— — — Leihbibliothek 6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur S 8 6dnard Oikmann in Gießen, 6 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih nd eſebedingungen. 1. otlensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Emn⸗ ſt pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. lihr offen.„. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von „ſ ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— f. „3. särtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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S Littauer nahm die Einladung des Großfeld⸗ herrn an— neue Kruͤge wurden auf die Tafel geſetzt, die Herren legten ſich nieder und Johannes Lacki begann:„Als nach der Schlacht am Dniepr der bochfahrende Sinn des Czaaren gedemuͤthigt war, und auch Kaiſer Maximilian als ein klug erfahrenes Haupt nicht eher dem Koͤnig von Polen öffentlich abſagen wollte, bis er beſſern Erfolg geſehn von den moskowitiſchen Verheißungen, ferner die pereko⸗ piſchen Tatarn geſchlagen waren bei Wiöniowiee durch den Fuͤrſten zu Oſtrog und zuruͤck gekehrt darauf zu ihrer Lehnspflicht gegen die Krone Po⸗ len, ſandte der Czaar Botſchafter nach Krakow und bat um Frieden.— Die eroberten Staͤdte und die Gefangenen wurden zuruͤck gegeben von beiden Seiten, die Geſchlechter derer, die es mit — 4— dem Glinski gehalten, unter freiem Geleit nach Moskau entlaſſen, und denen, die zuruͤck kehren wollten in ihr Vaterland und abſchwören dem bochverraͤtheriſchen Bund, die Vergebung zuge⸗ ſagt des Konigs und des Senats und die Wie⸗ dereinſetzung in ihre Guͤter. Viele von ihnen folgten auch dem Rufe des Vaterlands; unter ihnen aber war Stanislaw Albrechtowicz Gaſtold der nachher Wojewode ward von Troki und der Erſte Gemahl unſrer Koͤnigin Barbarä. Doch derer, die Antheil hatten an dein Morde des Herrn von Zabrzegi, war nicht erwaͤhnt in dem Gnadenbrief, und ſo mußte ich denn blei⸗ ben in der unheimlichen Fremde. Dem Fuͤrſten Michael der taͤglich ſtieg in An⸗ ſehn und Gunſt bei Waſil Jwanowicz dem Groß⸗ fuͤrſten, und ſeinem Bruder dem Waſil, den ſchon ganz Moskau anſah als den Vater der kuͤnftigen Ctaarin, wurden hohe Ehrenaͤmter aufgetragen, und uns allen, die wir mit ihnen waren; reiche Geſchenke gegeben und anſehnliche Stellen. Doch iſt mir nicht wohl geworden im mos⸗ kowiter Land; die Stimme des Vaterlandes tonte laut zu meinem Herzen aus der Ferne, und meine einſamen Stunden waren Stunden des Kummers und nagender Reue. Simeon, der Kniaz Bielski, den ſein ungluͤckliches Geſtirn wie mich zum Zeugen der Mordſcene zu Grodno gemacht hatte, war mein Gefaͤhrte; oft durchritten wir zuſammen al⸗ lein die Gegend um die Stadt Moskau, in duͤ⸗ ſterm Sinnen und traurigem Geſpraͤch. Dann theilten wir uns wieder unſere Hoffnungen mit, wie einer der Zuruͤckgekehrten, wie vielleicht Sta⸗ nislaw Gaſtold, der ſolches uns zugeſagt bei ſei⸗ nem Abgange, uns den König verſohnen werde, und wir jauchzten in dem Gedanken an die Ruͤck⸗ kehr ins Vaterland, die erſt lange, lange darauf erfolgen ſollte, da wir ſchon beinahe Greiſe wa⸗ ren und unſer Lebensmuth verloſchen. So ka⸗ men wir eines Tages nach Kraſnoi⸗Oſirog, dem Landhauſe welches der Großfuͤrſt dem Herr Nichael geſchenkt vor kurzer Zeit. Wir aber meinten er ſey nicht daſelbſt, denn es war tief im Winter, und ſelten war es ihm vergoͤnnt ſich aus der Stadt zu entfernen. Jedoch, als wir hineinrit⸗ ten durch die hoͤlzerne Saͤulenreihe des Eingan⸗ ges, trat uns der Herr von Schleinitz entgegen und begruͤßte uns:„Seyd willkommen in Kraſ⸗ noi⸗Oſtrog, edle Herren, und gehet hinein zum Fuͤrſten, denn er iſt drinn und hat ſeine boͤſe — 5— Stunde.— Sehet zu, wie Ihr ihn moget erhei⸗ tern.“— Da wir in den Saal traten, ſahen wir Herrn Glinski auf und nieder gehen, tief⸗ ſinnig und mit gerunzelter Stirn. Ich ſchritt auf ihn zu, und ſprach:„Wie kommt es, daß man hier findet in der Einſamkeit den erlauchten Herrn Richael Lwowicz, dem da oben alles die⸗ net und hoßret?“— Da antwortete er mit be⸗ deutendem Tone:„Seyd Ihr denn ſchon ſo lange umher gezogen mit dem Glinski, und habt noch nicht gelernt, daß nicht alles Gold ſey was gleißt?— Wohl habe ich wahrgenom⸗ men daß Ihr und Herr Simeon, den ich will⸗ kommen heiße mit Euch, nicht Gefallen findet an dem Getoſe und Lermen auf dem Kreml; ſo will ich Euch wohl geſtehn, daß auch mir es ſchlecht behagt. Glaubet nur, daß mir laͤſtig iſt das ganze Treiben allhier, und es zieht mich fort von ihm in die Einſamkeit, in welcher mich freilich manchesmal finſtere Gebanken anfallen. Aber es muß anders werden. Habe ich darum dem Vaterland abgeſagt, und gethan was mich oftmals gereuet, um der Hofſchranz zu werden eines halbwilden Despoten?— ich, dem der rit⸗ terliche Siegmund nicht gut genug wat zum — — 7— Herrn?— Damit ich hier mich gelangweilt ſehe durch geſchmackloſe Verſchwendung, tatariſche Sitte und ekle Völlerei, der ich die Palaͤſte der Fuͤrſten geſehen im Mittag⸗ und Abendlande, und der Jagiellonen wuͤrdevolles Hoflager?— Habe ich darum die höchſten Ehrenaͤmter in einem freien Lande, gleichgultig von mir zeworfen, und Beſitzthum und Macht in der Heimath, damit ich der erſte Diener werde meiner Nichte, der ſchö⸗ nen und altklugen Helena Waſilewna, die jetzt ſchon oftmals uneingedenk ſcheinet meiner vaͤ⸗ terlichen Sorgfalt, und die hoch herab ſchauet auf Vater und Hheim, weil ein trunkener Bar⸗ bar ſie halb ſo werth haͤlt als ſeinen Krug?— O der herrlichen Belohnung ſo vieler Muͤhe, des glorreichen Epfolgs ſo kuhner Thaten!“— „Und doch iſt es gerade dies,“ wandte der Fuͤrſt Bielski ein;„was Euer Anſehen auf immer begruͤndet in dieſem Land; und fortan durfet Ihr nicht beſorgen, daß Euch die Mittel gebre⸗ chen werden zu dem, was Ihr verhaben moͤ⸗ get.“—„Ja, nachdem es trifft,“ erwiederte Nichael Lowicz,“ Ihr ſelbſt, die, wie ich weiß ſeit langer Zeit, nicht abſonderlich geneigt ſeyd meinem Bruder, dem bedenklichen Herrn Waßlz — 8— Ihr ſelbſt habt mir ſchon geſtanden wie Ihr ge⸗ wahr worden, daß Ihr ihnen hier zu viel ſeyet. Wie waͤre es, wenn die Reihe auch mich einmal treffen ſollte?— Wenn die kleine glatte Schlange nun einmal gekroͤnt iſt, und ſie den aberwitzigen Greis beherrſcht, und durch ihn das Moskowiter⸗ reich, und alle die Reſpektsperſonen ihr laͤſtig daͤuchten, und ſie den Pheim und vielleicht wohl gar den Vater dahin ſchickte, wo ſie hergekommen? Glaubet mir, ich kenne das Fraͤulein.— Ich habe ſie gezogen nach meinem Sinn, da ich ſelbß einſam ſtehe in der Welt. Nun gewahre ich, daß das Werkzeug dem Meiſter zu Kopfe waͤchſt, dem aber, traute Herren, muß ich zuvorkommen in Sil. Nicht lange, ſo wird Helena Glinska heißen Großfuͤrſin von Moskau, und alsbald ſoll in Erfuͤllung gehen, was uns beſchieden. Nicht Rache iſt es mehr, welche mich antreibt gegen Siegmund Jagiello; er iſt ein edler furſtlicher Held, und jetzt erſt mag ich erkennen ſein löbli⸗ ches Weſen, da ich ihn vergleiche mit dem Wa⸗ ſil Jwanowiez, der trotzig iſt im Gluͤck, und ver⸗ zagt wenn das Schickſal ſich wendet, der ſich nur fuhlt als Gebieter, wenn er die Geißel ſchwingt uͤber zitternde Sklaven, und rohe Schwelgerei — ———— — — 9— verwechſelt mit furſtlicher Sitte. Ja meine Her⸗ ren und werthen Freunde, es hat ſich mir das Herz im Buſen gewendet, und Ihr werdet daran kein Aergerniß nehmen, denn es iſt wohl nicht anders mit Euch;— doch ſoll man nicht ſagen, daß das, was ſo groß begonnen, ein ſchmaͤhlich und klein Ende nehme! Mag wer da will Statt⸗ halter ſeyn uͤher Littauen, und des Cjaaren vornehmſter Knecht in dem Lande, und welches vielleicht nimmer erobert wird, aber beſteigen will ich den Fuͤrſtenſtuhl zu Smolensk, den mir der Czaar verheißen; ehe ſoll mein Haupt ſich nicht nieder legen zur Ruhe! Dieſen Lohn will ich davon tragen, damit es nicht heiße, ich habe des Unerhoͤrte gethan, wie ein unbe⸗ ſonnener Knabe, der die Zukunft nicht bedacht. Was weiter geſchehen kann, lteget noch verbor⸗ gen. „Moͤget Ihr denn eine Vormauer werden des Vaterlands,“ rief ich aus mit bewegter Seele;„moͤget Ihr Euch denn entgegenſtellen den Schaaren, welchen es geluͤſtet, ſich zu er⸗ gießen uͤber das Abendland, uͤber die Wohnſtat⸗ ten geordneter Nationen, und die Zeiten zu er⸗ neuern des wilden Hunnenköniges Attila, in Barbatei verkehrend die Sitte, und die Kunſt und die Wiſſenſchaft! Und wohl geziemet es Euch alſo zu thun, auf daß Euch Welt und Nachwelt nicht anklage, daß Ihr herein gefuͤhret habt die Horden, und nicht zum Fluch werde Euer Name in ganz Eurvpa bis zum atlantiſchen Meer, Euer Name, an den wir unſer Loos gebunden, und ſo mancher edle Mann!“—„Gern hoͤr ich Euch ſo ſprechen, Herr Lacki,“ antwortete der Fuͤrſt:„es iſt Eure Stimme die Stimme eines Freundes und Landsmanns, wie ich ſie lange nicht vernommen in dem Saus und Braus am Hofe. Ich ſage Euch aber, wenn Ihr die große Glocke laͤuten hoͤret auf dem Kreml, zur Ver⸗ maͤhlungsfeier, ſo ruͤſtet Euch, denn der Tag der Entſcheidung iſt nah! Lebet denn wohl, und reitet Eures Weges, die Moskowiter ſind arg⸗ woͤhniſch, und wie ich wahrgenommen, bin ich umringt mit Aufpaſſern in meinem eigenen Hauſe.“— Alſo ward der Glinski getrieben vom boͤſeh Geiſte und der Unzufriedenheit und des Mißmuths, da das Gegenwaͤrtige und Erworbene, ihn verlei⸗ dend, ihm fort und fort nur verſcherzte Guͤter zeigte, oder uneyreichbare, bis der Tag kommen — ſollte da ihm die Binde ßele von den Augen und er ſaͤhe, er habe alles verloren.— Vierzehen Tage drauf aber gelangte an die Bruͤder Glinski die Werbung des Czagren, wie er geſonnen ſey, Fraͤulein Helenen Waſilewnen zu erheben zu ſeiner Gemahlin, und zur Groß fur⸗ ſtin von Moskau. Und alle littauiſche Herren, die ſich befanden in der Stadt, begaben ſich im köſtlichen Schmuck und mit großem Gefolge in den Palaſt, welchen Herr Waſil Lwowiez be⸗ wohnte, der juͤngere Fuͤrſt Glinski, um die er⸗ lauchte Braut zu geleiten in den Kreml. Die⸗ ſelbe ward getragen in einer vergoldeten Sänfte, in dichte Schleier verhullt; neben ihr zur Rechten ging Herr Michael der Dheim, der Vater zur Linken. Der aber ſchaute gar uͤbermuͤthig drein. So ſchritt der Zus unter dem Gelaͤut der Glo⸗ cken, dem Krachen des Geſchuͤtzes und dem Hur⸗ rahgeſchrei des Volks langſam nach dem Palaſte der Caaren. Auf den Stufen des großen Ein⸗ ganges aber ſtand Waſil Jwanowiez der Großfurſt, angethan mit dem Schmuck ſeiner Wuͤrde, um ihn her die Kniazen und Bojaren, und der Pa⸗ triarch mit ſeinen Popen. Da ward die Sänfte niedergelaſſen; Fraͤulein Heleng aber ſaß ſtill und — 12— mit niedergeſchlagenen Augen, wie es ziemt ei⸗ ner griechiſchen Braut. Darauf verlas der Kanz⸗ ler Zacharyn mit lauter Stimme die Werbung ſeines Herrn. Herr Nichael und Herr Waſil, die Söhne des Lew, nachdem ſie geziemend gedankt, faßten die Helena jeder unter einen Arm, und ſie ſtraͤubte ſich ein wenig wie es dort Sitte iß. Darauf hoben ſie ſie herab von dem Tragſeſſel, und fuͤhrten ſie zu den Fuͤßen des Czaaren. Der aber ließ die Jungfrau ſo liegen vor ſich eine Weile, dann reichte er derſelben die Hand zum Aufſtehen, und fuͤhrte ſie unter dem PVortritt vieler Herrn und Edlen in die Kirche, wo der Patriarch den Segen ſprach uͤber das großfurſ⸗ liche Ehepaar. Sodann begannen die Feſtlichkei⸗ ten, wie ſie gebraͤuchlich ſind zu Moskau, mit großem Trinken und Schlemmen, wuſtem Geſchrei, und allerlei haͤßlicher Narrentheidung und Mum⸗ merei. Als nun Nitternacht voruͤber war, und Frau Helena gefuͤhrt in ihre Gemaͤcher, und der neue Gemahl, der dem Becher fleißig zugeſprochen, ſich ruͤſtete ihr zu folgen, winkte er den andern hinaus zu gehen, und blieb allein mit den Ge⸗ bruͤdern Glinski und andern littauiſchen Herrn. Von Moskowitern war aber niemand zugegen als Jakob Zacharyn der Kanzler, und der Feldhanpt⸗ mann Jwan Andrzejewicz Celadin. Da ſprach der Czaar alſo:„Nachdem wir uns aus ange⸗ ſtammter Milde entſchloſſen, Eure Tochter Waßil Lwowicz und Eure Nichte Michael Lwowiez, zu erheben zur Hoͤhe unſres Thrones, und auf ſie fallen zu laſſen einige Strahlen des leuchtenden Glanzes, welcher von uns ausgeht, alſo halten wir fuͤr angemeſſen unſerer erhabenen Wuͤrde und unvergleichlichen Groͤße, daß wir loͤſen die Braut mit einer Morgengabe, welche wuͤrdig ſey, mehr deſſen welcher ſie ertheilet, als derer ſo dieſelbe empfangen. Bittet alſo, und unſte Huld wird Euer demuͤthig Flehen vernehmen.“— Darauf verſicherte der Brautvater mit vielen Verbeugung⸗ en und hoͤfiſchen Worten, wie es ihm genuͤge an der hohen Ehre und dem ungemeinen Heil ſo ſeinem Hauſe widerfahre, und er nichts begehre als die Erlaubniß, ſich ferner ſonnen zu duͤrfen an den Strahlen der großfurſtlichen Gnade. Mich aber gemahnten die beiden ganz abſonderlich, und konnte ich kaum ein Lachen unterdruͤcken, als der berauſchte Alte, deß Purpurgewand die Spuren trug der Unordnung des heutigen Feſtes, und deſſen nicht wohlgeſtaltet Antlitz gluͤhete von dem Feuer des Weins und der gebrannten Waſſer, von dem Glanze ſprach, welcher vor ihm ausgehe, in einem Tone, der ſeltſam abſtach von der Weiſe, mit welcher er ſich gemiſcht in die derben Scherzreden ſeiner Zwerge und Narren, und wie der Waſil Glinski, deß Habgier zur Gnuͤge be⸗ kannt war, ſo uneigennuͤtzig ſich gehabte und beſcheiden, in der Meinung unſtreitig, es ſey ja doch nun alles ſein, was er wuͤnſche und begehre. Da nun aber die Reihe zu ſprechen war an Herrn Michael, welchem die Anrede nicht ſonderlich be⸗ hagt haben mochte, warf er einen ſchnellen Sei⸗ tenblick auf mich, und begann alſo:„Wohl iſt es Euch anſtaͤndig, hochmaͤchtiger Czaar und Herr, auch uns, die wir ſchon in mancher Gefahr und vielen kuͤhnen Thaten uns wuͤrdig bezeigt haben der Gunſt und Gnade Eurer Hoheit, daß Ihr offenbaret vor allem Volk, wie Ihr achtet das Geſchlecht Eurer durchlauchtigen Gemahlin. Es iſt nun aber noch gerade an der Zeit, daß Ihr ſolches an den Tag leget, nicht zu unſerm Nutz und Frommer gllein, ſondern auch zur Wohlfarth Eurer erhabenen Perſon und des geſammten moskowitiſchen Reiches. Die Horden der Tata⸗ ren ſind gefallen unter Euren ſiegreichen Waffen, — 15— Euer Stern iſt getreten in die gluͤcklichſte Con⸗ junckur, und das Abendland erwartet zitternd und hoffend, daß ſich Euer gewaltiger Arm er⸗ hebe. Nochmals bietet Euch durch meinen Mund Herr Maximilian von Heſtreich, der römiſche Kaiſer und König der Deutſchen, welcher dem Siegmund Jagiello von neuem abhold*) iſt, we⸗ gen ſeiner Verbindung mit Barbaren Zapolska der Siebenbuͤrgerin, die Koͤnigskrone an der ruſ⸗ ſiſchen Lande, ſo Ihr Euch aufmacht ſie zu er⸗ obern, und den Polenkönig zu verderben. Ich aber werde Euer Volk fuͤhren noch ferner zum Sieg und zum Ruhm, und aus Eurer Hoheit Haͤnden empfangen den Fuͤrſtenhut zu Smolensk, den Ihr mir verheißen im Lager bei Klecko durch den Herrn Celadin, welcher hier anweſend, und ſeit der Zeit zu wiederholten Malen durch Euren eignen Mund. Und ich will Eure Zeichen auf⸗ pflanzen zu Smolensk, und auf der Burg der Jagiellonen zu Wilno, und Ihr ſolltet auf ihren *) Barbara Zapolska, die Lochter des Fürſten von Sie⸗ benbürgen und Grafen von Zips, erſte Gemahlin Siegmunds des Alten, und Schweſter des Johann von Zapolyn, nachher Königs von ungarn. Siehe Note f. — Zinnen dem Lauf der Sonne nachſchauen gen Niedergang, und Ihr ſolltet waͤhlen, wie weit Ihr ſie verfolgen wollet in ihrer leuchtenden Bahn. Das aber, mein gnaͤdiger Herr, iſt eine Gabe, wuͤrdig des Grofßfuͤrſten von Moskau, und des Michael Lwowiez Glineki.“——„Ihr habt wohl geſprochen,“ entgegnete der Czaar,„ und bei unſerm Eid, ſo Ihr haltet was Ihr verheißen, begruͤßen wir Euch als Fuͤrſten zu Smolensk.“— Als drauf der Fruͤhling die Stroͤme entfeſ— ſelte und die Straßen gangbar wurden, zog das Moskowiter⸗Heer aus, in ungeheurer Anzahl. 80000 Mann aber, unter den Befehlen des Fuͤr⸗ ſten Glinski und des Iwan Celadin, ruͤckten vor Smolensk, in welchem Solvohub befehligte, und der Czaar ſelbſt kam zu dieſem Heer. In der That ſchien es ein guͤnſtiger Zeit⸗ punkt zu ſeyn, fuͤr das Beginnen des Moskowi⸗ ters, und verderbliche Zeichen bedrohten den Koͤ⸗ nig Maximilian, der Kaiſer war entruͤßtet uͤber die Vermaͤhlung des Herrn Siegmund mit Barbaren Zapolska, der LTochter des Wojewoden von Sie⸗ benbuͤrgen und Grafen von Spiz(Zips); denn er hatte ihm ſeine Enkelin zugedacht, eine der Toͤchter Philipps von Burgund, Königes von Ca⸗ . — 1— ſilien, welchen man den Schoͤnen nennt, und der hirnverruͤckten Johanna, eben dieſelbe welche ſpaͤter vermaͤhlt ward mit dem grauſamen Chri⸗ ſtian dem Daͤnenkoͤnig; Albrecht der Branden⸗ burger der den Meißterſtuhl beſtiegen hatte vor kurzem zu Koͤnigsberg in Preußen, hatte die Fahne des Aufruhrs ausgeſteckt gegen ſeinen Lehns⸗ herrn und Dheimz der Tatarchan zu Perekop, ſchwankte zwiſchen Treu und Untreu, und Bog⸗ dan der Wojewode von der Wallachei bedrohte die ruſſiſchen Provinzen*) der Krone und die Gegend um Halicz. Eine geringe Anzahl von Sdelleuten hatte dem Aufgebot des Koͤnigs Folge geleiſtet, welches er ergehen laſſen in der Krone und dem Großfurſtenthum, dichter und dichter zogen ſich die Wolken zuſammen. Da vermaß ſich der Cars) in ſeinem Uebermuth, wie er ſchon einmal gethan vor der Schlacht am Dniepr: ehe das Laub von den Baͤumen falle, Ein Theit der Ruſſenlande, Rothrußland genannt, gehörte der Krone Polen zu, wie Weißrußland dem Großfürſtenthum Littauen. Das erſte begriff einen Theil des heutigen Gallizten, und die ganzen Land⸗ ſchaften bis unfern des Ausfiuſſes des Dniepr in das ſchwarze Meer. Dieſer Fluß trennte es von den Perekopiſchen Tataren. 8 **) Car,„Herr“ Benennung der moskow. Groß⸗ fürſten, bis zu Peter dem Erſten. Es wird dieſes Wort ausgeſprochen wie„Zar.“ —— werde er die Krone veißen vom Haupte Siegmund des Erſten, und er werde ihm eine Moͤnchsplatte ſcheren laſſen, und ihn in ein Kloſter ſperren, die Königin von Polen aber, Barbara, ſolle die Schleppe tragen der moskowitiſchen Großfurſtin. Solohub jedoch, der Befehlshaber in Smo⸗ lensk wehrte ſich tapfer. Zwoͤlf Wochen lang ward die Feſte hart bedraͤngt vom 16. Mai an, des Jahres 1514. Aus 300 Stuͤcken ſielen Tag und Nacht Bomben und gluͤhende Kugeln auf die Haͤuſer der Stadt, was nicht gemauert war von Gebaͤnden lag in der Aſche, der Hunger begann zu wuͤthen unter den Buͤrgern und der Beſatzung, welche taͤglich in verzweifelten Ausfaͤllen zuſam⸗ men ſchmolz, da erſcholl die Nachricht, Koͤnig Siegmund ſey aufgebrochen mit ſeinem kleinen Heer von Wilno, und nahe in Eil zum Entſatz. Darauf vergaß der Großfuͤrſt Waſil, weſſen er ſich geruͤhmt, und der ſo gewuͤnſchten Koͤnigs⸗ krone, er brach auf in großer Schnelligkeit mit Herrn Waſil und einem anſehnlichen Theil des Heeres, und zog eine Strecke hinauf laͤngs dem Dniepr, das Land uͤber Orſta hinaus verheerend mit Feuer und Schwert, und ſeinen Kriegsmuth uͤbend an wehrloſem Bauernvolk. Hert Nichael — 19— aber blieb vor Smolensk. Der Car war eben abgezogen, da berief er zu ſich in ſein Gezelt die littauiſchen Hauptleute, welche ſich befanden beim Heer. Zwar ſey es zu beklagen, ſagte er: daß der Car wenig begabt ſey mit der Beharrlich⸗ keit, die ſo nothwendig waͤre einem Feldherrn, wie auch mit ſo mancher andern fuͤrſtlichen Tu⸗ gend, auch ſey es betruͤbt, daß er nicht wage mit einem dreimal groͤßerm Heer dem unter die Augen zu treten, welchen er ſich vermeſſen vom Throne zu ſtoßen in eine Moͤnchszelle, und zu er⸗ werben durch ritterliche That die Krone, welche er begehre. Jedoch, nicht alles ſey verloren, er ſey noch da mit den Beßten im Heer, und Smo⸗ lensk werde und muͤſſe fallen, auch ohne des Ca⸗ ren unnuͤtze Gegenwart. Drauf habe er geſchwo⸗ ren, er aber halte feſter an ſeinen Vorſaͤtzen als Waſil Iwanowiez der Großfuͤrß, und ſo wolle er lieber ſterben unter den Waͤllen von Smo⸗ lensk, als jenem folgen in ſeiner ſchimpflichen Flucht.— „Nur noch dies Eine,“ ſprach er leiſe zu mir:„Nur noch dies Schwerſte laſſet uns uͤher⸗ ſtehen, Herr Jvhannes, dann ſoll man ſehen, fuͤr wen ich das Schwert gezogen. Gelingt es 2* — 20— mir aber, ſo ſoll die Schmach hinweg gethan werden vor meinem Namen, und wir wollen vor aller Welt reinigen unſte Ehre, die wir be⸗ fleckt durch den Bund mit dieſem unwuͤrdigen Fuͤrſten!“— Herr Michael aber hielt Wort. Wenige Tage drauf erſchienen Abgeordnete von den Bewohnern der Stadt, in welcher der Fuͤrſt geheime Verbuͤn⸗ dete hatte, die Thore wurden geoͤffnet, und der wackere Solohub gefeſſelt vor ihn gefuͤhrt. Doch Glinski nahm ihn hoͤflich auf, loͤſete ihm die Ketten von den Haͤnden, und hieß ihn ſich zu Tiſch ſetzen mit ihm, und gutes Muths ſeyn nach langer Noth und Bedraͤngniß; drauf als wir allein waren mit ihm und wenigen Getreuen, ſprach er alſo zum Solohub.„Da ſey Gott fuͤr wuͤrdiger Herr, daß ich laͤnger gefangen halte einen ſo ehrenwerthen Landsmann, adelichen Hel⸗ den und treuen Hauptmann Herrn Siegmunds des Koͤnigs welchen Gott erhalten moͤge:„Wohl ſchilt man den Glinski einen Abtruͤnnigen, doch hat er unter den Moskowitern der ritterlichen Sitte noch nicht ſo vergeſſen, daß er dahin gaͤbe einen littauiſchen Edelmann und Sohn ſeines eigenen Vaterlandes, den halb wilden Horden zum ſchnoͤden Schauſpiel, auf daß ſie ihren Spott trieben mit ihm. Darum ſo wiſſet, Ihr ſeyd frei, und ſo gehet denn hin zu Eurem ritterlichen König und Großfuͤrſt, und ſagt ihm: der Mi⸗ chael Lwowiez ſey ſo ſchlimm nicht als man ihn mache, und es ſey noch nicht aller Tage Abend.“ — Des ſelbigen Tages aber ruͤckten wir ein in die große Stadt Smolensk, und Fuͤrſt Michael ließ ſtrengen Befehl ergehn, daß man des Buͤr⸗ gers ſchone, und der entwaffneten Beſatzung. Als der Car Botſchaft erhalten, von dem was geſchehn, ließ er ſein Heer ſich lagern unfern Drſta, und hielt ſeinen Einzug in die eroberte Stadt, mit ihm aber, da die Gefahr voruͤber war, kam nach ſeiner Weiſe auch Herr Waſil Glinski, der Vater der Großfuͤrſtin. Darauf wurde die Stadt heſetzt mit Moskowitern, die littauiſchen Schaaren des Glinski aber unfern davon in Dörfer verlegt. Als Glinski den Caren geleitete durch die Plätze und Straßen, und auf den Werken um⸗ her, lobte ihn Waſil Jwanowiez uber die Maßen und dankte ihm mit vielen Worten, daß er ihm geholfen zum Beſitz eines ſo wichtigen Platzes.— Von etwas anderem war jedoch nicht die Rede.— Am Abend aber ward auf dem Schloſſe zu Smo⸗ lensk eine große Gaſterei angeſtellt, und zu der⸗ ſelben viele littauiſche Herren von denen, welche dem Glinski gefolgt waren und die moskowiti⸗ ſchen Hauptleute geladen. Als nun das Feſt be⸗ gann auszuarten in wilde Schwelgerei und Ge⸗ tuͤmmel, da trat Herr Richael, ehe es zu ſpät wuͤrde, zu dem Caren der ſchon halb berauſcht auf einem Seſſel ſaß, abwaͤrts von den Tafeln in einem Fenſter, und einen Becher hielt, aus welchem er trank. Hier pedete er denſelben an mit halblauter Stimme, und mahnte ihn be⸗ ſcheidentlich an das, was er ihm verheißen, und wie er hoffe, ſeine Hoheit werde ihm nun uͤber⸗ geben das Schloß und die Stadt Smolensk, welche er erobert, und ihm daſelbſt den Furſten⸗ hut aufſetzen.— Da entgegnete Waſil IJwano⸗ wiez lachend:„Ihr ſeyd zu ſchnell, Herr Vetter Michael Lwowiez, noch haben wir nicht geſtanden auf der Burg der Jagiellonen zu Wilno, und der Sonne nachgeſchauet, wohin ſie gehet; ſo⸗ bald das geſchehen, und wir ihn nachgefolgt ſind ein paar hundert Meilen, koͤnnet Ihr wie⸗ der nachfragen, doch nicht eher.“—„Nicht cher?“ erwiederte Herr Glinski mit lauter Stim⸗ me:„ nicht eher alſo, durchlauchtiger Hert, darf ich die Erfullung Eurer feierlichen Zuſage erwarten von Eurer großfuͤrſtlichen Treue?“—„Treue?“ ſpoͤttelte der Car,„fuͤrwahr, dies Wort lautet wohl in Eurem Munde, Vetter Michael; es mahnt uns zur rechten Zeit daran, in welche treue Hand wir wohl dieſes Schloß geben wuͤr⸗ den und dieſe Stadt, vertrauten wir ſie der Eu⸗ rigen. Wie wir geſagt, ziehen wir noch eine Weile der Sonne nach, dann laͤßt ſich mehr ſpre⸗ chen daruͤber: bis dahin bleiben wir Euch in Gnaden gewogen.“— und der Car rief einem Leibknaben, daß er ihm den Pokal wieder fuͤlle. Als drauf Herr Glinski vortrat in das Licht der Ampeln, welche den Saal erhellten, meinte ich die Zuͤge zu ſehen eines Fremden. Sein Antlitz war todtenbleich, gichtiſch zuckte der zu⸗ ſammen gezogene Mund und die gluͤhenden Augen blickten ſtarr auf die Verſammlung, welche ihn aufmerkſam zu betrachten begann, unter einander fiſternd. Mit Muͤhe gelang es ihm nach einiger Zeit ſich zu bezwingen, und den Zuſtand ſeines Gemuͤths zu verbergen vor den Blicken der Mos⸗ kowiter, welche bedeutend und argwöhniſch auf ihm ruheten. Er gewann es ſogar uher ſich, ſei⸗ nen Bruder, den Waſil, welcher eine Zeit lang geſtanden hatte bei dem Großfuͤrſten in vertrau⸗ lichem Geſpraͤch, anzureden mit freundlichen Wor⸗ ten. Aber ich, und wohl viele andere mit mir bemerkten, wie der juͤngere Fuͤrſt Glinski ihm nur kurz antwortete, und mit Zerſtreuung. In⸗ dem trat der Unterbefehlshaber in Smolensk zu dem Großfurſten und uͤberreichte kniebeugend ihm die Schluſſel der Feſtung und Stadt, welche ge⸗ ſchloſſen worden waren zur Nacht. Als nun Wa⸗ ſil Jwanowiez ſie nahm, und ſie lange betrachtete mit bedeutendem Laͤcheln, und darauf ſie dem Jwan Celadin uͤbergab mit dem Bemerken: er moͤge ſie ja wohl verwahren; da ſtand Michael Glinski auf von ſeinem Sitz, entſchuldigte ſich mit den Pbliegenheiten ſeines Amtes, und ver— ließ den Saal, mir und dem Schleinitz winkend, daß wir ihm folgten. Als er ſein Schlafgemach betrat, wo Haſſan der Tuͤrk beſchaͤftigt war mit Bereitung des Nacht⸗ geraͤths, brach die verhaltene Wuth Furſt Michaels aus.—„Habt Ihr gehört?“ rief er: Habt Ihr gehoͤrt die Worte des berauſchten Barbaren?— Du nimmſt mir den Fuͤrſtenhut von Smolensk, uneingedenk heiliger Vertraͤge, ſo reiße ich Dir die Koͤnigskrone vom Haupt, ſo wahr mir Gott helfe in meiner letzten Noth!— der Sonne willſt Du nachziehn in die reichen Abendlaͤnder?— Ich aber ſchleudre Dich zuruͤck in Deine Step⸗ ven und Eisfelder, zu den Baͤren der Wuͤfte, denen Du gleicheſt an Geſtalt und Sitte!— O daß ich nimmer geboren waͤre, ehe ich es ſeyn ſollte, der den Weg in das bluͤhende Europa bahnt dir und deinen aſiatiſchen Horden, ehe ich den Lorbeer pfluͤckte um Dein unruͤhmlich Haupt zu bekraͤnzen!— Er hat ſich verrechnet,“ fuhr er nach einer Pauſe der Erſchoͤpfung fort: „„noch bin ich ein Littauer, Johannes Locki, noch bin ich ein Menſch, treuer Schleinitz, und ein Ritter—— und— ſo nimm mich denn wieder auf, Vaterland, und vergieb dem Gefallenen!“— „Gelobt ſey Gott!“ rief ich aus im Ent⸗ zuͤcken, und der Meifner bedeckte die Hand des Fuͤrſten mit ſtummen Thraͤnen. „Es iſt nun beſchloſſen,“ ſprach Glinski drauf ruhiger: und was geſchehen ſoll, muß bald geſchehen. So reite denn hinaus, Schleinitz, noch ehe der Morgen anbricht, und die Heer⸗ ſtraßen ſich fuͤllen mit Menſchen, durch das Aus⸗ fallspfoͤrtlein im trocknen Graben, welches die unwiſſenden Barbaren uͤberſahen bei der Ueber⸗ nahme, reite hin gen Boriſow, in der Verkap⸗ pung, welcher Du Dich manchesmal bedienet auf ſchlimmerem Wege. Ich werde einen Brief ſchrei⸗ ben, den gebet dem Koͤnig, Herr von Schleinitz, aber zu eigner Hand; hoͤret Ihr, ja zu eigener Hand. Dann eilet Euch, daß Ihr zuruͤck kommet, denn es iſt ein groß Geſchick, das ich lege auf Eure Seele.— Haſſan, mein treuer Burſch, es thut nicht Noth, daß ich Dir befehle, daß Du ſchweigeſt wie das Grab von dem was Du ge⸗ hoͤrt und geſehen, ſorge nur, daß von heut an 6 meiner raſcheſten Pferde ſtets bereit ſtehen, im Gebuͤſch linker Hand vor der kleinen Ausfalls⸗ pforte. Das Weitere findet ſich wohl ſpaͤter.“— Der Tuͤrk verneigte ſich ſchweigend, der tiefe Schatten, welchen die Kerze uͤber ſein Geſicht warf, verhinderte mich, ſeine Zuͤge zu ſehen. Ihr aber, Johannes Lacki, ſprach Michael Lwowicz drauf, zu mir gewendet, indem er er⸗ mattet ſeine beiden Haͤnde auf meine Schultern legte:„Ihr haltet wohl aus bei mir?— Ich habe Euch hinweg gelockt von der Bahn der Ehre, verblendet, wie ich es war vom boͤſen Geiſte der Rache,—— ich habe Eure jungen Jahre ver⸗ giftet mit Schmach und Ungluͤck—— Vergebet mir, und reicht mir die Hand im Namen aller Edlen von Littauen, Eurer und meiner Bruͤder. — Ich aber will Euch wieder zuruͤck fuͤhren auf die rechte Bahn, und Euch vergelten was Ihr gethan an dem Glinski.“— „„Gelobt ſey Gott!“ rief ich nochmals,„ſo ſind wir wieder Littauer und Ihr ſeyd wieder an der Stelle die Euch geziemt, wir werden wieder ſehen die Fluren unſeres Vaterlands und die Freunde unſrer Jugend!“— Fuͤnf Tage vergingen, waͤhrend welcher Herr Michael wie immer die Pflichten ſeines Amtes erfullte als Feldhauptmann, jedoch wenig vor dem Caren erſchien, und nicht ein Wort verlor an ihn wegen Erfuͤllung deſſen, was derſelbe ihm verheißen. Am ſechsten Tage aber ſaßen wir bei einander in ſeinem Gemach des Morgens ſehr fruh, und mit uns Herr Simeon Bielski, wel⸗ chem der Fuͤrſt ſein Vorhaben vertraut. Wir ſprachen von der Zukunft, und wir hofften, daß Koͤnig Siegmund dem Michael Lwowicz gern ver⸗ geben werde, und mit offenen Armen aufnehmen einen ſo hochbegabten und maͤchtigen Herrn und Heerfuͤhrer, deſſen Abfall ihm und dem Reich ſo viel Schaden gebracht, und welcher nun alles verguͤten werde durch treue Dienſte und ritterliche That. Dann ſtatteten wir dem Fuͤrſten Bericht ab, wie jeder von uns die Schaar von Littauern welche unter unſern Befehl ſtand, und die an⸗ dern hinuͤber fuͤhren werde zum vaterlaͤndiſchen Heer, weil nun doch der Schleinitz bald zuruͤck kommen muͤſſe, und wir die Stadt ungeſaͤumt zu verlaſſen daͤchten, der Haſſan halte ja alles in Bereitſchaft zur Flucht. Da nahm Herr Mi⸗ chael das Wort und ſagte mit einiger Unruhe: „Schon ſind es 4 Stunden, daß ich den Tuͤrken ausgeſandt habe, um nachzuſehen nach allem; die Daͤmmerung war noch nicht angebrochen—— er bleibet ſehr lange aus.— Treu iſt der Burſch, aber es kann ihm ein unfall begegnet ſeyn und ein nichts bedeutend ungefaͤhr vermag Schaden zu bringen in ſo hochwichtiger Sache.— Wenn doch nur,“ fuhr er fort;„der Abend heran waͤre dieſes Tages, denn mir iſt, als muͤſſe ſich heut vieles entſcheiden.“— Indem hoörten wir Schritte im Vorgemach, und es klopfte an der verſchloſſenen Thuͤr. Als ich aufgethan meinend es ſey der Luͤrk, trat herein ein Leibdiener des Großfurſten und berich⸗ tete dem Herrn Michael, der durchlauchtigße Herr erwarte ihn im großen Saale. Wir ſtiegen alſo hinab, nicht ohne unruh im Geiſt. Da fanden wir den Car umgeben von vielen moskowitiſchen Herrn, ſeitwaͤrts aber ſtand der von Schleinitz in ſeiner Verkleidung, gefeſſelt an Haͤnden und Fuͤ⸗ ßen, neben ihm Haſſan der Luͤrk, jedoch frei und ungebunden, und höhniſche Blicke werfend auf uns: Etwas weiter zuruͤck ſahen wir Herrn Wa⸗ ſil Glinski, welcher oft die Farbe wechſelte und angſtvoll um ſich ſchaute. Da wußten wir, es ſey alles verloren, und mit Centnerlaſt fiel mir Frau Anaſtaſtens Wort auf die Seele. Drauf ſprach Jakob Zacharyn, der Kanzler, zu Herrn Mi⸗ chael, welcher ſchweigend da ſtand, mit ungebeug⸗ tem Nacken, ihm ein Pergament vorhaltend: „Auf Befehl Seiner Hoheit ſoll ich Euch befra⸗ gen, Hert Fuͤrſt Glinski, ob dieſer verkappte Bote der Eure iſt, und dies Schreiben an Euch?“— Und mit langſamen nachdruͤcklichem Tone, las er ihm den Brief; der war aber von Siegmund dem Erſten, und lautete des Inhalts: daß Herr Sieg⸗ mund aus angeſtammter königlicher Milde nicht ungeneigt ſey, die reuvollen und demuͤthigen Bit⸗ ten des Michgel Lwowicz Kniazen Glinskt, vor⸗ — 30— maligen Hofmarſchalls des Großfurſtenthums Lit⸗ tauen in Gnaden auf⸗ und anzunehmen, und ſo er ablaſſe alsbald von dem verbrecheriſchen Bund mit den Feinden des Vaterlands, und den Eid der Treue ſeinem rechtmaͤßigen Konige und Groß⸗ furſten werde erneuern, auch ſich in Perſon nie⸗ der werfen an den Stufen des Thrones, ſlehend um Gnade, der Koͤnig ihm und allen ſeinen An⸗ haͤngern und Mitſchuldigen des Hochverraths und Mordes des Großmarſchalls Johannes Zabrzezinski, ſichres Geleit verſpreche, und Amneſtie des Ge⸗ ſchehenen, ſo ſie ſich in Zukunft der königlichen Gnade wuͤrdiger bewieſen, denn bisher. Phne ein Wort zu ſprechen hatte Michael Glinski die Vorleſung des Kanzlers angehoͤrt, nur einen gluͤhenden Blick ſchoß er auf den ſchaͤndlichen un⸗ glaͤubigen, der frech und unbekuͤmmert da ftand, und einen zweiten auf ſeinen Bruder den Waſll, welcher ſich abwandte, verlegen die Haͤnde rei— bend. Da fuhr der Kanzler fort, nach einem Blick auf den Car, welcher da ſtand, bebend vor Wuth und Ingrimm; Ihr ſchweiget?— Doch was bedarf es weitern Zeugniſſes? Seine Hoheit und wir alle kennen dieſen verkappten Verraͤther als Euern Diener und Vertranten, der in unſte Hand gegeben iſt, durch dieſen red⸗ lichen Muſelmann. Somit alſo, Herr Fuͤrſt Glinski, ſeyd Iht uͤberwieſen von Rechtswegen. —„Ja!“— hruͤllte Wafil Jwanowiez mit don⸗ nernder Stimme:„und Du ſollſt alsbald den Lohn Deiner Thaten empfangen, Verraͤther!“— Da zog Herr Michael den Saͤbel, und wir thaten ein Gleiches, entſchloſſen, unſer Leben den Moskowitern theuer zu verkau⸗ fen. Aber die Menge ͤberwaͤltigte uns nach kur⸗ zer Gegenwehr; wir wurden entwaffnet, und auf Karren fortgefuͤhrt nach dem Schloſſe Wiazma, in der Stille der Nacht. Hier fuͤhrte man uns, den Herrn Michael, den Simeon Bielski und mich in ein leeres Gemach im Erdgeſchoß, und ließ uns allein. In dem Erker des Behältniſſes lagen Strohmat⸗ ten am Boden; vergitterte Fenſter und eiſerne Thuͤren, vor welchen Wachen klirrenden Schrit⸗ tes auf und nieder gingen, mahnten uns an das Geſchick, welches unſrer wartete in den Haͤnden unmenſchlicher Feinde. Noch blieb Glineki ſtumm, nicht ein Wort war gekommen uͤber ſeine Lippen, ſeit der Anrede des Kanzlers im Saale zu Smo⸗ lensk. Still ſetzte er ſich auf eines der Strohla⸗ ger, und verhuͤllte ſein Geſicht mit beiden Haͤn⸗ den. Wir, der Fuͤrſt Bielski und ich ſprachen zu einander mit gedaͤmpfter Stimme, das Schick⸗ ſal beklagend, welches uns getroffen in der ſo lange gehofften Stunde, und uns Troſt zuſpre⸗ chend, ſo gut wir vermochten in ſo verzweifelter Lage. Da fiel der Blick des ungluͤcklichen Fuͤrſten auf uns, und ein tiefer Seufzer drang aus ſei⸗ ner beklemmten Bruſt. Drauf ſprachen wir noch leiſer, daß er nicht auf uns achte, und ihn un⸗ ſre Gegenwart nicht kraͤnke. Nach einigen Au⸗ genblicken ſtand er auf, und trat zu uns, und ſeit langer Zeit offnete ſich ſein Mund zum erſten Mai zum reden:„Wendet Ihr Euch ab von mir, Ihr ungluͤcklichen Maͤnner?“ ſo ſprach er mit bebendem Tone:„wollet Ihr Euren Verderber nicht ſchauen?“— drauf faßten wir troͤſtend ſeine Haͤnde, er aber fuhr fort:„Dahin iſt es alſo gekommen mit dem Michael Glinski, dem Freunde zweier Koͤnige, dem Feldherrn und Fuͤrſten? da⸗ hin hat er ſeine Getreuen gebracht; in Schmach, und Verderben und Tod? Blickt mich nicht ſo an mit Euren hellen Freundesaugen, mich trifft ja, was ich verdient, aber Ihr— Ihr!— Ge⸗ brochen iſt mein Stolz, mein Traum iſt ausge⸗ traͤumt—— könnte ich Euch erretten, ſo möge mir der naͤchſte Augenblick bringen, was ich mir bereitet, in mancher dunkeln unheilbringenden Stunde.“— Nach einer Weile ſprach er weiter: Nicht die letzte That iß es, welche die Vergeltung gerufen hat uͤber mein ſchuldiges Haupt, ſie war die erſte, die erße die ich begonnen gegen das Ge⸗ heiß der duͤſtern Geiſter, die ich herauf beſchwo⸗ ren— das umkehren auf dem Pfade des Unrechts iſt ſchwerer, als ich es meinte, ich waͤhnte noch frei zu ſeyn in Willen und Handlung, und fuͤhlte nicht die Kette die ich ſelbſt mir angelegt, und die mich nieder zieht zum Abgrund.— Das aber iſt der Fluch des Uebertreters, daß wenn er ab⸗ weicht von dem Wege den er gewaͤhlt, ihn die finſtern Maͤchte verlaſſen die ihn geſchuͤtzt, und er der Rache verfaͤllt des Himmels, den er ver⸗ bien Laſſet Euch nicht gaͤnzlich niederdrucken durch das Mißgeſchick, entgegnete ich,„Ihr ſeyd ein beruͤhmter und gewaltiger Kriegesheld, und Eure Freunde und Diener ohne Zahl von den ufern des Niemen bis gen NMoskau. Der Car darf es nicht wagen an Eurem Haupte zu freveln, ſofern er jemals gedenkt Groffurſt zu ſeyn uͤber . Littauen und ruſſicher Koͤnig; nicht ſeiner Nilde mogen wir vertrauen, doch ſeinem Eigen⸗ nutz. Gedenket, daß Ihr ſtehet unter dem Schutz Maximilians des Kaiſers, von dem er erwartet was ſein Wuͤnſchen iſt am Tag und ſein Traum in der Nacht.— Wollet Euch alſo ermuthigen, Fuͤrſt Glinski, damit Ihr nicht glei⸗ chet dem Waſil Jwanowiez;, von welchem Ihr ſelbſt geſagt, daß er trotzig ſey im Gluͤck, und im ungemach verzagt.“—„Du ſprichſt wohl, mein theurer Jvhannes!“ rief Herr Richgel, und ein Strahl von Heiterkeit flog uͤber ſein bleiches Angeſicht:„Wie ſo wahr iſt es doch, daß die Seele, die ungetruͤbt iſt vom Hauch des Ver⸗ brechens, das Leben und ſeine wechſelnden Be⸗ gebenheiten anders zuruͤckſrahlt, als ein Ge⸗ muͤth“— leiſer ſetzte er hiniu;„wie das mei⸗ ne?— Nein! ich mag ihm nicht gleichen, die⸗ ſem Waſil; es geziemt dem Glinski groͤßer zu ſein im Kerker, und freier, als jener gekroͤnte Knecht auf dem Thron.— Und ſoll ich, der ich unheil habe geſaͤet, daſtehn wie ein weinender Schulknabe, und mich wundern, daß das Un⸗ heil aufgegangen? Was Ihr geſagt von dem oͤſter⸗ reichiſchen Maximilian, iſt nicht ohne Grund, und vielleicht jetzt der einzige Anker, an dem ſich die Hoffnung aufrecht erhalten mag; doch— Nun, ich bin bereitet auf das was mir bevor⸗ ſteht— Ihr Johannes Lackt, und Ihr, Furſt Bielski, habt mir vergeben; ich ſehe es an Eu⸗ ren Blicken, ich hore es an Euren Worten. Ich hatte es anders erwartet— was noch kommt, will ich tragen.—“ Unter ſolchen und andern Geſpraͤchen ber⸗ ging die Nacht, beſſer als man wohl glauben ſollte in ſolcher Lage. Mit Begier hatte das ſchwankende Gemuͤth des Michael die Hoffnung aufgenommen, die ich in ihm erweckt; ſein Zorn und Schmerz verſchmolzen in der Geringſchaͤtung, die er laͤngſt empfunden gegen den Caren, und er begann ſich zu weiden an dem Gedanken, duß er ſelbſt im tiefſten Abgrund des Ungluͤcks höher ſtehe an Geiſt und Muth, und in der Achtung der Welt, als ſein Peiniger. Ihr moͤget ſelbſt urtheilen, Herr Großfeldherr, in wie weit ihm dieſer Duͤnkel geziemte; doch goͤnnen wir dem Ungluͤcklichen, der zerfallen war mit dem Schickſal und ſich ſelbſt, dieſen Troſt eines Augenblicks. Der Morgen hrach an, da vernahmen wir S — 36— ein groß Getuͤmmel im Schloßhofe. Kurz darauf öffnete ſich die Thuͤre unſers Gefaͤngniſſes und Iwan Andrzejewicz trat ein mit vielen Soldaten und Schergen. Gefaßten Muthes ging ihm Hert Michael entgegen, meinend, es gehe nun zum Tode; der Feldhauptmann aber herrſchte ihm zu: „Viel Huld und Gnade hat Dir der Car erwieſen, Michael, als Du ſchie⸗ neſt ihmtren zu dienen, mehr als dem Fremdlinge und ueberlaͤufer gebuͤhr⸗ te; nun haſt Du ihn gelohnt mit Ver⸗ rath, und er ſendet Dir dieſe Ge⸗ ſchenke!“— Da erhoben die Schergen ſchwere eiſerne Ketten, und Herr Nichael ſreckte ſchwei⸗ gend ſeine Haͤnde aus, und ſie feſſelten ihn und fuͤhrten ihn nach Moskau, wohin auch wir ihm noch deſſelbigen Tages folgten. Hier wur⸗ den wir, jeder beſonders, in tiefe unterirdiſche Kerker geworfen; der Schleinitz aber ſtarb eines martervollen Todes. Es war in den erſten Tagen unſerer Gefan⸗ genſchaft, als am Morgen der Waͤrter zu mir kam, und mir gebot, ihm zu folgen. Drauf fuhrte er mich durch die Gaͤnge des Hauſes in ein großes Gemach im erſten Stock, welches an⸗ zuſehen war gleich einem Gerichtsſaal. In ſel⸗ bigem ſaß an einer langen Tafel mit vielen Ge⸗ richtsperſonen Jakob Zacharyn der Kanzler. Seit⸗ waͤrts aber ſtand ein Mann in geiſtlicher Kleidung, gleich einem vornehmen Prieſter der roͤmiſchen Kir⸗ che; umgeben von Wachen und Kerkerknechten. Der ſchauete ganz ruhig drein und unbefangen; jedoch als er mich erblickte, hob er die Hand an den Mund, wie man zu thun pflegt, wenn man ſich raͤuſpert; ich bemerkte aber deutlich, wie er den Zeigefinger an die Lippen druͤckte. Da ſchlug ich die Augen nieder, und ſchauete ihn nur manch⸗ mal von der Seite an, und verſtohlen, denn es daͤuchte mir, ich habe dies Antlitz ſchon ge⸗ ſchen vor Jahren; drauf hob der Kanzler an und ſprach zu ihm:„Es iſt dies ein Littauer von Adel, und Euch vielleicht bekannt?“— Er ſprach aber in verdorbenem Latein. Der Prieſter entgegnete:„Mit Nichten.“— und der Jakob Zacharyn befragte mich:„ Habet Ihr, Johan⸗ nes Lacki, niemals dieſen Herrn geſehen, am Hofe des Siegmund Jagtello zu Krakow?“— Ich antwortete:„da habe ich ihn nicht ſehen koͤnnen, denn ich bin niemals in der Stadt ge⸗ weſen, welche Ihr nennet.“— Drauf fragte er weiter:„Auch nirgend anderswo?“— da ver⸗ ſtummte ich, denn ich hatte geglaubt den Frem⸗ den zu erkennen an der Sprache, und vermeinte, es ſey Bognslaw Trepka, ein Polniſcher von Adel, welchen ich mehrmal geſehen zu Wil⸗ no in des Koͤnigs Gefolge.——„Wie kann das ſeyn,“ fuhr der Kanzler fort,„ daß Ihr, der am Hofe geweſen ſeyd zu Wilno, wenn auch nicht zu Krakow, dieſen Herrn dort nicht geſehen habet, welcher ſich nennet einen paͤpſtlichen Legaten?“—„Pftmals,“ entgeg⸗ nete ich:„habe ich daſelbß geſehen den Legaten Papſt Julius des Zweiten.“—„Wie war ſein Name?“—„Hieronymus Pamphili.“—„War es dieſer?“—„Mit Richten.“—„Wie Ihr hoͤret, Herr paͤpſtlicher Legat;“ ſprach der Kanz⸗ ler zu jenem:„will Euch dieſer Edelmann nicht kennen. Es wird daher nothwendig ſeyn, daß wir verſuchen, Eure Bekanntſchaft zu machen auf andere Weiſe.“—„Wie es Euch gefaͤllt,“ erwiderte der Fremde:„doch wenn ich einmal ſprechen muß vor Euch, die Ihr nach Art wil⸗ der Horden das Volkerrecht nicht achtet, und Hand leget an dem Geweihten des Herrn; ſo will ich Euch ſagen, daß der ungluͤckliche Gefan⸗ gene dort die Wahrheit ſpricht, wenn er ſagt, daß er mich nicht kenne.— Hieronymus Pamphili, der Legat Papſt Julius des Zweiten, iſt laͤngſt zuruͤckgekehret nach Rom, und hat ſeinen Sitz eingenommen im heiligen Kollegium als Kardi⸗ nal des Titels Sancti Petri in vinculis. Mich aber hat Lev der Zehnte, welcher jetzt ſitzet auf dem heiligen Stuhl, geſendet an des Konigs in Polen Majeſtaͤt, wie Ihr laͤngſt wiſſen könntet, waͤret Ihr hier zu Lande nicht verſunken in Un⸗ wiſſenheit und rohe Wildheit, und noch kuͤrzlich erſehen haben koͤnntet aus dem Breve, in wel⸗ chem Euch der heilige Vater berichtet meine nahe Ankunft. Mein Name und meine Wuͤrde aber ſind: Andreas Piſo, Biſchofzu Ptolomais im Lande der Unglaͤubigen.“—„Wir kennen hier keine Bre⸗ ven des Biſchofes zu Rom;“ ſpottete Zacharyn: „auch ſeyd Ihr hier ebenfalls im Lande der Un⸗ glaͤubigen; und duͤrfte Euch hier ein Biſchofſitz bereitet werden, nicht bequemer als der zu Pto⸗ lomais, im Fall Euch geluͤßen ſollte ihn daſelbſt zu beſteigen.“—„Ich ſtehe in Gottes Hand,“ ſprach darauf der Unbekannte,“„ thuet mit mir wie Ihr es verantworten koͤnnet vor Eurem Ge⸗ wiſſen.“—„Nit dieſem denken wir ſchon fertig X fertig zu werden; wie Ihr aber Euer verwegenes Vorgeben verantworten moͤget vor dem durch⸗ dringenden Auge ſeiner Hoheit des Car, das wird Euere Sorge ſeyn. Saget uns nun, ſo es Euch gefaͤllt, auf welche Weiſe wir Schismati⸗ ker, wie Ihr Lateiner der wahren und uranfaͤng⸗ lichen Kirche Anhaͤnger nennet, auf welche Weiſe wir der Ehre gewuͤrdiget werden von dem roͤ⸗ miſchen Biſchof, daß er uns ſende einen der erſten Hunde ſeiner geiſtlichen Heerde?“—„Eure Schmaͤhungen fallen auf Euch ſelbſt zuruͤck,“ entgegnete der Mann in Prieſterkleidung mit entſchloſſener Stimme und einem Blicke voll Verachtung:—„Der Papſt iſt der Vater der geſammten Chriſtenheit, auch deren die abtruͤn⸗ nig geworden vom wahren Glauben; ſein Auge umfaßt die Erde vom Aufgang bis zum Nieder⸗ gang, und ſo hat er ſeiner geringſten Knechte einen ausgeſendet, daß er, ſo es Gott wolle, hemme das Vergießen des Chriſtenblutes, und dem verderblichen Kriege Einhalt thue, welcher ſich entzuͤndet zwiſchen Polen und Moskau.— Doch was bedarf es weiter der Worte? Ihr ken⸗ net den Endzweck meiner Sendung aus dem paͤpſt⸗ lichen Breve, und aus den Briefſchaften, wel⸗ y W che Eure Mordknechte mir entriſſen gegen Ge⸗ brauch und Volkerrecht!“—„ Eben dieſe Brief⸗ ſchaften ſind es,„ fuhr ihn Jacob Zacharyn an:„welche Euch verdammen! Es ſtehet darin zu wenig und zu viel; nun ſo muͤſſen wir ſe⸗ hen, ſehr ehrwuͤrdiger Herr Biſchof von Ptolv⸗ mais, wie wir dieſes ausgleichen, auf unſere Weiſe!— Fuͤhret ihn fort!— Ihr wißt wohin!“ herrſchte er den Marterknechten zu.