Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Worhentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf Monat: 1 Wr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 2„„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Beate. Aus einer alten Chronik ohne Titelblatt, von Alexander Bronikowsti. Ja, der Hoͤlle falber Schein Leuchtet in die Nacht hinein, Daß die Wege ſichtbar werden, Die der Teufel geht auf Erden. (Muͤllner, die Schuld.) Dritter Band. Leipzig, 1 8 3 2. Bruͤggemann'ſche Verlagserpedition. aus einer alten Chronik ohne Titelblatt, von Alexander Pronikowsti. III. 1 P Thuͤrmelos und tiefer liegend als die Flaͤche vor ihr, ſtellt ſich die Hauptſtadt jenes Landes von der Landſeite weniger anſehnlich dar, als jenſeit des Stromes, deſſen hohe Ufer ihr ſchoͤnſter Theil be⸗ kränzt; Gebuͤſch verbirgt ihre erſten einzelnen Haͤuſer, und man meint noch in einer baumbe⸗ pflanzten Landſchaft zu ſeyn, wenn man ſich ſchon diesſeit ihres Umkreiſes befindet. Es war ſpater Abend, und ein dichter Nebel bedeckte die Kup⸗ peln der Kirchen und Palaͤſte und die Daͤcher der Haͤuſer, ſo daß die Reiſende ſich noch weit vom Ziele glaubte, als ſie daſſelbe bereits er⸗ reicht hatte. Der Hofrath aber ſchaute unver⸗ wandt in den Nebel hinauf, in welchem es wogte und zuckte im roͤthlichen und gelblichen Wiederſchein der Straßenbeleuchtung und der Wachtfeuer, und ſein ſcharfer Blick mochte da mehr gewahren, als dieſen Wiederſchein, denn 1* 4 ſein Mund verzog ſich zum Laͤcheln, und er ward geſprächiger, als er auf der ganzen Reiſe geweſen. Man hatte den Schlag erreicht, der Thor⸗ waͤrter trat heraus mit ſeiner Laterne, leuchtete in den Wagen hinein und that die gebraͤuchlichen Fragen. Als er darauf mit Huͤlfe des herbei⸗ gerufenen Befehlshabers der Wacht den ihm uͤberreichten Paß beſichtigt und ihn richtig be⸗ funden hatte, zog der eisgraue Kriegsmann ver⸗ gangener ruhmvoller Tage das Kaͤpplein vom Haupt und wuͤnſchte der hohen Reiſenden Gluͤck zur Ankunft, und dem Vaterlande und ſeiner Hauptſtadt zum Erſcheinen der gnaͤdigen Dame, welche unſtreitig, ihren ehrenwerthen Landsmaͤn⸗ ninnen gleich, dem gemeinen Beſten ihre Sorge widmen werde, ihr Gebet und ihr Reichthuͤmer. Der Wachthabende aber, ein ruͤſtiger Soldat mit verbundenem Arm und ſchiefgeſetzter Muͤtze, meinte, als er den Herrn Hofrath gewahr ward und den Mohren und die uͤbrige zahlreiche Die⸗ nerſchaft maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts und die tuͤchtigen Roſſe vor den Wagen, es käͤme gerade an, was ſie brauchten, eine Dame hohen Ranges, Sitz zu nehmen in den Verei⸗ 5 nen, der Wohlthaͤtigkeit und Krankenpflege ge⸗ widmet, ein ruͤſtiger Herr, zum Offizier des Auf⸗ gebots nicht ubel geeignet, kraͤftige Maͤnner, um die gelichteten Reihen der Streiter zu ergaͤnzen⸗ liebliche Jungfrauen, die Wunden derſelben zu verbinden, und brauchbare Roſſe fuͤr Reiterei und Geſchuͤtz. Beiden, ſo treuherzig und zutraulich ſie auch ſprachen, ward wenig zur Antwort oder nichts. Der Mohr ergrimmte bei dem Gedanken, als gemeiner Krieger in den Reihen des Volkes zu fechten, das er vor Jahrhunderten als Monarch zerſchmettert hatte, und zumal fuͤr eine ſolche Sache zu fechten; die Diener wußten zum Theil, ſie ſeyen nicht dazu hier, wozu der patriotiſche Werber ſie beſtimmte; die Dienerinnen, welche mit der Form des Weibes nicht auch das Mit⸗ leid angenommen, den ſanften Strahl, den die Gottheit in das Weſen des zweiten Geſchlechts ſenkte, bekuͤmmerten ſich wenig um alle Ver⸗ wundeten der Welt, und die Pferde, obgleich von aͤhnlichen Geiſtern als Jene beſeelt, waren durch ihre derzeitige Geſtalt jeglicher Antwort uͤberhoben. Eben ſo ſtumm blieben die Haͤupter der Reiſegeſellſchaft; die ehemalige Beate ſchwieg, 6 weil ſie nichts zu ſagen wußte, der Herr Hof⸗ rath aber war aus dem Wagen geſtiegen. Wohl war der Schlagbaum aufgehoben und der Weg anſcheinend frei, das ſchien jedoch dem Umſichtigen nicht genug zu ſeyn, er lugte und ſtoͤ⸗ berte an dem Boden der offenen Thorfahrt her⸗ um, und wie er ſo ſtand und lugte, wirbelte es heran, klein, dunkel und undeutlich, und wir⸗ belte fort und fort auf dem Pflaſter herum und in ſeinen Fugen, und quickte dumpf und unver⸗ nehmlich, aber doch wie im Tone der Freude, und kroch wieder davon. Da trat der Meiſter zuruͤck zur Karoſſe und raunte der Dame zu: „Freuet Euch, Wertheſte, denn zernagt iſt das Pentagramma.“— Und darauf rief er, wie ein ſiegender Feldherr beim Sturm einer Veſte: „Vorwaͤrts!“ und vorwaͤrts flog der Wagen durch den Schlag. „Mich daͤucht, Herr Sergeant,“ hob, ihm nachſehend, nach einer Weile kopfſchuͤttelnd der alte Thorwaͤrter an,„mich daͤucht, es iſt uns da nicht viel Gutes durch die Linien der Haupt⸗ ſtadt hereingekommen, wie man denn in jetziger bedenklicher Zeit ein wenig aufmerkſamer ſeyn ſollte auf ſolche Wanderer.“—„Pah“— er⸗ 7 wiederte der Soldat,„der Paß lautete ja auf ei⸗ nen vornehmen Namen und hochgeehrt im Va⸗ terlande ſeit langer Zeit.“— Und abermals ſchuͤttelte der Alte den Kopf, ſprechend:„Werther Herr, wenn Ihr ſo alt ge⸗ worden ſeyn werdet, als ich es bin, und zwei Generationen oder drei an Euch voruͤbergegan⸗ gen, ſo werdet Ihr wiſſen, daß der Sohn nicht immer dem Vater gleich iſt, viel weniger die Urenkelin der Aeltermutter. Andere Zeiten brin⸗ gen andere Sitten, auch andere Gedanken, und wo viele Veraͤnderungen geweſen ſind, will das Alte nicht mehr recht haften, es ſey denn bei Leuten von aͤchtem Schrot und Korn.“—„Der⸗ gleichen giebt es Viele bei uns,“— verſicherte der Andere, den leichten Knebelbart ſtreichend.— „Viele,“— beſtaͤtigte Jener,„Viele, das geb' ich zu, doch ſind es nicht Alle.— Kurzum, dieſe Dame mit ihrem Gefolge will mir nicht gefal⸗ len und mir iſt, als wuͤrde Schlimmes von ih— nen kommen.“—„Alte Leute gruͤbeln gern,“ entſchied der Sergeant.„Mir wollte der Kerl auch wenig gefallen, der kaum Beſcheid gab auf den Willkommen eines Mitbuͤrgers, und anſtatt ihm in's Geſicht zu ſehen, lieber auf die 8 Ratten und Maͤuſe ſah in der Thorfahrt; aber was koͤnnen Solche denn Uebels thun, auch wenn ſie wollten? Reich oder arm, gering oder vor⸗ nehm, hier ſtehn Alle fuͤr eine Sache, und wollte Einer ſich abſondern von ihr, oder gar ihr ge⸗ genuͤber treten, ſo wird man ſchon fertig werden mit ihm, die Vaͤter des Vaterlandes, deſſen wackere und muthige Stuͤtzen, und wenn es da fehlen ſollte, wir ſelbſt.“—„Und wen,“ fragte der Greis nachdenklich,„wen verſteht Ihr un⸗ ter dieſem„Wir ſelbſt“?“—„Je nun, das Volk und das Heer,“— ſagte Jener leichthin. Da antwortete der Thorwart noch bedenklicher: „Es iſt ein ſchlimmes Ding, wenn das Ganze ſich mit dem Einzelnen befaßt, denn allzuderb greift es zu, und weiter als vonnoͤthen. Habt Ihr auch je einen Haufen Grobſchmidtsgeſellen geſehen, mit kraͤftigen aber plumpen Faͤuſten und gewaltigen Haͤmmern das mangelhafte Ge⸗ triebe eines Uhrwerks zurechtbringen? Das Ei⸗ ſen und den Stahl moͤgen ſie bereiten, daß, was. aus ihm verfertigt wird, feſt ſey und dauerhaft, die feinen Werkzeuge aber gehn unter den Haͤn⸗ den der Schuͤler der Kunſt hervor und nur die Meiſter verſtehen ſie zuſammenzufuͤgen und ih⸗ ——— 9 ren Gang zu leiten. Mancher, der doch nur ein Grobſchmidt iſt, meint wohl, er ſey ein Uhr⸗ macher oder Mechanikus, dabei kommt aber nicht viel Gutes heraus. Doch es iſt ſpaͤt, und der Schlagbaum geſchloſſen fuͤr die Nacht; ſo will ich mich denn ſchlafen legen, vorher aber zu Gott und den Heiligen beten, daß die weiſen Vaͤ⸗ ter des Vaterlands und ſeine treuen wackern Stuͤtzen eben ſo weiſe, treu und wacker beharren, als ſie begonnen.“—„Ich aber,“— fiel der Sol⸗ dat ein—„moͤchte, nur mein Arm waͤre wieder heil, daß ich hinauskaͤme zu meinen Waffenbruͤ⸗ dern, den Tag uͤber mich herumzuſchlagen und die Nacht auf Gottes Erdboden zu ſchlafen, wo mir wohler iſt, als in der dumpfigen Wacht⸗ ſtube. Bei uns draußen, alter Herr, bei uns wohnt die Freiheit und die Kraft. Und wenn es hier auch nicht immer ginge, wie es ſoll, ſo ſind wir doch noch da; wie wir das Vaterland ge⸗ gen Außen vertheidigen, werden wir ſchon drauf halten, daß innen ihm kein Leid geſchehe.“— „Wiſſet Ihr nicht,“— entgegnete der Greis langſam—„„wiſſet Ihr nicht, daß, wenn das Mark des Schlehdorns verfault iſt, auch die 10 Stacheln nach und nach von der Rinde fallen? Gute Nacht!“— Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs zwiſchen dem jun⸗ gen Krieger und dem alten, fuhr der Wagen durch eine der langen Baumreihen, die einen Platz von betraͤchtlicher Groͤße oder vielmehr eine bedeutende Flaͤche durchſchnitten. Der Mond war eben aus der Umhuͤllung des Nebels ge⸗ ſchritten und beleuchtete die mit dem noch wenig verblichenen Gewande des Sommers be⸗ kleidete Landſchaft. Sein Strahl entdeckte den Reiſenden zur rechten Hand des Weges ein halbzertruͤmmertes verlaſſenes Gebaͤude. Es war keine Ruine des Alterthums, ſeine Bauart, uͤbrigens kleinlich und geſchmacklos, zeugte von neuerlicher Entſtehung, und die noch friſche Farbe des hin und wieder beſchaͤdigten Gemaͤuers von einer ganz neuerlichen Verwuͤ⸗ ſtung. Der Meiſter laͤchelte bitter, als er vor⸗ uͤberrollte, der Mohr draußen aber murrte un⸗ wirſch vor ſich hin und wendete ſich zuruͤck auf dem Kutſchbock, ſo lange als moͤglich das Ge⸗ baͤude im Auge behaltend. Noch eine Strecke, dann wandten ſich die Roſſe rechts einen Ab⸗ hang hinunter am Fuße eines Huͤgels hinweg, 11 von welchem ein anſehnlich Gebaͤude herabſchaute, weit aͤlter als jenes, doch wohlerhalten in ſeiner wuͤrdigen, gediegenen Bauart. Ein großes Vier⸗ eck war es, an jedem ausſpringenden Winkel mit einem runden Thurme verſehen, welche ihm das Anſehn eines befeſtigten Schloſſes gaben; die eine Seite ging nach dem unten fließenden Strome zu, die zweite nach der Stadt, die dritte nach der baumbepflanzten Ebene, nach dem Wege unſerer Reiſenden die vierte. Doch wie⸗ wohl dies Gebaͤude anzuſehen war gleich der Behauſung eines Koͤniges oder Fuͤrſten, ſchien es doch jetzt kein ſolcher zu bewohnen; die Fenſter, zum Theil halb vermauert, waren zwar erleuchtet, doch nur mit truͤben Lichtern, wie die Armuth ſich ihrer bedient, die langen Gaͤnge mit eiſernen Ampeln und langſam und ſchlei⸗ chend zogen einzelne Schatten vor ihrem Scheine dahin. In dem weiten Vorhofe ließ ſich nur ſelten ein Schritt vernehmen, der eilende Schritt eines Arztes, der mit dem Bindezeug unter dem Arm kam, dem Huͤlfbeduͤrftigen beizuſtehen ging, oder der langſame eines andern, der das Haus der Schmerzen verließ, nachdem ein 12 oder mehre Bewohner deſſelben unter ſeinem Meſſer den Geiſt aufgegeben. An dieſer Stelle laͤchelte der Meiſter nicht, er lachte laut auf, und als Beate ihn nach der Urſach ſolch guter Laune fragte, erwiederte er: „Das will ich Euch, Allervortrefflichſte, ſagen. Nicht immer ſtand dies Haus ſo duͤſter und einſam; einſt wurde es haͤufig von einem Manne bewohnt, welcher zu ſeiner Zeit Lärmen genug in der Welt gemacht hat, und von welchem ich, wenn ich nicht irre, bereits zu Euch geſprochen. Damals kamen von Oſt und Weſt Huͤlfbedurf⸗ tige mit demuͤthigem bittenden Wort. Der Held des Jahrhunderts hieß er, der Vertheidiger der Chriſtenheit. Da meinte er denn wirklich, er ſey das Alles, und ſchickte ſich an, die Obliegenheit zu erfuͤllen, ihm auferlegt durch ſo hochtoͤnende Namen, und er erfuͤllte ſie auch in der That, doch hat es nur Andern genuͤtzt, nicht ihm ſelbſt, noch den Seinen, noch ſeinem Volke. Vergeſſen ward bei ſeinen Lebzeiten ſchon, was er gethan, und als er ſtarb, ſtarb mit ihm bei⸗ nahe auch ſeines Namens Gedaͤchtniß, und wie die uͤbrigen Truͤmmer ſeiner Groͤße ging dies Haus über in andere Haͤnde. Vielfaͤltig hat 13 es ſeitdem den Herrn gewechſelt, jetzt ſind die Saͤle, in welchen der eigene Sohn jenes Man⸗ nes in kleinlicher Raͤnkeſucht Alles vernichtete, was ſein Vater gethan, zum Lazareth eingerich⸗ tet fuͤr die Nachkommen ſeiner Streiter, und die Beulen und Wunden, die man ihnen hier ver⸗ bindet, werden ſowohl fuͤr dieſe der einzige Lohn thoͤrichten Strebens ſeyn, als ſie es fuͤr Jene geweſen. Es geſchieht nichts Neues in dem, was Ihr Welt nennt und ich nun ſchon ſeit Jahrhunderten kenne; immerdar erneut ſich das Alte. Der Väter Miſſethat, heißt es, wird heimgeſucht im dritten und vierten Glied, gewiß iſt es aber, daß des Vaters Tugend ſchon ver⸗ loren iſt fuͤr den Sohn. Fuͤr Maͤngel und Gebrechen hat das Menſchengeſchlecht ein Jahr⸗ hunderte uͤberdauerndes Gedaͤchtniß, aber der Lorbeer der Ahnen, die Bluthe ihrer Weisheit taugt fuͤr den Enkel zu nichts, als ſie getrocknet in ein Herbarium zu legen, zu eigenem ver⸗ gnuͤglichen Anſchaun.“— Man war jetzt in eine Anpflanzung gelangt, von dichtem Bebuͤſch von des Gaͤrtners Hand kunſtreich zuſammengeſetzt, eine Art von Park, doch jetzt ein wenig verwildert, wie die Alleen 14 alter Baäume, die ſie durchſchnitten. In ihrer Mitte ungefaͤhr, beſpuͤlt von einem kleinen Weiher, zeigte ſich ein nicht umfangreiches aber zierliches Landhaus, einer italieniſchen Villa nicht unaͤhnlich. Hierher eilten die Roſſe, hier hielten ſie an. „Hier wollen wir unſer Abſteigequartier neh⸗ men,“ ſagte der Fuͤrſt des dunkeln Reiches, in⸗ dem er die Pſeudofuͤrſtin hoͤflich die breiten Stufen zum Portal hinangeleitete:„Hier iſt mir wohl und ich fuͤhle mich heimiſch. Ich bin hier ſehr bekannt, muͤſſet Ihr wiſſen, Er⸗ lauchte, ob es gleich ſchon geraume Zeit her iſt, daß ich in dieſen Saͤlen verkehrte. Vor Zeiten naͤmlich wohnte Einer hier, dem Vorfahr dort auf dem Berge an Rang und Titel gleich, doch ſonſt demſelben ein wenig unaͤhnlich, ungefaͤhr ſo weit unter ihm ſtehend, als dieſe Villa unter jenem Schloß. Doch mißverſtehet mich nicht, ich rede nur nach menſchlichen Begriffen, wie man ſich manchmal die Sprache derer aneignet, mit denen man umgeht. Nach meinem Be⸗ griffe aber war er mehr werth, als der Erwaͤhnte. Er war kein Thor wie Jener, ihn begeiſterte nicht der tolle Wahn, ein Koͤnig muͤſſe nicht 15 Alles nur fuͤr ſich ſelbſt thun, auch Etwas fuͤr ſein Volk und die Menſchheit. Er ließ ſich die Krone auf das Haupt ſetzen, weil ſie ſchoͤn glaͤnzte und ihre Diamanten und Rubinen vom reinſten Waſſer waren, und er ein Kenner von Juwelen; dann trat er vor den Spiegel und fand, ſie kleide ihn recht artig, und beſchloß, ſich ihrer nicht abzuthun, es koſte auch was es wolle, dem Volke, wohl zu verſtehen, nicht ihm ſelbſt. Seine Hand war zu zart, das Schwert zu fuͤhren, auch das Scepter war ihm zu ſchwer, und ſo hielt er es locker und loſe, daß es hin und her ſchwankte, und es waͤre ihm auch ent⸗ fallen, haͤtten Andere es nicht fuͤr ihn geſtutzt, aber freilich nicht umſonſt. Eine drollige Laune des Schickſals hatte den ungeuͤbten Reiter be⸗ ſtimmt, ein muthiges, krieggewohntes Roß zu beſteigen, aber der Zuͤgel druͤckte ihm Schwielen, und als das Roß ſeine Schwaͤche merkte, ward es freilich unbaͤndig und ſprang hin und her in nicht ſchulmaͤßigen Saͤtzen, da hielt er ſich an Maͤhne und Sattelknopf und ſchrie um Huͤlfe, und es ward ihm auch Huͤlfe. Als aber das Thier noch mehr ſcheute vor der fremden Hand, ſprang er herunter, ehe es ihn abwarf, und ſahe 16 zu, wie man es wallachte und als Arbeitsgaul zerrte in den fremden Stall. Der weiſe Mann! Als die Ehre begann, ihm zu ſchwatzen von der Pflicht eines Koͤniges, zur Zeit der Noth und Bedraͤngniß voranzugehn mit Kraft und Wuͤr⸗ de, ließ er ſie ſchwatzen, ſo viel ihr beliebte, war ihm ſeine Stimme, fertig, Madrigale zu liſpeln und den Damen Schmeicheleien zu ſagen, doch viel zu lieb, als daß er ſie, Heere befehligend, verduͤrbe. Der dreimal weiſe Mann! Als nun endlich das guͤtige Mitleid ſeiner Freunde ihn des Amtes enthob, das ihm ſo laͤſtig war, dankte er höflichſt ſolcher thaͤtigen Fuͤrſorge und warf mit kluger Wahl das Koͤnigthum von ſich, um die Krone zu behalten. Nenn' ich ihn nicht mit Recht weiſe? Hat er nicht das beſte Theil erwaͤhlt, vor der Muͤhe das Vergnuͤgen? Hat er nicht als Koͤnig gelebt und iſt als König geſtorben wie Jener, ohne ſich ſolche Ueberlaſt zu machen? Der Nachruhm, was kuͤmmert der den Philoſophen? Und auch deſſen iſt er nicht verluſtig gegangen; denn ich meine, man gedenkt ſeiner noch in dieſem Lande ſo gut als des Andern. Kurz, ich erinnere mich mit Ver⸗ gnuͤgen der Zeit, als ich hier heimiſch war; 17 hier, meine Erlauchte, hier in den feinſten, ge⸗ ſchmackvollſten Geſellſchaftskreiſen der damaligen Welt, unter Damen, ſchoͤner noch als Ihr er— ſcheint, beinahe ſo tugendhaft als Ihr ſeyd, eben ſo zierlich und gebildet, als Ihr Euch beſtrebt, es zu werden, im Gewimmel von Abenteuerern hoͤhern und niedern Ranges aus allen Him⸗ melsſtrichen, unter dem ſich gar nicht ſcheu ver⸗ bergenden Einfluß fremdlaͤndiſcher Bot- und Kundſchafter verbrachte der philoſophiſche Koͤnig die Zeit nach dem Grundſatz aͤlterer Weiſen, nur den Augenblick genießend, ohne der Zukunft groß zu gedenken. Auch Eingeborne fanden ſich haͤu⸗ fig hier ein, und ſie gehoͤrten gewiß nicht zum Poͤbel ihres Volks, denn ſie trugen Kammer⸗ herrenſchluͤſſel und HOrden; auch ſogenannte Freunde des Vaterlandes wurden hier und da zugelaſſen, doch nicht zum vertrauten Zirkel der Auserwaͤhlten, nur zu großen Hoftagen, und hier empfing ſie Argwohn und ſcheue Zuruͤckhal⸗ tung oder mattherzige Klage, oder nie erfuͤllte Verheißung von Seiten des Erſten unter ihres Gleichen, und der Fremden uͤbermuͤthige Anma⸗ ßung, welche, ſelbſt den Gekroͤnten nicht verſcho⸗ nend, ſich zwiefach widrig ausſprach gegen Die, III. 2 18 welche ihnen nicht nachſtanden an Geburt und an Stolz. „Es war damals ſehr angenehm hier, ver⸗ ſichere ich Euch; der Glanz der feinen Sitte, des Witzes leuchtende Funken, ja ſelbſt der Sonnen⸗ ſtrahl der Kunſt erhellten den Abend, dem eine lange, vielleicht ewige Nacht folgen ſollte; nim⸗ mer hat man ein Koͤnigreich luſtiger verloren. Tafelnd und den ſokratiſchen Becher leerend bei'm epikuraͤiſchen Mahle, ſingend, dichtend, tanzend und muſicirend ließen die Huͤter das alte Haus zuſammenſtuͤrzen, das ihrer Huͤtung uͤbergeben war und das man jetzt aus ſeinen Truͤmmern auf⸗ zurichten ſich beſtrebt, es aber nicht vollbringen wird, denn einreißen iſt leichter als aufbauen. „Hier dachte man an dergleichen wenig oder gar nicht zu jener Zeit, man wollte nur Menſch ſeyn; es aber auf dieſe Weiſe ſeyn zu wollen, hat meinen vollkommenen Beifall. Doch hier kommt Einer, welcher von dem Allen Zeuge war und Theilnehmer, dem Anſchein nach ein Unter⸗ geordneter, ein Wichtiger in der Wahrheit, und er kann, wenn Ihr es wollet, mein Gemaͤlde jener ſchoͤnen, luſtigen Tage ergaͤnzen.