Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6duard Gilkmann in Gießen, cloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih und eſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ₰ pfangnahme nd Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 S2 . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) djedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4 den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 MWonat; 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6 5. Auswärtige Abonuenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 42 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.§ 6. Schadenersatz. 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Die Frau von Neidſchüß war ihres Einſtuſſes auf Johann Georg ſich zu wohl bewuſſt, um ſelbſt der Tochter Unwillen zu fürchten; doch fühlte ſie, es ſei von der Seite der Letztern, wo nicht Mitwirkung, doch Nachgiebigkeit nöthig, um das Ziel ſo langen Strebens, ſo vieler Ränke zu erreichen; ſie hielt für gut, einzulenken, und antwortete in beſchwichtigender Weiſe: Ueber⸗ laſſe ſich doch ma chère Comtesse nicht derlei heftigen Emotionen. Wie oft habe ich Ihr nicht geſagt, daß dieſelbigen dem teint Schaden thun, den Augen und der Fraicheur überhaupt?— Wer wird denn ſo Arges denken? Verhüte der Himmel, daß ich das Ableben meines großgün⸗ ſtigen Patrons wünſche, und ſo Gott will, bal⸗ digem durchlauchten Schwiegerſohn. Man ſpricht ja von dergleichem betrübten Vorfalle nur als von etwas Möglichem, obſchon Manche deſſen Eintritt für wahrſcheinlich halten. Trachte die Frau Tochter nur die Zeit wahrzunehmen, wie ſie iſt, oder wenigſtens die Gaben nicht zu ver⸗ ſchmähen, welche ſothane Periode Ihr offeriret, das Andere mag denn, wie ſie nicht unbillig ver⸗ meinet, der Zukunft anheim geſtellt bleiben und anjetzo ruhen. Die Gräfinn von Rochlitz hatte die Entſchul⸗ digung, die in dieſer Rede lag, überhört und die Schlußworte derſelben; Eines nur traf ihr Ohr und ihr Herz, und ſie rief mit Beklemmung: Und warum hält man den Tod des Kurfürſten für ſo wahrſcheinlich? Genießet Er nicht jetzunder der beſten Geſundheit? Allerdings, entgegnete die Altere der beiden Damen, bemerkt man allgemein und ich insbe⸗ ſondere mit größtem content des gnädigſten Herrn fürtreffliches Anſehen, welches unſtreitig von dem Umſtande herſtammet, daß es Ihm gelungen, ſich von Seinen Hausplagen zu liberiren, und doch, ſetzte ſie kopfſchüttelnd hinzu, giebt es Pro⸗ phezeihungen, den Kurfürſten betreffend, und auch den Prinzen.— Anderer ſolcher Dinge nicht 7 zu gebenken, welche man mit Unrecht gering ach⸗ tet, habe ich es von meiner eigenen Kammerfrau, der ſpaniſchen Eſtevania, daß derſelben leibliche Mutter, die in geheimen Künſten wohl erfahren geweſen, Monseigneur einſt viel herrliche und große Dinge geweiſſagt, und unter andern lan⸗ ges Regiment. Wie aber ſollte er zu ſolchem ge⸗ langen bei des Herrn Lebzeiten? Zwar fügte be⸗ ſagte Perſon, welche, entre nous, etwas bei der Mutter profitiret, hinzu, ſolches werde nur eintreffen, wenn der Prinz einen gewiſſen peri⸗ culöſen Augenblick vermeide, welchen ſie den ſchwarzen nennet, und der ſich im Leben jegli⸗ ches Menſchen Einmal rencontriret; ſolches aber ſtehet, nach ihrem Andeuten, in Deſſelben ei⸗ genem Belieben. Auch mag berührter moment fatal allbereits paſſiret ſein; denn des Prinzen aventurirender Humor hat Ihn ſchon mancher Fährlichkeit bloßgeſtellet. Ich traue ſolch dunkeln, unheimlichen Wor⸗ ten nicht, ſprach Katharina, mehr mit ihrem Gefühl als mit ihrer überzeugung einen Wahn beſtreitend, dem ſich gänzlich zu entziehen der Geiſt der Zeit auch ihr nicht geſtattete. Verdäch⸗ tig ſind ſie, wie die Quelle, aus der ſie kommen, und nicht ſelten begleitet von ſchlimmer Abſicht, wie es bei jener Spanierinn ſein mag, die ich ungern unter Eurer Protection ſehe, Madame, deren Aufenthalt bei Euch bereits ſeltſame Reden veranlaſſt, und einſtmals, fürchte ich, Euch großen Verdruß und Unheil bereiten wird. Mit ſtolzer Selbſtgenügſamkeit verſetzte die Matrone: Es gefalle Ihr, meiner expérience zu vertrauen, welche darüber zu judiciren verſte⸗ het, wozu die Leute zu gebrauchen ſind, und ſelbige demnach zu placiren. Das Geſchwätz der populace achte ich nicht, und ſtatt Unheil denke ich von erwähnter Perſon mäncherlei Nutzen zu haben; denn auch ein ſchlechtes Kraut mag taug⸗ liche Ingredienz liefern für den geſchickten Scheide⸗ künſtler. Auch ein giftiges? fragte die Tochter— und nach einer Pauſe ſetzte ſie, wie halb zu ſich ſelbſt ſprechend, hinzu: Dem kann ich nicht Glau— ben beimeſſen, was von dieſer kommt, oder ſol— chen, die ihr gleichen, aber wohl dem Gefühl, das mir zuraunt, nicht ich werde über Seinen Leichnam weinen. Sehr tadle ich es, fiel die Mutter ein, daß Sie ſich ſo trübſeligen Imagi⸗ nationen dahingiebet; aber ſollten ſolche wider Verhoffen in Erfüllung gehen, und Sie aus die⸗ ſer Zeitlichkeit abgerufen werden vor dem künf⸗ tigen Herrn und Gemahl, ſo weine Derſelbe denn wenigſtens am Paradebett Seiner Kürfürſtinn. Kurfürſtinn? wiederholte das Fräulein, mit träumeriſchem Lächeln das Haupt wiegend. Ich glaube es nicht. Daſſelbe Gefühl ſagt mir, mein Schickſal werde ein ganz anderes ſein, und dem übel werde das Glück nicht entſprießen. Schickſal? fuhr Jene wiederum ereifernd auf. Ich bin Ihr Schutzengel, meine Gute, und weil ich das bin, ſo ſoll Sie Kurfürſtinn werden, verſtehe Sie wohl, und muß es wer⸗ den, trotz Ihren Reverien, die auf die Länge ganz insupportable ſind. Da Katharine nicht antwortete, trat ihre Mutter zu ihr zu dem Fenſter des Eckzimmers, an welchem ſie ſich befand, und das die Ausſicht auf einen kleinen Vorplatz gewährte, welcher den Ziergarten von dieſer Abtheilung des Schloſſes ſchied. Mein Kind, begann ſie in gemäßigterer Weiſe, damit Ihr nicht etwa glaubet, ich be— gründe meine Projekte lediglich auf ſolche myſte⸗ riöſe Dinge, die allerwege mancherlei Explicatio— nen unterworfen ſind; ſo haltet Euch verſichert, daß ich das Natürliche, welches zu unſerm Vor— ₰ 5 haben dienet, eben ſo wenig negligiret habe. Ich habe der Frau Tochter, die ſich ſelbſt um der⸗ gleichen nicht bekümmern mag, ſchon geſagt, daß es mir am Hoflager an Clienten nicht ermangelt, welche ſich bewegen, wie ich die Fäden regiere, mit welchen ich ſie an mich gebunden, die Fä⸗ den des Egoismus nämlich; auch haben dieſe Marionetten bereits ganz gute Dienſte geleiſtet, abſonderlich den Zwieſpalt zwiſchen dem Herrn und deren Kurfürſtinnen entretenirend, ohne wel⸗ ches, wie es nun einmal ſtehet, ich nicht reüſſiren kann, dem ich ſo viel Mühe aufgeopfert, und Ihr die Reputation einer unbeſcholtenen Demoi⸗ ſelle, deren Verluſt Ihr billig beklaget, wiewohl dergleichen in der Welt verſchiedentlich enviſagiret wird.— Sie brach hier ab, vielleicht um die Wirkung dieſes Angriffs auf die empfindlichſte Stelle des Gemüthes ihrer Tochter zu erwarten, und ſchaute unterdeſſen durch die Scheiben; nach einer kleinen Pauſe aber fügte ſie hinzu: Einer von dieſen iſt, der eben vorübergeht, der Comte de Beichling. Auch der Graf mißfällt mir, und ungern ſehe ich ihn ſo oft in dieſen Gemächern, ließ ſich die Gräfinn von Rochlitz vernehmen; ſein Ge⸗ — ſchwätz iſt ſo ſeicht und füßlich, und voller Unter⸗ würfigkeit, wie ich es an einem Mann nicht lei⸗ den mag, am wenigſten an einem Manne ſeiner Herkunft, und doch ſtraft auch dies gemeiniglich ſein Blick Lügen, und für falſch, wie dieſen, halte ich ihn.— Hm— erwiederte die Andere— diesmal mag Sie nicht weit vom Ziele geſchoſſen haben, ma chère; auch mir imponiret ſein We⸗ ſen nicht Einen Moment, zur Schachfigur taugt er jedennoch immer, die man marſchiren läſſt, wie ſie kann, und wenn man ſie nicht mehr braucht; — aber— unterbrach ſie ſich plötzlich ſelbſt— aber wer mag denn Der ſein, mit dem er geht2 Nach der neuen Galauniform iſt es ein Kammer— herr, und doch erinnere ich mich keines ſolchen an der Hofſtatt, obſchon mir die visage und die ganze Figur bekannt vorkommt. Es muß, fuhr ſie fort, die Hand über das Auge legend, um es vor dem blendenden Glanze des Schnees im Strahl der Januarſonne zu ſchützen, es muß eine Perſonnage von importance ſein; denn Monsieur le Comte iſt unermüdet in Reverenzen, und lä⸗ chelt ganz aimable, und es iſt doch ſeine Manier nicht, ſo etwas umſonſt zu thun. Jetzt embraſ⸗ ſiren ſie ſich gar— und gehen Arm in Arm von dannen, ganz lebhaftig geſtikulirend. Er thäte beſſer, mir den anbefohlenen Rapport abzuſtatten, ſtatt ſolchem unnützen bavardage.— Darauf wendete ſie ſich zu Katharinen, deren Wißbegier durch den Auftritt unter ihrem Fenſter nicht erregt worden war, und ſagte höhniſch; Dieſer Herr Chambellan, wie auch gleichermaßen Hof⸗ und Juſtizienrath, gehört zu denen, welche man fein kurz halten muß, ſollen ſie nicht träge wer⸗ den in ihrem devoir, und ihnen abſonderlich nicht allzureichlich, noch promt das Futter vorſtreuen, welches ihre Begehrlichkeit erheiſchet, wovon ich an beſagtem Monsieur jüngſt ein Exempel ſta⸗ tuiret, und geſonnen bin, es zu renoviren.— Gleichermaßen habe ich verſucht, ſagte darauf die Frau von Neidſchütz, zum früheren Gegenſtande ihrer Rede zurückkehrend, liaisons an auswärti⸗ gen Höfen zu entriren, zumal am Wieneriſchen, und ſelbige zu mainteniren, dienet mir der eben davon gegangene Herr Paron de Seckendorf, welchen ich daher diſtinguire, ob er gleich ein we⸗ nig vorlaut iſt und imperiöſer Gemüthsart, alſo daß, wenn derſelbe mit der Zeit zu einem emi⸗ nenten Poſten gelangt, wohl eher geneigt ſein möchte, ordres zu ertheilen, als ſolche zu em⸗ — 13— pfangen. Vor der Hand aber iſt es nicht der Fall, und ſo wäre dieſer Kavalier um ſo mehr ein paſſables Werkzeug, als er angeſpornet wird durch ſeine rancune gegen die Brandenburgiſchen Höfe in Franken, von denen er ein Mal, ich weiß nicht wie, und iſt mir auch egal, disguſti⸗ ret worden. Demnach habe für tauglich erachtet, dem erſten Motiv annoch ein zweites beizugeſellen, das der Ambition, als von welcher Monsieur de Seckendorf gleichſam verzehret wird. Das Reichs⸗ vikariat— hob ſie, unzufrieden mit der geringen Aufmerkſamkeit Katharinens, welche ihr wortlos gegenüber ſaß, die Fortſetzung einer Darſtellung an, in welcher ſie ſich in Auseinanderſetzung ih⸗ rer Staats- und Weltklugheit behagte— das Reichsvikariat, deſſen Ehre dem zufällt, welcher dieſelbe mit der ſchweigſamen Frau Tochter thei— len wird, iſt nicht fern; denn der Kaiſer befin⸗ det ſich in vorgerücktem Alter. Solche Würde aber, von der ich Ihr einige Connoiſſance zu er⸗ werben rathe, wie von andern Dingen, welche einer künftigen Fürſtinn zu ignoriren übel anſtehet, giebt Kurſachſen und der Pfalz bei Rhein ein ziem⸗ lich ascendant über die geringern Stände und die Ritterſchaft. So mag denn die Perſpective, welche — 14— ich dem Obriſtwachtmeiſter eröffnet habe auf Avan⸗ cement bei der Reichsarmee und dereinſtige Er⸗ hebung in den Grafenſtand um ſo ergötzlicher ſein, als er ſolches eher von der Dankbarkeit unſers Herrn verhoffen kann, als von der Gnade des Wiener Hofes, welcher er als Lutheraner ſich nicht ſehr zu getröſten hat, wiewohl er dort eine Art von Influenz erworben durch ſein ſcharfes Ingenium und gute Manieren. Ich möchte, fügte ſie im Tone einer Prophetinn hinzu, die⸗ ſem Edelmann eine raſche carrière weiſſagen, doch nicht allerwege ein glücklich Ende; denn ſo ich ihn recht judicire, iſt er unſtäten und extravagan⸗ ten Sinnes, welcher leicht vernichten kann, was ſeine ſonſtigen Qualitäten zuwege gebracht. Dies iſt allewege nicht unſere affaire; er ſehe ſelber danach, daß er ſtehen bleibe, wenn er nur zur Zeit bewerkſtelligt, was uns conveniret. Im⸗ mer aber iſt er ein ander Subject, als Manche allhier, von denen ich den Vitzthum exceptire, der aber auch ſonſt nicht viel tauget, und, ſo Gott will, nicht weit kommen ſoll auf dem Wege, den er erwählt. Dieſer Monsieur de Beichling au contraire iſt, um franchement zu ſprechen, obſchon zu allerhand zu gebrauchen, weder mit dem Einen zu compariren, noch mit dem An⸗ dern, und ſeiner altgräflichen Extraction ohnbe⸗ ſchadet, was man einen pauvre Sire nennet und einen ſubordinirten Intriguenmacher.— Auf Flügeln der pflichtſchuldigen Eile— ſprach in die Thür tretend der auf ſo ſchmeichel⸗ hafte Weiſe Geſchilderte— komme ich, Ihro Ercellenz die Nouvellen mitzutheilen, welche ich eben auf Dero Befehl in Erfahrung gebracht, obſchon deren Inhalt mich in billigen Zweifel über einen günſtigen Empfang ſetzet. Dieſer Zweifel kann alsbald gehoben werden, ſo es dem Herrn gefällig iſt, ſich zu expliciren, antwortete trocken die Gräfinn. Der Graf be— mühete ſich, das Anſehen eines höchſt betrübten Mannes anzunehmen, und ſprach mit einem hörbaren Seufzer: Allerdings hatte die verehr⸗ liche Frau Gräfinn Recht, als Dero vermeinte, es ſei ein Courier mit Botſchaft an Serenissimum angelanget. Und welches, fragte die Dame, iſt die Nach⸗ richt, die er gebracht, welche man, des Herrn Ausſehen nach, für eine Hiobspoſt halten möchte 2 Verkündete das Schreien des Volkes draußen und das Blaſen der Poſtillons in Staatslivree ſie nicht au contraire als erfreulich? Der Hofmann verſetzte in beſchwichtigendem Tone: Alle Dinge, Madame, zeigen zweier⸗ lei Antlitz;— auch Monsieur le Comte, ſagte Jene im Stillen zu ſich ſelbſt, iſt, wenn ich nicht irre, ein ſolches Ding.— Dem Einen kehrt es ein freundſeliges zu, fuhr er fort, wäh⸗ rend es dem Andern nur finſtere Lineamente zei⸗ get. So hat denn beſagte Nachricht allerdings viel Plaiſir hie und da in der Stadt und auch wohl am Hofe erreget, und ich will verhoffen, daß ſie von Ihro Excellenz wenigſtens mit der fermeté und resolution aufgenommen werde, welche die allbekannte Stärke von Hochdero Cha⸗ rakter verheißet. Zur Sache, Monsieur, wenn es beliebet, zur Sache, erinnerte ihn die Matrone mit Ungeduld. Ich bin curios, die visage dieſer Neuigkeit ken⸗ nen zu lernen von der einen oder der andern Seite. Sie kommt, befriedigte ſie mit Achſelzucken der Herr von Beichling, ſie kommt aus Bayreuth in Franken, und beſteht in der Verlobung des Prinzen mit der Durchlauchtigen Prinzeſſinn Chriſtiane Eberhardine, Markgräfinn zu Bran⸗ — 17— denburg⸗Culmbach, welche derſelbe dem Herrn anonciret mit Bitte um gnädigſten Conſens deſ⸗ ſelben, als Chef des Kurhauſes, dem mit Seinem Wohlnehmen die hochfürſtliche Vermählung als⸗ bald nachfolgen werde.— Dieſe allerdings un⸗ erwartete Nachricht ſchien auf beide Damen ei⸗ nen ganz verſchiedenen Eindruck zu machen: Die Gräfinn von Rochlitz holte tief Athem, und blickte um ſich her wie Jemand, der von einer Laſt be⸗ freiet iſt; ihre Mutter ſtand ſchweigend, unter der dicht aufgetragenen Schminke die Farbe wech⸗ ſelnd, und erſt nach einigen Sekunden ſtießen ihre bebenden Lippen die mit bitterm Gelächter begleiteten Worte hervor: So haben denn nach langem Vagabundiren Seine Durchlauchtigkeit ſich entſchloſſen, eine ſolide Lebensweiſe als chriſt⸗ licher Ehegatte zu entriren! Und was ſagte denn der Kurfürſt zu ſolch löblicher Reſolution? Wie vorher antwortete der Graf: Der gnä⸗ digſte Herr hat ſelbige mit extraordinairer Satis⸗ faction erfahren, und alſogleich das erbetene lan⸗ desherrliche und freundbrüderliche consentement ertheilet. Sage der Herr, ſo ſprachen Höchſt⸗ dieſelben zu dem überbringer, des Prinzen Lieb⸗ den, er möge ſich beeilen, damit ich den Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 2 S 18 vielgeliebten Bruder und künftige Frau Schwä⸗ gerinn, meine Unterthanen aber die ſehen mö⸗ gen, welche vielleicht ſpät oder früh des Landes Vater und Mutter ſein werden. Dieſer letzte, ſetzte er mit einer halben Verneigung gegen Ka⸗ tharinen hinzu, iſt nun wohl verhoffentlich ohne Grund; es iſt indeß einmal des Herrn Manier ſo, und ſelbiges ſind Höchſtdero ſelbſteigene Worte, die Sie zu dem Monsieur Vitzthum geſprochen, welcher der Abgeordnete Seiner Durchlauchtig⸗ keit iſt, und auch von Serenissimo Electore, zum Zeichen höchſter Zufriedenheit, ſtehenden Fußes mit dem goldenen Schlüſſel gratificiret worden. Mit dem goldenen Schlüſſel? wiederholte in ſchneidender Frage die Dame. So iſt denn Herr Vitzthum vom postillon d'amour zum po- stillon de mariage avanciret, und— fuhr ſie mit einem nicht beſonders lieblichen Blicke fort— er war der funkelneue Kammerherr, mit welchem Monsieur le Comte ſo eben mit ſonderbarer Leb⸗ haftigkeit und Familiarität Converſation gepflo⸗ gen?— Der Graf bereuete im Stillen den Mangel an Vorſicht, der die Frau von Neid⸗ ſchütz zur erwünſchten Zeuginn ſeines Zuſammen⸗ 22 19— ſeins mit dem Vertrauten des Prinzen und ſei⸗ ner allerdings etwas weit getriebenen Zuvorkom⸗ menheit gemacht hatte, und er bereitete ſich, einige Entſchuldigungen hervorzubringen, als Jene ihn unterbrach: Ich hoffe, ſprach ſie kurz und gebieteriſch, ich werde dieſes erfreuliche evenement des baldigſten aus des Kurfürſten eigenem Munde vernehmen. Etwas verlegen verſetzte der Hofmann: Zweifelsohne unfehlbar wird Höchſtderſelbe Ihro Excellenz ſolche communiciren, ſobald Er zurück⸗ kehrt von den beiden Kurfürſtinnen respective Föniglicher Hoheit und Durchlauchtigkeit, als denen, nach des Herrn opinion, in Familien⸗ ſachen das erſte Wort gebühret. Bis jetzt hatte die ſtolze Frau eine leidliche Faſſung behauptet, die vermeinte Zurückſetzung gegen die gehaſſten fürſtlichen Frauen aber füllte das Maaß ihres Zornes bis zum überfleßen; ſie bedurfte Jemand, auf welchen er ſich entlade, und er fiel auf den Grafen von Beichling. So will ich denn, ſprach ſie mit ingrimmigem Ton, ſo will ich denn mich verpatientiren, bis es dem Kurfürſten gefüllig ſein wird; Monsieur le Comte aber braucht ſich weiter keine Ungelegenheit zu 25— machen. Gehe Derſelbe, lautete es weiter in verſtärktem Tone, gehe Derſelbe, nachdem er die Protection des Favoriten erworben, zu dem künftigen Landesvater, und diene der Herr ſel⸗ bigem mit der Uneigennützigkeit und Fidelität, die man als Dero Qualitäten admiriret, wofür ich guten recompens wünſche. Gott befohlen, Herr— Vicekanzler!— Betreten und im Gefühl gewohnter Unter⸗ würfigkeit hatte der Juſtiz- und Hofmann vor der aufgebrachten Frau geſtanden; jene letzte Be⸗ nennung aber trieb ihm die Röthe des Unmuths auf Stirn und Wangen, und ſteifte ſeinen ge⸗ beugten Rücken; denn die Würde eines Vicekanz⸗ lers war es, welche die mächtige Dame vor Kur⸗ zem ſeiner Bitte ohne ſonderliche Entſchuldigung verweigert hatte, ein Fehlſchlag, der bereits ſei— ner Anhänglichkeit an die Gönnerinn nicht gerin⸗ gen Eintrag gethan. Zum erſten Male ſchied er mit kurzer und ſogar einigermaßen ſtolzer Ver⸗ beugung von der Erzürnten, und eilte davon, entſchloſſen, im Ernſte den Rath zu befolgen, den ſie ihm höhnend gegeben. Auch hat er ihn wohl in ſeinem ganzen Umfange befolgt, dem nachmaligen Könige von Polen dienend, wie er — 21— einſt der Frau von Neidſchütz gedient; wenigſtens ſprechen die jahrlange Haft auf der Veſtung Kö⸗ nigſtein, die ihn in vorgerücktem Alter betraf, und ſein Tod im Epil nicht zu Gunſten der be⸗ wieſenen Uneigennützigkeit und Treue. Für jetzt wichen ſie der Erwägung, wie des Prinzen Ehe⸗ bündniß, dem Kurhauſe Sachſen Nachkommen⸗ ſchaft verſprechend, den Entwürfen der ehrgeizi⸗ gen Mutter nachtheilig ſein und ſeine Wiederkehr ihrem Einfluſſe gefährlich werden könne; ein wei⸗ ſer Mann, zumal wenn er Juriſt iſt und Höf⸗ ling zugleich, thut nimmer zu viel, und ſo be⸗ ſchloß er, nach reiflicher überlegung, das unreine Waſſer, wie ein triviales Sprichwort ſagt, nicht auszugießen, bis er des reinen gewiß ſei, oder mit andern Worten, ſeiner Beſchützerinn, nach wie vor, devoteſt aufzuwarten als ihr ergebener Diener, oder als Herzog Friedrich Auguſts Kund⸗ ſchafter bei der Gegnerinn, je nachdem das Eine oder das Andere im weitern Verlauf der Dinge ſich erſprießlich zeigen werde. Heftig und ungleichen Schrittes maß die Frau von Neidſchütz mehrere Male die Länge des Gemaches, bald langſam und mit geſenktem Haupte, bald ſich aufrecht haltend, raſcher und mit gebie⸗ tendem Anſtande, gleich Einem, der etwas Un⸗ erwartetes überblickt, das ſich ihm entgegenge⸗ worfen, bald es in allen ſeinen Theilen be⸗ ſchauend, und dann wieder die Kraft, die ihm beiwohnt, aufbietend, entſchloſſen zu kämpfen und alles an den Sieg zu ſetzen. Nach dem Wech⸗ ſel ihrer ausdruckvollen Züge, nach dem Blick, der ſich hin und wieder ſtarr auf eine Stelle rich⸗ tete, als wolle er einen nicht vorhandenen Ge⸗ genſtand erfaſſen, erging ſich der wirklich ſtarke Geiſt der Matrone in den Räumen der Wirklich⸗ keit und des Möglichen, nach Waffen umherſpä⸗ hend, mit denen ſie den Angriff auf das Gebäude ihrer Entwürfe zurückſchlagen könne, einem Feld⸗ herrn gleich, der, an wiederholte Siege gewöhnt, ſich ſelbſt vertraut; eine nicht würdige, nicht an⸗ genehme, aber doch gewiſſermaßen großartige Er⸗ ſcheinung— da rief ſie der Anblick der Tochter aus der Welt ihrer Gedanken zurück. Heitererer Miene, als gewöhnlich, ſaß Katharina über ei⸗ nen Schreibtiſch von Cedernholz, und kritzelte mit goldener Schreibfeder auf ein Blatt roſenfarbe⸗ nen Papiers Züge ſo flüchtig und zierlich, als die Kalligraphie einer Dame des 17ten Jahrhun⸗ derts ſie zu bilden vermochte. Da räumten die frühern, obſchon nicht eblen, aber doch mehr über das Gemeine erhabenen Gefühle der Mut⸗ ter ihre Stelle andern ein, ihrem Alter, Ge⸗ ſchlecht und vornehmlich ihr ſelbſt eigenthümlich, dem Ingrimm und dem Hohn, und ſie ſprach in einer Weiſe, welche beide ausdrückte: Sur ma foi, Madame, ſchauen ja ſo hell drein und ſo vergnügt, als ſei das Allererwünſchteſte vorgefal— len. Darf man fragen, mit welcher Epiſtel ſich Dero kunſtreiche Hand occupiret? Ich erfülle eine Pflicht, antwortete Katha⸗ rina ruhig; was ich ſchreibe, iſt an den Kurfür⸗ ſten gerichtet, und ein Glückwunſch zu dem, was ſich heute in ſeinem Hauſe ereignet. Was hör ich, rief die Andere überlaut und mit funkelnden Augen. Est— il— possible? Glück wünſchen will Sie zu dem, was uns rui⸗ niret, und am allererſten und abſonderlich Sie2 Und damit ſchritt ſie auf den Schreibtiſch zu, mit geſpreitzten Fingern ſich des Blattes zu bemäch⸗ tigen. Katharina aber deckte ſchützend die Hand über daſſelbe, richtete einen langen ernſten Blick auf die Mutter, und ſagte mit Feſtigkeit: Der Kurfürſt ſäumet zu erſcheinen, vielleicht zweifelt er an meinem Herzen, das ſoll er nicht; auch — ſoll Niemand zwiſchen die unſern treten, daß ſie ſich entfernen, und ich des einzigen Glückes verluſtig gehe, das mir zu Theil ward, des theuer erkauften, das ich nicht laſſen will, es ſei denn mit meinem Leben. In dem Blicke des Fräuleins, ob er gleich weder zornig war, noch gebieteriſch, lag Etwas, das die Matrone ſeltſam traf, auch zeigte ihr, wenn die Leidenſchaft ihn nicht verdunkelte, hel⸗ ler Verſtand ihr alsbald, das einfache Gefühl der Tochter habe dieſe für dies Mal richtiger ge⸗ leitet, als ſie die durch allzuheftige Aufregung irrgewordene Klugheit; ſie trat zurück, und mur⸗ melte durch die zuſammengepreſſten Lippen: Eh bien, halte es die Frau Tochter, wie ſie will, bei mir ſoll Monseigneur nicht ſo wohlfeilen Kau⸗ fes wegkommen. Fürtrefflich! fuhr ſie nach ei⸗ ner Weile fort, ſich ihrer Bitterkeit wiederum hingebend, fürtrefflich! Was man nicht alles erlebt!— Prinzeſſinnen und Kammerherrn werden hier creirt, ohne mich zu fragen! Aber, patience, die Eine wie der Andere ſoll gewahr werden, daß es ſich nicht gut in dieſem Hauſe wohnet ohne Paſſirzettul von mir! Ihr ſeid zwar ein ſchlauer Patron, mon Cousin Vitzthum, doch werdet Ihr es ſchwerlich mit der Baſe aufnehmen können, und Euer neuer Rock dürfte Euch des baldigſten zu eng werden. Und die Bayreuthe⸗ rinn? Nun, wir werden ja ſehen. Ein aller⸗ liebſter Kavalier, der Herr Baron de Seckendorf, mit ſeinen theologiſchen Controverſen und ſeiner Prinzeſſinn, die nur mit genauer Noth kein monstre ſein ſollte. Ich werde ihm das gedenken, Herr Obriſtwachtmeiſter, und ſeiner Omphale, von welcher der Prinz den Rocken nicht acceptiren würde. Während der Herr Legationskavalier hier ſo angenehme Fabeln debütirte aus der Mytholo— gie, hat ſie ihn in der Realität doch umſponnen, den Hercule moderne, und ihm wohl gar den Eubach in die Hand gegeben, oder Arndts wah⸗ res Chriſtenthum. Man ſagt, wie der Teufel — Gott ſei bei uns!— alt wurde, ſo ward er ein Einſiedler. Damit hat es jedoch noch gute Zeit bei Monseigneur. Nun, ich gratulire, Ma⸗ dame, zu dem neuen Ehegemahl; ich imaginire immer, das Plaiſir wird nicht lange währen. Aber, wandte ſie ſich plötzlich und mit Heftigkeit gegen Katharinen, daran iſt Sie Schuld, Sie ganz allein. Hätte Sie mehr auf die Erde ge⸗ ſchauet als in den Mond, mehr auf den Kur⸗ hut Ihres Amanten als in ſeine langoureuſen Augen, ſo konnte längſt alles gethan ſein; der Prinz hätte, unverehlicht, wie er abgereiſt, zu⸗ rückgekommen, nolens volens vor der regierenden Frau ſich gebeugt, und Alles ſtände gut für jetzt, und beſſer noch für die Zukunft, wovon freilich jetunder ſogar die apparence verſchwunden. Nicht mit Unwillen, wie ſonſt, ſondern mit trübem, beinahe mit leidigem Lächeln hörte Ka⸗ tharina dieſe Anſpielung auf ſeltſame, nun un⸗ erfüllbare Pläne, und verſetzte: Das eben iſt mir das Erfreulichſte an dem, was ſich begeben, daß auch in der Frau Mutter Augen gewiſſe Dinge eine Wahrſcheinlichkeit verloren, die ſie weder für mich hatten, noch für irgend Jemand, und dies unſtreitig das Letztemal iſt, daß ihrer er⸗ wähnt wird. Madame ſpricht ja recht weiſe, fiel die auf⸗ gebrachte Gräfinn ein, und in doctorirendem Tone, und ſo reſolut, als hätte Sie Ihre Sachen recht perfect gemacht; aber gebe Sie Acht, Sie wird es regrettiren. Das Kleeblatt der barmherzigen Schweſtern iſt nun voll, und ſie werden ſiegen und beten, bis ſie uns aus dem Schloſſe hinaus geſungen und gebetet haben, oder wohl gar aus — dem Lande, und da mag ſie denn in irgend ei⸗ nem Stift meinethalben gleichermaßen beten und ſingen, und Reu und Leid machen über eine beſ⸗ ſere Zeit, welche Sie unverantwortlicherweiſe pro⸗ digniret. Katharina verſetzte mit Ruhe: Das beſorge ich mit nichten. Gleichwie ich nimmer allzu⸗ viel gehofft, ſo fürchte ich auch nicht allzuviel; denn ich vertraue dem Herzen Johann Georgs. Ihr ſelbſt, Madame, habt mein Schickſal in Seine Hände gelegt, laſſet Ihn denn hinführo walten über daſſelbe, und es wird vielleicht nicht ſo glänzend ſein, als Ihr es wünſchtet, doch nicht bar an dem Glück, das mir beſchieden iſt auf Er⸗ den, und auf welches mir noch ein Recht zuſte⸗ het. Und ſollte es ſich treffen, daß Er mich entlaſſen müſſte in die Einſamkeit, nicht verſto⸗ ßen wird Er mich wie Abraham die Hagar ver⸗ ſtieß, und zwar mit blutendem Herzen werde ich gehen, doch nicht mit gebrochenem; denn das Seine wird mir verbleiben, das einzige Gut, deß ich jemals begehret. Admirable modestie! rief mit zornigem La⸗ chen die Frau von Neidſchütz. Doch ich werde Sorge tragen, daß ſolche indigne sentimens ohne Effect bleiben, an welchem zu partieiren, ich wohl gar die Chre haben würde, für die indeß ich verbindlichſt danke. Man wird uns nicht aus dieſem Schloſſe vertreiben, ja nicht ein Titelchen gebe ich auf von meinen pretentions, und wäre die Frau Gräfinn de Rochlitz noch dreimal dé- raisonnabler und widerſpenſtiger, als ſie iſt, und kämen zehn Prinzen, von denen ein Jeder zehn ſpaniſche Stiere terraſſiret hätte, ſtatt einem, und zwanzig Prinzeſſinnen mit eben ſo viel Po⸗ ſtillen, ich nehme es auf mit ihnen Allen; noch iſt mein Arſenal nicht leer, und finde ich in ei⸗— nem Behältniß keine Waffe mehr, ſo findet ſie ſich in dem andern! Und damit verließ die Ma⸗ trone ſtürmiſchen Schrittes das Zimmer. Schon ſeit einigen Minuten hatte Katharina, dem lauten Selbſtgeſpräch der Mutter ihre Auf⸗ merkſamkeit entziehend, ſie dem beendigten Schrei⸗ ben, das vor ihr lag, zugewandt, gleich als wollte ſie von dem gehäſſigen Treiben der Welt, das durch die Stimme Jener an ihr Ohr drang, Schutz ſuchen bei den eigenen Gefühlen, die dies Blatt ausdrückte. Auch als ſie allein war, blieb ſie noch eine Weile über daſſelbe hingebeugt, es mit Ernſt und Wehmuth betrachtend, dann lehnte 5 ſie ſich zurück in ihrem Seſſel, und flüſterte vor ſich hin: Es iſt Wahrheit, was ich Euch hier ſage, geliebter Herr, Ihr werdet daran nicht zweifeln, und es muß einmal klar werden zwi⸗ ſchen uns. Wohl Mancher glaubt, wer gethan, ich, halte über Alles hoch, was die Menſchen Vortheil nennen, Ihr aber wiſſet, daß ich mein Glück nur in dem Euren finde. Mancher mag mich verkennen, manches Antlitz, das mir ge⸗ genüber noth gedrungen Ehrerbietung zur Schau getragen, der das Innere ſich verſagte, mag ab⸗ gewendet von mir ſich verziehen zum Lächeln des Spottes, Ihr verkennet mich nicht. Und wenn der Tod den Schmerz und die Freude abſtreift von dieſem Herzen; wenn von der Armen, die doch Mancher beneidet, nichts übrig ſein wird, als die entſeelte Hülle; wenn ſie dieſelbe hin⸗ austragen zur Ruheſtätte, vielleicht mit gleißen⸗ dem Prunke, wird mehr als Einer achſelzuckend auf die Bahre ſehen, welcher— hier bedeckte ſie mit beiden Händen ihr Angeſicht, und ihre Stim⸗ me ſchwankte— welcher die einfache Zierde feh⸗ let, die ſchöne Zierde, die auch die niedrig ge⸗ borne Mutter mit Stolz auf dem Sarge ihrer Tochter erblickt, während die meine—— Jo⸗ hann Georgs Thränen folgen mir in die Gruft.— Möge Er glücklich ſein als Regent, als Haus⸗ vater, als Haupt ſeines erlauchten Geſchlechts; möge es neu aufblühen und ſtolz in Seines Bru⸗ ders Nachkommenſchaft; es wird mich erfreuen und nicht betrüben; keine Klage wird Seine Zu⸗ friedenheit mindern, die auch die meinige iſt; Er ſtehe, ein ſtarker, Schutz bietender Baum, umringt von edeln, ihm verwandten Bäumen, ſo es dem Epheu nur geſtattet iſt, daß er ſich um ſeinen Stamm ſchlinge.— Die Mutter ſagt, und Andere deuten an, was heute ge⸗ ſchehen, ſei ein Unglück oder wohl ſogar ein Un⸗ recht, mir zugefügt. Sie kennen mich nicht, nicht Ihn; welches Recht iſt denn das Meine? Mag ich bedauern, was ich nicht gewünſcht?— Nicht gewünſcht? ſo darf ich nicht ſagen, aber was ich nicht gehofft, obſchon Sein Wille mir es ver⸗ hieß; denn mächtiger als der Wille ſelbſt eines erlauchten Hauptes iſt das, was die Welt Ver⸗ hältniſſe nennt. Welche Unbill iſt mir geſche⸗ hen? Hab' ich nicht, was ich erſehnt, was ich erkauft freilich um hohen Preis, doch das Einzige, wofür ich Ihn dahin gab? Bin ich nicht glück⸗ ſelig als die Kurfürſtinn ſelbſt, ich, der das beſte — 31 Theil beſchieden, die Liebe, deren ſie entbehrt? Nicht die Krone ſchmückt mein Haupt, meine Hand ermangelt des Traurings; doch andere Pfänder hab' ich, mir theurer als die Demanten, welche die Menge mißgünſtig anſtaunt, Pfänder heilig bewahrt in geheimnißvoller Stille, und was werthlos wäre in der Meinung der Welt, darauf ruhet das Auge der Liebenden gern, unbe⸗ lauſchet von Zeugen, als auf einem Denkmale glücklicher Stunden, reich an Bedeutung!— Indem ſie dieſe Worte ſprach, welche wir, abgehend von der Weiſe dieſer Darſtellung, ent⸗ kleidet von der entſtellenden Schnörkelei des Idioms ihrer Zeit, ſtreifte ſie den Spitzen⸗Ermel zurück, und knüpfte ein Band ab, welches den Arm bei⸗ nahe unter der Achſel umſchlang. Nur von ro⸗ them Saffian war das beſcheidene Schmuckſtück, von einem einfachen goldenen Schloſſe zuſammen gehalten, und als ſie es vor ſich ausbreitete, er⸗ ſchien als ſein Inhalt nichts, als ein Kettlein von dunkelbraunem Haar geflochten, und auf wei⸗ ßem Seidengrunde röthlich ſchimmernde Schrift⸗ züge. Du, mein theuerſtes Kleinod, ſprach ſie, es mit anmuthigem Lächeln an die Lippen drük⸗ Aer — 32— kend, wie ſo unſcheinbar wäreſt du den Augen einer Herzoginn von Portsmouth, von Fontagnes, einer Marquiſe von Monteſpan, und wie alle die Damen heißen, welche die Frau Mutter mir als Exempel aufſtellet, und mit denen leider die Menge mich verwechſelt. Aber ſo verſchieden Du biſt von den reichen Gaben, die dieſe Frauen zur Schau tragen, ſo verſchieden iſt auch Dein Ge⸗ ber von denen, welche jene verliehen, ſo verſchie⸗ den bin ich von den Geprieſenen; denn wie ſie der Stolz und die Habſucht in die Arme altern⸗ der Monarchen zwängten, warf mich die Liebe an das Herz deſſen, der mir theuer geweſen wäre, hätte er das Licht in einer Hütte erblickt.— Sie ſchwieg eine Weile wie in Erinnerung ver⸗ loren, dann fuhr ſie fort: Ich darf Dich nicht mein nennen vor der Welt, wenigſtens jetzt nicht, ſprach an einem unvergeſſlichen Abend der fürſt⸗ liche Mann zu mir— o, nimmer wird er es dürfen!— Der Prieſter wird den Bund nicht ſegnen, den wir geſchloſſen vor Gott— und zürnet Gott nicht vielleicht dieſem Bunde? Den Ring ehelicher Treue darf die gefeſſelte Hand Dir nicht reichen; ſo nimm denn, was ich Dir geben kann, das Blut, dem Herzen entſtrömt, wel⸗ Jener nicht gehört, ſondern Dir. Dieſes Kett⸗ lein deute die Bande an, mit denen Du es um⸗ ſchlungen; es iſt von meinem Haar geflochten, Du aber biſt keine Delila!— Da trennte ich gleichfalls eine Locke von meinem Haupthaar, und wand ſie in das ſeine, demſelben ſo ähnlich, daß ſie Eins ſchienen, wie wir ſelbſt, und ich ritzte mir den Arm, und verband mit ſeinem Na⸗ men den meinigen, auch geſchrieben mit mei⸗ nem Blute, und er rief: Johann Georg und Katharina unzertrennlich, ſo lange die Herzen ſchlagen, denen dies Blut entſtammet, unzer⸗ trennlich noch, wenn ſie im Tode erſtarren.— Wird es auch ſo ſein? fragte ſie ſich ſelbſt, wird das Leben uns nicht trennen? Im Tode doch, jenſeit des Grabes, unzertrennlich Johann Georg und Katharina!— Und nachdem ſie nochmals das Band mit dem Munde berührt, heftete ſie es wieder an die Stelle, da ſie es trug, verbor⸗ gen vor der Neugier übelwollender Gaffer; dann faltete ſie das Brieflein, und ſchloß es nicht mit dem Staatsſiegel, auf welchem der erlauchte Rautenkranz ſich in das Wappen der Neidſchütz verſchlang, ſondern mit einem kleinen Petſchier⸗ ring, welcher nach der deutlich einfachen Sym⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd · 3 34— bolik jener Tage ein Paar Täubchen zeigte, ſich ſchnäbelnd über zween, von einem Pfeil durch⸗ ſtochenen Herzen. Kaum hatte ſie die ziemlich ungewohnte Arbeit vollendet, ſo hörte ſie hinter ſich nahende leiſe Tritte, und als ſie umſchauete, ſtand Der vor ihr, an welchen ſie eben geſchrieben. Das Antlitz Johann Georgs IV. trug das Gepräge der Befangenheit, und ſein Gang war eben ſo zögernd als leiſe; er blieb es ſogar, als das Fräulein aufſprang und ihm entgegen eilte. So groß war die bekannte und ſeltſame Ober⸗ gewalt, welche Katharinens Mutter über ihn ge⸗ wonnen, daß, ob er gleich in der überzeugung ſtand, gethan zu haben, wie ihm als Fürſten, Bruder und Stammhaupt geziemte, er doch ge⸗ wiſſermaßen Scheu trug, mit ihr zuſammen zu treffen, eine Scheu, welche mehr als dem Ge⸗ bote des Anſtandes ſein langer Beſuch bei den Kurfürſtinnen zuzuſchreiben war. Wohl hatte Anna Sophia von Dännemark nicht ermangelt, die ſelten gewordene Gelegenheit zu ergreifen, und ihm eine nicht kurze und nicht allzuglimpfli⸗ che Vermahnung zu halten, ihn auffordernd, daß er von ſolchem, dem Kurhauſe erfreulichen Be⸗ gebniß Anlaß nehme, gewiſſe Verbindlichkeiten aufzulöſen, und ſich der Perſonen abzuthun, welche den Herrn Sohn durch ſchnöde Argliſt, wo nicht durch noch ſchlimmere, jedem Chriſten⸗ menſchen abſcheuliche Mittel zu Eingehung der⸗ ſelben verleitet. Aber eben zu lang und zu un⸗ glimpflich war dieſe Geſetzpredigt, um die beab⸗ ſichtigte Wirkung zu thun; wie ſchon früher, kam es zu einem harten Wortwechſel zwiſchen Mutter und Sohn; wie gewöhnlich wandte ſich der Zorn des Letztern gegen die Kurfürſtinn Eleo⸗ nore, welche, gewohnt Alles unzeitig zu thun, und entrüſtet durch manchen ältern und neuern Vorgang, ſich zwar mit ſtrömenden Thränen, aber herbe genug äußerte. Als er ſchied, ge⸗ ſchah es abermals mit der gebieteriſchen Verſiche⸗ rung, er gedenke nach wie vor Herr zu ſein, und durch die Vermählung des Prinzen habe ſich wohl die Zahl ſeiner Unterthaninnen um Eine vermehrt, doch nicht der Beſchränkerinnen ſeines ſouverai⸗ nen Willens. In dieſer Gemüthsſtimmung ſchien ihm ſeine, der Frau von Neidſchütz, obwohl nie⸗ mals ganz beſtimmt gegebene, Zuſage, ſie zur Schwiegermutter des Landesherrn zu erheben, als eine heilige Verpflichtung; er fühlte jedoch ſehr wohl, daß der Erfüllung derſelben am heu⸗ ne — 36— tigen Tage ein neues wichtiges Hinderniß entge⸗ gengetreten ſei, und nach der Weiſe mehr tiefer als kräftiger Gemüther ſtellte er ſie der Folgezeit anheim, ſich von dem übergewicht ſeines Willens ſpät oder früh den Sieg verſprechend. Dennoch konnte er kaum glauben, dieſer Aufſchub und die⸗ ſer Troſt werden ſonderlich nach dem Geſchmacke der gräflichen Matrone ſein, und ſo begab er ſich zögernd von einer ſtürmiſchen Scene mit aufge⸗ brachten Frauen dahin, wohin ſein Herz ihn zog, in die Nähe einer andern aufgebrachten Frau, wo ihm, wie er nicht zweifelte, eine nicht min⸗ der ſtürmiſche Scene bevorſtand. Es gereichte ihm daher zu einiger Erleichte⸗ rung, als er, in das Gemach tretend, die be⸗ jahrte Dame nicht daſelbſt und ihre Tochter allein fand; doch mochte dies ſeine Befangenheit wohl vermindern, nicht aber ſie gänzlich verſcheuchen. Selten zwar war zwiſchen ihm und Katharinen die Rede von Dingen geweſen, welche ihr be⸗ ſcheidener Sinn niemals gefordert, und ihr Zart⸗ gefühl zu berühren vermieden hatte; die Mutter aber ermangelte nicht, häufig im Geſpräch ihn zu verſichern, die Gräfinn von Rochlitz lebe der Hoff⸗ nung, ihre Ehre in den Augen Gottes und der Welt auf die glänzendſte und allein genugthuende Weiſe hergeſtellt zu ſehen, und die verzögerte Er⸗ füllung drücke ihren Geiſt danieder und nage an ihrem Leben. Nur zu ſehr hatte Johann Georg die oft trübe Stimmung der Freundinn bemerkt, und was von dem verletzten Bewußtſein herrührte, das in dem deutſchen Edelfräulein des 17ten Jahr⸗ hunderts in manchem Augenblick den gethanen Fehltritt ahnete, das ſie betrauern ließ, was ſie nicht bereuen konnte, ſchrieb er der Urſach zu, welche Frau von Neidſchütz ihm angab. Und wenn er dann in ſie drang, ſich ihres Kummers abzuthun und das Beſte von der Zukunft zu hof⸗ fen und von ſeiner Liebe, und ſie ſanft, aber mit Beſtimmtheit das Geſpräch wandte, ſo meinte er Zweifel an ihm in ihrem Innern zu leſen; nicht das, was es erfüllte, nicht die Scheu, an Eleonoren zu freveln, deren Bild oft anklagend vor ſie trat, nicht die Abneigung, der Mutter Vorgeben Lügen zu ſtrafen. Denn damals, in der guten alten Zeit, waren die Augen der Kin⸗ der noch kurzſichtig für die Gebrechen der Eltern, und wenn ſie ſich auch von dem Entwurfe der Gräfinn, Herzog Friedrich Auguſt betreffend, mit Widerwillen abwandte, als von Thörichtem und Gehäſſigem zugleich, ſo konnte doch die Toch⸗ ter der mütterlichen Liebe oder Eitelkeit den Wunſch nicht verargen, ſie als die Gemahlinn Johann Georgs zu ſehen, einen Wunſch, der, obſchon unerfüllbar nach dem Urtheile ihres Verſtandes, dennoch im ſchwächern Herzen eine Freiſtatt fand. Aber heut', noch erregt von manch widrigem Wort, das der zornigen Mutter in ihrem Bei⸗ ſein entſchlüpft war, beſorgt gemacht durch die Erklärung derſelben, auf jegliche Weiſe ihre Ab⸗ ſicht durchzuführen, begleitet von manch räthſel⸗ hafter Andeutung, ahnte ſie irgend ein Unheil im Hintergrunde, und fühlte, es thue Noth, daß ſie das Herz aufſchließe vor dem Geliebten. Ihr kommt alſo doch, gnädigſter Herr? fragte ſie mit anmuthigem Lächeln. Ihr kommt, die Glückwünſche, welche heut' Euch von allen Euern Unterthanen dargebracht werden, auch von der treueſten unter ihnen zu vernehmen?— Die ihrigen ſind nicht ſo geräuſchvoll, als die der Andern, ſetzte ſie hinzu, auf den fortwähren⸗ den Jubel des Volkes deutend, welches immer noch das Schloß umringte, doch gehen ſie nicht minder vom Herzen.— Johann Georg IV., welcher wußte, daß dieſe Freudensbezeigungen der Erwartung galten, Nachkommen des Kur⸗ hauſes zu ſehen, welche durch ſeine eigene kinder⸗ loſe Ehe geſchwächt worden war,— denn da⸗ mals trugen die Sachſen treue Anhänglichkeit zu ihrem Regentengeſchlecht— vornehmlich aber auch durch die Hoffnung, die Tochter, auf die un⸗ verſchuldet der von der Mutter verdiente Haß übertragen war, werde nun nicht ihre Fürſtinn werden, eine Hoffnung, deren ziemlich derbe Außerungen ſich unter dem Freudengeſchrei ver⸗ nehmen ließen, Johann Georg antwortete zö⸗ gernd: Was auch jene dort zu großem Jubel veranlaſſe über die Vermählung des Prinzen Frie⸗ drich Auguſt, nicht von Euch, Katharina, darf ich erwarten, daß ſie Euch erfreuen. Und war⸗ um nicht? fragte das Fräulein, ihn offen anblik⸗ kend, bin ich nicht eine Sachſinn wie ſie? Stehe ich Euch nicht näher, und hab' ich nicht zwiefa⸗ ches Recht und Verpflichtung, an Eurer Freude Theil zu nehmen? Doch Ihr freuet Euch nicht, mein Herr und Fürſt, fuhr ſie fort, Ihr blicket trübe. Dann thatet Ihr wohl, daß Ihr zu mir kamet; denn ganz Sachſen mag ſich freuen mit ſeinem Landesvater, Euer Kummer aber gehöret mir, vor allen mir.— Gerührt öffnete der ——— — 40— Kurfürſt die Arme, Katharina ſchmiegte das von langen Locken umwallte Haupt an ſeine Bruſt, und beide ſtanden eine Zeitlang ſchweigend.— Und fürchtet meine Katharina nicht, ſprach endlich Johann Georg, daß, was ſich zugetragen, zum neuen Hinderniß werden könne für ihren Wunſch und den meinen, daß dieſer Augenblick die Erſcheinung einer Fürſtinn vorbereitet, wel⸗ che ſich leichtlich zu ihren Gegnerinnen geſellen könnte, zu Denen, die mein Lieb anfeinden, weil ſie nicht fähig ſind, ſeinen Werth zu erkennen? Ich habe keinen Wunſch, antwortete die Gräfinn mit einem unterdrückten Seufzer; dann ſetzte ſie feſter hinzu: Wahrlich, ich habe keinen Wunſch, als Eure Zufriedenheit, und wie ich auch zu ſolcher vermag beizutragen, immer macht es mich glücklich. Freilich, ſetzte ſie mit um⸗ wölktem Blicke hinzu, freilich ſchmerzt es, ver⸗ kannt zu werden, doch ſchmerzt es minder in Eu⸗ rer Gegenwart, der mich kennt, wie ich bin, fehlerhaft wohl, aber, was auch die Welt ſage, doch nicht jeglicher guten Eigenſchaft bar. Wohl kennt Niemand Euer fürtreffliches Ge⸗ müth beſſer als ich, entgegnete der Kurfürſt, aber weil ich es kenne, ſoll es Niemand wagen an dieſer Hofſtatt und im Lande, Euch zu läſtern; bei meiner fürſtlichen Ehre, ich will ihnen zei⸗ gen, daß Manche beſſer thäten, meinem theuern Schatz nachzuahmen in löblicher Sinnesart, als ſelbigen zu verläumden! Wer er auch ſei, rief er mit ſtolzer Heftigkeit, der Euch antaſte in Wort oder That, er ſoll meinen ganzen Zorn empfinden! Wenn ich für Euch bin, Katha⸗ rina, wer mag wider Euch ſein!— WMit Nichten, mein Durchlauchter Herr und Freund, bat dieſe, die Gewalt vermag es nicht, die Meinung zu beſchränken oder gar ſie zu ver⸗ ändern. Nicht über offenen Unglimpf kann ich mich beklagen, vor welchem Euer Anſehen mich ſchützet und Eure Liebe; doch können ſie nimmer das freie Wort verſtummen machen, das dem Pfeile gleich im Fluge die Schuldbewuſſte verletzt, ſie können den Blick nicht abhalten, mit dem ſelbſt die geringe Frau auf mich herab ſieht in meiner Höhe. Laſſet mich ihnen zeigen, ich ſei nicht unwerth, daß man mich achte, laſſet mich ſelbſt durch tadellos Handeln und Wohlthat die Herzen wieder gewinnen, die ſich von mir abgewendet. Nur Eine hab' ich beleidigt an dieſem Hoflager, in dieſem Lande, ihren Haß — muß ich tragen in ſtiller Unterwerfung, doch Nie⸗ mand von den andern hab' ich gekränkt, und ihr Widerwille wird der Beſtrebung weichen, ihre Gunſt zu gewinnen. Eine neue Feindinn ſoll mir erwachſen in Eurer Durchlauchten Schwä⸗ gerinn? Und warum ſollte ſie meine Feindinn ſein? Meine Freude über ihren Eintritt in dies Haus bürgt dafür, daß ich die ihrige nicht ſei, und mein ferneres Thun wird ihr den traurigen Irrthum benehmen, ihr und dem Prinzen, ih⸗ rem Gemahl.— Wahrlich, rief Johann Georg, wahrlich, über ein kleines noch, und Ihr ſollet keine Geg⸗ nerinnen mehr zu fürchten haben und keine Geg⸗ ner! Ich bin der Herr, und es komme wie es wolle, noch ſtehet es in meiner Macht, Euch ſo hoch zu ſtellen, daß Mißgunſt und Böswilligkeit, wenn Eure Güte ſie nicht vertreiben mag aus den verhärteten Herzen, ſich wenigſtens verber⸗ gen ſollen in einſamer Kammer, damit mein gorn ſie nicht treffe! Geduld noch eine kleine Weile, mein theuerſtes Lieb; was die Gräfinn von Rochlitz treffen kann, bleibt S gegen die Kurfürſtinn von Sachſen!— Es war das erſte Mal, daß der Regent, hin⸗ — geriſſen vom Augenblicke, gegen Katharinen über die⸗ ſen Gegenſtand ſo deutlich ſprach, und ſie konnte ſich der Freude darüber nicht erwehren.— Dank! rief ſie, Dank Euch für dieſes Wort, das mich in mei⸗ nen Augen ſo hoch ſtellt, als deſſen Erfüllung mich hoch ſtellen würde in den Augen der Welt! Laſſet jedoch ab, nach dieſer Hoffnung zu ſtreben, nimmer wird ſie gelingen, und der Verſuch würde mir zur Laſt gelegt werden, und den Haß ver⸗ mehren, der mich umgiebt. Und warum ſoll es nicht gelingen, wenn ich es will? fragte der Kurfürſt wiederum mit Stolz. Warum aber auch ſeid Ihr nicht aufrichtig gegen mich, Katharina? Warum verläugnet Ihr mir gegenüber den Wunſch, der ſo natürlich und auch der meinige iſt? Beſtätigen die Spuren der Thrä⸗ nen, die ich ſo oft in Euren Augen wahrnehme, die Seufzer, die Ihr vor mir verbergen wollet, nicht die Worte Eurer Mutter; fühle ich nicht, was Eurem Glücke fehlet, was demſelben fehlen muß? Warum verſchmähet Ihr es, wenn ich es Euch biete?2 BGlück? antwortete das Fräulein kopfſchüt⸗ telnd. Wer ſein Alles dahin gab für ſein einzi⸗ ges Glück, für das Höchſte, darf der ſich auch Pe. . e 10.0 S beklagen, wenn Anderes ihm nicht zu Heil wird?2 und hab' ich mich je beklagt gegen Euch? Die Mutter, fuhr ſie nach einigen Zaudern fort, die Mutter, mein theurer Herr und Kurfürſt, mei⸗ net es wohl gut mit mir nach ihrer Weiſe, ſie iſt auch eine verſtändige und ſtaatskluge Frau, und da Ihr ſo gnädig ſeid, ſie anzuhören, mag ſie Euch beiräthig ſein in manchen Dingen; aber wie es zwiſchen Euch ſtehet und mir, davon begreift ſie nichts, das begreift Niemand, auch die Mut⸗ ter nicht. Wollet denn, was dieſes anbelangt, allein auf mich vertrauen und mein Herz; was ich geſagt, iſt deſſen wahrhaftige Meinung, und kein Falſch darinnen noch Verheimlichung. Der Kurfürſt ergriff ihre beiden Hände, welche ſie betheurend gefaltet hatte, und rief: Und ſo wollet Ihr mich abmahnen, Euch den Erſatz zu leiſten, der Euch gebührt, Euch deſſen würdiger zeigend als je? Zur Pflicht machet Ihr mir viel⸗ mehr, was bisher nur mein Wunſch geweſen, Euch an den Platz zu ſtellen, der nicht Euch, den mein Lieb ehren wird, und dem Sachſen⸗ lande zu zeigen, daß, wenn auch nicht im Pur⸗ pur geboren gleich mancher Andern, es mehr ver⸗ dient, ihn zu tragen, als Jene. Zweifelſt Du denn an Johann Georg, Katharina? Weißeſt Du nicht, daß es heißet, die Liebe überwindet Alles, und ſoll ſie unmächtiger ſein, wenn ſie die Kurſchwerdter füh⸗ ret?