—„Ihr aber,“ ſprach er zu mir gewendet:„beſinnet Euch eines Beſſern und ungeſaͤumt, denn gleich iſt an Euch die Reihe!“— Der Fremde warf einen veraͤchtlichen Blick auf den Pberrichter; dann wandte er ſich, und ging feſten Schrittes hinaus mit den Schergen. Ich aber blieb ſtehen im Hintergrunde des Saales; tief betruͤbt in der Seele, daß, traͤfe mich die Marter, ich ſie nicht leiden wuͤrde unſchuldig, wie der, den ich hielt fuͤr den Trepka, ſondern zur Buͤßung des Verraths. Da ertoͤnte in dem kleinen verſchloſſenen Hofe, auf welchen die Fenſter hinausgingen der Gerichtsſtube, ein Kreiſchen wie von verroſtetem Raͤderwerk, und das waͤhrte wohl gegen eine Stunde. Der Jakob Zacharyn ging zu wiederhol⸗ ten Malen an das Fenſter mit ungeduld, und ſchauete hinaus. Jedesmal wenn er zuruͤckkam auf ſeinen Platz, ſchien er unzufriedner, und ſprach heimlich und kopfſchuͤttelnd mit den Rich⸗ tern, welche ihm zunaͤchſt ſaßen. Endlich ſand er nochmals auf und legte den Kopf aus dem Fenſter. Da ſagte ihm eine Stimme von unten herauf einige Worte. Er aber rief etwas hinab, welches ich nicht verſtand. Da verſtummte das Knarren des Eiſenwerks; und vieles Hin⸗ und Wiedergehen ließ ſich hoͤren auf dem Hofe. Nicht lange darauf rothete der Wiederſchein einer Flamme die Decke des Ge⸗ machs, und ein dicker, ſtinkender Rauch ſtieg draußen auf, drang herein, durch alle Fugen ſeine wallenden Schatten werfend auf die gegen⸗ uͤberſtehende Wand. Unten aber toͤnte ein leiſes Murmeln wie das eines Gebetes; unterbrochen durch eine fragende Stimme nach gleichen Zwiſchen⸗ raͤumen, und dann wieder durch einen Laut des Schmerzes. Da neigte ich mein Haupt und weinte bitterlich. Nach einer Weile aber kam ein Diener des Gerichts, und redete heimlich zu dem Kanzler, der unmuthig auf und ab ging im Saal, von Zeit zu Zeit hinabſchauend in — 43— den Hof. Der aber gerieth in Zorn; warf eine Pergamentrolle, welche er hielt, mit Ungeſtuͤm auf die Tafel, und ſchrie mir zu:„ Zuruͤck in Euer Gefaͤngniß, Hochverraͤther, und ſchaͤrfet Euer Gedaͤchtniß uͤber Nacht, auf daß es Euch morgen nicht entſtehe!“— Alſo ward ich wie⸗ der hinabgefuͤhrt in meinen Kerker, verzichtend auf das Leben, welches ich morgen auszuhauchen vermeinte unter Qualen, und voll herzlichen NRitleids gegen den, welchen ich hielt fuͤr einen Diener Herrn Siegmunds Jagiello; ungewiß, ob die Marter dem Gepeinigten ſein Geheimniß entriſſen, oder ob er ſeine Lteue beſiegelt mit dem Tode?— Am andern Tage ward ich wieder vor Ge⸗ richt gefuͤhrt, und nach wenigen Augenblicken trat auch der Fremde herein; es war aber ein Bild des Jammers wäs ich ſah, und jeder ſei⸗ ner Zuͤge entſtellt durch die hoͤlliſche Marter. Sein Haupthaar, ſeine Brauen und ſein Bart waren verſengt, geborſten die Haut ſeines An— geſichts, und bedeckt mit Brandblaſen, die Naͤ⸗ gel waren geſpalten an ſeinen Haͤnden, und ſeine Glieder kraftlos ſchlotternd, als ſeyen ſie aus ihren Fugen gezerrt. Innerlich erſchaudernd blickte ich auf ihn, deſſen Geſtalt mir weiſſagte, was auch meiner in wenig Augenblicken warte; er aber ſtand ermattet zwar doch wuͤrdevoll, vor dem Zacharyn, und unter den wunden Augen⸗ liedern hervor fiel ſein Blick verachtend wie geſtern auf den Barbaren. Der Kanzler begann von Neuem das Verhoͤr. Ich bedachte, wie es Schande ſein wurde fuͤr mich, jenem nachzuſte⸗ hen an Stanbhaftigkeit, und ihn zu ſtuͤrzen in den Tod, durch eine Ausſage, deren Wahrheit ich uͤberdieß nicht voͤllig gewiß war; und ich antwortete wie Tages zuvor. Der Fremde aber entgegnete auf die Fragen des Zacharyn entweder gar nichts, oder nur Drohungen und bittere Vorwuͤrfe. Da winkte der oberſte Richter; und die Schergen traten hinzu, uns in Empfang zu nehmen und hinwegzufuͤhren zum Orte der Qual. — In ſelbigem Augenblicke jedoch kam einer von den Edelleuten des Großfuͤrſten in das Gemach, und uͤberreichte ihm ein beſchriebenes Blatt. Der Zacharyn oͤffnete es, druͤckte es an ſeine Lippen, wie das der Gebrauch iſt bei den Moskowitern, und las es durch vor ſich. Da verfinſterte ſich ſeine Stirn, und er ßand eine Weile, wie in Gedanken; drauf ſprach er zu dem Unbekannten: „ Mein allergnaͤdigſter Herr der Wafil Jwanowicz will, daß Ihr vor ihm erſcheint, Herr Biſchof von Ptolemals. Gehet alſo hin, und ſehet zu, ob Eure Augen ſchauen mogen in die Sonne der Gerechtigkeit.“—„Meine Augen,“ ſagte dar⸗ auf der Fremde:„ ſind des Anblicks gewohnt ei⸗ nes groͤßern Herrn, und nicht an mir iſt es, ſie niederzuſchlagen, wenn ich vor dem Wafil Jwa⸗ nowicz ſtehe, oder einem ſeiner Sklaven.“— Als er ſo geendet, ſchritt er hinaus, geſtutzt auf einige von der Wacht, welche ihn geleitete. Ich aber ging zuruͤck in meinen Kerker, und nimmer hab ich ihn wieder erblickt. Auch bin ich ungewiß worden, ob es der Trepka war, wel⸗ chen ich geſehen, oder in der That ein roͤmiſcher Prieſter, fur welchen er zu Moskau ſpaͤter im⸗ mer gegolten.“— „Eure Augen haben Euch nicht getaͤuſcht,“ unterbrach Johannes Tarnowski den Erzaͤhler: „es war Boguslaw Trepka,*) welchen Ihr ge⸗ *) Dieſer Lrepka gehört zu den Vorfahren des Ver⸗ faſſers. Das Geſchlecht dieſes Namens, hat noch ietzt ſeine Güter meiſt in der Gegend von Sieradz. Es führt den ſonderbaren Zunamen Nekanda, * ſehen, der, ein zweiter Zopyr, ſich bewieſen hat, als einen Helden der Treue.— Es hatte ihn der Koͤnig, welchem keine Nachricht gekom⸗ men war von der Haft des Michgel Glinski, an denſelben geſendet mit Auftraͤgen. In Smolensk ſchon erfuhr er das Schickſal des Fuͤrſten, und der unerſchrockene Mann beſchloß, ihm nach Moskau zu folgen, ob es ihm da nicht gelaͤnge, ihn zu ſehen. Sein Vorhaben mißgluͤckte, ob er gleich auf den ſonderbaren und kuͤhnen Ein⸗ fall gekommen war, ſich zu verkleiden gleich ei⸗ nem Praͤlaten der roͤmiſchen Kirche, und ſich aus⸗ zugeben fuͤr Piſo den Legaten, deſſen Ankunft in Moekau verkuͤndet worden. Seine Standhaf⸗ tigkeit in den Martern, und die Vorwuͤrfe und Drohungen mit denen er den Car uͤberhaͤufte, als ——————— (Necandi) d. j. folche die man todtſchlagen muß: und man leitet dieſe Benennung vom Bannfluch des Papſtes her, welcher dieſen Boguslaw darum getroffen, daß er ſich die Eigenſchaften eines Prie⸗ ſters angemaßt, aber auf Vorbitten des Königs auf⸗ gehoben worden ſein ſoll, unter der Bedingung, daß er dieſen Namen führe. Andre aber meinen, dieſer Zuname komme von einem andern Trepka her, welcher mit Boleslav dem Kühnen(ten Mai 1079) den heiligen Stanislaus erſchlug⸗ er vor ihn trat, taͤuſchten den Waſil, welchem der Himmel nebſßt andern fuͤrſtlichen Gaben, auch den Scharfſinn verſagt hatte. Er furchtete, durch den Unglimpf, welchen er einem Legaten ange⸗ than, alle Fuͤrſten der katholiſchen Chriſtenheit, und vornehmlich den Kaiſer zu entruͤſten, darum ließ er ihn ſorgfaͤltig heilen, und ſandte ihn, mit reichen Geſchenken begabt, nach Polen zuruͤck. Als er nun zum Koͤnig kam, bat er ihn, er moͤge ihm verzeihen, daß er zu ſpaͤt gekommen, um ſein Gewerbe zu verrichten; ſchwieg aber von dem was ex erlitten. Der alte Koͤnig jedoch, der deß ſchon Kunde hatte, umarmte den Drepka, und ermahnte ihn, nach Sieradz zu gehn, wo er ihn ernannt zum Staroſt, und ſein uͤbrig Le⸗ ben hinzubringen im Wohlſtand und der Ruhe, welche er ſo wohl erworben. Auch lebt er noch, der ehrenwerthe Alte, und Ihr werdet ihn un⸗ fehlbar antreffen auf dem Reichstage zu Piotr⸗ kow. Wohl moͤget Ihr ihn immer freundlich be⸗ gruͤßen, lieber Herr Lacki; denn des Staroſten von Sieradz Bericht von Eurem Thun an je⸗ nem Tage im Gerichtsſaale zu Moskau, hat Euch wahrlich keinen Schaden gethan bei des hoͤchſtſe⸗ ligen Königs Majeſtaͤt.“ „Hier laßt mich,“ fuhr Herrr Lacki fort: „einen Zeitraum von ſiebzehn Jahren mit Still⸗ ſchweigen uͤbergehen, erlauchter Herr von Krakvw. Was ließe ſich auch ſagen von Tagen und Naͤch⸗ ten in ſteter Dunkelheit des Kerkers verlebt, waͤh⸗ rend welcher nichts wechſelte, als die Furcht und die Hoffnung; bis endlich beide erſtarben, und dumpfe Fuͤhlloſigkeit ſich mit bleiernem Gewicht niederſenkte auf das gebeugte Gemuͤth.“ „„Die Schlacht bei Drßa war geſchlagen; dreißigtauſend Polen hatten achtzigtauſend Mos⸗ kowiter uͤberwunden, und die Halbſchied derſel⸗ ben hinweggefuͤhrt in die Gefangenſchaft. Doch, Ihr kennet dieſe Schlacht beſſer, als ich.— Kai⸗ ſer Maximilian hatte der Hoffnung entſaget, den heldenmuͤthigen Koͤnig zu verderben; er zog zum zweitenmale die Hand zuruͤck, welche dem Mos⸗ kowiter die Koͤnigskrone geboten, und verband ſich gleich nachher, in der Zuſammenkunft zu Wien, durch eine Doppelheirath mit dem Jagiel⸗ loniſchen Stamme). Albert von Brandenburg, NSeiner Enkelin Marie von ECaſtitten mit Ludwig, ge⸗ kröntem König in Böhmen, dem Sohne Wladislav Jagiello, Königs von ungarn und Böhmen, und ſeines Enkels Ferdinand, nachherigen römiſchen Kaiſers, mit Annen, der Schweſter Ludwigs. — 49— der Hochmeiſter in Preußen, da ihm der Kaiſer ſeine Unterſtuͤtzung entzogen, hatte dem König das Homagium geleiſtet, kurz darauf das Drdens⸗ kleid abgeworfen, und die preußiſchen Lande als weltlicher Furſt und Herzog zum Schwertlehen genommen, von Herrn Siegmund ſeinem Dheim und der Republik. Die Plaͤne des Caren wa⸗ ren vernichtet, und er entglomm in neuem Zorn gegen den ungluͤcklichen Richael, welchem er Schuld gab, er habe ihn verleitet zu dem ver⸗ derblichen und nutzloſen Krieg; vergeſſend, wem er Smolensk verdanke, und Pfton. Vergeblich hatten Maximilian, und drauf Karl der Fuͤnfte, die roͤmiſchen Kaiſer, vergeb⸗ lich die Koönige von Ungarn, von Frankreich und Portugall bei dem Großfuͤrſten Furbitten ein⸗ gelegt zu Gunſten des gefangenen Feldherrn. Von ſeinen Blutsfreunden war er vergeſſen und verabſaͤumet; ſein Bruder, der feige Waſil wagte es nicht zu verſuchen, daß er den Zorn des Caren verſoͤhne, Frau Helena aber, die Großfuͤrſtin, wollte nicht ſprechen fuͤr den Dheim, welchen ſie haßte zum Dank fuͤr ſeine Wohlthaten und deſſen Scharfblick ſie ſcheute. Sy reiheten ſich die Jahre im traͤgen Voruͤberziehen; der 4 Fuͤrſt war ein Greis geworden im Kerker, und wir gealtert vor der Zeit. Herr Waſil Glinski war unterdeß geſtorben; die Carin aber, wel⸗ che ihrem Gemahl den Jwan geboren, welcher jetzt herrſcht uͤber Moskau, hatte großes Snb hen erworben und Macht. Es war im Anfange des achtzehenten Jehres unſerer Haft; da traten mehrere zu Frau Hele⸗ nen, und ſprachen zu ihr: Nicht geziemend ſey es fuͤr eine ſo große Fuͤrſtin, daß ihr naͤchſter Blutsfreund im Gefaͤngniß ſchmachte, und ſie deß vergeſſe, der einſt Vaterſtelle vertreten bei ihr. Auch ſey Michael Glinski nicht mehr der, welcher er geweſen in den Tagen des Gluͤcks; das lange Elend habe den Heldengeiſt ihm gebrochen und ſie moͤge ohne Gefahr den ſchwach geworde⸗ nen Greis heraus gehen laſſen aus der Nacht des Kerkers. Es werde ihr dieß große Ehre brin— gen im Innlande und bei den auswaͤrtigen Potentaten, welche ſchon lange mit Mitleid und Verwunderung angeſehen das grauſame Geſchick eines ehemaligen Kriegshelden, und nahen Ver⸗ wandten des Cars. Da ging Frau Helena hin⸗ ein zu ihrem Herrn, an der Hand fuͤhrend den Iwan Waßilewicz, ihren Sohn, welcher nicht aͤl⸗ ter war, als drei Jahre. Der Knabe aber ging auf ihr Anſtiften hin zum Vater, der nun alt war worden und grau, und in ſeinem Lehnſtuhl ſaß beim Kruge, und ſich ergotzte an den Schwaͤn⸗ ken ſeiner Narren; kniete vor ihm nieder, faßte ſeine Hand und ſprach;„Bitte, allergnaͤdigſter Vater, moͤget den Großoheim losgeben, daß er ſpiele mit mir, und mir ſchenke allerlei Schoͤnes.“ — Es wußte aber der Knabe nicht, was er ſagte, denn er hatte es auswendig gelernt. Da hob der alte Fuͤrſt das ſchwere Haupt und hetzte ſein Söhnlein, ſprechend:„Dein Großoheim hat Uns auch geſchenkt manch ſchoͤnes Spielwerk, als das Land Smolensk und die große Stadt Pſtow; weil Du bitteſt fuͤr ihn, mag er frei ſein; nur wahre Dich, Junge, daß er Dir nicht wieder nehme, was er Dir gegeben.“ So vollbrachte alſo Jwan Waſilewiez eine That der Menſchlichkeit, ohne es zu wiſſen; und es iſt auch wohl die einzige geblieben der Art, denn ſeit dem hat man dergieichen nicht vernommen von ihm. Drauf ging Herr Glinski nach ſieben⸗ zehnjahriger Haft hervor an das Tageslicht. und bald darauf oͤffneten ſich auch die Thuͤren unſe⸗ rer Kerker, und es ward befreit, was noch am 4* Leben war von den Freunden des Michgel; die Gebeine aber des Schleinitz, waren ſchon gebleicht im Winterſturm und brennenden Sonnenſtrahl. „Laſſet mich ſchweigen von der Freude und der Wehmuth, welche wir empfanden, als wir uns umarmten nach langer Einſamkeit im Ge⸗ faͤngniß; wie wir die Entſtellung erblickten in unſern Zuͤgen und die Spuren vieljaͤhriger Lei⸗ den. Als ich aber den Simeon Bielski gewahrte, und er mich, vermochten wir nicht zu ſprechen, und druͤckten uns ſchweigend die Hand. Einige Tage darauf erſchienen wir auf dem Kreml, uns dem alten Herrn vorzuſtellen, und nach moskv⸗ witiſchem Gebrauch zu danken fuͤr die gnaͤdige Strafe. Da erſahn wir Herrn Glinski, der neben dem Car ſtand, ganz vertraulich mit ihm ſprechend; denn das Alter hatte in beiden die Leidenſchaften erſtickt, und Zorn und Haß er⸗ raltet in ihrer Bruſt. Hilf Himmel, welche Veraͤnderung gewahrten wir da. Wenige graue Haate umflogen das bleiche, runzelvolle Geſicht, um deſſen einſt ſo wurdevolle Stirn, um deſſen volle, waͤnnlich gebraͤunte Wangen ehemals dunkle Locken in reicher Fuͤlle fielen; ein ſeelenloſes Laͤ⸗ chein, das Laͤcheln des Sklaven, welcher abge⸗ ſtumpft iſt fur ſeine Erniedrigung, ſchwebte um den Mund, der einſt durch die Donner der Feld⸗ ſchlacht mit gewaltiger Stimme das Kommando⸗ Wort rief, welcher bald mit verfuͤhreriſcher Be⸗ redſamkeit des Zuhoͤrers Gemuͤth feſſelte, bald in ungemeſſenem Stolze Hohn ſprach den Koͤ⸗ nigen der Erde; die Hand, die das Schwert geſchwungen und den Stab des Heerfuͤhrers, hielt jetzt in krampfhafter Schwaͤche die Krucke des hinfaͤlligen Greiſes. Als wir darauf zu ihm hin⸗ traten, nachdem wir den Car begruͤßt, ſtarrte ſein mattes Auge uns gleichguͤltig an, als er⸗ kenne es uns nicht; und da wir uns ihm nann⸗ ten, von Freude und Wehmuth bewegt, da hieß er uns willkommen, ſo kuͤhl und ohne Be⸗ deutung, als habe er uns nicht vermißt denn ſeit geßern, und wir kehrten zuruͤck nach einer Luſtreiſe von wenigen Stunden. Wir traten in unſere Stellen wieder ein, und Furſt Glinski gewann beim Becher taglich mehr die Freundſchaft des Caren. Pft, ſagte man uns, ſtritten ſie, nach der Weiſe alter Männer, uͤber das, was vor Jahren geſchehen, eiſrig und mit Hartnaͤckigkeit, jeder ohne Scheu deſſen erwaͤhnend, was ex dem andern Boͤſes zugefuͤgt; das Lob nicht ſparend der eigenen Liſt und Kuͤhnheit, doch, ohne Groll, als ſei nur das Gemeine vorgefallen zwiſchen Nachbarsleuten, und als ſeyen ſie ſelbſt es nicht, ſondern wild⸗ 1 fremde Menſchen, von deren Unthaten ſie ſpraͤ⸗ chen. 1 Wir aber, Simeon Bielski und ich, lebten 1 zuſammen in Eingezogenheit, uns dem Schickſal unterwerfend, welches, wie wir meinten, uns ein Grab bereitet habe, fern von den Graͤbern unſerer Ahnen. So vergingen einige Jahre, waͤhrend wel⸗ cher die Helena ihren greiſen Gemahl beſchenkte 5 mit einem zweiten Sohn, dem Dimitri. Zu der Zeit gewann der Kniaz Dwezyn großes Anſehen am Hof, welcher mit dem Stamme des Caren verwandt war und befreundet. Der iſt Euch nicht unbekannt geblieben, ſehr wuͤrdiger Herr Groß⸗ feldherr der Krone, da Ihr ihm in ſpaͤterer Zeit mehrere Male den Weg gewieſen, auf welchem man am ſchnellſten herauskaͤme aus Littauen, und den ruſſiſchen Landſchaften der Krone. Herr Waſil IJwanowiez, der Car, verſank allmaͤhlich in die Kindheit des Geiſtes; nichts mehr ach⸗ tend auf der Weit, als den Weinkrug und die gebrannten Waſſer, die Spaͤße ſeiner Zwerge und Narren, und nebenbei das Streiten und Geſchwaͤtz mit Herrn Michael; die Großfuͤrſtin aber und Owezyn ſchalteten im Reich. Es war im Herbſte des Jahres 1535., als das Anſchlagen der großen Glocke auf dem Kreml, die nur gelaͤutet wird bei beſondern Fei⸗ erlichkeiten, durch die Straßen von Moskau er⸗ toͤnte. und bald darauf vernahm das Volk: der alte Waſil Jwanowicz ſey hingegangen zu ſeinen Vaͤtern. Die Kniazen und Bojaren wurden be— rufen, des andern Tages zu erſcheinen auf dem Schloß. Im großen Saale war ein Thronhim⸗ mel bereitet, jedoch der Seſſel unter ihm war leer. Rechts von demſelben ſtand die verwittwete Groß fuͤrſtin, an der Hand haltend ihre beiden Soͤhne, den Jwan und den kleinen Demetrius, die Waſilewicze. Unfern von ihr, eine Stufe niedriger, war der Kniaz Oweiyn zu ſehen, hal⸗ tend das Schwert des Caren, und Herr Glins⸗ ki, der den Zepter trug in ſeiner Rechten; ein Dritter aber hielt die Krone. Vor dem Thron, an einem Tiſch, auf welchem eine Pergament⸗ rolle lag, ſtand Lew Romanowiez Baturin, der neue Kanzler. Laͤngſt den Waͤnden des Saales 6 reiheten ſich die anweſenden Herren, der Patri⸗ arch mit der Geiſtlichkeit und die Beamten; un⸗ ter ihnen aber waren zu ſchauen die Zwerge und Narren des Verſtorbenen, in Trauerkleidern, lächerlich mit bunten Flecken beſetzt, und die Schellen an ihren Kappen, und das Fratzenbild an ihrem Stock mit Boy umhuͤllt; ſie thaten aber gar traurig und betruͤbt, auch mochten ſie wohl die Einzigen ſeyn im ganzen Saale, die den Tod des Waſil Jwanvwiez aufrichtig bewein⸗ ten. Herr Baturin, nachdem er eine Rede ge⸗ halten an die Verſammlung, in welcher er den alten Car verglich nach einander der Sonne, dem Mond und den Sternen, nahm das Per⸗ gament, welche die letzte Verfuͤgung des Herrn war, kußte es und begann zu leſen deſſen In⸗ halt, wie folgt:„Auf den Fall ſeines Ablebens habe der durchlauchtigſte und großmaͤchtigſte Großfuͤrſt und Car Waſil, Sohn des Jwan, er⸗ nannt und ernenne zu ſeinem Nachfolger als Caren von Großnowogorod, Twer, Wolodimir und Cleider!) jetzt auch Smolensk und Pſtow, ſei⸗ nen aͤlteſten Sohn, Jwan Wafilewicz, welchen der Herr behuͤten moͤge und Sanct Nikolaus. Sur Votmuͤnderin und Regentin aber, wahrend — 5— der Minderjaͤhrigkeit deſſelben, beſtellte er ſeine geliebte Gemahlin und betruͤbte Wittwe, Frau Helenen Waſilewnen Glinska, Großfurſtin ꝛc.; zu ihren Beißtaͤnden jedoch und Genoſſen in der Regentſchaft, ſeine werthen Vettern, den wohl⸗ gebornen Michael Lwowiez, Kniazen Glinski, und den wohlgebornen Simeon Fedorowiez, Kninzen Owezyn.“ Als der Kanzler geendet, toͤnte ein dreima⸗ lig Hurrah durch den weiten Saal, und die Groffuͤrſtin ließ ſich nieder auf den Thronſeſſel, auf ihren Knien haltend den neunjaͤhrigen Jwan; zur Rechten trat ihr aber Michael Glinski und zur Linken Owezyn. Tages darauf kam eine Botſchaft an mich und Herrn Simeon, vom Kreml, die uns be⸗ ſchied zu dem neuen Regenten. Als wir hinein kamen in ſein innerſtes Gemach, gewahrten wir eine große Veraͤnderung an Herrn Michgel. Er hatte die Kruͤcke weggeworfen, auf die er ſich geßuͤtzt die letzten ſechs Jahre, und ruͤſtig mit feſten Schritten kam er auf uns zu. Das todte, einfoͤrmige Läͤcheln, das ihn ſo entſtellte, war verſchwunden, und ein Wiederſchein des alten Feuers glaͤnzte in ſeinen Augen.„Heut heiß ich Euch willkommen zum erſten Mal ſeit vier Jahren,“ begann er mit ſtarker, volltoͤnender Stimme:„Euch Johannes Lacki von Drohobuz, und Euch Simeon Fuͤrſten Bielski, die Ihr wa⸗ ret meine Genoſſen in Kriegsgefahr und Sieges⸗ luſt, in Verbannung und ſiebenzehnjaͤhriger Ker⸗ kernoth. Nun aber werdet Ihr meine Gefaͤhr⸗ ten ſeyn im Glanz und in der Ehre. Eine lange truͤbe Zeit iſt voruͤbergegangen, jetzt wirft die Sonne wieder freundlich ihre letzten Strahlen auf des Glinski graues Haupt.“ Wir wuͤnſchten ihm Gluͤck zur Wendung ſei⸗ nes Schickſals und zu der Erneuerung ſeiner Kraft und Geſundheit. Da laͤchelte er, und ſprach:„Die Thuͤre meines Gefaͤngniſſes war klein und niedrig, da mußte ich wohl gebuͤckt gehen, damit ich hindurch koͤnne. Doch laſſen wir die Vergangenheit, und halten das Gegen⸗ waͤrtige feſt, damit ſich uns die Zukunft ſchoͤner geſtalte. Ihr waͤhnet, und viele mit Euch, daß ich jetzt den Gipfel erſtiegen, und auf der Hoͤhe kein Blitztrahl mich treffen moͤge und keine Windobraut, die mich wieder hinabſchleudere in die Tiefe, aus der ich muͤhſam emporgeklom⸗ men. Ob dem alſo ſey, das beurtheilet, Ihr Herren, wenn Ihr erwaͤget, was ich Euch ge⸗ ſagt vor ein und zwanzig Jahren von der Carin, die damals war ein funfzehnjaͤhrig Fraͤulein, und wenn Ihr betrachtet den Dwezyn, der ſich haͤlt fur einen gewaltigen Kriegshelden und hochwei⸗ ſen Staatsmann, weil er gefallen einer eitlen und verderbten Frau. Ich ſage Euch aber, ich bin den beiden ein Dorn im Auge. Schon laͤngſt hat meine theure Nichte das Fuͤrwort be⸗ reut, das ſie damals geſprochen fuͤr ihren Dheim und zweiten Vater; und vielleicht waͤre ich ſchon lange zuruͤckgekehrt in mein Gefaͤngniß, haͤtte ich nicht den Junius Brutus geſpielt am Hofe dieſes Targuin. Darum laſſet uns zuſammen halten, wir, und die noch allhier ſind von Lit⸗ tauern, damit wir die Spitze bieten der mos⸗ kowitiſchen Argliſt und Treuloſigkeit. So habe ich Euch, Kraft meines Regenten⸗Amts ernennt, Euch Simeon Bielski, zum Befehlshaber der Leibwacht, die gebildet iſt aus Leuten der neuen ruſſiſchen und littauiſchen Provinzen, Euch aber, Johannes Lackt, zum Kaͤmmerer und Hofmeiſter Jwans Waſilewicz, des jungen Cars. Ihr, Fuͤrſt Bielski werdet Sorge tragen, mir die Leibwacht geneigt zu machen, daß ſie zu uns halte in der — 65— Stunde der Gefahr; Ihr aber, Freund Johan⸗ nes, Euch bemuͤhen, daß Ihr das Vertrauen gewinnt des fuͤrſtlichen Knaben, und ſeinen Sinn lenket zum Guten, und zur Ergebenheit gegen ſeinen Großoheim; denn es iſt ein wilder Schoͤßling, und drohet ſeinem Vater nachzuſchla⸗ gen, der, Gott hab ihn ſelig, nicht ein ſehr loͤblicher Fuͤrſt war.“ Alſo verſprachen wir dem Regenten, ſo viel an uns ſei, nach ſeinem Willen zu thun, er aber fuhr fort nach mehrern andern Geſpraͤchen:„daß ich Euch nur die Wahrheit ſage, ich kann hier nicht einheimiſch werden unter dem rohen Volk, und mich grauet vor dem Gedanken, daß ich hier ſterben koͤnne im fremden Land, ehe ich die vaterlaͤndiſchen Fluren wieder geſehen, und Ver⸗ gebung erhalten aus dem Munde Herrn Sieg⸗ munds, meines Koͤnigs, den ich ſchwer belei⸗ digt. Schaut nur nicht ſo beſonders drein,“ ſetzte er hinzu, als er in unſern Mienen die Gedanken leſen mochte, die in uns aufſtiegen. „Nichts Boͤſes fuͤhr' ich im Sinn; mich ekelt vor dem Verrath, mit dem ich mein beruͤhmtes Leben befleckt, und ich will auf mein graues Haupt nicht mehr der Schuld laden. Was ich aber will, das iſt, daß ich, näch dem Willen des Alten zum Regenten ernannt, auch Re⸗ gent ſey, und nicht der Sklave eines Weibes, die mir das verdankt, was ſie iſt, und eines ei⸗ teln Gecken; daß ich mich erhalte in Wuͤrde und Anſehen, ſo lange ich hier bin, und fordern könne das Fuͤrſtenthum Smolensk, als Lohn tuͤr meine langjaͤhrigen Dienſte, und den Preis davon trage, an den ich geſetzt mein zeitliches Leben, und vielleicht leider auch mein ewiges Heil; daß ich im Stande ſey, die Treue derer zu belohnen, die mir angehangen in Gefahr und Elend, und daß ich einſt in meinem Vaterlande erſcheinen moͤge, und vor dem ritterlichen Sieg⸗ mund nicht als ein Landfluͤchtiger und Ausgeſto⸗ ßener, ſondern als Regent des moskowitiſchen Reichs, und unabhaͤngiger Fuͤrſt uͤber Land und Leute.“ „Wir waren fehr erfreut uͤber das, was wir gehoͤrt und geſehen, doch war unſere Freude nur von kurzer Dauer, die Hoffnungen des Glinski, Traͤume, und die neue Kraft ſeines Geiſtes ein ſchnell voruͤbergehender Sonnenblick an einem Novembertage. Deſſelbigen Tages noch bezogen wir den Kreml, um unſere Aemtet anzutreten. Herr Simeon aber, dem doch das Leichtere auf⸗ erlegt war, beklagte ſich ſchon nach kurzer Zeit alltaͤglich bei mir uͤber den geringen Erfolg ſeiner Bemuͤhungen. Der Zahlmeiſter der Leibwacht, und mehrere der unterbefehlhaber waͤren ihm zur Seite geſetzt von dem Dwezyn, und dieſe machten die Leute abwendig von ihrem Pberſten. Seine Befehle und die des Michael Glinski wuͤr⸗ den nur ſaumſelig befolgt, oder gar nicht, und einige Maßregeln ßtrengerer Kriegszucht haͤtten anſtatt wirkſam zu ſeyn, beinahe einen offenen Aufſtand erreget. Mir gelang es noch weniger. Unzaͤhliche Aufpaſſer verhinderten mich bei Tag und Nacht an der Ausuͤbung meines Amtes, nur ſelten konnte ich einige Augenblicke allein ſeyn mit dem jungen Car, und anſtatt daß es mir ge⸗ lungen waͤre, ſeine Zuneigung zu gewinnen, ſchien er mir dieſelbe taͤglich mehr zu entziehn. Zudem war das Gemuͤth des durchlauchtigen Knaben gar ſtoͤrriſch und boshaft. Seine liebſten Spiele, in welchen ihm auch ſeine moskowitiſchen Lehrer und Hofdiener getreulichen Vorſchub thaten, waren ganz abſonderlicher und grauſamer Art. Thiere zu hetzen und zu verſtuͤmmeln, ſeine Sklaven peit⸗ ſchen zu laſſen bis aufs Blut, Fuchseiſen zu ſtel⸗ len in den Gaͤngen zu ſeinen Gemaͤchern, und aus dem Fenſter Scheidewaſſer und heißes Pech zu gießen auf die Untenſtehenden, das waren die liebſten Beluſtigungen des kleinen Wuͤthrichs. Kaum konnte ich mich ſelber ſicher ßellen vor die⸗ ſen Streichen, welche die Großfuͤrſtin Mutter, und Owezyn der Regent, und mit ihnen der ganze Hof, fruͤhe Ausbruͤche nannte eines krie⸗ geriſchen Geiſtes und lebhaften Witzes; wenn ich ihn aber ſtrafte deshalb mit ernſten Worten, da ziſchte die junge Schlange nach der Weiſe des alten Drachen, ſprechend:„Er ſey der Car, und es gezieme ihm, zu thun nach ſeinem Be⸗ lieben mit ſeinen leibeigenen Hunden und Men⸗ ſchen, was auf Eines heraus komme; ich aber ſey ein littauiſcher Knecht, und ein landfluchti⸗ ger Verbannter, ſtatt deſſen er lieber zum Hof⸗ meiſter haben wolle den geringſten ſeiner mosko⸗ witiſchen Sklaven.“ Im Anfange gingen wir vft, Herr Simeon und ich jeder ſeiner Seits, Beſchwerde zu fuͤhren bei dem alten Regenten, und er entruͤſtete ſich ſehr, und gelobte uns, dem abzuhelfen. Aber bald wurden wir gewahr, daß ſeine Macht dem Willen nicht mehr gleiche. Er ward allmaͤhlig — 64— entfernt aus den Berathſchlagungen der Re⸗ gentſchaft, ſein Vorgemach ſtand veroͤdet, nur karglich erwies man ihm die Ehrenbezeigungen, die ſeiner Wuͤrde gebuͤhrten, und wir ſahen mit Betruͤbniß und Sorge, wie der alte Loͤwe zum Spott der Kinder worden war. Doch während Herr Glinski einſam ſaß in ſeinen goldnen Zim⸗ mern, und ſich labte an den Traͤumen einer Zu⸗ kunft, die nie erſcheinen ſollte, ging es deſio fröhlicher her am Hofe Helenens, der verwittwe⸗ ten Großfuͤrſtin.. Bankete und ſchwelgeriſche Gaſtmäler erfuͤll⸗ ten die Saͤle, aus welchen der Anſtand und die furſtliche Sitte allgemach gaͤnzlich verbannt wurden, die Carin hatte ihres buhleriſchen Einverſtäͤndniſſes nicht mehr Hehl mit dem Ow⸗ czyn, vft war der verſammelte Hof Zeuge zuchtlo⸗ ſer Auftritte; Mummereien und Faſtnachts ſpiel im Schloß wechſelten mit tollen Aufzuͤgen durch die Stadt, die Voͤllerei ließ ihr wuͤſtes Geſchrei ertonen durch die Hallen des Kreml, und die Zwerge, die Narten und die Gaukler trockneten die Thraͤnen, welche ſie vergoſſen hatten um den Tod des alten Waſil, denn es war noch eine peſſere Zeit fuͤr ſie gekommen. — 65— Nicht ſelten pinterbrachten wir Herrn Mi⸗ chael, was wir ſahen und hoͤrten, und die an⸗ dern Littauer mit uns. Auch redeten wir ihm alle zu mit eindringlichen Worten; wie das ihm und uns nichts Gutes bedeute, und es an der Zeit ſey, uns zuruͤck zu ziehen mit Ehren, ſo lange es noch moglich waͤre, und kein offener Gewaltſchritt geſchehen, welchen abzuwenden wir noch zu ſchwach ſeyen, und der die letzten Schran⸗ ken ſprengen wuͤrde, die den boͤſen Willen noch gefangen hielten. Aber da ward er unmuthig, nach der Weiſe alter Leute, beſonders ſolcher, denen eine Erinnerung geblieben iſt von der Macht, welche ſie ehemals beſaßen, von der King⸗ heit ihrer fruhern Jahre und andern vortrefflichen Gaben. Er wollte nicht glauben an die Verring⸗ erung ſeines Anſehens, und vermaß ſich, wenn er ein Wort ſpreche, werde all das Unweſen ein Ende nehmen. So ergriff er nun das ſchlimmſte Mittel, welches er waͤhlen konnte bei ſolchen um⸗ ſänden. Er begab ſich trengen Ernſt auf der Stirn und bittere Vorwuͤrfe auf der Zunge in die Zimmer ſeiner Nichte, ſie mahnend mit har⸗ ten Worten an das, was ſi ſchuldig ſey ihrer Wuͤrde. Und im Anfang hörte man ihn an mit 5 ſcheinbarer Achtung, und verſprach dieß und je⸗ nes zu ändern, trieb es aber nach wie vor. Als er jedoch nun öfter erſchien ein laͤſtiger Gaſt, wie der finſtere Geiſt eines Ahnherrn in den Gemaͤ⸗ chern der Freude, fing die Carin an, ſeiner zu ſpotten, und der Owezyn; und wie es an den Höfen der Brauch iſt, ſo thaten die Schranzen gleich den Furſten. Wie er aber darauf ſich ent⸗ ruͤſtete, und ſeine Nichte mahnte an das, was er fuͤr ſie gethan von Ingend auf, mehr wie ein Vater denn wie ein Oheim, und drohete, daß er verfahren werde Kraft ſeiner Macht und Pficht, als Regent des Reiches, da ward ſein Untergang beſchloſſen. Eeines Morgens ſchickte ich mich an, mein muͤhſeliges Amt zu verſehen, als Hofmeiſter des jungen Caren, und ging in deſſen Vorgemach; da trat mir entgegen Fedor Borisowiez Godu⸗ now, ein junger moskowitiſcher Herr, welchen ich nie leiden können, weil er unwiſſend war, wie zu der Zeit die meiſten ſeiner Landsleute, und heimtuͤcktſch dazu. Der begruͤßte mich, und ſagte mir: Ich ſolle mich weiter nicht bemuͤhen; der Großfuͤrſtin Mutter Hoheit nebſt der Regent⸗ ſchaft haben mich meines Amtes entlaſſen, und ihm die Ehre erwieſen, ihn zu meinem Nachfol⸗ ger zu ernennen, bei dem großmachtigſten Caren und Herrn. Noch ſtand ich, ungewiß, was ich zu erwiedern habe auf ſolchen Gruß; da kam der großmaͤchtigſte Car und Herr ſelbſt in das Zim⸗ mer gerannt, einen Vogel haltend, dem er zur durchlauchtigen Beluſtigung die Augen ausgeſto⸗ chen.„Was ſuchſt Du hier, Littauer?“— ſchrie mich der hoffnungvolle Knabe an: Haſt hier ausgehofmeiſtert!— oder willſt, daß es Dir ſo gut werde, wie dem Vogel hier?— Wart nur ein wenig, dazu kann Rath werden.— Ich habe mich nur geuͤbt im Augen ausſtechen, da⸗ mit ichs verſuchen koͤnne an den littauiſchen Land⸗ laͤufern.— Einemz“ fuhr er mit boshaftem La⸗ chen fort:„Einem iſts wohl ſchon geſchehen;— dem Großoheim!“— und damit lief er fort. Ich aber ging hinab, im Grunde herilich erfreut, der nutzloſen Aufſicht entledigt zu ſeyn uͤber den un⸗ geberdigen Knaben, doch unruhig wegen des Wor⸗ tes, welches ihm entfallen uͤber den Herrn Mi⸗ chael. Unten fand ich den Simeon Bielski; der ſagte mir beim erſten Wort, auch er ſey des Be⸗ fehls entſetzt uber die Leibwacht, im Namen Frau Helenens und der Regentſchaft, es ſey ihm auch, 5* ſuhr er fort, manch Unverſtaͤndliches und Unheil⸗ bedeutendes zu Ohren gekommen, was den Fuͤr⸗ ſten Regenten angehe. Mit verdoppelter Unruhe eilten wir nach dem Fluͤgel des Schloſſes, wel⸗ chen derſelbe bewohnte;—— Was wir befuͤrch⸗ teten, war ſchon geſchehen.— „Laſſet, Herr Graf zu Tarnow, laſſet ei⸗ nen alten Mann noch einmal einen Ruͤckblick werfen auf die Vergangenheit, und auf den, welcher ihm ſo werth war durch lange Jahre, und welchem er alles geopfert, was ihm lieb war auf Erden. Bricht die Nachwelt auch den Stab uͤber Michael Lwowiez Glinski, verklagen ihn auch die Truͤmmer mancher littauiſchen Stadt, ſchreit auch das Blut vieler Erſchlagenen um Rache gegen ihn zum Himmel; ich, ſo viel Boͤ⸗ ſes er mir auch zugefuͤget, ich kann mich nicht geſellen zu denen, die ihn haſſen und verfluchen. Er war doch ein Held und Ritter, tapfer in der Schlacht, wie ein gemeiner Krieger, und beſon⸗ nen, wie es dem Feldhauptmann geziemt. Seine Stimme im Rath war die Stimme eines Wei⸗ ſen; ſeine Freigebigkeit königlich, und warm, wie er haßte, liebte er auch die, die ihm erge⸗ ben. Das Laſter, welches ihn trieb von der Bahn der Ehre, und ihn ſüͤrzte in Schmach und Ter⸗ derben; es war daſſelbe, dem ja auch Engel un⸗ terlegen ſind, und welches ſie geſchlendert hat vom Himmel in den Abgrund der Hoͤlle.“ „Wohl,“ ſprach Herr Tarnowski bewegt: „und ſo laſſet uns keinen Stein werfen auf das Grab des ungluͤcklichen, ſondern an unſere Bruſt ſchlagen und rufen: Herr, gehe nicht mit uns Suͤndern ins Gericht!“ „Hat auch Fuͤrſt Michael,“ fuhr der alte Herr Lacki nach einiger Zeit fort:„hat er auch ſein glaͤnzendes thatenreiches Leben befleckt mit undank und Verrath, ſo iſt er ſelbſ gefallen ein Dpfer der ſchwaͤrzeſten Undankbarkeit.— He⸗ lena, die Frau, welche er von Kindheit auf ge⸗ hegt und geliebt, als ware ſie ſeine Tochter, wel⸗ cher er mit ſo mancher Muͤhe und Gefahr, ja mit Verluſt ſeines beſſeren Theiles den Weg ge⸗ bahnt zum Throne, den ſie iett ſchaͤndete; He⸗ lena, die Großfurßtin hatte mit Huͤlfe ihres fre⸗ chen Buhlen, in einer geheimen naͤchtlichen Zu⸗ ſammenkunft der Bojaren ihn eines neuen Ein⸗ verſtändniſſes angeklagt mit Siegmund Jagiello, dem König von Polen; man batte ihn einſtimmig der Regentſchaft entſett, welche ihm gebuͤhrte wegen ſeiner langen und großen Dienſte, und als naͤchſtem Verwandten des Caren, hatte ihn dar⸗ auf in ſelbiger Nacht in ſeinen Zimmern verhaf⸗ ten, ihm— laſſet mich kurz ſeyn,— ihm die Augen ausreißen laſſen, und den Seblendeten in einen tiefen Thurm geworfen.—— Was kann die Krone Polen, was kann die Welt ſich von dem Ungeheuer verſprechen, wel⸗ ches unter dem Herzen dieſer Megaͤra gelegen? — Poch iſt es jung, und ſchon bezeichnen blu⸗ tende Gebeine den Weg zu ſeiner Hoͤhle; wenn es älter geworden iſt, wird es den Schuppenleib ſchlingen wollen um die nachbarlichen Reiche, und ſeine Atzung ſuchen in dem Blute der Na⸗ tionen.— Ich hab' es gekannt, als es noch klein war; ich habe Euch dieſes Knaben Spiele ge⸗ nannt.— Wehe Europen, wenn dieſer einſt ſtiege auf die Burg der Jagiellonen, wie ſein thöriger Vater es gewollt, und nachblickte der Sonne auf ihrem Wege gen Riedergang!—— Was weiter geſchehen, wiſſet Ihr, wuͤrdiger Herr von Krakau. Nicht lange trug der ungluͤck⸗ liche Glinski die Maſſe des Elendes, welches ſich geſammelt hatte auf ſeinem grauen Haupt. Er ſtarb kurze Zeit nach ſeiner zweiten Einker⸗ kerung in den Armen einer Tochter, welche er außer der Ehe gezeugt vor ſeiner erſten Haft, und die ihm gefolgt war in das Gefaͤngniß Bittere Klagen, Verwuͤnſchungen der Untreue gegen ſeinen Koönig und Vaterland, Fluͤche, ge⸗ ſchleudert auf das Haupt der Undankbaren, welche ihm mit dem Tode vergolten, waren die Vorbe⸗ reitungen zu ſeinem Ende; die Geiſter der Er⸗ ſchlagenen umſtanden ſein Sterbebett, und die Unken und Molche ſeines Kerkers ſangen ihm zu Grabe.— Die Gefangennehmung des Regenten war indeß nicht ohne Wirkung geblieben. Mehrere Große, die dem Owezyn Feind waren, und der Carin Mutter, gebrauchten ſich des Geſchehenen zum Vorwand der Empoͤrung; das blutige Pan⸗ nier des Buͤrgerkriegs ward aufgeſteckt, und ei⸗ nige Zeit hindurch waren die Hauptſtadt des mos⸗ kowitiſchen Reichs und die ſie umgebenden Pro⸗ vinzen der Schauplatz des Mordes und der Ver⸗ heerung.. Da man auf uns nicht achtete in dieſem Tumult, ſo ſetzten wir uns zu Pferd, der Fuͤrſt Bielski und ich, und wir zogen nach ungarn zum Heere des Koͤniges Johannes von Zapolya. Mehrere Jahre hindurch fochten wir in den Schlachten dieſes unglucklichen Fuͤrſten gegen den oͤſtreichiſchen Ferdinand; und als er das muͤde Haupt, welchem die Krone ein Kranz von Dor⸗ nen geweſen war, zu Pfen niedergelegt hatte auf das Sterbekiſſen, geleiteten wir, uͤberdruͤ⸗ ßig der Luͤrkenherrſchaft, Frau Iſabellen und die königliche Waiſe nach unſerer aller Vater⸗ land zuruͤck nach Polen, aus welchem ich ver⸗ bannt geweſen 33 Jahr.— Da fand ich Euch, ſehr wuͤrdiger Graf und Faſtellan zu Krakow, welchen ich verlaſſen als einen hoffnungvollen Knaben, als einen Mann wieder, ſo ehrenwerth durch ſeine Wuͤrde, als beruͤhmt durch ritterliche That und Weisheit; und Ihr habt mir bewieſen, daß Ihr nicht miskann⸗ tet in dem Ungluͤcklichen und Verſtoßenen den Geſellen Eurer jungen Jahre. Ihr fuhrtet mich und meinen Sohn, welchen ich erzeugt in Ungarn, nach Littauiſch Brzese, mit dem Simeon Bielski zu den Fußen meines Herrn und Koͤnigs. Der nahm die Reuenden gnaͤdig auf, und verlieh dem Verarmten, deſſen Gter eingezogen waren, auf Euere Fürſprache, den hohen Hof und Zoludek Trocki und ſpaͤter die Staroßei von Pinsk. Da — 73— ich aber einſt auf einer Reiſe, nach Lack kam, dem Stammſchloſſe meines Hauſes, welches nun von der Krone einem Andern verliehen war, und unbewohnt ſtand und leer, ſo ging ich hinein, die Staͤtte zu ſehen, wo meine Vaͤter gewandelt. Als ich nun in den Hof trat vor der Burg, gewahrte ich, wie das Gras ͤppig empor ge⸗ ſchoßt war zwiſchen den geborſtenen Pflaſterſtei⸗ nen. Da dachte ich der Worte, welche vor mehr als 36 Jahren Alexander geſprochen, der ßerbende König; und noch einmal draͤngte ſich das Waſſer in meine alten Augen. Darauf zog ich voruͤber bei Slucko, ging aber nicht hinein, denn Frau Anaſtaſia war ſchon todt ſeit langer Zeit; auch der kleine Georg Simevnowicz, welcher indeß ein wackerer Mann geworden und ein tapferer Feld⸗ herr, auch der kleine Georg ſchlief bereits in der Gruft ſeiner Ahnen. Da ich nun fremd geworden war im Vater⸗ land, waͤhrend meiner langen Verbannung, und keines Freundes Arme mir offen ſtanden in Lit⸗ tauen, und kein Haͤndedruck mich begruͤßte, noch bekannte Stimme aus fruͤherer Zeit, ſo zog ich mich zuruͤck in die Einſamkeit, in meiner Sta⸗ roßei zu Pinsk und auf den Guͤtern, welche mir des Koͤnigs Gnade rverlichen, um der Ver⸗ gangenheit zu leben und der Sorge fuͤr mein ewiges Heil, und der Erziehung meines einzigen Sohnes. Wohl haͤtte unſer junger Koͤnig, wel⸗ chen Gott erhalten moͤge, es dem alten Verbann⸗ ten, der ſo mancherlei Fruͤbſal erlebt, nicht auf⸗ ruͤcken ſollen, daß er ſich nicht gedraͤngt in die muntern Kreiſe ſeines Hofes. Doch der Sinn der Jugend iſt leicht; auch der meinige iſt es einſtmals geweſen, und wohl nur allzu ſehr. Da nahm der Kronfeldherr die Hand des Littauers, und druͤckte ſie ſchweigend und mit freundlicher Wehmuth. Lacki fuhr darauf fort: „Doch habe ich nicht unterlaſſen wollen, meine Muhme zu ſehen, Frau Barbaren, in ihrer neuen Herrlichkeit, die Tochter des Georg Mikolviewicz Radziwill, welcher mein Freund war in der ſcho⸗ nen Zeit ſchuldloſer Jugend, und die Wittwe des Stanislaw Albrechtowicz Gaſtold, welcher mein Gefaͤhrte geweſen in boͤſern Tagen, und mich ihrer Gunſt zu empfehlen, mehr um mei⸗ nes Kindes willen, als um mich, welchen Jahre und erlittenes Ungemach allmaͤhlig zur Grube ziehen. So es nun ſeyn kann, ſo wollte ich Euch gebeten haben um Eure Vermittelung und — ,— — ,— Fuͤrſprache bei dem Koͤnig, ſehr wuͤrdiger Herr, damit das Geſchlecht der Lacki wieder aufbluͤhe in meinem Sohne zur Herrlichkeit meiner Vaͤter. So es aber nicht ſeyn kann, ſo will ich mich be⸗ ſcheiden, und zuruͤck gehen in meine Einſamkeit, und bitte Euch nur, Ihr wollet mir verzeihen daß ich Euch belaͤſtiget.“— „Mein ſehr werther Freund und Herr,“ er⸗ wiederte Johannes Tarnowski mit Eifer:„„Ihr duͤrfet nicht zweifeln an meinem Villen Euch zu dienen. Doch wenig Tage, welche Ihr hier ver⸗ weilet, werden Euch, der Ihr ſo gut kennet das Treiben der Welt, und gelebt habt an dreien Höfen, zu Moskau, Wilno und Ofen; wenig Tage werden Euch uͤherzeugen, daß auch hier nicht alles ſo iſt, wie es ſeyn ſollte und koͤnnte. — Auch hier fehlt es nicht an Helenen, ob ſie gleich des Abendlandes Sitte gelehrt hat, des Herzens Geluͤſte beſſer zu verbergen. Graͤßliche Unthaten ſind Euch entgegen getreten auf Euerm dornenvollen Wege, aber nicht alle Verbrechen ſind geſchehen;— und ehe das juͤngſte Gericht her⸗ ein bricht, wird noch manche ſchauerliche That ver⸗ zeichnet werden im Suͤndenregiſter der Erde.— Auch an ſolchen gebricht es keinesweges, die dem Glinski — gleichen, und dem Owezyn und dem Hermip⸗ pus Laskaris.— Gott verhuͤte das Aergſte.“— „Und den Haſſan, den Tuͤrken habt Ihr ja hier in eigener Perſon,“ fuhr der alte Herr leb⸗ haft auf; welcher abhanden gekommen war aus Moskau, waͤhrend unſerer erſten Haft. Sagt nun ſelbſt, ob ich nicht moͤchte mich entſetzen, da ich ihm hier begegnete dem Moͤrder des Johan⸗ nes von Zabrzegi, dem Gehuͤlfen des Giftmiſchers und ſchaͤndlichen Zauberers, des Peters von Ba⸗ lin, dem, welcher nach dem Leben ſtand Herrn Siegmund dem Koͤnig, demſelben, welcher der Genoſſe war des Glinskt, in ſeinen boͤſeſten Tha⸗ ten, und ſeinen Herrn und Wohlthaͤter darauf verrieth an den Car um ſchnoͤdes Gold?— Da ich dieß Ungeheuer erblickte in der Naͤhe meiner Blutsfreundin und Koͤnigin, in dem Gefolge des Italieners Monti der vielleicht um nichts beſſer iſt als jener Peter von Balin, und ich nun ſo manches bedenke, was ich, wiewohl nur un⸗ vollkommen vernommen von Euer Gnaden, ſo iſt es mir ploͤtzlich, als lebte ich wieder in jener verworrenen blutigen Zeit, deren Begebniſſe ich Euch eben berichtet. Doch nun iſt es wohl hohe Zeit, daß Ihr Euch auf das Schloß begebet, —— denn ſchon hat der Schein voruͤber ziehender Fa⸗ keln mehr als einmal die Behaͤnge Eurer Fen⸗ ſter geroͤthet, und der Lritt vieler Roſſe iſt auf dem knatternden Schnee zu hoͤren geweſen, und ſolches waren wohl die Magnaten und Herren mit ihrer Dienerſchaft, die ſich hierauf begeben zur Koönigin Mutter. Auch muß ich nun fort, denn wenn ich nicht dabei waͤre, moͤchte wohl Manches ermangeln zum morgenden Tage, denn mein Stas iſt noch ein leichtſinnig Knaͤblein, der Vetter Hippolyt aber iſt verliebt und halb und halb ein Braͤutigam, alſo wenig geeignet zu ſolcherlei Dingen.— Schon verlobt iſt der juͤn⸗ gere Boratynski in ſo jugendlichen Jahren? nun das iſt recht, jung gefreut hat niemand gereut— Auch ſein Bruder der Herr Piotr war kaum 22 Jahre, als er meine Nichte ehelichte die Bar⸗ bara Dziaduszycka, und das hat ihm nicht Ab⸗ bruch gethan auf keinerlei Art. Wie nennet Ihr das adelige Fraͤulein, welches ſich der junge Mann erleſen?— Wohl iſt die Jungfrau edler, ſehr edler Herkunft, auch liebreizend und unta⸗ deliger Sitte— doch—— es iſt Helena, die Tochter des verſtorbenen Levn Odrowonz, des Herrn von Podolien. Der Prinzeſſin von Ma⸗ — 78— zowien Tochter, die uns ſeit geſtern beehret mit ihrer Gegenwart? fragte der Graf zu Tarnow raſch, als ſtiege ein ſchneller Gedanke in ihm auf — Ich hatte davon gehört, doch war es mir wieder entfallen— Es iſt dieß eine preisliche Wahl, obſchon— Hoͤret, alter Freund und wer⸗ ther Herr, ſaget Euerem Neffen, daß er fein Acht haben ſoll auf die Verlobte, es iſt der Hof ein glaͤnzend trugeriſcher Schauplatz, und wohl geeig⸗ net die unerfahrne Jugend wankend zu machen und unſicher, auch fehlet es hier nicht an jungen Herren und alten Damen— ſaget ihm, er moͤge Fraͤulein Helenen vor beiden bewahren. Nun auf Wiederſehen morgen in den Gemaͤ⸗ chern Ihrer Majeßtaͤten, Herr Staroſt von Pinsk — der Koͤnig hat Euch ſchon geſehen, und das Schlimmſte iſt voruͤber— ſo Ihr aber irr werden ſolltet an der ſpaniſchen Hofſitte, von der Ihr freilich nichts wußtet vor 40 Jahren in der hoͤl⸗ zernen Burg zu Wilno, ſo haltet Euch nur an mich.— 2. Das Gelaͤut der Vesper am erſten Weih⸗ nachttage des Jahres 1548 von allen Glocken der —— Kathedrale und der andern ſiebenzig Kirchen der alten Stadt Krakow war verklungen, die Sale der Koͤnigsburg glaͤnzten in hellcr Erleuchtung, und in den reich geſchmuͤckten Gemaͤchern warte⸗ ten die Großen des Reiches und viele auslaͤndi⸗ ſche Fürſten und Herren der Erſcheinung Sieg⸗ mund Auguſts. Die Hofſitte damaliger Zeit brachte es mit ſich, daß der Koͤnig nach beendigtem Got⸗ tesdienſte ſich in die Verſammlungſaͤle begab, und daſelbſt die Koͤnigin Mutter, als Wirthin dieſes Hofes zuerſt, drauf aber die Anweſenden begrußte. — Doch heute war Bona von Mailand nicht er⸗ ſchienen, und obwohl der Augenblick laͤngſt vor⸗ uͤber, verkündete noch nichts die Annaͤherung des Monarchen. Fluͤſternd ſtanden die Anweſenden in Gruppen beiſammen, und wendeten die Blicke von den hohen Fläͤgelthuͤren des Ganges, der aus dem koͤniglichen Betzimmer in den Saal füͤhrte, nur ab, um mißtrauiſch und neugierig die Haltung und das Geſpraͤch der Naheſtehenden zu belauſchen; die Littauiſchen Herren ſtanden abgeſondert von dem hohen Adel der Krone; die Blicke, welche ſich die Stellvertreter der beiden unter Einem Seepter vereinigten Volker zuwarfen, waren nicht die freundlichſten. Mancher unter — 80— ihnen legte die Hand an den Sabel, ihn etwas herausziehend, als wolle er ſich der Brauchbarkeit der Waffe fuͤr einen nahen Augenblick verſichern, und ſchaute mit keckem, herausforderndem Blick auf die muthmaßlichen Gegner, als wolle er ihn aufmerkſam machen auf die feindliche Geberde.