“— Der, welcher in dieſem Augenblick herzutrat, 19 die Angekommenen mit einigem Ceremoniel zu empfangen, ward von der Dame nicht ohne Ver⸗ wunderung betrachtet. Seiner Kleidung nach war er kein Buͤrger des gegenwaͤrtigen Jahr⸗ hunderts, und das ziemlich vorgeruͤckte Alter, in dem er ſtand, ſchien in das letzte Sechstheil des vorhergegangenen, alſo in ihre Kindheit zu fallen. Er trug einen feintuchenen Rock nach franzoͤſi⸗ ſchem Schnitt mit ſchmaler Silberſtickerei beſetzt, uber der breiten glaͤnzenden Stirn erhob ſich eine kleine Peruͤcke en coeur friſirt, deren zierliche nebelleichte Locken ſich anmuthig ausbreiteten zu beiden Seiten des fuͤllreichen Geſichts, ein brei⸗ ter Haarbeutel bedeckte den breiten Ruͤcken, den anſehnlichen Bauch umſpannte eine Weſte von Silberſtoff, ein ſilberner Degen hing beinahe im Gleichgewichte an der Seite, das kurze Bein⸗ kleid ſchloß ſich an den ſtraffgezogenen ſeidenen Strumpf, und auf den Saffian⸗Schuhen glaͤnz⸗ ten gewaltige Schnallen mit großen Topaſen beſetzt, welche auch die Knoͤpfe an den andern Kleidungsſtucken bildeten. So gab denn ſein erſter Anblick den Begriff eines anſehnlichen Mannes aus nicht gar laͤngſt vergangener Zeit, Eines von denen, die man in 2* 20 derſelben comme il faut benannte. Es gehoͤrte eine geuͤbtere Beobachterin, als die ci- devant Frau Bilſen dazu, um eine gewiſſe Gemeinheit im Ausdruck des Geſichts, in der Geberde, eine knechtiſche Demuth, die, angeboren, mit angeeig⸗ netem Uebermuth kaͤmpfte, zu erkennen; mehr fiel es ihr auf, daß dies Antlitz, ſo fleiſchig es war, dennoch ſo bleich und farblos erſchien, als das eines Todten, daß die kleinen in Fett ver⸗ ſunkenen Augen glanzlos drein ſtarrten mit er⸗ loſchenem Blick. Ehrfurchtsvoll nahte ſich der Bezeichnete den Gaͤſten, aber obſchon die Dame als die Haupt⸗ perſon erſchien und ſich als ſolche gehabte, ſo galt doch nicht ihr, ſondern ihrem Begleiter ſeine erſte Begruͤßung, und die Anrede, mit welcher er ihn empfing.„Ich habe,“ ſagte er ehrfurchts⸗ voll,„ich habe, gnaͤdigſter Herr, an dem Orte, von welchem ich herkomme, in Erfahrung ge⸗ bracht, daß Ihr Euch anhero verfuͤgen wuͤrdet, und mich nach vorlaͤufig eingeholter allergnädig⸗ ſter Permiſſion beeilt, Euch an einem Orte zu bewillkommnen, deſſen Honneurs ich Euch ſchon eher gemacht, und Hochdenenſelben die kleinen Dienſtleiſtungen anzubieten, welche Ihr in einer 21 fruͤhern guten Zeit zu acceptiren mich gewuͤr⸗ digt.“— „Ich bin Euch verbunden,“ entgegnete her⸗ ablaſſend der Meiſter.„Es freut mich, daß Ihr bei uns die ehemaligen Sitten und Obliegenhei⸗ ten nicht vergeſſen habt, und Ihr moͤget der Welt zum Beiſpiele dienen, daß Talente wie die Eurigen in Eurem jetzigen Aufenthalt nicht un⸗ tergehen, ſondern im Gegentheile zu großerer Vollkommenheit gedeihen. Doch, Ihr erwaͤhn⸗ tet einer guten Zeit, verlebt an dieſem Orte, und wie mich duͤnkt, mit einem Seufzer. Findet Ihr es nicht mehr ſo gut hier? Was ſagt Euer fruherer Gebieter zu dem, was ſich hier begiebt? Wie befindet er ſich uͤberhaupt? Es iſt lange her, daß ich ihn nicht geſehen, unſer Reich iſt groß, und meine Geſchaͤfte ſo uͤberhaͤuft, daß ich uͤber dem Neuen leicht des Alten vergeſſe.“— „Wie ſollte es mir auch gefallen,“ verſetzte achſelzuckend der ſilbergeſtickte Mann,„unter dem Tumult und Waffenlaͤrm, die, wie Ihr, gnaͤ⸗ digſter Herr, wißt, wir immer nach Moͤglichkeit fern von uns hielten? Statt witziger Sinnge⸗ dichte und zarter Romanzen, ewig ein altes Lied, oft unmelodiſch hervorgeſchrieen aus tauſend des 22 Geſanges unkundigen Kehlen, Gaſſenhauer ſtatt der ſuͤßen Toͤne der Kaſtraten, ſtatt der Ball⸗ muſik Maͤrſche und Trommeln und Pfeifen und gar das grobe Brummen der Kanonen! Wahr⸗ haftig, ich will lieber dort ſeyn, wo ich jetzt wohne, als an dieſem ſo ganz veraͤnderten Orte, und ich bin ſehr froh, nur ſelten hierher zu kom⸗ men, und allein bei ſolchen Gelegenheiten, als die heutige, die mich freilich uͤber mein Hierſeyn troͤſtet. Am unertraͤglichſten aber finde ich das immerwaͤhrende Freiheitgebruͤll, von dem uns die Ohren ſchon ſattſam wehgethan in fruͤherer geit. Es ſchmerzt mich auch, daß all dieſer Wirrwarr gewiſſermaßen aus eben dem Lande herſtammt, das uns ſo lieb war, von dem wir Alles uͤberkamen, was unſer Leben erfreute, Bon⸗ mots und Ragouts, Ballets und Tragoͤdien, die Encyelopäͤdie und die Moden. Nun, das, was man jetzt ſieht, mag auch wohl Mode ſeyn; ſie ndert ſich ja mit der Zeit, aber unſere war doch die beſſere Mode. „Das geht auch meinem Herrn ſehr nahe, bei dem ich noch mein vorig Amt bekleide, ob es gleich nicht mehr ſo eintraͤglich iſt, und Alles, was man von hier aus erfaͤhrt, choquirt ihn au⸗ 23 ßerordentlich, ſonſt wurde er in ſeiner Weiſe recht Sgemuͤthlich dort unten exiſtiren, ein wenig Ennui N abgerechnet. Inſonderheit betruͤbt es ihn, daß. nun gaͤnzlich vorbei ſeyn ſoll, was er arrangi⸗ ret hat mit einer großen Dame, und er muß von dieſer großen Dame, die ſich gewiſſer Um⸗ ſtaͤnde wegen da unten nicht à son aise befin⸗ det, die allerſchaͤrfſten Reprochen anhoͤren, daß er es nicht noch beſſer gemacht. Wie ſollte er auch? Ich denke, das waͤre gar nicht moͤglich geweſen. Kann denn der Menſch mehr thun, als fuͤr die Gegenwart ſorgen? Die Zukunft ſteht ja nicht in ſeiner Hand, und waͤr' er auch ein Potentat. Beſagte Reprochen aber ſtoͤren ſeine Gemuͤthsruhe, obſchon er ſich des beſten Willens bewußt iſt gegen die Dame, und ihre mauvaise humeur afficirt Allerhoͤchſt dieſelben ſo entſetzlich, daß es ordentlich ruͤhrend iſt und mir manchmal durch die Seele geht.“— „Er mag ſich beruhigen und auch die hohe Dame,“ laͤchelte Jener,„es wird ſo ſchlimm nicht ſeyn. Da Ihr aber uns hier die Honneurs machen wollt, ſo bitte ich— fuͤr dieſen erlauch⸗ ten Gaſt— denn ich brauche dergleichen nicht— um eine Collation, oder ein kleines Souper, wie 24 man es ſonſt hier fand, auch ein Kaminfeuer waͤre gut fuͤr die herbſtliche Abendluft, Herr Kam⸗ merdiener.“— Der Beauftragte ſtand ein Weil⸗ chen ſich in die Bruſt werfend und ein etwas ſaures Geſicht machend, dann ſagte er mit einer Verbeugung:„Aelteſter, wenn es dem gnaͤ⸗ digſten Herrn gefaͤllt.“— „So?“ entgegnete dieſer mit einiger Befrem⸗ dung, denn der Name„Aelteſter“ bezeichnete in dieſem Lande eine nicht unbedeutende Wuͤrde, und die damit verbundenen Einkuͤnfte nannte man das Brod der Verdienten.„Nun, ich gratulire, Herr Aelteſter.“— Dann fuhr er, gegen Beaten gewendet, fort:„Ich habe die Ehre, Euch, Madame, einen ſehr verdienten Mann vorzuſtellen, einen Mann von großem Einfluſſe ſogar ehemals. Er fuͤhrte den Schluͤſ⸗ ſel zu den Gnaden ſeines Herrn, und wer von dieſem etwas begehrte, ſey es fuͤr ſich ſelbſt oder fuͤr das Ganze, that nicht wohl, ihn vorbei zu gehn. Die Aemter, uͤber welche Jenem zu ver⸗ fuͤgen erlaubt war, ſtanden zu ſeiner Verfuͤ⸗ gung, und wie Ihr hoͤrt, hat er ſich ſelbſt da⸗ bei nicht vergeſſen. Das zweite Merkmal koͤnig⸗ licher Huld, ein ſchoͤner Orden mit breitem ge⸗ 25 waͤſſerten Bande und blinkendem Stern, war ihm geſtattet auszutheilen, auch wohl zu verhan⸗ deln zu ſeinem eigenen Profit, und Ihr koͤnnt aus ſeiner wohlbeleibten Geſtalt ſchließen, daß er denſelben wahrgenommen, ob er gleich nicht theuer war mit der glaͤnzenden Waare, da Man⸗ cher fuͤr eine Handvoll Goldſtuͤcke ſie davon⸗ trug.“— „Verzeihung,“ antwortete der Mann von Einfluß etwas empfindlich,„Verzeihung! nicht alle habe ich verkauft, viele habe ich verſchenkt an gute Freunde fuͤr irgend einen kleinen Ge⸗ gendienſt— auch vermacht. Einen meinem Sohne nämlich, mit gnaͤdiger Erlaubniß. Ich meinte, es ſey doch einerlei, ob ich ihm ein Stuͤck mei⸗ nes Eigenthums in baarem Gelde hinterließe, oder in natura.“— „Eure Meinung war allerdings ſehr richtig,“ ſagte der Meiſter,„doch ſcheint es, als wuͤnſche meine liebenswerthe Gefaͤhrtin nicht allein Eure Meinung kennen zu lernen, ſondern auch Pro⸗ ben Eurer Talente. Beſorget, wenn es Euch gefaͤllig iſt, Tafel und Kamin, Herr Aelte⸗ ſter.“— Dieſer antwortete mit der Wichtigkeit eines 25 Majordomus:„Alles iſt beſorgt. Belieben die hohen Herrſchaften nur in das gruͤne Zimmer zu ſpazieren, wo ein Souper nach der leider jetzt abgekommenen Weiſe alter guten Zeit und ein tuͤchtig Feuer Hochdieſelben erwartet, wie auch die Perſonen, die ſich angekuͤndigtermaßen eingefunden haben.“— „Ach!“ wandte der unterirdiſche Große ſich zu ſeiner Begleiterin,„ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß wir nicht allein ſeyn werden, und hoffe, Ihr werdet drei oder vier Herren, von welchen einer oder zwei mir etwas bekannt ſind, die Ehre Eurer Geſellſchaft goͤnnen.“— Beaten kam der Antrag etwas unerwartet, ihre menſchliche Natur fuͤhlte die Ermuͤdung von der Reiſe, doch fuͤhlte ſie auch das Beduͤrfniß der Nahrung. Dieſelbe in einem Koͤnigsſitze ein⸗ zunehmen war ein ihr noch neues Vergnuͤgen; ſie fand am Ende, es ſey zu jeder Stunde an⸗ genehm, vor drei oder vier Herren mit ihren al⸗ ten Reizen und ihrem neuen Anſtande zu glaͤn⸗ zen; uͤbrigens las ihr fragender Blick auf dem Antlitz des Meiſters den Wunſch oder den Be⸗ fehl vielmehr der Genehmigung, und ſie ertheilte dieſelbe mit ziemlich guter Art. 7 Ein herbeigerufener Lakai ward in das Ne⸗ benzimmer abgeſchickt, und kehrte alsbald mit dem Beſcheide zuruͤck, die Anweſenden wuͤrden es ſich zur Ehre ſchaͤtzen und zum Vergnuͤgen, wenn ihre erlauchte Mitbuͤrgerin, aus der Fremde zuruͤckgekehrt, den erſten Abend in der Heimat mit ihnen zubringen wolle.— Das Gemach, in welches ſie traten, war in der Weiſe jener Zeit verziert, da der Vorfahren gediegene und ſchwerfaͤllige Pracht, durch aller⸗ lei Umwege und Schnoͤrkel, in Einfachheit uͤber⸗ zugehen anfing, der franzoͤſiſche Geſchmack in den engliſchen; doch trug es vom erſten noch mehr an ſich als vom letzten, denn die genannte Pe⸗ riode hatte kaum begonnen, als die Villa ein⸗ gerichtet ward, in welcher der geneigte Leſer ſich befindet. Die Tapete war von Damaſt, auf deſſen perlgrauem Grunde breite gruͤne Blaͤtter⸗ gewinde ſich in ungezwungener Symmetrie um⸗ ſchlangen, die Vorhaͤnge von gruͤnem leichten Seidenzeug, der Fußboden mit einem Teppich belegt, dem die Kunſt der Gobelinfabrik die Friſche und den bunten Schmelz eines mit Blu⸗ men beſetzten Raſens gegeben hatte, nun freilich etwas verbleicht ſeit der Zeit, da auf ihm einen 28 koͤniglichen Sybariten die Amoretten umgaukel⸗ ten, die ſich jetzt nur an dem gemalten Plafond befanden, wehmuͤthig laͤchelnd, wie uͤber die Ver⸗ gaͤnglichkeit ihrer Herrſchaft, oder mit muͤßigem Gaͤhnen ihrem kleinen Hauptmann zuſchauend, der jetzt nichts Beſſeres zu thun hatte, als ſchein bar den Ring zu halten, von welchem der kry⸗ ſtallne Kronleuchter herabhing. Der Schatten ſeiner Behaͤnge fiel auf eine Tafel, zierlich und geſchmackvoll fuͤr ſieben Perſonen gedeckt, und ſeitwaͤrts leuchtete die verheißene Flamme des marmornen pagodenbeſetzten Kamins, vor dem vier Maͤnner in eifrigem Geſpraͤch ſtanden, wel⸗ ches ſie jedoch alsbald unterbrachen, um die Ein⸗ tretenden zu bewillkommnen. Sie waren ver⸗ ſchieden an Alter und Stande. Am meiſten fiel dem erſten Blick durch ſeine Uniform ein Kriegs⸗ mann hoͤhern Ranges auf; er ſtand in den Jah⸗ ren des kraͤftigſten Mannesalters, ſein Aeußeres fand unſere Fuͤrſtin angenehm, obgleich die Ju⸗ gendbluͤthe von demſelben abgeſtreift war, und Achtung gebietend; ſein Weſen war ungezwun⸗ gen, wie es ſein Gewerbe mit ſich bringt und das Durchſtreifen eines großen Theiles von Eu⸗ ropa; doch fehlte es ihm nicht an dem Anſtande, 29 den eine ſorgfaͤltige Erziehung verleiht und die genaue Kenntniß der hoͤhern Welt wie der ge⸗ ringſten. Der Zweite, ein wenig aͤlter als Jener, theilte die letzte Eigenſchaft mit ihm, ja er beſaß ſie ſogar in einem hoͤhern Grade, bis zur Uebertrei⸗ bung, konnte man ſagen. Sein Benehmen war vornehm und zerſtreut, als beſchaͤftigten ihn wich⸗ tige Gedanken; manchmal gab jedoch ein ver⸗ bindliches Lächeln, eben ſo bald verſchwunden als es erſchien, zu erkennen, er erinnere ſich auf eine Momentesdauer, daß noch Jemand da ſey außer ihm; ſeine Reden waren kurz und ent⸗ ſcheidend, aber plotzlich flocht ſich in dieſelben ein freundlich hingeworfenes Wort, das Jeden mit dem Vorhergehenden verſoͤhnen konnte, der irgend dazu geneigt war. Seine Tracht war die ge⸗ woͤhnliche der Zeit, ſeine Sprache ungekuͤnſtelt und doch gewaͤhlt, ſein Blick kalt und gebiete⸗ riſch, ſeine Geberde trotz jedem Englaͤnder nach⸗ laͤſſig, und doch auch zierlich, trotz jedem Fran⸗ zoſen ſelbſt der aͤltern Zeit. Beaten gefiel er wenig, der Herr Hofrath ſchien im Gegentheil ihn auszuzeichnen von Anfang herein. Der Dritte gefiel weder dem Einen noch der 30 Andern; es war ein ruͤſtiger Mann im Anbe⸗ ginn der ſechziger Jahre; ſein Anſehn zeugte von einer gewiſſen behaglichen Ruhe, erzeugt nicht durch Duͤnkel, ſondern durch Kenntniß ſeiner Selbſt, der umgebenden Welt und ihrer Verhältniſſe; der Ton ſeiner Rede war ſtreng. aber mild und freundlich der Blick ſeines Auges; ſeine Tracht, war die altvaͤterliche des Landes, und patriar⸗ chaliſch ſein ganzes Weſen, nicht ſtolz und nicht demuͤthig, nicht vorlaut und nicht ſcheu; er ſchien ſeinen Werth zu fuͤhlen, und hinlaͤnglich zu fuͤh⸗ len, um nicht zu glauben, daß es noth thue, ihn gelten zu machen. Ruhe herrſchte vor in ſeiner ganzen Haltung, doch ſah man ihm an, er koͤnne auch unruhig werden, wo es der Muͤhe verlohnte, und es werde dann nicht ſchlechthin abgethan ſeyn mit Redensarten. Die Bewill⸗ kommnung, welche er an die Dame richtete, war ſittig, aber biederherzig und einfach; die weniger laut und geſetzt zu ihrem Begleiter geſprochenen Worte deuteten an, er halte fuͤr ausgemacht, Je⸗ der, der ein Buͤrger dieſes Landes war oder hieß, muͤſſe denken und handeln wie er, das heißt, wie er denken und handeln ſollte, wenig⸗ ſtens nach ſeiner Meinung, welche zu beurthei⸗ 31 len der Chroniſt und auch wir nach dem Bei⸗ ſpiele deſſelben dem Leſer uͤberlaſſen. Mit dem Vierten war es ein Anderes; er behagte Beaten genug, um uͤber ihn ſelbſt den glaͤnzenden Kriegsmann aus den Augen zu ver⸗ lieren, nicht ſo ganz aber ihrem Begleiter, wie⸗ wohl er dieſem nicht gleichguͤltig ſchien, der be⸗ ſondern Aufmerkſamkeit nach, die er in der Fol⸗ ge ihm ſchenkte. Er war der Juͤngſte von Al⸗ len, uͤber dem dichten braunen Haar ſeines Hauptes konnte wohl nicht das Drittheil eines Jahrhunderts dahin gegangen ſeyn, ein Sohn des gegenwartigen, war die Zeit ſeiner erſten Entwickelung in die ſtuͤrmiſche Periode deſſel⸗ ben gefallen, hatte ſein junges Gemuͤth mit Leb⸗ haftigkeit ſich die Begriffe zu eigen gemacht, unter jenen Stuͤrmen getrieben, welche ihn ſelbſt freilich unter dem Dache des Vaterhauſes nicht beruͤhrt hatten. Die naͤchſte Vergangenheit, die er nur vom Hoͤrenſagen kannte, war fuͤr ihn rein hiſtoriſch, der Nimbus, der ſie umgab, ver⸗ hullte ihm ihre dunkleren Stellen, das Großar⸗ tige der ganzen Erſcheinung riß ihn hin und erfullte