— Mit dieſen und andern Worten drang der Kurfürſt, ſich ſeinem Gefühle überlaſſend, in das Fräulein; der Ton aus geliebtem Munde, der feurige Erguß ſeiner Rede beſtachen das Ohr und das Herz Katharinens; ſie freuete ſich des Erbietens, obſchon ſie an deſſen Ausführung nicht glaubte; es gebrach ihr an Kraft, mit Beſtimmt⸗ heit fort und fort zurückzuweiſen, was ſie Groß⸗ muth nannte; allmählig dahingezogen, folgte ſie dem erlauchten Freunde im Fluge ſeiner Einbil⸗ dungskraft, und nach und nach verloren ſich Jo— hann und Katharina in Träume einer Zukunft, welche ihnen ſchimmernde und freundliche Bilder zeigte, die freilich nur aus dem Gebiete der Mög⸗ lichkeit ſtammten. Es war ſchon Abend, und die Kerzen ange⸗ zündet, als die Frau von Neidſchütz in dem Ge⸗ mache erſchien, in welchem der Kurfürſt und ihre Tochter ſich befanden. Dem Erſten rief ihr Ein⸗ tritt auf nicht angenehme Weiſe die Befürchtung zurück, welche ihm auf dem Wege hieher beglei⸗ tete, und er erwiederte ihre tiefe Verneigung mit einiger Befangenheit; auch Katharina erwar— tete nichts Gutes von dem, was nun kommen werde, und das Anſehen ihrer Mutter eignete ſich, ihre Beſorgniß zu vermehren. Ihr Schritt, war heftig, ihre Kleidung, obgleich hofmäßig, und ihr Kopfputz insbeſondere verrieth, die Trä⸗ gerinn habe ſich ſtärkere Bewegungen erlaubt, als deſſen zarter, künſtlich aufgethürmter Bau den Damen jener Zeit geſtattete; ohne das künſt⸗ liche Roth, das auf ihren Wangen ſchimmerte, bedeckte ein anderes eben ſo dunkles Stirn, Hals und Schultern, kurz, das ganze Anſehen der Einge⸗ tretenen trug die Spuren einer gewaltſamen Erre⸗ gung, und rechtfertigte das Erwachen eines her⸗ annahenden Sturmes. Dies ward jedoch ge⸗ täuſcht; es war, als habe ſie die Art von War⸗ nung, die ihr aus dem Munde der Tochter ge— worden, beherzigt; denn nachdem ſie auf die Einla⸗ dung des Landesherrn Platz genommen, wandte ſie das Geſpräch auf Wind und Wetter, auf kürzlich Statt gefundene Feſtlichkeiten; ſie ging von denſel⸗ ben ungezwungen auf die über, welche der Ankunft des erlauchten jungen Ehepaares folgen würden, und von da auf ihre Veranlaſſung ſelbſt. Sie ſprach von derſelben mit großer Ruhe und bei⸗ — nahe nur in Bezug auf die dadurch nöthig wer⸗ denden Einrichtungen im Schloſſe, in welchem ſie ſich beſonders ſeit der Zurückziehung der Kur⸗ fürſtinnen in ihre Gemächer auf gewiſſe Weiſe das Amt einer Camareira major angemafßt hatte— genug, ihre Unterhaltung war nicht ſo unange⸗ nehmer Art, als Johann Georg befürchtet, ei⸗ nige Langeweile ungerechnet, welche er, in an⸗ ziehendem Geſpräch unterbrochen, bei derſelben empfand. Doch auch dieſe ſollte nicht lange dauern; denn nach dem Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde erhob ſich die Dame und erſuchte in ge⸗ ziemenden Worten Seine Durchlauchtigkeit um die Gunſt einer kurzen Audienz unter vier Au⸗ gen. Mit mehr anſcheinender als wirklicher Bereit⸗ willigkeit gewährte Johann Georg dies Geſuch und ſchritt der ehrerbietig Zurückbleibenden voran in ein anſtoßendes Zimmer. Dort angelangt, fragte Johann Georg zö⸗ gernd: Nun, Madame, worin kann ich Dero zu Dienſt ſtehen? Und ihm ward die Antwort: Gänzlich kein Begehr iſt es, welches mich be⸗ wogen, an Ihro Durchlauchtigkeit Gnade zu abüſiren, ſondern vielmehr der Wunſch, Höchſt⸗ deroſelben als ein geringes Merkmal pflichtſchul⸗ —— digſter Devotion meine Gratulation über ein Be⸗ gebniß abzuſtatten, welches der höchſten Perſon ſowohl als Denen, welche Derſelben effectivement zugethan, wie auch dem Sachſenlande insgeſammt zur Satisfaction gereichet. Solches devoirs je⸗ doch mich téte à téte zu entledigen, habe ich für nothwendig erachtet, weil gewiſſe Dinge unter gewiſſen Umſtänden manchmal eine ſtärkere im- pression machen, abſonderlich wenn die Perſo⸗ nen, welche dieſelben betreffen, ſo ſenſiblen Na⸗ turells ſind, als Madame la Comtesse de Rochlitz. Mit verbindlichem Neigen des Hauptes ent⸗ gegnete der Kurfürſt: Ich bin Dero ſehr obligi⸗ ret für Ihre Höflichkeit, um ſo mehr, da ſie mich, wie ich geſtehe, zwar auf angenehme Weiſe, aber dennoch etzlichermaßen ſürpreniret. Ich freue mich des Antheiles, den die werthe Frau Grä⸗ finn an der bevorſtehenden ehelichen Verbindung meines Herrn Bruders Liebden nimmt, und daß ſie ſolche als ein nothwendiges, längſt zu er⸗ wartendes und erfreuliches Ereigniß conſideriret. Die Gräfinn fragte mit wohl nachgeahmter Verwunderung und in ihrem allermildeſten Tone: Und warum ſollte ich nicht, Monseigneur? Dar⸗ auf ſetzte ſie ſcherzend hinzu: Es mag zweifels⸗ — 49— ohne nicht an Dames ermangeln, welche des Durch⸗ lauchtigſten Prinzen Deſertion vom Dienſte des Amor zur Fahne des Gottes Hymen mit Jalou— ſie betrachten, doch bin ich bejahrte Frau ſchwer⸗ lich zu ſelbigen zu zählen, noch ſonſt eine Perſon, welche mir angehört. Froh, daß das Mißliche eine ſo gute Einlei⸗ tung genommen, und fühlend, daß zu Sagende müſſe doch ein Mal geſagt werden, nahm Johann Georg, wie folgt, das Wort: Es iſt mir darum zwiefach angenehm, derlei Aeußerungen von Ihr zu vernehmen, da Sie als eine verſtändige und weltkluge Dame die Verhinderung oder mindeſtens den Aufſchub begreifet, welchen das Erwähnte für gewiſſe dispositions verurſachet, welche etz⸗ liche Male zwiſchen mir und Madame zur Sprache gekommen. Ich ſehe dahero mit plaisir, daß Dieſelbe denen obligations als Landesherr und Stammhaupt Gerechtigkeit wiederfahren läſſet, welcher ich nach Pflicht und Gewiſſen Genüge geleiſtet, indem ich gethan, wie es geſchehen. Aufſchub! wiederholte die Matrone immer noch mit mildem Ausdruck, aber das Wort leicht betonend. Und was könnte ich auszuſetzen ha⸗ ben an ſolchem Aufſchub, wenn Ihro Durchlauch⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. 1I. Bd. 4 — 50— tigkeit weltbekannte prudenee ſolchen für nothwen⸗ dig erachtet? Meine Erwartungen in dieſer Zeit⸗ lichkeit ſind in die Gruft verſenkt mit dem Herrn von Neidſchütz wohlſelig, und allzuſehr hat ſchon Höchſtdero Gnade ſeine hinterlaſſene betrübte Witt⸗ we mit Gaben überhäufet; auch würde ich sans doute Häuſer bauen auf meines gnädigſten Herrn Wort und fürſtliche kermeté. Aber, fügte ſie mit einem Seufzer hinzu, leider gebricht es der Jugend an der Reſignation, welche das Alter durch Erfahrung gewinnt, das sentiment gilt ihr für raison, und ſie ſiehet oftmals in dem Auf⸗ ſchub ein Zunichtwerden der Hoffnung, die man gegeben, und an welcher das Gemüth nun mit aller korce hänget, zumal wenn ſolches zu trüb⸗ ſinnigen Chimären geneigt iſt, und zu dem Zwei⸗ felmuth, als welcher das Leben verfinſtert und wohl gar peu à peu unterminiret. Wenn Madame damit Ihre Tochter, die Gräfinn zu Rochlitz, meinet, ſo ſtehet es in mei⸗ ner Macht, Dero zu beruhigen, entgegnete der Fürſt; eben habe ich mit ihr geredet über ſotha⸗ nen Gegenſtand, und es bedarf zwiſchen uns kei⸗ ner Explicationen. Sie vertrauet mir; nicht allein dem Alter iſt die Ergebung in das Noth⸗ 51— wendige eigen, ſie iſt fürtrefflichen Gemüthern angeboren, und das ihrige hat ſie in einer Weiſe bewährt, welche mich nur beweget, ſie noch hö⸗ her zu achten und mehr zu lieben. Hat ſie? rief die Neidſchütz mit bitterſüßem Ausdruck. Daran erkenne ich ma pauvre en⸗ fant! So war ſie immer, auch in der tendre Jugend war ſie das Lämmlein, das patiemment die Sünden Anderer trug, und unzählige Mal hat ſie auf ſich genommen, was Andere pecciret, Domeſtiken und Spielkameraden. Davon weiß Monsieur Vizthum ein Wort zu ſagen. Hatte der kleine vaurien die Bäume im Garten geplün⸗ dert oder die Blumenbeete, hatte er chineſiſches Porzellan zerbrochen, oder vom Confect genaſcht, ſo war es immer Katharina geweſen, und ſie ließ Alles über ſich ergehen, Reprimanden und Strafe ſogar, ohne ein Wort zu ſagen zu ihrer justifi- cation, froh nur, daß ſie das gerechte chätiment dem Andern erſparte, welcher ſolches jedoch an⸗ jetzo nicht zum Beſten lohnet. Nun, die Jahre verändern die Dispoſitionen nicht, die man im Kindesalter gehabt. Der Vizthum wird immer ſein, was er war, eine vorlaute„begehrliche per- sonnage und Egoiſt, und wenig dankbar, wie S 52—— er ſich gleichermaßen bewieſen ſeit ſeinem Retour aus der Fremde, da die Protection des Prinzen ihn übermüthig gemacht, und Ihro Durchlauch⸗ tigkeit, welche, wie ich erfahren, den Genann⸗ ten zum Kammerherrn zu erheben geruhet, wird die Zukunft des weitern belehren, was er ſich unter bemeldeter Protection noch Alles unterfan⸗ gen wird. Aber auch Madame de Rochlitz iſt geblieben, wie ſie war; auch heutigen Tages wird ſie fremde Schuld ohne murmure ſich aufbürden, ſie wird Thränen verſchlucken und ihren Kummer verbergen unter heiterm Antlitz, und drückten ſie ihr auch das Herz ab, in welchem ſie lediglich das Wohl Anderer träget, nicht das ſelbſteigene.— Etwas beunruhigt durch die lange Rede, in welcher die ſchlaue Matrone drei, dem Leſer in die Augen ſpringende, Zwecke zugleich verfolgte, fiel der Kurfürſt ein: Aber, Madame, ich ver⸗ ſichere, daß Katharina, wie ich bereits geſaget, mir vertrauend, ſich mit der Gelaſſenheit einer reinen Seele in das Unvermeidliche füget. In das Unvermeidliche? Wer möchte ſich auch in das Unvermeidliche nicht fügen? bemerkte die Dame in der frühern Weiſe. Das iſt ein großes und allmächtiges Wort, welches wohl ei⸗ 53— nem Anbern noch imponiren mag, als meiner ſanftmüthigen Frau Tochter. Indeß das Ver⸗ trauen in Ihro Durchlauchtigkeit iſt gleicherma⸗ ßen ein kräftiges Heilmittel, und ich verhoffe, Höchſtdieſelben werden es fortificiret haben durch etzliche Troſtworte, damit es probat erfunden werde gegen den Geheimkummer, welcher, wofern mich die Kenntniß von dem Gemüthe der Katharina nicht betrüget, ſie dennoch wohl in ihrem In⸗ nern heget. Ich ſage Euch, Madame, verſetzte Jener mit einiger Ungeduld, es hätte deſſen zwiſchen uns nicht bedurft; denn ſie weiß, daß das, was Ihr meinet, mein Wunſch iſt und mein Beſtre⸗ ben. Nicht ſie deſſen zu überzeugen, lag mir ob, aber den Widerſtand zu bekämpfen, den ich fand. Ihr Inneres lag offen vor mir, und ein Blick in daſſelbe erfüllte mich mit Freude. Es braucht keiner Erklärung zwiſchen mir und der Frau von Rochlitz, noch einer Mittelsperſon, mit Eurem Permiß, Madame; denn nichts Gehei⸗ mes hat ſie vor mir, weder Freud noch Leid, da ſie weiß, ich theile beides, wie ſie mit mir. Schön, herrlich! rief die Gräfinn mit Pa⸗ thos. Wie ſehr charmiren mich meines gnädig⸗ ſten Herrn fürtreffliche sentimens! Wer wollte auch der Verheißung eines ſolchen Fürſten nicht vertrauen; wer wollte meinen, er werde zuge⸗ ben, daß ein unſchuldig Lamm als victrine ſei⸗ ner Neider und Widerſacher erblute? Da ich denn aber mit wahrhaftigem plaisir vernommen, daß meine Tochter der raison mehr Gehör gege⸗ ben, als ich vermeinte, wie denn die Jugend gern ein wenig mit générosité zu prahlen pfleget, ſo wolle Ihre Durchlauchtigkeit mir als einer Frau, die den Lauf der Welt kennt, und für⸗ ſichtigen Mutter gnädigſt pardonniren, wenn ich noch etzliche Worte über eine affaire ſpreche, welche mir ſo gewaltig als natürlich am Herzen lieget. Fern ſei es von mir, in Höchſtdero löbliche und gerechte intention auch nur den allermindeſten Zweifel zu ſetzen, jedennoch——. Wir dür⸗ fen des Nächſten uns der Wiederkehr des Durch⸗ lauchtigen Herzogs Friedrich Auguſt gewärtigen, und ob ich ſchon die erhabenen Qualitäten dieſes Herrn gebührend admirire, ſo läugne ich nicht, wie Höchſtderſelbe ſchon mehr denn Einmal dar⸗ gethan, er ſei nicht ſonderbar für Madame la Comtesse portiret. Nun rühmet hochbeſagter Prinz, obſchon unſtreitig nur in der confiance, welcher dem Bewuſſtſein ungemeiner vigueur im jugendlichen Alter wohl nachgeſehen werden mag, ſich eines gewiſſen Ascendants über ſeinem Herrn Bruder und Landesfürſten, alſo daß der Vizthum, ſein Favorit, ſich allhier publiquement berühmet, wenn ſein gnädigſter Prinz zurück ſei, werde hier manches changiren. Hier abbrechend, beobachtete die Frau von Neidſchütz eine Zeitlang mit ſtillem Vergnügen den ungünſtigen Eindruck, welchen ihre auf Wahr⸗ heit und Lüge gewobene Rede auf den Kurfür⸗ ſten machte, und fuhr darauf in bedächtigem Tone fort: Wie man vernimmt, hat die Prinzeſſinn Braut, in welcher wir des Nächſten ein Orna⸗ ment des Kurhauſes veneriren werden, einer ſtrengen education genoſſen, und iſt der Gottſe⸗ ligkeit singulierement zugethan. Dürften ſonach unmaßgeblich nicht gleiche Prinzipien diejenigen zu näheren Alliirten machen, die es ſchon ſind durch die Bande der Blutsfreundſchaft, der Vorur⸗ theile und des gemeinſamen Intereſſes? Dürfte es nicht ſothanem Bündniſſe gelingen, meinem gnädigſten Herrn etwelchen Verdruß zu bereiten, wie auch andern, Höchſtdemſelben treulich erge— benen Perſonen, und vielleicht Schlimmeres noch? Denn nicht an Agenten gebricht es ihm und In⸗ trigants, und ſolchen, welche in der Fremde ſich zu chevaliers deindustrie formiret haben, und weiß der Himmel, wozu anders, und nun das große Wort führen unter der Aegide eines erlauch⸗ ten und hochbegabten Prinzen. Genug, fiel der Kurfürſt unmuthig und raſch ein, genug Madame, ich verſtehe Euch; wiſſet aber, Ihr redet mit dem Landesherrn, und Alle, die Ihr genannt oder noch nennen möget, ſind meine Unterthanen. Ich erkenne keinen ascen- dant über mich, und werde meine Dignität und mich ſelber zu ſchützen wiſſen, nicht minder die Perſonen, denen ich meine Gnade geſchenkt oder meine Affection. Solches Wort ſtehet dem Munde Ihrer Durchlauchtigkeit ungemein wohl an, verſicherte Frau von Neidſchütz, und ſolch löbliche fermeté wird in der continuation von nöthen ſein, um Höchſtdero vor publiken und geheimen Attaquen zu verwahren, wie auch gleichermaßen das Glück Anderer, die es mit voller confiance in Mon- seisneurs Hände legen. Man wird dieſe fermeté nicht vermiſſen, ent⸗ gegnete Johann Georg IW. mit einer kurzen Ver⸗ — 57— beugung, das geheime Verhör beendigend. Wäre es nothwendig, ſo könnte ich Madame erſuchen, der Gräfinn von Rochlitz zu verſichern, daß nichts auf der Welt meine Geſinnung und Willen än⸗ dern werde, ſo aber genügt es Deroſelbſt, die parole zu geben, daß ſie immer einen gnädigen Herrn an mir haben wird, und Kurſachſen nicht alſo⸗ ſehr aus der Art ſeiner Vorältern geſchlagen iſt, daß es ſeine Promeſſen nicht halte, und was es wünſchet, negligire aus Scheu vor irgend Je⸗ mandem, er ſei, wer er wolle. Das Abendeſſen, welches der Kurfürſt oft in dieſen Gemächern einnahm, und welchem nur ſeine Vertrauteſten beiwohnten, oder anerkannte Clienten der ältern Dame Neidſchütz, war nicht ohne Annehmlichkeit, und die Matrone bot ihren ganzen Vorrath von Witz und Unterhaltungsgabe auf, den durchlauchtigen Gaſt zu erheitern; als ſie ſich aber allein befand mit Katharinen, ſprach ſie halb ſpöttiſch, halb im Tone guter Laune zu ihr: Nicht mit Unrecht habe ich die Frau Toch⸗ ter ein Lämmlein geheißen, dieweil ſie ein ſolches iſt in der ganzen Stärke der expression, und es iſt nur gut, daß Ihr ein tüchtiger Wächter zur Seite gehet. Laſſe Sie ſich jedoch nicht bange ſein, und gebe denen Chimären valet; denn un⸗ ſere Affairen ſtehen gut, beſſer mindeſtens, als wenn dieſelben gegangen wären, wie Sie es aber⸗ mals gemacht. Wir ſchreiten jetzt im Laufe dieſes Tages ei⸗ nige Stunden zurück, um uns anderer Perſonen zu erinnern, welche zwar nicht die vornehmſten in dieſer Darſtellung ſind, aber dennoch in der⸗ ſelben eine nicht unbedeutende Stelle einnehmen. Unſer alter Bekannter und neue Kammer— herr Vizthum von Eckſtedt hatte nicht geſiumt, ſogleich nach ſeiner Ernennung das ſcharlachrothe, goldgeſtickte Ehrenkleid anzuthun, welches längſt auf den erſehnten Fall bereit lag. Wer ſich in ähnlichem befunden, zweifelt nicht, daß er, ſo glänzend angethan, ſich nothwendig ſeinen Be⸗ kannten zeigen muſſte, und vor allen Dingen den Damen unter ihnen. Auch war er in einer ſchwerfälligen Karoſſe auf dem damals ziemlich holprigen Pflaſter der Hauptſtadt vier bis fünf Stunden lang von Beſuch zu Beſuch gefahren, überall ſeine Eile mit der Wichtigkeit eines au⸗ ßerordentlichen Botſchafters durch überhäufte Ge⸗ ſchäfte entſchuldigend und durch die Nothwendig⸗ keit einer ſchleunigen Rückkehr nach Bayreuth zu ſeinem gnädigſten Herrn, und überall hatte man ihn mit der Zuvorkommnung empfangen, die ihm bei dem weiblichen Theile ſeiner Bekanntſchaften ſeine Wohlgeſtalt bereitete, ſeine Gewandheit und vielleicht auch die Erwägung, daß der jetzige Kam⸗ merherr eine viel andere Perſon ſei, als der Kam⸗ merpage, und ein ganz taugliches Subjekt zu ei⸗ nem künftigen Ehegemahl; die Männer aber ge⸗ währten ihm eine ausgezeichnete Aufnahme als den gnerkannten Günſtling eines Prinzen, deſſen glänzende Eigenſchaften ihm die Achtung des Ho⸗ fes und die Liebe des Volkes bereits in hohem Grade gewannen. Die ohnehin nicht träge Selbſt⸗ genügſamkeit des Herrn Vizthum hatte durch der⸗ gleichen nicht wenig an Umfang zugenommen; er fühlte, er ſtehe auf einer nicht gemeinen Lauf⸗ bahn, und im Begriff, raſch darauf fortzuſchrei⸗ ten. Solche Erkenntniß war jedoch für den un⸗ ternehmenden, bei allem leichten Sinne umſich⸗ tigen, jungen Hofmanne nicht ſowohl eine Be⸗ fugniß, in augenblicklicher Befriedigung der Ei⸗ telkeit zu ſchwelgen, als nach den Früchten zu ſtreben, deren Blüthe ihn jetzt erfreute, und wirklich die Wichtigkeit zu erlangen, die man ihm beimaß. Die erſte Wahrnehmung dieſer Art — 60— war ihm durch das ungemein zuvorkommende Weſen des Grafen von Beichling geworden, und zwar unerwartet; denn noch gar nicht lange war die Zeit vorüber, da der mehr als dreißigjährige Kam⸗ merherr und Hof⸗ und Juſtizienrath, der ältern Dame von Neidſchütz cavaliere serviente, den kaum zwanzigjährigen Pagen, welcher bei derſel⸗ ben übel angeſchrieben ſtand, ziemlich obenhin behandelte.— Er hatte ſeine Runde mit dem Fräulein von Keſſel beſchloſſen, bei welcher er, ein kleines billet doux des Verlobten Eleonorens von Bahreuth übergebend, dargethan hatte, daß, ob⸗ gleich nach den Worten der eben Genannten zum postillon de mariage aufgeſtiegen, er doch ſein altes Gewerbe als postillon d'amour nicht gänzlich nieder⸗ gelegt habe. Er kehrte in ſehr guter Laune zu⸗ rück, und nahm ſich, da es noch ſehr frühe am Tage war, vor, ehe er in der antecamera des Kurfürſten erſchiene, bei der Frau von Neidſchütz vorzuſprechen, theils um einer Pflicht des An⸗ ſtandes gegen die Baſe zu genügen, theils auch, wenn die Gelegenheit ſich darböte, ſie ein wenig zu myſtificiren; denn, was Niemand wagte, in die Mähne der alten Löwinn zu greifen, das glaubte er ſich unterfangen zu dürfen in der Keck⸗ —— heit ſeines Sinnes und ſtolz auf den Schutz Her⸗ zog Friedrich Auguſts. Sein Weg durch die verſchiedenen Abtheilun⸗ gen des Schloſſes führte ihn durch den damals noch in ſeinem ganzen Umfange beſtehenden Rie⸗ ſenſaal. Bei einem der gewaltigen Spiegel vor⸗ übergehend, wandelte ihm die Luſt an, ſeine nun von Andern hinlänglich bewunderte Perſon auch ſelbſt ein wenig zu bewundern, und bald fand er einen Vorwand, an dieſer anziehenden Stelle zu verweilen, in der Nothwendigkeit, den herabhän⸗ genden Locken ſeiner Perücke eine zierlichere Rün⸗ dung zu geben, einige Falten der ſpitzenen Bu⸗ ſenkrauſe zu ebenen, und dem kleinen Galante⸗ riedegen die gebührende Stelle anzuweiſen. Eine Zeitlang hatte er dieſer Beſchäftigung ſchon obge⸗ legen, als er in der Kryſtallfläche vor ſich eine kleine unterſetzte Figur gewahrte, welche hinter ihm ſich zahlreicher halb grotesker, halb ehrerbie⸗ tiger Verbeugungen befleißigte⸗ Vizthum hatte in dem Spiegelbilde ſogleich das Original erkannt; er wandte ſich mit vor⸗ nehmer Langſamkeit, und fragte, ſeinen Ton bereits ein wenig höher ſtimmend als früher: Wie geht es Ihm, Gobau? Ich vethoffe, Er Bettmeiſter hat ſich ſeither leiblichen und geiſti⸗ gen Wohlſeins erfreuet. Es geht mir, mit des gnädigen Herrn Kam⸗ merherrn günſtigen Permiß, lautete die Antwort, ſo wohl, als es einem Ehemann gehen kann, wel⸗ cher ſeine Hausplage los worden, und ſo übel, als eben demſelben, wenn er der Erwähnten den⸗ noch öfter ſichtbarlich begegnet, als ihm lieb iſt, und außerdem noch von unterſchiedlichen unſicht⸗ baren Effekten ihrer ehelichen Affection mancher⸗ lei zu leiden hat. Armer Señor Bartolo, ſpöttelte der Edel⸗ mann, wie mag es doch kommen, daß die ſchöne Eſtevania, welche doch ſonſt nicht ſo grauſamer Gemüthsart iſt, gerade Euch ſo anfeindet, ihren ehrbaren, chriſtkatholiſchen Ehemann? Geſtehe es nur Er Hofbettmeiſter, Er hat ihr etwas zn Leid gethan, ſo etwas von dem, was, wie man ſagt, das ſchöne Geſchlecht am meiſten verdrießet? Ob die ſchöne Eſtevania grauſam iſt oder nicht gegen ſchöne und fürnehme Kavaliere, ent⸗ gegnete der Aufſeher des Gartenpallaſtes, ficht mich jetzunder noch weniger an denn ſonſt, die⸗ weil die conduite einer ſeparirten oder vielmehr davongelaufenen Hälfte die andere nicht ſonderbar — 63— berühret; jedennoch möchte ich wünſchen, dieſelbe laſſe auch gegen mich die angeerbten Zigeuner⸗ tücken, der ich wohl oftmalen von ihr Unbill er⸗ litten, ſolches aber ihr nicht angethan, meines Wiſſens, was auch Ihro Gnaden darunter ver⸗ ſtehen mag. Der Kammerherr fragte nachläſſig, indem er ſich halb gegen den Spiegel zurückwandte, die angefangene Muſterung zu vollenden: Und wo⸗ mit hat die kleine Gitana den Groll ihres ſonſt ſanftmüthigen Bartholomäus ſo gewaltig aufge⸗ reget?— Ein wenig geärgert durch das ſo plötz⸗ lich ſchwach gewordene Gedächtniß ſeines adlichen Reiſegefährten und ſonſt ziemlich zuthulichen Ga⸗ ſtes, verſetzte Meiſter Gobau: Ich erinnere mich, zur Zeit ſchon dem Hochwohlgeborenen Herrn meine Noth geklaget zu haben, wie beſagtes Weibſtück mit Hülfe ihrer Gönnerinn Hochgräf⸗ lichen Excellenz, welche in parenthesis, wie man lateiniſch ſagt, nicht viel beſſer iſt als ſie, Sere- nissimum gegen mich in Harniſch und Dero er⸗ gebenen Diener um ſein täglich Brot zu bringen tendiret hat. Solches iſt aber viel ſchlimmer wor⸗ den ſeit einiger Zeit; ſonſt war das Eintreffen des gnädigſten Herrn im großen Garten ein er⸗ freulicher, auch wohl einbringlicher easus für ei⸗ nen pflichtgetreuen Kaſtellan, jetzt aber erfüllet er ſelbigen allermeiſt mit Angſt und Grauen. Kein Stuhl noch Tiſch ſtehet Seiner Durchlauchtigkeit recht, die Pokale, obſchon man in ſolchen ſo be⸗ quemlich ſeine visage abſpiegeln kann, wie der gnädige Herr in dem vor ihm befindlichen tru- meau, ſind blind, und der Wein, von deſſen Güte ich durch unſchädliches Erproben ſattſam perſuadiret bin, ſauer, kahmig oder mulſtrig. Ja, es iſt mir in dieſen Tagen der allergnädigſte Beſcheid worden, ich könne zur heiligen Oſterzeit mich packen, wohin es' mir beliebt, ſintemalen der Dienſt anderweit vergeben. Solches wäre nun zwar hart für einen treuen Diener des Durch⸗ lauchtigen Prinzen; ich hoffe aber allewege, Höchſt⸗ deroſelben werde mir als einem ſolchen die höchſte Protection nicht refüſiren, als welche ich zur Stunde in der Perſon Ihro Gnaden, als bei dem gnädigſten Herrn in ſonderbarer Gunſt ſte⸗ hend, ganz devoteſt reclamiren thue. Ich werde mit Seiner Durchlauchtigkeit bar⸗ über ſprechen, verhieß der Höfling im Gönner⸗ tone, und ich meine, ſetzte er mit zweideutigem Lächeln hinzu, Höchſtdieſelbe werde ihre Prto⸗ tection dem nicht refüſiren, welcher ſich ſo devot als treu bewieſen hat in ſeinem Beruf als Bart⸗ ſcherer des gnädigſten Herrn. Der Beruf, entgegnete der Bettmeiſter et⸗ was ſpitz, der Beruf, mein hochverehrlicher Pa⸗ tron, iſt halt verſchieden, die Nebendienſte je⸗ doch ſind oftmalen dieſelben, und ſie ſind es, ſagt man, welche eigentlich belohnet werden, und reichlicher als die amtlichen Geſchäfte, das Amt heiße nun ſo oder ſo. Gewißlich kann der Bart⸗ ſcherer nicht gleich einem fürnehmen Herrn hohe Würden und Ehrenſtellen prätendiren in Jahren, da man ſein officium kaum des Monates Ein⸗ mal bedarf, doch mag er gleichergeſtalt meritiren, daß er ſein Stücklein Brot ruhig genieße bis an ſeinen ſanftſeligen Tod. Herr Vizthum fand nicht für gut, den Sei⸗ tenhieb des Barbiers zu bemerken, und ſprach in etwas gefälligerer Art: Beruhige ſich Er Kaſtel⸗ lan; ich meine, wenn Seine Durchlauchtigkeit hier anlanget, wird andern Dingen noch abhülf— liche Maße geſchehen, als ſolcher bagatelle, wie deſſelben Vortrag berühret. Gewiß iſt meinem Drangſal abzuhelfen, nur ein Kleines für des Herrn Kammerherrn Hoch⸗ Die Frauen v. Reidſchütz. II. Bd. 5 — ℳ wohlgeborenen Gnaden, geſchweige denn für Sei⸗ nen und meinen huldreichſten Patron, bemerkte Bartholomäus; ich wollte jedoch unmaßgeblich und gehorſamlichſt rathen, nicht Jegliches, was ſich hier rencontriren dürfte, gleichergeſtalt zu con⸗ ſideriren. Wo der Teufel †† Gott ſtehe uns bei! ein Negoz hat, ſendet er nur gar zu gern ein alt Weib, mit gnädigem Verlaub, und ſo es ihm darauf ankommt, die Augen zu blenden, geſellet er ſelbigem ein dito junges. Wenn, wie ich meine, lachte der Kammer—⸗ herr, mein alter Spezialiſſimus Gobau die Frau von Neidſchütz, meine verehrliche Baſe, unter dem Ambaſſadeur Seiner infernaliſchen Majeſtät verſtehet, und unter der Legationsdame Seine Ehefrau, die hübſche Eſtevania, ſo mag er wiſ⸗ ſen, baß ich eben im Begriff ſtehe, mit der Er⸗ ſtern ein Avantgarde-Scharmützel zu beginnen als Präludium der Bataille, in welcher ſie un⸗ terliegen wird, wie vor Olims Zeiten ihr Prin⸗ zipal dem Erzengel Michael; der Zweiten jedoch gedenke ich Quartier zu geben auf leidliche Be⸗ dingung, ſofern nämlich das Kochhandwerk, dem ſie ſich ergeben, ihren Teint nicht verdorben, und ſie nicht ſo grauſam gegen mich zu ſein ſich unter⸗ fängt, als gegen Euch, mein guter Señor Bartolo. Zwar mit komiſcher Geberde, aber doch mit einem Anfluge von Ernſt, erwiederte dieſer: Die Praktika, welche Oftbenannte von ihrem Mei⸗ ſter erlernet, bringet es mit ſich, daß ſie, dem Katzengeſchlechte gleich, Sammetpfötchen mache; wo es frommet, wolle aber allewege mein gnä⸗ diger Herr ſich verſehen, daß nicht urplötzlich die Tigerkralle ſich zeige und das veritable grauſam⸗ liche Naturell. Gefällt es indeß nicht Ihro Gnaden, mir Hochdero Rede von der Kochkunſt meiner Hälfte zu expliciren? als welche ſelbige während der Zeit unſers vergnügten Eheſtandes gar wenig und nicht nach meinem Geſchmacke ex⸗ erciret, der ich als ein geborener Oeſtreicher ge⸗ backene Hähnle und Nudelauflauf der Olla po- trida weit präferire, und allen den ſpaniſchen Ge⸗ richten mit Knoblauch und ranzigem Oel. Nach und nach über der Erinnerung an die vergangene frohe Jugendzeit die neuen Anſprü⸗ che vergeſſend, berichtete Vizthum dem aufmerk⸗ ſamen Zuhörer jene Wahrnehmung am Fenſter des abgelegenen Behältniſſes; der Letzte aber ſchaute, jemehr er vernahm, deſto bedenklicher 5 drein, fuhr mehr als einmal mit der Hand hin⸗ ter das Ohr, und ließ ſich endlich verlauten: Ei, ei, thut mir doch halter gar bedenklich vorkom⸗ men, was Ihro Gnaden referiret, und ſothanes Behältniß, in welchem das Weibſtück handthieret mit ihrer hochgräflichen Dame, ſtinket mir ganz gewaltig nach der Hexenküche der alten Timene, ihrer nun zweifelsohne auf ewig auf des Satans Heerde bratenden Mutter. Nehme ſich mein Hochwohlgeborener Patron in Acht, und noch mehrere erlauchte und fürnehme Perſonen, daß von jener Küche aus ihnen nicht ein ſchlimmes Eingeſchneidſel aufgetragen werde; denn der Him⸗ mel ſei da dem Vorkoſter gnädig, wo zween böſe Weiber gekocht haben, daß ich Ihro Excellenz, die Matante von Ihro Gnaden, mit dem Zigeuner⸗ liebchen in parallele ſetzen thue. Ich habe es ſchon immer geſagt, wenn Zwei zuſammenkom⸗ men, wie dieſe, mag der Dritte um ſich ſchauen. Auch iſt Alles ganz ſonderbar gegangen, ſeitdem oftbeſagte Perſon an den Taſchenberg gerathen, und der Teufel der Zwietracht hat ſich abſonder⸗ lich hinausgemacht, alſo daß die Durchlauchtig⸗ ſten Kurfürſtinnen ſo ſchlimm dran ſind, daß es eine Sünde und eine Schande iſt, und die Alte — Alles regieret, wie denn auch viele Leute, die nicht ſo inſtruiret ſein, als unſer Einer, meinen, es gehe nicht mit rechten Dingen zu. Patience nur eine kurze Zeit, fiel Vizthum ein; mit der Ankunft Monseigneurs werden die Sachen eine andere tournure nehmen.— Es iſt, fuhr der Bettmeiſter in ſeinem Klagen fort, es iſt hier zu Dresden gar nicht mehr als wie an einem fürſtlichen und chriſtlichen Hoflager; denn ſo kann man das hieſige, obſchon lutheriſch, den⸗ noch gewiſſermaßen benennen; von Gala und an⸗ dern Feſtivitäten iſt gar nicht mehr die Rede, weil die gnädigſten Frauen mit der Alten— pardon⸗ niren Hochdieſelben— nicht zuſammenkommen wollen, und ſelbige doch nicht wegbleiben würde; nichts als kleine Abendmahlzeiten bei ihr, wo noch von Glück zu ſagen, wenn Serenissimo das Leib⸗ gericht nicht in jener vermaledeieten Kuchel ge⸗ würzt wird. E contrario fräget man in dieſen betrübten Zeitläuften partoutement vergeblich nach Luſtritten, Wettrennen, nach ritterlichen Exer⸗ citiis, dergleichen man ſonſt hier geſehen, oder nach Fahrten auf die benachbarten Luſtſchlöſſer und Morgenimbiſſen und Veſperbrot, alſo daß einem neuen Kaſtellan nicht nur kein Accidenz mehr zu⸗ füllet, ſondern auch die Küch⸗ und Kellerbeam⸗ ten vor langer Weile mager werden, worüber abſonderlich mein Spezial, der Hofbettmeiſter, Klage führet. Nächſt denen Genannten ſind denn auch die Dames in der Reſidenz gar übel zufrie⸗ den mit dem jetzigen Regiment; die Jungen weil die Fontangen und Falbala's undl wie die ſchönen Sachen alle heißen, welche ihnen aus Paris ſpe⸗ diret werden, vermodern; die Alten aber, weil ſie der Neidſchütz nur ungern den Vorrang ge⸗ ben, oder den pas, wie ſie es heißen. Sein Spezial mag ſich getröſten, und die Dresdener Dames gleichfalls, verſicherte lächelnd Herr Vizthum von Eckſtedt. Nicht lange mehr, ſo wird die alte splendeur hier wiederkehren, und es wird werden wie ehemals, und beſſer noch; die Schönen werden ihre franzöſiſchen Parüren zur Schau tragen können auf Bällen, nicht in ernſthaften Menuets lediglich und der ſchon etwas altfränkiſchen Sarabande, ſondern auch im Bo- lero und Fandango, die Derſelbe ja wohl noch recht gut kennet, und in denen ſie die Ehre ha⸗ ben werden, mit Monseigneur zu tanzen, oder das Vergnügen, mich zum Mittänzer zu beſitzen. Ob ich den Fandango noch kenne und den Polero? unterbrach ihn Gobau eifrig, und be⸗ gann, Caſtagnetten gleich, ein wenig mit den Fingern zu ſchnippen, ſich nebenbei in etlichen mäßigen Sprüngen verſuchend; aber bald hielt er ein und ſeufzte: Ach, die gute Zeit iſt vor⸗ über! was dem Chirurgo eines leutſeligen und freigebigen Prinzen allenfalls geziemte, ſtehet ei⸗ nem armen, in höchſte Ungnade gefallenen Ka⸗ ſtellane übel an. Auch Feſte werden ſein, ſprach der Kammer⸗ herr weiter, außer den déjeuners und gouters, noch medias roches, wie ſie in Spanien im Ge⸗ brauch, und einem armen Kaſtellan, der dann in höchſten Gnaden ſtehen wird, wird mancher Rehzimmer in die Küche fallen, manch Rebhuhn und manche Schnepfe; manch Fläſchlein köſtli⸗ chen Weines wird abſeits in ſeine immer durſtige Kehle gleiten, und mancher Dukaten, geſpendet von fürnehmen und magnifiquen Gäſten, in ſeine immer offene Hand.—— Schön, ganz aus⸗ nehmend ſchön! verſicherte der Schloßaufſeher, indem er mit der rechten Hand in die weite Bein⸗ kleidertaſche fuhr, als befänden ſich dort ſchon die geweiſſagten Dukaten, und mit der Zunge die Lippen berührte, gleichſam die künftigen lek⸗ — 72 kern Biſſen und den auserleſenen Trunk vorko⸗ ſtend. Ich kenne ja meinen ehemaligen Gebie⸗ ter des Herzogs Friedrich Auguſt Durchlauchtig⸗ keit als einen generöſen und muntern Herrn. Aber, ſetzte er bedenklich hinzu, ſo ergötzlich all dies ſein wird, ſo hat man doch der Exempel, daß hie und da Einer auch bei dem köſtlichſten Gaſt⸗ mahl ſich den Magen verdorben, drum prekaut, nur prekaut, und fein fleißig um ſich geſchaut. Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen in groß Leid gebracht, und auf das„Juchhe“ folget leidlich das„O weh.“ Dannenhero möchte ich —— aber plötzlich ſtockte hier ſeine Rede, das rundliche Antlitz gewann eine merkwürdige Länge, die Füße geriethen in eine trippelnde Bewegung, verſchieden von jenem Verſuch, den Bolero zu tanzen, und endlich ergänzte er den angefange⸗ nen Satz ſeltſam genug alſo: mich dem Hochwohl⸗ gebornen Herrn Kammerherrn zu Gnaden recom⸗ mandiren unter Anwünſchung einer glücklichen Reiſe und hohen Wohlſeins, auch allerhand ſon⸗ ſtiger Prosperität, beineben mein eben angebrach⸗ tes ſubmiſſes Geſuch Hochdero geneigter Protec— tion anheimſtellend, welche um ſo unſchätzbarer zu nennen iſt, da meines gnädigen Gönners ex⸗ cellente Meriten denſelben zweifelsohne, wie ich immer vorausgeſaget, aus einem Hochwohlgebo⸗ ren des baldigſten zu einer Excellenz machen, und ſo ſchnell als der Kammerpage zum Kammerherrn, der Letztere zum Oberkammerherrn ascendiren wird, mithin zu Seines demüthigen serviteurs imme- diatus hohen Vorgeſetzten. Was iſt Euch, Seßor Bartolo! rief der ver⸗ wunderte Edelmann. Sehet Ihr Geiſter am hellen Mittage, daß Ihr einen Fuß um den an— dern hebet wie ein Kranich, und aus leidlich ver⸗ nünftiger Rede in einen Galimathias verfallet, welcher, ob ich Euch gleich für die intemtion obli⸗ giret bin, dennoch ganz verwirrt klinget. Ja wohl, ſtöhnte Bartholomäus aus gepreſſ⸗ ter Bruſt ganz leiſe, ja wohl ſehe ich einen Geiſt, zwar einen, der auch zu Mittag umgehet, aber darum doch keiner iſt von den Guten. Schauen ihn Ihro Gnaden nur an, er hat ſich ganz ſtatt⸗ lich ausſtaffiret und iſt auch ſonſt nicht uneben anzuſehen; wenn er aber, wie leichtlich geſchehen mag, Hochdieſelben anfechten wollte, ſo rathe ich unmaßgeblich, nicht auf das Antlitz noch ſon⸗ ſtige Zuthat zu ſchauen, welches alles eitel Blend— werk iſt und eines böſen Kernes Hülſe, ſondern „ auf den Saum des Rockes. Vielleicht kommt alldort der Pferdefuß zum Vorſchein, ehe es dem Urian gelingt, Ihro Hochwohlgeboren zu packen, welche alsdann nicht ſo wohlfeilen Kauf haben würde, als meine Wenigkeit, die er als einen geringen Biſſen mit blauem Auge laufen ließ. Doch habe ich in allzugenauer Societät mit ſel⸗ bigem gelebt, um deren Renovirung ergötzlich zu finden, will mich alſo meinem hohen patrono nochmalig devoteſt empfohlen haben. Umſonſt ſtrebte der Kammerherr, dem das Zuſammentreffen der beiden Ehegatten beluſtigte, den ſchleunigen Rückzug des Kaſtellans zu hindern; dieſer, der nach und nach Alles angebracht hatte, was ihm auf dem Herzen lag, Tagesneuigkeiten, Klage, Geſuch und Warnung, ließ nun, auf ſeine eigene Sicherheit bedacht, ſich nicht länger halten. Sein Ohr war taub für die Worte ſeines Vorgeſetzten in spe, und ſein Auge ſuchte nach einem Ausgang, durch welchen er entrinne. Da ſich aber ſeinem unſtäten Blick kein ſolcher darbot, ob er gleich vorhanden war, faſſte er ſich ein Herz und ſchritt mit abgewandtem Geſicht und etwas mühſamer Gravität an dem Feinde vorüber, der ihm eine tiefe ſpöttiſche Verbeugung — 75— machte, mit einer Frage nach ſeinem Befinden. Dieſe aber blieb unbeantwortet, nur verdoppelte ſich die Schnelligkeit des Entweichenden, und Herr Vizthum von Eckſtedt, welcher in ſpätern Jahren mitunter dieſer Scene aus ſeiner Jugend⸗ zeit erwähnte, betheuerte, er habe in der anſto⸗ ßenden Gallerie die ſich verlierenden Schritte ei⸗ nes Laufenden vernommen. Die Weiſe, in welcher Eſtevaniens abermals Erwähnung geſchehen, war nicht geeignet, au⸗ ßerordentliche Begier nach dem Zuſammenſein mit ihr zu erregen, wenigſtens für den, der die Mei⸗ nung Herrn Gobaus theilte; dem jungen Hof⸗ manne ſchwebten indeß Erinnerungen vor, welche die ſeinige ein wenig beſtachen; er warf einen halben Blick auf die Nahende, und er belehrte ihn, der Rauch der Küche oder das Laboratorium habe ihrem Ausſehen ganz und gar keinen Ein⸗ trag gethan; ein zweiter ließ ihn bemerken, ſie ſei nach des Kaſtellans Andeutung nicht zierlich nur, auch beträchtlich kokett gekleidet; aus den beiden halben Blicken wurde ein ganzer, dem un⸗ geſäumt mehrere folgten. Es iſt, wenn mich mein Auge nicht täuſcht, Pon Carlos Vicedom, den ich ſehe, begann die Spanierinn in der wohllautenden Sprache ihres Vaterlandes mit ſanfter Stimme, und das große dunkle Auge ausdruckvoll auf den vor ihr Stehen⸗ den heftend; ja, wahrhaftig Ihr ſeid es, mein edler Herr, und ſo ſehr Euer Aeußeres ſich ver⸗ ändert, ich könnte Euch nicht verkennen. Wir ſind alte Bekannte, antwortete Viz⸗ thum mit einiger Zurückhaltung, und eine Ab⸗ weſenheit von wenigen Wochen mag Den nicht un⸗ kenntlich machen, bei dem ſich nichts umgeſtal⸗ tet hat, als die Kleidung. Auch bei Euch finde ich keine Veränderung, und wenn ja eine Statt hätte, ſo erlaubet mir dieſer unſerer mehrjährigen Bekanntſchaft willen, daß ich ſie eine vortheil⸗ hafte nenne. Ich würde das Nämliche von Eurer Gnaden geſagt haben, war Eſtevaniens Antwort, hättet Ihr es nicht unfehlbar bereits aus manch ange⸗ nehmerm Munde vernommen; aber was mich betrifft, ſetzte ſie mit geſenktem Blicke hinzu, kann ich es nicht glauben. Geſtern noch, noch heut' Morgen vor wenig Augenblicken, verſicherte man mich, mein Ausſehen bezeuge, wie der Auf⸗ enthalt in dieſem Lande mir nicht wohl thue, und ich fühle, man ſprach wahrz mich drückt dies — nordiſche Klima, noch mehr aber dieſes Leben un⸗ ter Menſchen, die mir unbekannt ſind, und keine Erinnerung an die Heimath mit mir theilen. Die Eitelkeit des Herrn Vizthum fand in dem Geſagten einen Sinn, welcher ihr behagte, und er entgegnete verbindlich:So geſtattet mir denn, Euer blühend Ausſehen zum Theil dem Erſchei⸗ nen Eines zuzuſchreiben, der wie Ihr mit Ver⸗ gnügen der Pyrenäiſchen Halbinſel gedenkt, und welchen ihr, ſei auch die Farbe ſeines Rockes eine andere, ziemlich ſo wiederfindet, als er dort war und neuerlich in Dresden. O nein, Don Carlos, ſprach Jene mit ſtok⸗ kender, bewegter Stimme, Ihr ſeid nicht mehr derſelbe, Ihr ſeid ein ganz Anderer, und doch ſeid Ihr wieder der, als den ich mir Euch ge⸗ dacht in der Zukunft, dort in Spanien ſchon, und— ſetzte ſie mit einiger Verwirrung hinzu— noch öfter während Eurer jetzigen Abweſenheit. Das Weiß und Roth Eurer Wangen, fuhr ſie anmuthig lächelnd fort, und ihren Blick auf dieſe Wangen richtend, die dem werdenden Jünglinge recht wohl anſtanden, ſind freilich der dunklern Farbe des Mannes gewichen; doch wär ich in Eurer Stelle nicht unzufrieden mit ſolchem Tauſch. Der Lebendigkeit, ja, wenn Ihr erlaubt, edler Herr, dem Muthwillen, den man mit Vergnü⸗ gen am Pagen wahrnahm, iſt der Anſtand ge⸗ folgt, der dem vollendeten Edelmann geziemt, und ihm nur das Gefällige geblieben, welches denſelben erhöht. So ſcheinet es denn Euch be⸗ ſchieden, immer zu ſein, was Ihr ſein ſollet, und wahrlich, es iſt nicht der Rock allein, der eine Umwandlung erfahren. Geſchmeichelt durch dieſes reichliche Lob aus ſchönem Munde, und vornehmlich durch dieſe Um⸗ wandlung, mit welcher es freilich etwas ſehr raſch zugegangen ſein muſſte, vielleicht mehr als geſchmeichelt, antwortete Vizthum nur durch ein Neigen des Hauptes, begleitet mit einem Blick, der nur freundſelig ſein ſollte, aber beinahe zärt⸗ lich ward, als er länger auf der Sprecherinn verweilte. Und ſelbſt dieſer Rock, fuhr ſie mit größe⸗ rer Lebhaftigkeit fort, wie wohl ſtehet er Euch an! Seine Farbe— verzeihet der Spanierinn den Sinn für Farben und für Schmuck über⸗ haupt— wie tritt ſie ſo kühn in die Umgebung hinein, als die einzige, welche in prachtvollem Glanz den Begriff des Vornehmen verſinnlicht⸗ Das iſt die Farbe, die die Erſten im Volke tra⸗ gen müſſen, der Abglanz des Purpurs auf dem Throne, um welchen ſie ſtehen. Und dieſe Gold⸗ ſtickerei— hier berührte die wohlgeformte Hand, deren Alabaſterweiße durch die Beſchäftigung an jenem geheimnißvollen Heerde keineswegs gelitten hatte, das ſchimmernde Laubgewinde— gleich ei⸗ nem Sinnbilde des eigenthümlichen Werthes, ge⸗ formt aus dem werthvollſten Metall, eignet ſie ſich nicht für einen ſolchen, der, kräftig und aus⸗ gerüſtet mit mancher Gabe, die Laufbahn des Glanzes betritt? Geſtehet es nur, mein theu⸗ rer Don, das Auge vieler Damen hat Euer Bild aufgenommen, vielleicht auch das Herz ſo Man⸗ cher unter ihnen? Und ihr Auge ſchien dies Bild in ihr Herz hinabziehen zu wollen, deſſen ſchöne Hülle unruhig wogte. Die Augen des jungen Mannes wurden feu⸗ riger, und ſeine Stimme ſchwankte ein wenig, als er mit ſcheinbarer Beſcheidenheit erwiederte: Ihr ſeid zu gütig, Sennora; nicht alle Frauen ſind ſo nachſichtig als Ihr. Auch hoffe ich nicht, mein Bild habe ſolchen Eindruck gemacht, wel⸗ cher doch bald verlöſchen würde, denn morgen ſchon verlaſſe ich Dresden. — Ihr verlaſſet uns, und morgen ſchon? rief ſie im Tone des Entſetzens und der Betrübniß. Habt Ihr, gegenfragte er, habt Ihr nichts vernommen von der Urſache meiner Ankunft, der Vermählung des Prinzen und ſeiner baldigen An⸗ kunft?— Gewiſſe Erinnerungen veranlaſſten ihn, die Sennora ein wenig ins Auge zu faſſen; ſie aber ſprach tonlos und in zerſtreuter Weiſe: Wohl habe ich gehört, daß eine deutſche Fürſtinn Don Auguſts Gemahlinn werde. und was ſagt man dazu bei Eurer Gebiete⸗ rinn? fuhr Vizthum fort zu fragen, und was ſagt Ihr ſelbſt zu dieſem Begebniß? Mir ſelbſt, verſetzte die Spanierinn unbe⸗ fangen, iſt die Rückkehr des Prinzen gleichgültig; die Zeit iſt vorüber, da, was Don Auguſt von Sachſen betraf, mich näher berührte, und ich wünſchte, ſie wäre nimmer geweſen, dieſe Zeit. Die Gräfinn, die ſich meine Gebieterinn nennet, ſetzte ſie lächelnd nach einer Pauſe hinzu, hat ſich wohl vor Kurzem erſt entſchieden, ob ſie die⸗ ſer Rückkehr ſich freuen ſoll oder nicht, und ich meine, es geſchah für das Zweite. Erſt vor Kurzem entſchieden? fragte Viz⸗ thum. Längere Zeit iſt es, däucht mir, her, 81— ſeitdem Seine Durchlauchtigkeit in benannter Dame ſeine offene und beharrliche Widerſacherinn erkannt. Wer kann die Launen eines Weibes ergrün⸗ den, ſprach Eſtevania ernſter, oder die wechſeln⸗ den Empfindungen, die raſch auf einander fol⸗ gen in ſeinem Innern. Am wenigſten, edler Don, vermag dies Euer Geſchlecht, auch die Scharfſichtigſten unter denſelben. Mancher wäh⸗ net da den Haß zu finden, und ſtellt ſich ihm feindſelig und bewaffnet gegenüber, wo im Stil⸗ len das verſöhnbare Gemüth nur eines Wortes harret, um ſich geneigt zu zeigen zum Frieden. Und wieder Andere ſchauen gleichgültig über die Flamme hinweg, welche auf dem Altare glüht, einem undankbaren Idole geweiht. Ein Strahl aus den dunkeln Augen der Re⸗ denden deutete ihre Worte, der junge Edelmann glaubte ihren Inhalt zu verſtehen, und er fand brennbaren Stoff genug in dem leicht entzündli⸗ chen Herzen; doch getreu ſeiner Anſicht, die Ca⸗ mereira ein wenig über ihre gebietende Frau aus⸗ zuforſchen, blieb ihm Faſſung genug, um mit gezwungenem Scherze zu ſagen: Ich hoffe doch nicht, meine Baſe ſei in den Prinzen verliebt? Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 6 — 82— Das nun wohl nicht, antwortete ſie, wie⸗ derum den Ton wechſelnd; doch kann ich Euch verſichern, daß Ihro Eycellenz oft genug dieſes Herrn auf eine Weiſe gedacht, welche ihn in Ver⸗ wunderung geſetzt haben würde, hätte er ihre Worte gehört. Das iſt Alles, was ich zu ſagen weiß; doch zweifle ich an der Fortdauer ſolcher Geſinnung, ſeitdem Don Auguſt ſich verlobte. Es iſt leicht zu begreifen, meinte der Kam⸗ merherr, wie die bevorſtehende Vermählung kaum nach dem Geſchmack Ihrer Excellenz ſein dürfte; aber ich geſtehe, auch das Andere, was ich eben durch die ſchöne Eſtevania vernommen, ſtinimt mit Manchem überein, was ich in der Gräfinn Munde nicht ohne Verwunderung und Mißtrauen gehört. Ein ſo weltkluger Herr, verſetzte ſie, wird, was er bemerkt, beſſer deuten können, als eine unwiſſende Frau. Eſtevania! Eſtevania! rief Vizthum, jenes räthſelhaften Geſprächs ſich erinnernd, welches er vor einigen Monaten auf ſeinem Lauſcherpo⸗ ſter erhorchte, und hob den Zeigefinger zu leich⸗ ter Drohung empor, ich fürchte, Ihr ſeid nicht ſo unwiſſend, als Ihr Euch ſtellt. Gedenket, daß wir einen Bund geſchloſſen, und bleibet dem⸗ ſelben treu; man rühmt ja die Beharrlichkeit als eine Tugend Eurer Landesgenoſſinnen.— Und wahrlich mit Recht! rief die Spanierinn, und ein ſchneller fremdartiger Blick drang unter ihren langen Augenwimpern, einem verletzenden Pfeile gleich, hervor— aber alsbald ſetzte ſie mit dee vorigen Hingebung hinzu: Ich bin eine treue Bundesgenoſſinn; mein Herz liegt offen vor Euch da, ſoweit Ihr ſelbſt es erforſchen wollet, doch Euerm Verſtande gebühret zu würdigen, was es Euch bietet. Halb erfreuet, halb ſich befangen fühlend durch den Doppelſinn, der fortwährend in den Worten der Berichterſtatterinn lag, und ſeiner Eitelkeit mehr zuſagte als ſeiner Wißbegierde, fragte der Höfling: Und meine Muhme von Rochlitz, was kann oder will die angenehme Bundesgenoſſinn mir über ſie mittheilen? Was läſſt ſich auch von der Blume ſagen, ſprach Jene in empfindſamer Weiſe, die immer⸗ dar nach der Sonne ſich wendet, als daß ſie ſtill und demüthig ſteht, ſo lange jene am Horizonte erglänzt, und eben ſo ſtill und demüthig das Haupt ſenkt, wenn die Nacht heraufſteigt? Viel ſolcher Blumen giebt es in meinem Vaterlande, und glücklich preiſe ich ihr Loos. Weh aber der, die den Tag überlebt; der aufſteigende Mond, dem ſie ſich zukehrt, ſendet nur kalte Strahlen, und langſamer, aber peinvoller iſt ihr Vergehen. Herr Vizthum von Eckſtedt konnte nicht um⸗ hin, zu bemerken, daß, was er hörte, zwar ſchön geſagt war, aber vom Weſentlichen wenig oder nichts enthielt; auch war es, als ſei die von der früheren ſo verſchiedene Weiſe der alten Be⸗ kannten gegen ihn ſogar ſeiner Selbſtgenügſam⸗ keit befremdlich, und gewiſſe Andeutungen zu zahlreich; denn er erhob nochmals den Finger und ſagte wie vorhin: Ich fürchte, Senora, Ihr ſeid nicht auftichtig. Noch aus früherer Zeit iſt mir der Scharfſinn der reizenden Eſtevania Levas erinnerlich, und wenn ich Einigem Glauben bei⸗ meſſen darf, was ich ſpäter gehört, ſo haben die wenigen Jahre demſelben keinen Eintrag gethan, eben ſo wenig dem Ehrgeiz, welchen Eure körper⸗ lichen ſowohl als geiſtigen Gaben entſchuldigen, ja gewiſſermaßen rechtfertigen. Der Kammerherr meinte, er habe mit nicht geringer Geſchicklichkeit die Rollen gewechſelt, ſei⸗ nerſeit die eines ſchmeichelnden Ausforſchers über⸗ nehmend; die Spanierinn aber antwortete mit trübem Lächeln und den Kopf ſchüttelnd: Wohl ſchreibt man meinem Geſchlechte im Allgemeinen etwas von dem Scharfſinne zu, deſſen Ihr er⸗ wähnt, ſchwach aber, wie es iſt, verſagt ſich ihm derſelbe, wo mächtigere Empfindungen den Blick trüben. Auch ich galt einſt, wie Ihr gü⸗ tig bemerket, Seüor, für aufgeweckten Geiſtes, und derſelbe mag mir wohl noch beiwohnen von Zeit zu Zeit, Euch aber gegenüber werdet Ihr meinen Scharfſinn vermiſſen. Ehrgeizig nennet Ihr mich, auch das war ich vor Zeiten; ſie ſind dahin, mir nichts zurücklaſſend, als eine bittere Lehre, doch nicht immer befolget man die, welche die Erfahrung gegeben, und wer einmal den Sinn auf das Höhere gewendet, dem wird es ſchwer, ihn auf das Gemeine zu richten. In⸗ deß, wenn es Euch gefällig iſt, ſo bitte ich, mir zu ſagen, wer Euch eine ſolche Schilderung von mir gemacht? War es vielleicht der, welcher eben von Euch ging? Ich will nicht läugnen, verſetzte Vizthum, daß Meiſter Bartholomäus nicht allzuwohl auf ſeine Ehegattinn zu ſprechen iſt, und ich meine wirklich, Ihr möget Euch Manches gegen ihn vorzuwerfen haben, was jedoch nachſichtige Rich⸗ ter, wie ich, einer ſchönen Frau in Betreff zu ihrem Manne nicht ſonderlich hoch anrechnen. Er? fragte ſie mit dem Ausdrucke des Wi⸗ derwillens und der Verachtung. Der Elende, was mag er mir vorwerfen können, die ich keine Pflicht gegen ihn hatte, dem ich dahin geworfen worden, einer verſchenkten Waare gleich, und dem ſie nur darum gab, weil ſie aus der Hand eines Prinzen an ihn kam? Hat er je vermocht, ihren Werth zu erkennen? Hinweg mit ihm! Was er Euch geſagt, achtet nicht auf das Ge⸗ ſchwätz des Erbärmlichen, welchem Alles ſeltſam und befremdlich erſcheinet, was jenſeit des engen Kreiſes liegt, in dem er tölpelhaft zugleich und poſſenreißeriſch ſein Weſen treibt. Ha! wirklich eine wunderliche Probe des Ehrgeizes hab' ich ab⸗ gelegt, als ich mich Dieſem zuſchleudern ließ! Zwar niedrig bin ich geboren, doch nicht für ihn, und willkührlich ſcheidet ſich das Höhere von dem Gemeinen. Ihr, Don Carlos, werdet mich anders erfinden, und beſſer als Jenes alberner Pöbelwahn wird mich Euer heller Geiſt erkennen. Bis jetzt aber, bemerkte der Edelmann, habt Ihr dieſem hellen Geiſte wenig Befriedigung ge⸗ — 8 währt; mehr als eine Frage habe ich an Euch gethan, und wie mir däucht, kaum eine halbe Antwort erhalten. Gebietet über mich, und Don Carlos wird mich gehorſam finden, verſicherte ſie. Bis jetzt iſt alles Treiben im Schloſſe zu verworren, zumal in dem Theile deſſelben, den ich bewohne, und vornehmlich ſeit dem heutigen Morgen, als daß ich, von manch Anderem beſtürmt, klar blicken möge in dem Kreiſe, dem ich immerdar fremd bleiben werde, aus dem ich mich hinwegſehne. Doch will ich darin verweilen, wenn es Euch frommt, Euch, dem Einzigen in dieſem Lande, mit welchem dies verwaiſ'te Herz in einiger Be⸗ rührung ſtehet. Ich rechne auf Euer Wort, Eſtevania, ſagte der Kammerherr mit einigem Ernſt. O, meine Beichte wird aufrichtig ſein, be⸗ theuerte ſie, und ſo weit ich es vermag, will ich ſie beginnen. Man befindet ſich an dem Orte, den Ihr meinet, in der Stellung eines Feldherrn, der, im verſchanzten Lager verborgen, ſich eines Angriffs verſiehet und der Ankunft ei⸗ nes feindlichen Hülftrupps. Den alten Gegner kennt man ſchon, und ich frage Euch nichts, was den Prinzen betrifft; denn leider kannte ich ihn einſt nur allzuwohl, eine Erinnerung, die mich mit Reue und in Eurer Gegenwart mit Beſchä⸗ mung erfüllt. Die neue Widerſacherinn aber kennt man nicht, und erſt, wenn ſie erſcheinet, wird ſich entſcheiden, wie mit ihr zu verfahren; denn in der Art des Ranges, nach welchem ſie ſtrebt, ſcheidet Eure Baſe die Menſchen in drei Theile: der eine ihr nützlich, der andere ſchäd⸗ lich, unnütz der dritte, zu welchem ſie ſeit eini⸗ ger Zeit mich geworfen. Nun, Sie werden es ja erfahren zur Zeit. Mir aber, der das gleich⸗ gültig ſein kann, was die Prinzeſſinn betrifft, vergebet eine Frage weiblicher Neugier: Iſt ſie ſchön?— IHm, erwiederte Vizthum, ohne ſon⸗ derlich zu bemerken, daß er langſam in die Stel⸗ lung eines Antwortenden zurückgedrängt worden, hm, ſchön genug für eine Prinzeſſinn. Mit leichtem Stirnfalten ſagte die Spanie⸗ rinn: Mich würde ſolche Wahl des Prinzen ver⸗ wundern, deß Geſchmack ſonſt beſſer geweſen, hätte ein gleiches nicht mit der blonden Keſſel Statt gehabt, die auch ſchön genug iſt für— ein ſächſiſches Fräulein. Doch fuhr ſie, wie am Morgen deſſelben Tages ihre Gebieterinn, im be⸗ — 89— gonnenen Verhöre fort: Unſtreitig beſitzt Jene, was Dieſer gebricht, Geiſt und der Anſtand, der oft⸗ mals die Stelle der Schönheit vertritt, welche eine vergängliche Gabe iſt, und auch während ihrer Dauer nur flüchtig zu feſſeln vermag. An ſolchem Anſtande gebricht es der Durch⸗ lauchtigen nicht, erwiederte der bereitwillige Ma⸗ ler, nur ein wenig ernſt iſt derſelbe, ernſter als man ihn gern an jungen Dames ſiehet, und es ſtehet zu hoffen, ſie werde zu Dresden ihn etwas aufheitern, ein wenig von der Strenge nachlaſ⸗ ſend, welche ihr von einigen Dutzend alter Perük⸗ ken in Mantel und Kragen überkommen, deren man, sur ma foi, in Baireuth noch dreimal mehr ſieht als hier. Ein Lächeln der Zufriedenheit glitt über das Geſicht der Spanierinn; doch war es bereits ver⸗ ſchwunden, als Vizthum fortfuhr; Wäre die Amtspflicht nicht und der pflichtſchuldige Eifer für einen ſo gütigen Herrn, ſo würde es mir ſchwer ankommen, Dresden zu verlaſſen, wo man doch hin und wieder einem muntern Kavalier begegnet und einem heitern und liebreizenden Antlitz. Ich verſichere Euch, es mangelt dort recht ſehr an Beidem, ſo daß ich wünſchte, die Vermählung X * wäre vorüber und wir auf der Rückreiſe. Ich meine, auch der Prinz möchte, alle die Förm⸗ lichkeiten wären beendet, die Kontrakte und Sti⸗ pulationen, und vor Allem die Ermahnungen, welche die Durchlauchtigen Schwiegereltern dem jungen Ehepaare in den Kauf geben. Wohl hat Monseigneur, wie es ſich eignet und gebühret, gegenwärtig nur Augen für ſeine Braut, ein wenig partheiiſche ſogar meines Bedünkens, aber ich glaube doch immer, er wäre gern wieder in unſerer guten Sachſenhauptſtadt, wo dieſe Augen, ſollten ſie einmal an der Prinzeſſinn vorüberſe⸗ hen, doch nicht auf lauter Schwarzröcke fallen und alte vergelbte Hofinventarienſtücke, ſo ſteif wie ihr Reifrock. Unſer Bleibens wird demnach nicht lange ſein, ſchloß etwas ernſt er ſeine Rede, ſeid nur darauf bedacht, ſchöne Frau, daß Ihr Wort haltet bei meiner Wiederkehr, und ich Euch als eine eben ſo treue und thätige als anmuthige Verbündete finde.