den Entſchluß deu⸗ tete, ſich in die Abſichten des Gebieters zu fuͤgen. Was konnte nun wohl der Verordnung des Levn Odrowonz, was des Verlobten Gluͤck entgegen ſtehen? Erx irrte, in ſo erfreuliches Sinnen verſunken, in den Straßen der Haupt⸗ ſtadt umher: noch erſchallte aus allen Haͤu⸗ ſern die Freude des Tages; waͤhrend die ehren⸗ feſten Rathmaͤnner der Hauptſtadt mit ihren wohlgeſchmuͤckten Hausfrauen und ſittigen Soch⸗ tern, am wohlbeſetzten Liſche ſitzend, auf der neuen Koͤnigin Wohl tranken und nebenbei auch der Kroͤnung und der Maſeſtaͤthandlung*) er⸗ waͤhnten und der Huldigung des Herzogs von Preußen und der Herzoge von Pommern auf Lauenburg und Buͤtow, welche auf denſelben Tag anberaumt war, und ſie mit ſelbſtgefaͤlliger *) Nach der Kroͤnung eines Koͤnigs oder einer Koͤnigin ward auf dem Marktplatz zu Krakow ein Thron aufgeſchlagen zum Empfang der Huldigung. Hipp. Borat. 4r Theil. 4 Wichtigkeit die Plaͤtze und Verrichtungen be⸗ zeichneten, die bei ſolchen Feierlichkeiten jedem der Magiſtratsperſonen gebuͤhre, drehten ſich die geringern Buͤrger und Kriegsleute auf den Tanzſaͤlen in bunten Kreiſen, und ſelbſt aus den niedrigen Huͤtten der Vorſtadt erklangen luſtig Dudelſack und Strohfiedel. Der Froͤh⸗ lichkeit mag lautes Getoſe behagen⸗ die Gluͤck⸗ ſeligkeit, zn der immer ſich eine fromme Em⸗ pfindung geſellt⸗ ſucht die Stille. So trugen denn Hippolyts Schritte ihn unwillkührlich in das Feld, und er ſchaute in den mondbeglaͤnzten Strom, auf deſſen ſilbernen Wellen ihm ein geliebtes Bild zu ſchweben ſchien, und in die ſtill dahin wandelnden Sterne, deren Strahlen ſich ihm zu einer geheimnißvollen Schrift fro⸗ her Weiſſagung verſchlangen. Einige Zeit war er ſo am Ufer der Weichſel dahin gewandelt, da ſah er den jungen Edelmann des Kaſtellans von Krakow, den Walenty Bielawski, auf ſich zukommen. Von allen Stoͤrungen, die jetzt ſeinen Gedankenlauf unterbrechen konnten, war ihm die Gegenwart des wackern Burſchen am wenigſten laͤſtig. Er war der Geſpiele ſeiner Findheit geweſen, und der Genoſſe der Ue⸗ bungen ſeines Knabenalters; die patriarchaliſche Sitte, die auf den Landſitzen vornehmer Polen herrſchte, zog keine ſcharfbezeichnete Graͤnze zwiſchen dem Sohne des Herrn und dem adli⸗ chen Hausgenoſſen; ihr Verhaͤltniß war gewiſ⸗ ſermaßen das zweier Bruder, von denen der eine mehr, der andere weniger vom Gluͤck be⸗ guͤnſtigt war, und man achtete im letztern die Anſpruͤche, die, wenn ſie Verdienſt oder guͤn⸗ ſtige Ereigniſſe unterſtuͤtzten, ihn gar bald zum gleichen Standpunkt mit dem erheben konnten, den er jetzt als Haͤuptling erkannte. Ueber⸗ dem wußte er wohl, auch Walenty ſey in Liebe befangen, und das Geſchick deſſelben ſtehe wie das ſeinige in Verbindung zu dem groͤßern Ereigniß von heute, und er muthmaßte, eine aͤhnliche Stimmung habe ihn an dieſe Stelle gefuͤhrt. Alſo rief er ihn an, und beide Juͤng⸗ linge fuhren fort zu lußwandeln, ihre Wuͤnſche und Erwartungen gegenſeitig austauſchend. Waͤh⸗ rend des Staroſten Hoffnung ſtolz und moͤchtig dahin ſegelte, dem gewaltigen Meerſchiffe gleich, mit geſchwellten Segeln und flatternden Wim⸗ peln, verſuchte der junge Szlacheie ſeinen be⸗ ſcheidenen Nachen dem praͤchtigen Gebaͤn anzu⸗ 4* ketten; waͤhrend ſich Hippolyt glucklich pries in dem Beſitz eines Fraͤuleins, vor vielen An⸗ dern ausgezeichnet an Reizen, Gemuͤth, und koͤniglicher Verwandtſchaſt, ſich einen beneidens⸗ werthen Pflegling des Gluͤckes nannte, meinte Walenty, Toſia, des Gaſtwirths zu Jwanowiee Tochter ſey zwar nicht Hochgeboren, doch der huͤbſcheßten und ſittigſten Dirnen eine auf zehn Meilen im Umkreiſe, und es ſtehe zu hoffen⸗ daß die Gunſt, welche die durchlauchtigſte Frau ihr geſchenkt, den alten Stephan Bielawöki bewegen werde, uͤber die geringe Herkunft ein Auge zuzudruͤcken. Rit gleicher Gefaͤlligkeit und Cheilnahme hoͤrte der Eine den Andern an, gleichſam dankbar gebend und nehmend. Der Eifer des Geſpraͤchs und die Beſchaͤfti⸗ gung ihrer Gedanken mit den abnehmenden Ge⸗ genſtäͤnden deſſelben hatte ſie unbeachtet einen geldweg einſchlagen laſſen, der allmaͤhlig von dem Strome abwaͤrts fuͤhrte, und als ſie ſtill⸗ ſtehend um ſich blickten, ſahen ſie ſich nicht mehr am gruͤnen Ufer der Weichſel, ſondern auf einer duͤrren ſandigen Flaͤche, die nur hier und da mit magerem Haidekraut und nackenden Diſteln beſetzt war, und ſich bis zu einem Ge⸗ — hege von Nadelholz; ausdehnte.— Wo ſind wir doch hingerathen, werther Herr Staroſt? rief Bielawski lachend; man ſollte doch nicht meinen, daß die Liebe, ob ſchon blind, wie wir eben erfahren, eine ſo ſchlimme Fuͤhrerin ſeyn koͤnne, denn wenn mich nicht alles trugt, ſind wir auf der verrufenen Haide des 3ten Lech, wo dieſer, wie man ſagt, den Bruder er⸗ ſchlug, und jenes traurige Gehoͤlz vor uns iſt der Juden Leichenacker.— Wehrlich, entgeg⸗ uete Hippolyt, das iſt ein haͤßlicher Ort, und dieß raſchelnde Geſtripp und die baͤrtigen Di⸗ ſteln eignen ſich wenig, in die friſchen Kraͤnze geflochten zu werden, die unſte Einbildung eben wand. Laß uns umkehren, und den Rück⸗ weg nach der Stadt antreten.—— Antreten wollen wir ihn wohl, wenn wir ihn erſt gefun⸗ den haben; aber der Pfad, der uns hierher ge⸗ fuhrt, hat ſich im Sande verlaufen, und es iſt ſchon zu dunkel, um die Thurme der Haupt⸗ ſtadt zu erkennen, da der Mond mit Wolken bedeckt iſt. Waͤhrend ſie noch ſo ſtanden und ſich bemuͤhten, aus dem Stand der Geſtirne und den andern wenigen Merkzeichen, welche die nackte Flaͤche ihnen darbot, die Richtung zu erkennen, welche ſie nehmen muͤßten, hoͤr⸗ ten ſie etwas wie ſchwere unbeholſene Mannes⸗ ſchritte im Sande heranſchleichen, und ein Huͤſteln und Keuchen, als trage der Nahende eine gewichtige Laſt. Sie erkannten bald beim ungewiſſen Sternenlicht eine derbe ruͤſtige Manns⸗ geſtalt, die, ein Kaͤſtlein unter dem Arme tra⸗ gend, bald uͤber die Buͤſchel Haidekraut, die den Boden bedeckte, ßtolperte, bald auf dem nach⸗ gebenden Sande ausglitt, und Worte des Miß⸗ behagens in ſich hinein murmelte. Hippolyt Boratynski war im Begriff den ſpaͤten Wan⸗ derer, der aus der Stadt zu kommen ſchien, um den Weg nach derſelben zu befragen, da beruͤhrte ſein Gefaͤhrte leiſe ſeinen Arm, legte den Finger auf die Lippen und zog ihn gemach⸗ ſam mit ſich hinter einen verkuͤmmerten Kieſer⸗ buſch, der einſam auf der oͤden Ebene ſtand. Obſchon etwas verwundert, folgte der Staroſt dem Bielawski, als er einen gewiſſen Ernſt in ſeinen Zuͤgen bemerkte, und ſie ließen den drit⸗ ten Mann voruͤbergehen, ohne von ihm bemerkt zu werden. Als dieſer ſich nun, immerſort keuchend und murmelnd, eine Strecke entfernt hatte, ſprach der Towarzyß mit gedaͤmpfter — Stimme: Ich kenne den, der da ſchleicht, Herr, und lieber mag ich dem Ceufel begeg⸗ nen, als ihm, und einen Irrwiſch um den Weg fragen, als dieſen heimtuͤckiſchen, nichtsnuͤtzigen Burſchen.—— Ich weiß nicht— verſetzte Hippolyt nach einigem Beſinnen: auch mir iſt es, als ſey ich dieſer plumpen Geſtalt mehr als einmal begegnet und nicht auf ergoͤtzliche Weiſe.—— Das will ich meinen— lautete die Gegenrede des Bielawski—, ich kann mich eines andern gleichfalls nicht ruͤhmen; im Ge⸗ gentheil gemahnt es mich, als ſchreite, wo er ſich zeigt, dem Kerl das Boͤſe nach, wie die Flamme der finſtern ſtinkenden Rauchwolke folgt.—— und wer iſt er,— und welches ſein Gewerbe?—— Er nennt ſich einen Bae⸗ ealaureum der ſchoͤnen Wiſſenſchaften, doch ſcheint er mit dem Haͤßlichen vertrauter als mit dem Schoͤnen, denn ſein Gewerbe— nun er iſt einer von jenen wandernden Strauchdie⸗ ben, die fuͤr Geld und gute Worte zu jedem Dienſt bereit ſind, nur zu keinem ehrlichen.— Kurz ſo ein Diener, wie Mancher ihn leider begehrt und bedarf in dieſer ſchlimmen Zeit— doch hat er niemals lange ausgehalten bei einem Herrn; erſt war er im Dienſt des Kmi⸗ ta, dann hatte er ſich, ich weiß nicht wie, bei Eurem erlauchten Bruder eingedraͤngt, welcher ihm aber ſeinen Lohn fuͤr boͤſe Dienſte in voll⸗ wichtigen Peitſchenhieben verabreichen ließ, und jetzt ſteht er, glaub' ich, im Solde der Koͤnigin Mutter, oder Eines aus ihrem Gefolge— doch ſag' ich Euch, wo er iſt, iſt auch nichts Gutes, und ich wollte zehn gegen eins verwetten, auch ſein jetziger Gang iſt der Gang eines Spitzbu⸗ ben.—— Wenn dem ſo iſt, meinte der Herr von Samborz— ſo verlohnte es wohl die Muͤhe nachzuſehen, was er treibt, denn wenn die Rauchwolke dem Feuer vorhergeht, mag man dagegen wohl an ihr den Ort erkennen, an dem vielleicht das letzte glimmt.—— Wie Ihr denket, hochwohlgeborner Herr— ver⸗ ſetzte der Edelmann—; ſind wir doch bewaffnet und koͤnnen es verſuchen, ob mir ſchon dieſer Drt nicht gefaͤllt, und noch weniger die Geſell⸗ ſchaft, die wir daſelbſt gefunden.— So machten ſie ſich auf den Weg, dem langſam Gehenden ſeitwaͤrts zwiſchen den Kie⸗ ferſtraͤuchen folgend, die nach den Grabſtaͤtten — —————— — 55 der Iſraeliten zu, immer dichter wurden, und ſie waren ihm ganz nahe, als er an die Thuͤr eines niedrigen verfallnen Haͤuschens klopfte, welches ſie fruͤher nicht bemerkt hatten. Ur⸗ ploͤtzlich vernahmen ſie ein heiſeres Kraͤchten, gleich dem Geſang eines alten Weibes, doch auf einen ungeduldigen Ausruf des Draußen⸗ ſtehenden verſtummte es wieder und das Thuͤr⸗ lein ward aufgethan. Schnell und ohne Ge⸗ raͤuſch ſich gegen ein Fenſter der Huͤtte draͤn⸗ gend, ſahen die jungen Maͤnner den Eingetre⸗ tenen mit einer befahrten ungeſtalten Frau an einem Liſche, von welchem die darauf ſte⸗ hende Lampe ein grelles Licht auf die widri⸗ gen Geſichtszuͤge Beider warf. Als der Sta⸗ roſt die Augen auf das Weib warf, fuhr er vlotzlich zuruͤck, als ergreife ihn Entſetzen; er faßte ſich indeß ſogleich wieder, und fuhr fort, Acht auf das zu haben, was drinnen vorging. Der Beſucher ſetzte das Kaͤſichen, was er ge⸗ bracht hatte, nieder, und ſeine Schwere und der Klang, den es von ſich gab, verriethen den Inhalt. Darauf wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirn und ſprach: Hier, Baſe, iſt Euer Lohn im Voraus, damit Ihr dort nichts — begehret, wo Euch ſolches verboten iſt, das ausgenommen, was Ihr wißt, wie man mir geſagt hat, denn ich weiß es nicht.—— 1 Schon gut, ſchon gut, Sohnlein— mur⸗ 1 melte die Alte—, auch iſt es nicht vonnoͤthen, daß du Alles wiſſeſt.— Waͤhrend ſie nun mit habſichtiger Gier das unterſuchte, was ihr uͤber⸗ geben worden, fuhr der Ueberbringer fort:— Ihr kennet den Tag und den Ort, und Ihr mochtet ſein puͤnktlich ſeyn, und Alles verrich⸗ ten wie es Euch angezeigt, ſoll ich Euch ſagen. — Da unterbrach ihn Jene: Du haſt ſchon genug geſagt, Vetter Waelaw, und mehr als zu viel, wie es Dein Brauch iſt, den ich nicht 1 leiden mag. Auch die Einſamkeit hat Ohren, 4 ſage ich Dir. Aber— ſetzte ſie zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu— habe ich doch den Laden nicht geſchloſſen nach den Graͤbern zu, und auch nicht einmal ein todter Jude ſoll wiſſen von dem Scherflein der armen Wittib— damit ging ſie ſo ſchnell nach dem Fenſter zu, von welchem aus Boratynski und Walenty ihr raͤth⸗ ſelhaftes Treiben beobachteten, daß ſie kaum Zeit gewannen, ſich ſeitwaͤrts an die Mauer druckend, ihren Augen zu entziehen. Waͤhrend —— —— — 539— dem ſie beſchaͤftigt war, die uͤbelbeſchaffene Vorrichtung in Gang zu bringen, horten Jene den Andern drinnen mit rohem Gelaͤchter, doch bedeutſam wiederholen: Ja, von einer Wittib mag das Scherflein wohl kommen, aber fuͤr⸗ wahr nicht von einer armen.—— Indem ſiel der Fenſterladen vor die Heffnung, und entzog den Augen der Schauer das Innere der Huͤtte, aus der fortan nur unvernehmliches Murmeln, untermiſcht mit einem Geklimper wie von getaͤhltem Gelde, hervordrang. Nun, Herr, hab' ich nicht Recht gehabt ſprach Bielawoki, als ſie ſich ein wenig entfernt hatten, zum Staroſten: und gleicht dieſe ſau⸗ bere Winkelzuſammenkunft nicht dem Stelldich⸗ ein eines Spitzbuben und ſeiner Hehlerin, wie ich meines Vaters Sohn?—— Du moͤchteſt nicht unrecht haben, wenn du ſagteſt, ſie glei⸗ che noch Schlimmerem— antwortete Hippolyt nachdenklich.—— Da fliſterte der Towarzyſs ihm zu: Was meinet Ihr, Herr, ſprengen wir mit einem tuͤchtigen Fußtritt die morſche chuͤr des Diebsneſtes? Mich hat ſchon vſt geluͤſet, hinter das Treiben des Buben zu 65— kommen und ihm das Handwerk zu legen auf einmal, oder wenigſtens mir wieder eine Be⸗ wegung auf ſeinem Ruͤcken zu machen, wie es mir ſchon eher begegnet iſt.—— Rit nich⸗ ten, verſetzte der Herr von Samborz— Du ſagſt, er gehoͤre gewiſſermaßen zum Geſinde Frau Bona's, und es iſt des Koͤnigs Wille allen Hader zu vermeiden, welches er weislich anbefohlen; denn wo vieler Zunder iſt, faͤngt auch der kleinſte Funke. Auch ziemet es mir nicht, mit ſolch nichtswuͤrdigem Knecht mich zu befaſſen, doch reuet mich der Gang nicht, den ich gethan, und er kann Nutzen bringen in der Zukunft, denn ich will es Dir geſtehen, das Antlitz der Hexe iſt mir nicht fremd; auch iſt mir der, den ſie ihren Vetter nennt, wie ich mich jetzt deutlich erinnere, ſchon aufge⸗ ſtoßen in boͤſer unheildrohender Stunde, und auch damals ſchien die Alte einverſtanden mit ihm. So laß uns denn nicht vergeſſen, was der Zufall uns zu hoͤren und zu ſehen ver⸗ goͤnnt, vielleicht kommt eine Zeit, wo es uns dazu dient, das zu enthuͤllen, was, wie ich glaube, mehr bedeutet, als ein gewoͤhnliches Gaunerſtuͤckchen. 5 3. Nicht allzu entfernt von der Hütte der alten Urſula, die wir eben verließen, doch an einer anmuthigen Stelle und dicht an dem jungen Strom, der hier raſch die noch ungetrübten Fluthen durch enge ſteile Ufer draͤngt, ſah man zu damaliger Zeit ein Landhaus von nicht großem Umfang, aber palaſtartig in italieniſchem Style erbaut, welches der Hof und die feine Welt Villa di Miano, die Landleute aber der Koͤnigin Garten nannten. Schattige Laubgaͤnge von fremdlaͤndiſchen und einheimiſchen Baͤumen und Stauden gebildet, umgaben es in weitem Umkreiſe und zogen ſich, erfriſchende Kuͤhle und ſuͤße Dufte verbreitend, bis dicht an den Portikus, der das Erdgeſchoß der Seitenflügel ſchmuͤckte; hin und wieder glaͤnzte der weiße Marmor einer Bildſaͤule durch das dunkle Gruͤn der Gebuͤſche, und plaͤtſchernde Springbrunnen und ſanft murmelnde kuͤnſtlichgeleitete Kaska⸗ den begleiteten mit ihrem eintönigen Geraͤuſch die Stimmen unzaͤhliger Sangvoͤgel, die den duftigen waſſerreichen Luſthain zu ihrem Lieb⸗ lingaufenthalt erkoren hatten. In einem mehr geſchmackvoll als praͤchtiggezierten Gemach dieſes Hauſes, in dem, welches am weiteſten von der Stadt entlegen war, ſaß die Königin Bona an der offenen Fenſterthuͤre des Saͤulen⸗ ganges, aus dem man in den Garten trat. In fruͤhern Zeiten, ſo fliſterte die Laſterchronik des Hofes, hatte die Mailaͤnderin nicht ſelten in dieſer lieblichen Einoͤde Vergnugen geſucht und gefunden, welche ſie an der Seite des greiſen Gemahls entbehrte, und man behauptete, noch vor nicht gar lange den Kronhofmarſchall, wie fruͤher Andere, oft im Schatten dieſer Baͤume bemerkt zu haben, gehuͤllt in einen weiten Mantel, ſchnell aber vorſichtig dahin ſchlupfend. Manches uͤberdem, erzaͤhlte man ſich, ſey ge⸗ ſponnen worden in der Villa di Milano, was ſpaͤter in dem Schloſſe zu Krakow oder auf den Verſammlungen der Staͤnde unerwartet an das Licht der Sonne getreten war, und nicht Amor und Komus allein, auch die zwei⸗ deutige laͤchelnde Laverna habe ihren Wohnſitz in dieſen zierlichen Gemaͤchern, unter dieſen maleriſchen Baumgruppen aufgeſchlagen. Nun war ſie dahin, die Zeit der Luſt und der Liebe, die heitern Goͤtter waren entflohen, und hatten den Platz der Letzten uͤberlaſſen, und ihrem — 63— Gefolge, der finſtern Sorge, der Selbſttaͤu⸗ ſchung und auch wohl der Reue, die, obwohl nur ſelten, doch deſto erſchreckender in die Saͤle der Maͤchtigen tritt. Stumm und unſichtbar umringten dieſe Geiſter jetzt die Koͤnigin; em⸗ pſindunglos blickte ſie in die gruͤne Wildniß, ihr Ohr vernahm nicht das Saͤuſeln der Wip⸗ ſel, das Rauſchen der Gewaͤſſer und der Wald⸗ bewohner Geſang, es horchte widerwillig, aber unaufhoͤrlich dem Krachen des Geſchuͤtzes, das dumpf in abgemeſſenen Pauſen aus tiefer Ferne heruͤbertonte, und dem unterweilen vvm Wind⸗ ſtrich verwehten Gelaͤute der Glocken; denn es war heute der Tag, an dem die widerwillige Hand des Primas Dzierzgowski Barbaren Rad⸗ ziwill die Krone der Koͤniginnen aufſetzte, und vielleicht eben ſo widerwillig das Knie der Her⸗ zoge von Pommern und Preußen und des Chur⸗ prinzen von Brandenburg, der als des letztern Agnat die Lehnsfahne beruͤhrte, ſich vor Sieg⸗ mund Auguſt dem Oberherrn beugte. Eine vorgeſchutzte Unpaͤßlichkeit, welche man ohne Einwurf gelten ließ, entſchuldigte das Nicht⸗ erſcheinen der Wittwe Siegmunds des Alten bei der Feierlichkeit, die dem Triumph der ver⸗ — haßten Schwiegertochter geweiht war, und mit fruͤhem Morgen war ſie dem Getoͤſe entflohen, dem ſie nun doch im Widerſpruch mit ſich ſelbſt mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchte. Von Zeit zu Zeit offnete die Staroſtin Falezes⸗ ka leiſe die Thuͤr, und ſchlich heran mit eben ſo unhoͤrbaren Schritten, um nachzuſehen wie es mit der Gebieterin ſtehe, deren gewohnte Ruhe heut ungewoͤhnlich erſchuͤttert ſchien, und die uͤberhaupt manchmal vor der Vertrauten den Schleier luͤftete, welcher dem Auge Ande⸗ rer ihre geheime Empfindung verbarg.— Schon mehrere Male war die Staroſtin auf dieſe Weiſe eingetreten und hatte ſich zuruͤckgezogen, als ſie bemerkte, die Koͤnigin wolle nicht ge⸗ ſtoͤrt ſeyn, da bemerkte dieſe endlich ihre Ge⸗ genwart und fragte langſam ſich zu ihr wen⸗ dend: Noch niemand gekommen?—— Die Alte iſt unten ſchon ſeit einer halben Stunde, gnaͤdigſte Frau— antwortete die Hofdame mit gemaͤßigter Stimme.—— Das will ich glau⸗ ben, lachte Bona vor ſich hin. Sind auch Ra⸗ che und Ehrgeiz maͤchtige Antriebe, ſo thut doch nichts es dem Golde zuvor, wenn es drauf ankommt zur Eil anzuſpyrnen.—— Es iſt — 65— voruͤber oben— fuhr Frau Falczeska mit noch furchtſamerer Stimme fort— und ſchnell un⸗ terbrach ſie die Koͤnigin mit der unwilligen Frage: Wos iſt voruͤber?— Wer hat Euch darum gefragt?— Der Gottesdienſt, meine ich, und ſie ſind ſchon unten auf dem Markt.— — Nach kurzem Stillſchweigen ſprach ſie etwas raſcher und muthiger weiter, als wolle ſie, wahrer Beruhigung ermangelnd, dem troſtbe⸗ durftigen Gemuͤth wenigſtens einen Schein der⸗ ſelben als Spielzeng darbieten: der Eilbote, der eben gekommen, hat eines beſondern Um⸗ ſtands erwaͤhnt, welcher ſich bei der Feierlich⸗ keit zugetragen und großen Eindruck auf die Umſtehenden gemacht haben ſoll.— Als naͤm⸗ lich der Erzbiſchof von Gniezno ihr die Krone aufgeſetzt, war ſolche ſo wenig im Gleichge⸗ wicht, daß ſie im Begriff geweſen auf der an⸗ dern Seite herunterzufallen, gerade vor dem Grabſteine der Koͤnigin Jadwiga, wenn der Bi⸗ ſchof von Kujawien ſie nicht zu rechter Zeit erhalten haͤtte. Das aber haben Viele fuͤr eine Vorbedeutung ſchlimmer Art gehalten.— Einige Minuten ſchaute Bona vor ſich hin, dann fliſterte ſie: O wohl wankt deine Kro⸗ Hipp. Borat. ar Theil. 5 „ * — 66— ne, arme Konlgin eines Tages, und wenn ſie auf das Grab fallt, wird ſie kein Biſchof er⸗ halten.—— Die Staroſtin hatte bemerkt, daß der Weg, den ſie eingeſchlagen, nicht der unrichtige ſey, ſie fuhr daher mit großer Ge⸗ läufigkeit fort: Auch ſoll es zwiſchen den ketze⸗ riſchen Herrn, dem Kronhofmarſchall und dem Nicolaus Radziwill der Koͤni— des Koͤnigs Schwager, verbeſſerte ſie ſich, die mit den Andern draußen in der Kirchenhalle geblieben, und Einigen vom Volk zu harten Worten ge⸗ kommen und daran des Littauers prahleriſche Rede Schuld geweſen ſeyn.—— Hochmuth kommt vor dem Fall!— rief die Koͤnigin— doch, fuhr ſie gleichguͤltig fort— das vergißt ſich wieder; wann nur der gebratne Ochs am Spieße ſteckt und die Weinbrunnen ſpru⸗ deln, ſo ißt das Volk und trinkt und laͤßt die hohen Herrſchaften leben, unbekuͤmmert, ob ſie Genſer ſind oder Lutheraner vder Jünger des Arius.— Zufrieden mit dem Erfolg ihrer Be⸗ muͤhungen ſprach die Staroſtin ploͤtzlich: Mir daͤucht, ich hore einen Wagen im innern Hof⸗ raum.— Unſtreitig iſt es die Fuͤrſtin Woje⸗ wodin; welchen Beſcheid wollen Eure Majeſtaͤt, — 67— daß ich ihr gebe?—— Endlich!— mur⸗ melte Bona vor ſich hin; dann ſagte ſie laut: Es wird Uns angenehm ſeyn, wenn Ihre Lieb⸗ den Unſre Einſamkeit theilen wollen. Es iſt ſchoͤn von Euch, Muhme, richtete ſie das Wort mit mehr hingebender Sanftmuth, als ſie pflegte, an die eintretende Prinzeſſin von Mazvwien: daß ihr eine Koͤnigin heimſucht, welche heut ſo ziemlich von allen Andern ver⸗ abſaͤumt und vergeſſen iſt. Seyd Ihr doch die Einzige, die das Geſtirn des Tages nicht feiert und einen mitleidigen Blick auf das wendet, was nun im Untergehen begriffen, und darum heißen Wir Euch doppelt willkommen, durch⸗ lauchtige Muhme.—— Der Ausdruck weib⸗ licher Weichheit und wehmuͤthiger Freundlich⸗ keit war ſo ſelten an Bona Sforza wahrzuneh⸗ men, daß er unmoͤglich verfehlen konnte, einige Wirkung zu machen; minder ſproͤde als ſonſt entgegnete Anna: Ich bin um ſo eher Eurer Gnaden Aufforderung gefolgt, als Ihr wißt, daß ja auch mein Auge ungern auf dieſem flimmern⸗ den Geſtirn, oder ſoll ich ſagen Meteor, ver⸗ weilt, und ſo wie mit Euern auch mit meinen 5* — 68— Empflndungen das laute Geraͤuſch der Luſt, das heut die Burg und die Straßen erfuͤllt, im Gegenſatze ſteht.—— Truͤbe laͤchelnd deutete Bona der Beſuchenden an Platz zu nehmen, und als Beide dieß gethan, fuhr ſie fort, wie erſt: Wirklich, es ſcheint, als wenn wir heute recht eigentlich zu einander gehoͤrten, wir, de⸗ nen die Gegenwart ſo gar Nichts bietet, zween fuͤrſtliche Wittwen, deren dunkle Schleier ſich öbel ausnehmen wuͤrden im Glanze des Feſtes, und deren Gegenwart der froͤhliche Kreis auch wohl nicht ungern vermißt.—— Mir iſt die Gegenwart, wie die Vergangenheit— ſprach Annn ernſt und ſich etwas ihrer angewohnten Weiſe naͤhernd: alſo—— Alſp— un⸗ terbrach die Koͤnigin ſie— wollen wir die Zukunft im Auge behalten; und von ihr wol⸗ len wir auch ſchwatzen, um die traͤge Zeit zu beflͤgeln. Aber— ſprach ſie weiter, die Fuͤrſtin anſehend— wie kommt es, daß Ihr Euch ſo geſchmuͤckt habt zu einer Fahrt auf das Land in das Haus einer einſamen Frau? Irr' ich nicht, ſo iſt es, was ich an Euch ge⸗ wahre, die koͤßtliche Kette, das Erbtheil der Kaiſertochter aus Konſtantinopolis, welches, wie — 55 man ſagt, ſeit langen Zeiten ſich forterbte auf die Toͤchter Eures Stammes? O gewiß ihr konntet nicht meinen, heut in dieſen Gemaͤ⸗ chern eine Verſammlung zu finden, bei der es dergleichen Putzes beduͤrfte.—— Auch habe ich mich oft ungeſchmuckt vor Eurer Majeſtaͤt gezeigt, wie es einer Sdelmannswittib geziemt und der Lochter eines geſunkenen Hauſes— und nicht um meine Armuth mit eitlem Flit⸗ terſtaate zu decken, ſehet Ihr dieß Kleinod heut an meinem Halſe; eine andere Urſache hat mich dazu bewogen, eine Urſache, die Eurem Freiſinn vielleicht kleinlich und als vom Aber⸗ glauben kommend erſcheinen wird.—— Glaubt das nicht— nahm die Koͤnigin kopfſchuttelnd und nachdenklich das Wort— Wir Alle ent⸗ richten mehr oder weniger den Sold der Menſchheit und Weiblichkeit; wer iſt es auch, dem es gelaͤnge, ſich gaͤnzlich ihrer Dienſtbar⸗ keit zu eutziehn? Man ſagt, das Ungluͤck ma⸗ che empfaͤnglicher für dergleichen— nun, ſo duͤrft Ihr wohl nicht zweifeln, daß ich es jetzt ſey und nachſichtiger als je dagegen ge⸗ ſtimmt, wenn uͤberall das Nachſicht beduͤrfen kaun, was ein Gemäth, wie das Eure, zu be⸗ — ſchaͤftigen vermag.—— Eure Majeſtaͤt haben wohl ſchon mehr als einmal dieſe Kette an meiner Tochter gewahrt? Nun, ich wollte nicht, daß ſie ſich heut damit ſchmuͤckte, denn es ziemt das kaiſerliche Kleinod nicht der— Braut des Staroſten zu Samborz.— Ihr habt nicht Unrecht, ſchaltete Bona ein— we⸗ nigſtens ſo lange nicht, als ſie es iſt.—— Anna fuhr fort: Es geht eine alte Sage, daß, ſo lange dieſes koſtliche Band von einer Fuͤrſtentochter meines Hauſes getragen werde, werde ſolches nicht ganz untergehen, und da habe ich es denn auf dieß Gewand der Trauer geheftet.— Nicht ganz untergehen, ſagte ich Frau Koͤnigin, daß mein Haus meiſt ſchon un⸗ tergegangen iſt, wiſſet Ihr ja.—— Als die Prinzeſſin dieſe Worte mit neu aufſteigender Bitterkeit ſprach, beugte ſich die koͤnigliche Wittwe, die heute mehr als jemals gewiſſe An⸗ regungen zu vermeiden wuͤnſchte, zu ihr, als wolle ſie den Schmuck naͤher betrachten: Solche Sagen ſind wohl nur Geburten reger Einbil⸗ dung, doch in mehreren erlauchten Fuͤr⸗ ſtenhaͤuſern zu ſinden, und dieſe ſchoͤnen Steine ſind es werth, der Gegenſtand einer ſolchen zu — ſeyn.— Auch mein Haus iſt gefallen, Frau Furſtin, und kein Kleinod hat es geſchuͤtzt.— — Ich meinte es wohl, entgegnete Anna, daß Ihr dergleichen verwerfen wuͤrdet, was im Norden einheimiſcher iſt, als in Euerem aufge⸗ klaͤrten heiteren Welſchland, doch mag man ſo luftiges Erbtheil füͤglich denen goͤnnen, die alles Uebrige verloren.—— Ihr irret Euch— wie ich ſchon geſagt, wenn Ihr meint, ich verwerfe Alles, was die ſtumpfen Sinne des Menſchen nicht begreifen, und vielleicht werdet Ihr ſchon heute Abend, wann Ihr ſo lange verweilet, Euch uͤberzeugen, daß Ihr ein zu gunſtiges Urtheil von der Staͤrke meiner Seele gefaͤllt habt. Waͤret Ihr— ſetzte ſie mit ge⸗ zwungenem Scherz hinzu— vor einigen Au⸗ genblicken gegenwaͤrtig geweſen, ſo wuͤrdet Ihr geſehen haben, daß ich nicht ohne Aufmerkſam⸗ keit das anhoͤrte, was die Falezeska mir von dem berichtet, das ſich in der Kathedrale ereig⸗ net haben ſoll, und dem, Euch darf ich es geſtehen, ich, wenn es wirklich ein Vorzeichen war, eine baldige Erfuͤllung zu wuͤnſchen, mich nicht entbrechen kann!—— Auch ich habe davon gehoͤrt, entgegnete die Prinzeſſin mit gedaͤmpfter Stimme, und nicht ungern.— Viel⸗ leicht kann Eure Majeſtaͤt am Beßten das Ge⸗ ſchehene deuten.—— Wenn die Gegenwart ſchwer liegt auf der bekoͤmmerten Seele— ſprach die Italienerin weiter, als habe ſie die letzten Worte nicht wahrgenommen— und die Vergangenheit den erſehnten Troſt weigert, oͤff⸗ net ſich der Sinn den Raͤthſeln der Zukunft und begehret die Loͤſung derſelben.— Drauf nach einigem Stillſchweigen: Nun iſt doch der Donner der Karthaunen verſtummt, und ihr laͤſtiger Schall dringt nicht mehr zu uns. Jetzt erfuͤllt wohl die hohe Verſammlung den glaͤnzenden Saal, berauſcht von der Luſt des gegenwaͤrtigen Augenblicks— doch iſt er fluͤch⸗ tig, dieſer Augenblick, und ihm folgt eine an⸗ dere Zeit.— Was dieſe aber bringt, darauf kommt es an. Vergeblich meint der kraͤftige Geiſt das vorzubereiten, was geſchehen ſoll; das Geſchick regiert die Welt, und die Ent⸗ wuͤrfe der Sterblichen erliegen ſeinen verborge⸗ nen Streichen.— Wer es aber zu enthuͤllen wuͤßte, wer die Wirkung menſchlicher Kraft und Klugheit ſeinen Beſchluͤſſen zu ordnen ver⸗ moͤchte, der ſtaͤnde hoch und maͤchtig da, und S alles Zeitliche waͤre ihm unterthan.— Oſt habe ich mich, das Mangelhafte deſſen fuͤhlend, was man irdiſche Groͤße nennt und Klusheit⸗ nach dieſer Befriedigung geſehnt; iſt es Eurer Liebden niemals ſo ergangen?—— Durch die Vorgaͤnge der letzten Zeit heftig erregt, nicht frei von den Vorurtheilen ihrer Zeit und nun einigermaßen hingeriſſen von der ſchwaͤr⸗ meriſchen Weichheit, die etwas ſo Seltenes bei der ſtolzen, kalt verſtaͤndigen Bona war, ant⸗ wortete Anna: Nimmer haͤtte ich dergleichen bei Enrer Majeſtaͤt vermuthet und geglaubt, Euch vertrauen zu duͤrfen, daß nicht ſelten die Laſt des Ungluͤcks mein Herz geheimen Dingen zugeneigt hat, die jedoch ſich fort und fort meinem Forſchen entzogen.—— Da nahm die Konigin Mutter abermals das Wort. Der Ahnherr meines Stammes, Franziskus Sforza, ſprach ſie: war, wie Euch bekannt iſt, niede⸗ rer Geburt, und eines Bauern Sohn. Als er, ſo ſagt man, eines Abends von ſchwerer Arbeit im Weinberg zuruͤckkehrte nach ſeines Vaters Huͤtte, trat ein hochgeſtaltetes Weib ihn an in ungewoͤhnlicher Tracht, und betrach⸗ tete den Knaben aufmerkſam; darauf befragte — 74— ſie ihn um den Tag und die Stunde ſeiner Geburt und mancherlei Umſtaͤnde, auch hieß ſie ihm ihr die Hand reichen, daß ſie die Li⸗ neamente derſelben unterſuchte, und als er dieß gethan, ſoll ſie ihm große Dinge vorausgeſagt haben, welche die Folgezeit auch verwirklicht. Er ging drauf in Kriegsdienſte, und ſchwang ſich empor zu der Wuͤrde eines Connetable von Neapolis, drauf ward er Pannertraͤger des hei⸗ ligen Stuhles und endlich Herzog von Mai⸗ land. Er ſoll oft geſtanden haben, daß dieſe Vorherſagung der Zukunft ihm eigentlich dieſe Zukunft ſelbſt erzeugt habe, von der ihm nie getraͤumt; daß er ein Bauer geblieben waͤre, wenn er die Worte nicht gehoͤrt, die ſeinen Muth geſtaͤrkt und ſeine Schritte ſpaͤter ge⸗ leitet haben. Ein Aehnliches erzaͤhlt man von dem Erſten der Colonna, den man Seiarra nennt, von dem Beil, das er als Holzfaͤller geſchwungen. Waͤhrend des Geſpraͤchs war der Abend hereingebrochen, und es ganz dunkel geworden in dem von Baͤumen dicht umgebenen Gemach, da oͤffnete ſich die Thur deſſelben, und ein ge⸗ mildertes Licht fiel herein aus der anliegenden —— reich erleuchteten Zimmerreihe; durch die Thuͤr aber trat die Frau Falezeska herein und raunte, der Koͤnigin ſich naͤhernd, ihr halblaut doch vernehmlich zu.— Sie iſt unten, gnaͤdigſte Frau— befehlt Ihr— oder— 2 ſetzte ſie mit ei⸗ nem Blicke auf die Frau von Podolien hinzu.— Ich weiß nicht— erwiederte die Koͤnigin gleichſam unentſchloſſen— dann winkte ſie der Hofdame ab⸗ ſeit zu treten, und ſprach heimlich und vertraut zu Annen: Was werden Eure Liebden von meiner geprieſenen Geiſtesſtaͤrke und meinem Freiſinn den⸗ ken, wenn ich Euch geſtehe, daß ich, von mancherlei Beſorgniß gedruͤckt, eine jener Frauen zu mir beſcheiden laſſen, deren ich eben erwaͤhnt, und welcher der Volksglaube eine gewiſſe Kenntniß des Zukuͤnftigen aneignet?— Ich bin bereit, mich zu entfernen, ſprach die Fuͤrſtin, wenn meine Gegenwart euch ßtoͤren ſollte.— Mit nichten— rief Bona: ehe mag ſie ein ander⸗ mal kommen, als daß ihr Erſcheinen mich des Beſuchs meiner erlauchten Muhme beraube.— Gehet, Falezeska, deutet ihr an, Wir ſeyen be⸗ ſchaͤftigt.— Waͤhrend die Starvſtin ſich lang⸗ ſam entfernte, den Auftrag auszuführen, wen⸗ dete ſich die Koͤnigin Mutter abermals zu An⸗ — 76— nen.— Waͤret ihr abgeneigt, Zeuge zu ſeyn bei dieſem Beginnen? Es iſt das erſte Mal, daß ich etwas der Art verſuche, und bedarf wohl der Gegenwart eines Dritten, der Prophetin ge⸗ genuͤber; doch behauptet man, es kaͤme viel auf Tag und Stunde an in dergleichen Dingen, und der Tag, der jetzt zu Ende geht, iſt der folgereichſten einer. Wuͤrdet ihr nicht viel⸗ leicht ſelbſt die Wiſſenſchaft der Seherin er⸗ proben? Sind doch unſte Schickſale ſich nah verwandt worden ſeit einiger Zeit. Warum ſoll der Koͤnigin von Polen und der Enkelin der Piaſten nicht ſowohl als jenem Franziskus und dem Colonna die Stimme des Schickſals ertoͤnen, daß ſie ihren Muth aufrecht halte und ihre Maßregeln beſtimme?—— Hitte Bona von Mailand irgend eine Abſicht, die Wojewodin zur Theilnahme am folgenden Auf⸗ tritt zu vermoͤgen, ſo hatte ihre Klugheit ſie richtig geleitet; die Wendung, die das Geſpraͤch gegen das Ueberſinnliche und Abentheuerliche genommen, hatte Annens zu ſinſterem Gruͤbeln geneigten Sinn vorbereitet, den Wunſch er⸗ weckt, eine truͤbe Gegenwart durch den Schim⸗ mer einer beſſern Zukunft zu erhalten, und ne⸗ — ben dem erwachten Glauben an die moͤgliche Wahrhaftigkeit deſſen, was ſie erfahren wuͤrde, in ihr den ſtillen Vorbehalt erregt, vielleicht auf dieſe Weiſe einiges Licht uͤber das zu er⸗ halten, was die alte Todfeindin im Sinne fuͤh⸗ re, die ſich jetzt ſo vertraulich zu ihr hinneigte. Genug, nach einigem Widerſtreben willigte An⸗ na in der Koͤnigin Geſuch. Durch eine Seitenthuͤre erſchien, geleitet von der Starvſtin, eine Frauengeſtalt von un⸗ gewoͤhnlicher Groͤße, deren Umriſſe das Hell⸗ dunkel des Zimmers nicht ſogleich zu unter⸗ ſcheiden erlaubte: ſie neigte ſich nach morgen⸗ laͤndiſcher Sitte tief vor der erhabenen Gebie⸗ terin der Villa di Milano, dann auf gleiche Weiſe vor Annenz die Staroſtin verſchwand ſogleich nach der Einfuͤhrung der Sibylle. Wir haben dir den Zutritt in Unſre Gemaͤcher ver⸗ ſtattet; begann Bona mit dem ihr eignen ſtreng gebieteriſchen Tone— weil Uns kund gewor⸗ den iſt, ob falſchlich, vb gegrundet, wird ſich entſcheiden, daß du die Gabe beſitzeſt, das, was noch nicht geſchehen, dem, welchem daran liegt, zu enthuͤllen. Du haſt Unſerm Gebote gehorcht, doch bedenke wohl, ehe du weiter geheſt, daß — es nicht leicht beſtechliche Augen ſind, daß es nicht taͤuſchbarer Poͤbel iſt, vor dem du ein nichtiges Gaukelſpiel darſtellen magſt.— Du ſeheſt vor Hohen und Gewaltigen, und Ein Wink be⸗ reitet kühnem Betruge die verwirkte Strafe.— — Gemaltig ſeyd Ihr, Gebieterin, verſetzte die ſchon bejahrte Fremde furchtlos: doch gewalti⸗ ger iſt der, der mich hergefuͤhrt zu Euch, und vor ihm zerſaͤubt Euer Draͤuen, wie Spreu vor der Windbraut.—— Du ſprichſt ſehr verwegen, und wenn es ſeyn kann, daß du ein Recht dazu habeſt, ſo hͤte dich, daß Wir es nicht ungltig erfinden, denn deine Kuͤhnheit wuͤrde doppelt geruͤgt werden.— Unguͤltig finden? ließ Jene ſich beinahe in geringſchaͤtzi⸗ gem Tone vernehmen:— Meine Kuͤhnheit wird geruͤgt werden? Wer ſeyd Ihr, daß Ihr die Wahrheit ſchauen wollt und urtheilen, vb ſie auch wahr ſey? Nicht ich bin kuͤhn, denn gleichen Muthes trete ich vor die Monarchin und die Bettlerin, deren königlicher Mantel oder zerlumptes Gewand morgen vielleicht ſchon die Erde bedeckt. Ihr ſeyd kuͤhn, die Ihr das Verborgene heraufruft, Zweifel im Hirn, und Stolz und eitles Klägeln im Herzen und auf den Lippen!— Drauf ſetzte ſie in veraͤn⸗ dertem Tone hinzu: Wie es ſcheint, ſind Eure Gnaden nicht geſtimmt zu dem Vorhaben, zu dem ich berufen; ſo will ich denn mich entfer⸗ nen, bis die Stunde wiederkehrt, ſo guͤnſtig als die, deren Minuten nur allzuraſch voruber⸗ gehen.— Und wenn wird dieſe kommen?— fragte Anna, die an dem Vorgang mehr Theil nahm, als ſie ſcheinen wollte.—— Wer kann es wiſſen? Unzaͤhlig ſind die Geſtaltun⸗ gen der Stunden, wie die der Blaͤtter an ei⸗ nem Baume, und Jahre lang kann man ſu⸗ chen, ehe man die gleiche findet. Das Koͤſt⸗ lichſte iſt die Zeit und das Vergaͤnglichſte zu⸗ gleich; ſo muß man ſie denn wahrnehmen, denn ſie kehrt nimmer wieder, und weit ver⸗ ſchieden iſt der kommende Augenblick von ſei⸗ nem Vorgaͤnger.—— Eben darum, weil die Zeit koͤſtlich iſt— wandte die Koͤnigin ein— ſind Wir nicht geſonnen, ſie unnutz zu ver⸗ geuden, und ſolches ſteht zu beſorgen, wenn du nicht vermagſt, uns eine Buͤrgſchaft deines Wiſſens zu geben; denn nur ſo werden wir erkennen, ob das, was du uns weiſſagen wirſt, nicht eitles Geſchwatz ſey, unwuͤrdig derer, die — 85— es hören.— Stimmet ihr mir nicht bei, er⸗ lauchte Frau?—— Da kam die Sibylla Annen mit den Worten zuvor: Eine Buͤrg⸗ ſchaft wollet Ihr? Ich kann es Euch nicht ver⸗ argen, denn Kleinglaube und Zweifelſucht ſind die Krankheit derer, die nicht ſehen. Ihr fin⸗ det mich bereit Euch zu willfahren. Beſtimmet ſelbſt, wie der Geiſt Euch ſeine Gegenwart kund thun ſoll.—— Denket auf etwas, das uns uberzeuge— raunte die Mailaͤnderin der Frau Odrowonzowa zu— ich bin heute befangen⸗ wie es mir ſelten begegnet; Euch aber ſehe ich wie immer ruhig und gefaßt.— Nach eini⸗ gem Bedenken ſprach die Aufgeforderte: Wenn du dich ruhmeſt die Zukunft zu kennen, ſo mag es dir ein Leichteres ſeyn, das, was vergangen iſt, nun gegenwaͤrtig mit deinem Blick zu um⸗ faſſen. Doch nichts Gemeines geb' ich dir auf, nichts, was Andern ſchon bekannt, was dir der Zufall, fremde Schwatzhaftigkeit, vder die eigene Argliſt verrathen haben konnte. Das, was ich von dir vernehmen will, ſind Gedanken, die nie ber die Lippe deſſen gekommen ſind, in deſſen tiefſtem Herzensgrunde ſie wohnen: vermagſt du dieß, ſo will ich dir glauben.—— Auch 5 ich, ſetzte Bona hinzu— denn Eure Wahl rechtfertigt Eure Klugheit.— Du ſaͤumeſt, Prophetin?—— Eine Weile ſtand jene, als pfloͤge ſie Rath mit ſich ſelbſt vder mit irgend einem unſichtba⸗ ren Beiſtand, dann ſprach ſie zoͤgernd: Es iſt fuͤrwahr nichts Geringes, was Ihr begehret, doch nicht zu viel fuͤr den Geiſt, dem ich diene; ſoll ich Euch ſelbſt den Gedanken nennen, erlauchte Frau, den Ihr nimmer ausgeſprochen?—— Anna neigte bejahend das Haupt.—— Und Euch allein nur ohne Zweifel, daß nicht of⸗ fenbar werde, was ihr verbergen wollt?—— Allerdings— antwortete die Prinzeſſin ge⸗ ſpannt und beklommen.—— Da ſchritt die Seherin auf ſie zu, und neigte ſich zu ihrem Ohre und fluſterte ganz leiſe: Nicht, als Ihr mich vor Euch erſcheinen ſahet, geluſtete es Euch, nicht allein in dem Spiegel der Zukunft ihre verhuͤllten Geburten zu ſchauen; Ihr begehrtet auch ſeitwaͤrts einen Blick zu werfen auf ein Bild, das Euch nahe ſtehet, das Ihr nur auf der Pberflaͤche erkennen moͤget mit der bloͤden Sehkraft des Menſchen, und Ihr wünſchtet ſein Inneres zu erforſchen durch die Kraft des Gei⸗ Hipp. Borat. ar Theil. 6 ſtes?— Die FPrinzeſſin trat raſch einen Schritt zuruͤck und ein fluͤchtiges Roth faͤrbte ihre bleichen Wangen.— Hat ſie es getrof⸗ fen? frug Bona haſtig, und wiederum bejahete ein ſtummes Zeichen Annens.— Befehlet Ihr nun noch, erhabene Gebieterin— ſprach die Alte beinahe hoͤhniſch zur Koͤnigin—, daß auch bei Euch der Geiſt noch ſeine Wahrhaftigkeit beglaubige?—— Nein— antwortete dieſe abgebrochen— was dieſer Dame genuͤgt, kann es auch Uns. Das Wort, welches ſie Euch zu⸗ geraunt, ſcheint nicht wenig erregt zu haben, darum vergoͤnnet, daß ich mir ein aͤhnliches er⸗ ſpare.— Ich billige Eure Vorſicht— ließ ſich die Prinzeſſin vernehmen, in deren Seele nichts den verjaͤhrten Groll einſchlaͤfern konnte. Nicht alle Gedanken der Koͤnige vertragen das Licht, ſey es auch nur der zweifelhafte Schim⸗ mer einer unbekannten Welt.—— Unmu⸗ thig kehrte ſich Bona zur Prophetin und be⸗ fahl ihr zu beginnen.—— Ho ho— ſagte dieſe keck und trotzig— Ihr ſeyd wohl eine hohe und durchlauchtige Dame, doch verhallt Euer Machtgebot da, wo ich ſtehe. Andern Maͤchten gehoͤrt die Seherin an, und ſie ſind 5— nicht freigebig im Gewaͤhren; demnach werdet Ihr geſtatten muͤſſen, daß ich vorher mir eine Gabe bedinge. Drauf ſprach Anna: Du ſte⸗ heſt vor einer ſehr reichen Dame, und magſt nicht zweifeln, ſie koͤnne dir jede Forderung ge⸗ waͤhren, ſey ſie auch noch ſo groß; ich aber, obſchon eines unbeguterten Edelmanns Wittwe, pflege dennoch nicht mit deines Gleichen zu verkehren, vhne daß ich ſie ablohne.—— Ihr irret, erlauchte Dame— ließ ſich die weiſe Frau vernehmen— nicht ein Allmoſen begehre ich, nicht einen ſchnoͤden Zehrpfennig, wie man ſie etwa einem Bettler zuwirft, auch nicht eine Hand voll gemuͤnzten Geldes, fuͤr welche der gedungene Diener Euch demuͤthig dankend das Knie umfaßt, eine freie Gabe muͤßt Ihr mir gewaͤhren; ein Geſchenk deſſen, was Euch beſonders lieb und werth iſt— und an Euch iſt es nicht ſolches zu beſtimmen, ſondern an mir, doch fordere ich nicht, bis ich den Lohn verdient.—— Bong erwiederte nichts auf die befremdliche Zumuthung, aber die Wo⸗ jewodin rief mit einiger Heftigkeit: Das iſt wunderſame Rede, Alte, und denen aͤhnlich, welche, der Sage nach, der Feind der Menſchen 6* 5 wohl bethoͤrend zu fuͤhren pflegt bei ſolcher Ge⸗ legenheit. Ich habe beinah alles verloren, und es iſt mir nicht viel üͤbrig geblieben, das mir werth und theuer waͤre, doch um ſo mehr haͤnge ich demſelben an, und ich gedenke nicht es auf ein ſo mißliches Spiel zu ſetzen. Sollte man nicht meinen, dieſe Abgeſandte der Unter⸗ welt fordere fur ihr trugliches Hrakel im Namen ihres Meiſters unſere unſterbliche Seele oder derer, die uns angehuͤren? Fuͤr ſo theuern Preis kauf' ich deine Worte nicht, und wenn Ihro Majeſtͤt alſo mit ihrem Eigenthume ſchalten will oder— noch kann, ſo wird ſie mir geſtatten, daß ich abtrete von dem Han⸗ del.—— Da antwortete die Sibylle mit hoͤhniſchem Lachen: Euer Gnaden ſind in einem gewaltigen Irrthum befangen. Sollte der, deſ⸗ ſen ihr Erwaͤhnung gethan, auch dem nicht ganz fremd ſeyn, was wir vorhaben, ſo macht er doch heut zu Tage andere Preiſe, ſoll er ſich be⸗ muͤhn; vielleicht nicht, weil er ſie fuͤr hoch haͤlt, ſondern darum, daß er ſie zu gewinnen weiß auf andere Art. Das aber, was ich be⸗ gehre, iſt fuͤr mich und meiner Arbeit Sold.— Was thaͤte ich aber mit den Seelen ſo er⸗ — 85— lauchter Damen; wie koͤnnte ich von ihnen Ge⸗ brauch machen, die mir doch vielleicht beſtritten wuͤrden durch ein naͤheres Recht? Ich bin beſchei⸗ den, mir genuͤgt ein Stuͤcklein Putzwerk, denn ihr wißt, wenn auch alt, ſchmuͤcken ſich die Wei⸗ ber doch gern.—— Was wird ſie auch wollen? meinte Bona laͤchelnd— vielleicht ein wenig Flitterſtaat, um damit zu prunken bei dem Hexenſabbath auf dem Kahlenberge.—— So mag es drum ſeyn— wrilligte die Prinzeſſin ein, und noch einmal gebot die Koͤnigin Jener⸗ daß ſie zum Werke ſchreite. Doch noch im⸗ mer zoͤgernd hob die Alte an: Bedenket es wohl, wenn ihr mein beſcheidenes Geſuch verwei⸗ gertet nach geſchehener Arbeit, Ihr wuͤrdet es bereuen, denn nicht gut ſcherzen iſt es mit den Geiſtern und ihren Vertrauten, und das Wort der Seherin, die getaͤuſcht worden, wandelt ſich fuͤr den Horer gleichfalls in verderbliche Laͤu⸗ ſchung.—— Beginn! unterbrach ſie die Italienerin laut und gebieteriſch.—— Da zog die Geheimnißkundige aus ihrem faltigen Gewand ein Geſtell hervor, dem ahu⸗„ lich, auf welchem man die Erdkugeln befeſtigt ſieht, und ſetzte es auf einen runden Tiſch in — 86— der Mitte des Zimmers, darunter aber ein Laͤmpchen, das durch ihre Beruͤhrung ſchnell entzuͤndet einen matten blaͤulichen Schimmer verbreitete. Drauf ließ ſie die Gegenwaͤrtigen in Stillſchweigen verharren, bis ſie Antwort begehre, und unverwandt die Augen auf die Kryſtallkugel richten, welche ſie jetzt, unverſtaͤnd⸗ liche Worte murmelnd, auf das Geſtell nieder⸗ ließ. Der obere Theil der Kugel war leer, und ihr glaͤnzendes Rund ſtrahlte ſeltſam wie⸗ der in der Beleuchtung der entfernten Kron⸗ und Armleuchter, aus den anſtoßenden Gema⸗ chern; die untere Woͤlbung aber ſchien ange⸗ fuͤllt mit einer weißlichen Maſſe. Jetzt fragte ſie, welche der Damen das Geſchick ihrer Zu⸗ kunft in dem geheimnißvollen Gefaͤß zu ſchauen begehre, und als die Prinzeſſin der gekroͤnten Wirthin dieſes Hauſes durch ihre Geberde den Vorrang uͤberließ, und dieſe wortlos einwilligte, begans die Prophetin erſt langſam, dann im⸗ mer ſchneler und ſchneller rings um zu gehen, fort und fort Worte ſprechend, von denen nur immer wiederholte Name Bona Sforza vernehmlich ward. Als ſie nun ihren Kreis⸗ gang wohl mehr als zwoͤlfmal vollendet hatte, — 87— war es, als regte es ſich in der kryſtallenen Kugel, die weiße Maſſe huͤpfte auf, gleich vom Sturme gekraͤuſelten Wellen, und die Alte ſprach eifriger die Formel der Beſchwoͤrung, und es hob ſich in der Kugel empor wie ein ſtumpfer Kegel, bildete ſich allgemach zu einer ſchlanken ſchimmernden Saͤule, und das obere Ende deſſelben that ſich auseinander und verbreitete ſich. Da verſtaͤrkte die Prophetin wiederum ihre Stimme und die immer anwach⸗ ſenden Faſern der Saͤule geſtalteten ſich Aeſten eines Baumes aͤhnlich, und der Schaft fing an einem Baumſtamme zu gleichen, und die Aeſte trieben Zweige und an den Zweigen tra⸗ ten kleine Auswuͤchſe hervor, die alsbald Blaͤt⸗ tern und Fruͤchten glichen, und immer kraͤftiger und hoͤher wuchs der Stamm und immer mehr entfal ſich ſeine Krone. Dann ſtieg es noch einmal in kleinen Wirbeln vom Boden auf, doch erreichte es den Gipſel nicht, ſondern ſchlang ſich um den Baum in wunderlich zier⸗ lichem Geflecht mit ſchwankenden Blaͤttern und traubenfoͤrmiger Bluͤthe. Da hielt die Sehe rin ein mit ihrer Beſchwoͤrung und fragte die Koͤnigin, was ſie ſaͤhe.