Leihbibliothet 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 2 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Puches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. . Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. B 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ— F 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — *——.— 5———— * — Sammlung neuer Schriften von Alerander Bronikowski. Neunter Band. Leipzig. 1832. Brüggemann'ſche Verlags⸗Eppedition. Pe ſth. Bei Otto Wigand. Die Frauen von Neidſchütz. N o v ele von Alexander Bronikowski. Erſte Banh Leipzig. 1832. Brüggemanwſche Verlags⸗Erpedition. Pe ſth. Vei Htto Wigand. „ Es war einer der lieblichſten Abende des Früh⸗ ſommers, welcher eine Gegend verſchönte, deren Anmuth allgemein geprieſen wird von den Reiſenden, die ihr Ruf herbeigeführt hat, und kämen ſie ſelbſt von den Ufern der Arno. Die Stadt, vom Sonnenglanze beſtrahlt, er— hob ſich in der Mitte des weiten, lachenden, ſtromdurchſchnittenen Thales als eine herrliche Zierde deſſelben; und war ſie auch noch nicht mit allen anſehnlichen Gebäuden geſchmückt, welche ſie jetzt enthält, ragten, ſtatt des ita⸗ liſchen Thurmes der einen Kirche und der ern⸗ ſten Kuppel einer andern, nur gothiſche Thürm⸗ lein aus der Häuſermaſſe empor, umzingelten ſie noch drohende Wälle und breite waſſerreiche Gräben, wie jetzt ſchattige Baumgänge und duftendes Gebüſch, waren die engen dunkeln Thore auch noch mit gewaltigen Warten über— bauet, ſo umringten ſie doch, wie heut blühende Gärten in der Nähe und in der Ferne, lange Bergketten, mit Reben bepflanzt ober mit hoch⸗ ſtämmigem Laubwald. Eben hatte eine kleine Schaar zu Pferde eines jener Thore verlaſſen, deſſen hoher und ſtarker Thurm, der nur noch in der Erinne⸗ rung beſteht, mit der Bildſäule eines der be⸗ rühmteſten Herrſcher jenes Landes verziert war, und ritt dem Felde zu, durch eine Häuſer⸗ reihe, dem erſten Beginnen eines neuen An⸗ baues, der nun längſt zu einem anſehnlichen und bevölkerten Stadtviertel geworden iſt. An deren Ende angelangt, bogen ſie rechts ab auf einem Fußſteige, einem nicht fernen Dickicht zu, welches damals dem erſten Blick nur ein Erzeugniß der Natur oder des Zufalls ſchien, bei der Annäherung aber Spuren pflegender Kunſt darbot. Es waren fünf Perſonen; drei von ihnen, welche ſich in einiger Enfernung von den An⸗ dern hielten, ſchienen zu denſelben in unterwür⸗ figem Verhältniſſe zu ſtehen, obſchon zwiſchen ihnen ſelbſt eine merkliche Abſtufung des Ran⸗ ges ſtattfinden mochte; denn während zwei von dieſen, in die Farben der Dienſtbarkeit geklei⸗ det, ihre wohlgenährten Roſſe ſtill und ehrſam führten, ſie abhaltend von ungebührlichen Sä⸗ tzen, tummelte der Dritte, ein noch ſehr jun⸗ ger, beinah übertrieben prächtig gekleideter Mann, weidlich ſein andaluſiſches Roß, und vergönnte ihm ſogar bisweilen nahe an Jene heranzu⸗ ſprengen, welche die Gebieter der Uebrigen ſein mochten. Auch dieſe Beiden waren noch in jugend⸗ lichem Alter; Beide wohlgebildet, und ihre Züge einander ähnlich. Und doch war wieder eine große Verſchiedenheit unter ihnen zu bemerken; die Geſtalt deſſen, welcher zur rechten Hand ritt, um ein Weniges älter als ſein Begleiter, war ſehr ſchlank, ja beinahe hager zu nennen; ſein Antlitz nur mit einer leichten Röthe überhaucht, und das große, etwas trübblickende Auge war geſenkt, wenn es nicht, wie von Zeit zu Zeit geſchah, nach jenem Gebüſch vor ihm mit großer Aufmerkſamkeit blickte, als ſollte aus ſeinem Schat⸗ ten etwas Erwartetes vortreten. Er war ſtattlich, doch einfach, nach der Sitte der Zeit gekleidet in einen zugeknöpften Rock von dunkelgrauem Tuche; ein über denſelben weggehendes Bandelier trug einen ſchön gearbeiteten Degen; eine feine Spitzenkrauſe fiel lang über die Bruſt herab, und S 8— von dem ziemlich großen, nur auf einer Seite aufgekrempten Hut, über dem ſchlichtgelockten Haar, eine ſchneeweiße Feder. Der Ausdruck ſeines Geſichtes war ſinnig, ſogar ein wenig dü⸗ ſter zu Zeiten, obgleich auch unterweilen ein anmuthiges wohlwollendes Lächeln um ſeine et⸗ was bleichen Lippen ſchwebte; ſeine Haltung zwar ungezwungen und würbevoll, doch nicht ſonder⸗ lich kräftig, und ſein edles Roß ging unter ihm im Paradeſchritt, wiewohl mitunter brauſend und die Mähne ſchüttelnd, als wolle es gern ſeinem Genoſſen gleich thun, einem leichten Araber, den ſein Reiter wenigſtens jeden zehnten Schritt courbettiren ließ. Eben ſo verſchieden, wie in der Führung ſei⸗ nes Pferdes, war dieſer Reiter auch in Geſtalt und Kleidung von dem Erſtbezeichneten. Um Kopfeslänge höher als Jener war er, wiewohl noch ſehr jung, ungemein ſtark gebauet; ſeine Augen, ſo groß als die ſeines Begleiters, waren feurig und durchdringend; auch um ſeinen fti⸗ ſchen, von noch weichem Barthaar leicht beſchatte⸗ ten Mund ſchwebte ein Lächeln, doch ſchien es mehr auf Frohſinn und Kraftgefühl zu deuten; ſein ſpringendes Roß ächzte unter ſeinem gewal⸗ 9 tigen Schenkel, und warf, auf den eigenen Wil⸗ len verzichtend, ſich nothgedrungen Mal für Mal in halber Wendung herum, ſeinem Gebieter den öftern Rückblick nach der Stadt zu gewähren. Das Reickleid deſſelben war zwar gleichfalls von Tuch, aber von der Gattung, welche man, vom ſpaniſchen Wort Vicunha hergeleitet, drap de vigogne nennt; eine breite Silberſtickerei bedeckte alle ſeine Näthe; auf ſeinem Hute wehete ein Wald von Straußfedern; ſein Degengehenge war von befranztem Silberſtoff, und der Griff der Waffe funkelte tauſendfarbig im Sonnenſtrahl. Eine Strecke waren ſie ſo fortgeritten, der Eine vorwärts ſchauend, der Andere rückwärts, da ſprach in einem Augenblicke, in welchem Die⸗ ſer ſein Pferd ruhigeren Schrittes gehen ließ, Je⸗ ner zu ihm mit angenehmer, doch etwas matter Stimme: Die Feſtlichkeiten ſind nun vorüber mit ihrem Treiben und Getümmel, deſſen mir allgemach zu viel werden wollte, da ich Eurer in demſelben nicht froh werden konnte, lieber Herr. So iſt es mir denn ſehr angenehm, daß Ihr meine Einkadung angenommen zu dieſem Luſtritt, da⸗ mit ich Euch dann nochmals ohne Zwang und — 10— ohne Zeugen willkommen heißen mag in der Hei⸗ math.— Mit Zutraulichkeit, zu welcher ſich jedoch eine Art Ehrerbietung geſellte, erwiederte der Andere: Und auch mir iſt es erfreulich, daß ich mit Euch einmal unter vier Augen zuſammen bin; denn ob mir ſchon die Feſte und Gallas gar nicht zu⸗ wider ſind, ſo drängte es mich doch, auch meinen Herrn recht von Herzen zu begrüßen, ihm für alle Beweiſe der Gunſt zu danken, die er mir in der Ferne gegeben, und um die Fortdauer ſeiner Wohlgewogenheit zu bitten, auch in der Folge, da ich in ſeiner Nähe ſein werde.— Ihr wollet alſo bei uns bleiben, Herr Au⸗ guſt? fragte der Aeltere freundlich— das iſt ſchön, und ihr thut wohl daran. Nicht wahr— fuhr er fort, indem er um ſich ſchauete und ein Gefühl der Zufriedenheit ſein Antlitz erheiterte— nicht wahr, es iſt doch herrlich unſer Vater⸗ terland, und wo Ihr auch geweſen, müſſet Ihr bekennen, daß, wenn man, wie ihr, Florenz geſehen hat, Rom, Madrid, Wien und Paris, man EureGeburtsſtadt nimmer verachten möge.— Ihr habt gut ſprechen, Herr, antwortete Auguſt in halbſcherzender Weiſe, und Euch * 11 mag der Anblick dieſer Triften, Wälder und Berge mit mehrerem Recht erfreuen, als man⸗ chen Andern. Doch ſei es fern auch von mir, daß ich die Heimath geringer ſchätze, als was ich vom Auslande geſehen; und ich gedenke mich ihrer Schöne recht zu erfreuen, und Eurer Freund⸗ lichkeit, ſo lange ich hier verweile, ſo lange näm⸗ lich mich die Kriegstrompete nicht wieder abruft, oder die Luſt an Abentheuern, als ächten Pala⸗ din und Glücksritter. Solch Gewerbe iſt ja von rechtswegen den jüngern Söhnen beſchieden, welche nichts eigen nennen als ihr Schwert und ein Roß.— Jener ſagte darauf lächelnd: So iſt es nicht gemeint— Mich deucht, Ihr habt genug Aben⸗ theuer beſtanden in Krieg und Frieden, und könn⸗ tet nun wohl einmal ausruhen am väterlichen Heerde. Auch ſeid Ihr nicht ſo arm, mein wa⸗ ckerer Glücksritter, die Hälfte meines Beſitzthu⸗ mes iſt euer, und man nennt mich ja einen rei⸗ chen Mann.— Ein Ausdruck der Rührung verſchönte die männlichen Züge deſſen, den wir Auguſt nen⸗ nen hörten, und er ſprach mit bewegter Stimme: — Ja wohl bin ich*, reich durch Eure Güte, mein gnädiger Herr und Bruder.— Nun wohl— erwiederte dieſer— ſo laſſet uns denn zuſammen unſeres Wohlſtandes genie⸗ ßen. Zu lange ſchon waren wir getrennt; der bunte Wechſel der Welt mochte den Wandernden wohl zerſtreuen, der Daheimbleibende aber ver⸗ miſſte nicht ſelten den brüderlichen Freund, der jetzt, als ſei er ihm fremd geworden, ſeine Liebe mit Worten der Ceremonie erwiedert.— Es war, als ſtiege bei dieſer Rede ein tiefe⸗ rer Schatten auf das Antlitz des Sprechenden, er reichte vom Pferde herüber dem Begleiter die Hand, dieſer ergriff ſie mit ehrerbietiger Nei⸗ gung und drückte ſie innig und ſtark, zu ſtark vielleicht; denn der Altere zog die zarte Linke mit dem Ausdruck leichten Schmerzes zurück, dann aber fuhr er fort, freundlich wie zuvor: Man ſchilt Euch einen Flüchtling— Bru⸗ der, und ſo muß ich darauf denken, Euch Feſſeln anzulegen, daß Ihr nicht entrinnet; Roſenfeſ⸗ ſeln, denn dieſe, geht das Gerücht, können al⸗ lein den ſtarken Auguſt binden.— Wahrlich— rief dieſer lebhaft— man möchte auf den Gedanken kommen, als habe mein gnädiger Herr, oder wenn Ihr mir denn erlaubt ſo zu ſprechen, als habe mein theurer Johann Georg dergleichen bösliche Abſicht mit mir im Sinne, denn manche liebreizende Dame habe ich in ſeinen Gemächern bemerkt, die wohl ſolche Feſſeln zu winden vermag, und ich vermeine, auch manche Delila mag unter ihnen ſein, welche es verſteht, einen Simſon zu binden, daß ſie ihn ſeiner Stärke beraube.— Zwar waren dieſe Worte im Tone des Scher⸗ zes geſprochen, doch ſchien ein gewiſſer Nachdruck ihnen eine Art von Bedeutung zu leihen, welche dem ältern Bruder nicht entging; denn ſeine blaſſe Wange färbte ſich ſchnell, und es währte einige Zeit, ehe er, wie vorher, ſprach. Nicht ſolche flüchtige, leicht zerreißbare Bande ſind es, die ich meine; ich wünſchte, daß Ihr Euch ver⸗ mähltet, mein Bruder.— Und ſind— erwiederte fort und fort mit beſonderer Betonung der Jüngere— die ehelichen Bande, von denen Ihr redet, auch wirklich ſo feſt, giebt es nicht andere, welche uns anfangs dünn erſcheinen, gleich Spinnweben, doch allge⸗ mach und unmerklich zu Seilen werden, denen man ſich nicht entziehen kann oder will?— Seine Rede blieb ohne eine andere Antwort, als einen Seufzer, welcher Johann Georgs Bruſt entfloh, und Beide ritten ſtumm und nend verſtimmt weiter. Sie waren jetzt an den Eingang des Luſtge⸗ büſches gekommen, den ein eiſernes Gitterthor bildete zwiſchen zween hohen Steinpfeilern, von deren jedem ein etwas plump ausgehauener Löwe griesgrämig auf die Nahenden herabſchauete. Hier, wo dem Blick eine gerade Richtung verſtattet war, zeigten ſich ihm die Merkmale der Kunſt, welche dieſen Luſthain ſelbſt in der reizenden Land⸗ ſchaft, die ihn umgab, zu einer ihrer würdigen Zierde geſtaltet hatte. Eine breite Straße mit üppigem Raſen eingefaſſt, zog ſich durch den Wald, den von beiden Seiten, nach alt franzö⸗ ſiſcher Gartenkunſt, ſchnurgerade geſchnittene Bu⸗ chenhecken befriedigten, und ſowohl dieſe Straße als die Baumgänge, die in einiger Entfernung neben ihr durch das Gebüſch führten, übertrafen an Länge ſelbſt die Alleen der elyſäiſchen Felder in Paris. In abgemeſſenen Zwiſchenräumen ſah man damals am Rande des Hauptweges Urnen, ab⸗ wechſelnd mit Bildſäulen, meiſt Liebesgötter dar⸗ — ſtellend, zwar nur aus Sandſtein gehauen, auf reich verzierten Geſtellen; Himmelſchlüſſel und Violen, die Kinder der Jahreszeit, ſchmückten den grünen Teppich, und der Harke regelmäßige Spur war auf dem feinen Kieſe wahrzunehmen, auf welchem zu jener Zeit nur Bevorrechteten zu reiten oder zu fahren geſtattet war. Die Reiterſchaar verfolgte dieſe Straße nach dem Oſten zu, von welchem bläuliche Berge her⸗ abſchaueten, und die Zinnen einer nie eroberten Feſte; doch mochten ſie das entlegene Ende des großen Gartens nicht erſchauen, denn ihn in zwei Hälften theilend, ſtand ein ſeltſam Ge⸗ bäude ihnen gegenüber. Auf einem weiten Rund⸗ platze ſteht es, ein regelmäßig Viereck, jedoch an beiden Hauptſeiten mit vorſpringenden Flü⸗ geln, zwiſchen welchen eine doppelte Freitreppe über dem Eingange zuſammenſtößt. Seine Bauart iſt ſonderbar, oder vielmehr eine Zuſammenſe⸗ bung beinah aller Bauarten; in dem al rustico aufgeführten Erdgeſchoß ſieht man in rundlich ab⸗ geſtumpften Blenden Bildſäulen heidniſcher Göt⸗ ter, etwas ſteif, von gelblichem Sandſtein ge⸗ formt; der obere Stock iſt geſchmückt oder viel⸗ mehr überladen mit allerlei Säulenwerk, Blumen⸗ 16 S gewinden und Larven, und ein gewaltiges Wap⸗ pen, ein anderes als heut, zierte, umgeben mit Sinnbildern des Ruhms, das Frontiſpiz; an den zwei Seiten aber, die nach Mittag und Mit⸗ ternacht ſchauen, befinden ſich in fortlaufender Reihe breite, abgerundete Fenſter mit kleinen Scheiben, und über ihnen zeigt ſich, umringt von trophäenartig zuſammengehäuften Schilden, Lanzen, krummen Säbeln und Turbanen, ein Namenzug, deſſen Buchſtaben und Zahl I. G. 3. den Erbauer bezeichnen, wie jene Waffenſtücke den Zeitpunkt des Entſtehens. Als ſie nun dem kleinen Gartenpallaſte ſich gemach näherten, begann Johann Georg, als wolle er das Stillſchweigen unterbrechen, doch durch ein Geſpräch andern Inhalts, als des eben Statt gefundenen: Gedenket Ihr der Zeit wohl, da dies Haus gebauet wurde, werther Auguſt? Mich dünkt, ich ſehe Euch noch, als Ihr, ſtark bereits in jungen Jahren, den Grundſtein hobet, den zwei tüchtige Arbeiter nicht trugen, und ihn legtet ganz allein; wie darauf der Herr Vater Euch die Wangen ſtrich, und Euch ſeinen ſtar⸗ ken Sohn nannte. Auch ich hatte Hand ange⸗ legt zuerſt, es wollte mir aber nicht glücken. Es —— ⸗ — —————— war ſchön damals, fuhr er nach einer Pauſe fort, doch die Zeit iſt vergangen, der Vater mit ihr, und ich und auch wohl Ihr, Bruder, werdet vorübergegangen ſein, wenn dieſes Haus noch be⸗ ſteht, ein Denkmal unſerer Tage.— Wie mag Euch der heitere Anblick ſchwer⸗ wüthige Gedanken erwecken, rief Auguſt mun⸗ ter.— Ja wohl erinnere ich mich der Zeit, welche Ihr nennet, und der ſpätern, da der Bau vollendet war, und beim Hebeſchmaus der wohl⸗ ſelige Herr Vater Euch die Schlüſſel übergab, als dem künftigen Gebieter des Hauſes. Wir aber ſtanden ganz zerſtreuet und geblendet, und meinten, nichts Herrlicheres gebe es von Archi⸗ tectur in der Welt.— Von dieſem Glauben bin ich nun wohl zu⸗ rückgekommen, lächelte Johann Georg, und Ihr noch mehr, der Ihr die Meiſterwerke des Palla⸗ dio in Augenſchein genommen, und anderer ita⸗ lieniſcher aukünſtler.— B Ich habe ſie geſehen und bewundert— antwortete der jüngere Bruder; aber ſo herrlich ſie auch ſein mögen, hat mir ihr Anblich doch nimmer das Herz bewegt gleich dieſem; war es doch nicht der Vater, der ſie aufgeführt. Auch Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 2 —————— ₰— 18— lieb' ich dies Haus als das Denkmal einer Zeit, wo ſo viel neuer Ruhm ſich zur uralten Ehre unſeres Geſchlechtes geſellte, und der Wunſch erwacht in mir, zu thun wie meine Vorvor⸗ dern. Nun, mag ich auch keine Palläſte erbauen, als Denkmäler deſſen, was ich vielleicht noch thun werde, ſo hoffe ich doch, mein Bild wird eines Tages eine nicht ganz unwürdige Zierde ſein in den Euren.— Der Riltere erwiederte: Daran ſteht nicht zu zweifeln, denn Euch iſt der frohe Sinn ge⸗ worden und die Kraft, und mit ihnen des Lebens Glanz und Freude.—„ Sie ſind Euch beſchieden, wie mir, verſi⸗ cherte Auguſt, und die Kraft iſt es nicht, die Euch abgeht, wohl aber, wie ich ungern wahr⸗ nehme, der heitere Sinn, der ſie auft hält und werkthätig macht. Ich finde Euch wieder, Herr, wie ich Euch verließ, nd wenn Ihr dem Beuder verſtattet es u ſage Tiefſinn, den man an Euch merkt, gemahnt mich an eine Art undankbarkeit gegen das Ge⸗ ſchick, welches Euch ſo viele köſtliche Gaben ver⸗ ——— liehen. Es mag wohl wahr ſein, daß der Wech⸗ ſel den Genuß erhöht, oder ſogar ihn ausmacht, . 2. 6 19 und die Entbehrung den Werth der Güter erken⸗ nen läſſt. Ich wollte, Ihr thätet gleich mir, und verſuchtet Euch im Kriege, oder beſſer noch, Ihr unternehmet eine Reiſe; nach einigen Näch⸗ ten auf der Feldwacht, glaubt mir, oder nach einigen Monden bunten Wechſels, zugebracht unter Luſt und Beſchwerde, würde Euch die Ruhe beſſer behagen und die Heimath.— Verſchiedenes iſt uns zugefallen— war die Antwort— Euch die Freude und der Ruhm, mir— hier hielt er ein wenig inne— mir des Hauſes ſtilles Regiment.— Mit Unrecht nennt Ihr mich undankbar, ich verkenne nicht, was mir geworden vor vielen andern; was Ihr aber meinen Trübſinn nennt, Bruder, glaubt mir, wollte ich ihn deuten, Ihr würdet mich nicht verſtehen.— Der Jüngere wollte darauf erwiedern, doch plötzlich richtete Johann Georg ſich hoch im Sat⸗ tel auf, ſeine Wange röthete ſich, ſein Auge glänzte, und er ſprengte über den Rundplatz hinweg, dem Gebäude zu; ihm folgten in ſchwe⸗ rem Galopp die beiden Diener. Auguſt aber mit jenem reichgekleideten jungen Manne zurückblei⸗ bend, ſchauete kopfſchüttelnd dem Eilenden nach, „ ℳ und ſprach mit unwilligem, beinah bitterm Lä⸗ cheln vor ſich hin:— Nicht verſtehe? O wohl ver⸗ ſtehe ich, und nur allzugut.— Jener ſprengte auf eine Jagdchaiſe zu, welche mit ſechs muthigen Pferden in raſchem Trapp an⸗ gefahren kam, aber bei ſeiner Annäherung ſo⸗ gleich ſtill hielt. Die Wappenſchilde auf den Schlägen glichen denen, welchen die Lakaien der beiden Brüder am Arm auf ſilbernen Bukkeln trugen, und wie ſie, war in Blau und Gelb die Dienerſchaft gekleidet, welche beim Anblick des Iiteſten ehrfurchtsvoll die betreſſten Hüte von den Perücken zog. Auch er entblößte ſein Haupt, als er ſich dem Wagen näherte, und hielt den Hut in der Hand, ſo lange das kurze Geſpräch währte, welches ſich zwiſchen ihm und den darin Sitzenden, einer ältlichen Dame und einer Jüngern, entſpann. Nicht lange darauf aber ſetzte Johann Georg ſeinen Weg zum Luſt⸗ ſchloſſe fort, ſprang am Fuße der Freitreppe vom Pferde und ſtieg die Stufen hinan bis zur Thür, an welcher er verweilte, dem ſich langſam weiter⸗ bewegenden Wagen unverrückt nachſchauend. Als dieſer an Auguſt vorüberkam, erhoben ſich die Danen von ihren Sitzen, der Begrüßte aber wendete kaum einen Blick nach ihnen, griff nachläſſig an den Federhut und gab ſeinem Roſſe die Sporen. Sein Begleiter gedachte ein Glei⸗ ches zu thun, da rief die ältere, ſtark geſchmünkte, bunt und reich gekleidete Frau ihm zu: Herr Vizthum! Auf ein Wort, werther Herr Vetter!— Zögernd und gleichſam unwillig folgte der Gerufene der Aufforderung, und ſein Gruß ent⸗ ſprach nur ſo eben den Forderungen des Anſtan⸗ des, keinesweges aber dem freundlichen Em⸗ pfange, der ihm ward; denn mit anmuthigem Lächeln und ſanfter Stimme, obgleich ein we⸗ nig ſcheu und erröthend, ſprach die Jüngere zu ihm: Haben Sie mich denn ganz vergeſſen, Herr Vizthum? Noch warte ich Ihrer Begrü⸗ ßung nach der Heimkehr von weiter Reiſe.— Eine förmliche aber ſtumme Verbeugung ward ihr zur Antwort, und der ſich darauf mit einer Art Schmollen von ihr abwendende Jüng⸗ ling ſchickte ſich an weiter zu reiten, die andere der Frauen aber fügte mit etwas grellem Tone hinzu: Herr Vizthum iſt ein zu artiger Kava⸗ lier, um einer Dame die gebührende Schuldig⸗ keit zu verſagen, zumal wenn es die Gräfinn von Rochli iſt, welche ihm die Ehre erweit, 22 ihn an dieſelbe zu erinnern. Nicht wahr, Herr Vetter, wir können darauf rechnen, daß Sie das Verſäumte baldigſt nachholen?— Wie zuvor und mit ziemlich nachläſſiger Kürze entgegnete der junge Hofmann: Unſtreitig werde ich Eurer Epxcellenz aufwarten, wenn es der Her⸗ rendienſt erlaubt, der, wie Sie wiſſen, Frau Baſe, vor Allem geht. Er läſſt mir jedoch nicht viele Zeit, wie es denn zu meinem großen Leid⸗ weſen auch in dieſem Augenblicke der Fall iſt.— Uund darauf lüpfte er den Hut, gerade ſo, wie es ſein Gebieter gethan, und eilte dieſem nach. Noch immer weilte Johann Georg auf der Freitreppe; es war, als habe er bemerkt, was unten vorging, denn er ſchien trüber noch als gewöhnlich, und ſo in ſich verſenkt, daß er den raſchen, klingenden Schritt ſeines Bruders nicht wahrnahm; und wie er ſo ſtand, die Augen fort und fort auf den dahinrollenden Wagen gerichtet, gewährte ſein bleiches, ernſtes Antlitz einen ſelt⸗ ſamen Kontraſt mit der grinſenden Larve unter ihm am Schlußſtein des Thores, die den ſich entfernenden Damen lüſtern nachzublinzeln ſchien. Schweigend und abermals verſtimmt traten die Brüder in den gewaltigen Saal des Mitt ſchoſſes, deſſen Decke und Wände noch in reicher, wunderſam heller Malerei glänzen, und darauf in eines der vier Eckzimmer, welche, je zwei und zwei, durch eine Art Gallerie verbunden, ihn umgeben; es war daſſelbe, in welchem weit ſpä⸗ ter ein Nachkomme des Einen unter ihnen, ein freudloſes, auf manche Weiſe verſtörtes Daſein beendigen ſollte. Mit geſenktem Blicke und verſchränkten Ar⸗ men ließ der Altere ſich auf einem Lehnſeſſel nieder, winkte dem Andern, ein Gleiches zu thun, und begrüßte nur mit Kopfnicken den Schloßverwalter, welcher alsbald mit einem ſil— bernen Weinkrug erſchien, und zween Bechern von gleichem Metall, mit vielen Schaumünzen verziert. Auguſt aber, als dieſer, mit augen⸗ ſcheinlicher Freude ihn begrüßend, nach ſeinem Rockſchoß faſſte, ihn zu küſſen, bot ihm mit * leutſeligem Lächeln die Hand, und ſprach einige vertraute Worte, wie man ſie wohl an einen B4 Bekannten richtet. Wir überlaſſen jetzt die heiden Herren ih⸗ rem Stillſchweigen und dem ziemlich gleichgülti⸗ gen und ſtockenden Geſpräch, welches ihm folgte, . — mit geſpitzten n aus offenem, ſtein — 24— um uns in die untere Halle des kleinen Pallaſtes zu verfügen. In derſelben ging Herr Vizthum auf und nieder mit großen Schritten, ſehr aufgebracht, wie es ſchien, und ſich ziemlich mngebehtſ ge⸗ habend. Dabei ſprach er mitunter einige laute Workè vor ſich hin, die nicht ganz zierlich und erbaulich klangen, obſchon eine zahlreiche Ver⸗ ſammlung ihn umſtand. Es waren dort Da⸗ men in weiten Reifröcken und hohen Fontangen, Herren mit Hut, Degen und ſteifen Rockſchö⸗ ßen, Jüger und Jägerinnen, Schäfer und Schä⸗ ferinnen, auch einige wenige Harlekine, Sca⸗ ramuzen und Polichinellen, welche ihn ßer Aufmerkſamkeit anzuhören ſchienen; de n ſie 1 unterbrachen ihn mit keinem Laut.„ Freilich waren dieſe Perſonen nur adert⸗ halb Ellen hoch und von Sandſtein, wie der Ge⸗ ſchmack damaliger Zeit ihnen ihre Stelle auf— Treppengeländer und in den Blenden der Vor⸗ halle angewieſen hatte. Wahrhaftig— rief er polternd, indem er zu einer dieſe men trat, die zierſam lächeln Döslein ein Prieschen nahm, und ſie zorni ſhauent als habe er ſich ganz ungemein über ſie zu beſchweren, und als ob ſeine Vorwürfe an dieſe Unſchuldige gerichtet ſeien. Wahrhaftig, Frau Tante, Sie kommen mir gerade recht mit Ihrer Einladung, und die Ehre iſt groß, welche Ihre Frau oder Fräulein Tochter mir erweiſ't; denn man weiß, ma foi, nicht, wie man dieſe neue Gräfinn nennen ſoll. Glaubt denn ma tante, ein junger Kavalier habe keine Empfindlichkeit, und müſſte ſich alles gefallen laſſen, was von Damen kommt? Gräfinn von Rochlig walga me DPios! ich meine, Frau Vizthum lautete eben ſo gut, und ſie hätte warten können, bis der goldene Schlüſſel an meinem Rockſchooß ihr die Brautkammer geöffnet hätte, neben welcher ihr nun vorbei zu ſpazieren gefallen hat. Wahr⸗ „lich, eine feine Baſe— fuhr er fort, immer gegen die Figur gerichtet— eine ſaubere Mama, ſi Vetter den ſüßen Gegenſtand ſeiner Ge⸗ ken abſpenſtig macht, und die Tochter zu et⸗ ws, das ich nicht nennen will. Da gehe nun einer in den Krieg und auf Rei um ſich in uen Qualitäten eines aus⸗ zubilden; was hilft es ihm, d r ganz voll⸗ ⸗ kommen zurückkehrt, wenn er einen fremden Vo⸗ *6 — gel im Neſte findet? Parbleu! bei Dieſem und Jenem, was wohl hier und da im Auslande ge⸗ ſchehe, glaubte ich nicht, daß die Wiedervergel⸗ tung ſo nahe ſei. Und meiner Treu, die Frau Gräfinn that gar nicht, als wiſſe ſie von etwas, das zwiſchen uns vorgefallen, und als habe ſie zen daß ich ihr deh Hof gemacht, ſo un⸗ befangen, wie ſie ſich gehabte.— Unbefangen?— ſetzte er darauf ſo ernſthaft hinzu, als er es ſein konnte— nein, unbefangen war ſie nicht ganz, auch ſchien ſie mir nicht froh.— So ſtellt ſich denn die Reue ſo ſchnell ein, meine ſchöne Dame, und das Bedauern mich verloren zu haben? Daos begreife ich gar wohl, kann aber? m micht helfen. Sie iſt bei alle dem recht 6 e⸗ worden, das Mümchen, und ich mag r eigent⸗ lich nicht gram ſein; ziemt es ſich für einen vollkommenen Hofkavalier nicht, da zu lieben und zu haſſen, wo Monseigneur liebt und haſſt? Aber Ihnen werd' ich es gedenken, Frau Tante; Manches kann ſich ändern in der Welt— und dann wvllen wir e Zeit, da die t zureicht, und —- 27— eine Dame zu verfügen, der ich die Ehre meiner Hand zugedacht; und mich nicht einmal zu fra⸗ gen.— Er hielt hier ein wenig ein, als erwarte er Antwort; da aber die, an welche er dieſe Vor⸗ würfe richtete, ganz ungerührt durch dieſelben bleibend, ihm fort znd fort mit angenehmen Lächeln ihre Doſe bot, legte ſich ſein Zorn et⸗ was; er machte ihr ein Mal über das Andere eine förmliche und ſpörtiſche Verbeugung, und da dieſe freilich unerwiedert blieb, wendete er ſich an andere Perſonen der Geſellſchaft; kniff hier einem Schäfermädchen in die eiskalten, une⸗ laß Becken, zupfte dort einen Scaramuz e gewaltigen Naſe, und trieb eine Zeit lang dieſe Beſchäftigung, welcher der Liebesgram allgemach zu weichen begann, bis er durch eine Stimme unterbrochen ward, die ihn folgender⸗ geſtalt anredete: Sieh da, hochverehrter Herr Kammer⸗ wie auch Jagdpage, pflichtſchuldigſt gehorſamſter Diener, hochwohlgeborner Herr Viz⸗ thum von Eckſtädt!— Ach, Freund Gobau! guten Abend— er⸗ 4 wiederte der Begrüßte etwas verlegen, in ſo ſtandesgemäßer unterhaltung überraſcht worden 2 zu ſein— Der Herr Hofbettmeiſter ſieht, ich mache ein wenig Bekanntſchaft mit den Bewoh⸗ nern dieſes verwünſchten Schloſſes.— Es freuet mich, entgegnete der ehemalige Barbier, dem mancherlei bei ſeinem Gebieter geleiſtete Dienſte zu dem gegenwärtigen Ehren⸗ poſten verholfen hatten, es freuet mich, daß Hochdieſelben noch eine unſchuldige Satisfaktion daran finden, ſich mit Puppen zu erluſtiren, und bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich ſolch angenehme Beſchäftigung geſtört.— Höchlich erzürnt über dieſe Worte und das Figarolächeln, das ſie begleitete, verſetzte der Page: Puppen, guter Freund Gobau? Ich ſollte meinen, manch Püppchen von Fleiſch und Bein in Spanien und Welſchland wüſſte ein Gleiches von mir zu rühmen, wie Demſelben am beſten bekannt ſein muß, da er deſſ nicht allein Zeuge geweſen, ſondern auch hülfreicher Beiſtand un⸗ terweilen.— Unſtreitig, unſtreitig— verſicherte der An⸗ dere— und ich wundere mich nur, wie wir mit heiler Haut der Sündfluth von Thränen entkom⸗ men ſind, welche dem verehrlichen Herrn Kam⸗ mer- und Jagdpagen nchgeweint werden aus nen Augen.— — 29— Darauf ſprach Herr Vizthum mit Selbſtge⸗ fälligkeit: So iſt es, mein wackrer Freund, und dergleichen ſind noch um ein Erkleckliches mehr vergoſſen worden um mich, ſeit den zwei Jahren, da ihr den Dienſt des Herrn verlaſſend„aus ei⸗ nem Meiſter in allerlei Schalkskünſten, Meiſter der zwei oder drei Betten geworden ſeid, die ſich in dieſem Gartenpallaſte vorfinden mögen.— Daran trage ich nicht den mindeſten Zweifel, lautete die Gegenverſicherung, habe ich Eure Gnaden doch immer als einen hoffnungsvollen Kavalier conſideriret, und Blüthe des jungen Adels. So Hochdieſelben demnach einem Ihrer treueſten Verehrer Etliches von den hochwichtigen Erfahrungen mittheilen wollten, welche Sie in ſothaner Zwiſchenzeit erworben, ſo bitte ein we⸗ nig näher zu treten. Beide Durchlauchtigkeiten haben ſich niedergeſetzt zum Trunk, und Serenis- simus die Pferde nach dem Stalle führen laſſen, welches auf einen längern Aufenthalt in dem Schloſſe deutet, deſſen Einſamkeit ohnehin, ſeit gewiſſer Zeit, dem Kurfürſten abſonderlich zu be⸗ hagen ſcheint.— Ich muß des Prinzen warten,— bedeutete ihn mit einiger Wichtigkeit der Edelknabe— der gnädigſte Herr fragt oft nach mir, und ich mag ſagen, daß ich Höchſtihm beinah unentbehrlich bin.— Ich mag keinesweges in Abrede ſtehen, daß der durchlauchtige Herr jetzt, wie bevor, Hoch⸗ dero fürtreffliche Meriten zu würdigen weiß; hat Höchſtſelbiger doch immer gar huldreiche Geſinnung zu ſeinen Dienern, und ob ich ſchon nicht wage, mich mit meinem Herrn und Gönner in Parallele zu ſetzen, hat Seine Durchlauchtigkeit doch ſelbiges auch an mir eben kund gethan durch gnädigen Zuſpruch. Jedennoch vermeine ich, der Herr Kammerpage möchten gerade in dieſem Augen⸗ blicke dem Prinzen nicht allerdings unentbehrlich ſein, ſintemalen beiderlei hohe Häupter, ſo wie ich bemerkt, im Begriff ſtehen, gewiſſe Dinge zu traktiren, bei welchen die Gegenwart eines Dritten nicht ſonderlich erwünſcht ſein dürfte. Sie präpariren ſich dazu, wie es Potentaten und Fürſten geziemt, durch einen Trunk edlen Ungar⸗ weines, und befindet ſich auch ſolcher nicht im Bereich eines armen Kaſtellans, ſo vermag ich doch meinem verehrten Herrn ein Gläslein Teres vorzuſetzen, falls er die Unterhaltung mit dieſer Dame nicht vorziehet, oder die Prieſe Tabak, 3 31*, die ſie nun ſchon manches Jahr jedermänniglich vergebens offeriret.— Teres! rief der Page lebhaft— Oköſtliches Naß, gekältert auf den Bergen von Andaluſien! Kein ächter Kavalier ſchlägt einen Trunk aus, vornehmlich, wenn es nicht das vaterländiſche Gewächs iſt, das in angenehmer Säuerlichkeit den Mund zuſammenzieht und das Eingeweide.— Und wie eben der Prinz ſeinem Bruder, folgte der Edelknabe dem Hausverwalter in ein Erker⸗ zimmer des Unterſtocks, und wie Jene über ih⸗ nen, ließen Beide ſich beim Weinkruge nieder, doch heiterern Sinnes und mit größerer Redſeligkeit. Nicht wahr, hochwohlgeborner Junker,— begann, nachdem ſie einige Züge gethan, der Gaſtgeber: Nicht wahr, der Wein iſt gut, und erinnert an eine Zeit, welcher Ihr ja mit ſol⸗ chem Vergnügen gedenkt, und die auch mir im⸗ mer lieb iſt, einige kleine Dinge ungerechnet, denen ich nun freilich valet gegeben habe, als kurfürſtlicher, wohlbeſtallter Diener, und an Jah⸗ ren zunehmend.— Als der Teufel alt ward,— lachte Herr Vizthum von Eckſtädt— ward er ein Einſied⸗ ler.— Dann aber nahm er plötzlich eine feierliche —- 3— Stellung an, und ſprach gar pathetiſch: O ſchöne Tage! verlebt an den Ufern des Manzanaves und Guadarrama, deren Sonnenglanz mich an⸗ funkelt aus dem Golde dieſes edlen Saftes, o rei⸗ zende Nächte! da ich im Mantel verhüllt, mei⸗ nem Gebieter nach, auf Abentheuer ausging, wie der Pedrillo hinter dem Don Juan des Mo⸗ liere, des galanten Prinzen galanter Knappe, oder wie ich auch auf meine eigene Hand das braune Haar, das man ſo an mir damals rühmte und jetzt noch, von der leichten Redeſilla zuſam⸗ mengehalten, am breiten Bande über der Schul⸗ ter die Mandoline hängend, die Straßen durch⸗ ſtreifte, oder vor dem Fenſter einer niedlichen Sennorita ſtillſtand.— Um ihr eine Katzenmuſik zu bringen,— un⸗ terbrach ihn Meiſter Gobau— oder dem Vater die Fenſter einzuwerfen, den Hunden die Schwänze abzukappen und den Schaarwächtern Seile über den Weg zu ziehen; denn ſolches ſind die Tha⸗ ten, welche man damals an Eurer Gnaden pries.— Das war nur die Würze des Vergnügens— bedeutete ihn unwillig der Page.— Was ſonſt vorfiel, verſchwieg ich in löblicher Beſcheidenheit. Doch, verſichere ich Euch, hatte am Morgen darauf oftmals manch alter Ehemann oder Va⸗ ter über Anderes zu klagen, als über zerbrochene Fenſter.— Apropos— fuhr er nach einer Weile fort, was macht des Herrn Frau, die ſchwarzäugige Eſtevania? Warum kommt ſie nicht, uns den Wein zu kredenzen? Es ver⸗ langt mich, ihr für manche Güte zu danken, die ſie mir erzeigt, wenn ich mich, während der Prinz die kleine Candelaria unterhielt, als wackerer Schildknappe um die Gunſt des braunen Geſicht⸗ chens bewarb, und nicht mit Unglück, verſichere ich Euch. Ihr ſeid doch wohl ein verſtändiger Ehemann, Herr Bettmeiſter, und macht nichts aus ſolchen Kleinigkeiten?— Eſtevania? wiederholte der Andere mit dem Tone Eines, den man auf wunder Stelle be⸗ rührt hat— kurz darauf aber fügte er, in den frühern Ton fallend, hinzu: Von ſolcher Be⸗ werbung iſt mir nichts bewuſſt; man möchte denn ſo nennen, daß der Herr Vizthum hier und da die Kaninchen aus dem Pferch entwiſchen ließ, oder den Brunnen im Hofe verſtopfte, daß er mehrere Tage kein Waſſer gab. Doch wünſchte ich beinahe, Hochdieſelben hätten ſich in der That Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 3 . ſie ſagt. Meine Frau iſt nicht bei mir; ſie ſteht im Dienſte der Dame, welche man jetzt Gräfinn von Neidſchütz nennt, der Gräfinn von Rochlitz Mutter, und da kann Eure Gnaden ſelbiger wohl einmal begegnen, indem, wenn ich nicht irre, beſagte Excellenz Dero verehrliche ma tante ſein thut.— Bei der Frau von Neidſchütz? entgegnete der Junker mit verzogenem Munde— Schwer⸗ lich, mein guter Freund, wird man mich dort ſehen, ſelbſt wenn es darum wäre, Seine tu⸗ gendbelobte Ehefrau zu begrüßen. Das macht ſich nicht, Herr Bettmeiſter, und hab' ich dazu ganz eigene, wichtige Gründe.— Ja— ja— hob nachdenklich der Schloß⸗ verwalter an— es iſt von der hochgebornen Frau Gräfinn wohl Manches zu ſagen, was einem ge⸗ ſetzten und fürſichtigen Beamten, bei ſo vorneh⸗ men Perſonen, billig zu verſchweigen gebühret; dennoch aber erachte ich nicht, ſolches gereiche zu beſonderer Animadverſion meines verehrlichen Jun⸗ kers.— Der Herr iſt im Irrthume— belehrte ihn Vizthum: Seht, einem Kavalier, wie ich, wel⸗ um ſie beworben, und mit ſo vielem Glück als 3 cher dahin ſtrebt, und dem es auch bereits ge⸗ lungen, der Vertraute ſeines Herrn zu ſein, was man ami du prince heißt, gebührt es gleichſam, den Schatten deſſelben darzuſtellen, und wie die⸗ ſer, ſich nicht an einer Stelle betreffen zu laſſen, von welcher der Sonnenblick fürſtlicher Huld ſich abwendet. Nun müſſe Er wiſſen, daß mein gnädigſter Herr, obſchon dem ſchönen Geſchlechte keinesweges abgeneigt, dennoch bei den Damen von Neidſchütz eine Exception macht, dieweil er ſie förmlich en grippe genommen. Da begreift denn der Herr Gobau wohl, daß, wiewohl die Frau Gräfinn meine Baſe, dergleichen verwand— ſchaftliche Verbindung billig höhern Rückſichten weichen muß.— Beſtätigend verſetzte Jener: O ganz ohne Zweifel; und es erfreuet mich unendlich, daß der hochwohlgeborne Herr Vizthum von Eckſtädt ſich in ſo kurzer Zeit zu dem formiret, was er zu werden verſprach, zu einem vollkommenen Cour⸗ tiſan nämlich.— Alſo— fuhr er mit ſchlauem Lächeln und lauerndem Blicke fort— Alſo iſt des Prinzen Auguſt Durchlauchtigkeit der Mutter und der Tochter ſo gar wenig gewogen?— Es iſt, wie ich Demſelben ſage— entgegnete mit Selbſtzufriedenheit der Kammerpage. Mein gnä⸗ digſter Herr geruhet mir ſeine Gedanken zu ver⸗ trauen in Liebe und Haß. Doch auch ſonſt wär' ich nicht geneigt, mich viel in einem Hauſe ſe⸗ hen zu laſſen, wo man mir einen ſchnöden Af⸗ front angethan.— Einen Affront? fragte Gobau. Erinnert ſich der Herr nicht— war die Ant⸗ wort— daß, als wir von hier abreiſten, ich in einer Affaire de Coeur befangen war mit dem Fräulein? So mag Er denn ermeſſen, was ich empfand, als ich bei der Retour ihre Infids⸗ lité vernahm.— Nein, wahrlich,— ſprach ein wenig iro⸗ niſch der Andere— ich erinnere mich nicht, und es iſt das erſte Wort, das ich davon höre. Auch ſcheint mir dabei ein kleiner Rechnungsfehler ob⸗ zuwalten; fünf Jahre ſind es, daß Kurſachſen der Gegenwart des Herrn Kammer—- wie auch Jagdpagen entbehrt hat, achtzehn Jahre zählt die nunmehrige Gräfinn von Rochlitz, Hochder⸗ ſelbe höchſtens zwei oder drei mehr; ſo läſſt ſich denn nicht glauben, daß damals ſchon unter ſo jugendlichen erſchaften ein Verhältniß beſtan⸗ den, ernſthaft genug, um die Didone abandon- nata unempfindlich zu machen für die Wünſche eines Durchlauchtigen Nebenbuhlets.— Derſelbe iſt in Spanien geweſen— rief der Junker— und weiß nicht, daß es zu den Attri⸗ buten eines Edelmanns gehört, eine Dame ſei⸗ ner Gedanken zu haben, und daß er ſolche nicht ohne Widerſtreben dem erſten Fürſten in der Welt überläſſt?— Gobau meinte: Unſtreitig habe ich das ver⸗ nommen und auch in mancher Romanze geleſen; doch ſtand, däucht mir, darin, es gehöre zu ſol⸗ chem Liebesbande ein wenig mehr, als Kämmer⸗ lein zuſammen vermiethet zu haben, oder Blin⸗ dekuh geſpielt, oder Hochzeit bei kleinen Schüß⸗ lein voll Apfelſcheiben und gebrannter Mandeln, an welchen Eure Hochwohlgeboren, wie ich mich erinnere, noch geraume Zeit nachher leidliches Behagen fand.— Er Kaſtellan— unterbrach ihn der Junker erzürnt— meint noch immer den jungen Edel⸗ knaben vor ſich zu ſehen, der eben ſo viel Ge⸗ ſchmack an ſolchem Tande hatte, als an den Poſ⸗ ſen des Herrn Bartſcheerers.— Die Zeit hat ſich geändert; man hat mit dem künftigen Kam⸗ merherrn zu thun— Oberkammerherrn gleichermaßen— fiel Go⸗ bau, ſich tief verneigend, ein. . — Auch Oberkammerherrn— fuhr Vizthum mit gleichgültiger Würde fort.— Und Ihr ſeid auch, was die damalige Zeit betrifft, im Irr⸗ thume, Herr Bettmeiſter. Ou ne mesure pas au nombre des années la tràme des héros; das heißt— Ich weiß, ich weiß, unterbrach ihn wieder⸗ um der Hausbeamte, das heißt: was eine Neſſel werden will, brennt bald.— Ihr dürfet nur Eure werthe Ehegattinn fra⸗ gen, ob ich nur an ſolchen Dingen Plaiſir gefun⸗ den— ſagte der Page, ihm mit höhniſchem Tri⸗ umph ins Geſicht ſehend, als lege er es darauf an, die Eiferſucht des Ehemanns zu reizen.— Nun, ich treffe ja wohl einmal mit ihr zuſam⸗ men— da erinnert man ſich vergangener Zeiten.— Aber mit großem Gleichmuth erwiederte Je⸗ ner: Ich wünſche Eurer Gnaden Glück dazu von Herzensgrunde, und, wie ich ſchon geſagt, ich hätte nichts dawider, hätte Hochderſelbe ſich recht viel Altes mit ihr zu erzählen. Das mag nun aber dennoch nicht der Fall ſein, denn ſo ich nicht irre, hatte die theure Dame damals Höheres noch im Auge. So es Euch aber ge⸗ füllt, mich ihrer ledig zu machen, ſo ſei Gott 3 8 — davor, daß ich Euch nur im Allermindeſten behin⸗ dere. So wahr ich lebe! obſchon gut katholiſch, hab' ich nicht ſelten die Lutheraner hier zu Lande beneidet, welche der Spruch des Conſiſtoriums von ihren Genoſſinnen befreien kann, während — Gott verzeihe mir die Sünde— während das hochheilige Sakrament mich auf Lebenszeit an — mit des Herrn Junkers Permiſſion— an des Teufels Vorlauf bindet.— Wahrhaftig, ein zärtlicher Gemahl, der Herr Hofbettmeiſter! lachte der Page. Doch Er hat mich neugierig gemacht, und ſo wolle der⸗ ſelbe mir erklären, was Er mit dem Höheren meint, deſſen er erwähnt hat, und warum er ſo ungehalten iſt auf die ſchwarzlockige Eſtevania, die mir doch immer ganz anmuthig erſchien.— Leider— nahm der unzufriedene Ehemann das Wort: Leider Gottes kam ſie mir auch ein⸗ mal ſo vor, und noch Einem, dem gnädigſten Herrn, der den Sonnenblick ſeiner Huld, wie der Hochwohlgeborne gar fein und poetiſch ſagt, manchmal, an erlauchten Dames vorüber, auf Niedriggeborene wirft.— Wir haben noch Zeit— fuhr er fort, eine gemächlichere Stellung auf ſei⸗ nem Seſſel einnehmend und die Becher von Neuem — füllend: ſo mag ich denn Hochdero Neugier be⸗ friedigen und wir dies Fläſchlein Xeres de la frontera leeren, das abſonderlich mir gut thun wird, die bittere Galle niederzuſchlagen, welche bei ſothanem Bericht in mir aufſteigen möchte. Der verehrliche Herr gedenkt zweifelsohne noch des Pallaſtes Manzera in der ſchönen Stadt Ma⸗ drid und des Tages, da in demſelben die alte Rimene Levas berufen ward, angeblich eines Putz⸗ krames wegen, eigentlich aber, um wahr zu ſa⸗ gen, aus Handlineamenten und Kaffeeſatz; denn ob ſie ſchon einen mächtigen Roſenkranz trug und fleißig in die Meſſe ging, war ſie doch aus gel⸗ bem Zigeunerblut; verſtand ſich trefflich auf der⸗ gleichen Teufelskünſte, und zahlt nun wohl das Lehrgeld bei ihrem guten Freund und Meiſter, der ſie bereits vor etlichen Jahren abgeholt hat in ſein Freudenreich, vor dem uns alle Heiligen bewahren mögen, Amen!