Leihbib 3. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. oſensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ie Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf. Monat: 1S.— Pf 1 Mr. 50 Pf⸗ 2 Mk.— Pf. . Auswärtige zbonnenten haben für Hin und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Vor nicht gar langer Zeit ſaß eines Morgens der Verfaſſer dieſes Buͤchleins in dem durch die gegenuͤberſtehenden Hintergebaͤude ziemlich ver⸗ dunkelten Gemach, welches er fuͤr jetzt zur Werk⸗ ſtatt ſarmatiſcher Sagen, Novellen und geſchicht⸗ licher Darſtellungen erkohren hat, und vor ihm lagen auf einem großen Tiſche mehrere Zeit⸗ ſchriften. Er hatte ſie der Reihe nach durch⸗ blättert, und es ſchien, als ob der Inhalt deſ⸗ ſelben wenigſtens zum Theil in naͤherer Bezie⸗ hung zu dem Leſenden ſtaͤnde, als allgemeine Rachrichten uͤber den ſchoͤnwiſſenſchaftlichen Frei⸗ ſtaat deutſcher Nation, an deſſen aͤußerſter Grenze er ſeine Huͤtte aufgeſchlagen; wie es dem Halb⸗ fremden geziemt, dem, wie in dem ehemaligen + — 17— Freiſtagte von Lueea, erſt der Aufenthalt von laͤngerer Dauer die Einſchreibung in das golde⸗ ne Buch der Signoria erwerben mag. Dem verſchiedenen Ausdrucke nach, welchen die Zuͤge des Einſamen bei dieſer Beſchaͤftigung annah⸗ men, haͤtte, wenn Jemand gegenwaͤrtig geweſen waͤre, dieſer bemerken koͤnnen, daß einiges ihn angenehm beruͤhrte, anderes ihn gleichgiltig ließ, vornehmlich aber das letzte Blatt, welches er aus der Hand legte, einen verſchiedenartigen Eindruck auf ihn machte. Er nahm eine nach⸗ denkliche Miene an, ergriff die Zeitſchrift meh⸗ rere Male, und lehnte ſich dann in ſeinem Seſ⸗ ſel zuruͤck, als uͤberließe er ſich einer genauen Selbſtpruͤfung. Er ward in ſolchem vielleicht nicht ganz erfreulichem Nachſinnen durch den Eintritt ſeines Dieners unterbrochen, welcher einen Fremden anmeldete. Auf ſeine Frage, wer derſelbe ſey, ward ihm zur Antwort ein Name, deſſen abſonderliche Verſtuͤmmelung ihn zweifeln ließ, welcher Nation Europa's der Be⸗ ſucher angehoren moͤchte; da aber der Bediente hinzuſetzte: der fremde Hert ſtehe draußen vor den Bildern im Vorzimmer, und betrachte die⸗ ſelben mit Aufmerkſamkeit und einer Theilnah⸗ me, die er auch in fremd und wunderlich klin⸗ genden Worten geaͤußert, glaubte der Verfaſſer des Hippolyt mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit die Gegend beſtimmen zu koͤnnen, aus der er heruͤber gekommen. Wirklich, fuͤr niemand als fuͤr einen Polen konnten die ſtrengen Angeſich⸗ ter laͤngſt verſtorbener Vorvaͤter, geziert mit ſtattlichen Knebelbaͤrten und angethan in Zupan und Harniſch, etwas Anziehendes haben. Auch fand er beim Erſcheinen des Gemeldeten ſeine Vermuthung beſtaͤtigt; es war ein Edelmann, welchen er, ohne in genauen Verhaͤltniſſen mit ihm zu ſtehen, oft genug in Warſchau und Kra⸗ kau geſehen, und der auf ſeiner Durchreiſe nach den„** Baͤdern, der dem Merkwuͤrdigen und Schoͤnen der Hauptſtadt gewidmeten Zeit eine Viertelſtunde abgebrochen hatte, den Landsmann, wie er ſagte, zu beſuchen. Nach den erſten Begruͤßungen, und, denn wodurch erkauft man ſich wohl leichter und wohlfeiler eine guͤnſtige Aufnahme, als durch lobpreiſende Gemeinplaͤtze? und alſo nach einigen verbindlichen Aeußerun⸗ gen, die im Munde des Polen oftmals etwas vom Style der benachbarten Morgenlaͤnder an ſich tragen, uͤber die Erzeugniſſe des Verfaſſers, — vVI S welche er geleſen hatte, oder geleſen zu haben vorgab, erklaͤrte er, er ſey demſelben insbeſyn⸗ dere verpflichtet, da derſelbe in irgend einem Buͤchlein einen ſeiner Vorfahren, deſſen Ge⸗ ſchlechtsnamen auch der ſeinige war, auf vor⸗ theilhafte Weiſe aufgeführt haͤtte. Der bedankte Autor lehnte nun zwar ſolche Erkenntlichkeit⸗ bezeugung ab, verſichernd, der Fremde habe dieß mehr den Eigenſchaften des erwaͤhnten alten Herrn, als einer beſondern Beruͤckſichtigung ſei⸗ nerſeits zu danken, indem, wenn dieſelben Je⸗ nemm ermangelt haͤtten, er ihn keinesweges ſo geſchildert haben wurde in einer Darßellung, in welcher er ſtets den geſchichtlichen Perſonen auch den Sinn und die That beilege, welche die Ge⸗ ſchichte ihnen zuſchreibt; doch ermangelten dieſe Eröffnungen nicht, ein gemůthliches Verhaͤltniß unter den Sprechenden aufzuſtellen. Der Rei⸗ ſende meinte guͤtig genug, daß der Verfaſſer, durch Geburt und Erziehung der deutſchen Na⸗ tion zugehorend, den Polen aber durch Herkunft und langen Aufenthalt unter ihnen, in der Gat⸗ tung die er erwählt, dieß doppelte Verhaltniß gluͤcklich genug beruͤckſichtigt habe; er ergoß ſich darauf in weitlaͤufiger Auseinanderſetung der — VI— Vortheile, welche die ſchriftſtelleriſche Laufbahn gewaͤhre, und erwaͤhnte der Ungebundenheit und anderer herrlichen Dinge mehr, die in derſelben zu finden ſeyen. Der Andere befand ſich ge⸗ rade nicht in der Stimmung, dieſen geruͤhmten Vorzuͤgen voͤllige Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und erwiederte ſolche Aeußerungen auf eine Weiſe, die man nicht ſelten bei Anhoͤrung deſſen vernimmt, was man zwar nicht ablehnen moͤchte, doch, ungern genug, nicht als voͤllig wahr erkennt. Der Reiſende bemerkte es; ſei⸗ ne Vermuthungen waren die richtigen, und nach einigem Zoͤgern wurde dieß von dem Befragten zugeſtanden. Die Polen ſind keine Feinde der Kritik, und auch die Biene von Krakow*) hat ihren Stachel, und er ward um ſo begieriger, etwas von dem Inhalte jener vor ihm liegenden Zeitſchriften zu erfahren, denen er nicht ohne Grund des Landmanns voruͤbergehende Nachdenk⸗ lichkeit zuſchrieb, als er glaubte ihn auf irgend einer Vorſtellung zu uͤberraſchen, welche dem polniſchen Alterthume etwas von ſeiner Wuͤrde benehme, und geſonnen war, ihm mit patrioti⸗ eine Zeitſchrift. — VIn— ſchem Eifer die mangelhafte Ausuͤbung angemaß⸗ ten Rechtes vorzuhalten. Aber wie erſtaunte er, als er erfuhr, die polniſche Geſchichte ſey weder an Alterthuͤmlichkeit noch an Reichthum der Begebenheiten, die der Dichtung die Hand bieten, der Geſchichte Schottlands zu verglei⸗ chen; auf dem platten Lande ſchleiche die Ro⸗ mantik muͤhſelig einher, waͤhrend ſie in Gebir⸗ gen kuͤhn mit ausgeſpanntem Fittig von einem Gipfel zu dem andern ſchwebe, und es ermau⸗ gele den Sarmaten an der allmaͤchtigen Baspipe (Sackpfeife, Dudelſack), ohne deren Toͤne keine freie Volksthuͤmlichkeit und erhabene Erinnerung an vergangene Zeiten beſtehen koͤnnten.— Das war zu viel fuͤr ihn; dieſe Behauptungen grif⸗ ſen allzu gewaltig den Nationalehrgeiz an, wel⸗ cher nach ſo vielen Erſchuͤtterungen, ja, nach dem Untergange des Vaterlandes ſeibſt, immer noch das Herz des Polen, obſchon in erſterbenden Funken, durchzuckt; wahrlich er entruͤſtete ſich dergeſtalt, als ſey es der vor ihm ſitzende Her⸗ ausgeber des Hippolyt ſelbſt, der ſich zu dieſer Meinung bekenne, als ſey er nicht der, welchem gegenuͤber ſie unmittelbar aufgeſtellt worden. Wie? rief er, minder alterthuͤmlich als die Ge⸗ F— — 1½— ſchichte der nordbrittiſchen Halbinſel waͤre die Geſchichte Sarmatiens, die uns als mit Oſſian und Fingal gleichzeitig und aͤlter als jene, den Krak nennet und die hochherzige Wanda, und den Brudermoͤrder Lech, und in ſelten unterbro⸗ chener Folgereihe uns die Herrſcher und ihre Thaten vorfuͤhrt, in einem Zeitraume, da die Begebenheiten Schottlands wieder in das un⸗ durchdringliche Dunkel zuruͤckſinken, welches der Barde auf Augenblicke nur gelichtet? Erſt das 11te Jahrhundert und die Regierungzeit Koͤnig Malcolms tritt als ein Ganzes aus dem Nebel der Vorzeit, waͤhrend ſchon zweihundert Jahre fruͤher mit der Thronbeſteigung der Piaſten jeg⸗ liches Zweifelhafte aus unſern Annalen verſchwin⸗ det; waͤhrend zu eben der Zeit, als jener Koͤ⸗ nig des Hochlandes herrſchte, kaum gekannt von ſeinen naͤchſten Nachbarn, Boleslaw des Helden⸗ muͤthigen Heere ſiegreich eben die Landſchaften durchzogen, deren heutige Bewohner das Alter⸗ thum polniſcher Geſchichte bezweifelnd, ihr Jene entgegenſtellen. Iſt es denn ſchon ſo ganz ver⸗ geſſen, daß eben dieſer Boleslaw die eherne Saͤule am Ufer der Saale aufrichtete, die weſt⸗ liche Grenze ſeines Gebietes zu bezeichnen, waͤh⸗ — X— rend im Oſt ſein ſiegreiches Schwert den Split⸗ ter aus dem Thore von Kijow hieb, zum Zei⸗ chen der Oberherrſchaft? Haben drei Jahrhun⸗ derte die Erinnerung daran erloͤſcht, daß Lit⸗ tauen, Rußland, Polen, Ungarn, Boͤhmen, Maͤh⸗ ren, Schleſien und die Lauſitz, ja, ſelbſt die Lauſitz dem Seepter der Jagiellonen gehorchten? Min⸗ der geeignet waͤren die Thaten und Exeigniſſe unſerer Nativn zur romantiſchen Bekleidung als Jene? Ich moͤchte doch glauben, gerade der Stoff vergoͤnne am meiſten dieſe Behandlung, welcher unaufhoͤrlichen Kampf widerſtrebender Ge⸗ walten, welcher all das Unheil darbietet, was eine mangelhafte Verfaſſung erzeugt, und das Treiben des Eigennutzes und Ehrgeizes, welchen dieſe nur allzu vielen Spielraum vergoͤnnte, kurz alles das, welches, verderblich fuͤr das Vaterland, gerade deshalb um ſo mehr Genuß gewaͤhrt; gleich wie in den maleriſchſten Gegenden gemei⸗ niglich die Wege am ſchlechteſten ſind? Jener mehr, als in mancher andern Volksgeſchichte be⸗ deutende Einfluß des ſchoͤnen Geſchlechts auf das Geſchick des Ganzen, der ſich von den Koͤ⸗ niginnen Dombrowa und Richenza bis auf Bona Sforza und Eliſabeth Kazanowöka, ja bis auf 3 — X1— die neueſten Zeiten hinab bewaͤhrte, mag wohl nicht erſprießlich fuͤr die Geſchichte ſeyn, doch dem Roman kann er keinen Nachtheil bringen. Nun, ehe ich zugeben kann, daß ſolcher Stoff den Forderungen der Romantik nicht entſpreche, muß ich mit Eurer Vergunſt, Herr***, ſo leid es mir iſt, vorausſetzen, daß die Schuld des Tadels an dem liegt, der ihn zu benutzen nicht verſtand.— Vergebens ſuchte hier der bedraͤng⸗ te Schriftſteller ein Woͤrtlein demuͤthiger Ver⸗ theidigung einzuſchalten, der erhitzte Pole fuhr mit überlauter Stimme fort: Flache Ebenen? Kennt man denn hieſigen Orts die Karpathen nicht, oder waͤhnt man, daß, weil ſie nicht mehr zu dem Strich Landes gehoͤren, welches man heut zu Tage Polen nennt, ſie darum nicht fruͤ⸗ her in einer Ausdehnung von mehr denn 90 Meilen das Reich durchſchnitten? Wahrlich, meiner Meinung nach iſt Berg Berg, und Thal iſt Thal, und nicht immer hat der ſchot⸗ tiſche Dichter den Schauplatz ſeiner Darſtel⸗ lungen in den Gebirgen des Hochlandes auf⸗ geſchlagen; auch in die Ebenen der ſuͤdli⸗ chen Halbinſel, an den Meerbuſen von Solway, ja in die Flaͤchen von Cheſter fuͤhrt er den Le⸗ ſer!— Darauf milderte er ſeine Toͤne und frug neugierig und laͤchelnd: Wie ſoll ich das verſtehen, was Ihr von der allmaͤchtigen Sack⸗ pfeife ſagt? Ich hoſfe doch, daß man hier zu Lande hin und wieder einen jener Hofmeiſter geſehen hat, welche die Zoͤglinge von Smorgo⸗ nin*) nach vollendeten Studien auf dem grand rour begleiten? Wer einmal den Zauber dieſer Toͤne erfahren hat, wird dem alten Sarmatien ſein Eigenthumsrecht an dieß Inſtrument nicht ſtreitig machen, und geſtehn, daß nicht allein unſre reizbaren zweibeinigen Landsleute, ſondern auch die nicht leicht zu erregenden Soͤhne un⸗ ſerer Waͤlder durch daſſelbe begeiſtert und tanz⸗ luſtig werden.—— Damit glaubte nun der Reiſende den Ver⸗ faſſer einigermaßen beruhigt zu haben, und fuͤgte zum Ueberfluß noch etliche beguͤtigende Worte hinzu, in der Abſicht, ihn ſeine in der Hitze des Geſpraͤchs geaͤußerten Zweifel an ſeiner Faͤ⸗ higkeit vergeſſen zu machen: als er aber ge⸗ * Eine kleine Stadt, wo man vermittelſt heiß gemachten Ziegelpflaſters die Baͤren tanzen lehrt. ——— —— wahr ward, daß das Antlitz ſeines Wirthes ſich nicht beſonders erheiterte, argwohnte er, es liege noch etwas anderes im Hinterhalte und bemei⸗ ſterte ſich des Blattes, welches Jener bei ſei⸗ nem Eintritte von ſich gelegt hatte. Der Schrift⸗ ſteller ſtrebte das verfaͤngliche Papier ihm auf gute Manier aus den Haͤnden zu ſpielen; als ihm dieß jedoch nicht gelang, begann er ziemlich kleinlaut: Leſet nur, leſet nur, Herr Lands⸗ mann! ich will Euch im Voraus ſagen, was Ihr finden werdet. Waͤhrend dort erklaͤrt wird, daß der Stoff, den ich bearbeite, ſich ganz und gar nicht fuͤr die Weiſe des Sir Walter Seott eignet, werde ich hier fuͤr einen ſklaviſchen Nach⸗ ahmer des ſchottiſchen Dichters erklaͤrt. Ihr werdet wohl nun bald eine andere Meinung von den Vorzuͤgen und Vortheilen des ſchriftſtelleri⸗ ſchen Treibens gewinnen.— Aufmerkſam und mit der Anſtrengung Eines, welcher der Sprache nicht voͤllig maͤchtig iſt, richtete der Fremde ſei⸗ ne Augen auf die Lettern; bald ward ſeine Miene bedenklich, und er fing an ſein Haupt hin und her zu wiegen.— Hoͤret, guter Herr und Landsmann, ſprach er, als er ungefaͤhr bis zur Haͤlfte des Aufſatzes gelangt war— das — XIV— lautet ſchlimm für Euch; um ſo ſchlimmer, als, ſo viel ich daruͤber urtheilen mag, dieſe Beur⸗ theilung ſowohl geiſtreich, als auch im rechten Tone geſchrieben iſt, von dem die Kritik ſich nie entfernen ſollte, um nicht das Beſtreben der Schriftſteller zu entmuthigen, und zu einem ſelbſtſuͤchtigen Zeitvertreib herabzuſinken; am allerſchlimmſten aber, weil das Lob, das Euch gewiſſermaßen zu Theil wird, dem Tadel doppel⸗ tes Gewicht verleiht, der einem ſo wichtigen Ge⸗ brechen zukommt, als es das knechtiſche Nach⸗ ahmen eines Andern, ſogar in Ausbildung der Charaktere iſt, und der Mangel oder die Ver⸗ nachlaͤſſigung der Hriginglitaͤt. Sagt mir doch gefaͤlligſt, welche Perſonen des Buͤchleins„Ka⸗ zimierz des Großen, Piaſt“ Euch dieſe Beſchul⸗ digungen zugezogen?— Fahret nur fort, ant⸗ wortete der Andere, und Ihr werdet ſehen, daß es Eſterka iſt und ihr Großvater Mardachai, die ich, wie umgekehrt mit den Pferden geſchieht, aus Englaͤndern zu Polen gemacht haben ſoll.— Hm, meinte der Fremde, nachdem er die Durch⸗ leſung des Aufſatzes beendet hatte, ich kenne den Ivanhve wohl, denn, wie Ihr wißt, iſt auch an der ſchottiſche Dichter hochgeehrt — — — Xv— und viel geleſen, und damit ich Euch beweiſe, daß mir auch Euer Werklein bekannt iſt, will ich Euch geſtehn, daß Ihr einen Tadel ganz an⸗ derer Art verdient habt.— Betreten daruͤber, daß er noch einen Kritiker mehr ſelbſt aufgeru⸗ fen, doch mit Entſchloſſenheit ſich ruͤſtend, um wenigſtens mit Anſtand den Gegnern zu weichen, die gluͤcklicher Weiſe einzeln auftraten, nahm der Andere eine gute Miene zum ſchlimmen Spiel an, und bat ihn, ſeine Meinung mitzutheilen. — Meines Erachtens habt Ihr einen nicht un⸗ wichtigen Fehler begangen, hob der Fremde mit wichtiger Kennermiene an, indem Ihr das In⸗ tereſſe von der Hauptſigur, jener Eſterka, ent⸗ fernend, zum Schaden und Nachtheil des Gan⸗ zen auf zwei Nebengeſtalten, die Fraͤulein von Pokrzywna und Kopidlo vertheilt habt; ein Ver⸗ ſtoß, welchen die Lehre des Schoͤnen, wie ſie uns vorgetragen wird in Warſchau und Krakau, wie mich duͤnkt, nicht ohne Grund verurtheilt. Jene beiden, die noch etwas bedeuten, verſchwinden beinahe ſpurlos am Ende des Buchs, und der Leſer wendet ſich kalt von der feßſtehendbleiben⸗ den Heldin, die fruher ſein Gefuͤhl nicht ange⸗ ſprochen.— Das hab' ich ja, rief der bedraͤngte — XRVI— Verfaſſer wehmuͤthig, das hab⸗ ich ja gerade des⸗ halb gethan, um zu vermeiden was mich jetzt betrifft. Darum hab⸗ ich ja, das Bischen Schoͤn⸗ heit abgerechnet, die polniſche Juͤdin ſo unbe⸗ deutend gezeichnet; darum habe ich, obgleich mit Widerwillen, alle Gemuͤthlichkeit von ihr ent⸗ fernt, und dieſelbe jenen Fraͤulein aufgebuͤrdet; darum iſt ja meine Eſterka ein herzloſes, zwi⸗ ſchen kindiſcher Eitelkeit und ſich entwickelnder Raͤnkeſucht zuſammengeſetztes Geſchoͤpf, damit ſie jener Rebekka nicht gleiche, jenem lieblichen Bilde, dem Reich der Einbildungkraft entſproſ⸗ ſen, das der boͤſe Feind vor meine geſchichtliche Eſterka geſtellt hat, jenem lieblichen Bilde, ſage ich, dem man wahrlich wenig Ehre erzengt, es mit dieſer vergleichend. Damit dieſer Mardachai nicht fuͤr ein verzerrtes Spiegelbild jenes Iſaaks gehalten werde, habe ich ihn zum Verbrecher herabgewuͤrdigt, der nur durch den Grad ſeiner Verworfenheit ſich vor dem Gemeinen auszeich⸗ net, und durch kabaliſtiſchen Aberglauben; ich habe ihn voͤllig wider Wiſſen und Gewiſſen jener reinmenſchlichen Regungen entkleidet, welche der Verfaſſer des Jvanhve uͤberraſchend und erfreu⸗ lich unter der Rinde hervorbrechen laͤßt, die Volkseigenthuͤmlichteit, nicht verderbter Sinn, um das Herz ſeines Iſaaks gebildet. Und den⸗ noch wird er eine Nachahmung des engliſchen Glaubensgenoſſen genannt!— In dieſer Ruͤck⸗ ſicht alſo, unterbrach der Reiſende dieſen Kla⸗ geruf, ſteht das heroum kilii noxae an ſeinem Drt, denn die Erzeugten des Sir Walter Seott haben den Euren und der ganzen Novelle nicht wenig Eintrag gethan. Uebrigens erwaͤhnen un⸗ ſere Annalen allerdings dieſer Perſonen in der Art, daß man beinahe meinen ſollte, Sir Wal⸗ ter Seott habe in ihnen wenigſtens den erſten Gedanken zur Aufſtellung ſeiner iſraelitiſchen Ivanhve⸗Charaktere gefunden, wenn man nicht zu Gunſten ſeiner Eigenthuͤmlichkeit und ohne ihm irgend Unrecht zu thun, eine voͤllige Unkenntniß der Geſchichte des polniſchen Reiches bei ihm vorausſetzen duͤrfte, welche man ja weit naͤhern Rachbarn, als er fuͤr uns iſt, zu Gute halten muß; uͤberdem bin ich ſowohl als Ihr unter⸗ richtet, daß mehrere Chronikenſchreiber von nicht geringem Werth, doch wahrſcheinlich nicht vor⸗ treffliche Orientaliſten, und weniger als mittel⸗ maͤßig in der Kirchengeſchichte bewandert, aus der Uebereinſimmung der Namen und Begeben⸗ —— heiten, faͤlſchlich auf eine ſpaͤtere Unterſchiebung des apokryphiſchen Buches„Eſther“ geſchloſſen, und ſonach den guten Koͤnig Kazimierz und Abel⸗ heiden von Heſſen zu Vorbildern des Ahasver und der Vaſthi gemacht haben. Somit waͤre nun wohl abgethan, was dieſen Punkt betrifft; wie ſteht es indeß mit dem lebrigen, deſſen Ihr hier beſchuldigt werdet, Herr 1*2 Nach ei⸗ nigem Bedenken erwiederte der Verfaſſer: ich geſtehe es gern, und auch wenn dieſes vertrau⸗ liche Geſpraͤch im Angeſicht geſammter ſchreiben⸗ den und leſenden Welt gehalten worden waͤre, wurde ich nicht laͤngnen, daß ich die Weiſe des Schotten, die Begebniſſe der Vergangenheit mit den Bluthen ſeines Geiſtes zu durchweben, fur die beßte und zu dieſer Art der Dichtung aller⸗ zweckmaͤßigſte erkenne, und zweifelnd, vb es der Folgezeit ſobald gelingen werde, Vorzuglicheres zu erfinden, geſonnen bin, mich zu derſelben zu halten. Was aber Aufnahme in das servile pe- cus imitatorum yder in die Liverei Sir Wal⸗ ters betrifft, hinſichtlich auf die Zuſammenſtel⸗ lung der Begebenheiten, oder Ausbildung der Charaktere, ſo weiſe ich ſie fuͤr ehemals, jetzt und kuͤnftig feierlich von der Hand, da ich in — XIX— der erſten den Fußtapfen der Geſchichte, in der andern aber des eignen Sinnes guter voder ſchlim⸗ mer Leitung folge, und um ſo mehr von der angeſchuldigten Nachtreterei entfernt bin, als ich dieſelbe bei Aufführung ſo verſchiedener Ereig⸗ niſſe, bei ſo abweichenden oͤrtlichen und volks⸗ thuͤmlichen Verhaͤltniſſen, welche dem Gedanken⸗ laufe des Darſtellers eine vollig beſondere Rich⸗ tung geben muͤſſen, ohne eigentliches Plagiat geradezu fuͤr unmoͤglich halte.— Nun wohl, ſprach darauf der Reiſende— Bber das dop⸗ velte Verhoͤr im Kazimierz und ſo manches An⸗ dere noch?— Da verſtummte der Schriftſteller und ruͤckte mit einiger Unruhe auf ſeinem Stuhle umher. Vielleicht war es dieſe Bewegung, wel⸗ che den Polen daran erinnerte, daß die zu ſei⸗ nem Beſuch beſtimmte Viertelſtunde laͤngſt ver⸗ floſſen war; er ſah nach der Uhr, verſicherte, es ſey die hoͤchſte Zeit ſich nach der Ruͤſtkam⸗ mer zu verfuͤgen, wo ihm noch Jvhannes des 3ten Waffenſtücke und Anguſt des 2ten Stand⸗ bild im koͤniglichen Schmuck zu ſehn uͤbrig ſey, und verließ den wenig getroͤſteten Landsmann. Aber, wird man ſagen, iſt dieſer Vorbericht ſelbſt nicht wieder von Walter Scott geliehen — XX— und eine Nachahmung der Geſpraͤche des Capi⸗ tain Clutterbuck? Da nun freilich in keiner Chronik Nachweiſungen uͤber die geſchichtliche Wahrheit dieſer Unterredung außufinden ſind, ſo ſpricht der Herausgeber beſcheidentlich: passe our celui- ci. P G von Alexander Bronikowski. Dritter Band. Inhaltz Hippolyt Soratynstt Dritter B1 n Der Hornungmond des Jahres 1549 war bis zur Haͤlfte vorgeruͤckt; die Stadt Piotrkow mit den Roſſen und Fuhrwerken der Senatoren an⸗ gefuͤllt, und man erwartete nur die Ankunft des Koͤnigs in dem Schloſſe, das zu ſeinem Em⸗ pfange bereitet war, und deſſen taͤglich mehr zuſammenfallende Trümmer jetzt kaum ahnen laſſen, daß einſt in ihm der Herrſcher eines der maͤchtigſten und ausgebreitetſten Reiche, in der NRitte vieler Senatoren, Herren und Ritter, ſei⸗ nen glaͤnzenden Hof hielt. In den Herbergen niederer Gattung, welche der geringere Adel zu ſeiner Einkehr gewaͤhlt hatte, vernahm man den Jubel der Trinkenden und in den Klang der Becher hoͤrte man unaufhoͤrlich die Loſungworte der Polen erſchallen: Wahlfreiheit, pacta con- 1 — venta*), liberum veto**); Fflichten des Koͤ⸗ nigs gegen die Nativn! gingen von Munde zu Munde, waͤhrend man ſehr ſelten nur und ſchuͤch⸗ tern der Verbindlichkeit der Unterthanen gegen den Herrn erwaͤhnen hoͤrte. In den Haͤuſern jedoch, welche die Senatvren und die angeſehen⸗ ſten der Ritterſchaft bewohnten, herrſchte eine dumpfe Stille, den Ausbruch eines nahen Un⸗ gewitters weiſſagend; ſchweigend und mißtrauiſch gingen die Haͤupter des Volkes an einander vor⸗ uͤber, als wollten ſie ſich gegenſeitig das Geheim⸗ niß ihrer Abſicht verhuͤllen, welches bald uͤber⸗ raſchend um ſo kraͤftiger an das Tageslicht tre⸗ ten follte. Unaufhoͤrlich begegneten ſich Eil⸗ boten auf der Heerſtraße von Piotrkow nach der Hauptſtabt, ſchagrenweiſe langten die Abgeordne⸗ ten des Adels aus den entferntern Wojewod⸗ ſchaften Littauens, Kleinpolens und Rußlands an, ſie ſammelten ſich ſchweigend um die Magna⸗ ten ihrer Partei, bereit mit lautem Getoͤſe die ) Pacta conventa, der Eid, den der Koͤnig der Republik bei der Thronbeſteigung leiſtete. **) Liberum veto, das Recht eines Einzigen, ſich dem Ge⸗ ſammtſchluß zu widerſetzen, das beruͤchtigte,„nie por- walam“ der Polen. 5 — 5— Worte derſelben zu unterſtützen, wenn die Zeit kame. Am Vorabend des Tages, da man Sieg⸗ mund Auguſt erwartete, ritt auch Petrus Bo⸗ ratynski, welchem der Marſchallſtab fur dieſe Reichsverſammlung beſtimmt war, in der Stille ein, und verfugte ſich alsbald, dem laͤrmenden Willkommen ſeiner Standesgenoſſen ausweichend, zu dem Groffeldherrn Tarnowski. Mit Auf⸗ merkſamkeit, doch ohne Befremden ſah er auf die ungewoͤhnliche Menge Beſuchender, die er in den Gaͤngen und Gemaͤchern des Hauſes ſich umhertreiben ſah, welches der Kaſtellan von Kra⸗ kow in der Naͤhe des Schloſſes bezogen hatte; uͤberall wich man auseinander vor einem Manne von ſolcher Wichtigkeit, wie es der Reichstag⸗ marſchall ſelbſt für die Gewaltigſten war, und er trat in einen Saal, wo er den Grafen im Kreiſe vieler Herren, geiſtlichen und weltlichen Standes, fand. Als ihn Johannes gewahrte, trat er ihm ſchnell einige Schritte entgegen, blieb aber plotzich ſtehen, und ihn begruͤßend ſchaute er ihm mit einem fragenden Blick in's Auge. Petrus ſenkte das ſeine zur Erde. Bei⸗“ de hatten ſich verſtanden. Tarnowski kehrte ſich mit ernſter Miene von ihm ab zu den Um⸗ — ſtehenden, und als dieſe ſich entfernten, beſchied ein Wink des Großfeldherrn den Staroſten von Samborz in ſein innerſtes Gemach. Die Verhaͤltniſſe dieſer Zeit machten es noth⸗ wendig, dieſe Zuſammenkunft des erwaͤhlten Oberhauptes der Ritterſchaft und des Erſten unter den Senatoren weltlichen Standes geheim zu halten. Eine Zeitlang alſo, lehnte der, wel⸗ chem ſeine Pflicht gebot, in kurzer Zeit ſich dem Anſehn des Thrones entgegenzuſtellen, gedanken⸗ voll in einem Fenſter des Saales, bis ein Edel⸗ mann erſchien, ihn zu dem Kaſtellan zu gelei⸗ ten, der damals unſtreitig der eifrigſte Verthei⸗ diger der oberherrlichen Rechte war, obgleich er von Manchem nicht als ſolcher angeſehen ward. Waͤhrend Petrus Boratynski ſeinem Fuͤhrer durch einen Gang in den entlegenern Theil des Hau⸗ ſes folgte, wendete ſich dieſer einigemal nach ihm um, und das Zoͤgern ſeines Schrittes, und ſeine Blicke deuteten an, er habe einige Worte an⸗ zubringen. Da ſah Petrus aufmerkſamer auf ihn und erkannte in der ſpaͤrlichen Erleuchtung einiger Ampeln den Walenty Bielawski. Gott zum Gruß, junger Freund, ſprach er, es iſt mir — 4 nicht unlieb euch zu begegnen, ehe ich da ein⸗ trete, wo ich Manches zu erfahren habe. So ſagt mir denn, wie geht es dem Herrn Hippo⸗ lyt, meinem Bruder zu Krakow, und was treibt er daſelbſt?— Euer Bruder, hochgeborner Herr — entgegnete Bielawsky mit einiger Verlegen⸗ heit— befindet ſich nicht mehr da, wo ihr glaubt, er iſt der Koͤnigin nach Wilnv gefolgt. — Das erfreut mich ſehr— ſprach Petrus— es iſt das Hoflager jetzt kein Aufenthalt fuͤr ei⸗ nen Juͤngling, wie Herr Hippolyt, und er hat wohlgethan, der eignen Neigung entgegen, ſich von da zu entfernen, wo es ihm zu bleiben nicht taugte.— Doch ihr ſehet ſo ernſt drein und bedenklich, Walenty, ſollet ihr mir etwas zu vertrauen haben, das ich minder gern vernaͤhme? — Drauf ſagte der junge Bielawski mit eini⸗ gem Zoͤgern: Falls Ihr denn die Freiheit nicht ungünſtig aufnehmen, und Euch erinnern wollet, wie ſolche nur aus der Anhaͤnglichkeit entſpringt, die ich zu Euer Gnaden trage und Eurem edlen Hauſe, das ſolche wohl verdient um meinen Vater und mich, ſo will ich Euch berichten, was mir zu Ohren gekommen.— Nicht freiwillig hat Herr Hippolyt die Hauptſtadt verlaſſen. 1 — 8— Man ſpricht von allerlei beſondern Dingen.— Wie ſoll ich es ſchon hervorbringen? Voyn Ei⸗ ferſucht gegen ein ſehr hohes Haupt, ja, ſogar von Beleidigung der Majeſtaͤt.— Ihr erſchrecket, hochgeborner Staroſt? Es iſt nicht ſo ſchlimm, als ihr meinet, doch gewiß iſt es, daß der Herr Kaſtellanie auf koͤniglichen Befehl ſich ungeſaͤumt nach Wilno begeben, wohin ihm Euer Ohm, Herr Lacki, gefolgt iſt.— Eiferſucht?— wie⸗ derholte nachdenklich Petrus, dem dieß Wort vornehmlich aufzufallen ſchien.— So hat denn das Unkraut ſchneller gewuchert, als ich meinte? Und Euer Patron, der Großfeldherr? Ich em⸗ pfahl den Bruder ſeiner Gunſt und Obhut, wohl wiſſend, wie es um die Weisheit eines zwanzig⸗ jaͤhrigen Junglings ſteht, in ſo bedenklichen Zeit⸗ laͤuften. Hat er die Bitte nicht erfuͤllt?— Hat mein Bruder nicht, meinem Gebot nach, ſich zu den Hausgenoſſen des Feldherrn gehal⸗ ten? oder— ſetzte er leiſer zu ſich ſelbſt ſpre⸗ chend hinzu— beginnt man ſchon mir den Lohn des Undanks zu reichen, den mein verhaßtes Amt mir verheißt?— Ihr fraget mich zu viel, gnädiger Herr,— lautete des Bielawski Ge⸗ — 9— genrede— ich bin nur ein Waffengeſell*) und vermag nicht uͤber das zu entſcheiden, was die Herren thun oder laſſen, am wenigſten aber uͤber meines Gebieters Art und Weiſe, des erlauch⸗ ten Großfeldherrn. Doch Ihr kennet ihn ſo wohl als ich, und ich meine, was der thut, das iſt wohlgethan. Auch hat Herr Hippolyt ſich in der letzten Zeit wenig im Chriſtvpher⸗Palaſt fin⸗ den laſſen, deſto öfter aber beim Großmarſchall. — Beim Großmarſchall? fuhr Petrus auf; dann ſetzte er leiſer, beinahe ſchmerzlich hinzu, Bruder, Bruder, ich hoffe nicht, auch Du wer⸗ deſt Wermuth in meine Schaale gießen.— Euer Gnaden Scharfblick— begann Walenty darauf gleichſam beguͤtigend— wird in kurzer Zeit ſich zurecht finden, und ich verwette mein Leben, ſo kraus es auch hier zugeht, werdet Ihr bald dem Gerechtigkeit widerfahren laſſen, der Euch, Herr Boratynski, ſo aͤhnlich iſt in Ge⸗ muͤth und Sitte.— Ich danke Euch, Bielawski — ſprach Petrus nachdenklich— und ich hoffe zu Gott, es alſo zu finden.— Wahrlich kraus 7 Towarzyz, adlicher Reiter in den Hauskompagnien der Großen. Damals ungefaͤhr das, was man in deut⸗ ſcher Ritterſchaft Knappen nannte. 4 — — 10— genug mag es hier zugehn, und es iſt mir man⸗ ches daruͤber geſagt worden.— Seit einiger Zeit— fluͤſterte Walenty mit leiſer Stimme— ſchleicht hier manch' verdaͤchtiges Geſicht herum; daß ein ſolches aber meinem Gebieter und Euch, Herr Staroſt, nicht zu nahe komme, dafuͤr laſ⸗ ſet mich ſorgen, denn ich weiß nur allzu wohl, daß, wo die ſich zeigen, die ich meine, das Un⸗ heil nicht ferne iſt und die Zwietracht, in wel⸗ cher der und jener die Guten einander zu ent⸗ fremden ſtrebt, daß er fein im Truben ſiſche. Einen beſonders habe ich wahrgenommen, dem die Tucke nachfolgt auf Schritt und Tritt, ſo ich ihn aber ertappe auf krummen Wege, ge⸗ denke ich ihm eine alte Schuld abzuzahlen zu⸗ gleich mit der neuen, und ihn zu zeichnen, daß man ihn erkennen moͤge auf hundert Schritt Weges, und ſich wahren.— Indem Walenty Bielawski alſo ſeinem Eifer Raum gab, offnete ſich die Thuͤr des Großfeld⸗ herrn, der junge Hausgenoß zog ſich ehrerbietig zuruͤck und der Staroſt trat in das Gemach. Run— begann der Graf zu Tarnow nach ei⸗ ier kurzen Pauſe— Was werde ich von Euch , werther Herr Retrus?— Oder — vielmehr, werdet Ihr das beſtaͤtigen, was ſchon im Saale Euer Antlitz mir geweiſſaget, und das der Ausdruck Eurer Zuͤge auch noch nicht wider⸗ ruft? Kommt Ihr als Freund oder Feind?— Wie ich es meine, feindlich oder freundlich, er⸗ lauchter Herr von Krakow— entgegnete Petrus mit einiger Zuruͤckhaltung, iſt Gott bewußt und Euch. Obſchon die Verhaͤltniſſe die That ge⸗ ſtalten, bleibt doch mein Sinn unveraͤndert. Moͤge das ein Jeder von ſich ſagen können in ſo verworrenen Zeitlaͤuften.— Verſteh⸗ ich auch recht— nahm Ivhannes das Wort— ſo ſind unſere Befuͤrchtungen gegruͤndet, und ihr ſeid erſchienen—— hm im Auftrag meiner Herren und Bruͤder allgeſammt— unterbrach ihn der Staroſt— das zu wiederholen, was ich zu Warſchau und Krakow geſprochen im Namen eines Theiles derſelben und an den Stufen des Thrones das auszuſprechen, was der vornehmſte Stand des Reiches, die Ritterſchaft fuͤr Wahr⸗ heit haͤlt, und es zu behaupten gegen jeder⸗ manniglich.— Ihr habt einen ſchweren Stand, Herr von Samborz— rief der Großfeldherr— und bei jedem Andern wuͤrde mir bangen vor der Ausfuͤhrung ſo ſchweren Unternehmens, bor⸗ — 12— nehmlich da Euer eignes Gefuͤhl dem widerſpricht, was Euer Mund reden ſoll.— Das Gefuͤhl — ſprach Petrus mit bedeutungvollem Ausdruck — das Gefuhl gehoͤrt dem Menſchen an, dem Einzelnen, die That und das Wort dem Vater⸗ lande; ſo ſchreite ich denn einher getroſten Muthes, bis die Zeit kommt, da beides ſich ver⸗ einigen mag.— Eure eignen Worte deuten an, daß dieſe Zeit noch entfernt iſt. Moͤget ihr beharren— Petrus warf bei dieſen Worten einen ernſten Blick auf den Feldherrn, dann ſenkte er das Ange zum Boden— doch— fuhr Tarnowsky fort— je weiter der Weg, deſto ſteiler wird er Euch duͤnken, nicht das al⸗ lein, worauf Ihr deutet, ſteht Euch entgegen, und im Lauf der naͤchſten Tage wird Mehreres ſich an Euch draͤngen, deſſen Erſcheinung wohl geeignet waͤre, Manchen zu verwirren, wenn auch nicht den ehrenfeſten Staroſten von Sam⸗ borz, nicht den Gemahl meiner Nichte, den wuͤrdigen Edelmann, in dem ich mich gleichſam wiedererkenne, wie ich war, vor etwa fuͤnf und zwanzig Jahren. Nicht wahr— ſetzte er lang⸗ ſamer hinzu, als Retrus dieß freundliche Wort ſchweigend und mit ungewohnter tiefer Vernei⸗ —— gung erwiederte— Nicht wahr, wenn auch alle irre werden ſollten, der Johannes von Tarnow und Petrus Boratynski wandeln, nicht rechts abweichend noch links, die Straße, die das Ge⸗ ſchick und die Pflicht vorgezeichnet einem jeden von ihnen? Doch warum ſo ſtumm, Herr von Samborz? warum wendet Ihr den Blick von mir, und ſchaut mich nicht an mit dem gewohn⸗ ten Vertrauen?— Als ich durch Eure Vor⸗ gemächer ging— antwortete Boratynski ernſt — gewahrte ich ſo Manchen, den ich niemals erblickt in den Gemaͤchern des Chriſtopherhauſes, ich ſah viele Nacken tief gebeugt, und Viele hört' ich ſchmeichleriſch ſuͤße Worte dem demuͤ⸗ thig zufluͤſtern, dem ſich, vor nicht gar langer Zeit, nur die Sdelſten im Volke nahten mit aufgerichtetem Haupt und einfacher Rede, wie es dem Ehrenmann geziemt; deß gedachte ich und Eurer eignen Rede, daß manches ſich in die Lebensbahn draͤngen mag, was auch die Beß⸗ ten zu verwirren ſich eignet.— Worauf deu⸗ ten Eure Worte, Herr Staroſt? rief der Feld⸗ herr ſich hoch empor richtend mit gerotheten Wangen— Seit wann iſt es dahin gekommen unter uns, daß ihr zu dem Hheim Eurer Haus⸗ „ —— frau in kuͤnſtlich geſetzten Worten und dunkeln Wendungen redet?— Seitdem— antwortete Jener, muͤhſam die Bewegung des Innern ver⸗ bergend— Seitdem das Geruͤcht umherwandelt im Reich, als ſey der Vater des Vaterlandes geſonnen, dieſen Namen, den er der Tugend verdankt, um einen andern dahin zu geben, den nur das Verbrechen erkaufen kann; ſeitdem jeder Schritt, der mich der Stadt Piotrkow naͤ⸗ her fuͤhrte, das glaublicher werden ließ, was ich bisher verworfen als ſchnoͤde Verlaͤumdung; ſeit⸗ dem am Hrte der Reichsverſammlung ſelbſt der Augenſchein mich uͤberzeugt.— Da fuhr der Kaſtellan von Krakow in jaͤher Zornesflamme auflodernd empor: Wiſſet Ihr auch, vor vem Ihr ſtehet, Herr Ritter? Bedenkt Ihr, daß es das Haupt der Senatoren iſt, den Ihr ſo keck bezuͤchtigt?— Er ging einigemal mit großen Schritten und augenſcheinlicher Unruhe auf und nieder, dann blieb er ſtehen und fuhr in gemaͤ⸗ ßigterm Tone fort: Und Ihr ſeyd es, der ſo zu mir ſpricht, der nahe Verwandte, der, dem ich mein Vertrauen geſchenkt ſeit langer Zeit, der mich oftmals ſeinen vaͤterlichen Freund ge⸗ nannt, und ſein Vorbild adliger Tugend?— — 5 Da bezwang Petrus noch kraͤftiger den Kampf in ſeinem Innern und er ſagte ruhig und feſt: Das Gefuühl iſt des Einzelnen Eigenthum, bie That gehoͤrt dem Vaterlande, dem habt Ihr bei⸗ geſtimmt, erlauchter Herr, und ſo ſpreche ich zu Euch, nicht als Ritter zum Senatoren, nicht als Neffe zum Oheim Frau Barbarens Bora⸗ tynska, als Freund nicht zum Freunde, auch als Schuler zum Lehrer nicht; vor dem Haupte der weltlichen Senatoren ſtehe ich, das Haupt der Ritterſchaft als Reichstagmarſchall, als zu dem mich meine Herren und Bruder allhier er⸗ waͤhlt haben, in dieſer Stunde; als einer der Waͤchter der Krone, ſowohl als Ihr; der Kro⸗ ne, Herr Kaſtellan von Krakow, die der Mar⸗ ſchall zu bewahren wiſſen wird gegen jegliche Anmaßung, ſollte er auch dem Koͤnig ſelbſt ent⸗ gegen treten muͤſſen.— Gemach, gemach, Herr Marſchall— antwortete der Graf zu Tarnow, nach einem kurzen Stillſchweigen, waͤhrend deſ⸗ ſen ein leichtes Laͤcheln um ſeine Lippen zuckte: Verfahret Ihr doch mit dem Großfeldherrn ſo raſch, als ſei er ein Beſchuldigter gewoͤhnlichen Schlages, und uͤberwieſen dazu; habe ich Euch doch vertraut, deſſen Bahn auch nicht die eben⸗ ſte iſt, und deſſen Beginnen mancher Deutung unterliegen mag. Schein' ich Euch denn des Zutrauens minder werth, als Ihr ſelbſt?— Das iſt es eben— ſprach Petrus mit Waͤrme — daß Ihr hocherhaben ſteht über Vielen, was mich aufregt zu gerechter Beſorgniß. Es iſt der Gipfel der Eiche, die der Sturm erfaßt, der machtlos uͤber niederem Geſtraͤuch dahin faͤhrt, und nicht der ſchlechteſte Baum des Paradieſes war es, den die Schlange erkohr. Wie moͤgt Ihr Euch mir gleichſtellen? Wenige Tage noch, und ich lege den Marſchallſtab nieder, den heute die Bruͤder in meine Hand gegeben, und trete zuruͤck in die Menge; wie ich ihn gefuͤhrt, da⸗ von nehme ich das Zeugniß mit mir im Be⸗ wußtſeyn; wer moͤchte wohl ſolche Gefaͤhrten uneins mit ſich machen, oder ſeinen Beifall da⸗ hin geben, fuͤr geringen Lohn? Doch anders iſt es mit dem, was ich meine; oftmals tritt wohl der Gedanke zum erhabenen Geiſt, der hochge⸗ ſtellt iſt auf der Erde, daß der Zweck das Mit⸗ tel rechtfertigt, und die Stimme des Verſuchers fluͤſtert ihm zu, daß wenn es ſchaͤndlich iſt, ſich mit gemeinem Diebſtahl zu beflecken, es doch et⸗ was anders ſei um— den Raub einer Krone! —— Ihr mögt nicht Unrecht haben— ſprach der Kaſtellan mit gedaͤmpfter Stimme, indem er die Hand an die umwolkte Stirne legte— Ihr habt wahrlich Recht; auf der Höhe des Tem⸗ pels bot ja der Verſucher dem Heiland ſelbſt die Reiche der Welt.— Dennoch— Petrus Boratynski, da wo die Verlockung ßaͤrker ſeyn mag, hat auch der Himmel mehr Kraft zum Widerſtand verliehen, und wenn in Einſamkeit und Nacht das Böſe in unkenntlicher Geſtalt naht, ſo vernichtet doch der anbrechende Tag die Taͤuſchung vor dem Auge, welches dem Lichte nicht entfremdet iſt. Ihr ſchweigt noch immer und wiegt das Haupt? Wahrlich, Herr Staroſt von Samborz, auf Euch eben ſo wie auf Euren Bruder ſcheinen die Eingebungen des Kmita und jenes mailaͤndiſchen Buͤndniſſes nicht ohne Wirkung geblieben zu ſeyn.— Petrus antwor⸗ tete ſinſter: Es iſt nicht das, Herr Graf zu Tarnow, was meine Beſorgniß erregte, nicht des Großmarſchalls beſtochene Meinung, nicht der Konigin Mutter gefugige Staatskunſt hat mein Urtheil feſtgeſtellt; tauſend und aber tau⸗ ſend Stimmen ſind es, die ich vernommen auf den Reichstagen in Kleinpolen und Rußland, zu Hipp. Borat. zr Theil. 2 — 18— denen meine Guͤter mir den Zutritt gewaͤhrten, und alle erklaͤrten den Thron bereit zur Erle⸗ digung, und Euch, Herr Großfeldherr, Euch zum Kachfolger Siegmund Auguſts. Das iſt nicht das Fluͤſtern der Verlaͤumdung, das iſt die Stim⸗ me des Volkes, die, verzeiht mir, ſich ſelten ſo laut aͤußert und einmuͤthig, wenn ſie nicht ge⸗ ſtimmt werden zu ſolcher Weiſe, und ohne daß der darum wiſſe, deſſen Namen ſie ausruft.— Ich bin Euch Dank ſchuldig— verſetzte der Kaſtellan von Krakow, indem er den Eindruck zu verbergen ſuchte, den dieſe Worte auf ein Gemüth hervorgebracht hatten, dem es nicht gaͤnzlich an Ehrgeitz mangelte— ich danke Euch fuͤr das Zeugniß des Vertrauens meiner Rit⸗ buͤrger, welches Ihr gewiſſermaßen durch ſolche Rede ablegt.— Füͤrwahr nicht Jedem durſtet Ihr die ehrende Huldigung eines tapfern Adels hinterbringen, ohne Gefahr fuͤr ihn und Euch, ungewiß, ob ſie ihm ſchon bekannt war in ſo hohem Maße. Doch ich will es Euch geſtehen, Herr von Samborz, Ihr ſagt mir nichts Neues, ich wußte um das, was ſich in den mittäglichen Wojewodſchaften zugetragen, und— ich billigte es.— Raſch wandte ſich Boratynski, das Ge⸗ — 60— mach zu verlaſſen, da rief Johannes ihm nach: Ihr wollet von mir ſcheiden, Vetter? bleibt, ein Wort nur hoͤret noch, und dann gehet, wenn Ihr wollt und ſaget Euren Bruͤdern, daß der Vater des Vaterlandes zum Verraͤther an dem⸗ ſelben worden iſt!— Langgewohnte Ehrerbie⸗ tung gab den Worten einige Kraft, die jetzt die Schritte des Reichstagsmarſchall hemmten; er blieb ſtehen, doch mit abgewandtem Blick und geſenktem Haupt und fragte: Und dieß Wort; welches iſt es? Doch wohl ein deutliches Ja oder Nein?— Was dazwiſchen liegt in ſolcher Sache, ſind doch nur ungewiſſe Abſtu⸗ fungen der allzu grellen Farbe der Wahrheit, Beſchoͤnigungen deſſen, was nicht gerechtfertigt werden mag.— O der unglucksvollen Zeit, die Alles ſo verwirrt, daß auch der Beßte den ge⸗ raden Weg verkennt, daß ich alſo zu dem re⸗ den muß, den meine Bruͤder Vater nennen und ich Vater und Freund!— Und wenn hab' ich euch Anlaß gegeben, mich feigen Ausfluchte faͤhig zu halten, vder kuͤnſtlicher Umgehung des Rechts? ſprach der Feldherr mit Wuͤrde.— Höͤret mich an, Boratynski, ich will, daß ihr mich hoͤret. Ihr habt euch erwieſen gegen mich 2Zr 5— als ein Biedermann; nicht hinter dem Ruͤcken habt ihr meinem Beginnen nachgeforſcht, euch vielleicht unrechter Faͤhrte vertrauend; ſo ſehr. auch der Schein mich anklagt, und er klagt mich an, weil es ſo ſeyn muß, habt ihr Aug⸗ in Auge euch mir gegenuͤber geſtellt, wie es dem Ritter geziemt zu dem Ritter, und dem Haupte des verſammelten Adels zu dem Sena⸗ toren. Ihr habt nicht gethan mit mir, wie man es pflegt mit einem gewoͤhnlichen Men⸗ ſchen; ſo will auch ich auf eine ungewoͤhnliche Weiſe euch entgegentreten. Saget ſelbſt, wer war euer Lehrer in der Staatskunſt, als man euch hinausſandte in's Ausland, wo an den Fuͤrſtenhoͤfen des deutſchen Reiches und Welſch⸗ lands, die Raͤnkeſucht ihr Gewebe bereit hielt, den unerfahrnen Sarmaten zu umgarnen? Wer war es, der, ehe ihr zum erſten Mal erſchient in der Verſammluhg eurer Genoſſen, euch die Pflichten zuruͤck rief, die eures ehrenwerthen Vaters Beiſpiel und die eigne Stimme eures untadelichen Gemuths euch vorgeſtellt von Ju⸗ gend an? Unter weſſen Fahnen zogt ihr zum erſten Mal das jungfraͤuliche Schwert fuͤr Koͤnig und Vaterland? Es ſind wohl ſchon an zwan⸗ —— zig Jahre vergangen ſeitdem, doch blickt auf mich, war ich es nicht, derſelbe Johannes von Tarnow, der vor euch ſteht? Habe ich euch jemals die Windungen der Kabale untergeſcho⸗ ben für die echte Weisheit des Staatsmannes? War ich es nicht, der euch die ſchmale Grenz⸗ linie andeutete, die dieſes Reiches Verfaſſung zwiſchen der Pflicht gegen den Thron und die der Nitbruͤder bezeichnet, legtet ihr nicht in meine Haͤnde den Schwur ab, das Schwert nie anders zu ziehn, als zu ehrlichem Ritter⸗ dienſt? Ich habe ein Recht auf Euer Ver⸗ trauen, ein Recht, das kein voruͤbergehender Wahn mir rauben darf, und ich nehme es in Anſpruch.— Nimmer hat Tarnowski das Pfand ſeiner Ehre ungeloſt gelaſſen, auch um den hoͤchſten Preis— ich lege es bei Euch nieder, und verfallen ſoll es ſeyn auf immerdar fur mich und mein Geſchlecht, ſo ich nicht rein hervortrete aus dieſem verworrenen Verhaͤltniß. Hier iſt meine ritterliche Rechte; ſtehet Ihr an ſie zu ergreifen?— Die Haͤnde beider Ehren⸗ maͤnner vereinigten ſich, und ihre Blicke begeg⸗ neten einander im alten Vertrauen.— So laßt mich denn gewaͤhren— fuhr der Kronfeldherr — 22— fort— ſo wie ich Euch gewaͤhren laſſe.— Zuviel habt Ihr mit Euch ſelbſt zu thun— ſetzte er laͤchelnd hinzu— um Euch noch die Obhut des alten Feldherrn aufzubuͤrden, der Euer Vater ſeyn könnte, und Euer Fuͤhrer war. Ihr ſeyd nicht mehr der Ritter Bora⸗ tynski; ein gewichtiges Ehrenamt habt Ihr uͤbernommen, und nicht alles mag der Senator dem Marſchall des Ritterſaales vertrauen. Oft⸗ mals thut ein wenig Reibung noth in der Ma⸗ ſchine des Staates; der Weisheit und Redlich⸗ keit ſtehet es zu, zu ſorgen, daß dieſelbe nicht verletzend werde.— So laſſet denn dem Jo⸗ hannes von Tarnow ſeines Weges gehen, und heget den Glauben, daß, ſollte auch hie und da Verlaͤumdung einen Makel auf ſein graues Haar werfen, ihn doch Petrus Boratynski ken⸗ nen wird, wie er erkannt worden von ihm.— Noch eins— begann er von Neuem, als der Staroſt ſich bei ihm beurlauben wollte— ich habe Eures Bruders erwaͤhnt und nicht voͤllig zu ſeinem Lobe.— Wiſſet ihr, was ſich mit ihm zugetragen?— Als Peter dieß bejahte, ſprach der Graf weiter: Man hat zu Krakow Verſuche gemacht, ein Band zu trennen, wel⸗ 5 ches gewiſſen, der Himmel weiß am beßten, ob wirklichen oder erdichteten Plaͤnen entgegen⸗ ſteht und den Reichstagsmarſchall ſcheuend, wollte man die Schuld des Bruchs dem Ka⸗ ſtellanie zutheilen. Hippolyt iſt ein junger Menſch; halb war es gelungen und es wuͤrde es ganz ſeyn, waͤren nicht jene Plaͤne allzu kuͤnſtlicher Staatskunſt und ungemeſſener Ehr⸗ ſucht eitel Traͤume und Schaͤume. So iſt aber das vorwitzige Herrlein gnaͤdig genug aus dem Handel gekommen, in dem es bereit war ſich unrettbar zu verſtricken, und ein wenig Buße mag ihm nicht ſchaden, ſo es eine Buße iſt, Frau Barbara Radziwill zu dienen, welche trotz der unvorgreiflichen Meinung einer ehren⸗ werthen Ritterſchaft, eine gar liebreizende und vielbegabte Dame iſt, und der wir mit Eurer Vergunſt, Herr Narſchall, doch ja recht bal⸗ digſt den Namen ertheilen moͤchten, der ihr gebuͤhrt vor Gott und der Welt, und welchen weder ich noch ihr derſelben im Innerſten un⸗ ſers Herzens verſagen.—— Als Herr Petrus in den Hof des Hauſes trat, nahete ſich ihm abermals Walenty Bie⸗ — 2— lawski mit der Silfertigkeit jemandes, der eine wichtige und unaufſchiebbare Nachricht bringt. Er flͤſterte dem Staroſten einige Worte zu; dieſer warf einen Seitenblick auf die Schaar ſeiner Diener, die des Herrn warteten, faßte einen derſelben, der ſeinen Mantel dicht um ſich geſchlagen hatte, ſchaͤrfer in's Auge, gleichſam als ſey er ihm durch den Edelmann des Groß⸗ feldherrn bezeichnet worden, winkte dieſem dann ein Lebewohl zu, und entfernte ſich mit ſeinem Gefolge.—— In damaliger Zeit reiſten nur koͤnigliche Per⸗ ſonen mit einer Schnelligkeit, zu welcher die bereitſtehenden Vorſpannpferde der Kronguͤter und Staroſteien ihnen die Nittel darboten. Die Poſten wurden erſt ein Jahrhundert ſpaͤter unter Wladyslaw 1V. Waſa eingefuͤhrt, und der Adel gebrauchte, um ſich reitend oder im ſchweren Wagen von einem HOrte zum andern zu verfuͤgen, alle die Zeit, welche die Scho⸗ nung der Pferde erforderte, die man nur in ſeltenen Fäͤllen zu wechſeln gewohnt war. So waͤhrte es alſo ziemlich lange, ehe der alte Jo⸗ hannes Lacki mit ſeinem Sohn und Neffen in der Hauptſtadt Littauens anlangte, der Ungeduld —— ungeachtet, mit welcher der Letztere die Be⸗ ſchleunigung der verhaßten Reiſe betrieb. Das Brieflein, was ihm der Biſchof von Kujawien mitgegeben, brannte ihm auf dem Herzen, un⸗ fern deſſen er ihm eine Stelle angewieſen, und er ſehnte ſich nach dem Augenblick, da er es eroffnen duͤrfe, vielleicht um in ihm die Ver⸗ zeihung ſeines Unrechts, vielleicht aber auch die Beſtaͤtigung ſeiner Beſorgniſſe zu finden. Beim Einzug in Wilno fiel dem jungen Boratynski alsbald eine große Verſchiedenheit des Hofla⸗ gers daſelbſt mit dem zu Krakow auf. Hier gewahrte man nur froͤhliche Angeſichter; die ſpaͤhenden Blicke des Argwohns, das ſtille Trei⸗ ben des Mißtrauens und Ehrgeizes waren, oder ſchienen wenigſtens, aus dem Wohnſitz einer jungen Fuͤrſtin verbannt, welche der auf Wo⸗ chen ſcheidende Gemahl mit Allem umringt hatte, was geeignet war, ihr die Zeit bis zur nahen Entſcheidung ihres Schickſals zu verkuͤr⸗ zen. Die Genoſſen, die den Hippolyt bewill⸗ kommten, ergoſſen ſich in Erzaͤhlungen von Luſtbarkeiten, denen ſie beigewohnt und welche noch zu erwarten ſtaͤnden, und der Staroſt von Pinsk entrunzelte die ſeit der Krakower Reiſe ziemlich gefurchte Stirne, als ihm von allen Seiten Lobpreiſungen ſeiner durchlauchtigen Muhme entgegen kamen. Noch deſſelben Abends beſtand er darauf, Frau Barbaren ſeine Ehr⸗ furcht zu bezeugen, und er war ſchon voͤllig bereit ſich nach Hofe zu verfuͤgen, als Hippo⸗ lyt noch in ſeinem Gemach, die aufwartenden Diener abweiſend, die Augen auf das Schrei⸗ ben gerichtet ſtand, deſſen Siegel er eben ge⸗ loͤſt hatte.