— Von Mal zu Mal öffneten ſich die Thuͤren der innern Gemaͤcher, und alle Blicke richteten ſich ſchnell auf den Eintretenden, aber immer war es nur ein koniglicher Kaͤmmerling, der auf den Fußſpitzen durch den Saal ſchlich und mit tiefen Verbeugungen ſich einem oder dem andern der Bedeutendſten unter den Anweſenden naͤherte, welcher, nachdem er mit allen Zeichen der ge⸗ ſpannteſten Aufmerkſamkeit einigen ihm zugefluͤſter⸗ ten Worten zugehorcht hatte, dem Abgeſendeten auf dem Fuße folgte und hinter den ſtoffenen Vorhaͤngen der halbgeoͤffneten Thure verſchwand. Auf dieſe Art hatten allmaͤhlig die Vornehmſten beider Nationen, welche den geheimen Rath des Koͤnigs bildeten, den allgemeinen Verſammlung⸗ ſaal verlaſſen und die Ungeduld der Uebrigen be⸗ gann ſich in hoͤrbarem Gemurmel und raſchem Hin⸗ und Hergehen von Augenblick zu Augenblick immer deutlicher auezuſprechen.— Auch die, deren Kenntniß ſich nicht uͤber das erhob, was das Geruͤcht von dem verbreitete, was geſchehen war und noch geſchehen koͤnnte, fingen an ſich um die beſſer Unterrichteten mit geheimnißvoller Miene und ſchnell hingeworfenen Fragen zu ſammeln; bald ward es auch dem Unkundigſten zur Gewißheit, es ſey dies kein gewoͤhnlicher Hoftag, und Ungemeines werde nun bald ſich zeigen.— In einer entfernten Ecke des weiten Saales ſtand der Staroſt von Samborz mit ſeinem Bru⸗ der. Petrus ſchien nur ein halbes Ohr fuͤr die— Fragen des Juͤnglings zu haben, welche er uͤber das glaͤnzende Schauſpiel des Hofes an ihn rich⸗ tete, das er heute zum erſten Mal erblickte. Sor⸗ genvoll und nachdenklich ſah er vor ſich hin, als Hippolyt, des Bruders Stimmung erkennend, verſtummte, und richtete das Auge oͤfters nach der Thuͤr der innern Gemaͤcher, als erwarte er von daher etwas mit Ungednld, und dann wie⸗ der mit truͤbem Lacheln auf den alten Johannes Lacki, der ſogleich nach ihrem Eintritt in den Audienzſaal die Seite ſeiner polniſchen Ver⸗ wandten verlaſſen und ſich zu ſeinen Landesge⸗ noſſen geſellt hatte, nelche ihn mit allen Zei⸗ 6 chen großer Achtung umringten.— Sieh, Hip⸗ polyt—- ſprach er leiſe zu ſeinem Bruder— wie ſo anders iſt es in der Koͤnigsburg, als im altvaͤterlichen Stammhauſe; ein Schritt auf die⸗ ſem getaͤfelten Boden reicht hin, die von ein⸗ ander zu entfernen, welche alte Freundſchaft und Bande des Blutes deſſelben Weges gefuͤhrt ha⸗ ben ſeit langer Zeit. Gluͤcklich, wenn ſie nicht feindlich zuſammentreffen auf der ſpiegelglatten unſichern Bahn. Wie er trotzig zu uns heruͤber blickt der ehrenwerthe alte Herr. Noch auf der Schwelle dieſer Thuͤre war ich ihm Neffe und Freund, doch kaum war ſie uͤberſchritten, ſo tritt das gebietende Verhaͤltniß zwiſchen den Lit⸗ tauer und den Lehnmann der Krone, zwiſchen den Blutsfreund Frau Barbarens und ihren Gegner. Wer weiß was uns der naͤchſte Augen⸗ blick bringt, und ob er nicht den Bruder von dem Bruder reißt, die ſich wiedergefunden nach langer Trennung?— Indem Herr Petrus ſo ſprach, oͤffnete ſich die Fluͤgelthuͤre weiter als bisher geſchehen; das Stoßen der Hellebarden auf den Fußboden verkuͤndete das Erſcheinen eines Herren von hohem Range, und zwiſchen den Vorhaͤngen, welche die Thuͤrſteher raſch von beiden Seiten zuruͤckſchoben, zeigte ſich ein Mann, der obſchon in reifern Jahren den Ruf nicht verläugnete, welcher ihn ehemals als den ſchoͤnſten unter den polniſchen Magnaten bezeich⸗ nete. Sein uͤberaus reicher Anzug von perſiſchem gebluͤmten Silberſtoff war mit vielen Rubinen geziert; werthvolle Edelßeine derſelben Gattung ſchimmerten an ſeinem Guͤrtel und dem Gefaͤße ſeines Saͤbels; der Reiherbuſch der Muͤtze, die er in der herabhaͤngenden Hand hielt, fiel bis auf die rothen Stiefel herab, die ſeine Fuͤße bekleideten, und ſeine Rechte hielt einen ſchwe⸗ ren ſilbernen Stab, das Zelchen ſeiner Wuͤr⸗ de.— Mit einer leichten, doch zierlichen Verbeug⸗ ung trat Johannes Firley, Wojewode von Lub⸗ lin, Hofmarſchall der Krone Polen und das anerkannte Haupt des proteſtantiſchen Adels un⸗ ter die Anweſenden, und ſprach mit dem Aus⸗ druck nachlaͤſſiger Höflichkeit, welchen der in⸗ nigſte Vertraute Bonens Sforza ſich geſtattete, folgende Worte:— Der Koͤnig, meine Her⸗ ren, hat mir bei ſeiner Zuruͤckkunft aus der Kathedrale, in welche mein Glaube ihm zu folgen mir nicht vergoͤnnt, anbefohlen, euch zu 6* 7 beſcheiden, daß ein wichtiges Geſchaͤft den Au⸗ genblick ſeines Erſcheinens verzogert, und ich lade euch demnach im Namen unſers allergnaͤ— digſten Herrn ein, euch, ſo es euch gefaͤllt, in die anſtoßenden Saͤle zu begeben und daſelbſt der Zeit zu warten, da die Audienz beginnen mag.—— Als er ſo geſprochen hatte, wen⸗ dete er ſich zu Herrn Piotr Boratynski, wech⸗ ſelte einige Worte insgeheim mit ihm und rich⸗ tete drauf die Augen auf unſern Hippolyt, der beſcheiden abwaͤrts getreten war, von dem leiſen Geſpraͤch aͤlterer und bedeutender Maͤnner.— Mein Bruder, ſagte der Herr von Samborz mit einer vorſtellenden Bewegung zum Hofmarſchall, welcher den jungen Mann mit Aufmerkſamkeit und anſcheinendem Wohlgefallen betrachtete, und drauf raſch, als entſinne er ſich jetzt erſt einer vergeſſenen Sache, zu dieſem und noch einigen umherſtehenden jungen Leuten ſich wendete mit den Worten: Wohl auf ihr Herren, es iſt an der Zeit, daß ihr euch an euren Platz bege⸗ bet.— Im kleinen getaͤfelten Vorgemach er— wartet die Befehle des Herrn.— Drauf ge⸗ borchten die Edelleute, die zur Begleitung der königlichen Gemahlin beſtimmt waren, der An⸗ „— weiſung des Johannes Firley und verließen den Saal.— Alles was von Littauern gegenwaͤrtig war, ſchloß ſich an die Abgehenden unter dem Vortritt des Nikolaus Radziwill, Truchſeß des Großfuͤrſtenthums, und des alten Johannes Lacki. Wie nun der letzte an ſeinem Neffen Piotr voruͤberging, ſchaute er ihn an mit fin⸗ ſterm herausfordernden Blicke, der Staroſt von Samborz aber folgte dem Wojewoden von Lublin kopfſchuͤttelnd in das koͤnigliche Gemach. Ein nicht erfreulicher Gegenſtand hatte wohl die Verſammlung beſchaͤftigt, die in dem Au⸗ genblick des Eintrittes beider Herren ein leb⸗ haftes, vielleicht heftiges Geſpraͤch unterbrochen zu haben, und nun jeder fuͤr ſich den Ein⸗ druͤcken uͤberlaſſen ſchien, welche das Vorge⸗ gangene auf ihn gemacht. Mit finſtrer Stirn und zuſammengebiſſenen Zaͤhnen lehnte Sieg⸗ mund Auguſt an dem vergoldeten Lehnſeſſel, von welchem er in einem Anfall der Heftigkeit auf⸗ geſprungen war; wiederholt wechſelte auf ſeinen Wangen die dunkle Purpurfarbe des Zornes mit der gewohnten Blaͤſſe, und ſeine Augen warfen auf die Umſtehenden Blicke voll Miß⸗ trauen und Spott.— Ihm zunaͤchſt befand ſich — 85— der Biſchof von Krakow und ſprach von Zeit Zeit heimliche Worte in das Ohr ſeines Herrn: Den beiden gegenuͤber in der Mitte des Ge⸗ machs erblickte Petrus Boratynski den Fuͤrſten Primas und den Großmarſchall. Der letzte ſchien eine ungewoͤhnliche Bewegung unter der Miene der Zuverſicht und des befriedigten Stol⸗ zes zu verbergen, der Erzbiſchof hingegen, wel⸗ cher eben zu ſprechen aufgehoͤrt, hatte die Au⸗ gen auf ſein Praͤlatenkreuz geſenkt und warf nur unterweilen einen raſchen Seitenblick auf die Umſtehenden, als wolle er die Wirkung er⸗ forſchen, die das, was er geſagt, bei ihnen hervorgebracht. Seitwaͤrts hatten die Wojewo⸗ den Jakand von Brudzewa zu Sieradz und Janus Latalski zu Poſen Platz genommen, und neben ihnen Andreas Gorka, der Kaßtellan der letzten Stadt.— Chriſtoph Szydlowiecki der Unterkanzler, und Bonar der Kaſtellan von Bieck, der das da⸗ mals ſehr bedeutende Amt eines Berghaupt⸗ manns der Salzwerke bekleidete, ſtanden in der Nachbarſchaft des Koͤnigs, den Andern in bei⸗ nah feindlicher Stellung gegenuͤber. Zwiſchen beiden Parteien ging Andreas, der Biſchof — 87— von Kujawien ab und zu, leiſe ſprechend, doch war es nicht, als ob ſeine Worte bei Einem oder dem Andern beſondern Eingang faͤnden.— Abſeits in einer Fenſterbruͤßung lehnte Johan⸗ nes Tarnowski, anſcheinend ohne alle Theii⸗ nahme an dem was um ihn vorging, und ließ in nachgeahmter Zerſtreuung die Glieder ſeiner goldnen Halskette langſam durch ſeine Finger gleiten.— Als Johannes Firley das Gemach betrat, überſchaute er mit einem ſchnellen Blick die Verſammlung, ein unmerkliches Lächeln glitt über ſeine Lippen und er nahte ſich dem An⸗ dreas Zebrzydowski, gleichſam um anzudeuten, er werde beim gegenwaͤrtigen Vorgang ſeinem Beiſpiel folgen, als er aber an dem Großmar⸗ ſchall vorbeiging, begrußte er denſelben auf aus⸗ gezeichnete Weiſe. Beide, der Gruß und die Erwiederung waren hoͤchſt freundlich und bei⸗ nahe vertraulich, aber ein Blick, welchen der minder gefuͤgige Kmita dem Voruͤberſchreiten⸗ den nachwarf, ſchien anzudeuten, daß eben jetzt abermals irgend ein Mißverſtaͤndniß zwi⸗ ſchen den Vertrauten Bonens Sforza obwalte, welche getrennt durch Meinungen des Glau⸗ * bens und der Staatskunſt eigentlich nur dann Eins waren, wenn es galt ſich einem Dritten entgegen zu ſtellen, demſelben, der der einzige ruhige Beobachter dieſes Auftritts ſchien, dem Feldherrn Johannes von Tarnow.— Herr Boratynski— begann der Koͤnig nach einer Pauſe.— Wir haben Euch hierher be⸗ ſcheiden laſſen, um in einer Sache ganz neuer und abſonderlicher Art die Meinung Unſerer „Ritterſchaft zu vernehmen, und vornehmlich die Eure, der Ihr ſchon mehr als Einmal der Wortfuͤhrer Eurer Bruͤder geweſen. Es iſt Uns keineswegs entfallen, was Ihr zu Warſchau an den Stufen des Thron's geſprochen; Wir, der Koͤnig, haben Eure Meinung, ſo wie die meh⸗ rerer Andern in Unſerm Gedaͤchtniſſe bewahrt, um, wenn es an der Zeit, daruͤber nach Unſrer hoͤchſten Macht und Gewalt zu beſtimmen. Der gegenwaͤrtige Fall, obſchon verbunden mit dem, was auf dem Reichstag Unſter Huldigung vor⸗ gegangen, iſt dennoch ein anderer. Nicht da⸗ von iſt die Rede, in wie fern Unſers Adels Anmaßung den Glanz des Thrones verdunkeln und den Rechten des Koͤnigthums und der Menſchheittzugleich Eintracht thun mag einem W W — 89— ſpaͤtern Augenblick ſey dieß anheimgeſtellt.— Hier iſt—— Einem ſpaͤtern Augenblick?— unterbrach Jakand von Brudzewa den Monarchen— daͤucht es doch mir und vielen meiner Herren Bruͤder, als ſey es laͤngſt ſchon Zeit, durch Berufung eines Reichstags die Irrungen beizulegen, die dem Reiche Gefahr bringen. Nicht zu Euch ſprechen wir jetzt, Herr von Sieradz— antwortete der Koͤnig mit Hoheit dem kuͤhnen Zwiſchenredner— und ſo erwarten Wir, Ihr werdet nur dann reden, wenn Euch die Reihe trifft. Ihr befindet Euch hier nicht im Saale der Senatoren, dieß Gemach iſt das Gemach Eures Herrn.— Bei dieſen Wor⸗ ten traten die Senatoren abwaͤrts mit allen Zei⸗ chen des Unwillens.— Hier iſt die Frage— fuhr er gegen Petrus gewendet mit zornbeweg⸗ ter Stimme fort— ob dem Koͤnig in ſeiner Hofburg nicht das Hausrecht zuſtehet, das der Geringſte Unſres Volkes ausuͤbt unverwehrt? Darum handelt es ſich jetzt zu wiſſen, ob die, welche Wir zu Uns erhoben, durch ein guͤltig Verloͤbniß, ob die, welche Unſer Ehegemahl iſt nach göttlichem und menſchlichem Geſetz, der Rechte der Hausſfrau verluſtig gehen ſoll, weil es der Koͤnig iſt, der ihr die Hand gereicht und nicht der Niedrigſten Einer in Unſerm Volk? Ob es uns die trotzige Wilkuͤhr ubermuͤthiger Vaſallen wehren mag, Barbaren Radziwill im Angeſicht des Hofes und geſammten Adels als die Gemahlin Eures Lehnsherrn aufufuͤhren, ob es Jemand wagen wird, im Hauſe Unſrer Vaͤter der Gebieterin deſſelben die Ehrfurcht zu verſagen, die ihr gebuͤhrt? Nimmer findet man in den Jahrbuͤchern der Geſchichte ein Bei⸗ ſpiel ſolcher Beeintraͤchtigung fuͤrſtlicher und menſchlicher Rechte, und doch meinen ſo manche erlauchte Herren des Senates, es ſey an ihnen das Unerhoͤrte von Siegmund Auguſt Jagiello zu begehren, und die Diener der Kirche ver⸗ hoͤhnen in prieſterlichem Stolz der Kirche hei⸗ ligſtes Statut!— So wollten Wir erfahren, ob die andern Staͤnde Unſers Reiches ſolch ver⸗ derblicher Meinung beiſtimmen, und ob Cour⸗- roisie und ritterliche Sitte auch dem Ritter⸗ ſtand der Krone ſo fremd worden ſind, daß er dem Erſten unter ſeinen Mitgliedern anſinnen mag, was dem Geſetz der Ehre zuwider?— Es iſt dieſes keine verfaſſungmaͤßige Verſamm⸗ lung der Reichſtaͤnde— verſetzte Petrus Bora⸗ tynski nach kurzem Stillſchweigen mit gemaͤßig⸗ tem, doch feſtem Ton— ich befinde mich hier im Geheimenrathe des Koͤnigs, zu welchem ich mich nicht zaͤhle.— Auch iſt mir fuͤr dieſen Augenblick und dieſe Angelegenheit kein Auf⸗ trag worden von meinen Herren und Bruͤdern, ſo möchte ich alſo wohl befugt ſeyn, die Er⸗ klaͤrung, die Eure Majeſtaͤt von mir begehren, bis auf den Zeitpunkt hinauszuſetzen, da das, was der König beſchloſſen mit ſeinen Räthen, geſammter Nation nach altem Gebrauch zur Entſcheidung vorgelegt wird, inſofern der ehr⸗ bare Ritterſtand mich dann noch ſeines Ver⸗ trauens werth achtet. So Ihr aber, allergnä⸗ digſter Herr, Eure Frage an Piotr Boratynski richtet, fuͤr ſeine eigene Perſon, als an einen treuen gewaͤrtigen Diener der Republik und des Koͤnigs, ſo will ich Euch meine Meinung nicht vorenthalten, ſondern dieſelbe Euch treulich und unverholen darlegen, wie es einem polni⸗ ſchen Edelmann geziemt.—— Als ſolchen fragen Wir Euch, Herr von Samborz— entgegnete Siegmund.— Es iſt Uns nicht unbekannt, daß Ihr Eure Gaben durch langen Aufenthalt im Auslande vervollkommt, und dieſelben fuͤr Unſer Reich und unſers hochſt⸗ ſeligen Herrn Vaters Gnaden oftmals ruͤhmlich angewendet. Auch denken Wir— ſetzte er mit einem bedeutenden Blick auf die Umſtehenden hinzu— daß Ihr ein minder enges Herz im Buſen tragt, als wohl unter manchem Zeichen hoͤherer Wuͤrde ſchlagen mag, als die iſt, mit welcher das Vaterland bis jetzt Eure Dienſte vergolten. Ich danke Eurer Majeſtat fuͤr ſo guͤnſtige Meinung— verſetzte Petrus, das Haupt ein wenig neigend— und hoffe, es werde das, was ich zu ſagen habe, dieſelbe nicht verringern. Fuͤrs erſte, gnaͤdigſter Herr, läſſet mich Euch erinnern, daß das, was Euch gefallen die Anmaßung des Adels und die Willkuͤhr uͤber⸗ müthiger Vaſallen zu benennen, einige, Gott⸗ lob bis jetzt ſeltene Faͤlle ausgenommen, eher als rechtmaͤßige Ausuͤbung der Vertraͤge zu be⸗ trachten iſt, welche der ungariſche Ludwig mit den Staͤnden des Reichs abgeſchloſſen, und Eure glorreichen Vorfahren, wie auch Ihr ſelbſt, bei Eurer Kroͤnung vor 18 Jahren, beſtaͤtigt. Zur Sache!— rief Siegmund Auguſt un⸗ geduldig und gebieteriſch. Nicht deßhalb haben Wir Euch befragt, um zu hoͤren, wie Wir oͤfters ſchon vernommen haben, was dem Koͤnig geziemt. Zur Sache, Herr Staroß! Da richtete ſich Petrus hoch empor und ſprach mit ernſter, beinahe ſtrenger Stimme. Wir ſind bei der Sache, Herr Koͤnig; denn was ich eben geſprochen, begruͤndet den Be⸗ ſcheid auf Euer Befragen. Solcher iſt aber in wenig Worten gegeben. Der Reichstag zu War⸗ ſchau hat Barbaren, die Wittwe des Stanis⸗ law Gaſtold, Eure derzeitige Gemahlin, nicht anerkannt als Koͤnigin von Polen. So demnach Ciner oder der Andere ihr geſtatten wollte, was der Beſchluß geſammter Nation ihr verweigert zum Präjudiz der Verfaſſung und pacta con- venta, ſo mag er ſolches nimmer thun, ohne in Felonie zu Lerfallen, denn nicht dem Ein⸗ zelnen gebuͤhrt es im Polenreich, von dem ab⸗ zugehen, was die Geſammtheit verfuͤgt, ſtehe er auch ſo hoch.— Wenigſtens ſo lange— ſetzte er mit gemaͤßigterer Stimme und ausdrucks⸗ vollem Tone hinzu— bis ein neuer Reichstag neue Beſchluͤſſe erzeugt. Verwegner! rief Auguſt im hoͤchſten Zorn, 5 — 66— iſt es ſo weit gekommen mit der Maſeſtaͤt des Thrones, daß der Vaſall es wagt den Koͤnig in ſeinem Gemach zu verunglimpfen? Was hindert uns, daß Wir dieſen unertraͤglichen Trotz nicht im Gefaͤngniſſe zu brechen verſuchen? Herr Kaſtellan von Krakow, Ihr ſeyd der oberſte Hauptmann dieſer Burg— thut Eure Schul⸗ digkeit!— Doch Johannes von Tarnow ſtand regunglos; ein dumpfes Murren ſchlich durch die Verſammlung; Piotr Boratynski aber ſprach ruhig: Zweierlei iſt es, was Eure Ma⸗ jeſtaͤt daran hindert. Zuvoͤrderſt Euer jägiello⸗ niſches Herz, dann aber und vornehmlich das erſte Reichsgrundgeſetz: neminem captivabi- mus, nisi jure victum.*) Den Herren des Senates aber ſtehet es zu und meinen Bruͤdern des Ritterſtandes, zu entſcheiden, ob ich mich in dieſem Fall befinde, wenn ich, wie es einem edlen Polen ziemt, dem Koͤnig auf ſein Befra⸗ gen, die Meinung derer, deren Stelle ich hier vertrete, offen dargelegt, und das Einzige ge⸗ nannt habe, was den Schaden zu heilen ver⸗ mag, welcher bereits krebsartig um ſih zu grei⸗ *) Wir wollen Niemand verhaften, er ſey denn rechtlich überwieſen. — fen beginnt, die Berufung eines neuen Reichs⸗ tages. Fürwahr, erwiederte der Koͤnig mit bit⸗ term Lachen— die letzte Verſammlung der Stände hat uns nicht begierig gemacht nach einer Erneuerung deſſen, was ſich allda bege⸗ ben. Was Euch betrifft, Herr Boratynski, ſo ſtehet es Euch wohl an, ſolche zu wuͤnſchen, denn es werden Euch dort die Gelegenheiten nicht entſtehen, Eure Schulweisheit glaͤnzen zu laſſen, und im Schutz verjaͤhrter Mißbraͤuche in Gegenwart vieler Euch bewundernder Zeugen die königliche Wuͤrde zu beeintraͤchtigen, wie Ihr ſchon ruͤhmlich begonnen zu Warſchau.— Wir haben Uns in Euch geirrt, Herr von Sam⸗ borz, und bereuen es geglaubt zu haben, Euer Aufenthalt in den Abendlaͤndern werde Euch die Pflichten des Unterthanen gegen den Herrn beſ⸗ ſer kennen gelehrt und die Nebel verſcheucht ha⸗ ben, in die Duͤnkel und Vorurtheil Euch und Eure Genoſſen verhullen. Bei dieſen Worten des Koͤnigs ſchien ein unterdruͤckter Seufzer die Bruſt des Staroſten zu heben; er warf einen truͤben Blick auf den Großfeldherrn, doch dieſer fuhr ohne ihn zu er⸗ wiedern fort in anſcheinender Zerßreuung die Ringe ſeines Halsſchmuckes zu muſtern. Pe⸗ trus Kmita ſprach drauf: Ich finde nichts in den Worten dieſes wuͤrdigen Edelmannes, was Euch, gnaͤdigſter Herr oder ihn ſelbſt verun⸗ glimpfen moͤchte, nichts was Eure Majeſtaͤt nicht ſchon bekannt. Der Beſchluß des War⸗ ſchauer Tages iſt offenkundig, und beſtehet ſo lange, bis geſammte Staͤnde ſich bewogen fin⸗ den, ihn abzuaͤndern. Doch will es mich ge⸗ mahnen, als ſey es noch nicht an der Zeit ſol⸗ ches herbeizufuͤhren durch einen neuen Reichstag, denn genug liegt noch dem Koͤnig ob zu ordnen, ehe ſolches Beginnen erſprießlich werden mag. Ich fuͤr meinen Theil— ließ ſich Firley, der Wojewode von Lublin vernehmen— lege wie immer einen großen Werth in die achtbare Meinung des Großmarſchalls und ſtimme ihm darinnen voͤllig bei, daß außer der Feſtſtellung der Rechte Frau Barbarens unſers gnaͤdigſten Herrn ehelichen Gemahls, noch ſo manches in Form und Geſtalt zu bringen ſey, das deren ermangelt; doch ſollt' ich glauben, daß ſolche umſtaͤnde die Ausſchreibung des Reichstages eher beſchleunigen muͤſſen, als daß ſie ſelbige verzöͤgerten, denn ſäͤmmtliche Gebrechen, welche ——, hier und da fuͤhlbar werden, ſind, halt i5 da⸗ für von der Art, daß nur der gemeine Beſchluß der Nation ſie zu heilen vermag. Wenn der Herr Hofmarſchall, wie ich ver⸗ muthe, von den Angelegenheiten ſeiner Glau⸗ bensbruͤder redet— ſagte der Primas Dzierz⸗ gowoki— zu deren Paladin er ſich aufgeworfen, ſo mag er wenigſtens in dem Einem Recht ha⸗ ben, daß ſchleunige Heilmittel nothwendig ſind, um den Uebeln zu ſteuern, welche dem Staate und der Kirche Gefahr drohen. Ich alſo, als Fuͤrſt des Senates, ſtimme fuͤr die Vetufung der Ritterſchaft, und fordere den Koͤnig Kraft meiner Wuͤrde auf, ſolchem Begehren fuͤrder nicht hinderlich zu ſeyn. Der hochwuͤrdigte Hert von Gniezno hat ein wahres Wort geſprochen— meinte der Woje⸗ wode von Poſen, warum guch verzoͤgern, was man alsbald thun kann 2— Es iſt etwas Seltenes, den Herrn Groß⸗ marſchall von Aufſchub ſprechen zu hoͤren— he⸗ merkte der Unterkanzler Szydlowieck!— und man moͤchte muthmaßen, daß beſondere Gruͤnde ibn vermoͤgen, fuͤr dieſes Mal ſeiner Ger wobnheit untreu zu werden.— Der Geiſt ſeines 7 — 98— erlauchten Vaters ruht auf unſerm Herrn— lautete die Rede des Biſchof Maciejowski— und ſo betruͤbt auch die Zeitlaͤufte ſind, durfen wir ihm vertrauen und ſeiner Weisheit.— Doch auch der unſrigen? ßil ihm der Erzbiſchof in die Rede, oder fuͤhren wir umſonſt den ehrnuͤr⸗ digen Namen der Senatoren? Nur Einer iſt der König, und beſchraͤnkt iſt des Menſchen Blick, drum hat der Vaͤter Weisheit uns an die Stufen des Thrones geßtellt, damit wir dem, welcher auf demſelben ſitzt, den Weg des Guten zeigen zu des Reiches Frommen.— Und ſo wie⸗ derhole ich meine Mahnung an Euch, Herr Kö⸗ nig, und erſuche Euch dem gerechten Begehren der Republik zu willfahren. Keineswegs, fuhr der Koͤnig auf. Die Er⸗ fahrung juͤngſt vergangner Zeiten hat Uns ge⸗ lehrt, wie jede Tagſatzung die Rechte unſter Wuͤrde geſchmaͤlert; Wir gedenken noch deſſen, nas zu Lwow ſich zugetragen zu Unſers Vaters Zeit, und ſind entſchloſſen, ſo viel an uns liegt, das Erbtheil Unſrer Ahnen und Unſre verſoͤnliche Freiheit unverkurzt zu bewahren. Das Erbtheil Eurer Ahnen?— fragte Ja⸗ kand von Brydzewa— hat Eure Majeſtät ver⸗ geſſen, daß Ihr gewahlter König ſeyd in Polen und nur in Littauen Erbfuͤrſt?— Wohlan, ſo ſprach der Fuͤrſt Primas, wenn der Koͤnig ſich weigert, ſo werde ich die Staͤnde berufen, als Verweſer des Reichs!— Nimmer, Herr Erzbiſchof, rief Siegmund Auguſt, indem er mit flammenden Blick und zornbleichen Wangen auf den geißli⸗ chen Herrn zutrat. Nimmer werdet Ihr Euch ſolches bermeſſen ohne unſern böchſten Willen und Unſere Verguͤn⸗ ſtigung!— Die anweſenden Senatoren naͤherten ſich den Sprechenden und bildeten einen Kreis um ſie. Der Ausdruck des in der Perſon des Erſten unter ihnen beleidigten Stolzes verfinſterte die baͤrtigen Angeſichter; ſie warfen duͤſtere, bei⸗ nahe drohende Blicke auf ihren Lehnsherrn, und ſchienen aufmerkſam zu erwarten, daß ein von ihm in der Aufwallung geſprochenes Wort offne Widerſetzlichkeit rechtfertigen werde. Die, wel⸗ che dem Koͤnig ergeben, begannen unruhig zu werden, und vergeblich bemuͤhte ſich Andreas Zebrzydowski durch heimliche Zuſprache, die ſich erhitzenden Gemuͤther zu beſaͤnftigen. Nur 7* Kmita, Firley und wie zuvor der Feldherr hiel⸗ ten ſich in der Entfernung, hin und wieder mit dem Staroſten von Samborz Worte wech⸗ ſelnd. Doch Siegmund Auguſt ſchien das Be⸗ denkliche dieſes Augenblicks erkannt zu haben, er faßte ſich muͤhſam, ließ ſich in wuͤrdevoller Stellung auf den verlaſſenen Lehnſeſſel nieder, und bald gelang es ihm auf die Umſtehenden mit all der ruhigen Hobeit zu blicken, welche außer den voruͤbergehenden Augenblicken des Jähzornes, oder in vertraulicher unterhaltung ihn ſelten verließ. Da ſprach Jakand von Brudzewa, der Hert von Sieradz: Wenn der Koͤnig ſich weigert, die Pflichten zu erfullen des hohen Amtes, wel⸗ ches ihm vertraut iſt von der Republik, ſo tritt der Primas ein in die Rechte, die ihm ſeine Wuͤrde verleihet, als Fuͤrſt des Senats und Zwiſchenkoͤnig.— Ihr geht etwas ſchnell zu Werke, Herr Wojewode— unterbrach ihn der Unterkanzler Szydlowiecki— und ſcheinet eine dauernde Ver⸗ nachlaͤſſigung ſolch erhabener Regentenpflicht mit einem augenblicklichen Widerſtand gegen unge⸗ ſuͤme und allerwenigſtens in der Form unziem⸗ — liche Anmaßungen zu verwechſeln. Wer aber mag es wagen, den erhabenen Sproͤßling der Jagiellonen der erſten zu zeihen?— Wir ſind die Senatoren, ließ ſich Janus Latalski mit rauher Stimme vernehmen, der Sprachgebrauch nennt uns die Arme des Koͤnigs, ſo mag er nichts beginnen ohne uns.— Richt bei den Armen pflegt man ſich Raths zu erholen, wohl aber bei dem Kopfe, Herr von Poſen, ſprach der Biſchof von Kujawien mit leichtem Spott. Ich bin ein Kriegsmann, Herr Biſchof, er⸗ widerte Janus, und habe nicht ſindirt zu Rot⸗ terdam, weiß auch nicht kuͤnſtlich die Worte zu ſtellen, doch mein' ich, ich kenne die Statuten des Reichs heſſer, als Ihr Euer Brevier.— Weil es denn aber nicht anders iſt, ſo geben wir dem Koͤnig Zeit zum Bedenken vierzehn ganze Tage; ſind dieſe abgelaufen, ſo moͤge denn der Erzbiſchof thun was ſeines Amtes iſt. Während dieſer Worte hatte die Farbe des Koͤ⸗ nigs mehrmals gewechſelt, er fuhr empor von ſeinem Sitze und war im Begriff, uneingedenk deſſen, was die Klugheit ihm gebot, und ſeines Wunſches, die Großen ſeinem Vorhaben gänſtig zu machen, dem uͤberkuhnen Redner im Lone — 160 des erzuͤrnten Herrſchers zu antworten, da trat Piotr Boratynski raſch in den Kreis der Magna⸗ ten: Gemach, ihr Herren des Senates— be⸗ gann er mit lauter Stimme— vergoͤnnt mir das Recht geltend zu machen, welches mir den Zutritt in dieſe erlauchte Verſammlung gewaͤhrt. Seit wenn gebuͤhrt es den Senatoren ohne Zu⸗ ziehung des Ritterſtandes Verfuͤgungen zu tref⸗ fen und dem Herrn ſich entgegen zu ßellen?— Nur die geſammte Republik iſt mehr als der Koͤnig, und dem einzelnen Stande gebuͤhrt es zu gehorchen. Nimmer aber mag ein Reichstag ge⸗ halten werden, ohne daß die Tagſatzungen der Wojewodſchaften ihm vorangingen, auf denen die Maͤnner erwaͤhlt werden, welche nach Wiſ⸗ ſen und Gewiſſen des Reichs Wohlfahrt in all⸗ gemeiner Verſammlung berathen. So aber das Univerſale zu ſolchen ſtaͤndiſchen Vereinen unter⸗ zeichnet waͤre vom Herrn Erzbiſchof von Gniezno, dem Primas der Republik, bei Anweſenheit des Koͤnigs und ſeinem geiſtigen und leiblichen Wohlſeyn, ſo wuͤrde ſolch' ungewohntes Verfah⸗ ren, meine Herren und Bruͤder, vornehmlich in entfernten Gegenden irre machen, was vielleicht jetzt noch von geringer Bedeutung, mochte ge⸗ ——— — 105— fährlicher ſcheinen als es iſt, und gerade da⸗ durch wohl es werden; js, es hieße die Fahne der Empoͤrung aufſtecken in ſolch' bedenklicher Zeit. Somit proteſtire ich denn im Namen ſaͤmmtlicher Ritterſchaft in Kleinpolen und Ruß⸗ land gegen die verfaſſungwidrige Anmaßung des Primas, wie auch gegen das Votum der Her⸗ ren Senatoren, die ſolche unterßtuͤtzt, und lege Kraft des erhaltenen Auftrages, den jetzt zu erklaͤren ich mich bewogen finde, zu den Fuͤßen des Thrones in geziemender Ehrfurcht die Bitte nieder: Der Allerdurchlauchtigſte Herr wolle durch Ausfertigung der Berufungſchreiben an die Wojewodſchaften den allgemeinen Reichstag vorbereiten, von welchem die Republik nicht al⸗ lein, von welchem auch das koͤnigliche Haus die Beilegung mancher Irrungen, die beide be⸗ truͤben, nicht ohne Fug erwarten mag. Hier verſtummte Petrus Boratynski. Der Koͤnig ſchaute mit fragenden, doch nicht un⸗ freundlichen Blicken, auf den nuͤrdigen Edel⸗ mann, der vor ihm ſtehen geblieben; der Groß⸗ feldherr war bei den erſten Worten des Sta⸗ roſten von Samborz naͤher getreten; der Aus⸗ X — 104— druck des Wohlwollens lag auf ſeinem Antlitz und der Zufriedenheit, die einem Mann, der ein Held iſt und ein Weiſer zugleich, wohl ge⸗ zient, wenn im verworrenen Treiben der Lei⸗ denſchaften, Einer ihm naht, der ihm aͤhnlich iſt, und den er allein verſteht. Auch die Wo⸗ jewoden von Krakow und Lublin erwieſen ſch, doch vielleicht aus andern Gruͤnden, voͤllig zufrie⸗ den mit dem Vortrage des aͤltern Boratynski, der geiſtliche Herr von Krakow ſah ohne Miß⸗ vergnuͤgen die Zurechtweiſung des Erzbiſchofs, und auch die, welche der Partei des Letztern zugehoͤrten, aͤußerten in wenig Worten den Bei⸗ fall, den ſie dem Sprecher des Ritterſtandes nicht verſagen konnten.. Da nahm Peter Kmita das Wort: Es iſt unnuͤtz, ſprach er, dem etwas hinzuzufuͤgen, was der hochgeborne Staroſt geſagt, nur nimmt es mich Wunder, daß ſolches erſt vonnoͤthen geweſen, um ſo erlauchte ſtaatskundige Herren, auf die Unſtatthaftigkeit und Nutzloſigkeit auf⸗ merkſam zu machen, deren Stempel dieſer ganze Auftritt traͤgt. So gaͤnzlich unnuͤtz war es doch wohl nicht, wandte der Wojewode von Sieradz ein, und — der Inhalt deſſen, was der verehrliche Hert Piotr geſprochen, im Namen des achtbaren Rit⸗ terſtandes, deſſen Rechte wir, die wir aus dem⸗ ſelben herſtammen, keinesweges beeintraͤchtigen wollen, iſt wohl nur als eine kraͤftige und wohl⸗ begruͤndete Unterſtuͤtzung des Wunſches zu be⸗ trachten, den der Senat erklaͤrt. Wir hoffen alſo, der Koͤnig werde dem deutlich dargelegten Willen beider Staͤnde fortan nicht widerſtreben, Alle die hier gegenwaͤrtig ſind, begann Sieg⸗ mund Auguſt nach einer Weile, haben ihre Meinung Uns vorgetragen, nur Einen ſehen Wir ſchweigend ſtehen und entfernt, den Erſten unter Unſern weltlichen Magnaten. Was iſt Eure Meinung, Herr Graf zu Larnow?— Eure Majeſtaͤt hat den Wunſch des Senats und der Ritterſchaft vernommen, ſprach Johannes, und wird von mir nicht ſo ungleich denken, als ob ich mich losſagen moͤchte von meinen Herren und Bruͤdern. Ich vereinige mich mit ihnen um Euch zu bitten, daß Ihr thun moͤch⸗ tet, wie ein rechter Koͤnig und Sohn Eures glorreichen Vaters!—— Da ſprach der Koͤnig im Tone ſanften Vor⸗ — 106— wurfs:„o ob ei ensto, z0 0b marn9 2*) Doch der Kaſtellan von Krakow erwiderte nichts auf dieſe Worte, denen ein langes Stillſchwei⸗ gen folgte. Endlich begann Siegmund mit feſter Stimme alſo: Es ſey darum, und Wir werden Kraft unſerer koͤniglichen Obergewalt, das Begehren in Ueberlegung nehmen, welches der Senat und die Ritterſchaft durch ihre Wort⸗ fuͤhrer vor uns niedergelegt haben. Wer aber unter Euch gedenkt, fuhr er lauter und mit blitzenden Augen fort, in ungezuͤgeltem Ueber⸗ muth in gemeiner Verſammlung von Uns iu er⸗ trotzen, was die Maieſtaͤt des Throns enthei⸗ ligt und Unſere Wuͤrde kraͤnkt als Menſch und Gebieter, der ſehe wobl zu, denn er moͤchte ge⸗ wahr werden, daß es Wladyslaws Urenkel iſt, vor dem er ſteht und des alten Siegmunds Sohn!— Iſt es Eurer Majeſtät nicht gefäͤllig, fragte Johannes Firley mit einer tiefen Verbeugung, dem verſammelten Hof Eure Gegenwart zu ſchenken? Die Säle ſind längſt angefuͤllt, auch warten viele Fremde der Ehre, Euch vorgeßtellt —— *) Auch du unter ihnen, auch du mein Vater? zu werden, unter andern die Herzoge zu Lieg⸗ nitz und Ratibor, und die Mazowiſche Prinzeſ⸗ ſin, Frau Anna Odrowonzowa mit ihrem Fraͤu⸗ lein. Warum fuͤhrt dieſe auch das Geſchick nach dem Hoflager, in dieſem Augenblick? ſprach der Koͤnig leiſe und mit ſinſtrer Stirn zum Feldherrn. Gerade ihr unter allen Lebenden wuͤnſchte ich am wenigſten zu begegnen, denn ſie iſt es, glaub' ich allein, vor welcher ich die Au⸗ gen nicht frei erheben mag. Iſt es denn nicht genug mit den Bedraͤngniſſen der Gegenwart, muß ſich auch noch das Uebel der Vergangenheit zu ihnen geſellen, da ich es zu verguͤten noch nicht vermag?— Drauf ſetzte er lauter hinzu. Wo ſind die littauiſchen Herren? Richt einen von ihnen erblicken wir in dieſer Verſammlung, da der Gegenſtand, den Wir verhandelt, ſie doch vornehmlich nahe betrifft?— Der Fuͤrſt Truch⸗ ſeß und die andern mit ihm, entgegnete der Hofmarſchall, haben ſich hinwegbegeben, um im Gefolge ihrer erlauchten Blutsfreundin den Audienzſaal zu betreten.— Sie thun was ih⸗ nen geziemt, verſetzte der Koͤnig, denn ſolches gebuͤhrt der Gemahlin deſſen, der Erbherr iſt uͤber Littauen, ihrer Großfuͤrſin, als ſolche 10 aber—— Noch hatte er nicht vollendet, da zeigte ſich auf den Angeſichtern der umſtehenden von Neuem der kaum bezwungene Unwillen, Jo⸗ hannes von Tarnow aber trat raſch zu dem Mo⸗ narchen und ſprach heimlich mit geflugelten Worten: Was gedenket Ihr zu beginnen, mein Herr und Koͤnig? Habt Ihr das vergeſſen, was Ihr ſo oft den großen Zweck Eures Strebens nanntet, die Union beider Voͤlker? Wollet Ihr zerſpalten auf ewige Zeiten, was Ihr zu ver⸗ binden beſchloſſen?— Ich bin beauftragt, nahm der Biſchof von Kujawien das Wort langſam und mit Nach⸗ druck, von der Koͤnigin Mutter Gnaden, Eurer Majeſtät anzuzeigen, daß ein plötzliches Uebelbe⸗ finden ſie heut' in ihren Gemaͤchern zuruͤckhaͤlt, doch bereiten ſich andere Damen des hoͤchſten Ranges, Frau Barbara Radziwillowna, Eure erlauchte Gemahlin willkommen zu heißen in der Hofburg ihres koͤniglichen Gemahls. Im erſten Augenblicke unmuthiger Aufwall⸗ ung ſtampfte Siegmund Auguſt mit dem Fuße gegen den Boden und ſtieß eine welſche Ver⸗ wuͤnſchung durch die geſchloſſenen Lippen; gleich darauf aber wendete er ſich gegen die anweſen⸗ den Großen und ſagte mit Hoheit und in mil⸗ derem Tone als bisher: Nun denn, hochwohl⸗ geborne und wohlgeborne Herten, Ihr werdet in wenig Augenblicken die Ehre haben, der Ge⸗ mahlin Eures oberſten Lehnsherrn vorgeßtellt zu werden, und Wir hoffen und erwarten, daß jeder, der die Fortdauer Unſerer koͤniglichen Gnade begehrt, derſelben die Achtung und Re⸗ verenz beweiſen wird, welche die Pflicht gegen Uns, wie auch die Courtviſie und adelige erfordern. 8. Schon hatte die zerſtreute gläͤnzende Menge ſich wieder im großen Audienzſaale verſammelt, als der Monarch denſelben betrat, und begruͤßte ihn mit der Ehrfurcht, die den Koͤnigen von Polen mehr, als den andern gekroͤnten Haͤup⸗ tern damaliger Zeit von ihren unterthanen, die Spanier vielleicht ausgenommen, erwieſen ward, vielleicht nur durch aͤußerlichen Glanz und ge⸗ haltloſen Pomp das zu erſetzen, was man ih⸗ nen taͤglich im Weſentlichen zu entziehen ſtrebte. Mit Wohlgefallen ſchien Siegmund Auguſt die⸗ ſen Auftritt des Gepraͤnges auf den minder angenehmen Auftriet in ſeinem innerſten Ge⸗ mach folgen zu ſehen. Mit herablaſſender Leut⸗ ſeligkeit trat er auf und bewillkommte dann die anweſenden Fuͤrſten, unter welchen der Kur⸗ prinz von Brandenburg als Abgeſandter ſeines Vaters, die Herzoge piaſtiſchen Stammes, von Liegnitz, Ratibor und Leſchen, und Albert Friedrich von Brandenburg, Herzog in Preu⸗ ßen, ſich auszeichneten. Bald oͤffneten ſich die Flägelthuren auf der andern Seite und Bar— bara erſchien im Gefolge ihrer Frauen und vie⸗ ler littauiſchen Herren. Mancher der Leſerinnen mag es vielleicht nicht unangenehm ſeyn, hier eine Bezeichnung der Geſtalt und der Kleidung der ſchoͤnen Lit⸗ tauerin zu ſinden, aus einer Schilderei entlehnt, die ſich in der Gemaͤideſammlung des letzten polniſchen Koͤnigs vorgefunden. Barbara Radziwill, Siegmund des Lten Auguſt Gemahlin, war mehr als mittler Groͤße, ihr rundliches Angeſicht war eher zart und lieblich, als vollkommen ſchoͤn zu nennen, die Blaͤſſe ihrer Wangen, die nur manchmal ein fluͤchtiges Roth uͤberflog, lieh dem milden Feuer des großen, gemefniglich etwas geſenkten Au⸗ ges neue Strahlen, ihr Mund war nicht ſo klein, als es die ſtrengen Geſetze plaßtſcher Kunſt begehren, doch war das Lächeln der fil— ſchen Lippen hoͤchſt liebreizend, es trug den Aus druck ſinniger Nachdenklichkeit, oftmals unter⸗ brochen von einem Anflug leiſen Spottes, der ihr in manchen Augenblicken einige Aehnlichkeit mit ihrem Gemahl gab, und eine Art Ueber⸗ einſtimmung der Charaktere andeutete, welche vielleicht in dem Koͤnig zuerſt jene Leidenſchaft erweckt hatten, die weder die Ehe noch der Tod ſelbſt verloſchen mochten. Das braune Haar uͤber der woßen Stirne glatt geſcheitelt, ſiel, mit Perlen und Schmelzſchnuren reich durchſtochten, auf die Schultern und bis zu den Knien hinab; die tadelloſe Form umhuͤllte ein oben engan⸗ ſchließendes Gewand von zimmetfarbenem Sam⸗ met, welches, wie die breiten bauſchigen Aer⸗ mel, von der einfachen dichtgefalteten Halskrauſe an bis zum Guͤrtel und den geſtickten Hand⸗ ſchuhen, mit aus Gold und Schmelz geformten Schnuͤren gehalten ward, die an großen Perlen, gleich als an Knoͤpfen, befeſtigt waren. Unter dem kurzen Oberkleid zeigte ſich ein Gewand von weißem Silberſtoff, vorn kurz genng, um — 1 die zierlichen Sandalen ſehen zu laſſen, hinten aber in eine maͤßige Schleppe hinausgehend. Sie lehnte ſich auf den Arm ihres Bruders Ni⸗ colaus Radziwill, und trat, von ihm unterſtutzt, langſam mit einiger Vetwirrung in die Mitte des Saales. Bei ihrer Annaͤherung verſtummte das Geraͤuſch der Verſammlung, und alle Au⸗ gen hefteten ſich auf die liebliche Erſcheinung. Doch waren es nicht nur Blicke des Wohlgefal⸗ lens, welche Barbaren trafen; pruͤfende Auf⸗ merkſamkeit, Beſtreben aus ihren Zuͤgen zu er⸗ gruͤnden, was man in manchem Falle von ihr zu erwarten haben mochte, Argwohn und Ge⸗ ringſchaͤtzung verbargen ſich unter dem tiefen Neigen des Hauptes, mit welchem, dem Bei⸗ ſpiel des Herrn folgend, der hohe Adel der Krone die unwillkommene empfing. Einige Zeit lang ſchaute Siegmund auf ſie mit dem Ent⸗ zuͤcken und dem Stolz der Liebe, die es fuͤhlt, daß das Erſcheinen der Geliebten allein ſie recht⸗ fertigt, da gewahrte er, daß ſeine ſchone Ge⸗ mahlin bleich ward und zu ſchwanken begann. Raſch mit ſtolz emporgehobenem Haupt trat er auf ſie zu, ergriff ſie bei der zitternden Rechten und ſich darauf gegen den verſammelten Hof — 113— wendend, ſprach er mit volltoͤnender Stimme: Hochwuͤrdige, hochgeborne Herren, Wir verhof⸗ fen, Ihr werdet Euch mit Uns vereinigen, Frau Barbara willkommen zu heißen, des hochwohl⸗ gebornen Georg Fuͤrſten Radziwill Tochter, des Wojewoden von Wilna, welche des Himmels Rathſchluß zu Unſerer Gemahlin erhoben, und in welcher ihr die Gebieterin dieſes Hauſes ſehet.—— Das Vorrecht ſeines Ranges rief zuerſt den Erzbiſchof Primas auf, ſich der er⸗ lauchten Frau zu naͤhern. Feſten, doch langſa⸗ men Schrittes nahete ſich ihr der Praͤlat, neigte das Haupt ein wenig, den freundlich beklomme⸗ nen Gruß der Beſtuͤrzten erwidernd, und trat abwärts, ohne ein Wort geſprochen zu haben. Ihm folgte der Großfeldherr; ein ſchneller Blick ließ ihn in Barbara's wechſelnder Farbe, in den Thraͤnen, die ſich gewaltſam in die geſenk⸗ ten Augen draͤngten, den Eindruck bemerken, welchen des ſolzen Prieſters geringſchaͤtziges Be⸗ nehmen hinterlaſſen. Auf die erſten Worte hoͤ⸗ ſiſcher Begruͤßung ließ er einige leiſer geſpro⸗ chene folgen, welche ſchnell das gewohnte Laͤcheln auf die kurz vorher ſchmetzlich geſchloſſenen Lip⸗ pen der ſchönen Frau zuruͤck riefen, dann ver⸗ 8 — 14— ließ er ſie mit einer ehrerbietigen Verbeugung.— Nach und nach näherten ſich alle Senatoren der königlichen Gemahlin; als aber Albert Friedrich von Brandenburg in der Folgereihe zu ihr trat, welche der Gebrauch den Herzogen von Preußen unter den Wojewoden anwies*) bemerkten die Anweſenden, daß er ihr eine Ehrfurcht erzeige, welche nur ein gekroͤntes Haupt von ihm zu er⸗ warten berechtigt war, und waͤhrend der ziem⸗ lich langen, halblaut gepflogenen Unterhaltung wollten die Naͤherſtehenden aus dem Munde des Herzogs einige Mal die Worte: allerdurchlauch⸗ tigſte Frau, und Koͤnigin vernommen haben, da nun gleich nachber die Reihe den Wojewoden von Lublin traf, und das Bezeigen deſſelben allerdings gefug'ger war, als es dem Guͤnſiling und Vertrauten Bonens von Mailand gegen ihre gefaßte Schnur zuſtehen mochte, uͤberzeug⸗ ten ſich die Magnaten, Barbara's Erſcheinen ſey den proteſtantiſchen Herren ein gar erwuͤnſch⸗ tes Ereigniß, eine Vorausſetzung, welche die offenkundigen Glaubensmeinungen ihres Bru⸗ ders allerdings rechtfertigten. Dech trugen der *) Abwechſelnd hinter dem Wojewoden von Kujawien und dem Staroſt zu Zmudz. Ton und die Geberde des Irhannes Firley' mehr den Ausdruck einer gewiſſen Zuverſichtlich⸗ keit, wie ſie dem Beſchuͤtzer wohl ziemen mag, als den der Ehrfurcht, mit nelcher der Unter— than vor der Genoſſin ſeines Herrn erſcheint. Waͤhrend nun jeder der Anweſenden nach Rang und Wuͤrde darſtellte, rauſchten die hohen vergoldeten Fluͤgelthuͤren abermals auf, und ein reichgeſchmuͤckter glaͤnzender Zug trat in den Saal. Eine Frau in tiefer Trauer fuͤhrte ihn an, deren langer Wittwenſchleier durch eine goldne Stirnbinde zuſammengehalten ward, an ihrer Hand hielt ſie einen etwa neunjaͤhrigen Knaben in reichbeſetztem Dolman, ein mit Her⸗ melin verbrämter kurzer Pelz lag auf ſeinen Schultern, und um die ungariſche Muͤtze, die er in der Rechten hielt, zog ſich eine leicht und zierlich gearbeitete Krone.— Drei andere Da⸗ men in Feſtkleidern damaliger Zeit, von denen die aͤlteſte, eine ernſte hohe Geſtalt, den erſten Fruͤhling des Lebens zuruͤckgelegt hatte, folgten der erſten, und unmittelbar nach ihnen erſchien eine fuͤnfte, gehuͤllt in Wittwenſchleier, wie die Fuͤhrerin des Zuges, doch war ihr Gewand alles Schmuckes baar und nur der ſtrenge Blick 8* e — 6 des dunklen Auges, der ſtolze Anſtand mit dem ſie einhertrat, bezeugten, daß ihr der Platz ge⸗ buͤhre, welchen ſie einnahm in ſo erlauchter Verſammlung; ihr zur Seite ging leichten Schrittes und mit geſenktem Haupte ein liebrei⸗ zendes Fraͤulein, einfach in perlenfarbenen Stoff gekleidet, doch auf der ſittig verhuͤllten Bruſt wogte eine Kette, von ſtrahlenden Smaragden und goldnen Kronen abwechſelnd geflochten. Es iſt nicht zu erwarten, daß der heutige Leſer genugſam in den Geſchlechttafeln des 16ten Jahrhunderts bewandert ſey, um die erlauchten Perſonen zu kennen, die in dieſem Augenblick den Verſammlungſaal der Koͤnigsburg zu Kra⸗ kow betreten hatten; es ſey uns alſo vergoͤnnt, das Amt eines Herolds zu verſehen.— Die Erſte, welche erſchien, war Iſabelle, Siegmund des Alten Tochter, Wittwe des Un⸗ garn⸗Koͤnigs Johannes von Zapolya, der Knabe an ihrer Hand, ihr Sohn Johannes, beigenannt die Waiſe, welchem ſein Vater das traurige Erbtheil des koͤniglichen Titels in einem Reiche hinterlaſſen hatte, in welchem er keinen Fuß breit Erde mehr beſaß, und der in ſpaͤtern Jahren den nichtigen Glanz einer Krone, die ₰ Ferdinand von Deßtreich laͤngſt ſeinen übrigen Kronen beigeſellt hatte, mit dem weſentlichen Beſitze des Fuͤrſenthums Siebenbuͤrgen vertauſch⸗ te.— In den drei folgenden fuͤrſtlichen Jung⸗ frauen, ſehen wir ebenfalls Schweſtern Sieg⸗ mund Auguſts— Anna, die ſpaͤter dem König Stephan Batory vermählt ward— Katharina, die als Gemahlin Johann Herzogs von Finn⸗ land und dann Koͤnigs in Schweden, dem Gat⸗ ten in das Gefaͤngniß folgte, in das Erichs, des hirnverruͤckten Bruders immer reger Arg⸗ wohn ihn verſtieß, die Stammmutter des Hau⸗ ſes Waſa, nelches in der Folgezeit den Thron der Jagiellonen beſtieg— und endlich Sophia, die nachherige Herzogin von Braunſchweig.*) In der fuͤnften und ſechsten Dame haben man⸗ che unter unſern Leſern vielleicht Anna von Matowien und ihre Lochter Helena Odrowon ſchon erkannt.— Die Koͤnigin von Ungarn trat durch die *) Hedwig, die ätteſte der Löchter Siegmunds, wat dem Kurfürſt von Brandenburg, Joachim Neſtor, vorlängſt vermählt und die Mutter des anweſenden Kurprinzen. 8 Reihen des Hofes, welcher den erlauchten Da⸗ men ehrerbietig auswich, zu Barbara, umarmte die ſich tief und feierlich Verneigende, und ſprach in gewinnendem Tone: Vergoͤnnet mir theure Schwaͤgerin, als der Aelteſten unter den anweſenden Toͤchtern Koͤnig Siegmunds, Euch willkommen zu heißen im Vaterhauſe. Auch laſ⸗ ſet Euch eine Waiſe empfohlen ſeyn, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihr Soͤhnlein der ſchoͤnen Frau vorſtellte, die vertrieben aus der eignen Hof⸗ burg, Schutz geſucht hat in dieſen Mauern, und ſo wie der Koͤnig von Ungarn einen Vater ge⸗ funden in dem erhabenen HOheim, ſo laſſet ihn nun in Euch eine Mutter finden.—— Ge⸗ ſchmeichelt und geruͤhrt durch die unerwartete Aufnahme der Koͤnigin Iſabelle, dankte Bar⸗ bara Radziwill der freundlichen Schwaͤgerin in wenig Worten und beugte ſich hinab zu dem koͤ⸗ niglichen Knaben, ihn liebkoſend mit der Herz⸗ lichkeit, die ſein Ungluͤck, und mit der Ehr⸗ furcht, die ſein Rang gebot. Siegmund Auguſt aber ſagte halb laut zu Iſabelle: Eure Maje⸗ ſtät haben Unſere Erwartung gerechtfertigt. Ich danke Euch Schweſter.— Weniger liebreich war die Bewillkommung der Infantin Anna.—*) Die beiden Andern noch ſehr jung an Jahren und der muͤtterlichen Vorſchrift eingedenk, ſtan⸗ den von fern und blickten neugierig und verle⸗ gen auf des Bruders reizende Gemahlin. Eure Majeſtaͤt erlauben nun, begann die konigliche Wittwe von Neuem gegen den Koͤnig, daß auch Wir Euch zwei Damen vorſtellen moͤ⸗ gen, welche Euch nicht ſo bekannt ſind, als ſie es ſeyn ſollten ihrer durchlauchtigſten Geburt nach und ihrem Verdienſt— Ihr ſehet hier die Prinzeſſin von Mazowien und ihr Fraͤulein He⸗ lena Odrowonzowna, die Wir auf Befehl Un⸗ ſerer Mutter zu Euch, Herr und Koͤnig, gelei⸗ tet haben.— Frau Fuͤrſtin Wojewodin, ſprach Auguſt, welcher einige Zeit lang mit geſenktem Blick vor Frau Annen geſtanden hatte, zur Prinzeſſin, deren ſtrengen Zuͤgen in dieſem Au⸗ genblick neuerwachter Zorn und uͤbel verhehlter Hohn einen beinahe unheimlichen Ausdruck ga⸗ ben, was auch die Urſache ſeyn mag, welche Euch bewogen nach langen Jahren die ſelbſt ge⸗ waͤhlte Einſamkeit zu verlaſſen und Unſer Hof⸗ *) Auch in Polen nannte man die Königstöchter oft⸗ mals Infantinnen. lager mit Eurer Gegenwart zu beehren, ſo wer⸗ det Ihr Uns bereit finden, Euch zu vergnuͤgen, in ſo fern es vertraͤglich iſt mit Unſerer Pllicht, alſo wie Ihr es erwarten möget von einem ge⸗ neigten Vetter und gnaͤdigen Koͤnig.