— Ihr wiſſet, ſie brachte damals ihre beiden Töchter mit, und ob⸗ ſchon die kleine Candelaria ſchöner war, ſo mochte doch die Altere auch gefallen, abſonderlich des Feuers wegen in ihrem Blick, zumal wenn man nicht wuſſte, wo es angezündet war, wie ich ſpä⸗ terhin genugſam erfahren. Unſer Einer hat ei— — 41— nen ſcharfen Blick, und ſo merkte ich bald, was dem Herrn Kammer- wie auch Jagdpagen glei⸗ chermaßen wiſſend worden, daß die Jüngſte dem gnädigſten Herrn gewaltig in die durchlauchti⸗ gen Augen ſtach, alſo daß er nicht verſchmähete, manchmal von der Frau Marqueſa de Manzera weg nach ihr zu ſchauen, und mir ſogar ver⸗ trauete, er halte die Chiquita wohl einiger Auf⸗ merkſamkeit werth. Ich that denn, wie natür⸗ lich, meine Schuldigkeit; die Mutter ließ es auch nicht fehlen, und ſo wanderten Brieflein, Sträußlein und Gaben recht munter, aber ganz insgeheim, alſo daß die Frau Marqueſa nichts gewahr ward, welche gute Dame glaubte, der durchlauchtigſte Herr ſei ihr ſo treu, als ſie ihm, nämlich mehr, als ſie es dem alten Herrn Mar⸗ ques war, ihrem Gemahl. Sehr raſch ging je⸗ doch die Sache nicht von Statten; denn obſchon die Kleine keinesweges gleichgültig war für die höchſten Merites, wie denn ſelten ein Frauens⸗ bild denſelben reſiſtiren mag, ſo hielt ſie ſich doch ſtandhaft, wie es einem tugendlichen Mägdlein geziemet, alſo daß ich beinahe glauben mag, das bischen Chriſtenblut von ihrem Vater, dem ehr⸗ lichen Meiſter Levas, ſei allein auf ſie gekommen, wie das Zigeunerweſen der Alten auf ihre Schwe⸗ ſter Eſtevanias. Ihr waren die Liebesbande nicht unbewuſſt zwiſchen dem Herrn und der Frau Marqueſa Excellenz, und ſie trug Scheu, der hohen Dame Eintrag zu thun, die ihre Wohl⸗ thäterinn geweſen. Wie ich bereits geſagt, ich fand Behagen an der Andern, auch däuchteten mir die beſagten Umſtände kavorable; alſo meinte ich denn, Sennorita Eſtevania ſei keine ver⸗ werfliche Parthie für mich, ich aber eine ſehr an⸗ nehmliche für ein Bürgermädchen, als valet de chambre péruquier und homme de confiance eines kurfürſtlichen Prinzen. Das ſchien aber ihre Meinung nicht gänzlich; die Donna that ſehr ſpröde gegen mich, und ſo mag ſie mit dem Wohlnehmen des Herrn Junkers, was Hoch⸗ demſelben auch zu ſagen beliebt, gleichfalls gegen Ihn ſelbſt gethan haben; denn ſchon damals hatte ſie unſtreitig ihr Augenmerk auf das gerichtet, was die Schweſter von ſich wies. Ach, wäre ſie doch dabei geblieben! hätte mich die eitle Welt⸗ klugheit nicht genugſam verblendet, zu glauben, ſolche egyptiſche Brut könne von Art laſſen!— Als Meiſter Gobau dies geſprochen, ſeufzte er tief auf, und fuhr erſt, nachdem er ſich mit ei⸗ nem tüchtigen Schluck Weines geſtärkt, alſo fort: Allzu gut, als daß ich deſſelben erwähnen ſollte, iſt Eure Gnaden das betrübte Hinſcheiden der Frau Marqueſa von Manzera bekannt; in⸗ gleichen wie man die alte Hexe, meine Schwie⸗ germutter, nicht geringen Antheiles an ſelbigem bezüchtigte, und gleichermaßen wie, als die Fa⸗ miliares der Santa Caſa kamen, ſie abzuholen, man ſie erwürgt auf ihrem Lager traf, zweifels⸗ ohne von eigner Hand, oder der Klaue, Gott ſei bei uns †††, ihres hölliſchen Partiſans. Zwar war die Betrübniß des Durchlauchtigſten ſehr groß über das traurige Schickſal der Mar⸗ queſa, aber die Zeit führt Balſam mit ſich für jegliche Wunde, und nach und nach begann das fürſtliche Auge, unter düſterm Thränenſchleier hervor, nach einer Tröſterinn zu blicken, in der Perſon der mehrbenannten Candelaria Levas. Hochderoſelben fürtreffliche Memorie hat ſich be⸗ reits in Anſehen deſſen bewähret, was nun ge⸗ ſchah, und mein Herr Vizthum von Eckſtädt er⸗ mangelt nicht zu wiſſen, wie das Mägdlein end⸗ lich die langbewahrte Opiniatretät aufgab. Wie billig und natürlich verzwiefachte ich hierauf meine“ * — Bemühungen um ihre Schweſter, jedennoch mit eben ſo geringem Erfolge; ſie war vielmehr noch ſtolzer und ſpröder, denn zuvor. So blieb ſie denn auch, und ward noch ärger, als, wie Hoch⸗ dieſelben ſich nicht minder erinnern, die Jüngere 3 eines plötzlichen Todes verſtarb. Es gebührt nun 3 einem geringen Diener großer Herren nicht, zu beurtheilen, welche Urſach der Unſere irgend der theuern Eſtevania zu wachſender Arroganz gege⸗ ben, genug die ihrige nahm täglich, ja ſtündlich zzu, alſo daß ſie ſich gerirte, gleich einer Sul⸗ taninn; wie ich denn auch zur Zeit kein Merkmal ſonderlicher Betrübniß über das Ableben der Schwe⸗ ſter an ihr wahrgenommen. Ihre faveur, wenn ſol⸗ che wirklich ſtatt gefunden, war indeß nicht von langer Dauer, und eines Tages gebot mir ſehr erzürnt der gnädigſte Herr, ich ſollte ihr andeu⸗ ten, daß ſie ſchnurſtraks die Wohnung verlaſſe, die ſie, nach der Verſtorbenen, aus durchlauch⸗ tigſter Gnade, inne gehabt. Wie ich denn auch, höherem Befehle nach, mich zu ihr verfügte, fand ich ſie gar unwirſch, ja ein wenig wüthend, und vernahm einige irreſpectueuſe Ausdrücke in ihrem wortreichen Munde. Als ich ihr mein Bedauern über ihre disgräce kund that, wollte ſie mich — 45 ⸗ nicht anhören, und als ich, in Rückſicht auf manche Gabe, die ſie, wie ich wuſſte, erhalten, meine lange und treue Paſſion berührte, lachte ſie mir gerade in das Geſicht, worauf ich denn im Zorne von ihr Abſchied nahm für immer, wo⸗ bei ich es denn auch hätte laſſen ſollen. Am andern Morgen aber, als ich Seiner Durchlauchtigkeit gewohnter Maßen aufwartete, Höchſtdero Perücke zu beſorgen, fand ich den geſtrigen Unwillen ein wenig gedämpft. Mein lieber Gobau— das ſind die höchſteignen Worte— Mein lieber Gobau,— ſagte der gnädigſte Herr, indem er die durchlauchtigſte Stirn mit dem Pu⸗ dermeſſer reinigte— Ich glaube bemerkt zu ha⸗ ben, daß die kleine Schwarze Ihm gefällt— Wie wär⸗ es, wenn ein Paar aus Euch würde?— Der hochwohlgeborne Herr begreift, wie ſolche Propoſition aus ſo hohem Munde ſchwerlich re— fuſiret werden mag, aus waſerlei Bewegungs⸗ gründen ſie auch herſtamme; ich acceptirte dem⸗ nach mit pflichtſchuldigſter Dankſagung und wandte nur ſubmiſſeſt ein, wie ich an der Sennorita ei⸗ nige Abneigung gegen meine geringe Perſon be⸗ merkt habe.— Da ſprach Seine Durchlauch⸗ tigkeit mit Lachen: Geh' Er nur, und verſuche —————————————————— Er ſein Glück, heut iſt nicht geſtern, und der Weiber Launen ſind wandelbar— und darauf wies er mir mit etwas Ungeduld, aber höchſt gnädig die Thür. Ich eilte dann auf Flügeln der Liebe zu mei⸗ ner Zukünftigen, und ward auch ſo ganz ſchlecht nicht aufgenommen; ſie warf nur einen ſeltſamen Blick auf mich, in deſſen Glut ich damals thö⸗ richter Weiſe die Flamme erwachender Affection wahrnehmen wollte; ſie ließ mich nur eine Vier⸗ telſtunde lang ſtehen, mit Haſt im Zimmer auf⸗ und niederſchreitend, und genehmigte darauf meinen Antrag kurz und gut ohne ſonderlich viele Worte. Der Herr Junker gedenkt wohl, wie darauf unſere Hochzeit gefeiert ward, ausgerich⸗ tet durch prinzliche Generoſität in dem kleinen Hauſe vor dem Sonnenthore, welches Feſt Hoch⸗ derſelbe mit ſeiner Gegenwart beehrte.—— Ja wohl, fiel der Page lebhaft ein— und auch des Bolero, den ich mit der Braut tanzte, und des Strumpfbandes, deß ich mich, ich ver⸗ ſichere Euch, ganz gemächlich bemeiſtern konnte— Hatte der Herr Vizthum— unterbrach die⸗ ſen der Kaſtellan— den Halfter erfaſſt, ſo mochte er auch immerhin das Thier behalten.— Den⸗ — 47— ſelben Abend ging noch Alles gut, aber am an⸗ dern Morgen ſchon zeigten ſich Wolken am Fir⸗ mamente unſers Eheglückes, als Seine Durch⸗ lauchtigkeit mir andeutete, daß ich mich bereit halten ſollte, deſſelbigen Tages mit meiner Hälfte den Weg nach Sachſen anzutreten. Zwar tröſtete mich manch Merkmal durchlauchtigſter Munifizenz über die traurige Nothwendigkeit, mich von der höchſten Perſon zu entfernen, aber Donna Eſte⸗ vania Gobau gebehrdete ſich übel. Es muſſte in⸗ deſſen dem höchſten Mandat Folge geleiſtet wer⸗ den, und wir begaben uns auf die weite Reiſe, während welcher denn raſch genug der Firniß ver⸗ ſchwand, mit dem meine Paſſion die Ehegenoſſinn bekleidet hatte, und das egyptiſche Naturell zu Tage trat. Es ging jedoch ziemlich leidlich, ſo lange zu Dresden das Gerücht von baldiger Re⸗ tour Seiner Durchlauchtigkeit im Schwange blieb; als aber Höchſtderſelben Abſenz länger dauerte, ward böſe Zeit, und noch ſchlimmere, als ich aus dem kurfürſtlichen Schloſſe in hieſiges Gar⸗ tenpalais verſetzt ward, eine Verſorgung, die ich billig meiner theuern Hälfte verdanke, oder der prinzlichen Abſicht, Beſagte aus ſeiner Nähe zu entfernen, welches, nachdem ich ſie näher ken⸗ — 5— nen gelernt, dem gnädigſten Herrn mit Nichten verarge. Was ich geplagter Kreuzträger hier von der unchriſtlichen Zigeunerenkelinn erdulden müſſen, damit verſchone ich billig des gnädigen Herrn zar⸗ tes Gehör; nur ſo viel ſei mir vergönnt zu ſa⸗ gen, daß ich ſelbige mitunter in Occupationen begriffen gefunden, welche meines Erachtens den Favorit-Zeitvertreiben der, ſo Gott will, ſelig verſtorbenen Frau Mutter auf ein Haar glichen, und daß ſie darauf in allerlei vornehme Connexio⸗ nes gerieth. Ja, eines Tages ſagte ſie mir ge⸗ radezu, ſie ſei es müde, mit einem— verzeihe Hochderſelbe, wenn ich der Wiederholung ihres Ausdrucks mich entmüßige— zu leben, und geſonnen, die Protection anzunehmen, welche die Frau Gräfinn von Neidſchütz ihr geboten. Als ich nun repräſentirte, wie, allem Vermuthen nach, Seine Durchlauchtigkeit es bei Höchſtdero⸗ ſelben ſchleunigſt erwarteten Ankunft nicht allzu⸗ gnädig vermerken würde, ſie im Pallaſte Se⸗ reniſſimi vorzufinden, ſo beſchenkte ſie mich mit einem Blicke, wie damals am Tage meiner An⸗ werbung, welchen ich indeß jetzt beſſer zu deuten wuſſte, und verſicherte mich ganz hoffärtig, die Frau Gräfinn werde ſie vor dem Prinzen zu ſchützen wiſſen und vor ſeinem— Eure Gnaden geſtatte mir hier abermals eine kleine reserva- tionem meutalem, wie es in der Schule zu Ko⸗ ſtanz, meiner Geburtſtadt, hieß. Auch befin⸗ det ſie ſich in der That im Dienſt hochbeſagter Dame, und nach dem, was mir von der Die⸗ nerinn bekannt worden, möchte ich beinahe dem Glauben beimeſſen, was das Gerücht von der Gebieterinn flüſtert.— Und was flüſtert denn die tauſendzüngige Fa⸗ ma von meiner Baſe? fragte neugierig der junge Edelmann. 5 Hm— ließ der Gefragte ſich bedenklich ver⸗ nehmen— es iſt ein miſſlich Ding, dergleichen nachzuſprechen in Betreff einer ſo mächtigen Eycel⸗ lenz, und abſonderlich dem verehrten Herrn Con⸗ ſin gegenüber.— Mache ſich derſelbe keine Sorge— beru⸗ higte ihn Vizthum— er weiß ja meine Geſin⸗ nung gegen die Neidſchütz.— Da entgegnete der Kaſtellan immer noch ſtockend: Nun, wenn Eure Gnaden mir Dero Parole geben wollen auf hochgeneigte Verſchwie⸗ genheit.— Man verſichert, es gehe Manches nicht mit rechten Dingen zu— von Philtris Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 4 — oder Liebestränken ſpricht man ſich in das Ohr und von anderm Teufelszeuge, vielleicht aus der Verlaſſenſchaft meiner Frau Schwiegermutter kommend.— Pah— Albernheit, guter Freund! rief der Page lachend. Wenn hier ein Zauber ob⸗ waltet, ſo iſt er wohl nur in den Augen meines Mühmchens Katharine zu ſuchen, auf ihren Lip⸗ pen und ihren Wangen, die, obſchon ein wenig bleich, doch liebreizend genug ſind.— Demohn⸗ geachtet— ſetzte er ernſthafter hinzu— mag man die Gewalt bewundern, die, wie man ſagt, die Alte durch die Junge über den Herrn gewonnen, und ſo ſichtlich zur Schau trägt. Es iſt befremd⸗ lich, das Wappen Kurſachſens mit dem derer von Neidſchüt*) verſchränkt zu ſehen, und ſehr hat es den Prinzen, meinen Herrn, entrüſtet, als er davon vernahm.— und nicht mit Unrecht nach meiner gerin⸗ gen unvorgreiflichen Meinung— verſetzte, das Haupt hin und her wiegend, der Schloßverwalter. — Wo der Rautenkranz iſt und die Schwerter, da kommt auch Hermelinmantel und Kurhut dazu.— Nicht ſo ſchnell; dabei möchte mein gnů⸗ *) Dies Siegel befindet ſich noch im Geheimeraths⸗At⸗ chive zu Dresden. diger Herr auch ein Wörtlein mitzuſprechen ha⸗ ben— wandte Vizthum ein. Und doch verlautet es, als incaminire man dergleichen— bedeutete ihn der Andere.— Es iſt vieles Suchen ſchon geſchehen in den Archiven nach hnlichem, was ſich in vergangener Zeit be⸗ geben haben ſoll, unter andern einer Markgräfinn von Meißen und Landgräfinn von Thüringen we⸗ gen, welche gleichfalls nichts mehr und nichts weniger geweſen, als ein adelig Fräulein.— Ich weiß, fiel der Page ein, es iſt Ka⸗ tharine von Brandenſtein, von welcher derſelbe redet, Herzogs Wilhelm des Tapfern Gemahlinn. Doch iſt die Kurfürſtinn noch am Leben, und wohl ſchwerlich geneigt, einer Nebenbuhlerinn zu weichen.— Schwerlich, Hochwohlgeborner, wenn ſie nicht muß. Aber— fuhr Gobau mit einem ge⸗ waltigen Seufzer fort— es wird Seiner kur⸗ fürſtlichen Durchlauchtigkeit leichter fallen, ſich Höchſtihrer zu entledigen, als wie mich, der Donna Gobau abzuſagen. Der Herr iſt ein großer Fürſt, und dem lutheriſchen Glauben zugethan. Man gedenket jetzt am Hofe nicht ſelten eines Exem⸗ pels in der gnädigſten Frau eignen Sippſchaft, da vor vier Jahren erſt der Herzog zu Sachſen⸗ Eiſenach ſich von ſeiner Frau Herzoginn ſchied, wegen Unverträglichkeit, hieß es, und widrigen Humors.— Der Herr von Vizthum erwiederte: Wie man ſpricht, dürfte ſolch ähnliche Urſach ſich bei der Kurfürſtinn vorfinden, wenn man nämlich dem Gerede der Hoffräulein trauen mag. Sie nennen ſie eine gar ſtrenge Dame, und die ein klöſterlich Regiment führt in ihrer Hofſtatt. So behauptet wenigſtens das Fräulein von Keſſel, die, im Vorbeigehn geſagt, eine ſehr artige Perſon und dem eingezogenen Leben wenig zugethan ſcheint. Ich habe im Auslande die Schönheit der durchlauchtigen Frau gewaltig rühmen gehört, aber, im Vertrauen, kann ich ſolchem Urtheile kaum beiſtimmen.— Pistinguo, belehrte Gobau ihn— zwi⸗ ſchen damals und jetzt, zwiſchen der Zeit nämlich, da ſie Prinzeſſinn von Eiſenach war, oder als ſie im neunzehnten Jahre ihres Alters mit ihrem er⸗ ſten Ehegemahl verbunden ward, dem Markgra⸗ fen zu Onolzbach, und heut, da einige Jahre vor⸗ über ſind, als ſie bereits volle drei Kreuze zdh⸗ lend, als Wittib ſich zum zweiten Male verehe⸗ lichte. Nicht allzu erfreut ſoll der Durchlauchtiaſte beim Anblicke der Braut geweſen ſein, die älter — 53— war als er, und ſchon damals wäre vielleicht der Unfriede begonnen, ohne das Zuthun der Frau Mutter königlichen Hoheit.— Eine vortreffliche Dame, die verwittwete Kurfürſtinn— ſprach der Page mit ſauerſüßer Miene— doch mag ich nicht in Abrede ſtehen, daß mir ſtets etwas bänglich zu Muthe wird in ihrer Gegenwart.— Erlaube der edle Junker, war die Antwort, daß ich ſothane Bangigkeit gewiſſermaßen ein Omen nenne, und Hochdemſelben unmaßgeblich rathe, der Kurfürſtinn Sophia nicht allzu fleißig in den Wurf zu kommen. Hochſelbige iſt gar ernſthaf⸗ ten Naturells, findet keinen Geſchmack an Pa⸗ genſtreichen und liebenswürdigen Etourderien, und weiß den Stab Wehe trefflich zu handhaben.— Ich glaube es gern— pflichtete ihm Viz⸗ thum bei— Prinz Auguſtus iſt zweifelsohne ein muthiger Herr, der ſich wenig aus wüthenden Stieren macht und gewappneten Reitern, der es auch wohl mit einem Bären aufnimmt in ſeiner Stärke; wenn aber die Frau Mutter ihn anſchaut ſo kalt und ſtreng, oder zu ihm ſpricht mit greller Stimme und ſtrafendem Tone, wie es ſchon geſchehen ſeit unſerer Ankunft, da habe ich ihn ordentlich kleinlaut geſehen, und er macht ———————— — nicht gern ſich viel in ihrer Nähe zu ſchaffen, worin ich denn als getreuer Diener ihm, wo es thunlich, nachahme.— Scheut doch der Kurfürſt ſich ſelbſt vor ihr, welcher der Landesherr iſt— fuhr Gobau fort— und Höchſtſeine Paſſion zu der Gräfinn muß ab⸗ ſonderlich vehement ſein, da ſie der Fraumütter⸗ lichen Autorität die Waage hält, welche ſich der regierenden Frau als gewaltiger Beiſtand zuge⸗ than. An Höchſtletztgenannter aber preiſet man gar auserleſene Gaben: ſie iſt ausnehmend tu⸗ gendſam und auch gottesfürchtig, ſo— bitte Eure Gnaden zu excuſiren— ſo nach ihrer lu⸗ theriſchen Manier. Auch iſt ſie nicht zornig und hoffärthig, ein wenig empfindſam vielmehr, und wenn mich das allzugroße Feuer meiner Hälfte moleſtiret hat, ſo darf über ſolches der durchlauch⸗ tigſte Herr nicht klagen, ſondern im Gegentheil über allzu vieles Waſſer.— Wahrhaftig!— rief der junge Edelmann— nun verwundert mich nicht mehr des Kurfürſten kränkelnd Ausſehen, das ſeinem Herrn Bruder ſo auffiel und uns Allen, die ihn ſeit lange nicht geſehen. Zwiſchen dieſen vier, zwiſchen der ſchel⸗ tenden Frau Mutter, der weinenden Ehege⸗ mahlinn, dem ſchmachtenden Mühmchen Katha⸗ — rina und einer ſo wunderlich begabten Dame, als meine Baſe Neidſchütz, mag es ſchwer ſein, ſich vollkommen wohl zu befinden, und dabei müd' und matt zu werden, ſind keine Philtra vonnöthen, noch anderer Zauberſpuk.— Hier ertönte ſchon zum zweiten Male der Schellenzug aus dem obern Gemach; der Schloß⸗ verwalter folgte eilig dem Rufe, der Page aber träumte ſich, bei dem Reſt des Reresweines und einer nur halb beſaiteten Mandeline, an die Ufer des Manzanares zurück, wohl eine halbe Stunde lang, bis ihn eine Erſcheinung unterbrach, die unter jenen Erinnerungbildern, wenigſtens wie wir ihn vorgeben gehört, eine Stelle einnahm. Nicht ſo lebhaft als im untern Wen war indeſſen das Geſpräch zwiſchen den beiden erlauch⸗ ten Perſonen geweſen, obgleich die Pokale nicht minder fleißig gefüllt wurden; denn die Fürſten damaliger Zeit, wiewohl durch Benehmen, Klei⸗ dung und allen äußern Prunk ihrer Würde ſich bereits der feinern franzöſiſchen Sitte zuneigend, hafteten noch an manchem vaterländiſchen Ge⸗ brauch, und verſchmäheten den Becher ſo wenig als ihre Vorfahren. Der Kurfürſt leerte den — 56— ſeinigen, wie man in der Zerſtreuung Gewohn⸗ tes vornimmt; der Traubenſaft verſcheuchte nicht die Wolken von ſeiner Stirn; er ſprach wenig und Gleichgültiges, und verſtummte von Mal zu Mal, nachdenklich, ja ſogar trüb vor ſich hinſchauend. Auch dem Prinzen wohnte in die⸗ ſem Augenblicke die heitere Lebendigkeit nicht bei, welche ihn, verbunden mit ſeiner Förperſchöne und ſeinem hohen Range, zum Liebling der Frauen ſeiner Zeit machte; ſein gewöhnlich fröhliches Antlitz beſchattete eine gewiſſe Befangenheit; auch er trank nur mechaniſch und gleichſam um doch etwas zu thun; die Blicke, die er unter⸗ weilen auf Johann Georg W. richtete, trugen einen gemiſchten Ausdruck von Mitleid und Un⸗ muth, wiewohl gemildert durch die Ehrerbietung, die dem ältern Bruder und regierenden Herrn zuſtand. Dieſer augenſcheinlichen Verſtimmung aber ungeachtet, war es, als ſei keiner von Beiden geneigt, dieſes wenig angenehme Beiſammen⸗ ſein zu unterbrechen, und ſie gehabten ſich gleich Solchen, die gegenſeitig etwas auf dem Herzen haben, und nur über die Art unſchlüſſig ſind, ſich deſſelben zu entledigen. Daher mochte es wohl kommen, daß, nach⸗ dem der große ſilberne Krug geleert war, der Kurfürſt die Schelle zog, einen zweiten bringen zu laſſen. Der Ton aber, in welchem er den Schloßverwalter, der im Eifer des Geſprächs mit dem Kammerpagen den erſten Ruf überhört hatte, ſolches anbefahl, und ihm ſeine Nachläſſigkeit ver⸗ wies, war nicht herriſch nur, ſondern auch bitter; und eben ſo bitter, und ſeiner Freundlichkeit auf dem Herwege entgegengeſetzt, war die Weiſe, mit der er, als der Geſcholtene ſich beſtürzt entfernt hatte, zu dem Prinzen ſprach: Es ſcheint, als ob dieſer Gobau ſeinen Dienſt bei Euch, mein Herr, beſſer verſehen, und die Verrichtungen, die Ihr ihm aufzutragen für gut befunden, eifti⸗ ger erfüllt habe, als ſein jetig Amt, das ich ihm abzunehmen geſonnen bin.— Es lag in dieſen Worten eine Andeutung, welche den Prinzen verlegen machte; auch konnte ihm der Tadel eines Mannes nicht angenehm ſein, welcher die Anſtellung am Hofe ſeiner Fürſprache verdankte; doch nahm er die Anmerkung ſchwei⸗ gend hin, vielleicht weil er dem Wichtigern, das er in dem Sinne trug, den Weg nicht, Gerin⸗ geres anregend, verſperren wollte. So waltete denn abermals das frühere Stillſchweigen, bis Johann Georg plötzlich ſei⸗ nen Becher nahm und mit dem Bruder anſtoßend ſprach: Auf eurer Liebden baldige und glückliche Vermählung!— Der Prinz that zwar Beſcheid; indeß er⸗ wiederte er lächelnd und ſich verneigend, doch nicht ohne ſeine Rede etwas zu betonen: Das Baldige ſcheinet mir, mit meines Herrn Verlaub, nicht nothwendig zu ſein. Des Alters wegen eilt es nicht, und ein fahrender Ritter, wie ich, mag noch nicht ſo bald an den Heerd denken, zu⸗ mal wenn ihm, wie mir, ein Bruder zur Seite ſteht, von dem für unſer Kurhaus eine ruhm⸗ würdige Descendenz zu verhoffen. Was aber das Glückliche anlangt, wenn es einmal dahin kom⸗ men ſollte, ſo nehme ich den Trunkſpruch dank⸗ barlichſt an, dieweil, meiner Meinung nach, im Ehebande bei Hohen und Niedern darauf beſon⸗ ders Rückſicht zu nehmen.— Der Kurfürſt athmete hier tief auf und verſetzte: Fürwahr, es wäre billig, darauf Rück⸗ ſicht zu nehmen; ſchade nur, daß es ſo ſelten bei Fürſten geſchieht, und demnach ſie oft deſſen ent⸗ behren müſſen, was auch ihnen das Wünſchens⸗ — wertheſte ſein ſollte. Ihr ſeid zu welterfahren, mein Bruder, und habt zu viel Höfe geſehen, um deß nicht überzeugt zu ſein; auch darf ich Euch kaum verſprechen, was Andere entbehren müſſen, und es iſt nur um unſers Hauſes und Landes willen, daß ich Euch vermählt wiſſen möchte, ſolltet Ihr wie Mancher auch gemüſſigt ſein, ein Opfer zu bringen. Mich däucht, ein ſolches ſei nothwendig; die Dauer des Menſchen⸗ lebens iſt ungewiß, und wie bald könnte es kom⸗ men, daß Kurſachſen auf Euch ſehe, als auf ſeine einzige Hoffnung.— Des Prinzen Blick glitt hier forſchend über das Antlitz ſeines Bruders; als er aber auf dem— ſelben keine Spur irgend einer mißfülligen Abſicht begegnete, ſondern nur der gewohnten wiederge⸗ kehrten Milde und Aufrichtigkeit, ſagte er lebhaft und mit Wärme: Wie kann mein Bruder und Herr ſich doch fort und fort dem Trübſinn über— laſſen, den ſeine Getreuen mit Kummer wahr⸗ nehmen? Wie mag der fünfundzwanzigjährige Fürſt Gedanken an einen nahen Tod hegen, und warum ſollte ich die einzige Hoffnung dieſes Lan⸗ des ſein, da derſelbe eine Gemahlinn beſitzt, nicht allein hochbegabten Gemüths, ſondern auch allge⸗ mein anerkannter Schönheit?— — Die Kurfürſtinn— antwortete Johann Georg kurz— iſt ſechs Jahr älter als ich, und zwei derſelben blieb unſer Bündniß ungeſegnet. Doch von Eurer Ehe iſt die Rede, nicht von der mei⸗ nigen.— Und warum nicht von ihr, die ſchon beſteht— antwortete Auguſt— warum von einer andern, deren Abſchluß noch weit hinaus liegt? Vergönne mir Eure Durchlauchtigkeit, bei einem Gegenſtande zu verweilen, den ich nicht ohne Vergnügen von meinem Herrn Bru⸗ der ſelbſt berührt ſehe.— Ich will es glauben,— antwortete der Kurfürſt ernſt, doch ohne Härte,— Frau Eleonore iſt mittheilend,— fuhr er halblächelnd fort— wenn es einen gewiſſen Punkt betrifft; ſie hat mich bei dem Herrn Bruder verklagt, und der⸗ ſelbe, als ein galanter Kavalier, iſt ein eifriger Vertheidiger der Damen.— Das bin ich auch— mit Eurer gnidigſten Erlaubniß— beſtätigte der Prinz— und mag mich ſolcher Obliegenheit nur ungern entziehen, vornehmlich in Hinſicht auf meine theuerſte Frau Schwägerinn. So geſchieht es überall und immer! rief Johann Georg voll Unmuth. Man gefällt ſich — — 61— im Unglück zu ſein, und, eigener Mängel ver⸗ geſſend, die Schuld Dem aufzubürden, der nicht blind für dieſelben iſt. Im Innern mei⸗ ner Gemächer herrſcht der Unfriede; das Schel⸗ ten der Mutter und die Klagen der Gemahlinn laſſen ſich über ſie hinaus vernehmen, und man hat die Genugthuung, von Denen bemitleidet zu werden, denen der Schein für die Wahrheit gilt, wenn er ſich mit allgemeinen Maximen herausputzen kann.— Der Prinz erwiederte etwas zögernd: Lei⸗ der ſtehet es mir nicht zu, mich gar ſtrenger Grundſätze zu rühmen; aber ſollte es dem ern⸗ ſten Johann Georg, dem Fürſten des Landes wohlgethan erſcheinen, daß er gegen dieſelben auftrete?— Ganz recht,— verſetzte Johann Georg mit einiger Bitterkeit— dem Flüchtling iſt alles er⸗ laubt, dem ernſten Manne jedoch geziemt es nicht, ein Herz zu haben und Gefühl und Wün⸗ ſche, wie ein Anderer. Geſteht es nur, mein Herr, man hat Euch gegen mich eingenommen. Kaum— ſetzte er bewegt hinzu— kaum iſt der Bruder angelangt, den ich ſo ſehnlich erwar⸗ tet, ſo iſt es ihnen gelungen, Den, deſſen Freund⸗ * — 62— ſchaft mir ſo noth that, und ſeine Erwiederung meiner Liebe, alsbald zu meinem Widerſacher zu machen. Da ſei Gott für, daß ich meines Herrn Widerſacher ſei! Meine dankbarliche Zuneigung iſt es vielmehr, die mich ermuthigt, Demſelben einige wohlgemeinte Vorſtellung zu thun.— Johann Georg IW. wiederholte erregt und nicht ohne Stolz: Vorſtellungen, Prinz? Wer iſt auch in dieſem Lande, der uns vermahnen dürfte, ohne unſeren Permiß, zumal wenn es anbelangt, was uns perſönlich iſt.— Dar⸗ auf fügte er ſanfter hinzu: Doch will ich es von Euch ertragen, und nur von Euch; doch hütet Euch, daß Ihr allzu vorſchnell urtheilet. Ich will nicht ſagen, daß ich ohne Fehl ſei, wie Keiner es von ſich rühmen darf; aber glaube es der Herr Bruder, die Schuld liegt nicht an mir allein, und vornehmlich in Unverträglichkeit der Gemüther, welche, ſo Gott will, niemals Statt finden möge zwiſchen Demſelben und Seiner zu⸗ künftigen Gemahlinn.— Auguſtus blickte vor ſich nieder; der ſchnelle Wechſel der Leidenſchaft und angebornen Gelaſ⸗ ſenheit im Weſen des Bruders hatte ihn ergrif⸗ fen; bald aber ſagte er feſt, obſchon zögernd: Nicht darin liegt es, gnädigſter Herr, und die Urſache deſſen, was mich und uns Alle beküm⸗ mert, iſt, fürcht' ich, anderweit zu ſuchen.— Sich nach und nach erhitzend, entgegnete der Kurfürſt: Ich verſtehe, was Eure Liebden an⸗ deuten will, und ſehe, daß dieſe Zuſammen⸗ kunft, die ich brüderlicher Vertraulichkeit zu wei⸗ hen mich freuete, einem widrigen Wortwechſel Raum geben ſoll. Grad' heraus denn und ohne Umſchweife, wie es deutſchen Männern und Für⸗ ſten geziemt. Ihr ſeid dem andern Geſchlechte nicht abhold, das hat uns nicht allein das Ge⸗ rücht bemerklich gemacht, ſondern manche Lücke in unſern Kaſſen, die wohl ſchwerlich nur durch Ankauf lebloſer Meiſterwerke entſtanden; man nennt Euch das Muſter eines galanten Prinzen, warum verläugnet Ihr ſolche Eigenſchaft gerade bei einer Dame, die an unferm Hofe lebt, die fürwahr auf jegliche Weiſe Anſpruch auf be⸗ ſondere Estime machen kann, und für die wir insbeſondere dieſelbe hegen, wie dem Herrn nicht unbewuſſt ſein kann?— Herzog Auguſt verſetzte, aufgereizt durch die Heftigkeit des Kurfürſten: Das Erſte bleibe — billig jetzt unerörtert, das Letztere aber iſt es, was jenes Benehmen verurſacht, welches Eure kurfürſtliche Durchlauchtigkeit bitterer tadelt, als ſie vielleicht ſollte.— Wirklich? unterbrach Johann Georg ihn mit ſteigender Stimme: So wiſſet denn, daß wir Die, welcher wir gewogen ſind, auch zu ſchützen wiſſen werden gegen Jedermann, er ſei, wer er wolle.— Der beleidigte Prinz erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen; der Kurfürſt aber hielt ihn zurück, ſeine Hand auf die Hand des Bru⸗ ders legend, und ſprach, abermals in den mil⸗ den Ton fallend, der ihm eigenthümlich war: Euer urtheil iſt befangen, Bruder, ich weiß, was Neid und Eigenſucht über das Fräulein, von dem wir ſprechen, verbreiten; Gerüchte ge⸗ hen umher, nicht lächerlich allein, ſondern die Majeſtäit beleidigend, der Kurfürſten heilig Vor⸗ recht. Ihr ſeid zu klug, Auguſtus, dem Un⸗ ſinn Gehör zu geben, und zu billig, ſchuldlos Verläumdete zu verdammen; blicket ohne Vor⸗ urtheil in das Auge Katharinens, und Ihr wer⸗ det in ihm den Ausdruck der Herzensreinheit ent⸗ — 65— decken, verweilet in ihrer Nähe, und ihr wer⸗ det finden, daß er nicht trog.— Mit Schärfe entgegnete der Prinz: Es iſt wahr, daß ich einige jener Abentheuer beſtanden, welche Eurer kurfürſtl. Durchlauchtigkeit mir vor⸗ zuwerfen beliebt; doch habe ich ſtets Acht gehabt, nur dem leichten Sinn zu begegnen, ſei er auch mit ein wenig Coquetterie verbunden, die allezeit, zumal Fürſten, ungefährlicher iſt, als jene tie⸗ fere Kunſt, welche nach hohen Dingen ſtrebt, unter der Hülle der— Herzensreinheit, wenn mein gnädigſter Herr Bruder denn alſo will.— Eben ſo ſcharf verſetzte Johann Georg: So ſind denn unſere Meinungen ſo verſchieden„ als wahrſcheinlich unſere Sinnesart.— Nicht aus⸗ ländiſche Buhlerinnen können mir das Glück ge⸗ währen, nach dem ich einzig trachte, wohl aber Eine, deren Sittlichkeit ihrem Reize gleicht.— Verzeiht,— fiel der Prinz mit Ironie ein — Euer Verhältniß zu dieſer Dame ſelbſt ſpricht wenig zu Gunſten der erwähnten Eigenſchaft.— Der Kurfürſt entgegnete in demſelben Tone: Doch nur dies allein, und ſolches können ſich ſchwerlich Eurer Liebden zahlreiche Favoriten rüh⸗ men. Jeder hat ſeine Meinung, und zu allem Die Frauen v. Neibſchütz. 1 Bb. 5 — 66— Glück können Wir die Unſere genugſam behaupten, beſagte Dame ſo hoch ſtellend, daß Neid und Tadel vor ihr verſtummt.— Das will ich nicht hoffen— rief der er⸗ zürnte Prinz.— Dagegen giebt es Familien⸗ ſtatuten und Rechte der Agnaten!— Und dabei umklammerte er den ſtarken Silberbecher, den er hielt, und drückte ihn gewaltig zuſammen, daß das Metall krachend ſich zur Unform bog und der Tokayer weit über den Tiſch hinſpritzte. Erſpare ſich der Prinz,— rief der Kurfürſt flammenden Auges und mit Hoheit— Beweiſe ſeiner Stärke zu geben, welche unſtatthaft ſind in der Gegenwart Seines Landesfürſten. Nur Einen erkennt ein Kurfürſt des heiligen Römi⸗ ſchen Reiches über ſich, ſeinen Oberlehnsherrn, den Kaiſer, und was deſſelben Genehmigung er⸗ hält, vermeſſe ſich der Unterthan nicht zu tadeln!— Der Kaiſer— antwortete Herzog Auguſt— hat allerdings bereits zu viel gethan, und es iſt ein ſeltſam Schauſpiel, die durchlauchtigſte Raute in das Wappenſchild der Neidſchütz verflochten zu ſehen; weiter wird Leopold 1. indeß nicht gehen. Die Conſideration gegen den gnädigen Herrn Bruder, die ihn zweifelsohne dazu vermocht, iſt 67 mir gemein mit Eurer Durchlauchtigkeit; denn ſie begründet ſich auf die Meriten unſerer beider⸗ ſeitigen Vorvordern. Zweierlei aber hab' ich vor Demſelben voraus: die Schlachten, die ich mit⸗ gefochten im Kaiſerlichen Heere, und die Freund⸗ ſchaft und Gewogenheit des römiſchen Königs, und beides wird mir Gehör verſchaffen bei Ver⸗ theidigung der Rechte unſeres Hauſes.— Mehr denn einmal haben dieſe Rechte ähn⸗ liche Einſchränkung erlitten,— erwiederte Jo⸗ hann Georg— und deren unbefugte Behaup⸗ tung mag Jeglichem einen ſchlimmen Stand be⸗ reiten, ſei er auch Herzog zu Sachſen.— So iſt es denn wahr,— fuhr er plötzlich abgeſpannt und mit Wehmuth fort— ich habe keinen Freund mehr in meinem Geſchlecht, und der Bruder, in deſſen Armen ich ausruhen wollte von manchem Kummer, geſellt ſich zu meinen Gegnern. War⸗ um auch entrüſtet Ihr Euch? Schwerlich mag eine Handvoll glücklicher Tage, die mir noch blei⸗ ben kann, Euch ſchaden. Reichet Eure Hand einer fürſtlichen Gemahlinn, ich wünſche es, ich bitte Euch darum, und möge in Euren Spröß⸗ lingen die Raute fortgrünen, welche, wenn Ihr — — 66— auch wähnet mit Unrecht, doch gewiß nur auf kurze Zeit jenem Wappen verbunden ſein wird.— Zwar minder heftig, aber immer noch mit Beſtimmtheit antwortete der jüngere Fürſt: Wolle Gott, daß mein Herr zahlreiche Nachkommen⸗ ſchaft erziele in rechtmäßigem und ebenbürtigem Ehebündniß mit meiner durchlauchtigſten Frau Schwägerinn; ich werde gern einer Hoffnung entſagen, die ich nie gehabt, aber den Kindern dieſer Neidſchütz weicht Friedrich Auguſtus von Sachſen nimmer!— Den Söhnen der Kurfürſtinn weicht der nachgeborne Prinz!— verſetzte mit Würde der Kurfürſt, und abermals wollte Auguſt ſich entfernen, und abermals hielt Johann Georg ihn zurück.— Scheidet nicht ſo von mir, Herr Auguſt,— ſagte er mit trüber Freundlichkeit— höret erſt ein Wort von mir, ein ſeltſames zwar, doch ein gewichtiges Wort. Ich habe mehrmals meines nahen Abſcheidens erwähnt, und der Herr Bruder ſowohl als die Andern, gegen die ſolche Rede mir entfallen, halten derſelben Gegenſtand für eine Ausgeburt erregter Phantaſie, oder krank⸗ hafter wohl gar. Dem iſt nicht ſo; ſchon ſeit einiger Zeit wohnet beſagte Ahnung mir bei, — 6 und nur wenig ſpäter haben ſich ihr körperliche Sensationes zugeſellet, die, wie ich vermeine, ſie beſtätigen. Nicht lange werde ich Euch im Wege ſtehen, gönnet mir demnach die kurze Zeit durch das Glück, wie es mir zuſagt; Ihr aber wählet Euch eine Ehegenoſſinn unter den Prinzeſſinnen deutſcher Nation, und laſſet mich bald Neffen ſehen und Nachfolger auf dem kurfürſtlichen Stuhle, ehe es zu ſpät für mich wird.— Schon früher hatte der Prinz gefühlt, er ſei zu weit gegangen, jetzt rührte die plötzlich wie⸗ derkehrende Sanftmuth des Bruders des jungen Fürſten leicht bewegliches Herz, der Meinung unerachtet, die eben gehörten Worte ſeien aus dem entſprungen, was der Kurfürſt verneinte, aus einem wunderlichen Wahn; und er antwor⸗ tete mit gemeſſenerm Tone: Mein gnädigſter Herr iſt ſeltſam befangen, und kann ich nicht umhin, die Verſtörung Seines ſonſt ſo hellen Geiſtes der Umgebung zuzuſchreiben, in welcher Hochdenſel⸗ ben Seine Getreuen, ich muß es ſagen, nur ungern ſehen. Ich enthalte mich, des Fräuleins Erwähnung zu thun, das man nunmehro Grä⸗ finn von Rochlitz benennet; denn ich weiß aus Erfahrung, wie die Liebespaſſion ihren Begen⸗ — 6— ſtand mit allen erſinnlichen Quglitäten auszieret und jeden etwanigen Makel verdecket; ſoll ich aber gleichermaßen gegen die Mutter ſo nachſich⸗ tig ſein? gegen die Neidſchütz? Es hat, mit Eurer Durchlauchtigkeit Verlaub, dieſe Perſon niemals in ſonderlicher Renommée geſtanden, und was ich jetzt vernehme von ihrem Treiben und den Leuten, mit welchen ſie ſich zu ſchaffen macht, ja des Herrn Thun und Worte ſelbſt bringen mir, ich läugne es nicht, von ihr keine beſſere Opinion bei.— Der Kurfürſt ſchlug die Augen zu Boden, ſeufzte auf, und ſchien in Begriff zu antwor⸗ ten, da erſchien Vizthum in der Thür, vermel⸗ dend, es ſei an der Zeit zur Cour bei der Frau Mutter königlicher Hoheit, und die Pferde ſchon geſattelt.— Bringe Er uns einen andern Becher— lie⸗ ber Herr Vizthum— ſagte der Kurfürſt gütig zu dem Pagen: es hat des Herrn Bruders Lieb⸗ den den ſeinigen unverſehens von der Tafel ge⸗ ſtoßen und beſchädigt.— Als dieſes Geheiß nun befolgt war, füllte Johann Georg das Trinkgeſchirr mit Wein, reichte es dem Prinzen und ſprach mit leiſer Stimme —— zu ihm: Es iſt Gottes Gebot, daß zween Brü⸗ der die Sonne nicht untergehen laſſen über ihrem Zorn; auf beſſere Zeiten denn, Bruder Auguſt, und inſonderheit denn auf beſſeres Verſtändniß.— Sich ehrerbietig verneigend, that Herzog Friedrich Auguſt Beſcheid, und beide Fürſten verließen den Pallaſt im großen Garten. Der Kammerpage hatte ſich, wie bereits dem Leſer berichtet worden, nachdem der Kaſtellan ihn verlaſſen, mit der Erinnerung, den Klängen und dem Traubenſafte der phrenäiſchen Halbinſel beſchäftigt; allgemach aber begannen die unvoll⸗ kommenen Akkorde des mangelhaften Inſtruments ihn zu langweilen, die Gedanken folgten minder lebhaft, gebunden von dem Geiſte des Weines, der ihm gemachſam zu Kopfe ſtieg; er ließ ſich in einer etwas dunkeln Vertiefung der getäfelten Wand nieder, und fing eben an, aus den wa⸗ chen Träumen in die des Schlummers überzuge⸗ hen, als das Geräuſch, mit welchem die Thür geöffnet ward, dieſen von ihm hinwegſcheuchte. Die, welche eintrat, war eine Frau in dem Lebensalter, da die volle Reife allmählig der über⸗ reife ſich nähert, und die Kunſt, hülfreich herzu⸗ tretend, die ſchwindelnden Gaben der Natur er⸗ ſetzt; ſie war jedoch erſt ſeit ſo kurzer Zeit zu die⸗ ſer Grenzlinie gelangt, daß das überſchreiten derſelben einem nicht geübten Auge unmerklich blieb. Wiewohl nach dem eigenen Berichte des Herrn Vizthum von Eckſtädt die ſeinigen den⸗ ſelben nicht beigezählt werden konnten, ſo ſah er doch nicht ohne Behagen die zierliche Geſtalt, die dunkeln Augen, welche, unter ſchwarzem Lok⸗ kenpaare hervor, halb neugierige, halb gebiete⸗ riſche Blicke im Gemach umherwarfen, um ſo mehr, da dies Alles ihm wie bereits Geſehenes vorkam. Die Weiſe, in welcher ſich die Ange⸗ kommene gehabte, als ſei ſie hier zu Hauſe, löſ'te bald allen Zweifel; ſie war in der That keine Andere, als Sennora Eſtevania Gobau, des Hofbettmeiſters vielbeſprochene Ehehälfte. Sie trat an den Tiſch, auf dem ſich noch die inhalt⸗ leeren Trinkgeſchirre befanden, betrachtete ſie mit höhniſchem Lächeln und Achſelzucken, ſpäh'te dar⸗ auf in einigen Schubläden herum und verfügte ſich endlich vor einen kleinen viereckigen Spiegel in ſchwerem kupfernen Rahmen, irgend eine überflüſſige Veränderung an ihrem Anzuge vor⸗ zunehmen. Der Kammerpage hatte ihr bis jetzt ſchwei⸗ — gend zugeſehen, vielleicht einiger Scheu wegen, die ihm der Bericht des Kaſtellans eingeflößt hatte; denn wenn man zu jener Zeit auch anfing, an gewiſſen Dingen zu zweifeln, ſo war die Auf⸗ klärung doch noch nicht hinlänglich vorgeſchritten, um ſie geradehin zu verwerfen. Jetzt aber, als er ihr bräunliches Antlitz im Spiegel gemuſtert hatte, leuchtete ihm plötzlich ein, wenn die Frau Schloßverwalterinn eine Hexe ſei, ſo ſei ſie we⸗ nigſtens eine ganz artige Hexe; er räuſperte ſich alſo und trat aus ſeinem Verſteck hervor, den et⸗ was in Unordnung gerathenen Lockenbau ſeiner Perücke flüchtig ordnend. Die Schöne ſtieß, als ſei ſie überraſcht, einen kurzen, zierſamen und feinen Schrei aus, und fragte darauf in gebro— chenem Deutſch: Verzeihe der Herr— iſt dies nicht mehr des Kaſtellans Gemach? Wo iſt er?— Reizende Sennora— antwortete Vizthum mit einer Miſchung von Galanterie und vorneh⸗ mer Nachläſſigkeit— Dieſelbe iſt in der That bei Dem, welchen ſie genannt, oder vielmehr bei ſich ſelbſt. Er, Hofbettmeiſter, iſt hinaufgegan⸗ gen im Herrendienſt, welches mir zu beſonderem Plaiſir gereichet, dieweil ich dadurch Occasion habe, mit Derſelben einige Worte zu wechſeln, — die Sie Dero altem Bekannten zweifelsohne ver⸗ gönnen wird.— Alter Bekannter?— wiederholte Frau Go⸗ bau fragend und wie verwundert: daß ich nicht wüſſte— ich erinnere mich nicht—— Die ſchöne Eſtevania Levas— entgegnete der Page mit anſtändigem Feuer— erinnert ſich nicht mehr der angenehmen Nächte in der Carmeliterſtraße zu Madrid, nicht des Boleros, den ich im kleinen Häuschen vor dem Sonnen⸗ thore mit ihr getanzt, eines gewiſſen Strumpf⸗ bandes und noch anderer Dinge, für die Dero geneigter Freund ein gutes Gedächtniß bewahrt hat?— Darauf ſchauete ihn des ſächſiſchen Bettmei⸗ ſters ſpaniſche Bettmeiſterinn einige Augenblicke mit Aufmerkſamkeit an, und rief dann, dem Anſcheine nach höchlich verwundert und mit Leb⸗ haftigkeit in ihrer Mutterſprache: Por la caveca de San Jago de Compostella—(beim Haupte des heiligen Jakobs von Compoſtella) Ihr ſeid es, der edle Don Carlos Vicedom! hätte ich doch eher mich des Himmels Einfall verſehen, als ſo unvermuthet mit Euch im Gemach meines Bartolo zuſammen zu treffen.— So gar groß kann Euer Erſtaunen doch nicht ſein, Sennora,— war des Junkers ſelbſt⸗ gefällige Gegenrede— Ihr wiſſet ja, daß ich in Dienſten Don Auguſt's von Sachſen ſtehe und in ſeinem Vertrauen, und beides iſt noch der Fall.— Und des Letzten ſeid Ihr würdiger als je, wie ich ſehe,— entgegnete die Donna verbind⸗ lich— aus dem jugendlichen, angenehmen Pa⸗ gen iſt nun ein zierlicher Cavalier geworden, der Alles rechtfertigt, was man damals von ihm erwartete. Aber— fuhr ſie mit einem kleinen Seufzer und ſprechendem Blicke fort— aber ich vergeſſe leider, daß ich in dem kalten Norden bin, wo es einer Frau verargt wird, wenn ſie ſpricht, wie ſie denkt. Schönes Spanien!— O ſchöne Spanierinn!— parodirte Herr Vizthum— ſolche Wahrheiten höre ich ganz gern, zumal aus ſo lieblichem Munde.