— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eeih- und Jeſebedingungen. eensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ d Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens„ nds 8 Uhr offen. . Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ m men. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme es es, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe rlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: é Bücher: ., 1 M nat. 1———— auf at: Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3„,„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 2 der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bu⸗(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, verr e Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt l pflichtet. 4 —— — Hippolyt Boratynski, A. Bronikowski. Erſter Theil. —— Dresden, 1825, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. ₰ X Schiife e von Alexander Bronikowski. Erſter Band. — Inhalt: Hippolyt Boratynski. Erſter Theil. n/ 8 — Einleitung. — Jo halte es fuͤr das Beßte vom Anfange her⸗ ein das zu erklaͤren, was die meiſten von denen, welche dieſes Buch des Durchleſens werth halten moͤchten, wohl ohnedieß bald bemerkt haben wuͤrden. Die Beſtrebungen des Sir Walther Scott, die Vergangenheit ſeines Vaterlandes im roman⸗ tiſchen Schmuck der Jetztwelt aufzufuͤhren, das lebhafte und beinahe allgemeine Intereſſe, welches ſie fuͤr die Gipfel und Thaͤler des Hochlandes, die uns fruͤher nur mit Oſſians Nebeln bedeckt erſchienen, fuͤr die Geſtade der Tweed und Clyde erregt haben, ſie ſind es, welche mich bewogen, meinen Zeitgenoſſen im aͤhnlichen Gewande die — 4— vergeſſenen Thaten der vergangenen Jahrhunderte eines Volkes darzuſtellen, welches mit Recht auf die Beachtung der ſpaͤter Lebenden Anſpruͤche ma⸗ chen kann, gleich denen der ehemaligen Bewoh⸗ ner Schottlands. Und wohl beurkunden ſich in den Jahrbuͤchern der Sarmaten ſo manche Zuͤge der Aehnlichkeit mit denen der ealedoniſchen Halbinſel. Heldenkuͤhnheit und politiſche Miß⸗ griffe, feurige Liebe zu Vaterland und uralter Verfaſſung, ſtoͤrriſche Widerſetzlichkeit gegen das ewige Schaffen des Zeitgeiſtes, wuͤthender Glau⸗ benshaß und der Partheien verbrecheriſches An⸗ ſchmiegen an die Fuͤrſten des Auslandes, Greuel der Oligarchie und Anarchie, hin und wieder er⸗ hellt durch einzelne leuchtende Erſcheinungen, und veredelt durch eine nicht unwuͤrdige Volkseigen⸗ thuͤmlichkeit, Schwaͤche der Gebieter und Trotz der Vaſallen, bieten ſich die Hand in der Ge⸗ ſchichte beider Voͤlker, und beiden haben ſie das gemeinſame Schickſal bereitet, obgleich auf ver⸗ ſchiedene Weiſe, aus der Weltgeſchichte verſchwin⸗ dend, in der maͤchtigern Nachbar⸗Monarchie un⸗ terzugehen. Nationaltugenden und Fehler, anders wenig⸗ ſtens ſich geſtaltend, als bei den ſie umgebenden — 5— Voͤlkern; Sitten, Sprache und Gebraͤuche, fremd dem uͤbrigen Europa, haben ihre Vergangenheit groͤßtentheils den Annalen der Geſchichte entzo⸗ gen, und den Schleier verdichtet, unter dem der Lauf der Jahrhunderte und die Eigenliebe der wortfuͤhrenden Nachbarn ſie dem Auge der Nach⸗ welt verbarg. So trete denn das alterthuͤmliche Polen auf mit ſeinen Gelagen und Schlachten, mit ſeinen Koͤni⸗ gen und Prieſtern, mit ſeinen Kriegern und Frauen, mit dem Treiben in ſeinen Huͤtten und Palaͤſten, und moͤge es der Hand des Darſtellers gelingen, dem Gebilde die gehoͤrigen Lichter und Schatten zu geben, damit das verwoͤhnte Auge des Beſchauers unſrer Tage nicht ungern auf ihm verweile. Nicht unwerth iſt der Gegenſtand der Betrachtung, und wohl mag das alte Reich der Sarmaten wuͤr⸗ dig ſich zeigen. Einſt in einem Umkreiſe von mehr als 40,000 gevierten Meilen von dem Strande der Oftſee bis unfern vom ſchwarzen Meere, von vielen Millionen bewohnt, geſchmuͤckt mit ergiebigen Fluren und bluͤhenden Saͤdten, ehrenwerth durch kriegeriſchen Ruhm, reich durch einen fuͤr jene Zeit weit ausgebreiteten Handel, gefeiert als der Sitz der Wiſſenſchaften, welche damals in den Nachbarlaͤndern ſelbſt gegen Abend nur langſam aus tiefem Schlummer erwachten, eine eherne Mauer gegen den Andrang mitternaͤchtiger und morgen⸗ laͤndiſcher Voͤlker, ſtellt es ſich dar, wie es war, voͤllig unaͤhnlich dem, was es iſt. Ich geſelle zu der Reihe der Gemaͤlde, welche des Darſtellers Hand der Dunkelheit des verſunke⸗ nen Bilderſaals entziehen will, die Begebenhei⸗ ten, welche die erſten Tage der Regierung Sieg⸗ mund Auguſts auszeichnen, des letzten Koͤnigs der Polen aus dem Jagielloniſchen Stamm, der ſchon vier Generationen hindurch auf dem alten Throne ſaß, von welchem das Haus des Piaſt, nach beinahe ſieben Jahrhunderten, ſeit Erhebung des Ahnen herabgeſtiegen war. Es iſt das goldne Zeitalter Polens, das ich herbeirufe, die Zeit, die laͤngſt voruͤber iſt, de⸗ ren vergeſſene Denkmaͤler tief, wie Campaniſche Staͤdte unter uralter Lava, unter dem Schutt verborgen liegen, welche die verwuͤſtenden Kriege des ungluͤcklichen Hauſes Waſa, das Hereinbre⸗ chen der nomadiſchen Barbaren uͤber das ge⸗ ſchwaͤchte Reich, die Uneinigkeit und der zuneh⸗ mende Uebermuth der Magnaten unter den ein⸗ † ½ — 7— gebornen und ſaͤchſiſchen Koͤnigen, und endlich Stanislaw Auguſts fluchbedeckte Regierung uͤber ihnen aufgehaͤuft haben. Nur Namen, die aus der uralten guten Zeit heruͤbertoͤnen, erin⸗ nern uns an das, was da war; dort, wo jetzt ein wuͤſter Flecken mit wenigen aͤrmlichen Huͤtten, den Namen einer ehemals volkreichen Stadt traͤgt, ſtoͤßt die Pflugſchaar in einem weiten Um⸗ kreiſe“) auf verſchuͤttete Truͤmmer geraͤumiger Behauſungen, in denen einſt das Gewerbe ſich munter bewegte.— Wo jetzt unkenntliche Spuren verfallenen Gemaͤuers den Huͤgel bekraͤnzen, prang⸗ ten damals ſtattliche Schloͤſſer, in deren Thore die Gaſtfreundſchaft den Beſucher einlud, und deren Gemaͤcher in orientaliſcher Pracht glaͤnzten, und im Schmuck vorraͤterlicher Trophaͤen; hluͤh⸗ ende Gaͤrten bedeckten die jetzt verſandeten Ufer der Weichſel, und in den ungeheuern Wuͤſteneien jenſeit des Bugſtroms, in welchem das erſterbende Geſchlecht des Urs in tiefer Waldnacht wohnt, laſſen heute nur verwilderte Gehege und verwach⸗ ſene Gaͤnge mit Muͤhe die Stellen errathen, wo *) Bei Lomza, Kazimierz, Rawa u. a. m. in dem Umkreiſe einer halben Meite. Auch Lublin zählte vor Johann Kaſimir 30,000 Einwohner. einſt die Jagdhaͤuſer der koͤniglichen Jagiellonen ſtanden.— Wo jetzt der wuchernde Iſraelit, im ekelerregenden Gewande der ſcheinbaren oder wirk⸗ lichen Armuth, des Landmanns kuͤmmerlichen Er⸗ werb pfennigweiſe in ſeine Truhe rafft, ihm zum Erſatz fuͤr ein muͤhſeliges, unerfreutes Daſeyn einige Augenblicke der Betaͤubung in trunknem Muth gewaͤhrend, ſtanden die gefuͤllten Speicher reicher Handelsherren, deren Schiffe von Krakow bis Dan⸗ zig den Strom bedeckten, und auf dem Nuͤcken des baltiſchen Meeres den Ueberfluß der ſarmati⸗ ſchen Fluren an entfernte Geſtade trugen. Wo ſind dieſe Gebilde hingeſchwunden? Vergebens mahnen ſie in beinahe unkenntlichen Ruinen den Wanderer an eine beſſere Zeit, und der kurze Zeitraum von zwei Jahrhunderten hat es ver⸗ mocht, die Erinnerung an Ehemals zu einer zwei⸗ felhaften Sage umzugeſtalten, gleich dem Daſeyn der verſunkenen Atlantis.— In dieſe beſſere Zeit fuͤhre ich den Leſer zu⸗ ruͤck. Aber auch dem heitern Gemaͤlde fehlt der Schatten nicht. Schon fing der Einfluß der nach⸗ barlichen Maͤchte an, dem Reiche verderblich zu werden, die weiſen Geſetze des letzten Piaſtiſchen Koͤnigs, Kaſimir des Großen, waren in Vergeſ⸗ — 9— ſenheit gerathen, die Rechte, welcher dieſer Fuͤrſt dem man den ehrenvollen Spottnamen des Bau⸗ ernkoͤnigs gab, der Geſammtmaſſe der Nation verliehen hatte, waren von neuem in den An⸗ maßungen der Maͤchtigern untergegangen; ſtolz auf ſeine Rechte und die ihm durch ſie verliehene Macht, hatte es der Adel in der Reichsverſamm⸗ lung bei Lemberg bereits gewagt, die Majeſtaͤt des Throns mit offnem Frevel anzutaſten, und die ehrenvolle Auszeichnung des Herren⸗ und Rit⸗ terſtandes durch uͤbermuͤthige Anmaßungen zu miß⸗ brauchen; der Haß der beiden Religionparteien begann ſchon duͤſtere Funken zu ſpruͤhen, welche ſpaͤter die Flamme der Verfolgung um Glauben und Meinung entzuͤnden ſollten; im Schvoße des Gluͤckes und Ruhms erhebt ſich das keimende Verderben, das ſpaͤterhin den Koͤnigſtuhl des Piaſt umſtuͤrzen ſollte, und an der. Seite Siegmund des Alten, Jagiello, welchem ſeine Zeitgenoſſen den Namen des nordiſchen Davids geben, erbli⸗ cken wir die Katharina von Medicis der polni⸗ ſchen Annalen, Bona Sforza*). *) Bona, die Tochter Johannes Galezzo Sforza, Her⸗ zogs von Matland und Iſabellens von Arragonien, ſeit 1518 Gemahlin Siegmund des Erſten.— Er — 10— Noch nach Jahrhunderten haͤngt der Fluch an dieſen Namen, und mit Recht klagt die Welt eine Fuͤrſtin an, welche den Einfluß, den Schoͤn⸗ heit und Geiſt ihr auf einen zu nachſichtigen Ge⸗ mahl gewaͤhrten, nur dazu benutzte, die freie Nation dem wachſenden Ehrgeiz des oͤſtreichiſchen Regentenhauſes zu unterwerſen, die lange ſegen⸗ reiche Regierung Koͤnig Siegmunds in den Jah⸗ ren ſeines hohen Alters zu entehren, und fremd⸗ laͤndiſche Thorheiten und Verbrechen auf den Bo⸗ den Polens zu verpflanzen, deren Benennung noch heut zu Tage ihren Urſprung bezeichnet. Schon fruͤher war das Auge der Beſſern im Volke aufmerkſam und mißbilligend auf ihr Thun gerichtet, ſchon hatte ihre Habſucht, welche die Reichthuͤmer der Krone und des Reichs, aus der zu freigebigen Hand des ehrwuͤrdigen Koͤnigs in ihre Schatzkaͤſten leitete, welche die hoͤchſten Wuͤr⸗ den der Kirche und des Staates den Meiſtbieten⸗ den verkaufte, die argliſtige Doppelſeitigkeit, mit hatte ſich zum erſtenmal 1612 mit Barbara von Trenczyn, Tochter des Johannes von Zapalya(Za⸗ polsky) Grafen von Spiz(Zips) und Wojewoden von Siebenbürgen vermählt, und war Wittwer ſeit dem zweiten October 1616. 41 18 der ſie, ihrer Verwandtin und Nachahmerin gleich, ſich wechſelweiſe zu beiden Religionparteien wand⸗ te, ihr das Herz der Polen und Siegmund Au⸗ guſts ihres Sohnes entfremdet. Dunkle Geruͤchte gingen umher von Thaten der Finſterniß, deren Urheberin man ahnete, und der Geiſt des Miß⸗ trauens ſchlich verſtoͤrend und unheildrohend durch die Hallen der Koͤnigsburg. Wir ſehen in die⸗ ſen Blaͤttern Bona Sforza eine That begehen, welche den Verdacht des fruͤher Geſchehenen recht⸗ fertigt, obgleich die erſte, deren die damalige und die ſpaͤtere Welt ſie offen und einſtimmig anklagt. Die Folgen dieſer That raͤchten an ihrem eignen Stamm, den Frevel, den ſie begangen am Stamm der Piaſten, und das vergeltende Schick⸗ ſal wollte, daß die Hand, welche die letzten Sproſ⸗ ſen des alten Koͤnighauſes in Polen in das Grab geſtoßen, das Erloͤſchen des eignen Ge⸗ ſchlechts bereite. So dringen die Rachegoͤtter ſtumm und un⸗ aufhaltſam in das Haus, deſſen Eingang ihnen einmal das Verbrechen geoͤffnet; ſie nehmen es ſchweigend in Beſitz und Unthat gebiert Unthat, bis die entweihten Hallen verſinken, und der Jubel des Verbrechens und die Donner der Ver⸗ geltung in der Stille des Grabes verhallen*). *) Der Herausgeber dieſer Blätter hofft, ſich manche unter ſeinen Leſern, und vornehmlich diejenigen un⸗ ter ihnen, die das Romantiſche im Roman dem Ge⸗ ſchichtlichen vorziehen, zu verpflichten, wenn er ſie auf die in der Erzählung des Johannes Lacki enthal⸗ tene Epiſode aufmerkſam macht. Sie iſt in ihren Hauptbeſtandtheilen dem Gegenſtande dieſes Buches fremd, an welchen ſie ſich nur durch einzelne, doch nicht unwichtige Faden anſchließt; der Zeitraum, deſſen ſie erwähnt, iſt um mehr als dreißig Jahre von dem Augenblick entfernt, mit welchem die Ge⸗ ſchichte des Hippolyt Boratynski beginnt, und ſie durfte in dieſen Eigenſchaften nicht Wenigen als zu lang erſcheinen, doch hat der Herausgeber nicht ge⸗ meint, ſie hinweg laſſen zu dürfen, da ſie eine getreue und klare Schilderung der Verhältniſſe des polni⸗ ſchen Reiches in ſich ſelbſt und zu den Nachbarn, der Sitten und Politik jener Zeit begreift, und ſolcher⸗ geſtalt zu beſſerem Verſtändniß dieſer und vielleicht mehrerer folgender Darſtellungen dienen mag, be⸗ ſonders für die, welche den hiſtoriſchen Roman aus dem zweifachen Geſichtpunkie beirachten, welchen ſein Name andeutet. 1 1* ‿ 1. Das ite, missa est, war geſprochen, doch hatte die Gemeinde das Gotteshaus noch nicht verlaſſen; noch ſchwenkten die Diaconen das Rauchfaß vor dem Hochaltar, der Prieſter ſang mit lang gehaltenen Toͤnen das:„Geſegnet ſey, der da kommet im Namen des Herrn,“ und trat dann vorwaͤrts auf die Stufen, in der Hand die goldene Patena haltend, um nach altem Ge⸗ brauch, ſie vor ſich hin, den Vornehmſten unter den Anweſenden zum Kuſſe zu bieten. Der erſte, welcher herzutrat, war ein Mann von kraͤftigem, ſtolzem Anſehn, wiewohl hoch bejahrt; ein finſt⸗ rer Zug lag auf der Stirn, die von dichtem ſil⸗ bergrauen Haare umfloſſen wurde, und als er niedergeknieet war, und die Lippen auf die hei⸗ lige Schale gedruͤckt hatte, und er ſich nun wie⸗ der empor richtete, warf er einen langen Blick auf die umſtehende Gemeinde, einen Blick des Stolzes und der Geringſchaͤtzung, gleich als wolle er Entſchaͤdigung ſuchen fuͤr die augenblickliche Demuth, in der er den Nacken gebeugt vor dem Einzigen, dem ſolche Unterwerfung von ihm ge⸗ buͤhre. Er war zwar in Reiſekleidern, doch das koͤſt⸗ lichſte Pelzwerk ſchuͤtzte ihn vor der ſtrengen Kaͤlte des Chriſtmondes, und ein zahlreiches Gefolge von Edelleuten und Dienern, welche regunglos hin⸗ ter ihm ſtanden und jetzt mit leiſem Geraͤuſch die waͤhrend des Hochamts entbloͤßten Saͤbel wieder in die Scheiden ſenkten, bezeichnete ihn als einen Herrn des erſten Ranges. Als er die fromme Pflicht vollbracht hatte, trat er ſeitwaͤrts vom Altar gegen den leeren Seſſel des Bi⸗ ſchofs von Krakow, zu deſſen Sprengel die Kirche von Iwanowiee gehoͤrte und naͤherte ſich einem Geiſtlichen, welcher ſich an den Stuhl lehnte, und eben mit Kopfneigen den Diacon entließ, der unter Kniebeugungen das Rauchfaß vor ihm ge⸗ ſchwenkt hatte. Der Geiſtliche war ein Mann von ungefaͤhr funſzig Jahren, ein einfaches Rei⸗ ſegewand wuͤrde ſeinen Stand verborgen haben, 12 wenn nicht das diamantne Kreuz auf ſeiner Bruſt und die eben ihm erwieſene Ehrenbezeigung den Rang, den er in der Kirche einnahm, verrathen haͤtte. Er ſchien mit einiger Verlegenheit den leiſen, doch lebhaften Gruß des alten Herrn zu erwiedern, und als jener mit raſcher Geberde ſeinen Blick auf eine entfernte Stelle, in einem der Nebengaͤnge des Gotteshauſes leitete, ſenkte er das Haupt, und ein ſonderbares, unmuthiges Laͤcheln flog um ſeinen Mund. Mittlerweile hat⸗ ten andere Anweſende ſich dem Altar genaͤhert. Unter ihnen war ein junger Mann von vortheil⸗ haftem Aeußern, welcher waͤhrend der heiligen Handlung neben einem anſehnlichen Greiſe ge⸗ ſtanden hatte, an deſſen andrer Seite ein etwa funfzehnjaͤhriger Knabe, mit allen Zeichen ju⸗ gendlicher Ungeduld, bald die Blaͤtter ſeines Buͤch⸗ leins raſch umdrehte, bald die neugierigen Blicke in dem Schiff und den Gaͤngen der Kirche um⸗ herſchweifen ließ. Der junge Mann trat vor⸗ waͤrts nach dem Altar, wendete ſich darauf ge⸗ gen den Alten, welchen ſeine Tracht als einen littauiſchen Herrn kenntlich machte, als wolle er ihm den Vortritt laſſen; da dieſer jedoch an ſeinem Platze blieb, ſchien er ſich ploͤtzlich an et⸗ — 16— was zu erinnern, und ſtreckte die Hand nach dem Knaben aus, der nach einer tiefen Verbeu⸗ gung gegen den bejahrten Gefaͤhrten, die Stufen des Altares hinauf ſprang. Als die jungen Leute nach vollbrachten Gebraͤuchen ſich wieder umdreh⸗ ten und hinab ſchritten, beruͤhrte der Kleine ver⸗ ſtohlen des Juͤnglings Arm, und deutete in die⸗ ſelbe Ecke der Kirche, welche fruͤher die Aufmerk⸗ ſamkeit des vornehmen polniſchen Herrn und des fremden Prieſters auf ſich gezogen hatte, und laͤchelte ſchelmiſch, da ein dunkles, brennendes Roth die Wangen des Hinſchauenden bedeckte. Der geiſtliche Herr hatte ſich in Begleitung des Mannes, mit dem er im Geſpraͤch geweſen war, durch die Thuͤr der Sakriſtei entfernt, die Beter ſtroͤmten der Kirchenpforte zu, und in dem Dunkel des bezeichneten Nebenganges erhoben ſich zwei in ſchwarze Floͤre dicht verhuͤllte Geſtalten. Die erſte, eine Frau von majeſtaͤtiſchem Wuchs, trat mit feſtem Gang, und beinahe ſtolzem An⸗ ſtand einher, ſie ſchlug den Schleier zuruͤck, und ihre Augen warfen ſcharfe und aufmerkſame Blicke auf die Umgebung; die andere, deren kleinere und ſchlankere Geſtalt ſie fuͤr viel juͤnger als ihre Be⸗ gleiterin halten ließ, ſchwebte mit geſenktem ₰ Haupt und unverkennbarer Schuͤchternheit leichten Fußes uͤber den Steinboden dem Ausgange zu. Da naͤherte ſich den Frauen der junge Mann mit dem Knaben an der Hand, begruͤßte, das Weihwaſſer ihr bietend, die Aeltere mit unge⸗ woͤhnlicher Ehrfurcht, darauf nahte er ſich der Juͤngern, und fliſterte ihr einige Worte zu. Eben neigte er ſich um die Antwort zu vernehmen, welche leiſe und beinahe unvernehmbar durch die dichten Huͤllen toͤnte, als in der Vorhalle, in welche ſie eben getreten waren, das herausfluth⸗ ende Volk ploͤtzlich von beiden Seiten auswich, und aus einer Seitenthuͤr, der vorher erwaͤhnte Praͤlat heraus trat. Er ſchritt gerade auf die Aeltere der beiden Damen zu, verneigte ſich tief, und ſprach mit halblauter Stimme:—„So es Euch gefaͤllt, erlauchte Frau, geleit' ich Euch zu Eurem Wagen; hab' ich doch ohnedem etwas mit Euch zu ſprechen.“— Die Angeredete ſah ihm einen Augenblick ſtarr in das Geſicht, erwie⸗ derte dann ſeinen ehrerbietigen Gruß, mit ei⸗ nem leichten Kopfnicken, und verſetzte in kaltem, doch hoͤflichem Tone:—„Ihr erweiſet mir eine Ehre, mein Herr!“ drauf nahm ſie den gebote⸗ nen Arm, winkte ihrer Begleiterin ihnen zu fol⸗ . 2 gen, und ſchritt ſchnell hinaus durch die geoͤffne⸗ ten Reihen der Gemeinde, die voll Neugier und Verwunderung, ſich ihre Vermuthungen uͤber die Dame zuraunte, welcher Andreas Zebrzydowski, den Biſchof von Kujawien ſo hohe Ehre erzeige, und die ſogar ſich daraus nicht abſondetlich viel zu machen ſcheine. Der junge Mann aber, welchen das hinter den Abgehenden zuſammenfließende Ge⸗ draͤnge von ihnen getrennt hatte, trat in eine Vertiefung der Vorhalle zuruͤck mit dem Knaben, der ihm halb lachend, halb bedauernd zuſprach. Bald kam der alte littauiſche Herr auch aus dem Portal, ſie verließen die Kirche, ſetzten ſich auf die wartenden Pferde und ritten nach dem Gaſt⸗ hauſe des Staͤdtchens, wo ihre Diener waͤhrend des Hochamts das Mahl geordnet hatten. In der Herberge des Fleckens Iwanvwice⸗ die nicht weit, wie es noch heut zu Tage ge⸗ woͤhnlich iſt in Polen, von der Kirche gelegen war, befand ſich alles in großer Bewegung. Viele ausgeſpannte Packwagen mit mancherlei Geraͤthe beladen, ſtanden vor der Thuͤr des Hauſes, waͤh⸗ rend die Fuhrleute und die begleitende Mann⸗ ſchaft drinnen ſich mit Meth und gebranntem Waſſer erquickten. Von Zeit zu Zeit erſchien 3 — 19— ein Edelmann oder Soldat zu Pferde, die Straße herkommend, die von Warſchau fuͤhrt, hielt vor dem Gaſthauſe, um ſich mit einem Becher ungar⸗ iſchen Weines zur noch uͤbrigen kurzen Reiſe zu ſeaͤrken, und nachdem er ihn nach langem War⸗ ten und vielem Geſchrei mit Muͤhe erhalten hatte, ſetzte er neu erkraͤftigt dem ſchon dampfenden Gaule die Sporen in die Rippen, und flog mit verhaͤngtem Zuͤgel in die Bergſchluchten hinein, zwiſchen welchen der Weg nach Krakow ſich hin⸗ zieht.— In der weitlaͤufigen Kuͤche des Hauſes draͤngten ſich die Koͤche der bedeutenden Reiſen⸗ den um den geraͤumigen Heerd, und ob ſie gleich das demuͤthige Hausgeſinde, mit ſeinen Toͤpfen voll Kraut und den Pfannen voll braͤtelnder Wuͤrſte davon vertrieben, hatten ſie doch des Raumes nicht genug; einer ſchob den andern auf die Seite und behauptete den Vorrang im Namen ſeines Herrn, durch deſſen Stand und Wuͤrde er den Nachbar zum Weichen zu bringen ſuchte. Die Gemaͤcher des obern Stocks waren uͤberfuͤllt mit Reiſenden aller Gattung, die das Mittagmahl bei einem tuͤchtigen Fruͤhſtuͤck erwarteten; im gro⸗ ßen Saale gingen viele junge Leute auf und nie⸗ der, theils mit froͤhlichem Lachen, theils im ern⸗ 2* ſtern Geſpraͤch und an der Thuͤr des beſten Zim⸗ mers wieſen zwei reichgekleidete Diener mit langen Staͤben die Zudringlichen von dem Ge⸗ mach zuruͤck, welches fuͤr den Herrn Großmar⸗ ſchall der Krone bereit gehalten werde. Entfernt von dem Getoͤſe in einem Fenſter des Saales, lehnte wie es ſchien, in truͤben Ge⸗ danken verſunken, der junge Mann, und ſchaute unverwandt nach dem ſchraͤg gegenuͤber in einiger Entfernung liegenden Pfarrhauſe. Er achtete nicht auf das Treiben, welches ihn umgab, und als ein alter Diener, aus einem der Nebenge⸗ maͤcher durch den Saal zu ihm heran kam, und mit ehrerbietiger Verbeugung ihm meldete, daß das Fruͤhſtuͤck bereit ſey, und der Herr Oheim ſeiner warte, wandte er ſich nur auf einen Au⸗ genblick, um dem Einladenden, durch eine ab⸗ lehnende Handbewegung anzudeuten, daß er un⸗ geſtoͤrt ſeyn wollte. Der Alte entfernte ſich wie⸗ der, und kurz darauf, huͤpfte der Knabe, den wir ſchon in der Kirche bei ihm geſehen, zu dem Gedankenvollen.— Komm doch, Vetterchen”“— bat er ihn ſchmeichelnd,— der Vater will bald fort, und gern vor Abend noch in Krakow an⸗ kommen.— Geh nur Stanislaw, entgegnete der „ * — 21— Andere,— wenn das Mittagmahl bereitet iſt, werde ich kommen.— Ich weiß wohl, was Dir die Eßluſt verdirbt, Hyppolyt— ſprach der Knabe in gutmuͤthig ſchelmiſchem Tone— doch da wirſt Du lange warten muͤſſen. Der Herr) hat ſie auch geſehen, und es that ihm leid, daß er nicht fruͤher von ihrem Hierſeyn gewußt, doch meint' er, es werde nun zu ſpaͤt werden, da der geiſtliche Herr von Kujawien ſie da hinuͤber ge⸗ fuͤhrt. Auch bin ich eben gewahr geworden, daß der Alte, der bei ihm geſtanden unter dem Bal⸗ dachin, auch hinein gegangen iſt; die Leute ſa⸗ gen, es ſey der Herr Woſewode von Krakow. Komm nur lieber Vetter, Du wirſt ſie ja ſchon ſehen in der Stadt.— Peter Kmita? rief Hip⸗ polyt in verwundertem Tone, und laut genug, daß die Umſtehenden es vernehmen konnten.— Habt Ihr ein Anſuchen an den erlauchten Herrn Großmarſchall— begann einer von den beiden Stabtraͤgern, indem er ſich naͤherte— ſo muͤßt Ihr ſolches ruhn laſſen bis Krakow, ſeine Gnaden haben verboten, irgendwen zuzulaſſen, *) Auch Frauen, Kinder und Verwandte, bedienen in Polen ſich dieſes Ausdruckes, wenn ſie das Haupt der Familie erwähnen. wenn ſie zuruͤck kaͤmen vom Hochamt.= Platz! Platz, fuͤr den Herrn Wojewoden, toͤnte es von außen— und die im Saale Umhergehenden tra⸗ ten an die Wand zuruͤck. Ein Blick durch das Fenſter zeigte dem jungen Manne den Großmar⸗ ſchall der Krone, welcher mit ſeinem Gefolge auf das Haus zukam, in ſelbigem Moment fuhr ein feſt verſchloſſener Reiſewagen in geſtrecktem Tritt von der Thuͤr der Pfarrwohnung, die Straße nach Krakow hinab. Ihm folgte Andreas Zebrzy⸗ dowsky der Biſchof in offner Kaleſche, und eine zahlreiche Schaar von berittenen Dienern umgab begleitend die Fuhrwerke, die pfeilſchnell uͤber den gefrornen, ſchneebedeckten Boden dahin rollten. Die Fluͤgelthuͤren des Saales wurden auf⸗ geriſſen, Peter Kmita trat herein; ſeine Miene war noch duͤſtrer als vorher im Gotteshauſe, ohne Dank ſchritt er durch die Reihen der ehrerbietig Gruͤßenden nach dem ihm beſtimmten Gemach. Hart vor demſelben ſiel ſein Blick auf den jun⸗ gen Hippolyt; er blieb einen Augenblick ſtehen, richtete eine leiſe Frage an den Wirth des Hau⸗ ſes, welcher in Demuth vergehend mit allen Zei⸗ chen der Furcht neben ihm herſchritt, und als er die ebenfalls nur zugefliſterte Antwort vernom⸗ 1 » men hatte, war es, als wolle er einige Schritte vortreten, doch ſchien er ſchnell andern Sinnes zu werden; ein gezwungenes Laͤcheln verdraͤngte auf kurze Zeit den finſtern Stolz ſeines Antlitzes, und er erwiederte die Verbeugung des Juͤnglings mit groͤßerer Anmuth und Herablaſſung, als es ſein Alter, fein Nang und vornehmlich der all⸗ gemeine Ruf ungemaͤßigten Hochmuths erwarten ließ, in welchem Peter Kmita, Wojewode und Staroſt von Krakow, und der Krone Großmar⸗ ſchall bei ſeinen Zeitgenoſſen ſtand. Es war ſchon leerer geworden in dem obern Stocke der Herberge; die vornehmern Reiſenden hatten nach eingenommenem Mittagmahl, ihren Weg fortgeſetzt, um die Hauptſtadt noch vor Nacht zu erreichen.— Auch die Pferde des aften Lit⸗ tauer Herrn waren vorgefuͤhrt, und er kam die Treppe hinab mit ſeinen beiden jungen Reiſege⸗ faͤhrten, im eifrigen Geſpraͤch mit dem Aeltern von beiden; hinter ihnen gingen mehrere Edel⸗ leute und Diener, und Kaspar Gierzanek, der Wirth des Hauſes, dem die Abreiſe des Peter Kmita Zeit vergoͤnnte, den uͤbrigen Gaͤſten an Ehrerbietung und Willffaͤhrigkeit zu erweiſen, was er im Verhaͤltniß ihres Ranges und Aufwandes ihnen ſchuldig zu ſeyn glaubte.— Wie ich Euch ſage, Ohm— ſprach Hippolyt mit gedaͤmpfter Stimme, ich meine es ſey das beſte, ich erwarte den Bruder hier in Iwanowice. Wie ich ihn kenne und urtheilen mag, von dem was ihm ob⸗ liegt, wird er nicht ungern bei guter Zeit ver⸗ nehmen, wen er vorfindet in der Stadt Krakow, und was ſich begeben.— Alſo, ſprach der Lit⸗ tauer, ſich gegen den Wirth wendend im Fort⸗ ſchreiten— ein langes Geſpraͤch hatte der Woje⸗ wode von Krakow, mit der Frau von Podo⸗ lien?— Eine ganze Seigerſtunde durch, hochge⸗ borner Herr Staroſt, betheuerte Kaspar mit vie⸗ len Buͤcklingen, waren des erlauchten Herrn Großmarſchalls Gnaden, bei der Frau Fuͤrſtin Wojewodin in der Probſtei, und der hochwuͤr⸗ digſte von Kujawien ebenfalls; auch iſt es gar ſtuͤrmiſch zugegangen unter ihnen, wie der Pater Vikarius meinem Maͤdchen verſichert, der Theo⸗ phila, mit Euer Gnaden Verlaub, denn er hatte es vernommen außerhalb der Thuͤr, und es ha⸗ ben die beiden Herren erſt mitſammen der Dame eifrig zugeſprochen, dann ſind ſie jedoch ſelbſt in hitzigen Wortwechſel gerathen, und die Stimme — — „— 25— der Durchlauchtigſten Frau Odrowanz*) hat recht vernehmlich drein geſchallt. Das Fraͤulein Wo⸗ jewodin aber hatten ſie hinaus geſchickt, und ſie ſtand am Fenſter unverwandt heruͤberſchauend, und ſie mochte wohl viel Luſt haben an dem Ge⸗ draͤng und Treiben vor der Thuͤr meines armen Hau⸗ ſes, denn, ſo ſagt der Pater Vikarius, ſie hat nimmer Acht gegeben, auf das was bei der Mutter ſich begab, ſo laut es auch herging im Oratorium des hochwuͤrdigen Probſtes.— Da lachte der kleine Stanislaw und blickte neckend auf den Vetter, der alte aber verwies ihn mit ſtrengem Wort zur Ruhe, und ſagte dar⸗ auf zu dem Juͤngling.— So Ihr denn alſo wol⸗ let, Neffe, ſo erwartet allhier den Herrn Peter. Saͤumet jedoch nicht uns alsbald zu folgen mit ihm; Ihr treffet uns, wie Ihr wißt im Auge der Vorſehung, auf der Sankt Florianus Straße. Ihr aber, Stephan Bielawski! rief er einem der folgenden Edelleute zu: bleibet nebſt vieren von den Leuten bei dem Herrn Hyppolyt, und traget Sorge, daß der Staroſt von Samborz gut * Odrowanz wird ausgeſprochen wie man in franzö⸗ ſtſcher Mundart Odrpvonge leſen würde. Quartier finde, wenn er eintraͤfe vor Nacht, denn die Straße wird nicht viel leer werden in dieſen Tagen, und lange noch nicht alle Herren des Reichtages ſind voruͤber gekommen. Bleibt ge⸗ ſund Neffe! ſprach darauf der Alte, und trat in den geraͤumigen Steigbuͤgel. Komm bald nach, Vetter Hipein, rief der Knabe! und im ſcharfen Trabe ging es von dannen. So es Euch gefaͤllt Herr Boratynski, redete Kaspar Gierzanek den Zuruͤckgebliebenen an, wel⸗ cher gedankenvoll in der Hausthuͤr lehnend dem Scheidenden nachblickte, ſo fuͤhre ich Euch in Euer Gemach, daſſelbe welches Herr Kmita be⸗ wohnt hat, der Großmarſchall, denn es wird nun hier unruhig werden im Erdgeſchoß, und ſie ſtim⸗ men ſchon die Geigen. Schweigend folgte Hip⸗ polyt dem vorleuchtenden Wirth in das hohe ge⸗ raͤumige Zimmer, und entließ, der Einſamkeit beduͤrftig, den Bielawski und die Diener. 2. Das Erdgeſchoß des Gaſthauſes war jetzt der Tummelplatz viel froͤhlicher Menſchen geworden, welche die drohende Geſtalt, die manches Verhaͤlt⸗ niß zu dieſer Zeit annahm, und die duͤſtern Wol⸗ —— - v ken, die am Himmel des Vaterlandes außzuſtei⸗ gen begonnen, nicht genugſam achteten, um ſich vor dem, was ſo hoch uͤber ihnen ſchwehte, in ihrer Kurzweil ſioͤren zu laſſen. Waͤhrend der Argwohn und die Beſorgniß durch die Pallaͤſte ſchlich, und die Großen in den erleuchteten Saͤlen unter der muͤhſam behaupteten Haltung ſpaniſcher Sitte und erborgter Heiterkeit, die Furcht und der Neid und die Ahnung von dem was da kommen werde, verbargen und aufmerkſam umher blickten, ob nicht irgend ein unbewachter Augenblick ihnen den verborgenen Feind verrathen moͤchte, waͤh⸗ rend alles, was von Bedeutung war, am Hofe und im Reiche allmaͤhlich und ſtill, aber entſchloſ⸗ ſen ſich in zwei feindlich einander gegenuͤber ſtehende Partheien bildete, dachten die guten Be⸗ wohner des Staͤdtleins Jwanowice an nichts, als den Sonntagabend froͤhlich zuzubringen. Schon waren die eiſernen roſtigen Ampeln der großen Wirthsſtube angezuͤndet, die Bergleute ſtimmten ihre Inſtrumente, und die Jugend beider Ge⸗ ſchlechter im wohlgeſchonten Feſttagſtaat, huͤpfte und plauderte ungeduldig das Beginnen des Tan⸗ zes erwartend, froͤhlich durch einander in buntem Gewimmel, durch welches von Zeit zu Zeit die — 28— Stimme des anordnenden Kaspar Gierzanek er⸗ ſchallte, bald die Tonkuͤnſtler zu Eile treibend, bald die Gaͤſte nach ihrem Begehren fragend und bisweilen Tofia, 9 ſeinem ſechzehnjaͤhrigen Toͤch⸗ terlein ein warnendes Wort zurufend, wenn ſie allzudicht von dem Kreiſe der jungen Leute um⸗ ringt ward, die Gefallen an dem huͤbſchen Maͤd⸗ chen fanden, und deren etwas uͤbereilten Bewerb⸗ ungen ſie jene natuͤrliche Gewandheit und neck⸗ ende Sproͤdigkeit entgegen ſtellte, die noch heut zu Tage, den Jungfrauen des Berglands um Krakow eigen iſt. Etwas abwaͤrts von dem Treiben, unfern von dem lodernden Kamin, hat⸗ ten ſich bejahrtere, und wie es ſchien bedeuten⸗ dere Maͤnner um einen runden Tiſch gelagert, welcher mit Kruͤgen und Glaͤſern bepflanzt war, in denen der Ungarwein im Wiederſchein des Feuers glaͤnzte. Stephan Bielawski war unter ihnen; die zunehmende Waͤrme des Gemachs hatte ihn vermocht, die pelzverbraͤmte Muͤtze vom geſchornen, an den wenigen uͤbrigen Haaren ſchon ergrauenden Haupte zu nehmen. Ein dunkelfar⸗ biger Zupan mit ſilbernen Knoͤpfen ſchien nicht *) Tofia Verkl. von Theophila. „ ohne eine Art von Achtung von der Geſellſchaft und dem Wirth betrachtet zu werden, und der Guͤrtel von einem Geſpinnſte deſſelben Metalls, der ſeinen krummen Saͤbel hielt, beglaubigte ihn als einen von den Edelleuten, welche damals von Geſchlecht zu Geſchlecht ſich dem Dienſt groͤ⸗ ßerer Haͤuſer widmeten, und nach einer langen Reihe von Dienſtjahren ihre Tage auf irgend ei⸗ nem Vorwerk beſchloſſen, das die Dankbarkeit der Gebieter ihnen auf Lebenszeit uͤberließ. Bie⸗ lawski hatte dieſen Standpunkt ſchon erreicht, und mehr die alte Anhaͤnglichkeit an das edle Haus Boratynski als eigentliche Pflicht hatten ihn vermocht, noch einmal ſein Gehoͤft zu ver⸗ laſſen, dem juͤngern Sohn deſſelben bei ſeinem erſten Ausflug in die Welt zu folgen, und zu⸗ gleich ſich des Wiederſehns des Aelteren zu er⸗ freuen, welcher von einer langen Geſandſchaft aus Rom, Wien und Preßburg nach Warſchau zuruͤck gekehrt war, um den Reichtag der Thron⸗ beſteigung Siegmunds Auguſt beizuwohnen. Die allgemeine Stimme bezeichnete Peter Boratynski als Marſchall des Ritterſtandes bei dem zweiten Reichtag, welcher in Kurzem ausgeſchrieben werden und uͤber hoͤchſtwichtige Verhaͤltniſſe des — 30— königlichen Hauſes und des geſammten Reiches, berathſchlagen ſollte. EStephan Bielawski fuͤhrte eigentlich das Wort an dem runden Liſche, die Geſellſchaft horchte aufmerkſam auf das, was der ernſte Alte mit nicht geringer Wichtigkeit zu vernehmen gab, doch ſchien ſein Nachbar linker Hand ſich nur un⸗ gern dem Uebergewicht des Edelmanns zu fuͤgen, und that durch haͤufige Unterbrechungen und oͤf⸗ teres Widerſprechen den Wunſch kund, daß die Anweſenden ſeinen eigenen Verdienſten Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen moͤchten. Wirklich war auch ſein Außzug glaͤnzender, als der des bejahr⸗ ten Galliziers, ein gruͤner reichbebraͤmter Pelz mit goldnen Litzen und Quaſten, umgab ſeine ge⸗ drungene Geſtalt, auf dem ſchwarzen Krauskopfe trug er eine rothe Muͤtze mit ſchwarzem Feder⸗ ſtutz, und oftmals ſchlug er mit der reichbering⸗ ten Hand klirrend an den damaseirten Saͤbel. Er blickte mit einer Art Geringſchaͤtzung auf die Uebrigen, und ſetzte den einfachen Worten des guten Landedelmanns die ganze Anmaßung ei⸗ nes Hauptſtaͤdters entgegen, die Namen der Groͤß⸗ ten im Reich unaufhoͤrlich mit vertraulichen Be⸗ ziehungen in ſeiner Rede verflechtend, und mit ſchlau geheimnißvollem Laͤcheln, die kurzen, aber abſprechenden Bemerkungen begleitend, mit wel⸗ chen er in das ſich eben enkſponnene Geſpraͤch uͤber die Zeitlaͤufte miſchte. Der Dritte in der kleinen Geſellſchaft war der Vikarius. Ein Vier⸗ ter und Fuͤnfter, Buͤrger des Staͤdtleins— Der Sechste ein ganz junger Mann in ſoldatiſcher Kleidung, nahm wenig Theil an der Unterhalt⸗ ung der Uebrigen, und fliſterte unterweilen mit der flinken Theophila, die bald unter dieſem, bald unter jenem Vorwand ſich dem Tiſch oͤfter, vielleicht als es noͤthig war, naͤherte— und zwar immer auf der Seite, welche der junge Krieger einnahm.— und ſomit, fuhr Stephan Bielawski gegen den Vikarius gewendet fort, indem er ſeine Stimme in Verhaͤltniß zu dem zunehmenden Ge⸗ raͤuſch erhoͤhte— und ſomit hat ſich denn auch unſer Junker aufgemacht in die Welt, nachdem er fein den Wiſſenſchaften obgelegen bei den Be⸗ nediktinern in Halicz, und den ritterlichen Kuͤn⸗ ſten am Hofe des Herrn Wojewoden zu Kaminiee Podolski, und hat ſich geſellt zu dem Oheim, dem alten ehrenwerthen Johannes Lacki dem Sta⸗ roſten von Pinsk, dem ſeiner Mutter Schweſter vermaͤhlt geweſen, damit er dem jungen Koͤnjg — 22— vorgeſtellt werde von ihm, und der durchlauchtig⸗ ſten Barbara, die dem alten Herrn nahe verwandt. Da mochte es mich nicht laͤnger leiden in den vier Pfaͤhlen, und ich habe zuſehen wollen, wie der nun auftreten wird ſeinerſeits, und ſich wuͤr⸗ dig bezeigen ſeiner Ahnen, den ich auf meinem Knie geſchaukelt, da er noch ein unverſtaͤndig Kind war.— Mit Verlaub, Herr Edelmann! unterbrach ihn der Gruͤne mit vornehmer Kaͤlte und hoͤhniſchem Laͤcheln: mich beduͤnkt, als habe der junge Herr Boratynski ſeine Geleitſchaft nicht allzuwohl gewaͤhlt bei dem erſten Ausflug, und beſſer haͤtte er gethan, die Ankunft des Bru⸗ ders zu erwarten, von dem ja ſolch Nuͤhmens iſt ſeit einiger Zeit, als daß er der Koͤnigin, Mut⸗ ter und dem Herrn unter die Augen traͤte, mit dem alten Rebellen, des Haupt vogelfrei war, mehr denn zwanzig Jahr lang.— Sollte ich doch mei⸗ nen, ſprach Bielawski ſich hoch aufrichtend mit einem finſtern Blick auf den Sprechenden— Ihr haͤttet vergeſſen, daß Ihr zu einem Edelmann geredet, welcher einem Geſchlecht angehoͤrig iſt, das, wie ich eben geſagt, in naher Blutfreund⸗ ſchaft mit dem ſtehet, welchen Ihr ſo unfreundlich benennet, und ich wollte Euch gerathen haben, Eure Worte kuͤnftig mehr zu bedenken, ehe Ihr ſie ausſprecht, ſo ich Euch nicht eine Erklaͤrung geben ſoll anderer Art. Fuͤr jetzt aber ſey es ge⸗ nug, daß der Herr von Pinsk, den des alten Koͤ⸗ nigs Gnaden, uͤber deſſen Seele der Herrgott leuchten moͤge, wieder eingeſetzt hat, wenn auch nicht in ſein vaͤterliches Fuͤrſtenthum, doch in Recht und Wurden, fuͤrder nicht angetaſtet wer⸗ den mag von Euch und Euresgleichen. Auch hat meines jungen Herrn Bruder, von dem man nicht mit Unrecht Nuͤhmens macht, wie Ihr ſagt, weil er ein vortrefflicher Kriegsheld iſt, und im hohen Anſehn bei allen Potentaten der Chri⸗ ſtenheit, es alſo fuͤr gut befunden, und ſo Ihr daran auszuſetzen habt, moͤget Ihr es ihm ſelbſt ſagen, denn in wenig Stunden erwarten wir den hochgebornen Herrn Staroſten von Samborz.— Herr Peter iſt alſo im Begriff ſich nach Krakow zu begeben? entgegnete der Andere die Zurecht⸗ weiſung des Alten uͤberhoͤrend, mit allen Zeichen lebhafter Theilnahme— das wird meinen Herrn ſehr erfreuen.— Alle wird es erfreuen, die dem Recht hold ſind und dem Frieden im Vaterland, und ſo Euer Herz zu dieſen gehoͤrt, duͤrft Ihr ihm kuͤhnlich hinterbringen, Herr Boratynski werde 3 — 34— alsbald ſich einfinden und nicht der ſetzte ſeyn, unter denen, die der kuͤnftige Reichtag verſam⸗ melt.— Warum ſprechet Ihr, als zweifeltet Ihr an den Geſinnungen meines Herrn?— fuhr der Mann im verbraͤmten Kleide auf. Wollet Ihr den Herrn Peter Kmita verunglimpfen, den Herrn von Krakow, dem ich diene als Schreiber und vertrauter Bote? Der Großmarſchall iſt ein maͤch⸗ tiger Herr— verſetzte der Greis ruhig— und es ziemt mir kein Urtheil uͤber ihn, ſo wenig als Euch, des Hauſes dein ich diene leichtſinnig zu gedenken, und deren die ihm befreundet ſind.— Es iſt aber doch, wendete der Vikarius ein mit einiger Scheu, der Herr Lacki ein alter Schis⸗ matiker und nicht unirter Ketzer, und ſolche un⸗ einigkeit in der Kirche, hat eben ſo vieles Leid gebracht uͤber das Großfuͤrſtenthum und die Krone, und den Aufruhr entzuͤndet, der viele Jahre ge⸗ wuͤthet, und in welchem der alte Herr nur allzu⸗ lang verharret iſt. Johannes Lacki iſt ein bejahr⸗ ter Mann, ſprach Bielawski; wohl danke ich Gott, daß er mich geboren werden laſſen in der chriſt⸗ katholiſchen Kirche, waͤre es aber an dem, daß ich den Glauben meiner Vaͤter ablegen ſollte am Rande des Grabes, wuͤrde ich wahrlich deß An⸗ ſtand nehmen. Auch iſt ja leider jetzt ſo viel Ketzerei in der Welt, daß niemand nicht mehr recht weiß was er glaubt, und ſeit die neue Lehre heruͤber gekommen von Wittenberg, ſo ſteht wohl mit Eurem Verlaub mancher Prieſter am Altar, der— doch was kuͤmmert uns das? hat doch der Herr von Pinsk ſein einzig Soͤhnlein im Glau⸗ ben der Mutter auferziehen laſſen, wie ſie ihm darum angeſprochen auf ihrem Sterbebett, ſo mag nun ſein graues Haupt in Frieden in die Grube fahren. Freilich, freilich! ſeufzte der Vi⸗ karius, iſt die Welt gewichen aus dem graden Wege, und da ihr wankelmuͤthiger Prieſter ge⸗ denkt, ſo meinet Ihr zweifelsohne den Stanis⸗ law Orzechowski, der das Meßgewand entweihet durch ſuͤndliche Ehe, und den Schuͤler des ver⸗ maledeiten Erasmi Roterodami, den Andreas Ze⸗ brzydowski, welchen Gott in ſeinem Zorn auf den biſchoͤflichen Stuhl geſetzt hat.— Exempla sunt odiosa, meinte Bielawski, wohl iſt des Ka⸗ nonikus von Przemysl Beiſpiel ein Scandalum und wenig geeignet die verirrten Schafe in den Schooß der Kirche zuruͤck zufuͤhren; was aber die Einſetzung des geiſtlichen Herrn von Kujawien an⸗ belangt, ſo ſpricht man davon mancherlei, und 3*⅔ es will verlauten, als habe der Gott dieſer Welt, Mammon genannt, mehr dazu gethan als der Gott Abrahams, Iſaaks und Jacobs. Auch will es am Ufer des Dnieſter verlauten, als wenn noch viele vornehme Herren der Hotſtadt auch dem Baal opferten, und als ſey die rechtglaͤubige Koͤnigin Mutter ihnen drum nicht alſo abhold, als man meinen moͤchte, ſo wird man den littauer Herrn denn auch wohl nicht darum antaſten, vornehmlich da er der jungen Koͤnigin ſo nahe verwandt.— Welcher Koͤnigin? frug der Diener des Groß⸗ marſchalls mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln— ich kenne nur Eine, die dieſen Namen fuͤhrt, dieſelbe, welcher Ihr eben trotz Eurer geruͤhmten Beſcheidenheit nicht allzu ehrerbietig erwaͤhnt, die durchlauchtige Bona— die andere, welche Ihr meinen moͤgt, kennen wir nur hier als Baͤrbara Radziwill, des Gaſtold Wittwe, und mit meinen eignen Ohren habe ich es gehoͤrt, wie der Herr von Krakow, mein Gebieter, ſie alſo bezeichnete und nichts anders im eignen Beiſeyn Siegmund Auguſts.— Das Antlitz des alten Edelmanns ergluͤhte im ſchnellen Verdruß, er ſchien etwas heftiges er⸗ wiedern zu wollen, doch bezwang er ſich gewalt⸗ ſam und ſpuͤlte das, was ihm auf der Zunge ſchweben mochte, mit einem gewaltigen Zug aus dem Becher hinab. Da nahm einer der Einwoh⸗ ner des Staͤdtchens das Wort, ja es ſey Gott geklagt— ſprach er: dies leidige Ehebuͤndniß wird keinen Segen bringen, und ein Zankapfel werden im armen Polenland. Den großen Her⸗ ren iſt es ſchon recht, daß ſie was gefunden ha⸗ ben, was Anlaß giebt zu Streit und Fehde, und wer muß es bezahlen als wir armen Buͤrger⸗ leute?— Es wird nicht ſo arg werden— ver⸗ ſetzte der Gruͤnrock mit veraͤchtlichem Blick, ſchon hat ſich des Großmarſchalls Gnaden ſattſam aus⸗ geſprochen, auf dem Reichtag zu Warſchau und der Primas; wer duͤrfte da noch aufſtehen, wo dieſe geredet?— Schlimm genug, ſagte Herr Stephan, daß ein ſo gewaltiger Herr den Hand⸗ ſchuh hingeworfen des Koͤnigs Gnaden. Es iſt Siegmund Auguſt ein junger feuriger Herr und duͤrfte ihn eben aufheben, noch mehr aber will es mich befremden, daß der hochwuͤrdigſte Herr von Gniezno, der ein Fuͤrſt der Kirche iſt und des Senates, und ein Diener des Friedens ge⸗ nannt werden will, in die Flammen der Zwie⸗ tracht blaͤſet und das Sakrament antaſtet der Ehe.— Wie ich Euch ſage, Ihr Herren, fuhr der Soldner des Kmita mit prahleriſchem Tone fort: was der Herr von Krakow unternimmt, das fuͤhret er auch aus. Da wendete ſich der junge Mann, welcher die meiſte Zeit uͤber ein leiſes Ge⸗ ſpraͤch mit der kleinen Theophila gefuͤhrt hatte, zu dem Sprecher, und unterbrach ihn mit nachdruͤck⸗ licher Stimme. Ihr habt wohl ganz des Grafen von Tarnow vergeſſen? Schon zum drittenmale nennt Ihr Euern Gebieter den Herrn von Krakow, da doch ſolcher Name allein dem gebuͤhret, welchem ich die Ehre habe zu dienen, dem Johannes Tar⸗ nowski, dem Kaſtellan von Krakow, welcher der Erſte iſt unter den weltlichen Herren. Schon von fruͤher Kindheit an, nannte man ihn den jungen Herrn Krakowezyk, nach der Stadt, der ſein Vater vorſtand, und welche Zeugin ſei⸗ ner Taufe war, und ſo lange der Himmel ihn uns goͤnnet und dem Vaterland, ſoll kein andrer ihm den Namen rauben, den ihm der Koͤnig giebt und das Reich, und am allerwenigſten in meiner Gegenwart.— So, alſo Ihr gehoͤret zu den Leuten des Großfeldherrn?— murmelte je⸗ ner, indem er auf den Juͤngling einen Blick voll des Haſſes warf, der damals die Anhaͤnger feindlicher Geſchlechter gegenſeitig entflammte. — 39— Nun wir wollen uns um Namen nicht ſtreiten. Es gilt die That und die Kraft, und die ſind bei dem Kmita. Und wem, ſchrie der Aufge⸗ brachte, indem er ſich dem aͤngſtlich zuſprechen⸗ den Maͤdchen etwas unſanft entriß— wem ſollte die Kraft und das Recht beiwohnen, wenn es nicht Johannes von Tarnow iſt, der Sieger von Orßa, den der Köͤnig und das Volk den Vater des Vaterlands nennen? Mag auch die Willkühr ihr Haupt erheben, und der Saame der Zwie⸗ tracht ausgeſtreuet werden mit voller Hand, iſt doch der Großfeldherr noch da, und er, und Samuel Maciejowski der Biſchof, und der Koͤ⸗ nig ſelbſt, werden es ſchon aufnehmen mit dem Wojewoden, dem Wicenty Dzierzgowski und der mailaͤndiſchen Bona!— Der andere warf einen Blick auf des Juͤnglings kraͤftigen Gliederbau und ſeine zornblitzenden Augen, und mochte wohl darin etwas ſinden, was ihm Maͤßigung anrieth, denn er verbiß den Aerger, der ihm die Koller⸗ ader uͤber den buſchigten Augenbrauen aufſchwellte und erwiederte ziemlich gleichguͤltig: Warum er⸗ eifert Ihr Euch ſo, junger Geſell? Werden wir es doch beide nicht ausmachen.— Vielleicht! ſetzte er nach einer Weile mit gedaͤmpfter Stimme — 40— hinzu— findet ſich noch ein Augenblick, da ich Euch antworten mag.— Ohne auf das zu ach⸗ ten, was der Gegner geſprochen, wandte ſich der junge Soldat zu dem bejahrten Edelmann, welcherf mit ſtiller Freude ſeinem Beginnen zuge⸗ ſchaut hatte. Ihr ſehet, Vater, es gehet etwas unruhig zu auf der Welt, und manches hat ſich geaͤndert ſeit Ihr den Acker bauet am Ufer des Dnieſters, doch beſtehet Treu und Redlichkeit wie immer.— Halt immerdar feſt an ihnen, mein Sohn Walenty: ſprach Stephan Bielawski mit einiger Feierlichkeit, und ſchone der Zunge nicht noch des Saͤbels wo es gilt, wie Dein Vater gethan zu ſeiner Zeit, und Du wirſt wohl dabei fahren, wie er wohl dabei gefahren iſt, ob es gleich auch gar bunt herging in meinen jungen Jahren.— Drauf wandte er ſich wieder an den Vikarius, und das Geſpraͤch ward allge⸗ mein, doch Waclaw Siewrak, der Diener des Wojewoden Kmita, nahm wenig Theil mehr daran, und frug von Augenblick zu Augenblick, ob ſein Pferd noch nicht abgefuͤttert ſey, denn er muͤſſe fort mit wichtigen Briefen nach Goma⸗ lin, wo die Koͤnigin Bona ſich aufhielt unfern Piotrkow. So waͤhrte die Unterhaltung eine Weile, in⸗ deß die uͤbrigen Tiſche und Baͤnke zur Seite ge⸗ ſchoben wurden, und das junge Volk ſich zum Tanze ruͤſtete. Da ging die Thuͤr der Stube auf, und drei Maͤnner, gehuͤllt in dichte mit Schnee und Eis bedeckte Pelze, traten ein. Der eine, ein nicht mehr junger Mann von blaſſem und kraͤnklichem Anſehn, ſchritt eilig und vor Froſt mit den Zaͤhnen klappernd, durch das Gewim⸗ mel gerad zum Kamin, und begehrte, in gebroch⸗ nem Polniſch mit untermiſchten auslaͤndiſchen Fluͤchen, eine Schaale Gluͤhwein von dem ſich de⸗ muͤthig nahenden Gierzanek, und begann drauf in italieniſcher Sprache, in den bereiften Bart murmelnd, das abſcheuliche Klima des Landes zu verwuͤnſchen, in das ſein Unſtern ihn gefuͤhrt habe. Der zweite, ſeiner Kleidung nach ein Prieſter, ein freundlicher wohlbeleibter Mann in den beßten Jah⸗ ren, empfahl dem Wirth, in ebenfalls fremdlaͤndi⸗ ſcher Ausſprache, die ſchleunige Beſorgung ſeiner Leute und Pferde, weil ihre Reiſe eilig ſey, und dankte dann mit leutſeligem Anſtand, den ehr⸗ erbietigen Gruͤſſen, die von allen Seiten ihm ent⸗ gegen toͤnten. Der dritte war ein Greis, deſ⸗ ſen ſilberweiſes Haar ein ſehr hohes Alter beur⸗ kundete, waͤhrend eine gerade ziemlich, trotzige Haltung und das duͤſtre Feuer ſeiner Augen mit demſelben in ſonderbarem, beinah unheimlichem Widerſpruch ſtanden. Seine tiefen, ſcharf gezeich⸗ neten Zuͤge ſchienen von zahlloſen Leidenſchaften zerriſſen, die noch bisweilen unter dem Schnee des Alters emporloderten, ein Ausdruck haͤmi⸗ ſcher Schadenfreude und lauernder Tuͤcke verzerrte den bleichen, eingeſunkenen Mund, und eine graͤu⸗ liche Narbe, wie von dem Stoß eines Meſſers, vollendete den widrigen Eindruck dieſes Antlitzes. Er ſchien der dienenden Klaſſe anzugehoͤren, und trug unter dem Arm ein viereckiges, ſtark mit Meſſing beſchlagenes Kaͤſtchen, das einer Reiſe⸗ apotheke glich.