— Was mich an Euren Hof fuͤhrt, mein aller⸗ durchlauchtigſter Herr, erwiderte die Wittwe des Levn Odrowonz mit feſtem Tone— es iſt derſelbe Beweggrund, der die Königin von Un⸗ garn veranlaßt ihren fuͤrſtlichen Knaben Eu⸗ rer Obhut zu empfehlen, oögleich die Sproͤßlinge des Piaſt fortan kaum in den Saͤlen dieſes Schloſſes auf die Rechte Anſpruch machen duͤr⸗ ſen, welche dem Stamm des Jagiello anheim gefallen. Eine Waiſe ſtelle auch ich Eurer koͤni⸗ glichen Gnade vor, Ihr ſehet ſie vor Euch, es iſt meine Tochter Helena. Wohl iſt ſie nicht eines gekroͤnten Hauptes Kind, doch ſtammet ſie, denk ich, durch die Mutter aus einem edlen Hauſe, meint das Eure Majeſtat nicht auch, und Ihr mein fuͤrſtlicher Vetter von Liegnitz?— Da nun das Geſchick dieſer Jungfrau nicht guͤnſtig geweſen von Kindheit an, und ſie auferzogen iſt in Einſamkeit und Armuth, wie es nicht al⸗ lerdings ihrer erlauchten Ahnen nuͤrdig, und der Vater nun hinweggeſchieden, ſo habe ich ſie Eurem Schutz anempfehlen wollen, als ober⸗ ſtem Vormund.— Die erlauchte Frau, wandte der naheſtehende Wojewode von Lublin mit ei⸗ nem Blick auf die Kette ein, die Helenens Bu⸗ ſen zierte, gefaͤllt es Ihr auch als eine Bittende vor dem Koͤnig zu erſcheinen, erfreuet dennoch zugleich unſere Augen mit dem Beweiſe, daß die Duͤrftigkeit, welcher ſie Erwaͤhnung thut, nicht allerdings die druͤckendſte ſeyn muß.—— Wer ſagt Euch— unterbrach ihn Frau Anna, in⸗ dem ſie voll Hoheit auf den Wbjewoden ſchau⸗ te,— wer ſagt Euch, Herr Hofmarſchall der Krone, daß Anna von Mazowien vor ihrem kö⸗ niglichen Blutsfreund erſcheine, demuͤthig um das fiehend, was andern begehrenswerther duͤn⸗ ken mag, als der Fuͤrſtin aus dem Hauſe der Piaſten? Dieß Kleinod, mit dem die mutter⸗ liche Hand heute den letzten Zweig deſſelben ſchmuͤckte, es iſt vererbt worden ſeit Jahrhun⸗ derten auf die Frauen unſeres Geſchlechts, an die es gekommen mit einer Lochter des Kai⸗ ſets zu Byianz, welche dieſe Jungfrau ihre Stammmutter nennt. Ob die Burg zu Kami⸗ niec mehrere dergleichen bewahret, mag Herr —————— Johannes Firley leichtlich beſtimmen, deſſen kunſtfertige Hand und ſcharfölickendes Auge, zu einer Zeit, an die er mich am wenigſten erin⸗ nern ſollte, das Verzeichniß der Schaͤtze des Herzogſchloſſes zu Warſchau entworfen, als die Erbtochter ſolches verließ.— Ihr habt uns ein ſehr angenehmes Amt uͤbertragen— nahm der Koͤnig das Wort, erfreuet dem druͤckenden Geſpraͤch eine andere Wendung geben zu koͤnnen— und Wir wiſſen es Euch Dank Frau von Podolien, daß Ihr Euer liebreizen⸗ des Fraͤulein Unſerer hoͤchſten Fuͤrſorge vertrauet. Seyd Ihr geſonnen Uns als Euren Vormund anzunehmen, ſchoͤne Muhme?— fuhr er gegen Helenen gerichtet fort. Wir werden Uns beſtre⸗ ben Euch ſolche Wahl angenehm zu machen.— Die Anrede Siegmund Auguſts hatte das Fraͤulein ein wenig verwirrt, ſie ſah der Mut⸗ ter Auge feſt auf ſie geheftet und erwiderte leiſe mit ſtockender Stimme: Es hat ja Gott ſeinen Stellvertreter auf Erden den Unmuͤndi⸗ gen und Waiſen zum Schuͤtzer beſtellt, und ſo umfaſſe ich vertrauensvoll die Fuͤße meines Herrn und Königs— Mit einer ſchnellen und an⸗ muthigen Bewegung richtete Auguſt die Knie⸗ ———— ——— ———— ————————————— beugende auf, und ſprach dann halb ſcherzend halb ernſt: So wollen Wir die erſte Pflicht Unſeres neuen Amtes erfuͤllen, indem Wir es einer An⸗ dern uͤbertragen, nelche ſolchem beſſer vorzuſte⸗ hen vermag. Frau Barbara, Ihr ſeyd die Wirthin die⸗ ſes Hoſes von heute an, ſo wollet denn Eures Gemahls Muͤndel in Eure Obhut nehmen und ihre Freundin ſeyn und Beſchuͤtzerin.— Barbara Radziwill hatte den vorhergegange⸗ nen Auftritt ihrer ganzen Aufmerkſamkeit nicht unwerth gehalten; ſie warf einen forſchenden Blick auf die Tochter Annens von Mazowien, als dieſer aber nur den Zuͤgen anmuthiger Be⸗ ſcheidenheit und kindlicher Unſchuld auf der Jungfrau Angeſicht begegnete, faßte ſie Hele⸗ nens Hand und fluͤſterte ihr liebreich zu: Wol⸗ let Ihr meine Freundin ſeyn und Schweſter, Fraͤulein?— denn, ſetzte ſie laͤchelnd hinzu„ zur Mutter bin ich nicht alt genug und es wuͤrde die Fuͤrſtin ſolch' Kind mir ſchwerlich abtreten. Drauf ſprach ſie lauter ſich zu dem Koͤnig wen⸗ dend: Wie immer iſt auch hier das Gebot mei⸗ nes durchlauchtigſten Herrn und Gemahls fur mich begluͤckend, und die Lochter der Prinzeſſin — 4— von Mazowien wird nimmer urſache haben, mich bei Eurer Majeſtaͤt des Ungehorſams anzukla⸗ gen.—— Wohl verfehlte der hohen Frau Freundlich⸗ keit ihre Wirkung nicht auf Helenens empfaͤng⸗ liches Gemuͤth, doch vermochte ſe nicht die Au⸗ gen zu erheben; das Gefuͤhl fremden Unrechts ſprach laut wie Selbſtanklage im reinen Herzen der Jungfrau, und als in der Folge Hivpolyt Boratynski in ihre Naͤhe kam und die Lieben⸗ den einen Augenblick unbewachter Mittheilung fanden, raunte ſie ihm zu: D waͤre ich fort von hier, mein Freund, es iſt mir Angſt und Weh, und es daͤucht mir immer, als wandle ich unbekannte Pfade, umringt von Abgruͤnden und lauerndem Unheil.— Auch mir iſt un⸗ heimlich zu Muth in dieſen vergoldeten Gemaͤ⸗ chern— verſetzte Hippolyt— doch laßt uns nur treu aushalten und feſt, ſo wird es wohl noch gut werden fuͤr uns, und fur Andere vielleicht auch.—: 3 4. Waͤhrend die glänzende und erhabene Ver⸗ ſammlung, welcher wir eben beigewohnt, in den erleuchteten Saͤlen des Schloſſes, ſich an mehreren Liſchen niederließ, und bei einem mitternaͤchtlichen Mahl, damals Media Noche genannt, bemuͤht war die verſchiedenen Ge⸗ fuhle der Beſorgniß, des unmuthes, des Nei⸗ des und der Schadenfreude hinter dampfenden Schuſſeln und vollen Weinbechern zu verſcheu⸗ chen oder zu verbergen, mangelte es in den ge⸗ raͤumigen Gemaͤchern des Erdgeſchoſſes der Her⸗ berge zum Adler von Krakow ebenfalls nicht an Gäͤſten. An vielen Tiſchen maucherlei Form er⸗ götzte ſich das adlige Gefolge der Herren und Magnaten mit Trinken und Geſpraͤch: weiter⸗ hin handelten reiche Krakower Buͤrger das end⸗ loſe Kapitel der Zeitlaͤufte ab; und in den Ecken leerten ſchwarzgekleidete Juͤnglinge mit ſchlicht herabhaͤngendem Haar und kurzen Maͤn⸗ teln, gleich Chorroͤcken geſtaltet, Schuͤler des Lyeeum, verſtohlen und geraͤuſchlos aber fleißig die Trinkgeſchirre mit Meth.— Mehrere der juͤngern Edelleute gingen mit klirrenden Spor⸗ nen und raſſelndem Saͤbel ab und zu, oftmals vor die Hausthuͤre tretend, um nach den ſtrah⸗ lenden Fenſtern des Schloſſes hinauf zu ſehen, ob die Herren noch nicht zuzuͤckgekehrt ſeyen nach — ihrer Behauſung. Unter dieſen war auch Wa⸗ lenty Bielawski.— Bald ſchallte ein wuͤſtes Getoͤſe die ſtille Straße herauf, wie von einer Schaar Trunke⸗ ner und richtete ihren Lauf nach dem Wahrzei⸗ chen des Gaſthauſes. Unwillig kam der Gaſt⸗ geber in die Pforte, Willens die naͤchtlichen Herumſtreicher, von deren Eintritt er eine Stoͤr⸗ ung ſeiner ruhigen und ſittigen Gaͤſte durch al⸗ lerlei Haͤndel und Unfug befuͤrchtete, zu bedeu⸗ ten, es ſey dieß keine gemeine Herberge, ſon⸗ dern ein Gaſthaus fuͤr ehrenwerthe Stammgaͤſte; als er aber die Raͤherkommenden erblickte, trat er kopfſchuttelnd abſeits, und hieß murriſch ge⸗ nug die Unwillkommenen eintreten. Mit wuͤſiem Larm und ſinnloſem Gelaͤchter ſtͤrzte nun eine Schaar in das Haus, mit Säbeln und Helle⸗ barden bewaffnet, welche die Anweſenden als⸗ pald fuͤr die Haͤſcher erkannten, die den Befeh⸗ len des Probſtes Czarnkowski, der der Schule als Rektor vorſtand, mit ihren Kehlen und Faͤu⸗ ſten den gehoͤrigen Nachdruck zu verleihen be⸗ ſtimmt waren; mehrere Kriegsleute in die Far⸗ den des Großmarſchalls gekleidet, befanden ſich unter ihnen, und die ganze anſehnliche Geſell⸗ / — ſchaft ſchien unter der Anfuͤhrung des uns wohl⸗ befannten Waclaw Siewrak zu ſtehen, deſſen ſchwere Zunge und taumelnder Gang andeuteten, er habe auch beim Becher ſchon das Ueberge⸗ wicht uͤber ſeine minder berauſchten Begleiter be⸗ hauptet. Gieb Wein, Alter, ſchrie er den Wirth an, Wein fuͤr die Compagnie des Herrn Woje⸗ woden Gnaden, und die Runde des hochwuͤr⸗ digen Herrn Czarnkowski!— Nun wird es bald? rief er noch lauter, als der bedenkliche Hausherr zoͤgerte. Wir ſind alle im Herren⸗ dienſt und ein treuer Diener ſoll nicht verdur⸗ ſten in Ausuͤbung ſeiner Pflicht!— Waäͤhrend dem hatte der Anfuͤhrer der Schaarwacht im Saale umhergeblickt, und als er die Studiren⸗ den im Winkel beim Becher gewahrte, gewann er plotzlich die Wuͤrde ſeines Amtes wieder, wel⸗ che bei dem oſtern Einkehren der preißlichen Runde ihm wohl etwas abhanden gekommen war. Mit gravitaͤtiſchem Schritte und erhobenem Sta⸗ be ging er auf die Juͤnglinge zu und begann: Traun, wie würde es den hochwuͤrdigen Herrn erfreuen, wenn er die Alumnos der ſchoͤnen Wiſſenſchaften hier erblickte, naͤchtlicher Weile beim Weinkrug, in boͤſer Geſellſchaft von aller⸗ — lei Kriegsvolk, und trinkend und ſchwaͤrmend aller guten Sitten und Schulzucht zum Hohn? Zu Buch, iu Buch, Ihr Herren Gymnaſia⸗ ſen, oder zu Bett, damit Ihr morgen fein fruh wieder heraus ſeyd und im Auditorio.— Bei ſeinen erſten Worten hatten ſich die Juͤng⸗ linge erhoben, und ſchickten ſich an des gefurch⸗ teten Machthabers Gebot zu erfullen; nur einer hlieb wie zuvor auf ſeiner Bank ſitzen und ſchaute auf den Sprecher mit verachtendem Blick.— Nun, wer ſeyd Ihr denn mein junges Herr⸗ lein, der Ihr das Gebot der Obrigkeit alſo ge⸗ ringſchaͤtzt? Trollet Euch in Zeiten, ſo Ihr nicht Verlangen ſpuͤret, eine kuͤhle Dezember⸗ nacht im Carcer zu verbringen.— Ihr ſeyd meine Obrigkeit nicht, ſondern nur ein Hä⸗ ſcher, guter Freund Pedell, antwortete der Schuͤler kurz und abweiſend, ich aber bin Paul Ordenga, der Stubenburſch und Repetent des hochgebornen Hieronymus Soltyk, des Sohns des Wojewoden von Ctzernichow, der noch nim⸗ mer im Carcer geweſen und auch jetzt dahin zu gehen nicht geſonnen. Auch war die Geſellſchaft wohl gut bis vor einer Weile, und unziemliches Schreien und Toben habe ich nur vernommen — 129— von Euch und Eurer Genoſſenſchaft.— Laſſet mir doch die ehrbaren jungen Leute in Ruhe, Herr Hauptmann der Runde, ſprach der Wirth beguͤtigend, das ſtudirt ja den ganzen Tag und das ganze Jahr, ſo mogen ſie ſich doch auch er⸗ freuen in achtbarer Geſellſchaft, am Feſte der Geburt unſers Herrn, zudem iſt ja morgen aber⸗ mals ein Feiertag und die Hoͤrſaͤle ſind geſchloſſen. Zwar hatte der Schutz des Hieronymus Sol⸗ tyk, auf den ſich der widerſpenſtige Gymna⸗ ſiaſt berufen, eines Juͤnglings, der zu den hochſten geiſtlichen Würden beſtimmt war, den Amtseifer des Pedell ein wenig abgekuͤhlt, doch glaubte er es der ülbernen Platte auf ſeiner Bruſt und ſeinem Stabe ſchuldig zu ſeyn, we⸗ nigſtens noch einige Bedenklichkeiten zu aͤußern, da trat Waclaw, der Canzleibote, unſichern Schrittes zu ihm und ſchrie: Beim heiligen Stanislaw! das ehrliche Methfaß hat ein Wort geſprochen zu ſeiner Zeit.— Lauter ehrbarer Leute Kinder ſind es, die ihr wollet ungeſcho⸗ ren laſſen, ſo es euch beliebt, und gute Freun⸗ de.— Nicht wahr— wiederholte er, ſich gegen den eben vorübergehenden Bielawski wendend— wir ſind hier lauter gute Freunde?—— Das 9 — 1 ich nicht wßte— entgegnete der junge Edel⸗ mann ſich abkehrend—, unſere Brkanntſchaft iſt ſehr jung, und ſo ich nicht irre, war ſie keines⸗ wegs zur Freundſchaft gediehen, ſoll es auch, will es Gott, nimmer— Ein verdammt ſtol⸗ zer Burſch— murmelte der Schreiber mit haͤ— miſchem Laͤcheln in ſich hinein, und trat darauf zu dem oberſten Schaarwaͤchter, heimlich zu ihm ſprechend.— Was die ehrenwerthen Maͤnner mit einander abgehandelt, ißt nicht bekannt ge⸗ worden; nur ſo viel wiſſen wir, daß im An⸗ fange der Pedell den Worten Freund Waelaw's mit allen Zeichen der Verwunderung und der Ungewißheit horchte, dann aber, als ſey er uͤberzeugt, mit einem Kopfnicken von ihm ſchied, und ſich ruhig mit ſeiner Begleitung um einen naheſtehenden Tiſch lagerte, waͤhrend Siewrak, abermals mit donnernder Stimme Wein for⸗ dernd, bei den Studirenden Platz nahm. Das Getraͤnk war angelangt, der Canzleibote des Großmarſchallamtes fuͤllte einen gewaltigen Be⸗ cher und trank ihn dem Zunaͤchſſitzenden zu, mit den Worten: Nun verehrter Herr Alum⸗ nus, auf ein froͤhliches Weihnachtfeſt!— Dar⸗ auf thu' ich Euch Beſcheid von Herzen, erwi⸗ — derte der junge Menſch. Wenn doch nur mehr Feiertage waͤren im Jahre, damit man doch ein wenig Raſt haͤtte von all' dem Zwang und der Plage. Stiſt wahr— ließ Siewrack im bedau⸗ ernden Tone ſich vernehmen—, das ewige Stu⸗ benhocken mag der Jugend nimmermehr behagen; auch ich, wie Ihr mich hier ſehet, bin ein Li⸗ teratus und habe meine Schuljahre ausgeſtanden zu Piotrkow, doch ward ich des Dinges bald muͤde und habe mich in die Dienſte eines gar großen Magnaten begeben, allwo ich die edle Schreibkunſt uͤbe und manches andere noch, was ich erlernet, zu großem Ruhm für mich und Nutzen des Herrendienſtes.— Wenn es nur der Schulzwang waͤre, nahm ein anderer der Juͤnglinge das Wort, ſo wäͤre es noch zu er⸗ tragen, aber unleidlich iſt es, den ganzen Tag gekruͤmmt zu ſitzen uͤber alten großen Follanten, und doch nichts in den Kopf zu bekommen, als Legendenkram und böchſtens ein wenig Caſuiſtit, wie es hergeht, ſeitdem der Herr Probſt Rektor geworden am Lycev, und wenn ich dagegen ver⸗ nehme, wie es ehemals geweſen zu Krakow, und noch jetzt ſeyn ſoll in den proteſtantiſchen Schu⸗ len, die der Herr Firley errichtet zu Lublin und 9* — 1— die Großpolniſchen Herren zu Wſchowa(Frau⸗ ſtadt) und Leszno(Liſſa), wo die Alumni bei ge⸗ ziemender Freiheit Mehreres erlernen und Tuͤch⸗ tigeres, als wir hier bei kloͤſterlichem Zwang und ſchnoͤder Begegnung, ſo moͤchte ich wohl wuͤnſchen, ich haͤtte nimmer das verdammte Eu⸗ lenneſt betreten.— Ei laſſet das ja nicht den Herrn Pedell hoͤren, warnte Waeclaw, indem er dem Sprechenden vertraulich naͤher ruͤckte, es iſt wohl ein wackerer Mann und mein guter Freund, der ganz gern ein Auge zudruͤckt, wenn man ihm einen vollen Becher oder ein Stuͤck Geld vor das andere haͤlt, aber Ihr wiſſet ja⸗ Herrendienſt geht allem andern vor. Mir mo⸗ get Ihr wohl dergleichen vertrauen, als einem guten luſtigen Kumpan und Commilitonen in denen Humanioribus. Nun noch eins zu Eh⸗ ren der Humaniora, werthe Freunde! Thut Ihr nicht Beſcheid, Paul Ordenga?— Ti⸗ meo Danaos et dona ferentes*)— erwiderte der Befragte. Ihr ſeyd ein gelahrter junger Geſell, ſprach Waelaw Siewrack darauf, und muͤſſet es wohl ſeyn, da Herr Hieronymus Sol⸗ *) Ich fürchte die Griechen auch wenn ſie Geſchenke vieten. tyk Euch aufgenommen und werth achtet, das aber iſt eine gar hoffnungsvolle Bluͤthe des pol⸗ niſchen Adels, und duͤrfte wohl bald die Mi⸗ tra tragen oder gar den rothen Hut, ſo ihm Gott Leben und Geſundheit verleihet. Nun ſuche ich aber gar gern Unterhaltung zu pflegen mit verſtaͤndigen Leuten uͤber ſo manches, was man jetzt vernimmt in Deutſchland und im Vater⸗ lande, denn obſchon ich noch große Neigung hege zu allem Spitzſindigen und Neuen, ſo laͤßt doch immer unſer einem drr Herrendienſt nicht viel Zeit zu ſolcherlei Dingen.— Verzeihet mir Herr Schreiber, antwortete der Student, ich habe immer gehoͤrt, daß unter manchen umſtan⸗ den es beſſer ſey frei zu denken, als frei zu ſprechen.— Denkfreiheit! Ihr ſeyd mein Mann, Herr Paul Ordenga! rief Waeclaw, darauf hob er das Trinkgeſchirr und rief: es lebe die Denkfreiheit!— Hoch!— laut genug, daß das verpoͤnte Wort das Ohr der aufmerkſam gewordenen Schaarwaͤchter traf. Da trat Wa⸗ lenty Bielawski zu dem Tiſch und ſprach mit ſpottendem Tone: Wie ſeyd Ihr ſo plötzlich ein Lobredner der Denkfreiheit geworden, Meiſter Siewrak? Kennet Euch doch der Herr Ciarn⸗ — 134— kowski der Probſt, und ſo ich nicht irre, auch der Monti und die andern Welſchen am Hofe von ganz anderer Seite.— Ei was, entgeg⸗ nete der Schreiber, bei einem Becher guten Weines geht das Herz uͤber, und ein anderes iſt es um den Herrendienſt und um ein luſtiges Gelag.— Wohl gehet das Herz uͤber beim froͤh⸗ lichen Trunke, fuhr der junge Bielawski fort, ſeine Worte nachdruͤcklich betonend, doch Euch wohl nicht,— und ſo es je geſchaͤhe, wuͤrde man ſchwerlich Erfreuliches vernehmen. Einſei⸗ tig Vertrauen aber gebiert oftmals Reue!— Sapienti sat— fluͤſterte Ordenga laͤchelnd dem Warner zu, und als Siewrak ſeinen Unmuth in einem gewaltigen Zuge aus dem Becher er⸗ ſtickt hatte, und nach ſeines Widerſachers Ent⸗ fernung abermals verſuchte den Studirenden Rede abzugewinnen, ſchienen die Juͤnglinge die Luſt zu ferneren Mittheilungen verloren zu haben und der löbliche Zweck ſeines Hierſeyns fuͤr die⸗ ſen Abend verfehlt. Da traten zwei Weibsperſonen in Reiſeklei⸗ dern in die Gaſtſtube und fragten beſcheidentlich den Hausherrn, ob er ihnen ein abgeſondert Gemach anweiſen koͤnne fuͤr die Nacht? Der „ 5— aber begruͤßte ſie wie alte werthe Bekannte und lud ſie ein zum Feuer zu treten, bis das Noͤ⸗ thige beſorgt ſey. Wie die Frauen nun der Einladung folgten, begegneten ſich die Blicke der Juͤngern von beiden und des Bielawski, und ſie riefen zu gleicher Zeit: willkommen ſchoͤne Theophila! Woher des Weges? und— Gott gebe Euch einen guten Abend, werther Herr Walenty.— Darauf berichtete die Junafrau, wie der Vater ſie hergeſendet habe mit der Muh⸗ me von Jwanowice, damit ſie den Dienſt an⸗ trete auf dem Schloſſe, wie es ihr die aller⸗ gnaͤdigſte Frau verheißen, und beantwortete des jungen Mannes Frage, ob ſie ungern nach Krakow gegangen, mit verſchaͤmten Laͤcheln und einem bedeutenden Blick.— Waͤhrend die Bei⸗ den nun am Kamin vertraulich ſchwatzten von dieſem und jenem, hatte der Schreiber Sie⸗ wrak unaufhoͤrlich dem Becher zugeſprochen, den ſeine Tiſchgenoſſen hoͤflich, aber entſchieden zu⸗ ruͤckwieſen, unter einander in lateiniſcher Spra⸗ che redend, von welcher, wie ſie bemerkt hat⸗ ten, der Schreiber trotz ſeiner geruͤhmten Schul⸗ ſtudien kein beſonderer Kenner noch Liebhaber war. Von langer Weile und dem Begehren — 136— gepeinigt, einen Schwank nach ſeiner Art aus⸗ gehen zu laſſen, warf er die weinumnebelten Augen im Gemach umher, und entdeckte bald das Maͤdchen, das mit dem verhaßten Bie⸗ lawski in lebhafter und traulicher Unteryaltung begriffen. Je laͤnger er ſie anſah, je bekannter ſchien ſie ihm, er raffte ſich auf, taumelte naͤ⸗ her und bald war er gewiß, es ſey die Tochter des ehrlichen Kaspar Gierzanek, welche er vor ſich ſahe. Der Rauſch hatte die Scheu uͤbernun— den, die er vor dem tuͤchtigen Saͤbel und der nervigen Fauſt des jungen Edelmannes trug, und er warf ſich nieder auf die Bank zur an— dern Seite des Maͤdchens, ohne auf ihren ſicht⸗ baren Widerwillen und ſeines Nebenbuhlers ge⸗ runtelte Stirn Acht zu haben. Bald begann er die Kleine mit abſonderlich gewaͤhlten Redens⸗ arten zu beſtuͤrmen, welche auf ſeiner weinſchwe⸗ ren Zunge wahrlich an Annehmlichkeit nicht ge⸗ wannen; da ſie aber fort und fort mit ihrem Nachbarn zur Linken beſchaͤftigt, ihm nur kurz oder gar nicht antwortete, meinte er, es ſey an der Zeit, durch einige plumpe Liebkoſungen ſei⸗ nem etwas verworrenen Vortrag den gehoͤrigen Nachdruck zu verleihen, und ſchlang den Arm um den Leib der Widerſtrebenden.— Vergeblich verſuchte Thevphila ſich ihm zu entziehen, unbe⸗ merkt von dem beguͤnſtigteren Freunde, denn ſie tuͤrchtete eine neue Schlaͤgerei wie die zu Jwa⸗ nowice, die ihr manch Scheltwort vom ſtrengen Vater eingetragen. Waclaw Siewrak war zu ſehr gewohnt feſt zu halten, weſſen er ſich ein⸗ mal bemaͤchtigt, er preßte ſie mit dem unge⸗ ſtuͤm eines Berahſchten an ſich, und ward ſo zudringlich, daß das Maͤdchen endlich kreiſchend aufſprang und zu der Muhme floh, die das eingeſchuͤchterte Kuͤchlein unter ihre Fluͤgel neh⸗ mend, den ganzen Strom ihrer Beredſamkeit uͤber den unbeſcheidenen Prunkenbold auszugie⸗ ßen begann. Was iſt das, rief Walenty Bie⸗ lawski ergrimmt, indem er auf den Canzleibo⸗ ten zutrat und ihn kraͤftig an der Schulter faßte,— geluſtet es Euch alſo ſehr nach Schlů⸗ gen, daß Ihr Euch erfrecht, in meinem Bei⸗ ſeyn ehrbaren Jungfrauen ſchnoͤde zu begeg⸗ nen, die mir bekannt.— Unerhoͤrt iſt es— eiferte die entruͤſtete Muhme— einer Dienerin unſerer königlichen Frau ſolches anzuthun!— Wartet nur bis morgen, guter Freund, da ſoll es Euch nach Haus kommen, was Ihr begonnen W in unſinnigem Rauſch!— Königliche Frau?— wiederholte Waclaw hohnlachend— eben recht, wie die Frau ſo die Magd.— Hore Freund! rief Walenty— nun iſt es an der Zeit, daß Du Dich fortpackſt, wenn Du nicht willſt, daß ich Dir den Weg durch das Fenſter zeige.— Auf einen Augenblick verſtummte der Diener des Kmita vor dem Drohwort, deſſen Wahrmachung 1 er fur ſehr moͤglich hielt, dann entſann er ſich, daß in ſeinen ehrbaren Genoſſen von der Schaar⸗ wacht ihm eine tuͤchtige Waffenbruͤderſchaft zur Seite ſtaͤnde, und er rief mit ſcheuem Lrotz:„ Wollet Ihr doch immer Hahn im Korbe ſeyn, werther Herr Landjunker von zwei kulmiſchen Morgen Ackerfeld, damit iſt es aber nichts all⸗ hier— es iſt dieß Gemach eine gemeine Gaſt⸗ ſtube, und Dirnen ſind Gemeingut, und rei⸗ ſende bei Nacht und Nebel am allermeiſten!— Du willſt es alſo nicht anders, unverſchaͤmter Geſell?— ſchrie Walenty, und die Flaͤche ſei⸗ nes hochgeſchwungenen Saͤbels flog pfeifend um die Schultern des Schreibers.— Da ſprach auf einmal Paul Ordenga, der mit ſeinen Ge⸗ fährten ſich dem laͤrmenden Auftritt genaͤhert hatte, die Haͤnde reibend mit Lachen: Mit — nichten, Herr Edelmann, verunreinigt Eure gute Waffe nicht auf der Haut dieſes Schur⸗ ken.— Laßt es uns uͤber, wir gedenken ſchon fertig zu werden mit ihm. Hab' ich doch ohne⸗ dem noch einen Zahn auf den Schaͤcher, der ſich den Alumnis der koͤniglichen Schule gleichſtellt, weil er Frakturſchrift malen kann, und mit ſpitzbuͤbiſcher Gleisnerei beim Becher den Leuten die Worte herauslockt und ſie ver⸗ dreht, damit er die Beruͤckten in Schaden bringe und Noth. Wie waͤre es Collegiales, wenn wir uns eine kleine Bewegung machten mit dem Herrn Baccalaureo? Ein lauter Zu⸗ ruf beſtätigte die vollige Einſtimmung der Juͤng⸗ linge in den willkommenen Verſchlag. Das Auf⸗ treten dieſer nenen und zahlreichen Gegner hatte den emporwallenden Muth des Siewrak ſchnell in ſein gewohntes Bett zuruckgedrängt, er wandte ſich und rief mit angſthafter Stimme: Zur Huͤlfe, ihr Herren der Schaarwacht, zur Huͤlfe! Werdet ihr es auch dulden, daß ein Diener des Herrn Wojewoden von Krakon Gna⸗ den mißhandelt worden von ungezogenen Schul⸗ buben?—— Entruͤſtet uͤber die veraͤchtliche Benennung machten die Studirenden nun ernſt⸗ lich Anſtalt uͤber den Friedensſtoͤrer herzufallen. Doch nicht um ſonſt hatte der Pedell den Huͤlferuf ſeines Genoſſen vernommen; mit aller amtli⸗ chen Wuͤrde trat er vor den zitternden Siewrak, erhob den Stab, das Symbol ſeiner Macht, und ſprach: Im Namen des Rector magnißieus ge⸗ biete ich Frieden! Greifet zu, ihr Herren von der Runde und bringet mir dieſe Schreier in feinen Gewahrſam. Und ſo Einer ſich wider⸗ ſetzte vder der Andere, ſo haben wir ja, Dank dem heiligen Stanislaw Szezepanowski, tuͤch⸗ tige Stricke und moͤget ihr ſie ein wenig kne⸗ beln.— Schon ſetzten ſich die Schaarwaͤchter in Bereitſchaft des Vorgeſetzten Gebot zu erful⸗ len, da rief der junge Bielawski, der mit raſcher Schwingung ſeines blitzenden Saͤbels die zaghaften Angreifer in ehrerbietiger Entfernung hielt: Seyd Ihr toll Pedell, Euch vergreifen zu wollen an einem adeligen Hausgenoſſen des erlauchten Herrn von Krakow? Gebt Raum fuͤr mich und dieſe weinende Jungfrau und jene ehrbaren Geſellen, ſonſt ſeht zu Euren Oh⸗ ren!— Rit nichten!— erwiderte der Anfuͤh⸗ rer der Runde, welcher mit Schrecken den Mißbrauch gewahr ward, den er ſich in uber⸗ — triebenem Amtseifer beinah zu Schulden kom⸗ men laſſen, und deſſen unausbleibliche, nicht ſehr glimpfliche Ahndung ihm ſchwer auf das Herz fiel,— mit nichten! fern ſey es von mir, Euch anzutaſten, geſtrenger Herr Edelmann, nur mit jenem vorlauten Herrlein hab' ich es zu thun, nach dem Recht, das mir verliehen iſt von dem Herrn Probſt.— Unbaͤrtige Frei⸗ denker! kraͤchzte Waclaw mit wutherſtickter Stimme hinter dem Ruͤcken des Pedell hervor, Knaben, die kaum der Ruthe entlaufen ſind.— Der Ruthe vielleicht— ließ dieſer ſich verneh⸗ men— doch nicht der Peitſche, welche Seine Wuͤrden hier und da wohl zu adminiſtriren wiſ⸗ ſen, zur Ehre Gottes und zum Ruhm des Ly⸗ eei!—— Da rief Ordenga, indem er mit ge⸗ ballten Faͤuſten und funkelnden Augen vorwaͤrts trat; Wollen wir es dulden, daß ein nichts⸗ wuͤrdiger Scherge uns alſo beſchimpfe, die wir adeligen Gebluͤtes ſind, und der freien Kuͤnſte Befliſſene?—— Ein Ausdruck des Unwillens aus dem Munde ſeiner Genoſſen beantwortete dieſe Frage; im Nu war der Kamin alles Et⸗ ſengeräthes beraubt, und es hatte das Anſehen, als wuͤrde mancher der Anweſenden nicht ohne einen blutigen Kopf die Gaſtſtube verlaſſen. Aber im naͤmlichen Augenblick hatten zwei Haͤ⸗ ſcer den kuͤhnen Anfuͤh er umringt und ihn zu Boden geworfen, darauf begannen ſie, geſchutzt durch die Hellebarden der Andern, dem vergeb⸗ lich Widerſtrebenden Haͤnde und Fuͤße zu bin⸗ den. Das Getoͤſe und die Verwirrung in dem ſpaͤrlich erleuchteten Saal hatte Walenty den Anblick deſſen entzogen, was geſchehen; als er es gewahr ward, rief er: Da ſey Gott vor, daß Einer in Gefahr und Noth kaͤme darum, daß er zu einem Edelmann des Grafen von Tarnow gehalten. Laßt ab, ihr ſchnoͤden Hen⸗ kersknechte! ſchrie er mit donnernder Stim⸗ me— wagt ihr es alſo an den alten Gebraͤu⸗ chen zu freveln und Hand zu legen an einen von Adel?— Mit Vergunſt— verſetzte der Anfuͤh⸗ rer mit prahleriſcher Wichtigkeit,— was Eure werthe Perſon betrifft, ſo moͤget Ihr frei aus⸗ gehen und ledig, wie auch die Jungfrau dort; der Alumnus aber iſt der Jurisdietion des Ree⸗ tor magnifieus unterworfen, deren ausuͤbende Gewalt mir vertraut worden mit dieſem Stabe, und ich bin gar nicht geſonnen ihn loszulaſſen, da ich ihn einmal gefaßt; denn laͤngſt iſt er hoͤhern Orts uͤbel angeſchrieben, als ein Sek⸗ tirer, Neuerer und Verfuͤhrer ſeines hochgebor⸗ nen jungen Patrons, wie er denn auch hier noch von ſuͤndlicher Denkfreiheit geſprochen. Zwar iſt mir die Bedeutung ſolchen Wortes unbekannt, doch weiß ich, daß all dergleichen dem hochwuͤrdigen Probſt ein Greuel.—— D der feinen Gerichtsbarkeit— entgegnete der junge Bielawski—, da die Bosheit Anklaͤger iſt, der Fanatismus Richter, und die Dummheit den Spruch vollſtreckt!— Doch, daß ich mit Euch daruͤber rechtete.— Ich frage abermals, ob Ihr den Herrn Hrdenga frei laſſen wollet auf Buͤrgſchaft, wie es das Herkommen gebietet?— Als nun der Pedell die Frage nur mit einem Kopfſchuͤtteln erwiderte und die Haͤſcher fortfuh⸗ ren den Juͤngling zu binden, da flog der Saͤ⸗ bel des Walenty einmal hin und einmal wieder, und der eine taumelte abſeits mit blutender Stirn und der andere druͤckte heulend beide Faͤuſte gegen eine tuͤchtige Seitenwunde. Frie⸗ densbruch! tönte es von der andern Seite in wildem Geheul; Frevel an den Dienern des Geſetzes!— Hinaus mit den Pfaffenknechten— antworteten die Jünglinge, die ibten Genoſſen ſchnell entfeſſelt und aufgerichtet hatten.— Weg mit dem unwuͤrdigen Floſterzwang! Frei⸗ heit im Denken und Thun; es lebe die Frei⸗ heit!—— Kaum hatte Bielawski die raſche That vollbracht, ſo traten die wahrſcheinlichen Folgen derſelben vor ſein Gemuͤth; nach weni⸗ gen Abſchiedsworten uͤbergab er die halbohn⸗ maͤchtige Toſia dem Hauswirth, daß er ſie nebſt ihrer Begleiterin hinwegbringe aus dem Gemach, das nun wohl bald der Schauplatz wilden Kam⸗ pfes werden mußte, und trat dann an die Seite des Ordenga entſchloſſen, da es nun ſo weit gekommen, auch das Aeußerſte abzuwar⸗ ten.— Der Laͤrm, der aus dem Hauſe durch die naͤchtliche Straße drang, hatte noch meh⸗ rere Abtheilungen der Schaarwacht herbeigeru⸗ fen; das Gemach war angefuͤllt mit Bewaff⸗ neten und die Lage der Verbuͤndeten wuͤrde bald ſehr mißlich geworden ſeyn, haͤtte der Muth des Stabtraͤgers und ſeiner Genoſſen in Ver⸗ hältniß zu ihrer Anzahl geſtanden. Doch druͤck⸗ ten die Eintretenden ihre Vorgaͤnger allmaͤhlig vorwärts, und bei der Unmoglichkeit durch eine ſo dichte Maſſe ſich einen Weg zu bahnen, wuͤr⸗ den Bielawski und ſeine Freunde außer Stand ihre Waffen zu gebrauchen, bald uͤberwaͤltigt worden ſeyn, da ſprangen zwei von den Stu— direnden durch das Fenſter des Erdgeſchoſſes hinaus und rannten in gefluͤgelter Eil nach den Schulgebaͤuden.— Heraus, Commilitonen, her⸗ aus! ſchrien ſie hinauf gegen die dunklen Fen⸗ ſter— die Philiſter ſind da! und alle Fenſter öffneten ſich und aus den meiſten erſcholl eine frendige Antwort; die Pforten und Pfortlein des Hauſes wurden aufgethan, und ein Schwarm halbgekleideter Schuͤler quoll heraus, und alle folgten unter lautem Jubelruf den Fuͤhrenden nach dem Gaſthauſe zum Adler von Krakow. Der Probſt, deſſen uͤbermaͤßige Strenge ſeit langer Zeit ſchon ihm die Gemuͤther ſeiner Pfleglinge entfremdet, entfloh, beſorgt fuͤr ſein Leben, durch eine Hinterthuͤr nach dem Schloſſe, um den Schutz des Petrus Kmita anzuflehen, der als Wojewode und Staroſt von Krakow die hoͤhere und niedere polizeiliche Gewalt in der Hauptſtadt ausuͤbte. Die Erſcheinung ſo vieler kampfluſtiger Ge⸗ ſellen gab der Seene im Adler von Krakow eine andere Geſtalt. Gezwungen, ſich gegen die Ein⸗ dringenden zu vertheidigen, ließen die Schaar⸗ 10 waͤchter von dem kleinen bedraͤngten Haͤuflein ab, an deſſen Spitze Bielaweki und Ordenga ſtanden; dieſe benutzten wacker den gewonnenen Spielraum und von beiden Seiten kraͤftig ange⸗ griffen, mußten die Leute des Probſtes bald das Feld raͤumen, nicht ohne daß einer oder der andere ein Andenken an die Nacht des zweiten Weihnachttages mit ſich genommen haͤtte, deſ⸗ ſen er gern entuͤbrigt geweſen waͤre. Schritt vor Schritt folgten die fruͤher Eingeſchloſſenen den weichenden Feinden, und ſo geſchah es, daß Waelaw Siewrack, den Furcht und Trunkenheit halb ſinnlos gemacht hatten, in der Thuͤre von dem jungen Walenty erreicht ward. Schon hatte der Edelmann den Säaͤbel erhoben, um mit ei⸗ nem tuͤchtigen Streich die fruͤhern Unbilden zu raͤchen und den heimtuͤckiſchen Spaͤher zu beſtra⸗ fen, der die erſte Urſache eines Begebniſſes war, deſſen Folgen ſich ſchwer beſtimmen ließen, und der auch ihn ſelbſt zu einer Handlung vermocht hatte, welche, obſchon begangen in der Auf⸗ wallung gerechten Zornes, dennoch dem Juͤng⸗ ling reute, und die, wie die Sachen ſich ge⸗ ſtalteten, ihm ſchwere Verantwortung zuziehen konnte; da wand ſich der Schreibergehuͤlfe des Marſchallamtes um ſeine Kniee und flehte win⸗ ſelnd um Erbarmen. Die Flamme des Zornes ging unter in der Verachtung, haſtig riß ſich Walenty von dem Bittenden los: Geh Elen⸗ der! rief er ihm zu, moͤgen das Andenken die⸗ ſer Nacht und ihre Folgen Dich begleiten bis m ſchmähligen Ende, das aller Kundſchafter nd Zwiſchenträger doch wohl endlich nartet,— dann folgte er den hinauseilenden Genoſſen in die von vielen, ſchnell herbeigebrachten Fackeln und Pechkränzen erleuchtete Straße. Athemlos war der Probſt Czarnkoweki in den Gemaͤchern des Koͤnigs angelangt, wo die erlauchten Gaͤſte eben beim Nachttiſch die letzten Becher leerten. Auf ſein haſtiges Befragen, ward ihm die Antwort: der Wojewode von Kra⸗ kow habe ſich in den andern Fluͤgeln des Schloſ⸗ ſes zur Koͤnigin Mutter begeben mit dem Pri⸗ mas und noch einigen Großen. Doch erman⸗ gelten die bleichen Wangen des geißtlichen Herrn und die Angſt, die leſerlich auf ſeinen Zuͤgen ausgedruͤckt war, nicht, die Neugier einiger Hofleute zu erregen, und ſo geſchah es denn, als kurz darauf Auguſtin Czarnkowski ſich entfernt hatte, den Peter Kmita aufzuſuchen, daß ein 10* dunkles Geruͤcht von dem Auflauf der Studi⸗ renden im Saale herumſchlich. Da erhoben ſich nach und nach, zufaͤllig wie es ſchien und ohne Geraͤuſch, drei Herren von der koͤniglichen Ta⸗ fel und verließen die Hallen des Feſtes, um ſich in einem entlegenen einſamen Gemach wie⸗ der zu finden. Dieſe drei waren der Herzog in Preußen, Nieolaus Radziwill der Truchſeß von Littauen, und Firley der Hofmarſchall der Kro⸗ ne. Geraume Zeit waͤhrte ihr heimliches Ge⸗ ſpraͤch, und als es beendet war, ſah man ſie auf verſchiedenen Wegen aus dem Schloſſe und nach der Stadt zueilen.— Die jugendliche Hitze der Studirenden war verdampft, die Rache an den Draͤngern geſaͤt⸗ tigt der Nachtwind, der ſchneidend durch die Straße wehte, hatte mit den erhitzten Wangen auch die voruͤbergehende Zornesgluth abgekuͤhlt, ſchweigend ſtanden die Alumnen im fackelerhell⸗ ten Kreiſe und blickten ſich unter einander an„ verlegen und ungewiß, was nun zu beginnen? In das Schulgebaͤude zuruckzukehren nach dem was geſchehen, ſchien nicht rathſam, den mei⸗ ſten ſpiegelte die erregte Einbildungkraft recht lebhaft die Carcers und Leibesſtrafen vor, welche die unverſoͤhnliche Strenge des Probſtes unfehl⸗ bar uͤber die Uebertreter verhaͤngen werde; von der andern Seite zeigte ſch die Unmoͤglichkeit, unvorbereitet und kaum bekleidet die Stadt zu verlaſſen, wo ihrer eben nicht die angenehmſte Zukunft wartete. Schon ſchlich hier und da einer abſeits, um ſich fuͤr den Reſt der Nacht bei Freunden und Bekannten zu verßtecken, und dar⸗ auf in der Stille nach dem vaͤterlichen Hauſe oder Schloſſe zu entweichen, wo mancher von ihnen ebenfalls nicht auf zaͤrtlichen Empfang der erzuͤrnten Eltern rechnen durfte. Da trat Paul Drdenga auf und ſprach mit der Stimme der Begeiſterung: Was ßiehet ihr hier Collegiales und zaget? Reuet es euch, daß ihr nach langem Zwang und langer Unterwuͤrfigkeit euer Recht vertheidigt, als Buͤrger der Stadt und werdende Meiſter der freien Kuͤnſte? Wollet ihr umkeh⸗ ren und um Vergebung ſlehen, die ihr nimmer erwarten duͤrfet, oder eure Haͤnde den Feſſeln und euren gekruͤmmten Ruͤcken der Disciplin darbieten, die jener Ctarnkowski und ſeine Moͤnche und Henkersknechte ſchon fuͤr euch berei⸗ tet haben? Freidenker und Ketzer nennet man uns, ſo werde denn fuͤr uns zum Ehrennamen⸗ was in den Augen unſerer Peiniger ein nim⸗ mer verloͤſchendes Brandmal iſt, und ganz wol⸗ len wir ſeyn, wozu uns jene gemacht. Ein Lichtſtrahl iſt in die Höhle gefallen, da Aber⸗ glauben und eaſuiſtiſche Heuchelei ihr Weſen trieben ſeit Jahrhunderten— Luther, Melanch⸗ thon und Calvin haben die Grundveſten des ur⸗ alten Gebaͤudes erſchuͤttert, das der Stolz der Prieſter erhoben hat bis in die Wolken, gleich jenem Thurm zu Babel; laſſet uns den wan⸗ kenden Mauern enteilen und uns frei und lu⸗ ſig ergehen wie viele unſerer Bruͤder. Weit iſt die Welt, Gottes Sonne ſcheint uberall, und junges Blut und heller Sinn finden wohl uͤberall ein Unterkommen. Auch fehlet es nicht im Vaterlande an ſolchen, die muthigem Be⸗ ginnen huͤlfreiche Hand leiſten wollen und koͤn⸗ nen.— Viele erlauchte Senatoren haben ihre Augen aufgethan dem Lichte der Wahrheit, ja ſelbſt geweihte Prieſter der roͤmiſchen Kirche ha— ben das hoͤchſte Gut den Guͤtern der Erde vor⸗ gezogen. Gedenket ihr nicht jenes Lismanini?*) 7 Francesco Lismanini, Beichtvater der Königin Bona, ward von Siegmund Auguſt nach Genf geſendet, um ſich mit Catvin zu beſprechen; er blieb daſelbſt und verheirathete ſich. Soll ich euch den Kanonikus von Krakow Adam Drzewiecki nennen und den hochgebornen Luto⸗ mierski? Hat die Kirche groͤßeres Recht an uns; ſind wir dem Altar mehr verpflichtet als dieſe? Auf! Coimilitonen, und folget mir; tre⸗ ten wir unſern Weg an im Namen des Lichtes und der Freiheit!—— Schnell entflammt ſtimmten die Juͤnglinge mit lautem Jubelruf dem jungen Schwaͤrmer bei, als dieſer ſich aber zu Walenty Bielawski wandte, mit der Auf⸗ forderung ſich anzuſchließen, entzog ihm dieſer die Hand und ſprach: Auf mich zaͤhlet nicht.— Wollte Gott, ich waͤre, obſchon unſchuldig, nicht zum Theil urſache zu ſolch' frevelndem Begin⸗ nen.— Mit hoch geſchwungenen Fackeln und weithin ſchallendem Jauchzen zogen die Studi⸗ renden die Straße hinab. Als Czarnkoweki, der Probſt, im Vorgemache Bonens von Mailand angelangt war, bedeutete man ihn, es befinden ſich außer dem Wojewo⸗ den noch mehrere Herren bei der Koͤnigin in vertrauter wichtiger Berathſchlagung, und kei⸗ ner von den Dienern duͤrfe es wagen, in ſolchen Augenblicken die innern Zimmer zu betreten. Doch, da nun der geiſtliche Herr darauf beſtand, ſein Anbringen ſey eines der wichtigſten und eine geringe Verzoͤgerung gefahrbringend dem Reich und der Kirche; da ging einer der wel⸗ ſchen Kaͤmmerer hinein und gleich darauf trat Petrus Kmita in das Vorgemach. Mit großer Entruͤſtung hoͤrte er des Probſtes Bericht— dem ſtolten Greiſe war der Gedanke unertraͤglich, daß eine Handvoll unbaͤrtiger Juͤnglinge, bei⸗ nah unter ſeinen Augen ſeiner Gewalt Trotz bo⸗ ten; er ſimmte vollig in die ſtrengen Maßre⸗ geln, die der racheſchnaubende Prieſter uͤber die Ruheßtoͤrer verhaͤngt wiſſen wollte, und er⸗ bot ſich durch ſeine perſoͤnliche Begleitung ihnen Nachdruck zu geben, nachdem er zuvor die Koͤ⸗ nigin Mutter in Kenntniß geſetzt.— Dießmal ließ der Großmarſchall länger auf ſich warten, und als er endlich erſchien, war ſein ganzes Weſen veraͤndert. Er ſprach von dem Aufſtand der Alumnen, als von einem unbedeutenden Jugendſrrich ausgelaſſener Knaben, die unfehl⸗ bar bei der erſten Drohung zur gewohnten Un⸗ terwuͤrfigkeit zuruͤckkehren wurden; mit allen Zei⸗ chen der Zerſtreuung und Ungeduld hoͤrte er die Befurchtungen des Probſtes an, und meinte ſpottiſch lachend, der geiſtliche Herr mache es wie die mehreſten ſeines Standes, wohl aus ei⸗ ner uͤcke einen Elephanten, und einem Muth⸗ loſen ſcheine alles gefaͤhrlich. Wie nun der er⸗ ſtaunte und erbitterte Probſt ihn antrieb zu ei⸗ len, ehe die Flamme um ſich greife, bezeigte er ſich ſo ſorglos, und hatte ſo viel zu fragen und zu erinnern, daß wohl mehr denn eine halbe Stunde verging, ehe Czarnkowski, der es nicht wagte, anders als in Begleitung des gefuͤrchteten Wojewoden ſich dem Schauplatze der Unruhen zu naͤhern, mit ihm die Koͤnigsburg verließ.— In Begleitung vieler Herren und Diener ſeines Gefolges, ritt Albrecht Friedrich von Brandenburg, Herzog in Preußen ſeiner Be⸗ hauſung zu. Als er derſelben nahe kam, er⸗ blickte er den Platz vor dem Gebaͤude erleuchtet mit Kienfackeln und Pechkraͤnzen, und ein wuͤſter Laͤrm und ein verworrnes Singen ſchlugen an fein Ohr. Beſtuͤrzt uber den ungewoͤhnlichen Auftritt hielt er ſein Pferd an, und befahl einem ſeines Gefolges vorauszuſprengen, damit er er⸗ fuhre, ob das, was er ſah, wirklich das ſey, was er ahnte, vielleicht auch nuͤnſchte, nur nicht in dieſem Augenblick und auf dieſe Weiſe. Da ſchallte ihm ein hundertſtimmiger Zuruf entgegen: Heil!— ertoͤnte es— Heil dem Herzog in Preußen, dem Beſchuͤtzer der Ge⸗ wiſſensfreiheit und Wahrheit, der erlauchten Stuͤtze der Wiſſenſchaft und freien Kuͤnſte, Heil!— Und gleich darauf traten mehrere Ab⸗ geordnete aus dem Haufen der Studirenden heran und brachten in zierlich geſetzten Worten ihre Bitte vor, der Herzog moͤge ihnen ſeinen Schutz angedeihen laſſen bei ihrem Vorhaben⸗ hinweg zu wandern von Krakow und auf pro⸗ teſtantiſchen Lehranſtalten ihre Bildung zu vol⸗ lenden. Waͤre es dem brandenburgiſchen Fuͤr⸗ ſten vergoͤnnt geweſen, nach ſeinem Wunſche zu verfahren, ſo darf man glauben, wuͤrde er das Anbringen der Juͤnglinge mit geneigtem Dhre aufgenommen haben. Das Emporkommen ſei⸗ ner neuerrichteten Hochſchule zu Koͤnigsberg lag ihm ſehr am Herzen⸗ und er verbarg ſich nicht⸗ daß der noch unbedeutenden Anſtalt der Zutritt vieler jungen Leute hoͤchſt erſprießlich ſeyn wuͤrde, die zu Krakow ihren Unterricht begonnen hat⸗ ten, wo, was wir auch die Alumnen ſelbſt in ihrem Unmuth haben ſagen hoͤren, doch vor⸗ nehmlich die Sprachen des Alterthums, die Beredſamkeit, die erſte Wiſſenſchaft eines re⸗ publikaniſchen Volkes, und die damalige Welt⸗ weisheit nach der Weiſe des Ariſtoteles in gro⸗ ßer Vollkommenheit gelehrt wurden. Ueberdieß ließ ihn manche Ruͤckſicht die Verbreitung der augsburgiſchen Confeſſion in dem Reiche, deſ⸗ ſen Lehnsmann er war, auf das lebhafteſte wuͤnſchen, und jeder Sieg, den die neue Lehre uͤber den alten Glauben davon trug, ſchien ihn gewiſſen Zwecken zu naͤhern, die nach dem Zeug⸗ niß der Geſchichte ihm damals ſchon nicht fremd waren, die er darauf bei Siegmund Auguſts Tode offen kund that, deren Erreichung aber erſt in ſpaͤterer Folgezeit ſeinen Nachfolgern vor⸗ behalten war. Auf der andern Seite jedoch mochte es der Anſtand und das Geſetz der Staatskunſt durchaus nicht vergoͤnnen, daß er in der Hauptſtadt des Lehnsherrn und nahen Verwandten einen Aufſtand beguͤnſtige und alſo die Majeſtaͤt des Thrones verletze, in dem Au⸗ genblick zumal, da er gekommen war, durch eine abermalige Belehnung des neuen Koͤnigs ſein bis jetzt noch vielbeſtrittenes Recht an das her⸗ zogliche Preußen feſter zu begruͤnden, und auf 556 die Mitbelehnung ſeines Vetters des Kurprinzen von Brandenburg anzutragen. Dieſe Gegenſtaͤnde waren es, die Albert Friedrich waͤhrend der Anrede der Abgeordneten beſchaͤftigten; ſinnend und mit verlegenem Laͤch⸗ eln hoͤrte er ſie an, bei ſich ſelbſt erwaͤgend, wie ihm zu verfahren gezieme, und als ſie nun geendet hatten, erwiderte er halb ernſt, halb freundlich in künſtlichen Worten: Es ſey nicht an ihm, Schiedsrichter oder Beſchuͤtzer einer Partei zu ſeyn, in der Naͤhe des durchlauchtig⸗ ſten Siegmund des zweiten ihrer aller Herrn; doch ſollten ſie der Weisheit und Gnade deſſel⸗ ben vertrauen, denn es ſey ja bekannt“ wie der Koͤnig nicht dulde, daß irgend jemand verfolgt wuͤrde um Glauben und Meinung, auch ſollten ſie guten Muth faſſen denn er ſeinerſeits werde fuͤr ſie thun was ihm vergoͤnnt ſey, als ihr wohlgeneigter Mitburger. Fuͤr jetzt aber muͤſſe er die Studirenden bitten, ihm Raum zu ge⸗ ben, daß er einreite in ſeine Behauſung; denn es ſey ſchon ſpät in der Nacht, auch riethe er ihnen abzuſtehen von allem tumultuariſchen Be⸗ ginnen, indem ſolches auch der gerechteſten Sache nachtheilig werden könne. Als er dieß geſprochen, gab er ſeinem Pferde die Spornen und ſprengte durch die Pforte des Hauſes, die alsbald hinter ihm und ſeinem Gefolge geſchloſ⸗ ſen ward. Die Aufnahme des Herzogs in Preußen hatte der uͤberſpannten Erwartung unſerer ſindi⸗ renden Jugend nicht allerdings entſprochen. Zum andern Male begann der Feuereifer der Neuer⸗ ungſuͤchtigen ſich zu legen, und mehrere unter ihnen verſammelten ſich um Paul Ordenga und machten ihm bald gemäßigte, bald heftige Vor⸗ wuͤrfe, daß er ſie verleitet zu mißlichem Be⸗ ginnen.— Da oͤffnete ſich ganz leiſe eine kleine Thuͤr des Hauſes, welches der Brandenburger bewohnte, und einige Maͤnner in unſcheinbarer Kleidung traten heraus und miſchten ſich unter die Schuͤler. Auf der andern Seite erſchienen ebenfalls ſolche, die man fuͤr Diener des Woje⸗ woden von Lublin und des Truchſeß von Lit⸗ tauen halten wollte, und ſie gingen herum in dem Haufen mit leiſem Worte und gebeimniß⸗ voller Geberde. Darauf verſchwanden bald Furcht und Ungewißheit, und ein altlateiniſch Lied anſtimmend, zogen die Juͤnglinge paarweiſe in großer Ordnung nach einem unfern gelegenen Platze, wo ſie ſich bei Fackelſchein lagerten und ſich in Bereitſchaft ſetzten, in bruͤderlicher Ein— tracht den Vorraͤthen an Speiſe und Trank zu⸗ zuſprechen, welche jene Verhuͤllten reichlich unter ſie vertheilten. Die Stimmung des Augenblicks war dem Erſcheinen des Probſtes Czarnkowski nicht guͤn⸗ ſtig, der jetzt erſt in Begleitung des zoͤgernden Großmarſchalls vom Schloſſe anlangte. Schon bei ſeinem Anblick erhob ſich ein dumpfes be⸗ drohliches Gemurmel unter den Verbuͤndeten, und als er auf die leiſe Anmahnung des Peter Kmita, um ſein Anſehen zu gebrauchen, in ſcheltendem Tone begann, und uͤbermannt von Jaͤhzorn und Rachſucht ſie hart anließ, und ihnen unter Androhung des Bannfluches gebot, ſih augenblicklich in ihre Zellen zu verfuͤgen und da— ſelbſt der harten Strafen zu gewaͤrtigen, welche die beleidigte Kirche und verhoͤhnte Schulord⸗ nung uͤber Meuter und Abtruͤnnige verhaͤngen, da wandelte ſich das Murren ſchnell um in ein lautes ſpoͤttiſches Gelaͤchter und vernehmliche Schmaͤhworte; einige der Ruͤſtigſten unter den jungen Leuten rafften ſich auf vom Boden und naͤherten ſich dem ereiferten Redner, nicht uͤbel Willens, wie es ſchien, einigermaßen das Ver⸗ geltungrecht fuͤr manches fruͤher Erduldete auszu⸗ uͤben und machten ſchnell dem Sermon des Prob⸗ ſtes ein Ende, der erſchrocken zu dem in einiger Entfernung haltenden Wojewoden zuruͤckkehrte. Doch dieſer, weit entfernt, ihm den gehofften Schutz angedeihen zu laſſen, raunte ihm mit kaum unterdruͤcktem Laͤcheln zu: Ihr begreifet, Hochwuͤrdiger, wie es meiner hohen obrigkeitlichen Perſon nicht ziemt, laͤnger Zeuge eines Auftritts zu ſeyn, welche ihrem Anſehen alſo ſehr zu nahe tritt. Vergoͤnnet daher, daß ich Euch die Zurechtweiſung Eurer Untergebenen allein uͤber⸗ laſſe, und ſeyd verſichert, wenn Ihr fernerhin des Wojewoden von Krakow beduͤrfet, er Euch die Huͤlfe nicht weigern wird, die ſeine Waͤrde ihm zu leiſten gebietet.