— Por el corrazon de Nuestra Sennora de los siete dolores—(beim Herzen Unſerer Frau der ſieben Schmerzen) ſagte Frau Gobau nicht eben überflüſſig laut, indem ſie ſich gemachſam den umſchlingenden Armen des dreiſten Pagen entzog; gedenket Ihr nicht, Don Carlos, daß — 76— ich eine Ehefrau bin, und mein Herr Gemahl in der Nähe?— An nichts gedenke ich, wenn ich Euch ſehe,— verſicherte Don Carlos, als an die vergangene Zeit und an die Empfindung, welche die ſchöne Eſtevania mir einflößte. Sie ſind mir geblieben, dieſe Empfindungen, ich bin kein Kind mehr, und ſtatt Euch zu necken, wie ich thöricht genug damals that, weiß ich Eurem Verdienſt jetzt beſ⸗ ſer zu huldigen.— Er ſchien Willens, das erſte Zeichen dieſer Huldigung auf die Lippen der Schönen zu drücken, dieſe aber wehrte ihm. Doch war das Lächeln ermuthigend genug, mit dem ſie ſprach: Gemach, mein edler Ritter, gemach! Leicht möchten Eure jetzigen Neckereien gefährlicher ſein, als die in jener Zeit. Beim Himmel, was wür⸗ den die ſchmähſüchtigen Deutſchen ſagen, träfe mich Jemand allein mit einem ſo liebenswürdi⸗ gen Herrn, und gar Sennor Gobau.— Fürchtet nichts,— beruhigte ſie der Page— in dieſem Schlößchen iſt Niemand als die gnä⸗ digſten Herren und Euer Bartholomäus; der aber, ſcheint mir, wird nicht beſonders von der — Eiferſucht geplagt. Gönnet mir denn, daß ich das Recht des Wiederſehens geltend mache.— Eſtevania antwortete mit Verdruß: Wie mag er auch eiferſüchtig ſein, der für nichts Sinn hat als für Wein, für das abſcheuliche Bier und den noch abſcheulicheren Rauchtaback hier zu Lande? Was unſer Wiederſehn betrifft, ſo erfreuet mich ſolches zwar außerordentlich, es kommt mir jedoch nicht zu, in das Recht anderer Damen zu tre⸗ ten, welche ſich deſſelben eben ſo ſehr erfreuen würden, als ich. Und welche wären dieſe, ſagte der Page. Ich zweifle wohl nicht daran, daß es Solche giebt, doch möchte ſchwerlich Eine mir mehr gelten, als die, welche ich vor mir ſehe.— Sehr ga⸗ lant,— verſetzte Frau Gobau mit anmuthigem Kopfneigen— doch fürchte ich, daß, nennte ich nur Eine, Ihr ſolch ſchmeichelhaftes Wort bald widerrufen würdet; denn es iſt mir noch wohl erinnerlich, wie Don Carlos Vicedom be⸗ reits in früher Jugend ein Muſter der Courtviſie war, und die Damen über alles ſchätzte, ſogar über den Wein, der hier zu Lande ſo hoch ge⸗ halten wird, von meinem Herrn Gemahl inſon⸗ derheit, der jetzt gar nichts kennt außer ihm, und aus einem muntern und gewandten Escudero ein grämlicher, ſteifer, ungeſchickter und über⸗ haupt unausſtehlicher Pantalon geworden.— Ich bin ein deutſcher Kavalier, verſetzte der Kammerpage; ſo iſt denn meine Deviſe: es le⸗ ben die Schönen und der Wein; mit billigem Vorzuge der Erſten.— Wenn von dem Zweiten nichts mehr da iſt— ſagte Eſtevania— auf den leeren Krug blickend.— Man ſieht, daß mein edler Don Herrn Gobau mit Seiner Geſellſchaft beehrt hat.— Mit anmuthiger Gebehrde antwortete Viz⸗ thum: Billig weicht dem Vergnügen an Dero Gegenwart die Beſchäftigung mit dieſem Reben⸗ ſaft von Keres, deren ich überdem lediglich dar⸗ um pflog, weil ſie mich an Spanien erinnerte und an ſeine ſchönen Bewohnerinnen. Jedoch ſcheinet mir, als ſei die Reizendſte derſelben et⸗ was ungerecht gegen ihren Ehegatten; ſo gar grämlich und ungeſchickt, däucht mich, iſt der⸗ ſelbe doch nicht, und Er, Hofbettmeiſter, gleicht noch ſo ziemlich dem barbirenden Kammerdiener Seiner Durchlauchtigkeit an Schalkheit und ſonſt noch, ein wenig Wohlbeliebtheit ausgenommen⸗ Ich habe ſonderlich Geſchick, Frieden zu ſtiften, und ſo meine Frau Gobau mich zum Vermittler annehmen will in ehelicher Zwiſtigkeit, erbiete ich mich Derſelben zu ſolchem.— Don Carlos— verſetzte die Spanierinn mit lebhaftem Mienenſpiele— Don Carlos wäre der Letzte, welchen ich dazu erwählte, und er ſcheint mir weit mehr geeignet, dergleichen Zwi⸗ ſtigkeiten zu erregen, als ſelbige zu ſchlichten. Doch laſſen wir jetzt Sennor Bartolo und ſeine guten oder ſchlimmen Eigenſchaften; lieber ſage mir Eure Gna⸗ den, ob Ihre Neugier nicht erregt worden iſt durch das, was ich von gewiſſen Perſonen angedeutet.— Herr Vizthum von Eckſtädt war, obſchon noch ſehr jung, Hofmann genug, um in dieſer Wiederholung Abſichtliches zu entdecken; er ge⸗ dachte deſſen, was der Kaſtellan von den Ver⸗ hältniſſen Eſtevaniens erwähnt und ſei nen, und fragte ziemlich kühl: U ich fragen darf, und wo ſind di mich ſo beſonderer Consideratio In einem Hauſe oder Pallaſte ſie,— beſchied ihm Frau Gobau— deſſen Be⸗ wohnerinnen unter der Zahl derer, die ſich ehr⸗ furchtvoll zu ihnen drängen, Euch vielleicht un⸗ gern vermiſſen, theurer Don; in dem viele junge elche, wenn Perſonen, die —— Damen ſich verſammeln, die ſchönſten der Re⸗ ſidenz, alle begierig, einen ſo jungen und ſo viel gereiſ'ten Kavalier kennen zu lernen, und ſeine Berichte über das Ausland zu hören; in einem Pallaſt, da der ſchalkhafte Gott Amor gebietet, und aus welchem die ſteife Etikette in die Staats⸗ zimmer der Kurfürſtinnen verbannt iſt, wo end⸗ lich zwar auch der Geringſten Eine, wo die ſchwarz⸗ äugige Eſtevania, wie Ihr mich ſonſt nanntet, der Ehre theilhaftig werden kann, Euch die Re⸗ verenz zu machen.— Dero Beſchreibung lautet ſehr anmuthig, zumal der letzte Punkt derſelben,— verſicherte höflich ausweichend der Page— und dieſer wird mich zweifelsohne bewegen, daß ich Eurer Ein⸗ ladung folge, ſobald es Zeit und Umſtände ge⸗ ergriff hier die Hand der Sennora, e Gebehrde die Kälte ſeiner Ant⸗ ie überließ ihm dieſelbe ohne Sträuben, ur nach einer kurzen Pauſe: Der Prinz Do befindet ſich alſo, wie der edle Herr ſagt, gegenwärtig in dieſem Hauſe? wort zu erſetze Wie ſehr wünſchte ich doch, Seine Durchlauch⸗ tigkeit wieder zu ſehen, und bei ſeinem Anblick — einer ſchönern Zeit zu gedenken und Derſelben Wohlthaten, deren Gedächtniß nimmer in mir er⸗ ſterben wird.— Der Kammerpage glaubte, vielleicht nicht mit Unrecht, in dieſen Worten eine Annäherung an die Abſicht zu gewahren, die höchſt wahrſchein⸗ lich die Frau Hofbettmeiſterinn gerade in dieſem Augenblick zur verlaſſenen Behauſung ihres Ehe⸗ herrn zurückgeführt hatte, und er antwortete flüchtig und mit einiger Leichtfertigkeit: Ein dankbares Gemüth— und es iſt um ſo eher zu loben, da Ihr, wie ich meine, mit dem gnä⸗ digſten Herrn nicht im Rückſtande ſeid, und Euer Wiederſehn denſelben an mancherlei Gegengefäl⸗ ligkeit erinnern mag.— Die Stirn der Frau Gobau bedeckte ſich mit einer finſtern Wolke; ihr ſchwarzes Auge ſchoß einen jener Blicke, deren Gluth ihr Gatte auf etwas zweideutige Weiſe erwähnt hatte; ſie ſtand ſchweigend, bis der ſächſiſche E lknabe fortfuhr: der Prinz iſt gegenwärtig, wenn ihr war⸗ ten wollet, bis die höchſten Herrſchaften die Treppe herabſteigen, ſo wird er unfehlbar mit Vergnügen die ſchöne Vicewirthinn dieſes Pal⸗ laſtes begrüßen.— Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 6 ₰ Es gab eine Zeit— entgegnete ſie mit un⸗ terdrückter Heftizkeit— Ihr wiſſet, Don Car⸗ los Vicedom, es gab eine Zeit, da Eſtevania Levas nicht auf der Treppe warten muſſte, um den Prinzen von Sachſen zu ſehen.— Der junge Höfling verſetzte in dem kühlen gemeſſenen Ton ſeines Standes: Ein Anderes, werthe Donna, iſt es mit ſo hohen Häuptern, je nach der Zeit und dem Orte. Was meinem gnädigſten Herrn in der Fremde geſtattet war, duldet am vaterländiſchen Hofe billig eine Aus⸗ nahme; alſo daß, ehe ich Dieſelbe Seiner Durch⸗ lauchtigkeit vorſtellen mag, Höchſtdero Wohl⸗ nehmen allererſt zu erfragen ſteht.— Und würde Eure Gnaden— fragte ſie mit lieblichem Ausdrucke und Geberde— ſolche Be— mühung nicht für eine alte Bekannte und erge⸗ bene Dienerinn auf ſich nehmen? Mit Vergnügen,— lautete die Antwort— doch mag dies an dieſem Orte nicht geſchehen, da der gnädigſte Herr eines, wie es ſcheint, nicht unwichtigen Geſprächs mit Sereniſſimo gepflogen, deſſen Unterbrechung kaum ſtatthaft ſein dürfte.— O— ſprach Eſtevania mit Lebhaftigkeit— Don Juan Gorge, der Kurfürſt, beehrt mich mit ſeiner Huld.— Doch habt Ihr recht, und dies und noch mehreres kann mit mehrerer Be⸗ quemlichkeit in jenem Hauſe beſprochen werden, deſſen Gebieterinnen Euch daſelbſt eben ſo gern ſehen würden, als die demüthige Duena.— Wir werden ja ſehen— erwiederte Vizthum froh, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben— aber wahrlich, zur Dueüa iſt Sennora Gobau noch viel zu jung und zu hübſch, und weit angenehmer iſt es, mit derſelben vor ihr ſelbſt zu ſprechen, als von andern Perſonen.— Er begann hier auf die galante Art damaliger Zeit die reichen Locken der Spanierinn um die zarten, mit gewaltigen Spitzenmanſchetten verſehenen, nach eau de la reine duftenden Hände zu ſchlin⸗ gen, und dieſe und andere Tändeleien des Pagen wurden theils mit zierſamen Widerſtande abge⸗ wehrt, theils nachgiebig erwiedert, als Jemand dazu kam, deſſen Erſcheinen ſonſt gemeiniglich bei dergleichen Auftritten unangenehm ſtörend zu ſein pflegt— der Gatte der Schönen.— Er, Hofbettmeiſter, ſieht— rief ihm Viz⸗ thum mit vornehmer Unbefangenheit entgegen, und nur gemachſam die Hand zurückziehend, mit welcher er Eſtevaniens Rechte gefaſſt hatte,— 8 — Er ſieht hier die unſchuldige Bewillkommnung zweier alten Bekannten, und Sennor Bartolo iſt viel zu klug, um daran Aergerniß zu nehmen.— Bitte meinetwegen ſich ganz und gar nicht in Ungelegenheit zu ſetzen, und freue mich, daß meinem Hochwohlgebornen Herrn das Wieder⸗ ſehn ſo gut behagt— ſagte der gefällige Ehe⸗ mann mit ſpöttiſchem Lächeln.— Es verwun⸗ dert mich jedoch, daß ſelbiges hier ſtatt gefunden. Wie kommt es, Frau Eſtevania, daß man die⸗ ſelbe an einem Orte betrifft, wo ich nach dem Vorgefallenen Dero angenehme Gegenwart auf immer entbehren zu müſſen geglaubt? Gilt Euer günſtiger Beſuch mir, oder hat Euer lebhaftes Ingenium eine andere Abſicht bei demſelben?— Keinesweges durch die Dazwiſchenkunft des Sprechenden in Verlegenheit geſetzt, ſondern ziem⸗ lich ſtolz und ſchnöde entgegnete die Dame: Mein Beſuch gilt eben ſo wenig dem Sennor, als ich es nöthig finde, demſelben darüber Rechenſchaft abzulegen. Dies Haus gehört, ſo viel ich weiß, nicht ihm, ſondern meinem gnädigen Herrn, dem Kurfürſten, und durch wen das Recht, wel⸗ ches er hier zu haben vermeint, ihm geworden, iſt ihm ſowohl bekannt, als Andern. Es könnte — ſein, daß es ihm durch eben dieſelbe Perſon ver⸗ luſtig ginge, welche ſich zu ihm herabgelaſſen, und nichts erfährt als Undank für erwieſene Wohl— that, und rohe Unempfindlichkeit gegen Eigen⸗ ſchaften, welche ganz andere Perſonen beſſer zu ſchätzen wuſſten, als er.— Ei, meine Theure,— verſetzte höhniſch der Kaſtellan— ich zweifle keinesweges an Dero Qualitäten, noch an deren Anerkenntniß von Seiten hoher Perſonen; wollte nur Gott, ich wäre früher von ſelbigen in ihrem ganzen Um⸗ fange inſtruiret geweſen. Der Herr Jagd- und Kammerpage ſieht hier ein Pröblein davon, wie mir deren mehrere zu Theil worden, und von welchen ich noch mehrere zu erleben befürchte, als mir lieb ſein dürfte. Wollen Eure Gnaden glauben, daß Seine Durchlauchtigkeit Sereniſ⸗ ſimus, der ſonſt gemeiniglich die hochfürſtliche Milde in höchſteigener Perſon zu ſein pfleget, mir ſeit geraumer Zeit höchſtdero Ungnade zu vermerken gegeben, und mich heute noch gar hart angelaſſen, ob ich gleich meine Amtspflicht als wohlbeſtallter Kaſtellan nach Kräften wahr⸗ nehme. Da glaube ich denn nicht zu irren, wenn ich dabei die hülfreiche Hand meiner zärtlichen Ehegattinn zu verſpüren meine.— Da kann der Herr Gobau recht haben,— ſprach darauf eben ſo höhniſch die zärtliche Ehe⸗ gattinn— und es mag auch kommen, daß er ſeiner Amtspflicht gänzlich überhoben wird, wel⸗ ches er genugſam verdient hat durch freche und verläumderiſche Reden, die er, wie man ſagt, über eine hohe Dame, unter deren Schutz ich ſtehe, im Munde führt.— Was? rief der Bettmeiſter todtenbleich vor Schreck und beide Hände hoch empor hebend: Ich freche Reden geführt über Ihro Excellenz, die hochgeborne Frau Reichsgräfinn von Neidſchütz, über eine Dame, die ich pflichtſchuldigſt venerire? Eure Hochwohlgeboren ſieht,— fuhr er gegen den lächelnden Pagen fort— daß die theure Sennora recht augenſcheinlich im Schilde führet, mich abſolut zu Grunde zu richten.— Don Carlos Vicedom ſieht,— unterbrach ihn Eſtevania, ſich verächtlich von ihm wendend— ob ich recht hatte in dem, was ich Euch von die⸗ ſem Menſchen ſagte, und was ich in ihm gefun⸗ den, als ich mich weit genug herabwürdigte, die Gattinn Eines zu werden, wie er.— — Wahrlich,— unterbrach ſie der beleidigte Schloßverwalter— wahrlich, es iſt mir auch abſonderliche Ehre und Plaiſir wiederfahren durch ſothane Mariage.— Nur allzuviel Ehre— fiel die Sennora ein— erwies die edle Spanierinn dem deutſchen Tropf, ihm ihre Hand reichend—— Und Herr Gobau rief dazwiſchen: Sagt doch lieber, die edle Enkelinn eines alleredelſten Zigeuner-Hauptmanns.— Sie aber erhob die Stimme, fortfahrend: die Geliebte eines großen Prinzen, ſeinem ehe⸗ maligen— Pax vobiscum! ſprach mit Pathos der Page: Friede ſei zwiſchen Euch, liebreizende Sennorita, und dem ehrſamen Hofbettmeiſter. Es thut nicht allerwegen gut, vergangene Dinge zu berühren, am wenigſten, wenn dabei durchlauchtige Na⸗ men ins Spiel kommen. Drum ſo ignorire Er, Gobau, auch anjetzo, was derſelbe früher zu igno⸗ riren für zweckdienlich befunden; Frau Gobau hingegen wolle ihre angenehme Stimme ein we⸗ nig mäßigen, dieweil ſie allſonſt die Ruhe ſtö⸗ ren möchte, welche ſich an einem Orte gebührt, 5 wo fürſtliche Perſonen verweilen; in deutſcher Sprache Burgfrieden genannt.— Die Pferde ſtehen, wie ich ſehe, vor der Thür,— ließ der Kaſtellan ſich vernehmen— ſo wird es an der Zeit ſein, daß der Herr Kammer⸗ und Jagdpage aufbreche; und auch die werthe Frau Gemahlinn will ich nicht länger aufhalten, ſintemalen ſelbige, meines Erachtens, ihr Ge⸗ ſchäft ausgeführt und allhier nichts mehr zu thun hat.— Valga me Dios— verſetzte Eſtevania— ich werde gehen, wenn es mir beliebt. Darauf flüſterte ſie dem Pagen zu: Darf ich eine Ant⸗ wort zurückbringen, wie ſie von dem ritterlichen, galanten Don Carlos Vicedom zu erwarten ſteht?— Vizthum aber ſah auf ſeine Uhr und ſprach eilfertig: Parole d'honneur, ſchon halb ſechs Uhr, und ich muß eilen, Ihren Durchlauchtig⸗ keiten anzuzeigen, daß es Zeit iſt, ſich zur Frau Mutter zu verfügen, welche, wie bekannt, eine große Liebhaberinn der Pünktlichkeit iſt.— Eſtevania Gobau, vielleicht um ihrem Ehe⸗ geſponſen zu trotzen, vielleicht auch aus andern Urſachen, ſchien ihren Widerwillen aufgegeben — zu haben, dem Herzog Auguſt auf der Treppe zu begegnen; wenigſtens fand ſie ſich auf derſel⸗ ben ein, als die beiden fürſtlichen Brüder herab⸗ kamen, und trat weit genug vor, daß der Jüngſte derſelben im Vorübergehen beinah ihr Kleid be⸗ rührte. Der Blick, den ſie auf ihn heftete, war ſeltſam und trug das Gepräge verworrener, ſich miſchender Leidenſchaften. Der Prinz aber, welcher beim Anblick einer wohlgebildeten, gut ge⸗ kleideten Frau höflich an den Federhut gegriffen, ſtand alsbald von der Begrüßung ab, da er ſie erkannte; ſeine Wange färbte ſich mit brennen⸗ dem Roth, dem des Zornes gleich, ſeine ge⸗ wöhnlich heitere Stirn zog ſich in Falten, und ohne auf die Spanierinn zu achten, wendete er ſich von ihr dem demüthig ſich neigenden ehema⸗ ligen Diener zu, und ſagte ihm, die Achſel klo⸗ pfend, einige huldvolle Worte. Der Kurfürſt hingegen, der ſeinerſeits den Verwalter ſeines Gartenpallaſtes ziemlich ungnädig angeſchaut hatte, blieb einen Augenblick bei deſſen Gattinn ſtehen und flüſterte ihr etwas zu, das eine Frage ſein mochte, und mit tiefer Kniebeugung und hold⸗ ſeligem Lächeln beantwortet ward. Perr Vizthum beeilte ſich zu Pferde zu ſtei⸗ gen, um einer wiederholten Einladung auszu⸗ weichen, welche er anzunehmen für jetzt Beden⸗ ken trug; die kleine Schaar ritt eilfertig nach der Stadt zurück, und die beiden Vornehmſten unter derſelben hatten nur ſehr wenige Worte gewechſelt, als ſie am grünen Thore des kur⸗ fürſtlichen Schloſſes zu Dresden anlangten. Am Morgen des folgenden Tages lehnte der Kammerpage Vizthum von Eckſtädt in einem Fenſter des Vorzimmers, das die Ausſicht auf den großen Schloßhof gewährte. Er war noch ein wenig ſchläfrig; denn während die fürſtliche Familie und die gutrittfähigen Perſonen den Abend in den Zimmern der Kurfürſtinn Mutter zuge⸗ bracht hatten, in welchen die Langeweile gemei⸗ niglich dem ſtrengen Hofzwange die Hand bot, und von welchen ihn zur Zeit noch ſein Amt aus⸗ ſchloß, hatte er ſich in einer fröhlichern Geſell⸗ ſchaft zu entſchädigen geſucht, von der er in ſpä⸗ ter Nacht zurückgekommen war. Es war bereis gegen neun Uhr; denn der leutſelige Auguſtus, ob⸗ gleich ſelbſt das Bett ſehr früh verlaſſend, war nach⸗ ſichtig gegen ſein Gefolge, und forderte nur die Gegenwart derer, deren Dienſte ihm unentbehr⸗ lich waren. Noch waren dieſe nicht entlaſſen, — 91— und der junge Edelmann wartete des Zeichens, das ihn zum Prinzen berief. So blickte er denn mitunter gähnend hinab in den geräumigen Hof, auf welchem mit gravitätiſchem Schritte die wacht⸗ habenden Schweizer auf- und niederwandelten in ihrer ſogenannten altdeutſchen Tracht, oder vielmehr einer Carricatur derſelben, mit ihren Wämſern und ungeheuern Pluderhoſen, beide blau mit gelb geſchlitzt, mit den runden Flachs⸗ perücken und dem winzigen dreieckigen ſilberbe⸗ ſetzten Hut, und die befranzte Hellebarde in der Hand. Dann wandte ſich ſein Auge von dieſen längſt bekannten Geſtalten, welche nur durch eine lange Abweſenheit wieder auffällig für ihn ge⸗ worden waren, auf die halberhabene Bildhauer⸗ arbeit, mit welcher im 16ten Jahrhundert Her⸗ zog Georg des Bärtigen Geſchmack das Innere des Schloßportales geziert hatte, und wiederum fiel es auf einen oder den andern der vier Eck⸗ thürme des Hofes, aus deſſen niederer Bogen⸗ pforte mitunter eine weibliche Geſtalt hervortrat, der geringern Dienerſchaft angehörig, und mit raſchem Schritte über das Pflaſter hineilend, ih⸗ ren Geſchäften nachging, oder einen Augenblick, mit den unächten Helvetiern ſchwatzend, ver⸗ weilte. Wohl war Manche unter ihnen, deren Geſtalt und Geberde den Blick des Pagen auf ſich zog; aber entſchloſſen, die früh erworbenen Künſte der Galanterie an bedeutenderen Perſo⸗ nen zu üben, ſah er ziemlich gleichgültig von Ei⸗ ner auf die Andere, bis aus dem Eingang, der zum Innern der Hofburg führt, eine ſchwarz⸗ gekleidete, dicht verſchleierte Frau trat. Ihr Gang und ihre Kleidung hatten etwas Fremdartiges und doch dem Pagen Bekanntes; ein Gebetbuch in ihrer Hand und ein Roſenkranz an ihrem Gürtel deuteten an, ſie begebe ſich nach der Meſſe, welche damals, als das Kurhaus noch lutheriſch war, in der Kapelle des kaiſerli⸗ chen Geſandten geleſen ward. Als ſie unter dem Fenſter vorüberkam, an welchem Vizthum ſtand, lüftete ſie mit einer Hand den Schleier, während ſie mit der andern ihn auf ſpaniſche Weiſe durch eine Bewegung von der linken Schulter zur rech⸗ ten Hüfte begrüßte. Alsbald erkannte der junge Edelmann Eſtevania Levas, des Hofbettmeiſters von Tiſch und Bett geſchiedene Gattinn, und er vermochte trotz Allem, was er von ihr gehört, ihrem zwar ſchon etwas verblühten Reiz und der Erinnerung an Spanien, welche dieſen Gruß in — ihm weckte, nicht genugſam zu widerſtehen, daß er ihn nicht höchſt verbindlich erwiedert hätte. Da machte ſie, ſich der Fingerſprache bedienend, welche die Frauen des ſüdlichen Europa ſo wohl verſtehen, ſchnell und unvermerkt eine Bewe⸗ gung, die ſiebente Abendſtunde andeutend, und begleitete dies Zeichen mit einem fragenden, zu⸗ gleich feurigen und zärtlichen Blick. Schwer ward es dem Pagen, demſelben Gleichgültigkeit ent⸗ gegen zu ſtellen, aber des von ihm erwähnten Hauptgrundſatzes eines vollkommenen Höflings eingedenk, war die Antwort, die er auf dieſelbe Weiſe ertheilte, ausweichend und unbeſtimmt. Dies ſchien die Sennora übel zu vermerken; denn ſie richtete ſich hoch auf und ging mit trotzi⸗ gem Anſtand und ſchnellen Schritten durch das äußere Portal. Noch wünſchte der Page ſich im Stillen Glück zu der ungemeinen Feſtigkeit, die er eben bewieſen, da trat mit Kamm und ſam⸗ metnen Scheerbeutel in der Hand der Nachfol⸗ ger des Bartholomäus Gobau aus dem Kabinet des Prinzen, und deutete ihm an, Seine Durch⸗ lauchtigkeit verlange nach dem Herrn Vizthum. Das Gemach, deſſen vergoldete Thür jetzt der Edelknabe leiſe und mit ehrerbietiger Sorg⸗ ſamkeit öffnete, war nicht von großem Umfange, aber mit einer geſchmackvollen Pracht ausgeſtattet, welche man zu damaliger Zeit nur am Hofe Lud⸗ wig XIV. zu ſehen gewohnt war. In einer bo⸗ gigen Vertiefung ſtand ein Himmelbett mit gro⸗ ßen Federbüſchen an ſeinen vier Ecken, deſſen halbaufgeſchlagene, ſtoffene Vorhänge befranzte Kiſſen und reichgeſtickte Decken ſehen ließen; Ti⸗ ſche mit Platten von italiſchem Marmor und flo⸗ rentiniſcher Moſaik waren bedeckt mit köſtlich ein⸗ gebundenen Büchern, japaniſchem Porzellan und allerlei ſilbernem und goldenem Geſchirre; hohe Spiegel in ſilbernem Rahmen ſchmückten die Pfeiler und die Stelle über dem jetzt unge⸗ brauchten Kamine; eine Tapete von Hauteliſſe, ein Erzeugniß der neuerrichteten Manufactur der Gobelins, vom Könige von Frankreich dem Prin⸗ zen geſchenkt, zierte die Wände, noch mehr aber mehrere Gemälde in prachtvoller Einfaſſung, meiſt ſchöne weibliche Geſtalten darſtellend in der Tracht aller Stände, mit den eigenthümlichen Zügen verſchiedener Nationen, unter denen ſich jedoch das Bildniß einer jungen Dame in ſpaniſcher Fleidung auszeichnete, mit dem Gepräge der tief⸗ ſten Schwermuth im Antlitz, und mit ſeltſamen N Blick auf einen Pokal ſchauend, den ſie mit bei⸗ den krampfhaft geſchloſſenen Händen hielt. Durch die geöffneten Fenſter ſtrich eine angenehme Luft, die Blüthen der Orangenbäume küſſend, welche vor denſelben ſtanden, und gewährten über den damals leeren Platz hinweg, den jetzt die katho⸗ liſche Kirche einnimmt, die Ausſicht auf den rei⸗ zenden Elbſtrom, auf die zur Zeit noch zum Theile hölzerne Brücke, auf die Meuſtadt mit ihren Häuſern und nun längſt abgebrochenen Wällen, und auf die Kette des Weingebirges, das ſich gen Meißen zieht. An einem kleinen Tiſchchen ſaß Herzog Frie— drich Auguſtus, angethan mit einem goldbroka⸗ tenen Schlafrock; die kurzen, aber ſtarken Haare, welche ſeine hohe Stirn umgaben, verſchönten, nach dem heutigen Geſchmack, ſein männlich⸗ ſchönes Antlitz mehr, als die ungeheure Wolken⸗ perücke, die eben durch die Pand des Haarkünſt⸗ lers zierlich aufgeſtutzt, auf einem Apollokopf ruhete, der ſich darin ein wenig ſeltſam ausnahm, dem aber der Kopf des eigenthümlichen Beſitzers nur wenig nachgab. Dieſer ſchlürfte Chokolade aus einer japaniſchen Taſſe; auf ſeiner Schulter ſaß ein ſchöngefiederter Papagei, den die freige⸗ bige Hand ſeines Herrn von Zeit zu Zeit mit einem Stück Biskuit vergnügte, und auf einem Polſterſchemel kauerte ein Affe, der gleichfalls frühſtückend ſich mühte, unter den fremdartig⸗ ſten Verzerrungen die anmuthige Geberde des Prinzen nachzuahmen. In einer Ecke aber lag, brummend und an den Tatzen ſaugend, ein ab⸗ ſonderlicher Zimmergefährte, ein junger Bär nämlich, der dem Zwinger des Schloſſes zu Ho⸗ henſtein entnommen, hier die Stelle eines Lieb⸗ lingshundes verſah, welche ſchwerlich ein Anderer als der löwenſtarke Auguſtus ihm eingeräumt haben würde, und die er lange Zeit ziemlich ſitt⸗ ſam verſah, bis eines Tages ein Rückfall in ſeine Natur ihm eine derbe Züchtigung von der ner⸗ vigen Hand ſeines Gebieters zuwege brachte, und den ungezogenen Höfling auf immer zu ſeinen Genoſſen in die Bärengrube verwies). *) Dieſe Thatſache iſt bekannt. Ein Bär, den der nach⸗ malige König von Polen aufgezogen, blieb ſo lange ſein Gefährte, bis er einſtmals, als er ſchon erwachſen war, eine Zurechtweiſung übel aufnahm, und ſich auf ſeinen Herrn warf. Dieſer gewann jedoch Zeit, ſich hinter einen Tiſch zurückzuziehen, und verabreichte über denſelben hin dem Widerſpenſtigen eine ſo gewal⸗ Schon wach, Herr Vizthum? fragte der Prinz den Eintretenden mit ſeiner tiefen und voll⸗ tönenden Stimme und heitern Angeſichts.— Und doch geſchwärmt, wie mir hinterbracht wor⸗ den. Höre der Herr Page, fuhr er fort, den Zeigefinger zu leichter Drohung hebend: Man thäte wohl, daran zu gedenken, daß zu mancher Zeit und an manchem Orte billig zu vermeiden ſteht, was man ſich anderweit erlaubt hat im Vertrauen auf die Nachſicht eines allzugnädigen Heirn.— Dem Pagen— antwortete Vizthum ehr⸗ erbietig, aber mit dem leiſe ſchmollenden Ton ei⸗ nes unzufriedenen Günſtlings— dem Pagen iſt es nicht verſtattet, bei allen Gelegenheiten in der Nähe ſeines gnädigſten Herrn zu ſein; mag es ihm daher verargt werden, wenn er Er⸗ ſatz ſucht für ſolch unfreiwillige Verbannung 2— Sehr obligirt— lachte Herzog Auguſtus: ich rathe Ihm aber dennoch, ein wenig vorſich⸗ tig zu ſein in der Wahl dieſes Erſatzes, falls der⸗ tige Ohrfeige, daß er heulend zu Boden ſtürzte. um indeß dergleichen Auftritte zu vermeiden, ward der Bär nach Hohenſtein zurückgebracht. Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 7 ſelbe nicht Luſt hat, von nun an in Ewigkeit Page zu bleiben. Ich mag es Ihm nicht ver⸗ bergen, Er ſtehet nicht allzuwohl angeſchrieben bei der Frau Mutter, und als ich einmal meinte, der goldene Schlüſſel möchte Seinem Rockſchoße ziemlich anſtehen, fand ich gar lebhafte Oppoſi⸗ tion. Bejahrte und erlauchte Damen haben ein feines Gehör, und es haben denn mancherlei Dinge verlautet, welche hier nicht günſtig betrachtet werden.— Vizthum erwiederte, ſich tief verbeugend und leiſe betonend: So ſehr mich auch ſolches affli— giret, ſo mag mir eine Buße doch nicht anders als zur Ehre gereichen, welche ich mideſtens zur Hälfte für Eure Durchlauchtigkeit ſelbſt trage.— Der Prinz fand für gut, die dreiſte Anmer⸗ kung zu überhören, und fuhr fort: Ja, ja, man muß ſuchen, einen neuen Adam anzuziehen, wenn Etwas aus Einem werden und meine Pro⸗ tection Ihm helfen ſoll; denn, wie billig, hat mein Herr Bruder für die Frau Mutter gar ab⸗ ſonderliche Devotion und Reverenz.— In kleinen Dingen zumal,— warf der Page hin— wie ſolche, die Höchſtdero unter⸗ — 3— thänigſten Diener betreffen, damit das Größere geringern Anſtoß leide.— Hier runzelte ſich die Stirn Herzog Friedrich Auguſts, und er warf einen verweiſenden Blick auf den vorlauten Liebling; der aber fügte hinzu: Mit ſonderlichem Content ſehe ich Eure Durch⸗ lauchtigkeit heut in belle humeur, welches nicht allemal der Fall iſt, wenn Höchſtdieſelben der Frau Kurfürſtinn königlicher Hoheit aufgewartet hatten.— Meint er? fragte Auguſtus, vor ſich hin⸗ lächelnd, dann ſchlürfte er die letzten Tropfen der Chokolade, und theilte ein Stückguckergebackenes mit dem Papagei; der Affe aber, welcher zur unſchuldigen Beluſtigung anfing, die naheſtehende Allongenperücke nach ſeiner Weiſe in Ordnung zu bringen, erhielt einen gelinden Streich, der indeß kräftig genug war, daß das Thier laut ſchreiend durch das Zimmer, und zu großer Ge⸗ fahr des chineſiſchen Porzellans, auf einen Schrank von bedeutender Höhe ſprang. Beluſtigt blickte der Prinz dem Geſichter ſchneidenden Flüchtling nach, dann wendete er ſich zum Pagen und ſprach plötlich: Derſelbe hat ja ſeine Education in Dresden erhalten, und kennt daher den hieſigen — 100— Adel. Iſt Ihm vielleicht von der Familie Keſſel etwas bewuſſt?— Nicht Etwas nur, gnädigſter Herr, erwie⸗ derte der gewandte Hofjüngling. Ich war mit einem Fräulein dieſes Namens, obſchon ſelbige jünger als ich, in der Koſtſchule der Madame Ducharmoy; auch hab' ich ihr bereits meine Re⸗ verenz gemacht, und wie es thunlich war, ſie an manche kleine Etourderie erinnert, und an manchen Verweis der Mabonne.— Alſo 6tourdie iſt die Keſſel geweſen? un⸗ terbrach ihn Auguſtus mit unverborgener Theil⸗ nahme,— das iſt mir angenehm zu hören; denn ſolche kindiſche Etourderie pflegt in ſpätern Jah⸗ ren ſich in anmuthige Lebhaftigkeit umzuwan⸗ deln, welche ich bei den Frauensbildern höher eſtimire, als das langoureuſe Weſen derer, die der Franzos fausses Agneses nennt, und hinter welchem ſich oftmals Ambition, Intrigue und mehr üble Qualitäten verbergen. Man nennt das Fräulein klug, auch gilt ſelbiges für ſchön, was meint Er, Vizthum, dazu?— Ich meine,— verſetzte der Page mit Lä⸗ cheln— ſothane junge Dame eigene ſich wohl⸗ eine Stelle in dieſer Bildergallerie einzunehmen.— — 101— Er zeigte dabei auf die erwähnten Gemälde; über Herzog Auguſts Züge aber legte ſich ein leichter Schatten, und er ſprach mit einem unterdrück⸗ ten Seufzer: Nicht Alle, welche dieſe Stelle einnehmen, hat ſie beglückt; manches dieſer An— geſichter trägt das Gepräge der Traurigkeit und leider nicht ohne Grund.— Um ſo eher— warf Vizthum ein— ſollte Eure Durchlauchtigkeit darauf denken, daß ein neues Antlitz hinzukäme, ſo zierlich und heiter, als das des Fräuleins von Keſſel, deſſen Inha⸗ berinn es zweifelsohne nicht ungern hier aufge⸗ ſtellt ſehen würde.— Glaubt Er? fragte der Prinz. Es iſt wahr, daß mir in meinen affaires de Coeur romaneske Empfindung und Melancholie wenig Glück ge⸗ bracht haben, alſo, daß ich dagegen einen or⸗ dentlichen Widerwillen gewonnen, und den klei⸗ nen Cupido nicht mag, außer in Begleitung der Grazien und des Momus.— Eure Durchlauchtigkeit— war die Ant⸗ wort des jungen Edelmanns— weiß die Güter des Lebens eben ſo richtig zu ſchätzen, als Höchſt⸗ dieſelbe würdig iſt, ſie zu genießen.— Andere Leute thäten beſſer daran, eben ſo — 102— zu denken— warf Herzog Auguſt hin;— dann fügte er hinzu: So erlaube ich Demſelben auch, Seine Connoissance mit der Keſſel fortzuſetzen, und ſo viel Ihm beliebt, von alten Etourderien mit ihr zu ſchwatzen; wohl verſtanden jedoch, daß man ſich jeglicher neuen enthalte.— Der Page legte die Hand auf die Bruſt und ſprach mit großer Feierlichkeit: Der Leichtfertig⸗ keit mag ich mich wohl hier und da ſchuldig ma⸗ chen, doch nicht der Verwegenheit und einer Per- üdie gegen meinen gnädigſten Herrn, wie es im vorliegenden Falle ſein würde.— Der Prinz lachte ein wenig über die pomp⸗ hafte Betheuerung; dann trat er an das offene Fenſter und ſah in die Gegend hinaus mit glän⸗ zenden Augen und heiterm Geſichte; darauf ſagte er in franzöſiſcher Sprache: Es iſt daheim doch auch ſchön, und wenn all' dies Schöne mein wäre, würde ich dahin trachten, ſo glücklich zu ſein, und die um mich wären, ſo froh zu ſehen, als möglich, ſtatt, gleich Andern, mich und die mir angehören, zu plagen mit düſterm Hinbrüten und ſelbſtgeſchaffenem Verdruß.— Mit gedämpfter Stimme antwortete in der⸗ ſelben Mundart der Page: So iſt denn das — 103— ſchöne Sachſenland zu beklagen, welchem ſolche beglückende Regierung meines gnädigſten Herrn nicht beſchieden iſt, Ihm Höchſtſelbſt vielmehr ein anderer Wirkungkreis in der Ferne— Raſch wandte ſich Friedrich Auguſt und ſagte mit gerunzelter Stirn und mit aller Kraft ſeiner ſtarken Stimme: Wie ſoll ich Euch verſtehen, Herr Vizthum? Wer iſt es, der es wagte, mich aus dem Hauſe meiner Väter zu verdrängen?— Dann fügte er gemildert hinzu: Gewiß iſt mir die Regierung über Sachſen nicht beſchieden, ſon⸗ dern meines Herrn Bruders künftiger Linie; es befremdet mich indeß, wie Ihr zu dieſen Worten kommt im gegenwärtigen Augenblicke. Iſt Euch etwas geſagt worden, das ſelbige veranlaſſt? Ich verlange Aufrichtigkeit von Euch, und glaube, dazu ein Recht zu haben.— Nichts, Monseigneur,— entgegnete der Page mit einiger Verwunderung zum Prinzen aufblickend— Nichts iſt mir geſagt worden, was dem Ruhme und dem Vortheile meines Ge⸗ bieters zuwider wäre; denn ich würde dergleichen nicht dulden. Auch hat, was ich ſprach, einen ganz andern Urſprung. Iſt denn Eurer Durch⸗ lauchtigkeit nicht ein Königreich beſchieden, ſtatt — 104— eines Kurfürſtenthumes, unb ſtatt des Sammet⸗ hutes mit Hermelin verbrämt, eine diamantene Krone? So lauteten wenigſtens die Worte je⸗ ner Weiſſagung.— Von welcher Weiſſagung redet Ihr? fiel Herzog Auguſt, wie in tiefen Gedanken, ein.— Erinnert ſich Monseigneur des Spruchs nicht, der im Pallaſte Manzera zu Madrid aus dem Munde der alten Timene Levas an Ihn gelangte? Ich habe mir ihn wohl gemerkt; denn auch der Teufel mag manchmal wahr ſprechen, inſonder— heit wenn, wie bei meinem erhabenen Gebieter, des Himmels Gaben Seine Rede bekräftigen. Aber— fuhr er lächelnd fort— Eure Durch⸗ lauchtigkeit mag wenig Acht darauf gegeben ha⸗ ben, denn Sie beſchäftigte die Gegenwart der Frau Marqueſa zu ſehr, oder auch vielleicht die kleine Candelarita, der garſtigen Hexe ſchöne Tochter.— Und abermals ſeufzte Friedrich Auguſt, und blickte mit trübem Auge nach jenem Gemälde der vornehmen Spanierinn, und nach einem an⸗ dern, das ein junges bräunliches Mädchen dar⸗ ſtellte, welches ſeiner Nachbarinn wohl an Pracht in der Kleidung, doch nicht an Reiz und ſchwer⸗ müthigem Ausdrucke nachſtand; darauf ſagte er in beinah wankendem Tone: Du haſt nicht wohl gethan, Vizthum, mich an dieſe Beiden zu er⸗ innern, zumal zuſammengeſtellt mit jenem ab⸗ ſcheulichen Weibe.— Er ſah hier eine Weile ſchweigend vor ſich hin und begann darauf wieder: Die Erinnerung an dieſe Beiden iſt es, die mich beinah zu dem Entſchluſſe bringen der Liebe für immer zu entſagen.— Oder vielmehr— ſiel der Page ein— durch neue Freuden das Gedächtniß vergangener trauriger Dinge zu verſcheuchen und in die Dor⸗ nen verwelkter Roſen friſche Knospen zu flechten, die Eure Durchlauchtigkeit hier umblühen.— Der Prinz von Sachſen ſchüttelte halblä⸗ chelnd den Kopf, und nach kurzem Stillſchwei⸗ gen ſagte er: Mit ſo Manchem, deß ich bei dieſem Anblicke gedenke, fällt mir auch Etwas bei, was ſich von kürzerer Zeit herſchreibt, und mich eben ſo wenig erfreut. Ich begegnete ge⸗ ſtern auf der Treppe des Gartenpallaſtes der Ehe⸗ frau des Kaſtellans, der Ihr Euch noch als Eſtevania Levas erinnert. Habt Ihr mit ihr ge⸗ ſprochen? Wollte ſie etwas, und was wollte ſie?— Ich meine unmaßgeblich,— antwortete —— Vizthum— ſie wollte den Platz in Anſpruch nehmen, der ihr, mit Eurer Durchlauchtigkeit Wohlnehmen, meinem Erachten nach, unter dieſen Bildern gebühren mag, oder einen an— dern, welcher ihr beſſer behagt haben mag, als an der Seite des ehrenfeſten Hofbettmeiſters.— Der Page hatte in ſcherzendem Tone geſpro⸗ chen, Herog Friedrich Auguſt aber fuhr mit Hef⸗ tigkeit aus: Nicht lebendig mag ich ſie ſehen, noch gemalt, und am wenigſten dieſen Geſtal⸗ ten zugeſellt, deren Urbilder, falls ſie ſolche Nach⸗ barſchaft inne werden könnten, dieſelbe mit Ab⸗ ſcheu, glaub' ich, erfüllen würde.— So ſie ſich wieder an mich drängen ſollte, HerrVizthum, ſo gebietet ihr in meinem Namen, daß ſie mein Angeſicht meide.— Ich gedachte,— fuhr er ruhiger fort— ſie mit ihrem Ehemanne hinweg zu ſenden auf ein entferntes Schloß, nach Schel⸗ lenberg etwa oder nach Hubertusburg; doch er⸗ fahre ich nun, daß ſie ſich von ihm getrennt, und finde ſie unter einem Schutze, dem ich vor der Hand wenigſtens nicht entgegen zu treten ver⸗ mag. Sei dem alſo, mögen ſie ihres Weges gehen, ſo lange ſie können, in den meinigen ſoll — 107— aber weder ſie treten, noch ihre Beſchützerinn, ſo wahr ich der Sohn Johann Georg HI. bin.— Der Prinz war bei den letzten Worten wie⸗ der heftig geworden, und als er verſtummte, trugen ſeine Züge den Ausdruck des finſterſten Unmuthes. Ich kenne zwar die urſache des Durchlauch⸗ tigen Zorns gegen Frau Gobau nicht,— ant⸗ wortete der Page— aber zwiefach lieb iſt es mir nun, daß ich der Lockung nicht gefolgt bin, die mich in ihre Nähe ziehen ſollte.— Du haſt Recht— ſagte Friedrich Auguſtus milder, aber immer noch trüben Blickes— Du warſt ſehr jung, noch ein Kind beinahe, als gewiſſe Dinge ſich zutrugen, und ich mochte Dir nicht vertrauen, wie ich es jetzt vielleicht könnte; auch wollte ich Dir den heitern Muth nicht ſtö⸗ ren, der mir ſo angenehm an Allen iſt, die mich umgeben.— 5 Hier ſchwieg er wiederum„und fragte erſt nach einigen Augenblicken: In ihre Nähe hat ſie Dich ziehen wollen, ſagſt Du?— Und nicht ohne Abſicht, wie es ſcheint,— war Vizthums Antwort— auch wohl nicht ohne Vorwiſſen der Damen, welche mein gnädigſter — 108— Herr ihre Beſchützerinnen nennt. Doch habe ich— fuhr er lächelnd und mit tiefer Verbeugung fort— der Verſuchung ritterlich widerſtanden; denn es gebührt mir, Niemandes Freund zu ſein, als dem Monseigneur angenehm iſt, und keinen Feind habe ich, als Ihre Widerſacher.— Höre Er, Vizthum— entgegnete der Prinz nach einer Pauſe des Nachſinnens in vaterländi⸗ ſcher Mundart:— Ich lobe zwar ſolche Procedur, als dem Eifer angemeſſen, der getreuen Die⸗ nern zuſtehet,— jedennoch bin ich geneigt, den⸗ ſelben für dieſesmal gewiſſermaßen von ſolchem zu dispenſiren.— Es beſtehet eine Art von Krieg zwiſchen mir und mehrmals berührten Per— ſonen; im Kriege aber mag man ſich wohl ein oder das andere Stratagema geſtatten, und das zweckdienlichſte unter denſelben iſt, die Stellung des Feindes zu recognoſciren, ſeine Pesseins zu penetriren, um ſolche, wie es ſich trifft, zu in⸗ hibiren. Ich kenne des Herrn Vizthums Saga⸗ cität, und ſomit, wenn an denſelben wiederum eine dergleichen Aufforderung gelangen ſollte, hat er derſelben Folge zu leiſten.— Einer zweiten Aufforderung bedarf es nicht,— verſetzte der bereitwillige Diener— um zwar ——————— —————— —— nicht meine Sagacität, aber meinen pflichtſchul⸗ digen Eifer darzuthun. Die Finger der Sen⸗ norita, eben ſo beredt als ihr Mund, haben mir, als ſie vor einer kleinen Weile über den Schloß⸗ hof ſchritt, kund gethan, man warte meiner in der ſiebenten Abendſtunde am Taſchenberge. Wollte Gott,— flüſterte der Prinz vor ſich hin— die Finger dieſes Weibes wären nur be⸗ redſam und nicht ſchlimmeres noch!— Dann fuhr er lauter fort: Demnach wolle Derſelbe ſo⸗ thanes Rendez- vous nicht verſäumen. Er iſt klug und gewandt, und kennt meine Intention, drumm will ich Ihm keine abſonderliche Inſtruc— tionen ertheilen, ausgenommen eine. Die Gobau iſt eines feurigen und hurtigen Ingenii, auch iſt ſie, wie ich geſtern im Vorübergehen bemerkt, zwar ein wenig paſſirt, jedoch allerwege auch noch passable zu nennen, was die Leibesgeſtalt anbe⸗ trifft. Hüte Derſelbe ſich vor der Perſon; denn ſie gleichet der Sphynx, argliſtig und räthſelhaft, wie ſie iſt, und unter einem lieblichen Angeſicht verbergen ſich gleichermaßen bei ihr allerlei Mon⸗ ſtroſitäten, wie ich bei Zeit und Gelegenheit näher expliciren werde, und welche mir die Al⸗ lianz zwiſchen ihr und Seiner Frau Tante be⸗ — 110— denklich erſcheinen laſſen. Ferner wird Er, mein Lieber, unfehlbar auch mit der Letzterwähnten zuſammen treffen, und mit ihrer Tochter, der alſo genannten Gräfinn von Rochlitz, da möge Er ſich denn gleichfalls alle mögliche Praecaution anempfohlen ſein laſſen; denn nichts iſt gefähr⸗ licher für einen jungen Kavalier, als die Liſt der Frauenbilder, verſtecke ſie ſich nun unter den Runzeln einer Matrone oder unter dem Lächeln einer Ingénue, als für welche das Fräulein gel⸗ ten will. Ich verhoffe, der Vizthum wird in gegenwärtiger Negoce eben den Eifer und Fideli⸗ tät bezeigen, als in Dingen von geringerer Wich⸗ tigkeit bereits geſchehen, und förderſamſt bedenken, daß ſolche das beſte Mittel ſeien, um zu alle dem zu gelangen, was ich Demſelben Gutes zudenke.— Wohlgefällig und mit der ihm eigenthümli⸗ chen Leutſeligkeit hörte Friedrich Auguſt die Be⸗ theuerungen des Pagen an, und unterbrach ſie darauf mit den Worten: Es freuet mich die Ergebenheit der Meinigen ſehr, und meine, ich habe derſelben wohl nöthig in der beſtehenden Conjunctur, ſo daß ich nicht ungern ſehe, wie ſich die Zahl derſelben um Einen vermehrt. Weiß es Derſelbe ſchon, daß der Obriſtwachtmeiſter von — 111— Flemming aus Polen zurückgekommen? Eben hat er mir ſolches notificirt, und um Permission gebeten, mir einen fremden Edelmann vorzu⸗ ſtellen, deß Namen jedoch ich mich nicht erinnere.— Es iſt des Herrn von Flemming Schwager— antwortete der Page— Herr Przebendowski, ein Kavalier, wie man ſagt, gleich wohl bewan⸗ dert in der Politeſſe und der Politik.— Ich liebe dieſe Sarmaten— ſagte der Prinz heiter— man rühmt an ihnen nicht mit Unrecht ein ſcharfes Ingenium und große Fertig⸗ keit in ritterlichen und kriegeriſchen Exercitiis. Es iſt, meines Erachtens, ein zwar mühſelig, doch ehrenvoll Amt, König dieſer Nation zu ſein.