„Helene Odrowonz— ſo lauteten die Zuͤge der geliebten Hand— Helene Odro⸗ wonz, wuͤnſcht dem Hippolyt Boratynski Gluͤck zu einer Reiſe, die er ſelbſt nothwendig gemacht. Soll ſie auch ein baldiges Wiederſehen wuͤn⸗ ſchen? Vieles glaubt ſie, muß anders werden, ehe ein ſolches erſprießlich ſein kann, und die Jugendgeſpielin die Verzeihung gewaͤhren darf, welche Annens von Mazowien Dochter und des koͤniglichen Siegmund Auguſt Blutsfreundin vielleicht verſagen ſollte. Doch ruft ſie ihm die Worte zu, die er einſt ſelbſt geſprochen: bleibt feſt und treu, das Uebrige wird ſich ſuͤ⸗ gen.“— Die letzten Ausdrucke enthielten eini⸗ gen Balſam fuͤr das Herz des Leſers, das die erſten tief verwundet hatten. Annens von Ma⸗ zowien Tochter! rief er halblaut.— Auf dem Schloſſe zu Kamieniee war der Sohn des Ka⸗ ſtellan von Zytomierz der Jugendgeſpiele des Wojewodenfraͤuleins, doch in der Koͤnigsburg zu Krakow iſt ſie die Tochter der Prinzeſſin von Mazowien; die uralten Bilder ihrer köni⸗ glichen Ahnen und des allerdurchlauchtigſten Vetters ſiolzer Blick, ſchauen hoͤhnend auf den geringen Edelmann herab, der es gewagt hat, ſich in ſo hohe Verwandſchaft zu draͤngen, und die, welche ſich einſt mein eigen nannte auf immerdar, meine Verlobte nach des Vaters Willen, ſteht an, mir die Verzeihung zu ge⸗ waͤhren, auf welche ich einzig noch Anſpruch zu machen habe. Nicht erſprießlich waͤre unſer Wiederſehn? Vieles mußte anders werden? O ich fürchte, vieles iſt ſchon anders geworden. Der Schritt in jene Hallen, in welcher der finſtere Geiſt welſcher Staatskunſt unheilbrütend euch erſchleicht, hat ja laͤngſt alles umgeſtaltet. Allmaͤhlig draͤngte das Verhaͤngniß ſich zwiſchen uns, und unſere Bahnen wichen auseinander; am Ziele der Deinen, Helene, winkt Dir viel⸗ leicht eine Krone, auf der meinen leitet mich der Wanderſtab, den mir jene graͤuliche Heye — 28— geweiſſaget!— Feſt ſoll ich bleiben und treu? ſagſt du— fuhr er nach einer Weile ſanfter fort. O ſuͤßes Wort aus vergangener guter Zeit! Nein, dieß hat Helenn Odr wonz ge⸗ ſchrieben, nicht die ſtolze Tochter der Piaſten, nicht des wankelmüthigen Siegmunds Vertraute, oder—— In wahrlich feſt will ich bleiben, und nicht von Dir laſſen, ſo er auch alle Kro⸗ nen ſeines Geſchlechts auf ſeinem Haupte ver⸗ einigte! Was kannſt du auch ihm ſeyn, was er dir? Dich band des ſterbenden Vaters Spruch und die Wahl des eignen Herzens un⸗ aufloͤslich an mich, ihn feſſelt der Schwur am Altar an Barbaren Radziwill. So zurne mir nicht mehr, Seele meines Lebens! Treu war ich immer; feſt— nun feſt will ich ſeyn von jetzt an, und fuge es ſich dann wohl oder uͤbel, ſo werde ich des Bruders Rede gedenken, der Rede, welcher ich wohl zur Zeit minder geachtet, als ich ſollte—— Hier unterbrach des alten Dheims Ungeduld den Sinnenden und bald darauf ſtanden ſie vor Siegmund I. Gemahlin.— Ich bin erfreut, ſprach der Staroſt von Pinsk beim Schluß einer etwas weitſchweifigen Anrede, welche Frau Barbgra mit freundlicher Geduld angehoͤrt hatte, doch nicht ohne ſich bei manchem allzu toͤnenden Worten des alten Littauers ein ſchnell voruͤbergehendes Laͤcheln zu geſtatten.— Ich bin erfreut, wieder im Vas terlande zu ſeyn, und jenſeits der Grenze des Gebiets der Krone, da man es doch nimmer ganz aufrichtig meint mit dem Littauer, wie Ew. Gnaden nicht unbekannt geblieben ſein mag, und hieße Euch doppelt gern willkommen, in dem Lande, deſſen Erbfuͤrſtin ihr ſeid nach goͤtt⸗ lichem und menſchlichem Recht, welches euch hier kein Reichstag abſprechen mag, noch Sy⸗ node roͤmiſcher Prieſter; in dem Hauſe, das Euch als ſeine alleinige Gebieterin erkennt und nicht neben, oder gar uͤber Euch noch eine An⸗ dere, eine Welſche—— Barbara fand fur noͤthig die Ausbruͤche wohlgemeinten Eifers zu unterbrechen, dem der alte Herr ſich ein we⸗ nig zu ſehr uͤberließ, ohne Acht auf die Um⸗ ſtehenden zu haben, und ſprach dankbar, das Haupt ein wenig neigend: Auch Wir heißen Euch freundlich willkommen, wohlgeborner Sta⸗ roſt und werther Vettet, und da Wir vernom⸗ men haben, daß ihr zu Krakow ein ziemliches — 30— Geſuch hattet an die Gemahlin Eures Herrn, ſo mag es vielleicht hier eher moͤglich ſeyn, als dort, daſſelbe zu gewaͤhren, und Wir verſichern Euch im voraus der guͤnſtigen Beachtung deſſen, was Ihr begehret, ſo es Unſere Macht nicht uͤberſteigt.—— Gnaͤdige Frau— nahm Lacki das Wort, indem er mit ſelbſtgefaͤligem Blick auf die Gegenwaͤrtigen ſchaute, und dann ſich halb gegen ſeine Begleiter wendend: Ihr ſehet hier noch Zween, die mit mir erſchienen ſind, Eurer Majeſtaͤt ihre Ehrfurcht zu bezeigen; den Einen kennt ihr ſchon, und es iſt die Pflicht ſeines Dienſtes, die ihn hieher führet, in dem Andern aber, dieſem, der ſo fern ſteht und die Augen zu Boden ſenkt, ſelle ich Euch meinen Sohn vor, und bitte, Ihr wollet ihn in Gnaden aufnehmen unter die Zahl Eurer Hofdiener. Ich ſtehe Euch gut für ihn; er iſt obſchon ein Knabe nur, dennoch ein echter Littauer, und mag vielleicht durch Treue und Anhaͤnglichkeit gegen ſeine koͤnigliche Frau die letzte Spur des Fleckens tilgen, der noch auf ſeinem Vater haftet aus gar ſchlimmer Zeit her.—— Einen ſchnellen Blick warf Frau Barbara auf Hippolyt; dann aber, als bemerkte ſie ihn nicht, wendete ſie ſich gegen den kleinen Sta⸗ nislaw, und ſagte mit anmuthiger Freundlich⸗ keit: Iſt es dem ſo, wie Euer Vater ſpricht, mein junger Edelmann, ſo moͤchten Wir wohl Euch in Unſere adelige Knappſchaft aufnehmen, und Euren Haͤnden den Wedel und den Spie⸗ gel anvertrauen, bis ſie die Karobella fuͤhren koͤnnen, zu Unſern und Unſers Herrn Dienſt. — Wollte Gott— entgegnete Sras hoch erroͤ⸗ thend und verwirrt— Nein, wollte Gott nicht, daß es der Führung der Waffen zu Eurer Ver⸗ theidigung noth thaͤte, gnaͤdigſte Frau, und— aber— ſetzte er ſchnell hinzu— Ihr ſollt ſehen, daß Stanislaw Lackt, fuͤr euch dieſe ſo⸗ wohl handhaben wiſſen wird als jene.—— Langjaͤhrige Kenntniß des Hofes vermag auch das ſchwaͤchſte Auge fuͤr gewiſſe Gegenſtaͤnde zu ſchaͤrfen: die Vernachlaͤſſigung, die Hippolyt Boratynski von der Gebieterin erfahren, war Frau Horonostay, der Schatzmeiſterin, nicht ent⸗ gangen; ſie ſetzte ſich alſo gleich in Bewegung, ihrer boͤſen Laune und dem Widerwillen Raum zu geben, den der junge Pole gleich von An⸗ fang in ihr erregt hatte, und welche vielleicht durch die Gunſt erhoͤht worden war, in der ſeine Verlobte bei der jungen Fuͤrſtin ſtand; ſie machte ſich ihm mit all der Schnelligkeit, die der foͤrmliche Anſtand der Aja und das ſchwere Stoffkleid ihr geſtatteten, und fluſterte ihm, doch vernehmlich genug mit gedehnten Worten und bitterſuͤßem Laͤcheln zu: Wahrlich Eure Ueberkunft, Herr Kaſtellanie, iſt wohl geeignet die allergnaͤdigſte Frau zu erfreuen, da ſie derſelben einen Geſellſchafter zuruͤch fuͤhrt, der die Unterhaltung durch allerlei angenehme und vornehmlich zu rechter Zeit angebrachte Berichte zu wuͤrzen verſteht, wie ihr es gezeigt auf dem Heerwege nach Krakow. Wahrſchein⸗ lich befinden ſich am Hoflager Ihrer Majeſtaͤt der verwittweten Koͤnigin, der unberufenen Wahrheitprediger ſo viele, daß man das Schloß zu Wilno mit dem Ueberfluß derſelben zu ver⸗ gnuͤgen gemuͤßigt iſ?— Hippolyt hatte das Gemach der Koͤnigin in gereizter Stimmung betreten; die unguͤnſtige Aufnahme, die er bei derſelben gefunden, hatte nicht ermangelt ihn ſchmerzlich zu beruͤhren, und wenig aufgelegt den Hohn der Hofmeiſterin als Scherz aufzu⸗ — nehmen, wie es ihr Alter, ihr Geſchlecht und der Ort, wo er ſich befand, vielleicht erfordert haͤtte, antwortete er ziemlich laut und mit eini⸗ ger Schaͤrfe: Der Wille des Königs hat mich herbeſchieden, nicht der meine, auch wurde ich meine Wahrheiten ſowohl als meine Berichte hier fuͤr uͤberflͤſſig halten, wo, wie ich eben vernommen, es keinesweges an unberufenen Red⸗ nern gebricht, und vielleicht Mißgunſt und Schwatzhaftigkeit das Amt eines Berichterſtatters treufleißig uͤbernehmen.— Barbara noch im⸗ mer im Geſpraͤch mit dem Alten, deſſen treu⸗ herziger Eifer ihr wohlthat, und ſeinem Sta⸗ nislaw, deſſen bei jedem Blick, der ſie traf, immer ſteigende Verwirrung ſie ergoͤtzte, hatte dem ohngeachtet einige. Aufmerkſamkeit auf das verwendet, was um ſie vorging; als ſie die Worte ihres Hofjunkers vernahm, faͤrbte eine ſchnelle Roͤthe die lilienweißen Wangen, das Anſchwellen der feingezeichneten Adern ihrer Stirn deutete auf Zorn; ſie richtete ſich hoch auf in ihrem Lehnſeſſel und ſprach kurz und mit gebieteriſcher Stimme: Es ſcheinet, Herr Kaſtellanie, daß Euer kurzer Aufenthalt am Hofe Euch nicht gelehrt hat, was Ihr der Anweſen⸗ Hipp. Borat. zr Theil. 3 — 533— heit Eurer Gebieterin und der Achtung fuͤr die Frauen ſchuldig ſeyd. Doch mag Uns ſolches an dem nicht befremden, der ſelbſt das, was der Gebrauch ritterlicher Jugend ihm auferlegte, gegen die, welche er die Dame ſeines Herzens nannte, vernachlaͤſſigt hat, uͤber den wilden Gelagen eines bejahrten Schwelgers. Darum vergoͤnnen Wir Euch, nicht eher vor Uns zu erſcheinen, als bis ihr die Regel der Courtviſie wieder Euch zu eigen gemacht, die ihr beim Becher des Wojewoden von Krakow vergeſſen. Sobald Wir Eurer beduͤrfen, wird man Euch rufen.— Verſtummt und beſtuͤrzt verneigte ſich Hippolyt Boratynski vor der erzuͤrnten koͤ⸗ niglichen Frau, und verließ den Saal, inner⸗ lich das Geſchick verwuͤnſchend, das ihn an den Hof gefuͤhrt, und das Ungluͤck, welches ihn, nicht ganz ohne eigne Schuld, die Gunſt derer verluſtig gehen laſſen, von deren Schutz allein er die Erfullung ſeines heißeſten Wunſches er— warten konnte.— Einige Stunden hatte er ſo hingebracht unter Selbſtvorwuͤrfen, und oftmals Troſt geſucht in den Zeilen Helenens Odrowonz, die ihm, obſchon in unbeſtimmter Ferne, eine erwuͤnſchte Entwickelung der Verhaͤltniſſe hoffen — ließen, welche ſich immer feindſeliger geſtalte⸗ ten, da klopfte es laut an ſeiner Thuͤre, und ſeinem Rufe folgend ſprang eine feine Juͤng⸗ lingsgeſtalt in ſein Gemach. Es war einer der Edelknaben Varbarens. Ein enges, nur uͤber der Bruſt in bauſchende Falten gelegtes Wams von dunkelblauem Sammet umſchloß den ſchmaͤch⸗ tigen, noch unausgebildeten Wuchs; eine goldne Kette, an welcher ein Schauſtuͤck befeſtigt war, hing herab, bis auf den amaranthfarbenen, mit ſilbernen Franzen reichbeſetzten Guͤrtel; ein kurzer Mantel von gleicher Farbe hing mit zierlicher Nachlaͤſſigkeit uͤber der linken Schul⸗ ter; kurze, ebenfalls dunkelrothe Stiefeln klei⸗ deten die Fuͤße des jungen Menſchen, und ſo haͤtte er ſo ziemlich einem Pagen des Hofes von Madrid geglichen, wenn nicht die leichte, mit Reiherfedern gezierte Muͤtze, verwegen auf einer Seite des Kopfes ruhend, und ein nicht gewichtiger krummer Säͤbel, deſſen Scheide oberwaͤrts an einem ſilbernen Kettlein hing, an die Tracht der Littauer erinnert haͤtte. Miß⸗ muthig richtete Hippolyt ſich auf, und machte ſich bereit, eine zweite unerfreuliche Botſchaft zu vernehmen, deren Ueberbringer er vor ſich 3* zu ſehen glaubte, da ſprang der Sdelknabe jauchzend an ihm in die Hoͤhe und ſagte: Sey guten Muthes, Vetter Hipein, ſey guten Mu⸗ thes, ich bin es ja, der Stas, und der wird dir keine uͤble Votſchaft bringen.— Und dann klatſchte er in die Haͤnde, rufend: Du haſt mich wohl gar nicht erkannt?— und rannte dann vor den Spiegel, wohlgefaͤllig ſeine kleine reichgeſchmuͤckte Geſtalt zu bewundern. Hippolyt laͤchelte uber die ausſchweifende Freude des Knabenjuͤnglings und ſprach zu ihm:— Ei wahrlich! Du biſt ja recht ſchoͤn geputzt. Ver⸗ giß nur nicht, daß nicht alles, was glaͤnzt, Gold iſt oder Silber, und gedenke deſſen, was mir begegnet.— Sey nicht ſo trubſelig, Vetter Hippolyt— unterbrach ihn Stanislan— es iſt ſchon alles wieder gut, und— ſetzte er mit einiger Wichtigkeit hinzu— ich bin beauf⸗ tragt Dich zu unſerer Frau zu geleiten.— So recht— ſagte Hippolyt finſter— Es hat der erlauchten Gebieterin eine neue Laune an⸗ gewandelt, und nicht beſſer mag ſie dich abrich⸗ ten zum Frauendienſt, als dich zum Werkzeug der Grillen zu erwaͤhlen, die im Verlauf einer Stunde wohl zehnmal durch den Kopf einer — 37— ſchoͤnen Dame fliegen.— Da trat Stas vor ihn mit hochrothen Wangen und blitzendem Auge und ſprach ernſtlich: Hoͤret, Herr Kaſtellanie, wenn wir gute Freunde bleiben wollen und Vettern, ſo ſprechet nimmer alſo von meiner Koͤnigin. Die iſt nicht, wie die andern Frauen; ſo wie ſie liebreizender iſt, als Alle, ſo iſt ſie auch weiſer und milder— und ja wahrlich, ſeit ich ſie geſehn, gemahnt es mich, als ſey ſie die Eine in der Welt.— Fraͤulein Helena vielleicht ausgenommen, Dir zu Liebe— ſetzte er laͤchelnd hinzu. Dann fuhr er im erzaͤhlen⸗ den Tone fort: Da iſt die Frau Horonoſtay; von der magſt du ſagen, was Dir gefaͤllt, auch hat ſie, wie ich meine, Dir hier keine großen Dienſte geleiſtet. Als Du fort warſt, brachte ſie allerlei vor, von dem Leichtſinn der Maͤn⸗ ner in unſern Tagen, und wie Du dem Pe⸗ trus Kmita anhingſt, alſo daß Du dich abziehn laſſen durch wildes Leben und Jagen und Trin⸗ ken von dem Fraͤulein von Podolien; wie Du dieſelbe erzurnt habeſt, und endlich mit ihr gebrochen und Krakow verlaſſen muͤſſen, ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Da trat jedoch der Vater auf, und widerſprach ihr— — 5 was er aber geſagt, habe ich nicht recht ver⸗ nommen, denn ich war, ich weiß nicht wie es kam, ein wenig zerſtreut. Nun Du kennſt ja den Herrn Johannes; er iſt wohl ſonſt nicht ſehr redefertig, wenn er aber einmal beginnt, ſo redet er ſo lange, bis man recht begreift, was er meint. Und doch wieder mochte es die Koͤnigin nicht ganz begreifen, weil Du ſo we⸗ nig davon geſagt auf unſerer Reiſe, was ſich in Krakow mit Dir begeben; genug aber, die Frau Schatzmeiſterin ſchien ſehr aufgebracht, und verließ das Gemach ganz bleich vor Aerger, und da ſie hinaus war ließ meine allergnaͤdigſte Frau ſich Alles noch einmal wiederholen, und ſah recht nachdenklich dabei aus. Drauf gber ſprach ſie mit dem anmuthigen Laͤcheln, das ich an Keiner noch geſehn außer ihr: Unbillig waͤre es doch den Verbannten wieder zu ver⸗ bannen— und ſie rief mich und ſagte: Ich ſolle die Taube ſeyn, die dir den Delzweig brächte, und ſolche Botſchaft betrachten als den Dingpfennig fuͤr meinen angehenden Dienſt. Und wahrlich, meinen lieben Vetter Hippolyt zu ihren Fuͤßen zuruck zu füͤhren, waͤre mir auch der angenehmſte, wenn es eines ſolchen — beduͤrfte, der ich ſchon ihr eigen bin mit Leib und Seele.— Waͤhrend Stanislaw ſo ſprach, zog er den Vetter mit ſich fort, den Gang hinab, der zu Frau Barbarens Zimmer fuhrte. Bei ſeinem Eintritt winkte die konigliche Frau ihren gegenwaͤrtigen Damen; ſie zogen ſich in ein offenſtehendes Nebengemach zuruͤck, und ließen die Gebieterin allein mit dem ihr gegen⸗ uͤber ſtehenden Hofjunker.— Euer Oheim, der Staroſt von Pinsk— begann ſie nach einer kurzen Pauſe des Nachſinnens— hat mir Ei⸗ niges berichtet, welches, wiewohl nur unbe⸗ ſtimmt, andeutet, daß Ihr, durch irgend Etwas Euch die Ungnade Eures Herrn zugezogen. Un⸗ ſtreitig— fuhr ſie mit ſtaͤrkerer Betonung fort— begehret ihr den koͤniglichen Zorn zu verſoͤhnen und nehmet meine Vermittlung in Anſpruch; ſo laſſet mich denn wiſſen, was ſich zugetragen, damit meine Fürſprache wirkſam ſeyn koͤnne.— Ihr ſchweigt? fragte ſie darauf mit groͤßerer Lebhaftigkeit— ſollte es Euer Wunſch nicht ſeyn, die Gnade Eures Herrn wieder zu erlangen?— Hippolyt hoͤrte dieſe Worte nicht ohne Verwirrung; hatte auch He⸗ lenens Schreiben ihn einigermaßen uͤber den — 40— Sinn der Geliebten beruhigt, ſo duͤnkte ihm doch, was er geſehn und gehoͤrt, hinreichend, bei Siegmund Auguſt eine Abſicht zu vermu⸗ then, welcher ſein bekannter Flatterſinn nur zu viel Wahrſcheinlichkeit lieh; wie ſollte er jedoch ſolchen Argwohn der Gemahlin geſtehen, der, deren noch ſo unbeſtimmtes Geſchick allein auf der Treue deſſen beruhte, deſſen Wankelmuth ſie augenblicks von dem Thron in den Abgrund des Elends und der Verachtung ſtoßen konnte? Auch trat die Erinnerung an ſein unziemliches Verweilen im Hauſe des Kmita verwirrend vor ſeine Seele, und doch füͤhlte er, daß die, die zu ihm ſprach, ein doppeltes Recht auf ſein Vertrauen beſaß, als die Gebieterin, welcher er diente, und als die Einzige, die fortan ſei⸗ ne Liebe beſchuͤtzen konnte und wollte. Er antwortete demnach mit mehrerer Befangenheit, als ihm ſonſt eigenthuͤmlich war: Was ich Euch zu berichten habe, durchlauchtigſte Frau, mag minder zu meiner Rechtfertigung dienen, als manchen Mißgriff, den ich gethan, vor Eurer Milde zu entſchuldigen.— Die Erkennt⸗ niß des Fehlers— ſprach Barbara laͤchelnd— iſt der erſte Schritt zur Reue und Beſſerung. 4— Doch nicht bei mir allein habt Ihr euch zu entſchuldigen— fuͤgte ſie ernſter hinzu.— Wenn das wahr iſt, was ich vernommen, ſo iſt noch Jemand, deſſen Nachſicht ihr ſtark be⸗ duͤrfet— Helenen Odrowonz, meine ich, Herr Kaſtellanie, denn ich mag nicht glauben, daß Ihr, wie man Uns berichtet, um der Gunſt Unſers Feindes willen, des Großmarſchalls, ein Band leichtſinnig geloͤſt habt, zu deſſen Be⸗ ſchůtzerin Ihr die Gemahlin Eures Herrn er⸗ waͤhlt; eines durch Vaterſegen geheiligten Buͤnd⸗ niſſes, welches Wir aufrecht erhalten werden ſelbſt gegen Euch, denn nur ſolche geziemt es Koͤniginnen zu beſchuͤtzen, nicht aber muͤßige Liebesabenteuer des Hofgeſindes.—— Da begann Hippolyt ſeine Erzaͤhlung, er bekannte, wie er, vorwitzig des Bruders Warnung ver⸗ ſchmaͤhend, ſich dem Kmita angeſchloſſen, um wo moͤglich das Vertrauen des verſchloſſenen Greiſes zu gewinnen; wie er, weit entfernt die⸗ ſen Zweck zu erreichen, in jugendlichem Leicht⸗ ſinn ſich zu zweckloſen Zerſtreuungen verleiten laſſen und die erſte Abſicht ſeines Benehmens beinahe gaͤnzlich aus den Augen verloren; er gedachte des Fraͤuleins von Podolien mit allem Feuer der Liebe, beſchwor Frau Barbaren, ihn nicht unritterlichen Wortbruchs faͤhig zu halten; er erwaͤhnte des Verfahrens Siegmund Auguſts mit aller Schonung, die ihm das Zartgefuͤhl ſeiner Gemahlin gegenuͤber zur Pflicht machte, und als er den Auftritt beruͤhrte, deſſen Folge ſeine Verbannung war, geſtand er, vielleicht waͤhrend des Laufes ſeiner Rede ſelbſt zu eini⸗ ger Erkenntniß gelangt, daß er nur zu leicht gewiſſen Einfluͤſterungen Gehoͤr gegeben, und in der Verblendung eines aufgeregten Gemüths das Urtheil verſchuldet habe, welches ihn von Krakow und der Geliebten entfernte.— Mit großer Achtſamkeit horchte Frau Barbara dem Bericht des jungen Mannes; mit jedem Au⸗ genblick verſchwand eines der Wolkchen, die im Anfange die ſchoͤne Stirn bedeckten, ſie for⸗ derte eine genaue Wiederholung deſſen, was ſich mit jener Alten und ihrem ſogenannten Vetter begeben, ſann einige Zeit daruͤber nach, und ſprach endlich mit voͤllig wiedergekehrter Heiterkeit und der ihr eignen Anmuth: Ge⸗ ſtehet es nun, Herr Boratynski, daß Euer ab⸗ ſonderlicher Einfall, die ſuͤßen Pflichten eines Ritters gegen die Dame ſeines Herzens fuͤr des alten Wojewoden und ſeiner rohen Geſellen Gelage zu vertauſchen, ſchwerlich durch die Plaͤne Eurer ziemlich unreifen Staatskunſt ent⸗ ſchuldigt werden mag, und Eure Verbannung, Wir wollen es Euch gnaͤdig verzeihen, daß Ihr einen Aufenthalt an Unſerm Hoflager alſo nennt, fuͤr ſolch Beginnen nur eine ſehr milde Ahndung iſt. Danket demnach dem Koͤnig, der Euch von einem Orte entfernte, wo Eure Un⸗ erfahrenheit Euch wohl manches Uebel bereitet haͤtte, hoͤret mich wohl, Herr Boratynski, dan⸗ ket Unſerm burchlauchtigen Gemahl, und huͤtet euch fortan Euer Inneres durch Gedanken zu beflecken, die, weder des erhabenen Gegenſtandes, noch auch Eurer wuͤrdig, die unlautere Quelle verrathen, aus welcher Ihr ſie geſchoͤpft habt. Doch wollen Wir— ſchloß ſie mit einer ver⸗ abſchiedenden Handbewegung— Uns nicht ſtren⸗ ger zeigen als es Unſer Herr war, und Eure Dienſte werden Uns fortan genehm ſeyn wie zuvor.—— Das vben erwaͤhnte Zwiegeſpraͤch verlaͤugnete wirklich in der Folgezeit ſeine Wirkung nicht; Hippolyt Boratynski gewann eine Art von — Wichtigkeit am Hoflager zu Wilno, welche Einige der Nothwendigkeit zuſchrieben, den Bru⸗ der des Reichstagmarſchall zu gewinnen, deſſen Stimme bald ſo viel Einfluß auf das Geſchick der gebietenden Frau haben ſollte; Andere je⸗ doch, unter ihnen Frau Horonoſtay, bemuͤhten ſich der ſteigenden Gunſt des jungen Boratynski einen andern Grund unterzulegen. Der alte Johannes Lacki, der nun ſeine Ab⸗ ſicht erfuͤllt ſah, verließ den Hof und die Welt, denen er fur ſich ſelbſt laͤngſt entſagt hatte, um in ſeine Einſamkeit zu Pinsk zuruͤckzukehren. Zwar floſſen Stanislaws Thraͤnen haͤufig beim Abſchied von dem Vater, von dem er bisher nie getrennt geweſen, doch trockneten ſie bald vor dem ſonnigen Blick der neuen Herrin, in deſſen Strahlen das ganze Weſen des werden⸗ den Juͤnglings ſich wunderſchnell und vortheil⸗ haft bildete. Eines Tages ungefaͤhr zu der Zeit, da der Reichstag in Piotrkow ſich eroͤffnete, lockte das milde Wetter die Fuͤrſtin und ihren muntern Hofſtaat zu einer Luſtfahrt in's Freie. Barbara ſelbſt und die juͤngern Leute ihres Ge⸗ folges waren zu Pferde, waͤhrend die bejahrten und andere fuͤr ihre Geſundheit allzu beſorgten — 45— Damen, durch Kappen und Pelze vor der ih⸗ nen zu rauh duͤnkenden Luft geſchutzt, in ſchwe⸗ ren Karoſſen nachfolgten. Im leichten Trabe lenkte die Koͤnigin den milchweißen Zelter einer jener dichten Waldungen zu, welche damals ſich bis nahe an die Vorſtaͤdte von Wilno aus⸗ breiteten, und in denen die Jagdluſt der ehe⸗ maligen Großfurſten und Koͤnige geraͤumige Ge⸗ hege und begueme Pfade angelegt hatten. Meh⸗ rere der hoͤhern Diener des Hofes und unter ihnen auch Boratynski folgten der Herrin in der Naͤhe, und am Ende des Zuges ſehen wir auf einem muntern littauiſchen Klepper den Edelknaben Stanislaw Lacki, beladen mit dem leichten Werkzeug, das die Damen damaliger Zeit gern zur Hand hatten, um im Nothfall von demſelben Gebrauch zu machen. Die Enge der Wege hielt die Wagen etwas aufz die Da⸗ men, mit denen ſie beſetzt waren, hatten mit mehreren der begleitenden Herrn zu plaudern oder zu flüſtern, je nachdem Vethaltniß und Alter den Gegenſtand der Unterhaltung beſtimm⸗ ten, und ſo kam es denn, daß, als man un⸗ gefaͤhr eine Stunde Weges in den Wald hinein geritten war, die Furſtin in Begleitung des — 46— Boratynski, zweier oder dreier anderer Ritter und ihres getreuen Pagen, eine ziemliche Stre⸗ cke dem uͤbrigen Gefolge voraus war. Man befand ſich auf einer Lichtung des Holzes, auf welcher, halb verdeckt durch das herabgefallene Laub der Ulmen und Buchen, mehrere Wege ſich in verſchiedener Richtung durchkreuzten. Die Koͤnigin, der Gegend unkundig, hielt ihr Pferd an, und fragte einen der anweſenden Herren, welcher von dieſen Pfaden zu dem Jagdſchloß führe, in dem man ein Fruͤhmahl fuͤr ſie bereit hielt, dabei deutete ſie auf einen derſelben, der betretener ſchien als die andern, meinend, es werde der rechte ſeyn. Der Be⸗ fragte jedoch verneinte dieß, verſichernd, daß, wie er aus eigner Erfahrung wiſſe, dieſer Weg zu einem jaͤhen Abhang fuͤhre, in deſſen Grund ein unergruͤndlicher Sumpf faulez er habe ſelbſt einſt, auf der Jagd begriffen, im hitzigen Ver⸗ folgen des Wildes ſich nach dieſer Seite gewen⸗ det, und ſey nur durch ein gluckliches Unge⸗ faͤhr dem unvermeidlichem Tode entgangen, in⸗ dem ſein Roß hart am Rande des Abgrundes, den er nicht wahrgenommen, geſtrauchelt ſey. Darauf nannte er einen dieſem entgegengeſetzten, — 47— als den zum Waldſchloß bringenden Pfad, und lud Ihro Maſeſtaͤt ein, ihm zu folgen. Die Andern aber, welche gegenwaͤrtig waren, wider⸗ ſprachen dem, und Jeder behauptete die Um⸗ gegend beſſer zu kennen als die Andern. Da rief Frau Barbara lachend: So geſchieht es denen, die von den geraden Straßen abweichen; der Heerweg wuͤrde uns langſamer zwar, doch ſicherer zu dem Ziel und dem Mahle gebracht haben, das, wie Wir meinen, nach dem Ritt in ſcharfer Februarluft nicht uͤberfluͤſſig ſeyn wird. Doch mag nun wohl das Beßte ſeyn, daß Jeder von Euch, meine Herren, den Pfad unterſuche, den er fuͤr den rechten gehalten, waͤhrend Wir hier der Frau Horonvſtay warten und der andern Herrn und Damen.— Dienſt⸗ befliſſen gehorchten die Hoͤflinge dem Gebot; ſie ſprengten von verſchiedenen Seiten in den Wald, und bald verhallten die Hufſchlaͤge ihrer Pferde in der Ferne. Nur Hippolyt und ſein Vetter, welche die Hofordnung an dieſem Tage zur unmittelbaren Begleitung der fuͤrſtlichen Frau beſtimmte, befanden ſich mit ihr in der öden Lichtung des Waldes. Es dauerte eine geraume Weile, ohne daß einer der Vorange⸗ ſchickten zuruͤckkehrte oder die Wagen heranka⸗ men, und Barbara begann ungeduldig zu wer⸗ den, da vernahm man in der Richtung, aus welcher ſie gekommen waren, ein Rauſchen des Laubes, als draͤnge ſich eine anſehnliche Maſſe zwiſchen den herabhaͤngenden Baumaͤſten hin⸗ durch, und ein Stampfen, gleich mehreren eilenden Roſſen.— Wohlan, rief Frau Bar⸗ bara— da ſind wenigſtens die Andern! Nur wundert es mich nicht wenig— fuhr ſie ſcher⸗ zend fort— wie die Sorge fuͤr mich die Frau Schatzmeiſterin ihren Abſchen vor raſchem Fah⸗ ren üͤberwinden laſſen, das ihr ein Grauel iſ, wie Alles was ſchneller ſchreitet, als es der Hofbrauch will.— Doch immer ßͤrker ward das Rauſchen im Walde, immer drohnender das, was ſie für den Tritt der Roſſe hielten; man vernahm ein Krachen gleich als von zer⸗ knickten Aeſten, und der Grund erbebte wie unter gewaltiger Laſt; ein dumpfes Gebruͤll er⸗ ſchuͤtterte weit umher die Luft, und Stanis⸗ law rief mit zarter Knabenſtimme angſthaft aus: um Gott rettet Euch, Frau Koͤnigin, ein Ur, ein Ur!— Wie die Bewohner der afrikani⸗ ſchen Wuͤſte den Loͤwen, ſo furchten auch die * Thiere der kaͤltern Zone den Koͤnig der mitter⸗ naͤchtlichen Haine. Zitternd und wildſchnau⸗ bend hob ſich der Zelter der Koͤnigin in maͤch⸗ tigen Saͤtzen, dem Zuͤgel widerſtrebend, den die ende Reiterin krampfhaft ſtaͤrker anzog; wie riſſen durch die Macht des Sturmwindes, bo⸗ ſich die duͤrren Gebuͤſche am Wege ſplit⸗ ternd auseinander, und gerade auf Barbaren uͤrzte in wuͤthendem Rennen der ungeheuere Sproͤßling der Urwelt. Wie in blutigen Flam⸗ men, glaͤnzten die großen Augen des Thieres, der Zorn ſtraͤubte die Maͤhnen und das Ruͤcken⸗ haar empor; der gewaltige Kopf war auf die eherne Bruſt geſtemmt und die klafterweit ent⸗ fernten Hoͤrner waren gegen die Fuͤrſtin gerich⸗ tet, die, beinahe beſinnunglos, ſtatt auf ihre ſchleunige Flucht zu denken, ſich noch bemuͤhte dem rettenden Inſtinkt ihres Pferdes zu wider⸗ ſtehen: waͤhrend Hippolyt die Zuͤgel deſſelben zu faſſen ſuchte, um ihn mit ſich fortzureißen, ſetzte Stanislaw ſeinem kleinen Littauer die Spornen in die Seite und warf ſich dem wilden Auerſtier entgegen. Die dem Waldbewohner verhaßte rothe Farbe ſeines Mantels lenkte den Zorn des Thieres von der Koͤnigin ab auf ihn, Hipp. Borat. 3r Lheil. 4 da ſchlenderte der Knabe mit ungewiſſer Hand den Wurfſpieß gegen die breite Stirn; einen Augenblick ſtand der Ur mit dem machtigen Huf den Boden zermalmend; ein dumpfes neraͤhnliches Gebruͤll drang aus dem geoͤft Rachen voll elfenbeingleicher Zaͤhne; dann e furchtbarer Anlauf, und der Stoß ſeines Hor⸗ nes ſtuͤrzte Roͤßlein und Reiter zu Boden. Doch ehe dieſes noch geſchehen war, entgli der Zuͤgel Barbarens Hand, und in raſende Flucht ſtuͤrzte der befreite Zelter den hinab. Mit Entſetzen gewahrte Boratr er die Richtung nach dem Abgrund n ſen der Höfling erwaͤhnt hatte; er mit Pfeilesſchnelle nach, und hinter i ver⸗ hallte ungehoͤrt das Angßgeſchrei der mittler⸗ weile herangekommenen Damen. Bald uber holte Hippolyts fluͤcht Renner Barbaren, ein Griff ſeiner ſtarken in das Zaumzeug zwang den Zelter zu ſtehen, u tige glitt in ſeine Arme. Er Laſt, um welche Siegmund Iagiello der Buͤrde der vaͤterlichen Krone en agen olte, ſanft auf den feuchten movsbedeckten Grund, ihr Haupt unterſtutzend, dann ſtand er der — Pflege der Frauen unkundig uͤber ſie hingebeugt, verlegen was er zu ihrer Ermunterung in die⸗ ſer Einoͤde beginnen ſollte, und des armen klei⸗ nen Vetters gedenkend, dem ſeine Treue nun wohl mit dem Lode vergolten war; da ſchallte nahe bei ihnen ein aͤngſtliches Rufen: Wo iſt die Koͤnigin? Und in dem Augenblicke, als BVarbara aus ihrer Betaubung erwachte, umringte die Beiden der ſaͤmmtliche Hofſtaat. Schnell gaben die geiſtigen Waſſer und andere Rittel, welche der beſtuͤrzten Aja und der andern Da⸗ men kundige Hand der Gebieterin bot, dieſer ihre voͤllige Beſinnung wieder, und ſie trat auf eine ihrer Fraͤulein geſtutzt aus dem Dickicht. Da traf ihr erſter Blick auf das kleine Roß ihres Pagen: Todt war es ausgeſtreckt und aus der zerriſſenen Seite drang das Eingeweide hervor, und neben ihm lag der Knabe, bleich, blutig und regunglos. Ein Schrei des Ent⸗ ſetzens entfuhr Barbaren; ſie entriß ſich der Fuͤhrerin und flog zu dem, der fuͤr ſie das junge Leben geopfert; mit Schaudern erblickte ſie eine weite klaffende Wunde an der Bruſt des treuen Stanislaw, ſie warf ſi ch weinend neben ihm auf den Boden, ſchaute dann lange 4* 5 auf das ſtille, blaſſe Angeſicht, und druͤckte darauf ſchweigenb einen Kuß auf die mit Blut befleckte Stirn. Neben ihr aber kniete Hippo⸗ lyt, die Haͤnde des Lebloſen in den ſeinigen haltend. Das Geſicht verhuͤllend und die thraͤ⸗ nenden Angen, erhob ſich die Konigin langſam, da rief Boratynski jauchzend: Er lebt! O Gott ſey Dank mein Stas iſt nicht todt!— Bald beſtaͤtigte der wiederkehrende Odem die frohe Vermuthung. Halb weinend, halb froh⸗ lockend gebot die Herrin eine Bahre von ſchnell abgehauenen Aeſten zu verfertigen, und ſie ging aller Einwendungen der Hofmeiſterin ungeachtet neben derſelben, bis an das Thor der Haupt⸗ ſtadt, nach welcher man den jugendlichen Maͤr⸗ tyrer treuer Ergebenheit zuruͤckbrachte.— Viel ward den Tag durch uͤber das Ereigniß geſpro⸗ chen; des Ebelknaben heldenmuͤthige That war der Gegenſtand vieler aufrichtiger und mancher erzwungener Lobſpruͤche, ſeine wahrſcheinlich werdende Heilung erregte allgemeine Freude; nur Frau Horonoſtay die Schatzmeiſterin, ſprach am Abend in der Stille ihres Kloſets zu ſich ſelbſt: Allein im Walde mit dem jungen Men⸗ ſchen, den ſie ja auszeichnet vor Allen andern und in ſeinen Armen— dann den Kuß auf die Stirn oder den Mund des funftehnjaͤhrigen Knaben, den man wohl fuͤr achtzehnjaͤhrig hal⸗ ten kann, wenn man ſonſt will.— Fm, das gaͤbe wohl Stoff zu einem feinen Brieflein an meine gute Freundin und Muhme, der Frau Staroſtin Falezeska zu Krakow. Mag dann die⸗ ſelbe oder ſonſt Jemand noch davon herausſuchen, was Einer vder der Andern tauglich duͤnkt*). Rit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit ſah Anna von Mazowien, mit ſichtlichem Wohlgefallen die Koͤ⸗ nigin Bona die wachſende Zuneigung Siegmund Auguſts zu dem Fraͤulein von Podolien und des jungen Boratynski Entfernung. Die Abneigung beider Fuͤrſtinnen ſchien untergegangen in dem beiderſeitigen Streben nach demſelben Ziel, und nicht ſelten ſah die Dienerſchaft der Koͤnigin *) Koͤnig Siegmund erwaͤhnt in ſeinen vertrauten Brie⸗ fen an den Truchſes von Littauen Nikolaus Radziwill, ſeinen Schwager, beider Damen nicht auf vortheilhafte Weiſe. Die Schatzmeiſterin beſchuldigt er, durch Schwatzhaftigkeit und gefaͤhrliche Raͤnke oftmals die Storerin ſeines haͤuslichen und ehelichen Friedens geweſen zu ſeyn. Die noch ſchwerere Bezuchtigung der Staroſtin Falczeska wird dem Leſer in der Folge kund werden.— — 3— Mutter, die Wittwe des Levn Odrowonz ſtun⸗ denlang ohne Dazwiſchenkunft eines Dritten bei der Gebieterin verweilen. Doch verrieth keine Veraͤnderung im Antlitz oder Benehmen der ſtyl⸗ zen Piaſtin die Hoffnungen, welche allmaͤhlig in ihr emporſtiegen. Nur Rache und Ehrgeiz wohn⸗ ten noch in dem laͤngſt jeder Freude entwoͤhnten Gemuͤth, und ſie vermochte mit kalter Aufmerk⸗ ſamkeit das zu betrachten, was ſie umgab. Frucht⸗ los verſuchte Bona die ſteinerne Genoſſin durch die tauſend Rittel zu gewinnen, die der Welt⸗ kunde aus dem hoͤchſten Range zu Gebote ſte⸗ hen; ſie wich jeder Annaͤherung aus, die dem fremd war, was die alten Feindinnen fur den Augenblick vereinigte, und ſelbſt in den Stun⸗ den anſcheinender traulicher Herzensergießung uͤber den Gegenſtand ilires Strebens, gewahrte die Mailaͤnderin in dem Auge der Prinzeſſin von Mazowien ein dunkelglimmendes Feuer, das nur des Momentes zu warten ſchien, in dem es ihr vffenbar wuͤrde, ſie ſey getaͤuſcht, um in ver⸗ zehrenden Flammen aufzulodern. Beaͤngſtet durch die Naͤhe der unheimlichen Verbuͤndeten, ſehnte wohl damals ſchon die Koͤnigin den Augenblick herbei, da ſie ihrer nicht mehr beduͤrfen und es ihr vergoͤnnt ſeyn werde, ſie wieder hinabzuſtv⸗ ßen in die Erniedrigung, belaſtet mit einer Bur⸗ de, welche das Haupt der Verhaßten nieder⸗ drucken ſollte, alſo, daß ſie nimmer wage, es wieder zu erheben.— Die Hauptſtadt war allmaͤhlig leer geworden. Die Großen eilten dem Reichstag zu, und auch Petrus Kmita hatte nach einer langen Unterre⸗ dung mit der Mailaͤnderin ſich auf den Weg nach Piotrkow begeben; ſo war das Geraͤuſch der Feſte in der Koͤnigsburg verhallt, und nur das dunkle Treiben der Raͤnkeſucht wandelte un⸗ hoͤrbar umher, als ein Eilbote aus Wilnv an⸗ langte mit Briefen an die Staroſtin Falezeska, der Koͤnigin Bona Vertraute. Die Frau von Podolien befand ſich bei der Letzten in einer jener langen ſtockenden Unterredungen, die bei⸗ den gleich laͤſtig, dennoch von der Einen eifrig geſucht und von der Andern wenigſtens nicht vermieden wurden, als die Staroſtin mit eiligem . Schritt und hochrothen Wangen in das Kabinet trat. Nit anſcheinender Befremdung und miß⸗ billigendem Blick ſchaute Bona Sforza auf die willkommene Stoͤrerin eines unangenehmen Ge⸗ ſpraͤchs, und redete ſie mit einiger Schaͤrſe an: * Was bringet ihr Uns, Falezeska? Wir wollen hoffen, daß es nichts Geringes ſey, welches euch veranlaßt, Uns zu ßtoͤren, Unſerm Gebote zuwi⸗ der, das dem ſuͤmmtlichen Hofßnat unterſagt dieß Gemach zu betreten, waͤhrend Unſerer Frau Muhme Liebden demſelben ihre Gegenwart ſchen⸗ ken.— Wie Ihr wollet, gnaͤdigſte Frau— ver⸗ ſetzte die Staroſtin athemlos durch die Eile, mit der ſie gekommen war,— wie Ihr wollet. Zwar iſ das, was mich hierher führt, nichts mehr oder weniger, als das, was die Maͤnner in ihrem Uebermuthe mit dem Namen Frauengeſchwaͤtz belegen, welches aber doch, wie ihr wohl wiſſet, manches Mal an Gewicht und Wirkung ihren ſchwerfaͤlligen Berathſchlagungen und hochgeprie⸗ ſenen Waffenthaten nicht nachſteht.— Drauf ſprach die Koͤnigin gleichgiltig:— Fuͤrwahr, Falezeska, euch kann es nicht unbekannt ſeyn, daß Wir anderer Waffen maͤchtig und gewohnt, die gemeine Waffe der Weiber, die Zunge, ſel⸗ ten gebrauchen; und daſſelbe mag man noch mit mehrerem Rechte von der Prinzeſſin ſagen, von deren Schweigſamkeit Wir in der vergan⸗ genen Stunde Uns genugſam uͤberzeugen moch⸗ ten. Jedoch da ihr nun einmal hier ſeyd, ſo entledigt euch der Buͤrde, die euch ſchier den Athem zu rauben droht, wenn es der Frau Fuͤr⸗ ſtin Wojewodin alſo gefaͤllig iſt.— Dießmal— ſagte Frau Falezeska— iſt es eine ſpitze Feder, die ſtatt einer ebenfalls ſpitzen Zunge, Zeugniß von dem ablegt, was ein ungemein ſcharfes Auge gewahrte, und Eure Maſeſtaͤt moͤgen ſelbſt da⸗ von urtheilen, ob ſolches wuͤrdig iſt Ihr vorge⸗ legt zu werden, beſonders aber die Prinzeſſin, welche, wenn Hof und Stadt wahr ſprechen, der Gegenſtand dieſes vertrauten Briefleins nahe ge⸗ nug betrifft.— Bona durchflog eilig das uͤber⸗ brachte Blatt, waͤhrend Frau Anna, in ihrer ge⸗ woͤhnlichen ſcheinbaren Theilnahmloſigkeit behar⸗ rend, nur durch einige ſchnelle Seitenblicke die Ueberzeugung verrieth, daß es keine altaͤgliche Neuigkeit ſeyn koͤnne, deren Rittheilung ihr die Koͤnigin, die nichts umſonſt zu thun pflegte, vorbehielt.— Jugendſtreiche— ſprach Bona ſpottiſch laͤchelnd, indem ſie das Schreiben Frau Annen uͤberreichte,— die man wohl der Frau verzeihen mag, welche plotzlich auf den Gipfel des Ranges erhoben, ſchwindelnd ruͤckwaͤrts blickt in die Tiefe, und daruͤber die Pflichten ihres neuen Standes nicht erkennt.— Ich bin Eurer Majeſtaͤt Meinung— verſicherte Anna, indem ſie das Blatt geleſen zuſammenlegte, um es der Staroſtin zuruͤckzugeben,— oft vergroͤßert das Auge unbeſchaͤftigter Frauen, das beſſer auf die Nadel ſich heftet und das Webſchiffchen, unbedeu⸗ tende Dinge, wie eben die werthe Frau Falezeska in dem Inhalt dieſes Schreibens Etwas bemerkt haben will, das mich beſonders betraͤfe, welches ich jedoch nicht gefunden.— Die entruͤſtete Vertraute war im Begriff mit Heftigkeit zu antworten, da unterbrach ſie die Koͤnigin und rief, ungeduldig gemacht durch die unſtoͤrbare Ruhe Annens: Wahrlich es iſt zu verwundern, daß der Eindruck, den die Anmuth einer ſo lieb⸗ reizenden Jungfrau, als eure Tochter es iſt, auf die Herzen der Maͤnner hervorbringt, einer⸗ ſeits kaum bemerklich, und andererſeits ſo leicht zu verloͤſchen iſt, und wenn wir die Schuld nicht auf die allgemeine Unbeſtaͤndigkeit der Maͤnner unſerer Tage werfen wollen, ſo finden Wir Uns beinahe geneigt, jene Barbara fur ei⸗ nen Juwel unſeres Geſchlechts zu halten, und zu beklagen, daß ſie es iſt, welche das Geſchick uͤberall eurem Fraͤulein entgegenſtellt.—— Ueberall? fragte Frau Anna langſam— Von — 59— einem Falle urtheilten Eure Majeſtaͤt vor Kur⸗ zem noch verſchieden; der andere hingegen iſt nicht geeignet, weder mich noch meine Tochter zu betruͤben, die genug geerbt hat von dem Stolze ihrer Ahnen, um den auftugeben, der weit unter ihr ſtehend durch die Geburt, nun auch ihre Achtung verſcherzt haben ſoll. Was aber Barbaren Radziwill anbetrifft, thut ſie wohl daran, ſich bei Zeiten vorzuſehen, im Fall das eintraͤfe, was Ihr, gnaͤdigſte Frau, ihr mit ſo vieler Beſtimmtheit weiſſaget, und wenn die vermeinte Unbeſtaͤndigkeit jenes jungen Mannes eine ſchlechte Gewaͤhr leiſtet fuͤr die kuͤnftige Treue, ſo verliert, meine ich, die Gemahlin des Allerdurchlauchtigſten Siegmund in dieſer Hin⸗ ſicht nur wenig oder nichts bei dem Tauſche.— Die Bitterkeit, mit welcher die Prinzeſſin die letzten Worte ſprach, und die Eile, mit der ſie ſich anſchickte, das Schloß zu verlaſſen, uͤber⸗ zeugten die Koͤnigin, der Frau Horonoſtay Brief⸗ lein ſey nicht ohne Wirkung geblieben. Laͤchelnd ſchaute ſie ihr nach durch das Fenſter und ſprach dann zu ſich ſelbſt: Lege nur einen dreifachen Panzer um das hochmuͤthige rachſuͤchtige Herz; die glühenden Dolchſpitzen unbefriedigter Ehr⸗ 60 ſucht werden ihn zerſchmelzen, und bis ins In⸗ nere dringen, damit du hervortreteſt aus der dichten Huͤlle, und mir verfallen ſeyſt, und dem Haß, den ich dir ſeit Jahren geſchworen! Wie ſie eilend dahin ſchreitet zur wartenden Saͤnfte, mit der willkommenen Neuigkeit das Herz der Lochter zu durchbohren! Geh und thue das Deine; auch Bona von Mailand wird das Ih⸗ rige vollbringen.— Weinend verließ Helena ihre Mutter nach einer langen Unterredung; ſtandhaft hatte der reine Sinn der liebenden Jungfrau den Arg⸗ wohn verſchmaͤht, den ſie ihr aufzudringen ſich bemuͤhte, doch konnte Annens kalter Spott ſeine Wirkung nicht gaͤnzlich verfehlen, und noch wa⸗ ren die Spuren vergoßner Thraͤnen ſichtbar, als der Koͤnig raſchen Schrittes in ihr Gemach trat, in Begleitung des Wojewoden von Lublin.— Ich komme Abſchied von Euch zu nehmen, ſchoͤ⸗ ne Muhme— ſprach Siegmund Auguſt, indem er heitern Angeſichts auf ſie zuſchritt— Die Pferde warten ſchon, die mich nach Piotrkow bringen ſollen, doch wollte ich nicht abreiſen, ohne Euch zu ſagen, daß ich dahin gehe, wo, ſo Gott will, Euer und mein Schickſal ſich gůn⸗ — 65— ſtig entſcheiden wird. Bald, hoffe ich, wird die erlauchte Verbannte von Wilno einziehn in das Haus ihres Gemahls, auf die Weiſe, die ihr geziemt, und mit ihr wird ein anderer Verbann⸗ ter kommen und das alte Jagielloniſche Geſchlecht, und der neue Stamm des alten Piaſtenhauſes in Polen werden wieder aufbluͤhen in Gluͤck und Frende fuͤr lange, lange Jahre. Doch was ſehe ich, Fraͤulein, Ihr wendet Euch ab von mir und Eure Augen glaͤnzen in Thraͤnen?— Wirklich hatte des Koͤnigs Erſcheinen und ſeine freund⸗ liche Anrede die Bewegung Helenens vermehrt. Wie wenn es doch wahr waͤre; wenn der groß⸗ muͤthige Fuͤrſt, welcher vor ihr ßtand, verrathen waͤre durch den, deſſen kuͤnftiges Gluͤck er mit ſorgfaͤltiger Hand bereitete, dem er juͤngſt noch einen ſchweren Fehltritt verziehn; durch die, fur die er den verſammelten Staͤnden des Rei⸗ ches die Spitze bietend, die Krone ſeiner Vaͤter auf ein mißliches Spiel ſetzte? Wenn von einer Seite der Uebermuth der Jugend und die ſchwa⸗ chende Kraft der Abweſenheit, von der andern Leichtſinn und Gefallſucht die Bande loͤſend, welche Tugend und Liebe geheiligt, andere an⸗ zuknuͤpfen bereit waͤren, denen vielleicht gerade — 62— das Geheimniß des Verbrechens einen neuen verfuͤhreriſchen Reiz verlieh? Die neueſten Er⸗ eigniſſe hatten ihren Glauben an die Feſtigkeit des Hippolyt wankend gemacht, die außergewoͤhn⸗ lichen Umſtaͤnde, welche Barbara Radziwills Vermaͤhlung mit dem Koͤnig begleiteten*) und die ihre Gegner in den unguͤnſtigſten Farben darſtellten, traten vor ihre Erinnerung und ver⸗ banden ſich mit den Andeutungen ihrer Mutter, ihren Glauben zu erſchuͤttern.— Ihr ſchweiget noch immer, Fraͤulein von Podolien? rief der Koͤnig, als Helene ſich vergeblich bemuͤhte, ihre Empfindungen zu bemeiſtern.— Koͤnntet Ihr Mißtrauen in mich ſetzen? Trauet Ihr mir nicht Kraft und Willen zu, Euch mein gegebenes *) Siegmund Auguſt war bald nach dem Tode ſeiner er⸗ ſten Gemahlin, Eliſabeth von Beſterreich, gegen Bar⸗ baren Radziwill in heftiger Leidenſchaft entbrannt, welche nicht unerwiedert blieb. Er beſuchte ſie oft in's Geheim durch eine Thuͤr, die aus dem Garten des Schloſſes in den der Wojewodin von Wilno ihrer Mutter fuͤhrte. Eines Tages uͤberraſchten die Bruͤ⸗ der Barbarens den Koͤnig bei einer ſolchen Zuſam⸗ menkunft und bewogen ihn, auf der Stelle durch den Pfarrer des Kirchſpiels vor wenigen Zeugen die Ver⸗ bindung vollziehen zu laſſen, welche auch bis zum Tode Siegmund des Alten geheim gehalten wurde. — 63— Wort zu halten? Entdecket mir— ſprach er ſanft, indem er ihr die Hand entzog, die ſie von Wehmuth und Dankbarkeit erfüllt an ihre Lip⸗ pen ziehen wollte— entdecket mir die Urſache Eures Schmerzes; hat Euch die Mutter be⸗ truͤbt, oder— wahrlich, ja das iſt es, habt Ihr ſchlimme Nachricht aus Wilno, und Euer Herr Boratynski hat abermals einen Streich ausgehen laſſen ſeiner Art? Cospetto! Wir haben Uns geneigt gefunden ihm den Frevel zu verzeihen, den er an Unſerer Majeſtaͤt begangen; ſo er aber nicht aufhoͤrt Unſere liebreizende Muhme zu kraͤnken, welcher er gar nicht werth iſt, ſo ſoll er Unſern Zorn fuͤhlen, und wenn zehn Reichstagmarſchaͤlle ſeine Bruder waͤren!— O ſprechet nicht alſo, durchlauchtigſter Herr! rief Helene angſtvoll und bittend— Er wird, er kann ſich Eurer Gnade nicht unwuͤrdig be⸗ zeugen: darum, was Eure Majeſtaͤt auch ver⸗ nehmen, wollet Ihr nicht ungehoͤrt verdammen, denn die Welt iſt voll Argliſt, und wir ſind umgeben von geheimnißvollen Raͤthſeln.—— So ſcheint es wirklich— entgegnete Siegmund aufmerkſamer werdend— denn ſelbſt meiner taubenfrommen Muhme Mund beginnt in Raͤth⸗ — 64— ſeln zu ihrem Koͤnig und beßten Freunde zu ſpre⸗ chen. Ihr wollet den glucklichen Uebelthaͤter nicht anklagen, doch waͤre es beſſer ich erfuͤhre ſeine Schuld aus Eurem Munde, denn von An⸗ dern, welche ſie minder glimpflich beurtheilen. Ha, Euch zu Liebe wuͤrde ich ihm vieles verzei⸗ hen koͤnnen, nur nicht Untreue an Euch, denn hoͤher achte ich Euch als alle Frauen, die ich je gekannt, Eine ausgenommen, und dieß muͤßt Ihr mir verzeihen.— Achtet nicht auf die thoͤrich⸗ ten Grillen eines Maͤdchens— ſprach das Fraͤu⸗ lein in großer Verwirrung— Vergeſſet, mein Koͤnig, vergeſſet, was ich geſprochen, nie moͤge durch mich der Friede Eurer erhabenen Seele geſtoͤrt werden. Gehet hin, Euer Gluͤck zu be⸗ feſtigen und mit ihm das Gluͤck Eures Reiches, das Euch nicht erkannt, wie ich Euch kennez dann denket auch meiner, und die Gerechtigkeit des Himmels wird nicht geſtatten, daß hoher Edelmuth und ſtill beharrliche Treue zu Schan⸗ den werden.