— Da wendete ſich Stephan Bielawski mit gro⸗ ber Wichtigkeit an den freundlichen Prieſter, und redete ihn an: Quomodo vales, Reverendis- sime, miror ut in frigidissimo tempõre Ves- tra Döminatio currät per Lassos et Gajos*)— Si vales, Stephane, ego valeo**)— verſetzte *) Wie befindet Ihr Euch hochwürdigſter? Ich wundere mich, daß Ihr in ſo kaltem Wetter durch Buſch und Wald reiſet— Küchenlatein.— **) Wenn Ihr wohl auf ſeyd, ich bin es. der Geiſtliche: doch wollet in Eurer Landes⸗ ſprache mit mir reden, ich habe wacker Fort⸗ ſchritte darin gemacht, ſeitdem wir uns ge⸗ ſehen zu Samborz, ſolches iſt jedoch nicht der Fall bei Euch mit der edlen Latinitaͤt, wie ich hoͤre, und Ihr moͤget wie bevor noch mit Recht ſagen: Nos Poloni non cürämũs quantitätém Sylläbärüm.*)— Doch freuet es mich, Euch wieder zu ſehen, Herr Bielawski, denn ich habe oft Eurer gedacht als eines wackern Mannes und der alten guten Zeit, da Herr Johannes Bora⸗ tynski noch lebte und ich Miniſtrant war in ſei⸗ ner Kapelle, und ſodann Kapellan und Hausmedi⸗ eus.— Nicht alle gedenken ſo wie Ihr, Ehrwuͤrdiger Herr, der Bekannten und Genoſſen, wenn der Himmel ſie gefuͤhret hat zu hohen Aemtern, er⸗ wiederte der Edelmann, welchen die letzten Worte die kleine Beſchaͤmung vergeſſen machten, die ſeinem Latein widerfahren war, das doch im weiten Umkreiſe um Halicz und Samborz gar ſehr geprieſen wurde; und die Kirche mag nur gewinnen wenn ſolche zu Ehren und Wuͤrden ge⸗ langen.— Meinet Ihr nicht auch?— Mit dieſer *) Wir Polen achten nicht den Gehalt der Sylben. Frage wendete er ſich um zu dem Vikarius, doch niemand antwortete ihm, denn der gute Land⸗ prieſter, welchem wahrſcheinlich nicht viel daran gelegen war, daß ihn Herr Bartholomaͤus Sa⸗ binas, der Archidiakonus der Kathedrale von Kra⸗ kow, und Leibarzt des Koͤnigs, auf dem Tanz⸗ boden einer Schenke und beim Becher gewahrte, hatte fuͤr gut befunden ſich aus dem Staube zu machen.— Alſo richtete er das Wort wieder an den Prieſter und ſagte: Vergoͤnnet mir, Herr, daß ich Euch meinen Sohn vorſtelle, der ſeit kur⸗ zer Zeit im Gefolge iſt Seiner Gnaden des Herrn von Krakow. Komm doch her, Walenty! rief er dieſem zu: und laß das Gefliſter und Gekoſe mit dem Maͤgdlein, da der hochwuͤrdige Herr Ar⸗ chidiakonus hier ſtehet und ich— Seyd mir ge⸗ gruͤßt, junger Geſell! ſprach Sabinus zu dem Juͤngling, der erroͤthend und beſchaͤmt ſich ihm naͤherte— Ihr habt da einen wackern Vater und einen preiswuͤrdigen Herrn, und ſo Ihr ein Bei⸗ ſpiel nehmet an dieſen, wird es Euch wohl er⸗ gehen.— Sehet Ihn nicht ſo grimmig an, Herr Stephan, er iſt ein junges Blut, und das hat friſchen Muth. Ja, wie ich geſagt, Ihr habt einen preiswuͤrdigen Herrn, einen wie er ſelten A. iſt in unſerer Zeit, tapfer im Kriege und weiſe in feindlicher Berathung, feſt im Glauben und duld⸗ ſam wie es dem Chriſten gebuͤhret. Nun, wenn Ihr heim kommet zum Großfeldherrn, ſo gruͤßet ihn von meinetwegen, und bedeutet ihn, der Bartholomaͤus Sabinus ſey angelangt, und werde morgen fruͤh am Tage Seiner Gnaden aufwar⸗ ten, denn er habe ein Anbringen.— Der Juͤng⸗ ling verneigte ſich ſchweigend. Ich kenne den Herrn noch aus alter Zeit, da ich noch ein Kind war, und er ein ſchlanker junger Rittermann, von Großglogau her und dem Hofe des hoͤchſtſe⸗ ligen Koͤnigs Siegmunds, damals Herzogen in Schleſten und Markgrafen der Lauſitz, und ſchon da verhieß er zu werden, was er jetzt iſt, der Preis des chriſtlichen Adels.— Sehr wird es meinen Herrn freuen, wenn ich ihm ſein Lob hinterbringe aus Eurem Munde, ſagte Walenty Bielawski darauf— und ich bitte Euch, um Eure Gunſt und Gewogenheit, ſo ich deren mich wuͤrdig zeige, dem Beiſpiel folgend meines Vaters, und in feſter Treue beharrend gegen den vortrefflichen Helden.— Dazu gebe Gott ſeinen Segen, mein Sohn! verſetzte der Prieſter, und fuhr darauf laͤchelnd fort:— Wenn ich Euch aber ſage, daß Ihr dem Vater gleichen ſollet, ſo nehme ich davon die Humaniora aus, in denen derſelbe nicht abſonderlich weit gekom⸗ men, und habt Ihr dazu gar ſchoͤne Gelegenheit in der Reſidenzſtadt Krakow, allwo der Probſt Czarnkowski ſelbige doeiret, der ein tuͤchtiger Gelehrter iſt und firmer Latiniſt.— Das mag er ſeyn, entgegnete jener etwas lebhaft, doch ver⸗ zeihet mir, ein frommer Prieſter iſt er nicht, wie der, welchen ich vor mir ſehe. Da ſchuͤt⸗ telte der Archidiakonus bedenklich das Haupt, und trat an den Kamin zu dem immer noch froͤ⸗ ſtelnden Gefaͤhrten. Waͤhrend dem war Waelaw Siewrak zu dem alten Diener getreten und hatte eine Zeitlang leiſe und eifrig mit ihm gefliſtert; drauf wandte ſich dieſer zu ſeinem Gebieter und ſprach halblaut: Hier iſt Einer, Herr Doktor, welcher Bothſchaft bringt vom Großmarſchall an die Koͤnigin Mutter Gnaden, befehlet Ihr, daß er reite?— Vom Großmarſchall an Ihro Maje⸗ ſtaͤt, erwiederte der Auslaͤnder haſtig. Wo habt Ihr den Brief?— Und mit Ungeſtuͤm riß er das Papier aus der Hand des vor ihm ſtehenden Boten. Ich weiß nicht, ſagte dieſer: verzeiht! aber des Herrn Befehl ſendet mich nach Gomo⸗ lin, und in die eignen Haͤnde ſoll ich— Ihro Maieſtaͤt befinden ſich nicht mehr zu Gomolin, ſie haben den Weg genommen uͤber Slomniki, und treffen heut noch unfehlbar zu Krakow ein. Sag Deinem Herrn, es ſey der Doktor Monti, der Leibarzt der Koͤnigin, dem Du die Briefſchaf⸗ ten anvertraut, und eile, daß Du zuruͤckkommſt nach der Stadt.— Hiermit legte er das Blatt in eine große Brieftaſche von vergoldetem Leder, und waͤhrend Waelaw Siewrak ſich zoͤgernd und mißvergnuͤgt uͤber des Italieners gebieteriſches Weſen entfernte, nahm dieſer die Schale mit heißem Weine, welche der Wirth auf einem Cre⸗ denzteller ihm bot. Abſcheuliches Zeug!— brummte er koſtend und ſprudelnd, abſcheuliches Zeug, die Roba, welche man hier fuͤr Ungarwein verkauft, keinen Becher Aleatico mag man bekommen in dieſem Lande, geſchweige denn Montepuleiano, es ſey denn an der Tafel Ihrer Maieſtaͤt. Aſſang! rief er laut und ungeduldig: Aſſano! reiche mir von dem Elixir, damit das ſchale Gebraͤu trinkbar werde. Beliebt, Hochwuͤrden? fragte er den Praͤlaten: indem er aus dem Kaͤſtchen, das ihm der alte Diener geoͤffnet vorhielt, ein geſchliffenes Flaͤſchchen nahm, und bereitete ſich, als Sabinus ——— ziemlich trocken verweigerte, einige Tropfen aus derſelben in den eignen Becher zu gießen. Da legte Aſſano wie von ohngefaͤhr ſeine Hand auf den Arm ſeines Herrn, und dieſer ſtutzte einen Augenblick; ein ploͤtzlicher Schreck ſchien durch ſeine beweglichen Zuͤge zu gleiten, er ſetzte das ergriffene Gefaͤß langſam wieder in die tragbare Apotheke, nahm darauf eine Flaſche nach der an⸗ dern heraus, ihre Aufſchriften aufmerkſam beim Schein der Ampel betrachtend, und als er die gefunden, die er begehrt, trank er eilig die berei⸗ tete Miſchung, und rief nach den Pferden. Als die Reiſenden hinweg waren, ruͤſtete ſich die Geſellſchaft, von dem Zwang befreit, in dem die Gegenwart des Praͤlaten ihre Fraͤhligkeit ge⸗ halten hatte, nun deſto eifriger zum Tanze. Stephan Bielawski nahm ſeinen Sohn beiſeit, ſchaute ihm gar ernſtlich in die Augen, und ſprach: Nun, Herr Walenty! was bedeutet es, daß Du nicht zu Pferde ſteigeſt, um das Gewerbe zu be⸗ ſtellen, was Dir aufgetragen vom geiſtlichen Herrn? Ich will nicht verhoffen, daß Du ſeyeſt alſo aus der Art geſchlagen, daß die braunen glaͤnzenden Augen des Gaſtwirths Maͤgdlein Dich abhielten vom Herrendienſt? Wohl thut, wie der Herr Archidtakonus ſagt, junges Blut ſelten gut, doch erſt wenn man das Seine gethan, iſt einem die Kurzweil vergoͤnnt. Drum alſo, Geſell, zu Pferde und raſch nach Krakow durch Nacht und Ne⸗ bel!— Habe ich doch noch nicht Zeit gefunden, Herr! ſprach der junge Reitersmann etwas zer⸗ ſtreut, indem er ſeitwaͤrts nach den braunen Au⸗ gen ſah, deren Anblick ihm eben der breite Ruͤ⸗ cken des Siewrak entzog, welcher erhitzt von vie⸗ lem Trinken, die Abweſenheit des Gegners bei der kleinen Toſia benutzen zu wollen ſchien— habe ich noch nicht Zeit gefunden Euch zu berich⸗ ten, was mich hieher fuͤhrt, wo ich ſo unverhofft die Freude hatte, Euch zu treffen. Ich fuͤhre ein Handbrieflein meines gnaͤdigen Herrn bei mir, an Herrn Boratynski gerichtet, den Sta⸗ roſten von Samborz, und ſoll ihm ſolches uͤber⸗ reichen zu eigner Hand— da ich nun vernom⸗ men, daß Ihr ihn allhier erwartet, ſo mag ich nicht beſſer thun, als bis zu ſeiner Ankunft zu verweilen; denn der Herr Kaſtellan hat mir an⸗ gedeutet, wie es vonnoͤthen ſey, daß er ſolches leſe, noch ehe er einreitet in die Stadt Krakow. So werde ich Dich dem Herrn vorſtellen— verſetzte der Vater, ſintemal Seiner Gnaden zu 4 — 50— Iwandwice in wenig Stunden eintreffen werden. Doch bis dahin will ich gehen und der Ruhe pfle⸗ gen, die mir noth thut, in meinen Jahren, denn der junge Herr droben, hat mich entlaſſen fuͤr die Nacht, und Du thaͤteſt auch wohl, eine oder zwei Stunden zu ſchlafen, damit Du morgen friſch ſeyſt und thaͤtig.— Laſſet mich noch ein wenig bleiben, Vater— bat der Juͤngling, ich komme Euch ungeſaͤumt nach.— Ihr habt ja wohl bemerkt, wie des Kmita Schreiber, ſich uͤber⸗ muͤthig gebehrdet, wenn ich nun ginge, meinte er wohl gar, er ſey der Hahn im Korbe, und ich fuͤrchte mich vor ihm.— Da ſchuͤttelte der Alte den Kopf, und ging brummend aus der Thür. 1 3. Als Theophila gewahr ward, daß der Vater ſich entfernt hatte, und der Sohn mit ziemlich finſtern Blicke auf ſie heruͤber ſchaute, entzog ſie ſich mit einer zierlichen Wendung, den etwas toͤlpiſchen Liebkoſungen des berauſchten Siewrak und trat zu ihm.— Munter ertoͤnten die Fie⸗ deln der Bergleute, und der Volktanz begann. Ein junger Buͤrger des Staͤdtleins, im Arm eine .— 51— flinke Springerin haltend, war der Vortaͤnzer. In mancherlei Windungen und nicht ohne An⸗ muth und Lebendigkeit, flog das huͤbſche Paar rund um den Saal, als es ſich aber zum zwei⸗ tenmal den Geigenden gegenuͤber befand, hielt es an; der junge Mann ſchloß den Takt mit einem hoͤrbaren Fußtritt, und ſang mit kraͤftiger Stimme folgendes: So— ſo— ſo, ſo, ſo,*) Sind wir Krakowiaken Unſre Burſchen keck und froh Maͤdel Schelm im Nacken.— Darauf ging der Tanz weiter, und als ſie wiederum zweimal die Runde gemacht hatten, be⸗ gann die Taͤnzerin: Auf die Weichſelbruͤcke Scheint die Sonne helle— Leichter als die Muͤcke Iſt der Junggeſelle.— Jetzt trat ein neues Paar auf, ein friſcher noch unbaͤrtiger Junge, ſeiner Kleidung nach ein Bergbewohner aus der Gegend der Abtei —— * Mehreren Strophen des Volktieds nachgeahmt. Tyniec, mit ſchlicht herunter haͤngenden Haaren, bloßem Halſe und zwei buntgeſtickten Gurten uͤber den braunen dicht anſchließenden Wams.— Seine Gefaͤhrtin ſchien eine Fiſchhaͤndlerin aus Pod⸗ gorze, nicht mehr in der Bluͤthe des Alters, und wohlbeleibt genug, daß ihr die Anſtrengungen, die ſie machte, den gewagten Spruͤngen ihres Taͤnzers zu folgen, nicht ſelten mißgluͤckten. Mit großer Freude ſchauten die Anweſenden auf das ungleiche Paar, und ein lautes Gelaͤchter erfolgte, als der Daͤnzer, vor dem laͤndlichen Orcheſter an⸗ gelangt, halb abgewendet von der bejahrten Schoͤ⸗ nen, die großen Wohlgefallen an ihm zu finden ſchien, das Haupt ſchelmiſch hin und her wie⸗ gend, und mit den Fuͤßen das Zeitmaaß ange⸗ bend, anfing zu ſingen: 4 Sie hat graue Augen Schaut nur aus grauen, Muͤſſen ihr wohl taugen Hat ja keine blauen. Erzuͤrnt riß ſich die Beleidigte los, und ver⸗ barg ſich, verfolgt von dem Jubel der Verſamm⸗ lung in den entlegenſten Winkel. Da griff Wae⸗ law Siewrak nach der Hand der ſchoͤnen Tofia mit einem vornehmen Kopfnicken, gleich als er⸗ weiſe er ihr eine Ehre durch ſeine Aufforderung, das Maͤdchen entzog ſich ihm raſch und unwillig, und richtete einen freundlichen Blick auf dem jungen Bielawski, der ſogleich im raſchen Tanze mit ihr dahin flog. Die kleine Theophila war lieblich anzuſehn, wie ſie hinſchwebte im ſchar⸗ lachrothem Mieder, mit Knoͤpfen und ausgenaͤh⸗ ter Arbeit beſetzt, unter den der eng anliegende blendend weiße Hemdſtreifen hervorragte, mit dem kurzen faltigem Roͤcklein, und dem braunen Haar in zwei Zoͤpfe getheilt, die mit Blumen und goldnem Band eingeflochten, bald von beiden Seiten auf die Bruſt herah fielen, bald gehoben von den raſchen Schwingungen des Tanzes, den weißen Nacken umflatterten, und wie ſie nun ſtehen blieb und mit anmuthigen Neigen des Kopfes, und die Augen, denen ſelbſt der alte Bielawski Gerechtigkeit widerfahren laſſen, jetzt in ſuͤßer Verſchaͤmtheit auf den Mittaͤnzer— jetzt mit neckender Schelmerei auf dem naheſtehenden Siewrak richtend ſang: Viel lieber des Soldaten Wams bedeckt vom Staube, Als des Lieentiaten Goldbeſetzte Schaube.— — 5⁴— Waelaw biß ſich in die Lippen und ſah finſter drein, doch erheiterte ſich ſein Geſicht als Wa⸗ lenty, da nun die Reihe an ihm kam, fol⸗ gende Worte hoͤren ließ: Eheſtand iſt Weheſtand, Ei! Du meine Guͤte, Immer Eine nur zur Hand, Daß mich Gott behuͤte! Da zuckte Tofiens Haͤndchen in der Hand des jungen Reitermannes, ein Thraͤnchen draͤngte ſich in ihr Auge und mit einem Blick ſtillen Vor⸗ wurfs wollte ſie abtreten aus den Reigen, aber Walenty ließ ſie nicht los, er ſchlug wieder den Arm um ihre ſchlanke Huͤfte, und ſah ſie bit⸗ tend an, da tanzte ſie weiter und Tofia ſang halb wehmuͤthig, halb ſchelmiſch:. Ja ein Sack mit Golde ſchwer, Gilt fuͤr Reitz und Jugend, Treu und Liebe hin und her— Geld iſt mehr als Tugend.— Walenty antwortete mit bedeutendem Blick und Ton: — 55— GStoͤrchlein uͤber Berg und Thal, Traͤgt dich dein Gefieder; Wiederkehrt der Sonnenſtrahl Du kommſt auch wohl wieder.— Und er druͤckte die Hand des noch immer ſchmollenden Maͤdchens, als er ſie an ihrem Platz leitete und fliſterte ihr etwas zu, ſie aber erhob drohend den Finger, und, hatte ſie den leicht⸗ fertigen Geſang des Kriegmanns noch nicht ver⸗ geſſen, oder war es ein andrer Grund, genug, als der Diener des Großmarſchalls ihr abermals die Hand bot, ließ ſie ſich zum Tanze fuͤhren. Mit allerlei gewagten Bewegungen und uͤbel⸗ angebrachter Grandezza beſtrebte ſich der Schrei⸗ ber vor der Verſammlung zu glaͤnzen— und wenn es ihm gelungen, die Aufmerkſamkeit der Zu⸗ ſchauer auf ſeine wichtige Perſon zu lenken, ſo gluͤckte es ihm nicht allerdings ſo gut bei ſeiner Taͤnzerin, deren Auge von ihm abgewendet in den verſchiedenen Wendungen, ſich unaufhoͤrlich nach dem Platz hinrichteten, wo Bielawski zwi⸗ ſchen Eiferſucht und Zaͤrtlichkeit ſchwankend, der Voruͤberſchwebenden unverwandt nachſchaute. Da bedeutete Waclaw mit einem gewalti⸗ gen Fußtritt die gufſpielenden Bergleute, es ſey an der Zeit, daß das Verſtummen ihren Geigen und Pfeifen ſeiner Stimme Raum gaͤbe, die Bewunderung der Anweſenden auf ſich zu lenken, und mit von zu haͤufigen Trinken, etwas lallender Zunge, ließ er ſich alſo vernehmen, indem er einem tuͤckiſchen Blick auf ſeinem Nebenbuhler warf: Saͤbelgurt und Achſelband, Aber leere Taſchen, Traut nicht Maͤdchen ſolchem Fant, Nichts will er als naſchen. Dieſe Warnung ſchien bei dem Maͤdchen ver⸗ loren zu ſeyn, denn bei dem zweiten Stillſtand ſang ſie mit bewegter Stimme, indem ihr Groll unterging in dem Blick des Geliebten. Reuet dich des Wortes nicht, Herz von hartem Steine? Geh', ob auch das meine bricht! Weißt du wen ich meine? Andere Taͤnzer kommen an die Reihe, un⸗ zaͤhlige Abtheilungen des endloſen Volkliedes, dem jedes Feſt einen neuen Zuwachs ertheilte, und in dem jedes Verhaͤltniß einen Weg deu⸗ tungsvoller Mittheilung fand, wurden geſungen; der Tanz ward nach und nach regelloſer, und artete endlich in das wilde Schwenken und Drehen aus, das den ſonderbaren Namen Obertaſſe fuͤhrt. Da traͤt Walenty Bielawski mit blitzenden Au⸗ gen zu dem Siewrak, welcher hoͤhniſch lachend, und mit verzerrten Zuͤgen auf ihn und das Maͤd⸗ chen ſchaute, die in traulichem Geſpraͤch bei ein⸗ ander ſtanden.— Darf ich Euch fragen, Herr Schreiber und Canzleibote des Großmarſchallam⸗ tes— redete er ihn an— ob ich es bin, an welchen, wie ich aus Euren Blicken muthmaßen kann, der ſchnoͤde Geſang gerichtet war, mit dem es Euch beliebt hat, den ehrenwerthen Kriegſtand zu ver⸗ unglimpfen?— Indem Ihr die Aemter nennet, die ich bekleide, Herr Soldat— entgegnete der Angeredete, indem er ſeine Verlegenheit unter erkuͤnſtelter Geringſchaͤtzung verbarg— habt Ihr auch feſtgeſtellt, ob es mir zieme, Euch Rede zu ſtehen.— Wahrlich Ihr habt Recht, entgegnete der auflodernde Juͤngling— wie moͤcht ich auch von Euch ein maͤnnlich Beginnen erwarten, der ein beſſerer Held iſt mit Zunge und Feder, als mit dem Schwert, von Euch, der ihr Euer Amt mißbraucht zu ſchnoͤder Kundſchafterei, wie Ihr es gethan bei den Schuͤlern zu Krakow, die -— 38— Ihr aufgehetzt habt zu unbedachter That, und hinterdrein ſie angegeben bei Czarnkowski, dem Probſt. Ihr ſehet wohl, ich kenne Euch, Ihr kommet hier nicht durch, mit dem Anſchein der Treuherzigkeit, mit welchem Ihr jene Leichtglaͤu⸗ bigen betrogen, und verſuchet daher Euch den Nuͤcken frei zu machen, mit dem Namen Eures Herrn, doch fruchtet Euch das nicht bei einem Edelmann und Diener des Grafen Johannes. Ihr ſagtet ja fruͤher, der Augenblick werde ſchon kom⸗ men, da Ihr mir Beſcheid gebet; er iſt da der Au⸗ genblick; Ihr habt mich beleidigt, und werdet mir Genugthuung geben, ſo Ihr den blanken Saͤbel nicht fuͤhret zum Hohn Eures Gebieters, der ihn an die Huͤfte eines Feiglings geheftet.— Ich bin verſendet in Staatsangelegenheiten, verſetzte der Canzleibote mit ſcheuem Trotz— und erboͤtig Euch zu willfahren, ſobald der Dienſt es ver⸗ goͤnnt.— Der Dienſt— rief der junge Menſch— der Euch vergoͤnnt in der Schenkſtube eines Gaſt⸗ hauſes zu weilen, und Haͤndel anzuſpinnen, er⸗ laubt Euch gleichfalls dieſelben aus zu machen, ehe Ihr dieſe Schwelle uͤberſchreitet!— Das lautwerdende Gezaͤnk hatte den Tanz unterbro⸗ chen, die Anweſenden waren herzugetreten, und umgaben die beiden Gegner im dichtem Kreiſe.— Vertheidigt Euch! ſchrie Walenty, ſo Ihr nicht wollet, daß ich Euch eine Botſchaft ſchreibe, auf Euer wiederwaͤrtiges Antlitz, nicht mit Tinte, ſondern mit Eur en nichtswuͤrdigen Blut!— Gedraͤngt von dem aufgebrachten Kriegmann, auf⸗ gefordert durch den ſpoͤttiſchen Zuruf der Um⸗ ſtehenden, haſchte der erbleichende Stewrak mit unſteter Hand, nach dem ſchoͤnverzierten Saͤbel. Der Kreis erweiterte ſich, und der Kampf ſollte beginnen, da warf ſich Theophila zwiſchen die Kaͤmpfer, weinend und bittend, ſie moͤchten ein⸗ halten; aber der Vater ergriff ſie mit gewalti⸗ ger Hand, und ſchleuderte ſie zuruͤck mit rauher Stimme gebietend— Fort an den Spinnrocken, unartige Dirne— Nun Du Unheil gebracht haſt in mein Haus mit dem eitlen Gedahl und Sing⸗ ſang, ſo laß ſie gewaͤhren! Iſt doch nicht ſchade um keinen von beiden:— Im ſelben Augenblick fuhr die Thuͤr des Gemachs auf, vier Tartaren mit brennenden Fackeln in den Haͤnden traten ein, und hinter ihnen ein anſehnlicher Mann in einem weiten Mantel gehuͤllt.— Was iſt das fuͤr ein Getuͤmmel? fragte der Eingetretene— Iſt denn uͤberall Hader und — 60— Streit, in der Huͤtte wie im Pallaſt?— Ge⸗ braucht Euer Hausrecht, rief er gebietend dem entgegeneilenden Gierzanek zu, den das Erſchei⸗ nen des vornehmen Gaſtes ſchnell zur gewohnten Demuth zuruͤck gefuͤhrt hatte.— Laſſet die Saͤ⸗ bel in die Scheide zuruͤck kehren, oder ich verlaſſe Euer Haus— Entfernt Eure Gaͤſte, denn in wenig Augenblicken, werden Frauen hier eintref⸗ fen, die ſolches Getoͤſe erſchrecken wuͤrde und be⸗ fremden.— Ruhe dort, Ihr Herren Edelleute— rief der Hausherr ermuthigt durch die Gegen⸗ wart des Herrn, den er alsbald erkannt hatte. Haltet die Maͤuler, Ihr Spielleute, es iſt Feier⸗ abend! Gute Nacht Ihr jungen Geſellen und Maͤgdlein,'s iſt nun vorbei mit dem Drehen und Schwenken, gute Nacht Ihr Maͤnner und Frauen, packt Euch in Eure Haͤuſer, oder wo Ihr ſonſt hingehoͤrt, denn alſo iſt der Befehl des hochgebornen Staroſten von Samborz! Da wi⸗ chen die Anweſenden ehrerbietig zuruͤck, der junge Bielawski ſteckte den Saͤbel ein, und ließ ab von dem Schreiber, welcher nicht ſaͤumte ſeinem Beiſpiel zu folgen, drauf nahm er ihn bei der Hand und ſprach nachdruͤcklich, doch mit leiſer Stimme zu ihm— Wir finden uns ſchon ein andermal wieder.— Dann aber naͤherte er ſich dem Reiſenden, und redete zu ihm mit beſchei⸗ denen Weſen— Vergoͤnnet, daß ich Euch begruͤße, edler Herr, denn ich habe ein Anbringen an Euch.— Was begehrſt Du von mir, junger Raufbold— ſprach der Staroſt mit ernſtem We⸗ ſen— meinſt Du daß ich gekommen bin, Deine Haͤndel zu ſchlichten? doch ſehe ich recht, ſo biſt Du Walenty, unſers alten wackern Bielawski Sohn? Ei junger Menſch, was wird der Vater ſagen, daß Du Dich herum haueſt in den Trink⸗ ſtuben, und Dein Herr der erlauchte Kaſtellan? — Nein Vater, entgegnete der Juͤngling er⸗ roͤthend— hat ſich wohl auch nicht auf den Fuß treten laſſen in ſeinen jungen Jahren, und mein Gebieter wird nicht wollen, daß ich einen Schimpf ſitzen laſſen, auf den Farben ſeiner Hauscom⸗ pagnie.— Auch iſt er es, der mich anhero ge⸗ geſendet, mit dieſen Brieflein um es Euch zu eigner Hand zu uͤberreichen. Ingleichen iſt Euer Bruder oben im Hauſe, der Herr Hipolyt Eu⸗ rer zu erwarten, auf dem Wege nach Krakow.— Gieb den Brief her, Waluſiu, ſagte Piotr Bo⸗ ratynski, und trat mit dem Schreiben in das Licht, einer der eiſernen Ampeln.— Er las es aufmerkſam durch, dann ſchuͤttelte er mit dem Kopf, ein leiſer Anflug von Schwermuth glitt uͤber ſein ſchoͤnes maͤnnliches Antlitz, und er ſprach wie zu ſich ſelbſt;— Wird es auch ſo ſeyn koͤnnen; wie Du meineſt, edler ritterlicher Held? — Staͤnd ich allein fuͤr mich, wie gern! denn rauh und dornenvoll iſt ja der Weg der Pflicht! — Dann drehte er ſich raſch zu dem Soldaten, und fragte: Mein Bruder, ſageſt Du, iſt hier?— Auf die bejahende Antwort des Walenty, verfiel er in ein kurzes Sinnen, dann ſagte er wieder halb laut: Auch gut ſo— zeige mir das Ge⸗ mach des Hippolyt, doch folge mir niemand, denn ich will allein ſeyn mit dem Bruder.— Drauf verließ er mit den vorleuchtenden Tataren die Wirthsſtube, Kaspar Gierzanek ergoß ſich im Lobe des Staroſten von Samborz; er ward ganz zuthaͤtig und freundlich gegen dem jungen Krieg⸗ mann, und als dieſer troͤſtend und liebkoſend zu dem immer noch weinenden Maͤdchen trat, machte er ſich in eine andere Gegend des Tanzbodens etwas zu thun, und ſchaute nur manchmal und nicht ohne Wohlgefallen heruͤber zu den fliſtern⸗ den Paͤrchen. Noch wach und halb entkleidet ſaß Hippolyt Boratynski im obern Gemach der Herberge, bei der herunter gebrannten Wachskerze, ein unſchein⸗ bares beſchriebenes Blatt in der Hand haltend, auf welches er von Zeit zu Zeit mit großer Auf⸗ merkſamkeit blickte, und dann wieder ſinnend den Kopf in der hohlen Hand barg, als ſey er mit der Loͤſung irgend eines Naͤthſels beſchaͤftigt. Dann ſtand er auf, und ging mit großen Schrit⸗ ten umher, aber bald trieb es ihn wieder zum Schein der Kerze, und er ſtarrte von neuem auf das verhaͤngnißvolle Papier.— Da ließen ſich Schritte draußen auf den Saͤlen hoͤren, die Dienſt⸗ leute des Hauſes riſſen geſchaͤftig die ſchweren verſchnoͤrkelten Fluͤgelthuͤren auf, und zwiſchen den Zuruͤckweichenden, trat der Staroſt von Samborz in das Zimmer. Es warem mehrere Jahre ver⸗ gangen, ſeit ſich die Beiden nicht geſehn, die Zeit und mannichfache Beſchwerden des Krieges und der Reiſen, hatten die Bluͤthe der Jugend von den Antlitz des viel aͤlteren Halbbruders ge⸗ ſtreift, und an ihrer Stelle den gemilderten Ernſt reifer Maͤnnlichkeit ausgegoſſen, aus dem liebli⸗ chen Knaben war ein bluͤhender kraͤftiger Juͤng⸗ ling geworden; zweifelnd ſtanden ſich beide gegen uͤber. Da begann Peter Boratynski mit unge⸗ wiſſem Tone: Seyd Ihr es, biſt Du es Bru⸗ der?— Und als Hippolyt die Stimme hoͤrte, ging in ſeiner Seele die Sonne ſeiner erſten Ju⸗ gend auf, er oͤffnete die Arme und rief jauch⸗ zend— Ja wohl bin ich Hippolyt, und Du biſt mein Bruder Petrus!— Da zog ihn der Aeltere an ſein Herz, und hielt ihn lange und ſchaute ihn an, und ſprach: Wie biſt Du doch ſo tuͤchtig worden, und ein bildſchoͤner Geſell, ſeit ich Dich nicht geſehn, und des ſeligen Vaters Zuͤge ſinde ich wieder auf Deinem Angeſicht, und die Merk⸗ zeichen unſres Hauſes, deß wuͤrdigen Sproͤßling ich begruͤſſe in Dir!— Auf Dir, auf Dir, mein ehrenwerther Bruder und Herr; erwiederte Hip⸗ polyt— ruhet die Wuͤrde und der Glanz unſres alten Geſchlechtes.— Nur um Nachſicht bittet Dich der Juͤngling, der erſt drauf ſinnet zu thun, wie Du ſchon laͤngſt gethan, und der Dich be⸗ trachtet wie einen kraͤftigen Beſchuͤtzer, den der Himmel ihm entgegen gefuͤhrt, bei dem Eintritt in die fremde unbekannte Welt. Und velcher Beſchuͤtzer! geachtet von den Erſten im Reich — 65— und verehrt von den Geringen, ſehe ich den Bru⸗ der und weiſen Freund— den Marſchall ſehe ich in Dir des kuͤnftigen Reichstages, den Erſten un⸗ ter den Stellvertretern der Ritterſchaft, die das Wohl berathen ſollen aller ihrer Mitbuͤrger— G das iſt ein ſchoͤnes, ein gar ehrenvolles Amt, und daͤucht es mich weit vorzuziehen den Gaben des Gluͤcks und der Hofgunſt.— Man ſagt ſo, ver⸗ ſetzte der Herr von Samborz, indem eine leichte Wolke ſeine Stirn umzog, freuet es Dich ſo ſehr mein Hippolyt?— O, wie beneid ich Dir den freien Sinn unbefangener Jugend, die nur die Lichter ſiehet in dem Gemaͤlde der Zukunft!— Doch, es iſt mir ehrenvoll, das Vertrauen der Herrn und Bruͤder, und ich will es verdienen, ſetzte er mit einem leiſen Seufzer hinzu— ſollte es mir auch viel, viel koſten.— Wohl begreife ich— ſprach darauf der Juͤngere mit einiger Ver⸗ wunderung, wie der unbeſtochne Sinn des er⸗ fahrnen Kriegers und Staatsmannes manches anders betrachten mag, als der junge Menſch, dem die Sache nur eben das iſt, was ſie heißt, doch ſagteſt Du mir nicht oft ſelbſt, daß im Felde und der Nathsverſammlung, und im Leben uͤber⸗ haupt der Mann ſich allein bewaͤhre im Kampfe 5 — 66— mit dem feindlichen Verhaͤltniß? Ach, Bruder Petrus, auch ich fange an zu ahnen, daß es in der Welt anders ſey, als ich gewaͤhnt— und ſieh, beim erſten Schritt ſchon tritt mir ein et⸗ was entgegen, das mich beduͤnken will, wie ein dunkles unheimliches Naͤthſel, und indem ich da⸗ vor ſtehe zagend und zweifelnd, trittſt Du zu mir, mein Bruder und vaͤterlicher Freund, und ich mag mich an Dich halten, in der erſten Ungewißheit meines Lebens.— Ein Raͤthſel ſagſt Du?— ſprach der Andere, o ich fuͤrchte Du wirſt deren noch viel begegnen. Sprich Hippolyt, und ſo ich es vermag, will ich Dir helfen die Aufloͤſung ſuchen.— Hier iſt es in meiner Hand, antwortete darauf der juͤngere Boratynski, indem er auf das Blatt zeigte, das er immer noch hielt— Du weißt, fuhr er drauf mit niedergeſchlagenen Augen und erroͤthenden Wangen fort— oder weißt Du noch nicht, daß die Prinzeſſin von Mazowien hier durchgereiſet iſt, nach der Hauptſtadt, Frau Anna Odrowon⸗ zowa?— Die Frau von Podolien? fuhr jener auf— das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm! Haſt Du ſie geſehen?— Geſehen habe ich ſie, doch geſprochen nur wenige Worte mit Helenen, denn Andreas Zebriydowski trat dazwiſchen, und fuͤhrte die Frauen in die Probſtei, wo alsbald der Wo⸗ jewode von Krakow ſich zu ihnen geſellte.— Der Biſchof von Kujawien und Kmita?— ſprach Petrus ſinnend vor ſich hin. Was fuͤhrt die Frau hieher, in deren duͤſtrem Gemuͤth, der Haß und die ach— nur allzu gerechte Nache, ſeit Jahren ihren Wohnplatz aufgeſchlagen haben, was fuͤhret ſie hieher aus der langen Einſamkeit und freiwilligen Verbannung, in dieſer gefaͤhrlichen Zeit, da Verwirrung und Zwietracht wach wor⸗ den ſind, und bereit an das Licht des Tages zu treten? Nicht Gutes kommt uns in ihrer Be⸗ gleitung, denn ſie iſt nicht— Sie iſt nicht wie ihre Tochter— unterbrach ihn der Juͤngling, mit Lebhaftigkeit, und auch mich will es ſo ſeit wenig Augenblicken beduͤnken, denn ſiehe mein Bruder, dies Blatt hab ich gefunden auf dem Boden dieſes Gemachs, das der Großmarſchall verlaſſen, vor nicht gar langer Zeit.— Der Staroſt nahm das, was ein abgeriſſenes Stuͤck eines Briefes zu ſeyn ſchien, und las folgende unzuſammen⸗ haͤngende Worte und Sylben:—— niginn, eben hat Euer tren—— Probſtei einen wichtigen Zwie⸗ prach mit der Frau von Pod———— brzy⸗ 5* dowski dabei— Oft ſchon hab' ich Eur Maj— — vor dem ehrſuͤchtigen Prieſter—— haͤtte auch den Nutzen vereitelt—— Thorheiten der—— des Toͤchterlein Helena—— und ich ſolches nicht benutzt—— wichtiger Stein—— ſchien auf dem Schachbr—— wohl gefaͤhr—— kluge Spiel—— ßen ihn zu benut—— Ehrgeitz und Rache ſind—— iſt maͤchtiger als die Andre—— Zeit gewonnen alles gew—— arbara doch nicht —— alles fehl ſchlaͤgt—— tima ratio regum. Weißt Du mir das Geſchreibe zu deuten, wel⸗ ches mir erſcheint, wie eine unheilbringende Zau⸗ berformel?— fragte der beunruhigende Hippo⸗ lyt den nachdenklichen Bruder— Was um Gott, ſage es mir, was mag er wollen mit der from⸗ men Helena, dieſer trotzige Wojewode? Was mag er der Koͤnigin Mutter zu berichten haben von ihr, denn an dieſe iſt das Handſchreiben doch wohl gerichtet?— Laß ab, ſprach der Herr von Samborz, indem er mit einem ernſten Blick zum Himmel, das Blatt an der Flamme der Kerze verbrannte— Laß ab, es wird eine Stunde kommen, da alle Werke der Nacht offenbar wer⸗ den, und ſo ich auch Licht ſehe in den dunklen Windungen, zu denen dieſes vernichtete Blatt fuͤhret, ſo taugt es doch nicht fuͤr des Juͤnglings unentweihtes Auge— Sieh, fuhr er fort, indem er gewaltſam ſeine verduͤſterte Miene aufzuheitern verſuchte, ich habe Dir ein Amt zugedacht, den erſten Ritterdienſt beim Eintritt in die Welt, ein angenehmes Amt, aber auch ein gefaͤhrliches— Doch Du biſt ja ein Boratynski— In wenig Augenblicken treffen mehrere Damen allhier ein— Eine iſt unter ihnen, fuͤgte er zoͤgernd hinzu— Eine, die ich nicht zu nennen weiß, weil ich ſie noch nicht nennen darf— wie ich es wuͤnſchte— es iſt— ja— es iſt— Barbara, die Wittwe des Stanislaw Albrechtowicz Gaſtold, des Wojewoden von Troki.— Die Koͤntgin? frug der Juͤngling er⸗ ſtaunt— Die Gemahlin Siegmund Auguſts Ja⸗ giello— entgegnete jener mit ſcharfem Tone; dann fuhr er, die Augen zu Boden hettend fort— ich traf mit ihr zuſammen auf der Reiſe zu Opoczuo. Sie war allein mit ihren Frauen und ihrer Die⸗ nerſchaft, von den Littauiſchen, doch nicht ein Herr aus den Landen der Krone war bei ihr, denn ſeit der Koͤnig ſich wegbegeben von War⸗ ſchau, hatten ſie alle, alle verlaſſen. Da bat ſie mich um meine Geleitſchaft, weil es ſich doch nicht zieme, daß die Gemahlin des Koͤnigs ein⸗ — 70— ziehe in ſeine Hauptſtadt, ohne ziemlichen Co⸗ mitat, und es ruͤhrte mich ihr edelmuͤthiges Ver⸗ traun, denn es konnte ihr nicht unbekannt ſeyn, was ich auf dem Reichtag zu Warſchau geſpro⸗ chen, ſprechen muͤſſen, mein Bruder, und ich mochte ihr den Ritterdienſt nicht weigern. Nimm Du ihn nun auf Dich— ſieh— ſo man⸗ ches, das Du nicht kenneſt, vergoͤnnet mir nicht in Krakow einzuziehen mit Barbaren Radziwil⸗ Dir ſtehet es aber wohl an, und ſo hab' ich Dich beſtimmt zu ihrem Geleitsmann— Miß⸗ traueſt Du mir?— frug er bewegt, indem er die Hand des verlegen ihn anſchauenden Juͤnglings ergriff.— Bin ich nicht Piotr Dein Bruder? und ſo ich Arges im Schilde fuͤhrte, wuͤrde ich es auf Deine Schultern laden, Sohn meines ehrenwerthen Vaters?— Vielleicht hat Dich das Schickſal beſtimmt den Knoten freundlich zu löͤſen, den das Verhaͤngniß geſchuͤrtzt, und den Tag herbeizufuͤhren, an dem ſich das Gebot der eiſernen Pflicht vereinen darf mit der ſanf⸗ tern Stimme der Menſchlichkeit— Auf, zeige denn den Damen, daß man auch zu Samborz und Kamieniee ritterliche Courtoiſie kennet— ſetzte ar laͤchelnd hinzu— denn eben verkuͤndete das — 1— Knarren des gefrornen Schnees die Ankunft meh⸗ rerer Wagen. 5. Die wenigen Worte, welche Herr Piotr Bo⸗ ratynski, in der Trinkſtube von dem Eintreffen fremder Damen hatte fallen laſſen, hatte die Neugier der Kleinſtaͤdter rege gemacht. Als die Wagen vorfuhren, mußten die Fuͤhrer mit Geſchrei und Peitſchengeknall ſich Platz machen, durch die Menge, die fliſternd und wogend, ſchwach beleuchtet von der Ampel vor dem Marienbilde, und den roth flammenden Fackeln der Vorreiter, ſich von der Pfarrkirche an bis zum Gaſthauſe ge⸗ reiht hatte. Jetzt hielt die erſte Karoſſe vor dem Thor, eine Maſchine, die, obgleich ein Meiſter⸗ ſtuͤkk der damaligen Stellmacherkunſt, neben dem Staatwagen, Carrik's Celériferes und andern Erzeugniſſen unſerer Zeit, ſich ziemlich unvor⸗ theilhaft ausnehmen wuͤrde.— Auf vier unfoͤrm⸗ lichen Raͤdern gleichen Umfangs, ruhete der ſchmale, hohe und lange Kaſten, mit vergoldetem Leder uͤberzogen, und ſtatt der Bronzen, reich mit kup⸗ fernen glaͤnzenden Naͤgeln beſetzt, breite Tritte hingen an beiden Seiten, von den Wagenthuͤren beinah bis in den Schnee der Landſtraße hinab, lederne Vorhaͤnge waren rings um die ſchwere Decke befeſtigt, die auf acht gewaltigen Saͤulen ruhte, und verbargen das Innere des beweglichen Gebaͤudes, das mit amaranthfarbenem, reich mit ſilbernen Treſſen beſetzten Sammet ausge⸗ ſchlagen war. Acht bis zehn Reiter, an deren Lanzen Faͤhnlein mit den littauiſchen Farben weheten, ſchloſſen einen dichten Kreis vor der Hausthuͤr, und entzogen, ſo viel ſie es vermoch⸗ ten, den Neugierigen den Anblick einer jungen Dame, von mehr als mittlerer Groͤße, die in Pelze und Schleier verhuͤllt, unterſtuͤtzt von den Armen der abgeſeſſenen Dienerſchaft, auf die Strohmatten niederſchwebte, welche die Sorgfalt des Kaspar Gierzanek vor der eisglatten Schwelle ausgebreitet hatte. Noch fuͤnf andere Damen enthuͤpften oder entſtiegen dem geraͤumigen Ka⸗ ſten, die uͤbrigen Karoſſen kamen ebenfalls heran, und ein Gefolge umgab die Eintretende, das zu dieſer Zeit und in dieſem Lande, da kein Großer ohne zahlreiche Dienerſchaft reiſte, wohl auf ei⸗ nen hohen Rang der Herrin ſchlirhen ließ, doch nicht auf den hoͤchſten.— Sieh da, unſer Reiſemarſchall— ſprach die Dame mit ſehr anmuthiger Stimme und freund⸗ licher Gebehrde zu dem Staroſten von Samborz, der ſie in Begleitung ſeines Bruders, mit einer ehrerbietigen Verbeugung bewillkommte— Schon hatte ich geglaubt, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſeinen Arm ergriff, und von ihm geſtuͤtzt die wenigen Stufen hinauf ſtieg, welche zu denen in der Eil bereiteten Gemaͤcher fuͤhrten, und auf welchem das Geſinde an den Waͤnden gereihet ſtand, un⸗ ter Anfuͤhrung des Hausherrn, der ſeine de⸗ muͤthigen Buͤcklinge unterweilen mit einem neu⸗ gierigen Blick begleitete— Schon hatte ich ge⸗ glaubt Eure Eil, die Hauptſtadt zu erreichen, haͤtte Euch fruͤher vermocht, Euch eines unwill⸗ kommenen Amtes zu entledigen, als ich es wuͤnſch⸗ te.— Petrus antwortete nur durch eine tiefe Neigung des Hauptes, und man war an der Thuͤr des Zimmers angelangt, da wandte ſich Barbara zu den Frauen ihres Gefolges, und ſprach mit mildem Anſtand:— Bemuͤhet Euch nicht, meine Damen, wir werden nur kurze Zeit hier verweilen, pfleget daher der Ruhe, der Ihr beduͤrftig ſeyd; die Frau Schatzmeiſterin mag noch ein wenig um mich bleiben, die ja ſchon den halben Weg lang geſchlafen, und eine mei⸗ 3 — 74— ner Kammerfrauen; was ich bedarf, wird dieſe liebe Kleine mir reichen, die wohl die Tochter des Hauſes, und ein gar niedlich Krakower Maͤgd⸗ lein iſt.— Eine leichte Verbeugung verabſchiedete die ermuͤdeten Littauerinnen, ein Wink hieß Herrn Piotr bleiben, und ſie trat mit der Gemahlin des Stephan Horonostay, Schatzmeiſters von Littauen und den beiden Bruͤdern in das erleuch⸗ tete und erwaͤrmte Gemach, in deſſen Ecke ſich Tofia zuruͤckzog, der Befehle wartend, die ſie erhalten moͤchte, und von Zeit zu Zeit die blitzen⸗ den Augen wißbegierig und verwundernd, auf die fremde vornehme Dame heftend.— Ich ſage Euch Dank, Herr Staroſt, fuͤr die Aufmerkſamkeit, die Ihr mir bezeigt— ſagte die junge Gemahlin Siegmund Auguſts in gezwun⸗ gen ſcherzhaftem Tone:— es iſt wirklich alles ſo gut hier, als man auf einer Reiſe fordern mag, die mit ſo wenig Prunk unternommen worden.— Ich bin erfreut, erlauchte Frau! erwiederte Bo⸗ ratynski mit geſetztem Anſtand und Ton:— daß Ihr die geringe Muͤhwaltung beloben wollet, in dem Augenblick da ich gezwungen bin dem ehrenvollen Amt Eures Geleitsmannes zu entſagen, und es in andere, vielleicht willkommnere Haͤnde zu uͤbertragen.— Alſo wirklich feyd Ihr des uͤber⸗ nommenen Ritterdienſtes muͤde, daß Ihr eilet, wenige Stunden vor dem Ziele ihn von Euch ab⸗ zuthun— ſprach die Dame, indem ſie ihre ge⸗ reizte Empfindlichkeit unter dem Ton leichten Scherzes zu verbergen ſtrebte: Haͤtte ich doch von dem Herrn Boratynski mehr Beharrlichkeit erwartet.— Es iſt nicht Unbeſtand— verfetzte jener, ſeine Worte durch einen ſcharfen Ausdruck bezeichnend, der mich von Eurer Gnaden ent⸗ fernt, und nimmer, erlauchte Frau, werdet Ihr mich deſſen zeihen koͤnnen. Eine Bothſchaft des Großfeldherrn der Krone, welche mich noch auf heut Nacht nach Krakow beruft, moͤge mich ent⸗ ſchuldigen bei Euch, daß ich den ernſten Pflich⸗ ten, welche mir obliegen koͤnnen, dem angeneh⸗ meren Dienſt der Damen nachſetzte, und Euch in meinem Bruder Hippolyt, einen treueifrigen Ver⸗ treter vorſtelle.— Einen ſchnellen Blick warf Barbara Nadziwill auf den beſcheiden ſich naͤh⸗ ernden Juͤngling, dann wandte ſie ſich zu der aͤltern Dame, und ſprach mit leichtem Spott:— Was meinet Ihr, Frau Horonostay, werden wir auch die vier Meilen bis zur Hauptſtadt ſon⸗ der Gefaͤhrde zuruͤck legen, unter dem Schutze des Paladins, den uns die unvergleichliche Sorg⸗ falt des Herrn von Samborz erkohren?— Die Dame war geſchaͤftigt geweſen, ihre lange duͤrre Geſtalt von den umgebenden Huͤllen und Pelzen zu befreien, und ſtand jetzt, klappernd von Froſt und mit dem duͤnnlippigen, ſchon ziemlich zahn⸗ loſen Munde in die knoͤchernen beringten Haͤnde hauchend, zwiſchen dem gluͤhenden Ofen und dem lodernden Kamin. Als ſie die Anrede vernahm, verneigte ſie ſich tief, daß der ſteife Rand des ſtoffenen Kleides, ſich rauſchend und knatternd, auf dem gedielten Eſtrich umbog, und antwortete mit greller kreiſchender Stimme:— Warlich, gnaͤdigſte Frau, da die Reiſe ohnehin einer Kirch⸗ weihfahrt mehr gleichet, als dem, was man eine joyeuse entrée benennet, ſo mag ich es dem Herrn Staroſten nicht gaͤnzlich verdenken, wenn es ihm nicht geluͤſtet, den Fuͤhrer eines ſo kar⸗ gen Prunkzuges vorzuſtellen, und Eurer Majeſtaͤt mag wenig daran liegen, ſo wie uns allen, ob der Herr Staroſt ſich abloͤſen laͤſſet von ſeinem Bruder, welcher, ſo viel ich weiß, noch gar nichts iſt, da weder der eine noch der andere einen Nang bekleidet, welcher ihnen vergoͤnnen moͤchte, die Koͤnigin in ihre Hauptſtadt zu geleiten, und eines Amtes zu warten, welches zu Wilno dem Hofmarſchall des Großfuͤrſtenthums, zu Krakow aber dem der Krone obliegt.— Ein duͤſtres Laͤ⸗ cheln uͤberflog Barbarens Geſicht bei dieſem un⸗ zeitigen Herzenserguß der alten Dame. Drauf wendete ſie ſich und ſprach zu Hippolyt mit kal⸗ ter Wuͤrde und feſtem Tone, doch ohne Haͤrte: So wollet Ihr alſo Eurer Koͤnigin den Ritter⸗ dienſt erweiſen, den Euer Bruder Barbaren Rad⸗ ziwill großmuͤthig gewaͤhrt?— Ihr habt uͤber mich zu gebieten, gnaͤdigſte Frau— antwortete der Angeredete, und ich ſehe es an als ein guͤn⸗ ſtiges Vorzeichen, daß mein erſter Dienſt Euch ge⸗ widmet iſt.— Es iſt ſpaͤt, unterbrach ihn ſein Bruder, und Eure Gnaden beduͤrfen der Erho⸗ lung, vergoͤnnet alſo, daß wir uns beurlauben.— Mein Kind, ſprach des Koͤnigs Gemalin drauf guͤtig zur kleinen Theophila: Willſt Du wohl hinaus gehen und eine meiner Frauen rufen, daß ſie ihren Dienſt verſehe?— Dann trat ſie einen Schritt vorwaͤrts auf den jungen Boratynski zu, und ſagte mit ernſtem, beinah gebieteriſchem We⸗ ſen: Ihr ſeyd entlaſſen; in Verlauf von fuͤnf Stunden erwartet unſre Befehle.— Eine verab⸗ ſchiedende Bewegung folgte dieſen Worten, und ſie kehrte ſich ſchnell um zu der herzu getretenne Dame. Manches Wort der Warnung, das ihn lei⸗ ten mochte auf dem betretenen Wege, ſprach Pe⸗ trus zu ſeinem Bruder, dann beſtieg er ſein Pferd, und ſprengte des Weges nach Krakow. Beinahe eine Stunde hatte die Unterredung der Beiden gewaͤhrt, und der juͤngere Boratynski wollte ſich auf die kurze Zeit vor der Abreiſe nicht zur Ruhe legen— er ging in die allgemeine Trink⸗ ſtube, in der die gluͤhenden Kohlen des Kamins eine wohlthaͤtige Waͤrme verbreiteten, huͤllte ſich in ſeinen Mantel, und ſetzte ſich auf den Lehn⸗ ſtuhl, welchen Kaspar Gierzanek gewoͤhnlich beim Feuer einnahm, um den truͤben verworrenen Ge⸗ danken nachzuhaͤngen, die ſo manches was ihm begegnet war und des Staroſten von Samborz inhaltſchwere Worte in dem der Welt noch un⸗ kundigen Juͤnglinge erregt hatten, und nebenbei ſich eines nahen lieben Wiederſehns zu freuen. Auch die freundliche und wuͤrdige Erſcheinung des Bruders beſchaͤftigte ſein Gemuͤth; er ahnete den bedeutenden Einfluß, den dieſer auf die Ver⸗ haͤltniſſe gewinnen wuͤrde, welche ſich nach und nach, obſchon undeutlich, vor ſeinen Augen entfal⸗ teten und uͤberließ ſich der Hoffnung, daß ein Mann wie Piotr, wohl geeignet ſey mit kraͤfti⸗ ger und milder Hand den verwickelten Knaͤul aus⸗ einander zu wirren, deſſen Faͤden er hielt. Nach und nach begann die Natur ihre Rechte zu for⸗ dern, die Waͤrme des Kamins wirkte auf den Ermuͤdeten und ſeine Augenlieder fingen an ſich zu ſchließen, als er ploͤtzlich durch eine leiſe Be⸗ ruͤhrung geweckt ward. Er blickte auf, und ſah einen Mann vor ſich ſtehen, welcher ihm fremd war, den wir aber an ſeinem gruͤnen Pelzwerk, ſeinem braunen Krauskopf und breiten Schultern, trotz der ſchwachen flatternden Beleuchtung des Herdes fuͤr Waelaw Siewrak erkennen.— Hoͤrt doch, Kamerad— begann der unbeſcheidene We⸗ cker: Seyd Ihr niecht, daß ich ſo frage mit Eu⸗ rem Verlaub, in den Dienſten der Dame, welche eben angelangt zu Iwanowice?— So iſt es, entgegnete Hippolyt— und was mag Euch dar⸗ an liegen, guter Freund?— Wohl eigentlich ſo viel nicht, Herr Soldat,— ſprach der nicht voͤl⸗ lig ernuͤchterte Schreiber, der in der Daͤmmerung des Gemachs die edle Geſtalt und reiche Klei⸗ dung des jungen Boratynski nicht bemerkte— und doch auch wieder etwas. Da hab' ich denn draußen den ſchurkiſchen Wirth befragt, der ſtellt ſich aber als wiſſe er nicht, wer die hohe Rei⸗ ſende ſey, und ſo wollte ich Euch gebeten haben, mir den Rang Eurer Gebieterin zu vertrauen?— Wozu kann Euch ſolche Wiſſenſchaft dienen?— 2 antwortete Hippolyt, indem er aufmerkſam und mißtrauiſch, die widrigen Zuͤge des Fragenden betrachtete— Habt ihr ein Anliegen an ſie?— Vergoͤnnet, daß ich Euch erſt weiter befrage:— zwei Damen ſind es— nicht? eine aͤltere und eine Junge, welche oben im Gemach ſind, und eine von beiden iſt wohl— Sehet, ich bin drau⸗ ßen im Hofe geweſen, und habe mir die Wagen beſchaut, und auf einem von ihnen den Adler bemerkt unter der Huͤlle, mit dem Reiter von Littauen— und ſo nun die Angekommene iſt, welche ich vermuthe, hab' ich allerdings ein An⸗ bringen an dieſelbe, und erſuche Euch, ſo Ihr es vermoͤget, mir zur Stunde Gehoͤr zu verſchaf⸗ fen bei ihr.— Ihr traͤumet wohl guter Freund? verſetzte Boratynski— meinet Ihr die gnaͤdigſte Frau wuͤrde es wohl vermerken, wenn man ihre kurze Ruhe ſtoͤrte nach langer Winterreiſe, um ihr jemand vorzuſtellen, der ſo viel ich wahrneh⸗ men kann nicht beſonders dazu geeignet ſeyn 4 mag, zu ſo ungewoͤhnlicher Zeit vor Damen zu erſcheinen, wie die iſt, welche ich zu geleiten die Ehre habe.— Nun, nun, brummte Siewrak unzufrieden— meiner Mutter Sohn hat eher ſchon verkehret mit hohen Perſonen— und der Koͤnigin Majeſtaͤt kennet ihn gar wohl— Wenn doch der Henker den welſchen Pflaſterſtreicher holte— das Volk kann keinen Namen ausſpre⸗ chen, in altpolniſcher Mundart, und weiß nicht ob es zu Slomniki iſt oder zu Jwanowice— So hat er mir nun das Brieflein abgeſchwatzt, und er wird Schuld ſeyn, daß es ſpaͤter kommt in die Hand der Frau Mutter Gnaden, und der alte Kmita, der keinen Scherz verſteht, mich gar uͤbel anlaſſen wird— und ich, was das aller⸗ ſchlimmſte iſt, eines guten Botenpfennigs ver⸗ luſtig gehe.— Einen Brief von dem Herrn Großmarſchall hattet Ihr an die Koͤnigin Bo⸗ na?— fragte der Juͤngling, welcher des aefun⸗ denen Entwurfes gedachte— und Ihr habt ihn nicht mehr?— Der Koͤnigin Leibarzt, der Dok⸗ tor Montius, den das Fieber ſchuͤtteln moͤge, hat mich beredet, Ihre Mafeſtaͤt haben ſich nach Krakow begeben, auf anderem Wege mit der Prinzeſſin Anna, und ich habe ſehr uͤbel daran 6 ihm zu glauben, ſintemal Allerhoͤchſtdieſelben nun dennoch allhier eingetroffen ſind, und vielleicht ungeduldig der verheißnen Botſchaft warten.