vuſe⸗ eigtſcher u und ſnſher etenuur Eduard Ottmunn in Gieſen, SSchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß und Teſebedingungen. 5 oMensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfung ahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uht bis Abends 8 Lr offen. Lesepreis. Bei bucſehe eines Leliehenen Vuches wird von em Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun§ angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ß für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher⸗ ſ Monat: 1 —— 5 Auswärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erzaͤhlung von Alexander Bronikowski. 7 Deutſchland liegt eine Stadt, welche man nicht ohne Fug das Symbol des Perfectum nennen kann; nicht in dem Sinne, welchen eine Ueberſetzung dieſes Wortes darſtellt, des Vollkommenen, ſondern in dem andern, welcher allem Irdiſchen gerade das Geprage des Gegentheils aufdruͤckt, der Benennung des Zeit⸗ maßes„geweſen“. Hier haben Wiſſenſchaft und Kunſt und Freude gewaltet, nur allzuruͤckſichtlos viel⸗ leicht, Herrſchern gleich, fuͤr welche die Geſchichte ſich lediglich auf ihre Zeit beſchränkt, bemuͤht, dieſelbe ſo glänzend als moͤglich der Erinnerung der Nachwelt aufzuſtellen, unbekuͤmmert um dieſe Nachwelt ſelbſt. Nun ſind die fetten Jahre voruͤbergerauſcht unter Jubelgeton, die magern ſind gekommen und es iſt recht ſtill worden. Ein ſchoͤner bedeutender Beiname ward dieſer Stadt zur Zeit ihres Glanzes ertheilt, er iſt ihr geblieben, wie man dem Emeritus ſeine Titel läßt, wiewohl der Reiſende, nach gemachter näherer Bekanntſchaft, wohl einige Verwunderung empfinden 1* 4 mag, beim Vergleich zwiſchen dem, was er dieſem Stamme nach erwartet hätte, und dem, was er ge⸗ funden. Anders aber geſtaltet ſich, iſt er empfaͤng⸗ lichen Sinnes, wiederum ſein Urtheil bei noch laͤn⸗ gerem Aufenthalt und Befreundung mit dem, was ihn umgiebt; man fuͤhlt, der Genius ſei hier heimiſch ge⸗ weſen, ja er ſei nicht von der alten lieben Herberge geſchieden, ohne Einige ſeines Gefolges zuruͤckzulaſ⸗ ſen— vielleicht um ihm wiederum eine Wohnung zu bereiten fuͤr eine andere beſſere Zeit.— Die Wiſſenſchaft gedeihet auf jeglichem Grunde, ſchwerer wird die Kunſt einheimiſch, ſchwerer aber auch verſchwindet ihre Spur von dem lange bewohn⸗ ten; in der erſten hat manche Stadt in neuerer Zeit den Preis davon getragen, nicht ſo iſt es mit der zweiten, ſie fuhlt ſich fremd auf dem Treibhaus⸗ beet und ſehnt ſich zuruͤck nach dem alten Gebuͤſch, ob es auch verwildert ſei, und wahrend ſie dort un⸗ ter muͤhſamer Pflege des Gaͤrtners in Art einer re⸗ gelmaͤßigen Pflanzſchule erſcheint, von der er mit der Zeit Gedeihen hoffen kann, ergeht ſie ſich hier in Ge⸗ ſtalt wehmuͤthiger, wohl aber zwangloſer Erinnerung. Noch rauſcht hier der Wiederhall unſterblicher Har⸗ monien durch dieſelben Hallen, aus welchen ſie durch Europa zogen, die Sammlungen bildneriſcher Meiſter⸗ 5 werke ſtrahlen noch in ihrem ehemaligen Glanz, und hat der Geiſt, der hier waltete, der Geiſt der Kunſt ſich dem Leben der Gegenwart entfremdet, ſo ſpre⸗ chen doch ihre Geiſter, durch ihre Heiligthuͤmer we⸗ hend, noch zum Gemuͤth. Ja ſie wehen, obſchon nur leiſe, noch immerfort in geſellſchaftlichen Wer⸗ ken des lebenden Geſchlechts. Und lange wird dieſer Nachklang noch dauern trotz der zunehmenden Miß⸗ toͤne, gelingt es nicht der Seuche unſerer Tage, ſie zu erſticken, der Politik, oder vielmehr der allen Frie⸗ den und Freude, alles Schone und Gemuͤthliche er⸗ ſtickenden Politiſirſucht. Dieſe, ſo ſchoͤn man ſie auch tauft, iſt doch nichts deſto weniger oft der Sprößling eines häßlichen Paares, des unter wohlklingendem Namen auftretendem Egoismus, und der ſich klug duͤn⸗ kenden Unwiſſenheit.*) Die Stadt, die wir mei⸗ *) Anmerkung. Fern ſei es von uns, die Theilnahme in That und Wort an vaterlaͤndiſchen Angelegenheiten und dem Gemeinwohl zu tadeln, welche dem aͤchten Staatsbuͤrger zum Gemuͤthsbedurfniß und zur Pflicht ge⸗ worden. Aber wohl tadeln wir die Anmaaßung, aus unaͤchtem Eifer erzeugt, die der des Hahnes gleicht, der auf ſeiner Leiter krähend, den Hals reckend und die Federn ſträͤubend, auf den beſchraͤnkten Hofraum herab⸗ ſieht, gleich als meine er, weil er ja doch ein Vogel ſei, muͤſſe er auch die Vogelanſicht haben und das Ganze nah und ferne uͤberſchauen aus dem Geſichtspunkt und mit dem Auge des Adlers. 6 nen, gleicht einer ehemahls herrlichen Gartenanlage, in welcher, ob man ſie gleich aufs beſte ausrodet, um auf die leergewordnen Stellen Kartoffeln auch Schlimmeres noch zu pflanzen, doch noch fort und fort, hier und da, Schoͤßlinge edler Gewächſe her⸗ vorbrechen, ſie iſt gleich einer Phiole orientaliſcher Roſeneſſenz, die, wenn auch der Inhalt längſt hin⸗ weg iſt, doch noch Jahre lang duftet. Und eines iſt ihr treu geblieben, die unvergangliche, immer wie⸗ derkehrende Natur, liebend umſchließt ſie immerdar die Stadt, gleich wie die Haine von Tibur, wie ehemals die herrlichen Villen der Roma, auch jetzt noch ihre Ruinen liebend umſchließen, wie die koſt⸗ liche Faſſung von Smaragd und Sapphyr und De⸗ mant der unſcheinbar gewordenen aber immer noch werthvollen Camee. In dieſer Stadt trugen ſich folgende zemich ge⸗ wöhnliche Begebenheiten zu, und ihr Beginnen fällt in eine Mainacht. Wir erſuchen den Leſer hier nicht etwa die Beſchreibung einer ſolchen zu erwarten, wie ſie ſein ſollte; ſeit mehrern Jahren iſt der Wonne⸗ mond, man weiß nicht recht warum, aber unſtreitig etwas zum Nachtheil ſeines lange behaupteten guten Rufes, einen Allianzvertrag mit dem Nordoſtwind ein⸗ gegangen, welcher rauh daherfahrend, ſich zu bemu⸗ ——— . † 7 hen ſcheint, das Jahr wieder zuruͤck, zum Januar zwingen zu wollen, deſſen ſtarker Winterfroſt in ſei⸗ nem Heimathslande herrſcht. Aber die Jahreszeit wie dieſe Zeit uͤberhaupt laͤßt ſich nicht zwingen, das erfreu⸗ liche Sonnenlicht bricht dennoch hervor und entfaltet die Bluͤthen, die ſelbſt unter Sturm und Kälte keim⸗ ten; eine Zeitlang behaͤlt indeß der ungeſtuͤme Fremd⸗ ling manchmal Recht; ſo war es auch in jener Nacht und es war ganz abſcheuliches Wetter. So ſchlecht war das Wetter, daß da die Zeit voruͤber war, da Eilpoſten und andre Reiſegelegen⸗ heiten, die ſich an daſſelbe nicht binden, anzukommen pflegten, man im Gaſthofe zur Stadt Peking keinen Zuſpruch mehr erwartete. Da nach aufgehobner Abend⸗ tafel die derzeitigen Bewohner deſſelben ſich in ihre Zimmer, und die gewoͤhnlichen Gäſte in ihre Behau⸗ ſungen verfuͤgt hatten, ſchien das Werk des heutigen Tages vollendet, die Kellner und Aufwärter, nach⸗ dem ſie alles beſchickt hatten, nahmen ihre verſpä⸗ tete Abendmahlzeit eilig ein, um ſich recht bald im Schlafe fuͤr die am kommenden Morgen wiederkeh⸗ renden Muͤhen zu ſtärken. So befanden ſich denn nur noch zwei Perſonen in dem Speiſeſaale, aus deſ⸗ ſen Fenſtern man am Tage und in andern Naͤchten als dieſe, einer ſchoͤnen Ausſicht genießt, auf den Strom, 8 — auf die Bruͤcke und auf den jenſeit beider gelegenen Theil der Stadt, welche dieſem Geſichtspunkt gerade ihre etſte Seite zuwendet. Jetzt aber war von alledem wenig zu ſehen; der dichte und naſſe Schleier der regnigten Nacht verdeckte das gegenuberſtehende ufer und ſeine Gebäude und Gartenanlagen gänzlich, er huͤllte die Gasbeleuchtung der Bruͤcke in Nebel und der Strom dem Auge unſichtbar, that ſeine Nähe nur dem Ohre kund durch das dumpfe Anſchlagen der Wellen gegen die Pfeiler. Die eine der erwähnten Perſonen war der Wirth des Hauſes. Selbſt ein Fremdling in der Hauptſtadt, in welcher er ſich erſt vor einigen Jahren niedergelaſ⸗ ſen, vielgereiſt und gewandt, ſchloß er ſich, wo es an⸗ gieng, gern an fernher kommende Gäſte, um die Weltkunde, die er ſich wandernd geſammelt, gele⸗ gentlich im Ruheſtande zu vermehren, und die Nei⸗ gung zu Erkundigungen und Mittheilungen, welche vielen ſeiner Mitbruͤder mit ihm gemein und an die⸗ ſen oft gar läſtig iſt, ward es bei ihm weniger durch den gefaͤlligen Einfluß obenerwähnter Eigenſchaften. Er pflegte ſich unter den oft wechſelnden Bewohnern ſeines Hauſes einen auszuwählen, bei dem er die Fähigkeit und die Luſt vorausſetzte, auf ſeine vielen Fragen Beſcheid zu geben. Diesmal war dieſe Aus⸗ —— —— — 4 ——— 9 . zeichnung dem Andern zu Theil worden, der mit ihm an einem Nebentiſche ſaß, in einen langen und dicken Oberrock gehuͤllt, welcher weniger der Jah⸗ reszeit als dem heutigen ſchlechten Wetter ange⸗ meſſen, von Sorgfalt fuͤr die Erhaltung ſeiner Geſundheit zeigte, wie die Bedächtlichkeit, mit der er in langen Pauſen den Reſt einer Flaſche Bor⸗ deaurweines zu ſich nahm, fuͤr ſeine Abgeneigt⸗ heit jener durch Unmäßigkeit Eintrag zu thun. Nicht umſonſt war die Wahl des Gaſtwirths auf dieſen gefallen: er war ein Brite, und wie⸗ wohl Herr Clement einen großen Theil von Eu⸗ ropa geſehn, hatte er doch niemals Albions krei⸗ diges Ufer betreten, das Blatt in ſeinem Memo⸗ randenbuche, welches die Ueberſchrift„England“ fuͤhrte, war ziemlich leer; eine Luͤcke, die ihm ſchmerzlich fiel, wenn er, wie es hin und wieder geſchah, ſeine jetzigen Mitbuͤrger durch Erzählun⸗ gen von ſeinen Reiſen und durch ſeinen Reichthum an Menſchen⸗ und Länderkunde in Erſtaunen und ein wenig in Neid verſetzen wollte. Er hoffte da⸗ her, ſie durch die Mittheilungen des Bezeichneten nothdurftig zu ergaͤnzen, mit der Nebenabſicht viel⸗ leicht ſie an Ort und Stelle als Ergebniſſe eige⸗ ner Beobachtung einzuſchwärzen. 10 Es lag auch in dem Weſen und der Weiſe des Fremden eben nichts, was einen umſichtigen Gaſtwirth, wie den Beſitzer der Stadt Peking, von einer vertrauten Annaͤherung abgeſchreckt haͤtte. Ma⸗ ſter Pearſon, ſo nannte er ſich, reiſte nicht als Mylord, oder vielmehr, wie Mylords ehemals rei⸗ ſten, er war ſchon vor wenigen Wochen ohne Be⸗ dienung mit der Eilpoſt angekommen, hatte gleich beim Eintritt in den Gaſthof uͤber Wohnung und jedes einzelne Beduͤrfniß einer keinesweges koſtſpie⸗ ligen aber recht anſtandigen Lebensweiſe einen ſehr genauen Vertrag abgeſchloſſen, bezahlte den Betrag jedes Tages regelmäßig am andern Morgen, und hielt ſich ziemlich eingezogen. Nach dem Beſuch in dem Hauſe der engliſchen Geſandſchaft, durch welchen er hergebrachtermaaßen ſeine Ankunft kund gab, ſah man ihn ſich weiter nicht beſonders zu ihr halten, uͤberhaupt wenn er auch ſeine damals in geringer Anzahl ſich in der Stadt aufhalten⸗ den Landsleute nicht gerade vermied, ſuchte er noch weniger ihren Umgang, auch that er eben ſo mit den Einheimiſchen. Seine Rede im zufalligen Ge⸗ ſpräche mit ihnen, war, ob er gleich, den ſehr merklichen Actent ausgenommen, ſich im Deutſchen ziemlich gelaͤufig ausdruͤckte, kurz, wiewohl von guter — 3— 11 Erziehung zeugend, und auch von Kenntniß, jedoch mehr im Gebiete der Wiſſenſchaft als des Lebens, und nur manchmal entſchluͤpfte ihm wie unwill⸗ kuͤhrlich eine Aeußerung, die darauf hindeutete, er ſei nicht ſo ganz unbewandert in demſelben. Seine Art war die eines Menſchen, der wohl um ſich her⸗ ſchaut, auf das was ſich ihm gerade darbietet, aber an nichts ſonderlichem geſchweige lebhaften Theil nimmt. Wie mit den lebenden Gegenſtäͤnden war es auch mit den lebloſen; er hatte zwar in den erſten Ta⸗ gen ſeiner Anweſenheit die pflichtſchuldige Runde in den Kunſtſammlungen der Hauptſtadt gemacht, auch die Stellen der Umgebung beſucht, welcher Reiſebeſchreibungen und„Wegweiſer“ vorzuͤglich er⸗ waͤhnen, doch kehrte er an keinen dieſer Oerter ein zweites Mal zuruͤck, ſo daß man fuͤglich glauben konnte, weder Natur noch Kunſt machten einen beſonders ſtarken Eindruck auf ihn. Am haͤufig⸗ ſten ſah man ihn nach der Pfarrkirche des Stadt⸗ theiles wandern, welchen er bewohnte, dem da⸗ mals ein Prediger vorſtand, eines großen Rufes als Kanzelredner genießend, vornehmlich aber als eifriger Gegner des Katholicismus, dem der Rei⸗ ſende gleichfalls nicht gewogen ſchien, denn zwei oder drei Male, da man einen lebhaften Ausdruck —————— 12 in ſeinem lange ernſten und beinah unbeweglichen Ge⸗ ſicht, einige Haſtin ſeiner abgemeſſenen Geberde bemerkt, einige abſprechende Worte von ihm gehort hatte, war es bei einer Unterhaltung uͤber die damals vielbeſprochene Emancipation der großbritanniſchen Ka⸗ tholiken geweſen. Sonſt war er an der Wirths⸗ tafel ein ziemlich ſchweigſamer Gaſt, bemuͤht ſei⸗ nerſeit bei dem mit dem Wirth abgeſchloſſenem Ver⸗ trage das moglichſt geringſte minus zu tragen, die uͤbrige Zeit des Tages brachte er auf ſeinem gimmer zu. Nur wenn die Zeit des Schauſpiels, vor dem er eine Art Scheu zu haben ſchien, den Speiſeſaal und das Verſammlungszimmer von Zu⸗ ſprechenden leer ließ, war er bei einer den gan⸗ zen Reſt des Abends ausreichenden halben Flaſche Bordeaux oder zwei bis drei Glaͤſern Grog der willkommene Geſellſchafter des Herrn Clement, die Fragen deſſelben mit Bedächtlichkeit beantwortend, und eben ſo bedächtlich und in großen Pauſen an⸗ dere an ihn richtend, meiſt in Bezug auf Sitten und Gebraͤuche der Stadt, und die Eigenthuͤm⸗ lichkeiten ihrer Bewohner. Kellner und Aufwärterin⸗ nen, die ſeine von der gewöhnlichen eines Reiſen⸗ den ſo verſchiedene Lebensweiſe beobachtet hatten, meinten, er muͤſſe hier in der Stadt auf etwas . — 13 oder auf jemand warten, oder, wie ſie ſich aus⸗ druͤckten, lauern; und in der That lag in ſeinem Weſen etwas Wartendes oder Lauerndes, deſſen Gegenſtand indeß niemand aus ſeinen ſtets wohlabge⸗ wogenen Worten zu errathen vermochte. Am heutigen Abende war dem in ungewohn⸗ ter Einſamkeit ſich langweilenden Herrn Clement das Dableiben des Gaſtes nach dem Abendeſſen und die ſeltene Bereitwilligkeit doppelt willkommen, mit der er ſich zu einer zweiten halben Flaſche Chateau la Fitte bereden ließ, und er beſchloß die guͤnſtige Gelegenheit zu benutzen, ſein Memoranden⸗ buch mit mancher Nachweiſung uͤber England be⸗ reichernd; er zeigte ſich daher unerſchopflich in ſei⸗ ner Wißbegier. Aber gerade heute ſollte dieſe we⸗ niger als je befriedigt werden, Maſter Pearſon war noch einſylbiger als gewoͤhnlich, er beantwortete die Fragen kurz und ungenuͤgend, er ſchien zerſtreut oder, beſſer zu ſagen, mit einem dem Geſpräche fremden Gegenſtande beſchäftigt, ja es war als träte jenes„Wartende“ in beſtimmtern Zuͤgen hervor; wenigſtens hemmte er mitten im Worte ſeine Rede, wenn das Brauſen des Windes dem Tone eines rollenden Wagens nahe kam, und wenn draußen 14 die Pforte des Hauſes geöffnet wurde, blickte er raſch empor, um nach der Thuͤr des Saales zu ſehen. Schon gab Herr Clement fuͤr heute das Exa⸗ men auf, ungern, aber die Laune des Gaſtes mit den Spleen entſchuldigend, welcher ihm als beſon⸗ deres Attribut einer Nation, die ihm vielleicht ge⸗ rade darum große Theilnahme einfloßte, weil er ſie am wenigſten kannte, gewiſſermaßen ehrwuͤrdig er⸗ ſchien, da rollte wirklich ein Wagen vor das Thor, es ward in beiden Fluͤgeln nfgr das Raſ⸗ ſeln der Räder und Stampfen der Pferde erſcholl auf der untern Flur, die Kellner liefen herbei, und der zuvorkommende Wirth eilte hinaus, den ſpäten, heute nicht mehr erwarteten Zuſpruch zu empfangen.* Dieſer trat denn auch alsbald herein aus dreien Perſonen beſtehend, angefuͤhrt von dem Wirth und eingeladen von ihm, ſich es unterweilen hier ge⸗ fallen zu laſſen, bis die nicht unbedeutende An⸗ zahl Zimmer, welche zwei von ihnen begehrten, zu ihrem Empfange in Stand geſetzt ſein wuͤrden. Der geringe Umfang dieſer Erzählung geſtattet nicht, wie es bei einer bedeutenden Darſtellung wohl ge⸗ hoͤrt, die Perſoͤnlichkeit der neu Auftretenden nach . 1 15 und nach in der Folge der Handlung zu entwickeln, wir ſchildern ſie ſo weit wenigſtens vorbereitend in einigen Pinſelſtrichen, wie wir bei Maſter Pearſon gethan. Sprache und zum Theil auch Aeußeres und Kleidung beurkundete ſie als Landsleute deſſelben, die letztere aber ganz beſonders Einen. Mehr als mittelmaͤßig groß, und weit mehr als mittelmäßig hager, wurden dieſe beiden Eigenſchaften nach einem Oberrock ins Licht geſtellt, dem es zwar an Län⸗ ge nicht fehlte, aber an Umfang und Dichte, denn er ſchloß dicht zugeknoͤpft an den Leib, um ſo dichter, weil er, da der Stoff, aus dem er beſtan⸗ den, Eircaſſia geheißen, dem ungeheuren Regen ge⸗ ringen Widerſtand geleiſtet hatte, durch und durch naß war. Der Bezeichnete ſchien bei ſeinem An⸗ kleiden fuͤr die heutige Reiſe mehr den Kalender zu Rathe gezogen zu haben, als die Wolken, die ſich am heitern Morgen des ungeſtuͤmen Ta⸗ ges ſchon in Oſten zuſammengezogen hatten, oder vielleicht als regelmäßiger Reiſender, die Vorſchrift, leicht gekleidet zu ſein, wenn man einen Weg zu⸗ ruͤcklegt, deſſen Umgebungen hin und wieder zu Seitenwanderungen oder zum Bergſteigen einladen. Das Letzte hatte wirklich ſtattgefunden„ wie 16 aus dem Folgenden hervorgeht. Er verfugte ſich alsbald dem Kaminfeuer zu, welches Herr Cle⸗ ment mit gewohnter Umſicht ſogleich hatte anzuͤn⸗ den laſſen, und welches wirklich dem triefenden Sommerrock und Nanking⸗indescriptble ſo zuträg⸗ lich war als ihrem klappernden Inhalt, und nach⸗ dem er eine Weile die Haͤnde reibend, gerade und ſteif geſtanden, ließ er endlich die Worte in ſchlep⸗ pendem Tone vernehmen: Verdammet ſei das Hun⸗ dehaus.— Indem er ſo den Namen eines Ge⸗ bäudes, welches als ehemaliger Beluſigungsort ei⸗ nes prachtliebenden Koͤnigs und als weithin ſicht⸗ bare Zierde der Umgegend ziemlich bekannt iſt, der⸗ geſtalt etwas zwanglos paraphraſirte, nahm er ein winzig Sommerhuͤtlein ab, welches dem Haupt eben ſo ungenuͤgenden Schutz verliehen haben mochte, als die andern Huͤllen der Glieder. Der Zuſtand der Durchnäſſung und des Fahrens iſt niemals ge⸗ eignet, ein Aeußeres ſehr vortheilhaft erſcheinen zu ma⸗ chen, ſo müſſen wir denn geſtehn, daß der An⸗ blick der Entblößung des Kopfes dieſer in gegen⸗ waͤrtiger unbedeutender Erzählung vorzuͤglich bedeu⸗ tenden Perſon hoͤchſtens einem Genre: Maler an⸗ ziehend geſchienen haben wuͤrde. Die blonden einge⸗ weichten Haare, an und fuͤr ſich etwas duͤnn, ſchmieg⸗ 17 ten ſich ſpießartig an beide Schläfe, und auf dieſe Art unvermoͤgend, der geringen Entfernung der ei⸗ nen von der andern einen ſcheinbaren Zuwachs von Breite zu verleihen, ließen ſie vielmehr der an⸗ ſehnlichen Länge des Raumes volle Gerechtigkeit wiederfahren, welcher ſich zwiſchen dem Stirnwirbel und dem ſchmalen Kinn befand. Obgleich das ſchlimme Wetter die nicht mit Fleiſchesfülle uͤberladenen Wan⸗ gen ein wenig angebläut hatte, ſo bemerkte man doch, ihre eigenthuͤmliche Farbe ſei ein höchſt zartes, bei⸗ nah durchſichtiges Weiß, völlig mit dieſem uͤberein⸗ ſtimmend zeigte ſich das etwas matte und ins Graue ſpielende Himmelsblau der Augäpfel, die ſelbſt in dieſem Augenblick nicht zu bezweifelnder innerer Unbe⸗ haglichkeit weder durch eine Wolke verdunkelt, noch durch einen gelegenheitlichen Blitzſtrahl erleuchtet wur⸗ den, ſondern mit unveraͤnderlicher Gleichguͤltigkeit vor ſich hinſchauten. Eben ſo ſchien zu dieſen der duͤnn⸗ lippige Mund zu gehören, welcher, nachdem er jene vier gewichtigen Worte gleichſam mit Muͤhe ausgeſto⸗ ßen, ſich in ein halb ſpottendes halb verachtendes Lächeln zog, ſogleich aber wieder ſeine gewoͤhnliche Form annahm, eine ſchmale Oeffnung bildend, ge⸗ rade groß genug, um etwas von der obern Reihe perlweißer Zaͤhne hindurchſchimmern zu laſſen, und 0 — 18 ſeinen beiden Winkeln eine unmerkliche Senkung ge⸗ ſtattend. Wenn dem Leſer oder noch eher der Leſerin dies Bild nicht beſonders gefällt, ſo bitten wir ſie, zu beden⸗ ken, daß das Original, ausgeruht und ausgewaͤrmt, ſich wahrſcheinlich etwas beſſer ausnehmen mag, ja wir können ihnen verſichern, daß es ihm keineswegs an Bewunderern und Nachahmern fehlte. Auch muͤſſen wir, um dies glaublicher zu machen, eingeſtehn, daß die Indolenz, welche daruͤber ausgegoſſen war, ein ſehr merkliches Gepräge der Vornehmheit trug, ob⸗ ſchon dieſe Vornehmheit der Dandy Heftigkeit ein we⸗ nig allzunahe kam, ſo daß man, waäre es paſſend, auf die kleine Perſon eine kleine Novelle anzuwen⸗ den, was ein großer Mann bei großer Veranlaſſung ſagte, auch hier wahrnehmen koͤnnte, das Erhabene und das Lächerliche ſtoße an einander. Welcher von beiden Maſter Pearſons Aufmerk⸗ ſamkeit an ſich zog, bleibe fuͤr jetzt unentſchieden; genug, er verwendete kaum einen forſchenden Blick von dem am Kamine Stehenden. Weder dieſer, noch die andern Gegenwaͤrtigen nahmen davon etwas wahr, denn der Sitzende war in ſeiner Ecke gänzlich von ihnen uͤberſehen worden, und hätte ſich auch ein Auge auf ihn gerichtet, ſo wuͤrde daſſelbe wenig von ſei⸗ 19 nem im Kragen des dicken Oberrocks halbverſteckten Geſicht aufgefaßt haben, welches ſein Glas mit Bor⸗ deauxwein, welches er unaufhorlich vor dem Munde hielt, uͤberdem noch beſchattete. Herr Clément aber, der die Befehle der neuen Gäſte erwartend, in der Naähe des Aeltern Stand gefaßt hatte, ward dieſen Blick inne und auch eine Art beifälligen Lächelns, welches, beiläufig geſagt, ihn ein wenig Wunder nahm. Während dieſes ſtummen Zwiſchenſpieles der Statiſten ging die Haupthandlung fort, in welcher jetzt die zweite Perſon auftritt. Sie war bisher beſchäftigt geweſen, nicht ohne Muͤhe und mit Hilfe zweier Kellner, ſich ihrer Huͤl⸗ len zu entledigen, welche aus einem tuͤchtigen Kal⸗ muck, einem wohlgefuͤtterten Spencer, entſprechenden Oberbeinkleidern, breitkrempigen Hut und einigen Bruſt und Geſicht beſchuͤtzenden Shawls beſte⸗ hend, in gradem Widerſpruch mit dem Reiſean⸗ zuge a la Montgolfikre des Gefährten ſtand und ihm das Anſehn gab, als habe er ſich fur beide verwah⸗ ren wollen. Bei dieſer Gelegenheit war denn eine ziemlich kurze, aber wohlbeleibte Geſtalt zum Vorſchein gekommen, und ein gleichermaßen fuͤllreiches, doch ganz gut gebildetes Geſicht, dem der gemiſchte Aus⸗ druck, welcher auf ihm einheimiſch ſchien, als zu ihm 2* 20 recht paſſend, gar nicht uͤbel anſtand. Dieſer deutete nämlich auf ein Gefuͤhl eigener Wichtigkeit, jedoch gemildert durch eine gewiſſe Ruͤckſicht auf Verhält⸗ niſſe und Umgebung, gemildert, ſagen wir, nicht eingezwaͤngt, denn es lag auf dem Ganzen ein au⸗ genſcheinliches Gepraͤge der Zufriedenheit und der Zu⸗ verſicht, genannte beide Gegenſtände, ſein Ich und was mit ihm in Beruͤhrung ſtehen mochte, auch fortan im erſprießlichen Verhältniß und Gleichgewicht zu erhalten. Nachdem er ſich enthuͤllet hatte, ſagte er in Antwort auf jene Rede, die der ſich Trocknende hin⸗ geworfen: In der That, Herr Maltravers, unnothig war die Wanderung wenigſtens, und was auch ehe⸗ mals an dem Hauſe geweſen ſein mag, jetzt iſt es des Bades nicht werth, das uns nach her zu Theil wor⸗ den.