— Ihr wollet mir nicht vertrauen — ſagte der Koͤnig ſichtlich betroffen— wohl denn, ſo ſcheide ich von Euch, und bitte, Ihr moget uberzeugt ſeyn, daß Euch ein Freund — 65— liebt, der Euer Gluͤck auf das Seine gruͤnden wird.— Als er langſam die Treppe hinabſtieg, ſprach er zu dem begleitenden Hofmarſchall der Krone — Wir haben Uns nicht geirrt, Herr Firley, der unbaͤndige Galan iſt es, der Unſerer Muhme Thraͤnen fließen macht, und beinahe ſollten Wir meinen, er verdiene das Loos nicht, das ihn er⸗ wartet.— Wenn dem alſo iſt— ſprach Firley laͤchelnd, doch mit bezeichnendem Tone— wie Euer Majeſtaͤt Scharfſinn es deutet, ſo haͤrmt ſich das Fraͤulein fruchtlos. Ein wenig vor⸗ witzig zwar mag dieſer Boratynski ſeyn und der Welt unkundig, doch iſt er ſeiner Dame treu und gewaͤrtig und ein wahrer pastor i˖o— Keine auf der Welt, meine ich, mag ſeine Ge⸗ danken abwenden von ihr, ſelbſt mit Eurer Ver⸗ gunſt, nicht die Schoͤnſte der Schoͤnen, meines Herrn durchlauchtigſte Gemahlin.— Wie kommt Ihr darauf, dieſe jetzt zu nennen, Marſchall? — fragte Siegmund geſpannt mit einem ſchnel— len Blick auf den Sprechenden.— Iſt es mir erlaubt— antwortete dieſer— Eure Majeſtat an die Worte des Fraͤuleins von Podolien zu erinnern:„die Welt iſt voll Argliſt, und wie Hipp. Borat. 3r Theil. 5 — 66— von Geheimniſſen umgeben?“— Darauf ſprach der Koͤnig nach einer Weile, waͤhrend welcher er die letzten Stufen bedaͤchtlich zuruͤcklegte: Wir danken Euch, Herr von Lublin; es iſt Uns bewußt, daß ihr von Manchem unterrichtet ſeyd, was denen fremd geblieben iſt, die vielleicht ein groͤßeres Recht zu ſolcher Kenntniß haͤtten als ihr. Wir wollen die Weiſe nicht unterſuchen, auf welcher Ihr zu ſelbiger gelangt, und wuͤn⸗ ſchen nur um Eures und Unſers Beßten willen, daß Ihr auch kuͤnftig wie jetzt, ſie zum Beßten des Koͤnigs gebrauchet. So danken Wir Euch denn; Wir werden Euer Wort in getrenem Herzen bewahren, und da vielleicht Jemand die⸗ ſer Art des Troſtes noch beduͤrftiger ſeyn mag, als Wir, ſo geſtatten Wir Euch, noch einmal in's Beſondere von dem Fraͤulein von Podolien Abſchied zu nehmen. Wird doch die ſchuldige Aufwartung bei Unſerer Frau Mutter die Ab⸗ reiſe noch um eine halbe Stunde verzogern.— Vergeblich verſuchte Bona Sforza das Gift der Frau Schatzmeiſterin in das Herz des könig⸗ lichen Sohnes zu traͤufeln; er unterbrach jede Rede, die auf den Inhalt des empfangenen Schreibens deuten mochte, mit leichten Scherz⸗ — — 6— worten, und eilte ſich zu beurlauben.— Als Anna von Mazowien ihre Tochter wiederſah, waren die Thraͤnen derſelben getrocknet, ihre Augen hell und ſie hoͤrte die Stachelreden der Prinzeſſin geduldig zwar, doch ſchweigend und ohne Theilnahme an. 2. Der Marſchall der Ritterſchaft für die Reichs⸗ verſammlung des Jahres 1549 zu Piotrkow war gewaͤhlt, und der Name des Staroſten von Sam⸗ borz, Petrus Boratynski ertoͤnte aus tauſend und aber tauſend Kehlen. Waͤhrend die ritter⸗ ſchaftlichen Abgeordneten und Herrn hoͤhern Ranges beim Weinbecher und tiefſinnig politi⸗ ſchem Geſpraͤch an den Tiſchen in den Simmern nahegelegner Haͤuſer und unter in Eil aufgeſchla⸗ genen Gezelten verſammelt waren, ließ der nie⸗ dere Adel auf einer ziemlich betraͤchtlichen Wieſe, trotz der noch ziemlich ſtrengen Witterung, den Gaſtgeber des Tages hoch leben, ſich, wie es immer da zu geſchehen pflegt, wo die Menge entſcheidet, goldene Tage von dem Gewaͤhlten verſprechend, dem, wann ihm darauf das Un⸗ moͤgliche nicht gelingt, welches in unzaͤhligen 5 NX Koͤpfen ausgebruͤtet werden mag, alle Schuld zur Laſt faͤllt, und darauf ein neuer Nachfolger neue Hoffnungen erweckt, um ſie abermals un⸗ erfuͤllt zu laſſen und das Loos ſeines Vorgaͤn⸗ gers zu theilen. Die zahlreiche Dienerſchaft des Staroſten war mit Bewirthung der vorneh⸗ mern Gaͤſte beſchaͤftigt, die Zecher auf der Wieſe wurden theils von juͤdiſchen Gaſtwirthen der Stadt und Umgegend bewirthet, theils von meh⸗ reren fuͤr dieſe Tage in Sold genommenen Mar⸗ ketendern, Burſchen und Maͤdchen bedient, wel⸗ che vollauf zu thun hatten, der eifrigen Vater⸗ landsliebe und dem brennenden Eifer der Herrn Szlachcicen*) fuͤr den neuen Marſchall Genüge zu leiſten. Fuͤr jede Wojewodſchaft war eine lange Tafel errichtet, an welcher die Verſchie⸗ denheit der Religion die Stellen waͤhlen ließ. Das Großfurſtenthum Littauen fand Platz an dreien von den uͤbrigen abgeſonderten Liſchen, au welchen nur das adliche Gefolge der ritter⸗ SMlacha, Adel, Szlachcic, Edelmann, wird gemeiniglich nur vom geringern Adel gebraucht; der bedeutendere bedient ſich der beſcheidenen Benennung Obywatel, Staatsbuͤrger(Ciroyen), waͤhrend Mieszezanier(Buͤr⸗ ger), Stadtbewohner, den dritten Stand bezeichnet. — 69— lichen Abgeordneten zu ſehen war, während Neu⸗ gier und die Genugthuung, ſich als einen Theil der geſetzgebenden Macht geltend zu machen, aus den minder entfernten Provinzen der Krone, viele Edelleute nach Piotrkow gefuͤhrt hatten, deren Gegenwart dort eigentlich unnoͤthig gewe⸗ ſen waͤre. Im Anfange des Gelages hatten die abweichenden Meinungen in Glaubens⸗ und Staatsſachen unter den Gaͤſten die Stille des Mißtrauens und Widerwillens ausgebreitet, und jetzt, da Meth, Bier und gebrannte Waſſer das Band der Zunge geloͤſt hatten, begannen ſie eine entgegengeſetzte Meinung in uͤbermaͤßigem betaͤnbendem Getoͤſe zu aͤußern. Alle Rechte des Koͤnigs, alle Privilegien des Adels wurden hier mit entſcheidender Wichtigkeit verhandelt, und waͤhrend man hoͤchſt uneins uͤber den ver⸗ ſchiedenen Gehalt dieſer beiden wichtigen Mate⸗ rien und die Art ſie feſtzuſtellen war, kamen doch ziemlich alle darin überein, daß man die erſten wo moͤglich noch mehr beſchraͤnken, die letzten aber beliebig ausdehnen muͤſſe. Die Lit⸗ tauer, die, damals noch erbliche Unterthanen des Hauſes Jagiello, nicht voͤllis gleiche Rechte mit dem Polniſcheu Adel genoſſen, hoͤrten ungern ihre neuen Mitbuͤrger aus den Landen der Kro⸗ ne ſich ſolcher Vorzuge ruͤhmen, welche ſie ent⸗ behrten, und bildeten ſchweigend und mißmuthig, doch bereit, bei der erſten Veranlaſſung ihre Meinung und Frau Barbarens angefochtene Wuͤr⸗ de durch die Karabella zu unterſtutzen, gleichſam die Partei der Ultra in dieſer Verſammlung. Die Proteſtanten und Arianer, welche dem re⸗ gierenden Geſchlecht ſeiner Duldſamkeit in kirch⸗ lichen Angelegenheiten wegen zugethan waren, ohne dennoch ein Haarbreit von den Rechten ihres Standes vergeben zu wollen, konnte man den Conſtitutionellen vergleichen, die ſtrengen Anhaͤnger der Loͤmiſchen Kirche, dem Koͤnig we⸗ nig ergeben und die eifrigſten Gegner ſeiner zweiten Vermaͤhlung, kamen, wo nicht in dem Urſprung ihrer Meinung, doch in den Aeußerun⸗ gen derſelben, den Republikanern unſerer Tage gleich, waͤhrend die Uebrigen, durch Dienſtver⸗ haͤltniſſe und Verbindlichkeiten an maͤchtige Her⸗ ren gebunden, welche entweder in der Verwir⸗ rung des Reiches den eignen Vortheil ſuchten, oder wohl gar ein begehrliches Auge auf die Krone ſelbſt richteten, in ſo viele iſten und ⸗aner getheilt werden konnten, als ihre verſchiedenen Patrone Geſchlechtsnamen zaͤhlten. Wer in ſpaͤ⸗ tern Zeiten Zeuge manches allzu lebhaften Auf⸗ trittes geweſen iſt in minder tahlreichen Ver⸗ ſammlungen, derer Beiſitzer in Wiffenſchaft und Sitte die Vorbilder ihrer Mitbuͤrger ſind, oder ſeyn ſollten, wird leicht auf das Geraͤuſch und die Verwirrung ſchließen koͤnnen, welche unter einer Menge von mehr als tauſend Menſchen herrſchte, unter welcher die Mehrzahl im Kriege das Schwert, im Frieden die Pflusſchaar handhabte, wo demungeachtet jeder Einzelne ſich als einen gebornen Theilnehmer an der oberſten Gewalt betrachtete, und es nach der Verfaſſung des Rei⸗ ches wirklich war, und deſſen ſekten getaͤhmte Leidenſchaften durch den nicht kargen Gebrauch hitziger Getraͤnke aller Art auf den hoͤchſten Grad geſteigert waren. So war dieſer Theil der Gaͤſte des Petrus Boratynski beſchaffen, in deren Nitte wir jetzt den guͤnſtigen Leſer fuh⸗ ren, wenn es ihm gefaͤllig iſt uns zu folgen⸗ Der erſte Anblick des Schauſpieles, welches ſich uns darſtellt, macht einen fremdartigen, doch nicht unvortheilhaften Eindruck. Die Ebene von maͤßigem Umfang iſt an einer Seite von einem — Walde begrenzt, von zwei andern durch Korn⸗ felder voll keimender Saat, und von der vier⸗ ten durch die aͤußerſten Haͤnſer der Vorſtadt, nicht wie jetzt hoͤlzerne Huͤtten, deren rau⸗ chende Schornſteine die Bereitung des Mah⸗ les fuͤr die vornehmern Geladenen andeuten. Eine große Menge in der Schnelligkeit zuſam⸗ mengezimmerter Siſche von eben ſolchen Baͤnken umgeben, ſind zwar nicht mit ſeinem Tiſchzeng, doch uͤberreichlich mit Kruͤgen, Bechern und maͤchtigen Schuͤſſeln voll der ſarmatiſchen Lieb⸗ lingsgerichte beſetzt. Die von Speck glaͤnzende Haidegrutze ſendet dichte Dampfwolken aus, ne⸗ ben ihr duftet das Sauerkraut mit Fleiſchſtücken untermiſcht, der beliebte Bigos, erſt vor kurzem aus der bewahrenden Tonne genommen und ans Feuer geßtellt, das Eingeweide der Rinder ſtark mit Safran gewuͤrzt, ellenlange Meth⸗ und Gruͤtzwuͤrſte noch braͤtelnd in den Pfannen, tuͤch⸗ tige Hechte, an den gleichfalls das damglige Hauptgewuͤrz, der Safran, nicht geſpart iſt, und Schweinskeulen die dem Maͤſter Ehre machen, nebſt gebacknen Pflaumen. Zwiſchen den Ta⸗ feln glaͤnzen Beiwachtfeuer, beſtimmt die Spei⸗ ſen warm zu erhalten, und denen, welche die — 73— Winterluft Speiſe und Trank nicht vergeſſen macht, zum Verſammlungort zu dienen. Unzaͤh⸗ lige Muͤtzen von abwechſelnden Farben in lan⸗ gen Reihen beleben das todte Grau der ſandi⸗ gen grasloſen Flaͤche und hin und wieder glaͤnzt ein entbloͤßtes kahlgeſchornes Haupt im Wieder⸗ ſchein der nachbarlichen Flamme. Athemlos und ohne Raſt laufen die Bedienenden hin und her, demuͤthig, ſo viel ſie vermoͤgen, dem Ruf der geſtrengen Herrn gehorchend, welcher von allen Seiten erſchallt, und der Iſraelit ſchneller ren⸗ nend noch als die Andern, und nichts deſto we⸗ niger mit ſcheuer Aufmerkſamkeit die Blicke in unglaublicher Geſchwindigkeit nach allen Seiten wendend, bricht bald in einen leiſen Angſiſchrei aus, wenn er ein Gefaͤß zertruͤmmert ſteht, was er zu dem Feſte geliehen, und als trefen*) dem Gaſtgeber dreifach anzurechnen gedachte, bald rauft er in furchtſamer Wuth die Payſaki, wenn einer der Gaͤſte die aufwartende Schickſel mit gewaltſamer Liebkoſung umfaßt, bald ſtoͤßt er ein lauteres Sorngekreiſch aus, da er ſieht, daß der trefen, unrein— koſcher, rein— Schickſel, Judenmaͤd⸗ chen— Bachor, Jutenunge— Payſaki, die langen Seitenlocken der polniſchen Inden. — 41— Bachor, ſtatt die koſchern Pflaumen die er ge⸗ liefert, abzuraͤumen, die mit Speck bereitete Gruͤtze ergreift, oder gar die Schuͤſſel mit dem Fleiſche des verbotenen Thieres, und nun un⸗ rein ſeyn wird bis an den Abend. Etwas ab⸗ ſeits von den Andern, unter einer breitaͤſtigen, jetzt entblaͤtterten Buche, nahe an einem Feuer, deſſen dunkelgraue Rauchwolken luſtig in die reine winterliche Luft aufwirbeln, ſieht eine Tafel, wie es ſcheint mit beſonderer Sorgfalt bedient. Mehrere Edelleute aus Kleinpolen und Rußland umgeben ſie, die Nachbarn und Klienten des Staroſten von Samborz, lauter iſt die Freude bei ihnen, als bei den An⸗ dern, denn jeder von ihnen eignet ſich einen Theil der Auszeichnung zu, die ſeinem Lands⸗ mann heute zu Theil worden durch den ge⸗ ſammten Adel des Reiches.— Am voberſten Ende vertritt der alte Stephan Bielawski mit feierlichem Anſtand die Stelle ſeines Herrn. Hoch, hoch, der hochgeborne Herr Petrus, des Ritterſaales verehrlicher Marſchall! ertoͤnt es nun ſchon zum zwanzigſten Mal, und der In⸗ halt der eben ſo oft geleerten Kruͤge verſchwin⸗ det bis auf den letzten Tropfen in den heiſern ————— ————————————— Kehlen der Rufenden. Vestrae Dominationes! — beginnt der Majfordomus dieſes Tages, der alte Stephan.— Allerdings darf der kleinpol⸗ niſche Adel ſich des heutigen Tages erfreuen und des erlauchten Mitbuͤrgers, der uns neue Gloriam et Aeslimationem erworben.— Wahr, wahr, ehrenfeſter Herr Bielawski! Vivat Klein⸗ polen, die Wiege der Republik!— Vivat der Staroſt von Samborz! ließen die Ruſſen ſich vernehmen— in Kleinpolen iſt er geboren, in Rußland iſt er angeſeſſen und groß worden und ein Herr!— Gott erhalte Rußland und den Herrn von Samborz!— Bene, benissime, Hoch⸗ edelgeborne— rief Stephan ſich neigend— ich dank' Euch in nomine Patroni!— Der Herr Petrus iſt ein Edelmann von altpolniſchem Schrot und Korn— ließ Einer ſich vernehmen, und ſetzte darauf mit einem ſchnellen Blick auf die unfern ſitzenden Littauer hinzu— und er wird wiſſen, die Republik und unſere Rechte gegen die Fuͤrſten zu vertheidigen, die jenſeits des Bugs hergekommen ſind!— und den altroͤmi⸗ ſchen Glauben gegen Ketzer und Arianer! ſetzte ein Anderer hinzu.— Aufmerkſam ſchauten die Edelleute des Großfuͤrſtenthums heruͤber und — 76— neigten fluſternd die Köpfe gegen einander. Bie⸗ lawski, der es bemerkte, ſprach beguͤtigend: Ge⸗ mach, gemach, meine Herren und Bruͤder, Con- cordia res parvae crescunt, discordia magnae dilabuntur*).— Bedenket, daß die littauiſchen Herren zu betrachten ſind, als die Gaͤſte des Herrn Marſchalls und als unſere Bruder; ha⸗ ben wir doch einen und denſelben Herrn, wel⸗ cher der Erſte iſt unter den Gleichen, peimus iuter pares— und— ja, was wollt' ich denn ſagen—— Er haͤtte ſich die Muͤhe erſparen koͤnnen, ſeinem Gedaͤchtniß auf die Spur zu kommen, denn ein bruͤllender Ausruf unterbrach ihn: primus inter pares!— Recht ſo, nichts mehr iſt der Koͤnig, als der Erſte unter den Gleichen, Einer iſt er nur, wir aber ſind Viele! —— Fürwahr— ſagte an der littauiſchen Tafel ein Edelmann, wahrſcheinlich ein Arianer — Koͤnig Wladislaw haͤtte ſich und uns das Taufwaſſer erſparen koͤnnen, fuͤr den Vortheil, dieſen gleich zu ſeyn, er, der ein Herr war ͤber ein maͤchtiges Fuͤrſtenthum und ergebene Unterthanen.— Beliebt, Herr Littauer? fragte *) Das Geringe wächſt durch Eintracht, die Zwietracht mag auch Großes vernichten. der Pole der zuletzt geſprochen hatte, die Hand an den Saͤbel legend— So es Euch hier nicht gefaͤllt, oder Eurem Herrn, könnt Ihr alle zu⸗ ſammen hingehn wo Ihr hergekommen ſeyd.— Nicht umſonſt war Wort und Geberde der Aus⸗ forderung an den Littauer gerichtet; er ſprang auf und es waͤre wahrſcheinlich Blut gefloſſen, haͤtte Bielawski nicht ſchnell den aufglimmenden Funken des Zorns erſtickt.— Vestrae Domina- tiones! ſchrie er ſo laut er es vermochte— Wollet Ihr dieß Feſt der bruͤderlichen Eintracht durch Hader ſtoͤren? Meine Herren und Bruͤ⸗ der der Krone, unſerer ſind viele, der littaui⸗ ſchen aber nur wenig, die ſich altſarmatiſcher Gaſtlichkeit anvertraut haben; haͤtten wir deß Ehre, da Haͤndel anzufangen, wo wir an funf⸗ zis ſind gegen einen? Meine Herren des Groß⸗ fuͤrſtenthums, ich verſichere Euch im Namen meines hochgebornen Patroni der abſonderlichen Reverenz, die er zu Eurer ehrenwerthen Nation traͤgt, und erſuche Euch, collegialiter mit uns den Becher auf ſein Wohl zu leeren. Aber was ſehe ich, Eure Kruͤge ſind leer! Schnoͤder Jude, wagſt Du es alſo die geſtrengen Herrn von Littauen zu vernachlaͤſſigen, und Schande und Unehre uͤber den Herrn Marſchall zu brin⸗ gen, als ob es an Meth gebraͤche oder gebrann⸗ tem Waſſer fuͤr ſo achtbure Geladene? Flugs tummle Dich, und ſchafß herbei, und uͤberdem noch ein Faͤßlein Ungarwein— Mach fort, oder —— Waͤhrend der Jude mit angſthaſter Schnelle den Auftrag vollzog, fragte Stephan: Wo iſt der, welcher den Auftrag hat vom Herrn, dieſe Tafel zu verſehen, daß ich ihn lehre wie Herr Petrus gewohnt iſt, ſeine Gaͤſte zu bewir⸗ then?— Da trat der Gerufene hinzu und ſprach: Mein iſt die Schuld nicht, haben doch die Herren aus Kleinpolen und Rußland alles in Beſchlag genommen, was hierher beſtimmt war.— Wer biſt Du denn? fragte der alte Sdelmann ihm forſchend in's Auge blickend— kenne ich Dich doch nicht unter der Dienerſchaft des Marſchalls.—— Erſt auf dem Wege hier⸗ her haben Seiner Gnaden mich in Dienſt ge⸗ nommen.—— Ich ſagte— ſprach Stephan nach einer Pauſe— ich kenne Dich nicht; doch gemahnt es mich, als habe ich Dein Antlitz ſchon fruͤher geſehn; ich muß Dir aber ſagen, Freund, daß daſſelbe mir nicht ſonderlich gefaͤllt, und ſieh zu, daß Du Deinem Amte beſſer vorſteheſt ——— forthin, ſonſt moͤchte ich auch mit Deinem brei⸗ ten Ruͤcken Bekanntſchaft machen.— Schafft nur wacker an— murrte Waelaw Siewrak, denn er war der neue Diener des Herrn Bo⸗ ratynski— wir wollen deß ſchon Rath werden. —— Die Ruhe war wieder hergeſtellt und die Littauer ſchwemmten mit dem ihnen damals wenig bekannten Rebenſaft ihren Unwillen hin⸗ weg. Hin und wieder ſammelten ſich einige von den andern Wojewodſchaften, die das Ge⸗ zaͤnk herbeigelockt hatte, um die Tafel der Klein⸗ polen, und begruͤßten ihre Bekannte. Doch nach ſehr Vurzer Zeit wandte ſich das Geſpraͤch wieder auf den Lieblingsgegenſtand der Republikaner, auf die Staatshaͤndel.— Wir hoffen— be⸗ gann ein Edelmann aus dem koniglichen Preu⸗ ßen— daß der Reichstag unter dem Stabe eines ſo wurdigen Herrn, als es unſer erwaͤhl⸗ ter Marſchall iſt, endlich einmal von gutem Er⸗ folge ſeyn und den Zwiſtigkeiten ein Ende ma⸗ chen wird, die bisher Broͤder und Bruͤder ge⸗ trennt haben, denn wie wir vernehmen, iſt Herr Petrus, obgleich ſeinem Glauben zugethan, den⸗ noch der Verfolgung feind, und eine rechte Stutze adeliger Privilegien.—— Hi — 85 meinte Einer der Sitzenden— Ihr moͤget Euch doch wohl in Euren allzu ſtarken Hoffnungen be⸗ truͤgen, denn eben als eifriger Katholik wird er feſt beharren auf den Statuten des ungariſchen Ludwig, und davon werden wir morgen ein Bei⸗ ſpiel ſehen, wenn er die neue Lehre in ihren Grundpfeilern angreift, jene Barbara vom Thro⸗ ne draͤngend, die aus einem ketzeriſchen Geſchlecht ſtammend, es nimmermehr treu meint mit der Kirche.—— In dieſem Augenblick beugte ſich am andern Liſche Waelaw Siewrak zu dem Lit⸗ tauer herab, deſſen wir ſchon erwaͤhnt haben, und der jetzt verſoͤhnt durch den Geiſt des Un⸗ garweins den Bechern und Schuͤſſeln des Gaſt⸗ gebers weidlich zuſprach. Alsbald legte dieſer das ergriffene Meſſer nieder, wendete ſich auf ſeiner Bank ſeitwaͤrts zu den Polen und blieb in dieſer Stellung aufmerkſam zuhoͤrend ſitzen. — Ich begreife Eure Rede nicht wohl, hoch⸗ edelgeborner Herr und Mitbruder— liß ſich der Preuße vernehmen— und ſollte meinen, daß es gerade der Glaube der roͤmiſchen Kirche ſey, welcher den Herrn Marſchall und die Ab⸗ geordneten der Ritterſchaft abhalten muͤßte, et⸗ was gegen die Gemahlin unſers Herrn zu un⸗ —— * — 81— ternehmen. Es moͤchte noch ſeyn, wenn wir Lutheraner alſo ſpraͤchen, bei Euch Ihr Herrn aber iſt ja, wie ich mir ſagen laſſen, die Ehe ein Sakrament und unauſlöslich.— Gewiſſer⸗ maßen wohl— wandte der Andere ein—, doch das Wohl der Republik und unſere Privilegien gehn vor dem Sakrament; dieſe Verbindung iſt geſchloſſen gegen den 14ten Artikel der pacta conventa, welcher alſo lautet:„Wir wollen uns nimmer vermaͤhlen ohne Vorwiſſen und Geneh⸗ migung der Herren des Senats und der Ritter⸗ ſchaft“—, folglich iſt ſie ungiltig und der Papſt mag ſie loͤſen kraft der Gewalt des apoſtoliſchen Stuhls.— Uns kann das gleichgiltig ſeyn— ſagte der Preuße.— Ein Edelmann der Woje⸗ wodſchaft Krakow aber ſchlug heftig auf den Tiſch und ſchrie: Ei was, Sakrnment iſt Sa⸗ krament, und ſolche Spitzſindigkeiten ſind nur geeignet das Reich zu verwirren. Nun hat der Jagiello einmal die Littauerin geehligt; unſere Foͤnigin kann ſie nicht ſeyn, er kann ſie nicht laſſen; erso iſt er nicht mehr unſer Koͤnig, und ich, Hieronymus Zalecki, erklaͤre den Thron für erledigt!—— Ihr geht ein wenig ſchnell Hipp. Borat. 3r Theit. 6 zu Werke,— ließen ſich einige Andere verneh⸗ men— es iſt das Jagielloniſche Geſchlecht doch ein ehrenwerthes, und die Republik hat zuge⸗ nommen unter ihm an Wohlſtand und Macht; wo moͤchten wir alsbald den finden, der es er⸗ ſetze?— Wo? meine Herren— rief der be⸗ rauſchte Edelmann aus der Gegend der Haupt⸗ ſtadt, ohne auf die mißbilligenden Blicke des Majordomus zu achten— Seyd Ihr blind, oder habt Ihr das Gedaͤchtniß verloren? Wer kennt den Großfeldherrn nicht, Johannes Amor Gra⸗ fen zu Tarnow, den Kaßtellan von Krakow, den Sieger in ſo vielen Feldſchlachten, den Vater des Vaterlandes?— Es lebe Johannes Tar⸗ nowski! ich Hieronymus Zalecki proklamire ihn zum Koͤnig von Polen.—— Das Gemutmel des Misfallens ertoͤnte von einer Seite, und von der andern uͤbertaͤubte lautes Gelaͤchter den unberufenen Proklamator, um welchen ſich jedoch mehrere ihn Gleichgeſinnte ſammelten. Der Lit⸗ tauer aber, der bisher ſchweigend geſeſſen, ſprang ploͤtzlich auf und trat mit blitzenden Augen naͤ⸗ her: Ich aber ſage Euch, daß wenn, wie ich nicht glauben will, der Großfeldherr In ſagt und Amen zu ſolch aufruͤhreriſchen Worten, ſo — — 83— iſt der Kaſtelan von Krakow Sein*) erſer Senator, der Großfeldherr der Feldherr der hoͤl⸗ liſchen Heerſchaaren, der Sieger in der Schlacht, und das iſt er wirklich geweſen, ein verkaufter Selave der Suͤnde, und der Vater des Vater⸗ landes der Verraͤther deſſelben, wie alle die, welche davon ſprechen, die angeerbte Krone vom Haupte Siegmund Auguſts Jagiello zu reißen. —— Ein furchtbares Getoͤſe verſchlang die letzten Worte— Angeerbte Krone? riefen mehr als hundert Stimmen ſpottend— Da hoͤrt man den Littauer; freilich fur Euch iſt er es, doch nur unſer etwaͤhlter Hert, primus inter pares! primus inter pares! und uns, die wir ihn er⸗ hoben haben, ſtehet es zu, ihn zu entſetzen nach unſerm Belieben.—— In großter Beſtuͤrzung erhob ſich Bielawski von der Oberſtelle des Li⸗ ſches und warf dem vorlauten Zaleckt einen grimmigen Blick zu, zwiſchen den Zaͤhnen mur⸗ melnd: vade ad diabolum, furcifer**)! Waͤh⸗ — * In Littauen und dem heutigen Rußland war es, und iſt es mitunter noch gebraͤuchlich, den Teufel und den Wolf nicht mit Namen, ſondern nur die dritte Per⸗ ſon zu benennen. *) Geh zum Teufel, Galgenſtrick! 6* rend dem aus der ganzen Ebene alle Anweſende dem Laͤrm zueilten, hatte ſich eine der Marke⸗ tenderin verſtohlen dem Waelaw Siewrak genaͤ⸗ hert, ein haͤßliches altes Weib in abentheuerli⸗ chen Gewaͤndern, welcher er, gleich als ſey er hocherfreut, die Haͤnde reibend, und auf die Zankenden deutend, einen Bericht abzuſtatten ſchien, den die Alte jedoch nicht mit eben ſol⸗ cher Froͤhlichkeit, vielmehr mit Beſorgniß und Unruhe vernahm.—— Seria in Crastinum*)! rief der Majordomus mit aller Kraft ſeiner Lun⸗ gen— Morgen, werthe Herren, wird alles das von unſern Herren und Bruͤdern, als denen ſolches obliegt kraft der von uns ertheilten Voll⸗ macht, verhandelt werden. Solches Geſpraͤch gehoͤrt ſich in dem Saale der Ritterſchaft zu eroͤrtern, nicht beim freundſchaftlichen Mahl! Im Namen des Herrn Marſchalls erſuche ich Euch, gebt Euch zur Ruhe.— In's Teufels⸗ namen— ſchrie er in den immer heftiger wer⸗ denden Tumult— Seyd Ihr denn beſeſſen, wofuͤr mich und Euch die heilige Jungfrau be⸗ wahre?— Noch einen Becher Weines aus des *) Das Ernſte auf Morgen. Herrn Staroſten Mutterfaß, werthe Ritbruder aus dem verehrlichen Großfuͤrſtenthum. Es lebe die Eintracht, es lebe der Reichsmarſchall hoch! —— Zur Hoͤlle mit dem Reich und ſeinem Marſchall!— donnerte die Stimme des Lit⸗ tauers, um den ſich ſeine Landesgenoſſen in dro⸗ hender Geberde ſellten, und wuͤthend warf er ſeinen Becher zur Erde, daß Wein und Scher⸗ ben weit umher flogen. Verflucht, wer noch einen Tropfen trinkt mit dieſem verbrecheriſchen Haufen, der des Gaſtrechts ſpottet, der ſeinen Koͤnig verlaͤugnet und die Köͤnigin und Groß⸗ fuͤrſin Barbara Radziwill!—— Hoch auf braußten die Wogen des raſendſten Zornes, in ſinnloſer Leidenſchaft gegen einander ankaͤmpfend. Die Tiſche wurden umgeworfen, die Kannen und Trinkgeſchirre zertruͤmmert, die Saͤbel flogen aus den Scheiden, glimmende Braͤnde wurden aus den Flammen geriſſen, und die Ausrufun⸗ gen: Es lebe der Koͤnig! Es lebe die Repu⸗ blik! Barbara lebe! Hoch Johannes Tarnvwski! Nieder mit dem Despotismus! Die pacta con- venta hoch! Fuͤr immer das Haus Jagiello Nieder mit den Schismatikern und Arianern! Glaubens⸗ und Denkfreiheit! erſchallten in tau⸗ — 8— ſendſtimmigem, ſich durchkreuzenden Geſchrei ge⸗ gen die Wolken. Da eroͤffneten ſich die Thuͤ⸗ ren eines nahe gelegenen Hauſes und mit eili⸗ gem Schritt trat Petrus Boratynski heraus, der Gaſtgeber des Tages, begleitet von vielen Abgeordneten der Ritterſchaft und einigen Se⸗ natoren, unter denen ſich Raphael Leſtezynski befand, der Kaſtellan von Belzk, der Graf zu Görka, Kaſtellan von Poznan, und der Biſchof von Kujawien Andreas Zebrzydowski. Beim Erſcheinen des Marſchalls begruͤßte ein weithin toͤnendes Lebehoch den, in welchen die Nation ein Vertrauen geſetzt hatte, welchem im Sin⸗ ne jedes Einzelnen zu entſprechen, unter dieſen Umſtaͤnden wahrlich eine gewichtige Aufgabe war. Mit kraftvoller Stimme begann der Staroſt von Samborz: Was muß ich ſehen, Standesgenoſ⸗ ſen und Bruͤder? So hat das geringe Mahl, welches ich Euch bereitet in wohlmeinender Ab⸗ ſicht, Anlaß gegeben zu Hader und Zwietracht, und Ihr, denen es obliegt, fuͤr das Wohl des Paterlandes zu wachen, zerreißet es in unſinni⸗ ger Fehde? Laſſet mich zum erſten Mal des Rechtes mich bedienen— ſprach er weiter, den Marſchallsſtab hoch erhebend— des Rechtes, das ihr ſelbſt mir verliehen! Auseinander ihr Edel⸗ leute!— rief er in gewaltigen DToͤnen— und ſammelt Euch je Wojewodſchaft und Wojewod⸗ ſchaft um Eure Abgeordneten und die Kronbe⸗ amten Eurer Provinz.—— Ein kraͤftig Wort geſprochen von einem kraͤftigen Manne, vermag oftmals gleich den Quos ego des Neptun die Wogen aufgereizter Leidenſchaft zu ebenen; lang⸗ ſam entwirrte ſich die Menge und umringte ein⸗ zeln die Magnaten und Abgeordneten. Am ſtaͤrk⸗ ſten war der Haufe, der ſich an Raphael Leſt⸗ eiynski ſchloß. Alle Schismatiker, die Arianer beſonders, erkannten ihn fuͤr ihren Schuͤtzer und Haͤuptling, und das geringe Haͤuflein der Lit⸗ tauer geſellte ſich zu ihnen. Doch noch waren die Funken der Zwietracht nicht voͤllig erſtickt; aus der Ferne bedrohten ſich die Gegner mit Wort und Geberde; wie der aus den Bergen zuruͤckkommende Wiederhall des Donners ertoͤnte ringsum dumpfes Murmeln und brach ſchnell anwachſend drauf ploͤtzlich von Neuem in die vorigen Ausrufungen aus. Da trat Petrus Boratynski mit feurigen Augen und hochſchla⸗ gender Bruſt in die Mitte des Feldes zwiſchen die feindſeligen Schaaren, und er ſprach mit Anſtrengung: Was bedeuten dieſe Namen in Eurem Munde, Ihr Maͤnner des Adels? Eh⸗ renwerth und theuer der ganzen Republik, möͤ⸗ gen ſie zum Feldgeſchrei des Buͤrgerzwiſtes die⸗ nen? Wer von Euch mag es laͤugnen, daß ſeit mehr als einem und einem halben Jahrhundert das Geſchlecht der Jagiellonen das Reich ruhm⸗ wuͤrdig beherrſcht hat? Wer iſt unter Euch ſo ein ausgearteter Sohn des Vaterlandes, daß er den allerdurchlauchtigſten Siegmund Auguſtus nicht erkenne als den Geſalbten Gottes und ſeinen erwaͤhlten rechtmaͤßigen Herrn? Wie kommt der Name des Großfeldherrn hier in Euren Mund, des Vaters des Vaterlandes, der der Schutzer und Vertheidiger jeglichen Rechtes iſt? Wahrlich, er wuͤrde dem Namen mit Ab⸗ ſcheu entſagen, der ihm vererbt iſt von ſeinen ruhmwuͤrdigen Vatern, ſo er jemals ſahe, daß er zur Loſung worden waͤre verbrecheriſcher That! Welches iſt die Gefahr, die Euren Rechten droht? und ſo dergleichen Statt faͤnde, ziemt es Euch ſie zu vertheidigen durch ſinnlos aufruhreriſches Getoſe, und nicht vielmehr in weiſer Berathung uns, die Ihr erwaͤhlt habt zu Euren Stell⸗ vertretern, und ins Beſondere mir, dem Mar⸗ ſchall des Reichstages? Wer ertheilte Euch das Recht, abzuſprechen uͤber das heiligſte Band auf Erden, Euch, da jeglicher von Euch den als ſei⸗ nen Todfeind betrachten wuͤrde, der ſtorend ſich draͤngte in den Frieden ſeines Hauſes? Wer hat das ehrwuͤrdige Gebaͤude der alten Kirche antaſten wollen, oder die Glaubensfreiheit ande⸗ rer Religionsverwandten, beſchworen vom Koͤnig und beſtaͤtigt von den Staͤnden? Wahrlich, ich ſage Euch, als ich dieſen Stab annahm, aus den Haͤnden Eurer Abgeordneten, meinte ich mich ein treuer Bruder und Mitbuͤrger an der Spitze chriſtlicher Rittersleute zu ſtellen, geach⸗ tet durch ein Vertrauen, deſſen ich nicht un⸗ werth bin, ſo wahr mir Gott helfe und ſein heiliges Wort. Soll aber dieſe Stimme, die ich nie anders erhoben, als fur Recht und Va⸗ terland, dem Aufruhr und dem Uebermuthe des Wahnwitzes das Wort reden, ſoll ich mich zum willenloſen Werkzeug widerſtreitender Meinun⸗ gen herabwuͤrdigen, ſo nehmt es zuruͤck dieß Zeichen, das hinfort unwerth iſt zu liegen in der Hand eines Ehrenmannes.— Er ſchwang, indem er ſo ſprach, den Marſchallsſtab, als wolle er ihn unter die Menge ſchleudern, da — erhob ſich von allen Seiten ein lautes Rufen des Beifalls, ſein Name toͤnte aus dem Munde Aller und bie verſoͤhnenden Worte: Friede und Eintracht, deuteten ihm an, er habe geſiegt. Da blickte er heiter um ſich her, und ſein Au⸗ ge verweilte einige Zeit auf Jedem der befreun⸗ deten Senatoren und Abgeordneten; ſie ver⸗ ſtanden ſeine Abſicht und verließen langſam die Ebene, jeder mit ſeinen Landesgenoſſen. Schnel⸗ len Schrittes trat Herr Petrus nun zu den Lit⸗ tauern, die bisher ſtumm und ohne Theilnahme an den Freudensbezeugungen der Polen geblie⸗ ben waren, und noch zoͤgernd auf dem Platze ſtanden, und ſprach: Werthe Herren, Ihr wer⸗ det mir die Schuld nicht beimeſſen an dem, was Euch an meinem Tiſche widerfahren iſt. Betrachtet Euch, ſo Ihr meine Bitte erfullen wollet, von nun an als meine beſondern Gaͤſte, und ich hoffe Euch Beweiſe zu geben, daß nicht aus allen Herzen in den Landen der Krone die alte Gaſtlichkeit und die Treue gegen Euer ed⸗ les Großfuͤrſtenhaus verſchwunden iſt.—— Da trat einer von ihnen etwas hervor, der naͤmliche, der ſeinen Erbherrn und deſſen Ge⸗ mahlin ſo wacker vertheidigt hatte, und ſprach: „— — — 9— Herr, wir haben Euch erkannt, als ben, den wir in Euch zu ſinden meinten; denn nicht in Polen allein, auch in Littauen ſtehet Ihr in gutem Geruͤcht; doch waͤre es mir wohl ver⸗ goͤnnt, eine Frage an Euch zu thun.—— Jede Frage— ſagte Petrus— ſteht dem Edel⸗ mann an den Edelmann, dem Unterthanen Sieg⸗ mund II. an den andern frei.—— Wie ſteht es mit dem Großfeldherrn der Krone? Iſt das ſeines Herzens Meinung, die hier ausgeſprochen worden durch den Mund der Trunkenen, oder nicht?—— Petrus erwiederte mit Freund⸗ lichkeit— Hier nehmet meine Hand, wackerer Edelmann, darauf, daß ſo wie Ihr mich erfun⸗ den, Ihr auch den Grafen zu Larnow erfinden werdet.—— Nun iſt es gut— entgegnete der Littauer, die dargebotene Rechte bieder ſchuͤttelnd— Nun iſt es gut, hochgeborner Herr Marſchall, und wir ſind zufrieden.— Drauf wandte er ſich und die kleine Schaar zog von dannen.— Sage mir doch, Walenty— fragte der alte Bielawski ſeinen Sohn, der in Begleitung des Herrn von Samborz gekommen war— wer iſt der widerwaͤrtige Kerl, dem ihr die Bewirthung — 92— der Littauer vertraut habt? Ich meine, ich ſollte ihn kennen und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo hat er nicht wenig Schuld an dem Laͤrm, der, leider Gottes, an meinem Tiſche ausbrach.— Auch ich kenne ihn— erwiederte jener— doch ſorget nicht, Vater, die Zeit iſt nicht fern, da er ſeinen Lohn erhalten wird, und ich wollte Euer Herr erwaͤhlte mich zum Zahlmeiſter. 3. Siegmund der zweite hatte den Thron be⸗ ſtiegen, neben demſelben ſtanden auf beiden Seiten die Marſchaͤlle Petrus Kmita und Fir⸗ ley, die langen ſilbernen Staͤbe in den Haͤnden haltend, unten aber zur Rechten von ihren Seſ⸗ ſeln mit rothem Tuch beſchlagen die Biſchöfe des Reiches, zunaͤchſt dem Koͤnige, Wincenty Dzierzgowski der Primas der Krone, mit Mitra und Pallium angethan, wie auch ſeine Stan⸗ desgenoſſen das Gewand ihrer kirchlichen Wuͤrde trugen. Zur Linken des Thronſeſſels begann der Kaſtellan von Krakow die Reihe der weltlichen Herrn; der Stab von Cedernholz, mit vielen eingeſchlagenen Diamanten, Rubinen und Saphi⸗ — 93— ren verziert, deutete auf die Wuͤrde des Groß⸗ feldherrn, die er bekleidete. Die Anzahl der nicht geiſtlichen Senatoren war ſo groß, daß obgleich in zwei Reihen, wovon die ſogenann⸗ ten kleinern Kaſtellane auf Baͤnken ſitzend, die hintere bildeten, die letzten derſelben den maͤch⸗ tigen Halbkreis hart an der Thuͤre des Saales ſchloſſen, waͤhrend gegenuͤber die Kreuztraͤger der Biſchoͤfe, unter Anfuͤhrung des Hofmar⸗ ſchalls des Primas den Raum ausfuͤllten, den die minder zahlreichen geiſtlichen Herrn uͤbrig ließen. Hart an des Thrones Stufen zur rech⸗ ten Hand, befand ſich ein mit koſtlichem Tep⸗ vich behangener Liſch, auf welchem goldenes Schreibgeraͤth und das große Reichsſiegel ſich befand, und neben demſelben der Kanzler der Krone, links ein aͤhnlicher Siſch mit dem klei⸗ nern Siegel, und an ihm der Unterkanzler und Kronſchreiber. Der Kronfaͤhnrich, das Reichs⸗ panier haltend mit dem weißen Adler, und der, welcher den abweſenden Faͤhnrich des Großfuͤr⸗ ſtenthums vertrat, mit der Fahne, auf welchem der littauiſche Reiter zu ſehen war, ſtanden den Narſchaͤllen zur Seite und neben ihnen die Fahnen Preußens, Rußlands und die an⸗ dern; der Schwerttraͤger mit dem Schwert (Szezerbica) Koͤnig Boleslaws des Heldenmuͤ⸗ thigen, die Reichstruchſeſſe, der eine mit golde⸗ nem, der andere mit ſilbernem Schluͤſſel, die Vorſchneider mit großen reichbeſetzten Meſſern, die uͤbrigen Hofbeamten der Krone und einige des Großfuͤrſtenthums, bildeten zwei Reihen in der Mitte der Halle, und alle Anweſende ſchim⸗ merten von Gold und Edelgeſteinen. Der Groß⸗ kanzler ergriff eine vor ihm liegende Pergament⸗ rolle, und zog ſich zuruͤck auf die unterſte Stufe des Thrones. Der Koͤnig, die ſogenannte Hauskrone mit Diamanten, Rubinen und Sa⸗ phiren beſetzt, auf dem Haupte, den langen Seepterſtab in der Hand, und gehuͤllt in einen mit langem Schweif verſehenen Mantel, auf deſſen blauem Sammt weiße Adler in Silber geſtickt waren, trat einen Schritt vorwaͤrts, und der Kanzler begann die Anrede vom Thron. Als er ſie beendigt hatte, begruͤßte Siegmund Auguſt mit einer leichten Neigung des Hauptes die erlauchte Verſammlung und ließ ſich nieder; die Anweſenden folgten ſeinem Beiſpiel und die Großwuͤrdentraͤger der Krone, die Mar⸗ ſchaͤle ausgenommen, begaben ſich ebenfalls auf —— die Plaͤtze, die ihnen ihr Rang im Senat be⸗ ſtimmte. Die Verathſchlagung begann, einzeln erhoben ſich die Senatoren, ihr Votum abge⸗ bend von ihren Sitzen, nach und nach ward der Auftritt lebhafter, mehrere Herren ſprachen auf einmal, und beide Kanzler trugen ebenfalls beinahe zu gleicher Zeit den Beſcheid des Ko⸗ nigs vor. Es ſey uns vergonnt, die Erwaͤh⸗ nung der unzaͤhlichen fraglichen Punkte zu uͤber⸗ gehn, welche meiſt die Beſchraͤnkung koͤniglicher Gewalt und die Ausdehnung angemaßter Vor⸗ rechte betrafen, und es ſey uns genug zu ſagen, daß der Streit ſchon ziemlich lebhaft, die Ge⸗ muͤther bewegt waren und der Koͤnig mit allen Zeichen der Ungeduld und des Mißmuths die ſprechenden Kanzler einigemal unterbrochen hatte, als ſich ein leiſes Geraͤuſch an der Thuͤr ver⸗ nehmen ließ. Feierlichen Schrittes begab ſich der Kronhofmarſchall nach derſelben, kehrte dar⸗ auf eben ſo zuruͤck und meldete mit geziemen⸗ der Foͤrmlichkeit nach einer tiefen Verbeugung gegen den Thron, und zweier andern gegen beide Seiten des Senats, dem Koͤnig und den erlauchten Herren: die Abgeordneten der Rit⸗ terſchaft und mit ihnen der Reichstagsmarſchall — 95— ſtehen draußen und begehren Eintritt in die Rathsverſammlung nach hergebrachtem Recht. Sechs der juͤngſten Senatoren verließen ſogleich ihre Plaͤtze; der Reichstruchſeß und der Hof⸗ marſchall geſellten ſich zu ihnen, und in ihrer Begleitung trat Petrus Boratynski mit ſechzig Abgeſandten ein. Aufgerichteten Auges ſchritt er durch die Verſammlung, die bei ſeinem Er⸗ ſcheinen ſich von ihren Sitzen erhob, auf den Thron zu, wo ihn der Koͤnig ebenfalls ſtehend erwartete, hielt ſich verbeugend eine kurze An⸗ rede, und blieb dann dem Monarchen gegen⸗ uͤber ſtehen, waͤhrend dieſer und die Senatoren ſich niederließen. Eine lange Pauſe des Schwei⸗ gens, durch deren ganze Dauer Siegmund Au⸗ guſt ſchnelle und unruhige Blicke auf den ihn umgebenden Kreis warf, und welche die Span⸗ nung der Gemuͤther erhoͤhte, war der Wind⸗ ſtile aͤhnlich vor dem Erwachen des Orkans. Da ließ ſich die Stimme des Etzbiſchofs von Gniezno dumpf und zitternd vernehmen, gleich, als verſage ihm verhaltener Zorn den freien Gebrauch der Rede.— Die Erſcheinung unſrer werthen Herrn und Bruͤder des Ritterſtandes, begann er ohne ſich zu erheben— iſt um ſo willkommener, da ſie uns geſtattet Dinge zu beruͤhren, welche die geſammte Republik betref⸗ fen, deren Stellvertreter jetzt um den Thron verſammelt ſind, um den Thron, durchlauch⸗ tigſter Herr und hochgeborne Bruͤder, den wir durch freie Wahl ſchon bei Lebzeiten des hoch⸗ ſeligen Koͤnigs, üͤber deſſen Seele der Strahl des ewigen Lichts ſich ergießen moͤge, ſeinem Sohne eingeraͤumt haben, unter Bedingungen jedoch, welche derſelbe damals beſchworen, und fuͤr die in ſeinem damaligen jugendlichen Alter der Vater ſich verburgte. Es iſt an der Zeit, daß dieſe Buͤrsſchaft geloͤſt werde, und ich als Fuͤrſt des Senats und des Reiches Primas, fordere Euch auf, Senatvren und Ritter, ver⸗ einigt mit mir auf die Erfuͤllung jener Clau⸗ ſuln zu dringen, ehe noch die Berathſchlagung ſortgeſetzt wird, und der durchlauchtige Sieg⸗ mund Auguſt ein Recht ausübt, welches ihm die Republik nicht zugeſtehen mag, ſo lange er die ſeinerſeits uͤbernommenen Verpflichtun⸗ gen verſaͤumt.—— Ein lautes Murmeln des Beifalls rauſchte durch den Saal. Der Unter⸗ kanzler Szydlowiecki war im Begriff das Wort iu nehmen, doch der Koͤnig winkte ihm zu — Hipp. Borat. 3r Theil.. — 98— ſchweigen, und ſprach nicht ohne Bitterkeit: Zur Sache, Herr Erzbiſchof, zur Sache! Worin meinet ihr, haben Wir die Pflichten vernachlaͤſſigt, welche Uns den Beſitz des Thro⸗ nes erkaufen ſollen, der Uns gebuͤhrt nach gott⸗ lichem und menſchlichem Recht? Kalt und ein⸗ toͤnig ſprach der Praͤlat, mehr gegen die Ver⸗ ſammlung als gegen den Thron gerichtet: Als durch die Gnade Gottes und die Wahl der Staͤnde, Herrn Sigismundus Auguſtus Jagiello von Littauen im Jahre Chriſti Eintauſend fuͤnf⸗ hundert und dreißig, ſeines Alters im zehnten, die Krone weiland Koͤnig Boleslaw des Erſten glorwuͤrdigen Andenkens aufgeſetzt ward, gelobte derſelbe: Erſtlich— die verlornen Provinzen des Reiches wieder zu erwerben; zweitens, die apoſtoliſche Kirche zu erhalten bei ihrer ur⸗ alten Wuͤrde; drittens, den Glaubensſtreitig⸗ keiten, welche die Einfuͤhrung der Wittenbergi⸗ ſchen Irrthuͤmer erregt, zu ßeuern; viertens, ſeinen Herrſcherpflichten unausgeſetzt vbzuliegen; und endlich fuͤnftens, bei allen wichtigen Ent⸗ ſchließungen, als Eroͤffnung des Krieges, Ab⸗ ſchluß des Friedens, und vornehmlich bei ehe⸗ licher Verbindung allererſt die Genehmigung der 5 Herren des Senats und der Ritterſchaft zu be⸗ rückſichtigen. Es iſt an Euch, hochwuͤrdige und hochgeborene Herren, zu unterſuchen, in wiefern, oder eigentlich zu ſprechen, vb uͤberhaupt einer dieſer Punkte der Pacta conventa erfuͤllt wor⸗ den iſt, gegen deren Zuſicherung Siegmund Auguſt, Großfuͤrſt in Littauen, den Thron be⸗ ſtiegen, auf welchem wir ihn ſehen? Mehrere Senatoren ſprangen im naͤmlichen Augenblick von ihren Sitzen und bereiteten ſich zu ſprechen; ihre heftige Geberde und finſtern Blicke bezeichneten den Inhalt der feindſeligen Worte, in die ſie auszubrechen ſich bereiteten, da blickte der Koͤnig den Großmarſchall auffor⸗ dernd an, und als dieſer, ohne ſich zu regen, halb abgewendet von ihm ſtand mit gerunzelter Stirne und das gluthvolle Auge ſtier vor ſich hin auf die ſteinernen Platten des Fußbodens gerichtet, winkte er dem Wojewoden von Lub⸗ lin. Alsbald verließ der Großmarſchall die Seite des Throns, und verfuͤgte ſich an die Stelle, die ihm als Wojewoden von Krakow zuſtand, der Kronhofmarſchall aber ſtieß den ſil⸗ bernen Stab toͤnend gegen das Pflaſter und ſprach langſam und kraͤftig, indem er laͤchelnd 77 — 100— wie im verhaltenen Spott in der Menge um⸗ herblickte: Herren und Bruͤder, der Koͤnig be⸗ gehret, daß ihr zur Tagesordnung ſchreitet, und die beruͤhrten Artikel einzeln vorgetragen wer⸗ den, damit er ſolche der Reihe nach beantwor⸗ ten koͤnne.— Die aufgeſtandenen Senatoren ſahen ſich unter einander an, und ließen ſich dann einzeln nieder, nur Andreas Graf zu Görka, Kaſtellan zu Poznan blieb ſtehen.— Habt Ihr die Punkte zu Protokoll genommer, Herr Kronſchreiber?— fragte der Kanzler— Allerdings, Hochwuͤrdiger, entgegnete dieſer, ſie ihm und dem Unterkanzler uͤberreichend, und dieſer begann: Fuͤr allererſt hat der hochwuͤr⸗ digſte Fuͤrſt Primas im Namen der Republik unſern koͤniglichen Herrn an die Verheißung erinnert, die verlorenen Provinzen der Krone zuruͤck zu erwerben.— Und iſt ſolches geſche⸗ hen? unterbrach ihn mit Heftigkeit Andreas Görka der Kaßtellan.— Ich frage Euch, Herrn und Bruͤder, iſt ein einziges Dorf, welches die Moskowiten und Tataren der Republit ent⸗ riſſen, ſeit dem Tode des alten Herrn wieder erlangt worden? Es gefalle dem Koͤnige, öher ſolche Verſaͤumniß uns Auskunft zu ertheilen, ——,———————— —— — 101— die wir nicht allein wachen ſollen füͤr den Wohlſtand des Reichs, ſondern auch uͤber den Ruhm deſſelben, den unſere Vaͤter und wir mit unſerm Blut erworben.— Mehrere Stim⸗ men geſellten ſich unterſtͤtzend dieſer Rede. Der Koͤnig aber ſprach kurz und unmuthig: An Euch, Herr Unterkanzler, iſt es zu ant⸗ worten; dann ßützte er in anſcheinender Sorg⸗ loſigkeit das Haupt auf den im Mantel ver⸗ ſchlungenen Arm, und⸗ Chriſtoph Szydlowiecki nahm das Wort: Es ſcheinet dem Koͤnig, und zweifelsohne auch Vielen unter den anweſen⸗ den Herren des Senates und der Ritterſchaft, als ſey das ausgeſprochene Begehren unzeitig und uͤbereilt nach einer Regierung von wenig Monden. Vornehmlich meint Seine Majeſtaͤt, ſey es des Herrſchers Pflicht, der Verwirrung im Innern Schranken zu ſetzen, ehe es raͤth⸗ lich ſcheinen moͤchte, den Kampf zu beginnen mit Feinden, denen eben dieſe Zwietracht und Unordnung ein verdoppeltes Uebergewicht ge⸗ waͤhrt wie auch die Erſchoͤpfung des Schatzes, welche den Herrn nicht unbekannt iſt.—— Und woher dieſe Verwirrung und dieſe Geld⸗ armuth? rief Graf Andreas,— iſt es nicht — 102— des Koͤnigs Pflicht fuͤr beide abhuͤlfliche Maß⸗ regeln zu treffen?— Abermals ſtimmten meh⸗ rere Anweſende dem Sprechenden bei; als je⸗ doch das Geraͤuſch ein wenig verhallt war, ſprach der Unterkanzler mit großer Gelaſſenheit: Solches ſagt der Koͤnig, gehoͤre einem andern der vorzutragenden Artikel an.— Da erhob ſich der Graf zu Tarnow und ließ ſich alſo vernehmen: Vergoͤnnt, werthe Herren, daß der Großfeldherr Euch ſeine Meinung eroͤffne, uͤber einen Gegenſtand, der ganz eigentlich ſein Amt betrifft. Schon oft hat man an dieſer Stelle das Loſungwort zum Kriege vernom⸗ men, und nicht ohne Freude hoͤrte der Freund des Vaterlandes einen Ausruf, welcher ihm bezeugt, daß der alte Heldenſinn noch nicht gewichen iſt von den Edeln im Volk. Doch mißmuthig wendet er ſich ab, wenn drauf die⸗ ſelben, die im Rath ſich waffenluſtig bezeigten, im Feldlager die erſten ſind, die, wo es gilt, durch Hader und ſchlimme Kriegszucht den Zweck vereiteln, fuͤr welchen Koͤnig und Re⸗ publik großmuͤthig ihr Beßtes opferten; ja, wel⸗ che treulos die Fahnen verließen, die ſie doch ſelbſt erhoben. Soll ich Euch erſt an die Ver⸗ — 103— ſammlung zu Lwow(Lemberg) erinnern, und das Unheil, das im Krieg mit Moskau Par⸗ teiſucht und Uebermuth hervorgebracht? Soll ich Euch zuruͤckrufen, wie Mißgunſt und Wi⸗ derwillen die Gewalt des Feldherrn beſchraͤnk— ten, da doch im Kriege nur Gehorſam und Zucht den guͤnſtigen Erfolg bereiten mag? Je⸗ doch es ſind die hohen Kronbeamten nur die betrauten Diener der Republik; es ziemet ih⸗ nen als ſolche das Wort der Entſcheidung nicht, und nur ihr kommt es zu, durch ihre Stellvertreter das in Erwaͤgung zu ziehen, ber welches der Koͤnig ſelbſt ohne die Zuziehung der Staͤnde nicht zu beſtimmen vermag. Es geht mein Votum dergeſtalt dahin, die Mei⸗ nung einer ehrbaren Ritterſchaft zu vernehmen, welche ja durch ihre Waffen ſowohl als ihre Beitraͤge das Vaterland vertheidigt und ſeinen Ruhm aufrecht erhaͤlt. Als drauf Petrus das Wort zu nehmen erſucht ward, begann er nach einer kurzen Berathſchlagung mit den Abgeord⸗ neten, alſo: Der Ritterſtand, in deſſen Na⸗ men ich heut zu ſprechen, von den Gliedern deſſelben beauftragt bin, empfaͤngt dankbar die Aufforderung des preislichen Senats, durch — 104— welche derſelbe ſie anerkannt, als die eigentli⸗ chen Stutzen der Republik, vornehmlich in Kriegszeiten; da aber das Blut der Mitbuͤrger allzu koſtbar iſt, um es in mißlichem Streite zu vergießen, da unlaͤngſt gebrachte Dpfer die Huͤlfquellen der Eigenthumer erſchoͤpft haben, und die Zeitlaͤufte nicht guͤnſtig ſind zum Er⸗ ſatz des Verlornen, ſo erſuche ich im Namen des Ritterſaales den Koͤnig geziemend, vorerſt die Unruhen im Reiche zu daͤmpfen, ehe man daran denken moͤge, den Feinden der Krone ruhmvoll und ſiegreich die Spitze zu bieten.