ihn, die Mangelhaftigkeit des Einzelnen ſeinen Augen entziehend, mit dem Durſt der 32 Nachahmung nicht, ſondern der Nacheife⸗ rung. Er war ernſt, wie beinahe alle nur ſo junge und noch juͤngere Leute jener Zeit; ſeine Haltung und Benehmen waren mehr kuͤhn und ſicher als ſtiolz, und von dem Anſtande geregelt, den ſie jedoch auch nicht verletzten; ſeine Rede war ungebunden, obſchon mitunter ein wenig ſcholaſtiſch, ward ſie indeß lebhafter, ſo zeigte ſich in derſelben eine ſeltſame aber nicht ungewoͤhn⸗ liche Miſchung von vrientaliſchem Schwung und kraͤftiger roͤmiſcher Kuͤrze. Sein Blick war kalt, ſelbſt ein wenig finſter, doch wenn ein Gedanke oder Wunſch ſeine Sinnen beruͤhrte, ward er lebhaft, feurig in dem Maaße, als er dieſen Gedanken oder Wunſch entwickelte oder verfocht; aber Gemeines brachte dieſe Wirkung nicht her⸗ vor, Kleinigkeiten, welche das Begehren und die Thatkraft Mancher in Anſpruch nehmen, ließ er unbeachtet, oder nahm ſie gleichguͤltig hin. Das Leben hatte ſeine ſchimmernde, angenehme Seite dem Juͤnglinge nicht zugekehrt, wohl aber die ernſte und bedeutende dem fruͤh gereiften Manne. Seine Begierden, heftig, wie ihre Gegenſtaͤnde wichtig waren, kochten in dem gruͤbelnden Sin⸗ ne an verſchloſſenem alchymiſtiſchen Feuer. Seine 33 Zuge waren regelmaͤßig und ſcharf geſchnitten, eine beinahe hoͤhniſche Falte zeigte ſich um den ſelten läͤchelnden Mund, und ihn ſehend, haͤtte viel⸗ leicht Caſar geſagt, was er einſt von Caſſius ſagte. Seine Kleidung, deren Hauptſtuͤck eine mit Schnuͤren beſetzte ſogenannte Kurtka war, etinnerte an die Tracht der Studioſen des nord⸗ lichen Deutſchlands, wie auch manche Wen⸗ dung ſeiner Rede an ſie erinnerte, ohne deshalb der Eigenthuͤmlichkeit zu ermangeln. Der Ton der guten Geſellſchaft iſt in dem Lande, von dem die Rede iſt, ungezwungener, als in dem zunaͤchſt angraͤnzenden; Stand, Al— ter und Geſchlecht bilden keine ſo ſchwer zu uͤberſteigende Schranken, man tritt ſich leicht naͤher, wenn man dazu Luſt hat, und ſcheidet, wenn dieſe Luſt voruͤber iſt, eben ſo leicht aus⸗ einander. Das Erſte geſchah auch hier, es ſtehet in⸗ deſſen zu glauben, daß die ſchnelle Bekannt⸗ ſchaft in dieſem Falle durch etwas mehr be⸗ guͤnſtigt ward als die bloße Sitte des Landes, durch das naͤmlich, was die koͤrnige Sprache der Vorfahren Teufelsblendwerk nannte. Man war zufrieden, den Namen der fremden Dame III. 3 34 zu wiſſen, und uͤberzeugt, ſie muͤſſe, weil ſie ihn fuͤhre, eine Freundin des Vaterlandes ſeyn; die etwas raͤthſelhafte Perſon ihres Reiſebegleiters erſchien den vier Maͤnnern als eine ganz ge⸗ woͤhnliche, und man trug ſchon in wenig Augen⸗ blicken kein Bedenken mehr, wie in der Gegen⸗ wart laͤngſt bekannter Perſonen, das nicht un— bedeutende Geſpraͤch wieder aufzunehmen, wel⸗ ches ihre Erſcheinung unterbrochen hatte. Was uns jedoch am meiſten in der erwaͤhnten Vor⸗ ausſetzung beſtaͤrkt, iſt, daß die etwas barocke Figur des Majordomus jenen Maͤnnern gar nicht auffiel; ſie ſchienen ihn keinesweges fuͤr das, was er war, fuͤr das Geſpenſt eines ehe⸗ maligen Hausbeamten, ſondern fuͤr die lebende Perſon des Gegenwaͤrtigen zu halten, und gaben ihm ganz ungezwungen Mal fuͤr Mal Befehle, die der Herr Aelteſte, der Vater des Ordens⸗ ritters mit Band und Stern, zwar mit Mißbe⸗ hagen aber doch mit gebuͤhrender Puͤnktlichkeit und Anſtand erfuͤllte. Beate ſah ſich ſchnell belohnt fuͤr ihre Be⸗ reitwilligkeit, dieſer Mahlzeit à Fimpromptu beizu⸗ wohnen; ſie war bald der Gegenſtand der freien und lebhaften Galanterie des Generals, zierſam 35 von ihr erwiedert. Der Graf richtete an ſie nach⸗ laͤſſige aber treffende, oft beißende Witzworte uͤber den Lauf der Dinge hier und dort, wo ſie herkam, in ihr die naͤmliche Welt und Men⸗ ſchenkenntniß vorausſetzend, die er vielleicht theuer genug erworben, ſeinen Landesgenoſſinnen aber insbeſondere leicht zu Theil wird, und erhielt meiſtens ein beifaͤlliges Laͤcheln zur Antwort auf Dinge, von denen dieſe Landesgenoſſin nicht allzuviel begriff. Der bejahrte Herr ſuchte ſich ihr angenehm zu machen mit Darſtellung ruͤhm⸗ licher Thaten und ſchoͤner Zuͤge aus der Ver⸗ gangenheit, in welcher Perſonen des erlauchten Geſchlechts, deſſen Namen ſie mißbrauchte, die vornehmſten Rollen ſpielten; er erhielt aber noch weniger Antwort von ihr, der hoͤchſt gleichguͤltig war, was Jene gethan oder nicht gethan, zumal von einem alten Manne erzaͤhlt. Mehr Bei⸗ fall ward dem Vierten zu Theil. Wiewohl Beate ſich ſelbſt geſtand, was er ſage, ſey ihr zu hoch und komme ihr beinahe wie Unſinn vor, ſo ließ ſie doch um des Mundes willen, der dieſen vermeinten Unſinn ſprach, Gnade vor Recht ergehen, und zwar der Rede nicht, aber doch dem Redner galten ihr ſußes Laͤcheln, ihre 3* 36 vedeutenden Blicke und ihre lebhafte, theilneh⸗ mende Entgegnung. Und doch, trotz dieſes Unterſchiedes in ihrem Benehmen gegen Jeden, galt ſie Allen fuͤr eine hoͤchſt angenehme, reizende und geiſtreiche Dame, Jeder insbeſondere vermeinte in ihr die ſcharf⸗ ſinnige Beurtheilerin und eifrige Theilnehmerin ſeiner, von den uͤbrigen mehr oder minder ver⸗ ſchiedenen Anſicht der Dinge zu gewahren, und dieſer ſeltſame Irrthum bei Maͤnnern dieſer Gattung ſcheint uns vorzuͤglich zu dem Glau⸗ ben zu berechtigen, als habe hier eine Verblen⸗ dung des leidigen Satans obgewaltet. So war und blieb, als man ſich zur Tafel ſetzte, die Wittwe des ehrlichen Bilſen die Sonne, um welche dieſe Planeten(zum Theil wohl Cometen?) ſich drehten, der Mittelpunkt der lebhaft und immer lebhafter werdenden Unter⸗ haltung, welche theils in franzoͤſiſcher, theils in der Sprache des Landes, obſchon von den Aelteſten und Juͤngſten unter den Vieren meiſt in der letztern gefuͤhrt ward, und an welcher die Dame leidlich genug Theil nahm. Wir bitten den Leſer, er möge ſich nicht ver⸗ wundern, die Kleinbuͤrgerin der namenloſen 37 Stadt, welche vor kurzer Zeit noch einige Muͤhe mit ihrer Mutterſprache hatte, in ſo kurzer Zeit in ſo verſchiedenen Mundarten bewandert zu ſehen. Der Teufel iſt bekanntlich der Affe Got⸗ tes; wie dieſer die Gabe der Sprachen uͤber ſeine Apoſtel ausgoß, ertheilte ſie der Andere den Seinigen auch, nur in unvollkommenerm Grade; ſie ſprechen meiſt in vielerlei Idiomen, aber in allen ſchlecht. Mehr bedurfte es jedoch, wie ſchon oben erwaͤhnt worden, nicht fuͤr eine Dame; das Uebrige aber that der Einfluß hin⸗ zu, der uͤber dieſer ſchwebte, das mittelmaͤßig Gedachte, Uebelgeſagte zum Orakel erhebend. Das Mahl machte dem ehemaligen Matre des menus plaisirs des fruhern Herrn dieſer Villa Ehre; es war aus einer großen Menge kleiner Schuͤſſeln zuſammengeſetzt, von welcher jede fuͤr ein Probeſtuͤck eines Kochs gelten konnte, welcher ſich der Ehre theilhaftig machen wollte, in die Dienſte eines Erzkanzlers von Frankreich in neuerer Zeit zu treten. um aber den Ge⸗ ſchmack aller Gaͤſte zu befriedigen, mangelte es auch nicht an volksthuͤmlichen Gerichten, welche der alte Herr und der juͤngſte ſich insbeſondere behagen ließen; auch der General, der Erſte 38 mit herzinnigem Behagen, der Zweite mit einer Art Abſichtlichkeit, die gewiſſermaßen das Ge⸗ praͤge der Affektation trug, der Dritte koſtend, verſchmaͤhend und vergleichungsweiſe. Wir wol⸗ len den Leſer nicht durch einen Kuͤchenzettel er⸗ muͤden, welcher denen, die an ſolche Dinge ge⸗ woͤhnt ſind, nichts Neues darbietet, Andern aber die Hausmannskoſt durch ein Geluͤſten nach dem Verſagten unſchmackhaft machen wuͤrde. Genug, daß die Speiſen ebenſo trefflich waren, als die Weine. Der Graf aß wenig und trank nur Champagner, der General befeuchtete ſeine reich⸗ lichere Mahlzeit mit dem Rebenſafte von Nuits, Ungarwein zog der bejahrte Herr allen andern vor, und der Kurtkatraͤger trank von verſchiede⸗ nen, manchmal mit Waſſer vermiſcht, oͤfter aber auch rein und in ſtarken, raſch abgeſetzten Zuͤgen. Die Dame ließ ſich ſowohl Speiſe als Getraͤnke trefflich munden, ſo weit es der An⸗ ſtand erlaubte, und ihr Begleiter that ſo wacker Beſcheid, daß man haͤtte glauben moͤgen, er ſey zu nichts Anderem hier, als zu eſſen und zu trinken. Der Nachtiſch war aufgetragen und der Ge⸗ neral ertheilte dem vermeinten Hausverwalter 39 einen Wink. Zierlichen Schrittes, die Serviette in die Halsbinde geknuͤpft, kam das ſchnoͤde Geſpenſt herbei, auf ſilbernem Credenzteller einen goldenen Pokal tragend. Die Arbeit deſſelben ſchien veraltet, denn ſie war ſehr zierlich, etwas geſchnoͤrkelt ſogar, aber in kunſtreicher Natuͤr⸗ lichkeit prangten reiche, mit Sinnbildern des Krieges und Friedens durchflochtene Fruchtge⸗ winde, und in heraldiſcher Genauigkeit zwei⸗ undzwanzig Wappenſchilde, von ihnen um⸗ ſchloſſen. Mit einem ihm eigenthuͤmlichen Laͤcheln nahm der verkappte Fuͤrſt dem demuͤthig gebeugten Diener das Kleinod ab und uͤberreichte es ſeiner Serva padrona, daß ſie es bewundere. Sie be⸗ wunderte es denn auch, wie der Unkundige, was glaͤnzend iſt, zu bewundern pflegt, und fragte ihren Begleiter, als ſie unter den andern Em⸗ blemen einen zu Roß ſitzenden Reiter wahrnahm, ob dies Bildchen etwa den Herrn vom Hauſe vorſtelle? Sey dies der Fall, ſo habe er wohl beſſer geritten, als Jener angedeutet, denn die⸗ ſer halte ſich weder an Maͤhne noch an Sattel⸗ knopf, und ſehe uͤberhaupt nicht aus wie Einer, der nach Huͤlfe rufe. 30 Der Herr Hofrath fand fuͤr gut, dieſe Naivetät fallen zu laſſen, die Andern hatten ſie indeß ſchon aufgenommen; ſie fanden in ihr eine witzige Anſpielung, ganz treffend fuͤr die gegenwaͤrtige Zeit, noch mehr fuͤr gewiſſe Erwartungen der Zukunft, und belohnten ſie mit einſtimmigem Beifall. Der Graf, der darauf aus ihren Haͤnden den Becher empfing, beſah ihn lange durch das goldgefaßte Augenglas, dann begann er eine diplomatiſche Erklärung jedes einzelnen Bildes, mitunter gewuͤrzt durch ein Stachelwort, und vergaß beſonders nicht, ſeiner Verwandtſchaft mit den ausgeſtorbenen Geſchlechtern zu erwaͤhnen, welche vor Jahrhunderten dies oder jenes von den Wappenſchildern in ihren Panieren gefuͤhrt hatten. Der General beſchaute ihn ernſter und zaͤhlte ſie langſam, als wolle er berechnen, wie viele Wappenſchilder fehlen moͤchten, wuͤrde jetzt ein ſolcher Pokal von einem einheimiſchen Kuͤnſtler gefertigt. Er ſagte dann mit einigem Nach⸗ druck:„Sie muͤſſen wieder zuſammen, Alle muͤſſen es ſein, oder keines,“ doch uͤberzog ploͤtzlich eine Wolke ſeine Stirn und er gab das 41 Trinkgefaͤß mit einem unterdruͤckten Seufzer dem Nachbar. Dieſer, der bejahrte Edelmann, hielt ihn vor ſich hin, ſein Auge war aber nicht auf den Becher gerichtet, ſondern daruͤber hinaus in die Hoͤhe; in demſelben entglomm es ſchimmernd und feucht wie der Strahl der Erinnerung an eine gluckliche Jugend. Unmerklich ſchloſſen ſich die beiden Haͤnde, die den Pokal gefaßt hatten, in einander, leiſe Worte drangen aus ſeinen halb geoͤffneten Lippen durch den ergrauten Kne⸗ belbart, darauf laͤchelte er wehmuͤthig, aber treu⸗ herzig, und reichte mit einer Neigung des Haup⸗ tes das Gefaͤß dem jungen Manne. Der ereiferte ſich jedoch gewaltig; er be⸗ hauptete, ſolch Denkmal der Vergangenheit ſei fuͤr die Gegenwart ein Hohn und eine Schmach. NMit Bildern thue man groß, der Wirklichkeit entbehrend, oder laͤſtig arbeitend an ihrer Her⸗ ſtellung; trinken wolle man und ſich ſpiegeln im verſchwundenen Glanz, damit, meine man, ſey Alles gethan— kurz er verweigerte trotziglich, den Umtrunk aus dieſem Becher zu halten. Da ſprach der Alte mit tiefer Stimme zu ihm und im Tone der Ermahnung:„Warum 42 wollet Ihr, junger Mann, vom Augenblicke fordern, was er allein nicht gewaͤhren kann ohne die Huͤlfe ſeiner nach ihm folgenden Bruͤ⸗ der? Wie kommt es doch, daß das Alter, das der Zukunft wenig vor ſich ſieht, zufriedener iſt mit Gegenwart, ſo es in ihr den Keim eines kuͤnftigen Beſſern gewahrt, und die Jugend, der noch ein langer Pfad zu durchlaufen bevorſteht, gerade der Stelle, an der ſie ſich eben befindet, die Fruͤchte abtrotzen will, die vielleicht erſt in weiter Entfernung dem Beharrlichen winken? Schwer, mein jugendlicher Freund, iſt es, in Tagen wieder aufzurichten, was in Jahrhunder⸗ ten allmaͤhlig zerſtoͤrt ward. Die Sonne war hinabgegangen und die Nacht gekommen; wollet Ihr der Morgenroͤthe zuͤrnen, daß ſie nicht als⸗ bald der neue Tag iſt? Wir tragen die Schuld der Vergangenheit nicht, Die, welche ſie tragen, modern laͤngſt in der Erde, die zu bewahren ſie nicht wußten. Thun wir darum beſſer als die Al⸗ ten, laſſen wir“— hier erhob er die Stimme— „laſſen wir ihre Fehler nicht verloren ſeyn fuͤr uns, laſſet ſie uns vielmehr zur Warnung die⸗ nen, wie das Steinkreuz am klippenvollen ufer aufgerichtet, wo ein Schiff geſtrandet iſt, den 43 nachfolgenden Schiffer zum Malzeichen dient, das truͤgliche Fahrwaſſer zu meiden. Laſſet uns aber auch die Alten ehren und ihre reuigen Ma⸗ nen verſoͤhnen durch ein herrlich Denkmal; ein neues ſchoͤneres Vaterland erſtehe uͤber ihren Graͤbern. Heilig ſey uns, was ſie uns hinter⸗ laſſen, ſein Anblick rufe uns auf, wieder zu werden, was ſie waren, und es beſſer zu ſeyn, als ſie es geweſen.“— „Waͤren wir“— fiel der Graf ein—„waͤ⸗ ren wir nur erſt dahin; an das Beſſere zu denken iſt ſpaͤter noch Zeit.“— Der General ſagte:„Vor Allem war krie⸗ geriſcher Ruhm das Beſitzthum unſerer Vor⸗ vordern, es iſt unſer Erbtheil und ich meine nicht, daß man uns verwerfen koͤnne, es ſey an Unwuͤrdige gekommen. Nur wenn das Schwert den Garten geſaͤubert hat und ſeine Eingaͤnge bewacht, kann der Oelzweig in ihm gruͤnen.“— Der junge Mann hatte, waͤhrend die An⸗ dern ſprachen, ſchweigend auf ſeinen Teller nie⸗ dergeſehen, jetzt ſagte er halblaut zu ſeinem Nachbar:„Ich ſehe, ehrbarer Herr, wir ver⸗ ſtehen uns beſſer, als ich zu Eurem grauen Haar gehofft hatte, und Ihr vielleicht zu meinem brau⸗ 44 nen. So ſey es denn darum, laſſet uns die alte zerbrochene Form ehren, bis die neue her⸗ vorgeht aus der immer ſchaffenden Meiſterhand der Zeit.— Doch,“ fuhr er fort, wieder leb⸗ hafter werdend:„doch gehe ſolche Achtung nicht ſo weit, daß wir ſie zum Muſter nehmen; der Erwachſene ſpielt im Fluͤgelkleide eine laͤcherliche Figur.“— Der alte Herr laͤchelte vor ſich hin, dann ergriff er den Pokal, fuͤllte ihn mit edlem Wein, reichte ihn dem Offizier und ſprach:„Mit Recht ſagt Ihr, vor Allem habe der Kriegsruhm unſere Ahnen verherrlicht, darum, Herr General, ge⸗ buͤhrt auch Dem, der den alten Ruhm rechtfertigt vor der Jetztwelt, daß er zuerſt das Vaterland leben laſſe, fuͤr das er ſtirbt, damit es lebe!“— Der General rief mit Feuer:„Hoch lebe die alte Nation wackerer Streiter fuͤr den Heerd, fuͤr die Unabhaͤngigkeit und das Recht! Immer moͤge der Sieg ihre Waffen begleiten und die Kraft, ſein Begleiter, die Grundveſte ihres Da⸗ ſeyns ſtuͤtzen!“ Der Graf ließ ſich vernehmen:„Hoch lebe die Nation, ihre Vater und Berather, ihre 4⁵ Stellvertreter und Stuͤtzen; es lebe gleichfalls die Geſammtheit des Volks! In ſolch heilſamem Gleichgewicht wird ſie gedeihen und die alte Stelle nach und nach einnehmen, die ihr ge⸗ buͤhrt unter den geſellſchaftlichen Vereinen des Welttheils!“— „Es lebe die Republik!“— rief, als ſeine Reihe kam, der Juͤngſte der Anweſenden etwas rauh und mit gluͤhendem Geſicht, und bevor er den Becher leerte, ſtieß er ihn unwirſch auf den Tiſch, daß er einen Theil der rothen Fluͤſſigkeit auf demſelben verſchuͤttete. „Dem Vaterland iſt es zugebracht,“— ſprach der Alte ſehr laut und mit ernſter Miene —„ſo trinke ich denn auf das Wohl des Va⸗ terlands.“— Wir glauben, daß, nach Anhoͤ⸗ rung dieſer Trinkſpruͤche, der Leſer nicht mehr begierig nach den Toaſts iſt, welche Beate und ihr Hofrath den Umſtaͤnden des Momentes zum Opfer brachten. „Die Republik habt Ihr leben laſſen, wer⸗ ther Herr!“ ſprach, als nach geſchloſſenem Um⸗ trunk die Tafel aufgehoben worden, der Graf. „Ich glaube nicht, daß Ihr dies Wort in dem Sinne nehmet, den man ihm heut zu Tage 46 beilegt, dem eines Freiſtaates naͤmlich. Nicht meine Meinung allein, ſondern auch vieler An⸗ dern, von der Erfahrung belehrt im In⸗ und Auslande, geht dahin, daß unter allen Natio⸗ nen des Erdbodens gerade die unſrige am wenigſten zu einer ſolchen Verfaſſung geeignet iſti „Es thut mir leid,“ entgegnete mit einiger Trockenheit der Andere,„daß der Herr Graf eine geringere Meinung von ſeinen Mitbuͤrgern hat, als von andern Voͤlkern, bei welchen man dieſe Verfaſſung doch auch findet. Ich weiß wohl, daß man im Auslande ſolchen Begriff von uns hat, wir ſelbſt aber ſollten doch beſſer von uns denken, und es kaͤme ja nur darauf an, den Andern zu zeigen, was wir faͤhig ſind zu ſeyn.“— „Die Weltgeſchichte“— bemerkte Jener— „und vorzuͤglich die Geſchichte der neueſten Zeit, belehrt uns, daß der Geiſt der Letztern ſich nicht mit der eigentlichen republikaniſchen Verfaſſung vertraͤgt. Wir haben, wenigſtens wir Maͤnner von mittlerm Alter haben mehr denn einen Frei⸗ ſtaat entſtehen ſehen, aber auch wiederum ver⸗ ſchwinden.