— Das Haus ſteht im Wegweiſer durch Deutſchland— antwortete der Andere halbgah⸗ nend. Aber die Regenwolken ſtanden am Him⸗ mel— ward ihm zur Erwiederung— und ermahnten uns um ſo mehr zur Eile nach der Stadt, des offe⸗ nen Stuhlwagens wegen, auf dem Sie beſtanden, die Reiſekutſche den Burſchen uͤberlaſſend, die nun ſo trocken ankommen werden, als wir eingeweicht ſind.— Von*** bis*** muß man ſo reiſen, um 21 die Gegend wahrzunehmen, ſagt der Almanac des Voyageurs— erklaͤrte Jener in der vorigen Weiſe. Was aber das Einweichen anbelangt, Sir Chriſtoph, ſo duͤrfen Sie ſich nicht beſchweren, fuͤr Sie mochte ihr verteufelter breitkrempiger Wachshut ein ganz gutes Dach ſein, fuͤr mich aber, war er, verdamm mich, eine ganz eigentliche Traufe.— Sir Chriſtoph verſetzte ruhig: warum thaten Sie nicht in weiſer Schonung ihrer unſchaͤtzbaren Geſundheit, wie ich und Herr Beauclerc, welche vorſichtig die nothwen⸗ dige Bedeckung mit uns nahmen und ſie fuͤr die von Ihnen nun einmal beliebte Fußwanderung im Wirthshaus an der Straße ließen, ſtatt ſie in der letzten Stadt in den Wagen dem Jem und dem Sam zu packen, die nun wohl damit ankommen wer⸗ den wenn ſie nicht mehr nothig iſt, denn noch ſind ſie unterwegs, wie ich ſehe.— Hängen laſſ' ich die Kerle— betheuerte der Hagere in einer Betonung, deren Langſamkeit ſehr gegen ſo ſcharfe Drohung ab⸗ ſtach— Hatt' ich ihnen nicht befohlen ſich in einer halben Stunde einzufinden? Da duͤrften der Jem und der Sam noch mehr als einmal den Galgen verdienen— ſagte lächelnd der dritte, Beauclerc geheißen, wie wir eben vernah⸗ men, und deſſen Bild auszumalen wir unſern geneig⸗ . 22 ten Leſerinnen uͤberlaſſen, nachdem wir ihnen vorlaͤu⸗ fig angedeutet haben, es ſei das eines ſchlanken und anſehnlichen jungen Mannes von etwa acht und zwan⸗ zig Jahren, in einem Reiſekleide, das ohne gerade einen beſondern volksthuͤmlichen Schnitt zu haben, ſchlechthin zierlich einfach und zu ſeiner Beſtimmung geeignet war.— Ihr Kammerdiener und Jokey, Maſter Maltravers, ſind in Stuttgard auf die abge⸗ zogenen Waſſer und in Muͤnchen auf das Bier in Deutſchland, daucht mich, aufmerkſam geworden, und haben ſich ſeit dem beſtrebt, ihre Kenntniß uͤber die⸗ ſen Gegenſtand erweiternd, mit Nutzen zu reiſen. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie eben jetzt in dem Wirthshaus ſäßen, oder gar noch in M**, um die genannten Fluͤfſigkeiten recht grundlich mit eng⸗ liſchem Whiskey und Ale zu vergleichen, denen ſie bisher trotz aller vielfaltigen Proben den Vorzug ein⸗ räumen.— Da erheiterte ploͤtzlich ein Sonnenſtrahl der Hei⸗ terkeit Herrn Maltravers noch nicht ganz trocknes Ge⸗ ſicht und er ſprach zufrieden: Wahrhaftig? Ja die Jungen ſind von aͤchtem altengliſchen Blut. Der Jem, verdamm mich, ſucht ſeines Gleichen im Boxen, und drum hab ich auch keinen franzoͤſiſchen Lafleur oder Champagne, wie die Andern thun, mit nehmen woi⸗ 23 len, und der Sam, verdamm mich dreimal, iſt der erſte Groom der Chriſtenheit. Nur um Kopfeslaͤnge hat er beim letzten Derby vor meiner Abreiſe meinem Oheim fuͤnftauſend Pfund verloren, mit denen eben ſo viel hundert von mir zur Geſellſchaft fortgingen, nur um Kopfeslänge, verdamm mich! Ja— ſetzte er nach einer Pauſe mit einer Art Seufzer hinzu— Ja, Alt⸗England! Verdammt ſei dies Land. Hat man je eine ſolche Mainacht geſehn, außer in Schottland die, in welchem die Hexen dem Macbeth einen guten Abend boten?— Sie vergeſſen: entgegnete Beauclerc: daß auch ſeit Macbeths Zeiten der Mai nicht im beſten Rufe auf unſerer Inſel geſtanden, und daß es Jahr fuͤr Jahr ſeine Gewohnheit iſt, uns mit Nebel, Wind, Regen und Hagelſchauer heimzuſuchen und mit aller⸗ hand dergleichen Reminiſcenzen des Winters. Alt⸗England uͤber alles, wie der ehrenwerthe Maſter Hugh Maltravers richtig ſagt: entſchied Sir Chriſtoph mit einer Art von Verbeugung gegen den Genannten; dann aber ſetzte er nach einer Pauſe und in einem Tone hinzu, als wolle er eine während der⸗ ſelben gemachte wichtige Entdeckung mittheilen: Mich will es jedoch gemahnen, als habe die Fruͤhlingsluft in dieſem Lande mit der auf unſerer geſegneten Inſel 24 eine Wirkung gemein, namlich eine zehrende. Was können Sie uns zum Abendeſſen anbieten, Herr Wirthe— wendete er ſich an dieſen in ungemein ſchlechtem Franzöſiſch. Trotz der Unkunde von England ſelbſt, hatte Herr Clément doch mit Hilfe eines Worterbuchs, einer Grammatik und einiger britiſchen Reiſenden abgehoͤr⸗ ter Redensarten ſich genug von der Sprache zu eigen gemacht, um verſtanden zu haben, es ſei hier von Pfunden Sterling die Rede geweſen, und zwar in recht runden Summen, auch was dem erfahrenen Gaſtgeber mehr galt, als metalliſcher Wortklang, von einem zweiten Wagen mit nachfolgender Dienerſchaft, und der zweite Umſtand hatte ſeinen Begriff von den Angekommenen um ein Merkliches erhoͤht. Er äu⸗ ßerte daher in der Mundart Galliens, ſeiner eigenen, ſehr gelaͤufig ſeine Verzweiflung daruͤber, daß er der ſpaäten Stunde wegen Ihren Herrlichkeiten mit nichts aufwarten könne, als mit einem trefflichen Con⸗ tommi, mit auserleſen zubereiteten Hammelcoteletes und einigen Omeletten Souffleen, mit Confitures, wie man ſie in Paris bei Very und Veron nicht beſſer finde, doch gab er nebenbei die beſcheidene Hoffnung zu erkennen, ſolches werde mit einer Zugabe von ge⸗ raͤuchertem Lachs, Hamburger Rindfleiſch und einer 25 „ aͤchten Straßburger Gänſeleber wohl ein zwar nur improviſirtes, aber doch leidlich confortables Souper ausmachen. Sir Chriſtophs ganzes Antlitz glich einer Zuſtim⸗ mung zu dieſer Meinung des Wirths, gleichguͤltig ſagte Maſter Maltravers— Meinethalben, und Herr Edward Beauclerc, ſich gleichfalls zu beſonderer Eß⸗ luſt bekennend, fragte, ob die Zubereitung der war⸗ men Speiſen noch einigen Verzug leiden werden? Ob ihm gleich darauf die Antwort ward, nur fuͤr wenige Minuten, ſo ward doch von den Reiſenden, die mit der Laͤnge der Gaſthofsminuten bekannt ſein mochten, der einmuͤthige Beſchluß gefaßt, es fuͤr das Erſte mit der kalten Kuͤche zu verſuchen und die Kellner rann⸗ ten, nachdem ihnen die Worte„Bordeaux und Port⸗ wein“ auf den eiligen Weg mitgegeben worden wa⸗ ren. Bald ſtand eine kleine Tafel bereit, die drei Briten ließen ſich nicht zweimal ſagen, vous étes servis — und der vierte blieb einſam in ſeinem Winkel zuruͤck, verlaſſen ſelbſt von ſeinem ſonſt ſo bereitwilligen Geſell⸗ ſchafter, dem Herrn Clement, denn uͤberall ſteht das Aeltere dem Neuen wenigſtens eine Zeitlang nach, vorzuͤglich aber in Gaſthoͤfen. Maſter Pearſon ließ ſich das indeß nicht ſehr anfechten, ſondern fuhr fort, 26 ſtillſchweigend ſeinen Chateau la Fitte tropfenweis zu ſchlurfen. Unter dem Dreiblatt an der kleinen Tafel herrſchte das namliche Stillſchweigen, wie es während der er⸗ ſten Befriedigung der Eßluſt bei Hungrigen ſtattzufinden pflegt, zumal bei hungrigen Reiſenden, und ganz vor⸗ zuglich bei hungrigen Englaͤndern, von aͤhnlicher Ma⸗ ßigkeit war indeß nichts zu ſehen. Die aufgetragene kalte Küche verſchwand von den Schuͤſſeln, ehe noch der angekuͤndigte zweite Gang erſchienen war, und mit ihr der Inhalt mancher Flaſche nordportugieſiſchen und ſuͤfranzöſiſchen Weines, und bereits ſah Sir Chri⸗ ſtoph ſich mit einiger Ungeduld nach dem Verheiß⸗ nen um, da unterbrach Herr Hugh Maltravers plötzlich die Stille. Mit der verachtenden Geberde ſchnöder Undankbarkeit ſtieß er den Teller von ſich mit der wohlausgeſchälten Rinde eines ungeheuern Stucks Paſtete, das er ſich gefallen laſſen, lächelte dazu ſonderbar, und ſprach: Anderes, verdamm mich, waͤre mir lieber als eine kalte Paſtete, zum Beiſpiel ein kalter Oheim.— 29 Die ſeltſame Rede ſchien auf ihre drei Zuhoͤrer, vielleicht auch auf vier, einen verſchiedenen Eindruck *) Anmerkung. Dieſer Zug iſt aus dem Leben gegriffen. 27 zu machen. Sir Chriſtoph lächelte auch aber ein wenig verlegen, uͤber Edwards Beauclere Geſicht flog ein Schatten von Unzufriedenheit, und Herr Cli⸗ ment glaubte es ſeiner Eigenſchaft als Gaſtwirth und der Begier, ſeine geringe Kunde der engliſchen Sprache an den Tag zu legen, angemeſſen, dem, was er fuͤr einen Witz nahm, durch Mienen eini⸗ gen Beifall zu ſpenden. Im Winkel des Saales raſchelte es und ſcharrte mit dem Stuhle, und rich⸗ tete ſich empor und ſtand kerzengerade, und Maſter Pearſon trat zu denen an der Tafel, und gab ſich ihnen mit wohlgeſetzten Worten als Landsmann zu erkennen, und nebenbei ſein Vergnuͤgen, ſo ehren⸗ werthe Soͤhne Albions in der Fremde zu begruͤßen. Pearſon?— fragte Hugh Maltravers mit der unverbindlichen Gleichgiltigkeit eines ariſtokratiſchen Londner Dandy, der einen plebejiſchen Namen ver⸗ nimmt, wenn er nicht etwa den eines Glaͤubigers, eines Tavernenwirths, eines Geſchaͤfts⸗oder Gele⸗ genheitmachers, eines Pferdehaͤndlers oder eines Bo⸗ rers iſt: Mich daͤucht, ich habe den Namen ſchon gehoͤrt.— Etwa aus Offordſhire?— Pearſon? ließ ſich gleichfalls Sir Chriſtoph vernehmen— Wenn ich nicht irre, hieß einer der Leute meines Vaters ſo, des wohlſeligen Sir Adam, in ſeinem Hauſe 28 in Lombardſtreet ich wollte ſagen in Cubbs⸗Ab⸗ bey— und etwas verlegen durch eine unwillkommene Erinnerung, die er ſelbſt rege gemacht, verſtummte er und murmelte nur noch einige unverſtaͤndliche Worte in den Bart. Auch achtete Maſter Pearſon deſſen, was er geſagt, nicht, ſondern ſprach in Antwort auf Mal⸗ travers Frage, nicht aus Opfordſhire ſei er, ſon⸗ dern in der Grafſchaft Devon gebuͤrtig.— Da rief Edward Beauclerc mit einiger Lebhaftigkeit: Aus De⸗ von?— So ſind wir ja Nachbarn!— Und mit allem Eifer der Anhaͤnglichkeit, welche einem engli⸗ ſchen Landedelmann fuͤr ſeinen heimathlichen Boden eigen iſt, ließ er ſich mit Herrn Pearſon in ein Geſpraͤch ein, deſſen Gegenſtand die erwähnte Pro⸗ vinz war. Dieſer gab ſehr guten Beſcheid, doch ziemlich nur im Allgemeinen und ohne die Theil⸗ nahme, welche man aus der Jugendzeit dem Schau⸗ platze derſelben zu bewahren pflegt: uͤberhaupt ſchien er etwas ſeine Beachtung vorzuglich auf Maſter Mal⸗ travers zu richten. Er wendete demnach mehrere Male das Wort an, ungeachtet der ſproden Zuruͤck⸗ haltung des beſagten Herrn und deſſen angelegentlicher Beſchaͤftigung mit dem eben aufgetragenen zweiten Gange. 29 Aber mit dieſem waren neue Flaſchen gekom⸗ men, und mit jedem ihrer Siegel, das geloͤſt wurde, löſte ſich auch dieſe ſteife Haltung und die Zunge des bisher Einſylbigen immer mehr, und noch vor Abfertigung des erſten Dutzend, von welchem Ma⸗ ſter Pearſon nicht nippend wie von eigenem Chateau la Fitte ſeinen Theil zu ſich genommen, neigte ſich ſeine Gunſt zu dem in der Ferne aufgefundenen Landsmann. Beſonders ſchien dieſer den Letztern da⸗ durch gewonnen zu haben, daß er ſich den hochge⸗ achteten Herren und Freunden als Cicerone in der Hauptſtadt anbot, und ſeine Fähigkeit dazu in ei⸗ ner Weiſe kund gab, welche Herrn Clément in nicht geringe Verwunderung verſetzte, denn er konnte gar nicht begreifen, wie es möglich ſei, bei ſo zuruͤck⸗ gezogener, ja beinahe einſiedleriſcher Lebensart eine ſolche Ortskenntniß zu erwerben, großmuͤthig vergeſ⸗ ſend, wie viel er ſelbſt dazu beigetragen haben mochte. Jenes Anerbieten ward mit Bereitwilligkeit aufgenom⸗ men, vorzuͤglich aber von dem, an den es insbe⸗ ſondere gerichtet war, denn Bugh Maltravers hatte feſt beſchloſſen, alle Merkwuͤrdigkeiten der Stadt und umgegend in Augenſchein zu nehmen, Nummer fuͤr Nummer, in der Reihe, wie ſie der Almanac des Voyageurs aufzählt, ohne eine einzige zu uͤbergehen. 30 So hatte man denn einen ziemlichen Theil der Nacht in immer zunehmendem guten Einverſtaͤndniſſe zugebracht, als der nicht mehr ſo blaſſe und wenig⸗ ſtens aͤußerlich ganz trocken gewordene Hagere die Tafel aufhob, ein letztes Glas Portwein leerend, zu dem er ſeines ſchwachen Magens willen eine Halbſcheid Ginevre gemiſcht hatte, und einen verachtlichen Blick auf den Tiſch werfend, von deſſen ganz verſchwun⸗ dener Laſt er immerfort tadelnd einen nicht geringen Antheil verzehrt hatte, den Spruch ausbringend: Old england for ever. Drauf zog ſich die Reiſege⸗ ſellſchaft in ihre Zimmer zuruͤck, wo ſich Jem und Sam bereits eingefunden hatten, nicht ohne merkli⸗ che Spuren eines fleißigen Studium der Landes⸗ produkte. Der folgende Tag war der erſte des Pfingſtfeſtes. Feierlichen Schrittes, ernſten und, der geſtrigen Or⸗ gie ungeachtet, hochſt nuͤchternen Angeſichtes wandelte Herr Pearſon uͤber die Hausflur, um ſich ſeiner Ge⸗ wohnheit nach zur Kirche zu begeben. Da begeg⸗ nete ihm Herr Climent, in weltlichen Geſchäften ſchon ſeit der Fruͤhe ruͤhrſam, und hielt ihn auf ſeinem Wege geiſtlichen Berufs mit den Worten zuruͤck: 81 Sie haben noch Zeit, geehrter Herr: es währt wohl eine halbe Stunde, ehe die Predigt anfaͤngt, und ſo ſind Sie wohl ſo guͤtig, ihren ſchaätzbaren Beleh⸗ rungen uͤber ihr Vaterland in der Geſchwindigkeit ei⸗ nen kleinen Anhang hinzuzufuͤgen, an welchem mir gerade nicht wenig gelegen iſt. Sie wiſſen, es iſt einem Gaſtwirth angenehm, wenigſtens einigerma⸗ ßen von den Verhältniſſen ſeiner Gäſte unterrichtet zu ſein, um ſowohl im Allgemeinen als auch in ein⸗ zeln vorkommenden Fällen ſein Benehmen danach ein⸗ richten zu können. Das iſt denn mein Wunſch in Ruͤckſicht auf die geſtern Abend Angekommenen, inſon⸗ derheit weil etwas, was ich bemerkt habe, mich in meinen Begriffen von der engliſchen Rangordnung ganz irre gemacht hat. So viel ich weiß, ſteht in derſelben ein Baronet uͤber einem Maſter, der, ver⸗ zeihn Sie, ſo zu ſagen, ſchlechtweg ein„Monſieur“ iſt, und zur Roture gehort; und doch hat es mir geſchienen, als behauptete der, den ſie Maſter Mal⸗ travers nennen, eine Art von Uebergewicht uͤber den Kleinern, der, wie ich von dem Kammerdiener, ſobald er heut fruͤh nuͤchtern geworden, gehort habe, ein wirklicher Baronet iſt und noch obendrein ſehr reich. Und wie es ſcheint, läßt dieſer ſich das ziem⸗ lich gefallen, waͤhrend der Andere, den ſie doch 32 auch nur Maſter nennen, ſich ganz unbefangen und unabhängig gehabt. Eine verdrießliche Falte im Geſicht Herrn Pear⸗ ſons, und die Art, wie er ſeinen Schritt hemmte, hatten eine gewiſſe Unzufriedenheit mit der Abhal⸗ tung vom Kirchgange kund gegeben, jetzt aber nahmen ſeine Zuͤge einen gewiſſermaßen lebhaf⸗ ten Ausdruck an, und es war ſogar eine Art Lächeln um ſeine Lippen zu bemerken, obgleich der Ton etwas ſcharf klang, in welchem er entgegnete: Da ſind Sie allerdings in einem ſehr ſtarken Irrthume befangen geweſen, mein theurer Herr Clément, und es ſoll mir zum Vergnuͤgen dienen, denſelben zu berichtigen. Es giebt Gott Lob— fuhr er noch etwas ſchärfer fort: in Großbritannien Maſters, welche hoffen duͤrfen, einen Sir Chriſtoph Cubbs nichts nachzugeben, die einen durch die Be⸗ vorrechtung ihrer Geburt, Andere durch ſonſtige Anwartſchaft. Der zweiten zu geſchweigen— ſetzte er mit plotzlich gemildertem Tone hinzu, als habe er gewaltſam irgend eine aufſtrebende Empfin⸗ dung unterdruͤckt: will ich Ihnen nur ſagen, daß der in Rede ſtehende Gentlemann zu den Erſtern gehoͤrt. Er iſt zwar nur ein Maſter, aber der ehrenwerthe Maſter Hugh Maltravers, der ein⸗ 33 zige Sohn des verſtorbenen ſehr ehrenwerthen Lord George Maltravers, einzigen Bruders des noch lebenden Lord Marquis von Queensdowne, Grafen, Viscount und Baron von A bis 8, und ſomit der unbezweifelte und rechtmäßige Erbe aller Titel ſeiner Familie. Sie ſehen in ihm einen hoff⸗ nungsvollen jungen Herrn, welchem Seine Groß⸗ britanniſche Majeſtät dereinſt den Titel eines hohen und maͤchtigen Prinzen und lieben Vetters ertheilen wird*), ein kuͤnftiges Mitglied der Peerskammer, wie er es jetzt ſchon der hohen engliſchen Ariſtokratie iſt, die die Baronets als unächte Litularedelleute betrachtet, beſonders die von der Gattung unſers Sir Chriſtoph, welches ubrigens auch noch von An⸗ dern geſchieht, deren Namen nicht ſo ſonor klingt. Perrn Pearſons Rede, welche einen belehren⸗ den Cathederton angenommen hatte, zeigte zuletzt wieder einige Spuren unterdruckter Leidenſchaftlich⸗ keit, Herr Clément aber bemerkte das nicht, und rief mit einigem Enthuſiasmus: hoher und mächti⸗ ger Prinz! dann ſetzte er in fallendem Tone hinzu: *) Anmerk. So ſchreibt der Konig im Curialſtyl an die Herzoge und Marquis, an die andern Peers vom Grafen abwarts nur: Mylord, lieber getreuer Vetter. 34 foi d'honnète homme!— nach ſo etwas ſah er geſtern nicht aus.— Ein ſarkaſtiſcher Zug des Gaſtes ſchien anzudeu⸗ ten, daß, trotz des Eifers, mit welchem er Herrn Maltravers vornehme Herkunft ans Licht geſtellt, er doch mit der Meinung uͤbereinſtimmte, die der Gaſt⸗ wirth zur Stadt Peking eben geaußert hatte. Nach einer Pauſe ſprach dieſer halblaut und vertraulich: Herr Pearſon haben immer ſo guͤtig meinen vielen, oft vielleicht unbeſcheidenen Fragen Rede geſtanden, und ſo erdreiſte ich mich denn auch zu einer, die man einem Manne meines Gewerbes wohl verzeihen mag, weil, wie ich ſchon geſagt habe, es fuͤr denſel⸗ ben gut iſt, wenn er weiß, wie er in vorkommenden Fällen ſein Benehmen einzurichten hat. Mich däucht, wenn der kuͤnftige Lord Marquis ſich nach Stan⸗ desgebuͤhr auf die Rolle eines Verzehrers gut zu verſtehn ſcheint, ſo ſpielt der achtbare Baronet die des Zahlers. So etwas entgeht unſer Einem nicht, hätte auch der Jokey, als er geſtern micht ſonderlich nuͤch⸗ tern ankam, gegen meine Leute allerlei geſchwatzt, woraus trotz des Kauderwelſches zu entnehmen war, daß er und der Kammerdiener zwar dem Herrn Maltravers dienen, aber von dem Sir Baronet be⸗ zahlt werden. Es verſteht ſich, fuhr er in forſchen⸗ 35 der Weiſe fort: daß der Erbe ſo hohen Ranges auch viel Geld und Gut zu erwarten hat, ſollte jedoch derſelbe, entſchuldigen Sie meine Dreiſtigkeit, Herr Pearſon, ſich derſelbe, was man ſo ſagt, ſich nicht ein wenig klomm befinden, und dem einſtigen Peer die ächten Guineen des unächten Titularedelmanns ſo in der Fremde nicht willkommen und ſogar noth⸗ wendig ſein? Ich wuͤnſche Ihnen Glück zu Ihrer Scharfſicht, Herr Climent— antwortete der Englaͤnder lächelnd: Sie haben dem Nagel auf den Kopf getroffen. Zwiſchen Herrn Maltravers und Sir Chriſtoph iſt der Unterſchied, der ſich zwiſchen Hoffnung und Wirklichkeit befindet, und— ſetzte er mit einem hier ſeltſam angebrachten frömmelnden Blick zum Him⸗ mel hinzu,— Sie als ein Chriſt und welterfahrner Mann wiſſen, daß keine Hoffnung ſo ganz ſicher ſteht, die nicht auf das Jenſeit gebaut iſt, und wie das Schickſal oder die Vorſehung nicht ſelten das irdiſche Hoffen vereitelt.— Sir Chriſtoph Cubbs iſt reich, Herr Maltravers kann es werden,— fuhr er mit wiederkehrendem comiſchen Lächeln und nach⸗ druͤcklicher Betonung fort,— er kann es werden, aber—— Mylord Marquis iſt noch nicht alt, und meint ſogar jung zu ſein, ein uͤberreifer fis⸗ 3„ 36 hionable und vollendeter Sybarit.— Aha— un⸗ terbrach ihn Herr Clément,— der cidevant jeune homme iſt unſtreitig der Oncle von wegen der Paſtete. —— Pearſon uͤberhoͤrte das und fuhr fort, wie jemand, der ſeinen Gedanken unwillkuhrlich Raum giebt: Lord Georg Maltravers war auf den Unterhalt eines jungern Bruder beſchränkt, der in England nicht allzureichlich zu ſein pflegt; ſo hat denn ſein Sohn in der That nicht mehr, als die Hoffnung auf des Oheims allerdings großes Vermögen, welche jedoch außer den genannten Umſtänden vielleicht noch durch andere, wo nicht Schiffbruch, doch eine beträchtliche Havarie erleiden könnte.— Herrn Climent war, waͤhrend ſein Gaſt ſo ſprach, Manches aufgefallen, die ungewöhnliche Lebhaftigkeit, mit der er redete, die wunderliche Miſchung von frömmelndem und ſpottenden und aufgeregten Tone, ja es war ihm zum erſten Male, als mißfiele ihm ſein ſonſt ſo willkommner Beſcheidgeber ein wenig; aber die Sache betraf ihn ſelbſt nicht, die Unterhal⸗ tung ergötzte ihn, und belehrte ihn uͤber Manches, was er zu wiſſen wuͤnſchte, er bemuͤhte ſich alſo ſie fortzuſetzen, hatte es doch nicht das letzte Mal zum Gottesdienſt eingelautet. Einige Worte hatten indeß ſeine Aufmerkſamkeit von dem Klange des Na⸗ —— 37 mens des britiſchen Adelsſproßlings eines gewiſſen andern Klanges wegen, der ſich mit dem Namen Sir Chriſtophs verband, auf dieſen gelenkt, und er bat den Briten, ihn einige Auskunft uͤber dieſe gewich⸗ tige Perſon zu geben. Sir Chriſtoph Cubbs, verſetzte Pearſon, indem die Ironie, welche er beim Vorhergehenden in Zaum gehalten zu haben ſchien, zwangloſer hervorbrach: Sir Cyhriſtoph Cubbs iſt der Sohn ſeines Vaters, dieſer aber der Sohn ſeiner Werke. Er, der Vater nämlich, begann ſeine ruͤhmliche, und man kann ſa⸗ gen, glänzende Laufbahn, einen kleinen Kramladen am Strande eroͤffnend, in welchem er Matroſen und und andere Kunden der Art mit Tabak und ſonſti⸗ gen Colonialwaaren in Pennymaaß und Gewicht verſorgte. Gott Mercurius war ihm guͤnſtig, und im Verlauf der Zeit las man an einem ſtattlichen Gewölbe in einem ſtattlichen Hauſe der Lombard⸗ ſtreet: Hier verkaufe Herr Cubbs, en gros, wo er am Strande en détail verkauft hatte. Geld bringt zu Ehren, auch wohl zu Verſtande, obgleich ich grade nicht behaupten will, daß es der letzte geweſen, wel⸗ cher ihm zu einem obrigkeitlichem Amte in der Lity verſetzte. Das Erſte war aber unſtreitig bei ihm der Fall, denn zum Ueberbringer einer Adreſſe an den 38 Hof erwaͤhlt, die wahrſcheinlich in Saint James nicht uͤbel gelautet haben mag, verließ er dieſen Pa⸗ laſt den er als Maſter Cubbs betreten, als Sir Pe⸗ ter Cubbs Ritter: Baronet. Mißneß Cubbs war die Lombardſtreet ſchon ſeit einiger Zeit ziemlich wi⸗ derwärtig geweſen, fuͤr Lady Cubbs wurde ſie unaus⸗ ſtehlich, und da der Uebergang von da nach der Bondſtreet, Großrenceſquare und dem ganzen Weſt⸗ ende in London nicht ſo leicht iſt als man glaubt, ſo beſchloß Mylady, einen Mittelweg einſchlagend, ſich in der Rolle einer Schloßdame zu verſuchen. Sir Peter mußte, gern oder ungern, ſein Comptoir ſchlie⸗ ßen, und eine feilgebotene Beſitzung in Opfordſhire nicht weit von Queensdowne⸗Caſtle nahm die S linge des Mlutus auf. Das Wohnhaus war ode und verfallen, doch bemerkte Mylady ſchon am Tage ihrer Ankunft mit großer Zufriedenheit, der Kuhſtall habe Spitzbogen⸗ fenſter. So erhielt denn das darauf euerbaute Herren⸗ haus, bei deſſen Errichtung man das ehrwuͤrdige Denkmal des Alterthums ſorgfältig geſchont hatte, den wohl⸗ klingenden Namen Cubbs⸗Abbey. Sir Peter und Lady Cubbs gingen nach einigen Jahren zu ihren Vätern, von denen ſie in der letzten Zeit nicht recht viel wiſ⸗ ſen gewollt, und in ein in Frage ſtehender achtbarer 39 Landmann ſah ſich als Sir Chriſtoph Cubbs auf Cubbs⸗Abbey, und im Beſitz von zwolftauſend Pfund Einkuͤnften.