—— Es iſt ein — 88— Baum— antwortete dieſe— der vor mir ſteht mit ſeinem Laubwerk und Fruͤchten.— — Ja, es iſt ein Baum— erklang die Ant⸗ wort im Tone der Begeiſterung— und ſeine Wurzeln haften tief im Grunde der Erde, ſein Haupt raget in die Wolken, die Voͤgel des Himmels wiegen ſich auf ſeinen Zweigen, und in ſeinem Schatten lagert das Geſchlecht der Menſchen, ſich labend an ſeiner ſuͤßen Frucht. Doch gewahreſt du nicht, Koͤnigin von Polen, was ſeinen Stamm umflicht?—— Ich ge⸗ wahre es, wiederhallte es aus Bonens Munde. — Kennſt Du es nicht? es iſt der Epheu, ein Schlinggewaͤchs verderblicher Art, geſchaffen demuͤthig am Boden zu kriechen, doch ſo es in ſeinem ſchleichenden Wachsthum auf einen himmelanſtrebenden Stamm trifft, da rankt es ſich auf an demſelben und umklammert ihn, und ſaugt die gedeihliche Nahrung in ſich und die Thautropfen des Morgens, daß des Baumes Kraft ſchwindet und nimmer ſeine Bluͤthen zu Fruͤchten reifen. Aber— hier egte ſie die Hand wie gebietend auf die Ku⸗ gel, doch ſo, daß ſie ein wenig erſchuttert ward — hebe dein niedrig gebornes Haupt nicht ſo — 89— ſtolz in erborgter Groͤße; wenn nun der Gaͤrt⸗ ner gewahrt, daß des Baumes Laub welkt und ſeine Zweige ſich ſenken, ſo ergreift er das Meſſer, und vernichtet ſinkſt du zuruͤck in den Staub, der dich gebar.— Und wirklich, indem ſie ſo ſprach, ſchienen Bluͤthe und Fruͤchte zu verſchwinden, drauf loͤßte es ſich ab vom Stamme und verſank, und wieder traten Fruͤchte und Blaͤtter hervor.— Waͤhrend nun die fürſtlichen Frauen das ſeltſame Schauſpiel be⸗ trachteten, wirbelte es zum dritten Mal auf in der Kugel, und es zeigte ſich ein neues kraͤf⸗ tiges Gewaͤchs, das ſchloß ſich an den Baum an und verband ſich mit ihm, und noch weiter dehnte ſich ſeine Krone aus und ſchmuͤckte ſich reicher mit Frucht und Laub. Die Seherin aber ſprach langſam und eintoͤnig weiter: Und damit des Baumes Kraft ſich erneue, hat der Herr des Gartens ein Pfropfreiß erſehen, den Schoßling eines gleich edlen Stammes, daß er es mit ihm vereine, und freudig geſellt ſich Art zu Art und immer ſchattenreicher wird die Krone und immer ſuͤßer die Frucht, daß die Welt ſich an ihr erguicke noch hundert und abermal hundert Jahr.— Hier ſchwieg die Alte, als ſey ſie erſchoͤpft, und im naͤmlichen Augenblick erloſch die Lampe und das Bild des Baumes ſturzte zuſammen. Auch die Koͤnigin fand nicht fuͤr gut die Stille zu unterbrechen, nur ihre Blicke begegneten denen der Prinzeſſin von Mazowien und laſen in ihnen den Eindruck, den dieß wunderliche Schauſpiel auf ſie hervorgebracht hatte, das uͤbrigens, wahrſcheinlich eine Gattung des ſoge⸗ nannten Dianenbaumes, deſſelben auf einen Beſchauer der Jetztwelt gaͤnzlich verfehlt haben wuͤrde. Aber in der Mitte des 16ten Jahr⸗ hunderts, und vornehmlich den Frauen jener Zeit, waren die Geheimniſſe der natuͤrlichen Magie noch nicht ſo bekannt, und es iſt alſo nicht befremdend, wenn Anna Odrowonzowa an einer Darſtellung Behagen fand, die ihrer Nei⸗ gung zum Wunderbaren eben ſo ſehr, als den ſtillen Wuͤnſchen ihres ehrſuͤchtigen Herzens zu⸗ ſagte, und ſie die Zauberin aufforderte, nun auch ihretwillen die geheime Kraft der Kryſtall⸗ kugel zu beſchwoͤren. Die Antwort, die ſie er⸗ hielt, war indeß verweigernd. So wie die ge⸗ woͤhnlichen Kraͤfte der Natur der Erſchopfung unterworfen ſeyen, ſo ſey es auch mit denen, — 91— die jenſeits ihrer Graͤnze wirkten, ließ ſich die Seherin hoͤren, die wohl wußte, daß in der Kugel abermals nichts anderes ſich zeigen wuͤr⸗ de als ein Baum— und ehe die Sonne ih⸗ ren Lauf dreimal vollendet, moͤge man deſſel⸗ ben Werkzeuges ſich nicht zweimal bedienen. Zwar gaͤbe es Mittel, die widerſpenſtige Kraft zu zwingen, doch waͤren dieſelben auſſerordent⸗ licher und gefaͤhrlicher Gattung und wuͤrden ſo⸗ mit, nachdem was ſie von der Prinzeſſin Mei⸗ nung in dergleichen Dingen vernommen, ihr ſchwerlich annehmbar erſcheinen. Doch— ſetzte ſie hinzu— der Lohn iſt bedungen; drum gebuͤhrt es ſich, daß die Arbeit verrich⸗ tet werde, und nicht nur einen Spiegel hat die Wahrheit, daß ſie ſich dem Sterblichen in ihm zeige. Nachdem die Kryſtallkugel und die Lampe mit gehoͤriger Foͤrmlichkeit beſeitigt waren, er⸗ ſchien auf dem Geſtell, welches an ſeinem Platze geblieben, ein aͤhnliches Gefaͤß, doch von veraͤn⸗ derter Form und oben geoͤffnet, angefuͤllt mit einer farbloſen durchſichtigen Flüſſigkeit, welche dem Auge nichts anderes daͤuchte, als reines Waſſer. Wie vorher, gebot die Prophetin den — 65 Zuſchauerinnen Stillſchweigen, drauf trat ſie an den Tiſch, und zeichnete mit der zuſammenge⸗ ballten Hand um die Urne einen Kreis auf demſelben, und hub dann ihre Beſchwoͤrungen an; doch ſchien der Geiſt einigen Unterſchied zwiſchen einer maͤchtigen Furſtin und der ent⸗ erbten Tochter eines ehemals hohen Geſchlechts zu machen; er ſaͤumte die Bilder der Zukunft aufſteigen zu laſſen, und ruhig blieb der In⸗ hhalt des Beckens. Da ertoͤnte die Stimme der Zauberin lauter, und es ſchien, als werde ihr die zweite Handlung ſchwerer als die erſte, denn ihre dunkelgluͤhenden Augen begannen in ihren Hoͤlen zu rollen, der Schweiß trat auf ihre Stirne, ihre Sprache ward rauh und hei⸗ ſer, und ihre Geberde heſtiger. Oft beugte ſie ſich uͤber das Gefaͤß und rief mit ſeltſamen Worten die Geiſter an, die auf ſeinem Boden ſchliefen, daß ihre Toͤne wunderlich gellend wie⸗ derklangen in dem runden Bauche des Beckens und urploͤtzlich giſchte es feurig auf, und der Kreis, den ihre Fauſt gezogen, ſtand in zaͤn⸗ gelnden, blutroth und gruͤnlich ſchillernden Flammen. Das Auge der Printeſſin ſiel ſeit⸗ waͤrts auf Bona und wandte ſich wieder ab⸗ — 53— als ſie das Antlitz der Koͤnigin ſah, wie das eines Leichnams mit verzerrten Zuͤgen und miß⸗ farbigen Flecken uͤberzogen, gleich denen der an⸗ gehenden Verweſung, und immer wilder loder⸗ ten die Flammen empor, und immer entſetzli⸗ cher ſchienen die Zuͤge der Koͤnigin; die Pro⸗ phetin aber hatte ihr Angeſicht verhuͤllt, und, die Haͤnde ringend wie im harten Seelenkampf, ſtieß ſie gewaltſam die Formeln hervor, denen die Unterwelt gehorcht; doch immer blieb die Feuchtigkeit im Gefaͤß ohne Bewegung und Farbe— da riß ſie haſtig, als gaͤlte es nun das Letzte, eine kleine Buͤchſe ſonderbarer und alterthuͤmlicher Form aus dem Gewande, das die ſteigende Bruſt bedeckte, und hielt ſie drei⸗ mal gegen den Himmel ohne Worte und drei⸗ mal gegen die Erde mit dumpfer Beſchwoͤrung, in welcher die Namen Annens und ihres Ahnherrn Piaſt ſich neunmal wiederholten, dann öffnete ſie es und ließ eine milchartige zaͤhe Fluͤſſigkeit in die Urne traͤufeln. Doch ſie vermiſchte ſich mit dem Waſſer und keine Geſtalt zeigte ſich; die Flammen aber begannen ruhiger zu werden, und bald glaͤnzte nur ein reinſtrahlender Licht⸗ kreis rings um das magiſche Geſtell, und als Anna die Augen erhob, war das Antlitz der Koͤnigin Mutter nicht mehr entſtellt, die wi⸗ drigen Flecken verſchwanden, und ein ſanfter Schimmer flog um die geebnete Stirn und den laͤchelnden Mund. Drauf warf auch die Sehe⸗ rin ihre Huͤllen zuruck, und im gleichen Schei⸗ ne ſtrahlten ihre ausdrucksvollen Zuge, das hell⸗ dunkele Zimmer ſchwamm in zauberiſcher Be⸗ leuchtung, und ein ſuͤßer betaͤubender Geruch, dem Becken entſteigend, fuͤllte den Umkreis. Und nach und nach ward es truͤber auf dem Grunde des Gefaͤßes, als ſcheide ſich das fremd⸗ artige Element von dem reinen Elemente des Waſſers, das uͤber dem Schweren ſtehen blieb, und in kleinen Blaͤschen ſtieg die Luft auf⸗ waͤrts, ſich zu befreien, geſchwaͤngert mit wuͤrzi⸗ gem Duft, und unten begann es ſich zu geſtal⸗ ten und aufwaͤrts zu ſteigen wie fruͤher in der Kugel, doch nicht einem Vaume gleich, ſondern in wunderlichen Zacken und Spitzen, und im⸗ mer deutlicher trat es hervor in der Geſtalt eines Gebaͤudes, mit vielen Thuͤrmen, doch gallertartig anzuſehen.— Die Seherin hatte ihre Anru⸗ fungen geendet und fragte: Hat er es auf⸗ gerichtet, der Meiſter, das Haus aus ſeinem — 95— Schutt?—— und wirklich ſchien es der Prinzeſſin, ſie ſaͤhe ein ſolches, oder vielmehr einen herrlichen Palaſt mit ſeinen Thuͤrmen und Kuppeln, und einen zweiten, der eben erſt heraufſtieg, in der ungewiſſen Beleuchtung der Strahlenbrechung des Waſſers und dem Zau⸗ ber der Phantaſie.— Es iſt ein alterthuͤmliches Haus— toͤnte der Sibylle feierlicher Spruch — und viele Koͤnigsgeſchlechter haben in ihm die Welt erblickt, und darin gewohnt in Macht und Ruhm und in Freude, bis Eines hinaus⸗ getragen worden und das Andere nach der Frei⸗ ſtaͤtte des Grabes; doch, als nun die Zeit ge⸗ kommen war, daß der letzte hinausging, denn wechſelnd ſind die Looſe der Menſchheit, da veroͤdete das einſame Haus, und ſeine Thurme ſanken, und durch die Spalten der geborſtenen Mauern ſchaute das Licht der Sterne in den entſchmuͤckten Saal. Es mag aber das Herr⸗ liche nicht vergehen fuͤr immer, und gleich wie vom Grunde dieſes Beckens, in dem du ſinn⸗ bildlich die Wahrheit ſchaueſt, ſteigt es auf den Ruf des Meiſters empor aus dem Schutt der Verwuͤſtung, und lehnet ſeine Mauern an die Mauern eines andern, das aufgerichtet iſt für — 96— Jahrhunderte, damit beide feſtſtehen, eines das andere ſtutzend, und die kommenden Geſchlech⸗ ter ſich ergehen moͤgen in ſeinen Kammern und Hallen!—— Und wirklich vereinigten ſich in dem Gefaͤß die beiden Maſſen, und ihre Thuͤrme ſchienen ſich zuſammenzufuͤgen, und hoben ſich ſtaͤrker und hoͤher in das ſtille Waſſer uͤber ihnen, gleich wie die wolkenloſe Luft.— Die kraͤftige Darſtellung deß, was einzig den Sinn der Piaſtin beſchaͤftigte ſeit langer Zeit, das Schickſal ihres Hauſes, hatte ſie heftig ergriffen, ſie horchte bewegunglos den Worten, die immer raſcher und gewaltiger den Lippen der Greiſin entſtroͤmten. Waͤhrend die⸗ ſes Vorgangs hatte ſich draußen der Sturm aufgemacht und entfeſſelt, in ploͤtzlicher Wuth ſaußte er durch die Wipfel des Luſtwaldes und ſchlug ungeſtuͤm gegen die Fenſter; ſchon ſeit einiger Zeit rollte der Donner in der Ferne, doch jetzt ſchnell herauf getrieben vom Sturm ſtand das Gewitter uͤber der Villa, und feurige Blitze, begleitet von furchtbar erſchuͤtterndem Krachen, erleuchteten auf Augenblicke die Nacht. Die Wahrſagerin hatte fortgeredet, langſam — 55— und tonlos wie im Anfang und keine Bewe⸗ gung zeigte ſich auf dem ſtark gezeichneten Ant⸗ litz: da war es mit einem Nal, als veraͤndere ſich ihr Anſehen; ihre Augen begannen zu rol⸗ len und glaͤnzten in ſeltſamen Schimmer, ihre Bruſt arbeitete als wie unter einer ungeheuern, ploͤtzlich ihr aufgewaͤlzten Laſt, ſie druͤckte die dürren Haͤnde angſthaft gegen dieſelbe, als wolle ſie losreißen, was ſie aͤngſte, und koͤnne es nicht; ihre Rede ward lauter und ſchneller, und endlich kreiſchend, und zwiſchen dem zu⸗ nehmenden Getöſe des Gewitterſturms erklang ſie in gellenden Toͤnen: Das Haus iſt wieder erbaut, und nur das Dach fehlt daran, doch wahre dich Waiſe und Wittib, denn in ſeiner Ecke lauert der Feind.— Hoͤrſt du? der Feind! du ſiehſt ihn nicht, ich aber ſehe ihn! und ſo du ihn ſieheſt, achteſt du ſein nicht; ich aber habe ihn erkannt!— Der Prinzeſſin Aufmerkſamkeit ſtieg bei dieſen Worten und die Mailaͤnderin warf einen raſchen und verwun⸗ dernden Blick auf die Alte, als vernaͤhme ſie Unerwartetes, aber dieſe ward das nicht gewahr, ſondern ſie fuhr fort: Huͤte dich, denn der ſich Freund nennt, und mehr noch, der da ſpricht: Hipp. Borat. ar Theil. 7 5 er gaͤbe das Leben fuͤr ſeine Erhaltung, er wird das Haus umſturzen, in das er getreten iſt mit offner Stirn und holdſeliger Geberde— und dich verderben, und das was dir lieb iſt und ihm. Die Feinde fuͤrchte nicht; ihr Thun bleibt machtlos, bis er erſcheint, und erſt des Freundes Wort erweckt das ſchlum⸗ mernde Unheil!—— Dann ſchwieg ſie, wie aus Ermattung nach unwillkuͤhrlichen Anſtreng⸗ ungen, und ſetzte nach einer Pauſe, im vorigen gemaͤßigten Tone und mit der Hand an die Stirne greifend, hinzu: Nicht von den Feinden erwartet das Boͤſe, erlauchte Dame, oder von denen, die Ihr fuͤr ſolche haltet; alſo iſt des Schickſals Spruch durch der Seherin Mund! Indem ſtieß der immer heftiger bebende Sturm einen wahrſcheinlich nicht wohl verſchloſſenen Fenſterflügel auf, und drang mit ſolcher Ge⸗ walt in das Zimmer, daß der nur noch matt glimmende Flammenkreis ſofort erloſch, und der hoch aufwehende Teppich des Tiſches das Ge⸗ ſtell und das Becken umwarf, welches an den Boden fallend in viele Stucke zerbrach. Als triebe ein gleichmaͤßiges Gefühl der Scheu ſie aus dem Gemach, flohen alle drei in den an⸗ — — 99— graͤnzenden erleuchteten Saal, und unwillkühr⸗ lich ſielen ihre Blicke auf einander, beim hel⸗ len Schein der Kerzen, den Eindruck wahrzu⸗ nehmen, den das Vorgefallene auf Jede her⸗ vorgebracht. Anna war tief bewegt, ihr Gang ſchwankend, und ſie war genothigt, ſich mit der einen Hand auf die marmorne Platte eines Pfeilertiſches zu ſtutzen, waͤhrend ſie mit der andern die Schweißtropfen von der bleichen Stirn trocknete; zwar war Bona's Schritt feſt wie gewoͤhnlich, doch ſchien ſie nachdenkend und zerſtreut, am ſeltſamſten aber erſchien die Alte. Es war, als erhole ſie ſich mit Muͤhe nur von einem furchtbaren Eindruck, noch immer war ſie athemlos, ihre Blicke warf ſie ſcheu umher, als fuͤrchte ſie, fremdartig unwillkommene Din⸗ ge zu ſehen, ihr ſchwarzes Haar ſraͤubte ſich borſtenartig um das gelbverzogene Geſicht, und tiefe, krampfhafte Seufzer entflohen den blauen eingekniffenen Lippen. So war ſie der Hexe von Endor nicht unaͤhnlich, als, da ſie einſt den Koͤnig von Iſrael taͤuſchen wollte, die Macht, welche ſie aufgerufen im freventlichen Gaukelſpiel, nun wirklich und unerwartet in ihre Zauberkreiſe trat. Es waͤhrte ſehr lange, 4 „ — 60— ehe eine der Frauen das Stillſchweigen brach, doch endlich begann die Koͤnigin, welche ge⸗ wahrte, daß die Alte wieder einige Faſſung ge⸗ wonnen hatte, und wahrſcheinlich die erſchut⸗ ternde Seene zu endigen wuͤnſchend: Du haſt Dein Verſprechen geloͤſt, weiſe Frau, und moͤge das Schickſal es alſo verhaͤngen, wie Du Uns geweiſſagt. Wir wiſſen nicht, ob die Prinzeſſin gleich Uns mit Deinem Spruch zufrieden iſt, aber ſie moͤge bedenken, daß der Kelch des Gluckes ſelten unvermiſcht iß, und wo großes Gluͤck eintritt, auch die Gefahr nicht fern zu ſeyn pflegt.—— Auch ich wuͤnſche— ſprach Anna—, daß der Erfolg Deine Worte beſtaͤ⸗ tige; Eines nur fuͤrchtete ich, und ich habe es nicht zu furchtenz dem Andern will ich ohne Zagen entgegen treten.—— So fordere denn deinen Lohn, doch erinnere dich, daß es Dinge giebt, die Uns auch fur das Hoͤchſte zu theuer ſind, und man nicht ungeſtraft von Fuͤr⸗ ſtinnen das Nichtzugewaͤhrende begehrt.—— Da ſprach die Wahrſagerin mit merklicher An⸗ ſtrengung: Der Geiſt iſt von mir gewichen, ich bin wieder dem Erdenleben anheimgefallen und Eure demuthige Magd; doch iſt euer Verſpre⸗ — 101— chen eingetragen an einem andern Ort, und ich hoffe, Ihr werdet nicht anſtehen, es zu lo⸗ ſen.—— Sprich denn— rief Anna mit Haſtigkeit—— So will ich meine koͤnigli⸗ che Frau fragen, ob ſie vielleicht in gegenwaͤr⸗ tiger Stunde ein Kleinod an ſich traͤgt, das ihr beſonders lieb und werth iſt durch den Ge⸗ ber oder eine andere Erinnerung? Eines dieſer Art iſt es, welches ich begehre, denn die Maͤchte des Schickſals ſind nicht zu gewinnen ohne Dpfer, und wenn ihre Prieſterin ſich des ͤuſ⸗ ſern Werthes der Gabe erfreut, iſt es der in⸗ nere, den der Geber ſelbſt darauf legt, den ſie ihm gut ſchreiben in dem geheimnißvollen Buch. Schweigend trat Bona zu einem der Gueri⸗ dons im Saale; ſie loͤßte von ihrer Linken ein reich beſetztes Armband und hielt es gegen die Kerzen; durch einen Druck an einer Feder ſprang die Kapſel des Geſchmeides auf, ſie be⸗ trachtete lange das darin Verborgene, druͤckte es wie verſtohlen an ihre Lippen, und nachdem ſie es wieder verſchloſſen, reichte ſie der Alten das Inwel mit einem tiefen Seufzer. Mit habſuͤchtiger Gier beſchaute dieſe die glaͤnzende Gabe und ſteckte ſie zu ſich.— Nun, erlauch⸗ — 102— te Frau— ſprach ſie zu Annen, welche, wie es ſchien, in einiger Betroffenheit ſeitwaͤrts ſtand 3— welchen Sold werdet Ihr Eurer demuͤthigen 3 Sklavin gewaͤhren?—— Ich bin keine Koͤ⸗ 1 nigin— erwiederte die Printeſſin ſtockend— und dieſe Behauſung iſt nicht die meine; doch fordere Deinen Lohn morgen am Tage, und ich denke, Du wirſt zufrieden ſeyn mit der Gabe, welche die Wittwe des Levn Odrowonz Dir zu 3 ertheilen vermag.—— Mit nichten, durch⸗ 1 lauchtigſte Fuͤrſtin— ließ die Geheimnißkuͤnſt⸗ lerin ſich vernehmen: es ſind keine langmuͤthi⸗ gen Glaͤubiger, denen Ihr verpflichtet ſeyd— Unzaͤhlige Angenblicke ſind noch uͤbrig, bis der Tag wieder graut, und in jedem koͤnnen ſie Euch mahnen an die verfallene Schuld. Nicht fleckenrein— fuhr ſie wieder furchtſam um ſich her ſchauend und mit ſichtlichem Widerſtre⸗ ben fort— nicht fleckenrein iſt die Zukunft, die ſie Euch durch mich gezeigt; der Feind lauert im Hinterhalt, wollet ihr ihm Macht geben uͤber Euch, ehe noch das Haus, das Ihr geſehen, vollendet daſteht?—— Und doch kann ich Dein Begehren nicht erfuͤllen— ver⸗ ſetzte die Prinzeſſin, halb ſcheu, halb gebieteriſch — 103— — Unvorbereitet, hat mich das Exeigniß des heutigen Abends getroffen, und die Unmoͤglich⸗ keit muß auch den Geiſtern gnuͤgen.—— Unmoͤglichkeit? wiederholte Jene bedeutſam— So wiſſet denn, nicht allein Euch droht dieſe Saͤumniß Gefahr, auch mir, auch der Gebiete⸗ rin, die wir gleichſam Buͤrgen worden ſind fuͤr die Erfuͤllung Eures Wortes.—— O Muhme! rief Bona gleichſam bittend und im Tone des Entſetzens—— Ihr ſagt, Ihr koͤnnt nicht. Dem aber iſt nicht ſo— fuhr die weiſe Frau fort: Gar herrlich funkelt der Juwelenſchmuck auf Eurem ſchwarzen Wittwengewand, und Ihr ſagt, Ihr koͤnnet nicht, weil Ihr nicht wollt. So muß ich denn fordern, was ihr freiwillig zu geben verſagt.—— Nimmermehr! Sollte ich das letzte Kleinod meines Geſchlechts da⸗ hingeben, das, woran eine alte Sage das ge⸗ ſunkene Glck meines Hauſes knupft? Und fur was gaͤbe ich es dahin?—— Des Gluckes Pfand fuͤr das Gluͤck ſelbt— ſprach Bona ſchnell— Auch mir iſt die Gabe, die ich ihr mit Widerſtreben reichte, das Zeichen einer theueren Erinnerung, doch die Vergangenheit iſt dahin, nur der Zukunft gehoͤren unſere Ent⸗ — 104— wuͤrfe. Wohl iſt die Forderung groß, die an Euch ergangen, doch iſt der Preis nicht zu hoch fuͤr das, was Ihr geſehen, fur deſſen Wahrheit Ihr ſelbſt eingeſtanden nach der Pruͤfung, der Ihr die weiſe Frau unterwarft.—— Zu groß iſt dieſe Forderung— rief die Prinzeſſin— großer als ich ſie zu gewaͤhren vermag!—— Da ſprach die Seherin: Sie iſt es nicht. Wie moͤcht' ich auch eines Schmuckes begehren einer Kaiſerin wuͤrdig, ihn auf mein unſcheinbares Gewand zu heften, oder ihn zu flechten in mein ergrautes Haar? Ihr ſagt? dieſe reiche Kette ſey ein Pfand des Gluͤckes?— So iſt ſie ja ſchon das Eigenthum der Schickſalsmaͤchte und ihnen verfallen— doch begehren ſie deſſelben nicht vor der Zeit. Um ein Glied derſelben nur bitte ich Euch; ein Glied dieſes glaͤnzen⸗ den Geſlechtes muß ich fordern, nur einen Stein des Hauſes, daß er der Eckſtein werde des neuen, das ich Euch gezeigt im untrugli⸗ chen Spiegel der Zukunſt.—— Im Kampfe mit ſich ſelbſt ſchritt Anna raſch auf und nie⸗ der, und war es Furcht vor der Drohung der Alten oder ein anderer Grund, der die Auf⸗ merkſamkeit der Mailaͤnderin auf ſie richtete, — 105— genug, ſie folgte jeder Bewegung der Ver⸗ wandtin mit forſchendem Blicke. Als aber dieſelbe noch immer ihre Einwilligung verzo⸗ gerte, nahm ſie das Wort mit dem hoͤflich ge⸗ ringſchaͤtzigen Tone, der ihr ſo ſehr zu Gebote ſtand, ſprechend: Wer ſollte wohl meinen, daß die Prinzeſſin von Mazvwien furchte, ſich eines unbedeutenden Steinchens zu entledigen, als ſey die Kette ohne ſolches nicht eine wuͤrdige Morgengabe fuͤr die hochwohlgeborne Frau Bo⸗ ratynska, welche ja ſo ſchon reichlich genug be⸗ dacht wird, durch die milbe Freigebigkeit Un⸗ ſers allerdurchlauchtigſten Sohnes?—— Da flammte die Roͤthe des Unwillens auf den Wan⸗ gen der Wojewodin empor; ſie trat raſch zum Liſch, loͤſote mit bebender Hand ein Glied aus der Kette, einen Smaragd von ſeltener Groͤße, und uͤbergab ihn der Alten mit abgewandtem Geſicht, doch ohne Wort und ohne Seufzer. Drauf ſchlang ſie das Geſchmeide haſtig zu⸗ ſammen, und wickelte es in das Ende ihres Schleiers, als wolle ſie es den eignen und An⸗ derer Augen fuͤr immer entziehen. Ohne ihr zu danken, nahm die Seherin die unfreiwillige Gabe, dann begruͤßte ſie ſchweigend wie beim — 106— Eintritt die Damen nach der Weiſe des Hrients, und verſchwand darauf in der Thuͤr, vor wel⸗ cher die Staroſtin ihrer wartete. Die Stim⸗ mung beider Fuͤrſtinnen war nicht geeignet, ihre Unterhaltung zu verlaͤngern; bald rollte der Wagen Annens auf der Heerſtraße nach der Hauptſtadt, und die Koͤnigin Mutter blieb ih⸗ ren Gedanken uͤberlaſſen, bis ihre vertraute Ehrendame zu ihr zuruͤckkehrte. Da ſagte ſie zu dieſer: Nichts mehr dergleichen, Falezeska. Sollte es wahr ſeyn, daß, wie man ſagt, ein Schritt auſſerhalb der Graͤnzen des gewoͤhnli⸗ chen Treibens der Welt uns in die Gewalt unbekannter Maͤchte gebe? Es iſt alles ge⸗ glůͤckt, beſſer iſt es gelungen, als Wir mein⸗ ten, und doch mag ich mich deſſen nicht freuen. Es war als trete Fremdartiges in die Kreiſe, die wir gezogen, und die Kraft Unſers Geiſtes werde uͤberwaͤltigt von etwas Andern, ſey nun dieß ausgegangen von jenem nichtswuͤrdigen Werkzeug Unſerer Plaͤne, oder—— drum nimmer wieder dergleichen. Im gewohnten Kreiſe herrſcht der Geiſt Bonens von Mailand frei und mit ungetheilter Macht, und ſchwer⸗ lich wird Uns eine zweite Anna Odrowonz be⸗ — 107— gegnen, wenn dieſe, die Wir in unglucklichen Stunden herbeigerufen, erſt des Weges gegan⸗ gen ſeyn wird, der ihr beſtimmt iſt.—— 4. Waͤhrend die Prinzeſſin ſich abwendete von der Freude und dem Wohlwollen zu dunkeln Geheimniſſen, zum Streben nach Verbotenem und Unerreichbarem, und den ſtolzen Geiſt, des eigenen Herzen Mahnung zum Trotz, unter die Herrſchaft der Todfeindin beugte, trat die Luſt der Liebe und des Lebens heiter laͤchelnd vor ihre Tochter. Die Feierlichkeit der Kroͤnung war mit allem Pomp vollzogen worden, und das Volk, das dem muntern, leutſeligen Sieg⸗ mund ſehr ergeben war, freute ſich der Freude, die, wie es ſchien, nun fuͤr ſein ganzes Leben ihm zu Theil worden, in der geliebten ſtand⸗ haft erkaͤmpften Gemahlin; Nothwendigkeit und Vorſicht hießen den Mißvergnuͤgten ihr Gefuhl unter der Theilnahme an der allgemeinen Stimmung verbergen; die Vorfaͤlle, durch de⸗ ren Bericht die Starvſtin den Stundenkummer ihrer Gebieterin zu verſcheuchen trachtete, hat⸗ ten nicht voͤllig den Eindruck hervorgebracht, — 108— deſſen dieſe erwaͤhnte, und wenn auch einige Zeugen noch bis zum Nachmittag derſelben ge⸗ dachten, ſo vergaß man ſie doch am Abend bei der Belehnung der Herzoge, uͤber der Genugthuung, welche der Nationalſtolz der Polen in der Huldigung fand, die dieſe maͤchtigen Fuͤrſten ihrem Koͤnig mitten in ſeiner Hauptſtadt an den Stufen ſeines Thro⸗ nes darbrachten. Als dieſe Handlung vorͤber war, begab ſich der Zug nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤck, nach dem Brauch des Jahrhunderts mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen, un⸗ ter welchen die Paniere des Herzogthums Preu⸗ ßen ſich heut zum erſten Male durch die Buch⸗ ſtaben S. A..„ Siegmund Auguſt, auszeichneten, welche lange noch auf der Bruſt des ſchwarzen Adlers zu ſehen waren, und erſt in weit ſpa⸗ tern Tagen von derſelben verſchwunden ſind; und das koͤnigliche Bankett begann, waͤhrend in den Straßen die Menge ſich jauchzend um die gebratenen Rinder und die Wein, Meth und geiſtige Waſſer ausſtroͤmenden Brunnen und Ton⸗ nen draͤngte, welche ihr Preis gegeben worden. Es ſey uns erlaubt, die Ausmahlung die⸗ ſes Feſtes dem Leſer zu uͤberlaſſen, und nur — 109— zu bemerken, daß nach einem koßlichen Mahl und gehaltenen Fackeltanz, der heute am we⸗ nigſten fehlen durfte, Koͤnig Siegmund vor dem verſammelten Hofe ſeine Hochgeborne und ſehr werthe Muhme Fraͤulein Helena, Wojewodzanka von Podolien, und den Hochwohlgebornen eh⸗ renfeſten Hippolyt Boratynski, Staroſten von Samborz, fuͤr ein Brautpaar erklaͤrte, deſſen foͤrmliche Verlobung in wenig Tagen Statt fin⸗ den wurde, ſobald die durchlauchtige Mutter der Braut von einer Krankheit geneſen ſey, die ſie leider an dieſem freudenvollen Tage be⸗ fallen, daß Einige, und unter ihnen der Groß⸗ feldherr der Krone und der Kaſtellan von Belzk, ihre Theilnahme unſerm Freund Hippolyt in wenigen, aber wohlthuenden Worten bezeigten, und die uͤbrige Verſammlung beiden Verlobten ihre Gluͤckwuͤnſche darzubringen nicht erman⸗ gelte, die um ſo redneriſcher waren, als das Geruͤcht ging, man beſtimme der Braut das Furſtenthum Zator, eine einer Piaſtin nicht un⸗ wuͤrdige Mitgabe, und dem Braͤutigam ſey das Amt eines Pannertraͤgers der Krone zugedacht. Außerdem durfte noch zu berichten ſeyn, daß man plotzlich den Reizen, Tugenden und an⸗ — 110— dern vortrefflichen Gaben der neuen Koͤnigin volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, daß ſelbſt ihre alten und hartnaͤckigen Gegner, außer Stande, dem ſchnellen Andrang einer Bewunde⸗ rung, von welcher fruͤher keine Spur vorhan⸗ den geweſen, zu widerſtehn, da, wo ſie nicht zu⸗ gegen war, in laute Lobeserhebungen ausbra⸗ chen, und ihr gegenuͤber ſich ihre eifrigſten Verehrer und lebenslaͤnglich ergebenſten Diener nannten. Selbſt der Wojewode von Krakow hatte Stolz und muͤrriſche Laune abgelegt, und ſchien durch die Zuſage begluͤckt, die ihm der Koͤnig auf dringendes Bitten gewaͤhrte, zu ge⸗ ſtatten, daß die Verlobung des erlauchten Fraͤu⸗ leins von Podolien mit dem Bruder des vor⸗ treflichen Kaſtellans von Belzk, deſſen Ver⸗ dienſte um das PVaterland Herrn Petrus jetzt erſt einleuchten wollten, auf ſeinem Schloſſe zu Wysniee gefeiert, und dieſes ſein geringes Haus bei dieſer Veranlaſſung durch die hohe Gegenwart Ihrer Majeſtaͤten geehrt werde. Berauſcht von den glaͤnzenden Auftritten, die an dieſem Tage in ununterbrochener Reihe auf einander gefolgt waren, und von noch erre⸗ — 111— gendern Gefuͤhlen, kehrte Hippolyt, der Guͤnſt⸗ ling des Gluͤcks und der Liebe, ſpaͤt nach Nit⸗ ternacht in ſein Zimmer zuruͤck. Eben hatte er ſich mit Huͤlfe ſeiner Diener der ſattli⸗ chen Hofkleidung entledigt, die dem kuͤnftigen Schwiegerſohn der mazowiſchen Prinzeſſin, wel⸗ chem große Reichthuͤmer und anſehnliche Ehren⸗ aͤmter zugeſichert worden, angemeſſen war, und bereitete ſich, die noch uͤbrigen Stunden der Nacht auf ſeinem Lager, wo nicht zu ver⸗ ſchlummern, doch umgeben von entzuckenden Bildern der Zukunſt zu vertraͤumen, als ſein Vetter Stanislaw Lacki eintrat. Der Dienſt und die Etikette hatten dem Edelknaben nicht erlaubt, in den Prunkſaͤlen des Koͤnigs ſich dem Kreiſe der mit Rang und Wurden beklei⸗ deten Gluͤckwunſchenden zu geſellen, welche dort den Staroſten von Samborz umringten; er kam alſo, um ungeſtoͤrt das Recht des Verwandten geltend zu machen, und ihn des Mitgefuͤhls zu verſichern, welches das nur allzutief empfin⸗ dende Herz des Juͤnglings erfuͤllte. Er ſchien ſehr lebhaft bewegt, und aͤußerte ſein Vergnu⸗ gen auch wohl nach ſeiner alten Weiſe mit Spruͤngen und Umarmungen, doch war es, als — 112— ſtaͤnde ihm dieß nicht mehr ſo recht zu Geſicht, und als ſchliche mitunter ein truͤbes Woͤlk⸗ chen uͤber den freudeſtrahlenden Blick.—— Nun iſt ja Alles ſchoͤn und gut— rief er, des Vetters Hand ergreifend— und beſſer, weit beſſer fͤr Dich geworden, als man hoffen durfte. Wer haͤtte damals, als wir in der Kirche zu Jwanowice die liebe Helena ſahen mit ihrer grillenhaften Mutter, die Dir kaum erlauben woll⸗ te, mit der Lochter zu ſprechen, denken ſollen, daß ſie Dir dieſelbe nun doch geben muͤßte; wer haͤtte gedacht, daß Hipein in ſo kurzer Zeit ein maͤchtiger und reicher Herr ſeyn wuͤr⸗ de, und der alte grimmige Großmarſchall es ſich zur Ehre und Freude rechnete, dem jun⸗ gen Landedelmann, den damals ſeine Hartſchiere von der Thuͤr ſeines Gemachs wegwieſen, die Verlobung auszurichten in ſeinem ſchoͤnen Schloſſe zu Wysniee?—— Wirklich, Stasiu, — erwiederte Boratynski— hat ſich mein Loos weit anders geſtaltet, als man es vor etwa achtzehn Monden und auch ſpaͤter noch hoffen mochte; denn als wir zuſammen in die Burg zu Wilno einzogen, ſtand es nicht ſon⸗ derlich um mich, ſelbſt damals nicht, als wir — 113— im vergangenen Jahre von Janowiee nach Kra⸗ kow ritten; Du warſt an dem Tage truͤber Ahnungen voll, und ſiehe, ſie haben ſich nicht erfullt und auch die Weiſſagungen nicht, welche die Unkenſtimme jener Hexe uns zurief, und die Dich und wohl auch mich ſo entſetzten.— — Etwaͤhne deſſen nicht— ſprach Stanis⸗ law, deſſen frohes Laͤcheln ſchnell in die Mie⸗ ne traͤumeriſchen Sinnes uͤberging.— Zwar biſt Du jetzt gluͤcklich und froh; die Sonne, welche Dir aufgegangen iſt, verſcheucht alle duſtere Nebel, und Du magſt der boͤſen Vor⸗ bedeutung lachen, die ſich an Dir ſo wenig bewaͤhrte; doch mit mir iſt es ein Anderes— keine Freude iſt zwiſchen mich und jene Erin⸗ nerungen getreten, die ich noch recht laſtend auf dem Herien fuͤhle, und ich meine, man thue nicht wohl das Unheil herauszufordern, welches, wie ich mir ſagen laſſen, ein gar lei⸗ ſes Gehoͤr hat.—— Wie kommt doch dieſer jugendliche Mund dazu, ſo unheimliche Worte zu ſprechen, und dieſes blitzende, jungſt noch ſo muthwillige Auge, immerdar, wie Du ſeit ge⸗ raumer Zeit zu thun pflegſt, an den Boden geheftet die Fußtapfen des Uebels zu zaͤhlen? Hipp. Borat. 4r Theil. 8 — 114— — Doch Du haſt Recht— ſetzte Hippolyt hinzu, dem in dieſem Augenblicke die Erwaͤh⸗ nung der Alten unwillkührlich das zuruck rief, was er beim Todtenacker der Juden geſehn— ſprechen wir nicht von dergleichen, da wir wohl von beſſern Dingen zu reden haben. Nicht allein mit mir, Stasin hat es ſich anders ge⸗ ſtaltet, auch mit hohen, uns ſehr werthen Per⸗ ſonen, und es gab eine Zeit, wo die erlauchte Verbannte zu Wilno die Naͤhe des heutigen Tages nicht ahnte, jar wo ſie ſogar zweifeln mochte, er werde jemals erſcheinen.—— Wohl, wohl— ſprach der junge Lacki nach⸗ denklich.— Es hat ſich nun Alles gefugt, wie es ſoll, und drum iſt es auch Zeit, daß ich von Euch ſcheide und zu meinem Vater gehe, ihm zu berichten wie ſich alles begeben, damit er ſich erfreue, denn er iſt ſeiner erlauchten Blutsverwandtin ſehr ergeben und zugethan, wie es auch der Sohn iſt.—— Zu Deinem Vater? Du willſt von uns ſcheiden?— un⸗ terbrach ihn Boratynski, auf den dieſe Worte um ſo mehr Eindruck machten, als vor einigen Tagen Botſchaft aus Pinsk gekommen wat von einer dem alten Johannes zugeſtoßenen Krank⸗ — 115— heit, die man dem Edelknaben noch verheim⸗ licht hatte.— Wie kommt Dir ſolches in den Sinn?—— Da ſagte Stanislaw— Siehe, es ſcheinet mir, als tauge ich nicht recht hier; es iſt hier alles ſo glucklich, ſo heiter— und ich— ich bin es nicht.— Glaube darum nicht— fuhr er fort, indem er Hippolyt ſanft und liebkoſend umſchlang, daß ich Dich be⸗ neide, daß Du es biſt.— Nein, ich werde mich immer daruͤber freuen, und oft werde ich mit dem Vater ſprechen in der Einſamkeit, wo Niemand uns ſtoͤrt, von Dir, von Helenen, und— von Allen die mir lieb waren.—— Mein Stanislaw, das wirſt Du doch nicht thun wollen. Auch für Dich bricht ja eine ſchoͤne Zukunft heran. Der Koͤnig haͤlt Dich werth, und wahrlich er hat Urſache dazu.— Du laͤchelſt ſo ernſt vor Dich hin? Meinſt Du, Er oder die Koͤnigin wuͤrden es Dir je vergeſſen, daß Du, beinah ein Knabe noch, ſchon zweimal Dein Leben fuͤr ſie gewagt und ſie aus großer Gefahr gerettet? Und Du willſt Dich dem Lohn entziehn, auf den Du ſo ge⸗ rechten Anſpruch haſt?—— Zweimal?— fliſterte der Page vor ſich hinſehend— Zwei⸗ 8* — 116— mal? Waͤre dem ſo? Ich fuͤrchte nein— jene leichten Wunden, die ich davon trug im Garten zu Lobzow, ſie ſind keine Einſchnitte in den Lebensfaden— ſo Geringfugiges wird nicht verzeichnet in der Rechnung— Zuwei⸗ mal? Sie hat es wohl anders gemeint. ²) Was ſprichſt Du, Stas? rief Hippolyt befremdet— Wer hat gemeint, und was?— — Laß ſeyn— war die Antwort des Lacki.— Du ſiehſt ja, ich bin aus einem luſtig necken⸗ den Knaben ein traͤumeriſcher Juͤngling wor⸗ den; ein ſolcher paßt nicht an einen Hof, wo die Freude ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hat, und man nur muntern Witz achtet und zier⸗ liche Gewandtheit.—— Nun ſo unzierlich biſt Du eben nicht für einen Littauer— ent⸗ gegnete der Staroſt, den Ton des Scherzes annehmend— und der Witz wird ſich auch wieder finden und der Frohſinn, wenn Dir das Leben erſt recht aufgeht in ſeinem Glanz. Es iſt nichts Seltenes, in Deinem Alter ein wenig launenhaft und truͤbſinnig zu ſeyn; harte *) Siehe Theil III, Seite 201. — 117— nur ein paar Jahre, und die Beſtimmtheit wird kommen, vornehmlich aber wenn es Dir gluͤcken wird, wie mir, ein reitzendes Ziel Dei⸗ nes Strebens zu finden.—— Unruhig be⸗ wegte der Page ſich auf ſeinem Sitze, und ſprach mit der Hand abwehrend:— Laß ab, Vetter, laß ab; Du guaͤlſt mich, ohne es zu wiſſen.— — Sey doch freudig und wohlgemuth— fuhr jener fort.— Ich vermuthe, ja ich weiß bei⸗ nahe ganz gewiß, daß der großmuͤthige Sieg⸗ mund Auguſt es wohl mit Dir im Sinne hat, daß er, Deiner Jugend ungeachtet, mit dem zweimaligen Retter ſeiner Koͤnigin eine Aus⸗ nahme zu machen gedenkt, daß vielleicht bald, ja wenn ich nicht irre, an meinem Verlobung⸗ tage ſchon Du Dich auf einer andern Stelle befinden wirſt.—— An Deinem Verlobung⸗ tage? Auf einer andern Stelle? wiederholte der Juͤngling, wie vorher vor ſich hinblickend: — Ja, warum auch nicht?— So lange— ſetzte er hinzu und bot dem Vetter freundlich die Hand— ſo lange will ich bleiben, und mich noch einmal recht freuen uͤber Dein Gluͤck, mein Hippolyt, der Du immer des kin⸗ diſchen Stas Freund wareſt; aber dann, glaub' — 118— ich, werd' ich fort muͤſſen— weit fort von hier— und wenn Du einmal nach Littauen kommſt, nicht wahr, da ſuchſt du den Stas heim und ſeinen Vater in ihrem ſtillen Hauſe? — Drauf kuͤßte ihn der Vetter auf die Stirn, und ermahnte ihn, ſich nicht allzuſehr dem truͤb⸗ ſinnigen Gruͤbeln hinzugeben, das ihm doch nur die Freuden der Jugend verleide, und nun ſchlafen zu gehn, damit er friſch und wacker bleibe; als aber der junge Menſch ſich entfernt hatte, vermochte Hippolyt ſich nicht ſogleich dem Eindrucke zu entziehen, den ſein ſeltſames Benehmen, und ſeine Worte auf ihn gemacht, ſo daß er auf einige Zeit ſelbſt des eignen Gluͤcks, uͤber der ihm unerklaͤrlichen Traurig⸗ keit des ſonſt ſo heitern Stanislaw, vergaß; und erſt als er ſich mit der Hoffnung getroͤſtet hatte, das Feuer ſeines Alters, des Hofes Geraͤnſch und vornehmlich der durch des Koͤ⸗ nigs Gunſtbezeugung erweckte und befriedigte Ehrgeiz würden ihn heilen, traten freundlichere Bilder an ſein Lager und begleiteten ihn in das Reich der Traͤume.— — †— Mehr als eine Woche war hingegangen, waͤh⸗ rend welcher Siegmund Auguſt Jagiellv ſeinen Unterthanen und den anweſenden Auslaͤndern⸗ in Luſtbarkeiten aller Art, die Zufriedenheit ſei⸗ nes Herzens und den Reichthum und Geſchmack ſeiner Hofhaltung an den Lag legte; bei guͤn⸗ ſtigem Wetter vergnuͤgte man ſich in Ringel⸗ rennen, in ſtattlichen oder phantaſtiſchen Auf⸗ zugen und allerlei ritterlichen Uebungen, und wenn Regen dem reichen Putze der Damen und dem Federſchmuck oder den reichen Stickereien der Herrn drohte, die theils in der Nationaltracht, theils in ſpaniſcher Kleidung einhergingen, ver⸗ ſammelte ein Chor welſcher Saͤnger und Ton⸗ kuͤnſtler die feine Welt in den Saͤlen des Schloſſes, oder man ergetzte ſich an dem wun⸗ derlichen Machwerk, welches, zuſammengeſetzt aus hochtrabenden Sentenzen, blutigen Auftrit⸗ ten und den Poſſen des Searamuzzo und Bri⸗ ghella, damals Schauſpiel genannt ward; jeden aber ſo erlebten Tag ſchloß ein Tanzfeſt und ein bis ſpaͤt in die Nacht verlaͤngertes Gaſt⸗ mahl. Der Koͤnig hatte ganz jene verſchloſſene ungeſellige Weiſe abgelegt, welche er ſeiner — 120— Gemuͤthsart und Neigung zuwider ſich in den Zeiten der Zwietracht, als ihn Zweifel und Mißtrauen verſtimmten, aneignen zu muͤſſen glaubte, er war der, welcher alles um ſich her belebte in ſittiger Freude und freiſinnigem Scherz, jeder, den nicht verborgene Abſichten beſchaͤftigten, fuͤhlte ſich heiter und von keinem Zwange gedruͤckt in ſeiner Naͤhe, und doch wußte er neben dem gaſtfreien Wirth und gu⸗ tem Geſellſchafter die Wuͤrde ſeines Ranges ſo wohl zu behaupten, daß ein einziges zur rechten Zeit geſprochenes Wort, oſt ein Blick nur vermochte die Freiheit in ihre Schranken zuruͤck zu weiſen, ſobald ſie anfing uͤber dieſelben hinaus zu gehn. Selten hat man bei einem kt⸗ niglichen Ehepaar eine groͤßere Uebereinſtim⸗ mung der Gemuͤther bemerkt, als bei Sieg⸗ mund dem Zweiten und Barbara Radziwill; wie bei ihm, ſo war auch bei ihr die Heiter⸗ keit vorherrſchend, und ſie theilte mit ihm eine gewiſſe Sorgloſigkeit, die das Uebermaaß ver⸗ meidend, eigentlich nothwendig iſt zum Gluck des Lebens, doch fehlte es ihr dabei keineswe⸗ ges an dem weiblichen Scharfblick, der mit vieler Schnelle und Sicherheit jede Spur uͤbeln — 121— Willens, war er auch verſteckt, oder Vernachlaͤſſi⸗ gung, war ſie auch voruͤbergehend, wahrzuneh⸗ men verſtand, und noch weniger an dem Gefuͤhl ihres Ranges und an einer großen Verletzbar⸗ keit von dieſer Seite, wie der Leſer dieſer Begebenheit wohl ſchon mehr als einmal be⸗ merkt haben wird. Doch war ſie wie Sieg⸗ mund Auguſt eben ſo empfaͤnglich für alle Zei⸗ chen wahrer Zuneigung, und je mehr ſie einſt in Helenen Odrowonz eine bedenkliche Neben⸗ buhlerin oder vielmehr ein williges Werkzeug feindlicher Plaͤne zu ſehen geglaubt hatte, um ſo mehr hatte ſie der Jungfrau ſtiller, aber entſchloſſener Widerſtand fur dieſelbe gewonnen, und ſie bot freudig ihrem Gemahl die Hand⸗ das Gebaͤude ihres Gluͤckes zu gruͤnden, und es mit jugendlicher Lebhaftigkeit und koͤnigli⸗ cher Großmuth auszufuͤhren. Waͤhrend aller dieſer feſtlichen Tage war die Tochter des Leon Odrowonz Barbarens unzer⸗ trennliche Begleiterin, und dieſe mochte um ſo mehr ſich dieſes ehrenvollen Schutzes er⸗ freuen, da ihre Mutter aufgehoͤrt hatte, wie bisher ihre Worte, Blicke und Geberden zu — 122— bewachen, und ſie ſogar ſelten an den Hof begleitete, gleich als ſei die Braut des Hippo⸗ lyt Boratynski ein zu geringer Gegenſtand fur die Aufmerkſamkeit der Tochter Herzog Kon⸗ rads von Mazowien. In den kurzen Augen⸗ blicken des Beiſammenſeyns ohne Zeugen in ihrer Wohnung, welche die unaufhoͤrlichen Luſt⸗ barkeiten bei Hofe jetzt verſtatteten, vermied die Mutter ſo viel als moͤglich jedes Geſpraͤch uͤber die Zukunft, auch die Lochter fuͤhrte es ſelten auf einen Gegenſtand, den, wie ſie wohl wußte, jene mit verſchiedenen Augen betrachtete, und wenn, wie es doch manchmal geſchah, die Nothwendigkeit ein ſolches herbeifuͤhrte, waren ihre Mittheilungen wortkarg und kuͤhl. Doch hatte die Prinzeſſin auf der Koͤnigin Voraus⸗ ſetzung, ſie werde der Verſammlung zu Wys⸗ niee beiwohnen, in welcher der Ehevertrag ih⸗ res Fraͤuleins von den gekroͤnten und andern hohen Haͤuptern unterzeichnet werden ſollte, mit der Bemerkung geantwortet: es ſey aller⸗ dings nothwendig, daß eine Mutter gegenwaͤrtig ſey bei der Handlung, die uͤber die Zukunft ihres einzigen Kindes beſtimme; auch Bona von Mailand hatte dem Feſie des Großmarſchalls — 123— zugeſagt, mit dem verbindlichen Andeuten, ſie werde nicht zuruͤckbleiben bei ſolch einer ange⸗ nehmen Veranlaſſung, und ſo viel es in ihrer Macht ſtuͤnde Ihren regierenden Majeſtaͤten in den großmuͤthigen Abſichten beitreten, welche dieſelben gegen die Tochter ihrer werthen Frau Muhme Liebden im Sinne fuͤhrten.—— Die Sonne des Tages, der den Hof in Wysniec verſammeln ſollte, war ſeit einigen vorhergehenden, zum erſten Mal heiter aufgegan⸗ gen, und ſchien die letzten Regenwolken zer⸗ ſtreut zu haben, welche zwei oder drei Abende hindurch die erlauchte und zahlreiche Verſamm⸗ lung auf die genannten Luſßtbarkeiten, in den Zimmern des Schloſſes, beſchraͤnkt hatten.