— Auch wohl belohnend,— ſchaltete Vizthum mit ſeiner gewohnten Dreiſtigkeit ein— denn gleichermaßen gelten die Frauensbilder dort für Ausbünde von Anmuth.— Steh auf, Martin, mein Petz,— rief Her⸗ zog Auguſt dem Bären ſo kraftvoll zu, daß die Ohren ſich ſpitzten an dem anſehnlichen Kopfe, und er abließ von ſeinem Lieblingzeitvertreibe, dem Saugen der Tatzen.— Steh auf und be⸗ reite dich, fein artig und ſittſam den Landsmann zu empfangen, welcher nun bald erſcheinen wird.— — 112— Gehorſam, aber träge richtete das Thier ſich em⸗ por auf ſeine Hinterfüße, und ſchritt auf ſeinen Herrn zu; der Page jedoch dachte auf den Rück⸗ zug, denn nicht allzuwohl ſtand bei der Hof⸗ ſtatt Herr Martin angeſchrieben, deſſen Vertrau⸗ lichkeiten nicht nur etwas läſtig, ſondern auch mitunter nicht ganz ungefährlich waren. Der Prinz lachte, als er des Herrn Vizthum rück⸗ gängige Bewegung wahrnahm, und rief ihm franzöſiſch zu: Wartet noch ein wenig!— Darauf verſetzte er mit dem bepantoffelten Fuße dem Bären einen gelinden Stoß in die Weichen, der wohl nur liebkoſend ſein ſollte, aber dennoch das Thier vermochte, ſich brum— mend in ſeine Ecke zu verfügen; dann nahm er vom Tiſche ein kleines goldenes Meſſer, und trat zu den Blumengeſchirren. Hier ſchnitt er einige Roſen ab von ihren Zweigen, beraubte einen Orangenbaum ſeiner Blüthen, einte beide zu einem zierlichen Strauß, umwand ihn mit einer Schnur köſtlicher Perlen, und reichte ihm dem Pagen.— Derſelbe ſiehet wohl— ſprach er leicht hingeworfen, doch den Blick halb ab⸗ wendend— Derſelbe ſiehet wohl heute noch das Fräulein, von dem wir geredet; ich habe eine — 113— Wette mit ſelbigem entrirt; Er überreiche dem— nach, zur Löſung, der Genannten dieſe Kinder der ſchönen Jahreszeit, und erinnere dabei, wie keine andere erſcheinen werde, welche mich nicht parat fände, Derſelben Proben von meiner ganz beſondern Consideration zu geben.— Mit geſpitzten Fingern und einem ſchlauen Lächeln empfing der Page die anmuthige Gabe, und wollte ſich entfernen, als Friedrich Auguſt ihn abermals zurückhielt.— Nur einen Au⸗ genblick verpatientire Dich noch, lieber Vizthum,— ſagte er gütig.— Du ſiehſt ja, Herr Martin liegt ſtill und thut Dir nichts; Du haſt in mei⸗ nen Angelegenheiten ein Rendez-vous um ſie⸗ ben Uhr.— Wäre es in den Deinigen, ſo brauchte ich, glaube ich, Dich nicht daran zu erinnern. So aber, damit Du die Stunde nicht vergeſſeſt, nimm dies.— Er gab ihm eine goldene, mit Edelſteinen beſetzte Uhr, hinzufügend: Und gleich wie der Keſſel, ſo ſage ebenermaßen Dir ſelbſt, daß, wann auch die Zeit ſich treffen möge, ich immer geneigt ſein werde, Eifer und Attache⸗ ment zu belohnen.— Voll Dienſteifers verließ der ſächſiſche Edel⸗ knabe ſeinen Gebieter, angeſpornt durch die Zu⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. I Bd. 8 — 114— neigung, welche Friedrich Auguſt vor andern Für⸗ ſten ſeiner Zeit ſeiner Umgebung abzugewinnen wuſſte, durch Dankbarkeit und durch die noch unbeſtimmte Hoffnung auf eine Zukunft, welche dieſelbe auch keinesweges getäuſcht hat. Er ſäumte nicht, die Bekanntſchaft aus der Koſtſchule der Madame Ducharmoy zu erneuern, und die Weiſe, mit welcher das Fräulein von Keſſel ihn empfing, mit welcher ſie das Geſchenk des Durchlauchtigen erſt verweigerte und dann annahm, die Worte, die der„Freund des Prinzen“ in ſeinem Namen zu ihr ſprach, erſt erröthend abwies, und dann noch mehr erröthend anhörte, war wohl recht ziemend für eine adeliche Jungfrau des ſieben⸗ zehnten Jahrhunderts; doch lag in ihr die Vor⸗ bedeutung deſſen, wozu die nachmalige„Frau von Haupmitz“ beſtimmt war. Noch am Nach⸗ mittage deſſelbigen Tages begegnete der Prinz dem Hoffräulein Annens Sophiens von Däne⸗ mark in den Gemächern ihrer gebietenden Frau, und einige Worte, zwiſchen ihnen, von der ſtren⸗ gen Sittenrichterinn unbemerkt, gewechſelt, ga⸗ ben ihm die Hoffnung, dereinſt ihr Bildniß je⸗ ner Gemäldeſammlung beifügen zu können, wel⸗ che über ein Jahrhundert beſtanden hat, und erſt durch den Brand des alten Schloſſes zu Pilnitz zum Theil vernichtet worden iſt. Es war ſieben Uhr, und die ſinkende Sonne des Maimondes beſtrahlte noch draußen Feld, Wald, Strom und Flur, während bereits Däm⸗ merung in den inneren Gängen des Schloſſes herrſchte, durch welche, einen nicht unbedeuten⸗ den Weg zurücklegend, Herr Vizthum von Eck⸗ ſtädt, der Kammerpage, ſchritt. Er hatte den Nachmittag über mehrmal das prachtvolle Ge— ſchenk ſeines Herrn mit jugendlichem Wohlgefal⸗ len betrachtet; jetzt erinnerte ihn der Stunden⸗ zeiger an den erhaltenen Auftrag, und er eilte dem Taſchenberge zu. Dieſen Namen führte ein kleines Gäßchen, welches von der Schloßgaſſe nach dem ſpäter erbaueten prinzlichen Pallaſte führt, und die es bildenden Häuſer, obſchon nicht zum Hauptgebäude des Schloſſes gehörig, ſtehen mit dem Innern deſſelben in Verbindung, und wer⸗ den von Perſonen der Hofſtatt bewohnt. Auch damals war dies der Fall, und das Haus, aus welchem heut zu Tage ein hölzerner, ſchwebender Gang nach dem erwähnten Pallaſte führt, war die Behauſung Katharinens von Rochlitz und ih⸗ rer Mutter, der Gräfinn von Neidſchütz. Sie — 116— war in der That dem nicht gewöhnlichen Ver⸗ hältniſſe angemeſſen, in welchem dieſe Damen 3 am Dresdner Hofe ſtanden, und zum Aſhl halb⸗ verſtohlener Liebe geeignet, ausgeſchmückt mit ei⸗ ner Pracht, deren ſelbſt die Gemächer beider Kur⸗ fürſtinnen entbehrten, konnte man ſie zugleich ſtädtiſch und ländlich nennen. Während ſie auf einer Seite mit der Hofburg im Zuſammenhange ſtand, befand man ſich auf der andern in ſehr geringer Entfernung von der lebhafteſten Gegend. der Stadt; auf der dritten ſchauete man auf ei⸗ nen mit Bäumen bepflanzten Platz, an den die Mauer des aufgehobenen Bernhardiner Kloſters ſtieß, und auf den Thurm der Sophienkirche; die vierte aber ging auf den ſogenannten Kur⸗ fürſtlichen Ziergarten hinaus, und auf andere Baumgärten, welche, ſich bis zur Elbe ziehend, die Stelle einnahmen, auf welcher man heut zu Tage das prächtig ſonderbare Zwingergebäude und das italieniſche Dörfchen erblickt. Der Page hatte ſchon die hohen Vorſüle und breiten Gallerien des Hauptgebäudes verlaſſen und die enger dunklern Gänge des Anbaues be⸗ treten, als er an eine Stelle kam, nicht weit vom Eingange zu den Zimmern der Gräfinnen, — 117— wo, wie jetzt noch, der Weg ſich ohne Stufen allgemach ſenkt, und wo die Mittagsſonne ſelbſt nie eine tiefe Dämmerung verſcheucht. Flüch⸗ tigen Fußes ſchritt der junge Herr hinab, im Vorbeigehen die Schleife ſeiner Halskrauſe ord⸗ nend und die Locken ſeiner Perücke, und in Ge⸗ danken ſich vorbereitend auf die Rolle, die er zu ſpielen habe, und überlegend, wie er die eigene Liebenswürdigkeit und Courtoisie bei der klugen Baſe und der ſchönen Muhme geltend machen könne, ohne dem Vortheile ſeines Gebieters ent⸗ gegenzutreten, oder vielmehr um denſelben zu befördern. Da gewahrte er aus einem ziemlich hoch über dem Boden angebrachten Fenſter den Wiederſchein einer röthlichen, flackernden Flamme, und vernahm hinter demſelben ein dumpfes Ge⸗ räuſch, wie es das Aufräumen metallener Ge⸗ ſchirre hervorbringt. Wenig angezogen durch ein Behältniß, das er für eine gewöhnliche Küche halten muſſte, wollte er ſeinen Weg fortſetzen, da däuchte ihm, er höre die Stimme der Frau von Neidſchütz. Es befremdete ihn, die vor⸗ nehme, Hof- und Weltränken ergebene Dame in einer Beſchäftigung zu finden, der ſchon damals wenige ihrer Standesgenoſſinnen oblagen; Neu⸗ — 118— gier iſt einem Pagen wohl erlaubt, und gehört gewiſſermaßen ſogar zu den Attributen ſeines Standes; er gab der ſeinigen nach, ſchwang ſich mit Leichtigkeit auf eine hervorſtehende, ei⸗ ſerne Klammer, die ſich ihm willkommen dar⸗ bot, und ſchauete nun durch die Bleiſcheiben hinab in das Gemach. Eine Küche ſchien es allerdings, doch zu beſonderm Gebrauche beſtimmt; zwar brannte jene röthliche Flamme auf einem Heerde, doch die Gefäße, welche ſich auf demſelben befanden, konnten ſchwerlich koch- und eßbare Dinge ent⸗ halten; dickbäuchig und enghälſig, mitunter mit langen, krummen Schnäbeln verſehen, glichen ſie mehr Helmen und Retorten der Scheidekunſt; auch der Geruch, welcher durch einige kleine Ri⸗ tzen in die Naſe des Edelknaben drang, eignete ſich eher, Ekel an dem hier Geſottenen und Ge⸗ bratenen zu erregen, als die Eſſluſt zu reizen. Das ſcharfe Auge des Herrn Vizthum ſchweifte umher, und entdeckte auf einer, mit einem Git⸗ ter umgebenen, altarähnlichen Erhöhung zwei Figuren von etwa zwei Spannen Höhe; ſie ſchie⸗ nen männlich; die etwas erblindeten Scheiben verhinderten ihn jedoch, die Züge ihrer Angeſich⸗ ter in ſo verkleinertem Maaßſtabe zu erkennen, und die Maſſe, aus der ſie geformt waren. Zwei andere Geſtalten, aber in Lebensgröße und weib⸗ lichen Geſchlechts, deren Angeſichter von dem Feuer des Heerdes erleuchtet wurden, an dem ſie ſtanden, erkannte er alsbald für die Gräfinn Mut⸗ rer von Neidſchütz und des Hofbettmeiſters Gat⸗ tinn. Sie ſchienen ihre unbekannte Beſchäfti⸗ gung eben beendigt und ein Geſpräch begonnen zu haben. Um von dieſem, aus welchem bis ijetzt nur beinah unvernehmliche Bruchſtücke zu ihm gedrungen waren, ein Mehreres zu verneh⸗ men, drückte der Page ſein Ohr gegen das Fen⸗ ſter, und dies Organ, eben ſo geübt als ſein Auge, ließ ihn folgende Worte unterſcheiden: Seit einiger Zeit bekomme ich immer das Näm⸗ liche von Ihr zu hören, Frau Gobau,— ſprach die Donna mit gedämpfter, aber ſchneidender Stimme— was Sie aber auch ſagen mag, ſo will ich, daß Alles bereitet ſei und zwar in kur⸗ zer Zeit.— Die Spanierinn antwortete in ungeläufigem Deutſch: Mehr denn ein Mal hab' ich verſichert, und Ihro Excellenz weiß gleichergeſtalt, daß ſol⸗ che Dinge ſich nicht fertig machen laſſen, gleich — 120— einer ſpaniſchen Polenta oder einem deutſchen Eierkuchen. Gar viel will zu dergleichen ſein, und nicht die Zuthat allein iſt zu erwägen, ſon⸗ dern auch Zeit und Stunde, da ſie gewonnen wird und angewendet.— Und wann kommt dieſe Stunde?— unter⸗ brach die Gräfinn ſie mit Ungeduld.— Was fehlt noch?— Alles, was Sie begehret, iſt angeſchafft worden, dabei manches Unnütze, wie mich dünkt, nicht ohne Mühe und Gefahr ſonderbarer Nach⸗ rede. Ich ſage Ihr, die Stunde iſt da, Frau Gobau, ſie iſt da, denn die Zeit drängt.— Und doch muß ich Euer Gnaden bitten,— ver⸗ ſetzte Eſtevania— daß ſie nicht allzu ſehr eile. Einmal verträgt ſolches die Natur ähnlicher Sa⸗ chen nicht, und dann meine ich, es habe noch Weile, das Gewiſſe auf das Spiel zu ſetzen ge⸗ gen Ungewiſſes.— Zur Dienerinn habe ich die Sien Bettmei⸗ ſterinn erkohren,— entgegnete die Matrone ſtolz— zur Vertrauten vielleicht, zur Rathgeberinn nie⸗ mals. Dieſelbe hat ſich anheiſchig gemacht, Ge⸗ wiſſes zu vollbringen, ſo thue Sie es denn, falls man Ihr Vorgeben nicht für eitel Hirngeſpinnſt — 121— und Ihre Dienſtfertigkeit für Trug des Eigennu⸗ tzes oder noch etwas Schlimmeres halten ſoll.— Eſtevania erwiederte nach einer Pauſe mit ſonderbarem Lächeln, und ihre Worte nicht ohne Schärfe betonend: Die Wirkſamkeit meiner Dien⸗ ſte wird Ihro Excellenz überzeugen, ob ich Dero getäuſcht. Doch bedünkt mich, das Vertrauen ſelbſt, welches meine gnädige Frau in mich ge⸗ ſetzt, gebe mir einiges Recht, meine Meinung vorzutragen, obſchon mit gebührender Submiſſion. Die Gräfinn warf einen unwilligen Blick auf ſie und ſchien raſch und herriſch antworten zu wollen; ſie faſſte ſich indeß und fuhr nach eini⸗ ger Zeit gemäßigt fort. Ihre Opinion war bis⸗ her der meinigen gleich, Frau Gobau, und ſeit Kurzem erſt ſcheinet ſelbige ſich geändert zu ha⸗ ben, wie aus mancherlei Winkelzügen zu bemer⸗ ken. Und aus welcher Urſache hat Sie ſolche Meinung changiret? Thut ſich nicht alles ſo dar, wie Sie ſelbſt es zu ergründen vorgegeben, ſchreitet nicht Alles ſichtlich der Entſcheidung zu, und— hier ließ ſie die Stimme fallen und blickte umher, wie mit der Scheu des verletzten Be⸗ wuſſtſeins— und der Erfüllung des Horoſkopes, welches ankündigte, im Hauſe ſeines Lebens — 122— laure der Tod?— Das Horoſkop, gemeinſchaft⸗ lich geſtellt,— verſetzte die Spanierinn mit Nach⸗ druck— das Horoſkop ſprach unbeſtimmt und deutete auf Einen von Beiden.— Wer— fiel die Gräfinn ein— Wer ſiehet einen Baum, deſſen Zweige keine Frucht tragen, und deſſen welke Blätter einzeln zur Erde fallen in der Sommerszeit, als ſei der Herbſt ſchon da, und einen andern, deſſen Krone auf kräftigem Stamme in die Luft ragt, deſſen ſtarke Aeſte mit Laub, Blüthen und Früchten prangen, und möchte noch fragen, welchen von Beiden der Wurmfraß beſchädigte?— Ein minutenlanges Stillſchweigen ließ dem horchenden Pagen Zeit, der Deutung dieſes ſelt⸗ ſamen Gleichniſſes nachzuſinnen, bis Eſtevania es unterbrach.— Aber hat Ihro Excellenz— ſprach ſie— auch Deroſelben Frau Tochter Gemüthsart erwo⸗ gen, welche mich nicht gemahnt, als ob ihr Herz in ſchnellem Wechſel den Entwürfen folgen möge, welche der erleuchtete Kopf der Gräfinn Mutter erſann?— Meine Frau Tochter,— fiel die Dame heftig und bitter ein— meine Frau Tochter — 123— iſt—— begabt mit einem weichmüthigen und lenkſamen Ingenium— ergänzte ſie erſt nach einer Weile.— Was Sie, Gobau, aber meine Projekte nennet, und in der Wahrheit ſich als ſolche bewährte, hat ſie ſtets gehorſam befunden und ihr Herz; dieſe Projekte jedoch gehen weiter als auf eine Spanne Zeit, und nicht eines Men⸗ ſchen Lebenslauf ſoll ſie beſchränken; ſo ſie dem⸗ nach eine andere Direction nähmen, meine ich, würde das Herz meiner Frau Tochter abermals „Ja“ dazu ſagen, abſonderlich in betreffender Circonſtance.—. Daran zweifle ich nicht— verſetzte die Spa⸗ nierinn in wunderlicher Erregung— Valga me Dios, ich zweifle nicht daran!— ſetzte ſie bei⸗ nah ſpöttiſch hinzu;— doch iſt dabei gleicherma⸗ ßen Seine Inclination zu conſideriren, welche, ich muß geſtehen, nicht allzu heftig ſein mag gegen Ihro Excellenz und was Hochderſelben zu⸗ gehöret.— Er haſſet uns, meinet Sie?— fragte die Gräfinn kalt— dem mag für jetzt alſo ſein; doch wandelt ſich manches in der Welt, Haß in Liebe, gleich wie Sie ſelbſt geſagt, daß die Liebe in Haß ſich metamorphoſiren kann.— Ich habe es geſagt, und es iſt wahrlich ſo!— rief Eſtevania halb laut, wiederum in ſeltſamer Bewegung und mit einer kurzen Geberde der Hand gegen die hochauf athmende Bruſt. Und ereignet ſolche Metamorphoſe ſich nicht in gewöhnlicher Weiſe,— fuhr die Dame fort, wie zuvor— ſo geſchehe es auf eine andere, und es iſt der Frau Gobau Dienſt, deß ich dazu bedarf. Weß man mich bereits irrig und boshaft beſchul⸗ digt, möge nun wahr werden. Sie wolle, ge⸗ gebener Promeſſe nach, treufleißig dazu thun, die⸗ weil in einem Falle ich in gewiſſer Weiſe Mittel genug beſitze, Widerſpenſtigkeit zu beſtrafen. Sie verſteht mich, Frau Gobau, und iſt klug genug, es ſich zu notiren. Auf der andern Seite hin⸗ gegen wird die Mutter deren, welche meine Frau Tochter werden ſoll und muß, trotz ihrer Sen⸗ timentalität, wiſſen, ein getreues Werkzeug zu belohnen. Ihro Epcellenz iſt allzu huldreich, mich ſo zu nennen, verſetzte die Spanierinn in zweideu⸗ tigem Tone, und griff zu der Palatine, welche die Gebieterinn, erhitzt vom Heerdfeuer und Ge⸗ ſpräch, abgeworfen hatte. Während ſie dieſelbe über die Schultern der Gräfinn legte, fragte — 125— dieſe: à propos, wie iſt es? kommt der junge Menſch? Ich meine,— fügte ſie halbſcher⸗ zend, halb höniſch hinzu— eine Frau von Ih⸗ rer Erfahrung wird doch nicht ihre Beredſamkeit umſonſt an einen frühern Bekannten verſchwen⸗ det haben, und eine Conquéte nicht vernachläſſi⸗ gen, welche, obſchon en passant, für Dieſelbe nicht zu verachten iſt?— Eſtevania ſtand hinter der Frau von Neid⸗ ſchütz, als dieſe die Worte ſprach, bei denen ſich ihre bräunlichen Wangen mit tiefem Purpur färbten, und ihrem dunkeln Auge entfuhr ein ſtechender Blick, der zu dem leichtfertigen Tone wenig ſtimmte, in dem ſie ſprach: Noch nicht, gnädige Frau; ich verhoffe indeß, mit der Zeit ein Negoce zu vollbringen, welches ich ſonder Widerwillen übernehmen mag; denn man muß geſtehen, daß Deroſelben Herr Vetter ſich im Außerlichen eben ſo wohl ausgebildet hat, als in den Qualitäten, durch welche er Ihro Excellenz Attention auf ſich gezogen.— So ſehr die Aufmerkſamkeit des Pagen durch die ſeltſame Unterredung geſpannt war, ſo konnte doch ſeine Eitelkeit ſich dem Einfluſſe dieſes Lob⸗ ſpruches nicht entziehen; obſchon ihm die ſchöne — 126— Spanierinn etwas unheimlich vorgekommen war in dieſer Umgebung, in ihrem Thun und ihrer Geberde, ſo erſchien ſie ihm jetzt als ein ganz liebenswürdiges Geſchöpf; auch wäre vielleicht die Rußerung ſeiner ſchnell erregten Gefühle allzulaut geworden, hätte nicht im nämlichen Augenblicke ſeine Selbſtgenügſamkeit einen harten Stoß er⸗ litten. Er war— ſprach die Gräfinn— er war ein eitler Geck, als er ging, und als ein Fat iſt er zurückgekommen. Schadet jedennoch nichts, weil gerade es Solche ſind, mit welchen man an⸗ fangen mag, was man will. Ich abandonnire der Frau Gobau dieſes Wildprett; wenn der Hirſch auch dem Herrn der Jagd zu Theil wird, darf man der muntern Treiberinn ein Häslein nicht mißgönnen.— Eben ſo wenig als dem Herrn Vizthum von Eckſtädt mochte dieſer Scherz der Frau des Kaſtellans behagen; denn ſie warf wiederum einen jener raſchen, brennenden Blicke auf die adliche Matrone, und folgte drauf der Hinweggehenden ſchweigend. Auch für den Pagen war es Zeit, ſeinen Beobachtungsort zu verlaſſen; er glitt geräuſch⸗ los niederwärts und verfolgte ſeinen Weg lang⸗ — 127— ſam und gedankenvoll. War in dem eben er⸗ horchten Geſpräch, wie es ſich vermuthen ließ, die Rede von dem Prinzen, ſeinem Herrn, ge⸗ weſen, ſo konnte, wie räthſelhaft auch Manches lautete, er ſich nicht läugnen, daß in ſelbigem ſich nichts von dem Haſſe dargethan, den, nach den Umſtänden ſchließend, Hof und Stadt die Frau von Neidſchütz gegen Herzog Friedrich Au⸗ guſt zu hegen beſchuldigte. War die Deutung des Gehörten die, welche ſich natürlich genug dar⸗ bot, ſo konnte man eher auf eine Art Zunei⸗ gung ſchließen, und auf den Wunſch einer An⸗ näherung. Aber wie, zu welchem Zwecke? Das zu unterſuchen, fehlte es jetzt an Zeit, und über⸗ dem zog die Eigenliebe des Nachſinnenden für den Augenblick ſeine Aufmerkſamkeit auf das, was ihn ſelbſt betraf. Vortrefflich, ma Tante,— grollte er in ſich hinein— ein eitler Geck? Nun, ſo müſſen wir Sorge tragen, Derſelben zu demonſtriren, daß aus ſolchem auch wohl ein Anderer werden kann, als ein Fat, und die Intrigue ſowohl Platz findet unter dem Pagenkleide und unter glatter Stirn, als unter dem Reifrocke und dem geſchminkten, runzlichen Antlitz der Excsl⸗ — 28— lenz.— So, Frau Gräfinn, eine Jagd will Sie anſtellen, wobei ich als Haſe figuriren ſoll, welcher der Treiberinn anheim fällt?— Nun, was die Treiberinn anbelangt, ſo wäre ſelbige ſo übel nicht; wir werden jedennoch unſere Sache allein abmachen! Aus Ihrer Jagd aber wird nichts, das ſage ich Ihr, aus welcherlei Urſachen Sie ſolche auch entrepreniret, und das Häslein wird, mit Ihrer Permiſſion, ſchon dafür Sorge tragen, daß, nach gut weidmänniſchem Ausdrucke, der Hirſch Ihr durch die Lappen gehe.— So betrat der Beauftragte Herzog Friedrich Auguſts in ziemlich übler Laune die Zimmer der Gräfinnen. Unter andern Umſtänden hätte die Auszierung derſelben dem an Geſchmack und Pracht des damaligen ſüdlichen Europa gewöhnten jungen Menſchen wohl behagt, in dieſer Stim⸗ mung aber geſellte ſich ſein Urtheil zu dem herben urtheil der Menge, das ſolchen Prunk in der Nähe der Kurfürſtinnen für unanſtündig und über⸗ trieben erklärte; ja, er ſtimmte im Stillen der Meinung bei, dieſer Aufwand möge nicht ohne Druck der Länder bewerkſtelligt worden ſein, eine Gewiſſenhaftigkeit, welche ihn nicht durch ſein ganzes übriges Leben begleitet hat, und von dem nachmaligen Oberkammerherrn, Grafen Vizthum von Eckſtädt, bei mancher weit treffendern Veran⸗ laſſung verläugnet worden iſt. Er hatte indeß nicht lange Zeit, dieſen feindſeligen Betrachtungen nachzuhängen, denn er ward alsbald vorgelaſſen. In einem der letzten Gemächer, das einfa⸗ cher als die vorhergehenden, eher dem Schau⸗ platze ſtillen weiblichen Wirkens glich, als dem Boudoir einer vornehmen Dame, und beſonders einer Dame in dieſen Verhältniſſen, ſaß an ei⸗ nem Stickrahmen das Fräulein Katharine von Neidſchütz, ſeit wenigen Wochen des heiligen rö⸗ miſchen Reichs Gräfinn zu Rochlitz genannt. Sie war nicht groß, aber ſchlank und zierlich ge⸗ bauet; ihr Antlitz war anmuthig, aber nicht re⸗ gelmäßig ſchön, und ihre Züge fein und ſanft, ohne das Gepräge ſiegenden Reizes. Ihre gro— ßen, dunkeln Augen waren meiſt geſenkt, und wenn ſie ſie erhob, ſtrahlte aus ihnen ein milder Glanz, wie durch den Nebel leichter Schwer⸗ muth; um ihren beſonders lieblichen Mund flog nur unterweilen ein halbes Lächeln, und auf ih⸗ ren friſchen Lippen allein ſchien das Roſenroth ſich geſammelt zu haben, das ihren Wangen fehlte. Dieſe und alles, was die damalige Mode Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 9 — 130— unverhüllt ließ, mehr als jetzt, war von blenden⸗ der Weiße; nur wenn der Mutter Wille oder der Gebrauch der Zeit es gebot, durch einen leich⸗ ten Anflug künſtlichen Purpurs erhöht. Sie war in einem jener zierlichen demies parures, welche die Damen jener Tage in ihrer Behauſung an⸗ legten, wenn ſie daſelbſt Beſuch erwarten konn⸗ ten. Sie trug einen Reifrock von geringem Um⸗ fange unter einem Gewande von weißem Stoff mit goldenen Blumen, über welchem ſich ein Oberkleid von meergrünem Sammet befand, un⸗ ter deſſen kurzen Ermeln weite Spitzenmanſchet⸗ ten hervor lauſchten, den zarten Arm nur bis zum Ellenbogen bedeckend. Ihr kaſtanienbrau⸗ nes Haar war mit anmuthiger Sorgloſigkeit durch Bandſchleifen und Perlenſchnüre aufgerafft, und die langen Seitenlocken, welche die damals noch ganz neue Mode à la fontanges mit ſich brachte, fielen auf die Schultern und die nur wenig ver⸗ hüllte Bruſt, auf der ein Medaillon in Diaman⸗ ten gefaſſt ſich wiegte, das jedoch umgekehrt nur die leere Rückſeite zeigte. So ſaß ſie bei ihrer Arbeit, ſinnig und wohl etwas ſchwermüthig auf einen Strauß weißer Roſen blickend, ihr Sinn⸗ — 131— bild möchte man ſagen, das unter ihren Händen auf dunklem Grunde entſtand. Als der Kammerdiener den Herrn Vizthum anmeldete, erhob ſie ſich und trat dieſem einige Schritte entgegen. Die Weiſe, in der die Grä⸗ finn von Rochlitz ihn bewillkommnete, war nicht die, welche er erwartet hatte; das war nicht der Anſtand der erſten Dame eines glänzenden Hofes, der erklärten Herzensköniginn eines mächtigen Fürſten, der Gnadenſpenderinn, vor der hundert Rücken ſich beugten, die, der Stimme der öf⸗ fentlichen Meinung nach, im Begriffe ſtand, eine noch höhere Stellung einzunehmen; es war die Befangenheit eines jungen Mädchens, das ſich innig freut, einen ehemaligen Jugendgeſpielen zu begrüßen, und doch von mancher, vielleicht tief gefühlten Urſach am Ausbruch ihrer Empfin⸗ dung gehindert, ihm nun verlegen gegenüber ſteht. Zwar hatte der Vertraute Friedrich Auguſts bereits ein gutes Stück Witzes auf der Laufbahn der Höflinge zurückgelegt; doch war er noch ſehr jung. Das Unerwartete, das dieſe Erſcheinung begleitete, verfehlte nicht, ihn zu ergreifen, be⸗ ſonders, da die Erſcheinung ſelbſt gar wohl geeig⸗ net war, Eindruck auf ſeine empfindlichen Organe —-— zu machen; auch in ihm ſtieg die Erinnerung an frühere Verhältniſſe auf, entblößt von jener Zuthat, welcher er gegen den Kaſtellan prahleriſch erwähnte, und die niemals anders Statt gefunden hatte, als in ſeiner Einbildungskraft. So legte er denn nach und nach das halb geckenhafte, halb diplomatiſche Weſen ab, mit dem er ſich ausge⸗ rüſtet, um derjenigen natürlich gegenüber zu ſte⸗ hen, die er ganz wider Erwartung ſo natürlich gefunden. Ich danke dem Herrn Vetter recht ſehr,— hob Katharine von Neidſchütz an— daß Derſelbe mich auch einmal heimſucht. Ich hatte bereits Verzicht darauf gethan, und bin ſehr zufrieden, daß ich mich geirrt.— Die ſanfte, klangreiche Stimme, die ſo in Einſtimmung mit dem Außern der Gräfinn ſtand, vollendete die Unterwerfung des Pagen; er fühlte ſich hingeriſſen, der liebreizenden Sprecherinn mit gleicher Hingebung zu begegnen, die Etikette trat jedoch dazwiſchen und der Gedanke an ihre beiderſeitige Lage, und er erwiederte zwar nicht ohne Wärme, doch im Tone des Ceremoniels: Auf meiner Seite vielmehr befindet ſich die Ehre und das Plaiſir, meine gnädige Couſine in er⸗ — 233— wünſchtem Wohlſein zu treffen, und in einer Poſition, welche, wie ſelbige Dero Meriten an⸗ gemeſſen, auch verhoffentlich zu Dero Satisfac⸗ tion gereichet.— Das ſchöne Auge Kathrinens trübte ſich ein wenig bei dieſer ſorgfältig, aber, wie uns dünkt, nicht wohl gewählten Anrede, und nach einer Pauſe ſagte ſie: Laſſen wir das Gegenwärtige auf ein andermal, die Vergangenheit iſt es, welche ich mit dem Herrn Vetter zu beſprechen mich freuete. Derſelbe erinnert ſich wohl noch der Monate, welche wir in dem kleinen Hauſe am Wilsdruffer-Thore zubrachten, des Gärt— chens und unſerer Spiele? Nichts, nichts hat mich die ſchöne Ingendzeit vergeſſen gemacht, und es würde mir lieb ſein, hätten weite Reiſen und mannigfache Zerſtreuung Demſelben einige Erinnerung daran gelaſſen.— Der Edelknabe antwortete ein wenig zierſam, aber nicht ohne Empfindung: Wie möchte auch meine Memorie einen einzigen Moment entſchwin⸗ den laſſen, den ich mit Ihro Gnaden zuzubrin⸗ gen das Glück gehabt?— Legen wir die Komplimente bei Seite, ſprach die Gräfinn mit einem Anfluge von Heiterkeit, — 134— ich bin derſelben freilich gewohnt worden ſeit ei⸗ niger Zeit, doch kann ich mich nicht darin finden, ſie aus Eurem Munde zu hören. Zwar ſeid Ihr, wie ich vernehme, ein vollkommner Hofkavalier worden, und manches hat ſich geändert; laſſet es aber, ich bitte, ein halb Stündchen unter uns beim Alten bleiben. Nehmet Platz dort, Herr Vetter, und ich hier, wie wir ehemals ſaßen, wenn wir unſere Lektion repetirten; nun werdet Ihr der Lehrer ſein, und ich die Schülerinn; denn Ihr ſollt mir von Euren Reiſen erzählen.— Man ließ ſich zu beiden Seiten des Stick⸗ rahmens nieder; dem Herrn Vizthum aber ward es nicht leicht, in den angegebenen Ton zu fallen; er betrachtete alſo in gedankenloſer Aufmerkſam⸗ keit die Stickerei, und flüſterte mit ſüßlichem Weſen: Meine verehrte Couſine gleichet der Grazie, die Jegliches, was ſie umgiebt, mit Roſen ſchmücket. Aber warum ſind dieſe Blu⸗ men weiß, meine Gräfinn? Gedieh doch die ſchönſte Purpurroſe ſo magnifique in jenem Gärt⸗ chen, von welchem Hochdero zu ſprechen belieb⸗ ten, warum ſollten ihre Schweſtern es nicht in dieſem Revier, das doch zweifelsohne ein Treib⸗ haus für jedes Anmuthige genannt werden mag.— * — 135— Die Antwort liegt vielleicht in Eurer Frage, Herr Vizthum,— entgegnete die Gräfinn kurz, und warf ein reichgeſticktes Tuch über den Rah⸗ men.— Nun aber zu Eurer Erzählung, wenn es beliebt.— Der Page begann, und die ſichtliche Theil⸗ nahme ſeiner Zuhörerinn verlieh ſeinem Bericht immer größere Lebhaftigkeit. Dieſe Theilnahme blieb ſich gleich, ſo lange er ernſte oder heitere Reiſeabentheuer erwähnte, oder Länder und ein⸗ zelne Perſonen mit der Weltklugheit beurtheilte, die ihm früh geworden war; ſo oft er aber das Geſpräch auf gewiſſe Vorgänge bringen wollte, welche der leichte Ton damaliger Zeit auch in gu⸗ ter Geſellſchaft anzuführen erlaubte, wenn es nur auf gewandte Weiſe geſchah, ſah er ſich ge⸗ nöthigt, einzulenken. So ſehr er ſie auch mit den Blumen gewandter Suada ausſchmückte, be⸗ gegnete er doch nicht jenem Unwillen, der oft genug nur zum Fortfahren auffordert, ſondern einer Kälte und Zerſtreuung, die ihn an wahr⸗ haftem Mifffallen nicht zweifeln ließen. Eben dieſe Kälte und Zerſtreuung erwiederte die Schmei⸗ cheleien, mit denen er hie und da ſeine Rede würzte, wiewohl ſie mit aller Wärme der Em⸗ — 136— pfindung geſprochen waren, welche die Macht des Augenblicks und das Anſchauen der Hörerinn in ihm erweckt hatte. Er ſah, hier ſei weder der Weihrauch angebracht, den nicht ſelten Favorit⸗ ſultanen als einen ſchuldigen und erfreulichen Tri⸗ but betrachten, noch die ſchönlautenden Phraſen, die junge Damen von wohlgebildeten Männern nicht ungern anzuhören pflegen, zumal Damen, die ſich im Falle des Fräuleins von Neidſchütz befinden. Er bemerkte, man wolle ihm gegen⸗ über nichts ſein, als eine gütige, unbefangene Jugendfreundinn, man wolle in ihm nichts ſe⸗ hen, als den ehemaligen Geſpielen; ſein biegſa⸗ mer Geiſt fand ſich in den Ton, welchen man verlangte, und es gelang ihm ſo vollkommen, daß in kurzer Zeit beide einander ſo vertraulich gegenüber ſaßen, als ſei auf die Vergangenheit keine Gegenwart gefolgt. Da entſtand ein Geräuſch im Nebenzimmer, und zwei Stimmen ließen ſich vernehmen, eine männliche und eine weibliche.— Meine Mutter, und wenn ich nicht irre, der Hof- und Juſtiz⸗ rath, Graf zu Beichling,— ſagte Katha⸗ rine von Neidſchütz, von deren Antlitz im näm⸗ lichen Augenblick die Heiterkeit verſchwand. Auch — 137— auf den Pagen blieben dieſe Worte nicht ohne Wirkung; ſis erinnerten ihn urplötzlich an das, was er beinah gänzlich vergeſſen, an die Urſach ſeiner Gegenwart, noch mehr aber an das, was er vor wenig Minuten gehört; der Zauber des Augenblicks war verronnen; er endigte eine leb⸗ haft begonnene Rede mit anſtändiger Kürze und fallendem Tone, und an die Stelle der Unbefan⸗ genheit, die er endlich gewonnen hatte, trat je⸗ nes zuſammengeſetzte Weſen, das er kurz nach ſeinem Eintritte verloren.— Ich danke dem Herrn Grafen verbindlichſt für die gegebene Mouvelle,— ſprach die Frau von Neidſchütz, ſich in der Thür nochmals hin⸗ auswärts verbeugend, und werde ſolche zu ge⸗ brauchen wiſſen.— Darauf wandte ſie ſich und ſchritt vorwärts im Gemach. Ihr Antlitz ſchien noch im Wiederſchein je⸗ nes Heerdfeuers röthlich zu ſchimmern, ihre Züge trugen die Spur einer heftigen, vielleicht ganz neuerlichen Bewegung, ihre Augen ſchoſſen unter den zuſammengezogenen Braunen zornige und ſtechende Blicke; als ſie aber den Herrn Vizthum wahrnahm, verbreitete ſich eine unnachahmliche Freundlichkeit über ihr Geſicht, ihr Mund ver⸗ — 138— zog ſich gewaltſam zu einem höchſt anmuthigen Lächeln, und ſie ging auf den ſich tief Verbeu⸗ genden mit den Worten zu: Ach, ſieh da, der Herr Couſin! So iſt es uns doch gelungen, den aimablen Flüchtling zu erhaſchen? Nun, Der⸗ ſelbe ſei bien venu bei ſeiner affectionirten Baſe. Als der Herr Couſin, des eitlen Gecken und Häsleins eingedenk, die dürre, mit Edelſteinen bedeckte Hand darauf mit nicht ganz empfunbener Ehrerbietung an die Lippen drückte, ſtrich die ſtolze Matrone, welche Fürſten des römiſchen Reichs und ſogar Prinzen des ſächſiſchen Hau⸗ ſes mit vornehmer Kälte behandelte, den Edel⸗ knaben mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit die blühenden Wangen, und wandte ſich darauf an ihre Tochter, fragend: Welches war das Ge⸗ ſpräch, Madame la Comtesse, in welchem ich Euch geſtört habe mit dem Herrn Vetter?— Herr Vizthum von Eckſtädt war ſo gütig, mir Eines und das Andere über ſeine Reiſen mit⸗ zutheilen, verſetzte die Gräfinn kurz und mit der Geberde der Befangenheit; dann zog ſie ſich zu dem Stickrahmen zurück, um. Arbeit fortzuſetzen.— — 139— Es iſt doch wahr,— fuhr die Mutter fort, indem ſie ſich auf einen Lehnſtuhl niederließ, und dem Pagen winkte, ein Gleiches auf einen na⸗ hen Polſterſchemel zu thun— es iſt doch wahr, daß nichts einen jungen Kavalier ſo perfectioniret, als der grand tour de I'Europe, zumal wenn er ihn antritt, ausgerüſtet mit allerlei Qualitä⸗ ten und hurtigem Genie, gleichwie der junge Herr.— Der Page verbeugte ſich bitterſüß lächelnd; denn er gedachte des Urtheils über ſeine frühern Eigenſchaften und deren Vervollkommnung, das er eben gehört; die alte Gräfinn aber fuhr fort: Es iſt ſehr aimable von dem jungen Monsieur, daß er durch ſolch angenehme Unterhaltung die Solitude einer Dame, wie Madame la Comtesse de Rochlitz, charmiret, welche derſelben annoch ſehr zugethan iſt, deren Sentiments nach, welche Dero an ihr noch von vergangenen Zeiten her kennet. Doch wolle der Herr Vetter gleicher⸗ maßen damit gegen eine Matrone nicht zurück⸗ halten, welche, obſchon über die Jahre der In⸗ ſtruction hinaus, dennoch viel Plaiſir an neuen Schilderungen findet.— Es fehlte viel, daß der Edelknabe dieſer Auf⸗ — 140— forberung ſo bereitwillig und mit ſolcher Lebhaf⸗ tigkeit folgte, als einer andern, die kurz vorher aus einem reizenden Munde an ihn ergangen war; er that wenig mehr, als die Fragen der bejahrten Dame beantworten, doch war auch dar⸗ an genug gethan; denn ſie folgten raſch und in ununterbrochener Weiſe auf einander. Der hof⸗ und weltkluge Jüngling gewahrte alsbald, daß dieſe Fragen ſeine eigene Perſon, ihrer Wichtig⸗ keit ohnerachtet, ziemlich bei Seite ließen, und bald ſich lediglich um das dreheten, was ſeinen Herrn perſönlich betraf. Hatte die Gräfinn von Rochlitz beſondere Theilnahme an den ernſten und wichtigen Gegenſtänden ſeiner Darſtellung bezeigt, ſo ſchien die Aufmerkſamkeit ihrer Mutter dagegen vornehmlich durch die Liebesabentheuer angezogen zu werden, welche Herzog Friedrich Auguſt in der Fremde beſtanden, und auf welche ſie das Geſpräch unaufhörlich und beinahe ge⸗ waltſam lenkte. Theils dieſer Gattung des Zwan⸗ ges, theils dem eigenen Geſchmacke nachgebend, willfahrte Vizthum der Dame, ſo weit es ihm zuläſſig däuchte. Auch war es nicht, als ſei der Matrone Gehör ſo empfindlich als das ihrer Toch⸗ ter; denn manche ziemlich lebendige Schilderung, — 141— zu welcher das Feuer der Rede den Erzähler hin⸗ riß, ward entweder nur mit einem gelinden Fä⸗ cherſchlage huldreich beſtraft, oder durch ein bei⸗ fällig Lächeln belohnt, oder durch aufmerkſames Stillſchweigen, allein durch häufiges Tabackneh⸗ men unterbrochen, gewürdigt. Katharine von Neidſchütz aber, anſcheinend in ihrer Stickerei vertieft, nahm völlig keinen Theil an der Unter⸗ haltung. Eine ziemlich geraume Zeit hatte dieſe Art Verhörs gedauert, und es begann den Pa⸗ gen zu langweilen, mehr als ſeine Zuhörerinn, die ſehr zufrieden mit einer Beichte ſchien, von der ihr jedoch gerade nur ſo viel geworden war, als ihm beliebte, welcher eifrig bemüht geweſen, manche Auslaſſung des Wahren durch Zuſätze aus ſeiner Einbildungskraft zu ergänzen; da rich⸗ tete plötzlich die Frau von Neidſchütz dieſe Worte an ihn: Der Monsieur ſteht, wie allgemein wohl bekannt, ſehr in Faveur bei Seiner Durchlauch⸗ tigkeit, dem Prinzen, alſo daß man Ihn Höchſt⸗ dero Freund und Confident nennen kann, und ſolches iſt immer ſehr angenehm, da Derſelbe zu meiner Familie gehört, und ſolche Poſition Ihm zweifelsohne die beſte Perſpective auf eine — 142— gute Carridre bei Hof eröffnet; auch iſt, wie ich nun zwar nicht mit völliger Approbation, doch mit chriſtlicher Nachſicht vernommen, der Vetter dem gnädigſten Herrn zur Seite geſtan⸗ den in mancherlei kleinen Aventuren, welche wohl à la rigueur nicht durchaus lobenswerth zu nennen, aber in dieſer verderblichen Zeit zumal einem jungen Prinzen zu pardonniren ſind, welchen man nicht mit Unrecht den deutſchen Apollon und Hercule benennet.— Gnädige Frau Baſe,— verſetzte der page im Tone der Zerknirſchung, während er innerlich lachte:— Leider muß ich Ihro Excellenz bekennen, wie ich manchmal an dergleichen partizipiret habe, im Auslande nämlich, wo man ſich hier und da den Zügel ſchießen läſſet; in der Heimath aber, unter den Augen und nach dem Exempel reſpec⸗ tabler Verwandten und Protecteurs, werde ich nicht ermangeln, mich zu corrigiren, und dürfte ſolches mir leicht werden, ſintemalen mein gnů⸗ digſter Herr gleichergeſtalt dergleichen Ecarts ent⸗ ſagt hat.— Beruhige ſich der Herr Vetter,— tröſtete ihn die Matrone, Jugend hat nicht Tugend; ſolche aber iſt ein Fehler, von welchem man ſich — 143— tagtäglich beſſert. Auch ſind nicht Alle ſo ſtreng, als gewiſſe hohe Perſonen, welche ihre Moroſi⸗ tät und üble Laune gern unter exceſſiver Mora⸗ lität verbergen.— Es ſchien, als ſei die Wendung, welche das Geſpräch nahm, drückend für die Gräfinn von Rochlitz; mit einer Geberde des Unmuths und einem tiefen Athemzuge, der für einen Seufzer gelten konnte, ſtand ſie auf von ihrer Stickerei und trat ans Fenſter. Alſo des Prinzen Durchlauchtigkeit haben ſich zu einer Reform entſchloſſen?— fuhr die alte Da⸗ me gedehnt und ungläubig fragend fort.— Noch heut haben mich Höchſtdieſelben deſſen wiederholentlich verſichert,— betheuerte der Page.— Sehr löblich, ungemein glorieux,— be⸗ theuerte die Gräfinn im vorigen Tone; dann aber fügte ſie lebhafter hinzu: Freilich hat Herzog Friedrich Auguſt viel Erfahrung gemacht, worin hier Manches verlautet, was der Herr Couſin als discreter Diener billig mit Stillſchweigen paſ⸗ ſiret hat; viele Damen wiſſen von ihm zu er⸗ zählen, alſo daß er ein wahrer Connoisseur un⸗ ſeres Geſchlechtes genannt werden kann. Nun hätte ich wohl die Curioſität zu erfahren, wie ein ſolcher im Allgemeinen über daſſelbe judiciret, und welche Qualitäten an den Dames ihm als prsferable erſcheinen?— Vizthum antwortete nach einer Pauſe ſchein⸗ baren Nachdenkens: Wiewohl ich meinem Pe- voir gemäß meine Inclinationen, ſo viel an mir ſtand, denen meines gnädigſten Herrn zu con⸗ formiren befliſſen geweſen bin, ſo muß ich doch geſtehen, daß ſelbige im erwähnten Punkte total differiren. Mich, zum Exempel— ich ſpreche hier nur von einer blamablen Vergangenheit— mich hat bei dem ſchönen Geſchlechte am meiſten die Douceur enchautiret,— er warf hier einen Blick auf die Gräfinn von Rochlitz, welche jedoch von demſelben keine Kenntniß nahm— eine gewiſſe Langueur in Wort, Miene und Geber⸗ den, welche zu den Reizen einer ſchönen Geſtalt noch die ſanfte Glorie der Sentimentalität hin⸗ zufügt.— Bien! bien!— unterbrach ihn die Gräfinn ungeduldig— das pflegt ſo zu ſein mit allen jungen Leuten von des Herrn Vetters Alter.— Aber ſeine Durchlauchtigkeit, der Prinz?—— Seine Durchlauchtigkeit— entgegnete der Page ——— — 145— unbefangen und mit großer Ernſthaftigkeit, gou⸗ tiren, wie ich meine, die Vivacität, den hei⸗ tern Humor, und oftmals habe ich Höchſtdieſel⸗ ben ſagen hören, daß, wären Sie an Amors Stelle geweſen, Sie der empfindſamen Pſyche die lachende Hebe präferiret haben würden, oder die tanzen⸗ den Grazien.— Dieſe Auskunft ſchien nicht nach dem Ge⸗ ſchmacke der gräflichen Matrone; ſie nahm raſch mehrere Priſen hinter einander, und fragte dar⸗ auf mit einiger Schärfe: Und hat dieſer Amor oder moderne Jupiter vielmehr hier eine ſolche Hebe oder Grazie gefunden? Es will ſo etwas verlauten, trotz der geprieſenen Reforme.— Der Page ſenkte ſchweigend die Augen zu Boden; er fand nicht für gut, dieſem unmittel⸗ baren Angriffe Rede zu ſtehen; auch hatte er den aufſteigenden Lachreiz zu bekämpfen; denn als die Dame ſo mit offener Doſe vor ihm ſtand, fiel ihm ihr Ebenbild im Gartenpallaſte bei, und ſein Geſpräch mit demſelben.. Die Frau von Neidſchütz heftete einen lan⸗ gen, forſchenden, unzufriedenen Blick auf ihn, dann wendete ſie ſich plötzlich gegen ihre Tochter: Mein Gott, Madame la Comtesse, wie Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 10 —— — 146— ſiehet Sie heute wieder aus?— rief ſie.— nMa foi, blaß wie der Tod! Ich bitte ergebenſt, auf meine mütterlichen Ermahnungen zu reflec⸗ tiren, welche Ihr ein wenig Rouge als das beſte Mittel angerathen, dieſe Farbe der Langueur zu verbeſſern, die nun einmal nicht Jedermann conveniret.— Heute,— fuhr ſie fort, als die junge Dame ihr nur durch eine Verbeugung ant⸗ wortete— heute iſt Cour bei der Frau Mutter Hoheit, wohin Ihre Charge als Schlüſſeldame Sie ruft, und ich möchte nicht, daß gewiſſe hohe Perſonen meinten, man befinde ſich ſo unwohl oder mecontent, als ſie es vielleicht wünſchen würden; auch möchte ich nicht, daß eine andere hohe Perſon glauben könne, man ſei undankbar oder indifferent gegen ihre Affection, wie dieſelbe leichtlich vermuthen würde, ſähe ſie, daß man ihre Gaben verbirgt.