— Zwoͤlf⸗tauſend Pfund! rief Herr Clement, un⸗ willkuhrlich an das ſchwarze Sammtkäpplein fah⸗ rend: Mort de ma vie, das iſt ein ſchoͤnes Geld— zwei und ſiebzigtauſend Thaler in Louisd'oren!—— In England wohl nicht ſo ungeheuer als auf dem Continent: ward ihm zur Antwort— aber nimmer, wie Sie ſagen, ein ſchoͤnes Geld. Und man kann grade nicht ſagen, daß auf den Sparer ein Ver⸗ thuer gefolgt ſei, denn der Baronet, ob er ſchon den Freuden des Lebens und ſeinem Glanz nicht abge⸗ neigt iſt, und auch wohl bereit fur den letzten etwas dran zu ſetzen, ſo hat er doch von ſeinem Vater genug Kaufmannsgeiſt geerbt, um die Elle nicht län⸗ ger zu machen, als den Kram. Sie werden dies Urtheil bei ſeinem längern Aufenthalt beſtätigt fin⸗ den.— O es ſollte dem hochachtbaren Ritter Baronet ſchwer werden, in unſerer guten Stadt auch nur die Hälfte anzubringen— meinte der Gaſtwirth mit ei⸗ ner Miene, als hoͤrte er dieſe Hälfte bereits in ſeine Caſſe rollen.— Und doch— verſetzte Pearſon lä⸗ chelnd— wer weiß, wenn Herr Hugh Maltravers 40 dazu hilft, wie er es ſchon in Paris gethan, in Karlsruhe, Stuttgard und Muͤnchen.— Herr Clément ließ ſich die Andeutung gefallen, doch ſagte er nach einer Weile wieder mit gedampf⸗ tem Tone und vertraulich: Mein ganzes Haus ſteht dem hochgebornen Herrn Maltravers zu Befehl unter Buͤrgſchaft des hochwohlgebornen und hochgeehrten Herrn Baronets. Wenn der Beſitzer eines Hotels nur ſeiner Zahlung ſicher iſt, geht es ihm uͤbrigens nichts an wo⸗ her ſie kommt, und ſo iſt es denn bloße Neugier, ermuthigt durch die Guͤte, mit welcher Sie, ſehr werther Herr Pearſon, gegen ſie ſo oft nachſichtig geweſen ſind, wenn ich mir noch eine ganz kleine Frage erlaube. Sie ſagen, Sir Chriſtoph ſei ſo was man einen guten Wirth nennt, und Ihrer Andeu⸗ tung nach ſteht es mit den Hoffnungen des Maſter Maltravers nur ſo ſo, wie kommt es denn, daß der wackere Herr ſeinen hoͤchſt achtungswerthen Beutel zur Verfuͤgung des Genannten laͤßt, der allerdings den⸗ ſelben nicht ſonderlich zu ſchonen Willens iſt, nach den Anordnungen, die er mir heut zwiſchen Schlaf und Wachen mitgetheilt hat?— Geehrter Freund— entgegnete der Englaͤnder in noch gedehnterer, nachdruͤcklicherer und belehrenderer 41 Weiſe, als ihm ſonſt eigen war. Es iſt meiſt der Fall, daß bei dem, bei welchem ſich eine, ich will nicht ſagen, Leidenſchaft, aber vorzuͤgliche Neigung befindet, eine zweite ſtatt hat, welche jener gewiſſer⸗ maaßen zum Gegengewicht dient, oder vielmehr— fuhr er abermals mit jener froͤmmelnden Geberde fort: die Vorſehung hat es ſo eingerichtet in ihrer Weisheit, daß ſelbſt das menſchliche Gebrechen, ein anderes im Zaume haltend, in Ermangelung guter Eigenſchaften die Stelle derſelben vertrete. So ſteht es mit Sir Chriſtoph Cubbs von Cubbsabbey; haͤngt er auch mit einiger Vorliebe an den Schätzen des Mammons, ſo trachtet er auch nicht weniger nach irdiſcher Ehre; mit einem Worte, er hat mehr Ehrgeiz als Geiz, und wenn der zweite auch durch ſeine Verbindung mit dem ehrenwerthen Herrn Maltravers etwas beeintraͤchtigt werden ſollte, ſo wird der erſte doch ſeine Rechnung dabei finden.— Sie erregen meine Neugierde immer ſtaͤrker— ver⸗ ſicherte Herr Clément mit dem lebendigſten Aus⸗ drucke dieſer Empfindung auf dem Geſicht; Maſter Pegrſon fuhr fort: Von Jugend auf fand Sir Chriſtoph wenig Geſchmack am Gewerbe ſeines Vaters, und ob die⸗ ſer gleich damit ſchlecht zufrieden war, beſtarkte ihn 42 die Mutter in dieſer Abneigung. Sie ertheilte ihm das ſehr willkommene Verbot, ſich niemals im Ge⸗ woͤlbe und in der Schreibeſtube ſehen zu laſſen, und um die Talente, welche ſie mit muͤtterlichem Scharf⸗ blick in ihm gewahrte, nicht im gemeinen Treiben des Kaufmannslebens untergehen zu laſſen, ſchickte ſie ihn nach Paton— college. Ich weiß nicht, wie weit ſich dieſelben dort ausgebildet haben moͤgen, aber bei ſeiner Ruͤckkehr ins väterliche Haus er⸗ kannte die Dame, damals ſchon Lady ECubbs, ihr Chriſtin ſei zum Staatsmann geboren. Das hat denn ſie und auch ſpäter wohl andere Leute ihm ſo oft vorgeſagt, daß er davon feſt uͤberzeugt und ent⸗ ſchloſſen iſt, die Laufbahn, zu der er berufen, zum erſten Verſuch als Stellvertreter der britiſchen Na⸗ tion und Geſetzgeber zu beginnen, um mich deutlicher auszudruͤcken, als Mitglied des Unterhauſes. Dazu kamen ihm die Naͤhe von Queensdowne⸗Caſtle und einige daraus entſpringende Beruͤhrungen mit dem erlauchten Beſitzer und deſſen Neffen ſehr erwuͤnſcht. Ich zweifle beinahe, daß der Lord Marquis, der ſeit vielen Jahren ſeine Zeit in der Hauptſtadt mit we⸗ nigen Perbſtwochen in Orfordſhire zubringt, um in Geſellſchaft mehrer Herren ſeiner Art der Jagd obzuliegen, der uͤberdem als ein treuer Planet des 43 Sonnenſyſtems von Saint James und gefälliger Freund des jedesmaligen Miniſteriums bekannt iſt, beſonderen Einfluß auf die Wahl eines Stellvertre⸗ ters der Grafſchaft ausuͤben duͤrfte, noch weniger ſein Neffe, der ſo viel ich weiß, gar nichts iſt, aber doch ſteht es bei ihnen, Sir Chriſtoph ſeinen ſehn⸗ lichſten Wunſch zu gewaͤhren. Der Flecken Queens⸗ downe iſt wo nicht ein ganz, doch halb verfaulter zu nennen*), das Dutzend Wahlberechtigte, das man dort etwa zählt, ſteht wenigſtens zu zwei Drittheilen in Verhältniſſen und ſogar einer gewiſſen Abhängig⸗ keit vom Schloſſe; der Rector hat ſich das unſterb⸗ liche Verdienſt erworben, der erſte Jugenderzieher des hoffnungsvollen Stammhalters zu ſein; die Ge⸗ mahlin des Mayor, der zugleich der Apotheker des Ortes iſt, war Haushälterin auf Queensdowne⸗ Caſtle zu einer Zeit, wo ſie wahrſcheinlich viel juͤnger war als jetzt, und der Lordmarquis auch, und wo derſelbe ſich oͤfter dort verweilte; der Wundarzt hatte die Ehre, ſeine Laufbahn als Valet de Cham- bre perruquier Seiner Herrlichkeit zu beginnenz *) Anmerk. Nach britiſch⸗ſtatiſtiſchem Sprachgebrauch eine Ortſchaft, welche, wiewohl heruntergekommen, noch von der Zeit ihrer Bedeutung her das Recht hat, einen Stellvertreter in das Parlement zu ſenden. 44 der Papiermuͤller, der eigentliche Matador und Cröſus des Fleckens, dem es fruͤher, auf ſeinen Geldſack pochend, manchmal einfiel, eine eigene Mei⸗ nung zu haben, ſchwoͤrt jetzt nicht anders als bei ſeiner Lordſchaft, ſeitdem dieſe ihm, großmuͤthig oder nachläſſig vielmehr, wie ſie iſt, ein Stuͤck Land auf Erbpacht fuͤr einen Pappenſtiel abgetreten hat, auf dem der hochfahrende Gentleman ein holzernes Bel⸗ vedere erbauen laſſen; mit dem Material- und zu⸗ gleich Schnitthändler iſt es ungefähr derſelbe Fall, ſein ſtarker Civismus wich der Leidenſchaft zur Jagd, und einem Erlaubnißſcheine Mylords, dieſelbe auf ſeinem Gehege zu buͤßen. So iſt denn, ob ſich wohl unter den Organen der Nation in Queens⸗ downe zwei oder drei Widerbeller uud Reformer be⸗ finden, jedesmal die entſchiedene Mehrzahl fuͤr den Candidaten des Marquis, und er hat ſeit geraumer Zeit den Stellvertreter des Fleckens im britiſchen Senate nur ſo geradeweg ernannt, wie etwa einen Verwalter oder einen Geſchäftsagenten. Vor einiger Zeit hatte er, wahrſcheinlich gelangweilt durch das fashionable Muͤßiggehen des ehrenwerthen Herrn Maltravers, den Gedanken, ihn ſelbſt bei etwaiger Zuſammenberufung eines neuen Parlements einſt⸗ weilen einen Vorbereitungcurſus im Unterhauſe ma⸗ 45 chen zu laſſen, dieſer aber war nicht geneigt, durch die Beruͤhrung einer Bank in demſelben denjenigen Theil ſeines ariſtokratiſchen Koͤrpers zu entweihen, welcher beſtimmt iſt, einen Sitz in den Kammern der Peers zu druͤcken. Mylord fand das nach ge⸗ pflogener Ueberlegung ganz recht, um ſo mehr weil er meinte, bei der nicht ſonderlichen Charakterfeſtig⸗ keit des jungen Herrn koͤnne die Luft in Weſtmin⸗ ſterhall ſeinen angeerbten Whiggrundſätzen nachtheilig werden. Weil aber beſagter Muͤßiggang dem ſelbſt verſchwenderiſchen Oheim etwas koſtſpielig zu duͤnken begann, ſchickte er ihn auf das Feſtland, um die Augenblicke ſeiner Muße wenigſtens nicht mit Pfund Sterling, ſondern mit Livres Tournois, Reichstha⸗ lern, zu bezahlen, welche uͤberdies in geringer An⸗ zahl und ziemlich unregelmaͤßig anlangten. Sir Chriſtoph, von all dieſem unterrichtet, eilte dem reiſenden Gentleman nach Paris nach, die alte Bekanntſchaft aus Offordſhire ward erneuert, und er ſah ſich gegen gewiſſe Gefälligkeiten, die Ihr Scharfblick, werther Herr Clement, entdeckt hat, als unzweifelhaftes kuͤnftiges Mitglied des Hauſes der Gemeinen, und mithin am einſtweiligen Ziele ſeiner Wuͤnſche, denn der Stellvertreter einer Grafſchaft und eines Fleckens nimmt einer wie der andre daſelbſt 46 den nämlichen Raum ein, und kann Ja oder Nein ſagen, nach Gewiſſen oder wider daſſelbe, wie es ihm beliebt. Sie geſtehen denn, daß Sir Chriſtoph Cubbs auf Cubbsabbey kein ſchlechter Rechner ge⸗ nannt werden kann. Hm, alſo haben der Herr Chevalier Baronet ſoviel Ambition— fragte der Gaſtwirth im Stillen bei ſich erwaͤgend, wie er, dieſer Leidenſchaft ſchmei⸗ chelnd, der andern einen Vortheil abgewinnen könne, und Maſter Pearſon erwiederte: Wie ich Ihnen ge⸗ ſagt habe, nnd noch nicht genug. Fuͤr Sir Chri⸗ ſtoph iſt Weſtminſterhall nur ein Durchgangshaus, er hat geſchworen, ſtatt der blutenden Hand*) wenigſtens die Krone eines Viscount uͤber den mit einem Zuckerrohrhalme verſchränkten Mercuriusſtab zu ſetzen, den Sir Peters Geſchmack, ohne Vor⸗ wiſſen Myladys und zu ihrem hoͤchſten Verdruß, zur Zierde ſeines Schildes erkoren hatte. Ja, er hat dieſen Schwur feierlich erneuert, ſeitdem in Paris ein witziger junger Marquis von altem Adel, der an dem Reiſewagen, welcher geſtern Abend Jem und Sam hierherbrachte, dies Wappen ſah, meinte, der Maler muͤſſe ſich in der Farbe geirrt haben, denn die Hand *) Anmerk. Das Helmzeichen der engliſchen Baronets. 47 ſehe nicht aus wie mit Blut, ſondern wie mit In⸗ digo gefärbt. Herr Climent belachte gebuͤhrend den Hechel⸗ ſcherz, und bat dann, da Herr Paerſon ſo guͤtig ge⸗ weſen ſei, zwei Blätter des geſtern eingetroffenen Kleeblatts ſo genau zn anatomiren, ihm auch uͤber das dritte einige Worte zu ſagen. Mehr wird es davon nicht beduͤrfen; erhielt er zur Antwort: Maſter Cdward Beauclerc iſt eines Fuchsjägers Sohn und Enkel und Urenkel eines Fuchsjägers, und ſo weiter hinauf bis in das Mit⸗ telalter. Zwar zaͤhlen dieſe Geſchlechter des Land⸗ adels bis zur Zeit der normänniſchen Eroberung zuruͤck, und behaupten, ihre Voreltern hätten nicht nur bei denſelben allerlei große Thaten, ſondern den nachfolgenden Konigen auch wichtige Dienſte gethan, weil aber ſolche vergeſſen worden wären, hätten ſie ihrerſeit wiederum den Hof vergeſſen, und zögen ſeinen Gunſtbezeugungen eine patriarchaliſche Lebens⸗ weiſe, den Anbau und die Verbeſſerung ihres Ei⸗ genthums, und wie erwähnt, die Fuchshetze vor. Daneben ruͤhmen ſie ſich, der unabhängigſte und da⸗ her der achtbarſte Theil britiſcher Nation, gleichſam deren Kern zu ſein, und manche Andere ſind derſel⸗ ben Meinung. Ich will das dahin geſtellt ſein 48 laſſen, ſoviel aber iſt wahr, daß unſere hohe Ariſto⸗ kratie dieſe Klaſſe als ihre Pflanzſchule betrachtet, und gern aus ihr entſproſſen ſein will, eine Ehre, deren heut zu Tag ſich viele ihrer Mitglieder nicht mit Recht ruͤhmen koͤnnen. Im Grunde mag dieſe Zuruͤckgezogenheit, ſie ſei nun freiwillig oder nicht, ihre gute Seite haben, Ralph Beauclerc Esquire zum Beiſpiel beſitzt ein ſchuldenfreies Jahrs⸗Einkommen von ſiebentauſend Pfund und nebenher ſo viel Erſpartes, daß er ſeinem Sohne, ohne jenes anzugreifen, jaͤhrlich tauſend geben kann.— Tauſend?— Ei der Tauſend, ein recht artiger Apanage fur den Sohn eines Landjunkers— ver⸗ ſicherte Herr Clément, dann nahm er eine Priſe Tabak langſam und in wiederholten Abſützen, und dieſe Verrichtung ſowohl, als eine gewiſſe Spannung in ſeinen Geſichtszugen gaben ihm das Ausſehen eines Mannes, der noch etwas auf dem Herzen hat, aber mit ſich ſelbſt nicht einig iſt, wie er es am ſchicklichſten anfangen ſoll, ſich deſſelben zu ent⸗ ledigen. Endlich, wie in Folge eines raſchen Ent⸗ ſchluſſes, aber immer doch zoͤgernd, begann er: Ihre unerſchöpfliche Guͤte und bereitwillige Nachſicht gegen meine Wißbegier, mein hochachtbarer Herr, 49 verleiten mich vielleicht zu einem Mißbrauch derſel⸗ ben, indem ich es wage, noch eine Frage an Sie zu thun, eine ganz kleine winzige Frage. Sie ſcheinen mit Ihrer geſtern angelangten, ſehr achtbaren Herren Landsleute Verhaͤltniſſen genau, ja auf das aller⸗ genauſte bekannt, und doch, verzeihen Sie, ſchien es mir bei der geſtrigen Begegnung, als begruͤßten ſie ſich beiderſeitig wie Perſonen, die ſich ganz fremd ſind, ja die ſich nimmer geſehen?— Er hielt hier inne, den Englaͤnder ſeitwärts anſehend, doch ſetzte er, vielleicht durch irgend eine Wahrnehmung bewo⸗ gen, ſofort hinzu, wie um die freilich etwas ſtarke Doſis ſeiner Wißbegier durch eine wohlthuende Zugabe genießbarer zu machen: Ihre außerordentliche Welt⸗ und Menſchenkenntniß bei der philoſophiſchen Ruhe, die jedermann und ich am meiſten an Ihnen be⸗ wundere, iſt geeignet, Erſtaunen zu erregen, und bei mir den Gedanken, als hätte ich in Ihnen nicht die Ehre, einen ſchlichten Privatmann zu bewirthen, als den Sie in Ihrer ruhmwuͤrdigen Beſcheidenheit gelten wollen, ſondern vielmehr eine Perſon von ſo vielem Einfluß, als Bedeutung, und ich fuͤhle mich veranlaßt, um Vergebung wegen vielleicht allzugroßer Dreiſtigkeit zu bitten, zu welchen mich Ihr Incognito verleitet hat.— 4 50 Allerdings ſchien trotz dieſer Zuthat jene kleine winzige Frage dem Herrn Pearſon eine hochſt un⸗ willkommene zu ſein, denn es mahlte ſich eine Art von Verlegenheit, wo nicht von Unmuth, in ſeinem Geſicht, und indem er dies ziemlich lang und die Augenbraunen zuſammen zog, verſetzte er kurz und gemachſam: Mein Herr Clément, es geſchieht manch⸗ mal daß der, welcher, mit hohern Dingen beſchäftigt, gewohnt iſt, das irdiſche Treiben von fern zu be⸗ ſchauen, einen richtigern Blick in daſſelbe thut, als der ſich von ſeinem Wirbel ergreifen läßt. Ja, ſolches zu thun, iſt ſogar des Chriſten Pflicht, da⸗ mit ſolche Beobachtung ihn in den Stand ſetze, die Fallſtricke und Thorheit der Welt zu vermeiden, und alleinig dem hochſten Gute nachzuſtreben. Was mich nun betrifft, bin ich in der That nichts, als ein beſcheidener Schuͤler contemplativer Weisheit, und wie Sie ſagen, ein ſchlichter Privatmann; was kunftig werden ſoll, ſtehet in Gottes Hand. Jetzt aber iſt es Zeit, das Höhere uͤber dem Geringeren nicht zu verſäumen, und am heutigen Feſte der Ausgießung des heiligen Geiſtes, die Tropfen zu ſammeln, die durch den Mund des theuern Gottes⸗ mannes dieſer Stadt gehen, ein feuriger Regen fuͤr Irrlehrer und Knechte des Pabſtthums.— Und da⸗ 51 mit wandte er ſich und ſchritt von dannen, hager und lang, etwas gebuͤckt und in einen engen ſchwar⸗ zen Rock eingeknoͤpft, wie er war, einem langgedien⸗ ten Chorageten der Schuͤlercurrende der Stadt nicht unaͤhnlich, durch deren breiteſte, mit Baumen einge⸗ faßte Straße er der Pfarrkirche zuwandelte. Der Gaſtwirth ſah ihm mit zweideutigem Lä⸗ cheln nach, ihm war es mit jener Muthmaßung von der Wichtigkeit ſeines Gaſtes nicht rechter Ernſt geweſen, denn Herr Clément war in ſeiner Art auch ein Schalk; vielmehr hatte Maſter Pearſon in ſei⸗ nen Augen wenig gewonnen, ja es ward ihm ſogar etwas unheimlich in der Näͤhe eines Mannes von ſo außerordentlicher Beabachtungsgabe. Schwerlich konnte jedoch dieſer ihn ſelbſt zum Richtpunkt neh⸗ men; Andere mochten es halten, wie ſie wollten, er beſchloß ſeinen fruͤhern Geſellſchafter fortan ſo viel als möglich zu fragen, und ihm ſo wenig als mog⸗ lich mitzutheilen, zumal was ihn ſelbſt betraf, und nebenbei dem ehrenwerthen Hugh Maltravers alle Achtung zu erweiſen, die ſein kuͤnftiger Rang be⸗ gehrte, dem Baronet und Edward Beauclerc aber verhaltnißmäßig die Ergebenheit und Zuvorkommnung, welche das Gemuͤth des Gaſtwirthes zur Stadt 4— 52 Peking ihrem gegenwärtigen und wirklichen Beſitz⸗ thume zu verſagen unfaͤhig war. Der Aufenthalt der drei reiſenden Engländer hatte ſchon mehre Wochen gewaͤhrt, zu großer Zufrie⸗ denheit Herrn Cléments, denn der Hagere befahl ſehr viel, der Wohlbeleibte bezahlte ſehr viel und ſehr richtig, wiewohl nicht immer ohne Anmerkung und einiges Feilſchen, und der dritte, welcher, wie wir wiſſen, weder allzuhager noch allzuwohlbeleibt, hielt ſich auf anſtändiger Mittelſtraße, dem Vermo⸗ gen und der Freigebigkeit ſeines Vaters Ehre ma⸗ chend, gleich fern von Knickerei und Verſchwendung und von den beiden Andern unabhaͤngig, ob er ſich ſchon haͤufig in ihrer Geſelſſchaft befand, und ſich von ihren Parthieen nicht ausſchloß, wenn ihn nicht andere Beſchaͤftigungen dem Wunſche, ſich zu unter⸗ richten, entſprechend, abhielten. Im Anfange war auch Herr Hugh Maltravers in dieſen ſehr eifrig, beſtändig waren die Pferde vor den Wagen geſpannt, und die Nummern irgend eines neuern Stellvertre⸗ ters von„Reichards Wegweiſer in Europa“ ſchallten dem nimmerruhenden Kutſcher beim Einſteigen in re⸗ gelmäßiger Folgereihe in das Ohr, damit war es 53 aber auch abgethan und der Erbe des Marqui⸗ ſats Queensdowne, uͤberzeugt, ſeiner Schuldigkeit ein Genuͤge geleiſtet zu haben, und mit ſich und den vollgeſchriebenen Blaͤttern ſeines Album hoͤchſt zu⸗ frieden, uͤberließ ſich nach und nach dem, was ſeinem Geſchmack eigentlich am meiſten zuſagte, dem nam⸗ lich, was die Italiener dolce fao niente nennen, die Englaͤnder aber allem Vermuthen nach ein com⸗ fortables Muͤſiggehen. Nach und nach bildete ſich um die Fremden ein kleiner Kreis einheimiſcher Bekanntſchaften; Reiſende dieſer Art erregen nothwendig einige Aufmerkſamkeit in einer Stadt, die, wiewohl nicht zu den kleinen gehoͤrend, auch nicht unter die großen gezählt wer⸗ den mag, in einer Stadt zumal wie dieſe, in wel⸗ cher die einſt häufig herbeiſtrömende Fluth von Fremden ſeit mehrern Jahren beinah zur ſtehenden Ebbe geworden iſt. Reiche Rentenbeſitzer und Com⸗ merzienräthe fuͤhlten ſich durch die magnetiſche Kraft des befreundeten Metalls an Sir Chriſtoph gezogen, einige angeſtellte Herren durch den zweiten Schatz deſſelben, deſſen Beſitz bei ihm jedoch zweifelhafter war, als der des erſten, durch den Schatz geſetzge⸗ bender und ſtaatsverwaltender Weisheit, deſſen ſich das kunftige Mitglied des Unterhauſes beſcheidentlich, 54 aber getroſt im Voraus ruͤhmte. Zwar wollte ihnen hier und da eine Muͤnze aus dieſem Vorrath gleich⸗ ſam ein wenig unächt erſcheinen; doch gab die deutſche Gutmuͤthigkeit die Schuld davon eher der Fremdartigkeit der Gegenſtände und ihrer eigenen Unbekanntſchaft damit, als dem Staatsmann von Eubbsabbey, und uͤberdies war dieſer ja ein ſehr reicher Mann. Auch Herr Maltravers fand, wie es auf unſer Wort ihm ſchon fruͤher begegnet war, manche Nach⸗ ahmer und einige Bewunderer, die erſten in der hier gluͤcklicherweiſe nicht ſtarken Anzahl engliſirender deutſcher Dandys, die zweiten unter einer etwas zahlreichen Klaſſe, die man Privatgelehrte nennt, in der es zwar ſehr achtungswurdige Mitglieder giebt, in die aber, als in eine unzuͤnftigs, ſich auch ſolche eingeſchlichen haben, die ſich den Namen li⸗ beraler Schoͤngeiſter, Dichter und Genies beilegen, in Erwartung, daß ins kuͤnftige andere Leute es auch thun werden. Die gezierte Indolenz des kuͤnf⸗ tigen Peers galt ihnen fuͤr köſtliche Originalität, ſein beſtändiges Tadeln alles Englandiſchen, ſein ewiges Ruͤhmen Altenglands, erſchien ihrem mitunter etwas verworrenen und unlautern Begriff von Pa⸗ triotismus, als deſſen mit maͤnnlicher, alle Ruͤckſicht 55 verachtender Feſtigkeit an den Tag gelegter Aus⸗ druck, und wenn ſein Ariſtokratismus ſich manchmal ein wenig ſchnöde und verletzend kund gab, ſo ließ, was an einem einheimiſchen Edelmann in zehnfach geringerem Maaße ein Zetergeſchrei von Spott und Tadel, und zwar mit allem Recht, erregt hätte, von einem britiſchen Nobleman ſich wohl verſchmerzen, zu⸗ mal bei Schildkroͤtenſuppe, Terrine de Mérac, Port⸗ wein und Champagner. Auch Edward Beauclerc hatte einige naͤhere Be⸗ kanntſchaften erworben, Freunde ſogar, wenigſtens ſolche, welche ſich nicht ſowohl zu dem britiſchen Gentleman, ſondern an den Gentleman uͤberhaupt angezogen fuͤhlten; denn die wirkliche Gentry, zu der er ohne Widerſpruch gehoͤrte, iſt in ganz Eu⸗ ropa, wiewohl in manchem Lande mehr oder minder, einheimiſch und ſich gleich, und an Kenntzeichen zu unterſcheiden, die ſie freilich nicht dem Schneider oder Poſamentirer verdankt, obgleich manches unachte Mitglied meint, man werde durch ihre Huͤlfe in ihm den Eindringling nicht erkennen. Zu dieſen genauen Bekannten gehoͤrte ein deutſcher Graf, ein Eingeborner des Landes, und in demſelben anſehn⸗ lich beguͤtert. Er hatte den Feldzuͤgen beigewohnt, in denen eine gewaltſame Auftegung Deutſchlands 56 den allzu unmittelbaren Druck von Außen von ſich gewälzt hatte— und, damals noch ſehr jung, mit allen Andern den Eifer des Augenblicks und die Hoffnung auf die Zukunft getheilt. Im Laufe der nachfolgenden Jahre und des reifenden Alters hatte er jenen Eifer rings um ſich erkalten ſehen, oder in einzelnen Strohflammen nutzlos, ſchädlich oft, auf⸗ lodern; aber in ſeiner Bruſt, wie in der Bruſt vieler Edeln, war es warm und lebendig geblieben, und, ſah er auch die damalige Hoffnung fuͤr die Gegenwart vereitelt, ſo hielt er ſie doch feſt fuͤr die Zukunft. Er fuͤhlte das Beduͤrfniß der Zeit, und wiewohl er in einem Lande lebte, in dem es am wenigſten druckend erſcheint, durch wohlthätige Zwiſchenwirkung gemildert, ob er ſchon nicht dringend an ernſtere Pflich⸗ ten gemahnt, der erſten, die ihm oblag, genug that, der Sorge fuͤr ſein Beſitzthum, ſo bekuͤmmerte ihn doch der Gedanke, allmählig und in ſtillerer Weiſe auf einer Seite wieder zu verlieren, was man auf der andern mit Geraͤuſch und beinah krampfhafter Anſtrengung erworben, des Vaterlands unabhäͤngige Volksthuͤmlichkeit. Er meinte, wenn es einmal Noth thue, gebuͤhre es auch ſeinem Stande, trotz der lauten Stimmen derer, die ihn als ein veralte⸗ tes, unnuͤtz gewordenes Hausgeraͤth bei Seite, oder 57 gar in den Ofen ſchieben wollen, ſich recht brauchbar, ruͤhrig und thätig zu zeigen, ja er