— Meinet Ihr, daß des Herrn Kmita Sendſchrei⸗ ben, ſo wiſſenwerthes enthalte und eiliges?— Ihr moͤget daran nicht zweifeln— entgegnete der Schreiber, indem er ſeinem platten Geſicht und ſeiner rauhen Stimme, den Ausdruck geheimniß⸗ voller Wichtigkeit zu geben verſuchte— Jene da iſt im Anzug, und alles iſt bereit, und weit beſſer noch gediehen als zu hoffen ſtand, denn es iſt noch jemand eingetroffen, welchen die aller⸗ gnaͤdigſte Frau ſicherlich nicht erwartet— Wenn dem alſo iſt— verſetzte Hippolyt mit anſcheinen- der Gleichguͤltigkeit— ſo will ich Euch gerathen haben, eiligſt nach Krakow auftubrechen, und ſo Ihr koͤnnet, dem Doktor das Blatt wieder ab⸗ zunehmen, noch ehe die eintrifft, an welche es gerichtet, damit Ihr Eures Lohnes nicht ent⸗ behren moͤget, und der Großmarſchall ſolch treuem Diener nicht zuͤrne. Ich aber werde, verlaſſet Euch drauf, das, was ich von Euch vernommen, meiner Gebieterin zu vertrauen, nicht ermangeln. — Nach einigem Beſinnen, entgegnete Siewrak: Auch gut ſo— doch hoͤret Freund, eine Hand — — — 33— waͤſcht die andere, und ein Herrendiener ſoll den Kameraden nicht verrathen, ſo ſaget denn nichts davon Eurer gnaͤdigſten Frau und Niemand an⸗ dern, daß Meiſter Waclaw Siewrak der Schrei⸗ bergehuͤlfe des Wojewoden von Krakow, ſich gleich⸗ ſam eine Nachlaͤſſigkeit zu Schulden habe kommen laſſen; es iſt der Alte ein gar grimmiger Herr und fordert ſtrengen Gehorſam, und pflichtmaͤßige Puͤnktlichkeit von allen, die ihm untergeben;— pwar er mag wohl ſeinerſeits dergleichen nicht ſonderlich wahrnehmen gegen— doch ein Diener ſoll ſich nicht kuͤmmern um des Herrn Treiben, ob wohl manches zu ſprechen ſeyn moͤchte von ſolchen Dingen— So Ihr alſo begehret einen Freund zu haben an dem Kanzleiboten des Groß⸗ marſchallamtes, ſo ſchweiget davon gegen jeder⸗ maͤnnlich— denn hoͤret, ich kenne noch des Al⸗ ten Weiſe, vor der Zeit, da ich dies und jenes nicht wußte— das iſt nun wohl viel an⸗ ders, aber der Henker traue dem baͤrbeißigen Griesgram.— Sorget Euch nicht— entgegnete Hippolyt, welcher ſich des unbequemen Schwaͤtzers ſobald als moͤglich zu entledigen wuͤnſchte— So Ihr ſelbſt ſchweiget, wird Euer breiter Ruͤcken nicht gefaͤhrdet . 6* ſeyn— Trachtet nur, daß Euch der Welſche das Handbrieflein wieder zuſtelle, und ſomit ſetzet Euch auf und reitet Eures Weges.— Dieſer Rath daͤuchte dem Waclaw der zweckmaͤßigſte, er wankte hinaus, um ſein Pferd vorfuͤhren zu laſſen, und bald entledigte ſeine Entfernung den juͤngern Boratynski der Sorge, daß er allzubald ſeinen Irrthum entdecken moͤchte; ein Umſtand, der bei ſo verworrnen Verhaͤltniſſen und dem dunklen, doch fuͤhlbarem Treiben gewaltiger Kraͤfte, aller⸗ dings von Wichtigkeit ſeyn konnte. Bald ward es lebendig im Hauſe— die Wa⸗ gen wurden angeſchirrt, die Lanzenreiter ſaßen auf, die Zofen und Diener liefen geſchaͤftig um⸗ her, und es ſchien dem jungen Geleiter der ſchoͤ⸗ nen Barbara, es ſey Zeit ſich an ſeinen Platz zu verfuͤgen.— Als er in den Saal trat, welcher dem Zimmer der koͤniglichen Frau zum Vorge⸗ mach diente, fand er daſelbſt das Gefolge groͤß⸗ tentheils verſammelt, und die Stimme der Frau von Horonostay ſchallte ihm entgegen, die bald den Umſtehenden mit vieler Weitſchweifigkeit das Ungemach ſchilderte, welches ſie ausgeſtanden in dieſer elenden Herberge, bald die kleine Theo⸗ phila mit Vorwuͤrfen uͤberſchuͤttete, die das arme Maͤdchen ſchweigend und mit geſenktem Blick annahm. Die c. dern Damen waren alle mehr oder weniger unzufrieden mit der verfloſſenen Nacht, und in vielſtimmigem Geſpraͤch wech⸗ ſelten ſie die Ausbruͤche ihrer Ungeduld, nach, der Hauptſtadt zu gelangen, und ihre Hoffnungen der Feſte und des Glanzes, welche ſie erwarteten. Da oͤffnete ſich die Thuͤr des Gemachs, und Bar⸗ bara Radziwill trat heraus.— Mit leutſeliger Freundlichkeit begruͤßte ſie die Anweſenden, be⸗ dauerte die Widerwaͤrtigkeiten, welche die Frau Schatzmeiſterin betroffen, deren klagende Stim⸗ me ſie durch die verſchloſſene Thuͤr vernommen habe, und wandte ſich darauf zu der Tochter des Kaspar Gierzanek, die in der Ferne ſtand, muͤh⸗ ſam die Thraͤnen unterdruͤckend, welche ihr die ſchonungsloſe Haͤrte der alten Dame in die Au⸗ gen gelockt hatten, und ſprach mit heitrer Milde zu ihr:— Wir danken Dir, mein Kind, Du haſt uns ſo wohl empfangen, als es des Vaters kleines Haus vermochte, und was uns betrifft, ſind wir damit zufrieden. So Du einmal nach Krakow kommeſt, ſo gehe in das Schloß, und wenn Du daſelbſt nach Frau Barbaren fragſt, wirſt Du wohl aufgenommen werden— Auch wirſt Du, fuhr ſie laͤchelnd fort— nicht lange ſaͤumen, nach dem was ich geſtern vernommen von Dir— Sie beugte ſich bei dieſen Worten zu dem erroͤthenden Landmaͤdchen nieder, welches die Knie der er⸗ lauchten Frau umfaßte, ließ mit den Worten: Ein Beitrag zur Mitgift, ein gewichtiges Netz⸗ lein unter Theophilens Hemdſtreif hinabgleiten, dann richtete ſie ſich ſchnell empor— und ſprach zu dem umherſtehenden Gefolge: Auf, meine Da⸗ men, auf Herr Boratynski; es iſt Zeit, daß wir unſre Fahrt beginnen.— Noch war der Tag nicht voͤllig angebrochen, als man in der Naͤhe der Hauptſtadt angelangt war, doch erhellte der Schnee, der die Fluren be⸗ deckte, und der Vollmond, der am naͤchtlichen ſternenbeſaͤcten Winterhimmel ſtand, die Land⸗ ſchaft genugſam, um die ausgezeichnetern Gegen⸗ ſtaͤnde zu erkennen; die Reiſe war pfeilſchnell, und bis dahin ziemlich ſchweigend zuruͤck gelegt worden, nichts hoͤrte man als das Knarren des Schnees, unter den gewaltigen Raͤdern, hin und wieder das Rufen der Fuͤhrer und das Brauſen des Windes, der von der Weichſelruͤber die huͤ⸗ gelige Ebene daher fuhr. Auch im koͤniglichen Wagen war es ſtumm, nur von Zeit zu Zeit — —₰ ließ ſich das trockne Huſten der Frau Schatzmei⸗ ſterin vernehmen, oder der erſtickte Angſtruf ei⸗ ner der andern Damen, wenn das Fuhrwerk ſich auf dem unebenen Wege etwas zu ſtark auf eine Seite neigte, und Hippolyt, den ſein neu an⸗ getretenes Amt neben dem Schlage der vornehm⸗ ſten Karoſſe feſthielt, ritt gedankenvoll dahin, dem Schauplatz entgegen, wo die Traͤume der Jugend ſich in Erſcheinungen des wirklichen Lebens um⸗ geſtalten ſollten. Schon begann die Maſte der Gebirge am jenſeitigen Ufer des Stromes ſich deutlicher zu geſtalten, in geringer Entfernung tauchte aus der naͤchtlichen Gegend auf den Huͤ⸗ geln vor ihnen hie und da ein Thurm hervor, und bald lag die alte Stadt des Krak, vom Mondſtrahl beglaͤnzt, vor ſeinen Augen. Da ward das lederne Behaͤnge der Karoſſe ein wenig bei Seite geſchoben, und eine ſanfte Stimme rief ihn beim Namen.— Seyd Ihr der Gegend kun⸗ dig, Kaſtellanic von Sandecz?— So viel es die Erinnerung aus fruͤher Jugend vergoͤnnt, gnaͤ⸗ digſte Frau— entgegnete der Befragte, in dem er ſein Pferd naͤher zum Wagenſchlag draͤngte, und die Stimme genugſam erhob, um von der Fragenden nicht uͤberhoͤrt zu werden, vor der inſtaͤndigen Bitte der Frau Horonostay, welche die Gebieterin beſchwor, die wohlthaͤtigen Schirm⸗ leder an ihrer Stelle zu laſſen, um Ihro Maje⸗ ſtaͤt nicht einer unfehlbar ſehr gefaͤhrlichen, viel⸗ leicht gar toͤdtlichen Erkaͤltung auszuſetzen.— Nur wenige Wochen war ich hier, und vor mehrern Jahren, fuhr er fort, als Ihro Majeſtaͤt der Warnung der Hofmeiſterin ungeachtet, Antwort zu erwarten ſchien.— So vermoͤgt Ihr doch wohl ein wenig, das Euch aufgedrungene Amt eines Reiſemarſchalls zu verſehen, ſprach die koͤ⸗ nigliche Frau, und manches zu benennen in die⸗ ſer Gegend, die fortan mir ſo wichtig ſeyn wird — Saget mir, welches iſt jener Huͤgel— der ſich ſo ſteil und ſchwarz erhebt in der ſchneebe⸗ deckten Landſchaft, nicht weit von uns zur lin⸗ ken Hand, und jener andere, der ihm zu gleichen ſcheinet, in Hoͤhe und Geſtalt, ſo viel es die Entfernung zu beſtimmen zulaͤßt, und das unge⸗ wiſſe Licht des Mondes?— Jenen entfernten, antwortete Hippolyt— nennet man das Grab des Krak, welchen die Geſchichte als des Erſten erwaͤhnt unter den Koͤnigen der Polen, und den, welcher die uralte Koͤnigſtadt gegruͤndet hat, die dort ſich ausbreitet auf den Huͤgeln— der aber, der ſo nahe vor uns ſtehet und ſo traurig, es iſt der Grabhuͤgel Wandens, ſeiner Tochter, die die Kron hinabwarf in die Fluthen des Elbſtro⸗ mes, damit ſie das Vaterland bewahre vor Ge⸗ fahr und verderblichem— Ehebuͤndniß,— das letzte Wort hatte Hippolyt leiſer ausgeſprochen, als den Anfang ſeiner Rede, doch mochte es der Hoͤrenden nicht entgangen ſeyn, denn das Be⸗ haͤnge des Wagens rauſchte zuſammen, und erſt nach langer Pauſe, frug Barbara von Neuem:— Wanda nennet Ihr die Arme?— O wie iſt es ſo traurig— ſprach ſie vor ſich hin— von dem Leben zu ſcheiden und der Liebe, um hinabzu⸗ ſteigen in das kalte Grab, und freiwillig ſogar — Neinet Ihr nicht Herr Hippolyt, daß jene Wanda ihn nicht geliebt haben muß, der um ſie warb?— Ihr ſeyd doch noch ſo jung— ſetzte ſie hinzu mit leichtem Laͤcheln— und moͤget mir am beſten ſo wunderlich romantiſches Begebniß berichten.— Nicht alſo ſpricht die Sage— erwiederte Hippolyt, der Worte des Bruders ge⸗ denkend, mit einigem Zoͤgern— Ein fruͤher Lie⸗ besbund, ſo lautet ſie, hatte die Herzen vereint, Wandas der weißchrobatiſchen Koͤnigin, und Ri⸗ tigerns des Fuͤrſten der Arkona auf Nuͤgen, je⸗ 5 doch da der Mord des einen Bruders und die Strafe, die das ſchuldige Haupt des andern be⸗ traf, die Tochter des Krak auf den Thron beru⸗ fen, und das Volk der Sarmaten den Ehebund mit dem Fremden laut gemißbilligt, da uͤber⸗ toͤnte die Stimme der Pflicht des Herzens Spra⸗ che.— Und was that Wanda?— fragte Bar⸗ bara lebhaft— Sie entſagte dem Ritigern, er⸗ lauchte Frau— Und er, er vermochte es zu er⸗ tragen, in unmaͤnnlicher Feigheit, daß die Ge⸗ liebte ihm entriſſen werde, durch die Willkuͤhr uͤbermuͤthiger Vaſallen?— O nein, erwiederte Hippolyt, wie getrieben vom Geiſte des Augen⸗ blicks mit dumpfer eintoͤniger Stimme, nur der Fragenden hoͤrbar.— Er ſammelte ein Heer und zog heran, gegen das Volk der Geliebten, und ruͤſtete ſich zur Schlacht,— da, ſeht Ihr jenes dunkles Felsſtuͤck rechts weg, unfern vom Grab⸗ huͤgel— zur Sommerzeit brauſt unter ihm die Weichſel voruͤber, die jetzt des Winters Eis ge⸗ fangen haͤlt— dahin trat die jungfraͤuliche Koͤ⸗ nigin und ſchaute auf die ſtillen Ufer, die nun bald wiedertoͤnen ſollten vom Getoͤſe des Krieges, auf die friedlichen Huͤtten, die nun bald auflodern ſollten, in verheerenden Flammen— einen Blick —,— noch warf ſie auf das Lager des gelicbten Fein⸗ des— dann, einen Sprung in den rauſchenden Strom, und die Wellen ſchlugen zuſammen uͤber die jugendliche Geſtalt derer, die ſich dem Va⸗ terland geweihet zum Opfer— der Feind zog ab— und fortan bezeichnete dieſer Huͤgel der Nachwelt, die Stelle, da die ſeltene That ſich ereignet.— Hippolyts Rede blieb ohne Antwort— Barbarens Haupt ſank in die verhuͤllenden Haͤnde, da fuhr er fort.— Viele der Huͤgel, von denen Ihr noch die Spuren ſehet, welche die Jahrhun⸗ derte, die uͤber ſie hinweg gewandelt ſind, nicht voͤllig zu zerſtoͤren vermochten erheben ſich rings um Euch, und das Dorf, welches Ihr eben ver⸗ laſſen, traͤgt ſeit undenklichen Zeiten den Na⸗ men, die Staͤtte der Graͤber.— Noch immer ſchwieg Siegmund Auguſts Gemahlin, und es daͤuchte dem Begleiter, als vernehme er ein lei⸗ ſes anhaltendes Weinen.— Jetzt flog der Wa⸗ gen an den Haͤuſern der Vorſtadt voruͤber— da hob die ſchöne Frau ſich empor und deutete ſeit⸗ waͤrts, und ſprach in Toͤnen, in welchen das empfundene Weh noch leiſe nachklang.— Das Haus dort auf dem Berge das ſo ſchoͤn beleuch⸗ tet wird vom Mondſchein mit den ſtrahlenden 4 Fenſtern— iſt es das Schloß, und welches iſt das Lunde Gebaͤude, deſſen Dach erglaͤnzt gleich lauterm Golde? Es iſt die Koͤnigsburg, erlauchte Frau, und jener reichverzierte Dom, der ſich an die Kathedrale lehnt, es iſt die Grabſtaͤtte des Jagielloniſchen Geſchlechts— Graͤber, nichts als Graͤber— ſprach die junge Fuͤrſtin in ſich hinein, dann ſagte ſie nach einer Pauſe— doch jene hellerleuchteten Fenſter, wo das Licht ſo blutroth ſcheint durch die purpurſeidnen Behaͤnge, gehören ſie zu den Zimmern meines erlauchten Gemahls?— Als ich noch ein Knabe zu Krakow war mit dem Vater, hielt daſelbſt die Koͤnigin Bona ihren Hof, verſetzte Boratynski— Eine widrige Empfindung ſchien Barbaren bei Nen⸗ nung dieſes Namens zu beruͤhren, ſie wendete ſich ab von ihrem Geleitsmann, und richtete das Wort mit gebieteriſchem, beinah ſcharfem Tone, an eine der begleitenden Damen. In dieſem Augenblicke hielt die Karoſſe vor der verſchloſſenen Stadt⸗ pforte; die Wache, welche die Ankunft der Rei⸗ ſenden erwartet zu haben ſchien, trat in das Gewehr, der Hauptmann naͤherte ſich dem Fuͤh⸗ rer der Begleitung, und nachdem ihm Hippolyt einige leiſe Worte in das Ohr geraunt batte, ließ ſich die Zugbruͤcke raſſelnd herab, die ſchweren Thorfluͤgel flogen aus einander, und ſie fuhren ein durch die menſchenleeren Straßen, uͤber welche eben die erſte Daͤmmerung des Wintermorgens emporſtieg. Als die Wagen den ſteilen gewundenen Schloßweg hinauftogen, toͤnte rauſchende Muſik und fremdlaͤndiſcher anmuthiger Geſang ihnen entgegen, aus den Fenſtern der Koͤnigin Mut⸗ ter, und wie die Angekommenen die breiten Treppen hinanſtiegen, begegneten ihnen viel reich gekleidete Maͤnner und geſchmuͤckte Damen, welche von dem Feſte ſich nach Hauſe begaben. Doch keiner und keine ſchien des Monarchen Gemah⸗ lin, in der verhuͤllten Dame zu erkennen, welche den fuͤhlbar zitternden Arm auf Hippolyt geſtuͤtzt durch die Gallerien wankte, und hin und wieder ließ ſich ein mißbilligendes Fliſtern vernehmen, von neugierig ſcheuen Blicken begleitet. Am Ende des langen Ganges, trat ein Mann von kaum mittler Groͤße, doch vornehmen Anſtandes, und bekleidet mit den Kennzeichen eines erha⸗ benen Ranges, ihr entgegen, der verneigte ſich tief⸗ und ſprach mit halblauten Worten: Des Koͤnigs Majeſtaͤt erwartet Eure Gnaden, doch ſo es Euch — 94— gefaͤllt, ohne Begleitung— Fuͤhret, o fuͤhret mich zu ihm— Herr Tarnowski!— rief Bar⸗ bara, und ergriff ſeinen dargebotenen Arm, dann wandte ſie ſich mit dem Zeichen der Ent⸗ laſſung zu ihrem Gefolge, und ſchwand in die innern Gemaͤcher.— Da wandte ſich die Frau Horonostay zu dem jungen Boratynski, und ſprach mit zierli⸗ cher Verbeugung: Erlaubet, daß ich Euch im Namen Ihrer Majeſtaͤt, fuͤr die guͤtige Geleit⸗ ſchaft danken moͤge, welche Ihr uns gewaͤhrt, und die angenehme Unterhaltung, von welcher ich Zeuge geweſen— Fuͤrwahr, ſetzte ſie mit noch tiefrer Verneigung hinzu— ſo Ihr fortan Euch muͤhet, alſo der Zeit und den Umſtaͤnden Eure Rede anzupaſſen, wie Ihr es gethan in dieſer Nacht, kann es Euch nicht fehlen, und Ihr verdet ein ſchnelles und glaͤnzendes Gluͤck bei Hofe machen.— Mit ſpoͤttiſchem Lachen drehte ſich die alte Dame von ihm, und lachend ent⸗ fernten ſich die Andern mit ihr, den neuen Hoͤfling allein ſtehen laſſend, in der allmaͤhlig leer gewordenen Galerxie. Wir fuͤhren jetzt unſer Leſern in ein Haus, das in einer der entlegenſten Straßen am nord⸗ weſtlichen Ende der Stadt Krakow, unfern des Schloßberges gelegen, und betreten mit ihm ein Kabinet, welches ſich am Ende einer langen Reihe, nach dem Geſchmack jener Zeit, ſchoͤnverzierter Zimmer befindet. Seine Waͤnde ſind mit reich verſchnoͤrkeltem Cederholz getaͤfelt, welches durch die Laͤnge der Zeit eine dunkle Farbe angenom⸗ men hatte— in dem maͤchtigen Kamin, von inlaͤndiſchem Marmor, praſſelten gleich einem klei⸗ nen Scheiterhaufen, hoch aufgethuͤrmte gewaltige Baumſtaͤmme— Große Schraͤnke von Nußbaum⸗ holz mit Elfenbein und Perlmutter, in Geſtalt ſchwerer Fruchtgewinde, und mancherlei Voͤgeln eingelegt, ſtehen rings an den Waͤnden, unter⸗ brochen von hochlehnigen Stuͤhlen, auf deren grauwollnen Ueberzug aͤhnliche Zierrathen von ſeidenem Zeuge aufgeheftet ſind. In der Mitte des Gemachs unter einem fuͤnfarmigen Kronleuch⸗ ter von gelbem Metall, welcher durch ein gruͤnes, durchaus mit kuͤnſtlichen Blumen umwundenes Seil, an der gewoͤlbten bogigen Decke befeſtigt iſt, ſteht auf vier ſtark gewundenen Fuͤßen ein runder Tiſch, mit einer Platte von rothem ita⸗ liſchen Marmor— Seitwaͤrts zwiſchen den bau⸗ ſchenden Vorhaͤngen, oͤffnet ſich der Eingang in einen großen Erker, welcher ein zweiteres klei⸗ neres Gemach bildet, zu welchem zwei Stufen fuͤhren, die ſo wie den ganzen Fußboden des Behaͤltniſſes ein reicher ſilber⸗ und golddurchwirk⸗ ter tuͤrkiſcher Teppich deckt.— Ein kleiner Ar⸗ beittiſch mit allerlei Rollen gezwirnter Seide und Zeugflecken aller Farben bedeckt, erhebt ſich auf weitgeſchweiften Fuͤßen; auf dem ſammetnen Pol⸗ ſter der Eſtrade, welche unter den fuͤnf gothiſchen Fenſtern des Erkerthuͤrmchens hin, um das Bou⸗ doir des ſechzehnten Jahrhunderts laͤuft, liegt nachlaͤſſig hingeworfen eine Mandoline und meh⸗ rere Buͤcher, in ſtark vergoldetes Pergament ge⸗ bunden.— An dem runden Tiſch, aber in der Mitte des großen Zimmers ſitzt vor einem geoͤff⸗ neten mit Corduan uͤberzogenem Kaͤſtchen, eine Dame in mittlern Jahren, eifrig mit Durchle⸗ ſung mehrerer Papiere beſchaͤftigt.— Sie iſt in einen ſchweren Stoff von ſchwarzer Farbe geklei⸗ det, die tief herabgehenden Schnitte der gleich⸗ farbigen Haube, und das nonnenartige Kinnband, —,,— bezeichnen eine Wittwe, und eine vielfache Schnur koſtbarer Perlen, die ein großes, mit funkeln den Steinen beſetztes Medaillon halten, einen hohen Rang. Druͤbe Erinnerungen ſcheinen beim Leſen in der trauernden Dame aufzuſteigen, ihre Stien iſt gefaltet und eine lebhafte Roͤthe brennt auf ihren Wangen; immer mehr ſcheint ihr Gemuͤth von ſtreitenden Gefuͤhlen ergriffen, ſie legt den Kopf in die hohle Hand, und ſieht mit truͤbem, zweifelhaftem Laͤcheln, nach einer jugendlich bluͤh⸗ enden Geſtalt, die mit aufgelößtem, uͤber Bruſt und Schulter wallenden hellbraunem Haar, im weißen Morgengewand, zerſtreut und mitunter leis ſeuſzend in dem Thurmzimmerlein am Arbeit⸗ tiſch, bald mit angeſtrengtem Fleiß die angefan⸗ gene Stickerei fortſetzt, bald wieder die Haͤnde ſinken laͤßt, und unruhig und verſtohlen hinaus auf die Straße blickt.— Nun Helene?— fragte die aͤltere der beiden Frauen, indem ſie das eben durchgeleſene Blatt in das Kaͤſtchen zuruͤcklegte— wie gefaͤllt es Dir in Krakow? Nicht; die ſo hohen ſteinernen Haͤu⸗ ſer und die wogende Menſchenmenge auf den Straßen behagen Dir beſſer, als die hoͤlzernen Huͤtten in Kamieniec⸗Podolski, und die traurige 7 Ausſicht auf die Schanzen und Waͤlle?— Hoͤrſt Du mich nicht Helene?— wiederholte ſie, als das Fraͤulein gleichſam ein wenig zuſammen ſchre⸗ ckend, den auf das Fenſter gehefteten Blick ſchleu⸗ nig auf den Rahmen richtete, und ſchweigend und eifrig zu arbeiten begann.— Laß jetzt die Nadel ruhen, meine Tochter— ſagte jetzt die Dame in Trauer drauf— und komme her zu mir, denn ich habe mit Dir zu ſprechen— Gehorſam ſtand die Jungfrau auf von ihrem Sitz, trat die Stufen hinab in das Gemach, und ließ ſſch auf dem Stuhl nieder, den ihr der Mutter Wink anwies.— Du biſt herangewachſen, Helena, ſprach jene darauf weiter, in dem Tone mit dem man die Einleitung zu gewichtiger Rede beginnt— und ſo der Mutter Vorurtheil mich nicht truͤgt, biſt Du ſchön geworden— Ich habe gemeint es ſey Zeit, daß die Tochter des Leon Odrowonz und Annens von Mazvwien hervortrete aus der Dun⸗ kelheit, in welcher ſie ihre Jugend verlebt, und ſich bereite zu der Beſtimmung, die ihre erlauchte Geburt ihr anweiſet auf dem Schauplatz der Welt.— So hab ich Dich nach Krakow gefuͤhrt, der Hauptſtadt, wo das Höͤchſte im Reich ſich vereinigt, und wohl ein herrlich Schauſpiel gewaͤhrt fuͤr die Augen einer einſam erzognen Jungfrau— Sage, biſt Du mir gern gefolgt?— Wie ſeyd Ihr ſo guͤtig, meine Mutter— entgegnete He⸗ lena mit demuͤthiger Gebehrde und ſchuͤchterner, wankender Stimme— Was moͤchte auch meine Meinung gelten, da wo Ihr geboten— doch— da Ihr mich fragt— Kamieniee iſt wohl ſo ſchoͤn nicht als Krakow, doch iſt es mir lieb— meine gluͤckliche Jugend hab' ich dort verlebt, und der Vater iſt daſelbſt geſtorben.— Selten, mein Kind— verſetzte die Mutter mit ſchnell bewegtem Tone— ſelten wird einem Sterblichen das Gluͤck zu Theil, daß er das ungetruͤbte Leben beſchloͤſſe, da wo ſeine Vorvbaͤter wohnten, wo ſeine Wiege geſtanden hat— Auch ich— Du weißt es ja— in der Herzogsburg zu arſchau ward ich gebo⸗ Mutter Hand hab ich ſie verlaſſen, herausgetrie⸗ ben hat mich das fremde Geſchlecht in Verban⸗ 7*½ 1 — 100— nung und Elend aus dem Gemaͤuer, das noch wiedertoͤnte von den Sterbeſeufzern meiner Bruͤ⸗ der.— Laſſet ab von dieſen Erinnerungen, bat das erſchreckte Fraͤulein, es bewegt Euch immer ſo ſchmerzlich, wenn Ihr von den Tagen der Jugend redet— Ihr habet doch Ruhe gefunden zu Kamieniee, und der Vater meinte oftmals, es ſey ihm behaglich in der kleinen Burg und gerne vergeſſe er am haͤuslichen Heerde, die hoch⸗ fahrenden Traͤume, die ihn wohl ehe heimgeſucht — Ich habe die Ruhe gefunden?— ſagte die Prinzeſſin von Mazowien langſam und traͤume⸗ riſch— Haſt Du nimmer von dem Berg Veſuv gehoͤrt im Koͤnigreich Neapolis?— Was hatte Dein Vater zu beklagen, ein geborner Edel⸗ mann? Viel entriß ihm die Willkuͤhr, doch was er gelitten, litt er es nicht um die fuͤrſtliche Ehre, die ich gebracht in ſein Haus?— Was war mir Kamieniec, die aͤrmliche Freiſtatt, welche die muͤde gewordene Tyrannei der Toͤchter ſo vieler Koͤnige uͤberließ, uͤberlaſſen mußte?— Was konnte Dir die Burg des Wojewoden ſeyn, die Burg der Krone gehoͤrig, da Dein Vater nur ein Mieth⸗ mann war?— Du hatteſt kein Vaterhaus!— Ruhe haͤtte ich gefunden? O nur zwei Stellen — 101— ſind es, da die Erbtochter Konrads von Mazo⸗ wien ruhen mag— das Grab oder— doch, ſetzte ſie nach kurzem Stillſchweigen geſammelt hinzu— Es iſt jetzt eine Zeit, wo alles ſich um die neue Sonne draͤngt, die dem Reich aufgeſtiegen iſt— ſo mag auch des Koͤnigs Muhme gehuͤllt in ihre Trauerfloͤre Platz finden unter dem Getuͤmmel der froͤhlichen, geſchmuͤckten Geſtalten, die den Thron des neuen Salomon umringen— Auch der junge Boratynski iſt ja unter ihnen— ſetzte ſie mit leicht daruͤber hingehendem Tone hinzu— Jrr' ich nicht, ſo hat er Worte mit Dir gewech⸗ ſelt in der Kirche zu Iwanowice?— Ja, Mutter, Hippolyt iſt hier— ſprach Helene mit ſchnell er⸗ wachter Lebhaftigkeit, dann aber ſenkte ſie den Blick und wandte ſich ab, die erroͤthenden Wan⸗ gen zu verbergen. Dem ſcharfen Blick der Frau von Podolien war die Verwirrung nicht entgan⸗ gen, doch flog nur unmerklich ein leichtes Laͤcheln uͤber ihr Antlitz, ſie ſtreckte die Hand aus und zog die Tochter vom Stuhl naͤher zu ſich:— He⸗ lene— ſo begann ſie mit einiger Feierlichkeit— Du biſt die Tochter des Wojewoden von Podo⸗ lien, doch iſt Anna von Mazowien Deine Mut⸗ ter— Du, o daß es ſo iſt, Du biſt der letzte Zweig des uralten Stammes, der ehemals ſeine Aeſte breitete uͤber das geſammte Volk der Sar⸗ maten, Du hiſt in dem vaͤterlichen Reich die letzte Enkelin des Piaſt. Laͤngſt entſagt haben die ſchle⸗ ſiſchen Herzoge unſeres Hauſes dem Vaterland und dem Erbrecht, ſie ſind Deutſche worden und haben dem boͤhmiſchen Koͤnig gehuldigt— Du allein, Helena, biſt noch uͤbrig von den Piaſten in den Landen der Krone— Sieh, meine Toch⸗ ter, als ich Dich gebar, auf der Flucht vor den Verderbern, als die Fuͤrſtentochter in verborgner Huͤtte auf aͤrmlichen Stroh ihr Kind an das Herz druͤckte, da erſchien es mir wie ein Hoff⸗ nungsſtern in der Nacht meiner Herabwuͤrdigung, und ich ſetzte im Geiſt den Fuͤrſtenhut, der mir entriſſen, auf Dein kindiſch Haupt, Helena, und die Krone meiner Ahnen.— Sieh— fuhr ſie fort, indem ſie die allmaͤhlich zuruͤckweichende Jungfrau wieder an ſich zog— Sieh, Helenag, viel der ſtattlichen Fuͤrſten und Herren umgeben den Stuhl des jungen Koͤnigs; die Markgrafen iu Brandenburg, die Herzoge von Preußen, die Fuͤrſten der Moldau und Wallchei, und der junge — 103— Koͤnig von Ungarn*), auch die ſchleſiſchen Vet⸗ tern werden erſcheinen mit Huldigung und herr⸗ licher Pracht, wie Du, armes Kind, ſie nimmer geſehn— aber Einer— Einer ſteht hoch uͤber allen— Einer ſteht an dem Platz Deiner Ahnen — Siegmund Auguſtus.— Was wendeſt Du Dich ab, Helene?— Wohl iſt er— fuhr ſie der Tochter Beſtuͤrzung mißdeutend, fort— Wohl iſt er der Abkoͤmmling des Heidengeſchlechtes, wel⸗ ches Ziemowit Deinem Uraͤltervater den Thron geraubt, und die Hand der koͤniglichen Jadwiga (Hedwig), doch iſt er wie man ſagt, ein erleuch⸗ teter Fuͤrſt und jung von Jahren, und die Po⸗ len meinen, er werde die Zeiten wiederbringen des großen Kazimierz, dem letzten unſres Hauſes, der auf dem Thron geſeſſen— Morgen wirſt Du ihn ſehen, Helene, wahre Dein Herz,— Verſteh' ich Euch recht, meine Mutter— erwiederte das ge⸗ aͤngſtete Fraͤulein mit hochſchlagender Bruſt und thraͤnenvollen Augen— Was ſoll mir der Koͤnig, der, Ihr wiſſet es ja, der beweibt iſt und die Gattin liebt?— Beweibt?— wiederholte die *) Johann zugenannt die Waiſe, Johann von Zapolva Sohn, Titularkönig von Ungarn.— — 10— fuͤrſtliche Frau, mit ruhigem, beinahe ſpottendem Tone:— Frage nach im ganzen Reich, frage in der Koͤnigsburg ſelbſt und tauſend und aber⸗ mal tauſend Zeugen werden die Frage verneinen — die Dochter, die Wittwe der Rebellen, die Unterthanin hat keinen Platz auf dem Thron Deines Ahnherrn.— Die Unterthanin?— ſtam⸗ melte Helena— o Mutter, was bin ich anders als eines Edelmanns Tochter, und mag mir ge⸗ ziemen was man Barbaren verweigert?— Der Prinzeſſin von Mazowien Tochter biſt Du— ſprach Anna Odrowonz, indem ſie aufſtehend ſich hoch und ſtolz emporrichtete— und die Enkelin vieler Monarchen.— Unwillig verſtoͤßt jene des Koͤnigs eignes Geſchlecht, das Volk und die Edeln wenden ſich ab von ihr— Dir werden ſie ſich zu wenden, denn nimmer vergißt der Sar⸗ mat des piaſtiſchen Stammes— Doch, daß ich rechtete mit dem unerfahrnen Kinde— der Mutter Wille iſt es, daß Du gehorcheſt, fuͤr das Gelin⸗ gen, buͤrgt mir meine Freundin, die Koͤnigin Bona.— Bona Sforza?— rief Helena laut— dieſelbe Bona, die, wie Ihr mir einſt vertraut in einer Stunde herben Kummers— die, ich weiß nicht wie, Euer Geſchlecht toͤdtlich verletzt, die — 105— Euch hinausgeſtoßen hat in die Verbannung aus der Fuͤrſtenburg, die den Vater vertrieb von ſei⸗ nem Erbe?— Bonag uͤber die Ihr Weh gerufen habt, in mancher ſchlafloſen Nacht?— d Mut⸗ ter, traut ihr nicht, denn ſo wahr Gott auf ſſe ſieht und auf uns, ſie kann es nicht redlich mit Euch meinen.— Glaubſt Du, Maͤdchen?— fli⸗ ſterte Frau Anna in ſich hinein, indem ein ſon⸗ derbares Laͤcheln um ihre Lippen zuckte,— Wenn dem ſo waͤre?— So oder anders— ſprach ſie noch leiſer nach einer Pauſe— das Loos iſt ge⸗ worfen.— Meine Mutter, es iſt nicht gut fuͤr uns hier weilen— fuhr Helene fort, indem ſie bittend die Haͤnde faltete— Aller Blicke ruhen ſo ſonderbar auf uns, als traͤten wir hervor aus dem Grabe, an das Licht des Tages— Laßt uns zuruͤckkehren an das Ufer der Dnieſtr, ehe Ihr dieſe Mailaͤnderin geſehen, die die verhaßten Sproͤßlinge eines ungluͤckſeligen Hauſes ins Ver⸗ derben ſtoßen wird, mit geuͤbter tuͤckiſcher Hand. — Thoͤrichtes Maͤdchen, verſetzte die Mutter den ſcharfen Blick auf ihr heftend— meineſt Du, daß ich wehrlos in den Kampf gegangen ſey?— Nicht umſonſt ſollen ſie den Schatten Samuels hervor⸗ gerufen haben aus der Gruft— Siehe, ſetzte ſie — 106— hinzu, indem ſie duͤſterlaͤchelnd der Tochter Ge⸗ ſtalt uͤberblickte— Dies kleine Maͤdchen mit den geringelten Locken und den ſanften Taubenaugen, haͤlt eines Reiches Schickſal in der Hand, und wie es trifft, ſo gehet der Segen von ihr aus oder der Fluch— Du biſt zu nichts kleinem er⸗ ſehen, mein lieblich zartes Toͤchterlein.— Um Gott, Mutter— ſchrie Helene außer ſich— zu was habt Ihr mich beſtimmt?— O mein ahnen⸗ des Herz ſagt es mir, nicht die Koͤnigskrone iſt es, die Ihr auf mein Haupt ſetzen werdet, es iſt der Todtenkranz.— Nicht der Todtenkranz — antwortete die Mutter ſtreng und gebieteriſch — doch auch nicht die Myrthenkrone, die das kindiſche Maͤgdlein ſich getraͤumt— Soll ich, ſag' es mir, ſoll ich den Namen Hippolyt Boratynski nennen, in dieſer verhaͤngnißvollen Stunde?— und warum ſolltet Ihr ihn nicht nennen, rief das Maͤdchen aufſpringend mit ſchnell gewonne⸗ ner Feſtigkeit, indem ſie das blitzende Auge zum Himmel empor hob— Warum ſolltet Ihr ihn nicht nennen, der mein Verlobter iſt, vor Gott und mit des Vaters Verguͤnſtigung und der Eu⸗ ren?— Der Vater iſt todt— ſprach Frau Anna kalt— und ich nehme zuruͤck, was ich gebilligt — — 197— ziu andrer Zeit.— Und ſeit wenn Mutter, ſeit wenn iſt es Zeit, dem gegebenen Worte untreu zu werden und zwei Herzen zu brechen, die Euch anhaͤngen in kindlicher Liebe und Treue?— Seit dem Tode Eliſabeth's von Oeſtreich— lautete die Antwort der Mutter— doch fuͤr jetzt iſt es ge⸗ nug des unnuͤtzen Wortwechſels— Ich hoͤre die Schritte deſſen, den ich erwarte— Begebet Euch in Euer Gemach, Fraͤulein.— Weinend folgte Helena der Weiſung, und eben hatte ſie die Thuͤr des Gemachs hinter ſich geſchloſſen, als zu der gegenuͤberſtehenden ein Mann in einem langen Mantel hereintrat, und ſich mit raſchem Schritt der ihm entgegen kommenden Anna naͤherte.— Ihr habt befohlen/ durchlauchtige Frau, ſprach der Biſchof von Kujawien, indem er die verber⸗ gende Huͤlle von ſich auf einen Seſſel warf, und in der Kleidung ſeiner Wuͤrde vor der Wojewo⸗ din ſtand— Ihr habt befohlen, und ich eile, wie einſt vor Jahren mich zu Eurem Dienſt be⸗ reitwillig zu erweiſen.— Geſtern, erwiederte Frau Anna, ſich niederlaſſend, und mit einem Zeichen den geiſtlichen Herrn einladend ein Gleiches zu thun — Geſtern, mein Herr von Kujawien erſchienet Ihr nicht allerdings ſo bereitwillig und Eure — 108— Freude mich willkommen zu heißen, nach langer Entfernung, war nicht wie ich es wohl erwartet haͤtte von Andreas Zebrzydowski, dem gebornen Lehnsmann Herzog Conrads meines Vaters, nicht von dem, in welchem manche Erinnerung beim Anblick Annens von Mazowien aufſteigen duͤrfte. — Verzeihet mir, meine fuͤrſtliche Wojewodin, — ſprach Zebrzydowski drauf, mit geſenktem Blick und bewegter Stimme, als traͤt ein verwirren⸗ des Andenken vor ſein Gemuͤth— wenn ich den Augenblick benutze, welchen Herr Kmita mir ver⸗ goͤnnet zu Euch zu ſprechen, wie wohl ehemals mit Vertrauen und alter Ergebenheit— Nein, ich war nicht ſo erfreut uͤber Eure Ankunft, als der Wojewode von Krakow, und ich kann es nicht ſeyn, wenn ich jener Zeit gedenke, an die Euer Anblick und Eure Rede mich mahnet, und wahrlich, die Mißbilligung Eures Unternehmens ſollte bei einer Dame von ſo hohem Geiſte, eben ſo wenig Glauben an die Treue des alten Die⸗ ners Abbruch thun, als jenes ſchmeichelnde Will⸗ kommen Euch erfreuen.—„Ihr ſeyd wahrlich ſehr aufrichtig, Herr Biſchof,— es iſt zwar ſchon manches Jahr verfloſſen, ſeit mein Anblick ganz andern Eindruck auf Euch machte— antwortete — 109— Frau Odrowonz mit einem ſchnellen Blick auf den gegenuͤber haͤngenden Spiegel— doch pflegt man daran eine Dame nicht ſo unumwunden zu erinnern.— Welcher Unberufene hat Euch den verderblichen Rath ertheilt— unterbrach ſie der Biſchof mit Ungeduld— hier zu erſcheinen in dieſer Zeit?— was kann Eure Abſicht ſeyn? Huͤtet Euch, o huͤtet Euch, daß Ihr nicht all⸗ zuſehr vertrauet den taͤuſchenden Vorſpiegelungen, die Euch, wie ich die Welt kenne und den Hof, gemacht worden ſind, von denen die Euch uͤbel wollen— Die Koͤnigin Bona, ſagtet Ihr ge⸗ ſtern, habe Euch herbeſchieden, der alte Groll ſey vertragen, und bald werde das Reich ſich der Verſoͤhnung erfreuen, zwiſchen dem alten Koͤ⸗ nigſtamm und dem herrſchenden Geſchlecht— Iſt auch die Feindſchaft, die nun an mehr denn zwanzig Jahren ſchon, genaͤhrt durch manch un⸗ heilvolle That, unter der truͤgenden Aſche fort⸗ glimmt, iſt ſie ein voruͤbergehender Groll, der ſich vertragen mag? Soll ich Euch daran erinnern, daß Wladyslaw Jagiello, der Ahnherr unſerer Koͤ⸗ nige, Eurem Vorvater dem Herzog Ziemowit die Krone entriß, und an Jadwigen's Hand den Thron beſtieg, auf dem Euer Stamm geſeſſen, an — 110— ſechshundert Jahr?— Soll ich Euch neuere Un⸗ bilder ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufen; Jene Schre⸗ ckenstage, da zween erlauchte Juͤnglinge getroffen von unſichtbarer Hand, vom Fuͤrſtenſtuhl in das Grab ſanken, den entſetzlichen Verdacht, der fli⸗ ſternd von Mund zu Mund ging, und den Ihr laut ausſprachet in dem Wahnſinn des gerechte⸗ ſten Schmerzes? Soll ich Euch wiederholen; wie Euer Gemahl ſeiner Erbguͤter und Staroſteien be⸗ raubt ward, wie Ihr heimathlos umher irrtet mehrere Monden, umgeben, wie Ihr glaubtet, von heimlicher Nachſtellung, bis die allgemeine Stim⸗ me der Verſammlung zu Lewow(Lemberg) dem alten Koͤnig die Erhaltung des Leon Odrowonz bei ſeinem Kronamt abtrotzte, und auf Johan⸗ nes von Tarnow Vermittlung die Burg zu Ka⸗ minieer ſich dem Vertriebenen oͤffnete?— Habt Ihr es denn vergeſſen, daß die Stimme Eures Haſſes nicht durch die Lande der Krone allein, und des Großherzogthums Littauen erſcholl, daß Ihr an den Hoͤfen zu Moskau, Presburg und Wien, die Mallaͤnderin des Laͤnderraͤubes bezuͤch⸗ tiget und noch ſchwaͤrzerer Unthat? Meinet Ihr, auch ſie habe dies alles vergeſſen? O Ihr irret, Frau Anna Odrowonz, nimmer wird ſie Euch —.,— — — ,— ——/O— — 111— berzeihen, was ſie Euch angethan— und auch Ihr gedenket deſſen noch wohl— ſetzte Zebrzy⸗ dowski mit einem langen Blick auf die Dame hinzu— Es ſagts mir Euer unſtaͤter Blick, Eure brennenden Wangen ſagen es mir— Huͤte Dich vor dem verſoͤhnten Feinde, ſpricht ein Alter, und ich ſage Euch, huͤtet Euch dreifach vor der verſoͤhnten Feindin.— Ich bin in einen ſeltſa⸗ men Irrthum gefallen— nahm die Frau von Podolien das Wort mit bittrer Heftigkeit— Ei⸗ nen Fuͤrſten der Kirche waͤhnte ich zu finden, wel⸗ cher den Beruf eines Dieners des Friedens zu erfuͤllen wiſſe, mit der Geſchmeidigkeit des Prie⸗ ſters und Hofmannes, einen Freund, der ſich des wieder aufbluͤhenden Gluͤcks freuen wuͤrde, des Hau⸗ ſes dem er verpflichtet iſt durch Dankbarkeit und andre Nuͤckſicht, und finde einen Eiferer, welcher im vertrauten Zwieſprach die Predigerkuͤnſte uͤbt, die er erlernet in der Ketzerſchule des Erasmus von Rotterdam, der mit ſelbſtgefaͤlligem Phoͤbus ſeine Schluͤſſe und Folgerungen bildet, unbekuͤm⸗ mert, ob er durch Aufzaͤhlung ungeheurer Thaten, das Herz der Zuhoͤrerin zerſchneidet, ſo es ihm nur gelungen iſt eine ſtattliche Rede zu halten. — Ich laſſe dahingeſtellt ſeyn, Herr Biſchof, was Ihr von meiner Stimmung haltet, doch mag ich Euch meine Verwunderung nicht bergen, daß Ihr alſo von der Königin redet, deren Gunſt die Mithra geſetzt hat, auf Euer der Ketzerei ein wenig verdaͤchtiges Haupt, ſolltet Ihr auch den Schaafſtall der Kirche betreten haben durch nicht kanoniſche Thuͤr.— Ihr verſuchet vergebens die Stimme des Freundes zu erſticken durch herbe orte, verſetzte Zebrzydowski mit unterdruͤckter Empfindlichkeit— ich meine Kicht beſſer der al⸗ ten Anhaͤnglichkeit genug thun zu koͤnnen an Euch und Euer Haus, und der Dankbarkeit, mit welcher ich der Koͤnigin verpflichtet ſeyn kann, als daß ich den truͤgeriſchen unheilbringenden Bund zu hindern ſtrebe, der eine von Euch verderben wird— es muͤßte denn— ſetzte er mit langſa⸗ men, ſcharf betonten Worten hinzu— eine Dritte ium Suͤhnopfer erkohren ſeyn.— Ihr habt, ſeit ich Euch nicht geſehn— erwiederte Anna nach einer kurzen Pauſe, in welcher ſie die Augen an den Boden geheftet hielt— ſehr nachtheilige Begriffe von den Damen gewonnen. Es kann vieles— ach leider, es kann alles wahr ſeyn, von dem was Ihr geſagt, doch lange Einſamkeit, und Jahre von Entſagung, vermoͤgen es wohl auch , —— das widerſpenſtigſte Herz zu beſchwichtigen; die Vergangenheit tritt in den Wintergrund, die Zukunft ruͤckt heran und je neblicher die Geſtalt deſſen wird, was ſich begeben, je mehr oͤffnet ſich die Seele der Hoffnung, Erſatz zu finden, fuͤr das was man einſt als unerſetzlich geachtet.— Ich verſtehe Euch, fuͤrſtliche Frau— rief der Prie⸗ ſter in großer Bewegung— ein Wahnbild hat man Euch gezeigt und Ihr haſchet darnach mit begieriger Hand, öffnet die Augen, es iſt nur ein Schatten, was Ihr erblickt, nur einen Schat⸗ ten bietet Euch Bona fuͤr ſo viel wirkliche Guͤ⸗ ter, und ſo ſie auch wollte, ſie vermoͤchte Euch nichts anders zu bieten— Vergoͤnnet dem alten Freunde— fuhr er fort, als er der Fuͤrſtin Au⸗ gen mit Aufmerkſamkeit auf ſich gerichtet ſah— daß er in ſo folgenreicher Stunde, den Zwang der Verhaͤltniſſe von ſich werfe, und zu Euch ſpreche, wie einſt Andreas Zebrzydowski zu An⸗ nen von Mazowien— Ich kenne den Koͤder mit welchem man Euch herbeigelockt, von den Ufern der Dnieſtr,— mißtrauet ihm— Jene die man verdraͤngen will um jeden Preis, ſeehet feſter als Ihr meinet— Ich komme von der Synode, die heute Nacht im Geheim ſich verſammelt, im Hauſe 8 — 1141— des Samuel Maciojewski, des Biſchofs von Kra⸗ kow— Ihr koͤnnet errathen, welches der Gegen⸗ ſtand war der Beſprechung.— Viel und lange ward er abgehandelt; die mancherlei Sammlun⸗ gen kanoniſcher Geſetze, der Kirchenvaͤter Schrif⸗ ten, die paͤpſtlichen Bullen, die Beſchluͤſſe der Concilien wurden zu Rathe gezogen, und jeder Satz von beiden Seiten erwogen und heftig be⸗ kaͤmpft und vertheidigt; doch mit jeder Unter⸗ ſuchung wurden die Stimmen der Widerſacher ſchwaͤcher; noch ſprach der Primas Diierzgowski, doch ſprach er mehr als Staatsmann denn als Prieſter, da trat der Biſchof von Krakow auf, und las die Vertheidigungsſchrift des Pfarrers zu Wilno, welcher die Trauung verrichtet, und begleitete ſie mit einer kurzen, gewaltigen Rede— Niemand antwortete ihm, ich aber verließ die Verſammlung, uͤberzeugt, wie ich es fruͤher ſchon war, daß ich das, was ich zu Warſchau geſpro⸗ chen als Mitglied des Senats gegen des Koͤ⸗ nigs Eheverloͤbniß, verdammen muͤſſe als Prieſter der roͤmiſchen Kirche. So beruhet Barbarens Schiekſal allein auf dem Willen des Koͤnigs— und wird er, der feurige Starrkopf, ſich abdrin⸗ gen laſſen von dem Murren der Voͤlker, was —,— — 115— ihm die Liebe verbeut?— Ihr ſeyd erfinderiſch in Beſtreitung ertraͤumter Vorſaͤtze— antwortete Anne mit erzwungener Gleichguͤltigkeit. Sey es wie es wolle, ſo gebuͤhrt der Piaſtiſchen Fuͤrſtin doch der Platz noch am Throne des jungen Sa⸗ lomon, damit er ſich erinnere, wie ſein Vater, jener hochgeruͤhmte David, das Geſchlecht des Saul verdraͤngt hat vom angeſtammten Stuhl.— Ich ſehe, mein Eifer fuͤr Euer Wohl hat, wie es oftmals geſchieht, Euer Vertrauen von mir abgewendet— doch bitte ich Euch nur eines noch zu hoͤren— Sollte ſich das Unglaubliche ereignen, ſollte es ihm gelingen die Gemahlin aus dem maͤchtigen Arm eines liebenden Koͤnigs zu reißen, und ſie vom Throne zu fuͤhren in die Zelle eines Kloſters— oder— vielleicht in ein noch ſtilleres Gemach— Euch wird es nicht frommen.— Nicht Eurer Tochter iſt der Verdraͤngten Platz beſtimmt, wie man es Euch vorgeſpiegelt— jenſeits der Alpen wohnt die, welche man ihr zur Nachfol⸗ gerin erwaͤllt— Drum ſo laßt ab von dem Beginnen, das dem untergrabenen Gluͤck Eures Hauſes den gaͤnzlichen Untergang bereitet, von dem Ihr nie eine andere Frucht gewinnen duͤrf⸗ tet, als die bittre Frucht getaͤuſchter Hoffnung.— 8* — 116— Genug, Herr Biſchof— ſagte die Fuͤrſtin— Ihr verſchwendet bei mir fruchtlos die Beweiſe, mit welchen es dem Biſchof von Krakow wahrſchein⸗ lich nur allzu leicht gelungen iſt, kleinmuͤthige Prieſter und pflichtvergeſſene Senatoren einzu⸗ ſchrecken, und ſie mit dem widerſprechenden Wort⸗ ſchwall vermoderter Pergamentrollen fuͤr das Wohl des Reichs zu betaͤuben, das ihnen vertraut iſt. Vergeſſet unſer Geſpraͤch, und ſo Ihr deſſelben gedenket, ſo ſey es nur darum, um Euch zu er⸗ innern, daß Ihr es waret und nicht ich, wel⸗ cher der Reiſe der piaſtiſchen Fuͤrſtin in die alte Hauptſtadt ihrer Vaͤter, die Gruͤnde unterlegtet, welche Euch ſo pathetiſch auseinander zu ſetzen beliebte.— Laſſet Euch warnen vor des jungen Koͤnigs raſchem Zorn, ſo ihm wiſſen werden ſollte, daß Ihr in den Bund getreten, gegen das was ihm das Liebſte iſt auf Erden.— Der Wetter⸗ ſtrahl wird abgleiten vom Haupte der Mutter, daß die Krone beſchuͤtzt und das Gebot, Euch wird er treffen, und Euer wankendes Haus ver⸗ tilgen von der Erde.— Beſſer waͤre es Euch der Milde zu vertrauen, die ihren Wohnplatz hat in jungen Herzen; Ihr werdet, glaubt es mir, ihn dereit ſinden des Vaters Schuld zu ſuͤhnen, — 117— und Euren erlauchten Stamm wieder aufzurichten von ſeinem Fall.— Genug, ſag ich noch ein⸗ mal— rief Anna raſch aufſtehend von ihrem Stuhl— ich begehre nicht von Euch zu erfahren, was ich fuͤrchten ſoll, und wenig kennet Ihr mich, wenn Ihr meinet, ich wolle von dem Sohne der Raͤuber den ſchmaͤchlichen Erſatz er⸗ betteln, fuͤr das Hoͤchſte auf Erden, das mir ſeine Ahnen entriſſen.— Der Biſchof erhob ſich ebenfalls, und trat mit einem tiefen Seufzer in ein Fenſter des Erkers, von wo aus er mit ver⸗ ſchraͤnkten Armen und duͤſterem Blick, auf die Frau ſchaute, die ihm noch werth war von langer Zeit her, und die, wie er waͤhnte, mit hartnaͤ⸗ ckiger Verblendung einem nahen, offnen Abgrund zueilte.— Da that ſich die Thuͤre auf, und ein Die⸗ ner trat herein— des Wojewoden von Krakow und Großmarſchalls Gnaden— begann er mit einer tiefen Verbeugung— begehren der Durch⸗ lauchtigſten Frau aufzuwarten.— Er iſt will⸗ kommen— herrſchte die Gebieterin dem An⸗ meldenden zu, indem ſie einen triumphirenden Blick auf den Biſchof warf. Kurz darauf trat Piotr Kmita herein— Nach ben erſten Begrü⸗ — ßungen wandte er ſich gegen Andreas Zebrzy⸗ dowski, und ſprach:— Es erfreut mich ſehr, Euch allhier zu finden, Hochwuͤrdiger Herr— Der Koͤnigin Majeſtaͤt hat nach Euch gefragt, wohl dreimal in einer Stunde— und ich eile, Euch ſolche unfehlbar ſehr angenehme Botſchaft mitzutheilen.— Als nun der Biſchof von Kuia⸗ wien abſchiednehmend zu der Fuͤrſtin trat, fli⸗ ſterte ſie ihm zu— Gluͤck auf dem Weg, und ſo Ihr bei der Koͤnigin Mutter ein Anbringen habt, dem aͤhnlich, daß Ihr Euch entledigt bei mir, ſo wuͤnſch ich gleichen Erfolg.— Schwei⸗ gend beugte ſich Andreas, und verließ das Gemach. Eine geraume Weile hindurch blickte der Wojewode von Krakow dem abgehenden Biſchof nach, dann trat er zu Frau Annen Odrowonz, und ſprach mit ungewiſſer Stimme:— Ich finde Euer Gnaden ſo erhitzt und bewegt; iſt es die Ermuͤdung der Reiſe, oder ein andrer Grund, welcher ſolche Veraͤnderung in Euch hervorgebracht, ſeit dem geſtrigen Abend?— Was darf ich der Koͤnigin Mutter berichten, welche mich ſendet, ihr Nachricht zu bringen von Eurem Befinden? — Wir haben jetzt einen Schauplatz betreten, da ſchnelle Verwandlungen nicht ſelten ſind, Herr — 119— Großmarſchall— entgegnete ihm Anna, welche gegen ihren Willen den Eindruck nicht ganz uͤber⸗ winden konnte, den des Andreas Zebrzydowski gehaltvolle Worte auf ſie gemacht:— und ſo mag es Euch nicht befremden, daß ich, die ſo lang entfernt blieb vom Hofe, wenigſtens ſchein⸗ bar dem Gebrauch folge; vornehmlich da, wie man ſagt, ſo manche Aenderung daſelbſt nur des Aeußern umgeſtaltet, waͤhrend des Herzens Grund verbleibt wie er war.— Ich muß geſtehen, gnaͤ⸗ digſte Frau, nahm Kmita das Wort, nachdem er mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatte — der lange Aufenthalt in Podolien, hat Eurer ehemals vielfaͤltig bewieſe Redekunſt keinen Abbruch gethan, und ehe v ih die kuͤnſt⸗ lichen Saͤtze des Weltweiſen von Rotterdam zu vernehmen, als die Worte einer vornehmen Po⸗ lin.— Somit kann alſo Ihro Majeſtaͤt datguf rechnen, Euch morgen am Hofe zu ſehn?— Sobald es der Koͤnigin Mutter gefallen haben wird, zu beſtimmen, in welcher Art die Toch. ter Herzog Conrads von Mazowien auftreten, und welcher Begegnung ſie gewaͤrtig ſeyn ſoll⸗ — Hat es Euch der Biſchof nicht hinterbracht? — das befremdet mich ſehr— da ich Zeuge —————QO/—B—P ,———xxxxxõjj4 — 120— geweſen bin, als er den Auftrag erhielt— Doch weiß ich ihm Dank, daß er es mir uͤberlaſſen, Euch mit der Verfuͤgung Ihrer Majeſtaͤt be⸗ kannt zu machen, welche, wie ich nicht zweifle, Euch voͤllig zufrieden ſtellen wird— Euer Gna⸗ den werden, ſo will es die köͤnigliche Mutter, in Allem Ihren Herrn Vettern, den Herzogen zu Liegnitz und Ratibor, gleichgeſtellt werden, welche man in dieſen Tagen zu Krakow erwartet, und ſie will in Euch und Eurem Fraͤulein, nicht die Wittwe und Tochter Leon Odrowonz ſehen, wel⸗ cher die Zeitlichkeit verlaſſen hat, belaſtet von koniglicher Ungnade, ſondern Prinzeſſinnen aus dem erlauchten mazowiſchen Fuͤrſtengeſchlecht.— Der Biſchof von Kujawien, nahm Anna das Wort, — hatte der langentfernten Landsmaͤnnin ſo vie⸗ les zu ſagen, daß er keine Zeit fand, Ihr das Erſte zu vertrauen, was, wie die Verhaͤltniſſe be⸗ ſtehen, Ihr nicht unangenehm lauten mag am Hofe der Jagiellonen. Da Ihr alſo, Herr Wo⸗ jewode, die Verſaͤumniß des geiſtlichen Herrn gut gemacht, ſo vergoͤnnt, daß ich Euch mit dem Auftrag laͤſtig falle, der Koͤnigin zu berichten, wie ich unter den angegebenen Umſtaͤnden bereit bin, mich und meine Tochter Helena gleich un⸗ 121— ſren durchlauchtigen Vettern, den ſchleſiſchen Her⸗ zogen vorzuſtellen.— Der Hof wuͤrde ungern auf laͤngere Zeit, Eure Gegewart vermiſſen, erlauchte Frau— ſprach Piotr Kmita im Tone der Ce⸗ remonie— nur zu lange habt Ihr demſelben Eure Gegenwart entzogen, und die Eures fuͤrſt⸗ lichen Fraͤuleins.— Meine Tochter, ſagte Anna laͤchelnd— iſt nur ein einfach erzogenes Maͤgd⸗ lein, doch ſtehet zu hoffen oder zu fuͤrchten, daß die Beiſpiele, welche hier ſo lehrreich als glaͤnzend, ihr vor Augen treten, bald das bewirken werden, was die Einſamkeit von Kamieniee, die nur zu⸗ weilen unterbrochen ward durch das mißtoͤnige Geſchrei der vor den Thoren ſengenden und bren⸗ nenden Tuͤrken, nicht vermochte.