— Gewiß— rief der Primas aus,— gewiß iſt es, daß der durchlauchtige Herr, bis heut dieſe erſte aller Verbindlichkeiten unerfullt gelaſſen, und die Staͤnde ſind begierig, Seiner Gnaden Erklaͤrung daruͤber zu vernehmen.— Da ſprach der alte Reichskanzler, an dem das Wort war, im gemaͤßigten Amtstone: Zum zweiten und dritten werfen die Staͤnde der durchlauchtigen Republik die Bemerkung auf: Seiner Majeſtaͤt haben verabſaumt, die alte Kirche nicht zu vertheidigen und die Glaubensſtreitigkeiten, ent⸗ ſtanden durch das alte Schisma der morgen⸗ lͤndiſchen Kirche und die neuen Lehren von Wittenberg, ingleichen durch die Meinungen des Soeinus und Arius, beizulegen, wie die⸗ ſelbe doch in Ihrem Kroͤnungeide verheißen.— Und wahrlich— ertoͤnte des finſtern Kmita rauhe Stimme— iſt ſolche Bezuͤchtigung nicht grundlos. Die Ketzerzunft(ein lautes Murren unterbrach ihn)— Die Ketzerzunft— fuhr er lauter fort—, die zu des alten Koͤnigs Zeit ſich eingeniſtet, beginnt kecklich ihr Haupt zu erheben, und das, was man geduldet in allzu großer Nachſicht, dem Uralthergebrachten ſchmaͤh⸗ lich Eintrag zu thun. Selbſt in dieſer Ver⸗ ſammlung der Vaͤter des Vaterlandes, denn ich glaube nicht— unterbrach er ſich ſelbſt mit einem feindſeligen Blick auf den Feld⸗ herrn—, daß ein Einzelner unter uns, beſon⸗ dern Anſpruch auf dieſen Namen machen duͤrfte, ſelbſt unter den Senatoren faͤllt das Auge der Rechtglaͤubigen auf manches raͤudige Schaf (lauteres Murren ließ ſich vernehmen), wel⸗ ches die Anſteckung verbreitend, unter uns ſich draͤngt. Wer hat es nicht bemerkt, daß Herr Leszezynski, der Kaſtellan von Belzk ſich ge⸗ weigert, heut Norgen, die Gebraͤuche der Meſſe zu beobachten, und das Haupt vor dem — 106— Hochheiligen zu entbloͤßen? Wer zweifelt daran, daß ſolch Beiſpiel nicht manche Nachfolger er⸗ wecke, und nimmer gegeben ſeyn wuͤrde, ſtuͤtzte ſich ſolche Keckheit nicht auf die Nachſicht des Thrones, auf die wachſende Macht der Schis⸗ matiker und leider auf die Lauheit der Prie⸗ ſter, und derer unter den Biſchoͤfen, die ihr kennt, ohne daß ich ſie benenne? Wie mag das aber anders ſeyn, wenn das Haupt der Republik ſelbſt der Abtruͤnnigkeit ſich befreun⸗ det, und die Ketzerei nah an den Thron ſtellt, von welchem jedoch der alte Glaube und die Stimme der Nation ſie baldigſt vertreiben wird? — Der Koͤnig meint— unterbrach ihn Fir⸗ ley mit bitterſuͤßer Miene—, der Glaubensei⸗ fer des Herrn Großmarſchalls führe ihn von dem vorliegenden Gegenſtande ab, und das, worauf er zuletzt gedeutet, gehoͤre einem ſpaͤter zu eroͤrternden Punkte zu.— Ich habe nicht in Euren Schulen ſtudirt, Herr Hofmarſchall — antwortete Kmita zornig— und wenn ich nicht Euren Redekram kenne, weiß ich doch wohl, was einem Senator obliegt, kann ich gleich nicht ſpitzfuͤndige Eintheilungen in ſolchen Dingen machen, da leider eine Beſchwerde aus ——— — 107— der andern kommt und ein Unheil aus dem andern.— Vor dem Throne des Koͤnigs wie vor Gott ſind wir Alle gleich— rief Raphael Leszezynski— und weit entfernt ihre Rechte ſchmaͤlern zu laſſen, werden die Nichtkatholiken auf Erfuͤllung deſſen dringen, was ihnen zu⸗ kommt.— Es moͤchte wohl ſchwerlich einer Verſammlung zukommen, an welcher ſo viele hoͤchſt achtenswerthe, doch gaͤnzlich ungelahrte Herrn ſich befinden, gruͤndlich uͤber dergleichen Dinge abzuurtheilen— lautete die Rede des Biſchyfs von Kujawien—; ſolche ſind wohl eher der Erwaͤgung erfahrener Doetoren anheim zu ſtellen von beiden Seiten, deren Zuſammen⸗ treten ich fur das beßte Mittel halte, den irri⸗ gen Theil mit Sanftmuth zur Wahrheit zuruͤck⸗ zufuͤhren, und alſo die Folgen des Uebels mit der Wurzel deſſelben zugleich auszurotten.— Da ſiel der Primas mit zornrothem Geſicht ein: Der hochwuͤrdige Bruder ahmet ſeinem Meiſter, dem Erasmo Roterodamv nach, der nicht kalt war noch warm. Solchen aber iſt ihr Schickſal verkuͤndet in der Schrift. Wie er, moͤchte er hindurch ſchlüpfen zwiſchen bei⸗ den Parteien, in ſuͤndlicher Philvoſophie ein —— Mittelding aufſtellend, das die Geburt der eige⸗ nen gebrechlichen Vernunft iſt, und keiner an⸗ gehoͤrend ein Gegenſtand des Haſſes und Aeg⸗ wohns fuͤr beide werden. Moͤge es dem er⸗ ſten Fuͤrſten der Kirche vergoͤnnt ſeyn, ihm anzudeuten, daß er ſchon durch den Antrag, der Ketzer verdammliche Stimme einiger Be⸗ achtung zu wuͤrdigen, die Pflicht ſeines bi⸗ ſchoͤflichen Amtes verletzt.—— Wir befinden uns nicht in der Synode— ſagte Zebriy⸗ dowski mit Wuͤrde— es iſt der Saal des Reichstages, in welchem ich ſpreche, und nicht der Erzbiſchof iſt es, der dem Biſchof ſeiner Sprengels gegenuͤberſteht, es iſt der Senator, dem es nicht zukommt, die Stimmen der Mit⸗ ſenatoren gewaltſam zu unterdruͤcken; da ihr aber die Pflicht des Kirchenfuͤrſten erwaͤhnt, ſo erlaubt mir zu glauben, daß der, welcher da⸗ hin trachtet, die Sache Gottes der Liebe nach Seinem Gebot zu vertheidigen, das Amt eines Friedendieners beſſer erfuͤllt, als der, wel⸗ cher die Kinder eines Vaters, die Soͤhne eines Landes aufreizt zu blutiger Fehde.— Auch ich bin der Meinung— ſprach der Graf zu Tarnow—, daß einzig eine genaue Unter⸗ — 109— ſuchung beiderſeitiger Rechte und Beſchwerden einen Beſchluß begruͤnden mag, der ohnedem nur mangelhaſt und von geringer Wirkung ſeyn bärſte.—— Und ſteht es dem Reichstag nicht zu— rief Andreas Görka— ſolchen zu faſſen? Woin die Einmiſchung der Prieſter und Doktv⸗ ren? Dieſe Herren gebrauchen den Mund beſ⸗ ſer, als zu Glaubensſtreitigkeiten, wie wir an Peter Gamrat geſehn, dem Erzbiſchof und Bi⸗ ſchöf von Krakow, der ſeinen tuͤchtigen Kinn⸗ backen taͤglich ſechszehn Kapaunen aufpackte und eben ſo viel Pfund gebratenes Fleiſch, und an dem lutheriſchen Rektor zu Lesznv Eiſſa), wel⸗ cher zehn Kannen Meth gebraucht die heiſere Kehle außufriſchen, ehe er einen Pſalmen an⸗ ſtimmen mag. Was kummern uns Saͤtze und Meinungen? Laſſet Jeden glauben was er will, thun was er muß, und erlangen was ihm ge⸗ buͤhrt. Wozu ſind wir Senatoren, warum ha⸗ ben wir einen König, wenn nir der Gelehrten beduͤrfen, die Ruhe im Reich herzuſtellen, wenn er ſein Amt den Kutten und ſchwarzroͤckigen Rundhuten uͤbertragen will? Der Republik ziemt die Entſcheidung, und dem Koͤnig ihren Willen zu erfuͤllen! Drauf trug der Ritter⸗ e⸗ — 110— ſtand durch den Marſchall ſeinen Beſchluß vor, der alſo lautete: Der Adel allerſeitiger Glau⸗ bensbekenntniſſe, mehr geuͤbt in Waffen und rit⸗ terlicher Wiſſenſchaft, denn in Gottesgelahrtheit und Rednerkunſt, gleichwie es nicht minder der Fall ſeyn mag bei der Mehrzahl der Senatoren, und gewohnt die Glaubensmeinungen alſo aufzu⸗ nehmen, wie das Gewiſſen und die Ueberzengung ſie ihm darſtellen, ohne in die Tiefe derſelben ein⸗ zudringen, vermag die Wahrheit oder den Irr⸗ thum derſelben nicht anders darzuthun als mit dem Saͤbel; damit aber ſolche der Republik verderbliche Eroͤrterung vermieden werde, erſucht er den Koͤnig, als den gemeinſamen Herrn Al⸗ ler, nach ſeiner Weisheit dahin zu trachten, daß die Keime der Zwietracht vernichtet werden, ehe ſie aufſchießen und das Wohl des Reiches er⸗ ſticken.—— Da erhob Siegmund Auguſt raſch das Haupt von dem ſttzenden Arme, mit wel⸗ chem er den rauſchenden Mantel zuruͤckwarf und rief: Die Ritterſchaft erſucht Uns? Als laͤge Unſere Entſcheidung nicht in dem, was ihre Ab⸗ geordneten eben vernommen? Wie vermoͤgen Wir, der Wir doch nur ein Menſch ſind, die Gemuͤther zu regieren, die Gott allein in Seiner — 111— Hand haͤlt? Wie moͤgen Wir einen Beſchluß faſſen, der allen Dieſen genuge, deren Mund ein jeglicher anders das Begehren der Selbſtſucht ausſpricht, die er verbirgt unter der Huͤlle des Glaubenseifers? Was koͤnnen Wir anders, als dieſem gaͤhrenden Haufen zurufen, daß ſie als Menſchen Einem, dem Herrn des Himmels unterthan ſind, als Burger aber einem Koͤnig. Moͤge der, deſſen Stellvertreter Wir ſind auf Erden, ihren duͤſtern Sinn erleuchten, damit ſie erkennen, daß ſolche doppelte Gemeinſchaft ihnen die zweifache Verpflichtung auferlegt, gemeinſam zu wirken fur das Reich Gottes und das Wohl der Republik. Erſt wenn die gottliche und menſchliche Weisheit die Nebel zerſtreut haben werden, die Irrwahn, Vorurtheil und üͤbermu⸗ thiger Dünkel zuſammenthuͤrmten, vermoͤgen Wir ihr Fuͤhrer zu ſeyn auf der Bahn des Rechts, und Wir werden es ſeyn bei Unſerm Kroͤnung⸗ eid, der Uns zu Unmoͤglichem nicht verpflichten kann.—— Wenn der Koͤnig ſich in allen ſei⸗ nen Herrſcherpflichten ſtets alſo mit der Unmoͤg⸗ lichkeit entſchuldigt— ſprach Raphael Leſzezyns⸗ ki— ſo wird es nicht wohl um ihn und um das Vaterland ſtehen, und ich und Andere mit —— mir meinen, vieles ſey der Beharrlichkeit und treuen Pflichterfuͤllung moͤglich, vor welchem Sorgloſigkeit und Unthaͤtigkeit erſchreckend zu⸗ rücktritt.—— Solches betrifft den 4ten Ar⸗ tikel— unterbrach ihn Szydlowiecki— der alſo lautet: Ingleichen mahnt die Republik den allerdurchlauchtigſten Siegmund II. an ge⸗ naue Ausuͤbung des königlichen Amtes, in wel⸗ cher ſie ihn bisher einiger Fahrloſigkeit beſchul⸗ digen zu muͤſſen glaubt.—— Ganz recht, Hert Unterkanzler— ſagte der Kaſtellan von Belzt laͤchelnd, indem er ſich bemuͤhte, das ſich nun erhebende Getoͤſe zu uͤberſtimmen— und ich bin erfreut, daß ihr das benennt, was der Zwec ſeyn wird und der Gegenſtand der Rede, wel⸗ cher meine Herren und Bruͤder geneigtes Gehor nicht verſagen wollen.—— Goͤnnt mir das Wort, Herr von Belzk— ſiel ihm der Kaſtel⸗ lan von Poznan in die Rede— der ich durch Lebereinkunft der hochgebornen Herren zum Wort⸗ führer fuͤr dieſe Angelegenheit ernannt worden. Drauf mag ein Jeder mit zierlichen Worten weitlaͤuftiger auseinanderſetzen, was ich kurz und bndig im Namen des Senats erklaͤre. Der⸗ ſelbe erſucht den Koͤnig, ſich zu erinnern, daß — 113— er nicht Großfuͤrſt von Littauen allein iſt, ſon⸗ dern der erwaͤhlte Herrſcher in den Landen der Krone, er wuͤnſcht, daß er ſeiner Hauptſtadt Krakow öfter, denn es geſchehn, ſeine Gegen⸗ wart goͤnne, und den Lußbarkeiten von Wilno nicht eine Zeit raube, die nicht ſein, ſondern des Vaterlandes Eigenthum iſt.—— Vergeblich ſuchte Raphael Leſzezynski das Wort zu neh⸗ men; beinahe alle Gegenwaͤrtigen, die Littauer ausgenommen, begannen, nicht in zierlichen Wor⸗ ten, ſondern mit großem Umgeſtuͤm zugleich zu ſprechen, und nur mit Muͤhe gelang es dem Kanzler die koͤnigliche Antwort vorzutragen: Siegmund Auguſtus— ſo war ihr Inhalt— werde dem Vertrauen der Nation in der Folge entſprechen und ihr ein gnaͤdiger und gerechter Koͤnig ſeyn, nach dem Beiſpiel ſeiner Vorfah⸗ ren, der Jagiellonen, ſofern ſeine Unterthanen ebenfalls ihrer Pflichten eingedenk ſeyn, und dem untadeligen Willen ihres Herrn durch Meuterei und Ungehorſam nicht die Kraft benehmen zur Ausfuͤhrung.— Dieſe nach den damaligen Be⸗ griffen wohl nur unbefriedigende Antwort ward mit kaum gehoffter Ruhe aufgenommen, und es waren wohl weniger einige Worte des Groß⸗ Hivv. Borat. 3r Theil. 8 — 114— feldherrn, die fuͤr den Augenblick den Sturm beſchworen, als die Hoffnung ihn unverzuglich mit erſtarkter Wuth hervorbrechen zu ſehen, welche die Gemuͤther der Senatoren und der heimlich unter ſich fluͤſternden Edelleute beſchaͤf⸗ tigte. Noch blieb der letzte Gegenſtand zu er⸗ oͤrtern, und er war es, fuͤr den die feindlichen Parteien den entſcheidenden Schlag aufbehalten hatten, der den Entwuͤrſen des Haſſes, des Ue⸗ bermuths, der Unduldſamkeit und Ehrſucht den Sieg gegen die Obergewalt gewinnen ſollte. Alle Anweſende ſchienen die Naͤhe des gewichtigen Augenblicks zu empfinden. Seine nachlaͤſſige Stellung verlaſſend, ſaß der Koͤnig hoch auf⸗ gerichtet in dem Thronſeſſel, den Reichsapfel mit der Linken auf dem Knie haltend, und mit der Rechten den Secepter etwas gegen die Schul⸗ ter zuruͤcklehnend, als ſey er bereit, mit dem Anſtand eines Monarchen die monarchiſchen Rech⸗ te zu vertheidigen. Sein bleiches Antlitz ſchien verſteint, kein gewohnter Zug der Heiterkeit und Milde ſpielte um den feſtgeſchloſſenen Mund und nur die immer unſtaͤtern und ſchneller denn ſonſt umherſchauenden Augen, verriethen die zu⸗ nehmende Spannung ſeiner Seele. Aufmerk⸗ ſam und bedeutend ruhte der Blick des halb gegen ihn gewendeten Wojewoden von Lublin auf ſeinen Zugen, und die Lippen deſſelben be⸗ wegten ſich leiſe fluͤſternd, waͤhrend Kmita's An⸗ geſicht, hochroth gluͤhend und durch ein düſtres Laͤcheln verzogen, gleich der Fackel des Aufruhrs zu leuchten ſchien. Der Etzbiſchof von Gniez⸗ no und der Biſchof von Przemysl wechſelten bedeutende Winke, unterweilen den Kaſtellan von Poznan anblickend, deſſen Geberde die Ungeduld verrieth, mit der er den Augenblick erwartete, da ihm zu ſprechen vergoͤnnt ſey; Samuel Maciejowski, der Biſchof von Krakow, ſaß mit gefalteten Haͤnden, als richte er ein Gebet an den Lenker der Gemuͤther in ſo gefahrvoller Stunde, und der Biſchof von Kujawien ſchaute nachdenklich und unverwandt auf ſein Praͤlaten⸗ kreuz. Der unbeugſame Republikaner Raphael Leſzczynski wendete das ſtolze Haupt, das ſich vor dem heiligſten Symbol des Chriſtenglaubens zu beugen verſchmaͤhte, nach gllen Seiten des Saales, als wolle er erſpaͤhen, welchen Eindruck das, was er im Sinne trug, auf die Gegenwaͤr⸗ tigen machen werde. Larnowski, anſcheinend 8* 116 erſchoͤpft von der fruͤhern Anſtrengung, lehnte ruͤckwaͤrts an ſeinem Seſſel, und an der Spitze der unruhig werdenden Ritter ſtand Petrus Bo⸗ ratynski, den Koͤnig unverwandt im Auge hal⸗ tend, gleich als ſey es ihm wichtig, die Art des Gefuͤhls zu erforſchen, das gller Anſtrengung ungeachtet, immer deutlicher auf das Antlitz Siegmunds ll. hervortrat. Rit zitternder Stim⸗ me bat der eisgraue Kronkanzler ſeinen Colle⸗ gen, die Vorleſung zu uͤbernehmen, eine ſchnell ihm anwandelnde Unpaͤßlichkeit vorſchutzend. Schweigend ergriff Chriſtvph Szydlowiecki das Protokoll und ſchaute es lange an, keines Wor⸗ tes maͤchtig. Wohl mehrere Minuten dauerte die druckende Stille, auch nicht durch das Saͤu⸗ ſeln eines Athemzugs unterbrochen, da ſprach Firley mit der zierlichen Unbefangenheit, die ihn niemals verließ: Der Koͤnig befiehlt den noch uͤbrigen Vortrag zu beginnen.— Zum Fuͤnften aber und letzten— begann der Unter⸗ kanzler mit beinah erſtickter Stimme— erin⸗ uert die Republik den Koͤnig daran, daß es ihm nicht freiſtehe, bei allen wichtigen des Reichs gemeine Wohlfahrt betreffenden Entſchließungen ohne Wiſſen und Genehmigung der Stoaͤnde zur ———— — 11— Ausfuͤhrung zu ſchreiten, als namentlich bei Kriegserklaͤrungen, Friedensabſchluͤſſen, vornehm⸗ lich aber— hier hielt der Leſende inne— bei der Wahl eines ehelichen Gemahls.—— Das Wort der Beſchwoͤrung war geſprochen, das ſo viel regungloſen Geſtalten das Leben, ſo viel gewaltſamen Empfindungen— Worte zuruͤckge⸗ ben ſollte; ein verderbendrohendes Gemurmel rauſchte durch den Saal, viele Senatoren erho⸗ ben ſich halb von ihren Stuͤhlen und die Rit⸗ ter draͤngten ſich dem Throne um mehrere Schritte näher. Der Kanzler Szydlowiecki, um wo moͤglich durch ein entſcheidendes Wort einen Auftritt zu beenden, deſſen laͤngere Dauer die Gemuͤther in ſteigender Erhitzung zum heilloſe⸗ ſten Ausbruch fuͤhren konnte, blickte hinter ſich nach dem Thron und verkuͤndete darauf: es habe der Koͤnig die jetzt beruͤhrten Punkte be⸗ treffend, ſchon auf dem Reichstage zu Warſchau ſeine Willensmeinung eroͤffnet, bei welcher er beharre.— Da erhob ſich der Primas.— Wil⸗ lensmeinung?— ſprach er laut und mit red⸗ neriſcher Geberde— Solch Wort und deſſen Bedeutung iſt einem republikaniſchen Staate fremd, und einem Koͤnige ungeziemend, der nur bedingweiſe und aus freiem Antrieb erwahlt worden! Doch keinem der anweſenden Herren entgeht es wohl, daß derſelbe Fuͤrſt, der es jetzt ausgeſprochen im Angeſicht der Verſammlung, in deren Hand allein die geſetzgebende Gewalt liegt, dahin trachtet, in unrechtmaͤßiger Willkuhr die Verfaſſung verletzend, auf ihren Truͤmmern dus Gebaͤude ſchrankenloſer Macht zu errichten, das er unter ſeines Herzens Geluͤſten unter der Unverletzlichkeit der Eide, unter der Heiligkeit des Sakramentes, ja unter vorgeſpiegelter Sorg⸗ falt fuͤr des Reiches Wohlfahrt verhuͤllt. Meint der Koͤnig, wir ſeyen alſp erniedrigt, daß wir furchtſam und ſchmeichelnd die Anmaßung ruͤh⸗ men ſollen, die unſere Rechte antaſtet, die Ruthe kuͤſſen, die er, obſchon vergeblich, erhoben uns zu ſchlagen? MRitnichten wird dem alſo ſeyn, und das erſte Beſtreben ſolcher Art wird für die Vertheidiger vaterlaͤndiſcher Freiheit das Lo⸗ ſungwort ſeyn, dem Despotismus entgegen zu treten, ſo lange es noch an der Zeit iſt und er nicht uͤbermaͤchtig worden! Und welches ſind dieſe Eide— fuhr er in wachſendem, wahrlich nicht gottſeligem Eifer fort—, deren vorgege⸗ bene Unverletzlichkeit den Koͤnig von der Pflicht — 19— gegen die Nativn entbindet? Mag er jenes am Altare ausgeſprochene Ja alſo nennen, das eine Verbindung ſchloß, die als ungeſetzlich, ſchon darum ungiltig iſt? Barbara Radziwillowna, die Wittwe des Gaſtold, iſt nicht Siegmund Auguſts rechtmaͤßige Gemahlin! So erklaͤre ich, der Erſte der Kirchenfuͤrſten, wie das Haupt des Senats in dieſem Reich, und waͤre dem, wie es nicht iſt, ſo entbinde ich, kraft meiner von Gott mir anvertrauten Macht als oberſter See⸗ lenhirt, den Koͤnig dieſer Sunde und lege, ſie gleichmaͤßig vertheilend, ihre Laſt auf die Haͤup⸗ ter ſeiner Unterthanen ²)!—— Mit noch groͤ⸗ ßerer Heftigkeit ſprach der Biſchof von Przemysl. Obgleich er in ſeinem Kirchſprengel den Krumm⸗ ſtab mit ziemlichem Nachdruck fuͤhrte, fand er doch fuͤr gut, im Saale der Senatoren den Prie⸗ ſter zu vergeſſen und mit Erſtaunen hoͤrte man den Mann mit Stola und Mithra der roͤmiſchen Kirche angethan, ohne Scheu die Wuͤrde des Sakramentes den Forderungen der Staatskunſt 0 Dieſe abſonderliche Rede des Erztiſchofs von Gniezno iſt geſchichtlich wahr, wie die ganze Darſtellung der Reichsverſammlung von 1549 und alle bei derſelben aufgefuhrte Reden. — 120— unterordnen. Mehrere Senatoren nahmen nach einander das Wort in dem naͤmlichen Sinn: bald bittend, bald drohend ſuchten ſie den Koͤ⸗ nig zu bewegen, eine voruͤbergehende Neigung, ja, wenn es ſeyn müßte, die Ueberzeugung des eignen Bewußtſeyns dem Beßten ſeiner Unter⸗ thanen aufzuvpfern; viele der Ritterſchaft ver⸗ einigten ihre Stimmen mit ihnen; andere Bei⸗ ſitzer dagegen verſuchten die Rechte des Thrones und des Ehebettes zu vertreten; bald vermiſch⸗ ten ſich die Reden, die von allen Seiten er⸗ toͤnten, zu einem wilbden verworrenen Brauſen, das gegen den Thron und den ſtumm und ſtolz um ſich blickenden Monarchen drang, gewaltig, doch ohne Wirkung, wie die empoͤrte Meeres⸗ welle gegen den felſigen Fuß des Leuchtthurmes ſchlaͤgt, auf deſſen Spitze die Flamme in unge⸗ ſtoͤrter Klarheit fortglaͤnzt. Da rief der Biſchof von Krakow, Samuel Maciejowski, der mit un⸗ gewohnter Heftigkeit aufgeſprungen war, indem er die uͤber die Bruſt gefalteten Haͤnde hoch uͤber ſein Haupt zum Himmel emporſtreckte, in Klagetoͤnen: Was muß ich hören? Bin ich unter Chriſten, unter Buͤrgern des Reichs, wel⸗ ches Eurvpa als ſeine Schutzwehr betrachtet ge⸗ gen die zuchtloſen Osmanli? Iſt hier Conſtan⸗ tinopolis, wo der Greuel der Verwuͤſtung an der Stelle ſteht, wo einſt der Heilige prangte? Wehe uns! Ihr, welche mit den leiblichen Waffen nicht allein, auch mit den Waffen des Geiſtes dem Verderbniß widerſtehen ſolltet, um ſo kraͤftiger weil es Euch naͤher iſt, Ihr wollet die Geſetze der Kirche antaßen, die hoffend auf Euch blickt in der nahenden Gefahr? Ihr ent⸗ wuͤrdigt die Sakramente in der Perſon Eures Herrn, Ihr gedenkt ihn zu zwingen, das heilige Band der Ehe zu zerreißen, das geſchloſſen wor⸗ den nach dem menſchlichen Recht und den Lehr⸗ faͤtzen unſers Chriſtenglaubens? Sehet Ihr nicht, Ihr Verblendeten, daß Ihr bas Aergerniß auf⸗ zuſtellen begehret auf dem Throne, daß es her⸗ abſteigen wird unter das Volk und der verderb⸗ lichen Lehre des Luͤgenpropheten den Eingang bahnen in die verwahrloſeten Herzen? Ich, ein geweihter Prieſter, ein betagter Mann, den die naͤchſte Stunde vielleicht vor den Richterſtuhl Gottes rufen kann, um Rechenſchaft abzulegen von ſeinem Thun, ich, Samuel Mariejowski be⸗ theuere Euch beim Heil meiner Seele, des Ko⸗ nigs Eheband iſt ein rechtmaͤßiges und geheiligt — 122— vor Gott und der Welt, und kein Primas hat Macht, die Suͤnde zu nehmen vom Haupte des Uebertreters, und auch nur den geringſten Theil deſſelben auf das Haupt eines jener Millionen Schuldloſer zu legen, die nichts wiſſen von dem, was ihre Stellvertreter begehren mit gottvergeſ⸗ ſenem Uebermuth! Wehe uns; wehe dir, Chri⸗ ſtenheit! Die, welche das Schwert fuͤhren ſol⸗ len gegen deine Feinde, zuͤcken es wider deine heiligſten Geſetze; ſie werfen ſelbſt den verhee⸗ renden Brand in deine Tempel, und die, welche das Feuer anſchuͤren, es ſind die vornehmſten Diener des Gottes, den ſie verrathen!—— Die kunſtloſe Beredſamkeit des greiſen Prieſters, die Begeiſterung, die ſeine Zuͤge verklaͤrte, hat⸗ ten ihre Wirkung nicht verfehlt; eine lautloſe Pauſe war auf den tobenden Laͤrm gefolgt, und Andreas Zebrzydowski, den Augenblick wahrneh⸗ mend, begann: Nicht nur mag man zweifeln, ob es Verehrer der Religion des Heilandes ſind, deren Stimmen ſich regellos gegen ſeine Gebote erheben, der, velcher ſie vernimmt, mag auch fragen, ob er ſich unter den Vaͤtern des Vater⸗ landes befindet und unter wackern untadeligen Rittern! Schauet um Euch, ehe Ihr weiter ſchreitet, und Eure Mehrzahl wird ſehen, daß ſie blindlings dem Antrieb einiger Wenigen ge⸗ horcht, die den Thron herabwuͤrdigen, damit es ihnen leichter werde ihn zu beſteigen. Nicht Eure Rechte ſind es, die Ihr vertheidigt, es iſt die Anmaßung der Einzelnen, die Euch, edle ſarmatiſche Ritter, und auch Viele von Euch, achtbare Senatoren, mit der Schmach belaſtet, die, gegen den Thron geſchleudert, in verdoppel⸗ ter Kraft auf die Nation zuruckfaͤllt. Es iſt eine guͤnſtige Zeit fur das dunkle Sreiben verſtoh⸗ lenen Ehrgeizes, die, wo durch Erſchuͤtterung des ehrwuͤrdigen Hergebrachten die Bande des mitbuͤr⸗ gerlichen Vereins lockerer gemacht worden, und wahrlich, Ihr ſeyd auf dem Wege zu ſolchem Ziel. Richtet Eure Aufmerkſamkeit auf das, was rings um Euch vorgeht, aus allen den Ecken dieſes Saales, von tauſend verſchiedenen Lippen erſchallen Stimmen, und der Anzahl der Spre⸗ chenden gleich iſt die Zahl der Meinungen, die ſich verwirrend durchkreuzen. Ermannet Euch, Mitbruͤder und Herren, verſcheucht den Taumel der Euch befangen, verſchmaͤhet es, fremdem Willen zu dienen, und tretet auf in Eurer ei⸗ genthuͤmlichen Wuͤrde als Haͤupter der Nation — 124— und ihre Stellvertreter. Nicht die Willkuͤhr Aller oder Rehrerer mag in ihren widerſtreben⸗ den Wirkungen ein Ganzes bilden und es er⸗ halten. Um ein Centrum wendet ſich der Kreis, einen Stutzpunkt bedarf die Kraftuͤbung Aller, ſoll ſie ſich nicht zerſtöͤren in ſich ſelbſt, und dieß Centrum, dieſen Stuͤtzpunkt, hat Euch die Weisheit der Vater gegeben im Thron. Auf ihn richtet Eure Blicke, ihn ſuchet zu erhal⸗ ten, denn ich ſage Euch, ſo er umſtrzt, begraͤbt er unter ſeinen Ruinen das Gluͤck und die Rechte Aller!—— Nicht ohne Geſchicklichkeit hatte der Biſchof von Kujawien des geheimen Ein⸗ fluſſes Maucher unter den Magnaten erwaͤhnt, und das Gefuͤhl der Selbſiſtndigkeit in Anſpruch genommen; die meiſten Senatoren, und noch mehrere unter den Rittern geſtanden ſich im Stillen, ſich in der Lage zu befinden, welche Andreas geſchildert, und wie Leidenſchaft und Eigennutz fruͤher ſie erregt hatte, wich der Ungeſtuͤm den wieder erweckten Gefuͤhlen der Ehre. Doch um ſo mehr fanden ſich die Macht⸗ haber bewogen, den beinah errungenen Sieg mit möglichſter Anſtrengung zu erhalten: bald ſam⸗ melten ſich um jeden von ihnen einige ihrer — 1253— Vertrauten, und beſtrebten ſich die Verminde⸗ rung ihrer Anzahl durch groͤßere Heftigkeit des Angriffs in Wort und Bewegung zu erſetzen. Schon ſeit langer Zeit harrte der Kaſtellan von Poznan, Andreas Gérka, daß er Gelegenheit faͤnde, als Sprecher aufzutreten, als demnach mehrere der Herren zur Drdnung riefen, trat er einige Schritte gegen die Nitte der Ver⸗ ſammlung vor, und ſprach mit einer Feſtigkeit, welche durch ſeinen finſtern Blick und ſeine uͤber⸗ muͤthige Haltung den Anſtrich rauhen Trotzes er⸗ hielt: Noch immer zaudert der König, das Be⸗ gehr der Stände zu erfullen? So wiſſe er denn, daß unſere Ahnen einſt zur Zeit der Sei⸗ nigen, des Jagiello, mit den Saͤbeln, die ſie auf uns vererbt haben, eine Verordnung vom Thron ausgegangen in Stuͤcken hieben, weil ſie dieſelbe ihrem Vortheil und Recht nachtheilbrin⸗ gend hielten. Nun wolle Gott nicht, daß es ſo weit komme am heutigen Tage, und darum wird Seine Gnaden wohlthun, ſich unſern Bit⸗ ten zu fugen, ſo lange wir noch von dieſen die Erfuͤllung unſers gerechten Begehrs erwarten. —— Immer noch blieb Siegmund Auguſt ohne Bewegung und Sprache, als habe er den — 126— kuͤhnen Bittſteller nicht vernommen, da erhob ſich Petrus Kmita und oͤffnete den Mund: Alſo iſt die Meinung des Senates und insbeſondere die meine— ſprach er und wollte fortfahren, doch wie die unſchaͤdlich ſcheinende Pulvermaſſe ploͤtzlich auflodert, beruͤhrt vom entbindenden Funken, ſo brachen auch die lang verhaltenen Empfindungen Siegmund Auguſts beim Schall der verhaßten Stimme gewaltſam hervor, er ſprang vom Thronſeſſel auf im wuͤthendſten Zorn und befahl gebieteriſch dem Großmarſchall zu ſchweigen. Ploͤtzliche Leichenblaͤſſe uͤbergoß die erſt noch dunkelrothen Wangen des beleidig⸗ ten Greiſes; das Unerwartete, ja unmoͤglich Geglaubte feſſelte auf eines Momentes Dauer ſeine Zunge, und er blickte ſtarr vor ſich hin in Beſchaͤmung und Wuth, die jedoch bald der Hoffnung auf die unvermeidliche Folge deſſen Raum gaben, was ihm widerfahren war. Das Unerhörte war geſchehen; der Koͤnig hatte in der Reichsverſammlung einem Senatoren das alte unantaſtbare Recht des freien Wortes ver⸗ ſagt; Jeder fuͤhlte in dem Mitbruder die eigne Wuͤrde gekraͤnkt: die Stimme lauter Mißbil⸗ ligung wiedertoͤnte von den Waͤnden der Halle, faſt alle Beiſitzer verließen ihre Plaͤtze vorwaͤrts gegen die Stufen des Thrones ruckend, von de⸗ nen die Kanzler ſcheu zuruͤckwichen, waͤhrend die geringe Anzahl der Littauer ihn ſchuͤtzend umgab, und die Anhaͤnger des Koͤnigs ſenkten die Haͤupter unzufrieden und entmuthigt, waͤh⸗ rend die wenigen Freunde des Rechts und der allgemeinen Wohlfahrt kummervolle und beſorgte Blicke wechſelten. Da draͤngte vom aͤußerſten Ende des Saales Raphael Leſzczynski ſich hinzu durch die Umſtehenden bis in die Naͤhe des Kö⸗ nigs und rief uͤberlaut und mit funkelnden Au⸗ gen: Habt Ihr vergeſſen, Herr, wer wir ſind, denen Ihr alſo begegnen zu duͤrfen vermeint, in angemaßter Willkuͤhr? Wir ſind Polen, die ſich des Koͤnigs Unterthanen nennen, ſo lange der⸗ ſelbe ſein Amt wahrnimmt nach ſeiner Pflicht, und innerhalb der Schranken, die das Geſetz ihm bezeichnet, Polen, die, gleich wie ſie den Herrſcher ehren, der es in der That iſt, der beſchwornen Verfaſſung gemaͤß den zu zuͤgeln verſtehn, welcher ſich berhebt. Hutet Euch, daß Ihr, Eure Schwuͤre verletzend, uns der un⸗ ſern nicht entbindet. Euer Vater, glorwuͤrdigen Andenkens, öffnete ſein Dhr den Rathſchlaͤgen derer, die ihm die Verfaſſung zur Seite geſtellt, und Euch ſtehet es zu, ein Gleiches zu thun, und achtungvoll die Stimme der Republik zu vernehmen, die nichts anders in Euch erkennt, als ihren erſten Buͤrger. Duͤnkt Euch ſolcher Name zu gering, ſo verlaſſet den Thron, der Euch keinen andern gewaͤhrt!—— Vielſtim⸗ miges Beifallrufen der Senatoren und Ritter folgte dem Beſchluß dieſer Rede. Mit banger Erwartung blickten die Freunde des Koͤnigs, blickte Petrus Boratynski auf Siegmund den Zweiten; doch gegen die Erwartung Aller wichen die Falten des Unmuths ploͤtzlich von der konig⸗ lichen Stirne, er ſchaute ohne Zorn auf den Kaſtellan von Belzk herab und ein wohlwollen⸗ des Laͤcheln, das ſeine Zuge belebte, bezeugte, daß ein hoher Geiſt die Wahlverwandtſchaft des andern erkennt, ſey auch die Berührung, in die ſie gekommen, eine feindliche.—— Wir ver⸗ kennen eben ſo wenig— ſprach er nach einiger Zeit— die Rechte Unſeres Adels, als die Pflicht Unſeres hohen Amtes, und wenn Unſer Herz ſich verſchließt vor der Sprache des Haſſes und des Eigennutzes, ſo wird es doch immer der Stimme vffen ſtehen, die, wenn rauh und un⸗ 2125— lieblich zu hoͤren, Uns an das mahnt, was dem Koͤnig obliegt und Euch.— So vernehmet denn unſere Bitten! riefen viele Senatoren plotzlich erweicht durch des Furſten nicht geahnte Selbſt⸗ beherrſchung.— So öͤffnet Euer Herz unſerm Flehen— baten die Ritter, und alle, die ſo ge⸗ rufen hatten, warfen ſich auf ihre Knie im wei⸗ ten Kreiſe um den Thron, waͤhrend die Andern, deren Zweck nicht die Verſoͤhnung des Herrn und der Unterthanen war, finſter und ſchweigend im Hintergrunde weilten. Ihr ſehet die er⸗ lauchte Republik zu Euren Füßen— begann der Reichstagmarſchall mit bebenden Toͤnen, als verhindere ihn eine außerordentliche Bewegung deutlich zu ſprechen: Sie flehet Euch an, dem, was der Beſchluß geſammter Staͤnde fuͤr das Beßte des Reiches erklaͤrt, Euer eignes Wohl darzubringen als Dpfer! Sie flehet Euch an, das Ehebuͤndniß zu trennen, von dem ſie Un⸗ heil befurchtet, und ihrer Ruhe, ein echter Sohn des Vaterlandes, die eigne Ruhe dem, was ihr das Vorzuglichſte iſt, Eure gerechte Bedenklich⸗ keit nachzuſetzen. Pruͤfet Euer Inneres, aller⸗ durchlauchtigſter Herr— ſetzte er mit Bedeu⸗ tung hinzu—, es iſt ein großer Augenblick wel⸗ Hipp. Borat. zr Theil. 9 — 130— cher jetzt herannahet; ein Augenblick, der nicht allein für die Gegenwart Euer und unſer Gluͤck entſcheidet, der auch fur die ſpaͤte Zukunft Eu⸗ ren Namen in die Tafeln der Geſchichte ein⸗ graͤbt: zeiget Euch denn als Jagiellone, als Ritter, als Sarmat, und thut ſo, wie jeder von uns, der ein Ehrenmann iſt, thun wuͤrde an Eurer Stelle!—— und abermals herrſchte tiefes Schweigen in der Verſammlung; da er⸗ hob ſich der Koͤnig und ſprach: So wollen Wir denn, hochwüͤrdige und wohlgeborne Herren, Euch Antwort verleihen wie Ihr geſagt, als Jagiello, als Ritter und Sarmat, und thun wie der thun wuͤrde, den Wir fuͤr einen Ehrenmann halten. Ihr mahnet Uns an Unſere Pflicht, Ihr fordert die Erfuͤllung des Eides den Wir geleiſtet, und beide, ſo wahr Uns Gott beiſtehe in Unſerer letzten Noth, beide werden Wir im Auge hal⸗ ten; nicht umſonſt ſoll Euer Wort an Unſerm Ohre verklingen. Doch wie mag Unſer Eid Euch noch Buͤrgſchaft leiſten fuͤr Eure Rechte und des gemeinen Wohls des Vaterlandes, ſo Wir pflichtvergeſſen den braͤchen, den Wir Un⸗ ſerer koͤniglichen Hausfrau geleiſtet haben am Altar? Moͤget Ihr Euer Geſchick den Haͤnden — 131— deſſen vertrauen, der die heiligſte der Pflichten verrieth? Mag die Republik dem Vater an⸗ hangen, der die Verbindlichkeit und das Recht des Hausvaters mit ſchnoͤdem Leichtſinn vernach⸗ laͤſigt, oder ſie in feiger Nachgiebigkeit dahin giebt? Wahrlich, Euch kaͤme es zu, die Treue auf dem Throne Eurer Koͤnige zu erhalten, ſo ſie jemals von demſelben weichen wollte, nicht ſie zu verbannen, die Eure ſicherſte Schutzwehr iſt! So wie Wir mit dem Beiſtand des Him⸗ mels und ſeiner Heiligen dem obliegen werden, was Uns gegen Euch gebuͤhrt, ſo werden Wir ein Gleiches thun gegen Unſere Gemahlin, ſoll⸗ ten Wir daruͤber auch Krone und Leben vermiſ⸗ ſen. Ihr ſagt, Wir haben Eure Rechte ange⸗ taſtet durch Unſere Wahl; ſie iſt getroffen und was Gottes Hand vereinigt, darf der Menſch nicht ſcheiden: hier habt Ihr ſie wieder, dieſe Rechte; gebrauchet ſie, wie es Eurer würdig iſt, laſſet Uns noch einmal Unſer Glück aus Eurer, aus der Mitbuͤrger Hand empfaugen voder — nehmet die Krone zuruͤck, die Wir nicht erkaufen wollen mit dem Verlußt Unſerer Ehre! —— Noch einige Zeit, als der König ſchon geendet hatte, richteten ſich die Blicke der Knien⸗ 9* — 132— den auf ihn, als hofften ſie, die Geberde der Demuth werde ihn zu einem andern Entſchluſſe bewegen, als er aber ruhig und wuͤrdevoll den verlaſſenen Sitz wieder einnahm, erhoben ſie ſich langſam und unter ſehr verſchiedenen Empfin⸗ den; die Meiſten geruͤhrt durch die Worte die ſie gehort, bedauerten das, was ſie Siegmund Auguſts Starrſinn nannten, der beſſere Theil erkannte, es ſey der Krone Niemand wuͤrdiger, als der Fuͤrſt der ſie dahin geben wollte fur die Treue, und beſchloß insgeheim, ſie ihm mit aller Kraft zu erhalten; die Gewaltigen und ihr An⸗ hans ſchopften neue Hoffnung, daß es moglich ſeyn werde, das Gut, welches der Beſitzer da⸗ hin warf, fur ſich ſelbſt, oder fuͤr das Haupt ihrer Partei zu erwerben, und die Anhaͤnger der Koͤnigin Bona, die mehr erreicht hatten, als ſie wollten, und zu verlieren furchteten, was ſie ſelbſt in Gefahr geſetzt, ſtanden beſtüͤrzt und ungewiß; Petrus Boratynski aber richtete ſein Auge, in dem eine Thraͤne glaͤnzte, auf den BGroßfeldherrn, welcher den Blick der Ruͤhrung mit einem aͤhnlichen erwiederte. Die, welche den Grafen zu Tarnow laͤngſt im Stillen zum Rachfolger Siegmund Auguſts beſtimmt hatten, — — — 133— glaubten den Ausdruck der Zufriedenheit, den ſie in ſeinen Zuͤgen wahrnahmen, richtig zu deu⸗ ten; die Anzahl, welche begann ihn zu umrin⸗ gen, bildete bald den ſtaͤrkſten unter den ſich abſondernden Haufen, und vernehmlich genug ſchallten hier und da die Worte: Thronerledi⸗ gung— und Ausſchreiben eines Wahlreichstages! — Mit Verdruß gewahrten der Primas, der Bi⸗ ſchof von Przemysl und ihr Anhang, daß ihr Beſtreben vielleicht keinen andern Erfolg haben werde, als an des Verhaßten Stelle den Ver⸗ haßten zu ſetzen; ſie widerſprachen laut und eifrig dem, was ſie ſelbſt herbeigefuͤhrt hatten, forderten eine genaue Pruͤfung der Verhaͤltniſſe und die foͤrmliche Ankuͤndigung des Interregnum. ehe man die Entſagung des Koͤnigs guͤltig nen⸗ nen, und den Koͤnigsſtuhl als ledig betrachten koͤnnte, und ſahen ſich bald unterſtutzt, nicht allein von den Biſchoͤfen von Krakow und Ku⸗ jawien, den Freunden des Vaterlandes und ih⸗ ren fruͤhern Widerſachern, ſondern auch von der Partei der Mailaͤnderin, und vornehmlich von allen denen, welche entweder nicht wagen konn⸗ ten, dem Kaſtellan von Krakow die Spitze im offnen Kampfe zu bieten, oder in der Verwirrung — 134— eines Zwiſchenreiches genugſame Erndte fuͤr ih⸗ ren Eigennutz zu finden dachten. Doch wuchs zuſehends der Haufe der Clienten um den Seſ⸗ ſel Johannes von Tarnow, ſtolz auf ihr Haupt und ihre Anzahl, ſchienen ſie bereit, das Geſchick des Reiches auf ein bedenkliches Spiel zu ſetzen, als der, fuͤr den ſie ſprechen und handeln woll⸗ ten, plotzlich dus Wort nehmend, ſeinen Platz verließ.— Nicht genug iſt es— ſprach er ernſt und ruhig— nicht genug iſt es an eitlem Redeſchwall und geraͤuſchvollem Beginnen, den des Unrechts zu uͤberweiſen, der auf dem Thron ſitt, und ſolch verworrenes Treiben vermag wohl, die Nativn zu entehren, und die oberherrliche Wuͤrde, nicht aber Rath zu ſchaffen in bedenk⸗ licher Zeit. Eben ſo wenig, ſcheint es mir, kann ein flaͤchtiges Wort, ausgeſprochen im Un⸗ muth des Gereizten, eine wirkliche Entſagung heißen, und es iſt vor Allem Noth, des Reiches Suſtand reiflich zu erwaͤgen, ehe wir zu dem Aeußerſten ſchreiten, auf daß es nicht heiße, das Volk der Polen pyflege ſeine Koͤnige zu waͤh⸗ len und zu entſetzen, wie die tatariſchen Hor⸗ den zu thun gewohnt ſind mit ihrem Chan.— Wer auch— fuhr er mit ſaͤrkerem Ausdruck — 135— fort— im Falle, daß der durchlauchtigſte Sieg⸗ mund auf einer allzuraſchen Entſchließung be⸗ harre, gewuͤrdigt werden moͤchte, ſeine Stelle einzunehmen, er wuͤrde ſeinen Mitbürgern die Erhebung wenig Dank wiſſen, welche die Wir⸗ kung eines voruͤbergehenden Rauſches, vielleicht eben ſo voruͤbergehend ſeyn wuͤrde, als dieſer, und den Thron gering achten, den man ernied⸗ rigt haͤtte, ehe er ihn beſtiege.— In ihrer Erwartung getaͤuſcht und betreten verfuͤgten ſich die, welche ſich des Feldherrn Freunde nannten, nach ihren Sitzen, waͤhrend dem hielten einige der Senatoren und Ritter kurze eindringende Reden, ganz verſchieden von dem, was ſie fruͤ⸗ her geſagt; ſelbſt Andreas Görka erklaͤrte, eine ſolche Entſagung und ihre Annahme ſey den Reichsgeſetzen zuwider, und als nicht geſchehen zu betrachten; der Primas und die Seinen ver⸗ harrten in ununterbrochenem Schweigen, und Raphael Leſzezynski ſogar war weit entfernt zu wiederholen was er geſprochen im Eifer der Va⸗ terlandsliebe: doch unzugaͤnglich, wie man ihn fruͤher fuͤr Tadel und Vorwurf geſehen, ſchien Siegmund der Zweite jetzt fuͤr die mildere Spra⸗ che wiederkehrenden Pflichtgefuͤhls. Erſt als Sa⸗ — 136— muel Maciejowski ihn beim Heil ſeiner Zukunft beſchwor, den Platz nicht zu verlaſſen, auf den ihn Gott geſtellt als Seinen Geſalbten, fragte er mit lauter Stimme denſelben: Sprechet Ihr im Namen der Republik, Herr Biſchof von Kra⸗ kow? Iſt das, was Wir vernehmen Eure Mei⸗ nung, Senatoren und Ritter?—— Als nun darauf der Zuruf Vieler der Senatoren und Edelleute ihm antwortete, das Murren weniger Unzufriedenen uͤbertaͤubend, ſo rief er mit lau⸗ ter Stimme und funkelnden Augen:— So ſchließen Wir kraft Unſerer hochſten Gewalt fur heute die Berathſchlagungen der erlauchten Reichsverſammlung, und eroffnen das koͤnigliche Gericht! Herr Inſtigator der Krone, ladet die Parteien vor den Koͤnig und ſeinen Rath!— Wer ſollte wohl meinen, daß dieſe Worte des jungen Monarchen, ausgeſprochen im Gefuͤhl der wohlbehaupteten Gewalt und wahrlich zur rech⸗ ten Zeit, wer ſollte meinen, daß ſie einen neuen Sturm heraufbeſchworen? Und doch war es nicht anders; abermals ließen ſich Viele ver⸗ nehmen: obwohl man ihn der Krone nicht ver⸗ luſtig erklaͤrt, ſtehe ihm vor Erfullung ſeiner Verpflichtungen die Ausuͤbung der Rechte deſ⸗ — 137— ſelben keinesweges zu, und Petrus Kmita be⸗ hauptete vor Allen, ehe ſolches nicht geſchehen, ſey ſeine Amtsfuͤhrung als Richter und Ober⸗ herr nicht zu geſtatten. Da rief ihm Siegmund Auguſt mit donnernder Stimme zu: Auf, Herr Wojewode von Krakow, auf von Eurem Stuhl; begebt Euch an den Platz, der dem Marſchall gebührt im Gericht; oder, bei Unſerm Eid, Wir werden in dem Diener, der nach beendig⸗ ter Tagſatzung, Uns den Gehorſam weigert, den Beleidiger Unſerer Maſeſtaͤt zu zuͤchtigen wiſſen! —— Schon hatten Mehrere der Herren ihre Plaͤtze verlaſſen; die Sitzung war fuͤr beendigt angeſehn, alſo ſtand der Wojewode auf, und trat mit dem Erbeben des unbaͤndigſten Zornes und feindſeligem Blick auf den Koͤnig zu; doch ſtatt die Stelle einzunehmen, die ſein Amt ihm anwies, ſtand er ploͤtzlich ſill an den Stufen, ſchmetterte darauf mit aller Kraft den Marſchall⸗ ſtab gegen den Boden und verließ augenblicklich den Saal. Mit Verachtung wendete der Koͤnig ſich ab von dem erboßten Widerſacher und winkte dem Wojewoden von Lublin. Hoͤhniſch lächelnd ſtieß Firley den ſilbernen Stab mit dem Fuße, daß er klingend weithin ber die Steinplatten — 138— rollte, und ſtieg, den eignen hoch in der Rech⸗ ten haltend, hinauf an die Seite des Balda⸗ chins. Verlegen und verwundert ſchauten die Verſammelten ſich an, doch ehe ſich die uͤber⸗ raſchten Gemuͤther zu neuer Widerſetzlichkeit ſammeln konnten, ſcholl es vom Thron: Herr Inſtigator der Krone, der Koͤnig befiehlt, daß ihr den erſten Rechtshandel aufruft— und das Gericht begann.— 4. Die Geſchichte, vder wenn es ſo dem Leſer genehm iſt, die Einbildungkraft fuͤhrt uns jetzt auf einen dem eben verlaſſenen ganz unaͤhn⸗ lichen Schauplatz; aus dem von Gold und Edel⸗ geſteinen ſchimmernden Saale der Senatoren in die verfallene rauchgeſchwaͤrzte Huͤtte am öden Gottesacker der Iſraeliten bei Krakow. Der matte Schein der Februarſonne, der ſich nur kaͤrglich durch die erblindeten runden Scheiben des uͤbelverwahrten Fenſters draͤngt, laͤßt uns dicht an demſelben auf einem wackelnden Lehn⸗ ſtuhl ſitzend, deſſen verſchliſſene Pracht darauf deutet, daß er einſt die Zierde ſchoͤnerer Ge⸗ maͤcher geweſen, des unheimlichen Haͤusleins — 139— unheimliche Bewohnerin gewahr werden. Eine große in Blei gefaßte Brille haſtet auf der breiten und doch gebogenen Naſe, deren Schoͤn⸗ heit ſie in langem Gebrauch, durch einige ſchwaͤrzliche Ringe erhoͤht hatte, und die erlo⸗ ſchenen durch das Kaminfeuer und die Daͤmpfe, in welche ihr heilloſes Gewerbe ſie Tag fuͤr Sag huͤllte, abgeſchwaͤchten Augen muͤhten ſich den Inhalt mehrerer ziemlich ſchmutzigen Blaͤt⸗ ter zu entziffern, welche die duͤrre Hand weit vom Geſicht abhielt. Doch nochte die uns bekannte Alte wohl weniger in der Leſekunſt erfahren ſeyn, als in anderen noch freieren Kuͤnſten, denn wir müſſen dem Verfaſſer des Briefes, dem ehemaligen Schreibergehuͤlſen des Großmarſchallamtes die Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen, daß er auch in dieſem Sendbrieflein der edlen Schoͤnſchreiberei Ehre gemacht hatte, auf welche er vornehmlich ſeinen Anſpruch auf den Litel eines der Wiſſenſchaften Befliſſenen gruͤndete. In halb heulenden, halb naſelndem Tone, und mit oͤftern Unterbrechungen, als wir uns geſtatten werden, trug Mutter Urſula ſich ſelbſt und ihrem Kater, oder vielleicht einer Geſellſchaft gewiſſer, ſie der Zeit unſicht⸗ — 140— bar umſtehender Freunde den Inhalt folgender diplomatiſchen Sendung vor:„Ihr wißt— begann der Briefſteller, der vielleicht den ge⸗ braͤuchlichen Eingang: Gott zum Gruß, in dieſem Falle fur uͤberfluͤſſig hielt— Ihr wißt, daß mir von meinen Obern aufgetragen worden iſt, mich wo moͤglich in der Naͤhe des Mar⸗ ſchalls, Herr Petri Boratynski einzuſchleichen. Euch iſt nicht minder mein Eifer fuͤr den Her⸗ rendienſt bekannt, und ohne Ruhm zu melden, meine nicht gemeine Gewandtheit in allen ehr⸗ lichen Dingen, welche ich zweifelsohne von meiner Frau Mutter ererbt habe, eurem Schwe⸗ ſterkind— denn Art pflegt nicht von Art zu laſſen—, ſo ward es mir denn nicht ſchwer, nicht allein dem Herrn Staroſten nahe zu kom⸗ men, ſondern auch in ſeinen Dienſt zu treten. Solches aber war mir abſonderlich recht, denn ich habe mein Lebtage gern in Herrendienſt ge⸗ ſtanden, und zwei Herrn, wie ich ſie nun hatte, ſind immer beſſer als einer. Wie ich mich alſo nach Janowiec begab mit den luſti⸗ chen Burſchen von Meiſter Monti's Freicom⸗ pagnie,(die aber, wohl zu merken, keine Far⸗ ben traͤgt, noch Fähnlein,) machte ich mir im — 141— Wirthshaus an der Faͤhre allerlei zu ſchaffen, und wie der Herr Boratynski anlangte vom jenſeitigen Ufer und ſein Gepaͤck und Gefolge, zeigte ich mich gar thaͤtig beim Ausladen und Einſtallen der Roſſe, und wie er des andern Morgens fruͤh, nachdem ich die Nacht durch bei gutem Schluck und guten Brocken mir einige ſeines Geſindes wohl befreundet, aufſaß, hielt ich ihm die Vuͤgel; er aber griff in das Taͤſch⸗ lein ſeines Pas(Guͤrtel) und reichte mir ein Stuͤck Geld dar. Wie ich nun aber gar nicht eigennutzig bin, ſobald anderweit mehr zu ver⸗ dienen iſt, dankte ich gar fein, die Gabe ab⸗ weiſend, und kuͤßte die Hand des Geſtrengen, nicht ohne ein Thraͤnlein oder zwei hervor zu druͤcken. Er alſo, wie nun ſolche Herren ſind, fragte mich, was ich habe? worauf ich ihm denn gar wehmuͤthig beichtete, ich ſey ein ar⸗ mer Edelmann, doch von gutem Hauſe, und nicht Geld thue mir Noth vor der Hand, ſon⸗ dern die Ehre einem vornehmen und achtbaren Herrn zu dienen. Da fragte er mich denn, woher ich ſey, und Mutter Urſula, Ihr braucht wahrlich Euren holliſchen Galan nicht zu be⸗ muͤhen um zu errathen, daß mein Beſcheid — 142— lautete: aus Piotrkow. Nachdem er nun eini⸗ ges hin und wieder gefragt hatte, welches ich mit der gewohnten Geſchicklichkeit beantwortete, ſagte er, ich koͤnne ihn begleiten, und gebot mir ein Handpferd zu geben. Da es auch nicht unbekannt iſt, warum ich in den After⸗ dienſt bei dem Herrn Staroſten trat, ſo mag es Euch nicht wundern, daß ich meinen Kum⸗ vanen ein Woͤrtlein zuruͤck ließ, welches ſie ſelbigen Tages in ehrbaren Kleidern zur Her⸗ berge beſchied, wo wir die Nacht bleiben ſoll⸗ ten. Als wir nun dahin gelangten, fanden wir in der Wirthsſtube einen Tiſch voll froͤhli⸗ cher Gaͤſte, die, wie ſie ſagten, auch zum Reichs⸗ tag zogen, um zu ſehen, wie das Ding ablau⸗ fen wuͤrde, und den Kronfeldherrn gar hoch le⸗ ben ließen, und auf die goldenen Dage tranken, die nun kommen wuͤrden, wenn Dieß und Je⸗ nes ginge wie es ſollte, dieſe Gaͤſte, aber wohl zu merken, waren meine Burſchen. Als der Herr Staroſt ſolches vernahm, begann er recht nachdenklich und aufmerkſam zu horchen, ver⸗ bat auch ſeinen Namen zu nennen, damit die muntern Geſellen ſich nicht ſtoͤren ließen in Trunk und Geplauder, auch verweilte er laͤn⸗ — ger in der Unterſtube und ſtieg ſpaͤter hinauf in das fuͤr ihn bereitete Gemach, als er ſonſt zu thun pflegt auf Reiſen, wie ſeine Leute ſagten. Dieſelben entdeckten mir nachgehends, daß in Kleinpolen und Rußland, wo ſie her⸗ kaͤmen, ſo Mancher dieſelbe Sprache fuͤhre. Nun traf es ſich immer von Ungefaͤhr, daß meine Geſellen ſich Nal fuͤr Ral auf unſerm Wege befanden, doch, wie es ſich verſteht, ein jedes Mal anders eingebunden; bald als fahrende Kraͤmer, die nur gehoͤrt haben wollten, was ſie vorbrachten, bald als Kriegsleute, die ſich freuten, daß es bald wieder bunt uͤber Eck gehen wuͤrde u. ſ. w. Dftmals traf es ſich auch, daß Andere ſich zu ihnen geſellten, nicht zu der wackern Knappſchaft gehoͤrig und in daſſelbe Horn blieſen, alſo ward der Staroſt immer griesgramiger, je naͤher wir an Piotrkow kamen, und meinte, wohl das ganze Foͤnigreich ſey voll von dem, was ihm nicht behagte, und immer grimmiger auf den Herrn Grafen von Tarnow, alſo daß ich ihn einmal in ſich hinein ſagen hoͤrte: So iſt denn bei Niemand mehr Treue und Glauben zu finden? Ach der gute Herr! So war ich denn recht in mir ſelbſt — 144— vergnuͤgt, ob des wohl ausgerichteten Auftrags, als wir in die Stadt einritten. Aber gleich darauf befahl Herr Petrus Boratynski mir und noch einigen Andern, wir ſollten ihn geleiten auf einem Gang in die Stadt. Ich. wollte kaum meinen Augen trauen, da es geraden Weges zum Großfeldherrn ging, und ich begann in meinem Sinn zu denken, Herr Petrus ſey vielleicht im Grunde nicht beſſer wie die An⸗ dern, und haͤnge gleich unſer einem den Man⸗ tel nach dem Winde: drauf kam mir in den Kopf, daß, wenn auch dem nicht ſo waͤre, die beiden als gar eiſenkoͤpfige hochfahrende Herrn ſich wohl in die Haare gerathen koͤnnten, und ſomit mein Auftrag ganz und vollig abſolvirt ſey. Demnach war ich alſo ruhig in meinem Gemuͤth: da fuͤhrt, waͤhrend der Herr droben iſt, irgend ein Engel— denn der Teufel thut Eurem Vetter wohl nichts zu leide, Baſe Ur⸗ ſula,— mir den Gelbſchnabel, den Walenty Bielawski in den Weg, den das Fieber ſchuͤt⸗ teln moͤge; denn es iſt derſelbe, welcher, wie ich Euch vertraut, von mir ſo heldenmuͤthig beſiegt worden war im Zweikampf zu Jwanowiee, und der mir den Streich geſpielt in der Nacht 7 des Studenten⸗Auflaufes, der ich noch ungern gedenke, und er erkennt mich. Da nun der Herr Staroſt vom Kaſtellan von Krakow herab kommt, wie es ſchien, in großer Bewegung, laͤuft er auf ihn zu und raunt ihm etwas in die Ohren, worauf Jener mich gar ernſthaft und ſtarr anblickt, doch ohne etwas zu ſagen ſeines Weges geht, und wir hinterdrein. Ich will es Euch nur geſtehn, achtbare Frau Baſe, ich fühlte, als ich ſo hinter dem Herrn darein ſchlich, ein gewiſſes Jucken zwiſchen den Schul⸗ terblaͤttern, welches mich manchmal anwandelt, wie alte Weiber die Ahnungen; das hat mich noch niemals betrogen, und auch dießmal nicht, wie ihr alsbald vernehmen werdet. Vor der Hand jedoch ſollte es bei der Ahnung bleiben, denn am andern Morgen des Tages naͤmlich, da mein dermaliger Herr das Bankett ausrich⸗ tete fuͤr die Herrn, und ein Gelag auf einem freien Platze fuͤr die Szlachta, ward ich hinaus geſchickt, bei der Bedienung zu helfen. Ich alſo vertheilte meine Jungen, die mir treulich gefolgt waren bis Piotrkow, gebuͤhrend verklei⸗ det als Edelleute, Marketender-Burſchen und Methverkaͤufer, an die Liſche, nachdem ich jedem Hipp. Borat. zr Lheil. 