— Als die Geladenen uͤber die Bruͤcke zogen, wel⸗ che von Krakow nach der Vorſtadt Podgorze fuͤhrt, ſchimmerten Strom und Flur im Glanze des ſchoͤnen Sommermorgens, denn man war fruͤh aufgebrochen, da man in jener Zeit ſich um eilf Uhr zur Mittagstafel zu ſetzen pflegte, und man dieſe heut um ſo weniger verzogern wollte, weil zwiſchen ihr und den abendlichen Vergngungen die feierliche Unterzeichnung des — 124— Chevertrags der Verlobten feſigeſetzt war. Der bedeutendſte Gegenſtand des Zuges war ein ſehr großer offener Wagen, von acht mit Sammet⸗ decken und Federbuͤſchen geſchmuͤckten Pferden gezogen; ſein ſchwerfaͤlliger Bau war dem eines heutigen Ruͤſtwagens aͤhnlich, nur ohne Ver⸗ deck und mit in den Seiten angebrachten Thuͤ⸗ ren, doch waren der hochlehnigen Sitze vier an der Zahl, je zwei und zwei einander gegen⸗ uͤberſtehend, zwar nur in ſtarken Riemen auf⸗ gehaͤngt, das Holzwerk daran war indeſſen ver⸗ goldet und die nicht beſonders weichen Polſter mit blauem Sammet bekleidet, auf welchem der Polniſche Adler in Silber geſtickt, und welchem ein Beſatz von aͤhnlichem Stoff ange⸗ heftet war, der letztere jedoch von Amaranth⸗ farbe. Ueber dem Ehrenplatze zwiſchen den ge⸗ waltigen Hinterraͤdern, ethob ſich auf vier ei⸗ ſernen Stangen, die ebenfalls ein Sammet⸗ uͤberzug bekleidete, eine Art viereckigen Daches von ſehr einfacher, etwas plumper Form, doch ebenfalls reich vergoldet und an dem Rande mit einer Reihe kleiner Kronen verziert, in der Mitte aber ragte eine groͤßere dergleichen empor. Die Behaͤnge von vergoldetem Leder, — 125— die den auf dieſe Art gebildeten Koͤfig umzo⸗ gen, waren des ſchoͤnen Wetters wegen zuruͤck⸗ geſchlagen, und die neugierig durch die umge⸗ benden Reiter ſchauende Menge erblickte in demſelben die Koͤniginnen Barbara und Bona, die Eine im reichen Hofkleide, die Andere in dunkler Wittwentracht, beide aber ein kleines Diadem auf dem Hauptwirbel tragend. Die Unterhaltung beider Damen ſchien nicht ſehr lebhaft, und ſie verſuchten die Langweile, die das feierlich zoͤgernde Vorruͤcken ihnen verur⸗ ſachte, jede ihrerſeits durch ein Geſpraͤch mit den ſie begleitenden Damen oder den an den Wagenſchlaͤgen kurz galoppirenden Rittern zu verſcheuchen. Ihnen gegenuͤber befanden ſich auf dem Ruͤckſitze die Wojewodin von Podolien, der ihre furſliche Geburt dieſe zweite Ehren⸗ ſtelle anwies, und ihre Tochter, welche heute gewiſſermaßen der Gegenſtand des Feſtes war, die Eine in tiefer Trauer und voͤllig ohne Ju⸗ welen, die Andere geſchmuckt durch Jugend und Schoͤnheit in Ermangelung glaͤnzender Steine; denn die beraubte byzantiniſche Kette lag wohl verwahrt in der Truhe der Mutter. Auf den andern Sitzen mit niedrigen Ruͤcklehnen quer — 126— neben den Schlaͤgen ſaßen rechts auf der Seite der regierenden Koͤnigin die Frau Schatzmei⸗ ſterin Horonoſtay und Lucie Oſtrorog ihre Da⸗ men, links die Staroſtin Falezeska und ein Hoffraͤulein Bonens von Mailand. Auch dieſe Andern waren nicht ſehr geſpraͤchig. Die Prin⸗ zeſſin fuͤhlte ſich heute nicht geneigt, wortrei⸗ cher zu ſeyn als ſie pflegte, Helene uͤberließ ſich den Traͤumen der Zukunft und warf wohl einen ſchnellen Blick auf den nicht entfernten Staroſten von Samborz, oder beantwortete la⸗ chelnd ein freundliches oder neckendes Wort des oft an den Wagen ſprengenden Koͤnigs; die Ehrfurcht vor den hohen Damen und die Un⸗ behaglichkeit, welche ihr bekanntes Verhaͤltniß verbreitete, hielt die Worte der Ehrenfraͤulein zuruͤck, und die Staroſtin und Schatzmeiſterin begnuͤgten ſich unterweilen einander einen ver⸗ ſtohlenen Blick zuzuwerfen. Auswaͤrts an den Schlaͤgen hielten ſich ſechs Edelknaben, unter ihnen Stanislaw Lacki. Nachdem wir mit ſol⸗ cher Genauigkeit das Haupt⸗ und Prachtſtuͤck des Zuges beſchrieben, ſey es uns vergoͤnnt, noch einen Blick auf die es umringende Kavalkade zu werfen. Im Innern ſeines Schloſſes bediente — 127— ſich Siegmund Auguſt gern der bequemern ita⸗ lieniſchen oder ſpaniſchen Lracht, welche auch der Lebhaſtigkeit ſeiner Bewegungen, der mitt⸗ lern Groͤße ſeiner Geſtalt, und ſeinem ſchlan⸗ ken Wuchſe angemeſſener war, als die Nativnal⸗ tracht der Polen, welche eigentlich nur einem ſehr hochgewachſenen und kraͤftig gebauten Mann wohl anſteht. Doch nußte er, ſein Volk ſehe ihn bei offentlichen Veranlaſſungen gern in der letzten; er trug alſo eine kleine Muͤtze mit hochſteigendem Reiherbuſch, ein enges Gewand von Silberſff, daruͤber einen Zupan von brau⸗ nem ſchweren Seidenzeug, an einem Pas(Guͤr⸗ tel) von gebluͤmten Goldßoff hing ein tuͤrkiſcher Saͤbel mit reichbeſetztem Griff und ſilberner, in Gold getriebener Scheide. Das Pferd, welches er ritt, war ein Grauſchimmel, kurz gebaut und nicht hoch, doch feurig und gewandt, lange tuͤrkiſche Decken hingen ihm vom Ruͤcken herab bis an den Bug, der ſtattliche Schweif war bis zur Hälfte eingeflochten, wie die gewaltig flatternden Maͤhen, und zu beiden Seiten des Sattels befanden ſich goldene Steigbügel auf den die Fuͤße des Reiters, mit rothen Halbſtie⸗ feln bekleidet, in ihrer ganzen Laͤnge ruhten. — 128— Unter den Andern bemerken wir den uns ſchon bekannten Herzog von Preußen, einen ernſten Mann mit ſcharf gezeichnetem Geſicht, kuͤhn blickendem Auge, und langem, ſchon etwas in Grau ſpielenden Bart; er trug ein deutſches Wams von ſchwarzer Farbe, auf welchem eine goldne Kette glaͤnzte, einen kurzen rothen Sammetmantel mit Hermelin verbraͤmt, und ein Baret mit wallenden weißen Straußfedern. In aͤhnlicher Tracht, außer daß die Bekleidung ihrer Hermelinmaͤntel von anderer Farbe war, ritten unfern von ihm, ſein Sohn Albert Fried⸗ rich, ein bleicher junger Mann, deſſen finſtere Zuͤge ſchon das Beginnen der Gemuͤthsart an⸗ zeigten, die ihn wenige Jahre darauf befallen ſollte, um ihn nie wieder zu verlaſſen, und der Kurprinz von Brandenburg, Siegmund Auguſts Stieſſchweſterſohn, welcher vor wenigen Tagen die Anwartſchaft auf die reiche Erbſchaft erhal⸗ ten hatte, die ſein Haus nach Albert Fried⸗ richs Tode antrat. Außer ihnen begleiteten noch viele Senatoren, Wuͤrdentraͤger und Mag⸗ naten die koͤnigliche Karoſſe, unter denſelben die meiſten von denen, welche dieſe Darſtel⸗ lung ſchon fruͤher erwaͤhnte, und ein Faͤhnlein — 129— koͤniglicher Reiter unter den Befehlen des Sta⸗ roſten von Samborz ſchloß den glaͤnzenden, ſich langſam vorwaͤrts bewegenden Zug. So waren die Geladenen des Petrus Kmita in der neunten Morgenſtunde uͤber die hoͤlzerne Weichſelbruͤcke geritten und gefahren, und mit⸗ hin vernahm man das Stampfen der Pferde⸗ hufe und das Gerumpel der ſchweren Staats⸗ karoſſe, drauf verfolgte man die Hauptſtraße der Vorſtadt Podgorze und ſchlug endlich den Weg ein, der links ab, laͤngs dem rechten Ufer der Weichſel, durch kleine Waͤldchen und reiche Wieſen nach dem Flecken und Schloſſe Wys⸗ niee fuͤhrt. An der Grenze ſeines Gebiets erwartete der Großmarſchall die Ankommenden, umgeben von vielen Sdelleuten und einer an⸗ ſehnlichen Dienerſchaar in koͤſtlicher Liverei. Als er den langſam nahenden Zug erblickte, und einer ſeiner Begleiter ihn auf deſſen Stattlich⸗ keit aufmerkſam machte, ging ein finſteres La⸗ cheln uͤber des Gaſtgebers Geſicht, und der Sprechende erhielt keine Antwort; mit aus⸗ geſtreckter Hand gab der Wojewode dem Ge⸗ folge ein Zeichen, ſein Roß von arabiſcher Hipp. Borat. ar Theil. 9 — 130— Zucht hob ſich vom Sporn angeregt zu einem wilden Satz, aber bald der Hand und dem Schenkel des Reiters gehorchend, trug es ihn in kurzen gemeſſenen Spruͤngen zu den Wagen der Koͤniginnen. Waͤhrend er darauf mit der Linken den Zuͤgel anhielt, daß ſein Pferd ſchnaubend auf den Hinterfuͤßen ſtehend und hochbaͤumend anhielt, zog die rechte die Czap- ka) tief herab, daß der ſchwarze Buſch die Spitzen der Grashalme beruͤhrte, und er be⸗ willkommte die Gemahlin ſeines Monarchen mit einer kurzen Anrede, in welcher er den Boden von Wysniee, insbeſondere aber den Herrn deſſelben glucklich pries, die Zierde des Reichs zu empfangen. Nit wenigen, ebenfalls gemeſſenen Worten dankte ihm Barbara, dar⸗ auf riß er ſein Thier kurz herum und neigte ſich vor dem Koͤnig, und ſprengte dann an die Spitze der Reihe, um ihr gleichſam als Fuͤhrer zu dienen. Man war in eine lange Anfahrt gekommen, welche auf beiden Seiten durch einen mit hoch⸗ ſtaͤmmigen Baͤumen dicht bewachſenen Wild⸗ *) Ceapka, Muͤtze. — 131— garten fuͤhrte, je alle zweihundert Schritte be⸗ gruͤßte die Dahinziehenden ein im Dickicht ver⸗ borgenes Muſikchor, und ein vielſtimmiges Lebe⸗ hoch, dem koͤniglichen Ehepaar gebracht, toͤnte durch den Wald. Man naͤherte ſich jetzt der großen, thurmfoͤrmigen Eingangpforte, an wel⸗ cher viele Hunderte von den Unterthanen des Magnaten in feſttaͤglichem Schmuck verſammelt waren; ganz nahe bei derſelben befanden ſich die hoͤhern Hausbedienten, mit den Unterſchei⸗ dungzeichen ihres Amtes. Auf den Wink des Burggrafen*) rauſchten die ſchweren, mit Ei⸗ ſenſpitzen beſchlagenen Shorflüͤgel auf in ihren Angeln, und hoch oben auf dem kuppelartigen Dache erhob ſich die koͤnigliche Fahne, des Ge⸗ bieters Anweſenheit beurkundend empor, uͤber der auf der Spitze angebrachten ſilbernen Hand mit einem rothen Kreuze, dem Wappen des Hauſes Sreniawa. Bald raſſelte der vorher⸗ beſchriebene Wagen auf dem Pflaſter des Ho⸗ ſes, die begleitenden Reiter ſprengten im kur⸗ zen Galopp heran, einen Halbkreis um ihn zu bilden, und der uͤbermuͤthige Kmita vom Roſſe —— *) Burgrabia, Schloßvogt. — 132— ſteigend nahte ſich, wie Siegmund Auguſt ſelbſt berichtet, mit gebengtem Haupt ſeiner Koͤnigin den Wagentritt, von welchem die Edelknaben mit einem eingeuͤbten Satz herunterſprangen⸗ in geziemender Ehrfurcht zu halten. Die durch⸗ lauchtigen, erlauchten und edlen Gaͤſte verfuͤgten ſich darauf unter dem Vortritt ihres Wirthes in einen großen Saal zu ebener Erde, in wel⸗ chem der gebraͤuchliche Morgenimbiß, beſtehend aus geſalzenem Fiſch, dem Laich des Stoͤrs, geraͤuchertem Fleiſch, getrockneten und einge⸗ machten Fruͤchten, aus Kijow und aus gebrann⸗ tem geiſtigen Getraͤnk und ſuͤßem Aufguß auf Pfirſichen, Kirſchen und gelbe Pflaumen, ihrer wartete; in den Seitengebaͤuden fanden Gefolge und Kriegsleute eine gleiche Aufnahme, jeder nach Standesgebuͤhr. In einem Winkel einer der kleinen Hoͤfe, der an die Seiten des Haupt⸗ gebaͤndes ſtieß, war ein ziemlich dunkles und kuͤhles Gemach, dem das unbekleidete Mauer⸗ werk und das eine ſchmale Fenſter, deſſen tiefe Bruͤſtung dem Lichte nur wenig Zugang ver⸗ ſtattete, ein ziemlich trauriges Anſehn gab, dem aber am heutigen Tage, der Gebrauch, zu welchem es beſtimmt war, eine nicht geringe Wichtigkeit verlieh. Es befand ſich nämlich in der Nachbarſchaft des Eiskellers, zu dem eine niedrige Thuͤre fuͤhrte und deſſen aͤußerer, nur wenig gebrauchter Eingang von den hier dicht herantretenden Baͤumen des Gartens vol⸗ lis vor den Sonnenſtrahlen geſchutzt war. Schon damals und auch jetzt noch fand und findet man in Polen ſelbſt bei geringern Land⸗ haͤuſern dieſes nicht allein zur Bereitung meh⸗ rerer Leckereien, als auch zur Aufbewahrung mancher im Sommer leicht verderbender Eß⸗ waaren nuͤtzliche Behaͤltniß nicht ſo ſelten als in dem angrenzenden oͤſtlichen und nordlichen Deutſchland, und beinahe ſo haͤuſig als in Frankreich; und das eben beſchriebene anſtoßende Gewoͤlbe war mit Geſtellen verſehen, auf wel⸗ chen zur Zeit des herannahenden Mittagmahls, in den aus dem Keller herbeigeſchafften Eiswan⸗ nen die Getraͤnke kuhl erhalten werden ſollten. Ein kurzer Gang fuͤhrte aus dieſem Gemach in das Innere des Schloſſes, bis zu einer runden Halle, worin der Schenktiſch aufgerichtet war, und aus welcher eine vffenſtehende Thuͤr in den Speiſeſaal fuͤhrte. In dieſem ſchoͤn ver⸗ zierten und mit prachtvollem Gexaͤth und koͤß⸗ — 134— lichen Teppichen geſchmuͤckten Schenkzimmer verweilten mit der uͤbrigen anſehnlichen Die⸗ nerſchaft die Edelknaben, deren Amt es war das Getraͤnk zu kredenzen, bis zu dem Augen⸗ blick, da der Schall der Trompeten und das Laͤuten der Glocke das Zeichen zur Tafel geben wuͤrde, unterweilen auf die Trinkgeſchirre ihrer Gebieter Acht habend, welche auf dem Kre⸗ densſchrein in einer Art Rangordnung gereihet ſtanden, und den Kellermeiſtern des Hausherrn die noͤthigen Weiſungen in Hinſicht auf den Geſchmack und das Beduͤrfniß der zu bedienen⸗ den Gaͤſte ertheilend. Unter ihnen befand ſich Stanislaw Lacki, und ſein Augenmerk richtete ſich ausſchließlich auf einen Becher von herrlich getriebener Goldarbeit doch von geringem Um⸗ fang, ſo daß er ſich zur kleinen Hand und dem beſcheidenen Nippen einer Dame eignete, und daneben huͤtete er ein Flaͤſchlein mit kry⸗ ſtallhellem Waſſer, und ein noch kleineres mit ſuͤßem Kanarienſekt, welche beide er ſelbſt ge⸗ fuͤut und geſchoͤpft hatte, und deren Inhalt kaum hinreichend geweſen waͤre, den Durſt eines maͤßigen Trinkers zu loͤſchen. — — — 135— So zahlreich die Verſammlung war, ſo hoͤrte man doch wenig Geraͤuſch, die Naͤhe der Ge⸗ bieter, welche ſich waͤhrend dem kurzen Zwi⸗ ſchenraum vom Morgeneſſen zur Mittagstafel in verſchiedene Gruppen getheilt, in den Gaͤr⸗ ten des Großmarſchalls ergingen, und deren glaͤnzende Geſtalten von Zeit zu Zeit an den hohen Bogenfenſtern voruͤber zogen, legte dem Hofgeſinde Stillſchweigen auf; man vernahm nur durch das Fliſtern Einzelner, die zuſammen traten ſich irgend eine Neuigkeit des Tages oder eine Bemerkung mitzutheilen, der Haus⸗ und Keller⸗Beamten kurze Befehle, und die eben ſo buͤndigen Antworten der hin und her laufenden Diener. Einer jedoch, der Anweſen⸗ den, der an der linken Wange eine Narbe trug wie von einem tuͤchtigen Saͤbelhieb, war lauter als die Andern; er hatte ſchon mehrere Male verſucht dem jungen Lacki Rede abzuge⸗ winnen, und da dieſer an der rohen Weiſe des ihm voͤllig unbekannten, etwas plump ſchei⸗ nenden Menſchen kein Behagen fand, und ihn, theils beſchaͤftigt durch die Beobachtung ſeiner Pflicht, welche ihn vielleicht heute unerlaͤßli⸗ cher als je erſcheinen mochte, theils aufgebracht durch ſein zu toͤlpiſches Weſen, ziemlich kurz und ſtolz zuruͤck wies, wendete er ſich mit allerlei unzeitigem Spaß an Andere, bei denen er jedoch eben ſo wenig Gluͤck hatte, denn es ward ihm uͤberall der Beſcheid, er mache ſich unnuͤtz und ſtehe Leuten im Wege, welche nicht muͤßig waͤren wie er. Auch ſchien er wirklich der Einzige zu ſeyn, den bloſe Neugier oder Zudringlichkeit in das Kredenzgemach gefuͤhrt hatten, und man begann ſich zu fragen, was der ungeſchliffene Burſche hier wolle. Da trat der Großmarſchall aus dem Speiſeſaal, als ſorgſamer Wirth noch einen Blick auf die An⸗ ordnung des Schenktiſches zu werfen, denn eben waren die koͤniglichen Perſonen vom Luſt⸗ wandeln zuruͤckgekommen, und die Lafel ſtand bereit. Das Erſcheinen des geſtrengen Petrus Kmita ſchien dem eben erwaͤhnten Stoͤrenfried nicht erfreulich zu ſeyn; er verſtummte alsbald, ſeine hochrothe Farbe verwandelte ſich in gelb⸗ liche Blaͤſſe, er ſchaute um ſich, als habe er Luſt, eben ſo ohne Abſchied zu gehen, als er ohne Einladung gekommen war, und da er die Ausgaͤnge beſetzt fand, ſchien er den Kreis der Sdelknaben zum Verſteck nehmen zu wollen, die ————— 1 — 137— ſtolz auf ihre Geburt und hoͤhere Bildung von der uͤbrigen Dienerſchaft abgeſondert, gleichſam einen Staat im Staate bildeten. Doch mochte die hochgeborene Jugend nicht geſonnen ſeyn, ein ſo wenig ebenbuͤrtiges Nitglied unter ſich aufzunehmen, und Einer aus ihrer Zahl ſieß ihn ſo derb zuruͤck, daß er einige Schritte fort und gerade gegen den taumelte, welchen er augenſcheinlich zu vermeiden ſtrebte. Kaum war des Großmarſchalls Blick auf den gefallen, der ſich ihm ſo unehrerbietig nahete, ſo loderte die Flamme des Zornes in ſeinem Antlitz em⸗ vor, und er fuhr mit der Rechten gegen den Saͤbel, als wolle er alsbald das Recht des Hausherrn im ausgedehnteſten Maaße handha⸗ ben. Halb abgewandt und niedergeduckt wie der Haſe, der uͤber ſich die Schwingen des Ad⸗ lers rauſchen hoͤrt, ſtand der Zitternde, als verzichte er ſich Leibes und Lebens, doch des Großmarſchalls Fauſt ſank am Knauf ſeiner Wehr herab, die er wahrſcheinlich an einem ſo niedri⸗ gen Gegenſtande nicht entweihen wollte, und er ſprach kalt zu ſeinen umſtehenden Dienern: Greift den Burſchenz ich habe ihm einmal vor Zeiten eine Verheißung gegeben, nun kommt — 138— er ſelbſt mich zu mahnen.— Auch ſoll er morgen gewahr werden, daß der Kmita ein Mann von Wort iſt.— Einſtweilen aber fuhrt ihn in den Thurm, damit er mit den Ratten tanze auf ſchlammigen Boden, bis er es allein verſucht in freier Luft, zwei Ellen nichts un⸗ ter den Fuͤßen.—— Bediente in großen Haͤuſern ſind gemeiniglich ziemlich aufgelegt zu Gewaltſtreichen, beſonders wenn eine Gaſterei oder ſonſt eine Veranlaſſung das Gefuͤhl ihrer eigenthuͤmlichen Wichtigkeit erhoͤht, noch mehr aber wenn ſie ſolche ſtraflos begehen zu koͤnnen glauben, am allermeiſten aber wenn ſie ſich durch den Willen, oder die Genehmigung des Herrn geſichert wiſſen; uͤberdem hatte Mancher vom Hausgeſinde des Wojewoden von Krakow von Alters her noch, wie man zu ſagen pflegt, einen Zahn auf dem ehemaligen Kanzleiboten und Schreibergehulfen, denn er war es, uͤber welchen die raſche Juſtitz des Kmita das Ur⸗ theil des Haͤngens ausgeſprochen hatte. So kam es denn, daß das ſtrenge Wort kaum aus⸗ geſprochen war, als ſchon eine gute Anzahl be⸗ reitwilliger Faͤuſte den Zitternden nicht allzu⸗ ſanft ergriff, um ihn vorlaͤufig in das angewie⸗ — — — 139— ſene Quartier zu bringen; doch die hochſte Ge⸗ fahr pflegt auch Feiglingen eine Art Muth zu verleihen; Waelaw Siewrak vertheidigte ſich mit einigem Erfolg gegen die Draͤnger, und waͤhrend ſeine Arme ihre Schuldigkeit thaten, rief der Mund: Erlauchter Herr Großmarſchall, ſehet zu, was Ihr thut, oder thun laſſet.— Herr Wojewode und Staroſt zu Krakow, wie moͤgen Eure Gnaden doch alſo verfahren mit einem Herrendiener, der ßtets ſeiner Pflicht treufleißig obgelegen, als er in Eurem Lohn und Brode war, und nun ein Gleiches thut, da er zu bem Gefolge der allerdurchlauchtigſten Koͤnigin Mutter gehoͤrt?—— Die Lakeien gaben wenig Acht auf ſeine Reden und der Großmarſchall ſelbſt, der indeß einige Befehle ertheilt hatte, wandte ſich nur halb um gegen den Flehenden, als habe er ſchon ſeiner und des geſprochenen Urtheils vergeſſen. So fuhren denn die Soͤldner feudaler Willküͤhr fort im Beſtreben, ſich des Widerſtehenden zu bemaͤch⸗ tigen, und ſie hatten ihn ſchon eine gute Strecke der Thuͤre naͤher geſchleppt, als er vloͤtzlich mit einer Stimme, die das entſtandene Getoſe durchdrang, ausrief: Um Gott, hoͤret — 140— nus ein Wort, maͤchtiger Herr, ihr mochtet lieber wollen, daß Euer Schloß Wysniee in Aſche verwandelt wuͤrde ſammt allen Speichern und der Brauerei und dem Brennhauſe, als daß Ihr es nicht vernommen!— Ein Wort nur, dann moͤget Ihr verfahren mit mir nach Eurer Gnaden unvorzugreifender Willensmei⸗ nung!—— Da ſagte der Großmarſchall mit veraͤchtlichem Laͤcheln, als meine er, man koͤn⸗ ne wohl dem Wurm, der fortan der zertreten⸗ den Ferſe nicht entſchluͤpfen koͤnne, das Kruͤm⸗ men goͤnnen, welches vielleicht der Sache et⸗ was Beluſtigendes gaͤbe.— Nun ſo laſſet mich denn hoͤren, was der werthe Herrendiener mir zu berichten hat, ſo lange ſeine Kehle noch Raum hat den Athem durchzulaſſen.—— Gehorſam ließen die Haͤnde der Diener von dem Bedrohten ab, und dieſer waͤlzte ſich am Boden hin zu des Magnaten Knie, die er flehend umfaßte. Des Wojewoden erſte Be⸗ wegung war, ihn zuruͤckzuſoßen dem Hunde gleich, deſſen Geberde er nachahmte, doch zwei oder drei leiſe Worte, die dieſer ausſprach, ſchienen die Stimmung des Gewaltigen zu ver⸗ aͤndern. Er gab ihm ein Zeichen außzuſtehn, — 141— und erlaubte ihm, gegen ſeln Ohr ſich erhebend, noch Einiges in daſſelbe zu raunen. Es war nicht, als ob das, was Petrus Kmita hoͤrte, ihm ſonderlich angenehm duͤnkte, bitterer Verdruß und ſogar eine gewiſſe Demuͤthigung zeigten ſich auf dem Antlitz, welches einigemal die Farbe wechſelte, und in dem abgewandten Blick, doch mußte es fuͤr des verjagten Dieners Schickſal gunſtig entſcheiden, denn Jener ſprach kurz und befehlend: Es war ein Irrthum— Laſſet ihn in Frieden.— Drauf wandte er ſich gegen Waclaw und rief ihm mit rauher Stimme zu: Wenn es ſo iſt, ſo magſt Du heute das Brot brechen mit meinem Geſinde und einen Schluck thun aus meinem Faß, fuͤr die Zukunft aber bleibt es beim Alten— merke Dir das Burſche.—— Unmittelbar hernach indeſſen aͤnderte ſich ſein Ton und der Ausdruck ſeiner Zuͤge, als er den jungen Lacki gewahr werdend, dieſem auf eine Weiſe ſagte, welche zwar wahrſcheinlich mild und herablaſſend ſeyn ſollte, aber in dem Munde des uͤbermuͤthigen Greiſes zweideutiger Hůͤllichkeit glich; So ſileißig in Ausuͤbung — 142— Eurer Pflicht, Herr Staroscie von Pinsk? Nun wohl, mit Kleinem faͤngt man an, um mit Großem aufzuhoren. Wie man vernimmt, hat heut der junge kuͤhne Edelmann, der ſo wohl mit Auerſtieren umzugehen weiß und mit trunkenen Nachtſchwaͤrmern, ſeiner gyaͤdigen Frau zum Letztenmal den Becher kredenzt, und ich wuͤnſche ihm im Voraus Gluck zu dem, was ihm wohl noch vor Ende dieſes geringen Mahles kund werden wird.—— Man weiß, daß der Großmarſchall niemals in der Gunſt des Pagen eine beſondere Stelle behauptete; die Verſoͤhnung, die kurzlich zwiſchen ihm und der hochverehrtrn Gebieterin Statt gefunden, hatte nicht gaͤnzlich die Erinnerung an Vergan⸗ genes in dem reizbaren und etwas tiefſinnigen Juͤngling verloͤſcht, er erwiederte nur mit einer ſtummen Verbeugung die verbindliche Aeuße⸗ rung, welche ihm in den Augen der Anweſen⸗ den ein gar großes Gewicht gab, und um die er vielleicht ſelbſt von ſeinen Genoſſen hin und wieder im Stillen beneidet ward.— Als nun der Herr ſich entfernt hatte, ſahen die Diener ſcheel auf den, der nicht allein ſie heut der Gelegenheit beraubt ihren loͤblichen Dienſteifer — 143— zu bewaͤhren, ſondern ſie auch des unſchuldigen Vergnůgens verluſtig machte, ihn am Morgen nach dem Feſte haͤngen zu ſehen, da doch jeder Tag ſeine Luſt haben will. Waelaw Siewrak ließ ſich jedoch das wenig anfechten; er nahm vielmehr die Miene verdoppelter Wichtigkeit an, als er ſofort die Verguͤnſtigung des Woje⸗ woden geltend machte, und ziemlich keck einen Trunk forderte vom Beßten, um den Staub hinunter zu ſpuͤlen, den das Getrampel des un⸗ geſchickten Dienſtvolks aufgeregt, und die Kehle anzufeuchten, die ihm trocken geworden von den hoͤchſ wichtigen Reden, welche er mit Seiner Gnaden dem Herrn Wojewoden gepflogen. Auch ward die allgemeine Aufmerkſamkeit bald von ihm ab, auf einen andern Gegenſtand gezogen, denn eben ſchlug die Glocke uͤber dem Portal an, und gleich darauf verkuͤndete der Schall der Trompeten, das Rauſchen ſeidner Frauen⸗ gewaͤnder und das Klirren der Sporen und Sabel, die hochanſehnliche Verſammlung begebe ſich in den Speiſeſaal. Sierlich und flink flo⸗ gen die Pagen davon, ihre Stellen hinter den Stuͤhlen ihrer Gebieter einzunehmen, und auch Stanislaw Lacki, welcher jedoch zuvoͤrderſt die — 144— beiden erwaͤhnten Flaſchen ergriff, begab ſich mit denſelben in die Naͤhe des vergoldeten Lehnſeſſels an der Oberſtelle, welcher der re⸗ gierenden Koͤnigin beſtimmt war. Unter dem Vortritt der Marſchaͤlle, denn ſo werden in Polen auch die Haushofmeiſter anſehnlicher Familien genannt⸗ welche ihre Staͤbe von Ebenholz mit ſilbernen Fnaͤufen hoch aufgerichtet trugen, ſchritten die Gaͤſte des Großmarſchalls herein. Der Koͤnigin Barbara ging zur Rechten ihr Gemahl, zur Linken der Gaſtgeber, auf deſſen zierlich mit dem herab⸗ haͤngenden Aermel des Pberkleides bedeckten Arm ſie ſich ein wenig ſtuͤtzte. Unmittelbar auf ſie folgte die verwittwete Foͤnigin, welcher der Kronhofmarſchall den naͤmlichen Dienſt er⸗ wies, und in gleicher Reihe der Herzog in Preußen. Der Prinzeſſin Anna war der Her⸗ zog von Pommern zum Geleitsmann geworden⸗ und ihrer Tochter der Brandenburgiſche Prinz und ihr Verlobter der Staroſt zu Samborz. Die übrigen Anweſenden hatten ſich gereiht⸗ je nachdem der Rang oder das Verhaͤltniß ſie zuſammenfuͤhrte. Der Biſchof von Krakow, als kirchlicher Vorſieher des Sprengels, in dem — 145— Wysniec gelegen, ſprach das Gebet, und man ließ ſich an mehrere Tafeln nieder, in der Ordnung, welche wir eben anfuͤhrten. Der zwei Meilen lange Weg ſchien auf die Eßluſt der Geſellſchaft einen vortheilhaften Einfluß ge⸗ habt zu haben, denn die großen ſilbernen Ge⸗ faͤße, angefuͤllt mit Barszez(einer ſaͤuerlichen Suppe von rothen Ruͤben), mit krakower Gruͤtze und dem eben daſelbſt gedeihenden Man⸗ na(die Fruchtkoͤrner des Schwardengraſes), mit Safran zubereitet oder mit Hagebutten in ſtark gewurztem Wein geſotten, wurden in Schalen von Majolik vertheilt und geleert, ohne daß ein ſonderlich zuſammenhaͤngendes Ge⸗ ſpraͤch der nothwendigſten Beſchaͤftigung Eintrag gethan haͤtte. Als dieſer erſten Tracht nun ihr Recht geſchehen war, wurden auf einen Wink des Hausherrn die Huͤllen von ſchwar⸗ zem baumwollenen Zeuge, welche die Schau⸗ eſſen verbargen, mit einem Male hinweggezogen und es zeigten ſich auf der ungedeckten Tafel Schuͤſſeln von Zuckerwerk, meiſt kuͤnſtlich in Geſtalt von allerlei Thieren, Tempeln und Gaͤr⸗ ten geordnet, alle aber mit den Namenzuͤgen Siegmunds und Barbarens oder mit dem Hipp. Borat. ar Lheil. 10 — 146— Wappen der Krone und des Großfuͤrſtenthums geſchmuͤckt; vor jedem der koͤniglichen und furſtlichen Perſonen befand ſich ein Korb von geflochtener Goldarbeit mit klein geſchnittenem Brode, vor den Uebrigen je vier und vier ein aͤhnlicher von Silber. Im naͤmlichen Augen⸗ blick überreichten die Hausbedienten des Woje⸗ woden den Gaͤſten Sellertuͤcher, den Vornehm⸗ ſten Stuͤcke goldenen und ſilbernen Stoffes, den Andern von ſeidnem Zeuge, die nach je⸗ desmaligem Gebrauch der Bedienung anheim⸗ ſielen. Bis jetzt war der Großmarſchall hinter dem Seſſel des Koͤnigs geblieben, und als das erſte Gericht demſelben dargereicht ward, ſchickte er ſich an, im eignen Hauſe das Amt eines Truchſeß zu verrichten. Er nahm die kleine goldene Schuͤſſel aus der Hand ſeines Major⸗ domus, tauchte einen Biſſen Brod in dieſelbe, fuͤhrte ihn an ſeine Zunge und warf ihn ſo⸗ dann in einen ſilbernen Korb, den ein anderer ſeiner Diener bereit hielt, drauf reichte er die Speiſe mit einer tiefen Verbeugung dem Koͤnig, welcher eben mit dem Luͤchlein von Goldſtoff die Haͤnde trocknete, die er in einem ihm dar⸗ gebrachten Gefaͤße mit Waſſer benetzt hatte: 6. Einige der Edelleute ſeines Gefolges verſahen den naͤmlichen Dienſt bei der Koͤnigin. Als Siegmund Auguſt Meſſer und Gabel weglegend andeutete, er habe genug von dieſer Speiſe, ergriff Petrus Kmita einen ſehr reich gearbei⸗ teten Becher, goß ein wenig von dem Inhalt deſſelben in ſeine hohle Hand, und brachte ſie an ſeinen Mund; nachdem er ſich drauf gerei⸗ nigt, uͤbergab er dem Monarchen den Becher, und waͤhrend derſelbe trank, erhoben ſich die Anweſenden von ihren Sitzen, die ſie ſogleich darauf wieder einnahmen, der Wojewode von Krakow ausgenommen, welcher bei dem Koͤnig ſtehen blieb, als wolle er das ganze Mahl hin⸗ durch die Obliegenheiten des Truchſeß und Mundſchenken erfuͤllen. Die Koͤniginnen und an⸗ deren Damen hatten den Srunk abgelehnt, dem Gebrauche gemaͤß, welcher zum Getraͤnk der Frauen reines oder mit Hrangenbluͤthen oder mit Cichorien abgekochtes Waſſer beſtimmte, die Geſundheiten ausgenommen, bei welchen es ihnen vergoͤnnt war, in ſuͤßem Wein oder ge⸗ wuͤrztem Hippokras nippend Beſcheid zu thun. Wie nun ſaͤmmtliche Tafelgenoſſen, ein Jeder nach ſeiner Wahl und ſeinem Bedarf, mit Speiſe und 10* — 148— Trank vergnuͤgt waren, wendete der Koͤnig ſich gegen den Wirth des Hauſes, ihn auffordernd, ſich fernerer Muͤhwaltung zu entſchlagen und nun mehr Theil an den Gaben zu nehmen, die er ſeinen Gaͤſten bereitet. Es war dieß das Zeichen, es ſey nunmehr der Hofſitte ge⸗ nug geſchehn, und eine Einladung, der Freude und dem Behagen an einem trefflichen Gaſtge⸗ bot ihr Recht wiederfahren zu laſſen. Als da⸗ her Petrus Kmita ſeinen Platz der koniglichen Tafel gegenuber genommen, ward die bis jetzt etwas ſieife Haltung zwangloſer, und manches Scherzwort ließ ſich zwiſchen dem Klingen der Becher und dem Geklirre der Schuͤſſeln und Teller vernehmen. Selbſt auf die Koͤnigin Mutter ſchien die bald allgemein werdende Froͤhlichkeit ihres Eindrucks nicht zu verfehlen; ſie gab ſich mit Anmuth dem nuntern Ge⸗ ſpraͤch hin, welches der Koͤnig zu unterhalten ſtrebte, ſie richtete ſogar mitunter das Wort an Barbaren, und Siegmund Auguſis fuͤr jede milde Empfindung offnes Herz begann, der Hoffnung Raum zu geben, daß Zeit, Nothwen⸗ digkeit und Gewohnheit allgemach die Spannung aufloͤſen wuͤrden, welche fort und fort Wer⸗ — 149— muth in ſeine haͤuslichen Freuden miſchte. Weniger wohl überließ ſich die junge Koͤnigin dieſer heitern Taͤuſchung; nicht leicht wird es dem Weibe, das Weib zu hintergehen, doch vermied ſie es, den begluͤckenden Wahn zu ſtoͤ⸗ ren, in dem ſie ihren Gemahl nicht ohne Ruͤh⸗ rung befangen ſah, und ſie erwiederte der Schwiegermutter Anrede mit Lebhaftigkeit und auf verbindliche Weiſe.—— Wir bedauern die Damen— begann nach mehreren Wechſelreden Siegmund Auguſt— die der beßten Wuͤrze entbehren muͤſſen oder wollen bei einer froͤhlichen Mahlzeit, des wah⸗ ren Sorgenbrechers, der das Gemuͤth aufſchließt⸗ und manch laͤſtigen Gedanken hinweg ſchwemmt. Corpo di Bacco! Unſerer Frau Gemahlin Lieb⸗ den ſind ſehr aus der Art ihrer Ahnfrauen ge⸗ ſchlagen, die bis zu des Jagiello Zeit den Meth nicht verſchmaͤhten, und bei den Ppferfeſten der Lada ihr Horn ſo gut leerten, als ihre Vaͤter und Bruͤder.—— Und wenn es auch heute noch Sitte waͤre— etwiederte Barbara laͤ⸗ chelnd—, ſo wuͤrde mir es doch nicht ziemen, die ich durch meines Herrn und Gemahls Huld vor wenig Tagen auch dem Namen nach eine — 150— Polin geworden bin, wie ich es im Herzen ſchon geraume Zeit geweſen. Die polniſchen Damen aber verſchmaͤhen die Gabe des Baechus, wie Ihr es hier an der Erſten unter ihnen ſehet, an Unſerer Frau Mutter Majeſtaͤt und Unſern erlauchten Muhmen.—— D Muͤhm⸗ chen Helenens muͤſſet Ihr nicht erwaͤhnen— rief Siegmund—, ſie hat es heute mit einem andern Gott zu thun, mit einem gefaͤhrlichern noch, als der in dieſem Becher wohnt, welchen ich aber ganz im Stillen auf ihr Wohl leere. —— Eure Majeſtaͤt greifen Uns vor— unterbrach ihn Bona—, noch iſt es nicht Zeit zu dem„Vivat“ von dem auch Wir Uns aus⸗ zuſchließen nicht geſonnen ſind, dus Fräulein von Podolien zu ehren.—— Wenn ich Euch meine Gefuͤhle trinkend beweiſen ſollte, gnaͤ⸗ digſter Herr— ſagte die Braut ſich vernei⸗ gend—, ſo wuͤrde ich bald bei Euch in den Verdacht der Undankbarkeit kommen; doch wenn Eure Majeſtaͤt ſo beßiehlt, werde ich ſpaͤter auch darin mich befleißigen zu thun, was ich ver⸗ mag, im Fall meine Mutter mir das Unge⸗ wohnte am heutigen Tage verſtattet.—— Ihr tretet am heutigen Tage gewiſſermaßen — 151— aus meiner Hberaufſicht, Fraͤulein— ließ ſich die Prinzeſſin in einer Weiſe vernehmen, wel⸗ che ein wenig gegen die ſcheinbare oder wirkli⸗ che Froͤhlichkeit der Andern abſtach— ſo moͤgt Ihr denn von der neuen Freiheit den Gebrauch machen, welcher Euch gut duͤnkt, und denen, die ſich huldreichſt erboten haben meine Stelle fortan bei Euch zu vertreten.—— Barbara ſah eine leiſe Wolke auf der Stirn ihres Gemahls und rief: Nun, alſo denn ſpaͤ⸗ ter, damit unſer ſtattlicher Gaſtgeber den Ver⸗ aͤchterinnen ſeiner Getraͤnke nicht zurne, und wenn die Wojewobin von Podolien, die Koͤniginnen das Beiſpiel geben ſieht, wird ſie es ihrem Fraͤu⸗ lein verzeihen, wenn es daſſelbe befolgt.— Nicht, Herr Fuͤrſt,— wandte ſie ſich an den Herzog von Preußen— auch bei Euch zu Lande uͤberlaſſen es die Frauen den Maͤnnern, die Gaben und den Namen des Weingottes oft im Munde zu fuͤhren, wie wir es Unſerm koͤniglichen Eheherrn uͤberlaſſen?—— Auch bei uns— antwortete Albert von Brandenburg ernſt, doch mit hoͤflichem Weſen— auch bei uns begnuͤgen die Damen ſich mit dem maͤchti⸗ gern Gott Amor, ob er vielleicht dort nicht ſo — 152— ſcharfe Pfeile ſendet als hier, und gluͤcklich und begluͤckend ſiegen ſie durch ſeine Kraft allein, waͤhrend wir oͤfter auch den Andern zu Huͤlfe rufen muͤſſen, um mit leiblicher Faſſung durch das Leben zu gehen.—— Fuͤrwahr— ſprach der Koͤnig— Unſer Vetter in Preußen iſt ein ſchlauer Anwald, der ſeine Partei ge⸗ hoͤrig zu vertheidigen weiß, indem er der an⸗ dern den gehoͤrigen Weihrauch zu ſtreuen nicht ermangelt, dem, wie man ſagt, ſie am liebſten einen kleinen Rauſch verdankt.—— Und zeugt nicht auch dieſe Vorliebe— fuhr der Herzog fort— fuͤr ihre Verwandtſchaft mit den Göͤttern?—— Abermals ſchoͤn geſagt— antwortete der Koͤnig heiter in deutſcher Spra⸗ che—; da wir aber nun einmal zum groͤbern Geſchlecht der Sterblichen gehoͤren, ſo wird Eure Durchlaucht Uns hoffentlich Beſcheid thun mit einem Becher des beßten Gewaͤchſes, welches Unſer Wojewode von Krakow heut nicht geſpart hat, waͤhrend die Verwandte der Goͤtter ihren geringen Durſt mit Waſſer loͤſcht, wie ihr ſehet.—— Barbara hatte ſich ruͤck⸗ waͤrts gewandt, und auf ihren Wink uͤberreichte ihr Stanislaw Lacki ein geſchliffenes Trinkge⸗ — 153— faͤß auf einem Kredenzteller, auf welchem er die Zeit über die Flaſchen gehalten, die ſeiner Beſorgung anvertraut waren.— Unſere durch⸗ lauchtige Schnur— nahm Bona das Wort— ubertrifft an Maͤßigkeit Uns ſelbſt, und die meiſten der hierlaͤndiſchen Damen, von welchen ſie jetzt die Erſte geworden; und vielleicht, oder vielmehr gewiß, wird ihr Beiſpiel nachgeahmt wer⸗ den, wie einſt das Unſere ward, als Wir gewohnt nach der Sitte Unſeres Vaterlandes den ein⸗ fachen Trank zu verſuͤßen, in Polen den Ge⸗ brauch einfuͤhrten, ihn mit dem erfriſchenden Saſt der Fruͤchte zu mengen. Doch wird Ihrv Majeſtaͤt es einer langen Gewohnheit verzeihen, wenn Wir den Aufguß von Hrangenbluͤthen dem bloßen Waſſer vorziehen, ſey es auch aus dem Schloßbrunnen zu Krakow geſchoͤpft.—— Wirklich— ließ ſich Siegmund in fluͤchtigen Worten vernehmen— behagt jene Quelle Un⸗ ſerer Koͤnigin ſo beſonders, daß ſie dieſelbe je⸗ der andern vorzieht.—— So will ich denn — ſprach Herzog Albrecht, den Becher, den er in der Hand hielt, aufhebend— Ihrer Maje⸗ ſtaͤt auf dieſen Trunk Beſcheid thun, mit dem Wunſche, er moͤge an Kraft der Quelle glei⸗ — 154— chen, die zu Roͤſſel in meinem Herzogthum un⸗ weit der heiligen Linde ſprudelt.—— Waͤh⸗ rend Barbara, den Herzog verſtehend, leicht er⸗ roͤthend vor ſich niederblickte, fragte ihr Ge⸗ mahl lebhaft:— Und nelches iſt die Kraft Eurer preußiſchen Quelle, Herr Vetter?— Iſt ſie vielleicht eine„kontayne de jouvence“ wie die provenzialiſchen Trouvayres, derſelben Erwaͤhnung thun?—— Mit nichten, koͤ⸗ niglicher Herr: noch lange Zeit, wie es ſcheint, wird Euer durchlauchtiges Gemahl ſolcher nicht beduͤrfen; das Gewaͤſſer aber, das ich meine, entſpringt noch an dem Baume, der dem Dyn⸗ nergott geheiligt war, den die Polen Iſſa nannten, die Preußen aber Piorun, an einer Stelle, wo ehemals das Standbild der Dzied⸗ zilia ſich befand, der Liebesgoͤttin und Beſchuͤtze⸗ rin der kommenden Geſchlechter, und ſo moͤge denn der Schloßbrunnen von Krakow wie jene geeignet ſeyn, Hoſfnungen zu beguͤnſtigen, de⸗ ren ſich das ganze Reich erfreuen wuͤrde und vornehmlich ich, der ich die Ehre habe, ein 1 NRitglied deſſelben zu ſeyn.—— Mit wohl⸗ 1 wollendem Laͤcheln neigte ſich der Koͤnig— Wir danken Ew. Liebden fur ſolchen freund⸗ ——— — — 155— vetterlichen Wunſch, und ſo der Himmel ihn erfullt, moͤge einſt zwiſchen Unſern Thronerben und dem erlauchten Füͤrſtenknaben, den ich an Eurer Seite ſehe, und ſeinen Sproͤßlingen auf ewige Zeiten das gute Vernehmen dauern, in dem ihre Vaͤter geſtanden.—— BGeneigt, der Unterhaltung eine minder feierliche Wen⸗ dung zu geben, als dieſe Worte des Gefuͤhls ſie vielleicht hatten nehmen laſſen, wandte er ſich drauf an ſeine Gemahlin und ſprach auf den Pagen deutend: Wahrlich, Euer Mundſchenk ſieht heute noch ernſter drein als je, und es ge⸗ mahnt Uns, als ſey er ſeines Amtes uͤberdruͤſ⸗ ſig, und begehre andere Dinge zu treiben, die einem ſo gewaltigen Matador') der Stiere und ruͤſtigen Kampfhelden beſſer geziemen, als das etwas muͤßige Amt eines Mundſchenken. Wir glauben— ſetzte er halblaut hinzu, ſich zu Helenen beugend— Wir werden Jemanden, der Euch werth iſt, die Freude dieſes Tages erhoͤhen, wenn Wir an ſelbigem einen Sheil der Schuld abtragen, die dieß bartloſe Junker⸗ * Matador, Todtſchlaͤger, der, welcher in den ſpani⸗ ſchen Stiergefechten dem Thier den Gnadenſtoß giebt. — 156— lein an ſeinen Koͤnig zu fordern hat.—— Helene ſprach drauf mit bewegter Stimme: Mein koͤniglicher Herr, auch Euch iſt dieß ein ſchoͤner Tag; denn was erfreute Euch mehr, als Andere zu begluͤcken und Dankbare um Euch zu verſammeln?—— Sagt das nicht, liebreizende Wojewodzanka, was Wir Eurem kleinen Vetter dort erweiſen, iſt von eigennutzi⸗ gerer Art; denn auſſerdem, daß Wir ihm, nicht er Uns Dank ſchuldig iſt, ſo duͤrfen Wir nicht hoffen, daß er Uns ſolches ſonderlich hoch an⸗ rechne, ja Wir glauben mehr als einmal be⸗ merkt zu haben, daß Wir um ein großes Theil niedriger in der Gunſt des wohlgebornen Herrn Starvscie von Pinsk ſtehen, als Unſre Gemah⸗ lin.—— Die Augen der fuͤrſtlichen Tafel⸗ genoſſen hatten ſich mit einiger Neugier auf den Sdelknaben gerichtet, deſſen Wange bei den letzten Worten des Königs ein brennendes Roth uͤberzog, und Barbara nahm das Wort: Wirk⸗ lich hat Uns der Arm dieſes Juͤnglings zwei⸗ mal von großem Unheil befreit; einmal warf er ſich tollkuͤhn zwiſchen das Gehoͤrn eines wuͤ⸗ thenden Urs und Uns, und ein anderesmal ward er Unſer Schutz in einer Gefahr— in welche N — 157— Wir Uns etwas unbedacht begaben.—— Dienſte, Koͤnigen erwieſen— ſiel Bona von Mailand ein— ſind ein Saatkorn, das viel⸗ faͤltige Fruͤchte traͤgt, und wie den Muth, mag man auch die Klugheit deſſen preiſen, der es in ſo dankbaren Boden ſtreut.—— Ach durchlauchtigſte Mutter, entgegnete Siegmund— ſo ein Auerſtier mag mit einem Stoße mehr Unheil zufuͤgen, als zehn Koͤnige mit ihren Schaͤtzen zu verguͤten vermoͤgen; drum iſt es gerade nicht die Klugheit dieſes Junkers, die Wir belohnenswerth finden, ſondern ſeine auf⸗ vpfernde Treue, ſo Ihr— fuhr er gegen den verlegenen und ſich tief neigenden Stanis⸗ law fort— ſo Ihr Uns als Stellvertreter Un⸗ ſerer Koͤnigin annehmen wollt. Ja, Herr von Brandenburg— ſprach er weiter zum Kur⸗ prinzen— ſolltet Ihr es glauben, daß eines littauiſchen Knaben Arm es verſuchte, ſich ge⸗ gen den Koͤnig Unſerer Waͤlder zu erheben, der wahrlich ein Thier iſt, wie es Euch in den Sandflaͤchen der Rittelmark und den Wieſen und Fluren der Altmark nimmer zu Geſicht kommt?—— Mich erfreut um ſo mehr das muthige Beginnen eines Edelmannes aus — 158— dem Großfuͤrſtenthum— entgegnete der Prinz— mein koͤniglicher Oheim, da ich, wie Ihr wißt, ebenfalls littauiſches Blut in den Adern habe und noch ganz warm.—— Biebt es auch keine Auerochſen bei Euch— laͤchelte Sieg⸗ mund— ſo fehlet es doch nicht an andern boͤſen Thieren, und die Gaͤnſe haben Euch wacker zu ſchaffen gemacht.“)—— Denen ſind jetzt die Fluͤgel geſtutzt, mit Eurer Maje⸗ ſtaͤt Verlaub— ſprach Jvachim ſchnell.— Wenn es Euch einmal gefaͤllt, mich heimzuſu⸗ chen in meinen Forſten, Vetter— ſiel Her⸗ zog Albrecht ein— konnt Ihr auch dort die Be⸗ kanntſchaft eines ſolchen Abkoͤmmlings der Vor⸗ welt machen.— Rit der Zeit— war des Kurprinzen Antwort— kommt auch Rath, und ſo Gott will, koͤnnt' ich wohl einmal Eurer gunſtigen Einladung folgen.— Während dieſes Geſpraͤches hatte ſich das Gaſtmahl ſeinem Ende genaͤhert, der Nachtiſch ward aufgetragen, und mit ihm war der Augen⸗ hlick des feierlichen Umtru nks gekommen; Herr S„Ganſe von Puttlitz/“ ein maͤchtiges adliges Ge⸗ ſchlecht, das mehrere Nal Krieg mit ſeinem Lehnsherrn, dem Kurfurſten von Brandenburg, fuͤhrte.—— — 159— Petrus Kmita ſand auf, um dem Köͤnig den großen Pokal zu bringen, der Majordomus erhob den Stab, einzelne kurze Trompetenſtoße ſchmetterten durch den Saal, gleichſam den ge⸗ waltigen Tuſch vorbereitend, der im Augenblick, als der Monarch das Trinkgeſchirr an die Lip⸗ pen ſetzte, ertoͤnen ſollte, und die Pagen hiel⸗ ten ſich bereit, die Winke der Damen zu be⸗ folgen, da ſagte Barbara mit freundlicher Mil⸗ de zu dem ihrigen: Noch ein Nal mag es Euch gefallen, Herr Lacki, die geringe Muͤh⸗ waltung zu uͤbernehmen, es iſt wohl das letzte Mal, daß Ihr Uns ſo aufwartet, drum gehet und haltet Euch Unſrer Dankbarkeit und gnaͤ⸗ digen Zuneigung verſichert.— Mit geräuſchvollem Ungeſtüm draͤngten ſich die Juͤnglinge um den Kredenzſchrein, die Be⸗ cher zu fuͤllen, die den Damen beſtimmt waren, auch Stanislaw Lacki ſchickte ſich an, den In⸗ halt ſeines ſorgſam bewahrten Flaͤſchleitt, in den kleinen Pokal, deſſen wir erwaͤhnt, nuszu⸗ leeren, nachdem er ihn zuvor genau betichtigt und mit einem feinen Leinentuch gerieben. Schon perlten die goldnen Tropfen in dem — 160— ſchimmernden Metall, da fuhlte er ſich ploͤtzlich ſo gewaltſam angeſtoßen⸗ daß die Gefaͤße in ſeiner Hand ſchwankten, und ein Theil der koͤſtlichen Fluͤſſigkeit ſich auf den Teppich des Schenktiſches ergoß. Zornig blickte er um ſich und ſah Denſelben, welchem vor kurzem der Herr des Hauſes auf morgen ein wunderliches Feſt zugedacht hatte, neben ſich ſtehen, doch keinesweges betroffen, oder ſeine Toͤlpelei ent⸗ ſchuldigend, ſondern ſich breit machend in plum⸗ per Gemeinheit, und ihm mit frechem Hohn⸗ lͤcheln in das Geſicht ftarrend. Er war im Begriff den Unverſchaͤmten hart anzulaſſen, da begann dieſer: Ei, feiner Junker, wie ſtehet Euch doch das Nundſchenkenamt ſo uͤbel an. Siehet man es doch gleich, daß Ihr zum Her⸗ rendiener nicht geboren ſeyd, da Ihr Euch ſo ungeſchickt habt in der Aufwartung— ja trinken koͤnnen die hochgebornen Herrlein doch zierlich umgehen mit dem Gefaͤß iſt ein An⸗ deres.—— Entruſtet bereitete ſich der Edel⸗ knabe mit einem tuchtigen Streich zu antworten⸗ und ſeine Gefaͤhrten, neugierig gemacht durch den Wortwechſel, draͤngten ſich hinzu, nicht übel Willens, wie es ſchien, ein Probchen ihres — 161— Gemeingeiſtes auf Waelaw Siewrak's Ruͤcken abzulegen, der zu dergleichen Uebungen wie geſchaffen ſchien, aber eben ertoͤnte im Saal der erſte Trompetenſtoß, die Pagen eilten wo ſie ihr Dienſt hinrief, und die bei den Schenk⸗ tiſchen angeſtellten Hausbedienten hatten voll⸗ auf zu thun, den unaufhoͤrlich an ſie gelangen⸗ den Forderungen zu genuͤgen. Als nun War⸗ law mit dem jungen Lacki ſich ziemlich allein in der Halle ſah, wuchs ſeine Dreiſtigkeit, und als dieſer, Flaſche und Becher immer feſthal⸗ tend, ihn bedrohte, rief er: Schlagt nur zu, iſt es doch nichts Seltſames, wenn zwei Her⸗ rendiener ſich pruͤgeln, und Ihr tragt ja ſo gut Liverei als ich.—— Fort tolle Beſtie— ſchrie der Page— oder Du ſollſt es bereuen.— — Was werd' ich bereuen?— ſtammelte Je⸗ ner, ihm taumelnd immer naͤher ruͤckend— mit Faͤuſten ſteh' ich Euch meinen Mann, Junker; mit Eurem Schwertlein aber iſt es heute nichts, denn es iſt Burgfriede, und Ihr habt doch nicht Luſt, Euer milchweißes Haͤndlein einzu⸗ buͤßen.—— Da uͤberlief den Juͤngling der Zorn, er ſetzte Flaſche und Becher aus den bebenden Haͤnden, und trat dem baͤuriſchen Hipp. Borat. 4r Theil. 11 Gegner drohend entgegen: Wahre Dich nie⸗ driger Knecht, daß ich nicht vergeſſe, daß eines Edelmanns Wehr zu gut für Dich iſt, und ich Dir nicht zu Deiner rothen Schramme da ein Gegenſtuͤck liefere, das wahrlich nicht ver⸗ harrſchen ſoll, ehe Du an den Galgen kommſt.— — Siſt heute nichts mit den Schmarten, wie ich Euch ſage, hochedler Herr Page— wi⸗ derbelferte der Andere— wir ſtecken hier nicht im Gebuͤſch, wo ein wackerer Herrendiener Eins wegkriegen kann, er weiß nicht wie; thut nur Eure Schuldigkeit, und wenn Ihr's nicht verſteht, gebt her, daß ich es Euch zeige.