— Dabei wendete ſie das Medaillon um, das auf der Bruſt der jun⸗ gen Gräfinn ruhete, und auf dem reizenden La⸗ ger, umgeben vom Schimmer der Diamanten, erſchien das bleiche, ſchwermüthig lächelnde Ant⸗ litz Johann Georgs IV.,— im nämlichen Au⸗ genblicke aber waren die Wangen Katharinens mit allen natürlichen Roſen bedeckt, deren Nach⸗ — ahmung die Mutter ihr eben ſo dringend an⸗ empfahl. 24 Nicht ſo ſchnell endeten die Ermahnungen, welche Frau von Neidſchütz an ihre Tochter rich⸗ tete, wunderlich gemiſcht mit Strenge und Bit⸗ terkeit, und dann wieder mit Schmeichelei und beinah ehrerbietigen Ausdrücken, ohngefähr ei⸗ ner Aha ähnlich, die einer jungen Prinzeſſinn gegenüber ihr Hofmeiſteramt übt. Die Gräfinn von Rochlitz nahm ſie mit kindlicher Nachgiebig⸗ keit auf, ohne indeß, wie es ſchien, ihren In⸗ halt beſonders zu beherzigen; dem Pagen aber begann die Familienſcene zu lang zu werden, zu⸗ mal da er bemerkte, die Matrone richte jetzt we⸗ niger günſtige Blicke auf ihn, als im Anfange; er nahm den Federhut unter den linken Arm, und war in Begriff, ſich mit zierlicher Reverenz zu Gnaden zu empfehlen, als der Eintritt des Kammerdieners jene Merkuriele unterbrach, und dieſes Vorhaben vereitelte. Mit tiefem Bück⸗ ling erſchien der Genannte in der Thür, und rief anmeldend: Des Hoffräuleins von Keſſel Hochwohlgeborne Gnaden!— Was will die— 2— waren die Worte, welche raſch über die Lippen der übelgelaunten „ — 148— Gräfinn gingen; aber alsbald unterbrach ſie ſich ſelbſt, ſchloß mit einiger Heftigkeit den Deckel der goldenen Doſe à quatre couleurs, und heiſchte dem Diener zu: Mit beſonderm Plaiſir!— in einem Tone, der kein beſonderes Plaiſir ankün⸗ digte. Sie winkte hierauf dem Kammerpagen, zu bleiben, ſandte ihrer Tochter einen bedeuten⸗ den Blick, der jedoch von den geſenkten Augen derſelben unerwiedert blieb, und urplötzlich glitt der helle Schein der anmuthigſten Freundlichkeit über ihr geſchminktes Geſicht; denn die Hofdame trat eben in ſchräger Stellung, um den weiten Fiſchbeinrock durch die Thür zu bringen, in dieſelbe.— Bon jour, ma chère Kessel,— rief die Ma⸗ trone ihr im allermildeſten Tone entgegen— Was verſchafft uns die Satisfaction, die wertheſte Demoiſelle zu ſehen?— Darauf, ohne eine Antwort zu erwarten, fragte ſie den Kammer⸗ diener: Noch Jemand draußen in der Apticham- bre?— Nur fünf oder ſechs, lautete der Be⸗ ſcheid: der Director der hier angelangten italie⸗ niſchen Sängertruppe, der Finanzprokurator Ra⸗ bener und drei oder vier von der Deputation aus dem erzgebirgiſchen Kreiſe. Sie präſentiren ſich — 149— insgeſammt, wie ſie ſagen, um Ihro hochgräf— licher Excellenz huldreiche——— Bien, mögen warten oder wiederkommen, entſchied die Dame— es iſt allzu viel, ſich den ganzen Tag hindurch mit Allaires zu occupiren, man muß auch etwas Poisir haben für ſich und ſeine Freunde. Dem Finanzprokurator ſage Er, wenn er das Bewußte bei ſich führe, ſolle er es meinem Secretair remittiren.— Das Fräulein hatte ſich am Eingange tief und ceremonienmäßig verbeugt, eine Begrüßung, welche von der Mutter mit genauer Abmeſſung des beiderſeitigen Ranges, von der Tochter mit verbindlicher Anmuth erwiedert wurde. Sie war in völligem Hofkleide, und unter den Spitzen, die ihre Bruſt umgaben, blickte der Blumenſtrauß hervor, welchen ſie heute von dem Prinzen er⸗ halten, durch die Perlenſchnur befeſtigt, die ihn begleitete. Man hatte nach den damals üblichen Förm⸗ lichkeiten Platz genommen; die Gräfinn von Neid⸗ ſchütz in einem Lehnſtuhle, das Fräulein von Keſſel auf einem Polſterſchemel, und eben ſo die Gräfinn von Rochlitz, ungeachtet eines mißbilli⸗ genden Winkes der Mutter; Herr Vizthum aber, — 150— zum Stehen verurtheilt, lehnte in der Nähe ſei⸗ ner Muhme an einem marmornen Pfeilertiſche. So beliebe denn dem werthen Fräulein zu ſagen, ob Dero ſchätzbare Viſite einen beſondern Objet hat, oder nur, um uns das Vergnügen ihrer Présence zu verſchaffen— fuhr die Gräfinn fort zu inquiriren, doch in einem weit weniger milden Tone, als zuvor. Ich komme auf Befehl der Frau Mutter königlicher Hoheit,— ſagte die Hofdame in der Weiſe, wie man ſich eines ungern übernomme⸗ nen Auftrages entledigt.— Die gnädigſte Frau, geſonnen, den erſten Theil des Abends am Bett der regierenden Kurfürſtinn Durchlauchtigkeit zu⸗ zubringen, hat die Assemblée in Höchſtdero Kam⸗ mern bis zur neunten Stunde retardiret, und mir anbefohlen, denen Frauen Gräfinnen ſolches zu vermelden, mit dem Bedeuten, daß es dar⸗ um geſchehe, weil Ihro königliche Hoheit nicht wünſchen, daß beiderſeit ſich eher nach Höchſtih⸗ ren Gemächern incommodirten, bis der ganze Hof verſammelt ſei, wo denn Ihr Devoir, der Frau Gräfinn von Rochlitz nämlich als Schlüſſel⸗ dame, Ihro Excellenz aber als Zutrittdame da⸗ hin beriefe. Ich bitte, Madame, mich zu execu⸗ — ſiren, wenn ich befohlenermaßen mich der höch⸗ ſten Commiſſion Wort für Wort acquittire, und in gleicher Weiſe hinzuſetze, daß Ihro königliche Hoheit mir fernerweit anbefohlen, denen Frauen Gräfinnen zu vermelden, wie Höchſtdieſelbe ſol⸗ che Botſchaft an Dero nur auf expreſſes Antra⸗ gen Seiner Durchlauchtigkeit, des regierenden Herrn, ergehen laſſen.— Das Fräulein von Keſſel hatte die unver⸗ bindliche Anrede mit Mühe geendet, mit nach und nach fallender Stimme und abgewendetem Blicke, um den Augen der Frau von Neidſchütz nicht zu begegnen, die bei jedem Worte ſich ſtär⸗ ker entflammten. Auch der Page wendete die ſeinigen ab von dem grellen Mienenſpiele der Matrone, und begegnete, nicht ganz ohne Mit⸗ gefühl, auf dem zarten Angeſichte der Gräfinn von Rochlitz dem ſtillen Schmerz, welcher, ob ſie ſchon ſich mühete, ihn zu verbergen, dennoch gewaltſam genug war, daß die Hand heftig zit⸗ terte, in welcher ſie den goldenen, mit Edelſtei⸗ nen beſetzten Fächer hielt. Nach einigen Augenblicken hatte die bejahrte Dame Faſſung genug gewonnen, mit vornehmer Nachläſſigkeit zu antworten: Wir danken Ihro — 152— königlichen Hoheit für die Attention, zu welcher Höchſtſelbe condeſcendiret iſt, obſchon ſolches nur auf den Antrieb Sereniſſimi, des Kurfürſten, unſers gnädigſten Herrn geſchehen; und auch der Demoiſelle von Keſſel danken wir, daß ſie ſich mit derſelben chargiret. Solche Attention indeß wäre nicht von nöthen geweſen. Meine Tochter, die Frau Reichsgräfinn zu Rochlitz, hat nicht die Habitude, anders zu erſcheinen, als wenn der geſammte Hofſtaat beiſammen iſt, und derohal⸗ ben noch gar nicht an ihre Toilette gedacht, wie das Fräulein ſiehet. Ich aber, als eine betrübte Wittwe, bedarf nichts, als meine Mantille um⸗ zuwerfen, um courmäßig zu erſcheinen. Aber die wertheſte Demoiſelle iſt ja, wie ich wahrneh⸗ me, ſchon en grande parure?— In Begriff, Ihro Excellenz meine Devotion zu bezeigen— flüſterte in einiger Verwirrung das Fräulein— hielt ich es für meine Schul⸗ digkeit.— Sehr obligirt— unterbrach ſie die Gräfinn; habe Dieſelbe doch die Gewogenheit, ein wenig näher zu treten.— Zögernd gehorchte die Hofdame der Auffor⸗ derung, die mit einer beinah gebieteriſchen Hand⸗ — 153— bewegung begleitet war, und näherte ſich dem Lehnſeſſel, in welchem die Gräfinn höher und ſtolzer aufgerichtet ſaß, als vielleicht in der näm⸗ lichen Stunde die Frau von Maintenon in ih⸗ rem YPolſterſtuhle zu Verſailles. Ma foi, recht guſtös,— ſprach die Dame, das Fräulein langſam von Kopfzu Fuß muſternd.— Und das charmante Bouquet! So wahr ich lebe, recht grazienhaft!— fuhr ſie fort, das letzte Wort höhniſch betonend.— Und die pretiöſe Perlenſchnur— sur ma vie, ächt orientaliſch.— Mich dünkt, man habe ſelbige bei der Demoiſelle noch nicht geſehen. Hat das Glück den Herrn Oberſtwachtmeiſter von Keſſel urplötzlich alſo fa⸗ voriſiret, daß er der Fräulein Tochter ſolches Präſent zu machen capable iſt, oder kommt ſol⸗ ches vielleicht von hoher oder lieber Hand?— Gnädige Frau,— erwiederte das Fräulein, übergoſſen vom Purpur der Verlegenheit und des Unwillens— meinen Vater favoriſiret das Glück nicht; denn er darf ſich der Protection nicht erfreuen, durch welche man hier alleinig zu dem⸗ ſelben gelangt. Wohl aber ſtammt dieſe Schnur aus hoher Hand; denn ſie iſt der Preis einer — 154— Wette, die des Prinzen Auguſt Durchlauchtig⸗ keit im Scherz mit mir zu entriren geruhet.— Voyez donc, eine Wette!— ſprach die Grä⸗ finn weiter, ohne des flehenden, wehmüthigen Blickes zu achten, den ihre Tochter auf ſie rich⸗ tete.— Nun, der hier anweſende Kammer⸗ page wird uns wohl ſagen können, ob Monseigneur ſolche Wette mit der Göttinn Hebe entriret hat, oder mit einer Grazie, vielleicht auch, was ſel⸗ bige dagegen eingeſetzt?— Wahrhaftig,— entgegnete die Hofdame, der gereizten Empfindlichkeit nachgebend— wahr⸗ haftig, am wenigſten an dieſem Orte hätte ich eine ſo ſtrenge Kritik erwartet über das Ge⸗ ſchenk einer Durchlauchtigen Perſon.— Der Page, weit entfernt, der bedenklichen Aufforderung nachzukommen, hatte nur einen Wunſch, den nämlich, tauſend Meilen von die⸗ ſem Schauplatz eines beginnenden Kampfes ent⸗ fernt zu ſein; gedankenlos drehete er den Feder⸗ hut zwiſchen den Händen; doch war ihm Be⸗ ſonnenheit genug geblieben, den ſtechenden Blick zu ſehen, den das erzürnte Fräulein bei den let⸗ ten harten Worten auf das Bild Johann Georgs heftete, das auf der tiefathmenden Bruſt Katha⸗ — 155— rinens ſich wiegte, und wie dieſe im Innerſten zernichtet und einer Ohnmacht nahe, von ih⸗ rem Sitze emporſchwankte, und ſich über den Stickrahmen beugte, unvermögend, die Thränen zurück zu halten, welche nur von ihm bemerkt, über die bleichen Wangen auf die bleichen Blu⸗ men niederſtrömten. Sur mon àme, recht fein obſervirt,— nahm Frau von Neidſchütz den Handſchuh auf.— Wahr⸗ haftig, eine recht charmante Hebe und ämable Grazie, welcher man gewiß kein übermaß von Douceur reprochiren kann. Was meinet der Herr Vizthum dazu? Bedenke Sie aber, meine Gute, ehe Dero dergleichen ſpitzfindige Remar⸗ quen ausgiebt, daß zwiſchen gewiſſen Perſonen eine Differenz Statt findet, und was der Einen zu größter Glorie gereichet für jetzt und zu noch größerer in der Folge, bei der Andern ein Makel ſein kann und ein Handgeld zukünftiger Misere.— Ihro Eycellenz— ſagte das Fräulein, in⸗ dem ſie ihre Robe der immer noch haltenden Hand der Frau von Neidſchütz entzog, und zwar heftig zitternd, aber nicht ohne Anſtand einen Schritt rückwärts that— Ihro Excellenz führen eine ſo ſeltſame Sprache, daß ich nicht umhin — 156— kann, meiner gnädigſten Frau anzuzeigen, wie ihre Damen, von Höchſtderſelben abgeſchickt, bier aufgenommen werden.— Thue Sie das, mein Kind,— verſetzte die Gräfinn höhniſch auflachend— und ſage Sie zu gleicher Zeit Ihro königlichen Hoheit, ehe Sie Sich um Perſonen bekümmere, welche, der Protection des regierenden Herrn gewiß, der Ih⸗ rigen nicht bedürfen, auch kein Verlangen da⸗ nach tragen, möge ſie auf das Scandal Acht haben, welche ihre eigenen Dames geben.— Scham und Erbitterung überwanden, was dem Fräulein von Keſſel noch von Faſſung ge⸗ blieben war; ein Thränenſtrom brach aus ihren Augen; ſie verhüllte ihr Geſicht mit beiden Hän⸗ den und wandte ſich gegen die Thür. Die Grä⸗ finn von Rochlitz eilte ihr einige Schritte nach, aber vergeblich ſuchte ſie mit freundlichem, bit⸗ tendem Zuruf die Fliehende zu halten, welche Zorn und das Bewußtſein, nicht ganz ſchuldlos gelitten zu haben, unaufhaltſam hinwegtrieb.— Was ſteht dem jungen Herrn noch zu Dienſt? — fragte mit harter Stimme und gerunzelter Stirn die Grüfinn den Pagen.— Findet Der⸗ — 157— ſelbe nicht nothwendig, ſeine Hebe oder Grazie zu begleiten, als ein getreuer Merkur?— Sprungfertig bereitete ſich Herr Vizthum von Eckſtädt, dem willkommenen Gebote Folge zu leiſten; die Matrone hatte ſich indeß anders beſonnen, und richtete noch folgende Worte an ihn: Der Herr Vetter iſt nur ein junger Menſch, und ob es Demſelben gleich an einem habilen Ingenium nicht mangelt, ſo iſt jedoch an Höfen die Expérience das erſte und vornehmſte Requiſit. Nehme Er derohalben eine Lehre von mir an: Es iſt allerdings löblich und zweckdien⸗ lich für einen jungen Kavalier, welcher bei Hofe eine Carriere zu machen gedenkt, daß er ſich mühe, höchſten Häuptern zu Gefallen zu leben, und darf ſolcher nicht übermäßig delicat ſein in denen Dienſten, ſo man von ihm begehret; ſol⸗ ches aber ſcheinet mir dem Herrn zu ſagen ziem⸗ lich überflüſſig, dieweil Derſelbe es, wie Figura, zeiget, bereits ganz wohl begriffen. Dero ſehe ſich indeſſen für, daß Er durch ermeldete Dienſt⸗ fertigkeit anderen Perſonen nicht üble Dienſte leiſte, zumal ſolchen, welche im Stande ſind, dieſelbigen 6galement übel zu recompenſiren. Es gleichet das Land, welches man den Hof nen⸗ —* — 158— net, jenem Labyrinthe, von dem die Mytholo⸗ gie erzählet, und wer im Anfange alsbald einen falſchen Weg einſchläget, mag ſich nimmermehr zurecht finden. Es thuet ihm dannenhero eine Hand noth, welche ihn führe, und ſo ich Deſſel⸗ ben Reconnoissance mich getröſten kann, bin ich nicht abgeneigt, die meinige zu bieten, nicht zu Rath allein, auch zu That und Protection, deren Effect mehr denn Einer genugſam erfah⸗ ren. Wer jedoch ſolcher theilhaftig werden ſoll, dem liegt ob, daß er ſich derſelben würdig erzeige durch allerlei Gegendienſte und gebührende Obe⸗ dienz. Dero hat mich verſtanden, vermeine ich.— Allianz dann zwiſchen uns, oder Krieg.— Der Herr hat die Wahl.— Unter den zierlichſten Ausbrüchen der Dank⸗ barkeit preßte der Page die Hand, welche die alte Dame ihm mit tmajeſtitiſchem Anſtande reichte, an die Lippen; weniger förmlich, auch weniger erkünſtelt. Abſchied von Katharinen, die ihm mit abgewandtem Antlitz einen Gruß zu⸗ winkte; dann verließ er die Behauſung der Grä⸗ finnen ſo eilig, als ein Page ſich von einem Orte entfernen kann, wo es ihm nicht behagt, das heißt, mit Windesſchnelle. Kaum hatte er aber die erſten Schritte auf der erwähnten Erhöhung gethan, als ein leiſer Zuruf ſeine Schritte hemmte. Ein Blick zur Seite zeigte ihm Eſtevania Gobau in einer halb⸗ geöffneten Thür. So ſchnell vorüber, Sennor Don Carlos 2— flüſterte ſie ihm Spaniſch zu.— Iſt es auch recht, dieſen Ort zu verlaſſen, zu dem ſo Man⸗ cher den Zutritt theuer genug erkaufen würde, und alſo gleich Derjenigen zu vergeſſen, welche ihn vor Euch aufgethan?— Valga me Pios!— betheuerte Vizthum, ohne ſonderliches Sträuben der Hand folgend, wel⸗ che ihn in das Innere des kleinen Gemaches zog— Valga me Pios, dort hab' ich nichts gefunden, was mich der ſchönen Eſtevania vergeſſen laſſen würde.— Ihr ſcherzet, werther Don,— entgegnete Frau Gobau halb ſpottend— zwei ſo erlauchte Damen, und ich ihre demüthige Dienerinn!— Brlaucht mögen ſie ſein,— verſetzte der Page zerſtreut— auch iſt mein Mühmchen recht hübſch, und die Tante iſt klug, erſchrecklich klug, aber—— Nun ja,— antwortete Jene mitleidig die Achſeln zuckend— das Fräulein Gräfinn hat ein — 160— ganz feines Geſichtchen, und iſt auch ſonſt ein recht gutes Kind, und Ihro Excellenz ſind eine Dame von Geiſt, oder meinen wenigſtens es zu ſein.— Hat man Eure Gnaden wohl aufge⸗ nommen?— Ganz vorieflih— war der Beſcheid— das Wetter war herrlich im Anfange, nachher aber zogen zwei Ungewitter auf, die zuſammen⸗ ſtoßend ſich in Blitz und Schlag und Regen ent⸗ luden, von welchen ich denn auch meinen Theil abbekommen.— Ich weiß,— ſagte die Spanieinn höhniſch lachend— der Regen ſtrömte noch aus den Au⸗ gen des Fräuleins von Keſſel, als es wie außer ſich hier vorüberlief. Ich fürchte,— ſetzte ſie im Tone der Bitterkeit und mit gerunzelter Stirn hinzu,— ich fürchte, die gute Senno⸗ rita wird noch mehr Urſach zum Weinen bekom⸗ men; die gegenwärtige kenne ich, Don Car⸗ los Vicedom; der Graf zu Beichling, meiner Frau Gräfinn getreuer Cortejo, hat ſie ihr berei⸗ tet, und Eure Edeln ſind nicht der einzige Ka⸗ valier am Hofe, der dies geringe Gemach mit ſeiner Gegenwart beehrt. So weiß ich denn auch,— fuhr ſie wiederum ſpottend fort— daß ein ge⸗ — 161— wiſſer Escudero eines gewiſſen Prinzen gewiſſe Eigenſchaften nicht ungenützt läſſt, zu welcher er vor Zeiten ſchon treffliche Anlagen verrieth. Ich vermeine, ſolch Zwiſchenſpiel habe das Eure bei Ihro Eycellenz ein wenig verdorben.— Es war etwas Seltſames und Gezwungenes im Ausdruck und der Geberde Eſtevaniens, als ſie ſo ſprach; der junge Edelmann, deſſen Blick bereits ein wenig beſtochen war, bemerkte es in⸗ deſſen nicht, und erwiederte leichtſinnig: Leider ja, ſchönſte aller Kaſtellaninnen; doch ward die Sache beigelegt, und der Friede mit einem förm⸗ lichen Allianztractat geſchloſſen. Ja, man hat mir ſogar die Hand geboten, um meine ſchuld⸗ loſe und unerfahrne Jugend in den Irrgängen des Hoflebens zu leiten; ich mag deſſen ohnge⸗ achtet nicht verhehlen, wie ſelbige mir etwas welk und knöchern vorgekommen, und ich lieber eine andere faſſte, gleich der, welche zu berüh⸗ ren ich jetzunder die Satistaction habe.— Er hatte bei dieſen Worten die Rechte Eſte⸗ vaniens ergriffen, welche nicht allein ſie ihm über⸗ ließ, ſondern auch die ſeinige mit einer Art von Heftigkeit drückte, indem ſie in ſeltſamen, bei⸗ nah dumpfem Tone ſprach: Alſo zur Ariadne Die Frauen v. Neidſchütz. I. Bd. 11 — 162— begehrt Ihr mich, Don Carlos? Wiſſet aber, ich bin keine von denen, die dem fliehenden The⸗ ſeus in unnützem Schmerze nachweinen.— Welcher Theſeus möchte auch dieſe Ariadne verlaſſen?— rief der Page mit allem zitrlichen Pompe der damaligen Galanterie.— Meinet Ihr?— fragte die Spanierinn mit düſterm Lächeln und wie in Gedanken verloren.— Darauf fuhr ſie, nach einer Pauſe ſich ſammelnd, fort: Ich will es darauf wagen, und ſo be⸗ ginne mein Amt mit einem Rath, den Ihr nicht verſchmähen wollet.— Wiederum ein guter Rath,— dachte Viz⸗ thum— mich dünkt, man iſt nicht geizig hier mit dieſer Waare.— Die Gräfinn hat, wie Ihr ſagt,— ſprach im Lehrtone die Ehegattinn des Herrn Bartho⸗ lomäus Gobau— Euch ein Bündniß angeboten, und ſolche Ehre iſt von Euch unſtreitig mit ge⸗ bührender Dankbarkeit empfangen. Dem mag ſo ſein, doch wollet ſolchem Bunde nicht allzu⸗ viel vertrauen. Nicht uneigennützig ſind Ehr⸗ geiz und Habſucht und Alter; ſehet Euch dar⸗ um wohl vor, was man von Euch begehre. Es möchte ſich treffen, daß es Unerreichbares wäre, — 163— und die Schuld des Nichtgelingens dem Schütz⸗ ling zur Laſt fiele. Dann hütet Euch, daß die Tochter des Minos nicht zur Mißgeburt der Pa⸗ ſiphas werde, und Ihr das Opfer derſelben.— Wahrhaftig,— lachte der Page— ſie ſieht ſchon jetzt der Zweiten ähnlicher, als der Erſten.— Solche Gefahr habt Ihr nicht zu fürchten bei mir,— ſetzte die Donna halbſcherzend und mit einem anmuthigen Blick hinzu— obſchon ich auch nicht ſo reichen Lohn bieten kann, als die gräfliche Exeellenz Euch zweifelsohne verhei⸗ ßen.— Ich verlange keinen andern Lohn,— rief der Page— als den, welchen dieſe Lippen ge⸗ währen können.— Gemach, gemach, Don Carlos,— ſagte Eſtevania, ſie ihm nach einigen Augenblicken entziehend— man darf den Preis nicht an ſich nehmen, ehe man ihn erworben hat. Auch ich, mein edler Ritter, mache Forderungen an Euch. Vielleicht,— fügte ſie ernſter hinzu— vielleicht habt Ihr ſchon wahrgenommen, daß ich, obſchon nicht hochgeboren, doch keine verwerfliche Bun⸗ desgenoſſinn bin, und es könnte ſein, daß die Zukunft Euch deſſen noch beſſer belehrte; drum — — 164— fordere ich Vertrauen, Don Carlos Vicedom, nur durch Vertrauen mag ein feſter Bund beſte⸗ hen.— und wer möchte auch etwas vor dieſen ſtrah⸗ ſenden Augen verbergen, deren Blicke bis in das Innerſte des Herzens dringen?— rief der Edel⸗ enabe mit mehr Pathos als Empfindung.— Doch,— warf ſie wiederum halb ſcherzend ein— doch haben dieſe Augen Manches bemerkt, was ihnen nicht allzuwohl gefiel. Es ſei darum,— ſprach ſie weiter, indem ſie ſich vertraulich an des Pagen Schulter lehnte, und ihn mit ſüßem Lächeln anſah;— bis jetzt hatte ich kein Recht auf Euer Vertrauen, und fortan werdet Ihr of⸗ fener gegen mich ſein. Nicht, mein junger Rit⸗ ter, fortan wird die Zeichenſprache, dieſe zarte Mittheilung tief empfindender Herzen, dem rau⸗ hen Norden unbekannt, bei Euch keine Antwort wie ſie mir heut' Morgen geworden?— Möchte ſie mir bald wieder eine Stunde an⸗ deuten, die der jetzigen gleicht,— flüſterte der junge Edelmann.—— Ihr habt beteuet— lichelte die Schöne— und ſo dürfte vielleicht Gnade vor Recht ergehen, obgleich Euer Kommen ein wenig an Werth ver⸗ ———— 65 liert durch einen andern Weg, den Ihr vorher gethan. Sagt,— ſprach ſie darauf weiter, plötz⸗ lich die Stimme bis zum Schneidenden erhebend— ſagt, was findet der Prinz Don Auguſt an die⸗ ſem Fräulein? Wie mag er Gefallen haben an dieſen ausdruckloſen Zügen, an der kindiſchen Fröhlichkeit, die aus faden blauen Augen auf roth und weißen ausgeſtopften Wangen lacht? Iſt es doch, als ſei dies Klima dem Geſchmack ſo verderblich, daß er in demſelben umkomme, wie die Früchte des Südens?— Ihr ſeid ein wenig allzuſtreng,— entgeg⸗ nete Vizthum ſchnell zur Beſonnenheit zurück⸗ kehrend— es ſcheint mir doch, als ſei das Fräu⸗ lein von Keſſel anmuthig genug zu einer Paſſade.— Eſtevania lachte höniſch auf, und der Page fuhr fort mit der Empfindſamkeit eines Hidalgo: Der Geſchmack iſt verſchieden; der meinige frei⸗ lich wendet ſich zu andern Reizen, mein Herz kann nur entzündet werden durch die Flammen dunkler Augenſterne; ſchwarze Locken ſind die Netze, die mich auf ewig umſchlingen, und Züge, aus denen eine tiefe Empfindung ſpricht, haben ſich meiner Seele unauslöſchlich eingeprägt.— Es war, als habe die Spanierinn dieſe ſchöne — 166— Anrede nur halb verſtanden, und wie unwill⸗ kührlich entriſſen ihren Lippen ſich die Worte: Auch Er war einſt ſolchen Sinnes!— Ein wenig ſpitz und im Gefühle gekränkter Eitelkeit, erwiederte der junge Edelmann: All⸗ zuklug iſt die reizende Sennora, nicht zu wiſſen, das Alles ſich ändert mit der Zeit, und nur ei⸗ ner Vergangenheit zu gedenken, welche ich Ihr eſer zu machen wünſchte, falls es mir beſſer damit glückte, als dem Sennor Bartolo, Ihrem Ehegemahl. Vergeſſen?— murmelte ſie in ſich hinein, dann aber ſagte ſie lauter und im Tone der Ver⸗ achtung: Bartholomäus Gobau, der Erbärm⸗ liche?— Gleich darauf fiel ſie jedoch wieder in den frühern, halb zärtlichen, halb zierſamen Ton zurück, als ſie ſprach: Bei der heiligen Jung⸗ frau von Atocha, Ihr ſeid allzu beſcheiden, Don Carlos, wenn Ihr zweifelt, die Stelle des Letz⸗ tern vertreten zu können.— Das ziemlich bedeutende Wort ward mit leb⸗ hafter Dankbarkeit von dem Pagen anerkannt; die Donna empfing auch die Zeichen derſelben, wenn nicht mit Hingebung, doch auch nicht in außerordentlich ſtrenger und ungefälliger Weiſe; ——————— 165 ſie heftete das dunkle, deutungvoue„uge au⸗ die erglühenden Wangen des Jünglings, und ſtüſterte: Glaubt denn mein edler Don, daß Er ſich allein jener Zeit in Madrid erinnere, und des Bolero, den der junge ſächſiſche Kavalier mit aller Grazie eines gebornen Spaniers tanzte? Manches hat ſich geändert ſeitdem, Ihr mein Herr, doch wahrlich nicht zu Eure theile,— Zu viele Erfahrung hatte der Page, die Zuvorkommenheit der Spanierinn mit mancher Wahrnehmung zuſammenſtellend, derſelben, ſeiner Eitelkeit ungeachtet, nicht noch einen andern Grund außer dem Wohlgefallen an ſeiner Perſönlichkeit unterzulegen; die ganze Sache behagte indeſſen ſowohl der in ſeinem Alter gewöhnlichen Liebes⸗ luſt, als ſeinem Hange zur Intrigue; war ein wenig Täuſchung dabei, ſo meinte er, könne er ſie ſich wohl gefallen laſſen, und ſein Beſuch bei des Hofbettmeiſters entwichener Gattinn hätte vielleicht länger gedauert, wäre nicht der Gedanke in ihm aufgeſtanden, ſein Gebieter erwarte ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach mit Ungeduld. Er ſuchte alſo den in Vergeſſenheit gerathenen Feder⸗ hut, und verabſchiedete ſich mit aller Beredſam⸗ — 168— ſamkeit und allem Feuer eines Liebhabers, der in der Anfangsperiode der Begünſtigung ſteht. So iſt es denn alſo feſtgeſetzt, wir ſind Bun⸗ desgenoſſen,— ſprach Eſtevania, indem ſie ihn lei⸗ ſen Schrittes durch eine Hinterthür auf einen verborgenen Gang hinaus geleitete— und es ge⸗ t ſich, daß wir es darthun durch gegenſeitige eiſtung. Höret mich an, noch auf ein theurer Don Carlos: Ihr wiſſet, es et eine Art Krieges zwiſchen Eurem Herrn und Der, welche ſich zur Zeit meine Gebieterinn nennt. Wohl iſt man auf einer Seite geneigt, Frieden zu ſchließen, doch, laſſt Euch genügen, wenn ich es ſage, die Bedingungen ſind ſo ſelt⸗ ſamer Art, daß nur Thorheit das Gelingen er⸗ warten mag. So wird denn der Groll, ſtatt ſich zu mildern, zunehmen mit der Zeit, und es mag der Gegenparthei wohl genehm ſein, des Widerſachers Schritte zu erſpähen. Das iſt es, was ich meinerſeits zu thun Euch verheiße. We⸗ nig iſt es, was ich dagegen begehre, und nur Euch betrifft es und Don Auguſt. Es herrſcht an dieſem Hofe ein veränderlich Wetter„ und je⸗ den Augenblick weht der Wind aus verſchiedener Himmelsgegend, alſo, daß auch ein Kluger ſich — 169— irren mag; jetzt beſcheinet die Sonne die Ge⸗ mächer, welche Ihr eben verlaſſen, und die ſie bewohnt, hat den Willen und die Macht, daß die Früchte, die ſie pflegt, im Strahle derſelben reifen. Trachtet demnach dem gefährlichen Feinde nicht Waffen in die Hand zu geben, welche er kräftig gegen den gebrauchen würde, der ge⸗ botene Hand ausſchlägt.— Ihr verſteht mich nicht,— unteriil. ſich ſelbſt— denn ſie glaubte mit Recht wahr⸗ zunehmen, wie trotz aller Aufmerkſamkeit Herr Vizthum, wie auch vielleicht der Leſer, ſich ver⸗ geblich bemühete, den Sinn dieſes pythiſchen Ausſpruches zu ergründen; doch ſo viel begreift ohnſtreitig Euer erleuchteter Verſtand, daß es wohl⸗ gethan wäre, wenn ein gewiſſes fürſtliches Haupt, ſo hoch es auch ſtehet, die Stimme eines Warners vernehme, vor manchem Schritte der Mißdeu⸗ deutung fähig. Auf daß ich es ſein könne, ſchen— ket mir Euer Vertrauen. Nur der Wunſch, dem Prinzen zu dienen, vermag mich zu ſolcher Mühwaltung, und die Dankbarkeit, das einzige, was mir aus frühern Zeiten geblieben; und Euch nun, Don Carlos, muß ich Euch erſt ſagen, was mich bewegt, thätig zu Eurem Glücke zu ſein?— — 170— So ſüß auch die Augenſprache war, welche den Schluß dieſer Rede begleitete, ſo zweifelte doch der Kammerpage nicht einen Moment lang, ſie enthalte nicht Alles, was die Sprecherinn gedacht, und im Gegentheile manches Andere, ſeitwärts von der gegebenen Anſicht liegend. Abermals eine Verbündete,— ſagte er im Forteilen zu ſich ſelbſt— es mangelt mir an ſol⸗ chen nicht.— Die alte Excellenz und die junge Bettmeiſterinn.— Die Eine verlangt von mir, ich weiß nicht was; daß es jedoch nicht viel taugt, davon bin ich perſuadirt, und was ſie mir bie⸗ tet, iſt ein Kammerherrnſchlüſſel, oder deß et⸗ was, das ich ſchon zu acquiriren hoffe, ohne die Frau Gräfinn. Die Andere, je nun, auf ge⸗ wiſſe Weiſe wäre, was ſie zu offeriren ſcheinet, nicht zu verachten, doch iſt der Preis ein wenig theuer, Mein Vertrauen? wahrlich, das heißt genug verlangen von einem jungen Kavalier, wel⸗ cher Fortune zu machen begehret, von dem Freunde eines Prinzen. Sothane Aktie auf den Glücksfond bedenke ich mich ſo wohlfeil los⸗ zuſchlagen. Meine Dames, es bedünkt mich, als ob Dero beiderſeit allerlei Nebendinge im Kopfe hätten, inſpiriret bei der Einen durch den Teufel des Ehrgeizes und der Intrigue, bei der Andern durch Asmodi, der, als Cupido verklei⸗ det, in ihren Augen ſitzt. Vergönnen Dieſelben dannenhero, daß ich mit dieſen Messieurs ein wenig nähere Connoissance mache, ehe wir wei⸗ ter procediren. Alle ſchuldige Dankbarkeit, aber ich meine, mein beſter Alliirter iſt und bleibt— der Witz, den ich von meiner Frau Mutter geerbt.— Noch immer in Thränen, Katharina? fragte die Frau von Neidſchütz ihre Tochter, als ſie ſich allein befanden, und da die Weinende unvermö⸗ gend war, ihr zu antworten, fuhr ſie fort: Sol⸗ che Abondance von Zähren mag wohl recht gut ſein zu mancher Zeit, und hier und da einen ad⸗ mirablen Effect produciren, aber ganz allein, wo Niemand ſie ſiehet, taugt ſie zu nichts, als die Augen roth zu machen, und den Teint zu ver⸗ derben, welcher ohnedem beinah nicht der ecla⸗ tanteſte iſt. Allons, Courage! Frau Gräfinn von Rochlitz, es iſt jetzt Zeit, an die Poilette zur Cour zu denken, und ich wollte nicht, daß die alte Dänemarkerinn ihr Plaisir hätte an den Spuren Ihres unnützen Kummers.— Wie kann ich jetzt vor der Kurfürſtinn er⸗ ſcheinen,— rief die Gräfinn, deren nur allzu⸗ —— gerechter Zorn gewiß auf das Höchſte gereizt iſt durch das, was eben vorgegangen? Wie kann ich Muth faſſen mit dem zerriſſenen Herzen, auf welches vor Augenblicken erſt die eigene Mutter ein übermaß von Schmach gehäuft?— Schmach? Ich wünſchte, Sie wählte Ihre Worte beſſer, Madame— verſetzte die Matrone.— Und womit, s'il vous plait, habe ich denn das gethan? Mich dünkt, bis jetzt habe ich nur Ih⸗ ren Vortheil und Glorie zum Zweck gehabt; es gehört indeß freilich, um die Prärogative ſeiner Situation zu ſouteniren, ein Karakter dazu, wel⸗ cher Ihr, wie ich ſehe, total mangelt.— Wie konntet Ihr, gnädige Frau,— fuhr Katharina ſchmerzlich bewegt fort— wie mochtet Ihr beim Bewußtſein, ach leider, eigenen Un⸗ rechts, dies Fräulein beleidigen, welches hier er⸗ ſchienen im Namen einer hohen Frau, der ich, obſchon der Gegenſtand ihres Haſſes, meine Ver⸗ ehrung nicht weigern darf; wie mochtet Ihr, durch vielleicht ungegründeten Vorwurf, ihr die Entgegnung entreißen, die nur allzuviel Wahr⸗ heit enthielt? Tief hat ſie mir in die Seele ge⸗ ſchnitten, und ich vergehe vor Scham, ſo gede⸗ müthigt worden zu ſein in Gegenwart eines jun⸗ gen Mannes, eines Verwandten.— Geduld, ma chère,— tröſtete ſie die Mut⸗ ter— bald wird die Zeit der Demüthigungen vorüber ſein, ſo Sie nur ſelbſt dazu thut. Den Lorn jener hochmüthigen Frau laſſe Sie ſich nicht anfechten, ſie wird ihn verbeißen müſſen in kur⸗ zer Friſt, oder ihn auslaſſen, ſo viel ihr beliebt, zu Pretzſch oder auf dem Wolkenſtein. Was aber berührte inſolente Demoiſelle anbelangt, gedenke ich ſchon mit ihr fertig zu werden, mit Gottes und des Kurfürſten Hülfe.— um des Himmels willen! Frau Mutter,— bat die Gräfinn— vermehrt nicht die Zwietracht, welche leider ſchon in dieſem Fürſtenhauſe herrſcht, damit man nicht mit Recht uns als die Störe⸗ rinnen des Friedens bezeichne! Füget ſolchen Vorwurf nicht der Laſt bei, die mich bereits zu Boden drückt, vergrößert die Spaltung nicht, die den Kurfürſten mit Kummer erfüllt, und mich mit Reu' und tiefem Gramel— Point du tout,— beharrte Frau von Neid⸗ ſchütz— dem Fräulein muß werden, was ihm gebühret; auch hat Madame la Comtesse keine ſonderliche Urſache, ſelbiges zu defentiren, die⸗ — 174— weil es Derſelben mehr im Wege ſtehet, als Sie ſelbſt imaginiret. Vor dem Pagen aber brauchet Sie ſich nicht zu ſcheuen, das iſt ein junger Menſch sans consquence; auch meine ich, bald aus ihm einen ergebenen Diener zu formi⸗ ren, ſo er nur noch einige Mal mit mir con⸗ verſiret.— Ich will ihn nicht ſehen,— ſagte Katharina mit mehr Beſtimmtheit als gewöhnlich. Sein Anblick nach jenem Auftritt wäre mir unerträg⸗ lich, und überdem, ſo ſehr ich mich auf den Ju⸗ gendgeſpielen gefreut, finde ich ihn anders, als ich gedacht. Allzuſchnell iſt er gereift im Son⸗ nenſtrahl des Hofes, und von den verwelkten Blüthen ſind wohl nur die Dornen geblieben, eben die, welche mich auf jedem Schritte meiner Lauf⸗ bahn verwunden, die Dornen des Eigennutzes und der Falſchheit.— Die Frau Tochter hat Recht,— beſtätigte die alte Dame— er iſt ein ſuffiſanter Burſch und ein Taugenichts dazu; aber doch habe ich meine Raisons, ihn an mich zu attachiren.—— Die Gräfinn von Rochlitz hob den Kopf ein wenig und ſagte, nicht ohne Bitterkeit: So gehört es denn nicht zu den Prärogativen meiner Situa⸗ — 175— tion, den von mir zu entfernen, deß Gegen⸗ wart mir unerfreulich iſt, und mein Ohr dem zu entziehen, was mich bekränkt?— Nur ein wenig noch,— verſetzte Frau von Neidſchütz mit vieler Ruhe— nur ganz kurze Zeit laſſe die Frau Tochter ſich leiten, dann werde ich die Erſte ſein, der durchlauchtigen Kur⸗ fürſtinn von Sachſen gebührenden Reſpekt und Gehorſam zu erweiſen.— Kurfürſtinn?— wiederholte Katharina im Tone des Vorwurfs.— Wollet Ihr, Mada⸗ me, denn ſtets wiederholen, was mich tief ver⸗ letzt, und worüber ich mich bereits oftmals er⸗ kläret?— Und wollet Ihr, Madame— parodirte die Mutter— denn ſtets einen wohl durchdachten Raisonnement sentimentale Capricen entgegen ſetzen? Meinet Sie, meine Projekte hätten ſich auf den Punkt bornirt, da wir jetzt ſtehen, und ich möge zufrieden ſein in einer Situation, die, wie Sie ſelbſt ſagt, uns nicht über allerlei Ver⸗ druß und Mortificationen hinausſetzt? Höher hinauf, ma chöre, ſo hoch, daß man die Wi⸗ derſacher unter ſeine Füße bekommt, dann erſt mag man triumphiren.— — 176— Ich begehre des Triumphes nicht,— ent⸗ gegnete Katharina traurig— ich kann nicht hö⸗ her hinauf, Eines hält mich zurück, die Stimme des verletzten Bewußtſeins, die mich ermahnt von weiterm Vergehen. Die unglückliche Frau,— fuhr ſie fort, mehr zu ſich ſelbſt redend— denn unglücklich iſt, deſſen liebend Gemüth keine Er⸗ wiederung findet. Und ich, die ihr das Herz entzogen, welches ihr gehöret nach göttlichem und menſchlichem Geſetz, ich ſollte ihr den einzi⸗ gen, den kümmerlichen Erſatz rauben, den Erſatz hausmütterlicher und fürſtlicher Würde? Ihr habt mich durch eine Seitenthür in dies Haus geführt, gnädige Frau,— ſetzte ſie mit Feſtig⸗ keit hinzu— dazu werdet Ihr mich jedoch nicht vermögen, die rechtmäßige Herrinn auszuſtoßen.— Der Frau Gräfinn Expressions ſind nicht ſehr delicat,— meinte die Dame— wer redet denn von Ausſtoßen? Nur entfernt ſoll ſie wer⸗ den von einem Orte, da man ihrer nicht bedarf, von einem Gemahle, welchem ſie indifferent ge⸗ worden, und zwar mit ſtandesmäßiger und fürſt⸗ licher Decenz. Das aber muß geſchehen und zwar bald, denn es iſt die höchſte Zeit dazu. Meine Tochter, ſprach ſie weiter in milderem Tone, — 177— der ſich halb abwendenden Katharina näher tre⸗ tend— meine Tochter, Ihr ſeid ein Kind, zwar bonne enfant, doch ein Kind noch; ſo thut es denn noth, daß die Experience des Alters Euch zu Hülfe komme. Ich lobe Eure zarten Sentiments, und es kommt mir nicht leicht an, ſelbigen zu nahe zu treten. Noth kennt jedoch kein Gebot.— Sprechet, ma fille, ſolltet Ihr nicht ſchon bemerkt haben, daß unſers gnädigſten Herrn Leibesconſtitution nicht zu den feſteſten gehöret?— Nein,— rief die Gräfinn erſchrocken und un⸗ ruhig— nein, ich habe das nicht bemerkt; ich will nicht bemerken, was mich mit dem herbeſten Verluſt bedrohen würde; ich will nicht fürchten, was ich ohne Entſetzen nicht denken kann. Nein, gnädige Frau, der Kurfürſt iſt wohl auf, und was man für Krankheit hält, ſind die Spuren des Kummers, als deſſen Urſache ich Unglückliche mich anklagen muß. Sprecht, Frau Mutter, Ihr habt doch nicht Bedenkliches vernommen?— Ihr habt eine vorſichtige Mutter, und die in die Zukunft hinausdenkt für ihr Kind,— ſprach langſam die Gräfinn von Neidſchütz.— So hab' ich mich denn auch in aller Stille bei einem Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 12 — 178— und dem andern der Leib⸗ und Hofmedici befragt, und ſelbige meinen— Sie meinen?— utethen die Gräfinn angſtvoll die Zögernde— Daß,— fuhr dieſe fort, wie zuvor— daß, wenn eine Krankheit, wie ſie gewöhnlich eintritt in den Jugendjahren, und von welcher die Seini⸗ gen verſchont geblieben, wenn eine ſolche den Kurfürſten befiele, wie nach dem Laufe der Na⸗ tur zu apprehendiren ſtehet, ſeine Körperkraft dergleichen Maladie leichtlich unterliegen dürfte.— O, wenn es wahr würde,— rief Katharina in Thränen ausbrechend— wenn geſchähe, was die Stimme der Mutter mir grauſam andeutet, dann erſt wäre ich vollkommen elend, dann bliebe mir nichts, als, nach kurzer fort und fort ge⸗ trübter Liebesluſt, des Gewiſſens Vorwurf und troſtloſer Kummer!— Das meine ich auch,— beſtätigte gemeſſen die bejahrte Dame— und dem gebühret ſich vorzubeugen durch weiſe Mésures; denn, wenn der Himmel ſo betrübten Fall verhängte, welche Rolle, meint Ihr wohl, ſei präferabler, die ei⸗ ner verwittweten Kurfürſtinn oder einer Favorite des höchſtſeligen Herrn?— — 179— Nicht Favorite!— antwortete mit Selbſtge⸗ fühl die Gräfinn— nicht Favorite, ſondern, wenn auch nicht Kurfürſtinn, doch eine Wittwe, welche die zertrümmerte Lebensfreude in tiefer Einſamkeit beweinet.— Recht ſchön geſagt, doch auch recht chimä⸗ riſch,— war die Antwort.— Ich war zwar bereits in geſetzten Jahren, als der Herr von Neidſchütz ſelig verſtarb, doch weiß ich wohl, wie es um junge Wittwen ſtehet, und die Anekdote von der Matrone d'Ephese iſt mir bekannt. An⸗ fangs viele Thränen und dichte Schleier, nach und nach aber verſiegen die erſten, und der zweite wird gelüftet ein klein wenig, damit das wieder heller gewordene Auge allmählich nach Einem ausſchauen kann, deſſen Hand endlich den Trauer⸗ flor durch friſche Blumen remplaciret.— Und warum,— fragte die Tochter empört— warum gefällt es Euch, Madame, mich mit ſolch verletzendem Scherz und Bildern zu quälen, die, dem Himmel ſei Dank, weit von der Wirk⸗ lichkeit entfernt ſind?— Weil es mir gefällt, und ich es für noth⸗ wendig erachte— ſprach die Dame kurz und be⸗ ſtimmt; dann aber ſetzte ſie nicht nur freundlicher — 1860— als bisher, ſondern den Ton einer liebenden, be⸗ ſorgten Mutter annehmend, hinzu: Kommet, ma fille, und höret mich auf ein Wort.— Sie ließ ſich hierbei in ihrem Lehnſtuhl nieder, und nöthigte, ſie bei der Hand haltend, Katharinen ein Gleiches zu thun.— Meinet Ihr,— ſprach ſie mit Nachdruck— Meinet Ihr, daß ich ſo manche Mühe mir gegeben, ſo manche Sorge mir ge⸗ macht, daß ich ein gottſelig, beſchaulich Witt⸗ wenleben mit den Intriguen und dem Tumulte des Hofes vertauſchet, um meinem einzigen Kinde zu dem Emploi einer kurfürſtlichen Mai⸗ treſſe zu verhelfen, welchen daſſelbe mir, wie ich höre, reprochiret, und welches gleich Euren Sen- timents, meine Tochter, auch den meinigen wi⸗ derſtehet? Es hat ſich leider Gottes alſo gefüget, daß wir durch das Niedere zum Höheren gelan⸗ gen ſollten, und Eure eigene Paſſion hat dazu contribuiret, Euch an den Plat zu ſtellen, wel⸗ cher Euch, wie Ihr ſaget, ſo viele Unluſt ver⸗ urſachet. Thuet demnach dazu, ihn mit einem Beſſern zu vertauſchen, und Ihr werdet Euer Gewiſſen befreien und das meine, und nebenbei einer ſorgſamen Mutter Sollicitude belohnen⸗ Zwar löblich ſind Eure Pgards gegen die, welche — 181— die Stelle einnimmt, zu der des Herrn Incli⸗ nation und mancher theure Schwur deſſelbigen der Gräfinn von Rochlitz ein Recht verleihen; doch iſt ſich jeder ſelbſt der Nächſte, und es ge⸗ bühret ſich, die beiderſeitigen Positions zu con⸗ ſideriren. Es mag ſich treffen, wie es wolle, ſie bleibt ſtets geborne Prinzeſſinn und Kur⸗ fürſtinn von Sachſen; was aber werdet Ihr ſein, wenn der Fall eintritt, welchen der All⸗ mächtige in Gnaden verhüten möge? Verbergen wir es uns nicht, ma chère, wir ſind umgeben von Widerſachern und Neidern, und wenn die einzige durchlauchtige Stütze, welche wir haben an dieſem Hofe, uns entzogen würde, ſo möch⸗ tet Ihr, außer der Trauer um den Herzgeliebten, noch manchen andern Chagrin zu dulden haben.— Euren Worten nach,— fiel die Gräfinn in einer Weiſe ein, die zugleich Bitterkeit und Be⸗ trübniß ausdrückte— Euren Worten nach, Ma⸗ dame, ſollte ich alſo den Brautſchmuck nur anle⸗ gen, um alsbald darauf in fürſtlichem Trauer⸗ pompe der Leiche des Gemahls zu folgen?— Davon eben wollen wir uns entreteniren, Comtesse,— ſprach die Frau von Neidſchütz belehrend weiter.— Der Himmel verhüte, daß —— ſich zutrage, wovon die Rede iſt; ſtehet aber nicht unſer Aller Leben in Gottes Hand? Das Leben jedoch iſt lang, und die Jugend vermag nicht den conſiderablen Raum zu ermeſſen, wel⸗ cher vor ihr liegt; hat man aber einige Schritte mehr in ſelbigem gethan, ſo ſtellet die Fatigue ſich ein, und lehret die Länge des Weges beſſer erkennen. So wahr meine Seele lebet, nicht darum hab' ich mich gemüht und geſorgt, um meiner Tochter einen epheméren Glanz zu pro⸗ curiren, deſſen ſie vielleicht entkleidet werde, und herabſinke zum Gegenſtande der Raillerie; und nicht ruhen werde ich,— fügte ſie mit ſteigen⸗ der Stimme hinzu— bis dieſe durchlauchtigen Frauen gedemüthiget ſind, und der Groll und Mißgunſt ihnen reichlich vergolten, von denen mir ſo viele Marques zu geben ihnen beliebt. Nur Ein Weg führet dahin; Klugheit und Be⸗ harrlichkeit aber bringen zum Ziele, und wir wer⸗ den es erreichen, ſo Ihr Raison annehmen wollet.