10 — 146— die Loſung gegeben; ich aber hielt mich zu den Littauern. Da ich nun weiß, daß Speiſe und Trank des Menſchen Herz erfreut, und zur Verſoͤhnung geneigt macht, ſo nahm ich weislich in Acht, denen, welchen ich aufwartete, nicht allzuviel von ſelbigem zukommen zu laſſen; auch wurden ſie zu meinem großen Vergnuͤgen gar ungehalten, und murtten, daß man ſie vernach⸗ laͤſige. Es kam in der That bald zu einigem Streit mit den nahſitzenden Kleinpolen und Ruſſen, leider aber ſchlichtete denſelben der alte vermaledeite Bielawski, des jungen verma⸗ ledeiten Walenty Vater, und da er gewahrte, die Schuͤſſeln und Kruge der Littauer ſeyen leer, befahl er ſie zu fuͤllen mit dem Beßten und ließ mich hart an, ſagend: ich ſey nach⸗ laͤſſig im Herrendienſt, und ſprach noch allerlei Dinge, die mir uͤbel gefielen, und die Ahnung in der Gegend des Rückgrats um ein Beträcht⸗ liches vermehrten. Doch hatte druͤben bei den Polen das Zuviel bald das gethan, was ich bei den Littauern, eures Vorſchlags gedenkend, ein⸗ mal mit dem Zuwenig zwingen wollte. Es fielen allerlei verfaͤngliche Reden, die ich treu⸗ lich den Unbaͤndigſten meiner Siſchherrn wieder⸗ holte, und wie gedacht, ſo geſchehn; es kam zum Hader. Anderwaͤrts hatten meine Bur⸗ ſchen ebenfalls ihre Schuldigkeit gethan: beinahe alle Wojewodſchaften ſammelten ſich um die Tafel der Kleinpolen; alles ſchrie durch einander, nur wenig fehlte, ſo haͤtte die achtbare Szlachta zwiſchen zerbrochenen Kruͤgen und umgeworfe⸗ nen Liſchen, jene littauiſche Barbara zur Bei⸗ ſchlaͤferin des Koͤnigs, und den Tarnowski zum Koͤnig ſelbſt erklaͤrt. Wie ich nun da ſtand in meinem Gaudium— ich weiß nicht ob der Gott⸗ ſeybeiuns Latein verſteht, drum will ich Euch ſagen, daß dieſes Wort ungefaͤhr das bedeutet, was Euer Kater empfinden mag, wenn er am Heerde ſpinnt—, da kommt auf einmal ein großes altes Weib an mich heran, ſo groß, daß ich meinte, ich ſähe des Rieſen Goliath Schwe⸗ ſter, und ſo huͤbſch— nun ich will nicht ſchmei— cheln, beinahe ſo huͤbſch als ihr;— die nimmt mich auf die Seite, und als ich ihr in's Ge⸗ ſicht ſchaue, war es der Neapolitaner Aſſano, den ich einſt fuͤr Euren Junker hielt, als er bei Euch eintrat. Ich war nun wohl verwun⸗ dert, denn ich glaubte ihn weit von hier, aber doch wieder ſehr erfreut, denn mein Geld ging 10 — 148— auf die Neige. Als ich nun berichtete, was ſich zugetragen, und wie beinahe alle Herrn Szlachticen die Barbara geſchmaͤht, und ge⸗ ſchrieen haͤtten, man muͤſſe den Kuͤnig zwingen ſich zu ſcheiden, da lachte er ſo recht lieblich, als ich aber fernerhin des Tarnowski erwaͤhnte, ward er gar mißmuthig, und wie ich nun mit Beſcheidenheit die genaue Erfuͤllung meines Auftrages in Anſchlag brachte, und wie ich gleich auf der Reiſe gegen den Herrn Bora⸗ tynski, auch hier meinen Genoſſen anbefohlen, den Feldherrn herauszuſtreichen, ſo nannte er mich einen Tölpel, befahl mir am folgenden Abend in ein bezeichnetes Haus zu kommen, und verließ mich, einen Blick auf mich wer⸗ fend, der mir Schlimmeres noch weisſagte, als das, was mir deſſelbigen Tages noch begegnen ſollte. Ja, deſſelbigen Tages, wertheſte Frau Muhme; denn alsbald erſchien der Herr Mar⸗ ſchall mit ſeinen vornehmen Gaͤſten, und es ge⸗ lang ihm in gar kurzer Zeit, die unſinnig ge⸗ wordenen Herrn Gdelleute zur Ruhe und nach Hauſe zu bringen; mit ihm aber war der Wa⸗ lenty Bielawski gekommen, deſſen Fleiſch Euer Braͤutigam Euch zum Hochzeitmahl auftiſchen —„— moͤge, wenn er des baldigſten kommt, Euch heimzuholen; der ſprach zu ſeinem Vater, und beide ſahen auf mich, und als ich nach Hauſe zuruͤck kam, verkundete mir der Maſordomus, er habe Auftrag vom Herrn mich zu verabſchie⸗ den, zuvor aber mir meinen Lohn auszuzahlen. Dieſer Lohn war nun ein wenig Geld und ein Erkleckliches mehr von dem, deſſen ein Litera- tus nicht gern in einem wohlgeſetzten Send⸗ ſchreiben Erwaͤhnung thut, welches aber meine Ahnung vom geſtrigen Dage bei vollen Ehren erhielt. Als ich darauf am Abend zu dem Aſſano kam, fand ich die Pferde geſattelt, und ſo ſehr die Ribben mich ſchmerzten, mußte ich die ganze Nacht hinter ihm hertraben, und ſo fort bis wir hier anlangten zu Gomolin, einem der Schloͤſſer der allergnaͤdigſten Koͤnigin Bona, an welche am Morgen darauf Meiſter Livnardo Monti einen Eilboten ſendete, dem ich dieß Brieflein zur Beſtellung uͤbertragen.— Was mich indeß betrifft, Waclaw Siewrak, der ſchoͤ⸗ nen Wiſſenſchaften Beſliſſenen und Baccalaureum. war mein Empfang in dieſem zierlichen, jedoch zur Zeit etwas einſamen Schloſſe nicht allerdings der erfreulichſte. Ich ward bald nach unſerer Ankunft vor den gelahrten Doetor beſchieden, bei welchem ich den Neapolitaner fand, welcher meiner nicht zum Ruͤhmlichſten gedacht haben mochte, denn des Meiſters Geſicht zog ſich in gar unfreundliche Falten, als ich hineintrat. Darauf begann er ein ordentliches Verhoͤr an⸗ zuſtellen, und that ſo viele Kreuz- und Quer⸗ fragen, daß ich zuletzt ganz verwirrt wurde, ob ich mich gleich wohl huͤtete, den Herrn Grafen zu Tarnow betreffend, meinen Eifer im Herrendienſt allzuſehr ſeiner Dankbarkeit zu empfehlen; da aber das Vorgefallene ihm ſchon berichtet war, und was ſich auf der Reichs⸗ verſammlung unter den Herren begeben, ward er immer unmuthiger und fluͤſterte beiſeits mit dem Aſſano, der aber fuͤhlte leiſe mit der Hand an ſeinen Guͤrtel, und zog etwas Glaͤn⸗ zendes hervor, aber Geld war es nicht; es war ein anderes Metall, das ich weniger liebe als das herrliche Gold, und dabei richtete er einen Blick auf den Meiſter— ein fragender Blick war es Muhme, und wahrhaftig auch ein recht abſcheulicher, und ich zog mich gemach gegen die Thuͤr zuruͤck. Da gebot mir Herr Lionardo ſtreng, zu verweilen, und fragte mich in ſeiner kauderwelſchen Art: ob meine Geſellen wuͤßten, wo ich ſey? Wie ich nun ſolches bejahte und hinzuſetzte, einige derſelben haben ſich auf den Weg nach Gomolin gemacht, um zu ſehen, ob es da et⸗ was fuͤr ſie zu thun gaͤbe, gab er dem Famulus einen Wink; er haͤtte es aber nicht noth ge⸗ habt, denn der hatte ſein glaͤnzendes zwei ſchnei⸗ diges Geſchenk ſchon wieder an ſeinen Hrt ge⸗ bracht, den es mir zu Gunſten niemals verlaſ⸗ ſen moͤge, und der Doetor nannte mich darauf einen wackern Burſchen, ſprach auch einige la⸗ teiniſche Worte zu dem Aſſano, welche unge⸗ faͤhr, wie ich mir aus einigen derſelben abſtra⸗ hiret, alſo lauten mochten: Du ſieheſt ja, nicht unter dem Troß allein, auch unter den Hoͤhern giebt es allzu eifrige Dummköpfe, und ſolche ſind ſchwerer an ihren Platz zu ſeellen, als die ſeines Schlages.— Dieweilen nun alſo meinem Eifer im Hertendienſt die verdiente Schaͤtzung nicht vorenthalten worden, und auch der neapolitaniſche Hoͤllenhund bald darauf zu mir kam, um nebſt einigen Warnungen vor dem Allzuviel, bei denen ich Eurer gedachte, mir auch einen wohlgeſpickten Seckel zuſtellte, ſo habe ich mich entſchloſſen, vor der Hand des zugedachten Lohnes aus dem Guͤrtel des Famuli nicht zu gedenken und mich des Weins und der Dirnen zu Gomolin zu erfreuen. Da zwei⸗ felsohne das Geſchick Eures werthen und ge⸗ lahrten Blutsfreundes Euch am naͤchſten am Herzen liegt, ſo habe ich mich ausfuͤhrlicher daruber verbreitet, und thue Euch nachtraͤglich in brevi zu wiſſen, wie zu Piotrkow unter den Herrn großer Laͤrmen geweſen, wie man der Barbara die Wege zu weiſen gedacht und, da der allerdurchlauchtigſte Herr ſolches nicht lei⸗ den wollen, gar ſeiner ſelbſteigenen allerhoͤchſten Perſon; wie ſie ſich darauf alle auf die Knie geworfen auf dem harten Steinpflaſter, und ihn gebeten und er darauf nicht gewollt hat, und wie er doch Koͤnig geblieben iſt, was er aber nicht lange ſeyn wird, indem, was einem ſcharfſichtigen Politico, der lang im Herrendienſt geſtanden, nicht entgangen, die Historia mit dem Kaſtellan von Krakow doch etwas mehr iſt, als eine Finte Eures Vetters und Dieners, und wie endlich und zuletzt der Petrus Kmita, den ich Eurem Gebete und dem Schutz Eures Patrons und Junkers empfehle, ſeinen Mar⸗ ſchallſtab alſo an den Boden geworfen, daß ein — — — 153— Stuͤcklein davon ab, und dem Firley in's Ant⸗ litz geſprungen, welches jedoch eigentlich, wie man ſagt, dem Koͤnig beſtimmt geweſen. Sol⸗ ches alles berichte ich Euch, damit ihr, Baſe Urſula, davon beliebigen Gebrauch machet, zur Ehre des Herrn, in deſſen Dienſt Ihr ſtehet und zu Eurer werthen Perſon abſonderlichem Nutzen.“—— Hm— brummte die wuͤrdige Baſe des Herrendieners, als ſie das muͤhſelige Geſchaͤft des Durchleſens vollendet hatte; der Welſche hat ſo unrecht nicht; auch unter den Großen und Magnaten giebt es ſolche, die zu viel thun aus allzugroßem Eifer und das Kind mit dem Bade verſchuͤtten, wie Waelaw, mein Vetter; und der, nelcher ſeinen Marſchallſtab von ſchoͤnem, lauteren Silber alſo ſchnoͤde ge⸗ ſchlendert hat, duͤrfte nicht mit freundſeligem Antlitz von ſeiner Patronin empfangen werden. Aber thut ſie vielleicht nicht ſelbſt Zuviel? Das will mich beinahe beduͤnken. Nun, nun, ſey es wie es wollez hat ja doch die hohe gnaͤ⸗ dige Frau die alte Urſula nicht weit, und von ihrer Waare ein oder zwei winzige Gran, denn Allzuviel iſt ungeſund, wieget ganze Centner Schwerter und Lanzen auf; auch meine ich, — 154— ich werde ungeſaͤumt Zuſpruch erhalten. Noch war das Selbſtgeſpraͤch nicht beendet, da knarrte draußen der Schnee unter einem eilenden Fuß⸗ tritt, und ein lautes Klopfen an der Thäͤr er⸗ ſchuͤtterte die baufaͤllige Huͤtte. Frau Urſula ſah auf von des Vetters Geſchreibſel, ſchob die Brille zurecht und ſchielte hinaus durch das Fenſter; drauf begann ſie unverzuͤglich jenes widrige geſangaͤhnliche Geheul, das wir ſchon aus ihrem Munde vernommen, welches aber ſchnell durch einen unwilligen Ausruf unter⸗ hrochen ward. Schon gut, ſchon gut, Mutter urſula, wir kennen Euren Singſang bereits, und Ihr moͤgt ihn Euch erſparen: thut mir auf, denn ich bin eilig, auch ſteht ja die Son⸗ ne noch am Himmel, und der, den ihr viel⸗ leicht erwartet, iſt kein Freund vom Tages⸗ licht.—— Schon ſo ſchnell— ſprach die Alte vor ſich hin— das Boͤſe ſchreitet ja recht ruͤſtig einher in unſern Tagen, und der Wille iſt ſo raſch, daß die That ihm kaum nach⸗ zuhinken vermag. An welche von euch wird es nun kommen? ſetzte ſie hinzu, auf eine offenſtehende Truhe blickend, aus der mehrere wohlverſtopfte Flaſchen verſchiedener Groͤße und — 155— Geſtalt hervorragten— der Vorrath iſt groß und es iſt Zeit, daß ein Kaͤufer ſich melde.— Als aber der Draußenſtehende fortfuhr zu ru⸗ fen: er habe Eile, und muͤſſe weiter, ſchloß ſie das Behaͤltniß und oͤffnete die Thuͤre.— Ein Mann trat herein, unter deſſen Mantel eine gruͤn und rothe Livrée zu ſehen war, die Farben des Hauſes der Koͤnigin Mutter.— Gott zum Gruß, Herr Kammerdiener, und einen ſchoͤnen guten Tag— ſprach die Alte mit freundlichem Grinſen— wie komme ich zu der Ehre Eures unerwarteten Beſuchs? Be⸗ liebt etwa ein Schluckchen gegen die kalte Luft, oder iſt Eines krank am Hofe, oder in Eurer werthen Sippſchaft, daß ich mit meinen Lebenspil⸗ len dienen könnte, oder meinem koͤſtlichen Bal⸗ ſam?—— Nich geluſtet weder nach Euren Erfriſchungen— entgegnete der Eingetretene—, noch bedarf ich Eurer Arzuei fuͤr mich und Andere; ein Gewerbe iſt es, was ich an Euch auszurichten habe.—— Ich will doch nicht hoffen, daß eine der hoͤchſten und hohen Damen der geringen Huͤlfe bedarf, welche die alte Ur⸗ ſula bereit iſt, ihrem Naͤchſten zu gewaͤhren? fragte die Huͤttenbewohnerin— Ihre Majeſtaͤt — 156— befinden ſich doch nicht unpaß, oder die gnaͤdige Frau Falezeska?—— Da ſiagte der Menſch im wegwerfenden Tone: Meine allergnaͤdigſte Frau wird wahrlich ihre Aerzte nicht am Lei⸗ chenacker der Inden ſuchen, da ihr die ganze Fakultaͤt zu Befehl ſteht und vornehmlich der gelahrte Doetor Monti— und die Frau Sta⸗ roſtin eben ſo wenig.—— Nun ja, ja wohl — brummte Urſula mit ſonderbarem Laͤcheln— es iſt Herr Monti ein wohlerfahrner Meiſter, und befaßt ſich nicht mit gemeinen Kuren— nun aber ſprecht, was ich ſoll?— Wohl iſt es die Frau Falezeska, die mich ſchickt— ant⸗ wortete Jener verdruͤßlich— doch nicht fuͤr ſich: wie nun ſolch vornehmes Weibsvolk iſt, das ſelbſt muͤßig nur darauf denkt, die Leute zu plagen; da jagt ſie mich heraus in Wind und Wetter nach dieſem heilloſen Winkel, weil ihr Huͤndlein erkrankt iſt, der dicke Mops, den die Frau Schatzmeiſterin ihr geſchenkt hat, und den meinetwegen der Henker holen moͤge, denn er iſt ſo beißig wie die Eine, und ſo wie⸗ derbellend wie die Andere, ſo daß er mir neu— lich ein tchtiges Loch in den Strumpf und in das gebiſſen hat, was darunter war.— So, — — 157— ei, der Mopshund? ſprach Urſula beklagend— das arme Thierlein! Was mag ihm doch wohl fehlen, werther Herr?— Was allen fehlt bei Hofe, die nichts zu thun haben: zu viel gefreſ⸗ ſen hat er— fuhr der Bediente unmuthig heraus— und da hat er es in der Krone.— In der Krone?— Ja es iſt ein ſchlimmes Ding um die Krone— ließ ſich die Alte in gedehntem Tone vernehmen— ich lege mich ſomit zu den Fuͤßen der Frau Staroſtin, und werde erſcheinen, ob ich gleich allerhand zu be⸗ ſorgen habe; es geht ja doch, wie einer meiner Vettern zu ſagen pflegt, ein ſtattlicher und acht⸗ barer Mann, der Herrendienſt vor Allem.—— Nun— meinte der Andere— der Herr, dem Ihr hier dient in Eurer Behauſung, und die Herrſchaft zu der Ihr berufen ſeyd, muͤgen wohl Manches gemein haben mit einander.— Kommt alſo wenn es dunkel iſt, und vergreift Euch nicht etwa im Heilmittel; ſolches ſoll, wie die Leute ſagen, Euch manchmal begegnen.—— Der Hund der Frau Horonvſtay? ſprach Urſula, als er hinaus war, bedaͤchtig vor ſich hinſchauend— Welchen Chriſtennamen mag wohl dieſer Hund fuͤhren?—— Unmuthig ſtand Bona Sforza, die Koͤnigin Mutter, in ihrem Gemach vor dem geoffneten Schreibſchrank, den ſie eben verlaſſen, und deſ⸗ ſen Inhalt, waͤre er bis auf unſere Tage gekom⸗ men, bedeutende Beitraͤge zur Geſchichte jener Zeit geliefert haben wuͤrde. Sie erwartete mit Ungeduld Nachricht von dem Reichstage, denn die unzuſammenhaͤngenden Kunden, welche das Geruͤcht von Piotrkow nach der Hauptſtadt ge⸗ tragen hatte, fuͤllten ihr Gemuͤth mit Beſorg⸗ niß; da erſcholl am aͤußern Thor des Schloſ⸗ ſes ein kurzer Trompetenſtoß, und kurz darauf verkuͤndete der Hufſchlag mehrerer Roſſe und das Geraͤuſch der Hellebarden, welche die wacht⸗ habenden Trabanten, in's Gewehr gerufen, auf die hoͤlzerne Zugbruͤcke niederſtießen, durch die Stille des ſeit einiger Zeit einſamen Schloß⸗ hofes zu den Ohren der Koͤnigin getragen, die Ankunft eines Herrn von hohem Range in ſtar⸗ ker Begleitung.— Endlich, der Wojewode von Lublin!— fluͤſterte die Mailaͤnderin, wandte ſich dann raſch gegen den Schrank, die umher⸗ liegenden Schriften zu ordnen, warf ihn ſodann in das Schloß, befeſtigte den Schluͤſſel ſorgſam an ihrer goldnen Halskette, und verbarg ihn unter dem reichgefalteten Spitzenkragen. Waͤh⸗ rend dem naͤherten ſich eilige Schritte dem Ge⸗ mach; ſie trat ſchnell dem Kommenden entge⸗ gen, und dem anmeldenden Kaͤmmerling folgte auf dem Fuße, der Wittwe Siegmund des Er⸗ ſien hochſt unerwuͤnſcht und unerwartet, Petrus Kmita, der Großmarſchall. Ueberraſcht blieb ſie ſtehen, als ſie den Wojewoden erkannte, deſſen ſelten heitere Stirne mit drohenderen Wetter⸗ wolken denn je bedeckt war, und um deſſen widrig laͤchelnden Mund ſich ſelbſt hoͤhnender Ingrimm zuckte.— Ich komme Euer Gnaden ungelegen, wie es ſcheint— ſprach Kmita, ihre Befremdung wahrnehmend— und ſchier moͤchte man glauben, es ſey ein Anderer, welchen ihr erwartet und der nicht kommen wird. Ja— ſetzte er bitter hinzu— es iſt nur der alte Großmarſchall, welcher ſich zu Euer Gnaden Fuͤßen legt, Euch die ſchuldige Dankſagung dar⸗ zubringen fur die liebliche Frucht, die abermals ſeinem Beſtreben fuͤr Euch zum Lohn geworden. —— Wohl gehoͤrten die Empfindungen der Koͤnigin in dieſem Moment zu den bitterſten; es war Johannes Firley, den ſie zu empfangen glaubte, den ſie bei ſeinem Abgange beſchworen — 160— hatte, ſogleich nach der erſten Sitzung des Reichs⸗ tages ſich insgeheim nach Krakow zu verfugen, um ihr von dem Fortgange der Verhandlungen Bericht zu erſtatten. Mit ſcheinbarer Waͤrme hatte er ihr das Geforderte zugeſagt, und ſich erboten, fur ihre Entwuͤrfe alle den Einfluß an⸗ zuwenden, den ſein Rang und ſein Anſehn Nn⸗ ter den Proteſtanten ihm gewaͤhrte: er hatte nicht Wort gehalten, er war nicht Willens es zu thun, darauf deutete des Wojewoden von Krakow Rede; waͤhrend der kurzen Zeit, als dieſer ſprach, hatte ſich ihrer Erinnerung man⸗ ches Befremdliche dargeſtellt, das ſie in der letz⸗ ten Zeit an dem beguͤnſtigten Liebling wahrge⸗ nommen. Sie ahnete, ſie ſey betrogen; ſie, die ſich ſelbſt allein für untaͤnſchbar haltend, ſich ſchmeichelte, alles um ſich her an theils ſichtbaren, theils unſichtbaren Faͤden zu leiten, getaͤuſcht und durch wen? durch den Einzigen, der im Ver⸗ lauf vieler Jahre es vermocht hatte, in dieſem eigenſuͤchtigen Herzen ein menſchlicheres Gefuhl zu erregen. Und an ſeiner Stelle erſchien der Großmarſchall, das ſproͤdeſte Werkzeug ihrer Pla⸗ ne; ein Mann, der, wie ſie wohl wußte, nicht ihretwillen, nicht fuͤr die Groͤße ihres Hauſes, — 161— nur um in der allgemeinen Verwirrung dem eignen Ehrgeiz genug zu thun, ſich demſelben geſellt, der ihr Beßtes, wie das Geruͤcht ihr zugebracht, dem eignen Uebermuth in der Reichs⸗ verſammlung unbedenklich geopfert hatte, der ſie haßte, wie den Abgrund der Höͤlle, ſeitdem ſie dieß erfahren, und er erſchien, nicht die Aus⸗ bruͤche ihres gerechten Zornes reumuͤthig zu er⸗ tragen, er kam, Trotz auf der gerunzelten Stirn und Hohn auf der ſchwellenden Lippe. Doch keine Bewegung vermochte den Geiſt der Ita⸗ lienerin auf mehr als Augenblicke ſichtbar zu erſchuͤttern, und ſie antwortete mit kalter Ho⸗ heit:— Ihr irret nicht, Herr Großmarſchall; nicht Euch erwarteten Wir hier zu ſehen zu der Zeit, da Eure Wuͤrde Euch den Platz an⸗ weiſt zur Seite Eures Herrn, Unſeres Sohnes, und Euer Erſcheinen laͤßt Uns Dinge als moͤg⸗ lich annehmen, in welchen Wir bis jetzt das Ge⸗ ruͤcht Lgen ſtraften, welches Uns das Unbegreif⸗ liche verkuͤndete.—— und warum nicht moͤg⸗ lich, warum unbegreiſlich, Frau Königin? lau⸗ tete des Großmarſchalls Gegenrede— Findet Ihr es unmoͤglich, daß ein Senator auch Eu⸗ rem erlauchten Sohn gegenuͤber die Rechte ſei⸗ Hipp. Borat. 3n Theil. 11 nes Standes behauptet? Unbegreiflich aber iſt allerdings, daß derſelbe es gewagt hat, dem, deſ⸗ ſen Stimme voft laut genug erſchollen iſt von einer Grenze dieſes Reiches zur Andern, Schwei⸗ gen zu gebieten im Angeſicht meiner Bruder. Wahrlich— fuhr er ſich immer ſtaͤrker erhi⸗ tzend fort— ich werde nicht ſchweigen, ich wer⸗ de ſprechen, bis meine Worte wiederhallen in dieſen Saͤlen, in den Schloͤſſern und Staͤdten, ja in der Burg zu Wilno ſelbſt, und der Em⸗ pfang, den ich bei Ew. Gnaden gefunden, wird den Augenblick beſchleunigen, da man ſehen wird wer der Kmita iſt! Mit etwas gemaͤßigterem Vorwurf entgegnete die Koͤnigin: Solches iſt alſo die Erfuͤllung Eurer Uns vielfaͤltig gegebe⸗ nen Zuſage, Herr Wojewode: ſtatt mit der Klugheit eines Staatsmannes und der Beſorg⸗ lichkeit eines Freundes den Flecken zu tilgen, der durch dieſe Barbara dem Koͤnighauſe gewor⸗ den und dem Reich, ſtatt auf die Verfuhrerin den Unwillen Eurer Bruͤder zu lenken, ſetzt Ihr den Sohn Eures Koͤnigs und ſein Anſehn auf ein gefaͤhrliches Spiel?—— Gefaͤhrlich aller⸗ dings— rief der Marſchall uͤbermüthig— und ſeinerſeits ſchwer zu gewinnen. Ihr habt nun — 163— ſchon lange in dieſem Reiche verweilt, Frau Koͤ⸗ nigin, und ſolltet wiſſen, daß es hier nicht iß, wie bei Euch, wo der Hofmann Eins iſt mit dem Staatsmann. Bei uns, gnaͤdigſte Frau, mag fuͤr den Hofmann die Laune des allerdurch⸗ lauchtigſten Herrn ein Geſetz ſeyn, der Staats⸗ mann jedoch haͤlt nur die Republik im Auge! Was kuͤmmert jene Barbara mich, den Groß⸗ marſchall des Reichs, den Wojewoden der Haupt⸗ ſadt, den Senator; was kuͤmmert mich ihr Ge⸗ mahl? Nur der iſt mir der König, der die Rechte der Staͤnde ehrt, nur die nenne ich Koͤ⸗ nigin, welche ich anerkannt habe mit ihnen, und ſo Eines nicht laſſen will von dem Andern, ſo wird Platz fuͤr Zwei!—— Alſo— unter⸗ brach ihn Bona mit ungewiſſer Stimme— Alſo iſt Unſer Sohn taub geblieben fuͤr die Bitten der Mutter, taub fuͤr die Rathſchlaͤge der Edeln, für das Flehen des Volkes und er nill nicht von der Littauerin laſſen?—— Wie ich En. Gnaden ſage— ſprach Kmita mit unerkuͤnſtel⸗ tem Kaltſiun— taub fur alles dieß; gekniet haben ſie vor ihm, die Staͤnde der Republik haben gekniet vor Siegmund Auguſt Jagiello, und ſie ſind aufgeſtanden unerhoͤrt! Doch Pe⸗ 11* — 164— trus Kmita hat ſein Knie nicht gebeugt; er beugt es vor Niemand auf der Erde, andere ſind ſeine Ueberzeugunggruͤnde und nur dieſe darf der Koͤnig von mir erwarten.—— Mit gewaltiger Anſtrengung druͤckte die ſtolze Koͤni⸗ gin den Zorn nieder, den die ungezaͤhmte Kuͤhn⸗ heit des Wojewoden in ihr erregte, und begann mit aller Faſſung, die ihr zu Gebote ſtand:— Und um den Gereizten noch mehr zu reizen, warft ihr ihm den NMarſchallſtab vor die Fuͤße, den Unſer hochſeliger Gemahl Euch vertraut, und verließet den Senat, in dem Uns ein Freund wie ihr ſo noth war?—— Richt Herr Sieg⸗ mund der Alte allein hat mir den groͤßern Stab*) ertheilt, ſondern die Republik und der Koͤnig, und fuͤr ſie beide fuͤhre ich ihn, alſo erſt fuͤr die Republik und dann fuͤr den Koͤnig. Ich bin Ew. Majeſtaͤt ergebener Diener und der Freund Derſelben, wie es Euch gefaͤllt mich zu nennen, doch zuvor bin ich der Freund des Rei⸗ ches und der Diener der Verfaſſung.—— Und am allermeiſten Deiner ſelbſt— ſprach Bona zu ſich. Petrus mochte ahnen, was im *) Im Gegenſatz zum kleinern des Hofmarſchalls. — 165— Gemuͤth der Monarchin vorging, denn er fuhr in hoͤhnendem Tone fort— es iſt leicht dem Großmarſchall zu ſagen, bis hierher ſollſt du gehen und nicht weiter, doch ſchwer iſt es ihn aufzuhalten im Schritt; der Kmita iſt ein Bo⸗ gen aus zaͤhem Holze geſchnitten, ſo man ihn allzuſehr ſpannt, ſchnellt er wohl zuruͤck und trifft den Schuͤtzen an der Stirn. So iſt die Weiſe der Staatsmaͤnner in Polen, meine aller⸗ durchlauchtigſte Frau; ich aber meine, ich bin Einer nach unſerer Art und, wenn es ſich trift, auch ein Kriegsmann dazu, und viele Andere mit mir. Haben Ew. Gnaden noch etwas zu befehlen?—— So manche Dame damaliger und der jetzigen Zeit haͤtte wohl, beſtuͤrzt ͤber die Gefahr, der ſie groͤßtentheils ſelbſt den Sohn und die Groͤße ihres Hauſes blosgeſtellt, die Beſorgniſſe der Mutter und Koͤnigin ver nd, ihre Zuflucht zu Bitten und Klagen M zu Bitten und Klagen, die den Uebermuth des abtrunni⸗ gen Verbuͤndeten noch geſteigert haben wuͤrden; doch Bona Sforza, obgleich das Gehoͤrte ihre Wangen mit Todtenblaͤſſe uͤbergoß und ein leich⸗ — 166— tes Zittern durch ihre Gebeine ſchlich, ver⸗ ſchmaͤhte eine Weiſe, die bei dem lungjaͤhrigen Vertrauten ihrer Gedanken und Thaten ihre Wirkung verfehlen mußte; ſie fuͤhlte, der Ei⸗ gennutz und der Stolz koͤnne nur durch die Waffen des Eigennutzes und Stolzes bekaͤmpft werden, und ſprach nach einer nachbenklichen Pauſe: Ihr habt Uns die Augen geoͤffnet, hochwohlgeborner Wojewode von Krakow, und ob Ihr es ſchon ziemlich ſpaͤt gethan, danken Wir Euch. Wohl ſind der Weih und der Geier uneins unter ſich, kommt es auf die Jagd nach geringer Beute an, doch vertragen ſie den langjaͤhrigen Hader, ſo es die Befeh⸗ dung des koͤniglichen Adlers gilt.—— Wie ſoll ich dieſe Worte verſtehen?— fragte der Großmarſchall aufmerkſam werdend— Mich duͤnkt es iſt jetzt nicht die Zeit zu kopfterbre⸗ chenden Coneetti, ſollten indeſſen Ew. Gnaden einen Sinn n verbergen, der ſich mehr fuͤr den Augenblick und fur den eignet, wel⸗ chen Ihr der Anhoͤrung deſſelben wuͤrdigt, ſo muß ich Eure Majeſtät erſuchen deutlicher zu ſprechen.—— Warum nicht?— antwortete Bona— Habt Ihr doch deutlich genug ge⸗ — 167— ſprochen, oder meinet Ihr, es beduͤrfe großen Scharfſinnes, Einen von den vielen Andern zu errathen, deren Ihr erwaͤhntet, Einen, der Euch gleich ſteht als Staatsmann und Krieger, ja, der nach dem Urtheil ſo mancher Euch noch uͤbertrifft?—— und wer waͤre das? fragte der Wojewode empfindlich.— Wer anders als der Vater des Vaterlandes, der einen einſt wi⸗ derſpenſtigen eisgrauen Sohn gewonnen hat, das Vorbild polniſchen Adels, den weiſen, heldenmu⸗ thigen Graf zu Tarnow? Was ſtehet Ihr ſo be⸗ troffen, werther Herr, haltet Ihr wirklich Bona Sforza, die Ihr ſo lange ſchon kennt, fuͤr un⸗ erfahren genug nicht zu wiſſen, wie Sachen die⸗ ſer Art ſich geſtalten? Meinet Ihr, Ihr ſeyd der Erſte, der das Gute fuͤr das Beſſere hingab, oder fuͤr das, was ihm das Beſſere ſchien? Iſt es ſo unbegreiflich, daß der Wojewode von Kra⸗ kow gern Kaſtellan von Krakow werden muoͤchte, und der Lraͤger des Marſchallſtabes auch den Stab des Feldherrn 3 muͤßte er auch dem Vorgaͤnger an den Stufen des geraubten Thro⸗ nes huldigen?—— Wie ſo, wie meinet Ihr das?— unterbrach Kmita der Koͤnigin gleich⸗ giltig tonloſe Rede— Habt auch Ihr zu Kra⸗ — 168— kow Kunde von dem erhalten, was dieſen Tar⸗ nowski betrifft? Iſt auch hier etwas von jenem thörigen Schwindel wahrzunehmen, deſſen Wir⸗ kungen, ich will es nicht laͤugnen, ich zu Piotr⸗ kow mit Erſtaunen verſpuͤrt?—— Habt Ihr wirklich dergleichen verſpuͤrt?— entgegnete Bo⸗ na mit Hohn— Nun, und auch mir iſt es nicht entgangen; bis unter die Fenſter der koͤ⸗ niglichen Wittwe ertoͤnte der Nachhall von dem, was ihr zu Piotrkow gehoͤrt habt, zehntauſend Stimmen wiederholen das Geſchrei der Hunderte auf jener Wieſe, begeiſtert durch des Reichstag⸗ marſchalls gebrannte Waſſer, das Murren der hochachtbaren Senatoren. Verweilet nicht, ver⸗ laſſet das Zimmer der bedraͤngten Wittib und Mutter Eurer Koͤnige, daß Ihr der Erſte ſeyet, der ſein Knie vor dem großen Johannes beugt, und er einen Blick der Huld auf Euch werfe, und Ihr des theuer erkauften Lohnes nicht ver⸗ luſtig gehen moͤget!—— Schon ſeit einiger Zeit hatten des Wojewoden ſchwellende Stirn⸗ adern das Erwachen des Zornes verkuͤndet; jetzt ſchlug die verhaltene Flamme lodernd empor, und er rief, daß die hohen Bogenfenſtern er⸗ bebten; Ich, Petrus Kmita, mein Knie beugen — 169— vor dem uͤberklugen Tarnowski? Wer wagt das zu ſagen? Wer hat den Großmarſchall alſo ver⸗ unglimpft bei Eurer Majeſtaͤt?—— Darin liegt wohl kein Unglimpf— fuhr die Mailaͤn⸗ derin kaltblutig und beſonnen fort— die Um⸗ ſtaͤnde veraͤndern des Menſchen Sinn. Ihr ach⸗ tet das koͤnigliche Geſchlecht der Jagellionen zu gering, ihm unterthan zu ſeyn; wohlan, viel⸗ leicht gewinnt Ihr mehr Ehre, dem zu dienen, der noch Towartyſs(Knappe) war, als Ihr ſchon das Reichspanier truget; der dem ebenbuͤrtigen, aͤltern und erfahrnern Mann die Wuͤrdigung nicht verſagen wird, die ihm gebuͤhrt.—— Ehe ſoll des Henkers Hand mein altes Ge⸗ ſchlechtswappen zerbrechen, und es mir in die Gruft nachſchleudern am Rabenſtein, ehe ich dieß Haupt nur eines Haares breit neige vor dem ubermuͤthigen pedantiſchen Feldherrn, ehe dieſer Verraͤther ſich an den Platz ſetzt deſſen, dem er ſich treu und gewaͤrtig geſtellt von Jugend auf und ihn nun hinterliſtig anfaͤllt, zu feig ein wahrer Freund zu ſeyn oder ein offner Feind. Noch giebt es der Maͤnner mehr in Polen, wenn es dahin kaͤme, wozu es vielleicht des Koͤnigs Stolz und Starrſinn treiben wird; noch giebt es Andere, die des Thrones wuͤrdiger ſind, als der Feldherr!—— Ihr meinet doch nicht einer dieſer Maͤnner zu ſeyn, Herr Wojewode? — ſprach Bona im Tone des Mitleids— Taͤu⸗ ſchet Euch nicht, das iſt der letzte Rath Eurer ehemaligen, nun verrathenen Freundin. Gehet in die Schloͤſſer der Großen, draͤngt Euch in die Gehoͤfte des Adels, horcht an der Huͤttenthuͤr, zieht hinaus auf die Heerſtraßen, nirgends wer⸗ det Ihr Euren Namen vernehmen, wohl aber den tauſend und abertauſendſtimmigen Zuruf: es lebe Johannes zu Tarnow!—— Die Auf⸗ wallung des Marſchalls hatte ſich ploͤtzlich ge⸗ legt; er ſtand einige Minuten lang in nach⸗ denklichem Schweigen, dann ſprach er halb laͤ⸗ chelnd: Ich verſtehe Euch, Frau Koͤnigin, und begreife wohl, daß Ihr, was Ihr da ſagt, nicht glaubet in dem Maaße, als Ihr es zu glauben ſcheinen wollet und dem alten Kmita uͤberreden moͤchtet. Und doch iſt Etwas daran, mehr viel⸗ leicht als Ihr denket, und dieß Mehr, das Ihr heraufgerufen habt zur rechten Zeit, als eine Dame von hohen Geiſtesgaben, dieß Mehr mag Euch gute Fruͤchte tragen. Unverſoͤhnlich iſt die Feindſchaft des Geiers und des Falken; ſorget nur daß der Adler nicht allzuhoch fliege, und ſeine Klaue die Fuͤrſten ſeines Luftreichs verſchone.— — Ss erfreuet mich— begann Bona, die Kaͤlte beleidigter Majeſtaͤt ſchnell mit heiterer Zutrau⸗ lichkeit vertauſchend— es erfreut mich, daß ich mich nicht getaͤuſcht habe in dem alten Genoſ⸗ ſen ſo mancher Freude und manches Bekuͤmmer⸗ niſſes. Niemals konnte Eure Koͤnigin glauben, daß der ehrſame Großmarſchall, einem unbedach⸗ ten Knaben gleich, die Arbeit und den Ruhm vieler Jahre, einem Augenblick, wenn auch ge⸗ rechter Entruͤſtung aufopfern wurde, erregt durch das Verfahren eines jungen Mannes, der Koͤnig ſeit dem zehnten Jahre ſeines Alters, wohl ein wenig verwoͤhnt ſeyn mag durch die Hoheit ſei⸗ nes Ranges.—— Mitnichten, gnaͤdige Frau — antwortete ſproͤde zuruͤcktretend der Woje⸗ wode— und faͤlſchlich nennet Ihr augenblickli⸗ che Entruͤſtung das Bewußtſeyn deſſen, was ich mir ſchuldig bin und meiner Wuͤrde. Ihr wißt, was mich verhindert alſo zu thun, wie ich ſollte und wollte, und zu ſtols bin ich ſolches zu be⸗ maͤnteln, doch hab' ich fortan nichts mehr gemein mit dem Koͤnig. Des Kmita Haͤnde ſind ge⸗ bunden fuͤr den Angenblick, doch die Zeit iſt — 172— 5 wandelbar, und der Tag moͤchte kommen, der ſie befreite. Darum wahre ſich Siegmund Au⸗ guſt, und ſo er will, daß der Großmarſchall den Stab wieder aufnehme, den er hingeworfen, mag es vonnoͤthen ſeyn, daß der jagielloniſche Stolz ſich um ein Betraͤchtliches herabſtimme. Heffent⸗ lich iſt der vornehmſten Senatoren Einer be⸗ ſchimpft worden; oͤffentlich muß ſeine Genug⸗ thuung ſeyn, damit die ſpaͤte Nachwelt nicht ſage, es ſey der Wojewode von Krakow, Petrus Kmita, aus dem Geſchlecht Sreniawa, in dem zuerſt die Willkuͤhr des Koͤnigs das Recht der Senatoren verletzt habe. Eure Majeſtaͤt haben mir vorhin einen Rath ertheilt; es iſt billig, daß ich ihn durch einen andern vergelte. Es ſcheinet, und ich will es glauben, daß Ihr eini⸗ gen Werth leget auf den, der Euch manchmal huͤlfreich geweſen, und die Macht beſitzt, es fer⸗ ner noch zu ſeyn. Wenn dem nun alſo iſt, ſo trachtet danach, daß ſolche Genugthuung mir vollkommen werde und baldigſt.—— Im In⸗ nern ergrimmt, doch mit huldreicher Geberde ſprach darauf die Mailaͤnderin: Nicht mehr als billig iſt Euer Begehren, mein Herr, und das Vertrauen, das Ihr in mich ſetzt, geziemet dem, —————————————————— — 173— der noch in dieſer Stunde ein neues Recht auf alle gute Dienſte, welche ich gewaͤhren mag, er⸗ worben, doch— fuhr ſie im Tone der Klage fort— wird auch Eure Koͤnigin demſelben ent⸗ ſprechen koͤnnen? Nicht an der Mutter haͤngt das Herz des Koͤnigs mehr, ſeit jene Littauerin zwiſchen ſie getreten iſt und den Sohn; meine Worte verhallen ungehoͤrt an ſeinem Ohre, das nur dem Gelispel der Sirene offen, die meinige nicht allein, auch die Stimme des Vaterlandes uͤberhoͤrt. Ob ſie nun die Gewalt, die ſie er⸗ rungen auf unbegreifliche Weiſe, fuͤr Euch ge⸗ brauchen will und fuͤr das Recht, ſteht billig zu bezweifeln; denn wie das Gerucht ſagt, erfreut der Großmarſchall ſich nicht ihrer beſondern Gunſt. —— Was hat der Großmarſchall mit der Wittwe des Stanislaw Gaſtold zu ſchaffen? fragte Petrus ſtolz. Mit dem Koͤnig hat er es, nicht mit Barbarens Gemahl, und wahrlich es wird doch nicht anders, als daß er aufhoͤren muß Eines zu ſeyn, oder das Andere.—— Das Schickſal iſt mißguͤnſtig dem langjaͤhrigen Gluͤck des jagielloniſchen Hauſes— ließ ſich die koͤnigliche Mutter vernehmen, welche jetzt fuͤr gut fand einer Weiſe zu folgen, welche ihr im Anfange des Geſpraͤchs zu unkraͤftig ſchien—, hat dieſe Unterthanin an den Thron geſtellt, daß ſie den letzten Sproͤßling Wladyslaw des Zwei⸗ ten hinabziehe in die Niedrigkeit, aus der ſie hervorgegangen, und es iſt die Pflicht derer, die ſich die Waͤchter des Thrones nennen, die Eure, Herr Woſewode, die Ihr ſchon fruͤher erkannt, ihn vor Entwuͤrdigung zu bewahren.—— Der Großmarſchall, welcher entſchloſſen ſchien, das uebergewicht, welches die Verhaͤltniſſe ihm ge⸗ waͤhrten, in ſeiner ganzen Laſt fuͤhlen zu laſſen, ſprach mit großer Gleichgiltigkeit: Mir iſt nicht Frau Barbara, die Littauerin iſt mir verhaßt: es iſt das Geſchlecht der Fuͤrſten Radziwill ein ehrenhaftes und wohl nicht von geringerm Werth⸗ als manch auslaͤndiſcher Stamm, welcher, min⸗ der alterthuͤmlich als dieſer, auf bedenkliche Weiſe zu Land und Leuten gekommen iſt und dabei ſich erhalten hat*), bis die Vergeltung *) Franciseus Sforza, Sohn eines Bauern, ſchwang ſich durch Tapferkeit zum Connetable von Neapel und Pannertraͤger der Kirche empor, ließ 1412 den Her⸗ zog Johann Maria Visconti, ſeiner Gemahlin Oheim⸗ ermorden, und beſtieg den Fuͤrſtenſtuhl zu Mailand. Ludwig Sforza, der Maure genannt, vergiftete 1494 ſeinen Neffen, Johann Galeazzo, riß die Regierung — — 175— ihn vernichtete; doch will ich nicht, daß die Gemahlin Herrn Siegmunds Kuͤnigin ſey, weil ich, der Großmarſchall in der Reichsverſammlung, erklaͤrt habe, daß ich es nicht wolle, und— ſetzte er mit wenig verſtecktem Spott hinzu— weil der Firley es will, daß ſie es werde.—— Tief drang der zwiefache Stachel, den dieſe Re⸗ de enthielt, in der Koͤnigin Herz, doch der letzte war es wohl, der ſie am empfindlichſten verwun⸗ dete, denn ſie legte die Hand an die erbleichen⸗ de Stirn und konnte ſich nicht enthalten zu wiederholen: Der Firley will, daß ſie es wer⸗ de?— dann ſetzte ſie beinahe athemlos hinzu: Eure Worte ſind die eines Mannes, Herr Kmita, und ſo werdet Ihr ſicher auch der Ausdauer faͤ⸗ hig ſeyn, die einem Solchen wohl anſteht. Des Koͤnigs Beharrlichkeit ſetzt unſerm Willen Schran⸗ ken, die jenes Tarnowoki hochverraͤtheriſche Ent⸗ wuͤrfe uns jetzt zu berklimmen nicht geſtatten, an ſich und ſtarb 1510 in franzöſiſcher Gefangenſchaft. Johann Galeazzo war Bonen's Vater, ihr Bruder Franz ſtarb in Frankreich als Abt von Marmontiers. Der Sohn Ludwig des Mauren, Franz Sforza, letz⸗ ter Herzog von Mailand, war 1335 mit Tode abge⸗ gangen. Alle andere Glieder dieſes Geſchlechts en⸗ deten in der Verbannung. — 176— und ſo muͤſſen wir der Zukunft anheim ſiellen, was die Gegenwart uns verſagt.—— Der Zukunft, ja,— entgegnete Petrus muͤrriſch— doch nicht einer Allzuentfernten. Wohl hat es den Herren und Bruͤdern gefallen, die Entſa⸗ gung nicht anzunehmen, durch welche Eures Herrn Sohnes Majeſtaͤt den Ruhm ſeines Hau⸗ ſes als Opfer einer Leidenſchaft dahin warf, de⸗ ren Beſtaͤndigkeit die, welche der Ehre, ihn ſeit Jahren zu kennen, theilhaftig ſind, billig ver⸗ wundert, und ſo muß denn alles bleiben wie es iſt den Reichsgeſetzen nach, bis zur naͤchſten Ver⸗ ſammlung der Staͤnde; daß ſolche aber nicht verzoͤgert werde, dafuͤr wird der Primas Sorge tragen und ich.—— So ſey denn, weil es nicht anders ſeyn kann— rief Bona in auf⸗ wallendem Unmuth— ſo ſey denn Barbara Radziwillowna des Koͤnigs Gemahlin, ſo lange das Licht des Tages ihr ſcheint, doch meine Tochter wird ſie nimmer ſeyn, wenn auch der Anſtand koͤniglicher Wuͤrde mir gebietet zu er⸗ tragen, was ich zu aͤndern nicht vermag; doch Jahre vergehen, Jahre kommen, mit ihnen reift des Entſchluſſes Frucht.—— Schon als die Koͤnigin die erſten Worte ſprach, hatte ſich die — — 177— Thuͤr des Gemachs geraͤuſchlos geoͤffnet und eben ſo wieder geſchloſſen, ungehoͤrt von Beiden, de⸗ ren Aufmerkſamkeit durch den Gegenſtand des Geſpraͤchs gefeſſelt ward— Dem thut, wie ihr meinet, Frau Koͤnigin— ſprach der rauhe Alte — Ich wiederhvole Euch nochmals, daß das Ehe⸗ gemahl Eures Sohnes mich nicht anſicht, wohl aber die Koͤnigin, und wie ich, ſollte auch die Republik es halten.—— Da wendete ſich das Auge Bonens zur Seite, und dicht neben ihr ſtand gleich einem Geiſte der Ritternacht die ſchwarzverhuͤllte Geſtalt der Prinzeſſin von Mazowien. Dem Befehl gemaͤß, den die Die⸗ nerſchaft erhalten, zu jeder Zeit die durchlauch⸗ tigſte Muhme einzulaſſen, und deſſen Wider⸗ ruf fuͤr die Dauer der Anweſenheit des Woje⸗ woden bei deſſen ſtuͤrmiſchem Eintritt vergeſſen worden war, hatte Anna ungehindert und unan⸗ gemeldet Zugang gefunden, und wahrſcheinlich die Worte der Koͤnigin gehoͤrt, die das Mißlingen ihrer Entwuͤrfe und der alten Feindin veraͤnder⸗ tes Angeſicht ihr entdeckten. Starr blieb Bona ſtehen; auf eines Momentes Dauer ſchwankte ihre ſtarke Seele unter der ungeheuern Laſt, wel⸗ che dieſe Stunde uͤber ſie waͤlzte, dann trat ſie Hipp. Borat. 3r Lheil. 12 — 178— der Frau von Podolien mit der gewohnten An⸗ muth und Hoheit entgegen und hieß ſie will⸗ kommen. Doch nicht lange ließ Anna ſie in der Ungewißheit.— Ich ſollte beinahe fuͤrchten — begann ſie mit der ſchneidenden Kaͤlte des Ingrimms—, daß ich Ew. Gnaden nicht voͤl⸗ lig ſo willkommen bin, als Ihr es zu verſichern geruhet; in dem Augenblicke zumal, da ich das beſtaͤtigt ſehe, was mir ſchon von mehreren Sei⸗ ten zugekommen, und ich Zeugin der großmuͤ⸗ thigen Entſagung werde, mit welcher Ihr die ungefordert gegebenen Verheißungen und die mir ertheilten Rechte dem aufopfert, was Ihr jetzt auf einmal das Unvermeidliche nennet.— — Alſo wiſſet Ihr ſchon— unterbrach die Kuͤnigin die feindſelige Rede— ſo haben Wir nicht noͤthig durch Wiederholung deſſen, was Uns betroffen, Unſern Schmerz zu erneuern, und die Mutter, die ſo ſchwer beleidigt worden, darf hoffen Troſt bei der Verwandtin zu finden, die ja auch Mutter iſt.—— Ihr thut nicht wohl, Frau Koͤnigin, mich jetzt daran zu erinnern, daß ich eine Tochter habe, und Ihr wißt nur allzu ſehr, daß gegen Anna von Mazvowien Euch die Erwaͤhnung einer Blutsverwandtſchaft nicht wohl — 179— anſteht. Was ich als Tochter, als Schweſter Euch verdanke, iſt Euch ſo wenig unbekannt als die⸗ ſem ehrenwerthen Herrn, es blieb Euch nichts uͤbrig als die Mutter in mir zu verwunden.— — Moͤgen Wir den Rathſchlüſſen des Schickſals widerſtreben, und Euch verantwortlich ſeyn fuͤr das, was außer dem Bereich Unſeres Willens liegt?—— So lauteten Eurer Majeſtaͤt Worte fruͤher nicht— erwiederte Anna mit brennen⸗ dem Blick—, ſo nicht die Briefe, die der gegen⸗ waͤrtige Herr Wojewode mir zugeſendet.— Da⸗ mals vernahm ich, der Koͤnig ſey der ungewohn⸗ ten Beſtaͤndigkeit muͤde; ſeines Herzens gehei⸗ mer Wunſch unterſtuͤtze den Willen der Repu⸗ blik, und er wuͤnſche nur ihre Stimme zu ver⸗ nehmen, um mit Anſtand zu weichen. War es nicht ſo, Frau Koͤnigin, nicht ſo, Herr Groß⸗ marſchall? Nun iſt dieſe Stimme laut worden und Herr Siegmund hat die ſprechen laſſen nach Luſt und Belieben, die zu handeln zu feig ſind und ohnmaͤchtig. Und da ich die Zweifel auf⸗ fuͤhrte, die eigne Erfahrungen in mir erregt, war es da nicht dieſer ritterliche Senator, der mir betheuerte, das Gebot der roͤmiſchen Curie werde ſich mit den Beſchluͤſſen der Staͤnde ver⸗ 12* — 180— einen und die Geſammtmacht beider des Koͤnigs Halsſtarrigkeit uͤberwinden? Wohl, die Staͤnde haben ihren Beſchluß gefaßt, und es iſt alles geblieben wie es war; von Rom jedoch iſt nichts zu hoͤren, trotz aller geprieſenen Einmiſchung Spa⸗ niens und Heſtreichs, trotz aller Kaiſer und Koͤ⸗ nige, die Ihre Majeſtaͤt Vetter nennt. Noch vor kurzem ſchalt ja dieſelbe Majeſtaͤt meine Bedenk⸗ lichkeiten Kleinmuth, und ruͤhmte ſich uͤber Mit⸗ tel zu gebieten gegen jedes hindernde Begebniß: ich habe Euch geglaubt, gnaͤdige Frau, denn ich kenne den Reichthum Eures Arſenals und deſſen verborgene Waffen— und weil ich Euch geglaubt habe, erwarte ich nun, daß Ihr ſolche fuͤr die Tochter der Piaſten gebraucht, wie ihr ſie gegen ſie gewendet.— Petrus Kmita hatte im Begriff geſtanden die herbe Rede der Prinzeſſin herber zu erwiedern, doch ein halb bittender halb ge⸗ bietender Blick der Koͤnigin und die Unluſt, den dritten Mann bei den Zwiſtigkeiten zweier Da⸗ men dieſer Art vorzuſtellen, bewogen ihn, ſeine Empfindlichkeit zu unterdruͤcken und, ihnen Raum gebend, ſich in den entfernteſten Theil des ge⸗ raͤumigen Kabinets zuruͤckzuziehn.—— Es hat Euer Liebden gefallen— begann Bona — 181— halblaut und gleichſam mit vertraulichem Vor⸗ wurf— in Gegenwart eines Dritten gewiſſer moͤglicher Dinge zu erwaͤhnen, die man, und auch dann nur mit Widerwillen, hochſtens unter vier Augen ausſpricht, ja die man ſich ſelbſt ungern geſteht bis zur Stunde, da die Nothwendigkeit eintritt. Wie mochten Wir eine ſolche Mahnung beantworten im Beiſeyn dieſes Wojewoden, deſſen ungezuͤgelter Uebermuth ſich des Bedraͤngniſſes des Koͤnigshauſes erfreut, der vor wenig Tagen noch die rauhe Hand an die Krone legte, um ſie vom Haupte deſſen zu rei⸗ ßen, welcher dieſelbe, ſo es nach Unſerm Willen ſich fuͤgt, mit Eurem Fraͤulein theilen ſoll; un⸗ ter den Angen des Mannes, den erſt vor wenig Minuten die Selbſtſucht, zur rechten Stunde angeregt, aus einem abtruͤnnigen Verbuͤndeten und offenen Feind in einen zweideutigen Freund verwandelt hat? Ihr habt die Worte gehoͤrt, die ich geſprochen in der tiefen Bekuͤmmerniß meiner Seele; ſo habt Ihr auch gehoͤrt, daß er die Koͤnigin nur, nicht die Gemahlin meines Sohnes verwirft in republikaniſch trotzigem Gleich⸗ muth.—— Drauf ſprach Anna mit Schaden⸗ freude ſich an dem Sriumph weidend, den der — 182— Verabſcheuten endlich ſichtbar wordene Be⸗ aͤngſtung ihr gewaͤhrte— Doch nun ſind wir ohne Zeugen, und nichts hindert Ew. Gnaden, ihre Meinung zu offenbaren, ſo aufrichtig als es Euch gefaͤllt, oder— als Ihr vermoͤgt.— — Der leichte Zungenſtich war dem Gemuͤth nicht fuͤhlbar worden, das ſchon von ſchwereren eiternden Wunden durchbohrt war, die Koͤnigin fuhr in der vorigen Weiſe fort:— Mit Recht habt Ihr mich an die Kraft erinnert, die mir beiwohnt, Frau Fuͤrſtin Wojewodin, und es ſoll nicht umſonſt geſchehen ſeyn. Ich danke Euch, daß Ihr in finſtern Augenblicken den Geiſt her⸗ aufbeſchworen habt, der mir zur Seite ſtand in manch mißlichem Exeigniß der Vergangenheit. Ich fuͤhle mich wieder; die Klarheit iſt zurück⸗ gekehrt und die Kraft, und in ihrem Gefühl etneuere ich auch den Schwur: Nicht Koͤnigin ſoll die Wittwe des Gaſtold ſeyn, und nicht eine Andere von dem Throne zuruͤckdraͤngen, den ſie ſelbſt nur beſteigen mag auf Gefahr ihres Le⸗ bens!