—— Nachdem Petrus Kmita dieß geſprochen, druͤckte er die reich be⸗ ſetzte Muͤtze in die Stirn, und ſprengte davon in Begleitung ſeines kleinen Gefolges.— Der Rektor hielt es nicht fur rathſam unter den vor⸗ waltenden Umſtaͤnden die Kraft ſeiner Bered⸗ ſamkeit auf ſeine eigene Hand zu erproben, und jagte im vollen Rennen dem Großmarſchall nach, begleitet von dem jubelnden Geſchrei der aus⸗ gelaſſenen Schuͤler*. 5. Es war fruͤh Tag geworden auf der Nord⸗ ſeite des Schloſſes zu Krakow. In den Vorge⸗ maͤchern der Koͤnigin Mutter lehnten und ſtan⸗ den viele Diener in reicher ſpaniſcher Kleidung, die ſelten wahrgenommene winterliche Morgen⸗ daͤmmerung mit unwilligen Blicken und verhal⸗ tenem Gaͤhnen begruͤßend, und draͤngten ſich froͤſtelnd um die helle, praſſelnde Flamme in den ungeheuren Marmorkaminen. Ruͤſtiger als jene dienende Muͤßiggaͤnger, doch leiſen Schrittes eilten, in kurzen Zwiſchenraͤumen auf einander folgend, mehrere in ihre Maͤntel gehuͤllte Her⸗ ren durch die Reihe der Gemaͤcher, raunten dem an der letzten verſchloſſenen Pforte wacht⸗ *) In dieſem Jahr aber geriethen die Schüler in Kra⸗ kow mit den Leuten des Probſtes Czarnkowski, der ein gar ſtrenger und eifriger Mann war, in Streit um einer Dirne willen, und verließen Tags darauf die Schule, mehrere hundert an der Zahl, alten Glauben abſchwörend. Worte der Chro⸗ nik.— haltenden Thuͤrſteher leiſe ihre Namen zu und wurden unvetzuglich eingelaſſen. Als aber der ſiebente dieſer Beſucher das Innerſte der könig⸗ lichen Wohnung betreten hatte, erſchlen eine der Damen, die den Dienſt verſahen bei Bonen von Malland, und deutete dem Schwarm im Vorgemach an: Ihro Majeſtät ſey Willens den heutigen heiligen Tag in ihren Zimmern zu be⸗ gehen, da ihre Geſundheit den Beſuch der Ka⸗ thedrale nicht geſtatte; ſomit ſeyen denn die Pforten verſchloſſen fuͤr Jedermann; es wäre denn, daß der König ſelbſt erſchien.— Als das Hoffraͤulein ſich ihres Auftrages entledigt, entfernte ſie ſich durch eine Seitenthuͤr.— Wenn die gnädigſte Frau ein Werk der An⸗ dacht vor hat— raunte einer der juͤngern Die⸗ ner einem andern zu, der mit ihm ungefaͤhr von einem Alter war— ſo muß es wohl ein Bekehrunggeſchaͤft ſeyn; was ſollte ſonſt der Ketzer Firley unter ſo vielen chriſtkatholiſchen Herren? denn war er es nicht, welcher jetzt eben hineinging?— Freilich war ep's— ver⸗ ſette der Angeredete— und er ſah ganz betre⸗ ten aus und verſtört, als habe ihm der kalvi⸗ nißiſche Minißrant die Abſolution verweigert.— 11 Was Du auch redeſt— ßiel der Erſte ein— Abſolution— davon wiſſen die Augsburgiſchen nichts; ich will es Dir beſſer ſagen.— Siiſt allbekannt, daß die Ketzer, ſtatt wie wir den Leib des Herrn zu genießen, ein Mahl halten mit Bratwuͤrſten, geſtopft von der entlaufenen Nonne der Katharina von Bora, und einen Schluck Danziger dazu nehmen*). Da mag der Wojewode von Lublin wohl einen Trunk uͤber den Durſt gethan haben.— Die nahe ſtehende Dienerſchaar belachte das Geſagte, als ſey es ungemein treffend und witzig.— Aufgemuntert durch den Beifall, etwiderte darauf der zweite Diener mit ziemlich lauter Stimme: Ja, das mas es ſeyn, auch iſt er nicht gekommen ſich bekehren zu laſſen, haben doch die gnaͤdigſte Frau und der Hofmarſchall dazu Zeit in ganz andern Augenblicken, wie ich vftmals bemerkt.— Da trat der Neapolitaner Aſſano, der bisher ſchweigend und die duͤſter glaͤhenden Augen ſtarr auf einen Punkt gerich⸗ tet am Kamin geſtanden hatte, ploͤtzlich raſch zu ———— „ *) Nicht damals nur, ſondern auch noch jetzt findet man hier und da mit großem Erſcunen dieſe Mein⸗ ung unter dem Pöbel⸗ — 163— den beiden Schnaͤtzern und ſprach mit ſchnel⸗ dendem Tone: Du haſt den Herrn von Lublin erkannt, Girvlamb— und Du Francesco, haſt allerlei bemerkt? Ich aber rathe, euch der böſen Gewohnheit des Erkennens und Bemer⸗ kens zu entſchlagen, welche vftmals ſchlechten Lohn bringt. Merkt man es doch, daß ihr Lombarden ſeyd und ſih etwas von franzoͤſiſcher Schwatzhaftigkeit und Geckerei in euer welſches Blut geſchlichen. Huͤtet euch, daß man ſp ſchariſchtige Leute, nicht zuräcſchicke in die Al⸗ venthaͤler, um Hecheln und Maͤuſefallen zu ver⸗ kaufen wie zuvot, oder den Ranchfang zu keh⸗ ren, wo ihr dann vom Dache nach Belieben be⸗ merken und erkennen mögt, um es auszuſchrei⸗ en im Fall nämlich, daß man euch hier ſo viel Luft ließe, als ihr braucht eure Weisheit unter die Leute zu bringen.— Der Famulus des Leibarztes genoß eines ge⸗ wiſſen Anſehens in den Vorgemächern der Koͤni⸗ gin; war es eine Art auszeichnender Begeg⸗ nung, die ihm die Gebleterin wiederfahren ließ, und deren Grund man nicht kannte, vder ſein zurückſoßendes Aeußete und das Unheimliche ſei⸗ nes ganzen Weſens, genug er ward als ein Ges — 164— genſtund der Furcht von den niedern Hofdie⸗ nern betrachtet, und wo er erſchien, verſtummten muͤßiges Geſchwätz und Gelächter. Auch dieß⸗ mal verfehlte ſeine Dazwiſchenkunft der gewohn⸗ ten Wirkung nicht; beſtuͤrzt traten die Sprech⸗ enden auseinander und ſchickten ſich an, ſchweig⸗ end und wo moglich ſchlammernd das Ende des langweiligen Feſtmorgens zu erwarten.— Aufgerichtet und beinahe regunglos ſaß Bonn Sforza in ihrem Lehnſeſſel, das mit dem Wittwenſchleier halbbedeckte Haupt feſt gegen die Krone von vergoldetem Schnitzwerk gedruͤckt⸗ welche die Juͤckſeite des Stuhles tierte. Tiefes Sinnen lag auf der leicht gefalteten, gewolb⸗ ten Stirn, und nur von Zeit zu Zeit veriog ſich ihr Mund zu einem unmerklichen Laͤcheln, als ſey der Gegenſtand, uͤber welchen ſie ſann⸗ ein erfreulicher; doch entſchwand dieß Lächeln ſo ſchnell, daß es ſchien, ſie wolle die Behag⸗ lichkeit ihrer Gedanken vor den Gegenwaͤrtigen verbergen. Ihr Auge ſiel auf keinen von denen⸗ die ihren Seſſel wortlos umringten; mit vor⸗ nehmer Gleichguͤltigkeit blickte ſie vor ſich hin und ſchien die Anweſentheit der Herren vergeſ⸗ ſen zu haben, welche ihr Gebot verſammelt⸗ — 165— Ihr zunaͤchſt ſtand Petrus Kmita; in ſeinen Blicken und auf ſeinen halbgeoͤffneten Lippen lag der Wunſch, das laͤſtige Stillſchweigen durch irgend einen wichtigen Vortrag zu unterbrechen, und er erwartete mit ungeduld, daß ein Wort oder eine Geberde der Koͤnigin ihm Gelegenheit dazu gebe. Seitwaͤrts lehnte an einem Pfeiler⸗ tiſch der Biſchof von Kujawien mit in einander geſchlagenen Armen und ſorgenvoller Miene, Andreas Görka, der Kaſtellan von Poſen, wech⸗ ſelte mit dem Primas Dzierzgowski bedeutende Blicke, und Jakand von Brudzewa, kaum die Langweile unterdruͤckend, die ihm der ſtumme Auftritt erregte, betrachtete den Knopf ſeines Säbels. Noch war außer dieſen Herren in prie⸗ ſterlicher und volksthuͤmlicher Tracht, ein ſechs⸗ ter zu bemerken, den die dunklere Farbe ſeines ſcharfgezeichneten Angeſichts, das geſchlitzte mit Stickerei und goldnen Ehrenketten reich verzierte Wams und der kurze, nach ſpaniſcher Art zier⸗ lich gefaltete Mantel, als einen Abkoͤmmling aus dem mittaͤglichen Europa kenntlich machten. Sein Name war Luigi Castaldo, Marcheſe von Caſſano, und ſein Haus mit dem Geſchlecht der Sforza nahe befreundet. An ihn richtete — 166— die Konigin das Wort, und ihre leiſe Anrede berief den Italiener in die Naͤhe ſeiner erlauch⸗ ten Verwandtin.— Herr Marcheſe— begann Bona von Mailand, ohne ihre Stellung zu veraͤndern— Euer Weg fuͤhrt Euch, wie wir vernehmen: zu den Fuͤßen des heiligen Vaters und an das Hoflager Unſers Vetters, des Kai⸗ ſers und Koͤnigs von Spanien*). So Euch nun Bericht von dem abgefordert wird, was Ihr geſehen in dieſem nordiſchen Reich, wird es Euch nimmer an Stoff gebrechen zu mancher Erzaͤhlung, die dem geiſtlichen wie dem welt⸗ lichen Haupte der Chriſtenheit, wo nicht erfreu⸗ lich, doch ohne Zweifel wichtig ſeyn mag. Wird der aͤrgerliche Auftritt des geſtrigen Abends auch verzeichnet in Eurem Tagebuch?—— Gnaͤ⸗ digſte Frau— erwiderte der Marcheſe, ſich tief verneigend— Alles was ich Seiner Heiligkeit und kaiſerlichen Majeſtaͤt hinterbringen koͤnnte von dem, was ich in dem achtbaren Polenreich geſehen und vernommen, wuͤrde nur den weit verbreiteten Ruhm meiner Koͤnigin verherrlichen, jenes thoͤrige Beginnen irre geleiteter Jugend * Sſabeue von Arragonlen, Bonens Mutter, war die Schweſier Ferdinands des Katholiſchen. nicht ausgenommen. Jenen, welche Ihr ge⸗ nannt, iſt der Kampf nicht erſpart worden mit dem unſaubern Geiſte der Zeit; die heilloſen Controverſen auf dem Reichstage zu Worms, die Stimme der Verfuͤhrer zu Wittenberg und Genf ſind laͤngſt bis in die Saͤle des Vaticans erſchollen und haben die heilige Ruhe des Statt⸗ halters Chriſti unterbrochen.— Auch Kaiſer Karl, ob er gleich mit weiſer Feſtigkeit in der vyrenaiſchen Halbinſel den alten Glauben auf⸗ recht erhaͤlt, erfreuet ſich in Deutſchland nicht gleichen Gluͤckes, wie Euch benußt. und ſo werden beide, der Papſt und der Kaiſer, das gleiche Ungemach bedauernd, das Eure Majeſtat betroffen, dennoch mit Beifall und Lob auf die treue Tochter der Kirche und die ruhmwuͤrdige Verwandte blicken, deren koniglicher Sinn und ungemeine Weisheit ſich im Streit mit den Verhaͤltniſſen am glorreichſten bewaͤhren.—— Wohl vermag es der Kaiſer in ſeinen Erbreichen zu walten, als ein rechter Herr und Koͤnig— entgegnete Bona, indem ſie ſich etwas gegen den Marcheſe wandte— wo nicht verjaͤhrte Miß⸗ braͤuche und der Duͤnkel ungezaͤhmter Vaſallen das Schwert des Richters in die Scheide ban⸗ — 168— nen. Im Norden iſt es anders— fuhr ſie mit einem unterdrückten Seufzer fort—, der römi⸗ ſche Koͤnig, der ſeines Bruders Stelle vertritt in Deutſchland, hat es erfahren, und was er nicht vermochte, ein hocherleuchteter Herr in ſei⸗ ner Kraft, wie moͤchte es uns gelingen, die Wir eine machtloſe Frau und betruͤbte Wittwe ſind, deren Staͤrke zu Grabe getragen worden mit Unſerm hoͤchſt ſeligen Herrn?—— Die Stimme der Republik, nahm der Großmarſchall mit ſcharfem Tone das Wort, hat Euren Sohn an die Stelle des Vaters gerufen, und an ihm iſt es jetzt, mit Sicherheit die Zuͤgel zu halten, die wir ihm anvertraut.— Es iſt weder im Vaterlande noch in der Fremde unbekannt, wie Eure Gnaden ſeltene Einſicht oftmals Eurem Gemahl, dem alten König, beigeſtanden mit Rath und That, doch die ausuͤbende Macht be⸗ darf einer maͤnnlichen Hand— ſetzte er mit verſtaͤrktem Nachdruck hinzu—, da die Frauen oftmals in der Ausfuͤhrung deſſen, was ſie ſcharfſinnig erdacht, durch manche Zufaͤlligkeit, wie man ſagt, gelaͤhmt werden, nelche des Mannes feſter Sinn verſchmaͤht, und die, wo ihre Wirkung erſcheint, dieſelben oftmals mit 160— Verwundernng erfuͤllen.— Glaubt Ihr Herr Fmita?— fragte die Konigin, indem ſie lang⸗ ſam den ſtolzen Blick nach dem Wojewoden wen⸗ dete. Wir aber verbieten Euch in Unſerer Ge⸗ gegenwart unglimpflich von dem Geſchlecht zu reden, dem Wir angehoͤren. Vielleicht in kur⸗ zer Zeit— ſetzte ſie vor ſich hin laͤchelnd hinzu, werdet Ihr Euer vorſchnelles Urtheil zurück neh⸗ men.—— Eine kurze Pauſe folgte auf die Verbeugung, mit welcher Kmita die Worte der Mailaͤnderin erwidert hatte, dann ſprach die Letztere in dem gewoͤhnlichen gleichguͤltigen Ton: Wo bleibt der Wojewode von Lublin? Wir hat⸗ ten ihn beſchieden, und er hat Uns nicht dar⸗ an gewöhnt, ſich lange erwarten zu laſſen.— Ungewöhnliche umſtände, nahm Petrus das Wort mit kaum verhaltenem Spott, entſchuldi⸗ gen die ungewohnliche Nachlaͤſſigkeit des Herrn Hofmarſchall.— Unfehlbar iſt er noch beſchaͤf⸗ tigt den Driumphzug ſeiner Glaubengenoſſen zu ordnen, in Geleitſchaft des Lestezinski und des koͤniglichen Schwaͤhers, des Lruchſeß von Lit⸗ tauen. Hat er erſt die Gewiſſenspflicht erfullt, wird die Reihe wohl auch an die andern Pflich⸗ ten kommen.—— Iht ſehet, Marcheſe von — 100— Caſſany, ſprach Bona zu ihrem Verwandten, es iſt hier wie uͤberall; der feindſelige Geiſt⸗ der von Wittenberg gusgegangen, tritt zerſtoͤ⸗ rend zu jedem Verhaͤltniß, unaufhaltſam loßt ſeine Naͤherung manches heilige Band alter Freundſchaft, und er fuͤhrt ſein finſteres Gefolge, den Glaubenshaß und die Parteiwuth, kecklich bis zu den Stufen des Thrones.— Darum eben— ſiel der rauhe Kaſtellan von Poſen, Andreas Görka, ein— muß der Koͤnig dazu thun, ſolch Uebel auszurotten mit der Wurzel, ehe es ſeine giftigen Zweige ausbreitet— und laſſet Euch ſagen, daß er es eben ſo gut vermag im Ver⸗ ein mit ſeinen Ständen, als der Kaiſer in ſei⸗ nem angeerbten Reich aus eigener Machtvoll⸗ kommenheitz ja, daß er darum noch kräftiger wirkt, weil er muß.—— Ich verßehe Euch nicht gaͤnzlich, verehrter Herr Kaſtellan— ant⸗ wortete der Italiener— und wollte Euch gezie⸗ mend erſuchen, der Unwiſſenheit eines Frem⸗ den nachzuſehn und Eure Meinung deutlicher zu erklären.—— Ich meine— fuhr Görka mit ruhigem Tone fort— daß hier jene Anrede, mit welcher die arragoniſchen Staͤnde den Ko⸗ nig von Spanien begrußen bei ſeiner Thronbe⸗ ———— — ſteigung, nicht zur leeren Foͤrmlichkeit geworden iſt, wie dort, und wenn der Polenkoͤnig nicht will, was er kann, er auch bald nicht mehr koͤn— nen wird, was er will.—— Und naͤret Ihr wohl ſo kuͤhn, Herr Gärka— fragte die Koͤni⸗ gin mit verachtendem Tone—, dem jungen Lo⸗ wen an die Maͤhne zu greifen?—— Richt an die Maͤhne nur, lautete die kalte Antwort des Senatoren, ſondern ſelbſt in die Klauen; ich und noch viele Andere mit Eurer Gnaden Ver⸗ gunſt.— Wohl noch niemals hatte Luigi Castaldo ein ſolch Wort vernommen in einem koͤniglichen Gemach, und kaum vermochte der Hoͤfling Karl des Zten ſein Erſtaunen und ſeine Verlegenheit zu verbergen. Er blickte ſeitwaͤrts auf die Koͤ⸗ nigin Mutter, um auf ihren Geſichtzuͤgen die Weiſe zu leſen, nachdem er das eigene Beneh⸗ men einrichten moͤge, und als er ſah, daß, als hahe ſie die Worte des Kaſtellans nicht vernom⸗ men, ſie mit dem Großmarſchall einen lebhaf⸗ ten: doch leiſen Wortwechſel begann, ſchickte er ſich an, um Abſchied in nehmen. Doch als er ſich Frau Bonen mit tiefen Verbeugungen naͤ⸗ herte, ſagte ſie mit huldvollem Laͤcheln zu ihm: = 172— Verziehet noch ein wenig, Herr von Caſſano, Wir ſind Euch verbunden fuͤr die gute Mein⸗ ung, welche Ihr von uns habt, und wuͤnſchen dieſelbe noch zu vermehren bei Euch und denen, welche geneigt ſeyn koͤnnten, Euren Reiſebericht anzuhoͤren. Dazu aber duͤrfte in den naͤchſten Angenblicken ſich eine Gelegenheit zeigen. Waͤhrend dieſer Worte war der Wojewode von Lublin in das Zimmer getreten. Man lollte meinen, daß er eine geraume Zeit im angraͤn⸗ zenden Gemach verweilt war, denn ſchon vor mehr als einer Viertelſtunde hatte ibm der Thuͤrſteher die innere Pforte geoͤffnet.— War er waͤhrend dieſes Aufſchubes bemuͤht geweſen⸗ ſeiner, durch die Geſchaͤfte der vergangenen Nacht, etwas verſchobenen Kleidung, vielleicht auch ſeiner Gemuͤthsſtimmung, eine fuͤr den Moment ſchicklichere Form zu geben, vder hatte er ſich der Thuͤr hinlaͤnglich genaͤhert, um die Stimmen der Sprechenden unterſcheiden zu koͤn⸗ nen? genug, er trat gerade zur rechten Zeit ein, um das Zwiſchengeſpraͤch der Koͤnigin und des Petrus Kmita zu unterbrechen, von wel⸗ chem er ſich, aus mehr als einem Grunde, nichts Erfreuliches verſprechen konnte.— Auch ſchien — es, als ſey es die hoͤchſte Zeit geweſen, daß er ſich zeige, denn Bona Sforza warf einen ſchar⸗ fen, forſchenden Blick auf den Eintretenden, und redete ibn in einem Tone an, den das verwoͤhnte Ohr des Kronhofmarſchalls nur ſel⸗ ten vernommen: Ihr kommt ſehr ſpaͤt, Herr Firley, und dieſer auslaͤndiſche Gaſt wird nur geringe Meinung von der Courtviſie eines Ho⸗ fes mit ſich nehmen, da man die Gebote der Koͤniginnen und Damen alſo ſaumſelig befol⸗ get.— Der ungluͤckliche Vorfall dieſer Nacht— erwiderte Johannes Firley mit vieler Unbefang⸗ enheit, indem er mit herausforderndem Laͤcheln auf die finſtere gefaltete Stirn des Wojewoden von Krakow blickte— und die Befehle des Koͤ⸗ nigs moͤgen mich bei Euch entſchuldigen, gnaͤ⸗ digſte Frau.— Ihr findet hier manche, nahm Petrus Kmita das Wort mit Bitterkeit, welche daran zweifeln, daß der Wojewode von Lublin jenen Vorfall fuͤr einen ungluͤcklichen haͤlt, ja, einige wollen behaupten, daß Eure Beſchaͤftig⸗ ungen in dieſen Stunden ſich nicht auf den Wirkungkreis beſchraͤnkt haben, welche ihnen des Koͤnigs Gebot angewieſen.—— und ge⸗ horet Ihr auch zu denen, die ſolches in meinen ſich unterfangen— verſetzte Firley, indem er mit hoch aufgerichtetem Haupt dem alten Groß⸗ marſchall um einen Schritt naͤher trat— faſt ſcheint es ſo— doch ſeh es immer hin— es iſt kein Großbeamter der Krone befugt, dem an⸗ dern Rechenſchaft abzufordern uͤber ſein Wollen und Thun, fonſt mochte ich meinerſeits Euch fragen, Herr Kmita) wer es war, der durch den Nachdruck, welchen er dem widerſinnigen Treiben jenes thoͤrigen Probſtes verlieh und noch vor wenig Stunden ihn verleitend zu un⸗ zeitiger Strenge, der Kunſt und der Wiſſen⸗ ſchaft in dieſem Relch eine Wunde ſchlug, die vielleicht in Jahrhunderten noch fuͤhlbar ſeyn wird.—— Da flammte das Feuer des Zor⸗ nes im Antlitz des Kmita empor, und er wandte ſich ſchnell mit einem Blick des Vorwurfs gegen die Konigin/ als wolle er ſie auffordern, das zu vertreten, was auf ihr Geheiß heſchehen⸗ Aber Bona fiand theilnahmlos zwiſchen den Streitenden; ein fonderbares Laͤcheln zuckte um ihren Mund, und ſie warf unterweilen einen verſtohlenen Blick auf den Welſchen, der ſich neugietig ſo weit genaͤhert hatte, als es der Anſtand dem Auslaͤnder geſtattete⸗ L Einen Augenblick verſtummte der Großmar⸗ ſchall, als erinnere er ſich etwas, das ihm ent⸗ fallen, dann wandte er ſich zu dem Herrn von Lublin und ſprach, dem Spotte, Spott entge⸗ genſetzend: Wahrlich, Herr Firley, die Wunde, von welcher Ihr redet, wird hur allzubald geheilt werden durch die Sorgfalt Eurer Verbuͤndeten und die Eure— wenn man dem glauben ſoll, was man wahrgenommen in dieſer Nacht.— Iſt es auch pflichtgemaͤß fuͤt den Kronbeamten und den Senator— ließ ſch der Etzbiſchof ver⸗ nehmen— die Flamme anzuſchuren, welche ſchon drohend aufzuͤngelt gegen Altar und Thron? Sind ſolches die Gebote der neuen Lehre, daß der Bekenner untreu werde den Pllichten ſeines Standes, und in der Stunde der Verwirrung umhergehe das Uebel zu mehren, dem zu ſteu⸗ ern er verbunden, ſo mäg die ganze Chriſten⸗ heit ſich huͤten, denn es ſiehet geſchrieben: an ihren Fruͤchten ſollt ihr ſie erkennen.— Auch Ihr geiſtlicher Herr von Gniezno? Alſo zwei gegen einen? entgegnete der Hofmarſchall mit uͤbermͤthigem Lachen.— Wahrlich, gnaͤdigſte Frau, Ihr ſolltet ſo ungleichen Kampf in Eu⸗ rer Gegenwart nicht geſtatten, und Euch des — Bedraͤngten gegen zwei ſo hochgewaltige Herren annehmen, vor die er ſich nicht anders zu ſchuͤtzen vermag, als durch Euer Vorwort— und den Ungrund ihrer befremdlichen Anſchul⸗ digungen. Euch aber, Herr Primas, will ich erklaͤren, was Euch langſt bekannt ſeyn muß, daß Euer geiſtliches Anſehen wenig Eindruck macht auf den Bekenner des Calvinismus, daß ich aber als Mitglied des Senates keiner Belehr⸗ ung bedarf, von einem, der mir gleich iſt; da es ſich einmal nun alſo befindet und die Bi⸗ ſchoͤfe daſelbſt ſitzen, wiewohl oftmals mit der Zeit manches ſich aͤndert.— Ungern hoͤren Wir Euch alſo ſprechen, Herr von Lublin; nahm die Koͤnigin Mutter das Wort— und es ziemt Euch nicht ſo hart zu reden mit dem Fuͤrſten der Kirche, der durch ſein Amt und ſeine Wuͤrde zum erſten Verfechter des Glaubens beſtellt iſt in dieſem Reich;— doch— fuhr ſie in mil⸗ derm Tone fort— ſollet Ihr nicht umſonſt Euch auf Uns berufen haben, und ſo erſuchen Wir Euch Hochwuͤrdigſter,! und Euch wohlgebor⸗ ner Wojewode, dem Herrn Johannes, das was Euch nicht ohne Recht mißfaͤllig erſcheint, der Irrthuͤmer halber zu gut zu halten, in welchen er leider zur Zeit noch befangen. Da aber nun einmal der Rathſchluß des Himmels uͤber das Reich Unſeres Sohnes das Unheil ſtreitender Meinungen verhaͤngt hat, ſo daͤucht es uns er⸗ ſprießlich, ſolche zu beſeitigen, wo es den Dienſt des Konigs und des Vaterlandes be⸗ trifft, um in Friede und Eintracht nach Si⸗ nem Zweck zu ſreben, welches ihr vielleicht, obſchon ohne es zu niſſen, auch jetzt gethan, wackere Herren und erlauchte Senatoren.— Pflichtet Ihr Unſerer Meinung nicht bei, Hert Biſchof von Kufawien? Wir ſollten es glau⸗ ben, da es Uns nicht unbekannt iß, wie Euer friedlicher Sinn, Euch Eure Stellung zwiſchen den beiden Parteien angewieſen, und Ihr ſo⸗ gar in Glanbeneſachen eine zwar loͤbliche Duld⸗ ung ͤbet, die jedoch eher dem Schuͤler des Mei⸗ ſter Erasmus, als dem Prieſter gebuͤhret.— Sehr erfreulich iſt es mir immer, doch uͤber⸗ raſchend zugleich— erwiderte Andreas Zebrzy⸗ kowoki mit einiger Schaͤrfe—, wenn ich Eure Majeſtaͤt Ihre ſfeltenen Gaben dazu anwenden ſehe, Frieden zu ſtiften.— Die Königin warf einen finſiern Blick auf den Sprechenden und ſchien im Begtiff zu antworten, da efſcholl 12 plotzlich ein vielſtimmſaes geſangaͤhnliches Ge⸗ toͤſe vom Fuße des Schloßberges herauf, und im naͤmlichen Augenblicke ließen ſich Tritte im Vorgemach vernehmen. Beide Thuͤrfluͤgel oͤffne⸗ ten ſich weit, und Siegmund der Zweite er⸗ ſchien im Gemache ſeiner Mutter⸗ Es entging dem Mailaͤnder nicht, daß die Zuͤge der Koͤnigin, welche der vorhergehende Auftritt etwas belebt hatte, beim Erſcheinen ihres Sohnes alsbald wieder den Ausdruck hoſ⸗ ſcher Feierlichkeit annahmen, mit welcher ſie die ſittige, doch kalte Begruͤfung des Eintretenden erwiderte. Nachdem die Anweſenden dem Mo⸗ narchen ihre Ehrfurcht bewieſen, trat Bona Sforza ihm einige Schritte entgegen und fraate im Tone der Befremdung: Welchem Zufall verdanke ich das Gluͤck, meinen koͤniglichen Sohn zu ungewohnter Frluͤhſtunde in meinen Gemaͤchern zu erblicken?— Wir ſollten kaum glauben— lautete Auguſt's Gegenrede, deren Lebhaftigkeit nicht zu der Foͤrmlichkeit ſtimmte, mit welcher er den dargebotenen Seſſel ablehn⸗ te— Wir ſollten kaum glauben, daß der Um⸗ ſtand Eurer Majeſtaͤt umbekannt ſey, der Uns bewegt, ihr beſchwerlich zu fallen. Ganz Kra⸗ V — — 179— kow iſt von demſelben unterrichtet, und Wir ſehen unter den anweſenden Herten einige, wel⸗ che gar wohl im Stande ſind, Euch die gebuͤh⸗ rende Auskunft zu erthellen.—— Es ſind mir unſtreitig Gerüchte zu Ohren gekommen von ei⸗ nem Aufſtand der Studirenden; ich hoſfe aber von Euch, mein Herr, zu vernehmen, daß der⸗ ſelbe voͤllig geſtillt ſey.—— Waͤhrend dieſer Worte hatte ſich die Koͤnigin dem weiten und hoͤhen Fenſter eines Erkerthurms genaͤhert, das auf die tief unten liegende Heerſtraße hinabſchau⸗ te. Zoͤgernd folgte ihr der König und nahm Platz an ihrer Seite. Unterdeſſen war der Ge⸗ ſang naͤhet gekommen, und um die Beugung des Berges begann ein zahlreicher Zug ſich zu zeigen. Paarweiſe und in ziemlicher Ordnung zogen die Juͤnglinge dahin, vierhundert an der Zahl; weiße Fahnen flatterten voran, und mit lauter kräftiger Stimme ſangen die Wanderet den 119ten Pſalm, den Paul Hrdenga's Dichterga⸗ ben, in der vergangenen Nacht auf dem Lager⸗ blatze, den ſie ſich erwaͤhlt, beim Schein der Fackeln und Pechkraͤnze, in die Mundart des Vaterlandes nach dem Gebrauch der neuen Lehre bertragen hatten.— Als der Zug unter dem 12* — 180— Fenſter angelangt war, erhoben einige der Schuͤr ler die Augen, und zur naͤmlichen Zeit wurden alle Haͤupter entbloͤft, und dreimal erſcholl der einſtimmige Ausruf: Es lebe der Koͤnig!— Hin und wieder ließ eine Stimme die weh⸗ muͤthigen Worte vernehmen: Ade, du werthes Vaterland! und andere wieder ſprachen den Na⸗ men der Koͤnigin Bona aus; doch war es nicht, als gedaͤchte man ihrer mit greßer Ehrfurcht und Zuneigung.— Da ſprach Siegmund Au⸗ guſt unmuthig zu ſeiner Mutter: Euer Gna⸗ den ſehen nun ſelbſt, ob der Aufſiand geſillt iſt, den unzeitige Strenge, wo nicht noch Schlimmeres entzuͤndet.—— Die Koͤnigin, ohne dieſe Rede zu beantworten, fluͤſterte mit ſeltſamen Laͤcheln in ſich hinein: Stattliche junge Leute, und mitunter von edlem Geſchlecht. Wie mancher kuͤnftige Ehrenmann mag unter dieſen gehen, der eine achtbare Stutze fuͤr den Thron und das Reich geworden waͤre.— Und fuͤr die Kirche— ergaͤnzte der Primas die Rede Bona's.— Der Koͤnig ſtand eine Weile ſtumm, dann bedeckte er das Geſſcht mit den Haͤnden, als wolle er eine tiefe Erſchuͤtterung verbergen.— Enre Majeſtaͤt ſcheint dieß Schauſpiel ſchmerz⸗ W „————————— ————————᷑— lich anzugreifen— raunte ihm der naͤher tre⸗ tende Wojewode von Lublin zu. Ich errathe Eure Empfindungen und theile ſie.—— Mag auch ein Vater gelaſſen zuſehen, rief Siegmund bewegt, wenn er ſeine Kinder zu Hunderten hin⸗ weg ziehen ſieht aus dem Hauſe. Nehmet Euch der Unerfahrnen an, Herr von Lublin, es iſt ja Euer Glaube, um welchen ſe hinaus ziehen in die Welt, die ihnen fremd iſt, und trach⸗ tet, daß ſie aufgenommen werden in den Schu⸗ len zu Danzig, Poſen und Lublin.— Wohl hat Ihro Majeſtaͤt ein wahres Wort geſprochen, und ſo mancher wandert dort die Straße hinab, der einſt ein hochverdlenter Mann werden moͤchte um den Konig und die Republik.—— So iſt es Euer Wille, daß⸗ſis bleiben, durchlauch⸗ tigſter Herr? nahm der alte Kmita eifrig das Wort. Gebt nur Befehl, und eine Rotte tuͤch⸗ tiger Tataren ſoll die widerſpenſtige Brut ſchnel⸗ ler und kraͤftiger zur Ordnung bringen, als des Herrn Hofmarſchalls mildigliche Fuͤrſorge.— Wahret Euch, ſolchermaßen zu thun— antwor⸗ tete der Koͤnig heftig— ſo lange Wir die Krone dieſes Reiches tragen, ſoll, ſo wahr der All⸗ maͤchtige lebt, niemand verfolgt werden um ſei⸗ 182 nes Glaubens willen; und ſo auch die erſten Diener Unſers Hauſes, und ſolche ſelbſt, die Unſerm Thron und Herzen am naͤchſten ſtehen, anders thun gegen Unſer ausdruͤckliches Gebot, aus Gruͤnden, die Gott allein bekannt, ſo ſoll doch ſolches nimmer geſchehen in Unſerer königli⸗ chen Gegenwart. Es iſt Uns nicht unbekannt, Herr Großmarſchall, welchen Theil Ihr habt an einem Vorgange, der von großem Nachtheil iſt fuͤr das Vaterland, und Uns wenig Ehre brinat bei den Auslaͤndern und Nachbarn.— Schon öffnete Petrus Kmita den Mund zu ungeſtuͤmer Gegenrede, aber ein halb bittender, halb be— fehlender Blick der Koͤnigin Mutter, bewog den ſtolzen Greis, die erlittene Demuͤthigung fuͤr den Augenblick zu verſchmerzen.— Wie mag Eure Majeſtät doch ſo harte Worte ſprechen zu dem ehrenwerthen Herrn Wojewoden— unter⸗ brach Bona mit milder vertraulicher Stimme—, ſein Feuereifer fuͤr den Glauben ſeiner Ahnen iſt immer loblich, ſollte auch ſeine Gemuͤthsart und der Starrſinn, der dem Alter eigen, ihn nicht ullemal die foͤrderſamſten Rittel erwählen laſ⸗ ſen. Wie mögt Ihr uͤberhaupt, mein Herr— fetzte ſie hinzu, als ſie wahrnahm, daß der 165 Großmarſchall nicht allerdings zufrieden mit ihrer Verthe'digung ſchien— wie moͤget Ihr äber⸗ haurt wuͤrdigen Dienern der Revublik und acht⸗ ba'en Senatoren die Schuld eines Bexebniſſes beimeſſen, deſſen Grund man nur zu gewiß naͤ⸗ her ſinden mag.—— Auch klagen Wir dieſe nicht allein an— antwortete der König mit ei⸗ nigem Nachdruck, indem er einen forſchenden Blick ſeines großen Auges auf ſeine Mutter rich⸗ tete, noch andere moͤgen ſchuldig befunden wer⸗ den, uͤber welche kein Richterſtuhl geſetzt iſt, als der des eigenen Benußtſeyns. Doch fahren Eure Gnaden nur fort, Uns das mitzutheilen, was Euch bis jetzt zuruͤckzuhalten beliebt.— Gewaltſam unterdruͤckte die Mailaͤnderin den Schmerz, den der treffende Stachel dieſer Worte ihr verurſacht, und fuhr mit laͤchelndem Munde fort: Sehet, die Niedern ſchauen unverruckt nach oben, und wie es ſich da geßaltet, ver⸗ ſuchen ſie nachzuahmen, wohl oder uͤbel. Wer mag es aber laͤugnen, daß das Beiſpiel nicht fein iſt, welches dem Volk gegeben in den letz⸗ ten Zeiten? Die Großen der Krone werden ab⸗ trünnig von dem apoßtoliſchen Stuhl, die Rit⸗ terſchaft thut wie die Magnaten gethan, der — 184— Altar iſt umringt mit Prieſtern und Biſchoͤfen, deren Lauigkeit ſchlimmer iſt als der flammende Eifer der Neuerer— und——— hier brach die Koͤnigin ab, indem ſie mit einem tiefen Seufzer ſich zur Seite wendete.— Habt Ihr noch mehr zu ſagen gnaͤdigſte Frau— ſprach Siegmund Auguſt mit unterdruͤcktem Unwillen: ſo erſuchen Wir Euch, Uns es nicht vorzuent⸗ ha ten, ſo es Such anſtaͤndig zu ſagen, und Uns es zu hoͤren.—— Ihr wollet es ſo, mein Herr, ſo will ich offen ſprechen, wie es einer Mutter geziemt und Koͤnigin. Die Stufen des Thrones, durfte ich nie ſagen, der koͤnigliche Sitz ſelbß, iſt eine Freiſtatt geworden fuͤr die Ketzer, das durchlauchtigſte Haus der Jagiello⸗ nen hat ſich befreundet mit ihnen, und zweifel⸗ haft ſchauet das Volk auf den Koͤnig, der aus einem Becher trinkt und ſein Mahl theilt mit den Schuͤlern des Kalvin; der den Neuerer Bruder nennt, und die Neubekehrte Gemah⸗ lin.— Darin, mein Herr, ſuche Eure Ma⸗ ieſtat den verderblichen Keim des Unheils, wel⸗ ches geſchehen, und welches ferner noch das Reich und die Kirche bedroht, nicht in dem feßen Widerſtande, den die Noth der Zeit den 185— Rechtglaͤubigen gebletet.— Und nimmer wird es anders werden, bis alles klar ſeyn wird zwi⸗ ſchen dem Konig und der Rrvublik, und der Kirche.—— Genug, meine Mutter, unter⸗ brach ſie der König mit einer Stimme, die zwiſchen Bitterkeit und Wehmuth ſchwankte.— Nimmer haͤtten Wir gemeint, daß Euch— hier traf ſein Auge den Wojewoden von Lublin— daß Euch die Gemeinſchaft mit den Anhaͤng⸗ ern der neuen Lehre ſo verderblich ſchiene, daß Ihr einen gultigen kanoniſchen Ehebund mit einer edlen Frau, die ſolche unter ihren Blutsfreunden zählt, für unheilbringend dem Reich und der Kirche, und fuͤr ein verderblich Beiſpiel halten moget; daß Ihr ihm die Schuld manchen Begebniſſes beimeſſet, deſſen Triebfe⸗ dern—— hier hielt er inne, einen ftuͤchtigen Blick auf die Anweſenden werfend, und ſetzte dann gemaͤßigter hiniu— deſſen Triebfedern der koͤnigliche Anſtand und manche andere Pflicht Uns jetzt zu nennen verbieten. Aber ein gewich⸗ tiges Wort haben Eure Gnaben geſprochen; klar ſoll es werden zwiſchen dem Koͤnig und der Republik, ehe noch das junge Laub durch die Knospen bricht, und eher, ſo wahr Uns Gett 166— helfe, wollen Wir die Krone Unſerer Vaͤter ab⸗ legen von Unſ⸗rem Scheitel, ehe man ſagen mag, Wir haben ſie getragen mit Unehren und aus der Acht gelaſſen, was einem ächten Hert⸗ ſcher gebuͤhret!—— Als Siegmund Auguſtus dieſes geſprochen⸗ verneigte er ſich tief gegen ſeine Mutter, be⸗ gruͤßte die Umſtehenden mit einem ſtolzen Kopf⸗ neigen, und verlicß eilenden Schrittes das Ge⸗ mach. Eine Zeitlang ſtand Bona Sforza ſtumm und in tiefem Nachdenken, dann reichte ſie dem abſchiednehmenden Castaldo die Hand zum Kuſſer, und fluͤſterte ihm bedeutungvoll folgende Worte zu: Chi va piano, va sano, Herr Marcheſe, drum beginnet Eure Reiſe gemachſam, und wenn Ihr nach Wien kommt, ſo begruͤßet mei⸗ nen königlichen Vetter und Katharina von Heſt⸗ reich, die verwittwete Herzogin von Mantua. Die anweſenden Herren hatten ſich entfernt, nur Firley und Kmita ſtanden noch vor der Koͤnigin, da wandte ſie ſich zu dem letztern und ſprach in gewinnendem Tone: Was Ihr eben vernommen, wird Euch geneigter gemacht ha— ben zur Verſohnung. So Ihr nun Acht habt guf Unſer Gehot und Bite, ſo reicht dem Herrn „ von Lublin die Hand; waret Ihr es doch, der den Streit begonnen.— MNit kaltem Anſtand und abgewandtem Geſichte legten die beiden Ne— benbuhler, in Anſehen und Hofgunſt, die Rech⸗ ten in einander, und traten alsbald abwaͤrts, Als aber der Hofmarſchall das Gemach verlaſſen hatte, fluͤſterte Bong dem Petrus Kmita zu: Habt Ihr nun verſtanden?—— Verſtanden habe ich Eure Majeſtat, antwortete der grane Staatsmann muͤrriſch, doch will ich Euch erſu— chen, wenn Ihr abermals ein Werkzeug gebrau⸗ chet Eurer ſtaatsklugen Entwuͤrfe, dazu den Großmarſchall nicht zu erwaͤhlen, oder wenn Ihr, wie es wohl ſeyn kann, ſeiner dennoch beduͤrfet, den gepruͤften Rath und hohen Kron⸗ beamten nicht dem hochfahrenden Stolz eines— jungen Koͤnigs und dem Duͤnkel eines uͤbermuͤ— thigen Guͤnßlings blos zu ßellen.— Als der Wojewode von Lublin die große Treppe des Schloſſes hinabging, ſagte er zu ſich ſelbt: Wohl gut, Frau Koͤnigin, und ich danke euch fuͤr die Rolle, die ihr mir zugetheilt in eurer Haupt⸗ und Staatsaktion, doch bin ich nicht geſonnen ſie auszuſpielen nach eurer Weiſe. Ihr ſeyd nicht jung genug mehr, daß 185— min um euketwillen den Glauben vergaͤße und ſo manches andere⸗ das in der aufgehenden Sonne beſſer gedeihen mag, als in der, die ſich ſchon merklich ium Untergange neigt.—— Wie der Großmarſchall aber in ſeinem Palaſt angelangt war und Waelaw Siewrak vor ihm erſchien, daß er den Lohn erhielte, fuͤr die ge⸗ leiſteten Dienſte, und Schmerzengeld fuͤr man⸗ chen erlittenen Stoß und Schlag, warf der er⸗ grimmte Gebleter dem Erſtaunten, in vollem Zorn einen Beutel Goldes vor die Fuͤße, und befahl ihm, ſich auf der Stelle zu packen und nie wieder vor ihm zu erſcheinen, im Fall er nicht Belieben trage, vor der Zeit in den Gaſt⸗ hof zu den duͤrren Bruͤdern einzukehren. So wenig hatte der Erfolg diejenigen be⸗ lohnt, deren Hand bemuͤht geweſen war, den verwickelten Knäuel ver Verhaͤltniſſe noch mehr zu verwirren; die einzige ausgenommen, fuͤr welche alle gehandelt hatten, und die erſt ſpaͤ⸗ terhin in der Erfuͤllung ihrer Abſicht ſelbſt ihre Strafe finden ſollte. Das Hochamt des dritten Beihnachttage war gehalten, und der Hof hatte ſich aus den königlichen Hratorien zuruͤck in die Gemaͤcher begeben. Auch Barbara Radziwill trat in das ihrige, begleitet von mehreren Damen, die, wie es die Sitte der Zeit mit ſich brachte, der Gemahlin des Herrn die uͤbrigen Stunden des Feſtmorgens, da das Webſchif und die Nadel ruhen mußten, durch erbauliches, mitunter auch heiteres Geſpraͤch und allerlei Stadtneutgkeiten zu verkurzen pflegten. Eilig durchſchritt die junge Königin Cdenn ihre näͤchſte limgebung, vorzuͤg⸗ lich aus Littauen beſtehend, ertheilte ihr ſchon damals dieſe Benennung) das weite reichver⸗ zierte Gemach, legte das mit goldgeſticktem Sammt bekleidete Gebetbuch und den Roſen⸗ kranz von koßlichen Steinen auf den naheſtehen⸗ den Tiſch, warf ſich auf das Ruhebett, daß die weiten Falten des ſtoffenen Gewandes ſich rau⸗ ſchend uͤber daſſelbe ausbreiteten, winkte der juͤngſten unter den Damen ihres Gefolges, und bat ſie laͤchelnd, ſich neben ſie zu ſctzen, da ſie begierig ſey, die nähete Bekanntſchaft ihrer lieblichen Schutzbefohlenen zu machen. Heleng — 195— Hdrowonz folate det freundlichen und ehrenvol⸗ len Einladung, welche nicht ohne einige Ver⸗ wunderung von den Uebrigen, aber von der Frau Horonostay der Schatzmeiſterin, mit be⸗ trchtlicher Eiferſucht betrachtet ward, und bald befanden ſich beide in dem Zuſtande allmaͤhliger Annaͤherung, der bei jungen Damen ſchnell in eine traulichere Hinneigung uͤbergeht. Die weit ausſehenden Abſichten der Prinzeſſin von Ma⸗ zowien ließen ſie wuͤnſchen ihre Tochter ſo oft als möglich in die Nähe des Koͤnigs zu brin⸗ gen, und ſo hatte ſie nicht ungern nach ge⸗ endetem Hochamt die Bitte der gehahten Bar⸗ bara gewaͤhrt, ihr die neue Freundin auf ei⸗ nige Zeit zu äberlaſſen, in den Stunden, die, wie ihr bekannt war, Siegmund Auguſt ge⸗ meiniglich in den Zimmern ſeiner Gemahlin zubrachte, und in velcher ſie ſelbſt Geſchaͤfte anderer Art zur Koͤnigin Mutter beriefen⸗ Auch Helena war der jungen Furßin freudig gefolgt; Barbara's Anmuth hatte die Scheu überwunden, womit die Erinnerung an der Mutter raͤthſelhafte Worte und die unbekannt⸗ ſchaft mit der Welt, die fern vom Hof erzo⸗ gene Jungfrau in den Abendſtunden des geſtri⸗ W — 191— gen Tages befingen, und ein dunkles Gefuͤhl ſagte ihr, daß ſie bei Siegmund des Zweiten Gemahlin ſelbſt, den wirkſamſten Schutz gegen das Unheil finden koͤnnte, welches ſie ahnte. Ihr ſeyd noch niemals in Krakow geneſen, Fräͤulein— begann Varbara nach den erſten. Wechſelreden, und Manches mag Euch neu er⸗ ſcheinen und befremdlich, wie es auch mir war vor nicht gar langer Zeit.— Meinet Ihr Euch eingewöhnen zu können an dieſem Hof?—— Die erſten Geſtalten, die mir hier entgegen traten, gnädigſte Frau— erwiderte das Fraͤu⸗ lein— waren ſo glaͤnzend und dem Landmaͤd⸗ chen ſo uͤberraſchend, daß ich moͤchte beinahe fürchten weiter zu blicken, und vielleicht auf minder Schoͤnes und Gutes zu treffen.— Eine ganz richtige Bemerkung fuͤr ein Landmaͤdchen, wie Ihr Euch nennen wollet. B wirklich iſt der Hof meines koniglichen Gemahls eine Freiſtatt herrlicher Wiſſenſchaft und ritterlicher Tugend— fuhr ſie in heiterer Stimmung fort—, und auch die Damen, die ihn verſchönern, duͤrfen um den Preis ſtreiten mit den Frauen des Auslan⸗ des. Ihr habt Herrn Siegmunds Schweſter ge⸗ ſchen; die erlauchte Iſabelle, die ein wahrhaft — 192— königliches Gemuͤth bewährt hat in den Bekuͤm⸗ merniſſen eines ungluͤcklichen Ehebundes, im Dransſal eines betruͤbten Wittwenſtandes, in dem herbſten Ungemach, das je ein hohes Haupt betroffen, und die, obſchon eine Koͤnigin ohne Land und Leute, eine wahre Koͤnigin iſt.— Die Infantin Anns, die unter ernſtem Weſen und ſirenger Wuͤrde, ein Gemuͤth verbirgt, das in der Erfuͤllung der Pflicht nie rechts abweicht von dem Wege oder linksz die juͤngern Prin⸗ zeſſinnen, die in jugendlichem Liebreiz und ein⸗ gezogenem Wandel ſich bereiten zu der erlauch⸗ ten Beſtimmung, welche ihrer wartet. Von den andern kennet Ihr nur wenige, doch— ſetzte ſie mit geduͤmpfter Stimme und verhalte⸗ nem Lachen hinzu— was meinet Ihr zu meiner Aya, der Frau Horonostay.— Betrachtet ſie ein wenig, iſt ſie gleich nicht anmuthig von Anklitz und Geberde, ſo ißt doch keine, die beſ⸗ ſer anzuſagen wuͤßte, wie viel Schritte die Ge⸗ mahlin des Koͤnigs den beſuchenden Frauen ent⸗ gegentreten ſoll, und welches Wort und welche Stellung ihr geziemt in einem Augenblick oder dem andern; das aber— ſetzte ſie ernſter hin⸗ zu— ißt ebenfalls Noth, wie ich erfahren ſeit — 493— einiger Zeit. Ihr habt den Großfeldherrn ge⸗ ſehn, den Johannes Tarnowski— ſein Ruf iſt weit verbreitet durch die Welt, doch er ſagt nicht zu große Dinge von dem ehrenwerthen Ka⸗ ſtellan. Vieles hat ihm mein Herr und Koͤnig zu verdanken und das Reich, im Feld und im Senat, und er will ſtets das Rechte, obgleich es ihm an Macht nicht gebricht auch das Un⸗ recht zu vollbringen.— Dieſer Firley, der mit nicht ungerechtem Stolz die Gefuͤgigkeit des Weltkundigen verbindet, und mit dem zierli⸗ chen Weſen des Höflings eine feſte Anhaͤnglich⸗ keit an ſeinen Glauben und ſeines Standes ur⸗ alte Rechte; der greiſe Kmita, deſſen finſtre Stirn und ungebeugter Sinn dem laͤngſt erwor⸗ benen Verdienſt nicht Eintrag thun moͤgen; der Biſchof von Krakow, der thaͤtige Freund und Diener unſers Hauſes; der milde und beſonnene Andreas Zebrzydowski, der an Wiſſenſchaft und Weisheit ſo hoch keht über viele ſeines Glei⸗ chen; jener ehrenwerthe Petrus Boratynski— aber— unterbrach ſie ſich, als das Fraͤulein bei dem letzten Namen die Augen niederſchlagend ſich zur Seite wandte— ich ſehe unſer Geſpraͤch wird zu ernſt fuͤr mein xeizendes Pflegkind.— 13 Ihr muͤſſet es mir jedoch verzelhen, wenn mein Auge gern auf den ſtattlichen Geſtalten verweilt, die den Thron umgeben, auf den mich die Huld melnes Herrn gehoben.—— Rit nichten mag ſolche Darſtellung aus Eurem Munde mich gleich⸗ guͤltig laſſen, doch ſo treffend Ihr auch malt, gnaͤdigſte Frau, ſo ſcheint doch bei mancher Schilderung Eure Guͤte das Urbild verſchoͤnt zu haben. Fahret alſo fort, ſo es Euch gefällt, denn Eure Worte verſcheuchen die Furcht, welche die Unerfahtene beim Eintritt in dieſe unbe⸗ kannte Welt befallen.— Nach einigem Beſin⸗ nen fragte Barbara: Wurdet Iht der Koͤ⸗ nigin Bona vorgeſtellt?— Noch nicht— ver⸗ ſetzte das Fraͤulein von Podollen mit ſchnellet Bewegung, denn die Erwaͤhnung der Mallaͤn⸗ derin hatte plotzlich manche duͤſtere Ahnung her⸗ auf beſchworen, die waͤhrend Barbara's lebhaf⸗ ter Rede in den Hintergrund getreten war.— Noch hat meine Mutter mich nicht in die Gemaͤcher Ihrer Majeſtat gefuͤhrt.— Sie iſt die Mutter meines königlichen Gemahls, ſprach die erlauchte Ftau nach kurzem Stillſchweigen, und eine Dame von hohen Gaben— Ihr wer⸗ det ſie ſchen und es gezlemt Ihtet Schnur nicht, * — 1¹95— Euer urtheil zů befimmen) doch— fuhr ſe fort mit ſchmerzhaftém Tone, abek einen for ſchenden Blick auf die Löchter der Prinzeſſin Annä tichtend— unter alten, die ich Euch vvraefuͤhrt, fehlet ja der Erſte, der König ſelbſt. Was ſaget Ihr zu ſeinei Gemahl?— Hier mrehr als anderweit erwarte ich Eurer Gnaden kunſtreiche Darſtelunggabe— antwortete Helena, indem ſe ſich bemuͤhte, eine ſie vlotzlich ergrei⸗ fende Beklommenheit unker dem Kone bes Schertes zu verbergen= Eurt Haͤnd wird ſicher da noch mindet irren, wo das Herz ſie fuͤhrt; und wo Ihr nicht befürchten duͤtfet, daß man ſae, Iht habt dem Gegenſtand geſchmeichelt.— Meinet Ibr?— ſprach Bätbara tächelnd und mit unmerklichem Koßfſchütteln. Nun, ſo wilt ich Eure günſtige Meinunz nicht erhöhen noch vermindern; iſt er doch ſo hoch geſtellt in det Welt, daß jeder ihn betrachten fag mit eignen Augen.— Rur felten dürſte mir dieß Gluck zu Thell werden und auf kurze Zeit; die Tochter des Levn Odrowonz darf nicht hoffen, daß die Gunſt des Koͤnigs ſie erfteüe, und ich fuͤrchte, wir ſind unwillkommene Gäͤſte dieſes Hofes, ob⸗ ſchon dek ritterliche Sinn des Hertn ihn die 13* Wittwe und Waiſe hat huldreich aufn hmen laſſen. aubt das nicht— unterbrach die Fuͤrſtin ſie eifrig— der Koͤnig betrachtet Euch als erlauchte Verwandte,— nicht alles billigt Siegmund Auguſt, was fruͤher geſchehen, und bald wird er ſein Vorhaben ausfuͤhren, Euer uraltes Haus wieder aufzurichten von ſeinem Fall.— Solche Großmuth erkenne ich und auch meine Mutter dankbar, doch habe ich den Sinn nicht ſo hoch gerichtet, und ein ſtilles Gluͤck iſ mir beſchie⸗ den, das ich Eurer Gnade anheim ſielle und Eures durchlauchtigſten Herrn.— Ein ſtilleres Gluͤck Euch beſchieden, Fraͤu⸗ lein? Verzeihet, was ich von Eurer Mutter vernommen, laͤßt mich ſolches kaum glauben.— Erklaͤret Euch deutlicher; Ihr duͤrfet nicht ſchenen, mir zu vertrauen.— Sollte es Eurer Gnaden unbekannt ſeyn,— fragte Helena, dem Einfluf des Augenblicks ſich hingebend, daß mein Vater mich dem Hippolyt Boratynski be⸗ ſtimmt, der jetzt in Eurem Dienſte iſt, des Sta⸗ roſten von Sambor juͤngeren Bruder?— Dem zweiten Boratynski? rief Barbara Radziwill mit einem tiefen Seußzer, als ſey ſie befreit vyn einer druͤckenden Laſt— Euer Vater be⸗ * — 197— ſtimmt Euch ihm, und Euer Herz willigt ein?— Es iſt, wie Ihr ſagt— flͤſterte Helena et röthend und mit geſenktem Blick— und vor ſechs Monden ward ich ihm verlobt am Ster⸗ bebette des Wojewoden.— O Fraͤulein— rief Barbara in ungewoͤhnlicher Benegung— ein guter Geiſt hat Euch geleitet, daß Ihr Euch mir eroͤffnet.— Faſſet Muth, denn ich meine es gut mit Euch.— Ich will von nun an ſeyn, wozu mich der Koͤnig ſcherzend ernannt, Eure zweite Mutter— und er und ich werden Euer Schickſal im Herzen tragen, wie das Wohl ei⸗ ner werthen Blutsfreundin.— Es iſt ein edles Geſchlecht, das Geſchlecht der Boratynski und Euer Eintritt in daſſelbe wird es gleichſtellen dem Erſten im Reich,— doch wir werden un⸗ terbrochen, mein Fraͤulein, bewahret fein meine Worte in Eurem Herzen.—— Es war Barbara's Bruder, welcher ein⸗ trat, Nieolaus Radziwill, der Truchſeß des Großfuͤrſtenthums. Mit eiligen Schritten naͤ⸗ herte er ſich der Schweſter, warf im Vorbei⸗ gehen einen mißfaͤlligen Blick auf Helena Odro⸗ wonz und begann nach einer tiefen Verneigung im Tone der Ceremonie: Der Konig laͤßt ſich 8 entſchuldigen fuͤr dieſen Morgen bei Eurer Ma⸗ jeſtaͤt, und hat mich beauftragt Deroſelben zu nn was in eigener Perſon Euch zu ſagen ihm dringende Beſchaͤftigung nicht geſtat⸗ tet.— Durch eine anmuthige Neigung des Hauptes verabſchiedete Barbara ihre Damen, geleitete Helenen mit der Achtung, die ihre Ge⸗ burt erforderte, bis zur Thuͤre, entließ ſie, zu Fuͤrſt Ritolaus großem Erſtaunen, mit einer zaͤrtlichen Umarmung und kehrte dann zuräck zu ihrem Bruder, aus ſeinem Munde das zu ver⸗ nehmen, was ihm der Wojewode von Lublin vor wenig Augenblicken von dem Vorgang in den Zimmern der Koͤnigin Mutter vertraut, und deſſen ſchleunige Mittheilung er fuͤr nöthig er⸗ achtete.