— Wiſſet Ihr ſchon, Frau von Podolien?— unterbrach ſie der Großmarſchall, dem ſchon vom Anfang an die gezwungene Haltung des Geſpraͤchs großes Miß⸗ behagen verurſacht hatte, und der nun verſuchte ihm eine andere gewichtige Wendung zu geben— die Wittwe des Stanislaw Gaſtold iſt eingetrof⸗ fen in dieſer Nacht, des Koͤnigs Gemahlin.— Wird ſie Hof halten zu Krakow? erwiederte die Dame mit fortwaͤhrend gleichguͤltigem Tone,— und werde ich in ihren Zimmern derſelben Rechte — 122— theilhaftig werden, die mir zugeſagt ſind von der Koͤnigin Bona?— Ihr fraget mehr als ich be⸗ antworten mag durchlauchtige— Wohl hat un⸗ ſer allergnaͤdigſter Herr am Morgen ihre Ankunft bekannt gemacht, und ſo laͤſſet ſich vermuthen, daß in ihren Gemaͤchern ebenfalls mancher er⸗ ſcheinen wird, der dazu Gruͤnde haben mag oder Belieben— Der Koͤnigin Mutter Majeſtaͤt wird daſelbſt jedoch nicht gegenwaͤrtig ſeyn— So aber Euer Gnaden dieſem Beiſpiel nicht zu folgen meinet, werdet Ihr daſelbſt zweifelsohne die Euch gebuͤhrende Aufnahme finden, denn auch vom Koͤnig bin ich beauftragt, ſeiner fuͤrſtlichen Muhme Gluͤck zu wuͤnſchen zu ihrer Ankunft in ſeiner Hauptſtadt.— und meinet Ihr nicht, Herr Wo⸗ jewode von Krakow, daß die Koͤnigin es unguͤn⸗ ſig vermerken wuͤrde, wenn ich an dem Orte er⸗ ſchiene, den ſie vermeidet?— Ueberall wo der Koͤnig iſt, iſt das Hoflager— erwiederte Kmita mit erkuͤnſtelter Leichtigkeit— und ſo lange es ihm gefallen wird, es zu halten in den Gemaͤ⸗ chern Barbaren's Nadziwill, wird weder die durch⸗ lauchtigſte Bona/ noch ſonſt jemand Euer Erſchei⸗ nen daſelbſt tadelnswerth finden. Auch ſind Ihro Majeſtaͤt zu billig, um Euch und vornehm⸗ „— — — — 123— lich Euer Fraͤulein der Zeitkuͤrzung zu berauben, die Ihr im oͤſtlichen Fluͤgel des Schloſſes findet, und die beſonders der Jugend der letztern mehr zuſagen mag, als die ernſte Unterhandlung in den Zimmern der verwittweten Monarchin— So laſſet es Euch denn gefallen die Mummerei mit zu machen, bis die Larven fallen.— Ein ernſtes Spiel iſt es, Herr Kmita, das was Euch beliebt eine Mummerei zu nennen, ernſter als ich meinte, nach den Briefen, die mir zugekommen ſind zu Kamieniee Podolski, und obſchon ich Eurer Meinung bin, daß manch Geſicht verlarvt iſt an dieſem Hofe, ſo fragt es ſich, wie es drein ſchauen werde am Tag der Enthuͤllung.— Wie meint Ihr das gnaͤdigſte Frau? Sind wir nicht eins ſeit langer Zeit, und wird Anna von Ma⸗ zowien gleich andern ihres Geſchlechts irre beim Ziſchen des Neides?— Ich darf offen mit Euch ſprechen, Wojewode— ſo will ich Euch nicht bergen, daß ich manches anders hier gefunden, als man mir berichtet.— Der Koͤnig, hieß es, obſchon er das gegen des Vaters und der Staͤnde geſchloſſene Buͤndniß, noch nicht geradezu be⸗ reue, beginne ſchon die Folgen zu erwaͤgen, welche ſolches haben koͤnnte fuͤr ſeine Perſon und das — 124— Reich, die Meinung habe ſich laut und kraͤttig ausgeſprochen auf dem Reichstage zu Warſchau, die—— Uund wer kann Euch etwas anders ge⸗ ſagt haben? unterbrach ſie Kmita mit einiger Heftigkeit— Wer mag es laͤugnen, daß die Se⸗ natoren, und namentlich die Wojewoden von Sandomierz, Sieradz und Poſen, und der Ka⸗ ſtellan der letzten Stadt erklaͤrt haben, daß die Ehe, die ein Koͤnig von Polen ſchließe ohne Zu⸗ ſtimmung der RNeichsſtaͤnde, als unguͤltig zu be⸗ trachten ſey— hat man es zu laͤugnen gewagt, daß die Ritterſchaft durch ihre Commiſſarien den Marſchall Sierakowski, den Lupa Podlowski und den Euch ja ſowohl bekannten Piotr Boratynski, den Siegmund Auguſtus an die pacta conventa gemahnt haben, die er beſchworen bei ſeiner Kroͤ⸗ nung zu Lebzeiten des Vaters?— Kann man es ungeſchehen machen, daß die hohe Geiſtlichkeit und an ihrer Spitze der Fuͤrſt Primas und An⸗ dreas Zebrzydowski ſelbſt, hoͤret Ihr gnaͤdige Frau, Andreas Zebrzydowski in eigner Perſon ihre Mißbilligung, des zu Wilno geſchehenen an den Tag gelegt haben?— Gewinnt es uͤber Euch, mich ohne unterbrechung anzuhoͤren, wenn ich Euch bitten darf, Herr Großmarſchall— fuhr die *— — 125— Frau von Podolien fort— und ſetzet dem was ich Euch zu ſagen habe, nicht Begebniſſe entge⸗ gen, welche ſo offenkundig als nichts bedeutend ſind.— Es ward mir ferner geſchrieben, daß der roͤmiſche Stuhl geneigt ſey, den Vorſtellungen der Geiſtlichkeit des Reiches zu willfahren, und die Ehe des Koͤnigs zu löſen. Siegmund Auguſtus dem Buͤndniß mit einer auslaͤndiſchen Fuͤrſtin abgeneigt, ſey nur um ſolchem zu entgehen, nach dem Tode der erſten Gemahlin ſo ſchnell zu einer zweiten Vermaͤhlung geſchritten, und leichter werde er ſich in das Unvermeidliche fuͤgen, wenn eine Tochter der Piaſten die Stelle Barbarens ein⸗ naͤhme— Der Beſchluß der Synode werde ſich mit der Aufforderung des Reichstages verbinden, und unmoͤglich ſey es dem Koͤnig ſo vereinten Kraͤften zu widerſtehen zu einer Zeit, da Unglau⸗ ben und Ketzerei aller Orten ihr Haupt erheben im Reich, und er ſelbſt durch widerſpenſtiges Be⸗ ginnen den Verdacht vermehren wuͤrde, der hier und da ſchon laut werde, er ſey der neuen Lehre nicht abgeneigt, und ſtrebe ſich den Geſetzen der Kirche zu entziehen.— Saget mir, Herr Kmita, war ſolches nicht verzeichnet in den Briefen, deren Inhalt Euch doch wohl nicht ſo gaͤnzlich unbe⸗ —j—ꝑ—·——;—— — 125— kannt iſt?— Wenn ich auch Kenntniß habe von den Sendſchreiben, welche Ihr meinet, Frau Wo⸗ jewodin, antwortete der Marſchall ſtolz und em⸗ pfindlich— und die man allerdings nur Privat⸗ briefe nennen kann, ſo mag ich nicht verant⸗ wortlich ſeyn fuͤr den Inhalt derſelben, da das hohe Kronamt, welches ich begleite, mir nicht vergoͤnnet, die Beſchaͤftigungen eines Geheimſchrei⸗ bers bei den Koͤniginnen zu verſehen; doch wenn ſie wirklich gelautet haben wie Ihr ſagt, welchen Grund glaubt Ihr zu haben, das Angegebene zu bezweifeln, und wie moͤget ihr nach ſo kurzer Anweſenheit mehr von dieſer Sache wiſſen, als ſolche, die das Treiben am Hofe Siegmund Au⸗ guſts ſeit geraumer Zeit beobachtet, und unter⸗ weilen auch geleitet haben?— Worin haltet Ihr Ench fuͤr getaͤuſcht, gnaͤdige Frau-— O in einer Kleinigkeit, mein Herr Wojewode von Kra⸗ kow— verſetzte Anna mit Spott— Sehet, auf meiner Reiſe hieher und ſo lange ich verweile zu Krakow, habe ich nichts vernommen, als die er⸗ baulichſten Berichte, von der Turteltaubenzaͤrt⸗ lichkeit des jungen Ehepaares, die Antwort hab' ich mir erzaͤhlen laſſen, die der Koͤnig mit ſtolzer Gleichguͤltigkeit, den Senatoren und dem Adel ertheilt hat, auf ihre geprieſenen Vorſtellungen— und, ſehet, wie verſchieden man doch in der Welt dieſelbe Sache betrachtet— von der Abnei⸗ gung des roͤmiſchen Hofes hab' ich reden hoͤren, durch Aufloͤſung jenes Eheverloͤbniſſes ein Begin⸗ nen zu rechtfertigen, welches die neue Ketzerlehre in Schutz nimmt; der kanoniſchen Hinderniſſe hat man erwaͤhnt, welche, wie die hohe Geiſtlich⸗ keit, weit entfernt dem paͤpſtlichen Stuhl Vor⸗ ſtellungen zu thun, meinet, der Trennung dieſes Buͤndniſſes entgegen ſtehen.— Nichts weiter iſt's was ich gehoͤrt habe und ziemlich glaublich befunden, Herr Kmita, und Ihr moͤgt ſelbſt ur⸗ thetlen, wie weit es uͤbereinſtimmt mit dem Seyn jener Epiſteln, deren fluͤchtige Durchſicht Eure er⸗ habene Wuͤrde Euch wohl vergoͤnnt haben mag.— Man hat Euch weitlaͤufig unterrichtet, gnaͤdige Frau— nahm der Wojewode nach kurzem Still⸗ ſchweigen das Wort— und ich ahne von wem Euch ſolche Kunde kommet— doch ſcheinet der, welcher ſo zu Euch geſprochen, die Welthaͤndel nicht beſonders zu kennen, oder ſie nicht kennen zu wollen in dieſem Fall.— Ihr wiſſet es ſelbſt; erlauchte Frau, und ich darf es einer Dame ge⸗ ſtehen, bei welcher erhabenere Gefuͤhle, laͤngſt die kleinliche Eitelkeit verdraͤngt haben, die gewoͤhn⸗ lichen Frauen ziemnen mag— Ihr wiſſet es ſelbſt, wie vergaͤnglich die Herrſchaft iſt, welche die Schoͤnheit uͤber uns ausuͤbt, und wie der Gemahl nach Verlauf zweijaͤhriger Ehe, ſo ganz ein an⸗ derer iſt, als der Galan zur Zeit der Werbung— Unſer preißwuͤrdiger Sigismundus Auguſtus macht, wie ſchon manche kleine Erfahrung es gelehret, keineswegs eine Ausnahme von uns andern, und die Widerſetzlichkeit, die er bewieſen auf dem Reichs⸗ tag zu Warſchau, duͤrfte wohl eher ihren Grund haben in dem Trotz des uͤppigen Jugendmuthes, der ſich gefaͤllt in der Ausuͤbung der hoͤchſten Ge⸗ walt, und in Bekaͤmpfung der Hinderniſſe, als in dem, was die Damen Liebe nennen.— Was den apoſtoliſchen Stuhl anbetrifft,— Frau von Podolien, ſo duͤrften die Verbindungen Euch ſchwerlich unbekannt ſeyn, die zwiſchen der Koͤ⸗ nigin Bona und den Hoͤfen zu Wien und Ma⸗ drid beſtehen, und welche die allergnaͤdigſte Frau, angetrieben durch perſönliches Mißbehagen an der aufgedrungenen Schnur, fuͤr unſre Abſicht zu be⸗ nutzen nicht ermangeln wird.— Wir ſind beider⸗ ſeits glaͤubige katholiſche Chriſten, meine fuͤrſt⸗ ziche Frau, doch duͤrfen wir es uns wohl geſtehen, + — —,— — 129— daß gewiſſe von dort aus zur rechten Zeit gege⸗ bene Winke, die roͤmiſche Curia oftmals zu Aus⸗ ſpruͤchen vermocht haben, welche nicht allerdings den Statuten gemaͤß ſind.— O ich zweifle nicht an der zuweilen wandelbaren Unfehlbarkeit des heiligen Vaters— erwiederte Anna mit Hohn— noch weniger an Ihro Majeſtaͤt eifrigen Bemuͤh⸗ ungen, und am allerwenigſten an der Willfaͤhrig⸗ keit, die dieſelben ſinden werden, zu Madrid und Wien, eine Wilffaͤhrigkeit, die, wie gewiſſe nicht eben unerfahrne Maͤnner behaupten wollen, nicht allerdings uneigennuͤtzig iſt— Oder glaubt Ihr, ſetzte ſie mit ſcharfem Tone hinzu, indem ſie die Augen forſchend auf den Wojewoden heftete— daß unter ſo manchen Dingen, die ich vernom⸗ men, der Name Katharinens von Oeſtreich nicht bis zu mir erſchollen iſt, der verwittweten Her⸗ zogin von Mantua?— Katharine?— wieder⸗ holte der Großmarſchall, indem er in wohl nach⸗ geahmtem Erſtaunen, Augen und Haͤnde zum Him⸗ mel erhob— des roͤmiſchen Koͤnigs Ferdinands Tochter?— Die Schweſter der verſtorbenen Koͤ⸗ nigin?— Ihr wiſſet wohl nicht, daß die ſonſt mit allerlei loͤblichen Eigenſchaften begabte Dame, ziem⸗ lich unſchoͤnen Leibes iſt, und nebenbei mit al⸗ 9 — — 130— lerlei koͤrperlichen Uebeln behaftet? Nein— ſetzte er lachend hinzu— die Ausſicht auf eine ſolche Nachfolgerin, wuͤrden die leichten Bande, die Siegmund Auguſtus an Barbara Radziwill feſ⸗ ſeln, in Schiffstaue verwandeln.— Aber gnaͤ⸗ dige Frau, da Ihr ſo ſcharfen Blickes Eure neuen Bundesgenoſſen muſtert, ſo moͤchte es denſelben ebenfalls erlaubt ſeyn, eine Frage zu thun. Steht Eurerſeits nichts dem Gelingen unſrer Ab⸗ ſicht entgegen, oder vielmehr von Seiten Eurer Tochter?— Man hat hier und da geſprochen von einer Neigung zu dem juͤngern Boratynski, man erwaͤhnte ſogar— einer Verlobung.— Meine Tochter— erwiederte Bona mit Stolz— ſtammt aus dem Hauſe des Piaſt, und wird wiſſen ſich ſo erlauchter Herkunft wuͤrdig zu bezeigen, ſobald der Mutter Wort ſie an ihre Pflicht mahnet.— So Ihr die Abſicht habt, Fuͤrſtin, ſprach Kmita — ſolches Wort zu ſprechen, ſo vergoͤnnet daß ich Euch erſuche, es weder zu fruͤh Euch entſchluͤy⸗ fen zu laſſen, noch zu hart. Der Bruder des jungen Ritters, der Piotr Boratynski, iſt hoch angeſehen bei dem Koͤnig und der Ritterſchaft, auch iſt er der muthmaßliche Marſchall des kuͤnftigen Reichstages, welcher uͤber das Schickſal Barba⸗ —,— — — — 131— rens entſcheiden ſoll.— Bis jetzt hat der Begriff, den er hegt von Ehre und Buͤrgerpflicht, ihn der Partheitreue erhalten, welcher wir beigetreten ſind aus hoͤhern Ruͤckſichten der Staatskunſt. Es iſt unnoͤthig, daß ich einer ſo erleuchteten Dame mehr ſage uͤber dieſen Gegenſtand— Erſparet Euch die Muͤhe, Herr Großmarſchall— ſprach Frau Odrowonz, nach einer Pauſe mit unmerk⸗ lichem Laͤcheln— mir vorzuteichnen wie ich zu verfahren habe, nach Eurer Meinung— ich bin Gebieterin in meinem Hauſe und uͤber mein Kind, mehr vielleicht als Ihro Majeſtaͤt ruͤhmen kann, es zu ſeyn uͤber ihre durchlauchtigen Sproͤßlinge, darum laſſet mich gewaͤhren und ſorget Eurer⸗ ſeits nur dafuͤr, daß ich es nicht anders befinde⸗ als Ihr es verſichert, und ich es glauben will.— Freuet Euch nicht— triumphiret nicht zu fruͤh— ſetzte ſie mit erhabener Stimme hinzu, als ſie den Ausdruck von Zufriedenheit auf dem Antlitze des grauen Staatsmannes gewahrte.— Ich will Euch glauben, hab' ich geſagt, kaͤme der Augenblick einſt, da ich nicht mehr glauben koͤnnte, ſehet, theurer Herr Kmita, beſſer waͤre es fuͤr den, der mich getaͤuſcht, er waͤre nie geboren!— Jetzt erſuche ich Euch der Koͤnigin 9 ½ — 132— Mutter meinen Beſuch auf morgen anzuſagen.— Geh nur, geh— ſprach ſie in ſich hinein, als ſie allein ſtand im Gemach— wohl Dir und ihr, wenn Ihr es treu meinet, zum erſtenmal in Eu⸗ rem Leben. Wenn dem nicht ſo waͤre— fuhr ſie in wilder Bewegung fort— wenn dieſe Taͤu⸗ ſchung ſich noch geſellte zu den ungeheuren Tha⸗ ten der Vergangenheit, wenn es dahin kaͤme, daß ich verſpottet da ſtaͤnde, vor dieſem fremden Thron⸗ raͤuberiſchen Geſchlecht, wenn ich zuruͤck fliehen muͤßte in meine Einſamkeit, von neuem eine Verbannte, Beſchimpfte, Verſtoßene— Bona, Bona, Du wuͤrdeſt gern mit allen Schaͤtzen, die Deine Habſucht gehaͤuft, den Augenblick zuruͤck rufen wollen, da Du die ſchlafende Loͤwin ge⸗ weckt.— Die peinlichſte Stellung fuͤr einen Staats⸗ mann, ſagte Petrus Kmita, als er das Haus verließ zu ſich ſelbſt, iſt doch das Inſtehen zwi⸗ ſchen zweien Weibern; zweien Weibern, deren eine ſchon vermoͤchte einen halben Welttheil zu ver⸗ wirren, und die Weisheit aller Senatoren der Erde zu Schanden zu machen.— Es war nicht mein Wille, daß man ſie berief, und kaum mag ich dem Zebrzydowski zuͤrnen, daß er dieſe Megaͤra wieder hinab zu ſcheuchen ſucht, in ihre Hoͤhle— — * doch ſie hat es gewollt— dieſe Italienerin, die nicht genug hat an einfacher Intrigue.— Ich fuͤrchte beinah der laͤngſt verfallene Stein, den ſie wider aufgenommen zum Bretſpiel, wird ein Stein des Anſtoßes werden, und die Kraͤfte, die wir gebrauchen gegen unſre Widerſacher, werden wir aufbieren muͤſſen zur Baͤndigung dieſer ge⸗ faͤhrlichen Freundin— Und wenn nun der Au⸗ genblick kommt, da erfuͤllt wird was ſie ahnet? — Und warum trittſt Du zwiſchen dieſe ſchlan⸗ genwerfenden Furien, Piotr Kmita? ſetzte er mit einem Seuſter hinzu— Warum beugeſt Du Dein ſilberweißes Haupt in Demuth und Ver⸗ ſtellung, da Du es aufwaͤrts tragen koͤnnteſt, der Erſte unter den Edeln des Reichs? indem fiel ſein Auge auf die Zinnen des Chriſtophor⸗Palla⸗ ſtes, der Behauſung des Grafen zu Tarnow— der Erſte? ja— da liegt es eben, von dort aus geht der verwundende Stachel, der mich treibt zu nnheildrohendem Beginnen— Vorwaͤrts, vor⸗ waͤrts, damit jener mauritaniſch⸗ ſpaniſche Aben⸗ theurer nicht waͤhne, der alte Petrus habe ge⸗ lernt ihn zu fuͤrchten.— — 134— 7. Hippolyt Boratynski war vom Schloſſe her⸗ ab, in die Herberge der Sankt Florianus Straße gegangen, wo die Reiſegefaͤhrten ſeiner warteten. Mißmuthig und wohl zum erſtenmal unzufrieden mit ſich ſelbſt und der Welt, betrat er das Haus und den gemeinſchaftlichen Saal. Er warf ſich ermuͤdet von der Nachtreiſe auf ein Ruhebett, und noch einmal gingen vor ſeiner Erinnerung die Begebenheiten der letzten Stunde voruͤber. Er erfreute ſich der hehren Erſcheinung ſeines Bruders, wog noch einmal ſeine warnenden in⸗ haltſchweren Worte, gedachte der fuͤrſtlichen Frau, die er geleitet, und der ernſten Mahnungen, die der Augenblick und der Zufall in den Mund des Juͤnglings gelegt hatten, und ergluͤhte noch einmal in unwilliger Schaam, als er ſich des ſpoͤttiſchen Dankes der Frau Horonostay, und des Gelaͤchters der andern Damen erinnerte— doch bald trat der Gedanke an Helenen Odro⸗ wonz verhuͤllend vor alles andere, und er wuͤrde ſich dem Entzuͤcken des nahen Wiederſehens gaͤnz⸗ lich uͤberlaſſen haben, haͤtte nicht das gefundene Bruchſtuͤk des Briefes und des Petrus dunkle +₰— — 135— Andeutung, Wermuth in die Freudenſchale ge⸗ miſcht. Nach einer Weile hoͤrte er die Thuͤre ſich leiſe oͤffnen, und der kleine Vetter Stanislaw huͤpfte herein.— Da biſt Du ja, Freund Hippolyt?— rief der Knabe— Ich habe recht ſehnlich auf Dich gewartet, damit Du mir berichteſt, wie ſich al⸗ les begeben. Doch Du biſt nun vornehm gewor⸗ den und ein Herr vom Hofe, und wirſt nicht mehr des kleinen Stanislaw achten— doch wart nur, auch ich werde an den Hof kommen, meint der Vater, da Muhme Barbara nun Koͤnigin worden iſt.— Laß das meinen Bruder nicht hoͤ⸗ ren, Staſiu, verſetzte Hippolyt laͤchelnd— er moͤchte Deine Hoffnungen etwas herab ſpannen. — Dein Bruder— ſagte Stanislaw darauf— ach das iſt wohl ein ehrbarer Rittersmann, und ſieht recht wuͤrdig drein, doch iſt er mir ein we⸗ nig zu ernſt, und koͤnnte ich kein Vertraun zu ihm haben wie zu Dir, der Du ſo jung biſt und freundlich. Auch hat Herr Petrus, fuhr er mit wichtigem Tone fort— ſchon Streit gehabt mit dem Vater, und Du magſt wohl recht haben, denn es war dabei die Rede von der Muhme.— Nun ſieh, Du weißt ja wohl, der Herr iſt ein — 136— wenig wild, wenn er anfaͤngt, und geradezu, ſo daß man ihn unterweilen die alte littauiſche Ka⸗ rabella benennet, und ich meinte, er wuͤrde recht auffahren, als Herr Piotr ihm widerſprach, aber murmelte nur in den Bart, und ſchwieg endlich ganz, obgleich Dein Bruder ziemlich ernſtlich ſprach, und beinahe moͤcht ich ſagen gebieteriſch— Es waͤre doch Schade wenn ich nicht hier bleiben duͤrfte, der Koͤnig iſt ſo mild und froͤhlich, und Frau Barbara ſoll eine gar ſchoͤne Dame ſeyn. Jetzt iſt er gegangen zum Großfeldherrn, und der Vater hat ſich einſtweilen zur Ruhe gelegt— Nun, erzaͤhle mir doch wie es Dir gegangen am Hofe?— Wenn Du das erfahren wirſt, mein Vetterlein, ſo wird es Dich nicht begierig ma⸗ chen nach Aehnlichem.— Nicht gegeſſen noch ge⸗ ſchlafen hab' ich die ganze Zeit; ich hab⸗ gere⸗ det, was, wie die Leute meinten, ich nicht reden ſollte, und zum ſchuldigen Dank bin ich ausge⸗ lacht worden.— Ausgelacht?— unterbrach ihn der Kleine entruͤſtet— und das haſt Du gelit⸗ ten?— Das ſollte mir geſchehen!— und Du biſt ja auch ſonſt ſo fromm nicht, daß Du ſolches litteſt von irgend einem Mann.— Denke nicht ungleich von mir, Du kleiner uͤberkuͤhner Held— „— „ã es war nicht ein Mann, eine Dame war es, die Frau Horonvstay.— Die Frau Horonostay, die haͤßliche alte Schatzmeiſterin?— rief der Knabe lachend— o die kenne ich recht wohl, und habe ſie oftmals geſehen zu Pinsk, da ſie ihre Guͤter hat unfern der Stadt— Nun das mag angehen, die brummt ja, Jahr aus Jahr ein, wie die Leute ſagen, von der moͤchte ich mich ſchon ein⸗ mal ſelbſt auslachen laſſen, damit ich nur ſehe wie das dem runzlichen bitterboͤſen Geſicht an⸗ ſteht.— Nein, fuhr er mit ſchelmiſchem Kopf⸗ nicken fort— da hab' ich huͤbſchere Leute ge⸗ ſehen, indeß— Rathe einmal wen?— Ich bin in der Fruͤhmette geweſen, ganz allein mit dem alten Bielawski, weil der Vater nicht wollte, da bin ich Frau Odrowonz begegnet mit noch jemand — und gar viele Diener in reicher Liverei folg⸗ ten den beiden.— Die Mutter ging vor ſich hin in tiefen Gedanken, aber die andere hat mich erkannt, und mir mit der Hand einen Kuß zuge⸗ worfen, den aber hab' ich nicht fuͤr mich behal⸗ ten, ſondern ihn aufbewahrt fuͤr den, welchem er doch wohl gehoͤrt.— Auf Hippolyts Antlitz erſchien das Laͤcheln der Freude, aber bald ver⸗ draͤngten es Gedanken anderer Art, und ein tie⸗ — 138— fer Seuftzer entfloh ſeiner Bruſt— Sey doch nicht ſo neidiſch, Vetter, willſt Du mir denn gar nichts goͤnnen— ſcherzte Stanislaw— goͤnn ich Dir doch die Frau Schatzmeiſterin— Sey nur ruhig, Du wirſt ja die liebe Helene bald ſehn und recht oft, denn wie der alte Stephan ſagt, wirbt die Frau von Podolien große Dienerſchaft, und richtet ſich ein zu langem Aufenthalt zu Kra⸗ kow. Auch ſoll ſie des Mannes Namen gar nicht fuͤhren, und ſie und ihre Tochter werden die Ma⸗ zowiſchen Prinzeſſinnen geheißen.— Eben war der kleine Littauer im beſten Zug des Erzaͤhlens, da trat Piotr Boratynski in das Gemach, und der Anblick des ernſten Mannes hemmte die Froͤh⸗ lichkeit des Kindes— Ei, mein Bruder— ſprach jener zu dem entgegentretenden Hippolyt— erſt ſo kurze Zeit am Hofe, und ſchon fuͤhren die Damen Klagen uͤber Dich/ wie ich eben vernom⸗ men, von der Frau Horonostay und der Fuͤrſtin Truchſeß Radziwill— doch will ich Dich nicht tadeln deshalb, es ſtehet einem polniſchen Edel⸗ mann wohl an die Wahrheit zu ſagen, zu jeder Stunde und vor jedermann, auch ſcheinet Deine erlauchte Reiſegenoſſin nicht derſelben Meinung, wie ihre Schwaͤgerin und ihre Aya, da der Koͤ⸗ — 4 — —2——— — 139— nig Dir Dank ſagt durch mich, fuͤr die Geleit⸗ ſchaft, welche Du den Damen gewaͤhrt— Du wirſt morgen die Ehre haben, ihm vorgeſtellt zu werden, und ich hoffe, daß er meinen theuren Bruder der Gunſt wuͤrdig finden wird, die er ihm zugewandt, auf vielgeltende Vorſprache.— Geh, liebes Vetterlein ſetzte er hinzu und wecke den Herrn Staroſten von Pinsk— es iſt Zeit daß wir das Fruͤhmahl einnehmen, denn es war⸗ ten meiner Geſchaͤfte und auch ſeiner.— Als ſich die Bruͤder allein befanden trat der Aeltere, der eine Zeit gedankenvoll, im Gemach auf und nieder gegangen war, zu dem Juͤngern und ſprach: Es iſt des Koͤnigs Wunſch, daß Du eintreteſt in die Hofſtatt, und auch ich ſehe Dich gern daſelbſt, ſo Du des aͤltern Bruders Rath und Bitte nicht verſchmaͤheſt. Eine große Zahl ehrenwerther Maͤnner hat ſich verſammelt um Sieg⸗ mund Auguſtus, der der Kunſt hold iſt und den Gaben des Geiſtes, ſo iſt dies Hoflager eine Schule der feinen Sitte, und allerlei vortrefflicher Wiſ⸗ ſenſchaften worden, gleich dem das der Koͤnig von Frankreich haͤlt zu Saint Germain und im Louvre, und es mag einem jungen Edelmann wohl anſtehen, ſich daſelbſt zu ſeiner kuͤnftigen 2 — 140— Laufbahn vorzubereiten.— Auch darfſt Du— Dank ſey es dem Vater und den Ahnen, keinen Deines Gleichen nachſtehen in anſtaͤndigem Auf⸗ zug und gebuͤhrendem Prunk, und ſo es Dir feh⸗ len ſollte hier und da, um die Wuͤrde unſres alten Hauſes zu behaupten, ſo magſt Du Dich auf mich verlaſſen, da ich mehr als genug habe an den Staroſteien, die mir der alte Koͤnig ver⸗ liehen und der reichen Ausſteuer, welche Barbara Dziaduszycka, meine Gattin, mir in das Haus gebracht.— Sieh mein Bruder— unterbrach er den geruͤhrten Dank des Juͤnglings— ſchon zu Iwanvwice hab' ich es angedeutet mit wenigen Worten, daß ein laͤſtig und undankbares Geſchaͤft mir auf den Schultern liegt, und ich gezwungen ſeyn koͤnnte, gegen des Herzens innere Stimme der Wortfuͤhrer der Widerſetzlichkeit zu werden, und das anzutaſten, was mir, was allen das Heiligſte iſt.— Ein langer hartnaͤckiger Kampf wird entſtehen, denn nicht umſonſt iſt Auguſtus ein Jagiello, und aus littauiſchem Stamm— und der Ausgang iſt ungewiß.— So es ſich nun ſchicken ſollte, Bruder Hippolyt, wie es wohl oftmals geſchieht, daß das Gehaͤßige des Gewer⸗ bes den traͤfe, durch deſſen Mund es geht; ſollte — 141— der Koͤnig eines Tages, den Feind und Empoͤrer zu ſehen meinen in dem treuſten Diener der Re⸗ publik und der Krone, dann ſiehe Du zu mir, und, komme es wie es wolle, beſchuͤtze die Ehre des Bruders.— Es iſt ein heilloſes Amt, ſetzte er finſter werdend hinzu— zu fordern, das was man ſelbſt nimmer bewilligen wuͤrde, da man den verachten muͤßte, der es gewaͤhrt— doch die Stimme der Bruͤder hat mich einſtimmig erkoh⸗ ren und es ziemt mir nicht, ihrem Vertrauen mich zu entziehen, noch es zu verrathen, denn wie Du wohl weißt, iſt das Vaterland das erſte Wort des Sarmaten, der Koͤnig aber das zwei⸗ te. So habe ich denn dem Befehle der Herrn und Bruͤder gehorcht, und vielleicht mag des gra⸗ den Mannes einfaches Beginnen das urtheil ab⸗ wenden, was eines andern partheiiſche Hitze und ſchonungsloſer Uebermuth leichtlich herbei fuͤhren könnte, uͤber das Reich und den Thron.— Ich gebe Dir keine Regel des Verhaltens, folge dem eignen treuen Sinn und er wird Dich beſſer lei⸗ ten, als der Rath eines andern, ſey er auch Dein beßter Freund— Auch will ich Dein Ur⸗ theil nicht beſtechen, waͤhle das was Dir erſchei⸗ net als Recht; nicht gedenke des Bruders, wenn — 122— Dein Herz Dich lenket auf eine oder die andere Seite; Du biſt frei, Dich bindet keine Pflicht, ungehindert magſt Du dem eignen Gefuͤhl folgen, und wollte Gott, auch meine Wahl waͤre frei wie die Deine.— Mit freudiger Ruͤhrung blickte Hippolyt auf den ehrenwerthen Bruder, und er fuͤhlte wohl daß bei ſolcher Klarheit des Gemuͤths, die unerſteiglichſten Felſen ſich zu Huͤgeln ebnen, und das verworrenſte Verhaͤltniß ſich unmerklich loͤſen muͤſſe, in Friede und Eintracht.— Du wirſt gern in Krakow bleiben— fuhr Petrus laͤ⸗ chelnd fort— denn auch Frau Anna und ihre Tochter kehren ſobald nicht zuruͤck, an das Ufer des Dnieſtrs— Als ich die Hofburg verließ, trat einer ihrer Diener mich an, und begruͤßte mich im Namen der Prinzeſſin von Mazowien— und ſo ſcheint ſie in ihrem neu erwachten Glanz das Ritterhaus zu Samborz nicht vergeſſen zu haben.— Als der aͤltere Boratynski ſo ſprach, trat der greiſe Johannes Laeki an der Hand ſeines Soh⸗ nes ein.— Ihr habt mich nicht ſchlafen laſſen, werther Herr und Freund— rief der kraͤftige Alte— meinet Ihr denn daß der bejahrte Ein⸗ ſiedler, der ſchon die Wacht gethan bei dem Fuͤr⸗ ſten Konſtantin von Oſtrog, und dem Koͤnig Alex⸗ 4 — 143— ander uͤber den Gott leuchten moͤge, noch ſo friſch und ruͤſtig ſey, als Ihr, wertheſter Staroſt von Samborz und unſer milchbaͤrtiger Kaſtellanic?— Der Großfeldherr hat mir aufgetragen, Herr Jo⸗ hannes— erwiederte Boratynski— Euch zu ſa⸗ gen, daß er Euch erwarte, und ſehr ſich freue den alten Jugendfreund wieder zu ſehen, und mit Euch zu ſchwatzen, von laͤngſt vergangenen Zei⸗ ten.— Hat er das, der wuͤrdige Herr von Tar⸗ now?— verſetzte der erfreute Littauer— Ei das ſchaͤtze ich mir zu großem Vergnuͤgen und Ehre. — Ja wohl haben wir manche ſtumpfe Lanze zer⸗ brochen mitſammen, an Konſtantins Hoflager und ob er auch viel juͤnger war als ich, machte er mir oftmals genug zu ſchaffen, denn ſo klein wie er war, war er doch ein keckes Juͤnglein— Nun der Herrgott hat ihn in Gnaden angeſehn, und ihn gefuͤhrt zu hohen Ehren und Wuͤrden— die er auch verdient vor vielen andern.— Solltet Ihr nicht herab ſtimmen in Eurem Lobe— ant⸗ wortete Petrus laͤchelnd— denn wie ich vermuthe Herr Oheim, wird er ſich nicht anders verneh⸗ men laſſen als ich— in der bewußten Sache.— Ach was da, was da!— ſprach der Littauer— die Wahrheit bleibt doch die Wahrheit, und des — 14— Köͤnigs und Großfuͤrſten angetraute Ehefrau— Laſſen wir das jetzt, unterbrach ihn der Herr von Samborz— und nehmen wir das Fruͤhmahl ein; denn viel bleibt jedem von uns zu thun, fuͤr den heutigen Tag.— Freund Johannes— ſagte der Greis zu ſich ſelbſt mit zum Himmel gehobenen Blick— wohl mag es Dich erfreuen den alten Verbannten wieder zu ſehen, den Dein kraͤftiger Arm aus der Acht empor gehoben hat und dem Elend, der Dir das Ruhekuͤſſen verdankt, drauf er ſein muͤdes Haupt niederlegt, Du der Du die Schmach abgethan haſt, vom alten Fuͤrſtengeſchlecht der Lacki, auf daß dieſer Knabe ohne ſchamroth zu werden wieder auftreten moͤge, unter den Edeln ſeines Vaterlandes.— Nun zum Mahl, hochge⸗ borner Herr von Samborz, damit der preiswuͤr⸗ dige Herr von Krakow nicht lange warte. In einer der entlegenſten Gemaͤcher des koͤ⸗ niglichen Schloſſes zu Krakow, ſaß Lionardo Monti, der Leibarzt der Koͤnigin Mutter Bona von Mailand, noch nicht erholt von der naͤcht⸗ lichen Neiſe in Pelz gehuͤllt, an dem maͤchtigen beinah gluͤhenden Ofen— Auf einem kleinen Ti⸗ ſche neben ihm ſtand ein Krug gefuͤllt, mit lang entbehrtem Weine von Montepulciano, und ſlei⸗ —,, — 145— ßig fuͤhrte er den Becher zu Munde, dazwiſchen von trocknen eingemachten Fruͤchten kauend, durch welche die Stadt Kyow noch heut zu Tage in den Annalen der Gastronomie bekannt iſt, und die dem Gaumen des Transalpiners ertraͤglich ge⸗ nug vorkamen. Seitwaͤrts ſtand ein widriger Greis, derſelbe welchen wir mit den Arzneikaſten eintreten ſahen in die Herberge zu Jwanowice, und nahm Theil an dem Fruͤhſtuͤck des Arztes mit ei⸗ ner Vertraulichkeit, die zwiſchen Herrn und Die⸗ ner nicht uͤblich iſt.— Eine beſchwerliche Reiſe, Aſſano— begann der Welſche in ſeiner Landes⸗ ſprache— Wahrlich, waͤre es nicht ſonſt erſprieß⸗ lich der Koͤnigin zu dienen, dieſe beſtaͤndigen Fahrten durch Eis und Schnee auf ungebahn⸗ ten Wegen, ſie haͤtten mich laͤngſt zuruͤck getrie⸗ ben nach Palermo.— Muͤßt's gewohnt werden, Meiſter, erwiederte der Alte— fehlt es Euch doch nicht an koͤſtlichem Rauchwerk, und ſo Ihr einmal heimkehrt, werdet Ihr wahrlich waͤrmer ſitzen, als bevor Ihr auszogt.— Es iſt doch jetzt viel zu thun, im Dienſt der erlauchten Dame, beſonders ſeit der alte Herr todt iſt, und des Reitens und Fahrens wird kein Ende, ehemals war es bequemer; glaubte ich doch, nach dem Ab⸗ 3 10 — 146— zeben des Koͤnigs ſollte die Herrlichkeit erſt recht angehen, aber damit war es nichts, und wir ſind geplagter denn je.— Zahlt ſie doch gut— brummte der Diener gleichguͤltig in ſich hinein— und das bleibt doch die Hauptſache— Ehemals ſprecht Ihr, ſey es anders geweſen— als ob Ihr etwas wuͤßtet von ehemals.— Weißt Du mehr darum, Aſſano? fragte der Doktor, indem er ſich neu⸗ gierig nach dem Sprechenden umwandte— Du biſt ſchon von lang in dieſem Lande geweſen, und haſt mir noch nie etwas davon berichtet, was Du getrieben.— Seh' ich denn einem Schwaͤtzer aͤhnlich?— ließ ſich des Greiſes dumpfe Stimme vernehmen, indem er den finſtern Blick zu Bo⸗ den heftete— und waͤr ich ein ſolcher, moͤchtet Ihr mich wohl brauchen koͤnnen als Famulus? — So wie eine Sache geſchehen iſt, oder eine That gethan, nuͤtzt ja doch das Sprechen nicht mehr, und ich vergeſſe ſo gut ich kann.— Wuͤrde es Euch denn behagen, werther Herr Mei⸗ ſter, wenn ich ein ſolch gutes Gedaͤchtniß häͤtte fuͤr aues, was ich geſehen und gehoͤret in Eurer hoch gelahrten Gemeinſchaft, und ſo ich es auf⸗ tiſchen wollte einem jeden, deſſen Neugier mich befragte?— Das iſt etwas anders, Freund, ent⸗ —— — 147— gegnete der Leibarzt, ſich bequem im Seſſel ſtre⸗ ckend— was Du hier ausplaudern koͤnnteſt, waͤ⸗ ren vichtige Myſteria, welche mit Staatsange⸗ legenheiten nahe verwandt ſind, und ſolche duͤrf⸗ ten wohl auf ewig den Mund ſchließen, uͤber den ſie gegangen— Aber in jener Zeit da Du noch jung warſt in dieſem Land, war man noch ſo roh, noch ſo einfaͤltig, noch war hohe Kunſt und Wiſſenſchaft nicht heruͤber gekommen, aus dem erleuchteten Italien; und mochte es da etwas anders geben als wuͤſtes Dreinſchlagen, und Hauen und Stechen, was jeder Reitersknecht verſtehet, und was zu verſchweigen wohl der Muͤhe nicht lohnt?— Dreinhauen und Stechen— erwiederte der graue Famulus, in beinah unvernehmlichen Toͤnen, indem er mit den duͤrren zitternden Fin⸗ gern uͤber die Narbe fuhr, die ſein Antlitz ent⸗ ſtellte— ja, werther Doktor, ſo etwas gab es allerdings, doch war es das nicht allein, auch Liebestraͤnke kennte man, Philtra und mehr der⸗ gleichen.— Liebestraͤnke?— ſpottete Meiſter Lionardo— Poͤbelgeſchwaͤtz, aus der Kindheit der Civiliſation.— Wenn ich Liebestraͤnke ſage— ließ ſich Aſſano, die ſtechenden Augen auf den Arzt richtend, vernehmen— ſo ſolltet Ihr mich 40* — 148— beſſer verſtehen— Meinet Ihr denn aller Bal⸗ samo di san Nioola ſey in der Flaſche enthal⸗ ten, aus der es Euch geſtern geluͤſtete, Euren Nachttrunk zu wuͤrzen und den des ehrlichen Bar⸗ tholomaͤus Sabinus?— Erinnere mich daran nicht— entgegnete Monti ſchaudernd, indem er unwillkuͤhrlich den naheſtehenden Vecher zuruͤck ſtieß, dann fuhr er laͤchelnd fort— Bald haͤtte der deutſche College ganz unvermuthet Bekannt⸗ ſchaft gemachk, mit einem Areanum, das ſicher⸗ lich nicht zu finden iſt, im Regiſter aller ſeiner Mixturen— doch hat in dem gefaͤhrlichen Augenblick der Himmel uns bewahrt.— Der Himmel, verſetzte der Famulus mit haͤmiſchen Grinſen— o wie das Wort ſo herrlich klingt, im Munde des weiſen Meiſters!— Da Ihr nicht ſagen wollet, daß es Aſſano war, der Euch warnte, warum danket Ihr nicht lieber gar jene Zoͤgerung dem Bildlein, das der Legat Euch ge⸗ geben, damit es Ench ſchuͤtze vor allerlei Ge⸗ fahr?— So lang wir allein ſind, Aſſano, ſprich wie Du willſt, doch waͤr' es gerathener, wenn Du den Schein beſſer wahrnaͤhmeſt. Nie ſehe ich Dich die Kirche beſuchen, und bei Erwaͤhnung gewiſſer Dinge, geberteſt Du Dich oͤfters ſo ſelt⸗ —- 4ę—— „ —-;— — 149— ſam— das taugt nicht, Aſſano, und leitet die Augen der Menſchen auf Dich, mehr als Dir gut iſt und mir.— Meinet Ihr, mein frommer und rechtglaͤubiger Doktor? ſprach der Alte, mit ſonderbarem Laͤcheln— nun was der hochwuͤrdigſte Legat mir nicht uͤbel vermerkt und der Frau Mut⸗ ter Majeſtaͤt, werdet Ihr dem alten Diener gefaͤlligſt nachſehen— Auch denk ich nicht ſo ge⸗ ring von den gewiſſen Dingen, deren Ihr er⸗ waͤhnt, als Ihr meinet, und mein alter Meiſter wußte ſolche wohl zu gebrauchen.— Ich verſtehe Dich Alter— ſagte Monti— auch ich bin ge⸗ weſen in dieſer Schule des Aberglaubens, und kann die thoͤrichtwidrige Vereinigung verſchieden⸗ artiger Gegenſtaͤnde, die einen dunkeln Schleier breitet uͤber die Glorie der Wiſſenſchaft, und den Dingen einen andern Namen unterſchiebt ſtatt deſſen der ihnen gebuhret.— An manchem Gewerbe— murmelte Aſſanv— iſt der Name nicht gerade das feinſte, wie Ihr wiſſen muͤſſet beſſer als ich.— Und wie nennet ſich der Mei⸗ ſter, der ſeiner unvollkommenen Kunſt durch das Gaukelſpiel getraͤumter Zauberei aufhelfen mußte? — Nein jetziger Meiſter— entgegnete der Die⸗ ner, indem er einen Schritt zuruͤck trat— deß — — 150— Weisheit keines Huͤlfsmittels bedarf, nennet ſich Leonardo Monti.— Recht ſo, mein graukoͤpfiger Geheimnißkraͤmer— antwortete der Arzt— als die Koͤnigin Mutter dich mir empfohlen zum Fa⸗ mulus und Proviſor meiner tragbaren Apotheke, hat ſie ſich wahrlich nicht geirrt in ihrer Wahl, und beinah moͤchte ich glauben, ſie habe Proben von Deinen Eigenſchaften und von der Verſchwie⸗ genheit, die das Siegel druͤckt auf denſelben.— Was kuͤmmert Euch Meiſter Lionardo, ob die Koͤnigin mich kenne ſeit lang oder kurz? ſagte Aſſano— Ihro Majeſtaͤt haben Geld und viel Geld, das iſt alles was Euch zu erkennen Noth thut, bei Eurer chriſtglaͤubigen Gelahrtheit und mir bei— ſorget nicht ſobald es der Frau Bona belieben wird, Euch mehr wiſſen zu laſſen, wer⸗ det Ihr erfahren was Euch taugt.— In dieſem Augenblick ertoͤnte ein Klirren vor der Thuͤr, wie von ſchweren eiſenbeſchlagenen Stiefeln, und Waclaws Siewrak breite Geſtalt ſchob ſich in das Zimmer.— Gott zum Gruß, Herr Doktor, und Herr Famulus— ſprach der Schrei⸗ ber des Großmarſchalls, mit ſteifer Verbeugung— Ungewiß ſchaute der Arzt den Eintretenden an, und wendete ſich dann fragend zu Aſſano, der — „ — 151— in italieniſcher Sprache ihm einige Worte zu⸗ raunte.— Ich komme zu fragen— fuhr Siewrak mit einiger Scheu fort— ob Eure Wohlgelahrt⸗ heit den Brief ſchon abgegeben, an der Frau Mut⸗ ter Gnaden, den Ihr mir abgenommen in der Herberge zu Jwanowice?— Allerdings— er⸗ wiederte Monti muͤrriſch— und was bewegt Euch mich zu ſtoͤren, mit ſolch unnoͤthiger Zudringlich⸗ keit?— Ja, verzeihet, Herr Doktor,— entgegnete jener, indem er die befiederte Muͤtze um den Dau⸗ men drehte— es war da— es war dunkel in der Wirthsſtube— und— Und Ihr hattet zu vich getrunken— fuhr der Italiener auf— und wie es ſcheint, habt Ihr es heut Morgen wieder auf⸗ genommen, wo Ihr es geſtern gelaſſen.— Ge⸗ trunken?— erwiederte Waclaw, mit gedehntent Tone— ſo mir Sankt Stanislaw helfe, wenn ich geſtern etwas genoſſen, außer einigen Bechern Meth und einem Quartierlein Ungar— und heut bin ich nuͤchterner noch als nuͤchtern, waͤhrend Eure Wohlweisheit ſich guͤtlich thun beim Be⸗ cher— Ja alſo, daß ich ſo ſage.— Es war kaum eine Stunde verfloſſen, da Ihr die Her⸗ berge verlaſſen, und ich lag auf der Bank am Ofen, in tiefen Gedanken, da hoͤrte ich es raſ⸗ — 152— ſeln am Kamin und ſtand auf, und ging drauf zu— Es war aber ein junger Menſch in einen Mantel gehuͤllt, und ich redete ihn an, und da ſagte er, er ſey im Dienſt der Köͤnigin, und ſie ſey droben im Hauſe.— Sehet, aber es thut einem treuen Diener wehe, wenn man ihn ver⸗ luſtig gehn laͤſſet des wohlverdienten Botenloh⸗ nes, ſo wie Ihr gethan, da Ihr mir das Schrei⸗ ben abnahmet, da meinte ich denn, Ihr habet Euch geirrt, und die Frau Bona ſey des Weges gekommen uͤber Iwanowice, nicht uͤber Slom⸗ niki, wie Ihr es geſagt, und ich brachte denn ebenfalls mein Gewerbe bei ihm an.— Was haſt Du gethan, Elender?— ſchrie der Italiener aufſpringend— einem Diener jener Barbara haſt Du vertraut, was fuͤr Ihro Majeſtaͤt beſtimmt war, denn jene Pſeudo⸗Koͤnigin hat uͤbernachtet in Iwanowice, nicht die durchlauchtigſte Bona— Pſeudo?— ja ganz recht— erwiederte Siewrak mit großer Kaͤlte— das hab ich eben erfahren, und darum komme ich zu Euch Herr Doktor, denn einem Mann welcher gebraucht wird gleich mir, in allerlei hochwichtigen Geſchaͤften, iſt es nicht unbekannt, wie oftmals ein klein unſchuldig Ver⸗ ſehen nicht geringen Nachtheil erzeugen kann, fuͤr —, — 153— den Herrendienſt.— Trunkenbold— zuͤrnte Monti— und weißt Du nicht wer es geweſen, gegen den Du geplaudert im Rauſch?— Der Hippolyt iſt's, der juͤngere Boratynski.— Vor wenig Augenblicken hab' ich ihm begegnet und ihn mehr an der Stimme erkannt, als an der Geſtalt, die ich nur unvollkommen wahrgenom⸗ men beim Kaminſeuer— doch eben als er vorbei ging bei mir, ſprach er zu dem alten Littauer, dem Johannes Lacki, ſeinem Ohm, und ich wußte gleich, der ſey der rechte Mann, denn die goͤttliche Gnade hat mich begabt mit einem fei⸗ nen Gehoͤr, zu Nutz und Frommen des Herren⸗ dienſtes.— Wen haſt Du genannt?— fragte Aſſano langſam vorſchreitend, mit dumpfer zit⸗ ternder Stimme— hab'ich recht gehoͤrt, Johan⸗ nes Lacki iſt zu Krakow, der Staroſt von Pinsk? — Nun ja— verſetzte der Schreiber— Johan⸗ nes Lacki nannten ihn die Diener die ich be⸗ fragte, und brauchet Ihr mich darum nicht ſo wunderlich anzuſchanen, ſehr geehrter Herr Fa⸗ mulus.— Da erbleichten die Wangen des Al⸗ ten, er wandte ſich ſchweigend, und den Kopf in die hohle Hand ſtuͤtzend, trat er in ein Fenſter des Gemachs.— Ich hab es fuͤr noͤthig gehalten ſolches anzuzeigen, Herr Doktor— fuhr Waclaw gegen Meiſter Lionardo gewendet fort— ſo es einer geweſen waͤr meines Gleichen, haͤtte ich ihn ſelbſt zur Rede geſtellt, ob ſeiner unzeitigen Neu⸗ gier, da es aber ein Rittersmann iſt und gar keck drein ſchaut, moͤget Ihr ſehen wie Ihr fer⸗ tig werdet mit ihm— Auch weiß er nur ſo viel als ich, und das iſt blutwenig.— Geht nur, geht— ſprach Monti mit ungeduldigem Tone, und dankt es der Eil mit welcher Ihr Eure Un⸗ geſchicklichkeit berichtet, daß ich ſolche Eurem Herrn nicht hinterbringe, der Euch den Lohn nicht vorenthalten haben wuͤrde, fuͤr die Art und Weiſe wie Ihr ihm dienet.— Somit empfehle ich mich der Gunſt Eurer Wohlgelahrtheit— ſprach der Canzleibothe des Großmarſchalls mit einem Seuf⸗ zer, als ſey eine gewichtige Laſt ihm vom Her⸗ zen gefallen— und entferne mich, denn viel hab' ich heut noch zu verrichten, wie Ihr wiſſet, mit den Studenten, alles aber im Herrendienſt.— Was kann ihm auch der Toͤlpel verrathen ha⸗ ben, der ſelbſt nichts weiß— ſprach der Arzt nach einigem Nachdenken— doch muß ich den Vorgang Ihrer Majeſtaͤt berichten, damit ſie ein Auge habe auf den jungen Mann— dann wandte — 155— er ſich und rief Aſſanod!— Meiſter! entgegnete die Grabesſtimme des Alten, und er trat vor⸗ waͤrts, das ſtiere Auge zu Boden geheftet und die Rechte an der Huͤfte herabſinken laſſend, die die Zeit uͤber krampfhaft in ſeiner Narbe gewuͤhlt hatte— Es iſt an der Zeit, geh hinuͤber zu dem Tarnowski, und bringe ihm die Bothſchaft Ihrer Majeſtaͤt, doch gieb Acht auf ſein Geſicht wenn er antwortet, und ſage Beſcheid, ohne zu ſaͤumen.— 8. In einem Gemach des Pallaſtes, welchen man heut zu Tage noch den Chriſtophor benen⸗ net von dem Rieſenbilde des Heiligen, der an ſeinem Eingang ſtand, ging Johannes Amor Tar⸗ nowski Graf zu Tarnow, der Kaſtellan von Kra⸗ kow,*) und Großfeldherr der Krone mit langen Schritten auf und nieder. Gedankenvoll doch *) Kaſtellan von Krakau, die erſte weltliche Senatoren⸗ würde im Reich; die Aemter eines Großfeldherrn von der Krone und des Großfeldherrn von Littauen, wa⸗ ren mit dem eines Connetable von Frankreich zu vergleichen, ſo wie der Großmarſchall mit dem alten Senéchal. — 156— doch nicht finſter, ſchaute er um ſich bald auf die Thuͤr, durch welche ſich eben die Biſchoͤfe von — Krakow und Kujawien entfernt hatten, bald auf einen Tiſch, auf welchem mehrere mit Unterſchrif⸗ b ten verſehene Pergamentrollen lagen.— Ich will V es verſuchen— ſprach er nach einer Pauſe— doch wird es auch fruchten?— wird der feſte heldenmuͤthige Piotr auch ſich verlocken laſſen von der rechten Bahn, wie der fromme Macie⸗ jowski es hofft, in uͤbermaͤßigem Vertraun auf das Anſehn der Kirche, und wie es der umſichti⸗ gere Zebrzydowski zu bezweifeln ſcheint?— Und darf ich es auch ſeyn, der das freie Votum der Ritterſchaft abhaͤngig machen ſollte von den Be⸗ ſchluͤſſen der andern Reichsſtaͤnde, ich, deſſen Amt es iſt, die hergebrachten Rechte des Adels gegen Eingriffe zu ſchuͤtzen, ſo wie es mir obliegt, den Mißbrauch derſelben zu beſchraͤnken?— In dieſem Augenblick trat der dienſtthuende 8 Sdelmann herein; welchen wir unter dem Namen 4 Walenty Bielawski kennen, und ſagte den Sta⸗ roſten von Pinsk an, der ihm auf dem Fuß folgte.—. Willkommen mein alter Freund, redete ihn der Kaſtellan an, indem er ihm die Hand bot— — 152— willkommen in Krakow, Herr Johannes Lacki; ſiehet man Euch auch einmal wieder?— Wie iſt es Euch ergangen in ſo langer Zeit, und beſin⸗ det Ihr Euch ſeit kurzer Zeit in der Hauptſtadt? — Meinet Ihr, entgegnete der Littauer— daß ich alſo uneingedenk ſey meiner Pflicht und der Vergangenheit, daß ich irgend ein Haus eher be⸗ traͤte, als das meines hochgebornen Kaſtellans, aus⸗ genommen die Kirche, falls ſich hier ein Gottes⸗ haus befaͤnde griechiſchen Glaubens.— Geſtern in ſpaͤter Nacht bin ich eingetroffen, nach langer ununterbrochener Winterreiſe, und auch ohne Eure freundliche Einleitung waͤre ich gekommen, Euch um Fortſetzung Eurer Gunſt und Gewogen⸗ heit zu bitten, fuͤr mich und meinen Sohn, ei⸗ nen gar huͤbſchen und wackern Knaben, den ich erzeugt mit Theophanien der Vater⸗Schweſter des Piotr Boratynski, mit welcher ich mich vereh⸗ lichet in Ungarn, wie Ihr wiſſet am Hofe des Janus.— Ihr ſeyd da in eine ehrenwerthe Ver⸗ wandtſchaft g en, Herr von Pinsk— ant⸗ wortete der Graf zu Tarnow, denn ich ſchaͤtze Euren Neffen hoch und achte ihn als einen mei⸗ ner beſten Freunde— Solch Wort in Eurem d gt dem Staroſten von Samborz große = 138— Ehre, auch iſt er ſo uͤbel nicht, und wenn er al⸗ lerlei beſonderes an ſich hat, mag das wohl kom⸗ men von den langen Reiſen die er gethan ins Abendland, nach Hispanien und Rom— Ver⸗ zeihet wuͤrdigſter Herr Großfeldherr, fuhr er fort, als er ein Laͤcheln bemerkte welches Graf Johan⸗ nes nicht zu unterdruͤcken vermochte.— Ich weiß wohl, auch Ihr ſeyd die Welt durchſtrichen vom Aufgang bis zum Niedergang, doch ſeyd Ihr nun ſchon lange zuruͤck ins Vaterland, und da⸗ mals iſt es draußen wohl auch nicht geweſen wie jetzt, da man von nichts hoͤret als Neuerung und allerlei Spitzfuͤndigkeit, wie mir der Pleban erzaͤhlet zu Pinsk mit welchem ich Gemeinſchaft halte, obwohl ich ein Nichtunirter und er ein roͤmiſcher Prieſter.— Glaubt mir mein alter Herr, ſprach der Herr von Krakow drauf, indem er den Gaſt zum Sitzen einlud— Euer Neffe hat aus der Fremde den alten Sinn mitgebracht, und untadliche Sitte zu Nutz und Frommen ſeiner Mitbuͤrger, und beſonderer F ſeiner Ver⸗ wandten und Freunde,— Ja ehrenwerther Verwandtſchaft da ſchlecht der Lacki noch ruͤhmen, o mehr beſtehet in ſeinem altvaͤterl — 159— leider Gottes durch meine Schuld.— Es iſt wahr, entgegnete Tarnowski nach einigem Beginnen, Ihr ſteht ja in Blutsverwandtſchaft mit der er⸗ lauchten Barbara.— Mein Vater, ließ ſich der littauiſche Herr mit einiger Wichtigkeit verneh⸗ men— war leiblich Geſchwiſterkind Frau Theo⸗ doren's Radziwill, der Koͤnigin Großmutter.— So hab' ich wohl der Ankunft dieſer denn die Freude zu verdanken, meinen lang entbehrten Jugendfreund zu begruͤßen.— Ja ſehet, außer der Schuldigkeit einmal nachzuſehen nach dem Befinden des ehrenwerthen Herrn von Krakow, dem ich ſo große Verbindlichkeit habe, meinte ich auch das was ſich begeben, moͤchte erſprießlich ſeyn fuͤr meinen Knaben, den Stanislaw— und ich bin gekommen, ihn der Gunſt zu empfehlen ſei⸗ ner ershautern Muhme, und nebenbei an⸗ zufragen, ob des Koͤnigs und des Großfuͤrſten Gnaden nicht geneigt ſeyen, mir die Stelle eines oberſten Schaffners zu verleihen, auf den Mei⸗ ereien und Schloͤſſern die er durch die Ehepakten— ſeinem Gemahl verliehen im littauiſchen Lande.— S' iſt nicht um meinetwillen, daß ich ſolches be⸗ gehre, denn ich bin bejahrt und habe genug bis an mein Ende, durch des alten Herrn Sieg⸗ — 160— munds Gnade und Eure Vermittlung, es iſt mir um den Sohn, denn immer war es mein Hoffen, daß er ein rechter Mann werden ſoll im Vaterland, und gut machen was der Vater ver⸗ dorben.— So Ihr noch dem alten Johannes guͤnſtig ſeyd, erlauchter Herr Kaſtellan, und woll⸗ tet Eure Vorſprache mir gewaͤhren, wuͤrde es wohl gelingen— Es iſt kein Kronamt, und ein Bluts⸗ freund der allergnaͤdigſten Frau mag doch im⸗ mer naͤher dazu ſeyn, als ein Anderer.