— Ihr ſpottet vielleicht der Leichtglaͤu⸗ bigkeit der Fuͤrſtin, die zur Landedelfrau worden — erwiederte Anna nachdruͤcklich—, wenn ich Euch ſage, ich glaube Euch noch Einmal. Doch — 183— ſpottet nicht, Frau Koͤnigin, erinnert Euch, daß Tage und Wochen, langſam verſtreichend, heimlich und geraͤuſchlos entzuͤndlichen Stoff dem Heerde zutragen, der dann am Tage der Entſcheidung ploͤtzlich auflodernd die Mine ſprengt, und alle die unter Truͤmmern begraͤbt, welche in freveln⸗ der Sicherheit luftige Gebaͤnde des Stolzes auf den unterhoͤhlten Boden auffuͤhrten.—— Ihr weisſagt richtig, durchlauchtige Muhme— ſo erwiederte Bona dieſe Drohung—, doch nicht Wir ſind es, die leichtſinnig dem Gluͤcke trauen, und ſomit mag Uns das Verderben nicht unvor⸗ bereitet treffen. Jene aufgezwungene Schnur je⸗ doch ſehe zu, wie ſie ſich auf der Hoͤhe erhalte, die taͤuſchend das nahe Grab verbirgt. Auch Wir haben kundige Minirer und verſtehen es kuͤnſtliche Gaͤnge anzulegen; entladen ſie ſich auch nicht geraͤuſchvoll, ſo iſt doch ihre Wirkung um ſo ſicherer.—— Sparen Eure Majeſtaͤt die Muͤhe, die Mittel aufzuzaͤhlen, die, wie mir bekannt, Ihr nicht verſchmaͤht. Mir liegt nichts ob, als auf Erfuͤllung des Verheißenen zu drin⸗ gen, Eure Vertraute begehrt die Piaſtin nicht zu ſeyn.—— Als nach dieſen Worten die Frau von Podolien mit einer ſeierlichen Ver⸗ beugung ſich beurlaubte, forderte die Koͤnigin Mutter, der Einſamkeit beduͤrftig, den Groß⸗ marſchall auf, ihre werthe Verwandte zu beglei⸗ ten. Nit ſproͤdem Stolze gewaͤhrte Frau Anna des Kmita ſieifer Hoflichkeit die Ehre ihr zu folgen, und beide verließen das Kloſet. Da warf ſich Bona erſchoͤpft in ihren Lehnſeſſel, ſprang dann wieder auf und trat in die Ritte des Gemachs, die Linke geballt auf das Herz druͤckend, an dem die Schlangen zu nagen be⸗ gannen, welche die Rache des Himmels ſchon dies⸗ ſeit des Grabes auf den Verbrecher ſchleudert, und ſprach ſchen um ſich ſehend, ob auch noch Jemand da ſey der ſich ihres Schmerzes freue: Iſt es nun genug der Demuͤthigung? Iſt nicht noch mehr Schmach im Hinterhalte, daß ſie ſich auf dem Haupte der Wittwe Koͤnig Siegmunds haͤufe? Wehe mir! welche Stelle iſt noch un⸗ verletzt geblieben in dieſer Stunde des Grauens? Die Mutter iſt gekraͤnkt in mir, die Koͤnigin geſchmaͤht, und— das Weib!— Fluch mei⸗ ner Thorheit, die in dem Tode jenes Greiſes, der, ein wandelnder Leichnam, an mein kraͤftiges Leben geſchmiedet war, den Aufgang einer ſchoͤ⸗ nern Zukunft zu ſehen waͤhnte; mit ihm iſt — 185— meine Hoheit zu Grabe getragen; der Planet, der eine Sonne zu ſeyn vermeinte, ſinkt des erborgten Lichtes verluſtig in ſchnoͤde Dunkel⸗ heit zuruͤck! Vergeblich hab ich dieſen Sieg⸗ mund Auguſt den verweichlichenden Haͤnden der Weiber uͤberantwortet von Kindheit auf, daß er biegſam bleibe und mein die Herrſchaft; verge⸗ bens habe ich ſeine Wiege umringt mit entner⸗ vender Schmeichelei und welſchen Raͤnken, daß er der Mutter Eigenthum ſey in Hoffart und Unkunde der labyrinthiſchen Gaͤnge der Staats⸗ kunſt!— Hoffaͤrtig iſt er geworden und nicht fruchtlos hat er jene Lehren vernommen; doch gegen mich kehrt er die Waffen, die ich geſchmie⸗ det, und wendet ſich mißbilligend von meinem Thun. Die, welche einſt aͤngſtlich den Sonnen⸗ blick der Gnade auf meinem Antlitz erſpaͤhten, ſchauen nach der neuen Morgenroͤthe, und die⸗ ſer Kmita, fuͤr den ich den weigernden Haͤnden des Gemahls die Gaben entriß, auf die ſein Hochmuth ſich jetzt ſtützt, er wagt es die Koͤni⸗ gin zu ſchmaͤhen in ihrer Burg, er taſtet mit frevelnder Hand die Majeſtaͤt des Thrones an, den nur ein vorlauter Knabe beſchuͤtzt und eine machtloſe Wittib! Auf der Stirn der Todfein⸗ — 186— din habe ich den Triumph des Hohnes geleſen, ich habe ſie ſchwelgen ſehen in der Bedraͤngniß derjenigen, deren maͤchtiger Arm vor Zeiten mit einer gebietenden Bewegung ſie aus dem Her⸗ zogſchloß hinausſtieß in Elend und Verbannung! Sagen habe ich ihr muͤſſen, Bona Sforza hat ihr ſagen muͤſſen, was, obſchon gethan, nie geſagt werden ſollte! Und jener glattzuͤngige Verraͤther, jener Firley— Fluch jeder menſch⸗ lichen Regung, die ſchwaͤchlich in die ungeheue⸗ ren Entwuͤrfe des Geiſtes tritt!— Die Zeit der Bluͤthen und Fruͤchte iſt voruͤber; einſam und entlaubt ſteht die koͤnigliche Eiche, geflohen von dem Geſindel, dem ſie keinen Schatten mehr gewaͤhren kann, denn der Herbſt hat ihre Blaͤt⸗ ter herabgeſtoͤrt und ſchon iſt die Axt gelegt an den verdorrenden Stamm. Doch nicht durch ihren Schlag ſoll ſie fallen; wie ſie gegruͤnt hat im Sturm, ſo ſey es auch der Sturm der ſie breche, daß ſie ftuͤrzend weit umher alles Lebendige zerſchmettere. Freue dich deines Sie⸗ ges nicht, mein koniglicher Sohn; ſchon iſt dein Freudenbecher gefuͤllt, doch ehe ihn die Lippe beruͤhrt, vergaͤllt ihn ein winziges Troͤpflein— und du Barbara wahre dich, daß du ſtatt des — 187— Diabems nicht die Todtenkrone von bleichem Maaßlieb um dein Haupt flechteſt! Ueberhebt euch nicht in eurem Duͤnkel, Tarnowski und Kmita! Noch ſteht der Schatten der einſt all⸗ maͤchtigen Bona am Thron: der, welcher darauf ſitzt, ſoll euch nicht weichen; wenn auch ſein Herz freudenleer bleibt bis zum Grabe, ſo ſoll doch der Koͤnigsmantel es bedecken fort und fort, damit die Nachwelt nicht ſage, Bona hat das Haus ihres Gemahls vernichtet, wie das ihre geſunken iſt in Dunkel und Vergeſſenheit! Nur eines iſt das Gluͤck der Koͤnige, Siegmund; ſcheu tritt das, was den Sinn der Niedern er⸗ freut, zuruͤck von dem Thore des Palaſtes, und willſt du es erfaſſen, wird es unter deinen Haͤn⸗ den, ein gehaltleeres Dunßbild, zerrinnen!— Und du, Verhaßte, die ihr Bettlergewand mit den Lumpen verblichenen Purpurs flickt, laͤchle nicht ſo hoͤhniſch, blicke nicht ſo kalt und feind⸗ ſelig auf die herab in getraͤumter Groͤße, die hoch uͤber dir ſteht an Wuͤrde und Geiſt!— Es iſt das Vertrauen der Koͤnige, entriſſen in unbewachter Stunde, eine gefaͤhrliche Gabe; gleich der Buͤchſe Pandorens entſteigen ihm glle Uebel, und nur die taͤuſchende Hoffnung bleibt — 188— zuruͤck. Muͤhe dich nur ab in thoͤrigen Ent⸗ wuͤrfen, beſchwoͤre die That herauf, die That, die gethan werden ſoll fuͤr dich, wie du waͤhnſt, und von der du dennoch dich in geheuchelter Unwiſſenheit abwendeſt, ſeitwaͤrts blinzelnd ob ſie denn noch nicht erſcheine?— Unbefriedigt wirſt du von Barbarens Grab gehen, das du aufgeworfen waͤhnſt, damit es deiner Lochter zur Staffel diene; verhoͤhnt wirſt du von ihm hinwegſchleichen, um bald an einem andern das Jammergeſchrei fruchtloſer Verzweiflung gegen den tauben Himmel zu ſenden!— Wochen wer⸗ den vergehen und Monde, ehe der Tag der Er⸗ fuͤllung kommt, und bis dahin trete du zu mir, Verſtellung, die ich nicht verabſaͤumt, als noch die Macht an meiner Seite ſtand; verlaſſe mich nicht, da ich keinen Verbuͤndeten habe als dich! Wochen und Monde werden vergehen, aber der Tag der Erfuͤllung wird kommen, ihr Senatv⸗ ren, Herren und Ritter; dann wird Bona aus den Haͤnden des Koͤnigs das Spielwerk reißen, das ihn ergoͤtzt, und es euch zerbrochen hinwer⸗ fen, einen geringen Preis, damit ſein verwais⸗ tes Herz entbrenne im Zorn, und er Euch zer⸗ trete, Sich raͤchend und Mich!— Darauf ließ ₰ — 189— die Koͤnigin die Silberſchelle heftig ertoͤnen und herrſchte dem eintretenden Kaͤmmerling zu: Die Frau Staroſtin Falezeska! 5* Der Reichstag war beendet, einer der erſten vielleicht in der Geſchichte Polens, welcher ſich ganz unverrichteter Dinge trennte, doch der letzte nicht. Die Magnaten und Ritter waren in ihre Heimath zuruͤckgekehrt, das was da kommen ſollte zu erwarten, oder es vorzubereiten; auch der Koͤnig hatte ſich nach ſeinem Schloſſe zu Krakow begeben, der Nothwendigkeit die Sehn⸗ ſucht aufopfernd, die ihn nach Wilno rief. Doch war ſeine Weiſe umgewandelt; finſtere Laune und gebietende Strenge war an die Stelle des heitern, ſorgloſen Weſens getreten, und es ſchien als ſey er entſchloſſen, ſeitdem man an der Rechtmaͤßigkeit ſeiner Gewalt zweifelte, die⸗ ſelbe mit doppeltem Nachdruck zu handhaben. Der erwachende Fruͤhling fuͤhrte jene Luſtritte und froͤhlichen Gelage nicht herbei, die ſonſt ſelbſt die Strenge des Winters nur wenig un⸗ terbrochen hatte. Siegmund Auguſt erſchien ſel⸗ ten oͤffentlich, und ſahen ihn die Buͤrger von * —— Krakow, ſo war er umgeben mit den zuruck⸗ ſchreckendſten Attributen der Monarchenwuͤrde, mit Wachen und zahlreichem Gefolge bewaffne⸗ ter Edelleute; oder auf dem Richterſtuhl, den damals der Koͤnig bei wichtigen Rechtsſachen ſelbſt beſtieg. Selten nahte er ſich dem noͤrd⸗ lichen Fluͤgel der Burg, wo ſeine Mutter ihren Hof hielt, und nie verweilte er laͤnger als eini⸗ ge Minuten den ſtrengen Forderungen der Eti⸗ kette genugthuend und mit bemerklicher Gefliſ— ſenheit jeder vertrautern Annaͤherung auswei⸗ chend, mit der ihm die verwittwete Koͤnigin oͤfter als wohl ſonſt entgegenkam. Er hatte, durch die Bitten ſeiner wahren Freunde bewo⸗ gen, dem Wojewoden von Krakow eine Art der verlangten Genugthuung gegeben, doch nur mit ſichtlichem Widerwillen und ſtolzer Herablaſſung, und nicht vhne eine ſcharfe Ruͤge deſſen, worin der Großmarſchall gefehlt, und es ſchien ihm gleichgiltig zu ſeyn, ob Petrus Kmita befriedigt ſey, vder den Ausbruch zuruͤckgebliebenen Grol⸗ les auf eine andere Zeit verſpare. Das Letzte war der Fall; der ſtolze Greis fuͤhlte, der Au⸗ genblick ſey entſchlupft, in welchem er dem Koͤ⸗ nige die Spitze bieten durfte, und was dem 4 — 19— Senator erlaubt geweſen waͤre im Kreiſe ſeiner Bruͤder, brandmarkte den Einzelnen mit dem Namen Rebell. Eine neue Reichsverſammlung war der Zeitpunkt, den er erwartete, und mit ihm die große Anzahl Mißvergnügter. Auch den Grafen zu Tarnow ſah man ſelten am Hofe, ſogar in der Hauptſtadt; er brachte den groͤß⸗ ten Theil ſeiner Zeit in dem befeſtigten Schloſ⸗ ſe der Stadt zu, die ſeinen Namen fuͤhrte, und wie auf Wisniec der Großmarſchall viele Edel⸗ leute aus Großpolen verſammelte, und ſelbſt Lit⸗ tauer und nahe Verwandten der Koͤnigin Bar⸗ bara an ſich zog, waren die Saͤle und Vorraths⸗ kammern zu Tarnow den Kleinpolen und Ruſ⸗ ſen geoͤffnet, welches man mit verſchiedenen An⸗ merkungen begleitet dem Koͤnig zuzufliſtern nicht ermangelte. Auch ſchien das ehemalige beinahe kindliche Verhaͤltniß des jungen Fuͤrſten zum Großfeldherrn geſtort, und kalte Foͤrmlichkeit an die Stelle der ehemaligen Hingebung getreten. Wenn dem vielleicht anders war, wenn Sieg⸗ mund Auguſt zu Zeiten in der Abendſtunde im verhuͤllenden Mantel ſich in den Chriſtopher⸗ Palaſt verfuͤgte, wenn er, waͤhrend man ihn auf ſeinem Schloſſe zu Lobzow mit der Jagd be⸗ — 192— ſchaͤftigt waͤhnte, mehrere Tage in Tarnow zu⸗ brachte, ſo weß dieß nur wenigen ſeiner vertrau⸗ teſten Diener bekannt, und er hatte dieſe zu wohl gewaͤhlt, als daß ſie Unbefugte von dem unterrichtet haͤtten, was die Zeitlaͤufte geheim zu halten verboten. Sichtlich gehoͤrte jetzt der Wojewode von Lublin zu dieſen, ob er gleich mit der gewohnten Unbefangenheit in den Ge⸗ maͤchern der koͤniglichen Wittwe erſchien, und ſich ihr gegenuͤber gehabte, als ſey er ſich keiner That bewußt, die ihr mißfallen koͤnnte. Doch haͤtten die lombardiſchen Diener Bonens Sforza jetzt keine Gelegenheit gefunden, gewiſſer Zu⸗ ſammenkuͤnfte unter vier Augen unbeſcheiden zu erwaͤhnen, die jetzt andern Perſonen aufbehalten waren; einigen, deren Kommen und Gehen ſelbſt der Neugier des Hofes entging, und hoͤch⸗ ſtens, doch ſelten nur der Prinzeſſin von Ma⸗ zowien. Deſto ofter befand ſich der Koͤnig Sieg⸗ mund Auguſt im Hauſe Frau Annens, und in zutraulichem Geſpraͤch mit ſeinem Muͤhmchen, wie er Fraͤulein Helena nannte, vergaß er die Sorgen die ihn bedruͤckten; die ehemalige Hei⸗ terkeit verſcheuchte die Wolken von ſeiner Stirn⸗ und jene Scherzreden, die er dem koͤniglichen — 193— Anſtande im Kreiſe ſeines Hofes nicht mehr vergoͤnnen zu duͤrfen glaubte, gaben den Stun⸗ den Fluͤgel, die er bei der liebreizenden Jung⸗ frau zubrachte. Auch gegen ihre Mutter war er, wie fruͤher nicht, zutraulich und er ſuchte ihre Gegenwart, die er ſonſt geftohen, ſey es nun, daß Manches, was er vernommen, ſeine Seele von einem Theil der vom Vater ererbten Verſchuldung befreit hatte, die ihn im Anfang ihr gegenuͤber bedruͤckte, vder daß er glaubte ihre Zuneigung ſey ihm zutraͤglich. In wiefern er ſie erworben, wird uns die Folge berichten. — Nicht ſelten begleiteten ihn Firley und Zebr⸗ zydowski, der nach einem kurzen Aufenthalt in ſeinem Sprengel an den Hof zuruͤckgekommen war, und jetzt mit dem Kronhofmarſchall, dem Unterkanzler Szydlowiecki und dem Biſchof von Krakow zum geheimen Rath des Koͤnigs gehoͤrte. So war der Sommer herangekommen und zur Haͤlfte vergangen, und des Koͤnigs neun und zwanzigſtes Geburtfeſt, der 1 ſte Auguſt, war vor der Thuͤr, als eines Tages bei Sonnenuntergang zwei junge Reitersmaͤnner mit einigen Beglei⸗ tern langſam ſtromauf am Ufer der Weichſel Hipp. Borat. zr Theil. 13 — 194— daherritten, um nach dem heißen Juliustage die erhitzten Roſſe verſchnaufen zu laſſen und des kuͤhlenden Abendwindes zu genießen, der die ne⸗ ben ihnen dahin gleitenden Wellen kraͤuſelte. Ungern ſchien der aͤltere von ihnen ſeinem ed⸗ len Thiere die nothwendige Erholung zu goͤn⸗ nen, welche ihm die Erreichung eines erſehnten Zieles doch um einige Minuten verzogerte, waͤh⸗ rend es war, als duͤnke dem andern der ge⸗ maͤchliche Schritt zu raſch und er von Zeit zu Zeit ſich umblickte, als ſuche er in der weiten Ferne Etwas, das er ungern verlaſſen. Die Sonne war hinabgeſunken, und ſchon erhoben ſich im Weſten die Mauern des königlichen Schloſ⸗ ſes vom Berge Wawel, und die Thuͤrme der ſiebenzig Kirchen der Hauptſtadt in veilchenfar⸗ benen Duft gehuͤllt, dunkel in dem Purpur der Abendroͤthe; der junge Mann bereitete ſich nach einem fragenden Blicke, den er halblaͤchelnd auf ſeinen Gefaͤhrten wandte, ſich in ſcharfen Trab zu ſetzen, da ſprach dieſer: Die Pferde ſind wohl wieder friſch, Vetter Hipein, doch ich bin es nicht. Die Hitze hat mich ganz abgemattet und die Zunge klebt mir am Gaumen; laß uns ein wenig raſten. Sieh hier links iſt ein recht * —,——— — 195— anmuthiger Raſenplatz, den der Fluß beſpuͤlt und die Ulmen beſchatten, gebiete daß man das Fla⸗ ſchenfutter oͤffne und den Korb; fuͤrwahr ich kann nicht weiter, ehe ich nicht ein wenig Speiſe genoſſen und Trank.—— Mißmuthig hoͤrte Hippolyt des Vetters Stanislaw Antrag, als er aber die Schweißtropfen ſtehen ſah auf dem er⸗ bleichten, ſonſt ſo bluͤhenden Antlitz, und das lo⸗ ckige Haar triefend und ſchlicht herabhaͤngend, willigte er in das Begehr, und ſie lagerten ſich unter den Baͤumen, wo die Diener auf dem gruͤnen Teppich des Graſes ihnen ein Mahl auf⸗ trugen, deſſen Beduͤrfniß ſeiner fruͤheren Wei⸗ gerung ungeachtet auch Voratynski zu fuͤhlen begann. Doch waͤhrend er es befriedigte, rich⸗ tete er ohne Unterlaß die Augen nach der Seite, wo Krakows Umriſſe allgemach in den immer dunkler werdenden Horizont zu verſchmelzen an⸗ fingen, und jedesmal flog das heitere Lächeln freudiger Hoffnung um ſeinen Mund. Stanis⸗ law aber hatte die truͤben Augen auf die Wellen geheftet, die der entgegengeſetzten Gegend zueil⸗ ten, gleich als ſehne er ſich ihnen zu folgen, und wer ihn ſo nachdenklich ſah, haͤtte kaum den muntern Knaben wieder erkannt, deſſen 13* — 196— froͤhlicher Muthwille ſelbſt des geſtrengen Va⸗ ters Stirn oft zu entrunzeln verſtand.—— Freueſt Du Dich denn gar nicht, Krakow wie⸗ derzuſehen, Staſiu— fragte Hippolyt—, und da ganz anders aufzutreten als das erſte Mal, nicht mehr ein unbedeutendes Buͤrſchlein, ſondern ein ſtattlicher Edelknabe mit betreſſotem Wams und befranſetem Mantel?—— Gar nicht— erwiederte Lacki, und nach einer Pauſe, in der er den gefuͤllten Becher niederſetzte, als habe er vergeſſen, warum er ihn ergriffen, ſetzte er hinzu — wenn ich dieſe drohenden Zinnen ſehe und dieſes duſtere Schloß, deſſen ſchwarzgraue Thuͤr⸗ me drohend gegen die Wolken aufſtreben, ge⸗ mahnt es mich, als wohne das Unheil hinter den Mauern und der Himmel ſehe zuͤrnend auf die uͤbermuͤthigen Thuͤrme.—— Man hoͤrt doch, daß Du ein Littauer biſt— lachte Bora⸗ tynski—, die wollen nichts wiſſen von unſerer ſchoͤnen Koͤnigsſtadt, und Wilno mit ſeinen hoͤl⸗ zernen Haͤuſern geht ihnen uͤber alles. Daß Du aber die Burg ſo ſchwarzgrau findeſt, iſt nicht ihre Schuld, ſondern der Beleuchtung; ſieh ſie einmal im Morgenroth von hier aus, dann flammen die hohen Bogenfenſter weit hin⸗ — 197— aus, und das goldne Dach der Grabkapelle des jagielloniſchen Stammes wirft ſeinen Glanz in die wiederſcheinende Fluth.—— Da antwor⸗ tete der Juͤngling wie traͤumend und als ent⸗ floͤhen die Worte unbewußt ſeinen Lippen: Recht; die Morgenroͤthe iſt bald voruͤber und der Tag auch und das Abendroth kommt, dem die Nacht folgt; doch auch die Morgenroͤthe beſcheint wohl oft das Grab.—— Staſin, mein Staſiu— rief Hippolyt, theilnehmend ſeine Hand ergrei⸗ fend— was iſt mit Dir? ſo ſah ich Dich noch nie, obgleich Du ſeit jener Verwundung viel anders biſt, als vorher. Sollte Deine Heilung unvollſtaͤndig geweſen ſeyn; fühlſt Du noch Schmerzen?—— Nein, o nein! rief Lacki lebhaft; dann ſetzte er mit fallender Stimme hinzu— und doch— ja—. Frage mich nicht, Vetter, in dieſem Augenblick nicht; der An⸗ blick dieſer Stadt beengt mir die Bruſt, und es iſt mir, als werde, noch ehe wir ſie erreichen, das Verderben zu uns treten.—— Du biſt krank, Stanislaw— rief der Befragte—, hat Dir der ſcharfe Ritt in der Hitze wirklich ge⸗ ſchadet, ſo verwuͤnſche ich die ſelbſtſuͤchtige Eile, die mich die Ruͤckſicht vergeſſen ließ auf Dich. — 198— Doch ſchon ſeit jenem Morgen im Walde biſt Du ſo ernſt manchmal, und dann wieder ſo aus⸗ gelaſſen frohlich; ſeit jenem Morgen, da das Ungluͤck Dich dem Gehoͤrne des wuͤthenden Urs entgegenwarf.—— Ein Ungluͤck? nenne das kein Ungluͤck, was mir den ſchönſten Augenblick gab meines kurzen Lebens— die Genugthuung, meine ich, die Pflicht des Dieners erfuͤllt zu haben.—— So richte Dich auf! willſt Du Dir die ſchoͤnen Ingendjahre verkuͤmmern in milzſuͤchtiger Selbſtgual? Laß das den folgen⸗ den uͤber; glaube mir, ſchnell genug kommt die Zeit, da man wirkliches Unheil zu bekaͤmpfen hat. Komm jetzt, die Nacht bricht herein und dieſer Ort ſtimmt nicht zu Deiner truͤben Lau⸗ ne.—— Schnell genug kommt die Zeit— wiederholte Stanislaw, indem er langſam ſich vom Boden erhob, ſchneller manches Mal als man meinet.—— Noch ſprach er ſo, als eine weibliche Geſtalt aus den Ulmen hervortrat. Es ſchien eine Baͤuerin, doch nicht aus der Um⸗ gebung der Hauptſtadt zu ſeyn; das enge einem Mannsuͤberrock unſerer Zeit aͤhnliche Oberkleid und das weiße Tuch, welches den unterſten Theil des Geſichtes bis uͤber den Mund verhullte, gab — 199— ihrer Tracht einige Aehnlichkeit mit der, die den Weibern in Podlaſien eigenthuͤmlich iſt; das Wenige, was man von ihren Zuͤgen wahrnahm, deutete auf ein vorgeruͤcktes Alter und die dunkle Hautfarbe auf fremdlaͤndiſche, vielleicht aͤgypti⸗ ſche Abkunft. Sie naͤherte ſich den Reiſenden, ſie mit der gewoͤhnlichen Neigung und Beruͤh⸗ rung des Knies begruͤßend, und bat mit einer Stimme, die beinahe unverſtaͤndlich unter dem leinenen Maulkorbe hervortoͤnte, um einen Trunk und einen Biſſen, welche ſie den ganzen druͤk⸗ kend heißen Tag uͤber entbehrt habe. Hippolyt Boratynski hatte Eile, doch reichte er der Al⸗ ten einen Becher und die Ueberreſte ihres klei⸗ nen Mahles; dann wollte er zur Heerſtraße zurüͤckgehen, wo die Diener mit den Roſſen warteten. Doch die Beſchenkte leerte das Trink⸗ gefaͤß mit Einem Zuge und ſprach darauf: Ge⸗ ruhet noch ein wenig zu verweilen, hochgebor⸗ ner Herr; es iſt nicht Sitte bei unſerm Volk etwas zu empfangen ohne Bezahlung. Zwar hab ich nicht Silber noch Gold, auch Kupfer nicht einmal, doch mag ich die Gabe vergelten mit einem Proͤblein der Wiſſenſchaft unſerer Leute, die in die Zukunft blickt.— Hippolyt — 200— war nicht geneigt, dem unzeitigen Vorſchlag Ge⸗ hoͤr zu geben, Stanislaw aber, ſchnell uͤberge⸗ hend zu der Lebhaftigkeit ſeiner Jahre, drang ſo lange mit Bitten und Schmeicheln in ihn, bis er nachgab.— Euch, ſchoͤner junger Hert, gebuͤhrt der Vorrang, ſchmunzelte die Alte: der ihr die Kunſt Aegyptens nicht verachtet, wie wohl mancher Andre, der ihre Wahrhaftigkeit nicht minder zu großem Schaden und Nachtheil er⸗ faͤhrt. Wolle Eure Güte mir demnach dieſes milchweiße Haͤndchen darreichen, das, wie es ſcheint, mit Wedel und Spiegel umgegangen iſt bis heut, und den Säaͤbel noch nicht gefuͤhrt hat.—— Ein wenig erroͤthend und empfind⸗ lich uͤberließ Star ihr die geforderte Rechte.— Schone Zuͤge, herrliche Lineamente!— mur— melte die Prophetin vor ſich hin— Was ſehe ich denn da? Der Liebesknoten ſchon geſchuͤrzt? Ei, ei, junges Herrlein— fluͤſterte ſie nur dem Sdelknaben hoͤrbar—, Ihr habt Euch weidlich dazu gehalten, das muß man ſagen. Und— fuhr ſie noch leiſer fort— Euer Sinn ſtehet nicht niedrig— und dieſes Kreuz was Ihr hier ſehet, deutet auf eine hohe Dame; ja, wie man zu ſagen pflegt, auf eine gebietende Frau uͤber Land und Leute.— Das nenne ich mir ein wackeres Junkerlein— Nun, nur einen Au⸗ genblick Geduld— flaͤſterte ſie weiter, die Hand feſthaltend, die verwirrt und unmuthig Stanis⸗ law ihr entreißen wollte— Nur einen Augen⸗ blick zartes Puͤpplein— Herrliche Verſchlingun⸗ gen, nur Schade, daß die Lebenslinien zweimal durchſchnitten; ſehet, hier dicht bei dem Kreuz, iſt es doch, als waͤre es ſchon vorbei und Ihr haͤttet eine ſchwere Gefahr uͤberſtanden für die ſchoͤne Dame, die das Kreuz bedeutet.— Nur friſch drauf zu, Junker— friſch drauf zu, doch nicht allzu waglich, denn ſehet, beim zweiten Ein⸗ ſchnitt verlaͤuft ja der Lebensfaden ganz; und abermals fuͤr die Schoͤne Eurer Gedanken. Wah⸗ ret Euch, wahret Euch, es giebt ſchlimmere Be⸗ ſtien noch als Ur und Baͤr!—— Es gelang dem Lacki endlich, ſich von der Alten zu be⸗ freien, und um die Betroffenheit zu verbergen, die ihn uͤber der Erinnerung an das, was ge⸗ ſchehen, die Deutung der Zukunft vergeſſen laſſen, forderte er den ungeduldig wartenden Hippolyt auf, nun auch ſein Heil zu verſuchen. Da blickte das alte Weib nach dem nahen Ufer, an welchem dicht an den Baͤumen, halb durch — 202— das Geſtraͤuch verſteckt, eben eine Barke mit ei⸗ nigen Rudern beſetzt, gelandet war, und ſchrie dann ploͤtzlich in gellenden Toͤnen auf: Dem wahrſage ich nicht, der hat das Seine ſchon weg— Ein Staͤblein auf die Wanderſchaft, ein Biſchofſtab, ein Bettlerknuͤttel, gelt, Hochwohl⸗ geborner Hoffunker?—— Stimme und Worte erinnerten Hippolyt an einen der widrigſten Au⸗ genblicke ſeines Lebens; er entbloͤßte den Saͤbel und flog mit dem Ausruf: Hoͤlliſches Ungethuͤm! — auf die Zigennerin los; die aber ſprang mit Pfeilesſchnelle in den Kahn, der ſogleich vom Strande ſtieß, ſpoͤttiſch rufend: Eilet nur, eilet, daß ihr in die Stadt kommt, auch ich werde bald darin ſeyn, wenn ich Kraͤuter gepfluckt habe, wuͤrzige Kraͤuter in den Bergſchluͤnden der Kar⸗ pathen!—— Lange noch hoͤrten ſie vom Stro⸗ me her das Rufen und das Hohngelaͤchter der Alten; als ſie aber ihre Pferde beſtiegen hatten, fragte Stas den Gefaͤhrten leiſe: Kannteſt Du ſie?—— Wohl habe ich ſie erkannt!— ent⸗ gegnete dieſer mit einem Seufzer.— Hab' ich es nicht geſagt, Vetter Hippolyt, daß, ehe wir noch einreiten in dieſe duſtre Stadt, das Ver⸗ derben uns entgegentreten wuͤrde? ————— — 203— nicht das Verderben, doch ſein Bote gewiß.— — Verſtimmt und wortkarg legten die Reiter den Reſt des Weges zuruͤck. Die Daͤmme⸗ rung begann eben in voͤllige Dunkelheit uͤber⸗ zugehen, als ſie am Fuße des Schloßberges an⸗ langten; doch die Nachrichten, deren Ueberbrin⸗ ger Hippolyt war, duldeten keine Saͤumniß; er begab ſich unverzuͤglich nach den Zimmern des Koͤnigs, wo man ihn bedeutete, daß derſelbe ab⸗ weſend ſey. Noch war er ungewiß, was ihm in dieſem Falle oblaͤge, da ſtrich der Kronhof⸗ marſchall aus den Gemaͤchern kommend, eilig an ihm voruͤber, und blieb ihn darauf erkennend ſtehen.—— Seyd Ihr wieder zuruͤckgekehrt— fragte er mit unerwarteter Freundlichkeit den jungen Mann, der dem Vorgeſetzten nahend, ihn begrͤßte. Willkommen in Krakow, und auf laͤn⸗ gere Zeit, denn es ſtehet zu hoffen, daß Ihr Euch nicht nochmals verbannen laſſen werdet. Der Koͤnig erwartete die Nachricht, deren Ue⸗ berbringer Ihr ohne Zweifel ſeyd, mit Ungeduld. —— Um mehr gebuͤhrt es mir zu eilen— erwiederte tynski—, und ich erſuche Euch, Herr Wojewode, mir zu ſagen, wo ich den Herrn Der König— ſprach Firley nach 204— einigem Bedenken— Der Koͤnig iſt in Lobzow, ſo viel ich weiß.— So vergoͤnnet, daß ich mich bei Euch beurlaube, und noch in dieſer Nacht mich meiner Pflicht und des Anvertrauten ent⸗ ledige.—— Da ſchuͤttelte der Hofmarſchall den Kopf und antwortete: Mitnichten, es waͤre möͤglich, daß Ihr den Herrn verfehltet, erwartet ihn hier, da er unfehlbar noch vor dem Mor⸗ geneſſen hier eintreffen wird— und als er ſah, daß der dienſtfertige Hofjunker noch zweifelnd zoͤgerte, ſetzte er hinzu: Ich nehme die Verant⸗ wortlichkeit des Aufſchubs über mich, und werde nicht ermangeln, Eure Puͤnktlichkeit gehoͤrigen Prts zu erwaͤhnen.—— Darauf entfernte er ſich eilig und ließ den jungen Boratynski mit ſehr erleichtertem Herzen zuruͤck.— Als Frau Barbara nach einer ſchnellen, unter ſtarker Be⸗ deckung und im halben Incognito zuruͤckgelegten Reiſe von Wilno auf dem koͤniglichen Schloſſe Janowiee, in der Wojewodſchaft Sandomierz ge⸗ legen, angekommen war, hatte ſie ihn vor ſich beſcheiden laſſen, und ihm angedeutet, daß ſie ihn erwaͤhlt habe, dem Koͤnig ihr Eintreffen zu melden und demſelben ihr Schreiben einzuhän⸗ digen. Ich habe Euch dazu erſehen, Herr Ka⸗ — 205— ſtellanie— ſprach ſie laͤchelnd— damit ich der Eile meines Botens verſichert ſey, Euch aber glaube ich dieſelbe nicht empfehlen zu muͤſſen.— Boratynski hielt fuͤr noͤthig ihr vorzuſtellen, wie er durch des Koͤnigs Gebot aus der Hauptſtadt entfernt, kaum wagen duͤrfe, dieſelbe eher zu betreten, als bis er in ihrem Gefolge, der Wei⸗ ſung ſeines Dienſtes gehorchend, daſelbſt erſchei⸗ ne.—— Auch das, was Wir Euch befehlen, iſt Euer Dienſt— unterbrach ihn die Gebiete⸗ rin raſch; darauf ſetzte ſie ſanfter hinzu: Ihr muͤßt doch ſehr ſchuldbewußt ſeyn, wenn Ihr ſelbſt Eurer Verbannung ein ſo fernes Ziel ſteckt. Sehet zu, daß Ihr des Koͤnigs Gnade wieder gewinnt.— Noch war Hippolyt mit ſeinen Vor⸗ bereitungen zu der hoͤchſt erwuͤnſchten Reiſe be⸗ ſchaͤftigt, als ſein Vetter Stanislaw gar truͤb⸗ ſeligen Angeſichts zu ihm eintrat und ihm halb weinend eroͤffnete: er ſey ihm zum Begleiter beſtimmt.— Und das preßt dir beinahe Thraͤ⸗ nen aus?— fragte Jener— Reiteſt Du nicht gern mit mir?— Mit Dir wohl, Vetter Hip⸗ eiu— antwortete der Sdelknabe— doch nicht nach Krakow. Es iſt mir dieſe Stadt zuwider, ich kann Dir ſelbſt nicht erklaͤren, warum? Auch habe ich dieß der Koͤnigin geſagt, und ſie gebe⸗ ten, mich auf Janowiee zu laſſen, daß ich mei⸗ nen Dienſt daſelbſt verſaͤhe, und ſie haͤtte es wohl auch genehmigt, abey ſie warf zufaͤllig die Augen auf die Frau Schatzmeiſterin, die zuge⸗ gen war und, ich weiß nicht weßhalb, gar ſpoͤt⸗ tiſch laͤchelte; da faltete ſie die lilienweiße Stirn recht kraus und ſprach: Auch durch Gehorſam muß man ſich als treuen Diener bewaͤhren, jun⸗ ger Geſell. Nicht immer gilt es, tollkuͤhn ei⸗ nem Auerſtier in die Hoͤrner zu laufen, und bis ſolche Gelegenheit ſich wieder ereignet, uͤbet Euch in der Erfuͤllung alltaͤglicher Pflicht.— Und ſie war ſo finſter und ſprach ſo ſtreng, als ich noch nimmer an ihr wahrgenommen. Das iſt nun der Lohn der Ergebenheit— ſetzte er trotzig hinzu; ich ruͤhme mich ja nicht deſſen, was ich gethan, doch deß zu ſpotten iſt ſuͤndlich und unrecht, und meine Bitte der Frau Schatzmei⸗ ſterin zu Gefallen abzuſchlagen, die nicht ein Haͤrlein ihrer falſchen Locken daran geſetzt haͤtte, gaͤlt' es auch zehnmal das Leben ihrer Frau.— Du darfſt Dich auch nicht ruͤhmen— ſcherzte Hippolyt—, denn Du haſt ja den Lohn dahinz einen Lohn, für den mancher Fuͤrſt und Ritter — 207— wohl ähnlichen Kampf beſtehen wuͤrde.—— Welchen Lohn?— fragte Stanislaw mit unge⸗ wiſſer Stimme und das erroͤthende Antlitz ab⸗ wendend.— Weißt Du es wirklich nicht, Vet⸗ ter, und doch ſchien es mir, als habeſt Du ihn verſpuͤrt, ſelbſt in den Banden toͤdtlicher Ohn⸗ macht?—— Da lief das Knaͤblein hinaus und trieb eifrig zur Abfahrt, die ihm doch vor Kur⸗ zen gar nicht zu Sinnen geweſen, und es, wie wir gehoͤrt haben, noch nicht war.— Nicht ohne Bedenken jedoch hatte Boratynski, Siegmund Auguſts ſchnell auflodernden Jaͤhzorn kennend, die Berufreiſe unternommen, und erſt des Wo⸗ jewoden von Lublin leutſeliger Empfang gab ihm einige Zuverſicht wieder, denn ſein kurzer Auf⸗ enthalt am Hoſe hatte ihn belehrt, daß das Antlitz des Dieners den Wiederſchein der Laune des Herrn traͤgt.— Doch noch eine Begruͤßung ſtand ihm bevor; es war noch Jemand in Krakow deſſen Verzei⸗ hung er bedurfte, und der zugleich erfreuliche und beaͤngſtigende Gedanke, er werde Helenen wiederſehen und vielleicht auf ihren Zügen der Erinnerung an das begegnen, weſſen er ſich ſchul⸗ 208— dig gemacht, verſcheuchte den Schlaf von ſeinen muͤden Augen und vertrieb ihn um das Mor⸗ genroth vom Lager. Er trat vor den noch ſchlum⸗ mernden Stanislaw, und bemerkte, daß ihn boͤſe Traͤume beunruhigten; als wolle er einen Feind abwehren, warf er die Arme umher in ungeſtuͤ⸗ mer Heftigkeit, der Schweiß perlte auf den erhitzten Wangen und ſeine Lippen bewegten ſich krampfhaft. Zuruͤck!— fort von hier!— ließ er ſich gleich darauf mit der undeutlichen Stim⸗ me eines im Schlafe Sprechenden vernehmen— Fort, ſage ich dir, nur uͤber meinen Leichnam geht der Weg zu——— hier erſtarben die Worte in unvernehmbarem Murmeln, dann ſchrie er jach auf: Fort, ſage ich dir, ich fuͤrchte dich nicht, wenn auch dein gewaltiges Gehoͤrne erglaͤnzt gleich geſchliffenem Stahl! Hier iſt meine Bruſt! Hierher ſtoß, nicht dorthin! Nicht dorthin ſpritze deinen giftigen Schaum! So recht, ah! zwei Einſchnitte hat der Lebensfaden, nun iſt er durch!— So recht, kuͤhlend iſt der Kuß und mir wird wohl darnach.— Armer Stas⸗ armer Vater! ade Vater!—— Hippolyt ſtand im Begriff den Gepeinigten zu wecken, da ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, kehrte ſich nach — 209— der Wand und begann ruhiger zu ſchlummern. Es iſt das Waldabenteuer— ſprach Boratynski zu ſich, was ihn im Traume neckt, ſo wie es ihn wohl auch wachend mehr beſchaͤftigt, als ihm gut ſeyn mag. Seltſam verſtoͤrend ſcheint dieß Begebniß in ſein junges Leben getreten zu ſeyn, und vor der Zeit den froͤhlichen vorlauten Kna⸗ ben in einen ſinnigen ahnungvollen Juͤngling umgewandelt zu haben. Das Horn des Auer⸗ ſtiers, ſagt er, habe ihn an die Pforte des Pa⸗ radieſes geworfen; es ſey ihm ein Vorſchmack der Seligkeit worden und als er zur Erde zu⸗ ruckgekehrt ſey, habe ſie ihm anders geſchienen, denn ſonſt. Armer Stas, ſo nennſt Du Dich ſelbſt? Ja wohl, armer Stas, allzu fruh treibt Dein Lebensbaum Bluͤthen; moͤge nicht der Froſt ſie zerſtoͤren, ehe ſie ſich zu Fruͤchten ge⸗ ſtalten.— Auch mein Lebensbaum ſteht in der Bluͤthe; wird er je mit Fruͤchten ſich ſchmuͤcken? —— Es ward ihm zu enge im Gemach; er eilte hinaus, ſich durch viele verſchlungene, noch voͤllig menſchenleere Gaͤnge nach der Morgenſeite des Schloſſes zu begeben, wo er auf einem ho⸗ hen, uͤber einem der Thore angebrachten Altan der friſchen Morgenluft zu genießen dachte. Er Pipp. Borat. 3r Lheil. 14 — 210— war noch nicht weit gekommen, als ein widriger Ton an ſein Ohr ſchlug, ein Winſeln oder Ge⸗ heul eines Thieres; zu gleicher Zeit ließen ſich Schritte vernehmen, wie von einigen ſchnell, doch behutſam ſchreitenden Maͤnnern, und als er um eine Ecke der Galerie bog, ſah er dicht vor ſich den Leibarzt der Koͤnigin Mutter, Meiſter Lio⸗ nardo Montiz dicht hinter ihm ſchritt ſein Fa⸗ mulus Aſſano, in der Linken ein Käſtlein tra⸗ gend, gleich der tragbaren Apotheke der damali⸗ gen Heilkuͤnſtler, mit der Rechten aber Etwas unter dem Mantel feſthaltend, das, ſich hin und her bewegend, ein lebendes Geſchoͤpf zu ſeyn ſchien. Anfaͤnglich war es, als gedaͤchte der Italiener raſch an dem Begegnenden voruͤber in gehen, doch mochte die allzugroße Naͤhe des kuͤrzlich an den Hof Zuruckgekehrten, ſeiner Mei⸗ nung nach, ein Wort der Begruͤßung nothwen⸗ dig machenz er blieb alſo ſtehen und hieß un⸗ ſern Freund willkommen. Waͤhrend der Erwie⸗ derung dieſer Hoflichkeit, und dem kurzen Ge⸗ ſpraͤch, das derſelben folgte, begann die Laſt des Neapolitaners ſehr unruhig zu werden, und ent⸗ ſchluͤpfte endlich winſelnd und bellend der ge⸗ waltigen Fauſt des Traͤgers, auf den Voden — 211— herabſpringend. Es war ein Hund von anſehn⸗ licher Groͤße, doch von keiner der Gattungen, welche abſonderlich in Gunſt bei den Bewohnern koͤniglicher Schloͤſſer zu ſtehen pflegen; es war ein Thier der gewoͤhnlichſten Art und beinahe haͤßlich zu nennen; das kroch, als wie um Huͤlfe flehend, zu Hippolyts Fuͤßen und ſchmiegte ſich ſchmeichelnd und demuͤthig an dieſelben. Der Doktor warf ſchnell einen unmuthigen Blick auf ſeinen Diener, und ſprach laͤchelnd gegen Hippolyt gewendet: Scheint es doch, als ob der Hund Ahnung habe von dem Schickſal, das ihn erwartet, als ein Hpfer der Zergliederung⸗ kunſt. In einem Traktate, der mir kuͤrzlich vor Augen gekommen, wird behauptet, gewiſſe Or⸗ gane dieſes Thiergeſchlechts ſeyen uͤbereinſtim⸗ mend mit den naͤmlichen im menſchlichen Koͤr⸗ per; ich bin demnach geſonnen einen Vergleich anzuſtellen, welcher, wenn er den Satz meines Collegen bewaͤhrt, nicht ohne Nutzen ſeyn duͤrfte in Behandlung mancherlei Krankheit. So wird alſo dem Koͤter das ruͤhmliche Lvvs zu Theil, ſein nichtsnutziges Daſeyn zu Gunſt der Wiſſen⸗ ſchaft und zum Heil des Menſchengeſchlechtes da⸗ hin zu geben.— Das Schickſal des armen Thie⸗ 14* — 212— res und das Vertrauen, welches es gleichſam in Hippolyts Mitleid ſetzte, hatten daſſelbe rege ge⸗ macht; er beugte ſich liebkoſend zu dem zit⸗ ternden Hunde, und legte eine Vorbitte fuͤr ihn ein. Doch ſchien der Leibarzt dieſe zu uͤber⸗ hoͤren; er entſchuldigte ſich mit dem Zeitman⸗ gel, der ihn jetzt verhindere, laͤnger der Unter⸗ haltung des werthen Ankoͤmmlings zu genießen, winkte dem Famulus, der ſich des widerſtreben⸗ den Fluͤchtigen bemaͤchtigte, und beide entfern⸗ ten ſich ſchnell mit dem Hpfer ihrer Wißbegier⸗ de, welches unaufhoͤrlich flehend den Kopf gegen Boratynski wendete, bis es dieſer aus den Au⸗ gen verlor.—— Der Morgen war ziemlich verſtrichen, und noch deutete kein Geraͤuſch, kein Hin- und Wie⸗ derlaufen geſchaͤftig-muͤßiger Dienerſchaft auf das Eintreffen des Herrn. Da ward die Sehn⸗ ſucht uͤbermaͤchtig in Hippolyt; er kehrte in ſeine Wohnung zuruͤck, befahl ſeinem Diener, ihn, ſobald der Koͤnig anlange, abzurufen, und eilte darauf mit Stanislaw den Wawelberg hin⸗ ab, der Seite zu, wo das Haus der Wojewodin von Podolien gelegen war. Als ſie ſich dem⸗ ſelben naͤherten, vernahmen ſie durch die Fenſter — 213— des Erdgeſchoſſes ein Geſpraͤch mehrerer Perſo⸗ nen. Nicht angenehm war es dem nach mon⸗ denlanger Abweſenheit Zuruͤckkehrenden, im erſten Augenblicke des Wiederſehens die Geliebte ſeines Herzens umringt von gleichgiltigen, vielleicht uͤbelwollenden Zeugen zu treffen, doch war es zu ſpaͤt ſich zuruͤckzuziehn und er nahte ſich dem Gebaͤude, aus deſſen Seitenthor eben eine zahl⸗ reiche Dienerſchaft mehrere herrliche, doch mit Staub und Schweiß bedeckte Roſſe am Zuͤgel hinweg fuͤhrte. Allerdings fanden beide Vettern beim Eintritt in den Saal eine zahlreiche und hoͤchſt anſehnliche Verſammlung; denn die ſchoͤne Tochter ſaß, mit wirthlicher Sorgfalt die ermuͤ⸗ deten und erhitzten Gaͤſte bedienend, an einem mit kuͤhlenden Getraͤnken beſetzten Tiſche, und ihr zu beiden Seiten, der König, Andreas Zebr⸗ zydowski der Biſchof von Kujawien und einige andere Herren des Gefolges. Seitwaͤrts lehnte an einem Tiſchlein, ebenfalls mit Speiſe und Trank wohl verſorgt, Hieronymus Sabinus, der Archidiakonus von Krakow, des Koͤnigs Medicus. Fraͤulein Helene gewahrte die Eintretenden zu⸗ erſt; wenigſtens deutete ein ſchnelles Erroͤthen und die Zerſtreuung, mit der ſie eine eben an — 214— ſie gerichtete Frage beantwortete, auf das Er⸗ ſcheinen eines nicht gleichgiltigen Gegenſtandes. Auch des Koͤnigs Blicke richteten ſich nach der Thuͤr und dann einen Augenblick auf das be⸗ tretene Fraͤulein; darauf erhob er ſich und trat den Jünglingen mit milder Freundlichkeit ent⸗ gegen.— Von Janowiee wahrſcheinlich? fragte er halblaut— Eure Frau iſt doch wohl auf? Ihr habt Euch wacker beeilt, und Wir wiſſen es Euch Dank!—— Erfreut und bewegt ent⸗ gegnete Hippolyt: Im voͤlligen Wohlſeyn hat die gnaͤdigſte Frau das Ziel ihrer Reiſe erreicht; das Uebrige beſagt dieß Schreiben an Eure Ma⸗ jeſtaͤt gerichtet.—— Nachher, jetzt nicht— unterbrach ihn Siegmund Auguſt abwehrend und winkte ihm das Hervorgezogene zu verbergen.— Vor der Hand mag die erfreuliche Botſchaft genuͤgen, die Ihr Uns muͤndlich gebracht— Doch, Wir ſind— fuhr er fort— nicht in Unſern Gemaͤchern, und ſo ziemt es ſich wohl, bei der Wirthin des Hauſes die Ueberlaſt zu entſchuldigen, die Wir ihr verurſacht, Unſere Eilboten in ihrer Gegenwart empfangend. Wir ſtellen Euch hier einen jungen Reitersmann vor — ſetzte er leicht und ſcherzend hinzu, indem er Helenen in das geſenkte Auge blickte—, der nach einiger Abweſenheit in die Hauptſtadt zu⸗ ruͤckgekehrt iſt, und das, was er Uns bringt, mag ihm wohl eine guͤnſtige Aufnahme erwerben, ſollte auch er ſelbſt eine ſolche ein wenig ver⸗ wirkt haben. Heißet ihn alſo willkommen um Unſertwillen— fuhr er leiſer fort—, wenn Ihr es ſonſt auch nicht wolltet, und nehmet Unſere Buͤrgſchaft an fuͤr ihn, denn Wir haben allerlei Loͤbliches von ihm vernommen, und wenn Wir ihm verzeihen, ſo muͤſſet Ihr es auch, Muͤhmchen, Ihr moͤget nun wollen oder nicht. —— Geruͤhrt und dankbar blickte des Fraͤu⸗ leins naſſes Auge auf den guͤtigen Fuͤrſten. Auch Hippolyts Herz wallte uͤber in Dankbarkeit, Freude und Beſchaͤmung; hingeriſſen von die⸗ ſen Gefuͤhlen warf er ſich auf ein Knie nieder⸗ und druͤckte die Rechte des Koͤnigs an ſeine Lippen. Stillſchweigend ſah Helena auf den koͤ⸗ niglichen Freund und den reumuͤthigen Verlob⸗ ten, und ihrer ſelbſt nicht maͤchtig ergriff ſie die Linke Siegmund Auguſts. Eine kurze Zeit ließ der Monarch die Bewegten gewaͤhren, dann ent⸗ zog er ihnen raſch beide Haͤnde und rief zurück⸗ tretend: Alla mal'ora! Gewahrt man doch⸗ — 216— daß der Junker lange im Dienſt der Damen geſtanden, ſo ausdruckreich ſind ſeine Geberden geworden— doch es iſt zu fruͤh am Tage zu ſolch gewaltſamer Seene, und die Empfindſam⸗ keit, die des Abends ſich gar wohl ausnimmt, iſt ein boͤſer Gaſt beim Morgenimbiß. Gehet, Fraͤulein, und ſehet als Eurer Frau Mutter Stellvertreterin zu, daß es Unſern hungern⸗ den und durſtigen Reiſegenoſſen an nichts ge⸗ breche, und laßt Uns Raum, auch jenen Edel⸗ knaben zu begrüßen, der wahrlich mehr Recht hat an Unſerer Gnade als ſein Vetter, mit Eu⸗ rer Erlaubniß.—— Darauf naͤherte er ſich dem Stanislaw, der von fern ſtand mit geſenk⸗ ten Augen, als raube ihm irgend ein ſchlimmes Bewußtſeyn den Muth und die Freudigkeit im Beiſeyn ſeines Herrn. Er legte die Hand ſanft auf die Schulter des Bleichen, und ſprach, aus dem Tone der Froͤhlichkeit ſchnell in freundli⸗ chen Ernſt uͤbergehend: Es iſt Uns nicht un⸗ bekannt geblieben, junger Edelmann, wie ſehr Wir Euch verpflichtet. Wir ſind nicht reich genug, Euch das Gut aufzuwaͤgen, deſſen Erhal⸗ tung Wir Euch danken; doch nehmet dieß— rief er lauter, indem er eine goldene Ehrenkette — 217— abnahm und ſie um den Nacken des heftig Zit⸗ ternden ſchlang, und traget es fortan als Erin⸗ nerungzeichen an Eures Koͤnigs Dankbarkeit und ſeine Gnade. Doch warum zittert Ihr, und ſchlagt die Augen zu Boden— fuhr er fort, wieder in den Ton des Scherzes fallend — Wir ſind doch hoffentlich minder grauenhaft zu ſchauen, denn jener wuͤthende Ur und haben es wahrlich beſſer mit Euch im Sinn. Fahret fort, Stanislaw, wie Ihr begonnen in Ergeben⸗ heit und Treue, dann wird das Andenken an das, was ehemals geſchehen ſeyn mag durch Eu⸗ ren Vater, gaͤnzlich vertilgt werden, und die Sta⸗ roſtenburg zu Pinsk auf lange Jahre noch kei⸗ nen andern Gebieter aufnehmen, als vom Ge⸗ ſchlecht der Lacki.—— Waͤre des Sdelknaben Antlitz in dieſem Augenblick nicht zu Boden gerichtet geweſen, man haͤtte auf ihm eher je⸗ de andere Empfindung leſen koͤnnen, als die der Freude. Er bedeckte ebenfalls des Koönigs Hand mit Kuͤſſen doch fielen auch Thraͤnen auf dieſelbe, und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend verließ er ploͤtzlich den Saal.—— Ein wunderliches Knaͤblein!— ſprach Siegmund befremdet— iſt er immer ſo, wenn er keinen —— — 218— Stier vor ſich hat?—— In dieſem Augen⸗ blick trat die Prinzeſſin Anna unter die Ver⸗ ſammlung, und ihr Erſcheinen unterbrach das Geſpraͤch, welches ſich ohne Anzeichen großer Zwiſtigkeit zwiſchen den Verlobten entſponnen hatte.—— Vergoͤnnt Uns, durchlauchtige Muhme— ſprach der Koͤnig, indem er ihr entgegen trat und auf den ſich tief verneigen⸗ den Boratynski zeigte—, daß Wir Euch einen neuen Gaſt zufuͤhren, den Unſer Zuſpruch in Euer Haus gezogen. Er iſt Euch nicht fremd, und ſo wird es zu ſeiner Empfehlung nicht be⸗ duͤrfen, daß Wir ihn Euch nennen als einen wackern Edelmann und Uns beſonders werthen Diener.—— Eine ſolche Bezeichnung im Munde Eurer Majeſtaͤt— erwiederte Anna mit zweideutigem Laͤcheln, duͤrfte auch bedeu⸗ tendern Maͤnnern zum Ruhm gereichen, und der Herr Kaſtellanie wird es der, die ihn ſchon als Kind geſehn, nicht uͤbel deuten, wenn ſie wuͤnſcht, daß er ſich derſelben fortan immer wuͤrdig zeige.—— Den erſten Verſuch ſol⸗ chen Beſtrebens— ſprach der Koͤnig etwas trockener— wird er unter Euren Augen abzu⸗ legen die Ehre haben, denn Wir ſind geſonnen, — 219— ihn zur Feier Unſers Geburtfeſtes in Unſerer Reſidenz zuruͤckzuhalten. Ihr werdet Euch wohl darein finden, werther Kaſtellanie— fuhr er gegen dieſen fort—, wenn Wir Unſere Ant⸗ wortſendung einem andern Boten auftragen. Die, welche Euch abgeſchickt hat, wird nicht ungern von einem Augenzeugen den Bericht der Feſtlichkeiten des erſten Auguſts vernehmen, und zudem wird ihnen Euer Bruder, der ſehr ehrenwerthe Staroſt von Samborz beiwohnen, welchen Wir in dieſen Tagen zu Krakow er⸗ warten.—— Nach einer feierlichen Verbeu⸗ gung gegen die Prinzeſſin und einem der Fraͤu⸗ lein von Podolien mit Bedeutung zugerufenen Lebewohl, entfernte ſich der Koͤnig im Gefolge ſeiner Begleiter. Hippolyt hatte ſich zu dieſen geſellt. Sein Herz ſchwamm in munter auf⸗ huͤpfendem Wallen der Freude; die Blaͤthen ſeines Lebensbaumes, auf die er vor kurzer Zeit noch einen zweifelnden Blick geworfen, dufteten erfriſcht vom Himmelsthau der Hoffnung, und raſch flog er heran, als der Koͤnig ihn nun an ſeine Seite berief. Nit halblauter Stimme befragte ihn Siegmund Auguſt uͤber Manches, das in den Augen eines Theilnahmloſen wenig — 220— Werth haben konnte, deſſen genaue Darſtellung jedoch den Beſorgten beruhigte und vergnuͤgte; das Gefuͤhl des Gluͤcks und der Liebe in dem eignen Herzen machte den Erzaͤhler geeignet, gleiche Empfindungen im Herzen des Koͤnigs zu erwecken, und etliche der nachfolgenden Herren, die Herablaſſung des Monarchen gewahrend, ver⸗ mochten nicht, einige Anmerkungen uͤber die ungewohnte Auszeichnung zu unterdruͤcken, mit welcher der Allerdurchlauchtigſte den jungſt noch verwieſenen und in Ungnade gefallenen Hofjun⸗ ker beehrte. So waren ſie langſamen Schrit⸗ tes durch das aͤußerſte Schloßthor gewandelt und hatten den Weg betreten der von demſel⸗ ben in allmaͤhligem Steigen bis auf die Höhe des Berges und zur eigentlichen Burg fuͤhrt, da rannte ihnen ploͤtzlich mit geſenktem Schweif und Haupt und hin und her taumelnd, ein großer Hund entgegen. Einige der Anweſenden ſchrieen auf: das Thier ſey von der Wuth be⸗ fallen, und bereiteten ſich zur Gegenwehr oder Flucht. In dem erſten Augenblick der Beftr⸗ zung, die auch einem Helden, einem tollen Hunde gegenuͤber, zu verzeihen iſt, legte der Koͤnig die Hand an den Säbel; das Thier aber — 221— hielt ein in ſeinem Lauf und kroch demuͤthig zu den Fuͤßen des jungen Boratynski, der es alsbald erkannte. Nit leiſem Stoͤhnen wand es ſich am Boden, und blickte traurig, gleichſam vorwurfsvoll auf ihn, als klage es ihn an, daß er dem Bittenden nicht geholfen; dann flog eine heftige Zuckung durch ſeine Glieder, und es ſiel entſeelt auf das Pflaſter.— — Was mag der Hund gehabt haben? fragte Siegmund ſeinen Begleiter— er ſchien Euch zu kennen.—— Eine ihm ſelbſt nicht be⸗ greifliche Beaͤngſtigung verſchloß den Mund des Hippolyt; der hinzugetretene Leibarzt aber mein⸗ te, dem Thiere moͤchte den Anzeichen nach ein aͤtzendes Gift beigebracht worden ſeyn.