—— Sorget nicht, Don Carlos, verſetzte Eſtevania, ich werde halten, was ich dem Prinzen gelobt—— oder vielmehr Euch an deſſen Statt.—— Ich nehme Euer Verſprechen an, ſagte Vizthum, die Hand aus⸗ 9= ſtreckend; doch, habt Ihr für mich ſelbſt nichts zu verheißen?— Die Spanierinn drückte leiſe die Rechte und flüſterte: Wenn Ihr zurückkommet, werdet Ihr bald in meinem Herzen ſchauen, was es— nur mühſam verbirgt.— Nicht wahr, ſprach ſie drauf noch leiſer und mit einem jener bezaubernden Blicke von unten herauf, welcher ſüdländiſchen Frauen eigen iſt, nicht wahr, Don Carlos kehret bald wieder, recht bald? Wie hat mich Eure Be⸗ ſchreibung jener Hofſtatt erfreuet; ſie läſſt mich hoffen, daß keine andere Bande den ältern Ein⸗ trag thun werde. Unwillkührlich zog Vizthum die läſſig Wider⸗ ſtrebende an ſich, und der lange Kuß, der die Lippen des Kammerherrn und der Bettmeiſterinn aneinander heftete, galt dem Erſten als eine deutliche Erklärung deſſen, was die Letztere im Laufe des Geſprächs verſchiedentlich angedeutet, und als Pfand der Zuverläſſigkeit einer ihm ſo innig ergebenen Bundesgenoſſinn. Da erſchien laufend und athemlos ein Lakai der Gräfinn von Neidſchütz, die Kammerfrau zur Gebieterinn zu beſcheiden, und ſie riß ſich aus den Armen des jungen Herrn, welcher ſich gleich drauf von Meh⸗ reren ſeines Alters und Standes umringt ſah, die ihn glückwünſchend bewillkommten. Es war in dem düſtern, einſamen Behält⸗ niſſe, welches wir mit den Augen des damaligen Pagen durch die erblindeten Scheiben der Fenſter⸗ öffnung flüchtig in Augenſchein genommen, wo Katharinens Mutter die Spanierinn erwartete. Die Unordnung, in der die ſeltſamen Geräth⸗ ſchaften ſich befanden, die mit weißem Flaum überzogenen, längſt verlöſchten Kohlen auf dem kalten Heerde deuteten an, es ſei ſeit geraumer Zeit der räthſelhaften Gottheit dieſes Ortes kein Opfer gebracht worden; umgeſtürzte Keſſel, Töpfe von ungewöhnlicher Form, Tiegel und auseinan⸗ der genommene Röhren bildeten in der einen Ecke einen unordentlichen Haufen, und in der andern zeigten leere Kohlenbehälter den ehemaligen ſtär⸗ kern Verbrauch dieſes Brennmaterials; die dritte ſchien ein Gegenſtand größerer Sorgfalt zu ſein, es war die, in welcher auf altarähnlicher Erhö⸗ hung jene zwei Bildniſſe ſtanden, welche damals Herr Vizthum von Eckſtedt erblickte. Hier war der Boden ringsum geſäubert, ſo daß auf dem⸗ ſelben Buchſtaben, dem Alphabet keiner bekann⸗ ten Sprache angehörig, ziemlich erkennbar wa⸗ — 5 ren; ein ſchwarzer Teppich, der den Fuß des Tabernakels umgab, zeigte auf dem Sammtgrunde ähnliche Zeichen von purpurrother Farbe; über demſelben ein Vorhang deſſelben Stoffes halb auf⸗ gezogen, ſo daß man jene Bilder, Gottheiten oder Opfer dieſes Altars nicht undeutlich ſehen konnte. Beide waren mit einem weiten Gewande, einem Fürſtenmantel gleichend, umgeben, von derſelben Maſſe, wie ſie geformt, einer ſchein⸗ baren Zuſammenſetzung von Feilſpänen irgend ei⸗ nes Metalles, von Thon und einer weichen, fettigen Subſtanz; beider Haupt bedeckte ein Schmuck, ei⸗ nem Hute des Mittelalters ähnlich, und beide führten Schwerter, nur trug es das Eine in der Hand, das Andere an der Seite. Nur dieſes Werk⸗ zeug des Krieges und die Kopfbedeckung ließen bei nicht allzugenauem Hinſchauen auf das Erſte errathen, es ſtelle eine menſchliche Geſtalt dar; denn war es von der wechſelnden Hitze und feuch⸗ ten Kälte in dem halbunterirdiſchen Küchengewölbe, oder durch allzugroße Weichheit ſeiner Maſſe, oder aus irgend einer andern Urſach, kurz es war der⸗ maßen verfallen oder vielmehr in ſich zuſammen— geſunken und von Außen beſchädigt, daß es we⸗ niger der Geſtalt eines Lebenden glich, als einem 94 verweſenden Leichnam. Sein Gefährte aber, grö⸗ ßer und von ſtärkerer Form, als Jener ſelbſt bei ſeinem Entſtehen geweſen ſein konnte, ſtand auf⸗ recht da, im ziemlich wohlgeformten Geſicht Züge der Heiterkeit tragend, und ohne Verletzung, eine einzige ausgenommen in der Gegend des Herzens, einer kleinen Wunde gleich, mit ſpitzigem Werk⸗ zeuge verſetzt, welches, der brandigen Schwärze ringsum die Oeffnung nach, glühend geweſen ſein muſſte. Beide Geſtalten umgab ein Kranz von natürlichen Blumen, unfehlbar den Treib⸗ häuſern des kurfürſtlichen Ziergartens entzogen, dach waren dieſe verſchiedener Art. Zeitloſen, Maaßlieb, Rosmarin und Todtenblumen um⸗ ſchlangen das Fußgeſtell des erſten Bildes; das zweite umgaben Roſen, Ritterſporn und Feuer⸗ lilie, und wunderlich, ſo lange auch die erſten, ihrem Stengel entfremdet, ein Anſehen von Friſche zu bewahren pflegen, waren ſie ſämmt⸗ lich welk und farblos, während derflüchtige Schmelz der andern in beinahe unvermindertem Glanze ſchimmerte. Neben einem Tiſche, auf welchem eine Lampe ſtand, die alle dieſe Gegenſtände be⸗ leuchtete, ſaß in der vierten Ecke die Frau von Neidſchütz in einem wahrſcheinlich ehemals präch⸗ tigen, doch höchſt altfränkiſchen Lehnſtuhle, der anſcheinend vor Zeiten unter dem Thronhimmel irgend eines längſt verſtorbenen Kurfürſten geſtan⸗ den, von da in eine Geräthkammer und zuletzt in dies Behältniß gewandert war. Die Matrone befand ſich ſichtlich noch in der erregten Stim⸗ mung, in welcher ſie ihre Tochter verlaſſen, und ſchaute finſtern Blickes und mit verzogenem Munde auf jene Bildniſſe hinüber. Wie er daſteht, ſo ſtolz und verwegen, mur⸗ melte ſie zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zäh⸗ nen, als ſei er ſchon Gebieter, und jenes Schat⸗ tenbild neben ihm ſchon gänzlich verſunken, und er könne ungeſtraft die erhöhnen, deren gebotene Hand er zurückſtößt und deren Bündniß er ver⸗ ſchmäht. Wahret euch nur, mein hoffärtig drein⸗ blickender Herr— die, welche ihr zur Freundinn nicht wollet, dürfte euch eine ſchlimme Gegne⸗ rinn ſein, und dieſe Wunde, ſtatt von Amors Pfeil, zu einer andern werden von verſchiedener Art. Amors Pfeil— lachte ſie höhniſch auf— hat ihn getroffen, den jungen Helden, den küh⸗ nen Matador, aus den blinzelnden Augen einer Betſchweſter hinter alten Foliantbänden hervor, angefüllt mit erbaulichem Unſinn. Ja, ja, mein — Herr, ſo klug ihr drein ſchauet und vermeſſen, ſo ſeid ihr im Urbilde wenig mehr werth, als ihr hier vor mir ſtehet, aus Thon gebildet; und ſollte es euch ja beikommen, ſo höhniſch auf mich herabzuſehen, wie ihr mir jetzt zu thun ſcheinet, ein leichtes wäre es mir, euch zu vernichten, wie dieſes zerbrechliche Gebilde. Und du, der ſo ge⸗ beugt und verdorrt daſteheſt, als habe ein unſicht⸗ barer Wurm deine Kraft verzehrt, und du ge⸗ hörteſt den Lebendigen nur ſcheinbar noch an, nur eine Weile noch halte dich aufrecht, bis vollendet iſt, was vollendet werden muß— und dann, wenn es ſein ſoll, wie die geheimnißvollen Mächte es beſtimmen, die das Geſchick der Fürſten ſorg— fältiger leiten, als anderer Menſchen, dann— brich zuſammen. Und doch, fuhr ſie gedanken⸗ voll fort, muß ich es fürchten, nach dem, was geſchehen, fürchten, daß die einzige Hoffnung ſchwinde, nachdem, die ich lange geheget, zu nichte geworden. Würde er dann nicht in der That vor mir ſtehen höhnend und verachtend, je⸗ ner Andere, vielleicht ein zürnender Richter? Wenn es ſich nun wirklich begäbe, wie es hier ſich geſtaltet in geheimnißvoll gefährlichem Spiel; wenn Jener hinabginge in die Gruft, die ich ahnend & — 97— unter ſeinen Füßen eröffnet ſehe, und das Kur⸗ ſchwert ihm entfallend, zum Richtſchwert würde in des Andern Hand?— Hinweg mit thörich⸗ ter Einbildung, die über das Nahe und Gewiſſe hinwegſchauet nach dem Fernen und Ungewiſſen. An das Erſte will ich mich jetzt halten lediglich; denn ich will nicht umſonſt Mühe und Beſchwerde erduldet haben, und meine Tochter in Unehre gebracht. Und hängt ihr Herz nicht an Jenem, ſich unwillig von dem abwendend, der nur Haß für ſie hat und für ihre Mutter?— Haß? fuhr ſie fort— mein Durchlauchtiger Herr, ihe werdet vielleicht lernen, daß die Pfeile des Her⸗ zens hin und wieder den Schützen treffen. Die Gegenwart ſei mein; aus Augenblicken der Ge⸗ 6 genwart reihet ſich das Leben zuſammen, und erſt, wenn die Zukunft gegenwärtig worden, iſt ſie der Beachtung werth. Hinweg alſo mit Ein⸗* würfen, die man wohl kühn nennen konnte und* grandiös, die aber, von den Verhältniſſen be⸗ kämpft, in die Reihe der Träume treten. Ich aber will nicht träumen; niemals hab' ich ge⸗ träumt, immer mein Leben lang hab⸗ ich klar er⸗ kannt, was vorhanden war, und nichts hab' ich geachtet in meinem Wirken, was Andere für gar Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 7 2— „ * wichtige Schranken halten, mit recht ernſthaften Namen belegt. Nimmer, denn ſolche Schran⸗ ken, wenn die Klugheit ſie ſtraflos zu überſchrei⸗ ten verſtehet, oder ſie umzuſtürzen die Kraft, ſind der Einbildung luftig Zimmerwerk und jene Bilder einer rüthſelhaften Zukunft, die, ausge⸗ ſtellt von Prieſterhand, die Menge verehret; nun, es iſt wohl recht, daß man mit ihr ſich vor ihnen beuge, weil es ſo Gebrauch iſt oder Mode, am Cirkel des Handelns aber bleiben ſie gebannt ſtehen als Traumgeſtalten, die das Licht ſcheuen und die Wirklichkeit.— und doch, fuhr ſie fort mit etwas unſicherer Stimme, doch hab⸗ ich oft die Nähe des Einen oder des Andern verſpürt, die man mit nichten zu dieſer Wirklichkeit zählt; ich habe ſie hervorgerufen an den Rand meines reiſes, und hab ich ſie nicht leiblich erſchauet, ſo „ ward mir doch ihr Weſen vernehmbar. Sie blickte bei dieſen Worten in dem unheimlichen Gewölbe umher, und es war, als rieſele ein Sck auder durch ihre Gebeine; dann aber ſprach ſie, ſich ſelbſt ermuthigend, in feſterem Tone weiter: Doch ſind ſie mir immer dienſtbar geweſen, und Nichts giebt es hier noch anderwärts, das höher ſei als der Wille; denn er ſchafft ſich ringsum die N — eigene Welt, und was in ihr ſich bewegt, iſt ſein Erzeugniß und Werkzeug. Man ſpricht man⸗ cherlei vom Verhängniß, und giebt ihm unter⸗ ſchiedliche Namen; ich kenne kein ſolches. Das Verhängniß iſt die der Thaten, und ein Jeglicher iſt ſeines eigenen Schmied. Hin⸗ weg denn auch mit euch, ihr, die ich ſelbſt er⸗ ſchaffen, ob ihr Wahnbilder ſeid, ob wirklich, verſchwindet; denn ihr ſeid mir unnütz geworden, und zu dem, was nun zu thun, bedarf ich eu⸗ rer nicht mehr. Es ziemet dem ſtarken Geiſte, feſt und beharrlich an ſeinem Entwurfe zu han⸗ gen, wahrhaftig ſtark aber mag man ihn nur nennen, wenn er, deſſen Nichtigkeit erkennend, ſich entſchloſſen hinwegwendet zum Beſſern, habe er ſein auch nicht geachtet in der Zeit des J thums. Fort denn mit dem Rande, der ₰ umgiebt, mich ſolchen Irrthums anklagend.— 3 Sie trat hierauf raſch Tabernakel zu, daß das Klappern ihrer nach damaligem Gebrauche zollhohen Abſätze und das Rauſchen der Schleppe auf dem ſteinernen Fußboden wunderlich in dem Gewölbbogen des einſamen Gemaches wiederhällte. Wie ſteheſt du, ſprach ſie, das Wort an das formloſe Bild des Kurfürſten richtend, ſo 0 traurig da und hinweggekehrt von mir, als wol⸗ leſt du mich des Undankes anklagen? Armer Jo⸗ hann Georg, haſt du mehr als ein Vierteljahrhundert verlebt, ſitzeſt du auf dem Fürſtenſtuhle, und magſt an Dankbarkeit glauhen? Es giebt keine an⸗ dere, als für künftige Wohlthat; ſie liegt in deiner Hand, drum ſei getroſt und richte dich auf; nicht mehr demüthig ſtehe, biſt du doch der Herr⸗ ſcher, und nicht Jener! Anders ſoll es werden „ in Bild und That, ſette ſie ſinnend hinzu, und rief dann plöblich: Dunkel iſt der Ausſpruch je⸗ ner Mächtez ſelbſt die, mit welcher ich an die⸗ ſem Orte die Zeit vergendete in unnützem Spiel, ſie geſteht, nicht gewiß ſei es, auf welchen der Beiden er deute! Oft wirft das, was man erhängniß heißet oder Schickſal, oder auch an⸗ ℳ noch dem Menſchen Zweideutiges in den„ Weg, ſeinem Willen aber füllt die Erklärung an⸗ heim, drum wechſelt die Roben, ihr Beide!— Nicht dir, fügte ſie bei, auf den Erſtgeborenen ſchauend, nicht dir gebühren dieſe weißfarbigen Todtenblumen, ſondern ihm; dagegen nimm die friſchen Kränzè, die Jenem wahrlich nicht ge⸗ flochten wurden, daß er ſie mit der Bayreutherinn theile, und mögen ſie zum Bande werden, das — — 101— dich und die Tochter umſchlingend, euch auf lange an mich feſſele. Blicke heiterer, die Zeit hat ſich gewandelt; dir werde, was ihm, und ihm, was dir beſchieden!— Sie riß hier mit Haſtigkeit die Blumen vom Fußgeſtelle, welches die Geſtalt Herzog Friedrich Auguſts trug, und die verdorrten Blätter hin⸗ wegräumend, ſchmückte ſie damit Johann Georg des Vierten Ebenbild. Als ſie ſich nun über daſſelbe hinbeugte, glitt ein Medaillon mit dem Gemälde Katharinens, das ſie an goldener Kette um den Hals trug, unter der Mantille hervor; es traf den Kopf der Geſtalt, dieſe wankte, ſtürzte hinab und lag einen Augenblick darauf zertrüm⸗ mert zu den Füßen der Gräfinn am Boden. Der Griff des dem Sinkenden entfallenden Kurſchwer⸗ tes aber traf in die ausgeſtreckte Rechte Friedrich Auguſts, und haftete aufgerichtet in derſelben. Da war es als der Alten gleich einer Mah⸗ nung: Man treibe nicht ungeſtraft verwegenes Spiel mit den Mächten des Schickſals! Sie fuhr entſetzt zurück mit einem Schrei, die ſtarren Au⸗ gen auf das zerbroche e Gebild richtend, und als ſie nun ſie zum Andern erhob, der heiter und ſtolz drein blickte wie früher, das Symbol der — 102— Würde Kurſachſens haltend, da gemahnte ſie es, als ſtände der Richter vor ihr mit dem Schwerte der Gerechtigkeit drohend, und noch einmal ſchrie ſie auf, daß der Mißton ſchallend durch das Ge⸗ mach drang und weiter in die anſtoßenden Gänge, wo er in fernem Wiederhalle ſich verlor. Nombre de Dios! rief mit gedämpfter Stimme Eſteva⸗ nia, die verſchloſſene Thür raſch aber geräuſchlos öffnend. Wos iſt Ihro Excellenz begegnet, daß ich Dero Stimme wie im Rufen der Angſt drau⸗ ßen vernahm, und Dieſelbe hier finde, ganz er⸗ griffen, wie es ſcheint, von irgend einem Erſchrecken? Erſchrecken? wiederholte Frau von Neidſchütz, ſich mühſam, aber ſchnell genug fühlend. Sie irret, meine Gute, ich bin nicht erſchrocken. Wie ſollte auch eine ſolche bagatelle mich alteri⸗ ren können, gleichwie der Fall einer thönernen Figur, mit der es ja doch, wie mit Allem hier, nichts iſt als eitel Narrentheidung? Die Spanierinn ſah die Trümmer des Her⸗ abgefallenen mit ſeltſamem Blick und zweideuti⸗ ger Miene an; dann verſetzte ſie: Wohl Gerin⸗ geres als dies hat unter ſolchen Umſtänden An⸗ dere in Furcht geſetzt. Wie kam es doch, daß dies Bild früher, als zu erwarten war, den Un⸗ — 06— tergang gefunden, der ihm freilich bevorſtand, doch in ſpäterer Friſt? Unbedeutend nennet ſolch Begebniß meine gnädigſte Frau? Wahrlich, hier iſt Alles bedeutend und voll tiefen Sinnes. Ich bin derlei opinion nicht mehr, antwor⸗ tete die Dame, und genugſam hab' ich die Nich⸗ tigkeit deſſen eingeſehen, was von großer Im⸗ portanz ſein ſollte, daß es mich länger abüſire. Höre Sie, meine Liebe, fuhr ſie in einem Tone fort, welcher mit dieſer Benennung in ziemlichem Widerſpruche ſtand, es beginnet mir nachgerade klar zu werden, daß man, allerlei ſeltſamer Qua⸗ litäten ohngeachtet, welcher man ſich berühmte, nicht abſonderlich zu Mehrerem tauget, als eine andere femme de chambre auch, zum Dienſte der Toilette nämlich, zum Aufſtecken der Hau⸗ ben und der Schleppe et caetera. Das Antlitz Eſtevaniens färbte ſich dunkel, ihr Auge warf einen raſchen zornigſtolzen Blick auf die Gebieterinn, und es währte einige Zeit, ehe ſie in demüthiger Weiſe fragte: Was hab' ich verſchuldet, daß meine Hochgräfliche Patroninn ſo gering von mir denket, und was muß ich thun, um die, wie es ſcheinet, verlorne Huld Ihro Excellenz wiederum zu gewinnen? — 104— Nichts, gar nichts ſoll Sie thun, beſchied ſie herb zurückweiſend die Matrone, am allerwe⸗ nigſten, wie Sie ſeither ſattſam gepflogen, eitle Promeſſen debitiren, nichtig wie der Rauch, der Ihr unnützes Treiben durch dieſen Schlott gejagt. Auch hab' ich Ihr befohlen, anhero zu kommen, damit ich Selbige gebührender Maßen repriman⸗ dire für ſolche Inſolenz und phantaſtiſche Vorſpie⸗ gelung, auch nach Befinden der Umſtände Ihr angedeihen laſſe, was dem Lug und Trug zu⸗ kommt einer unnützen Magd. Eſtevania betrachtete verſtohlen die Spre⸗ chende; zwar war dieſe höchſt aufgeregt und un⸗ muthig, doch kannte die Dienerinn ſie allzuwohl, um zu wiſſen, dieſer Unmuth über eine freilich vorhandene Täuſchung würde zur Wuth und ihre Drohung alsbald zur That worden ſein, wäre die Geſcholtene ihr wirklich ſo unnütz geweſen, als Jene es behauptete; ſie ſagte alſo mit hin⸗ länglicher Faſſung: Es beliebe denn meiner gnä⸗ digſten Dame, mir mein Vergehen anzudeuten, damit ich es erkennen möge, oder auch mich recht⸗ fertigen; denn anders iſt es mit ſolchen Dingen, als mit dem gemeinen Thun der Welt, und bei — 105— ihm noch leichtlicher, als bei dieſem, trüget der Schein. Ja wohl, lachte die Gräfinn höhniſch, Schein und blauer Dunſt ſind genugſam an ihnen zu finden, das iſt es aber auch Alles. Was hat man, fuhr ſie in ſtrafendem Tone fort, nicht continuirlich fabuliret von Philtres und allerlei zigeuneriſchen Connoiſſancen, welche, obſchon verdächtiger Natur, dennoch zu heilſamem Zwecke dienen können, gleichwie manchmal in der Welt Geringes und Schlechtes zu Fürtrefflichen con⸗ tribuiret? Wer hat ſich vermeſſen, des Baldig⸗ ſten werde der rückkehrende Prinz mit mir verei⸗ net ſein durch die Bande der Gewogenheit und Allianz, ja vielleicht durch andere noch? Wie haben ſich nun benannte Philtra bewährt und chimäriſche Verheißungen? Freilich kehrt er wie⸗ der, doch an der Hand einer Gemahlinn, und fürwahr, es iſt wenig Apparence da zu beſſerm Vernehmen, und noch weniger zu dem, was daraus folgen ſollte, nach den Mährchen, welche Sie mir vorerzählet. Hat Sie dergleichen noch mehrere in Proviſion? Ich ſage Ihr, meine Alkerbeſte, leichtlich mag ſich unverdiente faveur — 1.06— in gerechten Zorn umwandeln, und hüte Sie ſich, rathe ich Ihr, daß Sie ſolche experience nicht mache. Sie trat hier einige Schritte auf Eſtevanien zu, und dieſe wich um eben ſo viel zurück; denn obſchon kühnen und unerſchrockenen Sinnes, wuſſte ſie doch, es mangle an dem Orte, wo ſie ſich befanden, nicht an Mitteln noch Werkzeugen, gewiſſe Drohungen unverzüglich ins Werk zu ſez⸗ zen, und zweifelte keinesweges an der Geneigt⸗ heit der Gräfinn, ſolches zu thun; doch über⸗ zeugte ſie ſich augenblicklich, dergleichen Befürch⸗ tung ſei ungegründet, und entgegnete mit kla⸗ gender Stimme: Die Vorwürfe, welche Ihro Excellenz mir macht, ſind hart, und würden mich tiefer noch ſchmerzen, träfen ſie mich allein und nicht insbeſondere die Kunſt. Unvollkommen iſt ſie, meine gnädigſte Patroninn, und obgleich nicht irdiſchen Urſprunges, unterliegt ſie, in Ir⸗ diſches verflochten, dem Einfluß der Zeit und des Raumes auf daſſelbe. So haben denn unvor⸗ hergeſehene Umſtände, ſo hat die Entfernung ihr Wirken geſchwächt; andere Umſtände aber, und vornehmlich die Nähe des Gegenſtandes, mag ſie leichtlich wiederum herſtellen. Das lautet ja ganz anders, als wie Sie 8 — 0— ſich ehedem vernehmen ließ, ſpottete die Frau von Neidſchütz, da es hieß, gegen Ihre geprieſene Arcana helfen weder Entfernung noch ſonſtige Dispoſitiones der Perſon, und ſo man wolle, müſſe ſie in Liebesflamme entbrennen, ob ſie auch am Ende der Welt ſei, und die größte Aver⸗ ſion der Paſſion entgegenſtehe, welche man zu erregen bezwecket. So iſt es auch, meine Gebieterinn, verſetzte Eſtevania; nur ganz beſondere feindliche Einflüſſe vermögen ſolches zu behindern, und ich fürchte, daß ſolche ſich hier vorgefunden. Ich verſtehe! rief die Dame wie vorher; Ihre myſteriöſe Kunſt iſt abgeprallt an der Ver⸗ ſchanzung von Andachtbüchern und frommen Char⸗ teken, welche die Brandenburgerinn ringsum ſich aufgerichtet. Nun, sur ma foi, gegen ſolche geiſtige Waffen vermag freilich ſolch Abracadabra nichts, vornehmlich aber gegen die languiſſanten Augen der Bayreuthiſchen Prinzeſſinn, gegen ihre Amabilität und ſonſtige charmante Qualitäten. Nach einer Pauſe verſetzte die Andere: Die Prinzeſſinn iſt es nicht, in welcher der Wider⸗ ſtand gegen geheime Kräfte zu ſuchen, und die Vereitelung ihres Wirkens. Jene Verſchanzung, — 108— ſo feſt ſie auch ſein mag, fuhr ſie halblächelnd fort, kann mächtigem, unſichtbaren Geſchoß nicht widerſtehen, in der Nähe abgedrückt. Auch ſind, wie der Kammerherr Vizthum von Eckſtedt mich berichtet, weder die Augen der fürſtlichen Braut, noch ihr Weſen und Qualitäten ſo bezaubernd, daß ſie einem ſtärkeren Zauber nicht unterlägen. Ich hoffe, meine Gnädigſte ſei deß überzeugt, Ihro Durchlauchtigkeit einen ſolchen entgegen⸗ zuſtellen, und nicht ſonder Erfolg, täuſcht mich die Kunſt nicht, die ich ſeit geraumer Zeit mit Vorliebe und einigem Glücke betrieben. Welches auch der eigentliche Sinn ſein mochte, der in den letzten Worten der Spanierinn lag, ſie machten einigen Eindruck auf die deutſche Dame; ſie verſank in Nachſinnen, und ſchon glaubte die beobachtende Eſtevania nicht ohne eine Art von Freude wahrzunehmen, wie der Starr⸗ ſinn und der ungemeſſene Ehrgeiz der Matrone ſich wiederum den alten Entwürfen zuneigte, den Dazwiſchentritt einer zweiten fürſtlichen Gemah⸗ linn für ein eben ſo geringes Hinderniß haltend, als das Daſein der Erſten. Sie hatte ſich je⸗ doch getäuſcht; allzugrell hatte die Wirklichkeit die Gebilde des Wahnes beleuchtet, um ſie der — ———— ——— Gräfinn nicht in ihrer wahren Geſtalt zu zeigen, und verwerfend antwortete dieſe: Weg damit, es iſt vorüber, und immerhin mag es vorüber ſein. Es beliebt dem Prinzen, ſich fern von mir zu halten, ſo bleibe er denn fern; ſtehet doch der Kurfürſt zu mir, der ſein Herr iſt, wie der Andern auch. Wozu die Mühe ſich geben, zwei diſſentirende Gemüther mit Gewalt zu vereinigen, da es veritablement nicht Noth thut. Sie weiß, wenn der Oftbenannte etwelche Adverſion verſpü⸗ ret gegen Madame la Comtesse de Rochlitz, ſo compenſiret ſie ihm ſelbige reichlich. Meine Frau Tochter hat nun einmal ihren Theil, und es iſt wahrlich kein ſchlechter. Da ſelbige ſich denn an ſolchen halten will, ſo mag es ſein, da— es nicht anders ſein kann. Laſſen wir drum den irrenden Ritter künftighin aus der aflaire, gön⸗ nen wir ihm einſtweilen Bußübung und Er⸗ bauung in der agreablen Geſellſchaft ſeiner Bay⸗ reuthiſchen Moitié, und ſagen wir vor allen Din⸗ gen denen Allotria Valet, ſo wir hier ganz in⸗ utilement getrieben; denn wenn ſolche auch weit weniger werth ſind, als es Ihr zu prätendiren be⸗ liebte, meine Gute, ſo iſt doch Mühe, Zeit — 110— und Holz nebſt anderm, was wir dabei verloren, mehr, als Beſagter verdienet. Auch, entgegnete die Dienerinn in nachdenk⸗ licher Weiſe, auch läſſt ſich ſchwerlich beſtimmen, ob das, was meine hochgräfliche Patroninn zwar fälſchlich als leeren Tand betrachtet, Wirkung auf ihn haben möchte, wenigſtens die beabſichtigte, und wenn ſolche ausblieb jetzt oder zukünftig, wäre ich deshalb nicht anzuklagen, noch die Kunſt, deren geringe Schülerinn ich mich nenne. Mehr denn Einmal hat Ihro Excellenz von mir ver⸗ nommen, und auch anderweit in Erfahrung ge⸗ bracht, ein beſonderer Stern walte über dem Prin— zen, ein Stern, welcher ihn zu hohen Dingen beſtimmt; ſein Verhängniß hat in der Stunde ſeiner Geburt Linien um ihn gezogen, unſichtbar, doch von großer Kraft; ſcharfſichtige Zeichendeu⸗ ter, zu denen ich meine Mutter ſelig zähle, ha⸗ ben ſie erkannt, und außer in der ſchwarzen Stunde widerſtehen ſie dem Angriff, führe ihn auch eine der Mächte, die über das Schickſal ge⸗ wöhnlicher Menſchen gebieten.—— Soo laſſen wir denn, rief die Gräfinn ungeduldig, ihre Mächte und Attaken, die ſo unkräftig ſind als unnütz pour le moment. Aber, ſetzte ſie lang⸗ —— ſam und leiſer hinzu, giebt es nicht andere Mit⸗ tel, denen weder die Conſtellation reſiſtiret, noch jene Linien mit Nichts in die Luft gezogen? Sie ſagt, Ihre Mutter ſei eine gewaltige Meiſterinn geweſen in mancherlei Dingen, und als eine do⸗ cile Schülerinn rühmet Sie ſich ſelber,— borni⸗ ret ſich denn nun Ihr Wiſſen auf die Qugckſal⸗ bereien, als mit welchen ſie allhiero die Zeit her experimentiret? Nach minutenlangem Schweigen antwortete Eſtevania mit dumpfer Stimme: Alles iſt unge⸗ wiß inzſolchen Dingen, und dunkel, wie das Reich, aus dem ſie ſtammen. Lange ſchwankte, Ihr wiſſet e8, gnädige Frau, die Waage des Geſchickes zwiſchen beiden fürſtlichen Brüdern; noch ſchwankt ſie, alſo daß es ungewiß iſt, auf weſſen Seite das Zünglein ſich neige; denn Ei⸗ nen von ihnen, ſo ſagt die Berechnung der Wei⸗ ſen im Volke, muß betreffen, was machtlos vorübergeht an dem Andern. Einem muß wer⸗ den, was dem Andern entgeht. ueber Beide malten Jupiter das Geſtirn der Hoheit und Ve⸗ nus der Liebe Stern, in Beider Haus des Le⸗ bens ſendet Spturn, der Verderber„den ſchrä⸗ gen Strahl, ähnlich ſind ſich Beider Conſtella⸗ — 112— tionen, und doch oder eben darum berühren ſie ſich feindlich in ihrer gemeinſamen Bahn. Ein Staubkorn, ein Tropfen mag das Unentſchie⸗ dene entſcheiden, und wer Sieger ſein ſoll, wer der Beſiegte. Die Rednerinn verſtummte hier, und ihr Auge ſuchte den Boden; früher bereits war der Blick der Matrone an denſelben geheftet, und im unheimlichen Kellergewölbe herrſchte unheim⸗ liche Stille. Da unterbrach ſie die Spanierinn wie zuvor in gedämpften langgehaltenen Tönen: ungewiß und dem Wechſel unterworfen, ſprach ſie, ſind, wie ich eben geſagt, die Mittel, die den Kreis des Gewohnten überſchreiten, und ihre Wirkungen; auch mit den Philtren iſt dies der Fall, obſchon von kundigen Händen gebrauet. Mehr denn einmal hat man geſehen, daß ſie Sol⸗ chen, welche zu heißer, ſüßer Liebesbrunſt ſie nicht zu entflammen vermocht, ein Anderes brach⸗ ten, den kalten, bittern— Tod!— Eine jähe Bewegung riß bei dieſem Worte die Gräfinn aus ihrer ſcheinbaren Erſtarrung em⸗ por, der Ausdruck ihrer Züge aber ließ zweifel⸗ haft, welcher Art ſie geweſen; ihr Blick ſuchte vergebens Eſtevaniens abgewendete Augen, und — 113— ſie ſprach vor ſich hin: Noch ſchwanket alſo die Waage des Geſchickes zwiſchen Beiden? So wollen wir denn ihren Ausſpruch beſtimmen: Ei⸗ nem iſt beſchieden, was dem Andern verſagt bleibt; es betrifft den Einen das, dem der Andere ent⸗ geht! So ſei die Wahl unſer, und ſie iſt getrof⸗ fen trotz Sternen und Linien, trotz dem, daß der Eine zertrümmert liegt im Bilde und der An⸗ dere lächelt in triumphirendem Hohn. Noch hältſt du nicht in Wirklichkeit das Schwert, mit dem dieſe Puppe ſich brüſtet, noch ſchützet es dich nicht gegen den herausgefoderten Haß. Die Wahl iſt getroffen; denn mächtiger als die Be⸗ ſtimmung des Undings, Verhängniß geheißen, als die Mährchen der Zeichendeuter, als ein Zu⸗ fall, welchen der Aberglaube Vorbedeutung nennt, iſt des ſtarken Geiſtes feſter Wille. Iſt Sie der Meinung nicht auch, Frau Gobau, und denket ſie nicht, einem ſolchen könne gelingen, was er ſich vornahm? Eſtevania antwortete eintönig, aber mit Nachdruck: Meine erlauchte Gebieterinn ſpricht wahr; mächtiger als Alles, ſelbſt als das Gebot, woher es auch komme, iſt der Wille. So laſſet uns denn, nahm abermals die Die Frauen v. Neidſchütz. II. Vd. 8 — 114— Frau von Neidſchütz das Wort, dieſes Geſpräch entfernen, das nur mißfällig Zeugniß giebt von vergeblichen Mühen und dem Verſuch, etwas zu erlangen, das fortan unnütz iſt für uns Beide. Für uns Beide, ſag' ich, ſchaltete ſie in huld⸗ vollem Tone ein; denn ich gedenke nicht, Sie, meine Liebe, responsable zu machen für einen Irrthum, welchem wir ſierbliche Menſchen ja leider insgeſammt exponiret ſind. Au contraire, ſo Sie continuiret in pflichtgetreuem Dienſte, werden Ihr neuerliche Merkmale meiner faveur nicht entſtehen. Ich bin zu Ihro Excellenz Befehl, antwor⸗ tete die Spanierinn. Schön, excellent, meine Tochter, war der Beſcheid der übergnädigen Herrinn, fangen wir drum an, uns mit ſeriöſeren Dingen zu occu⸗ piren, denn bisher geſchehen. Die Frau Gobau iſt nicht gänzlich ohne capacité, wie ich ſehe, und ſolche ſoll denn gebührend recompenſiret wer⸗ den, und wohl verſtanden, proportioniret zu der Staffel, auf welcher Ihre günſtige Patroninn bald ſtehen dürfte, ſo die Perſpective nicht trüget. Welches auch dieſe Perſpective ſei, verſi⸗ cherte Jene, ſo halte die gnädigſte Gräfinn ſich 1 ——————— X überzeugt von meiner Mitwirkung, ſoweit ſolche einer geringen Frau geſtattet iſt, gleich mir. Eines noch en passant zu berühren, begann wiederum die Dame mit vornehmer Vertraulich⸗ keit; öfter ſchon und auch jetzunder hat Sie von einer gewiſſen ſchwarzen Stunde geredet. Was hat es mit ſolcher reellement für eine Bewandniß? Iſt es andem, daß ſolche zu evitiren in der Macht der betreffenden Perſon ſtände? Und wenn ſol⸗ ches der Fall, iſt ſelbige capable, ſich in der continuation vor dem decidirenden Momente ſi⸗ cher zu ſtellen 2 Wie Alles ſolcher Art, bedeutete die Spa⸗ nierinn ſie, iſt auch die Stunde, die den ſchwar⸗ zen Schatten in das Leben der Menſchen wirft, in den Schleier des Geheimniſſes gehüllt, und deren Bewandniß mag man weder begreifen noch erklären. Wohl ſtehet im Belieben eines Jeg⸗ lichen, daß er ſie vermeide, doch iſt auch ihm ihr Eintritt unbekannt, und ſo ſie ihn unbewacht antrifft, erfaſſt ihn raſch und zerſchmetternd das Verhängniß. Wieder das Verhängniß— ſagte die Dame zu ſich ſelbſt.— Iſt es doch, als ſollte ich ſel⸗ bige expression ohne Ende rencontriren; es iſt — 116— jedoch ein ganz freies Wort, in vielerlei circon- stances brauchbar, und es giebt ſolche, in wel⸗ chen ich es ganz gern hören mag.— Dann ſetzte ſie laut und mit dem Ausdrucke der Zufrie⸗ denheit hinzu: Es muß wahr ſein, daß die Per⸗ ſonen aus denen ſüdlichen Ländern mit einer Vi⸗ vacität des Geiſtes begabt ſind, welche hier zu Lande nicht ordinaire iſt, ja ſogar ſolche von ge⸗ ringer extraction haben ein ich weiß nicht was? an ſich, das man gewiſſermaßen noble zu heißen tentiret ſein möchte, und welches man unter den Weibſtücken deutſcher populace ſchwerlich antrifft. Dieweil ich aber die liebe Frau Gobau gleichſam ihrer bisherigen Dienſte entlaſſen, und Selbige zu einem neuen engagiret, ſo conveniret es auch, daß Sie von mir eine Gratification empfange, als Zeichen meiner Gnade und Handkauf. Wäh⸗ rend dieſer Rede glitt aus der Hand der geizigen Alten ein Geldröllchen geringen Inhaltes in der tief ſich verneigenden Dienerinn Rechte. Apro- pos, erinnerte Jene, noch ein Wort. Wie es ſcheinet, ſtehet Sie in einiger connoissance mit Monsieur Vizthum von Eckſtedt, dem Kammer⸗ herrn von heute Morgen?— Auf Eſtevaniens wortloſe Bejahung ſetzte ſie hinzu: Es iſt ſelbi⸗ — 117— ger ein junger Kavalier von paſſablen Quclititen; auch mag ſein exterieur ihn hier und da agréable machen bei unſerm Geſchlechte, indeß iſt er mir, der Motiv gehöret nicht anhero, fatal. Sollte es nicht irgend ein moyen geben, verſtehet ſich, ohne mich zu compromittiren, daß man Benann⸗ ten zu irgend Etwas verleite, zu einer rechten sottise, zu einer ſolchen, meine ich, welche an einem Hofe mehr Nachtheil bringet, und eine carriere wirkſamer ruiniret, als ein veritables Vergehen Meditire die Gute darüber ein wenig.— Ihr Excellenz, entgegnete die Andere lä⸗ chelnd, Ihro Excellenz hat ſich mit ſolchem Auf⸗ trage nicht an die Unrechte gewandt, und es thut des Nachſinnens nicht Roth; denn wenn ich nicht irre, ſo habe ich ihn bereits zur Hälfte erfüllt. Ei, ei, junge Frau, verſetzte die Gräfinn, mit dem knochigen Finger leicht drohend. Nur, wie geſagt, ohne mich zu compromittiren und— in allen Ehren. Ich halte ſonderbar auf Decenz, und will ſelbige von meinen Leuten obſerviret wiſ⸗ ſen. Nach dieſer mütterlichen und beſonders in ihrem Munde wohlklingenden Ermahnung ver— fügte ſich die Frau von Neidſchütz in das Zim⸗ mer ihrer Tochter, in welches wir, dem Laufe der Begebenheiten vorgreifend, ſie dem Leſer ein⸗ tretend zeigten. Eſtevania aber ſah ihr nach und brach, als ſie verſchwunden, in höhniſches Gelächter aus. Gehet nur hin, epcellenteſte Seüora, ließ ſich ihre Stimme im einſamen Gewölbe vernehmen, gehet nur hin, Euch brüſtend mit Eurer Klug⸗ heit und Macht. Wähnet immerhin, mit kar⸗ ger Gabe ein Werkzeug zu erkaufen, das Euer Undank und Heuchelei wohl nach dem Gebrauche hinwegwürfe der Vergeſſenheit oder gar der Ver⸗ geltung, die Euch ſelber gebührt. Und doch kann geſchehen, was Ihr wollet, meine Gräfinn, nur geſchieht es nicht für Euch, und meine Thaten ſind nicht feil für einige Stücken Metalls. Nicht Ihr lenket die Waage des Schickſals, ich bin ſeine Leiterinn, und je nachdem es kommt, wird es ihn zermalmen oder Euch!— Als Herr Vizthum ſich im Vorzimmer des Kurfürſten zeigte, um ſeine Abfertigung zu er⸗ halten, fand er dieſe ſchon völlig bereit, geſchrie⸗ ben und geſiegelt, und von der Weiſung beglei⸗ tet, ſein fernerer Aufenthalt zu Dresden ſei un⸗ nöthig, und daher wohlgethan, wenn er ſich des — 9— Schleunigſten nach Bahreuth begebe zu ſeinem gnädigen Herrn. Wie er darauf unmuthig über die kurze Gnade Johann Georgs W. und bei ſich ſelbſt den Wi⸗ derſachern reichliche Vergeltung gelobend, in Er⸗ wartung der Poſtpferde an der Thür des Eckthur⸗ mes im Schloßhofe ſtand, geſellte ſich zu ihm auf einige Augenblicke eine, der Kälte wegen dicht verhüllte, weibliche Geſtalt. Beide ſprachen an⸗ gelegentlich zuſammen, und als nach dem, wie es ſchien, nicht gleichgültigen Abſchiede die letz⸗ tere dem Innern des Schloſſes zueilte, verrieth eine ſchnelle Seitenbewegung des Kaſtellans Bar⸗ tholomäus Gobau, er habe ſeine von Tiſch und Bett geſchiedene Ehegattinn erkannt.— Der Hand des ſcheidenden Winters begannen die Feſſeln zu entgleiten, in welchen er die er— ſtarrte Natur gehalten; der Schnee verſchwand von den Feldern allgemachſam vor dem Strahle der länger verweilenden Sonne; die vorjährige Saat erhob von der Hülle entblößt die braungrü⸗ nen Häupter; die Wellen des Fluſſes ſchäumten wild in ihrer neuen Freiheit daher, gewaltige Eis⸗ ſchollen tragend. In den Weinbergen und Gär⸗ ten am geſegneten Ufer gingen Winzer und Gärt⸗ — 120— ner an das erſte Werk des Jahres mit Hacke und Scheere und Pfropfmeſſer, und der Landmann zog in die noch feuchte Erde bereits die Furchen, beſtimmt, die Körner des Sommergetreides auf⸗ zunehmen; Alles regte ſich auf dem Lande, da⸗ mit der nahende Frühling es bereit finde zu ſei⸗ nem Empfange; vom frühen Morgen an, den noch keine Lerche begrüßte, bis zum zeitig dun⸗ kelnden Abend, der die Fleißigen zur Hütte her⸗ rief oder in die Dorfſchenke, dem Tone der Fie⸗ del folgend, der ſie einlud zu kunſtloſem Tanz mit den Mädchen, die den Tag über im Hauſe geſchafft, nun Futterſtampfe verließen und But⸗ terfaß, und nachdem ſie ein reinlich Mieder an⸗ gethan und die Haare fein glatt geſtrichen, nun ebenfalls dahin eilten, viele arbeitvolle Stunden mit einigen frohen Augenblicken zu beſchließen. Auch in der Stadt herrſchte ein erhöhetes Leben; die Bürger und Meiſter legten, Feierabend ma⸗ chend, das Werkzeug früher aus der Hand, und verfügten ſich ehrbaren Schrittes in das Bier⸗ haus, oder in die Tabagie, oder auch in das kurfürſtliche Kufenhaus, um die ſpätern Stun⸗ den mit Geplauder über die Welthändel zu ver⸗ treiben, gar fleißig und nicht allzuglimpflich des — 121— Türken und Franzoſen erwähnend, mit welchen damals das deutſche Reich im Kriege begriffen war, und deſto rühmlicher des Prinzen Euge⸗ nius, des tapfern Ritters, der Beiden die Spitze bot; und vor ihnen ſtand auf eichenem Tiſch ein Krug ſchäumenden Bieres, oder eine halbe Dresd⸗ ner Kanne mit Rebenſaft, auf den vaterländi⸗ ſchen Bergen gekeltert, oder auch ein Spitzgläs⸗ lein mit kurfürſtlichem Magenwaſſer und ein zin⸗ nerner Teller mit ausgefülltem Pfannkuchen, der Jahreszeit zu Ehren; denn die letten Tage des Faſchings waren herangekommen. Ihre Töchter, zierlich geputzt und von der häuslich beſchäftigten Mutter gar eifrig der Frau Baſe zur Obhut an⸗ empfohlen, trippelten züchtiglich und winzig klei⸗ nen Schrittes dem Tanzſaale zu, wo böhmiſche Muſikanten ihrer warteten und rüſtige Geſellen, welche, nachdem ſie, ſo gut es ging, die Spu⸗ ren ihres Gewerbes von Geſicht und Händen ver⸗ tilgt hatten, ſich ganz wohl ausnahmen im Feſt⸗ rock von braunem Tuch. Die niedern Beamten bei den Behörden, die ſogenannten Expeditiones, deren Zahl ſchon damals Lesio hieß, warfen ſchnel⸗ ler als ſonſt die vielgebrauchte Feder hinweg, aus den gedrückten, von Aktenſtaube beſchwerten Lun⸗ gen tief Athem ſchöpfend; und nachdem ſie die Schreibärmel abgelegt, die kleine Perücke zurecht geſchoben und mit ſelbſtgefälligem Lächeln ein Gelegenheitsgedicht oder ein wohlgeſetztes Trink⸗ ſprüchlein in aller Kürze memorirt, verfügten ſie ſich zu dem Abendſchmauſe, einem ſeltenen Ge⸗ nuß, mit dem ſie ein reicher Kaufmann, oder ein hochgeehrter Mäcenat, oder auch ihr bemit⸗ telter Hausherr erfreuete. Dieſer empfing ſie nach Stand und Würden mit vornehmem Kopf⸗ nicken oder traulichem Handſchlage, bewirthete ſie mit Braten und Fricaſſeen, oder mit Kar⸗ pfen mit polniſcher Brühe, mit Marzipan und Torten, oder mit weitduftendem Spitzkäſe, mit Rheinwein und Burgunder, oder mit dem Er⸗ zeugniß der Hoflößnitz; aber bei jeglichem wur⸗ den die Leutlein guter Dinge, ein nicht oft er⸗ ſcheinendes Lächeln erheiterte das abgemagerte Ge⸗ ſicht, ja es ward ſogar zum Lachen bei des Gaſt⸗ gebers Witzwort, die matten Augen begannen zu funkeln, manch Späßchen wagte ſich über die beredſam gewordene Zunge, und ſie ſahen ge⸗ troſt der Faſtenzeit entgegen, welche übrigens auch in dieſem evangeliſch⸗lutheriſchen Lande Manche unter ihnen einen guten Theil des Jahrs — 123— hindurch unwillkührlich zwar, aber höchſt regel⸗ mäßig begingen. Glänzender und geräuſchvoller war das Treiben der vornehmen Welt; mit rau⸗ ſchender Schleppe und bauſchender Robe, auf dem hohen Kopfputze wallende Federn und nik⸗ kende Blumen, ſchritt die Dame zur Karoſſe am Arme des Kavaliers in goldgeſticktem Hofkleide oder farbenreicher betreſſter Uniform, und ſie führte das Panr zur Aſſemblee oder zu dem Saale, in welchem eine Deutſchland durchwan⸗ dernde Geſellſchaft italiſcher Sänger zu jener Zeit den Mangel der ſtehenden Theater erſetzte. In den erleuchteten Mrunkzimmern und in den halb⸗ dunkeln Logen ward gelächelt, Blick um Blick be⸗ deutſam ausgetauſcht, und ſich verbeugt und ge⸗ flüſtert nach der galanten Weiſe, welche ſich da⸗ mals von Versailles aus über die deutſchen Höfe verbreitet hatte. Mancher Abend des Faſchings ſah ſolchergeſtalt manch zärtlich Verſtändniß an⸗ knüpfen, das nach dem Oſterfeſt zu einem Ehe⸗ bündniß gedieh, und zu gehöriger Zeit einem hoch⸗ adlichen Stammbaume neue Zweige verlieh; auch wohl hier und da ein anderes, das einem Sol⸗ chen mit einem Sprößling bereicherte, von wel⸗ chem die Ahnen des Ehegemahls ſich abgekehrt — 124— hätten im Rahmen ihrer Bildniſſe, hätte die Hand eines geſchickten oder ungeſchickten Malers ſie nicht auf der Leinwand feſt gezaubert in ihren Harniſchen und Wolkenperücken, in ihren Schnib⸗ benhäubchen und ehrbaren Vertugadins. Wäh⸗ rend die vornehme Jugend ſich auf dieſe Weiſe des Lebens freute, ſtanden oder ſaßen die bejahr⸗ ten Herren zuſammen; mancher Finanzmann be⸗ klagte, die goldene Doſe bedächtig zwiſchen den Fingern drehend, die ſchlechten Zeiten, wo Al⸗ les ſo trefflich gedeihe, und die niedrigen Preiſe, die ſeiner Angabe nach die Einkünfte der kurfürſt⸗ lichen Kammer um ein Beträchtliches herabſetzten; manche Stütze des Miniſteriums des Innern äu⸗ ßerte ſich gar heftig und mißbilligend über das Wachsthum der leidigen Aufklärung; der Con⸗ ſiſtorialrath pflichtete ihm ſeufzend bei mit heili⸗ gem Zorne, des Profeſſors Thomaſius in Halle erwähnend, welcher mit dem frevelhaften Ge⸗ danken umgehe, die Geſpenſter um ihr lange be⸗ hauptetes Anſehen zu bringen, und die gläubige Menge um das ergötzliche Schauſpiel der Hexen⸗ proceſſe und lodernden Scheiterhaufen, und ihMm geſellte ſich der Beiſitzer des Kriminalgerichts, ne⸗ benher im Allgemeinen den zunehmenden Man⸗ — 125— gel an peinlichen Rechtsfüllen bedauernd, und die daraus erfolgende Abnahme der Sporteln. Der Staatsmann antwortete nur mit inhaltſchwe⸗ rem Stillſchweigen oder einzeln hingeworfenen Sylben, wenn die Rede darauf kam, was Lud⸗ wig XIV. wohl jetzt im Schilde führe, oder wel⸗ chen Einfluß der ſeidene Strick, den der Groß⸗ türke ſeinem Weſſir geſandt, wohl auf das Gleich⸗ gewicht von Europa haben könne, ein großes, ein gewichtiges Wort, bei welchem das Antlitz des Schweigſamen ſich in deutungsvolle Falten zog; doch erheiterte es ſich wieder in etwas ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln, als der Stabsoffizier, manch deutſch⸗ſoldatiſchen Kernfluch mit halbfranzöſi⸗ ſchen Worten verbrämend, betheuerte, er habe zwar allen gebührenden Reſpect vor der Diplo⸗ matie, ihn ſolle jedoch Dieſer und Jener holen, wenn, worüber die Herren Miniſter ſich Jahre lang die Köpfe zerbrochen, nicht in einer halben Campagne decidiret werde durch Marlborough und den Prinzen Eugenius von Savoyen; auch for⸗ derte er mehr als ein Schock tauſend Bomben und Granaten auf, ihn einige wenige Klafter tief in Gottes Erdboden zu ſchlagen, wenn es ihm nicht zur allergrößten Satisfaction gereichen möchte, — 126— anſtatt ſich zu ennuyiren bei dem ewigen Parade⸗ dienſt, ſeinerſeit zu ſolcher decision zu contribui⸗ ren. Schon einige Zeit hatte die laute Sprache des Kriegsmannes, die Aufmerkſamkeit der Um⸗ ſtehenden an ſich ziehend, das Recht jegliches Stär⸗ keren geltend gemacht, als es durch die nicht minder volltönende Stimme des Oberlandjäger⸗ meiſters in Anſpruch genommen wurde, der ſich mit einem Kammerjunker von der morgenden Jagd unterhielt. Nicht ohne Enthuſiasmus ſprach der Weidmann von dem herrlichen Zwanzigender und der tüchtigen Sau, mit welchen im Forſt auf— zuwarten er morgen die Ehre haben werde, wäh⸗ rend der Höfling mit ſüßflüſternder Stimme des ſüperben Schuſſes erwähnte, welchen Seine kur⸗ fürſtliche Durchlauchtigkeit, der allervortreffliche Schütze ſeiner Zeit, vor acht Tagen gethan, und des admirabeln Compliments, welches Ihro Ex⸗ cellenz von Neidſchütz, die unvergleichliche Dame, Höchſtderoſelben bei dieſer occasion gemacht, als welches denn auch Monseigneur ſeltſamlich er⸗ freuet, worauf er ſich umdrehte auf den rothen Abſätzen und in das anſtoßende Gemach hüpfte, um daſelbſt die eben Genannte, wenn es ſich ſo träfe, ein wenig zu verlüſtern. — 127— Hier waren in Erwartung der Abendmahl⸗ zeit die Matronen und verheiratheten Frauen ver⸗ ſammelt, welche, wenn auch noch in jugendli⸗ chem Alter, die Sitte des Landes zu ihren alten Genoſſinnen verwies, und ihnen mehrere Gat⸗ tungen des Tanzes unterſagte, nur die Polonoiſe und Menuet erlaubend. Faffee, Chokolade und gewürzte Sorbets wurden herumgereicht von La⸗ kaien in ſchimmernder Liverei, auch dankbarlich angenommen und verzehrt im Laufe eines oder vielmehr unzähligen Geſpräche, von denen Re⸗ chenſchaft abzulegen ſchwerer wäre, als von der Unterhaltung der Männer. Die Wittwen prie⸗ ſen den ſeligen Eheherrn, und redeten von dem, was zu ihrer Zeit geſchehen, die Verheiratheten von Rangordnung und Diamanten, wobei mit⸗ unter die Eine die Ungeſchicklichkeit ihrer Kam⸗ merfrau anklagte, die Andere die Talente ihres Haarkräuslers rühmte. Einige frugen ihre Nach⸗ barinnen eifrig, ob ſie die neue Pariſer Puppe ſchon geſehen; dies wurde traurig verneint oder freu⸗ dig bejaht, und in dieſem Falle zur ſtrengſten Mu⸗ ſterung jedes Putzſtücks der Pſeudo⸗Mitſchweſter geſchritten. Die Jüngſten und Schönſten ver⸗ bargen einmal über das Andere hinter dem Fä⸗ — 128— cher das Gähnen, erregt durch die Langeweile in dem reizloſen Cirkel, an den der Gebrauch ſie band, hier und da zwiſchen den Stäben hindurch ausſchauend, ob nicht ein Tröſter und Zeitver⸗ treiber erſcheine in der Perſon eines angenehmen Kammerherrn, Hofraths oder Rittmeiſters, wel⸗ cher die freiere Unterhaltung mit jungen Frauen dem manchmal bedenklichen Verkehr mit unver⸗ ehelichten, aber ehefähigen Damen vorzog. Meh⸗ rere von ihnen flüſterten leiſe unter einander, ſich über die Sitte beſchwerend, die ihnen ſolchen Zwang anlege, ganz im Widerſpruch mit der in Frankreich herrſchenden, wo des Yrieſters Ehe⸗ ſegen den Bann löſte, welcher früher das Fräu⸗ lein mit Recht und Billigkeit umfing. Inſon⸗ derheit wehklagten ſie über den Mangel an Mas⸗ kenbällen, die einheimiſch in dem göttlichen Pa⸗ ris, dort einer jungen Dame manche unſchuldige Freiheit geſtatteten, unerkannt von den Freun⸗ dinnen und dem Gemahl.