glaubte, gerade die Mitwirkung deſſelben werde um ſo erſprießlicher ſein, da ſie geeignet ſei, allzugewaltſamen Reibungen mil⸗ dernd zu begegnen; er fuͤhlte ſich ſelbſt als nicht zu den Einzelnen gehörend, die dem Widerwillen leider nur zu viel Vorwand gegeben haben, die Geſammt⸗ heit zu ſchmähen; er war ſich des beſten Willen be⸗ wußt, und der Kraft, wenn es darauf ankäme, zu deſſen Erreichung thätig zu ſein. Jedoch erkannte er, ſtarke Mittel ſeien nur im dringenden Nothfalle zu rechtfertigen, und dieſer fand noch nicht Statt, zumal in dem Lande nicht, deſſen Sohn er war, und deſſen Regierung ſelbſt Sorge dafuͤr trug, ſo viel als moͤglich das Innere von aͤußern Einfluſſen zu bewahren, zu bilden und zu ordnen, ihm galt Staatserziehung fuͤr beſſer als Staatsumwälzung, er hielt dafuͤr, ein Freund des Vaterlandeß muͤſſe es nicht blos lieben wie er es zu ſehen wuͤnſcht, ſondern auch wie es iſt, und wer ein Staatsverbeſſerer ſein will, zuerſt und vor allen ein guter Staats⸗ buͤrger ſein. Dieſe Denkweiſe, welche in ſeiner Stellung ſich hier und da durch die That kund machen konnte, hatten ihm allgemeine Achtung von Höchſten, Hohen und Niedern, ⁵8 von den Beſſern mit einem Wort erworben, ob es gleich nicht wenige gab, die ihn, wie man denn mit Benennungen und allgemeinen Klaſſificationen heut zu Tage ſchnell bei der Hand iſt, abſprechend und geradezu einen Ariſtokraten nannten. Das war er nicht. Ariſtokrat bedeutet keineswegs, wie ein ver⸗ derbter Sprachgebrauch das Wort uͤberſetzt, ein Mitglied des Adels oder anderer bevorrechteter Stände, es bedeutet einen ſolchen, der will, daß dieſe aus⸗ ſchließlich herrſchen. Das wollte er nicht, er wollte, daß das Geſetz herrſche, gehandhabt vom geſetzlichen Haupte der Nation und ihren Stellvertretern, doch kannte er bis heutigen Tages kein Geſetz, keinen Grund, welcher ſeinen Stand verhindere, zu beſtehn, oder ihn von der Mitwirkung zum Gemeinwohl ausſchloͤſſe; er war gern ein Edelmann, und war es im wahren Sinne des Worts, ein Ariſtodem, ein gentilhomme, ein gentis homo, einer der Maͤn⸗ ner ſeines Volks nach dem urſprunglichen, richtigen Sinne dieſer Benennung, zu welcher nach ſeiner Meinung nicht allein die Geburt berechtigt, ſondern zu welcher jedes hoͤhere ſtaatsburgerliche Verdienſt das Recht und den Zugang gewährt. Wir werden ihm im kurzen Verlauf dieſer Dar⸗ ſtellung wieder begegnen, fuͤr jetzt aber wenden wir 59 uns von dieſem Deutſchen zuruͤck zu dem Englaͤn⸗ der Pearſon, den wir ſchon um des Titels dieſer Erzählung willen nicht aus den Augen verlieren duͤr⸗ fen, wiewohl er, wenn wir nicht irren, ſchon ſelbſt Sorge dafuͤr tragen wird, daß es nicht geſchehe. Herr Clément hatte Gelegenheit zu bemerken, wie der zuerſt Angekommene ſeiner britiſchen Gäſte, ſeiner Behauptung entgegen, nicht immer das irdi⸗ ſche Treiben bloß aus der Ferne beobachtete, ſon⸗ dern ſich ohne ſonderliches Widerſtreben, wenigſtens bei geeigneter Veranlaſſung, in demſelben fortziehen ließ. So lange Herrn Maltravers Schauluſt dau⸗ erte, war er ihm ein bereitwilliger, ſich nie verſagen⸗ der Cicerone, und ſpäter ſein Genoſſe bei mancher Beluſtigung außer dem Hauſe, wie in demſelben der gaſtronomiſchen Lucubrationen, zu welchen des jun⸗ gen Herrn wäͤhlicher Gaum und des Baronet voller Beutel beinahe immer ihre Mahlzeiten geſtaltete. Er entſagte nicht nur der ſpäten Dinees willen fuͤr die meiſten Abende der fruͤher gewohnten Zuruckge⸗ zogenheit in ſeinem Zimmer, ſondern man ſah auch nicht ſelten um eines Fruͤhſtuͤckes willen, zu⸗ mal wenn, wie oft geſchah, Maſter Hugh am Aben⸗ de zuvor ſich die Muͤhe gegeben hatte, die Beſtand⸗ theile deſſelben in langſamem, aber gebieteriſchen Tone 60 anzuordnen, den erſtgenannten Herrn ſelbſt des Sonn⸗ tag Vormittags ſeinen Weg ſtatt in die Kirche, nach dem Speiſeſaal ſeiner Landsleute nehmen. Es iſt indeß billig von ihm zu ruͤhmen, daß er niemals, wie von dem kuͤnftigen Peer ziemlich haͤuſig, und ſelbſt von Sir Chriſtoph mitunter geſchah, im Trinken des Guten zu viel that, und Beſonnenheit genug uͤbrig behielt, um nach vollendeter Mahlzeit Herrn Climent außer den Bemerkungen uͤber Speiſen und Weine hier und da andere uͤber die, welche ſie genoſſen hatten, mitzutheilen. Sie trugen das Gepräge gro⸗ ßer Frömmigkeit, welche überhaupt bei Herrn Pe⸗ arſon um ſo mehr in Worten hervortrat, je weiter er ſich in ſeinem Thun von ihr zu entfernen ſchien, und inſonderheit einer edlen Verachtung grober leiblicher Genuͤſſe, welche ihn der Erkenntlichkeit gegen die uͤberhob, die ihn daran Theil nehmen ließen. Es war bei einem dieſer Fruhſtuͤcke, welchem diesmal nur die vier Englaͤnder beigewohnt hatten, als Herrn Hugh Maltravers von dem Jäger des Geſandten ein Brief berreicht ward. Der Ehren⸗ werthe beſah mit der gleichguͤltigen Ruhe, die ihn ſelten verließ, die Aufſchrift, und das reichblaſſon⸗ ————————— 61 nirte, mit einer maͤchtigen Krone verſehene Wappen, ſagte kauend: von Mylord, meinem Oheim— und legte das Schreiben bei Seite. Sir Chriſtoph Cubbs aber, welchem aus mehr als einem Grunde wichtig war, was von ſeiner Lordſchaft kam, nahm es ſich heraus, die bei andern Anläſſen hochſt ruͤhm⸗ liche Gemeſſenheit ſeines achtbaren Freundes bei die⸗ ſem etwas uͤbertrieben zu finden, und lag ihm ſo dringend an, die Ungeduld zu befriedigen, mit wel⸗ cher er, ein eifriger Verehrer Mylords, ſeines er⸗ lauchten Goͤnners, Nachricht von ſeinem Befinden erwarte, daß der in dieſem Stuͤcke weit geduldigere Neffe, um Ruhe zur Fortſetzung des Fruͤhſtuͤcks zu haben, an das muͤhſelige und ſtörende Geſchaͤft des Eroͤffnens ging. Als er den Inhalt uͤberlief, zeigte ſich auf ſeinem Geſicht ein Lächeln, das ſo⸗ gar, eine ſeltene Erſcheinung, in eine Art von La⸗ chen uͤberging, dann runzelte er die Stirn, dann lächelte er wieder und mit einer Art von Bedeut⸗ ſamkeit, ſo daß dieſe Beweglichkeit auf dem gemein⸗ hin ſo unbeweglichen Antlitz die Aufmerkſamkeit der Tiſchgenoſſen anregte, die des Baronets aber in ſo hohem Grade, daß ſie ihn zu der Frage veranlaßte, welche wichtige und erfreuliche Nachrichten denn Herr Maltravers erhalten habe, inſofern ſolche Erkundigung 62 eines ergebenen Freundes keine Unbeſcheidenheit, und in dem Briefe kein Geheimniß enthalten ſei? Der Empfänger, dem vielleicht uberhaupt nichts der Muͤhe zu verlohnen däuchte, geheim gehalten zu werden, fand es fuͤr den Inhalt dieſes Schreibens, ob mit Recht? wird ſich vielleicht in der Folge darthun, völlig un⸗ nothig, und befriedigte Sir Chriſtophs Wunſch auf die kuͤrzeſte Weiſe, ihn ſehr gemachſam aber doch ziemlich verſtändlich mitzutheilen. Er lautete alſo: London Großconceſquare, den— 18** Mein lieber Vetter Hugh Maltravers.— Ihren Brief habe ich erhalten, der mir meldet, daß ſie in*** angekommen ſind, das iſt indeß nicht die erſte Nachricht, die mir davon geworden iſt; Lord** der Miniſter des Auswärtigen hatte es mir ſchon geſagt, dem unſer Geſandter es ge⸗ ſchrieben, mit dem Zuſatze, er konne von Ihnen nicht weiter viel ſagen, als daß Sie da wären, denn nach dem erſten Anmeldungs⸗Beſuche hätten Sie ſich weiter nicht bei ihm ſehen laſſen, und ſeine Einladung zu einem Dinee abgeſchlagen. Ich ver⸗ denke Ihnen das gerade nicht, Vetter, es iſt heut zu Tage mit der Diplomatik und den Geſandten nicht viel, ſie machen kein Haus mehr, und man 63 ißt ziemlich ſchlecht bei ihnen. Zu meiner Zeit war das anders, als ich, und das iſt noch nicht lange her, der Ambaſſade am Hofe zu Verſailles attachirt war——— Hier lächelte Maſter Pearſon vor ſich hin; vielleicht dachte er an das, was er Herrn Climent von dem Streben ſeiner Lordſchaft, noch jung zu ſein, geſagt hatte, und unſtreitig gab die⸗ ſelbe durch den Ausdruck, es iſt noch nicht lange her, einen eignen Maaßſtab der Zeit kund, denn, wie bekannt, war von 1792 bis 1814 kein bri⸗ tiſcher Geſandter in Frankreich, außer waͤhrend der kurzen Dauer des Friedens von Amlens, und da⸗ mals war kein Verſailles und kein Hof.— Herr Pearſon lächelte alſo, aber ſo unmerklich, daß keiner der Tiſchgenoſſen es wahrnahm. Maltravers war indeß fortgefahren: befand es ſich anders, damals waren die Hötels der Am⸗ baſſadeurs, beſonders der engliſchen auf dem Con⸗ tinent, der Tummelplatz der haute société, damals nahm man aber auch Grands Seigneurs dazu, die mit ihren eigenen Einkuͤnften zu ihrer ſtarken Be⸗ ſoldung ihrer Nation Ehre machten, jetzt aber kommt es an Parvenus oder juͤngere Söhne, die bei der Miſtre, die man ihnen giebt, noch erſt reich werden wollen. Ich ſchließe daraus, daß Sie ſich nicht 64 den Leuten an den Kopf werfen, und ſich Ihren eignen Cirkel gebildet haben; ich billige das ſehr, ein engliſcher Nobleman muß immer ſich ein wenig abgeſchloſſen halten, wie unſere Inſel es von den uͤbrigen Nationen iſt, und auch im fremden Lande die britiſche Manier beibehalten; man kann darin lieber zu viel als zu wenig thun, wenigſtens zu meiner Zeit, je ſonderlingiſcher ſich ein Englaͤnder gehabte, um deſto mehr hielt man von ihm. Sie wiſſen, ich halte nicht viel darauf, Lehren zu geben, aber es iſt doch manchmal gut, wenn ein junger Mann auf die Erfahrungen Eines achtet, der etwas aͤlter iſt. Ich denke, es wird wohl noch ſo ſein und auch in***. Apropos man hat mir geſagt, es ſey dort kein Sodawaſſer zu bekommen, und doch iſt, wie ich gehort habe, da eine Anſtalt, in der man alle mineraliſche Waſſer nachmacht— kein Soda⸗ waſſer! Das giebt mir einen ſchlechten Begriff von dem Comfort in dieſer Stadt. Folgen Sie meinem Rath, und laſſen Sie ein paar hundert Flaſchen berei⸗ ten, nichts iſt zweckmaͤßiger und faſhionabler, als wie Meurſault,(Haut Sauterne iſt aus der Mode) des Morgens nach einem kleinen epier zu trinken. Wie vertreibt man ſich denn die Zeit auf dem Feſtlande? Hier iſt alles beim Alten, nur ſeit ein paar Jahren 65 etwas langweiliger, und ich geſtehe, ich habe mich noch nie ſo ennuyirt, als in der letzten Saiſon, obſchon ich nicht weiß warum, denn ich bin immer noch ſo repandu in der Welt und bei den Damen, wie ſonſt, und ſuche mir allen Verdruß aus dem Sinne zu ſchlagen, ſogar in der Peerskammer, die von Tage zu Tage grillenfaͤngriger wird, worin ich dem Lord Schatzmeiſter und Lord*** Recht geben muß. Sogar Miß Saſa faͤngt an mich zu langweilen, und ich bin froh, daß der Billy ſie heirathen will mit 4000 Pfund, und 300 Jahrgehalt. Bei Gelegen⸗ heit fällt mir ein, daß Sie wohl auch heirathen konnten, ſehen Sie ſich doch in Deutſchland um, freilich ſind nach engliſchem Fuß die guten Parthieen dort ſelten, und keine ganz ſchlechte duͤrfte es doch nicht ſein; denn im Vertrauen, der einfältigſte Streich, den Lord Georg, Ihr Vater, der ſonſt ein recht wi⸗ tziger Burſch war, gemacht hat, war, daß er Ihre Mutter heirathete, ohne einem Farthing im Vermo⸗ gen. Von wegen der Deutſchen, ſo ſind die jetzt hier ſehr en vogne gekommen, auf dem letzten Al⸗ mack machte die ehrenwerthe Miſtreß Hanbury Furore mit ihrem Tanz und mit ihrer Ausſprache ſogar, je aͤrger ſie radebrechte, je groͤßer wurde der Lärm um ſie herum. Mich kann ſonſt auf der Welt nichts 5 66 mehr choquiren, als unſte Sprache eſtropiren zu hö⸗ ren; aber weil alles hinzulief, that ich es auch, und am Ende mußte ich eingeſtehn, es klänge ordent⸗ lich recht abſcheulich hubſch. Das ſind aber Frivo⸗ litäten; und Sie als ein junger Mann muͤſſen da⸗ rauf ſehen, ſich eine gewiſſe Exiſtenz zu verſchaffen, bis Sie Marquis von Queensdowne werden. Da⸗ mit könnte es aber noch Zeit haben, denn ich war niemals munterer wie jetzt, und Lady Stephens hat mir noch vorgeſtern geſagt, ich ſaͤhe aus, als wäre ich kaum dreißig. Die gute Frau, es ward mir or⸗ dentlich recht ſchwer, ihr daſſelbe zu antworten. Was nun die Exiſtenz betrifft, ſo wuͤrde dabei eine deutſche Gemahlin nicht ſchaden, der Protection gewiſſer ho⸗ hen Perſonen wegen. Lady Seffneton kommt beinah gar nicht von Windſor hinweg, und ob ich ſie gleich eben nicht darum beneide, ſo hat Mylord doch ſchon eine recht eintraͤgliche Sinecure davon getragen, und eine Sinecure wäre, glaub' ich, ſo ganz Ihre Sache, und mir nicht unangenehm, denn die alltäglich wach⸗ ſende Jactance der Parvenus macht es immer ſchwe⸗ rer, den Glanz eines alten Hauſes aufrecht zu er⸗ halten. Ich war, glaub' ich, bei Lady Seffneton ſtehn geblieben und da erinnere ich mich, daß ſie mir beim —— ————— 67 letten Geburtstag*) in Saint James geſagt hat, ihre Schweſter ſei jetzt in***, und Mylord, den ich gelegenheitlich befragte, ſetzte hinzu, ſie wäre durch eine Erbſchaft reicher als Mylady, recht ſehr reich nach deutſcher Art, etwa fuͤnftauſend Pfund jährlich. Was meinen Sie, Vetter Hugh, funftauſend und eine Sinecure daneben, wären doch ein ganz comfortables en attendant füͤr jemand, der von ſeinem Vater nichts geerbt hat, wie Sie von Lord Georg. Sie iſt zwar katholiſch, das ſchadet aber gar nicht, in der guten Geſellſchaft reißt man ſich jetzt um die Ka⸗ tholiken, und mit gutem Grunde, weil die Refor⸗ mers ſolch Geſchrei um der Emancipation willen machen; beilaͤufig geſagt, fangen mir bei dem Worte die Ohren an nach gerade weh zu thun; wird es Nobility zur Pflicht, ſie zu favoriſiren, denn es ge⸗ buͤhrt ihr in allen Dingen, ſei es auch nur der Aus⸗ zeichnung wegen, dem gemeinen Volke das Wider⸗ ſpiel zu halten, ſonſt wuͤrde es bald um ſie geſchehn ſein. Bei der verdammten Emancipation kommt mir in den Sinn, daß Lord Erzbiſchof von Canterbury neu⸗ Anmerk. Des Konigs. 5* 68 lich ein Langes und Breites mit mir von Natha⸗ nael Wimble geredet und ihn ſehr gelobt hat, und hofft ich werde etwas fuͤr ihn thun, wenn er, was bald geſchehn ſoll, aus Deutſchland zuruͤckkommt, wo er ſich auf einer Vervollkommnungreiſe befindet, wie Seine Herrlichkeit ſagte, die in ihm ein kuͤnftiges großes Glaubenslicht und gewaltigen Pfeiler der ang⸗ licaniſchen Kirche zu ſehen ſcheint, welches mir uͤbri⸗ gens ziemlich einerlei iſt, denn mit der Theologie hab' ich mich niemals ſonderlich befaßt. Es war das erſte Wort, was ich ſeit, denk' ich, zehn Jah⸗ ren von dem Wimble gehoͤrt habe; Sie werden wohl wiſſen, wer es iſt, der Sohn meiner Schweſter, Ih⸗ rer Tante, Lady Aurelie Maltravers, welche gar ei⸗ nen Vicarius geheirathet hat, der der Pfarre unge⸗ achtet, die ich ihm anſtandshalber verſchaffte, nichts hinterlaſſen hat als Buͤcher, wie gewiſſe andre Leute, Pferde, Hunde und Schulden. Eine wahre Zecca⸗ tura fuͤr das Haupt einer großen Familie, dieſe ma- riages d'inclination. Indeß wenn er ankommt, werde ich wohl muͤſſen in das Mittel treten mit irgend einer Pfruͤnde, hat er doch die Protection My⸗ lords von Canterbury, man darf es, merken ſie Sie ſich den politiſchen Grundſatz, mit keiner Parthei ganz verdorben, am wenigſten mit den Herren von der 69 Geiſtlichkeit; und einem Manne meines Ranges, er mag nun gern dazu thun oder ungern, ſteht es uͤbel an, ſo nahe Verwandte in der Miſere zu laſſen. Apropos, Sie wollen Geld? Da haben Sie ei⸗ nen ſchlechten Zeitpunkt getroffen; Epſom hat zehn⸗ tauſend weggenommen; es iſt, als hätte ich gar kein Gluͤck im Wetten mehr, denn ein paar Tage zuvor verlor ich an Sir Walters Koningsby zweitauſend auf den beſten Hahn, der jemals auf dem Miſte eines Bau⸗ erhofes von Cornwallis gekräht hat. Ungluͤcklicher Weiſe war Maſter Turnfarthing, der, wie Sie wiſſen, mein baares Vermögen in Händen hat, und, wie er ſagt, ganz trefflich damit ſpeculirt, grade in Margate, wo nach dem der beau monde ihm Valet gegeben, die City ſich auszuluͤften pflegt; ich nahm alſo funfzehn⸗ tauſeud von dem alten ehrlichen Eleaſar, den Sie beſſer kennen, als mir lieb war. Der alte Schurke wollte mir ſie nicht anders geben, als auf die Pacht⸗ gelder von Werburyhill; es iſt aber einerlei; wenn Maſter Turnfarthing zuruͤckkommt, mache ich gele⸗ gentlich Rechnung mit ihm, und die Bagatelle ab, die etwa auf Queensdowne, Wepbury, Earton und Mount Saint John einſtweilen eingetragen iſt. Nehmen Sie ſich fuͤr die Zukunft die Lehre, daß 70 man ein guter Wirth ſein, und ſeine Angelegenhei⸗ ten in Ordnung halten muß. Zwölftauſend alſo machte der Hahn aus, und der verdammte Hektor, den ich einem Stagewatch fuͤr 10 Pfund verkauft habe, ob ich gleich 1500 da⸗ fuͤr gegeben, aus lauter Aerger, der ſo groß war, daß ihn, als ich zum Miniſter in dem Rout ging, Ettylady ihn bemerkte, und mir vorſchlug, zur Zer⸗ ſtreuung des andern Vormittags zu einem deutſchen Kaufmann mit ihr zu fahren, der ganz herrliches altes Porzellan, Bronze und Glaswerk hat. Köſt⸗ liche monſtröſe Sachen, ſag ich Ihnen, auch hab' ich fuͤr Mylady und mich fur funfzehnhundert gekauft. Einem Manne von Stande, merken Sie ſich das, ſteht, wo es angebracht iſt, die Galanterie gegen Da⸗ men wohl an. Bei dem Porzellan faͤllt mir ein, Sie ſind ja jetzt an der Quelle, ſchicken ſie mir doch fuͤr etwa fuͤnfhundert Pfund; dort muß es doch wohlfeiler ſein, worauf allerdings zu ſehn iſt, aber das aͤlteſte und barockeſte, was ſie nur auftreiben können. Auf Sie zuruͤckzukommen, ich ſchicke Ihnen hier zweihundert, damit werden Sie wohl auskom⸗ men, bis ich mit Turnfarthing Rechnung gemacht, beſonders da, wie ich höre, Sir Chriſtoph Cubbs mit S ei 71 Beim letzten Abſatz war Herrn Maltravers Stimme geſunken, daß ſie nur dem neben ihm ſitzenden Ba⸗ ronet vernehmlich blieb; hier brach er indeß ganz ab, oder las vielmehr einige Zeilen nur mit Augen und Lippen, und da Sir Chriſtoph, wohl ahnend, daß in denſelben von ihm die Rede ſein möchte, gewaltig nach dem Blatte ſchielte, bog er es aufwärts, und bedeutete den Neugierigen auf ſtumme aber dringende Frage damit, Seine Lordſchaft ſpräche von gewiſſen Dingen, deren Vortrag vor Zeugen ſowohl ihre Be⸗ ſchaffenheit, als der Beſcheidenheit ſeines werthen Freundes, des Baronets, ſelbſt unzulaͤſſig machten, auch ſei von andern Angelegenheiten, die Zukunft be⸗ treffend, die Rede, welche er dem Betheiligten unter vier Augen, hoffentlich zu ſeiner Zufriedenheit zu er⸗ öffnen nicht ermangeln werde.— Dieſe Rede, eine der laͤngſten, welche Herr Mal⸗ travers ſeit vielen Wochen zu hoͤren gegeben, ſtellte den Baronet halb und halb zuſrieden, er bezog, wie natuͤrlich, die gewiſſen gegenwärtigen Dinge auf ſeine Vorſchuͤſſe, die zukuͤnftigen Angelegenheiten auf ſei⸗ nen Eintritt in das Parlament, und obgleich nicht alles in dem Briefe ihm gefallen, begann er eine Art bedingter Lobrede auf den Lord Marquis, die deſſen Neffe unterbrach, zum Schluſſe der Vorleſung 72 eilend.— Die unterſchlagenen Worte aber lauteten in der That mit dem Berichte nicht ganz uͤberein⸗ ſtimmend, wie folgt: Es iſt in der That verdammt glucklich fuͤr Sie, und mir gar nicht unlieb, daß der Ehrenmann die Stelle eines Reiſecaſſirers bei Ihnen verſieht, und und ich moͤchte wohl ſagen, Sie hatten einmal ei⸗ nen geſcheiten Streich gemacht, ſeine Marotte zu be⸗ nutzen. Es iſt ganz billig, daß dieſe Baronets aus dem Kramladen ſich gleichſam in ihre Stelle unter den gens comms il faut einkaufen, und ein Mal⸗ travers iſt, um wie in den Zeiten der Chevalerie zu reden, ein ſtattlicher Ehrenpathe fuͤr einen Cubbs. Der Handel waͤchſt uns ſo uͤber den Kopf, war⸗ um ſollten wir denn nicht auch aus unſern Prä⸗ vogativen Geld machen? Verſteht ſich, bloß in der Art einer Anleihe, ob ſchon manche meiner Herren Collegen, der Peers, nicht ſo delicgt im Unterſcheiden ſein mögen. Eigentlich verdrießt es mich, ihn fuͤr den Flecken zu nehmen, und koͤnnen Sie ihn auf eine andere Art loswerden, durch eine Heirath, wie ich geſagt, oder ſonſt ein Etabliſſement, ſo wäre es mir recht. Die ganze Nachbarſippſchaft von Cubbs⸗ abbey war fuͤr mich immer choquirend; mit den Commoners weiß man, woran man iſt, aber dieſe 73 Parvenus ſind nicht Fiſch noch Fleiſch. Geht es nicht, ſo muß man freilich dran, denn einem alten Edelmann, und zumal einem Maltravers, geziemt es, Wort zu halten.— Der Brief ſchloß mit folgendem Satz: Ich wollte um tauſend Pfund, daß die Ge⸗ ſchichte mit der Miß Sara und dem Billy ſchon ins Reine und ſie Frau und Mann wären, ſeitdem er auf Freiers Fuͤßen geht, ſteckt ihm die Braut oder die Viertauſend ſo im Kopf, daß er zu gar nichts zu brauchen iſt; habe ich doch dieſen ganzen Brief ſelbſt ſchreiben muͤſſen, ob er ſchon ſo lang iſt, wie die des wohlſeligen Sir Charles Grandiſon. Adieu, die kleine Miß Lucie Beekle, Sie kennen ſie ja, hat mir ein Rendezvous im Regent: Park gegeben. Sie mag gehört haben, daß die Sally auf Verſorgung geſetzt iſt. Apropos, noch Eins. Wie ſteht es mit dem Jem? Er iſt ein nichtsnutziger Schlingel, hat aber die beſte Fauſt in allen drei Königreichen am Leibe. Laſſen Sie ihn doch einmal boxen, ſo was macht Aufſehn auf dem Feſtlande. Verdammt, daß ich Ihnen den Sam mitgegeben habe, hätte ich ihn in Epſom gehabt, vielleicht hätte ich meine zehntau⸗ ſend noch, und eben ſo viel dazu. Nun, das nächſte Mal, wenn er mit Ihnen zuruͤck iſt; aber geben Sie ihm ja nicht zu viel zu eſſen, wenn ſo ein 74 Burſch einmal zu Fleiſch kommt, mag es der Hen⸗ ker wieder herunterkriegen. Ihr geneigter Vetter Ar⸗ chibald Queensdowne.— Vielleicht durfte ſich hier und da ein Leſer wun⸗ dern, daß Hugh Maltravers einen Brief, der außer der uͤberhuͤpften Stelle manches wenigſtens Sonder⸗ bare enthielt, zum Gegenſtand einer Vorleſung machte; aber er war, wie wohl ſchon bemerkt worden iſt, eine Zuſammenſetzung von Epikuräer und und Stoiker, und zwar nicht durch Wahl oder Studium, ſondern von Natur und Exziehung, oder, beſſer zu ſagen, Ge⸗ wohnheit. Er ergötzte ſich an den Gedankenſpruͤngen ſeiner Lordſchaft, und den Lehren, die theils ſo tref⸗ fend, theils durch ein ſo treffliches Beiſpiel unter⸗ ſtuͤtzt waren, und machte ſich wenig aus gewiſſen Ausdruͤcken, die zwar Andern etwas unverbindlich vorkommen konnten, die ihm aber gewohnt und gleich⸗ giltig waren, war er doch einmal der unbezweifelte, geſetzmaͤßige Erbe. Auch verweilte ſein nicht ſehr behender Geiſt beim Schluſſe des Briefes, und er ſprach, indem er die⸗ ſen ſo langſam zuſammenfaltete, als er ihn eroffnet hatte: der Jem, verdamme mich, ſo dick gefreſſen, wie er jetzt iſt, wuͤrde Mylord nicht ſeine zehntau⸗ 75 end wiederſchaffen, ſondern vielmehr noch andre hin⸗ terdrein jagen, wo nicht meine ganze Erbſchaft.