— Mein werther Herr Staroſt von Pinsk— entgegnete der Feldherr, mit allen Zeichen der Verlegenheit und Betruͤbniß, des alten Mannes Bitte nicht gewaͤhren zu koͤnnen,— Ihr ahnet nicht, wie ſchmerzlich Ihr Eures guten Freundes Herz verletzt, deſſen erſtes Wort zu Euch nach ſo langer Trennung Ihr wohl auch nicht gerade hin verneinend rma mochtet. — Nein fuͤrwahr ich hatte es nicht erwartet— ſprach Herr Lacki ſich raſch von ſeinem Seſſel erhe⸗ bend, mit dem Ausdruck der Empfindlichkeit— doch ziemt es vielleicht dem langjaͤhrigen Verbann⸗ ten nicht, ſo großes zu bitten— undaſomit ver⸗ zeihet erlauchter Herr, wenn ich allzu viel vertrauet Eurer Gunſt und ehemahligen Genoſſenſchaft.— Eben hatte der alte Herr dieſe Worte geſprochen, — 161— da trat Aſſano in das Zimmer— Sein erſter Blick fiel auf Johannes Lacki— welcher abwaͤrts getreten war— und einen Augenblick hindurch blieb er an ſeinen Platz gefeſſelt ſtehen— darauf ſchien er ſich bald, obwohl muͤhſam zu faſſen, und naͤherte ſich dem Großfeldherrn mit tiefer Verbeugung:— Die Koͤnigin Mutter— begann er— laͤßt Euer Gnaden begruͤßen durch Euren demuͤthigen Knecht, und vermeldet daß der aller⸗ gnaͤdigſte Herr ſich vor wenig Stunden, in ſtar⸗ ker Begleitung, worunter auch Damen, nach dem Schloſſe Lobzow begeben, von wo er erſt in den Nachmittagsſtunden zuruͤck kehrt. Ihr moͤchtet alſo belieben, Pnnden Herr, das Geſpraͤch, zu welchem beiderſeitige Majeſtaͤten Euch eingeladen, bis auf den Abend auszuſetzen, da in den Kam⸗ mern der bder Frau, von welſchen Tonkuͤnſt⸗ lern eine Symphonie aufgefuͤhrt werden wird, bei welcher der Koͤnig zu erſcheinen verſprochen.— Vermeldet der gnaͤdigſten Frau meinen Gruß— antwortete Tarnowski in dem Tone, mit welchem man einen unwillkommenen Boten abfertigt— ich werde Ihro Majeſtaͤt aufwarten.— Hat ſich Euer Patron erholt von der Reiſe?— Ich eile ihm das wirkſamſte Heilmittel zu bringen, ſprach 11 — 162— Aſſano mit der Geſchmeidigkeit des Volkes, zu welchem er ſich zaͤhlte— indem ich ihn unter⸗ richte von Euer Gnaden ſchmeichelhafter Beſorgniß, und nachdem er ſich unterwuͤrſig verbeugt hatte vor dem unmuthig laͤchelnden Feldherrn, warf er ei⸗ nen langen ſonderbaren Blick auf den Littauer, der ſeit den erſten Worten des Geſpraͤchs ihn un⸗ verwandt angeſtarrt hatte, und ſchritt hinaus.— Um Gott— ſprach der Graf von Tarnow— was bewegt Euch ſo ſonderbar, Herr Staroſt von Pinsk, und warum ſehet Ihr dem alten abgehenden Mann ſo ſtarr nach, als Brutus einſt dem naͤchtlichen Gaſt im Zelte bei Philippi?— Dies Wort ſchien den Johannes Lacki noch tiefer zu erſchuͤttern. Mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen ſtand er da, die beiden Faͤuſte auf ſeine Ka⸗ rabella geſtuͤtzt,*) und fuhr dann mit der Hand uͤber die gefurchte Stirn, als wolle er boͤſe Ge⸗ danken abwehren. Da er noch immer ſchwieg, fuhr der Großfeldherr der Krone mit halbem Laͤcheln fort: Es iſt wohl wahr, der alte Aſ⸗ ſano iſt mir nicht ein gar erfreulicher Beſuch, *) Karabella, Cara— bella ein gekrümmter Säbel der Littauer. — 168— und lieber haͤtte ich die Botſchaft der Koͤnigin Mutter aus anderm Munde erhalten, als aus dem ſeinen mit der graͤulichen Narbe, deſſen un⸗ heimliches Grinſen mehr an das denken laͤßt was der verſchweigt, als an das was er ſagt; aber doch mein Herr von Pinsk, begreife ich nicht, wie Ihr bei ſeinem Anblick Euch entſetzen moͤget, als ſehet Ihr eine Schlange vor Euch oder die Mißgeburt von Brankow, welche etwa vor zehn Jahren ſolchen Laͤrm machte.— Ihr habt ein gewichtig Wort geſprochen, erlauchter Herr von Krakow; ſagte darauf Johannes Lacki mit ge⸗ daͤmpfter Stimme, indem er ſich geheimnißvoll dem Ohr des Feldherrn naͤherte— ein gewichti⸗ geres als Ihr ſelbſt glaubt. Der Anblick dieſes Menſchen und ſeiner Narbe— fuhr er fort— weckt laͤngſt vergangene Dinge in meinem Gedaͤcht⸗ niß, und da Ihr wunderbar genug von dem boͤ⸗ ſen Geiſte des Brutus ſprachet, und von der Schlange, ſo trat alles auf einmal wieder ſo hell hervor, als ſey es erſt heute, daß—— Doch verzeihet mir Euer Gnaden, daß ich Euch mit dieſen Dingen belaͤſtige; des Feldherrn Zeit iſt wohl zu koſtbar, um ſie mit den Traͤumen eines alten Verbannten zu vergenden. 11* Mein ſehr werther Herr Lacki— ſprach drauf Johannes Tarnowski in ſehr mildem, doch ern⸗ ſtem Tone— Ihr wiſſet ja wohl, daß ich nicht allein ein Soldat bin, ſondern auch ein koͤnigli⸗ cher Rath, auch wohl hin und wieder ein Hof⸗ mann, und daß mir als ſolchem auch ein wenig Neugier anſteht. Ihr habt etwas wider den Al⸗ ten,— habt ihn wohl fruͤher geſehen?— Ein tiefer Seufzer war die Antwort des littauiſchen Herrn. Ihr moͤget die Bekanntſchaft des Sig⸗ nor Aſſano nicht auf ſehr vortheilhafte Art ge⸗ macht haben; fuhr der Feldherr im leichten Tone fort, doch ohne den Blick von dem Lacki abzu⸗ wenden, nun Ihr findet ihn auch hier nicht in der beſten Geſellſchaft; er und ſein Schutzherr der hochgelahrte Monti, und ſo mancher andere, der mit der durchlauchtigen Bona in das alte Polenland gekommen iſt, ſtraft das welſche Sprich⸗ wort bei Gott nicht Luͤgen: Con arte e con inganno si vive una parte 1— dell' anno Con inganno e con arte si vive l' altera parte.— Einen Italiener nennet Ihr dieſen Alten, erlauchter Herr Kaſtellan? Ihr heißet ihn doch —— — 165 ⸗— Aſſano— nun wohl das iſt ja auch ein welſcher Name, doch als Ihr ihn ausſpracht, trat auf einmal aus truͤber widriger Vergangenheit, der Name Haſſan vor mich.— Ihr ſcherzet wohl Herr Staroſt— ſprach Tarnowski mit einiger Be⸗ fremdung— dieſen chriſtkatholiſchen Neapolita⸗ ner, dieſen Gamaliel des frommen Monti, des Cardinal⸗Legaten Schuͤtzling, und wie ich glaube Actenhefter des Inquiſitionsgerichtes, das dieſer Herr mit einer Hand hier aufrichten will, waͤh⸗ rend er mit der andern den Proteſtanten, den Firley und den Gorka denfuben ſtreicht— den wollet Ihr wohl gar zu einem Muſelmann ma⸗ chen?— Seit langer Zeit, Herr Großfeldherr, ſcherze ich nur ſelten: erwiederte der Littauer mit einigem Unmuth— traͤumen, ja traͤumen mag wohl, doch hab' ich Euch ſchon geſagt, daß ich die koſtbaren Augenblicke eines ſolchen ſcharffin⸗ nigen Herrn nicht mit meinen Traͤumereien verderben will. Darum vergoͤnnt, daß ich mich beurlaube.— Ihr zuͤrnet mir alſo, Johannes Lacki?— ſprach Tarnowski mit freundlichem Ernſt, indem er raſch vortrat, und die Hand faßte, mit welcher der Littauer ſeine Muͤtze ergriffen hatte.— Ihr zuͤrnet mir und wollet mich verlaſ⸗ — 166— ſen?— Was der erſte der weltlichen Senatoren dem Blutsfreund Frau Barbaren's jetzt nicht zu⸗ ſagen kann, das mag dem alten Freunde Johan⸗ nes von Tarnow zu ſeiner Zeit doch wohl gewaͤh⸗ ren— Sieht man es doch— fuͤgte er ſcherzend hinzu— daß Ihr ein Littauer ſeyd, und einer der geheimnißvollſten daneben. Kaum ſeht Ihr Euch im Vortheil, ſo zieht Ihr Euch in Euch ſelbſt zuruͤck, und es thaͤte noth, ich beſtaͤnde morgen im Staatsrath, einen Strauß mit dem Primas und dem Petrus Kmita, und es kaͤme vor der Zeit zu dem, wozu es denn doch wohl einmal kom⸗ men muß zwiſchen dem Sohn und der Mutter, und ich machte Euch zum Schaffner noch nicht ertheilter Guͤtern nur damit ich Eure Lippen ent⸗ ſiegelte und etwas erfuͤhre von Aſſano⸗Haſſan. Ja freilich, wenn Ihr ſo theuer ſeyd mit Euren Erzaͤhlungen Herr Johannes, ſo moͤgen wir nicht Handels eins werden. Nur kurze Zeit ſeyd Ihr hier, doch werdet Ihr wohl errathen koͤnnen, daß, ehe der Schaffner gemacht wird, die Koͤnigin erſt fertig ſeyn muß. So weit iſt es aber noch nicht; hier koͤnnen wir nur Barbaren Nadziwill— daß es einſt ſo weit kommen ſoll— ſetzte der Held mit unverſtellter Ruͤhrung hinzu— dafuͤr laßt — 162— Gott, den heiligen Stanislaw und den Johannes von Tarnow ſorgen.— Nun, und iſt es erſt da⸗ hin, da werdet Ihr auch den Johannes von Tar⸗ now wieder finden, der Euch zu Brieſe Litewski die Bettſtatt aufſchlug.— Die anfaͤnglich ſtarr zuruͤck gezogene Hand des Littauers, hatte ſich nach den erſten Worten dieſer Rede allmaͤhlich dem Druck des Feldherrn hingegeben, zuletzt aber hatte ſie ihn erwiedert. Als der Kaſtellan von Krakow geendigt hatte, ſprach der alte Staroſt: Um Gott erlauchter Herr, verzeihet mir den Trotz, der mich auf einen Augenblick vergeſſen ließ mit wem ich ſprach. Ja Ihr habt recht, der Herr⸗ gott und Herr Johannes von Tarnow ſind zwei, auf die man ſich in allerlei Noͤthen wohl verlaſ⸗ ſen kann, und die dem alten Verwieſenen ganz gut bekannt ſind.— Moͤchte ich Euch gleich jetzt mit etwas andern dienen koͤnnen, als mit dem leidigen Berichte deß was ich von dem alten Hoͤllenbrande weiß, deſſen ſpukhafte Geſtalt mir eben wieder begegnete. Und es iſt auch wieder ſo wenig nicht, das wird manche kaum ver⸗ harrſchte Wunde aufreißen, doch Gott weiß am beßten wozu es vielleicht gut iſt, denn wo dies unthier herum ſchleicht, mag man wohl um ſich 168— ſchauen.— Glaublich genug— erwiederte der Großfeldherr— und ich geſtehe Euch, daß es wohl mehr als Neugierde ſeyn mag, die mich Euch bitten laͤßt dies Opfer zu bringen; doch da es ein Opfer iſt, ſetzte er hinzu, indem er ſich des ſilbernen Pfeifchens bediente, welches damals die Stelle der Klingel vertrat, ſo muͤſſen auch die Libationen nicht fehlen. Gefaͤllt es Euch, Herr von Pinsk, und Ihr habt Euch die Zunge nicht verdorben durch den Meth in Littauen, ſo will ich Euch die Bekanntſchaft machen eines Ungar⸗Weins, der wohl aͤcht ſeyn muß, da er zu den Gaben gehoͤrt, die die Majeſtaͤt des wei⸗ land tuͤrkiſchen Koͤnigs von Ungarn, des armen Janus Zapolski“) ſeinem Wirth zu Tarnow ver⸗ ehret hat. ——— *) Johannes von Zapolya(Zapolski) Wojewode von Siebenbürgen, und Graf zu Spiz(Zips) ward 1326, nach dem Tode Ludwigs Jagiello, der in der Schlacht gegen die Türken bei Mohacz blieb, von den Ungarn zum König erwählet, 1527 aber von Ferdinand von Oeſtreich dem römiſchen König, Gemahl Annens, der Schweſter Ludwigs verjagt, und brachte zwei Jahre zu Tarnow zu, wo ihn Johannes Tarnowski in königlicher Pracht unterhielt. Er ward 1530 vom Solymann wieder eingeſetzt, und ſtarb nach einer höchſt unglücklichen Regierung, unter der Botmäßig⸗ — 169— 9 Der Mundſchenk des Grafen zu Tarnow er⸗ ſchien im Gefolge zweier Edelknaben; von wel⸗ chen der Eine eine große Credenzplatte trug, auf welcher zwei maͤchtige Kruͤge glaͤnzten von getrie⸗ bener Silberarbeit, gefuͤllt mit dem edeln Ungar⸗ Wein; der andere hielt eine gleiche Platte, welche mit zweien goldnen Bechern, einer Schaale von 5 demſelben Metall mit geſchnittenem Rettig, und einer andern mit Mandelkernen beſetzt war. Der 8 keit der Türken zu Ofen, im Jahr 1540 nachdem er ein Jahr früher ſich mit Iſabellen, der Schweſter Siegmund Auguſts vermählt hatte. Siegmund Auguſtus erſte Gemahlin war Eliſabeth von Oeſtreich, Tochter Kaiſer Ferdinands damals römiſchen Königs, und Königs von Ungarn und Böh⸗ men; als ſie am 26ten Junius 1645 zu Wilno ge⸗ ſtorben war, wo der junge König reſidirte dem ſein Vater die Regierung Littauens übergeben hatte, ver⸗ mählte er ſich daſelbſt heimlich mit Barbaren Radzi⸗ will, Tochter des Georgs Mikolajewicz Fürſtens Rad⸗ ziwill Wojewodens von Wilno und littauiſchen Groß⸗ feldherrns, und Wittwe des Gaſtold, Wojewoden von d Troki. Die Wojewoden bildeten die erſte Klaſſe der nicht geiſtlichen Senatoren, die Kaſtellane die zweite, den von Krakau ausgenommen, der den erſten Rang unter allen einnahm. Wojewode iſt mit dem alt⸗ deutſchen Herzoge— in der austraſiſchen Monarchie zu vergleichen, Kaſtellan mit dem Pfalzgrafen. — 10— Schenk umarmte die Fuͤße ſeines Herrn, goß dann einige Tropfen des Weins in einen der Becher und koſtete; drauf, nachdem er das Trinkgeſchirr mit einem weißen Leintuch ausgetrocknet, warf er ſich abermals zu den Fuͤßen des Kaſtellans von Krakau nieder, und verließ ſodann das Gemach mit ſeinen Begleitern.„ Erſt zu Euch, mein hochgeborner Herr von Pinsk,“ ſprach der von Tarnow,„auf das Wohl Eurer durchlauchtigſten Muhme, und aller Herren und Ritterſchaft des verehrlichen Grofuͤrſtenthums Littauen!”"„Ich nehme es an, mein erlauchter Kaſtellan und Groß⸗ feldherr,“ erwiederte Johannes Lacki, im Tone der Courtoiſie damaliger Zeit;„ und trinke auf das Wohl des jungen Auguſtus, des Salomo un⸗ ſers David, und des ehrwuͤrdigen Senats, der Herren und der Ritterſchaft, der allerdurchlauch⸗ tigſten Krone Polen.“ Roͤchten beide Geſund⸗ heiten bald in einer getrunken werden,“ erwie⸗ derte Tarnowski, Beſcheid thuend;„und beide Nationen im genauen Verein recht kraͤftig wider⸗ ſtehen dem begehrlichen Moskowiter, dem unzu⸗ verlaͤſſigen Herzog in Preußen, der Treu ſo leicht mit Untreu vertauſcht, als den Meiſtermantel mit dem Purpur, dem meineidigen Biti⸗Gherai, — 121— dem raͤnkeſuͤchtigen Peter von der Wallachei, und allen aͤußern, und leider auch den innerli⸗ chen Feinden! Iſt das nicht auch ESuer Wunſch, Herr von Pinsk?“„Schaut mich nur nicht ſo bedeutend an,“ entgegnete der Littauer etwas gereizt;„es iſt wohl wahr, daß ich Euch vor ein Jahr zwanzig, nicht ſo recht auf Euere Frage haͤtte antworten koͤnnen, aber mit Eurem Ver⸗ laub; ſo gut wie es das Sprichwort von Polen ſagt, wird auch der Littauer nach dem Schaden klug; und alle Moskowitiſche Raͤnke, ſo ehemals den Kaſtellanic*) von Kijow bethoͤrten, ſollen wohl jetzt den Staroſten von Pinsk nicht irre machen. Vereint oder nicht vereint, werfen wir wohl den Moskowiter, den preußiſchen Vetter, den Tartar Chan und die Wallachen aus dem Lande, wenn ſie zuweit hinein gucken. Das habt Ihr ſelbſt ja ſchon vielmal bewieſen, Herr Groß⸗ feldherr der Krone, und unſer Littauiſcher, der Konſtantin, der Fuͤrſt auf Oſtrog auch, uͤber deſ⸗ ſen Seele der Herr leuchten moͤge. Was aber die Vereinigung betrifft, die Union naͤmlich, ſo uͤberlaß ich das andern, und wenn man mich *) Kaſtellanic,(Kasztelanic) Sohn eines Kaſtellans. 4 — 122— fragen ſollte, ſagte ich wohl vielleicht Nein; denn Ihr Herren der Krone ſeyd uns ein wenig zu fein, und ſehet uns Littauer in Eurer Weisheit wohl gar fuͤr etwas wild an, und halbes Hei⸗ denvolk.—„Wahrlich Herr Lacki,“ erwiederte Tarnowski laͤchelnd,„Ihr ſyrecht nicht ſehr er⸗ baulich, fuͤr einen Vetter der Gemahlin des Koͤ⸗ nigs von Polen.“ „Die Koͤnigin Barbara iſt auch Großfuͤrſtin von Littauen,“ ſagte Johannes Lacki;„doch habt Ihr nicht unrecht, mir wenigſtens wird die belobte Union nicht viel ſchaden; ob vielleicht nicht einſt meinen Kindern und Enkeln, das ſtehet in Gottes Hand. Doch Euere Reden von den Moskowitern und innerlichen Feinden, ha⸗ ben mir wieder den ſogenannten Neapolitaner in den Sinn gefuͤhrt; des Koͤniges von Ungarn Wein hat mich ſo recht ins Reden gebracht, und ſo es Euch gefaͤllt, will ich Euch ſagen, was ich weiß von dem Haſſan oder Aſſano.“„ Ich bin begierig Euch zu hoͤren,“ gegenredete der Herr von Krakau;„nur bitte ich, ſehr wuͤrdiger Herr Lacki, des Bechers nicht zu ſchonen, wenn Euch aͤber dem Erzaͤhlen der Mund trocken werden ſollte.“ Eine Weile lang, hielt der Staroſt von — 123— Pinsk die Haͤnde gefaltet vor ſich auf den Knien, und ſchauete gedankenvoll auf den Boden; dann begann er wie folget: 0 Ihr erinnert Euch, mein Herr von Tar⸗ now, daß wir uns in Euerer Knabenzeit am Hof unſers ruhmwuͤrdigen Großfeldherrn von Littauen, des Kniaz Konſtantin zu Oſtrog, ſpaͤter Woje⸗ woden von Troki gekannt haben; und ob ich gleich mehrere Jahre aͤlter war als Ihr, uns zu⸗ ſammen in den Uebungen ritterlicher Jugend tuͤchtig herum tummelten, mit ſeinem Neffen, dem herrlichen Roman Oſtrogski, der nun ſchon lange auf dem Platz geblieben iſt. Als aber Fuͤrſt Konſtantin bei Wiedroſa gefangen worden von den Moskowitern, und Euer erlauchter Vater der Amor, welcher Kaſtellan war von Krakow wie Ihr, ſchon geſtorben, befahl Eure Frau Mutter, des ſchwarzen Zawiſta glorwuͤrdigen Andenkens Tochter, als auch ſie ſich niederlegte um zu ſter⸗ ben, Euern Vormuͤndern, Euch zu ſchicken zu dem Biſchof von Przemysl, Matthias Drzewicki, und dann Euch reiſen zu laſſen durch die Welt. *) Die folgende Epiſode iſt ſowohl in Rückſicht auf die handelnden Perſonen als die erwähnten Begeben⸗ heiten rein geſchichtlich. — 121— So verließet Ihr denn Oſtrog, und zoget drauf von Krakow weit fort nach Syrien, und in das heilige Land als Reiſender; darauf mit dem por⸗ tugieſiſchen Emanuel gen Mauritanien gegen die Feinde der Chriſtenheit: endlich aber nach Spa⸗ nien, Italien, Frankreich, den Niederlanden und dem deutſchen Reich. Ich aber kehrte zuruͤck nach Kijow, und ſpaͤter ſendete mich mein in Gott ruhender Vater, der Kaſtellan war daſelbſt, nach Wilna an den Hof. „Wohl, mein erlauchter Feldherr, habe ich dort von Euch viel ruͤhmliches vernommen, und was der Schule wuͤrdig war, in der Ihr erzogen worden, an Ritterthat und ungemeiner Wiſſen⸗ ſchaft, und von des heiligen Vaters Lev X. und Karls, des Koͤnigs in Spanien Zuneigung zu Euch; und wie Ihr ſpaͤter bei Orſza in ſpani⸗ ſchem Ritterſchmuck, die Moskowiter zum Zwei⸗ kampf fordertet, das habe ich leider von ihnen ſelbſt vernommen zur Zeit— Doch davon laſſet mich ſchweigen— und wie der erlauchte Krieges⸗ peld von Oſtrog, Euren uͤberkuhnen Jugendmuth ſtrafte, ſprechend; es ſey dies kein Luſita⸗ niſches Heer, und der polniſche Kriegs⸗ brauch nicht gleich dem der Portugie⸗ — 125— ſen; auch ſeyen die Moskowiter keine Mauren; Und Ihr drauf erwiedert: Nicht irgend jemandes von meiner Schaar, ſondern nur mein Leben habe ich ge⸗ faͤhrdet, und das duldet des Kieges Sitte wohl in allen Laͤndern.“ Und wie Ihr nachher in Wuͤrde und Ehre immer hoͤher geſtiegen ſeyd, bis zum vornehmſten Kronamt; das alles habe ich wohl und mit Freu⸗ den vernommen;— doch mich, mein theurer Graf zu Tarnow, hat das Schickſal nicht gelei⸗ tet auf ſo ebener Bahn. Mag ich in vielem wohl daran Schuld ſeyn, doch meinte ich Recht zu thun; die Macht des Boͤſen iſt groß auf Erden, und nicht immer mag man den geraden Weg er⸗ kennen.— Ich kam alſo nach Wilna, als Alex⸗ ander Jagiello noch Koͤnig in Polen war, und unſer Großfuͤrſt; es werden nun bald zwei und vierzig Jahr ſeyn. Ob Ihr gleich damals in der Fremde waret, ſo iſt doch wohl manches, und nicht eben loͤbliches, vom Hofhalt Koͤnig Alex⸗ anders, Euch zu Ohren gekommen. Der Feſte, und vornehmlich des Banketirens gab es da viel, was noch von den Zeiten Johann Albrechts her Sitte war. Nun, Herr Großfeldherr, ich war — 176— jung, und der ſtrengen Zucht im Hauſe des Kon⸗ ſtantin von Oſtrog uͤberdruͤſſig. Ich tummelte mich wacker, und bald war der Name des Ka— ſtellanie von Kijow in die ehrenwerthe Liſte der wuͤſten Hofjugend eingetragen. Eines Morgens, als ich von einem Gelage kam, welches die ganze Nacht gewaͤhrt, begeg⸗ nete mir im Schloſſe Johannes Zabrzezinski, der Wojewode von Troki und Großmarſchall von Lit⸗ tauen, welcher in allem Pomp ſeiner Wuͤrde, mit einem zahlreichen Gefolge von Edelleuten, die große Treppe herauf ſtieg. Ihr erinnert Euch wohl, noch der alten hoͤlzernen Burg zu Wilno, mein Herr und Goͤnner, die jetzt eingeaͤſchert iſt, und des alten Standbilds des Witold, das auf dem ſchmalen Abſatze ſteht, der den Gang zu den Gemaͤchern der Edelleute trennte vom Saale der Senatoren. Seht, da begegnete ich dem Großmarſchall. Ich ſah ihn nicht— doch wuͤr⸗ diger Herr, ich will der Wahrheit Ehre geben, in einer Sache die ſo hochwichtige Folgen hatte fuͤr mich; ich ſah ihn wohl, aber der Kopf war mir wuͤſt vom Trinken, und dann—— ja, laſ⸗ ſet mich es Euch geſtehen, dann kochte mir im Herzen ein heimlicher Groll gegen den Wojewoden, — 1 wegen einer Sache, die— ja, die— trotz mei⸗ nes grauen Haares, und vierzig verfloſſener Jahre, mir noch manchmal wehe thut;— nun, ſpaͤter⸗ hin kommme ich wohl darauf zuruͤck.— Ich ging alſo an ihm vorbei kecken Schrittes, mitten durch das Geleit ſeiner Edelleute, ſo nah bei ihm, daß ich ihn, glaub' ich, geſtreift haben mag, und ohne ihm die Reverenz zu beweiſen, die ich dem bejahrten Mann und dem vornehmen Beamten, wohl eigentlich ſchuldig ſeyn mochte.— Da blieb der Herr von Zabhrzegi ſtehen, wandte ſich nach mir um, und rief mit hartem und ſpoͤttiſchem Tone:„Ei, ſieh' da, mein junges Herrlein von Kijow; iſt das die Zucht und Ehrbarkeit, die Ihr zu Oſtrog gelernet, und kennet Ihr ſo die Achtung, die Ihr ſchuldig ſeyd dem Großmar⸗ ſchall? Ich rathe Euch, gehet noch einmal in die Schule, und bleibet allda, bis daß Ihr wiſſet, was Eure Pflicht.“— Sehet, Herr Graf zu Tarnow, es war zwar ein ſchon alter Mann, der ſo mit mir ſprach, und ein großer Herr— aber der Wein und der Groll machten mich blind; ich zog den Saͤbel und— ich weiß nicht was ge⸗ ſchehen waͤre, haͤtte mich das Gefolge des Jo⸗ hannes Zabrzezinski nicht ſchnell umringt, ent⸗ 12 — 128— waffnet und nach dem Gefängniß der koͤniglichen Palaͤſtra⸗-) gefuͤhrt. Hinter mir drein hoͤrte ich ein großes Getoͤſe ſchallen, in welchem ich die Worte— gebrochener Burgfrieden— Angriff auf den Großmarſchall— abgehauene Hand— und dergleichen nicht erfreuliches mehr vernahm. Eine ziemliche Weile ſaß ich im Gefaͤngniß, mich ſelbſt, den Wojewoden von Troki, und auch mitunter Annen Waſilewnen verwuͤnſchend; denn dieſe Anna Waſilewna, mein ſehr werther Herr und Goͤnner, war die Urſach meines Ingrimms gegen den Herrn von Zabrzegi, und alſo auch meines heutigen Vergehens. Alſo ſaß ich da, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, und in allerlei mißmuthige Gedanken verloren, ohne zu bemer⸗ ken, daß ich einen Geſellſchafter hatte. Und wohl mochte ich recht vertieft ſeyn, daß ich ihn nicht gewahrte, denn er hatte ſeit meinem Ein⸗ tritte nichts gethan, als im Gemach herum lau⸗ fen, in fremder Sprache in ſich hinein fingen, „) Paläſtra, Bildungsanſtalt für den jungen Adel am Hof des Königes und auch der Großen, welche da⸗ mals gleich den deutſchen Rittern ihre Knappen, ſtets mehrere Jünglinge in ihren Dienſten hatten⸗ oft aus eben ſo edlen, und noch mächtigern Ge⸗ ſchlechtern als ſie ſelbſt. und von Zeit zu Zeit mit verſchraͤnkten Armen vor mich hintreten. Als ich die Augen erhob, um meinen Genoſſen mir zu beſchauen, begann er in zierlich geſetzten, aber etwas abſonderlichen Worten; denn er ſprach nicht richtig polniſch und littauiſch, mich mit vieler Theilnahme um die Urſache meiner Erſcheinung an dieſem unangeneh⸗ men Ort zu befragen. Er war mir nicht ganz unbekannt, ich hatte ihn oͤfters an Hoffeſten und auch wohl bei Gelagen des jungen Adels geſehen, und wußte, er heiße Schleinitz und ſey ein meiß⸗ niſcher Edelmann, jetzt aber im Gefolge des Hof⸗ marſchalls von Littauen. Es iſt wohl richtig, daß es niemand anders war, als dieſer Herr von Schleinitz, deſſen Erſcheinung zur boͤſen Stunde mich von der guten Bahn abzog, und gleich ei⸗ nem taͤuſchenden Irrlicht mich auf den rauhen Weg gefuͤhret hat, auf dem ich gewandelt bin ſo manches Jahr; Doch Friede ſey mit ſeiner Aſche. Wird gleich ſein Name genannt bei großem Un⸗ heile und Verbrechen, ſo war doch wohl ſein Wille nicht boͤſe, und auch ſeine Meinung mit mir war es nicht; vielmehr glichen wir beide, wie es mir der Pleban zu Pinsk oftmals erklaͤrt hat, den Planeten, die ſich in den regelloſen 12* — 180— Lauf eines Irrſterns mit fortreißen laſſen; nur mit dem unterſchied, daß er, der Ungluͤckliche mit unterging; waͤhrend ich, durch Gottes und Euere Huͤlfe, erlauchter Herr von Tarnow, zwar ſpaͤt erſt, doch endlich zur wahren Jagielloniſchen Sonne von Polen und Littauen zuruͤck gekehrt bin, und meine Gebeine in der vaterlaͤndiſchen Erde ruhen werden; da die Seinen ſchon laͤngſt bleichen auf der Schaͤdelſtaͤtte zu Moskau. „Hier,“ fuhr der Staroſt von Pinsk nach einer Pauſe fort, indem er den geleerten Pokal kraͤftig auf den Tiſch ſtieß;„hier, mein verehrter Herr von Krakow, beginnen die alten Wunden zu bluten, die der Anblick jenes grauen Unge⸗ heuers aufgeritzt hat.“—„Vergoͤnnet Euch einen Augenblick Erholung, mein Herr und Freund,“ entgegnete Johannes Tarnowski, in⸗ dem er die Becher wieder fuͤllte;„es iſt nicht zu bewundern, daß Euch die Erinnerung an jene boͤſe Zeit maͤchtig ergreift; und wohl habt Ihr, wenn auch nicht mich, doch Euer gutes Geſchick ſehr zu loben, das Euch dem Unheil entzog, wel⸗ ches jenen Schleinitz und ſo viele andere mit ihm betroffen hat.“ „Gemeinſame Haft macht bald vertraut,“ — 181— ſo fuhr Herr Lacki in ſeiner Erzaͤhlung fort; „und ſo kam es denn auch, daß ich mein Hertz vor dem Sachſen bald ausſchuͤttete, und ihm ſo⸗ gar die Urſache meines Unmuths gegen den Groß⸗ marſchall nicht verſchwieg. Er billigte mich hoͤch⸗ lich, ſchalt auf den Herrn von Zabrzegi, und meinte, man werde ja wohl Mittel finden, den Hochmuth des Alten ein wenig zu daͤmpfen. Ich ſolle nur unbeſorgt ſeyn; morgenden Tages werde er aus dem Gefaͤngniß entlaſſen, in das er nur durch einen unbedeutenden Jugendſtreich gerathen war, und dann werde ich bald von ihm hoͤren. Mit dem Handabhauen ginge es ſo ſchnell nicht; der Wojewode von Troki ſey zwar ziemlich hoch⸗ trabend, und auch ein gewaltiger Magnat, der vielen Anhang habe unter den Herren und der Nitterſchaft; aber der Koͤnig ſey ihm nicht gruͤn, und es werden ſich ſchon Leute finden, deren Fuͤrwort ſo viel gelte, als die Anklage des Mar⸗ ſchalls. 3 Er hielt Wort; kaum waren am andern Tage drei Stunden ſeit ſeiner Entlaſſung verſtrichen, als meine beiden Vettern, Georg Mikolajewich Rad⸗ ziwill, der Vater unſerer jungen Koͤnigin, und Johannes Mikolajewicz Radziwill, der nachmalige — 182— Staroſt von Zmudz(Samogitien,) beide ruhm⸗ wuͤrdigen Andenkens, zu mir in das Gemach traten mir des Koͤnigs Begnadigung ankuͤndi⸗ gend, und die Freiheit, fuͤr welche ich ins be⸗ ſondere dem Hofmarſchall Fuͤrſten Michael Glinski zu danken habe. Ich warf mich ſchnell in an⸗ dere Kleider, und begab mich in die Wohnung dieſes Herrn im Pallaſt.— Ich weiß nicht, Herr Graf zu Tarnow, ob Ihr ihn je geſehen habt? Bei Gott, es war ein wuͤrdig Bild! noch hat⸗ ten Schmach und ungluͤck ſein Antlitz nicht ent⸗ ſtellt. Sein Auge, es war das Auge des Feld⸗ herrn— wer haͤtte glauben ſollen, daß einſt die Hand des Schergen es mit ewiger Nacht bede⸗ cken werde?— Aus ſeinem Munde ging die Rede des Weiſen— ſpaͤter, ja ſpaͤter ſollte dieſer Mund von Schmerz und Wuth verzogen, in oͤden Ker⸗ kerwaͤnden Verwuͤnſchungen uͤber das Schickſal, ja was noch ſchlimmer war, die grimmige Selbſt⸗ anklage fort und fort ausſtoßen, bis ihn der mit⸗ leidige Tod verſtummen machte. Wohl hatte er noch vom Trotz des Littauers an ſich, und von dem hochfahrenden Weſen des Magnaten, doch war ſeine Sitte gemildert, durch das lange Um⸗ herziehen im Ausland, durch den vieljaͤhrigen Aufenthalt bei dem Koͤnig von Ungarn und Boͤh⸗ men, am Hofe des roͤmiſchen Kaiſers des Maxi⸗ milian und in ſeinen Feldlaͤgern; mir wenig⸗ ſtens erſchien ſein etwas gebieteriſches Thun nur als ein geziemend Bewußtſein der Wuͤrde und Macht. Nicht alle dachten ſo von ihm; wohl mancher littauiſche Herr, der an ſeiner Stelle vielleicht nicht beſſer geweſen waͤre, ſah an dem Fuͤrſten Glinski nichts als die Verwogenheit des königlichen Guͤnſtlings, und den Hochmuth, der vor dem nahen Falle kommt. Ich aber, wie ſo viele junge vom Adel, erblickte in ihm nur den ritterlichen Helden, und das Muſter eines Edel⸗ mannes. Gemahnt es mich doch faſt,4 unterbrach der Kaſtellan von Krakow den Herrn Johannes Lacki, „als machtet Ihr mir die Schilderung Karls von Bourbon, des Connetable von Frankreich, der in ſo vieler Art Herrn Michaels Gegenſtuͤck iſt, und den ich oft und an manchen Orten, auf meinen Zuͤgen geſehen habe. Auch er war eine Zierde der Ritterſchaft, auch ſein Antlitz und Weſen war das eines Helden, aber in den Her⸗ zen beider wohnte der Feind. Wohl haͤtte ich dem Michael Glinski einen ehrlichen Rittertod gegoͤnnet, wie ihn der Connetable vor den Mau⸗ ern von Nom gefunden, doch thut der Welt manchmal ein Beiſpiel noth, wie Untreu ihren eigenen Herrn ſchlaͤgt. Ich fuͤr mein Theil halte es mit dem Herrn Bayard, dem Ritter ohne Furcht und Tadel, und will ich verhoffen, daß auch in unſerm Polenland und in Euerm Lit⸗ tauen noch ſo manche ſeyn moͤgen, die ihm glei⸗ chen und dem ſchwarzen Zawiſza, meinem muͤt⸗ terlichen Großvater, uͤber den des Herrn Herr⸗ lichkeit leuchten moͤge.“—„Solchen brauchen wir wohl nicht weit zu ſuchen, Herr Krongroß⸗ feldherr,“ erwiederte der Staroſt mit verbind⸗ lichem Tone;„und der Connetable der Krone Polen hat lieber dem Bayard gleichen wollen und dem Zawiſza, als dem Kniazen Glinski und dem Karl von Bourbon.“—„Laſſet es gut ſeyn, Herr von Pinsk,“, ſprach Tarnowski mit halbem Laͤcheln;„der Hochmuthsteufel iſt maͤchtig auf Erden, und zu manchem iſt er wohl getreten, in der Verſammlung des Raths, in heißer Feld⸗ ſchlacht und im einſamen Gemach, dem man das gar nicht anſiehet.— Fahret lieber fort, mein werther Herr und Freund, in Euerer Erzaͤhlung, die uns nun wohl — 185— bald auf die Wunderdinge fuͤhren wird, welche Ihr von unſerm alten Neapolitaner wiſſen wollt. 10. „Zu damaliger Zeit,“ begann Herr Lacki von neuem,„draͤngte ſich alles zum Fuͤrſten Michael Lwowicz Glinski. Koͤnig Alexander, ſchon zwei⸗ mal vom Schlage getroffen, lag ſeit ſeiner Zu⸗ ruͤckkunft von Krakow todkrank in ſeinem Zim⸗ mer, zu welchem außer dem Dienſt niemand Zu⸗ tritt hatte, als ſein Liebling Herr Michael.“ „Als ich in die Gemaͤcher trat, die der Hof⸗ marſchall in der Burg bewohnte, und die an reichem Schmuck denen des Koͤnigs ſelbſt nichts nachgaben, fand ich den Kniaz, umgeben von vielen Herren und Rittern, welche im Kreis um⸗ her ſtanden, und ſeines Winks oder ſeiner Anrede gewaͤrtig ſchienen. Haͤtte ich ſchon damals den ſcharfen Blick gehabt, den die Erfahrung giebt, ſo wuͤrde ich wohl auf den Geſichtern der Meiſten, das Zucken des gedemuͤthigten Stolzes haben le⸗ ſen koͤnnen, und den muͤhſam verhehlten Haß, aber ich ſah nichts als Herrn Michael, Mit gleichguͤltiger Wuͤrde ſtand er da, ſeine Worte — 186— ſparſam jedem zumeſſend, der ſich ihm naͤherte, und in den Zwiſchenraͤumen ſich halblaut unter⸗ haltend mit einem kleinen Mann, den ich nach ſeinen ſtechenden Augen und ſpitzigem Kinn, fuͤr einen Juden angeſehen haben wuͤrde, wenn nicht ſein buntſcheckiger und reicher Talar und ſein Guͤrtel, auf welchem allerlei wunderliche Figuren geſtickt waren, mir den Griechen bezeichnet haͤtte. Es war dies der weltberuͤhmte und hochweiſe Hermipus Theophilaktus Laskaris, die Blume von Theſſalien, der erlauchte Sproͤßling der Kai⸗ ſer von Konſtantinopel und Trapezunt; mit ei⸗ nem Wort, der juͤngſt verſchriebene Wunderdok⸗ tor und koͤnigliche Leibarzt. „Ach!“ unterbrach ihn der Feldherr,„das iſt wohl gar der weiſe Meiſter von Balin, der Alchymiſt, der erſt in Mazowien ſeine Teufels⸗ kuͤnſte trieb und ſpaͤter hier zu Krakau das uͤber⸗ fluͤſſige Geld der guten Buͤrger durch den Rauch⸗ fang jagte, bis der alte Severin Bethmann, der verdiente Buͤrgermeiſter ihm das Handwerk legte, und ihn in die Gefaͤngniſſe der Kaſtellanei ablieferte, wo er ſo manches Jahr geſeſſen. Doch iſt er mit einmal abhanden gekommen; vielleicht — 187— mit Huͤlfe ſeines Herrn und Meiſters, dem er immer gedienet.“ „Es war derſelbe, verehrter Graf von Tar⸗ now, welcher im Augenblick meines Eintritts mit dem Hofmarſchall ſich unterredete. Nicht weit davon ſtand der Sachſe Schleinitz mit meh⸗ reren Edelleuten des Fuͤrſten, und hinter ihm glotzten, unter einem gruͤnen Turban hervor, mich die gluͤhenden Augen an, deren Blick ich nie ver⸗ geſſen werde; dieſelben Augen, die ſich heute wie⸗ der ſo ſtarr auf mich hefteten; es waren die Zuͤge des Haſſan, welche ich damals zum erſtenmal er⸗ blickte, und denen ich eben jetzt nach vierzig Jah⸗ ren, in den Gemaͤchern des Chriſtophor wieder begegnete auf dem Geſicht des Neapolitaners Aſſano. „Um Gott,“ rief der Kaſtellan von Kra⸗ kow,„um Gott, Eure Erzaͤhlung wird wichtiger, als ich es meinte. Doch verzeihet meine Unter⸗ brechung; und ſo es Euch beliebt, fahret fort.““ —„In der Folge,“ ſprach Johannes Lacki, werfuhr ich, es ſey ein unglaͤubiger Tuͤrk, der mit dem fahrenden Meiſter Laskaris an den Hof gekommen, und nun in dem Dienſt des Fuͤrſten Michael Glinski getreten ſey."(—„Einen Au⸗ — 1388— genblick nur, mit Vergunſt,“¹ ließ ſich der Graf von Tarnow vernehmen,„es iſt etwas in Euerer Rede, das der Ueberlegung wohl werth ſcheint. Ihr glaubt alſo gewiß zu ſeyn, daß jener Haſ⸗ ſan und dieſer Aſſano einer und derſelbe ſeyen? obgleich vierzig Jahre wohl die Geſtalt eines Mannes zu veraͤndern vermoͤgen.“ „Die Augen, die ich heute ſahe, ſind Haſ⸗ ſans Augen,“ entgegnete Lacki eifrig,„und die Narbe, die dieſen Mund entſtellt, iſt ihm geblie⸗ ben von einer Wunde, die jener empfing in dem Augenblick, als er eine That beging, die den Fuͤrſten Glinski und ſeine Freunde auf ewig, und mich auf lange, ſehr lange Zeit ausſtieß aus den Reihen des Littauiſchen Adels. Glaubet es mir ſchon, Herr Großfeldherr der Krone, dieſer vermeinte Neapolitaner iſt kein anderer, als der Tuͤrk Haſſan; ſo wahr mir Gott helfe und die heiligen Graͤber zu Kijow!”“„So?“ erwiederte Tarnowski ſinnend und mit geſenkten Augen. „Haſſan, im Gefolge des Peter Balinski, und Aſſano, der Schuͤtzling des welſchen Monti?— das iſt abſonderlich— Nun, Gott lenke alles zum beßten,— und der heilige Stanislaw nehme das erlauchte Haupt in Schutz!“ — 189— „Welches Haupt?“ fragte Lacki aufmerk⸗ ſam.—„Fraget nicht, mein theurer Herr Sta⸗ roſt; moͤge Euer Bericht zur guten Stunde er⸗ folgt ſeyn, fahret, bitte ſehr, fahret fort in demſelben.“ „Als ich vor dem Hofmarſchall von Littauen erſchien, trat er einige Schritte laͤchelnd vor, und ſagte mit ſcherzendem Tone: Siehe da den jun⸗ gen Herrn von Kijow; ich wuͤnſche Euch Gluͤck, daß Ihr dem Kaͤſig ſo bald entkommen und freue mich ſehr, Euch des Koͤnigs Begnadigung ankuͤndigen zu koͤnnen. Euer Herr Vater iſt mein Freund, ſo bin ich auch der ſeines Sohnes, und Michgel Lwowicz haͤlt es fuͤr ſeine Pflicht, die Freunde zu ſchuͤtzen gegen Uebermuth und Ge⸗ waltthaͤtigkeit. Ich hoffe Euch oͤfter zu ſehen, mein lieber Herr Kaſtellanic.“ In dieſem Au⸗ genblick trat einer von des Koͤnigs Kaͤmmerlin⸗ gen eilfertig herein, naͤherte ſich ihm mit einer tiefen Verbeugung, und ſagte ihm etwas in das Ohr. Fuͤrſt Michael aber antwortete durch ein bejahendes Zeichen, wandte ſich dann zu dem griechiſchen Meiſter, raunte ihm einige Worte zu, und verſchwand nach einem leichten Kopf⸗ nicken gegen die Verſammlung in den Gang, welcher zu den Zimmern des Koͤnigs Alexander fuͤhrte.— Von da an war ich taͤglich im Hauſe des Hofmarſchalls und Staroſten von Belsk. Schleinitz, der Meißner, ſchloß ſich vertraulich an mich an; bald theilte ich mit ihm die abgoͤttiſche Verehrung, mit der er an ſeinem Herrn hing, bald⸗war ich der eifrigſte unter den Anhaͤngern des Michael Glinski. Ich war taub fuͤr die Stimme des allgemeinen Unwillens, die lauter und immer lauter ſich gegen den Guͤnſtling er⸗ hob; taub fuͤr die Beſchuldigungen, die ich der Mißgunſt zuſchrieb, und fuͤr die Warnungen mei⸗ ner Vettern der Fuͤrſten Radziwill, die ſich nach und nach zuruͤck zogen aus der Naͤhe des Zwei⸗ deutigen. Viel ward damals im Pallaſt geſpro⸗ chen von der Kurart, nach welcher der Grieche den Koͤnig behandele; am heftigſten aͤußerten ſich Johannes Laski,*) der Kanzler der Krone, Woy⸗ ciech Tabor der Biſchof von Wilno, Bonar der Schatzmeiſter und der Großmarſchall von Lit⸗ tauen Zabrzezinski. Sie behaupteten oͤffentlich: der neue Leibarzt ſey ein unverſchaͤmter Gaukler, —— *) Johannes Laski, ſpäter Erzbiſchof von Gneſen und Primas von Polen, einer der weiſeſten Räthe Steg⸗ mund des Alten, ſtarb 1631. — 191— wo nicht noch etwas ſchlimmeres, und die be⸗ taͤubenden Daͤmpfe verdaͤchtiger Kraͤuter, in welche er den Koͤnig Tag vor Tag huͤlle, und der un⸗ maͤßige Gebrauch des Weines und anderer hitzi⸗ gen Philtra, die er ihm verordnet, ein eigent⸗ licher Todſchlag zu nennen. Auch meines Goͤn⸗ ners ward nicht geſchont in dieſen Reden. Wer dieſen Betruͤger, hieß es, in die Naͤhe der ge⸗ heiligten Perſon des Koͤnigs gebracht, wer in ſo hochwichtiger Sache ihn gegen die Stimme aller Aerzte, und trotz dem Unwillen des ganzen Hofes vertheidige, der ſey um nichts beſſer als der Todſchlaͤger ſelbſt, und moͤge wohl ſeine Gruͤnde haben, ſo zu thun, und nicht anders. Fuͤrſt Michael ſetzte dieſen Anklagen nichts entgegen, als ein verachtendes Stillſchweigen; und nach wie vor heilte der Wunderdoktor darauf los. So viel iſt gewiß, der Koͤnig ward taͤglich kraͤn⸗ ker, der Haß aber der Herren der Krone und des Großfuͤrſtenthums gegen den Gunſtling, taͤglich groͤßer. Sehr oft kam es an den Uebungsplaͤtzen und in den Straßen zu Schlaͤgereien zwiſchen den Edelleuten und dem Geſinde des Großmar⸗ ſchalls und den Leuten des Staroſten von Belsk. Auch ich, mein wertheſter Herr von Tarnow, — 192— habe tuͤchtige Hiebe ausgetheilt und auch wohl empfangen, wenn ich den verehrten Fuͤrſten einen Koͤnigsmoͤrder ſchelten hoͤrte; meint' ich doch, ich ſchluͤge mich fuͤr die beßte Sache in der Welt. Da erſcholl die Botſchaft vom Einfall des Tatar⸗Chans von Perekop— Stanislaw Kiszka, der Großfeldherr von Littauen, der erkrankt war, uͤbergab dem Herrn Michael Lwowicz den Ober⸗ befehl des Heeres. Der kranke Koͤnig ließ die Ritterſchaft beider Nationen aufbieten. Um dieſe Zeit bemerkte ich in den Gemaͤchern des Fuͤrſten ſtarken Zuſpruch des Littauiſchen Adels; es ward viel gefliſtert und berathſchlaget, und die ſonſt ſtets heitere Stirn meines Patrons und Goͤn⸗ ners erſchien nicht ſelten verduͤſtert und um⸗ woͤlkt. Ich, der mit Ungeduld den Aufbruch ins Feld erwartete, um die raͤudigen Tatar⸗ hunde zu zuͤchtigen, beſchaͤftigte mich alle Tage bis an den Abend mit Uebung der Mannſchaft, welche mein Vater aus Kijow geſandt hatte, und zu deren Rottenmeiſter ich beſtellt war; wenig Acht habend auf das Getreibe rings um mich her. Doch, da ich endlich des Herrn von Belsk fort⸗ waͤhrenden duͤſtern Humor gewahr ward, konnte ich mich nicht enthalten den von Schleinitz zu — 193— befragen; was denn dem Fuͤrſten ſey?— und ob wir nicht bald aufbrechen wuͤrden, das Land von 1 den wilden Horden zu befreien, die ſchon bis gegen Lida alles weit und breit mit Mord und Brand erfuͤllten?— Der aber lachte und meinte; ich muͤſſe doch ganz abſonderlich blind und taub ſeyn, daß ich nichts davon gehoͤrt und ge⸗ ſehn was vorging. Der Koͤnig, der gar nicht ſo krank ſey als man ausſprenge, habe nicht Luſt zum Heer zu gehen, er wolle ſich nach Polen bringen laſſen, dem Herzog von Troppau und Glogau das Regiment uͤbergeben, und in der Eingezogenheit Sorge fuͤr ſeine Geſundheit tra⸗ gen. Das ſey nun dem littauiſchen Adel nicht recht; und noch weniger dem Fuͤrſten Michael, dem, wie bekannt, Herzog Siegmund nicht be⸗ ſonders gewogen ſey; die Ritterſchaft weigere ſich auszuruͤcken, wenn der Koͤnig ſich nicht an ihre Spitze ſtelle, und habe dem Glinski aufgetragen ſolches dem Herrn zu erklaͤren. Da nun dieſer es auch ſo wolle, ſo werde es ſchon ſo ſeyn muͤſ⸗ ſen; Siegmund Jagiello werde fein in Tropau bleiben, und der Koͤnig werde zum Heer gehen, ſo gut er koͤnne; ich aber ſey beauftragt einige Mannſchaft aus Pskow und Samogitien hier zu 13 — 194— Wilno zuſammenzuziehn, und dann dem Heere zu folgen. Drei Tage nach dieſer Unterredung ſagte man, der Koͤnig ſey im Begriff abzugehen nach Lida. Ich begab mich alſo in den Eingang der Burg, welcher zu der großen Treppe fuͤhrt. Im Hofe ſtanden einige Fahnen von des Koͤnigs Haus⸗ truppen, in Ordnung geſtellt. Es war Nacht und das Wetter ungeſtuͤm. Wehklagend heulte der Wind durch die Gaͤnge des Schloſſes, der Regen ſchlug in Stroͤmen auf das Pflaſter nieder und drohte die Leuchten zu verloͤſchen, bei deren Schein die Hofdiener ſchweigend und mißmuͤthig die Wagen beluden. Da ließ ſich eben in den Vorgemaͤchern ein langſames Gehen hoͤren wie von vielen Menſchen; Fackellicht fiel von dort auf die Treppe; und das Schreiten und das Licht kam herab immer naͤher. Es war der Koͤnig. Auf einer Tragbahre lag er, die auf den Schultern von ſechs Tataren ruhte. Zu Haͤupten rechts ging in Reiſekleidern die moskowitiſche Helena,”) in tiefem Geſpraͤch *) Helena, die Tochter Jwans des Caren von Moskau⸗ und Schweſter des in dieſer Erzählung aufgeführten mit dem Michael Lwowiez Glinski, auf deſſen Antlitz die Fackeln einen ſo ſonderbaren Schein warfen, daß es mir ſchien, als ſey der Ausdruck hoͤhnenden Stolzes, der es wohl manchmal und in der beſſern Zeit entſtellte, heut ſtaͤrker noch als gewoͤhnlich. Gleich nach ihnen ſchritt der Grieche Laska⸗ ris. Zur Linken aber dem Koͤnig gingen Johan⸗ nes Laski der Kantler der Krone„ Adalbert Ta⸗ bor der Biſchof von Wilno, Johannes von Za⸗ brzegi der Großmarſchall von Littauen und meh⸗ rere Biſchoͤfe und Herren. Langſam, wie ein Begraͤbniß, bewegte ſich der Zug die Stufen hin⸗ ab. Da fiel mir ein, wie der von Schleinitz ge⸗ ſagt; der Koͤnig ſey gar nicht ſo krank, als man es glaube, und ich richtete mein Auge auf ihn; da aber ſchien es mir doch nicht ſo. Dicht in perſiſche Decken gehuͤllt, lag Alexander Jagiello auf der vergoldeten Bahre, das matte Haupt an die Kiſſen gelehnt; der Schein, der von den Leuchten fiel auf die fleiſchloſen Wangen, warf dunkle Schattenzuͤge auf die tief liegenden Augen ——Qfᷓᷓᷓ Großfuͤrſten Waſil Iwanoricz, Gemahlin Alexan⸗ ders, doch weil ſie der griechiſchen Kirche zugethan war, nicht gekrönte Königin von Polen. 13* — 196— und den eingeſunkenen Mund, die verhuͤllten Haͤnde hielten ein Kruzifix; mich gemahnte es, als ſehe ich einen Leichnam. Als der Zug die Treppe hinab war, ſtand er ſtill und die Traͤger ließen die Bahre nieder. Da ergriff Johannes Laski die umwundene Hand des Monarchen mit Vorſicht, und fuͤhrte ſie an ſeine Lippen; das Fackellicht glaͤnzte in zwei Thraͤnen wieder, die aus den Augen des ehrenwerthen Prieſters auf die Koͤnigshand rollten. Da wandte Alexander Ja⸗ giello langſam das muͤde Haupt gegen ihn, rich⸗ tete die erloſchenen Augen auf das Antlitz des treuen Dieners und weiſen Raths; er ſchien ei⸗ nige Worte ſagen zu wollen, da warf er einen Blick auf Michael Glinski, und gleichſam als ſcheue er ſich vor dieſem, drehte er ſich mit ei⸗ nem erſtickten Seufzer wieder ab, und ſank zuruͤck in ſeine vorige Lage. In dieſem Augenblick je⸗ doch gab der Fuͤrſt ein Zeichen, und die Tataren nahmen die Bahre wieder auf; der kranke Koͤnig ward hinaus getragen in die Sturmnacht, und in ſeiner huͤlfloſen Schwaͤche den wilden Feinden entgegen. Draußen aber glaubte ich, zwiſchen dem Heulen des Windes und dem plaͤtſchernden Regen, das Wehklagen des verſammelten Volks =— 192— zu hoͤren. Da trat mein guter Geiſt noch ein⸗ mal zu mir, und nicht alles ſchien mir, wie es ſeyn ſollte. Ich ſtand ſo in truͤbe Gedanken ver⸗ lohren, da kam Fuͤrſt Glinski zuruͤck, der den Koͤntg, oder vielleicht nur die Koͤnigm begleitet hatte bis zum Thor. Er war umeinst von vielen der Ritterſchaft, und theilte im Gehen die Be⸗ fehle zum Aufbruch aus; denn noch heute wollte er fort zum Heer. Da gewahrte er mich, und winkte mir; und als ich zu ihm trat, fuͤhrte er mich einige Schritte ſeitwaͤrts, alſo ſprechend: „Mein Befehl an Euch, mein Herr Johannes Lacki, iſt, daß Ihr zu Wilno bleibet, und wenn Ihr die Voͤlker aus Pſkow und Samogitien mit den Euern vereint habt, zum Heere ſtoßet. Ich habe Euch dazu auserſehen, weil ich Euch fuͤr einen wackern littauiſchen Edelmann halte und meinen guten Freund, dem ich vor allen ver⸗ trauen mag. Nicht jeder von denen, die ich hier zuruͤck laſſe, iſt das; und darum will ich Euch anbefehlen, wachſam zu ſeyn, und wohl zu mer⸗ ken, was vorgehet, und ſo es Noth thun ſollte, mit der That zu beweiſen, daß die Hand, die der Herr von Zabrzegi wollte abhauen laſſen, es⸗ wohl verſteht, die Karabella zu fuͤhren fuͤr Einen, — 193— der Euch beſonders wohl will.“ Da verſtummte in mir die Stimme des guten Geiſtes, vergeſſen war der todkranke Koͤnig, die rauhe Sturmnacht und der griechiſche Wunderdoktor; ich loderte auf in neuem Zorn gegen den Zabrzezinski, der wohl niemals es im Ernſt gemeint hatte, mit dem Abhauen der Hand; ich gelobte mit Eifer dem Herrn Michael die Erfuͤllung ſeiner Befehle, und als er die Stadt verlaſſen, beſetzte ich das Schloß mit meinen Leuten. 