— — Er ſtreckte bei dieſen Worten die Fauſt nach dem Flaͤſchlein aus, Stanislaw aber, dem in dieſem Augenblick die Narbe und die Er⸗ waͤhnung des Gebuͤſches die Nacht zu Lobzow zuruͤckrief, und dem es beiſiel, der, welcher vor ihm ſtand koͤnne wohl derſelbe ſeyn, den er damals ſo wacker gezeichnet, ſtieß ihn mit aller ſeiner Kraft zuruͤck, und legte die Hand an den leichten Saͤbel; doch ehe er ihn ent⸗ bloͤßen konnte, wandte ſich der rohe Geſell raſch und ſtieß, als von ungefaͤhr, das Geſchirr um, daß auch der uͤbrige Inhalt deſſelben auf — 163— den Boden traͤufte, und ſchwankte hinaus, la⸗ chend und Schmaͤhreden ausſtoßend, durch eine Seitenthuͤre, wo er aber bald ſeine Schritte beſchleunigte. Die öbermaͤchtige Begier, den Trunkenbold zu zuͤchtigen, ließ den Pagen auf einen Augenblick ſeiner Pflicht vergeſſen; er flog ihm mit gezogenem Saͤbel nach, und ver⸗ folgte ihn einige Zeit in den Gaͤngen, deren Windungen indeß den Gegenſtand ſeines Un⸗ willens bald ſeinen Augen entzogen. Nur mit Muͤhe konnte er in dem unbekannten Gebaͤude den Weg nach der verlaſſenen Schenkhalle zu⸗ ruͤck finden; als er ſie aber betrat, war ſie noch menſchenleer, und der Pokal ſeiner Gebieterin verſchwunden. Verlegen und bekuͤmmert nahte er ſich der Pforte des Speiſeſaals, glaubend, ein Anderer ſeiner Genoſſen habe die vernach⸗ läſſigte Obliegenheit uͤbernommen, aber er ſah alle Anweſende, ihr Trinkgeſchirr in den Haͤn⸗ den, ſeiner Gebieterin warten, die ohne Becher ſtand, und ſich, wie er deutlich wahrnahm, ver⸗ wundert nach ihm umblickte. Wie ſollte er ſeine Saͤumniß in der Pflcht entſchuldigen, die, wie ihm die Koͤnigin ſo huldreich ange⸗ deutet, ihm nun zum letzten Mal auferlegt war? 11* — 164— Ihm draͤngte ſich wahrſcheinlich genug die Ver⸗ muthung auf, das ganze Beginnen des nur verſtellten Trunkenen ſey ein Gaunerkniff ge⸗ weſen, ſich des vermißten koſtbaren Gefaͤßes zu bemaͤchtigen, das Weſen des rohen Burſchen beſtaͤtigte eine ſolche Vorausſetzung, er rannte alſo noch einmal des Weges, auf welchem er ihm fruͤher entronnen, entſchloſſen mit dem Diebe ſelbſt das Kleinod und ſeine Entſchuldi⸗ gung zuruͤckzubringen. Doch war er nicht gluͤck⸗ licher als fruͤher, und er begegnete niemand in den winklichen Gaͤngen, die er durchſtrich; die immer fortwaͤhrenden langgedehnten Trompeten⸗ klaͤnge im Saal trugen dazu bei, ihm ſeine Beſonnenheit zu rauben durch den Gedanken, daß nun alles allein auf ihn warte; er ver⸗ fehlte ſeines Weges gaͤnzlich, und als er aus dem Labyrinth von Gaͤngen und Treppen ſich heraus gefunden, ſtand er in der Galerie, wovon fruͤher Anzeige geſchah. Voͤllig irre geworden, waͤhlte er von den beiden Thuͤren an den En⸗ den derſelben, ſtatt der, welche zum Kredenz⸗ zimmer fuͤhrte, die entgegenſtehende, und befand ſich jetzt in einer Art kleinen Vorhalle, die zu einem anſcheinend dunklen Gemach zu fuͤhren — 165— ſchien, deſſen niedrige Pforte nur halb ange⸗ lehnt war. Eben wollte er ſich derſelben naͤ⸗ hern, ob er da jemand finde, der ihn zurecht weiſe; da hoͤrte er den Klang zweier Stimmen, welche ſich in auslaͤndiſcher Mundart unterre⸗ deten. Er verweilte einen Augenblick, und vernahm einige Worte, die er alsbald zugleich fuͤr italieniſch und ziemlich befremdlicher Art erkannte. Mach' fort— ſßloͤhnte die eine der Stimmen, welche hohl wiederklang, als toͤne ſie aus einem Gewoͤlbe, und ſo zitternd, als werde der Sprechende von Fieberfroſt geſchut⸗ telt: Nach' fort! s'iſt hier kalt unten wie auf der Hoͤhe des Aetnn— Mach' fort im Namen des Satans, daß ich herauf komme an das Sonnenlicht.—— Nun, nun— ent⸗ gegnete der Andere, der, dem Schalle nach zu urtheilen, naͤher ſtand, und bisher in ſich hinein gemurmelt hatte: Habt Geduld, Ihr wollet ja, daß ich die Tropfen zaͤhle—— ſieben, acht——— Eilf— ließ ſich der Andere vernehmen— Eilf, nicht einen mehr noch minder. Es iſt dießmal wohl gerathen, und die Alte hat das Richtige gebracht, wie ſie nicht immer thut. Doch eile Dich, daß Du — 166— zu Ende kommſt, der verwetterte Junge koͤnnte kommen, man weiß nicht wie, denn Dein Diener iſt ungeſchickt, und verrichtet alle Din⸗ ge nur halb; auch iſt es kalt hier unten, ſo kalt wie im Grabe.—— Acht, neun, zehn — fuhr jener ſort— Im Grabe duͤrft es Euch vielleicht heißer werden, Meiſter.—— Hoͤrſt Du nicht etwas kniſtern, Aſſano? Es deucht, als knarre draußen der Sand zwiſchen den Pflaſterſteinen und einer leicht auftretenden Sohle.—— Eilf— toͤnte es wieder mit dumpfer Stimme, und dann— Nun iſt es vollbracht, nehmet es hin, und nun wohl be⸗ komm' es, ich aber danke fuͤr den Trunk.— — Da ſtreckte ſich ein duͤrrer zitternder Arm aus dem Keller hervor, und eine bleiche froſt⸗ blaue Hand ſpreizte die Finger, wie um etwas zu empfangen.—— Ihr bebt ja ſo und wer⸗ det es verſchuͤtten. Eilt, eilt, ehe er den Pa⸗ gen loslaͤßt, hoͤrt, wie ſie trompeten— ſprach der Obenſtehende, und wandte ſich, ihm das Erwartende zu uͤberreichen; da ſah Stanislaw, es ſey der Königin Becher. Mit einem Sprung ſtand er in der Mitte des Gemachs, der Pforte des Gewoͤlbes gegenuͤber, in velcher alsbald — 16— der erſchienene Arm verſchwand, und ploͤtzlich ergrifen von der Eiſeskaͤlte die daraus hervor⸗ wehte, fragte er ſtammelnd, doch entſchloſſen, die ſinſtere Greiſengeſtalt, die, nur ſchwach er⸗ leuchtet vom Lichte, das ſpaͤrlich in die Kam⸗ mer ſiel, ihn mit gluͤhenden grimmigen Blicken anſtarrte: Was thuet Ihr damit, Ihr Knechte der Suͤnde?—— Warum fuͤhrt Dich Dein Unſtern hieher, Sohn des Ungluͤcks?— gegen⸗ fragte der Alte— was ſucheſt Du hier?— — Da rief der Jüngling: Meiner Koͤnigin Pokal— er iſt es, gieb ihn mir, oder fürchte meinen Saͤbel!—— Immer lauter hatte Stanislaw geſprochen, und ſeine letzten Worte wiedertoͤnten in dem Gemaͤuer, da wiederholte Jener mit zaͤhnknirſchendem Hohn: Dich furch⸗ ten, Knabe, und waͤhrend er mit der feſten Rechten das Geſchirr hinwegſetzte, ergriff er mit der Linken rieſenkraͤftig den Pagen und druckte ihn an ſich. Vergeblich ſuchte Stanis⸗ law ſeine Waffe zu gebrauchen, vergeblich wand er ſich unter den gewaltigen Faͤuſten des eis⸗ grauen Boͤſewichts, er ſtieß Worte der Dro⸗ hung und des Jammers aus der gedruͤckten Bruſt, da blitzte ein zweiſchneidiges Meſſer in — 168— der Hand des Neapolitaners; es verſchwand bis an das Heft unter des jungen Edelmanns zierlich gefalteter Halskrauſe, und das Jam⸗ mern erſtarb in leiſem Gemurmel, die Roͤthe des Zornes und der Angſt auf den Wangen zerſchmolz in Todtenblaͤße.— Noch fliſterte er kaum hoͤrbar: das iſt das zweite Mal— Ade, Vetter Hipeiu— Barbara, Ade!—— dann brach des armen Stas treues Auge, und die zarten Glieder hingen regunglos und todten⸗ ſchwer in den umkrallenden Faͤuſten des Moͤr⸗ ders. Der aber beugte ſich nieder zu dem Verſtummten und raunte ihm in das Ohr: Du heißeſt ja Lacki, glaub⸗ ich; ſo gehe denn hin, und wenn Du den Vater ſieheſt, ſo ſage ihm, auch Du habeſt den Haſſan gekannt, obwohl ein halbes Jahrhundert nach ihm.—— Und unten im Keller heulte es— Weh! Blut und abermals Blut— gieb, gieb, denn die Angſt uͤberfäͤllt mich; gieb, denn es treibt mich fort aus dieſem ſchauerlichen Hrt.—— Hier haſt Du es— ſprach der Andere, und ſetzte leiſer hinzu— Nimm feiger Schurke, dieſer Knabe hat unſere Rechnung um Vieles vergroͤßert— — drauf ergriff er den jugendlichen, noch war⸗ — 169— men Leichnam bei den wallenden Locken, ſchlepp⸗ te ihn an das Pfoͤrtlein, und warf ihn hinab in die eiſige Grube. Schon hatte indeſſen im Saal der Wirth des Hauſes den uͤblichen Trinkſpruch ausgebracht zum Wohl des Herrn und ſeines koͤniglichen Hauſes, und der Gebrauch erforderte, daß der Koͤnig und ſeine Verwandte ihn erwiederten mit einem andern, der den Wirth leben ließ und die Senatoren und Ritter der Republik, doch noch immer wartete Barbars des ausblei⸗ benden Pagen und ſchaute mit wachſender Ver⸗ wunderung aus nach ihm. Dicht ſtanden die Anweſenden im Kreiſe um ſie herum, und das Muſikchor ſuchte die unerwartete Pauſe mit allerlei kurzen Fanfaren zu fullen, da reichte ein Arm in den Farben ihrer Liverei gekleidet, blau und Silber, wie der Page, ihr den wohl⸗ bekannten Becher auf der goldenen Platte; ge⸗ draͤngt von der Eile, blickte ſie ſich nicht um nach dem Mundſchenken, der alsbald im Ge⸗ draͤnge verſchwand; die Trompeten ſchmetterten und der Koͤnig ſprach das Wort der Dankſa⸗ gung. Als er nun rief: es gelte das Wohl ———————————— — 170— der edlen Herrn und Bruͤder vom Senat und vom Abel, ſprach Albert von Brandenburg: alſo gelte es auf das Wohl der durchlauchtigen Republik unter Siegmund Auguſts und ſeiner Nachkommen begluͤckendem Seepter, und Bona von Mailand rief: auf Jahrhunderte die Re⸗ publik unter der Jagiellonen makelloſem Fuͤr⸗ ſtengeſchlecht!—— Abermals erklangen die Trompeten und die Becher waren geleert. Andere Trinkſpruͤche kamen an die Reihe wohl eine Viertelſtunde lang auf einander fol⸗ gend, bis der Koͤnig des Brautpaares Geſund⸗ heit ausbrachte, und alle Anweſenden, die Mut⸗ ter der Braut ausgenommen, ihre wohlgemein⸗ ten oder wohlgeſetzten Gluͤckwuͤnſche mit dem ſeinigen verbanden. Langſam und mit An⸗ muth ſchritt die junge Koͤnigin auf die Ver⸗ lobte zu, die eben mit Befremdung und Un⸗ ruhe in ſolchem Augenblick den Braͤutigam ver⸗ mißte, um ihr geraͤuſchloſer, doch wahrhaftiger als die Meiſten der Uebrigen ihre Theilnahme an der Zukunft zu bezeugen, die ſie ſeibſt großentheils ihr edelmüthig bereitet, da glitten die umfaſſenden Arme kraftlos an den Huften — 171— des Fraͤuleins herab, das Haupt neigte ſich und die ſchnell entfaͤrbten Lippen fliſterten die leiſen Worte: Halte mich, Helene, mir wird ſo wunderlich und weh.—— Entſetzt bemuͤhte ſich das Fraͤulein die Sinkende zu ſtͤtzen, da trat die Prinzeſſin hinzu und ſprach mit gemeſ⸗ ſener Kaͤlte: Wie es ſcheint, befindet ſich Ihre Majeſtaͤt uͤbel, ſo uͤbergebe man ſie der Sorge ihrer Frauen, welche beſſer ihr beiſpringen moͤ⸗ gen, als Ihr, Helene Odrowonz.—— Das Getoͤſe und Gedraͤnge hatte bis jetzt den Koͤnig verhindert den Zufall zu bemerken, der ſeine Gemahlin betroffen hatte, als aber Fraͤulein Lucie Oſtrvrog, welche herbei geeilt war, und Helene in lauten Schreckenruf ausbrachen, flog er hinzu, umfaßte die Geliebte und druckte ſie an ſeine Bruſt.—— Mir iſt ſehr weh, mein Gemahl— raunte Barbara ihm zu, als fuͤrchte ſie ihre Klagen laut werden zu laſſen — ich fuͤhle mich krank, krank bis zum Tode. —— Der Koͤnig ſtand erſtarrt; ſein ſtieres Auge traf auf den Großmarſchall, doch es be⸗ gegnete auf dem Antlitze deſſelben dem unver⸗ kennbaren Ausdruck des Unwillens und der Beſtuͤrzung, dann ſenkte es ſich herab auf die — 172— ſtill in ſeinen Armen liegende Barbara, als ſcheue er ſich, nach einer andern Seite den Blick des Argwohns zu werfen.— Die Zufaͤlle junger Frauen— ſprach der preußiſche Fuͤrſt zur Koͤnigin Mutter— ſind oftmals eher ge⸗ eignet zu erfreuen als zu betruͤben, und ich glaube Eurer Majeſtaͤt Gluͤck zu der Hoffnung wuͤnſchen zu koͤnnen, welche ich im Laufe des Tafelgeſpraͤchs angedeutet.—— Wir nehmen — entgegnete die Mailaͤnderin— Wir neh⸗ men Eurer Liebden Gluͤckwunſch an, und hof⸗ ſen mit Euch, daß Ihrer Majeſtaͤt der regie⸗ renden Koͤnigin Unpaͤßlichkeit dem Hauſe Jagi⸗ ello Erfreuliches bedeute.—— Doch immer mehr nahm Barbara's Krankheit zu; ahnung⸗ volle Beſorgniß begann an die Stelle der ſeſi⸗ lichen Freude zu treten, unruhig draͤngte man ſich durch einander, fragend, ohne Antwort zu erhalten, und das ſich erhebende Fliſtern war zu verworrenen Laͤrm angeſchwollen, als der Sta⸗ roſt von Samborz unter die Verſammlung trat, bleich, blutig, mit rollenden Augen und ge⸗ ſtraͤubtem Haar⸗ ein ſprechendes Bild des Ent⸗ ſetzens. Er allein, der Koͤnigin gegenuͤber ſte⸗ hend, hatte zufaͤllig bemerkt, daß es nicht ſein —,— — 173— Vetter war, der ihr den Becher des„Vivat“ gereicht, und er war hinaus gegangen, ihn zu ſuchen, und vielleicht ihm die Saͤumniß vor⸗ zuhalten, die er doch ſonſt nicht an ihm ge⸗ wohnt war. In die Kredenshalle gelangt, ver⸗ nahm er mehrere Stimmen, er richtete ſeinen Weg nach ihnen und gelangte in das kleine Gemach am Ende der Galerie, wo mehrere der Diener des Hauſes verſammelt ſtanden, ver⸗ wundert auf große Blutflecken blickend, die ſich am Boden zeigten. Ein finſteres Vorgefuͤhl verdraͤngte im Augenblick die Braͤutigamfreude aus Hippolyt's Bruſt, er folgte der unheilver⸗ kundenden Spur, ſie leitete ihn zum Keller, er ſtieg hinab und ſah des theuren Knaben Leichnam ſchon erſtarrt von der Kaͤlte des Ge⸗ woͤlbes und das Blut ſeines Herzens zu einer Eisrinde geronnen auf der durchbohrten Bruſt. — Gerechtigkeit— ſchrie er mit dem Weh⸗ laut des tiefſten Jammers, ſich Siegmund Au⸗ guſt zu Fuͤßen werfend— Gerechtigkeit, mein Herr und Koͤnig, der Mord iſt eingedrungen in das Haus, das Eure Gegenwart heiligt, er⸗ ſchlagen liegt mein Freund und Verwandter, erſchlagen liegt Stanislaw Lacki in der Burg — 174— des Großmarſchalls, um Gerechtigkeit flehe ich Euch und Rache an dem Moͤrder deſſen, der Eure Koͤnigin Euch erhalten!—— Lautlos ſtanden die Gegenwaͤrtigen; mit dem Schmerz uͤber den Tod ihres jungen Retters ſank auch eine ſchwere Ahnung auf Barbarens Seele; ein leichtes Zucken erſchuͤtterte ihre Glieder und ihr Bewußtſein entfloh; auch ihres Ge⸗ mahls Gemuͤth ſchien von aͤhnlichem Gefuͤhl betroffen, er hob die Augen nicht empor, und zwei große Thraͤnen, die aus denſelben auf das Haupt der Dhnmaͤchtigen fielen, waren die Antwort auf die Anklage des Staroſten. We⸗ nige waren, die dieſer Anblick nicht gewaltſam ergriffen haͤtte; auch Boratynski wandte ſich lautſchluchzend ab, und ſank in die Arme der zitternd ihn umfangenden Braut.— Ach bei⸗ den ahnete, ein feindſeliger Geiſt ſey zwiſchen ſie getreten und ihr Gluck. Langſam und bedaͤchtig ſchritt Bartholomaͤus Sabinus an die verlaſſene Tafel des Koͤnigs; er nahm Barbarens Becher und ſchaute hinein, und als er es gethan, fuhr er heftig zuſam⸗ men, und hob gleich drauf die Augen gen — 175— Himmel. Wie nun von beiden Seiten Nikv⸗ laus Radziwill, der Koͤnigin Bruder, und der Wojewode von Krakow auf ihn zutraten, raſch und leiſe fragend: Wie iſt es, Herr Doetor? — Ich will nicht hoffen, Hochwuͤrdiger?—— Da antwortete er;: Nichts liebe Herren, ſo Gott will, nichts—— aber doch verbarg er das Gefaͤß in den weiten Falten ſeines prieſter⸗ lichen Gewandes. Da richtete der Fuͤrſt Ni⸗ kolaus einen grimmigen Blick auf den Haus⸗ herrn, aber der ſonſt ſo reizbare Wojewode er⸗ trug ihn ſchweigend und trat mit geſenktem Haupte zum Koͤnig, welcher ſich anſchickte das Schloß zu verlaſſen, das der Schauplatz ſolcher Thaten geweſen.— Mein allerdurchlauchtigſter Herr,— ſprach der ſtolze Greis mit bebender Stimme und nicht gewohnter Unterwuͤrſigkeit — werdet Ihr auch mich des Unheils zeihen, das mein Haus auf ewige Tage beſchimpft? Saget nein, ich bitte Euch, Herr, ſaget nein, ich bin bereit, ich der aͤlteſte der Senatoren, vor den Richterſtuhl zu treten, und ſinden mich meine Herrn und Bruͤder ſchuldig, ſo mag dieß graue Haupt unter des Henkers Hand fallen, und das Wappen des Geſchlechts — 176— der Sreniawa aufgeſtellt werden am Raben⸗ ſtein.—— Vieles— ſprach Siegmund Au⸗ guſt halblaut und mit abgewandtem Geſicht— Vieles moͤgen Wir Euch zur Laſt legen, Pe⸗ trus Kmita, doch dieß nicht, nicht Euch, denn Ihr ſeyd ja ein Rittersmann und Sarmat.— Drauf folgte er ſchnellen Schrittes denen, die ſeine Gemahlin zu dem Wagen brachten, der ſie am Morgen hieher gefuͤhrt hatte in aller Froͤhlichkeit der Jugend und Geſundheit und dem Pompe ihres Ranges.—— Armer Stas — ſagte Hippolyt den Leichnam mit Thraͤnen bethauend— ſo nannteſt Du Dich einſt im ahnenden Traume, ja wohl, armer Stas, Dein Lebensbaum iſt fruͤh gebrochen und Du gehſt dahin an meinem ach— an meinem Verlo⸗ bungtage!—— Weit, weit von hier zu dem Vater, der Dein wartet im ſtillen Hauſe!— Nicht lange drauf ſetzte man den Sarg des Juͤnglings in die Gruft zu Pinsk bei, neben den Gebeinen des alten Johannes Lacki, der ihm vorangegangen war. Schon des andern Tages nach des Kmita Feſte, ſuchte man in der königlichen Burg und der Hauptſtadt vergeb⸗ lich nach dem Leibarzte Levnardo Monti und — 177— ſeinem neapolitaniſchen Genoſſen, und es ver⸗ breitete ſich das Geruͤcht, ſie ſeyen entflohen mit vielen Schaͤtzen, welche Bona Sforza, die Koͤnigin Mutter, vermiſſe. 6. Dem verhaͤngnißvollen Gaſtmahl zu Wysniee folgte eine truͤbe Zeit; Monate verſtrichen in dumpfer Stille, waͤhrend welcher man in ſchein⸗ barer Ruhe dem entgegenſah, was nun noch kommen werde. Die Kunſt der Aerzte ward aufgeboten das ſinkende Leben Barbarens zu ſtützen, auch erfreute zuweilen ihren Gemahl und die Vielen, denen ſie werth geworden, ein augenblickliches Beſſerbefinden, und die Kranke ſelbſt, obſchon nicht an der Hoffnung Theil neh⸗ mend, der das Gefuhl des allmaͤhlig heran nahen⸗ den Todes in ihrem Innern widerſprach, wollte den Koͤnig nicht enttaͤuſchen, dem der zwiefuche Glaube an der Erhaltung der Geiiebten und an der Schuldloſigkeit einer andern, ihm aber eben ſo nahen Perſon an ſo großem Verbre⸗ chen auf Augenblicke die fruͤhere Heiterkeit wieder gab. Die Koͤnigin Mutter hatte bald nach dem erwaͤhnten Vorfall Krakow verlaſſen; Hipp. Borat. ar Lheil. 12 — 178— ſie hielt ihren Hof auf dem ihr gehoͤrigen Schloſſe Gomolin und beſuchte nicht oft und auf wenig Stunden die Hauptſtadt. Petrus Kmita erſchien ebenfalls nur ſelten daſelbſt, und niemals zu der Zeit, wenn Bona Sforza anwe⸗ ſend warz bei ihrem letzten Zuſammenſeyn be⸗ hauptete die im Vorgemach ſich aufhaltende Dienerſchaft einen heftigen Wortwechſel ver⸗ nommen, und an dem Wojewoden alle Merk⸗ male der Entroͤſtung bemerkt zu haben, als er das Zimmer der Monarchin verließ. Er hat nie wieder das Haus betreten, welches manch peinliche Erinnerung in ihm erwecken mußte, und da mit ihm der Name Kmita aus⸗ ſtarb, gelangte Wyöniee an das noch heute be⸗ ſtehende Geſchlecht der Stadnicki.— Die Tage freudiger Erwartung waren dahin, niemand ge⸗ dachte in der allgemeinen Bekuͤmmerniß daran, die ſo furchtbar geſtoͤrte Verlobung zu erneuern, die Prinzeſſin, welche noch immer, jedoch in großer Eingezogenheit ſich zu Krakow aufhielt, erwaͤhnte niemals der gegebenen Einwilligung, und ſelbſt Helene, welche die meiſten Stunden des Tages am Schmerzenlager der Koͤnigin zu⸗ brachte, wandte ihr Auge von den Bildern — 179— einer beſſern Zukunft ab, und ſah in duͤſterm Vorgefuhl ihr Gluͤck in der bereits offnen Gruft verſinken, welche der milden Schoͤpferin deſſel⸗ ben wartete.— Petrus Boratynski hatte ſei⸗ nen Entſchluß ausgefuͤhrt; die Begebenheiten der letzten Tage beſchleunigten ſeine Entfernung von einem Hofe, den Ungluͤck und Verbrechen zerruͤttet hatten, und als ſein Bruder, in Schmerz aufgeloͤſt, Abſchied nehmend ihn um⸗ armte, ſagte er mit einem tiefen Seufzer zu ihm: Ich habe umſonſt gethan, und nichts bleibt mir als das Bewußtſein des redlichen Willens. Ich fuͤrchte, Bruder, auch das Haus wird nimmer vollendet werden, das ich Dich auffuͤhren ſah in truͤglicher Zuverſicht, und manches Herbe wartet noch Deiner. So nimm denn, wenn es kommt, wie ich ahne, ſo nimm auch Du den Stab des guten Gewiſſens mit Dir und wandere mir nach in die Einſamkeit. Es iſt kein Palaſt, der Dich dort aufnehmen wird; es iſt nur die ſchlichte Burg unſerer Ahnen, doch haftet kein Verbrechen auf ihr. Laß mich— fuhr er mitleidig fort, als er ſah, daß dieſe troſtloſen Worte ſchwer auf Hippo⸗ lyts Herz ſielen— Laß mich, Bruder, jetzt 12* — 180— kann ich Dich nicht aufrichten in dem Schmerze, der auch mich danieder druͤckt; vielleicht nach Jahren werd' ich es koͤnnen, bis dahin— lebe wohl!—— Es ſcheint, als habe man die Verſuche er⸗ neuert, den Lebensfaden der jungen Kuͤnigin abzukurzeu; Siegmund II. erwaͤhnt in den vft angefuͤhrten vertrauten Briefen an ſeinen Schwa⸗ ger, damals ſchon Wojewoden zu Wilno, der Ankunft eines Moͤnchs und mehrerer Herren und Damen, welche Bona von Mailand mit Gluckwuͤnſchen an ihre Schwiegertochter geſen⸗ det, zu einer Zeit, da die Macht der Krankheit nachgelaſſen zu haben ſchien, und fuͤgt die be⸗ denklichen Worte hinzu:„Dennoch, Herr Wo⸗ jewode, obgleich Ihro Majeſtaͤt eine ſo erfreu⸗ liche Sendung an Unſere Gemahlin angeordnet hat, iſt es Uns angenehmer, daß Sie ſie ſchriftlich begrußen, als daß Sie vftmals zuſam⸗ menkaͤmen, denn leider wuͤrde zur Zeit des Mahles gar genaue Aufmerkſamkeit vonnoͤthen ſeyn.——“ Wir wenden uns billig von der Darſtel⸗ lung wiederholter Frevelthaten hinweg: ſo viel — 181— iſt gewiß, der deutlich ausgeſprochene Argwohn des Koͤnigs, in welchen erſt insgeheim, und dann laut das ganze Reich einſtimmte, iſt da⸗ mals nicht durch die Art von Beweiſen unter⸗ ſtͤtzt worden, welche ihn auſgefordert haben wuͤrden, gegen ſeine Mutter, die Wittwe eines glorwuͤrdigen Monarchen, die ſchreckliche Ankla⸗ ge zu erheben, und Polen und Europa, der Mit⸗ und Nachwelt ein ſolches Aergerniß zu geben. Genug, ſeine Hoffnung, Barbara werde geneſen, verſchwand allgemach, und mit dem Beginnen des Fruͤhjahrs erklaͤrten die Aerzte, ihre Kunſt vermoͤge nicht, dem allgewaltigen Tode die fruͤh verfallene Beute zu entrei⸗ ßen.—— Es war ungefaͤhr um fuͤnf Uhr des Nach⸗ mittags am 9ten Mai 1551, als im Hauſe der Wojewodin von Podolien eine Botſchaft vom Schloſſe erſchien, mit dem Andeuten, die Koͤnigin begehre die Gegenwart des Fraͤu⸗ leins. Die Prinzeſſin war gegenwaͤrtig, als der Ueberbringer ſich ſeines Auftrags entledigte⸗ und ob ſie gleich bisher die von der Tochter taͤglich erbetene Verguͤnſtigung, ſich zu der — 182— Todtkranken zu verfuͤgen, ſtets nur mit Wi⸗ derſtreben ertheilt hatte, gleich einem Opfer⸗ das man der Nothwendigkeit bringt, ſo zeigte ſie ſich doch heute uͤber Erwartung bereitwillig⸗ und billigte die Eil, mit welcher Helena ſich anſchickte, dem Rufe zu folgen. Der Hofbe⸗ diente hatte die foͤrmliche Erkundigung nach dem Beſinden Ihrer Majeſtaͤt mit einem ſchwei⸗ genden, nur allzu bedeutenden Achſelzucken beant⸗ wortet, und waͤhrend das Fraͤulein, erſchreckt durch dieſe Geberde uͤbler Vorbedentung, unter einem Strome von Thraͤnen den Schleier uͤber⸗ warf, ohne den damals ſelten eine Dame aus dem Hauſe trat, ergoß ſich Anna von Mazv⸗ wien mit wohlgeſetzten Worten und redſeli⸗ ger, als gewoͤhnlich, in Verſicherungen ihrer Theilnahme, welche um ſo hoͤher zu ſteigen ſchien, je mehr die kurzen Antworten des Abge⸗ ſchickten beſtaͤtigten, daß der Zuſtand ſeiner Ge⸗ bieterin ihre Beſorgniß rechtfertigte. Rit ei⸗ lendem Fuße trat Helena Odrowonz in das Schloß, das vor kurzem noch wiederhallend von Freude und ſchimmernd im Glante der Feſte⸗ zetzt ſtil und düſter in der auſſteigenden Abend⸗ daͤmmerung vor ihr lag. Sie ging die langen — 183— Galerien hinab, in denen einſt viele reich ge⸗ ſchmuͤckte Geſtalten munter und geſchaͤftig auf und nieder wogten, jetzt ſchallte ihr Schritt allein an den hohen Gewoͤlben wieder; und be⸗ gegnete ſie irgend einem, der⸗ wie ſie, ernſten Geſichts und mit geſenktem Haupt einher⸗ wandelte, ſo begruͤßte man ſich ohne Worte zu wechſeln. Als ſie in das Vorgemach der Koͤ⸗ nigin gelangte, drang ihr ein betaͤubender Mo⸗ ſchusgeruch entgegen; dichte Teppiche waren auf den Fußboden gebreitet, um den Schall der Fuß⸗ tritte zu daͤmpfen, und der vorgeruͤckten Jah⸗ reszeit ungeachtet brannten große Staͤmme in den weiten Kaminen, welche eine beinah unertraͤgliche Hitze und den Duft ſtarker Spete⸗ reien aushauchten, die am Feuer ſtanden, das ſeinen ungewiſſen Schein auf das verdunkelte Zimmer und die Perſonen warf, die in ſieter Bewegung, doch mit Vermeidung alles Geraͤu⸗ ſches hin und her gingen. Richt laut⸗ wie ehemals in den Tagen des Pompes, ſondern leiſe fliſternd, nannte der Thuͤrſteher den Namen des Fraͤuleins von Podolien der erſten Kammerfrau, welche/ mit der einen Hand die rothgeweinten Augen verbarg, mit der andern auf die in⸗ — 184— nere Thuͤr zeigte. Als nun Helene durch die⸗ ſelbe ſchritt, vernahm ſie ein leiſes Geſpraͤch zweier, wie es ſchien, heftig bewegter Perſonen; ſie unterſchied die ſchwache Stimme der Kran⸗ ken, die bittend zu einem Anderen ſprach, deſ⸗ ſen Geſtalt ſie in der Beſchattung der nieder⸗ gelaſſenen Vorhaͤnge nicht ſogleich unterſcheiden mochte. Nur ſelten unterbrach die maͤnnliche Stimme die Redende, und mit ſchwankenden Toͤnen, wie eines, der ſich vergeblich beſtrebt, eine uͤbermaͤchtige Ruͤhrung zu bemeiſtern. He⸗ lena war im Begriff, ſich ſtill zuruͤckzuziehen, da gewahrte ſie das der Dunkelheit ſchon ge⸗ wohnte Auge der Koͤnigin, und ſie rief ihr zu, ſie ſolle bleiben.— Wir haben ja nun geen⸗ det, mein wuͤrdiger Großfeldherr— ſprach ſie, indem ſie die abgezehrte lilienweibe Hand dem ſich Erhebenden darreichte— und wenn Ihr meinem theuern Siegmund Freund und Vater geweſen ſeyd in ſchweren Stunden, ſo waret Ihr auch mein Beiſtand in den ſchwerſten.—— Wem ſo viele Kraft beſchieden iſt, als meiner Koͤnigin— antwortete der Graf zu Tarnow— dem kommt ein beſſerer Beiſtand aus ſich ſelbſt, als ich ihn zu gewaͤhren vermochte.—— — 185— Nachet mich nicht ſtolz, edler Johannes, meint Ihr nicht, daß es mir ſchwer geworden ſey, ge⸗ gen das anzukaͤmpfen, was meine ganze Seele noch vor Kurzem erfuͤllte, und das mit ent⸗ taͤuſchtem Blick anzuſchauen, was nur der na⸗ hende Tod mir in ſeinem wahren Lichte zu zei⸗ gen vermochte?—— Es iſt das Licht des Himmels, welches ſchon dieſſeit des Grabes ſich auf Euch niederſenkt. Ja, durchlauchtige Frau, auch mir erſchien ſeit einiger Zeit als noth⸗ wendig, was Ihr dafur erkannt, und ich geſtehe es, ich kam in der Abſicht, Ew. Majeſtaͤt Einwuͤrfe, die ich befuͤrchtete, zu widerlegen, und Euch zu bitten, dem Reiche, dem Ihr ſo kurze Zeit Mutter geweſen, Euer Andenken im rͤhrenden Schimmer der Entſagung zu hinter⸗ laſſen.— Doch— das Fraͤulein moͤge es hoͤren, das ſo manche Tugend gemein hat mit ihrer erlauchten Freundin— ich ſtehe beſchaͤmt vor Euch. Ich ſah in meiner Koͤnigin nur ihr Geſchlecht; ſeine Schwaͤchen glaubte ich be⸗ kaͤmpfen zu muͤſſen.— Ein Wort reichte hin; ich wußte es, und auch Ihr habt es gewußt; ich waͤhnte es zuruͤckhalten zu muͤſſen dieß Wort gerechter Entruͤſtung in der gemarterten, — 186— Bruſt des erhabenen Opfers, und ich fand— o Fraͤulein, werfet einen Blick auf dieſe Ster⸗ bende, und lernet, ſo es Euch Noth thun ſollte, unſchuldig leiden, wie ſie, und die Friedens⸗ palme in den Dornenkranz der Qual flechten. —— Moͤge— ſprach die Koͤnigin mit einer Bewegung, die vielleicht zu ſtark fuͤr ihren Zu⸗ ſtand war— moͤge Helena glucklicher ſeyn⸗ als ich,— doch nein, ich bin ungerecht gegen mein Schickſal; möge ſie ſo gluͤcklich ſeyn als ich— und laͤnger als es mir beſchieden war. — und was hab' ich gethan?— fuhr ſie bei⸗ nah heiter fort— das, was ich dahin gegeben, wird es mir ohnedem nicht entriſſen von der gewaltigen Hand des Todes?— Ihr waͤhnet mehr zu ſehen in mir als ein Weib, Herr von Krakow— Iſt es denn nicht Sitelkeit, auch noch geliebt ſeyn zu wollen, wenn dieſe ver⸗ gaͤngliche Bluͤthe vermodert ſeyn wird, und der Purpur meines Koͤnigsmantels verblichen? Wenn ich mir ein Denkmal bauen will in der Erinnerung, und der Friede, welcher wieder⸗ kehrt in das Haus des Jagiellv, durch welches ich gewandert bin wie ein flͤchtiger Schatten, iſt er nicht das ſchoͤnſte Denkmal auf Barba⸗ „y „y — 187— rens Grab? Was geb' ich dahin, da ich das Beßte zuruͤckhalte, das Herz, das mein eigen war, und das einſt mir zuruͤckgegeben werden wird?—— Sein Herz und die unſern fol⸗ gen Euch— ſprach Johannes.—— So lebt denn wohl, bis dahin— fliſterte Barbara, indem ſie ihm wiederum die Hand reichte— lebt wohl, und bleibt der treue Freund meines Gemahls, von nun an auch ein wenig um mei⸗ netwillen— lebt wohl, Jvhannes.—— Schweigend beugte ⸗ ſich der Kaſtellan auf die dargebotene Hand— da ſprach Barbara leiſe: Ich fuͤhle Tropfen auf meiner Rechten, es ſind wohl ſchoͤnere Juwelen als die Demanten der Krone, die mir entfaͤllt, und ein koͤſtlicherer Schmuck, da, wo ich hingehe!—— Thau⸗ tropfen ſind es, Thautrvpfen vom Hermon— entgegnete der Feldherr mit erſtickter Stimme; drauf wandte er ſich und ſchritt mit verhuͤlltem Geſicht hinaus. Setze dich zu mir, Helena— ſprach die Foͤnigin nach einer Pauſe— ſetze dich zu mir⸗ und laß uns noch plaudern, wie in den ver⸗ gangenen Tagen, als es nicht ſo dunkel hier — 188— war und ſtill. Die Gewalt der Schmerzen hat nachgelaſſen, die ermuͤdete Lebenskraft gab den Widerſtand auf, und wie Aerzte verſichern, wird von nun an der Sieger ohne Kampf all⸗ maͤhlig Beſitz nehmen von ſeinem Eigenthume. Weine nicht ſo ſchmerzlich, Helena, ich war ſtets zur Heiterkeit geneigt, ſie war mir eine recht treue Freundin mein Leben lang, ſo ge⸗ buͤhrt es ſich nicht, daß ich ſie von meinem Sterbebette verdraͤnge.— Sieh, ich habe mein Haus beſtellt; auch das Theuerſte, was ich be⸗ ſaß, hab⸗ ich vermacht— doch nicht Dir— fuhr ſie laͤchelnd fort— nicht Dir, welcher man es nimmer zugedacht. Auch weiß ich⸗ meine Helene begehrt deſſen nicht, ein beſchei⸗ denes Gluͤck haſt Du dem vorgezogen, deſſen Vergaͤnglichkeit dieſe Stunde bezeichnet; moͤch⸗ teſt Du es erreichen!—— Wie koͤnnte ich jetzt an mich denken und meine Zukunft?— antwortete das Fraͤulein— wie darf ich es auch, denn mit Euch zieht meine Hoffnung zu Grabe. Schutzlos laſſet Ihr mich zuruͤck, und der einzige, der erhabene Freund, erliegt unter dem Gewicht eignen Schmerzes. Nicht mei⸗ nes Gluͤckes gedenket in dieſem Augenblick⸗ — 189— der alle Freude und Hoffnung vernichtet; wer moͤchte auch noch Gutes erwarten, da das Un⸗ heil meine Koͤnigin getroffen. Nur im Strahle Eurer Milde konnte die ſchuͤchterne Pflanze gedeihen, er erliſcht jetzt und ſo ſenkt ſie das Haupt auf immerdar. So verwelke ſie dennz nicht umſonſt liegt ein ruͤhrendes Bild der Entſagung vor meinen Augen, und wenn meine Barbara untergehen mußte, darf da Helena Odrowonz ſich beklagen?—— Einige Zeit ſchwieg die Koͤnigin nachdenklich, dann ſprach ſie: Es war ein unheilbringender Tag, der Tag Deiner Verlobung; der Sturm des Ver⸗ derbens hat die Brautfackel verloͤſcht, ich aber werde nicht mehr da ſeyn, daß ich ſie wieder entzuͤnde. Sieh, ich wollte ſchwatzen mit Dir wie in beſſern Zeiten, doch es iſt der Tod ein ernſter Lehrer, und wenn er das Auge beruͤhrt hat, verſchwinden alle taͤuſchende Farben. Aus dem kalten Grabe jenes treuen ungluͤcklichen Knaben iſt der Eishauch hervorgegangen, der mein Leben zerſtoͤrt, und, ich fuͤrchte, auch das Gluͤck des Deinen, Helena! Ich habe entſagt, doch zu ſpaͤt: in Deines Verlobten Mund legte das Schickſal das Wort der War⸗ — 190— nung, als ich den Huͤgel gewahrte, unter dem jene Wanda ſchlummert, welche die Krone, wie Hippolyt deutungsvoll ſprach, und das Leben hinab warf in die Fluthen der Weichſel, damit der Friede im Reich beſtehe. Auch ich thue mich der Krone ab, aber nicht freiwillig wie ſie, und mit der Krone des Lebens: muͤhſam und verdienſtlos folgt die nothgedrungene Ent⸗ ſagung dem unwiderruflichen Gebote des Ge⸗ ſchicks. So ſey denn die eigene Erfahrung mein Vermaͤchtniß an dich, Helena; moͤge die Zukunft es Dir entbehrlich machen. Sieh⸗ ich habe gethan, was ich mußte, denn ich will nicht, daß mein Andenken die Loſung werde zu Ha⸗ der und unnatuͤrlichem Zwiſt, wie mein Leben es geweſen: Einigkeit und Friede ſollen wieder eintreten in das Haus des Koͤnigs, wenn der eingedrungene Gaſt hinausgegangen; ſeine Le⸗ bensfreude nehm' ich hinweg mit mir, ich fuͤhl⸗ es, doch gedenke ich, ihm dafuͤr das Bewußtſein erfuͤllter Pflicht zu laſſen, damit ſie ein Suͤhn⸗ vyfer fuͤr die Abgeſchiedene werde. Auch Dir hinterlaſſe ich ſie, Madchen; wenn nun alles zuruͤckgekehrt ſeyn wird in das gewohnte Gleis der Ordnung, mag es Dir vielleicht gluͤcken ———— — 191— aus den Truͤmmern des luftigen Gebaͤudes, das ich errichtete, Deine Huͤtte zu erbauen; doch waͤre dem nicht ſo, ertoͤnte auch Dir die ernſte Stimme der Nothwendigkeit, die das Ohr der Sterbenden nur zu deutlich vernimmt, dann, meine Helena, gedenke an mich und entſage.— — Ich bin bereit— rief das Fraͤulein unter Thraͤnen— moͤge das Andenken an dieſen Au⸗ genblick mich ſtaͤrken, wenn ich zagen ſollte in der entſcheidenden Stunde!—— Ich hoͤre kommen— entgegnete Barbara— noch Eins iſt mir uͤbrig zu thun auf dieſer Welt, eines habe ich noch zu vollbringen, ſuͤß und ſchmerz⸗ lich——— doch gebuͤhrt es der, die ſich einſt Deine Mutter nannte, nicht ſorglos von dem verlaſſenen Kinde zu ſcheiden, und ohne ein Zeichen der Liebe; moͤge das, welches Du erhalten wirſt, dem Werke gedeihlich ſeyn, von dem mich der Tod abruft, ehe ich es vollen⸗ det.—— Indem die Koͤnigin ſo ſprach, trat Barthv⸗ lomaͤus Sabinus in die Thur; er ſchritt lang⸗ ſam durch das Gemach nach der Uhr zu, an welcher der Zeiger auf die ſiebente Stunde wies, dann ſtreckte er winkend die Hand aus, — 192— und es nahten in langem Zuge die Chorherren der Kathedrale, an ihrer Spitze die Biſchofe von Krakow und Kujawien. Geraͤuſchlos und mit feierlich zoͤgerndem Schritte begaben ſie ſich nach dem Hratorium der Koͤnigin, und ließen ſich auf ihre Knie nieder in ſtiller Andacht. Freundlich winkte die Koͤnigin dem Fraͤulein und legte die Hand auf die Stirn der Wei⸗ nenden, die ſich darauf zuruͤck zog und ſeit⸗ waͤrts des Kreiſes der Geiſtlichen niederſank, um zu beten. Die Biſchoͤfe begaben ſich zu dem Bette, Samuel Maciejowski richtete eine leiſe Frage an die Kranke und dieſe erwiederte vernehmlich: Noch nicht, mein Vater, noch hat die Erde ein Recht an mich.—— Da erſchien ein Mann, dicht in einen dunkeln Man⸗ tel gehuͤllt; mit ſchwankendem Schritt naͤherte er ſich dem Lager, und die Praͤlaten traten abſeits. In gedaͤmpften Lauten, doch eifrig, ſprach die Koͤnigin wohl eine Viertelſtunde lang mit dem zuletzt Erſchienenen, welcher ſich auf die Knie niedergeworfen hatte: es war indeß als faͤnde ihre Rede keinen Eingang, denn ſie ward nur mit einzelnen Ausrufungen unwilli⸗ ger Weigerung unterbrochen; da ward Bar⸗ — 193— barens Stimme ruͤhrender und flehender, und die Verneinung des Knienden ließ ſich ſeltener vernehmen, und endlich rief die Koͤnigin: Gott ſey Dank, und Dir, mein geliebter Ge⸗ mahl!—— Drauf traten die Biſchoͤfe wie⸗ der herzu, der Monarchin die letzte Wohlthat der Kirche zu ertheilen, und als ſie vollendet hatten, ſtimmten auf das Zeichen des Archi⸗ diakonus die Prieſter die Gebete der Verſchei⸗ denden an. Noch immer lag der Verhuͤllte regunglos vor der, die der Tod ihm nun ent⸗ reißen ſollte, und als der Zeiger vorgeruckt war bis auf die achte Stunde, ſtand Siegmund Auguſt auf und beugte ſich nochmals uͤber die Erblaßte; dann aber wankte er ſtill, wie er ein⸗ getreten, hinaus, und die Glocken der Dom⸗ kirche verkuͤndeten in langſamen Schlaͤgen, Bar⸗ bara Radziwill ſey nicht mehr. 7 Bunt wie das Leben, aus lichten und dun⸗ keln Faͤden gewoben, ſey das Gemaͤlde des Darſtellers, und wie ſich Freud⸗ und Leid rei⸗ hen im unaufhoͤrlichen Wechſel, fuͤhre er den Beſchauer raſch auf und nieder auf der Leiter Hipp. Borat. ar Lheil. 13 — 194— der Empfindbung. Nicht weit iſt es von dem Geraͤuſch der Freude zum Wehklagen des Schmerzes, nicht weit von dem Prunk der Palaͤſte in die anſpruchloſe Huͤtte, die an ſei⸗ nen Pfeiler lehnt, und ſo folge uns denn der Leſer aus dem prachtvollen, doch duͤſtern Ster⸗ begemach der Monarchin in die einfache Gaſt⸗ ſtube des Wirthshauſes zum Adler von Krakow, in welcher die herein ſcheinende Fruͤhlingſonne auf den zinnernen Kruͤgen und den belebten Geſichtern der Trinker wiederſtrahlt. Fuͤnf Tage waren ſchon ſeit dem Tode der Koͤnigin ver⸗ floſſen, ihr Leichnam ſtand auf dem Prunkbett zur Schau, und viele der Bewohner der Haupt⸗ ſtadt waren, von Theilnahme oder Neugierde getrieben, hingegangen, das traurig feierliche Schauſpiel zu betrachten. Doch ſchien die erſte Empfindung bei den guten Buͤrgern der Haupt⸗ ſtadt die vorherrſchende zu ſeyn, die nun, nach⸗ dem ſie neben den bleichen Reſten der ſo ſcho⸗ nen und geliebten Frau Betrachtungen uͤber das Nichtige der Erdenguter angeſtellt hatten, im weißen Adler einkehrten, um wo moͤglich beim Becher auf minder ernſte Gedanken zu kommen. Doch mangelte es auch nicht an — 195— Solchen, die im ſchwarz verhangenen Saale nichts geſehen hatten, als eine liegende Geſtalt, mit ſchoͤnen Diamanten geſchmuͤckt, und viel Sammet, Seide, Gold und hell brennende Ker⸗ zen, ja, es waren auch Einige zugegen, die der Littauerin die ſtille Heimreiſe in ihr Vaterland von Herzen goͤnnten, und ihre ſchadenfrohe Lau⸗ ne nur deßhalb unter gleichguͤltigem Weſen ver⸗ bargen, weil es ihnen nicht gerathen ſchien, ſo bald der Stimmung der Mehrzahl entgegen zu treten. Unter den Erſten zeichnete ſich ein junger Towarzysz aus, der vielleicht mehr Ur⸗ ſache als die Andern haben mochte, uͤber den Wechſel des Gluͤcks bei dieſer Veranlaſſung nachzudenken, denn er ſaß, ohne ſehr auf das, was um ihn vorging, Acht zu geben, von den Andern abgeſondert, im dunkelſten Winkel der geraͤumigen Trinkſtube; an dem Inhalt des vor ihm ſtehenden Kruges Fehlte erſt der Be⸗ trag eines Bechers, und auch dieſen hielt er noch unberuͤhrt in der Hand, und gewahrte nicht, daß ſeine Thraͤnen hineinfielen. Da trat ein bejahrter, ſchwaͤrzlich, doch wohl aus⸗ ſehender Buͤrgersmann, der ihn ſchon eine Zeit⸗ lang betrachtet, zu ihm hin, und begann mit 13* — 196— freundlichem Wort: Es ſcheint, Herr Edel⸗ mann, das, was Ihr oben geſehen, gehe Euch ſehr zu Herzen, denn ich habe Euch wohl be⸗ merkt im Srauerſaale, und auch den jungen ſchwarz gekleideten Herrn, der am Sarge ſtand wie die Andern mit der Kerze, die ihm in der zitternden Hand ſchwankte. Ihr ſprachet mit ihm, und auch er weinte ſehr, ſo daß man glauben ſollte, auch ſein Gluͤck laͤge in dem ſchoͤn verzierten Sarge mit den Wappenſchil⸗ dern, wie ſie denn wohl unſerm Koͤnig, den Gott erhalten moͤge, alle Freude hinwegfahren werden mit ihm. Da meinte Einer und der Andere, es ſey wohl ein Blutsfreund der Ver⸗ blichenen, doch Andere ſagten, er habe ihr nur gedient, und er habe eine gar gnaͤdige Frau an ihr gehabt, wie auch ſein Vetter, der naͤmliche, von deſſen gewaltſamen Tode zu Wysniee man geſprochen, es wird nunmehr bald ein Jahr ſeyn. Nun, immer muß es doch die Selige freuen noch in ihrem Himmel, daß ₰ ſie auf Erden auch dankbare Seelen zuruͤckge⸗ laſſen.—— Wohl verlaͤßt ſie ſolche, die ſie beklagen, Meiſter Grzegorz— entgegnete der junge Menſch und trocknete ſich abwendend die ———— — 197— Augen— Und ich fuͤrchte, Mancher, der heut es noch nicht begreift, was wir verloren, wird ſie zuruͤckwuͤnſchen.—— Wohl moͤglich— ſprach drauf der Buͤrgersmann nachdenklich— das Gute nimmt der Himmel oft zuerſt zu ſich⸗ waͤhrend die Erde das Schlechte oft gar nicht los werden kann.—— Der, welchen Ihr be nerkt habt, wackerer Meiſter, hat wohl Ur⸗ ſache ſie zu beweinen, und wenn unſer durch⸗ lauchtiger Herr ein geliebtes Gemahl in ihr verloren hat, ſo iſt vornehmlich dem Staroſten von Samborz eine freundliche Wohlthaͤterin ge⸗ ſchieden, und hat ihm Manches mitgenommen. — Ach Allen, Allen iſt eine milde Gebieterin geraubt, eine Mutter.—— Das wird man erſt recht gewahr werden— meinte der An⸗ dere— wenn nun die Stiefmutter kommt; eine ſolche wird aber wohl nicht ausbleiben.— — Und doch— fiel Einer ein, der am naͤch⸗ ſten Tiſche ſchon einige Zeit den Wortfuͤhrer der gleichguͤltig neugierigen Partei gemacht hatte— Nach Euren Farben ſeyd Ihr von der Hausgenvſſenſchaft des erlauchten Herrn Kaſtellans, Herr Edelmann, und Ihr werdet daher am Beßten wiſſen, daß die Hochſelige — 198— Eurem Patron in der Todesſtunde eingebunden, darauf zu achten, daß der König ſeine Ver⸗ ſprechung halte, nimmer zu einer dritten Ehe zu ſchreiten.—— Hm, Ihr habt immer gute Nachrichten, Nachbar— verſetzte der, welcher anfangs geſprochen— doch zwelfte ich, daß Euch in Eurer Buottcherwerkſtatt ſo genau be⸗ kannt werden koͤnnen, was die Koͤnigin ohne Zeugen dem erſten weltlichen Herrn im Senat vertraut hat. Auch ſcheinet mir ſolch eigen⸗ nuͤtziges Begehren nicht in der Art der Frau Barbara ſeliger Gnaden, die ihre Lebtage ei⸗ nem Jeden das Beßte goͤnnte, wie ihr, leider, nicht immer ein Gleiches wiederfahren iſt. Nicht, wohlgeborner Herr Towarzysz?—— Nein, wahrlich waͤre dieß nicht in ihrer Art — ſprach mit Lebhaftigkeit Walenty Bielawski, der durch ſeine Vertraulichkeit mit dem juͤn⸗ gern Boratynski etwas beſſer von dem Vorge⸗ gangenen unterrichtet war, als die Uebrigen. — So iſt es denn nicht genug, daß Feindſe⸗ ligkeit und Mißgunſt ſich bemuͤhten ſie zu ver⸗ dunkeln, als ſie lebte; auch noch im Tode ver⸗ drehen Schwatzhaftigkeit und alberne Kluͤgelei das, was ſie zu ſtumpfſinnig ſind zu begrei⸗ ——— — 199— fen.—— Ich bin Eurer Meinung— ließ der erſte Buͤrgersmann ſich vernehmen— Wie Ihro Majeſtaͤt bei der Kroͤnung verſprochen hat, der Republik gewaͤrtig zu ſeyn, ſo wird ſie nicht im Tode begehrt haben, was derſelben zu großem Nachtheil gereichen moͤchte. Ich denke noch immer des Tages, als ſie in ihrer Schoͤnheit, und angethan mit dem koͤniglichen Schmuck, am Lage ihrer Kroͤnung heraustrat auf den Altan, und uns begruͤßte als ihre Mitbuͤrger— s'iſt noch nicht lange her und ſchon iſt alles voruͤber— nun, der Friede Gottes ſtrahle uber ihrer Seele! Er beſchrieb bei dieſen Worten das Zeichen des Kreuzes, und wandte ſich nach einem gutmuͤthigen Kopf⸗ nicken von Bielawski ab, der weiter nicht An⸗ theil an der Unterredung nahm.— Und doch — ließ ſich der Zweite vernehmen— hat der Koͤnig geſchworen, nimmer die Trauer abzuthun, das aber hab' ich von Augenzeugen erfahren.— — Wohl— unterbrach ihn Grzegorz der Waf⸗ fenſchmied— mag er die Trauer behalten im Aeußern, wie er ſie wohl auch im Herzen be⸗ halten wird, doch beides iſt verſchieden von dem, was das Beßte des Staates von ihm — 200— fordert, welches dem Koͤnig, als deſſen Ober⸗ haupte, zu beachten obliegt.—— Was küm⸗ mert uns das Beßte des Staats?— antwor⸗ tete der Böttcher— das uͤberlaſſen wir dem Adel.—— Wir ſind Buͤrger zwar— ver⸗ ſetzte ein Anderer— doch der Hauptſtadt, wel⸗ che vor nicht gar langer Zeit zu dem ehren⸗ werthen Bunde der Hanſe gehorte, und unſere Privilegien berechtigen uns ein wenig uͤber unſere Werkſtatt hinaus zu ſehen, und ſelbſt ein bittli⸗ ches Wort zu dem Thron gelangen zu laſſen, wenn es das gemeine Beßte der Stadt betrifft.—— Die die erſte iſt im Reich— ſchob ein Dritter ein.—— Was geht es denn der Stadt an, ob der Koͤnig vermaͤhlt iſt oder nicht? fuhr der Wortfuͤhrer fort— Ja, wie ich Euch ſa⸗ ge, ſchwarz hat er geſchworen zu gehen ſein Lebtage, und wie raͤumt ſich das mit neuer Vermaͤhlung?