— Sir Chriſtoph hatte bei der halblauten Mit⸗ theilung wegen der uͤberſchickten zweihundert Pfund ein etwas ſaures Geſicht gemacht, denn, außerdem, daß bei ſeinem hochgebornen Freunde keine ſonderliche Luſt vorauszuſetzen war, ſie in ſeine Haͤnde zu ge⸗ ben, ſo betrugen ſie kaum den funfzehnten Theil deſ⸗ ſen, was ſein Ehrgeiz ſeiner Geldliebe zu Gunſten deſſelben abgenommen hatte. Zwar hatte die Hoff⸗ nung, die der Marquis dem erſten, wenigſtens den Worten ſeines Neffen nach beſtätigte, ihn ein wenig begutigt, doch meinte er als ein geſcheiter Finanzmann, es ſei immer beſſer, ſein Geld zuruͤck zu erhalten, und die Ehre oben ein als Gratification, und er aͤu⸗ ßerte etwas ſpitzig: Seine Herrlichkeit mit ihren Sallys und Lukies, mit ihrer Galanterie, mit ihrem alten Porzellan und Glas ſchienen des Jem nicht nöthig zu haben, um die bewußte Erbſchaft, ſo weit thunlich, ſelbſt zu verbrauchen.— Unfehlbar, Sir Chriſtoph, wenn die Zeit dazu ausreichte, wie es doch wohl der Fall bei meinen Oncle nicht ſein wird: ver⸗ ſette der zärtliche Neffe.— Seine Herrlichkeit hat hat darum, wie ſie ſagt, arme Verwandte, weil es ſeiner Mutter, meiner Großmutter, beliebt hat, ihr 76 großes Vermögen dem Haupt der Famil⸗ zu hin⸗ terlaſſen, damit, nach den Worten deſſelben, ihr Glanz in jetzigen ſchweren Zeiten aufrecht erhalten werden woͤge. Immerhin, kommt es doch einmal an mich, und— ſetzte er zwiſchen dem Kauen gaͤh⸗ nend hinzu— man muß ſich in Geduld faſſen.— Die Speculationen des Maſter Turnfarthing ge⸗ fallen mir nicht; erwiederte der Baronet bedenklich: Dem Rufe nach iſt er in der That ein großer Spekulant, ein zu großer, will man ſagen. Hat er, wenn ich fragen darf, viel von Mylord in den Händen?— Zweimalhunderttauſend, oder etwas druͤber— ant⸗ wortete Maltravers mit vornehmer Nachläſſigkeit,— und Herr Clément ſagte: Sir Chriſtoph, wahr⸗ haftig, ein annehmliches Suͤmmchen— darauf ſetzte er indeß hinzu: Etwas viel, ſie einem Menſchen an⸗ zuvertrauen. Es wäre zu wünſchen, Muylord machte ſeinen Entſchluß wahr, je eher je lieber Abrechnung zu halten.— Sorgen Sie dafuͤr nicht: entgegnete der fur nichts Sorgende: wenn Sie meinen Oheim naͤher kennten, wuͤrden Sie wiſſen, daß, wenn er gleich frivoler ſein mag, als es ſich fuͤr das Alter des guten Herrn ſchickt, er auch hin und wieder von An⸗ 77 wandlungen der Ordnungsliebe und Genauigkeit be⸗ fallen wird, die dann recht ſtark zu ſein pflegen.— Iſt mir nicht ſo ganz unbekannt, murmelte der Baronet zwiſchen den Zähnen— wuͤnſchte, ſie thä⸗ ten ſich lieber im Betreff Maſter Thurnfarthings dar, als anderswo.— Aber in der That— fuhr er lauter fort, denn der Geiſt der Lombardſtreet war uͤber den Sohn Sir Peters gekommen, und der er⸗ erbte Finanzmann verdrängte fuͤr den Augenblick den Staatsmann in Hoffnung! Aber in der That, ich wollte wuͤnſchen,— das heißt, mein ehrenwerther Freund ſollte wuͤnſchen, daß Mylord Richtigkeit und die Familienguͤter freimachte, auf welche, wie ich zu verſtehen glaube, ganz artige Bagatellen laſten, nach Seiner Herrlichkeit Ausdruck. Wird ſchon geſchehn, beſchied ihm Herr Maltra⸗ vers gelangweilt— iſt es doch nur aus der rechten Taſche in die linke, ich bin der alleinige Erbe von Allem, und mon cher Oncle haben das climacteriſche Jahr angetreten, wie der Almanach der Peers zu ſeinem großen Aerger kund thut.—— Sir Chri⸗ ſtoph aber, unter dem Einfluſſe des erwähnten Geiſtes, war nicht ſo leicht zu beruhigen; er ſchuͤttelte bedenk⸗ lich den Kopf und ſprach mit einer Miene, welche den Anfang deſſen, was folgt, ein wenig Lugen ſtrafte: 28 Es iſt allerdings nur meine Freundſchaft und Erge⸗ benheit gegen Sie, mein theurer Sir, welche mich veranlaßt oder berechtigt, Ihrer wahrhaft nobeln Sorg⸗ loſigkeit etwas von der Erfahrung in Geſchaͤften, die ich vielleicht vor Ihnen voraus habe, aufzudringen. Sie ſind der Erbe Mylords, das iſt richtig, fur die erlauchten Titel Ihrer Familie und fuͤr die mit dem⸗ ſelben verbundenen Guͤter, aber jenes ſchöne Baar⸗ ſuͤmmchen iſt, nach allen was hervorgeht, ein Allodi⸗ um, ein Kunkelanfall, und hier hoͤre ich von einem Maſter Wimble, von einem Schweſterſohn, von dem mir im Ofpfordſhire nichts zu Ohren gekommen. So haben Sie ja jetzt auch gehort— verſetzte der Ehrenwerthe ſo ungeduldig, als er werden konnte— daß Lady Aurelia mit einem Dorfvicar ein Mißbuͤnd⸗ niß geſchloſſen. Solche Vettern nehmen ſich ſchlecht aus in Großrence und in Queensdowne-Caſtle, es iſt genug, daß man ſie nicht gerade umkommen läßt, und ihnen mitunter etwas hinwirft, damit ſie einem vom Halſe bleiben, und man von. ſo hoͤrt, als moͤglich.— Wie zuvor jedoch ließ ſich der ichtige Baro⸗ net vernehmen: Wie es ſcheint, wird Mylord von dem plebejen Vetter nicht nur zu hören, ſondern ihn auch zu ſehen bekommen. Seine Herrlichkeit, däucht 79 mich, ſind fuͤr gegenwärtige Eindruͤcke etwas empfaͤng⸗ lich,—— die Protection des Lord Primas—— kurz, ich ſollte meinen, der Umſtand verdiene einige Ueberlegung.— Ueberlegung! rief der Nobleman mit wahrhaftem Widerwillen, indem er einen Faſanenfluͤgel, mit dem er ſich beſchaͤftigt hatte, raſcher, als gewohnt, auf den Teller warf— Mylord Erzbiſchofs Protection wird ihm irgend eine Pfruͤnde beim Marquis auswirken, und— fuͤgte er mit ariſtokratiſchem Stolze und nicht ohne Bedeutung hinzu— dem Himmel ſei Dank, es mangelt Lord Queensdowne nicht an ſolchen noch an andern Stellen zu vergeben— aber— ſagte er lachend weiter— der Eindruck„den Vetter Nathanael ſelbſt macht, wird wenig dazulegen. Ich habe mich naturlich niemals um ihn bekuͤmmert; doch, nach dem, was man von ihm ſagt, iſt es ein ſteifer, pedantiſcher, kopfhangeriſcher Burſche, ein rechtes Schulpennal und theologiſcher Buͤcherwurm, und wie dergleichen meinem Herrn Oncle gefallen kann, läßt ſich denken. Vervollkommnungreiſe! kuͤnf⸗ tiger Pfeiler der anglikaniſchen Kirche! Gewiß ſo ein Kläffer, den die ehrwuͤrdigen Herrn in Pallium und Stola heranziehn, um gegen die Emancipation und fur den Glauben, das heißt fuͤr die Autorität und 8⁰ die Einkunfte der Cleriſey zu bellen. Der käme dem Lord Marquis recht mit ſeinem Peroriren gegen die Emancipation, gerade da jetzt das Katholiſch Faſhion iſt, wie Sie hoͤren.— Waährend Herr Maltravers, um ſch von der aergewbhuichtn Anſtrengung zu erholen, ein gro⸗ ßes Glas mouſſirenden Saint Peray leerte, ſagte Edward Beauclerc zu ihm: Ich geſtehe, werther Sir, daß ich Sir Chriſtophs Meinung theile, die Sache ſei einiger Erwaͤgung werth. Ich erinnere mich jetzt dieſes Wimble, ob ich ihn gleich nicht ſelbſt gekannt habe. Als ich nach Chriſtchurch Colle⸗ gium kam, war er erſt ſeit kurzer Zeit abgegangen, und ſein Andenken noch ganz friſch. Man nannte ihn da, wie Sie ihn ſchildern, einen pedantiſchen, kopfhängeriſchen Burſchen, auch, wenn Sie wollen ein Pennal und Buͤcherwurm, aber von Steifheit und Ungelenkigkeit, im moraliſchen Sinne wenigſtens, wollten ſeine Mitſchuͤler nichts wiſſen. Sie meinten im Gegentheil, er ſei nur allzugewandt geweſen, ei⸗ ner der falſchen Bruͤder nämlich, und ſogar ein Agent provocateus auf der Schulbank, der, nach⸗ dem er an luſtigen Schelmenſtreichen Theil genom⸗ men, oder ſie gar angeſtiftet, nichts Eiligeres zu thun gehabt habe, als ſie den Lehrern zu hinterbringen, H „ ———————— — 81 * um ſeinen Kameraden Verdruß, ſich aber Lob und ein gutes Teſtimonium zu verſchaffen. Das Letzte iſt ihm denn auch zu Theil worden bei ſeinem Ab⸗ gang, doch ließ man ſich verlauten, ſeine Mitſchuͤler haͤtten ihm noch etwas Anders zum Valet mitgege⸗ ben, deſſen er ſich ſchwerlich ruͤhmen duͤrfte. So ein Häkchen duͤrfte mit der Zeit ein tuͤchtiger Haken geworden ſein, und was mich betrifft, moͤchte ich Einem, der die Evolutionen im Ruͤcken ſo zeitig ein⸗ geuͤbt hat, den meinigen nicht gern freigeben, wenig⸗ ſtens nicht ohne Beobachtung.— Daran fehlt es nicht: verſicherte Maltravers mit kluger Miene: jener Billy, den Mylord ſeinen Pri⸗ vatſecretair nennt, weil er ihm die Einladungskarten ſchreibt, hier und da ein Billet doun und noch ſeltener einen Brief, etwa von der Art, wie der ge⸗ genwärtig in die Feder diktirt, iſt ein anſtelli⸗ ger Geſell und laͤngſt in meinem Intereſſe. Auch Miß Sara, ſetzte er mit einem Anſtriche von Gek⸗ kenhaftigkeit hinzu— oder vielmehr die jetzige Miſt⸗ reß Billy hat mir einige Urſache gegeben zu glauben, ſie ſei mir geneigt. Ich habe nie bemerkt, daß ſie eine beſondere Vorliebe fuͤr den geiſtlichen Stand hätte, und ſchwerlich mag dieſes ehrenhafte Mitglied deſſelben ſie auf andern Geſchmack bringen.— 6 82 Unſtreitig, ſagte Herr Beauclerc: ſind eine ehe⸗ malige Geliebte und der Vertraute gewiſſer kleiner Angelegenheiten nicht zu verachtende Mittelsperſonen bei einem bejahrten Fashionable, wie ich mir nach Ihrer eigenen Darſtellung, Mylord, Ihren Oheim zu nennen erlaube.— In der That— beſtätigte Sir Chriſtoph; und um ſo beſſer, da in dieſem Falle nicht leicht Beſtechung zu fuͤrchten iſt, denn die geiſtlichen Herren, beſonders die noch in Exspectanz ſtehen, pflegen ein wenig knickrig zu ſein.— Nicht wahr, werther Sir? ſetzte er gegen dieſen hinzu, der wäͤhrend des Vorhergehenden kein Wort geſprochen hatte. Sir— antwortete dieſer mit ei⸗ nem Nachdruck und einem Tone, welcher bei dieſer Veranlaſſung fur einen ſchlichten, unabhaͤngigen Pri⸗ vatmann allzu lebhaft ſchien, als welchen er ſich ſei⸗ nen Landsleuten dargeſtellt hatte: Sir, der katholi⸗ ſchen Geiſtlichkeit ſagt man zwar nach, daß ſie ſich mit Beſtechung abgebe, doch meine ich,— hoffe ich, daß die Lehrer des anglikaniſchen Glaubens ſich ſo weit nicht herablaſſen, am wenigſten gegen Mai⸗ treſſen und Kuppler.— Da rief Maltravers, diesmal wirklich aus vollem Halſe lachend: Was faͤllt Ihnen denn mit einem Male ein, Pearſon?— Sprechen Sie doch grade, 83 als wären Sie mein pedantiſcher kopfhängeriſcher Vet⸗ ter Nathangel Wimble in eigner Perſon?— Maſter Pearſon verſuchte zu lächeln, und brachte einige Worte hervor, welche ſeinen plötzichen Ausfall als einen Beitrag zu den Scherzen auslegten, denen ſeine hochachtbaren Freunde ſich uͤberließen; Edward Beauclerc aber unterbrach ihn plötzlich ſagend: Was iſt Ihnen denn, beſter Sir? Sie ſehen ja mein Glas fuͤr das Ihrige an, und den Knoblaucheſſig de Maille fuͤr Lunel, daß Sie eins unter das andere gießen?—— Verdamm mich! rief der Ehrenwer⸗ the— ich wuͤnſche Ihrem Gaume Gluͤck, er muß in der That etwas vertragen können, wenn er eine ſolche Compoſition von Suͤß und Sauer hinab⸗ ſchluckt.— Mit dem Schlucken mochte es indeſſen doch nicht ſo recht gegangen ſein, denn wirklich war Maſter Pearſons Geſicht ganz ſauerſuß anzuſchauen. Es war im Juliusmonat, und der Abend warm und ſchön. In der guten Jahreszeit fuhren die Be⸗ wohner unſerer Stadt ein recht eigentliches Luſtwan⸗ dererleben, und beinah Tag fuͤr Tag verläßt der un⸗ beſchäftigte oder mit ſeinen Geſchaften fertig gewor⸗ 84 dene Theil derſelben, die Haͤuſer, um ins Freie zu gehen. Doch iſt gemeiniglich auch an den beſuchte⸗ ſten Stellen die Menge nicht groß, denn wenn man⸗ che andere Hauptſtadt ſich mit einem Spaziergang par excellence, und einem paar öffentlichen Gärten begnuͤgen muß, ſo zählt die Umgebung der, welche wir meinen, der anmuthigen Plätze ſo viel, daß die nicht allzuſtarke Bevölkerung ſich leicht vertheit. An Sonn⸗ und Feſttagen findtet jedoch, wie natuͤrlich, eine Ausnahme ſtatt, die höhere erwerbende Klaſſe ſchließt ſich zahlreicher den ihr am nächſten ſtehenden an, die geringere uͤberfullt die Oerter ihrer gewohnlichen Zuſammenkuͤnfte, auf dem Wege nach den entfern⸗ tern Vergnůͤgungsplätzen ſieht man ſich einen beinahe ununterbrochenen, in bunten Farben ſchimmernden Zug bewegen, in den nähern höherer Gattung ſchwanken Federn und Blumen der Damen, bei Thee und Kaffee einer meiſt guten Muſik, oder dem Geſchwätz der Nachbarinnen, oder den in unſern Zeiten nicht gar zu feurigen, noch zierlichen Reden ihrer mannli⸗ chen Bekannten horchend, und daneben erſchallt aus Gartenhaͤuſern niederer Rangordnung die Geige, bei deren Ton Geſell und Lehrburſch, wohl angethan, ſich um ihre Schoͤnen, ziemlich wie Frauenzimmer von Stande angeputzt, lebhafter und zuthätiger bewegen 85⁵ als dieſe es von ihren Verehrern ruͤhmen konnen. Die fragliche Stadt bildet wie in andern Dingen, auch im allgemeinen geſellſchaftlichen Leben einen Ue⸗ bergang vom noͤrdlichen und ſuͤdlichen Deutſchland. Im erſten opfert man den Genuß, wenn man bei⸗ des zuſammen nicht haben kann, der Liebe zum Prunk auf; iſt im zweiten die Wahl nothgedrungen, ſo fällt ſie auf den Genuß, in**** herrſchen beide Arten von Sucht in geringerem Grade, und finden Raum neben einander. Im Norden ſind, unſtreitig zum Theil deshalb, weil die Genuͤſſe dieſer Art, als weniger gewohnt, ſchon den Begriff von etwas außer der Ordnung Seiendem mit ſich fuͤhren, die Epceſſe in demſelben bei der geringern Klaſſe häufiger; im Suͤden, wo Wohlleben an der Tagesordnung iſt, ſieht man dergleichen beinah nie; hier ſind ſie weder ſo häͤufig als dort, noch ſo ſelten als da. Edward Beauclerc, welcher, wie wir wiſſen, ſich nicht grade zu auf die Geſellſchaft ſeiner Landesge⸗ noſſen beſchränkte, hatte mit dem ſchon erwähnten deutſchen Grafen zu Mittag gegeſſen, und der heitere Abend, erfriſcht durch die Luͤftchen, welche von den Bergen her ſtromabwaͤrts zu wehen begannen, rief ſie zu einem Spaziergange auf. Vor der Thuͤr des Hötels fanden ſie Sir Chriſtoph, die Herren Mal⸗ 86 travers und Pearſon, welche die naämliche Abſicht hatten, in Geſellſchaft eines hier ſich ſeit etwa einem Jahre aufhaltenden Doctors der Weltweisheit, wel⸗ cher bald nach gemachter Bekanntſchaft der Schatten des kuͤnftigen Peers geworden war, ſein Schatten, nämlich auch in dem Sinne, wie man dies Wort im alten Griechenlande brauchte, welches unſere ge⸗ lehrten Leſer den geneigten Leſerinnen durch den milden Ausdruck, Tiſchfreund, uͤberſetzen werden. Dieſe Gruppe, als ſie die Heraustretenden gewahrte, for⸗ derte ſie alsbald zur Begleitung auf, mit ſo lautem Tone, in welchem Faſhionables aller Nationen ſich gewohnlich auf der Straße vernehmen laſſen, zumal nach einer reichlichen Mahlzeit. Herr Beauclerc, ob⸗ ſchon mit der Begegnung und mit der Weiſe der Aufforderung nicht eben zufrieden, glaubte derſelben doch Folge leiſten zu muͤſſen, und der Graf, den er mit einigen Worten, die beinahe einer bedauernden Entſchuldigung glichen, gleichfalls dazu einlud, willigte ein, wenn er gleich an der Vermehrung ihrer Geſell⸗ ſchaft noch weniger Behagen fand. Die Sechs ſchrit⸗ ten demnach ihres Weges, gefolgt von Jem, dem fauſtfertigen Kammerdiener, welchen ſeines Herrn Befehl zur Begleitung entboten hatte, entweder um einen Vollſtrecker ſeiner vielfaltigen Launen bei der 87 Hand zu haben, oder, wie aus dem Spätern zu er⸗ hellen ſcheint, in Folge eines Whims, der ihn heute ganz beſonders befallen. Kurz, Jem ging hinter den Herren drein, ſeiner vierſchroͤtigen Geſtalt eine Art von herausforderndem Anſtand gebend, und von Zeit zu Zeit die derben Hände aus dem Ermel ſo weit als möglich hervorſtreckend, ſie ballend, und dann mit einer gewiſſen Selbſtgefälligkeit beantlitzend. Bald wurden der Graf und Beauclerc gewahr, daß ihr Vorhaben, unter heiter ſinnigem Geſpräch zu luſtwandeln, auf eine noch unangenehmere Weiſe ge⸗ ſtoͤrt worden ſei, als es ihnen gleich geſchienen; die vier Herren, wenigſtens drei, waren nämlich merkbar vom Geiſte des Weines befangen. Bei Hugh Mal⸗ travers that ſich ſeine Herrſchaft durch noch läſſigern Gang und Geberde, durch noch träger hervorgeſtoßene kurze Worte kund, bei dem Baronet durch ein eifri⸗ ges, aber nicht ganz gluͤckliches Bemuͤhn, ſeine Wurde und die grade Linie zu behaupten, und bei dem Doctor der Philoſophie durch einen unaufhaltſamen Redefluß und hoͤchſt kuͤhne Geſtikulationen. An Maſter Pearſon war indeß nichts zu bemerken, als eine etwas erhohte Wangenfarbe, ein wiederholtes Zucken der Mundwinkel, und ein ungewoͤhnliches 88 Feuer im Blick, daß man jedoch auch einem andern Geiſte hätte zuſchreiben können. Beinahe unwillkuhrlich richtete ſich ihr Weg nach einem der Verſammlungsoͤrter der ſchoͤnen Welt. Beim Eintritte gewahrte der Graf einen Kreis bekann⸗ ter Damen, und naͤherte ſich ihm um ſo eilfertiger, als ihm wahrſcheinlich nicht viel daran gelegen war, ſich mit ſeinen zuletzt genannten Begleitern unter ſol⸗ chen Umſtaͤnden vor ſo vielen Beobachtern ausſchließ⸗ lich zu befaſſen; er fuͤhrte daher Herrn Beauclerc mit ſich und ſtellte ihn den Frauen vor, einer aber un⸗ ter denſelben insbeſondere, und auf eine gewißermaa⸗ ßen fuͤr Beide auszeichnende Art. Ein aͤchter Dandy halt Zuvorkommenheit gegen Damen fuͤr eine Her⸗ abſetzung ſeiner männlichen Dignitaͤt, mithin, da Nie⸗ mand Herrn Maltravers zur Annäherung aufforderte, begnuͤgte er ſich, die Bezeichnete eine Weile mit et⸗ was geöffnetem Munde, aus weitoffenen, mit einer Doppeltlorgnette bewaffneten Augen anzuſtarren, da⸗ rauf unter Vorausſetzung ſeines Lieblingsausdrucks ein ziemlich grobkoͤrniges Lob ihrer Geſtalt in den Bart zu murmeln, wendete ſich ſodann nicht ohne Majeſtat, und ſchritt gemachſam dem Eingange wie⸗ der zu. Seine Tafelgenoſſen folgten ihm auf dem Fuße. Zwar hatte es Sir Chriſtoph Cubbs auf 89 Cubbsabbey bei weitem nicht zum Dandy gebracht, zwar war er nichts weniger als weiberſcheu, und be⸗ fand ſich vor Allem gern in Geſellſchaft hoͤherer Stände, aber ſein Bewußtſein und ſeine Kniemus⸗ keln bedeuteten ihn, er werde in ſolcher fuͤr den Augenblick keine ſehr vortheilhafte Rolle ſpielen. Der Doktor, deſſen Bekanntſchaften mit dem zweiten Ge⸗ ſchlecht ſich wahrſcheinlich nie uͤber eine gewiſſe Staf⸗ fel verſtiegen hatte, fuͤhlte ſich in Beruͤhrung mit dem, was daruͤber hinaus war, von einer Scheu befangen, die er bedeutenden Maͤnnern gegenuͤber ſich wenigſtens nicht eingeſtehen wollte, er veraͤnderte da⸗ her ſehr gern den Platz; uͤbrigens hegte er gegen den Grafen, den deutſchen Ariſtokraten, den gebuͤh⸗ renden Widerwillen, und ſo ging er denn billig dem Britiſchen nach. Auch Herr Mearſon blieb ſeinen Tafelgenoſſen treu, und nicht dieſe, aber einige Um⸗ ſtehende bemerkten, daß er ſich im Schreiten mehr⸗ mals nach Jem umſah, und, als dieſer, vermuthlich in Folge der gewohnten Studien daſtehen blieb, dä⸗ miſch und verwogen zugleich die bunte Menge an⸗ glotzend, ihm mit gedaämpfter Stimme rief. Zu dem Eingange gekommen, hielt die Geſell⸗ ſchaft ein wenig ſtill, und ſchaute um ſich her und ſchwieg, wahrſcheinlich weil ſie nichts zu reden wußte, 90 bis Herr Pearſon, der uͤberhaupt heute eine beſon⸗ dere Lebhaftigkeit angethan hatte, ſie auf eine luſtige Tanzmuſik aufmerkſam machte, die aus einem nah⸗ gelegenen Garten,„Entree einen Groſchen der Cha⸗ peaux, Orcheſter apart“ ſich hoͤren ließ. An⸗ fangs merkte der ehrenwerthe Herr Maltravers nicht darauf, aber ſein philoſophiſcher Client bemerkte, wie es fuͤr einen ſinnigen Leeiſenden hoͤchſt ergötzlich und unterrichtend ſei, das Leben in ſeiner ganzen Fuͤlle und Wahrheit, und die Nationalität der Bewohner eines Landes in ihren unverhuͤllten Erſcheinungen zu belauſchen. Vergeblich, fuhr er fort, wird man ſich bemuͤhen, den wahren Volkscharakter in den Cirkeln der Vornehmen kennen zu lernen, die ſich uͤberall hleich ſind, und eigentlich zu gar keiner Nation, oft am wenigſten zu der ihrigen gehoͤren. Wer ſich be⸗ lehren und ergoͤtzen wlll, ſchaue dem Treiben derer zu, welche der Kern der Nation, ja eigentlich die Nation ſelbſt ſind. Fuͤr Beides, hochgeehrter Herr, meine ich, werden Sie in dieſem Tempel ungeſchmink⸗ ter Freude eher Ihre Rechnung finden unter aͤcht deutſchen Naturen, als in dem ſteifen Damenkreiſe dort, bei alltäglichem vornehm heißendem Geſchwätz.— Sagen Sie mir doch— ſprach Maltravers, wie man horen wird, keinesweges in Antwort auf das Ge⸗ 91 ſprochene: wer war die Lady, welche der Graf Herrn Beauclerc vorſtellte? Gott verdamme den Pfuſcher, der meine Lorgnette gemacht hat, wenn ſie nicht teu⸗ felmäßig huͤbſch iſt.—— Es ſchien, als ſei es dem Privatgelehrten nicht beſonders angenehm, die Auf⸗ merkſamkeit ſeines Goͤnners auf einen Gegenſtand die⸗ ſer Art gerichtet zu ſehn, vielleicht, weil in dieſer Sphaͤre die guten Dienſte, die er in einer niedri⸗ gern leiſten konnte, nicht anzubringen waren, doch antwortete er: dieſe Dame iſt fremd hier, ſehr reich, und gewiſſermaaßen in einiger Verbindung mit r erlauchten und großherzigen britiſchen Nation. Ihre Schweſter iſt einem Engländer vermaͤhlt, einem Lord, Sefferton, glaub' ich, iſt ſein Name.— Er ſagte noch Einiges, aber Hugh Maltravers hoͤrte ihn nicht, er ſchien in eine Reihenfolge wichtiger Gedanken zu verſinken, an die gleichſam als Ergebniß ſich die Worte ſchloſſen: Gehen wir denn da hinein: Halt dich bereit, Jem, und erinnre dich, du habeſt die Ehre, ein Englaͤnder zu ſein.— Um das geheimnißvolle Dunkel, das uͤber des jungen Noblemanns abgeriſſener Rede, uͤber Jems Begleitung und der an ihn gerichteten Aufforderung liegt, muͤſſen wir eines Entſchluſſes erwaͤhnen, wel⸗ chen der Held dieſer Erzahlung bei der Mittagstafel 92 zwiſchen der vierten und fuͤnften Flaſche gefaßt hatte. Die Rede war, wie jetzt gemeiniglich geſchieht, auf Verfaſſungen gekommen, von da auf die Ariſtokra⸗ tie, welche in dem Doktor nicht bei jeder Veranlaſ⸗ ſung einen gleich eifrigen Widerſacher fand, ſodann durch dieſen gefällig auf das edle Geſchlecht der Mal⸗ travers geleitet, und endlich beim gegenwärtigen Stell⸗ vertreter deſſelben ſtehn geblieben. Sein dereinſtiger Nachfolger und Erbe hatte zwar nicht mit Mißfallen von der langen Reihe ſeiner Vorgänger ſeit Wilhelm dem Eroberer geſprochen, aber, wie er pflegte, des letzten unter ihnen in wenig ehrerbietiger Weiſe ge⸗ dacht, und unter andern ſeiner Lehren und Rath⸗ ſchläge mit einer Ironie erwahnt, die, wo nicht um ſo beißender, doch um ſo derber ward, je mehr Ma⸗ ſter Pearſon durch manch eingeſchobenes Woͤrtchen des Neffen Witz zu immer lebhaftern Spruͤngen trieb. Plotzlich aber ward der ehrenwerthe Maltravers ernſt und nachdenkend: bei genauerer Erwägung jener Rath⸗ ſchlage war ihm plotzlich eingeleuchtet, einer unter ih⸗ nen koͤnne doch vorzugsweiſe Befolgung verdienen, ſeine Wahl fiel auf den, welcher Jem betraf, und er beſchloß, Jem ſolle boxen. Daher deſſen Beglei⸗ tung und Gladiatorengeberde. 