11. Einige Wochen vergingen ſo, da erfuhr ich durch meine Spaͤher; Siegmund Jagiello, der Markgraf von der Lauſitz und Herzog von Ober⸗ ſchleſien, befinde ſich auf dem Wege gen Wilno, herbei gerufen von allen Herren der Krone und „ vielen Littauern. Ein Eilbothe brachte dem Feld⸗ herrn dieſe Nachricht; und dieſer Eilbothe— o ſchauet mich nicht ſo ſtarr an, Herr von Tar⸗ now— dieſer Eilbothe fuͤhrte Euch ein Verzeich⸗ niß mit ſich, derer, die in der Abweſenheit des Herrn Michael am lauteſten gegen ihn geſpro⸗ chen. Dies Verzeichniß— manchmal habe ich à — 199— wohl gemeint, ich habe es verbuͤßt und verbetet — aber oftmals ſcheinet es mir wieder, als werde es die Pfuͤhle meines Sterbebettes fuͤllen mit Dornen— dies Verzeichniß— es ward eine der Brandfackeln, die das Feuer der unmenſch⸗ lichſten Rache entzuͤnden ſollten, welche viele Jahre hindurch den Graͤuel der Verwuͤſtung trug in die vaterlaͤndiſchen Fluren, und den blutigen Mord in die edelſten Geſchlechter. Nicht lange darauf erging ich mich, meiner Gewohnheit nach, am ſpaͤten Abend auf dem Schloß⸗ platz, und ſahe nebenher zum rechten; da erblickte ich einige ſeltſam vermummte Reiter, die gegen die kleine Pforte heran kamen. Als ſie da an⸗ gelangt waren, ſtieg der eine von ſeinem Thier, ſah ſich uͤberall mißtrauiſch um, und fuhr zuſam⸗ men, als er mich erblickte. Doch als ich nach meinem Amt und Pflicht auf ihn zuſchritt, ihn nach ſeinem Namen zu fragen und nach dem Gewerbe, das ihn in ſo ſpaͤter Stunde fuͤhre zur koͤniglichen Burg, gruͤßte er mich gar freundlich, zog die Verkappung vom Geſicht, und gab ſich mir zu erkennen, als den Leibarzt Meiſter Her⸗ mipus Laskaris. Wohl hatte ich den Philoſo⸗ phen nimmer recht leiden koͤnnen; doch kam er — 200— jetzt vom Heer, hatte wohl vieles zu berichten von dem verehrten Herrn Glinski; ſo hieß ich ihn denn willkommen. Er aber ſagte zu mir mit leiſer Stimme und aͤngſtlichem Weſen; ich ſollte ihn und noch einen, der mit ihm gekom⸗ men, ſo heimlich als moͤglich bringen in ein wohl verwahrtes Gemach des Schloſſes, das er mir bezeichnete; es ſey dies des Fuͤrſten Michael Wille, und er habe es ſchriftlich von ihm an mich. Alſo fuͤhrte ich durch einſame Gaͤnge den griechi⸗ ſchen Meiſter und ſeinen vermummten Gefaͤhrten in den Thurm des Skirgiello. Da reichte mir Laskaris ein Handſchreiben des Herrn Michael Lwowicz, des Inhalts: Er ſey zufrieden mit meiner Wachſamkeit, und ſende mir hier den ge⸗ lahrten Doktor Laskaris und ſeinen Leibdiener, den Tuͤrken Haſſan: die ſolle ich verborgen hal⸗ ten im Thurm des Skirgiello, daß niemand in Wilno von ihnen wiſſe, auch ſolle ich ſie mit al⸗ lem nothwendigen verſehen, ſonſt aber ſie gewaͤh⸗ ren laſſen. Als ich geleſen, fragte ich den Dok⸗ tor nach Nachrichten vom Heer, und er ließ we⸗ nig troͤſtliches vernehmen; Das Aufgebot der Rit⸗ terſchaft, beſonders der Polen ruͤcke ſehr ſaum⸗ ſelig an, der Feldherr der Krone, Stephan Czarn⸗ — 201— kowski weigere ſich zu befehligen unter dem Mi⸗ chael Glinski, der Trotz der Magnaten werde im⸗ mer unbeugſamer, der Koͤnig ſey ſehr krank, er werde wohl nicht zu Lida bleiben koͤnnen, welches von den Tataren hart bedrohet ſey, u. ſ. w. Im Ganzen ſchien es mir, als ſey die Reiſe des ge⸗ lahrten Meiſters nicht durchaus freiwillig gewe⸗ ſen. Er eiferte gewaltig uͤber manche Herren, beſonders aber uͤber den Großmarſchall und Kron⸗ kanzler, welcher letztere durchaus dem Koͤnig ſei⸗ nen eignen Arzt aufdringen wolle, der doch ein Ignorant ſey, und von der hermetiſchen Kunſt kein Jota verſtehe.„Ihr ſagt,“ ſo unterbrach ich ihn,„Ihr ſagt, daß der Koͤnig Lida verlaſſen werde; ſo wird er ſich wohl nach Wilno zuruͤck begeben. Nun, vielleicht findet er ſeinen Bruder ſchon hier; denn es iſt mir Kunde geworden, von der nahen Ankunft des Markgrafen von der Lau⸗ ſitz. Auch hat die Hofdienerſchaft Befehl erhal⸗ ten, ſeine Gemaͤcher in Bereitſchaft zu ſetzen, und ich weiß nicht, wie lange Ihr werdet in dieſem Thurmgemach verweilen koͤnnen, da es, wie Ihr wiſſen muͤſſet, zu den Zimmern des Herrn Siegmunds gehoͤrt.”“—„Sobald duͤrfte er doch nicht kommen,”“ erwiederte Meiſter Laskaris mit — 2⁰2— geheimnißvollem Laͤcheln,„daß er uns nicht Zeit ließe, uns hier ein wenig einzurichten.“— „Nun, und wenn er kommt,“ ſiel der graͤuliche Haſſan ein, indem ein haͤmiſcher Blick aus ſei⸗ nen dunkeln Augen auf den Meiſter ſiel;„deſto peſſer, ſo findet er uns hier, bereit zu ſeiner Aufnahme.“—„Nach dem Schreiben des Fuͤr⸗ ſten Glinski,“ ſagte der Grieche, indem er ſich zu mir wandte;„ſeyd Ihr verpflichtet, ſehr werther Herr Kaſtellanic, die Bitten zu erfuͤllen, die ich an Euch richte. Deren ſind jedoch nur wenige. Mir thut Einſamkeit noth zu meinen rieffinnigen Studien. Wollet daher das, was zu des irdiſchen Leibes Nahrung und Nothdurft gehoͤrt, fuͤr mich und den achtbaren Haſſan, zu beſtimmten Stunden in dem Vorgemach dieſes Thurmes abſetzen, und uns ſolches andeuten durch ein Klopfen auf die metallene Tafel, welche ſich in ſelbigem befindet. Sonſt, hochgebohrner jun⸗ ger Herr von Kijow, braucht Ihr mit nichts uns Euere guͤtige Sorgfalt zu beweiſen, und Euch vornehmlich nicht in dieſes Gemach zu bemuͤhen, welches fortan zum Tempel frommer Beſchaͤfti⸗ gung und hoher Wiſſenſchaft geweiht ſeyn wird⸗ Gehet denn hin, mein Sohn, und ſeyd geſegnet — 203— in der gedritten Zahl.”“— Damit hatte ich alſo meine Abfertigung und zog mich zuruͤck durch die Thuͤr, welche der bihiihe Tuͤrk ſogleich hinter mir verriegelte. Es verging wohl eine Woche, in der ich re⸗ gelmaͤßig dreimal des Tages meiner Schuldigkeit bei meinen heimlichen Gaͤſten oblag, ſie aber uͤbri⸗ gens nicht zu ſehen bekam, und mich ſonſt nicht um ſie kuͤmmerte, auch blieb mir dazu nicht ſon⸗ derlich viel Zeit, denn es ging ſehr unruhig her in der Stadt. Botſchaft war gekommen, daß die Soͤhne Mendy⸗Ghergy des Tatar⸗Chans, Mohamed Gheray Sultan und Biti Gheray Sultan die zuſammen gerafften Truppen der Rit⸗ terſchaft geworfen haͤtten, und Wilno ſelbſt ihres Anfalls bald gewaͤrtig ſehn koͤnne. Die Zwietracht des Adels, des Koͤnigs Krankheit vermehrten das Schrecken; und wie es zu gehen pffegt, ei⸗ nige klagten die Polen, andere die littauiſchen Herren an, die meiſten jedoch den Fuͤrſten Glinski; alle aber erwarteten mit Sehnſucht das Eintref⸗ fen Siegmunds Jagiello, des einzigen Helfers in großer Noth. So ſtand ich einsmal des Morgens auf dem Platze unter den wehklagenden Buͤt dern, und — 204= ſuchte ſie zu troͤſten, ihnen vorſtellend; daß ja nichts verloren ſey, ſo lange Glinski das Heer befehlige, der maͤnnliche Held, und daß er bald das Verſaͤumte nachholen werde, und ſeine Feinde beſchaͤmen durch einen glorreichen Sieg uͤber die Tatarhunde; und er werde bald kommen nach Wilno mit reicher Beute, damit die ehrenwerthen Buͤrger zu erfreuen, und mit Luſtfeuern und gro⸗ ßen Faͤſſern voll Meth. Und hoͤrte ich hin und wieder Stimmen, welche ſagten:„Gebt nichts auf ſeine Reden— ss iſt einer von den wuͤſten Geſellen des Glinski;“ und andere wieder:„Ei, nicht doch,'s iſt ja der Sohn des alten Gregor Lacki, des Kaſtellans von Kijow geweſen, der Staroſt von Wilno— Laſſet uns ihm vertrauen, 's iſt ja ein ſehr verehrlicher Edelmann, und unſer Staroseic. Indem gewahrte ich, daß auf dem Thurm uͤber dem Schloßthor die koͤnigliche Fahne mit dem polniſchen weißen Adler und dem Reuter von Littauen aufgeſteckt ward, die nur wehet in An⸗ weſenheit des Großfuͤrſten, und im naͤmlichen Augenblick trat einer vom Hofe zu mir, und ſprach:„Eilei Euch, Herr Lacki, daß Ihr Eu⸗ ere Leute zufſtelet im Flur und auf den Treppen, — 205— denn der allerdurchlauchtigſte Herr iſt nur noch ſechs Gewende von den Thoren.Ä“ Da kam es mir ploͤtzlich ein, als muͤſſe ich eiligſt dieſe Bot⸗ ſchaft dem griechiſchen Meiſter hinterbringen. So trug ich im Vorbeigehen dem Namieſtnik(Lieu⸗ tenant) das Ordnen der Mannſchaft auf, und fiog mit großen Spruͤngen nach dem Thurme des Skirgiello. Der Metallplatte im Vorgemach ver⸗ geſſend, und der Mahnung des gelahrten Dok⸗ tors, ging ich gerade auf die Thuͤr zu, und da ſie verſchloſſen war, klopfte ich an. Niemand antwortete, nur ein ſeltſam dumpfes Murmeln ließ ſich von innen vernehmen; ich klopfte noch einmal, und da man mir nicht aufthat, trat ich mit dem Fuße kraͤftig gegen die Thuͤr, die als⸗ bald aus den morſchen Haspen fiog.— Laſſet mich Euch beſchreiben, ſehr werther Herr Groß⸗ feldherr und Goͤnner, was ich ſah, ſo gut es die wenigen Augenblicke geſtatten, welche ich hier zubrachte.— Das Gemach war veraͤndert. Ge⸗ wirkte Tapeten mit ſeltſamen Bildern geſchmuͤckt verhuͤllten das eichene Getaͤfel der Waͤnde; in einer Ecke ſtand ein kleiner eiſerner Ofen, der der heißen Jahreszeit ungeachtet bis zur Glut er⸗ hitzt war, und von welchem betaͤubende Daͤmpfe ausgingen. Bei dem Ofen kauerte der Tuͤrk am Boden, beſchaͤftiget das Feuer anzuſchuͤren. Ge⸗ ſtelle mit Flaſchen und Retorten von allerlei Groͤße reiheten ſich rings um das Gemach. Spiegel ver⸗ ſchiedener Art und anderes ſeltſames Geraͤth be⸗ deckten den Eſtrich; in der Mitte aber zeigte ſich ein Geſtell ungewoͤhnlicher Form, einem heidni⸗ ſchen Altar gleich, das wie Silber glaͤnzte. Auf demſelben ſtanden zwei Bilder von demſelben Me⸗ kall; das eine war gleich einem graͤulichen alten Mann der einen Buͤndel Schlangen in der Hand trug, das andre aber einer ſchoͤnen Frau die ei⸗ nen Spiegel hielt. Vor dem Altar kniete der Meiſter Laskaris gekleidet in einen Talar von dunkler Farbe, uͤber ein halb mannlanges Koͤ⸗ nigs⸗ oder Fuͤrſtenbild gebuͤckt, das auf einer Art Purpurbett vor den Goͤtzenbildern lag. Die Zuͤge des Bildes konnte ich aber nicht erkennen, auch nicht was der Philoſoph damit vornahm; es ſchien mir jedoch, als ſeien Bruſt, Arm und Beine der Geſtalt mit kleinen ſilbernen Pfeilen durchbohrt. Bei dem Geraͤuſch, welches das Erbrechen der Thuͤr machte, fuhr Hermipus Theophilaktus mit einem dumpfen Schrei in die Hoͤhe; auch der Tuͤrk ſprang auf vor dem Ofen. Der trat auf mich zu, und faßte meinen Arm gewaltſam mit einer Fauſt, waͤhrend die andere ſich raſch nach ſeinem Guͤrtel bewegte, in welchem etwas glaͤnzte, gleich dem Griff eines Dolches. So ſtand er und warf einen ſonderbaren fragenden Blick auf den Doktor, der ſolchen mit einem unmerklichen Kopfſchuͤtteln erwiederte. Als ich drauf den frechen Sklaven unſanft von mir ge⸗ ſtoßen, trat er murrend bei Seite, und ſeine haͤßlichen Augen ſchoſſen Blitze auf mich. Da erhob der Grieche Laskaris langſam ſeine rechte Hand, und deutete mit dem Zeigefinger auf die Thuͤr hinter mir. Ich verſtand ſeine Geberde, und betroffen und verwundert wie ich war ob des Geſehenen, zog ich mich zuruͤck ins Vorge⸗ mach, wohin mir der Meiſter alsbald folgte.— „Was treibet Euch hieher,“ begann er mit fei⸗ erlichem Tone;„in der verhaͤngnißvollen Stunde, in welcher die Kraͤfte der Elemente das Große zubereiten, gehorſam dem Willen des Maͤchti⸗ gen?—„Mit Vergunſt,“ ſprach ich;„hoch⸗ gelahrter Herr Doktor, eben kommt mir die Kunde, daß unſer allergnaͤdigſter Herr Alexander vor den Thoren ſey dieſer Stadt; und ſo wollte ich Euch — 208— nur desfalls unterrichten, da Ihr doch der Leib⸗ arzt ſeyd des Herrn, und er ſehr ſchwach iſt an Kraͤften.“—„Alſo fuhret das Schickſal im Au⸗ genblick der Vorherbeſtimmung den Blinden und Unwiſſenden, auf daß er vollende das Werk des Sehenden und Erleuchteten.“ Dies ſprach Mei⸗ ſter Hermipus, mit zum Himmel erhobenen Au⸗ gen.„Wiſſet, mein Sohn,“ fuhr er fort, „die Stunde der Weiſſagung iſt erſchienen, von der geſchrieben ſtehet: das Hohe ſoll erniedriget, und das Niedrige erhoͤhet werden. Das Haus Jeroboam ſoll ausgeſtoßen werden aus ſeinen Hal⸗ len, und die Enkel Davids einziehen in die Burg ihrer Vaͤter. Noch fehlte das Zeichen von oben; und es iſt mir geworden durch Euch, Johannes Grzegorzewiez Lacki, den ich nicht begruͤße als den Sohn des Kaſtellans von Kijow, ſondern als den Abkoͤmmling und den einſtigen Nachfolger der Fuͤr⸗ ſten und Herren zu Drohobuz. Zum Zeichen deſ⸗ ſen, ſoll der Mund des Stummen, und die Stim⸗ me des Unmuͤndigen Euch noch ehe das Geſtirn des Tages tritt in den Mittagspunkt, verkuͤnden, was nicht ich, ſondern der Wille des Hoͤchſten Euch zu thun auferleget. Und ſomit gehet hin, und der Herr leite Eure Schritte im Dunkel.“ * — 2⁰9— Ich kann Euch eben nicht ſagen, daß ich dieſe Worte des weiſen Meiſters ganz verſtanden haͤtte; auch gemahnte es mich, als ob die bibliſche Beredſamkeit deſſelben in einigem Widerſpruch ſtehe mit dem ſchnoͤden Bildwerk, vor welchem ich ihn getroffen, und dergleichen ich niemals geſehen hatte, weder in einer romiſch⸗katholiſchen Kirche noch in einer griechiſchen Cerkiew; aber es war doch ein hochgelahrter Mann, der ſo zu mir geredet hatte und einer, welchen Herr Mi⸗ chael Lwowiet hoͤchlich zu achten ſchien; alſo ſtellte ich mich zufrieden, und begab mich hinab, ei⸗ gentlich wohl im Innerſten erfreut uͤber den Na⸗ men, welchen mir der Grieche gegeben, und welcher wirklich deutete auf Anſpruͤche meines Hauſes, die mir bekannt. Kurz, auch ich hatte meinen Theil bekommen von der hoͤlliſchen Lock⸗ ſpeiſe, die man damaliger Zeit unter der Hand aettheilte; ſie war augenblickich ſüß in meinem Munde, und ſpaͤt erſt ſollten die Nachwehen kommen. Der Koͤnig war ſchon angelangt; da er un⸗ faͤhig war ein Pferd zu beſteigen, hatten der Kanz⸗ ler und der Schatzmeiſter der Krone, ihn in eine Gaͤnfte geſetzt, welche zwiſchen zwei Pferden be⸗ 14 — 210— feſtigt war, und ihn mit der Koͤnigin Helena zuruͤck geleitet nach Wilno, da zu Lida ſeiner Perſon mehr als eine Gefahr drohen mochte. Adalbert aber der Biſchof war mit ihnen, und ein geringes Gefolge. Ich trat in das große koͤnigliche Vorgemach, wo ich die genannten Herren verſammelt fand, nebſt vielen andern. Nur Eine Stimme war zu vernehmen, die Stimme des Unwillens gegen Herrn Michael. Nachdem er den todtkranken Koͤnig zum Heer geſchleppt habe, ſo ließen ſie ſich ver⸗ nehmen, wo deſſelben Gegenwart eher Schaden bringen konnte, als Nutzen, habe Fuͤrſt Glinski nur hoͤchſt ſaumſelig die Verſammlung des Heeres betrieben; durch Uebermuth und ungeziemenden Stolz habe er den Großfeldherrn und die Ritter⸗ ſchaft der Krone empfindlich beleidigt, alle Maaß⸗ regeln zur Sicherheit des koͤniglichen Quartiers vernachlaͤſſigt, und endlich die Abreiſe Herrn Alexanders nach Polen, wohin er ſeinem Bruder Siegmund entgegen gehen wollte um Rath zu pflegen mit ihm, verhindert durch die hoͤchſt ver⸗ wegene Erklaͤrung: ſobald der Koͤnig in ſo be⸗ draͤngter Zeit ſich entferne aus dem Großfuͤrſten⸗ thum, ſo werde er das Aufgebot des Adels ent⸗ vor mir Gawryla des Koͤniges Zwene licher ungeſchlachter Burſch, und dab welchen aber der Herr wohl leiden nen betruͤbten Krankheitſtunden, auch oftmalen zu ſehen war in den des Herrn Michael. Der aber mach glitt unter der Menge fort. — 212— Geheim nach ſeinem Brauch viel wunderliche Zeichen, die ich mir nigs, denn Herr Alexand ach mir verlangt. er ſich und ſein, Herr Zabrzezinski, und und ſprach:„Nun, Kleiner, men nach Wilno? Wer ſoll ſtehen mit den Tataren, ſo du das Heer ver⸗ laͤſſeſt?”“— Der Zwerg verneigte ſich gar de⸗ muͤthig, und lachte; da aber der Großmarſchall ſich wieder gewendet zu den andern Herren, ſchnitt er hinter ihm ein haͤßliche Frazze, und ſteckte die Zunge lang heraus. So that ich, gedenkend deß, was der Doktor mir geſagt vom Munde des Stummen und der Zunge des Unmuͤndigen, 4 wie mir geheißen, und folgte dem unheimlichen Zwerg durch eine Seitenthuͤr auf langem Umweg, Treppe auf und Treppe nieder, durch menſchen⸗ leere Gaͤnge nach dem koͤniglichen Kloſett, das ich noch nie betreten. Da war es aber ſo dunkel voon den nieder gelaſſenen Decken an den Fen⸗ ſtern, daß ich nicht gleich etwas erkennen mochte. und im Gemach war es ſtill, und nichts zu hoͤ⸗ — 218— ren, denn ein ſchweres und ungleiches Odemho⸗ len, wie aus beklemmter todkranker Bruſt; und ich merkte wohl, ich ſtehe vor dem Koͤnige. Alſo ſtand ich ſchweigend und erwartend die Befehle meines allerdurchlauchtigſten Herrn. Wie nun meine Augen nach einer Weile der Dunkelheit gewohnt wurden, ſah ich ihn liegen auf einen Ruhebett mit Purpurdecken. Das von Natur ſchon etwas laͤngliche jagielloniſche Angeſicht des Herrn war durch die Gluth des Fiebers ver⸗ dorrt zum Schaͤdel eines Todtengerippes, und auf der entbloͤßten Bruſt die Knochen und Rip⸗ pen zu zaͤhlen, denn er war ein ſtark gebauter Herr und in geſunden Tagen dem Herkules zu vergleichen, wie die Soͤhne alle weiland Koͤnig Kaſimirs Jagiellonczyk.— Als ich nun etwas Geraͤuſch machte, um meine Anweſenheit zu er⸗ kennen zu geben, erhob Herr Alexander muͤhſam ſeine Stimme, fragend: wer im Gemach ſey?— „Ich bin es,““ erwiederte ich,„Johannes, der Sohn Eures unterthaͤnigen Dieners, des Gregor Lacki zu Kijow, welcher gewaͤrtig iſt Eurer Ma⸗ jeſtaͤt Befehle.“—„Wohl,“ entgegnete der Koͤnig, und fuhr fort mit oft unterbrochener Stinine.„Der Hofmarſchall von Littauen hat S — 214— uns geſagt, bei unſrer Abreiſe von Lida, Ihr habet allhier in Eurer Obhut und Gewahrſam den griechiſchen Meiſter Laskaris, unſern Leib⸗ arzt.— Wollet ſo wohl thun, und ihn her⸗ fuͤhren zu uns, doch deſſelben Weges, den Ihr gekommen, und alſo, daß es die draußen nicht merken noch von ihm wiſſen; denn ſie meinen es nicht wohl mit ihm,— und wollen uns uͤber⸗ reden, er habe es nicht treu mit uns im Sinn. — Wir aber, die von ſchwerer Krankheit darnie⸗ der geſtreckt, nicht gleichen koͤnnen dem macedo⸗ niſchen Alexander deſſen Namen wir fuͤhren an ritterlicher That, wie wohl fruͤher in beſſern Ta⸗ gen, wollen es ihm nachthun in der koͤniglichen Großmuth, mit welcher er vertrauet ſeinem Arzte. — Gott allein kennet des Menſchen Herz, doch uns thut Huͤlfe noth nach der ſchnellen Reiſe.— Wohl fuͤhlen wir uns entkraͤftet nach den Dampf⸗ baͤdern des Doktor Laskaris; jedoch treiben ſie, wie wir meinen, die boͤſe Luft ab, ſo uns angewehet, und ſeine Traͤnke erheitern den befangenen Geiſt— Drum gehet, Herr Lacki, und fuͤhret ſolchen hieher.“— Doch als ich um mich wandte um zu gehen, hob der Koͤnig von neuem an alſo: Euer Vater hat uns ge⸗ — 215— ſehen in gluͤcklicheren Tagen, und hat ſich gehal⸗ ten zu uns als ein treuer Diener und wackerer Sdelmann; Ihr aber ſehet Euren Koͤnig und Großfuͤrſten in boͤſer Stunde;— die Kraft iſt von uns gewichen, und ſtatt den Szepter zu fuͤh⸗ ren und das Schwert mit ſtarker Hand, und an der Spitze der Ritterſchaft auszuziehen gegen die treubruͤchigen Tatarn, verſeufzen wir unſre letzten Augenblicke in duͤſterer Krankenzelle.— Doch wird es der Herrgott wohl bald enden, und Ihr werdet an unſerer Statt erhalten einen tap⸗ fern und weiſen Koͤnig und Großfuͤrſten, unſern Bruder, Herrn Siegmund, dem der Himmel ei⸗ ne froͤhliche Stunde ſchenke.—„ Wollet nicht dem Kummer Raum geben, mein koͤniglicher Herr,“ entgegnete ich;„iſt doch ſchon mancher geneſen von ſchlimmerem Siechthum. Es hat auch Eure Majeſtaͤt einen gar treuen Diener und Feldherrn an dem Michael Glinskiz und der wird den Lorbeer, welchen Ihr nicht ſelbſt koͤn⸗ net erfechten, niederlegen zu Euren Fuͤßen, auf daß ſich Euer Herz erfreue und Ihr geſundet.— „Gott gebe daß dem ſo ſey, mein junger Edel⸗ mann,“ ſprach der Koͤnig, und fuhr dann fort, wie zu ſich ſelbſt redend:„auch haben wir es — 215— wohl verdienet um ihn, daß er uns treu ſey, denn immér haben wir ihn werth gehalten in unſerem Herzen, vor allen andern Edlen und Mag⸗ naten, gleich unſerm Bruder Johannes Albrecht, und wenn er es nicht waͤre ſo waͤre es ein har⸗ ter Stoß und wohl der letzte.— Drum wollen wir halten an dem alten Vertrauen und nicht ſuchen nach dem Unheil, denn die Hand des Herrn lieget ſchwer auf uns,— und das Auge unſeres Geiſtes iſt nicht mehr, wie es war in den Tagen der Kraft und Geſundheit.— Doch wir werden bald abtreten von der Tenne, und unſer Bruder Siegmund wird auftreten und ſcheiden die Spreu von dem Waizen.— Dem bleibet treu und gewaͤrtig,“ ſetzte er lauter hinzu, ſich wieder zu mir wendend,„wie Euer Vater uns war, feſter und uns beſonders lieber Kaſtellanic von Kijow, damit der Segen bleibe in Eurem Ge⸗ ſchlecht,+ denn die Treu erhebet die Schloͤſſer der Edeln, die Untreu aber bricht ſie, und auf den Hoͤfen der Verraͤther waͤchſet das Gras.— Was aber des Koͤnigs Auge nicht ſiehet das ſiehet doch das Auge Gottes, und der Tag der Vergel⸗ tung bleibet nicht aus.— So gehet nun hin, Jo⸗ hannes Lacki, und beſcheidet uns den Leibarzt. — 217— Ich eilte fort, und hinterbrachte dem Mei⸗ ſter Laskaris die Bothſchaft des Gawryla und des Koͤnigs Begehr. Er aber ſagte:„So wie das erſte eingetroffen, welches ich Euch verkuͤndet, ſo verhoffet auch, daß kommen werde, was ich Euch ſonſt noch geſagt.“ Da gedachte ich bei mir der Rede vom Fuͤrſtenthum Drohobuz; und ſo nahm ich in meiner thoͤrichten Blindheit fuͤr eine Stimme vom Himmel, was zweifelsohne nichts mehr war, als ein verabredetes Ding, zwiſchen dem ſchnoͤ⸗ den Zwerg und dem heimtuͤckiſchen Gaukler, Zwar erinnerte ich mich nicht ohne Nuͤhrung der Worte des Koͤnigs; doch vergaß ich das Wich⸗ tigſte, die Mahnung zur Treu gegen Herrn Sieg⸗ mund; erſt ſpaͤt, nach mehr als dreißig Jahren ſollte ich daran erinnert werden, und zwar recht ernſtlich. Drauf fuͤhrte ich den griechiſchen Weltweiſen auf den heimlichen Gaͤngen zum Koͤnig, und das geſchah die folgenden Tage hindurch eben ſo. 12. Am Hofe und in der Stadt war die Un⸗ ruh allgemein, und fort und fort Beſchwerde zu hoͤren uͤber den Fuͤrſten Glinski. Auch be⸗ merkte ich, daß der Kanzler der Krone Johannes Laski, mich einigemale auf beſondere und miß⸗ faͤlige Weiſe ins Auge faßte, und die anderen Herren der Krone, auch viele Littauer vom Adel, vornehmlich aber Georg und Johannes Radziwill meine Vettern, welche auf kurze Zeit vom Heer gekommen waren nach Wilno, ſich von mir zu⸗ ruͤckzogen, als von einem Anhaͤnger und Werk⸗ zeug des gehaßten Glinski. Doch es war beſchloſ⸗ ſen, daß Fuͤrſt Michael noch einmal in gller Glo⸗ rie auftreten ſolle, und der Mund ſeiner Gegner verſtummen. Die Schlacht bei Kleck ward ge⸗ ſchlagen; der Staroſt von Belsk hatte den alten Ruhm bewaͤhrt; zerſtreuet flohen die tatariſchen Horden, und das Reich war gerettet. Der Ein⸗ zug des ſiegreichen Fuͤrſten zu Wilno war gleich dem Triumph eines roͤmiſchen Feldherrn; gleich dem Euern, erlauchter Graf zu Tarnow, den Ihr hieltet zu Krakow nach dem beruͤhmten Siege den Ihr erfochten bei Obertyn uͤber die Walla⸗ chen, ſpaͤter, im Jahre des Heils 1531. Unzaͤh⸗ liche Gefangene und koſtbare Beute verherrlichten das Gepraͤnge. In dichten Schaaren draͤngte ſich das Volk um den Zug, und erhob mit lautem Jauchzen bis zu den Wolken den Namen deſſen, — 219— der vor wenig Tagen noch geweſen war ein Ge⸗ genſtand des Haſſes und des Verdachts. Gleich nach ſeiner Ankunft begab ſich Herr Michael zum Koͤnig, der zu krank war ihm oͤffentlich Gehoͤr zu verleihen, und unterredete ſich lang mit ihm ohne Zeugen. Ich ſtand waͤhrend deſſen in der Antekamera mit vielen Großen, Herren und Edel⸗ leuten. Als der Fuͤrſt heraus kam vom Herrn, lag auf ſeinem Angeſicht verachtender Stolz ſtaͤrker ausgedruͤckt als je. Noch in der Thuͤr blieb er einen Augenblick ſtehen, und ſein rollen⸗ des Auge muſterte die Anweſenden; es traf auf den Kanzler und auf den Großmarſchall, die ſeit⸗ waͤrts ſtanden im Geſpraͤch.„Sieh da, ehrwuͤr⸗ diger Herr, fuhr Michael Lwowicz mit lauter Stimme heraus,„nun, Ihr ſehet wohl, daß das Schwert des Glinski noch ſo ſcharf iſt, als Eure Zunge und Eure Feder ſpitzig ſeyn moͤgen; nehmet Euch in Acht, Herr Kanzler, daß es nicht beide verſchneide!“—„Nehmet Euch ſelbſt in Acht, Herr Hofmarſchall von Littauen,“" ent⸗ gegnete der Praͤlat kalt und mit geſetztem Ton, „ nehmet Euch ſelbſt in Acht, daß Ihr Euch kein Leid zufuͤget; denn das Schwert ſo Ihr fuͤhret, iſt ein zweiſchneidiges, und ſolches verletzet gar oftmals ſeinen algenen Herrn.“— Der Fuͤrſt ſchien die Worte des Kanzlers zu uͤberhoͤren, und fuhr fort, gegen den Johannes Zabrzezinski ge⸗ wendet:„Des Koͤnigs Befehl an Euch, Herr von Zabrzegi, iſt, daß Ihr Euch ſofort begebet nach Troki, deſſen Wojewode Ihr noch ſeyd zur Stunde und daſelbſt erwartet ſeinen allerhoͤchſten Willen und Verordnung.(— Ohne ein Wort zu erwie⸗ dern hoͤrte der ſtolze Großmarſchall die feindliche Rede; nur einen langen Blick heftete er auf den Fuͤrſten, dann wandte er ſich, und verließ ſchwei⸗ gend den Saal. Im folgenden Augenblick trat der Tuͤrk Haſ⸗ ſan zu ſeinem Herrn, und fiiſterte ihm einige Worte zu. Michael Lwowicz folgte ihm mit ei⸗ ligen Schritten, in einen offenen Nebengang, in welchem ich ihn einige Zeit leiſe mit einem Fraͤu⸗ lein ſprechen ſah, die ich mehrmalen geſehen im Gefolge der moskowitiſchen Helena. Als bald darauf das Vorgemach leer geworden, entfernten ſich die drei durch eine kleine Thuͤr, die auf die Treppe ſtoͤßt zu den innern Gemaͤchern. Die Gegner des Staroſten von Belsk waren gedemuͤthigt, ſeine Ehre hergeſtellt vor den Au⸗ gen der Welt; doch gemahnte es mich als ge⸗ — 221— brauche er ſich ſeines gedoppelten Sieges nicht mit Maͤßigung, ſein Weſen ward taͤglich hoch⸗ fahrender gegen die, welche ihm gleich kamen an Geburt und Wuͤrde, und ſeine Hand ruhete ſchwer auf dem Lande. Selten verging ein Tag, an welchem nicht einer oder mehrere Herren der Krone und des Großfuͤrſtenthums verhaftet wur⸗ den, viele andre verließen das Hoflager; nur Jo⸗ hannes Laski, der Schatzmeiſter Bonar und Woy⸗ eiech Tabor der Biſchof von Wilno blieben in der Stadt, alle drei unverletzlich durch ihre Wuͤrde und Verdienſt; doch zeigten ſie ſich wenig in der Burg, und naheten dem kranken Koͤnig niemals. Herr Michael ſchien ganz umgewandelt; ſelbſt die welche treu zu ihm ſtanden, behandelte er rauh und geringſchaͤtzig; Sorge und Unruhe um⸗ woͤlkten ſeine Stirn, und nur manchmal uͤber⸗ ließ er ſich im engen Kreiſe ſeiner Allervertrauteſten, zu welchem auch ich Zutritt hatte, einer ausſchwei⸗ fenden und wilden Froͤhlichkeit. Viele vom nie⸗ dern littauiſchen Adel draͤngten ſich zu dem Hof⸗ marſchall, und wurden reichlich begabt. Des Heimlichthuns und Gefliſters war viel. Taͤglich erſchien der Meiſter Laskaris, deſſen Anweſenheit nicht mehr geheim gehalten ward, in dem Fluͤgel — 222— des Palaſts, welchen Michael Lwowichz bewohnte; der Herr von Schleinitz that mehrere Reiſen, Haſſan der Tuͤrk ſchien ſehr beſchaͤftigt, und der Fuͤrſt ſelbſt ward jeden Tag unſichtbar auf einige Stunden, ohne daß man gewußt haͤtte, wohin er gekommen. In einer Nacht aber, die ich nimmer ver⸗ geſſen werde— es war die vom achtzehnten bis zum neunzehnten Auguſt des Jahres Chriſti ein⸗ tauſend fuͤnfhundert und ſechs, waren die treue⸗ ſten Genoſſen des Herrn Glinski bei ihm verſam⸗ melt. Der Becher ging fieißig umher. Fuͤrſt Michael, der ſonſt nicht pflegte viel zu trinken ſprach ihm ungewoͤhnlich zu, alſo daß er bald verfiel in jene unheimliche Froͤhlichkeit, die ihm eigen war ſeit der Schlacht von Kleck. Wir an⸗ dern thaten wie er. Da ward denn das Band der Zunge locker, und es wurden viele, zum Theil gar vorlaute Reden gepflogen, von einer neuen Ordnung der Dinge. Bald wuͤrde, hieß es, alles wieder werden, wie es ehemals war; Littauen wieder Littauen, und es brauche keine Polen noch Schleſier; der alte Stamm des Skirgiello ſey ausgeartet im fremden Land, und tauge nicht mehr auf vaterlaͤndiſchem Boden, man werde ſchon ein einheimiſches Reis finden, welches nicht weit zu ſuchen ſey, und dergleichen mehr.— Zwar ſagte Herr Glinski nichts dazu, doch hoͤ⸗ rete er es an, und wie mir daͤuchte, nicht mit beſondrem Mißfallen; auch wenn die Ausfaͤlle recht derb wurden auf die Herren der Krone, und vornehmlich auf Herrn Siegmund den Mark⸗ grafen von der Lauſitz und Herzog in Schleſien, erhob er einigemal ein gar lautes Gelaͤchter. Doch mit einemmale ſtand er auf von dem Seſſel, nahm einen großen Pokal, fuͤllte ihn mit Wein, und rief:„Welcher von Euch, Ihr Herren, trinkt mit mir auf die Geſundheit des Wojewoden von Troki?“— Alle ſahen ſich un⸗ ter einander verwundert an, und die Becher blie⸗ ben ſtehen unberuͤhrt.—„Wohl muß ich mich hoͤchlich verwundern, edle Herren und werthe Freunde,“ fuhr Herr Michael fort, ,, daß Ihr alſo anſtehet mir Beſcheid zu thun.⁰*— So ſpre⸗ chend, ging er an einen Schrein, und nahm daraus ein Pergament, und entfaltete es, und las. Deſſen Inhalt aber war: Alexander von Gottes Gnaden Koͤnig in Polen, Erbherr und Großfuͤrſt von Littauen, Rußland u. ſ. w. habe beſchloſſen dem Unterkanzler in Littauen, Adal⸗ =— 224— bertus Tabor, Biſchof zu Wilno das kleine In⸗ ſtegel abzunehmen; ſodann ferner den Johannes von Zabrzegi Großmarſchall von Littauen und Wojewoden von Troki, dieſer letzteren Wuͤrde zu entſetzen, und ſolche zu uͤbertragen dem hochwohl⸗ gebornen ihm beſonders lieben Michael Lwowicz Kniazen Glinski zum Merkmale ſeines Wohl⸗ wollens und koͤniglicher Gnade; in Abſicht deſſen habe er ſolches urkundlich aufſetzen und mit dem koͤniglichen Inſiegel verſehen laſſen, gedenke dem⸗ nach, ſo es Gott gefalle, auf dem in wenig Tagen zum 15. September ausgeſchriebenen Reichstage gegenwaͤrtiges hergebrachtermaßen zu beſtaͤtigen; bevollmaͤchtige aber, im Falle, daß Gott in ſei⸗ nen, des Koͤnigs, jetzigen betruͤbten Krankheit⸗ umſtaͤnden uͤber ihn verfuͤge, beſagten Fuͤrſten Michael Glinski als ernannten Verweſer des Großfuͤrſtenthums bis zur Ankunft Herrn Sieg⸗ mund Jagiello, Markgrafen von der Lauſitz, Her⸗ zogs zu Troppau und Großglogau, Staroſten in ganz Schleſien, kuͤnftigen Großfuͤrſtens und Erb⸗ herrn von Littauen, Rußland u. ſ. w. ſolchen des Koͤnigs Willen, bei der Verſammlung der Herren und der Ritterſchaft zu erklaͤren, und ins Werk zu richten. Einige andere Verfuͤgungen, — 225— ſetzte Herr Glinski hinzu, aͤhnlichen Inhaltes, betreffend den Kanzler der Krone, den Schatz⸗ meiſter und den Feldherrn Czarnkowski ſeyen er⸗ gangen, nach welchen der Wille Herrn Alexanders zu deren Entſetzung und Beeintraͤchtigung, ſo weit es einem Koͤnig in Polen vergoͤnnt iſt, der⸗ gleichen zu wollen, gleichfalls zu Krakow ſeiner Zeit ſolle bekannt gemacht werden. Ihr errathet leicht erlauchter Herr von Tarnow, daß wir nun nicht anſtanden, die Pokale zu leeren auf die Geſund⸗ heit des Wojewoden von Troki. Das nahm Herr Michael freundlich laͤchelnd auf, und fuhr dann weiter fort zu ſprechen:„Es iſt billig, daß ei⸗ nem jeden das Seine werde, ſo gedenke ich wohl nicht lange Wojewode zu ſeyn zu Troki, und die⸗ ſes, und die Fuͤrſtenthuͤmer Smolensk, Droho⸗ buz und andere mehr werden an ihre rechten Her⸗ ren kommen; auf daß alles ſo werde, wie es war zu den Zeiten des Jagiello, als er noch nicht Wladyslaw genannt war, und des alten Witold, deſſen Andenken leuchten moͤge.“ Da gedachte ich der Rede des griechiſchen Meiſters, und waͤhrend die andern tranken und laͤrmten mit vielem Geſchrei und aufruͤhreriſchen Worten, trat ich ſinnend an das Fenſter, und 15 4 ſchauete hinaus in die warme Sommernacht. Da ſah ich viel Lichter hin und wieder gehen im Haupt⸗ gebaͤude, wo der Koͤnig wohnte, deſſen Fenſter man von dem Fluͤgel des Hofmarſchalls uͤberſehen konnte, und ein dumpfes Geraͤuſch ſchallte zu mir heruͤber. Als ich mich aber zuruͤck wendete in das Gemach, um den Trinkenden anzuzeigen, was ich bemerkt, oͤffnete ſich eben die Thuͤr, und einer von den Edelleuten des Koͤnigs trat herein. Er ſagte mit eilfertigen Worten: der allerdurch⸗ lauchtigſte Herr ſey ploͤtzlich ſehr krank worden, es gehe wohl mit ihm zum Ende, und er ver⸗ lange nach dem Fuͤrſten. Als Michael Lwowicz dieſe Worte hoͤrte, entfaͤrbte er ſich etwas, und ſetzte den erhobenen Becher zuruͤck auf die Tafel; dann ſammelte er ſich aber und ſprach mit adeli⸗ chem Tone:„Ihr ſeyd mir ein trauriger Bothe, mein Herr, doch folge ich Euch ſogleich, denn Michael Lwowicz Glinski wird den verehrten Herrn auch nicht verlaſſen in der letzten Noth, welche jedoch der Himmel gnaͤdiglich noch abwenden moͤge.“ Darauf ſagte er einige Worte abſeits zu dem von Schleinitz und dann dem Tuͤrken, und begab ſich hinweg in die Zimmer des Koͤnigs und noch etwa funfzehn Edelleuten. 8 — 227— Als wir in das Vorgemach traten, fanden wir es angefuͤllt mit vielen geiſtlichen Herren, Magnaten und Rittern, aber unter allen herrſchte ein tiefes Stillſchweigen; Sorge und Bekuͤmmer⸗ niß lagen auf den Mienen, und nur hin und wieder ließ ein leiſes Fluͤſtern ſich vernehmen in der Verſammlung. Fuͤrſt Michael ging, ohne ſich aufzuhalten, auf das koͤnigliche Gemach zu, und ward ſogleich eingelaſſen. Wir andern war⸗ teten in der Ante⸗Camera. Da ſchien es mir, als begoͤnne drinnen ein etwas lautes Geſpraͤch/ wohl lauter, als man es zu halten pflegt am Sterbebette eines Koͤniges; und wie ich ſo ſtand, lauſchend, ob ich nichts von dem wahrnehmen könne, was vorging, oͤffnete ſich die aͤußere Thuͤre — und herein trat Herr Johannes Zabrzezinski, der vom Hofe verwieſene Großmarſchall mit mehr denn ſechzig Herren und Edelleuten. Auch er ging gerade auf die Thuͤr zu, die zum Koͤnig füͤhrt, und ſie ward ihm ohne Verzug geoͤffnet. Noch ſann ich, wie der Herr von Zabrzegi ſo hier erſcheinen moͤge trotz dem koͤniglichen Ver⸗ bot, und wie wohl ſeine Anherokunft dem Herrn Michael nichts gutes bedeute; da ward das Ge⸗ ſpraͤch im Gemach immer lebhafter und mehrere 15* Stimmen ſtritten durch einander. So waͤhrte das wohl eine Stunde, darauf kam Fuͤrſt Glinski aus dem koͤniglichen Kloſett. Er war todtenblaß, ſein ſtarres Auge ſchien keinen der Gegenſtaͤnde zu bemerken, die ihn umgaben; doch nahm ich wahr, daß er ſtrebte, ſeine Bewegung zu verber⸗ gen, und das Laͤcheln feſt zu halten, welches ſonſt in den Tagen des Gluͤcks ſein Antlitz be⸗ lebte. Er ging, ohne umzuſehen, nach einem ſeitwaͤrts ſtehenden Sitz, wo er, den Kopf in die Hand ſtuͤtzend, bald in finſteres Sinnen ver⸗ ſank. Drinnen im Gemach ward es nun ſtiller. Bald deutete ein eintoͤniges Murmeln an, daß die Prieſter die Gebete der Sterbenden herſagten; dann, es mochte etwa vier Uhr Morgens ſeyn, ließ ſich ein ſchnelles Hin⸗ und Hergehen verneh⸗ men; darauf erſcholl in langſamen Schlaͤgen die Todtenglocke vom Thurm; die Thuͤre des koͤnig⸗ lichen Gemachs ging auf, und heraus traten der Kanzler der Krone und der Großmarſchall. Der erſte ſagte mit bewegter Stimme folgende Worte: „„Hochwuͤrdige, hochgeborne und edle Herren der Krone und des Großfuͤrſtenthums; es hat dem Herrn der Koͤnige gefallen, den weiland allerdurchlauchtigſten Herrn Alexander Jagiello, =— 229— Koͤnig von Polen und Großfuͤrſten von Littauen und Rußland, aus dieſer zeitigen Welt abzurufen, und ihn aufzunehmen in ſein ewiges Freudenreich; die Herrlichkeit des Herrn leuchte uͤber ſeiner Seele. Michael Glinski, in ſich ſelbſt verſunken, ſchien nichts vernommen zu haben von allem, was vorgegangen; jetzt aber raffte er ſich empor wie jemand, der in verzweifelter Lage allen ſeinen Muth aufruft, und ſchritt raſch vorwaͤrts nach dem Sterbegemach. Doch der Herr von Zabrzegi trat ihm in den Weg, ſprechend:„Wohin, Herr Fuͤrſt Glinski?“— Der erwiederte drauf, doch nicht, wie ſonſt mit freudigem Stolz, ſondern mit etwas ſcheuem Weſen und erſtickter Stimme: „Dahin, Herr Zabrzezinski, wohin mich mein Amt ruft, als Hofmarſchall von Littauen, wel⸗ ches auszuuͤben Ihr mich wohl nicht verhindern werdet?“—.„Der Vorſtehung Eueres Amts ſeyd Ihr diesmal uͤberhoben, Knias Glinski,“ antwortete der Wojewode von Troki;„ſo iſt es des hochſeligen Koͤnigs Wille und der Befehl Herrn Siegmunds Jagiello, des jetzigen Großfuͤr⸗ ſten*) von Littauen, Eures und meines Herrn”— „Dle Fürſten des Jagielloniſchen Hauſes waren geborne und erbliche Großfürſten von Littauen und Weiß⸗ und fuͤrchtet Ihr nicht,“ ſetzte der Kanzler hin⸗ zu mit tiefer und tonloſer Stimme,„daß bei Euerem Hinzutreten das ſtroͤmende Blut Euch ſo vor der Welt verklage, wie Alerander jetzt vor Gott?“— Da mandte ſich Fuͤrſt Michael und ging hinaus, und rechts und links machten ihm alle Umſtehenden Platz, gleichſam ſich ſcheuend vor dem unheimlichen Feuer, das in ſeinen Au⸗ gen gluͤhte. Als wir aber auf die Stiege gelang⸗ ten, ging ein Gerede, die Koͤnigin ſey verhaftet. Da wir nun zuruͤck kamen in den Saal, wo vor wenig Stunden die laute Freude und das Schreien des entzuͤgelten Uebermuthes getoͤnet hatten, war es darin ganz ſtill. Mit bedenklichen Mienen gingen die Herren und das Hausgeſinde umher; der Fuͤrſt aber zog ſich in ſein innerſtes Gemach zuruͤck, um zu ſchreiben; auch gingen mit Aufgang der Sonne ſchon fuͤnf oder ſechs Eilbothen ab, nach verſchiedenen Seiten. So Rußland, in Polen aber nur gewählte Könige: Beide Nationen wurden nach ibren beſondern Rech⸗ ten regiert, bis unter Siegmund dem zweiten, Auguſt die endliche Vereinigung zu Stande kam. Seit dem Tode dieſes Königs, des letztern aus dem Manns⸗ ſtamm des Jagiello, erſtreckte ſich das Wahlrecht auf beide Länder. 3 — 231 brachten wir die Zeit zu bis in die vierzehnte Stunde; da kam einer von den Edelleuten und berichtete: der griechiſche Arzt ſey auf Befehl des Kanzler Laski in Gewahrſam gebracht worden, als ein geborner Unterthan der Krone und ſeiner Gerichtsbarkeit unterworfen. Kurz darauf trat Herr Michael in den Saal. Er hatte ſich auf⸗ gerichtet aus tiefer Betaͤubung, und erſchien wie⸗ der als der alte; leutſeliger und freuudlicher ſo⸗ gar, als er in den letzten Tagen geweſen. Er hoͤrte die Bothſchaft des Edelmanns ohne ſonder⸗ liche Bewegung an, und ſchritt ſodann im Ge⸗ mach auf und nieder, Worte wechſelnd mit mir, mit dem Schleinitz und andern. Auf einmal blieb er ſtehen und begann gegen die Anweſenden ge⸗ wendet alſo:„Ihr alle meine Herren und Freunde habt das Wort vernommen, welches heute im koͤniglichen Vorgemach der Kanzler der Krone Polen an mich richtete, und welches lau⸗ tete gleich der Beſchuldigung einer verdammungs⸗ wuͤrdigen Unthat. Welcher von Euch den Mi⸗ chael Glinski ſolcher faͤhig haͤlt, der trete auf und ſpreche. Ich aber ſage Euch, daß ich unſchuldig bin an dem Hintritt des Koͤnigs, und ſein tod⸗ ter Mund nicht um Nache ſchreien kann uͤber — 232— mich, als uͤber ſeinen Moͤrder, ſo wahr mir Gott helfe in meiner letzten Noth!"— War mir es doch, als fiele bei dieſen Worten ein Sonnenſtrahl in mein verdunkeltes Gemuͤth, und als ſey nun al⸗ les, alles wieder gut; denn bei meiner Seele, es war nicht der Ton der Luͤge, in welchem er ſprach.⁰— 13. „So war es auch wohl,“ unterbrach Jo⸗ hannes Tarnowski den Erzaͤhler;„und nie habe ich geglaubt, daß Michael Glinski der Urheber geweſen vom Tod des Alexanders, wenigſtens nicht unmittelbar und durch Gift, ſo viel man auch davon geſprochen, und ſo hartnaͤckig der Primas Laski in unverſoͤhntem Haß den Ungluͤck⸗ lichen beſchuldigt hat. Zuviel ſchon ſtehen der Unthaten angeſchrieben bei dem Namen des Glins⸗ ki, als daß man noch in die ſchwere Schale werfen ſolle den graͤßlichen Koͤnigs⸗ und Freun⸗ des⸗Mord, der doch ganz unerwieſen iſt und unwahrſcheinlich dazu; denn mit Koͤnig Alexan⸗ der trug man ja das Gluͤck des Glinski zu Grabe. Doch muß ich Euch geſtehen, daß Ihr mich irre — 233— gemacht habt mit dem Pfeil durchbohrten Bild des Meiſter Laskaris; denn wohl habe ich gehoͤrt hier und in Frankreich von dergleichen, welches man mißbrauche zu ſchnoͤdem Zauber mit Huͤlfe des boͤſen Feindes.”“—„Ich habe Euch nicht geſagt, daß es das Bildniß Alexanders Jagiello geweſen ſey, welches ich geſehen im Thurme zu Wilno; ich konnte deſſen Zuͤge nicht erkennen in der Eil; und ſoll ich Euch meine Meinung offenbaren, ſo glaube ich, es war das Conterfei eines andern Fuͤrſten, welchem der feindſelige Zauber wohl nichts geſchadet, da derſelbe nach⸗ her noch vierzig Jahre lang auf dem Throne ge⸗ ſeſſen, nehmlich Siegmunds des alten Bild; denn nicht von aller boͤſen Begier und vorgenom⸗ mener Graͤuelthat mag man den Herrn Michael ſo frei ſprechen, wie vom Morde Koͤnig Alex⸗ anders. Doch laſſet mich Euch berichten, wuͤrdiger Herr von Tarnow, wie derſelbe darauf Befehl gab, den Fluͤgel des Schloſſes zu raͤumen, den er inne gehabt, und ſich mit ſeinen Leuten noch ſelbigen Tages in ſein Haus in der Stadt ver⸗ fuͤgte, welches mit Wall und Graben umſchloſſen, ihm jetzt ein ſichrerer Aufenthalt daͤuchte, als die großfuͤrſtliche Burg. Es vergingen in dumpfer Stille und feindſeliger Spannung mehrere Wo⸗ chen, waͤhrend welcher die Koͤnigin ins geheim Wilno verließ, um ſich nach Minsk, ihrem Witt⸗ wenſitze zu begeben. Im Laufe dieſer Zeit, in wel⸗ cher der Fuͤrſt ſich wenig oͤffentlich zeigte, außer den Ritten, die er manchmal in geringer Begleitung durch die Straßen machte, erhielt er viele Both⸗ ſchaften und verſammelte, wie ich wahrnahm, eine große Anzahl bewaffneter Leute von ſeinen Schloͤſſern und Guͤtern in der Naͤhe der Haupt⸗ ſtadt. Die Stille, welche damals herrſchte, war gleich der Schwuͤle, welche vorangehet einem ſchweren Gewitter. Da verkuͤndigte eines Morgens im Oetober⸗ monat der Donner des Geſchuͤtzes und das Laͤu⸗ ten der Glocken, daß Siegmund Jagiello ſeinen Einzug halte, der neue Großfuͤrſt. Alle Wuͤrden des Großfuͤrſtenthums verſammelten ſich auf dem Schloſſe, den Herrn zu empfangen, und auch der Hofmarſchall begab ſich dahin. Bald erſchien der Großfuͤrſt in Begleitung des Johannes Za⸗ brzezinski, des Schatzmeiſters Bonar und der Kanzler der Krone und Littauens, welche ihm entgegen geritten waren. Leutſelig und mit Wuͤrde begruͤßte er jeden der Herren, der an ihn heran trat; aber als der Fuͤrſt Glinski ſich naͤherte, ſprach er nicht zu demſelben, ſondern heftete eine Zeit lang ſeine Augen auf ihn, und wandte ſich dann ab zu dem Naͤchſtfolgenden mit huldreicher Rede. Ein paar Tage ſpaͤter ging das Geruͤcht, Fuͤrſt Michael ſey von dem Kanzler der Krone, dem Großmarſchall, dem Schatzmeiſter, wie auch von dem Biſchof von Wilno und noch einigen andern Herren und Senatoren, vor dem Großfuͤrſten des Hochverrathes angeklagt auf Leih und Leben. Herr Michael, ob im Vertraun auf ſeine gerechte Sache, ob ſich ſtuͤtzend auf andere Huͤlfsmuͤttel, das mag ich nicht entſcheiden, verblieb ruhig zu Wilno, erwartend, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Doch immer haͤufiger kamen und gingen die Bothſchaften; und oft bemerkte ich bei naͤchtlicher Weile in den Gaͤngen des Hau⸗ ſes Maͤnner, die mir wohl bekannt waren als Rotten meiſterim Heer, und Edelleute im Schutze des Hauſes Glinski. Doch es erfolgte keine Vorladung vor Ge⸗ richt; der Großfuͤrſt, hieß es, habe die Entſchei⸗ dung dieſer hochwichtigen Sache der nahen Ta⸗ geſatzung des Großfuͤrſtenthums zu Littauiſch⸗ — 296— Brzese anheim geſtellt, und einſtweilen die Par⸗ theien zur Ruhe und Frieden verwieſen. Doch blieb Herrn Siegmunds Weiſe gegen den Fuͤrſten Michael dieſelbe; er ſprach wenig oder nichts zu ihm in den Verſammlungen des Hofes, und die Thuͤren der Zimmer im Schloß, die zu Koͤnig Johann Albrechts und Alexanders Zeiten, weit aufflogen bei ſeiner Annaͤherung, waren allmaͤhlich gaͤnzlich fuͤr ihn verſchloſſen. Da ging Herr Laski der Kanzler mit den andern polniſchen Herren ab nach Piotrkow, wohin der Primas und In⸗ terrex den Reichstag der Krone ausgeſchrieben, zur Koͤnigswahl. Gegen das Ende des Jahres 1506 erwaͤhlten die Herren der Krone Polen, mit Bedacht auf die Entſagung des aͤlteren Bruders Wladyslaw, der Koͤnig war von Ungarn und Boͤhmen, Siegmund den Großfuͤrſten von Lit⸗ tauen zum Koͤnig, und es langte eine Geſandt⸗ ſchaft zu Mielnik an, wohin die Tageſatzung ver⸗ legt worden, auf welcher ſich der durchlauchtige Herr und auch wir uns befanden. Die Geſand⸗ ten aber, welche abgeſchickt waren, um den neuen Koͤnig nach Krakow zu geleiten zur Kroͤnung, waren der Kronkanzler Herr Laski, und die Bi⸗ ſchoͤfe von Kujawien und Poſen, und der von — 2972— Przemysl, der Unterkanzler, Euer Oheim Jo⸗ hannes Tarnowski, der Wojewode von Belsk, und Andreas Szamotulski, der Wojewode von Poſen. Alſo begab ſich Koͤnig Siegmund in ſein neues Reich mit einem Gefolge von vielen Herren und Rittern der Krone und des Großfuͤrſtenthums⸗ unter welchen letztern auch Michael Glinski war der Hofmarſchall, welcher ſeit einiger Zeit wie⸗ der in der Hoffnung ſtand, es werde der Koͤnig das Vergangene vergeſſen und ihm vergeben. Ich aber ward waͤhrend der Zeit zu meinem Vater berufen, der todtkrank darniederlag zu Kijow. Als er darauf geſtorben war, und ich ihm die letzte Ehre erwieſen hatte, begab ich mich nach der Stadt Slucko unfern vom Dnieprfluß, wo Frau Anaſtaſia, die Fuͤrſtin daſelbſt, ihren Hof hielt; denn ſie war verwandt mit meinem Hauſe. Von da kehrte ich in der ſechsten Woche des Jah⸗ res 1507 nach Wilno zuruͤck zum Herrn Michael, der damals ſchon angelangt war aus Krakow. Hier fand ich nun die Sachen boͤſer ſtehen, als je zuvor. Die verdaͤchtigen Ruͤſtungen, der uͤber⸗ muͤthige Trotz, den er auch in ſo ſchlimmer Lage nicht ablegen wollte, und manches andere, wel⸗ ches mir erſt ſpaͤter klar ward, hatten von neuem den Koͤnig wider ihn erzuͤrnt; da es doch geſchie⸗ nen er ſey ihm minder abgeneigt ſeit der Kra⸗ kauer Reiſe, bei welcher er ſich gezeigt mit fuͤrſtlicher Pracht und damit den Erblanden des Herrn Siegmund nicht wenig Ehre gemacht hatte vor den fremden Fuͤrſten und Geſandten, welche ver⸗ ſammelt waren zur Kroͤnung. Manches Alte war aber jetzt wieder zur Sprache gekommen; und Johannes Zabrzezinski, an welchem er fortwaͤhrend Haͤndel geſucht, hatte die Anklage um Hochver⸗ rath gegen ihn erneuert, und ſie foͤrmlich in der Verſammlung der Herren und Staͤnde vor den Thron gebracht. Obgleich der Koͤnig abermals die Entſcheidung dieſer Haͤndel auf den naͤchſten allgemeinen Reichstag ausgeſetzt hatte, um, wie er ſagte, das Andenken ſeiner Bruͤder, der Koͤ⸗ nige Johannes Albrecht und Alexanders, zu ehren; aber im Grunde wohl nur, weil er Bedenken trug, den uͤbermaͤchtigen Lehnsmann anzutaſten, und erwarten wollte, daß ſich mehrere Beweiſe ſammelten ſeiner Schuld, um ihn darnach ſich⸗ erer zu faſſen, ſo zeigte es ſich doch bald nur zu deutlich, daß der Augenblick nicht fern ſey, in welchem ihn die Ahndung treffen werde. Sein Haus ward geflohen von den meiſten Herren und — 289— Edeln, die treu hielten zu dem Koͤnig; vergebens bemuͤhete er ſich, die wieder um ſich zu verſam⸗ meln, welche ſein Uebermuth und das drohende Ungluͤck verſcheucht hatten. Zwar draͤngten ſich viele zu ihm vom niedern Adel; von den vorneh⸗ meren Geſchlechtern aber hielten nur wenige aus bei ihm, und unter dieſen auch ich. Da brach der Ingrimm des Fuͤrſten aus den Schranken, in welchen er ihn ſo lange muͤhſam erhalten, und er entbloͤdete ſich fortan nicht, das Feuer zu ent⸗ zuͤnden der buͤrgerlichen Zwietracht. Oftmals ſte⸗ len Abtheilungen der Mannſchaft, ſo er zuſam⸗ men gezogen um die Stadt, ein in die Doͤrfer dem Wojewoden von Troki gehoͤrig, und pluͤnder⸗ ten daſelbſt und trieben Unfug, als ſeyen ſie in Feindes Land. Und der Hert von Zabrzegi ver⸗ galt Gleiches mit Gleichem. Faſt taͤglich floß das Blut auf den Straßen von Wilno. Die Abwe⸗ ſenheit des Koͤnigs ließ dem Unheil freien Lauf. Ich aber und der Sachſe Schleinitz fuͤhrten blind⸗ lings aus, was uns der gebot, welcher oftmals und noch kuͤrzlich bei Kleck das Vaterland geret⸗ tet hatte, welchen wir als unſern Wohlthaͤter anſahen und vaͤterlichen Freund, und welcher, wie wir meinten, unſchuldig verfolgt war von Neid und ſchnoͤdem Undank. Das Haus des Glinski zu Wilno war anzuſehen gleich einer be⸗ lagerten Feſte; mehrere Stuͤrke waren aufgepflanzt auf den Waͤllen, an 300 Landsknechte verſahen den Dienſt; niemand ward aus und ein gelaſſen ohne ſtrenge Unterſuchung; und wenn Herr Mi⸗ chael in die Stadt ritt, oder auf die Burg, ſo geſchah es in Begleitung von mehr als zwanzig Edelleuten und 50 geworbenen Reitern. 