—— Nun, nun alles Ding hat ſeine Zeit— ſiel Einer ihm in die Rede, der noch nicht geſprochen hatte, und der ſeiner buntſcheckigen Kleidung nach nicht zu den Buͤr⸗ gersleuten gehoͤrte— muß es denn gerade eine Littauerin ſeyn? Auch in anderer Herren Laͤnder giebt es der Prinzeſſinnen genug, eben —,— — — 204— ſo ſchoͤn und hoͤherer Geburt als des alten Gaſtold's Wittwe; heute mir, morgen dir.— Mit einigem Unwillen ſahen die Maͤnner auf den, welcher auf ſo wenig ehrerbietige Weiſe der verſtorbenen Koͤnigin erwaͤhnte.— Der Zweite aber begann von Neuem— Ein ſchoͤnes Weſen war es immer um die Leichen⸗ ſchau.—— Wie der Sarg glaͤnzte und die Trauerdecken— Und was fuͤr herrlicher ſchwar⸗ zer Atlas zum Kleide— ließ ein Gewand⸗ ſchneider ſich vernehmen—— Und die Krone auf dem Haupte der Todten— bemerkte ein Goldarbeiter— und gelehnt an die gefalteten Haͤnde der Seepter und der Reichsapfel—*) wie ſie ſchimmerten von Diamanten— ſchade waͤre es doch, wenn alle dieſe ſchoͤnen Steine mit ihr in die Gruft geſperrt werden ſollten.— — Wie Ihr nur ſo ſchwatzen koͤnnt— be⸗ lehrte ein Anderer— das ſind die Sdelgeſteine der Krone, und an dieſe hat Littauen kein Recht, weder uͤber noch unter der Erde.— — Wohl— ſagte der erſte Buͤrgersmann— wohl laͤßt ſie dieſe zuruͤck, doch habe ich manche —— Nach Konig Siegmunds Beſchreibung. — 202— glaͤnzen ſehen im Auge der Umſtehenden, die ſie gewiß dahin begleiten, wo ſie hingegan⸗ gen.—— Und mit dieſen wird ſie ſich be⸗ gnuͤgen muſſen— ließ ſich abermals der Bunt⸗ gekleidete aus— denn wo naͤhme man von den echten, die ihr Geld werth ſind, meine ich, gleich andere her, die neue Koͤnigin zu kroͤ⸗ nen?—— Die neue Koͤnigin? fragten Einige neugierig, und der wackere Mann, welcher den jetzt ſcheinbar in tiefem Sinnen verlornen Tu⸗ warzysz angeredet hatte, ſprach zu dem ſtaats⸗ kundigen Trinkgaſte: Ich weiß von alter Zeit, Freund Schreiber, oder was Ihr jetzt ſeyn moͤget, daß es Euch nimmer an Neuigkeiten gebricht, doch hat man die Wahrhaftigkeit der⸗ ſelben nicht ſonderlich ruͤhmen wollen—— Die Andern aber ruckten naͤher hinzu und frag⸗ ten geſpannt: Wie ſo? was iſt es mit der neuen Koͤnigin? hat man ſchon eine ausſin⸗ dig gemacht, vier Tage nach der ſeligen Tode? Es gefalle Euch uns mitzutheilen, was Ihr wiſſet— Wirth, einen Krug vom Beßten für den verehrlichen Herrn Kanzleiboten.—— Bitte ſehr, werthe Herrn, bitte ſehr— ant⸗ wortete dieſer, indem er jedoch das Angebotene —————— „ — 203— ohne Widerſtand annahm— Solcher Litel ge⸗ buͤhrt mir nicht mehr ſchon geraume Zeit. Ich bin jetzt, ſo zu ſagen, ein vacirender Herrendie⸗ ner, thut aber nichts— fuhr er fort, mit der Fauſt an die klimpernde Taſche ſchlagend— wenn man Moſen und die Propheten hat, ſieht man es wohl eine Weile mit an.—— Wir wiſſen— ſprach mit großer Hoͤflichkeit der Boͤttcher, welcher des Koͤnigs Wiedervermaͤh⸗ lung ſo lebhaft beſtritten hatte— Ihr waret. eine Zeitlang in den Dienſten der Mailaͤnde⸗ rin.—— In den Dienſten des Teufels— unterbrach ihn Waelaw, welchen die letzte Li⸗ bation in ſeinen Lieblingzuſtand des angehen⸗ den Rauſches verſetzt hatte— in des Leufels Dienſt, wollet Ihr ſagen, Meiſter Faßbinder.— — Und bei ſo hohen Perſonen— fuhr der Andere in ſeiner Rede fort— erfaͤhrt man allerlei, was unſer einem gerade nicht auf die Naſe gebunden wird.—— Seyd doch ſtill, Nachbar— riefen die Andern— und laſſet Herrn Siewrak erzaͤhlen— Euer Wohlſein, Herr Kammerdiener! Man hat wohl hier und da von dem Wojewoden⸗Fraͤulein von Podv⸗ lien geſprochen— bemerkte Einer mit geheim⸗ — 204— nißvoller Wichtigkeit— iſt ſie es, die Ihr meinet?—— Was Wojewoden„Fraͤulein! ſchrie Siewrak auf den Liſch ſchlagend— da⸗ mit iſt es nichts, guter Freund— wir haben genug an Einem dergleichen gehabt.—— Nun, und wer iſt es denn?—— hm, ſo meinet Ihr, unſer eines ließe ſich ausfragen fuͤr einen Becher Erlauer? Run, wenn Ihr nach Hauſe kommt und ſie Euch fragen, ſo ſaget fein, Ihr wußtet's nicht.—— Noch einen Becher fuͤr den Herrn Kammerdiener— Zwei fuͤr Einen!—— Meinte ich doch gleich, ihm ſey gerade ſo viel bekannt von dieſen Dingen als uns— lachte der erſte Buͤrger— gebt Acht, er trinkt auch den Wein aus, und wenn es dran kommt, ſo ſeyd Ihr um Euer Geld, was Euch ganz recht iſt.—— Ich wuͤßte nichts?— ſchrie der herrenloſe Diener, deſſen Augen ſchon ſtier und glaͤſern drein ſchauten.— Wenn Euch nur der zehnte Theil von dem zu Ohren gekommen waͤre, von dem was Waelaw Siewrak weiß, guter Freund, ſie wuͤrden Euch brummen wie der große Blaſe⸗ balg in Eurer Schmiede, wenn ihm der Wind ausgeht.— Ich nichts wiſſen, der ich die Naſe — 205— bei Allem gehabt, der eine Muhme hat, die des Teufels Vorlauf iſt, weisſagt, Wahres und Falſches durch einander, je nachdem man die Waare bei ihr beſtellt?—— Wahrlich, eine herrliche Buͤrgin fuͤr die Zuverlaͤſſigkeit Eures Wiſſens— meinte der Waffenſchmied.— — Ich nichts wiſſen?— fuhr jener ſich im⸗ mer mehr erhitzend fort— Nun damit Ihr ſehet, daß ich etwas weiß, will ich Euch ſagen, daß es nichts iſt mit dem Wojewoden⸗Fraͤulein; der Vater unſerer kuͤnftigen Koͤnigin iſt ganz ein anderer Mann, ſolche Fraͤuleins aber ſendet man nach Hauſe mit Sack und Pack, wie ſie gekommen ſind, und das wird nicht gar lange waͤhren.—— Das moͤchte man der Mutter ſchon goͤnnen, die gar ſolz und wetterlauniſch ſeyn ſoll— erklaͤrten Einige; das Fraͤulein jedoch iſt anmuthig, und ſchon hoher Ehren werth.—— Die laute Stimme des allge⸗ mach immer trunkener werdenden Siewrak hatte den jungen Bielawski aus ſeinem Nach⸗ ſinnen aufgeſtoͤrt; er hob den Kopf, und als er ihn gewahrte, ſchien er mit einiger Auf⸗ merkſamkeit auf den Verfolg ſeiner Rede zu hoͤren.— Ja— fuhr Waclaw fort— Leute, — 206— die man nicht mehr braucht, ſchickt man fort, ſo wie ich jenen jungen Fant zu Wysniec da⸗ hin geſchickt habe, wo ſich das junge Blut er⸗ kaͤltet hat, daß es heraus getragen werden mußte; ich ein Bacealaureus und der ſchoͤnen Wiſſenſchaft Befliſſener!—— Das junge Blut? zu Wysniee?— fragten die Umher⸗ ſitzenden mit gereizter Wißbegier— Es beliebt dem Herrn Baecalaureus etwas raͤthſelhaft zu ſprechen— ließ der Schmiedemeiſter ſich dar⸗ auf mißbilligend vernehmen— und beinah ſcheint es, es iſt auch beſſer fuͤr ihn und uns, daß er nicht deutlicher iſt.—— Raͤthſel!— entgegnete der Herrendiener etwas zur Beſin⸗ nung kommend— Nun ja, Raͤthſel fuͤr Euch und Eures Gleichen— die Ihr Euch ſelbſt deu⸗ ten moget, wenn Ihr nur den Mutterwitz da⸗ zu haͤttet. Auch ziemt es nicht, ſolche Myſte⸗ ria vor gemeinen Phren auszuſchuͤtten, denn obſchon mir geboten iſt zu ſchwatzen und zu trinken, und ich zu ſolchem Handwerk abſon⸗ derlich geſchickt bin, iſt allzuviel doch ungeſund, wie meine Baſe ſagt.—— Hoͤret einmal— ſagte der Faßbinder— Herr und Freund, ich wollte Euch gerathen haben, wenn Ihr mit — 207— Krakower Buͤrgern zecht, nicht alſo um Euch zu werfen mit verfaͤnglichen Redensarten, wie „Eures Gleichen“ und„gemeine Ohren“, ſo Ihr an den Eurigen nicht Schaden nehmen wollet.—— Laßt ihn, Gevatter, er iſt in des Kmita Dienſt geweſen und ihm iſt nicht zu trauen— fliſterte der Gewandſchneider dem Erzuͤrnten beſorglich zu.—— Und wer ſeyd Ihr denn? rief Siewrak mit vornehmer Ge⸗ ringſchaͤtzung— geplagtes, armſeliges Volk, das viele tauſend Mal den Hammer oder die Nadel oder den Kloͤpfel heben muß die Woche uͤber, um ſich des Sonntags einmal gütlich zu thun, waͤhrend ein Mann wie ich mit einem Schritt mehr verdient, als Ihr in einem Mo⸗ nat, und ſogar dafur bezahlt wird, daß er trin⸗ ke? Hier thut Ihr wohl groß und prahlet und pocht, doch wenn des Herrn Kmita Gna⸗ den etwa vorbeireitet an Eurer ſchmutzigen Werkſtatt, und ein ſchieſes Geſicht macht, wie es manchmal ſeine Art iſt, da ſeyd Ihr fein demuͤthig und zieht die abgeſchabte Lederkappe und ruft: Gott erhalte den erlauchten Woje⸗ woden; ob Ihr ihn gleich zum Ceufel wunſch⸗ tet, dem er gehoͤrt, dem Galan meiner Baſe — 208— urſula. Mit mir iſt es aber ein anderes Ding — wir ſind gute Freunde von Alters her, ich und der Alte, und wenn ich zwei Worte ſpre⸗ che, ſchweigt er ſtock ſtill— ha, ha, erſt re⸗ dete er wohl ſo im Spaß von Haͤngen und dergleichen unluſtigen Dingen— doch wie ich ihm nur geſagt hatte, wie war es doch gleich, Littauen wider Polen, oder Polen wider Lit⸗ tauen— zog er andere Saiten auf, und hieß mich guter Dinge ſeyn, und eſſen von ſeinem Brod und von ſeinem Wein trinken— das hab' ich auch gethan als ein redlicher Herren⸗ diener, denn ich aß und trank noch immer fort, als die andern hohen Herrſchaften ſchon alle Luſt dazu verloren hatten, und der Gaſt⸗ geber ſelbſt. Die Buͤrgersleute ſaßen aufmerkſam dem un⸗ ermuͤdlichen Schwaͤtzer zuhorchend, theils mit ſteigendem Befremden, theils mit daͤmiſcher Verwunderung; der Waffenſchmied aber, dem die wachſende Theilnahme des jungen Bielawski nicht entgangen war, gab ihm einen verſtohle⸗ nen Wink und wendete ſich dann abermals zu Siewrak mit den Worten: Es muß wahr ſeyn⸗ — 209— ihr erzaͤhlet uns da wunderſeltſame, ergetzliche Dinge— doch moͤget Ihr Euch vor dem Wo⸗ jewoden huͤten, deſſen Ihr auf abſonderliche Art erwaͤhnt; er hat lange Arme wie Ihr wißt, und pflegt nicht zu ſpaßen.—— Und haͤtte er noch laͤngere— lachte Jener— bis Welſchland reichen ſie doch nicht.—— Bis Welſchland? So ſeyd Ihr geſonnen auf Rei⸗ ſen zu gehen?—— Meinem Herrn nach, dem hochgelahrten Dyetor Monti— verſicherte Waclaw mit Wichtigkeit— der mein dort wartet, wie ſolches die Pflicht eines Herren⸗ dieners iſt. Auch hat er mir einen wohlgeföll⸗ ten Seckel hinterlaſſen auf den Weg, und in Welſchland ſoll der Wein fließen, wie hier das Duͤnnbier, und füͤr Wein und Geld darf man ſich auf Waclaw verlaſſen.—— Es geht ja aber das Gerede— ſiel Meiſter Grzegorz ein — der Doetor und ſein Gehuͤlfe haben beim Abſchiede einen tͤchtigen Griff gethan in der Truhe Frau Bonen's, der Koͤnigin Mutter, und ſo ſtammet— ſetzte er hinzu, indem er an des Berauſchten volle Taſche ſchlug—— Euer Zehrpfennig wohl auch daher?—— Rit Verlaub— antwortete Waelaw, indem er ihn Hipp. Borat. ar Lheil. 14 — 210— zuruͤck ſtieß— nicht ſo nahe, wenn's beliebt, es bringt mir kein Gluͤck, wenn eine fremde Hand an mein Geld greift; was Ihr aber davon ſagt, woher es gekommen, ſo will ich dazu nicht nein ſagen. Was kuͤmmert's auch mich? —— Das iſt wahr— meinte der Schnei⸗ der— der Herr hat die Verantwortung; an Eurer Stelle traute ich doch dem Welſchen nicht, er hat ſo etwas Falſches im Blick, und ſoll mehr koͤnnen als Brod eſſen, und er iſt obendrein, wenn auch nicht ein Spitzbube, doch ein Knauſer, wie ich gewahr worden, als ich ihm Arbeit geliefert.—— Bei Euch— ant⸗ wortete Siewrak ſtolz— und ſolch geringfugi⸗ gem Werk, wie Ihr ihm liefern koͤnnet, guter Meiſter, mag er wohl gedungen, und die Ab⸗ ſchnitzel in Anſchlag gebracht haben, die bei Euch und Euren Handwerksgenoſſen oftmals etwas reichlich ausfallen ſollen; doch iſt derglei⸗ chen mit mir nicht an der Ordnung, denn wie der Dienſt ſo der Lohn, und anders honoriret man das Ingenium als die niedere Handarbeit. Es ſind zwar ein wenig ſeltſame Leute, dieſe Beiden, der Doetor und ſein Famulus mit dem blitzenden, zweiſchneidigen Dinge im Guͤr⸗ — 211— tel, fuͤr deſſen naͤhere Bekanntſchaft ich mich ſchoͤnſtens bedanke, die ich einmal bald gemacht haͤtte bei einem Haar, auch geluͤſtet's mich nicht nach der Apotheke des gelahrten Herrn, doch waͤr es mehr als undankbar, wenn der ein Probeſtuͤckchen an Waelaw Siewrak machte, dem Neffen ſeiner Kraͤuterlieferantin, der wohledeln Urſula vom Leichenacker der Juden.»Doch nun iſt aller Sorge Valet geſagt, und die Freude geht an, denn es iſt ja jetzt alles gut und zu Ende.—— Bei Anhoͤrung der letzten Worte war Walenty Bielawski aufgeſtandenz er be⸗ richtigte ſeine Zeche und verließ, dem Grzegorz winkend, ohne Aufſehn die Trinkſtube. Meiſter Grzegorz der Schmied aber fragte weiter: Was iſt gut und zu Ende, Herr Bacealaureus? Ihr erzaͤhlt ſo angenehm, daß man nicht muͤde wird Euch zuzuhoͤren.—— Meinet Ihr? lachte Jener hoͤhniſch, dann ſchaute er gedan⸗ kenlos um ſich und ſtammelte: Ja, mich duͤr⸗ fet Ihr nicht fragen, geht nur hinaus zur Muhme, die wird Euch beſſer berichten als ich, denn es iſt Euch gar eine weiſe Frau, und ſieht wo ſie bleibt.— Auch bekommt Ihr die Weisheit nicht ubel, die immer ihren Mann 14* — 212— naͤhrt, wie man an mir erkennen mag, und habe ich ihr ſchon Geld hinaus gebracht, es mag ſchier ſo ſchwer wiegen wie Euer Ambos, Meiſter Schmied. Wollet Ihr, ſo gehen wir zuſammen, denn ich will mir noch ihren Segen holen, ehe ich in die Fremde gehe, und das Gott ſey bei uns ihres Galans; Ihr wiſſet wohl, es iſt gut uͤberall Freunde zu haben. So Ihr mir nun einen Goldguͤlden ſpendet, aus Eurer berußten Geldkatze, ſoll ſie Euch ſa⸗ gen, was Euch begegnen wird, wenn einem ge⸗ ringen Mann wie Ihr, irgend etwas begegnen mag, was der Muͤhe verlohnt.—— Ihr ſeyd alſo geſonnen, unſere gute Stadt Krakow ſchon in Kurzem mit dem Rücken anzuſehn, mein ehrlicher Freund? erkundigte ſich der Waf⸗ fenſchmied, indem er mehr, als gerade noͤthig geweſen waͤre, ſich dem Vetter der Kraͤuterlie⸗ ferantin naͤherte, ſich breit vor ihm hinſtel⸗ lend.—— Nicht ſolche vertrauliche Benen⸗ nungen— verſetzte dieſer, ſich muhſam von der Bank erhebend— Ein anderer mag Euer ehrlicher Freund ſeyn, nicht ich— was aber Eure gute Stadt anlangt, ſo mag ſie meinet⸗ wegen in die Luft fliegen vder von einem Erd⸗ — 213— beben verſchlungen werden, ſo bald ich hinaus bin. Das wird aber ſchon morgen ſeyn in aller Fruͤhe, denn ich habe als ein getreuer Herren⸗ diener nun meine Pflicht erfuͤllt, ich habe ge⸗ trunken nach Kraͤften, und lange Zeit mag ich mich nicht entſinnen, da mir etwas beſſer von Statten gegangen waͤre— Gelt— meine ehr⸗ lichen Handwerksmeiſter, wenn einer einmal ſo ein Stück Arbeit bei Euch beſtellte, Ihr wuͤrdet bald zuſchlagen.— Doch allzuviel iſt ungeſund, ſagt meine Baſe, auch in Erfuͤllung deß, was einem obliegt—— Der vor ihm Stehende hatte einen Blick auf die Thuͤr ge⸗ worfen; er gab ihm ein wenig Raum, und ſagte mit bedeutendem Weſen: Huͤtet Euch, daß Euer allzu großer Eifer Euch dießmal nicht ſchaͤdlich werde, wie Eure verehrliche Baſe ſagt.—— Was ſchwatzt Ihr da? hat mich doch Frau Urſula vom Leichenacker trinken ge⸗ heißen und guter Dinge ſeyn;— ſprach der nun voͤllig Berauſchte, ſich an ihm voruͤber draͤngend— und ſie hat mehr Gruͤtze im Kopf, wie Eure ganze rußige Zunft, guter Meiſter Schmied.— Nun Ades, Ihr Herren, haͤm⸗ mert Ihr und klopft und ſchneidert wacker — 214— drauf los, waͤhrend der Vaeealaureus und freier Huͤnſte Befliſſener in Welſchland die vollen Becher mit Falerner ausleert, und ein Leben fuͤhrt in dulei jubilo, wie es einem alſo vor— trefflichen Ingenio zukommt.—— Damit wollte er, hin und her ſchwankend, die Stube verlaſſen, als er ſich plötzlich an der Schulter gefaßt fuͤhlte und eine Stimme nicht allzu ſanft folgendermaßen zu ihm ſprach: Gemach, ge⸗ mach, Herr Exkanzleibote, Schreibergehuͤlfe, wie auch Kammerdiener; ſo ſchnell geht es nicht mit der Reiſe, und Ihr werdet Euch ge⸗ fallen laſſen ein wenig zu verſchnaufen.—— Waelaw ſchaute verwundert empor, und ſah in dem Manne, der dieß gebietende Wort an ihn richtete, einen der Rottmeiſter der Schaarwacht, und in den bärtigen finſtern Geſichtern, die ihn mit packfertigen Faͤuſten umringten, die Die⸗ ner des Staroſteigerichts. Der allzu haͤufige Genuß des Weines und Lebenswaſſers verhin⸗ derte unſern Reiſenden nach Italien nicht, in dem Anfuͤhrer der ehrenfeſten Knappſchaft den ehemaligen Pedell der Hochſchule zu erkennen, den die guͤnſtigen Leſer ſchon einmal, doch in andern Verhaͤltniſſen, mit ihm im Wirthshauſe zum weißen Adler in Krakow geſehen; dieſel⸗ ben trinkbaren Geiſter aber hatten ihn den Zwiſchenraum von mehr als zwei Jahren ver⸗ geſſen laſſen, der zwiſchen damals und heute lag, und er begrüßte ihn mit großer Freundlich⸗ keit:— Ei ſieh da, wackerer Meiſter Haltuns⸗ feſt; Ihr kommt wohl um einen Krus zu lee⸗ ren, wie juͤngſt, als wir es mit denen Alumnis zu thun hatten, welche dem Bakel entlaufen? Doch kommt Ihr heute zu ſpaͤt, ich habe voll⸗ auf genug, und kann Euch nicht mehr Beſcheid thun; harret indeß ein wenig, iſt doch morgen auch ein Tag.—— Morgen— erwiederte der Haͤſcher— moͤchtet Ihr vielleicht auf dem Wege ſeyn nach Italien zu dem Doetor, Eu⸗ rem ſaubern Kumpan, und ſo bin ich heute nicht zu ſpät gekommen, ſondern vielmehr zur rechten Zeit. Iſ er das, Herr Towarzisz? fragte er darauf den jungen Bielawski, der ihn vegleitet hatte.— Derſelbe, und Ihr werdet Eure Pflicht thun— gebot dieſer.—— Als⸗ bald, verehrlicher Herr Edelmann— antwor⸗ tete der Rottmeiſter bedaͤchtig— doch fuͤr allererſt wird vonnoͤthen ſeyn, die werthen An⸗ weſenden ein wenig zu vernehmen, damit ſo⸗ — 216— thanes Zeugniß die Species Facti fundiren moͤ⸗ ge. Waſerlei ſind demnach die Gravamina, wel⸗ che meine ehrbaren Meiſter und Buͤrger zu Krakow uͤber dieſes verdaͤchtige Subjekt anzu⸗ bringen haben?—— Genug und uͤbergenug! rief der Waffenſchmied Grzegorz, dem nach und nach die Andern beiſtimmten.— Er hat nicht allein unehrerbietige Reden gefuͤhrt uͤber Ihre letzt verſorbene Majeſtaͤt, ſondern noch andere Dinge geſchwatzt, von denen der zehnte Theil hinreichend waͤre, ihn an den lichten Galgen zu bringen.—— Kommt Zeit, kommt Rath! meinte der Anfuͤhrer der Schaarwacht.— und Ihr ſeyd alſo erboͤtig, Meiſter Grzegorz und Ihr Uebrigen, Eure Ausſagen zu erhaͤrten, da wo es noͤthig ſeyn wird?—— Wir alle! wir alle! toͤnte die einſtimmige Antwort— Schoͤn, vortrefflich— ſprach Jener darauf— ehrenwerthe Zeugen und vollzaͤhlich— Darum alſo— ſetzte er hinzu, indem er die Schulter des Siewrak beruͤhrte— im Namen des Koͤ⸗ nigs!—— Das heißt?— fragte der ſich ernuͤchternde Zecher im Tone des beginnenden Zweifels—— Das heißt, Meiſter Waclaw, daß der Koͤnig Euch durch mich gebuhrend er⸗ — 217— ſuchen laͤßt, bevor Ihr nach Welſchland reiſet zu Euren Diebesgenoſſen, ein wenig Quartier zu machen in den kühlen Gewoͤlben des Staro⸗ ſteigerichts.—— Alſo werdet Ihr doch nicht thun mit mir, Eurem alten Genoſſen, der Euch ſo manches ſchoͤnes Wild in's Garn getrieben, und einem Litterato, welcher eine privilegirte Perſon zu nennen?—— Ei was, ſeyd Ihr doch nicht vom Adel und das„neminem cap- tivabimus“ betrifft keinen landkundigen Tauge⸗ nichts und Herumtreiber. Mein Genoſſe waͤret Ihr? Ja wenn unſereins alle Schurken laufen ließe, mit denen er aus einem Becher getrun⸗ ken, wuͤrden Eure kuͤnftigen Geſellſchafter, die Ratzen und Maͤuſe im Kerker, einander ſelbſt auffreſſen vor Hunger und Langweile. Wenn Ihr aber Andere in's Garn getrieben, iſt es billig, daß Euch auch die Reihe trifft.—— Heute mir, morgen dir! riefen die jubelnden Buͤrger, des Gefangenen fruͤhere Worte wie⸗ derholend.—— Laſſet Euch den Burſchen obſonderlich empfohlen ſeyn— ſprach Bielawski — Nach ſeinen Reden und Manchem, wor⸗ uͤber ich und ein Herr von hoher Geburt und großem Anſehn gehoͤrigen Ortes Auskunft geben werden, fehlt es ihm nicht an Mitſchuldigen, welche zu uͤberweiſen großen Nutzen haben koͤnnte.—— Sorget nicht, hochedelgeborner Herr— entgegnete der Scherge mit der Ants⸗ miene, die ſich zu ſeiner Verrichtung eignete— ſorget nicht; wir haben allerlei ſchoͤne Geraͤth⸗ ſchaft, als Daumſchrauben, Streckbaͤnke und dergleichen, die ſchon manchem Stummen die Sprache gelehrt haben, geſchweige denn dieſem Plauderer, der ſein Tage ein weiches Fell ge⸗ habt, wie Euch nicht unbekannt ſeyn mag, da, wenn ich nicht irre, Ihr vor zwei Jahren et⸗ wa, Euren preislichen Saͤbel mit demſelben in einige Beruͤhrung gebracht habt. Actum ut supra; folglich——— Ein ausdruckvolles Zeichen brachte jetzt die Faͤuſte der Haͤſcher in Bewegung, und ſie befoͤrderten den vertrauten Diener des italieniſchen Arztes Livnardo Monti mit unwillkührlicher Schnelligkeit gegen die Thuͤre.—— Sehet zu, was Ihr thut! heulte der Verzagende— Viel große Herrn und Da⸗ men habe ich zu Beſchuͤtzern, und ſie werden Euch wenig Dank wiſſen, daß——— Wer⸗ den ja kommen, wenn es Zeit iſt— unter⸗ prach ihn die ausuͤbende Gewalt mit vieler — Ruhe— ſorgt nur⸗ daß es fruher geſchehe, ehe die Leiter Euch weggeſtoßen iſt unter den Fuͤßen.—— Häſcher und Gehaſchter ent⸗ fernten ſich darauf— die ehrſamen Buͤrger aber riefen ihnen nach: Moͤchte es doch allen Kundſchaftern und Thunichtguten ſo ergehn!— Es war denſelbigen Tag geßen Abend, als Frau Urſula mit einiger Unruhe auf und nie⸗ der ging in ihrer Hütte bei der einſamen Grab⸗ ſtaͤtte der Iſraeliten. Sie ſchien im Begriff zu ſeyn eine Reiſe anzutreten, denn eine voll⸗ gepackte Truhe ſtand ſeitwaͤrts, deren Inneres, obſchon anſcheinend mit verblichenen Lumpen und verroſtetem Geruͤll angefüͤllt, manch arti⸗ ges Stuck verbergen mochte, das man unter ſo unſcheinbarer Decke nicht vermuthet haben wuͤrde, denn ſie wandte unterweilen einen ſor⸗ genvollen, bedauernden Blick auf ſie, als daͤuchte ihr etwas bedenklich bei der Sache. Nachdem ſie nun eine Zeitlang von einem Bchaͤltniß zum andern gegangen war⸗ noch in der Schnelle die Habſeligkeiten muſternd, blieb ſie ſtehen und legte den duͤrren Finger au die Naſe.— Nun moͤgen ſie kommen— ſprach ſie halblaut — 220— und ihre heiſere Stimme war ſchwankend, als ſey die Sprechenbe in irgend einer Art hefti⸗ ger Bewegung— Nun moͤgen ſie kommen und ſuchen, und ſie werden finden, was ſie finden ſollen, aber nicht mehr. Es wird ſchon dunkel und ſie koͤnnen nicht mehr lange aus⸗ bleiben.— Horch!— fliſterte ſie nach einer Pauſe— ſind das nicht Tritte die ſich na⸗ hen?— Es iſt nur der Wind, der uͤber die Haide dahin faͤhrt und in den duͤrren Kiefer⸗ ſtaͤmmen ſaußt uͤber den Graͤbern. Wie iſt mir doch ſo unheimlich zu Muthe! Iſt es nicht, als rauſche und ſchleiche es um mich her, und laͤngſt vergeſſene Geſichter ſchauten hervor aus dieſen rauchgeſchwaͤrzten Mauern, und hoͤhnten mich und wieſen mich hinaus in noch ſinſterern Raum, vielleicht auf lange, lange Zeit.— Auf lange Zeit? Vielleicht auf im⸗ mer?—— Es iſt geſchehen— fuhr ſie nach einer abermaligen Pauſe fort— und zu ſpaͤt iſt es zuruͤck zu treten— Er hat geſchwatzt, wie er ſollte— und wie moͤchte er auch nicht, der Thor, der ſich tölpiſch draͤngt in Gehei⸗ mes und Wichtiges, und deſſen Zunge Jeder zu loͤſen vermag mit einem Becher Weines.— Er hat geplaudert ſich zum Verderben. Mochte es ſeyn; aber ſollte es auf mein Geheiß ge⸗ ſchehen? Urſula, Urſula, du haſt ein mißliches Spiel begonnen.— Und woher kommt mir dieſe Beſorgniß, da ſich nun alles geſchickt, wie ich ſelbſt gewollt? Hab' ich nicht immer ein gefaͤhrliches Spiel getrieben, Alles daran ſetzend, um dem Geſchick abzugewinnen, was es mir verſagte, mich belegend mit dem Fluch der Armuth, der Verwerfung und abſchreckender Haͤßlichkeit? Soll ich nun zagen, da ich den letzten Satz gewagt und den Preis noch erwerbe am Rande des Grabes, nach dem ich von Ju⸗ gend auf geſtrebt?— Am Rande des Gra⸗ bes?— puh! das iſt ein haͤßliches Wort und ſchallt ſo hohl wieder aus den Ecken dieſes Gemachs. Wenn ſie nur ſchon da waͤren, es iſt ein ſchlimmes Ding um die Ungewißheit in ſolcher Sache, und die Einſamkeit und das Bewußtſein ſind boͤſe Gefaͤhrten. Bewußtſein? Was draͤngen ſich denn heute mir alle Worte auf, deren Sinn ich laͤngſt ſchon verlernte? Horch! da ſchleift es draußen im Sande!— Es wird wieder ſtill— es iſt wohl nur ein Fuchs geweſen, der irgend wo ein Aas aufge⸗ ſpurt, das ihn letze.—— Der TLeufel traue, ſagt mein Vetter Waelaw, der heute ſtatt der Reiſe nach Welſchland den Weg zum Galgen angetreten, der ſein ſchon lange wartet.— Und was wartet denn meiner? waͤre es ſchlim⸗ mer noch als der Galgen; zuͤngeln die Flam⸗ men des Scheiterhaufens vielleicht nach meinem Gebein? Der Teufel traue— ſagte der Vet⸗ ter— und was hab' ich ihm da geantwortet? Dem Teufel traue— ja, ſo war es. Auch der Leufel iſt ein getreuer Verbuͤndeter, weiß man ſich ſeiner zu verſichern auf ſeine Weiſe. — Wie iſt es denn, allerdurchlauchtigſte Frau? Gedenken Eure Gnaden etwa mir einen Streich zu ſpielen nach Dero loͤblicher Sitte? Wahret Euch, es iſt alles ſo, wie Ihr es verabredet mit Eurer demuͤthigen Magd; die, welche nun kommen werden, ſie finden was Ihr gewollt. Noch andere Dinge aber wuͤrden ſich ſinden, ſo Ihr gefaͤllig Scherz mit mir treibet, erha⸗ bene Gebieterin; gar haͤßliche Schmutzflecken auf Eurem Purpurmantel, die um ſich greifen moͤchten und ihn zerfreſſen, daß er abfele, und Ihr vor der Welt da ſtaͤndet wie Ihr ſeyd. S⸗iſt ſchon recht, dieſe Truhe verbirgt das, was Eures ſanſtmäthigen Herzens Geluͤ⸗ ſten befriedigt, was Eure Todfeindin hinaus jagt zum zweiten Mal in Schmach und Elend; Urſula wird ſprechen, wie Ihr es ihr geheißen. Doch hat Urſula noch einen andern Verſteck; huͤtet Euch, daß ſie die Augen uͤberlaͤſtiger Zeu⸗ gen nicht auf denſelben lenke.—— Draußen im Leichenacker iſt ein Grab, nur ich allein weiß es zu unterſcheiden— da hab' ich dem Reb Scholem ein Kiſſen bereitet unter dem modernden Haupt; ſchoͤne Papiere, ſchwarz auf weiß und herrliche Kleinodien, fuͤr Euch mehr denn ein Koͤnigreich werth, und wuͤßte der todte Wucherer, worauf er liegt, er gaͤbe ſie auch nicht heraus, Ihr ſetztet denn Euer Wit⸗ thum dagegen, nebſt allen den ſchoͤnen Batzen⸗ die Ihr erworben, mit Recht und Gerechtigkeit und Wuͤrden und Aemtern ſchachernd, gleich ihm.— Nein, nein, Frau Koͤnigin, ich fuͤrchte Euch nicht— die allerdurchlauchtigſte Bona und die Zigeunerin Urſula ſtehen ſich gleich an dieſer Stelle, und wer am mehreſten zu ver⸗ lieren hat, hat am meiſten zu wagen!—— Still! ſie ſind da.—— Ein heſtiges Klopfen an der Thuͤr öͤberzeugte ſie von der Wehrheit — 224— ihrer Vermuthung. Alsbald begann Urſula mit heiſrerer und kraͤchzenderer Stimme, denn ſe, ihren geheimnißvollen Geſang, aber er ward ſogleich durch die gebieteriſchen Worte unter⸗ brochen: Thut auf im Namen des Koͤnigs! — Als ſie zogerte, flog die morſche Thuͤr aus ihren Angeln und das kleine Gemach fuͤllte ſich mit Dienern des Gerichts und Soldaten; mit ihnen trat der Staroſt von Samborz und Wa⸗ lenty der Towarzysz herein.—— Was be⸗ gehrt Ihr, geſtrenge Herren— rief die Hut⸗ tenbewohnerin im Tone des Schreckens— in ſo ſpaͤter Stunde von einem armen Weibe, das ihr kuͤmmerliches Daſein von Allmoſen gutthaͤ⸗ tiger Seelen friſtet?—— Fuͤrwahr— ſprach der Fiskal des Staroſteigerichtes— nicht ge⸗ ringes Almoſen, mit denen man ſolche Truhen zu fuͤllen vermag, und billig meint die Obrig⸗ keit es ſey nothwendig, daß ſie die Beſchaffen⸗ heit dieſer milden Gaben erfahre, nebenbei auch die Namen der mildthaͤtigen Seelen, die ſie geſpendet, und die Triebfedern ſo ungewoͤhnli⸗ cher Großmuth.—— Ach wohledler Herr— jammerte Urſula— Ihr ſehet hier mein gan⸗ zes Biſchen Armuth; lauter Fetzen, die ich — 225— gepackt, weil ich geſonnen war, auf meine letz⸗ ten Tage hinweg zu ziehn in ein wärmeres Land, das meinen alten Gliedern beſſer behagen moͤchte als dieſes.—— So, iſt Euch Polen zu kalt, werthe Frau?— ſpottete die Ge⸗ richtsperſon— ſorget nicht, es duͤrfte Euch gar bald allzu heiß hier werden; reiſen werdet Ihr, doch koͤnnte es treffen, daß Euer Weg kürzer ſey oder laͤnger, je nachdem man es nimmt.—— Als nun die Alte in ein miß⸗ toͤnendes Klaggeſchrei ausbrach, gebot Hippolyt Brratynski, der Hauptmann der bewaffneten Schaar, ſie hinweg zu fuͤhren in die Kerker⸗ gewoͤlbe der Staroſtei.— Ihr jedoch, Herr Fiskal, verweilet hier mit einigen Zeugen— ſetzte er hinzu— damit wir die anbefohlene Durchſehung beginnen.—— Die Alte ver⸗ nahm ſeine Worte und erkannte den Sprechen⸗ den: da verzerrten ſich ihre Zuͤge zum Grin⸗ ſen des teufliſchſten Hohnes— Suchet nur, ſuchet, Junker— ſchrie ſie mit gellender Stimme— wühlet nur herum in den armen Habſeligkeiten eines ſchutzloſen Weibes; Man⸗ cher, welcher ſucht, findet was er nicht finden moͤchte.— So iſt es doch wahr worden, was Hipp. Borat. 4r Theil. 15 ſich mir damals gezeigt, und der Freund ſteht jetzt vor mir, der Feind iſt und Verderber! Suchet nur, ehrſamer Herr, ſuchet nur, tief unten findet Ihr vielleicht den Bettelſtab, den ich Euch geweisſaget; die alte Urſula aber lust nicht, gedenket nur Eures Vetterleins, das ſolches wohl erfahren!—— Fort, Ausgeburt der Hoͤlle! rief Hippolyt und die Maͤnner ſtie⸗ en die geifernde Hexe hinaus, deren Wuth⸗ geheul noch von fernher uͤber die Haide er⸗ ſcholl. Silig ſchritten die Beauftragten zu dem laͤſtigen Geſchaͤfte der Muſterung. Manch werth⸗ loſes Geraͤth, manch zerriſſenes Gewand war hervorgezogen und gewiſſenhaft von dem pro⸗ tokollirenden Fiskal in das Verzeichniß einge⸗ tragen worden, aber tiefer unten zeigten ſich Stuͤcke von hoͤherm Werth, mehr denn ein ſilberner Becher oder aͤhnliches Kleinod, auch hier und da ein Säcklein mit geringer Muͤnte, und als Hippolyt auf den Boden des allgemach geleerten Behaͤltniſſes hinabſchaute, gewahrte er Etwas in ein Stuck ſeidenes Zeug gewickelt. Er nahm es auf und naͤherte ſich der Lampe, als er drauf die Huͤlle abgeſtreift hatte und den ſchimmernden Gegenſtand betrachtete, ſchien — 227— er befremdet, und ſtand finnend, als ſey das, was er vor ſich halte, ihm bekannt, und er koͤnne ſich nicht erinnern, wo es ihm fruͤher vorgekommen. Nach einem zweiten Blicke ſchrak er heftig zuſammen, alles Roth wich von ſeinen Wangen, und die Hand, welche das Gefundene hielt, zitterte ſichtbar. Da ſprach der Fiskal zugreifend: Numero 127; mit Ver⸗ laub, Herr Staroſt.—— Mit abgewandtem Geſicht reichte es ihm Boratynski hin; der Fiskal aber ſprach ſchreibend, langſam und gleichmuͤthig: Numero 127; ein Smaragd von hohem Werthe, in Demanten gefaßt und mit abgebrochenem Hehr; ſcheinet zu einem groͤßern Stuͤck Schmuckes zu gehoͤren, welches ſich an⸗ noch nicht vorgefunden.—— 8. Wir treten nach Jahren wieder in das Ge⸗ mach mit dunklem Cederholz getaͤfelt, in wel⸗ chem wir ſchon fruͤher Annen von Matowien geſehn. Wie damals finden wir ſie, von Perga⸗ mentrollen und andern Schriften umringt, am runden Liſche von rothem Marmor; doch zei⸗ gen uns die Kerzen, die auf dem über ihm 15* — 228— haͤngenden Kronleuchter angezuͤndet ſind, dieß⸗ mal an ihrer Seite ihre Tochter Helena, wel⸗ che, uͤber eines dieſer Blaͤtter gebeugt, ſeinen Inhalt mit ſtroͤmenden Thraͤnen betrachtet. Ohne Theil an ihrer Empfindung zu nehmen, blickt die Fürſtin Wojewodin vor ſich hin und dann mit Merkmalen der Ungeduld auf einen Mann, der in ehrerbietiger Ferne ſteht, und welchen ſein kurzer ſchwarzer Mantel nach deut⸗ ſchem Schnitt, der breite ungefaltete Halskra⸗ gen und das geraͤumige Schreibzeug am Guͤrtel als eine obrigkeitliche Perſon mindern Ranges bezeichnen.—— Ich will die Empfindungen nicht tadeln— beginnt ſie nach einer Weile, in trockenem, beinah hartem Ton— welche das geneigte Andenken Ihrer Majeſtaͤt in Euch er⸗ regt, Fraͤulein; doch geziemt es Damen unſe⸗ res Standes wenig, in Gegenwart Fremder ſich ihnen ſo gaͤnzlich zu uͤberlaſſen, und ich meine, es iſt an der Zeit, dem Herrn Proku⸗ rator ſeinen Beſcheid zu geben, der nun ſchon lange genug ein Zeuge Eurer Dankbarkeit ge⸗ weſen.—— Helena warf die Augen auf ihre Mutter, wie daruͤber erſtaunend, daß ſie dieſelbe ſo ſpyechen hoͤrte in dieſem Augenblicke; ihre — 229— Thraͤnen ſtanden, als ſcheue ſie ſich, ſo vieler Gefuͤhlloſigkeit gegenuͤber, der bitterſuͤßen Em⸗ yfindung Raum zu geben, die ſie bewegte, und, eine Feder ergreifend, zeichnete ſie mit derſel⸗ ben einige Worte auf eine Pergamentrolle. Waͤhrend dem ſprach der Stehende, gleichſam der nicht an ihn gerichteten Rede antwortend: Wohl bin ich Zeuge geweſen, wie das erlauchte Fraͤulein empfaugen, was ich gebracht, und werde nicht ermangeln, dem, der mich geſendet, Bericht darüber zu erſtatten, wie auch von Allem⸗ was ich hier geſehen und gehoͤrt habe.—— Helena hatte geendet; ſie ſtand auf und uͤber⸗ reichte Jenem die Schrift, mit noch bebender Stimme, doch gefaßterm Weſen zu ihm ſagend: Gehet, mein Herr, und uͤberbringet dem Koͤ⸗ nig mit dieſen Zeilen das Opfer des Dankes, das ihm ſo wohl gebuͤhret, als der Hochſeligen, welche uns beiden entriſſen worden. Moͤge— ſetzte ſie leiſer hinzu— ihre wohlthaͤtige Ab⸗ ſicht erfuͤllt werden. Auch meine Bitte traget Seiner Majeſtaͤt vor, daß ſie mir ferner gnaͤ⸗ dig und ein huͤlfreicher Schutzherr bleibe.— — Euch dieſe Verſicherung zu geben— ant⸗ wortete der Prokurator langſam und mit beſon⸗ — 230— derem Nachdruck— bin ich in's Beſondere be⸗ auftragt, und erſuche Ew. Gnaden im Na⸗ men meines erlauchtigſten Herrn, ihrer zu ge⸗ denken, ſo Ihr etwa uͤber lang oder kurz glau⸗ ben ſolltet, die Gelegenheit ſey eingetreten, da Ihr Gebrauch von derſelben machen koͤnnt oder muͤßt.—— Pierauf verbeugte er ſich tief der Prinzeſſin, die ihm mit ſtolzem Kopfneigen dankte, dann weniger feierlich, doch mit freund⸗ licherer Geberde vor ihrer Tochter, und verließ das Zimmer.—— Ihr ſeyd nun reich worden, Fraͤulein,— begann nach einigem Stillſchweigen Anna mit zweideutigem Tone— und duͤrfet Euch unabhaͤn⸗ gig glauben von der Mutter, die Euch nichts zu bieten hat, als die Erinnerung an den Stamm, dem Ihr angehoͤrt, einen Schatz, deſſen Werth, wie ich oͤfter bemerkt, Ihr verkennet.—— Ich mich unabhaͤngig von Euch glauben, Mutter? rief Helena ſchmerzlich— Moͤget Ihr ſo von mir denken? Werth iſt mir die reiche Gabe, der unvergeßlichen Geberin wegen, doch werther noch, weil ſie mir das Gluͤck gewaͤhret, den Abend Eures Lebens zu verſchoͤnern, das nur allzu oft getruͤbt ward; weil ich Euch wenigſtens — 231— mit einem Schatten des alten Glanzes erfreuen kann, der Eure Wiege umgab, und den Ihr mit Entſagung zwar, doch immer nur ſchmerz⸗ lich vermißtet.—— Die Wirkung dieſer rindlich ſanften Worte zeigte ſich in der unter⸗ druͤckten Heftigkeit, mit welcher ſich Anna von ihrem Seſſel erhob, und in dem ſchneidenden Ton⸗ womit ſie ſprach: Man iſt wahrlich ſehr frei⸗ gebig geworden in Krakow; ſchon manch All⸗ moſen hat man hier der Tochter Herzog Kon⸗ rads geboten, und nun erdreiſtet ſich ſelbſt ihre Tochter, ihr einen Zehrpfennig zuzuwerfen von der ſchnoͤden Gabe der Verhaßten.—— Mutter! rief das Fraͤulein voll Schmerz und Erſtaunen, und, die Haͤnde vor der wogenden Bruſt gefaltet, ſchaute ſie ihr bittend in das Auge.— Jene aber ſprach weiter: Doch ſo weit iſt es noch nicht gekommen; noch kann ich geben, ſiatt zu nehmen, und woltte ich die⸗ ſes auch— ſetzte ſie bitterlaͤchelnd hinzu— Meinet Ihr, ich habe die Klauſel uͤberſehen⸗ welche die großmuthige Konigin an ihr Ver⸗ maͤchtniß gehaͤngt?—— Wie moͤgt Ihr— rief Helena wieder in Thraͤnen ausbrechend— wie moͤgt Ihr eine Klauſel nennen⸗ was der — 232— Wunſch eines Wohlmeinens iſt, das ſeine Wir⸗ kung noch uͤber das Grab hinaus zu erſtrecken trachtet? Ja, es war der Wunſch der Ver⸗ ewigten, den ſie ausſpricht, es iſt auch der meine, Mutter; wollt Ihr Euer Herz noch verhaͤrten gegen meine Bitten, gegen die letz⸗ ten Worte des ſterbenden Vaters? Sehet, zwei Todte ſprechen zu Euch aus der Gruft; ſie bitten Euch das Gluͤck der Lebenden nicht zu zerſtoͤren, und— dieſe Lebende, ſie iſt Euer einziges Kind.—— Was wvollet Ihr von mir, Fraͤulein? antwortete die ſteinharte Mut⸗ ter— Was kann die Beſitzerin reicher Land⸗ ſchaften, die Erbin der Köͤnigin, des glorrei⸗ chen Siegmund Auguſts Schuͤtzling von der Vertriebenen, Heimathloſen begehren? Gehet hin, ſprechet den Schutz an, den Euch der milde Monarch verheißen, daß die Tochter der Mutter trotzen koͤnne, tretet das Andenken Eurer ruhmvollen Ahnen in den Staub; Ihr habt meine Genehmigung nicht vonnoͤthen; werfet Euch an den Kopf des Edelmanns, Ihr, die Ihr zum Thron beſtimmt waret, ſchleppet ein unwürdiges Daſein hin in Dunkel und Riedrigkeit, unbekuͤmmert, ob Euch der Mutter — 233— Segen begleite, oder——— Sprecht es nicht aus das entſetzliche Wort— ſchrie die Jungfrau laut auf, dann wandte ſie ſich ab und ſprach in Toͤnen des Jammers— Nimm ſie zuruͤck deine Gabe, edelherzige Dulderin, nimm ſie zuruͤck; der Saamen deines Wohl⸗ wollens iſt auf ein felſiges Land gefallen, und er wird mir keine Fruͤchte bringen. Dein an⸗ deres Vermaͤchtniß laß mir, das du weisſagend mir in der Sterbeſtunde erkohren, es iſt das Einzige, fuͤhl' ich, was mir auf Erden bleibt! —— Ich weiß nicht— begann die Prin⸗ zeſſin, die waͤhrend dem ſich wieder zu anſchei⸗ nender Ruhe geſammelt hatte— ich weiß nicht, welches Erbtheil Euch jene Barbara noch hinterlaſſen. Eines aber iſt— fuhr ſie lauter fort—, welches Euch beſtimmt war, auch wenn ihre Freundſchaft es Euch nicht goͤnnte — es iſt die Hand ihres Gemahls.—— Iſt es moͤglich, Mutter, daß Ihr daran noch gedenket? rief das Fraͤulein betroffen— ſo hat des Koͤnigs deutlich an den Tag gelegter Wille, ſo hat die fruͤhe Wahl meines Herzens, die vor kurzem von Neuem beſtaͤtigt worden, ſo hat die augenſcheinliche Unmoͤglichkeit Euch — 234— einen Entwurf nicht aufgeben laſſen, der, ſtets ein luftiges Gebaͤude muͤtterlichen Stolzes, nun in das Gebiet unausfuhrbarer Sraͤume gehoͤrt? —— Die Iugend traͤumt, nicht das reifere Alter, Helena Odrowonzowna— verſetzte die Fuͤrſtin ſtreng— und der Unerfahrenheit ſcheint manches unmoͤglich, was gewiegter Klugheit gar leicht erreichbar iſt. Und wenn ſollte ich daran gedenken, als jetzt? Nur jene Littauerin ſtand zwiſchen Dir und dem Throne; ſie iſt hinweg, ſo tritt die alte Hoffnung in ihr Recht.—— Da fliſterte Helena vor ſich hin:— Hoͤre ſie nicht, dieſe frevelnden Worte, vorangegangene Mutter der armen Helena, ja, meine wahre Mutter!— achte nicht auf das Laͤſtern des Undanks, damit das Gute, das Du mir beſchie⸗ den, ſich nicht in Verderbliches kehre.— Er⸗ waͤget Ihr nicht— ſprach ſie darauf in muͤh⸗ ſam erzeugter Faſſung—, daß Ihr zu einer Verlobten ſprecht, daß der Hof und die Stadt mich die Braut des Staroſten von Samborz nennen?—— Und waͤret Ihr es, ſie wuͤr⸗ den des geringen Namens bald vergeſſen, wenn ſie Euch mit dem hoͤchſten begruͤßen. Ihr ſeyd es aber vicht, Dank dem Erxeigniß, das, von ———— — 235— Gott geſendet, unerwartet vor die Vollendung des Entwurfs trat, welcher den Namen der Piaſten auf ewig in Niedrigkeit ſtrzen ſollte.— — Drauf ſprach Helena leiſe und ſchaudernd: Ihr ſegnet den Vorgang, den ganz Polen mit ſchmerzlichen Thraͤnen beweint? Von Gott ge⸗ ſendet nennet Ihr den Mord des bluͤhenden ſchuldloſen Knaben, und vielleicht eine noch groͤßere Unthat?— O Mutter, haltet ein mit ſolchen Reden— ſagte ſie dann ſchnell mit ſichtlichem Erbeben— mir iſt, als beſchwoͤren ſie das Unheil herauf, und als hoͤrte ich es mit ſchwerem Schritte nahen, um die verder⸗ bende Hand auszuſtrecken nach Eurem theuren Haupte.—— Doch wie zuvor fuhr die Wo⸗ jewodin fort.— Der Koͤnig iſt frei und Du biſt es auch; ſo iſt denn die Zeit gekommen, fruͤhere Entwuͤrfe wieder aufzunehmen, und an die Erfullung gewiſſer Verheißungen zu mah⸗ nen.—— Da richtete ſich Helena empor, trocknete ihre Augen und verſetzte mit uͤber⸗ raſchender Beſtimmtheit: Was Euch dieſe Ent⸗ wuͤrſe wieder hervorgerufen, wer auch dieſe Verheißungen gegeben haben mag, mich betref⸗ fen ſie nicht. Des Vaters Wille, die tadelloſe — 236— Neigung des Herzens, des Koͤnigs, meines oberſten Vormundes Gebot, und Eure Einwil⸗ ligung, Mutter, haben mich dem Hippolyt Bo⸗ ratynski als Braut verlobt, und ich werde es bleiben bis zum Tode. Wollet Ihr trennen was Himmel und Erde vereinte? Und ſo Ihr es wollet, ſo Euch mein Heil nichts gilt, und Ihr Euer Herz abwendet von den Bitten eines treuen und liebenden Kindes— nun Mutter, ſo will ich mein Gluͤck dahin geben in Eure unbarmherzige Hand, wie ſie mir geboten in ihren letzten Augenblicken, die, welche Ihr ſchmaͤhet, deren Andenken Ihr verunglimpft zum Lohne dafuͤr, daß ſie ein Herz hatte zur verlaſſenen, verwaiſeten Helene. Mein Gluͤck will ich Euch dahin geben, doch nicht meine Ehre! Ihr haltet es meiner unwerth, die Gat⸗ tin eines unbeſcholtenen Mannes zu ſeyn, zwar nicht fuͤrſtlicher, doch edler Geburt, die Laſt der verlornen Groͤße wollt Ihr auf dieß Herz werfen, das ſie verſchmaͤht, und mich ſelbſt entwuͤrdigend ſoll ich den alten Glanz unſeres Geſchlechts hervorrufen? Und waͤre dem ſo, wie es nicht ſeyn wird, o Mutter, wie moͤget Ihr begehren, daß ich ſchamlos das Bild der „ Jungfrau aufſtelle, welche die Liebe und Treue dahin wirft dem Wahn der Ehrſucht und des Eigennutzes zum Hpfer, daß ich die Hand dem Verlobten entreiße, ſie nach dem Schattenbilde einer Krone auszuſtrecken, die ſie nimmer er⸗ greifen wird? Moͤget Ihr begehren, daß ich den edlen koͤniglichen Freund in den Verſchmaͤ⸗ her der zuchtloſen Dirne umwandle, die mit eherner Stirne ihm das Herz bietet, das nicht mehr ihr Eigenthum iſt; die fuͤr die hochſten Erdengaben, fuͤr den Glanz des Thrones und des edelſten Mannes Hand ihm Trug und Heuchelei verkauft? O glaubt mir, Siegmund Auguſt wuͤrde mich nicht lieben, er wuͤrde mich verachten. Ihr meinet mich den Weg der Ehre und des Ruhms zu fuͤhren, Mutter, doch wah⸗ ret Euch, daß nicht die Schande am Siel ſtehe.—— Aufmerkſam hatte Anna der ern⸗ ſten Rede gehorcht, und ſchon begann die Toch⸗ ter Hoffnung zu faſſen, da ſprach Jene uner⸗ ſchuͤttert: Du trotzeſt Maͤdchen, und verbirgſt frevelnden Widerſtand unter ſchoͤnklingendem Wortkram? Wer biſt Du auch, daß Du der Mutter entgegentreteſt und denen, die mit ihr ſind? Der Himmel und die Erde, ſagſt Du, — 238— haben Dich zur Braut dieſes Boratynski be⸗ ſtimmt? HDu taͤuſcheſt Dich— auch ich habe ihre Stimmen vernommen; ſie waren es, die mir Deine Laufbahn zeigten, und mir gebuͤhrt es, Dich auf derſelben zu leiten. Ermanne Dich, es iſt zu ſpaͤt; die Lvoſe ſind geworfen und eine Krone iſt Dir zugefallen. Wirf ihn hinweg den verwelklichen Myrthenkranz, um das Fleinod zu faſſen, das vielleicht der naͤchſte Augenblick Dir bringt. Ian der naͤchſte Augen⸗ blick vielleicht ruft die Bilder der Zukunft in die Gegenwart, und bauet das geſunkene Haus ſchoͤner denn zuvor.—— O ſprich nicht ſo, meine Mutter— bat klagend Helena, deren voruͤbergehende Feſtigkeit plotzlich einem uner⸗ klaͤrlichen Bangen wich— ſchau nicht ſo ſtarr vor Dich hin, mir iſt als riefeſt Du etwas herbei, was nicht gut iſt, und als ſaͤheſt Du eine verhuͤllte Geſtalt, die nun, mit einem Male die Schleier abwerfend, Dich verſteinend an⸗ ſtarren wird, wie das Haupt der Meduſa!— Haͤtte ich ſo viel gethan— fliſterte die Prin⸗ zeſſin vor ſich hin—, um nun zuruͤck zu treten vor dem geebneten Wege? Nein, komme es, wie es will, ich werde es tragen.—— — 239— Im naͤmlichen Augenblick trat ein Diener des Hauſes ein, den Wojewoden von Lublin meldend, und ehe noch die Fürſtin den uner⸗ warteten Zuſpruch ablehnen konnte, folgte Je⸗ nem der Angeſagte auf dem Fuße. Das We⸗ ſen des Kronhofmarſchalls war nicht wie ſonſt: ein ihm ungewoͤhnlicher Ernſt hatte das eigen⸗ thuͤmliche Laͤcheln von der Lippe des Hofman⸗ nes verdraͤngt, und als ſein mit einer Art Scheu umherfliegendes Auge auf das Wojewo⸗ den⸗Fraͤulein traf, war es ſogar, als glitte der Schatten eines wehmüthigen Gefuͤhls uͤber ſein Antlitz.