93 Indeß war dies Vorhaben durch die Begegnung des Grafen und Beauclerc, und noch mehr durch die Duͤnſte des Weines, die es hervorgebracht, in Ver⸗ geſſenheit gerathen; da aber der Doktor die Schwe⸗ ſter der Lady Sefferton nannte, fuhr es durch das Gehirn ſeines Amphitryon wie eine dunkle Erinne⸗ rung, als habe ihm der Lord Marquis auch im Be⸗ treff dieſer Dame eine Art Rathſchlag ertheilt; an dieſe band ſich das wiederkehrende Bewußtſein deſſen, den er an der Mittagtafel beliebt hatte, und die Vor⸗ ausſetzung, ein Ort, wo, wie der Lehrer der Welt⸗ weisheit ſagte, deutſche Kraft ſich ſo ungebunden gehabe, duͤrfte ein wurdiger Schauplatz fuͤr den Tri⸗ umph der britiſchen ſein. Nachdem er alſo Jem die obige Ermahnung zugerufen, trat er in das Garten⸗ haus, und gleich drauf in den Tanzſal. Der Baro⸗ net, der in anderer Verfaſſung wohl manches gegen ein Heldenſtuͤck gehabt haben wuͤrde, das ihm ſchon bei der Ankuͤndigung wenig behagte, hatte von dem Allen nichts gehoͤrt, und folgte wie Einer, dem es ganz einerlei iſt, wohin er geht; der Privatgelehrte unter wiederholten Verſicherungen, er ſei ein leiden⸗ ſchaftlicher Verehrer des Pugilats, wie denn einem kraftigen Gemuͤth gleich dem ſeinen, jede Aeußerung der Kraft, phyſiſcher oder moraliſcher, wahlverwandt 94 und Genuß gewährend ſei; Pearſon zwar ſtillſchwei⸗ gend, aber mit einer Art Haß, und den Jem nicht aus dem Augen verlierend. Kaum hatten ſie das mit Talglichtern hell er⸗ leuchtete Vauphall des Kernes der Nation betreten, als ſich die ſeltſame Abſicht, in der dies geſchah, kund zu thun begann, aber auf eine Weiſe, welche in Sir Chriſtoph und den Doktor ihre bereitwillige Nachfolge bereuen ließ; denn der edle Abkömmling normanniſcher Ritter fing ohne weiteres damit an, den Fehde Handſchuh hinzuwerfen, den ſein Knappe einloſen ſollte. Er ſchritt von der Thuͤre grad aus vorwaͤrts, ohne rechts zu blicken noch links, nicht nur bis an den Raum der Tanzenden, ſondern ei⸗ nen guten Schritt weit in deſſen Umkreis hinein, und ſtand da, ſteif und gerade, und das Glas vor den Augen, ohne auf das Befremden Acht zu geben, das ſeine plotzliche Erſcheinung einem„hagern Geiſte gleich, der in den Kreis der Freude tritt“ erregte, noch auf das des allmählig durch die Furcht ſich ernuͤch⸗ ternden Baronets, noch auf die dringenden Bitten des vom Uebermuth plötzlich zur Wehmuth herabgeſtimm⸗ ten Doktors. Herr Pearſon aber ſagte kein Wort. Es konnte nicht fehlen, daß die Koͤrper, in deren Sphärenbahn er kuͤhn geſchnitten war, ihn ſehr oft 95 unſanft beruͤhrten, und da die Meiſten den ſeinigen bei weitem an Umfang und ſpezifiſcher Schwere uͤber⸗ trafen, ſo thaten ſie auf ihn die Wirkung der rol⸗ lenden Boßkugel auf den ſchlanken Kegel, ſie ſchleu⸗ derten ihn nämlich eine gute Strecke fort. Aber ſo oft er in großter Schnelle dieſe ruͤckgängige Bewe⸗ gung gemacht hatte, eben ſo oft nahm er gemeſſenen Schrittes wieder ſeinen Platz ein. Lange uͤberſahen das die Tanzenden, entweder weil ſie zu ſehr mit ſich ſelbſt, mit ihren Schoͤnen, und mit ihrem Ver⸗ gnuͤgen beſchaͤftigt waren, oder aus der den Deutſchen eignen Nachſicht gegen Fremde, und noch behauptete Hugh Maltravers gleich einem oft zuruckgeſchlagenen aber unuͤberwundenen Feldherrn ſeinen Platz, als das Orcheſter, welches fur den entrichteten Groſchen genug ge⸗ leiſtet zu haben glaubte, plötzlich verſtummte und an⸗ dere Tänzer nach verabreichtem pränumerativen Ho⸗ norar die Stelle der Abgehenden einnahmen. Dadurch ward zum Nachbar des uͤberläſtigen Zu⸗ ſchauers ein ſtämmiger Sohn des weit entlegenen Schwabens, ein Fleiſchergeſell, der auf ſeine Tänze⸗ rin ſehr verliebte Blicke, auf jenen aber einen warf, der beinahe geringſchatzig zu nennen war, gleich als betrachtete er mit dem Kennerauge ſeines Handwerks ein allzumageres Schlachtſtuͤck. Der Brite wuͤrdigte 96 ihn des Anſchauens nicht, wohl aber die neben ihm ſtehende Schoͤne, welche in der That, wenigſtens fuͤr einen nicht verwoͤhnten Beurtheiler dieſes Namens werth heißen konnte, dann erhob er ſeine Hand, ge⸗ machſam und gravitätiſch, wie einſt Ahasver die be⸗ ſcepterte gegen Eſther, und kniff ſie in die von der Erhitzung des Walzens gluͤhende dunkelpurpurfarbene Wange. Wir wiſſen nicht, wie das Maͤdchen unter andern Umſtänden vielleicht dieſe ſultaniſche Huldbezeugung aufgenommen haben wuͤrde, jetzt nöthigte ihr aber die Gegenwart ſo vieler Zeugen und ihres„Schatzes“ zumal, einen kleinen Schrei und ein unwilliges Zu⸗ ruͤckweichen ab; der Schatz hingegen verzog das Ge⸗ ſicht merklich, und trat mit unterſchlagenen Armen und geſpreizten Beinen vor ſeinen Nebenbuhler aus dem Stegreif. Doch war in der Art, wie er dieſen ſtarr anſah, eben nichts beſonders Feindſeliges, er ſchien vielmehr zu uͤberlegen, ob es der Muͤhe ver⸗ lohne, mit dieſer Menſchenfigur, welche ihm vorkam, wie die Seele im Orbis pictus, einen ernſthaften Streit anzufangen. Auch ſtörte dieſe vorläufige De⸗ monſtration den Gleichmuth Herrn Maltravers nicht im Mindeſten; er wendete den langen Hals, und ſagte nach ſeiner Gewohnheit in hoͤchſt gedehntem 97 Tone zu dem Dektor, der zwiſchen Beklommenheit und Neugier getheilt, auf den Zehen hinter ihm ſtand: Dam! that is a preity giel.— Da ſchwoll dem Metzger der Kamm, und er rief: Was ſagt Er? Ein impertinenter Kerl wär ich? Suche er ſich ſeine Damen anderswo, Monſieur Duͤrrbein, ſonſt werde ich ihm ſchon zeigen, daß das meine Dame iſt und nicht ſeine, wenn er Courage hat.— Seine Stellung ward dabei zu einer dro⸗ henden, aber auch das focht unſern Helden nicht an, er ſprach mit Nachdruck das einzige Wort„Jem“ und Jem, der eben am Schenktiſche ſich von dem Abſtande zwiſchen deutſchem Wachholderbranntwein und dem veritablen Ginevre uͤberzeugt hatte, trat vom Maſter Pearſon auf den Ruf ſeines Herrn aufmerk⸗ ſam gemacht, mit kuͤnſtleriſchem Anſtande herbei, warf ohne ein Wort zu ſprechen, den Rock von ſich, ſtreifte die Hemdärmel auf und wirbelte die Fäuſte uͤbereinander. Einige der Gegenwaͤrtigen meinten, als ſie den ſtellvertretenden Champion ſahen, das ſei nicht recht, wer die Suppe eingebrockt habe, muͤſſe ſie auch ſelbſt aufeſſen, das ſei ſo Sitte„ nicht aber einen Andern vorzuſchieben ſtatt ſeiner„zumal wenn ein Unterſchied zwiſchen beiden ſei, wie zwiſchen einem Windhunde und einem Bullenbeißer. Der Metzger 7 98 ſprach indeß mit dem ganzen Stolze ſeines Berufs: Meinetwegen: Denkt ihr, ich könne mit einem Bul⸗ lenbeißer nicht fertig werden? Der Andre da, iſt gar nicht einmal der Arbeit werth; wenn es ihm nach⸗ her beliebt, kann er auch daran kommen.— Und damit zog er ſeinen Sonntagsrock aus, legte ihn fein bedäͤchtlich zuſammen, gab ihn ſeiner Tänzerin in Verwahrung, und ſtellte ſich dem neuen Widerſacher gegenüber. Schnell ward um die beiden Gladiatoren ein kreisförmiger Raum leer, um welchen die ſämmtliche Tanzgeſellſchaft ſich neugierig drängte, und uͤber die Schultern des fort und fort linealgraden Ehrenwer⸗ then lugte der Doktor mit getheiltem Herzen, nicht recht wiſſend, ob er der germaniſchen oder der briti⸗ ſchen Kraft den Sieg wuͤnſchen ſolle. Aber dieſer war ſchon entſchieden, ehe er daruͤber mit ſich einig geworden, denn ehe der Kuͤnſtler nach den Regeln des Pugilats den entſcheidenden Bauchſtoß anbringen konnte, traf ihn von der Fauſt des Naturaliſten ein Schlag auf den Kopf, ein Schlag, der wohl ein jähriges Stierkalb dahin geſtreckt hätte, wo Jem im naͤchſten Augenblicke lag. Ein lautes Beifallshalloh der Stammgäſte be⸗ gleitete den Fall; der Schwabe aber durch Kampf . 90 und Sieg erhitzt, zeigte eine entſchiedene Luſt, auch ein Wörtchen dieſer Art mit dem Urheber des gan⸗ zen Auftrittes zu wechſeln, Bruder Bamberger, Bru⸗ der Chemnitzer und ſo weiter, ließen eine entſchiedene Geneigtheit blicken, nicht laͤnger muͤfige Zuſchauer zu bleiben, und der Kreis um Hugh Maltravers wurde immer enger und dichter, immer näher kamen funfzig erhobene ruͤſtige Haͤnde dem zarten jetzt et⸗ was bleichen Geſicht des kuͤnftigen Peers von Groß⸗ britannien. Er war in der That nicht in der ange⸗ nehmſten Lage, ſein Sancho Pansa lag neben ſeinem Rock ſinnlos auf der Erde, vom Baronet und Herrn Pearſon war nichts zu hoören, noch zu ſehen, und des kleinen Doktors gewaltſame Spruͤnge und Geſtikula⸗ tionen machten wenig Eindruck, nicht einmal die Worte, in welchem er mit krähender Stimme und gänzlichem Vergeſſen ſeines Adelshaſſes, von vorneh⸗ men Englandern ſprach, von Mylords, die ihrer Gui⸗ neen wegen die Achtung ſeiner wackern deutſchen Landsleute verdienten. Jetzt fing der Geiſt der Rebe an, auch aus Mal⸗ travers Gehiru zu weichen, indem er ſich, vielleicht weil er andere verwandte Geiſter dort angetroffen, bis jetzt hartnäckig behauptet hatte, und der Herausfor⸗ derer begann ſeinen Ruͤckzug antzutreten, denn ſo 7* 100 hatte er es nicht gemeint. Er gerieth jedoch noch innerhalb der Thuͤre in einen Hinterhalt, und wer weiß, was ſich begeben hätte, wären nicht von dem Läͤrm herbeigerufen, zwei verordnete und verpflichtete Friedenſtifter erſchienen, Polizei⸗Gensdarmen näm⸗ lich. Bei ihrem Auftreten folgte eine allgemeine Stille, ſie erkundigten ſich mit amtlicher und unpartheilicher Genauigkeit nach der Urſache und dem Anſtifter der Streitigkeit, und da ſich das Unrecht unwiderleglich auf der Seite des Englaͤnders befand, erſuchten ſie denſelben mit hoflichen, aber eindringlichen Worten um ſeine Begleitung auf das Polizeiamt. Der Aufgeforderte ſchickte, der Gewalt der Umſtände weichend, ſich an ihnen Folge zu leiſten, und in der That mit recht guter Art und einer unbefangenen Ruhe, welche beinah muthmaaßen ließ, ſo etwas be⸗ gegne ihm nicht zum erſten Mal, und er wuͤrde in etwas auffälliger Begleitung einen unfreiwilligen Spa⸗ ziergang durch einen großen Theil der Stadt haben machen muͤſſen, wäͤren nicht der Graf und Herr Beauclerc eingetreten. Sir Chriſtoph von ſeinem Rauſche gänzlich befreit, war nach dem nahen Gar⸗ ten geeilt, um ſie zu Huͤlfe deſſen zu rufen, an deſ⸗ ſen unzerbrochnen Gliedmaßen ihm in zwiefacher 101 Hinſicht nicht wenig lag: Maſter Pearſon indeß hatte den Weg nach dem Gaſthof eingeſchlagen, und bereits eine Viertelſtunde darauf theilte er Herrn Clément das Abentheuer mit, uͤber deſſen Entwick⸗ lung er ſich mit vieler Gelaſſenheit bis auf weitern Bericht getröſtete. Dieſer ward ihm auch in kurzer Friſt, obſchon unvollkommen, durch den Doktor der Weltweisheit, der ſich bei der Ankunft der Gensdar⸗ men aus dem Staube gemacht hatte, kluͤglich vor⸗ ziehend, allein nach der Stadt Peking zu wandern, als mit dieſen und mit ſeinem Gönner nach dem ihm widerwaͤrtigen Polizeiamte. Die Vermittlung des geachteten Grafen, welche er dem nicht verſagen wollte, in deſſen Geſellſchaft man ihn mehre Male geſehen, blieb nicht ohne Er⸗ folg; die erzuͤrnten Stammgäſte beguͤtigten ſich, und die Gensdarmen zogen ſich zuruͤck, im Stillen mit einem Ehrenſolde von Sir Chriſtoph Eubbs begabt, der bei ſich ſelbſt ein Hoſianna uͤber den gluͤcklichen Ablauf der Sache anſtimmte. Im erſten Augenblick richtete Herr Hugh Mal⸗ travers in der That an ſeinen Befreier ein paar Worte, die einer Dankſagung ahnlich klangen, aber kaum aus dem gefährlichen Hauſe entfernt, änderten ſich ſein Sinn und ſeine Aeußerungen. 102 Ich will verdammt ſein, hob er an, wenn Sie, werther Herr Graf, mir nicht eigentlich einen recht ſchlimmen Streich geſpielt, und mich um eine ſehr ergoͤtzliche Viertelſtunde gebracht haben. In London iſt, wie Ihnen wohl bekannt ſein wird, eine Schlaͤ⸗ gerei zwiſchen jungen Leuten von gutem Ton und Watchmans und andern Helfershelfern der Polizei gar nichts ſeltenes, und es vergeht kaum eine Nacht, in der ein Sproͤßling der Ariſtokratie nicht das Wachthaus zu ſehen bekäme. Das iſt mir ſelbſt mehr als zwanzig Male begegnet, und Sie glauben gar nicht, was fuͤr ein Vergnugen es iſt, wenn das Geſicht des Sergeanten, erſt ſo voll amtlicher Falten, wie ein leerer Tabacksbeutel, bei Nennung eines er⸗ lauchten Namens nach und nach glatt wird, und endlich glänzend wie der Vollmond durch die Zauberkraft einer Guinee, und wie das Gerichtsdienerpack, das ſich auf der Straße bärbeißig gehabte gleich einem neuſeelaͤndiſchen Packhunde beim Anblick von ein paar Kronen ſo zuthulich wird, als der Mops eines de⸗ voten alten Weibes, und wie ſie zuletzt mit vie⸗ ler Artigkeit dem ehrenwerthen Sir oder Seiner Herrlichkeit eine geruhſame Nacht wuͤnſchen.— Etwas trocken verſetzte der Graf: Ich zweifle, daß hier die Erkennungsſcene ſo glänzend ſein wurde. 103 Man hat bei uns nicht Ehrfurcht genug vor Titeln, daß ſie Vergehungen gegen Schicklichkeit und Ge⸗ ſetze zur Aegide dienen duͤrften, und weil dem ſo iſt, halten die deutſchen Edelleute, wenigſtens die wie ich denken, fur ein erhoͤhtes Erforderniß der Zeit, durch ihr Thun ihren Stand nicht in der Meinung, her⸗ abzuſetzen, auf der die Aufrechthaltung ſeiner Vor⸗ zuge mehr als ſonſt beruht.— Ja, ſehn Sie da die Trefflichkeit unſerer briti⸗ ſchen Verfaſſung: belehrte ihn Maltravers: bei uns grundet ſich die Ariſtokratie nicht auf Meinung, ſon⸗ dern auf wirkliche Rechte, und der Meer bleibt Peer und Mitglied des hoͤchſten Senats, und der Noble⸗ man Nobleman, und ſchluge er ſich alle Tage mit zehn Kerlen vom Pöbel herum.— Ich höre Herrn Maltravers ungern ſo ſprechen: fiel Beauclerc mißmuthig ein: und verſichre Sie, Graf, daß nicht der ganze engliſche Adel deſſen Be⸗ griffe von ſeinem Stande, und was dieſem gebuͤhrt, theilt, und daß es auch unter unſern Peers viele giebt, welche noch Edelleute genug ſind, um ſich nicht herum zu ſchlagen, und uͤberhaupt nichts zu thun, was den Mann oder ſeine Klaſſe herabſetzen koͤnnte.— 104 Beide unmittelbare Zurechtweiſungen waren ſtark genug, doch ſchienen ſie keine große Wirkung hervor⸗ zubringen; da Beauclerc und der Graf ihre Schritte dem Salon zurichteten, in welchem die Geſellſchaft, die er jenes Intermezzo willen verlaſſen, beim Abend⸗ eſſen zuſammen geblieben war, ſo ging Maſter Mal⸗ travers mit ihnen, und erſuchte unterweges den Gra⸗ fen beiläufig, ihn der Schweſter der Lady Sefferton vorzuſtellen. Die Regeln des guten Tons nothigen oft manches zu gewähren, was man lieber verſagt hätte, es geſchah denn, wie er gewollt, und er blieb, wir wiſſen nicht, ob zu der jungen Dame beſonderm Vergnuͤgen den ganzen Abend durch ihr beſtändiger Unterhalter. Wieberum verſtrichen einige Wochen, während denen die Originalität der Hauptfigur unſerer Er⸗ zählung ſich, einmal in Bewegung geſetzt, einen immer freiern Spielraum verſtattete, ſo daß ſie, naͤmlich dieſe Figur, in der Stadt** eine Art von Publicität erwarb, doch nicht von einer Art, welche Jebermann wuͤnſchenswerth ſein möchte, wie⸗ wohl es nicht an Beifallſpendenden fehlte. Der Ba⸗ ronet, welcher doch im Anfange ſich einige Male in der Rolle eines ermahnenden Freundes verſucht, 105 und deſſen pflegmatiſche Beſonnenheit der pflegmati⸗ ſchen Thorheit ſeines Reiſegefährten zum Gegenge⸗ wicht gedient hatte, war nach dem erwähnten Vor⸗ falle minder geneigt, immer ſein Begleiter zu ſein, beſonders da er in einen politiſchen Clubb eingefuhrt worden war, aus Finanz⸗und Geſetzmännern beſte⸗ hend, alles ehrbare und angeſehene Männer, die an nichts weniger dachten, als an eine Umwaͤlzung des Staats. So waren denn Herrn Maltravers ge⸗ wohnliche Geſellſchafter der Doktor und Herr Pearſon, und wir muͤſſen bekennen, daß der Zweite nicht weniger als der Erſte ſich immer bereitwillig zeigte, ſich den Launen des Dritten zu fuͤgen. Der Pri⸗ vatgelehrte ließ ſich mit Selbſtgefuͤhl den ihm gebuͤh⸗ renden Theil des Ruhmes nicht entgehen, der man⸗ chem Abentheuer folgte; Maſter Pearſon war be⸗ ſcheidener, er begnuͤgte ſich, es in Gang gebracht zu haben, und trat gewoͤhnlich im Augenblick der Ausfuͤhrung in den Hintergrund zuruͤck. So be⸗ ſchaͤftigt indeß Herr Maltravers dem zufolge war, unterließ er doch nicht, ſeine Bekanntſchaft mit der jungen Gräfin fortzuſetzen, ob ihm ſchon dazu keine ſonderliche Aufmunterung wurde. Wie wir ſchon erwähnt, iſt man in**** waͤh⸗ rend der ſchonen Jahreszeit wenig heimiſch, beſon⸗ 106 ders bei einem ſo angenehmen Sommer, als er dem ſchlimmen Fruͤhling gefolgt warz alſo wenn gleich des engliſchen Noblemans erſter Beſuch im Hauſe der Verwandtin, bei welcher die junge Dame ſich aufhielt, auch der letzte geweſen und ihm keine Einladung gefolgt war, ſo hatte er doch oft genug Gelegenheit ſie zu ſehen, bei den Landparthieen, zu welchen er ſich ebenfalls unaufgefordert einfand, ſo oft ihn nicht eine Luſtbarkeit etwas niedriger Gat⸗ tung davon abhielt. Wir hoffen, unſre Leſerinnen haben beim Be⸗ ginnen dieſer Erzählung ſich nicht auf eine Liebesge⸗ ſchichte gefaßt gemacht, auch können wir vorausſe⸗ tzen, daß ſie in der Folge die Hauptperſon kaum zum Helden einer ſolchen tauglich gefunden haben wer⸗ den, doch muͤſſen wir der Wahrheit zur Ehre berichten, daß dieſelbe der Gräfin den Hof machte, wiewohl freilich auf ihre Art. Huͤbſch war ſie, das hatte Maſter Maltravers, wie wir wiſſen, ſchon bei ſeiner Verdammniß be⸗ kraͤftigt, wenigſtens ſo hubſch, als die Schöne vom Tanzboden, und andere der Gattung, mit welchen Bekanntſchaft zu machen, ihm beſſer als bei dieſer gegluͤckt war; das aber war von geringem Einfluße auf die aus ihrer Lethargie erwachenden Gefuͤhle des 107 Neffen Seiner Lordſchaft von Queensdowne. Was dieſe ihm geſchrieben, hatte ſie geweckt, der kurore, den die ehrenwerthe Miſtreß Hanbury in Almac ge⸗ macht, die Gunſt in welcher Lady Sefferton in Windſor ſtand, vor allem aber die Sinecure und die fuͤnftauſend Pfund jaͤhrlich. Daß in London der Katholicismus fashion war, galt dem fashionable auch fuͤr etwas, und kurz, ob er gleich an den Rathſchlägen des Lord Marquis ſeinen Witz zu ſchärfen pflegte, meinte er doch, er könne wohl al⸗ lenfalls auch dieſen befolgen, der immer ſo gut wäre, als der den Jem und ſein Boxen betreffend, ja nach dem Ausgange, den der genommen, vielleicht noch beſſer. Wir haben geſagt, daß er der Graͤfin den Hof auf ſeine Art machte. Um dieſe zu bezeichnen, wird es genug ſein, wenn wir berichten, daß die Dame, unbe⸗ kannt mit der Weiſe der Dandys,(denn die Deutſchen wußte ſie fern zu halten, und von den engliſchen hatte Lord Sefferton bei der Werbung um ihre Schweſter ihr kein Beiſpiel aufgeſtellt,) geraume Zeit nicht wußte, was das Andrängen Herrn Mal⸗ travers an ſie eigentlich bedeute, oder was er uͤber⸗ haupt wolle. Manchmal ſchien es ihr, als treibe ihn die Langeweile, die auf ſeinem Geſichte deutlich 108 zu leſen war, auch Andern Langeweile zu machen, dann glaubte ſie wieder, und das war in ſeinen lie⸗ benswuͤrdigſten Augenblicken, er halte es dem guten Ton angemeſſen, eine Dame beſonders auszuzeich⸗ nen, und wiſſe nur nicht recht, wie er es anfangen ſollte, an zwangloſere Geſellſchaft gewöhnt, denn das Geruͤcht von ſeiner Lebensweiſe war auch ihr zu Oh⸗ ren gekommen; bald ſchrieb ſie wohlwollend ſein ſon⸗ derbares Benehmen dem Spleen zu, aber gar nicht ſelten kam es ihr wieder vor, als unterfange er ſich, eine Art von Spiel mit ihr zu treiben, ein beleidi⸗ gendes ſogar, und dazu gaben ihr in der That die wunderlichen, oft ſcharfen Worte, und das ſeltſame, beinahe geringſchätzige Lächeln Urſach, mit welchen er der Dandy die Luͤckenhaftigkeit ſeines Ideenganges und ſeiner Unterhaltung, und den mangelnden Witz zu erſetzen glaubte. Kurz, Hugh Maltravers war ihr ein Räthſel, welches zu ergrunden ſie ſich jedoch nicht viel Muͤhe gab, an ſeine eigentliche Abſicht aber dachte ſie gar nicht, denn auf dieſe wieß ſein Betragen auch nicht im mindeſten hin, uͤbrigens entfernten ſie von ſolcher Vermuthung des Englän⸗ ders Perſoͤnlichkeit und ihre eigenen, wie ſie glaubte, ihm nicht unbekannten Verhältniſſe zu einem An⸗ dern. 109 Sie ſollte indeß nicht lange in Ungewißheit blei⸗ ben, der Exſpectant der engliſchen Peerswuͤrde war nicht der Mann, lange zu verzogern, was er ſeiner Meinung nach, zu Stande bringen konnte, wenn es ihm gefiel, am wenigſten einen Liebesroman, denn er glaubte wirklich einen ſolchen zu ſpielen, weit in die Länge zu ſpinnen. An einem beſuchten Badeort, nicht weit von der Hauptſtadt gelegen, wohin er, da er wußte, der Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche befinde ſich dort, Herrn Edward Beauclerc ſeine Begleitung ziemlich wieder⸗ willig aufgedrungen, beſchloß er, durch das Feuer mehrer Flaſchen begeiſtert, der Graͤfin ihr Gluͤck zu verkuͤndigen. Er nahte ſich alſo nach aufgehobener Tafel dem Sopha, auf welchem ſie Platz genom⸗ men, und warf ſich nachläſſig in einen Armſtuhl neben dieſem, und nachdem er ſich ein oder zweimal gedehnt, ſeine Binde aufwaͤrts geſchoben, und mit der Hand ſein duͤnnes Haar in Ordnung gebracht hatte, eroͤffnete er ihr, nicht darauf achtend, daß die Geſellſchaft zahlreich genug war, daß ein Aparte nicht unbemerkt bleiben konnte, mit gedehntem und leid⸗ lich lautem Tone, wie er entſchloſſen ſei, ihr den Na⸗ men einer ehrenwerthen Miſtreß Maltravers zukom⸗ men zu laſſen, und, was nicht lange dauern könnte, 110 wenn, dies war ſein anmuthig ſpaßhafter Ausdruck, wenn ſein alter Oheim ſein Gepaͤck abgebrochen habe, ſie zur Marquiſe von Queensdowne zu er⸗ heben. Die Gräfin erwiederte das mit einem befremde⸗ ten Aufſchlagen der Augen und nach einer Pauſe mit den Worten: Ich weiß nicht, mein Herr, ob dergleichen Scherze in der guten Geſellſchaft von London gebraͤuchlich ſind; hier, glaube ich, iſt das nicht der Fall, wenigſtens wird ein ſolcher jetzt das erſte Mal an mich gerichtet.— Als er indeß darauf bei Strafe der Verdammniß betheuerte, es ſei ſein volliger Ernſt geweſen, und mit bewunderungswuͤr⸗ diger Zuverſicht die Frage hinzufuͤgte, was ſie in dieſem Falle wohl antworten werde, verſetzte ſie ernſter: Dann wuͤrde ich ſagen„ daß ein ſolcher Antrag nach einer ſo kurzen und fluͤchtigen Bekannt⸗ ſchaft wenigſtens ein unzeitiger genannt werden muß.— Die Selbſtgefälligkeit des Nobleman ſah in dieſem Beſcheide wenigſtens eine halbe Geneh⸗ migung, und dabei etwas deutſche Ziererei, die fuͤr ſchicklich halt, aufzuſchieben, weſſen ſie im Innern am liebſten gleich lebhaft wuͤrde; er fragte demnach wiederum, die Gewißheit des Sieges, ſo weit ihm das gelaͤufig vor, das heißt nothduͤrftig, unter einer 11¹ matten Nachahmung zärtlichen Eifers verbergend: So darf ich denn hoffen, Comtesse, daß eine längere Bekanntſchaft Ihnen meine Bewer⸗ bung angenehm machen könnte?— Da ſagte die junge Dame, verletzt durch den Antrag und deſſen Weiſe mit einem geringſchätzigen Lächeln: Ich rathe Ihnen nicht, das zu hoffen, mein Herr, ich glaube vielmehr, eine längere Bekanntſchaft mit Ihnen durfte grade das Gegentheil thun.