—— Die Entlaſſenen hatten ſich in die weite Vorhalle zuruͤckgezogen, die ein Rund bildend⸗ der innern Thuͤr gegenuͤher an die große Trep⸗ ve, auf den beiden andern Seiten aber an die Gaͤnge ſtieß, die in die ſuͤdliche und nördliche Gegend des Schloſſes zu den Gemaͤchern des Koͤnigs und Bonens Sforza fuͤhrten. ungeachtet die Mittagſtunde noch nicht voruͤher war, ſo wandelten doch die hohen mir gemalten Glas⸗ 5 —————————, — ſcheiben geſchmuͤckten Fenſter, die dunkle Farbe des gewaltigen Mauerwerks, die unzaͤhlig Spitzboͤgen und Pfeiler das truͤbe Licht des Wintertages beinahe in Daͤmmerung, und man konnte nur hoͤchſt undeutlich die Geſtalten der Hofdiener und Wächter wahrnehmen, die in der Halle und den Seitengaͤngen auf und nieder ſchritten. So geſchah es denn, daß Helena Odrowonz, die unter vielen Worten und weit⸗ ſchweiſigen Hoͤflichkeitbezeugungen von der Frau Horonostay begleitet ward, in einem naͤher kommenden jungen Mann ihren Verlobten erſt dann erkannte, als er dicht vor ihr ſtand.— Sie hatte ihm ſo viel zu ſagen, eine ſo ſchöne Hoffnung war thr aufgegangen vor wenig Au⸗ genblicken, ihre Erkläͤrung gegen des Koͤnigs Gemahlin hatte ihrem Verhaͤltniſſe zu dem jun⸗ gen Boratynski eine gewiſſe Heffentlichkeit gege⸗ ben, ſie wendete ſich raſch zu ihm und bat ihn einige Minuten zu verweilen, ſich bei der Schatz⸗ meiſterin in aller Kurze beurlaubend, und ohne das Laͤcheln hoͤhniſcher Mißbilligung zu bemer⸗ ken, welches auf den Lippen der geſtrengen Aa erſchien, die ihren Gruß mit einer ßeifen Ver⸗ beugung erwiderte und mit langſamen Schritt ihren Nuͤckzug antrat. Mit befluͤgelten Worten berichtete die Jungfrau dem Geliebten ihres Herzens, wie ſie eine ſchuͤtzende Freundin in Barbara erworben, wie es ihr ſogar geſchienen, als habe ihr Bekenntniß ploͤtzlich etwas hinweg⸗ geraͤumt, das noch ſtoͤrend zwiſchen ihnen ge⸗ ſtanden, und zu hoffen ſtehe, daß des Koͤnigs gewichtige Vermittelung, welche jene ihr ver⸗ heißen, alle Hinderniſſe beſeitigen werde, die der Erfullung des väterlichen Willens entgegen⸗ ſtaͤnde, und ihrer Mutter Abneigung beſiegen. Zwar erwaͤhnte ſie nichts von den dunklen Aeu⸗ ßerungen der Prinzeſſin von Mazowien und dem Grunde der ſchnellen Hingebung Frau Barba⸗ ra's, welchen ſie wohl ahnte— als ſie aber der ſchoͤnen Ausſichten erwaͤhnte, die Siegmund Auguſts Großmuth und ſeiner Gemahlin Fuͤr⸗ ſprache ihr eroͤffnet, daß ihres Hauſes verdun⸗ kelter Glanz wieder erneuert werden ſolle, und ſie ſich freue, dem Jugendfreund und Verlobten nicht allein ein Herz voll Treue, ſondern auch Reichthum und Ehre zuzubringen, da unterbra⸗ chen Hippolyts Zweifel die feurige Rede Hele⸗ na's. Ihn hatte nicht wie das Fraͤulein, das Vorurtheil des Kindes fuͤr die Mutter geblen⸗ det; die achtloſe Heftigkeit der Fuͤrſtin hatte ihn oft tiefere Blicke in den Abgrund ihres Her⸗ zens thun laſſen, und die ganze Weiſe, die ſie ſeit dem Lode des Leon Odrowonz gegen den Braͤutigam der Tochter beobachtet, die Sorge, mit der ſie gefliſſentlich jede Annäͤhrung der fuͤr einander Beſtimmten verhinderte, waren ihm nur ju deutliche Anzeigen der Entſchließung ei⸗ ner Frau, deren unbeugſamen Willen er kannte. Auch waren einige Ahnungen in ihm aufgeſtie⸗ gen von dem, was zu ſolcher Zeit Frau Annen an den Hof beruſen haben konnte. Jenes Bruchſtuͤck eines Briefes hatte ſie erregt, ſeines Bruders Fingerzeige bekraͤftigten ſie, und ein zweitägiger Aufenthalt am Hofe war hinreichend geweſen, ihn zu uͤberzeugen, daß Barbara Rad⸗ ziwill eher des Schutzes ſelbſt beduͤrftig ſey, als ſie es vermochte ſolchen zu gewährenz eine Vor⸗ ausſetzung, die durch des Konigs lebhaften Sinn an Staͤrke gewann, der in ſeinen fruͤhern Jahren oft als unbeſtändigkeit des Gemuͤths erſchien, deren man ihm damals allgemein be⸗ ſchuldigte. Wie ſehr ruͤhren mich Euer Treuſinn und Edelmuth, Fraͤulein— hob er an,— und wie herrlich erſcheint mir das Gluͤck, das mir — — 202— Euer edler Vater betimmt— aber Helena, werd' ich auch ſeiner je theilhaftig werden?— Kleinmuͤthiger Zweifler— unterbrach ihn das Fraͤulein ſcherzend— ſö wenig baut Ihr alſo guf mich— und alſo erfuͤllet Ihr das Wort, das Ihr geſtern geſprochen, und die Verheißung treu und feſt zu beharren bis zu Ende, iſt nur guͤltig geblieben bis zum andern Tage?— So will ich auch noch— rief der junge Mann feu⸗ ris— doch mag ich es Euch nicht verbergen, daß jeder Augenblick, welchen Ihr in dieſen Mauern verlebt, neue Felſen aufthuͤrmt vor dem bönen Ziel meines Strebens. Euer eigener Mund hat beſaͤtigt, was ich befuͤrchte— Euer durchlauchtiger Blutsfreund iſt geſonnen, wie Ihr ſagt, Euch das erlittene Unrecht zu vergü⸗ ten; die Enkelin der Piaſt wird wieder ein⸗ gehen in den Glanz ihres uralten Hauſes— wird, o ſprecht, Fraͤulein, wird Eure Mutter, welcher der Sohn des Hauſes Boratyneki nicht edel genug war fuͤr des verbannten Leon Odro⸗ wonz Tochter, die Fuͤrſtin entlaſſen in die ſchmuckloſe Ritterburg?—— Wie Ihr ſo ſpre⸗ chen moͤgt, Hippolyt: Euer Geſchlecht iſt an⸗ geſehen unter dem Adel, und viel niedrer als — 205— Ihr war mein Ahnherr Piaſt, als ihm des Himmels Wille die Krone verlieh.— Sehet jene Barbgra, es iſt die Liebe, welche ſie auf den Thron hob, und groͤßer iſt wohl der Ab⸗ ſtand zwiſchen dem Koͤnig der Polen und der Tochter des Vaſallen, als zwiſchen Euch und mir, deren Vater ein Edelmann war wie der Eure.— D nicht dieſe Barbara muͤſſet Ihr nennen als ein ermunterndes Vorbild, noch iſt es ungewiß, ob ihr Name nicht dereinſ ein warnendes Beiſpiel ſeyn wird fur die, die des Herzens Trieben folgen gegen menſchliche Ruͤck⸗ ſict und aͤlterliches Gebot.— und iſt es nicht des PVaters Wille, der unſer Buͤndniß gehei⸗ ligt? ſprach das Fraͤulein, indem ſie den Fuß auf die erſte Stufe der Treppe ſetzte, welcher ſie ſich im Geſpraͤch genäbert hatten, und guf de⸗ ren zweitem Abſatz die Diener der Prinzeſſin von Mazowien ihrer jungen Gehieterin warte⸗ ten, darauf fuhr ſie fort, indem ſie dem jungen Voratynski die Hund bot— Ihr fuͤrchtet die Strenge der Mutter? doch ſevd getroſt; auch in Helena's Adern fließt viaſiſches Blut, und ſey auch Frau Annens Porbaben, welches es wolle, bald wird ſie erfahren, daß es ein eitles — 204— iſt, und ſie wird ſich fuͤgen und den Eidam willkommen heißen, den auch das edelſte Haus nicht verſchmaͤhen mag.— Bleibt feſt und treu, mein Hippolyt, auch ich werde es bleiben, und die Mutter wird ſich fuͤgen.—— Sie wird es nicht— ertoͤnte in dieſem Augenblick eine hei⸗ ſere, kraͤchzende Stimme dicht am Ohr der Ver⸗ lobten, und beſtuͤrzt wichen ſie aus einander, denn zwiſchen ihnen erſchien ploͤtzlich das gelb⸗ braune widrige Antlitz eines alten Weibes, gleich einer Zigeunermutter, die den duͤrren Zeige⸗ finger drohend gegen ſie erhob.— Hippolyt ſtreckte die Hand aus, die unheimliche Stö⸗ rerin zu erfaſſen, aber mit einer raſchen Wend⸗ ung entzog ſie ſich ihm, und ging eiligen Schrittes den Gang nach der Koͤnigin Bona Zimmern hinab, wo ſie von einigen Maͤnnern in langen ſchwarzen Maͤnteln empfangen und umringt ward, welche ſie erwartet zu haben ſchienen.— Mit einem Laut des Schreckens flog Helena die Treppe hinab zu dem unten ſte⸗ henden Gefolge, und Hippolyt nahm gedanken⸗ voll ſeinen Weg nach den Gemaͤchern Barbarä's Radziwill, in welche ſein Hofamt ihn berief. — — 205— 7. Anna von Mazowien hatte, nach einer ſchlaf⸗ loſen Nacht und einem in unruhigem Nachden⸗ ken zugebrachten Morgen, den ſchwerſten Gang ihres Lebens angetreten, den Gang nach dem noͤrdlichen Theile des Schloſſes Krakow, wo Bona Sforza ihren Hof hielt. Getragen in ei⸗ ner reich vergoldeten Saͤnfte, umringt von ei⸗ nem Gefolge, deſſen Anzahl und köſtliche Liv⸗ reen eher den Rechten ihrer Geburt und ihren neuerwachten Hoffnungen entſprachen, als ihrem gegenwaͤrtigen Gluͤck, hatte ſie das Thor des Schloſſes erreicht, in dem viele Jahrhunderte hindurch die Koͤnige ihres Stammes hauſten, und welches ſie das letzte Mal betreten hatte, als die Tochter Herzog Konrads, des Erſten un⸗ ter den fuͤrſtlichen Lehenstraͤgern der Krone. Miß⸗ muth und Niebergeſchlagenheit bemachtigten ſich ihres Herzens, wie ſie das Ehemals bedachte und das Jetzt, und ſie war beinahe Willens heimzukehren, als das Thor ſich oͤffnete, die Wacht unter das Gewehr trat und kriegeriſche Muſik die Furſtentochter begruͤßte. Dieſe An⸗ klaͤnge aus alter Zeit, dieſe laͤngſt vermißten Ehren, wirkten woblthnend auf ihr Gefuͤhl und ihren ſtolzen Sinn, und mit hochaufgerichtetem Haupte verließ ſie die Säpfte, an welcher einer der vornehmſten Häusbeamten der königlichen Wittwe mit einer kleinen, doch auserleſenen Begleitung ihrer wartete, um ſie ach dem mit⸗ ternaͤchtlichen Fluͤnel der Burg zu Zeleiten. Das Gewuͤhl der Hofleute ſchien fuͤr dir gegen⸗ waͤrtige Stunde aus diefem verbannt zu feyn— nur zwei Reihen ehrfurchtvoll ſchweigender Die⸗ ner beſetzten die breiten ſchallenden Treppen, welche die Wojewodin von Podolien mit etwäs etleichtertem Gemuͤth hinaufſtteg.— Im erſien Vorß mach beurlaubte ſich ihr nebſt den Uebri⸗ gen zuruͤckbleibender Fuhrer, mit der Bemerk⸗ ung, der Befehl Ihro Majeſtät, welcht wunſche, ihre erlaüchte Verwandte ungeſtoͤrt zu begruͤßen, geſtatte ihm nicht ſie ferner zu begleiten. Auf einen Wink Frau Annens geſellte ſich iht eigen Gefolge zu den Leuten der Königin, und ſie be⸗ trat allein die leere darauf folgende Gallerie⸗ Als ſie ſich nun der Thuͤte des dritten Gemachs naͤherte/ ſah ſie in derfelben den Andreas Ze⸗ btzydowoki erſcheinen, weſcher mit ernſtem Blick und finſtrer Stirn auf ſie zuſchritt.= Ein un⸗ ſreundlich Wilkommen fuͤt Anna von Mazb⸗ wien in der Burg ihrer Vaͤter— redete die Fuͤrſtin ihn an— doch ſchon in kurzet Zeit hat der Herr von Kujawien mich gelehrt, in wie⸗ fern maͤn auf die Zuneigung alter Freunde und Diener bauen mag.—— Jur Einen Will⸗ kommen, erlauchte Frau— entgegnete Andteas mit gedämpfter Stimme, indem ert die Haͤnd ausßreckte, ihre Rechte zu faſſen, welche ſie mit der Empfindlichkeit des gereizten Stolzes zuruͤck zog,— nur Einen Willkommen hab ich Euch zu bieten in dieſen Gemuͤchern.— Huͤtet Euch jene Schwelle zu betreten; die, zu welcher ſie füͤhrt, ſo wahr mir Gott helfe Und Sänet Sta⸗ nislam, ſie will Euch nicht wohl, wie fie ſich auch ſelle.— Höret die letzte Warnung Eines, dem Ihr werth waret in laͤngſ veraangenen Tagen, welcher der alten Anhaͤnglichkeit an Euch und Euer Geſchlecht nicht abſägen mag, ſo Ihr ihn nicht dazu zwingt,— betketet jene Schwelle nicht— habt Ihr ſie einmal uͤberſchritten, ſo erwacht das Unheil, das zenfeit ſchlaft, und vergebens werdet Ihr bereuen, daß Ihr es auf⸗ getufen.— Hhne dem geiſtlichen Herrn zu ant⸗ worten, ſchtitt Anna, ihn nachlaͤſſig begrüßend, — 206— an ihm voruͤber.— Seufzend blickte Zebrzy⸗ dowski ihr nach, dann ſchlug er beide Haͤnde vor das Geſicht und entfernte ſich durch die an⸗ dere Pforte. Doch als Anna der geheimnißvollen Chůre nun immer naͤher kam, ward ihr Schritt zo⸗ gernd; ſe begann den Augenblick zu fuͤrchten, da ſie jene gehaßten Zuͤge wieder erblicken ſollte, die ihr ſo oft erſchienen waren in unruhigem Schlummer, die Zuͤge derer, deren Unthat das Haus ihrer Vaͤter verwuͤſtet und die Erbtochter hinausgeſtoßen hatte in die Verbannung, deren Erinnerung es allein vermochte alle Skorpionen unbefriedigter Rache in ihrem Buſen zu erwecken. Es gemahnte ſie, als ſeyen des Biſchofs Worte wahr, als ſchlummerten jenſeit jener verhuͤll⸗ ten Schwelle Geiſter des Verderbens, die nun bei ihrem Eintritt aufſtehen wuͤrden und ſe und jene Koönigin zugleich in grauenvoller Verſchling⸗ ung hinabreißen— ſie blieb unſchluͤſſig an der Stelle gefeſſelt, wo ſie ſtand, da gewahrte ſi ſie der Thuͤrſteher des innerſten Gemachs, er rief den Namen der durchlauchtigſten Prinzeſſin von Mazowien, Wojewodin von Podolien— es war zu ſpaͤt— die ſammtenen Vorhaͤnge rauſchten aus einander, und die Tochter der Piaſten ſab ſich vor der verwittweten Koͤnigin von Polen. Eine geraume Zeit ßanden die Todfeindin⸗ nen einander gegenuͤber, und die unheimlichen Strablen ihrer Augen kreuzten ſich, als ſie mit langen Blicken ſich maßen. Doch ſchneller als Annens gewaltthaͤtiger Sinn es ihr vergönnte, hatte die Italienerin ſich gefaßt, und wie jene nun das widerſtrebende Knie beugte, um den Kuß, den die Hoffitte erheiſchte, auf die kö⸗ nigliche Hand zu drucken, hielt ſie ſie mit her⸗ ablaſſender Vertraulichkeit aufrecht, und die Lip⸗ pen, aus welchen ſo vft der gottverhaßte Schwur unverſoͤhnlicher Rache ertont war, begegneten ſich in kalter Umarmung.— Darauf jeitete Bong Sforza die Frau von Podolien zu einem Lehn⸗ ſeſſel, dem ihrigen gleich, welchen nach dem Gebrauche der Zeit, ſonſt nur der König bei ſeinen ſeltenen Beſuchen einnehmen durfte.— So blieben ſie wohl einige Minuten ſtumm, waͤhrend welcher die Eine die ganze Kraft ihres Geiſtes beſchwor, ſich in ruhiger Faſſung zu er⸗ halten, die leider aber noch einmal erwog, wel⸗ chen Ton ihr zieme dem beginnenden Geſpraͤch zu geben. Bona von Malland hatte eine zu ge⸗ 14 — 210— naue Kenntniß von den Regeln der Staats⸗ kunſt und dem menſchlichen Gemuͤther als daß es ihr unbekannt ſeyn ſollte, wie oftmals zu weit getriebene Verttellung verraͤtheriſcher ſeyn kann, als eine getreue Darſtellung der Gefuͤhle und Abſichten, und ſie beſaß eine zu hohe Mein⸗ ung von den Geiſtesgaben ihrer Gegnerin, um zu hoffen, daß wenige gleißneriſche Worte und ſeere Betheuerungen das Andenken an das Un⸗ geheuere verloͤſchen moͤchten, was ſich fruͤher zu⸗ getragen. Daher begann ſie mit heiterm Blick und feſtem Tone folgender Geſtalt: Es iſt nun eine geraume Zeit her, Frau Fuͤrſtin, daß wir uns nicht geſehen haben an dieſer Stelle.—— Kurz nach dem Tode Herzog Stanislaws war es, als ich zum letzten Mal die Koͤnigsburg be⸗ trat— erwiderte Anna, die Augen abwendend⸗ aus denen duͤſtres Feuer zu leuchten begann— und als ich zuruͤckkehrte nach Warſchau, kam mir der Leichenzug Herzog Janus entgegen des letzten meines Stammes.—*) Viele Jahre — *) Die letzten Herzoge von Mazowien, piaſtiſchen Stammes, ſtarben kurz hinter einander im jugend⸗ ichen Alter 1626, ein Ereigniß, bei welchem die Mitwelt die Hand der Königin Bona zu erken⸗ — 211— ſind ſeitdem dahin gegangen uͤber uns, nahm Bona wieder das Wort— unſer Haupthaar iſt duͤnner geworden, und Ihr vermiſſet an mir eben ſo die Lebhaftigkeit der Jugend und ihren Reiz, als ich auf Euren Wangen die Spuren der Zeit gewahr werde. Sollte ſie, die in un⸗ ſerm Aeußern ſo große Veraͤnderung bewirkt, nicht auch unſer Inneres anders geſtaltet haben, denn einſmals? Ich wenigſtens fange an zu meinen, daß manches, was geſchehen, beſſer nicht geſchehen waͤre, und es gemahnt mich wohl in manchen Augenblicken, als haben wir vor Zeiten uns beide Unrecht gethan.—— Schwerlich— ſagte Frau Ddrowonzowa kalt und ſtolz, indem ſie ſich ungeduldig von ihrem Platz erhob,— ſchwerlich iſt das der Gegen⸗ ſtand, wegen deſſen mich Eure Majeſtaͤt zu ſch beſchieden, und mir daͤucht, Ihr muͤßt es ſo wohl fuͤhlen als ich, daß er zwiſchen uns nim⸗ mer zur Sprache kommen ſollte.—— Gemach, gemach, Prinzeſſin, unteybrach ſie die koͤnigliche nen glaubte; das Herzogthum, deſſen Sitz da⸗ mals Warſchau war, fier an die Krone, und die Schweſter der Fürſten, Anng Odrowonz, ward ihres Erbes bergubt.— 14* — 212 Wittwe, indem ſie mit der Hand die Aufſte⸗ hende ſanft zuruͤck hielt— Eure fuͤrſtliche Lieb⸗ den haben recht; warum auch der Vergangen⸗ heit fruchtlos erwaͤhnen, die ja doch nicht wie⸗ derkehrt, waͤhrend uns die Gegenwart und Zu⸗ kunft beſchaͤftigen ſollten, die in unſern Jah⸗ ren im Preiſe ſteigen. Sey es alſo nun gekom⸗ men, wie es wolle, ſo hat des Himmels Rath⸗ ſchluß, mit oder ohne menſchliches Zuthun, Euer Haus herabſinken laſſen von ſeiner alten Groͤße, und die Erbin ſo vieler Koͤnige und Fuͤrſten iſt nicht ſo geſtellt, wie das Recht ih⸗ rer Geburt es erfordert.— Werſet doch nicht dieſe Blicke der Entruͤſtung auf mich, erlauchte Frau, und vernehmet, was Euch die Koͤnigin mitzutheilen geſonnen.— Mein Herr und Sohn in ſeiner koͤniglichen Großmuth, die das ſchoͤne Erbtheil des jugendlichen Alters iſt, hat ſchon laͤngſt bei ſeines Vaters Lebzeiten/ uͤber den das Antlitz des Ewigen leuchten moͤge, beſchloſſen, ſo viel an ihm liegt, das zu verguͤten, was ſich begeben, und, den Staatsvortheil dem vielleicht allzuraſchen Gefuͤhl nachſetzend, ſeine glorreiche Herrſchaft mit einer glaͤnzenden Hand⸗ lung der Milde vder, wenn Ihr ſo wollt, der — Gerechtigkeit zu beginnen.— Eure Gnaden moͤgen ſelbſt urtheilen— verſetzte Anna—, wel⸗ che dieſer Benennungen ſich fuͤr den Erſatz wi⸗ derrechtlich entriſſener Ehren und Guͤter eig⸗ net.— Laſſet uns uber Worte nicht ſtreiten.— Genug, daß das Geſtaͤndniß von des Koͤnigs Vorhaben, Euch gethan, Euch beſſeres Ver⸗ trauen zu meiner Aufrichtigkeit gewinnen laſſen muß, und Ihr mir glauben werdet, wenn ich hinzufuͤge, daß auch ich; obſchon erſt ſeit kur⸗ zer Zeit, ſeiner Abſicht beigetreten bin; ſeit kurzer Zeit, Frau Fuͤrſtin Wojewodin, denn Reue iſt eine unkoͤnigliche Tugend, und dem, der auf dem Thron ſitzt, geziemt es nicht, gleich dem Gemeinen an die Bruſt zu ſchlagen und zu rufen vor allem Volke: ich habe geſuͤndigt.— Auch hat Eure koͤnigliche Gnaden der Welt nie Anlaß gegeben, ſo unfuͤrſliche Empfindungen in Euch zu vermuthen— lautete der Prinzeſſin bittere Gegenrede.—— Auch will ich es noch nicht, verſetzte die Koͤnigin mit unerſchuͤtterter Ruhe, und eben darum, und weil ich von Eu⸗ rem fuͤrſtlichen Sinne eine zu hohe Meinung ha⸗ be, daß Ihr als eine Gabe der Mildthaͤdigkeit annehmen wuͤrdet, was Ihr Euer Eigenthum — 214— nennet, ſo habe ich eine Weiſe erfunden, die ſolche wuͤrdiger macht des Empfaͤngers und des Gebers zugleich.— Es kann mir gleichguͤltig ſeyn— ſprach Anna in hohem Tone—, auf welche Art es dem Hauſe der Jagiellonen be⸗ liebt, das zu erſtatten, was es mir und mei⸗ nen Blutsfreunden entriſſen.— Nicht ſo un⸗ beruͤhmt iſt das Geſchlecht der Piaſten, gnaͤdige Frau, und nicht ſo verborgen ſind die Schick⸗ ſale der Sproßlinge ſeines Mannſtammes dem Vaterlande und der Welt geblieben, daß die reichlichſte Gabe ſelbſt, die Siegmund Auguſt Jagiello's unvergleichliche Milde den Erben deſ⸗ ſelben— zuwerfen wuͤrde, fuͤr ein Allmoſen ge⸗ halten werden moͤchte.— So, meine ich, han⸗ delt es ſich hier mehr um den Betrag des Er⸗ ſatzes, als um die Weiſe.—— Auch dann nicht, wenn das, was ich Euch vorlege, dem letzten Zweig des alten Koͤnighauſes, nicht die Guͤter ſeiner Vaͤter allein, auch ſeiner laͤngſt ver⸗ blichenen Ahnen erhabenen Sitz zuruͤckgiebt?— Seitdem der Vopfahr Eures Gemahls, Wladys⸗ law von Littauen, dem Herzog Ziemowit von Mazowien die Hand der Jadwiga und den Thron entriß, die ihm beide geboͤhrten, hat man nimmer einen Jagiellonen alſo ſprechen ge⸗ hoͤrt.— Es gefalle demnach Eurer Majeſtaͤt, mir den wahren Sinn ſo unerwarteter Worte nicht laͤnger voriuenthalten.— Ihr habt eine Tochter, Prinzeſſin, ein ſchönes und ſittiges Fraͤulein, ganz wuͤrdig ihrer edlen Abkunft?— Die Mutter hat Sorge gettagen, daß in ihrem Kinde nicht der fuͤrſliche Sinn verloren gehe mit dem Fuͤrſtenthume ſelbſt.— Wuͤrde es Euch nicht erfreuen, weun dieſe den alten Thron ihrer Ahnen beſtlege, und alle Zwie⸗ tracht vertragen wuͤrde durch einen ſegenvollen Bund?— Wie iſt mir denn— ſprach Anna mit angenommenem Erſtaunen— hoͤrt ich nicht von einer Vermaͤhlung des Koͤnigs? Giebt es nicht eine Barbara Radtiwill?—— D jene Barbara— rief Bona mit wegwerfender Ver⸗ achtung— ſie wird den kurzen Traum des Koö⸗ nigthums bald ausgetraͤumt haben, aus dem ſie die Stimme des Volkes und der koniglichen Mutter gerechter Unwille vetſtoßen.— Alſo die Tochter des Levn Odrowynz iſt beſtimmt die dritte Gemahlin Eures durchlauchtigen Sohnes zu werden? Geſtattet: daß ich die Dankbarkeit fur ſolche Ehre ſo lange zurückhalte, als die 6 zweite noch lebt.— Eure Liebden werden uͤber⸗ zeugt ſeyn— ſprach Bona mit Hoheit—, daß Wir Euch nicht an Unſer Hoflager beſchieden ha⸗ ben, um die Zeit in muͤßigem Geſchwaͤtze zu ver⸗ geuden, das Euch und uUns, nachdem was vorgefallen, nicht erfreulich ſeyn mag, ſo es den ernſten Zweck verfehlt, den wir ihm geſetzt. Entſchlaget Euch alſo des Scheines einer Un⸗ wiſſenheit, welche Unſere koͤnigliche Sendſchrei⸗ ben laͤngſt ſchon beſeitigt haben muͤſſen. Die Welt, die ſo gern mit ungeuͤbtem Blick die Tha⸗ ten der Monarchen muſtert, mag manches ur⸗ theil uber uns faͤllen, wahr oder unwahr, doch hat noch nimmer Jemand an dem feſten Sinne Bona's Sforza gezweifelt. Wollet Uns daher unnutzer Wiederholung des Mitgetheilten uber⸗ heben und Eure Willensmeinung Uns unverho⸗ len eroͤffnen.— Auch ich— antwortete die Für⸗ ſin aufſtehend der nachfolgenden Bona— hoffe, daß Eure Gnaden, nicht alſo gering von mir denken, zu meinen, daß ich eine Zuſammen⸗ kunft mit Euch, mit Euch Frau Koͤnigin, de⸗ ren Anblick nimmer alte, kaum verharrſchte Wunden wieder aufreißen ſollte, gewuͤnſcht, ja daß Anna vyn Mazowien in ſolche gewilligt ha⸗ — 217— ben könnte, wenn ſie nicht gemeint haͤtte, ſolch ſchweres Opfer der Ehre und dem Gluͤck ihres Hauſes ſchuldig zu ſeyn; wenn ihr die ueber⸗ ieugung nicht aufgedrungen waͤre, daß Euer Sinn, gleichviel aus welchem Bemeggrund, ſich gewendet. Ich bin alſo erſchienen auf Euer Ge⸗ heiß mit widerſtrebendem Herzen.— Seit ich aber zu Krakow angelangt, ſind Zweifel in mir aufgeſtiegen gegen die Moͤglichkeit, ſolchen Wil⸗ len zu vollbringen, ja gegen die Wahrhaftigkeit, gegen die Wahrhaftigkeit Eures Willens ſelbſt. Nicht alles hab' ich ſo gefunden, als es mich die Schreiben erwarten ließen, die mir zugeſtellt worden nach Eurem Befehl.— Man ruͤhmt des Koͤnigs feſte Anhaͤnglichkeit an die erwaͤhlte Gemahlin, die Kirche weigert ſich die Löſung eines Bundes auszuſprechen, den ihre Statu⸗ ten geheiligt; den Widerſtand des Senats und der Ritterſchaft hat man mir geſchildert, als des letzten Verſuch, gegen das insgemein auf⸗ zutreten, was Jeder vielleicht insbeſondere billigt, als eine gehaltloſe Foͤrmlichkeit, aufgeſtellt, der Verjaͤhrung angeſtammter Rechte vorzubeugen, die bei dem erſten Widerſtand in ein leeres Nichts verfliegt. Auch Katharina von Deſterreſch — 213— hat man mir genannt, Frau Königin, fuhr ſie langſam und nachdruͤcklich fort,— meinet Ihr, ich ſoll auf ſo mißliches Spiel mein Kind ſetzen, das Eimzige, was mir geblieben von ſo vielen Schaͤtzen?—— Nur einen Augenblic vedurfte die Mailaͤnderin, um eine ſchnell auf⸗ ſteigende Verwirrung ſpurlos zu unterdrucken, dann ſprach ſie mit heiterer Faſſung: Man hat Euch mancherlei geſagt, Prinzeſſin, wie ich ho⸗ re, aber ich meine, einer Dame von Euren Gaben nicht vorgrelfen zu muͤſſen in dem Ur⸗ theil uͤber deſſen Gehalt. Man hat der Herzogin von Mantua erwaͤhnt, und ich will nicht laͤug⸗ nen, daß es oftmals mein Wunſch geweſen, daß die Tochter des Kaiſerhauſes, dem ich ver⸗ vunden bin durch Blutfreundſchaft und manche Verpflichtung der zu fruͤh verblichenen Schweſßter, nachfolge auf dem Thron Unſers koͤniglichen Herrn und in ſeinem Ehebett. Doch iſt es lei⸗ der nur zu bekannt, und ungern geſtebt es die Mutter, daß ihr durchlauchtiger Sohn allzuſehr beherrſcht wird von ſinnlichen Trieben, und es ſtehet alſo nicht zu hoffen, daß die, welche Ihr genannt, obſchon eine Dame von ſehr hoher Geburt und ungemeiner Tugend, doch ſehr we⸗ — 219— nig begabt mit den Reizen unſers Geſchlechts, Herrn Siegmund Auguſt die Schoͤnheit der Koͤ⸗ nigin Eliſabetb und jener Barbara allgeruͤhmten Liebesreiz erſetzen moͤchte. Eurer Liebden Fraͤu⸗ lein iſt, wie ich vernommen, ſchoͤner denn beide, und die Republik wird mit Freuden die Erbin eines Hauſes kroͤnen ſehen, deſſen An⸗ denken ſelbſt der Jagiellonen koͤnigliche Tugen⸗ den nicht zu verloͤſchen vermochten. Entſcheidet Euch denn, ob Helena Odrowonz den Thron beſteigen ſoll, den jene Barbara ſchneller ver⸗ laſſen wird, als man es meint. Und daß ſie ihn verlaſſen ſoll, dafuͤr buͤrgt Euch Bona Sforza, die Koͤnigin von Polen. Noch hat man nicht verlernt der zu gehorchen, die mehr denn dreißig Jahre lang des Koͤnigs Machtge⸗ bot verkuͤndete im Reiche, noch nicht alle haben ſich abgewandt von der Wittwe Siegmund des Alten, und mein Wille iſt noch Geſetz in der Koͤnigsburg zu Krakow. Auf dem naͤchſten Reichstag wird es ſich erklaͤren, ob die Mutter der Schnur weichen ſoll, und ob die Stimme der vereinigten Staͤnde, wenn ſie das Recht begehrt, ungehoͤrt verhallen wird an dem Thron, von welchem ſe nur zu oft das Unrecht er⸗ — 2— trotzt.— Und wenn es doch anders kaͤme— unterbrach Anna die Rede Bonens—, meinet Ihr dann mich heimzuſchicken mit der verſchmaͤh⸗ ten Tochter zum zweiten Male in die Verbann⸗ ung, gleich uberlaͤſtigen Bettlern?—— und wenn es anders kaͤme?— wiederholte die Koͤni⸗ gin raſch.— Welcher Schuͤtze truͤge wohl nur einen Pfeil im Koͤcher, wenn er ausgeht zur Jagd?—— Eigene Erfahrung hat mich ge⸗ lehrt— verſetzte Anna mit ſeltſamen Laͤcheln— hat mich gelehrt, daß es nicht die Wahl der Mittel iſt, die meine Koͤnigin zu verwirren ver⸗ mag, und kleinliche Gewiſſenhaftigkeit ihr Ziel ſchwerlich verruͤckt.— Da ſprach die Koͤnigin, den aufſtrebenden Zorn muͤhſam niederhaltend: Wollen wir, die Fuͤrſtinnen, denn nie aufhoͤren, gleich niederen Frauen, uns das Vergangene aufzuruͤcken mit behender Zunge und giftigem Wort, und daruͤber das aus den Augen verlie⸗ ren, was einzig Noth thut? Ich habe mich erklaͤrt, Frau von Podolien, und erwarte, Ihr werdet ein Gleiches thun, daß fortan ſolch peinlicher Zwieſprach ſich nicht ernene.— Es ſey denn ſo, entgegnete die Prinzeſſin von Ma⸗ zowien mit ſtolzer Kaͤlte— wie Eure Majeſtaͤt — 2— geſagt. Nicht unwerth iſt meine Lochter durch Abkunft/ Schoͤnheit und Sitte, den Thron ei⸗ nes Jagiellonen zu theilen, und ich hoffe, daß man ſolches nie vergeſſen wird. Aber wenn man es jemals vergaͤße— ſetzte ſie mit ſteigender Stimme hinzu; ſo waͤre es beſſer, Bona von Mailand und Anna von Mazbwien haͤtten ſich nimmer wieder erblickt dieſſeit des Grabes, Wahret Euch Frau Konigin, Ihr habt den ſchlummernden Ehrgeiz in meiner Bruſt erweckt, das alte Erbtheil der Piaſten; ſehet Euch vor, daß nicht auch die Rache erwache! Nicht ſo leicht wird es Euch werden mich zum andern Male zu verbannen!—— Mit anſcheinendem Gleichmuth vernahm die Wittwe Koͤnig Sieg⸗ munds dieſe bedrohlichen Worte, und ſprach darauf nach einer Weile mit dem gemeſſenen Anſtand ihres Ranges.— So das Wojewoden⸗ fraͤulein von Podolien ſich im Gemache Unſerer Damen befindet, wie Wir es geboten, wollen Wir Euer fürſtlichen Liebden erlauben, daß Iht ſie vorſtellet.— Helena's Blick beim Eintritt ſiel auf ihre Mutter, und erſt als ſie dieſelbe in leidlicher Faſſung ſah, heugte ſich ihr Nnie vor der Kö⸗ nigin. Als nun Bona die Lochter umfaſſend ihre Stirn kuͤßte, daͤuchte es Annen, als habe eine blutgierige Woͤlfin die Klauen um den blen⸗ dend weißen Hals eines Lammes geklammert und ſchlage den biſſigen Zahn in ſein unſchul⸗ dig Haupt. Einmal noch erwachte das Mutter⸗ gefuͤhl in ſeiner ganzen Staͤrke; ſie war im Be⸗ griff die Tochter aus den Armen der Verhaßten zu reißen, aber die Wuͤrfel lagen, und ſo ließ ſie dem Schickſal freien Lauf, das ihr Eintritt in dieß Gemach herausgefordert; war üe ſich doch bewußt, ſelbſt nicht wehrlos in den Kampf zu gehen. Als die Konigin Helena Odrowonz aus ih⸗ ver Umarmung entlaſſen hatte, ſchaute ſie lange und wohlgefaͤllig auf die liebreizende Jungfrau, dann ſprach ſie: Wir ſind Unſrer fuͤrßlichen Muhme dankbar fuͤr das Vergnuͤgen, welches Uns der Anblick dieſes ſchoͤnen Fraͤuleins ge⸗ waͤhrt, und erſuchen ſie, daß ſie derſelben ge⸗ ſtatte, Uns als eine andere Mutter zu betrach⸗ ten.— Hoͤrt Ihr, mein lieblich Kind, als eine andere Mutter? Und nun laſſet Euch den Aufenthalt an einem Hofe gefallen, als — 23— deſſen ehrenwerthe Gaͤſte Wir und Unſer Kö⸗ nig und Sohn Euch betrachten.— Wie nun Helena darauf im Gefolge der Prinzeſſin die Treppen hinabging, dachte ſie: Noch nicht ganz zwei Tage bin ich am Hofe, und ſchon verſehen mit dreien Muͤttern.— Wird auch eine die Pflicht uͤben an mir, die ein ſolcher ehrwuͤrdiger Name gebietet?—— 8. Wir muſſen uns, obſchon nicht mit großem Behagen, zu Waelaw Siewrak wenden, den wir vom Großmarſchall aus ſeinem Palaſte ver⸗ wieſen ſahen, und welchem wir in einer der entlegenſten Winkelgaſſen der Vorſtadt Kazi⸗ mierz wieder begegnen, wo er, noch nicht erholt von der Beſtͤrzung und dem Zorn uͤber den ſo⸗ genannten Undank des Gebieters, ſich bemuͤhte, in einer kleinen Schenke ſeiner vormaligen Groͤ⸗ ße und der ihm drohenden Gefahr zu vergeſſen. Petrus Kmita war wohl der Mann dazu, die ihm gegebene Verheißung in aller Eile und ohne ſonderliche Scheu zu vollſtrecken; die Geſetze be⸗ — 224— ſchuͤtzten zu damaliger Zeit nur den Adel, die Geiſtlichkeit und hoͤchſtens den hoͤhern Buͤrger⸗ ſtand, und ſo konnte es leicht kommen, daß, wenn er dem Wojewoden in den erſten Au⸗ genblicken des Zornes zu Geſchte kam, ihn die⸗ ſer ohne weitlaͤufige Unterſuchung einen Tani auf Nichts, wie die Engläͤnder ſagen, ver⸗ ſuchen ließe. Er hielt es daher fuͤr rathſam, in ſeinem Schlupfwinkel bis zur einbrechenden Nacht verborgen zu bleiben, und es war ſchon ziemlich ſpaͤt, als er mit ſchwerem Kopf und er⸗ leichtertem Beutel ſich auf den Weg machte, ei⸗ nen andern Zufluchtort auſzuſuchen, wo er we⸗ nigſtens die naͤchſten Tage unangefochten blei⸗ ben, und uber ſein ferneres Beginnen mit ſich zu Rathe gehen konnte. An dem aͤußerſten Ende der genannten Vorſtadt, unfern von der Stäͤtte, wo traurige Kiefern und duͤſtere Fichten die bret⸗ ternen Male beſchatten, welche uͤber den Graͤ⸗ bern der Ifraeliten aufgerichtet ſind, brannte in einer einſam gelegenen aͤrmlichen Huͤtte ein mattglimmendes Torffeuer auf niedrigem Herd. Ein mißtoͤnender Geſang, wie aus den wackeln⸗ den Kinnladen eines bejahrten Weibes, ſchallte dem Naͤherkommenden entgegen, und widrige Daͤmpfe traten in Geſtalt eines dichten Rauches durch die uͤbel verwahrten Laͤden in die eiſige Luft der Winternacht. Dem Himmel ſey Dank, brummte Waeclaw in den bereiften Bart hinein, dem Himmel ſey Dank, daß des Teufels Groß⸗ mutter zu Hauſe iſt, ſonſt haͤtte der Schreiber⸗ gehuͤlfe des Großmarſchallamtes die Nacht wohl im Freien zubringen muͤſſen, und eine Schuͤtte Stroh an dem Torffeuer iſt doch immer beſſer, als ein Schneekiſſen auf einem Judengrab.— Nach dieſer Bemerkung begann er erſt mit lei⸗ ſer Stimme, dann immer lauter zu rufen.— Macht auf urſula, meitne Baſe!— mit Ver⸗ gunſt— macht auf.— Laſſet mich doch ein, denn es iſt verteufelt kalt im Freien.— Auf⸗ gemacht— ich bitte Euch. Mach auf ſchaͤnd⸗ liches Weibſtüͤck im Namen der Holle!— Bei dem erſten Beginnen dieſer Begruͤßung hatte die Stimme im Innern der Huͤtte geſchwiegen; als aber die letzten Kraftworte erſchallten„ er⸗ hob ſie ſich aufs Neue, und ließ ſich in heiſerm, geſangaͤhnlichen Tone und ſchnell hervorgeſtoße⸗ nen Worten alſo vernehmen: Biſt Du es, der draußen ſteht vor der Thuͤre, Geliebter meiner Seele? Biſt Du es, trauter Junker? Warum 15 — 226— zogerſt Du doch einzutreten in die niedere Hütte Deiner Magd?— Sieh, der Rauchfang iſt ja offen und das Schluͤſſelloch an der Thuͤre— warum weileſt Du draußen, hoher Gebieter? Sind wir doch nicht im Maimond, da wir uns luſtig ergehen und tanzen in zierlichen Reihen auf dem Kahlenberge.*) Eiskalt wehet der Nachtſturm uͤber die Graͤber, und Du kommſt doch wohl von warmer Stelle.— Schlupfet doch herein, der Keſſel ſiedet und die Lagerſtätte iſt bereitet.— So wahr mir Sankt Adalbert helfe— ſagte Siewrak zu ſich ſelbſt, ſo gewiß mein ich, die Wetterhexe haͤlt mich fur ihren polliſchen Galan. Aufgemacht, nichtswuͤrdige Alte, ſag' ich; der Teufel, deſſen Eigenthum Du biſt auf ewig, mag einkehren bei Dir durch den Schlott und das Schlaͤſſelloch, nicht aber ein Menſch mit Fleiſch und Bein, der tagtaͤg⸗ lich ſeine Meſſe hoͤrt.— So, Ihr ſeyd es nicht— erwiderte die Huͤttenbewohnerin im ſinkenden gedehnten Tone der getaͤuſchten Er⸗ wartung. Nun, wer ſeyd Ihr denn, wenn Ihr nicht Er ſeyd?— Eben wollte ſich Waclaw *) Der kahle Berg, Lysa gora, der Brocken Potens. — nennen, da fuhr die Alte mit geſchwinder Rede fort. Ach Ihr ſeyd wohl der, den mir die onaͤdige Frau Staroſtin Falezeska zu ſenden ver⸗ heißen im Auftrage von—— Nun verziehet nur ein wenig, ſogleich thu' ich auf.— Es war erſprießlich fuͤr den dienſtloſen Schreiber, daß man ihn fuͤr den Boten einer Dame hielt, die in großem Anſehen bei der Koͤnigin Mutter war, denn unmittelbar oͤffnete ſich die Thuͤre, und er ſtand vor der abenteuerlichen Alten, auf deren duͤrren Schultern das naͤmliche Haupt ruhete, das ſich am Morgen dieſes Tages an der Schloßtreppe zwiſchen die Verlobten gedraͤngt hatte. Ei, Ihr ſeyd es alſo trauter Vetter und verehrlicher Herr Kanzleibote?— begruͤßte ſie den Eintretenden, habt Ihr Euch auch ein⸗ mal in Eurem Wohlleben Eurer duͤrftigen Muh⸗ me erinnert, oder kann ich Euch in etwas be⸗ huͤlflich ſeyn, oder kommt Ihr wohl gar im Auftrag Eures gnaͤdigſten Herrn? Ja, ja, auch große reiche Leute brauchen oftmals der Niedern und Armen— nun— nun— ich diene gern— ſo mancher, von dem man es nicht meint, fragt wohl nach der armen urſula am Leichen⸗ acker der Juden.— Mit den Aufträgen iſt es 15* — 228— nichts, Muhme Urſula, antwortete Siewrak, und es hat ſich ausgeſchreibert.— So! das waͤre! Wie hat ſich denn das alſo begeben? lautete die merklich kuͤhlere Gegenrede der Al⸗ ten— meinte ich nicht, Ihr ſeyet des Herrn rechte Hand, und thatet Ihr doch ſo keck und ſchautet Eure Angehoͤrigen uͤber die Achſel an⸗ als waͤret Ihr der Großmarſchall ſelbſt, Eure Mutter, mein Schweſterkind, nicht von uͤgypti⸗ ſchem Stamme, und Euer Vater kein Wurm⸗ doctor und Jahrmarktsgaukler? Hochmuth kommt vor dem Fall, mein lieber Geſell— und Ihr moͤgt es wohl danach gemacht haben⸗ denn mit Vergunſt, Ihr habt nimmer etwas getaugt.— Der Teufel weiß es beſſer als ich, wie es zugegangen—, verſetzte der Vetter muͤr⸗ riſch— ich meint' es noch ſo gut gemacht zu haben. Aber ſo ſind die edlen Herrn, leide un⸗ ſereins fuͤr ſie das Aergſte, trage er ſeine Haut zu Markte, und es kommt zur Rechnung, ſo machen Kantſchuh und Galgen das Faeit. Da es aber nun einmal ſo ſtehet, muͤſſet Ihr mir Obdach geben fuͤr einen Tag oder zween, denn niemand denkt daran mich zu ſuchen in ſolch verwuͤnſchtem Eulenneſt.— Das waͤre fein— kreiſchte die Alte in immer gelaͤufigerer Rede— Muͤſſen? Ei, ſeht doch! nein, nein, mein Eulenneſt iſt viel zu ſchlecht fuͤr eine ſo vorneh⸗ me Perſon, als Ihr, mein Herr weggejagter Schreibergeſelle. Thaͤte es doch Noth, daß eine arme Wittib einen Taugenichts, der ſie nicht angeſchaut, wie er dem Gluͤcke im Schooße ſaß, nun aufnaͤhme in ihr Kaͤmmerlein und ihn fuͤt⸗ terte mit den aͤrmlichen Fruͤchten ihres Fleißes. Daraus wird nichts, trauter Vetter, darum ſehet Euch immer nach anderer Herberge um.— Schweig— hirnverruͤcktes Weib— rief Siewrak ungeduldig, ich habe gegeſſen zur Nacht, und mich geluͤſtet nicht nach Deiner Bruͤhe von Ei⸗ dechs und Fledermaus, auch begehre ich nicht umſonſt ein Nachtlager auf Deinem feuchten Stroh; ſo weit iſt es noch nicht mit mir, daß ich den Herrendienſt nackt und blos verlaſſen haͤtte, und dieſer Beutel, aus dem ich Euch zwei rothe Goldguͤlden beſtimmt, iſt nicht das Einzige, was ich mir erworben mit großer Ge⸗ fahr. Das Argument des goldſchweren Netzes, welches der Gaſt ſeiner widerſtrebenden Wirthin entgegen hielt, bewaͤhrte auch dießmal ſeine Kraft; ihre Geſichtzuge verzerrten ſich zu einem widrigen Laͤcheln, und ſie begann im allermil⸗ deſten Tone: Hab' ich es doch immer geſagt, Vetter Waelaw iſt ein anſtelliger Kopf und wird es zu etwas bringen in der Welt. Nun, nur nicht verzagt; wenn es regnet und ſftuͤrmt, duckt ein kluger Mann unter, und wollet Ihr indeß vorlieb nehmen mit meiner geringen Bewirth⸗ ung und habt Vertrauen zu Eurer Baſe, ſo moͤget Ihr getroſt hier weilen, denn es ſtehet die Schwelle dieſes Hauſes unter dem Schutze gewaltiger Maͤchte.— Geht mir mit Eurem abenteuerlichen Geſchwaͤtz— unterbrach ſie der Schreiber, und ſehet lieber zu, ob Ihr nicht einen guten Schluck irgend wo findet in einem Winkel dieles Geniſtes— der Nachtwind hat mich durch und durch geſchuͤttelt, und ich weiß ja, meine Frau Muhme iſt ſo arm nicht, als ſie es ſcheinen will, und theilt gern Leuten mit, die Geld haben.— Mit großer Bereitwilligkeit hob die geſchaͤftige Wirthin einen großen, mit einem uͤbelduftenden Gemengſel angefuͤllten Keſ⸗ ſel vom Feuer herab, dem ſie neue Nahrung gab, daß es luſtig aufloderte, und bald blinkte in zierlich geſchnitzten Hornbechern ein Getraͤnk, 6 — das Waclaws Vermuthung uͤber die eigentlichen Gluͤcksumſtaͤnde ſeiner Baſe vollkommen recht⸗ fertigte. Bald hatte die Alte erfahren, was ſich zu⸗ getragen, und nachdem ſie dem Bericht bald beifoͤllig grinſend, bald kopfſchuͤttelnd gehorcht hatte, ließ ſie ſich folgendermaßen vernehmen: Trauter Vetter, wohl habt Ihr allerlei ſchoͤne Anlagen erhalten, und es moͤchte Euch nicht fehlen, Euer Gluͤck zu machen im Herrendienſt; doch welcher Menſch iſt volkommen? Zwei kleine umſtaͤnde verruͤcken Euch fort und fort das Ziel⸗ dem Ihr nachgeſtrebt habt mit loͤblicher Feſtig⸗ keit, und ohne hie und da eines tuͤchtigen Stoßes, oder ſelbſ einer Tracht Schlaͤge zu ach⸗ ten.— Eure Reigung zum Trunk meine ich, und Eure Sucht ſtets mehr zu thun, denn man Euch geboten. Ihr muͤſſet ſolche Weiſung nicht unwillig aufnehmen von einer Blutsfreundin, die Euch zugethan iſt mit beinahe muͤtterlicher Zuneigung.— Siewrak blickte bei dieſen Wor⸗ ten ſpoͤttiſch laͤchelnd auf die beiden Goldſtuͤcke, welche die Alte eben mit großer Haſtigkeit in ei⸗ nem ledernen Beutelchen verwahrte, deſſen Farbe einen langen Gebrauch verrieth, und ſagte dat⸗ ders verrichtet, als um das Geld, und Euch — 232— auf: Schönen Dank, Frau Baſe, fuͤr Eure plötzliche und uneigennützige Geneigtheit— doch habe ich Eure weiſe Rede nicht allerdings be⸗ griffen.— Was die Liebe anbelangt zu Wein, Brantwein, Meth und andern dergleichen Heri⸗ ſtaͤrkungen, ſo iſt's wohl wahr, daß ſolche mir oftmals nachtheilig geweſen im Herrendienſt; es muß mir aber angethan ſeyn in der Wiege, und ich weiß nicht, ob ſie ein Erbſtuͤck iſt von mei⸗ ner Mutter, Eurem Schweßerkind, oder von meinem Vater, dem Zahnausreißer.— Was Ihr aber geſprochen vom Zuvielthun im Herren⸗ dienſt, das iſt mir zu hoch, und man kann meines Erachtens gar nicht zu viel thun in dem⸗ ſelben, abſonderlich bei einem ſtrengen und ei⸗ frigen Gebieter, wie der Kmita iſt, der gar unwillig darein ſchauen wuͤrde, wollte einer ſei⸗ ner Diener abdingen von dem, was er ihm ge⸗ heißen.— Ihr meinet wohl gar— erwiderte die Alte— einen tuͤchtigen Schluck nehmend, daß Ihr Beſonderes an mir gethan mit dem ge⸗ ringen Pfennig, den Ihr der Schwrſter Eurer Großmutter gereicht, und ruͤckt ihn mir auf? Hoͤret nur, habt Ihr denn jemals etwas an⸗ hhbböc jemals eine Brauſche ſchlagen laſſen an Euren dicken Kopf, ohne daß ein Goldſtuͤck bei der Hand geweſen waͤre, um es darauf zu druͤcken? Das lob' ich aber an Euch, denn es ißt das liebe Geld nütze zu allen Dingen, und ein rechtes Bindungmittel zwiſchen Freunden und Bluts⸗ verwandten. Damit Ihr aber ſehet, daß ich nicht ſo eigennuͤtzig bin, als Ihr meinet, ſo will ich Euch außer der Koſt und Wohnung fuͤr Eure guͤldnen Pfennige, trautes Soͤhnlein, noch eine Lehre umſonſt in den Kauf geben. Ah⸗ dingen, ſprachet Ihr, ließe ſich der Herr nicht bon dem Gebot, und das iſt vollkommen recht und billig; das Zuviel taugt jedoch in kei⸗ nerlei Weiſe, und hat es bewaͤhrt an Euch. Glaubet mir, haͤttet Ihr, ſtatt mit toͤlpiſchem Dienſteifer großen Laͤrm zu machen in gar ſpitz⸗ findigen Dingen, Euch den Ruͤcken frei gehalten, wie es einem Klugen ziemt, es waͤre beſſer ge⸗ weſen fuͤr Euren Herrn und fuͤr Euch, und Ihr ſäßet heute noch im Palaſte des alten Wojewo⸗ den. Doch, um alſo zu thun, muß man nicht mit taumelndem Schritte und ſchwerem Haupte an das Werk gehen. Denket nur nicht, ich ſpeeche ſo auf gutes Gluͤck, nach Art bejahrter Frauen— Baſe urſula weiß mehr von dieſen Dingen, als Ihr meinet, mein hochweiſer Herr Kanzleibote.— Doch wie ich ſage, Ihr habt allerlei ſchoͤne Anlagen, und es iſt keiner als Meiſter auf die Welt gekommen, drum will ich, ſo Ihr fort an meiner Weiſung folgen wollet, auf ein ander Unterkommen fuͤr Euch bedacht ſeyn, das ſeinen Mann redlich naͤhrt, und bei welchem Ihr ſo ſicher ſeyd vor den Peitſchen⸗ hieben des Kmita und ſeinem Galgen, als ſaͤ⸗ ßet Ihr in Abrahams Schvoß.—— Wenn Ihr alſo thun wollt, Baſe, ſo wuͤrdet Ihr mich ſehr verbinden— antwortete Waclaw— ich bin den Herrendienſt gewohnt und das Wohl⸗ leben, und mag nicht laͤnger lauern in dieſem dumpfigen Winkel, aber der LTeufel traue.— So heißt es nicht, Sohnlein— ſprach darauf urſula mit ſeltſamem Ausdruck— es heißt: dem Teufel traue.— Ein herrlicher Gewaͤhrs⸗ mann, unterbrach ſie der Vetter, deſſen vor⸗ nehmſte Eigenſchaft nicht der Muth war, mit erbleichenden Wangen— trachtet nur, daß ich bald ſicher wieder hinauskomme in die Stadt aus dieſer unheimlichen Behauſung, und ſeyd meiner Dankbarkeit verſichert. Richts da, nichts — 235— da, Freundchen, wir kennen uns, und mit ſchoͤnen Verheißungen iſt es nicht gethan. Hoͤrt, es muß noch in dieſer Nacht ein Fremder zu mir kommen, der Euch in ſeinen Dienſt nehmen wird, ſo ich ihn darum angehe— er hat viel Anſehen und Gewalt, ob es wohl nicht alſo ſcheinen moͤchte, und belohnt reichlich die ſich ihm ergeben. Wenn ihm Euer Antrag nun an⸗ genehm iſt, werdet Ihr Eurer Freundin und Baſe einen guten Theil abgeben zum Ding⸗ pfennig von den Goldſtuͤcklein da in Eurer Katze, welche Ihr fortan nicht mehr beduͤrfet.— Eben wollte Waclan Siewrak mit ſchuͤchterner Stimme ſich nach der Beſchaffenheit des erwarteten Gaſtes erkundigen, deſſen Ankündigung aus ſolchem Mun⸗ de und an dieſem Prte ihm nicht viel Gutes zu verſprechen ſchien, da ertoͤnten drei ſtarke Schlaͤ⸗ ge gegen den morſchen Fenſterladen der Huͤtte. Heftig fuhr der Schreibergeſell zuſammen, denn er waͤhnte, es werde nun der Beſuch erſcheinen, fur den ihn vor ſeinem Eintritt die Alte gehal⸗ ten, und es ſey der Feind der Menſchen, dem ſie ſeine Dienſte beſimmt. Auch vergroͤßerte ſich ſein Entſetzen merklich, als die Huͤttenbewoh⸗ nerin alsbald von neuem ihren henlenden Ge⸗ ſang begann: Wer ſchleichet zu nachtlicher Stunde um meine Behaufung? Seyd Ihr es, gebietender Junker? So tretet doch ein zn Eu⸗ rer demuͤthigen Magd, ſie zu erfreuen mit Eu⸗ rem liebreizenden Anblick.— Mag Euch auch ein Schloß oder Riegel widerſtehen? Tretet herein in die geſchmuͤckte Kammer. Da ließ ſich draußen eine dumpfe Stimme vernehmen; Thue auf, Uurſula, ich bin es, Aſſano der Neapolita⸗ ner.— Schnell wendete ſich die Alte zu dem zaͤhnklappernden Neffen und fluͤſterte ihm zu: Nun nehmet Euch zuſammen, Soͤhnlein, er iſt da.— Waelaw aber murmelte zwiſchen den Zaͤhnen: Iſt's auch nicht der, den ich gewaͤhnt, ſo iſt er doch warlich nur um ein weniges beſ⸗ ſer.— Und wirklich, als nun die Huͤttenthuͤre ſich oͤffnete, und der rothe Schein der Flamme auf die hohe, in einen ſchwarzen Mantel ge⸗ hullte Geſtalt ſiel und an dem breiten, mit Ra⸗ benfedern geſchmuͤckten Hut, und in den duͤſtre Funken ſpruͤhenden Augen und auf dem verzerr⸗ ten Antlitz widerglaͤnzte, war das widrige Grei⸗ ſenbild dem Fuͤrſten der Finßerniß nicht unaͤhn⸗ lich, deſſen Erſcheinung der zagende Schreiber entgegen geſehen. Es erhob ſich nun zwiſchen dem Gaſt und der Wirthin des Hauſes ein lang⸗ waͤhrendes leiſes Geſpraͤch in unbekannter Mund⸗ art, und es ſchien nach den Geberden der Re⸗ denden nicht unbedeutende Gegenſtaͤnde zu be⸗ treffen. Darauf zeigten aber die Blicke, welche der Neapolitauer forſchend auf den dritten An⸗ weſenden richtete, daß die Unterredung eine an⸗ dere Wendung genommen, und kurz nachher ließ ſich die Alte in polniſcher Sprache alſo verneh⸗ men: Dieß iſt er, hochgelahrter Herr Famulus, und ich buͤrge Euch dafur, es iſt der beßte Bur⸗ ſche, der je einen breiten Ruͤcken preisgegeben in allerlei kitzlichem Beginnen; verſteht ſich, gegen gute Bezahlung.— Der Neapolitaner be⸗ trachtete eine Weile den unterwuͤrfig naͤher tre⸗ tenden Enpfohlenen und ſagte darauf: Ich ſollte meinen, dieß Geſicht ſchon geſehen zu ha⸗ ben.