“— 47 „Einige aber beſtehen doch noch,“— ver⸗ ſetzte der Juͤngere. „Ihr habt Recht, mein Herr,“ war die Antwort,„wenn Ihr von einem andern Welt⸗ theile redet. Darin iſt jedoch ein großer Unter⸗ ſchied. Jene neugeborenen Staaten, mit ſich ſelbſt noch zu ſehr beſchaͤftigt, haben das Be⸗ duͤrfniß politiſcher und geſellſchaftlicher Verbin⸗ dung unter ſich noch nicht empfunden; geringere Beduͤrfniſſe hat das Kind, als der Erwachſene, und ſo lange dies waͤhrt, mag auch der Wahn beſtehen, ſich ſelbſt genug zu ſeyn. Zeit und die wachſende Civiliſation werden indeß dort auch das Ihrige thun. Verhaͤltniſſe, eingegan⸗ gen aus Nothwendigkeit, oder das gemeinſame Streben nach irgend einem Zwecke werden Ne⸗ benbuhlerſchaft erwecken, das Gluͤck oder die Um⸗ ſtaͤnde Einen beguͤnſtigen vor dem Andern, und Jener maͤchtiger und reicher werden als Dieſer; der minder Maͤchtige und Aermere wird auf ihn blicken mit Neid und Argwohn, er auf ihn hin⸗ wiederum mit dem Auge der Begehrlichkeit; die ſich Gleichſtehenden betrachten ſich mit Eifer⸗ ſucht. So werden vielleicht unſere naͤchſten Nachkommen ſchon dort ein neues Rom ſich 48 bilden ſehen und ein neues Karthago. Wenn nun Eines das Andere verſchlungen hat nach langem oder kurzem Kampf— denn nicht zu ſchlichten iſt der Streit zwiſchen gleicher Kraft und gleichem Streben— ſo wird es, gleich ſeinem Vorbilde im Alterthume, erdruͤckt und verwirrt durch ſeine eigene Groͤße, ſich einem Central— punkte zuneigen, der durch verſchiedene Ab⸗ ſtufungen der Gewalt, die hoͤchſte in ſich ver⸗ einigt. Und das iſt, meines Beduͤnkens, auch das Bedingniß jedes geſellſchaftlichen, zumal groͤßern Vereins, denn das Geſetz der Schwere erhaͤlt das Gleichgewicht in der moraliſchen, wie in der phyſiſchen Welt. Das hat ſich be⸗ waͤhrt in unſerm Weltheile, wo die erwaͤhnten Stoffe ſchon voͤllig entwickelt ſind; die Freiſtaa⸗ ten, die in ihm beſtanden, haben ſich aufgeloͤſt in ſich ſelbſt, oder ſie ſind umgeworfen worden durch den erſten Sturm von außen. Wohl be⸗ ſtehen noch einige, doch halt' ich dies nur un⸗ ter gewiſſen Umſtaͤnden fur moͤglich, welche ſel⸗ ten zuſammen zu treffen ſind, am wenigſten aber bei uns. Dazu rechne ich zuerſt einen ge⸗ ringen Umfang.“—— „Nun wahrlich“— unterbrach ihn der Kurtka⸗ 49 trager mit einiger Bitterkeit:„ich meine, wir haben uns vor der Hand uͤber die Groͤße des unſrigen nicht zu beſchweren.“— Der Andere fuhr fort:„Ferner, Grenzen, abgeſchloſſen durch die Natur, als durch Meere, Stroͤme oder hohe Gebirge, die innere Moͤglich⸗ keit, ſelbſtſtaͤndig zu ſeyn durch Nationalreich⸗ thum oder, eine Genuͤgſamkeit, herviſch genug, die Genuſſe deſſelben zu entbehren.“— Der bejahrte Herr fiel ein mit den Worten: „Was dies Beides betrifft, muͤßten wir leider erſt dahin kommen; dem redlichen Willen iſt aber nichts zu ſchwer.— Ferner noch ein Zu⸗ ſammentreffen der Umſtande, welches die Nach⸗ barn bewegt, mit guͤnſtigem Auge oder wenig⸗ ſtens gleichgultig auf eine Verfaſſung zu ſehen, die, im Allgemeinen genommen„ihnen der feſt⸗ geſetzten Ordnung zuwider und in der Naͤhe unbequem und ſogar gefahrbringend erſcheinen muß.“— „Ich geſtehe,“— laͤchelte der General—„daß ich nicht glaube, wir duͤrften uns ſolches Bei⸗ falls oder Gleichguͤltigkeit getroͤſten.— Oder“— endete der Redende—„wenigſtens eine ſtreit⸗ MI. 2 5⁰ bare Macht, um Dem Achtung zu verſchaffen, dem Andere den Beifall verſagen.“—— „Das iſt die Hauptſache,“— nahm, an ſei⸗ nen Degen ſchlagend, der Kriegsmann abermals das Wort—„und ich denke, daran fehlt es uns nicht.“— Der Graf ſchwieg und ſah mit ungewiſſem Blicke zu Boden. „Eines, Herr Graf,“— ließ der junge Mann ſich vernehmen—„eines Bedingniſſes habt Ihr, glaub' ich, vergeſſen, deſſen Daſeyn den Mangel vieler von den andern erſetzt, ohne welches dieſe aber, und ſeyen ſie auch im ge⸗ wuͤnſchten Grade vorhanden, ungenuͤgend blei⸗ ben werden immerdar. Vom Buͤrgerſinne ſpreche ich, von dem Buͤrgerſinne, der Alle nach einem Ziele fuͤhrt, der willig nicht nur, aber auch ohne Anſpruch cuf Lob zu machen, des eigenen Vor⸗ theils nicht achtend, ihn aufopfert zum Wohle des Ganzen.“— „Vergeſſen?“ ſagte der Graf mit dem kal⸗ ten Laͤcheln des Weltmanns.„Nein, mein Herr, vergeſſen hab' ich ihn nicht, doch ſeiner nicht erwaͤhnt, weil ich meine, in ernſthaftem und wichtigem Geſpraͤch muͤſſe man das nicht erwaͤhnen, was nicht vorhanden iſt und nicht 51 vorhanden ſeyn kann, auch bei uns nicht. Ich will damit meine Mitbuͤrger nicht herabſetzen; auch ich bin ein Freund des Vaterlandes und ein Jeder iſt es auf ſeine Weiſe. Aber der Buͤrgerſinn, den Ihr meinet, iſt ſo wenig als hier, an irgend einem Orte dieſer Welt zu fin⸗ den, er iſt es auch nie geweſen, ſelbſt im Alter⸗ thume nicht; genauere Beleuchtung hat uns er⸗ kennen laſſen, was der Nationalſtolz ſeiner Schriftſteller ſchlecht genug verhuͤllte, daß naͤm⸗ lich der Menſch immer geweſen, was er iſt und ſeyn wird. Dieſer Buͤrgerſinn, werther Herr, iſt nur einheimiſch in Plato's Republik, und dieſe liegt bekanntlich in der Welt der Traume.“— „O ja,“— rief leidenſchaftlich der junge Mann,„darum bleibt ja eben die Welt wie ſie iſt, und der Menſch, weil er, was er nicht faſſen will oder vermag, ein Unding nennt. Ja, zu den Traͤumen werfen ſie das Gute und Erchabene, weil es ihnen an Kraft fehlt und am Willen, es in die Wirklichkeit heruͤberzu⸗ ziehen.“— „Rechtet daruͤber mit eben der Welt,“— ent⸗ gegnete in der fruͤheren Weiſe der Andere,„macht ihr den Vorwurf, daß ſie den Egoismus zum 4 52 Gott erkohren; er wird nicht ungegruͤndet ſeyn. Aber es iſt einmal nicht anders. Ueberall er⸗ theilt er ſeine Orakel und Geſetze, in verſchiede⸗ ner Weiſe zwar, aber er iſt es doch, der ſie er⸗ theilt, ob es gleich manchmal anders ſcheine. Der Eine,“ ſetzte er mit ſcharfem Blick und einiger Betonung hinzu,„der Eine iſt aufrich⸗ tig genug, nicht zu verhehlen, daß er das allge⸗ meine Loos theile, ihm unterthaͤnig zu ſeyn; der Andere verlaͤugnet mit dem Munde den, den er im Herzen bekennt, er macht ſich viel⸗ leicht ſelbſt glauben, er trage die Feſſel nicht, die ihn doch unſichtbar umſpannt; wenn der Eine beilaͤufig ſeines Ich erwaͤhnt, redet er mit Enthuſiasmus vom Ganzen; geſteht der Eine, ſein eigener Vortheil ſey ihm nicht ganz gleich⸗ guͤltig, ſo ruͤhmt er die Verdienſtlichkeit, ihn zu opfern. Das lautet zwar ſehr verſchieden, doch kommt es, furcht' ich, aus derſelben Quelle, nur abgeleitet in verſchiedene Kanaͤle, und der Gott dieſer Welt iſt oft da am naͤchſten, wo man wenigſtens ihn vermuthen ſollte.“— Der Hofrath konnte bei dieſen Worten ſich eines beifaͤlligen Laͤchelns nicht enthalten; der junge Mann ſah ſchweigend zur Erde, als 53 hielte er Rechnung mit ſich ſelbſt, der Ge⸗ neral aber ſprach mit Lebendigkeit und kriegeri⸗ ſchem Freimuth:„Ihr habt gewiſſermaßen nicht Unrecht, Graf, der Egoismus beherrſcht uns Alle; ſelbſt der, welchen man am allerfreieſten von ihm glauben ſollte, der Soldat, iſt ihm un⸗ terworfen, er, der die ſchwerſten augenblicklichen Opfer bringt, dem Zweck oder der Idee, die ihn begeiſtert. Verzeihet, ihr Herren, aber es iſt doch ſo, das ſchwerſte Opfer bringt der Soldat, denn jeder Menſch hat doch eine gewiſſe Zunei⸗ gung zur fleiſchlichen Zuthat ſeines Weſens, und bei wem, als bei ihm iſt dieſe haͤrterer Kaſteiung ausgeſetzt und groͤßerer Gefahr? Die Opfer, welche Ihr zu bringen habt, Ihr bringt ſie in behaglicher Muße, fein uͤberlegend, wie Ihr am wohlfeilſten wegkommen koͤnnt bei Euren Opfern, betreffen ſie das zeitliche Gut, iſt es doch nur die Rede von dem Mehr oder Weniger; bezieht ſie ſich auf Euer geiſtig Weſen, Eure Idee oder Anſicht, ſo bleibt Euch das troͤſtende Recht der Erwaͤgung, und ſie ſtoren wenig die Behaglich⸗ keit der fleiſchlichen Zuthat, welche, wie ich ſchon erwaͤhnt, gar ſehr in Betracht zu ziehen iſt. Der Soldat aber faͤhrt dem Altare, wo ey nichts 5⁴ Geringeres als ſich ſelbſt zum Opfer bringt, nicht in einem bequemen Wagen zu, durch un⸗ wegſamen Sand oder Moraſt, durch Sonnen⸗ brand und Froſt, Sturm und Regen, angefoch⸗ ten mitunter von Hunger und Krankheit, geht er dahin, wo die Gefahr ſeiner wartet, die Wunden und der Tod. Und dieſe Wunden ſind oftmals der einzige Lohn, den er davon traͤgt, und der Nachruhm des Todten vertheilt ſich unter ein ganzes Regiment oder Schwadron. Ich bin aufrichtig genug, zu geſtehen, daß ſol⸗ ches nicht auf den Kriegsmann hoͤhern Ranges anzuwenden iſt, uns leitet manches Andere nebenbei, wie der Ehrgeiz oder ein und das Andere, was wuͤnſchenswerth iſt und vortheil⸗ haft; nur der gemeine Krieger, der in Reih und Glied ſicht, iſt es, von welchem ich ſpreche. Wenn dieſer, wie es bei dem unſern der Fall iſt, nicht gezwungen, ſondern freiwillig all dies uͤbernimmt, wenn er ſich draͤngt in die Schaaren der Vertheidiger des Vaterlandes, ſo darf man Anſtand nehmen, ihn des Egoismus zu beſchuldigen, und er thut, was unſer werther Herr und Freund von dem Buͤrger verlangt, und noch mehr, er wirft, ohne Anſpruch auf 55 beſonderes Lob zu machen, ohne Aufſehen, nicht ſeinen Vortheil allein, ſich ſelbſt wirft er hin zum Wohle des Ganzen. Und doch, meine Herren, doch iſt der Soldat auch ein Egoiſt wie ein Anderer. Es ſey mir erlaubt, ein Beiſpiel aufzuſtellen, fuͤr deſſen Trivialitaͤt ich um Ent⸗ ſchuldigung bitte. Am Tage der Schlacht, wo das Gefecht am heißeſten iſt, wird— wie haͤufig haben wir das nicht geſehen?— der gemeine Krie⸗ ger dem Kameraden, der mit ihm gemeinſchaft⸗ lich thut und leidet und drein ſchlaͤgt fuͤr den allgemeinen Zweck, wenn er verwundet iſt oder gefallen, zum Schilde dienen mit ſeiner Bruſt, er wird der Kugeln nicht achten und der feind⸗ lichen Saͤbel, und wenn er ihm aufgeholfen, fuͤhrt oder traͤgt er ihn aus dem Getuͤmmel. Und am Abend auf der Beiwacht werden ſich die naͤmlichen Beide zanken um das groͤßte Stuͤck Fleiſch aus dem Keſſel, um das groͤßte Glas Branntwein oder den naͤchſten Platz am Feuer, und ſie werden ſich bitter verfeinden, aber in der morgenden Schlacht wird doch Jeder wieder fuͤr den Andern thun, was er heute ge⸗ than. Das iſt doch wohl Egoismus, meine 56 Herren, und zwar, denk' ich, von der groͤberen Sorte.“— „Ich bitte um Verzeihung, erlauchte Frau,“ wendete er ſich zu der Dame,„daß ich ein ſolch Bild aus der Lagerhuͤtte vor Euch aufgeſtellt. Dem Soldaten haͤngt immer etwas an von ſei⸗ nem Gewerbe, und in Kriegszeiten zumal mag man ihm vergeben, wenn er Auftritte erwaͤhnt, die ſich taͤglich unter ſeinen Augen erneuen; ſie ſind auch in der That ſo verwerflich nicht, im Feldlager grenzt oft das Erhabene unmittelbar an das Gemeine.“— „Eurer Exzellenz Entſchuldigung iſt uͤber⸗ fluͤſſig. Wie ich, liebt mein ganzes Geſchlecht das Kuͤhne und Ungezwungene in Wort wie in That am Manne, vornehmlich am Kriegs⸗ manne,“ antwortete dem Feldherrn zierlich ge⸗ nug Beate, die vor kurzer Zeit noch keine an⸗ dern Krieger gekannt hatte, als die NMiliz ihrer Vaterſtadt, und den Haͤuptling derſelben, den bejahrten, gegen des regierenden Buͤrgermeiſters Wohlweisheit reſpekwollen, gichtbruͤchigen Stadt⸗ major. „Auch in andern Verhaͤltniſſen der Geſell⸗ ſchaft,“ fuhr der General fort,„habe ich aͤhn⸗ 57 liche Erſcheinungen wahrgenommen, in allen ſogar, nur freilich nicht in derſelben Geſtalt. So theile ich denn die Meinung des Grafen, daß der Egoismus ein unbedingter Beſtand⸗ theil des menſchlichen Weſens iſt, und demnach, wenn er ſo will, die Welt regiert. So ſcheint es mir hauptſaͤchlich darauf anzukommen, daß man, ohne ihn zu verletzen, ihm die gehoͤrige Richtung gebe nach dem Ziele, welches die Wohlfahrt des Ganzen bezeichnet. Um wieder auf meinen egoiſtiſchen Soldaten zu kommen, ſo glaub' ich, dieſelbe Empfindung, welche bei jenem Auftritt in der Beiwacht in ihm unge⸗ buͤhrlich laut wird, beſeelt ihn auch dem Feind gegenuͤber am Tage des Treffens; Jenen hat ein Stuͤck Fleiſch fuͤr den Augenblick zu ſeinem Widerſacher gemacht, dieſen Volksthuͤmlichkeit, Erinnerungen alter Beleidigungen, Verſchiedenheit der Sprache und Gebraͤuche, kurz, Alles, was vereint den Begriff des Patriotismus erzeugt, fuͤr immerdar. So wird, was im Einzelnen Bedauern und Widerwillen erregt, im Ganzen zum Erhabenen; was, in ſeine Theile zerſtuckelt, den Gegenſtand aus einer Poſſe abgeben wuͤrde, oder eines Zerrbildes, graͤbt, zu einem Zwecke 58 vereinigt, unvergaͤngliche Zuͤge in die Tafeln der Geſchichte. Lächelt nicht, meine Herren, auch anderswo ſteht es wie dort. Mancher, der entſagend ſeine Guͤter in Flammen aufgehen ſieht, wuͤrde den Verluſt des Titels nicht er⸗ tragen, der an dieſen haftet; ein Anderer, der laut dem Gemeinſinn ſchwoͤrt, aͤrgert ſich im Stillen, daß Der, welchen er um einen Grad niedriger haͤlt, als ſich ſelbſt, um eine Spanne breit hoͤher ſitzt, als er, im Rathe oder unter den Stellvertretern des Volkes. Mancher, der ſein Gold- und Silbergeraͤthe freudig zur Muͤnze geſchickt, weil er ſelbſt geſtimmt fuͤr die Noth⸗ wendigkeit ſolcher Maßregeln, findet es uner⸗ traglich, eine Hand voll Geldes zu einem an⸗ dern Bedarf des Gemeinweſens hingeben zu muͤſſen, der nicht von ihm dargethan wor⸗ den, und ſo weiter. Nun ſcheint mir aber, alles dieſes zu gemeinſchaftlichen Zweck zu ver⸗ einigen und denſelben fortdauernd nutzbar zu machen, die Republik nicht die beſte Form. Sie laͤßt dem Gott dieſer Welt, wie der Graf den Egoismus benannt, ein allzu freies Spiel der Ellenbogen in jedem Einzelnen, und wo die Ellenbogen ſich allzuſcharf beruͤhren, ſetzt es manch⸗ 59 mal nicht Rippenſtoͤße allein, ſondern auch blu⸗ tige Koͤpfe. Blutige Koͤpfe aber ſind auch ge⸗ meiniglich etwas verwirrt, und wenn der Nach⸗ bar es merkt, ſo haͤlt er auch die Kappe bereit, wie die Erfahrung, mein' ich, es uns ſchon gelehrt.“— „Auch darin habt Ihr nicht Unrecht, Herr Graf, daß ſolche Verfaſſung, weder fuͤr unſere Ellenbogen noch unſere Koͤpfe, ols von nicht geringer Ruͤhrigkeit, beſonders wenig taugt; ich ſtimme daher fuͤr die Monarchie, als Soldat und als Buͤrger. Ein Koͤnig gehoͤrt an die Spitze der Staatsverwaltung, an die Spitze des Raths und der Armee. Er laͤßt ſich doch rathen, aber wo Mehrere herrſchen, will Jeder rathen, Keiner aber nimmt Rath an. Ein Koͤnig aber, einer der es recht iſt, laͤßt irgend ein deutſcher Dichter einen tuchtigen Feldherrn ſagen, der ſich auf ſo etwas verſtand, iſt unuͤberwindlich vor ſeinem Heere. Unſer Vaterland iſt ſeit Jahr⸗ hunderten eine Monarchie geweſen; habe es denn wieder einen Koͤnig, aber, wie geſagt, einen rechten, nicht ſo einen, wie der letzte war in einer lange Reihe von Monarchen, der ſo wenig im Rathe taugte als im Felde, und von der⸗ 60 ſeiben Stelle aus,“— ſetzte er laͤchelnd hinzu— „wo wir uns jetzt befinden, verdarb, was wir hier wieder gut machen wollen.“— Der Majordomus, eben beſchaͤftigt, Eis her⸗ um zu reichen, warf hier aus dem erloſchenen Auge einen tuͤckiſchen Blick auf den General; dieſer bemerkte ihn natuͤrlich nicht und fuhr fort: „Ich muͤßte kein Sohn dieſes Landes ſeyn, verſtaͤnde ich unter einer Monarchie nicht eine ſolche, welche Haupt und Glieder in einer Verfaſſung vereinigt; ſo beſtehe denn eine ſolche, freilich beſſer als die fruͤhere, und vornehmlich beſſer bewahrt, als ſie es ehemals geweſen. Ein Solcher ſey unſer Haupt, deſſen Wahl die Na⸗ tion ehrt, wie ihn die Wahl derſelben. Die Zeiten, meine Herren, ſind vorbei, da wir un⸗ ter uns ſelbſt nach einem Herrſcher uns um⸗ ſchauen konnten; andere ſind eingetreten, da wir die Unmoͤglichkeit erkennen, die ſolchem, ob⸗ wohl dem Nationalſtolze verzeihlichen Wunſche ſich entgegenſtellt. Reichthum und Geburt ſind es nicht allein, die zu dem hoͤchſten Range be⸗ rechtigen, und wenn das auch, ſo muß ich, den meine Herkunft ihnen gleichſtellt, ich muß ſagen, wir haben jetzt keine Magnaten!“— 61 Der Graf ſah bei dieſen Worten betreten und unzufrieden ſeitwaͤrts, der junge Mann nickte laͤchelnd mit dem Kopfe, der bejahrte Edelmann ſtrich ſich behaglich den Bart und der Herr Hofrath hing mit geſpannter Aufmerkſamkeit an den Lippen des Redenden. „So trete,“ fuhr dieſer fort,„denn ein ge⸗ borner Fuͤrſt an unſere Spitze; der Staat, wel⸗ cher widerrechtlich ausgeſtoßen aus der Reihe der Staaten, ſeinen Platz wieder einnehmen will, bedarf eines Regenten, der eine Stelle be⸗ hauptet unter den Fuͤrſten des Welttheils, damit er jenen wuͤrdig und einfuͤhre in ſein altes Recht.“— „Und wo,“ ſchaltete der Magnat der Unter⸗ welt ein,„wo glaubt Ihr dieſen Fuͤrſten zu finden?“— „Ich ſollte nicht meinen,“ erinnerte der be⸗ jahrte Edelmann nicht ohne Stolz,„daß Alle ſich weigern wuͤrden, Herrſcher eines Volkes zu werden, das fruͤher die Achtung der Welt be⸗ ſaß, das ihrer, ſeines Ungluckes ohngeachtet, nicht unwuͤrdig geworden, und ſo Gott will, auch nicht unwuͤrdig werden wird.