—— Erlauchte Frau— begann er wider ſeine Weiſe mit ungewiſſen, ſtockenden Worten— mein ſpaͤter Zuſpruch— doch moͤge mich der Befehl ſeiner Majeſtaͤt entſchuldigen. —— Waͤhrend er dieß ſagte, wandte er den Blick abermals auf Helenen, als hindere ihre Gegenwart ſeine Mittheilung.—— Der Bote meines koͤniglichen Herrn— erwiederte Anna mit Anſtand— iſt mir zu jeglicher Stunde willkommen, und wenn das, was er mir bringt, nicht im Beiſein meiner Lochter er⸗ waͤhnt werden kann, ſo wird ſie ſich entfer⸗ nen.—— Helena gehorchte dem Winke der — 240— Mutter und ging hinaus in die Einſamkeit, dem Schmerze ſich dahin zu geben, der ihr Gemuth erſtarrend gefaßt hatte.—— Wir ſend allein, Herr von Lublin— ſprach die Prinzeſſin nicht ohne Verwunderung auf den ſonſt ſo kecken, gewandten Hoͤfling blickend, der augenſcheinlich faſſunglos vor ihr ſtand und nach Worten ringend— Scheinet es doch, als ſey Euer Anbringen nicht erfreulicher Art. Zoͤ⸗ gert nicht; Anna von Mazowien hat wenig zu hoffen, und— glaub' ich, nichts zu fuͤrch⸗ ten—— Moͤchtet Ihr das letzte noch ſagen, wenn Ihr mich gehoͤrt habt; wahrlich es wuͤrde den Koͤnig erfreuen und auch mich.—— So ſprechet denn— wiederholte die Frau von Podolien—, daß ich dem theilnehmenden Her⸗ zen des Herrn Hofmarſchalls dieſe Freude ge⸗ waͤhren koͤnne.—— Mein Auftrag iſt ſelt⸗ ſamer Art— begann Firley—, dem Anſcheine nach unwichtig, und doch geeignet, Seine Ma⸗ jeſtaͤt zu beſtimmen, daß ſie einen ihrer erſten und vertrauteſten Diener zu demſelben er⸗ waͤhlte.— Er beſchraͤnkt ſich darauf, Frau Fuͤrſtin Wojewodin, Euch zu fragen, ob— ob — 241— Ihr dieß Kleinod kennt.—— Es war das Glied der Kette, dahin gegeben in verhaͤngniß⸗ voller Stunde, welches die ſtarren Augen der Prinzeſſin blendete, und die eiskalte Hand des Entſetzens griff an ihr Herz.—— Der Aus⸗ druck Eurer Zuͤge— ſprach der Hofmarſchall langſam— bekraͤftigt leider das, was Keiner bezweifeln kann, der jemals den Schmuck ge⸗ ſehen, dem dieſer Juwel entfremdet worden.— — und wenn ich mich zu ihm bekennte? fragte Anna, ſich bemuͤhend, die gewohnte ſtolze Kaͤlte anzunehmen, doch tonlos und mit ge⸗ preßter Bruſt.—— Fuͤrwahr gnaͤdige Frau — man wuͤrde meinen, daß die Perſon, bei welcher man ſolches gefunden, daß— daß ein ſolches Geſchenk ihr von Euch gemacht— daß die Zerſtörung einer Zierde, auf welche Ihr, wie nicht unbekannt mit Recht ſo hohen Werth legtet, daß dieß, mit andern Umſtaͤnden ver⸗ knuͤpft, auf— auf wenigſtens hoͤchſt ſonderbare umſtaͤnde ſchließen laͤßt.—— Und auf was glaubt man ſchließen zu koͤnnen? fragte Jene, die ganze Kraft ihres Geiſtes gegen den Sturm aufbietend, der, wie ſie wohl fuͤhlte, im Her⸗ annahen war—— Fraget nicht, Frau Fůr⸗ Hipp. Borat. 4r Theil. 16 ſtin, es iſt ein gewichtiges Wort, welches ich Euch nennen muͤßte; einmal ausgeſprochen bringt es— Schande und Tod.—— Verſtum⸗ mend ſchanderte Anna zuſammen; ſie ahnete, die Todfeindin habe den einzigen Augenblick be⸗ nutzt, da ſie, nach fahrelangem Mißtrauen und ſorgfaͤltig bevbachteter Vorſicht, der Schwaͤche ihres Geſchlechts erliegend ſich ihr dahingege⸗ ben, um den Stoß abzumeſſen, der ſie jetzt traf. Wenn auch nicht der That, ſo klagte eine Stimme in ihrer Bruſt ſie der Schuld des Wiſſens und Willens an, und obgleich der Augenblick zu raſch erſchienen war, um ſie den ganzen Umfang des drohenden Unglucks ermeſ⸗ ſen zu laſſen, ſo fuhlte ſie dennoch, es werde ihr ſchwer werden, aus dem Allen gereinigt hervor zu treten und ohne ſchmaͤhliche Befle⸗ ckung ihrer fuͤrſtlichen Ehre. Als daher der Wojewode zoͤgernd fortfuhr: Allzu bedeutend iſt der Fall, als daß man denen, die in denſelben verwickelt ſeyn koͤnnten, nicht Jegliches geſtatte, was ſie rechtfertigen mag. So ſtehet es Euch denn frei, Eure niedere Anklaͤgerin in's Ange⸗ ſicht Luͤgen zu ſtrafen— blieb ſeine Rede ohne Antwort. Verſtehet mich recht— ſprach — — 243— Firley drauf: es iſt nicht das Begehren des Koͤnigs, daß Ihr alſo thut— Nicht ein rich⸗ terliches Amt bekleidend ſtehe ich vor Euch, in dieſer peinlichen Stunde, nur als ein Vermitt⸗ ler, den ſein Herr beauftragt hat, Euch ſogar abzumahnen von ſo oͤffenlich bedenklichem Be⸗ ginnen, wenn— es muß geſagt ſeyn— wenn Ihr Euch nicht voͤllig ſchuldlos wiſſet.—— Ich danke dem Koͤnige— erwiederte die Prin⸗ zeſſin, das gedemuͤthigte Selbſtgefuͤhl nothduͤrf⸗ tig mit dem Geburtſtolz unterſtuͤtzend— Ich danke dem Koͤnige, daß er der Lochter der Piaſten eine Erniedrigung erſpart, einer ver⸗ laufenen Strauchdiebin gegenuͤber geſtellt zu werden, und ſinde es meiner Wuͤrde angemeſ⸗ ſen, ſolche Verguͤnſtigung anzunehmen, die ich als ein Recht fordern koͤnnte.—— Waͤre ich Euer Richter, wie ich es nicht bin— be⸗ merkte der Kronhofmarſchall—, ſo wuͤrde ich Euch erinnern, daß Eure Rede Zeugniß ab⸗ legt, die Anklaͤgerin ſey Euch nicht unbekannt; doch ziemet es mir nicht, ein Wort der Ueber⸗ raſchung aufzufangen, damit es beweiſe, was ſchon nur allzu deutlich war, ehe Ihr es geſpro⸗ chen.—— Da antwortete Jene: Wenn es 16* — 244— Euch denn ſo deutlich war, ſo wird einem ſo erfahrenen Staatsmann, als der Wojewode von Lublin iſt, nicht minder deutlich ſeyn, daß, wenn ich jene Alte kenne, wie ich es nicht laͤugne, mit dem Freimuth meines Ranges, und wenn auf dieſen Umſtand feindſelige Scharfſicht Vorausſetzungen baut, welche ich nicht errathen will, dieſe ſich mit Recht noch auf andere er⸗ ſtrecken koͤnnten, als mich, und daß in der Unterſuchung, durch welche Euer großherziger Gebieter das Geſchlecht der alten Koͤnige zu beſchimpfen gedenkt, des eignen Hauſes Ehre abſonderlich gefaͤhrdet werden duͤrfte.—— Ich verſtehe Euch, Frau Fuͤrſtin— ſprach Fir⸗ ley nach einigem Nachdenken— doch moͤcht' ich Euch nicht rathen, darauf zu bauen.— Nur Euch, ſonſt Niemand erwaͤhnt die Anklage der Gefangenen; nur Euch treffen die Anzeigen, die man entdeckt. Es iſt nicht an mir, zu beſtim⸗ men, welche Muthmaßung meines Herrn uͤber dieſe Graͤnzen hinausſchweife, indeß ſollte eine ſolche Statt finden, ſollte ſie, was ich nicht annehmen darf, nicht ohne Grund ſeyn— — Ihr wiſſet, gnaͤdige Frau, daß der Koͤnige Recht ein anderes iſt, als das, welches im Ge⸗ — . — 245— ſetze verzeichnet worden: Hoch ſteht der Thron uͤber den Huͤtten und Palaͤſten, und aufmerk⸗ ſam blickt die Welt nach ihm, und ſo ein Aer⸗ gerniß von ihm ausgeht, wird es ein Aerger⸗ niß fuͤr die Welt— das Treiben der Zeit verloͤſcht bald, was ſich tiefer unten begeben⸗ doch Jahrhunderte berichten, was ſich auf der Hoͤhe zugetragen, und es lebt fort in unauf⸗ hoͤrlicher Wirkung. Meinet Ihr, daß die Pflicht der Koͤnige Siegmund Auguſt unbekannt ſey, die Pflicht, den Purpur unbefleckt zu er⸗ halten, daß er nicht herabgewuͤrdigt werde in den Augen des Volkes? O glaubet mir, er wird ihr Gebot vernehmen, ſo ſehr auch ſein Herz verwundet ſeyn mag, und nicht dem ent⸗ gegentreten, was die ernſte Stimme des Blu⸗ tes unterſtuͤtzt und ein geheiligtes Verſprechen, einer Sterbenden abgelegt in bitterer Stunde. Ihr ſchweiget, Frau von Podolien? Ihr füh⸗ let, daß das Genannte nicht fuͤr Euch ſpricht, wie fuͤr die Andere, welche Ihr meint. So wollet denn nicht den Schleier von Dingen reißen, die der Koͤnig nicht ſehen will, nicht ſehen darf; nicht in fruchtloſem Bemuͤhen her⸗ vorrufen, was unwirkſam bleiben wuͤrde gegen — 246— gegen die, der die Strafe nicht beſchieden iſt dießſeit des Grabes. Noch deckt tiefes Dunkel das Vorgegangene; ein Ungefaͤhr— ſoll ich es gluͤcklich nennen oder ungluͤcklich?— hat in die Hand des Staroſten von Samborz jenes ankla⸗ gende Juwel fallen laſſen, und nur die Treue gegen ſeinen Herrn hat den Mund des Be⸗ dauernswerthen entſiegelt, den Ehre und Treue fortan gegen Jedermaͤnniglich verſchließen.— — Bei der Erwaͤhnung Hippolyts zuckte es wie heſtiger Schreck durch Annens Glieder; ihre erblichenen Wangen ergluͤhten darauf in Fie⸗ berroͤthe, und ihre Augen funkelten. Der Wo⸗ jewode fuhr fort: Darum meinet— meine ich, will ich ſagen, es ſey nicht angemeſſen, gnaͤdige Frau, das, was geſchehen, der Ver⸗ borgenheit zu entreißen, in der es beſſer auf immer vergraben bleibt, und deſſen Bekannt⸗ werdung, verzeihet, nach allem was ich ſehe, Euch ſchwerlich erſprießlich ſein duͤrfte. Auch Ihr ſeyd nicht ohne Fuͤrſprecher bei dem Mo⸗ narchen, den Ihr wohl in Wahrheit großherzig nennen koͤnnt. Er ahnet die Verſtrickung, der Ihr vielleicht erlegen; die erlauchte Herkunft, deren Ihr Euch rühmet, und Euer Fraͤulein koͤnnten Euch Anſpruche verleihen auf Sieg⸗ mund Auguſts Gnade, der nur ungern das Haus, das ſo lange auf dem Throne ſaß⸗ in ſeinen Abkoͤmmlingen— beſchimpfen und die ihm werthe Tochter kraͤnken wuͤrde in ihrer Mutter. So Ihr alſo ein Wort der Bitte an den Koͤnig zu bringen habt— ich ſtehe, ich wiederhole es, nicht als Richter vor Euch, noch als Anklaͤger oder Zeuge— ſo Ihr glaubt, des Koͤnigs Milde zu bedͤrfen, ſo— Ihr ſeyd keine Beklagte niederer Gattung— ſo vertrauet es mir und ich buͤrge, ich Johannes Firley buͤrge Euch dafuͤr, daß es nicht umſonſt geſprochen ſeyn wird.—— Er hatte dieſe Aufforderung im milden Tone der Beruhigung vorgetragen und naͤherte ſich der Prinzeſſin; doch dieſe entgegnete zuruͤcktretend alſo: So giltig auch Eure Buͤrgſchaft ſeyn mag, Herr Wojewode, um ſo mehr, als ſie Euch vielleicht in den Mund gelegt iſt von dem, fur deſſen Nilde Ihr ſo zuverſichtlich einſtehet, ſo wird Anna von Mazowien Euch jedoch weder mit ſolchem Auftrag beſchweren, noch die Gnade eines Jagiellonen anſlehen, deren die Piaſtin nicht begehrt. Scheuet Ihr Euch aber, ein — 248— treufleißiger Diener, ohne Beſcheid zu Eurem Herrn zuruͤckukehren, ſo berichtet ihm, ich die Tochter Herzog Konrads habe geſagt, was auch geſchehen ſey, ſey nur Vergeltung fuͤr das, was ſeine Vorvaͤter geuͤbt an den meinen; noch ſchreie das Blut meiner Bruͤder um Ra⸗ che zum Himmel, und alles ſey erlaubt gegen den Ahnenfeind!—— Dieſe Worte— ver⸗ ſetzte Firley beſtuͤrzt— ſoll ich dem Richter hinterbringen, der das Schwert haͤlt, das be⸗ reit iſt, auf Euren Nacken niederzufallen?— — Dieſe und keine andere— ſprach Anna.— So muß ich denn, weil Ihr es wollt— ant⸗ wortete der Wojewode— Ihr ſeyd verhaftet im Namen des Koͤnigs.—— Ein Blick ge⸗ ringer Verachtung war die Erwiederung, die er erhielt.—— Bedenket Euch uͤber Nacht — begann er darauf von Neuem— nicht dem Ohr eines Feindes habt Ihr das unbedachte Wort Eures Zornes vertrauet, und dem, dem ich es hinterbringe, wohnt die ſchoͤnſte Tugend der Koͤnige bei.—— Als umringe noch der alte Glanz ihres Ranges die unbeſcholtene Tochter der Piaſtin, gab ihm die Frau von Podolien ein gebieteriſches Zeichen der Entlaſ⸗ — 249— ſung, und Firley ſchied von ihr im tieſſten Er⸗ ſtaunen, bei ſo ſchwerer Verſchuldung einen Grad der Feſtigkeit zu ſinden, welcher der Buͤr⸗ ger einer ariſtokratiſchen Republik und Haͤupt⸗ ling einer Partei eine gewiſſe Achtung nicht verſagen konnte.—— Je groͤßer indeſſen die Anſtrengung geweſen war, mit welcher Anna von Mazowien in Ge⸗ genwart des Hofmarſchalls die unendlich bittern Gefuͤhle tiefer Demuͤthigung und gaͤnzlich ge⸗ ſcheiterter Hoffnung zu verbergen ſich bemuͤhte, je gewaltiger ward ſie von ihnen ergriffen, als ſie nun ſich allein befand mit ihrem Bewußt⸗ ſein. Ihr Haupt war auf die Bruſt geſunken, ihr Gang war nicht mehr feſt und ßolz wie ſonſt; als fuͤrchte ſie den eignen Tritt zu hoͤren, den Tritt der entſchloſſenen Frau, die das Ungluͤck niemals beugen konnte, bis die Schuld ſich zu ihm geſellte, ſchlich ſie nach dem Fenſter und ſchaute gedankenvoll hinaus, auf den leeren ſtill gewordenen Platz, da gewahrte ſie die im Mondenlicht hell flimmernden Hellebarden der Kriegsleute, mit denen ihr Haus umſtellt war, und ſie vernahm die Anweiſung, die der Ge⸗ freite, die Runde machend, den Wachen an der Thuͤr ertheilte, niemand ein⸗ noch auszulaſ⸗ ſen unter keinerlei Vorwand ohne Vorzeigung eines ſchriftlichen Befehls. Da ergriff ſie mit doppelter Staͤrke die Empfindung ihrer Schmach und ſie fliſterte zwiſchen den Zaͤhnen: So weit iſt es gekommen— die Urenkelin Boles⸗ law des Dritten eine Gefangene in der Stadt ihrer Vaͤter— eine Gefangene und— ſchuld⸗ bewußt?— Ihr habt geſiegt, Jagiellonen: du haſt geſiegt, heuchleriſches gekroͤntes Ungeheuer und— o daß ich es ſagen muß, unruͤhmlich iſt die Piaſtin gefallen! Er hatte Recht, jener Prieſter, als er mich warnte die Schwelle zu uͤberſchreiten, jenſeit welcher nur Verrath und Unheil auf mich lauerte! Ich habe ihn nicht gehoͤrt, und ſelbſt blind mich draͤngend in den Kreis unheimlichen Waltens hat es mich er⸗ faßt, und ſchleudert mich im tollen Wirbel des Wahnſinns dem Verderben zu— des Wahn⸗ ſinns; denn wie konnte ich glauben, daß da die Wahrheit ſprechen werde, wo die Luͤge Ge⸗ bieterin iſt? Und doch— hier lachte ſie wild auf— nicht alles war Luͤge, das Gute nur, denn das Schlimme hat ſich bewaͤhrt.—— — Sie hatte im vorhergehenden Augenblick eine maͤnnliche Geſtalt wahrgenommen, bei deren Annaͤherung das Klingen der Hellebarden gegen das Steinpflaſter geſtoßen, einen Krieger hoͤ⸗ hern Ranges verkuͤndigte. Nach einigen mit den Poſten gewechſelten Worten war er abwaͤrts getreten und ſchaute nun mit verſchraͤnkten Armen und, wie es ſchien, traurig und ſinnend nach der Seite des Hauſes empor, wo ihrer Tochter Gemach ſich befand. Ein auf ſein Antlitz fallender Strahl des Mondes ließ ſie den Staroſten von Samborz erkennen.—— Nicht alles war Luͤge— wiederholte die Prin⸗ zeſſin mit der Freude der Verzweiflung— Eines iſt wahr.— Iſt es nicht dieſer, der die Mauern betrachtet, welche die umſchließen, die er dem Verderben dahin gegeben; iſt er es nicht, der ſich der Freund des Hauſes nannte, das er ſtͤrzt, ehe es auferſtanden iſt aus ſeinen Truͤmmern? Er wollte ja ſeine Huͤtte an die Pfeiler deſſelben lehnen, und nun es geſunken iſt, ſteht er von fern und ſchaut auf ſein Werk.— Auf ſein Werk, Anna? iſt es nicht das deinige vielmehr? Nimmer werd' ich die Entwurfe bereuen, die gerechter Stolz und die —— Rache erzeugte, die Rache, hervorgerufen durch Miſſethat ſeit Jahrhunderten, durch den Kro⸗ nenraub veruͤbt an meinen Ahnen, durch jener fuͤrſtlichen Juͤnglinge Mord.— Die Reue iſt ja eine unkonigliche Tugend, wie Ihr ſagt, durchlauchtige Bona, und auch ich fuͤhle ſo et⸗ was in mir von koͤniglichem Blut.— Doch daß ich dir— gewarnt durch manche Erfah⸗ rung, dir, die kein Hehl hatte ihrer Richts⸗ wuͤrdigkeit, daß ich dir nur auf die Dauer eines Augenblicks vertrauen konnte, die Waffe der Todfeindin ſelbſt in die Hand gab, das bereue ich, das war— dumm! Er hat wohl geſprochen jener Firley, vergeblich ſchleudre ich den Blitz der Vergeltung auf dein Haupt, das ja die Krone beſchuͤtzt— und die Koͤnigin hat keinen Richter auf Erden, als das Gewiſſen, mit dem Du dich abgefunden auf lange Zeit — die Schlangen, die ich deiner Bruſt werfen wollen, ich habe ſie groß gezogen, daß ſie mich ſelbſt zerfleiſchen, und ich darf nicht klagen, denn ich bin nur die Tochter eines geſunkenen Hauſes und der Unterthaninnen Eine.— Dei⸗ nem Geſchlecht wollt' ich mich verbinden, vder es verderben. Mit Hohn bin ich zuruͤckgewieſen, — 253— und mein Stamm iſt es allein, welcher ver⸗ dorrt! Wir haben beide das koͤnigliche Wild umſtellt in argliſtig feindſeligem Treiben; es iſt gefallen, doch dir und nicht mir. Dem gemeinen Wilddiebe gleich bin ich ertappt und gefangen, und du, die den Streich gefuͤhrt, zieheſt frohlockend heim mit der Beute. Es iſt alles wahr, zu ſpaͤt ſehe ich es jetzt, alles, was jener Zebrzydowski warnend zu mir ſprach; und bethoͤrt war die Sdelmannswittwe von Anfang an bis jetzt— dem armſeligen Koͤder gleich ward Herzog Konrads Enkelin aufgeſtellt, und weggeworfen, da er nicht ſing, wie man den Wurm vom Angelhaken reißt, den der Fiſch verſchmaͤhte. Die Zielſcheibe ſtillen Hohnes war ich fort und fort, bis es nun Zeit war⸗ die Ueberfluſſige der lauten Verachtuns Preis zu geben. Dieß alles iſt gethan worden an mir, und ich kann mich— weh— durch eig⸗ ne Schuld gelaͤhmt, kann ich mich nicht raͤ⸗ chen.— Eines noch bleibt mir; mit Anſtand zu fallen.— Er ſtehet noch draußen; noch richtet er den Blick nach der, die er jetzt viel⸗ leicht erſt verloren zu haben waͤhnt— er ſin⸗ net vielleicht, ob es ſeiner adlichen Ehre gezie⸗ — 254— met, die Hand der Lochter einer ſchwer be⸗ ſchuldigten Mutter zu reichen; ein Boratynski der Piaſtin? Seyd unbeſorgt, Herr Edelmann, ſolches Hpfer begehret man nicht von Euch. Ihr habt Eure Pflicht gethan als Diener, und der Lohn mag Euch nicht entgehen. Oder es jammert ihn wohl gar die, welche er in Schimpf und Elend geſtuͤrzt mit loͤblicher Gewiſſenhaftig⸗ keit?— herrlicher Gedanke!— Ich aber ver⸗ ſchmaͤhe das Nitleid, und auch die Truͤmmer meines Hauſes ſind noch zu herrlich, dich aufzunehmen!—— Darauf wandte ſie ſich und ging feſten Schrittes in Helenens Gemach. Die erſten Worte ihrer Anrede verſcheuchten von der Tochter Augen den Schlummer, deſſen wohlthaͤtige Hand anfing auf Augenblicke die Herzenswunden der Bedraͤngten zu ſchließen; ſie rollte mitleidlos vor den weinenden Augen der Tochter das erſchreckende Gemaͤlde der Ge⸗ genwart und Zukunft auf, und erſt als alle Hoffnung in Helenens Bruſt ertoͤdtet war, ent⸗ k fernte ſie ſich, um in der Stille ihres Gemaches den ganzen Stolz ihrer Seele gegen die Ereig⸗ niſſe aufzurufen, die der naͤchſte Morgen un⸗ umgoaͤnglich herbei fuͤhren mußte.—— — Er kam, dieſer Morgen, nach einer langen ſchlafloſen Nacht, und mit ihm der Wojewode von Lublin. Unangemeldet trat er dießmal in das Gemach der Fuͤrſtin. Er fand ſie bleich, verſtoͤrt, und das Gewand von geſtern zeigte, ſie habe nicht verſucht die entflohene Ruhe zu finden, doch war ihr Blick und ihre Geberde wieder herriſch wie ehedem und der Ton ihrer Stimme gemeſſen, und ſie ſchien bereit, das Aeußerſte zu thun oder auch zu dulden.—— Ihr bedurfet keiner Entſchuldigung, Herr Hoſ⸗ marſchall der Krone— entgegnete ſie ſeine Anrede— das Zimmer der Gefangenen oder ihr Kerker ſtehet billig dem Ueberbringer rich⸗ terlicher Ausſpruͤche offen, oder wenn Ihr ſo wollt dem dienſtwilligen Vermittler.—— Ew. Gnaden— ſprach Firley, die aufſteigende Empfindlichkeit unterdruͤckend— Ew. Gnaden haben geſtern den Zweiten zu entſchloſſen zu⸗ ruͤckgewieſen, als daß Ihr erwarten koͤnntet, einen Andern heut in mir zu ſehen als den Erſten— ſo viel naͤmlich es ſich mit dem ho⸗ hen Kronamte vertraͤgt, das ich bekleide, und mit der Sinnesart deſſen, in deſſen Namen ich allerdings komme.—— Ich zweifle nicht— — 256— war Annens Antwort— daß Ihr mir Gele⸗ genheit geben werdet, ſowohl die Wahl Eu⸗ res Herrn zu loben, die er in dem Wojewoden von Lublin getroffen, als auch die Milde, mit der er ungehoͤrt den letzten Zweig eines Ge⸗ ſchlechts verurtheilt, deſſen Daſein dem ſeini⸗ gen allerdings nicht erfreulich ſeyn kann.— — Da ſprach Jener gereizt, doch mit hoͤfi⸗ ſchem Anſtand: Eine Botſchaft der Gnade iſt es allerdings, was ich Euch bringe, Frau Fuͤr⸗ ſtin; waͤre dem nicht, ſo wuͤrde der Bote ein Anderer geweſen ſeyn: und vielleicht würdet Ihr nicht ein Solches und nicht durch mich vernehmen, haͤtte es der Hofmarſchall der Kro⸗ ne fuͤr angemeſſen gehalten, die raſchen Worte einer— Dame buchſtaͤblich zu hinterbringen.— — Ich habe Euch ſchon erklaͤrt— rief die Prinzeſſin— daß ich des Koͤnigs Nachſicht nicht begehre, viel weniger die ſeines Dieners, ſey es auch der Erſten, wie Ihr Euch nennet, und der Vertrauteſten Einer. Darum bitte ich Euch, ohne Umſchweif der Prinzeſſin von Ma⸗ zowien zu berichten, was Koͤnig Siegmund ihr entbietet.—— Koͤnig Siegmund meint — ſagte Firley etwas kurz— es werde Eurer — 257— Gnaden hinfort nach dem Vorgegangenen der Aufenthalt in ſeiner Hauptſtadt Krakow nicht behaglich ſeyn; er glaubt daher, daß Ihr Ver⸗ langen traget nach einem entfernten Wohnort auf dem Lande, und gewaͤhrt Euch im Voraus zu dieſem Entſchluß ſeine hoͤchſte Genehmigung. —— Fuͤrwahr— antwortete Anna mit Bit⸗ terkeit— Ihr habt nicht vergeblich die abend⸗ laͤndiſchen Hoͤfe beſucht, von denen allerlei Neues heruͤber gekommen iſt in unſer Vaterland, und kaum koͤnnte man ein Verbannungurtheil in geſchmeidigern Worten ausſprechen. Doch, Herr Wojewode, wenn ich nun kein Verlangen truͤge mich zu entfernen, und der koͤniglichen Ver⸗ gunſtigung ungeachtet, nicht geſonnen waͤre Ge⸗ brauch von derſelben zu machen?—— Dann — erwiederte Firley, deſſen Gleichmuth allge⸗ mach erſchoͤpft ſchien— dann erlauchte Frau⸗ glaube ich, der Koͤnig wuͤrde befehlen.—— Beſehlen? fuhr die unbeugſame Beklagte auf. — Dieß iſt wahrlich ein Wort, das mein Phr ſelten betroffen.— Verbannt ſoll eine Frau der hochſten Geburt ſich ſehen, ungehoͤrt, auf das Zeugniß einer Verworfenen?—— Der Wojewode verſetzte:— Zweifelsohne ſollte man Hipp. Borat. ar Lheil. 17 — 258— meinen, daß zwiſchen der erlauchten Wittwe meines Mitbruders Levn Odrowonz, die eine Sochter und Schweſter der mazowiſchen Her⸗ zoge iſt, und einer ſolchen Verworfenen kein 2 Verhaͤltniß denkbar ſey; da jedoch zu nicht ge⸗ ringer Befremdung es ſich anders gezeigt, ſo duͤrfet Ihr die Folgen niemand beimeſſen als Euch.—— Wirklich?— fragte Anna erbit⸗ 13 tert— nun ſo muß ich Euch ſagen, daß es an dieſem Hofe nicht an hohen und durchlauch⸗ tigen Beiſpielen von dergleichen Hintanſetzung des Ranges fehlt, und daß ich geſonnen bin, eines oder das andere derſelben in das gebuͤh⸗* rende Licht zu ſtellen.—— Ew. Gnaden— war des Abgeſandten Antwort— Ew. Gnaden ſcheinen abermals auf Etwas zu deuten, das nicht in Anregung kommen ſoll und darf, denn von Euch nur, ich wiederhole es, nur von Euch iſt die Rede in dem peinlichen Auftrag, welcher mir geworden, und den, ſo ehrenvoll er ſeyn kann, ich doch jetzt ohne Unluſt einem Andern uͤberließe.—— Es iſt unter meiner Wuͤrde — rief die Frau Odrowonzvwa— daß ich 13 mich jener Elenden gegenuͤber ſtelle, dem niedri⸗ gen Werkzeuge, das die Argliſt mir in den Weg — 259— ſchob, und doch mag dem alſo geſchehen, da⸗ mit nicht mir allein und ihr, damit Jedem ſein Recht werde.—— Zu ſpaͤt— antwor⸗ tete Johannes— geſtern haͤtte in Eurem Wil⸗ len geſtanden, was Ihr verſchmaͤhtet— heut iſt die Alte entflohen.—— Entflohen!— ſchrie die Prinzeſſin auf, dann ſetzte ſie wie erleichtert und hoͤhnend hinzu— Es iſt fur⸗ wahr weislich gehandelt, eine ſo wohl unter⸗ richtete Zeugin auf die Seite zu ſchaffen, durch Flucht oder wohl durch andere Rittel noch, welche kraͤftiger als jene das Stillſchweigen deſ⸗ ſen ſichern, der nicht ſprechen ſoll; beide aber zu veranſtalten, iſt ja ein Leichtes fuͤr den gnaͤ⸗ digen gebietenden Herrn.—— Muͤglich— ſprach der Hofmarſchall trocken— daß es Sei⸗ ner Maſeſtaͤt alſo gefallen zu gebieten; mir aber ſo wenig als Euch ſtehet es zu, zu ur⸗ theilen, was der Koͤnig thut, und warum er es gethan.—— Es ſtehet mir nicht zu— fuhr Anna heftig auf— es ſtehet mir nicht zu, Beſchwerde zu fuͤhren daruͤber, daß die Argliſt das Schwert der Gerechtigkeit lenkt, da⸗ mit es machtlos voruber ſtreifend am verruch⸗ ten Haupte der Schuldigen auf die boͤslich Be⸗ 17½ — 260— zuchtigte falle? Kluͤglich hat man die Schande von ſich zu waͤlzen gewußt, die den parteii⸗ ſchen Richter treffen wuͤrde in der eignen Mut⸗ ter; die Piaſten⸗Tochter aber iſt ein Ppfer⸗, das man gleichmuͤthig dahin wirft und unge⸗ ſtraft!—— Eben damit es Euch nicht treffe das Schwert der Gerechtigkeit, deſſen Streiche Ihr ſo kuͤhnlich herausfordert— antwortete Firley feſt— hat der, den ihr ſchmaͤhet, alſo gethan, wenn dem wirklich ſo ſeyn ſollte, wie ihr meinet, Prinzeſſin. Die Mittel aber, auf die Ihr zu deuten ſcheint, verſchmaͤhet mein koͤniglicher Herr: nicht verſchloſſen iſt der Mund der Anklaͤgerin, und bald wuͤrde ſie Euch ge⸗ genuͤber geſtellt werden koͤnnen, wenn es deſſen beduͤrfe, eine Schuld zu erweiſen, die der Lauf der Begebenheiten und manch aufgefangenes Wort nur zu deutlich darthut. So hoͤret denn auf, erlauchte Frau, der Langmuth in unweis⸗ lichem Widerſtand entgegen zu treten, der Lang⸗ muth, die, fern davon Euch zu beſtrafen, der furſtlichen Angeklagten die Ruhe goͤnnt, die ihrem Alter und Wittwenſtand angemeſſen, die ihr ein ſtattliches Schloß zum Kerker anweißot, die getreue Tochter zur Pflegerin und zum — 261— Huͤter derſelben Gemahl.—— Eben trat Helene langſamen Schrittes ein; ſte vernahm noch die Worte, die ihr Siegmund Auguſts ſchonende Großmuth und ſeine fortdauernde Sorgfalt fuͤr ſie verkuͤndeten. Doch konnte die Hoffnung nicht mehr in das Herz eintiehen, welches die Haͤrte der Mutter in der eben ver⸗ gangenen Nacht gebrochen: ſtumm und duldend ſtand ſie mit geſenktem Haupte, und ein Laͤ⸗ cheln der Wehmuth, nicht der Freude, brach durch das Gewoͤlk tiefen Kummers. Da ſchaute die Prinzeſſin hoch herab auf die Tochter, ſpre⸗ chend: Habt ihr es gehoͤrt, Fraͤulein? Wenn der edle Staroſt von Samborz, denn dieſer iſt es doch, den der Koͤnig mir zum Kerkermeiſter beſtimmt, Euch noch werth halten ſollte, ſeine ritterliche Hand zu empfangen, will Herrn Sieg⸗ munds Gnade Herzog Konrads Erbin eine Ruhe⸗ ſtelle gewaͤhren im Reiche ihrer Altvordern, und nicht durch den Spruch ſeiner Gerechtigkeit, in der langſamen Pein ſchmaͤhlicher Entwurdigung ſoll das Opfer fallen, das ſeiner Mutter Bos⸗ heit ſich erkohr, und auf welches er mit un⸗ nachahmlichem Edelmuth die Unehre ſeines Ge⸗ ſchlechts burdet.—— Nur ein erſtickter Seuf⸗ — 262— zer war Helenens Antwort; Firley aber ver⸗ ſetzte mit erhoͤhter Stimme und einiger Heftig⸗ keit: Euch allein, Frau von Podolien, mag es gegeben ſeyn, hartnaͤckig den Sinn deſſen zu verkennen, der in edler Entſagung den toͤdlichen Schmerz im eigenen tiefverwundeten Herzen verbirgt, der den Widerſachern nicht Weh thun mag, welche doch ihm ſolch Weh zugefügt, und des Menſchen und Monarchen ſchwer gereiztes Gefuͤhl bezwingt, damit die Rache endlich auf⸗ hoͤre in grauſer Fortpflanzung Unheil zu ge⸗ baͤren.—— Der Koͤnig iſt ein junger Herr — verſetzte Anna ſpottend— nicht die Be⸗ harrlichkeit iſt die Tugend, die man an ihm— ruͤhmt, und ſo mag er wohl gern einer Em⸗ pfindung entſagen, die ihm des Lebens gewohnte Beguemlichkeit ſtoͤren moͤchte. Doch iſt es ein Anderes mit mir. Nicht leicht entaͤußert die Schwergekränkte ſich des Haſſes, den ſie ge⸗ naͤhrt ſeit Jahren, und ſo verſchmaͤhe ich des Koͤnigs kuͤmmerliche Wohlthat, die Freiſtatt, die er mir bietet, und den Waͤchter, den er mir geſetzt.—— Ich bedaure Euch, edles Fraͤu⸗ lein— ſagte der Wojewode zu Helenen ge⸗ wendet: Wahrlich ich kann Euch meine Theil⸗ nahme nicht verſagen, doch— fuhr er feſt und gebietend gegen die Printeſſin ſort— in die⸗ ſem Fall gewaͤhren auch die Lande, die Sieg⸗ mund dem Zuweiten unterthan ſind, keinen Wohnſitz, und Ihr muſſet jenſeit ihrer Graͤnzen die Stelle ſuchen, da es fern von hier Euch vergoͤnnt ſeyn mag, majeſiaͤtverbrecheriſchen Ge⸗ danken und eiteln Traͤumen nachzuhaͤngen; die Stelle, da Euch einſt, ob auch nach Jahren, erſt die Reue finden wird, die Undank und Ver⸗ ſtockung niemals verfehlt.—— Nur ein Fuͤrſt darf es wagen zu einer Fürſtin ſolche Worte zu ſprechen— fuhr Anna auf— Wo iſt der Koͤnig?—— Heut Morgen abgegangen nach Wilno— lautete die Entgegnung— um dem Trauerzuge ſich anzuſchließen, der die Gebeine der Konigin Varbara zu ihrer Ruheſtelle in der Kirche Sanet Johannis des Taͤufers begleitet. In mir aber ſehen Ew. Gnaden nicht den Be⸗ auftragten Seiner Majeſtaͤt alein, ſondern auch den Vollſtrecker ihrer Befehle.—— Die Prinzeſſin warf einen ſinſtern glůhenden Blick auf ihn, dann ſprach ſie langſam: Und Ze⸗ brzydowski? Wird es mir geſtattet ſeyn, den alten Diener meines Hauſes noch zu ſehen? — 264— —— Der Biſchof von Kujawien— ver⸗ ſetzte Firley— iſt auf dem Wege nach Wien, dem Entſchluſſe des Koͤnigs und dem Wunſch der Staͤnde gemaͤß, die erſte Werbung zu thun um die Erzherzogin Katharina, des Franz Gon⸗ zaga, Herzogs zu Mantun Wittwe.—— Als der Wojewode bei dieſen Worten auf die Frau von Podolien ſah, entſetzte er ſich vor dem Aus⸗ druck, den er in ihrem Auge und auf ihrem Antlitz gewahrte; er trat zuruͤck und ſprach: Hier geht mein Auftrag zu Ende; des Koͤnigs Befehl nach uͤberantworte ich Euch dem, welchem Eure Obhut vertraut iſt; moͤge es ihm gelingen, was ich vergeblich verſuchte.— Lief neigte er ſich bei dieſen Worten, warf dann einen Blick des Mit⸗ leids auf Helenen und ſchied.——— Der Hauptmann der Wache trat einz es war Hip⸗ polyt Boratynski. Er nahte mit zogerndem Fuße, das Auge auf Annen gerichtet, als wolle er von der Art ſeines Empfanges auf die Wen⸗ dung ſchließen, die ſein und Helenens Schick⸗ ſal in dieſem entſcheidenden Augenblicke neh⸗ men werde. Das Fraͤulein that einen Schritt vorwaͤrts; ihre Arme breiteten ſich unwillküͤhr⸗ lich aus; ſie ſchien im Begriff, in tiefer Be⸗ — 265— draͤngniß an die befreundete Bruſt zu fliehen, doch bald ſanken die gehobenen Arme ſchlaff nieder, und mit gebeugtem Haupte blieb ſie ſtehen, ein Bild hoffnungloſen Kummers. Die Prinzeſſin ſchritt dem Eintretenden entgegen, und ſie ſprach leiſe Worte der Bewillkommung: Siehe da, der veſte Staroſt auf Samborz? Kommet Ihr, Herr Boratynski, Euch der Wir⸗ kung zu erfreuen, welche Euer gewiſſenhafter Dienſteifer erzenugte; wollet Ihr des Koͤnigs Lob und Belohnung Euch noch wuͤrdiger ma⸗ chen durch rohe Vollſtreckung tyranniſcher Ge⸗ bote gegen wehrloſe Damen, oder, wie ich bei⸗ nahe aus Euren Zuͤgen ſchließen moͤchte, ge⸗ denket Ihr Euch zu entſchuldigen, und das Un⸗ gluͤck, deſſen Urheber Ihr ſeyd, durch ein Nit⸗ leid zu verhoͤhnen, welches wir Euch erlaſſen? —— Keines von dieſem Allen fuͤhrt mich her, erlauchte Frau— begann Boratynski zagend und mit ungewiſſer Stimme—; viel Unſeliges iſt geſchehen und mein Herz erliegt beinahe unter ſeiner Laſt. Auch mich hat der Zufall in den verhaͤngnißvollen Kreis der Be⸗ gebenheiten dieſer Tage gezogen, doch ſtand die Pflicht mir zur Seite, und ich will ſie nicht — 266— anklagen, die mich aufrecht erhalten in pein⸗ lichem Augenblick, da ſie mir vielleicht das ſchoͤne Recht gewaͤhrt, als Menſch verguͤten zu koͤnnen, was ich als Diener der Republik zu thun gezwungen war. Nicht ein tyranniſches Gebot komme ich zu vollſtrecken— wie koͤnnte ich es auch gegen Euch, der ich zugethan war in kindlicher Ergebenheit von Jugend auf, ge⸗ gen Helenens Mutter? Nicht alſo Schweres hat mein Herr und Koͤnig mir aufgebuͤrdet; er hat in ſeiner Gnade die Freude mir ver⸗ goͤnnt, Euch hinweg zu fuͤhren von hier, wo manch ſchmerzliche Erinnerung Euch treffen wuͤr⸗ de, er hat mir erlaubt, Euer Stab und Eure Stutze zu ſeyn in den Tagen der Bekuͤmmer⸗ niß; die Pflege liebender und ehrerbietiger Kin⸗ der will er Euch uͤberantworten, daß unter dem milden Einfluß der Lieb' und der Sreue Euer Herz geſunde, das er ſchwer verwundet glaubt und der Heilung beduͤrftig; denn aus eigner Erfahrung kennet er die Wunden des Herzens. —— Ich bin Euch eine Antwort ſchuldig auf ſolches Erbieten— ſprach Anna ohne Bitter⸗ keit, aber feſt,— ich will es Euter Jugend verzeihen und einer Leidenſchaft, die meines — 267— ſeligen Eheherrn Genehmigung unbedacht be⸗ ſtaͤrkte, wenn ihr glaubet, es ſtaͤnde bei Euch, jene Wunden zu heilen, die, wie Ihr vielleicht nicht mit Unrecht vorausſetzt, mir geſchlagen worden. Doch iſt Euer Wahn irrig; ich kenne mein Recht, Ihr ahnet, was ich gehofft, Ihr wiſſet, was ſtatt deſſen mir geworden: ſo darf es auch nicht befremden, wenn ich als gering⸗ fügigen Erſatz verſchmaͤhe, was ich nie, niemals der Annahme werth hielt.— Faltet die Stirn nicht ſo, Herr von Samborz, ſchauet nicht ſo duſter drein. Ihr ſeyd ein ehrenwerther Edel⸗ mann; manch polniſches Fraͤulein wuͤrde Eure Hand beglucken, doch iſt ſie nicht der Enkelin Herzog Konrads beſtimmt, nicht der, welcher man, obſchon in der Ferne nur, eine Krone gezeigt, und was die Gluͤckliche nicht empfan⸗ gen durfte, ziemet weniger noch der Verſchmaͤh⸗ ten anzunehmen.—— Verſchmaͤht?— ſiel Helene mit bebenden Toͤnen der Mutter in die Rede— o nimmer hab' ich je deſſen begehrt, was man mir ſcheinbar aufzwingen wollte in hinterliſtiger Taͤuſchung; ich bin nicht ver⸗ ſchmaͤht, Mutter, und fort und fort hat die Gluckliche nur das gewuͤnſcht, was treue Liebe — 268— heut der Unglucklichen bietet.—— Der Un⸗ gluͤcklichen?— wiederholte Anna ernſt— Wohl iſt es, wie Du geſagt, doch ſtehe dem Ungluͤck der Stolz zur Seite, den das Gluck eher entbehren mag, als Jenes, damit es ſich vor Erniedrigung bewahre. Es iſt dahin ge⸗ kommen, wohin es, wie ich ſehe, kommen muß⸗ te; der Piaſten Geſchlecht verſchwindet aus dem Lande ſeiner Ahnen: ſo trete es denn wuͤrdig ab und auf Einmal; nicht allmaͤhlig ſinkend in vas Dunkel, das auf ſeinen alten Glanz folgen ſoll, und nicht befleckt in den Augen der Welt durch die ſchimpfliche Barmherzigkeit ſeiner Feinde.—— Eure Worte ſind grauſam— entgegnete Hippolyt mit Wuͤrde— treuer An⸗ haͤnglichkeit ſetzet Ihr verachtenden Stolz ent⸗ gegen und laͤngſt verloſchene Bilder der Ver⸗ gangenheit dem freundlichen Leben, das Euch durch mich die Hand darreicht. Doch dem wird nicht ſeyn, wie Ihr es wollet: Ihr werdet Euer eignes Gluck nicht zerſtoͤren und das Gluck Helenens. Es iſt die Verlobte, die ich for⸗ dere, die mein iſt, nach goͤttlichem und menſch⸗ lichem Recht, und— hier faßte er die Hand des Fraͤuleins— Niemand wird ſie mir ent⸗ — — 269— reißen!—— Als er nun Helenen an ſeine Bruſt zog, und ſie bittend und mit Thränen aufſchaute zur Mutter, ſprach dieſe: So ent⸗ ſcheide ſie ſelbſt. Moͤge ſie ſich losreißen von mir, das Buͤndniß zu ſchließen, das mir ver⸗ haßt iſt; weiß ſie doch, welche Nitgift ich ihr ertheile.— Sie waͤhle denn zwiſchen der Ver⸗ wieſenen, Geaͤchteten und dem Liebesgluͤck an Eurer Seite, ſie waͤhle zwiſchen dem Segen oder dem Fluche der Mutter, der man alles geraubt hat und nun noch das einzige Kind! Da wand das Fraͤulein ſich langſam aus des Braͤutigams umſchlingenden Armen und trat ſchweigend zur Prinzeſſin und beugte ſich uͤber die Hand, di, ſie ihr entgegenſtreckte: Hip⸗ polyt aber rief: So kannſt Du mich verlaſſen, Helene? ſo vergiſſeſt Du des Wortes, das Du geſagt; treu wollen wir ausharren bis zum Ende?—— und ſind wir nicht am Ende? — antwortete ſie tonlos— Die Pflicht hat mir den Zielpunkt geſieckt und uber ihn hinaus iſt kein Hoffen.— Blicke auf mich Verklaͤrte — ſprach ſie, die ſchoͤnen, von Thraͤnen ver⸗ dunkelten Augen gen Himmel erhebend— blicke auf nich; war es nicht das, was Ou mein⸗ teſt? Laſſe mir nun Dein zweites Vermaͤcht⸗ niß; laſſe mir die ſtille duldende Entſagung, daß ſie zu mir ſtehe ein ganzes Daſeyn hin⸗ durch ohne Freude und Hoffnung.—— So gehet denn— rief Boratynski in übermaͤchti⸗ gem Schmerz— ſo gehet denn Euren verderb⸗ lichen Weg uͤber die zertretenen Herzen derer, die es wohl mit Euch meintenz vopfert den furchtbaren Goͤtzen der Ehrſucht und der Rache dieſe ſchuldloſe Taube, und wie Ihr begonnen, ſo endet, Euch ſelbſt feind und dem Menſchen⸗ geſchlecht, von dem Ihr Euch abgeſondert in frevelndem Uebermuth! Und wenn Ihr einſt allein ſteht und keine liebende Stimme Euch antwortet in der Dede, die Ihr ſelbſt um Euch geſchaffen, auf den Schrei Eurer Verzweiflung, ſo moͤge drohend mein Bild vor Euch treten, dem ihr das Liebſte geraubt, um es zu verder⸗ ben!—— Zuͤrne der Mutter nicht— bat Helena— ſieh, ſie hat nur mich allein, und iſt ſchon bejahrt und hat alles verloren. Du aber biſt jung; ein langes Leben liegt vor Dir, ſo manche Hoffnung bluͤht Dir noch; im Va⸗ terlande wirſt Du wohnen und eins wackerer Mann ſeyn und geachteter Ritter. Vergiß aber —— nicht mein, die hinauszieht in die kalte unbe⸗ kannte Ferne; vergiß nicht der Heimathloſen⸗ die auch Dein nicht vergeſſen wird.—— Meine Lochter— ſprach Anna, und das Schwan⸗ ken ihrer Stimme verrieth, daß ihre Seele, obſchon ungebeugt, in unfreiwilliger Erſchutte⸗ rung die oft verlaͤugnete Macht der Natur an⸗ erkannte— Meine Oochter hat gewaͤhlt, wie ſie mußte. Folget ihrem Beiſpiel, Herr Rit⸗ ter; ſcheidend tritt die Nothwendigkeit zwiſchen Euch— Sie hat ihr ernſtes Gebot erkannt, ſo erſchweret Ihr, die Ihr liebt, das Opfer nicht, das— ja— ich fuͤhl es, das ſie bringt. —— Noch einmal ſchritt Hippolyt vorwaͤrts, die Geliebte umfaſſend zu halten, ſie aber trat zuruͤck.— Ein Dpfer iſt es— rief ſie ſanft klagend— ich darf es wohl geſtehen, es iſt das Ppfer eines jugendlichen Lebens; doch werfe ich es dahin, denn wo waͤre ſein Reiz⸗ wenn es die Reue vergiftet? So laß mich, Hippolyt; entſage der, die nimmer ungetheilt die Deinige ſeyn koͤnnte; halte ſie nicht zu⸗ ruͤck, die ſelbſt in Deinen Armen angſtvoll auf⸗ ſchrecken würde, der Mutter ſich erinnernd, die ſie in Verbannung und Elend verlaſſen. Ein — 272— giftiger Mehlthau wuͤrde der Mutter Haß alle Bluͤthen meines Lebens vertrockenen, und nim⸗ mer mag die Schuldbewußte Dich begluͤcken. Sieh, jetzt ſcheide ich rein von Dir, und gern wirſt Du der Verlobten gedenken, die Dich nur ließ, um Deiner werth zu bleiben. Leb wohl, Hippolyt, bis jenſeits, lebe wohl.—— Geraͤnſchlos verließ am ſelbigen Tage noch die Prinzeſſin die Hauptſtadt: ſtrenger Tadel begleitete die Mutter, und des Liebenden nie geſtillter Schmerz und das Mitgefuͤhl der Beſ⸗ ſern folgten Helenen. 9. Am Geſtade des adriatiſchen Meeres, im Fuͤrſtenthum Bari, im Umkreiſe des Koͤnigreichs Neapolis, befand ſich damals auf einer weit in die Fluthen hervorragenden Landſpitze, zwiſchen der Stadt, die dem Fuͤrſtenthum den Namen giebt, und dem Flecken Giovenazzv ein ein⸗ ſames Landhaus. Mehrere italieniſche Meilen von den naͤchſten Hrtſchaften entfernt, entlegen von jeder oft betretenen Straße, hatte wahr⸗ ſcheinlich ſeine Lage den fruͤhern Beſitzer zu — 273— abgeſchieden geduͤnkt; man hatte aufgehoͤrt es zu bewohnen, und ſo war das ſonſt zierliche Gebaͤude etwas verfallen, und die ſchattigen bis an das Ufer hinabfuͤhrenden Laubgaͤnge der Gaͤrten waren verwildert. Lange hatte die Villa ſo ver⸗ oͤdet geſtanden, als einige Monden vor der Zeit, in welcher uns der Leſer von dem Strande der Weichſel an die Ufer der Adria folgt, eines Tages ein Mann daſelbſt erſchienen war in Be⸗ gleitung einer Gerichtsperſon aus Bari, welcher die Geſchaͤfte der weit entfernten Eigenthumerin uͤbertragen waren. Es ſchien, als habe der Be⸗ vollmaͤchtigte ſchon um die Ankunft des Frem⸗ den gewußt, denn er fuͤhrte ihn in das Land⸗ haus ein, als in ein ihm abgetretenes Beſitz⸗ thum; die Uebergabe war bald beendigt und nachdem einige Wagen mit Gepaͤck noch deſſel⸗ bigen Tages angekommen, und das, was ſie brachten, geordnet war, kehrte der Geſchaͤfts⸗ traͤger nach Bari zuruͤck und ließ den Ankoͤmm⸗ ling in ſeiner neuen Behauſung. Anfangs er⸗ regte die Erſcheinung des Unbekannten im fuͤrſt⸗ lichen Landhauſe einigermaßen die Neugier der wenizen Strandbewohner, und man trug ſich mit allerlei Sagen uͤber ihn, die ihn bald als Hipp. Borat. 4r Theil. 18 — 24— einen geheimen Abgeordneten des Hofes zu Mabrid, bald als einen aus dem tiefen Norden heruͤbergekommenen Zauberer oder Schatzgraͤber ſchilderten; doch waren Einige, die bei naͤherer Betrachtung nichts Ungewoͤhnliches in ſeinem Aeußern bemerkt und zufaͤllig ſich uͤberzeugt hatten, daß er ſo gut, und wohl auch noch beſſer italieniſch ſpraͤche, als die Eingebornen der Terra di Bari, der Meinung, es koͤnne wohl unter dieſem dunkelfarbigen Mantel, den er ge⸗ woͤhnlich trug, etwas Beſonderes verſteckt ſeyn; vielleicht gar der Purpur eines Kardinals, den eine oder die andere Urſache vermocht haͤtte, ſich aus dem ziemlich weit entfernten Rom in die Einſamkeit zu begeben. Dieſe letztere An⸗ ſicht fand jedoch vielen Widerſpruch und nicht ohne Grund; denn obgleich man aus der Will⸗ faͤhrigkeit, mit welcher Meſſer Girolamo, der Protonotar, ihn aufgenommen, und das geheim⸗ nißvolle Stillſchweigen, welches er uͤber den Fremden beobachtete, auf naͤhere Verhaͤltniſſe zu ſeiner Gebieterin, einer ſehr hohen und er⸗ lauchten Dame und ſomit auf einige Bedeu⸗ tendheit ſchließen machte, ſo wie auch die Menge und Beſchaffenheit ſeines Gepaͤcks von Reich⸗ —,— . — 275— thum zeugte, ſo ßel es doch ein wenig auf, ihn gar nichts zur Ausbeſſerung des baufälli⸗ gen Hauſes und zur Herſtellung der Garten⸗ anlagen thun zu ſehen. Auch ſchien ſein gaͤnz⸗ licher Mangel an Bedienung ſonderbar, und die Handreichung eines halbwuͤchſigen Knaben, den er in einer nahen Fiſcherhuͤtte gedungen, der Gewohnheit und dem Beduͤrfniſſe eines Fuͤrſten der Kirche nicht entſprechend. Die Antworten, welche der Junge auf die vielfaͤltig an ihn gerichteten Fragen der Neugier zu ge⸗ ben wußte, waren nicht befriedigend. Sein Dienſt beſchraͤnkte ſich auf die nothwendigſten haͤuslichen Verrichtungen und das Herbeiſchaf⸗ fen der noͤthigen Lebensmittel aus Giovenatzv⸗ deren Auswahl jedoch einen ſchwer zu befriedi⸗ genden Geſchmack und nicht gemeinen Wohl⸗ ſtand anzeigte; die innern Zimmer des Hauſes, welche der fremde Herr nur nach ſeiner Ent⸗ fernung verließ, um im Garten zu luſtwandeln, hatte er nie betreten, und die Beſchreibung der darin aufgehaͤuften Koſtbarkeiten, welche er ein⸗ mal durch das Schluſſelloch bewundert haben wollte, mochte mehr ein Erzeugniß der Einbil⸗ dungkraft des Knaben, als die Schilderung 18* etwas wirklich Geſehenen ſeyn. Haus und Garten war mit einem tiefen waſſerreichen Gra⸗ ben umgeben, der von beiden Seiten an das Meer ſtieß, und nur eine Zugbräcke fuͤhrte uͤber denſelben, welche, der fernern Angabe nach, der Unbekannte bei der Ankunft des Dieners ſelbſt herabließ, doch nie ohne vorher ſich ſorsfaͤltig uͤberzeugt zu haben, daß er es auch ſey, der komme, und daß ihn niemand begleite, und welche er auf dieſelbe Weiſe bei ſeinem Ab⸗ gange wieder aufzog. Dieſe Einſamkeit des Bewohners der Villa, welche nicht undeutlich das Gepraͤge des Argwohns und der Menſchen⸗ ſcheu trug, machte den Leuten in Giovenazzo und an dem Strande nicht wenig zu ſchaffen, noch mehr aber der einzige Beſuch, den dieſe Ein⸗ ſamkeit alltaͤglich und zu regelmaͤßigen Stun⸗ den unterbrach. Mit jedem Abend, nicht lange vor Sonnenuntergang ſah man naͤmlich einen Mann, wie der Fremde ſelbſt, gewoͤhnlich in einen dunkeln Mantel gehuͤllt, von ausgezeich⸗ neter Geſtalt, aber finſtern und abſchreckenden Geſichtszugen, noch entſtellt durch eine breite uͤber den Mund laufende Narbe, auf das Land⸗ haus zuſchreiten, deſſen Eingang ihm ſogleich ———— — 277— geſtattet ward und das er gemeiniglich erſt tief in der Nacht wieder verließ. Auch bemerkte man, daß der Hausherr beinahe immer dieſem Zuſpruch das Wiederaufiehen der Bruͤcke nach ſeinem Eintritt uͤberließ, welches dieſer denn, vermuthlich eben ſo mißtrauiſch und menſchen⸗ feindlich als Jener, jedesmal ungeſaͤumt ver⸗ richtete. Man hatte nicht unterlaſſen der auf⸗ fallenden Erſcheinung nachzuſpͤren, um viel⸗ leicht von dem, was man von ihr erfuͤhre, auf die eigentliche Beſchaffenheit zu ſchließen, die es mit dem Einſiedler der Villa ſelbſt habe, und man vernahm: zu eben der Zeit⸗ als die⸗ ſer ſie in Beſitz genommen, ſey ein Mann⸗ welcher der nur angefuhrten Beſchreibung ent⸗ ſprach, in Bari erſchienen; er habe ſich in ei⸗ nem abgelegenen Haͤuschen der entfernten Vor⸗ ſtadt niedergelaſſen, wo er ein gleichfalls ſehr zurüͤckgezogenes Leben führe, und aus dem er ſich nur des Nachmittags zu einer geſetzten Stunde entferne; ſo daß man ihn noch nie in den Straßen der Stadt geſehen habe, vornehm⸗ lich aber niemals in der Kirche. Dieſer letzte Umſtand daͤuchte den Neapolitanern bedenklich; er warf zugleich ein unguͤnſtiges Licht auf den⸗ — deſſen einziger Umgang dieſer war, und bald ſtimmten alle, welche den Bewohner des ein⸗ ſamen Landhauſes fuͤr ein verkleidetes Mitglied des Conelave angeſehen hatten, ihre Meinung von ihm betraͤchtlich herunter. Eines Abends ſtuͤrzte Giuliv, der Fiſcher⸗ knabe, bleich, athemlos und mit allen Zeichen des Entſetzens in die Hutte ſeiner Aeltern und erwiederte die Fragen der Erſchreckten mit der Betheurung, er ſey ſo eben dem Feinde der Seelen entronnen. Unglaublich ſchien Jenen ein ſolches Begegnen keinesweges, und um ſo wißbegieriger erkundigten ſie ſich nach dem, was der Burſche mit ſo ſchreckenerregenden Worten verkuͤndigte.