— Da fuhr der Koͤnig unmuthig auf: Wir wollen nicht, daß man ſolche Grauſamkeit uͤbe weder am Thier noch am Menſchen; Wir wollen uͤberhaupt nicht, daß derlei Arcana gehegt wer⸗ den in Unſerm Schloſſe. Trachtet danach, Herr Archidiakonus, der Sache auf den Grund zu kommen und erſtattet Uns alsbald Bericht. Auch der Mord eines Hundes iſt nicht zu ge⸗ ring fur die Beachtung eines Hausherrn. * — 222— 6. Zwei Tage waren vergangen in der Geſchaͤf⸗ tigkeit, die einem großen Feſte voranzugehen pflegt, zumal wenn wie hier eine neue Gattung der Luſtbarkeit den Scharfſinn und die Einbil⸗ dungkraft der Theilnehmer und Anordner in Thaͤtigkeit ſetzt. In unſern Zeiten zwar wuͤrde man weniger noͤthig haben, beides fuͤr dieſen Zweck ſo ſehr anzuſtrengen, denn es war eine Maskerade nach italieniſcher Weiſe, mit wel⸗ cher man den Tag feiern wollte, der dem Koͤ⸗ nig das Leben und den Namen gegeben hatte. Aber in der Mitte des ſechzehnten Jahrhun⸗ derts war eine ſolche fuͤr die Polen neu, und ſogar die in Deutſchland damals unter dem Namen„Mummenſchanz“ bekannte Nachah⸗ mung derſelben nicht eingefuͤhrt. Erſt mit der Koͤnigin Bona waren einige Gebraͤuche Welſch⸗ lands in das entfernte Reich heruͤbergekommen, und mit ihnen auch das froͤhliche Kind des ernſten Venedigs; doch nur deſſen Beſchreibung, denn der alternde Siegmund der Erſte, in den fruͤhern Jahren genugſam im Innern des Reichs und an den Graͤnzen beſchaͤftigt, und ſpaͤter wenig Freude findend an geraͤuſchvollem Trei⸗ — 223— beu, hatte in dieſer geringfuͤgigen Sache den Wuͤnſchen ſeiner Gemahlin widerſtanden, fuͤr welche er doch bei wichtigern Anlaͤſſen ſich nur allzu nachgiebig zeigte. Siegmund Auguſt hin⸗ gegen, feſt entſchloſſen Herr zu ſeyn in allem Weſentlichen, zeigte ſich um ſo williger bei einer Anordnung, die ihm erlaubte die Pracht ſeiner Hofhaltung im glaͤnzendſten Lichte darzu⸗ ſellen. Das Amt eines Hofmarſchalls der Krone und die Kenntniß der Sitten des Abend⸗ landes, die Johannes Firley auf vieljaͤhrigen Reiſen erworben, uͤbertrugen ihm die Dberauf⸗ ſicht der Vorbereitungen und die Vertheilung der Charakterrollen. Laͤngſt gewoͤhnt, zwiſchen dem Hofmann und Staatsmann nicht gleich dem Wojewoden von Krakow eine ſcharfe Grenzlinie u ziehen, ſondern das eine oder das andere Gewerbe mit gleicher Gewandtheit zu treiben, je nachdem der Augenblick es erheiſche, ja auch wohl ſie zu verbinden, ohne uͤber die Pbliegenhei⸗ ten des erſten die Zwecke des zweiten zu vernach⸗ laͤſſigen, entledigte ſich des uͤbernommenen Auf⸗ trags zu allgemeiner Zufriedenheit, und benutzte nebenbei die mannichfachen Beruͤhrungen, in die derſelbe ihn mit der Koͤnigin Mutter brachte, — 224— zu manchem Verſuch eine Gunſt wieder zu ge⸗ winnen, die, ob er ſie ſchon minder hochſchaͤtzte als ehemals, boch aus mehr denn einem Grunde nur ungern voͤllig vermißte. Gleich den übri⸗ gen Geladenen, welche der Abend in den Saͤ⸗ len und Baumgaͤngen des Schloſſes bei Lobzow vereinigen ſollte, ſtand auch Hippolyt Bora⸗ tynski vor der gefertigten Kleidung eines Wuͤr⸗ dentraͤgers am Hofe zu Byzanz, und wußte im Stillen der Aufmerkſamkeit des Wojewoden von Lublin Dank, der ihn durch dieſe Wahl berech⸗ tigte, in der Naͤhe Helenens Odrowonz zu bleiben, welcher die Rolle einer Fuͤrſtin des Kaiſergeſchlechtes zugetheilt war; da meldete ein eintretender Diener den hochgebornen Ka⸗ ſtellan von Belzk. Verwundert uͤber den uner⸗ warteten Zuſpruch des Senatoren, von welchem er nur wußte, er ſey ein mehr als achtzig jaͤh⸗ riger Greis, und ſehr muͤrriſch und ſtolz, naͤ⸗ herte er ſich zoͤgernd der Thuͤr; ſie ging auf und er flog an das Herz ſeines Bruders Pe⸗ trus. Beide uͤberließen ſich der Freude des Wiederſehens geraume Zeit, doch war es der Juͤngere zuerſt, der, ſo Manches gedenkend, wo⸗ durch er die Ruͤge des Andern verſchuldet ha⸗ ben koͤnnte, ſich der Umarmung entzog und mit geſenktem Blick etwas abſeits tretend einige Worte der Rechtfertigung ſtammelte. Sey ge⸗ troſt, Hippolyt— ſprach Herr Piotr laͤchelnd —, da der Koͤnig und das Fraͤulein dir verge⸗ ben haben, muß ich wohl desgleichen thun, und wenn man auch geſtehn mag, daß dein Glück großer ſey, als dein Verdienſt, ſo mag daſſelbe, welches ja doch Alles entſcheidet, auch bei dem Bruder dir das Wort reden— das Gluck, Freund Hippolyt, das mehr fuͤr dich thut, als du wohl ſelbſt meineſt.—— Schon bei meiner Geburt— rief dieſer in der Auf⸗ wallung bruͤderlicher Liebe— that es alles fur mich, da es dich, mein Herr und Freund, mir zum Bruder gab, und jetzt da ich dich wieder⸗ ſehe!—— Auch das vielleicht mehr als du weißt— unterbrach der Aeltere ihn freundlich. —— Welche freudige Ueberraſchung— fuhr Hippolyt fort—, da ſtatt des Kaſtellans von Belzk, den man, ich begreife nicht, durch wel⸗ ches Verſehen, mir angeſagt, ich den theuern ehrenwerthen Staroſten von Samborz eintreten ſah, und ſtatt des langweiligen Zuſpruchs jenes verdrießlichen Alten, mich deiner An⸗ Hipp. Borat. 3r Theil. 15 — 226— weſenheit erfreue.—— Darauf ſagte Petrus: Nun ſo ſehr alt und verdrießlich iſt doch auch der Kaſtellan von Belzk nicht, und wohl um vieles aͤlter und geſetzter, doch nicht verdrieß⸗ licher als der Staroſt vvn Samborz, deſſen großen Freund er ſich nennt. Doch damit du mich verſteheſt, moͤge mir vergoͤnnt ſeyn, dir zu berichten, was mir waͤhrend dieſes Morgens begegnet iſt, ehe ich dich auſgeſucht. Theils um der Hoſſitte Genuͤge zu leiſten, theils um die eignen Gluͤckwuͤnſche und die der kleinpol⸗ niſchen und ruſſiſchen Ritterſchaft dem Koͤnige an ſeinem Wiegenfeſte darzubringen, verfuͤgte ich mich, nachdem ich mein Reiſekleid mit ſchicklichern Gewaͤndern vertauſcht hatte, in die Audienzzimmer des Herrn, wo ich eine große Verſammlung zu finden glaubte. Wider Er⸗ warten ſah ich die Vorgemaͤcher leer und die innern Thuͤren verſchloſſen; ein Kaͤmmerling aber deutete mir an, Seine Majeſtaͤt wuͤrden den Senat und Adel in den Zimmern der Koͤ⸗ nigin Mutter empfangen, und ich moͤchte mich daher nach der Nordſeite des Schloſſes begeben. So geſellte ich mich daſelbſt zu dem Kreiſe der wartenden Großen und Edeln, und gleich darauf trat die königliche Wittib heraus. Sie ging zu meinem Beſremden auf mich zu, und ſprach mit der Anmuth und der Heiterkeit, die ihr eigen ſind, und die freilich nur zu oft des innerſten Gemuͤthes ganz verſchiedene Stimmung verbergen.— Wir wiſſen es Unſerm allerdurch⸗ lauchtigſten Sohne Dank, daß er Uns Gelegen⸗ heit gegeben, der eignen Hochſchaͤtzung eines ſo wackern Edelmannes genug zu thun, indem Wir ihm den Preis ankuͤndigen, der ihm ge⸗ buͤhrt.— Der Koͤnig, mit Zuſtimmung ſeines Rathes, ertheilt Euch den erledigten Stuhl des Kaſtellans von Belzk.—— Die in alter Form dargebrachte Dankſagung ward alsbald durch die anweſenden Senatoren unterbrochen, die gluͤckwuͤnſchend zu mir traten und mit Gruß und Haͤndedruck mich in ihre ehrenwerthen Rei⸗ hen aufnahmen. Andreas Zebrzydowski der Bi⸗ ſchof fuͤgte dem, was er wie die Andern ſprach, fluͤſternd hinzu: Wenn Euer wohlverdientes Gluͤck nicht aus voͤllig reiner Quelle fließt, ſo troͤſtet Euch damit, daß unter dem Monde Un⸗ vermiſchtes nicht beſtehen mag. Wie ſollte auch das Gute dem Boͤſen ſich entgegenſtellen in der Welt, ſo dieſes es nicht oftmals wider 15* — 228— Willen erzeugte?— Der HOrt und die Umge⸗ bung verſtatteten nicht, dem ſchnell ſich entfer⸗ nenden Praͤlaten eine Erklaͤrung der dunkeln Rede abzufordern. Der Koͤnig erſchien, und als mich die Reihe traf, verband ich mit der hergebrachten Formel den Dank fuͤr die mir erzeugte Gunſt. Gefaͤllig hoͤrte Siegmund Au⸗ guſt mich an, gefaͤlliger, als ich nach dem, was zu Piotrkow geſchehen war, erwarten konnte, doch verließ er mich ohne ein Wort der Er⸗ wiederung. Ich will dir nicht verhehlen, Bru⸗ der, daß es mich mißmuthig machte, auf ſolche Weiſe und von ſolchen Andeutungen begleitet, mir eine Wuͤrde ertheilt zu ſehen, die mir wohl ſo gut gebuͤhrte als manchem Andern, durch Geburt, Gluͤcksguter und Verwandſchaft; vielleicht auch durch Einiges, was ich gethan, gewiß aber durch treue Anhaͤnglichkeit an Koͤ⸗ nig und Republik; und ich machte mich fertig das Schloß zu verlaſſen, als ploͤtzlich der Kron⸗ hofmarſchall an mir voruͤbergehend meine Hand ergriff.— So es Euch gefaͤllt, Herr und Bruder— ſprach Firley fluͤchtig und halblaut — ſo wollet Euch auf ungezwungene Weiſe Seiner Majeſtaͤt naͤhern, der ſich unverzuglich in den letzten Fenſterbogen der Galerie zuruck⸗ ziehn wird.— Wie habt ihr es doch angefan⸗ gen— ſprach, als ich der erhaltenen Weiſung gefolgt, der Koͤnig laͤchelnd zu mir— Wie habt ihr es doch angefangen, den Marſchalls⸗ ſtab der Ritterſchaft zu fuͤhren zur Unzufrieden⸗ heit aller Parteien?— Als ich nun ſchweigend und ruhig in meinem Geiſt die naͤhere Erklaͤ⸗ rung abwartete, da— ich bin ja mit meinem Bruder allein und ein wenig Ruhmredigkeit mag nicht ſchaden— da fuhr er fort.— Wirk⸗ lich ſcheinen die, welche die Meinung beguͤnſti⸗ gen, die ihr ſo wacker verfochtet, nicht aller⸗ dings befriedigt zu ſeyn von der Art, mit welcher ihr es gethan, waͤhrend Wir dieſelbe nur als allzu kraͤftig erkannten. So haben ſich denn die Gegner in dem Wunſche vereint, Euch eines Amtes zu entkleiden, das ihr ſo uͤbel verwaltet, und fremder Antrieb hat Unſern eignen Entſchluß unterſtützt. Dem ſey wie ihm wolle— ſprach er brauf ernſter—, mei⸗ net nicht, Wir ſeyen ſo wenig ein Buͤrger die⸗ ſes Reiches, daß die Stimme des Vaterland⸗ freundes nicht in unſerm Herzen wiederhalle; ſo wenig ein Menſch, als daß Wir das menſch⸗ — 230— liche Gefuͤhl uͤberſehen, welches Ihr vereinigt mit Eurer Pflicht. Wer aber Beides iſt, wird des Koͤnigs und der Republis Beßtes befoͤrdern an jeglichem Platze, und ſo haben Wir freudig und willig den Wunſch des Senates gewaͤhrt, deſſen Reihen ſich oͤffnen, einen ehrenwerthen Mitbruder zu empfangen. Kicht Uns duͤrft Ihr dafuͤr danken, was Euch die allgemeine Stimme zugetheilt— unterbrach er die Worte, die ich ausſprechen wollte. Was Wir Euch ge⸗ ben konnten, iſt wenig; ein Stuͤcklein Brod auf die goldene Schäͤſſel, welche die Republik Euch gereicht; Ppanem bene merentium,*) das Brod der Verdienten, zu denen Ihr wahrlich gehoͤrt — wenn Ihr anders die Staroſteien zu Trem⸗ bowla und Bialacerkiew alſo nennen wollet. Habt Ihr ſonſt noch ein Anliegen an den Koͤ⸗ nig, ſo ſeit der Gewaͤhrung gewiß.— Sieh Bruder, es iſt ein altes Spruͤchwort, daß man das Eiſen ſchmieden muͤſſe, ehe es erkaltet, ich *) Das Brod der Verdienſtvollen; ſo wurden die Sta⸗ roſteien benannt und alle andere Beſitzthuͤmer, wel⸗ che der König aus den Nationalgötern verlieh, aber nie fuͤr ſich ſelbſt behalten durfte. — — 2— hatte noch ein Anliegen, es wurde gewaͤhrt, und— du biſt jetzt Staroſt auf Sambort nicht Petrus Boratynski.— So ſprach der Kaſtellan und umfaßte den Bruder. Ueberraſcht wollte dieſer die reiche Gabe ablehnen; er forderte ihn auf, ſeiner Nachkommenſchaft zu gedenken und ihm zu vergoͤnnen, durch eignes Thun das Brod der Verdienten zu erwerben, was ihm jetzt des Bruders Freigebigkeit ſchon im Anfang ſeiner Laufbahn beſtimmte.— Mit⸗ nichten, erwiederte Petrus eifrig.— Meine Kinder haben genug an des Vaters Gut, und auch Frau Barbara, mein Ehegemahl, iſt nicht leer in das Haus getreten, und begabt mit den eintraͤglichſten Staroſteien in den ruſſiſchen Lan⸗ den, wuͤrde es einem Reichen, wie ich es bin, ſchlecht anſtehn, wenn ſein Bruder darbte. Zudem, als Herr Siegmund es bewilligte, daß ich den Schluſſel von Samborz in Deine Haͤn⸗ de lege, ſetzte er hinzu: Auch iſt es wohl vonnoͤthen, daß der junge Edelmann allgemach empor komme, damit er nicht allzu ungleich ſey dem erlauchten Hauſe, mit dem er ſich zu verſchwaͤgern Willens. Gedenket ihr noch die kleine Gabe zurückzuweiſen, Herr Staroſt?— — 232— Der Widerſtand des jungen Mannes war uͤber⸗ wunden, und noch erfreute ſich der Geber und der Begabte, als bedaͤchtigen Ganges der Archi⸗ diakonus von Krakow in das Zimmer ſchritt. Er verbeugte ſich gebuͤhrend und begann: Ecce quam bonum et jucundum, habitare fratres in unum*). Es thut mir leid, Hochgeborner Herr Kaſtellan und Hochwohlgeborner Herr Staroſt, welchen Beiden ich foͤrderſamſt meine ſchuldige Theilnahme an der wohlverdienten Erhoͤhung bezeuge; es thut mir leid, ſage ich, dergleichen angenehme Unterhaltung durch ein Anbringen zu ſioͤren, welches ſowohl nicht lieblichen In⸗ haltes, als auch, wie es ſcheint, keinesweges von großer Erheblichkeit iſt, wegen deſſen je⸗ doch der allerhoͤchſte Auftrag mich entſchuldigen mag. Seine Majeſtaͤt glauben naͤmlich bemerkt zu haben, daß der Hund, welchen am vorgeſtri⸗ gen Tage es gefallen, zu euren Füßen und un⸗ fern von des Koͤnigs Perſon, ſeinen thieriſchen Geiſt aufzugeben, Euch Herr Staroſt und Hof⸗ junker nicht voͤllig unbekannt geweſen ſey, ob⸗ ————————— *) Ei wie gut und erfreulich, wenn Bruͤder eintraͤchtig bei einander wohnen. ſchon Ihr die damals an Euch deshalb ergan⸗ gene Frage nicht beantwortet, und fordern Euch demnach auf, zu berichten, was Euch von die⸗ ſem Vorfalle bewußt ſeyn möchte, auf den die⸗ ſelbe mehr Gewicht zu legen ſcheint, als es gerade noͤthig ſeyn mag.—— Herr Petrus aͤußerte laͤchelnd ſein Beſremden daruͤber, daß der Koͤnig an ſolch feierlichem Tage, einen ge⸗ ringfuͤgigen Vorfall dieſer Art zu unterſuchen, Zeit und Neigung habe— Hippolyt jedoch be⸗ antwortete des Praͤlaten Fragen ernſt und mit Beſtimmtheit. Der Kaſtellan hoͤrte betroffen und ſchweigend der Erklaͤrung des Bruders zu; Meiſter Hieronymus Sabinus aber ſchuttelte den Kopf, ſprechend: Sonach ein Euperimen- tum meines Herrn Collegae Montii, jedoch nicht in anatomia, denn ſolche Muͤhe haben wir ihm erſpart, und nicht weniger in dem Magen des Kadavers eine faſt allzu große Menge einer Sub⸗ ſtanz gefunden, bei welcher der Mercurius cor- rosivus vder das ſublimirte Queckſilber ein nicht unbedeutendes Ingrediens bildete.—— Aber warum eine ſolche Probe? Fragte der Kaſtel⸗ lan— es ſcheinet mir ſuͤndlich, auch ein ver⸗ nunftloſes und unſchoͤnes Thier ſo martervollen — 234— Todes ſterben zu laſſen, und es erfreuet mich, den Koͤnig daruͤber entruͤſtet zu ſehen, denn auch des Viehes erbarmet ſich der Gerechte.— — Ich fange an, mich Eurer Meinung zu⸗ zuneigen, geehrter Herr von Belzk— ließ ſich der Archidiakonus vernehmen— ja, die Wiß⸗ begier der Medici gehet weit in unſern Tagen, und es duͤrfte nicht unzweckmäßig ſeyn, dafuͤr Sorge zu tragen, daß ſie nicht allzu weit gehn; jedoch ſcheint es zweckmaͤßig, dem Herrn den heutigen Freudentag nicht durch ſolch abſonder⸗ lichen Bericht zu verkuͤmmern, dennoch aber zu gelegener Zeit das jetzt Unterlaſſene wieder vor⸗ zunehmen.—— Waͤhrend Hieronymus ſo ſprach, kam in vollem Springen Stanislaw Lacki herein; hielt aber ploͤtzlich in ſeinem Lauf ein, als er den aͤltern Vetter gewahrte. Von jeher hatte der ernſtere und an Jahren weit vorgeruͤckte Petrus ihm mehr Ehrerbietung und weniger Vertrauen eingefloͤßt, als ſein Bruder, der in dem Alter und der Gemuͤthsart ihm naͤher ſtand; er beugte ſich mit einiger Foͤrmlichkeit und brachte einen wohlgeſetzten Gluͤckwuͤnſchung⸗ und Bewillkommnungſpruch an, ehe er ſich in die Arme des Vetters Hipeio warf, um ſich — — 235— deſſen mit ihm zu erfreuen, was er eben ver⸗ nommen.— So kalt und hoͤflich, mein Vet⸗ terlein? fragte der Kaſtellan,— ich ſehe wohl, Euer Vater und Ihr habt es noch mit mir— die Zeit wird indeſſen kommen, daß auch Ihr gewahr werdet, wie ich geſinnt bin. Aber wie ſeit ihr doch gewachſen in ſo kurzer Zeit und aus einem Knaben ein ſchmucker Juͤngling geworden. Nur daͤucht mir ſind Eure Augen ein wenig truͤber denn ſonſt, und Eure Wangen minder roth.—— Herr Kaſtellan— raunte ihm der Abſchied nehmende Pralat zu: Euer juͤngerer Vetter gefaͤllt mir uͤbel. Nicht daß ihm an Wohlgeſtalt gebraͤche, oder das Ingenium nicht ſpraͤche aus ſeinen großen Au⸗ gen— es will mich beduͤnken als ſpuͤre man bei ihm— wie ſoll man ſagen— eine gewiſſe Fruͤhreife, und Fruͤchte, welche ſolche Sympto- mata zeigen, halten oftmals nicht gar zu feſt am Stengel. Ich wollte Euch gebeten haben, ein wachſames Auge auf den Junker zu hal⸗ ten, denn es iſt nicht voͤllig mit ihm wie es ſollte; ſey es nun in der koͤrperlichen Oecono- mia oder im moraliſchen Systemate.—— So leiſe der Prieſter auch geſprochen, war doch — 136— nicht alles dem lauerſamen Ohre des Sdelkna⸗ ben entgangen; er ballte die Hand trotzig ge⸗ gen den Abgehenden und ſprach halblaut: Geht nur, geht, hochgelahrter Medikus und Archi⸗ diakonus der Kathedrale zu Krakow; das Rat⸗ tengift im Magen eines Koters zu unterſchei⸗ den, moͤgt ihr wohl gelernt haben zu Koͤnigs⸗ bruͤck in Meißen, doch was im Herzen eines Rittersmanns aus dem Großfurſtenthum Lit⸗ tauen verborgen, zu erforſchen, dazu iſt Eure Wiſſenſchaft zu gering und Eure Augen ſind zu ſtumpf.— Darauf benutzte er den Augenblick, da der Kaſtellan ſich entfernte, um ſich auf das Feſt des Abends vorzubereiten; er ſellte ſich zu Hippolyt, der ſtill in der Beſchauung der vor ihm aufgehenden heitern Zukunſt ver⸗ ſunken war, und ergriff ſeine Hand.— Glaube mir Hipein— ſagte er bewegt und das freund⸗ liche Auge zu ihm erhebend: Glaube mir, ich nehme mit ganzem Herzen Antheil an dem, was dir Guͤnſtiges zu Theil worden, da ich zu⸗ mal wohl begreife, welchem beſſern Ziel es dich naͤher bringt; um deſto mehr erfreue ich mich deſſen, was ein guͤnſtiges Geſchick denen zuwen⸗ det die ich lieb habe, als, ich weiß nicht — 237— warum? es mich gemahnt, es ſey fuͤr mich ſelbſt nichts Frohes zu hoffen. Sieh, ich mag es nicht leiden, wenn Andere davon reden, die es nicht kuͤmmert; doch mag wohl der meißner Doktor nicht Unrecht gehabt haben, und der Wojewode von Lublin auch nicht.—— Und was ſagte der Wojewode, mein lieber wunder⸗ licher Stas?—— Heut Morgen ward ich zu dem Hofmarſchall beſchieden, damit mir eben⸗ falls eine Larvenkleidung ertheilt werde, oder Charakter, wie ſie es nennen, und er entſchied ich ſolle mich zu einer Schaar halten, die ein⸗ her ſchreiten werde, als Goͤtter des Hlymps. Nach einigen Vorſchlaͤgen, die er verwarf oder die, welche bei ihm waten, ward denn ent⸗ ſchieden, ich ſolle Hymen ſeyn, der Gott der Ehe, mit brennender Fackel in der Hand und roſen- und myrthenbekraͤnztem Haupt. Als ich mir nun alles recht erklaͤren laſſen, Vetter, da— ich begreife nicht recht, wie es kam, wollte es mir nicht in den Sinn den Ehegott darzuſtellen, und ich bat eifrigſt, man moͤchte mir eine andere Beſtimmung ertheilen,— da lachte Herr Johannes Firley und ſagte: ob ich ſo jung ſchon dermaßen eheſcheu waͤre? — 238— drauf meinte er, ich habe recht und die mir zugedachte Verlarvung eigne ſich fuͤr mich nicht, So ſchlank und farblos, wie ich ſey, koͤnne es wohl kommen, daß, wenn nun die Roſen am Abend verbleicht waͤren, und ich aus Un⸗ bedacht die Fackel umkehrte, man die Myrtheu fuͤr Rosmarin anſaͤhe und mich fuͤr den Genius des Todes.— Er ſcherzte wohl nur, Vetter, doch mich traf das Wort in der tiefſten Seele, als ſey es eine Weiſſagung, und ich ſtand vor dem Wojewoden, ihn und alles um mich her vergeſſend, und den Gedanken folgend, die mich ſeit einiger Zeit nicht ſelten anwandeln. Drauf ſprach Herr Johannes Firley: da ich ſo eigen⸗ ſinnig ſey, wie die Littauer alle, ſo moͤge ich unverlarvt bleiben und als Edelknabe Fraͤulein Helenen nachtreten, die, wie es heist, die Koͤnigin des Feſtes vorſtellen wird, in Ermang⸗ lung Einer, der es eher gebührte, als ihr. Wiewohl nun einer wahren Königin Diener keiner Andern aufwarten ſoll und am wenigſten einer Koͤnigin fuͤr wenige Stunden, ſo meinte ich, fuͤr meines Vetterleins Herzensdame koͤnne ich ſchon ein Uebriges thun. Auch ſchreite ich lieber einher in Frau Barbarens Farben als in ———— ——— — 239— dem wunderlichen Aufputz eines heidniſchen Goͤtzenbildes, das nicht einmal einen Säbel traͤgt oder Schwert, wie Du in Deiner reichen Griechentracht. Was ſollte ich auch beginnen mit dem Fackelſtock von Kienholi, ſo es gaͤlte dreinzuſchlagen. Eine Waffe iſt immer noth, und wer mag denn wiſſen, was ſich zutragen kann in ſo wunderlich bedenklicher Zeit?— — Die Welt hat ſich gedreht— rief Hippo⸗ lyt lachend—, die Maͤnner haben Luſt an Lar⸗ venſpiel und Narrenteidung, und die Knaben ſchauen ernſthaft drein und beaͤugeln die Freu⸗ de gar genau, ob nicht der Kummer dahinter verborgen liege.—— Da ſprach Stanislaw empfindlich: Knabe?— hat mich doch der Kaſtellan, der wahrlich nicht zu ſchmeicheln pflegt, einen ſchmucken Juͤngling genannt— Du biſt wohl ein recht geſetzter, ehrbarer Mann, du— Herr Staroſt?²)—— Der kleine Zwiſt der Vettern ward hier plotzlich unterbrochen durch das Schmettern der Trom⸗ peten und das Aneinanderſchlagen der Becken Der Name„Staroſt“ kommt von dem Vorte„Stary“ alt, wie das deutſche„Graf“ von Grawe, grau. — 240— tatariſcher Kriegsmuſik, das laute Getoͤſe in den mit Menſchen ſich anfuͤllenden Hoͤfen ver⸗ kündete den nahen Abgang der koͤniglichen Hert⸗ ſchaften nach dem Luſtſchloſſe, und beide eilten ihren Platz in dem Gefolge zu nehmen. Bald ſprengte Siegmund Auguſt hinaus, um⸗ geben von ſchoͤn geſchmuͤckten Reitern, waͤhrend die Koͤnigin Mutter und ihr Hofſtaat in ſchwer⸗ faͤlligen Karoſſen, von reichbehangenen und mit hohen Federbuͤſchen geſchmuͤckten Pferden gezo⸗ gen, in langſamen Schritt ſich in Bewegüng ſetzte, umringt von Trabanten und Hartſchiren in uͤberladen praͤchtiger ſpaniſcher Tracht. 7. Das Feſt zu Lobzow ſollte mit dem Schlag der eilften Nachtſtunde ſeinen Anfang nehmen; es war erſt zehn Uhr voruͤber. In den Zim⸗ mern des Schloſſes, die in Eile zu dieſem Be⸗ huf bereitet worden waren, beſchoͤftigten ſich die Geladenen nach der aufgehobenen Mittagstafel, ihre gewoͤhnlichen Staatsgewaͤnder mit der Flei⸗ dung der uͤbernommenen Charakterrolle zu ver⸗ tauſchen, und die Dienerſchaft ging mit Zuͤnd⸗ — 241— ſtoͤcken in den untern Saͤlen umher, die Kerzen der Kron⸗ und Armleuchter in Brand zu ſetzen. Auch erglomm hier und da eine Lampenreihe in den Laubgaͤngen der weitlaͤuftigen Gaͤrten, und in unbeſtimmten unterbrochenen Umriſſen trat der Tempel hervor, der reich erleuchtet das in buntem Feuer ergluͤhende Reichswappen mit dem littauiſchen Reiter vereint und den Namenszug des Koͤnigs 8. A. RB. uͤber ſeinem Portikus tra⸗ gen ſollte. Es war eine ſchwule Nacht; die Gewitter, welche den Tag uͤber gedroht hatten, waren zwar abſeits gezvgen, doch verhuͤllten dichte ſchwere Wolken den Glanz der Sterne, und tiefe Finſterniß bedeckte die Umgebung. Da zeigten ſich an einer Stelle des Parks, welche durch dichtes, kuͤnſtliche Irrgaͤnge umgebendes Ge⸗ buſch noch dunkler ward als die freiern Stellen des Gartens, zwei Geſtalten, denen eine dritte in einiger Entfernung nachfolgte. Die beiden Erſten waren in einem leiſen, wie es ſchien, nicht unwichtigen Geſpraͤch begriffen, und ſchlichen be⸗ hutſam vorwaͤrts, von Zeit zu Zeit um ſich ſchauend, ob auch nicht ein unerwuͤnſchter Hörer in der Nahe ſey. Auf dem Antlitze des Drit⸗ ten haͤtte man, waͤre ein Lichtſtrahl auf den Hipp. Borat. 3r Lheil. 16 — 242— Weg gefallen den ſie gingen, alle Zeichen der Langweile bemerken koͤnnen, die ſo aber nur durch haͤufiges Gaͤhnen ſich kund that. Doch ſchien nach und nach die Ungeduld ihn zu er⸗ greifen; er beklagte in abgebrochenem Selbüge⸗ ſpraͤch die Nothwendigkeit, hier, wo man keine Hand vor Augen ſehen koͤnne, uͤber Geſtripp und Wurzeln einherzuſtolpern, waͤhrend die An⸗ dern ſich es wohl ſeyn ließen drinnen in den erleuchteten Saͤlen der Hffizin bei vollem Be⸗ cher und klappernden Wuͤrfeln. Seine Unlußt waͤre wohl lauter geworden, als es vielleicht auf ſolchem Wege erſprießlich ſeyn mochte, haͤtte nicht der eine der Voranſchreitenden ihm ziem⸗ lich rauh geboten zu ſchweigen. Sie waren jetzt zu einem kleinen Runde von Lindenbaͤumen ge⸗ langt, an deſſen einer Seite ein uͤber Kies und Steine hinmurmelnder Bach die Graͤnze des Gar⸗ tens bezeichnete. Kein Laut drang vom Schloſſe zu dieſer einſamen Stelle, und nur hier und da ertoͤnten aus weiter Ferne durch das Gebuͤſch die Hammerſchlaͤge, mit denen die Zimmerleute das, was den Gerüſten noch mangeln mochte, befeſtigten. Hier blieben die Wanderer ſtehen. Es iſt alſo gewiß? begann der, deſſen Geſtalt — 243— die mittlere Große nicht uͤberſtieg, fluͤſternd in auslaͤndiſcher Mundart— Sie kommen?—— Ihr habt wohl noch ſelten bemerkt— ließ ſich des Andern, eines langen hagern Mannes Stim⸗ me vernehmen—, daß ich meine Berichte auf das Gerathewohl abſtattete. Die Alte hat es ihrer Buſenfteundin geſchrieben, und allerlei hinzugefuͤgt, wie ſie nicht ermangelt haben wuͤr⸗ de, ſich ſo ungeziemenden, aller Hofſitte entge⸗ genſtehendem Beginnen ihrem Amt gemaͤß zu widerſetzen, wenn nicht die ganze Sache vor ihr verheimlicht worden waͤre, und ſie ſcheinen muͤſ⸗ ſe, nichts von derſelbigen zu wiſſen.— Drauf ſchwieg der Kleinere eine Zeit lang nachdenklich und ſprach dann: Nur allzu ſpaͤt iſt uns die Kunde gekommen, um ſo gunſtigen Umſtand zu benutzen. Es iſt nichts vorbereitet, und in ſo wichtiger Sache mag man ſich vorſehen, ehe man handelt.—— Was iſt da groß vorzuſehen? murmelte der Hagere— friſch zu und den Au⸗ genblick benutzt, damit endlich die Sache zu Ende kommt, velche mich ſchon langweilt.—— Langſam, langſam, Freund— entgegnete Jener halb uͤberredend, halb befehlend— es iſt nicht die Rede davon, hier einem Wandersmann im 16* — 244— oͤden Walde von der Baarſchaft und dem Leben zu helfen, noch an der Spitze vieler kuͤhner Ge⸗ ſellen zur Nachtzeit in ein Haus dringend den wehrloſen Bewohner zu ermorden.—— Hier unterbrach ihn der Gefaͤhrte, und fragte zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zaͤhnen— Was ſoll das, Meiſter, wie kommt Ihr darauf?—— Es gibt hier ein edles Wild zu faͤllen in des Pflegers eigenem Zwinger; da gilt es nicht blos loszudruͤcken; und der Knall des Geſchoſſes duͤrfte dem Schuͤtzen verderblich werden.—— Auch rede ich ja von dergleichen nicht; ſeit ein und zwanzig Jahren iſt mir die Luſt an ſolchem Waid⸗ werk vergangen und was Euch betrifft, möget Ihr niemals demſelben obgelegen haben.—— Auch in anderer Weiſe zu verfahren— ließ ſich der Vornehmere der Beiden vernehmen— duͤrfte jetzt mißlich ſeyn. Das Fxperimentum in anima vili*), das Deine Unvorſichtigkeit dem muͤßigen Hoͤfling entdeckte, hat mehr Aufſehen gemacht als Du meineſt. Der Hiervnymus, wel⸗ cher das Thier geoͤffnet, hat mich auf dem We⸗ ge hierher unaufhoͤrlich mit Fragen belaͤſtigt, und waͤre es mir nicht gelungen, den deutſchen *) Probeſtuͤck an geringem Gegenſtand. — 245— Pedanten in einen gelehrten Wortkrieg zu ver⸗ wickeln, in welchem ich den Sieg gewann, ich glaube, ich waͤre jetzt ſeiner noch nicht los. Auch * war es Tollheit, dem Thiere ein Quantum zu geben, das geeignet waͤre einen Stier zu toͤdten, ii und augenblicklich wirkend, deutliche Spuren hinterlaͤßt, und toller noch ſeine Bewahrung den Weibern anzuvertrauen, welche, die Wuth des 3 Geaͤngſteten furchtend, es entſpringen ließen. Es 3 muß zu viel geweſen ſeyn von einem Ingre⸗ diens, und die Miſchung taugt nicht.—— Meines Exachtens war ſie gut— fliſterte der Diener— Was ſchnell wirkt, wirkt ſicher; lange genug hat es ſchon gewaͤhrt, und ich wollte, es waͤre gethan und ich haͤtte den Sold dahin, und waͤre in der Heimath, im Alter der Ruhe zu pflegen.—— In der Heimath? fragte darauf der, welcher zuerſt geſprochen hatte— Und wel⸗ ches iſt Dein Vaterland, Alter?— ich ſollte meinen, es ſey etwas weiter entfernt, als Du es glauben laſſen willſt.—— Unſere beiderſeitige 1 Heimath— erſcholl darauf des Andern Stim⸗ 1 me mit ſtillem Hohn— iſt uns fern oder nah, wie man will; und ſollte ich Euch auch nur um einige Jahre vorangehen dahin, wird es — 246— ſchwerlich fehlen, daß ich Euch uͤber kurz oder lang daſelbſt begruͤße. Doch was iſt Eure Meinung, gelehrter Herr; was gedenket Ihr heut zu thun. Die einmal entſchlupfte Gele⸗ genheit kehrt ſelten wieder, und ihr kennet den Willen, dem wir beide gehorchen.—— Eine Pauſe des Schweigens folgte dieſen Worten⸗ dann fliſterte der Andere mit ungewiſſer Stim⸗ me und merklicher Bewegung: Draͤnge mich nicht ſo, eisgrauer Suͤnder! Es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß keine Begleitung mit heruͤberkom⸗ me, und Du haſt mir nicht geſagt, ob der Herr des Hauſes mit dem bekannt iſt, was Du mir mitgetheilt. Der Augenblick giebt Rath; laß uns ihn erwarten.—— In vorigen Zeiten war es anders— unterbrach ihn der Groͤßere — da fuͤhrte der Wille den Augenblick herbei, ſtatt ſeiner zu harren; doch neue Zeiten, neue Sitten; nun ſind die alten voruͤber, und der damals ſich Meiſter nennen mochte, taugt nur zum Diener in dieſer uͤbervorſichtig und weiſe gewordenen Welt. Wo biſt du hin, du kraͤfti⸗ ge Vergangenheit, da noch jeder ſeiner Thaten Thaͤter war? Du biſt dahin, und mit ihr die Staͤrke und der Muth meiner Jugend.—— — 247— Ein herrliches Arkadien, in welches Du ſehnend zuruͤckſchauſt— ſpottete der Gebieter— ein Wunder nur, daß Schandpfahl und Rabenſtein nicht deſſen Graͤnze bezeichnen.—— Haltet ein: knirſchte Jener in dumpfen Toͤnen— Ihr ſolltet, denke ich, wiſſen, daß es mißlich iſt, auf gewiſſe Art mit mir zu ſcherzen, zumal in Nacht und Einſamkeit. Faſſet Eure Ent⸗ ſchließung und laſſet uns zuruͤckgehen, denn Ort und Stunde moͤchten einen Funken unter der Aſche hervorrufen, den Ihr ungern geweckt ha⸗ ben wuͤrdet. Wohlan, weiſer Meiſter, die Zeit vergeht, was werdet Ihr beginnen?—— Auch dem Andern ſchien ſeit den letzten Worten dieß Zuſammenſeyn an ſo abgelegener Stelle nicht mehr ſonderlich zu behagen; er winkte den Drit⸗ ten herbei, der in einiger Entfernung geblieben war, und alle drei verloren ſich, unvernehmlich zu einander ſprechend, im Dickicht.—— Es war unterdeß lebendiger geworden in der Gegend des Schloſſes. Die Flugelthuͤren des Erdgeſchoſſes waren weit aufgethan, und die Er⸗ leuchtung der Saͤle vermaͤhlte ſich mit dem Schimmer der Lampen und Pechkeſſel, welche auf dem runden Platze flammten, der, von Baum⸗ . 9 hecken umſchraͤnkt, den Mittelpunkt vieler gleich⸗ falls erhellten Gaͤnge bildete, und auf welchem die Schaar der Geladenen in bunter Tracht der hohen Gaſtgeber und ihres Geſolges wartete. Ein Trompetenſtoß, beantwortet in der Ferne und Naͤhe von vielen Choͤren, die in den Ge⸗ buͤſchen verſteckt, der Loſung warteten, verkuͤn⸗ dete die Ankunft der Majeſtaͤten. Ein Schwarm reichgekleideter Diener trat ihnen vor; viele im volksthuͤmlichen Gewand, andere in tatariſcher Kleidung, wieder andere in verbraͤmter Muͤtze, kurzem Wams und weitem Beinkleid, kuͤndigten ſich als zaporvwiſche Koſaken an, und die Die⸗ ner der Koͤnigin Mutter in ſpaniſcher Tracht. Ihnen folgten die Beamten zweiten Ranges, zum Theil entfernt in feierlichem Ceremonien⸗ ſchritt, und gleich nach ihnen erſchien der An⸗ geber der Feſtlichkeit, Johannes Firley, in ge⸗ woͤhnlicher, doch im reichſten Schmuck glaͤnzen⸗ der Kleidung. Der Stoß ſeines Stabes ertoͤnte weithin, und abermals erhob ſich der Klang der Inſtrumente lauter und freudiger von gllen Sei⸗ ten. Jetzt ſchwebte eine holde Geſtalt die Stu⸗ fen herab, die aus dem großen Saal in das Rund fuͤhrten; ein enges, von Perlenſchnuͤren — zuſammengehaltenes Purpurgewand ſiel bis auf die Knie herab, ein weites Unterkleid von wei⸗ ßer Farbe verhuͤllte zur Haͤlfte die mit zierli⸗ chen Sandalen bekleideten Fuͤße; das reiche Haar war theils in geflochtenen Zopfen um das Hinterhaupt gewunden, und theils fiel es in maleriſchen Locken auf die Schultern, um wel⸗ che eine leichte Tunika wallte. Ein von Dia⸗ manten ſtrahlendes Diadem woͤlbte ſich uͤber der von einer Halbmaske bedeckten Stirn, und die in vielen Verſchlingungen auf der Bruſt ruhen⸗ de Kette, das Erbſtuͤck der byzantiniſchen Kai⸗ ſertochter, ſchien die Wahl der Rolle zu recht⸗ fertigen, welche, dem Stolz der Mutter zu ſchmeicheln, die Koͤnigin Bona der Tochter, auf ihre Abkunft deutend, ertheilt hatte. Neben der Griechenjungfrau ſchritt ein edler Venetig⸗ ner im ſchwarzen Tabarrv und tief in die Au⸗ gen gedruͤcktem Federhut, und das unverlarvte Geſicht ließ den Außenſtehenden den gefeierten Koͤnig des Tages, den Koͤnig dieſes Reiches, Siegmund Auguſt erkennen. Viele Geſtalten, gehuͤllt in die Trachten der Vergangenheit und Gegenwart, der Ferne und Nachbarſchaft, der Einbildungkraft und der Laune, drängten ſich — 250— um das ungleichartige Paar, jedoch ehrerbietig zweien Damen Raum gebend, welchen der Ge⸗ brauch auch heute nicht vergoͤnnte, das Gewand fͤrſtlicher Wittwen, die weite Kleidung von wol⸗ lenem Zeuge, die gefaltete Kinnbinde und den ſchwarzen Schleier abzulegen, Bona von Mai⸗ land, und eines halben Schrittes weit zuruck neben ihr Anna von Matzowien, die gekleidet in die Farbe der Trauer und umringt von zierlich geputzten Damen und fackeltragenden Dienern, welſchen und ſpaniſchen Urſprungs und Gewan⸗ des, zweien Nachtgeſtalten glichen, die fremd der ſie umrauſchenden Freude, ſtoͤrend ſich in das Gewimmel heiterer Menſchen gedraͤngt haͤtten. Gemeſſenen Schrittes trat ihnen die Schaar der Edelknaben nach, und unter ihnen Stanislaw Lacki, der ſo wenig als die durchlauchtigen Da⸗ men, denen er folgte, fuͤr die rauſchende Luſt empfaͤnglich ſchien, in welcher ſich alles bewegte, und darauf der Hofſtaat in phantaſtiſch verſchie⸗ denartiger Verlarvung, den Gebilden eines Som⸗ mernachttraumes gleichend, unter denen hier und da das geiſtliche Gewand eines Praͤlaten an die Wirklichkeit erinnerte. Neben dem Biſchof von Kujawien ging eifrig, doch leiſe ſprechend, der S Sheriff von Mekka im weiten weißen Gewand, vom gruͤnen Guͤrtel zuſammengehalten, doch ſchien es nicht die Verſchiedenheit der Lehre des Pro⸗ pheten und des chriſtlichen Glaubens zu ſeyn, welche Andreas Zebrzydowski und der Großfeld⸗ herr der Krone zum Gegenſtand ihrer Unterhal⸗ tung gewaͤhlt hatten. Gleich nach dieſen folgte ein Ritter in abendlaͤndiſcher Ruͤſtung, oder ei⸗ gentlicher zu reden, der ſchwarze Prinz, Edward des Dritten von England Sohn, denn ſein Har⸗ niſch war dunkel und glanzlos, und Helm und Schild trugen die Deviſe:„Ich dien,“ die ſich ſeitdem immer die Prinzen von Wales zugeeig⸗ net; und ihm zur Seite ſah man den Silentiar des Purpurpalaſtes zu Conſtantinvpel in gruͤner Tunika mit breiten Purpurſtreifen beſetzt. Der geſchloſſene Helmſturz des Siegers bei Creey und Poitiers und die ganze Maske des griechi⸗ ſchen hohen Beamten noͤthigen uns, in ihnen die Bruͤder Petrus und Hippolyt Boratynski kenntlich zu machen, ſo wie in dem mit gold⸗ ſtoffenem Kaftan bekleideten und mit Diamanten uͤberreich bedeckten Paſchah, deſſen behagliches Larvengeſicht wohl finſterere Zuͤge verbirgt, den Großmarſchall Petrus Kmita. Einige andere, — 252— beinahe eben ſo praͤchtige Verkleidungen verhull⸗ ten die Herzoge von Ratibor und Liegnitz, die Bruͤder Zborawski, deren Ehrgeiz unter der fol⸗ genden Regierung des franzoͤſiſchen Heinrichs das Reich verwirren ſollte, den jungen Grafen zu Tenezyn, und mehrere andere Herren hohen Ranges. Im langſamen Schritt der Ceremonie war man in die Mitte des Platzes gekommen, wo die vornehmſten Anweſenden dem fernher leuchtenden Tempel gegenuͤber ſtehen blieben, waͤhrend die Begleitung ſich an die umgebenden Laubwaͤnde zuruͤckzog, theils um ſich Vergnugen ſuchend in die Gaͤnge zu zerſtreuen, theils auch des Dienſtes zu warten, der ihnen oblag. Un⸗ ter den letztern war auch der Silentiar, und der ſchwarze Prinz blieb ihm zur Seite. Mit tiefer Verbeugung nahte ſich der Wojewode von Lublin dem Koͤnig, und wenn es ſeine Abſicht war, Lob einzuaͤrnten fuͤr die Anordnung eines Feſtes, welches zwar dem nicht glich, das bei⸗ nahe ein fuͤr Geſchmack und Kunſt ſehr ergiebi⸗ ges halbes Jahrhundert ſpaͤter Graf Leiceſter ſeiner Koͤnigin zu Kenilworth bereitete, doch fuͤr damalige Zeit fur glaͤnzend genug gehalten wer⸗ den konnte, ſo erreichte er ſie vollig, denn Sieg⸗ — 253— mund Auguſt verſicherte ihn in gewaͤhlten Wor⸗ ten ſeiner Zufriedenheit. Als Firley ſich aber darauf gegen die Koͤnigin Mutter wandte, ent⸗ gegnete ſie ihm in einem Tone, der wenig zu dem ſich ringsumher allgemach erhebenden Ge⸗ toͤſe der Luſt ſtimmte: Nicht heute erſt hat Uns der Wojewode von Lublin einen Beweis gegeben, daß er es verſteht, die Augen des Be⸗ ſchauers durch Schein zu blenden; wenn nun aber der Rauſch der Freude voruͤber iſt, bleibt „ nichts zuruͤck als Glasſcherben und buntes Pa⸗ pier, zerbrechliche leicht verflatternde Waare, und ſo herrlich auch der Name ſtrahlt, den die⸗ ſer Tag feiert, ſo folgt ihm doch ein anderer, und mit jedem Morgenroth beginnt ein Tag, anderen Namen geweiht.—— Wenn die tief⸗ ſinnige Rede Ihrer Majeſtaͤt— unterbrach der Köͤnig ſeine Mutter mit Lebhaftigkeit— nicht vielleicht allzu enttaͤuſchend auf den Hoͤrer wirkte, welches man doch billig in den kurzen Augen⸗ blicken der Luſt vermeiden ſollte, die dem Men⸗ ſchenleben vergonnt ſind, ſo moͤchten Wir Ihr die Mahnung danken, die Sie an Unſere Be⸗ ſcheidenheit ergehen laſſen. Doch— fuhr er laͤchelnd fort— Wir haben Uns Unſerer Ehren — 254— nicht uͤberhoben; freilich iſt es Unſer Name, den das Ungefaͤhr mit dem heutigen Tage ver⸗ bunden, und die Zuneigung Unſerer Unterthanen und Freunde mit dieſem fluͤchtigen Glanz um⸗ giebt.— Doch hier— ſetzte er mit ſittiger Freundlichkeit ſich zu ſeiner liebreizenden Gefaͤhr⸗ tin wendend, hinzu— hier ſteht die wirkliche Koͤnigin des Feſtes, wie es Schoͤnheit mit from⸗ mer Sitte verbunden uͤberall iſt.—— Die Gute Eurer Majeſtaͤt darf mich um ſo weniger ſiolz machen— ſprach das Fraͤulein fröhlich, doch vielleicht nicht ohne Abſicht—, als ich wohl fuͤhle, daß ſie mir nur den beſcheidenen Stand⸗ punkt einer Luͤckenbuͤßerin anweiſst, und wenn die gegenwaͤrtig waͤre, welcher eigentlich ſolche Auszeichnung gebuͤhrt, die arme Helene Odro⸗ wonz ſich nothgedrungen, aber willig unter der Menge der Damen verlieren wuͤrde, die nicht mindere Anſpruͤche machen duͤrfen, als ſie.— — Frau Anna, deren Antlitz fuͤr einen Augen⸗ blick noch duͤſterer ward als gewoͤhnlich, wollte das Wort nehmen; Siegmund Auguſt ſiel ihr jedoch in die Rede.— Was ſagt Ihr da, ſchoͤ⸗ ne Muhme? Fuͤrwahr eine ſolche Stellvertre⸗ terin duͤrfte manche ſchmerzlich gefuͤhlte Abweſen⸗ heit ganz ertraͤglich zu machen wiſſen, und es wuͤrde wohl nicht an Solchen mangeln, die Euch beim Worte naͤhmen, waͤre es nicht ein Frevel, der, welche geſchaffen iſt die erſte Stelle zu zie⸗ ren, eine andere anzuweiſen, welche ſie mit Recht verſchmaͤht.—— Die Prinzeſſin von Mazvwien fand fuͤr gut, an ihrer Lochter Statt die ein wenig freie, doch verbindliche Rede des Koͤnigs zu beantworten.— Gewiß mag Fraͤu⸗ lein Helene— ſo ließ ſie ſich mit dem ge⸗ wohnten Stolze vernehmen— Eurer Majeſtaͤt dankbar ſeyn fuͤr ſolch günſtige Meinung, es ſey aber der Mutter vergoͤnnt zu bemerken, daß, wenn auch nicht körperliche Schoͤnheit oder Gaben des Geiſtes, welche zu wurdigen mir nicht zuſteht, doch ihre Geburt ihr ein Recht zu dieſer Stelle verleiht, welcher Ihr erwaͤhnt. Die, welche den Schmuck traͤgt, welcher ihr vererbt iſt von der Tochter der Caͤſaren, das letzte Erbtheil des mazowiſchen Herzoghauſes, iſt nicht zu gering an der Seite eines Koͤnigs einherzugehen.—— Da naͤherte ſich Siegmund Auguſt der Prinzeſ⸗ ſin, fuͤhrte ſie ein wenig abſeits und ſprach mit Empfindung: O nicht der Herkunft allein thut Erwaͤhnung, Frau Fürſtin Wojewodin, nicht ſie — 256— allein iſt es, die Euer Fraͤulein ſo hoch erhebt uͤber Viele. Welche von denen, die uns hier umgeben, iſt ihr gleich an Liebreiz, an Geiſt und Gemuͤth, und hoͤher achten Wir dieſe, denn das Ungefaͤhr der Geburt. Euer Liebden moͤgen Uns ſolches glauben, die Wir es durch die That be⸗ zeugt haben im Angeſicht von ganz Eurvpa!— — Und doch nur auf der Hoͤhe des Ranges— ſprach Anna— vermoͤgen dieſe Gaben im ei⸗ genthuͤmlichen Glanze zu leuchten; Armuth und Niedrigkeit verdunkeln auch das Herrlichſte!— — Das verhuͤte Gott!— rief der Monarch— daß ſie je Eure Lochter betreffen, ſo lange Wir Koͤnig ſind in dieſem Reich— faſſet Vertrauen zu Uns, durchlauchtige Baſe. Nimmer werden Wir es dulden, daß die, die Wir lieben als Blutsverwandte, die Wir fuͤr die hoͤchſte Zierde ihres Geſchlechtes halten, Eine ausgenommen, der Vorzuge verluſtig gehe, die ihr gebühren; nach der, laſſet es Uns geſtehen, Wir ſelbſt ſtreben wuͤrden, als nach dem hoͤchſten Preis, welchen je ein Mann liebend und geliebt er⸗ werben mag, haͤtte das Schickſal Uns nicht Je⸗ ne fruͤher zugefuͤhrt, die ihr gleicht.— Wir wuͤrden Euch das Recht und die Verpflichtung beneiden, welche Euch der Muttername ertheilt, duͤrfte und ſollte der Koͤnig nicht das Amt ei⸗ nes Vaters verwalten.—— Das Alter Eurer Majeſtaͤt— erwiederte Anna mit gezwungenem Laͤcheln— beraubt meine Tochter wohl der Eh⸗ re, einen ſo jugendlichen Vater den ihrigen nen⸗ nen zu koͤnnen; darin aber pflichte ich Euch bei, durchlauchtigſter Herr, daß der Sproͤßling der Piaſten ſein Gluͤck aus keiner andern Hand em⸗ pfangen darf, als der des Koͤnigs.— Laſſet Uns denn einen Bund ſchließen zum Wohl Helenens: Frau Fuͤrſtin Wojewodin— rief Siegmund in großmuͤthiger Ruͤhrung—, laſſet Uns wachen und ſorgen, daß der Pfad ſich ebene vor ihr und ſie das Gluck finde, das wahre Gluͤck, ehrenwerthe Baſe, das nicht allein die Andern blendet, ſondern das eigne Herz befriedigt. Wir kennen ihr Herz, Wir kennen es vielleicht mehr als Ihr, und wiſſen, daß es Anderes bedarf als das, was Unwiſſende fuͤr neidenswerth halten. Laſſet die Freude wieder eintreten in die versͤ⸗ deten Hallen Eures Hauſes, die ſie nun ſchon ſo lange gemieden, die Wir ſo gern dahin zu⸗ ruͤckführten, vereinigt Euch mit Uns, daß das Geſchlecht der alten Koͤnige wieder neu aufbluͤhe Hivv. Borat. zr Theil. 17 — — ———— — — 258— nahe am Thron, auf dem die ehrenwerthen Vaͤ⸗ ter geſeſſen.— Doch Anna weigerte ſich, in die dargebotene Hand des Monarchen die ihrige zu legen; ſie trat einen Schritt zuruͤck und ſprach beſtimmt und kalt:— Wir ſind nicht gekommen, ich und mein Fraͤulein, ein Almoſen von der Gnade des Koͤnigs zu erflehen, deſſen Gerechtigkeit wir allein in Anſpruch nehmen. Mir ſteht es zu, zu erwaͤgen, welche Gabe un⸗ ſerer wuͤrdig ſey, und ſo lange dieſe uns ver⸗ weigert wird, vergoͤnnt, daß wir das Andere zu⸗ ruͤckweiſen.—— Schweigend warf der Koͤnig einen Blick voll Hoheit auf die harte Frau; dann wendete er ſich gegen die eine Seite des Rundes und rief: Was ſtehet Ihr ſo fern, Herr Silentiarius? hat Euer Name auf Eure Sprachorgane gewirkt, oder fuͤrchtet Ihr, daß bei Eurem Erſcheinen die laute Freude im Pa⸗ laſte verſtumme?*) Herbei, um Euer Amt zu *) Der Silentiar, einer der vornehmſten Hofbeamten des conſtantinopolitaniſchen Hofes, hatte die Verpflichtung, die Stille im Palaſt zu erhalten, und wer in den Ge⸗ maͤchern des Kaiſers oder den daran ſtoßenden Gaͤn⸗ gen, wo man nur fliſtern durfte, die Stimme zu laut erhob, verfiel ſeiner Gerichtsbarkeit. Mehrere Si⸗ lentiare haben den Thron beſtiegen, zuerſt Anaſtaſius, der unter Zeno dieß Amt bekleidete. — 259— verſehn bei der Tochter der Auguſte, die auch ein Auguſtus unſerer Tage freudig für die Sei⸗ ne erklaͤrt. Und Ihr, wackerer Prinz, dem der Wahlſpruch„ich dien“ ſo wohl anſtehet in jeg⸗ licher Art, kommt herbei, es iſt, dem Himmel ſey Dank, nicht ein gefangener Koͤnig*), der Eurer Dienſte begehrt.—— Da trat Bona Sforza zu der Prinzeſſin, und befragte ſie mit Behutſamkeit um den Inhalt des Geſpraͤchs mit ihrem Sohn.— Der Koͤnig— ſprach Anna ziemlich laut— der Koͤnig hat ſich eben fuͤr den Vater meiner Lochter erklaͤrt, und ſcheint ſtracks zur Ausuͤbung ſolchen Amtes ſchreiten zu wollen, indem er trachtet, ſie unter die Haube zu bringen.— Darauf verneigte ſie ſich tief und feierlich, und nahm ihren Platz in der Ver⸗ ſammlung, welche der Schall der Trompeten und Pauken eben zum Fackeltanz in den Saal zu⸗ ruͤckrief. Laͤngs den reichgeſchmuͤckten Waͤnden reihten ſich die Eintretenden zu der Ceremonie, welche zu jener Zeit bei jeder feſtlichen Zuſam⸗ menkunft fuͤrſtlicher Perſonen unerlaͤßlich war. * Anſpielung auf Koͤnig Johannes von Frankreich, den, als er bei Poitiers geſangen worden, der Sieger bei der Mahlzeit bediente. 7 —— — 260— Nit leichter Neigung des Hauptes ergriff Sieg⸗ mund Auguſt die Hand der Koͤnigin Mutter, welche ihr Rang ihm fuͤr dieſen Tanz zur Ge⸗ faͤhrtin beſtimmte, und fuͤhrte ſie an die Spitze der Reihe. Ihm folgte als Fremder der Her⸗ zog von Ratibor, die Prinzeſſin von Mazowien leitend. Helenen war der dritte Platz und der Herzog zu Liegnitz zu Theil worden, und dieſen Beiden folgten die Großen des Reichs und Ho⸗ fes mit den Damen, jeder nach ſeinem Range. Nach einem kurzen Vorſpiel verbeugte ſich Sieg⸗ mund Auguſt gegen ſeine Mutter, ließ ihre Hand los, und zog mit der Rechten den mit Edelge⸗ ſteinen beſetzten Saͤbel, waͤhrend er mit der Lin⸗ ken die Fackel ergriff, die ihm der Hofmarſchall der Krone, der Koͤnigin aber der Krontruchſeß darreichte; dann gab er mit einem leichten Tritt gegen den Boden das Zeitmaaß an, und ſchritt vorwaͤrts, ohne ſeine Dame zu fuͤhren, in ma⸗ jeſtaͤtiſchem Tanz. Jeder, wie ihn die Reihe traf, entbloͤßte den Saͤbel, welche ſolchen, denen ihre Maskenkleidung denſelben nicht zu tragen vergoͤnnte, einer ihrer Diener uͤberreichte, nahm die Fackel, die Fuͤrſten und Prinzeſſinnen aus den Haͤnden der Hofjunker, die Andern aber — 261— von der Dienerſchaft, und folgte den Vorange⸗ henden. Waͤhrend einer Wendung, die der Tanz nothwendig machte, beugte ſich der piaſtiſche Fuͤrſt aus Schleſien zu ſeiner ſchoͤnen Genoſſin und fliſterte ihr zu: Pbſchon die Stelle, die Euch heute zu Theil worden, hochgeborne Muhme, mir das Gluͤck verſchafft an Eurer Seite zu ſeyn, ſo wuͤnſchte ich doch, Euch an einer andern zu ſehen und mit mir wuͤnſchet es das ganze Haus der Piaſten.