— Dieſe Gattung von Luſtbarkeiten war damals in Dresden ver⸗ pönt. Frau Anna Sophia, die ſchroffe Rigori⸗ ſtinn, hatte ſie ein Ueberbleibſel aus heidniſcher Zeit genannt und papiſtiſchen Gräuel, vor wel⸗ chem jeden lutheriſchen Chriſten Gott in Gnaden bewahren wolle. Wiewohl nun die verwittwete Kurfürſtinn jetzt nicht ſonderlich viel am Hofe galt, trug Johann Georg doch Bedenken, des ſchuldigen Reſpectes wegen vor den Augen der Welt, ſo deutlich ausgeſprochenem Worte der Frau Mutter zuwider zu thun, und er überließ es der Zeit, allmählig eine Feſtlichkeit einzufüh⸗ ren, an welcher er ſelbſt kein Mißfallen hatte. Dies war indeß ſeinem Nachfolger aufbehalten; an Friedrich Auguſts glänzender Hofhaltung fand der verbannte Maskenball eine willige Aufnahme, und er erſchien in einem Prunk, deſſen Gepräge, wie bekannt, Alles trug, was man daſelbſt ſah und vernahm. Wir kehren zum Damenkreiſe zurück, den wir um dieſer Abſchweifung willen auf Augenblicke verließen mit ſeinem Geflüſter und lautem Geſpräch. Der Stoff zu letzterem war zu ergiebig, als daß er hätte ſtocken ſollen, und zu mannigfaltig, um es nicht in ſteigender Lebendigkeit zu erhalten, eine Lebendigkeit, die mitunter einen kleinen Streit erzeugte, zwar geführt mit höflichem Wort, doch nicht ohne einige Schärfe und Bitterkeit, zu⸗ mal von Seiten der Matronen. Nur über ei⸗ nen Gegenſtand ſchien man wenigſtens großen Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 9 — 130— Theiles einig zu ſein, und wo Frauen einig ſind, ermattet, ſagt man, die Unterhaltung. So geſchah es denn, daß gemeiniglich ein ziemlich vollſtändiges Stillſchweigen eintrat, ſo oft durch einen Zufall der Frauen von Neidſchütz Erwäh⸗ nung geſchah. Einige der Aeltern, die, wie man ſich ausdrückt, aus ſtrenger Tugend ein Gewerbe machten, oder durch Rang und Ver⸗ hältniſſe unabhängiger waren, als viele der An⸗ dern, verzogen das Geſicht merklich bei Nennung des verhaßten Namens; die Dreiſteſten raunten ſogar wohl eine herbe Anmerkung der Nachbarinn zu, welche minder unbefangen ſie zwar achſel⸗ zuckend beantwortete, aber ganz ſcheu und leiſe und ſorglich um ſich blickend, ob ſich nicht viel⸗ leicht ein Partiſan erwähnter Damen in der Nähe befände. Andere, die Beſorgniß für den Ge⸗ mahl hinderte, ein Urtheil auszuſprechen, wel⸗ chem ſie beipflichteten, wandten die Augen zur Seite, noch Andere ſchlugen ſie zu Boden, Solche, welche die Mutter richtig würdigend, dennoch der Tochter Gerechtigkeit widerfahren ließen, zugleich aber fühlend, es ſei unnütz und bedenklich, die Sache der Letztern zu führen vor ſolch unerbittli⸗ chem Arnopag. Nur Wenige, deren Ehegatten . zu den erklärten Clienten der Frau von Neid⸗ ſchütz gehörten, oder denen die Hofgunſt mehr galt als alles Andere, nahmen das Wort auf, und erwähnten, eine große Vertraulichkeit mit den chères Comtesses zur Schau legend, dieſer oder jener verbindlichen Rede, welche die Aeltere oder Jüngere beim letzten Hoftage an ſie gerichtet. Wenig Erwiederung fanden dieſe indeſſen, und ſpröde Verſchloſſenheit, auch wohl unter derſel⸗ ben verbergender Neid beharrten beim Schweigen. Da leitete die Frau vom Hauſe, oder ſonſt irgend Eine, das Geſpräch mit Gewandtheit auf einen andern Gegenſtand, und alle Köpfe kehrten in ihre natürliche Lage zurück, und alle Zungen zur gewohnten Bewegung, bis der Haushofmeiſter mit dem Tellertuch im Knopfloch in der Thür er⸗ ſcheinend rief: Mesdames et Messieurs ſeind ſerviret. Die erſte Stunde hindurch, die man an der langwährenden Tafel zubrachte, pflegte die Un⸗ terhaltung eben ſo ſteif zu ſein als die Roben der Damen, und ſo ſchwer als das maſſive Silber⸗ geſchirr; gegen das Ende derſelben ward ſie jedoch lebhafter; die Herren erfreute der Wen, ſchalk⸗ hafte Deviſen die Damen, und weun man ſich erhob, weniger förmlich als man ſich niederge⸗ laſſen, erzeugte die darauf folgende Stunde manche Staats⸗, Hof⸗ oder Liebesintrigue, und jeder rollte ſo ziemlich mit dem durchlebten Abend zu⸗ frieden ſeiner Wohnung zu durch die dunkeln und engen Straßen, deren Bewohner ſchon längſt ihre beſcheidenen Faſchingsfreuden verſchliefen. So war während der Feſtzeit das Thun und Treiben durch alle Rangabſtufungen in Dresden ſich ziemlich gleich geblieben, als plötzlich der Tag es unterbrach, welcher gemeinhin allen dieſen Luſtbarkeiten die Krone aufſetzte, der Faſtnacht⸗ dienſtag nämlich des Jahres nach Chriſti Geburt Eintauſend ſechshundert und dreiundneunzig. Auch heute rollten die Wagen, doch nicht wie ſonſt am Abende nach verſchiedenen Richtun⸗ gen durch die Gaſſen der Hauptſtadt, ſondern zur Mittagzeit insgeſammt der Gegend des kurfürſt⸗ lichen Schloſſes zu, und die darin Sitzenden ſtie⸗ gen theils vor demſelben ab, theils vor den be⸗ nachbarten Gebäuden. Deſſelben Weges begab ſich der Kaufmann, Beamter, Gewerkmeiſter und Bürger zu Fuß, auf das Beſte angethan, mit Frauen, Söhnen und Töchtern. Die Zög⸗ linge der Schule zum heiligen Kreuz ſchritten herzu in ſchwarzem, etwas verwachſenen Rock und Mantel von gleichfarbigem Tamis, in einer Art von Prozeſſion angeführt von den Chorageten und ſich häufig räuspernd, als wollten ſie die Kehlen vorbereiten zu anhaltendem Gebrauch. Am frühen Morgen ſchon war die Beſatzung verſam⸗ melt auf den Allarmplätzen jeder Abtheilung, und zwanzig Male war das längſt Beſehene beſehen und das längſt Eingeübte geübt, als auf das Gebot des Obriſtwachtmeiſters ſich die Maſſen in Bewegung ſetzten, um im Paradeſchritt nach dem Schloßplatz zu ziehen, nach den Wällen aber die Artillerie. Das Thor des Rathhauſes öffnete ſich, und demſelben entquoll ein langer Zug ehrbarer Magiſtratsperſonen, welche, die Bürgermeiſter an ihrer Spitze, mit würdevollem Anſtand in Amtstracht einherwandelten die Schloßgaſſe ent⸗ lang durch die ehrerbietig ausweichende Menge, doch ihrerſeit innehaltend, wenn ein Trupp Sol⸗ daten, der Väter der Stadt wenig achtend, ihren Weg durchkreuzte. Die Landarbeit ruhete dieſen Tag, Weinberg, Garten und Feld ſtanden ver⸗ laſſen, Winzer, Gärtner und Ackermann waren mit Weib und Kind im beſten Sonntagſtaat der Reſidenz zugeeilt, um ſich in das Gedränge der — 134— Städter miſchend, einem Schauſpiele beizuwoh⸗ nen, das ihnen Stoff zur Unterhaltung an lang⸗ weiligen Winterabenden geben werde für manches zukünftige Jahr, und nicht ohne Mühe gelang⸗ ten ſie zu der damals noch zum Theile hölzernen Elbbrücke, an deren Pfeilern die Eisſchollen des Stromes ſich mit donnerndem Getöſe brachen. Das Gedränge auf derſelben war unermeßlich, Kopf an Kopf ſtanden die Schaubegierigen auf beiden Seiten derſelben, und bedeckten den wei⸗ ten Raum, im Hintergrunde vom Schloſſe be⸗ grenzt, zur rechten Seite aber von dem Feſtungs⸗ werk, das die jetzige Stelle der Brühliſchen Ter⸗ raſſe einnahm, zur linken aber, wo heut zu Tage das italieniſche Dörfchen ſteht und die katholiſche Kirche, von den kurfürſtlichen Gärten. Alles ſah mit geſpannter Erwartung nach der Bräcke; denn über dieſelbe ſollte das fürſtliche Ehepaar herankommen, welches von Bayreuth aus den Weg über Leipzig gewählt hatte. Die Freude, Herzog Friedrich Auguſt wiederum und ſeine Ge⸗ mahlinn das erſte Mal zu ſehen, gehörte nicht zu den anbefohlenen Freuden, welche den An⸗ fang des neunzehnten Jahrhunderts verſchönten; denn die perſönlichen Eigenſchaften des Prinzen hatten ihn dem Volke werth gemacht, welches heut zu Tage noch an erlauchten Perſonen das Glänzende liebt, wie vielmehr noch in jener ganz und gar nicht demokratiſchen Zeit. Aus allen Fenſtern der Häuſer, die den Schloßplatz umga⸗ ben, ſchaueten adliche Damen und Fräulein, ehr⸗ bare Frauen und Jungfrauen des höhern Mittel⸗ ſtandes wohlgeputzt, und beäugelten in Erwar⸗ tung des Kommenden die ſchmucken Offiziere und Grenadiere der kurfürſtlichen Guardia, welche zu einigem Verdruß der unten ſich Drängenden vom Fluſſe bis zur Burg ein Spalier bildete, durch deſſen offenen Raum ſich die Karoſſen im vorge⸗ ſchriebenen langſamen Schritte bewegten. In dem offenen Bogenfenſter des Schloſſes erblickte man den dienſtthuenden Hofſtaat in großer Gala, das diplomatiſche Corps, zwar weniger zahlreich, als man es jetzt an den Höfen zu ſehen pflegt, doch in ſeinen verſchiedenartigen Kleidungen ein ergötzlicher Gegenſtand für das ſchauluſtige Pu⸗ blikum, und die bevorrechteten Frauen des höch⸗ ſten Ranges, Zutrittsdamen genannt, im voll⸗ kommenſten Staat. Am Thore des Schloſſes, das Georgenthor genannt, der damals mehr ſtromabwärts gelegenen Brücke gegenüber, para⸗ — 136— dirte in ihrer ſeltſamen Tracht die Schweizerleib⸗ wacht, und ſie ſtieß eben die langen Hellebarden klirrend auf das Pflaſter; denn umgeben von ei⸗ nem Theile ſeines Hofes und begleitet von den beiden Kurfürſtinnen, trat Johann Georg auf den Altan über dem Thore. Das Erſcheinen der hohen Herrſchaften und das Anſchlagen der Glocke auf dem Thurme der Kirche zum heiligen Kreuz, dem alsbald von den andern Thürmen der Hauptſtadt geantwortet wurde, deutete den Ungeduldigen an, die Erwar⸗ teten ſeien nicht mehr fern, und die Blicke rich⸗ teten ſich mit verdoppelter Aufmerkſamkeit nach der Gegend der Neuſtadt, als ein dazwiſchen tre⸗ tendes Ereigniß anderer Art ſie die entgegenge⸗ ſetzte Richtung nehmen ließ. Um den linken Flügel des Pallaſtes, durch den ſchmalen Raum, welcher die Gärten von ihm trennte, kam mit ſechs Pferden beſpannt ein Galawagen gefahren mit reicher Vergoldung und Wappenſchildern ge⸗ ſchmückt. In den Schlägen hingen Pagen, (denn damals nannte man ſo auch nicht adliche junge Diener vornehmer Perſonen, während die, welche bei Fürſten ein gleiches Amt bekleideten, vorzugsweiſe mit dem deutſchen Namen Edelkna⸗ — 137— ben belegt wurden) die Roſſe trugen die farbigen Quaſten, Fochi geheißen, und die Lakaien auf dem hintern Tritte der Karoſſe hielten lange Stäbe aufrecht, Beides, um anzudeuten, der oder die darin Befindliche führe den Titel Excellenz. Am Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts noch weniger als jetzt verfehlte gewöhnlich ein ſolcher Aufzug, Aufſehen und ehrerbietige Scheu bei der geringern Klaſſe des Volkes zu erregen; auch fand hier das Erſte Statt, von der Zweiten aber ließ ſich wenig verſpüren. Der Raum, durch welchen der Wagen ſeinen Weg zum Schloß⸗ thore nehmen muſſte, war gedrängt mit Men⸗ ſchen angefüllt, und dieſe ſchienen nicht beſonders geneigt, ihm Platz zu machen, nachdem ſie die Fahrenden erkannt. Wie nun der Kutſcher, ſtolz auf ſeinen erhabenen Sitz und den Rang ſeiner Gebieter, die Durchfahrt erzwingen wollte, die Pferde heftig antreibend mit Peitſchenhieben, de⸗ ren auch wohl einige auf die Nächſtſtehenden fie⸗ len, da entſtand ein dumpfes Murren; es ward lauter, als am Schlage der Karoſſe eine bejahrte Dame ſich zeigte, mit greller Stimme einen nicht entfernten Staabsoffizier herbeirufend und von ihm heiſchend, er ſolle den Pöbel auseinan⸗ — 138— dertreiben, ja als dieſer, der Oberſtwachtmeiſter von Flemming, für gut fand, dieſe Aufforde⸗ rung zu überhören, ging es in vernehmliches Ge⸗ ſchrei über. Man drängte auf den Wagen zu, griff den Pferden in die Zügel, als wolle man ſie zum Umkehren zwingen, man rieth den Da⸗ men ziemlich freimüthig und nicht gerade in höf⸗ lichen Ausdrücken, ſolches zu thun, meinend, ſie ſollten ſtatt nach dem Schloſſe des Kurfürſten, wo ſie nichts zu ſchaffen hätten, nach der Be⸗ hauſung eines noch mächtigern aber übelberüch⸗ tigten Monarchen fahren, und wie denn das Volk, in großem Haufen verſammelt, immer einige Neigung zur exeutiven Gewalt verſpüren läſſt, ſo war ein Auftritt im Beginnen, deſſen Gewaltſamkeit durch die fruchtloſe Gegenwehr der Dienerſchaft eher vermehrt als verhindert worden wäre, hätte eine wirkſame Maaßregel ihm nicht ein augenblickliches Ende gemacht. Die Kurfürſtinn Mutter ſchaute vom Altane auf das Getümmel hinab mit ſchlecht verhehltem Vergnügen, und es iſt erlaubt, zu glauben, daß die regierende Frau daſſelbe theilte. Johann Georg aber, bleich vor Zorn, winkte einem Offizier der Leibkarabiniere; im Nu umringte eine Schaar — 139— dieſer Reiter den Wagen, und alsbald befreiet rollte er in den Schloßhof, verfolgt von tauſend Schmähreden, untermiſcht mit einem Lebehoch! den Kurfürſtinnen gebracht. Wenn dieſes Zeichen öffentlicher Theilnahme den durchlauchtigen Damen Freude machte, ſo war dieſe von kurzer Dauer; denn der Kurfürſt ſagte einige Worte zu ihnen, die wahrſcheinlich nicht die angenehmſten ſein mochten, da Frau Anna ſie mit einem ſtolzen Aufwerfen des Ko⸗ pfes erwiederte, Eleonore aber mit ausbrechenden Thränen, die ſie zwangen, den Altan zu ver⸗ laſſen. Auch Johann Georg verſchwand von dem⸗ ſelben, und gleich darauf ſah man ihn in einem anſtoßenden Fenſter mit den Frauen von Neid⸗ ſchütz, mit der Mutter vielmehr allein; denn Katharina, halbohnmächtig vor Scham und Be⸗ trübniß, verbarg ihr Antlitz vor der hinaufſtar⸗ renden Menge. Dieſe wendete ſich bald unwillig von dem mißfälligen Anblick, und je ungünſtiger der Ein⸗ druck, den dieſer hervorbrachte, dem Kurfürſten war, deſto günſtiger war er, wie zu geſchehen pflegt, dem Prinzen, deſſen Erſcheinen eben von dem Krachen des Geſchützes verkündet ward. Auch rechtfertigte Herzog Friedrich Auguſts Anblick das Jauchzen, welches ihm entgegentönte. Sein Einzug war, obſchon mit andern Förmlichkeiten dieſer Art unter ſeiner eigenen Regierung nicht zu vergleichen, dennoch würdevoll und nicht ohne Pracht. Der gewaltige Staatswagen, deſſen obere Seitenwände großen Theils aus Glasſchei⸗ ben beſtand, nur von dünnen, mit Schnörkel⸗ werk und Vergoldung geſchmückten Leiſten unter⸗ brochen, deſſen Decke den Kurhut trug, und ſeine Seitenſchläge das ſächſiſche Wappen mit ſei⸗ nen fünfundzwanzig Schildern und zehn Helm⸗ kleinodien, ward von ſechs iſabellfarbenen anda⸗ luſiſchen Roſſen gezogen, ein Geſchenk Karls des Zweiten von Spanien, geführt von eben ſo vie⸗ len Stallbedienten in reicher Liverei. Noch mehr fielen die gelben, mit Silber ſtark beſetzten Klei⸗ der der Edlknaben in das Auge, die auf beweg⸗ lichen Tritten zu beiden Seiten der Karoſſe ſchweb⸗ ten, die rothe goldgeſtickte Uniform der Hofleute, welche den langen Zug der Wagen umgaben, die hellgelben Kollets der Leibkarabiniere, halb vom ſpiegelblanken Küraß verdeckt, die betreſſten und befiederten Hüte ihrer Befehlshaber, die ſchar⸗ lachfarbenen Röcke der Leibwacht zu Fuß mit ih⸗ — — 141— ren Bärmützen, und der Schweizer blau⸗ und gelb⸗ geſchlichten Wämſer und weites Beinkleid. Als man langſamen Schrittes unter fortwährendem Glockengeläut und Kanonendonner an das Ende der Elbbrücke gekommen war, nahte ſich die Geiſt⸗ lichkeit, den Oberhofprediger und Superintenden⸗ ten an ihrer Spitze, und mit ſeinen Häuptern der Magiſtrat; die Karoſſe hielt, der Prinz ſprang mit kräftiger Leichtigkeit herab und half ritterlich galant, den herbeieilenden Höflingen zuvorkommend, ſeine Gemahlinn beim Ausſteigen. Die ſächſiſchen Kirchenpfeiler begannen ihren Spruch, ſalbungvoll und kurz, kürzer wenigſtens als die darauf folgende Rede des erſten Bürger⸗ meiſters. Es ſei uns erlaubt, beide Meiſter⸗ ſtücke der Beredſamkeit dem Dunkel der Vergeſ⸗ ſenheit zu überlaſſen, welcher ſie längſt verfal— len ſind, und nur mit aufmerkſamen Zuſchauern wahrzunehmen, wie Prinz Auguſt den Superin⸗ tendenten nur zerſtreut anhörte, mit den Blik⸗ ken abſeit ſchweifend, und ſie hier und da auf einer artigen Bürgerinn Dresdens ruhen laſſend, die weitſchweifigen, mit Bücklingen begleiteten Worte des Conſul aber freundlich und mit fürſt⸗ lichem Anſtande aufnahm. Prinzeſſinn Eberhar⸗ — 142— dinens Auge dagegen hing an den Lippen des lutheriſchen Prälaten, der nicht ohne geiſtlichen Stolz gerade aufrecht vor ihr ſtand, als wollte er den Honig bibliſcher Vergleichungen in ſich ſau⸗ gen, und die Milch gottſeliger Ermahnung, die ihnen enttroffen; dem Senate der Hauptſtadt gegenüber bemerkte man an ihr eine gezwungene Haltung, auf die Befangenheit einer Solchen deutend, die bisher ſelten oder nie der Gegen⸗ ſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit geweſen, und auf den deutſchfürſtlichen Stolz ihres Zeitalters. Nachdem beide wohlanſehnliche Körperſchaften ab⸗ gefertigt waren, ſetzte das erlauchte Ehepaar un⸗ ter lautem vielſtimmigen Zuruf ſeinen Weg nach dem Schloſſe zu Fuß fort. Die Kleidung Friedrich Auguſts war nicht völlig der Tracht gleich, welcher man ſich damals, den Franzoſen nachahmend, bediente, ſie ähnelte vielmehr der, welche ein Jahrhundert früher Sitte geweſen. Sein bordirter, mit vielen weißen Straußfedern geſchmückter Hut war nur auf ei⸗ ner Seite durch eine Schleife von Diamanten aufgekrempt, ſein Kleid von dunkelblauem Sam⸗ met ſchloß ſich eng um den obern Theil des Lei⸗ bes, und deckte die Schenkel bis zum Knie; er — 143— trug bläulich weiße Strümpfe, und Schuhe mit kleinen goldenen Schnallen; ſein Degen hing an breitem Bandelier, und auf demſelben wiegten ſich das Widderfell des goldenen Vließes und die langen Seitenlocken der mächtig hellbraunen Pe⸗ rücke, welche er der Nothwendigkeit wegen, die ihm das geſchorene Haar auferlegte, von der gang⸗ baren Mode beibehalten hatte. Dieſe Tracht, bildlicher unſtreitig als die damals gebräuchliche, und ungleich bildlicher als die unſerer geſchmack⸗ vollen Zeit, erhöhte den Eindruck, den ſeine hohe, ſchlanke, doch kräftige Geſtalt hervorbrachte, noch mehr aber that dies die Anmuth und heitere Würde, mit welcher er fort und fort die jubelnden Zu⸗ ſchauer begrüßte. Auch die Prinzeſſinn war reich gekleidet; ob es gleich eine gebräuchliche Hofrobe war, in der ſie erſchien, konnte man glauben, ſie beläſtige die Trägerinn; wiewohl der Zug ſich ſehr langſam bewegte, waren ihre Schritte ſo klein, daß ſie gewiſſermaßen ſchnell ging, als habe ſie ſolchen Raum noch niemals zu Fuß zu⸗ rückgelegt; ihr Haupt war geſenkt, ihre Hal⸗ tung gezwungen, und es ſchien als habe ſie nicht der hergebrachten Sitte wegen, ſondern einer Stüte bedürftig, den Arm ihres hoch und hehr — 144— einherſchreitenden Gemahls ergriffen. Sie hatte ſogar vergeſſen, bei jenen Anreden die halbe Maske abzunehmen, die ihr Geſicht vor der kalten Luft des Februartages ſchützend zum Theil verhüllte, und erſt jetzt bewog ſie des Prinzen leiſe Bitte, daſſelbe ſeinen Landesgenoſſen zu zeigen. Als dies nun endlich geſchah, erſcholl ein ganz un⸗ bändiges Jauchzen, untermiſcht von den Klage⸗ tönen Einiger, deren Füße ein ſich auf die Ze⸗ hen hebender Vordermann unſanft berührte, und dies Jauchzen währte ziemlich lange; denn erſt⸗ lich war die Schilderung, die der Freiherr von Seckendorf von der Tochter Markgraf Chriſtian Ernſts entworfen, in der That allzu ungünſtig, und allerdings findet das vom Glanz der Hoheit geblendete Auge der Geringern gewöhnlich eine hohe Perſon wenigſtens beim erſten Anblicke ſchön. Als dieſer aber vorüber war, und das Getümmel, das er erregt, bemerkte ſo Mancher unter dem an patriarchaliſche Milde ſeines Fürſten gewöhn⸗ ten Sachſenvolke, Chriſtiane Eberhardine geſelle nur ſelten und mit geringerer Freundlichkeit ihren Gruß dem des Herzogs Friedrich Auguſt. Die aus den Fenſtern ſchauenden Damen aber mach⸗ ten Bemerkungen von ganz anderer Wichtigkeit: 14— Die Eine fand ihre Naſe zu groß, die Andere den Mund zu klein; mehrere meinten, es fehle ihren Augen an Glanz und ihrer Geſichtsfarbe an Friſche, und beinahe Alle vereinigten ſich darin, ihre Haltung ſteif und ihre Bewegungen an⸗ muthlos zu nennen. Mehr denn Eine verklagte im Stillen das Schickſal, welches ihr eine fürſt⸗ liche Geburt verſagt, überzeugt, dieſe nur mangle ihr, um weit ſtattlicher als die Bayreutherinn ſich auszunehmen am Arm des insgeheim von vielen weiblichen Herzen gefeierten Prinzen. Als dieſer am Georgenthore angelangt war, entblößte er das Haupt, ſich tief gegen den Al⸗ tan verneigend, auf dem die verwittwete Kurfür⸗ ſtinn, verlaſſen von Schwiegertochter und Sohn, ſich befand, jedoch überſah er das Fenſter, an welchem der Letztere ſtand, die Prinzeſſinn aber warf einen ſchnellen Seitenblick auf daſſelbe, der indeß eben ſo ſchnell ſich abwärts wandte, gleich⸗ ſam verletzt vom Anſchaun der Gräfinn; dann be⸗ gab der Zug ſich die große Treppe hinauf, an deren oberſten Stufe Johann Georg IW. den Bru⸗ der und ſeine Gemahlinn empfing⸗ Am Die Worte, welche der Landesfürſt bewill⸗ kommend an das junge Ehepaar richtete, enthiel⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 10 — 146— ten zwar Alles, was in ſolchen Fällen vonnöthen, doch war der Ton, in dem er ſie ſprach, nicht hingebend, ſeine Miene nicht ſo freundlich, als man es bei ſeiner Gemüthsart erwarten konnte, bei ſeiner ſich nur ſelten verläugnenden Zuneigung zum Prinzen und ſeiner Sehnſucht, ihn bald wieder zu ſehen.— Das Benehmen der verwitt⸗ weten Kurfürſtinn hatte ihn aufgebracht, das Auf⸗ ſehen, welches Eleonore veranlaſſte durch ihre Thränen und das Verlaſſen des Altans ihn er⸗ bittert, und der kurz auf die Mißbilligung des Volkes, die auch ihn betroffen, erfolgte freudige Empfang des muthmaßlichen Nachfolgers hatte einen höchſt unangenehmen Eindruck auf ihn ge⸗ macht. Auch hatte die Mutter von Neidſchütz ihm nicht vergeblich in jenem Fenſter Geſellſchaft geleiſtet; er meinte, durch ihre Eingebungen aufgeregt, mit Feſtigkeit der Liga entgegentreten zu müſſen, die ſich gegen ſein perſönlich Glück und oberherrlichen Willen gebildet, und nun eine neue Verſtärkung erhalten habe, und befand ſich in ſo düſterer Stimmung, daß, als Katharina ihn inſtändig und mit Thränen beſchwor, zu er⸗ lauben, daß ſie der Vorſtellung der Damen nicht beiwohnte, er ihr mit ungewohnter Bitterkeit — Zweifel an ſeiner Liebe vorwarf und an ſeinem Anſehen, und als ſie nicht nachließ mit Flehen, im Tone des Gebieters ihr kurz und trocken be⸗ fahl, ihre Obliegenheit als Zutrittsdame zu er⸗ füllen. Er hob zwar ſeine Schwägerinn, deren Be⸗ grüßung der Sitte gemäß einer halben Kniebeu⸗ gung glich, empor in ſeine Arme; aber der Kuß, den er auf ihre Stirn drückte, war nur eine leiſe Berührung, er hieß ſie mit kühlen Worten will⸗ kommen in ihrer künftigen Behauſung, und nach⸗ dem er dem Bruder die Hand geſchüttelt, erſuchte er Beide, ihm zu Frau Anna Sophia zu folgen, welche trotz der Neugierde, mit der ſie die zweite Schwiegertochter zu ſehen wünſchte, dennoch all⸗ zuſehr auf ihr Recht hielt als königliche Prinzeſ⸗ ſinn und kurfürſtliche Mutter, um derſelben ei⸗ nen Schritt weiter als bis zur Thür ihres Zim⸗ mers entgegen zu gehen. Ihr ſcharfer richterlicher Blick ruhte eine Weile forſchend auf der jungen Fürſtinn, aber es ſchien, als finde ſie ſich befriedigt; denn er ward allgemach ſanfter, und als Friedrich Auguſt ihr mit gebührender Ehrerbietung die Gemahlinn vorſtellte, und dieſe mit blöde niedergeſchlage⸗ nen Augen und ſtockenden Worten ſich ihrer Gnade empfahl, umarmte ſie dieſelbe mit Zärtlichkeit, verſichernd, die Frau Tochter könne ſich zu ihr alles Liebes und Gutes verſehen, welches eine fromme und tugendſame Wrinzeſſinn und vermählte Herzoginn zu Sachſen von der verwittweten Kur⸗ fürſtinn erwarten könne und getreuen Schwieger⸗ mutter. Darauf kehrte ſie ſich zu ihrem jüngern Sohne, ihn beglückwünſchend, jedoch nicht ohne etwas Weniges von Vermahnung einfließen zu laſſen, deren ſie ſich nun einmal nicht entbrechen konnte. Johann Georg aber ſah mit finſterer Stirn im Saale umher, als vermiſſe er Jemand, und ſie ward noch finſterer, als dieſer Jemand erſchien. Madame, ſprach er mit Nachdruck zu der eintretenden Kurfürſtinn, deren rothgewein⸗ ten Augen die Urſach ihrer Zögerung ſattſam an⸗ deuteten, Madame, nach dem välor, welchen Ihro Durchlauchtigkeit Dero Dignität als Wir⸗ thinn dieſes Hofes bis anhero beigeleget, ver— meinte ich nicht, daß Ihr ſäumen würdet in der ausnehmend erfreulichen obligation, deſſelben neues Mitglied und fürtreffliche Zierde willkom⸗ men zu heißen.— Ich verhoffe nicht, ſetzte er gegen den Prinzen gewendet hinzu, daß Dero Frau Gemahlinn Liebden aus ſolcher Säumniß auf ei⸗ nen Mangel an affection ſchließen werde bei denen Perſonen des Kurhauſes Sachſen, in wel⸗ ches zu treten Dieſelbe uns die ſonderbare Ehre erwieſen. Was den Herrn Bruder ſelber betrifft, fuhr er in zweideutigem Tone fort, ſo kennet Der⸗ ſelbe die Sentimens allerſeit zu wohl, um ſich durch ſolchen Anſchein irre machen zu laſſen.— Da ſei Gott für, daß ich mich in ſolcher Kenntniß täuſche, gnädigſter Herr, antwortete Friedrich Auguſt mit Ernſt, und näherte ſich Eleo⸗ noren, welche nach ihrer Art lebhaft und zutrau⸗ lich genug Den empfing, welchen ſie als Tröſter in ihren Drangſalen anſah, und als Stütze in einer be⸗ denklichen Zukunft. Unter den beiden Gemahlinnen der fürſtlichen Brüder aber fand eine ſchnellere Annäherung Statt, als ſich wohl gemeiniglich bei ſolch förmlichem Auftritte zu zeigen pflegt; war es die ſchnelle gegenſeitige Erkenntniß ähn⸗ licher Charaktere, war es vielleicht eine Vorah⸗ nung, auch ihre beiderſeitige Lage dürfte ſich in der Folgezeit eben ſo ähnlich werden, kurz, die ſchnell entſtehende Vertraulichkeit beider Damen war ſichtbar genug, um den ältern weiblichen Perſonen des Hofes zu erlauben, daß ſie einige — 150— folgende Tage hindurch ein Langes und Breites von der admirablen Sympathie ſprachen zwiſchen zweien durchlauchtigen Gemüthern. Darauf begann, der Aufforderung des Kur⸗ fürſten gemäß, die Vorſtellung ſämmtlicher Da⸗ men, und als ſie einzeln zu der gnädigſten Frau traten, ſprach dieſe nach Standesgebühr zu Jeg⸗ licher, wenn auch mit Befangenheit und ſteifem Anſtande, doch verbindliche Worte, welche, wenn auch nicht ihr, wenigſtens der Aga am Hofe zu Bayreuth Ehre machten, die ihr ſelbige treuflei⸗ ßig eingelernt. Als aber die Reihe an die Frau von Neidſchütz kam, die ſich mit gewohnter hof⸗ färtiger Zuverſicht nahte, und an die bleiche, ſich kaum aufrechthaltende Katharina, da zeigte Chri⸗ ſtiane Eberhardine, ſie ſei nicht ganz ſo blöde als man glaubte, und habe ihre eigene Meinung, ſo gut als eine andere Frau; ſie trat ſtolz einen Schritt zurück, maß Beide mit einem kalten, beinah verächtlichen Blicke, dann wandte ſie ſich ab und ſchlang plötzlich die Arme um die Kurfür⸗ ſtinn, welche, zum Weinen nur allzufertig, ſich kaum enthalten konnte, die Scene noch rühren⸗ der zu machen durch einen mäßigen Thränenſtrom, der ſich jedoch in einzelne Tropfen auflöſte, welche die Wange der neuen Verbündeten nur ein we⸗ nig befeuchteten. So ſehr Viele der Anweſenden der Frau von Neidſchütz dieſe Demüthigung gönnten, ſo erregte doch dieſer unzeitige Ausbruch der Empfindung all⸗ gemeine Betroffenheit, und die ſchon vorher un⸗ günſtig beurtheilte Prinzeſſinn gewann dadurch wenig in den Augen des Hofes, ſolcher Frauen zumal, denen jegliche„Scene“ als eine Verſündi⸗ gung an der Etiquette und hofmäßigem Anſtande erſchien. Sogar Frau Anna fühlte das Unſtatt⸗ hafte dieſes Auftritts, und ſuchte vortretend ihn der wachſenden Aufmerkſamkeit zu entziehen; Prinz Auguſt ſeinerſeit ſtrebte dieſe abzulenken, im Kreiſe der Damen herumgehend mit verbind⸗ licher Rede, wie es ſeine allbeliebte Gewohnheit war, und mit heiterm Scherzwort. Jedoch ver⸗ mied er die Frauen von Neidſchütz, die Mutter, welche ſich ihm in den Weg ſtellte mit gerunzel⸗ ter Stirn und funkelnden Augen, als wolle ſie Rechenſchaft von ihm fordern über die Beleidi— gung, von ſeiner Gemahlinn ihr angethan, und Katharinen, die ihm ſelbſt furchtſam auswich, umherblickend, ob nicht Eine ihres Geſchlechts anweſend ſei, die ſich zu ihr geſellend, ihr einige Haltung in ſo peinlichem Augenblicke verleihen wollte. Sie blickte vergeblich umher; nicht Eine Freundinn zählte ſie in dieſem Kreiſe, überall trat ihr nur die ſpröde Zurückhaltung des Tugend⸗ ſtolzes entgegen, oder des Eigennutzes ſchnöde Unterwürfigkeit. Johann Georg hatte den Vorgang mit ſtei⸗ gendem Zorne wahrgenommen, und kaum ver⸗ mochte er ihn zu mäßigen; mit raſchem Schritt krat er zu den beiden Fürſtinnen, deren Umar— mung ſich bei ſeinem Nahen ſogleich auflöſte, und ſprach mit harter Stimme zur Prinzeſſinn: Ma- dame, Dieſelbe gehöret anjetzo zu dieſem Hauſe, und ich will wünſchen, daß es Ihro Liebden wohl⸗ gefalle darinnen. Damit ſolches aber auch ge⸗ ſchehe, wolle Sie ſich mit gebührendem Eſtim ſagen laſſen, daß ſelbiges wie jegliches Andere ſei⸗ nen Modum hat oder Einrichtung. Wiewohl nun nicht zu präſumiren iſt, daß Ihro Durch⸗ lauchtigkeit, als eine annoch Fremde, davon in— ſtruiret ſei, ſo wünſchte ich dennoch um Dero⸗ ſelbſt willen, ſie möge Ihr eonveniren, verſichere Dero dagegen meiner freundbrüderlichen Wohlge⸗ neigtheit und faveur, will aber für den Moment die Frau Schwägerinn keinesweges abhalten, daß Sie ſich in Dero Gemächer retirire, um ſich von denen gehabten fatiguen zu erholen. Nachdem die letzten Worte die Verſammlung zum Aufbruche bewogen, ſprach die Frau von Neibſchütz im Beiſein des Grafen zu Beichling, der, wie wir wiſſen, ihr fortwährend, minde⸗ ſtens anſcheinend, ſeine Dienſte widmete, zu dem ſie begleitenden Freiherrn von Seckendorf: Mon⸗ sieur le Baron hat Recht gehabt mit der deseri- ption, welche Er mir von Seiner Bayreutherinn entworfen. Ihr entérieur iſt fade und ſagt gar nichts, ein ordinaires Geſicht und ſchlechte Ma⸗ nieren; auch erſcheinet mir ſehr plausibel, was der Herr Obriſtwachtmeiſter von ihrer ducation geredet. Ich mag wohl glauben, daß ſelbige ſich auf das Studium der Theologie beſchränket hat, von ihrem usage du monde hat ſie minde⸗ ſtens heut' ein ſeltſam Beiſpiel gegeben, und von ihrer consideration für angeſehene Perſonen. Je⸗ dennoch ſcheinet es mir, als ſeien in ihren an⸗ dächtigen Büchern nicht genugſame principes chriſtlicher Sanftmuth vorhanden, als welche ihr abgehet mehr als caprice, welche unausſtehlich ſein würde, möchte man ſelbige nicht kindiſch und isnoble nennen.—— FIſt es Ihro Excellenz — 154— fremd geblieben, antwortete lächelnd der Geſand⸗ ſchaftskavalier, daß oftmalen ſolche Perſonen, welche das Wort Gottes fein auswendig gelernet und ſolches fleißig im Munde führen, in ihrem inté- rieur falſche Gottheiten veneriren, welche das Chriſtenthum perhorresciret? Gewißlich, verſetzte die Matrone, die das Geſagte auf die Kurfürſtinn bezog, es fehlet an⸗ hiero nicht an dergleichen, und wie das proverbe ſagt: Gleich und gleich geſellt ſich gern. Solche Alliance mag jedennoch zu nichts helfen, und die Dazugekommene an dieſem Hofe eben ſo we⸗ nig fortune machen, als die Andere, und ſie wird wohl thun, eben wie dieſe ſich mit dem La⸗ mentiren bekannt zu machen, zu welchem, ſo Gott will, es an Urſach nicht fehlen wird. Eh bien, ich bin jetzunder ſo glücklich, die connois- sance Ihro Durchlauchtigkeit gemacht zu haben, ich weiß, wie ich mit ihr ſtehe, und ſie ſoll es reciproquement gleichfalls erfahren. Es wird, ſprach ſie mit heftigerer Gebehrde und erhöhter Stimme fort, es wird ein Moment kommen, da dieſe naive Prinzeſſinn nicht mehr ſo hoffärtig auf mich herunterſehen wird als heut, beliebte es den Herrn Gemahl, ſie zu appuyiren auch in der Zukunft, woran ich jedoch billig Zweifel trage, und wo der Pöbel, der mich zu inſultiren ſich unterfing, in devotem Stillſchweigen verharren wird, wenn die Räder in einer Karoſſe über ſeine Köpfe hinweggehen! Der Freiherr von Seckendorf beantwortete dieſe Diatribe mit Stillſchweigen, auch der Graf ließ ſie ohne Erwiederung; doch war ſie, nach dem, was kurz darauf ſich zutrug, nicht in taube Ohren gefallen; denn baldigſt ſollte die Frau von Neidſchütz veranlaſſt werden, den Inhalt derſel⸗ ben, wenn ſie es vermochte, zu bewähren. In mehr leidenden als thatkräftigen Gemü⸗ thern, wie das, welches Johann Georg von Sachſen zu Theil worden, verlöſchen empfangene Eindrücke um ſo langſamer und ſchwerer, als ihre Wirkung ſich in zwar heftigen, aber ſeltenen Aus⸗ brüchen äußert. Er hatte, was beim Einzuge ſeines Bruders ſich zugetragen, tief empfunden, um ſo tiefer, als es ihm die Freude verbitterte, welche ſein gefühlvolles Herz ſich vom Wiederſe⸗ hen verſprochen hatte. Sein Unmuth gegen die Kurfürſtinn Mutter, und ſein Groll gegen Eleo⸗ noren wuchs mit jedem Tage; doch die Feſtlich⸗ keiten, durch Ankunft des fürſtlichen Ehepaars veranlaſſt, nahmen jetzt ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und die Nothwendigkeit, bei denſel⸗ ben nun einmal zuſammen erſcheinen zu müſſen, bewog ihn, wenigſtens den Anſchein eines leidli⸗ chen Vernehmens zu bewahren. Sein gebiete⸗ riſches Machtwort hatte den Zweck erreicht, den er vor der Hand beabſichtigte; Frau Annens Widerſtrebens und Katharinens flehentlicher Bitte ohngeachtet, erſchien dieſe mit ihrer Mutter un⸗ ausgeſetzt bei den Hoffeſten, und ob man ſich gleich fort und fort feindſelig und beobachtend ge⸗ genüberſtand, auch wohl beiderſeitig ſich insge⸗ heim zu baldigem offenen Angriffe rüſtend, ſo unterbrach doch kein anſtößiger Auftritt die Würde der Feierlichkeiten. Die Kurfürſtinn Eleonore war willen- und thatlos ohne den Beiſtand der verwittweten Frau; dieſe aber hatte viel zu ſchaf⸗ fen mit der Einrichtung ihrer neuen Schwieger⸗ tochter, mit Vermahnungen zu einem gottſeligen und friedfertigen Haus⸗ und Eheſtande, und mit dem, was ſie die Ausbildung einer Schülerinn nannte, bei welcher ſie treffliche Anlagen wahr⸗ nahm, zu werden, was ſie war, eine tugend⸗ und ehrſame, fleißige Hausfrau und ſtrenge evan⸗ geliſch- lutheriſche Chriſtinn im ganzen ausſchlie— — 157— ßenden Sinne des Wortes, auch die oft noth⸗ wendige Nachgiebigkeit ausſchließend, und die Welt⸗ klugheit, in jedem Stande erforderlich, zumal in dem ihrigen. Sie unterließ ſogar nicht, der gelehrigen Zuhörerinn begreiflich zu machen, wie ſolch löbliche Feſtigkeit und Halten an dem, was recht iſt, ihr vornehmlich zuſtehe, gewiſſen Ei⸗ genſchaften des Prinzen wegen, welcher ſie mit mehr Genauigkeit, als dienlich war, erwähnte, und legte ſie auf dieſe Weiſe auch nicht geradezu den Keim zum künftigen Unfrieden dieſer Ehe, ſo gedieh derſelbe doch trefflich unter ihrer Pflege. Was die gehaſſten Gegnerinnen betraf, ſo fand ſie ſich darein, noch eine Zeitlang ihren Anblick zu ertragen, mit dem ſtillen Vorbehalt, einen baldigen ſiegreichen Kampf mit ihnen zu beginnen unter dem Beiſtande ihrer neuen, viel verſpre⸗ chenden Bundesgenoſſinn. Doch hatte ſie in der Schroffheit ihres Sinnes überſehen, was dem⸗ ſelben niemals einleuchtend worden, daß, ſollte der Beiſtand dieſer Bundesgenoſſinn wirkſam ſein, dieſelbe vorerſt das Wohlwollen des Kurfürſten er⸗ werben muſſte, welches ſie ſelbſt und ſeine Ge⸗ mahlinn verloren. Aber auch dieſe hatte verfehlt, es zu gewin⸗ nen, bereits im erſten Augenblicke, und die Lehre Frau Annens Sophiens machten ſie nicht geeig⸗ net, den Fehler zu verbeſſern. Ihr Benehmen am Tage ihrer Ankunft beſtätigte die Vorausſe⸗ tzung der ältern Dame von Neidſchütz, ihm ſei in ihr eine neue Sittenrichterinn zugewachſen; mit ſolchen hinlänglich verſehen, nach ſeiner Meinung, war er entſchloſſen, dergleichen Befugniß einer ſo jungen und von ihm abhängigen Frau nicht einzuräumen. Er begegnete alſo der Prinzeſſinn fortwährend mit vieler Kälte und ſogar mit einer Art von Zurückſetzung, während er dem Prinzen ſich täglich vertraulicher und offener zuneigte, theils der Bande des Bluts und der alten Freundſchaft eingedenk, theils auch in der Hoffnung, den nächſten Agnaten allmählig für ſeine Abſicht zu gewinnen. Friedrich Auguſt nahm dies Zuvor⸗ kommen nicht mit Ehrerbietung allein, auch mit Herzlichkeit auf; ſein Gemüth war jenen Empfin⸗ dungen ebenfalls nicht verſchloſſen, er achtete ſeines Bruders Sinnesart und ſeine landesherr⸗ liche Würde, er warf ſich noch vor, was ſich am Abend ſeiner Abreiſe begeben, und vielleicht be⸗ gann eigene Erfahrung ihn milder gegen die Ver⸗ irrungen eines Mannes zu machen, den ein un⸗ — 159— günſtiges Geſchick an eine nicht geliebte, ſtets zu Thränen und Vorwürfen bereite Gattinn gefeſ⸗ ſelt. Zwar war er darum dem Entwurfe des Kurfürſten nicht geneigter, ſich von Eleonoren zu trennen, und die Gräfinn von Rochlitz an ihre Stelle zu erheben, aber er fürchtete jetzt die Ausführung deſſelben weniger; war doch der Haupt⸗ vorwand durch ſeine eigene Vermählung gehoben, die Befürchtung des Ausſterbens der Knrlinie, entſtanden aus der Unfruchtbarkeit der Kurfür⸗ ſtinn und dem Verdacht der Eheſcheu, welche er ſelbſt durch ſeine Flatterhaftigkeit und unſtäte Le⸗ bensweiſe auf ſich gezogen. Die Prinzeſſinn ei⸗ nes frommen Fürſtenpaares vermerkte das Be⸗ nehmen ihres erlauchten Schwagers ſehrübel, und kaum verging ein Tag, an welchem ſie ſich nicht bei ihrem Gemahl über Johann Georg beklagte, und über der Neidſchütz wachſenden Uebermuth; aber dieſe Klagen, gewöhnlich begleitet von ge⸗ wiſſen Vorwürfen aus der Frau Mutter Fabrik, den Prinzen perſönlich betreffend, machten wenig Eindruck, ja ſie erregten ſogar hie und da üble Laune; denn der Schülerinn, den Vorſchriften der Lehrmeiſterinn nur allzugetreu, war es mit bewundernswürdiger Schnelligkeit geglückt, die * — 160— Blüthen der Empfindung abzuſtreifen von ihtem Ehebande, und ſich das Herz Friedrich Auguſts zu entfremden. Dieſer empfahl ihr mit kurzen Worten, und ſelbſt gebieteriſch, eine gefälligere Weiſe anzunehmen gegen den Regenten und groß⸗ müthigen Bruder, und, ſeinem Beiſpiele folgend, die Gegenwart der Frauen von Neidſchütz als ein zur Zeit noch nothwendig Uebel zu ertragen. Wenn dann die Prinzeſſinn, nach Art der Damen ihrer Sinnesart, nach Anhörung von tauſend Grün⸗ den, abermals zu ihrem Satze zurückkehrte, weil derſelbe dem Rechte gemäß ſih und dem göttlichen Wort; wenn ſie ſich nach Bayreuth zurückwünſchte, wo der fürſtliche Vater ihr ſtets mit Nachſicht und Liebe begegnet, und ſie nie genöthigt gewe⸗ ſen ſei, die Nähe anrüchtiger Perſonen zu dulden, verſicherte er ſie trocken, alſo ſei ſein Wille, und nur dann werde er ihre Klagen gerecht finden, und helfend und ahnend ihr zur Seite treten, ſo der Achtung Eintrag geſchehe, die ihrem Range gebühre. So waren die faſt anderthalb Monate dauern⸗ den Feſtlichkeiten vorübergegangen, und unter ih⸗ rem Geräuſch die Kriegesrüſtungen beider Par⸗ theien trefflich vorwärts gerückt; denn die Frau von Neidſchütz war nicht müſſig geblieben. Wäh⸗ rend dieſer Zeit war der Herzog Johann Adolp von Sachſen-Weißenfels am Hofe zu Dresd gegenwärtig geweſen, des Kurhauſes nächſtfolgen⸗ der Agnat. Dieſe Eigenſchaft verlieh dem Für⸗ ſten, der mit zahlreicher Nachkommenſchaft ge⸗ ſegnet war, eine große Wichtigkeit in den Augen der weltklugen Matrone, eine größere ſogar, als die des zur Zeit des kinderloſen Prinzen Friedrich Auguſt, in Betreff deſſen ſie übrigens bereits zum Theil einen Entſchlzß gefaſſt hatte, den zur Zeit ſeiner Reife der Verfolg dieſer Darſtellung an das Licht bringen wird. Den Einſpruch des Herzogs am meiſten ſcheuend, und ſeine Vereinigung mit dem kurfürſtlichen Bruder, wuſſte ſie Beide von einander entfernt zu halten durch Mittel, die Da⸗ men, zumal Damen ihrer Art, immer zu Ge⸗ bote ſtehen, und als ihr dies gelungen war, be⸗ ſtrebte ſie ſich, den Letztern durch große Verhei⸗ ßungen zu ihrem Verbündeten zu werben, oder ihn wenigſtens zur Neutralität zu vermögen. Der Herzog, prunkliebend in nicht ſorgenfreier Lage, Vater vieler Kinder, lieh den wohlklingenden Wor⸗ ten allmählig ein geneigtes Ohr, und als Johann Georg W. in einem geheimen Zwieſprach dieſel⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 11 — — 162— ben beſtätigte, hielt er für gut, das Gewiſſe dem ungewiſſen vorzuziehen und willigte in das, was ſeinen eigenen Grundſätzen nicht widerſtand; denn vor wenig Wochen hatte er ſich in zweiter Ehe mit einem Fräulein von Bünau vermählt, obgleich ſeine erſte Gemahlinn ihm zween Prinzen hinter⸗ laſſen und vier Prinzeſſinnen. So geheim auch dieſe Verhandlungen betrie⸗ ben wurden, ſo waren ſie doch der Aufmerkſam⸗ keit der Gegner nicht entgangen, eben ſo wenig als mehr als eine harte und verfängliche Rede, die der Alten von Neidſchütz im vertrauten Ge⸗ ſpräche entſchlüpft war, wo ihre Heftigkeit hier und da ihrer Klugheit den Sieg abgewann, nicht genugſam auf die Zeugen achtend, die ſie umga⸗ ben, Zeugen, von welchen wir Einen dem Leſer bereits angedeutet. So füllte der ſteigende Groll auf beiden Seiten die Minen, bis der Augenblick erſcheinen ſollte, da eine von ihnen auffliegend den Widerſacher vernichtete, und um dieſe Zeit geſchah etwas, das auch den Prinzen vermochte, ſeiner jetzigen Unthätigkeit zu entſagen. Die Kurfürſtinn Mutter, unterrichtet von der Nachgiebigkeit des weißenfelſiſchen Vetters, und gewohnt, jeglichem, was ſie für einen Ein⸗ — 163— griff in das Recht hielt, paſſend oder nicht paſ⸗ ſend, mit Starrſinn entgegenzutreten, hatte ihn mit großer Nachläſſigkeit behandelt, und ſich ſo⸗ gar, nach ihrem Gebrauch, gegen ihn in herber Rede verlauten laſſen. Beleidigt dadurch, und vorzüglich durch die abſichtliche Geringſchätzung, mit welcher Anna von Dänemark ſeiner zweiten Gemahlinn auch nicht mit einem Worte er⸗ wähnte, froh, ihr wehe zu thun, und nebenbei die Freundinn zu verpflichten, welche den Pakto⸗ lus in ſeine leere Schatzkammer zu leiten verhieß, ſtattete er dieſer einen öffentlichen und förmlichen Abſchiedsbeſuch in größter Gala ab, und auf eine Weiſe, wie man ſie damals nur bei fürſtlichen Perſonen beobachtete. Dieſe Verhöhnung des Gebrauches, und wie man es deutete, ihrerſelbſt, erregte groß Geräuſch in den Zimmern der Kur⸗ fürſtinnen, und Frau Anna vor Allen erzürnt, fand, es ſei nothwendig und höchſt wohlgethan, dem Herzoge, obgleich ſie ſich bei hohem Wohl⸗ ſein im Kreiſe ihrer Damen befand, unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit, den Zutritt zu verſagen, eine Maßregel, welche freilich geeignet war, dem Entſchluß des entrüſteten Fürſten neue Stärke zu leihen. — 164— Aber noch ſchien die Genugthuung nicht hin⸗ reichend für Annens unbeugſamen Sinn. Eine Verſammlung der Damen war angeſagt bei der Kurfürſtinn Mutter, und Abſchiedsaudienz der noch anweſenden auswärtigen Frauen; Johann Georg und Friedrich Auguſt aber hatten dieſen Tag gewählt, um im Forſt bei Moritzburg mit den nämlichen Gäſten dem Waidwerk obzuliegen, der Lieblingsbeluſtigung damaliger Fürſten, der vom Hauſe Sachſen zumal. Mit gewohntem Mißbe⸗ hagen ſah die Frau Mutter die Neidſchütz eintre⸗ ten, zwar unbegleitet von Katharinen, die in Johann Georgs Abweſenheit niemals de Hof beſuchte; ſie klagte ihrem Gott im Stillek das Leid, das er ihr auferlege durch den ſteten An⸗ blick des verhaſſten Weibes, aber bald heiterte ſich ihr Gemüth auf in der Hoffnung, derſelben einen empfindlichen Streich beizubringen, nicht ge⸗ hindert durch des Kurfürſten Gegenwart. Die Unterhaltung geſtaltete ſich, wie ſie in ſolchen Kreiſen zu ſein pflegt; man ſprach von den vergangenen Feſten, man bedauerte das Ende derſelben und die Nothwendigkeit, nun eine ſo glänzende Hofſtatt verlaſſen zu müſſen und ſo huldreiche Fürſtinnen, derer Gnade man ſich für — 165— die Zukunft empfahl. Die, welche in Abweſen⸗ heit der kränkelnden Kurfürſtinn Eleonore an der Spitze dieſer Hofſtatt ſtand, die Frau Mutter, verſicherte unter gleichem Bedauern die Scheiden⸗ den fortdauernder Wohlgewogenheit, und nahm die Gelegenheit wahr, zu ihrem Vorhaben zu ſchreiten. Mesdames, ſprach ſie, es hat mich und meine Frau Schwiegertochter Eure Anherokunft ſeltſam erfreuet, und wir entlaſſen Dero in ihre Hei⸗ math, allwo freilich der rechte Platz iſt für ad⸗ liche und tugendſame Hausfrauen, obſchon ſolche aun am Hofe beſſer ihre Stelle finden, als ge⸗ wiſſe Perſonen, welche unbefugt ſich zu dem⸗ ſelben drängen; wir entlaſſen Euch, ſage ich, un⸗ gern, jedoch mit Anwünſchung leiblicher und geiſt⸗ licher Wohlfahrt durch die Gnade Gottes, die ſich allezeit mehr denen zuwendet, welche nach Sei⸗ nem Gebote wandeln, als ſolchen, die ſich von Seinen Wegen abgewandt in ruchloſer Vermeſ⸗ ſenheit. Gleichermaßen haben mich die allhiero Statt gefundenen Feſtivitäten aus der Maßen con⸗ tentiret, als welche man ſich wohl zu Zeiten ver⸗ ſtatten mag an einem chriſt- und fürſtlichen Hof⸗ lager, vornehmlich aber bei ſo erfreulicher occa- — 166— sion.— Sie verbeugte ſich hier förmlich gegen Chriſtianen Eberhardinen, und fuhr darauf fort: Jedennoch hat ſich bei denenſelben kund gethan, wie ſehr die Welt im Argen lieget. Sollte man glauben, daß ein fürſtlicher Herr, ein naher An⸗ verwandter unſers Kurhauſes, ſich nicht entblödet, ſeiner Dignität alſo zu vergeſſen und ſeines De⸗ voirs gegen der regierenden Kurfürſtinn Liebden und gegen mich, daß ſelbiger in ungebührlicher Deferenz gegen gewiſſe Per ſonen denenſel⸗ ben ſolche honneurs erwieſen hat, als nur Beſag⸗ ter meiner Frau Schwiegertochter und mir zu⸗ kommen? Freilich haben wir Beidgenannte, Rückſichts ſolches scandalum, welches beſagter fürſtlicher Herr gegeben in dem Schloſſe, wel⸗ ches man billig die Wiege ſeines Geſchlechtes nen⸗ nen mag, auf dieſelben honneurs Verzicht ge⸗ than, dieweil ſie gewiſſermaßen profaniret worden an Perſonen, mit welchen irgend Einiges zu theilen, uns nicht geziemet.— Die Meiſten unter den Damen blickten ver⸗ legen niederwärts, wenig geneigt, Parthei zwi⸗ ſchen zwei ſolchen Widerſacherinnen zu nehmen, von welchen die Eine hohen Rang und Sittenge⸗ ſetz, die Andere den Landesherrn und einen Ein⸗ — 167— fluß auf ihrer Seite hatte, den man allmählig im ganzen Sachſenlande, auch fern von der Haupt⸗ ſtadt, zu ſpüren begann. Die Angegriffene aber ſtand auf und verſetzte in ſchneidendem Tone: Ob⸗ ſchon ich nicht weiß, welchen Fürſten Ihro könig⸗ liche Hoheit unter mehr berührtem Herrn verſte⸗ het, noch auch wen Höchſtdieſelbe zu gewiſſen Perſonen zu zählen beliebet, dieweil ich nicht vermeine, es befinde ſich allhiero Jemand, auf welchen ſolche ſeltſamliche Benennung ſich paſſte, noch anderweitige ſonderbarliche Qualification, ſo bedünket mich dennoch, es ſei nicht allerdings et⸗ was Curiöſes darinnen zu ſehen, wenn beſagte Durchlauchtigkeit einer Dame von Stande nicht ungebührende Deferenz erwieſen, ihr eine for⸗ melle Visite abſtattend, da derſelbe ſie ohnedies bereits mehr denn Einmal mit ſeinem Beſuche er⸗ freuet hat, wie es denn ſeit langer Zeit ſchon gäng und gebe iſt in deutſchfürſtlichem Biat und Con- duite, daß auch ein fürnehmer Reichsfürſt bei Standesperſonen vom Adel unbedenklich zuſpricht, und wird es wohl alſo bleiben, fremdländiſcher Sitte ungeachtet. Auch hat zweifelsohne mehr angezogener durchlauchtiger Fürſt erwähnte, ohne deſſelben Verſchulden ihm widerfahrene disgrace — 168— mit résignation dahingenommen und löblichem Gleichmuthe.— Die Frau von Neidſchüt hatte ihre Verthei⸗ digung nicht ungeſchickt geführt, den ariſtokrati⸗ ſchen Stolz der gegenwärtigen Frauen in Anſpruch nehmend. Die Kurfürſtinn fühlte dies, und ſprach zu ihnen gewendet: Da ſei Gott für und iſt nicht meine opinion, daß ich eine ehrbare No⸗ blesse herabſetzen wollte, und meinte, derſelben gebühre keine considération abſeit fürſtlicher Per⸗ ſonen, gleichwie mir jetzunder ſo unbegründet als verwegen zum Vorwurf gemachet worden. Je⸗ dennoch halte ich für billig, daß ſolche considé- ration ſich auf Perſonen beſchränke, welche dieſelbe allerdings meritiren; daß aber unſers Vetters vovn Sachſen⸗Weißenfels Liebden benannten Unter⸗ ſchied nicht gemacht, iſt es, was ich billig an demſelben tadle. Der Angriff war unittelba„ und eben ſo unmittelbar ward er zurückgeworfen. Wenn es, ſprach mit erhöhetem Tone Katharinens Mutter, wenn es denn Seine Durchlauchtigkeit zu Wei⸗ ßenfels iſt, von welcher Madame redet, ſo diene Ihro königlichen Hoheit zu wiſſen, daß ſolchen Unterſchied zu ſtabiliren alleinig dem Kurfürſten — 169— zuſtehet, und wenn Monseigneur ſeines Herrn Vetters Thun approbiret, meinet der Letztere un⸗ fehlbarlich, er habe ſonſt Niemandes Conſens von⸗ nöthen in dieſem Schloſſe, welches billig die Wiege ſeines fürnehmen Geſchlechts geheißen wird, und in welchem kein Scandal anzutreffen iſt, als etwa ſolches, das manches Mal aus Einmiſchung in aflairen entſpringet, die lediglich dem iriun des Landesherrn anheimfallen. Mit kaum zu unterdrückendem Zorn vernahm die ſtolze Königstochter ſolche ungemeſſene Rede aus ſo verabſcheutem Munde, und ihre Stimme bebte, als ſie zur Prinzeſſinn ſprach: Wie, Frau Tochter, wie glaubt Sie wohl, würde es am Hoflager Dero Herrn Vaters gehalten werden, ſo ſich Jemand erdreiſtete, einer Fürſtinn dergeſtalt zu begegnen?— Chriſtiane Eberhardine entgegnete als treuer Wiederhall ihrer Schwiegermutter: Gnädigſte Frau und liebwertheſte Mama, ich bin zwar an⸗ noch ziemlich unerfahren in dem Weltlauf und un⸗ bekannt mit ſolcherlei Dingen; doch vermeine ich, man würde am Hofe zu Bayreuth dergleichen gar nicht exponiret ſein, ſintemalen die Perſon, welche alſo den pflichtſchuldigen Reſpect aus den Augen — 170— verlieret, aus anderweitigen Urſachen ſchon den Fuß nicht über die Schwelle markgräflicher Ante- camera zu ſetzen gemüßiget ſein würde.— Kaum hatte die Prinzeſſinn geendet, als Frau von Neid⸗ ſchütz einfiel: Wenn ich hier erſcheine, Madame, ſo geſchiehet ſelbiges kraft der Qualität und obli- gation, welche Seine kurfürſtliche Durchlauchtig⸗ keit mir beigeleget, und werde ich beiderlei manu⸗ teniren, bis es Höchſtdenenſelben gefällt, mich ſeiner zu entbinden. Bis dahero aber ſtehet es in Niemandes Befugniß, mir im Exercitium mei⸗ nes devoirs hinderlich zu ſein und meiner Präro⸗ gativen. Alleweile, ſetzte ſie in einem Tone hinzu, welchen keine camereira major am Hofe zu Ma⸗ drid hätte belehrender und entſchiedener annehmen können, alleweile kann ich nicht anders als Höchſtdero Meinung approbiren, daß Selbige bis dato wenig ex- périence habe, und den Lauf der Welt ignorire; denn von ſolchen ſtehet nichts geſchrieben in den Andachtsbüchern, obſchon man aus ſelbigen manch Löbliches entnehmen kann, als zum Exempel mo- destie und chriſtliche Langmuth; auch wiſſen da⸗ von die franzöſiſchen Landläufer nicht viel. So trachte den Höchſtdieſelben, bevor daß Sie in Din⸗ gen decidire, welche Madame unbekannt ſind, fein danach, Ihre eigene Schwelle rein zu halten, über welche dem Anſcheine nach nicht alleweile pur Sauberes gehen wird, und erlerne vor allen Din⸗ gen, welche conduite einer Prinzeſſinn vom Hauſe gegen die erſte Dame im Lande gebühre. Im Ganzen war darauf nicht viel zu erwie⸗ dern, am wenigſten von Chriſtianen Eberhardi⸗ nen, die noch nicht Dreiſtigkeit genug beſaß, ge⸗ gen eine ſolche Frau geradezu aufzutreten, und daher Scham und Erbitterung unter einem ver⸗ achtenden Lächeln verbarg; die Kurfürſtinn ver⸗ wünſchte im Stillen die Nothwendigkeit, das Recht anerkennen zu müſſen, mit dem die Fein⸗ dinn einen offenbaren Angriff auf die Befugniſſe ihres Ranges zurückwies; aber alle übrige An⸗ weſende erklärten ſich plötzlich gegen die Letztere. Zwar hatte die nachdrückliche Abweiſung der we⸗ nig geliebten Prinzeſſinn nur geringe Theilnahme, vielleicht hier und da geheime Schadenfreude er⸗ regt, aber der Ausdruck„erſte Dame im Lande“ gefiel ihnen übel. Jede, die ſich beurlaubend der Fürſtinn nahte, hatte für ſie einige leiſe Worte pflichtſchuldigen Troſtes und unterthänigen Be⸗ dauerns, begleitet von Stachelreden gegen die hoffärtige Neidſchütz. Sie wurden dafür noch um — 172— eins ſo huldreich angeſehen, und den Hofeirkel aufhebend, ſprach die Kurfürſtinn im Allgemei⸗ nen zu ihnen: Wohlan denn, werthe und wohl⸗ geborne Frauen, ſo kehret denn unter dem Schutze des Heilandes in Eure Heimath zurück, und möge Euch daſelbſt kein Unfriede ſtören, noch Uebel, am allerwenigſten der ſchlimme Geiſt, genannt Asmodi. Sollte er aber jedenfalls ſich verſpüren laſſen, ſo treibet ihn aus mit geiſtlichen und leib⸗ lichen Waffen, und gedenket dabei im Gebete Eurer wohlaffectionirten Fürſtinn und betrübten Wittib Eures hochſeligen Herrn. Mit dieſen Aufträgen entfernten ſich die Damen, die Grä⸗ finn Neidſchütz aber, mit unerſchütterlicher Drei⸗ ſtigkeit dasSchlachtfeld behauptend,verließ es zuletzt. Als nun Johann Georg und Friedrich Au⸗ guſt guter Laune, friedlich und einträchtig von der Jagd zurückkamen, warteten eines Jeden ge⸗ räuſchvolle Auftritte; denn noch deſſelbigen Nach⸗ mittags beſtürmte den Kurfürſten die Neidſchütz Gemahlinn, Mutter und herbeigerufene Schwä⸗ gerinn aber den Prinzen. Der Fall war eingetreten, für welchen Frie⸗ drich Auguſt der Prinzeſſinn ſeinen Beiſtand ver⸗ hieß; er glaubte nun ſeiner fürſtlichen Ehre wil⸗ — 173— len thun zu müſſen, wozu ihn nicht mehr die Empfindung bewog, und folgte den bittenden, weinenden, erzürnten Damen in Johann Georgs W. Gemach. Wir übergehen die Darſtellung eines Auf⸗ trittes, welcher ſich durch nichts von den vorher⸗ gehenden unterſchied; nur ſei uns erlaubt zu ſa⸗ gen, daß der Kurfürſt niemals einen härtern Kampf beſtanden als heute; aber auch nie war ſein Wi⸗ derſtand hartnäckiger, ſein Weſen nie gebieteri⸗ ſcher geweſen. Die Homilie, welche die Frau Mutter begann, unterbrach er alsbald mit dem oft gebrauchten Worte: Er ſei der Herr, und Niemand Rechenſchaft ſchuldig von ſeinem Thun; auf die thränenreichen Klagen der Kurfürſtinn hörte er noch weniger, ihr unumwunden erklä⸗ rend, die Verbindung mit ihr ſei ihm ſo uner⸗ träglich als ihre Gegenwart, und er werde ſich beider abthun in der allerkürzeſten Zeit; der Prin⸗ zeſſinn gab er zu vernehmen, ſie habe hier keine andere Obliegenheit als Gehorſam, und befahl ihr zur erſten Ausübung derſelben, augenblicklich zu ſchweigen; und gleich darauf beendigte er die Scene, den Kurfürſtinnen gebietend, ſich in ihre Zimmer zurückzuziehen, und daſelbſt zu verhar⸗ — 174— ren bis auf Weiteres, ſeine Gegenwart meidend. Nur gegen den Prinzen bezeigte er ſich milder; ihm war es ſchwer zu begreifen, wie dieſer, der doch von ähnlicher Schuld keinesweges frei war, den Stein gegen den Bruder aufheben könne; er glaubte in ſeinem Eifer nur die Wirkung weib⸗ licher Aufreizung zu ſehen, und ſtellte ihm die Erinnerung an langjährige Eintracht entgegen. Als aber Friedrich Auguſt, zwiefach entrüſtet durch die Behandlung, welche Mutter und Gemahlinn in ſeinem Beiſein erfahren, fortfuhr, auf ſtrack⸗ liche Entfernung der Neidſchütziſchen Frauen zu dringen, nahm er ſo ſehr den Ton des Landes⸗ herrn gegen ihn an, daß der Andere verſicherte, er werde wiederum einen Hof verlaſſen, an wel⸗ chem man ſo verwerflicher Urſache wegen den fürſt⸗ lichen Anſtand verletze und die Pflicht des Bru⸗ ders, Sohnes und Gemahls. Der Kurfürſt antwortete ihm nur, indem er ihm ſtolz und ſchweigend den Rücken wandte und hinwegging; die Damen thaten ein Gleiches, um in unfreiwilliger Abgeſchiedenheit einander ihr Leid zu klagen; der Prinz aber flog im Sturm⸗ ſchritte des Weges, den der Zorn ihn führte und der Wunſch der Vergeltung. — 175— Zum erſten Male erſchien er in den Zimmern der Neidſchütz; unerwartet und unangemeldet trat er vor Mutter und Tochter, welche ſeinem Wi⸗ derwillen für Eins galten. Die Worte, welche er ſprach, waren kräftig genug, um ſie ohne Aus⸗ ſchmückung und getreu wieder zu geben. Ich bin ſehr erfreuet, Mesdames, begann er mit gering⸗ ſchätziger Miene, ich bin ſehr erfreuet, daß ich Euch hier beiſammen antreffe; ich habe ohnedas Heimlichkeiten vorzutragen, die Euch Beide an⸗ gehen. Eben jetzunder hat der Kurfürſt einige Wirkungen der nichtswürdigen Reguln an den Tag geleget, die Ihr ihm einflößet. Der Re⸗ ſpect, ſo ich ihm ſchuldig bin, hindert mich, daß ich mich deshalb an ihm räche, und außerdem habe ich das gute Vertrauen zu ihm, er werde einſt die Fallſtricke entdecken, die Ihr ihm leget, und Euch ſelbſt zůr Strafe ziehen, weil Ihr ſein Ver⸗ trauen in Euch ſo mißbraucht. Ich will ihn un⸗ terdeſſen ſchon daran verhindern, daß er ungerecht ſei, Euch aber, wo es möglich iſt, verhindern, daß Ihr durch Verläumdung und andere Prakti⸗ ken nicht Unfrieden in ein kurfürſtlich Haus brin⸗ get. Deswegen bin ich entſchloſſen, von hier zu gehen. Aber gedenket, daß, wiewohl es dem⸗ — 176— nach ſcheinen möchte, als ob ich Euch ein offe⸗ nes Feld für Eure böſen Streiche gebe, ich den⸗ noch Eure Manoeuvres auf das allergenaueſte be⸗ obachten und ſelbige zu ſeiner Zeit ſammt Eurer Hoffahrt dämpfen werde. Darum möge Euch zur Nachricht dienen, daß Ihr mir für die Kur⸗ fürſtinn, meiner Frau Schwägerinn Durchlauch⸗ tigkeit, haften ſollet, und dafür, daß ſie nicht geſtöret werde im Genuſſe der Prärogativen ihres Ranges und ihrem geheiligten Recht. Sollte ſich, was Gott verhüte, mein Herr Bruder in meiner Abweſenheit alſo weit vergehen, daß er ſie beleidigte, oder irgend Jemand, der dem Kur⸗ hauſe angehörig, ſo werde ich mich an Euch hal⸗ ten, und die Rache für Gewaltthat oder ſon⸗ ſtigen Unglimpf wird Eure Häupter treffen. Ihr kennet mich, fuhr er mit drohender Stimme fort, und könnet verſichert ſein, ich halte mein fürſt⸗ lich Wort. Die Mutter von Neidſchütz war im Begriff, Alles zu erwiedern, was Haß, beleidigter Stolz und erwachte Begierde nach Rache einer Frau ih⸗ rer Gattung eingeben können; aber ohne Ant⸗ wort abzuwarten, verließ der Prinz, wie er ge⸗ kommen war, ſtürmiſch und ohne Begrüßung das — 177— Gemach. Katharina floh in das ihrige, um ih⸗ rem Schmerz Raum zu geben, die Matrone aber ſah dem Hinwegeilenden mit ſtarrem, glühendem Blicke nach, die Hand zu ſchweigender furchtba⸗ rer Drohung erhebend. Als ſie ſich darauf allein ſah, murmelte ſie zwiſchen den Zähnen: Nun iſt es da, wo es ſein ſoll, und Jedem geſchehe, wie er gewollt. Dann ſchellte ſie mit Heftigkeit, und als die herbeigerufene Eſtevania erſchien, hatte ſie mit derſelben eine geheime Unterredung, die bis ſpät in die Nacht währte. Als Friedrich Auguſt in ſeinem Zimmer an⸗ langte, fand er bereits einen Brief des Kurfür⸗ ſten. Er war ſeltſam zuſammengeſetzt aus Vor⸗ würfen des beleidigten Herrſchers und Klagen des liebenden Bruders; geſchrieben mit aller Heftig⸗ keit eines ſchwankenden Gemüthes, begann er mit der gebieteriſchen Weiſung, ſich dem Willen des Landesherrn ohne Weigern noch Anmerkung zu fügen, und endigte mit der dringenden, beinahe demüthigen Bitte, ihn doch nicht zu verlaſſen, dem jetzt die Gegenwart des Bruders und vertrauten Jugendfreundes unentbehrlicher ſei als je.