— Er ſey— lautete ſein Bericht — heute Abend laͤnger als gewoͤhnlich bei dem fremden Herrn aufgehalten worden, und eben habe ihn dieſer nach ſeiner Weiſe uͤber die Zug⸗ bruͤcke entlaſſen, als er den Mann aus Bari den Fußſteig herankommen ſehen. Derſelbe ſey ſchnell einher gewandelt und mit ungleichen Schritten, auch habe er vor ſich hin gemurmelt und mit den Haͤnden in die Luft gegriffen, als wolle er etwas faſſen, das doch nicht ſichtbar — 27 geweſen; dazu habe er unterweilen aufgelacht, aber gar nicht als ſey es aus Freude, und ſeine großen Augen haben wunderlich geglaͤnzt, wie Irrlichter am feuchten Meeresufer. Als dieſer ihn nun bemerkte, ſey er plotzlich zuſammenge⸗ fahren und habe mit wilder Stimme gerufen: Was willſt du?— Da er nun vor Schreck nicht ſogleich antworten koͤnnen, habe Jener fortgefahren zu ſprechen, doch wunderlich grauen⸗ hafte Dinge, und es ſey geweſen, als halte er ihn nicht für einen Menſchen und Giulio, den Fiſcherjungen, ſondern füͤr einen Kobold oder ein Geſpenſt, denn ſeine Worte lauteten alſo: Fort von mir, du bleiche Knabengeſtalt!— Was begehreſt du von mir? Liegeſt du nicht drau⸗ ßen im Norden wohlverwahrt unter der Erde? Oder biſt du gekommen gen Mittag, daß die blutigen Eistropfen aufthauen an deiner Bruſt und herabrinnend mich verklagen? Weiche von mir; kehre zuruͤck in deine kalte Gruft, denn ich habe dich wohl getroffen— Nicht?— So ſoll mein Stahl dich zum zweiten Male veſſer zeichnen, und dich hinſenden zum Alten⸗ daß du ihn grußeſt!—— Als ich darauf— erzaͤhlte Giulio weiter— am Leben ver⸗ — 280— zichtend mich auf die Knie warf unter dem hoch⸗ geſchwungenen Meſſer, rufend: ich ſey ja nicht der, den er meine, ſondern ein armer Fiſcher⸗ junge vom Strande bei Giovenazzo und ſeines gnaͤdigen Herrn Freundes Laufburſche, da ſenkte er den Arm und ſchaute finſter auf mich und rieb ſich die Stirn, ſprechend: Was fuͤhrt Dich her zur Abendzeit? Huͤte Dich, Junge, daß Du mir nicht in den Weg kommeſt, denn ich mag die Geſtalten nicht leiden, die Dir glei⸗ chen.— Darauf, froh aus ſo großer Lebens⸗ gefahr errettet zu ſeyn, dankte ich Gott und dem heiligen Januar und machte das Zeichen des Kreuzes; er aber, dieß gewahrend, ſchlug ein Gelaͤchter auf, wie das Gelaͤchter des Abgrun⸗ des, und ſtieß Worte der Laͤſterung aus, die ich nicht verſtanden zum Heil meiner Seele, doch hoͤrte ich unter denſelben den Namen des Luͤgenpropheten Mahomet. Da ſah ich wohl, mit wem ich es zu thun gehabt, und eilte ßracks, ohne umzuſchauen, durch Buſch und Dorn hieher, und mag auch nicht mehr zu dem Herrn in der Villa, der nicht viel beſſer iſt als ſein Genvſſe. 6 6 — 281— Dieſer Vorfall kam bald in der Gegend her⸗ um und es ſchien nun laͤnger niemand zu zwei⸗ feln, daß der, welcher ſolchen Zuſpruch dem der Edelleute aus Bari und der Umgegend vorzoͤge, ein Schwarzkuͤnſtler und Verbuͤndeter der Hölle ſey, und man begann ſich zu wundern, daß die Inguiſitivn, die in dem unter ſpaniſcher Herr⸗ ſchaft ſtehenden Koͤnigreiche Neapel ihren eiſer⸗ nen Seepter ſchwang, ſolchem Unweſen ruhig zuſaͤhe. Der Eifer trieb Manche ſelbſt ſo weit, das nur allzu ſcharfſichtige Auge des Glaubens⸗ gerichtes auf die Gegenſtaͤnde des Verdachts lenken zu wollen, und ſie forderten ſeine Fa⸗ miliarien auf, demſelben von dem Nachricht zu geben, was man bemerkt haben wollte. Dieſe horchten denn nun wohl begierig dieſen Mit⸗ theilungen und ſaͤumten nicht, den Vaͤtern ei⸗ nen Bericht von Vorgaͤngen abzuſtatten, die ſich ſo ſehr eigneten, vor ihrem Tribunale un⸗ terſucht zu werden; es mutte dieſer aber mehr als gleichgültig aufgenommen worden ſeyn, denn nicht nur blieben die Fremden ohne Anfechtung, ſondern es ward den Eifrigen der Beſcheid, ihr Anbringen ſey ungegruͤndet, der Fiſcherknabe habe geträumt oder gelogen, und ſie thaͤten 26— beſſer, wenn ſie es dem heiligen Gericht kuͤnf⸗ tig ſelbſt uͤberließen, die Strafbaren aufzufinden. So ließ denn Gewohnheit nach und nach das Geſchwaͤtz verſtummen, und ſelbſt Giuliv's Va⸗ ter, bei dem die Zechinen des Fremden ſich nicht in der Truhe in gluͤhende Kohlen oder ſchnoͤden Unrath, ſondern auf dem Marktplatze des Fleckens vielmehr in allerlei Geraͤth und Eßwaaren verwanbelten, bewog den Sohn, nach wie vor die Aufwartung in der Villa zu ver⸗ ſehen, welches er denn auch that, obgleich mit dem Vorſatze, ſie immer ſo fruͤh zu verlaſſen als moͤglich, damit er dem Mann aus Bari nicht wieder begegne. Einmal aber an einem Tage, da wieder, wie man bemerkt hatte, eine zwar nicht geraͤumige, doch ſcheinbar ziemlich gewichtige Kiſte aus der Stadt durch die Leute des Protonotars nach dem Landhauſe gebracht und von dem Fremden in Empfang genommen war, geſchah dieß nicht; Giuliv kehrte erſt mit einbrechender Nacht heim und erzaͤhlte, er ſey dem Beſucher abermals begegnet, doch von ihm nicht angeredet worden; es habe geſchienen, als habe derſelbe viel Eile ———————————— — 283— gehabt, und er muͤſſe wohl in tiefen Gedanken geweſen ſeyn, denn er habe vergeſſen die Zug⸗ brücke hinter ſich außzuziehen, welches doch fruͤ⸗ her nie der Fall geweſen. Auch koͤnne er ſol⸗ ches dreiſt unterlaſſen, denn weder er noch irgend ein Chriſtenmenſch vom Strande wuͤrde Belieben tragen nach Untergang der Sonne in ein Haus zu treten, das einen Gaſt dieſer Art beherberge.— Waͤhrend nun die Zuhoͤrer be⸗ theuerten, ſolches wuͤrde um alle Schaͤtze der Welt willen, Niemand von ihnen unternehmen, trug ſich im Innern des allmaͤhlich verrufenen Hauſes Etwas zu, das dem Laufe dieſer Ge⸗ ſchichte zu nahe verwandt iſt, als daß es dem Leſer derſelben unbekannt bleiben durfte. In einem kleinen gewoͤlbten Gemach der Villa, einem von denen, in welche Giulio nie⸗ mals gekommen, ſaß der ehemalige Leibarzt der Koͤnigin Bona von Polen, Meiſter Lionardo Monti. Vor ihm auf einem Liſchchen ſtand eine Kiſte, deren geoͤffneter Deckel ihm den reizenden Anblick mehrerer Goldrollen vergoͤnnte, welche er eben mit Behaglichkeit gemuſtert zu haben ſchien. Auf einer andern Tafel befand — 284— ſich eine reichliche Kollativn, aus dem Beßten beſtehend, das ſein Einkaͤufer im Staͤdtchen finden koͤnnen. Die wohlſchmeckendſten Erzeug⸗ niſſe des adriatiſchen Meeres prangten neben lecker gebratenem wilden Gefluͤgel, und der Glanz edler Suͤdfruͤchte wetteiferte mit dem goldenen Schimmer des Rebenſaftes von Montepuleiano und Monteſiascvne und dem Purpur des Faler⸗ nerweins in den hellgeſchliffenen Kryſtallflaſchen. Fuͤr zwei Perſonen war die Mahlzeit eingerichtet, und vier goldene Becher waren aufgeſtellt, denn der einſame Hausherr erwartete einen Gaſt.— — Er bleibt lange aus— ſagte der Doktor, indem er die Kiſte ſorgfaͤltig verſchloß—, ge⸗ wiß iſt er ausgegangen zu ſpaͤhen, was und wie viel angelangt, denn er iſt mißtrauiſch, als waͤre er wirklich der Neapolitaner, fuͤr den er gelten will. Mag erz lange werd⸗ ich ſo den leberlaͤſtigen nicht zu dulden haben, auf keinen Fall, denn bald langt, wie dieſes Schreiben beſagt, der Marcheſe di Laſſano*) an, und mit ihm mag ich mich beſſer verſtaͤndigen, als mit dem pedantiſchen Protonotar, welchen die Koͤ⸗ *) Siehe 2ter Theil, Seite 163. und folgende. — 285— nigin, eben ſo wenig als ich, allzu tief in gewiſſe Dinge ſchauen zu laſſen begehrt.— Es iſt wahrlich Schade— hob er nach einer Pauſe wieder an, einen Blick des Kummers auf die Geldtruhe werfend—, daß dein Inhalt abermals getheilt werden ſoll. Ich aber bin des Thei⸗ lens uͤberdrüßig. Als wenn roher Blutdurſt und angeborne Grauſamkeit gleichen Sold ver⸗ dienten mit Kunſtgelahrtheit und gewandtem, vorſichtigen Handeln. Wahrlich, der alte Burſch iſt, moͤchte ich ſagen, hinlaͤnglich belohnt mit der Freude, die er an der Unthat ſelbſt hat.— Ja, das iſt ein boſes verwildertes Gemuͤth.— Ich aber— ſprach Lionardo weiter zu ſich ſelbſt, etwas ſcheu um ſich ſchauend, und ſich ſchuͤttelnd, als fuͤhle er Fieberfroſt— ich bin nicht ſo— ich habe keinen Gefallen an Blut, und auch mit andern Dingen befaſſe ich mich ungern, und thaͤte es nimmer, waͤre es nicht um des Lohnes wegen.— Reichthum aber, Reichthum iſt das hoͤchſte Gut der Welt, dem die andern gehorchen, gleich unterwuͤrfigen Va⸗ ſallen, und nimmer kann man genug haben des goldnen Regens, von dem ſich auch ein ſteinernes Herz erweichen laͤßt, und welchem ſich die Ar⸗ zubn P — 286— me mehr als einer Danae oͤffnen.— Wird er denn nun bald kommen, der Tag, an dem ich genießen kann, was ich erworben? Lange Jahre habe ich zugebracht in dem kalten Norden un⸗ ter einem rauhen Volke, das Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft nicht zu wuͤrdigen verſteht, den Launen einer wahrlich nicht ſanften Gebieterin habe ich mich ſchmiegen muͤſſen mit knechtiſcher Nach⸗ giebigkeit, ich habe Manches gethan, was ich lieber nicht gethan haͤtte, und dieſe Hand hat manch wichtiges, folgenreiches Werk verrichtet. Was iſt mir bis jetzt dafuͤr geworden? Einem Fluͤchtigen gleich, habe ich irren muͤſſen uͤber Berg und Thal fort und fort, den unheimli⸗ chen Gefaͤhrten zur Seite, und endlich ange⸗ langt in der Freiſtatt, lebe ich einem Ausſaͤtzi⸗ gen gleich, fern von menſchlicher Geſellſchaft, und niemand ſtoͤrt dieſe Einſamkeit als jener Verhaßte und— und Erinnerungen, die ich betaͤuben will, die ich betaͤuben muß im Stru⸗ del ſchwer errungener Lebensfreuden. Ihr habt alles vollbracht, Frau Koͤnigin; in Wien wie in Krakow bietet der Erfolg euren Wuͤnſchen die Hand. Nun iſt es auch an der Zeit, daß es mit mir anders werde, ſonſt moͤchte die Zeit — 287— die mir bleibt, das Vorhergegangene nicht loh⸗ nen.— Aber wird es auch anders ſeyn, ehe ich mich losgemacht habe von Jenem? Stets ſchleicht er mir nach wie mein Schatten, und ich will keinen Schatten— ich will Licht, hel⸗ les, freudiges Lebenslicht, daß es mir die duͤ⸗ ſtere Seele erhelle! Sein widriges Geſicht er⸗ ſcheint mir wie ein Mahnbrief an das, was ich vergeſſen mochte, vergeſſen werde, ſo bald ich ihn nicht mehr ſehe. Er muß fort— fort muß er des Baldigſten, und die Ankunft des Marcheſe ſoll den unbeſcheidenen Forderer bald 6 veſchwichtigen.— Die Ankunft des Marcheſe erfolgt aber erſt in zwei, drei, vier langen Tagen, und er— er kommt heute noch, das zu ertrotzen, was er ſeinen Theil nennt an der Belohnung— Soll ich ihm willfahren, damit er gehe?— Aber wird er auch gehn? Wird ſeine Habſucht, ſein Uebermuth nicht wachſen mit jeder Gewaͤhrung?— Er haͤtt mich fur feig, und verſteht ſich darauf, mich einzuſchuͤchtern.— Nun, ein Bluthund wie er, bin ich nicht, doch bin ich auch muthig, wo es ſein muß auf meine Weiſe.— Ich will fürder nicht theilen! Soll ich das Große ge⸗ 3 — 288— than haben, um gemeinen Wohlſtand zu errin⸗ gen, dem bloͤden Knechte gleichend, der nach gethaner Arbeit dankbar den geringen Lohn hin nimmt? Reich muß ich ſeyn, unermeßlich reich; damit ich wiſſe, warum ich vollbracht habe, was geſchehn iſt, und mich darob recht⸗ fertige bei mir ſelbſt. Huͤte dich, Aſſano, daß du das Leben meines Lebens nicht antaſteſt, denn ich habe, ja ich habe meine Ruhe der Seele nicht verkauft, daß ich den Preis theile mit einem groͤßern— mit einem Schurken, wie du biſt.—— Da erklang die Schelle, welche das Zeichen gab, es ſtehe Jemand draußen vor der Zug⸗ bruͤcke und begehre Einlaß.— Er iſt es— murmelte der Arzt in ſich hinein; dann ergriff er eilig die Truhe, die er in einem nahelie⸗ genden Kabinet verbarg, und als die Schelle ſich zum zweiten Male hoͤren ließ, zog er an der Schnur, die mit den Winden der Bruͤcke in Verbindung ſtand.—— Ihr bleibt heut ſehr lange— rief er dem Eintretenden entge⸗ gen— ſchon glaubte ich, Ihr wuͤrdet ausblei⸗ ben gegen Eure ſonſtige Art.—— Ohne — 289— Gruß erwiederte jener mit rauher Stimme— Ich blieb lange aus, ſagt Ihr, und doch ſcheint es, als haͤttet Ihr mich noch nicht er⸗ wartet, denn Ihr ließet mich zweimal klin⸗ geln.—— Darauf warf er ſein Barett un⸗ geſtüm auf den Liſch, ſich in einen Stuhl, und fuhr fort aufmerkſam im Zimmer umherblickend — Ich nuͤrde nicht kommen, meinet Ihr⸗ hochgelahrter Herr Doktor? Traun, hatte ich doch noch nicht ſo nothwendig Euch heimzuſu⸗ chen als eben heute.—— Nun gut, daß Ihr da ſeyd— entgegnete Monti, der den aufſteigenden Verdruß unter einem gleichgilti⸗ gen Laͤcheln verbarg— die Kollation iſt ſchon bereit, und der Burſche hat wohl angeſchafft; auch Fleiſchwerk, obſchon heute Faſttag iſt, für Euch, der Ihr ſolche nicht haltet.—— Schon gut, hat Zeit— ließ ſich der Gaſt verneh⸗ men; dann fragte er, den ſiechenden Blick feſt auf den ihm Gegenuͤberſtehenden gerichtet— Nichts Neues?—— Es ſind Nachrichten an⸗ gelangt— ſprach jener kurz und hingeworfen — unſte allerdurchlauchtigſte Frau ſteht am Ziel ihrer Wuͤnſche; die Werbung iſt in Wien gunſtig aufgenommen worden, und die Koͤnigin Hipp. Borat. 4r Theil. 19 — 290— wird eine Schnur haben, wie ſie ſolche lange gewuͤnſcht. Auch erwartet man Don Luigi di Caſtaldo zu Bari, wenn Ihr es noch nicht wißt, den Marcheſe di Caſſanv, daß er das Regiment uͤbernehme in Ihrer Majeſtaͤt Na⸗ men, und, ſo ſchreibt mir Seine Exeellenz, daß er Alles vorbereite auf ihre Ueberkunft, die fruͤh oder ſpaͤt doch gewiß erfolgen duͤrfte.— — Da laͤchelte Aſſano hoͤhniſch und verſetzte — Die Nachricht, welche die Exeellenz dem Herrn Doktor, ihrem wuͤrdigen Freunde, ertheilt hat, kuͤmmert mich nicht, und es iſt mir gleich⸗ giltis, wer das Regiment fuͤhrt in dieſem Laͤndlein, dem Erbtheil der aragoniſchen Iſa⸗ bella, auch denke ich mit der durchlauchtigſten Tochter derſelben fertig zu ſeyn, ehe ſie ihr Fuͤrſtenthum mit ihrer Gegenwart begluͤckt. Meinet Ihr nicht, Meſſer Lionardo?— Doch habt Ihr ſonſt nichts Neues?—— Richts, das Euch betraͤfe, ſo viel ich weiß— war die Antwort des Monti—; wollet Ihr Euch in⸗ deß nicht zur Tafel ſetzen? es wird ſpaͤt und Euer Weg iſt weit.—— Ihr ſcherzet, Meſ⸗ ſer Lionardo, und es erfreuet mich, daß Ihr bei Laune ſeyd, wiewohl es mich auch befrem⸗ — 291— det bei der traurigen Abgeſchiedenheit und dem aͤngſtlichen Verſtecken, welches uns die Frau Koͤnigin beſchieden, und welches wenigſtens mir wenig behagt.—— Was Euch betrifft— meinte der Arzt—, koͤnnet Ihr Euch demſel⸗ ben gar leichtlich entziehen. Es ſtehet Euch die Welt offen, und mit dem, was Euch ſchon zu Theil worden, ſindet man uͤberall eine gute Aufnahme; doch, wie ich ſagte, ſpeiſen wir jetzt, denn Ihr habt die Mahlzeit laͤnger auf Euch warten laſſen, als Ihr pflegt.—— Ihr ſcherzet— wiederholte Aſſanv, deſſen Angeſicht ſich mit dunkler Roͤthe uͤberzos— ich ſage Euch, daß Ihr ſcherzet. Ich bin aber nicht geduldiger Natur, Herr Doktor, wie Ihr wiſ⸗ ſet. Erſt die Geſchaͤfte, dann der Becher und die Schuͤſſeln, ſo hab' ich es immer gehalten; drum vergoͤnnt, daß ich noch einmal ſrage, ob Euch ſonſt nichts zugekommen, als die Neuig⸗ keiten, die Ihr mir ſo freigebig ſpendet?— — MNit einem leiſen Fluch auf den Lippen⸗ aber anſcheinend gleichmuͤthig, entgegnete Jener — Nun, da Ihr es doch zu wiſſen ſcheint, ſo will ich Euch nicht verbergen, daß ich einen Theil von dem erhalten, was mir zugeſagt 5 19* 292 ward, wenn das erfuͤllt ſeyn wuͤrde, warum geſchehen iſt, was Ihr wißt. Doch mag Euch das meiner Meinung nach nicht kuͤmmern, daß Ihr alſo eifrig danach fragt.—— Picht kuͤmmern?— wiederholte der Alte mit grim⸗ migem Lachen— Warum ich danach frage?— Theilen will ich werther Herr Genoſſe, theilen mit Euch den Sold, wie ich die That mit Euch theilte.—— Hoͤret Freund— ſprach drauf Monti mit zaghaftem Trotze— mich duͤnkt Eure Begehrlichkeit fange an in Unver⸗ ſchaͤmtheit uͤberzugehen.— Ihr habt erhalten, was Euch verheißen ward; mehr als dreifach habt Ihr es erhalten, und ſomit, glaube ich, koͤnnen unſere Wege ſich ſcheiden. Es iſt nicht billig, daß der Herr gleich ausgehe mit dem Diener, und das Werkzeug wie der Meiſter belohnt werde.—— Ich Euer Werkzeug? Ihr mein Herr— ſprach Aſſano mit Verach⸗ tung—, wie moͤgt Ihr Euch ſelbſt ſo belͤgen wollen? Als wenn Ihr vergeſſen haͤttet, daß Ihr fort und fort in Eurer Jaͤmmerlichkeit er⸗ zittertet vor dem kraͤftigen Geiſte deß, der Euer Famulus war vor den Augen der Welt, im Stillen aber und in der Wahrheit Euer — 293— Gebieter. Wie kommet Ihr darauf, Euch deſſen zu weigern, was Ihr für das Unvermeidliche erkennet, wie Euer ſchlecht verhehltes Zittern und Eure geſenkten, furchtſam umherblickenden Augen es verrathen? Wie möget Ihr die Furcht, die Euch ruttelt, verbergen wollen unter hoch⸗ trabenden Worten, mit denen Ihr einen Kna⸗ ben einſchuͤchtern moͤget, doch nicht den alten Aſſano? Oder wiſſet Ihr nicht, daß Ihr in meiner Gewalt ſeyd? Nun wenn Ihr es nicht wiſſet, ſo will ich Euch ſagen, daß wir allein ſind, ganz allein auf zwei hierlaͤndiſche Meilen in der Runde, daß Euer Graben und Eure Zugbruͤcke jeden abhaͤlt, der Euch ſchuͤtzen koͤnnte gegen Euren Gaſifreund⸗ welchem, wie Ihr wohl wiſſet, ein Leben mehr vder weniger nicht ſonderlich viel bedeutet, am wenigſten aber das Leben eines feigherzigen Schurken. Ich will Euch noch ſagen, daß, wenn auch Euer Huͤtfegeſchrei zn einem menſchlichen Ohr draͤnge, der Aberglaube eine maͤchtigere Schranke um dieß Haus getogen hat, als ſelbſt Eure Zag⸗ heit, und in dieſer Stunde niemand der Woh⸗ nung des Schwarzkünſtlers nahet. Ihr habt mich begriffen, denk' ich, und hoffe nun, Ihr — 294— werdet ſo guͤtig ſeyn, die Kiſte herbei zu ſchaf⸗ fen, welche Ihr heut erhalten.—— Einen Augenblick ſann der Arzt nach, dann ſprach er ſtockend: Wenn ich auch Eurem Verlangen dieß⸗ mal noch willfahre, wird es dann genug ſeyn? —— Wir werden ſehen— rief Aſſanv ge⸗ bieteriſch— Mit Euch macht man die Bedin⸗ gungen erſt nach der Zahlung— die Kiſte— ohne Saͤumen!—— Rit verbiſſener Wuth ſprang Monti von ſeinem Seſſel auf, aber ſich ſogleich faſſend ſagte er ruhig— Verziehet einen Augenblick, das Dunkel iſt herein gebro⸗ chen, harret, daß ich die Lampe anzünde!— — Wohl, gelahrter Doktor— lachte Jener — es iſt billig, daß Ihr die Augen noch ein⸗ mal weidet an den blanken Pfennigen, die Eure Großmuth Eurem demuͤthigen Famulus und Werk⸗ zeuge mittheilt.—— Der Hausherr ging hin⸗ aus und Jener rief ihm nach: Denkt nicht mich zu taͤuſchen; ich kenne den Inhalt der Truhe, an dem nicht ein Deut fehlen darf, denn Ihr kennt ja den Aſſanv!—— Drauf trat er an die bereitete Tafel, und unterſuchte mit vieler Genauigkeit Speiſen und Geraͤth, vor⸗ nehmlich aber die Becher, auch hatte er deſſen — 295— kein Hehl vor dem Gaſtgeber, der zuruͤckkeh⸗ rend ihn noch bei dieſer Beſchaͤftigung traf. Indeſſen ſchien dieſer wiederum dem Zeichen des Argwohns keine Aufmerkſamkeit zu ſchen⸗ ken, und ſetzte das Kiſtlein und eine ſilberne Lampe auf den Tiſch.—— Nun ſehet zu— ſagte er darauf— und nehmet, weil es denn ſo ſeyn muß⸗ Euer Theil.—— Haſtig wandte Aſſano ſich zu den Schaͤtzen, ſie betrachtend und uͤberzaͤhlend, waͤhrend der Arzt ſeitwaͤrts ſtehen blieb, mißmuthig nach ihm ſehend.— — So iſt es richtig— ſprach der Alte— und ich lobe Euch darum: gute Rechnung macht zute Freunde. Damit Ihr jedoch ſehet, daß ich nicht ſo habgierig bin, mas die Thei⸗ lung bis nachher bleiben, und wir wollen uns ſetzen, um zu eſſen und zu trinken, und froͤh⸗ lich zu ſeyn im Anſchaun des ſchoͤnen Goldes. Wie iſt es? muß ich Euch jetzt ermuntern? fragte er, als der Doktor ihm zoͤgernd folgte. — Reuet es Euch ſo ſehr⸗ nicht alles behal⸗ ten zu koͤnnen? Ich will Euch aber geſtehen, daß das mich nicht ſtoͤret, und Euer gani fruchtloſer Mißmuth macht mir Kurzweil.— — Der Arzt fand nicht für gut, hierauf etwas — 296— zu etwiedern, und beide ſetzten ſich zum Mahl. Als nun Aſſano ſich mit Gier den Genuͤſſen hingab, welche dieſes darbot, und ſein maͤßige⸗ rer Wirth mehr mit dem, was ihm jetzt obzu⸗ liegen daͤuchte, ſich beſchaͤftigend, als mit Speiſe und Trank, ſeinen Entwurf feßtgeſtellt hatte, begann er wie folgt: Ihr ſelbſt findet das Leben, welches wir fuͤhren unertraͤglich, und wahrlich, Ihr muoͤget auch glauben, was Ihr wollet, ich verwundere mich, daß Ihr den Zwang, dem Ihr zu Bari unterworfen ſeyd, der Freiheit vorziehet, um die angenehmen Ta⸗ ge, die Euch anderer Hrten erwarten, und die, ſcheint es, in Eurem Alter im Preiſe ſtei⸗ gen. Warum benutzet Ihr alſo nicht einen Vortheil, den, waͤre er annehmlich fuͤr mich, ich wahrlich nicht entſchluͤpfen laſſen wurde?— — Das will ich Euch ſagen— verſetzte der Alte kauend und mit vielem Gleichmuth— ich habe noch nicht genug.—— Noch nicht genug?— rief der Doktor muͤhſam den Grimm zuruͤck haltend, den die froſtige Unverſchaͤmtheit ſeines Gefaͤhrten in ihm erregte— Auch mit der ſchoͤnen Summe noch nicht genug, die Ihr heute ertrotztet?—— Wie ich Euch ſage, ——— ———— — 20 Meſſer Lionardo— war Jenes Antwort— Auch nicht mit dieſer ſchoͤnen Summe. Sehet, als Ihr mich zu Bari fandet, wohin ich mich zuruͤck geivgen nach Manchem, was Euch zu wiſſen gleichgultig ſeyn kann, es wird achtzehn Jahre ſeyn oder zwantig, und Ihr mich abrie⸗ fet zum Dienſte der Koͤnigin, die ihre Leute wohl zu ſchaͤtzen weiß, da machte ich meine Bedingungen mit ihr und Euch— doch auch mit mir ſelbſt ſchloß ich einen Vertrag ab. Es mag nun ſeyn, daß die erſten erfuͤllt ſind, der zweite iſt es aber noch nicht— und da, wie Euch bekannt, hier und da Etwas geſche⸗ hen iſt uͤber das Bedungene, mag denn wohl noch manches Tauſend Zechinen fehlen, ehe ich guitt bin mit mir ſelbſt.—— Ihr fuh⸗ ret gar freigebig Rechnung mit Euch ſelbſt— verſetzte Monti— und vergeſſet, daß Ihr nicht Euer eigener Zahlmeiſter ſeyd. Was dieß man⸗ ches Tauſend Zechinen alſo anlangt, muͤſſet Ihr ſolche in Eurem Faeit ſtreichen.—— Wird doch nicht ſeyn koͤnnen— behauptete Jener wie zuvor; dann fuhr er mit finſterer Stirne und unruhiger Geberde fort— Einiges, ſagte ich Euch, ſey uͤber das Bedungene geſchehen; — 298— Eines davon iſt der Mord jenes Knaben, und er faͤllt ſchwer in das Gewicht.— Glaubet mir Doktor, ſo Manchem hat dieſer Arm, noch ehe Ihr ſeine Streiche leitetet, hinuͤber gehol⸗ fen, doch keine That, nein, keine unter den unzaͤhligen meines Lebens hat ſich ſo tief in meine Erinnerung gegraben, als dieſe. Ich bin kein Traͤumer, Ihr wißt es, und doch muß ich Euch ſagen, dieſes Jungen brechendes Au⸗ ge ſehe ich oft vor mir; es ſchaut mich an aus dem Dunkel der Gebuͤſche, ja— hier ſtieß er den Becher mit Abſcheu von ſich— aus dem Boden dieſes Trinkgefaͤßes ſtarret es zu mir auf; ſein Loderaͤchzen ertoͤnt mir im einfoͤrmigen Rauſchen der Brandung, und vft fahre ich in der Nacht auf, waͤhnend, er um⸗ faſſe mich mit den zarten, erſtarrenden Armen. — Fuͤr dieſe That hab⸗ ich mich mit mir ſelbſt nicht berechnet, ich werde es vielleicht niemals koͤnnen. Was geſchehen iſt, kann nimmer unge⸗ ſchehen ſeyn; und was mag alſo dieſen Rech⸗ nungfehler ergaͤnzen als Gold, und von wem ſoll ich es begehren als von Euch?—— Ich wuͤrde lachen uͤber eine ſo ſeltſame Erſcheinung bei dem ſolcher Dinge laͤngſt Gewohnten— — — — 299— verſetzte der Doktor; doch der Andere unter⸗ brach ihn mit gluhenden Blicken anſtierend: Ihr wuͤrdet nicht lachen, nein⸗ Ihr wuͤrdet es nicht, denn Ihr nuͤrdet Euch ſcheuen, dem wildgewordenen, bluttriefenden Raubthier in die geſtraͤubte Maͤhne zu greifen.—— Monti aber fuhr fort— Ich wuͤrde lachen daruͤber, ſage ich Euch, wenn mich das, was ich davon bemerkt, nicht mit Beſorgniß erfuͤllte. Es war unſtreitig in ſolchem Wahne uberreifer Einbil⸗ dung, als Ihr meinem Knaben, dem Giulio, Worte zuriefet, die nimmer geſagt werden ſollten; Ihr ſahet ihn in der Verwirrung Eurer Sinne fuͤr Jenen an, deſſen Gebeine nun ſchon vermodert ſind in tiefer Ferne, als Ihr Euer furchtbares Meſſer uͤber ſein Haupt zucktet. Die Furcht des Knaben iſt nicht ſtumm geblieben: tauſendzungig hat das Geruͤcht den bedenklichen Vorfall verbreitet und argwoͤhni⸗ ſcher, als je fruͤher, ſehen die Strandbewohner auf den, deſſen Ankunſt und Lebensweiſe ſchon laͤngſt ihre Zungen in Bewegung ſetzte, ſeit ſie wiſſen, daß der Einzige, dem ſein Haus voffen ſteht, ihre Kinder mit dem Tode bedroht, und was noch mehr iſt, weit mehr, daß er das — 300— Zeichen des Chriſtenglaubens verhoͤhnt. Schon zu Krakow warnte ich Euch, Aſſano, und ich habe Euch vergeblich gewarnt; das Innere iſt dem Blick der Menſchen verborgen, ſo enthehe denn die Außenſeite der Aufmerkſamkeit, daß ſie, einmal aufgeregt, ſich nicht auf jenes er⸗ ſtrecke. Hier aber iſt die Gefahr viel groͤßer. Es ſind, ich weiß es, Berichte von Euch, die denn auch mich betreffen, in die Kammern des Glaubengerichtes gedrungen; noch hat ſein ge⸗ waltiger Arm den Streich zuruͤck gehalten, wel⸗ cher das Haupt des Unglaͤubigen, des Laͤſterers bedroht; doch wenn Euch der Schutz, den die Fuͤrſtin dieſes Landes uns gewaͤhrt, bis jetzt die Gefahr abwender, ſo fuͤrchte ich, wird der⸗ ſelbe bei wiederholtem Aergerniß auch nicht vor der Ahnung eines Tribunals bewahreu, das ſelbſt Monarchen furchtbar iſt.—— Ihr koͤnnt nicht unrecht haben, Doktor— erwie⸗ derte der Greis nach einer Pauſe—; zudem iſt es ſchwer, im Alter ſeine Weiſe zu aͤndern, und ich waͤre froh aus dieſem Lande wegzukom⸗ men, wo Pfaffen das Regiment fuͤhren, mit denen ich mich niemals auf lange Zeit wohl vertragen. Auch bemerke ich— fuhr er ſpot⸗ — 301— tend fort—, wie meine Gegenwart ſelbſt die Sicherheit Eurer werthen Perſon gefaͤhrtet, und ſo wuͤrde ich an Eurer Stelle ein Uebri⸗ ges thun, mich ihrer zu entledigen.—— Sprechet, was wuͤnſchet Ihr noch? rief der Doktor erfreut— wenn Eure Forderung meine Kraͤfte nicht uͤberſteigt, ſo ſeyd der Gewaͤhrung gewiß.—— Ihr kennet ja meine Beſcheiden⸗ heit— ſprach Jener weiter—. Das, was ich ſordere, iſt in Eurem Vermoͤgen, wenigſtens zur Haͤlfte noch, dieſe Truhe; gebt ſie mir, mir ganz, und wir wollen ſehen was zu thun iſt.—— Wirklich?— fragte der Arst mit zornbebender Stimme— Ihr muͤſſet den Ab⸗ ſcheu ganz fuͤhlen, den Eure Gegenwart ein⸗ floͤßt, da Ihr ſolchen Preis ſetzet auf die Be⸗ freiung von derſelben. Doch ſchlaget ihn nicht zu hoch an, es giebt noch andere Nittel dieſe zu bewirken.—— Einen Blick des grimmig⸗ ſten Hohnes warf Aſſano auf den bleichen Ge⸗ noſſen ſeiner Verbrechen, dann, ohne zu ant⸗ worten ſtand er auf und naͤherte ſich dem Liſche. — Alles wohl überlegt— ſagte er kalt und langſam— hab' ich mich uͤbereilt; auch wenn Ihr, wie ich nicht zweifle, dieſem billigen Be⸗ — 30— gehr genuͤgt, fehlet noch etwas an der bewuß⸗ ten Berechnug mit mir ſelbſt, und ich bin überzeugt, Eure Mildherzigkeit wird es dem wandernden Famulus gewaͤhren— dabei offnete er das Kaͤſtchen und betrachtete es mit miß⸗ billigendem Kopſfſchuͤtteln.—— Fordert nur, fordert— antwortete der Arzt, aber ſeine Stimme war erſtickt und ſchwankend, denn er beugte ſich eben uͤber den Liſch mit ausgeſtreck⸗ tem, zitternden Arme, ein heimlich ſchnelles Thun vollbringend, waͤhrend ſeine Augen den Abgewendeten huͤteten. Raſch kehrte ſich der Alte wieder zu ihm, doch ſaß der Andere ſchon, wie fruͤher, zuruͤck gebeugt an die Lehne ſeines Seſſels und mißmuthig vor ſich hinſchauend. — Ja, fordern will ich und werde ich— fuhr Jener auf—, wie es der Kraft zukommt ge⸗ gen die Schwaͤche. Was nuͤtzet Euch auch das Gold, das Ihr ſammelt zu eitler Augen⸗ weide? Ich habe ein langes ſtuͤrmiſches Leben durchlebt, und will mich freuen, ehe es zu Ende geht. Das Getuͤmmel der Luſt ſoll um mich rauſchen fort und fort, noch an meinem Todtenbette ſollen Geiger und Pfeifer um mich ſtehen, damit der laute Klang die Stimmen — 303— uͤbertaͤube, die ich jetzt manchmal vernehme in der Einſamkeit, in welche jene Undankbare uns gebannt. Eine Stimme zumal, die jenes Kna⸗ ben— ja, des Knaben wegen, muͤſſet Ihr noch einen Griff thun in Eure eigne Truhe.—— Und wollet Ihr dann gehen?— gegenfragte Monti ſeufzend.— Nicht die Strenge des geiſtlichen Gerichts allein habt Ihr zu fuͤrchten, auch der Arm der weltlichen Gerechtigkeit durfte Euch erfaſſen in kurzer Zeit. Der Marcheſe di Caſſano, Ihr wiſſet, es mangelt ihm nicht an Einſluß zu Madrid, noch am Hofe des Viee⸗ koͤnigg— Wenn Ihr fortfuͤhret durch Euer Treiben das Auge des Volkes auf Euch zu lenken, daß es Dingen auf die Spur komme, die beſſer vergraben ſind in ewige Vergeſſen⸗ heit, er wuͤrde— Ihr habt es erfahren, der Wille der Großen iſt ihr Geſetz, kaltbluͤtig zer⸗ truͤmmern ſie das Werkzeug, deſſen ſie nicht mehr beduͤrfen, und ſelbſt meine— Freund⸗ ſchaft wurde Euch vielleicht nicht mehr ſchtzen koͤnnen.—— Ich verſtehe Euch, werther Doktor— ſprach der Famulus zu dem Liſche zuruͤckkehrend— und nicht unbewußt iſt mir⸗ was Eure Freundſchaft mir zudenkt. Darum — 304— meine ich, ſchließen wir heut' unſere Rechnung ab, ehe es zu ſpaͤt wird fuͤr mich, und in dieſer Abſicht bin ich gekommen.—— Was habt Ihr vor, Aſſanv? ſtotterte Meiſter Liv⸗ nardo, ſich unruhig auf ſeinem Seſſel bewe⸗ gend— Eure Augen rollen ſo wild und Euer Angeſicht iſt graͤßlich zu ſchauen wie eines Moͤr⸗ ders.—— Ha!— lachte jener wild auf— Iſt Euch das Antktz eines Moͤrders ſo be⸗ fremdlich, oder meinet Ihr ein ſolcher muͤſſe einhergehen mit ſuͤßem Laͤcheln und niederge⸗ ſchlagenen Augen, wie Andere, die ich kenne? Nein, immer habe ich die Larve des Heuch⸗ lers verſchmaͤht, der hinterruͤcks mordet, die freundliche Larve des Giftmiſchers, die Eure, hochweiſer Doktor Livnardo Monti!—— Wie kommt Ihr darauf in dieſem Augenblick— fragte der Leibarzt erblaſſend—, ſollen wir in Zorn und Unfrieden von einander ſcheiden, die ſo lange zuſammengehalten in gefaͤhrlichem Spiel?—— Recht ſo— ſchrie der Andere — bald iſt das Spiel aus!— Alle haben wir ſchachmatt geſetzt, nun ſtehet es noch zwiſchen uns zweien. Fuͤllet den Becher, Genoſſe der Suͤnde, und laſſet uns trinken auf das Wohl ʒ . — 305— deſſen, der uͤbrig bleibt als alleiniger Sieger! —— Der Arm, mit dem Lionardo den edlen Falerner in die Becher goß, zitterte krampfhaft, daß die Flaſche klirrend gegen das Metall ſchlug, doch, ſich muͤhſam faſſend, ſprach er mit ge⸗ zwungenem Scherz— Ich gebe Euch nur ein wenig Weines, Aſſano, Ihr ſeyd ohnedem er⸗ hitzt genug, und wenn ich nicht irre, iſt auch dieß Wenige verpoͤnt durch Euren Glauben.— — Fuͤrchtet nichts— entgegnete der Andere, ihm die Flaſche entreißend und ſein Trinkge⸗ ſchirr fuͤlend bis an den Rand— das Chri⸗ ſtenblut, das ich vergoſſen, reicht hin, meine Seele rein zu waſchen von dieſen Tropfen Re⸗ benſaftes, ehe ſie die Bruͤcke betritt, die den Moslem in's Paradies fuͤhret—— drauf leerte er den Becher in einem Zuge und ſchaute mit ſpottendem Nitleid auf den Artt⸗ der mit unſteter Hand den Angſiſchweiß von der blei⸗ chen Stirn trocknete.— Was blicket Ihr ſo unruhig umher? Warum ſtehet Ihr auf? Wol⸗ let Ihr den treuen Gefaͤhrten allein laſſen beim Abſchiedmahle?—— Ihr habt die Zugbrucke nicht aufgezogen im Eintreten— rief Monti ploͤtzlich— laſſet mich, daß ich den Zugang Hipp. Borat. 4r Theil. 20 — 306— ſchließe.— Wie leicht nahte Jemand und horchte unſerm Geſpraͤch.—— Laſſet es gut ſeyn; es geluͤſtet wahrlich Keinem, dem Orte zu nahen, wo die Suͤnder zu Liſche ſitzen, wo in dunkler Stunde die Moͤrder das Blutgeld thei⸗ len und der Tuͤrk in verbotenem Trank dem chriſtlichen Boͤſewicht den Scheidebecher zutrinkt. Geluͤſtet es Euch vielleicht hinaus zu gehen und bei dem Glaubensgerichte den Osman anzu⸗ klagen, damit Eure Freundſchaft ihm eiſerne Feſſeln bereite, ſtatt des ungern entbehrten Goldes, daß die Flammen des Scheiderhaufens ihm leuchten, ſtatt des Glanzes Eurer Juwe⸗ len? Laſſet die Bruͤcke, wie ſie iſt; es kann Euch gleich gelten, iſt ſie auf vder nieder, denn nimmer wird Euer Fuß ſie betreten.—— Worauf ſinnet Ihr, Furchtbarer?— ſchrie der Arzt ſich gegen die erfaſſende Fauſt ſtraͤubend. — Ihr theilet ungern— lachte der graue Buoͤſewicht— auch ich liebe das Theilen nicht. Meinet Ihr nicht, ich kenne Euer Trachten?* hinunter wollt Ihr mich ſtoßen, in den Kerker, den die Sbirren des edlen Marcheſe von Caſ⸗ ſano fur mich eroͤffnet, ich aber ſtoße Euch in ————————— das Grab—, mit dem Spinnengewebe der —————————— — 307— Argliſt gedachtet Ihr mich zu umgarnen, ich zerreiße es mit einem Stoße dieſes Meſſers, den Moslem wollet Ihr mit dem Sanbenito bekleidet zu den Flammen ſchleppen, ſo ſtoße ich Euch, der Tuͤrk den Chriſten, in die ewigen Flammen Eurer Hoͤlle!—— Ein dumpfer Schrei entfuhr den Lippen des Lionardo Monti; zwei Schritte weit taumelte er fort aus den ihn loslaſſenden Faͤuſten Aſſano's, dann ſtuͤrzte er nieder. Als aber der graͤuliche Alte auf den ſterbenden Feind in wildem Triumphe nie⸗ der ſah, toͤnte aus dem verzerrten Munde ein langes Spottgelaͤchter zu ihm empor; es waͤhrte, bis es in das Roͤcheln des Todes uͤberging und vrauf allmaͤhlich eines und das andere verſtumm⸗ te.—— Nun iſt die Verbindung geloͤſ't— ſprach mit dumpfer Stimme Aſſano— in der Weiſe, wie ſie beſtanden, und Blut hat ge⸗ trennt, was Blut zuſammengekittet. Schaue nicht ſo finſter und hoͤhnend empor zu mir⸗ Todter; du liegſt ja nur vor mir, wie du ge⸗ dachteſt, daß ich vor dir liegen ſollte. Schlaf, ſo ruhig du kannſt; ich aber gehe die Erbſchaft zu holen, die du mir unfreiwillig uͤberlaͤſſeſt. Noͤgen dann morgen die Chriſten den ekeln 20* — 308— Leichnam anſtarren, zweifelnd und rathend, ob dich die Hand eines Raͤubers getroffen, der den Weg offen fand, den deine Feigheit ſtets ſo ſorgſam verſchloſſen, oder ob dich das ereilte, was ſie das Strafgericht ihres Gottes nennen, und dem du verfallen biſt durch meine Hand, durch die Hand des Chriſtenverderbers, nach des Propheten Gebot— ich werde fern von hier ſeyn und des Lebens mich freuen und deſ⸗ ſen, was ich gethan in den Luſthainen von An⸗ takiehr), in die ich wieder zuruͤckkehre nach lan⸗ gen Jahren, geſchmuͤckt mit dem Herzblut der Giaur und bereichert mit ihren Schaͤtzen.— Drauf ging er eilenden Schrittes in das an⸗ ſtoßende Gemach.—— Eine kurze Zeit war er darinnen geweſen, da toͤnte ein kurzer, erſtickter Schrei durch die oͤde Villa, deren Bewohner ſtill und regung⸗ los lag, von dem kößtlichen Geraͤthe umgeben, den Pfaͤndern der Niſſethat, und Aſſano er⸗ ſchien gleich darauf wieder in der geoffneten Thuͤr. Aber ſeine Haltung war nicht mehr die *) Antiochien.. — 309 Haltung des Siegers; matt lehnte er ſich an den Pfoſten, eine mißfarbige Todtenblaͤſſe hatte ſein Antlitz uͤberzogen und unter dem geſtraͤub⸗ ten grauen Stirnhaar gluhte das mit Blut un⸗ terlaufene Auge in dunkelrothem Feuer.— Ceufel! ſchallte es langſam durch die zuſam⸗ mengebiſſenen Zaͤhne— Teufel, war es ſo ge⸗ meint?— Ceufel!— bruͤllte er abermals auf, wie der verwundete Tiger, als fuͤhle er ſich plotzlich erfaßt an Seele und Koͤrper von un⸗ geheurem Schmerz— Chriſtenteufel! ſo war doch der Osman dämmer als du?— Und haſtig und hin und her ſchwankend trat er zum Todten, und riß ihm das Gewand aus einander über der Bruſt; da gewahrte er ein kleines goldenes Flaͤſchlein und hob es empor, und der Angſtruf entfuhr ihm: Verloren! verloren!— und er wollte die Hand ausſtrecken in frucht⸗ loſer Wuth, den Leichnam zu faſſen, da riß ihn eine Zuckung ruckwaͤrts und warf ihn auf die Marmorſteine des Bodens, unfern von dem Ge⸗ mordeten. Krampfhaft griff er nach dem gol⸗ denen Geſchirre der Tafel und druckte es an ſich, als erwarte er von dem, fuͤr das er ja die Seele verkauft, Heilung fuͤr die Pein ſeines 35— Leibes. Doch immer heftiger brannten die Flammen, die der Valettrunk des Leibarztes in ſeinen Gebeinen entzuͤndete, immer grimmiger nagte der lange erſtarrte Wurm des Bewußt⸗ ſeyns, erwaͤrmt durch ſie, an dem verwahrloſe⸗ ten Herzen. Unterweilen ſchoß er Blicke des wuͤthendſten Ingrimms auf den ſtummen Gefaͤhr⸗ ten, aber bald ließ ihn das Gefuͤhl eigener Qual unempfindlich werden gegen das, was ihn umgab, und ſein Weſen kaͤmpfte geraͤuſchlos den gewaltigen, verzweiſelten Kampf mit der Ver⸗ nichtung. Der Nachtwind hatte ſich aufge⸗ macht und trug das Toſen der brandenden Wel⸗ len des adriatiſchen Meeres heruͤber in die Zelle, wo das Schweigen des Todes herrſchte; es drang an das Dhr des Verſcheidenden und geſellte ſich zu den Bildern, die allgemach in ſeinem Innern aufſtiegen.—— Die Glocken des Domes hallen— ſtoͤhnte er— Koͤnig Alexander iſt nicht mehr— laſſet ihn nur kommen, den Siegmund, den ſie nun ſchon den Alten nennen, der alte Haſſan hat ihm den Willkommen bereitet mit dem Peter von Balin. —— Was ſchneideſt du mir in die Lippe, ſchnoͤder Graukopf, denkſt du, du werdeſt mir. — 311— entrinnen?— Sieh, ſchon ſtarret dein Haupt auf der Lanze— ſie reißen es herab und wer⸗ fen es in den Teich, deſſen Wellen— horch, wie ſie brauſen—— Schaue nicht ſo ver⸗ klagend auf mich und den hohen Mann⸗ der zu Roſſe ſitzt.— Auch ihn trifft mein Arm⸗ wie er dich getroffen— Sein Auge bedeckt ſich mit ewiger Nacht, und das Schreien ſeiner Verzweiflung verſtummet nur im Tode— Schaue dankbar und laͤchelnd auf mich, denn ich bin es, der deinen Todfeind verrathen— Rufe nur Weh uͤber mich in der Kerkernacht, Michael Glinski; fluche dem Undankbaren! Biſt du nicht auch der Verraͤther Einer, und haſt dei⸗ nem Koͤnig und Herrn äbel vergolten? Ich lache dein, Chriſt, denn ich bin die Geißel Ma⸗ homeds, die er ausgeſtreckt hat uͤber die Voͤlker der Mitternacht! Drum fort von mir, bleiches Geſpenſt des Blinden; du haſt keinen Theil an mir!— Was trittſt du zu mir⸗ zugendliches Frauenbild mit der Krone in den modernden Locken?— Ich war es nicht, nicht ich. Zu dem Schlaͤfer da dräben wende dich⸗ er hat dir den Umtrunk gewuͤrzt wie mir— beuge dich uͤber ihn, faſſe mit den leiſchloſen Haͤnden ſein ſtarres Gebein, und deine Klage uͤbertaͤube bie Gebete ſeiner Prieſter, und toͤne ihm nach eine lange Ewigkeit hindurch in der Hoͤlle der Giau⸗ ren— Dahin gehe ich nicht, ich ſteige em⸗ por zum Paradieſe des Propheten, deſſen Ver⸗ aͤchter ich gewuͤrgt, wie es dem Moslem ge⸗ ziemt.— Was ſchaueſt du mich ſo finſter an, Vrael!*) Sieh, dieſe Haͤnde voll Blut— lauter Herzblut der Chriſten iſt es— ſo oͤffne denn das goldne Thor— du weigerſt dich?— Wer biſt du?— ſchrie er mit der letzten An⸗ ſtrengung der ſchwindenden Kraft: Wer biſt du, bleiche Knabengeſtalt mit den ſchwarzen Fitti⸗ gen?— v ich kenne dich, du biſt der duͤſtere Engel**)— Warum flieht dein Gefaͤhrte mit dem glaͤnzenden Geſieder des Schwans?— Bleibt er nicht, daß er mich fuͤhre zum ſieben⸗ ten Himmel, der den Glaͤubigen beſtimmt iſt? — Sieh, es iſt nicht Wein, es iſt nicht der verbotne Saft der Rebe, der mir den Bart faͤrbt; ein Gekoch der Hoͤlle iſt es, des todten — * Azrael, der Todesengel der Mahomedaner. *) Nach dem Glauben der Morgenlaͤnder treten zwei Engel, ein weißer und ein ſchwarzer, zur Seele des Abgeſchiedenen, ſich um ihren Beſitz ſtreitend. — Giaur Gekoch, deſſen, der neben mir ſo ruhig liegt und nicht klagen will wie ich.— Du weigerſt dich, ſchwarzer Engel? Dein Gefaͤhrte zommt nicht zuruͤck? Warum faſſeſt du mich ſo mit kaltem Arm? Warum druckſt du mich an die wunde Bruſt mit rothen Eistropfen be⸗ perlt?— O ich kenne dich— laß mich, laß mich! Nicht dahin, nicht dort iſt das Paradies⸗ wo der dunkle Schlund gaͤhnt.— Laß mich los aus deiner Umſtrickung, dunkelbeſchwingter Geiſt, der du jenes Knaben Zuͤge traͤgſt— Weh— hinunter— hinunter!———— Es war nun ganz ſtill geworden im Gemach, und nur das Brauſen des Windes und der Wellen Getoͤſe hallte gegen die gewoͤlbten Mau⸗ ern; die erloͤſchende Lampe wiederglaͤnzte ſchwach an den goldnen Geſchirren und in den unge⸗ ſchloſſenen Augen der Todten, da trat Jemand eilig herein. Eine Frau war es, im beſtaubten Reiſegewand, mit wild vom Nachtſturm aufge⸗ loßtem Haar, und ein Wanderſtab ſtutzte die Schritte der Ermüdeten. Ihr Mund ſchien ge⸗ oͤffnet, die Bewohner des Hauſes zu begruͤßen; als ſie ſie aber gewahrte, erſtarb der begonnene Laut. Wohl ergriff der ungeahnte Anblick ſie — 314— mit allen ſeinen Schrecken, doch, als ſie ſich nun herabgebeugt hatte auf die Liegenden, auf Einen nach dem Andern, und ſie ſich wieder emporhob, ſtand ſie eine Zeit lang ſinnend; ein finſteres Laͤcheln ſchlich uͤber die verwelkten Zuͤge der Greiſin, und feſten Schrittes ging ſie, die Zugbruͤcke aufzuziehen, die ſie niedergelaſſen gefunden. Kein Zeuge berichtet uns die Ver⸗ richtungen der Fremden bis zum Anbruch des folgenden Morgens; als aber zur gewoͤhnlichen Zeit Giulio der Fiſcherknabe erſchien, ſeinen Dienſt zu verſehen, fand er von dem ehemali⸗ gen Bewohner und ſeinem Gaſt keine Spur, und an ihrer Stelle die Alte, die, der Landes⸗ ſprache unkundig, die Fragen des Beſtuͤrzten unbeantwortet ließ. Bald ward zu Bari rucht⸗ bar, ſo weit man es erklaͤren mochte, was in der Villa ſich zugetragen, und ſie ward noch am naͤmlichen Tage mit Wache umftellt. Als der neue Statthalter anlangte, war dieſer Be⸗ richt der erſte, den er erhielt; die Muͤßigen im Lande freuten ſich ſchon im Voraus der pein⸗ lichen Unterſuchung, die nun folgen wuͤrde, und der Hinrichtung der wandernden Alten, ihres wahrſcheinlichen Schickſals. Auch ſchien — 315— der Marcheſe di Caſſano nicht geringes Gewicht auf dieſen Vorfall zu legen; er begab ſich un⸗ geſaͤumt an den bezeichneten Ort, aber er hatte noch nicht eine Stunde mit der Fremden ohne Zeugen zugebracht, als er, heraustretend, ſie für voͤllig vorwurfsfrei und als jetzige Beſitzerin des Landhauſes erklaͤrte. Die Verwunderung, die dieß erregte, verſchwand nach und nach⸗ und man beruhigte ſich um ſo eher, als in der Folge die Zugbrucke immer gangbar blieb, Haus und Gaͤrten in den beßten Stand geſetzt wur⸗ den, und die wandernde Alte, umringt von glaͤnzender Dienerſchaft und zahlreichem, wohl⸗ aufgenommenen Beſuch, bald für eine Dame hohen Ranges galt, die aus weiter Ferne her⸗ uber gereiſet, in aller Schnelligkeit mit dem ab⸗ handen gekommenen Fremden den Kauf uͤber das Beſitzthum geſchloſſen, und nun Willens ſey, den Reſt ihrer Tage daſelbſt herrlich und in Freuden zu verleben.