— Herrn Maltravers Empfindungsvermogen war ge⸗ rade das zarteſte nicht, aber dieſe Rede doch ſpitz genug, durch den Armadillpanzer zu dringen, wel⸗ chen Temperament und Gewohnheit um daſſelbe an⸗ geſchallt hatten; er ward ein wenig roth, ruͤckte wieder an ſeiner Halsbinde, fuhr abermals mit den Fingern durch die Haare, und ſagte, da ihm grade nichts anders einfiel, als grob zu werden, zur Grä⸗ fin, welche ſchon aufgeſtanden war, um ſich von dem läſtigen Geſellſchafter zu entfernen, der, nachdem er als Werber aufgetreten, noch laͤſtiger geworden war: Ich danke Ihnen, Madame, daß Sie mir die Probezeit erlaſſen, und mich jetzt ſchon uͤberzeu⸗ gen, daß Mylord mein Oncle radotirte, als er mich glauben machen wollte, man koͤnne in London und 112 am Hofe Gefallen an einer deutſchen Zierſproden finden. Es war ein trivialer Ausdruck, den er ge⸗ brauchte, und von welchen er trotz ſeines mangelhaf⸗ ten Franzoſiſch in den Kreiſen von Paris, welche er am fleißigſten beſucht, einen nicht unbedeutenden Vorrath geſammelt hatte—„mijaurée“ heißt er. Dem Verdruͤßlichen, was der Sache beiwohnte, hatte bei der Gräfin ihre lächerliche Seite bis jetzt ungefaͤhr das Gegengewicht gehalten, aber ein Wort, wie dieſes, was man beinah ein Schipfwort nen⸗ nen kann, traf die ſittige und vornehme Jungfrau allzuhart, und haſtig der uͤbrigen Geſellſchaft zu⸗ ſchreitend, koſtete es ſie einige Muͤhe, die Faſſung wieder zu gewinnen, die eines ſolchen wegen, wie unſer Held, verloren zu haben, ſie ſich doch ei⸗ gentlich zum Vorwurfe machte. Der Erwähnte ſtellte indeß ein erhabnes Bild der Stoa und des Selbſtbewußtſeins dar; lang, ſteif und ruhig ſtand er, als ſei das Vorgefal⸗ lene nicht der Muͤhe werth, auch nur einen Augen⸗ blick weiter daran zu denken, ja er lächelte ſogar mit der gewoͤhnten Bedeutſamkeit, wie Einer, der eine glaͤnzende Rolle beifallswuͤrdig durchgefuͤhrt hat. Sie ſollte indeß noch nicht gänzlich ausgeſpielt ſein. 113 Der Graf hatte ſchon fruͤher die Blokade bemerkt, mit welcher der Engländer die jungfräuliche Feſtung umgab, deren Einnahme ihm ſelbſt ſchon durch frei⸗ willige Uebergabe zugeſichert war, und ob er gleich ſeine Abſicht beſſer begriff, ſo beluſtigte ihn doch der gefahrloſe Angriff und des Angreifers ſchwerfällige Taktik. So hatte er auch heute das Zwiegeſpräch Beider beobachtet, aber das Vergnuͤgen, welches er an Maſter Maltravers Dandygeberde nahm, wich, als er den Verdruß in den Zuͤgen der Gräfin be⸗ merkte, einer ernſtern Aufmerkſamkeit; er näherte ſich und horte des Patriziers plebeje Aeußerung. Mit Faſſung, und ohne den Anſtand im mindeſten zu ver⸗ letzen, trat er zu ihm und ſagte halblaut: ein Wort, mein Herrz die Dame, welcher Sie eine ſo unſchick⸗ liche Benennung gegeben haben, iſt meine Verlobte; Sie werden es daher nicht befremdend finden, wenn ich Sie um Ihre Gegenwart auf eine Viertelſtunde Morgen fruͤh im*** Geholze erſuche. Der Brite antwortete nur durch eine merkliche Ver⸗ längerung ſeines Antlitzes, und durch einen ſtarren, verwunderten Blick, welchen man dämiſch zu nennen verſucht werden konnte. Nicht daß er den Sinn der an ihn ergangenen Aufforderung nicht begriffen hätte; ſeine Betroffenheit kam von der plötzlichen Ankundi⸗ 8 114 gung eines Brautſtandes her, von welchem, ob dieſer gleich, wiewohl noch nicht offentlich bekannt gemacht, für Niemand mehr ein Geheimniß war, er fuͤr ſeine Perſon auch nicht das Allermindeſte gemerkt hatte. Von der Ueberraſchung zuruͤckkommend, antwortete er mit einem Kopfnicken, das die Stelle der in ſol⸗ chen Fällen uͤblichen Verbeugung vertreten ſollte, und kehrte alsbald ſo voͤllig zu ſeiner gewohnten Ruhe zu⸗ ruͤck, daß Beauclere Muͤhe hatte, ihm begreiflich zu machen, ſeine Anweſenheit könne fuͤr Niemand hier ſehr erfreulich ſein, und ihn zum Nachhauſefahren zu bewegen. Deſſelben Abends noch verſammelte ſich ein Kriegs⸗ rath in Maltravers Zimmer. Die Meinungen wa⸗ ren getheilt. Wie oft der am wenigſten Befugte am eheſten ſpricht und am lauteſten, erhob der Dok⸗ tor der Weltweisheit ſeine Simme zu einer zwar ex⸗ temporirten, aber wohlbeſetzten Rede. Er that dar, wie der Zweikampf, als ein rohes Ueberbleibſel der Feudalzeit und des Fauſtrechtes gar nicht in dies aufge⸗ klaͤrte Jahrhundert gehoͤre, wie mit dem Glauben, Gott greife mitunter unmittelbar in den Lauf der Dinge, auch der Begriff des Gottesurtheils ver⸗ 115 ſchwunden ſey, der dieſem Gebrauch zum Grunde liege, und beyde von der Weltweisheit, die jetzt ihr Panier uͤber den erwachenden Völkern ſchwinge, nebſt anderm alten Geruͤll der Vernichtung uͤbergeben, und wie es am allerwenigſten einem ehrenwerthen Mit⸗ gliede der Nation, welche der Philoſophie am erſten gehuldigt habe, zukomme, an dergleichen Sauerteige des Ignorantismus und der Rohheit zu kleben,— kurz er ſprach mit allem Feuer, zu welchem ihn die Furcht begeiſtern konnte, des täglichen Gedeckes an einer wohlbeſetzten Tafel verluſtig zu gehen. Er fand einen Mitſtreiter an Sir Chriſtoph Cubbs, der freylich wichtigere Gruͤnde hatte, um dies Duell ungern zu ſehn, und mit einem Nachdruck und einer Gemeſſenheit, die eines kuͤnftigen Redners im Hauſe der Gemeinen nicht unwuͤrdig waren, die Motion des Privatgelehr⸗ ten unterſtuͤtzte. Zwar, bemerkte er am Schluſſe des nicht kurzen Vortrages, zwar ereigneten ſich noch hier und da Zweikämpfe in den drei Koͤnigreichen, doch meiſt politiſcher Gegenſtände wegen, nicht um Kleinigkeiten. Und eine Kleinigkeit ſei doch nur ein ſpitzes Wort vom ehrenwerthen Maſter Maltravers des hochachtbaren Grafen Braut geſagt, und ſei ſol⸗ ches hoͤchſtens zu einer Injurienklage geeignet, und mit einer leichten Geldſtrafe zu buͤßen, dieweil, wie 8* 116 bekannt, in Altengland eine weit großere Beleidigung, naͤmlich die Ver- und Enffuͤhrung einer Ehefrau von dem Ehemanne nicht mit Degen oder Piſtolen, ſon⸗ dern durch eine gebuͤhrende geſetzliche Anklage geruͤgt und das Ganze durch ein verhältnißmäfiges Entſchů⸗ digungsquantum fuͤr einmal und immer abgethan werde. Edwards Beauclerc Vortrag war kuͤrzer: er hoffe, ſagte er, daß hier nicht von dem „Ob“, ſondern lediglich von dem„Wie“ die Rede ſei, im andern Falle ſei ſeine Gegenwart unnöthig. Er ſei jedoch uͤberzeugt, Herr Maltravers wiſſe, daß die Zweikämpfe perſönlicher Urſachen wegen nicht ſo ganz aus Großbritanien verbannt ſeien, als der ehrenwerthe Baronet meine; wäre dies aber auch der Fall, ſo befinde man ſich jetzt in Deutſchland. Der Doktor thue England zu viel Ehre an, wenn er glaube, es ſei ſo vollig aufgeklaͤrt, daß daſelbſt kein Vorurtheil mehr zu finden wäre; ſeines Wiſſens ſei es mit der ganzen civiliſirten Welt noch nicht dahin gediehen, und wenn man auch bei ſich ſelbſt ein oder das andere Vorurtheil als ſolches erkenne, und im Ganzen dahin ſtreben muͤſſe, es zu beſeitigen, ſo ge⸗ zieme es doch dem Einzelnen im praktiſchen Leben, damit behutſam zu ſein, damit er nicht in Verdacht geriethe, gegen das, was ihm ſelbſt unbehaglich ſei, —— 117 vorzugsweiſe aufzutreten. Nicht mit dem Zweikampf allein ſei dies jetzt der Fall, ſondern mit manchen an⸗ dern, vielleicht werthvollern Reliquien der Vergangen⸗ heit, welche die Philoſophie der Gegenwart um ihr Anſehn zu bringen ſuche. Nach dieſen, vornehmlich an den Doktor gerichteten Worten ſetzte er hinzu: Im Auslande und einem Ausländer gegenuber iſt meiner Meinung nach dieſe Sache eine Angelegenheit des engliſchen Adels; ich wundere mich, wie Sir Chriſtoph Cubbs als ein großbritaniſcher Ritter und Baronet dagegen ſein kann, ihr eine ehrenvolle Wen⸗ dung zu geben, und kann nicht glauben, daß Ma⸗ ſter Hugh Maltravers, ein Abkömmling tapfrer Nor⸗ mannen, damit einen Augenblick anſtehn werde, zu⸗ mal, ſetzte er bedeutend hinzu: da es ihm wohl be⸗ ſonders obliegt, die Meinung uͤber den Adel unſers Vaterlandes zu berichtigen.— Wider der Andern und vielleicht auch wider des Leſers Erwartung trat Maſter Pearſon entſchieden auf die Seite des Land⸗ edelmannes von Devonſhire. Obgleich in ſeinem Aeu⸗ ßern und in ſeinem Benehmen viel Friedliches, ja ſogar nicht wenig von einem Diener des Friedens lag, ſchien ihn doch urplötzlich ein kriegeriſcher Geiſt zu beſeelen. Er behauptete, die unvollkommenheit der Welt fordere durchaus, daß man bisweilen das 118 Gebot der Vernunft und ſelbſt Gottes ihren Forde⸗ rungen nachſetze, und ging alsbald auf die Frage uber, welche Waffe man wählen werde, Degen oder Piſto⸗ len; mit allem Eifer landsmannſchaftlicher Anhäng⸗ lichkeit zu der letzten rathend, als zu der unpartheiiſch⸗ ſten, während die bei den Bewohnern verſchiedener Laͤnder verſchiedene Fuͤhrung der Klinge dem einen oder dem andern der Gegner leicht ein Uebergewicht gebe. Sir Chriſtoph, durch Beauclerc an ſeinen Titel erinnert, und an den, mit welchem er ihn einſt zu vertauſchen hoffte, ließ in ſeinem Widerſtande nach, nur änßerte er einige Bedenklichkeit uͤber die Wahl der Piſtolen, Herrn Pearſon ſelbſt zum Zengen nehmend, daß man den Grafen in ſeinem Beiſein als einen vortrefflichen Schuͤtzen geruͤhmt habe. Seines Bei⸗ ſtandes beraubt, geſchah dem Doktor, was ihm wohl ſchon oft geſchehen war, ſeine Meinung fiel durch. Noch hatte die Hauptperſon nicht geſprochen, der ehrenwerthe Hugh, und die Zeit uber ſtumm und bewegungslos dageſeſſen, als ſei von Niemand weni⸗ ger die Rede, als von ihmz jetzt aber erhob er ſich, ſchritt in der gewohnten ſenkrechten Haltung auf Edward zu, und ſagte nicht ohne Anſtand: Ich hoffe, werther Sir, Sie zu uͤberzeugen, daß ein Maltra⸗ 119 vers die Pflichten des Ehrenpunkts ſo gut kennt, als ein Beauclerc. Auf Piſtolen denn, ich erwarte, Herr Edward Beauclerc wird mir nicht verſagen, mein Zeuge zu ſein.— Dieſer verbeugte ſich mit ſchwei⸗ gender Bejahung, und die Geſellſchaſt ging ausein⸗ ander, um den Anordnungen nicht hinderlich zu ſein, welche einem ſolchen Tage, als der morgende war, voranzugehn pflegen. Der Baronet, der an denſelben nähern Antheil nahm, blieb allein bei ſeinen Reiſe⸗ gefahrten zuruͤck. Als der Graf mit ſeinem Secundanten, einem Offizier in der Armee des Landes, an den bezeichne⸗ ten Ort kam, fand er, obwohl er ſich puͤnktlich ein⸗ geſtellt hatte, Herrn Maltravers und ſeine Lands⸗ leute ſchon vor. Der Erwähnte ging mit langen und langſam regelmäßigen Schritten in der Richtung auf und nieder, wo der Auftritt ſich begeben ſollte, deſſen ernſte Bedeutung auf dem Geſicht des Englaͤn⸗ ders einen angemeſſenen Ausdruck hervorgebracht zu haben ſchien, doch muſſen wir geſtehn, daß ſich kei⸗ ne Unruhe an ihm bemerken ließ, ſondern daß ſein Weſen die Spuren bedächtigen Nachſinnens zeigte. Oroſchon nicht becheiligt, oder mindeſtens nicht unmit⸗ 120 telbar, zeigte der Baronet weniger Faſſung, auch er ging umher, doch raſch und unſtät, zu Herrn Beau⸗ elerc, welcher von Zeit zu Zeit den Blick auf die Piſtolen richtend da ſtand, deren Verwahrung ſein Amt ihm auferlegte, und dem emſig Fragenden nur kurzen und gleichgiltigen Beſcheid gab, dann zu Ma⸗ ſter Pearſon, der noch gleichgiltiger dem Anſcheine nach, ſich als ein bloßer Zuſchauer einer Scene ge⸗ habte, welcher beizuwohnen ihn nur die Aufforderung der Hauptperſon und landsmannſchaftliche Ruͤckſicht bewogen. Hergebrachter Sitte gemäß begruͤßten ſich die Zu⸗ ſammentreffenden höflich, aber ſchweigend, und die Gegner nahmen die von den Zeugen abgemeſſenen Stellen ein. Ort, Zeit und Umſtände moͤgen das, was fuͤr ſich ſelbſt ſich gleich iſt, oftmals in ſehr verſchiedener Weiſe erſcheinen laſſen; ſo lag denn, ob ſie ihm ſchon eigen und nicht ſelten gar anmuthig war, in der nachläſſigen und ſorgloſen Art, mit welcher der Brite ſich an ſeinen Platz ſtellte, in der That etwas dem Großartigen Aehnliches. Ihm, als dem Geforderten kam der erſte Schuß zu, er hob gewach⸗ ſen das Piſtol, zielte ein wenig lange, druͤckte ab und fehlte. Nun war die Reihe am Grafen und er im Begriffe, den Ehrengruß zu erwiedern, da 121 ſagte Maſter Hugh Maltravers mit der größten Ernſt⸗ haftigkeit und in hoͤchſt ſchleppendem Tone: Haben Sie Satisfaction, Herr Graf?— Dieſer ſah ihn an, verwundert uͤber die Frage, welche bei einem Zweikampfe von dem, welcher den erſten Schuß ge⸗ habt, ohne den des Gegners abzuwarten, geſtellt, un⸗ ter die Seltenheiten gehoͤrt, dann blickte er zur Seite nach ſeinem Sekundanten und begegnete auf deſſen Geſicht einem Lächeln. Da lächelte er auch und ließ das Gewehr ſinken, und ſprach kalt und nicht ſehr verbindlich: Immerhin, Herr Maltravers; daͤucht es mich doch in der That, Sie haben mir eben eine Genugthuung gegeben, mit der der Deutſche vom Englaͤnder wohl zufrieden ſein mag. Der Ehrenwerthe mochte das nicht recht verſtanden haben, denn er trat zuruck mit demſelben Anſtande, den man einſt an Talma ſah, wenn er als ruhmgekroͤnter Sieger das Schlachtfeld verließ; der Baronet konnte ſeine Zu⸗ friedenheit nicht verbergen, uͤber Maſter Pearſons Antlitz glitt etwas wie Verdruß, welches jedoch, wie durch eine pfeilſchnelle Gedankenwendung, einer Art von Heiterkeit Raum machte, die den gemiſchten Ausdruck des Spottes und des Zufriedenſeins an ſich trug. Edwards Beauclerc Geſicht aber ver⸗ dunkelte ſich, und förbte ſich hochroth, und er ſchritt 122 vorwaͤrts mit bewegter Stimme ſagend: Ihr Zwiſt, Herr Graf, mit meinem Landsmann, war ein per⸗ ſoͤnlicher, und ich habe ihm als ſolchen zum Zeugen gedient; was Sie aber jetzt ſprachen, betrifft meine Nation uͤberhaupt, und ſo werden Sie denn geneh⸗ migen, daß ich an Herrn Maltravers Stelle die Sache deſſelben fuͤhre.— Da verſchwand die Ironie aus den Zuͤgen des Grafen; es war, als ſei er nicht ganz zufrieden mit ſich ſelbſt, ja er hob den Fuß, wie um einen Schritt vorwaͤrts zu thun, er hielt aber inne und verbeugte ſich zum Zeichen ſeiner Bereitwilligkeit, fur das herbe Wort dem Rede zu ſtehn, dem es ſo wenig gegol⸗ ten hatte, als es ihn betraf, und Beide nahmen ihre Stellen ein, ohne auf die Einrede Sir Chri⸗ ſtophs zu achten, der die Zugabe zu dem ihm unange⸗ men Drama hoͤchſt uberfluſſig fand; Hugh Maltra⸗ vers, weiter keinen Theil an der Sache nehmend, ſtand in einiger Entfernung. A tempo, wenn es gefällig iſt!— riof Beauclere, und auf das Zeichen des deutſchen Offiziers folgten zwei Blitzſtrahlen und zwei Krache zugleich. Der Lauf, welchen die Kugeln nahmen, zeugte von der Fertigkeit beider Gegner; aber nicht vom Haſſe ab⸗ geſendet, nahmen ſie nicht den verderblichſten Weg, 123 des Grafen rechte Wange war geſtreift, Beauclercs linker Oberarm blutete aus einer etwas tiefern Fleiſch⸗ wunde. Genug, meine Herren!— ſprach der Se⸗ kundant, der Baron wiederholte mit Eifer: Genug — und„Genug“ ließ ſich der Nobleman entſchei⸗ dend und ſelbſtzufrieden vernehmen. Der Graf rich⸗ tete einen fragenden Blick auf dem ihm werthen Feind, und dieſer ſagte: So ſei es, wenn Sie er⸗ klären, daß Sie eine beſſere und richtigere Meinung von den Engläͤndern und ihrem Adel haben, als ſie vorher zu erkennen gaben.— Sehr gern erklaͤre ich das— antwortete der Deutſche mit freimuthiger Wuͤrde, und trat herzu und faßte die dargebotene Hand, indem er aber dies that, flüſterte er: Indeß, wenn ich mich noch zehnmal mit Ihnen ſchießen ſollte, ſo kann ich nicht umhin, eine Ausnahme zu machen.— Dieſe finden wohl uͤberall ſtatt— ver⸗ ſetzte ernſt der Brite; doch unter uns, wie anders wo und auch hier, uͤbertragt der billig Urtheilende den Einen mit dem Andern.— Am Tage darauf, einem Sonntage, ſah man Maſter Pearſon ſtatt nach der Pfarrkirche, den Weg nach dem engliſchen Geſandſchaftshauſe nehmen, und als er nach ziemlich langem Verweilen zuruͤckkam, erklärte er ſeinen hochachtbaren Freunden und Lands⸗ 124 leuten, er ſei genoͤthigt, ſich von ihnen zu trennen, weil Familienangelegenheiten ihn nach England beriefen. Vetter Maltravers: ſo las nach einiger Zeit dieſer von der Hand ſeines Oheims, mit welchem er auf die dringenden Vorſtellungen Sir Chriſtophs einen nothduͤrftigen Briefwechſel unterhielt: Vetter Maltravers: Heute nur ein paar Worte, weil ich leider wieder ſelbſt ſchreiben muß, nicht des Billy wegen, der jetzt wieder bei der Hand iſt, denn die Hochzeit iſt vorbei, aber weil ich Ihnen ſagen will, daß ich gar nicht zufrieden mit Ihnen bin. Mir iſt allerlei zu Ohren gekommen, und nichts recht Angenehmes. Ein junger Mann vom hohen engliſchen Adel ſoll ſich wohl auszeichnen, aber durch die Wuͤrde und decente Zuruͤckhaltung, die der erſten Nation in Europa zukommt, und abſon⸗ derlich ihrer hohen Ariſtokratie, aber ſich nicht durch Sonderbarkeiten zum Spektacle geben, und vor allen Dingen die gute Geſellſchaft freguentiren. Statt deſſen muß ich hören, daß Sie mit obſcuren Per⸗ ſonen Umgang pflegen und in Cabarets zu finden ſind; ja ſogar von einem fatalen Auftritt hat man mir geſagt, bei dem Sie dem Wachthauſe nur durch — 125 die Protection eines deutſchen Grafen entgange ſind. Ein britiſcher Nobelmann muß ſich gar nicht in den Fall ſetzen, eine Protektion nöthig zu ha⸗ ben, und ein Maltravers in einem deutſchen Wacht⸗ hauſe! Wer zum Henker hat Sie auf den Ein⸗ fall gebracht, den Jem boren zu laſſen? Der Burſch wird auf die Art ſeine Kunſt ganz verlernen, wenn Sie ihn ſich mit deutſchen Pfuſchern abgeben laſſen. Wegen des Wachthauſes, ſo iſt es wahr, daß ihr Vater Lord George manchmal einen Gang dahin gemacht hat, aber darum hat er ſich auch die Gunſt des Hofes und der Miniſter verſcherzt, hat niemals eine Sinecure erhalten koͤnnen, und darum hat er Ihnen auch keinen Penny hinterlaſſen. Ungern hore ich, daß Sie Portwein zu ihrem gewoͤhnlichen Getraͤnk nehmen; Lord Cheſterfield, ich habe einmal in meiner allerfruͤheſten Jugend ſein Buch geleſen, Lord ſagt, wenn es mir recht erinnerlich iſt, das beſte Mittel fuͤr einen reiſenden Gentlemann, uͤberall angeſehen und beliebt zu ſein, ſei, daß er ſich in die Sitte des Landes ſchicke, wo er iſt, und ſo gebuͤhrt es ſich fuͤr einen jun⸗ gen Mann von Geburt, wie Sie, in Frankreich Vourdeaur, Burgunder und Champagner zu trin⸗ ken, und in Deutſchland Rheinwein und Mosler. 126 Branntwein aber in den Wein zu ſchuͤtten, wie Sie thun ſollen, iſt ein ganz plebejer Gebrauch. Unſer Geſandter hat ſo eines und das Andere von Ihnen an den Lordpräſidenten des Conſeils geſchrie⸗ ben, und Seine Herrlichkeit aus alter Freundſchaft mich davon benachrichtigt, auch geſagt, wenn Sie ſo fortfuͤhren, waͤre fuͤr Sie nicht viel auf eine Stelle zu rechnen, da der jetzige Hof, wie billig, viel auf gute Sitten haͤlt. Das wäͤre mir denn ſehr unangenehm, denn die Zeiten werden immer koſiſpieliger. Sie thun auch ſehr uͤbel daran, den Geſandten ſo zu vernachläſſigen, er iſt ein Verwand⸗ ter Seiner Lordſchaft, und kann Ihnen, wenn nicht nutzen, doch ſchaden. Nehmen Sie ſich zur Lehre, daß fuͤr einen Edelmann die Genealogie der adlichen Familien ein Hauptſtudium ſein muß, wenn er Carriere machen will, was Sie vor der Hand und lange noch nöthig haben. Wegen des Lordminiſters denke ich daran, daß wir neulich an ſeinem Ge⸗ burtstage eine große Subſcriptionsmahlzeit in un⸗ ſerm Clubb hatten. Ich befinde mich ſeitdem nicht wohl, ich glaube, die Koͤche und die Weine werden alle Tage ſchlechter, drum habe ich auch mit Turn⸗ farthing noch nicht Abrechnung gehalten. Die Aerzte rathen mir die Luft des Geburtsortes an, und ich ——— ———— —— 1 7 ſoll auf ein paar Monate nach Queensdowne: Caſtle gehn. Ich werde es auch wohl thun; denn mir kommt London dies Jahr ſtaubiger und dampfiger vor, als jemals. Choquirend iſt es freilich, denn das alte Schloß iſt kaum mit dem nöthigen Haus⸗ geräth verſehen, da ich, wie Sie wiſſen, alles Sel⸗ tene und Koſtbare nach Großrence bringen laſſen. Mit dem Billy bin ich ſeit ſeiner Verheirathung ſchlecht zufrieden, auch mit Miſtreß; ſie kann ſich mit der kleinen Luckie Veekle nicht vertragen, die ich zu mir genommen habe, und alle Beide verletzten gegen Herrn Wimble, wie er ſich beklagte, die Ach⸗ tung, welche einem Mitgliede der Familie ihres Herrn zukommt. Habe ich Ihnen noch nicht geſchrie⸗ ben, daß Herr, oder vielmehr der ehrwuͤrdige Dok⸗ tor Nathangel Wimble hier iſt? Er iſt mir von Mylord von Canterbury ſelbſt vorgeſtellt worden und hat vieles Lob, beſonders bei der hohen Geiſtlichkeit. Da habe ich freilich nicht umhin gekonnt, ihm eine Präbende am Dome in Wincheſter zu verſchaffen und ich denke, er wird es weiter bringen, denn er hat eine gewiſſe Ambition, woran man wohl ſieht, daß von muͤtterlicher Seite das Blut der Maltra⸗ vers in ſeinen Adern fließt. Ich wollte, es wäre eben ſo mit den Nachkommen im Mannsſtamm 128 vebrigens iſt er ja mein Verwandter, ſo nah, wie ſonſt Einer, und kennt beſſer, wie ſonſt Einer, die Ehrfurcht, die man einem Oheim und Chef der Familie ſchuldig iſt. Auch verſteht er ein vernuͤnf⸗ tiges und geſetztes Geſpräch zu fuͤhren, das, wie Sie wiſſen, von jeher meine Paſſion war. Sie brauchen ſich mit der Heimkehr nicht zu uͤbereilen; wenden Sie nur ihre Zeit beſſer an. Sir Chriſtoph, dem Sie mich empfehlen werden, ſagen Sie, es ſei vor dem Herbſt nicht an die guſammenberufung des Parlamentes zu denken. Archi⸗ bald Queensdowne.— Was meinen Sie zu dieſer Epiſtel, werther Sir?— fragte Sir Chriſtoph, der ſich bei dem Empfaͤnger befand, nach Anhoͤrung derſelben mit bedenklicher Miene.— Maltravers antwortete wi⸗ tzig: Ich meine, daß Seine Herrlichkeit anfängt, in den gluͤcklichen und ſchuldloſen Zuſtand der Kind⸗ heit zuruͤck zu ſinken, und vergeſſend, was er vor einigen Monaten recht ſchön und rathſam fand, ſich nur der Zeit erinnert, wo er den Lord Che⸗ ſterfield las, und Geſchmack an vernuͤnftigem und geſetztem Geſpraͤche fand, von dem ich, verdamm mich, nimmermehr etwas an ihm bemerkt habe. Dann meine ich, unſer Miniſter: Reſident 129 muß hier verdammt wenig zu thun haben, wenn er Zeit hat, ſich darum zu bekuͤmmern, was in meinem Glaſe iſt.— Aber Sir Ehriſtoph aͤußerte bedenklich; kaum habe wohl der Geſandte ſich mit ſolchen Nachrichten befaßt, und ihm ſchiene es, als ruͤhre ſolche ge⸗ naue Kunde Mylords von der allerdings nicht ganz lobenswerthen Lebensweiſe ſeines ehrenwerthen Neffen ſchwerlich von einem diplomatiſchen Bericht her, als vielmehr von einer Privatmittheilung.— Maſter Pearſon Wimble iſt jetzt in England— fuhr er fort— und ob ich denſelben gleich fur eine acht⸗ re und ungefährliche Perſon angeſehn habe, ſo war doch Herr Edward Beauclerc, dem man den Na⸗ men eines einſichtsvollen und trefflichen Gentlemans nicht abſprechen kann, andret Meinung. Er wollte in ſeinem Benehmen etwas Lauerndes, unter ſeiner Anweſenheit hier, uͤber die er ſich in der That nie⸗ mals ausgelaſſen, irgend eine verborgene und daher muthmaßlich nicht lobliche Abſicht, und in dem gan⸗ zen Maſter Pearſon etwas Zweideutiges finden, und ich geſtehe, daß meine durch Herrn Beauclerc auf⸗ gerufne Beobachtung mich beinahe auſ den Gedan⸗ ken bringt, der Unwille des Lord Marquis ſtehe 9 130 mit der Ruͤckreiſe erwähnten Gentlemanns in Ver⸗ bindung.