“— Der Eindringling verzog das Geſicht bei — E= Nennung des hoͤchſten aller Namen, dann zuckte er zweideutig die Achſeln und ward wieder zum ſchweigenden, lauerſamen Zuhoͤrer. „Es iſt alſo eine conſtitutionelle Monarchie, welche ich fuͤr uns am tauglichſten halte, in welcher ein Vertrag den Herrſcher und die Un⸗ terthanen vereinigt, nicht einander gegenuͤber ſtellt, ein Vertrag, den gegenſeitiges Vertrauen aufrecht erhaͤlt und in dem eine weiſe Ein⸗ richtung das noͤthige Gleichgewicht bewahrt. Da kann man denn einen ſolchen Staat wirk⸗ lich eine Republik nennen, in dem Sinne, wie es das Vaterland vormals— nicht geweſen, aber wie es, den Namen fuͤhrend, doch haͤtte ſeyn können, und in welchem, wie ich hoffe, auch dieſer werthe Herr und Freund es genom⸗ men, respublica, ein Gemeinweſen. Ein ſol⸗ ches giebt jedem einzelnen Streben die beſtimmte Richtung, daß Jedes neben dem Andern einher⸗ gehe, ohne ſich zu durchkreuzen. Die Vaͤter des Vaterlandes unterſtuͤtzen mit ihrem Rathe den Regenten; die Stellvertreter der Ration wachen nicht allein uͤber ihre Rechte, ſondern auch uͤber das Geſetz, die Freiheit beſchirmend, der Zugelloſigkeit aber ſteuernd; der Landbeſitzer 63 vermehre den Nationalreichthum durch fleißigen Anbau ſeiner Beſitzungen, durch Sorgfalt fuͤr ſeine Unterthanen, daß Felder und Menſchen gedeihen und ſo viel und gute Frucht tragen als jeder vermag.“—— Eine heftige Geberde des jungen Mannes unterbrach hier den Redenden; dieſer ſah ihn einen Augenblick lang ein wenig verwundert an, dann auf den Grafen, der bedeutſam vor ſich hinlaͤchelte, darauf ſprach er weiter:„Der Kauf⸗ mann und Handwerker in ſeinem Wirkungs⸗ kreiſe, groß oder klein, nicht beſchraͤnkt von der Willkuͤhr, geſchuͤtzt durch geſellſchaftliche Ord⸗ nung, halte den Gewerbfleiß aufrecht, der die Nation mit anderen in die Verbindung ſetzt, er⸗ zeugt durch wechſelſeitiges Beduͤrfniß, ohne welche ſie abgeſondert ſteht und dem Geſammtverein der Geſellſchaft gegenuͤber. Eine ſolche Ver⸗ faſſung iſt dem Zeitgeiſte nicht entgegen, welcher ſie in unſern Tagen ſo vielfaͤltig erzeugt; ſie wird das Mißtrauen der Nachbarn nicht erre— gen, die Herrſcherwuͤrde, bei uns geachtet, wird die Eiferſucht des Stolzes auf angeſtammte Rechte beruhigen; wir werden zufrieden ſeyn und Niemand unzufrieden machen, Niemandes 64 Ruhe ſtoͤren, ſo man uns ruhig laͤßt. Sollte man aber dennoch uns nicht goͤnnen, ein Volk zu ſeyn, weil wir es ſind, die es ſeyn wollen, nun, ſo iſt der Soldat dafuͤr da, dem Achtung zu verſchaffen, dem man unbillig den Beifall verſagt. Auf ihm liegt— verzeihet, Herren und Mitbuͤrger— jetzt das Hauptſaͤchlichſte, das Feld zu behaupten, das der Andern Faͤhigkeiten an⸗ bauen ſollten; ſein Schwert muß ihm den Um⸗ fang erwerben, der ihm eine wuͤrdige Stelle zu⸗ ſichert unter den Laͤndern des Welttheils, die alte, die einſtmals es einnahm; ſein Muth muß die Grenzen bewachen, welche die Natur abzu⸗ ſchließen verſaͤumte, damit innerhalb ihres Um⸗ kreiſes das Gemeinwohl gedeihen koͤnne. Ihm haben die Mitbuͤrger eine heilige Pflicht anver⸗ traut, die alte Achtung hervorzurufen aus der Vergeſſenheit, eine tauſendjaͤhrige Ehre wieder herzuſtellen in ihrem ehemaligen Glanze, und ich meine, er hat bis jetzt dieſe Pflicht redlich erfullt. Glaubt mir, der Soldat iſt nicht der ſchlechteſte Buͤrger. Wiſſet Ihr, was ihn treibt gegen die todſpeienden Batterien des Feindes, ihn ſeinen Lanzen die kuͤhne Bruſt entgegen zu werfen bewegt, ihn gleichguͤltig macht gegen 65 Froſt und Hitze, gegen Hunger und Beſchwerde, gegen den Tod durch die Kartatſchenkugeln, in der Schlacht oder durch die ſcheußliche Krankheit, die verderbend durch das Feldlager ſchleicht? Es iſt die Liebe zum Gemeinweſen, zur respublica, deren Mitglied er zu ſeyn ſich bewußt iſt, ſo gut als ein Anderer. Das iſt freilich auch ein Egvis⸗ mus, meine Herren, es iſt der Egoismus des Soldaten.“— Hier ſchwieg der General und ſah um ſich her mit glaͤnzendem Auge und hochathmender Bruſt. „Wahrlich,“ ſprach der bejahrte Herr,„wahr⸗ lich ein ſchoͤnes Bild, das Eure Excellenz uns aufſtellt. Wollte Gott, es beſtaͤnde ſchon in al⸗ len Zuͤgen ſo in der Wirklichkeit, als das, was Ihr von unſern wackern Bruͤdern draußen im Felde ſagt.“— „Ja, ein ſchoͤnes Bild,“— warf der Graf in ſeinem gewohnten nachläſſigen Tone hin:„we⸗ nigſtens ein gläͤnzendes; doch gerade dem Theile deſſelben, den unſer ehrenwerther Herr jetzt be⸗ lobt, kann ich nicht meinen ganzen Beifall ge⸗ waͤhren. Derſelbe Dichter, welchen Eure Excel⸗ vb ſagt an einer andern Stelle un⸗ 5 66 gefaͤhr: Jeder Soldat macht das Vaterland um einen Bauer aͤrmer; ſo ſcheint mir denn der kurzeſte Krieg der beſte, denn ſonſt moͤchte, waͤh⸗ rend die Graͤnzen erweitert werden und bewacht, das Land innerhalb derſelben brach liegen und zur Einoͤde werden. Die Tapferkeit iſt uͤberdem nur ein Rauſch, der edlen Gattung zwar, und man muß ihn benutzen ſo lange er waͤhrt, doch die Sicherheit der Zukunft moͤcht' ich ihm nicht anvertrauen.“— „Ein Rauſch?“ fragte der Kriegsmann em⸗ pfindlich;—„ein Rauſch iſt voruͤbergehend, Herr Graf; was aber Jahrhunderte hindurch ſich fort und fort gleich bewaͤhrt hat, duͤrfte, meines Er⸗ achtens, doch wohl einen andern Namen verdie⸗ nen.“— „Der Herr Graf hat nicht Unrecht,“ ließ ſich der Alte vernehmen,„ſobald er von dem Solda⸗ ten ſpricht, der aus Zwang oder um Lohn die Muskete ergreift oder die Lanze; ein ſolcher macht freilich das Vaterland um einen Bauer aͤrmer, oder um einen Buͤrger. Selbſt einige der Nach⸗ barſtaaten, ob ſie ſchon ſonſt ſorgfaͤltig die fruͤ⸗ here Form bewahren, haben das begriffen und ſind uns vorangegangen mit dem Beiſpiele. Was 67 dort weiſe Einſicht that, ausgehend von der Ober⸗ gewalt, hat bei uns die Nothwendigkeit hervor⸗ gebracht, unterſtuͤtzt durch die Liebe zum Ge⸗ meinweſen, zur respublica, ſage ich gern dem General nach, denn ich bin ein alter Mann und haͤnge an alten Worten. Der, welchen nicht das Gebot, den das Pflichtgefuͤhl allein freiwillig herbeieilen laͤßt zur Vertheidigung des Vaterlan⸗ des, der wird um ſo wackerer ſtreiten, weil er mit ihm den eigenen Heerd vertheidigt.“— „Ja, ja, da liegt es eben,“ fiel hoͤhniſch auf⸗ lachend der Kurtkatraͤger ein;„den eigenen Heerd!“— „Aber,“ fuhr der Greis mit feſter Stimme fort,„aber er wird, wenn nun die Waffen ruhn und ſein heißes Tagewerk vollbracht iſt und er zu dieſem Heerde zuruͤckkehrt, um ſo freudiger und behaglicher an ihm verweilen in nuͤtzlicher Thätigkeit, weil er ihn ſchmuͤcken kann mit den Trophaͤen der Ehre.“— „Schoͤn geſagt, ehrenwerther Herr,“ ließ ſich der junge Mann hoͤren, noch immer Spott im Tone,„ſehr ſchoͤn geſagt, ich meine indeß mit dem Herrn Grafen, doch denk' ich in einem an⸗ dern Sinne, daß eine ſolche Monarchie vielleicht 5* 68 in Utopien ſtattfinden kann, aber bei uns nicht, weit minder noch als eine Republik nach mei⸗ nem Begriffe. Wenigſtens nicht, ſo lange in derſelben ſich Bevorrechtete befinden, welche den Mann des Volks dem Ackergaul gleich halten duͤrfen, den man herleiht zum Vorſpann des Geſchuͤtzes oder der Bagage, und wenn er den Frohndienſt fuͤr den Staat verrichtet hat, ihn wieder heimtreibt, um ihn vor den Pflug zu ſpan⸗ nen, damit er wieder anfange, wo er es gelaſſen, das Feld bearbeitend, deſſen Erndte nicht ſein iſt 3 „Junger Mann,“— erwiederte der Graf in vornehm zurechtweiſendem Tone:„Eurem Alter und der bewegten Zeit, in welche Eure Ausbil⸗ dung gefallen, mag man Begriffe zu gut hal⸗ ten, die an ſich und als Axiome betrachtet, ſo⸗ gar nicht verwerflich ſeyn moͤgen, deren Ausbrei⸗ tung jedoch eben ſo bedenklich als ihre Ausfuh⸗ rung in der Wirklichkeit unmoͤglich iſt. Wann Ihr aͤlter geworden ſeyd, werdet Ihr begreifen, daß, wer das Recht behaupten will, zuvor der Rechte wahrnehmen muß.“— „O, wenn Ihr von Rechten ſprechet, mein Herr, ſo pflichte ich Euch voͤllig bei,“ antwortete 69 der Andere mit hoͤflichem Trotz.—„Ich bin aber alt genug, zu wiſſen, daß tauſendjähriges Unrecht noch keine Minute Recht iſt.“— Jener zuckte mit den Achſeln und wendete ſich ab.—„Das Volk“— hob er an, nicht gerade in einem veraͤchtlichen, aber doch uͤbellau⸗ nigen Tone—„das Volk iſt in der That wohl beachtenswerth und verdient alle Ruͤckſicht des politiſchen Geſetzgebers, aber nur als Maſſe be⸗ trachtet, und als ſolche muß man es auch be⸗ trachten und in derſelben zu erhalten ſuchen. Dem großen Landbeſitzer ſind ſeine Heerden un⸗ ſtreitig einbringlicher und darum auch nutzlicher, wenn man will, als das edle Roß arabiſcher Race in ſeinem Marſtall; wem fiele es aber darum ein, jedes einzelne Stuͤck von jenen die⸗ ſem gleichzuſtellen?“— „Ich weiß nicht,“— warf abermals mit Hohn der Juͤngſte ein—„welche Gattung von Heer⸗ den Ihr meinet, Herr Graf;z Ihr redet indeß von zwei verſchiedenen Thierarten, Bauer und Herr gehoͤren aber, ſo viel ich weiß, zu einer.“— Der Andere, dies uͤberhoͤrend, fuhr fort:„Es gehoͤrt zu den Begriffen unſerer Zeit, die nach dem Unmoͤglichen ſtreben, das heißt, das der 70 Vervollkommung Faͤhige raſch und gewaltſam und alſo gleich vollkommen machen wollen, das Volk im Ganzen und im Nu auf eine hoͤhere Stufe zu ſtellen, auf einen Standpunkt, der ihm ſo unbekannt iſt als unangemeſſen, auf eine Hoͤ⸗ he, wo es den ungewohnten Koͤpfen ſchwindelt. Dieſes Unternehmen iſt in der neuen Zeit, da man es vielfaͤltig unternommen, niemals zum Guten gediehen, und die Erfahrung lehrt, daß Manchen die Laſt des Giganten erdruckt hat, zum Lohne dafuͤr, daß ſie ihn auf ihren Schul⸗ tern emportragen wollten. Weit ſey es von mir entfernt, ſie nicht gluͤcklich wiſſen zu wollen; je⸗ des Weſen— und“— wendete er ſich, den fruͤ⸗ hern Spott zuruͤckgebend, zum Braungelockten: „unſtreitig iſt der Kothſaſſe mit Euch von einer Gattung— jedes menſchliche Weſen, will ich ſagen, iſt berechtigt zum Gluͤck; doch ſcheint es mir weder weiſe noch auch guͤtig zu ſeyn, ihm ein Gluͤck anzubieten, das ihm ſo fremd iſt; die Exiſtenz, die wir von unſern Ahnen ererbten, iſt uns werth; das, was ſeine Voraͤltern auf ihn uͤbertragen, iſt ihm behaglich durch Gewohnheit, und in patriarchaliſcher Abhaͤngigkeit von dem Grundherrn lebte ſeit Jahrhunderten das Volk.“— 71 Da fuhr der junge Mann, der bei dem Ausdrucke„patriarchaliſch“ ſchon gelaͤchelt hatte, auf, und fragte bitter:„Es lebte, ja, das iſt wahr, aber wie lebte es?“— „Gut genug, daͤucht mir,“— war die kuͤhle Antwort des Grafen.—„Beſitzthum macht Sorge, und waͤhrend fuͤr den Reichen und Vornehmen das ſiebzigſte Jahr meiſtens das Ziel einer glaͤn⸗ zendern aber unruhigern Laufbahn iſt, zaͤhle ich auf meinen Guͤtern mehre Ehepaare, welche die Ringe ſchon vor einem Jahrhundert und druͤber gewechſelt.“— „Guter Gott!“— rief der junge Mann mit heftiger Bewegung, die Haͤnde zum Himmel er⸗ hebend—„ein Jahrhundert und druͤber Skla⸗ verei!— Doch man ſteckt ja auch junge Raben in den Kaͤfig, eine Kupferplatte mit der Jahres⸗ zahl am Halſe, damit der Urenkel ſehn moͤge, wie lange ein Rabe leben kann.“— Der Graf ſchien es ſich zum Geſetz gemacht zu haben, dieſes Zuhoͤrers Einwuͤrfe nicht zu beantworten oder es ſpaͤter zu thun im Gan⸗ zen und mit dem Uebergewicht der Weltklugheit und Erfahrung; er ſprach alſo, ohne ſich ſtoren zu laſſen, weiter:„Glucklich moͤgen ſie alſo und ſollen es ſeyn, doch nach ihrer Weiſe und Be⸗ faͤhigung zum Gluͤck. Ihnen ein Anderes an⸗ bieten, hieße ihnen ſelbſt und dem Ganzen einen ſchlechten Dienſt leiſten. Ich weiß es wohl, worin dies Gluͤck beſteht, das man dem Volke beſtimmt;„Freiheit“ lautet ſein Name. Und iſt denn der Landmann nicht frei bei uns? Ich bil⸗ lige den Mißbrauch der Gewalt nicht, aber die Zeiten dieſes Mißbrauchs ſind voruͤber; Eigene ſind die Anbauer unſerer Felder, doch nicht Sklaven, ihr⸗Leben iſt nicht mehr der Willkuͤhr Preis gegeben, ihre Perſon und die ihrer Ange⸗ hoͤrigen iſt ihr Eigenthum— die Rechte des Menſchen ſind ihnen eingeraͤumt, das iſt billig und natuͤrlich, daß aber der Grund, den ſie be⸗ arbeiten, nicht ihr Eigenthum, iſt eben ſo na⸗ tuͤrlich, denn er gehoͤrt dem Herrn gleichfalls nach einem alten unveraͤußerlichen Rechte, nach dem Rechte verjaͤhrten Beſitzthums.“— „Dieſelben Verhaͤltniſſe,“— wandte der Ael⸗ teſte unter den menſchlichen Anweſenden ein— „haben uͤberall ſtattgefunden, uͤberall ſtanden die Herren im Recht des verjaͤhrten Beſitzthums, und doch findet man beinah nirgends mehr weder dies Recht, noch ſeine Ausuͤbung. An manchem 73 Orte hat es die Gewalt des Zeitgeiſtes aufgeho⸗ ben, oder die Bevorrechteten haben ihm freiwil⸗ lig entſagt; aber wie es auch geſchehe, ſo lehrt die Erfahrung, daß das Abſchaffen uralter Miß⸗ braͤuche dem Wohle der Menſchheit foͤrderlich ge⸗ weſen iſt, das doch, meine ich, zum Maaßſtabe genommen werden muß, wo es ſich darum han⸗ delt, das Gluͤck eines einzelnen Volkes zu ſchaf⸗ fen.“— „Die Menſchheit“— verſetzte trocken der Graf—„zerfaͤllt in mehrere Theile; was fuͤr den Einen gut iſt, mag fuͤr den Andern nicht taugen. Gebt dem Hottentotten die Verfaſſung der Britten, und Ihr werdet ſehn, was daraus entſteht.“— Hier bemerkte er die finſtern Stir⸗ nen der drei Andern, und ſetzte wie entſchuldi⸗ gend hinzu:„Es war nur ein Bild, eine Me⸗ tapher, deren ich mich bediente.“— Der Edelmann entgegnete nicht ohne Schaͤrfe: „Es iſt gut, daß der Herr Graf hinzugeſetzt, es ſey nur ein Bild, aber freilich nicht ein glucklich gewaͤhltes, denn nicht von Hottentotten war die Rede, ſondern von unſern Mitbuͤrgern. Jene Mißbraͤuche, um einen politiſchen Grund anzu⸗ fuͤhren, ſind vertilgt bei allen den Nationen, de⸗ 74 nen wir uns anzuſchließen ſtreben, und ein nicht unwuͤrdiger Beweis, daß wir werth ſind, ihnen gleichzuſtehen, wenn wir das Gute von ihnen aufnehmen. Nur gerade bei Denen finden jene alten ungerechten Rechte noch ſtatt, bei Denen, von welchen uns zu trennen, wir ſo viel gewagt und gethan. Wir halten uns faͤhig, den An⸗ dern gleichzuſtehen; ſolltet Ihr der Geſammtheit des Volks ſolche Faͤhigkeit abſprechen?“— „Ich laͤugne es nicht,“ war die Antwort, „ich ſpreche ſie ihr ab; hier, ſo wie bei Denen, welche Ihr meint, hat lange Gewohnheit die Sinnesweiſe des Volkes gebildet, und hier wie dort wuͤrde eine allzuſchnelle und gaͤnzliche Um⸗ wandelung bedenkliche Erſcheinungen hervorbrin⸗ gen.“— Der Hofrath ſchaute laͤchelnd vor ſich nieder, der Kurtkatraͤger biß ingrimmig die Zaͤhne zu⸗ ſammen, der General ſprach unwillig:„Eure Rede, Herr Graf, ſcheint beinahe auf eine mo⸗ raliſche Unmoͤglichkeit deſſen hinzudeuten, was wir beabſichtigen, und ich geſtehe, ich hoͤre nicht gern ſo von einer Sache ſprechen, fuͤr die wir, fuͤr die ich ſelbſt mein Blut vergoſſen und fer⸗ ner noch zu vergießen bereit bin.“— 75 „Ich bedaure,“— ſagte der Greis—„ich bedaure, daß Ihr eine ſo ſchlechte Meinung von unſern geringern Bruͤdern habt, Herr Graf. Ich geſtehe, ich habe eine beſſere, und denke, man mag darin dem bejahrten Manne wohl glauben, der beinahe ein ganzes Leben auf ſeinen Guͤtern unter dieſen geringern Bruͤdern zugebracht. Sie ſind nicht ohne Fehler, doch welches Volk hat ſie nicht, wie es ſeine eigenthuͤmlichen Tugenden hat? Jene Fehler ſind die Folgen eben des langwie⸗ rigen Drucks, deſſen Fortdauer man gern, als durch ſie nothwendig gemacht, darſtellen will. Jede Volksmaſſe hat ihr Gutes im Allgemeinen und ihr Boͤſes, aber Eines gegen das Andere abgerechnet, ſteht, das behaupt' ich, die unſere keiner anderen nach, ſie ſey welche ſie wolle.“— „Auch ich behaupte nicht das Gegentheil,“ — verſetzte der vornehme Mann;—„nicht ſo⸗ wohl vom Nationalcharakter ſprach ich, als von der Macht der Gewohnheit. Ich will es zuge⸗ ben, daß unſere Vorfahren geirrt haben, doch hat die Laͤnge der Zeit den Weg vorgezeichnet, den wir zu gehen haben; uns allzuſchnell da⸗ von zu entfernen, waͤre gefaͤhrlich und von ge⸗ ringem Nutzen zugleich. Werfet den Fiſch auf 76 den Raſen des Waldes, das Reh taucht in die Meereswellen, laſſet die Katze an angebundenen Fiſchblaſen in der Luft ſchweben, ſie werden ſich Alle gleich uͤbelbefinden. Doch meine Verglei⸗ chungen ſind unrichtig; nicht von der Natur wollt' ich ſprechen, nur von der Gewohnheit. Gut denn, ſo oͤffnet dem Kanarienvogel den hei⸗ miſchen Kaͤfig, daß er mit dem geſchlechtbefreun⸗ deten Zeiſige durch Feld und Wald ziehe; ver⸗ weiſet den Haushahn in das Gebirge, wo der Auerhahn horſtet; loͤſet die Kette des zahmen Wolfshundes und treibet ihn hinaus zu ſeinen Stammverwandten, den Woͤlfen: habt Ihr ſie dadurch beſſer gemacht und gluͤcklicher? Der Ka⸗ narienvogel bleibt, was er war, der Hahn ſitzt lieber auf der Leiter, als auf dem Felſen, der Hund wird nichts Anderes werden, als ein Hund, und ſich die neue Beſtimmung weder aneignen, noch wird ſie ihm behagen. Wer zweifelt an der Faͤhigkeit des geringen Mannes? Scharfſinn ſo⸗ gar will ich ihm einraͤumen, doch beſtreit' ich ſeine Fertigkeit, ihn in neuer unbekannter Lage ihm und Andern nuͤtzlich zu uͤben. Wohl wird Einer und der Andere ſich hervorarbeiten aus gewohnter ſorgloſer Niedrigkeit, Mancher wird N ſogar nicht unwuͤrdig auf dem Wege, den eine neue Verfaſſung ihm eroͤffnet, einhergehen, Man⸗ cher wird die ihm eingeraͤumten Vorzuͤge verdie⸗ nen; ſolche einzelne Faͤlle haben wir aber auch jetzt ſchon gehabt. Stellet Ihr jedoch die Maſſe im Ganzen und plotzlich auf einen andern Stand⸗ punkt, ſo wird der Vortheil, den dieſe einzelnen Faͤlle dem Gemeinweſen gewaͤhren, gering ſeyn gegen den Nachtheil, der ihm von tauſend An⸗ dern erwaͤchſt, welche geblendet umhertappen im ungewohnten Licht und unbekanntem Raum und ubermuͤthig geworden durch unbegriffene Rechte, ſie tolpiſch handhaben und ſogar zur Ungebuͤhr erweitern mit aller Kraft und Gewaltſamkeit des aufgeregten blinden Giganten.