— Der Prinz, deſſen Zorn ſelten von langer Dauer war, fühlte ſich gerührt von dieſer Hingebung; er be⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 12 — 178— griff überdem, wie ſeine Entfernung die Pläne begünſtigen würde, die er zu vernichten ſtrebte, und er gab den Entſchluß zur Abreiſe auf. Die Verſöhnung unter den fürſtlichen Brü⸗ dern erfolgte bald, doch ohne daß Einer von ih⸗ nen ſeinen Meinungen und Abſichten entſagt hätte; vielmehr fuhr der Kurfürſt fort, die Scheidung⸗ ſache insgeheim, aber mit Eifer zu betreiben, Herzog Friedrich Auguſt aber, ſeine Widerſache⸗ rinn zu beobachten. Die Verbannung der fürſt⸗ lichen Frauen aus dem Angeſicht des Landesherrn konnte freilich nicht von langer Dauer ſein; da⸗ für entſchloß ſich aber Johann Georg, ihren An⸗ blick, ſo viel er konnte, zu vermeiden, und brachte den größten Theil des Frühlings und des darauf folgenden Sommers auf Reiſen im Lande umher zu, bald vom Prinzen begleitet, bald von der Gräfinn zu Rochlitz und ihrer Mutter. So kehr⸗ ten beide ſächſiſche Fürſten eines Tages im hohen Sommer von der Bergfeſtung Königſtein zurück, wo ſie ſich einige Zeit aufgehalten, theils um die Werke und Einrichtung dieſes weitberühmten Fel⸗ ſens in Augenſchein zu nehmen, theils auch der ſcharfen, aber erfriſchenden Luft auf der Höhe zu genießen. Es war ſchon ſpäter Abend, als ſie in die Gegend des großen Gartens kamen, und der Kurfürſt, welchem es nicht beſonders nach der Reſidenz verlangte, ſchlug ſeinem Bruder vor, hier ein oder zwei Tage zu verweilen, und der Faſanenjagd in den damals noch dichten Gehegen obzuliegen. Auch dem Prinzen begannen feine Penaten allgemach immer langweiliger und uner⸗ götzlicher zu werden, er willigte ein, und in dem kleinen, ſelten zur Wohnung dienenden Schlöß⸗ chen Johann Georgs des Dritten wurden die noth⸗ wendigen Anſtalten getroffen zur Beherbergung des hohen Zuſpruchs. Herr Bartholomäus Go⸗ bau— denn mehr als ſeine Befürchtung hatte ſich ſeine Hoffnung bewährt, der Schutz Herzog Friedrich Auguſts werde ihn an ſeiner Stelle er⸗ halten— Herr Gobau hatte viel zu ſchaffen mit den Anordnungen, unter der Leitung des Herrn Vizthum von Eckſtedt, welcher, als der Einzige von höherm Range im Gefolge der Fürſten, hier einſtweilen das Amt eines Reiſemarſchalls aus⸗ übte, und ſah mit Vergnügen die Prophezeihung des Letztern in Erfüllung gehen, die ihm die Wie⸗ derkehr erklecklicher Emolumente verhieß, als da iſt ein reichlicher Tafelabfall, anſehnliche Reſte von halbleeren und ganz vollen Flaſchen, und viel⸗ — 180— leicht eine huldreiche Gratification Serenissimi, welcher ſich, dem Prinzen zu lieb, jetzt gnädi⸗ ger gegen ihn bewies, denn ſonſt. Auch höchſte Perſonen wufßten ſich zu jener Zeit, beſonders bei kurzem Aufenthalt, wohl zu behelfen; die Einrichtung war ſchnell getroffen; dem Kurfürſten fiel der rechte Flügel des Palla⸗ ſtes anheim mit ſeinen drei Zimmern an der ei⸗ nen Seite des großen Saales, eben ſoviel dem Prinzen auf der andern. Der Letztere bewohnte das Gemach, in welchem wir die Brüder im An⸗ fange dieſer Darſtellung ſahen; das daran ſto⸗ ßende, eine Art kleiner Galerie, diente zum Em⸗ pfangzimmer für die Hofleute, welche nicht er⸗ mangeln würden, des andern Tages herbeizu⸗ kommen aus der Hauptſtadt, um Theil an der Jagd zu nehmen, und den Durchlauchtigkeiten nach mehrtägiger Abweſenheit ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Im dritten Zimmer befand ſich ein Feldbett für Herrn Vizthum aufgeſchlagen, wel⸗ cher mehr als je in der Gunſt ſeines Gebieters ſich ſelten aus deſſen Nähe entfernte. Die Anord⸗ nung im Flügel des Kurfüſten war dieſelbe; der mittlere große Saal blieb gemeinſchaftlich zu Zu⸗ ſammenkünften und Mahlzeiten beſtimmt; die — 181— niedere Dienerſchaft ward in den Sälen des Erd⸗ geſchoſſes vertheilt und in den Kammern des zwei⸗ ten Stockwerkes. Nach einem kurzen Abendeſſen ſetzte ſich Johann Georg zu Pferde, und ritt in Begleitung eines Dieners auf Seitenwegen der pirnaiſchen Vorſtadt zu, wo die Frau von Neid⸗ ſchütz ein Landhaus beſaß, ein Umſtand, welcher vornehmlich den Kurfürſten bewogen hatte, im nahen Gartenpallaſte zu verweilen. Auch der Kammerherr verließ daſſelbe, nach⸗ dem der Prinz ſich zur Ruhe gelegt, und ſchritt die Geheimtreppe ſeines Zimmers hinab über den Platz, welcher das Gebäude umgiebt, dem Dickicht des ihn begränzenden Waldes zu, an deſſen Rande der Mondenſchein der hellen Sommernacht ihn bald eine dunkelgekleidete weibliche Geſtalt wahr⸗ nehmen ließ, die daſelbſt auf- und niederwandelte, aber ſich leiſe räuspernd ſtehen blieb, als ſie den Hinzueilenden ſah. Ihr habt Wort gehalten, ſchöne Seüora, ſprach er der Nähe des Pallaſtes wegen mit ge⸗ dämpfter Stimme in ſpaniſcher Mundart. Als ich Euer Billet empfing, mochte ich es kaum mehr aushalten auf dem abſcheulichen Berge, wo der Wind um alle Zimmer heult und durch alle Gänge pfeift, wo die beſte Promenade auf Wäl⸗ len und Baſtions iſt, die im Kriege recht gut ſein mögen, aber höchſt langweilig in Friedens⸗ zeiten, wo man nichts ſieht als Mortiere und ungeſchlachte Kanonen, die Einen gar verdrießlich anſchauen, und graubärtige Invaliden noch ver⸗ drießlicher und ungeſchickter als jene, zumal der ſauertöpfiſche Commandant mit ſeinem Stelzbein. Es trieb mich hinunter in die Ebene in Eure Nähe, meine reizende Frau, damit ich mich überzeugte, ob denn endlich der Augenblick ge⸗ kommen ſei, den Ihr ſo lange ſchon mich vergeb⸗ lich hoffen ließet. Ihr wiſſet, ſolches iſt zweier⸗ lei, und keines habt Ihr noch erfüllt, alſo daß ich billig zweifeln muß, ob es auch Ernſt ſei mit dem Einen wie mit dem Andern. Ich habe Wort gehalten, wie Ihr ſehet, gnädiger Herr, verſetzte Eſtevania lächelnd, und daß es mir Ernſt iſt, möget Ihr daraus beur⸗ theilen, daß ich mich in das Revier meines Ehe⸗ gatten gewagt. Zweifelt nicht, ſetzte ſie mit niedergeſchlagenen Augen hinzu, zweifelt nicht an dem, was ich mir ſelbſt nicht länger verbergen kann, an dem, was ich gern nur Ergebenheit nennen möchte; nur zu wenig Kraft der Wei⸗ — 183— gerung iſt mir geblieben gegen Don Carlos. Heut' aber laſſet uns die Augenblicke wahrneh⸗ men; denn nur wenige hab' ich Euch, oder mir vielmehr, mir ſelbſt zu ſchenken. Und warum wenige nur? fragte der Edel⸗ knabe, halb erfreuet, halb unzufrieden. Iſt nicht dieſer Abend herrlich und dieſe Umgebung auserwählt zum Stelldichein zweier Liebenden, ſelbſt, fügte er etwas ſpöttelnd hinzu, ſelbſt un⸗ ter dem Argusblick eines eiferſüchtigen Gemahls? Wahrlich, dieſe mondhelle, laue Nacht, dieſe Gebüſche mit friſch grünem Laube und ſchmel⸗ zenden Raſen, ſie erinnern mich an Euer ſchönes Vaterland, und zwiefach herrlich erſcheinen ſie mir, da Ihr ihnen den Reiz verleiht, ohne wel⸗ chen die Gärten von Aranjuez nur öde wären. Er verſuchte hiebei, die Nachgiebige etwas vor⸗ wärts in die gerühmten Gebüſche zu führen; ſie folgte ihm auch, doch nur ſo weit, daß ihr Schat⸗ ten Beide dem Auge eines vielleicht noch wachen Schloßbewohners verbarg; dann hemmte ſie ihren Schritt und den ihres Begleiters, und ſprach mit ſüßtönender Stimme: Nicht weiter, Don Car⸗ los, nicht weiter. Wahrlich, die Zeit, da ich — 184— mit Euch zuſammen ſein kann, iſt kurz, darum weiche denn die Empfindung der Nothwendigkeit. Und welche Nothwendigkeit treibt Euch von hinnen, Seüora? fragte unmuthig der Kammer⸗ herr. Es iſt ſchon ſpät in der Nacht, und Ihr müſſet wiſſen, ſagte ſie in dem Tone halber Iro⸗ nie, meine gräfliche Gebieterinn hält ſtreng auf Decenz. Das ſtellt ſich dar durch den Ritt des Kur⸗ fürſten in eben ſo ſpäter Stunde, lachte Viz⸗ thum; darauf aber fügte er hinzu, wie bevor: So wollet Ihr mir denn abermals entſchlüpfen, und Ihr meinet, ich werde Thor genug ſein, Euch zu entlaſſen, ehe Ihr das Pfand Eurer Verſpre⸗ chungen gelöſet? Er umfing bei dieſen Worten den ſchlanken Wuchs der Spanierinn, als wolle er ſich ihres Bleibens verſichern; ſie aber machte ſich los aus ſeiner Umfaſſung, und ſprach mit gewinnendem, aber ernſtem Weſen: Mit nichten, gnädiger Herr. Zwiefach iſt, ſaget Ihr, was Ihr er⸗ wartet; Eines habe ich Euch gelobt, das An⸗ dere——z; ich bin gekommen, das Erſte zu löſen. Fürchtet nicht, flüſterte ſie, den dunkeln, glühenden Blick auf Vizthum richtend, fürchtet * nicht, daß Euch die entrinne, welche leider all⸗ zuſtarke Bande an Euch feſſeln, ein Anderes habt Ihr zu fürchten. Ihr habt mein Wort, Euch zu berichten, was ich an gewiſſem Orte wahrge⸗ nommen und gewiſſen Perſonen; bisher vermochte ich es nicht, heute kann ich es, und ich eile zu thun, wozu mein Verſprechen mich treibt und meine Neigung. Wie es ſcheinet, war die Antwort, ſo ge⸗ denket Ihr nur den Theil Eurer Zuſage zu er⸗ füllen, welchen ich in dieſem Augenblicke dem andern vorziehen würde; doch wenn es nicht an⸗ ders ſein kann, ſo ſprecht; immer iſt es Vergnü⸗ gen, Euch wenigſtens zu hören. Wiſſet denn, entgegnete Eſtevania mit ge⸗ flügelten Worten, und trauet dem Scharfblick eines Weibes, wenn es betrifft, was im Ge⸗ müth einer Andern vorgeht, wiſſet, der Prinz ſchwebt in einer großen Gefahr, und nicht, um eitler Liebesluſt zu pflegen, um Euch zu warnen, bin ich hierher geeilt, damit Ihr wachſam ſeiet um Euretwillen, damit Euch kein Unheil wachſe aus zu großer Sicherheit, daß nicht Verantwor⸗ tung Don Carlos treffe, den Liebling und ſteten Begleiter Don Auguſts von Sachſen. *— 186— Und welche iſt dieſe Gefahr, rief der Kam⸗ merherr beunruhigt und über dem Gehörten ver⸗ geſſend, was ihn vorhin angenehmer beſchäftigte. Ich beſchwöre Euch, Eſtevania, erkläret euch deutlicher. Das ſtehet nicht in meiner Macht, verſi⸗ cherte ſie; nur daß etwas bevorſtehet, nicht das Wie und Wenn iſt mir bekannt. In heutiger Nacht aber, oder morgen früh am Tage wird es ſich entſcheiden, und mehr drängt mich dies zur eiligen Rückkehr, als der Gräfinn heuchleriſches Splitterrichten. Nur ſo viel kann ich Euch jetzt ſagen: obſchon die Gefahr noch fern ſein mag, einen Augenblick ſpäter iſt ſie vielleicht nah, und eine That iſt ſo raſch gethan, daß ſelbſt der Blitz⸗ ſtrahl dem Thäter nicht zuvorkommt. Und eben erhellte ein ſolcher mit grellem flüchtigen Scheine den Wald, und der Grund ringsum erbebte von einem furchtbaren, lang nachhallenden Donnerſchlag. Eſtevania ſchrak ſichtlich zuſammen, ein Schauder vertrieb von ihren Wangen das Blut, ſie hielt ſich mit Mühe aufrecht an der Schulter des Kammerherrn, und nach einer Pauſe ſagte ſie mit erſchöpfter Stim⸗ me: Ihr habt Alles gehört, was ich Euch heut' — — 187— mitzutheilen vermag; entlaſſet mich nun, Ihr ſehet, es iſt nicht gut, länger hier zu weilen. und wann werde ich erfahren, was Ihr in dieſer Nacht noch bemerkt? fragte dringend Jener. Morgen muß es geſchehen, verſetzte die Spa⸗ nierinn, ſich allmählig erholend, morgen früh am Tage; denn die Rache iſt ſchnell, und jene Worte, die Don Auguſt zur Gräfinn geſprochen, hat ſie beflügelt.— Drum muß noch heut' geſchehen, was von⸗ nöthen, rief Vizthum; noch heut' werd⸗ ich dem Prinzen entdecken, daß er bedroht iſt, und die Gerechtigkeit, welche hier zu Lande ein wachſam Auge hat, anrufen, daß ſie den Bruder des Lan⸗ desherrn beſchütze!— Die Hand der Spanierinn entſank des Edel⸗ manns Achſel, auf die ſie ſich geſtützt; ſie lehnte ſich wie kraftlos an einen hinter ihr befindlichen Baumſtamm, und ſprach nach einigen Augen⸗ blicken leiſe: Und wie wollet Ihr Don Auguſt ſagen, was Ihr ſelbſt noch nicht wiſſet; welche Anklage denket Ihr darzulegen, deren Gegen⸗ ſtande die Deutlichkeit mangelt und der Beweis? Fürchtet Ihr nicht durch ſolch Aufſehn zu be⸗ ſchleunigen, was Ihr zu verhindern trachtet? — — 188— Ihr wiſſet, die Gräfinn iſt mächtig, und nicht mit ſtumpfer Waffe mag man ſie bekämpfen. Harret denn bis morgen, daß ich Euch mittheile, was uns noch dunkel iſt. Wie ſolches geſchehen mag, laſſet uns beſprechen, ſo ſehr auch die Zeit drängt zur Rückkehr nach der Stadt. Ihr habt Recht, antwortete der Kammerherr nach kurzem Sinnen, allzufrüh Geräuſch zu ma⸗ chen, iſt unnütz und bringt Gefahr. Säumet denn nicht, Euren Bericht mündlich zu ergänzen, das Wie überlaſſe ich Eurem Scharfſinn. Es iſt mißlich, daß ich bei hellem Tageslicht hier erſcheine, ſprach Eſtevania nach abermaligem Nachdenken, und doch— morgen mit dem Frü⸗ heſten ziehen die Fürſten in den Wald— ſeid Ihr ein großer Freund der Jagd, Don Carlos? Dieſer erwiederte: Ich bin am Hofe eben nicht als gewaltiger Nimrod bekannt, und mag am wenigſten im Forſte umherſchweifen nach ge⸗ meinem Wildpret, wenn ein köſtlicherer Fang ſich in mein Revier verirrt. Bei dieſem etwas unzeitigen Ausdruck muth⸗ williger Galanterie warf Eſtevania einen Blick auf den Hofmann; er war zweideutiger Gattung und denjenigen wenig gleich, die ihr vielſagendes Auge — 189— ihm ſo oft ſpendete, doch währte ſolcher Blick kaum eines Athemzuges lang, der Schatten der Bäume war ſcharfer Beobachtung nicht günſtig, und ſie ſprach gleich darauf in ruhigem, nach⸗ denklichem Tone weiter: Das Palais wird dann ziemlich leer ſein, die Dienerſchaft folgt den Her⸗ ren, und mein werther Ehegatte verſäumt nicht, den früh geſtörten Schlaf nachzuholen, welchen die Braten der fürſtlichen Tafel ihm nothwendig gemacht und die ungeleert beſeitigten Flaſchen. Ihr ſeid die Geheimtreppe herabgekommen, welche zu Eurem Gemach führt, gnädiger Herr, und mir noch wohl bekannt iſt von der Zeit, als ich hier des Bettmeiſters Hausfrau war; wollet Ihr mir zu derſelben den Schlüſſel geben, damit ich morgen ungeſtört mit Euch ſprechen kann von jenen wichtigen Dingen, und von Anderm, wel⸗ ches mir, obſchon in verſchiedenem Sinne, auf dem Herzen liegt? Ihr erinnert Euch ja wohl jenes Pagenkleides, das ich Euch in Madrid noch abſchwatzte, würdet Ihr Eſtevanien in demſelben verkennen? Abermals blickte ſie bei dieſen Wor⸗ ten den Kammerherrn an; aber diesmal litt der Ausdruck ihres Auges keine andere Deutung als die, welche ihn alsbald zum Gewährer ihrer Bitte — 6 willig machte, zu der ihn überdem, ein ſeltner Fall, die Pflicht und der Wunſch vereinigt ſtimm⸗ ten. Ueberdem war es unmöglich, dieſe nächt⸗ liche Zuſammenkunft zu verlängern, der Himmel hatte ſich allmählig umzogen, und aus den fin⸗ ſtern Wolkenmaſſen, fort und fort durch Blitze er⸗ hellt, drohte ein ſtarker Regen baldigſt herabzu⸗ ſtürzen. Der geforderte Schlüſſel glitt alſo in Eſtevaniens Hand, und der Edelmann, ein flüch⸗ tig Handgeld auf gegebene Erwartungen der Ei⸗ lenden raubend, flüſterte ihr zu: Morgen denn bringet Ihr die Entſcheidung; ſäumet nicht, denn zwiefach thut die Eile noth, drinnen wacht die Argliſt, und hier draußen ſchläft nicht immer Meiſter Gobau.— Traget keine Sorge, ver⸗ ſetzte die Spanierinn, ihre Wange dem Kuſſe des jungen Edelmanns entziehend, auch ich werde drinnen wachen, und haltet Euch deß überzeugt, ich komme zur rechten Zeit. Bekümmert durch das, was er gehört, we⸗ nig befriedigt durch die heutige Zuſammenkunft, hoffend auf beſſern Erfolg der morgenden, und begierig auf die Entdeckungen, welche ſie mitbrin⸗ gen werde, ſtieg Herr Vizthum von Eckſtedt die große Freitreppe des Pallaſtes hinunter, da er — 191— ſich ſelbſt den kürzern Zugang verſchloſſen, ein Umſtand, welcher ſeine Laune nicht verbeſſerte; denn auf dem unbedeckten Wege traf der eben nie⸗ derſtrömende Regen ihn, ſein geſticktes Kleid und die milchweißen Federn ſeines Hutes. Am dü⸗ ſtern und ſtürmiſchen Morgen, der einer ſo ſchön beginnenden Nacht folgte, ward er zeitig durch eine Botſchaft des Prinzen geweckt. Es ſei, meldete ihm dieſer, eben ein kurfürſtlicher Trompeter gekom⸗ men, welche man damaliger Zeit an deutſchen Höfen zu unbedeutenden Sendungen gebrauchte; dieſer habe den Befehl des Herrn gebracht, des ſchlimmen Wetters wegen die Jagd einzuſtellen, und einen andern von der Prinzeſſinn, ſeiner Ge⸗ mahlinn, welche des Kammerherrn in einer ge— wiſſen Angelegenheit ſtracklichſt bedürfe. Er möge drum nur nach der Stadt fahren, fügte Friedrich Auguſt hinzu, ihm ſelbſt ſei die Verfügung ſeines Bruders nicht unerwünſcht; denn er wolle die Ruhe und Einſamkeit dieſes Ortes zu manch ver⸗ nachläſſigtem Geſchäft benutzen, da überdem ge⸗ gen Mittag der Kurfürſt herauskommen werde, und mit ihm verſchiedene Gäſte. Herr Vizthum war höchſt unmuthig über den Zwiſchenfall, welcher das in zwiefacher Hinſicht — 232— gewünſchte Stelldichein vereitelte; doch ihm ging Herrendienſt über Alles, ſelbſt über Minnedienſt, und nachdem er den erſten verſehen, die Leute des Prinzen anweiſend des Frühmahls und der Aufwartung wegen, verſchloß er ſein Zimmer von der Seite des Saales, und ging hinab, um den Weg anzutreten, auf welchem er der vergeblich kommenden Eſtevania zu begegnen gedachte. Ehe er in den Wagen ſtieg, übergab er dem Meiſter Gobau den Schlüſſel zu der Galerie des linken Flügels, als dem einzigen Zugang zum Prinzen, bedeutete ihn, dieſer wolle in den Frühſtunden nicht geſtört ſein, er, der Kaſtellan, habe daher den Ruf der Klingel zu erwarten, und gewahrte nicht das Kopfſchütteln des Letztern und ſeine halb ſpöttelnde, halb bedenkliche Miene. Ein Auge war wach geweſen in der verwichenen Nacht, es war das Argusauge des nicht eiferſüchtigen Gatten. Auf dem Wege nach der Stadt begegnete ihm kein Page, weder in wirklicher, noch eine in ſolche Tracht verkleidete Schöne, und er kam ziemlich verdrießlich im Schloſſe an, um nach der urſach zu fragen, die ſeine Gegenwart der gnä⸗ digſten Frau urplötzlich wünſchenswerth gemacht habe. Sein Mißmuth ſtieg, als er eine ganze Stunde im Vorgemach warten muſſte, weil Ihro Durchlauchtigkeit noch nicht aufgeſtanden ſei, und dann wieder eine, weil Höchſtdieſelbe ihre Mor⸗ genandacht halte, und er ſteigerte ſich auf den höchſten Grad, als dem endlich Vorgelaſſenen die Prinzeſſinn verſicherte, ſie wiſſe nichts von einem Befehl, der ihn herbeſchieden. Auch milderte ſein Verdruß ſich nicht, als Chriſtiane Eberhar⸗ dine, da er nun doch einmal da ſei, über zwan⸗ zig nichts bedeutende Dinge mit ihm redete, ihm dreißig Aufträge gab, welche jener Hoftrompeter, deſſen Jrrthum ihn hierher geführt, eben ſo gut ausgerichtet hätte, und er holte tief Athem, als ihm kurz vor Mittag vergönnt war, nach dem großen Garten zurückzukehren. Dort hatte ſich indeß mancherlei ereignet. Prinz Friedrich Au⸗ guſt hatte wirklich die ſeltene Muße, welche die Einſamkeit dieſes Ortes ihm gewährte, und das ſchlimme Wetter, ihn hindernd, das Zimmer zu verlaſſen, angewendet, den weitläuftigen Brief⸗ wechſel fortzuſetzen, den ſeine vielen Reiſen und mannichfache Abentheuer in verſchiedenen Ländern mit verſchiedenen Perſonen angeknüpft hatte. Mehrere Brieflein, zierlich gefaltet, welche ſchon Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd⸗ 13 — 194— beendigt und verſiegelt da lagen, verriethen durch Geſtalt und Roſenfarbe ihren Inhalt und das Geſchlecht der Empfängerinn; andere von an⸗ ſehnlicherm Umfange, mit roth und weißer Schnur durchzogen und fürſtlichem Wappen, deuteten auf. andere Beſtimmung, und noch andere in gerin⸗ gerer Zahl auf Foliobogen geſchrieben, nicht von der Hand des Prinzen, ſondern durch einen ſeiner Secretarien, mochten zu jenen Schreiben gehören, welche Fürſten untereinander bei gewiſſen Veran⸗ laſſungen wechſeln, oder als Tribut hergebrachter Förmlichkeit. Er hatte ſich den ſtoffenen Schlaf⸗ rock, des kühlen Morgens wegen, feſt zuſammen⸗ ziehend, bequem in ſeinem Seſſel zurückgelehnt, und hielt einen von den Briefen der letzterwähn⸗ ten Gattung vor ſich hin, deſſen Inhalt nicht un⸗ bedeutend ſein mochte, der Aufmerkſamkeit nach, mit welcher er ihn überlas, auch muſſte er einer ſehr hohen Perſon beſtimmt ſein; denn die tiefſte⸗ hende Unterſchrift lautete:„Unterthänigſt⸗gehor⸗ ſamſter Friedrich Auguſt, Herzog zu Sachſen.“ Es war der römiſche König, nachmals Kai⸗ ſer Joſeph I., der ihn erhalten ſollte, und die Vertraulichkeit zwiſchen ihm und dem ſächſiſchen Prinzen verbannte aus den brieflichen Mittheilun⸗ gen des Letztern den Curialſtyl nicht, welcher den Fürſten des deutſchen Reiches ſich ſo zu unterzeich⸗ nen gebot. Auch war das darin Verzeichnete nicht ohne Wichtigkeit; denn der Verfaſſer be⸗ ſchwor ſeinen erhabenen Freund, den Ränken der Neidſchütz und den Schritten des Kurfürſten, ſeine Eheſcheidung und vorhabendes Mißbündniß betref⸗ fend, den ſtärkſten Widerſtand entgegen zu ſtellen. Nach vollbrachter Durchleſung überſchaute Prinz Auguſt noch einmal die heutigen Erzeug⸗ niſſe ſeiner fürſtlichen, für damalige Zeit nicht völlig ungeübten Feder, und einige derſelben moch⸗ ten gewiſſe Erinnerungen in ihm aufregen; denn er öffnete ſeine ſilberne Reiſechatulle, und mu⸗ ſterte das darin Befindliche. Dies war nun ſehr verſchiedener Gattung; es mangelte keinesweges an ſüßen Brieflein, an bereits unſcheinbar ge⸗ wordenen Haarlocken und vertrockneten Blümlein, auch nicht an Ringen von Werth und ohne ſol⸗ chen. Der Beſitzer dieſer Schätze zog Eines nach dem Andern hervor, betrachtete es mit dem hei⸗ tern Lächeln erfreulichen Angedenkens, und warf es darauf zurück mit einer Gleichgültigkeit, welche andeutete, daß wenigſtens ſeinerſeit auf der Liebe Freuden nicht der Liebe Schmerz gefolgt war. — 196— Aber plötzlich verſchwand jenes Lächeln, ſein hei⸗ teres Antlitz verdüſterte ſich; denn unter den an⸗ dern Denkmälern einer vergangenen Zeit waren ihm zwei Medaillons in die Hand gefallen. Die Züge der darauf dargeſtellten Frauen, und der Ausdruck, den ihnen der Künſtler gegeben, ſind dem Leſer ſchon bekannt; es waren dieſelben, welche jene beiden Gemälde auszeichneten, die wir im Zimmer Friedrich Auguſts im Schloſſe zu Dres⸗ den wahrgenommen. Mit einem Seufzer legte er ſie oben auf in das zierliche Behältniß, als wolle er ſie auszeichnen vor dem übrigen Inhalt; doch wandte er ſich ab, ihren Anblick vermeidend, und ging an das Fenſter. Mißmüthig ſchaute er in den Regen, der auf dem Platze große Löcher bildete, auf den blaſenwerfenden Teich, deſſen Schwäne ſich vor dem Unwetter unter ihrem Schirmdache bargen, und in die Wolken, ob ſie ſich nicht zertheilen, und der Sonnenſchein nicht vielleicht den Kurfürſten herbeiführen werde, oder den Kammerherrn Vizthum, die Einſamkeit un⸗ terbrechend, welche ihm allgemach läſtig zu wer⸗ den begann. Da fiel ihm das bewährteſte Mit⸗ tel ein, die Zeit zu verkürzen; er ging nach der Klingelſchnur, daß man ihm ſein zweites Früh⸗ — 197— mahl bringe, welches bei einem Herrn von ſo kräftiger Leibesbeſchaffenheit und trefflichem Ap⸗ petit ſtets ziemlich reichlich war, und aus mehre⸗ ren nahrhaften Speiſen beſtand. Aber noch hatte er die Wand nicht erreicht, als ſich die Schritte eines Nahenden in der klei⸗ nen Galerie vernehmen ließen; verwundert, wer ſeines Verbotes ungeachtet komme, ohne gerufen zu ſein, ſtand er einen Augenblick ſtill, und drauf überzeugt, es könne kein Andrer ſein, als Einer der Genannten, näherte er ſich der Thür. Als dieſe aber ſich raſch aufthat, war es weder Jo⸗ hann Georg, welcher erſchien, noch Vizthum; es war ein ſchwarzäugiger und ſchwarzgelockter Jüngling in Pagentracht des mittäglichen Europa. Meinend, er ſehe Jemand aus dem Gefolge des ſpaniſchen Geſandten vor ſich, wollke er ſeine Befremdung ausdrücken über ſo unſtatthaftes Ein⸗ dringen, aber bei dem zweiten Blick auf den Ein⸗ tretenden verſtummte er, und ſein Angeſicht und Haltung nahmen das Gepräge zornigen Erſtau⸗ nens an. Ja, ich bin es, rief Eſtevania in ihrer va⸗ terländiſchen Sprache und leidenſchaftlichem Tone, ich bin es, die vor Euch ſteht, gnädigſter Herr, und wie ich ſehe, befremdet es Don Auguſt von Sachſen, daß ich es bin. Der Prinz antwortete deutſch und mit ſtolzer Kürze: Wohl verwundert es mich, daß die Frau Bettmeiſterinn es wagt, ſich zu mir zu drängen, und Sie weiß am beſten, warum es mich ver⸗ wundert. Ich hoffe, Sie wird mich unverzüg⸗ lich von Ihrer Gegenwart befreien, wenn Sie be⸗ vor geſagt, wie Sie hereingekommen? Wird mir ein ſolcher Empfang! rief die Spanierinn ſchmerzlich, iſt an mich die Frage gerichtet, wie ich zu Euch kam, an mich der Befehl, Eure Gegenwart zu meiden? O ich gedenke der Zeit noch wohl, wo mein Erſcheinen andere Gefühle erregten, wo mein Zutritt zu Euch je überraſchender, je willkommner war. Iſt ſie denn auf ewig dahin, dieſe ſchöne Zeit, und wird ſie nie wiederkehren, wie ich lange ſehnlich und thöricht gehofft?— Thöricht unfehlbar, entgegnete Friedrich Au⸗ guſt wie zuvor; denn Sie gedenket zweifelsohne gleichfalls deſſen, was dieſe Wiederkehr unmöglich gemacht. Ich will aber nicht von Dingen ſpre⸗ chen, welche einmal berührt, es in anderer Weiſe werden müſſen als im leeren Wortwechſel. Jetzt — 199— frage ich nur, wie ich zu dem ſeltſamen Zuſpruch Derer komme, als welche ich Sie hier wieder ge⸗ funden, der Dienerinn einer Frau, die mir todt⸗ feind iſt, wie ich weiß, und ihrer würdigen Hel⸗ ferinn zu allerlei Miſſethat? Dem Zurückweichenden näher tretend, ant⸗ wortete Eſtevania: O was das anbetrifft, Durch⸗ lauchtiger Herr, ſo kann ich mich rechtfertigen vor Euch, und ſelbſt Don Auguſts Zorn wird dieſe Rechtfertigung anerkennen. Eben weil dieſe Frau Eure Todtfeindinn iſt, drängte ich mich an ſie, damit ihr Haß unſchädlich bleibe. Ein gutes Wort von Euch, ein Blick von ehe⸗ dem, und ſie liegt überwunden zu Euren Füßen. Ich verabſcheue dies Weib, nicht darum, weil ſie iſt, wie ſie iſt, darum, weil ſie Euch haßt, und Ihr wiſſet, thätig und erfinderiſch iſt der Haß wie die Liebe. Mit heftigem Widerwillen und einer Erre⸗ gung, die ſogar ſeinen ſtarken Körper erſchütterte, rief der Prinz: Eben weil ich weiß, daß dies der Fall iſt bei Ihr, verſchmähe ich Ihren Beiſtand. Gehe Sie hin, der zu dienen, die Ihr gleich an Verworfenheit; gehe Sie mit ihr der Strafe ent⸗ gegen, die Sie längſt verwirkt hat durch frühere — 200— Unthat. Was ſoll auch, fuhr er mit verachten⸗ dem Stolz fort, was ſoll auch dem Prinzen von Sachſen der Beiſtand des Weibes, deſſen Ge⸗ dächtniß ihn mit Abſcheu erfüllt, des Sprößlings verworfener Zigeuner, der Frau des Bettmeiſters? Eſtevaniens Augen begannen zu funkeln, und ſie ſprach in dumpfem Tone: Schon zum zweiten Male nennet Eure Durchlauchtigkeit mich mit einem Namen, der mein Herz in Wuth entzün⸗ det. Habt Ihr auch vergeſſen, daß Ihr es wa⸗ ret, der mich zwang, ihn zu tragen?— Ich habe es nicht vergeſſen, was ich mir zum Vorwurf mache, ſeitdem ich weiß, was ich damals nur ahnete, zum Vorwurf gegen einen Mann, der beſſer iſt als Sie, und mit dem Sie, wie ich höre, wenig anders verfahren, als mit Allen, welche die Schlange in ihrem Buſen erwärmt.—— Ein herrlicher Erſatz, ſagte ſie mit ſchmerzlichem Spott; dieſer beſſere Mann für die, welche Don Auguſt einſt ſeine Geliebte genannt. Möchtet Ihr glauben, dies Jammer⸗ bild könne auch nur einen Moment lang erträg⸗ lich ſein für die, in deren Herzen Euer Bild un⸗ vergänglich gegraben? Wahrlich, das Geringe, das ich an dieſem Elenden gethan, dürfet Ihr — 201— mir nicht zurechnen, nicht Ihr; als Tugend müſſet Ihr betrachten, als verdienſtlich Opfer, was ihm mein Ingrimm erlaſſen. Ja, wiſſet es, rief ſie in plötzlicher Aufwallung vor ihm nie⸗ derſtürzend und ſeine Knie umfaſſend, wiſſet es, Don Auguſt, nimmer wird dies Bild aus mei⸗ nem Herzen weichen, nicht Einer auf dem Erd⸗ boden, nicht Ein Mann kann es verdrängen, nicht die Zeit, nicht ſchmähliche Erniedrigung. Un⸗ auslöſchlich brennt die Flamme in mir, die Ihr angezündet, zum Wahnwitz kann ſie mich trei⸗ ben, wie zum Verbrechen; denn ich bin eine Spa⸗ nierinn, und nimmer ward ein Mann geliebt wie Ihr. Möget Ihr ſo hart, ſo unerbittlich ſein gegen die, welche, was ſie auch ward, es durch die Liebe zu Euch geworden? Der Prinz entriß ſich ihr, und rief mit Ab⸗ ſcheu: Nenne die Liebe nicht, Weib, Du, in deren Munde dies Wort empört! Die Liebe iſt ein beglückend Geſchenk des Himmels, aber in der Hölle iſt erzeugt, was Du ſo nennſt, und gebiert nur Thaten der Hölle!— So ſprechet denn, ſagte ſie aufſpringend mit Trotz; lange habe ich mich geſehnt nach dieſem Augenblick, ihn herbeigefleht mit Thränen des — 202— . Schmerzes und der Wuth, um ihn gebettelt hab' ich bei dem Himmel und der Hölle, die Ihr eben genannt, er iſt entſcheidend für mich und— vielleicht nicht für mich allein; ſprechet denn, was iſt die Urſach, daß Ihr einen Beiſtand ver⸗ ſchmähet, welcher wohl nicht ſo geringfügig ſein möchte, als Ihr meinet, ein Herz, das Euer Eigenthum iſt für immerdar, Gaben, die Euch ſonſt entzückten; was iſt die Urſach, daß ich ſolche Worte von Euch hören muß, an die Ihr zur Zeit ganz andere gerichtet? Du willſt es, ſchrie der Prinz heftig empört, ſie ergreifend und gewaltſam zu jenem Käſichen hinreißend, Du willſt es, nun ſo ſieh dieſe und dieſe!— Beim plötzlichen Anſchauen beider Gemälde zuckte Eſtevania erblaſſend zuſammen, dann aber heftete ſie einen ſeltſamen ſtarren Blick auf dieſelben, und ſprach eintönig vor ſich hin, wie von Geiſtesverwirrung befangen: Ich kenne euch wohl; du dort mit dem bleichen, ſchmerzer— füllten Antlitz, du biſt die Marqueſa von Man⸗ zera, ich erinnere mich deiner wohl; denn ſo ſa⸗ heſt du aus, als du den Trank hielteſt, dir dar⸗ gereicht von einem eiferſüchtigen Graukopf, den Trank, welchen Mutter Fimene dir bereitet und —— — 203— noch Eine. Und du mit der bräunlichen Haut, du wareſt zwar auch ein Sprößling verworfener Zigeuner, doch fand er deß ungeachtet, du ſeieſt eine feine und liebliche Dirne, Landelar in Levas. Jene dort war eine vornehme Dame, und die Andere war meine Schweſter, und doch muſſten beide hinweg; denn keine darf ihn beſitzen, nicht Eine, auch dieſe nicht.— Ihr waret Spa⸗ nierinnen, und euer Herz brannte in wilder Lie⸗ besgluth wie das meine; das durft' ich nicht lei⸗ den; die Deutſche aber gönn' ich ihm, deren laues Herz zwiſchen dem Gott ihres Ketzerglaubens ſchwankt und ihm, gegen die braucht es nicht ſol— cher Waffen wie gegen euch. Sie ſind kräftig,— dieſe Waffen, nicht wahr, Frau Marqueſa, und du Landelaria, meine Schweſter?— Halt ein, Verruchte! unterbrach Friedrich Auguſt das furchtbare Selbſtgeſpräch, verpeſte die Luft nicht länger mit läſterlicher Rede, rufe durch freches Geſtändniß die Strafe nicht herbei, wel⸗ cher Du bisher im Dunkel geheimer Miſſethat entgangen. Bedenke, wo Du biſt, es iſt der Bruder des Landesherrn, vor dem Du ſteheſt. Und was, fragte ſie unerſchrocken und hef⸗ tig, was würde dieſer Verruchten bevorſtehen von — dem Bruder des Landesherrn, wenn ſie nun hin⸗ träte und berichtete, oder man ſonſt erführe, was ſie gethan, und daß ſie es gethan aus Liebe für ihn, aus Liebe, die er gleißneriſch erworben, und drauf von ſich geſtoßen mit Undank und Hohn? Der Tod würde Dir werden, rief der Prinz, bei meiner fürſtlichen Ehre, der Tod!— Da richtete Eſtevania ſich empor, ſchaute auf ihn mit kaltem Blick, und ſagte mit plöt⸗ licher Ruhe: Ich habe denn meinen Beſcheid, und unſer Geſchäft iſt abgethan?— Du haſt Deinen Beſcheid, donnerte die Stim⸗ me Friedrich Auguſts, und nun fort von hinnen, ſo Du nicht willſt, daß an dieſer Stelle das Ge⸗ richt Dich ereile! Er zog hier mit ſolcher Kraft an der Klingelſchnur, daß die Schellentöne ſchwir⸗ rend im ganzen Pallaſt wiedertönten; die Spa⸗ nierinn aber war bereits verſchwunden, und ehe Jemand kam, trat ſie, mit des Hauſes Gele⸗ genheit bekannt, durch eine verborgene Thür in den großen Sagl. Sie ging raſchen Schrittes bis in die Mitte deſſelben, ſtand hier ſtill, und murmelte in ſich hinein: Tod? ja das iſt ein kurzes Wort, und gehet recht leicht aus dem Munde, beſonders eines Fürſten, der doch ſich wunderlich verzieht, ſoll er ſelbſt ſeine Bitterkeit ſchmecken. Mit dem Tode habt Ihr mir gedrohet, Don Auguſt, laſſt ſehen, ob der verworfene Zigeunerſprößling Euch nicht zuvorkommt, ob die Bettmeiſterinn Euch nicht das Bett bereitet, von welchem man nim⸗ mer erſteht. Ihr ſollet Euren Willen haben, Frau Gräfinn von Neidſchütz, doch nur darum, weil es der meinige iſt ſeit wenig Augenblicken, Ihr ſollet ſehen, daß Kimenens Tochter anders noch gelernt, als die Gaukeleien, mit denen ich Euern wahnſinnigen Ehrgeiz berückte. Brüſtet Euch immerhin mit dem Gedanken, ich ſei Euer Werkzeug, ich, deren Wille mächtiger iſt als der Eure. Hütet Euch jedoch, daß mit der Er⸗ findung der That nicht auch ihre Folgen Euch an⸗ heimfallen!— Hier fiel ihr unſtetes Auge auf einen Tiſch in der Ecke des Saales, und ein un⸗ heimlich Lächeln flog über ihr blaſſes, entſtelltes Geſicht.— Er wünſcht! rief ſie mit dumpfem Hohnlachen.— Nun wohlan, Don Auguſt, Ihr habt mir das Bittere gereicht, eingehüllt in ſü⸗ ßes trügeriſches Koſen, ſo werde denn das Bit⸗ terſte Euch, gleichfalls in Süßes verhüllt; Ihr habt Euch geweidet an der Pein der Verhöhn⸗ — 206— ten, nun will ich mich weiden an Eurer langſa⸗ men Qual; denn nicht ſchnell, wie Ihr mich be⸗ drohtet, wird der Tod Euch ergreifen, langſam tritt er Euch näher und immer näher, und ehe Ihr ſinket unter ſeinem geheimnißvollen Streiche, wird Eure hehre Geſtalt dem Leben bereits nicht mehr gehören, aus dem ich Euch ſtoße, mein ſtolzer Prinz von Sachſen, ich, das Zigeunerkind.— Sie eilte hier an die Pforte des Saales, und als ſie dieſelbe ihrer Erwartung nach verſchloſſen fand, zu jenem Tiſche, und beugte ſich über ihn wohl eine halbe Minute lang. Dieſe war eben verfloſſen, als die Pforte, von außen geöffnet, ſich aufthat, und in derſel— ben Bartholomäus Gobau erſchien, einige Schüſ⸗ ſeln des Frühmahls tragend; denn er hatte ge⸗ glaubt, dieſem gelte des Prinzen raſcher Klingel⸗ zug. Mit Verwunderung ſah er eine fremde männliche Geſtalt unfern der kleinen Tafel, auf welcher der Nachtiſch des Morgeninbiſſes be⸗ reits angerichtet ſtand. Er war im Begriff, den Unbekannten anzu⸗ reden, als dieſer, das Geräuſch ſeines Eintrittes vernehmend, ſich umwendete und ihm raſchen Schrittes entgegentrat.— Eſtevania, ſo wahr — 207— mir der heilige Johannes Nepomucenus helfe! rief er vor Erſtaunen und Beſtürzung beinahe athemlos. Sage mir die Madame, ſo es Ihr beliebt, was Sie hier zu ſuchen hat, und wel⸗ chen Weges ſie ſich hergefunden?—— Iſt es denn ſo ſeltſam, gegenfragte ſie mit Hohn, wenn die Bettmeiſterinn einmal nachſiehet, ob alles in Ordnung iſt; denn ſie kann von den Ob⸗ liegenheiten des Tituls nicht laſſen, der ihr im⸗ mer ſo werth war. Die Exbettmeiſterinn hat anhiero partoute- ment kein Geſchäft, verſetzte Meiſter Gobau küh⸗ ner in ſeinem Gebiet, als anderswo, und was die Ordnung betrifft, ſo mag der Kaſtellan ſelbſt dafür ſorgen, wie es auch zu derſelben gehört, daß er, was Sie auch hergeführt, Sie höflichſt erſuche, aufs Schleunigſte den Rückweg anzu⸗ treten. Es will Sie Niemand hier, verſtehe ſie wohl, Niemand.— Es iſt recht gut gegangen ohne Sie die Zeit über, und möchte vielleicht ſchlimmer gehen, beglückte Sie dies Haus öfter mit Ihrer Gegenwart.—— Das könnte ſich treffen, lachte die Spanierinn; doch wer mag der Sehnſucht widerſtehen, die mich hierher führt — 208— zu meinem werthen Gemahl, obgleich Keiner mein bedarf.— 2 Obligiret, obligiret, verſetzte der Kaſtellan, ſo iſt denn dieſer wunderbarlichen Sehnſucht genug geſchehen, und damit Valet. Wenn Dieſelbe auch vielleicht zum Fenſter herein paziret oder zum Schornſtein nach der löblichen Sitte ihrer Zunft, ſo iſt hier zum Hinausgehen die Thür, und man würde wohl thun, ſie des Baldigſten zu treffen.— Redeſt Du ſo zu mir, Sclav, antwortete ſie ſtolz auf ihn zutretend und bedrohlich die Hand gegen ihn erhebend, in welcher ein glänzendes Etwas ſchimmerte, das der fruchtbaren Einbil⸗ dungskraft des Hausverwalters als ein Dolch er⸗ ſchien. Die Laſt, die er in ſeinen Händen trug, hatte jede Gegenwehr verhindert, wenn Meiſter Bartholomäus auch zu ſelbiger geneigt geweſen wäre, drum zog er ſich weislich zurück, in ſich hineinmurmelnd: Alle gute Geiſter und ſo weiter; hebe Dich von mir, Satanas!— Die Verbündete des eben Erwähnten ließ die erhobene Rechte ſinken, und ſagte verachtend: Fürchte nichts, Erbärmlicher, ſo wenig als Dir mein Kommen galt, mag es Dir Gefahr brin⸗ gen. Solche, wie Du, zertrete ich nicht, auch — 209— wenn ich in den Kreis ſchreite, in dem ſie ſich plump und mühſam bewegen; denn nicht das Niedere iſt meiner Beachtung werth. Fahre denn fort, ſetzte ſie in zweideutigem Tone hinzu, hier Ordnung zu halten, wie bisher und heute, ich brauche ſie nicht weiter zu ſtören.— Wird auch geziemend verbeten, ſagte, als er allein war, der Kaſtellan zu ſich ſelbſt, und werde meinerſeit abhülfliche Maßregeln nehmen, wenn nicht— hier nahm er eine bedenkliche Miene an— wenn die Perſon nicht etwa gar hier er— ſchienen iſt unter höchſter, ehemals beſeſſener und darauf eingebüßter Protection, wie ich beinahe aus ihrer Frechheit ſchließen möchte in ſolcher Nähe des gnädigſten Herrn, und aus einer und der andern von ihren Reden. Seltſamlich genug wäre das, doch nicht unerhört, und große Her⸗ ren haben ihre Launen.— Während der nachſichtige Ehegatte der Spa⸗ nierinn dieſe Möglichkeit erwog, ordnete er die mitgebrachten Schüſſeln auf der Tafel; dann ging er hinein, um Seiner Durchlauchtigkeit anzu⸗ ſagen, das Frühſtück ſtehe bereit. Die heftige Aufregung, in welcher er nicht ohne Verwundern den Prinzen antraf, war au⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. 1. Bd. 14 genſcheinlich nur dem Zorn zuzuſchreiben, und wi⸗ derlegte den eben geäußerten Verdacht, und die⸗ ſer ſchwand gänzlich, als der Gebieter zu ihm ſprach: Er, Gobau, darf ſich eine Gnade bei mir ausbitten; denn ich habe ihm ein Unrecht zu vergüten. Auf meine Veranlaſſung geſchahe es, daß Er ſich mit einem Weibe verehelichte, wel⸗ ches, wie ich höre, ihm manche böſe Stunde ge⸗ macht, und welche ich genugſam kannte, um nichts Beſſeres von ihr zu vermuthen.— Allzuſehr, entgegnete der Diener, bin ich ſchon von Ihro Durchlauchtigkeit Gnade über⸗ häuft, um Höchſtdieſelben des Weitern zu im⸗ portuniren, jedennoch muß ich geſtehen, wie die Ueberantwortung der Erwähnten nicht allerdings als das ſchäbbarſte Merkmal ſolcher Clemenz zu betrachten.— Sie war eben hier, fiel Friedrich Auguſt ein⸗ Iſt Ihm nicht bekannt, auf welche Weiſe ſie bis zu dieſem Zimmer gelangt?— Mit meinem Willen gewißlich nicht! be⸗ theuerte Gobau. Mich gelüſtet gerade nicht nach ihrer Gegenwart, und in gebührlicher Beſorgniß eines getreuen Kaſtellans wollte ich eben Höchſt⸗ dieſelben ſubmiſſeſt anfragen thun, welcherma⸗ 1 — 211— ßen und aus welcherlei Urſach beſagte gefährliche Perſon—— Es iſt gut, lautete der unterbrechende Be⸗ ſcheid. Sorge Er dafür, daß ſie fern bleibe; ich will ſie niemals wiederſehen, niemals und auch ihr Name werde vor mir nicht genannt; dieſem Befehle fügte er die Weiſung bei, er ſei geſonnen, das Frühmahl in ſeinem Gemache zu nehmen. Als Bartholomäus, um dem nachzukommen, durch die kleine Galerie ſchritt, machte die eben widerlegte Muthmaßung andern Zweifeln und an⸗ derm Verdachte Raum. Die plötzliche und un⸗ erklärliche Erſcheinung Eſtevaniens in dem ver⸗ ſchloſſenen Zimmer erſchien ihm, da er ſie jener Urſach nicht mehr zuſchreiben konnte, höchſt be⸗ denklich, zuſammengeſtellt mit dem, was ihm von ihrer Sinnesweiſe bekannt war, und mit den an ihn gerichteten Reden, denen er nun einen andern Sinn unterzulegen geneigt war. Seine Einbildungkraft verlor ſich im Reiche der Möglich⸗ keiten, und ſtellte ihm zuletzt jenes glänzende Et⸗ was in der Hand der Spanierinn dar, welches ſeine Furcht für einen Dolch gehalten, und eine neue Befürchtung nun zu leicht minder Schlim⸗ — 212— mem umſchuf. Beſorgt wollte er in den Saal eilen; aber ſtatt es zu thun, trat er mit ehr⸗ furchtvoller Reverenz bei Seite; denn der Kur⸗ fürſt ſchritt an ihm vorüber, dem Zimmer ſeines Bruders zu. Einen Augenblick ſpäter ſtand Go⸗ bau ſorgſam prüfend vor der angerichteten Tafel. Alles ſchien in der Ordnung, in der er es auf⸗ geſetzt, es ließ ſich keine Spur fremder Berüh⸗ rung wahrnehmen, und ſchon wollte er den dienſt⸗ habenden Lakaien herbeirufen, da ſchien es ihm, als ſei einer der Kredenzteller des Nachtiſches ein wenig aus der Stelle gerückt, welche er ihm an⸗ gewieſen. Er enthielt eine Art von trockenem, zur Hälfte von einer zierlichen Papierhülle um⸗ gebenen Eingemachten, Conserve genannt, aus Orangen bereitet, welche man in Spanien in den Wein zu tauchen pflegt, eine Lieblingsſpeiſe des Prinzen. An die Heimath dieſes Leckerbiſſens knüpfte ſich eine ſeltſame Gedankenreihe des Hof⸗ bettmeiſters, welche ihn bewog, mit den zu ſich ſelbſt geſprochenen Worten:„Beſſer verwahrt als beklagt,“ den fraglichen Gegenſtand von der Ta⸗ fel zu nehmen. Ihn unter dem Rocke verber⸗ gend, eilte er hinab an den Teich, und warf ihn hinein, doch ohne einen geringen Abgang an den — 213— Stücken zu bemerken, welche, nachdem er ſie der Fluth anvertraut, emporgehalten von derſel⸗ ben, die Beute der herbeieilenden Schwäne wurden. Ich habe gethan, was an mir lag, vernünf⸗ telte Meiſter Bartholomäus zu ſich ſelbſt, und kein Kluger thut mehr, zumal am Hofe. Gott und ſeine Heiligen mögen Alles zum Beſten lenken; aber ſo lange ein geringer Mann ſeiner Sache nicht gewiß iſt, taugt es ihm nicht, ſich in ſolche Dinge zu mengen, ſowie er überhaupt weislich unterläſſt, die Naſe in das zu ſtecken, was vornehme Herren betrifft.— Er brachte auch dies Axiom der Weisheit ſofort in Ausübung, als Herr Vizthum von Eckſtedt aus der Stadt zu⸗ rückkehrte, wo er, wie wir wiſſen, vergeblich geweſen. Er verſchonte den mißgelaunten Hof⸗ mann mit den Witzworten, die er ihm zugedacht über das belauſchte Stelldichein vom geſtrigen Abend und die daraus entſpringende Muthmaßung des Weges, auf welchem Eſtevania gekommen; er erwähnte überhaupt von dem Vorgefallenen kein Wort, es dem Prinzen überlaſſend, ſeinen Kammerherrn, wenn er wolle, zu unterrichten, und dieſem, ſich, wenn es nöthig ſei, mit dem Gebieter zu verſtändigen. — 214— Der raſche Eintritt Johann Georgs hatte den Prinzen verhindert, die Spuren ſeiner Beſchäf— tigung an dieſem Morgen hinwegzuräumen, und ziemlich unerwünſcht war es ihm, als Jener, die umherliegenden Briefſchaften gewahrend, nach den erſten Begrüßungen an den Tiſch trat.— So fleißig iſt der Herr Bruder ſchon in aller Frühe geweſen, und wie ich ſehe, in angenehmer Occu- pation? fragte der Kurfürſt in heiterm und ver⸗ traulichem Tone. Siehe da, zierliche Epiſteln, roſenfarb und ambraduftend, und zwei Contre- faits ſogar und, man muß geſtehen, ganz artiger Originalia.— Sollte man, ſetzte er mit eini⸗ ger Bedeutung hinzu, ſollte man derlei Dinge bei dem Herrn vermuthen, als welcher ſelbigen doch Valet gegeben, denen ſtrengen Prinzipien nach, welche er affichiret.— Friedrich Auguſt verſetzte ein wenig befangen: Auch ſind, was mein gnädigſter Herr Bruder hier ſiehet, nur Souvenirs aus einer verſtrichenen Zeit, und meine Antworten lediglich denen egards zuzuſchreiben, welche dem ſchönen Geſchlechte un⸗ ter allerlei Umſtänden gebühren. Jene Portraits aber, fuhr er ernſthaft fort, mögen, obſchon in der That recht lieblich anzuſchauen, als traurige —— — 215— Symbole der Wahrheit dienen: s ſei ein gefähr⸗ lich Ding um die Liebe, ſo man mehr aus ihr machet, denn ein Spiel. Der Kurfürſt, unterrichtet von der frühern Geſchichte ſeines Bruders, erkannte alsbald die Urbilder jener Gemälde; er wollte weder unan⸗ genehme Erinnerung hervorrufen, noch auch die Anſpielung auf ihn ſelbſt verſtehen, welche in dem Geſagten lag, und antwortete daher: Laſſet uns darüber nicht diſputiren, ein Jeglicher hat ſeinen Geſchmack und opinion.— Aber auch mit ernſt⸗ lichen Dingen hat der Prinz ſich beſchäftigt, wie der Augenſchein lehret, ſprach er, die Aufſchrif⸗ ten der größern Briefe durchlaufend: An die Ge⸗ brüder, Herzöge zu Sachſen⸗Eiſenach, meine Herren Schwäger— las er mit leichtem Kopf⸗ ſchütteln; An den Markgrafen zu Brandenburg⸗ Bayreuth, Ihro Liebden Herrn Schwiegervater; An Seine Wohlehrwürden, den Generalſuperin⸗ tendenten zu Wittenberg.— Was hat Dero, um danach zu fragen, mit der ehrſamen Geiſt⸗ lichkeit zu ſchaffen, als welche doch niemals, ſo viel bekannt, ſonderlich in Deſſelben faveur geſtanden? Und hier: An den Allerdurchlauchtigſten, Groß⸗ mächtigſten—— ſicherlich hat der Herr Bru⸗ — 216— der mich verklaget, und zumal bei Ihro römiſch⸗ königlichen Majeſtät.— Der Prinz verſuchte einige ablehnende Worte, Johann Georg aber unterbrach ihn. Stille nur, ſagte er im Tone milden und beinah ſcherzenden Vorwurfes, geſtehe es der Prinz nur ein, Dero ganze Weiſe beſtätigt, was ich denke, dieweil, zu Seinem Bloge ſei es geſagt, Derſelbe noch nicht wohl diſſimuliren gelernet.— Nun ja, entgegnete Herzog Auguſt freimü⸗ thig, Ihro Durchlauchtigkeit weiß, daß ich in meinem Urtheile über gewiſſe Dinge mit Denenſelben differire, und ich habe verſucht, ob die Stimme weiſer Männer und erlauchter Fürſten und Po⸗ tentaten nicht mehr impression auf meinen gnä⸗ digſten Herrn machen werde, als die meinige bis⸗ hero gekonnt.