— Warſt Du es nicht, guter Freund, dem mein hochgelahrter Patron zu Jwanvwice ein gewiſſes Schreiben abnahm, und der darauf un⸗ nuͤtzes Zeug ſchwazte gegen einen vom Gefolge der Littauerin? Warlich, ſolche Stucklein ſind nicht geeignet Dich zu empfehlen.— Verehrter Herr Famulus— lautete Waclaws Antwort,— in der Nacht ſind alle Kuͤhe ſchwarz„und Euer — 266— werther Herr Patron druͤckte ſich ſo abſonderlich aus in der Landes ſprache, daß ich nicht begriff, auf welcher Seite der Irrthum ſey, auf der ſeinigen oder der meinen. Darum will ich Euch geziemend bitten, ſo Ihr mich wuͤrdig befindet dem Herrn Doetor zu dienen, daß ſeine Befehle an mich gelangten durch Euch— Ihr ſeyd doch auch ein Welſcher, wie ich vernommen, es iſt Euch aber das Polniſche ſo gelaͤufig, daß man meinen moͤchte, Ihr ſeyd ſchon ehemals im Lande geweſen?— Waos kuͤmmert es dich Ge⸗ ſell— fragte Aſſano mit dumpfer Stimme und einen finſtern Blick auf jenen werfend— wo ich fruͤher geweſen?— Euer Reffe, ſo ſcheinet es Frau urſula, iſt ein vorlauter unnuͤtzer Knecht, und ſchwerlich geeignet zum Dienſt des Meiſters Lionardo Monti.— Doch wohl, ehrbarer Herr, doch wohl; es ſind der Gaben des Himmels mancherlei, und er wird ſich ſchon bilden unter Eurer Anleitung.— Nun ſo verantworte dich denn, Vetter, damit ich nicht ſchlecht beſtehe in meiner Empfehlung; ſey nicht gllzubeſcheiden, ein blöder Hund wird ſelten fett, doch iſt ja die Bloͤdigkeit Dein Fehler nicht, darum ſage dem Herrn was Du vermagſt.— Ich bin wohl — 230— bewandert im Herrendienſt— ließ ſich Siewrak nicht ohne Selbſtgefaͤlligkeit vernehmen,— auch iſt das Haus des Wojewoden eine gute Schule.— Und was haſt Du daſelbſt gelernt?— Die Be⸗ fehle des Herrn zu erfuͤllen mit Eifer und Puͤnkt⸗ lichkeit— vornehmlich ſolche, die man gemei⸗ nen Dienern und gewiſſenhaften Leuten nicht anvertrauen mag, denn dieſe ſind es, welche am beßten gelohnt werden; allerlei Ungemach nicht zu achten, wie etwa Schimpf, Stoͤße und Hiebe, verſteht ſich mit ſtumpfen Waffen, ſo meiner daheim eine tuchtige Wundſalbe wartet, die Ehre, das Gewiſſen und die Beulen zu waſchen, und endlich auch allenfalls bei ſchick⸗ licher Zeit und Gelegenheit Einem ein Wort ins Ohr zu raunen, daß er Niemand wiederſagt in dieſer Welt, wovon ich jedych den offenen Kampf ausnehmen muß, denn ich bin kein Kriegsmann, ſondern vielmehr ein Literatus und der Wiſſenſchaften Befliſſener, ferner—— Genug— önterbrach Aſſano die Selbſtempfehl⸗ ung des Schreibers. Ich ſehe, der Burſche hat, wie Ihr mehr Beſcheidenheit, als Ihr gemeint.— Doch noch eines, kannſt Du auch ſchweigen?—— L Wie das Grab.— und alſo mußt Du es auch koͤnnen, Waeclaw Siewrak; denn ſieh, es gebricht nicht an Ritteln, die unbeſcheidene Zunge verſtummen zu machen, wie das Grab, das Du genannt.— Schon gut, ſchon gut, ob, ich Euch gleich geſtehe, daß eine Hand voll ſpaniſcher Dublonen mir lieber waͤren als Maul⸗ korb, denn eines jener Tropflein, die in der Kiſte ſeyn moͤgen, aus der Euer Patron an je⸗ nem Abende dem hochwuͤrdigen Bartholomaͤus Sabinus den Nachttrunk kredenzte.— Wie es trifft, Freund Siewrak, wie es trifft, das Eine oder das Andere; und da Du ſo gute Augen haſt und Phren, ſo magſt Du waͤhlen. Euer Vetter, Alte, iſt mir angenehm; nicht des Dareinſchlagens thut es Noth in dieſer Zeit, und genug Gelegenheit wird ſich finden, ſeine andern loblichen Eigenſchaften zu erproben.— Hierauf wechſelte er mit der Bewohnerin der Huͤtte noch einige Worte in jener unbekannten Sprache, und nachdem der neue noß des Leibarztes, von ſeiner Baſe beim Abſchied in die Ecke gezogen, obſchon widerſir den In⸗ halt ſeines Beutels mit ihr gethe folgte er dem Famulus auf einſamen Umwegen in ein Nebengebaͤude des Palaſtes. 9. Der Graf zu Tarnow hatte dem Koͤnig nicht Zeit gelaſſen, ſeine Einwilligung zu Berufung eines neuen Reichstages zu bereuen oder zuruck⸗ zunehmen; mit gleicher Sorgfalt fuͤr die Wuͤrde des Thrones wachend und fuͤr die Rechte einer republikaniſchen Verfaſſung, lag er Siegmund Auguſt an, ein Verſprechen zu erfuͤllen, das einmal gegeben, ohne Entwuͤrdigung und gro⸗ ßen Nachtheil nicht außzuheben war, und ver⸗ mochte ihn, der nicht ungegruͤndeten Beſorgniß ungeachtet, weiche, gleich wie den großbrittani⸗ ſchen Koͤnigen zu manchen Zeiten die Verſamm⸗ lung eines Parlaments, die Zuſammenkunft der Staͤnde in dem Monarchen erregte, den allge⸗ meinen Reichstag der Krone und des Groffüͤr⸗ ſtenthums auf den Februarmonat des Jahres 1549 zu Piotrkow anzuſagen. Die königlichen Univerſalien waren ausgeſandt und die Kreistage der Wojewodſchaften begannen die Ritterſchaft 16 an den angewieſenen Drten zu vereinigen. Koͤ⸗ nig Siegmund wollte ſeine Gemahlin nicht in der ungewiſſen und peinlichen Lage verweilen laſſen, in der ſie ſich in der Reſidenz befand, bis zu dem nahen Zeitpunkt, da ihr Schickſal entſchieden werden ſollte; eine Entſcheidung, die er im Bewußtſeyn eigener unerſchuͤtterlicher Feſt⸗ igkeit, trotz aller ſtets neuen erſcheinenden Hin⸗ derniſſe, als unbezweifelt anſah. Er geleitete mit großem Gefolge Frau Barbara nach Wilno in die Hauptſtadt ſeiner Erblande, wo er, wie die Chroniken jener Zeit berichten, ihr koͤni⸗ gliche Ehre erweiſen ließ, und ſie im Glanz ſchnell auf einander folgender Feſte ſo manche Kraͤnk⸗ ung, die ihr zu Krakow wiederfahren, vergeſ⸗ ſen zu laſſen ſich bemuͤhte. Er kehrte darauf zu⸗ ruͤck in die Lande der Krone, um ein wachſa⸗ mes Auge auf die Gegner ſeiner Wuͤnſche zu haben, nachdem er die littauiſchen Herren der drei akatholiſchen Glaubenbekenntniſſe, die Lu⸗ theraner naͤmlich, die Calviniſten und Schis⸗ matiker, oder Anhaͤnger der griechiſchen Kirche, aufgefordert hatte, ſich in moͤglichſt großer An⸗ zahl zu Piotrkow einzufinden. Vorzuͤglich gebot er ſeinem Schwager dem Fuͤrſten Nikolaus Rad⸗ — 243— ziwill ſchleunige Folge.— Auch die Widerſacher waren nicht muͤßig geblieben. Oftmals entfernte ſich der Wojewode von Krakow aus der Haupt⸗ ſtadt, um auf ſeinem Schloſſe zu Wisnice den benachbarten Landadel mit großer Pracht und ungewohnter Leutſeligkeit zu bewirthen; ſeine Vertrauten zeigten ſich in den Verſammlungen der Ritterſchaft, wo irgend ihre Beſitzungen ih⸗ nen die Stimmfaͤhigkeit geſtatteten, in großer Menge, und ermangelten nicht durch Gaſtmi⸗ ler, Geſchenke und vertrauliche Mittheilung den Geiſt der Widerſetzlichkeit und der Unruhe unter ihren Mitbuͤrgern und Standesgenoſſen zu verbrei⸗ ten; in den rothruſſiſchen und podoliſchen Land⸗ ſchaften erwieſen ſich die Verwandten des Hau⸗ ſes Odrowonz und die Zborowski ungemein thaͤ⸗ tig; die Erſten aufgereizt durch die Prinzeſſin von Mazowien und den Wunſch, daß ihrem Blutsfreund widerfahrene unrecht zu rächen, die Zweiten angetrieben von dem alten Ehr⸗ geis ihres Geſchlechts, das ſchon früher vftmals im Widerſtande gegen die königliche Gewalt im Getümmel der Empoͤrung und des buͤrgerlichen Swiſtes ſeine weit um ſch greifenden Abſichten in erreichen geſucht hatte. In Großpolen legte 16* der Primas ſein erzbiſchofliches Anſehen und das Gewicht ſeines Ranges in die Wagſchale der unſchluͤſſigen Meinung; ihm ſtand zu Szieradz, Jakand von Brudzewa, zu Poſen, Janus Latalski der Wojewode, und Andreas Görka, der Kaſtellan, kraͤftig bei, und ſogar Raphael Leszezynski, der edelſte Republikaner ſeiner Zeit vergaß in den Beſtrebungen, den Adel der Landſchaft Kujawien, in velcher er zu Brzese Kaſtellan war, gegen die Beſchluͤſſe des Thrones einzunehmen⸗ den Eifer fuͤr den pro⸗ teſtantiſchen Glauben uͤber der Befuͤrchtung, die das Uebergewicht in ihm erregte, welches die koͤ⸗ nigliche Gewalt in den Haͤnden eines jungen, ſtolzen und gewandten Fuͤrſten, wie Sieg⸗ mund Auguſt, gewinnen koͤnnte. Doch auch die andere Partei gebrauchte ihre Hülfsmittel, theils offen, theils mit mehrerer Umſiht, je nachdem es die Verhaͤltniſſe geboten.— Der Wojewode Johannes Firley verließ die Zimmer der Koͤnigin Mutter, in nelchen er den verwelkten Reizen der Mailaͤnderin mit erkuͤnſteltem Feuer und hoͤſiſcher Geſchmeidigkeit gehuldigt hatte, am ſpaͤten Abend gewoͤhnlich, um in der Einſamkeit ſeines Gemachs und in der Stille der Nacht die Lriebfedern zu Gun⸗ ſten ſeines Glaubens und ſeines Ehrgeizes in Bewegung zu ſetzen, die ihm ſeine großen Reich⸗ thuͤmer, ſein Anſehen beim ealviniſtiſchen Adel und ſeine Verbindungen mit den erſten Haͤu⸗ ſern des Reichs zu Gebote ſtellten. Auch Petrus Boratynski hatte die Hauptſtadt verlaſſen, um der Tagſatzung der Edelleute der Wojewoden⸗ ſchaft Rußland beizuwohnen, zu velcher er als Staroſt von Sambotz ſich zaͤhlte. Die Gemahlin Siegmund Auguſts, vielleicht noch nicht ganz befreit vom fruͤhern Argwohn, der einmal ge⸗ faßt felten voͤllig verſchwindet und unwillkuͤhr⸗ lich fortwirkt auf Gedanken und Thun, hatte an ihre Pflegbefohlene nur eine und ziemlich kuͤhle Einladung ergehn laſſen, ſie in die Haupt⸗ ſtadt Littauens zu begleiten und mit kaum verborgener Freude Helenens ablehnende Ant⸗ wort und ihr Erroͤthen aufgenommen, als ſie ihr laͤchelnd vorwarf, daß ſie die Freundin dem Verlobten aufopfere. Barbara war nicht geneigt die muͤtterliche Gewalt der Prinzeſſin von Mazowien bei dieſer Gelegenheit in An⸗ ſpruch zu nehmen, und wohl ſchwerlich haͤtte dieſe guch zu Gunſten der Entfernung ihrer Tochter entſchieden, da ſie an dem Fraͤulein längſt ein ſtilles, doch feſtes Widerſtreben gegen ihre Abſichten bemerkt hatte, und billig Beden⸗ ken getragen haben wuͤrde, ſie aus dem Bereich des muͤtterlichen Einſtuſſes zu entlaſſen. Es war ja nun alles der Erfuͤllung nahe; der be⸗ vorſtehende Reichetag ſollte die Littauerin von dem Platz verdraͤngen, welcher nach Annens Meinung allein ihrer Lochter gebuͤhrte, und das ſireng erzogene ſittige Maͤdchen nuͤrde ſch, glaubte ſie, durch den Drang der umſtaͤnde eingeſchuͤchtert und durch der Mutter Gebot, und beſtochen durch die glaͤnzendße Ausſicht in die Zukunft, dem Unvermeiblichen fuͤgen. ue⸗ berdem hatte die Koͤnigin Bona in mehrern Zu⸗ ſammenkuͤnften, welche der erſten gefolgt waren, der Frau von Podolien ſtets die dringende Mahnung wiederholt, die ſie ihr fruher durch den Großmarſchall zukommen laſſen, die Mahn⸗ ung, ſo lange es Noth thue, das Haus Bo⸗ ratynski zu ſchonen, deſſen Haupt nun wohl bald allen den Einfluß gewinnen wuͤrde, den das Amt eines Marſchall des Reichstages in ſo verwickelten Umſtaͤnden gewaͤhren moͤge.— Laſ⸗ ſet jenen Petrus noch eine Weile wahnen— ſprach ſie— die Ehren und Reichthuͤmer des piaſtiſchen Hauſes werden ſich in ſein Geſchlecht ergießen; laſſet ihn nicht ahnen, daß die Ent⸗ ſetzung jener Barbara, dem Bruder den koſtharen Edelſtein entreißen wird, nach dem er ßrebt, um die koͤnigliche Krone mit ihm zu verherrlichen⸗ laſſet ihn noch ein wenig ſich muͤhen; iſt es erſt dahin, wohin es kommen muß, ſo iſt es Zeit die wahre Geſinnung zu zeigen, passaro el perico- lo, Frau Fürſtin, gabhato il Santo.—— So ſah denn Anna von Matowien mit ſchein⸗ bar geringerm Unmuth denn bisher den Ver⸗ lobten ihrer Tochter; die Pforten ihres Hauſes ſtanden ihm offen, gleich jedem andern Beſucher; ſie verhinderte nicht mehr jedes Beiſammenſeyn der jungen Leute, und entſchuldigte manches vertraute Wort, manchen lebhaften Blick gegen die Anweſenden mit den Rechten der Jugend⸗ freundſchaft, doch richtete ſie unaufhoͤrlich ein wachſames Auge auf die Beiden, und be⸗ wahrte den Entſchluß, wenn nur alles zur Reife gediehen ſeyn werde, den unwillkommenen Freier abzuweiſen.— So meinten Eigennutz und Ehr⸗ geiz den ritterlichen Petrus Boratynski zum Werkzeug ihrer Plaͤne zu machen, waͤhrend er — 248— feſt und ohne von dem Wege abzuweichen, den er ſich vorgezeichnet, ſeine ehrenvolle Bahn fortwandelte, deren Ziel nur das Wohl des Va⸗ terlandes, nicht der eigene Vortheil, noch die Erhebung ſeines Stammes war. Ein guͤnſtigerer Stern ſchien demnach aufge⸗ gangen fuͤr die Liebe des jungen Hippolyt, wel⸗ chen Barbara Radztwill, vielleicht um durch ſeine Abweſenheit nicht eine Zuneigung zu ſchwächen, zu deren Beſchuͤtzerin ſie ſich erklaͤrt, der Verpflichtung entlaſſen hatte, ſich an ihr Reiſegefolge anzuſchließen. Seit dem Tode des Wojewoden von Podolien, nach welchem die Abneigung der Fuͤrſtin Anna, die Verfuͤgungen ihres Gemahls ins Werk zu richten, ſich alsbald und ziemlich verſtaͤndlich kund that, hatte der junge Edelmann die verlobte Braut ſeines Her⸗ zens nicht wieder ſo oft geſehen, als zu Kra⸗ kow, und er haͤtte ſich mit aller Freudigkeit ſeines Alters den neuerwachten Hoffnungen da⸗ hin gegeben, waͤren nicht die Worte ſeines Bru⸗ ders von Zeit zu Zeit vor ſein Gedaͤchtniß ge⸗ treten.— Ich muß dich verlaſſen— ſagte der Staroſt, als die Pferde, welche ihn nach Sam⸗ borz bringen ſollten, geſattelt und bereit vor der Thuͤr der Behauſung ſtanden, in deren in⸗ nerſten Gemach die Bruͤder ſich befanden— es iſt ein peinlicher Weg, welchen ich antrete, und doch moͤchte ich ihn keinem Andern uͤberlaſſen. Du bleibſt zuruͤck an gefaͤhrlicher Stelle, und nur zween Rathgeber haſt Du fortan, die ſchlimmſten von allen, Jugend und Leiden⸗ ſchaft. Wohl haͤtte ich gewunſcht, es habe dem Koͤnig gefallen, dich zur Begleitung aufzufor⸗ dern nach Littauen, doch es iſt nicht geſchehen, und ſo bleibt mir nichts, als ein bruͤderlich gut gemeintes Wort zuruͤck zu laſſen. Wohl ziemt es dem Edelmann und Ritter, in Lreu und Beſtaͤndigkeit der Dame zu dienen, die er ſich erwaͤhlt, und die ihm zugeſagt iſt vom Vater— doch mein' ich, Hippolyt, Du wer⸗ deſt Deines Strebens Ende nicht ſo bald errei⸗ chen, als Du es vielleicht waͤhneſt ſeit einigen Tagen.— und doch werther Herr und Bruder, wandte der Juͤngling ein, ſcheine ich demſel⸗ ben um vieles naͤher geruͤckt, um mehr, als ich es zu hoffen wagte. Nicht wie ſonſt trifft mich der Fuͤrſtin Blick ſo widerwillig und ſtreng, und wenn auch nicht jene Traulichkeit in ihr iſt, mit welcher der Leon Odrowonz dem kunftigen Ei⸗ — 250— dam entgegen trat, ſo ſcheine ich doch fortan kein unwillkommener Gaſt ihres Hauſes. Dar⸗ um mein' ich zu thun, wie Helena mir gehei⸗ ßen, und auszuharren in Hoffnung und Liebe, bis ſich alles gefuͤgt wie es recht iſt und bil⸗ lig.— Gott gebe, daß es ſich ſo fuͤgen mag, lautete Petrus Gegenrede, hoͤchlich erfreut mich der Jungfrau zartem und feſten Sinn, und ich denke nicht, daß mein Bruder ihr nachſtehen könne in ſo loͤblichem Beginnen— dennoch kaͤ⸗ me es nicht ſo, wie Du gehofft, zeigten ſich Dir neue Hinderniſſe, ſo verſprich mir, Bru⸗ der, daß Du nichts unternehmen werdeſt, bis ich zuruͤckkomme von meiner Fahrt. Es gemah⸗ net mich, als ſey die Geſchichte Deiner Liebe nicht ſo einfach, als wohl manche andere, da der Mutter Ehrgeiz des Vaters Verordnung und des Kindes ſittiger Neigung entgegen ſteht, und Beharklichkeit, gekroͤnt durch irgend einen Zufall, dann endlich doch den Sieg davon traͤgt, wie es zu leſen in manchen Geſchicht⸗ buͤchern und auch wohl im wirklichen Leben zu ſchauen— ich fuͤrchte, Euer Geſchick iſt eng verflochten in jenes dumpfe bedrohliche Trei⸗ ben, das ſelten nur ſchtbar, doch fuͤhlbar ſets — 251— uns alle widerſtrebend dahin reißt. Laſſe mich nicht mehreres hinzuſetzen; auch Du haſt aͤhn⸗ liches bemerkt, und ſo bitte ich, halte Dich an den Wahlſpruch der Verlobten und gehe nicht daruͤber hinaus, bis Dir der Bruder wieder zur Seite ſteht.— Wohl ſind mir gewiſſe Ab⸗ ſichten der Wojewodin glaublich geweſen, erwi⸗ derte Hippolyt, doch mehrere Tage, welche ſie verlebt hat in des Koͤnigs Naͤhe, haben wohl den Ungrund thoͤriger Hoffnungen ſattſam be⸗ ſätigt, und ſey dem auch nicht alſo, ſo nird doch an des Fraͤuleins Muth jenes eitle Vorha⸗ ben ſcheitern.— Meineſt Du?— ſprach der Herr von Samborz laͤchelnd und kopfſchuͤttelnd; glaubſt Du, daß zwei Frauen wie die, deren endliche Conſtellationen ſich jetzt auf unbegreif⸗ liche Art genaͤhert haben, zwei Frauen, wie Anna von Mazowien und die Koͤnigin Mutter ſo leicht dem entſagen mogen, dem ſi das ſchwerſte Opfer gebracht, das Dpfer langjaͤhri⸗ gen unverſohnten Haſſes? Meineſt Du, daß dieſe dunklen Gewalten, die gleich Wetterwol⸗ ken ſich vereinigt, ſtatt des zerſtörenden Blitzes einen ſanften Himmelsſtrahl herabſenden werden, um Hymens Fackel zu entzuͤnden fuͤr zwei Ver⸗ liebte?— D jene Bona— rief Hippolyt ſchmerzlich— ſchneidet doch der Laut ihres Na⸗ mens immer gleich einem Schwert durch meine Seele! Doch was koͤnnte ſie bewegen unſer ſtil⸗ les Liebesgluͤck zu zerſtoͤren? Ihrer Großmuth nicht, ihrem Haſſe vertraue ich, und kann nicht glauben, daß ſie ernſtlich die Krone auf das Haupt der Jungfrau ſetzen wolle, deren Geſchlecht ſie verfolgt mit raſtloſem Eifer, daß ſie die Tochter ihrer Todtfeindin auf den Thron zu erheben gemeint ſey, den die verkaufte Die⸗ nerin des Hauſes Beſterreich, wie man ſagt⸗ beſtimmt fuͤr Karharinen.— Ungern— unter⸗ brach ihn Petrus raſch und ſtreng— ungern hoͤr' ich Dich dieſen Namen nennen, und den Juͤngling, deſſen Beruf kuͤnftig ſeyn wird, ſeine Stelle einzunehmen unter den Vaͤtern des Va⸗ terlandes, gleich muͤßigen Schwaͤtzern das Ge⸗ ſagte wiederholen, gleichviel ſey es wahr oder grundlos, geziemend oder ungebuͤhrlich.— Sey mir nicht boͤſe, Bruder Hippolyt, in ſo man⸗ cher Sorge iſt mein Gemuͤth befangen; ich kenne den ſchluͤpfrigen Boden, auf welchem Du wan⸗ delſt, und nicht ohne Zagen ſehe ich Dich acht⸗ los auf ihm dahinſchreiten.— Merke auf des — 253— Bruders Bitte, auf daß Du wenigſtens, Du nicht eines Geruͤchtes ferner erwaͤhnſt, das zwar gehaltlos zur Zeit, und auf einen fernen, viel⸗ leicht nie zu erſcheinenden Augenblick deutend, dennoch des Koͤnigs Widerſtand verſtärken moͤchte gegen den Willen der Nation, deren Stellvertreter Dein Bruder ſeyn wird, in ſo verwickelter vielſeitiger Sache. Nicht, Hippolyt, Du achteſt es Deiner unwerth, durch hoͤſiſche Zutraͤgerei die Spaltung zu mehren, die ob⸗ waltet in der Koͤnigsburg und in dem Reich, ſolltet Du auch dadurch Dein eigen Gluͤck be⸗ foͤrdern— Du wirſt andern das gehaͤſſige Amt uͤberlaſſen, den Samen der Zwietracht auszu⸗ ſtreuen zwiſchen Mutter und Sohn, zwiſchen dem Koͤnig und ſeinem Adel; wird es doch leider an ſolchen nicht fehlen, die es uͤberneh⸗ men! Gedenke des Wortes, das ein großer Roͤmer geſprochen: Es ziemet einem freien und tugendhaften Manne, das Anſtaͤndige dem Nuͤtzlichen vorzuziehen;— und trachte, daß Du, komme es dann wie es wolle, wenn auch unbegluͤckt, doch rein da ſteheſt, wenn nun die Verwirrung beendet.— Wie magſt Du auch dem Worte des Vertrauens, ausgeſprochen gegen — 254— den Bruder, ſo ſchlimme Deutung geben?— entgegnete der juͤngere Baratynski mit einiger Bewegung. Es iſt Helena ein zu wuͤrdiger Preis, als daß man ſie anders erwerben koͤnnte, als auf dem Wege der Ehre, und wenn es nicht ſo waͤre, ſo weißt Du, der Bruder kennt keinen zweiten.— Du haſt Recht— ſprach Petrus ihm die Hand bietend— und ſo ver⸗ zeih' dem Manne, der ringsumgeben von den Getrieben des Eigennutzes auf einen Augenblick irre ward an Deinem reinen Sinn.— Doch vernimm eines, Du biſt ein Juͤngling nur und ſteheſt auf der Schwelle der Bahn, die Dir heute die Rechte der Geburt, dem Sinn nicht unwuͤrdig Deiner edlen Ahnen, eroͤffnen, und doch koͤnnte es ſeyn, daß Dein Verhaͤltniß zu der piaſtiſchen Erbin, des Bruders muͤhſelig ernſtes Amt, in den Augen mancher hohen und erlauchten Perſon, dem bisher ueberſehenen ein Gewicht verliehen, und hie und da unver⸗ muthet Dir eine Gunſt geboten wuͤrde, die nicht Dir ſelbſt noch dem zu erwerbenden Verdienſt, nur den genannten Zufaͤlligkeiten gilt. So mich bruͤderliche Beſorgniß nicht irre leitet, wird, mein' ich, ſcch mancher an Dich draͤngen, mit glatter Stirn und lachelndem Munde, und ſeine Rede wird die Rede des Verſuchers ſeyn.— Und haͤltſt Du mich fur ſo wankelmuͤthig, Herr und Bruder— verſetzte Hippolyt—, daß ein Laͤcheln oder ein Wort mich verleiten moͤchte von dem Wege, den das eigene Uurtheil und Dein Beiſpiel mich gefuͤhrt?— Nicht alſo wird es Dich gemahnen, ſprach Petrus nachdruͤcklich und ernſt: vieldeutig iſt das Wort der Pflicht, und mit gleichem Gluͤcke wird es vftmals ge⸗ braucht von einer und der andern Seite; der einzige Probierſtein aber für Jeden iß das ei⸗ gene Gefuͤhl.— Mein Beiſpiel, ſagſt Du, werde Dich erhalten auf dem rechten Wege? Und gerade dieß mein Beiſpiel iſt es, welches man Dir aufſtellen wird, Dich zu verlocken. Ein anderes iſt es aber mit mir, und mit Dir wieder ein anderes. Du verlaͤßt Dich auf Dein eigenes Urtheil? Wird es auch dann noch be⸗ ſechen, wenn man die Sttzen unvermerkt ver⸗ ruͤckt, auf welchen es beruht? Wirſt Du dann noch feſt bleiben moͤgen, wenn Du ploͤtzlich das Recht, die Liebe, die Ehre auf der Seite er⸗ blickſt, wo Du ſie zuvor nimmer zu finden ge⸗ waͤhnt? Eines nur will ich Dir ſagen; als — — 255— ich Dich denen geſellt, die des Koͤnigs Gemah⸗ lin beſchuͤtzen ſollen und ihr dienen, war es meine Meinung nicht, wie wohl mancher ge⸗ waͤhnt, der Bedrohten einen Kundſchafter zu⸗ zufuͤhren und grfaͤhrlichen Hausgenoſſen, denn alſo wurd' ich nimmer unſer altes Geſchlecht und den eignen Bruder herabwurdigen wollen, und lieber wuͤrd' ich Dir, was Gott verhuͤten moͤge, in offenem Kampfe begegnen, als Dich an mei⸗ ner Seite ſehen, einen Abtruͤnnigen und Ver⸗ raͤther.— Du entſetzeſt mich, Bruder, unter⸗ brach Hippolyt den bewegten Petrus. Koͤnnte es dahin kommen? D ungluͤckſelige Folgen verbrecheriſcher Naͤnke, die dem Bruder das Schwert aufdringen moͤgen gegen den eigenen Bruder!— Genug, fuhr der Herr von Sam⸗ borz fort, genug glimmen der Funken unter der Aſche, um ein Feuer anzuzuͤnden, das blutig roth durch das Vaterland leuchtet. An uns iſt es denn, auf der Stelle zu beharren, dahin uns die Nothwendigkeit geſtellt oder die Pflicht, und ſo wir aushalten in Treue und ritterlichem Sinn, werden wir aufrecht ſtehen, ob auch der Erdkreis ringsum in Truͤmmern zerfalle.— Ich ſcheide von Dir mit bekuͤmmertem Herien, mein Bruder, und dahin zu gehen, wo mir der miß⸗ liche Verſuch bevorſteht, die Pflichten eines er⸗ habenen Amtes mit den Mahnungen des Ge⸗ fuͤhls zu verſoͤhnen; wenig Hoffnung begleitet mich auf meinem Wege; moͤchten wir uns fröh⸗ licher wiederſehen!— Du haßt eine druͤckende Laſt auf mein Herz gewaͤlzt, ſagte Hippolyt, indem er des Bruders dargereichte Hand ergriff⸗ und wohl moͤchte ich fragen mit dem Pſalmi⸗ ſten: wie ſoll ein Juͤngling ſeinen Weg un⸗ ſraͤflich wandeln?— unter allen, die Dich hier umgeben— verſetzte Petrus nach einer Pauſe— ſind nur zwei, denen Du vertrauen magſt in hochwichtigen Faͤllen. Es iſt der Groß⸗ feldherr zwar ein Herr von hohem Nange, und es liegen der Verpflichtungen viele auf ihm— doch wird er dem beſcheidenen Juͤnglinge nicht ſeinen Rath noch Huͤlfe weigern, zumal da Du des Petrus Bruder biſt; denn ich bin ſtolz dar⸗ auf es zu ſagen, der Graf zu Tarnow haͤlt mich werth, und naͤhm' ich nichts mit mir in die Einſamkeit, nach der mein Sehnen ßeht, als die Achtung deß, den man mit Recht den Vater des Vaterlandes nennt, ſo waͤr' ich zu⸗ frieden mit ſolchem Lohn. Auch magſt Du ſei⸗ 17 — 258— ner Weisheit vertrauen, denn nicht fremd iſt ihm der Baum der Erkenntniß geblieben; nahe, ſehr nahe, und in verfuͤhreriſchem Gewand iſt die Verſuchung zu ihm getreten, den hoͤchſten Preis ihm bietend, nach dem ein Sterblicher zu ſtreben vermag,*) der— doch genug— er hat uͤberwunden, und nur der ſelbſt verſucht ward, mag Andere bewahren. Auch des An⸗ dreas Zebrzydowski weltklug milde Geſinnung ſey Dir eine Quelle, in der Du ſchoͤpfen kannſt ohne Mißtrauen, doch vor allem folge der Stimme des Herzens. Und ſo halt aus, Hippolyt Boratynski, und verſtopfe Dein Ohr vor der Stimme der Gegner und Freunde. Nicht in der Behauſung der Prinzeſſin von Matowien, nicht aus dem parteiiſchen Munde des ehrenwerthen Johannes Lacki, unſers Ohms, wirſt Du die Stimme der Wahrheit vernehmen. *) Die Geſchichte jener Zeiten verſichert das Daſeyn elner nicht unbedeutenden Partei, welche nach Siegmund des Erſten Tode und Siegmund Au⸗ guſts beabſichtigten Entſetzung, die Krone dem Johannes von Tarnow antragen wollte; eine Verſuchung, die der Feldherr wohl nicht ohne Kampf überwand, und der eifrigſte Vertheidiger des Königs ward, deß Nachfolger zu werden bei ihm ſtand.— — 250— So beſchloß Hippolyt, ſich dem Strom der Ereigniſſe fuͤr den Augenblick zu uͤberlaſſen, doch nicht ohne Aufmerkſamkeit auf das, was um ihn her vorfallen moͤchte, und der voruͤbereilen⸗ den Zeit die kurzen, vielleicht nur allzufluͤchti⸗ gen Gaben des Gluͤcks und der Liebe abzuge⸗ winnen, welche ſie ihm bot. Mit der Abreiſe des Koͤnigs und ſeiner Gemahlin war keineswegs aller feſtlicher Glanz aus dem Schloſſe geſchleden. Als wolle Bona Sforza zeigen, daß auch ſie noch wohl verſtehe einen ſattlichen Hof zu halten, und es keiner jungen Stellvertreterin bedurfe, um die Ehre des Koͤnigshauſes zu behaupten, verſammelte ſie alles, was in Krakow durch Rang oder Bild⸗ ung auf ſolche Vergunſtigung Anſpruch machen konnte, dem Gerüͤcht zuwider, welches ſie geizig nannte, beinahe taͤglich in den Saͤlen des noͤrd⸗ lichen Fluͤgels. Die Gattung der Feſte, welche ſie anſtellte, hatten erſt ſeit kurzer Zeit im uͤbri⸗ gen Europa die Kampfuͤbungen und wuͤſten Ge⸗ lage verdraͤngt, bei welchen den Frauen nur eine untergeordnete, vft laͤſtige Rolle zugetheilt ward. Franz der Erſte hatte zu Saint Germain ſeinem Hof jene zierliche romantiſche Geſtalt 1 —— gegeben, die ſpaͤter im Jahrhundert Ludwig des 14ten uͤberfeinert erſchien; der ernſtere Karl ahmte ſeinem Rachbar in ſeinen Schloͤſſern zu Gent und Bruͤſſel nach, wo ihn die Etikette ſeines Hofes zu Madrid weniger beengte, und erſt mit Bona Sforza waren jene Feierlichkei⸗ ten nach Polen heruͤber gekommen, die geziemend beſchraͤnkt durch ſpaniſche Sitte, und verherr⸗ licht durch die Kuͤnſte ihres Vaterlandes, ſich vortheilhaft von den zuweilen etwas geraͤnſch⸗ vollen Gelagen unterſchieden, welche die fruͤ⸗ hern Koͤnige des Jagielloniſches Hauſes zu Kra⸗ kow und Wilno ausgerichtet, und die wir aus der Erzaͤhlung des Staroſten von Pinsk einiger⸗ maßen kennen gelernt haben. Meiſterwerke der damaligen itslieniſchen Schule ſchmuͤckten die Gemaͤcher der Koͤnigin Mutter, und wurden von ihr wieder hinwegge⸗ nommen, als ſie das Reich ihres Sohnes ver⸗ ließ. Mit großen Koſtenaufwand berufene Ton⸗ kuͤnſiler, ließen ihre damals unuͤbertroffenen Harmonien in den gewoͤlbten Hallen erklingen, in welchen dreißig Jahre fruͤher nur das Rau⸗ ſchen kriegeriſcher Hoͤrner und Pauken das Klir⸗ ren der aneinander geſtoßenen Becher begleitet —— hatten— man bediente ſich in Gegenwart der, der Mundart des Landes nur wenig kundigen Ausländerin gemeiniglich der ſpaniſchen und welſchen Sprache, welche damals in den Krei⸗ ſen der vornehmern Welt die Stelle vertrat, die man ſeit hundert und funſtig Jahren erſt der franzoͤſiſchen eingeraͤumt; auch bewaͤhrte ſich ſchon damals die eigenthuͤmliche Fertigkeit der Sarmaten, ſich fremdlaͤndiſcher Wortbildungen und Toͤne ohne Beſchwerde zu bedienen, und wenige waren unter den Großen und unter dem bedeutendern Adel, welche nicht ein mehr oder weniger dauernder Aufenthalt in dem weſtlichen Europa geſchickt gemacht haͤtte, ihren Platz an den neu umgeſtalteten Hofe mit Anſtand und ſeiner Sitte zu behaupten. Es geſchah nur ſehr ſelten, daß die Prin⸗ zeſſin von Mazowien mit ihrem Fraͤulein nicht in den Abendverſammlungen der Mailaͤnderin erſchienen waͤre, welche oft bis zum Morgen ver⸗ längert wurden, und ſo manches Auge richtete ſich mit verſtohlener Aufmerkſamkeit auf die bei⸗ den Fuͤrſtinnen, um aus ihrem Benehmen ei⸗ nige Vermuthungen uͤber die urſache und die Beſchaffenheit einer Annaͤherung zu bilden, wel⸗ — 26— che man noch vor kurzer Zeit unter die Unmoͤg⸗ lichkeiten gerechnet hatte; doch gelang ſolches den Mindereingeweihten nur wenig. In ſich verſchloſſen und mit kalter Wuͤrde genau abwaͤ⸗ gend, was ſie ſich ſelbſt und denen, unter wel⸗ chen ſie ſich befand, ſchuldig zu ſeyn glaubte, erſchien Frau Anna in den koͤniglichen Ge⸗ maͤchern. Die glaͤnzenden Auftritte von denen ſie Zeuge war, ſchienen ſie als etwas Laͤngſge⸗ wohntes wenig zu beruͤhren und ſelten oder nie bewegte irgend ein Eindruck ſie genugſam, um die aͤußerliche Ruhe zu unterbrechen, mit welcher ſie ſich darſtellte; ihr Laͤcheln war das Lacheln der Hofſitte, und es verſchwand augenblicklich ſpurlos in dem keinernen Ernſt ihres ſcharfge⸗ zeichneten Antlitzes. Niemand ward von ihr ermuntert zu einem vertrauteren Worte, auch vergoͤnnte ſie keinem ein ſolches; ohne der Koͤnigin auszuweichen, zeigte ſie kein Beſtre⸗ ben ſich ihr zu naͤhern, und blieb unausgeſetzt in der Haltung, die Geburt und Verhaͤltniß ihr angewieſen, als Tochter eines hochberuͤhm⸗ ten geſunkenen Fuͤrſtenhauſes und Wittwe eines Gemahls, den ſie ſeit ſechs Monaten betrau⸗ erte. Weniger zuruͤckhaltend ſchien die Koͤnigin 5— Bona; ohne eigentlich der Prinzeſſin naͤher zu treten in Herablaſſung und Vertraulichkeit, zeich⸗ nete ſie dennoch dieſelbe merklich aus, und was ihrer Aufnahme an freundlichem Wohlwollen ge⸗ brach, erſetzte ſie durch genaue Beobachtung des aͤußern Anſtandes, welcher ihr der fuͤrſtlichen Verwandtin gegenuͤber geziemte. Vielmehr ließ ſie ſich darin eher eine Uebertreibung zu Schulden kommen, als eine Vernachlaͤſſigung, und ſie verſaͤumte nichts, dem Stolz einer Frau zu ſchmeicheln, auf deren beſſere Gefuͤhle zu wirken ihr die Erinnerung zu hoffen nicht geſtattete. Doch bezeigte ſie ſich viel anders gegen Helenen; ſtets empfing ſie die Jungfrau mit der gewin⸗ nenden Milde, die nicht des Herzens Erguß, nur die Außenfarbe, welche die Klugheit ihr fuͤr den Augenblick empfahl, oft ihre geiſtvollen Zuͤge verſchoͤnte, waͤhrend Empfindungen ganz verſchiedener Art in der tiefen Verborgenheit ih⸗ res Innern bruͤteten. Sie ergriff jede Gelegen⸗ heit des Fraͤuleins Schoͤnheit und Sitte in das guͤnſtigſte Licht zu ſtellen, und bald war der ganze Hof zu Krakow einig, es ſey in der Tochter des Wojewoden von Podolien die rei⸗ zendſte Zier deſſelben erſchienen. So gleichguͤltig „ 26— auch Anna von Mazowien auf alles blickte, was ſie umgab, ſo ſchien dann, wenn ſie die hoch⸗ gefeierte Tochter in der Naͤhe der Koͤnigin ſah, die finſtere Verſchloſſenheit dem muͤtterlichen Gefuͤhl zu weichen; ſie verfolgte mit ſtiller Auf⸗ merkſamkeit jede Geberde und jedes Wort, und gewahrte nicht ohne Vergnuͤgen, daß die Jung⸗ frau, angezogen von ſo ehrenvoller Begegnung einer Dame, deren Gaben ſelbſt diejenigen Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren ließen, welche ein haͤr⸗ teres Urtheil uͤber ihre Thaten faͤllten, allmäh⸗ lig die Scheu abzulegen begann, welche ihr der Anblick Bona's von Mailand, ja ſelbſt die Nenn⸗ ung ihres Namens in den erſten Zeiten einge⸗ flößt hatte, und die dem unheimlichen Grauen glich, den die Geiſter der Finſterniß dem Aber⸗ glauben jener Jahrhunderte erregten. Und doch war dieſe Furcht nur unterdruͤckt in Helenens Bruſt, nicht verſchwunden; mag es ſeyn, daß der geehrten Herrin Ltebkoſung ihre Wirkung nicht gaͤnzlich verfehlte auf das junge Gemuͤth, denn die Erfahrung vieler Zeiten bewaͤhrt den Einſluß, die der Gekroͤnten herablaſſende Freund⸗ lichkeit fort und fort, ſelbſt in andern Jahr⸗ hunderten als das, in welches unſere Geſchichte — 265— fällt, ausuͤbt, und welchen nur der auf Erden Hochgeſtellte verſchmaͤht, welcher es fuͤr unnoͤthig haͤlt geliebt zu ſeyn; doch war des Fraͤuleins Empfindung nicht die, welche die Mutter ge⸗ muthmaßt. Laͤngſt ſchon bekannt mit dem Haſſe der fuͤrßlichen Frauen, von Kindheit auf un⸗ terrichtet von den Graͤueln, die ihn entzuͤndet, meinte das argloſe Maͤdchen, es werde ihr ge⸗ lingen, Vermittlerin zu ſeyn zwiſchen den Tod⸗ feindinnen, und die Zwietracht werde unter⸗ gehen in der gemeinſchaftlichen Liebe zu der, die eine von ihnen Mutter nannte, und welche die andere fuͤr ihre Lochter erklaͤrte. Tadeln wir den Sinn der Ingend nicht, welche erſt die folgenden Jahre lehren, den Schein von der Wadrheit zu unterſcheiden, welche das Ver⸗ gangene und die Zukunft leicht vergißt uͤber der Gegenwart, und verzeihen der Lochter des Leon Odrowonz, daß ſie der Mailaͤnderin kaltherzige Gaukelei fuͤr Merkmale einer Zuneigung nahm, die neue Hoffnung mancher Art in ihr erweckte. Auch hatte die Koͤnigin Mutter in den kurzen Unterredungen, welcher ſie Helenen zuweilen wuͤr⸗ digte, nimmer gewiſſe Gegenſtaͤnde beruͤhrt, wel⸗ cher ihre Mutter wohl von Zeit zu Zeit, ob⸗ — 266— ſchon mit Vorſſcht gedachte; ſie hatte des Hip⸗ polyt Boratynski erwaͤhnt, und ihn einen wackern jungen Edelmann genannt aus acht⸗ barem Hauſe, und, des Maͤdchens Verwirr⸗ ung nicht ungefaͤllig bemerkend, hinzugeſetzt, es ſey das Fraͤulein von Podolien des beßten Gluͤckes werth, und ihre Sorge ſolle es ſeyn, daß ſie deſſelben theilhaftig werde. Auch Hip⸗ polyt war der Ehre gewuͤrdigt worden, oftmals Theilnehmer der Feſte Bona's von Mailand zu ſeyn; obgleich der Widerwillen, welchen er ge⸗ gen die Wirthin dieſes Hofes empfand, keines⸗ weges gemildert war, ſo konnte er es doch nicht ablehnen, Verſammlungen beizuwohnen, zu welchem der Zutritt einem Juͤngling ſeines Al⸗ ters und geringen Ranges eine ehrenwerthe Aus⸗ zeichnung ſeyn mußte, deren Glanz dem uner⸗ fahrenen Auge, behagte und, mehr als Alles, welche ihm beinahe täglich die Gelegenheit dar⸗ boten, die Geliebte zu ſeben und manch ver⸗ ſtohlen vertrauliches Woͤrtchen im Getuͤmmel des Feſtes mit ihr zu wechſeln, das in dem ernſten und wenig zahlreichen Geſellſchaftkreiſe, der ſich bei ihrer Mutter einfand, nur allzu leicht be⸗ porcht oder mißdeutet worden waͤre⸗ — 267— Eines Abends, es war gegen den Anfang des Hornungmondes, erſchien unſer Freund ſpaͤter als gewoͤhnlich in den Gemaͤchern der Koͤnigin Mutter im Gefolge des Großfeldherrn, mit dem er den heitern Wintertag auf der Jagd am andern ufer der Weichſel zugebracht hatte. Die Ankommenden nahmen eine ungewoͤhnliche Stille in den Vorzimmern wahr, welche nur durch den leiſen Klang einer Laute unterbrochen ward, die begleitet vom Geſang einer weiblichen Stimme aus dem Verſammlungſaal heruber⸗ toͤnte. Auf des Grafen zu Tarnow Frage, wel⸗ che Art der Vergnuͤgungen die Koͤnigin heute dem Hofe bereitet? erwiderte der Hausmeiſter derſelben mit tiefer Verbeugung und gedaͤmpfter Stimme; es ſeyen die Tonkuͤnſtler Ihrer Ma⸗ jeſtaͤt gegenwaͤrtig und haben ſchon ſeit einigen Stunden die Anweſenden mit allerlei ſchoͤnen und neuen Muſikſtuͤcken beluſtigt; eben jetzt erſt aber habe die Allerdurchlauchtigſte eine der Fraͤu⸗ lein, die ſich bei ihr befaͤnden, aufgefordert, ein vaterlaͤndiſch Liedlein zu ſingen, um ſo den Gaͤſten eine anmuthige Abwechſelung und den Auslaͤndiſchen zugleich den Beweis zu ge⸗ waͤhren, daß auch im Polenland die edle Ton⸗ kunſt nicht fremd ſey.— Uebrigens haͤtten Ihro Majeſtaͤt ſchon zweimal nach dem Chri⸗ ſtophorpalaſte geſendet, um nachzufragen, ob des Herrn von Krakow Gnaden noch nicht heim⸗ gekehrt waͤren von dem Waidwerk. Die Ange⸗ kommenen traten ein, wie es ſich auf ſolch eine Weiſung gebuͤhrte, ohne Geraͤuſch, und ſo viel als moͤglich das Aufſehen vermeidend, wel⸗ ches die Ankunft eines Herrn, gleich dem Ka⸗ ſtellan von Krakow, die Saͤngerin ſtoͤrend un⸗ ter den Zuhoͤrern veranlaſſen konnte. Nachdem ſie nun durch die Verſammlung, welche dem Großfeldherrn, ſeiner Winke ungeachtet, ehr⸗ erbietig Platz machte, in die Mitte des Sales anlangten, erkannte Hivpolyt uͤber die Schul⸗ tern des Grafen zu Tarnow, der kaum mittler Groͤße war, hinweg, in der gefeierten Lautenſpie⸗ lerin, Helena Odrowonz, ſeine Verlobte. Ne⸗ ben ihr ſtand die Koͤnigin Mutter, den lebhaf⸗ teſten Beifall ausdruͤckend durch Miene und Ge⸗ berde, und unfern die Prinzeſſin Anns, die den geſenkten Blick unterweilen erhob, als koͤnne ſie es nicht uͤber ſich gewinnen, den Anblick zu entbehren, den ihr die reizende Tochter und die bewundernden Zuſchauer gewaͤhrten. Oft — 269— hatte der junge Boratynski auf dem Schloſſe ſeines Vaters und darauf zu Kamienieck Po⸗ dolski den ſuͤßen Toͤnen gelauſcht, die Helenens Finger dem Saitenſpiel entlockten; doch daͤuchte ihm ſolch Ausſtellen des Talents an dieſem Drte nicht beſonders erfreulich, die ſſchtbare Beſtrebung der Koͤnigin Mutter, die Gaben des Fraͤuleins in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, bedenklich, und die Zufriedenheit, mit welcher Frau Anna den Antheil zu betrachten ſchien, welchen ihre langjaͤhrige Feindin an der Jungfrau nahm, geeignet einige Vermuth⸗ ungen zu beſtaͤrken, welche ſeit mehreren Wochen in den Hintergrund getreten waren. Es toͤnte ihm alſo das ſchwermuͤthig taͤndelnde Lied, das He⸗ lena ſang, und welches zu der Gattung ge⸗ hoͤrte, die man in der Landesſprache Dumka nennt, nicht ſo lieblich als den Uebrigen, und er beantwortete den Lobſpruch, welchen der Graf zu Tarnow ihm zuraunte, um den Braͤu⸗ tigam durch die Wuͤrdigung der Verlobten zu er⸗ freuen, nur mit einem kuͤhlen Bejahen und einer gemeſſener Verbeugung, die ein leichtes Lächeln auf das Antlitz des Großfeldherrn hervorlockten. Der Geſang war beendigt; das Fraͤulein Odro⸗ wonz war nach einer tiefen Verbeugung wieder zu ihrer Mutter getreten, um die pflichtſchul⸗ digen Schmeichelreden unter ihrem Schutze zu beantworten, mit denen der Hof der Koͤnigin Mutter die junge Dame umringte, die ſo au⸗ genſcheinlich von der gewöhnlich mit ihrer Zu⸗ neigung kargen Gebieterin ausgezeichnet ward, da öffnete ſich der Kreis, ehrfurchtvoll von bei⸗ den Seiten ausweichend vor dem Kaſtellan von Krakow, und die Koͤnigin Bona ſtand vor ihm.— Ihr ſeyd ja lange im Auslande gewe⸗ ſen, werther Herr Graf, begann ſie mit wohl⸗ wollendem Laͤcheln und einer maͤßigen Neigung ihres Hauptes, auf welchem unter dem Witt⸗ wenſchleier hervor eine kleine reich mit Juwelen beſetzte Krone ſtrahlte; Ihr habt in Rom, Mai⸗ land und Neapel, den Sitzen der ſchoͤnen Kuͤn⸗ ſte, nicht verſchmaͤht ſolchen obzuliegen, und es muß Euch daher angenehm ſeyn zu gewahren, wie ſie auch im Vaterlande einheimiſch zu wer⸗ den beginnen.— Herr Johannes antwortete zwar hoͤflich und ehrerbietig, doch ohne unter⸗ wuͤrfige Schmeichelei: Gewiß, allerdurchlauch⸗ tigſte Frau, hat mein mehrjaͤhriger Aufenthalt in der Fremde mich nicht gleichguͤltig gemacht — 2— gegen das Gute keiner Art, welches unter wei⸗ nen Mitbuͤrgern gedeihet. Die Kunſt aber gen hoͤrt unſtreitig zu demſelben, und ich und jeder Freund des Vaterlandes muͤſſen dankbar erken⸗ nen, daß es Eure Majeſtaͤt war, die ihr den Eintritt eroͤffnet. Wir durfen ohne Ueberhebung Eure guͤtigen Worte anhoͤren, verſetzte Bonaz denn wahr iſt es, daß Wir zuerſt das Gluͤck ge⸗ habt, die ſchoͤnen Erzeugniſſe Unſers Vaterlan⸗ des in das Reich Unſers hoͤchſtſeligen Gemahls zu verpflanzen; das Gedeihen aber, deſſen ſie ſich erfreuen, iſt dem fruchtbaren Boden zuzu⸗ ſchreiben, nicht der Hand der Gaͤrtnerin.— Nachdem der Großfeldherr im Namen ſeiner Landesgenoſſen, durch eine ſtumme Verbeugung den gebuͤhrenden Dank fuͤr dieſen Lobſpruch ab⸗ geſtattet hatte, fuhr die Konigin fort: Auch bei dem Wojewodenfraͤulein von Podolien, wel⸗ ches eben zum erſten Male vor zahlreicher Ver⸗ ſammlung eine Probe ihres neu ausgebildeten Talentes abgelegt hat, bewaͤhrt ſich Unſere Be⸗ merkung, und auch hier duͤrfen Wir Uns einer unmittelbaren Mitwirkung ruͤhmen, da auf Un⸗ ſern Befehl Unſer Maeſtrv Carolini die natuͤr⸗ lich liebliche Singſtimme derſelben ſo ausgebildet hat, daß ſie wohl in kurzer Zeit ſich mit den beßten Cantatricen Italiens zu meſſen im Stan⸗ de ſeyn wird.— So viel iſt nicht vonnoͤthen, entgegnete Tarnowski; einer Junsgfrau erlauch⸗ ter Herkunft mag es wohl ziemen, das haͤus⸗ liche Leben zu verſchoͤnern durch die Gottesga⸗ ben, die ihr zu Theil worden, auch wohl un⸗ terweilen einen erwaͤhlten Kreis erlauchter Per⸗ ſonen zu erfreuen; den Wettkampf jedoch mag ſie denen uͤberlaſſen, welchen die Kunſt der ein⸗ zige Beruf iſt.— Ihn unterbrechend, als habe ſie ſeine Bemerkung nicht vernommen, ſprach Bona von Mailand weiter: Da Wir Uns nun entſchloſſen haben, die reichen Anlagen Fraͤulein Helenens nicht unausgebildet zu laſſen, wie ſie es bieher ſeyn mußten in der Einſamkeit zu Ka⸗ mienieck, und die Stelle einer zweiten Mutter bei ihr zu vertreten, ſo werden mehre der er⸗ leuchteten Maͤnner, welche Unſer Hofſtaat zaͤhlt, jeder in ſeiner Art, ihre Bemuͤhungen mit den Unſern vereinigen, und Wir gedenken in kurter Zeit in Unſerer Muhme Euch eine Dame vorzu⸗ ſtellen, wuͤrdig eine Zierde genannt zu werden jeglichen Hofes der Chriſtenheit: Waͤre es nicht Schade geweſen, wenn eine durch Schoͤnheit — 26— und Sitte ſo ausgezeichnete Jungfrau, fuhr ſie ſort, halb gegen Hippolyt gewendet und die fol⸗ genden Worte ſcharf betonend— wenn die Loch⸗ ter der durchlauchtigſten Prinzeſſin von Mazo⸗ wien laͤnger in trauriger Abgeſchiedenheit gehal⸗ ten, und der Welt ein Juwel entzogen worden waͤre, deſſen Werth die abſchleifende Kunſt erſt an das Licht zu bringen vermag?— Nicht un⸗ gern ſchaute oftmals der erfahrene Welt⸗ und Staatemann mit leichter Ironie in das Trei⸗ ben, das um ihn her wirbelte, wie der Staub unter dem Fußtritt des edlen Roßesz gewiß, wenn es Noth thaͤte, es muͤhelos zu zertheilen: er trat alſo um einen halben Schritt zuruͤck, dem jungen Boratynski die Beantwortung ei⸗ ner Frage uͤberlaſſend, welche vorzuͤglich an den⸗ ſelben gerichtet ſchien.— Gnaͤdigſte Frau, er⸗ widerte dieſer, durch das Schweigen des Feld⸗ herrn und den auf ihn gerichteten Blick der Koͤ⸗ nigin zum Sprechen aufgefordert Wohl erhoͤhet die Kunſt den Preis des Edelſteines, verliert er doch, wenn er ein aͤchter Diamant iſt, durch das Bearbeiten nichts an ſeiner Feſtigkeit.— Wohlgeſprochen, junger Edelmann! lautete Bona's halblaute Gegenrede von zweideutigem 18 Lächeln begleitet; doch meinet ihr nicht, daß ein ſolcher wuͤrdig iſt die Krone eines Monarchen zu ſchmuͤcken, und ſo ein Anderer ihn erwerben wollte, er es nicht koͤnne, ohne daß Ungewoͤhn⸗ liches ihn dazu berechtigt? Darauf wandte ſie ſich plotzlich, und den Grafen Johannes aber⸗ mals mit einer Bewegung des Hauptes begruͤ⸗ ßend, begab ſie ſich nach dem Ende des Saales, wo ſich ihr Lehnſeſſel unter einem Baldachin be⸗ fand. Sinnend uͤber das Gehoͤrte ſtand Hippo⸗ lyt und unaufmerkſam auf das, was ihn umgab⸗ auch auf den forſchenden Blick, welchen ſein ehrenwerther Goͤnner eine Zeitlang auf ihn rich⸗ tete, bis das Dazwiſchentreten Anderer ihn ſei⸗ nen Augen entzog. Da naͤherte Biſchof An⸗ dreas, der eine geraume Zeit unfern in leiſem angelegentlichem Geſpraͤch mit der ungariſchen Koͤnigin geſtanden hatte, ſich ihm und ſprach: So nachdenklich, werther junger Herr? Schei⸗ net Ihr doch der Einzige, der nicht Theil nimmt an der Benunderung, die das Fraͤulein von Podolien eingeerntet, da dieſelbe doch, wenn man glauben ſoll was das Geruͤcht ſagt, Euch mehr erfreuen ſollte, denn jeden An⸗ dern;— Verzeihet Hochwurdigſer/ ſprach Bo⸗ — ratynski, vielleicht zum erſten Mal ſo lange er lebte, mit einiger Bitterkeit: ob ich gleich nur ein Kriegsmann bin und ein angehender dazu, und wenig erfahren in der Kunſt der Toͤne und dem Andern, ſo laſſe ich doch der Anmuth des Geſanges Gerechtigkeit wiederfahren, und wenn ich es nicht ausſpreche, iſt es nur, weil mein urtheil gar mager und nicht bedeutend ſich aus⸗ nehmen wuͤrde im Kreiſe ſo erlauchter und er⸗ leuchteter Kenner.— Das mag ich nicht bili⸗ gen, antwortete Zebrzydowski. Wohl mancher Gefeierte vermißt unter den lobpreiſenden Stim⸗ men die des Einzigen, deſſen Beifall ihm wer⸗ ther waͤre, denn das Zujauchzen der Menge, und auch der lieblichen Saͤngerin dieſes Abends moͤchte ich es nicht verargen, wenn ihr Ohr ſch darauf lebhafteren Huldigungen oͤffnete, an de⸗ nen, wie es mir ſcheint, es heute nicht fehlen wird. Hoͤret Ihr, mein junger Freund?