— Statt der Antwort richtete die Gräfinn von Rochlitz einen fragenden Blick auf ihre Mutter, die alſo fortfuhr: Nicht die Einſamkeit der ab⸗ geſetzten Favorite denke ich Euch zu, mon en⸗ lant, noch den kurfürſtlichen Wittwenſitz, ſolcher — 183— iſt gut genug für die däniſche Sophia; Euch aber beſtimme ich ein beſſeres Sort. Wenn nun,— ſetzte ſie mit einigem Zaudern hinzu— wenn nun geſchähe, was wir nicht wünſchen wollen, worein man ſich jedennoch mit Reſignation fügen müſſte, dann wäre es wohlgethan, die Augen anderweit hinzurichten. Sie würden auf einen Prinzen fallen, der in keinem Stücke dem erſt⸗ gebornen Bruder nachſteht, ja ſogar in vieler Leute Opinion demſelben zu präferiren iſt an leib⸗ lichen und geiſtigen Qualitäten. Solchem Prin⸗ zen würde nun die Maitreſſe des verſtorbenen Herrn indifferent ſein müſſen oder gar ein Stein des Anſtoßes nach Staatsraiſon; die kurfürſtliche Wittwe aber dürfte nicht allein jegliche Egards von ſelbigem erwarten, ſondern auch die Hoff⸗ nung faſſen, daß, wenn der Himmel es will, der durchlauchtige Glanz ihr verbleibe ihr Leben lang, und ſie ihn vielleicht übertrage auf eine zahlreiche Nachkommenſchaft. Comprenez vous, ma chèré!— Bis hierher hatte Katharina von Neidſchütz der Rede ihrer Mutter zwar mit wachſender Befrem⸗ dung zugehört, doch ohne ſie zu unterbrechen, jetzt aber erhob ſie ſich raſch von ihrem Seſſel, — 184— und ſprach beinahe mit Heftigkeit: Ich verſtehe Euch nicht, Madame, und will Euch nicht verſtehen. Ihr habt an mir gethan, was eine Mutter nicht thun ſollte; Eure Hand, nach dem Gebote der Natur beſtimmt, mich auf dem Wege des Rechtes und der Sitte zu leiten, hat mich abſeit geführet von demſelben; doch will ich Euch nicht anklagen, ich nicht, denn mein thö⸗ richt ſchwaches Herz war Euer Verbündeter, es nahm nicht allein Theil an dem Vergehen, es fand ſogar in ihm ſelbſt Troſt und Erſatz für Kummer und Anklage des Bewußtſeins. Hier aber wendet es ſich ab, und ich überſchaue den Weg, auf dem Ihr, meine Mutter, o, daß ich es ſagen muß, mich fortzureißen gedenket. Ihr ſtellet mich,— fuhr ſie fort, wechſelsweis von Wehmuth zum Unwillen übergehend— Ihr ſiellet mich unbarmherzig an das Grab des Ge⸗ liebten, an die offene Gruft, die, ſchlöſſe ſie ſich einſt, meine ganze Lebensfreude verſchlingen würde. über ſie hinaus ſoll ich die Hand aus⸗ ſtrecken nach einem Andern, kaltblütig überle⸗ gend, was mir nützen würde, wenn geſchähe, was ich nicht zu denken vermag. Dann erſt, dann würde mir der Name gebühren, mit dem die Welt mich benennet, dann erſt verdiente ich den Tadel, der meine Seele niederdrückt. Und nach wem ſoll ich dieſe Hand ausſtrecken? Nach dem, welcher mich mit Schmach und Verachtung über⸗ häuft; ihm ſoll ich mich aufdringen, dem ich ein Dorn im Auge bin, dem Haſſer, vor welchem mein innerſtes Herz ſich bebend zuſammen zieht? O wahrlich, Mutter, nicht allein verwerflich iſt ſolcher Entwurf, ſondern auch thöricht!— Man weiß ja wohl,— unterbrach die Ma⸗ trone ſie mit Hohn— daß die Frau Gräfinn zu Rochlitz mit einer fürtrefflichen Empfindelei begabt iſt, obgleich zu verwundern ſtehet, daß ſie ſo viel Répugnance bezeugt bei dem allerbeſten Remède gegen das, was, wie ſie ſagt, ihre Delicateſſe ſo ungemein afficiret. Jedennoch iſt billig zu admiriren, wie eine junge Perſon ſo geradezu thöricht nennen mag, was die engen Gränzen ihrer Intelligence überſchreitet. Es ſcheinet, als hielte dieſelbe, trotz ihrer Lamen— tationen, den Titel einer Favorite höher, als den einer Kurfürſtinn und regierenden Frau. Sol⸗ cher Opinion bin ich aber nicht, und dieſelbe wird bald ſehen, daß Manches gar nicht ſo un⸗ möglich iſt, als ſie ſich imaginiret.— — 186— Die Gräfinn entgegnete beſtimmt: Ich werde es nicht ſehen; denn nimmer mag ich Theil haben an einem Beginnen, welches ich verwerfe.— Emportire Sie ſich nicht, Frau Tochter,— verſetzte die Dame mit trockenem Spott— kommt Zeit, kommt Rath. Für jetzund trage man nur Sorge, ſich en gala anzukleiden, und vergeſſe gleichermaßen ein wenig Rouge nicht; denn es giebt Manche, welche dergleichen Schmerzensan⸗ geſichter nicht allzuwohl leiden, und Andere, welche es höchlich amüſiren würde, Madame la Comtesse de Rochlitz als büßende Madeleine figuriren zu ſehen, wozu übrigens ſpäterhin noch immer gelegene Zeit iſt.— Der Hof verſammelte ſich allmählich in den Gemächern Annens Sophiens von Dänemack, der Wittwe Kurfürſt Johann Georgs UII. Von dem Arm⸗ und Kronleuchter, ziemlich auf die Dauer aus Silber und vergoldetem Kupfer gear⸗ beitet, warfen ſtarke, gelbe Wachskerzen ihr Licht auf die Wände der Säle, bekleidet mit Tapeten von Hautelisse und gemalter Leinwand; auch glitt es in einigen Zimmern beinahe machtlos über die dunkle Oberfläche eichenen und cedernen Getäfels. Der Art, wie die Behauſung der Frau Mutter ausgeſchmückt war, gebrach es wohl nicht an fürſtlichem Anſtand, doch weit entfernt, jenen Gemächern am Taſchenberge in geſchmack⸗ voller Zierlichkeit gleich zu kommen, trug ſie viel⸗ mehr das Gepräge der Einfachheit und des Ern⸗ ſtes. Das Geräth, noch von Johann Georg I. ſtammend, hatte zur Zeit des 30 jährigen Krieges bereits in Gebrauch geſtanden; die gewirkten Tape⸗ ten zeigten keine tanzenden Schäfer und badende Nymphen, ſondern nur hier und da einen Jä⸗ gersmann, der im mäßigen Galopp eines wohl⸗ genährten Pferdes einen gemachſam einhertraben⸗ den Hirſch verfolgte; die gemalte Leinwand prangte mit dem verhängnißvollen Gaſtmahle des Königs Belſazer und der Hochzeit zu Cana; die Schil⸗ dereien ſtellten Kurfürſten und Prinzen von Sachſen dar, in polirtem Harniſch, und mit dem Vorrücken des Zeitalters wachſendem Haarſchmuck, und neben ihnen Kurfürſtinnen und Prinzeſſinnen in Hermelinmantel und ſtoffener Robe. Das Ganze war demnach nicht geeignet, einen ſehr erheiternden Eindruck zu machen; doch ruhete das Auge nicht ohne Vergnügen, ſelbſt nicht ohne Verwunderung auf den Schenktiſchen, bepflanzt mit einer Anzahl von Gefäßen von Gold, Sil⸗ ber, Agat und Jaspis, beſtimmt, die Erfri⸗ ſchungen aufzunehmen, die nach dem Brauch damaliger Zeit aus Sorbeis beſtanden, aus ge⸗ würztem Weine, aus Chocolade und ſogar aus dem kürzlich eingeführten Kaffee. Schon wogte eine zahlreiche Menge in den fürſtlichen Kammern, die Damen in Gallaklei⸗ dern von allen Farben und hochaufgethürmtem Kopfputze, die Männer in rothem Hofrocke mit preiter Goldſtickerei, oder in den weißen, blauen und grünen Uniformen des ſächſiſchen Kriegshee⸗ res, unter welchen ſich hin und wieder die ſchwarze Amtstracht des Oberhofpredigers und ſeiner Ge⸗ hülfen ſehen ließ; doch war der größte Theil der regierenden Familie, oder wie man in Sachſen ſpricht, der Herrſchaft, noch nicht anweſend. Die Kurfürſtinn Eleonore feſſelte eine wirk⸗ liche oder vorgegebene Krankheit an ihr Schlaf⸗ zimmer; ihre Schwiegermutter leiſtete ihr Ge⸗ ſellſchaft, vielleicht um ihr neben leiblicher Arz⸗ nei mitunter dies und jenes etwas kauſtiſche Haus⸗ mittel anderer Gattung beizubringen. Der Kur⸗ fürſt war gewohnt, mit der Gräfinn von Roch⸗ — 189— litz beinahe zugleich zu erſcheinen, und dieſe be⸗ fand ſich noch unter den Händen ihrer Frauen. So war von den höchſten Perſonen denn Prinz Friedrich Auguſt allein gegenwärtig. Eben hatte ihm der erſte und älteſte ſeiner Vertrau⸗ ten, der Obriſtwachtmeiſter von Flemming, den ihm verſchwägerten Landkämmerer von Kulm vor⸗ geſtellt, und der ſächſiſche Fürſt unterhielt ſich mit der gewohnten Leutſeligkeit und nicht gerin⸗ ger Theilnahme mit dem wohlgebildeten und welt⸗ kundigen Polen. Sei der Herr von der Satisfuction über⸗ zeugt,— ſprach Friedrich Auguſt— mit welcher ich Denſelben an dieſem Hofe gewahre, wie Jeg⸗ lichen von Dero Nation, für die ich eine ganz abſonderliche Confideration von meinem Herrn Vater hochſelig ererbt.—, Gnädigſter Herr,— erwiederte Johannes Przebendowski in einem Deutſch, das nicht al⸗ lein durch eine etwas fremdartige Betonung, ſon⸗ dern auch durch größere Reinheit verrieth, er habe dieſe Sprache nicht durch den Gebrauch, ſondern nach Regeln erlernt— Eurer Durch⸗ lauchtigkeit Huld erfreut mich um ſo mehr, da ich gegenſeitig mit vielen Landsleuten die beſon⸗ 6 — 190— dere Achtung für Höchſtdero hohes Haus und Deſſelben Unterthanen theile, wie es denn na⸗ türlich iſt und gebührlich unter ehemaligen Waf⸗ fengenoſſen. Auch bin ich nicht alleinig anhero gekommen, um die Zier und Herrlichkeit des Sachſenlandes zu bewundern, ſondern auch, daß ich gelegentlich manchen wackern Kriegskamera⸗ den begrüßte.— Der Herr war demnach bei dem Entſatze von Wien?— fragte der Prinz mit Lebhaftigkeit.— So iſt es,— verſetzte der polniſche Edel⸗ mann beſcheiden— und eben dort hat der höchſt⸗ ſelige Kurfürſt mir eine Pflicht der Dankbarkeit auferlegt, welcher ich mich nimmer zu entledi⸗ gen vermag.— Mein Herr Vater? Wie ſo?— erkundigte ſich Friedrich Auguſt mit ſteigendem Wohlgefal⸗ len;— habe der Herr die Gewogenheit, mir ſol⸗ ches zu erzählen. Ich höre gern von Waffen⸗ thaten, und am höchſten unter denſelben halte ich die Schlacht bei Wien, welche ſo glorreich war und der Chriſtenheit erſprießlich.— Ich war,— begann Johannes Przeben⸗ dowski mit der Nachläſſigkeit eines Weltmannes, der von ſich ſelbſt ſpricht— ich war ſehr jung — 191— noch, und trug das Panner der Wojewodſchaft, die mich jetzt zu ihrem Kämmerer erwählt hat. Der König befahl, als die Schlacht beinah geen⸗ det war, einigen Haufen leichter Reiterei, dem fliehenden Feinde nachzuſetzen, und der, bei wel⸗ chem ich mich befand, war auch unter ihnen. Wohl hat da noch mancher Spahi den Sattel ſeines Pferdes mit dem Erdboden vertauſcht; doch war der Erfolg nicht ſonderlich, denn die Muſel⸗ männer haben ſchnelle Gäule; auch waren unſe⸗ re leichten Reiter in der Hitze der Verfolgung ein wenig aus einander gerathen, und es ſtand zu befürchten, daß, wenn der paniſche Schrecken wich von dem Feinde, er uns ſchlimmes Spiel machen könne. Da gebot der Kaſtellan, der uns befehligte, durch ein Signal mit der Trompete, abzulaſſen vom Nachſetzen, und ein anderes deu⸗ tete uns an, wir ſollten uns truppweiſe, wie wir gerade beiſammen waren, zurückziehen auf den ſchmalen Wegen des brüchigen Terrains. Alſo ſammelte ich etwa 40 Towarzysz, denn alſo nennet man die Edelleute vom Aufgebote zu Pferde, und wir ritten dem Schlachtfelde zu. Da war nun wohl die Victorie bereits errungen; aber plötzlich, als wir ſo am Ufer hintrabten, ſchallte es ſeitwärts, recht wie mitten aus der Donau herauf, gleich Waffengeklirr und ein lau⸗ tes Kriegsgeſchrei in deutſcher und osmaniſcher Sprache, untermiſcht mit Angſtruf und Weh⸗ klage. Als ich nun hinſchaue, gewahre ich ei⸗ nen vornehmen General, der mit nicht allzuvie⸗ len Leuten eine Schaar Türken angegriffen, wel⸗ che eben beſchäftigt geweſen, in der Raſerei ihrer Wuth und Verzweiflung die Chriſtenſclaven ab⸗ zuwürgen, die man beim Anbeginne der Schlacht hier zuſammen getrieben. Es war dieſer Gene⸗ ral Eurer Durchlauchtigkeit glorwürdiger Herr Vater; er war in die Donau geſetzt, des eige⸗ nen Lebens nicht achtend für die Rettung be⸗ drängter Glaubensgenoſſen, und ſolche That der Menſchlichkeit mochte fürwahr nicht das ſchlechteſte Blatt ſein im Siegeskranze jenes ruhmvollen Tages.— Weiter,— ſprach Herzog Auguſt mit Em⸗ pfindung— weiter, mein ehrenfeſter Herr, wenn ich bitten darf.— Der Pole fuhr in dem nämlichen anſpruch⸗ loſen Tone fort: Die deutſchen Kuiraſſiere wa⸗ ren ſchwer bewaffnet, und nicht alle hatten ver⸗ mocht, dem heldenmüthigen Herrn durch den — 193— reißenden Donauſtrom zu folgen; ſo kam es denn, daß er wohl Leute genug bei ſich hatte, dem Tür⸗ kenvolke ſattſam zu thun zu geben, doch nicht hinlänglich, daß er ſtraks den Sieg davon trage. Allſo wendete ich mich denn gegen meine Towar- zysz, und fragte ſie: Wollen wir, Herren und Brüder?— und da ſie Ja ſagten, rief ich: In Gottes Namen denn drauf und dran!— und ſetzte in den Fluß, und ſie mir nach. Auch kamen wir, leicht beritten und gerüſtet, wie wir waren, glücklich hinüber. Da war denn die Sache bald abgethan; und während die Gerette⸗ ten nächſt Gott ihrem durchlauchtigen Befreier dankten, ſprach Höchſtderſelbe zu mir lateiniſch: Wie iſt Dein Name, junger Edelmann?— und als ich ihn berichtet, ſprach er weiter: Ma⸗ che denn, Herr Prebendovius, daß Du fortkom⸗ meſt zu Deinen Landsleuten und an Deine Stelle; denn König Johannes tertius, unſer Generalis- simus, hält auf Ordnung und hat eben die Trom⸗ pete blaſen laſſen zum Sammeln. Morgen aber, nach dem Gottesdienſte, wenn der Dienſt Dei⸗ nes Herrn es erlaubt, finde Dich ein in den ſäch⸗ ſiſchen Quartieren, und frage nach meinem Zelte.— Das konnte am andern Morgen nicht geſche⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. I. Bd. 13 — 194— hen; denn unſer Fähnlein geleitete den König und den Herzog zu Lothringen gen Wien in die Meſſe; gleich darauf begab ſich aber ſeine kur⸗ fürſtliche Durchlauchtigkeit eben dahin, um den rück⸗ gekehrten Kaiſer zu empfangen und in die St. Stephanus⸗Kirche zu geleiten, woſelbſt Höchſt⸗ derſelbe, obgleich ein lutheriſcher Herr, mit ſei⸗ ner apoſtoliſchen Majeſtät und dem Kurfürſten von Baiern dem ambroſianiſchen Lobgeſange bei⸗ wohnte. Es war ſchon Abend darüber geworden, und ich glaubte nicht mehr vorgelaſſen zu werden; als ich aber an die ſächſiſche Lagerwache kam, ward ich unverzüglich zum Belte des Kurfürſten geführet. Ich fand daſelbſt noch einen andern General, den man mir ſpäterhin als den Herzog zu Sachſen-Lauenburg nannte. Beide Herren brachen, als ich eintrat, ein lebhaftes Geſpräch ab, und ſchienen ein wenig mißmüthig.— Ver⸗ zeihe der gnädigſte Herr,— fügte der polniſche Edelmann mit mehrerer Zurückhaltung hinzu— wenn die Erinnerung an einen für mich ſehr denk⸗ würdigen Tag mich weitſchweifiger werden läßt, als die Ehrerbietung es vielleicht erlaubt.— Schon gut, ſchon gut,— antwortete der — 195— Prinz— beliebe der Herr Landkämmerer nur fortzufahren; ich weiß ſehr gut, wovon die Rede war unter den Beiden, und Derſelbe hat ganz recht geſehen.— Demohngeachtet,— fuhr Przebendowski fort— richtete der hochſelige Herr mit vieler Huld das Wort an mich, und zwar dieſes Mal in deutſcher Mundart.— Eure Durchlauchtig⸗ keit wolle verzeihen, wenn ich die allzugnädigen Ausdrücke verſchweige, die unverdient an mich gerichtet wurden;— zuletzt aber ſprach Kur⸗ fürſt Johann Georg, einen bedeutenden Blick auf den Herzog richtend, der ihn mit einer Ge⸗ berde des Einverſtändniſſes erwiederte: Es ge⸗ mahnet mich, als ſei es heut' zu Tage mehr Sitte, geleiſtete Dienſte zu bekritteln und zu verkleinern, als daß man ſelbigen Gerechtigkeit wiederfahren laſſe. Das iſt aber nicht Sitte bei uns, und ich halte es anders nach Vermögen. Nehme, ſagten Höchſtdieſelben darauf zu mir gewendet, nehme der Herr Prebentau dieſes als ein Angedenken an den geſtrigen glorreichen Tag, an Seinen Waffengefährten bei wackerer That und einen wohlaffectionirten Fürſten. Und da⸗ mit überreichte der gnädigſte Herr mir, was ich — 196— ſeit der Zeit nicht auf einen Moment abgelegt habe.— Der polniſche Edelmann begegnete dem fra⸗ genden Auge des Prinzen; er wandte ſich ein wenig abſeit, öffnete ſein volksthümliches Unter⸗ gewand„Jupan“ über der Bruſt, und reichte ein an goldner Kette befeſtigtes kleines Gemälde dem Herzog Friedrich Auguſt dar, welcher einige Zeit mit ernſtem Wohlgefallen die Züge des Vaters betrachtete. Dann gab der Prinz das Bild dem Beſitzer auf verbindliche Weiſe zurück, und ſagte eben ſo zum Herrn von Flemming: Ich bin es längſt gewohnt, mich von dem Herrn Oberſt⸗ wachtmeiſter alles möglichen Contentements zu gewärtigen, jedoch bin ich Dero ganz insbeſon⸗ dere obligiret, daß Er mir die Bekanntſchaft ei⸗ nes ſo wackern Kavaliers procuriren wollen.— Noch mehr,— entgegnete der kriegeriſche Höf⸗ ling— darf ich mich der Reconnoissance mei⸗ nes Herrn Schwagers getröſten, daß er durch mich alsbald die wahre Zier und eigentliche Hoff⸗ nung des Sachſenlandes admiriren gekonnt.— St!— unterbrach ihn der Prinz, den Fin⸗ ger ein wenig erhebend, und deutete auf die Um⸗ — 17— ſtehenden.— Ich preiſe Kurſachſen glücklich ob ſolcher Hoffnung— beſtätigte derLandkämmerer.— Euch ſelbſt könnet ihr Herren Polen glück⸗ lich preiſen,— verſetzte der Prinz mit gefälli⸗ gem Anſtande— euer König iſt der Held der Chriſtenheit, und eure Hoffnung blüht in ſeinen dreien Söhnen.— Ich müßte kein Pole ſein,— erwiederte der fremde Edelmann— wenn ich nicht ſtolz wäre auf den Ruhm Johannes MI.; nicht immer aber,— ſetzte er achſelzuckend und mit Kälte hinzu— gleicht das Reis dem Stamme.— Herzog Friedrich Auguſt ſah ihn befremdet an, doch bedeutete ihn ſein Gefühl, es ſei nicht thunlich, dieſer Außerung hier nachzuforſchen, und er begann ablenkend: Werthgeſchätzter Herr Prebentau ¹),— denn Derſelbe laſſe ſich gefallen, daß ich Ihn ſo nenne, wie mein Vater Ihn ge⸗ nannt, und welches gleichergeſtalt mir minder *) Wirklich nannte der nachmalige König von Polen ſel⸗ nen nachmaligen Kronſcheppmeiſter gewöhnlich Pre⸗ bentau, und mit ihm that es der ganze ſächſiſche Hof. Was Przebendowöki und Flemming anbelangt, ſiehe des Verfaſſers Polen im 17ten Jahrhundert. — 198— diflicile gefället— es hat mich ungemein gefreut, in Dero einen Kriegescompagnon des Kurfürſten hochſelig zu ſehen. Wer weiß, was geſchiehet; noch rührt ſich der türkiſche Erbfeind, und wenn es ſich treffen ſollte, daß wir uns einmal aufdem Schlachtfelde rencontrirten, ſo würde der Herr, wie in Johann Georg dem Dritten, auch in Friedrich Auguſt von Sachſen einen guten Ka⸗ meraden finden und wohlgeneigten Prinzen.— Möchte es doch geſchehen— verſetzte der Käm⸗ merer von Kulm mit tiefer Verneigung;— denn wenn nicht immer, doch oft trifft das Sprich⸗ wort ein: Heroum filii noxae.(Gefährlich ſind die Söhne der Helden.)— Der Prinz war kein außerordentlicher Latei⸗ ner; er begnügte ſich alſo, dieſe alterthümliche Schmeichelrede mit einem verbindlichen Lächeln zu erwiedern, und ſagte dann: Genug jetzt von kriegeriſchen Dingen; auch der Friede hat ſeine Vortheile, und ein ächter Militair refüſiret ſol— che nicht. Am allermeiſten aber verſchönert ihn das reizende Geſchlecht. Man ſagt, die polni⸗ ſchen Dames ſeien ungemein liebenswürdig; ich meine dannenhero einen Connoisseur vor mir zu ſehen, deſſen Urtheil ich wohl vernehmen möchte, — 199— was die unſeigen anbelangt. Zwar— hier warf er die Augen im Saale umher— zwar iſt noch nicht Vieles anweſend, das den Apfel des Paris meritirte.— Im nämlichen Augenblicke erhielt die Ver⸗ ſammlung einen Zuwachs, welcher auch in dieſer Hinſicht bedeutend war; denn in die Flügelthür, die zu dem Innern der Gemächer führte, trat die kurfürſtliche Wittwe mit den Damen ihres Gefolges und vielen Andern zum Hofſtaat ge⸗ hörig; auf der andern aber erſchien der Kurfürſt an der Seite der Gräfinn von Rochlit, begleitet durch eine große Anzahl von Herren des Hofes, der höhern Behörden und der Armee, von keiner Frau hingegen, ihre Mutter ausgenommen. Wollte nun der Herr Prebentau— flüſterte Friedrich Auguſt dieſem zu— mir decouvriren, welcher von dieſen Divinitäten, Seiner Meinung nach, der Preis der Schönheit gebühret?— Geleitet durch die Richtung, welche die Blicke des Prinzen nahmen, und vielleicht noch mehr durch eine vorhergehende Andeutung ſeines Schwa⸗ gers, verſetzte der ſarmatiſche Hofmann: Wie mag auch das Auge des Sterblichen nicht geblen⸗ det werden, wenn der Glanz des ganzen Olymps es — 200— erfüllt? Geruhe Eure Durchlauchtigkeit zu ge⸗ ſtatten, daß ich mich ein wenig daran gewöhne, damit ich nicht eines vorſchnellen Urtheils ſchul⸗ dig werde. So viel— ſetzte er hinzu, nach⸗ dem er die Damen ſcheinbar mit Aufmerkſamkeit betrachtet hatte,— ſo viel A mich auch hier umringt, ſo würde ich doch, wäre ich der trojaniſche Schäferprinz, keiner Andern, als— hier deutete er auf das Fräulein von Keſſel— als der heitern, blühenden, freundlichen Göttinn der Jugend, den goldenen Apfel ertheilen.— Es war ein zufriedenes, beinah dankbares Lächeln, das dieſe Rede beantwortete, und mit welchem der Prinz den Polen entließ; denn eben nahete ihm, gleichſam verſtohlen, Vizthum, der verſpätete Kammerpage, aus den hinterſten Rei⸗ hen hervortretend, in welche ihn zur 8ei noch ſeine Stelle verbannte. um die Wahrheit zu geſtehen, rechtfertigte das Fräulein von Keſſel im gegenwärtigen Au⸗ genblick nicht beſonders den Vorzug, welchen Jo⸗ hannes Przebendowski ihm ertheilt hatte, und die Benennung, die er ihm beilegte; die junge Dame ſah nichts weniger als heiter aus, ſon⸗ dern vielmehr höchſt unmuthig; das dunkle Roth, — 201— in dem ihre Wangen brannten, glich eher der Farbe des Zornes, als dem Purpur der Jugend und des Frohſinns, und die Blicke, die ſie aus ſichtlich verweinten Augen nach der gegenüberſte⸗ henden Seite des Gemachs warf, waren keines⸗ weges freundlich. überhaupt ſchienen die eben Eingetretenen nicht in der beſten Stimmung; am deutlichſten ſtellte ſich dies jedoch bei der Kur⸗ fürſtinn Mutter dar. Anna Sophia ſtand, obſchon die ältere Frau, von Neidſchütz ſie die alte Dänemarkerinn nannte, noch in den Vierziger Jahren, und ihr Außeres deutete kaum dieſe an, wiewohl ſie niemals ſchön geweſen. Sie war von mittlerer Größe und wohl⸗ beleibt; ihr Antlitz war ohne Falten, doch dar⸗ um nicht gerade einnehmend; denn die glatten, harten Züge trugen das Gepräge eines unbeug⸗ ſamen Sinnes, vermiſcht mit dem hochfürſtlichen Stolze damaliger Zeit und religiöſer überſpan⸗ nung. Dieſe überſpannung äußerte ſich jedoch nicht in ſchwärmeriſchem Sinnen, noch in leben— diger Aufregung, ſondern in der Schärfe, wel⸗ che eifrigen Proteſtantinnen oftmals bei vorrücken⸗ dem Alter eigen zu werden pflegt, und insbe⸗ ſondere einer Fürſtinn eigen war, welche ſpäter — 202— Worte der Verwünſchung über ihren Sohn aus⸗ ſprach, als derſelbe, um den polniſchen Thron zu gewinnen, ſich zum römiſchen Glauben be⸗ kannte, und die lange unerbittlich bei dem Ent⸗ ſchluſſe beharrte, ihn nicht wieder zu ſehen. Sie war in Trauer gekleidet, eine Tracht, welche fürſtliche Wittwen zu jener Zeit beizubehalten pflegten; ihr Anzug, einfach wie die Ausſchmük⸗ kung ihrer Gemächer, war eine Robe von ſchwar⸗ zem Gros de tours, und von eben dieſer Farbe waren die Blonden ihrer Mantille und des klei⸗ nen, mit einer ſogenannten Stirnſchnibbe verſe⸗ henen Häubleins. Sie wendete ſich beim Hereintreten gegen das Fräulein von Keſſel, einige leiſe, und wie es ſchien, heftige Worte zu ihr ſprechend; als ſie aber der zweiten eingetretenen Gruppe gegen⸗ über ſtand, gewann ihr Anſehn eine Art ſpröder Würde, und ſie verneigte ſich tief und förm⸗ lich gegen den Sohn und Landesherrn. Der Kur⸗ fürſt erwiederte dies eben ſo abgemeſſen; als er aber gewahrte, wie ſeine Mutter, die Vernei⸗ gungen ſeiner beiden Begleiterinnen nicht ach⸗ tend, ſich mit auffallender Geberde und herbem Lächeln abwendete, da verdunkelte ſich ſeine Stirn. — 203— Die Etikette gebot ihm indeß, die Frau Mutter zu ihrem Sitze zu führen, und Johann Georg nahete ſich ihr, um dieſer Pflicht zu genügen; die fürſtliche Matrone aber verweigerte dies mit einer zweiten, eben ſo tiefen, aber kürzern Ver⸗ beugung und einer kleinen Bewegung ihrer Hand, als verſchmähe ſie die, welche eben der Gräfinn von Rochlitz dieſelbe Ehre erwieſen. Ver⸗ legen und entrüſtet trat er zurück; wie er aber auf den Geſichtern der Umſtehenden dem zwei⸗ deutigen Ausdrucke höfiſcher Betroffenheit begeg⸗ nete, auf den Wangen der Neidſchütz der Röthe des Zornes und ſchmerzlicher Empfindung in den Zügen ihrer Tochter, da beſchloß er auszu⸗ führen, weshalb er wahrſcheinlich heute in dieſer Begleitung erſchienen war, nämlich zu zeigen, daß er Gebieter im Hauſe ſei und im Lande, und dem Hofe kund zu thun, was er künftig verlange. Auf einen Wink von ihm flogen zehn Hofjunker herbei und zehn Pagen; auf einen zweiten rückten die Letztern zween Lehnſeſſel her⸗ bei für die Damen von Neidſchütz, und er ſelbſt ſtellte ſich in ihrer Nachbarſchaft an einen Spie⸗ gelpfeiler, um welchen ſich bald die höheren Staats⸗ und Kriegsbeamten verſammelten, und die fremden — 204— Geſandten, die von Dänemark und Branden⸗ burg ausgenommen, welche bei dem Seſſel der kurfürſtlichen Wittwe verweilten. So ſaßen die beiden Partheien einander ge⸗ genüber, gleich zweien Heeren, die ein verſchanz⸗ tes Lager bezogen haben, und ihre drohende Stel⸗ lung und feindſeliges Schweigen ließen eben kei⸗ nen beſonders ergötzlichen Abend erwarten. Es fehlte jedoch nicht an überläufern, zumal von der Seite Frau Annens Sophiens; mehrere Da⸗ men, die nicht unmittelbar zu ihrem oder der regierenden Kurfürſtinn Hofſtaat gehörten, vor⸗ nehmlich aber die Ehehälften der in Staats⸗, Hof⸗ oder Kriegsämtern Stehenden, gaben Acht auf die unzufriedene, gebieteriſche Miene des gnädig⸗ ſten Herrn, auf die beſorgten, bittenden Winke ihrer Gatten, und naheten ſich Paarweiſe, zö⸗ gernd und widerwillig den Damen von Neidſchütz, einige förmliche Worte zu ſagen, die von der Mutter mit äußerlicher ſtolzer Gleichgültigkeit und mit innerlichem Genuß ihres Triumphs er⸗ wiedert wurden, von der Tochter aber mit der Befangenheit der Scham und Betrübniß. Wo bleibt der Herr ſo lange?— raunte Prinz Auguſt dem ſich nahenden Kammerpagen zu— — 205— Weiß Er nicht, daß ich Ihn erwartet?— Spät komme ich, gnädigſter Herr,— gegenflüſterte Vizthum— doch nicht leer, ſo chargiret viel⸗ mehr, daß ich mich deſſelbigen nicht entledigen mag, als in Eurer Durchlauchtigkeit Kloſet. Für jetzt aber können Höchſtdieſelben Eines und das Andere durch eine Dame erfahren, welche, wie es ſcheinet, vor Begierde der Mittheilung bren⸗ net.— Wirklich ging in dieſem Augenblicke ſchon zum zweiten Male eine Frau vorüber, nicht mehr in der Blüthe der Jahre, aber mit leb⸗ haften Augen und klugem Geſicht; ſie verneigte ſich, als Herzog Friedrich Auguſt ſie gewahr ward, auf gebräuchliche Weiſe vor ihm; er aber trat zu ihr und redete ſie an: Wie geht es, Ma⸗ dame von Frieſe? Ich verhoffe, Dero ſind wohl⸗ auf an Leib und Gemüth?— Was das Erſte anbelangt,— entgegnete die Gemahlinn des churſächſiſchen Kanzlers— ſo danke ich Eurer Durchlauchtigkeit bejahend für huldreiche Nachfrage, nicht alſo genügend mag ich jedoch Höchſtdero in Betreff des Zweiten be⸗ ſcheiden, dieweil ich mich juſtement von einigen Dẽplaisir afficiret befinde. Alſo gewahre ich mit Bedauern,— ent⸗ — 206— gegnete Auguſt— und nicht ohne Verwunde⸗ rung, ſintemal die Frau von Frieſe mir bekannt iſt als eine Dame von nicht geringer Einſicht und Reſolution. Weßmaßen ich denn glauben muß, es ſei kein geringfügiger Umſtand, der ſolche Alteration hervorgebracht; alſo möchte ich Dero bitten, mir denſelbigen zu communiciren, überzeugt wie Sie iſt von der diſtinguirten Pstime, welche ich nicht nur für Ihre eigene Perſon hege, ſondern gleichermaßen für den Herrn Kanzler und Dero ſämmtlichen Angehörigen.— Die Dame erwiederte in gezogenem Tone: Allerdings iſt ſolche Höchſte Gnade und Protec⸗ tion ganz beſonders ſchätzbar für Monsieur von Frieſe; ſollte dieſelbe ſich jedennoch allzu ſehr auf unſere Angehörigen extendiren, ſo würde zu er⸗ wägen ſein, ob dies nicht zum Präjudiz berühr⸗ ter Perſonen gereiche.— Ich verſtehe Dero nicht, Madame,— ver⸗ ſetzte der Prinz empfindlich.— Und doch, gnädigſter Herr,— fuhr die Kanz⸗ lerinn mit mehrem Nachdruck fort— doch hat eine Gabe, welche zweifelsohne nur Höchſtdero Munificenz zuzuſchreiben, einer Demoiſelle ade⸗ licher Herkunft, welche von ihrer Familie meiner — 207— Protection übergeben, nicht nur eine große In⸗ sulte zugezogen, ſondern ſteht auch in Begriff, derſelben Reputation zu gefährden.— Und wer,— fragte Friedrich Auguſt in ei⸗ niger Verwirrung— wer hat gewagt, das Fräu⸗ lein von Keſſel zu beleidigen, einer unſchuldigen Attention wegen, welche doch wohl nichts Be⸗ ſonderes an ſich hat, vom Bruder des regierenden Herrn einer Hofdame erwieſen?— Wer anders,— berichtete ihn die Kanzlerinn mit großer Geläufigkeit und ſchneidendem Tone— Wer anders, als die Dame, welche hier Regen und ſchön Wetter macht, die den Splitter des Nächſten ſcharf cenſiret, trotz des eigenen gewal⸗ tigen Balkens, deren Hochmuth und Arroganz mit jedem Tage ſteiget, welche, allem Hofrang und Recht und Gerechtigkeit zuwider, nicht nur den Frauen der Generale vorangeht, ſondern ſo⸗ gar denen der Conferenz-Miniſter und wirklichen Geheimeräthe, wer ſollte es anders ſein, als Ihro Excellenz, die Frau Gräfinn von Neid⸗ ſchütz?— Wirklich?— verſetzte Herzog Auguſt ent⸗ rüſtet.— So gebührt ſich denn, daß man ſo⸗ thaner Excellenz eine kleine Lection ertheile über 1 — 208— das, was ihr gegen einen Prinzen vom Hauſe obliegt.— Gemach,— bedeutete ihn die Dame— gemach, gnädigſter Herr, es will ſich zwar zie⸗ men, daß Ihro Durchlauchtigkeit Parthei nehme für die arme Demoiſelle, welche gewiſſermaßen victime von Höchſtdero Générosité geworden, nur möchte eine allzulebhafte Petension das übel är⸗ ger machen, und einer Reputation ſchaden, für welche als Verwandte und Protectrice mir Sorge zu tragen gebühret.— Beruhige ſich Madame von Frieſe,— fiel der Prinz ungeduldig ein— und ſei überzeugt, daß ich wiſſen werde, dem Fräulein und mir Sa- tisfaction zu verſchaffen.— Ohne weiter auf die Ermahnungen zu ach⸗ ten, welche die Kanzlerinn noch hinzuzufügen für gut fand, verbeugte er ſich gegen ſie und nä⸗ herte ſich der Stelle, zu welcher ihn ſein Herz hinzog, der Seite des Saales nämlich, wo ſeine Mutter, umringt von ihrem Hofſtaate, ſich be⸗ fand. Sein Weg führte ihn an der Gruppe vorüber, die ſich um Johann Georg W. ver⸗ ſammelt hatte. Seit jenem Ritte nach dem großen Garten — 209— war einige Kälte zwiſchen den fürſtlichen Brü⸗ dern eingetreten, und ſelbſt bei der heutigen Verſammlung hatte ſich ihre gegenſeitige Begrü⸗ ßung auf eine ſtumme, durch die Sitte herge⸗ brachte Geberde beſchränkt. Als aber nun bei der Annäherung des Prinzen der Kreis der Hof⸗ leute ſich ehrerbietig öffnete, konnte er nicht um⸗ hin, zum Kurfürſten, ihn anredend, zu treten. Zerſtreut beantwortete er darauf einige höchſt gleichgültige Fragen, welche der Bruder ebenfalls mit ſichtlicher Befangenheit an ihn richtete, und endigte das froſtige Geſpräch ſo ſchnell als mög⸗ lich, um dem erſtrebten Ziele näher zu kommen. Um es jedoch zu erreichen, mußte er dicht an den Damen von Neidſchütz vorüber. Sein Anſtand war ſo ſtolz und majeſtätiſch, und der Blick, den er auf ſie warf, ſo finſter, daß Ka⸗ tharina den ihrigen verſchüchtert zu Boden ſenkte, auf der ehernen Stirn der Mutter aber thronte die Siegesfreude, und ſie ſprach im nämlichen Augenblicke zu ihrem ergebenen Diener, dem Grafen zu Beichling, der hinter ihrem Seſſel ſtand: Ich begreife nicht, Monsieur le Comte, was man für ein Weſen von dem Mädchen macht, der Keſſel. Ich wenigſtens kann nichts finden Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 14 —— an dieſen rothen Augen und geſchwollenem Wahrhaftig, höchſt ordinaire, Ihro Excel⸗ lenz,— beſtätigte der Graf— sur ma ſoi, das Air einer Landdirne.— Das letzte Wort kam jedoch nicht zu gänzlicher Vollkommenheit; denn als er es ſprach, gewahrte der Hofrath und Hofmann den Prinzen zu ſeinem nicht geringen Erſchrecken, welches der unwillige und verächt⸗ liche Blick deſſelben bis zum übermaß ſteigerte. Herzog Auguſt war in Begriff, ſeinem Zorne Raum zu geben, und vielleicht in Ausdrücken, welche der Gräfinn von Neidſchütz die Nichtigkeit gewiſſer Entwürfe bündig genug dargethan hät⸗ ten, wenn nicht die Etikette, oftmals eine been⸗ gende, doch auch hier und da heilſame Schranke, einem ſo unzeitigen Ausbruch in den Weg ge⸗ treten wäre. Auch bemerkte er jetzt zum erſten Male die Verſtörung in den Zügen des Fräuleins von Keſſel; eine ſanftere Empfindung trat dem Groll zur Seite, und trieb ihn, zum Tröſter der ſchönen Bekümmerten zu werden.— Ehe er dieſe aber noch erreichte, ſtellte ſich ihm ein neues, ganz unüberſteigliches Hinder⸗ niß entgegen.— — 211— Ein wenig näher— ſprach Anna Sophia, indem ſie die Hand gegen ihren Sohn ausſtreckte— ein wenig näher, wenn es dem Prinzen gefällig iſt.— Als dieſer darauf mit mehr Ehrerbie⸗ tung als Vergnügen Folge leiſtete, ſagte ſie halb⸗ laut zu ihm: Was meinet Derſelbe zu der Rolle, die hie zu ſpielen ich mich gemüßiget ſehe?— Es iſt wahr und wahrhaftig ſehr geziemend für die Kurfürſtinn Mutter von Sachſen, für des Königs von Dänemark Tochter, compromit⸗ tiret zu werden im Angeſichte des geſammten Hofſtaates, und bedenklich gleichgeſtellt mit einer ſolchen—— die fromme Dame unterdrückte einen Ausdruck, welcher wahrſcheinlich an die er⸗ innert haben würde, mit denen Eliſabeth Char⸗ lotte von Orleans ſo freigebig gegen die Frau von Maintenon war; Friedrich Auguſt aber, ſei⸗ nem Unwillen nachgebend, verſetzte: Ich em⸗ pfinde das mit Höchſtdenenſelben, Madame, und Ihro königliche Hoheit thäte wohl, Ihre Digni⸗ tät gegen dieſe alte Friedenſtörerinn zu behaup⸗ ten.— Das denke ich auch,— verſetzte die Frau Mutter— und wenn der Prinz dieſer Meinung iſt, ſo mag Er Zeuge ſein bei einem Geſpräch, das ich mit Seiner Liebden, dem Kurfürſten, zu halten gedenke, und zwar noch heute Abend.— Der Prinz fand nun zwar nicht den aller⸗ mindeſten Geſchmack an Familienſcenen, gleich der, welche ihm jetzt angekündigt wurde; die Frau Mutter aber führte, wie ſchon angedeutet worden, ein ziemlich ſtrenges Hausregiment, wel⸗ chem ſelbſt der Kurfürſt ſich nicht ſelten unter⸗ warf, und dem noch weniger der apanagirte Prinz ſich entziehen konnte. Auch war ſeine Empfindlichkeit gegen Johann Georg durch die Vorfälle des heutigen Tages geſteigert worden, und er gönnte demſelben von Herzen die ſcharfe Geſetzpredigt, welche ihm allem Anſcheine nach bevorſtand; er verneigte ſich alſo ehrfurchtvoll und einwilligend, und ſuchte darauf in ungezwun⸗ gener Weiſe ſich dem Fräulein von Keſſel zu nã⸗ hern. Auch ſchien dieſe ſolcher Näherung nicht ausweichen zu wollen; den eben erſt voll Unmuths verzogenen Mund verſchönte ein ſanftes Lächeln, und milder blickten die kurz zuvor verdüſterten Augen; aber noch hatte der Prinz die anſehnli⸗ che Peripherie der ihm mit Verbeugungen ent⸗ gegen getretenen däniſchen Geſandten nicht um⸗ ſchritten, als das Hoffräulein plötlich entwich. — 213— Ein Blick der Gebieterinn hatte ſie getroffen, einer jener Blicke, welche Annens Sophiens Damen nur allzugut kannten; ein Wink beſchied ſie zum Lehnſeſſel der Fürſtinn, und ein zweiter gebot ihr, die herabgefallenen Handſchuhe derſelben aufzunehmen. Darauf zog die erlauchte Dame dieſelben mit der bedeutenden Umſtändlichkeit an, welche in Hofzirkeln an den nahen Aufbruch mahnt, und gleich darnach verkündete das Rücken ihres Stuhls, die Cour ſei geendet. Aller Wayrſcheinlichkeit nach nicht unzufrieden mit der Abkürzung einer höchſt unerfreulichen Scene, trat der Kurfürſt ſchnell auf ſie zu, und ſchon war er in Begriff nach der abſchiednehmen⸗ den Verneigung ſich in der Begleitung zurückzu⸗ ziehen, in welcher er gekommen, als ſeine Mut⸗ ter ihn zurückhielt: Auf ein Wort, mein Herr,— ſagte ſie in einem Tone, deſſen eigenthümliche Schärfe nur wenig gemildert war.— Wäre es Ihro Durchlaucht und Liebden gefällig, mir die Hand zu bieten bis zu meinen Gemächern, all⸗ wo ich wünſchte mit Demſelben über Hausange⸗ legenheiten zu conferiren.— Mit äußerlicher Nachgiebigkeit und inner⸗ lichem Widerwillen krümmte Johann Georg den in Anſpruch genommenen Arm, nachdem er durch eine unmerkliche Geberde dem Grafen zu Beichling die Begleitung der Damen von Neid⸗ ſchütz anbefohlen, und dieſe ſorgfältig vermeidend, entließ die Kurfürſtinn mit würdevoller Begrü⸗ ßung die tief gebückten Anweſenden. Vor der Thür aber entzog ſie dem älteſten Sohne den Arm, verſagte mit kurzem Wort ihrem Hofſtaat die Nachfolge, zwei fackeltragenden Pagen ausgenom⸗ men, und beide fürſtliche Brüder folgten, jeder mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, keiner jedoch in beſonders angenehmer Laune, der ſtattlich vor— anſchreitenden Frau Mutter. Man war auf dieſe Art zu einem nicht ſehr geräumigen Zimmer gekommen, deſſen Einrich⸗ tung den gewöhnlichen Aufenthalt einer deut⸗ ſchen Fürſtinn des vorletzten Jahrhunderts be⸗ zeichnete. Die Wände waren mit Cedernholz getäfelt, durch die Zeit geſchwärzt, ſpiegelblank jedoch erhalten durch fleißiges und ſorgfältiges Bohnen; nur wenige Verzierungen, die ſtoffe⸗ nen Vorhänge ausgenommen, die in ſteifen Fal⸗ ten ſich die Fenſter entlang ſpreizten, unterbra⸗ chen die einfarbigen Flächen; unter ihnen ein — Bild des verſtorbenen Herrn, von einem welſchen Künſtler zu Wien gemalt, gleich nach dem Ent⸗ ſatze dieſer Stadt, mit Harniſch und Allongen⸗ perücke, und dem Feldherrnſtab in der Hand, die ſich unter dem wogenden Hermelinmantel her⸗ vorſtreckte; die andern Gemälde aber neben dieſer kriegeriſchen Geſtalt waren Darſtellungen von Männern des Friedens. Alle Kirchenlichter der Reformation umgaben Planeten gleich ihre Sonne, Martin Luther, unter deſſen Bilde ein großer, mit ſchwarzem Sammetteppich bekleideter Tiſch ſich befand, der, ſeiner tüchtigen Maſſe ungeach⸗ tet, unter einer gewaltigen Laſt von Bibeln und Hauspoſtillen zu erſeufzen ſchien. Einige Stickrähme und Geſtelle, zur Tapetenarbeit be⸗ ſtimmt, deuteten an, dies ſei der Ort, wo die wirthliche Fürſtinn ihre Damen und Fräulein zur übung ihrer weltlichen Obliegenheiten anhielt, ihr Geiſtiges zugleich mit ſtundenlangen Vorleſungen aus jenen drohenden Folianten labend. Auf ei⸗ nem kleinern Tiſche ſah man neben einer ſilber⸗ nen vergoldeten Taſſe eine Lampe von gleichem Metall, über deren Flamme eine Schale ſchwebte, das gewürzte Warmbier enthaltend, damals noch — 216— der gebräuchliche Nachttrunk vornehmer und Frauen. Anna Sophia bewegte ſich mit gemeſſenen Schritten gegen die Mitte des Zimmers, wo ſie gemachſam ſich in einem umfangreichen Lehnſtuhl niederließ, nachdem ſie durch eine Verneigung den regierenden Herrn eingeladen, ein Gleiches zu thun; ein kürzerer Wink beſchied den Prinzen, Platz auf einem Seſſel zu nehmen, dem jedoch die Armlehnen mangelten. Die erlauchten Per⸗ ſonen ſaßen ziemlich geraume Zeit einander ſchwei⸗ gend gegenüber, die beiden Jüngern mit dem un⸗ verkennbaren Wunſch, baldigſt das Ende deſſen zu ſehen, deſſen Anfang wenig Luſt verſprach. Die kurfürſtliche Wittwe beeilte ſich indeſſen nicht ſonderlich; ſie war augenſcheinlich bemüht, ihre Gedanken zu ordnen, damit ſie ihre Worte in einer Weiſe ſetze, wie ſie dem Haupte des Ge⸗ ſchlechtes gegenüber ſich geziemte, ohne jedoch der mütterlichen Mercuriale die nöthige Salbung und Kraft zu benehmen; mit langſamer Handbewe⸗ gung führte ſie einige Male gegen ihre Naſe eine goldene Balſambüchſe, damaliger Zeit noch die Nebenbuhlerinn ihrer jüngern Schweſter, der Ta⸗ — 217— backsdoſe, als Erquickerinn der Geruchorgane und gelegentlicher Stützpunkt der Faſſung. Schon einige Male hatte ſie dies wiederholt, als die abnehmende Geduld Johann Georgs IW. ſich in folgenden Worten kund that: Nun, Ma⸗ dame, ich bin hier zu Eurer Hoheit Befehl, und wünſchte ſolchen, wo möglich, ohne Zeitverluſt zu vernehmen.— Zeitverluſt?— wiederholte die reizbare Frau Mutter in einem weniger milden Tone, als der, in dem zu ſprechen ſie ſich vielleicht vorgenom⸗ men.— Mich dünkt, mein Herr, die Zeit, welche Dero bei Seiner Mutter zubringt, könne weniger verloren genannt werden, als eine an⸗ dere in minder reſpectabler Geſellſchaft paſſirt.— Mich hingegen dünkt,— verſetzte ſtirnerun⸗ zelnd der Kurfürſt— die Zeit ſei vorüber, da ich für die Anwendung derſelben Jemand verant⸗ wortlich ſei, mein Volk ausgenommen; noch hat ſich dies nicht beklagt, daß der Landesherr ihm den gebührenden Theil entzöge, und ſo gedenke ich denn als ſolcher mit dem übrigen nach Gut⸗ dünken zu ſchalten.