“— „Herrlich, herrlich,“— ſprach der Juͤngſte mit hochſt greller, ſchneidender Stimme.—„Die Schafe wollen ſie veredeln, weil ihnen die Wolle mehr eintraͤgt, den Menſchen aber ja nicht, denn der ließe ſich dann nicht mehr ſcheren.“— „Erlaubt mir, Graf,“ ſagte der General, „daß ich Euch eine Einwendung mache. Die Faͤlle, die Ihr erwaͤhnt, ſind ſo gar einzeln nicht, wenigſtens im Heere nicht, das muß ich wiſſen, dem ſeine Stellung eine weite und zugleich ge⸗ 18 naue Ueberſicht geſtattet. So ſelten iſt es nicht, daß der Mann des Volkes ſich als wuͤrdigen Buͤrger des Vaterlandes bewaͤhrt, und es freut mich, als Solchen, daß es nicht ſo ſelten iſt. Sehr tapfer, ich brauchte es nicht zu ſagen, denn es iſt Euch nicht unbekannt, eben ſo wenig, als der ganzen Welt, ſehr tapfer ficht der Landmann fuͤr die Sache des Vaterlandes; meine beſten Soldaten aber ſind die freien Landanbauer oder ihre Soͤhne, und mehr als einen achtbaren Of⸗ fizier ſah ich hervorgehen oder zog ihn ſelbſt her⸗ vor aus ihren Reihen.“— „Auch die fleißigſten Wirthe ſind ſie,“— fuͤgte der Alte hinzu—„und die getreuſten Un⸗ tergebenen, die, welche den eignen Grund be⸗ bauen. Der immerwaͤhrend und allzuſcharf an⸗ gezogene Zuͤgel, um mich, wie der Herr Graf, eines Gleichniſſes aus dem Thierreiche zu bedie⸗ nen, macht das Pferd aufſtuͤtzig und ſtätiſch, oder hartmaͤulig und traͤge. Um nun“— ſetzte er laͤchelnd hinzu—„ein wahrer Patriarch zu ſeyn, anſtatt eines Negerhaͤuptlings, hauptſaͤch⸗ lich aber, ich will es nicht laͤugnen, weil ich ſah, daß mein wahrer Vortheil mit meiner Ueberzeu⸗ gung ſtimmte, hab' ich gemeint, was im Ein⸗ 79 zelnen ſich als gut bewaͤhrt, werde auch im Gan⸗ zen ſich als heilſam erzeigen. Nicht Aufſehen zu erregen, oder beſonderes Lob mir verſprechend, wie unſer junger Freund es verpoͤnt, ſondern aus Ueberzeugung und in dem Glauben, daß, wo nicht mein Anſehn unter meinen Mitbrudern, doch mein Alter und meine Erfahrung mir Nach⸗ folger erwecken werde unter denſelben, hab' ich allen Bauern die Freiheit gegeben in meinen ſechs Doͤrfern und Doͤrflein.“— Der junge Mann druͤckte ihm ſchweigend, aber kraͤftig, die Hand, der General nickte ihm freundlich zu, der Graf ſprach aber in einem Tone, der nahe an ſpottende Geringſchatzung reichte:„Sechs Doͤrfer und ſechzig.— Ich will des hochachtbaren Herrn Großmuth nicht tadeln, es iſt aber immer ein Unterſchied zwiſchen Opfer und Opfer. Das kleine koſtet wenig Ueberwin⸗ dung dem an Beſchraͤnktheit Gewoͤhnten, ver⸗ zehnfacht iſt die Forderung etwas ſtark fuͤr den, welcher verpflichtet iſt, den Glanz ſeines Ge⸗ ſchlechtes zu erhalten, ihm von ſeinen Ahnen vererbt.“— „Jetzt, jetzt kommen wir auf den eigentlichen Punkt,“ ſagte der Braungelockte, in ſeinem Ei⸗ 80 fer ſich an die ihm zunaͤchſt ſitzende Beate wen⸗ dend.„Was duͤnkt Euch von dem Allen, er⸗ lauchte Frau?“— „Was mich duͤnkt?“ erwiederte dieſe ſehr ge⸗ faͤllig und mehr auf den Sprechenden als auf ſeine Frage achtend:„Mir ſcheint, daß, obgleich dieſe Herren vermuthlich verſchiedener Meinung ſind, ſie doch Alle ſo gut ſprechen, daß ſie der Uneingeweihten, der Dame, ſchwer faͤllt, zu behaupten, welche von ihnen die rechte iſt. Ich bin“— ſetzte ſie verbindlich hinzu—„ich bin begierig, die Eure zu vernehmen, welche Ihr bisher nicht anders geaͤußert habt, als in kur⸗ zen abgebrochenen Worten. Mir daͤucht, ſie wird, meinem Urtheile nach, den Sieg uͤber die andern davontragen.“— Der junge Mann, ſich taͤuſchend uͤber den Sinn dieſer Worte, entgegnete:„Zweifelt nicht daran, ſie wird nicht ausbleiben, meine Mei⸗ nung, und um ſo ungezwungener werd' ich ſie ausſprechen, in Gegenwart einer edlen Frau, welche, wie Viele ihrer Landesgenoſſinnen, zur Fahne der Freiheit und des Rechtes geſchworen, dem Streiter fuͤr das Gemeinwohl den ſchoͤnſten Lohn, Frauenhuld, verheißend.“—— 81¹ „Der wird einem ſolchen Streiter nicht ent⸗ gehen“— fluͤſterte Beate, die Augen gebuͤhrlich niederſenkend—„und nicht die Undankbarſte meiner Landsmaͤnninnen bin ich.“— Der Hof⸗ rath, welcher fuͤr gut fand, ſich in dies Geſpräch zu miſchen, ſagte erlaͤuternd:„Der Patriotis⸗ mus, welcher Ihre Erlaucht in das Ausland fuhrte, hat ſie nicht nur wieder zuruͤck begleitet, ſondern muß ſich billig der Nahrung erfreuen, welche ihm das Geſpraͤch dieſes Abends gewaͤhrt. Auch gewahret ihr Scharfblick im Voraus, daß ſie Geſinnungen, wie die Eurigen, insbeſondere und großentheils die Erfullung des Wunſches zu danken haben wird, der ihre erhabene Seele begeiſtert.“— Damit endete dies fragmentliche Intermezzo. Der General hatte waͤhrend deſſelben geſchwie⸗ gen, in ſeiner Stellung am Kamine verharrend, es war ihm indeß anzuſehen, daß er nicht Luſt hatte, laͤnger wortlos zu bleiben. Die braͤunliche Farbe des Kriegerantlitzes hatte ſich bis zu tie⸗ fem Roth verdunkelt, ſeine Augenbrauen waren zuſammengezogen und ſeine Lippen bewegten ſich, bis ihnen endlich folgende Worte, nicht ohne Heftigkeit geſprochen, entſchluͤpften:„Zwiſchen MI. 6 82 Opfer und Opfer ſey ein Unterſchied, meint der Herr Graf; das meine ich auch, doch nicht ganz in demſelben Sinne. Die Zahlen machen, duͤnkt mich, wenig Unterſchied; ſechs Doͤrfer oder ſech⸗ zig, ſechshundert Unterthanen oder ſechstauſend. Den Glanz ſeiner Vorfahren zu behaupten, ſey Schuldigkeit, meint er; wem unter uns laͤge nicht das Naͤmliche ob? Wir, die wir hier uns anweſend befinden, ſind, daͤcht' ich, ſo ziemlich einander gleich. Der Name der erlauchten Frau,“ 1 ſetzte er verbindlich hinzu, ſich gegen Beaten wendend,„erkennt keinen uͤber ſich im Vater⸗ lande, und ſie wird nicht verſchmaͤhen, unſeres Gleichen ſeyn zu wollen; auch von dieſem Herrn,“ auf ihren Begleiter zeigend,„ſetze ich voraus, daß er es iſt, denn ſein Anſehn iſt das eines Mannes von Stande.“— Sehr beſcheiden erwiederte der Hofrath:„Ob⸗ gleich mein Geſchlecht ſich ſeit einiger Zeit in Dunkelheit zuruͤckgezogen, geſtehe ich doch, daß mehrere Nitglieder deſſelben im Verlaufe vieler Jahre Theil hatten an der Berathſchlagung des Senats dieſer ehrenwerthen Nation, und in den Verſammlungen derſelben iſt das Veto mehr als ein Mal auf ihre Veranlaſſung erklungen.“— 83 „Nun wohl,“ begann aufs Neue der Be⸗ fehlshaber, nicht ohne Stolz einen Schritt vor⸗ waͤrts tretend:„Unſere Ahnen, ohne Ausnahme, umringten ſeit uralten Zeiten den uralten Thron, und was Familienehre betrifft, mein' ich, wir haben Alle ſie gleich zu bewahren. Auch,“ hier ſah er um ſich mit dem heitern Blicke des Selbſt⸗ gefuͤhls,„hoffe ich fuͤr meine Perſon nicht das Alte allein bewahrt, ſondern, ſo weit ich konn⸗ te, auch das Neue hinzugefuͤgt zu haben, das, meines Erachtens, in manchen Faͤllen dem Alten neuen Werth verleiht. Doch liebe ich die Skla⸗ ven nicht, noch die Herren der Sklaverei; unter Freien hab' ich meine Jugend zugebracht, in der Freiheit des kriegeriſchen Lebens. Ich glaube nicht, Herr Graf, daß Ihr meinet, der Name meines Geſchlechtes ſtaͤnde dem Eurigen nach.“— Der Graf neigte ſich hier beiſtimmend und ver⸗ bindlich.„Ihr meinet auch verhoffentlich nicht, daß das Selbſtgethane dem ſchade, was die Vor⸗ vordern gethan, und worauf der Enkel Anſpruͤ⸗ che, wenn ſie ſonſt keine haben, ſich gruͤnden. Den Thaten meines Stammvaters dank' ich es, daß es mir leichter wurde, ſeiner nicht unwuͤr⸗ dig zu ſeyn, und wie ich ihn achte, achte ich 6* 84 den Mann, der, frei emporſteigend uͤber ſein Ver⸗ haͤltniß, wuͤrdig geworden, eines neuen Geſchlech⸗ tes Stammvater zu ſeyn. Ich habe unter den Fahnen eines Mannes gedient, welcher auch der Erſte des ſeinigen war, und ich ſage mit Stolz, daß ich unter ihm gefochten. Auch zweifle ich, daß die Familienehre abzuſchaͤtzen ſey nach der Zahl der Staͤdte und Doͤrfer des Erbtheils, es muͤßte denn in der Befugniß beſtehn, dem Va⸗ terlande die groͤßten Opfer, wenn das doch Opfer heißen ſoll, zu bringen, in dem ſchoͤnen Amt des Waͤrters einer Pflanzſchule tapferer Streiter fuͤr das Gemeinweſen und nutzlicher Buͤrger. Es iſt wahr, ich habe keine Guͤter; ich koͤnnte ſagen, ich haͤtte das Erbtheil meiner Vaͤter aufgeopfert, den Namen des Vaterlandes bei Ehren haltend in der Ferne, ja jenſeit des Meeres; ich will jedoch lieber geſtehen, daß es zerſchmolzen im Feuer einer ſtuͤrmiſchen geraͤuſchvollen Jugend, im Glanz der Hauptſtaͤdte unſeres Welttheils, zerſplittert im raſtloſen Treiben durch Beiwacht und Salon, und,“ hier ſchaute er auf den Gra⸗ fen,„ich hielt fuͤr eben ſo gut, meine Guͤter zu verkaufen, als ſie zu verſchulden. Aber haͤtte ich Unterthanen, ſie ſollten frei ſeyn, frei ſollten 85⁵ ſie auf meinen Ruf ſich in den Sattel werfen und die Lanze ſchwingen, wie einſt die Geſchwa⸗ der des Aufgebots auf den Ruf meiner Ahnen. Ich habe es ſchon geſagt, ich liebe die Skla⸗ ven nicht, der Soldat muß dem Feinde nicht allein ins Auge ſehn koͤnnen, ſondern auch dem Feldherrn; das Erſte kann der Sklav mitunter, das Letztere nimmer.— Ihr ſehet beifaͤllig auf mich, mein junger wackerer Herr, das freut mich. Ihr habt, wie ich hoͤre, ein ſtattlich Grundei⸗ genthum zu erwarten; ſollte, wie mir, Euch das Geluͤſten ankommen, es zu verſchwenden, ſo er⸗ weiſt mir die Gefaͤlligkeit, zuvor Eurem Land⸗ manne die Freiheit zu ſchenken.“ „Wenn es dahin kommt,“— erwiederte der Angeredete laͤchelnd, aber doch ernſt—„ſo wuͤrde ich mich ſchaͤmen, zu ſchenken, was an und fuͤr ſich deſſen, der es empfangen ſoll, heilig Ei⸗ genthum iſt.“— „Heilig?“ fuhr der Graf auf, gleich Einem, der lange beʒwungener Ungeduld endlich freien Lauf laͤßt:„Iſt denn nichts mehr heilig, als was den Poͤbel betrifft? Wird, was noch bewundernswer⸗ ther, dieſer plumpe, polternde, bleierne Göͤtze denn fort und fort angebetet, auch von denen, — die von edlerem Metalle geformt ſind? Wahr⸗ lich, man wird eine ſchoͤne Figur herausbrin⸗ gen, ſtellt man die Pyramide auf ihre Spitze. Verzeiht, meine Herren, aber ich glaube, ſowohl die Meinung, welche ich hier Niemand thei⸗ len ſehe, als vielleicht dieſe erlauchte Dame und ihren weltkundigen Begleiter, als auch vornehm⸗ lich das Recht zu haben, ſie zu vertheidigen. Eurer Excellenz ſpreche ich den ehemaligen Beſitz Ihrer Guͤter eben ſo wenig ab, als das Recht, ſich deren beliebig zu entaͤußern; dieſer junge Mann kann im Begriff ſtehn, Grundei⸗ genthum anzutreten und er mag damit machen, was er will, Euch, mein werther Herr, muß ich es zur Wahl laſſen, ob Ihr ein Patriarch ſeyn wollet, oder ein Negerfuͤrſt auf Euren ſechs Doͤr⸗ fern; ich hoffe aber mit gleichem Rechte, daß mir in meinen ſechzig freiſtehen wird, zu thun, was ich will. Noch hat keine Verordnung Freiheit— des Landmanns proclamirt, zwar iſt es ſchon vorgeſchlagen von den Stellvertretern der Nation, deren Sinn wir in dem Juͤngſten unter uns verehren wie in dem Aelteſten; aber noch iſt kein Beſchluß daruͤber gefaßt, noch iſt es nicht ge⸗ langt an die Verſammlung der Vaͤter des Va⸗ terlandes, in der ich Sitz und Stimme have, noch weniger iſt es der Regierung vorgelegt, de⸗ ren Mitglied ich bin; lange iſt es noch bis da⸗ hin, daß die Idee Einzelner zum Geſetz werde, und bis dies geſchieht, bleiben meine Untertha⸗ nen der Erdſcholle eigen!“—— „Wir duͤrfen alſo auch erwarten,“ hob der junge Mann, ſich muͤhſam bezwingend, an,„daß, wenn dieſe Idee zur allgemeinen Ausfuͤhrung reifte, ſie in dem Herrn Grafen einen Widerſa⸗ cher finden werde.“— „Zweifelt daran nicht,“— entgegnete dieſer— „in mir und in Vielen noch, die mehr zu ver⸗ lieren haben, als“— hier wendete er ſich ſpoͤt⸗ telnd zum General—„als das ſchon Verlorne, mehr“— er ſchaute dabei dem Gegner ins Ge⸗ ſicht—„als eine Hoffnung des erſt zu Gewin⸗ nenden, als“— ſeine leichte Handbewegung deu⸗ tete auf den bejahrten Edelmann—„des Mit⸗ telmaͤßigen Beſitz. Wir ſind“— fuhr er, in ſei⸗ ne vorigen Nachlaͤſſigkeit zuruͤckfallend, fort:— „wir ſind jetzt in der Wiedergeburt begriffen, Anſicht gilt fuͤr Anſicht, und man mag es Nie⸗ mand verargen, wenn er zuſchaut, ob im Wech⸗ ſel des großen Gluͤckſpiels, falls es auch guͤnſtig 88 ausſchlage, der Einſatz den Gewinnſt nicht uͤber⸗ trage.“— Wir wiſſen nicht, warum bei dieſen Worten der General ſeinen ehrenvoll gefuͤhrten Degen mit Heftigkeit gegen den getaͤfelten Fußboden ſtieß, er that es jedoch und ſprach dabei dumpf in ſich hinein:„Alſo darum, darum?“— Der Juͤngere aber antwortete kurz und trok⸗ ken:„Das thut mir um den Herrn Grafen leid und um Die, welche ihm nachzuahmen Belieben tragen wuͤrden, denn welche nicht n wird man zwingen.“— „Zwingen?“ fuhr der Andere ſtolz und erbit⸗ tert empor.— „So hab' ich geſagt,“ beſtatigte Jener. „Zwingen in gewiſſer Art,“— fiel der alte Herr beſchwichtigend ein,—„durch das Gewicht der öffentlichen Meinung naͤmlich, durch die Rück⸗ ſicht, welche Jeglicher der Ehre der Nation ſchul⸗ dig iſt, auf welche jetzt die meiſten Andern ſchauen, neugierig, wie wir uns benehmen wer⸗ den, und den Grad ihrer Theilnahme darnach abmeſſend, durch lobenswerthe Beiſpiele, von denen Keiner ſich gern ausſchließt im Angeſichte eines ganzes Volkes, im Angeſichte der Welt.“— 89 „Das Alles,“ ergaͤnzte der Kurtkamann mit Schaͤrfe:„Das Alles ſind freilich Beweggruͤnde, die Manchen beſtimmten koͤnnten, doch leider giebt es auch Ausnahmen, bei denen kraftigere Mittel angewendet werden muͤſſen.“— „Wie verſtehet Ihr das?“— entgegnete mit hohem Anſtande der Graf—„Vergeſſet Ihr, mit wem Ihr redet?“— „Ob ich das vergeſſe? Welche Frage!“ ant⸗ wortete der junge Mann ruhig.„Ihr ſeyd der Graf“***. Iſt es dieſer Titel, welchen Ihr ſo hoch in Anſchlag bringt? Kaͤme es hier darauf an, ſo koͤnnte ich Euch antworten, meine Geburt ſey um ein Haar ſo edel, als die Eure. Dem, wel⸗ cher ſo genau auf Bewahrung alter Rechte be⸗ ſteht, muß es doch wohl bekannt ſeyn, daß ein ſolcher Titel unter uns niemals auch nur den Schatten eines Vorzuges verlieh. Die groͤßten Feldherren unſerer Vergangenheit, unſere weiſe⸗ ſten Staatsmaͤnner waren, denk' ich, auch, was man vornehme Leute nennt; ihre Beſitzthuͤmer umſchloſſen oft nicht ſechzig, ſondern hundert von Städten und Weilern, nicht ſechstauſend, ſechzigtauſend Unterthanen gehorchten ihren Be⸗ fehlen, und doch fuͤhrten ſie keinen Titel von dem 90 beruͤhmten Namen ihrer Ahnen, noch erlauchter gemacht durch ſie ſelbſt. Kam es je einem Fuͤr⸗ ſten oder Grafen in den Sinn, ſich hoͤher zu achten als ſie, ja ſich ihnen nur gleichzuſtellen, ſo war ihre Stelle im Gemeinweſen der ihrigen untergeordnet. Nie gebrauchte Fuͤrſtendiplome auslaͤndiſcher Monarchen modern in den Archi⸗ ven unſerer edelſten Geſchlechter; ein Vater, wahr⸗ lich auch ein großer Herr, verbot ſterbend ſeinem Sohne, je einen ſolchen anzunehmen, und— ſoll ich Euch noch an den ruhmwuͤrdigſten un⸗ ſerer Koͤnige erinnern? Lange und glorreich hatte er ſchon die Heere des Vaterlandes gefuͤhrt, ſei⸗ nem Anſehn beugte ſich Alles, ſein Reichthum war unermeßlich, und doch, ehe er die Koͤnigs⸗ krone auf ſein Wappen ſetzte, ſah man auf dem⸗ ſelben nur einen Helm, eine Hermelinmuͤtze oder Reif mit neun Perlen beſetzt. Unſere Vorfahren verwarfen, wonach die Enkel gierig haſchen; das macht, jene beſaßen die Wirklichkeit, dieſe muͤſ⸗ ſen ſich mit dem Scheine begnuͤgen, jenen wohnte die Kraft bei, der Letztern Schwaͤche bekleidet nur der Name. Das iſt auch gut ſo, recht gut, daß jene Macht verſchwunden iſt, denn ſie ver⸗ tragt ſich nicht mit der Gegenwart, nicht mit 9¹ dem Wohle des Ganzen. Erwartet Ihr wirk⸗ lich, die Buͤrger unſeres Jahrhunderts werden ſo thoͤricht ſeyn, in ſcheuer Ehrfurcht auf einen leeren Schall zu horchen, dem jeder Nachdruck gaͤnzlich ermangelt? Mit Recht ſagt der Ge⸗ neral, wir haben keine Magnaten mehr, und es iſt uͤberaus erfreulich, daß wir keine mehr haben. Das meint Ihr alſo nicht, das konntet Ihr nicht meinen, Herr Graf. Was meinet Ihr denn aber, als Ihr ſagtet, ich vergaͤße, mit wem ich ſpreche? Ihr ſeyd Miniſter— gut, Ihr ſeyd es; unſere Miniſter aber ſind gleich den hochbetrau⸗ ten Raͤthen eines unumſchraͤnkten Regenten, die, ſie moͤgen gut oder ſchlecht gerathen haben oder gar nicht, das Recht davon tragen, ſich Excel⸗ lenz heißen zu laſſen bis an ihren ſanftſeligen Tod, und ein oder mehre breite Baͤnder zu tra⸗ gen, und einen oder einige große Sterne, viel⸗ leicht das einzige Auszeichnende an ihrer ganzen Perſon. Sie ſind Diener, wie es ihr Name be⸗ ſagt, Diener der Staatsgewalt, welche ſie er— nennt und gehen heißt, bedarf man ihrer nicht mehr. Dieſe Staatsgewalt aber, noch nicht nie⸗ dergelegt in die Hand eines Einzigen, beruht jetzt auf zween Grundpfeilern, dem berathſchla— 92 genden Senat und dem geſetzgebenden Koͤrper. Dem erſten gehoͤrt Ihr zu, dem zweiten ich, und ſo iſt wohl in dieſer Hinſicht der Unterſchied zwiſchen uns nicht von ſo großer Bedeutung. Ihr, Herr Graf, habt ſattſam zu erkennen gege⸗ ben, welche Eure Stimme in den Berathſchla⸗ gungen Eures Vereins ſeyn werde; wenn ich antworte, ſo geſchieht es gleichfalls kraft der zwiefachen Verpflichtung, welche mir die Nation uͤbertragen. Rede ich als Mitglied des geſetzge⸗ benden Koͤrpers, ſo meine ich unter dem Mittel, das Unrecht nicht aufkommen zu laſſen oder es auszurotten, ſey es noch ſo verjaͤhrt, das Geſetz; ſpreche ich als Stellvertreter des Volkes, ſo ge⸗ ſchieht es mit dem ernſtlichen Willen, es in der That zu vertreten.