— Hippolyt achtete nicht der raͤthſelhaften Bedeut⸗ ung, die in den Worten des geiſtlichen Fuͤrſten zu liegen ſchien; er fuͤhlte nur den Fehler, den er begangen, und dem milden Warner aufrichtig dankend, eilte er ihn zu verbeſſern. Helena hatte den ſcheinbaren Mangel an Theilnahme — 26— ihres Verlobten bei dem kleinen Triumph be⸗ merkt, der ihr zu Theil geworden, und mit welchem ſie vorzuͤglich ihn angenehm zu uͤber⸗ raſchen gemeint, und Helena war ein Maͤdchen. Konnte ſie auch nicht glauben, daß es wirkliche Gleichguͤltigkeit ſey, welche ihn, den Einzigen von Allen abgehalten, ihr ein beifaͤllig Wort zu ſagen, ſo waͤhnte ſie doch in ſeinem Benehmen ein wenig Eiferſuͤchtelei zu finden, die ihr um ſo weher that, als ſie ſich der eignen Ge⸗ ſinnung bewußt war und ihrer Entſchluͤſſe fuͤr die Zukunft. Daher kam es, daß ſie, als er freilich ein wenig ſpaͤt herzukam, ſie zu begruͤ⸗ ßen, ihn mit weniger Zutraulichkeit empfing als gewöhnlich, und bereitwillig ſich zuruͤckzog, als ihre Mutter zwiſchen ſie und den jungen Mann trat, an letztern mit kaltem Anſtand und vornehmem Weſen einige bedeutungloſe Fragen richtend. Ziemlich zerſtreut folgte Hip⸗ polyt dem Faden des unwillkommenen Geſpraͤ⸗ ches, da eilte ein Höfling auf Helena Odrowonz zu und berief ſie zu dem Lehnſtuhl der königli⸗ chen Wittwe. Dieſe ſprach einige Worte in das Dhr der zu ihr herabgebeugten Jungfrau, welche dieſe mit einer leicht verweigernden Geberde und — 2* erroͤthend beantwortete; doch nach einigen Au⸗ genblicken, wie es ſchien, eindringlichen Zure⸗ dens verneigte ſich das Fraͤulein; Bona winkte einem Diener, und legte die ihr gebrachte Laute abermals in der Saͤngerin Arm. Eine welſche Canzone war es fröhlicher a welche ſie jetzt vortrug; diejenigen der Anweſen⸗ den, die gereiſt waren, verſicherten mit ge⸗ daͤmpfter Stimme, in der Heimath des Ge⸗ ſanges ſelbſt nichts Vorzuglicheres gehoͤrt zu ha⸗ ben, die gegenwaͤrtigen Kuͤnſtler ſimmten, Na⸗ tional⸗ und kuͤnſtleriſchen Stolz unterdruͤckend, mit unterwuͤrfiger Selbſtverleugnung ein, nur die Koͤnigin Mutter ſchien nicht ſo aufmerkſam auf die Leiſtung derer, welche ſie ihren Liebling nannte, als man es ihrer wiederholten Auffor⸗ derung nach haͤtte glauben ſollen, und blickte unterweilen nach dem entgegengeſetzten Ende des Saales, als ſuche ſie dort Jemand. Auch den jungen Boratynski hatte das Vorhergegangene nicht empfaͤnglicher gemacht fuͤr den Eindruck der Muſik und die Toͤne Helenens. Untbeilneh⸗ mend lehnte er an einem Pfeiler der Wand und ward erſt nach geraumer Weile aus tiefem, nicht allerdings erfreulichem Sinnen durch ein leiſes — 278— Geraͤuſch erweckt, welches ſich unweit der Fluͤ⸗ gelthuͤre erhob, gleich als beſtrebe ſich die dicht⸗ zuſammengedraͤngte Verſammlung, mit ſo we⸗ nig Geraͤuſch als moͤglich, einem ſehr vorneh⸗ men Eintretenden den Durchgang zu oͤffnen. Einen Augenblick darauf erblickte er den Koͤnig, den er noch zu Wilno gewaͤhnt, auf den Zehen vorwaͤrts ſchreitend, der mit einer Hand win⸗ kend alle Störung verbot, den Zeigefinger der Andern aber auf die Lippen gedruckt hielt. So ging er leiſe an der Mauer hin bei unſerm Hip⸗ polyt voruͤber, dem er freundlich zunickte, bis hinter den Seſſel der jungen Tonkuͤnſtlerin, auf den er ſich lehnte, die Gegenuͤberſtehenden durch Zeichen bedeutend, die Aufmerkſamkeit nicht auf ihn zu lenken. Seine Mutter ſchien den neuen Zuhoͤrer nicht bemerkt zu haben, doch richtete ſich ihr Auge nicht mehr zur Thuͤre, und ſie druͤckte wie zuvor mit beifaͤlliger Geberde die Zu⸗ friedenheit aus, die der ſchnellentwickelten Kunſt⸗ gabe des Pflegekindes galt. Das Erſcheinen des Koͤnigs hatte in der Bruſt des Boratynski eine ſonderbar widrige Empfindung geweckt, von wel⸗ cher er ſich im Augenblick keine Rechenſchaft ab⸗ legen konnte; kaum hatte er es uͤber ſich ver⸗ — 20— mocht den gnaͤdigen Gruß ſeines Herrn gezie⸗ mend zu erwidern, da er aber im Aufſchauen den Augen des Biſchofs von Kujawien begeg⸗ nete, meinte er zu errathen, welche jene leb⸗ haften Huldigungen ſeyn wuͤrden, deren derſelbe Erwaͤhnung gethan. Dieſe Zuſammenſtellung ließ ihn in dem ſcheinbaren Zufall das Wirken eines berechneten Planes ahnen; er fing an zu zwei⸗ feln, daß Siegmund Auguſts baldige Ankunft allen Gegenwaͤrtigen ſo unbekannt geweſen ſeyn moͤchte als ihm, und vorbei war es mit aller Freude fuͤr den Juͤngling auf dieſen Abend, der bereits ſo unguͤnſtig begonnen hatte. Nach Beendigung der Canzone draͤngten ſich nicht wie vorher die Bewunderer um die Loch⸗ ter des Levn Odrowonz; tief beugte ſich der weite Kreis der umſtehenden gegen den Monar⸗ chen, die aufgeſchobenen Ehrfurchtbezeugungen nachzuholen. Die Koͤnigin Mutter ſah ruͤckwaͤrts, und da ſie den goldgeſtickten Mantel und das goldne Vließ des Sohnes gewahrte, erhob ſie ſich raſch und mit einem Erſtaunen, deſſen Wahr⸗ haftigkeit wir jedoch nicht verbuͤrgen koͤnnen. Beim heiligen Franziskus von Aſſiſt! rief ſie— haben Uns Eure Majeſtät doch beinahe erſchreckt. Wir glaubten eine Erſcheinung zu ſehen und nicht unſern koͤniglichen Sohn, welchen Wir noch in der Hauptſtadt ſeines Großffuͤrſtenthums waͤhnten, umringt von allen Luſtbarkeiten, an denen es dort nicht mangelt, wie Uns berichtet worden, und Wir hofften nicht, Euch ſo bald in den Gemaͤchern einer Wittib zu begruͤßen, die frei⸗ lich Euch nichts von dem bieten kann, was ihr verlaſſen.— Darauf entgegnete Siegmund der Zweite mit der Doypelſinnigkeit, die ihm eigen war, beſonders wenn er wie hier durch unange⸗ nehme Andeutung gereizt worden: und doch ſcheinen Eure Gnaden hier ihre Zeit auch ganz wohl anzuwenden, ſo daß Wir nur nuͤnſchen moͤgen, daß Unſere Erſcheinung, wenn auch unerwartet, doch nicht ſtoͤrend ſey, und Unſere geziemende Begruͤßung Euch nicht laute, wie der Gruß eines aus der Unterwelt Zuruckkehren⸗ den, fuͤr welchen Ihr Uns wahrſcheinlich ge⸗ nommen. Erlauben aber Eure Majeſtaͤt jetzt, daß Wir dem lieblichen Genius Dank ſagen, der uns, die Wir hier zu überraſchen vermein⸗ ten, ſelbſt angenehm uͤberraſchte. Darauf wen⸗ dete er ſich mit Anmuth und Lebhaftigtigkeit zu dem Fraͤulein von Podolien, und begann ein — 23— Geſpraͤch mit ihr, welches fuͤr die Umſtehenden bald unvernehmlich wurde. Hatte Bona Sforza den Auftritt dieſes Abends veranſtaltet, ſo haͤtte ſie ſchwerlich eine beſſere Wahl treffen koͤnnen. Siegmund war ein leidenſchaftlicher Verehrer der Tonkunſt und vornehmlich der Gattung des Geſanges, mit welchem ihn Helena, freilich nur unbewußt, empfangen. Die meiſten der Damen, die einige Zeit hindurch ſein etwas empfaͤngliches Herz beſeſſen hatten, auch Barbara Radziwill ſelbſt, hatten durch den Zauber der Toͤne zuerſt ſich den Weg zu demſelben gebahnt, und die Entfernung der Letztern ſchien der Koͤnigin Mut⸗ ter einigen Erfahrungen nach, die ſie gemacht zu haben glaubte, neuen Eindruͤcken guͤnſtig zu ſeyn. Den ganzen Abend uͤber, dem ein glaͤnzen⸗ des Nachtmahl folgte, wich der Koͤnig nicht von ſeiner vaterlaͤndiſchen prima Donna, wie er Helenen nannte, und als die Fuͤrſtin Wojewodin ſich der Koͤnigin Abſchied nehmend naͤherte, warf dieſe ei⸗ nen bedeutenden Blick auf ſie, welchen die ſtolze Anna mit einem leichten Zucken des Mundes erwiderte, das man eben ſowohl fuͤr das Laͤcheln der Zufriedenheit, als fuͤr den Ausdruck gleich⸗ guͤltiger Nichtachtung anſehen konnte. Die fol⸗ S 282— genden Tage aber erſchien der Koͤnig unausge⸗ ſetzt waͤhrend den Stunden, da der Hof verſam⸗ melt war, in den Zimmern ſeiner Mutter, und bald fluͤſterten ſich die Hoͤflinge zu: der Magnet, welcher Seine Majeſtaͤt dahin ziehe, ſey in den Augen des podoliſchen Fraͤuleins zu ſuchen. 10. Auch zu den Dhren Hippolyts drang das Geſchwaͤtz, und waͤre dieß auch nicht geweſen, ſo konnte ihm manches andere nicht entgehen, das ohne Aufſehen zu erregen, dennoch eine be⸗ vorſtehende Aenderung anzeigte. Ihm ſtand wie immer der Zutritt zum Hauſe der Prinzeſſin von Mazowien offen, doch traf ſich's ſiets, daß er Helenen nicht daheim, vder umgeben von einer Menge fand, fuͤr welche ſie erſt ſeit kurzer Zeit ein Gegenſtand ausgezeichneter Ehrfurcht gewor⸗ den; Frau Anna war nicht ſtrenger gegen ihn als ſonſt, ſie ſchien guͤtiger im Gegentheil, als ſie es pflegte, und beehrte ihn oftmals mit ei⸗ nem Geſpraͤch; es lag indeſſen in der Art, wie ſie ſich nach ſeinen Beſchaͤftigungen und ſogar — 265— manchmal nach ſeinen Hoffnungen fuͤr die Zu⸗ kunft erkundigte, mehr von gewoͤhnlicher, nicht weit von bloßer Neugier entfernter Theilnahme und mitleidiger Beſorgniß fuͤr das Fortkommen eines jungen Nachbarſohnes, als von dem leb⸗ haften Intereſſe, welches die Mutter an dem nehmen konnte, dem ihre Tochter beſtimmt war, und der durch die Verhaͤltniſſe ſeines Geſchlechts auch ohne die Gunſt des Hofes und ihre Gaben, ein des Wojewoden von Podolien nicht unwuͤr⸗ diger Eidam genannt werden konnte. Obgleich dieſes Benehmens bei Frau Annen laͤngſt ge⸗ wohnt, ſchmerzte es ihn, nicht wie es ſonſt wohl geweſen war, in den Blicken und Worten Helenens Hoffnung und Beruhigung ſuchen zu koͤnnen; er ward mißmuthig und ungeduldig, und ward es noch mehr, als der Graf zu Tar⸗ now, der ihn in andern Dingen ſeines Rathes und feiner Belehrung wuͤrdigte, uͤber alles was Fraͤulein Helenen betraf, ein ſchtbar gefliſſent⸗ liches Stillſchweigen beobachtete. Deſto mehr Eindruck machte es auf ihn, als Petrus Kmita, der ſeine Gunſtbezeugungen ſelten, und am wenig⸗ ſten an rangloſe und junge Leute verſchwendete, anfing ihm am Hofe, oder wo er ihm ſonſt be⸗ — 264— gegnete, freundlich und zuvorkommend entge⸗ gen zu treten, und ihn einſtmals ſogar einlud, ihn in ſeinem Palaſte zu beſuchen, wo er in munterer Verſammlung mehrerer Edelleute ſei⸗ nes Alters Vergnuͤgungen finden werde, die, wie er glaube, ihm nicht mißbehagen nuͤrden. Außer dem Unmuth, welchen Hippolyt durch die angebotenen Zerſtreuungen zu verſcheuchen glaubte, und dem Schmeichelhaften, das in der Hoͤflichkeit eines ſo uͤbermuͤthigen und maͤchtigen Mannes lag, beſtimmte ihn noch ein anderer Grund, dieſelbe nicht zuruͤckzuweiſen. Es war ihm ſchon laͤngſt kein Zweifel geblieben, daß der Großmarſchall nicht allein des Bruders Abſich⸗ ten, ſondern auch ſeinen eigenen Wuͤnſchen, ent⸗ gegen ſtand; unzufrieden mit der Unchaͤtigkeit, zu welcher ihn Petrus angewieſen, entſchloß er ſich daher, in der Naͤhe des Wojewoden ſelbſt zu verſuchen, ob er nicht Licht uͤber ſo manches er⸗ halten koͤnne, was ihm noch dunkel war, und hoffte nebenbei den alten Herrn ſich und ſeinen Liebesentwuͤrfen geneigter zu machen. Bei der Hofhaltung des Wojewoden von Krakow, denn ſo konnte man ſeinen zahlreichen und glaͤnzenden Hausſtand wohl nennen, ging — es hoch her. Außer einer Schaar dienender Edel⸗ leute und anderer Hausgenoſſen niedern Ranges, umgaben viele junge Ritter aus den edelſten Ge⸗ ſchlechtern den Magnaten. Herrſchte auch in den Verſammlungen bei ihm nicht voͤllig jene ur⸗ banitaͤt, die ſeit einiger Zeit die Rauheit vergan⸗ gener Jahrhunderte zu verdraͤngen angefangen, ſo waren ſeine Gaſtmahle doch trefflich, die Freude bewegte ſich bei ihnen ungezwungen, und es ge⸗ brach an nichts, das geeignet war ſie zu erhoͤ⸗ hen. Beſonders ſeit einiger Zeit hatte die fin⸗ ſtere Verſchloſſenheit des bejahrten Hausherrn oͤfter einer mildern Außenſeite Platz gemacht, und war er auch nicht immer bei Laune ſeinen ungemaͤßigten Stolz in den muntern Kreiſen zu verlaͤugnen, die er um ſich gebildet, ſo ſchien er es doch nicht ungern zu ſehen, wenn man ſich auch ohne ſeine perſoͤnliche Gegenwart alles deſſen bediente, was ſeine großen Reichthuͤmer gewahren konnten. In ſeinen Marſtͤllen wat immer eine Anzahl trefflicher Pferde bereit, ſeine hochgebornen Clienten nach Wisnica oder ſeine andern Schloͤſſer zu tragen, deren Gemaͤcher, Vorrathekammern und Jagdgehege ihnen offen ſanden, Waffen allerlei Art fanden ſich in — 236— ſeinen Ruͤſtaͤlen, damit ſie ſich ihrer bei ihren Uebungkaͤmpfen bedienten, hier und da that er auch wohl einen Griff in ſeine Goldtruhen, der augenblicklichen Verlegenheit eines jungen Man⸗ nes abzuhelfen, der nicht genau genug mit ſei⸗ nen Einkuͤnften Rechnung gehalten; kurz, war ſein Haushalt auch nicht eingerichtet, wie man es vom Vertrauten und erſten Rath der hochge⸗ bildeten Mailaͤnderin erwarten konnte, ſo war es doch der eines gewaltigen Feudalherrn aͤlterer Zeit, und beſonders eines Mannes, den Neig⸗ ung und Verhaͤltniſſe beſtimmten, als das Haupt einer ſtarken Partei aufzutreten. Es iſt alſo unſerm jungen Edelmann wohl zu verzeihen⸗ wenn er unterweilen die Freiheit und das alt⸗ ſarmatiſche Wohlleben im Palaſte des Großmar⸗ ſchalls den ernſtern und zeremoniellen Verſamm⸗ lungen der Koͤnigin Mutter vorzog, und wir ſehen ihn bald als einen taͤglichen Gaſt des Er⸗ ſteren, ob er ſchon nicht unterließ, ſch von Zeit zu Zeit bei Hofe und in den Zimmern der piaſtiſchen Fuͤrſtin zu zeigen, und ſo viel wie moͤglich auf das Acht zu haben, was ſich dort begab.— Wenn gleich Steatsgeſchaͤfte, die Beſchwer⸗ den eines vorgeruͤckten Alters und noch oͤfter uble Laune den Wojewoden von Krakow abhiel⸗ ten, an der Jagdluſt und andern Ausfluͤgen der juͤngern Herren Theil zu nehmen, ſo ſchien er doch Vergnuͤgen an den ruhmredigen Berich⸗ ten der Liebhaber des Waidwerks und dem oft nicht minder freigebigen Selbſtlob derer zu fin⸗ den, die im Streit mit ſtumpfen Waffen, oder im Schießen nach dem Ziel, Proben ungemei⸗ ner Geſchicklichkeit abgelegt zu haben betheuertens er kam haͤufig bei ihrer Zuruͤckkunft in den gry⸗ ßen Saal, und bei dieſen Gelegenheiten ſah man den Mann, deſſen Stirn anderwaͤrts ge⸗ meiniglich duͤſtere Wolken bedeckte, nicht ſel⸗ ten laͤcheln, wohl ſelbſt bei Anhoͤrung einer recht derben Jägerprahlerei in ein lautes Gelaͤchter ausbrechen. Er ſchien dieſe Unterhaltung, der in den Sälen Bona's von Mailand, in wel⸗ chen er nur dann erſchien, wenn ein wichtiger Gegenſtand, das Reich, oder die eigene Ehr⸗ ſucht betreffend, ihn dahin rief, weit vorzu⸗ ziehn, und ſolche Abende wurden dann in der Regel mit einem herrlichen, ja ſchwelgeriſchen Banfett heſchloſſen, Eines Ahends ſaßen die —— Lafelgenoſſen des Petrus Kmita bei einem ſol⸗ chen, und der Großmarſchall, in ungewoͤhnlich heiterer Stimmung, ergoͤtzte ſich eben damit, unſern Hippolyt, dem der Ton des Hauſes noch nicht voͤllig gelaͤufgg war, damit auftuziehen, wie er keiner ſolcher Großthaten im Wald und der Reitbahn ſich ruͤhmen koͤnne, als ſeine Ge⸗ faͤhrten; da meldete ein eintretender Diener den Großfeldherrn und den Hofmarſchall der Krone, die im Auftrag des Koͤnigs eine kurze Unterredung begehrten. Wie kommt— rief Kmita erhitzt durch viel geleerte Becher und den lebhaften Theil, den er wider Gewohnheit am Geſpraͤch genommen,— wie kommt mein Haus zu der Ehre, daß der erlauchte Graf zu Tarnon es mit ſeiner Gegenwart beguͤnſtige, die er ihm ſo lange nicht geſchenkt. Ich werde warlich in Verlegenheit vor ihm ſtehen, und nicht wiſſen, wie ich entſchuldigen ſoll, daß ich es verſaͤumt in dem herrlichen Chriſtophor⸗Palaſte ihm auf⸗ zuwarten und mich in ſeinem Vorgemach unter die zu ſtellen, welche demuͤthig warten, bis der* des Vaterlandes ihnen das Gluͤck ſeines Anblicks gewaͤhrt? Nun, iſt der Petrus Kmita auch ein Pole ſo gut und beſſer als einer, ſo 3 — a— iſt er doch zu alt ſich zu Herrn Johannes Söh⸗ nen zu zaͤhlen. Und der Wojewode von Lublin? fuhr er fort, immer mehr die gewohnte Faſſung verlierend, der hochgeborne Johannes Firley?— D ja, wir ſind die beßten Freunde, doch hat unſere Freundſchaft ſelten hinausgercicht uͤber den Umkreis des Wawel-Berges*) und in un— ſern Behauſungen ſind wir einander ziemlich fremd: Was mag ihn doch zu mir fuͤhren, den vielbeſchaͤftigten Staatsmann, welcher der Krone dienet und der Synode zu Genf, dem Koͤnig, der Konigin Mutter und dem lutheriſchen Albert 11 von Preußen?**) doch, ſetzte er hinzu, als *) Wawel, Name des Schloßberges zu Krakow. **) Die Abweſenheit des Verfaſſers während des Drucks, hat die Verbeſſerung eines chronologiſchen Fehlers verhindert, der ſich Seite 163 bis 154 be⸗ findet. Der Herzog von Preußen, welcher da⸗ ſelbſt erwähnt wird, iſt nicht Albert der ate Fried⸗ rich, ſondern Albert der iſte ſein Vater; was hingegen von demſelben in Rückſicht auf ſeine Ents würfe bei Siegmund des eten Auguſt's Tode ge⸗ ſagt wird, bezieht ſich wirklich auf dieſen Albert Friedrich, der in der Zwiſchenzeit ſeinem Pater in der Regierung des ſogenannten herzoglichen Preußen nachgefolgt iſt. Die Grenzlinie zwiſchen dieſem herzoglichen Preußen und dem, was man noch vor 1772 das königliche nannte, d. h. dem . 19 er auf den Angeſichtern ſeiner Gaͤſte die Verle⸗ genheit wahrnahm, nelche die Unſtatthaftigkeit ſeiner Aeußerungen ſowohl, als die Beſorgniß erregte, es werde ſich wie gewoͤhnlich nach ſol⸗ cher Aufwallung ein dauernder Ruͤckfall böſer Laune gegen die Zeugen derſelben einſtellen.— Doch wir duͤrfen ſo ſeltene hohe Gaͤßte nicht war⸗ ten laſſen und muͤſſen demnach der Kurzweil Valet ſagen fuͤr heute.— Bei dieſen Worten verflog jeder Schimmer von Froͤhlichkeit jaͤhling von ſeinem Antlitz, und es war ganz der muͤr⸗ riſche uͤbermuͤthige Großmarſchall, welchen un⸗ ſere Leſer ſchon fruͤher kennen gelernt haben, der mit nothduͤrftiger Hoͤflichkeit den Eintretenden entgegen ging. Die drei Herren traten darauf in ein nahegelegenes Kabinet, in welchem man bald des Keſtellans von Krakow maͤnnlich feſte Sprache, des Kronhofmarſchalls zierlichen Re⸗ deſtrom und des Petrus Kmita polterndes Wi⸗ derſprechen vernahm. Das Geſpraͤch war nicht von langer Dauer; als aber die beiden Be⸗ ſuchenden ſich entfernend an Hippolyt Bora⸗ König und der Republik Polen unmittelbar un⸗ terthan, iſt noch guf vielen gangbgren Eharten zu finden. tynski voruͤber gingen, ſchlug der Groß feld⸗ herr die Augen nieder, als wolle er ihn nicht bemerken, und ein ungewohnter Ausdruck der Strenge und der Mißbilligung war in ſeinen Zugen zu leſen. Firley hingegen ſah ihn ſtarr an und gleichſam fragend: Wie es komme, daß er hier zu treffen ſey? und ein zweideutig, beinah ſpottiſches Läͤcheln galt unfehlbar dem Bruder des Staroſten von Samborz.— Die Befuͤrchtung der Tafelgenoſſen war gerechtfertigt, Petrus Kmita veyließ den Saal alsbald, der Verſammlung andeutend, ſie mochte ſich in ih⸗ rer Freude nicht ſioͤren laſſen: eine Auffor⸗ derung, welcher die jungen Ritter auch wackere Folge leiſteten, ſich wenig um die Streitigkeiten der bejahrtern Großwuͤrdentraͤger kͤmmernd. Rur Hippolyt fuͤhlte ſich nicht mehr aufgelegt, Theil an dem Gaſtmahl zu nehmen. Der ſichtbare Un⸗ muth des Grafen von Tarnow hatte ihn ſchwer getroffen, er fuͤhlte ſich beleidigt durch des Wo⸗ jewoden von Lublin ſpottiſche Weiſe, und war ſchon im Begriff, dem Range deſſelben ungeach⸗ tet, ihn um Rechenſchaft uͤber dieſe anzugehen, da draͤngte ſich ihm in einem Augenblick vorbe⸗ reitenden Sinnens die Frage auf: ob es wohl — 19* irgend Jemanden zu verargen ſey, daß er ihn nicht ohne Befremdung im Hauſe des Kmita erblicke, ihn, den der Koͤnig dem Gefolge Bar— bara's Radziwill beigeſellt, deren erklaͤrter Wi⸗ derſacher der Großmarſchall war, den Bruder des Petrus, welchen gemeinſchaftliche Grund⸗ ſaͤtze der Staatskunſt ſowohl, als uͤbereinſtim⸗ mende Sinnesart mit dem Feldherrn verbunden, als deſſen Gegner Jener uͤberall auftrat, vor welchem eigene Erfahrung und des aͤltern und erfahrenen Staroſten Winke ihn gewarnt? Er war unzufrieden mit ſich ſelbſt, und um ſo mehr, da er ſich geſtehen mußte, ſeine Zeit in Geſell⸗ ſchaft junger Wuͤſtlinge nicht wohl angewendet, vielmehr ſie zwecklos verſchleudert zu haben, denn wenig Tage hatten hingereicht, ihn von der Nichtigkeit der vorlauten Hoffnung zu uͤberzeu⸗ gen, daß es ihm gelingen werde, den greiſen Staatsmann zu durchſchauen, der auch erfahre⸗ nern Maͤnnern das zu verbergen wußte, was er ſie wiſſen zu laſſen nicht fuͤr gut fand, und die Zuneigung deſſen zu erwerben, dem nichts etwas galt, als der eigene Nutzen. Er dachte eben daraufo ſich zu entfernen und durch allmaͤhlig ſeltneres Erſcheinen im Palaſt eine Verbindung — nach und nach aufzuloͤſen, deren Unſtatthaftig⸗ keit ihm deutlich geworden war, da fuͤhlte er, daß im Gedraͤnge der Gaͤſte, die ſich von der Tafel erhoben, jemand ihm ein zuſammenge⸗ rolltes Papier in die Hand ſchob. Er blickte ſchnell auf, doch er gewahrte niemand als die jungen Sdelleute, die ſich ſaͤmmtlich in einem Zuſtand befanden, welcher nicht erlaubte einen unter ihnen fuͤr den geheimnißvollen Ueberbrin⸗ ger anſcheinend wichtiger Botſchaft zu halten. Er zog ſich in die Naͤhe eines Candelabers zu⸗ ruͤck und las folgende Worte: Was treibſt Du in der Naͤhe des Gelers Hippolyt Boratynski? Nach dem Garten der Piaſtin eile, denn dort bauet der Adler den Horſt. Saͤume nicht; der Fluͤgelſchlag der Taube iſt ſchon ermattet.— Es bedurfte wenig Zeit den Sinn des Geſchrie⸗ benen zu entraͤthſeln, Beſorgniß und finſtere Ahndung erfullten ſchnell ſein Inneres, und ob⸗ ſchon nicht wiſſend, von wem dieſe Warnung komme, und nicht einig mit ſich, was er be⸗ ginnen ſolle, im Fall ſie gegruͤndet waͤre, eilte er hinweg aus dem wachſenden Laͤrm des Ge⸗ lages. Es war noch nicht ſpaͤt, nach unſerer Zeitrechnung war kaum das zweite Viertel der — 294— achten Stunde verfloſſen; doch war in dieſer Jahreszeit ſchon völlige Dunkelheit hereingebro⸗ chen, und nur die Mondesſcheibe beſchien, durch duͤnne Wolkenhuͤllen dringend, die Straßen, durch welche den eilenden Hippolyt ſein Weg fuhrte. Eben war er aus der Straße, welche man Ka⸗ nonna nennt, in ein enges Nebengaͤßchen ein⸗ gebogen, das gerade zur Gartenpforte der Wo⸗ jewodin von Podolien fuͤhrte, und uͤber welches die hohen Hintergebaͤude eines Kloſters dichte Schatten warf, da rannke ein taumelnder, an⸗ ſcheinend voͤllig trunkener Meſſch ſo gewaltig gegen ihn an, daß beide einige Schritte zuruͤck⸗ prallten. Der Mondſchimmer, der da, wohin die Kraft des Stoßes den Berauſchten zuruͤckge⸗ ſchleudert hatte, durch eine Luͤcke des Kloſter⸗ hofes auf ihn ſiel, ließ den jungen Boratynski bemerken, daß es ein Menſch gemeinen Stan⸗ des ſey, der ſich ihm in den Weg geſtellt, er befahl ihm alſo zornig, Raum zu geben. Doch der Andere weit entfernt ihm zu gehorchen, ſpreizte die Beine auseinander, verſchraͤnkte die Arme und ſprach mit einer Stimme, die der Ritter nicht zum erſten Male zu hoͤren glaubte. Nun, nun! nur gemach; haben Eure Gnaden ſo gewaltige Eile? S⸗iſt ſo huͤbſch dunkel hier und kuͤhl, da behagt es mir ein wenig ſtehen zu bleiben. Da legte der Edelmann, entruͤftet uͤber die Frechheit des Geſellen, und vielleicht Schlimmeres ahnend, die Hand an den Säbel. Tritt an die Seite, Vaſall; oder wahre Dei⸗ nen Kopf! Darauf ſprach jener mit minderm Trotze, beinah weinerlich: Laſſet doch ſtecken; wir ſind ja beide im Herrendienſt; Ihr bei ei⸗ ner ſchönen Dame, ich bei dem leidigen Gott ſey bei uns! So iſt alles nach Recht und Hrd⸗ nung, denn Ihr ſeyd ein vornehmer Edelmann, ich aber ein niedrig geborener—. Willſt Du mich foppen, frecher Burſch? ſchrie Hippolyt, als er ſah, daß der Trunkene immer noch ſei⸗ nen Platz behauptete.— Dafuͤr behuͤte mich der Himmel— antwortete dieſer, doch ohne zu weichen. Ein vernuͤnftig Wort wollte ich nur ſprechen mit Euer Hochgebornen. Warum haſiet Ihr Euch ſo? dahin, wohin Ihr gedenkt, kommet Ihr immer noch zu fruͤh! Die Geduld des Eilenden war erſchoͤpft; er faßte den Un⸗ verſchaͤmten, warf ihn unſanft auf die Pflaſter⸗ ſteine nieder und flog ſeines Weges weiter. Noch war er nicht bei der vollig erhellten Gar⸗ tenmauer angelangt, da fuͤhlte er ſich plotzlich ergriffen von einer ſtarken knöchernen Hand, und eine heiſere Stimme kreiſchte ihm ins Hhr: Junges Blut— eilen thut kein gut, ſey auf Deiner Hut, junges Blut!— ueberraſcht wen— dete er ſich um und erkannte alsbald jene Alte, die vor einigen Wochen im Schloſſe zu Krakow unvermuthet zwiſchen ihn und Helenen getreten war. Zu jeder andern Zeit yaͤtte er gewiß nicht verfehit den Augenblick zu benutzen, welcher ihm die Gelegenheit darbot ſich des Weibes zu be⸗ muͤchtigen, die ihm ſchon damals ſo verdaͤchtig geſchienen; jetzt aber ſtand einzig das Ziel ſei⸗ nes Weges ihm vor Augen, und er ſtrebte ſich loszumachen. Das war aber vergeblich; die duͤrren Finger der Hexe hielten ſeinen Arm feſt umkrallt, und in immer grellern widrigern Toͤ⸗ nen ſchrie ſie ihm zu: Herrlein, Herrlein, was hat Euch mein Vetter gethan, daß Ihr ihn ſo ungebuͤhrlich niedergeworfen und ſein Hirnſchaͤ⸗ del gekracht hat auf dem Pflaſter, als zerſchelle ein leerer Topf? Doch, ich bin nicht boͤſe, ſchen⸗ ket mir ein Goldſtuͤck oder zwei, ſo kauf' ich ihm Wundbalſam und wahrſage Euch noch oben⸗ drein! Eurem Liebchen eine ſchoͤne funkelnde — 297— Krone— und Euch? was denn gleich Euch? einen Schaͤferſtad mit bunten Baͤndern ge⸗ ſchmuͤckt, oder den Krummſtab eines Biſchofs, oder einen Wanderſab, welchen von allen Ihr wollet!— Wahnſinniges ungeheuer, laß ab von mir mit Deinen Klauen, daß ich nicht vergeſſe, daß Du ein Weib biſt, ſchrie Bora⸗ tynski wuͤthend, und durch eine kraͤftige An⸗ ſtrengung gelang es, ſich ihm befreien. Er ſtuͤrzte vorwaͤrts durch die Gartenpforte; ſeine Einbildungkraft war hoch aufgeregt, die Ver⸗ haͤltniſſe liehen, wie er meinte, den letzten Worten der Unholdin eine furchtbare Deut⸗ ung, der Gedanke an das großherzige Gemuͤth Siegmund Auguſts, an der Geliebten untadel⸗ igen Sinn war untergegangen in der Empoͤrung ſeiner Gefuͤhle, und ſo jagte er vorwaͤrts durch die entlaubten Baumgaͤnge, umherſpaͤhend, wo er das finden moͤchte, was er zu ſehen ſich ent⸗ ſetzte. Gleich hinter ihm drein rannte die Alte, immer fortſchreiend: Eine goldne Krone dem Fraͤulein, Dir einen Bettelſtab Junker! Pft kam ſie ihm nahe, daß er ſich ſcheltend zuruͤck⸗ wandte und ſie hart bedrohte, und unter dieſem ſonderbaren Zwieſprach im Laufen, gelangte er —— anf den freien Platz vor dem Hauſe, auf dem er zwei, Geſtalten gewahr ward, nelche die Mondbeleuchtung und der aus dem Saale des Erdgeſchoſſes fallende Kerzenſchimmer ihn freilich als den Koͤnig und Helenen erkennen ließen, in angelegentlichem Geſpraͤch begriffen und ſchein⸗ bar vertraulicher Stellung. Bei dem Herannahen des Geraͤuſches, dem lauten Zank und dem Flir⸗ ren des nachſchleifenden Saͤbels, wandte ſich Siegmund nach der Stelle, wo es zu verneh⸗ men war, verwundert uͤber die Kuͤhnheit desje⸗ nigen, der auf dieſe Art ſich einem Hauſe naͤ⸗ herte, in welchem er ſich befand, und als er unſern Ritter gewahrte, ſprach er ſtreng: Was fuͤhret Euch hierher, Boratynski, auf ſo unge⸗ ziemende Weiſe, und was iſt Euer Begehr?— Herr Koͤnig; begann Hippolyt: Ihr richtet da eine Frage an mich, die mir beſſer geziemte; darum erzeiget mir die Gunſt die urſache zu nennen, welche Euch mit der Tochter des Leon Odrowonz zuſammenfuͤhrt in Einſamkeit und abendlicher Stunde? Darauf entgegnete der Koͤnig gereizt und mit flammendem Blick: Iſt es wohl Hippolyt Boratynski, den Wir hoͤren? Cospetto! der junge Herr meint, er duͤrfe alſo — 299— zu Unſerer Majeſtät reden, wie ſein Bruder ſich wohl manchmal unterfangen, der weiſe Staroſt zu Samborz. Geht, geht, es hat Euch der Weinbecher des Kmita bethoͤrt, welchem Ihr gar fleißig zugeſprochen in den letzten Tagen; ge⸗ het, wiederholte er, daß Eure Schuld nicht größer werde als uUnſere Langmuth.— Ich werde nicht gehen, antwortete Hippolyt erhitzt, bis Eure königliche Gnaden oder dieß Fraͤulein mir erklaͤrt, was zu wiſſen ich berechtigt bin.— Wir befehlen Euch, daß Ihr Euch entfernet! wiederholte Auguſtus gebieteriſch und drohend: und unverzuͤglich, damit Ihr der Strafe nicht verfallet, die Euer verwegenes Beginnen ver⸗ dient.— Und nelches iſt das Geſetz der Repu⸗ blik, fragte der Aufgebrachte, das den Ver⸗ lobten beſtrafe, welcher die Verlobte bewacht?— Verlobte? ſprach der Koͤnig— Corpo di Bos⸗ co! ſo wiſſet Ihr nicht, daß Niemand des Koͤnigs Muhme ſeine Verlobte nennen mag ohne Unſere Bewilligung? und Wir finden uns ſehr geneigt, ſolche dem zu verſagen, der alſo wirbt um ein fuͤrſtliches Fraͤulein.— Ich zweifle nicht an des Koͤnigs Entſchluß, antwortete der junge Mann bitter; und ſo dieſe Dame das wieder⸗ holt was er geſprochen, hab' ich freilich hier weiter nichts zu thun. Da trat Helena, die waͤhrend des ganzen Vorgangs ihn mit Unmuth und Erſtaunen angeblickt, einen Schritt vor⸗ waͤrts und ſprach in großer Bewegung: Auch von mir erwartet jetzt keinen andern Beſcheid Herr Kaſtellanie.— Gehorchet des Koͤnigs Ge⸗ bot, ich bitte Euch darum, auf daß Ihr nicht zu ſchwer bereuen moͤget, was Ihr gethan.— Darauf wandte ſie ſich zu Siegmund Augußt, und beide ſprachen eine Weile leiſe zuſammen; wie nun der Koͤnig gewahrte, daß Hippolyt noch immer vor ihnen ſtand, ſagte er nicht mehr zornig, ſondern mit dem gewohnten Spott: Weil er denn nicht gehen will, Muhme, ſo laſſet uns das Feld raͤumen, daß dieſer Or- lando furioso ſich abkuͤhle in der Februarnacht, und Wir nicht allzuſchnell ein Urtheil faͤllen, in eigner Sache, uͤber den Beleidiger Unſerer Ma⸗ jeſtaͤt.— Als er ſo geredet, bot er dem Fraͤu⸗ lein den Arm, und beide zogen ſich in das Haus zuruͤck, deſſen Dhuͤr hinter ihnen zufiel. Noch einige Minuten ſtand der Zuruͤckgewieſene, dann ging er langſam nach dem Ausgang, un⸗ gewiß, ob er ſeine Leichtglaͤubigkeit und ſeinen — 80— Ungeſtuͤm anklagen, oder die Gebrechlichkeit weiblicher Treue verwuͤnſchen ſollte. Wie er aber aus dem Garten trat, ſchallte ihm hinter den Buͤſchen ein lautes Hohngelaͤchter nach.— Am Morgen, der einer ſchlafloſen Nacht folgte, berief ihn bei fruͤher Tageszeit eine Bot⸗ ſchaft zum Wojewoden von Lublin. Er fand ihn vor dem Kamin ſtehend mir dem Biſchof von Kujawien in heiterm Geſpraͤch. Als aber der Kronhofmarſchall den Eintretenden gewahrte, nahm er eine ernſtere Miene an, trat auf ihn zu und redete ihn in einem Tone an, der zwi⸗ ſchen hoͤfiſcher Kaͤlte und mitleidiger Jronie ſchwankte: Ich habe Euch leider eine unange⸗ nehme Nachricht mitzutheilen, Herr Kaſtellanie. Es iſt des Koͤnigs Wille, daß Ihr Euch noch im Laufe dieſes Tages auf den Weg macht gen Wilno, um allda Euren Dienſt bei ſeiner durch⸗ lauchtigen Gemahlin zu verſehen. Als der er⸗ ſten Perſon des koͤniglichen Hofſtaats, fuhr er fort, als er das bittere Laͤcheln verbiſſenen In⸗ grimms auf dem Angeſichte des Edelmannes be⸗ merkte— muͤſſet Ihr mir erlauben, Euch zu ſagen, daß der gnaͤdigſte Herr auf Euren xuͤnkt⸗ lichen Gehorſam rechnet. Pebrigens, obgleich der Beſcheid, den Ihr erhalten, Euch nicht guͤn⸗ ſtig lauten mag, ſo denk' ich, waret Ihr doch in dem Falle einen viel haͤrtern erwarten zu duͤrfen. Reiſet alſo gluͤcklich, fuhr er freundli⸗ cher fort; und ſeyd verſichert, daß Johannes Firley ſich Eurer baldigen Ruͤckkehr kaum minder erfreuen wird als Ihr ſelbſt.— Nach einer ſlummen Verbeugung entfernte ſich Hippolyt, und er war ſchon im aͤußerſten Vorgemach, als er den Schritt von Jemanden vernahm, der ihm eilend folgte. Es war Biſchof Andreas. Er zog ihn zur Seite und fragte in mildem Tone den Verduͤſterten: Was habt Ihr, wer⸗ ther Herr Hippolyt? Scheinet es doch, als duͤnke Euch ein urtheil zu hart, das wohl jeder andere als einen Beweis koͤniglicher Gnade be⸗ trachten wuͤrde.— H! ſo betrachte ich es auch— lautete die Antwort— und nebenbei fuͤr das beßte Mittel, mich den lebhaſtern Huldig⸗ ungen, deren Eure hochwuͤrdigen Gnaden juͤngſt erwaͤhnt, ſchicklich aus dem Wege zu raͤumen.— Ei, erwiederte der Praͤlat kopfſchuͤttelnd, es gemahnt mich, als ſeyet Ihr in ſchlimmen Haͤnden geweſen.— In den Krallen des Teu⸗ fels,— ſchrie der Ritter auf, der mir den ver⸗ — lornen Himmel zeigte, um mich in Verzweif⸗ lung zu ftuͤrzen!— Ich verſtehe Euch nicht— Ihr ſprechet lauter als man es mag von ſolchen Dingen und an dieſem Hrt, und dunkler zu⸗ gleich als Ihr es gegen mich thun ſolltet. Ja Herr Kaſßtllanie;« fuhr er fort, indem er die Hand auf ſeine Schulter legte: der Augenblick iſt, glaub' ich, da, den Anſpruch auf Euer Vertranen geltend zu machen, den mir Euer wackerer Bruder verliehen, auf ein Vertrauen, daß, wie ich befuͤrchte, Ihr in der letzten Zeit nicht wohl angebracht. Begleitet mich in meine Behauſung, und wenn Ihr daſelbſt Euer Hert vor mir ausſchuͤtten wollet, ſo wird es Euch nicht gereuen. Die Stimme des geachteten Kir⸗ chenfuͤrſten ſprach wohlthuend zu dem Herzen des Juͤnglings, der ſich von allen verlaſſen waͤhnte; er folgte ihm und legte allmaͤhlig eine vollſtaͤndige Beichte ab von dem, was ſich zu⸗ getragen. Sehr aufmerkſam hoͤrte Andreas die Worte Hippolyts an, manchen kleinen umſtand ließ er ſich genau und mehre Male wiederholen, dann nahm er das Wort folgendermaßen: Ihr ſeyd nicht vorwurfsfrei, junger Mann, und Euer Bruder kann wenig zufrieden mit der Art — 804— ſeyn, wie Ihr ſcine weiſen Rathſchlaͤge befolgt. Eure Lebensweiſe in den letzt vergangenen Tagen und die Vermeſſenheit, welcher Ihr Euch ſchul⸗ dig bekennet, ließen gar wohl die kurze Ver⸗ weiſung, wenn Ihr des Herrn Gebot ſo nennen wollet, als eine nicht ganz verdiente Gunſt koͤniglicher Milde betrachten, die Man⸗ chem ſchwerlich zu Theil geworden waͤre, und auch Euch nicht ohne beſondere kraͤftige Fuͤr⸗ ſprache. Runzelt die Stirne nicht, Herr Ka⸗ ſtellanie, Ihr habt wohl allerlei gethan, dieſer Fuͤrſprache verluſtig zu gehen. Doch iſt manches Beſondere in dem, was ich von Euch vernom⸗ men, und es will mich duͤnken, daß Ihr ein Spielwerk feindſeliger Maͤchte geweſen, deren umſtrickungen ein Juͤngling wie Ihr, wohl un⸗ terliegen mag, ohne daß man ihn verdamme. Ihr wiſſet, alte Anhaͤnglichkeit und Verhaͤlt⸗ niſſe verſchiedener Art verbinden mich dem ma⸗ zowiſchen Fuͤrſtenhauſe, und es ſtehet mir da⸗ rum wohl an, daſelbſt ein Wort mehr zu ſpre⸗ chen, als ein Anderer. Der heutige Tag iſt Euch frei gegeben; harret bis zum Abend, Ihr werdet von mir hoͤren.— Danket mir nicht, fuhr er fort, als der junge Ritter zu ſprechen — 8056— verſuchte: Ihr ſeyd mir zwar werth, als ein Edelmann, welcher verheißt, dereinſt eine wuͤr⸗ dige Stuͤtze des Vaterlandes zu werden, und als Herr Petrus Bruder— doch nicht um eu⸗ retwillen allein bietet ſich Andreas Zebrzydowski zum Vermittler an zwiſchen dem Juͤngling und der Jungfrau; Wichtigeres iſt's, was mich be⸗ ſtimmt. Verſaͤumet jedoch nicht Euch zur Reiſe zu ruͤſten, denn kaͤme es anders, als ich meine, und die Nacht faͤnde Euch noch zu Krakow, ſo traͤfe Euch auch der Zorn Siegmund Auguſts, der, einmal erwacht einer verheerenden Flam⸗ me gleicht.— In der Herberge fand Hippolyt ſeinen alten Dheim, und da er ihm die Wahrſcheinlichkeit mittheilte, daß er nach Wilno aufbrechen muͤſ⸗ ſe, erklaͤrte der Herr von Pinsk, dem es nach der Abreiſe ſeiner erlauchten Blutsfreundin nicht mehr in Krakow behagte, er ſey bereit die Fahrt mit ihm zu machen. Die Daͤmmerung fand unſern Freund im Hauſe des Biſchofs, und bald darauf erſchien der ſehnlich Erwartete.— So Ihr— begann er mit feſtem, doch liebreichem Tone:— So 20 — 306— Ihr Euren Sinn darauf geſtellt habt, in Kra⸗ kow zu verbleiben, werther Hippolyt, ſo werdet Ihr wenig zufrieden ſeyn mit dem Erfolg meiner Beſtrebungen.— Es iſt nicht anders, Ihr muͤſ⸗ ſet reiſen. Zu ſehr haben die Verbindungen, die Ihr geſchloſſen in der letzten Zeit, des Kö⸗ nigs unwillen erregt, und vielleicht noch Je⸗ mandes andern. Eure letzte Uebereilung hat die Nothwendigkeit Eurer Entfernung allzuſehr dar⸗ gethan und der Eile, mit der man trachten muß, Euch gewiſſen Einfluͤſſen zu entziehen. Traget als ein Mann die kleine Widerwaͤrtigkeit, die Ihr fur ein Uebel haltet, da Ihr den heil⸗ ſamen Zweck zu erkennen noch nicht vermoͤget. Doch will ich Euch einen Troſt mitgeben auf die unfreiwillige Fahrt in dieſem Blatt, daß ich Euch uͤberantworte, ſo Ihr mir Euer Ehren⸗ wort verpfaͤndet, es nicht zu öffnen, als in der Hauptſtadt Littauens.— Reiſet mit Gott, mein Sohn, und nehmet dieſelbe Verſicherung von mir an, die Euch der Hofmarſchall, auf⸗ richtiger, als er wohl ſonß pflegt, gegeben, daß ich mit Ungeduld dem Augenblick entgegenſehe, da Ihr wieder hier eintreffen werdet im Ge⸗ ſolge S— — — Ehe noch der Abend voͤllig hereingebrochen war, befand ſich Hippolyt Boratynski auf der Heerſtraße nach Wilno, in Begleitung des Jo⸗ hannes Lacki und des kleinen Stas. Ende des zweiten Theiles. Gedruckt bei Cart Gottlob Gärtner. Anzeige fuͤr Gebildete. ei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den und Leipzig ſind folgende ſchoͤngeiſtige und an⸗ dere fuͤr Belehrung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, A. Bronikowski, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fougus, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Noos, G. Schil⸗ ling, St. Schuͤtze, W. Seott, K. Streckfuß, L. Lieck, C. F. van der Velde, C. Weisflog und andern erſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. von Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr 6 E 1823. 7 Thlr. 1824. 7 Thlr. 1825. 10 Thlr. A. Apel, die Aitolier, Tragoͤdie m. K. 1 Thlr. „Kunz v. Kaufungen. Trauerſp. 20 Gr. A. Bronikowski, Hippolyt Boratynski, 2 3 1825. 3 Das Geſpenſt. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 Gr. Der Mantel. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, F. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 Gr, Ich und meine Frau. Drei Erzählungen, v. Laun, Lindau und Schilling. 1 Thlr. 6 Gr. S Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818.2 Thlr. 6 Gr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, erſte Sammlung, 10 Baͤnde, 1r u. 2r Bd., 3te Auft. 1823. 1 Thlr 21 Gr. Zr u. 4r Bd., 3te Aufl. 1824. 2 Thlr. Sr bis Sr Bd., 1820— 22. 4 Thlr. gr u. 10r Bd. das Mädchen a. d. Fliedermuͤhle, 2 Thle. 1822. 2 Thlr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 10 Baͤnde, 1r u. 2r Bd. Des Vaters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Fraueninſel, 1823. 2 Ehlr. 3r Bd. Der Blutſchatz 1823.1 Thlr. 5 Gr. 4r Bd. Das Dijon⸗Roschen. 1823. 1 Thlr. 6 Gr. Ir u. 6r Bd. Das Chriſtpuppchen, 2 Thle. 2 Thlr. 6 Gr. 7ru. 3r Bd. Die Großmutter u. der General⸗Be⸗ vollmächtigte. 1824. 1 Thlr. 15 Gr. gru. 10r Bd. Die Graͤfin Cherubim, 2 Thle. 1824. 1 Thlr. 18 G; H. Clauren, Scherz und Ernſt, ste Sammlung, 10 Bände, 1r, 2r, 3r Bd. Der Faftnachtball, 3 Thle. hlr. 18 Gr. 4r Bd. Die Grenikom⸗ miſſion u. me Kind, 1823. 1 Thlr. 5r Bd. Rangſucht u. Wahnglaube, 2te uf. 1825. 1 Thlr. 6r Bd. Das Pfaͤnderſpiel, 2te Aufi. 1 Thir. 6 Gr. 7r Bd. Der Lebe reinſtes Bpfer, 2te Aufl. 18 Gr. 8r Bd. Das Schlachtſchwert, 2te Lufl. 18 Gr. 9r u. 10r Bd. Des Lebens Hoͤchſtes iſt die Liebe, 2 Thle. 2te Auffage. 2 Thlr. Wegen der Wiener unvollftaͤndigen Nachdraͤ⸗ cke, werden dieſe 3 Sammlungen von 30 Baͤnden ſtatt 29 Thlr. 12 Gr., fuͤr 22 Thlr. 12 Gr. durch alle Buchhandlungen verkauft. H. Clauren, Scherz und Ernſt, 4te Sammlung, r bis 3r Bd. Leopoldine und Molly, 2 Thie. 1825. 3r Band, Makk. 1825. 2 Thlr. 18 Gr. „Der Vorpoſten, Schauſpiel. 1821. 16 Gr. „Liesli und Elſi, zwei Schweizergeſchichten. 1821. geb. 1 Thlr. 8 Gr. „Das Vogelſchießen, Luſtſpiel. 1821. 21 Gr. „Der Braͤutigam aus Meyiko, 36 6 1 Thlr. 4 Gr. C. W. Conteſſa, Erzaͤhlungen, 2 Thle. 1319. 2 Thlr. K. Foͤrſter, Samml. auserleſ. Gedichte fuͤr Gedaͤcht⸗ niß⸗ u. Reduͤbungen. 2te Aufl. 1824. 1 Thlr. 12Gr. Fr. de la Motte Fouqus, Reiſe⸗Erinnerungen, 2 hle. 1323. 2 Thlr. 12 Gr. Th. Hell, Buͤhne d. Ausläͤnder, 3 Bde. 3 Thlr. 5Gr. „Lyratoͤne. 2 Thle m. Kpf. 1821. 2 Thlr. „Des Maurers Leben. Zte Aufl. m. Kpf. 1825. geb. 1 Thlr. 8 Gr. „Der Renegat.2 Thle. a. d. Franz. 1823. 2 Thlr. 3 Gr. „Salvator Roſa und ſeine Zeit. A. d. Engliſchen der Lady Morgan. 3 Thle. 1825. 3 Thlr. 6 Gr. Th. Hell, Dramatiſches Vergißmeinnicht, 1r Theil. 1) Der Unſchuldige muß viel leiden, 2) Clemen⸗ tine. 1814. br. 1 Thlr. 2r Theil. 15 Die Galeerenſelaven. 2) Der Hof. meiſter in tauſend Aengſten. 1825. 1 Shlr. E. v. Houwald, Erzaͤhlungen, 1819. 1 Thlr. 4 Gr. Fr. Laun, Zwei Braͤute fur einen Rann. 1809. 2te Aufl. 1 Thlr. „Die Gebatterſchaft. 1809. 1 Thlr. Fr. Laun, Hiſtorien ohne LTitel. 2 Thle. 2te Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 Gr. „Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. Eetu 1808. 1 lr. 18 Gr. „Der wilde Jaͤger. 1820. 1 Thlr. 6 Gr. „Welcher? Drei Etzaͤhlungen verwandten In⸗ halts. 1821. 1 Thlr. 3 Gr. „Myrthenzweige. 2 Thle. 1825. 2 Thlr. W. A. Lindau, Lebensbilder. 2Th. 1818. 1Thlr. 12Gr. „Die Braut, a. d. Engl., v. W. Scott, 3 Thle. 2te Aufl. 1822. 8 Thlr. „ Eduard, a. d. Engl., v. W. Seott, 4 Thle. 1822. Thlr. 18 Gr. 4 „ Das Herz von Mid⸗Lothian, v. W. Scott, 6 Thle. 1824. 1 6 Thlr. „Anaſtaſius, Abenteuer eines Griechen, 5 Thle. 1825. 6 Thlr. 16 Gr. W. A. Lindau, Etzaͤhlungen v. W. Irwing, aus dem Engl. 1822. 21 Gr. „Der Landprediger zu Wakeſield. A. d. Engl. des D. Goldſmith. 1825. 1 Thlr. I8 Gr. T. F. M. Richters Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Fuͤr die reifere Jugend zur Belehrung, uzur Unter⸗ haltung fuͤr Jedermann, 6 Thle. 1824. 6Thlr. 4Gr. R. Rove, Gedichte, 2 Thle. 1829 u. 23. 2 Thlr. 3 Gr. „Erzaͤhlungen, 2 Thle. 2te Aufl. 1825. 2 Thlr. 6 Gr. St. Schuͤtze heitere Stunden, 3Thle. 1824. 3Thlr. Gr. K. Streckfuß, Erzaͤhlungen. 1812. 1 Thlr. Taillefas, Schreckenſcenen a. d. Norden. 1820.1Thlr. L. Tieck, Novellen 1r Thl. Die Gemaͤhlde. 1823.1Thlr. 2r Thl. Die Verlobung. 1823. 18 Gr. 3r Thl. Die Reiſenden. 1824. 1 Thlr. 4r Thl. Muſik. Leiden und Freuden. 1824. 18 Gr. F. v. d. Velde, ſt Friedrich. 1820. 1Thlr. 12Gr⸗ ie Eroberung von Mexiko. 3 Thle. 1821. 3 Thlr. 8 — Die Wiedertaͤufer. 1822. 1 Thlr. 12 Gr⸗ Die Patrizier. 1828. 1 Thlr. 15 Gr. Guido. 1823. 21 Gr. Arwed Gyllenſtierna. 2 Thle. 1823. 2 Thlr. 12 Gr. Das Licbhabertheater. 1824. 1 Thlr. 6 Gr. Der boͤmiſche Maͤgdekrieg. 2Thle. 1824.1 Thlr. 18Gr⸗ Chriſtine und ihr Hof. 1824. 1 Thlr. 12 Gr. „Das Horoſkop. 1825. 21 Gr⸗ „Die Reiſe nach China. 1825. 1 Thlr 12 Gr. NXMMXXXM » — — Wittgens Raubſchloß. 1828. C. J. van der Velde ſaͤmmtliche Schriften, Ste verbeſſ. Aufl. herausg. von C. A. Boͤttiger und Hell, 8. i 1825. Erſte Lieferung Lfir— 4 Bd. Erzſufen, 3 Theile und Prinz riedrich, Vorausbeahlung 3 Thlr. 12 Gr. Zweite Lieferung, 5r— gr Band: die Erober⸗ ung von Mexiko, 3 Theile und der Malthe⸗ ſer. 3 Thlr. 12 Gr. Dritte Lieferung, 9r— 12r Band: die Lichtenfteiner, die Wiedertaͤufer, die Patrisier und Guidv. 3 Thlr. 12 Gr. Alle 25 Baͤnde 20 Thlr. Der ſpätere 28 Thlr. The Vicar of Wakefield, a Tale by O. Gold- swith. Mew Edit. 1825. 18 Gr. L. Weisflog, Phantaſieſtuͤcke u. Hiſtvrien. 4 Thle. 1824. 5 Thlr. 6 Gr. Hr und 6r Band. 1828. 3 Thlr. 15 Gr. 1 Thlr. 6 Gr. Young, Klagen und Rachtgedanken. Erſer Theil 1825. 1 Thlr. Die 1 ſte Sammlung der Schriften von Gußtab Schilling beſteht aus 30 Baͤnden, welche im Ladenpreiſe 50 Thlr. Foſten. Um aber den reunden der neuen Sammlung den Ankauf der fruͤhern zu erleichtern, geben wir ſolche fur 33 Thlr. Pr. Courant, wofuͤr ſie durch alle ſolide Buchhandlungen zu erlangen iß. Es ſind in jener Sammlung enthalten: 15 Das Weib wie es iſt, 2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Die Ignoranten. 3 Thle. zte verb. Aufl. 5. 6. 7. 8.) Der Liebesdienſ. 4 Thle. 9. 10. Die ſchoͤne Sibille. 2 Thle Zte verb. Aufl. 11.) Bagatellen von Z. Kukuck. 2te verb. Aufl. 12. 13. 14. 15.) Erzahlungen. 4 Thle. 16. 17. 18.) Geſchichken. 3 Thle. 19. 20. 2 lichter. 3 Thle. 22. 23. Abendgenoſſen. 2 Chle. 2te verb. Aufl. 24.) Das Brakel. 25. 26.) Laura im Bade. 2 Thle. 2.) Der Beicht⸗ vater. 2te aus 2 in 1 PVand gedraͤngte Aufl. 2 20.) Die Saat des Boſen. 2 Thle. 30. Clärchens Geſtaͤndniſſe. 2te aus 3 in 1 Bö⸗ gedraͤngte Auft. 31.) Die Wunderapotheke. 32.) Der Weihnachtabend. 2te verb. Auf. 38.) Die * Neuntodter. 34.) Die Geiſter des Erzgebirges: 35. 36.) Flocken 2 Thle. 37. 38.) Gottholds Abenteuer. 2 Thle 2te verb. Aufl. 39.2 Wall⸗ mann der Schuͤtze. 40.) Die Nachwehen. 41.2 Freudengeiſter. 42.) Die Bedraͤngten. 43. 44.) Der Roman im Romane. 2 Theile. 2e verb. Aufl. 45.) Die Heimſuchung. 46.) Blaͤtter aus dem Buche der Vorzeit. 47.) Drangen. 2te aus 2 in 1 Band gedraͤngte Auflage. 48.) Flaͤmmchen. 49.) Die Verſucherinnen. 2te verb. Aufl. 50.) Das Teufelshaͤuschen. Die zweite Sammlung erſcheint in Lieferungen zu 5 Baͤnden, welche im Ladenpreiſe 5 Thlr., gegen Vorausbezahlung aber nur 4 Thaler koſten. In den erſten 7 Lieferungen ſind enthalten: 10 Der Mann wie er iſt. 2te verb. Aufl. 2. 3. 4. Verkuͤmmerung. 3 Thle. 5.) Heimchen. 6. 7. Stoffe. 2 Thle. 8. 9. 10.) Die Familie Buͤr⸗ ger. 3 Thle. 1820. 11. 12. 13.) Wallows Töch⸗ ker. 3 Thle. 1818. 14. 15. Zeichnungen. 2 Thle. 1821. 16. 17.) Wolfgang, oder der. Name in der That. 2 Thle. 18. 19. 20.) Haͤusliche Bilder. 3 Thle. 1822. 21. 22.) Der Maͤdchen⸗ huͤter. 2 Thle. 2te verbeſſerte Aufl. 1823. 23.) Schilderungen. 24. 25.) Leander 2 Thle. 26. 2.) Die Vorzeichen. 2 Thle. 28.) Die Reiſe nach dem Tode. 3te Aufl. 29. 30.) Gefaͤhrten. 2 Thle. 31. 32.) Der Hausgenoſſe. 2 Thle. 33. 34. 35.) Hiſtorien. 3 Theile. Außer dieſer Sammlung ſind noch einzeln gedruckt: G. Schilling, Die Brautſchau. 2 Thle. 1809. 2 Thlr. 12 Gr. Mondſteinwuͤrfe von Z. Kukuck. 1803. 1 Thlr. Drako, Daͤmon der Hoͤlle. 1808. 18 Gr. Das Leben im Fegfeuer. 1804. 1 Thlr. Roͤschens Geheimniſſe. 2 Thle. 2te Aufl. 1805. 1 Thlr. 12 Gr. Arnoldiſche Buchhandlung. n 8 19 3 *„ S—— Gi