— Ja wohl iſt die Zeit vorüber,— erwiederte die Kurfürſtinn mit ſteigender Empfindlichkeit— — 218— eine andere iſt gekommen, eine recht arge Zeit, da Sitte und Frömmigkeit nicht mehr, wie wohl ſonſt, in den Schlöſſern der Fürſten wohnen, all⸗ wo ſelbige ein Aſyl finden ſollten, wären ſie auch überall verbannt aus der Welt. Die Zeit iſt nicht mehr, da weiland Euer ruhmwürdiger Herr Va⸗ ter die Würde ſeines Hauſes aufrecht hielt, und den ſchuldigen Reſpect gegen ſeine Gemahlinn, nach gutem deutſchen Hofgebrauch; franzöſiſche Manieren ſind herüber gekommen, und mit ih⸗ nen Lauheit in menſchlichen und göttlichen Din⸗ gen, Courmachen, und Maitreſſenweſen; und wohl meinem Herrn und Gemahl hochſelig, wenn, wie doch nicht abſolut gewiß iſt, er nicht infor⸗ miret ſein ſollte von der Weiſe, wie man ſeiner fürſtlichen Wittib begegnet, einer königlichen Prinzeſſin von Dänemark. Wolle jedoch des Herrn Sohnes Liebden ſich perſuadiret halten, daß ich wiſſen werde, dergleichen Dingen Maß und Ziel zu ſetzen.— Ich denke,— nahm der Kurfürſt mit vie⸗ ler Kälte das Wort— ich denke, daß Niemand es gegen Ihro königliche Hoheit an der gebüh⸗ renden Devotion ermangeln laſſen; ſollte dies jedoch wider Verhoffen der Fall ſein, Madame, — 219— ſo ſei Höchſtdieſelbe erſucht, mir die Vindicirung Dero Rechte zu überlaſſen. Das Regiment die⸗ ſes Hauſes und Landes ſtehet mir zu, und ich bin geſonnen, nicht länger Eingriffe in daſſelbe zu dulden.— Noch nie hatte Anna Sophia ein ſo beſtimm⸗ tes Wort von Johann Georg W. vernommen; auch war der Blick, mit dem ſie es vergalt, et⸗ was ſtechender, als ſich für eine ſo gottſelige Fürſtinn gebührte, und ſie entgegnete mit zorn⸗ bebender Stimme: Ei, fürwahr, ein löblicher Landesherr, der ſeinen Unterthanen ein feines Exempel giebt.—— Madame, Ihro Hoheit vergißt, mit wem Sie redet— unterbrach ſie der Sohn mit dem Tone ernſtlicher Warnung; die ereiferte Ma⸗ trone aber fuhr, dies nicht achtend, fort: Ein fürtrefflicher Regent des Hauſes, der Thor und Thüren deſſelben dem Argerniß aufthut, und an⸗ rüchigen Perſonen verſtattet, daß ſie Mutter und Gemahlinn verdrängen.— Der Kurfürſt war von ſeinem Seſſel aufge⸗ ſprungen; er trat mit lebhafter Geberde vor ſeine Mutter, die ſich jetzt gleichfalls mit langſamer Würde erhob, und ſagte mit Bitterkeit: Wahr⸗ — 220— lich, ich hätte nicht geglaubt, daß, wer es auch ſei, mit mir in ſolcher Weiſe reden möge; doch mag ich den Reſpekt des Sohnes in Betracht nehmen, ſo wie die allbekanntlich lebhafte Gemüths⸗ art Ihrer Hoheit, vornehmlich aber die Urſach, welche ſie aufgereget. Ich kenne ſie wohl, dieſe urſach; Frau Eleonore hat gethan, wie ſie pflegt, ſie hat Beſchwerde geführt über mich, und ihre grundloſen Klagen und Thränen ſind wahrlich nicht die ſtumpfeſten Dornen in dem Roſenbande, welches Höchſtderoſelben mütterliche Hand mir bereitet hat.— Gnädiger Herr und Bruder,— verſuchte der Prinz einzuſchalten— darf ich Ihro Durch⸗ lauchtigkeit wiederholentlich bitten, gerechter ge⸗ gen meine Frau Schwägerinn zu ſein.—— Hier unterbrach ihn die Mutter, mit her⸗ bem Tone ſprechend: Dem Prinzen gefalle es, ſeine Opinion zurückzuhalten, wenn die kurfürſt⸗ liche Wittwe mit Seinem erſtgebornen Bruder und Landesherrn redet. Verpatientire ſich Der⸗ ſelbe nur ein wenig, die Reihe wird auch noch an Ihn kommen.— Tief erröthend blickte Herzog Friedrich Au⸗ guſt vor ſich nieder, und ſehnte ſich meyr als — 121— zuvor, einen Ort zu verlaſſen, wo die Anweſen⸗ heit des ſtummen Zuhörers ihm ſo unangenehm als überflüſſig ſchien; der Kurfürſt jedoch fiel mit erhöhter Bitterkeit ein: Warum ereifert ſich die gnädigſte Frau Mutter, warum heißet Sie den Prinzen ſchweigen, der doch Ihr getreueſter Alliir⸗ ter iſt und meiner Gemahlinn gegen mich? Nicht bei Ihr allein ſind die Klagen der regierenden Frau wirkſam geweſen, auch meinen Bruder ha⸗ ben ſie mir entfremdet, den Freund, den die Natur mir gab;— es müßte denn— ſetzte er mit finſterer Stirn und höhnendem Ausdruck hinzu— es müßte denn ſolchem Eifer noch ein anderer Grund unterliegen, und allerdings mag des Erblaſſers liebeloſe Ehe gar erſprießlich ſein für den nächſten Agnaten.— Der Prinz fuhr mit heftiger Geberde empor, ein Wink Annens Sophiens indeß verwies ihn abermals zur Ruhe, und ſie ſprach mit aufge⸗ hobenen Händen weiter: Alſo ſo weit iſt es ge⸗ kommen, daß brüderlicher Unfriede einzieht in das Haus meines Herrn und Gemahls hochſelig? Hat es ſich denn alſo geändert ſeit den Zeiten weiland Herrn Georgs I., da vier fürſtliche Söhne in löblicher Eintracht beiſammen weilten? Ich — 222— kenne aber die Furie, welche den Samen der Zwietracht ausſtreuet, und ich will das Leben nicht haben, wenn ich ſie nicht hinaustreibe aus der Fürſtenburg, die ihr Aufenthalt verunehret!— Auch ich,— rief der Kurfürſt mit rauher Stimme— auch ich will das Leben nicht ha⸗ ben, wenn ich die nicht entferne, welche den Frieden meines Hauſes und Lebens ſtören!— Eine Weile ſtand die Kurfürſtinn regungs⸗ los und wie erſtarrt; die Bläſſe des Zornes trat auf ihre Wangen, und ſein Feuer in ihr Auge; doch behauptete ſie die Würde der durchlauchti⸗ gen Matrone, und entgegnete mit verhaltener Stimme: Es wird allgemach Zeit, daß dieſes zu Ende kommt; deklarire ſich denn der Herr frank und frei, ob Derſelbe ſich der Perſon, der Neid⸗ ſchütz, abthun will und ihrer Tochter lobeſan, welche man Frau Gräfinn zu Rochlitz tituliret, oder ich ihnen Platz machen ſoll, ich, die Bu fürſtinn zu Sachſen?— Mit großer Kälte verſetzte Johann Solches ſtehet gänzlich in Höchſtdero Belieben. Torgau, Pretzſch und Schellenberg ſind bereit, die Frau Mutter aufzunehmen, und die Wahl iſt Derſelben unverwehrt.— — 223— Hoch richtete Anna ſich auf und heftete„* nen ſtolzen Blick auf den Fürſten, dann aber gewann die Erregbarkeit ihres Gemüths die Ober⸗ hand, und ihre Mantille zuſammenraffend, als wolle ſie der unverbindlichen Andeutung im ſelben Augenblicke Folge leiſten, rief ſie: Alſo hinausge⸗ wieſen die Mutter von dem Sohne? Wohl, ich gehe; aber meine Stimme ſoll erſchallen durch das heilige römiſche Reich, vor dem Throne des Kaiſers, vor allen Kurfürſten, Fürſten und Stän⸗ den, und vor jedermänniglich ſoll publik werden, wie man zu Dresden das Recht achtet und die Gebote der Religion!— Wie bei allen Menſchen von wenig lebhaf⸗ tem Gemüth, entflammte der Unmuth des Kur⸗ fürſten ſich nur langſam, doch eben ſo langſam wich er, einmal aufgeregt, und ſo gab er die kurze Antwort: Ich zweifle nicht, Madame, daß Dero Stimme geeignet iſt, ſich laut genug ver⸗ nehmen zu laſſen, es geſchehe dieſes dannenhero wo möglich in etwelcher Entfernung; zu Dresden aber bin ich Herr, und mir, wie jeglichem Kur⸗ fürſten des Reiches, ſteht das Majeſtätrecht zu, wie Höchſtdenenſelben bekannt.— Ihro Liebden ſprechen wahrhaftig ſehr löblich — 224— . Fürſt und Sohn— gegenredete Anna— aber— hier warf ſie die Mantille wieder von ſich— aber ich gehe nicht!— Nicht Fürſtinn allein bin ich, ich bin auch chriſtliche Hausfrau und Mutter, und als ſolche werde ich nicht dul⸗ den, daß das Schloß meines Eheherrn hochſelig alſo verſchimpfiret werde. Ich werde die regierende Frau nicht verlaſſen in ihrem Drangſal, die Kreuz⸗ trägerinn, umgeben von Widerſacherinnen, wel⸗ che, wie man leider Gottes weiß, kein Mittel verſchmähen zu böslichem Zweck, und meinen Herrn Sohn, ſo wenig Derſelbe auch ſolche müt⸗ terliche Sorge meritiret, umgarnet ſehen von den Fallſtricken derer, die wohl gar Ihn betrügen mög⸗ ten um ſeine unſterbliche Seele mit Hülfe— Gott ſei bei uns— des hölliſchen Feindes!— über Johann Georgs ernſte Züge flog ein Ausdruck leichten Spottes, als er verſetzte: Trage die gnädige Frau Mutter keine Sorge um mich, abſonderlich entſprießend aus dergleichen Befürch⸗ tung; das Zeitalter der Hexen iſt vorüber, und nur als Friedenſtörer noch zeigt ſich der böſe Feind. Wenn Höchſtdieſelbe unter der Kreuzträgerinn die Furfürſtinn Eleonore verſteht, ſo bleibt derſel⸗ ben unbenommen, ſich ihren Widerſachern zu — 225— entziehen und Ihrer Hoheit nach der nn zu folgen, welche Dero Wahl zu beſtimmen hat.— Ihro Durchlauchtigkeit geht zu weit,— rief hier der Prinz.— Ich darf nicht die Verban⸗ nung der Frau Mutter und Schwägerinn indiffe⸗ rent zuſehen, als Sohn, als Bruder, als Prinz des Hauſes.— Und als Agnat,— fiel Johann Georg ha⸗ ſtig ein.— Als ſolcher möge Derſelbe auftreten bei Geſchlechtstagen, auch wo es betrifft, vor Kaiſer und Reich, in dieſen Gemächern aber iſt Er der Unterthan und ich bin der Herr.— Ich befehle dem Prinzen zu ſchweigen,— äußerte Anna Sophia nicht minder gebieteriſch— und bedarf Seiner nicht zum Advocaten. Es iſt leider Gottes klar, wie die Sache ſteht,— fuhr ſie, gegen den Erſtgeborenen gewendet, fort.— Aber ſo viel wiſſe der Herr, daß nimmer effectui⸗ ret wird, was göttlichem, menſchlichem und fürſt⸗ lichem Recht zuwider läuft, ich ſei denn zuvor a. in die Gruft zu Freiberg hinabgegangen, an die Seite meines gottſeligen und ruhmwürdigen Herrn.— Das wird ſich finden, ſagte der Kurfürſt kalt; darauf verbeugte er ſich mit Förmlichkeit Die Frauen v. Neidſchütz. I. Bd. 15 Auf Ihro Hoheit Befehl wird Alles zu Dero Abreiſe parat ſein, zwar nicht nach Frei⸗ berg, welches der Himmel noch lange verhüten möge, ſondern nach einem der drei genannten Sitze.— Er wandte ſich hierauf alsbald, den Hut aufſetzend, deſſen lange Federn im ungeſtümen Hinwegſchreiten um ſeine Schultern wogten. Mit nicht viel geringerer Heftigkeit ging Anna von Dänemark in ihrem Kloſet auf und nieder, kein Wort an ihren jüngern Sohn richtend, doch zu ſeinem großen Unbehagen ihm eben ſo wenig ein Zeichen der Entlaſſung gebend. Je länger ihr Umherwandeln dauerte, je ruhiger ward ihr Schritt; nach und nach ebneten ſich die Falten ihrer Stirn, und Seufzer traten an die Stelle einzelner zorniger Ausrufungen. Mehrere Mi⸗ nuten mochte dies gewährt haben, als die Kur⸗ fürſtinn zu ihrem Seſſel zurückkehrte, irgend eine gewaltige Poſtille aufſchlug, und mit lauter Stimme ein Kapitel vortrug, troſtreich und des Breitern von allerlei Hauskreuz handelnd, zu nicht ſonderlicher Erbauung Herzog Friedrich Auguſts, der, in Ermangelung eines beſſern Zeitvertreibes, — täfels zu zählen. Endlich hatte die Frau Mutter die zweite Folioſeite beendet, und legte mit einem Stoß⸗ ſeufzer den geiſtlichen Tröſter bei Seite; der Prinz machte, ſich räuſpernd, ſeine Anweſenheit be⸗ merkbar, und ſie wandte ſich an ihn mit folgen⸗ den Worten: Was ſagt der Herr zu dem Auf⸗ tritt, der eben Statt gefunden, zwiſchen mir und Seiner Durchlauchtigkeit?— Madame,— entgegnete der Befragte— ich kann nicht um⸗ hin, die Zwiſtigkeiten höchlich zu bedauern, welche leider in unſerer Familie ſich zu zeigen beginnen, jedoch möchte'ich, wenn ſolches zu ſagen mir er⸗ laubt iſt, bezweifeln, daß Ihro königlichen Ho⸗ heit Manier abſolut geeignet wäre, den begehr⸗ ten Eindruck auf einen Herrn des Alters, Stan⸗ des und Gemüthsbeſchaffenheit zu machen, wel⸗ che ſich bei dem Kurfürſten vorfinden.— Manier,— wiederholte Anna wiederum auf⸗ geregt.— Meine Manier iſt die einer Fürſtinn und Mutter; dem Herrn aber will ich ſagen, daß es Seine Manieren ſind, welche zum größten Theile all' dieſes Argerniß herbeigeführt haben.— Der Prinz ſah, die Reihe ſei, wie ihm ge⸗ * — 3. ſich damit beſchäftigte, die Felder des Wandge⸗ droht worden, nun wirklich an ihn gekommen, und von der Unmöglichkeit überzeugt, ſich dem nahen Sturme zu entziehen, trat er ihm ziem⸗ lich dreiſt entgegen mit der Frage: Was meinet die gnädigſte Frau mit dieſen Worten?— Des Herrn neumodige Manieren meine ich,— lautete der Beſcheid— die er mitgebracht aus welſchen und papiſtiſchen Ländern, allwo ich Ihn nur mit großer Unluſt habe verweilen ſehen; ſol⸗ che aber paſſen nicht in die chriſtliche Hofhaltung eines deutſchen Fürſten, und produciren nichts als Unheil, wie denn des Prinzen unnütze und frivole Conduite Schuld daran iſt, daß ich, die Kur⸗ fürſtinn Mutter, compromittiret worden bin, drei⸗ fach compromittiret: erſtlich der alten gottver⸗ geſſenen Zauberinn gegenüber und der Creatur, ihrer Tochter; ferner durch des regierenden Herrn Liebden, ſchließlich aber durch den Tadel und böſe Renommee, welche eine ehrbare, Jungfrau adelicher Herkunft betroffen, ſo in meinen Dienſten ſtehet.— Wir beurtheilen nicht, warum bei den e ten Worten der Mund des Prinzen ſich zu ei⸗ nem kleinen, ganz leichten Lächeln verzog; ſo% aber iſt gewiß, daß Anna von Dänemark es ge⸗ — 229— wahrte, denn ſie fuhr entrüſtet fort: Was ver⸗ meinet der Herr ſo Ergötzliches in dem zu fin⸗ den, was Seine Mutter mit Ihm ſpricht. Iſt das auch eine von den Sitten à la mode, daß man Seinen Eltern den Reſpekt verſage, wie man keinen Reſpekt mehr hat vor alten guten Sitten und Religion?— Herzog Friedrich Auguſt verſuchte einige ent⸗ ſchuldigende Redensarten; aber ohne ihn anzu⸗ hören, ſprach die Kurfürſtinn weiter: Leider Got— tes ſtehet nicht Alles bei uns, wie es ſollte, und abermals leider Gottes will es der Brauch der Welt, daß der Landesherr emancipiret ſei von mütterlicher Autorität; mit dem Herrn iſt es je⸗ doch ein Anderes, und ich werde Denſelben in den gebührenden Schranken zu manuteniren wiſ⸗ ſen, wie ich denn mit des Himmels Hülfe, ſo lange meine Augen offen ſtehen, überhaupt bei Denen, über die mir Gewalt gegeben, auf Zucht und Ehrbarkeit halten werde, und auf die Lehre Lutheri, des theuern Gottesmannes, der miß⸗ füllig herabſchauet auf das Argerniß im fürſtli⸗ chen Hauſe Sachſen, welchem er zugethan gewe⸗ ſen ſein Lebenlang, und bis heut' der Schild und . Schirm war des evangeliſchen Glaubens.— — 230— Der Blick des Prinzen glitt ziemlich gleich⸗ gültig über das Bild des Reformators, deſſen kühnes Auge ihn wirklich finſter zu betrachten ſchien, und er verfetzte: Was aber in aller Welt, Madame, was hat Doktor Martinus Luther mit dem Gegenſtande zu thun, welcher mir die Ehre Höchſtdero Converſation verſchafft?— Freilich,— eiferte die Kurfürſtinn— frei⸗ lich hat er nichts zu thun mit ſolchen Dingen und andern, die eben ſo wenig taugen, als zum Exempel mit der Lauheit gegen das Evangelium, die, wie ich remarquire, Er eingeſogen mit der peſtilenzialiſchen Luft in Welſchland, Hiſpanien und in Frankreich und Wien, alſo, daß des rö⸗ miſchen Königs Majeſtät, welche übrigens Gott in ſeinen heiligen Schutz nehmen möge, ſich be⸗ rühmt hat, er werde des Nächſten einen Proſe⸗ lyten aus Ihm machen, daß Er ſogar, der Himmel wolle uns gnädig beiſtehen, mit Kardi⸗ nälen und Erzbiſchöfen verkehrt hat, und mit andern purpurrothen und veilchenblauen Schran⸗ zen der babyloniſchen— Verworfenen! Auch hat Lutherus nichts zu thun mit gewiſſen Hiſtorien, die mir zu großer Affliction zu Ohren gekommen, Hiſtorien, da die verderbte Welt Sünde und — 231— Schande unter den Namen Courmacherei und Galanterie verdeckt. Ich werde aber trachten, daß der Prinz ſich allhier dergleichen nicht bei⸗ kommen laſſe, auf daß Argerniß und Gräuel der Verwüſtung nicht einziehe in alle Gemächer die⸗ ſes ehrbaren kurfürſtlichen Hauſes. Ferner und ſchließlich hat das oft bewährte theure Kirchenlicht ganz und gar nichts zu thun mit Faſtnachtſpuk und Mummenſcherz und andern heidniſchen und papiſtiſchen Alfanzereien; auch nicht mit Wür⸗ feln und Karten und Va banque-Spiel, wie es der Herr in Venedig getrieben. Pharao? Barmherziger Himmel! Wer ſich einläßt mit dem Könige Pharao, muß der nicht billig befürchten, daß das rothe Meer des göttlichen Zornes über ihm zuſammenſchlage, und ihn hinabreiße in den Pfuhl, wo der Fürſt der Finſterniß Banque hält, und die Verdammten nimmer die verſpielte Seele wieder gewinnen. Solches muß dannenhero fort⸗ an unterbleiben; denn der König Pharao hat keinen Platz im Schloſſe des Kurfürſten zu Sach⸗ ſen. Aber gleichermaßen der Wetten möge der Prinz ſich entmüßigen; eine ſolche iſt eine fünd⸗ liche Verſuchung des Himmels, der allein die Zukunft dirigiret, und als ſelbige ein gottlos Werk, bei welchem der Teufel der Habſucht ne⸗ benbei ins Fäuſichen lacht. Iſt ſolche Wette aber eingegangen in gewiſſer anderer Abſicht, verſtehe der Herr, ſo gewinnt dabei Niemand als ein ſchlimmerer Teufel noch, welchen man heut' zu Tage zwar Amor tituliret, den jedoch die heilige Schrift mit ſeinem wahren und rechten Namen Asmodi benennet. Demnach begehre ich von Ihm, daß Er ſich aller Wetten mit meinem Hoffräu⸗ lein enthalte, und ſonſtiger Frivolitäten, die ih⸗ nen die Köpfe verrücken, ſintemalen ſie ohnedem ſattſam Närrinnen ſind und voll Eitelkeit. Auch würde ich bereits der Keſſel anbefohlen haben, Ihm das Geſchmeide zurückzuſtellen, welches Er beſagter Demoiſelle, Gott weiß, in welcher In⸗ tention, verehret, geſchehe damit nicht der al— ten Hexe, der Neidſchütz, zu Willen, und ſie könnte meinen, Anna von Dänemark kümmere ſich um das, was ſie ſpricht.— Die Erfahrung hatte den Prinzen belehrt, daß Erwiederungen oder Einwendungen den Strom der mütterlichen Rede nur noch reißender mach⸗ ten, jetzt aber glaubte er ihn verſiegt, und wollte mit einigen ehrerbietigen Worten einen Auftritt beenden, der ihm nicht beſonders erfreulich be⸗ — 233— dünkte; Anna Sophia hielt ihn indeß zurück, hinzuſetzend: Noch Eins, mein Herr. Der Prinz hat vermeinet, die Manier, in der ich zu dem Kurfürſten geredet, ſei nicht die rechte, und mil⸗ diglichere Worte würden beſſer Statt finden. Mir ziemt es nun nicht, von meiner Manier abzu⸗ gehen, wohl aber Ihm. Es iſt nicht fein, daß die Sonne untergehe über dem Zorne zweier Brüder, der aber, welcher eben hinausging, er⸗ zürnt auf Ihn, iſt Sein älterer Bruder und Lan⸗ desherr, es geziemet Ihm dannenhero den erſten Schritt zu thun. Darum begebe ſich der Prinz ſtehenden Fußes zu Seiner Durchlauchtigkeit, ſich pflichtſchuldigſt zu excuſiren. Wenn ſolches geſchehen,— fuhr ſie mit etwas ſanfterem Tone fort— wird ſich Ihro Liebden verhoffentlich in Ihro Gemächer und zu Bett verfügen; denn in einer ehrbaren und chriſtlichen Hofhaltung ge— bühret es ſich nicht, die Nacht zum Tage zu ma⸗ chen, es ſei denn bei fürſtlichen Gaſtgeboten oder ſonſtigen Solennitäten.— Herzog Friedrich Auguſt küßte die tene Hand der Frau Mutter, und verließ dann, nicht ſo ungeſtüm als der Kurfürſt, aber eben ſo raſch, das Gemach. — 234— Dieſer hatte, als er im Unmuth von der kurfürſtlichen Wittwe ging, unwillkührlich ſeine Schritte nach dem Orte gelenkt, wo das Be⸗ dürfniß des Troſtes und der Erheiterung ihn hin⸗ führte, und vor allem eine Leidenſchaft, die ſich dem ernſten Gemüthe tief eingeprägt, und durch jeglichen Angriff, durch jegliches Hinderniß nur verſtärkt ward, dem Fichtenbaume gleich, der auf hohem Bergrücken ſeine Wurzeln um ſo tie⸗ fer in das Steingeklüft ſchlägt, als der Sturm ihn heftiger anfällt. Er fühlte ſich beruhigter durch den Bruch mit Annen von Dänemark, vor der Erziehung und Gewohnheit ihm, unerach⸗ tet ſeiner erhabenen Stellung, immerdar in ei⸗ ner gewiſſen Scheu erhalten, und durch die Wahr⸗ ſcheinlichkeit ihrer Entfernung von Dresden, wel⸗ che, da er nun einmal ſeinen Wunſch ausge⸗ ſprochen, trotz ihrer Abneigung, zu bewerkſtelli⸗ gen entſchloſſen war. Die regierende Kurfürſtinn, weit ſchwächeren Karakters als ihre Schwieger⸗ mutter, und längſt ihm völlig gleichgültig, ver⸗ urſachte ihm wenig Sorge; denn er war über⸗ zeugt, daß ſie, der Hülfe und Eingebungen Jener beraubt, ſich dem Unabwendbaren fügen, und in eine Einſamkeit zurückziehen werde, die ky⸗ Meinung nach ihrer Gemüthsbeſchaffenheit weit beſſer zuſagte, als der Pomp eines Ranges, der der vernachliſſigten Gemahlinn wenig Freuden gewährte. Gleichſam von einem Vorgefühle na⸗ her Freiheit ergriffen, eilte er, der Geliebten es mitzutheilen und die Träume einer ſchönen Zu⸗ kunft, und zugleich dieſe durch die Rathſchläge der Gräfinn von Neidſchütz zu zeitigen. Ohne beſondere Zuneigung gegen Katharinens Mutter, hatte er viele Achtung vor ihren Geiſtesgaben; die dunklern Seiten, welche wir ihr abgelauſcht, wußte die weltkluge Matrone vor dem Schöpfer und Erhalter ihtes Glückes zu verbergen. So ging er denn allein, wie er pflegte, durch entlegene, aber von ihm oft betretene Seiten⸗ gänge den Gemächern am Taſchenberge zu; aber noch war er, leiſe ſchreitend, nicht an den Zim⸗ mern der Kurfürſtinn Eleonore vorübergekommen, als der Graf zu Beichling ihm, unter Verbeu⸗ gungen, entgegentrat. Der Herr kommt von den Damen?— fragte Johann Georg mit gedämpfter Stimme.— Ich verhoffe, die jüngere Gräfinn iſt wohlauf?— Zur allergrößten Satisfaction, gnädigſter Herr,— flüſterte der Höfling— würde es mir — 236— gereichen, könnte ich Ihro Durchlauchtigkeit be⸗ jahend antworten. So aber bin ich leider das Gegentheil zu thun forciret; Madame la Com- tesse de Rochlitz haben ſich abſonderlich alteriret befunden nach der Cour bei Ihro königlichen Ho⸗ heit, alſo, daß Wohlſelbiger einige Pamoisons zugeſtoßen und dannenhero die Medici citiret wor⸗ den ſind.— Katharina iſt krank!— rief der Kurfürſt erſchrocken und die Nachbarſchaft der Zimmer Frau Eleonorens vergeſſend.— Wahrlich, ich werde nicht dulden, daß man fort und fort kränke, was mir theuer iſt, und es muß anders werden. Begleite mich der Herr Graf zu den Damen.— Pardon, Monseigneur,— verſetzte der Kam⸗ merherr und Hof- und Juſtizrath— die ver⸗ ehrte jüngere Frau Gräfinn haben ſich, nachdem die Attaquen vorüber waren, zur Ruhe verfügt, und ſind bald in einen erquicklichen Schlummer verfallen, welchen die Herren von der Fakultät zu unterbrechen nicht rathſam halten, als eine heilſame Criſis.— Iſt Frau von Neidſchütz noch ſichtbar?— fragte Johann Georg beunruhigt.— Auch Ihro Excellenz,— lautete der Beſcheid— hat ſich — 237— in ihr Intérieur retiriret mit der ſpaniſchen Kam⸗ merfrau; als Höchſtdieſelbe aber mich entließ, chargirte ſie mich, im Fall ich noch heute das Glück hätte, Ihro Durchlauchtigkeit meine De- votion zu bezeigen, möchte ich ihrerſeits Höchſt⸗ deroſelben andeuten, wie es ein ſchlimmer Abend geweſen, und zweifelsohne eine üble Nacht dar⸗ auf folgen werde, Ihro Excellenz aber dem gnä⸗ digſten Herrn einen guten Morgen anwünſche, verhoffend, derſelbe werde gleichermaßen erfreu⸗ lich ſein für gewiſſe betrübte Perſonen, die ihr ganzes Vertrauen in Höchſtdero erhabene Geſin⸗ nung und Magnanimität ſetzten.— Während der Graf ſo zum Kurfürſten ſprach, trat, jedoch von Beiden unbemerkt, eine ziem⸗ lich wohlbeleibte Geſtalt leiſen Ganges um die Ecke einer Gallerie; als ſie die Beiden ge⸗ wahrte, hemmte ſie den Schritt, wich darauf ein wenig zurück, und verſchwand im Schatten eines hervorſtehenden Pfeilers. Der Kurfürſt ſchwieg eine Weile, dann warf er einen düſtern Blick auf die nahe Thür des Vorzimmers ſeiner Gemahlinn, und ſprach dann ſehr laut, als wolle er zeigen, er habe hier nichts zu verheimlichen. Sie hat recht, es iſt Zeit, — 238— daß dies Alles ende. Wahrlich, noch ehe der Mor⸗ gen tagt, ſollen die Frauen von Neidſchütz ge⸗ wahr werden, daß man nicht vergeblich auf die Magnanimität Johann Georgs von Sachſen baut, und der ganze Hof, daß hier Niemand Herr iſt als er! Gute Nacht, Hofrath, Graf zu Beich⸗ ling,— ſetzte er mit einem Kopfneigen hinzu, und die Thürflügel des Vorgemachs öffneten ſich auf das dreimalige gebieteriſche Klopfen des Re⸗ genten.— Die Dienerſchaft der erſten e wich ehrfurchtvoll zu beiden Seiten bei ſeinem Ein⸗ tritt, und ſchauete dem ſchnell hindurch Schrei⸗ tenden neugierig nach, und befremdet durch die an dieſem Orte ſo ſeltene Erſcheinung; im zwei⸗ ten Vorgemach trat die erſte Kammerfrau der Kurfürſtinn ihm entgegen, flüſternd: Ihro Durch⸗ lauchtigkeit ſei bereits eingeſchlummert; Johann Georg aber antwortete nur durch eine befehlende Geberde, und ſchritt vorwärts zum Schlafzim⸗ mer Eleonorens. Das ernſte und regelmäßige Antlitz des Ku fürſten trug ſelten ſehr bemerkliche Spuren deſſen, was in ſeinem Innern vorging; die Dienerinn bemerkte nicht den unterdrückten Zorn auf der — 239— gerunzelten Stirn und den zuſammengedrückten Lippen, und als ſie ihn ſo eilig bei ſeiner Ge⸗ mahlinn eintreten ſah, ſprach ſie ſchnell das kür⸗ zeſte Dankgebet in ſich hinein, das in Arndts Schatzkäſtlein zu finden iſt, wähnend, dieſer un⸗ gewohnte Beſuch zu ſpäter Stunde könnte wohl Kurſachſen und ſeiner Landesmutter, ihrer gnä⸗ digſten Frau, Gutes bedeuten.— Raſchen Schrittes hatte, wie wir wiſſen, Prinz Friedrich Auguſt ſeine Mutter verlaſſen; er mäßigte jedoch nach und nach ſeine Eile, und je näher er dem Theile des Schloſſes kam, den der Kurfürſt bewohnte, je gemachſamer ſetzte er einen Fuß vor den andern. Seinem überkräfti⸗ gen Jugendſinn widerte der Schritt an, dem Anna ihm geboten; obgleich ſich ſelbſt einiges Un⸗ rechts bewußt, hielt er doch das ſeines Bruders für viel größer. Die gern ſichtende Selbſtliebe machte einen bedeutenden Unterſchied zwiſchen den Verirrungen eines Landesherrn vor den Au⸗ gen ſeines ganzen Volks, und den, wie er ſelbſt⸗ entſchuldigend meinte, unbedeutenden und un⸗ bemerkten Seitenſprüngen eines Prinzen, der doch nichts ſei, als ein vornehmer Privatmann und Ritter; die ehelichen Bande, welche ſpäter, — 240— als er ſelbſt von ihnen gefeſſelt war, gar ſehr in ſeinen Augen an Bedeutung verloren, erhöheten jetzt in denſelben die Schuld des Kurfürſten, dem als Gatten nicht erlaubt ſei, was ihm, dem Un⸗ vermählten, wohl nachgeſehen werden könne. übrigens kannte er Johann Georgs verſöhnliches und tieffühlendes Gemüth allzu wohl, um nicht zu wiſſen, es werde ihm auch ohne dieſe Hand⸗ lung der Unterwürfigkeit leicht werden, ſeine Zu⸗ neigung wieder zu gewinnen; er war der Belei⸗ digte, Jener der Beleidiger, und ſo that er die⸗ ſen verdrießlichen Gang nur, weil die Frau Mut⸗ ter ihn anbefohlen, und weil er wußte, ſie werde die Scene, die er eben erlebt, mehr denn einmal erneuern, thäte er nicht nach ihrem Willen. So ging er alſo mißmüthig und langſam durch die Gänge, in welchen die nach Frau Annens hausmütterlicher Ordnung ſparſam genährtenLam⸗ pen bei Annäherung der zehnten Abendſtunde nach und nach verlöſchten, als dieſelbe Geſtalt ihm be⸗ gegnete, welche wir vorher als unbemerkten Zeu⸗ gen der Worte Johann Georgs erwähnten. Der Prinz erkannte ſie ſogleich, und ſprach: Sieh da, Gobau, was führt Dich aus dem Garten⸗ palais hierher?—* N — 241— Die Dienſtpflicht, gnädigſter Herr,— ver⸗ ſetzte der ehemalige Leibbarbier— Die Dienſt⸗ pflicht und mein Unſtern; die erſte zwang mich, die Befehle Ihro Excellenz von Neidſchütz einzu⸗ holen zum Rendez- vous, das nach der über⸗ morgenden Jagd draußen angeſetzt iſt, und mein Unſtern ließ mich meiner Frau begegnen, der ehr⸗ baren Eſtevania Levas.— Sprich mir von dem Weibe nicht,— ent⸗ gegnete Herzog Friedrich Auguſt im Tone des Unwillens, und es ſchien, als erfaſſe, die Rö⸗ the von ſeinen Wangen ſtreifend, ihn ein inner⸗ liches Schaudern. Bartholomäus murmelte, den Kopf ſchüt⸗ telnd, vor ſich hin: Es ſcheinet, als ob der gnä⸗ digſte Herr meiner Ehegattinn nicht gänzlich die höchſte Affection bewahrt habe, welcher Höchſt⸗ derſelbe ſie einſt gewürdiget; doch kann ich ſagen, daß ich geringer Mann in ſolcher Sinnesän⸗ derung mit Eurer Durchlauchtigkeit gewiſſerma⸗ ßen harmonire, halten zu Gnaden, obſchon ich dieſes theure Pfand aus Dero höchſteigenen Hän⸗ den empfangen.— Ich weiß,— entgegnete der Prinz halb⸗ lächelnd— daß ich Dir da kein ſonderlich Ge⸗ Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 16 — 242— ſchenk gemacht; doch nun biſt Du ihrer ja wohl ledig?— Wiederum ſchüttelte der Kaſtellan ſein Haupt, als er ſprach: Mein durchlauchtig⸗ ſter Prinz und höchſtverehrter Gebieter, ich würde ungemein erfreut ſein, wäre dies wahr, und ich ihrer wirklich entledigt, und ſo könnten Höchſt⸗ dieſelben gleicherweiſe ſich Glück wünſchen, wäre dies der Fall, was Sie Höchſtſelber betrifft.— Ich?— fragte Friedrich Auguſt mit ſtolzer Gleichgültigkeit, unter der jedoch einige Unbe⸗ haglichkeit hervorſchimmerte— Du träumſt, Bar⸗ tholomäus. Wohl mag Deine Ehehälfte über Dir den Pantoffel zu ſchwingen wiſſen, doch was könnte mir die Frau Hofbetimeiſterinn an⸗ haben, wäre ſie auch mehr noch von böſen Gei⸗ ſtern beſeſſen, als ſie iſt.— Mit Ihro Durchlauchtigkeit gnädigſter Per⸗ miſſion,— war die Antwort— es handelt ſich nicht vom Pantoffel, welcher ein Theil der ver⸗ ehrlichen Mitgift der Ehehälfte war, die ich ho⸗ her Gnade verdanke, ſondern von ganz etwas An⸗ derm. Was jedoch die böſen Geiſter betrifft, wel⸗ che ſelbiger innewohnen, ſo hat das ſeine völlige Richtigkeit. Nur möcht' ich meinen, wir Beide, wenn ich wagen darf, einen großen Prinzen mit „ — 243— mir in eine Reihe zu ſtellen, ſeien noch nicht genugſam bekannt mit den Namen Derer, wel⸗ che ſich der ſchwarzäugigen Eſtevania beigeſellet, von der Zahl, die in der Vulgata Legio heißt.— Bekannter, als Du glaubſt,— flüſterte der Prinz in ſich hinein.— Gobau fuhr fort: Als ſie nach böslichem Ent⸗ weichen von Haus und Ehegatten in die Dienſte der Alten da getreten war— ich meine Ihrer hochgräflichen Excellenz von Neidſchütz, ahnete mir gleich nichts Gutes; denn ich weiß, daß hochbeſagte Dame mit meinem gnädigſten Herrn nicht zum Beſten ſtehet; noch beſſer aber weiß ich, daß oftberührte Frau Gobau gegen Höchſt⸗ ebendenſelben gewiſſe Geſinnungen heget, welche nicht allerdings mit der Dankbarkeit übereinſtim⸗ men, die Deren Munificenz um ſie meritiret in Ertheilung reicher Gaben und Verſorgung durch einen Ehegatten, wie Ihro Durchlauchtigkeit unterthänigſter Knecht.— Abermals lächelte der Prinz, doch etwas minder düſter; der Kaſtellan aber ſprach weiter: Als ich vor einer halben Stunde erſt im Vorzim⸗ mer der Frau Gräfinn ſtand, um, wie geſagt, Ihro Excellenz Befehle einzuholen, währte es etwas lang', ehe ich meine Abfertigung erhielt; denn es hieß, die gnädige Dame ſei eingeſchloſſen mit ihrer ſpaniſchen Kammerfrau. Die beſagte Camerara, alias Frau Hofbettmeiſterinn Gobau, war es, welche mir den Beſcheid ihrer gebieten⸗ den Frau brachte. Sie trat durch eine Neben⸗ thür ein und ſchien abſonderlich erhitzt, doch nahm mich dies nicht Wunder, dieweil ich ſie nicht allzu häufig anders geſehen, und eben ſo wenig die Annehmlichkeiten, mit denen ſie ihren Auf⸗ trag durchflocht, dieweil ich mit denſelben glei⸗ chermaßen ſattſam bekannt geworden im Laufe eines glückſeligen Eheſtandes. Doch inmitten ſothaner zärtlicher Converſation gewahrte ich auf dem obſchon etwas verblichenen, doch zarten Ant⸗ litz meiner Ehefrau einen ſchwarzen Streif, gleich wie von Ruß, und dieſer nahm mich allerdings Wunder, ſintemal mir bewuſſt, daß ſie ſich bei⸗ mir nimmer ſonderlich mit Küche und ſonſtiger Hauswirthſchaft zu occupiren pflegte. Ich be⸗ trachtete ſie aufmerkſamer, und ſah, wie auch ihre Hände dergleichen Spur trugen; ich ſah, wie ihre Augen ganz ſonderbarlich glühten, und ihr Mund—— Jeſus Maria— ſetzte Bartho⸗ lomäus hinzu, und der römiſch- katholiſche Aus⸗ — 245— ruf tönte fremdartig durch die gewölbten Gänge des proteſtantiſchen Fürſtenſchloſſes— Jeſus Maria, ich glaubte ihre Mutter vor mir zu ſehen, die böſe Hexe, gerade wie ich ſie ein⸗ mal erblickt kurz vor dem betrübten Ableben der Frau Marquiſe von Manzera, und wie ſie ſelbſt mich ſchon einmal bedünkt hatte an dem Tage, da die Señora Candelaria ſtarb, ihre Schweſter.— Schweig, ich bitte Dich, ſchweige,— ver⸗ ſetzte der Prinz, wie heftig von einer widrigen Erinnerung ergriffen, und der wiederkehrende Schauder ſchien ſein Haar zu ſträuben; dann ſetzte er mit erzwungener Gleichgültigkeit hinzu: Was kann mich der Ruß an Eſtevaniens Stirn und Händen kümmern, und was ſie gekocht ha⸗ ben mag?— Kochen und kochen iſt zweierlei, gnädigſter Herr,— wandte Gobau mit zweifelndem Nach⸗ druck ein— und was von Ihrer Extellenz von Neidſchütz und meiner Frau in Gemeinſchaft be⸗ reitet wird, mag ſchwerlich eine heilſame Er⸗ quickung ſein, am allerwenigſten für Ihro Durch⸗ lauchtigkeit. Auch wage ich in aller Unterthä⸗ nigkeit zu verſichern, daß wirklich etwas gekocht wird, mit oder ohne Feuer, und daß Solches — 246— beſtimmt iſt, des Früheſten ſerviret zu werden zu einem Morgenimbiß, für welchen allerdings mir keine Befehle ertheilt worden.— Du haſt mit dem Scheerbeutel die Geſchwäz⸗ zigkeit Deines Handwerks nicht abgelegt,— ſprach Friedrich Auguſt geſpannt und ungeduldig— ſprich deutlicher, daß ich Dich verſtehe, wenn ich Dich länger anhören ſoll, denn mich drängt die Zeit.— Allerdings drängt die Zeit,— bekräftigte der Kaſtellan; dann näherte er ſeinen Mund dem Ohre des Prinzen, ſo weit die Ehrerbietung es geſtattete, und flüſterte ihm zu: Als ich zurück⸗ kam von dem Orte, den ich genannt, und von dem Auftritt, den ich Höchſtdenenſelben kürz⸗ lich zu referiren mich erdreiſtet, gedachte ich noch einen Augenblick vorzuſprechen bei meinem alten Spezial, dem Hefkellermeiſter, und da führte mich denn mein Weg deſſelbigen Ganges, in wel⸗ chem ich den gnädigſten Prinzen eben zu rencon⸗ triren das unſchätzbare Glück gehabt. Es war bereits alles ſo einſam als jetzt; als ich aber zu dieſer Stelle gelangte, gewahrte ich zwo Perſonen, in denen ich alsbald Seine kurfürſtliche Durchlauchtigkeit, unſern gnädigſten Landesherrn, erkannte und den — 247— Kammerherrn, wie auch Hof- und Juſtizrath, Grafen zu Beichling hochgeborne Gnaden. Ich erdreiſtete mich nicht vorüber zu gehen, aus ſchul⸗ diger Devotion, und nebenbei auch, weil mich nicht ſonderlich verlangte, unter die Augen ſei⸗ ner Durchlauchtigkeit zu treten, Höchſtwelche ſeit einiger Zeit gar ungnädig auf mich blicken, zweifelsohne nicht ohne Zuthun meiner theuern Ehehälfte und ihrer Protectrice— und der Zu⸗ fall führte mich hinter einen Pfeiler, allwo ich abzuwarten beſchloß, bis es mir vergönnt ſein werde, meinen Weg zu continuiren. Beide höchſt- und hochbeſagte Perſonen ſprachen anfangs ſehr leiſe, aber auf eine Rede des Herrn Grafen geruheten ſeine Durchlauchtigkeit die Stimme zu erheben, ſagend: Jemand habe Recht; es ſei an der Zeit, daß Alles ende, und noch ehe der Morgen tage, ſollen die Frauen Gräfinnen von Neidſchütz ſehen, daß man ſich auf Höchſtihre Magnanimität verlaſſen könne, und der ganze Hof, daß Höchſtdieſelben hier Herr ſeien, und Niemand anders. Nach dieſen etwas unmildig⸗ lich proferirten Worten bot indeß der Durch⸗ lauchtigſte Kurfürſt dem Herrn Grafen eine gnä⸗ dige gute Nacht, und verfügte ſich darauf raſchen — 248— und majeſtätiſchen Schrittes nach den Gemächern der regierenden Frau. Ich erwog bei mir, was ich geſehen und gehört, und beſchloß, dieſes mei⸗ nem gnädigſten Prinzen pflichtſchuldigſt zu rap⸗ portiren; aber indem ich noch nachſann, ward mir die hohe Gnade, Ihro Durchlauchtigkeit in höch⸗ ſter Perſon zu begegnen.— Nach kurzem Nachdenken fragte der Prinz: Der Kurfürſt befindet ſich demnach bei meiner Frau Schwägerinn Liebden?— So iſt es,— antwortete Bartholomäus— und wenn ich wa⸗ gen darf, alſo zu judiziren, nicht in der aller⸗ huldreichſten Dispoſition.— Herzog Friedrich Auguſt ſprach nach einer abermaligen minutenlangen Pauſe in ſeiner ge⸗ wohnten leutſeligen und muntern Art: Ich danke Dir für Deinen Rapport; auch mag ich noch in Deiner Schuld ſein, denn obſchon Du nie⸗ mals ſonderlich viel getaugt, habe ich Dich für Deine Dienſte doch wohl allzuſchlecht belohnt mit der bewußten Hand Deiner Frau. Ich werde Sorge tragen, daß ſie mir und Dir nicht mehr zu nahe komme; auch darfſt Du anderweit auf meine Clemenz rechnen und gnädige Protection.— Mit welcher unterthäniger Ehrfurcht— ver⸗ — 249— ſicherte Gobau— ich auch die activen Gaben empfangen werde„die Ihro Durchlauchtigkeit Gnade mich verhoffen läſſt, ſo entbreche ich mich nicht zu geſtehen, wie das erwähnte negative Merkmal derſelben mich zu abſonderlicher Reconnoissance verpflichten würde.— Einen Augenblick ſtand der Prinz noch, dann ſchritt er ſchnell dem Vorzimmer der Kurfürſtinn zu; hier benachrichtigten ihn die Diener von der Anweſenheit des Kurfürſten, und als er die ihm bereits bekannte Nachricht nicht achtete, erſchien die Kammerfrau in der halbgeöffneten Thür des zweiten Gemachs. Sie war in Begriff, den früher angedeuteten Grund anführend, ihm ehr⸗ erbietig den Eingang zu verwehren, aber im ſel⸗ bigen Augenblick entkräfteten die Töne eines lau⸗ ten und heftigen Geſprächs, die aus dem Schlaf⸗ gemach der Fürſtinn herüber ſchollen, ihre Ver⸗ muthung, und des Prinzen gebietendes Wort und entſchloſſene Geberde ihren Widerſtand. Es war weniger Krankheit als Mißmuth, welcher, wie oft zu geſchehen pflegte, Eleonoren Magdalenen von Sachſen-Eiſenach an ihr Ge⸗ mach und ihr Lager feſſelte, das letztere mit Dornen beſtreuend, die Stundenkummer und — 250— Langeweile fort und fort ſchärften, und die der Zu⸗ ſpruch ihrer Schwiegermutter abzuſtumpfen nicht geeignet war. Mit aller Herbe ihrer religiöſen Grundſätze und ihres Gemüths hatte Anna von Dänemark zur jüngern Kurfürſtinn geredet; ſie hatte die Untreue ihres Gemahls in das grellſte Licht geſtellt, ihre Nebenbuhlerinn und die Mut⸗ ter derſelben mit den dunkelſten Farben geſchil⸗ dert, die Gefahren, welche ſie von dieſer Seite bedroheten, in wenigſtens nicht verringertem Maßſtabe und Zahl hergerechnet, und ſie aufge⸗ fordert, der bisherigen leidenden Geduld entſa⸗ gend, ſich mit ihr zu offenem Angriff gegen den Kurfürſten und die Frauen von Neidſchütz zu verbinden. So war es ihr gelungen, in der gemeinig⸗ lich nur weinenden und klagenden Schwieger⸗ tochter eine Bitterkeit aufzuregen, welche, ob⸗ gleich bereits vorhanden, doch bis jetzt unterdrückt geblieben war; und als ſie dies vollbracht, ent⸗ fernte ſie ſich ſelbſt zufrieden, um in den Kampf zu gehen, deſſen wenigſtens ſehr zweifelhaften Ausgang wir geſehen haben. 2 Die Gedanken, welche ſie Eleonoren Mag⸗ dalenen zurückließ, trugen nicht viel dazu bei, — 251— die wiedergekehrte Einſamkeit zu verſchönern, und als dieſelbe iht allzu läſtig ward, ſchritt ſie zu dem Mittel, das nach Frau Annens Sophiens Meinung und Rath das erprobteſte war, erregte Gemüther zu beſchwichtigen. Auf den Ruf der Schelle erſchien die erſte Kammerfrau; auf ein Gebot, in kränkelnder Weiſe geſprochen, ließ ſie ſich an einem kleinen Tiſchchen nieder, und begann in einem Tone, den die durch die Brille gedrückte Naſe nicht zum angenehmſten machte, aus einem gewichtigen, in Schweinsleder ge⸗ bundenen Folianten fromme Betrachtungen vor⸗ zutragen. Doch zeigte die Kurfürſtinn wenig Aufmerkſamkeit bei dieſem gottſeligenZeitvertreibe; während die Vorleſerinn gar erbauliche Worte ſprach von chriſtlicher Sanftmuth, flüſterte der Haß mit leiſer aber ſchneidender Stimme zu ih⸗ rem Ohr; vor die Ermahnung, ſich dem Wil⸗ len des Himmels zu unterwerfen, trat der Vor⸗ ſatz, ihr Recht als Hausfrau und Fürſtinn auf jegliche Weiſe zu vertheidigen; und zwiſchen die Aufforderung zu gottergebener Verſöhnlichkeit tönte eine andere mächtigere, die zur Rache an ihren Widerſacherinnen. Ein abermaliger Be⸗ fehl ſchloß den Folianten und den Vortrag der — 252— Kammerfrau, welche darauf zu einer andern Unterhaltung überging, den Geſchmack ihrer Ge⸗ bieterinn kennend, den, wie man ſpricht, meh⸗ rere Fürſtinnen damaliger und ſpäterer Zeit theil⸗ ten. Die Rede kam auf Hofneuigkeiten, und ging von da alsbald auf die Damen von Neid⸗ ſchütz über, welche von der eifrigen Dienerinn nicht allzu ſchonend beurtheilt wurden, ein Ge⸗ genſtand, der die lebhafte Theilnahme der Kur⸗ fürſtinn erregte, ſo daß ſie wenig hinter ihrer Anklägerinn zurückblieb, bis ſie endlich, ſich der eben angehörten Ermahnungen vielleicht erinnernd, mit gefaltenen Händen ſprach: Richtet nicht, ſo werdet ihr nicht gerichtet, bei dem Herrn iſt allein die Vergeltung.