“— „Schoͤn,“— rief der Graf ſpottiſch und ſich nach und nach erhitzend:—„ſchoͤn, das muß ich ſagen! Unſere ehemaligen Abgeordneten fuͤhr⸗ ten das Wort fuͤr ihre Mitbruͤder und Standes⸗ genoſſen, nicht fuͤr den Poͤbel. Die Rechte ihrer Klaſſe vertheidigten ſie, ſie trachteten nicht, ſie zu vernichten. Ihr aber ſchiebt, wie ich hore, dem alten Amte einen ganz neuen Pflichtbegriff unter. Nur gut,“— ſetzte er beinahe haͤmiſch —— hinzu—„daß das Wort eines Einzelnen, daß Euer Wort noch kein Geſetz macht, gut, daß es ein Gegengewicht giebt für ſolche unreife Ver⸗ beſſerungsplaͤne, und daß noch ein Nachdruck dem Schalle beiwohnt, der nicht ſo leer iſt, als die Geburten erhitzter Einbildungskraft, Eurer Einbildungskraft, mein Herr— Volkstribun!“— „Ich danke Euch,“ rief Jener mit Begeiſte⸗ rung,„ich danke Euch, daß Ihr mir dieſen Na⸗ men gegeben, er erinnert mich an das Bruͤder⸗ paar des Alterthums, an die Gracchen! Auch ſie ſtammten aus edlem patriziſchen Geſchlecht, ſie glaubten aber, des Edeln erſte Bedingung ſey das Recht, und ſo vertheidigten ſie gegen ihre Stammesgenoſſen die anvertrauten Rechte des Volkes. Wahrlich, ich bin geſonnen, zu thun, wie ſie; fur hochſt unedel wuͤrd ich mich halten, verriethe ich das Vertrauen, das meine Mitbruͤ⸗ der in mich geſetzt, und meine Mitbruͤder— die Zeiten ͤndern ſich und mit ihnen die Begriffe— meine Mitbruͤder ſind nicht mehr die Standes⸗ genoſſen allein, ſondern auch der Poͤbel. Nicht wahr, ſo ſagt Ihr ja, Graf, der Poͤbel!“— Der Graf antwortete in halb warnender, halb drohender Weiſe:„Gedenket Ihr auch des 94 Schickſales, das dieſe geruͤhmten Bruͤder Gracchus betroffen?“— „Und glaubt Ihr,“ verſetzte der Abgeordnete mit Stolz,„glaubt Ihr, wenn man dieſen Gracchen ein aͤhnlich Beiſpiel angefuͤhrt haͤtte, es wuͤrde ſie abgeſchreckt haben von ihrem Thun?“— „Es wuͤrde mir leid thun um Euch,“ ver⸗ ſetzte nach einigem Beſinnen der Graf gefaßter, „wenn es dahin kommen ſollte. Doch,“ ſetzte er mit Laͤcheln hinzu,„doch das wird es nicht. Wir ſind nicht in Rom, unſere wackern Lands⸗ leute ſind keine Quiriten.“—— „Viel ſchlechter doch wohl nicht?“— der General ein;„das will aber nichts Großes ſagen. Die Quiriten, mein' ich, taugten nicht ſo gar viel, und haͤtte Rom ſeine Legionen nicht ge⸗ habt, das Geſchrei des Volkes auf dem Forum haͤtte es wohl hoͤrbar in der damaligen Welt gemacht, doch nicht maͤchtig. Alſo ſeine Legio⸗ nen und— ſein Senat,“ fuͤgte er mit einer beinah ironiſchen Verbeugung gegen den Grafen hinzu,„ich glaube indeſſen gleichfalls, ohne die Schwerter der Erſtern wuͤrden die Conſulta der Letztern bloße Conſultationen geblieben ſeyn, von denen man eben ſo wenig vernommen haͤtte, 95 als von den Beſchluͤſſen des wohlweiſen Ma⸗ giſtrats in einer der ehemaligen freien Reichs⸗ ſtaͤdte unſers Nachbarlandes.“— Die Dame fand ſich bei dieſem Gleichniß heimiſcher, als waͤhrend des Laufes der ganzen Unterredung, und brachte mit Lebhaftigkeit ihr Wort an:„Das kenne ich,“ ſprach ſie,„von— von— meinen Reiſen her. Da hab' ich auch ſolche Magiſtratsſpruͤche mit angehoͤrt, und un⸗ ter andern einen, er intereſſirte mich ein wenig, der war zum Lachen, zum Todtlachen.“— „Zum Todtlachen war er, ſagt meine Er⸗ lauchte ganz recht,“ beſtaͤtigte mit ehrerbietiger Miene der Hofrath. „Ich hoffe,“ verſetzte der alte Edelmann, „die gnaͤdigſte Frau wird in ihrer Heimath, unter uns, nichts Aehnliches erfahren, es koͤnnte Leute geben, die ſich todt weinen, wo andere zum Todtlachen Luſt verſpuͤren.“— „Nein, wir ſind keine Quiriten,“ nahm der Graf die ſeit einigen Augenblicken unterbrochene Rede wieder auf,„und Einer, welcher vertheidi⸗ gen wollte, was die Gracchen vertheidigten, wuͤrde zwar ihrem Schickſal entgehen, doch nicht der Beſchaͤmung vergeblicher Muͤhe, und ver⸗ einigte er Cajus und Tiberius in Einer Perſon. Laſſet demnach ab von ſolcher, mein werther Herr, und huͤtet Euch, allzu raſch umzuſtuͤrzen, da es vielmehr aufzubauen gilt. Mag ſeyn, daß es in der Zukunft dahin gedeihet, wie Ihr es wuͤnſcht, bis jetzt iſt die Frucht noch nicht reif.“— „Und wann ſoll ſie denn reif werden?“ rief unwillig der General;„mich duͤnkt, begoſſen iſt ſie jedoch hinlaͤnglich. Man hat angefangen— gut, ſo mache man denn mit einem Male rei⸗ nen Tiſch.“— „Oder werfen wir ihn lieber gar um,“ er⸗ wiederte der Graf;„ich bin uͤberzeugt, Eure Ercellenz wurde, die Sache kälter und nicht be⸗ fangen von den glaͤnzenden Wahnbildern des Hervismus betrachtend, ein anderes Urtheil fäl⸗ len. Solche Wahnbilder,“ fuhr er fort mit einer verbindlichen Geberde gegen den Kriegs⸗ mann,„ſind zu achten oder zu entſchuldigen; Andere aber,“ fuhr er ſchaͤrfer fort,„wenn man ſie in die Wirklichkeit hineinzwängen will, er⸗ fordern ernſthaften Widerſtand. Ihr ſeyd ein Glied des geſetzggebenden Koͤrpers, ſeyd Abge⸗ ordneter und habt, wie Ihr ſagt, als ſolcher Eure Willensmeinung zu erkennen gegeben; einzeln, wiſſet Ihr, vermag ſie wenig oder nichts, ich zweifle aber, ob alle Eure Mitglie⸗ der derſelben beiſtimmen werden; geſchaͤhe es aber auch, trachtete auch die Mehrzahl Eurer ehrenwerthen Verſammlung danach, die Rechte ihrer Standesgenoſſen, die eigenen Rechte zu zerſtoͤren und das Ungeſetzliche zum Geſetz zu erheben, ſo bedarf ſolches doch noch einer Klei⸗ nigkeit, der Zuſtimmung des Senats, und ich denke, die Minderzahl wird ſie ertheilen. Das Volk iſt blind; anſtatt Wn zu ſehen, iſt die Pflicht ſeiner Vaͤter.— Bitter rief der Andere:„O des armen Stief⸗ kindes Volk! der vaterlichen Vormuͤnder, welche es gern auf ewige Zeiten in einer Anſtalt fuͤr Blinde oder Blödſinnigs hielten, um in Behag⸗ lichkeit von des Muͤndels Eigenthume zu zehren! Aber ſie ſind im Irrthum, das Kind iſt voll⸗ jaͤhrig geworden und ſtark, auch blind iſt es nicht, nur geblendet, und es kaͤme darauf an, ſeine Augen zu ſtaͤrken. Wenn dann die Vaͤter des Vaterlandes taub bleiben fuͤr die Vorſtel⸗ lungen des Vaterlandsfreundes, ſg bleibt ihm Eines noch uͤbrig zu thun.“— III. 7 98 „Und was?“— fragte der Alte auf ein⸗ mal mit ſehr ſtrenger und lauter Stimme. Da ſprach Jener ungeſtuͤm:„Ihm zuzurufen, daß es erwache und ſich ſelbſt begreife in ſeiner Kraft, und aufſtehe, das Unrecht mit Gewalt zu vertreiben!“—— Des Herrn Hofraths Antlitz war wie ver⸗ klaͤrt vor Freude und Bewunderung, ſeine Mei⸗ nung von dem Sprechenden ſchien, ſeiner bei⸗ faͤlligen Miene nach, eine bedeutende Veraͤnde⸗ rung erlitten zu haben, was die hohe Dame, die nun einmal dem Kurtkatraͤger ihre Gewo⸗ genheit geſchenkt hatte, mit innigem Vergnuͤgen gewahr ward. Der Graf ſah mit einer Art von Triumph um ſich her, der General hinge⸗ gen ſchuͤttelte mißbilligend den Kopf, und der bejahrte Herr ſagte wuͤrdevoll und eindringlich: „Nein, das werdet Ihr nicht thun, mein jun⸗ ger edelgeſinnter Mitbuͤrger, das nicht. Ihr werdet nicht ein Mittel ergreifen ſchlimmer als das Uebel, nicht das leichter zu heilende Ge⸗ ſchwuͤr mit gluͤhendem Eiſen ausbrennen wollen, das Gebein verletzen bis ins innerſte Mark. Zu ſolchen Mitteln greift, ehe es noth thut, nur der gefuhlloſe Arzt, dem er gleichguͤltig iſt, ob 0 der Kranke drauf geht, wenn er nur die Kur vollendet hat und ſich einen Namen gemacht; oder der unwiſſende Pfuſcher. Das Beides ſeyd Ihr nicht, ich weiß es, darum werdet Ihr nicht thun, wie Ihr eben geſagt.“— „Und thut es denn nicht noth?“ fragte der Abgeordnete, etwas betreten durch das feierliche Weſen ſeines bejahrten Standesgenoſſen.„Mei⸗ net Ihr wirklich, das Uebel ſey auf mildere Weiſe zu heilen? Habt Ihr es denn nicht eben gehoͤrt, nichts will man aufgeben von alten Be⸗ vorrechtungen; aus einem kuͤhnen, ja ungeheuern Unternehmen ſoll nichts hervorgehen als die kleinliche Mißgeburt vergangener Jahrhunderte. Einzelne wollen aus der Umwaͤlzung mit klu⸗ ger Bedachtſamkeit ihren Vortheil retten, das Ganze aber ſoll abgefunden werden, als wenn es nichts dabei gelitten und gethan, als wenn es daſſelbe uberhaupt gar nicht betreffe.“— „Was ich vernommen,“ ſagte Jener,„ſind Worte, und ſolchen kann man, ſo lang es bei ihnen bleibt, Worte entgegenſetzen, auch wird es Eurer Meinung nicht an kraͤftigen Stimmen fehlen. Ich und viele Andere, noch mehr werth als ich, billigen mehr oder minder dieſe Mei⸗ 7* 100 nung, doch nicht die Wahl Eurer Mittel. Das Feuer der Jugend begeiſtere die That, des Al⸗ ten Erfahrung hindere, daß es nicht zur Feuers⸗ brunſt werde. Nicht mit Unrecht hat der Graf das Volk mit einem Koloſſe verglichen, es leicht dahin zu bringen, daß er ſich erhebe, ſchwerer, ſeinen ſchwankenden Gang zu leiten, am aller⸗ ſchwerſten, den Erweckten wieder zur Ruhe zu bringen.“— „O,“ ſagte Jener,„er wird ſchon ſicher ſchrei⸗ ten, wenn er nur taugliche Fuͤhrer findet.“— „Und wollet Ihr dieſer ſeyn?“ fragte der Alte ernſt.„Trauet Ihr Euch auch dazu die Faͤhigkeit zu, die Kraft und den eigenen ſiche⸗ ren Schritt? Denn wiſſet, Der, den Ihr fuͤh⸗ ren wollet, wuͤrde uͤber den Geſtrauchelten da⸗ hin ſchreiten, unbekuͤmmert, ob er ihn zermalme. Habt Ihr auch recht bedacht, was es heißt, die eine Halbſcheid der Nation der andern ge⸗ genuber ſtellen, und zu welcher Zeit? Ihr wollet es, da die Geſammtmaſſe nur mit Muͤhe uͤber⸗ gewaltigem Andrang von Außen widerſteht?“— Dieſer letzte Grund hatte einigen Eindruck auf den jungen Mann gemacht; er ſah ſinnend vor ſich hin, dann aber ſprach er hartnaͤckig: 101 „Nein, es kann nicht anders werden. Zu groß hat dieſe Sache begonnen, zu viele Opfer ſind ihr gefallen, als daß das Erbaͤrmliche aus ihr hervorgehe. Zu ernſt war dieſes Vorſpiel, als daß ihm eine ſchale Comoͤdie folgen ſollte, mit pathetiſch einherſchreitenden großen Herren, huͤpfen⸗ den Marquis und wohlbeleibten Dienſtmaͤnnern und Gerichtsperſonen, mit Fiſchbeinrock tragen⸗ den Damen und ſpitzbuͤbiſchen Crispins, und wo der Buͤrger oder Bauer, falls er je die Ehre hat aufzutreten, den Narren des Stuͤcks ſpielt.“— „Ich glaube es wohl,“ fiel der Graf eben ſo bitter ein:„Vielen gefaͤllt eine Tragodie beſſer, ſey ſie auch aufgefuͤhrt von den wandern⸗ den Bewohnern eines Theſpiskarrens, wo der ungeſchickte Schauſpieler ſeine Rolle abſchreiet mit lauter Stimme und wahnſinnigen Geber⸗ den, unter ohrzerreißendem Geziſch oder raſendem Beifallsgebrull, bis ſie zu Ende iſt oder ſtecken bleibt, und nun ungeſchickt abgeht oder abtau⸗ melt, von faulen Aepfeln begleitet, bis zur Couliſſe, wo er, gemeiniglich uͤber ſeine eigenen Beine fallend, ſich die Naſe breit ſchlaͤgt.“— „Die Sprache der Herren iſt ſehr reich an 102 Bildern,“ ließ der General ſich vernehmen;„es ſey mir erlaubt, mich einfacher auszudruͤcken. Meinen Arm, mein Schwert und mein Blut weihe ich gern dem Gemeinweſen, und mir daͤucht, ich habe es ſchon hier und da gethan, aber Ordnung iſt die Seele des Kriegerſtandes und die Unordnung widerſteht mir. Wohl mag es dem Feldherrn widrig ſeyn, unter eines Hof⸗ kriegsraths Leitung zu ſtehen, der nahe daran iſt, aus hundert und funfzig Uebeln noch das kleinſte zu waͤhlen, wenn der Augenblick, der allgewal⸗ tig iſt im Felde, laͤngſt dieſe Wahl ſchon ent⸗ ſchieden; aber noch unertraͤglicher mag es ſeyn, unter dem Einfluß eines Vereins ſich zu beu⸗ gen, deſſen Mitglieder vielleicht erſt die Schrei⸗ bersfeder aus der Hand gelegt, oder den Hobel oder die Nadel, tumultuariſch uͤber das entſchei⸗ den, was ſie nicht verſtehen, der, man hat der Beiſpiele, wohl gar des Feldherrn ruhmbekraͤnztes Haupt fordert, als Suͤhnopfer der Nichterful⸗ lung deſſen, was unmoͤglich war oder wozu man ihm die Mittel verſagte. Nein, meine Herren, nimmer wird ſich mein Saͤbel dem Rufe des Vaterlandes verſagen, beſonders wenn er an ihn gelangt durch ein wuͤrdig Haupt, dem ſeine 103 Ehre theuer iſt und ſeine Verfaſſung; aber fuͤr entehrt wuͤrde ich meine gute Waffe halten, ſollte ich ſie fuͤhren als Sklave und Werkzeug pobelhafter Despoten.—— „Und doch, Herr General,“ gegenredete der Graf,„iſt es dies, was Einige beabſichtigen, wie es ſich nur allzudeutlich darſtellt. Die Feld⸗ herren ſollen einer Menge gehorchen, deren Haͤuptlinge woͤchentlich wechſeln oder taͤglich in ihrer unbegriffenen Anſicht, in ihren Meinun⸗ gen, Faͤhigkeiten, in ihrer Perſon ſogar; ein vielleicht tief durchdachter Plan wird vernichtet, weil er dem Volkshelden oder dem lauteſten Schreier des Tages mißfaͤllt, und die Vernich⸗ tung faͤllt Niemand zur Laſt als dem, welcher ihn ausfuͤhren wollte, ſollte und nicht konnte. Die Miniſter werden Rechenſchaft von ihrer Verwaltung ablegen, das heißt von Dingen, von welchen die weiſen Richter nicht den aller⸗ mindeſten Begriff haben; die Berathſchlagun⸗ gen des Senates werden uͤbertaͤubt und unnuͤtz gemacht durch die Stimmen roher Willkuͤr, und die Stellvertreter und Paladine des Volkes ſelbſt mißfallen in Kurzem ihren hohen und erleuchteten Goͤnnern, wenn ſie dem Geiſte, den 104 ſie ſelbſt herauf beſchworen, nicht blindlings ge⸗ horchen, gleich jenem Zauberlehrling, welcher die Maͤchte der Finſterniß herbeiruft, und wenn ſie nun erſcheinen, ſie zu beherrſchen unfaͤhig, ihr Sklav wird oder ihr Opfer. Eure Excel⸗ lenz weiſſagt ſehr richtig; auch an Revolutions⸗ tribunalen wird es nicht fehlen, wo die Freunde der Ordnung und des Vaterlandes das Ver⸗ brechen der beleidigten Volksmajeſtaͤt mit dem Tode buͤßen.“— „Dahin ſoll es nicht kommen!“ rief der Kriegsmann, verletzt von der Ausfuͤhrung des Bildes, das er ſelbſt fluͤchtig entworfen.„Wir ſind die Beſchuͤtzer des Vaterlandes gegen ſeine Feinde von Innen und Außen; wir koͤnnen und wollen es ſeyn. Der Soldat, an Ordnung ge⸗ woͤhnt und an Gehorſam, haßt das Gegentheil an dem, der ſeines Gleichen iſt an Recht und Sitten.“— „Oder er beneidet ihn auch darum,“ wandte der Graf mit Bedeutung ein.„Wie waͤre es, wenn jene Gleichheit allmaͤhlig auch Gleichheit der Geſinnungen erzeugte, wenn das Heer, an⸗ geſteckt von derſelben, nicht zuruͤckbleiben wollte hinter den Andern?“— Der General ſchwieg nachdenklich, der Ab⸗ geordnete aber ſagte:„Mit einer Wohlredenheit habt Ihr an die Stelle des Gebrauchs den Mißbrauch geſtellt, einen moͤglichen mur, waͤh⸗ rend der jetzt beſtehende ein wirklicher iſt.“— „Und werdet Ihr ihn abwenden, oder irgend ein Anderer, wenn es ſo weit gekommen?“ fragte der Graf.„Der Verſuch duͤnkt mich mißlich; auch halte ich dafuͤr, wenn denn doch ein⸗ mal vom Mißbrauche die Rede iſt, man laſſe es lieber bei dem alten, als daß man ſich einem neuen weit gefahrdrohendern ausſetze.— Nicht ſowohl ſpottend, als vielmehr in einem voruͤbergehenden Anfluge guter Laune, verſetzte der Andere:„Wahrhaftig, dieſem Geſtaͤndniſſe fehlt es wenigſtens nicht an Aufrichtigkeit.