— Auch mag ich dies dem nächſten Agnaten nicht gänzlich verargen, nahm der Aeltere gütig das Wort, obſchon derſelbe ſich auf die getreue al⸗ fection ſeines Bruders ſicherlicher verlaſſen könnte. Wir ſind demnach in einer Art von Kriege begrif⸗ fen; es trifft ſich aber oftmals, daß zween Feld⸗ herrn, ſo ſich im Treffen gegenüber ſtehen, per⸗ ſönlich Freundſchaft und Estime zu einander tragen. Muß man ſich denn feind ſein, ſo man auch — 217— über Eines oder das Andere diſſentire? Ver⸗ ſpreche mir der Prinz denn, daß Er, ſo ich die Victorie davon trüge, Er mir nicht übelwollen wird, wie ich Ihm ein Gleiches zuſage für den contrai⸗ ven Fall. Bewegt beugte ſich der Prinz über Johann Georgs dargebotene Hand, und rief: O möchte ich nur des Glückes theilhaftig werden, die Wolke zu vertheilen, die meines Herrn fürtreffliche Qua⸗ litäten vor der Welt verbirgt, daß ſie Selbigen eben ſo venerire, als ich, wiewohl manches Mal zu meiner großen Unluſt und Bedauern ich mich unterweilen allzuweit fortreißen laſſen, ob mit Grund oder Ungrund, immer mit Unrecht!—— So hör' ich den Bruder Auguſt gern ſprechen, rief der Kurfürſt, und worin er Unrecht gehabt haben mag, das iſt vergeben und vergeſſen. Sol⸗ len wir denn ſo haarſcharf gegen einander ſein, und uns Alles genau aufrücken wie Andere? Sind wir nicht die Söhne Eines Vaters und Einer Mut⸗ ter, und zuſammen aufgewachſen, unſer Leid theilend und unſere Freude? Soll es denn nun nicht mehr ſo ſein, da wir Männer geworden 2 Das Veneriren mag recht gut ſein für den Kur⸗ fürſten in Gegenwart des Hofes, hier unter uns — 218— genüget es, daß mich der Bruder liebe, wie ich ihn. Solche Augenblicke werden uns ſelten zu Theil, und ich halte ſie werth, und ſehne mich nach der Vertraulichkeit, deren ich gar ſehr be⸗ darf. Ihr wiſſet, Auguſt, nicht Viele ſind um mich, bei denen ſelbige wohl angebracht wäre, nicht, Ihr möget auch ſagen, was Ihr wollet, nicht die Frau Mutter, nicht meine Gemahlinn, und Ihr wiſſet das ſelber, ob Ihr gleich meinet, Euch anders ſtellen zu müſſen. Ihr aber ſeid ein tüchtiger Fürſt geworden und Rittersmann, mit welchem man wohl ein offen Wort ſprechen mag, ohne Mißdeutung zu beſorgen und Split⸗ terrichterei. Ich kenne aber Merſonen, wandte der Prinz ein, welche des Herrn Bruders großmüthiges Ver⸗ trauen ärger mißbrauchen, als die Genannten thun möchten, würde es ihnen zu Theil.— Auch davon gedenke ich mit Euch zu ſpre⸗ chen, verſetzte Johann Georg; denn gern ge⸗ währe ich freundbtüderlicher aflection, was mir, ſo iſt meine Meinung, trotzigem Fordern zu ver⸗ weigern geziemet. Ihr redet von der Neid⸗ ſchütz. Nun wohlan, ich will Euch geſtehen, wie der Charakter ſelbiger Frau mir gleichfalls nicht — 219— ſonderlich behagt, zumal ſeit einiger Zeit. Ob⸗ wohl ſcharfen Verſtandes und in denen Welthän⸗ deln beſſer erfahren, denn mancher meiner Ge⸗ heimden Räthe und Miniſtri, bedünket mich je⸗ doch ihre Sinnesart allzu rauh und unweiblich, ſo daß ſie mir mehr denn einmal nicht geringe Unluſt verurſachet, vornehmlich in den letzten Tagen. Auch verdrießet mich nicht wenig die ſchlechte Favor und geringe Estime, in welcher dieſelbe bei dem Volke ſtehet, und welche zu gro⸗ ßem Aergerniß theilweis auf mich zurückfallen.— Auch mich verdrießen ſie, betheuerte Frie⸗ drich Auguſt, und laſſen mich wünſchen, daß mein Herr ſich der Mutter abthue, und der Toch⸗ ter zugleich.—— Am allermeiſten aber ſchmer⸗ zet es mich, fuhr der Kurfürſt, ohne dies zu be⸗ antworten, fort, daß man insgemein Eine mit der Andern vermenget, mit der Mutter nämlich die Gräfinn zu Rochlitz, die von ihr doch wahrlich im Innerſten ſo unterſchieden iſt, als im Aeußer⸗ lichen, welches Letztere der Prinz verhoffentlich eingeſtehen wird.— Ihro Durchlauchtigkeit ſiehet durch die Brille der Liebe, verſetzte der Andere lächelnd, und ich „ — 220— habe ſie ſelbſt allzuoft getragen, als daß ich den Effekt derſelben verkennte.— Nein, rief der Kurfürſt lebhaft, nein, das iſt nicht eine Paſſion, wie man ſie oft genug ſiehet, ſo flüchtig als heftig, welche auf Augen⸗ blicke verblendet, daß man bald darauf des Irr— thums gewahr werde; und ich verſichere Euch, war es auch die leibliche Schönheit Katharinens, die zuerſt meinen Sinn auf ſie richtete, ſo ſind es die Gaben ihres Gemüthes, welche ihn feſ— ſeln, nicht, ſetzte er achſelzuckend hinzu, arge Zau⸗ berei, wie ſo Mancher meinet, und unſere Frau Mutter zuerſt. Eben ſo geringen Glauben, war die Ant⸗ wort, hab' ich an dergleichen Zauber, deſto grö⸗ ßern aber an die natürliche Magie, welche das ſchöne Geſchlecht gegen uns übet.— Johann Georg ſprach eben ſo lebhaft weiter: Sympathie ſage der Prinz, und er wird die rechte espression getroffen haben; denn ſolche iſt es, die mich zu Katharinen von Neidſchütz ge⸗ zogen, die mich feſt mit ihr vereinet auf immer⸗ dar. Keine ihrer Empfindungen iſt mir fremd, in ihrem Gemüthe erkenne ich das meinige wie⸗ der, gleich einem offenen Buche lieget es vor — 22— mir, deſſen Schriftzüge mir bekannt ſind, und nichts Unrechtes iſt darin zu leſen. So lege denn der Herr Bruder die Hand auf das Herz, und geſtehe, ob dem Wunſche nicht pardonniret wer⸗ den kann, ſolche Perſon, welche mit mir har⸗ moniret in Allem und Jedem, zur Lebensge⸗ fährtinn zu wählen, ſtatt einer Andern, deren Gemüthsweiſe mit der meinigen abſolut im Wi⸗ derſpruche ſtehet? Ich hatte Euch einſtmals in einem Verdachte, deſſen Ungründlichkeit ich er⸗ kennet, und deshalb von ganzem Herzen depre⸗ cire; ſo frage ich denn, hält der Herr wahrhaf⸗ tig die Kurfürſtinn Eleonore für ein Muſter von Fürſtinn und Hausfrau, als welches Derſelbe ſie präconiſiret?— Friedrich Auguſt antwortete aufgeregt: Ich kenne die, welche meinem Herrn ſolchen Ver— dacht eingeflößet, und kann derſelben nie verge⸗ ben, welche durch böſen Leumund Unfrieden in unſer fürſtlich Haus gebracht zur Erreichung ſträf⸗ licher Abſicht.— Wir ſprachen von der Tochter anjetzo, nicht von der Mutter, unterbrach ihn der Kurfürſt ungeduldig, und ich habe nach Eurer aufrichtigen Herzensmeinung gefraget von meiner Ehefrau. — 2— Saget mir nichts von chriſtlichen Tugenden und fürſtlichen Gaben und wie dergleichen geheißen wird, was gar wohl ſich ausnimmt in einem Lei⸗ chenſermon, welches jedennoch im Leben ganz un⸗ erträglich fallen mag. Ich meine, der Herr hat ſein judicium umgeändert von ſolch chriſtlichen Ga⸗ ben und von fürſtlichem Ehebündniß überhaupt, dieweil ich auf ſeiner Stirn jetzunder zu Zeiten mehre Falten erblicke, als wohl eheſonſt geſche⸗ hen.——— Nach einer Pauſe erſt und et⸗ was befangen, verſetzte der jüngere Bruder: Ich kann dem gnädigſten Herrn nicht gänzlich verar⸗ gen, ja, ob es gleich unrecht iſt, ich kann, meine ich, nicht völlig in Abrede ſtehen, daß auch auf fürſtliche Perſonen das Herz gewiſſermaßen ſeine Rechte exercire, und es, wiewohl nicht zu bil⸗ ligen, doch allewege entſchuldiget werden mag, wenn dieſe Perſonen, der menſchlichen Fehlerhaf⸗ tigkeit unterliegend, demſelben ſolche Rechte ein⸗ räumen. Drum gedenke ich, es könnte, wenn es nun einmal nicht anders iſt, Alles ſo bleiben⸗ wie es bisher geweſen, und meine Frau Schwä⸗ gerinn, für welche ich aufrichtige Commiseration trage, wird, ſo ihr nur die Rechte einer fürſt⸗ lichen Gemahlinn geſichert ſind, ſich endlich drein „ 3— finden, daß eine Andere das Herz beſitzet, dem freilich nicht zu gebieten.— Derlei Rath erwartete ich von einem ſo ga⸗ lanten Prinzen, rief der Kurfürſt gereizt. Mai⸗ treſſen mag der Landesherr halten, ſo viel ihm ge⸗ fällt, von der Liebe aber iſt er ausgeſchloſſen, ich weiß nicht, durch welch Geſetz noch Schranke.— Der Prinz entgegnete ernſt: Durch das ge⸗ heiligte Geſetz des Althergebrachten, durch die Schranke fürſtlichen Anſtandes, als welche eine Hohe Perſon nimmer umwerfen ſoll, dieweilen, meiner opinion nach, der Reſpekt des Volkes gro⸗ ßen Theils durch ſelbige beſtehet, und wenn die⸗ ſelbe nicht mehr exiſtiret, man nicht leichtlich vor⸗ herfehen mag, wie weit ſolch Attentat auf die öffentliche Meinung anjetzt, für die Zukunft aber im Beſondern und auch wohl im Allgemeinen füh⸗ ren dürfte.—„ So ſpricht erwähntes Geſetz auch wohl den Fürſten frei von Haltung eines gegebenen Wor⸗ tes? fragte Johann Georg wie zuvor. Frau Eleo⸗ nore würde ſich drein finden, denn ſie muß; aber werden auch Andere ſich drein finden, denen ich zugeſagt, was meine Pflicht erheiſchet, als ſchul⸗ digen Erſatz? und wo iſt die Unmöglichkeit, — 224— welche ich vorſchützen könnte, dieſe meine Zuſage brechend? Haben wir nicht zehn Exempel und aber⸗ mal zehn, daß ſich Gleiches ſchon begeben?— Ich höre, ſagte Herzog Auguſt nicht ohne Bitterkeit, ich höre in Ihro Durchlauchtigkeit Munde die Worte der Neidſchütz, Denenſelben zugebracht durch die Frau Gräfinn, von deren rothen Lippen ſie freilich beſſer lauten mögen; ich fürchte aber, verzeihe mein Herr, ich fürchte, der Apfel ſei nicht weit vom Stamme gefallen.—— Der Prinz befindet ſich im Irrthume, fiel Jener ein, und beharret bei demſelben in unge⸗ rechtem Vorurtheil. Ich mag nicht läugnen, daß die Neidſchütz mich unterweilen heftig drän⸗ get um einer Sache willen, welche allerdings mit großer Fürſicht behandelt ſein will und abſonderlicher Decenz; mit Katharinen aber iſt es ein Anderes. Niemals hat ſie ein bittend Wort gefüget zu den Anforderungen der Mutter, ja ginge es nach dem, wie ſie ſich vernehmen läſſt, ſo bliebe Alles, wie es geweſen, des Herrn Wunſch und Anſicht ge⸗ mäß. Ich verbürge, was ich geſagt, mit mei⸗ ner fürſtlichen Ehre.— Was gedenket Derſelbe nun zu erwiedern?— Nichts, war die Antwort des achſelzuckenden 1 Prinzen, nichts, als daß man trefflich die Mit⸗ tel kennet, die générosité meines gnädigen Herrn zu dem zu leiten, was man im Schilde führet.— Ich wünſchte, ſagte der Aeltere, Ihr möch⸗ tet näher kennen, die Ihr ſo verunglimpfet, und nicht lange würdet Ihr bei der Meinung verwei⸗ len, welche Ihr gefaſſet zu derſelben Präjudiz und der Wahrheit zuwider.— Verſchone mich Ihro Durchlauchtigkeit, ent⸗ gegnete ablehnend der Prinz; erſt am heutigen Morgen iſt mir ein Pröblein von der Geſinnung mehrberührter Pames geworden, ſattſam über⸗ zeugend, ſo daß ich nicht tentiret bin, ſelbige des Nähern zu erkunden.—— Johann Georg ſprach kleinlaut: Welch unglücklich Schickſal iſt doch das meine, daß ich ſtets in unfrieden ſehen muß, die mir am wertheſten ſind, ich, welcher ſo gern Alles um mich her glücklich wüſſte, ſo man mir auch nur meinen Theil gönnte an der allgemeinen Glückſeligkeit. Ich habe dem Prin⸗ zen ſchon declariret, fuhr er nach kurzem Still⸗ ſchweigen fort, wie ich deſſelben Widerſtand nicht allewege tadele in Rückſicht auf ihn ſelbſt und deſſen zu verhoffende Descendenz; ich habe jeden⸗ noch hinzugeſetzet, er könne auf mein brüderlich Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 15 — 226— Wohlwollen bauen, und ſelbiges wird ſich fortan unwandelbar bewähren, wie bevor. Es giebt in deutſchem Fürſtenſtaate Geſchlechtverträge und Ehepacte, und ich werde Sorge tragen durch ſelbige, daß dem Herrn durch meine etwanige zweite Vermählung kein Eintrag geſchehe, weder ihm noch ſeinen Nachkommen in ſeinen und ihren Rechten und Prärogativen, weder für jetzt noch für die Folgezeit. Was ſchadet demnach ſolch Vorhaben dem zukünftigen Kurfürſten von Sach⸗ ſen? Warum opponiret ſich derſelbe ſo hartnäk⸗ kig dem, was ich wünſche?— Mein durchlauchtigſter Herr verkennet mich, entgegnete Herzog Auguſt mit Würde. Es iſt nicht mein Intereſſe, für welches ich ſpreche, es iſt das Intereſſe unſers geſammten Kurhauſes, für die Glorie ſeines Hauptes, die ich ungern beſchmutzt ſähe durch Perſonen, durch welche, ich ahne es, vielleicht noch groß Unheil ausgehen wird für unſer Geſchlecht und abſonderlich für Seine höchſte Perſon. Wenn ich aber dabei an mich ſelber gedenke, iſt es nur, daß man nicht ſagen ſoll, ich hätte verſäumt, meinen Landes⸗ herrn vor ſolchem Unheile nach Kräften zu be⸗ wahren.—— —— Der Kurfürſt ging einige Male im Zimmer auf und nieder, und begann drauf von Neuem, allgemach zur gewohnten Milde und Freundlich⸗ keit wiederkehrend: Ich ſehe wohl, es fällt kein Baum auf den erſten Hieb, am wenigſten ein ſo ſtattlicher als Bruder Auguſt. Vielleicht, und ich verhoffe es, kommt mit der Zeit anderer Rath; bis dahin hält derſelbe das Eine für ſein devoir, ich das Andere, ſo wollen wir es denn verfechten beiderſeit, wie es wackern Kavalieren zuſteht. Ge⸗ denke der Herr jedoch unſers reciproquen Verſpre⸗ chens: Ehrliche Fehde und keinen Groll.— Ehrliche Fehde, verſetzte Auguſt lebhaft, und in allen andern Dingen pflichtſchuldige Ergeben⸗ heit, Treue und Gehorſam gegen meinen Bru⸗ der und Herrn.— Eben als beide Fürſten ſich abermals die Hände reichten, that ſich die Thür auf, und un⸗ ter der Anführung des Schloßverwalters erſchienen die Lakaien, die Tafel hereinbringend mit dem Mor⸗ genimbiß. Der Prinz lud den Kurfürſten ein, daran Theil zu nehmen, und dieſer antwortete heiter: Wohlan, ich acceptire Ihro Liebden in⸗ vitation, und ſo wollen wir thun, wie in den Ritterhiſtorien von denen Paladinen zu leſen iſt, N 228— welche, nachdem ſie eine Lanze gebrochen, zu⸗ ſammen von einer Schüſſel aßen und tranken aus einem Becher.— Der Prinz aber, fuhr er fort, muß wiſſen, daß er nicht nur einen auf⸗ dringlichen Gaſt bei ſich hat, ſondern auch einen diebiſchen; denn ich habe auf ſeine Einladung an⸗ ticipiret, etwas insgeheim von der Tafel entfrem⸗ dend beim Durchgehen durch den Saal, von der ſpaniſchen Conſerve nämlich, und ich meine, ich habe wohl daran gethan, mich dazu zu halten, die⸗ weil ich dieſes Konfekt nicht mehr hier gewahre.— Im nämlichen Augenblicke klirrten die Fla⸗ ſchen, welche Bartholomäus Gobau auf dem Kre⸗ denztiſche ordnete, in ſeiner Hand ſo heftig zu⸗ ſammen, daß ihr Inhalt Gefahr lief, verſchüt⸗ tet zu werden, und Johann Georg ſagte lachend zu ſeinem Bruder: Es ſcheinet, als ob des Prin⸗ zen ehemaliger Diener nicht ſonderlich Gefallen fände an Deſſelben Hoſpitalität gegen mich, denn nicht genug, daß er uns den Nachtiſch verkürzet, will er auch uns des Getränks verluſtig gehen laſſen. Doch mag Er, Kaſtellan, immerhin uns mit günſtigerem Auge anſchauen; denn wer ſich unſers vielgeliebten Herrn Bruders Clemenz und Protektion erfreuet, dem ſind auch Wir in Gna⸗ den gewogen.— Das Wichtigſte war bereits verhandelt unter den Fürſten; auch duldete die Gegenwart der Dienerſchaft kein anderes als ein allgemeines Ge⸗ ſpräch, und es richtete ſich auf Neuigkeiten des Tages, und hatte bereits eine recht fröhliche Wen⸗ dung genommen, als Gobau, welcher den Kur⸗ fürſten fort und fort verſtohlen und ſorgſam beob⸗ achtete, ängſtlich ausrief: Um Gott, iſt dem gnädigſten Herrn nicht wohl? Ihro Durchlauch⸗ tigkeit ſehen ſo blaß!— Und gleich darauf wiederholte der Prinz den nämlichen Ausruf; denn in der That lag Johann Georg rückwärts an der Lehne ſeines Seſſels tod⸗ tenbleich und perlende Schweißtropfen auf der Stirn. Alles gerieth in Beſtürzung; man ſchrie und lief durcheinander, ohne etwas zu thun; der Prinz rief nach Aerzten; aber ehe nach ihnen ge⸗ ſchickt wurde, kam der Kurfürſt zu ſich, und ſprach nicht ohne Mühe und mit mattem Lächeln: Laſ⸗ ſet nur gut ſein und traget keine Sorge. Es iſt vorüber, ob ich ſchon ſagen muß, daß mir ſelt⸗ ſamlich zu Muthe war, ſo weh, und doch auch wie⸗ — 230— der ſo ſüßlich wohl, als ich es mein Lebtage noch nicht verſpüret.— Sehr bald wich jedoch die Unpäßlichteit; denn gleich darauf ſagte er mit der gewohnten Stimme: Es ſcheinet, als hütten Wir des Herrn Bruders invitation ein wenig allzuviel Ehre angethan, und nur mit Unrecht mögen Wir unſern Kaſtellan be⸗ ſchuldigen, er habe uns in Etwas verkürzet. Es iſt aber nun genugſam getafelt, und beſchließen wir nach dem Brauch mit einem Trunk zu Ehren unſers Wirthes. So möge denn, ſetzte er, den Pokal ergreifend, hinzu, ſo möge dies Frühmahl Seiner Durchlauchtigkeit und Liebden wohl bekom⸗ men, dem Herzoge Friedrich Auguſt zu Sachſen!— Die Anweſenden waren beruhigt; der Prinz, welcher die lebhafteſte Bekümmerniß gezeigt hatte, ward um ſo heiterer, und ſelbſt Gobaus Aengſt⸗ lichkeit verſchwand allmählig; denn man gewahrte keine Spur des Uebelbefindens mehr an dem Kur⸗ fürſten, ja er that ſogar, des reichlichen Mor⸗ genimbiſſes ungeachtet, mit ächt fürſtlichem Ap⸗ petit der Mittagmahlzeit ihr Recht an, zu wel⸗ cher ſich mehre Herren aus Dresden einfanden. Ei, ei, ſagte am andern Tage die von ih⸗ rem Landhauſe nach dem Taſchenberge zurückge⸗ — 231— kehrte Gräfinn von Neidſchütz mit gnädigem Ta⸗ del zu Eſtevanien, ei, ei, was muß man von der Frau Gobau vernehmen? Dieſelbe hat ſich abſentiret zu zweien Malen, das Erſte zu nächt⸗ licher Weile, das Andere bei hellem Tage in Mannskleidern. Kann man ſich wohl erkündi⸗ gen, wo Sie geweſen?—— Im großen Garten beide Male, berichtete gleichgültig Eſtevania; am Abende im Park, am Morgen aber im Palaſte ſelbſt.— Die Dame verſetzte mit anſcheinender Ver⸗ wunderung: Im Palais, wo anjetzo lauter Manns⸗ volk ſein Weſen treibet? Das iſt, ma foi, ein ſeltſam Wageſtück für ein Weibsbild in Ihren Jahren.—— Wenn es auch gewiſſermaßen ein Wageſtück genannt werden mag, entgegnete die Spanierinn zweideutig, ſo mag ich doch verſichern, daß ich ganz und gar nichts befahren habe in der Art, welche Ihro Excellenz anzudeuten ſcheinet.— Das iſt Recht, ma chère, verſicherte Jene, und mir ſehr lieb; denn wie Sie weiß, geht mir bei meinen Leuten die modestie über Alles. So hat, fuhr ſie fort, den ſchielenden Blick auf die Dienerinn heftend, ſo hat Sie wohl andere al- — fairen draußen gehabt; hat Sie auch Alles in Ordnung gefunden in dem Hauſe, welchem Sie ehedem vorgeſtanden?—— Es iſt Alles in Ordnung, antwortete Eſtevania mit Nachdruck. S— o? ſprach die Matrone gedehnt, und ſetzte darauf etwas unruhig hinzu: Und es iſt Ihr doch nichts Contraires paſſiret?—— Nichts, war der Beſcheid; und das ſtellet ſich dar, da ich von ſolchem Wege zurückge⸗ kehrt bin.— Und— S— o2 murmelte die Andere aber⸗ mals in ſich hinein; aber die Pauſe, die auf dies einſylbige Wort folgte, war länger, und wäh⸗ rend derſelben ging die Frau von Neidſchütz auf und nieder, wie in Gedanken verloren; endlich unterbrach ſie ihr Umherwandeln und das Still⸗ ſchweigen, mit einigem Pathos ſprechend: Ich bin content mit Ihr, Gobau, und ſo Ihr bisheri⸗ ger Dienſteifer und fürſichtige conduite ſich gleich bleibet, ſo ſoll es Ihr an marques nicht fehlen, was es heißet, eine Dame zu obligiren, wie mich.— Der Erfolg, ſagte die Spanierinn, wird das Maaß meines Verdienſtes beſtimmen.— Ja, der Erfolg decidiret gemeiniglich über — 235— die Meriten, beſtätigte die Matrone, welche für ſtatthaft hielt, der im Verborgenen ätzenden Lauge dieſes Zwiegeſpräches das Oel einiger Alltagflos⸗ keln beizumiſchen, und Sie wird ſich deſſelben zu er⸗ freuen haben, in nicht gar langer Zeit. Es ſchei⸗ net, als ob des Himmels Wille, als ob— ver⸗ beſſerte ſie ſich, gleich als erröthe ſelbſt ihre eherne Stirn vor ſolchem Ausdruck, Eſtevanien gegen⸗ über bei ſolcher Veranlaſſung gebraucht— als ob das Schickſal gewiſſe Projekte favoriſire, an de⸗ ren gutem Ausgang Sie ein rechtſchaffen Theil haben ſoll. Jedoch, ob auch vielleicht ſchon Etz⸗ liches geſchehen ſein mag, iſt es darum noch nicht Alles, und man muß forthin auch auf andere Weiſe wacker zugreifen, damit die Sache zur ſchleunigen Endſchaft komme, welche ihr noth thut. Der Menſch wirft die That in das rollende Rad des Verhängniſſes, und mag er auch den Lauf deſſelben wenden, ſo iſt es der Macht der Augenblicke vorbehalten, daß ſie ſein Maaß be⸗ ſtimme, ſprach Eſtevania im Orakeltone. Schön, excellent, unterbrach die Gräfinn zerſtreut den ziemlich unverſtündlichen Spruch. Es wäre aber doch gut, die warche ſolchen Ra— des um ein Kleines zu acceleriren, und ſo ge⸗ „„ denke ich meinerſeit zu thun. Wiſſe die Gobau, fuhr ſie fort, daß ich nicht gänzlich ohne inquie- tude bin, trotz etwelcher Urſachen, die hier zu berühren unnütz, das Contraire zu ſein?— Ich fürchte, unſers gnädigen Herrn Geſundheit iſt nicht allewege ſo Horissant, als man ſich flattiret, und es haben ſich allerlei symptomes gezeiget, welche mich allarmiren. Der accident, Sie weiß, mit dem Bilde da unten, kommt mir nicht aus dem Sinn; ſollte derſelbe wirklich etwas zu bedeuten haben? Jene verſetzte mit bitterm Lächeln: Wenig⸗ ſtens wird das Urbild des Andern eben ſo wenig aufrecht verbleiben. Ich will keinen Theil der Wiſſenſchaft gering achten, die mich die Mutter gelehrt, doch iſt einer derſelben zuverläſſiger als der andere. Was auch jenes Spiel des Zufalls ſagen will, Der, welcher ſtand, wird früher fal⸗ len, als Der, den das Ungefähr von ſeinem Ge⸗ ſtelle herabwarf.— Dieſer tröſtlichen Verſcherun ungeachtet ſagte die Neidſchütz kopfſchüttelnd: Nun, wir wollen es wünſchen. Aber es hat am Morgen des ge⸗ ſtrigen Tages Monseigneur ein bedenklicher Zufall — 135— betroffen, eine Art von Ohnmacht, jnmitten des déjeuné.—— Den Kurfürſten? fiel Eſtevania. ein und beinah erſchreckt. So iſt es bei dem dcjeuné, nnes er ein⸗ genommen mit dem Prinzen.—— Mit dem Prinzen alſo, ließ ſich abermals die Andere mit einem erleichternden Seufzer und unterdrücktem Hohnlächeln vernehmen.— Zwar, fuhr die Ma⸗ trone fort, ging ſothaner accident ziemlich ſchnell vorüber, alſo daß er keine große Senſation gema— chet; aber er hat ſich heut⸗ repetiret ungefähr um die nämliche Stunde, und wiewohl er nicht län⸗ ger angehalten, als das andere Mal, ſchütteln dennoch die Leibmedici die Köpfe.— Und dem Prinzen iſt nichts begegnet? fragte die Spanierinn flüchtig; dann fügte ſie aber ſo⸗ gleich hinzu: Doch, wer iſt vor dem Falle ſicher, ſtehe er auch noch ſo feſt und ſtolz und triumphi— rend? Ich meine, ſolche Ohnmachten dürften auch Andern zuſtoßen und nicht ſo ſchnell vorüber⸗ gehn.— Die Frau von Neidſchütz bemerkte nicht ein gewiſſes Schwanken in ihrer Dienerinn Stimme, und endete weiter: Weil es denn nicht alſo raſch — 236— von Statten gehen mag in gewiſſen Dingen, und leider manchmal die Natur gleichen Schritt hält mit der Kunſt, welches Gott hier verhüten mag, ſo erfordert die Fürſicht, daß man das Beabſich⸗ tigte präcipitire. Dazu ſind nun verſchiedentliche mesures nothwendig, über welche, da ich Sie, meine Tochter, meines Vertrauens würdig befun⸗ den, mit Ihr conferiren will. Aber, was ſie⸗ het Sie denn ſo ſtarr nach dem Tiſche dort? Iſt es doch, als habe Sie gar keine Attention auf das, was ich ſpreche.— Wirklich war Eſtevaniens Blick ſeit einer Mi⸗ nute ſchon auf einen höchſt unbedeutenden Gegen⸗ ſtand geheftet; eine bunte Papierhülſe war es, deren leeres Innere leicht gefärbt erſchien mit röth⸗ lichem Gelb. Sprechet, gnädige Frau, ſagte ſie darauf hindeutend mit gepreſſter Stimme, ſprechet, was iſt das?— Dann ſetzte ſie mit mühſamer Faſſung hinzu: Wenn ich nicht irre, ſo war in dieſem Papier eine Erfriſchung, die ich in der Heimath wohl, doch hier noch nicht geſehn. Sie iſt von trefflichem Geſchmack und— auch ich verſtehe ſie zu bereiten.— Drauf ſchritt ſie an den Tiſch und betrachtete die Hülſe, doch —— in einer Stellung, die der Gräfinn ihr Antlitz verbarg. Ich muß mich höchlich verwundern, ließ dieſe ſich unwillig hören, daß Sie, indem ſolch im⸗ portante Sachen auf dem Tapet ſind, ſich mit derlei Bagatellen occupiret. Nun ja, in dem Dinge, das Sie obſerviret, war eine Conserve von Orangen befindlich, wie man ſie in Spa⸗ nien präpariren ſoll. So ſagt Seine Durchlauch⸗ tigkeit, welche dieſelbe Madame la Comtesse de Rochlitz mitgebracht im Scherz, die denn auch sentimental, wie ſie iſt, und großen Werth auf ſolche attentions legend, die Delikateſſe ganz allein verſpeiſet hat, ohne davon Jemand ein Stück⸗ lein zu gönnen. Immerhin, man muß auch ſchlechte Gaben nicht gering achten von Dem, welcher die allerkoſtbarſte ertheilen mag. Iſt nun der Frau Gobau Curioſität befriedigt, und hat dieſelbe Muße, mich anzuhören?— Ich ſtehe zu Ihro Excellenz Befehl, ſagte die Spanierinn mit feſter Stimme, und ihr An⸗ geſicht war ruhig, als ſie wieder zu der Matrone trat, und blieb es während der darauf folgenden langwierigen Mittheilung. Erſt nachdem dieſe ſie des Breitern über verſchiedene Hof⸗ und Staats⸗ — 238— intriguen belehrt hatte, angeſponnen um die kur⸗ fürſtliche Eheſcheidung; nun da, wie ſie andeu⸗ tete, das größte Hinderniß bald hinweggeräumt ſein werde, um der Tochter Erhebung zu beſchleu⸗ nigen, nachdem ſie die Rolle auseinandergeſetzt, welche ſie der ſtummen Zuhörerinn bei dieſen In⸗ triguen zudachte, und ſich ſogar verlauten laſſen, man könne vielleicht ihr bewieſenes Talent und Dienſteifer auch wiederum bei einer hohen Per⸗ ſon des andern Geſchlechtes gebrauchen, dann erſt nahm dieſe das Wort. Die gnädige Frau ver⸗ gönne mir, mich zu entfernen, ſprach ſie mit der Zuverſicht, welche geleiſtete und geforderte Dienſte ſolcher Art auch dem Abhängigen gewäh⸗ ren. Ich habe viel zu ſchaffen gehabt in dieſer letzten Zeit, und bedarf der Ruhe und Erholung. Gehe Sie, meine Tochtee, ſo entließ ſie die milde Gebieterinn, und pflege ſie ihres Leibes, vor allen Dingen aber ſei Sie gutes Muths und vertraue auf meine Gnade.— Doch nicht der Ruhe überließ ſich Eſtevania in ihrem Gemach, zu dem ſie eilte, und welches ſie nach ihrem Eintritte hinter ſich verſchloß. Sie durchſchnitt es mit heftigem, unregelmäßigem Schritte nach allen Richtungen, unverſtändliche — 239— Worte vor ſich hin murmelnd, nach und nach ging ſie langſamer, endlich ſtand ſie ſtill, und die abgebrochenen Laute geſtalteten ſich zur Rede. Wahrlich, eine ſchlechte Gabe, ſprach ſie mit dumpfer Stimme, und eine furchtbare dazu, und ein ſchmählicher Erſatz für Hermelin und Kurhut. Ihr ahnet es nicht, Frau Gräfinn, daß jenes nichtsnützige Stücklein Papieres Eurer Tochter Verhängniß umſchloß und das Eure, das Eure, die Ihr mich in thörichter Hoffart Eurer Gnade verſichert, einer Gnade, welche vielleicht bald der geringſte ſächſiſche Bettler verſchmähen wird. Als Euer Werkzeug betrachtet Ihr mich, Ihr, die Ihr das meinige ſeid, und rufet mich auf zu neuem Mord. Ich aber morde nur da, wo es mir behagt. Was kümmert es mich auch, ob dieſe Kurfürſtinn lebe; habe ich doch genug ge⸗ than für mich. Aber, fuhr ſie lauter fort, und ihre Augen ſprühten Funken, aber hab' ich es auch? Nur zu gewiß hat der Kurfürſt vom ver⸗ botenen Apfel gegeſſen, den ihm ſein bös Ver⸗ hängniß gereicht, das ihm geweiſſagt war von den Klugen im Lande, geſchrieben ſtand in den Unglück deutenden Zügen ſeines Antlitzes, ver⸗ kündigt durch manch Vorzeichen. Aber ſollte es vorübergegangen ſein an ihm? RNein, das kann nicht, das darf nicht ſein; Gaben, wie die meinen— die graue Sünderinn, die ich eben verlaſſen, hat es geſagt— ſpotten der Conſtel⸗ lationen, und der Glücklichſte entrinnt nimmer dem Tode. War er nicht mit dem Andern? Lange mag der Wurm am Marke der jungen Eiche nagen, ehe ihre Zweige ſich entblättern, aber der Augenblick kommt doch, da ſie verdorrt zuſam⸗ menbricht.— Sie ſchwieg hier und begann erſt nach einer Weile von Neuem: Zween Brüder auf einmal, zween Brüder in der Blüthe der Jahre? Mag auch die Senſe des Schnitters, den einen Halm niedermähend, den andern verſcho— nen, der allzudicht neben ihm ſtehet? Den Ei⸗ nen hatt' ich mir zum Opfer erkohren, den An⸗ dern das Schickſal, welches keinen Meiſter erkennt. Und auch ſie?— Fahre hin! Was ſoll es mit dem Epheu, wenn der Stamm danieder iſt, den er umſchlang? Beſſer iſt ihm, er vergehe zu⸗ gleich mit demſelben, als daß man ihn, am Bo⸗ den kriechend, zertrete. Und die Mutter, ſie mag haben, was ihr Heuchelei und tolle Ehr⸗ ſucht bereitet! Ein ganzes Kurhaus mit einem Streich; — 241— wahrlich, mein Prinz, nichts Geringes für eine Brut der Zigeuner. Man wird, meine ich, in Dresden lange genug der Eſtevania Levas geden⸗ ken, der weiſen imene Tochter, oder wenn auch nicht ihrer ſelbſt, die ſolchem Ruhm entſagt, doch deß, was ſie gethan. Nimmer hätte jener Wei⸗ ßenfelſiſche Herzog, als er mir beim Abſchied ein winzig Goldſtücklein verabreichen ließ als hoch⸗ fürſtliche Verehrung, nimmer hätte er wohl ge⸗ glaubt, es werde ihm ſo reiche Zinſen tragen; denn der Kammerzofe Gegengeſchenk darf man in der That ein fürſtliches nennen. So verging der Herbſt und ein Theil des Winters; beide Partheien fuhren fort, ihre An⸗ gelegenheiten zu betreiben, zumal in Wien, wo⸗ hin der Kurfürſt einen ſeiner geheimen Räthe ge⸗ ſendet hatte, wohl unterrichtet durch den Frei⸗ herrn von Seckendorf, der Prinz aber Herrn Viz⸗ thum von Eckſtedt, unter dem Vorwande einer Luſtreiſe nach Baden; denn obſchon die verwitt⸗ wete Kurfürſtinn dieſe Wahl höchlich mißbilligte, behauptend, ſolch hochwichtiges negotium dürfe nicht durch einen jungen Menſchen frivoler Den⸗ kungart betrieben werden, ſo meinte Friedrich Au⸗ guſt, gerade zu dieſem ſeien Gefügigkeit und Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 16 — 242— Weltkenntniß die erforderlichen Eigenſchaften. Dem ſei wie ihm wolle, der gelehrte Geheime⸗ rath ſchien über den klugen Hofmann den Sieg davon zu tragen; denn als der Letztere nach Dres⸗ den zurückkehrte, überreichte er ſeinem Herrn ein Antwortſchreiben des römiſchen Königs, worin derſelbe ihn zwar ſeines guten Willens verſicherte, aber mit Bedauern zu erkennen gab, wie dieſer bis jetzt ohne Wirkung geblieben. Es haben ſich, ſo ſchrieb der Sohn Leopolds I., die Sachen Dero Herrn Bruders, wie auch Unſers hochgebornen Vetters und Oheims, des Kurfürſten Liebden Affaires gar günſtig geſtaltet durch den Access Dero Herren Lehensvettern Albertiniſcher Linie, der Herzoge zu Weißenfels, Merſeburg und Zeiz, vornehmlich aber des Erſten, noch mehr aber durch die Promeſſe Seiner kurfürſtlichen Durchlauchtig⸗ keit, 6000 Mann Fußvolk und 2000 Mann Reiterei als extraordinaire Hülfe gegen den Türken in un⸗ ſerm Königreiche Hungarn zu ſtellen und auf ei⸗ gene Koſten zu entreteniren, eine Promeſſe, welche in jetzigen bedrängten Zeiten allewege etliche im⸗ pression auf Unſeres Herrn Vaters kaiſerliche Ma⸗ jeſtät gemachet. Wollen dannenhero Unſeres freundlich geliebten Herrn Vetters Liebden un⸗ — 243— verhalten ſein laſſen, wie es Noth thun wird, daß Derſelbe in eigener Perſon deciſive Maaßregeln nehme, zum Exempel durch eine Interpellation an Kaiſer und Reich in optima forma.— Zu einer ſolchen Interpellation in optima forma konnte ſich indeß der Prinz in Rückſicht auf ſeinen Bruder nicht entſchließen, und ſo ſchienen die Angelegenheiten der Frauen von Neidſchütz den erwünſchten Ausgang zu nehmen. Die beiden Kurfürſtinnen zeigten ſich ſelten oder nie öffent⸗ lich; der Hof, welcher die Scheidung als beinahe gewiß betrachtete, fing an, ihre Gemächer zu meiden; das Vorzimmer des Flügels am Ta⸗ ſchenberge füllte ſich täglich mehr, und Prinz Au⸗ guſt ward, ſeitdem er ſich wiederum dem Bruder genähert, oder vielmehr ſeit er ſich von Chriſtia⸗ nen Eberhardinen entfernt, ſeltener mit ſeinem Beſuche bei den bekümmerten Damen, und lauer in ſeinen Tröſtungen. Man hätte glauben ſol⸗ len, der nahe Erfolg werde die Mutter von Neid⸗ ſchütz befriedigen; dieſes war jedoch nicht ganz der Fall; ihren Stolz erhöhte er zwar, und ſie ließ ihn genugſam denen empfinden, welche ſich ihr ſcheu und unterwürfig näherten, aber die Ver⸗ trauteſten ihres Hauſes gewahrten nicht ſelten an — 244— ihr die Spuren des Stundenkummers, der ſich bei der Dame nicht in Traurigkeit äußerte, ſon⸗ dern in übler Laune und verdoppelter Bitterkeit. Man wollte bemerkt haben, daß dieſe Stimmung vornehmlich wiederkehre, ſo oft von der Munter⸗ keit des Prinzen bei Hofe die Rede war, und von ſeinen Waidmannsthaten auf der Jagd, zu wel⸗ cher Johann Georg IW. ihn ſeltener begleitete als ſonſt. Eben ſo ſelten erſchien die Gräfinn von Rochlitz am Hofe, und wenn dies geſchah, wollte das ſcharfe Auge der Damen wahrnehmen, daß ſie den ſonſt ſo viel als möglich vermiedenen Gebrauch der Schminke jetzt nicht mehr verſchmähte; auch war ein dumpfes Gerücht im Umlauf von allerlei ſeltſamen vapeurs des ehemaligen Fräu⸗ leins von Neidſchütz. Auch über den Kurfürſten ſprach man Aehnliches, und hin und wieder ſo⸗ gar in den geſellſchaftlichen Kreiſen der Reſidenz hatten die Leibärzte bedenklich die Wolkenperücken geſchüttelt; und obſchon die alte Gräfinn, welche Mißfallen fand an ſolcher Geberde, dieſe Kopf⸗ ſchüttler entfernte, obgleich Klügere, die an ihre Stelle traten, mit großer Zuverſicht bekannt mach⸗ ten, die höchſte und hohe Geſundheiten befänden ſich im erwünſchteſten Statu, ſo erhielt ſich jenes — 245— Gerücht doch im Stillen bei Hofe. Auch unter dem Volke ſagte man lauter, es gehe nicht mit rechten Dingen zu bei dem gnädigſten Herrn und ſeiner Maitreſſe, und Mancher bemerkte, um den Landesvater ſei es wohl Schade, doch ſie trage nur der Sünden Schuld. Die Gattinn des Hof⸗ bettmeiſters war ſeit einiger Zeit abweſend mit Urlaub ihrer Gebieterinn, vielleicht, um eine je⸗ ner ihr zugedachten Rollen durchzuführen, viel⸗ leicht auch, weil man ſie bei neuen Aufträgen nicht ſo willig gefunden hatte, als bei dem er— ſten, oder weil der Mitwiſſer um Gefährliches ſelten ein Gegenſtand iſt, den man gern ſieht. Ihre Entfernung erleichterte in etwas das Herz des Kaſtellans, doch ſollte dieſe Erleichte⸗ rung nur von kurzer Dauer ſein. Plötzlich, gleich nachdem, als der Prinz den Jahrestag ſeiner Ver⸗ mählung durch ein Ringelrennen und Lanzenſte⸗ chen gefeiert und mit gewohnter Geſchicklichkeit und Kraft beide Preiſe davon getragen hatte, während der Kurfürſt, welcher einſt nach ihm der Weckerſte geweſen, ſich auf die Lehne ſeines Bal⸗ kons ſtützend, mit trübem Auge und mattem Lä⸗ cheln dem rüſtigen Bruder zuſchaute, ungefähr um dieſelbe Zeit, als der Kammerherr von Wien — 246— zurückkam, erſchien Eſtevania wiederum in den Gemächern der Neidſchütz. Ihr Geſpräch mit der alten Dame war kurz, nach dem Bericht, mit welchem einer ihrer Lakaien im kurfürſtlichen Ku⸗ fen⸗ und Schankhauſe die wißbegierigen Bürger vergnügte.„Als ihn ein Gewerbe nach dem Zimmer Ihro Excellenz geführt, habe er draußen noch derſelben keifende Stimme gehört, ihm ge⸗ nüglich bekannt durch Gewohntſein, wie er aber eingetreten, nur die Worte der Kammerfrau: Noch eine kurze Friſt, und uns ſoll die Gewiß⸗ heit werden. Die gnädige Frau denke nicht, daß ich etwas vergeblich thue oder halb. Drauf, fuhr er fort, ging ſie durch die Antichambre, und war ſeltſamlich anzuſchauen und wie wüthend, alſo daß ich mich vor ihr retirirte; ich ſah aber noch, wie ſie, die junge Frau Gräfinn Excellenz er⸗ blickend, die eben hereinkam, die Hände vor das Geſicht ſchlug und ſpornſtreichs davon lief. Da bemerkte ich denn zum erſten Male, denn unſer Einer bekommt die Gnädigen ſelten anders zu ſehen als im vollen Staat, wie meine junge Dame ſo blaß ausſah und krank. Und ſie iſt auch krank, ob man es ſchon nicht Wort haben mag, und die Frau Mama den Tafeldecker weggejagt hat, weil — 247— er davon geredet; aber käme ich zehn Mal um den Dienſt, ſo ſage ich doch, ſie iſt krank, weil ſie nimmermehr geſund iſt, und das iſt zum Er⸗ barmen; denn, hier erhöhte er auf den Tiſch ſchlagend die Stimme, um das ſich erhebende Murmeln der Mißbilligung zu übertäuben, denn ſie iſt eine gar gute und gnädige Dame, was auch Solche ſchwatzen mögen, die von derlei Dingen nicht ſo viel verſtehn, als wir Leute bei Hofe. Von der gnädigen Mama, nun da wäre wohl Eines und das Andere zu ſprechen, verböte es nicht der ſchuldige Reſpekt, und der gute Lohn, und die vielen Trinkgelder von den Hofherren und Beamteten, die täglich kommen; die Kammer— frau aber iſt gar des Teufels Unterfutter, wor⸗ über man ſich auch nicht verwundern mag; denn ſie ſoll eine Katholikinn ſein oder Zigeunerinn, ich weiß nicht was von beiden.“ Der Gottesdienſt war beendet, und auf dem Gange, welcher damals die evangeliſche Hofkirche mit dem Schloſſe verband, drängte ſich, wie noch heut' zu Tage an deſſelben Schloſſes entgegenge⸗ ſetzten Seite geſchieht, eine Menge Menſchen, die vorübergehenden hohen Herrſchaften zu ſchauen. Frau Anna Sophia ſchritt zuerſt einher, gefolgt — 248— von einem Hofjunker, der das Geſangbuch trug, in ſchwarzen Sammet gebunden, mit goldenen Haken und Schnitt, und von mehren Pagen, auf deren Armen die Schleppe der fürſtlichen Dame ruhte. Sie blickte ſtolz umher und heiter; denn ſie wollte nicht vor dem Volke als eine Wittwe erſcheinen, deren Anſehen und Einfluß mit dem Gemahl zu Grabe getragen worden, als, wie ſie es doch war, nur geduldet am Hofe ihres Soh⸗ nes, und des Augenblickes gewärtig, wo ſie ge⸗ zwungen ſein würde, denſelben zu verlaſſen. Ganz anders war die regierende Frau zu ſchauen. Dieſe fand Gefallen daran, ihr Leid zur Schau zu tra⸗ gen, und ſich als eine Bedrängte und Unterdrückte bemitleiden zu laſſen, ja ſogar die Haltung ihres Leibes hatte etwas von einer Kreuzträgerinn an ſich. Hinter ihr ging die Prinzeſſinn, anſchei⸗ nend in tiefes Sinnen verloren; dennoch war ſie durchdrungen von den Donnerworten der Homilie, welche der Oberhofprediger ganz in ihrem Sinne gegen das wachſende Verderbniß der argen Welt geſchleudert hatte, und ſie bemühte ſich eben, ei⸗ nige Kraftſtellen derſelben ſich in das Gedächtniß zu prägen, um ſie bei Gelegenheit ihrem Ehe⸗ herrn zu Gemüthe zu führen. Dieſer aber ſchritt — 249— ſtattlich und munter elnher an der Seite des Kur— fürſten, wahrſcheinlich mit ganz anderen Dingen beſchäftigt; denn ſeine Augen flatterten, der Biene gleich, über das buntfarbige Beet der Schauen⸗ den dahin, ob ſie nicht irgendwo eine Roſe er⸗ ſpähten, oder auch nur eine beſcheidene Viole. Da erſcholl plötzlich mitten unter der Menge ein Schrei, wie das verletzte Raubthier ihn aus⸗ ſtößt in ſeiner Angſt und ſeinem Ingrimm, und man ſah ſich betroffen um, und der Zug ſtockte einen Augenblick, und bewegte ſich dann erſt wei⸗ ter, als ſich dargethan, jener ſeltſame Ton ſei nicht ausgegangen von irgend einem ſo gefähr— lichen Eindringling, ſondern nur von einer recht wohlgebildeten jungen Frau, welche ſich in einem Zuſtande halber Ohnmacht befand, zweifelsohne durch das Gedränge veranlaſſt. Herr Vizthum von Eckſtedt geſellte ſich als⸗ bald zu denen, welche die Wankende helfend um⸗ ringten, und bot der Erkannten ſeinen Beiſtand an und den Schutz, welchen ſeine goldgeſtickte Hofuniform und der an derſelben hängende Schlüſ⸗ ſel ihr gewähren konnten. Jene wies aber die Unterſtützung zurück; auch rief Herzog Auguſt mit befehlendem Tone den Kammerherrn zu ſich, — 250— und zum erſten Male, wenigſtens bei ſolcher Ver⸗ anlaſſung, hörte der Letztere von ſeinem Durch⸗ lauchtigen Gönner mißbilligende Worte, welche dieſer ihm mit finſterer Stirn⸗zuraunte. Eſtevania war es.— Beunruhigt durch einige Andeutungen der Verdacht ſchöpfenden Dame von Neidſchütz, und durch das, was die öffentliche Stimme flüſterte oder ausſprach, be⸗ ſchloß ſie, ſich durch eigenen Anblick Gewißheit zu verſchaffen, und kaum hatte ihr Auge, kun⸗ dig der Wirkung deſſen, was ihre Hand vollbracht, den bleichen, wankenden Johann Georg erblickt neben dem kräftigen, wacker einherſchreitenden Bruder, als ihr klar ward, daß der ſchlanke Ahorn im innerſten Leben verletzt ſei vom nagenden Wurm, und traurig ſeine Blätter ſich ſenkten, die Eiche aber fort und fort grüne in ihrer unverſehrten Kraft. Da fiel die Natter der Reue ihr Herz an mit ingrimmigen Biſſen, nicht der Reue über begangene Unthat, über das Verſehen nut, wel⸗ ches den Zweck derſelben vereitelt; es beſchlich ſie ſogar eine Art Mitleid mit den Opfern dieſes Ver⸗ ſehens, doch geſtaltete es ſich in ſolchem Gemüth nur zu verdoppelter Wuth gegen den, welchen ſein glücklich Geſtirn ihrem Streiche entzogen. — 251— Sie floh in ihr Gemach zurück und vor ei⸗ nen Schrank, den ihre Hand mit zitternder Hef⸗ tigkeit aufthat. Ihr unſtäter Blick muſterte den Inhalt deſſelben, ein Arſenal des Todes, von Mutter Timene der Tochter vererbt; ſie raffte die tödtlichſten, am ſchnellſten verderbenden Waf⸗ fen unter allen, die ſich da befanden, zuſammen, und ſchlüpfte mit einbrechender Nacht durch die Gänge des Schloſſes. Im größten Theile deſſelben herrſchte ſchon tiefe Stille, die jedoch nicht immer von der Ruhe begleitet iſt. Die Zimmer der verwittweten Kur⸗ fürſtinn ſtanden verödet und einſam; ihre Hof— fräulein, froh, abermals das Ende eines lang⸗ weiligen Tages erreicht zu haben, hatten ihre La⸗ gerſtatt geſucht, die Eine von ſchönen Roben zu träu⸗ men und von Fontangen und Engageanten, die An⸗ dere von künftigen Eheherren, vom Prinzen vielleicht das Fräulein von Keſſel. Nur im Kabinet der Frau Mutter brannten zwei Kerzen, bei deren Schein dieſe mit brillbewaffnetem Auge eine jener Flage⸗ ſchriften durchſah, die beinah allwöchentlich von Dresden nach Kopenhagen wanderten. Eleonore von Sachſen⸗Eiſenach hatte ſich eben nach dem Schlußworte der heutigen Abendandacht dem * — 252— Schlummer überlaſſen, der einzigen Erquickung ihres freudenleeren Daſeins; um das Lager ihres Gemahls aber, dem dieſe Erquickung verſagt war, ſchlichen auf den Zehen vertraute Diener und Aerzte ſchweigend mit leiſem, leiſem Tritte, die Einen, das ſtreng empfohlene Geheimniß nicht durch Geräuſch zu verrathen, die Andern, weil ſie eben nicht viel zu einer Krankheit zu ſagen wuſſten, von welcher ihre Gelahrtheit nichts be⸗ griff. Nur in dem Flügel, welchen der Prinz bewohnte, war noch Licht und Bewegung, und hierher lenkte ſich Eſtevaniens Schritt. Vor wenig Minuten erſt war Herzog Frie⸗ drich Auguſt von ſeiner Gemahlinn zurückgekom⸗ men. In etwas übelm Humor befand ſich Seine Durchlauchtigkeit; denn die Mrinzeſſinn, die Abſicht verkennend, in welcher ihr fürſtlicher Ehegenoſſe nach aufgelöſtem Abendzirkel bei ihr verweilte, hatte verſucht, ihm die heutige Pre⸗ digt zu commentiren, ein Beſtreben, welches, nicht die beſte Aufnahme findend, der Rednerinn zur Unzeit im Gegentheile ſelbſt eine etwas hef⸗ tige oration zuzog. Bei der Heimkunft lud er, wie manchmal ſeinen vertrauteſten Ehrendienern geſchah, Herrn Vizthum ein, den Nachttrunk — — 5 — 253— mit ihm zu theilen, um, wie er verdrießlich bei⸗ fügte, durch Geplauder von vergangener Zeit die Langeweile der jetzigen zu verſcheuchen. Eben verfügte ſich, dieſem Gebot zufolge, der Kammerherr nach dem fürſtlichen Schlafge⸗ mach. Er trug in der rechten Hand einen gro⸗ ßen Kredenzteller mit zwei Pokalen voll gewürz⸗ ten Weines, welcher nach dem Gebrauch der Zeit beinahe immer die Genüſſe des Tages beſchloß. Er verſchmähete nicht, die adliche, zarte, be⸗ ringte, von Spitzenmanſchetten umfloſſene Rechte dieſem Geſchäfte niederer Dienerſchaft zu leihen; denn das Gerücht von dem in letzterer Zeit Vor⸗ gefallenen hatte am Hofe zu Dresden eine Art ſchwankenden Argwohnes hervorgebracht; man war ſehr vorſichtig in Bereitung und Ueberreichung Alles deſſen, was zu der durchlauchtigen Per⸗ ſonen Leibesnahrung und Nothdurft gehörte, und ſo empfing denn gemeiniglich Herr Vizthum von Eckſtedt, Herr von Flemming oder ein anderer Kavalier aus den Händen des Mundkochs die ge⸗ nannte Erquickung, damit der Genuß derſelben das Leben des Gebieters nicht gefährde und ne⸗ benbei das eigene. Indeſſen ward die ſilberne und goldene Laſt — 254— dem wenig an Mühe gewohnten Hofmann bald zu ſchwer, er ſetzte ſie auf einen Tiſch und ſich daneben, um etwas auszuruhen von der gewal⸗ tigen Anſtrengung; da that die Thür ſich ge⸗ räuſchlos und langſam auf, und in der ſchmalen Oeffnung ließ ſich ein ſchwarzer Schleier ſehen, und nur halb verdeckt vor ihm zwei glänzende Augen. Der Gegenſtand, die Zeit und die verſtohlene Weiſe, in welcher er ſich zeigte, ließen den jun⸗ gen Edelmann auf ein galantes Abentheuer ſchlie⸗ ßen, vielleicht dem Prinzen beſtimmt, vielleicht ihm ſelbſt, und für beide Fälle bereitwillig, ſtand er auf und ging der zögernd Eintretenden einige Schritte entgegen. Ich komme, Don Carlos, flüſterte Eſteva⸗ nia ſo mild, ſo gewinnend und auch ſo reizend angethan, wie wir ſie bereits einige Male Herrn Vizthum gegenüber ſahen, ich komme, mein Verſprechen zu halten, von deſſen Erfüllung mich damals Eure Abweſenheit vom Gartenpalaſt ver⸗ hinderte, und ſpäter die meinige von Dresden. Der Schatten, den der Kronleuchter auf das Antlitz des Kammerherrn warf, hatte die Spre⸗ chende nicht bemerken laſſen, wie dieſes ſich bei ihrem Anblick ſtracks verfinſterte; die dunkeln — 255— 5 Warnungen des Kaſtellans, ſeit einiger Zeit häu⸗ figer und nachdrücklicher wiederholt als je, hatten endlich einige Wirkung gemacht; die Worte, welche der Prinz am Morgen zu ihm geſprochen, waren noch zu friſch in ſeinem Gedächtniß, und welches auch ſeine Empfindungen für die Spanierinn ſein mochten, ſo gehörte doch für den Hofmann eine Perſon, die der Gebieter als den Gegenſtand ſei⸗ ner Abneigung bezeichnet, mit der er ihm jede nähere Berührung ſtreng unterſagt hatte, nicht mehr der Welt an. Ihr Erſcheinen war ihm demnach keinesweges erfreulich, und er antwor⸗ tete ziemlich trocken: Es befremdet mich in der That, die Señora Gobau ſo ſpät hier zu ſehen, ſo ſpät in beiderlei Sinne des Wortes. Jenes Verſprechen glaubte ich Ihr bereits erlaſſen zu müſſen, wie ich auch kaum meine, ich dürfe den ſelt⸗ ſamen Jrrthum bedauern, der mich damals Ih⸗ rer Gegenwart verluſtig gehen ließ. Wer weiß auch? erwiederte Jene zweideutig; dann ſetzte ſie hinzu, verſuchend, ſich in den frü⸗ hern Ton zu ſtimmen: Aber wahrlich, mein gnä⸗ diger Herr, Ihr empfanget mich nicht ganz, wie es einer Bundesgenoſſinn zukommt. Ihr habt mich meines Verſprechens entlaſſen? Ich aber — 256— entließ mich ſelbſt deſſen nicht. Wollet Ihr mich anhören, was ich Euch zu ſagen habe, mein theurer Don Carlos? Es war eine Zeit, da Ihr mich glauben machtet, Ihr wünſchtet meine Ge⸗ genwart um mein ſelbſt willen; iſt das nicht mehr, und hab' ich mich getäuſcht in Euch? Nun, wenn dem ſo iſt, ſo höret mich Euch ſelbſt zu Lieb; denn wahrlich die Zeit drängt, und Vorſicht iſt nöthiger als je. Vergeblich wand die ſchöne Schlange ſich in glänzenden Ringen vor dem, welchen ſie zu um⸗ ſtricken gedachte, fruchtlos verſchwendete ſie ſüße Worte, feurige Blicke und lockende Geberde; denn kürzer noch und trockener als vorher ward ihr der Beſcheid: Man ſagt wirklich, einige Vor⸗ ſicht ſei nicht ganz unnütz in jetzigem Zeitlauf, und auch ohne Eure Mittheilung, Senora, ſind wir deß überzeugt. Was ſollen uns auch jetzt dieſelben; gehet doch Alles, wenigſtens meinet man ſo, drüben ganz herrlich von Statten, und man glaubt ſich am Ziele ſeiner Wünſche.— Ja wahrlich, nicht fern iſt man dort vom Ziele aller Wünſche, verſetzte Jene mit dumpfem Lachen. Aber, fuhr ſie in dem frühern Tone fort: Ihr ſcheinet mich des Abfalls anzuklagen, und redet zu mir, zu mir, die in thörichter Schwäche Euch nur zu ſehr in mein Herz blicken laſſen, als zu einer Genoſſinn Eurer Feinde. Ich bin es nicht, ich bin nicht, was Ihr denkt, und alsbald werde ich Euch davon überzeugen, wie von andern Dingen, ſo Ihr den Zugang dieſes Zimmers verſchließen wollet auf kurze Zeit; denn dieſe genügt, Euch zu zeigen, wie die Verkannte geſonnen iſt für Euch, für Euch, Don Carlos Vicedom insbeſondre. Thuet alſo; denn hier ha⸗ ben die Wände Ohren, und das der Neidſchütz iſt ſcharf.— Und abermals fiel ein zärtlicher Blick ihres Auges auf den Kammerherrn, ein zweiter aber fiel auf die Pokale und haftete an ihnen; denn wirklich nur eines Augenblickes be⸗ durfte ſie, eines Augenblickes, in dem Jener ſich entfernte, und ein halbes Lächeln flog um ihre Lippen, vielleicht bei dem Gedanken, daß mit Dem, der ihre Seele mit Liebe erfüllte und mit Haß, auch der Andere ihre Gabe theilen werde, deß mißfällige Bewerbung ſie ſo lange ertragen. Dies Lächeln verſchwand indeß ſehr bald; denn mit vornehmer Kälte ſprach Vizthum: Wie ich geſagt, ſo iſt es gegenwärtig zu ſpät für Euer Anbringen; vielleicht dürfte auch das Alleinſein Die Frauen v. Neidſchütz. 