14. Auf dieſe Weiſe war der Winter vergangen; da erklaͤrte der Fuͤrſt eines Tages in der Ver⸗ ſammlung ſeiner Freunde und Hausgenoſſen: er ſey geſonnen, eine Reiſe zu thun. Bald darauf ging er mit einem ziemlichen Komitat ab von Wilno, und wir ſchlugen die Straße ein gen Ofen. In fruͤherer Zeit hatte er viel Gunſt ge⸗ noſſen bei Wladyslaw Jagiello, dem Koͤnig in Ungarn und Boͤhmen, dem Bruder Johannes Albrechts, Alexander und Siegmunds; auch hatte er von demſelben ein theures Wort exhalten in vertraulicher Stunde, daß er ihn ſchuͤtzen wolle und vertreten, ſo er einmal in Noth kaͤme oder — 241— Gefahr. Jedoch, als wir anlangten zu Ofen, wurden wir zwar ſehr hoͤflich aufgenommen mit allerlei Feſten und Banketten, auch trank man uns fleißig zu in Ungarwein, der wohl ſo gut war als der Eure, Herr Graf zu Tarnow; mit der Hauptſache aber ſchien es nicht vorruͤcken zu wollen. Als das Herr Michael ſah, ſendete er ins geheim den von Schleinitz von Ofen nach Wien, um, wie es hieß, allerlei italieniſches Ge⸗ raͤth zu beſorgen, eigentlich aber wohl zu Marxi⸗ milian dem roͤmiſchen Kaiſer; was er dort aus⸗ gerichtet, blieb mir damals verborgen, es hat es aber die Folgeteit ſattſam erklaͤret. Etwa vier Wochen verweilten wir am Hoflager, und der Koͤnig ward immer kuͤhler, und Herr Glinski taͤglich mißmuthiger. Auch gewahrten wir, daß wir umringt waren mit Spaͤhern, die Acht ga⸗ ben auf alles, was wir thaten und ſprachen. Da langte Botſchaft an, Koͤnig Siegmund ſey zu⸗ ruͤck gekehrt in ſeine littauiſche Hauptſtadt von Krakow, und der Fuͤrſt beurlaubte ſich bei Herrn Wladyslaw. Beim Abſchiedsgehoͤr war der Koͤ⸗ nig von Ungarn huldreicher, als er in der letzten Zeit geweſen; vielleicht weil er zufrieden war, ſich eines bedenklichen und uͤberlaͤſtigen Gaſtes zu 16 — 242— entſchlagen. Er ſprach dem Herrn Glinski guten Muth zu; er ſolle vertrauen der Milde ſeines Bruders von Polen, welcher ein gar gnaͤdiger Herr ſey; wenn er kuͤnftig durch unwandelbare Treu gut mache, was er vielleicht fruͤher ver⸗ ſchuldet, ſo werde ſein Herr der Koͤnig deſſen nicht mehr gedenken, ſondern nur des Nuͤhmlichen, was er voll⸗ bracht zum Beßten des Vaterlandes. Er verhieß ihm auch, er werde dem Stephan Tekely ſeinem Geſandten in Polen auftragen, daß er in ſeinem Namen zu Gunſten des Hofmarſchalls ein Fuͤrwort einlege bei ſeinem koͤnig⸗ lichen Bruder, auf daß das Geſchehene ihm nicht Schaden thue an ſeinem Vermoͤgen, und ſeiner Ehre.— So zogen wir alſo von der Stadt Ofen zu⸗ ruͤck in das littauiſche und ruſſiſche Land. Wollte aber nun Herr Michael Raum geben dem ungar⸗ iſchen Geſandten, daß er das Wort ſeines Bru⸗ ders anbringe bei Koͤnig Siegmund, oder war ſeine Abſicht eine andere; genug, wir kehrten nicht alsbald zuruͤck nach Wilno, wie es vorge⸗ — 2438— geben worden in Ungarn, ſondern zogen umher auf den Guͤtern und Schloͤſſern des Glinski, vor⸗ nehmlich aber auf denjenigen, ſo laͤngs dem Dniepr gelegen. Und wo ein feſtes Schloß war, befahl er die Werke auszubeſſern, ſammelte viel Leute und legte ſie in dieſelben; verſah ſie mit Krie⸗ ges- und Mundvorrath und jeglichem Beduͤrfniß: denn es ſey, ſo ſprach er, dem Moskowiter nicht zu trauen, und es duͤrfe leichtlich bald ein An⸗ griff erfolgen auf dieſer Seite. Wir kamen auf unſerm Zug auch gen No⸗ wogrodek am Niemenfluß gelegen; allda iſt ein koniglich Schloß, das ſtand unter den Befehlen des Glinski. Da er nun auch hier alles in gu⸗ ten Kriegesſtand geſetzt hatte, beſchloß er daſelbſt zu weilen, bis er Botſchaft erhielte aus Wilno, von dem ungariſchen Geſandten. Die Burg ward geoͤffnet den Herren und Edeln, die in der Nachbarſchaft herum wohnten, und fuͤrſtliche Feſte und Jagden wechſelten mit einander. Die Rit⸗ terſchaft der Gegend machte dem gewaltigen Herrn und beruͤhmten Heerfuͤhrer fleißig den Hof; und die leutſelige Anmuth des Michgel Lwowicz, die fern von der Hauptſtadt ſich freier zeigte und oͤfter, erwarb ihm viele Verehrer unter der⸗ 16* — 244— ſelben. Doch war jemand der nicht fern wohnte von Nowogrodek, und der nicht Theil nahm an den Feſten daſelbſt, noch an der Zuneigung die Herr Glinski fand unter dem Adel; jemand deſ⸗ ſen Beifall und Freundſchaft ihm wohl werther geweſen waͤre, als der vor allen andern insge⸗ ſamt. Wohl zwei oder dreimal in der Woche gingen Edelleute von Nowogrodek nach Sluck mit Ehrenbotſchaften und allerhand zierlichem Anbringen; wohl eben ſo oft verſammelte Herr Michael die vornehmſten Frauen auf der Burg; Frau Anaſtaſia gab auf die erſten nur hoͤflichen, doch kurzen und ablehnenden Beſcheid, und er⸗ ſchien nie auf den letzten. Anaſtaſia aber war die Wittwe des Simeon Olelkowiez, des tapfern Ta⸗ taren⸗Siegers, und regierte ſeit deſſen Tode die Fuͤrſtenthuͤmer Slucko und Kopyl fuͤr ihren Sohn, den Georg Simeonowichz, der zwar da⸗ mals noch ein Knabe war von funfzehn Jahren, aber vier Jahr darauf nach des Vaters Beiſpiel ſchon die Tataren ſchlug, und Anno 1542 Todes verblichen iſt. Das ganze Land am Dniepr und Niemen war voll von ihrem Lob, wie ſie ihren Ehe⸗ herrn, durch ihre Sanftmuth und Weisheit, zur Treue zuruͤck gefuͤhrt gegen Koͤnig Kaſimir, und wie ſie nach ſeinem Ableben, ohngeachtet ſie noch ſchön war und jung, alle Werbung ausgeſchla⸗ gen habe, ſich allein beſchaͤftigend in dem Schloſſe zu Sluck mit der adeligen Erziehung ihres Sohnes und der Regierung ſeiner Lande. Herr Michael hatte ſie ſchon geſehen in ihrem Eheſtand; ſolche aber, die ihn genauer kannten ſeit Jahren, wollten behaupten, er gluͤhe fuͤr ſie ſeit der Zeit in heim⸗ licher Leidenſchaft, und unſer Aufenthalt in No⸗ wogrodek gelte nur ihr. Eines Tages alſo be⸗ rief Fuͤrſt Glinski mich und den Schleinitz und Simeon, den jungen Fuͤrſten zu Bielsk, der heruͤber gekommen war nach Nowogrodek nebſt noch einigen andern, und ſagte: wir ſollten uns bereit halten, und uns ſchmuͤcken mit feinen Kleidern, denn er gedenke einen Ritt zu thun zu einer ſchoͤnen Dame in unſerer Geleitſchaft. So zogen wir aus gen Sluck. Als wir aber das Schloß gewahr wurden und deſſen Waͤlle, Graͤ⸗ ben und Mauerthuͤrme, ſo wendete er ſich zu mir, laͤchelnd und ſprechend:„Wahrlich ein ſchoͤnes Schloß, und faſt unnehmbar, wolle Gott, der Staroſt drinnen, Euere Muhme, Herr Lacki, waͤre nicht eben ſo unuͤberwindlich,“ und ich lachte drauf und ſagte: wohl ſey Frau Anaſtaſia etwas maͤnnerſcheu, doch habe er ſchon feſtere Schloͤſſer genommen als dieß, und die Befehls⸗ haber haben ſich ergeben auf Gnade und Un⸗ gnade; er möge auch hier ſein Heil verſuchen, und wenn es ihm gluͤcke, ſolle es mir eine Ehre ſeyn und eine Freude. Als wir auf den Hof kamen, war daſelbſt eine Schaar junger Leute, die ſchoſſen mit Pfeilen um die Wette nach ge⸗ mahlten Tataren⸗ und Moskowiterkoͤpfen. Unter denſelben war ein hoch aufgeſchoßter Knabe; der jauchzte, und ſchlug allemal in die Haͤnde, wenn ein Pfeil einen ſolchen Kopf in den Turban fuhr, oder in die Muͤtze. Da die Spielenden gewahr⸗ ten an unſerm Aufzug, es ſeyen Gaͤſte gekommen vornehmen Standes, da trat der junge Menſch herzu zu Herrn Michael, als der uns voran ging, und fragte ſittig nach ſeinem Namen und Begehr. —„Man nennet mich den Fuͤrſten Glinski, und ich komme mit dieſen Herren und Freunden, aufzuwarten der erlauchten Frau Anaſtaſia Si⸗ meonowa. Wer aber biſt denn Du, mein lieber Knabe?—„Ich bin, entgegnete dieſer unmu⸗ thig, und machte ſich los von Glinski, der ihn bei der Hand hielt,“„ich bin Georg Simeo⸗ nowicz, der Fuͤrſt zu Slucko und Kopyl."— — — — 247— und er winkte einem der daſtehenden Diener, daß er den Fremden geleite zu Frau Anaſtaſien. Aber ploͤtzlich mich gewahrend, ſprang das junge Herrlein auf mich zu, und rief froͤhlich:—„Ei, ſieh da, der Vetter Johannes! nun, es iſt ſchoͤn, daß Ihr kommt, wir wußten, daß Ihr zu No⸗ wogrodek ſeyet, und meine Mutter wuͤnſchte ſehr, Euch zu ſehen. Aber,“ fuhr er halblaut fort, „waͤret Ihr nur lieber allein gekommen,“ und ſo nahm er meine Hand, und fuͤhrte mich hin⸗ auf in das Schloß, ohne weiter Acht zu haben auf den vornehmſten Gaſt. Im großen Saal aber fanden wir Anaſtaſien umgeben von ihren Frauen am Webſtuhl; ſie ſtand auf und begruͤßte uns, ſagte auch dem Hofmarſchall einige hoͤfliche Worte, doch richtete ſie ihre Rede nur meiſt an mich und den Fuͤrſten Bielski, der ihr auch ver⸗ wandt war, doch nicht ſo nahe als ich. Herr Glinski verwickelte ſie mit gewandter Sitte und ſpaniſch zierlichem Weſen in ein Geſpraͤch; wir andern aber traten abſeits, damit wir ihnen Raum gaͤben. Sie aber antwortete ihm immer einſylbig und kurz. Da fuͤhrte er die Fuͤrſtin Ana⸗ ſtaſta mit ſittigem Anſtand an ein offenes Fenſter, und redete zu ihr lange Zeit heimlich und mit — 246— Eifer; legte auch dabei oftmals, wie betheuernd, die Hand auf die Bruſt. Und ich ſahe, wie der junge Georg ſchelmiſch vor ſich hin lachte. Seine Mutter aber hoͤrte zu ſtillſchweigend und mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen. Als er nun geendet hatte, und auf Beſcheid wartend vor ihr ſtand, nahm ſie das Wort und ſprach laut, daß wir es alle hoͤren konnten: Was Ihr mir da ſaget, Herr Fuͤrſt, und ſchon oftmals durch Botſchaft kund gegeben habet, erkenne ich mit gebuͤhrender Dank⸗ barkeit; mehr duͤrfet Ihr jedoch nicht erwarten.— Einige Worte erwiederte Herr Glinski von Zukunft und Hoffnung. Doch ſie ſprach:„Die Zukunft wird mich der Ehre nicht wuͤrdiger ma⸗ chen, die Ihr mir zudenkt; meine Hoffnung aber ſtehet hier,“ indem ſie auf ihren Sohn zeigte; und ein Stiefvater, wie Herr Michael Glinski, iſt fuͤr einen unmuͤndigen Fuͤrſten uͤber Land und Leute ein bedenklicher Schutzherr."—„Ihr wollet alſo meine Treue verkennen, edle Frau, und alles das Wohl, welches fuͤr Euch und Euern Sohn entſpringen kann aus meinem Vorſchlag?“ — entgegnete Herr Michael gereitzt. Darauf ſprach Anaſtaſia mit bedeutendem Laͤcheln:„Wohl ruͤhmt die Welt viel große und ruͤhmliche Eigen⸗ 1 — — 249— ſchaften an dem Fuͤrſten Glinski, doch habe ich darunter der Treue nicht erwaͤhnen hoͤren. Seh⸗ et,“ ſprach ſie weiter, indem ſie ſich gegen das Fenſter wandte; ſehet dieſes feſte Schloß, mit ſeinen Thuͤrmen und Mauern iſt es gebaut auf dem ſichern Boden der Treue; die Treu haͤlt es aufrecht in ſeinen Grundfeſten, und ſoll es hal⸗ ten, ſo Gott will, noch hundert und abermal hundert Jahre. Darum verzeihet mir mein Herr, daß ich Euch nicht, nicht Euch einfuͤhren kann in dieſes Schloß; ich muͤßte fuͤrchten, daß ich die Zerſtoͤrerin werde des Hauſes meines Soh⸗ nes und meiner Enkel, wenn ich den Sturm⸗ wind herein fuͤhrte, welcher unbeſtaͤndig dahin faͤhrt uͤber die Erde, und die uralten Denkmaͤler bricht.*—„und fuͤrchtet Ihr nicht auch,“ er⸗ wiederte Herr Glinski mit hervorbrechendem Zorn und grimmigen Laͤcheln;„daß der Sturmwind, wenn er von außen heran raſete gegen Euere Burg, zertruͤmmern werde ihre Mauern und Thuͤrme, auf welche Ihr ſo ſtolz ſeyd?”—„Wie es dem Himmel gefaͤllt,“ ſprach die Fuͤrſtin kurz und ſtolz, und dann ſich gegen uns alle wendend:„Verzeihet edle Herren und Gaͤſte, wenn Ihr Euch den Ehrentrunk ſelbſt zutrinken X . — 250— muͤſſet; die Wirthe dieſes Hauſes ſind eine Wit⸗ tib und eine unmuͤndige Waiſe.“ Drauf nahm ſie ihren Sohn an die Hand, und verließ den Saal. 3 Nach genommenem Trunk gingen wir auf den Hof, um zu Pferde zu ſteigen; da trat der junge Georg heraus auf den Erker des Schloſſes, und rief hinab:„Herr Johannes Lacki, Vetter Jo⸗ hannes, auf ein Wort, wenn es Euch gefaͤllt! und Herr Michael ſagte zu mir; ich ſolle hinauf gehen und ſehen, was es gaͤbe. Alſo trat ich wieder in die Burg, waͤhrend Glinski und die uͤbrigen ihres Weges dahin ſprengten. Der Hof⸗ meiſter fuͤhrte mich in das innere Gemach der Fuͤrſtin. Dieſe trat mir entgegen, bot mir die Hand und ſorach alſo:„Verzeihet mir, Herr Vetter Lacki, daß ich Euch nochmals bemuͤhet; ich habe Euch aber ein Wort zu ſagen.“ Und ich vermeinte, das vorige ſey nur eine Folge der weiblichen Scheu und des Stolzes, und ſie wolle es durch mich ins Gleiche bringen; alſo begann ich, viel ihr vorzuſprechen von des Fuͤrſten Glinski großen Eigenſchaften, adelicher Sitte, Reichthum und Macht, und wie ich mich verwundere uͤber das, was ſie ihm geantwortet, und daß ich — 251 4 glaube, ſie habe nicht wohlgethan fuͤr ſich, und ihren Sohn, und deſſen Land und Leute, daß ſie die Hand ausgeſchlagen eines ſo anmuthigen, kriegeserfahrnen und maͤchtigen Herrn. Doch Frau Anaſtaſia Simeonowa unterbrach mich und ſprach: Davon, Herr Vetter, iſt gar nicht die Rede, und kann es nicht ſeyn. Schon ſeit langer Zeit iſt es mein Vorſatz keinen andern Eheherrn zu haben, als den Herrn Simeon, den die Herrlichkeit des Himmels umleuchten moͤge, keine anderen Kinder als meinen Sohn, und keinen Wunſch und Ehrgeiz, als an ihm und ſeinen guten Leuten zu Sluͤck und Kopyl meine Pflicht zu erfuͤllen als Mutter und treue Vormuͤnderin, ſo gut es eine Frau vermag und verlaſſene Wit⸗ tib. Ich habe Euch bitten laſſen zu mir, Herr Johannes, nicht um von mir, ſondern von Euch zu ſprechen. Anſtatt mir zuzureden zu ei⸗ ner Verbindung mit dieſem Glinski, thaͤtet Ihr beſſer, Euch ſelbſt zu berathen und zu erwaͤgen, wohin die Eurige mit ihm wohl fuͤhren kann? Verzeihet mir, und ziehet Euere Stirn nicht ſo kraus; es ſtehet der Blutsfreundin ein gutge⸗ meintes Wort wohl an. Wie habt Ihr doch ſchon zwei Jahre ſeyn koͤnnen um dieſen Mann, — 252— und ſeyd nicht gewahr worden, daß ſein Weg nicht der grade iſt? Geziemet es einem Edelmann und Magnaten, die Schyaͤche und Gebrechlich⸗ keit zu mißbrauchen des Johann Albrecht und Alexander, um ſie zu entzweien mit ihren Edeln und ihrem Volk?— Iſt es wohl loͤblich, um den Großfuͤrſten von Littauen und gewaͤhlten Koͤ⸗ nig von Polen, der nach der Vaͤter Sitte eins ſeyn ſoll mit ſeiner Ritterſchaft und Staͤnden, eine eherne Mauer zu ziehen, daß er eingeſchloſ⸗ ſen ſey in ſeinem Palaſt, wie die Sultane des Morgenlandes in muͤßiger Schwelgerei, und keine Stimme zu ihm dringen koͤnne, die ihn warne? — daß er trete auf den Nacken ſeiner Ebenhuͤr⸗ tigen, und gegen den Brauch und das Geſetz ſie ihrer Wuͤrden beraube mißbrauchend den Namen des Koͤnigs, welcher ihnen dieſelben ertheilt mit Einſtimmung aller Herren und Edelleute? Ich will dem nicht Glauben beimeſſen, was man ſpricht von Frau Helenen der Moskowiterin, und vom Tode des Koͤniges; mag das Erſte durch das Geruͤcht uͤbertrieben ſeyn, und das andere ohne Grund; dennoch, wenn das wahr iſt, was man mir erzaͤhlt von der Todesnacht Alexanders Jagiello, in der Ihr ja wohl auch gegenwaͤrtig — 253— geweſen, ſo moͤget Ihr nicht laͤugnen, daß ir⸗ gend eine ſchwere Verſchuldung auf Herrn Mi⸗ chael laſte, die der ſterbende Koͤnig zu ſyaͤt erkannt, und welche ihm das Herz gebrochen; eine Ver⸗ ſchuldung, welche das Gewiſſen des hochgeprieſe⸗ nen Helden ſo bedruͤckte, daß er, der ja uͤber⸗ muͤthig genug iſt und redefertig, daß er nicht ein Wort finden konnte auf die Beſchuldigung, welche der Kanzler auf ihn gewaͤlzt im Angeſicht des ganzen Hofes, die ſchrecklichſte, die man rich⸗ ten mag an einen Edelmann, einen Ritter und Fuͤrſten.”“ Als ich ſie aber lebhaft unterbrach, ſie ver⸗ ſichernd, daß es bloſe Verlaͤumdung ſey wegen dem Koͤnig Alexander, und daß es jedem ja klar einleuchte, daß der Fuͤrſt nicht ſeinen Tod habe beſchleunigen wollen, indem er ja wohl gewußt, wie des Koͤniges Bruder und Nachfolger gegen ihn geſinnt ſey, und dies die Erfahrung genug⸗ ſam bewaͤhret habe; da fuhr ſie aber fort: Wehe dem Manne, den man nur darum der Unthat nicht bezuͤchtiget, weil ſie ihm keinen Nutzen ge⸗ bracht; ſeine Ehre iſt nicht wohl bewahrt!— Und wie moͤget Ihr Herrn Glinski rechtfertigen uͤber den Schutz, den er dem Peter Balinski gewaͤhrt, — 254— deſſen wahrer Name nun entdeckt iſt, dem ſchno⸗ den Gaukler der ſich ausgegeben fuͤr einen Sproͤß⸗ ling des trapezuntiſchen Kaiſerhauſes, und wel⸗ cher jetzt ſeiner Haft entronnen iſt mit Huͤlfe des Goldes, durch welches Fuͤrſt Michgel ſeine Waͤch⸗ ter beſtochen?— War es der Pflicht gemaͤß des vornehmſten Rathes, des dem Koͤnige nur allzu werthen Freundes das geſalbte Haupt des Wohl⸗ thaͤters dahin zu geben, in die Hand der Unwiſ⸗ ſenheit und des Betrugs?— Jenen Elenden zu ſchuͤtzen gegen die allgemeine Stimme der Redli⸗ chen und Kunſterfahrnen, ſey es aus uͤbermuͤthi⸗ gem Starrſinn, oder noch ſchlimmerem Beweg⸗ grund?— Und da nun Herr Siegmund erſchei⸗ net, und ſich nicht gewinnen laͤßt durch die Gleiß⸗ nerei des Michael Lwowicz, wie ſeine Bruͤder welcher Andenken dieſer verunehrt hat in der Ge⸗ ſchichte ihrer Voͤlker, und er ſiehet nun, es werde ihm mit dem neuen Herrn nicht gelingen wie mit den andern, ſo entzuͤndet er die Fackel des Buͤrgerkrieges im Herzen des Vaterlands, ſpin⸗ net Verſtaͤndniſſe an mit Auswaͤrtigen und Feind⸗ lichgeſinnten, mit dem Maximilian von Oeſtreich und dem moskowitiſchen Erbfeind, und gebraucht ſich des Anſehens das ihm verliehen vom Koͤnig — 255— und Vaterland, um beide zu verrathen!— Und dieſen Mann, Herr Johannes Lacki, wollet Ihr Eurem unmuͤndigen Vetter zum Vater geben, und mir zum Gemahl?—„Was unſere Reiſe nach Ofen betrifft, gnaͤdige Frau,“ erwiederte ich, ſo iſt dieſelbe nicht in verwerflicher Abſicht gethan, wie ich Euch verſichern kann. Wer mag es auch dem bedraͤngten Fuͤrſten verargen, daß er den Schutz geſucht des koͤniglichen Bruders, ge⸗ gen die Neider und Verunglimpfer deſſen, der ſo oft und noch vor ganz kurzer Zeit bei Kleck diejenigen errettet aus großer Noth, welche ihn jetzt verdammen?— Auch hat ihm Koͤnig Wla⸗ dyslaw ſeinen Schutz zugeſagt, und ſeine Fuͤr⸗ ſprache. Von Maximilian aber dem roͤmiſchen Kaiſer weiß ich nichts. Auch iſt keiner von uns geweſen in Wien, von der benachbahrten Stadt Ofen aus, außer ein einigmal ein Saͤchſiſcher von Adel aus dem Gefolg das uns begleitet, und derſelbe hat daſelbſt allerlei goldenes und ſilber⸗ nes Geſchirr italieniſcher Kunſt eingetauſcht ge⸗ gen Pferde und reiches Pelzwerk, auch iſt ſelbi⸗ ger zuruͤck gekommen nach wenig Tagen. Was Ihr hingegen, Frau Anaſtaſia Simeonowa, ſpre⸗ chet von einem Buͤndniß mit den Moskowitern, iſt eitel Geſchwaͤtz und Verlaͤumdung, ſo Euch der Herr von Zabrzegi hinterbracht, oder einer von den andern die dem Herrn Michael uͤbel wollen, wie auch alles uͤbrige entſtellt iſt durch ihren giftigen Mund.—„Ob ich das, was ich Euch geſagt, von dem Großmarſchall habe, oder von ſonſt jemand, darauf kommt es wahr⸗ lich nicht an,“ antwortete die Frau von Slucko; „ genug, Ihr koͤnntet die Wahrheit deſſelben nicht entkraͤften. Gehet, geht, Johannes Lacki, Ihr ſeyd mit Blindheit geſchlagen, und zu ſpaͤt werden Euch die Schuppen von den Augen fal⸗ len. Ich aber ſage Euch, der Weg dieſes Man⸗ nes fuͤhrt zum Abgrund, und nach kurzer oder langer Zeit wird er Euch mit ſich hinab reißen!“ —„Alſo deshalb,“ ſprach ich;„weil der Fuͤrſt bedraͤngt iſt und in Noth, ſoll ich ihn verlaſſen und verſaͤumen? Viel habt Ihr geredet von den Obliegenheiten eines Edelmannes; gehoͤret es auch zu ihnen, daß ich dem den Ruͤcken zukehre in boͤſen Tagen, zu welchem ich mich gehalten in den Tagen des Gluͤcks?”“— Da ſprach die Fuͤrſtin:„Eine kluge Rede ſchlaͤft in eines“— — doch ſich ſelbſt unterbrechend, fuhr ſie fort: „Gehabt Euch wohl, Vetter Johannes; wenn = 23, Ihr einmal werdet zu Verſtand gekommen ſeyn, werden Euch die Thore von Slucko offen ſtehen, und Eure Muhme Anaſtaſia Euch willkommen heißen; doch bitte ich Euch indeſſen den Freund und Freiwerber des Michael Glinski hier nimmer zu zeigen.“— Allſo ritt ich fort auf dem Weg nach Nowogrodek. Wohl ſtiegen in mir allerlei wirre Gedanken auf, denn niemals war das Ge⸗ ſchehene mir ſo vor die Augen getreten, wie es mir jetzt die Fuͤrſtin Anaſtaſia erklaͤrt— einmal war ich ſogar im Begriff umzukehren nach Sluck; da gedachte ich der Faͤhrlichkeit, aus welcher mich der Fuͤrſt errettet und daß der Undank ein ſchlim⸗ mes Laſter ſey, und warf darauf mein Pferd wieder herum, und ritt weiter. Daran habe ich aber nicht wohl gethan. 15. Es wat ſpaͤte Nacht, als ich anlangte bor der Burg zu Nowogrodek; ich rief an ber kleinen Einlaßpforte, und nachdem ich dem Wachthabenden die Looſung gegeben, ließ er mich ein. Es ſey ſchon alles ſtill auf der Burg, ſagte er mir; und der Herr habe ſich gleich nach ſeiner Zuruͤckkunft 47 in ſeinem Gemach verſchloſſen. Alſo ging ich nach meiner Wohnung durch einige einſame Gaͤnge, und wollte eben in einen kleinen Saal treten auf ebener Erde, durch welchen mich mein Weg fuͤhrte; da gewahrte ich zweier Maͤnner am Ka⸗ min, die mich der Schein des Feuers erkennen ließ fuͤr Haſſan den tuͤrkiſchen Leibdiener, und einen Unbekannten in Pilgertracht. Sie unter⸗ redeten ſich in moskowitiſcher Sprache. War es Neugier, war es Ahnung, kurz, ich blieb ſtehen hinter dem Teppich der Thuͤr, und gab Acht auf das, was ſie ſprachen.—„Das ſind zwar alles ſchoͤne Worte, mein ehrlicher Haſſan,“ ſagte eben der Fremde;„aber ſeit der Ofner Reiſe trauen wir nicht mehr. Was hat er auch da zu thun, wenn es ihm Ernſt war, und den Ungar um gut Wetter zu bitten?“—„Laſſet Euch nur dienen, Herr Fedor Waſilewicz,“ gegenredete der Tuͤrk,„ſo ſehr verargen muͤſſet Ihr ihm das nicht. War doch nichts daraus geworden, was ihm jene da, Ihr wiſſet wohl, wen ich mei⸗ ne⸗ naͤmlich die zu Minsk vorgeſchwatzt hatte, und obendrein war es ruchbar worden; und was wollet Ihr, daß er thun ſollte unter ſolcherlei umſtaͤnden, als ſich nach der Zeit ſchicken.“— =— 259— „So lautet es immer,“ ſprach der Unhe⸗ kannte,„und er ſchickt ſich ſo lange in die Zeit⸗ daß uns die Zeit daruͤber lang wird.—„Auch duͤrft Ihr Euch der Ofner Reiſe halber nicht bang werden laſſen,“ fuhr Haſſan fort,„die Koͤnige haben ein gar kurz Gedaͤchtniß; auch war die Freude uͤber ſeine Ankunft ſo gar groß nicht, und der Tekely hat wohl mehr zu thun, als ſich mit Sachen zu befaſſen, die ihn gar nichts kuͤm⸗ mern und ſeinen Herrn ſehr wenig. Auch rech⸗ net er nicht viel mehr auf jene dort.„Hoͤre ein⸗ mal, Haſſan, Du getreuer Burſch, das iſt, wie ich ſage, alles gur, aber es iſt nichts entſchei⸗ dendes geſchehen, und Du weißt, unſerer hat ein etwas ungeduldiges Gemuͤth. Auch iſt uns Kunde kommen, er wuͤrbe um die gegen den Dniepr zu, und das taugt uns nichts; man weiß ja, wie ſie geſonnen iſt; auch ſoll es ein klug Weib ſeyn, und entſchloſſen, und ſie duͤrfte ihm gar leichtlich den Sinn wenden.“— „Daruͤber bekuͤmmert Euch nicht, Herr Oberſt,“ entgegnete der Tuͤrk hoͤhniſch lachend,„der Wind, der von dort wehet, mag ihn ein wenig rauh angeblaſen haben. Er war mislaunig, als er heim kam, und verwuͤnſchte in einem fort den 17* von Zabrzegi, wie er immer thut, wenn ihm et⸗ was nicht nach Wunſch gehet.“— All gut und vortrefflich, ſagte darauf der Unbekannte,„doch ſage ich Euch, es muß bald—— Hier ſprach er ſo leiſe, daß ich ſeine Worte nicht verſtehen konnte.„Wie ich Euch geſagt habe, Herr Fedor Waſilewicz,“ ſprach der Tuͤrk,„das kommt uns eben zu ſtatten; ehe einige Wochen ins Land gehen ſoll—— Da verlohr ſich ſeine Rede in ein unverſtaͤndliches Fluͤſtern; drauf aber fuhr er lauter fort:„Verlaſſet Euch auf den Haſſan, doch jetzt, gnaͤdiger Herr, erlaubet, daß ich Euch hinaus fuͤhre, damit der Morgen Euch nicht uͤber⸗ raſche in dieſem Schloß. Kommet wohl heim, und richtet ſeine Gruͤße aus an Herrn Iwan Andrzejewiez, dem ich mich in Demnth zu Fuͤßen werfe.“ Damit verließen ſie den Saal; ich aber ging nach meinem Gemach, wo ich ſchlaflos den Reſt der Nacht zubrachte mit allerlei Gedanken, und beſchloß, dem Herrn Michael zu entdecken, was ich von dem Geſpraͤch vernommen, damit er mir ſolches erklaͤre. Als ich am Morgen in den Saal trat, wo ſchon viele Gaͤſte verſammelt waren, kam mir Herr Glinski entgegen, nahm mich bei der Hand, — 261— und fuͤhrte mich in ein Nebengemach. Hier frug er mit ungeduldiger Geberde:„Wohlan, Herr Johannes, was hat ſie Euch denn noch geſagt, Eure ſchoͤne doch etwas trotzige Muhme?“"“— Und ich antwortete ihm; er ſolle doch an ſie nicht mehr denken, ſie verdiene nicht die Ehre, die er ihr zugedacht, und ſtatt der verbluͤhten Wittib ſeyen wohl hundert ſchoͤne und edle Jung⸗ frauen, welche mit Freuden das annehmen wuͤr⸗ den, was jene verſchmaͤhet. Als ich aber das Wort ausſprach:„Verſchmaͤhet,“ da entruͤſtete er ſich zum erſtenmal uͤber mich, und hieß mich hinaus gehen. Jedoch, als ich mich wandte, um ihn zu verlaſſen, rief er mich zuruͤck, und ſprach:„Laßt gut ſeyn, Herr Lacki, ich habe mich uͤbereilet. Wollen nicht mehr Eurer uͤber⸗ muͤthigen Muhme gedenken, und uns ihrethalb entzweien.— Da faßte ich mir ein Herz, und ſagte ihm von der naͤchtlichen Unterredung, und er hoͤrte mir aufmerkſam zu.— Als ich aber geendet, ſprach er mit Lachen:„Es iſt doch ein tolldrei⸗ ſter Burſch, der Haſſan, und ſollte ich ihn bil⸗ lig ſtrafen. Aber er hat ſo unrecht nicht, und Ihr auch, Herr Lacki, mag nun der Alte von B = 2652— Zabrzegi mich verlaͤumdet haben bei Frau Ana⸗ ſtaſien, oder ein anderer; genug, ich will nicht mehr an ſie gedenken, und mein Auge auf die richten, von welcher die Rede war in dem Zwie⸗ ſprach, den ihr gehoͤret.“— Da er mich nun verwundert ſah, fuhr er fort, ſich vertraulich auf meine Schulter lehnend:„Ihr wiſſet wohl, werther junger Herr von Kijow, wie vertraute Diener ſich manchmal etwas erlauben; ſo waren dem naͤrriſchen Tuͤrkenhunde die Botſchaften und Ritte nach Slucko immer nicht recht. Er hat, wie er ſagt, fuͤr mich eine andere Braut erſehen, nach ſeinem Geſchmack; ein fuͤrſtlich Fraͤulein von ungemeiner Schoͤnheit und vortrefflichen Geiſtes⸗ gaben, meint er, deren Vater wirklich bei Koͤ⸗ nig Sigismund wohl angeſehen iſt, und welche ich Euch zur Zeit einmal nennen weyde. Dabei mag er auch fuͤr ſich einen Gewinn haben, denn ich weiß ſchon ſeit einiger Zeit, daß er ein Ver⸗ ſtaͤndniß hat mit den Dienern jenes Hauſes, und gar unzufrieden war, als ich nach Ofen reiſte und nicht auf die Brautſchau; auch, wie er ſpricht, iſt mir das Fraͤulein ſehr gewogen, und Herr Iwan Andrzejewicz der Vater ſehe lieber heute meinen Antrag, als morgen.— Doch, wie — 263— geſagt, zuͤchtigen werde ich die Beſtie, daß ſie ſich unterfaͤngt, ſich zu miſchen in die Sachen ihres Herrn.“ „Alſo ſprach er, und als ich ihm noch man⸗ ches einwarf, wußte er alles zu wenden und weg⸗ zukluͤgeln, was meine Ohren doch gehoͤrt hatten. 4 Nach einigen Stunden kam Haſſan der Tuͤrk zu mir, warf ſich zu meinen Fuͤßen und ſprach: warum ich ihm ſo ungnaͤdig ſey, und ihm ver⸗ klagt habe bei dem Herrn; er habe eine ſcharfe Zuͤchtigung erhalten, nun ſolle ich ihm aber auch vergeben, wie ihm der gnaͤdigſte Herr vergeben haben, und ſeine Dreiſtigkeit der Treue zuſchrei⸗ ben, und dem Wunſch, daß ſein Herr das un⸗ ſtete Leben aufgebe und ſich vermaͤhle, denn mit Frau Anaſtaſien ſey es ja doch nichts. Die Fuͤrſtin von Sluck aber hatte wohl recht; ich war⸗ mit Blindheit geſchlagen und wollte nicht ſehen, was mir vor Augen lag. Wir verweilten zu Nowogrodek bis zur Weih⸗ nacht des Jahres 1507 und begaben uns ſodann zuruͤck nach Wilno. Es ſchien nicht, als ob das Fuͤrwort des Koͤnigs von Ungarn und Boͤhmen von großer Wirkung geweſen ſey, denn Koͤnig Siegmund war, wie immer gegen den Herrn Michael. Und als derſelbe drang auf Entſchei⸗ dung ſeiner Haͤndel mit dem Großmarſchall, und Reinigung ſeines guten Namens von der Anklage des Hochverraths, ward ihm nimmer ein anderer Beſcheid, als der, der Koͤnig habe wichtigere Angelegenheiten vor der Hand, und es komme dem allgemeinen Reichstage zu, zu entſcheiden uͤber eine Schuld dieſer Art. In der Mitte des Jaͤn⸗ ner⸗Monats aber ruͤſtete ſich Siegmund der Erſte zur Reiſe nach Krakow. Als nun die koͤniglichen Wagen ſchon angeſchirrt ſtanden im Schloßhof⸗ und die littauiſchen Herren vom Koͤnige Abſchied nahmen mit Anwuͤnſchung einer gluͤcklichen Reiſe, da trat auch Herr Michael herzu, und bat den Koͤnig nochmals mit eindringlichen Worten, ſeine Hand umfaſſend, daß er ihm moͤge erlauben, ſeine Sache anzubringen und ſeine Ehre rein zu wa⸗ ſchen von den Flecken der Verlaͤumdung. Aber der Monarch runzelte die hohe Stirn, warf ei⸗ nen zornigen Blick auf ihn aus ſeinen feurigen Augen, und ihm kraͤftig ſeine Hand entreißend, ſprach er mit ſtarker Stimme:„Ihr habt Euern Beſcheid, Herr Hofmarſchall. Ihr rufet unſere Gerechtigkeit auf; huͤtet Euch, ſie zu wecken, denn ſo uns — Gott helfe, und ſein heiliges Wort, ſie wird den Schuldigen finden und ihn zeichnen!“— Da faßte Herr Michael außer ſich den Mantel des Koͤnigs, und rief laut:„Bei meinem Eid, Herr Koͤnig, wahret Euch, mich nicht zu treiben zu dem, was Euch und mich gereuen moͤchte!“— Doch Siegmund Jagiello entriß ihm den Mantel, und ohne ihm eines Blicks zu wuͤrdigen, oder einer Antwort, ſchritt er raſch aus dem Gemach. Es traf aber der Jahrmarkt zu Wilno auf den Tag Mariaͤ Reinigung. Wir, Herr Michael mit einigen Edelleuten und Dienern ritten gegen Mittag auf den Platz, wo die Pferde ſtehen zum Verkauf. Da ſahen wir in einer Ecke des Marktes einen juͤdiſchen Kaufmann aus Brody, der hatte viele Pferde und gute. Vorn war einer ſeiner Knaben, der hielt am Zuͤgel ein ara⸗ biſch Roß von großer Schoͤnheit; daneben aber ſtand ein Edelmann, und ſchien auf etwas zu warten. Da rief Herr Glinski Haſſan den Tuͤr⸗ ken zu ſich, und gebot ihm, er ſolle hinreiten zu dem Juden, und ihn fragen, ob das Pferd keil ſey, und was er begehre? und der Tuͤrk 266— brachte den Beſcheid, es ſey eben verkauft an 8 Großmarſchall von Littauen fuͤr zweihundert Dukaten. Da ſprach Herr Glinski ſpoͤttiſch la⸗ chend:„Was taugt ſolch ein edles Roß dem alten Zabrzezinski, fuͤr welchen ein Maulthier noch zu gut iſt. Geh Tuͤrk, und biete dem Ju⸗ den vierhundert Dukaten in meinem Namen. — Und Haſſan kehrte zuruͤck zum Kaufmann, wir aber ritten herzu. Als der Ebraͤer das Gebot gehoͤrt hatte, warf er einen ſcheuen Blick auf den Edelmann, und ſprach alſo zu ihm:„Hobt Ehr wauhl gehoͤrt, gnaͤdiglicher Herr Edelmonn, wos daͤr geſtraͤnge Haͤrr Hofterk geſprache? Wol⸗ let olſo mer niſcht Schoden bringe, un den Hon⸗ del zereck gehen loße, denn wer mer gibt dos maaſte Geld, daͤr is der Keifer.“*— Der Edel⸗ mann aber, ob er gleich den Fuͤrſten wohl er⸗ kannt hatte, und ſeine Begleitung, erwiederte ihm:„Biſt Du toll, Jud, daß Du ein fremdes Pferd nochmals willſt verkaufen?— Denn es iſt nicht mehr Dein, ſondern des erlauchten Woje⸗ woden von Troki, fuͤr den ich es erhandelt fuͤr zweihundert Dukaten.“— Herr Michael ſprach dazwiſchen:„Nuͤhr Dich, Jud, gieb her das Pferd, und nimm Dein Geld! Der ſchrie da⸗ — 267— rauf gegen den Edelmann mit angſthafter Ge⸗ berde:„Wos is mer dos, dos niſcht mai Pfaͤrd, weßen Pfaͤrd ſull es denn ſai, Gottes Wunder, hob ech doch noch bekuͤmme kai Geld, un ſo lang ech niſcht hob kat Geld, is das Pferd doch mai.”⁰—„Schurkiſcher Jude,“¹ fuhr ihn der Edelmann an, iſt Dir mein Wort nicht genug, und des Herrn Großmarſchalls? und habe ich nicht geſchickt nach dem Geld? Der Jude fuhr fort zu ſchreien:„Wos is mer dos, mit dem gnaͤdiglichen Herrn Grausmorſcholl? a Wort is a Wort, a Wort is kai Geld niſcht, wos thu ech mit a Wort? und gaͤbt mer mai Pfaͤrd, ech will niſcht habe Euer Geld, und gar niſcht Euer Wort, ich will hobe mai Pfaͤrd. Und Fuͤrſt Glinski ſprach mit gebieteriſchem Tone zu jenem: „Nun, macht ſchnell, Herr Edelmann, und gebt das Roß heraus, welches ich gekauft; ich habe nicht Zeit zu rechten mit dem Geſinde des Herrn von Zabrzegi. 4—„Ihr irret Euch, Herr Hof⸗ marſchall,“ ſagte der Littauer kalt, indem er den Zuͤgel des Pferdes um ſeine Rechte ſchlang; „Ich bin nicht vom Geſinde des erlauchten Wo⸗ jewoden Zabrzezinski, ich bin ein Freier vom Adel, und ſein Hausgenoß; und als ſolcher geh ich das Eigenthum meines Herrn nicht heraus allen Kniazen der Welt, und Euch am wenigſten, Herr Kniaz Glinski.“— Da ſtuͤrzte der Jude ſich wuͤthig zu auf das Pferd und riß in den Zuͤgel; der Edelmann aber ſtieß ihn zuruͤck, daß er nieder taumelte in den Koth des Marktes, wo er liegen blieb, ſchreiend und den Bart rau⸗ fend und das Haupthaar.„Komm her zu mir, und nimm Dein Geld,“ ſprach Herr Glinski, auf den vollen Beutel zeigend, welchen der Tuͤrk klimpernd in die Hoͤhe hielt. Und der Jud ſprang auf, beſudelt wie er war, und rannte los auf das Geld. Das Roß war aber ſcheu geworden von dem Reißen und Geſchrei, und baͤumte ſich hoch und ſchlug aus. Und mehrere vom Volk waren herzu getreten, und ergoͤtzten ſich an den zierlichen Spruͤngen des edeln Thiers, und auch wohl an der Kuͤhnheit des Edelmanns; denn Herr Michael war nicht ſehr beliebt bei denen von Wilno. Da kam auch der Unterwojewode*) herzu mit der Schaarwacht, welche der Laͤrm her⸗ bei gefuͤhrt; der abar, als er ſah, daß er es zu 6— *) Unterwojewode, ein ablicher Beamter, dem die Auf⸗ ſicht über die Märkte und allen Handel vertraut war in der Wojewodſchaft. — 259— thun habe mit einem hochgewaltigen und rach⸗ ſuͤchtigen Herrn wie der Fuͤrſt Glinski, blieb ſtehen in einiger Entfernung. Herr Michael herrſchte drauf dem Edelmann zu:„Nun fort, Vaſall, von meinem Pferde!— Aber dieſer packte mit ſeiner Rechten den Zuͤgel des ſich hebenden Roſ⸗ ſes noch kraͤftiger, druͤckte mit der Linken die Muͤtze in die Stirn, und ſprach beſcheidentlich, doch keck:„Ein Vaſall bin ich, doch nur des Großfuͤrſtenthums wie Ihr, und ein Edelmann Euch ebenbuͤrtig, dem Ihr nichts zu gebieten habt; drum machet Euch weiter keine Beſchwerde, und ſehet Euch um nach andern Roſſen.”“ Da winkte der Fuͤrſt, und einige von ſeinem Gefolge ſprangen ab, und zogen die Saͤbel; der Jude fuͤllte die Luft mit ſeinem Geheul, das Volk klatſchte beifaͤllig in die Haͤnde, durcheinander ſchreiend:„Wohlauf, Herr Edelmann, haltet Euch wacker, Handel iſt Handel, und wer zuerſt kommt, der mahlt zuerſt!— Nur heran, Herr Unterwojewode, thut Eure Pflicht, und fuͤrchtet Euch nicht; wir ſind da, Euch beizuſtehen!— Fuͤrchtet Euch doch nicht, wir helfen Euch gegen den Kniazen, der die Landſchaft verwuͤſtet und das Brod theuer macht!“— Da ich nun merkte, 4 ₰* * 220— die Sache nehme eine ſchlimme Wendung, ritt ich heran zu Herrn Michael, und bat ihn, er moͤge ein Ende machen, er habe deß nicht Ehre⸗ Doch der Tuͤrk Haſſan ſagte ihm einige Worte ins Ohr, da rief der Fuͤrſt:„Fort mit dem Poͤbelvolk; gebt Raum in Teufels Namen!“— In demſelben Augenblick aber ſprengte begleitet von einigen Edelleuten der Großmarſchall auf den Markt. Zugleich erſchienen auch die funßzig Rei⸗ ter, welche taͤglich den Dienſt hatten beim Glinski, draͤngten ſich durch das Volk, das ihnen murrend Platz machte, und ſtellten ſich dicht hinter uns auf. Als nun die beiden Todfeinde ſich gegenuͤber ſtanden, faͤrbte dunkle Zornroͤthe ihre Wangen, ihre Lippen debten, und ſie warfen einander Blicke zu voll des grimmigſten Haſſes. Es herrſchte ein augenblickliches tiefes Stillſchweigen. Da brach der Herr von Zabrzegi los:„Was geht hier vor?— wer wagt es, mein Eigenthum anzuta⸗ ſten, und einen meiner adelichen Hausgenoſſen zu beſchimpfen?— Ihr hier, Herr Unterwoje⸗ wode, und Ihr ſtehet hier muͤßig?— Kennet Ihr Eure Schuldigkeit nicht?— Auf, und thut Eure Pflicht; Ich, der Großmarſchall befehle es . 4 9* 2 Euch im Namen des Koͤnigs!— Da gebot der Unterwojewode in der Verlegenheit, und um doch etwas zu thun, daß man greife den elenden Ju⸗ den, der aber lief hin zum Fuͤrſten Glinski, und klammerte ſich zeterſchreiend an ſeinen Stiefel. Da ſprach der Herr Zabrzezinski alſo weiter: So ſeyd Ihr es denn, Herr Glinski, der hier wie⸗ der die Ruhe ſiöret in der Hauptſtadt, und Euch nicht entbloͤdet, fremdes Beſitzthum anzutaſten? 1 —„Das Pferd iſt mein,“ erwiederte der mit unterdruͤckten Grimm,„und Euerem Knecht hab ich gethan, wie ich ebenfalls thun wuͤrde dem Herrn.“—„Das Pferd iſt alſo Ener?“ ge⸗ genredete der Großmarſchall mit verachtendem Ton:„Nein, fuͤrwahr, ſo ſchlimm ſoll es dem guten Roß nicht werden, daß es Euch truͤge auf den Wegen die Ihr wandelt. Auch ich will es nicht, denn Ihr habt darum gefeilſcht!“ Dieß ſprechend, zog er ein Piſtol aus dem Halfter des Sattels, und die Kugel zerſchmetterte des Noſſes Kopf. Einen ungeheuern Satz that das edle Thier vorwaͤrts, dann uͤberſchlug es ſich und ſtarb⸗ Der Jude aber ſtieß ein Geheul der Verzweiflung aus, und warf ſich auf das Pferd. Da ſchleu⸗ derte der Herr Zabrzezinski einen Beutel mit — 272— Goldſtuͤcken auf das tode Thier:—„Hier haſt Du Dein Suͤndengeld, Jud; es ſind vierhundert Dukaten, nun mache daß Du fort kommſt, ſonſt laß ich Dich haͤngen!— Und der Ebraͤer packte gierig den Geldſack und wollte fort, da beſann er ſich wieder, zaͤumte, ſcheu umher blickend, doch mit großer Schnelligkeit den Roßleichnam ab, nahm den Zaum und den Beutel, druͤckte ſie ſchmunzelnd an die Bruſt, und draͤngte ſich haſtig durch das Volk, welches ihn lachend durch⸗ ließ. Doch, Herr Michael, außer ſich vor Wuth, rief mit donnernder Stimme:„Den Schimpf ſollſt Du mir bezahlen, ſchnoͤder Graukopf!"— und mit Blitzesſchnelle flog ſein Saͤbel aus der Scheide, und die Klingen ſeines Gefolges blink⸗ ten im winterlichen Sonnenſtrahl. Der Groß⸗ marſchall that ein Gleiches. Zwar war ſein Ge⸗ folge nur klein, aber das Volk ſammelte ſich um ihn, ein ſchrecklich Blutbad bereitete ſich.— Da toͤnte uͤber den Markt ein Klingeln von Glocken, und weiße Fahnen wehten daher uͤber die Koͤpfe des Volks, das die Muͤtzen ziehend, ehrerbietig Platz machte. Es erſchien eine Prozeſſion von Prieſtern, an ihrer Spitze das heilige Kreuz, ge⸗ tragen vor dem ehrwuͤrdigen Adalbert Tabor, dem — 278— Biſchof zu Wilno. Und als ihn der Unterwoje⸗ wode gewahr ward, eilte er auf ihn zu, und umfaßte ſeine Knie, ſprechend zu ihm mit bit⸗ tender Geberde. Da lenkte ſich der Zug an den Ort, wo das Getuͤmmel war; wir ſtiegen vom Pferde, das Haupt entbloͤßend, obgleich viele unter uns waren vom griechiſchen Glaubensbe⸗ kenntniß, und der Biſchof trat in unſere Mitte, und der Kreuztraͤger mit dem Zeichen des Heils. —„Was muß ich ſehen?“ begann Adalbert Tabor mit gewaltiger Stimme:„ Bin ich unter Chriſten, oder ſind die Zeiten zuruͤck gekehrt un⸗ ſerer heidniſchen Vorvaͤter, daß die Edeln des Landes ſich bereiten Menſchenblut zu vergießen der gebenedeieten Jungfrau, gleich als feierten wir den hoͤlliſchen Sabbath des Pieklos?*)— Hinweg mit Euern Schwertern, Ihr Herren und Ritter!— In Eure Haͤuſer, Ihr Maͤnner des Volks!— Ich gebiete es Euch im Namen Got⸗ tes und ſeiner allerheiligſten Mutter!”“— Da verlief ſich die Menge, die Saͤbel ſenkten ſich nach und nach in die Scheiden, und der Groß⸗ *) Pieklos, der Gott der Hölle bei den alten Littautort, es wurden ihm Menſchenopfer gebracht. 18 — 21— marſchall trat mit geſenktem Haupt in die Pro⸗ zeſſion. Aber Herr Glinski ging auf ihn zu und ſagte ihm halb laut:„Wir ſehen uns wohl ein andermal wieder.“—„So ſpaͤt als moͤglich wuͤnſche ich das Antlitz eines Hochverraͤthers zu ſehen,“— entgegnete der Herr von Zabrzegi, indem er die Kerze aus den Haͤnden eines Chor⸗ knaben nahm.—„Vielleicht fruͤher, als Ihr meinet und wuͤnſchet, Herr Großmarſchall,“— ſagte darauf Herr Michael mit bedeutendem Ton, ſaß zu Roß, und wir ſprengten uͤber den Markt nach Haus. Nach einigen Tagen ging Johannes Zabrze⸗ zinski von Wilno ab nach Grodno, wo er ein Haus hatte, und gern wohnte, wenn der Koͤnig abweſend war von Littauen. Nicht lange darauf aber kam der von Schleinitz zuruͤck von ſeiner Reiſe, und ging ſogleich zum Fuͤrſten. Als er wieder heraus kam, ſahe ich ſein Geſicht, wie das eines Mannes, welcher ſchwere Sorgen ver⸗ bergen will unter erkuͤnſteltem Frohmuth, und da ich ihn befragte, ſtand er mir nicht Rede, ſondern ſagte; ich ſolle mich bereit halten auf den Abend, es ſey ein großes Banket angeſagt, und wir wollten heut recht froͤhlich ſeyn zum letz⸗ — 275— ten Mal. Das war aber leider ein Wort der Weiſſagung. Obwohl mir es auffiel, ſo fragte ich doch nicht weiter, ſondern ging meines We⸗ ges. Des Nachmittages bemerkte ich, daß die Hausſoͤldner Herrn Michaels fort zogen in klei⸗ nen Abtheilungen, auch ward viel gepackt und weggefahren. Der Hofmeiſter aber ſagte mir auf mein Befragen: Der Fuͤrſt ſey geſonnen ſich auf ſeine Guͤter zu begeben auf lange Zeit, und das Haus in der Hauptſtadt werde leer ſtehen unter der Aufſicht eines Verwalters. Da brachte auch ich meine Sachen in Ordnung, befahl meinen Dienern zu packen, und meine Pferde und Rei⸗ ſegeraͤth in Bereitſchaft zu halten. Daruͤber kam der Abend heran, und ich ging hinab in den großen Saal. Daſelbſt fand ich den Herrn des Hauſes in einer ziemlichen Verſammlung von Herren und Edelleuten; und unter ihnen war auch der Simeon Bielski, und der leibliche Bru⸗ der Fuͤrſt Michaels, der Fuͤrſt Waſil Lwowicz Glinski. Es iſt dieſer zwar ein hochgewaltiger Herr geworden, und der Großvater des Czoor von Moskau, Iwan Wajilewicz, der ſich den Großen ſchelten laͤßt; doch kann ich Euch werther Herr von Krakow, nicht viel ruͤhmliches ſagen 18* von ihm. Schon beim erſten Anblick geſiel er mir uͤbel. Es war etwas knechtiſches in ſeinem Weſen, nnd die uͤbergroße Demuth gegen ſeinen Bruder und die allzuſuͤße Hoͤflichkeit gegen die andern, die ihm beide nicht vom Herzen kamen, gingen auch nicht zum Herzen. Auch hat ſich der erſte Eindruck nachher ſattſam bewaͤhret. Er hatte wohl alle unloͤblichen Eigenſchaften ſeines Bruders, aber wenn Herr Michael ſolche aufwog durch kuͤhnen Muth und manche andere adeliche Tugend, ſo war dies bei jenem ganz und gar nicht der Fall. Immer hat er ſich kluͤglich fern gehalten von der Gefahr; wenn aber alles vorbei war nnd ſicher, ermangelte er niemals herbei zu kommen und ſeinen Theil abzuholen vom Ge⸗ winn; wie die Geier in der Nacht ſich niederlaſ⸗ ſen auf das veroͤdete Schlachtfeld. Wo es hin⸗ gegen darauf ankam, jemand zu uͤberliſten mit politiſcher Spitzfindigkeit, da war er an ſeinem Platz, und hat er auf dieſe Art ſeinem Bruder zur Zeit wohl gedienet; haͤtte er ſpaͤter nur nicht dieſe Waffe der Hinterliſt gewendet gegen ihn ſelbſt, der doch der Schoͤpfer war des großen Gluͤckes ſeines Hauſes, und deſſen Opfer gewor⸗ den iſt in viel ſpaͤterer Zeit. Die Becher gingen fleißig umher, und des koͤſtlichen Weins ward nicht geſchonet, denn der Fuͤrſt meinte, man muͤſſe leeres Haus machen. Der von Schleinitz ward ſo ausgelaſſen, als er vorhin truͤbe geweſen war, und fuͤhrte allerlei ab⸗ ſonderliche Reden. Als nun die Geſellſchaft ſehr froͤhlich war und guter Dinge, ſtand Herr Mi⸗ chael auf von ſeinem Stuhl und erklaͤrte: Er ſey Willens, ſich weg zu begeben von Wilno, um ein hochwichtiges Geſchaͤft zu verrichten, wer aber ſein Freund ſey unter den anweſenden Herren und Rittern, der werde ihm die Ehre ſeiner Geleitſchaft goͤnnen: und wir alle riefen ihm zu; er ſolle uns fuͤhren wohin er wolle, gleich jetzt, waͤre es auch gegen die Moskowiter oder Tataren!— Er aber laͤchelte, und meinte, ſo arg ſey es nicht, nahm dann einen Pokal, und leerte ihn auf eine gluͤckliche Reiſe: Da tranken wir alle mit großem Geſchrei der Stadt Wilno Valet, und warfen die ſilbernen Becher durch die klirrenden Scheiben auf den Hof. Nachdem ſolches geſchehen war, gingen wir hinab, warfen uns auf die Pferde, und zogen fort bei Mond⸗ ſchein in die ſchneebedeckte Landſchaft. So rit⸗ ten wir wohl an anderthalb Stunden im geſtreck⸗ —— — — 278— ten Trabe, Herr Michael in tiefem Geſpraͤch mit ſeinem Bruder und dem Tuͤrken Haſſan; ich aber ritt zwiſchen dem Simeon Bielski und dem Schleinitz, die andern folgten im lauten froͤli⸗ chen Getuͤmmel, wie es der Weinrauſch erzeugt, welchen die friſche Nachtluft und der Glanz des Schnees noch erhoͤhete. Da ſahen wir in geringer Entfernung vor uns an der lichten Stelle eines Waldes viele zerſtreute Flammen, Herr Michael lenkte darauf zu, und wir erkannten die Leute des Glinski, die hier gelagert waren bei Wacht⸗ feuern an zweihundert Reiter und ſiebenhundert Fußknechte. Bei unſerer Annaͤherung erhoben ſie ſich, und traten ſchweigend unter die Waffen. Der Fuͤrſt ſtieg hierauf vom Pferde, und gebot uns ein Gleiches. Dann trat er auf eine kleine Erhoͤhung, die mit Eis bedeckt war und feſtge⸗ frornem Schnee, und begann waͤhrend die Man⸗ nen einen Kreis um uns ſchloſſen, folgenderma⸗. ßen zu ſprechen:„Herren und Freunde, nicht eine Luſtreiſe iſts, zu der ich Euch geladen, noch einen Zug gegen die Tataren oder Moskowiter, Es iſt ein anderes Unternehmen, zu welchem ich Euch aufrufe unter dem ſternenvollen Himmel, in der naͤchtlichen Einſamkeit des Waldes. Und — 279— ſo Ihr mir in Wahrheit geneigt ſeyd, und ein⸗ gedenk der Liebe, ſo ich Euch erwieſen, ſo wer⸗ det Ihr mich nicht verlaſſen in der Stunde der Noth und der Gefahr, mich der ich einſt Euch gefuͤhrt habe zum Sieg, zum Ruhm und zu aller⸗ lei Ehren. Wem von Euch iſt unbekannt, daß ich im Auslande die Wuͤrden und Schaͤtze verſchmaͤhte, die mir geboten worden und die Gunſt des Kai⸗ ſers, der Koͤnige und anderer Fuͤrſten in Europa, um meinem bedraͤngten Vaterlande zu dienen mit meinem Arm und dem Geiſte des Feldherrn, den mir der Himmel verliehen?