—— 10. Die Abſicht Bonens von Mailand war er⸗ füllt; ſie hatte alles Lebensgluͤck um ſich her vernichtet, und auf ſeinen Truͤmmern ſtieg das Gebaͤude ihrer Entwuͤrfe empor. Katharina von Beſterreich erſchien, der verſtorbenen ſchoͤnen Schweſter und der liebreizenden Barbara Stelle zu erſetzen, und Siegmund Auguſt, der dem Gluck entſagt hatte, reichte ihr die Hand, wel⸗ che das Hert nicht begleitete, zum dritten Ehe⸗ bande. Die Feierlichkeiten des Beilagers und der Kroͤnung der neuen Koͤnigin waren glaͤn⸗ zend, doch der truͤbe Froſt des Braͤutigams und die Trauerkleidung, die er auch an dieſem Tage nicht, und nie wieder ablegte, ſtimmten wenig zu dem lauten Pomp des Hochzeitfeſtes. Als dieß voruͤber war, trat Hippolyt Boratynski vor ihn, Abſchied zu nehmen. Da ſprach Siegmund der zweite: Ihr geht hinaus, den Schmerz zerſtoͤrter Hoffnung in der Einſamkeit zu ber⸗ gen, Ihr fliehet den Ort, wo Ihr das Ver⸗ lorne fortan nicht findet, und ſuchet die Ruhe am haͤuslichen Herde in der Burg Eurer Vaͤ⸗ ter. Uns iſt ein Anderes beſchieden— Wir begegnen in dieſem Koͤnigſchloſſe, dem zu entſlie⸗ —hen Uns nicht geſtattet iſt, fort und fort der Erinnerung und dem Vergleich zwiſchen Ehe⸗ mals und Jetzt. Wir beneiden Euch, Herr Staroſt, obſchon Ihr ſelbſt nicht gluͤcklich ſeyd, — 317— Wir beneiden Euch die freie Ergießung im Kreiſe der Euern, des achtbaren Bruders troͤſ⸗ lichen Zuſpruch, denn der Anſtand Unſerer Wurde draͤngt die erleichternde Klage zurͤck, die keine Entgegnung finden wuͤrde bei den Unſern, als kuhles Bedauern und— Schlim⸗ meres noch. Wir wuͤrden Euch zuruͤck halten⸗ doch thuet Ihr beſſer, Ihr gehet; das Leben iſt hier zu einem ſchalen Prunkfeſt worden, da die Muſikanten den unluſtigen Taͤnzern mun⸗ tere Lieder aufſpielen, und jeder ſich herum⸗ treibt in pflichtſchuldiger Froͤhlichkeit, bis die Kerzen nun ausgeloͤſcht ſind und in langverhal⸗ tenem Gaͤhnen ein Jeder nach Hauſe ſchleicht. Wenn jedoch die Koͤnigin Mutter gehofft hatte, Siegmund Auguſt, nun losgeriſſen von allen feſtern Banden, werde ſich unter die Vormundſchaft beugen, die ſie einſt uͤber den wankelmuͤthigen ſorgloſen Juͤngling zu behaup⸗ ten ſtrebte, fand ſie ſich getaͤuſcht; das Un⸗ gluͤck ſeines Hauſes hatte zwar ſeine Eigen⸗ thuͤmlichkeit nicht veraͤndert, doch war ſein Herz gehaͤrtet worden, durch die Narben der tiefen, ihm geſchlagenen Wunden; — 318— ſelbſt dann, als die Zeit und die Lebhaftigkeit ſeines Gemuͤths ihn die Erinnerung an die Vergangenheit im Geraͤuſche der Feſte und ſte⸗ ter Zerſtreuung betaͤuben ließ, fuͤhlte er doch ſtets, das Gluͤck ſeines Lebens ſey dahin, und das, was er verloren, trat vor ihn bei jedem Blicke auf die, welche es ihm raubte, und auf alles, was in Beruͤhrung mit ihr ſtand. Ruͤck⸗ ſichten der Staatsklugheit hatten ihn bewogen, die Erzherzogin Katharina auf den Thron zu erheben; ſchon in den erſten Tagen ihrer Ver⸗ bindung verbarg er ihr nicht, daß ſie dieſen, nicht ſeiner Wahl den Namen ſeiner Koͤnigin verdanke; ihr Geſundheitzuſtand und ihr we⸗ nig vortheilhaftes Aeußeres vermehrte eine Ab⸗ neigung, die bald darauf der beleidigten Gemahlin laute und ungemeſſene Klagen in offenen Widerwillen verwandelte, welcher ſie vom Hofe nach der Stadt Radom verbannte. Wichtige Ruͤckſichten hatten ihn vermocht, die Thaten ſeiner Mutter vor den Augen der Welt nicht offenbar werden zu laſſen, doch wurtelte der unterdruͤckte Ingrimm nur um ſo tiefer; alle Verſuche die einſtige Gewalt uͤber den Sohn wieder zu gewinnen, ſchlugen zur De⸗ — 319— muͤthigung der verwittweten Koͤnigin aus; nie kamen Mutter und Sohn zuſammen, ohne in heftige und ſcharfe Worte auszubrechen, und Bona von Mailand war genothigt, ſich anfangs nach Gomolin und drauf nach Warſchau zurück⸗ zuziehen. Spaͤt erſt uͤberzeugte ſich die herrſch⸗ gierige Frau, daß ihr Beſtreben umſonſt ſey⸗ und ſie immerdar in dem Sohne, den ſie fuͤr ſo lenkbar gehalten, nur einen erbitterten Ge⸗ bieter ſehen werde, den einzig das Gebot des Anſtandes von offener Bethätigung ſeiner wah⸗ ren Empfindung zuruck hielt. Als ſie nicht mehr an der gaͤnzlichen Vernichtung ihres An⸗ ſehns zweifeln konnte, beſchloß ſie, ſich aus Polen zu entfernen und nach ihrem Erb⸗ furſtenthum Bari im Foͤnigreich Neapel zu be⸗ geben. Ihre Abreiſe, oder vielmehr die Hin⸗ wegfuͤhrung ihrer Schaͤtze fand lebhaften Wi⸗ derſtand bei dem Senat und der Ritterſchaft, doch dem Koͤnig, dem ihre Gegenwart druckend war, gelang es, dieſe Hinderniſſe zu beſeitigen, und ſie verließ am 1ſten Februar 1556 War⸗ ſchau, nachdem ſie, zwei Jahre vorher, ihre für die damalige Zeit ſehr anſehnlichen Reich⸗ thuͤmer insgeheim nach Italien abgeſendet hatte. — 320— Man ſchätzte die Summen baaren Geldes, wel⸗ che ſie hinweg geſchafft und zum Theil in die Bank von Venedig niedergelegt hatte, auf 7,000,000 polniſche Gulden, nach dem dama⸗ ligen Muͤnzfuße und Verhaͤltniß des Geldes im Handel, wenigſtens zwoͤlfmal ſo viel, als heut zu Tage dieſe Summe anzeigen wuͤrde, alſo 14,000,000 Thaler, von dem ſie alsbald dem Koͤnig Philipp 1l. von Spanien, die ver⸗ wittwete Koͤnigin von Polen dem Herrn von Peru, 320,000 Dukaten lieh, die man unge⸗ faͤhr mit 2,000,000 der heutigen gleichſtellen kann. Niemals ſind Kapital und Intereſſen 1 zuruͤckgezahlt worden, und bei jeder Thronbe⸗ ſteigung, von dort an bis auf die neueſte Zeit, ward die Eintreibung dieſer„bariſchen Sum⸗ men“ vom neuen Koͤnig gefordert, bei jedem Reichstage er an dieſelbe erinnert, und man unterließ beides auch dann noch nicht, als nach dem Verlauf einiger Jahrhunderte dieſe Maß⸗ regel zu einer leeren Foͤrmlichkeit geworden 6 war. Ihre Stieftochter die Koͤnigin Iſabella von Ungarn, nebſt ihrem Sohne dem kleinen Jvhannes von Zapolya, auch ihre beiden noch unverehlichten Toͤchter, Anna, die nachher Koͤ⸗ — 321— nig Stephans Gemahlin ward, und Katharina, welche ſpaͤter an Johannes UI. Seite den ſchwediſchen Thron beſtieg, waren bei ihrer Abreiſe gegenwaͤrtig doch Siegmund Auguſt war es nicht.— Die Prinzeſſinnen, ſaßt die Geſchichte, zerfloſſen in Thraͤnen beim letzten Gruß, den ſie der ſcheidenden Mutter boten, doch dieſe, ſetzt ſie hinzu, eine der reichſten Fuͤrſtinnen ihrer Zeit⸗ fand nicht fuͤr gut, den Toͤchtern, die ſie nimmer wiederſehen ſollte, das kleinſte Zeichen der Erinnerung zu hinterlaſſen, und keine Regung menſchlicher oder muͤtterli⸗ cher Gefuͤhle gewahrte man auf ihrem Antlitz. — Noch einen Zug Bonens von Mailand bei derſelben Veranlaſſung haben uns die Jahrbuͤ⸗ cher mitgetheilt. Als ſie zu Oyrzanow, dem erſten Nachtlager von Warſchau aus, in den Wagen geſtiegen war⸗ rief ſie den Kaſtellan von Belzk, Petrus Boratynski, welcher ſich unter den koͤniglichen Kommiſſarien befand, und er⸗ mahnte ihn Sorge zu tragen, daß die verſchloſ⸗ ſenen und verſiegelten Gewoͤlber, in welchen ſie viele Schätze fuͤr den Koͤnig und ſeine Schwe⸗ ſtern zuruͤck gelaſſen, wohl unter Auſſicht ge⸗ nommen wuͤrden, indem er mit den Andern Hipp. Borat. ar Theil. 21 5 — 322— fur das daſelbſt Befindliche verantwortlich ſeyn wuͤrde.— Der Kaſtellan erklaͤrte, ſolche Ver⸗ antwortlichkeit koͤnne die nicht treffen, denen weder das Verzeichniß des Angegebenen noch die Schluſſel der Schatzkammer anvertraut ſeyen, und gab zu verſtehen, es zieme ſich, dieſelben zuruͤck zu laſſen.— Da dieſer Vorſchlag wenig Eingaug fand, aͤußerte er freimuthig ſeinen Zweifel, ob ſich Dinge von hohem Werth oder ͤberhaupt Etwas in den genannten Gewoͤlbern befaͤnde, denn niemals habe man an Ihrv Ma⸗ jeſtaͤt ſonderliche Vorſorge fuͤr ihre Kin⸗ der wahrgenommen.— Bona Sforza be⸗ hauptete mit großem Eifer das Gegentheil; der Verfolg des Geſpraͤchs fuͤhrte den Kaſtellan zu mancher nicht glimpflichen Mahnung an das Geſchehene, und er ſchloß damit, ihr anzudeuten, es ſev Jedermann bekannt, welche Reichthuͤmer ſie durch Feilbieten der Aemter und Wuͤrden zuſammengehaͤuft, und mit Unmuth ſaͤhe man, daß ſie dem Lande entzogen wurden, in dem ſie dieſelben erworben.— Da gebot die Koͤnigin, die Pferde anzutreiben; die Muthmaßung des Boratynski fand ſich bei Eroffnung der Gewoͤlber beſtaͤtigt, man fand wenig oder nichts von den angekuͤndigten Reichthuͤmern. — 323— Die Reiſe der Wittwe Siegmund des Alten durch das Reich ihres Sohnes glich einer Flucht. Nit moͤglichſter Schnelle und geringem Aufent⸗ halt legte man große Tagreiſen zuruͤck, und, ſo viel es thunlich war, den Blicken des Volkes ausweichend, das, wie es gewohnlich zu geſche⸗ hen pflegt, von dem Geſchehenen halb unter⸗ richtet, Wahres und Unwahres der hohen Rei⸗ ſenden zur Laſt legte, und deſſen Begruͤßungen eben ſo wenig allzu freundlich waren, als der Nachruf, welcher hier und da den raſch voruͤber⸗ raſſelnden Wagen folgte, einem Wunſche gluck⸗ licher Reiſe glich. Als man ſich der ſchleſi⸗ ſchen Graͤnze naͤherte, erfuhr man zu ziemli⸗ cher Beunruhigung, ein Haufe von ungefaͤhr anderthalb Hundert berittenen Sdelleuten warte in einem Walde der Koͤnigin Mutter⸗ und man befurchtete nicht ohne Grund, es ſey we⸗ niger ihre Abſicht, derſelben ihre Ehrfurcht zu bezeigen, als ihr Gepaͤck einer kleinen unbe⸗ fugten Graͤnzbeſichtigung zu unterwerfen, und, ſo viel dieſe Herren koͤnnten, ein Jeder fuͤr ſeinen Theil etwas von dem an ſich zu brin⸗ gen, was die Mailaͤnderin, wie es hieß, dem Sttat und folglich nach dem damaligen Begriff 21* — 324— der Sdelleute ihnen ſelbſt entwendet haͤtte. Je weiter man kam, je beunruhigender wurden die Berichte; in der Naͤhe von Krakow verſicherten die befragten Landleute, man habe mehrere Schaaren Reiterei weſtwaͤrts ziehen ſehen, und die Angabe ihrer Zahl verzehnfachte ſich allge⸗ mach in dem Munde der Warner. Wollten dieſe Nachbarn der Hauptſtadt, bei denen Bo⸗ na Sforza um ſo weniger beliebt war, als ſie mehr von dem wußten, was ſich begeben hatte, ſie beaͤngſtigend dem alten Widerwillen genug thun, oder war es ihnen unbekannt, daß jene Schaaren vom Großfeldherrn ausgeſandt waren, eben um das Befürchtete zu verhuͤten; genug, die Koͤnigin und ihre Begleiter glaubten ſich auf allen Seiten von Feinden verfolgt, die ihr Leben, oder wenigſtens ihre Schaͤtze bedrohten. Um nun beides ſicher zu ſtellen, ließ man das Gepaͤck auf ungebahnten Waldwegen bei Nacht⸗ zeit uͤber die Graͤnze gehen, waͤhrend Bona ſelbſt in einer andern Richtung, zu Pferde und nur von Wenigen gefolgt, Maͤhren zu erreichen eilte, und Ollmuͤtz, wohin ſie die Uebrigen be⸗ ſchieden. Es war einer der unfreundlichſten Tage des 1 6 — ,—— — ,—— — 325— Spaͤtwinters, an welchem die verwittwete Koͤ⸗ nigin von Polen das obere Schleſien durch⸗ reiſte; vom Morgen an ſtrömte ein eiſiger Regen, mit großen halbzerſchmolzenen Schnee⸗ flocken vermiſcht, vom grau umwoͤlkten Himmel herab, und durch das anhaltende Schlackenwetter waren die Wege grundlos geworden. Voͤllig durchnaͤßt und ſehr ermuͤdet langte man in dem sden Waldgebirge an, welches bei Schloß Fried⸗ land die Markgrafſchaft Maͤhren vom Fuͤrſten⸗ thum Teſchen ſcheidet. Die tief haͤngenden Aeſte der Kiefern hatten gegen die Haͤupter der darunter hinweg Eilenden ſchlagend ihre feuchte Laſt auf ſie herabgeſchuͤttelt, der aufſpritzende Koth hatte ſowohl die Roſſe als auch die Rei⸗ ter mit einer entſtellenden Rinde bedeckt, und niemand haͤtte wohl unter der Zahl dieſer wun⸗ derlich anzuſchauenden Fremden die Koͤnigin von Pohlen vermuthet⸗ die Wittwe des Mo⸗ narchen, welcher zu fruͤherer Zeit in dieſen Ge⸗ genden herrſchte.*) Das Dorf Friedland ſelbſt, aus wenigen aͤrmlichen Hutten beſtehend, bot kein Nachtlager an, welches fuͤr eine Dame wie Bona Sforza annehmbar geweſen waͤre, *) Siehe den erſten Theil. — 326— und da ſie aus mehreren Gruͤnden ſich nicht zu einem Stande bekennen wollte, welchen auch uͤberdieß das unvortheilhafte Anſehen der kleinen Schaar in den Augen der ehrlichen Landleute, die ſich ohne Seepter und Krone keine Koͤnigin zu denken vermochten, wohl zwei⸗ felhaft gemacht haben wuͤrde, begnuͤgte man ſich alſo in dem uͤbelduftenden Kretſcham, in wel⸗ chen man ſich vor der wachſenden Wuth des Wetters gerettet hatte, nachzufragen, ob das Schloß bewohnt ſey, und der Beſitzer den ermat⸗ teten und von Regen und Froſt durchdrungenen Reiſenden ein Obdach goͤnnen werde? Die Antwort lautete zweifelhaft: Schloß und Ge⸗ biet von Friedland, hieß es, ſeyen dem Her⸗ zoge von Ratibor zuſtaͤndig, welcher aber das erſte niemals bewohne— doch habe er es ſeit mehreren Jahren einer fremden Dame einge⸗ raͤumt, welche Allerdings ihnen Aufnahme ge⸗ waͤhren koͤnne, doch ſey es ungewiß, ob ſie ſol⸗ ches auch wollen werde, da ſie ſtets in großer Zuruͤckgezogenheit gelebt, und ſeit einem Un⸗ fall, der ſie vor Kurzem betroffen, in tiefen Kummer verſenkt, jede Stoͤrung noch mehr ſcheue als fruͤher. Indeß ward den Anfragen⸗ den ein guͤnſtiger Beſcheid. Man geſtattete den Eintritt fuͤr dieſe Nacht, inſofern die Frem⸗ den ſich mit einer Freiſtatt vor dem wilden Wetter und mit Geringen begnuͤgen wollten⸗ das ein Haus darbieten koͤnne, welches ſo we⸗ nig als ſeine Bewohnerin zum Empfang von Gaͤſten eingerichtet ſey. Mit Unmuth hatte die Koͤnigin vernommen⸗ daß ſie ſich noch in⸗ nerhalb der Beſitzthuͤmer eines Fuͤrſten aus dem Hauſe der Piaſten befaͤnde, deſſen Abnei⸗ gung ihr ſo wohl bekannt war als die Trieb⸗ federn derſelben, und nur widerwillig betrat ſie das Haus eines ſolchen. Indeſſen die Noth⸗ wendigkeit erkennt kein Gebot; ſie entſchloß ſich der wenig dringenden und weniger noch verſprechenden Einladung zu folgen, nachdem ſie in einigen Worten ihren Dienern das ſtrengſte Stillſchweigen anempfohlen.— We⸗ der das Anſehn der Burg, noch die Aufnah⸗ me, welche man daſelbſt fand, war geeignet, die Erwartung von den Annehmlichkeiten dieſes Aufenthaltes zu erhoͤhen. Zwar ſiel die Zug⸗ prucke ſogleich uber den ſchlammigen Graben, als die Königin nahte, doch kam ihr niemand entgegen als ein alter Hausverwalter deſſen — 328— muͤrriſches Geſicht und verbroſſenes Weſen deut⸗ lich genug zu erkennen gaben, wie wenig der unerwartete Zuſpruch auch ihm willkommen ſey; er leuchtete demſelben mit einer verblinde⸗ ten Hornlaterne vor, uͤber einen geraͤumigen Hof, der, ſowohl als die ihn umſtehenden Ge⸗ baͤnde, deutliche Spuren der Veroͤdung trug. Keines Menſchen Stimme noch Tritt ſchallte ihnen entgegen aus den finſtern Mauern, und nur ein Licht brach, wie es den Anſchein hatte, aus einem Gemach im Kellergeſchoß eines runden, thurm⸗ ͤhnlichen Gebaͤudes, das dem entfernteſten Fluͤ⸗ gel des Schloſſes angefuͤgt war. Ohne den kur⸗ zen Worten der Bewillkommung mehrere hinzu⸗ zufuͤgen, fuhrte er die Gäſte durch lange Gänge, deren eiſerne Ampeln ſeit geraumer Zeit keinen Dienſt geleiſtet zu haben ſchienen, in eine Reihe weiter, leerer Gemaͤcher, nur nothduͤrftig und mit ſolchem Geraͤth verſehen, das man, als der Fortbringung unwerth, in verlaſſenen Wohnun⸗ gen dem Zahn der Zeit, dem freſſenden Staube und dem verwuͤſtenden Roſt uͤberlaͤßt, welche hier uͤberall ihr Recht geltend gemacht hatten. Den einzigen, erfreulichen Anblick in dieſer un⸗ wirthlichen Behauſung gewaͤhrten die uͤberall in weiten Kaminen angezuͤndeten Feuer, und die verſtummte Reiſegeſellſchaft vergaß fuͤr einen Augenblick, ſich ihres Lichtes und ihrer Waͤr⸗ me erfreuend, des vergangenen Tages Muͤhſe⸗ ligkeit und das wenig Bequemlichkeit verheißende Nachtlager. Die Wirkungen des Sturmes, des geſchmolzenen Schnees und boͤſen Weges mach⸗ ten es ſchwierig, die Herrin von den Dienern zu unterſcheiden; auch ſchien der ſchweigſame Hausmaier ſich nicht ſonderlich um Stand oder Namen der Angekommenen zu bekümmern; mit kurzen Worten deutete er allen an, ſie moch⸗ ten ſich einrichten, ſo gut ſie wollten und koͤnn⸗ ten, und entfernte ſich darauf, ihnen, wie er ſagte, die Erquickungen zu verſchaffen, die an einem Orte zu ſinden waͤren, wo die Ankunft Fremder ein ſeltenes Ereigniß ſey. Auch tie⸗ hen ihn die Nahrungsmittel⸗ mit denen er drauf ohne beſondere Umſtaͤnde einen großen, eichenen Liſch in einem der erſten Gemaͤcher bedeckte, nicht allzugroßer Beſcheidenheit. Eines an⸗ ſcheinend geringen Mahles geringere Ueberreßte, und ein Krug Sliwowica(Pflaumenbranntwein) waren es, was man der Koͤnigin von Polen und ihren verwoͤhnten Hoͤflingen bot, und ſo wenig — 330— der Alte ſie noͤthigte, dem kargen Mahl ſein Recht anzuthun, ſo wenig ſchien er die ſtolze Verſchmaͤhung zu gewahren, mit der die Erſten des wandernden Trupps das Aufgetragene der niedern Dienerſchaft uͤberließen. Beſchaͤftigt mit manchen truͤben Gedanken, denen die Um⸗ gebung eine noch truͤbere Farbe lieh, beſchloß die Koͤnigin, den Reſt der Nacht in einem Lehn⸗ ſeſſel am Feuer zuzubringen, und ihr Gefolge beeilte ſich, auf das Gebot der uns bekannten Staroſtin von Kobryn, Faleczeska, die feuchten Gewaͤnder aus dem Gepaͤck zu ziehen, um ſie an den Flammen der Kamine zu trocknen. Roch war der Hausmeiſter im Zimmer, wo dieß vor⸗ genommen ward, beſchaͤftigt mit Abraͤumen der kaum beruͤhrten Lebensmittel, und ſo geſchah es denn, daß er die funkelnden Stickereien be⸗ merkte, die den blauſammetnen Ueberzug eines dieſer Reiſeſaͤcke verzierten.— Zwar ſuchte Frau Falezeska, alsbald dazwiſchen tretend, ihm den Anblick des koͤniglichen Wappens zu entziehen, doch ſchien ihr Beſtreben uͤberfluͤſſig, kein Zei⸗ chen erregter Neugier ward an dem Alten ſichtbar, und wortkarg wie immer und rauh be⸗ antwortete er die etwas ſchneidende Frage der — 331 Hofdame, wo ſeine gebietende Frau ſich dieſe Art angeeignet habe, Reiſende von einiger Be⸗ deutung auftunehmen? Schon hatten ſich die Diener der Monar⸗ chin in den vorderſten Zimmern dem Schlaf überlaſſen, deſſen ſie ſo ſehr bedurften; nur zwei von ihnen wachten, die, auf ihre Hellebar⸗ den gelehnt, den Thürſteherdienſt verſahen, und die Frau Falctzeska, welche, das Recht ih⸗ res Ranges behauptend, im zweiten Zimmer al⸗ lein vergeblich den Schlummer rief, den der unbequeme Sitz verſcheuchte.— Auch die Koͤ⸗ nigin ſchlief nicht.— Ihr konnte nicht wohl ſeyn, in den Gemaͤchern eines Piaſten; dieſes veroͤdete Haus mahnte ſie ſinnbildlich an den Verfall des Geſchlechtes, den ſie ſelbſt ja mit verderbender Hand vollendet; bleiche Schat⸗ ten der Erinnerung glitten dahin an dieſen ſchmuckloſen Mauern und ſchauten anklagend auf ſie. Manches andere Bild geſellte ſich zu ihnen; ſie fuͤhlte auch, ihr Haupt ſei ſchon be⸗ ruͤhrt von der Hand der Vergeltung, und fruchtlos ſuchte ſie durch einen Blick in die Zukunft, die ihr alle Genuͤſſe des Reich⸗ — 332— thums und Ranges im bluͤhenden Vaterlande verhieß, den immer wiederkehrenden Gedanken an die Macht und Hoheit zu verdraͤngen, die allein ihrem Geiſte genuͤgen konnten, und die ſie nun auf immer verloren. Herabgeſtiegen war ſie von dem Thron, auf dem ſie acht und dreißig Jahre geſeſſen; eine Fluchtige, verfolgt vom Haſſe des Volkes, auf das ſie einſt her⸗ abgeſchaut mit verachtendem Hochmuth, hatte ſie keine Freiſtatt gefunden, als dieſe verwuͤſtete Burg, deſſen Bewohner der einſtigen Gebiete⸗ rin der glaͤnzendſten Hofſtatt die karge Gabe mit Widerwillen reichten, wo die Nennung ih⸗ res Namens allein eine Schaar ſie vielleicht ſchon jetzt umgebender Feinde zur Rache auf⸗ rufen konnte. Der nahen Flammen ungeachtet, durchbebte bei dieſem Gedanken Froſt ihr Ge⸗ bein; ſie huͤllte ſich dichter in den waͤrmenden Pelz und wuͤnſchte den zogernden Morgen her⸗ auf, daß er ſie hinweg aus dieſer unheimlichen Herberge und zu dem befreundeten Olmutz fuͤhre, wo der Blutsverwandtin des Kaiſers, der treuen Anhaͤngerin des Hauſes Heſterreich, ein glaͤn⸗ zender Empfang bereitet wart — ——— —,— ——— — 333— Da that ſich die aͤußere Thuͤr auf, und unerwartet in dieſer ſpaͤten Stunde trat der Hausmeiſter ein. Die mit dem Schlaf muͤh⸗ ſam kaͤmpfenden Thuͤrhuter ließen ihn hindurch⸗ als ſie gewahrten, er ſei allein, und wie er im zweiten Gemach der Staroſtin erklaͤrte, er kom⸗ me mit Botſchaft von der Frau des Hauſes⸗ fand dieſe, obſchon befremdet und unzufrieden mit der Stoͤrung, doch fuͤr gut, ihn zu Bonen von Mailand zu fuͤhren.— Es habe, ſagt er, ſeine Herrin erſt jetzt in Erfahrung gebracht, daß unter den Gaͤſten dieſer Nacht ſich eine Dame von Rang befaͤnde, und die Aufnahme mißbilligend, welche derſelben widerfahren, lade ſie ſie ein, ihr ihre Geſellſchaft an einem Orte zu gewaͤhren, welcher ſich beſſer fuͤr ſie eigene, als die wuͤſten Prunkgemacher piaſtiſcher Fuͤr⸗ ſten.—— Wohl daͤuchte dieſe Sendung um Ritternacht der Koͤnigin ungewoͤhnlich, doch ſehnte ſie ſich, das Zimmer zu verlaſſen und eine Umgebung, die ihrer Mißlaune nur zu viel Nahrung gewaͤhrte; ſie fuͤhlte uberdem, daß nur ihr wirklicher Rang, den ſie in dieſer Burg beſonders zu verheimlichen noͤthig fand, ihr ge⸗ ſtatten konnte, eine ſolche Aufforderung zuruck⸗ — 334— zuweiſen. Sie ſtand demnach auf, und folgte dem Hausmeiſter, von der Staroſtin begleitet; auf den Wink der letztern traten die beiden Hel⸗ lebardentraͤger den Abgehenden nach, und die erwachende Dienerſchaft erhob ſich von den aus⸗ gebreiteten Strohgarben. Stumm wie erſt, leitete der Greis die beiden Damen die ſchallen⸗ den Galerien hinab, zu einigen abwaͤrts fuͤhren⸗ den Stufen. Abermals lagen gewoͤlbte Gaͤnge vor ihnen, und dann wieder Treppen, doch kei⸗ ne von dieſen ging aufwaͤrts, und die feuchte Moderluft, die ihnen entgegen wehte, als ſie die letzten Stufen hinuntergeſtiegen waren, deu⸗ teten ihnen an, ſie befaͤnden ſich unter der Oberflaͤche der Erde. Da brach Bona das Stillſchweigen fragend: Wohin fuͤhreſt Du uns, Alter? Ich hoffe nicht, daß Du Unrechtes im Sinne haſt? Es iſt im Dorfe nicht unbekannt geblieben, daß wir Herberge gefunden in dieſer Burg, und wenn uns Schlimmes begegnete, wuͤrde Unterſuchung und Strafe nicht ausblei⸗ ben.—— Beſorget nichts— erwiederte der Alte mürriſch, doch mit uberzeugender Ru⸗ he— Ihr ſeid im Schloſſe eines ſchleſiſchen Herzogs, und in ihm lauert der Moro nicht, er — 335— ſey denn herein gefuͤhrt von fremder Hand.— Auch iſt es meiner Gebieterin Zimmer, wohin ich Euch fuͤhre, und da ſie darinnen wohnt ſeit mehr denn einem Jahre, koͤnnet ihr wohl eine Nacht durch dort ausdauern.—— Ein ſelt⸗ ſamer Geſchmack— meinte die Staroſtin— ſcheinet es doch eher, wir nahen uns der Be⸗ hauſung der Todten, als dem Kloſet einer ade⸗ ligen Burgfrau.—— Meinet Ihr?— ſprach der Alte, eine ſchwere Eiſenthuͤr offnend⸗ die in eine Art Vorhalle führte— tretet nur ein; doch lautet die Einladung meiner edlen Frau nur auf Euch— ſetzte er hinzu, gegen Bonen gewendet— drum vergoͤnnet, daß Eure Begleiter Euch hier erwarten.—— Einen Augenblick zoͤgerte die Koͤnigin; doch waͤhrend ſie ſtand, vernahm ſie durch eine Fenſteroffnung die nahe an der gewolbten Decke des unterir⸗ diſchen Behaͤltniſſes angebracht war, das Ge⸗ raͤuſch ihres auf dem Schloßhof umhergehenden Gefolges, ſie unterſchied deutlich die ihr be⸗ kannten Stimmen, und die Naͤhe einer ſo zahl⸗ reichen Schaar bewaffneter Maͤnner uͤberzeugte ſie, es ſei keine Gewalt zu fürchten. Sie ging alſo raſch vorwaͤrts und befand ſich bald in dem⸗ — 336— was der Hausmaier das Zimmer ſeiner Gebie⸗ terin nannte. Zeigte die Lage deſſelben nach dem Urtheil der Staroſtin von ungewoͤhnlichem Geſchmack, ſo deutete auch ſeine Bauart und Verzierung auf einen ſolchen. Zwei oder drei Stufen fuͤhrten niederwaͤrts in ein nicht geraͤu⸗ miges Behaͤltniß, erleuchtet von einer Ampel⸗ die von der hohen gewoͤlbten Decke herabhing, und einen ungewiſſen Schein auf die Waͤnde des ſechsgeeckten Gemachs warf, waͤhrend den Boden tiefe Daͤmmerung bedeckte. Die Mau⸗ ern waren mit grauem, dunkelfarbigen Marmor bekleidet, und außer einigen gothiſchen Spitzſaͤu⸗ len, mit ihren ſchnoͤrkelreichen Kapitaͤlen, unter⸗ brach nichts die einfoͤrmige Leere der matt glaͤnzenden Flaͤchen. Keine Geraͤthſchaft, dem gewoͤhnlichen Gebrauch gewidmet, war in dem ſelt⸗ ſamen Aufenthalt zu ſchauen und nur der Thuͤr gegenuͤber erhob ſich weißlich ſchimmernd etwas, gleich einem Altar, und als das Auge der Koͤ⸗ nigin ſich nach und nach an die Beleuchtung gewoͤhnte, gewahrte ſie, daß der Gegenſtand, den ſie noch nicht voͤllig zu unterſcheiden ver⸗ mochte, auf einem breiten Fußgeſtell ruhe; auf dieſem aber war, wie es ſchien, regunglos eine —— — 337— ſchwarz verhuͤllte Geſtalt ausgeſtreckt. Eine un⸗ heimliche Empfindung wehte beim Eintritt in dieſes gruftaͤhnliche Gewoͤlbe die Koͤnigin mit den Grabesduften an, die ihr entgegen drangen; ihr Fuß weilte zoͤgernd auf der letzten Stufe, und die Furcht trat, ein ſeltener Gefaͤhrte, an ihre Seite. Doch wiederum gedachte ſie, wie ein Laut hinreichend ſey, die nahen Beſchuͤtzer herbeizurufen, und wenn ſie ahnete, es ſtehe ihr ein ernſter Augenblick bevor, ſo fuͤhlte ſie, es zieme ihr am wenigſten in einem ſolchen die kalte Gelaſſenheit entſchlupfen zu laſſen, die beinahe nie von ihr gewichen war, in bedenkli⸗ chem Thun und in Stunden der Pein, denen auch das gluckliche Verbrechen nimmer entrinnt. Da erhob ſich die dunkle Geſtalt und trat zu ihr, und eine nicht unbekannte Stimme ſprach: Das Ungefaͤhr hat mir entdeckt, welchen Gaſt ich heute beherberge, und ich habe Euch einla⸗ den laſſen in die Wohnung, die mein boͤſes Geſchick, die Ihr, deſſelben Lenkerin, mir zube⸗ reitet fuͤr meine uͤbrigen Tage.—— Bona hatte die Sprechende erkannt, der Gedanke er⸗ griff ſie, daß allein mit der Todfeindin, mit der Jahre lang ingrimmig Verfolgten, mit der, die Hipp. Borat. 4r Theil. 22 — 338— ſie noch juͤngſt mit ſchonungloſer Schadenfreu⸗ de getaͤuſcht, die wenigen Augenblicke, die von ihrem Huͤlferuf bis zum Eintritt ihres Gefol⸗ ges verſtreichen konnten, die gefaͤhrlichſten ihres Lebens waͤren, ja, daß dieſer kurze Moment ſich vielleicht fur ſie zur langen gefurchteten Ewig⸗ keit ausdehnen könnte: ſie fuhr erbleichend zu⸗ ruͤck, und unwillkuͤhrlich trug ſie ihre wanken⸗ den Schritte zu dem, was ſie für einen Altar hielt, ihn zu umfaſſen.— Raſch folgte ihr die Prinzeſſin von Mazvwien, ſie ergriff gewal⸗ tig der Koͤnigin Kleid und riß ſie abwaͤrts; ihre Augen flammten in der Wuth der Loͤwin, wenn ſie den Arm des Jaͤgers gegen das Jun⸗ ge aufgehoben ſieht, und in bebenden Toͤnen rief ſie: Fort von hier, Wittib des Siegmund Ja⸗ giello! Deine blutige Hand beruͤhre nicht die Behauſung des Opfers! Nicht der Fuß der triumphirenden Bosheit betrete die Stelle, wel⸗ che die ſchmerzlichſte Reue taͤglich mit brennen⸗ den Thraͤnen befeuchtet!—— Was ſollen dieſe Worte? ſprach die Koͤnigin mühſam nach Faſſung ringend— ich bin nicht allein, jedes Haar auf meinem Haupte wird bewacht; und ſo Ihr es kruͤmmtet, wuͤrdet Ihr ſchwerer Rechen⸗ — ——— — — 339— ſchaft nicht entgehen.—— Rechenſchaft?— wiederholte Anna— Blicket um Euch; Ihr ſeyd hier nicht in der Hofburg, umringt von dienſtbefliſſenen Sklaven, die Euer Gold oder Eure Raͤnke beſtechen. Ihr ſeyd in der Woh⸗ nung des Todes, die Feindin ſteht vor Euch, und uber dieſen Gewoͤlben erhebt ſich das Schloß eines piaſtiſchen Fuͤrſten, eines Zweiges des Ge⸗ ſchlechts, das Euch ſeine Verderberin nennt. Es iſt der Sarg meiner Tochter, an dem Ihr ſtehet, der Sarg, in den Ihr ſie hinabgeſtoßen in der Bluthe des Lebens und der Schoͤnheit! — Ihr habt Euch abgewendet von dem weiten Kirchhof, deſſen Graͤber Ihr bevoͤlkertet; Eines nur überſehet Ihr in der eiligen Flucht: huͤtet Euch, daß Ihr uͤber ihm nicht ſrauchelt, denn alſo ſcheint es der Wille des Verhaͤngniſſes, das Euch hierher gefuͤhrt.—— Ihr nennet mich die Moͤrderin Helenens? entgegnete Bona zoͤgernd.— Wer kann mich deſſen anklagen, als das verletzte Bewußtſeyn, welches die eigne Schuld von ſich abzuwaͤlzen ſtrebt? Ich laͤugne es nicht, wie ich es nicht gelaͤugnet habe, Euch gegenuͤber in den Tagen der Macht und des Glanzes, daß ich in der Laufbahn, die ich zu⸗ W — 340— ruckgelegt, nur das Ziel im Auge haltend, ſel⸗ ten nur auf die niederſah, die mein Fuß im Voruͤberſchreiten zermalmtez doch ſie iſt nicht unter ihnen, nicht meine Hand hat dieſe Roſe gebrochen, und ich waͤhne, eine andere that es, die einſt im eitlen Wahn ſich nach dem Uner⸗ reichbaren ausſtreckte.—— Schweigend uber den Sarkophag gebeugt hatte Anna die heraus⸗ fordernden Worte der Gegnerin gehort, als ſie aber ſich aufrichtete, hatte ein feuchter Nebel die Gluth in ihren Blicken geloͤſcht, und um vieles milder war die Stimme, mit der ſie antwortete: Ihr habt Recht; ich war es, die mein einziges Kind getodtet, an meinem eher⸗ nen glähenden Herzen ward ihr Leben zerdruͤckt. — Wohl waret Ihr es, die den Brand ent⸗ zůndete, mit dem ich ſie in Aſche verwandelt; Ihr ſchmiedetet den Pfeil, der ſie durchbohrte; doch, war es an der Mutter, das Geſchoß zu verſenden, das die Todfeindin ihr argliſtig gebv⸗ ten? ueberall— fuhr ſie bewegt fort— überall, Koͤnigin von Polen, ſtehe ich hoch uͤber Euch, uͤberall mag meine Stimme anklagend ſich gegen Euch erheben, nur hier muß ich ver⸗ ſtummen— hier bin ich ſchuldiger als Ihr!— — 341— Drauf ſprach ſie weiter:— Seyd unbeſorgt, entſchlaget Euch der Furcht, die ſich trotz dem Verneinen Eures Stolzes auf den bleichen Wangen mahlt, nicht Euer Dienertroſt iſt es, der Euch ſchutzt; ſaumſelig iſt der Fuß der Miethlinge, und der Arm des Todes iſt ſchnell: es iſt der Schatten Helenens, der aus dieſem Denkmal uns zuruft: Genug des Mordes und der Sünde, genug der Vergeltung, die fort und fort in unendlicher Folgenreihe Suͤnde und Mord gebaͤrt.— Was ſoll ich auch an Euch raͤchen, ich, die ihr Kind, des Gluͤcks und des Lebens beraubt? Gleich ſtehen wir einander ge⸗ genuͤber; Beide haben wir in unheilvollem Bunde die Liebſten geopfert den duſtern Ent⸗ wuͤrfen der Rache und des Hochmuths; gleich war die That, gleich iſt auch der Lohn. Beide hat die Heimath ausgeſtoßen, und nur der Vor⸗ wurf begleitet uns in die Verbannung!—— Ihr irrt— entgegnete die Monarchin— ein Ande⸗ res iſt es um Euch, als um mich. Blind der erreg⸗ ten Leidenſchaft folgend, vermochte ein Augenblick Euch auf immer aus der verfehlten Bahn zu ſchleudern.— Nicht alſo mit mir— Im⸗ merdar der eignen Kraft mehr vertrauend, als dem mißguͤnſtigen Zufall, unterlag ich ihm — 342— nicht; beſonnen und wuͤrdig trete ich ab, wo fuͤr mich nichts zu hoffen blieb, doch die Kraft begleitet mich immer, eine neue Zukunft er⸗ 2 ſchaffend. In das Reich ihrer Ahnen kehrt die Koͤnigin zuruͤck, und der Vorwurf, der niedere Haͤupter beugt, ragt nicht hinauf bis zur gekroͤn⸗ ten Scheitel.—— Da richtete ſich die 1 Prinzeſſin hoch empor, und trat zu ihr mit 1 wuͤrdevollem Anſtand: Nicht fuͤr dieſen Hrt, ſprach ſie, eignet ſich die Rede der Vermeſſen⸗ heit, welche die Waͤnde der Todtengruft ſpottend wiederhallen. Vergebens berget Ihr unter dem Laͤcheln des Triumphs den Schmerz, deſſen* Wurm in Eurem Innern nagt. Es iſt Eure Feindin, welche Euch beobachtet, und das Auge des Haſſes iſt ſcharf und nicht ſchonend geht es zu Werke. Drum will ich die Binde der Ei⸗ telkeit Euch von dem wunden Herzen reißen⸗ und mein letzter Blick auf Euch ſoll die Gede⸗ muͤthigte ſchauen in dem ſelbſt geſchaffenen Elend; noch einmal ſoll der Rache Labſal mich 1 erquicken, und dann ſcheide Welt und Vergan⸗ genheit von mir an der Schwelle dieſer Gruft. — Gleich allen Sterblichen, hat auch Dich das Verhaͤngniß beſiegt, Koͤnigin; wie es hohn⸗ lachend die Entwurfe der Gemeinſten vernichtet, F F — 343— vernichtete es die Deinen! Deine Kraft hat Dich geleitet, ſagſt Du? Sie hat Dich geleitet zu einem ſchmaͤhlichen Ziele. Dich verhuͤllend in das Gewebe eigner Staͤrke, glaubteſt Du dem Zufall zu trotzen und gewahrteſt nicht, daß er Dich fortriſſe mit ihm, gewahrteſt es erſt dann, als er es zerreißend Dir den Pfad zeigte, auf dem Du gewandelt. Du haſt es gewahrt, obſchon Du es laͤugneſt, und vergeblich ſtellſt Du Dich uͤber mich.— Blicke zuruͤck;— herrlich ausgeſtattet trateſt Du in die Welt, geſchmuͤckt durch Reiz und fuͤrſtliche Geburt und hohe Geiſtesgaben, ein edler Held reichte Dir die Hand, ein weites Reich lag zu Deinen Fußen, und das Gluͤck bot Dir ſein geſegnetes Füllhorn. Meine Erinnerungen zeigen mir ein hohes, doch zerſtoͤrtes Vaterhaus, und von den Leichnamen der gemordeten, durch Dich gemor⸗ deten Bruͤder, ging ich hinaus in die Verban⸗ nung. Dir bluͤhte ein edles Geſchlecht auf; Dein Sohn trug die Krone, die der Vater ihm gelaſſen, als er in die ruͤhmliche Gruft hin⸗ abſtieg; Deine Tuochter ſitzen auf Thronen und Fuͤrſtenſtuhlen. Ich brachte das Ungluͤck mei⸗ nes Geſchlechts in das Haus des Leon Odro⸗ wonz, und in einſamer Huͤtte gebar die Fluͤch⸗ tige die einzige Tochter. Da ſchloß ſich das verwaiſ⸗te Herz der Unglucklichen an das Kind, und alle Rechte meines Stammes, allen Glant meiner Herkunft gedachte ich berzutragen auf ſein theures Haupt.— Unmutterlich ſtießeßt Du die Herzen Deiner Erzeugten zuruͤck, nur mit Zittern ſchauten die Infantinnen auf Dich, und der koͤnigliche Sohn ſah immer die herrſch⸗ gierige Vormuͤnderin in Dir, immer die Mut⸗ ter. Da fuͤhrte das Geſchick die Todfeindinnen zuſammen, und der finſtere Geiſt der Rache und der Ehrſucht fügte die widerſtrebenden Haͤnde in einander, zu gemeinſamen verderblichem Trei⸗ ben. Und als die Tochter, auf welche ich die eitle Hoffnung gebaut, das drohende Unheil gewah⸗ rend verſchmaͤhte, was ich ihr bot, getaͤuſcht durch Deine Argliſt, zertrat ich das Gluck ihres Lebens, und ſie wandte ſich vom verſteinerten Mutterherzen zum Grabe. Du aber, die Gluͤck⸗ liche, Hochgeſtellte auf Erden, warfeſt den Brand der Zwietracht in Dein eigenes Haus, des Heriens eitle Geluͤſte zu bußen, fachteſt Du den Sturm an, vor dem die Krone wankte, auf der Scheitel Deines Sohnes; den heimlich lauernden Mord fuhrteſt Du in die Behauſung Deines Stammes, und weihteſt ihn durch ein — 345— unſeliges Buͤndniß dem Untergang. Sieh, ſo verſchieden waren unſere Wege, und dennoch hat uns ein gemeinſames Ziel vereint. Ver⸗ bannt, mit befleckter Ehre und zerriſſenem Her⸗ zen, ſtehe ich am Grabe der Tochter, aus dem fort und fort die leiſe Stimme der Anklage ertoͤnt.— Dich ſtieß der Sohn hinaus in die Fremde, und laut ſchallt die Verwuͤnſchung der tauſendmal Tauſende Dir nach! Was haͤtten wir noch voraus, Eine vor der Andern? Das Haus Herzog Konrads liegt in Truͤmmern; auch Dein Geſchlecht nennt man nicht mehr, und der letzte Sforza buͤßt im Moͤnchsgewand fuͤr die Suͤnden ſeiner Vorvaͤter. Hier liegt des armen Leon Odrowonz Tochter— Ueber ein Kleines aber, wird der Name der Jagiellv⸗ nen in Vergeſſenheit geſunken ſeyn, und das ſtrahlende Meteor untergehen, das eine Zeit lang uͤber dem Oſten Europa's ſchwebte. Das iß Dein Werk, und ſo danke ich Dir, denn Du haſt meine und meiner Ahnen Unbill ge⸗ raͤcht. Wie das Koͤnighaus der Piaſten, zerfaͤllt auch das Haus den Kronraͤubern, und es iſt die eigne Mutter, die es zerſtoͤrt!— Gehe nun hin, nach dem Gluͤck zu jagen, das, ſo oft ver⸗ ſchmaͤht, Dir nimmer erreichbar ſeyn wird!— — 346— Waͤhrend ich das muͤde ſchuldbelaſtete Haupt in der einſamen Gruft meiner Lochter dem Grabe entgegen neige, wird Deine gekroͤnte Scheitel aufrecht ſtehen, doch, wenn ich nun entſuͤndigt bin, in einem Leben der Reue ge⸗ weiht, und im willkommenen Tode, wird im⸗ merdar die furchtbare Hand der Vergeltung dieſe Scheitel umſchweben, die des Menſchen Gerechtigkeit nicht erreicht; ſie wird Dich er⸗ faſſen und Dein Bild wird drauf in fernen Tagen weit hervorragen uber die dunkeln Grup⸗ pen gemeiner Suͤnder, ein furchtbares War⸗ nungdenkmal, und wann die Stimme des Vor⸗ wurfs an Jener verſunkenen Huͤgeln ſchweigt, feiern nach hundert und abermal hundert Jah⸗ ren die Verwuͤnſchungen der Nachwelt das An⸗ denken Bonens von Mailand!—— Ich habe geendet, Frau Koͤnigin; Euer Gefolge iſt bereit zum Aufbruch, ſo verlaſſet denn Annen Odru⸗ wonz und das piaſtiſche Schloß.—— Eilig trugen die Renner Bonen mit ihrem Gefolge dem nahen Hlmuͤtz zu, doch ihr Herz war ergriffen von den Schrecken des Weltge⸗ richts: das Krachen des Geſchutzes, das die Mo⸗ narchin empfing, gemahnte ſie wie ſeine Don⸗ ner; die Trompeten lauteten ihrem Phre gleich dem gefurchteten Ruf der Auferſtehung, und die jubelnden Stimmen der Menge toͤnten ihr wie Hohngelaͤchter und Fluch. Die Weiſſagung der Prinzeſſin von Masv⸗ wien ward erfüllt.— Die Abneigung Koͤnig 1* — 347— Siegmunds gegen ſeine Gemahlin blieb ſich gleich; alle Bemuͤhungen des Wiener Hofes durch den Kardinallegaten Commendoni vermoch⸗ ten nur die foͤrmliche Scheidung zu verhindern⸗ auf welche der Koͤnig wiederholt beim paͤpſtli⸗ chen Stuhl antrug, nicht aber die Entfremde⸗ ten einander zu naͤhern. Nach einer mehrjaͤh⸗ rigen Verbannung zu Radom kehrte die Koͤni⸗ gin Katharina zu ihrem Bruder, dem Kaiſer Maximilian II. zuruͤck, und Siegmund Auguſt, der fuͤr das verlorne und immer vermißte Gluͤck ſeines Daſeyns, ſpaͤter in Ergoͤtzungen Erſatz ſuchte, die, ſtatt ihm ſolchen zu gewaͤhren, ſeine Tage verkuͤrzten, ſtarb am 7ten Julius 1572 auf ſeinem Jagdſchloß Kniszyn, wo er ſich oͤf⸗ ter aufhielt, als in der Burg zu Krakow, fuͤr ihn ein Schauplatz truͤber Erinnerungen. Mit ihm erloſch der Regentenſtamm Wladyslaw des Zweiten, Jagiello, nachdem er hundert und ſechs und achtzig Jahre auf dem Thron geſeſſen, und das goldne Zeitalter Polens war voruͤber. — Hippolyt Boratynski kehrte nie wieder in die Welt zuruͤck, die ſo fruͤh alle ſeine Erwar⸗ tung getaͤuſcht hatte— bald entriß ihm der Tod den Bruder Petrus, und er trug die eige⸗ nen Hoffnungen auf die Kinder uͤber, die der Sterbende ſeiner Sorge vertraute. So gingen Jahre auf Jahre an ihm vorbei in der patri⸗ archaliſchen Einfachheit des Landlebens; die Be⸗ friedigung, welche erfullte Pflicht gewaͤhrt, hielt ihn aufrecht, bis er hinuber ging, dahin wo die Geliebte ſeiner Jugend auf ihn wartete.— — 348— Als Walenty Bielawski, gluͤcklicher als er, mit ſeiner Toſia verbunden, das Gehoͤfte bezog, welches nach des Vaters Ableben ihm zugefal⸗ len, rief ihr Geſpraͤch oftmals die Begebenhei⸗ ten der entſchwundenen Zeit zuruͤck, und mit dem alten Widerwillen gedachte der Towarzysz des widerwaͤrtigen Siewrak, und nicht ohne Zu⸗ friedenheit des Lohnes, der ihm geworden. Es war dieſem nicht ſo wohl gegluͤckt als ſeiner Muhme; war es die Abſicht, die ſchwer zu huͤ⸗ tende Zunge des nur zu wohl unterrichteten Theilnehmers an gewiſſen Thaten zum Schwei⸗ gen zu bringen, oder die Folge jenes fruͤhern Verſprechens des Wojewoden Kmita, der in ſolchen Dingen ein Mann von Wort warz kurz, in dem buͤndigen Verfahren, das ſeinem urtheilſpruch voranging, vermied man gefliſſent⸗ lich jede Beruͤhrung bedenklicher Gegenſtaͤnde; nur Schelmenſtuͤcke gemeiner Art wurden er⸗ waͤhnt, und auch ſie waren mehr als hinrei⸗ chend ihn zum Galgen zu fuͤhren, der auch nach kurzem Aufſchub den oſt entſchluͤpften Herrendiener in wohl geſchuͤrzter Schlinge feſt⸗ hielt. Wir aber rufen gleich jenem wackern Krakower Buͤrger ihm nach: moͤge es allen Kundſchaftern und Ohrenblaͤſern alſo ergehn!— Es wird manchem Leſer dieſer Darſtellung dünken, es mangele ihr die Genugthuung pve⸗ tiſcher Gerechtigkeit, denn waͤhrend wir Mit⸗ ſchuldige, Werkzenge und Opfer dem Grabe an⸗ heimfallen ſehen durch vergeltende Gewaltthat, oder die Schmerzen eines zerſtoͤrten Daſeyns, — 349— zeigt ſich uns die große Verbrecherin, die alle jene verwirrende Kreiſe um ſich gezogen, ttraf⸗ los, umringt mit der Glorie ihres Ranges und den uppigen Freuden des Reichthums in den hesperiſchen Gefilden. Jene heftige zwar, doch voruͤbergehende Erſchuͤtterung eines laͤngſt der Beſtechung gewohnten Bewußtſeyns kann nur unvollkommen das Ungeheuere ſuͤhnen, deſſen dieſe Blaͤtter Bonen Sforza anklagen, doch be⸗ ſcheiden ſchweigt die Dichtung, wo der ernſte Mund der Geſchichte den Richterſpruch der Ne⸗ meſis verkuͤndet. Als die Wittwe Siegmund des Alten, laͤßt ſie ſich vernehmen, die Ent⸗ wuͤrfe ihrer Ehrſucht vereitelt ſah, wandte ſie ſich wiederum fruͤhern Leidenſchaften zu, die auf eine Zeit untergegangen waren in dem Stre⸗ ben nach der Erhaltung ihrer Macht und Ho⸗ heit; auch mangelte es nicht an ſolchen, welche die Gunſt der alternden Frau nicht verſchmaͤh⸗ ten, die, obſchon nicht hohe Wuͤrden mehr und geiſtliche und weltliche Ehrenaͤmter, doch Schaͤtze verleihen konnte. Einer unter dieſen, wahrſcheinlich der oft erwaͤhnte Marcheſe di Caſſanv, erwarb ihre Zuneigung in dem Grade, daß ſie, der weit entfernten Toͤchter vergeſſend, ihn zum Erben ihrer Verlaſſenſchaft einſetzte. War es Eilfertigkeit, bald den Beſitz der rei⸗ chen Gabe anzutreten, oder daͤuchte ihn die Pflicht der Dankbarkeit gegen die vom Reiz der Jugend entbloͤßte Geberin laͤſtig; genug, der Beguͤnſtigte dachte darauf, den Zeitpunkt ſeines Gluͤckes zu beſchleunigen. An einem dunkeln — 350— Abend ſchlich er zur Villa bei Giovenatsv. Noch hatte die Bewohnerin des Landhauſes ihr altes Gewerbe nicht vergeſſen, und nicht ungeneigt horchte ſie dem Fliſtern des ungeduldigen Erben. Es war ihre Wohlthaͤterin, gegen welche Urſula, die Alte vom Leichenacker der Juden bei Kra⸗ kow, die oft in ihrem Dienſte gebrauchten Waf⸗ fen kehrte, doch folgt die Dankbarkeit nicht dem Solde der Sände. Man fand eines Mor⸗ gens die Mutter Siegmund Auguſts entſeelt auf ihrem Lager, und eine ſchleunige Beerdi⸗ gung verbarg die ſichtbaren Spuren heimlicher Gewaltthat. Zu Ende des Jahres 1557 ver⸗ kuͤndeten Eilboten den Hoͤfen zu Madrid, Wien und Krakow, die verwittwete Koͤnigin von Po⸗ len habe am 26ſten November das Zeitliche ge⸗ ſegnet, und vflichtſchuldig betrauerte man das Ableben der durchlauchtigen Frau. Als nun die Beauftragten des Koͤnigs von Spanien Beſitz nahmen von dem erledigten Fürſtenthum Bari, und die Dame der Villa am Strande ſich be⸗ reitete, dem Erben Bonens zu folgen, damit ſie Theil naͤhme am erworbenen Gut, fuͤhrte dieſer in der Stille der Nacht ſie einen andern Weg, in die dunkle Kammer, wo ſie die einſt hinabgeworfen hatte, die ihre Genvoſſen geweſen in fruͤherer Unthat. * Ende Anmerkung. Ueberall wo Naphael Leszczynski, Ka⸗ ſtellan von Belzk genannt wird, iſt ſtatt Belzk Brzeſe(in Kujawien) zu leſen. L in 16 17 18