1I. Bd. 17 mit ſolch ſchöner Seßora gefährlich werden, wäre es möglich an dieſem Ort. Selbigen zu ver⸗ ſchließen, iſt nicht thunlich; denn immer bliebe die Thür jener Zimmer geöffnet, und der ſie be⸗ wohnt, dürfte keinen Gefallen an Eurer Gegen— wart haben. Geſtattet denn, daß ich mich zu ihm begebe, und nehmet den Rath an, Euch gleichfalls ſchleunig zu entfernen. Der Weg iſt nicht kurz nach dem Taſchenberge, die Zeitläufte ſind nächtlicher Wanderung nicht günſtig, und Ihr könntet leichtlich auf Jemand ſtoßen, der minder galant gegen Euch wäre als ich aus alter Bekanntſchaft und Achtung für das ſchöne Ge⸗ ſchlecht. Hier ergriff er die Kredenzplatte, und verſchwand nach einer halben Kopfneigung in der bezeichneten Thür, deſſen Riegel gleich darauf vorſprang. Die Wuth deſſen, welchen ihre Mutter einſt Meiſter genannt, loderte in dem Blicke, den ſie dem Abgehenden nachſandte; zu den Gefühlen, die, Jenen nicht verläugnend, in ihrem Innern tobten, geſellte ſich eines noch, das Gefühl be⸗ leidigter Eitelkeit; ſie ſtampfte mit dem Fuße den Boden, drauf einen Dolch aus dem Gürtel rei⸗ ßend, ſtieß ſie mit ihm in die leere Luft, als — 259— wolle ſie Einen von denen treffen, oder Beide, welche die geſchloſſene Pforte von ihr ſchied; dann wandte ſie ſich, und rannte, den Stahl noch im⸗ mer empor haltend, dem Ausgange zu. Aber hier trat ihr wiederum Jemand entge⸗ gen, und wahrlich nicht ein Freund; denn es war Bartholomäus, ihr Mann. Geängſtet durch die Vorfälle, welche ſich je⸗ ner Erſcheinung Eſtevaniens im Gartenpalaſt an⸗ zuſchließen ſchienen, nur wenig beruhigt durch das theilweiſe Verſtummen der Gerüchte, die in ſei⸗ nen Augen noch mehr Wahrſcheinlichkeit hatten, als in den Augen Anderer, und durch die Abwe⸗ ſenheit Eſtevaniens, erwachte ſeine ganze Beſorg— niß, als er erfuhr, dieſe ſei zurückgekehrt. Er hatte den ziemlich weiten Weg vom großen Garten her nicht geſcheuet, noch des Eiſes und Schnees, der ihn bedeckte, und eilte zur ſpäten Nachtzeit noch nach dem Schloſſe, um den Kammerherrn Vizthum aufzufinden. Er wollte die in letzterer Zeit oft gegebenen Warnungen wiederholen, und dringende Ermahnungen zur Behutſamkeit, ohne jedoch vhn dem Geheimniſſe zu reden, welches er, ſelbſt nur zum Theil Meiſter deſſelben, mehr vor⸗ ausſetzte als kannte. Wir mögen ihm nicht gänz⸗ „ — 260— lich die Scheu verargen, mit welcher er vermied, ein Ganzes aus einzelnen Zufällen zuſammenzu⸗ ſetzen, die, alles ihm Bekannten ohngeachtet, dennoch vom Ungefähr erzeugt ſein konnten, und als Mitwiſſer um Dinge aufzutreten, welche, wenn ſie wirklich vorhanden, abzuändern es be⸗ reits zu ſpät war, und im andern Falle ihn, den niedern Mann, ſchwerer Verantwortlichkeit aus⸗ ſetzten, auch wohl der Rache der Perſonen, auf welche ſein unvollkommen Zeugniß den Schatten eines Verdachtes geworfen hätte. So kam er denn, nicht um vielleicht ſchon geſchehenes Unheil aufzudecken, aber entſchloſſen, Neues zu verhüten, ſoviel an ihm lag; wer aber malt des armen Kaſtellans Beſtürzung, als er im Eintreten den Gegenſtand ſeiner Furcht, ſei⸗ nes Argwohnes und ſeines Abſcheues vor ſich ſah, an dieſem Orte, in dieſer Stunde, mit dem blin⸗ kenden Dolche in der erhobenen Fauſt? Er wich ein wenig zurück; denn ſie glich wahrlich in die⸗ ſem Augenblicke Einer der Zunft, welcher er ſie beigeſellte, einer Zauberſchweſter, die mit ent⸗ färbten Wangen, geſträubtem Haar und ſchlot⸗ terndem Knie, das Werkzeug des Verbrechens in der krampfhaft geſchloſſenen Fauſt klemmend, mit⸗ — 261— ternächtlicher Weile die bleiche Hekate beſchwört; doch kam ihm zu rechter Zeit der Gedanken an den Volksglauben,„wer auf Berufswegen gehe, habe Unheimliches nicht zu fürchten“, und dieſe Meinung, obgleich dem Aberglauben entſproſſen, dennoch nicht verwerflich, weil ſie ihren Nutzen haben kann in manchem Fall, erhob ſeinen Muth. Wohin ſo eilig, Madame, fragte er nicht allzulaut, aber mit aller Feſtigkeit, die er ſeiner Stimme zu geben vermochte, oder vielmehr wo⸗ her, und was habt Ihr hier zu ſchaffen in dieſer zu Beſuchen nicht allzuſchicklichen Stunde? Ich wäre verſucht zu glauben, daß meine werthe Ehe⸗ hälfte, welche mehr denn eine Tugend zieret, hier irgend einen Galan aufgeſuchet habe, wäre der Ort nicht die Anticamera Seiner Durchlauch⸗ tigkeit, Höchſtwelche von Ihr nicht ſonderlich viel wiſſen will, und trüge Sie das kleine Spielzeug nicht in den Händen, aus welchem man eher auf eine Tragödie ſchließen könnte, als auf ein zärtlich Duodrama. Laß mich, grollte ſie dumpf. Muß ich Dich denn überall auf meinem Wege finden? Laß mich, ſag' ich, Nichtswürdiger. Sie führet eine etwas unfeine Sprache für — 262 eine Frau, welche am Hofe lebet, das muß ich geſtehen. Was das in den Weg kommen betrifft, ſo wünſcht' ich von ganzer Seele, es wäre nim⸗ mer geſchehen, auch jetzunder nicht. Dieweil es ſich aber doch ſo getroffen zu meinem Leidweſen, ſo wird Sie von der Güte ſein, mir etwelche Aus⸗ kunft zu geben über dies und das, nachhero mag Sie in Gottes oder Jemand Anderes Namen Ih⸗ ren Weg fortſetzen, und führte er in die Hölle, der werthen Frau Mama derzeitigen Reſidenz. So gehe denn voran dahin, kreiſchte ſie in den Tönen der Wuth, und ihr Dolch fuhr nach der Bruſt des Meiſter Bartholomäus. Dieſer aber hatte die Hand, die ihn führte, nicht einen Augenblick aus dem Auge verloren;— die drin— gende Gefahr leiht auch wohl dem Feigling Be⸗ ſonnenheit und Muth— er ſing den Stoß auf mit ſeinem großen Hute von ſtarkem Filz, und er verlor ſich wirkungslos in der Wulſt farbiger Wolle, welche ſeine Kopfbedeckung ſtatt der ade⸗ lichen Straußfedern ſchmückte. Gleich entwand er Eſtevanien die Waffe, welche nach einem Ver⸗ ſuch, ſie durch ſeine Hand zu ziehen, die Ueber⸗ wundene ihm ohne großen Widerſtand überließ, und ſchleuderte ſie von ſich. Seid Ihr verwundet? liſpelte ſie, einen ſelt⸗ ſamen Blick auf die Rechte des Siegers werfend. Danke für gütige Nachfrage, verſetzte er, ſie unſanft bei der Schulter faſſend, und bitte, au⸗ ßer Sorgen zu ſein; dieſes Mal hat es nur mei⸗ nem Filzhut gegolten, und wollte der Himmel, er hätte alle Ihre Streiche pariret. Eſtevania antwortete nicht; ſie ſtand vor ihm, einem Steinbilde gleich, mit farbloſen Wan⸗ gen, geſenktem Auge und feſt geſchloſſenen Lip⸗ pen; der kühne Hofbettmeiſter aber, als er zum erſten Male die Gefürchtete ſo vertheidigung- und faſſunglos vor ſich ſah, gefiel ſich in der ihm ganz neuen Rolle eines Helden, und begann folgende, nach ſeiner Weiſe ernſte Rede, mit poſſenhaften Ausdrücken verbrämend: Laſſe Sie uns nun⸗ mehro ein confidentiales Wörtlein zu einander ſprechen, wie es friedſamen und einträchtigen Leu⸗ ten, gleichwie wir ſind, wohl geziemet. Es ver⸗ ſtehet ſich jedennoch von ſelber, daß ſolch Wort meinerſeit geredet werde, Sie aber ſich hüten muß, auch nur einen Laut durch die Zähne ge⸗ hen zu laſſen. Doch ſolch Verbot iſt nicht von⸗ nöthen; Sie iſt zu geſcheit, nicht zu wiſſen, das — 264— Spektakul, welches Sie hier aufzuführen gedachte, vertrage keine Zuſchauer. Ich will nichts wiſſen von dem, was ſich früher zugetragen, zum Exempel in dem von meinem gnädigſten Herrn mir anvertrauten Gar⸗ tenpalais; nicht, was meinen Schwänen im Teiche alldort paſſiret, dieweil die Sie bereits crepiret iſt, das Männlein aber kahl und gerupft ausſie⸗ het, als wäre es in der Mauſer; auch will ich nicht wiſſen, wie es gekommen, daß ein anderer Er und eine andere Sie leider Gottes vielleicht auch bald den Schwanengeſang ſingen werden; nichts von allem dem, was, nach mancherlei Umſtänden zu auguriren, wohl gar an den unrechten Mann gekommen. Hier ſchlich ein haarſträubender Fluch durch Eſtevaniens Lippen, und dieſer Fluch, ſo leiſe er hervorgehaucht war, traf Bartholomäus mit lähmender Gewalt; denn in ihm galt er gleich dem ausführlichſten Geſtändniß, und beſtätigte, Alles ſei wahr, was er befürchtet. Seine Hand war im Begriff, von ihrer Schulter herabzuglei⸗ ten, er ermannte ſich indeß, und fuhr, ſeine Gefangene feſthaltend, fort: Still— hat man Ihr nicht inſinuiret, Sie ſolle nicht ſprechen, — 265— am allerwenigſten ſolche garſtige Worte. Ich ſage denn noch einmal, ich will nichts wiſſen von dergleichen Dingen; denn Alles wiſſen iſt ungeſund, und zu ſpäter Bericht hat noch Nie⸗ mand Dank oder Vortheil zuwege gebracht. Ein Anderes iſt es jedoch um Ihr heutiges Treiben, bei welchem Sie gleichſam ergriffen worden in lasrante delicto, und es haftet auf Ihr min⸗ beſtens suspicio major, wie der gelehrte Advo⸗ eat ſagte, meine Bartkunde, als ich noch zu Prag in Condition war, und wenn ich wollte, könnte ich Sie ſobald hinführen an einen Ort, wo man Ihr nicht nur zu reden erlauben, ſon⸗ dern Sie ſogar dazu zwingen dürfte. Ich mag es aber nicht thun, qua de causa? auf Deutſch: warum? das will ich Ihr ſogleich ſagen: Zum Erſten würde zweifelsohne Etzliches auf das Tapet kommen, womit ich mich nicht befaſſen mag, ſintemalen es nur großen Lärm machen würde, welcher billig zu vermeiden, dieweil doch damit das Unheil nicht verbeſſert werden dürfte, wel⸗ ches eine vermaledeiete Hand angerichtet. Zum Zweiten iſt dieſe vermaledeiete Hand, Gott ſei es geklagt, durch den Prieſter am Altare in die mei⸗ nige geleget worden, und nicht gerne möchte ich — 266— hier zu Dresden die Frau Hofbettmeiſterinn Gobau am lichten Galgen zappeln ſehen, oder auf dem Scheiterhaufen noch brauner gebraten, als ſie es, ihrer zigeuneriſchen Natur nach, bereits iſt, und noch weniger möchte ich, daß ſolches durch mein Zuthun geſchéhe; denn Mann und Weib iſt nun einmal ein Leib, und wer ſeine Naſe ab⸗ ſchneidet, der ſchändet ſein Angeſicht.— Hier hielt er inne, als wollte er die Wir⸗ kung ſeiner Oration beobachten; als er aber die fortwährende Erſtarrung ihres krampfig zuſam⸗ mengezogenen Angeſichts gewahrte, begann er von Neuem: Wiewohl es ſich nun alſo verhält, will ich Ihr allewege nicht verhehlen, wie allhiero ihres Bleibens nicht mehr iſt, nicht in dieſem kurfürſtlichen Schloſſe, nicht in der Reſidenz⸗ ſtadt Dresden, auch nicht in denen kur- und fürſtlich ſächſiſchen Landen, auch Ihr nebenbei gerathen haben, ſich des Schleunigſten aus dem Staube zu machen; denn ſo Sie ſich ferner be⸗ treffen ließe in beſagten Orten und Territorien, möchte Ihr die Protection der hochgräflichen Ex⸗ cellenz von Neidſchütz wenig helfen, weilen die Juſtiz gar ſcharf iſt in dieſem Lande und keine favor gilt bei ihr. Ferner möchte beſagte Dame — 267— ſchwerlich begierig ſein, ihre Connivenz darzuthun in ſolchen Geſchäften, zumal da ſelbige dem An⸗ ſcheine nach ſchlecht executiret worden, vielmehr mit ihrer Confidente kurzen Prozeſſ machen, et⸗ wa auf die nämliche Weiſe, wie er entſtanden. Ich aber meines Theils müſſte, wenn Sie ge⸗ hängt würde, oder mit Gift vergeben oder gebra⸗ ten, wie es Derſelben Meriten mit ſich gebracht, mich begnügen, Ihr ein Paar andächtige Pater noster mit auf den Weg zu geben, welche un⸗ maßgeblich Ihrer armen Seele wenig frommen dürften. Ade denn, mein Schatz, und laſſe Sie ſich geſagt ſein, daß dieſes ein Ade iſt für dieſe Zeitlichkeit, und wie ich zu Gottes Gnaden ver⸗ hoffe, für die Ewigkeit auch. Wünſche demnächſt in möglichſt kurzer Zeit einen Todtenſchein von Ihr zu empfangen, es wäre denn, daß Ihr Ab⸗ leben auf eine publique Weiſe Statt fünde, wel⸗ che ſolch testimonium überflüſſig macht, als wo⸗ gegen ich, ſo es nur ferne von hier geſchieht, nicht das Allergeringſte einwende.— Hier ſchob er die Bewegungsloſe vor ſich hin⸗ aus, und die Wendelſtiege hinab. Als er aber zurückkam auf den Schauplatz des berichteten Vorganges, und den weggeſchleuderten Dolch —— unterſuchte, ſo brach ſein ungewohnter Muth vor der Größe der Gefahr zuſammen, welcher er entgangen, und wahrſcheinlich ein Höherer noch; denn die Spitze des Mordwerkzeuges war in eine ölige Feuchtigkeit von grünlicher Farbe getaucht. Die winterliche Nachtluft erweckte Eſtevanien aus ihrer Betäubung, ihre Beſonnenheit kehrte zurück, und ſie muſſte wider Willen den Rath des gehaſſten Ehegatten für den beſten erkennen. Ihre Laufbahn war zu Ende; es ſtand außer ih⸗ rer Macht, das Gethane abzuändern, oder ihm Neues hinzuzufügen, das Schwert ſchwebte über ihrem Haupte, und ſie wuſſte wohl, eine nahe Folgezeit müſſe den Verdacht der Gräfinn von Neidſchütz in Gewißheit und ihren Schutz in die grimmigſte Verfolgung umwandeln. Als dieſe am folgenden Morgen erwachte, fand ſie auf dem Nachttiſch an ihrem Bett ein Fläſchlein von ge⸗ ſchliffenem Kryſtall und einen Brief folgenden Inhalts: „Wenn Ihr, Frau Gräfinn, aus dem ſanften Schlummer aufwachet, welcher Per⸗ ſonen zu Theil wird, deren Bewuſſtſein ſo fleckenlos iſt, als das Eure, bin ich bereits in Böheim. Falls Ihr Belieben trüget, da⸗ — 269— ſelbſt meine Spur aufſuchen zu laſſen, ſo diene Euch zu wiſſen, wie ich hoffe, der katholiſche Clerus im beſagten Lande würde der Glaubensgenoſſinn, die nicht ermangeln wird, ſich als eine von Ketzern unſchuldig Verfolgte darzuſtellen, ſeinen Schutz ange⸗ deihen laſſen, wenigſtens ſo lange, daß ſie Zeit gewinnt, gewiſſe Dinge zu Papier zu bringen. Ich erſuche Euch, nicht der Schrei⸗ berinn dieſes zu gedenken, ſolches wird oh⸗ nehin geſchehen mehr denn zu oft und zu viel. Aber der Worte erinnert Euch, die ich einſtmals zu Euch geſprochen: der Menſch werfe die That in des Schickſals rollendes Rad, dem Augenblick aber ſei es gegeben, ſeinen Lauf zu beſtimmen. Mit Recht meinte damals Eure Weisheit, um ſo mehr müſſe man trachten, daß man denſelben beſchleu⸗ nige; Euch, die als große Freundinn der Jagd derſelben häufig beiwohnet, iſt es bekannt, daß der Hund, der allzugemachſam die Beute verfolget, leichtlich die Fährte verlieret, und ein ander Wildpret annimmt, als das Ge⸗ meinte. Ihr erhaltet ein Angedenken von mir, es — 0— iſt der Geberinn würdig wie der Empfänge⸗ rinn, und wohl nutzbar in jetzigen Zeitläuf⸗ ten. Seine Wirkung gleicht dem Blitze, und der Augenblick ſelbſt mag ſie nicht über⸗ holen. Sicher trifft aber die fliegende Kugel des Geſchoſſes den Hirſch, der nicht ſelten dem Parforce-Hetzen entgehet, welches un⸗ gewiß bleibt, ob es gleich ergötzlich ſein mag, ihn verenden zu ſehen, und ſeine Thränen und ſeinen Todeskampf. Vor wenig Stun— den meinte ich es ſelbſt auszurichten, aber das Verhängniß, welches Ihr nicht gern nen⸗ nen höret, trat dazwiſchen, und es iſt mir nicht geſtattet, zu vollenden, was ich begann. Gebrauchet denn Ihr meine Gabe auf die Weiſe, die Euch zuſaget und mir, und wenn es gelungen, wird ſelbſt der Neid über Euer beſſeres Glück meine Freude nicht ſtören. Lebewohl ſag' ich Euch nicht, ſolch Wort ſtehet uns Beiden nicht an; für das Leben nicht, für den Tod war unſer Bündniß ge⸗ ſchloſſen, und ſo es nun ſich löſet, vergehrt doch ſeine Wirkung nicht mit ihm, und dieſe Wirkung iſt Tod.“ Als die Dame vorſtehende Worte las, ge⸗ wahrte ſie anfangs nur den frechen Ton, der in ihnen herrſchte, und war nicht übel Willens, der entflohenen Dienerinn nachſetzen zu laſſen; doch dämpfte jene Drohung alsbald ihren Jähzorn, ſie war ſogar nach einiger Ueberlegung ganz wohl zufrieden mit dieſem Ereigniß; denn ihrem Stolze behagte der Gedanke, die allmählig ziemlich dreiſt gewordene Vertraute nicht mehr um ſich zu ha⸗ ben, und ihrem Geize das Wegfallen des kar⸗ gen Lohnes, den ſie ihr zugedacht hatte für ſo miſſliche Dienſte und nach ſo großer Verheißung. Bei nochmaligem Durchleſen aber traten Gedanken ihr näher, die ſie bereits ſeit einiger Zeit ängſteten; ſie ſchauderte vor dem Sinne, der vielleicht unter den Gleichniſſen dieſes Briefes verborgen lag. Da fiel ihr Auge auf das Fläſch⸗ lein, und auf ſeinem Kryſtall ſchimmerte der Troſt ihr entgegen, daß, welches Unheil ſie betreffe, das Verderben dennoch den Glücklichern ereilen werde, und raſcher als jene Beiden, an deren Leben das Schickſal den Zweck des ihren gebunden. Ungefähr drei Tage ſpäter ſtand der Kaſtel⸗ lan des Gartenpalaſtes, ſtattlich angethan, in einem Hauſe der großen Brüdergaſſe auf der mit — 272— Sand und duftendem Calmus beſtreueten Flur des erſten Stockwerks. Er klopfte beſcheiden an eine eichene, mit mehren eiſernen Bändern verſe⸗ hene Thür, und ihm antwortete das gebieteriſche „Herein!“ einer kräftigen Stimme. Das Ge⸗ mach, in welches ihm auf dieſe Weiſe der Zu⸗ tritt verſtattet wurde, war nicht ganz wie ein anderes anzuſchauen; denn außer dem bequemen und nach damaliger Zeit ſogar koſtbaren Zimmer⸗ geräth befand ſich in demſelben manch ſeltſamer Zierrath. An der Stelle, die gemeiniglich der Kronleuchter einnimmt, ſchwebte anſtatt deſſel⸗ ben ein Krokodillen-Jüngling, der bereits eine anſehnliche Größe erreicht hatte, ehe der Tod ſeine wäſſrige Laufbahn beſchloß, mit geſpreizten Klauen und mit offenem Rachen. Wie die Planeten ihre Sonne, umringten den Egyptier im Kreiſe allerlei gräuliche Geſtalten von Eidexen und un⸗ geheuern Fröſchen; große Schränke enthielten eine Unzahl von Flaſchen, in deren geiſtigen Inhalt eben ſo viele wunderlich geformte Embryo⸗ nen des Menſchen- und Thiergeſchlechts badeten, und rechts und links an der Thüre grinzten zwei Skelette dem Eintretenden in das Geſicht. Die⸗ ſer aber hinlänglich bekannt mit ſolchen Gegen⸗ ſtänden, ließ ſich weder die Thürſteher anfechten, noch das Mobiliar, und begrüßte geziemend den Hausherrn, welcher vor dem Spiegel in vollem Anzuge ſtand, dieſen muſternd und ſeine beinahe ſechs Fuß hohe, wohlbeleibte Geſtalt. Auch nahm ſich dieſe wirklich ganz gut aus in der Amtsklei⸗ dung, ſchwarz von den Füßen bis zum Kopfe, welchen eine ſchneeweiße Wollperücke deckte. Eben reichte ein dürrer, ſchlecht gekleideter Famu⸗ lus dem Meiſter den tüchtigen Rohrſtock mit dem elfenbeinernen Rabenſchnabel, dem Sym⸗ bole ſeiner Würde, und die Scheu, mit welcher dieſer das Inſtrument handhabte, deutete an, es diene dem Gebieter nicht immer nur als Zierde und Stütze, ſondern zu Zeiten auch als Werk⸗ zeug patriarchaliſcher Hauszucht. Excuſire der wohlgeborne Herr Hofrath, wie auch hochgelahrter Herr Poctor medicinae, hob Bartholomäus ſeinen Spruch an; der Wohlge⸗ borene und Hochgelahrte unterbrach aber denſelben alsbald, ſchnell hinter einander ſprechend und mit donnernder Stimme: Was will man? Von wem kommt man? Wer iſt man? Siehet man nicht, daß ich im Begriffe ſtehe, meinen mor⸗ gentlichen Cursum anzutreten? Serenissimus Die Frauen w. Neidſchütz. II. Vd. 18 — 274— haben nach mir verlanget, und der Frau Grä— finn von Rochlitz Excellenz, der Herr Hausmar⸗ ſchall von Haugwitz und der Frau Kanzlerinn Frieſe Gnaden. Vergeſſe Er nicht, fuhr er fort, zu dem demüthigen Schüler gewendet, vergeſſe Er nicht, punktualiter um zwei ein halb Uhr Nach⸗ mittag das Castoreum auf das Schloß zu tragen für der regierenden Kurfürſtinn Durchlauchtigkeit, und für Ihro Königliche Hoheit, die Frau Mut⸗ ter, die präparitte Kardamom, recipe beim Schla⸗ fengehn in heißem Bier.—. Hier gelang es dem Beſucher, einige Worte einzuſchalten, und er ſprach: Ich bin erfreuet, noch vor der Viſite zu kommen, welche der geehrte Herr Hofrath bei Serenissimo abzulegen gedenket; gerade von Höchſtſeiner Perſon wollte ich mit Dem⸗ ſelben converſiren, in deren Dienſte zu ſtehen ich die Ehre haben thue. Der Leibarzt ward um ein Weniges freund⸗ licher, und als der Gefragte ſeinen Namen und Beamtung nannte, legte er Hut und Rohrſtock weg, und hieß ihn Platz nehmen; dem Famulus aber herrſchte er zu: Er hingegen, nebulo, gehe hinaus und trage Sorge, daß die Leber der vorge⸗ ſtern abgethanen Delinglntinn in warmes Waſſer gelegt werde, zum ſofortigen Präpariren in Wachs, aber nicht in allzuwarmes; denn ſolch intestinum von rarer Monſtruoſität iſt kein Fleiſch zur Suppe etwa für eure hungrigen Magen. Daß mir auch keiner von euch Lungerern von der Vipernbrühe naſche; denn ſolch kräftiges Medikament tauget nicht für junge Burſchen, und überhaupt nur für fürſtliche, gräfliche und adeliche Constitutiones. Das„Platznehmen“ war leichter geſagt als gethan; das geräumige Kanapee, mit bunt ge⸗ ſticktem Leder beſchlagen, konnte der Hofrath dem Hofbettmeiſter nicht anbieten, der Dok⸗ tor der Heilkunde nicht dem ehemaligen Bartſche⸗ rer und ungraduirten Chirurg. Die andern Sitz⸗ anſtalten aber waren mit allerlei Kram bedeckt. Stehen laſſen wollte er den kurfürſtlichen Beam⸗ ten auch nicht, der wohl angeſchrieben ſtand bei dem Herzog Friedrich Auguſt; denn in Reſiden⸗ zen mittler Größe, wie damals Dresden war, weiß man Alles, was ſich in der Region des Ho⸗ fes begiebt; er beſeitigte alſo mit ſtarker Hand ein oder zwei menſchliche Schulterknochen und eben ſo viele friſch abgezogene Schlangenhäute, welche den nächſten Stuhl belaſteten, bedeutete Jenem, ihre Stelle einzunehmen, und ſetzte ſich — 246 ihm gegenüber mit gravitätiſcher Langſamkeit auf dem Ruhebett feſt. Wie befindet— begann er ſich ſo gewaltig räuſpernd, daß das hohe Zimmer wiederhallte, das Krokodill und die andern Ungeheuer in eine leiſe Pendulſchwingung geriethen, und die Embryonen in ihren gläſernen Häuſern ein wenig aufhüpften— wie befindet ſich mein gnädiger Herr, der Prinz? Unzweifelhaft bei erwünſchtem hohen Wohlſein. Deſſelben fürſtliche Perſon giebet mir gar zu ge⸗ ringe oceupation, und ich würde nur ſelten in Deſſen Appartements kommen, litte die Frau Gemahlinn nicht unterweilen an Beſchwerden der Milz. Wollte der Himmel, es wäre das Näm⸗ liche mit andern hohen Perſonen; leider aber la⸗ boriren ſelbige an allerlei Uebeln, zum Theile wohl nur in der Imagination, zum Theile aber auch in der Realität. So gedenket der Herr Kaſtellan wohl für ſich ſelbſt artem medicam in Anſpruch zu nehmen? Ja ja, ich begreife, ſo Etwas er⸗ kennet Unſer Einer auf den erſten Blick. Ein volles Antlitz, Wangen und Naſe ein wenig roth, das deutet auf Vollblütigkeit und bedenkliche Con- gestiones, welche leichtlich in Apoplexiam aus⸗ arten mögen. Nicht wahr, der Puls voll und —— hart, das ſtellt ſich dar? Derſelbe ſei indeß von der Güte, mir die Hand zu reichen, die Linke nämlich, daß ich Ihn examinire.— Die Geforderte verſagend, entgegnete Go⸗ bau: Nicht um meiner geringen Perſon willen, als welche ſich ganz paſſabel befindet, habe ich Ihro Wohlgelahrtheit incommodiret. Es iſt ein wich⸗ tiger objectum, welches mich herführet, ein hohes objectum iſt es, ja das höchſte im Lande, näm⸗ lich Serenissimus und ſeine maladie. Der Hofrath zog die Stirn in Falten, räu⸗ ſperte ſich abermals, und ſprach mit einigem Un⸗ muth: Wie iſt mir denn, ich meine, der Herr Hofbettmeiſter ſei keine graduirte Perſon in fa— cultate medica? Wie käme ich demnach dazu, einer consultationem mit Demſelben zu pflegen, oder Ihm gar Bericht abzuſtatten über meinen methodus? Das ſei ferne von mir zu prätendiren, be⸗ theuerte Gobau; ich trachte nicht nach ſolcher Ehre, weit über meine nichtsnüzzige Meriten, vielmehr wollte ich aus dem weiſen Munde eines erfahrenen Meiſters in der hochachtbaren Heil⸗ kunde nur eine sententiam vernehmen über eine Sache, welche ganz Sachſenland intereſſtret, des * beſondern Intereſſes zu geſchweigen, welches ich an ſelbiger nehmen mag als ein langjähriger und treuer Diener des Prinzen Friderici Augusti. Der Leibarzt gedachte des Mißverhältniſſes zwiſchen Dieſem und der Frau von Neidſchütz, und an das ſtrenge Gebot der Letztern, den Zu⸗ ſtand Johann Georgs zu verheimlichen; er ant⸗ wortete alſo wie früher: So möge denn der Herr guten Muthes ſein, und das geſammte Sachſen⸗ land beineben, dieweil das durchlauchtigſte malum nichts bedeutet, und kein anderes iſt, als eine obwohl etwas hartnäckige, Indigeſtion. Excuſire der Kaſtellan; denn das officium nöthiget mich, Dero zu verlaſſen.— Der Hofbettmeiſter aber legte ſeine Hand auf das Knie des Leibarztes, ſprechend: Verpa⸗ tientire ſich der Herr Hofrath wie auch Doktor noch um ein Geringes, und gönne mir etliche Worte. Dieſelbigen aber, obwohl mit einem geringen Manne gewechſelt, mögen Deroſelben zu großem Preis und Ruhme verhelfen, auch noch zu höheren Ehren, während ein fortgeſetztes si- lentium meinem geehrten Patrono allerlei Unge⸗ legenheiten zuwege bringen dürfte. ungelegenheiten, mir, dem Hofrath und * —— Leibmedico Seiner Durchlauchtigkeit? rief die⸗ ſer im ganzen Gefühle ſeiner Würde. Wie mei⸗ net das der Ehrn—— Chirurgus?— Ungelegenheiten ſage ich, und dem Leibmedico zumal, verſetzte Jener mit Nachdruck. Welches auch die Perſonen ſein mögen, welche es nöthig achten, den status morbi zu verheimlichen ihres vermeintlichen Intereſſes wegen, vielleicht jedoch zu eigenem Präjudiz; ſo giebt es andere Perſo⸗ nen hier, höhere noch als die Berührten, wel⸗ chen ſolch mysterium bedenklich erſcheinen dürfte. Eine hartnäckige Indigeſtion, ſaget Hochderſelbe. Ja wohl iſt ſie hartnäckig, und dazu von der ſchlimmſten Art, wie ich fürchte. Um kurz zu ſprechen de re, ich weiß, der Kurfürſt iſt ſehr krank, viel kränker als man prätendiret, und ſo ich nun hinginge zu Einer von jenen Perſonen, und communicirte ſolcher, was beſſer zwiſchen uns bleiben würde, dem wohlweiſen Herrn Doktor und meiner Wenigkeit, glaubet Dero nicht, ſolch equivoques Bemänteln betrübter Wahrheit könnte Demſelben ausgeleget werden als Verletzung ſei— nes Juramentes und devoirs gegen das höchſte Haus und ganze Kurſachſen? Und ſo eine offene explication vielleicht dem Uebel Eigba thäte, — 280— will mein großgünſtiger Herr Hofrath die Re⸗ ſponſabilität der etwaigen Folgen auf ſich nehmen in ſo intrikater und allewege hochwichtiger Sache? Der Doktor begriff, obgleich mit Widerſtre⸗ ben, das Geſagte ſei nicht ohne Grund; er zog ein ſaures Geſicht, aber ſeine Stimme war viel gemäßigter und ſogar ſtockend, als er antwortete: Hm, die ſchuldige Devotion gegen des Prinzen Durchlauchtigkeit— man muß allerdings einen unterſchied ſtatuiren— kann ich dem Herrn die⸗ nen? Nur bedinge ich das ſtrengſte silentium aus.— Dieſes silentium wird von Keinem eifriger gewünſchet als von mir, betheuerte Bar⸗ tholomäus. Nun denn, was halten die Herren von der Fakultät von dem Uebel des gnädigſten Herrn, und wie benennen ſie daſſelbe? Die Herren der Fakultät, ſprach das Mit⸗ glied derſelben mit wichtiger Miene, ſind uneins unter ſich ſelbſt, und differiren in ihrer opinion. So meinen Einige, gemeldtes walum ſei ganz eigener Beſchaffenheit und eine Novität gleichſam, von welcher Galenus und Hippokrates nichts ge⸗ wuſſt, und davon nichts zu finden ſei in der gan⸗ zen pathologia. Ja wohl mag es denen Herren Collegen eine Novität ſein, ſintemalen es auch „ unter denen Graduirten an Ignoranten nicht man⸗ gelt; hat doch deſſelben bereits Theophraſtus Pa⸗ racelſus mindeſtens theilweiſe gekannt, es auch nicht ohne Succeß mit gebrannten Fußſohlen trak⸗ tiret*). Solch übrigens probates Remedium halte ich jedoch im gegenwärtigen casu keinesweges für sufficiens, dieweil, meinem judicio nach, das Uebel Serenissimi ein complicirtes iſt, und weit davon, daß deſſen in pathologia nicht Erwäh⸗ nung geſchähe, vielmehr beinahe alle mala in ſich vereiniget, welche beſagte Wiſſenſchaft nennen. Dergleichen weiß ein expertes Auge auf den erſten Blick heraus zu finden, als da iſt: malum he⸗ pathicum, constipatio ventriculi, condensatio venarum abdominalium effluctiones der Galle.— Warum ſchüttelt der Herr Hofbettmeiſter den Kopf, wenn es beliebt? Trägt derſelbe etwa Zweifel an meiner Perſpicacität in materia médica? Keinesweges, verſicherte der Andere. Es erfreuet mich vielmehro zu ſehen, daß Ihro Wohl⸗ weisheit die Sache nicht alſo ſehr auf die leichte Achſel nehme, als es anfänglich bedünken wollte. *) Dies iſt Wahrheit, und um ſo merkwürdiger, als das genannte Mittel nicht ohne Wirkung geweſen ſein ſoll. Auch mögen leider Gottes alle jene mala vorhan⸗ den ſein, welche Hochderſelbe aufgezählet, und des Breitern aufzuzählen intentirte; jedennoch ſcheinet mir, als müſſe man vor allen Dingen die Wurzel derſelben, die radis auffinden. Der Medicus begann wiederum im Lehrtone: Die radix morbi iſt—— Nur ein Wort, hemmte Gobau die ſtento⸗ riſche Beredſamkeit, nur ein Wort wolle mir der geneigte Patron vergönnen, ſintemalen es gerade das betrifft, weshalb ich eigentlich gekommen. Hochdero weiß, daß ich mich ehemals, wiewohl unvollkommentlich, auf die löbliche Wundarzenei⸗ kunſt appliciret, welche gleichſam eine Dienerinn der hochlöblichen Heilkunde genannt werden mag. Nun ja, erwiederte der Hochgelahrte, ver⸗ drüßlich über die Unterbrechung, nun ja, ich weiß, Derſelbe iſt dem Herzoge Friderico Au- gusto als Leibbarbierer bedienet geweſen, und oft⸗ mals gebraucht worden zum Pflaſterſtreichen, auch zu Aderlaß und Schröpfen, wie auch zu anderlei Dingen, zu deren Effectuirung die gebietende Frau zuweilen ihre Magd vorausſendet, als wie der Herr Kaſtellan chirurgiam billig benennet u Proportion zu der medica. —— Eeine leichte Empfindlichkeit unterdrückend, ſprach der Andere weiter: Recte, wohlgelahrter Herr, und auf ſolchen missiones und commis- siones habe ich denn mich auch ein wenig umge⸗ ſchauet in der medikaliſchen Region, auch mich hier und da verſuchet in derſelben, freilich empi- rice nur. Empirice! donnerte der Leibmedieus mit an⸗ ſtändiger Heftigkeit: Ausrotten ſollte man mit Stumpf und Stiel dieſe Empyriker und Pfuſcher, welche als räudige Lämmer zu conſideriren ſind im mediciniſchen Schafſtall, welche freventlich vor⸗ beilaufen an denen Ordonnanzen der hochlöblichen Fakultät, auch wohl systemata umzureißen trach⸗ ten, an welche wohlweiſe und gelahrte Doktores Jahrelang die Köpfe zerbrochen haben! Doch, ſetzte er, ſeinen gerechten Zorn mäßigend, hinzu, doch will ich damit nicht den Hausofficianten ei⸗ nes großen Prinzen gemeinet haben, als welchem freilich verſchiedentliche casus vorkommen, da ſchnelles Beiſpringen vonnöthen ſein mag. Unter andern Materien, fuhr Bartholomäus fort, habe ich mich auch mit der Lehre von den Giften occupiret, oder wie es beſſer lautet in ge⸗ lehrtem Ohr, mit der Toxicologia. Ich war — — 284— eine Zeitlang anweſend in Spanien und Welſch⸗ land, allwo ſich manches in ſolche Wiſſenſchaft Einſchlagende zuträget; ſo habe ich denn mit Muße dergleichen teufliſche arcana kennen geler⸗ net in ihren diverſen Beſtandtheilen, symptoma- tibus und Wirkungen, und es iſt mir manch re- sultatum worden aus ſolchem Studio, und— hier neigte er ſich plötzlich mit ernſter Miene zu dem Hofrath und raunte ihm zu: wolle der Herr Patron Eines dieſer Reſultate vernehmen— der Kurfürſt iſt— vergeben mit langſam operiren⸗ dem mineraliſchen Gift!—— Vergeben! ſchrie aufſpringend der Hofrath; das iſt ein unbeſonnenes und vermeſſenes Wort, Herr Hofbettmeiſter, abſonderlich im Zimmer des— jenigen, welcher gleichſam den Wächter durch⸗ lauchtigſter Geſundheit vorſtellet. Vermeſſen iſt ſolch Wort nur, wenn man es ſo laut ausſpricht, als Ihro Wohlgeboren eben beliebte, ſprach der Andere ruhig; auch iſt es ein wahres, und am zweckdienlichſten addreſſiret an ſolchem Wächter höchſter Perſon. Dero Me⸗ morie wolle nur die bei erwähntem malo gemach⸗ ten Wahrnehmungen recapituliren, und ich bin überzeugt, daß ſelbige keinesweges dem contradi⸗ — * — 285— eiren, was ich geſaget. Ferner: es iſt noch eine Perſon unpaß an dieſer Hofſtatt, eine fürnehme Perſon. Sind nun bei Beiden die sVmptomata nicht übereins? und es herrſchet doch meines Wiſſens keine Epidemie zur Zeit weder im Schloſſe noch in der Reſidenz. Sinnend ſtand der Doktor und wie geblen⸗ det, gleich Einem, dem plötzlich ein Licht aufge⸗ gangen. Er konnte es nicht läugnen, vieles, was er wahrgenommen, ſprach für die Wahrhaf⸗ tigkeit des eben Gehörten; doch ſträubte ſein Dün⸗ kel ſich gegen das Geſtändniß ſo ſpäter Erleuch⸗ tung, von einem Andern ausgehend, und er ſagte betreten: Sollte es möglich ſein? Und doch— gewiſſermaßen. Auch habe ich beim er⸗ ſten Blicke judiciret—— Wie? fiel Gobau mit unterdrücktem Lächeln ein, Ihro Wohlweisheit hätte beim erſten Blicke die naturam des Uebels erkannt, und es dennoch kuriren wollen mit dem remedio, welches Para⸗ celſus gegen die Hektik gebrauchet, und mit an⸗ dern, eben ſo undienlich in ſolchem casu? Der Doktor erröthete ein wenig, und ſagte noch verlegener: Beileibe, ſolches wäre ſchnur⸗ ſtraks gegen die Obliegenheit eines Leibmedici. — Wenn ich ſage, vom erſten Blick— ſo verſtehe ich— ſo meine ich scilicet den erſten, welchen ich auf den hohen Patienten werfen werde. Aber, rief er mit Einemmale, ſolche Sache be⸗ trifft nicht lediglich mein ofücium bei Hofe; ein anderes geſellet ſich dazu, ein ofßicium generale, auch bürgerliches genennet. Ich eile stande pede zu Serenissimo, und befindet es ſich, wie Der⸗ ſelbe geſagt, welches meinem Auge nicht entgehen kann, ſo declarire ich als treuer Diener Seiner Ducchlauchtigkeit publice ſolch verruchtes Atten⸗ tat, kräftiglich unterſtützet durch des Herrn Hof⸗ bettmeiſters testimonium; und damit rannte der haſtige Mann nach Hut und Rohrſtock, und wollte alsbald fort. Bartholomäus aber verhinderte ihn daran, ſprechend: Solch testimonium kann Ihro Wohl⸗ geboren nicht von mir erwarten, dieweil ich kei⸗ nes zu geben weiß, welches Validität hätte vor Gericht bei dem gänzlichen Mangel an argumen- tis. Auch wird der hochedle Herr Hofrath es nicht thun um ſeinetwillen. Würde es wohl fein lauten, wenn es hieße, dergleichen Erkenntniß ſei ihm geworden durch einen unſtudirten Mann, in einer Sache, die er ſelbſt ſchon Mondenlang — „ — 287— obſerviret? Kennet Derſelbe die Perſonen, welche doch unfehlbarlich in ſothanem heilloſen Begin⸗ nen inpliciret ſein müſſen? Weiß Derſelbe, ob die Angedeuteten nicht mächtig genug ſind, ſolch aller Beweiſe ermangelnde Anklage auf den Kopf des Urhebers zurückfallen zu laſſen, und nicht rachſüchtig genug, um es zu thun? Iſt es rathſam, ein scandalum zu geben in ſo bedenk⸗ licher Angelegenheit? Zweierlei Fälle ſind nur vorhanden, entweder kann das Uebel gehoben wer⸗ den, oder nicht. Im zweiten mag das Allarm⸗ ſchlagen keinen Nutzen bringen, mehr aber Scha⸗ den. Im erſten jedoch lieget Alles in meines Herrn Hofraths Hand, was vonnöthen, und Deſ⸗ ſelben hohe Wiſſenſchaft und Erfahrenheit wird es gehörig zu appliciren wiſſen. So mindert denn auf der einen Seite kluges silentium Deſſen Re⸗ ſponſabilität, auf der andern aber wartet Seiner großer Ruhm und Ehre, auch wohl fürſtliche Re⸗ compens, wenn nach überſtandener Gefahr die Größe derſelben erkannt wird, und treugeleiſtete Dienſte in ihr wahres Licht gßellt werden. Es war dem oftuth⸗ als ſei er in eine neue Welt verſetzt, in welche ihn nie geahnte — 288— Geſtalten plötzlich erkannt, anſtarrten; er fühlte das Mißliche voreiliger Entdeckung, auch ſchmei⸗ chelte ihm die eröffnete Ausſicht auf Lob und Be⸗ lohnung, aber alles dieſes ging vor ſeinem Auge, trotz deſſen geprieſener Perſpicacität, noch in chao⸗ tiſcher Verwirrung umher, und er antwortete nach einer Pauſe kleinlaut und beklommen: So ſei es denn, wie der Herr vermeinet. Minera⸗ liſches Gift, ſagt Derſelbe; hm, hm, man kennet wohl einige antidota— aber— aber— hm— hier verſtummte er wieder, und ſchaute rathlos in das Antlitz Gobau's, von deſſen Ver⸗ ſtande, von deſſen Wiſſenſchaft ſogar er eine ganz andere Meinung zu faſſen begann. Eine gewiſſe Ruhe, welche er an demſelben gewahrte, ſchien ermuthigend auf ihn zu wirken; denn er ſprach ſehr leutſelig und ſelbſt ein wenig ſcherzhaft: Beim heiligen Aesculapius, es gereichet mir zur wahr⸗ haftigen Satisfaction, in dem Ehrn Kaſtellan eine ſo eſtimable personam kennen zu lernen. Be⸗ liebet Demſelben vielleicht ein Schlücklein nach langer, angreifender Rede? Wie wäre es mit einem Paar Tropfen elixir viscerale in Wermuth⸗ wein, oder mit einem Gläslein essentia amara? und damit ſchritt er dem Schranke zu, in welchem — 289— die Embryonen hauſten; Bartholomäus aber, welchem die benannten Leckereien lateiniſcher Küche nicht zuſagten, oder die Furcht ankam, er möge einen jener ſchweigſamen Connobiten zu verſchluk⸗ ken bekommen, lehnte den Kelch der Bitterkeit ab. Solche Dinge, ſagte er, ſind allzuſtark für den Magen eines Landbewohners, welcher höchſt ein winzig Tröpflein Tokayers verträgt, oder al⸗ ten Rheinweines, wozu derſelbe den Wohlgebo⸗ renen Herrn Hofrath höflichſt eingeladen haben will, wenn Dero Zeit und Gelegenheit es erlaubt. Auch habe ich heut⸗ bereits für ein Frühſtück ge⸗ ſorget, welches uns und gewiſſen andern Perſo⸗ nen hoffentlich beſſer bekommen ſoll, als denſel⸗ ben Perſonen ein gewiſſes anderes Frühſtück.— Er legte hierbei ein Päcklein vor ſich nieder, eine bräunliche Maſſe enthaltend. Als der Leibme⸗ dicus den Gegenſtand nun aufmerkſam und prü⸗ fend betrachtete, lobte der Andere ſolche in ge⸗ genwärtigen Zeitläuften gar nothwendige Fürſicht, verſicherte jedoch, ſolche ſei hier überflüſſig, und genoß zum Beweiſe ein Stück des Vorbeſagten. Zögernd folgte der Hofrath ſeinem Beiſpiele, und meinte darauf: Das iſt allerdings ein gut Me⸗ dicament und treffliches antidotum, die Theriaca, Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 19 — 290— wie es denn eine experte Zunge allſogleich am Geſchmacke erkennet auf das erſte Mal. Bartholomäus verbarg wiederum ein Lächeln, als er erwiederte: Auch hat Ihro Wohlweis⸗ heit gewiſſermaßen Recht. Es befindet ſich dar⸗ unter allerdings etwelche Theriaca, jedoch ſolche, welche man die himmliſche heißet, ſonder Zweifel deshalb, weil ſie denen Kräften der Hölle tüchtig widerſtreben thut; auch iſt ſie mit andern In⸗ gredienzien und nach einem Modus bereitet, als welche ich am wirkſamſten erachte gegen das Ar- canum, deſſen verderbliche Gegenwart ich präſu⸗ mire. Allhiero iſt eine Proviſion auf drei Tage für zween Patienten. Reiche ſie der wohlgeborne Herr Hofrath und hochgelahrte Doktor dem Be⸗ wußten und noch ſonſt Jemand, da eres dienlich erachtet. Iſt dieſe conſumiret, ſo präparire ich wiederum eine neue. Möge es Denen höchſten und hohen Betheiligten zur Wie⸗ derkehr der Leibesgeſundheit gereichen, meinem günſtigen Patrono aber zur Glorie und Vortheil. Dazu gebe der allmächtige Gott ſein Gedeihen. —— Amen! antiphonirte der Doktor mit ge⸗ waltiger Stimme, und ſchüttelte recht treuherzig und collegialiſch des Scheidenden Hand. — 291— Es geſchah, wie Bartholomäus Gobau ge⸗ ſagt, und, war es die Heilkraft ſeines Mittels, war es die Kraft der Jugend, welche dem lang⸗ ſam um ſich greifenden übel widerſtand, genug, Johann Georg und Katharina, die jenes genoſ⸗ ſen, ſeine Wirkung eben ſo wenig kennend, als die Urſache, die ſeinen Gebrauch veranlaſſte, ſchie⸗ nen der Wiederherſtellung entgegen zu gehen. Die Gerüchte von dem, was man unter dem Volke Zauberei, bei Hofe aber gar nicht benannte, verloren ſich nach und nach; des Kurfürſten Schritt und Haltung ward wieder feſter, er zog wieder aus auf die Jagd und tummelte ſein Roß auf derſelben, wiewohl nicht mit allem dem Feuer, als ſonſt. Katharina erſchien, dem Drängen ih⸗ rer Mutter Gehör gebend, häufiger bei Hofe, und allmählig ſchwand die Schminke von ihren Wangen. Da eilten unaufhörlich Boten hin und her zwiſchen Dresden und Wien; die theologiſchen Facultäten in Wittenberg und Leipzig hielten Mal für Mal geheime Sitzungen, und die ſäch⸗ ſiſchen Geſchäftsträger an den kur- und reichs⸗ fürſtlichen Höfen hatten eine Zeitlang mehr zu thun, als über die Etikette nachzuſinnen und den Rang ihres Herrn unmittelbar nach den Kö⸗ nigen gegen Anfechtung zu vertheidigen. Das Schloß zu Prezſch wurde ſchleunig und gewiſſer⸗ maßen geheimnißvoll in bewohnbaren Stand ge⸗ ſetzt, um, wie man ſich ins Ohr raunte, zweien durchlauchtigen Damen zum Aſyl zu dienen; im⸗ mer leerer wurden die Zimmer derſelben in der Hofburg zu Dresden, immer zahlreicher der Zu⸗ ſpruch in der Antecamera der Frauen von Neid⸗ ſchütz, von denen die Altere die zahlreichen Her⸗ ren und die ſich allmählig einfindenden Damen mit einem Anſtande empfing, welcher den einer regierenden Frau wenig nachgab. Während man alles dies in den höhern Regionen des Hofes wahr⸗ nahm, bemerkten in den niedern die Speciales und Bechergenoſſen Meiſter Gobau's an dieſem eine ungewöhnliche Rührigkeit und ein luſtiges Weſen, beinahe dem gleich kommend, das ihm eigen war, ehe ihm die ſchöne Hand der nun ab⸗ handen gekommenen Spanierinn zu Theil gewor⸗ den war. Dies war bewundernd für die, welche ſeine Anhänglichkeit an ſeinen ehemaligen Gebieter kannten; denn man ſprach von einer Reiſe Her⸗ zog Friedrich Auguſts und ſeiner Gemahlinn, und einem längern Aufenthalte des hohen Paares im — 293.— Luſtſchloſſe Favorite bei Bayreuth. Inbeſſen be⸗ trieb Chriſtiane Eberhardine dieſes eifriger als der Prinz, der keinen ſonderlichen Geſchmack am Hoflager ſeines Schwiegervaters fand, und deſ⸗ ſen von der Feſſel ehelicher Pflicht ſich allgemach befreiendes Herz überdem, wie es hieß, wieder⸗ um in dem Liebesnetz des damals noch ſpröde verſagenden Fräuleins von Keſſel gefangen lag. Während demnach auf der einen Seite des Schloſſes Beſorgniß und Unruhe herrſchte, ſo war die Freude auf der andern nicht allgemein. Katharina von Rochlit theilte ſie nicht, und auch nicht die Triumphe der Mutter; ſelten war ſie gegenwärtig in den überfüllten Salons deſſelben; ſie vermied die Ehrenbezeugungen, welche man ihr aufzudringen begann, und erwiederte ſie, wo ſie es nicht umgehen konnte, in niedergeſchlage⸗ ner, ja demüthiger Weiſe, daß die, welchen Be⸗ friedigung des Ehrgeizes über alles ging, ſolche Gleichgültigkeit nicht begreifen konnten, und ſie wohl gar mit dem Namen Stumpfſinn belegten. Wenn darauf, in ihr Gemach zurückgezogen, Frau von Neidſchütz die Tochter von der nahen Aus⸗ ſicht auf eine glänzende Zukunft unterhielt, und von hochfliegenden Entwürfen, begleitete dieſe den — — 294— Strom ſolcher Rede ſelten mit einem Worte, und wenn Johann Georg, wie jetzt öfter geſchah, be⸗ ſtimmter und feuriger von einer ſchönern Zeit ſprach, die nun kommen werde, da lächelte ſie wohl wehmüthig, ſchüttelte ungläubig den Kopf und umfaſſte ihn, um an ſeiner Bruſt ihr Ant⸗ litz zu verbergen und die fallenden Thränen. Faſſe, mein Lieb, doch guten Muth, redete er ihr aufmunternd zu; es mag uns nicht fehlen, denn ein theures und hochwichtiges Pfand göttlicher Gnade iſt uns Beiden geworden durch wunder⸗ bare Rettung aus Gefahr, die wohl größer ſein mochte, als wir meinten.— Da erhob ſie das Haupt, ſchauete beſorgt in das Angeſicht des Kurfürſten und fragte: Und iſt ſie denn auch, mein theurer Herr, iſt dieſe Gefahr denn auch vorüber?— Der Frühling des Jahrs Eintauſend ſechs hundert und vier und neunzig hatte bereits ſeine Gaben der ſchönen Umgegend Dresdens geſpendet, als, von einer Reiſe nach ihren Gütern zurück⸗ kehrend, die Frau von Neidſchütz durch dieſelbe fuhr, begleitet von dem Freiherrn von Secken⸗ dorf, ihrem derzeitigen Vertrauten. Es war ein milder, freundlicher Abend, die Sonne war — 295— eben im Weſten unter den Horizont hinabgeſun⸗ ken, und aus dem tiefblauen Oſten tauchten nach und nach einzelne Sterne. Die Matrone war die ganze Fahrt hindurch ſehr redſelig geweſen; als aber die Thürme der Reſidenz vor ihr lagen, ward ſie einſylbig, verſtummte zuletzt ganz, und richtete den Blick in die Höhe, wie nach irgend einem Gegenſtande ſuchend.— Was, fragte der Freiherr, was ziehet dort oben Ihro Excellenz Attention alſo auf ſich, daß ſich Ihr Auge dem Himmel zukehret, abwärts von der Erde, welche jetzunder allen Menſchen⸗ kindern, vornehmlich aber Hochderoſelben die aller⸗ ſchönſten Hoffnungen darbeut?— Ich möchte wohl wiſſen, welcher von dieſen Sternen der Stern meines Glückes wäre, ſprach Frau von Neidſchütz nachdenklich; Monsieur le Paron hat unſtreitig gleichermaßen von ſolchen Constellations gehöret, welche das Geſchick der Menſchen regieren ſollen. Was hält Derſelbe von der Sache? Der Oberſtwachtmeiſter antwortete: Gewiß⸗ lich, Madame, hab' ich davon gehöret; ja, ein Planetenleſer hat mir, da ich noch ein junger Menſch war und in Erlangen denen Studiis ob⸗ — 296— lag, aus meiner Constellation ein Horoskop ge⸗ ſtellet, zwar allzu brillant für meine geringen Meriten, doch auch wiederum ſo kraus und be⸗ denklich, daß ich nicht weiß, ſoll ich mit ſelbigem zufrieden ſein oder nicht. Ja, es heißt, entgegnete Jene, wie in Er⸗ innerungen und Gedanken anderer Art befangen, es heißt, daß jeglicher Planetenlauf eine Stelle habe, welche ihm Gefahr droht, man weiß nur nicht, wie und wenn? Wohl mag, fuhr ſie mit herbem Lächeln fort, manch ſchöner Stern gar ſtolz prangen, ſeine Nachbaren überſtrahlend, und einen Augenblick darauf verdeckt ihn eine Wolke, oder er erbleicht auch ganz und gar und für immer. So geſchiehet es zweifelsohne unterweilen, erwiederte der gefügige Kriegs- und Hofmann; welches aber auch Ihro Excellenz Stern ſei, ſo culminiret er unfehlbar jetzunder; jedennoch iſt derſelbe nicht alleinig meiner Frau Gräfinn ge⸗ neigt, ſondern vielmehr alle dieſe Lichter des Him⸗ mels, welche mit ihren Strahlen den Vorabend eines Tages ſchmücken, der an Glanz ſeine Vor⸗ gänger weit übertreffen wird.— Die Dame fragte mit dem Lächeln der Zufriedenheit: So — 297— meinet denn der Herr Oberſtwachtmeiſter, der morgende werde ein ſolcher ſein? Es iſt daran nicht zu zweifeln, verſicherte dieſer. Heut Abend noch erhält des Kurfürſten Durchlauchtigkeit per estafette den Conſens rö⸗ miſch⸗kaiſerlicher Majeſtät, und da es Ihro Ex⸗ cellenz Weisheit gelungen iſt, die übrigen Obsta- cula zu heben—— Ja, ſie ſind gehoben, unterbrach die Da⸗ me ihn mit einem erleichternden Athemzuge; die Herren Schwarzröcke beider theologiſchen Facul⸗ täten, welche bis dato mir am allermeiſten zu ſchaffen gemacht, haben ſich endlich bequemet, und der Charge d'Affaires, den des Herzoges zu Sachſen-Weiſſenfels Liebden anhero geſendet, benachrichtiget mich von den förmlichen Consen⸗ tement aller Höfe albertiniſcher Linie. Ein Lächeln über die Benennung unterdrük⸗ kend, welche die Dame, auf die künftige Vetter⸗ ſchaft anticipirend, dem genannten Fürſten er⸗ theilt hatte, verſetzte Herr von Seckendorf: So gratulire ich denn pflichtſchuldigſt im Voraus auf morgen der gnädigen Frau Tochter zu ihrem glän⸗ zenden sort, dem gnädigſten Herrn und denen Kurlanden zu künftiger Prosperität, und Hoch⸗ — 58 denenſelben insbeſondere zu der Fürſtenkrone, welche Dero anheim fallen wird, zum gebührenden Preiſe verehrlicher und illuſtrer Qualitäten. Der Fürſtinn von Neidſchütz, entgegnete die Geſchmeichelte, das zweite Wort betonend, der Fürſtinn von Neidſchütz, wie ihrem durchlauchtig⸗ ſten Herrn Schwiegerſohn und Frau Tochter, wird der baldige Generalfeldwachtmeiſter des fränkiſchen Kreiſes ſtets ein angenehmer und willkommener Gaſt am Dresdener Hofe ſein, auch wie ich ver⸗ hoffe, in nicht gar langer Zeit des römiſchen Reiches Generalfeldmarſchall Monsieur le Gomte de Seckendorf.— Eben raſſelte der Wagen vor die Seitenpforte des Schloſſes am Taſchenberge; der Reichsgene⸗ ralfeldmarſchall in herbis bot ſeiner vielſprechen⸗ den Gönnerinn beim Ausſteigen den Arm, und geleitete ſie zur Treppe; indem Frau von Neid⸗ ſchütz aber dieſe hinanſtieg, ging ihr Glückſtern unter. Einige Minuten ſpäter ſaß Kurfürſt Johann Georg vor ſeinem Arbeittiſche, mit Durchleſung einer gewaltigen Depeſche beſchäftigt. Je weiter er kam, deſto mehr erheiterte ſich ſeine Miene; als er aber geendigt hatte, ſprang er auf, warf den Degen in das Bandelier, den Federhut auf — 299— den Kopf, und ſchritt mit dem offenen Briefe in der Hand durch die Antecamera, der dort war⸗ tenden Dienerſchaft durch einen Wink die Nach⸗ folge unterſagend. Er eilte den Gemächern der Frauen von Neidſchütz zu, an einem Kellerge⸗ wölbe vorüber, ohne zu ahnen, was aus dem⸗ ſelben für ihn hervorgegangen, und trak mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht in das Vorzimmer Kathari⸗ nens. Hier fand er ihre Mutter, und er wollte auf ſie zueilen mit der willkommenen Botſchaft; als ſie ihn aber erblickte, und den ſo lange, ſo ſehnlich erwünſchten kaiſerlichen Brief, ſtieß ſie einen Schrei des Schmerzes aus, ja, der aller⸗ troſtloſeſten Verzweiflung, und wankte, das Ant⸗ litz mit den Händen verbergend, hinweg, den eben ſo Frohen erſchreckt zurücklaſſend, und bedrängt von düſterem Vorgefühle des Unheils. Und das Unheil war an das Licht des Tages getreten in ſeiner furchtbarſten Geſtalt. Als die Gräfinn von Rochlitz ihrer Mutter entgegen ge⸗ kommen war, um ſie zu empfangen, und dieſe eben triumphirend anreden wollte, als durchlauch⸗ tige Braut und künftige Kurfürſtinn von Sachſen, ſank die jammervolle Braut des Todes plötzlich ohn⸗ mächtig an ihre Bruſt, und aus den erſtarrenden Ar⸗ men der Beſtürzten zu Boden. Entſetzt rief die Matrone nach Hülfe; man eilte herbei und trug die Beſinnungloſe auf ihr Lager; kaum befand ſie ſich dort, da erfaſſte ſie das wüthendſte Fie⸗ ber, begleitet von den gräßlichſten Zeichen innerer Zerſtörung. Stumm und betreten umringten die herzu⸗ gerufenen Arzte die Leidende, betretener als alle war der Hofrath. Ihm, dem Unterrichteten, war kein Räthſel, was er ſah; die Geſchwüre und Beulen, welche dies vor wenig Augenblicken noch ſo reizende Antlitz, den zarten Körper Katharinens mit entſetzlicher Schnelle bedeckten, ſie waren die Wirkung des unbeſiegbaren Giftes, welche nur gehemmt, nicht aufgehoben durch Bartholomäus Mittel, jetzt mit verzehnfachter Heftigkeit her⸗ vorbrachen. Eine gleiche Meinung las er in den nachdenklichen Mienen ſeiner Collegen, aber Jeder ſcheuete ſich, ſie auszuſprechen. Keiner wuſſte, welchen Namen er dem geben ſollte, das beim rechten zu nennen ſo mißlich war. Damals war das Cholera⸗übel nicht bekannt, wie heut zu Tage, dieſer dienſtwillige Geſchäfts⸗. freund des Todes, welcher hier und da kleine Pri⸗ vatunternehmungen deſſelben auf ſeine Rechnung — 301— ſchreiben läſſt; die Herren der Facultät ſahen ſich rathlos an, und keine Antwort als ein verlegenes Achſelzucken ward den angſthaften Fragen der weiblichen Dienerſchaft, keine der Gräfinn, die beſtürmt von Ingrimm und erwachender Reue, zitternd die Beſtätigung deſſen erwartete, was ſie ahnte. Da entfiel einem der Gegenwärtigen die Be⸗ merkung, die Blatternſeuche habe ſich in einigen Dörfern der Umgegend gezeigt. Das benöthigte Wort war gefunden, alle Aerzte wiederholten es, mit lauter Stimme intonirte der Leibmedicus: die Pocken ſind es, die Pocken, und die Pocken der ſchlimmſten Art, ſchrie Alles dem beſtürzt ein⸗ tretenden Kurfürſten entgegen. Dieſer aber achtete nicht des damals ſo ge⸗ fürchteten Wortes; gewaltſam drängte er ſich durch die, welche ihn zurückzuhalten ſtrebten; er flog zum Schmerzenslager der Geliebten, und beim Anblick ihrer Entſtellung einen Schrei des Entſetzens ausſtoßend, fiel er vor demſelben nie⸗ der auf die Kniee, ergriff die ſchon aufgedun⸗ ſene, formloſe Hand, und drückte ſie an ſeine Lip⸗ pen. Da war es, als riefe die Gegenwart des Freundes die ſcheidende Seele zurück. Katharina — 302— ſchlug die Augen auf, und als ſie den Kurfürſten erblickte, verzog ſie die bleifarbenen Lippen, ach, zu einem Lächeln nicht; denn dies ward nur zu ſchmerz⸗ licher Verzerrung. Johann Georgs verdunkelten Blicke wandten ſich ab von dem Schauſpiel, das ſein Herz zerriß; ſie irrten unſtät im Zimmer umher, und als er die ſchon vergeſſenen Anweſenden gewahrte, be⸗ fahl er ihnen, ſich zu entfernen. Fort! ſchrie er, als ſie zauderten, fort von hier! Meine Freude hat man mir nicht gegönnt, meinen Schmerz ſoll man mir nicht ſtören! Hinweg mit Euch, bei meiner höchſten Ungnade gebiete ich es; ge⸗ horchet, denn ich bin euer Herr! Als Jene dies Gebot befolgt hatten, ſprach er mit gebrochener Stimme zur Kranken: So, Katharina, ſo muß ich Dich finden, und da, da ich Dir die Botſchaft bringe, nichts ſtehe un⸗ ſerm Glücke entgegen?