— Wer von Euch hat es vergeſſen, wie oft ich in blutiger Feldſchlacht den Feind in die Flucht geſchlagen, wie manchesmal in der Rathsverſammlung ich mich des Unterdruͤckten angenommen, und dem Haß der Maͤchtigen getrotzt habe, auf mich len⸗ kend die Pfeile des ſchnoͤden Undanks und des giftigen Neides?— Noch ſind die Leichen der Tataren nicht vermodert auf den Feldern bei Kleck, wo ich das zagende Reich rettete, da der Koͤnig gefeſſelt lag von entnervender Krankheit, die Magnaten muthlos die Haͤnde ſinken ließen, und der Retter Siegmund Jagiello, nach welchem alle Augen blickten mit Sehnſucht, ausblieb zur — — ſſſſ — — —— ““ =— 230= zur Zeit der Noth und der Bedraͤngniß! Noch erheben ſich zum Himmel die Thuͤrme der Grenz⸗ feſten, die ich errichtet zum Schutz des Landes, und bewehrt und benannt mit großer Muͤhe und Vergeudung des vaͤterlichen Erbes.— Noch erin⸗ nert jeder Schritt, der den Littauer fuͤhrt durch die Ebnen des Großfuͤrſtenthums, ihn an den Mi⸗ chael Lwowiez Glinski, und ſchon treffen jene Pfeile des Neides, jene Geſchoſſe des Undanks meine unbeſchuͤtzte Bruſt. Meine Feinde waͤlzen nuf mich mit verlaͤumderiſcher Zunge nie getraͤumte Unthaten; meine Freunde werden treubruͤchig, und fallen ab von mir; bald wird kein Haus mehr offen ſtehen mir dem Retter des Reiches, und meine Ehre liegt zertreten im Staube!— Vergebens bitte ich am Thron um Gerechtigkeit⸗ die dem Kleinſten nicht verſagt werden ſoll; ich, der Abkömmling der Fuͤrſten von Sewerien, ein Großbeamter des Reichs, ein ſiebenzehnmal ſieg⸗ hafter Feldherr, bitte umſonſt!— Der Koͤnig, unſer Großfuͤrſt, der mein Richter ſeyn ſoll und der Helfer des Bedraͤngten, hat ſich geſellt zu meinen Feinden, und meine Stimme die dem Johann Albrecht und Alexander war wie die Stimme eines Propheten, verhallt in den Ohren = 281— ihres unaͤhnlichen Bruders!— Meine Gegner lachen meiner Beſchwerden, und ſprechen mir Hohn im Angeſicht des verſammelten Adels und Volks. Sagt, welcher von Euch meint, ſolche Schmach zu erdulden gezieme einem Fuͤrſten und Ritter!“— und nach einer Pauſe, in welcher die Kriegsleute ihre Waffen dumpf erklingend zuſammen ſtießen und ein Murmeln durch die verſammelten Edeln ging, ſprach er weiter: „Wenn das Geſetz ſchweigt, ſo ruft die Ehre den Edelmann auf zur Selbſtrache! Zur Rache hab ich Euch verſammelt, zur Nache an denen die mich verderben wollen, und Euch, weil Ihr meine Freunde ſeyd,— zur Rache an Euern und meinen Feinden, und vornehmlich an Jo⸗ hannes von Zabrzegi!"— Da ertoͤnte der Ruf der Nache aus dem Munde aller, und das Lo⸗ ſungswort der Hoͤlle zog lautſchillernd fernhin durch den wuͤſten Wald. So ritten wir weiter auf der Straße nach Grodno, und kamen am dritten Tage Abends, da es ſchon dunkel war, an den Niemen. Der Strom war gefroren, aber nicht an allen Stel⸗ len mochten ſich ihm Roß und Reiter vertrauen, denn der Spaͤtwinter war nicht hart. Da gebot — 232— Herr Glinski ſeinem Fußvolk, ſich zu lagern im Gebuͤſch bis zum Morgen, die Reiter aber hieß er abſitzen, ihre Pferde zuſammen koppeln und an den Fluß gehen, damit ſie feſte Stellen ſuch⸗ ten zum Uebergang. Seitwaͤrts dicht am Waſſer glaͤnzte ein Lichtlein, da bat er mich, hinzuſehen ob es ein Wirthshaus ſey, waͤhrend er gehe zur Beſichtigung der Poſten, und befahl dem Tuͤrken Haſſan mit mir zu gehen und noch einigen Leu⸗ ten, daß ſie den Wirth heraus wuͤrfen aus ſeiner Stube, und uns etwas zurichteten, weil wir dableiben wuͤrden bis zur erſten Stunde nach Mitternacht. Da ich vor das Haus kam, ſahe ich einen Wagen ſtehen mit drei Pferden, ein Diener ritt eben mit dem Vierten davon, der Fuhrmann war eingeſchlafen. Alſo trat ich in die Stube, und gewahrte daſelbſt beim Schein der Heerdflamme zwei Frauenzimmer, die eine bekleidet mit koͤſtlichem Zobelpelzwerk ſchien die Gebieterin zu ſeyn, die andere aber die Bediente. Indem ich auf ſie begruͤßend zuſchritt, ward ich beſtuͤrzt und verwirrt, denn ich erkannte Annen, die Tochter des Waſil Jorgasz, welcher ich fruͤher ſehr geneigt geweſen, und die das Gold des Großmarſchalls meinen Antraͤgen vor⸗ — gezogen hatte; kurz, die Beiſchlaͤferin des Jo⸗ hannes von Zabrzegi. Doch faßte ich mich bald und ſprach zu ihr mit ſpoͤttiſchen Worten, dar⸗ unter ich es verbergen wollte, daß mir ihr An⸗ blick doch noch nicht ganz gleichguͤltig war;„Ei, willkommen, ſchoͤne Dame; bin ich doch ſehr er⸗ freut Euch zu finden auf der Landſtraße bei naͤchtlicher Weile; kommt Ihr aus den Armen Eures graukoͤpfigen Amanten, oder gedenket Ihr erſt dahin?“— Sie aber erſchrak, da ſie mich erkannte und erwiederte mit ſtammelnder Zunge: Seyd Ihr es, werther junger Herr von Kijow? ſchon lange habe ich nicht die Ehre gehabt, Euch zu ſehen.“ Ich— ich komme von Grodno — da hat ſich eins von meinen Pferden an den Eisſchollen auf dem Niemen das Eiſen abgetreten, und den Huf beſchaͤdiget, da bin ich hier einge⸗ kehrt auf einen Augenblick, und will nun nach Hauſe, ein vier Gewende hinterm Buſch.„Ei,“ ſagte ich lachend: was iſt doch der Herr Zabr⸗ zezinski fuͤr ein unhoͤflicher Liebhaber, daß er Euch fort laͤßt zu dieſer Stunde und Euch eine Herberge verſagt zur Nacht. Oder iſt Euch bei ihm vielleicht die Zeit lang worden?— Waͤhrend des Geſpraͤchs hatte Haſſan ſich hinter mir her⸗ — 284— zugedraͤngt, und das Maͤdchen lange mit tuͤckiſchen Augen angeklotzt; bei den letzten Worten aber ſchlich er leiſe hinaus zur Thuͤr. Die Anna ſprach: „Seyd großmuͤthig, Herr Lacki, und ſpottet mein nicht ſo. Wohl reuet es mich, daß es nicht anders gekommen; aber Ihr wißt, ich bin arm, und der Vater hat es ſo gewollt. Da hat ihm nun der Herr Großmarſchall das Doͤrflein gege⸗ ben, wo wir wohnen hinterm Wald, und mir verheißen zum Feſt des heiligen Woyriech ſeinen Unterſtaroſten*) zum Mann. Aber wo kommt Ihr her mit ſo großem Gefolg und reiſigem Zeug, gnaͤdiger junger Herr von Kijow?"— Indem ſie ſprach, oͤffnete ſich die Thuͤr, und der Tuͤrk fuͤhrte den Fuͤrſten herein, mit einigen andern. Herr Michael naͤherte ſich dem Maͤdchen, einige ſeiner Leute griffen den Wirth des Huͤttleins und ſein Weib und fuͤnf ſchreiende Kinder, banden ſie und warfen ſie in den Stall. Mich aber nahm der Fuͤrſt Waſil Glinski unter den Arm auf ei⸗ nen Wink ſeines Bruders, und fuͤhrte mich hin⸗ ab an den Strom, weit weg vom Hauſe, um, * Unterſtaroſt, Verwalter auf Staroſtei⸗Gütern und andern großen Beſitzungen; er übte zugleich eine Art niedere Gerichtsbarkeit aus. — 285— wie er ſagte, die Stellen zu bemerken, die aufge⸗ funden waren zum Uebergang nach Grodno. So gingen wir eine ziemliche Weile umher am Ufer, die Reiter truppweiſe verſammelnd aͤn den bezeich⸗ neten Orten, als uns aber der Weg wieder fuͤhrte in die Naͤhe der Huͤtte, vernahm ich durch die Stille der Nacht ein aͤngſtliches Wehegeſchrei wie von einer wohlbekannten Stimme. Da wollte ich hinein, doch Herr Wafil hielt mich zuruͤck, und lachte und ſprach:„Laßt gut ſeyn, werther Herr Johannes, es werden die Reiter die Rauch⸗ kammer leeren des lumpigen Baͤuers, und da ſchreit das Weib. Auch ſollt Ihr Euch das Herz nicht ſchwer machen durch den Anblick der un⸗ treuen Dirne, welche den Glatzkopf des Zabrze⸗ zinski vorgezogen Euerm ſchoͤnen braunen Haar.ℳ — Bald darauf kam auch Herr Michael mit den andern herunter an den Strand, und der Ueber⸗ gang begann in tiefem Stillſchweigen. Erſt ſpaͤt, viel zu ſpaͤt habe ich vernommen, was vorgegangen war. Es hatte Herr Glinskt erſt durch Bitten, Verſprechungen und Gold die Anna bewegen wollen, daß ſie ihm den geheimen Weg entdecke, der in das Innere fuͤhrte des Hauſes, wo der Herr von Zabrzegi wohnte; da — 286— das nichts geholfen, iſt man zu Drohungen ge⸗ ſchritten und endlich zu Martern: Da hat denn die Ungluͤckliche in der Qual alles geſagt, was ſie wußte, und die Schluͤſſel heraus gegeben zu der heimlichen Thuͤr und dem Gange, durch wel⸗ chen ſie aus⸗ und einging zum Großmarſchall: Als man aber alles von ihr heraus hatte, ſtieß der teufliſche Haſſan—— Doch, laßt mich ſchweigen von der empoͤrenden Graͤuelthat.— Haͤtte ich es damals gewußt, ich haͤtte mein Le⸗ ben daran geſetzt die Elende zu vertheidigen; ſolch grauſam unmenſchliches Beginnen haͤtte mir auch wohl die Augen endlich geoͤffnet uͤber die Ge⸗ noſſenſchaft, der ich den Leib und die Seele ver⸗ kauft. Das wollten ſie aber beides nicht, darum ſchickten ſie mich hinaus. Die Reiter gingen alſo die Pferde fuͤhrend, mit vorſichtigen Schritten uͤber den ſpiegelglatten mondbeglaͤnzten Strom, wir an ihrer Spitze. Die Stille ward durch nichts unterbrochen, als hin und wieder durch das Krachen des Eiſes un⸗ ter den Hufen der Roſſe. So gelangten wir an das jenſeitige Ufer, unfern von dem Hauſe des Herrn von Zabrzegi. Da ſtand uns aber eine lange Gartenmauer entgegen in welcher ein klei⸗ — 282— nes Pfoͤrtlein war. Der Schleinitz zog einen Schluͤſſel heraus, und oͤffnete die Pforte. Und zu mir ſprach Herr Glinski:„Nur herein, nur herein, Herr Lacki, und laſſet ihm die Hand fuͤhlen, die er abgehauen wiſſen wollte.“( Ich war Willens ihn zu fordern zum ehrlichen Zwei⸗ kampf, ging alſo hinein mit dem Fuͤrſten Waſil, dem Schleinitz, dem Haſſan und einigen Reitern. Michael Lwowicz aber blieb draußen an der Mauer mit dem Bielski und den uͤbrigen. Wir gingen leiſen Trittes im Schatten durch den Garten, dann durch einen langen dunklen Gang, und kamen an eine kleine Thuͤr, die ſchloß der von Schleinitz abermals vorſichtig auf, und wir ſtan⸗ den im Schlafgemach des Großmarſchalls. Jo⸗ hannes Zabrzezinski lag auf ſeinem Bette in tie⸗ fem Schlaf. Und ich wollte auf ihn ein, um ihn zu wecken, daß er ſeinen Saͤbel nehme und ſich mit mir ſchluͤge; da raunte Herr Waſil mir zu:„Haltet Euch ſtill, junger Edelmann; ich befehle es Euch im Namen des Feldherrn.— Waͤhrend der Tuͤrk den Saͤbel ergriff und die Pi⸗ ſtolen die auf den Tiſch lagen vor dem Bette, trat der Herr von Schleinitz zu dem Großmar⸗ ſchall, und ſchlug ihn auf die Schulter, ſpre⸗ — 288— chend:„Wacht auf, Herr Wojewode von Troͤki; es iſt Botſchaft kommen von Euerem Freunde, dem Herrn Michael Lwowiez Glinski!“”— Da rich⸗ tete ſich der Alte ſchlaftrunken in die Hoͤhe, und da er ſich umgeben ſah von Feinden und Moͤr⸗ dern, oͤffnete er den Mund, um Huͤlfe zu rufen, indem ſtieß ihm der Tuͤrk ſein breites zweiſchneidiges Meſſer unter den Rippen in den Leib. Der Herr von Zabrzegi, der ſtaͤrk war uno ruͤſtig in ſeinem Alter, ſprang auf vom Bette, und umfaßte den Tuͤrken, entriß ihm das Meſſer und ſtieß es ihm ins Geſicht.— Davon kommt aber die Narbe, die der ehrliche Aſſano traͤgt, der fromme Neapolitaner.— Nun warfen ſich die Mordknechte her uͤber den ungluͤcklichen Alten; der wuͤthige Tuͤrk, ſchnaubend wie der verwundete Tiger, zog ſeinen krummen Saͤbel, ergriff den Wojewoden beim Haarſchopf, und ſchlug ihm mit einem ge⸗ waltigen Hiebe das greiſe Haupt von den Schul⸗ tern. Als ich das Graͤßliche geſehen, entriß ich mich den Faͤuſten des Waſil Glinski, welcher mich bielt unaufhoͤrlich in mich hinein ſprechend, druͤckte die Haͤnde vor die Augen, und ſank an die Wand. Nur dumpf, wie aus weiter Ferne hoͤrte ich das Getuͤmmel, das ſich um mich erhob — 289— das Klirren der Saͤbel und den Todesſchrei des herzu gekommenen Hausgeſindes, das man un⸗ menſchlich nieder hieb. Mir vergingen die Sinne, und ich erwachte nicht eher aus meiner Betaͤu⸗ bung, als bis die Luft der kalten Winternacht mir uͤber das Geſicht ſtrich, und ich mich wieder fand vor der Pforte, draußen an der Mauer des Gartens. Indein trat der graͤuliche Haſſan mit blutendem Geſicht und Haͤnden zu Herrn Michael, und warf ihm ſchweigend das Haupt des Groß⸗ marſchalls vor die Fuͤße. Herr Wafil aber ſprach mit dumpfer Stimme:„So ergehe es allen Feinden der Glinski!“ Da ſchaute Furſt Michael Lwowicz mit ingrimmiger Freude auf das blutige Haupt, deſſen ſtarre Augen ihn anſchaueten wie verklagend, und trat zweimal mit dem Fuße in das entſtellte Greiſen⸗Antlitz. Darauf nahm ein Neuter die fürchtbare Beute und ſteckte ſie auf eine Lanze, und wir zogen des Weges zuruͤck gen Wilno. Ich aber folgte in dumpfer Fuͤhlloſigkeit und im Innerſten zermalmt, nicht mehr der Liebe gehorchend und dem Verttauen, nur der Noth⸗ wendigkeit, die erſtarrend getreten war in mein Leben, und die mich fort riß auf dem Wege, auf welchem der Genoſſe des ſchaͤndlichſten Mordes 19 —— ÿmm von nun an nicht mehr zuruͤck ſchreiten konnte. So ritten wir vier Meilen weit, vor uns das Haupt auf der Lanze, da kamen wir an einen Wald und es war allda ein Teich. Herr Michael aber befahl, das tode Haupt hinein zu werfen an der Stelle, die noch heut zu Tage ein ſtei⸗ nerner Pfeiler bezeichnet. Darauf wandten wir uns ab von der Straße nach Wilno, und zogen gegen den Dniepr. Dort ereilte uns die Botſchaft, es ſey ein Entſchluß gefaßt von den Staͤnden des geſammten Reichs, und von dem Koͤnig zu Krakow beſtaͤtigt; daß die Fuͤrſten Michael und Waſil Glinski, nebſt allen ihren Anhaͤngern und Theilhabern an dem Morde des Großmarſchalls geaͤchtet ſeyen und vogelfrei, ſo daß jeder ſie ſchlagen koͤnne als Hochverraͤther und oͤffentliche Feinde. Deſſelben Tages aber ſtieß zu uns Oſtafi Daszkiewicz, der Koſaken Oberſt von den Zaporowen mit vieler Mannſchaft, wel⸗ cher uͤbergegangen war zu den Moskowitern, und nun abgeſchickt worden von dem Czaar, dem Glinski zu Huͤlfe. Da wurden die Wappen und Farben des Jagielloniſchen Stammes abgeriſſen von unſern Fahnen, und die Zeichen von Moskau aufgeſteckt; und ſo war ich denn geworden, wozu — 291— meine ſchlimmen Freunde mich machen wollten, ein Feind meiner Mitbuͤrger und ein Verraͤther an meinem Herrn und Koͤnig. Bald darauf traf auch Iwan Andrzejewicz Celadin im Lager ein der moskowitiſche Feldhauptmann mit großem Gepraͤnge, um den Bund zu ſchließen zwiſchen dem Fuͤrſten Michael und ſeinem Herrn. Er ver⸗ hieß ihm aber die Statthalterſchaft von Littauen und das Fuͤrſtenthum Smolensk als Erb und Eigenthum. Als ich deſſen Namen hoͤrte, ge⸗ dachte ich des Geſpraͤchs, welches ich vernommen in jener Nacht zu Nowogrodek, und errieth nun endlich, daß er es ſey, weſſen man darin erwaͤhnt, und nicht des Vaters eines Fraͤuleins, welches nirgends vorhanden war in der Welt. So hatte man mich und viele andere edle Herren und Juͤnglinge gefuͤhrt am Gaͤngelband mit eitel Lug und Trug, bis wir dahin gekommen waren, von wo aus es keine Ruͤckkehr mehr gab. Aber alles, was misvergnuͤgt war unter dem littauiſchen Adel, draͤngte ſich in Schaaren zu dem Herrn Mi⸗ chael; unter andern die Kniazen Drucki, der Kniaz Michael Lingwiniewicz Mſcislawski, und Stanis⸗ law Albrechtowicz Gaſtold, der Koͤnigin Barbara er⸗ ſter Gemahl, und dieſe oͤffneten ihm ihre Burgen und 19* — 292— feſten Sihloͤſſer. Drauf zog der Fuͤrſt gen Klecko mit ſeinem Heer, den Herrn Waſil aber ſendete er nach Kijow, um den ruſſiſchen Adel zum Treu⸗ bruch zu verleiten gegen Koͤnig Siegmund und ſie zu bereden mit großen Verheißungen und Schmeichelworten, daß ſie den Lehnseid ſchwoͤren moͤchten dem moskowitiſchen Czaar und dem Glinski, ſeinem Statthalter. Mich aber ſandte er mit ſeinem Bruder, weil ich bekannt war in dem Lande von meines Vakers Zeit her, welcher Kaſtellan geweſen zu Kijow und mit den meiſten Edeln verwandt. Auch gluͤckte es uns mit vielen, und wir kehrten in großer Begleitung zuruͤck zu Herrn Michael Lwowiez. Noch hatte ich an 80 Reiter und gegen 300 zu Fuß verſammelt aus meinen eigenen Schloͤſſern und Guͤtern. Der Fuͤrſt war indeß vor Sluck gezogen mit zahlreichem Kriegsvolk und aͤngſtete gewaltig Schloß und Land. Als ich zu ihm kam in ſein Gezelt mit dem Waſil, und wir ihm Rechenſchaft abgelegt hatten von unſerm Geſchaͤft, ſo beurlaubte er die andern und hieß mich allein zuruͤck bleiben bei ihm. Drauf ſprach er zu mir:„Mein lieber Herr Johannes, wir haben nun ſchon zuſammen manche Gefahr ausgeſtanden und Noth, und un⸗ ſer Bund iſt ſo feſt worden, daß ihn nur der Tod zu trennen vermag; darum laßt mich ein ver⸗ traulich Wort zu Euch ſprechen. Ihr erinnert Euch noch der Tage zu Nowogrodek, und wie wir Eure Muhme beſuchten, die Fuͤrſtin Anaſtaſia. Ich verſchmerzte damals den Beſcheid, den ſie mir ge⸗ geben, und that als ob ich deſſen nicht achte: dem iſt aber nicht ſo. Schon ſeit Jahren liegt mir die hohe Frau im Sinn, und ſeit ich ſie geſehen, will mich ihr Bild nicht verlaſſen. Denn was ich einmal gewollt, das muß erfuͤllt werden, und ich laſſe nicht ab bis es geſchehen. — Drum wollet mir die Liebe erzeigen, und hin⸗ ein reiten in die Burg, die Euch gewiß aufge⸗ than wird als dem Blutsfreund der Frau von Sluck, und ihr vorſtellen; wie ich ihr nun ſchon ſo lange Jahr in Ehrerbietigkeit gedienet und Zuneigung, und wie weder Zeit noch Verſchmaͤh⸗ ung meinen Sinn geaͤndert haͤtten, ſie moͤge alſo laͤnger nicht ſolcher Treu den Lohn verſagen⸗ Stellet ihr dann weiter vor; wie erſprießlich es ſeyn wuͤrde, wenn ſich das Haus von Sluck ver⸗ baͤnde mit dem Statthalter von Littauen und un⸗ abhaͤngigen Fuͤrſten von Smolensk, wie die ver⸗ einigten Fuͤrſtenthuͤmer einen maͤchtigen Staat — 294— bilden wuͤrden, wie noch nicht aller Tage Abend ſey, und man zu ſolcher Gewalt gelangt, wohl einmal die Hand von ſich ſtoßen koͤnne, welche man in der Noth ergriffen und die Feinde hin⸗ aus jagen, wie man ſie herein gerufen. Sollte ſie aber noch beharren in ihrem Starrſinn; ſo ſtellet ſie zur Wahl, ob ſie ſeyn will die Gemah⸗ lin eines Helden und die maͤchtigſte Fuͤrſtin in ganz Littauen und Rußland, oder ihre Felder verheeret ſehen mit Feuer und Schwert, ihre Un⸗ terthanen ermordet, ihre Burg gebrochen und ihr Geſchlecht vertilget, daß es verſchwinde vom Erdboden, und ſeine Staͤtte nicht mehr gefun⸗ den werde. Solches alles ſaget ihr, ſo Ihr mein Freund ſeyd, und Eure Verwandte retten wollt vom Verderben und Untergang; denn wie der Glinski ſich raͤcht an denen die ihn nicht achten, davon hat er ein Beiſpiel gegeben zu Grodno.“ Wohl war mir das Gewerbe nicht recht, das er mir auftrug; auch geſtehe ich Euch, erlauch⸗ ter Herr, daß ich mich ſcheucte vor Frau Ana⸗ ſtaſten zu erſcheinen, da ich ihre Warnungen nicht geachtet hatte und es nun ſo gekommen war wie ſie vorher geſagt; aber ich meinte, es ſey meine Pflicht, das befreundete Fuͤrſtenhaus zu 2 warnen vor dem gewiſſen Untergang: denn was ſollte eine Frau wohl vermoͤgen und ein unmuͤn⸗ diger Knabe mit wenig Leuten in der Burg ge⸗ gen einen beruͤhmten Kriegshelden an der Spitze eines anſehnlichen und wohl bewaffneten Heers? Alſo ſetzte ich mich traurigen Gemuͤths zu Pferd des andern Tages gegen Mittag, und ritt auf das Schloß Slucko zu, ein weißes Faͤhnlein in der Hand tragend. Als ich nun heran kam und die Burg erblickte wie ſie hoch empor ragte mit Mauern, Thuͤrmen und Baſteien, denn ich ge⸗ dachte des feſten Sinnes der fuͤrſtlichen Frau, und wie ſo bald, wenn ſich ihr Gemuͤth ſich nicht wende, dies Schloß ein Truͤmmerhaufen ſeyn werde, die Laͤndereien eine rauchende blutbefleckte Einoͤde, und die edlen Verwandten dahin gegeben mit dem letzten Sproͤßling des uralten Stammes in die unmenſchliche Hand des Glinski; denn nur zuwohl, wie er geſagt, wußt ich leider ſeit einiger Zeit wie er ſich raͤche. Da rief die Wacht mich an, nach meinem Namen fragend und Ge⸗ werbe. Als ich mich genannt, hieß man mich warten. Bald darauf aber kamen mehrere herab verbanden mir die Augen mit einem Tuch, und uͤhrten mich auf langem Umweg in den großen — 2965— Saal des Schloſſes. Hier wurde mir die Binde abgenommen, und ich ſah Frau Anaſtaſien an der Mittagstafel mit ihrem Sohn und mehreren Hauptleuten und edeln Herren, die in das Schloß gekommen waren, um der Fuͤrſtin von Sluck bei⸗ zuſtehen in der Vertheidigung. Sie aber gruͤßte mich höflich, ſprechend:„Seyd uns willkom⸗ men Herr Johannes, wenn Ihr auch ein uner⸗ warteter Gaſt ſeyd. Nehmet Platz, und genießet von dem, was Ihr ſindet und was ich Euch gern mittheile, ſo lange noch etwas da ſeyn wird.“— Ich ging auf meinen kleinen Vetter zu, und wollte ihn begruͤßen und bei der Hand nehmen; der aber ward roth wie Blut, wandte ſich ab von mir, und in ſeine Augen traten ein paar Thraͤnen. Daruͤber ſchaͤmte er ſich, und ſprang auf von ſeinem Stuhl mit dem Fuße ſtampfend, und lief hinaus; kam auch erſt nach einer Weile wieder. Ich ſetzte mich verwirrt und betruͤbt; doch meine Muhme hieß mich gutes Muthes ſeyn, und redete freundlich und unbe⸗ fangen mit allen, die an der Tafel ſaßen. So oft aber das Geſpraͤch begann ſich zu lenken auf die letzten Begebenheiten, und die gegenwaͤrtige Lage der Dinge, ſo wendete ſie es auf etwas an⸗ — 297— deres; und man haͤtte nicht glauben ſollen nach ihrem freimuͤthigen und heitern Weſen, daß man ſich in einer hart belagerten Stadt befaͤnde, und das Schwert an einem Haare hinge uͤber dem Haupte der edlen fuͤrſtlichen Frau. Als nun die Tafel aufgehoben war, trat ich zu ihr und ſprach ſie an mit geziemenden Worten um ein geheimes Gehoͤr. Sie aber ſagte:„Mit nichten, Herr Lacki; es ſind dieſe lauter edle Herren und gute Freunde, welche verheißen haben, bei einer bedraͤngten Wittib auszuhalten in Noth und Tod; vor ſolchen aber, die ein gemeinſam Schick⸗ ſal leiden wollen mit mir, geziemet es mir nicht, etwas beſonderes zu haben noch geheimes. Sprecht alſo frei, Sohn des Kaſtellans von Kijow, des alten ehrenwerthen Gregor. Iſt Euer Anbringen aber ein ſolches, daß Ihr es nicht nennen moͤget im Beiſein ſo ehrenwerther Maͤnner, ſo ſchwei⸗ get lieber und gehabt Euch in dieſem Hauſe als ein Gaſt und Verwandter deſſelben.“ Wohl haͤtte ich mir gewuͤnſcht in dieſem Au⸗ genblick, den Auftrag des Herrn Michael Lwo⸗ wicz nicht auf mich genommen zu haben; doch ſuchte ich mich zu faſſen, und erwiederte:„Gern, Frau Fuͤrſtin, entleidige ich mich meines Gewer⸗ ——— bes in Gegenwart dieſer edlen Herrn, unter wel⸗ chen gewiß mancher, unbeſchadet ſeines achtba⸗ ren Muthes und ritterlichen Sinnes eingeſtehen wird, daß es ſich gezieme, der Stimme der Klug⸗ heit und dem Gebot der Nothwendigkeit zu ge⸗ horchen.“ Darauf hinterbrachte ich ihr alles treulich, wie es mir Glinski geſagt; ſeine Bitten und ſeine Drohungen, manchen Beweggrund hinzu fuͤgend, durch welchen ich vermeinte das feſte Gemuͤth der Frau Anaſtaſia zu erſchuͤttern. Doch als ich geendet, antwortete ſie folgendermaßen: „Ich habe Euch ausgehoͤrt, Herr Lacki; und Ihr erwartet Euern Beſcheid, den ich Euch auch nicht vorenthalten will. Gehet denn hin zu dem, der Euch geſendet, und ſaget ihm: Alſo ſpricht Anaſtaſia, die Fuͤrſtin von Slucko und Kopyl: Glaubt der Mann, deſſen Werbung ich fruͤher und entſcheidend abgewieſen, weil ich ihn haſſe wie den Pfuhl der Hoͤlle, und minder achte, als den leibeigenen Sklaven, der in Demuth und Erge⸗ benheit den Acker des Gebieters bauet, ja als den Hund, der mit Treue haͤngt an ſeinem Herrn und Wohlthaͤter;— glaubt der Mann, er ſey ſeit der Zeit wuͤrdiger geworden der Gemahl zu heißen einer unbeſcholtenen Fuͤrſtin, und der Va⸗ ter des Abkoͤmmlings ſo vieler Helden, weil er indeß zu ſeinen zahlloſen Verbrechen noch gefuͤget den feigen Meuchelmord eines unbewehrten Grei⸗ ſes? weil er geaͤchtet iſt und vogelfrei, und ſein Name ausgeſtrichen aus dem Verzeichniß der Ed⸗ len Littauens? weil er ſich in offenbarer Felo⸗ nie verbunden hat mit den Feinden ſeines Herrn und Koͤnigs, und weil er geworden iſt ein Mei⸗ neidiger und Hochverraͤther?— Ehe— ich hebe meine Hand auf zum Himmel, und ſchwoͤre es bei dem allmaͤchtigen Gott im Angeſicht dieſer Edlen und Ritter; ehe ſoll dies uralte Haus in Truͤmmern verſinken, und untergehen ſeines Na⸗ mens Gedaͤchtniß, ehe die Schwelle deſſelben beſudelt wird durch den Tritt des Verbrechers, und er mich fuͤhrt zum Berte der Schande!“ Tief erſchuͤttert ſtanden die Anweſenden; der junge Fuͤrſt ergriff liebkoſend der bewegten Mut⸗ ter Hand, und ich ſah verſtummt vor mir nieder. Endlich wagte ich noch einmal zu beginnen von dem nur allzu gewiſſen Elend im Falle der Ver⸗ ſagung, von den Vortheilen welche entſpringen wuͤrden aus der Vereinigung der Fuͤrſtenthuͤmer, und der Moͤglichkeit, ſo das Vaterland wieder zu befreien von den herbei gefuͤhrten Fremdlingen. — 300— / Da unterbrach ſie mich bitterm Laͤcheln:„ Iſt doch jeder Gedanke dieſes Mannes eine Suͤnde; durch neuen Verrath alſo denkt er den alten zu verguͤten?— Doch ich ſage Euch, an dieſer Klippe wird er ſcheitern, auf dieſer Stelle ſeines krummen Weges wird ihn ſein Verhaͤngniß erei⸗ len, und ihn faſſen mit eiſerner Fauſt.— Ihr aber, Herr Johannes, ſolltet Scheu getragen haben ſo ſchlimmer Sache das Wort zu reden in einem befreundeten Hauſe, zu einer Frau von untadelhafter Sitte, und im Angeſicht wuͤrdiger littauiſcher Maͤnner.“— und damit winkte ſie mir abzutreten. Als ich aber ſchon an der Thuͤr war, kam ſie mir nach und ſprach mit wehmuͤthi⸗ ger Stimme, und Thraͤnen ſtanden dabei in ihren Augen:„Wir ſehen uns wohl nimmer wieder in dieſer Welt, drum lebet wohl Vetter Johannes, und gedenket mein. Ich aber will beten, daß Euch der Herr Gott erleuchten möge, auf daß Ihr den Weg zuruͤck findet von Eurer dunkeln Bahn!“ Da faßte ich ihre Rechte und kuͤßte dieſelbe keines Wortes maͤchtig; der kleine Vetter aber trat herzu, und reichte mir die Hand mit abgewandtem Geſicht zum Lebewohl. Und drunten warf ich mich auf mein Pferd, und — 301— ſprengte dahin wie toll und von den Furien ge⸗ jagt, den Weg welchen mir mein boͤſes Geſchick vorgezeichnet. Als ich nun dem Herrn Glinski hinterbracht, wie ſeine Werbung abermals vergeblich geweſen, da begann noch des naͤmlichen Tages eine graͤu⸗ liche Verheerung in der Umgegend, die Doͤrfer und Flecken zerfielen in Aſche, und das Volk wurde gemordet oder hinweg gefuͤhrt in die mos⸗ kowitiſche Sklaverei. Auch ward die Veſte Tag und Nacht hart bedroht und geaͤngſtet mit Stuͤr⸗ men und enger Einſchließung, doch wehrten ſich die Belagerten tapfer und geſchickt auf den Ba⸗ ſteien und in manchem muthigen Ausfall. Eines Tages aber geſchah es, daß ich in geringer Be⸗ gleitung ausritt auf Spaͤhung, da ſiel ein an⸗ ſehnlicher Haufe aus der Ausfallspforte und griff uns an. Meine Leute wurden nieder gehauen oder verſprengt nach langer Gegenwehr, und da ich ſahe, das Feld ſey nicht zu halten, wandte ich mein Pferd zur Flucht, das aber ſtuͤrzte uͤber den Stamm eines abgehauenen Baumes, und ich fiel betaͤubt und wehrlos zu Boden. Schon blinkten zehn gezuͤckte Saͤbel uͤber meinem Haupte, dem die Sturmhaube entfallen war im Sturzz und ich verzichtete auf mein Leben, da ſprengte auf einem tatariſchen Roß ein ſchmaͤchtiger junger Reitersmann heran, und eine feine Knabenſtimme rief:„Laßt ab von ihm, Geſellen! Es iſt ja der Vetter Johannes, fuͤget ihm kein Leid zu, denn alſo iſt meiner Frau Mutter Gebot!“— Drauf ließen ſie ab von mir, und zogen wieder hinein durch die Pforte. Als ich mich nun aufgerafft hatte, und ins Lager zuruͤck gekehrt war im In⸗ nerſten der Seele gedemuͤthigt und betruͤbt, trat ich vor den Herrn Glinski in ſein Gezelt, und bat ihn, er moͤge mich ſenden zu einer andern Abtheilung des Heeres, denn es gezieme mir nicht zu helfen bei der Verderbung des verwandten Stammes, und die Hand aufzuheben gegen das Haupt der Blutsfreunde. Das bewilligte mir Herr Glinski mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln, und ich zog mit meiner Schaar gegen den Niemen zu dem Haufen, welchen Simeon befehligte der Fuͤrſt Bielski. Die Gerechtigkeit Gottes hat es aber anders gefuͤgt, als der Michael es im Sinne hatte; er mußte die Burg wohl ſtehen laſſen in ihren Grundveſten, und abziehen, nachdem er das Land rings umher verwuͤſtet mit Mord und Brand. — Nun ſind die Doͤrfer und Flecken wieder auf⸗ gebauet, und noch gruͤnt und bluͤhet das erlauchte Geſchlecht der Fuͤrſten von Slucko und Kopyl. Um dieſe Zeit entfloh mein fruͤherer Goͤnner und Wohlthaͤter, Herr Konſtantin Fuͤrſt zu Oſtrog aus der Gefangenſchaft zu Moskau, in welcher er acht Jahre geweſen, ſeit dem Treffen bei Wiedroſa. Waͤre ſolches fruͤher geſchehen, ſo haͤtte es mich zuruͤck gehalten auf meinem ver⸗ derblichen Wege, jetzt aber war es zu ſpaͤt: Wie mochte ich hintreten als ein geaͤchteter Hochver⸗ raͤther und Mordgenoſſe vor dem ehrenwerthen Feldherrn, welchen ich verlaſſen, ein unſchuldiger Juͤngling?— Herr Michael ſammelte ſein Heer ohnfern Nowogrodek, und ſendete von da aus ſeinen Bruder Waſil mit allen ſeinen Schaͤtzen nach Moskau. Bald aber kam Botſchaft von dieſem, wie gnaͤdig der Czaar ihn aufgenomen, und wie dieſer und das ganze Moskau begierig ſeyen, Herrn Glinski den beruͤhmten Kriegshelden zu ſehen von Angeſicht zu Angeſicht. Alſo begab ſich der Fuͤrſt auf den Weg nach der Hauptſtadt des Czaaren mit großer Pracht, und anſehnlichem Ge⸗ leit von Fuͤrſten, Bojaren und Rittern; Oſtafi Daszkiewez aber der Koſak befehligte indeſſen das moskowitiſche Heer in Littauen und richtete da⸗ ſelbſt ſo vielen Schaden an, als er ſpaͤter durch treue Dienſte und tapfere That ſeinem Herrn, dem Koͤnig von Polen, angenehm worden iſt als Staroſt von Czerkas. Da wir uns aber der un⸗ geheuern Stadt Moskau naͤherten, und kaum angelangt waren an den aͤußerſten Pforten des Kitay⸗Gorod, oder der Chineſen Stadt, war eine Menge Volks am Wege, eine Anzahl mos⸗ kowitiſcher vornehmen Bojaren empfing uns, und alle Glocken wurden gelaͤutet, gleich als ſey es ein regierender Herr uͤber Land und Leute, der ſeinen Einzug halte in die Stadt der Czaaren. Da wir nun hinauf gelangten zum Kreml, ſtand an dem Thor des Palaſts Waſil Iwanvwichz der Großfuͤrſt mit ſeinem Hof, und bewillkommte Herrn Michael. Dieſer wollte hergebrachtermaßen die Knie des Herrn umfaſſen, aber der Czaar dul⸗ dete es nicht und umarmte ihn, ſprechend:„Seyd uns willkommen, Herr Michael Lwowich an un⸗ ſerm Hoflager, wo Euch nichts erwartet denn Liebes und Gutes.“ Da entgegnete Glinski: „Ihr ſehet vor Euch, durchlauchtigſter Herr, ei⸗ nen verfolgten Mann, welcher mit dieſen ſeinen Verwandten und Freunden kommt, Eure Hoheit — —— 32 — 305=— Macht und weltberuͤhmte Großmuth anzuflehen um Schutz gegen Bedruͤckung und Unbill.“— „Auch verheißen wir Euch ſolche,“ und Rache an Euern Feinden jeglichen Standes, denn da wir nun beſitzen den beßten Saͤbel in ganz Po⸗ len und Littauen, gedenken wir mit Gottes Huͤlfe und des heiligen Nikolaus ſchon fertig zu werden mit unſerm Bruder, dem Siegmund Koͤnig von Polen.“ Drauf bewillkommte auch Herr Waſil Lwowicz ſeinen Bruder, doch ſchien der um ein gutes Theil hochmuͤthiger geworden, begruͤßte auch uns andere nur mit einem vornehmen Kopf⸗ nicken. Schon ſelbigen Tages ward uns hinter⸗ bracht, daß Fraͤulein Helena Waſilewna Glinska, das ſehr ſchoͤn war und klug und welches Herr Michael von Kind auf zaͤrtlich geliebt und erzo⸗ gen, habe dem großmaͤchtigen Czaar nicht we⸗ nig gefallen, und er koͤnne keinen Tag verleben ohne ſie und ihrem Vater. So vergingen einige Wochen unter Feſten und Gelagen, die Glinski und alle, die mit ihm wa⸗ ren, wurden hochgehrt vom Grohfuͤrſten, ſo daß auch hier der Neid erwachte, und die Moskowi⸗ ter begannen ſcheel zu ſehen uͤber die Fremdlinge. Waͤhrend dem aber ruͤſtete man ſich eifrig zum — 20 8 4₰ — 306— Krieg. Es war Botſchaft gekommen von Lit⸗ tauen, der Koͤnig ſey im Begriff aufzubrechen von Brzese⸗Litewski, um dem Feinde zu begegnen, doch ſey ſein Heer nicht ſtaͤrker denn 25000, meiſt Ritterſchaft und Fußvolk der Krone, weil die Unruhen im Großfuͤrſtenthum den Adel deſſelben verhinderten dem Aufgebot ſchleunig Folge zu leiſten und in großer Anzahl. Da ſendete der Czaar vertraute Maͤnner ab nach Wien zu Maxi⸗ milian dem roͤmiſchen Kaiſer, durch die Vermitt⸗ lung Herrn Michaels, welcher ſchon fruͤher und auch von Ofen aus durch den Herrn von Schlei⸗ nitz ein Verſtaͤndniß geknuͤpft hatte mit dem ge⸗ waltigen und ſtaatsklugen Herrn zum Verderben ſeines Vaterlandes. Und er forderte den Kaiſer auf, zu thun wozu er nur allzu geneigt war, naͤmlich den Hochmeiſter zu unterſtuͤtzen gegen ſei⸗ nen Lehnsherrn den Koͤnig durch Unterhandlung und Geld und gewaffnete Mannſchaft, denn der Untergang Siegmunds des Erſten ſey vor der Thuͤr. Ferner bat der Großfuͤrſt den Kaiſer; daß er ihm die Wuͤrde ertheile eines Ko⸗ nigs aller ruſſiſchen Lande, welcheer, ehe der Herbſt heran komme, erobert haben werdemit dem Schwert, lag ihm — 30— guch an, daß er ihm Anſchlag gebe und guten Rath, was er beginnen ſolle mit dem Siegmund dem armen Koͤ⸗ nige von Polen, welchen er bald ge⸗ fangen haben werde mit ſeiner Hand voll Leute, ohne daß er mehr daran ſetze, als eine Vorwacht ſeines zahllo⸗ ſen Heeres.*) Kaiſer Maximilian ſagte dar⸗ auf den verlangten Beiſtand zu, und verhieß dem Czaar die Koͤnigskrone, ſofern es ihm ge⸗ laͤnge mit dem Polen, wieer gehofft. So verkauften die Moskowiter die Haut des Baͤ⸗ ren in blindem Uebermuth; es ſollte aber gar anders kommen und Herr Siegmund war beſſer bewahrt, als ſie meinten. Was nun geſchah iſt Euch bekannt, werther Graf zu Tarnow. Das Heer zog aus, gefuͤhrt von dem Fuͤrſten Glinski und den moskowitiſchen Feldhauptleuten, dem Jacob Zacharyn und dem Kniazen Daniel Stete⸗ nie. Der blutigſte Krieg begann. Doch will ich Euch nicht ermuͤden durch Beſchreibung des Graͤu⸗ els, der veruͤbt ward im Großfuͤrſtenthum Lit⸗ *) Die angeführten Ausdrücke befinben ſich woͤrtlich in dem Sendſchreiben des Czaars an den Kaiſer. 20* — 308— tauen, noch durch Aufzaͤhlung der Schlachten und Belagerungen. Ihr habt ja gehoͤrt von je⸗ nem entſcheidenden Tage am Dniepr, wo abe die vermeſſenen Hoffnungen des Moskowiters zu Schanden wurden und die ruſſiſche Koͤnigskrone in den Fluß fiel, wo ſie wohl ein paar hundert Jahr liegen mag, ehe ſie wieder aufgeſiſcht wird. Ihr habt vernommen, wie Koͤnig Siegmund mit ſeinem Heer uͤber den Strom ſetzte, und ſchnell geſammelt in geregelter Schlachtordnung die mos⸗ kowitiſchen Schaaren angriff. Ihr wißt, wie die Zwietracht in unſerm Heer und die Misgunſt der Feldherren gegen Herrn Michael ſich geſellten zu einem paniſchen Sehrecken, wie das zahlloſe Kriegsvolk des Czaarn, gleich der Spreu im Winde nach allen Seiten ſich zerſtreute. Damals erhob das Schickſal zuerſt gegen den Fuͤrſten Glinski drohend die Hand, welche ihn einſt zermalmend Hergreifen ſollte, wie es Frau Anaſtaſia geweißaget. Getrieben vom boͤſen Geiſte der Rache hatte er ſich geſehnt, im offenen Felde zu ſtehen gegen ſeinen Herrn und Koͤnig, ihn zu beſiegen und zu fangen. Entſchloſſen ſtand unſere Schaar und hielt das Feld in muthiger Vertheidigung. Da ſahen wir uͤber die Ebene die Haufen der Moskowiter dahin — ₰ „ fliehen, da hoͤrten wir das Siegsgeſchrei der vor⸗ dringenden Polen. Vergebens warf ſich Michael den Fluͤchtlingen entgegen, vergebens beſchwor er den Kniazen Stezenie ſich an ihn zu ſchließen, und das ſiegreiche Haͤuflein der Polen zu vernich⸗ ten auf dem Schlachtfeld ſelbſt, welches ſie ero⸗ bert. Unaufhaltſam ſtroͤmte die raſende Flucht, und Fluͤche toͤnten ihm entgegen, er habe wollen das Heer verrathen und uͤbergehen in der Schlacht zu Siegmund Jagiello! Da fuͤhlte er die Geiſel des Rachengels, da ward er gewahr, daß nicht Segen keime aus boͤſer That und Vertrauen nicht die Frucht ſey des Verraths. Zaͤhnknir⸗ ſchend blickte er auf uns, die wir ihn umgaben, herrſchte uns dann mit dumpfer Stimme den Befehl zu, mit unſern Schaaren zu reiten; und fort ſprengten wir im donnernden Galop uͤber das naͤchtliche Feld zu den ſchuͤtzenden Waͤldern, hin⸗ ter uns den Hufſchlag vernehmend der nachjagen⸗ den polniſchen Reiter.— „Ich ſage Euch, Herr Kaſtellan von Kra⸗ kow, haͤtte damals der Koͤnig, haͤtten die Her⸗ ren der Krone und des Großfuͤrſtenthums den Sieg verfolgt, waͤren ſie vorgedrungen durch die entvöolkerte Landſchaft bis zur zitternden — 310— Ciaarenſtadt, es ſiaͤnde jetzt manches anders und beſſer.” „Wohl,“ unterbrach Graf Johannes den Erzaͤhler,„„wohl war dieß der Wille des Koͤnigs und der Rath Konſtantins von Oſtrog, des lit⸗ tauiſchen Feldherrn; doch was vermag die wei⸗ ſere Einſicht gegen den Trotz des Adels, und die Zwietracht der Magnaten? So wie bei Euch war es im polniſchen Lager; lweier edlen Herren Feind⸗ ſeligkeit laͤhmte des Konigs Kraft, und das Heer ward entlaſſen. Kaum vermochte Herr Sieg⸗ mund ſo viel Soͤldner zuſammen zu halten, daß der Fuͤrſt zu Oſtrog und Stanislaw Kiszka ein⸗ ruͤcken konnten in das Land der Moskowiter, und Wiazma erobern. Zu ſiegen hat der Pole immer verſtanden, ſelten nur den Sieg zu benu⸗ tzen. Und wenn wird das anders werden?— Jetzt aber, Herr Staroſt von Pinsk wollet Euren Gaum erfriſchen, und ſo trink ich Euch zu auf das Andenken der Sieger am Dniepr, und die Vergebung der Schuldigen.“ „Ich danke Euer Gnaden fuͤr das Letzte,“ entgegnete Herr Lacki,„und thue Euch auf das Erſte von Herzen Beſcheid. Doch es iſt ſyaͤter Abend worden, und ſchon laͤngſt hat die Glocke 4 4 der Kathedrale zur Vesper gelaͤutet; vergoͤnnet daher, daß ich Euch nun gute Nacht ſage und gehe mich in Bereitſchaft zu ſetzen auf morgen, falls Ihr noch geſonnen ſeyd mich nach dem Hoch⸗ amt dem jungen Koͤnig vorzuſtellen, den ich mich freue zu ſehen in meinem Leben zum erſten Mal.“ Der Großfeldherr der Krone dankte ihm freundlich fuͤr den erſtatteten Bericht und meinte, er werde ihm das Ende nicht erlaſſen, ſondern morgen ihn mahnen, wenn der Hof aus einander gegangen. Da toͤnten Schritte in dem Vorgemach des Palaſtes zum heiligen Chriſtophor wie von Eilen⸗ den, und eine laute Stimme ließ ſich verneh⸗ men, welcher eine Zweite leiſe antwortete; der dienſthabende Edelmann des Grafen von Tarnow trat herein, nach einer tiefen Verbeugung die Fluͤgelthuͤren aufreißend. Dicht hinter ihm aber kam ein junger Mann von zwanzig und etlichen Jahren ohngefaͤhr, mittlerer Groͤße, doch fein und ſchmaͤchtig gebaut. Er war gekleidet in einen langen Rock von dunkelbraunem Sammt, uͤber welchen ein littauiſcher Mantel geſchlagen war, ein Baret von eben der Farbe, mit drei grauen Schwungfedern geziert, bedeckte ſein Haupt, — 312— von welchem dunkelfarbige Locken um die etwas bleichen und nicht vollen Wangen ſielen. Auf der hohen Stirn uͤber den braunen glaͤnzenden Augen lag ein Zug von Schwermuth, waͤhrend um die gebogene Naſe und den feinen Mund ein Ausdruck leichten Spottes flog. Der kam mit raſchen doch ein wenig ſchwankenden Schritten auf den Herrn von Tarnow zu, welcher ihm entgegen trat und ſtreckte die Hand aus, ihn zu begruͤßen. Als ſich aber bei der Bewegung der Mantel aus einander ſchlug, gewahrte der Littauer auf der Bruſt des Unbekannten an dia⸗ mantener Kette das Zeichen des goldnen Vließes. Der junge Mann ſprach zum Kaſtellan von Kra⸗ kau mit wunderſam angenehmer Stimme:„Wie geht es Euch, mein wuͤrdiger Großfeldherr? ich komme von Lobzow, und wollte ſehen ob Ihr wohl auf ſeyd, mein Vater.“— Als der Herr von Tarnow hierauf ſich ſchweigend und dankbar verneigte, fuhr der Fremde in luſtigem Tone fort:„Cospetto di Bacco, Ihr bringt Eure Zeit nicht uͤbel zu, Graf zu Tarnow,— inter pocula, wie ich ſehe.“ Darauf ergriff er den Herrn Johannes beim Arm, zog ihn in ein Fen⸗ ſter und ſprach leiſe mit ihm. Als nun dieſer —— — ————— — 318— ihm eben ſo leiſe aber eindringlich antwortete, da verlohr ſich nach und nach der Anflug der Heiterkeit vom Antlitz des Unbekannten; der Ausdruck der Schwermuth um ſeine Augen ging in den des Unwillens uͤber und der ſpoͤttiſche Zug um den Mund ward merklicher. Darauf unter⸗ brach er den Feldherrn mit Ungeduld, und ſagte ziemlich laut:„Das kann aber und darf nicht ſo bleiben, ſo wahr ich lebe!“— Jener ent⸗ gegnete gleichmuͤthig:„Kommt Zeit, kommt Rath."(—„Ja, ja, ich kenne ſchon alle Eure Adagia, mein lieber Herr von Krakau; accidit in punctum, quod non speratur in annum; aber das iſt nichts, daruͤger vergeht das Jahr und der Punkt auch. Corpo d' Iddio! laßt doch Eure Bedenklichkeiten.— Habt Ihr denn nicht geſprochen mit dem Samuel Maciejewski, dem Biſchof von Krakow?— Laßt den Bora⸗ tynski reden; wenn er lange genug wird ge⸗ ſchwatzt haben, wird er ſchweigen.— O Herr von Krakow,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe wehmuͤthig fort, meine Aurora iſt recht umwoͤlkt, das verheißt einen truͤben Tag!“ Der Staroſt von Pinsk hatte ſich waͤhrend dieſes Geſpraͤchs beſcheiden zuruͤck gezogen, denn — 314— nach den erſten Augenblicken hatte er wahrgenom⸗ men, er ſtehe vor dem Koͤnige Siegmund dem Zweiten, Auguſt. Da ſiel der Blick des Monar⸗ chen auf ihn, und mit der ihm eigenen Beweg⸗ lichkeit die Stimme und den Ton wechſelnd, fragte er den Kaſtellan von Krakau:„Iſt das Euer Trinkgefaͤhrt?— Meint ich doch, es ſey der alte Swidrygaylo, oder allerwenigſtens mein Großoheim, der Witold ingrimmigen Andenkens; — Beim Herkules! das iſt ein aͤchter Littauer!“ —„Als ſolchen,“ verſetzte der Graf zu Tarnow, im Tone der Ceremonie, als ſolchen, allerdurch⸗ lauchtigſter Herr, habe ich auch die Ehre ihn Eurer Majeſtaͤt vorzuſtellen; es iſt nicht Swidrogaylo, noch Witold, aber der hochgeborne Herr Johan⸗ nes Lacki, Euer Staroſt zu Pinsk.”“—„Johan⸗ nes Lacki,“ frug der Koͤnig im gedehnten Tone, in welchem die angeborne Hoheit ſich zum Spotte geſellte;„es daͤucht uns, als ſaͤhen wir heute zum erſten Mal unſern Staroſten zu Pinsk.— Wir haben vernommen, daß Ihr lange auf Rei⸗ ſen geweſen im Ausland.— Wo waret Ihr doch die ganze Zeit uͤber?“—„Als ich zuruͤck kehrte aus Moskau, allergnaͤdigſter Herr,“ entgegnete der Littauer mit feſter Stimme:„regierte Euer 4à⁴ — 315— hoͤchſtſeliger Herr Vater noch, glorwuͤrdigſten An⸗ denkens, Ihr aber waret damals ein unmuͤndig Herrlein; und ſo meint ich, es ſey nicht von⸗ nöthen, daß ich Euch begruͤße.“—„unmuͤndig waren wir,“ ſprach Siegmund Auguſt, in auf⸗ loderndem Zorn,„doch ſchon gekroͤnter Koͤnig in Polen und Großffuͤrſt von Littauen.— Wie es ſcheint, habt Ihr jenſeit des Dnieprs vergeſ⸗ ſen, was Ihr Euerm Herrn ſchuldig ſeyd. Ihr kommt ſehr ſpaͤt, und faſt gemahnt es uns, als ſey es gar nicht mehr vonnoͤthen.— Ihr ſeyd entlaſſen!“— Mit dieſen Worten machte der König eine verabſchiedende Geberde, und wandte ſich zu Johannes Tarnowski. Der aber ſprach mit beguͤtigendem Tone, indem er dem beſtuͤrtzten Littauer welcher ſich entfernen wollte einen Wink gab; der Staroſt von Pinsk, mein koͤniglicher Herr, hat gemeint, daß er das, was er verſchul⸗ det haben kann in fruͤherer Zeit, am beßten gut zu machen vermoͤge in Einſamkeit und Gebet, und in der treuen Erfuͤllung der Pllichten ſeines Amts, fuͤr welche ich ſein Buͤrge bin bei Eu⸗ rer Majeſtaͤt. Auch haͤtte er wohl in ſeinem Al⸗ ter nicht mehr das Hoflager beſucht, fuͤhrte ihn nicht der Wunſch nach Krakow, ſeinen Sohn — 316— und Neffen zu empfehlen der Huld einer erhabe⸗ nen Blutsfreundin.“—„Welcher Blutsfreun⸗ din?“— frug der Koͤnig raſch.—„Der Herr Staroſt hat die Ehre in naher Verwandtſchaft zu ſtehen mit der durchlauchtigſten Frau Bar⸗ bara."—„Mit der Koͤnigin?“ rief Siegmund, und jede Spur des Zornes ſchwand aus ſeinen Mienen.„Eil ſo ſeyd mir willkommen, mein Herr Vetter aus Euern Moraͤſten von Pinsk, und bleibet zu Krakau, ſo lange es Euch gefaͤllt, am Hofe Eurer Muhme. Cospettin, die Ver⸗ wandten meiner Koͤnigin ſind auch die Meinigen, und nun gedenk ich auch, daß ſie Euch zugethan iſt mit Huld und Zuneigung.“= Der Littauer, hetroffen und erfreut uͤber den ſchnellen Wechſel der koͤniglichen Laune, beugte ſich ſchweigend auf die Hand, die ihm Siegmund Auguſt leutſelig reichte. Drauf fuhr der Koͤnig fort:„Fuͤhrt Euch vielleicht ein Wunſch in unſere Reſidenz, veſter Staroſt von Pinsk, ſo eroͤffnet ihn uns nur unverholen; Ihr wiſſet ja, daß man ſagt: Wer den Papſt zum Vetter hat, kann leicht Kardinal werden. Kein Verwandter der holden Barbara ſoll vergeblich bitten, wohlgemerkt um Billiges; dem Erzbiſchof Primas, dem Kmita, 6 4 6 — 312— und—— noch jemand zum Trotz.“— Lacki war im Bexgriff ſein Geſuch vorzutragen, da warf ihm der Herr von Krakow einen ſtrengen und misbilligenden Blick zu, alſo empfahl er ſich nur in wenigen allgemeinen Worten der Gnade ſeines Herrn. Siegmund Auguſt aber hatte den Blick des Großfeldherrn bemerkt; eine leichte Röthe trat auf ſeine Wangen, er ſchaute eine Zeitlang vor ſich nieder, dann ſagte er mit einem unterdruͤckten Seufter:„Nun, wir ſehen Euch ja wohl oͤfter, Herr Lacki,“ und fuͤgte darauf wieder laͤchelnd hinzu:„ich muß Euch jetzt ver⸗ laſſen, Herr Großfeldherr; welſche Tonkuͤnſtler laſſen ſich heut Abend hoͤren bei der Koͤnigin Mutter, und ſie begehrt ich ſolle dabei ſeyn. Wollte Gott, ſie begehrte nicht andere Dinge, aber da trifft die Sichel auf den Stein. Ich hoffe, Ihr kommet heruͤber auf das Schloß, und bitte Euch ſehr darum, ich habe von mancherlei Dingen mit Euch zu ſprechen.“ „Darauf gruͤßte der Koͤnig anmuthig die beiden Herren, und ſchluͤpfte ſchnell zur Thuͤr hinaus, die Begleitung des Kaſtellans ablehnend. Bald nachher wollte ſich auch der Herr von Pinsk entfernen, doch der Großfeldherr lud ihn ein zu laͤngerm Bleiben. Es thüt nicht mehr Noth, ſorach er, daß ich mich beeile an den Hof zu gehen, da der Herr eingeſprochen iſt bei mir. Noch bleibt uns Zeit genug, um Euern Bericht zu beenden, und Eure junge Herren werden, ohne daß Ihr dabei ſeyd, das Noͤthige verrichten zu Eurer morgenden Vorſtellung bei Ihren Majeſtaͤten. (Ende des erſten Theils.) *(6169,6,8067,6 69638 ,,,665,76.,77,6,4 B634667446576874 Gedruckt bei Carl Gottlob Gaͤrtner. ,,,77, ,,f.4,e7,6s,B..76.,7⸗7e, 8— inſannnnnnſſüiſſſſſ Mnnnnniſ 6 7 8 9 10 1 2 13 14