— — haben recht— beſtätigte Maltravers— der Patron war zweideutig. Einmal wollte er den flinken Burſchen ſpielen, ungeſchickt genug, verdamm mich— und ein andermal gehabte er ſich als Buß⸗ prediger, und las Moral, wie ſie jetzt der ehrwuͤr⸗ dige Doktor Nathangel Wimble Mylord wahrſchein⸗ lich leſen mag zur Strafe ſeiner Suͤnden. Aber dumm war er— ſetzte er entſcheidend hinzu— ſo dumm, wie der Andre ſein mag, ſo wahr ich Maltravers heiße.— Sir Chriſtoph aͤußerte topſſchütein, er könne dem Urtheile ſeines ehrenwerthen Freundes, was die Dummheit des Maſter Pearſon betraͤfe, nicht ſo ganz beiſtimmen, und fuͤrchte, es moge in Hinſicht des ehrwuͤrdigen Doktor Nathangel Wimble ein gleicher Irrthum ſtattfinden; uͤbrigens gefalle ihm die Annäherung des Letztern an Mylord gar nicht, und wenn ſelbiger nach dem Ausdrucke ſeines Nef⸗ fen wirklich in Kindheit verfallen ſei, ſo ſchiene er unter dem Einfluſſe eines Lehrers zu ſtehn, der ſelbigen wohl ſchwerlich zu Gunſten ſeines Vetters anwenden werde, ja bereits wohl gar das Gegentheil gethan habe, wie aus einigen Ausdruͤcken des Briefes er⸗ 131 helle. Am wenigſten behagte ihm die Anerkennung einer nahen Verwandtſchaft, die bisher von ſeiner Lordſchaft ganzlich ignorirt worden war, und als um⸗ ſichtiger Politiker befuͤrchtete er, es koͤnne ſolcher eine Theilung des dem Stammhalter bisher allein zugewendeten Wohlwollens folgen, das heißt, der verfuͤgbaren Erbſchaft, als baares Geld in den Au⸗ gen des Zöglings der Lombardſtteet— der beſte Theil derſelben.— In der That, die Anweſenheit des Vetters cho⸗ quirt mich— ſprach Hugh Maltravers mit unter⸗ druͤcktem Gähnen, und beide wurden einig, dem Urlaub des Oheims ungeachtet, die Ruͤckreiſe an⸗ zutreten. Nur beſtand der Nobleman darauf, ſei⸗ nen Aufenthalt in*** durch ein glaͤnzendes Mit⸗ tagsmahl zu beſchließen, welches der Baronet nach einigem Weigern unter der Bedingung genehmigte, daß auch ſeine ehrbaren und angeſehenen Bekannten eingeladen wuͤrden, denn Sir Chriſtoph Cubbs von Cubbsabbey fand es billig, auch einmal ſeinen Na⸗ men dazu herzugeben, wozu er das Geld gab. Einige Tage vor dem, welcher zu dieſem Schei⸗ defeſte anberaumt war, lief noch ein r ein und zwar folgendes: 9* 132 Queensdowne: Caſtle, den—— 13—— Herr Hugh Maltravers— Vorläufig will ich Ih⸗ nen berichten, daß ich mich jetzt hier befinde, nicht gerade deswegen, weil die Aerzte mir die Landluft angerathen, denn mit meiner Unpäßlichkeit hat es nicht viel zu bedeuten, ſondern weil ich der großen Welt muͤde bin, und begierig nach einem einſamern Leben und ungeſtörten Nachdenken, nach welchem ich mich immer geſehnt habe. Darum bin ich auch nur mit geringem Gefolge hier, und will auch kein Haus machen(fuͤr wen in der Gegend verlohnte es ſich denn auch?), und habe zu meiner Geſellſchaft Nie⸗ mand weiter mitgenommen, als den ehrwuͤrdigen Doktor Nathanael Wimble, derzeit Domſcholaſter in Wincheſter, und Miß Lucie Beekly, eine beſchei⸗ dene junge Frauensperſon, weit artiger und zuthu⸗ licher als die Sally, welche ich denn auch, um ihren Prätenſionen zu entgehn, und auf Doktor Wimble's Rath, mit ihrem Manne in Grosrence gelaſſen. Ich befinde mich ganz wohl in dieſer Einſamkeit, und bei der belehrenden und zugleich ehrerbietigen Unterhaltung des Sohnes meiner lieben Schweſter, Lady Aurelia, welche ſo vernachlaͤſſigt zu haben, ich jetzt recht ſehr bereue, zumal da ich meine Gunſt andern Leuten zugewendet, die ſie —— 133 nicht verdienen. Ich will ſagen, ich wuͤrde mich wohler beſinden, ohne die Nachrichten, die ich uͤber Sie bekommen, Herr Maltravers. Sie haben ein Duell gehabt, das iſt an und fuͤr ſich ſehr unrecht von Ihnen, denn als Stammhalter der Familie welcher Sie leider ſind, ſind Sie fuͤr die Fortſe⸗ tzung derſelben den drei Koͤnigreichen und der geſamm⸗ ten Peerſchaft verpflichtet.— Die Urſache dieſes Du⸗ ells war eine Unhoflichkeit, welche Sie einer Dame geſagt haben— wahrlich der Marquis von Queens⸗ downe, der ſein Lebelang fuͤr das Muſter eines ga⸗ lanten Mannes gegolten, muß uͤber einen Neffen erröthen, der ſein Beiſpiel und ſeine Lehren ſo ſchlecht befolgt. Noch mehr; Sie haben ſich in die⸗ ſem Duelle auf eine Weiſe benommen, welche das erlauchte Geſchlecht der Maltravers und den ganzen großbritanniſchen Adel compromittirt. Und wo? Im Auslande; und wem gegenuͤber? Einem deutſchen Edelmann? und wer mußte die Ehre der engliſchen Nation retten? Ein Landjunker aus Devonſhire; denn wenn es gleich wahr iſt, daß die Beauclerc von altem Stamme ſind und bei der Eroberung mit heruͤber gekommen, ſo haben ſie doch keinen Titel in ihrer Familie. O Verderbniß der Zeiten, ein Nachkomme der Maltravers ſo entartet! Mort 134 de ma vie, wenn ich uͤber die Gallerie gehe, ſchlage ich die Augen nieder vor den Bildern unſerer Ah⸗ nen(ich habe ſie hier gelaſſen, weil die alten ehr⸗ wuͤrdigen Gemälde zum Theil ein wenig unſchein⸗ bar ſind). Und was war die Urſache ihrer Un⸗ hofllichkeit gegen die Dame? Ein Korb, den Sie bekommen haben. Wiſſen Sie auch, daß noch nie⸗ mals ein Maltravers einen Korb bekommen hat? und ſollte es geſchehen ſein, ſo hat es doch Nie⸗ mand erfahren. Und wer war die Dame? Eine Katholikin!— Haben Sie vergeſſen, daß Ralph Maltravers, Lord Mount Saint John zu den erſten Peers gehoͤrte, die mit Heinrich dem Achten dem papiſtiſchen Baalsdienſte entſagten, und ob er ſchon zur Zeit der ſpaniſchen Maria einen katholi⸗ ſchen Kaplan in's Haus nahm, unter der glorrei⸗ chen Eliſabeth ſich wieder zur gereinigten Lehre be⸗ kannte? Der ſind denn alle ſeine Nachfolger treu ge⸗ blieben, und alle Ladys unſerer Familie waren Pro⸗ teſtantinnen. Leider habe ich im Getuͤmmel der Welt bis jetzt allzuwenig uͤber Glaubensſachen nachgedacht: aber immer war mir der Papismus zuwider, und jetzt in der Geſellſchaft ihres trefflichen Vetters uͤberzeu⸗ ge ich mich immermehr, daß der Glaube der anglikani⸗ ſchen Kirche nicht nur der beſte iſt, ſondern auch der 135 hauptſächlichſte Grundpfeiler der britiſchen Wrrfaſſung. Was beſagten Vetter anlangt, ſo haben Sie ihn, wo nicht ſchätzen, doch kennen gelernt, denn er iſt ei⸗ nige Zeit mit ihnen in*zuſammengeweſen, un⸗ ter dem Namen Pearſon, welchen er angenommen hatte, um durch die Verwandtſchaft nicht allzuſehr in Ihre Lebensweiſe verwickelt zu werdenz eine Vorſicht, welche, wie dieſe leider beſchaffen iſt, ich an einem Manne billigen muß, der die geiſtliche Weihe ſchon bekommen hatte. Sie duͤrfen daher glauben, daß ich von beſagter Lebensart ganz genau unter⸗ richtet und ſomit bin: Ihr nicht kalter, vielmehr gegen Sie hochſt erzurnter Oheim, Archibald Mal⸗ travers, Marquis von Queensdowne. Pearſon und Wimble eine Perſon! riefen nach den erſten Augenblicken der Verwunderung Sir Chri⸗ ſtoph und der ehrenwerthe Maſter mit einer Stim⸗ me, und der Erſte ſetzt hinzu: Und er iſt in Queens⸗ downe: Caſtle bei Mylord! und der Zweite: Und Billy und Sally in der Stadt! Dann ſagte unſer Held, bei welchem wir zum erſten Male den Aus⸗ bruch einer Leidenſchaſt bemerken, nämlich des Ver⸗ druſſes: Der— Ehrwuͤrdige, Gott verdamme ihn! Um nicht in meine Lebensweiſe verwickelt zu werden, hat er die Verwandſchaft verlaͤugnet, die der Henker 136 ſammt ihn hole! und als Maſter Pearſon hat er ſich doch recht artig ſelber drein verwickelt. Ver⸗ damm mich, wenn er nicht zur Haͤlfte wenigſtens an allen Streichen Schuld war. An dem aber beim Duell iſt er es nicht, wendete er ſich mit Bitterkeit an dem Baronet; den habe ich Ihrem klugen Ra⸗ the zu verdanken.— Dieſer uͤberhoͤrte einen Vorwurf, der ihm beſon⸗ ders in Gegenwart Herrn Beaucleres nicht angenehm war, und richtete an dieſen die Frage, was nun wohl zu thun ſei? Sie ſehen, ſetzte er ſeinerſeits auch nicht ohne Schaͤrfe hinzu: Unſer ehrenwerther Freund bedarf immer eines Rathes, um etwas zu thun, mag es weiſe ſein oder thoͤricht.— Ich ſehe— ſagte Beauclere— der ehrwuͤrdige Doktor Nathanael Wimble hat ſeine Schuljahre im Chriſt church⸗Collegium nicht vergeſſen, und weiß die dort erlernten Rudimente recht gut in das Leben uͤberzutragen. Wenn alſo Herr Maltravers nicht will, daß es ihm ergehe, wie des Herrn Vetters damaligen Mitſchuͤlern, ſo duͤrfte er an die ſchleu⸗ nigſte Heimkehr denken. Beim Lord Marquis ſchei⸗ nen die gegenwärtigen Eindruͤcke die wirkſamſten zu ſein, vielleicht ruft die Erſcheinung des Stammerben die fruͤhere Zuneigung, oder doch wenigſtens die An⸗ ———— 137 hänglichkeit des ariſtokratiſchen Peers an ſeinen Ge⸗ ſchlechtsnamen zuruͤck, oder— ſetzte er wahrſchein⸗ lich weniger aufrichtig hinzu: Herrn Maltravers un⸗ befangene faſhionable Perſonlichkeit trägt, als mit der des Lords näher verwandt, den Sieg uͤber ſeiner Ehrwuͤrden geiſtliche Salbung davon. Zeit iſt aber nicht zu verlieren, zumal bei einem Mitwerber, der unfehlbar ſeinen eigenen Weinberg ſo gut zu bear⸗ beiten verſteht, als den Weinberg des Herrn.— Vielleicht lag dieſem Rath zum Theil der Wunſch zum Grunde, ſich des Landsmanns zu entledigen, deſſen Anweſenheit in*** Edward Beauclerc je laͤn⸗ ger je weniger behagte, indeß war er unſtreitig unter ſolchen Umſtaͤnden der beſte; auch wurde er ohne ſonderliche Debatten genehmigt, und der Be⸗ ſchluß fiel dahin aus, am Tage nach der Abſchieds⸗ mahlzeit die Heimreiſe anzutreten. Das ſpaͤte Mittagsmahl war glaͤnzend, aber nicht ſo die Laune der Tafelgenoſſen; der Baronet war in Gedanken mit Rechnungen beſchäftigt, deren Ab⸗ ſchluß ihm bedenklich vorkam, nicht fuͤr ſeinen Beu⸗ tel nur, ſondern auch fuͤr ſeine Hoffnungen; wie leicht konnte der veränderliche Lord Marquis im Un⸗ 138 willen auf ſeinen Neffen, und ihn auf deſſen Reiſe⸗ gefährten uͤbertragend, die Stimme des Fleckens nicht einem Andern zukommen laſſen, vielleicht einem Schuͤtzing des ehrwuͤrdigen Doktors, denn dieſem Wimble: Pearſon war allerdings auch fuͤr ihn ſelbſt nichts Gutes zuzutrauen. Auch Herrn Maltravers lag, ſeiner ſonſtigen Sorgloſigkeit ungeachtet, der Vet⸗ ter etwas im Sinne; die Gäͤſte richten ſich meiſt unwillkuͤhrlich nach den Beiſpiele der Wirthe, ſelbſt der Doktor der Philoſophie war einſilbig im Vor⸗ gefuͤhle der Trennung von ſeinem Goͤnner, und deſ⸗ ſen vollen Schuͤſſeln: ſo war man denn ziemlich wort⸗ los bis zum Nachtiſch gekommen, als derſelbe un⸗ vermuthet durch den Poſtboten bereichert ward, wel— cher freilich eine große Rolle in einer Erzahlung ſpielen muß, deren Fäden ſich uͤber die See er⸗ ſtrecken. Er hatte zwei Briefe gebracht, deren einer eine willkommene Handſchrift auf dem Umſchlage zeigend, Hugh Maltravers Aufmerkſamkeit ſo an ſich zog, daß er, des andern gar nicht achtend, ihn nachlaͤſſig in die Weſtentaſche ſchob. Als unſer Held den vor⸗ gezogenen entfaltet hatte, verbreitete ſich urploͤtzlich eine neue Wuͤrde uͤber ſein ganzes Weſen; er erhob ſich nach einer Pauſe, und bat um das Wort. Keine 139 Verſammlung pflegt nachgiebiger gegen ihren Priſi⸗ denten zu ſein, als die um eine Tafel verſammelt iſt; es war ohnedem des Geraͤuſches nicht viel, und ſo herrſchte denn allgemeine Stille, als der Brite ſprach: Ich gebe mir die Erlaubniß, hochgeehrte Her⸗ ren, Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, welche im Augenblick der Trennung, ſo zu ſagen, Sie mit dem Namen deſſen bekannt machen wird, der ſich bisher unter Ihnen befand, mit dem Namen vielmehr, un⸗ ter dem Sie kuͤnftig an ihn zu denken die Guͤte haben werden.— Nach dieſer zierlichen— begann er zu leſen: London, Piccadilly. Mylord! Mit bieſem Na⸗ men begruͤße ich zuerſt Eure Herrlichkeit, und zwar als Marquis von Queensdowne, Grafen von Wep⸗ bury, Viſcount von Colebridge, Baron von Mount: Saint John, ſeitdem der zeitherige Inhaber dieſer Titel am*** zu Queensdowne Caſtle an den Fol⸗ gen eines in den Magen getretenen Podagra's das Zeitliche geſegnet hat. Unfehlbar werden Eure Herr⸗ lichkeit mit Ihrer Ruͤckkehr nicht ſäumen, um Ihre erhabene Stelle im höchſten Senat Großbritanniens einzunehmen, und wenn Mylord, wie Sie bisher geruhet, einige Ruͤckſicht auf den unmaaßgeblichen Rathſchlag Ihres allergetreueſten Dieners nehmen, 14⁰ ſo dürfte mit derſelben auch anderer Urſachen halber nicht zu zaudern ſein. Da gewiſſer Umſtände wegen das Haus in Grosrenceſquare nicht zu Eurer Lord⸗ ſchaft Aufnahme bereit iſt, habe ich eine Anzahl comfortabler Zimmer in Piccadilly gemiethet, von wo aus ich dieſen Brief ſchreibe, und wo Miſtreß Sara Billy, welche ſich zu Mylords fortgeſetzter Wohlge⸗ neigtheit empfiehlt, demſelben die Ehre des Hauſes zu machen ſich freut.— u. ſ. w. Eurer Herrlich⸗ keit unterthaͤnigſter und ſtets getreuer A. Billy. Da ging die Verklärung vom Angeſichte des neuen Peers auf ſeine Gäſte uͤber, am lebendigſten ſtrahlte das des Privatgelehrten, der in dieſer Nach⸗ richt die Hoffnung eines uͤberſeeiſchen Gluͤcks bluͤhen ſah, in der Mitte von Albions großherziger philoſo⸗ phiſcher Nation, zwiſchen Auſtern, Schildkroͤten und Claret; er rief: Hoch lebe die Blume des großbritan⸗ niſchen Adels, der Lord Marquis, Graf, Viſcount und Baron!— ſprachs und zertruͤmmerte das Glas, aus welchem er die Libation gebracht. Diesmal rief der Genius nicht vergeblich auf zu kuͤhner That. Der Erſte, der ihm folgte, war der Lord Marguis ſelbſt, aber in ſeiner wuͤrdiger großarti⸗ gen Weiſe, eine volle Champagnerflaſche in einen mäch⸗ tigen Pfeilerſpiegel werfend, daß die Scherben von bei⸗ . 141 den mit dem Rebenſaft von Sillery benetzt auf dem Boden klirrten. Nach und nach gewann die Begei⸗ ſterung die geſammte Tafelrunde, ehrſame Räthe, anſehnliche Handelsherren; die ihr Lebelang darauf bedacht geweſen waren, zuſammenzuhalten, bekamen Luſt, es einmal mit dem Zertruͤmmern zu verſuchen, und da es ihnen nach einem ſcheuen und beſcheide⸗ nen Verſuch ganz wohl behagte, gingen ſie wacker daran. Nur der Baronet hielt an ſich; er hatte der Bedenklichkeiten noch ſo manche, aber vergeblich fluͤ⸗ ſterte er ſeine beſorgliche Hoffnung, es moͤchte noch kein Teſtament gemacht ſein, Seiner Lordſchaft zu, ſie hoͤrte ihn nicht, beſchäftigt wie ſie war, dem Doktor der Weltweisheit auf ſein dringendes Anſu⸗ chen die huldreiche Verheißung zu ertheilen, ihn als Hausphiloſophen, als Hauspoeten, als, was er wolle, mitzunehmen; vergeblich brachte er den Wunſch vor, die Abrechnung mit Maſter Turnfarthing moͤge geſchloſſen ſein, vergeblich ſein Befremden, daß das Haus in Grosrence zu Mylords Empfang nicht be⸗ reit ſein ſolle: er ward uͤberſchrieen. Da ahmte er dem Hunde in der Fabel nach, der das Fleiſch, was er nicht vertheidigen konnte, freſſen half, er ſchrie ſo arg als die Andern, und zerſchlug, ſo viel er konnte, zu großer Freude des Gaſtwirths, der in 10 142 jedem Wurfe des Mannes mit 72,000 Rthlr. Ein⸗ kuͤnften eine ſichre Garantie guter Bezahlung ſeines zerbrochenen Geräthes erſah. Bald glich das Speiſe⸗ zimmer den Gemaͤchern einer Stadt, wo Feinde, oder Verbuͤndete der neueſten Zeit ihren Durchzug gehalten. Herr Clément ſtand am folgenden Morgen mit der geforderten Rechnung im Vorgemach der Englan⸗ der, und ſein Geſicht ſchwamm ganz in einem halb ſchlauen, halb behaglichen Lächeln, denn ſein Ver⸗ gnuͤgen war doppelter Art. Es ſchmeichelte ſeiner Eiteltit in Maſter Pearſon, uͤber den ihm das Weiter zu Ohren gekommen, etwas Anderes geah⸗ et u haben, al ls den anſpruchsloſen Reiſenden, fur den er ſich ausgab, und ein Artikel, wie der der geſtrigen Verwuͤſtung, in Bauſch und Bogen und ſchwer nachzurechnen, war ein Schluß des Laus deo, wohlgeeignet, ihn einigermaßen uͤber die Abreiſe der ungern vermißten Gäſte zu troͤſten. Sein Empfang ſollte indeß nicht ganz der Crwartung entſprechen. Beim wegen der Abreiſe fruhzeitig eingenomme⸗ nen Fruͤhſtuͤcke erinnerte ſich Sir Chriſtoph an den geſtern ungeleſen gebliebenen Brief, und nach vie⸗ lem Suchen brachte ihn Jem, der ſchon gefruͤh⸗ ———— 143 ſtuͤckt hatte, aus der Taſche der geſtrigen Weſte Seiner Herrlichkeit herbei. Er ſollte eine minder ge⸗ fallige Wirkung auf den Schluß des Morgenmahles äußern, als der andre bei dem Feſte des verfloſſe⸗ nen Tages gethan. Mylord! ſchrieb der Briefſteller: ich halte es fuͤr meine Pflicht, Eure Herrlichkeit zu benachrich⸗ tigen, wie ich einen Beſuch von einem alten Be⸗ kannten und guten Freunde, Maſter Billy, erhal⸗ ten habe, welcher Sekretair meines verewigten un⸗ vergeßlichen Gonners, Mylords, Ihres Oheims war, und nun in Ihren Dienſten zu ſtehen angiebt. Da genannter Beſuch mir in der Abſicht abgeſtattet wurde, von mir fuͤnf oder ſechstauſend Pfund Sterling zu entheben, und zwar fuͤr Rechnung Eu⸗ rer Herrlichkeit, ich auch nach Vorzeigung der von Hochſelbigen bei Ihrer Abreiſe ausgeſtellten Even⸗ tualvollmacht nicht zweifeln kann, daß ſolches auf Ihren Befehl geſchehe; ſo ermangle ich nicht, zur Vermeidung fernerer vergeblichen Bemuͤhungen Eure Herrlichkeit zu benachrichtigen, daß ich nicht das Gluͤck habe, irgend etwas von Dero Beſitzthum in meinen Haͤnden zu haben, dieweil der verſtorbene Lord Marquis von Queensdowne, ſein ſämmt⸗ üches Allodialvermoͤgen dem ehrwuͤrdigen Doktor 10* 144 Nathanael Wimble teſtamentoriſch vermacht hat; wo⸗ nach ich denn daſſelbe nach Pflicht und Gewiſſen und Abzug erlittener Verluſte mit 190,217 Pfund 7 Schilling 4 Pence genanntem Erben uͤbermacht habe. Da zu ſolchem Allodialvermoͤgen das Haus in Großrence gehoͤrig, ſo habe auf Befehl des ge⸗ genwärtigen Beſitzers bei Gelegenheit erwähnten Be⸗ ſuchs meinen achtbaren Freund Maſter Billy erſucht, ſeine Wohnung daſelbſt zu raͤumen. Erlauben Eure Herrlichkeit einem getreuen, und mit denen Verhält⸗ niſſen genau bekannten Diener weiland Mylords von Queensdowne, Ihnen eine vielleicht nicht unné⸗ thige Weiſung zu geben, nämlich, daß nach Ab⸗ rechnung der auf den Familienguͤtern haftenden Sum⸗ men Eurer Herrlichkeit die immer noch ſchoͤne Ein⸗ nahme von Zwölf bis hochſtens Funfzehnhundert jaͤhr⸗ lich bleibt, und daß, wenn Dieſelben ſich etwa fuͤnf und zwanzig, hoͤchſtens dreißig Jahre mit derſelben begnuͤgen, in ſolcher Feiſt der uralte Glanz des er⸗ lauchten Hauſes Maltravers wieder hergeſtellt ſein wird. Moͤge der grundguͤtige Gott Eurer Herrlich⸗ keit Staͤrke und Gedeihen zu einem Vorhaben geben, zu deſſen Ausfuͤhrung ich leider meine Dienſte nicht anbieten kann, ſintemalen ich ſelbige dem bereits erwähnten ehrwuͤrdigen Doktor Nathangel Wimble 145 geweihet habe, in welchem theuren Kirchenlicht wir dem Vernehmen nach bald Mylord Biſchof von*** verehren werden. Eurer Herrlichkeit unterthäniger, und in allen Dingen bereitwilliger Diener Zedekias Turnfarthing.— Der Augenblick nach Leſung dieſes troſtreichen Schreibens war der ungluͤckliche, in welchem Herr Clément mit ſeinem pro memoria eintrat. Auch fand er in dem Baronet keinesweges den zwar ge⸗ nauen, aber doch willigen Zahler; dieſer gehabte ſich gar uͤbel, beſtritt die Hälfte der noch laufenden Rechnung, und was die geſtrige Kurzweil mit Ta⸗ fel und Hausgeräthe anbelangte, wollte er davon nichts wiſſen, daß die Verguͤtung den Lord Mar⸗ quis, der ſich kluͤglich ſchweigend verhielt, oder was daſſelbe ſei, ihn ſelbſt angehe, behauptend, was je⸗ der zerbrochen habe, muͤſſe er auch bezahlen. Der beſtuͤrzte Herr der Stadt Pecking, der nicht nur den geträumten Gewinn zu Waſſer werden, ſondern ſich ſogar mit wirklichem Schaden bedroht ſah, ſtand nach vielen fruchtloſen Veranſtaltungen im Begriff, zu ernſtern Maaßregeln zu ſchreiten, als Edward Beau⸗ clerc, durch den Lärm herbeigerufen, und entſchloſ⸗ ſen, wie einſt mit Blei, jetzt mit Gold die Ehre 146 der Landsmannſchaft zu retten, ihn mit wenigen lei⸗ ſen Worten beruhigte. Der Doktor ward mit ſehr duͤrren Worten bedeutet, ſeine Begleitung nach dem großen Albion ſei uͤberfluſſig geworden. Seine Herrlichkeit und der Baronet langten nach einer ſehr beſchleunigten Reiſe in London an, aber nur um zu erfahren, ſie haben umſonſt geeilt und Vetter Wimble war, wie in ſeinem Recht, auch im Beſitz. Die Aufloͤſung des Parlaments bewog Sir Chri⸗ ſtoph, Mylord anzutreiben, daß er ſich mit ihm auf's Schnellſte nach Queensdowne: Caſtle verfuge; dieſer mußte nun freilich, wenigſtens in einer Art, Wort halten; der Baronet ſah ſeinen Wunſch er⸗ reicht, und ſich als Stellvertreter des Fleckens, doch gegen das ausdruckliche Verſprechen, fuͤr die Eman⸗ cipation zu ſtimmen, welches er auch gern leiſtete, denn er war ſeinerſeit gleichfalls nicht in der beſten Stimmung gegen den Pfeiler der anglikaniſchen Kirche, den ehrwuͤrdigen Wimble. Die Eroffnung des neuen Parlaments und die Langeweile trieben Mylord und ſeinn Begleiter nach der Hauptſtadt zuruck aus dem alten Schloſſe, wo ſich ziemlich 147 nichts befand, als die Ahnenbilder, die ihnen in der That verdruͤßlich genug vorkamen. Bei der erſten Sitzung des Oberhauſes begegnete Lord Queensdowne im Vorgemach dem eben creirten Lord: Biſchof von***. Widerwillen und Rachſucht begeiſterten den weltlichen Peer zu einem, wenigſtens nach ſeiner Meinung, beißenden Wort, und er ſprach zu dem geiſtlichen Peer: Verdamm mich— in hätte ich mir es nicht träumen laſſeu, Maſter Pe⸗ arſon an dieſem Orte zu ſehen.— Mylord— ent⸗ gegnete der Kirchenfuͤrſt mit Sanftmuth und Nach⸗ druck zugleich: Auf welchem Wege Maſter Pearſon einſt auch wandelte, wie jetzt der Biſchof von***, geſchah es zu Gottes Ehre und im Streben, die Wahrheit ſiegend zu machen.— Kein Peer ſtimmte ſo eifrig fuͤr die Emancipa⸗ tion, als Lord Marquis von Queensdowne; als aber dieſe durchgegangen war, ermattete ſein ſenatoriſcher Eifer: man ſah ihn nicht mehr in der Kammer, und bald auch nicht mehr in London„ wo freilich ſein Einkommen ihm keine glaͤnzende Rolle zu ſpielen ge⸗ ſtattete. Wir wiſſen nicht, hat er die fuͤnf und zwanzig, hoͤchſtens dreißig magern Jahre in Queens⸗ 148 downe Caſtle angetreten, oder auf dem Feſtlande, wo 12— 1500 Pfund immer noch ein ganz ſtandesmäͤßiges Einkommen ſind; iſt das Letzte der Fall, und es wird von den fernern Abentheuern Sei⸗ ner Herrlichkeit uns etwas bekannt, ſo werden wir nicht ermangeln, ſie dem geneigten Leſer mitzu⸗ theilen. 6 N. N ſſſſſſſiiſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſiiſſſ . 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 . —. X———