—— Hab' ich, antwortete ſie mühſam, aber in ſanften Tönen, oft von der Gewalt der Schmer⸗ zen unterbrochen, hab' ich es nicht geſagt, mein fürſtlicher Herr und Freund, die Gefahr ſei nicht vorüber? Wollte Gott, dies ſei der Fall nur mit mir. Ich wuſſte es wohl, daß das Glück mir „ „ — 303— nicht beſchieden war, von dem Ihr redet, und es iſt auch wohl recht ſo.— Laſſe Deinen Geiſt nicht daniederbeugen durch die Laſt der Krankheit; wohl iſt das eine ſchreck⸗ liche, aber die Heilkunde hat Mittel für jegliche, und ich werde ſie aufbieten in ihrer ganzen Macht, damit ſie Dich mir erhalte, mein Lieb und Seele meines Lebens. Verzage nicht, Du wirſt ge⸗ neſen, und wir ſehen wohl noch ſchöne Tage auf dieſer Welt.— Sie aber ſchüttelte leiſe das Haupt und ſprach: Auf dieſer nicht, mein theu⸗ rer Fürſt, doch ſo Gott will, in einer andern. Täuſchet Euch nicht, das, was Ihr ſehet, iſt, was ich dumpf und leiſe in mir gefühlt, es iſt der Tod.— Was ſagſt Du? rief Johann Georg erſchreckt! Wäre es möglich? Haſt Du eine Ver⸗ muthung, vor deren Gedanken mein Innerſtes zu⸗ ſammenſchauert? Sprich ſie aus, daß mein Zorn den zermalme, deß frevelnde Hand verletzet hat, was mir das Theuerſte iſt auf der Welt!—— Ich habe keine Vermuthung, flüſterte ſie wie vorhin, ich will meines Herrn Zorn nicht auf⸗ reizen gegen irgend Jemand. Doch wäre es, wie ich meine, vermöchte kein Mittel der Heilkunſt das übel zu hemmen, das mich verzehret; ſo vN — 304— zürnet nicht auf die, in deren Macht es nicht ſtehet, mich zu retten; zürnet überhaupt auf Niemand. Vielen hat mein Leben zum Arger⸗ niß gereichet, gereiche Keinem mein Tod zum Nachtheil. Noch ein Wort, mein Johann Georg: Eine hinterlaſſe ich noch, die meinen Verluſt mit Euch beweinen wird, verſprechet mir, Ihr wollet, wie es auch kommen mag, nicht vergeſſen, ſie ſei meine Mutter.— Heilig iſt mir Alles, was Dir angehörte, und wie mir ſoll Dein Angedenken Allen heilig ſein, über die ich gebiete. Meine Unterthanen ſollen in Dir die Kurfürſtinn betrauern, ſo wahr ich dieſes Landes Herr bin! Aber ſo, ſchrie er im Tone des Jammers, ſo kann es nicht kommen, Du wirſt ni erben!— Und nun, ſagte darauf Katharina in immer ſchwächern, ſtockendern Lauten, meine Krankheit, welche ſie auch ſei, wird ein anſteckend übel genannt. Euch, mein Kurfürſt, umringt ein ergebenes Volk, ein erlauchtes Geſchlecht,— Ihr habet eine Mutter,—— eine Gemahlinn. Ihnen ſeid Ihr ſchuldig, Euch zu erhalten; traget Sorge für Euer Leben, das, wenn, wie Gott wolle, es noch nicht iſt, doch gefährdet wird durch meine Nähe. Verlaſſet mich denn auch Ihr, mein Theuerſtes auf der Welt, aus der ich gelaſſen gehe, da Ihr beim Abſchiede mir noch die Hand gedrückt. Mag auch Tadel der armen Katharina zum Grabe folgen und ſogar ſchnöder Hohn; das weiß ich doch, nicht wahr, ich darf es hoffen, daß mein Fürſt und mein Geliebter beſſer erkannt hat, als die Andern, was ich war, und daß ich nicht verdiente, angefeindet zu wer⸗ den, wie es geſchehen.— Der Jammer des Kurfürſten hatte den höch⸗ ſten Grad erreicht; außer ſich ſchrie er auf: Ich Dich verlaſſen, nimmermehr! Nichts hab' ich, wenn ich Dich verliere; nichts kümmert mich mein Geſchlecht, nichts meine Mutter, nichts die, welche ich haſſe, wie ich Dich liebe. Ich ſollte von Dir ſcheiden in der Stunde des Stet⸗ bens? Weiſt Du nicht noch: Johann Georg und Katharina eins im Leben und im Tode?— Dieſes Wort, verklingend vor dem dumpfer werdenden Gehör der Sterbenden, gemahnte ſie nur wie ein freundliches Valet, ihr nachgerufen aus der Heimath, an deren Grenze ſie ſtand; ſe beantwortete daſſelbe, die Hand des Kurfürſi drückend, und die ihrige blieb in derſelben, Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bd. 20 „— der Vorbote der Auflöſung, das Weichen der Schmerzen, ſie in lethergiſchen Schlummer ver⸗ ſenkte. Der angſthaft auf ſie blickende kurfürt der meinte, es ſei der Tod ſelbſt, der ſeine Beute ergriffen; da wich die mühſam aufgebotene Kraft dem Gefühle, und er ſtürzte beſinnungslos nie⸗ der. Der dröhnende Fall rief die draußen Ste⸗ henden herzu; man legte ihn auf ein Ruhebett, und während einige der Aerzte an der Gräfinn von Rochlitz fruchtlos Mittel vergeudeten, welche die Facultät ihrer Würde, dem Anſtande, oder auch wohl gebührenden Honorars wegen ſich ſelbſt mehr, als dem Patienten ſchuldig zu ſein glaubte, bemühten ſich Andere, den Kurfürſten aus ſeiner Ohnmacht zu erwecken. Sie dauerte bis zum Anbruch des Tages, und als ſie wich, war Ka⸗ tharina nicht mehr. Nicht kenntlich war ihre Hülle, von der Kraft des Uebels furchtbar ſchnell zerſtört; das falbe Licht des Morgens beſchien eine Grauen erregende unform. Dennoch wich Johann Georg trotz al⸗ ler Bitten nicht von den entſtellten Reſten der einſt geliebten Geſtalt; zween Tage und eben ſo viele Nächte beharrte er bei derſelben, bald aus⸗ — 307— brechend in laute, bittere Klage, bald wieder ſie wort⸗ und regungslos mit ſtarrem Auge hütend, und erſt am dritten Morgen geſtattete er den die⸗ ſes Geſchäftes kundigen Frauen, den Leichnam zum Begräbniß zu bereiten. Eine von ihnen fand bei dieſer Verrichtung jenes Band am linken Arme der Entſeelten. Leichenwäſcherinnen, Kindfrauen und andere Weiber dieſer Art haben manchmal leichtern Zu⸗ tritt zu den Gemächern fürſtlicher Frauen, als man glauben möchte. Dieſer verſchaffte ihr Be⸗ richt und das mitgebrachte Corpus delicti ſolchen alsbald bei der Kurfürſtinn Mutter. Anna von Dännemark hörte den erſten mit großer Theil⸗ nahme in höchſteigener Perſon an, ihn hin und wieder durch fromme Stoßfeufzer unterbrechend, und bewahrte ihn in einem feinen und chriſtlichen Gemüthe; das geheimnißvolle Band aber verſchloß ſie ſogleich in ein Käſtlein von Cedernholz für Zeit und Gelegenheit, vor ſich hin eifernd über des Teufels Argliſt und ſichtbarlich Wandeln auf Erden. Die Nothwendigkeit gebot, im Schooße der Erde zu verbergen, was dem Lichte des Tages nicht mehr gehörte. Die Beerdigung der Grä⸗ — — 3— finn von Rochlitz war prächtig; aber wie ſie ge⸗ ahnet, geſchah es; Blicke des Spottes und Ta⸗ dels fielen auf ihren geſchmückten Sarg, dem doch der ſchönſte Schmuck fehlte, und der Mißlaut übler Nachrede begleitete ſie in die Gruft der Schloßkirche, über der, auf des Kurfürſten Be⸗ fehl, noch ein prunkvolles Mauſoleum ſich erhe⸗ ben ſollte, der Nachwelt verkündend, die darunter Schlafende ſei vom Tode abgerufen worden von den Stufen des Thrones und von des fürſtlichen Brautgemaches Schwelle. Als Johann Georg von dieſer Feierlichkeit zurückkam, hatte er eine lange Unterredung mit der Dame von Neidſchütz, welche ſeit dem Tode ihrer Tochter in dem heftigſten Kummer verſenkt geweſen, aber nach dieſer Zuſammenkunft etwas getröſtet erſchien. Drauf, ohne irgend ein Mit⸗ glied ſeiner Familie geſehen zu haben, eilte er nach dem Jagdſchloſſe Moritzburg, um ſich dort ſeinem Schmerze zu überlaſſen, fern von denen, die ihn nicht theilten oder ſogar mißbilligten. Nach ſeiner Entfernung herrſchte am Hofe zu Dresden eine gewiſſe bange Stille; man fühlte, der gegenwärtige Stand der Dinge könne nicht von Dauer ſein; man ſah einer Aenderung ent⸗ ₰ 6— gegen, und wuſſte, werde man ſich ihrer erfreuen können, oder müſſe man ſie fürchten, ein Jeder nach ſeiner Meinung und der Partei, zu wel⸗ cher er ſich zählte. Es ſchien jedoch, dieſe Un⸗ gewißheit ſei beſeitigt, als man die Frau von Neidſchütz in Haus- und Staatsgeſchäften ſchal⸗ ten und walten ſah, nicht nur wie früher, ſon⸗ dern dreiſter noch und unumſchränkter; als Ver⸗ ordnungen, mit dem kurfürſtlichen Inſiegel ver⸗ ſehen, aus ihrem Kabinet hervorgingen; als man erfuhr, der Kurfürſt, für einige Zeit wenigſtens, der Welt und den Regierung⸗ geſchäften entſagend, laſſe Niemand vor ſich, und habe ſämmtliche Anbringen jener Frau überwie⸗ ſen, welche ſich völlig als Regentinn betrachte. Am drückendſten ließ ſie das Gewicht ihrer Macht auf die fürſtlichen Damen fallen, und die Zuverſicht, mit welcher ſie dies that, deutete auf die Zuſtimmung des Landesherrn, ihm wahrſchein⸗ lich bei jener Unterredung abgelockt, während welcher es ihr gelungen war, den Groll deſſelben gegen Mutter und Gemahlinn zu ſchärfen, in⸗ dem ſie den Verdacht deſſen, was doch die Folge ihrer eigenen Bosheit war, nicht ohne einige Wahr⸗ ſcheinlichkeit Denen aufbürdete, welche die Fein⸗ dinnen der Gräfinn von Rochlitz geweſen. Beide Kurfürſtinnen waren wenig beſſer als gefangen in ihren Zimmern; nur Wenige wagten ſich den⸗ ſelben zu nähern, und auch dieſen wurde der Zu⸗ tritt verſagt, Kraft eines Befehls, welcher vom Kurfürſten ausgegangen oder wenigſtens mit dem Abdrucke ſeines Siegelringes verſehen war. Man flüſterte in der Stadt ſogar von einer Unterſu⸗ chung, welche den beiden erlauchten Frauen be⸗ vorſtände, und die Neidſchütz trug nicht Scheu, ziemlich offen davon zu ſprechen; genug, man ſah den Augenblick nah, da das Kurhaus Sach⸗ ſen, geprieſen der fürſtlichen und häuslichen Tu⸗ genden wegen, die in ihm walteten, ein Tum⸗ melplatz der Zwietracht und der Welt ein Aerger⸗ niß werden würde. Zwiefach empört durch ſolche Behandlung, weil Jene es war, durch die ſie ihnen widerfuhr, beſchloſſen Anna von Dännemark und Eleonore von Eiſenach, Dresden zu verlaſſen, ja wenn es ſein müſſte, zu entfliehen, um in ſichrer Ferne ihre Verwandten und die Stände des Reiches zum Beiſtande aufzurufen und zur Vertheidigung gekränkter fürſtlicher Ehre. Auch die Prinzeſſinn von Sachſen lag ihrem Gemahl an, ſich mit ihr — 311— zu entfernen; doch dieſer, im Gefühl, daß er der Einzige ſei, welcher den geſtörten Frieden zu erhalten und dem drohenden Unheil zu wehren vermochte, entſchloß ſich, zu bleiben, und den rings ſich erhebenden Häuptern der Intrigue die Stirn zu bieten. Fünf Tage währte dieſer peinliche Zuſtand; der Morgen des ſechsten des zwanzigſten April veränderte die Geſtalt der Dinge. Mehrere Eil⸗ boten waren in der Nacht, die ihm voranging, von Morizburg in der Reſidenz angelangt, und drauf einige Wagen dahin abgefahren im vollen Laufe der Pferde; gegen Mittag aber ſah man eine Kutſche mit verhangenen Schlägen langſam über die Brücke daher kommen und ihren Weg nach dem Georgenthore nehmen. Der Schloßhof und die Gallerien füllten ſich mit Menſchen, und bald wuſſte man, es ſei der plötzlich und heftig erkrankte Kurfürſt, der eben vom Jagdſchloſſe zurückgekommen, und die Aerzte, die ihn beglei⸗ tet hatten, und an ihrer Spitze der Leibmedicus, verſicherten Jeden, der es hören wollte: die Pok⸗ ken ſind es, die Pocken, welche Serenissimum jähling befallen. Die Gefahr, in welcher Johann Georg IV. ſchwebte, erweckte alle Anhänglichkeit an den Lan⸗ desherrn, ein altes Erbtheil der Sachſen, wel— ches wohl zu bewahren wir ihnen rathen; man vergaß Manches, das man früher nicht gänzlich gebilligt, und auf allen Angeſichtern war Trau⸗ rigkeit zu leſen und ängſtliche Beſorgniß. Aber am niedergeſchlagenſten und unruhigſten war Bar⸗ tholomus Gobau, und nicht ſeit heute erſt war er es, ſchon ſeit mehreren Tagen, ſeit dem Tode Katharinens. Eben hatte er den Leibmedieus verlaſſen, mit dem er in der großen Gallerie ein leiſes Geſpräch gepflogen, und ſeine Miene war noch düſterer geworden, als er den Kammerherrn Vizthum auf ſich zukommen ſah. Die letzten Ereigniſſe, be⸗ ſonders das des heutigen Tages, verſetzten den jungen Hofmann mehr als viele Andere in Span⸗ nung; ein Fall, der möglicher, ja wahrſcheinli⸗ cher Weiſe eintreten konnte, beſchäftigte ſeine Einbildungskraft, noch mehr aber, was aus die⸗ ſem Falle für ihn ſelbſt hervorgehen könne, für den Vertrauten und Günſtling Herzog Friedrich Auguſts. Was aber auch ſeine Gedanken waren, ſo gefiel es ihm, ſie beim Anblicke Gobau's zu —— unterbrechen, welcher mit einer veu an ihm vorübergehen wollte. Wie ſteht es, Freund Hofbettmeiſter, redete er ihn munter an, warum ſo niedergeſchlagen? Sollte man doch meinen, trotz allem, was Er gegen ſeine Ehehälfte gehabt, ſei Ihm die Abreiſe derſelben leid. Wo iſt die ſchöne Eſtevania hin⸗ gekommen? Hat die Erde ſie etwa verſchluckt? Wollte Gott, antwortete Bartholomäus mit mehr Ernſt, als der Kammerherr an ihm zu ſe⸗ hen gewohnt war, wollte Gott, die Erde hätte ſolches früher gethan. Aber meinet, fragte er noch ernſter, meinet mein gnädiger Herr, die jetzigen Zeitläufte ſeien nicht bedenklich genug, um ein wenig geſetzter drein zu ſchauen, als man wohl vordem gethan? Hm, erwiederte Vizthum mit Leichtigkeit, es gehen fteilich ſeltſame Dinge vor; ein Philo⸗ ſoph aber, mein werther Gobau, wie Derſelbe es noch wiſſen muß von der Zeit ſeines Eheſtandes her, ein Philoſoph trachtet Allem die beſte Seite abzugewinnen. Ich wüſſte dieſe Seite nicht zu finden, war die Antwort des Kaſtellans, von ſo verſchiedenen ich auch dieſe Dinge beſchaue. Der Tod, meine — 314— ich mit Ihro Gnaden Verlaub, der Tod iſt ein ſchlimmer Gaſt, und manchmal mag man, zu⸗ mal in Palläſten, Acht geben, zu welcher Thür er hereingekommen. Auch ich liebe den dünnen Wanderer nicht, verſicherte Jener, und doch mag es ſchwer ſein, die Thür vor ihm zu verſchließen. Alte müſſen, Junge können ſterben, das iſt etwas Altes, und man hat es an meiner Muhme von Neidſchütz geſehen, die immer noch ein wenig länger hätte leben können, als ihre Frau Mutter, meine ver⸗ ehrliche Baſe. Ja, ja, verſetzte Gobau, an ſolchem Exem⸗ pel gewahrt man, wie Junge manchmal auch ſterben müſſen, und das iſt immer betrübt, in einem Falle mehr als im andern. Der Kammerherr zuckte die Achſeln leicht und ſagte: Was iſt zu thun? hin iſt hin, kön⸗ nen wir doch den Verluſt verſchmerzen. Aber nimmer hätt' ich geglaubt, der Tod des Fräu⸗ leins Gräfinn würde dem guten Freunde ſo nahe gehen. Nun ja, auch mir thut es leid, recht ſehr leid, und noch mehr leid würde es mir thun, wäre ma Cousine nicht gewiſſermaßen eine unbe⸗ queme Perſon geweſen für Andere. Ma foi, noch N —— eher möchte ich mich tröſten, paſſirte der Alten daſſelbe. Was Ihro Excellenz von Neidſchütz anbelangt, meinte Bartholomäus, ſo ſtimme ich ganz über⸗ ein mit meinem gnädigen Herrn und Patron; doch hör' ich Hochdenenſelben nicht gern von der Gräfinn ſo ſprechen. Sie war doch auch ein Got⸗ tesgeſchöpf, und wohl ſo ſchlimm nicht, als man gedacht und geſprochen, und es iſt immer ein kläglich Schauſpiel, ein ſolches aus der Welt ſchei⸗ den zu ſehen, zumal auf dieſe Weiſe.— Welche Weiſe? fragte der Kammerherr; iſt doch nichts Befremdliches darin, und tiglich ſiehet man dergleichen. Das verhüte der allmächtige Gott! rief Go⸗ bau in plötzlicher Erregung; dann ſetzte er, ſich faſſend, hinzu: Auf die Weiſe, meine ich, welche uns mit einem andern, weit größern Verluſte bedroht. Vitzthum nahm einen geſetzten Anſtand und Ton an, als er entgegnete: Der Kaſtellan ſpricht von der Maladie des Kurfürſten, womit ihn un⸗ fehlbar die Verſtorbene inficiret. Gewißlich iſt es ein traurig Spektakel, einen ſo großen Herrn in ſo jungen Jahren hinweggeriſſen zu ſehen aus —— — 316— dem Leben, und zumal iſt es ein fatales Exem⸗ pel der Vergänglichkeit aller irdiſchen Dinge; aber noch iſt es ja nicht ſo weit, und auch gegen die Blatternſeuche hat der Leibmedicus Latwergen und Pillen in ſeiner Officin. Der Hofbettmeiſter ſchüttelt den Kopf? Träte indeß ſolch betrübter Fall ein, ſo müſſte man ſich darin ergeben, wie in Alles, was nicht zu än⸗ dern ſtehet, und als Philoſoph das Gute wahr⸗ nehmen, welches oftmals das Schlimme begleitet. Wohl iſt der Kurfürſt ein Herr von vielen Gaben, doch mangelt es daran wahrhaftig auch einem An⸗ dern keinesweges, der überdem uns ein gnädige⸗ rer Gebieter ſein würde, als Jener, mir, dem Kammerherrn Vizthum, und ihm, dem Bett⸗ meiſter Gobau.— Auf dieſen machte ſolche Andeutung wenig Eindruck; heftig und beinahe mit Unwillen rief er: Redet nicht ſo, mein gnädiger Herr, ſolche Worte lauten nicht wohl in Eurem Munde, und Ihr würdet ſie bereuen, wüſſtet Ihr, was ich weiß.— Und was hab' ich denn geſagt, antwortete Jener ſtolz und empfindlich, und was weiß Kaſtellan?— * — 317— Ihro Gnaden ſoll es erfahren, ſagte Bartho⸗ lomäus nach einigem Sinnen, iſt doch wohl lei⸗ der die Zeit nahe, da das Myſterium Niemand mehr nützt, und ohne dies an den Tag kommt. Sur ma foi, der gute Freund macht mich curios, verſicherte der Kammerherr, und folgte dem Andern leichten Sinnes in ein einſames Sei⸗ tengemach. Als er aber aus demſelben hervor⸗ trat, ſchien er tief erſchüttert, er war bleich, und ſein Ausſehn ernſt, niedergeſchlagen ſogar. Die Krankheit Johann Georgs, ob ſie ſchon gleich im Beginnen ſich als unheilbar ankündigte, kämpfte jedoch längere Zeit mit der Kraft des jugendlichen Mannes, als ſie es bedurft hatte, das Fräulein von Neidſchütz zu beſiegen, und ſie⸗ ben Tage verſtrichen, während welcher der Kur⸗ fürſt ſich meiſt in der Beſinnungloſigkeit eines glühenden Fiebers befand, und in den wenigen lichtern Augenblicken beide Kurfürſtinnen heftig und fortwährend den Zutritt verweigerte, eben ſo nach Katha inens Mutter verlangend. Dem Verbote ward Folge geleiſtet, nicht dem Befehle. Herzog Auguſt, in welchem man bereits allge⸗ mein den künftigen Landesherrn erkannte, begann nach und nach die Rechte und Obliegenheiten eines — 318— ſolchen zu üben; die Beamten aller Zweige der Verwaltung gingen an den Gemächern der Frau von Neidſchütz vorüber, um ſich nach den ſei— nigen zu verfügen; bei dem Hofſtaate höhern und niedern Ranges geſellte ſich der Zuneigung, die er erworben, der Gehorſam gegen ſeine Befehle, und der erſte derſelben war, der Dame von Neid⸗ ſchütz den Zugang zum durchlauchtigen Kranken zu wehren. Am Nachmittage des ſieben und zwanzigſten Aprils ſaß dieſe in ihrem jetzt fort und fort ein⸗ ſamen Zimmer, mit Siegelung einiger Briefe beſchäftigt. Wohl fühlte ſie die Veränderung, welche ihre Lage erlitten, wohl fühlte ſie einen baldigen, noch tiefern Fall, wohl raunte das Be⸗ wuſſtſein ihr zu, ſie habe ſolchen verſchuldet, und eine finſtere Ahnung, erweckt durch Eſtevaniens Schreiben, ſie ſelbſt habe ihn bereitet, ein Opfer eigener Miſſethat; aber ſie ſtieß die letzte ſchau⸗ dernd von ſich, und ihr ſtarker Geiſt kämpfte mit der überzeugung vom Andern. Noch lebte ja der Kurfürſt, noch gebrach es ihr nicht an Mitteln, ihre Widerſacher zu unterwerfen, noch nicht an der Hoffnung, daß ſie es werde. Sie ſaß, nachdem ſie ihr Geſchäft vollendet — 319— hatte, einige Zeit ſinnend, das ſorgenſchwere Haupt auf den Arm geſtützt; dann erhob ſie ſich plötz⸗ lich, wie Jemand, der einen feſten Entſchluß gefaſſt hat nach reiflichem Erwägen, und ſchritt dem Ausgange zu. Alle ihre Verſuche, bis zum Kurfürſten zu dringen, waren bis jetzt fruchtlos geweſen; ſie wollte den letzten machen, uner⸗ ſchrockener der Gewalt die Gewalt entgegenſetzend; ſie ſtand im Begriff, ihre Diener zu verſammeln, damit ſie durch dieſe den Eingang in das Kran⸗ kenzimmer erzwinge; hoffte, einmal zu Jo⸗ hann Georg gelangt, fände ſie ihn auch ſterbend, die letzten Augenblicke noch zum Schaden der Geg⸗ ner zu benutzen und zum eigenen Vorctheil. Aber noch hatte ſie die Thür nicht erreicht, als Herr Vizthum von Eckſtedt in derſelben ſich zeigte. Unter allen Angeſichtern am Dresdener Hofe waren wenige der Dame verhaſſter, als das ihres Vetters, und der ungewohnte Ernſt, der jetzt auf ihm zu bemerken war, genügte nicht) es ihr er⸗ träglicher zu machen. Wenig gewohnt, ihre Em⸗ pfindungen zu verbergen, und mit einem über⸗ muth, den das Ungemach, ſtatt ihn zu dämpfen, noch geſteigert hatte, fragte ſie ihn unhold genug: Was beliebt dem Monsieur? Wie kommt es Demſelben bei, hier enzußprechen und ohne An⸗ meldung dazu?— Madame, antwortete der Kammerherr höf⸗ lich, aber mit eiskaltem Tone, Madame, ich komme nicht aus eigenem Antriebe, und iſt meine Gegenwart hier uns Beiden nicht erfreulich, ſo müſſen wir ſie dem Befehle einer hohen Perſon zuſchreiben, welchen gleichfalls uns Beiden Folge zu leiſten gebühret. Mich ſendet des Prinzen Friedrich Auguſt Durchlauchtigkeit, und mein Auf⸗ trag iſt, der Frau von Neidſchütz das Inſiegel des Kurfürſten abzufordern, und die Juwelen, welche er in Dero Verwahrung gegeben.— So iſt der Kurfürſt denn todt? fragte ſie erſchreckend.— Vizthum entgegnete: Annoch befinden ſich Höchſtdieſelben am Leben, indeß—— Sie aber unterbrach, mit wiedergewonnener Feſtigkeit ſpre⸗ chend: Wohlan, ſo habe ich denn keinen Herrn, als ihn, und kein Menſch iſt autoriſiret, mich zu zwingen, daß ich herausgebe, was ſein Ver⸗ trauen in meine Hände geleget. Ich verfüge mich augenblicklich zu dem gnädigſten Herrn, und ſo er daſſelbe verlanget, werde ich ſeinem Befehle N — 321— gehorſamen, niemals aber dem Prinzen, noch deſſen Diener.— Es thut mir leid, antwor⸗ tete Jener, wie zuvor, kalt und gemeſſen; aber es wird Madame unmöglich fallen, ſolch Vorha⸗ ben zu executiren, dieweil die ſtrengſte Ordre ergangen, daß man Derſelben die Entrée verwei⸗ gere. Dero thun alſo wohl, ſich nicht zu com⸗ 1 promittiren.— 1 Wahrhaftig? rief die Matrone, das ganze ätzende Gift, mit dem ihr Inneres erfüllt war, in Blick und Wort ausſtrömen laſſend. So will man mich wohl entfernt halten, daß ich die Spu⸗ ren des Verbrechens nicht gewahre, welches eine frevelnde Kainshand an dem Herrn verübt hat, und an der Gräfinn zu Rochlitz?—— Verwundert und beinah mit Entſetzen richtete der Kammerherr einen langen Blick auf die Er⸗ grimmte, und ſprach dann: Wahrlich, was ich hier ſehe und höre, übertrifft meine Erwartung. Drückt die Zentnerlaſt des Verbrechens nicht ge⸗ nugſam Euer Haupt, Frau von Neidſchütz, und das Elend, das Ihr über Euch ſelbſt gebracht und über Andere, deren Leben Euch werth ſein muſſte, wie das Eure? Wollet Ihr freche Be⸗ ſchuldigungen noch zu entſetzlicher Miſſethat fügen, Die ren v. Neidſchütz. II. Bd. 21 — 322— deren Fluch das Schickſal auf Euch ſelber gewälzt? Fürchtet Ihr nicht den Zorn deſſen, der bald Euer Richter ſein wird, daß Ihr in Eurer Ver⸗ worfenheit ſeine fürſtliche Ehre antaſtet?—— Noch iſt der Kurfürſt Richter im Lande, und ſonſt Niemand, verſetzte die Andere unerſchüttert; und ich verhoffe, er ſoll es noch lange ſein, und mich ſchützen vor Gewaltthat und der Arroganz eines tolldreiſten Knaben.— Vizthum ſchüttelte den Kopf, als er ſprach: Hoffet das nicht, Frau Neidſchütz, allzugut hat ihn der vergiftete Pfeil getroffen, den Ihr auf einen Andern abgeſandt; zum Tode traf er ihn, wie Eure Tochter. Verſuchet nicht, mich zu täuſchen, Ihr redet zu Einem, der leider nur allzugut weiß, wie es gekommen. Noch lebt der Kurfürſt zwar, doch, was in ihm wüthet, ſpot⸗ tet der Heilkunſt, und in wenig Stunden viel⸗ leicht iſt der Sand ſeines Lebens verronnen, und er ſtehet anklagend, Ihr wiſſet wohl Wen? vor dem Richterſtuhle Gottes, deſſen rächende Hand, wie ich mit Schaudern ſehe, Euch eben ergriffen.— Und wirklich ſtand ſie vor ihm todtenbleich, mit ſtarren Augen und krampfhaft zuckenden Glie⸗ dern; denn laut war es jetzt an ihrem Ohre — 323— erklungen, wofür ſie ſich lange betäubt, das Ver⸗ hängniß, das ſie jetzt zagend erkannte, hatte die verderbliche Waffe auf ſie ſelbſt zurückgeſchleudert, ſie ſelbſt hatte ihr Glück vernichtet, die Frucht ſo langer Anſtrengung zertreten, ſie ſelbſt hatte die Tochter gemordet, und den Wohlthäter und Herrn. So ſtand ſie eine Weile lang, dann heulte ſie plötz⸗ lich auf in wahnſinniger Verzweiflung, und raufte unter gräſſlichen Verwünſchungen das graue Haar. Selbſt des Hofmannes, durch Ehrgeiz und frühe Weltklugheit geſtähltes, Herz unterlag dieſem Schauſpiele. Ihr ſtehet, ſagte er bewegt, Ihr ſtehet vor mir, ein Gegenſtand der Verwerfung, ich ſollte Euch zürnen, mehr als Andere; denn auch mich habt Ihr verflochten in das Gewebe Eurer heilloſen Thaten, ich kann es nicht, ich muß Euch bemitleiden; denn wahrlich, Ihr ſeid die Unglückſeligſte unter den Frauen. Wer hätte damals geglaubt, fuhr er fort, mit weicher wer⸗ dender Stimme, als ich noch ein Knabe war, und oft in Eurem Hauſe, Ihr würdet die kleine Spielgenoſſinn auf ſo ſchmähligem Wege führen zum Tode? Wer hätte geglaubt, ich würde die ſo hochbegabte, geachtete Frau je ſo vor mir ſehen?— Damals, ſchnaubte ſie ihn an, damals hätte N — 324— ich die Schlange erdrücken ſollen, die mich jetzunder triumphirend anziſcht. Fort! ſchrie ſie, und rannte zum Schreibtiſch, und raffte das kurfürſtliche Sie⸗ gel auf und ein Käſtchen mit Edelſteinen, und drückte beides an ſich, fort, Herr Vizthum von Eckſtedt! Noch bin ich Gebieterinn in dieſen Zim⸗ mern, und will keine Worte der Vermahnung anhören vom Kuppler des Prinzen, und mein Recht und mein Eigenthum will ich vertheidigen, bis man kommt, es mit Gewalt mir zu rauben. Fort, und ſaget Eurem Herrn, daß ich ihn haſſe, wie ich ſeine Liebediener verachte!—— Mit Grauen wandte ſich der Kammerherr von der Megäre, und entfloh dem empörenden Auftritte. Einige Stunden ſpäter rief den Prinzen eine Botſchaft an das Lager des verſcheidenden Kur⸗ fürſten. Wie bei Katharinen, war auf unſäg⸗ liche Pein ein ſchmerzloſer Zuſtand gefolgt, und beſonnen, doch völlig entkräftet, zog Johann Georg die beulenbedeckte Hand zurück, die der Prinz erfaſſen wollte, und ſagte zu ihm in mat⸗ ten Tönen: Ich darf Euch die Hand nicht rei⸗ chen, Bruder Auguſt, die die Eure ſo oft ge⸗ faſſt hat in Vertraulichkeit und Liebe; aber Lebe⸗ wohl will ich Euch ſagen, und darum hab'ich bitten! laſſen, daß Ihr kommet.— Ich hinterlaſſe, unterbrach er weinend ten ihm zuſprechenden Herzog Friedrich Auguſt, nur zweier⸗ lei in der Welt, was ich liebe; denn das Dritte ward mir geraubt. Ihr ſeid es und mein Sach⸗ ſenvolk, obwohl unglückliche Umſtände mir den Einen entfremdet und das Andere wohl auch. Möge Euch niemals ein Gleiches begegnen mit dieſem. Ihr ſeid von nun an das Haupt un⸗ ſeres Geſchlechtes, und ſo ich nicht irre, werdet“ Ihr um Vieles deſſen Flor erhöhen und Glanz. Ihr gehet einer ſchönen Zukunft entgegen, ich aber gehe dahin, wo ich hingehöre, zu der, die mir vorangegangen.—, Tadelt mich nicht, ſetzte er hinzu, als Frie⸗ drich Auguſt verſuchte, einige Worte einzuſchalten, ſehet nicht finſter drein. Noch lebe ich, und ſo lange mein Herz ſchlägt, lebt in ihm, was in ihm erzeugt worden durch Etwas, deſſen Macht ihr nicht kennet, wie ich dieſelbe Euch nicht zu erklären vermag. Euch iſt des Lebens Luſt zu Theil worden und die Freude der Liebe, mir hat das Erſte manch Bitteres geboten, und die Letzte mehr des Schmerzes, denn der Freude; laſſet — 326— mir meinen Theil, wie ich Euch den Eurigen gönne.— Wie ſo herzlich, rief der Prinz, wie ſo herzlich gönnte ich Euch nicht alles Gute, Herr und Bruder, und lange Jahre Euch deſſen zu erfreuen!— Ich glaube es, verſetzte Johann Georg mit Anſtrengung, aber in liebreichem Tone. Sind wir doch nicht Brüder allein geweſen, auch Ge⸗ ſpielen in der fröhlichen Jugendzeit und, ein Ein⸗ ziges ausgenommen, im Mannesalter ein Herz und eine Seele. Ja ich weiß, Bruder Auguſt wird mein nicht vergeſſen. Ich lege drum in ſeine Hand, was ich noch zu beſtellen habe in dieſer Welt. Die, welche nun bald meine Wittib hei⸗ ßet, wird ſich baldigſt über meinen Verluſt trö⸗ ſten, und ich habe nur die Bitte an ſie, ſte möge keinen Groll gegen mich bewahren, wie ich auch ohne Groll ſcheide; der Frau Mutter aber ſaget, ich ſei geſtorben als ihr ergebener Diener und Sohn, und ſie möge mich in gütigem Andenken bewahren. Die kurſächſiſchen Lande lege ich an Euer Herz; ſeid ihnen ein treuer Vater und gnädiger Herr. Noch ein Wort höret von mir. Oftmals bin ich von Euch vermahnet worden zu fröhlichem — 327— Muth und heiterm Sinn, dieweil die düſtere Ge⸗ müthart des Fürſten einen Schatten werfe über ſein ganzes Land, und Ihr möget wohl Recht gehabt haben. Mit Euch ſtehet es anders, drum hütet Euch vor dem Gegentheil; denn nicht im⸗ mer wohnet das Glück dem Glanze bei und der lauten Freude. Das Geſchick iſt wandelbar, das unglück tritt auch über die Schwelle hoher Häup⸗ ter, wie Ihr denn davon ein Exempel an mir ſe⸗ het. Auch Euch ſind vielleicht trübe Stunden be⸗ ſchieden, ſo haltet Euch denn bereit dazu, lernet im Glücke das Unglück ertragen. Und nun Ade, Bruder Auguſt, Ade für dieſe Zeitlichkeit—— Kurz vor Mitternacht verſchied Kurfürſt Jo⸗ hann Georg IV. von Sachſen, und kaum eine Stunde ſpäter erforderte die ſchnelle Auflöſung ſei⸗ ner Hülle, ſie in einen in der Eile gefertigten Sarg zu verſchließen, bis zur Abführung in die Gruft zu Torgau. Kaum war der Morgen angebrochen, ſo er⸗ ſchienen die erſten Hof-, Kriegs- und Staats⸗ beamten, ihre Huldigung dem neuen Gebieter darzubringen, welche er mit der Leutſeligkeit em⸗ pfing, die ihm ſein ganzes Leben hindurch, ſelbſt in den Tagen des Ungemachs, bis in das Alter —— eigen blieb. Mit einiger Befremdung hatte Kur⸗ fürſt Friedrich Auguſt in dem ihn umgebenden Kreiſe Herrn Vizthum von Eckſtedt vermiſſt, und als die Audienz beendigt war, befahl er, ihn auf⸗ zuſuchen. Aber in eben dem Augenblicke vermel⸗ dete der Thürſteher, der Genannte und der Ka⸗ ſtellan des großen Gartens bäten Seine Durch⸗ lauchtigkeit um geheimes Gehör. Nun Herr Vizthum, ſprach er zu dem Er⸗ ſten, muß es gerade heut das erſte Mal ſein, daß ich Denſelben den Dienſt negligiren ſehe, welchen Er doch ſonſt ʒiemlich accurat abgewartet?— Drauf fuhr er gütig fort: Er ſiehet niedergeſchlagen drein, und träget kein Gratulantengeſicht zur Schau, wie Mancher von denen, welche eben hinweg⸗ gingen, und ich lobe ihn darum, als um ein Merkmal wahrhaftiger affection, welche eher des betrübten Falles gedenket, der mich betroffen, als deſſen, was derſelbe zur Folge gehabt. Ihn aber, Gobau, verſichere ich meiner Gnade, und der Kurfürſt wird die Schuld abtragen, welche von dem Prinzen contrahiret—— Aber plötzlich erſtaunte er; denn Beide war⸗ fen ſich zu ſeinen Füßen. Als nun Bartholomäus vor ihm ausſchüttete, was ſo lange Zeit ihn gedrückt; als er jenen Vorgang im Gartenpallaſte berichtete, den Verdacht, den er damals gefaſſt, die Da⸗ zwiſchenkunft des Kurfürſten, welche ſeine ver⸗ ſpätete Maßregel vereitelt, des Auftritts im Vor⸗ zimmer erwähnte und ſeiner drauf leider fruchtlos getroffenen Veranſtaltung, in Gemeinſchaft mit dem Leibarzt dem Vebel zu ſteuern, von deſſen Daſein er ſich überzeugt; als drauf Herr Vizthum von Eckſtedt ſich reumüthig des Unbedachts anklagte, aus welchem gewiſſermaßen all dies Unglück ent⸗ ſproſſen, da erfaſſte den Kurfürſten das Entſetzen vor der Gefahr, die ſo nahe an ihm vorübergegan⸗ gen, und den furchtbaren Wirkungen, von denen er Zeuge geweſen, das ſchmerzlichſte Mitleid mit dem Bruder, auf den ſie an ſeiner Statt gefal⸗ len, und der grimmigſte Zorn gegen die Urhebe⸗ rinn dieſer Gräuel. Dieſen heftigen Empfindun⸗ gen, welche den Menſchen im tiefſten Innern erſchütterten, folgten erwägende Gedanken des Fürſten; er fühlte die Verpflichtung des Richter⸗ amtes, das ihm geworden, aber auch das Miß⸗ liche der völligen Bekanntwerdung ſo verwickelten Begebniſſes, auch in Rückſicht auf ihn ſelbſt. Ich mag Ihn, Gobau, nicht tadeln, ſprach er, als die ſich ebnende Fluth der Gefühle ihm — 330— zu reden verſtattete. Ich möchte ihn loben viel⸗ mehr des mysterii wegen, das er in ſo höchſt be⸗ trübter und entſetzlicher Sache obſerviret, zumal da es ſcheint, als ſei wirklich ein frühzeitig Ent⸗ decken derſelben ſchwerlich von Nutzen geweſen, und habe nicht das klägliche Ende meines Herrn Bru⸗ ders höchſtſelig zu behindern vermocht. Denn ſol⸗ ches beſtätigen etliche Worte, ſo der Leibmedicus heut Morgen zu mir geſprochen, und deren Sinn mir anjetzo erſt klar worden. Ich danke Ihm für die Wachſamkeit, mit welcher er, was meine Per⸗ ſon betrifft, die Gefahr an derſelben unſchädlich, ja ſogar unbemerkt vorübergeführet; wollte nur Gott, es wäre gleichermaßen bei einem Andern geſchehen. Ich mag Ihm auch nicht reprochiren, daß er die verruchte Helferinn teufliſcher Praktiken in unſere Nähe gebracht; habe ich doch ſelbſt Ihn veranlaſſt dazu, ich, welcher ſie beſſer kannte, als Er. Jedennoch muß ſolche Erinnerung an gewiſſe alte Dinge und an neuere dazu, welche, wie Er, Kaſtellan, ſelber richtig erwogen, ſo wenig als möglich zur publiken Kenntniß kommen dür⸗ fen, uns, mir und Ihm, gleichermaßen zuwider ſein; ich ertheile Ihm dannenhero Urlaub zu einer Reiſe in ſein Vaterland Böheim, allwo er ver⸗ — 331— weilen mag, bis er als Zeuge vorgefordert wird in einem importanten und verdrüßlichen Rechts⸗ fall. Es kann aber auch kommen, daß ſolches gar nicht geſchehe, inmaßen ich geſonnen bin, ſo es nur irgend thunlich, denſelben zu vermeiden.— Als drauf der beſtürzte Bartholomäus ſeine Betrübniß über ſolche Ungnade zu erkennen gab und über die nicht erwartete Verweiſung aus dem Angeſicht ſeines gnädigſten Herrn, reichte ihm dieſer huldvoll die Hand zum Kuß, und ſagte: Mit nichten darf der Gobau eineUngnade heißen, was für mich das Beſte iſt, und auch für Ihn. Ich bin annoch einer Vergütung wegen in Seiner Schuld, und was anjetzo ſich zugetragen, hat dieſelbe in keinerlei Maße vermindert. Somit hat Er, wo Er ſich auch befinde, an mir einen gnädigen Kurfürſten und Herrn.— Darauf winkte er den nur wenig Getröſteten, ſich zu entfernen. Herr Vizthum befand ſich noch in derſelben demüthigen Stellung, vielleicht einen ähnlichen Beſcheid erwartend; der Kurfürſt wandte ſich zu ihm, mit Würde, aber ohne Zorn ſprechend: Nicht mich habet Ihr um Vergebung zu bitten, ſondern den, welchem leider Gottes die Folgen Eures Unbedachts getroffen. Aber, ſetzte er hin⸗ zu, und ſeine Stimme ſchwankte, unb Thränen traten in ſeine Augen, aber, er hat es wohl be⸗ reits gethan. Die Seele, die bei Leibesleben ſchon ſo mild war und verſöhnlich, wird es auch jetzunder ſein, da ſie bei Gott iſt, zumal wenn es kein Verbrechen betrifft, ſondern menſchliche Schwachheit. Stehe der Kammerherr auf; ich kann Demſelben nicht pardonniren, was er nicht an mir verſchuldet; aber zürnen will ich auch nicht über ſolche Schwachheit, die doch nun ein⸗ mal, ſchlimm genug, unſer Erbtheil geworden.— Nach dieſem Auftritte, bei welchem vielleicht mancher Leſer denken mag, Friedrich Auguſt habe einigen Unterſchied gemacht in ſeinem Verfahren gegen den Kammerherrn Vizthum von Eckſtedt und gegen den Bettmeiſter, gegen den Liebling, der freilich unwiſſentlich ihn der Gefahr ausgeſetzt, und den treuen Diener, der ſie wenigſtens von ihm ſelbſt abgeleitet, begab ſich der Kurfürſt zu ſeiner Mutter, ihr den üblichen Beileidbeſuch abzuſtatten. Vielerlei Gedanken beſchäftigten ihn auf die⸗ ſem Wege. Die Obliegenheit des operſten Rich⸗ ters forderte ihn zur Vergeltung auf, unterſtützt von dem Schmerze über den Tod ſeines Bruders; das Verbrechen, welches gegen ſeine eigene Per⸗ — 333— ſon gerichtet war, entflammte ihn gegen die Thä⸗ terinn; aber auf der andern Seite betrübte ihn der Gedanke; ſeine Regierung mit einem Todes⸗ urtheile zu beginnen, und ließ ihn in Verbindung mit den oben erwähnten Umſtänden in Unſchlüſ⸗ ſigkeit. Dieſe ſollte jedoch nicht lange währen. Nachdem Anna von Dännemark den neuen Landesherrn nach Standesgebühr bewillkommt, ſeine geziemend geſtellte Anrede eben ſo geziemend erwiedert, und den Auftrag des Verſtorbenen, deſ⸗ ſen Friedrich Auguſt ſich entledigte, mit einigen, aber nicht allzuhäufigen Thränen beantwortet hatte, und der Verſicherung, der Tod ſühne jeglich Vergehen, und zu vergeben ſei chriſt⸗ und müt⸗ terliche Pflicht, fragte die durchlauchtige Dame den Kurfürſten, wie er es denn nun mit der al⸗ ten Schlange zu halten gedenke, welche ſo lange ihr Gift gegen ſie geſpritt, und unfehlbarlich die Hand im Spiele gehabt habe bei den neueſten wunderlichen und bejammernswerthen Ereigniſſen, ob ſie ſchon nicht wiſſe, in welcher Art? Friedrich Auguſt verſicherte, ohne zu berüh⸗ ren, was ihm eben kund geworden, er ſeinerſeits cheile ihren Widerwillen gegen die Neidſchütz und ihren Argwohn; er zweifle nicht daran, daß ſie — 334— höchſt ſtrafwürdig ſei, finde jedoch bedenklich, der Gerechtigkeit eine Sache anheim zu ſtellen, bei welcher es noch gänzlich an Beweiſen mangle. Bei Aufſuchung dieſer Beweiſe aber, meinte er, ſtehe zu befürchten, man werde auf manches ſto⸗ ßen, was bei Bekanntwerdung halb oder gar nicht verſtanden vom Publikum, unter demſelben nach⸗ theiliges Gerede veranlaſſen, zum mindeſten aber das Andenken ſeines Herrn Bruders höchſtſelig verunglimpfen werde. Die Frau Mutter hatte dieſe Rede, in wel⸗ cher der Kurfürſt klüglich überging, was ihn per⸗ ſönlich einem öffentlichen Verfahren abgeneigt machte, mit Kopfſchütteln angehört; als er aber hinzufügte, er halte für wohlgethan, der Frau von Neidſchütz Zeit zur Flucht zu laſſen, die ſie wohl ungeſäumt ergreifen werde, und ihre Ent⸗ fernung ſcheine ihm das Wünſchenswertheſte unter ſolchen Umſtänden, da ereiferte ſich Frau Anna ſehr. Das übel von ſich abzuthun, bedeutete ſie ihn, ſei die Schuldigkeit eines jeden Chriſten, vor⸗ nehmlich aber eines Regenten; es ſtehe geſchrie⸗ ben: ſo dich dein Auge ärgert, ſo reiße es aus; die alte Neidſchütz ſei jedoch weder ihr Augapfel noch ſeiner, vielmehr ein Dorn in demſelben, und da der Kurfürſt auf ſeiner gxiehtt beharrete, nahm ſie ihre Zuflucht zu andern Waffen. Sie öffnete jenes Käſtchen von Cedernholz, nahm das Armband heraus und zeigte ihrem Sohne die blutigen Namenzüge und das Geflecht von Haaren, ihn des Breitern belehrend, wie daſſelbe, ein verruchter Talisman, ſei verfertigt in der Werkſtatt des Teufels, oder mindeſtens eingeſeg⸗ net durch ihn. Sodann erklärte ſie, welchen Ge⸗ brauch man von ſolchen Dingen mache in ſchnö⸗ der Gottloſigkeit; ſie führte als Beweis an, wie der verſtorbene Kurfürſt nicht von dem Leichnam gelaſſen, ſo lange dies Band ſich an demſelben befunden in heilloſer Verblendung, dieſe aber, als es weggenommen, alsbald gewichen, alſo daß er den Gegenſtand, welcher ihn eben noch ſo lieblich bedünket, ſtracks erkannt habe für das, was er war, für einen ſcheußlichen Raub der Verwe⸗ ſung. Drauf meinte ſie, leider ſei der hölliſche Zauber damit nicht gänzlich gelöſet worden; denn vermittelſt deſſelben habe die Todte den ſeligen Herrn nachgeholet in beſtimmter Friſt, und be⸗ ſchloß ihre Rede, der Gerüchte erwähnend, welche ſchon längſt umhergelaufen ſeien, als treibe die Neidſchütz vermaledeietes Hexenwerk mit Hülfe . — 336— eines ſpaniſchen Weibes, welches aber plötzlich und ganz ſpurlos verſchwunden, unfehlbar ein Geiſt der Finſterniß geweſen ſein müſſe, oder doch die Verbündete eines ſolchen, welcher ſie abgefüh⸗ ret in ſein Reich. Da ward Friedrich Auguſt andern Sinnes. Zwar glaubte er, aufgeklärter als Viele in jenen Tagen, und hinlänglich eines Andern unterrichtet, kein Wort von dem, was Frau Anna ihm vorgetragen als unumſtößliche Argumente; aber er ergriff be⸗ gierig den Vorwand, unter welchem er, dem Geiſte der Zeit gemäß, ohne der Klugheit und nothwen⸗ digen Rückſicht zu nahe zu treten, ſeiner Regen⸗ renpflicht genugthun konnte und ſeinem Haß gegen die, welche ihm einen gualvollen Tod zugedacht, und ſeiner brennenden Sehnſucht, den Mord Jo⸗ hann Georgs zu rächen. Früh genug hatte die Frau von Neidſchützden Tod ihres Herrn und Gönners erfahren, um die Flucht zu bewerkſtelligen, deren Nothwendigkeit ſie allerdings einſah; aber die Dämonen der Hab⸗ gier, des Ehrgeizes und der Rachſucht, allerdings Geiſter der Finſterniß, denen ſie gehuldigt, hemm⸗ ten ihre Schritte. Sie wollte ihre Schätze nicht miſſen und ihre Kleinode; ſie wollte von den — 337— wichtigen Documenten, welche Johann Georgs des Vierten Vertrauen in ihre Hände gelegt hatte, mitnehmen, was ſie bedurfte, um an einem, Kur⸗ ſachſen feindlichen, Hofe als eine Perſon von Be⸗ deutung aufzutreten und Rache zu nehmen an dem verhaſſten Geſchlecht. So verlor ſie die Zeit, die des Kurfürſten Unſchlüſſigkeit ihr vergönnte, und als ſie bereit war zur Flucht, war dieſe unmög⸗ lich geworden. Zu oft haben wir den Leſer in den Abgrund dieſes Gemüthes blicken laſſen, um ihm darzuſtel⸗ len, was im Innern der Verbrecherinn vorging, als man ihr ſagte, ihre Behauſung ſei umringt, und Wache halte die Gänge des Schloſſes beſetzt, welche zu demſelben führten; ihr Außeres aber war ziemlich würdevoll und ruhig, als ſie ei⸗ nige Zeit darauf ihre Frauen rufen ließ, ſie voll⸗ ſtändig anzukleiden. Angethan mit der gewohnten Pracht und mit dem Anſtande einer vornehmen Matrone ſaß ſie in ihrem Lehnſtuhle, als der Graf zu Beichling eintrat. Sie empfing ihn, als ſei ſie noch Gebieterinn im Schloſſe und Lande, und er ihr unterwürfiger Diener, und fragte kurz und gebieteriſch nach ſeinem Begehr, obgleich die Er— ſcheinung der Gerichtsdiener und Soldaten in ſei⸗ nem Gefolge daſſelbe genugſam erklärte⸗ Ich komme, ſagte der Graf trocken und mit Die Frauen v. Neidſchütz. II. Bö. 22 5 — 338— einer Amtsmiene, ich komme, von Madame zu for⸗ dern, was dieſelbe verhoffentlich jetzunder heraus⸗ zugeben nicht refüſiren wird, wie es früher ein⸗ mal geſchehen. Dero beliebe mir des höchſtſeligen Herrn Juwelen zu extradiren und weiland Seiner Durchlauchtigkeit Petſchier.— Die von der ehemaligen ſo verſchiedene Weiſe des Sprechenden ſtörte die ſcheinbare Ruhe der Neidſchütz, ſie ſchoß einen wüthenden Blick auf ihn, und ſprach mit dem bitterſten Hohne: Ich erkenne des Kurfürſten huldreiche intention darin, daß er gerade den Monsieur mit ſolchem Auftrage chargiret hat, ſo wie Dero Delikateſſe, ſelbigen zu executiren. Alſo will Bero mir das Inſiegel nicht laſſen, bis ich Zeit gehabt, des Herrn Grafen Beſtallung als Vicekanzler damit zu verſehn?—— Iſt nicht mehr vonnöthen, Madame, erwiederte Beich⸗ ling eben ſo höhniſch; ich führe fortan ſelbſt ſo⸗ thanes Inſiegel, mir anvertrauet von Dem, wel⸗ cher einzig Macht dazu; denn der Kanzler Se- renissimi bin ich, nicht Vicekanzler, Madame. Immer in demſelben Tone lautete die Ant⸗ wort: So hat ſich denn der Herr Kanzler hieher incommodiret, um meine Gratulation in Empfang zu nehmen? *WMit nichten, wie die verwittibte von Neid⸗ — 5— ſchütz des Weitern erſehen wird, ſprach das neue Haupt der ſächſiſchen Juſtizpflege, und verlas dann von einem gewaltigen Bogen eine Anklage auf Leib und Leben, abſcheulich Zauberwerk betreffend, das beſagte Neidſchütziſche Wittib getrieben unter Beiſtande des Feindes der Seelen; ferner Talis⸗ mane und Philtra, die ſie mit Hülfe deſſelben ge⸗ fertiget; ſodann ein hochverrätheriſches Attentat auf die höchſte Perſon des Landesherrn durch dergleichen teufliſche Arcana, und endlich den Verdacht, mit⸗ telſt derſelben den betrübten Fall herbeigeführt zu haben, welchen ganz Sachſen beklage, am aller⸗ meiſten aber das hohe Kurhaus, das bejammerns⸗ würdige Ableben, Seiner Durchlauchtigkeit, nämlich Herrn Herrn Johannis Georgii des Vierten, weil. Herzog zu Sachſen, des heiligen römiſchen Reiches Erzmarſchall und Kurfürſt.— Mit ſpöttiſchem Lächeln und mitleidigem Ach⸗ ſelzucken hatte die Bezüchtigte die langwährende Vorleſung angehört; ſie verlor indeß die Faſſung, als der Graf zu Beichling ihr erklärte, ſie müſſe ihm nach dem Staatsgefängniſſe folgen, einem wohlverwahrten Gemach unter dem heutigen Ar⸗ chive, welches bereits zwei des Hochverraths An⸗ geklagte bewohnt hatten, der Kanzler Crell in Kurfürſt Chriſtians II. Minderjährigkeit; unter Johann Georg I. der Graf von Brandenſtein.“ * — 340— Nicht lange dauerte indeſſen die Beſtürzung der Frau von Neidſchütz; ſchnell geſammelt, ſagte ſie: Ich acceptire mit plaisir des Herrn Grafen Politeſſe, eine Dame nach ſolch anmuthigem Lo⸗ gement zu führen, um ſo mehr, da es gar weis⸗ lich von Dero gethan iſt, ſich mit demſelben be⸗ kannt zu machen, dieweil, wie ich meine, er ſelbſt es einmal beziehen dürfte zu ſeiner Zeit.— Der Prozeß gegen die Angeklagte ward ziem⸗ lich unregelmäßig geführt, und ſo geheim als es gemeinhin bei ſolchen geſchieht, durch welche bei gebührender Offentlichkeit Staatsrückſichten ver⸗ letzt und hohe Häupter in unangenehme Verwik⸗ kelung gerathen können; von den Verhören und Ausſagen ward nichts bekannt, als was Talis⸗ mane, Liebestränke und ähnliche Dinge betraf; die eigentlichen der Verbrecherinn aber, wahrſchein⸗ lich ausgepreſſt durch damals gewühnlhe MWittel, blieben verborgen. Es verlautete indeſſen mehr davon, als dem Kurfürſten lieb war, und noch unangenehmer war ihm das Aufſehen, welches ſeine Mutter veran⸗ laſſte, als ſie, in ihrem Groll auch die Todten nicht verſchonend, die Gebeine Katharinens aus der Gruft reißen und an einen Ort werfen ließ, deſſen Namen uns der Leſer erlaſſe. Friedrich Auguſt wünſchte eine Rechtsſache — 341— beendigt zu ſehen, aus welcher, aller angewandten Maaßregeln ungeachtet, viele und unerfreuliche Gerüchte entſprangen, und die das Gedächtniß ſeines Bruders verunglimpfte, trotz aller Mühe, die man angewendet, dieſen als das willenloſe Opfer hölliſcher Kräfte darzuſtellen; er wünſchte auch, der Nothwendigkeit überhoben zu ſein, dies Ende durch Spruch der Gerechtigkeit herbeizufüh⸗ ren, der hier freilich nicht auf ein ſchuldlos Haupt gefallen wäre, und hoffte, die Zeit werde ein Auskunftmittel darbieten. Seine Hoffnung ward erfüllt; man fand ei⸗ nes Morgens die Frau von Neidſchütz entſeelt cuf ihrem Lager, und neben demſelben jenes Fläſh⸗ lein, Eſtevaniens Abſchiedgeſchenk. Am nämlichen Tage ließ der Kurfürſt das ſchon gefällte Urtheil bekannt machen, weches der, die PWon vor einem höhern Richterſtuhle ſtand, zuerkannte, ſie ſolle geſchleift, darauf ge⸗ hängt, und ihr Leib ohne Begräbniß geliſſen werden. Vergeblich drangen die drei Kurfürſtinnen in Friedrich Auguſt, auch an dem Leichnam dieſe Strafe vollziehen zu laſſen; er verwarf ihr An⸗ liegen mit der Erklärung, er wolle ſein Regen⸗ tenamt nicht mit gegenwärtig unnützer Beſchim⸗ pfung eines angeſehenen adlichen Hauſes begin⸗ — 342— nen. So gewährte er denn die Bitte, die Ver⸗ ſtorbene beerdigen zu dürfen, ihrer Familie, de⸗ ren eifriger Vermittler Herr Vizthum war, bei welchem der Haß gegen die Widerſacherinn dem Ehrgefühle wich, oder, wenn man lieber ſo will, dem ariſtokratiſchen Geſchlechtſtolze, der ſich in ſolcher Schmach einer Verwandten gekränkt fand. Auch das Gebein der Gräfinn von Rochlitz, nun ſchon gebleicht durch Regen und Sonnenſtrahl, ward aufgehoben vom ſchimpflichen Anger und in die Schloßkirche zurückgebracht; wahrſcheinlich hatte der Gang des Prozeſſes ſelbſt des Kurfürſten Meinung von ihr berichtigt. Doch, um nicht völlig zu widerlegen, was zu behaupten man für nöthig erachtet hatte, war es nicht jene Gruft, die man ihr zur letzten Wohnung anwies; keine Erkärung rechtfertigte ſie in den Augen der Nach⸗ welt, und kein Mauſoläum bezeichget die ver⸗ borgene Stelle, wo die Gräfinn voit Rochlitz ru⸗ het. Der Lauf der Zeit hat ſie ſogar ungewiß werden laſſen, und nur das Gerücht erzählt, ihr Sarg ſei eingemauert in einem Pfeiler an der Morgenſeite der Kirche. — Die weitern Schickſale Einiger, welche in dieſer Darſtellung erſchienen, kennt der Leſer be⸗ reits; der Andern mögen dieſe wenigen Worte erwähnen. ———————— — 34— Kurfürſt Auguſts Leben gehört der Geſchichte an; ſie zeigt ihn uns im Glanze königlicher Würde, welche ihm einſt geweiſſagt worden, und in den Tagen des Miſſgeſchicks, auf die ſein ſterbender Bruder vorahnend gedeutet, mit den Eigenſchaf⸗ ten jeglicher Art, die wir halb entwickelt wahr⸗ nehmen; ſie zeigt ihn uns wohl nicht von allem Tadel frei, doch wiederum des Lobes würdig. Die Wittwe Johann Georgs genoß nicht lange der Befreiung aus unbeglückendem Ehe⸗ bande, ſie ſtarb zwei Jahre nach ihrem Gemahl zu Pretzſch, wohin ſie ſich zurückgezogen. Lange überlebte Anna von Dännemark die Schwiegertochter; doch auch ſie entfernte ſich vom Hofe ihres Sohnes, noch ehe dieſer den polniſchen Thron beſtieg, um in Lichtenberg die vielen Lie⸗ beshändel deſſelben zu beklagen, daraufſeine Glau⸗ bensveränderung und überhaupt die ihrer Mei⸗ nung nach immer ärgere Welt. Chriſtiane Eberhardine befolgte ihre Vorſchrif⸗ ten zu gewiſſenhaft, als daß die Wirkung der⸗ ſelben ausbleiben konnte; viele Jahre war ſie Au⸗ guſt des Zweiten Königinn„als ſie längſt aufge⸗ hört hatte, ſeine Gattinn zu ſein. Noch in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts ſah man zu Prag den bereits er⸗ graueten Bartholomäus Gobau, und zwar als — 344— Kaſtellan des Schloſſes auf dem Hradſchin; denn Friedrich Auguſt hatte Wort gehalten, wie es alle Fürſten thun ſollten im Einzelnen, wie im Allgemeinen, und er verdankte dies Amt der Em⸗ pfehlung des Königs von Polen bei dem römi⸗ ſchen Kaiſer Joſeph dem Erſten. Aber man ſah auch dort eine Frau Kaſtellaninn, und dies deutete darauf, der Wunſch ſei in Erfüllung gegangen, welchen er damals ihrer Vorgängerinn nachrief, und der Tod habe die Feſſel des Sakramentes zerbrochen. Dem war ſo. Der erfreute Wittwer hatte zwar keinen Todtenſchein erhalten, wohl aber eine Be⸗ kanntmachung des Criminalgerichtes zu Paſſau, aus welcher erhellte, daß daſelbſt auföffentlichem Markte, ihr ſelbſt zur Strafe und Anderen zum Exempel, als überwieſene Giftmiſcherinn und Hexe auf dem lich⸗ ten Scheiterhaufen eine Weibsperſon verbrannt worden ſei, mit NamenEſtevania Levas, verehelichte Gobau. Darauf beſchränkte ſich die Kunde; ihre Ge⸗ ſtändniſſe, eine frühere Zeit betreffend, lagen verſie⸗ gelt im Archive des Gerichtes, bis ein Beauftragter des ſächſiſchen Geſandten am Hofe des Kaiſers in der biſchöflichen Reſidenz erſchien, ſie insgeheim an ſich zu nehmen⸗ — 10 Mn 1 12 13 1 18 3 5