—— Nicht das ganze, Herr Her⸗ zog— entgegnete die Jungfrau—, wenn Ihr mir die Ehre erweiſet, die Tochter des Leon Odrowonz zu demſelben zu zaͤhlen. Ich begnuͤ⸗ ge mich gern mit einer Stelle, die mir die Ehre gewaͤhrt, von meinem furſtlichen Blutsfreund ge⸗ leitet zu werden, und wuͤrde mit einer gering⸗ ern noch zufrieden ſeyn, die dem Sdelfraͤulein geziemt.—— Ihr vergeſſet— ſprach der Her⸗ zog—, daß Eure Ahnen von der Stelle ver⸗ draͤngt worden ſind, die ich meine, und ſomit auch Ihr, und daß Euer ganzes Geſchlecht auf Euch die Augen richtet, hoſſend, Ihr werdet durch Liebreiz und Tugend das wieder erwerben, was einſt Liſt und Gewalt Euch geraubt.—— Da antwortete Helene ſanft und gleichmäthig: — 262— Man ſagt, der Stamm der mazowiſchen Herzoge habe Unrecht erlitten durch den Jagiello und ſeinen Nachkommen, doch nicht allgemein habe ich ſo ſprechen hoͤren; ſollte dem aber ſeyn, wie ihm vielleicht nicht iſt, ſo halte ich es, mein Herr und Fuͤrſt, fuͤr wuͤrdiger, Unrecht zu lei⸗ den, als es zu thun, und achte den Verdraͤng⸗ ten ſeliger, als den, welcher trachtet Andere zu verdraͤngen.—— Noch wollte der Piaſt etwas erwiedern, da ſchloß der Koͤnig, welcher im Voruͤbergehen ſchon einigemal mit Unruhe nach den offenen Fenſterthuͤren geblickt hatte, zu ei⸗ niger Verwunderung der Anweſenden den Rei⸗ hen, welcher gewoͤhnlich eine halbe Stunde waͤhrte, fuͤhrte mit mehrerer Eile, als es die Hofſitte erſtattete, ſeine Mutter zu ihrem Sitze zuruͤck, winkte dem Wojewoden von Lublin und verließ ſchnell mit ihm den Saal. Als in dem Getuͤmmel der ſich trennenden Laͤnzer Petrus Boratynski in die Naͤhe des Großfeldherrn kam, raunte ihm dieſer zu: Ich hoffe doch Neffe, daß man nicht verſaͤumt hat, genugſame Wachen in den Gaͤrten auszuſtellen, damit kein Schade geſchehe. Es ſcheint mir hier ſo ſchwuͤl und dumpf, und wenn ich dieſe Wolken betrachte— — 263— ſetzte er hinzu, fluͤchtig nach der Koͤnigin Bona blickend, die finſter und, wie es ſchien, durch des Koͤnigs eilige Entfernung beleidigt geſeſſen, ſich aber nun erhob und in Geleitſchaft einiger ver⸗ trauten Damen und des Wojewoden von Krakow nach dem Garten zu ſchritt— wenn ich dieſe Wolken betrachte, duͤnkt es mich, als koͤnne ein Gewitter ſich zuſammenziehen. Thut ſo wohl, Herr von Belzk, ein wenig zum Rechten zu ſehen.— Darauf ſprach er einige Worte ihm ganz leiſe in's Ohr und endlich lauter— Ich folge Euch alsbald.— Schon vor dem Beginnen des Fackeltanzes hatten viele der Geladenen ſich in die verſchie⸗ denen Gegenden des Gartens vertheilt, und nach Aufhebung deſſelben eine noch groͤßere Anzahl den Saal verlaſſen, um ungezwungen die ihnen noch neue Luſtbarkeit zu genießen. Hin und wieder waren Muſikchore in Buͤſchen verborgen, welche aus wohlberechneter Entfer⸗ nung ſich antworteten; auf den lichten Stellen reichlich vom Schimmer der Lampen erleuchtet, ſah man Jahrmarktbuden gleich am Ufer des Bachs, deſſen Arm die Gaͤrten durchrauſchte, 264 oder am Rande eines Beckens, in dem der Springquell ſich erhob und plaͤtſchernd nieder⸗ fiel, Schenktiſche errichtet, deren Erfriſchungen die, welche dem Zwang in der Naͤhe der hoͤchſten Perſonen entfliehen wollten, von Zeit zu Zeit weid⸗ lich zuſprachen, den trocknen Gaum mit dem In⸗ halt der Flaſchen netzend, die auf Begehren eine freundliche dienſtbare Hebe, in der Tracht der Gebirgsbewohnerin, oder ein ſtattlicher Keller⸗ meiſter, als Scapin oder Scaramuzzo verkleidet, den kuͤhlenden Fluthen entzvg. In mehreren der vielen Runde, die regelrecht gezogene Pfade von allen Seiten durchſchnitten, waren die umgebenden Ulmen, Linden und Roßkaſtanien⸗ bäume, unter einander durch Geflechte von gruͤ⸗ nendem Tannenreiſig verbunden, mit Blumen und leiſe hin und her wiegenden Papierlampen geſchmuͤckt. Der Raſen ihres Bodens war ge⸗ ebnet, und beim ſanften Schall nicht allzu naher Blasinſtrumente, vereinigten ſich die juͤngern Gaͤſte hier zu dem froͤhlichen Krakowiak, oder dem kunſtreich lieblichen mazowiſchen Kreistanz. So hatten Freude und Lebensluſt den weiten Park bevoͤlkert bis an ſeine aͤußerſten Graͤnzen, die ſich an einer Seite in einem hochſtaͤmmigen — — — 265— Walde verloren, der, wie die Sage berichtete, einſt zu dem ſich weit erſtreckenden Haine gehoͤrte, den 1100 Jahre fruͤher Lech den chrobatiſchen Goͤttern geweiht hatte, auf der andern aber ſich zu dem Dorfe Lobzow hinzogen, zu dem eine Bruͤcke uͤber das Fluͤſchen fuͤhrte. Die Milde des Koͤnigs hatte an dieſem Tage kurz vor Mitternacht das Thor öffnen laſſen, wel⸗ ches gewoͤhnlich hier den Eingang verſchloß, da⸗ mit ſeine Unterthanen geringern Standes, auch ihren Antheil nehmen koͤnnten an den Vergnuͤ⸗ gungen der Edelgebornen und nur weiter ruͤck⸗ waͤrts gegen die Mitte waren Wachen ausge⸗ ſtellt, das uͤbermaͤßige Zudringen zu verhindern, als Neger gekleidet und ſtatt Saͤbel und Helle⸗ barde mit unſchaͤdlichen Staͤben bewaffnet. So erfreute ſich alſo im Park des Herrn manch ehrlicher Landmann und friſche Bauerndirne, und ſie umringten fleißig die auch hier aufge⸗ ſtellten Tiſche, deren Laſt, obſchon weniger ge⸗ waͤhlt, als die der weiterhin befindlichen, dem genugſamen Volke Speiſe und Trank der Goͤt⸗ ter duͤnkte. An dieſer Stelle, welche hart an den gewundenen Pfad ſtieß, auf welchem wir im Anfange dieſes Abſchnittes den drei wan⸗ — 266— delnden Maͤnnern gefolgt ſind, ſtieg Waclaw Siewrak auf und nieder mit allen Zeichen des Mißbehagens, einer verlornen Feldpoſt gleich, deren Abloͤſungsſtunde ſchon lange geſchlagen. Die haͤufigen Beſuche am Schenktiſche, den er auch heute nicht verabſaͤumt, ſchienen die ge⸗ wohnte Wirkung verfehlt, und die uͤble Laune noch geſteigert zu haben, welche jetzt in mur⸗ rendem Selbſtgeſpraͤch auszubrechen anſing. Schoͤne Verrichtung, brummte er— herrlicher Auftrag, waͤhrend Andere und auch meine wackern Burſchen ſich luſtig machen, meſſe ich nun ſchon zum dreißigſten Mal die Laͤnge und Breite dieſes Platzes, und wozu? um aus den Haufen der Bauerdirnen drei auszuſpuͤren, die der Hen⸗ ker auffinden mag aus dem Gewimmel von ro⸗ then, blauen und braunen Kurtken, Roͤcken und Roͤckchen. Was mag der alte vertrocknete Gau⸗ dieb nur mit ihnen wollen? Ja, wenn ich es waͤre?— Aber ich bin heute uͤbel geſtimmt, denn die Wuͤrfel ſielen ſchlecht, und die meini⸗ gen hatt' ich vergeſſen; und ſo haben ſie mich rein ausgeſchaͤlt im Spiel, ſo daß es ein Gluͤck iſt, daß heut der Herr Koͤnig hier Wirthshaus haͤlt, der kein Geld nimmt. Es iſt aber immer — 267— ein ſchlechtes Ding darum, die Naͤthe des Beu⸗ tels zu fuͤhlen, und haͤtte ich noch da drinnen bleiben koͤnnen, es haͤtte mir gewiß irgend ein Perlenſchnuͤrlein, oder ſonſt ein Kleinod in die Haͤnde fallen ſollen, die dem Fiſch auf einmal vom Trocknen helfen konnten. Hier aber unter dem Bauervolk iſt nichts zu holen, was werth ſey, daß der ehemalige Schreibergehuͤlfe des Mar⸗ ſchallamtes ſich in Bewegung ſetze, und daͤchte ich nicht, daß der Alte auch dießmal mit einem Beutelchen herausruͤckt, wahrlich ich ließe Dirnen Dirnen ſeyn, und ſaͤhe zu, wo es etwas Beſſe⸗ res giebt.—— Indem rauſchte es neben ihm im Graſe, und eine hohe dunkle Geſtalt, der die Federn des Helmes eine ſcheinbar uͤbermenſchli⸗ che Groͤße verliehen, eilte mit langen Schritten voruͤber, ſorgſam umherſchauend, dann verweilte ſie, wandte ſich zu ihm und fragte kurz: Wer biſt Du?—— Siewrak, der die Stimme des Kaſtellans von Belzk erkannt hatte, verßtellte die ſeinige, und antwortete eben ſo kurz: Von der Dienerſchaft, Hert, und hergeſtellt, Acht zu haben auf die Bauern.—— Haſt Du— fuhr Herr Petrus fort— nicht drei littauiſche Dir⸗ nen unter ihnen bemerkt, von denen die groͤfte — 268— einen braunen Kaſtanik*) traͤgt, die andere aber einen blauen, und einen gruͤnen die dritte?— — D mehr als eine, Herr, und ſo Ihr zu je⸗ nem Liſche dort treten wollet, werdet Ihr eine Braune und eine Gruͤne gewahren, die dem Meth und gebrannten Waſſer tapfer zuſprechen auf des durchlauchtigen Geburttaͤgers Wohler⸗ gehen.—— Dieſe Nachweiſung mochte den Fragenden nicht befriedigen, denn er entfernte ſich ſo ſchnell als er gekommen war, zur großen Zufriedenheit des Siewrak; doch ſollte dieſer noch nicht ungeſtoͤrt bleiben, denn im folgenden Augenblick traten wieder zwei andere Maͤnner auf; der Eine, deſſen weißes Gewand weithin durch das Dunkel leuchtete, ſchien dem Andern, einem Reitersmann ſeiner Kleidung nach, Be⸗ fehle zu ertheilen, und da ſie dem Spaͤher nahe gekommen waren, hoͤrte er die Stimme des Gra⸗ fen von Tarnow folgende Worte ſprechen: Im braunen Gewand, hoͤrſt Du? halte das Ufer des Fluſſes wohl im Auge, unfern von hier wo des Koͤnigs Gondel ihrer wartet, und ſo Du etwas dem Aehnlichen erſcheinen ſiehſt, ſo merke Jaſtanik, bis zur Haͤlfte des Schenkels gehendes Frauen⸗ kleid. — 269— auf, wohin ſie ihren Weg nehmen, und ob ſie begleitet ſind oder nicht; dann, Walenty Bie⸗ lawski, eile mir Bericht abzuſtatten.—— Der weitere Verfolg des Geſpraͤchs war fuͤr Freund Waelaw verlvren, denn die Sprechenden ver⸗ ſchwanden alsbald in den nahen Baumgaͤngen. — Iſt es doch— ſprach jener zu ſich ſelbſt — als ſey es mir beſtimmt, hier allen meinen Freunden und hochanſehnlichen Goͤnnern zu be⸗ gegnen, dem Herrn Petrus Boratynski, der mir den Herrendienſtlohn verabreichen laſſen in voll⸗ wichtigen Hieben, dem Dorffunker, den Gott verdammen moͤge, und endlich gar dem Feld⸗ herrn, vor den ich abſonderliche Scheu getragen mein Lebenlang. Es fehlte nur noch, daß der Großmarſchall kaͤme, und ſeine guͤnſtige Abſicht in's Werk ſetzte mit mir an einem dieſer Baͤu⸗ me, recht zwiſchen zwei Lampen mitten inne, zur abſonderlichen Luſt und Satisfaktion der wohlanſehnlichen Geſellſchaft. Doch, die Gruͤne, die Braune und die Blaue— hm— fragt doch alle Welt nach ihnen, auch die vornehmen Herrn, und ſo ich nicht irre, moͤgen das die abſonder⸗ lichſten Bauerdirnen ſeyn, die jemals Haidegrutze und Cholodziee mit einem Trunk Wisniak hin⸗ — 270— abgeſpuͤlt haben*). Sonach verlohnt es ſich zweifelsohne doch der Muͤhe, dem Weibsvolk aufzulauern, und es duͤrfte abermals ein Saͤck⸗ lein mit Dublonen bereit ſeyn fuͤr den eifrigen Herrendiener.— Dieſe angenehme Hoffnung machte indeß bald einer neuen Beſorgniß Raum. — Und wenn ſie nun kommen, wo werde ich den ſchwarzen Satan finden? Wenn die Leute ordentlich einhergehn, mag man ihn ſchon her⸗ ausſuchen unter Tauſenden, aber heute unter ſo vielen Fratzengeſichtern das ſeine zu erkennen, iſt doch bei der Dunkelheit nichts Leichtes. O Baſe Urſula, warum hat dich heute gerade dein Galan herausgefuͤhrt in das Gebirge, der Bota⸗ nik obzuliegen? es ſcheinet mir, als ſey deine Gegenwart abſonderlich vonnoͤthen.— Als er dieſe Worte ſprach, fuͤhlte er ploͤtzlich einen ſtar⸗ ken Schlag auf die Schulter; erſchreckt kehrte er ſich um, und ſah den ſchwarzen Satan vor ſich, wie ein ſolcher denn gewoͤhnlich nicht weit *) Cholodziec, eine Speiſe von Gurken, ſaurer Milch und Pfefferkraut. Auch die Vornehmen bedienen ſich der⸗ ſelben mit Fleiſch von Huͤhnern, Repphuͤhnern und Wachteln vermiſcht. Wisniak, Meth von ſauern Kir⸗ ſchen. ſeyn ſoll, wenn man ſeiner erwaͤhnt.—— Sie muͤſſen gleich erſcheinen— raunte Aſſano ihm zu— Du haſt ſie Dir doch gemerkt?— — Freilich, freilich, braun und gruͤn und blau. —— Nun ſo gieb fleißig Acht, ob ſie allein ſind, mich aber findeſt Du dort, wenige Schritte durch das Gebuͤſch, beim Waſſerbecken des Del⸗ phins, nicht fern von dem Verſteck Deiner Ge⸗ noſſen.—— Ah dort, wo der dicke Keller⸗ meiſter den halben Vorrath ſeiner Tafel im eig⸗ nen Bauch in Verwahrung gebracht hat, und nun ſanft und ſelig entſchlafen iſt?— Ganz recht und deſſen Stelle ich jetzt verſehe. Wehre Deiner Pflicht, Schurke, oder—— Schon gut, ſchon gut, geſtrenger Herr Famulus; Ihr kennet mich ja und meine treu gehorſamliche Befliſſenheit.—— Der Neapolitaner war kaum aus den Augen des Herrendieners verſchwunden, als von dem Mittelpunkte des Gartens her eine rauſchende Muſik ertoͤnte, welche die uͤberall befindlichen Choͤre auf gleiche Weiſe beantwor⸗ teten, als kuͤndigten ſie den Anfang einer neuen Luſtbarkeit an, vder riefen eben angelangten er⸗ lauchten Gaͤſten ein freudiges Willkommen. Neugierig, doch ſchuchtern, draͤngten die Land⸗ leute, die gaſtfreien Tafeln verlaſſend, ſich vor⸗ waͤrts der Gegend zu, aus welcher das Getoͤſe herkam, ſelbſt die Bewirthenden und die wacht⸗ habenden Pſeudo⸗Neger entfernten ſich von ih⸗ ren Poſten, um zu ſehen was ſich druͤben be⸗ gaͤbe, und Waclaw Siewrak fand ſich allein. Der Tanz hatte im großen Saale fortge⸗ dauert, doch war weder der Koͤnig, noch ſeine Mutter dahin zuruͤckgekehrt, noch die, welche ihnen gefolgt waren. Um ſich, wie ſie ſagte, in der Kuͤhle der Nacht von der Erhitzung zu erholen, welche die Menge der Kerzen und das Gedraͤnge ihr verurſacht, ließ Bona Sforza ſich in einem herbeigebrachten Seſſel nieder, und bald folgten die meiſten Damen ihrem Beiſpiel, auch die Wojewodin von Podolien, die, ihre Lochter zu ſich beſcheidend, das Geſpraͤch unterbrach, das ſich zwiſchen der grie⸗ chiſchen Jungfrau und dem jetzt ſehr bered⸗ ten Silentiar entſponnen hatte. Unſtaͤt ging der Koͤnig von einer Gruppe der Anweſenden zu der andern, und die Leutſeligkeit, womit der erlauchte Gaſtgeber hin und wieder Manchem der Herren und Frauen zuſprach, trug die Spur — 273— des Zwanges. Der Großfeldherr und der Ka⸗ ſtellan von Belzk waren in die Verſammlung zuruckgekehrt, und der Erſte nach einem kurzen Geſpraͤch mit dem Hofmarſchall, dieſem zum Mo⸗ narchen gefolgt, welcher ihn mit der gemeſſenen Wuͤrde anhoͤrte, die das Verhaͤltniß ihm jetzt oͤffentlich dem gegenuber anzunehmen gebot, der, wie man glaubte, die begehrliche Hand nach ſei⸗ ner Krone ausſtreckte, doch ſchienen einige leiſe Worte, welche der Graf zu Larnow in dem lautgefuͤhrten Geſpraͤch einzuſchalten wußte, die Unruhe Siegmund Auguſts zu vermehren. Nach und nach verbreitete die Spannung, die unter den hoͤchſten Anweſenden obwaltete, ſich unwill⸗ kuͤhrlich auf die Uebrigen, und bald war in dem verſtummten Kreiſe kein Laut der Freude zu vernehmen, als die, welche von Zeit zu Zeit aus der Entfernung heruͤber toͤnten, wo Sorg⸗ loſere und Gluͤcklichere ſich ihr uͤberließen. Da vernahm man den Klang der Hoͤrner und Eym⸗ beln, deſſen wir fruͤher erwaͤhnten; eine Schaar reichgekleideter Damen erſchien, mit ihnen ein junges Knaͤblein, und die Koͤnigin von Ungarn Iſabella, ihr Sohn Johann von Zapolya, die Waiſe, und ihre Schweſtern die Infantinnen Hipp. Borat. zr Lheil. 18 — 274— begruͤßten ihren Bruder und ihre Mutter. Sie trafen alle erſt jetzt von dem Schloſſe zu Spiz (Zips) ein, dem Wittwenſitze der Aelteſten und des jungen entthronten Koͤnigs einzigem Erbgut, um Theil an dem Feſte zu nehmen, welches man heute zu Lobzow beging; ein unbedeutender Zu⸗ fall hatte ſie auf der Reiſe betroffen und ihre Ankunft bis Mitternacht verzoͤgert. Mit der gewohnten Foͤrmlichkeit empfing Bona Toͤchter und Enkel, Siegmund Auguſt mit einer freudi⸗ gen Innigkeit, welche fuͤr Augenblicke die Wol⸗ ken verſcheuchte, die ſich ſeit ungefaͤhr einer Stunde auf ſeiner Stirn gelagert hatten; der willkommenen Unterbrechung einer druͤckenden Stille froh, draͤngte ſich die Verſammlung bunt und geraͤuſchvoll um die Fürſten, und folgte darauf dem Rufe zur Lafel, die in dem breiten Laubgange bereitet war, den von einer Seite die hellerleuchteten Fenſter des Saales, von der andern der ſchimmernde Ehrentempel beſtrahlte. Die Ankunft mehrerer erlauchter Frauen hatte die Rangordnung veraͤndert; obgleich beſtimmt an des Koͤnigs linker Seite zu ſitzen, ſah ſich Helene Odrowonz von ihm und ihrer Mutter getrennt, und die kleine Verwirrung, die ſich erhoben hatte, vergoͤnnte dem jungen Statoſten von Samborz, ſich ihr zu naͤhern.—— Wird die fuͤrſtliche Jungfrau, welche heute von all dem Glanze umſchimmert iſt, der ihr gebuͤhrt— ſprach er leiſe im Geiſte ſeiner Rolle— des geringen Dieners nicht voͤllig vergeſſen, der weit ſich unter der Menge verlierend und ge⸗ ſchieden von dem, was ihm theuer iſt, durch Hofzwang und die Gegenwart Mißguͤnſtiger ver⸗ geblich die Gewalt ſeines Amtes an den Gefuh⸗ len des eignen Herzens geltend zu machen ſucht, die nimmer ſchweigen werden?—— Ihr ſeht ja, Herr Silentiar— antwortete ſie mit Hei⸗ terkeit— daß Helene Odrowonz ſchon um ei⸗ nige Staffeln von ihrer Hoͤhe herabgeſtiegen iſt, und nicht mehr die Stelle derjenigen einnimmt, welche ja auch durch den Zwang der Verhaͤltniſſe und das Treiben der Nißgünſtigen von dem ge⸗ trennt iſt, den ſie liebt. Auch ſcheinet es, als dur⸗ fet Ihr heute Eure Pflicht nur an den Gefuͤhlen uͤben, deren Ihr erwaͤhnt, denn in dieſer er⸗ lauchten Verſammlung ſcheint Niemand geneigt, den Anſtand durch allzu lauten Jubel zu ver⸗ letzen. O waͤre ich doch hinweg, weit hinweg von dieſer wimmelnden Menge, in welcher nur 18* — 276— ein Herz es redlich mit Helenen meint, ein koͤ⸗ nigliches Herz, das ſelbſt dem eignen Kummer erliegt, und den Schmerz und die Sorge ver⸗ birgt unter dem ſchimmernden Prunke des Ran⸗ ges! Waͤre ich ſchon an den Ufern des Dnieſtr, wieder des verwieſenen Levn Odrowonz Tochter! —— Nur ein Herz meinte es redlich mit Euch, und das Herz des Koͤnigs?— ſtiſterte Hippolyt im Lone ſanften Vorwurfs.—— Das Eure— ſprach das Fraͤulein erroͤthend, doch zutraulich— das Eure kenne ich von den Jahren der Kindheit, und wenn ich der Zukunft gedenke, gedenke ich auch deſſen, der nach des Vaters Gebot ſie mit mir theilen wird.—— Da unterbrach ſie eine Stimme mit den Wor⸗ ten: Wer iſt der junge Edelmann in Griechen⸗ tracht, erlauchte Muhme, mit dem Ihr ſo an⸗ gelegentlich ſprecht? Mir daͤucht ich ſaͤhe ihn zum erſten Mal.— Helena ſah auf, und er⸗ blickte den Herzog von Liegnitz, welcher ihr die Hand bot, ſie zur Media noche zü geleiten.— — Mein Verlobter, der edle Staroſt von Sam⸗ borz— verſetzte Helena die Augen ſenkend, doch feſt.—— Euer Verlobter?— wieder⸗ holte der Fuͤrſt im Tone der Verwunderung— — 277— darf auch der Diener des Palaſtes ſeine Augen erheben zu der Enkelin der Kaiſer, der Unter⸗ than zu Boleslaw des Dritten hochgebornem Sproͤßling?—— Solches mag meine Mutter Euch beantworten— lautete Helenens Gegen⸗ rede—, die, Herzog Konrads Tochter, dem Wo⸗ jewoden von Podolien die Hand reichte.—— Sie winkte darauf dem im Zorn ergluͤhenden Braͤutigam einen freundlichen Abſchiedsgruß zu, und folgte dem ſchleſiſchen Fuͤrſten. Jener aber draͤngte ſich an die Seite deſſelben, und raunte ihm in's Ohr: Die Pflicht deſſen, der, obſchon ein Diener, nicht der Eure iſt, gebietet ihm jede Stoͤrung zu verhindern in der Naͤhe des Auguſt, ſtatt eine ſolche zu veranlaſſen; darum behaͤlt ſich derſelbe vor, Ew. Gnaden morgen⸗ den Tages über das zu belehren, was einem Bo⸗ ratynski und polniſchen Ritter zu hoffen und zu thun geziemt.—— Belehren?— fragte der Herzog in hochmuͤthig nachlaͤſſigem Tone, doch mit gedaͤmpfter Stimme und von ſeiner Beglei⸗ terin abgewandt; dann ſetzte er ſchnell hinzu: Wir werden ja ſehen.— Es ging ſehr ſtill her bei der koͤniglichen Nachtmahlzeit; es war als ſey die Freude, der 2 dieſes Feſt geweiht war, von dem Gefeierten ſowohl, als den erhabenen Geladenen gewichen, zuruͤckgeſchreckt durch das Walten finßerer Maͤchte. Fort und fort ſchweifte des Königs Blick hin⸗ aus uͤber die reichbeſetzte, im Glanz der goldenen Prunkgeſchirre ſchimmernde Tafel, in die Daͤm⸗ merung der matterleuchteten Gebuͤſche; die Koͤ⸗ nigin Mutter behauptete nur mit Muͤhe den ſcheinbaren Gleichmuth, der beinahe immer ihre geheimen Empfindungen verhuͤllte; mit Beſorg⸗ niß gewahrte die Koͤnigin von Ungarn die wach⸗ ſende Entfremdung zwiſchen Mutter und Bru⸗ der, die ihrem Hauſe kein Glück weiſſagte; ihr Blick richtete ſich auf die truͤbe Vergangenheit des eignen Lebens, dann auf die ungewiſſe Zu⸗ kunft des verwaißten furſtlichen Knaben an ih⸗ rer Seite, und ſpaniſche Hofſitte verſcheuchte die Heiterkeit von den ſtreng erzogenen juͤngern Infantinnen. Fort und fort ſtanden der Prin⸗ zeſſin von Mazowien die duͤſtern Daͤmonen der Nache und des Ehrgeizes zur Seite, den Be⸗ cher der Lebensluſt ihren Lippen entziehend; mit unerſchutterlicher Feſtigkeit trug ſie die Laßt, welche das Schickſal und die eigne Wahl ihr aufgeburdet, nur dann glimmte in verhal⸗ —.—— — 279— tenem Unmuth ihr ausdrucksloſer Blick auf, wenn er auf die Tochter fiel, die ſtill verzagend dem nachſann, was die wenigen, zwiſchen dem Ver⸗ wandten und dem Gelilebten gewechſelten Worte ſie ahnen ließen; und auch die uͤbrigen Gegen⸗ waͤrtigen ſchienen ein jeder fuͤr ſich, ſich ernſten Betrachtungen dahin zu geben.— So waltete der Geiſt des Truͤbſinns und der Bangigkeit an der Tafel des Koͤnigs von Polen, als erglaͤnz⸗ ten ſtatt ſeines Namenszuges am flammenden Portikus des Tempels die Worte: mene mene rekel, die einſt Belſzazer und ſeine Genoſſen er⸗ ſchreckten— da erſchallte ploͤtzlich ein vielſtim⸗ miges Geſchrei und lautes Schwertgeklirr, dann einige Piſtolenſchuſſe aus der Tiefe der Gaͤrten. Erbleichend ſah Siegmund Auguſt auf; mit hef⸗ tiger Stimme rief er ſeiner Mutter zu: Was iſt das? Der Burgfrieden gebrochen; Waffen⸗ klang im Hauſe des Koͤnigs?—— Die Da⸗ men fuhren aufſchreiend von ihren Sitzen em⸗ por, ſich bereitend zu eiliger Flucht; die Maͤn⸗ ner ſtellten ſich ſchutzend um ſie und die Glie⸗ der des koͤniglichen Hauſes, da naͤherte ſich der Hofmarſchall, dem ein Diener wenige Worte zugeraunt hatte, und ſprach gleichmüthig: Es — 280— iſt nichts— Beruhigt Euch erlauchte Damen und edle Herren; es iſt nichts als ein Gezaͤnk unter dem Bauernvolk, das den Gaben allzu ſehr zugeſprochen, welche die Milde Seiner Majeſtaͤt ihm heute gewaͤhrte.—— Doch indem er ſo ſprach, richtete er einen bedeutenden Blick auf den Gebieter, welcher, dicht umringt von ſeinen erſchreckten Schweſtern, zwiſchen dem Geſetze des koniglichen Anſtandes zu ſchwanken ſchien, das ihm zu bleiben, und einem maͤchtigen Gefuhle, das ihm davon zu eilen gebot. Der Blick traf ihn heftig; mit ſchonender Gewalt druͤckte er die Infantinnen zuruͤck, und war im Begrif, dem Getoͤſe, das immer noch fortwaͤhrte zu fol⸗ gen, da trat ihm Petrus Kmita in den Weg: Unſere Pflicht vergoͤnnet uns nicht, den Koͤnig zu verlaſſen in dem Augenblicke, da man Kampf⸗ geſchrei und Schwerterklang vernimmt, geſtatte alſo Eure Majeſtaͤt ihren treuen Dienern, Euch an den Ort zu begleiten, wo Ihr nicht ohne Gefolge Eure geheiligte Perſon dem rohen Ue⸗ bermuth berauſchten Pöbels ausſetzen duͤrfet.— — Zwar herrſchte der Koͤnig dem Großmarſchall die zornige Frage zu: Wie kommt Euch jetzt die ungewohnte Sorgfalt fuͤr Unſere geheiligte Perſon?—— Doch es war zu ſpät; im Nu entbloͤßten alle anweſende Edelleute ihre Wehren den Koͤnig umtingelnd, die ſchleſiſchen Herzoge traten an ſeine Seite, und Siegmund Auguſt, ein Sklave ſeiner Wuͤrde, mußte nothgedrungen dem dichten Haufen folgen, der langſam nur und mit Muͤhe ſich durch die engen verſchlun⸗ genen Pfade des Parks fortbewegte. Schon fruͤher hatten der Großfeldherr und der Kaſtel⸗ lan von Belzk ſich in der Stille von der Lafel entfernt; auch Bona von Mailand war ver⸗ ſchwunden.— Wir haben den verabſchiedeten Kanzleiboten, den Famulus des Famulus unfern der Bruͤcke verlaſſen, die zum Dorfe Lobzow fuͤhrt; wir finden ihn noch an demſelben Platze, der durch die Entfernung der Neugierigen einſam gewor⸗ den war, und von minder ſorgſam unterhalte⸗ nen, hier und da erloͤſchenden Lampen umgeben, almaͤhlig in tiefe Daͤmmerung ſank. Schon laͤngſt hatte die Glocke des laͤndlichen Kirch⸗ thurms die Ritternachtſtunde ausgeſchlagen, in⸗ deſſen noch erſchienen die raͤthſelhaften Perſonen nicht, die er erwarten ſollte, und der erwachen⸗ 1 — 282— de Hunger geſellte ſich zu der Langweile, um des wackern Siewraks Mißbehagen zum hoͤchſten Grade zu ſteigern. Da ſchien es, als faͤnde ſich Geſellſchaft zu ihm; ein, ſo viel er wahrneh⸗ men konnte, ſehr junger Menſch in reicher Klei⸗ dung, deren Silberſtickerei in dem immer mat⸗ ter werdenden Lampenſchein erglaͤnzte, kam lang⸗ ſamen Schrittes mit geſenktem Haupt und in einander geſchlagenen Armen aus einem Seiten⸗ wege daher. Er ſchien weder den Daſtehenden, welchen das uͤberhaͤngende Laub verbarg, noch ͤberhaupt etwas von dem, was ihn umgab, zu beachten, ſondern vielmehr ſich den eignen Ge⸗ danken zu uͤberlaſſen, die nicht erfreulicher Art ſeyn mochten, denn er ſtieß von Zeit zu Zeit einen tiefen, langgedehnten Seufzer aus; dann folgte unterweilen ein kurzes, etwas gezwungenes Lachen, gleich Jemandes, der eines Andern vder ſeiner ſelbſt ſpottet, er ſtand auch manchmal ſiill und ſtampfte heſtig mit dem Fuße auf den Bo⸗ den, murmelte einige Worte, blickte dann zum Himmel auf, und fiel bald zuruͤck in ſeine vo⸗ rige Stellung, und verſchwand langſam, wie er gekommen war, im Schatten der entgegengeſetz⸗ ten Geſtraͤuche. Die wunderliche Weiſe des ſil⸗ . — — — —— — 283— len Wanderers machte es dem unbemerkten Zeu⸗ gen wahrſcheinlich, er ſaͤhe Einen, der des Gu⸗ ten zu viel gethan habe am heutigen Tage, da Wein und Meth reichlich floſſen ohne die laͤſti⸗ ge Bedingung des Zahlens, und er ſehnte ſich recht lebhaft darnach, bald aͤhnlichen Gluͤckes theilhaftig zu werden; als aber der Juͤngling nochmals erſchien und ſich entfernte, und zum dritten Mal immer mit den naͤmlichen Bewegun⸗ gen, da hoͤrte Waelaw, deſſen Art es ohnehin nicht war, ſich allzu viel um Leid und Freud des Naͤchſten zu kuͤmmern, auf, Acht auf ihn zu haben. Aber eben als der wunderliche Wandler zum vierten Mal auf den oden Plan zuruͤck⸗ kehrte, erſchallte es auf dem hoͤlzernen Bruck⸗ lein wie die leichten Tritte einiger Frauen. Der gehoͤrte Ton erweckte gleichmaͤßig die Aufmerk⸗ ſamkeit Beider; der unbekannte junge Menſch richtete den Blick nach der Gegend, von wel⸗ cher er herkam, aber, als ſey er unzufrieden uͤber die Stoͤrung, zog er ſich alsbald zuruͤckz Waerlaw hingegen, welcher hoffte, es ſeyen die lange Ausgebliebenen die ſich nun zeigten, fand fuͤr gut, ſeinem fruͤheren Verſteck hinter einer weitaͤſtigen ſchattenreichen Buche getreu zu blei⸗ — 284— ben. Wirklich erſchienen drei weibliche Geſtal⸗ ten, an deren Kleidung, der geringen Helle un⸗ geachtet, die bezeichneten Farben zu erkennen waren. Sie nahten ſich Schritt vor Schritt und mit einiger Vorſicht; als ſie ſich aber unfern von dem verborgenen Aufpaſſer befanden, ſtanden ſie und die groͤßere unter ihnen hob an: Welcher von dieſen Wegen mag wohl in die Naͤhe des Schloſſes führen? Ich war nur ein⸗ mal in Lobzow und mag mich nicht zurecht fin⸗ den. Es ſcheint als ſey alles der Erleuchtung zugeſtroͤmt, darum meine ich, wir gehen noch etwas vorwaͤrts, um eine Wache oder ſonſt Je⸗ mand zu finden, der den Herrn von Lublin be⸗ nachrichtige.—— Chut dem nicht ſo, gnaͤdig⸗ ſte Frau— fliſterte die Andere— es iſt ſo dunkel dort in den Buͤſchen— Wer mag wiſ⸗ ſen, ob nicht irgend wuͤſte Geſellen, die wohl oft zu ſolchen Gelagen ſich draͤngen, darin ver⸗ ſteckt ſind, und ihr Begegnen uns auf den Tod erſchrecken moͤge; bleibt nur wenigſtens ſo lange auf dieſer einſamen Stelle, bis Euer Gefolge die Bauernkleidung angelegt hat und herankommt; da Ihr doch, wie ich Euch in geziemender Ehr⸗ erbietung rieth, daſſelbe nicht erwarten wolltet. ———— — Du biſt ein gutes Kind, Lueie Oſtrorog— nahm die Erſte abermals das Wort mit Laͤcheln — aber Du weißt noch nichts von der Unge⸗ duld den Geliebten wiederzuſehn.— Oder wuͤß⸗ teſt Du doch davvn?— Du magſt indeſſen nicht Unrecht haben: ich fange an zu fuͤrchten⸗ daß mein Gemahl nach ſo langer Verzoͤgerung nicht mehr an meine Ankunſt glaubt; auch habe ich verſaͤumt ihm zu melden, von welcher Seite ich kommen werde: das Nachtmahl ſcheint bereits begonnen, die Dorfleute ſind wohl dem ungewohnten glaͤnzenden Schauſpiel zugeeilt, auch hoͤre ich keinen Schritt eines Wachtpoſtens in der Naͤhe, ich will alſo hier verweilen, bis mei⸗ ne Leute mich finden, vder ich Botſchaft erhalte vom Schloſſe.—— Die ſoll Ew. Gnaden alsbald haben— ſprach die Dritte munter— Ich furchte mich nicht und werde ſchnell laufen, daß ich Jemand ſinde, der Eure Anweſenheit denen berichtet, die ſolche zu wiſſen noͤthig ha⸗ ben.—— Vielleicht den jungen Bielawski? fragte die Gebieterin mit herablaſſendem Scherz — er wartet wohl Deiner, wie ein Anderer meiner wartet, und ihn haͤlt nicht ſo wie ſeinen Herrn der Zwang der Sitte von dem Stelldich⸗ — 286— ein ab; geh nur, geh, und wenn Du ihn fin⸗ deſt, ſage ihm er ſolle ſich beeilen.—— Gut, wenn ich ihn faͤnde— erwiederte die Kleine— der wuͤrde fliegen wie der Pfeil vom Bogen, ſchneller noch als jetzt ich!— damit lief ſie den Baumgang entlang, hart an Siewrak vor⸗ uͤber; der aber murmelte in ſich hinein: Gna⸗ digſte Frau, geziemende Ehrerbietung, Lucie Oſtrorog? abſonderliche Baͤuerinnen, die ſolche Namen fuͤhren und Litel und dergleichen Re⸗ densarten gebrauchen. Den Hofmarſchall des Reiches will ſie beſcheiden? Und die Kleine, die eben voruͤber rannte; meinen ganzen Lohn, der mir nun nicht entgehen kann, will ich ver⸗ wetten gegen einen Becher ſchalen Bieres, wenn es nicht Toſia war, die Tochter des Gaſtwirths aus Jwanowiee, die nach dem Bielawski laͤuft, der mir einmal ihretwillen ubel mitgeſpielt. Und die Andere, die gnaͤdigſte littauer Landdirne? Ihr Gefolge will ſie erwarten; ſo muß ja, was geſchehen ſoll, bald geſchehen.— Still verließ er ſeinen Platz und ſchlich davon; an der an⸗ dern Seite aber raſchelte es ein wenig im Lau⸗ be, als traͤte zwiſchen demſelben Jemand behut⸗ ſam naͤher.—— Die Frau Schatzmeiſterin— —— — 4 — 287— ſagte darauf die Traͤgerin des brannen Kaftanik zu ihrer Genoſſin— wuͤrde mir wahrſcheinlich ein ſtrenges Duennengeſicht nicht vermiſſen laſ⸗ ſen, wuͤßte ſie um das naͤchtliche Wagſtuͤck der Durchlauchtigſten.— Und, nicht wahr Lucie, auch Du meinſt, es waͤre nicht ganz am unrech⸗ ten Hrte angebracht? Wohl haͤtte ich mich in Geduld faſſen ſollen, bis meine Littauer be⸗ reit waren, mir zu folgen; die Sehnſucht nach ſo langer Abweſenheit, nach einem Zeitraume, in dem ſo vieles ſich zugetragen, hat die Acht⸗ ſamkeit uͤberwogen, die freilich der gebuͤhrt, die auf der Hoͤhe ſteht, zu der des Koͤnigs Hand mich geleitet. Du magſt alſo immer ein wenig ſchelten, Lucie, ſind wir doch Jugendfreundin⸗ nen, und Frau Horonoſtay iſt weit von hier.— — Laͤchelnd und kopſſchuͤttelnd antwortete das Fraͤulein: Schelten mag ich nicht, wie koͤnnte ich es auch uͤber mich gewinnen, meiner koͤnig⸗ lichen Freundin ein herbes Wort zu ſagen; doch graut es mich auf dieſem oͤden Platze, der ſo einſam ſcheint und es vielleicht doch nicht iſt, denn ich glaube ein Kniſtern in den Buͤſchen gehoͤrt zu haben und leiſe Tritte.—— Möch⸗ teſt Du mich doch mit Deiner Furchtſamkeit — 288— einſchůchtern— verſetzte die Andere, indem ſie beſorgt umher ſah—, doch zum Gluck iſt das Dorf ſo nahe, daß ein einziger Ruf, wenn es noth thun ſollte, uns Beiſtand verſchafft.— Das Dorf— meinte Lueie— iſt ganz leerz alle VBewohner ſind dem Feſte zugelaufen, Kranke, Greiſe und Kinder ausgenommen, die uns ſchwer⸗ lich Hulfe leiſten koͤnnen, auch iſt das Wirths⸗ haus, wo unſere Reiter ſich umkleiden, am an⸗ dern Ende gelegen— und ſo—— In die⸗ ſem Augenblicke ſtrzte Toſia bleich und athem⸗ los herbei, und hinter ihr zeigten ſich fuͤnf vder ſechs Maͤnner, welche ſich zwar taumelnd, gleich Trunkenen, doch eilig und geraͤnſchlos naͤherten⸗ Zu gleicher Zeit erſchienen von zwei andern Seiten aͤhnliche Schaaren. Dieß Zuſammen⸗ treffen wuͤſter Nachtſchwaͤrmer auf einem Platze⸗ wahrſcheinlicher ein Werk der Verabredung als des Zufalls, erfuͤllte die Damen mit Schrecken. Raſch wandte die Gebieterin ſich zur Flucht, das Fraͤulein aber ſank mit einem erſtickten Schrei in Ohnmacht. Waͤhrend Jene und ihre Dienerin ſich bemuͤhten, die Bewußtloſe vom Boden aufzunehmen, begannen die Geſellen in ſichtbar gewaltthaͤtiger Abſicht, doch immer ohne F. — 289— zu ſprechen, ſie zu umringen, da ſtuͤrmte aus dem Geſtraͤuche mit hochgeſchwungenem Saͤbel eine ſchlanke Junglingsgeſtalt und trat ſchutzend vor die Bedraͤngten. Platz da, Platz— raunte Waclaw ihm zu— miſchet Euch nicht in Din⸗ ge, die Euch nicht angehen, Junker, und ſtoͤret nicht ehrliche Geſellen, die ſich eine Luſt machen wollen an des Koͤnigs Tage mit ſchmucken Bauer⸗ dirnen!—— Des fungen Menſchen Erwiede⸗ derung war, e wortlos, doch kraͤftig, denn nmit einem tuͤchtigen Hiebe über das Geſicht tau⸗ melte der Schreiber abſeits, der nun den ge⸗ hofften Lohn dahin hatte, und den kößtlichen Rebenſaft, nach dem ihn ſo ſehr verlangte, für's erſte nur zu Umſchlaͤgen und Baͤhungen benutzen konnte. Sichtlich erbittert, obgleich wie fruͤher im Schweigen verharrend, draͤngte die Maſſe ſich immer dichter um die bleiche Frau, welche ihre lebloſe Freundin in den Armen hielt; rechts und links flog der Saͤbel des Edelknaben, und Mancher theilte das Schickſal des Genvſſen, doch hin und wieder ſah man Dolche blinken, die einzige Waffe, welche die Maͤnner zu fuͤhren ſchienen, und die heldenmuͤthige Aufopferung des Juͤnglings waͤre unfehlbar mit dem Lode Hipp. Borat. 3r Theil. 19 — 290— vergolten worden, ohne das unvermeidlich ſchei⸗ nende Schickſal, das ſeinen Schuͤtzlingen drohte, von ihnen abzuwenden, haͤtte nicht Thevphila, die Tochter des Kaspar Gierzanek, das Beßte erwaͤhlt, was in dieſem Augenblicke zu thun war: ſie fand ſich nicht in dem ſich fortwaͤhrend verengenden Kreiſe eingeſchloſſen, und benutzte ihre Freiheit gegen die Bruͤcke zu laufen, und ſo laut und durchdringend als moͤglich um Huͤlfe zu rufen; auch antworteten mehrere Stimmen unverzuglich in geringer Entfernung und man vernahm die Tritte vieler Eilenden. Nit erhoͤ⸗ heter, uͤber ſeine Jahre und Kraft gehender An⸗ ſrengung ſchuͤtzte noch immer der Page Stanis⸗ law Lacki die Frauen vor den Feindenz er ſchrie, ſeiner hellen Knabenſtimme die moͤglichſte Kraft gebend: Herbei, herbei ihr wackern Maͤnner; herbei zur Rettung der Gebieterin gegen feige Schurken und gedungene Meuchelmoͤrder! und es war ihm, obſchon aus mehreren Wunden blu⸗ tend, gelungen, die Damen unberſehrt zu be⸗ wahren, als unter lautem Geſchrei eine Schaar Littauer, mit Saͤbel und Piſtolen verſehen, her⸗ anſlog. Bald draͤngten nun die kampfgeuͤbten und wohlgewaffneten Krieger die beſtürzten Soͤld⸗ — 291— ner des Verbrechens zuruͤck. Waelaw hatte laͤngſt ſein Heil in der Flucht geſucht, auch ſeine Gefaͤhrten fingen an ihm zu folgen, doch traf noch Manchen don ihnen die Wehr eines ruͤſti⸗ gen Littauers zum Tode, und viele der nachge⸗ ſandten Kugeln verfehlten auch im Dunkel der Gebuͤſche ihr Ziel nicht. Noch bebend von Ent⸗ ſetzen beſtrebte die Gebieterin mit Toſiens Huͤlfe das Fraͤnlein zu ermuntern, und den allgemach erbleichenden und wankenden Vertheidiger zu unterſtuͤtzen; noch toͤnte das zornige Geſchrei der Maͤnner der Leibwacht und das Wehegeheul der Verwundeten, als mehrere Frauen und Maͤn⸗ ner raſchen Schrittes auf die Lichtung traten. Die Eine der Erſten, welche auf dem ſchwarzen Wittwenſchleier eine funkelnde Krone trug, ging ſchnell vorwaͤrts, ſchaute ſich um und ſprach: Hier war es; von hier erſchallte der Laͤrm!— Es ſcheint— antwortete Petrus Kmita— der, wir wiſſen nicht, wie und warum? ſich von der Begleitung des Koͤnigs, die er ſelbſt ihm auf⸗ gedrungen, entfernt hatte, um ſich an die Koͤ⸗ nigin Mutter zu ſchließen— Es ſcheint, als ſey es ſcharf hergegangen, denn ſogar Todte und Verwundete bedecken den Plan.— Er winkte 19* hierauf ſeinen Begleitern und die, welche im Streit ſchon den Lohn ihres Frevels empfangen hatten, wurden bei Seite geſchafft, mit einer Eil, welche glauben ließ, daß man ihre Gegen⸗ wart fuͤr nichts weniger als nothwendig und er⸗ ſprießlich hielt. Waͤhrend dem hatte ſich Bona der ſchweigenden Truppe genaͤhert, hinter welcher die ſiegende Schaar in ſchnell geordneten Rei⸗ hen ſtand. Da wandte ſie ſich zu der Frau im braunen Gewande, gleich als ſey ſie es allein, welcher das Vergangene beizumeſſen, und fragte mit dem Ausdrucke des Hohnes und Grolles, die nach langer Unterdruͤckung ſich der Gelegen⸗ heit erfreuen, welche ihnen den Ausbruch geſtat⸗ tet: Wer biſt Du, Dirne, deren zuchtlos naͤcht⸗ liches Herumſchweifen Anlaß giebt zu wildem Gezaͤnk und majeſtaͤtsverbrecheriſchem Waffenſpiel im Hauſe des Koͤnigs?—— Doch die Ge⸗ ſchmaͤhte ſchwieg und verweilte in gebeugter Stellung uͤber der eben zu ſich kommenden Ohn⸗ maͤchtigen, ihr die Schlaͤfe mit geiſtigem Waſſer reibend, welches Thevphila ihr darreichte; durch die Glieder der Littauer aber rauſchte ein Mur⸗ ren des Unwillens und ein leiſes Waffengeklirr, als draͤngten die Krieger ſich ungeduldig gegen — 293— einander.— Und wer ſeyd ihr— herrſchte ihnen die Mailaͤnderin zu, die ihr mit verbote⸗ ner Wehr die Befriedigung des Koͤnigs betretet in todeswuͤrdiger Vermeſſenheit?—— Darauf antwortete der Anfuͤhrer— Littauer ſind wir, Frau Koͤnigin, und ganz an unſerer Stelle, denn wir ſind von des Koͤnigs großfuͤrſtlicher Leibwacht.— Wer aber die iſt, die Ihr ſo hart anfaſſet, darum moͤget Ihr ſie ſelbſt befragen. —— Und abermals heftete die Wittwe Sieg⸗ munds des Alten den feindſeligen Blick auf die holde Geſtalt, die halb kniend vor ihr alles zu vergeſſen ſchien uͤber die Sorge um den Ver⸗ wundeten und die Kranke— und ſprach mit herbem Laͤcheln: Nun, ſo ſage denn, wer Du biſt, die aller Frauenſitte zum Hohn in Dunkel und Einſamkeit mit wuſtem Kriegsvolk im Ge⸗ ſraͤuche verkehrſt? Wir, die Königin, befehlen Dir zu ſprechen, Vaſallin!—— Krampfhaft erbebend vor Wuth verſuchte Stanislaw ſich vom Raſen aufzuraffen, den ſein Blut faͤrbte; die Gebieterin aber legte ihm die Hand auf die Schulter, ihn zuruͤckhaltend, und ſprach nicht ohne Spott: Ihr vergeſſet, erlauchte Frau, daß dieſes ein Maskenfeſt iſt, und nach Eures Va⸗ — 294— terlandes Gebrauch man bei ſolchem keinesweges dem Rede zu ſtehen hraucht, der den Namen zu wiſſen begehret. Darum ſey es genng, wenn ich Euch ſage, daß ich dieſe Gaͤrten betreten habe im Vertrauen darauf, daß in der Naͤhe unſers Koͤnigs und Herrn auch die ſchutzloſe Frau geſichert ſey. Da er jedoch nicht allein hier hauſet, hab'ich fuͤr gut befunden, mich von etlichen wackern Geſellen begleiten zu laſſen, und wie ich ſehe, war ſolche Vorſicht nicht zum Ue⸗ berfluß.—— Mit Verwunderung hatten die meiſten Begleiter der Koͤnigin den ſeltſamen Auftritt betrachtet: ſie begannen das Unziem⸗ liche deſſelben lebhaft zu empfinden; ſie fuͤrch⸗ teten, Bonens ſelten ſo deutlich hervortretenden Grimm gewahrend, das Aergere des Aersſten vielleicht, und wagten ſie leiſe zur Faſſung zu ermahnen; doch die verhaltene Flamme brach uͤbermaͤchtig aus, und der klugen Warnung nicht achtend, fuhr ſie fort: So meineſt Du, des Koͤnigs Schutz erſtrecke ſich auf unſittliche Dir⸗ nen? Meineſt Du, ſein Park waͤre ein Ort zu verbotener Zuſammenkunft und wilder Schlaͤge⸗ rei, und er werde Dir Gnade angedeihen laſſen und Deinem unbaͤrtigen Galan, der ſein Theil — 295— erhalten hat von den andern Burſchen ſeines Gelichters, welche trachteten, ihm die leichte Beute zu entreißen? Fort von hier, daß Deine Gegenwart nicht laͤnger, daß ſie nimmer dieſe Stelle entweihe!—— Schnell und mit dro⸗ hender Geberde traten die Littauer der Tiefge⸗ kraͤnkten zur Seite; ſie aber winkte ihnen ge⸗ bieteriſch zuruͤckzuweichen, dann richtete ſie ſich hoch auf und ſprach: Wohl meine ich, daß der Koͤnig mich gegen meuchleriſche Gewaltthat, ſte⸗ he der Urheber derſelben auch noch ſo hoch, daß er mich auch gegen Schmaͤhungen ſchutzen wird, die ihn ſowohl als Euch und mich herab⸗ wuͤrdigen.—— Fort!— ſchrie die Mailaͤn⸗ derin, vollig die Herrſchaft uͤber ſich verlierend, mit ſchaͤumendem Munde und mit Blicken, aus denen die erwachte Hoͤlle ihres Innern flammte— Fort im Augenblick, daß Dich nicht die Zuch⸗ tigung treffe, der die Niedriggeborne anheimfaͤllt, welche ſich an die Stelle draͤngt, die ihr nicht gebuͤhrt!—— Da erwachte der Unwillen auch in Barbarens Bruſt; mit ſtolzem Anſtand trat ſie vor die Ergrimmte, und richtete folgende Worte an ſie: Wiſſet Ihr wirklich nicht, Frau Königin, wer die iſt, der Ihr alſo zu begegnen — 296— wagt? Nicht doch, Ihr kennet Uns*) und es iſt Euch ſonach bekannt, daß Euer Uebermuth, ſey er auch noch ſo groß, da wo Wir gegen⸗ waͤrtig ſind, Euch nur die zweite Stelle gebuͤhrt. — Soldaten!— rief ſie mit herriſchem Tone — Machet Raum fuͤr die Koͤnigin von Polen und Grofßfuͤrſtin von Littauen!—— Schleu⸗ nig gehorchten die Maͤnner dem willkommenen Gebot, und traten entſchloſſen vorwaͤrts. Bona ſchaute ſich nach ihrem Gefolge um, ob keine Waffe ſich fuͤr ſie entbloͤße, aber ſie ſah ſich beinahe allein: Viele hatten ſich heimlich von einem Auftritte entfernt, welcher dem Zeugen wenig Gutes zu verſprechen ſchien, und die noch gegenwaͤrtig waren, fanden fuͤr dienlich, in an⸗ ſcheinender Zerſtreuung die Blicke abwaͤrts zu wenden. Ploͤtzlich rauſchte es im Gebüſch, und Siegmund Auguſt erſchien und mit ihm der Feld⸗ herr und Petrus Boratynski; gleich hinter ih⸗ nen langte das Gefolge an, dem er endlich den Vorſprung abgewonnen hatte. Rit einem Aus⸗ *) In einem ſeiner Briefe gebietet Siegmund Auguſt ſei⸗ ner Gemahlin ausdroͤcklich, ſich Fuͤrſten und andern Vornehmen gegenuber, der erſten Perſon der Mehr⸗ zahl zu bedienen. ruf des Entzuͤckens ſlog Barbara in die Arme ihres Gemahls und fliſterte an ſeinem Herzen: D, habe ich Dich wieder, Geliebter meiner Seele? Willkommen Retter von Gewaltthat und Schmaͤ⸗ hung!—— Gewaltthat? Schmaͤhung? fragte der Monarch mit rollenden Augen umherſchau⸗ end— Wer iſt tolldreiſt genug, Frevel zu uͤben in Unſerer Naͤhe? Wer wagt es Unſere Koͤni⸗ gin zu ſchmaͤhen im Hauſe ihres Gemahls?— — Ein Blick auf Barbaren und ein zweiter auf ſeine Mutter beantworteten ſeine Frage, und ſchnell wendete er ſich zu den Gegenwaͤrti⸗ gen, rufend: Kehret zuruͤck nach dem Schloſſe, wir folgen Euch unverzuͤglich mit den durch⸗ lauchtigſten Frauen!— Hinweg! ſchrie er mit donnernder Stimme den Zoͤgernden zu; nur der Kaſtellan der Hauptſtadt mag bleiben und der Hofmarſchall!—— Als nun alle ſich entfernt hatten, und die ſchleſiſchen Herzoge mit ihnen, ſprach er, die gewaltige Bewegung des Gemuͤths daͤmpfend: Sollen Wir Unſern Augen trauen; iſt es Unſere Mutter, die den fuͤrßlichen Anſtand verletzend, deſſen Lehrerin ſie bisher war durch Wort und Beiſpiel, ſelbſtvergeſſen den ungluck⸗ lichen Zwiſt Unſers Hauſes zur Schau legt vor 298— dem neugierig mißguͤnſtigen Auge der Untertha⸗ nen? Iſt es die verwittwete Koͤnigin, welche die Achtung aus den Augen ſetzt, die der Gemahlin des regierenden Herrn zukommt?— — Wie ſollten Wir auch— lautete Bonens hoͤhniſche Gegenrede— eine ſo hohe Dame er⸗ kennen in der Baͤuerin, die mit dem jungen Galan betroffen worden in den Buͤſchen dieſes Gartens, und in Unſerer Gegenwart ſelbſt die ſchimpfliche Sorsfalt nicht verhehlt, mit der ſie die Wunden pflegt, die ihm geſchlagen worden in wilder Balgerei um die verkleidete Schoͤne? —— Gleich als treffe ihn ein Blitzſtrahl, ſo fuhr der Koͤnig empor, dann aber ſchnell und gewaltſam ſich bezwingend, ſprach er mit Nach⸗ druck: Erinnern ſich Eure Majeſtaͤt, wie Unſer Ahnherr Wladyslaw Jagiello dem Verlaͤumder lohnte, deſſen giftige Zunge die Ehre der Koͤni⸗ gin Jadwiga beſudelte, welche die Krone ge⸗ bracht in Unſer Haus? In der Verſammlung der Edeln mußte Gniewoß, der Kaͤmmerer von Krakow, unter einer Bank gleich einem Hunde bellend*) ſich des falſchen Zeugniſſes anklagen, *) geſchichtlich. ₰ ₰ — 205— und ſein Andenken verſiel der Verachtung.— Wir wollen nicht unterſuchen, was hier geſche⸗ hen ſeyn mag, von welcher Urſache die Ver⸗ wundung dieſes heldenmuͤthigen Knaben ſtammt, woher jene blutige Leichname kommen, auf die Unſer Fuß getreten in den Gaͤngen des Parks: huͤtet Euch jedoch, daß der Richter nicht an die Stelle des Sohnes trete, denn ſo wahr Gott uͤber Uns waltet und Unſer Reich, nicht der hoͤchſte Rang, nicht die geheiligten Bande des Blutes werden den ſchutzen, der das Leben Un⸗ ſeres Lebens antaſtet!— Eure Mafeſtaͤt— fuhr er gemaͤßigter ſort— ſehen hier die Wir⸗ thin dieſes Hauſes, und es moͤge Euch gefallen, die Pflicht des Gaſtes im Auge zu halten.— Darauf bot er Barbaren den Arm und geleitete ſie mit koniglicher Wuͤrde durch die Reihen des in der Naͤhe harrenden Hofes. Zaͤhneknirſchend folgte die Italienerin und der Schwur reichli⸗ cher Vergeltung zitterte unhoͤrbar uͤber die ent⸗ faͤrbten Lippen. Als einige Tage darauf Anna von Mazowien ihren Vetter von Liegnitz zu der Säͤnfte beglei⸗ tete, die ihn aus Krakow hinweg zu bringen be⸗ — 300— ſtimmt war, trug er den Arm in der Binde, und ſeine Stirn war verhuͤllt; aus der Prin⸗ zeſſin Augen ſtrahlte der Ingrimm, deſſen gan⸗ zes Gewicht bald auf die ungluckliche Helena fallen ſollte. (Ende des dritten Theils.) Gedruckt in der Koͤnigl. privil. Hofbuchdruckerei von C. C. Meinhold und Soͤhnen.* —— —— ſſſ 5 2 8 9 10 11 6 1