— Gehorſam knüpfte die Kammerfrau einen neuen Faden des Geſprächs an; ſie begann, in eine niedrigere Sphäre her⸗ abſteigend, Stadtanekdoten zu berichten, welche ſie zu ähnlichem Gebrauch jeden Tag ſorgfältig einſammelte, und man war bereits zum ſieben⸗ ten Hauſe der Schloßgaſſe gelangt, vom Pallaſte an gerechnet, als der hörbare Athem ihrer Ge⸗ bieterinn ſie bemerken ließ, dieſe ſei eingeſchlum⸗ mert, worauf ſie ſich leiſen Schrittes entfernte. Die Seele Eleonorens Magdalenens ſpann 40 — 253— im Schlafe die Träume ihres Wachens fort, und eben ſah ſie ihre Feindinnen im Verbrecher⸗ gewand, umgeben von Wache, nach irgend ei⸗ ner Beſſerunganſtalt abgeführt, und ſich in den Armen ihres Gemahls, als ein Geräuſch ſie er⸗ weckte, und ſie den Letztern vor ſich ſah. Im erſten Augenblicke wirkten die Bilder des Schlummers noch wohlthätig fort; als ſie aber den Ausdruck des Zornes auf dem Antlitz des Kurfürſten wahrnahm, entfuhr ihr ein lei— ſer Schrei des Schreckens und die heftige Frage: was Ihro Liebden zu ſo ſpäter Stunde befehle 2— Nach Dero Geſundheit wollte ich mich er⸗ kundigen, Madame,— ſprach Johann Georg kalt und finſter— welche uns heut' wiederum der Satisfaction beraubt hat, die Gebieterinn dieſes Hoflagers an ihrer Stelle zu ſehn.— Der grelle Abſtand zwiſchen Wahn und Wirk⸗ lichkeit hatte die Fürſtinn ſchmerzlich berührt; die Lehren Frau Annens traten vor ihre Seele, und ſie antwortete grollend: Es geziemt der Gebie⸗ terinn dieſes Hofes nicht, da zu erſcheinen, wo Andere es wagen, ihr dieſen Platz ſtreitig zu ma⸗ chen. Der Zuſtand meiner Geſundheit aber kann Ihro Durchlauchtigkeit eben ſo wenig igno⸗ . — 254— riren, als die Urſachen, welche ſelbigen hervor⸗ gebracht.— Wie vorher entgegnete der Kurfürſt: Ich bin weit entfernt, Ihro Liebden Gegenwart da zu begehren, wo es Ihr mißbehagt, und wenn ich mich von Dero Befinden informiret, geſchah es lediglich, um zu wiſſen, ob es Euch, Madame, erlaubt, einen Aufenthalt zu verlaſſen, welcher demſelben ſo wenig zuträglich ſcheinet.— Die bleiche Wange der Kurfürſtinn färbte ſich mit dunklem Roth, ſie richtete ſich raſch halb empor, und ſprach nicht ohne Heftigkeit: Ich verſtehe Höchſtderoſelben nicht, wolle ſich mein Herr deutlicher expliciren.— Darum bin ich gekommen,— war die Ant⸗ wort.— Gewiſſe Umſtände haben die Entfer⸗ nung meiner Frau Mutter Liebden nothwendig gemacht, und die Affection, welche Dero für Selbige trägt, läſſt mich nicht zweifeln, es werde Madame genehm ſein, die künftige Reſi⸗ denz der kurfürſtlichen Wittwe mit einer andern zu vertauſchen, welche Euch mißfällig geworden.— Die Frau Mutter verläſſt Dresden!— rief die Kurfürſtinn im Tone der Bekümmerniß und * 6 —— — 255— des Erſtaunens:— Davon iſt mir nichts be⸗ kannt.— Und doch iſt es ſo; ſie verläſſt Dresden, und Ihr gleichermaßen, Madame.— Iſt es ein Befehl, den ich vernehme, mein Herr?— fragte Eleonore ſtolz und erbittert.— Es iſt ein Befehl,— war die gebieteriſche Erwiederung— und Niemand, verhoffe ich, wird es wagen, dem meinigen ungehorſam zu ſein.— Ihro Durchlauchtigkeit irret,— ſprach Eleonore zwiſchen Wehmuth und Entrüſtung— ſolchem Befehl gehorcht keine Fürſtinn und an⸗ getraute Gemahlinn.— Höret mich an, Madame,— fiel Johann Georg ein— und ſparet die Einwendungen; denn länger kann es nicht beſtehen unter uns, wie es bis anhero geweſen. Ihr wiſſet, wie unſere Vermählung geſchloſſen durch Familien⸗ rückſicht und meiner Frau Mutter dringend Be⸗ mühen. Ich laſſe Euren geiſtigen und leiblichen Qualitäten alle Gerechtigkeit wiederfahren, doch kann es Euch nicht entgangen ſein, daß letztere nimmer in mir die Gefühle erwecket, welche ein ehelich Bündniß zu verſchönern geeignet ſind, * um ein geheiligtes Band zu zerreißen, das ge⸗ ſchloſſen worden iſt vor Gottes Altar und im An⸗ 4 ⸗ ℳ — 256— N und Ihr ſelbſt könnet nicht in Abrede ſtehen, daß Ihr die erſten nicht ſonderlich employiret, dieſelben zu erregen. Unſere Verbindung war nicht beglückend, auch für Euch nicht, Madame, und ſo iſt es zweckdienlich, aufzulöſen, was nur zum Deplaisir gereichen mag, die Vereinigung nämlich zweier disharmonirender Charaktere.— Déplaisir!— disharmonirende Charaktere!— rief die Kurfürſtinn mit von Thränen und Zorn bebenderStimme.— Wahrlich, fürtreffliche Gründe, geſicht des ganzen römiſchen Reichs.— Der lutheriſche Glaube geſtattet ſolche Tren⸗ nungen,— verſetzte er mit Beſtimmtheit— ſchon oftmalen hat das römiſche Reich ſie geſehen, auch unter fürſtlichen Perſonen; ein Beiſpiel. bot Euer eigen Haus dar vor nicht geraumer Zeit, und in kurzem wird ſic das zweite ereig⸗ nen in ihm.— Das wird es nicht,— war die immer hef⸗ tigere Antwort der Fürſtinn.— Man ſoll nicht ſagen, daß Eleonore Magdalene von Eiſenach ſchuldlos verſtoßen worden, daß die fürſtliche Hausfrau der Buhlerinn gewichen, die fromme — 267— Chriſtinn der hölliſchen Kunſt, mit der die gott⸗ loſe Mutter Euren Geiſt umſtrickt hat, wie Eu⸗ ren Leib die heuchleriſche Tochter unter der Larve frommer Einfalt, die des Landesherrn Concu⸗ bine trägt zu Spott und Hohn des ganzen Sach⸗ ſenlandes.— Die Gluth des Zornes trat in Johann Georgs Augen, ſein Angeſicht wurde noch bleicher, und er ſprach mit dumpfer, ſchwankender Stimme: Ihr wiſſet nicht, Madame, wen Ihr ſchmähet, wahrlich, Ihr wiſſet es nicht, wem Ihr ver⸗ dankt, daß nicht längſt ſchon geſchehen, was ſich heute begiebt; doch mag ich der Jalouſie par⸗ donniren, wenn ſie des Pöbels abſurdes Geſchwätz nachbetet, es vermag aber weder die Eine noch das Andere des Landesherrn höchſten Willen ab⸗ zuändern. Ihr kennet dieſen Willen, Mada⸗ me, und werdet Euch bereit halten zur Abfahrt an jeden Euch beliebigen Ort, allwo man Euch eine ſtandesgemäße Subſiſtenz verabreichen wird, bis unſere Eheſcheidung nach Kirchenrecht ausge⸗ ſprochen und Ihro Liebden ein fürſtlich Leibge⸗ ding ausgeſetzt worden.— Nimmermehr,— rief Eleonore, ſich noch mehr emporrichtend— nimmermehr werde ich Die Frauen v. Neidſchütz. I. Bd. 17 * — 268— dies Haus verlaſſen, deſſen Frau ich bin vor Gott und der Welt, und ſollte ich auch nimmer von dieſem Lager aufſteigen, das meine Zähren ſo oft benetzt haben, ausgepreßt durch Eure Bar⸗ barei und Perfidie. Weder die Kurfürſtinn Mutter noch ich werden den Kampfplatz meiden, auf dem uns der Wille des Himmels berief; wie ſeine Heerſchaaren werden wir ſtreiten gegen die Argliſt der Hölle, und ſo wir auch unterliegen, werden unſere Stimmen aus dieſer ſtillen Kam⸗ mer hervor, durch ganz Deutſchland dringend, um Rache ſchreien gegen die Verworfenen, die Euch bethört, gegen die ſcheußliche Unholdinn und die Elende, die es wagt, ſich an die Stelle ih⸗ rer Fürſtinn zu drängen, und die Gerechtigkeit wird ſiegen, und hohnlachend wird man ſie auf dem Wege verfolgen, den das Verbrechen ſie führt, zu verdienter Schmach!— Hoffet wenigſtens nicht, ſelbſt davon Zeuge zu ſein,— kreiſchte ihr der Kurfürſt zu.— Eher werdet Ihr des Weges gehen, den Eure Halsſtarrigkeit Euch bereitet. Gehorchet dem Befehl deſſen, der noch Herr iſt in dieſem Lande und über Euch.— Er trat hier auf das Bett zu mit — 269— einer Geberde, als wolle er augenblicklich ſein Gebot ſelbſt vollführen. Eleonore Magdalene ſchrie auf und ſtreckte, wie zur Vertheidigung, beide Hände vorwärts; eine derſelben ergriff krampf⸗ haft des Gemahls Degen, und als dieſer in wie⸗ derkehrender Beſonnenheit ſich zurückzog, blieb die Waffe, von der Scheide entblößt, in ihrer Hand. Dieſer Anblick entflammte den Ingrimm des Kurfürſten aufs Neue, er entriß das Eiſen der ſchwachen Rechte, und es in drohender Weiſe erhebend, rief er: Widerſetzlichkeit, Madame? wahrlich, ich werde ſie zu vertreiben wiſſen, und wenn es ſein muß, durch Gewalt!— Hülfe, Hülfe! ſtöhnte die Kurfürſtinn, im Entſetzen vergehend, und im nämlichen Augenblicke ſtand Herzog Friedrich Auguſt betroffen zwiſchen den Beiden.— Was ich ſehen, gnädigſter Herr?— fragte er athemloſer Bruſt— Bedenket Derſelbe auch, was Er thut?— Wer wagt es hier, mich zu fragen?— entgegnete der ältere Bruder wuthſchäumend.— Ihn, Prinz, frage ich, was Denſelben zu ſol⸗ cher Stunde zum Zimmer ſeiner Schwägerinn führt?— — Der Arm Gottes,— verſetzte der Andere— der durch mich verhindern will, daß der Kurfürſt von Sachſen zum Mörder werde an ſeiner Ge⸗ mahlinn.— Es iſt wohl noch etwas Anderes,— hohn⸗ lachte Johann Georg mit flammenden Blicken.— Längſt habe ich die unwürdige Neigung bemerkt, die Euch zum n dieſer trefflichen Dame gemacht!— Die Kurfürſtinn ſchlug krampfhaft teibe Hände vor das ſchmerzverzogene Antlitz, der Prinz aber antwortete empört: Ich bitte Eure Durch⸗ lauchtigkeit, Ihre Schuld nicht durch ungerechte Beſchuldigung zu vergrößern.— und ich befehle Euch zu ſchweigen. Was hindert mich,— tobte der Kurfürſt— an die⸗ ſer Sittenpredigerinn nicht ſtracks den Unglimpf zu rächen, mit dem ſie mich bedeckt?— Rette, rette mich der Bruder,— ächzte Eleonore, angſt⸗ haft der Waffe ausweichend, die der Ergrimmte jetzt, wahrhaft bedrohlich, gegen ſie ſchwang; da drängte Friedrich Auguſt ſich entſchloſſen zwi⸗ ſchen Beide, umfaßte Johann Georg W. mit ſeinen löwenſtarken Armen, hob ihn empor, und trug ihn hinaus durch eine Seitenthür, zu ei⸗ nem verborgenen Gange führend, der, angelegt in einer beſſern Zeit, die Gemächer des fürſtlichen Ehepaars verband. Anfangs ſetzte der Kurfürſt ſeinem Bruder den heftigſten Widerſtand entgegen in Geberde und ungezügelten Worten, aber bald deſſen Ver⸗ geblichkeit wahrnehmend, hing er ſchweigend und regungslos in der gewaltigen Umfaſſung, und blieb es auch, als der Prinz ihn auf ein Ruhe⸗ bette niederließ, und darauf ſich an die andere Seite des Zimmers zurückzog. Es lag eine drückende Stille auf der ſeltſa⸗ men, unheimlichen Scene). Johann Georg ſaß wortlos und die fallenden Tropfen von der blei⸗ chen Stirn mit der Rechten trocknend, die noch zitterte von der ungeheuern Erregung; ihm ge⸗ genüber ſtand der Prinz mit hochathmender Bruſt, geſenktem— glühenden Wangen; er blickte nicht empor, ſeine Haltung hatte die ge⸗ wohnte heitere Würde nicht; denn dem zurück⸗ weichenden Zorn war das Bewußtſein gefolgt, er habe das Unerhörte gethan, er habe die Hand *) Der dargeſtellte, wahrhaft ſonderbare Auftritt iſt ge⸗ ſchichtlich, und wird von mehreren Zeitgenoſſen berichtet. an ſeinen Bruder und Landesherrn gelegt. Lange währte dies beängſtigende Schweigen, bis Friedrich Auguſt es brach, mit ungewiſſer Stimme ſprechend: Gnädigſter Herr, was mich auch dazu vermocht, ich habe gethan, was mich gereut, und weit entfernt, es zu excuſiren, bin ich bereit, es zu hüßen, wie das Geſetz es erheiſcht und das beleidigte Majeſtätrecht, und ſei es mit meinem Leben.— Kaum vernehmlich antwortete der Kurfürſt: Ihr habt Recht, es iſt geſchehen, was nicht ge⸗ ſchehen ſollte, wohl von beiden Seiten zugleich, und es ziemt mir nicht, Richter zu ſein in mei⸗ ner eigenen Sache; ſo ſei denn Gott die Ent⸗ ſcheidung anheim geſtellt, wem das größere Un⸗ recht zufällt oder das kleinere. Für des Prinzen Leben aber,— ſetzte er mit wehmüthigem Lä⸗ cheln hinzu— bin ich dem Sachſenlande ver⸗ antwortlich, welches deſſelben vielleicht bald be⸗ dürfen wird, und ich will ihm daſſelbe nicht rau⸗ ben.— Der Prinz ſchwieg einige Zeit, um die aufſteigende Rührung zu bekämpfen; dann ſprach er langſam und ehrerbietig: Ich erkenne dankbar Ihro Durchlauchtigkeit Milde, und wage es, um ein Merkmal derſelben zu flehen. Geſtatten — 273— Höchſtdieſelben, daß ich ausziehe in die Verban⸗ nung, von einem Orte, wo meine Gegenwart Ihr läſtig und mir ſelbſt drückend ſein würde. Möge Kurſachſen meiner noch lange entbehren können, und alle Schatten verſchwinden, welche Dero Glück verfinſtert!— Ich billige die Wahl Ihrer Liebden— verſetzte der Kurfürſt, ſich matt erhebend— und ertheile Deroſelben Urlaub zur Reiſe. Doch ſoll der Herr dieſelbe nicht an⸗ treten, gleich einem Verbannten, ſondern als ein ſächſiſcher Prinz; daß ſolches geſchehe, wird meine Sorge ſein, wie ehebevor. Wie Gott will, ſo geſchehe es, und vielleicht ſehen wir uns wieder, ehe wir meinen.—— Tief verbeugte ſich der Prinz, und ſchied darauf, das Geſicht verhüllend, aus dem Zimmer. Johann Georg ging ihm einige Schritte nach, und rief ihm ein— Lebewohl, Bruder Auguſt— zu, aber der Ton der erſtickten Stimme erreichte den ſchnell Hinwegeilenden nicht. Als einem fränkiſchen Kavalier— ſprach ei⸗ nige Monate ſpäter die Gräfinn von Neidſchütz zu dem Freiherrn von Seckendorf— welcher als Obriſtwachtmeiſter und bei der kaiſerlichen Ge⸗ ſandtſchaft in Dresden angeſtellt, die glänzende, — 274— aber wechſelvolle Laufbahn betreten hatte, auf der ihm ſpäter im Verlaufe der Jahre der Marſchall— ſtab wurde, noch ſpäter jedoch die Ungnade Kai⸗ ſer Karl VI. und ein langwierig Gefängniß— als einem fränkiſchen Kavalier, welcher zweifelsohne vor anderen Ländern, in denen er voyagiret, das ſelbſteigene Vaterland am beſten kennen muß, wollte ich Monsieur le Baron gern etwelche Fra⸗ gen vorlegen, den Hof zu Culmbach betreffend, ob Derſelbe mir wohl einige dahinſchlagende ſpe⸗ cielle Dinge zu communiciren geneigt und im Stande ſei?— Ihro Excellenz, die Frau Gräfinn, ſind überzeugt— entgegnete der angehende Diploma⸗ tiker mit einem Lächeln, welches andeutete, ihm ſei der Beweggrund dieſer Frage nicht unbekannt— von meiner ſteten Bereitwilligkeit, Dero Befehle zu erfüllen, auch bin ich ſolches zu thun im ge⸗ genwärtigen Augenblicke um ſo mehr capable, dieweil ich an beſagtem markgräflichen Hofe mei⸗ ne erſte Education genoſſen.— Et bien— ver⸗ ſetzte die Dame— ſo wolle Derſelbe denn mit Dem beginnen, welchem die Ehre gebührt, mit dem regierenden Herrn.— Markgraf Chriſtian Ernſt— berichtete der 2 Franke— iſt ein Fürſt von löblichen Gaben, wel⸗ cher in allen Dingen ſeinem ehemaligen Vor— munde nachtrachtet, dem großen Kurfürſten von Brandenburg, alſo daß er gleich ſelbigem ſeine Lande in ſtarken Flor gebracht, welches billiger⸗ maßen zum Theil der Aufnahme zugeſchrieben werden muß, die Höchſtderſelbe nach dem Exem⸗ pel des beſagten Fürſten denen franzöſiſchen Re- fugiés angedeihen laſſen. So wie aber oftmals an einem Orte nicht durchaus perfekt erfunden wird, was man am andern dafür erkennet, ſo iſt es auch hier; in Brandenburg, wo der Hof zu Berlin ſich bereits zur calviniſchen Irrlehre bekennet, und wie zu geſchehen pfleget, die Un⸗ terthanen in die Fußtapfen Serenissimi treten, verurſachet ſolch Erſcheinen der Reformirten keine Inkommodité; in denen Culmbachiſchen Lan⸗ den jedoch, allwo man dem evangeliſchen Worte Lutheri zugethan, ſiehet man dieſe Einwanderer nicht mit ſo gänzlich favorablem Auge, ſintemal inſonderheit die Genannten ſich ziemlich aller Fa⸗ briken und ſonſtiger Induſtrie bemächtigt haben, alſo daß die Eingebornen nicht ohne Jalouſie auf die Faveur ſchauen, in welcher mehrberührte Fremd⸗ linge bei des Herrn Markgrafen Durchlauchtig⸗ keit ſtehen.— — 276— Laſſen wir die Canaille und ihre Jalouſieen— bedeutete ihn die Gräfinn;— die Populace muß thun und leiden, was dem Regierenden gefällt und ſeinen Räthen; iſt dannenhero auf das Ge⸗ ſchwätz ſelbiger nicht zu achten. Aber der Hof, Monsieur, der Hof?— Ich habe vernommen, derſelbe ſei kein beſonders plaiſirlicher Aufenthalt.— Unſtreitig— fuhr Herr von Seckendorf fort, welcher bemerkt hatte, daß überflüſſiges Lob des We⸗ ſens in Bayreuth nicht allzuwohl aufgenommen wer⸗ den würde,— unſtreitig hält der Herr Markgraf ſeinen Hof in der Reſidenz und dem Luſtſchloſſe Favorite ſonderbar fürſtlich und prächtig, alſo daß ich anmerken würde, wie man im Lande hier und da über ſolche Depense ſich beſchweret, ſo Ihro Excellenz nicht mit Recht der Meinung wären, es ſei die Populace gänzlich nicht in Con⸗ ſideration zu ziehen. Jedennoch möchte ich, ſolch fürſtlicher Splendeur ungeachtet, den Hof mei⸗ nes durchlauchtigen Landesherrn gleichermaßen nicht als den alleragreableſten preiſen, ja ihn noch weniger mit der weltberühmten Reſidenz Dres⸗ den vergleichen an Galanterie und ritterlicher Höflichkeit, dieweil alldort ein gar ſtrenger und religiöſer Geiſt herrſchet, den nicht Jedermän⸗ — niglich behagen mag, wie mit aller Sincerität zu geſtehen, auch mir, den er in die Dienſte eines andern Potentaten zu treten gemüßiget.— Gewißlich— verſicherte die Gräfinn mit ei⸗ nem andächtigen Blicke zum Himmel— gewiß⸗ lich bin ich eine gute Chriſtinn und Bekennerinn der lutheriſchen Lehre, danke aber dennoch dem Himmel, daß hieſiger Hof und Reſidenz nicht, wiewohl manche Leute ſich um deshalb bemühen, angeſtecket ſind mit Bigotterie und religiöſer Streit⸗ ſucht, welche man billig denen Dienern des Wor⸗ tes überläſſet, als denſelben Metier, indem au contraire denen Welt⸗ und fürnehmen Standes⸗ Perſonen andere Affairen obliegen.— Der Freiherr erwiederte nur mit einer be⸗ ſtätigenden Verbeugung dieſe Worte, welche eine der vielen Anſpielungen auf die Kurfürſtinnen enthielten, die Frau von Neidſchütz im Munde zu führen pflegte; dieſe aber ſprach: Nun weiter, Herr Baron, ſo es Dero gefällig iſt.— Der Erbprinz von Brandenburg-Culmbach oder Bayreuth, Herr Georgius Wilhelmus— begann der kaiſerliche Geſandſchaftkavalier ſeinen Spruch von Neuem, die Dame aber fiel ihm mit einiger Ungeduld in das Wort: Der Erbprinz iſt — 278— annoch ein junger Herr und bis dato wenig von ſelbigem zu ſagen. Auch weiß der Herr Obriſt⸗ wachtmeiſter, wie an Höfen gemeiniglich die Da- mes eine conſiderable Rolle ſpielen, und gleicher⸗ maßen, wie es für eine Dame das Allerannehm⸗ lichſte iſt, über eine andere ein Judicium zu ver⸗ nehmen. Wolle Derſelbe uns denn das Seinige über die Prinzeſſinn Tochter nicht vorenthalten. Ihro Durchlauchtigkeit iſt ohnſtreitig mit Schön⸗ heit und Anmuthigkeit abſonderlich begabt?— Des Freiherrn von Seckendorf diplomatiſches Gewiſſen verſtattete ihm, um der Fragenden zu Sinne zu reden, eine kleine Felonie an der Toch⸗ ter ſeines Landesvaters, und er entgegnete, die Achſel zuckend: Gar viel muß einer hochfürſt⸗ lichen Dame an Reizen des Leibes mangeln, da⸗ mit man ſelbige als abandonniret betrachte von der Puissance, welche ſolche dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte verleihen; indeß mag, meiner geringen Opinion nach, Ihrer Durchlauchtigkeit kein ab⸗ ſonderlich Recht zu größererPrétention zukommen.— Die Matrone verbarg unter einem bedauern⸗ den Kopfſchütteln„die Zufriedenheit, welche die⸗ ſer Beſcheid in ihr erregte, und ſetzte ihr Verhör mit den gar milden Worten fort: Obſchon un⸗ —— ſere Zeit die Messieurs alleweile die vergänglichen Devots an denen Pames höher eſtimiren, als billig, ſo mögen doch ſolche leichtlich durch Ga⸗ ben des Geiſtes compenſiret werden, als durch ein aufgewecktes Ingenium und lebhafte Converſation, welche beſagte Prinzeſſinn ſich alles Erachtens von denen Franzoſen angeeignet, die, wie man hört, den Hof ihres Herrn Vaters frequentiren.— Gewißlich— war die Antwort— gewiß⸗ lich gebricht es der Prinzeſſinn Chriſtiane Eber⸗ hardine keinesweges an angeſtammten hochfürſt⸗ lichen Qualitäten; ſolche ſind jedoch, meines Wiſſens, noch nicht ſonderbarlich an das Licht des Tages getreten. Ihro Excellenz wolle gnä⸗ dig beſagte Relugies nicht mit denen andern Fran⸗ zoſen compariren, dieweil auch die Standesper⸗ ſonen unter denſelben ſeit geraumer Zeit in Ent⸗ fernung von Verſailles gelebt, und folglicher⸗ weiſe wenig oder nichts von denen daſelbſt herr⸗ ſchenden Manieren aquiriret haben. In supra neiget ſich, wie weltbekannt, die Genfer Lehre in Etwas dem Puritanismo zu und ſeiner ſtrengen Sitte, weßmaßen denn die Ankunft genannter Messieurs weder auf die Agrémens des Hofle⸗ bens merklichen Einfluß gehabt hat, noch auf mehrmals erwähnte Durchlauchtigkeit, Höchſtwel⸗ che etwas timide ſein ſoll und verſchloſſen. Wie mag das aber auch anders kommen? Hat doch die gute Prinzeſſinn ſelten eine andere Diſtrac⸗ tion gehabt, denn die theologiſchen Controverſen im Kabinet der Frau Mutter, welche ſelbige, eine eifrige Calviniſtinn, zu veranſtalten pflegt zwi⸗ ſchen denen Predigern ihres Glaubens und an⸗ dererſeits denen lutheriſchen Pastoribus, und bei welchen als einem ergötzlichen Passetemps, wie die anderen Dames, auch die Prinzeſſinn nicht fehlen darf.— Frau von Neidſchütz richtete einen ſchnellen Blick auf Katharinen von Rochlitz, welche, wie oft in Gedanken verloren, bis jetzt keinen Theil an der Unterhaltung genommen hatte, und ſprach: Nicht genug, ſage ich, iſt jungen Pames vom Stande ſolche Vivacität und Usage du monde zu recommandiren, welche die Nichtſchönen ſelber aimable machen kann, deren Mangel hingegen auch der Beauté Eintrag thut.— Der gegenwärtige Graf zu Beichling aber rief: Sur ma parole, nach des Herrn Barons Bericht zu urtheilen, wird des Prinzen Friedrich Anguſt scjour zu Bayreuth nicht von langer — 281— Dauer ſein; denn ſo ich irgend den Gout von Monseigneur kenne, ſind polemiſche Controver⸗ ſen ganz und gar nicht Höchſtdero Passion, noch weniger aber Prinzeſſinnen, deren Converſation⸗ gabe lediglich für ſolche formiret iſt.— Vielleicht wird uns um ſo eher das Glück zu Theil, Seine Durchlauchtigkeit wieder hier zu ſehen— ſagte in zweideutigem Tone die Mut⸗ ter Katharinens.— Schon verlautbart etwas von Höchſtihrer Zurückkunft— antwortete der Graf. Die Gri⸗ finn von Neidſchütz ließ im vorigen Tone ein et⸗ was gedehntes So— o? erſchallen, die Tochter aber blickte raſch empor, wie erſchreckt, und zu⸗ gleich freudig. Serenissimus, unſer Herr, iſt, wie Nie⸗ mand ignoriret— ſprach der Graf zu Beichling weiter— ſonderbar ſenſibler und genereuſer Ge— müthsart, und mag ſolchergeſtalt nicht lange deß gedenken, was Höchſtdieſelben etwa in früherer Zeit afficiret hat, alſo hat man bereits ſeit etzli⸗ chen Wochen remarquiren wollen, wie Seine Durchlauchtigkeit ſich ſeltſamlich nach des Herrn Bruders Rückkunft ſehnet, und geſtern ſogar hat Höchſtſelbe, wie man vernimmt, nach been⸗ —— — 282— digter Cour gegen den Herrn von Flemming die Worte fallen laſſen: Es gemahne Höchſtihn, gleich als ſei eine Lücke in denen Hofzirkuln, und es ſei Sein Wunſch— hier erhob der Graf die Stimme, wie man zu thun pflegt in der Abſicht, dem Zuhörer im Verlauf unverfänglichen Geſprä⸗ ches eine wichtige Andeutung zu ertheilen— es ſei Seiner Durchlauchtigkeit Pesiderium, daß ſolche Lücke, des eheſtens ausgefüllet werde.— Sothane Expreſſions hat denn beſagter Obriſt⸗ wachtmeiſter, als des gnädigſten Prinzen Protégé und Menin, gebührend appluyiret, auch nicht er⸗ mangelt, ſelbige Jedem, der ſie zu wiſſen ver⸗ langt, zu communiciren.— Dem Herrn Grafen wohl vor allen Andern— bemerkte die ältere Dame nicht ohne Schwäche— dieweil man wahrgenommen haben will, wie Der⸗ ſelbige ſeit etwelcher Zeit die Société des Herrn Major und Kammerherrn von Flemming fleißig recherchiret.— Eine ganz leichte Röthe ward hier zum ſeltenen Verräther an gewiſſen gehei⸗ men Gedanken des Hof- und Juſtizienrathes, und erſt nach einer kurzen Pauſe antwortete er mit leidlicher Faſſung: Welches auch die wahr⸗ hoftige Pévotion ſei, die man im Herzen träget, — 283— ſo conveniret es doch, hier und da ſelbe ſcheinbar in den Hintergrund zu ſtellen, geſchehe es auch nur, daß man deſto mehr capable ſei, werkthä⸗ tige Beweiſe derſelben zu geben. Die Matrone warf ſchweigend einen halb ſtrengen, halb ſpottenden Blick auf ihren Schütz⸗ ling; der Herr von Seckendorf aber, welcher, bekannt mit der Gemüthsart der Dame, das Eintreten einer unangenehmen Scene befürchtete, ſuchte derſelben mit ſanftem Schmeichelworte vor⸗ zubeugen. Gewißlich— ſprach er— macht es dem caractère des Kurfürſten ungemeine Ehre, daß Derſelbe fort und fort denen sentimens an⸗ hänget, welche ihren Urſprung in früher Jugend⸗ zeit genommen, obwohl ſeitdem Dero fürſtliches Herz mit anderen gleichſam überfüllet iſt, welche ge⸗ meiniglich die nebenſtehenden zu abſorbiren pfle⸗ gen. Noch mehr gereichet es aber dem verehr⸗ lichen Gegenſtande ſolch letzterer sentimens zu Preis und Ruhme, daß er ohne Jalouſie ſolche Affection wahrnimmt, welche freilich keine an⸗ dere iſt, als eine brüderliche. Der Sinn dieſer Worte und der Blick, wel⸗ cher ſie begleitete, waren an die Gräfinn von Rochlitz gerichtet, und der fränkiſche Edelmann Die Frauen v. Neidſchütz. 1 Bd. 18 — 284— erwartete, ſie werde die erſten nach ihrer Weiſe in beſcheidener Dankbarkeit für das Lob ihrer Sin⸗ nesart aufnehmen, das Einzige, für welches ihre nähere umgebung ſie empfänglich kannte; Ka⸗ tharine aber richtete ſich empor und verſetzte mit einer Würde und Anſtand, welche ſie eben ſo ſelten annahm, als andere Damen in ihrer Stel⸗ lung ſich derſelben oft und mitunter zur Unge⸗ bühr befleißigen: Sehr recht hat der Herr Obriſt⸗ wachtmeiſter, wenn er meint, daß die Zuneigung, die der Kurfürſt zu Seinen erlauchten Bruder trägt, Ihm eben ſo zur Ehre gereiche, als Al⸗ les, was aus Seinem Herzen ſtammt. Sehr ſchlimm jedoch müßte es um die Denkweiſe ſol⸗ cher Perſonen ſtehen, welche mit Jalouſie auf die brüderliche Eintracht blicken, welche Allen, die es wohl meinen, keinesweges zu vermindern, ſondern vielmehr nach Kräften zu fördern obliegt. Der Freiherr und der Graf ſchauten drein, gleich ſolchen, die etwas hören, was wohl ſehr ſchön lautet, aber nicht ſonderlichen Glauben ver⸗ dient; das faltige, ſcharf gezeichnete Geſicht der Mutter nahm einen gemiſchten Ausdruck von Mit⸗ leid und Unzufriedenheit an, und ſie ſchien in Begriff, ihnen Worte zu leihen, doch hielt ſie — 285— ſelbe zurück und ſprach mit ſauerſüßem Ton und Miene: Denen Herren beiderſeit iſt die noble Denkungsart der Madame la Comtesse de Rochlitz zur Genüge bekannt, um zu glauben, daß der Rede die reine Wahrheit zum Grunde lieget, und ich verhoffe zu Gott, es wird eine Zeit kom⸗ men, da man ihr allgemeine justice wiederfahren läſſet. Auch theile ich gänzlich die opinion der Frau Tochter, wünſchend, dem Prinzen des bal⸗ digſten de retour in der Heimath zu ſehen. Wie man höret, obſervirt Seine Durchlauchtigkeit in Ihrem gegenwärtigen voyage mehr Decenz und retenue, als wohl bei den früheren geſchehen: es ſtehet demnach zu erwarten, Monseigneur werde anjetzo beſſer einſehen, was zu Dero Heil dienet und zum Beſten des kurfürſtlichen Hauſes und geſammten Sachſenlandes. Noch ungläubiger vernahmen die Herren der Matrone Rede, als was Katharine geſprochen, obſchon vielleicht nicht ganz mit Recht; ſie kann⸗ ten aber die ausſchweifenden Pläne mütterlichen Ehrgeizes nicht, von welchen uns bereits eine Ahnung geworden. Die Gräfinn zog ſich, wie gemeiniglich bei dergleichen Anſpielungen der Mutter, von der Geſellſchaft zurück in ein Fen⸗ — 286— ſter; die Letztere aber folgte ihr dahin, wahr⸗ ſcheinlich ihr Herz durch einige Vorwürfe zu er⸗ leichtern. Kaum aber war Frau von Neidſchütz dorthin gelangt, als der Schall einiger Hörner, der Hufſchlag mehrer Pferde und der Ruf vieler Stimmen ihr Auge nach der nicht entfernten Schloſſgaſſe zog. Die geringe Oeffnung des Ta⸗ ſchenberges nach dieſer Seite verſtattete ihr nur undeutlich im Vorüberſprengen die gelben betreſſ— ten Röcke einiger Hofpoſtillons wahrzunehmen; ihnen folgte aber eben ſo raſch ein reichgekleideter Mann, deſſen Geſicht zu erkennen ſie jedoch die wallenden Federn ſeines Hutes verhinderten, und ihnen nach wogte eine zahlreiche jubelnde Menge. Es ſcheinet ein Courier angelangt zu ſein, wandte ſich die ältere Dame an den Grafen zu Beichling, und dem Lärmen nach, den der Pö⸗ bel macht, mit erfreulichen Nouvellen. Wolle der Herr Kammerherr mich obligiren, ein wenig ſchauend, was er etwa gebracht?— ſei der Herr ſo gütig, ob ich es ſchon in Kurzem zwei⸗ felsohne von dem Kurfürſten ſelbſt erfahre.— Froh, von ſeiner eben erſt erzürnten Gönnerinn eines Auftrages gewürdigt zu werden, verſicherte der Genannte ſie ſeines unverzüglichen Gehor⸗ ſams in zierlicher Rede, und verſchwand nach ei⸗ ner eben ſo zierlichen Verbeugung. Es war eine tiefe Stille im Zimmer eingetreten. Katharine ſchauete hinaus auf die entlaubten, ſchneebedeck⸗ ten Bäume des Ziergartens; der Freiherr von Seckendorf beaugte zum Zeitvertreib das Nym⸗ phenfeſt, welches, Albano nachgeahmt, die ge⸗ wirkte Seidentapete des Gemaches verzierte, und die Gräfinn von Neidſchütz ging auf und nieder in einer Art von Unruhe, von der ſie ſelbſt nicht Rechenſchaft ablegen konnte, die aber ehrgeizige und unruhige Gemüther, beſonders am Hofe, nicht ſelten befallen ſoll, zumal wenn ein ihnen unbekanntes Ereigniß ſich ankündigt, und un⸗ willkührlich heftete der Gedanke, die Ankunft je⸗ nes Couriers ſei der Vorbote einer ſolchen, ihre Einbildungskraft an dieſelbe.—— Madame— nahm nach einiger Zeit der Freiherr mit gedämpfter Stimme das Wort— Madame, ich ſehe mit Bedauern Ihro Epxcellenz ein wenig präoecupiret, und bitte, es Dero ge⸗ horſamen Diener zu verzeihen, wenn er ſich darob verwundert bei den erwünſchten statu Dero An⸗ gelegenheiten, und wenn ſolches nicht zu unbe⸗ ſcheiden wäre, nach der Urſache fraget, ob ſeine — 288— Wenigkeit vielleicht im Stande ſei, durch ihre geringfügigen Dienſte zu deren Beſeitigung zu contribuiren?— Monsieur le Baron— antwortete die Frau von Neidſchütz— Derſelbe hat zu viele Hoflager frequentiret, und iſt mit dem Treiben daſelbſt allzuwohl bekannt, als daß es Ihn befremden ſollte, wenn auch am allerklarſten Horizonte hie und da ein Wölklein aufſteiget, und der helle Sonnenſchein auf etzliche momens verfinſtert wer⸗ den mag. Solches iſt jedennoch nur eine vor⸗ übergehende Fatalität, und weichet dem nächſten favorablen Windſtoß ſelber, falls die ganze Ver⸗ dunkelung nicht lediglich in der Imagination lieget. Ihro Excellenz preiswerthes Ingenium und Erfahrung— war die Gegenrede des Diploma⸗ ten— hat Höchſtdieſelbe gewiß ſattſam inſtrui⸗ ret, es ſei nicht genug gethan, dergleichen Wind⸗ ſtöße zu erwarten, ſondern beſſer, daß man ſie herbeiführe; posito, geſetzten Falles, ſothane Eclipſe läge nun nicht alleinig in Hochdero ver⸗ ehrlicher Imagination. Iſt ein gewiſſes bevor⸗ ſtehendes Ereigniß meiner gnädigen Frau Grä⸗ finn vielleicht nicht allerdings ſo wünſchenswerth, als Dieſelbe in löblicher Moderation zu erkennen — 680— gegeben?— Als die Dame auf dieſe dringende Erkundigung ſchwieg, ſetzte Seckendorf hinzu: Deſideriret vielleicht Ihro Epcellenz des Prinzen beſchleunigte retour nicht gänzlich ſo eifrig, als die Decenz zu äußern gebietet? Die Matrone warf bei dieſer etwas allzuun⸗ umwundenen Frage einen forſchenden Blick auf das Antlitz des Freiherrn; dann erwiederte ſie zögernd: Es iſt allgemein bekannt, daß zwiſchen dem Prinzen und andern Perſonen gewiſſe Diffe⸗ renzien obgewaltet haben, um dem Perrn Ba⸗ ron daraus ein mystère zu machen; indeß— hier ſtrebten ihre harten Züge wiederum den ſich ihnen verſagenden Ausdruck der Frömmigkeit an⸗ zunehmen— es iſt Chriſtenpflicht, den Belei⸗ diger zu pardonniren, und nur vornämlich der Frau Tochter und mir ſteht es zu, unſerer avaulage die des kurfürſtlichen Hauſes vorzuziehen, in deſſen Durchlauchtigſten Chef wir unſern Pro⸗ tector verehren, und deſſen Intereſſe möglicher Weiſe in Kurzem uns noch näher angehen wird. — Den fränkiſchen Edelmann befremdete eine Verſchloſſenheit, welche er nur der Gewohnheit der Heuchelei zuſchreiben konnte; denn ihm galt die Abneigung der Gräfinn gegen die Wiederkehr 5 — 280— Friedrich Auguſts für entſchieden, welche nicht anders als Entwürfen gefährlich ſein konnte, die in ſeiner Abweſenheit bedeutenden Fortgang ge⸗ wonnen. Doch warf er die leicht betonten Worte hin: ſonſt— wenn es Ihro Excellenz genehm wäre.—— Ich darf mich einiger Connoiſ⸗ ſanzen am Hofe zu Bayreuth rühmen unter Her⸗ ren und Dames. Hercules gilt als der ſtärkſte unter den Heidengöttern, und doch war es juſte⸗ mente Er, welcher am öfterſten von ſanften Ban⸗ den umſtrickt worden, um ihn an einen Orte feſt, und von einem andern entfernt zu halten, allwo man ſeine Présence gerade nicht vonnö⸗ then erachtete. Auch in Bayreuth, Hochver⸗ ehrte Frau Gräfinn, giebt es ſolche Weberinnen. Zwar, ſetzte er lachend hinzu, möchte ich darun⸗ ter die durchlauchtige Omphale nicht rechnen, als welche ſelbſt allzuhäufig den Spinnrocken hand⸗ habt, um ihn dem Hereule moderne abzutreten, der ihn auch ſchwerlich von ihr acteptiren würde, nach dem, was man von ſeinen Inclinations ſpricht. Die Dame legte einen Augenblick ſin⸗ nend die knöcherne Hand an die faltenreiche Stirn, und erwiederte darauf: Ich bin noch nicht eins 6 mit mir über eine Sache, bei welcher die ange⸗ * — 291— borene Senfibilität mit andern Rückſichten in Colliſion geräth. Auch iſt das Ereigniß, wel⸗ ches Dero erwähnt, noch nicht vor der Thür. Jedennoch erkenne ich mit gebührender Satis⸗ faction Monsieur le Barons Gewogenheit, und werde nicht ermangeln, ſelbige vorkommenden Falles zu reclamiren. Halte übrigens Derſelbe ſich verſichert, ſchloß ſie mit einer huldreich ent⸗ laſſenden Geberde, daß auch für einen Diener Seiner Römiſchen Kaiſerlichen Majeſtät und an⸗ geſehenen Officier Kurſachſen Mittel beſitzt, ihn zu belohnen, wie es deſſelben Meriten und dem lustre ſeiner altadlichen famille conveniret. YNachdem die kluge Viceregentinn des Kur⸗ fürſtenthums den kaiſerlichen Geſanbſchaftskavalier dergeſtalt freundlich verabſchiedet hatte, wendete ſie ſich mit dem Tone übler Laune zu Kathari⸗ nen Abermals, begann ſie ſcharf und keifend, abermals, wie es mich gemahnt, hat die Frau Tochter ein feines Meiſterſtück zu Wege gebracht, mütterlicher Ermahnung nicht achtend, und des devoirs, das Ihr obliegt. Ich verſtehe Euch nicht, Madame, antwor⸗ tete die Gräfinn von Rochlitz, minder nachgebend als gewöhnlich. Ich weiß leider, daß ich zu oft * — 292— irre, doch iſt dies nur der Fall, ſeitdem jene Er⸗ mahnungen, mit dieſer Pflicht im Widerſpruch, mich von derſelben ablenkten; doch, fügte ſie mit einem Seufzer hinzu, was geſchehen iſt, iſt un⸗ wiederbringlich geſchehen; es gefalle denn der Frau Mutter, anzudeuten, welches Vergehen ich neuer⸗ dings begangen? Die Mutter gegenredete, ſich nach und nach erhitzend: Es erhellet aus Allem, daß Dero preisliche Sentimentalität danach trachtet, und es ihr gelungen iſt, die obwaltenden Differenzien zwiſchen den fürſtlichen Brüdern zu beſeitigen, ohne des eigenen Intereſſes zu gedenken, welches freilich nur die Klugheit erwägt, die Dero exal⸗ tirter Sinn großmüthig verſchmäht. Ich kenne dies Intereſſe nicht, antwortete Katharine, und kennte ich es, ich würde es nicht beachten. Von einem Spalte ſchon, ſetzke ſie mit Wärme hinzu, von einem Spalte bin ich die unglückliche Urſach; mein Herz, mein gan⸗ zes Daſein hat ſich in denſelben gedrängt, er kann ſich nicht ſchließen, ohne mich zu zermal⸗ men, und zu ſchwach bin ich, zu wünſchen, daß er ſich ſchließe. Doch ſoll man nicht ſagen, daß ich, einem verderblichen Unkraute gleich, Johann 6 —— Georgs Herz austrockne„eigenſüchtig in demſel⸗ ben jeglich lobenswerthes Gefühl erſtickend, dar⸗ an es ſo reich iſt; man ſoll nicht ſagen, daß ich, die Ihm die Gemahlinn entfremdet, ihn auch von dem Bruder losreiße. Jeglicher trübe Blick, jeglich hingeworfenes Wort, die den Entfernten vermiſſten, gab mir eine ſchmerzlich verletzende Wunde, und ſo that ich denn, was mir zu thun oblag, ob es Euch gleich anders däucht, gnädige Frau, Alles nämlich, was ich vermochte, Ihn dem Prinzen wiederum zu nähern, der edel iſt, wie Er, und ſolchen Bruders werth und Seiner erlauchten Herkunft. Mit wahrhaftigem Plaiſir— ſprach zweideu⸗ tig die Andere— vernehme ich in der Frau Toch⸗ ter Munde ſolch' lebhafte Eloge ſeiner jüngern Durchlauchtigkeit, doch mag ſie mich um ſo eher befremden, als ich bis dato in Ihr wenig Affection zu derſelben bemerket——— Eine leichte Röthe ſtieg auf die Wangen der jungen Gräfinn, als ſie erwiederte: Ich liebe den Prinzen nicht, denn dem Haſſe mag Liebe nicht begegnen; doch welches Recht ſtehet mir, der Eingedrungenen, zu in dieſem Hauſe, dem Sohne deſſelben entgelten zu laſſen, daß er ſich — 294— mir ungünſtigt bezeigt?— Darf ich, kann ich dem, an den meine Seele gebunden iſt, welchen glücklich zu ſehen, ich alles, alles dahin gäbe, was mir Armen geblieben, ihm, der auch mir ſo manches geopfert, was der ſtilltreue Sinn einfacher Gemüther hochhält, kann ich ihm rau⸗ ben, wonach er ſehnend umſchauet im zerſtörten Familienkreiſe 2 Ich wollte lieber, ſprach die Neidſchütz halb vor ſich hin, ich wollte lieber, die Frau Toch⸗ ter liebte den Prinzen etwas mehr, und beſchleu⸗ nigte etwas weniger deſſen Anherokunft, wenig⸗ ſtens vor der Hand. Das Letzte hatte der Tochter Ohr berührt, und ſie fragte: Und warum? Welcher Nach⸗ theil mag mir erwachſen aus ſeiner Wiederkehr? Nur Glück erwarte ich von derſelben; denn ich werde ein Auge heiter ſehen, deſſen Verdüſterung einen Schatten in mein Leben wirft. Vielleicht kommt dann auch die Zeit, da dem Prinzen klar wird, die vermeinte Feindinn habe es nicht böſe mit ihm im Sinn, und er Der wenigſtens Mit⸗ leid und Nachſicht nicht verſagt— der er ſeine Achtung nicht gewähren kann. Die Matrone ließ ſich hier, die weiten Sei⸗ tenflügel des Fiſchbeinrockes bedächtig ausbreitend, in einen Lehnſtuhl nieder, nahm eine Priſe, und begann darauf im Lehrtone: Auch ich verhoffe gleichermaßen, daß dem Prinzen die gehörige Er⸗ kenntniß kommen werde, und nebenbei die ge⸗ bührende Achtung und Reſpect; damit jedoch ſol⸗ ches effectivement Statt finde, iſt noch einige Zeit vonnöthen. Sei ſie, Frau Tochter, von der Güte, ein einzig Mal aus den anmuthigen Wolkengebilden, in denen Ihre Phantaſie her⸗ umſpaziret, in die réalité hinabzuſteigen, welche zwar wohl nicht ganz ſo plaiſtrlich ſein mag, uns iedennoch zum scjour angewieſen. Ihre, oder wenn Sie ſo will, unſere Affairen haben erwünſch⸗ ten Progreß genommen ſeit der Abweſenheit des Prinzen, welcher immer noch über ſeinen Herrn Bruder den Ascendant behauptet, wie in jugend⸗ lichen Jahren, und ſelbigen, wie ich geſtehen muß, nicht allerdings zu unſern Gunſten em⸗ ployiret. Zwar hat die alte Dänemarkerinn ſatt⸗ ſam gelitten, und die thränenreiche Hausfrau nach Gebühr gewehklagt, dennoch ſind ihre Stim⸗ men, nicht mehr fortifuyiret durch das prinzliche Organ, übertänbt worden, und die beiden laſſen ſie jetzunder erſchallen in ihren Kammern, wo⸗ — 296— hin der Kurfürſt, der, wie billig, Herr im Hauſe wie Souverain im Lande ſein will, ſie honnete- ment relegiret. Auch mangelt es uns, Dank meiner Activität, am Hofe und in der Reſidenz nicht an ſolchen, die uns zu Willen reden und thun, nicht aus attachement ſowohl, ſondern aus Intereſſe, welches indeſſen ein Hebel von ganz anderer Kraft genannt werden mag. Fer⸗ nerzeit habe ich, während die Frau Tochter den blinden Amor zum Führer erwählet, mir einen recht hellſehenden zugeſellet, Politik geheißen; derſelbe hat mich auch durch ein Labyrinth gelei⸗ tet, zwar nicht ſo anmuthig, als das, in dem Sie, ma cheère, wandelt, dafür habe ich aber den Ausgang früher gefunden, und mehrere Reichs⸗ fürſtliche Perſonen, ja ſogar der Kaiſerliche Hof, betrachten ſonder Widerwillen die Vermählung Kurſachſens mit der heiligen Römiſchen Reichs⸗ gräfinn zu Rochlitz. So habe ich denn mit müt⸗ terlicher sollicitude Ihr die Fürſtenkrone bereitet, und es liegt nur an der Frau Tochter, danach zu greifen. Sofern jedennoch ſolches Sie zu ſehr incommodire, bei Ihren ſentimentalen Chi⸗ mären beharrend, ſo werde ich dieſelbe Ihr auf⸗ ————— ſetzen nolens volens, und ich vermeine, Sie wird alsdann den capriciöſen Kopf nicht zurück⸗ ziehen. Solches muß aber bald geſchehen, noch bei des Kaiſers Leopolds Leben, welcher den Bran⸗ denburgern nicht ſonderlich grün iſt, und ehe der Römiſche König daran komme, an deſſen liaison mit dem Prinzen allerhand zu befürchten ſteht. Auch muß es geſchehen vor des Letztgenannten Zurückkunft; denn träfe er früher ein, ſo ſtände die Parthie zu unſerer désavantagze; ſpäter iſt es umgekehrt; der appanagirte Prinz darf der re⸗ gierenden Frau die geziemende Devotion nicht verſagen; von der Devotion aber iſt nur ein Schritt zu etwas Anderm; und trüge irgend ein Unglück ſich zu, ſo könnte es füglich zu dem kom⸗ men, wovon ich mit der Frau Tochter allbereits mehr denn Einmal geſprochen.— Nur zu oft— rief Katharina, und ihre ſanfte klangreiche Stimme bebte in den geſtei⸗ gerten Tönen des Unmuths— nur zu oft, Ma⸗ dame, habt Ihr von dieſen Dingen zu mir ge⸗ redet, und es geſchehe nicht wieder, ſo ich nicht genöthigt werden ſoll, Einmal nur Gebrauch von dem Recht einer Stellung zu machen, die Ihr — 298— ſelbſt mir gegeben, auf immerdar mich befreiend von der Pein, anhören zu müſſen, was mich im Innerſten verletzt, durch die Vorausſetzung deſſen, was ich nur mit Schauder betrachte, durch eine Vorherſagung, die beinahe einem Wunſche gleicht, daß Unheil möchte ſich ereignen. —— (Ende bes erſten Theils.) ſſſ 18 10 20 —