“— „Das Gemaͤlde, welches der Herr Graf uns aufgeſtellt,“ ſprach der Greis in ſeiner wuͤrdig milden Weiſe,„iſt treffend und wohl ausge⸗ fuhrt in allen ſeinen Zuͤgen, doch iſt ſein Ge⸗ genſtand die Anarchie, wir duͤrfen demnach hof⸗ fen, es werde nicht leicht in die Wirklichkeit tre⸗ ten. Weit weniger Stoffe derſelben ſind bei uns zu finden, als in denen Laͤndern, in wel⸗ chen ſie einſt verwuͤſtend herrſchte; unſer volks⸗ thuͤmlicher Charakter, eben ſo kuͤhn, iſt beſonne⸗ ner, die Einbildungskraft, obſchon lebhaft, iſt nicht ſo geneigt zu verwegenen Spruͤngen; und noch Eines kommt uns zu Statten, ein Wich⸗ tiges, das jener mangelte, die Erfahrung, die durch ſie ſelbſt uns geworden. Bei ihrer erſten Erſcheinung war die Revolution ein neuer, all— gemeiner, unbeſtimmter Begriff, in deſſen Schran⸗ ken man ſich tumultuariſch und ungewiß her⸗ umtummelte; naͤhere Kenntniß hat der Jetztwelt ihr Weſen kennen gelehrt, und mit ihm auch die Mittel, ſie zu leiten oder zu daͤmmen, ſie in Einklang zu ſtellen mit der Eigenthuͤmlichkeit der Voͤlker und Laͤnder, ihr das Maaß ihrer Wirkung vorzuzeichnen, wie man das Gewitter zwingt, ſich ſeines Strahls am Ableiter zu ent⸗ laden, waͤhrend heilſame Erſchuͤtterung die Luſt reinigt und erfriſcht und der fallende Regen die Fluren befeuchtet. Eben ſo hat uns“— fuhr der alte Mann immer lebhafter werdend fort—„die Erfahrung in den Stand geſetzt, des Feuers Gluth und des Ungeſtuͤms der Ge⸗ waͤſſer Meiſter zu werden, daß das wilde, blinde Element der Gewalt des Verſtandes dienſtbar werde. Dieſe Gewalt wird freilich zur 107 Ohnmacht vor der rohen Kraft der Anarchie, ſchwerer, als die empoͤrten Elemente, iſt der empoͤrte Menſch zu bekaͤmpfen; uͤber das Leb⸗ loſe ſiegt der Verſtand, nicht uͤber den Unver⸗ ſtand, wenn die rohe Kraft ihm beiwohnt. Doch wie geſagt, das mit Recht verabſcheute Unge⸗ heuer iſt bei uns wenig zu fuͤrchten. Kein moraliſches Erdbeben entfeſſelt urploͤtzlich die Gewaͤſſer; hier muͤßte die Feuersbrunſt erſt an⸗ gelegt werden, welche ſich anderwaͤrts durch Selbſtentflammung entzuͤndete, oder, bereits glim⸗ mend, durch einen leiſen Hauch. Nicht reizen nur darf man das Volk, weder der, welcher ihm gegenuͤber zu ſtehen glaubt, noch der ſich ſeinen Freund nennt, es wird ſich ſtill zeigen und wuͤrdig, verkuͤmmert der Eine nicht ſeine natuͤrlichen Rechte, dehnt ſie nicht zu unbeſtimm⸗ ter Groͤße der Andere; doch geziemt jenem Erſten freilich den Anfang zu machen, damit der Zweite ſein mißlich Feldgeſchrei gar nicht oder unnuͤtz erhebe. Wenn man dem Kaiſer giebt, was des Kaiſers iſt, gebe man dem Volke, was dem Volke gebuͤhrt, denn Beide, ſo man es ihnen entziehen will, werden es nehmen. Die Frei⸗ heit gebe man, die der allmaͤchtige Herrſcher 108 des Himmels und der Erde, ſie dem Wurme gewaͤhrend, wohl auch keinem Theile der Ge⸗ ſchoͤpfe verſagte, die er nach ſeinem Bilde ge⸗ ſchaffen. Man thue das, und man wird menſch⸗ lich gehandelt haben und weiſe und politiſch zugleich. Je allgemeiner die Vertheilung des Eigenthums, je mehr Vertheidiger der Ordnung, die es ſichert; je groͤßer die Zahl freier Leute, je geringer die Anzahl des Poͤbels.“— Der bejahrte Herr ſchwieg hier und ſchaute ſelbſtzufrieden umher nach einer Rede, welche darthat, nicht ein neuerlich erworbenes Beſitz⸗ thum ſeiner Landesgenoſſen ſey ein blumen⸗ und bilderreicher Vortrag, mit Kraftſentenzen durchwebt, geſchmuͤckt mit Begriffen aus dem Gebiete verſchiedener Wiſſenſchaften, unter denen auch etwas Theologie nicht mangelte. War es dieſer Beſtandtheil insbeſondere, oder der Sinn der Worte uͤberhaupt, der dem incognito reiſen⸗ den Satrapen mißfiel, kurz, ſein geringes Be⸗ hagen ſtellte ſich in den unruhigen Bewegun⸗ gen dar, mit welchen er ſie und das oft wie⸗ derholte, aber anſtaͤndig verſteckte Gaͤhnen ſeiner Geſchaͤftsfreundin begleitete. Erwaͤgend hoͤrte der Graf zu, aber mit einen, manchmal ſich zeigenden, koptiſchen, gezwungenen Lächeln, ſo oft der Schild verhehlter Unzufriedenheit und der Ueberzeugung des Beſſerwiſſens. Eine andere Urſache vielleicht legte denſelben Zug um des Kurtkamannes aufgezogene Lippen. Am unbe⸗ fangenſten zeigte ſich der General bei einer Rede, deren Inhalt ſeine Sinnesart den Beifall nicht verſagen konnte, obgleich andere Zuthaten der aus unzaͤhligen Stoffen und Ruͤckſichten zuſam⸗ mengeſetzten politiſchen Menſchen, ſich gegen denſelben insgeheim auflehnten. Eine Zeit lang antwortete Niemand, endlich aber brach der Stellvertreter des Volkes das Schweigen. „Mit denſelben Worten, die Ihr, achtungs⸗ werther Herr und Mitbuͤrger, an den Herrn General richtetet, wiederhole ich, es iſt ein ſchoͤ⸗ nes Bild, das Ihr uns zeigt, nur leider idea⸗ liſch allein in allen ſeinen Theilen. Und dar⸗ um, weil es idealiſch iſt und ſchoͤn, wird es nicht verwirklicht werden, wenigſtens nicht auf ſo geruhige, friedliche Weiſe. Es giebt Leute, die ſo etwas nicht lieben, die leider noch Kraft genug haben, es zu verhindern, oder wenigſtens eine andere Kraft nothwendig zu machen, die 110 der ihrigen das Gleichgewicht halte. Und, ich halte mich an Eure eigene Anſicht, wird dieſe Kraft nicht endlich geweckt werden, wenn man fortfaͤhrt, ſie zu reizen? Nicht ſo blind und taub, als man meint, iſt das Volk, und lange ſieht es zu, ehe es mitſpricht, aber endlich ſpricht es doch mit. Die ſo hoch uͤber ihm ſtehen, oder zu ſtehen ſich duͤnken, ſollten eines alten, uͤbri⸗ gens ziemlich ſchlechten, franzoͤſiſchen Verſes ein⸗ gedenk ſeyn: Plus que Pon est placé au dessus du vulgaire, Plus on se trouve en butte à ce juge sévère. Der Aufruf zur Wiedergeburt iſt, wie die Po⸗ ſaune des Weltgerichtsengels, uͤberall erſchollen, uͤberall vernommen worden, auch in den Huͤt⸗ ten des Volkes, und es weiß, es fuͤhlt, daß dieſer Ruf eben ſo wenig als der Schall jener Poſaune, an die Vornehmen und Reichen allein ergangen, auch wird es nicht wollen in ſeinem Grabe liegen bleiben. Wird es nun gleichguͤl⸗ tig zuſehen, wenn aus derſelben Kaſte, welche den Vortheil des Gelingens fuͤr ſich allein in Beſchlag nehmen will, Verraͤther am Gemein⸗ wohl auftreten, oder Nachlaͤſſige, die es ver⸗ wahrloſen?— Und das iſt ja geſchehen!“ rief 111 er mit bitterm Schmerze aus,„das iſt ja lei⸗ der geſchehen!— Werden ſie“— fuhr er nach kurzem Stillſchweigen ruhiger fort—„in dum⸗ pfer Gefuͤhlloſigkeit ſich gefallen laſſen, wie einſt, daß die Gerechtigkeit, das Palladium jedes Ver⸗ eins, fuͤr ſie unzugaͤnglich ſey, daß nur ſie ihre laute Ahndung trifft, waͤhrend ihr Heiligthum ſelbſt dem Verbrechen Anderer zum Aſyle dient? Ich ſpreche ja, ich wiederhole es, ich ſpreche lei⸗ der nicht von Moͤglichkeiten, ſondern von dem, was ſich wirklich begeben.“— Die Zuͤge des alten Herrn nahmen, waͤh⸗ rend Jener ſo ſprach, einen Ausdruck tiefer Be⸗ truͤbniß an und eine Weile drauf ſagte er: „Wollte Gott, ich koͤnnte dem widerſprechen!“— „Ich weiß, wovon Ihr reden wollet, meine Herren,“ ſchaltete der Graf ein,„und allerdings iſt es nicht erfreulich, doch eine nothwendige Be⸗ gleitung aller Ereigniſſe aͤhnlicher Art. Nicht ſo leicht ſind fur Jeden die Bande zu zerreißen, welchen eine Dauer mehrer Jahre einen ge⸗ wiſſen Grad von Feſtigkeit verliehen.“—— „Eine herrliche Freiheit,“ fiel der Abgeord⸗ nete zornig ein,„die noch an ſolchen Banden zappelt!“—— ————— S „Nicht Jeder vermag alſobald aus dem Kreiſe herauszutreten, welchen die Vortheile fruͤherer Lage um ihn gezogen, oder der Begriff, wel⸗ cher ihm das Alte nicht ſo verwerflich ſcheinen laͤßt als Anderen; ein Jeglicher betrachtet was ihm umgiebt, aus ſeinem Standpunkte; ſo iſt es denn verzeihlich, es anders zu beurtheilen als der Nachbar, und nicht geradezu einen Verbrecher, einen Feind des Vaterlandes mag man den nennen, welcher das Wohl derſel⸗ ben in Anderm zu finden glaubt, als ein Zweiter oder Dritter.“—— „Verzeiht, Herr Graf,— verſetzte etwas er⸗ regt der alte Herr—„ich waͤre beinahe geneigt, was wir eben vernommen, Sophiſterei zu nen⸗ nen, waͤre nicht, wie ich gehoͤrt habe, dieſer Ausdruck aus der Mode. Nicht vom Zweiten und Dritten iſt hier die Rede, und von ihren Meinungen, auch uͤberhaupt gar nicht von der Meinung, ſondern von dem Gemeinweſen und von dem, was dem Buͤrger in Ruͤckſicht auf daſſelbe zu thun und nicht zu thun obliegt. Auch muß er ſein Heil und ſeine Pflicht be⸗ gruͤnden; ſucht er ſie bei dem Fremden, nun gut, es iſt ihm unverwehrt. Offen waren die 113 Straßen fur ſie, Niemand hat ſie verfolgt, als vielleicht der Tadel ihrer Mitburger, und wenig kann dieſer den bekuͤmmern, welcher uberzeugt iſt, ſo viel richtiger zu denken als ſie. Wer aber dieſe Straße nicht gezogen, wer unter uns geblieben iſt, der hat ſich zu unſerm Mitbuͤrger bekannt, und wer die Pflicht eines Solchen oͤffentlich verletzt oder insgeheim, der iſt ein Verbrecher nach allgemein hergebrachtem Begriff, der ſeinige ſey nun welcher er wolle.“— „Laſſen wir doch den Begriff,“— fiel der junge Mann noch bitterer ein;—„vom Vor⸗ theil ſprach der Graf, und daraus erklaͤrt ſich Alles am beſten, und, ich fuͤrchte, noch Man⸗ ches was kommen wird, laͤßt ſich gleichfalls dar⸗ aus erklaͤren. Ich zweifle nicht, daß, waͤhrend der Vortheil Einige vermocht hat, ſich offen von der gemeinen Sache zu trennen, Andere, nicht mit Unrecht, den ihrigen darin geſucht haben, dies insgeheim zu thun— und,“— hier ver⸗ ſtaͤrkte der Unmuth ſeine Stimme—„auf noch verderblichere, auf recht heimtuckiſche Weiſe. Er⸗ gotzlich iſt es aber, hoͤrt man dieſe Verraͤther recht wackere Buͤrger nennen und hoͤchſtens irrende Vaterlandsfreunde!“— ii. 8 114 „Ich geſtehe,“ aͤußerte ſich der General,„daß auch ich fur ſolch feine Diſtinctionen keinen Sinn habe. Ja noch mehr, in einer Zeit, wie die gegenwaͤrtige, iſt ſelbſt der unwillkuͤhrliche Irr⸗ thum beinahe dem Vergehen gleich zu achten, und beginge ich je einen ſolchen in dem mir anvertrauten Commando, ich wuͤrde es alsbald niederlegen und dem Tadel mich unterwerfen, um die Schuld zu vermeiden. Hier handelt es ſich aber um willkuͤhrliches Abweichen von dem allgemeinen Streben, von dem, was uns jetzt Geſetz ſeyn muß, und dieſes werde beſtraft. Es iſt zwar nicht ganz gut ſo, wie es ſich gegen⸗ waͤrtig befindet, und ich wuͤnſchte, es wuͤrde bald anders, aber man muß die Zeit nehmen, wie ſie iſt, ich glaube, ſie ſey ein wenig draͤn⸗ gend und geſtatte nicht viel Foͤrmlichkeit und Weitſchweifigkeiten. Leider trifft auch einige mei⸗ ner Waffengenoſſen der Vorwurf ſolch abwei⸗ chender Anſichten, mit ſolchen aber macht das Martialgeſetz nicht ſonderliche Umſtaͤnde. Ich verſichere Euch, ich wuͤrde es in Tagen wie die unſern, da, wo That oder Unterlaſſung notoriſch, jeder bedaͤchtigen Procedur vorziehen, ohne mich weiter darauf einzulaſſen, ob das, was geſchah, vom Eigennutze erzeugt war, oder von jener irrenden Vaterlandsliebe; haͤtte das Ungefaͤhr mich zum Richter des Geſchehenen gemacht, oder nur zum Zeugen; die Kugeln einer Rotte oder auch meine eigene, haͤtten den Prozeß im erſten Augenblicke beendet, und im zweiten Erde und Moos den Uebertreter bedeckt und die That.“ „Bei Euch, Ihr Herten, geht das wohl nicht ſo ſchnell, aber es koͤnnte doch raſcher gehn, als es geſchieht. Bedenket, wir ſind nicht in einem Zeitpunkte, wo man ſich lange mit be⸗ dächtiger Unterſuchung des Uebels aufhalten kann und mit langſam wirkenden Arzneien. Weg darum mit dem brandigen Gliede, damit der Schade nicht um ſich greife. Nicht ſaͤumend treffe den Schuldigen die Strafe, doch nach Gerechtigkeit und Recht, und Jedem werde ſie durch ſeine Behoͤrde.“— Der Abgeordnete ſagte entſcheidend:„Wer an der Nation gefrevelt, verfaͤllt dem Gerichte der Nation.“— „Nicht der Nation im Allgemeinen,“— wi⸗ derſprach der bejahrte Edelmann feſt—„ſon⸗ dern Denen, welchen ſie die Handhabung des Rechtes anvertraute, dem Geſetz, und Denen, die 8* 116 es verwalten; ein Jeder, ſage ich mit dem Ge⸗ neral, werde von ſeiner Behoͤrde gerichtet.“— „Ah ſo! Ein Jeglicher denn durch ſeine Pairs,“— verſetzte der Kurtkatraͤger mit mehr Bitterkeit als Der verdiente, dem dieſe Antwort galt.—„Wenn aber dieſe Pairs, oder eigene Behoͤrden“— fuhr er in demſelben Tone fort —„fuͤr gut finden ſollten, ein wenig durch die Finger zu ſehen, wenn, einem alten trivialen Sprichworte nach, der Prieſter dem Prieſter den Zehnten erließe, wenn der Kaſtengeiſt dem Ge⸗ meingeiſt in den Arm fiele, wenn, mit einem Worte, Die, welche die Wage der Gerechtig⸗ keit fuͤhren, eigennuͤtzige Ruͤckſichten in die Schale des Unrechts werfen, wie ſoll das verrathene Vaterland Genugthuung erhalten an Denen, die es verriethen, und an ihren Fehlern?“— „Ich weiß,“ ſagte der Graf kalt,„ich weiß, daß, wenn Ihr, werther Herr, und die mit Euch gleichen Sinnes ſind, vom Vaterlande ſprechen, darunter vornehmlich die Maſſe des Volkes ver⸗ ſtehen, ich glaube daher, auch in dieſem Sinne antworten zu duͤrfen. Es iſt unnoͤthig, zu be⸗ weiſen, was eben unſer achtbarer Herr Lands⸗ mann geſagt, daß man ſchwerlich als Tribunal 117 eine Maſſe anerkennen mag, deren Kenntniß des Geſetzes eben ſowohl in Zweifel zu ziehen iſt, als ihre Faͤhigkeit zu maͤßiger und geregel⸗ ter Ausuͤbung derſelben. Ich, fuͤr meine Per⸗ ſon, will mehr ſagen. Es iſt ſogar wohlge⸗ than, die Kenntniß gewiſſer Dinge ſo fern als moͤglich von Denen zu halten, deren Beſchraͤnkt⸗ heit ihnen nur ein ſchiefes Urtheil geſtattet, und die gewoͤhnt, mit Ehrerbietung auf die Hoͤhern zu blicken, nur irr werden wuͤrden auf dem Wege, welchen ſie ohne Fuͤhrer nicht finden koͤnnen, ſobald man einige derſelben herabwuͤrdigte in ihrer Meinung. Welches auch das Vergehen der kuͤrzlich Angeklagten, ob es mehr oder min⸗ der zu entſchuldigen ſey, ob nicht, ich glaube, ihre Richter haben weiſe gethan, den allgemach beſchoͤnigenden Schleier der Ungewißheit uͤber das Geſchehene zu werfen, und ſelbſt, wenn ge⸗ ſchaͤhe, was Ihr ſagt, wenn weiſe Nachſicht das Urtheil milderte oder das Ganze allmaͤh⸗ lig in Vergeſſenheit begruͤbe, ſo wuͤrde dies mehr als eine allzugroße Strenge und unzeitig Aufſehen, das Anſehen des richterlichen Amtes beim Volke erhalten, und die Achtung, deren man den Stand der Beklagten nicht ohne Ge⸗ 118 fahr zu entkleiden vermag, zumal in ſo miß⸗ licher Zeit.“— „So meinet Ihr denn,“ fuhr der Andere in etwas ungemaͤßigter Weiſe auf,„ein Ver⸗ brecher, oder mehrere, koͤnnen immer ſtraflos ausgehen, damit nur die Weisheit der Herren Richter bei Ehren bliebe, und die Niedrigge⸗ borenen nicht erfuͤhren, ein Hoch⸗, oder Hoch⸗ wohlgeborener ſey ein Schurke geweſen?“— „So iſt es,“ gegenredete der Graf ruhig und trocken,„gerade das hab' ich damit ſagen wollen. Nicht allein nicht erfahren darf es das Volk, es darf gar nicht glauben, das koͤnne ſo ſeyn. Ihr gehoͤrt ſelbſt zu uns, und ſo be⸗ fremdet es mich eben ſo ſehr, als es mir leid thut, Euch bemerken zu muͤſſen, wie mißlich unſere Stellung wird in dem Augenblicke, als der Nimbus, der ſie umſtrahlt, vor den Augen der Menge verſchwaͤnde.“— „Ich muß ſagen,“ fiel der General ſcherzend ein,„ich bin doch auch hochwohlgeboren, ein Hochgeborener dazu und eine Excellenz, aber daran haͤtt ich nicht gedacht. Auch wuͤrde mich das ſchwerlich in meinem Verfahren gegen mein⸗ eidige Kameraden beſtimmt haben. Je hoͤher 119 der Rang, je ſtrafbarer die Pflichtverletzung, mein' ich, und je groͤßer die Unparteilichkeit, mit welcher der Richter nur dieſe, nicht jene beruͤck⸗ ſichtigt, je groͤßer das Vertrauen, das ſein Ver⸗ fahren erweckt. Wahrlich, ich werde mich dar⸗ um nicht ſchlechter halten in meinen oder An⸗ derer Augen, weil ſo viele Edelleute ſchon dieſes Namens unwuͤrdig geweſen und mancher Ge⸗ neral ein Feigling oder Verraͤther.“— „Mit Euch, mein Herr, iſt das etwas An⸗ deres,“ bedeutete ihn der Graf. Eure Stelle im Heere ertheilt Euch eine beſtimmte, unbe⸗ ſtrittene Gewalt, und aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet Ihr die Vorzuge einer anderweitigen Lage. Der Miniſter aber,“ fuhr er mit aufge⸗ worfenen Lippen fort,„iſt, wie dieſer Herr ſagt, ein Geſchoͤpf der Nation und ihr gehorſamer Diener. Einem ſolchen Abhaͤngigen nun iſt es nicht zu verargen, wenn er ein wenig ſorgſam fuͤr das iſt, was ihm die Nation nicht gegeben, ihm aber wohl nehmen koͤnnte, gaͤbe ſie ge⸗ wiſſen Stimmen Gehoͤr, oder man ließe dieſe ſo laut zu ihr ſprechen, als ihnen geluͤſtet.“— „Und ſprechen nicht andere Stimmen laut zu ihr?“ antwortete der Abgeordnete lebhaft, 120 doch ohne auf die Andeutung Acht zu haben, welche ihn insbeſondere betraf.„Glaubt Ihr, ſo das zu bewahren, was Ihr unbillig Euer Eigen⸗ thum nennt? Ich fuͤrchte, Ihr duͤrftet Euch in Gefahr ſetzen, auch des Rechtmaͤßigen verluſtig zu gehen. Iſt denn jenes Vergehen ein ſo wohl⸗ bewahrtes Geheimniß? Koͤnnen, wenn ſie auch wollten, die Gewalthaber dieſes Landes und dieſer Zeit ſich gehaben, wie einſt die Staats⸗ inquiſition in Venedig? Die Anklage ſchallt laut durch unſer Feldlager, durch die Straßen dieſer Stadt, durch die Umgegend, Flecken und Doͤrfer. Jedermann erwartet ein oͤffentlich Beiſpiel der Gerechtigkeit, und die Freunde des Vaterlandes fordern es als dringend nothwendig in ſolcher Zeit, da Alles rein und offen abgethan werden muß, damit das Mißtrauen der Uneinigkeit nicht das Thor oͤffne, fuͤr uns der gefaͤhrlichſte ſo vieler gefaͤhrlichen Feinde. Will man dieſer Er⸗ wartung nicht Gnuͤge leiſten, dieſe Forderungen nicht erfuͤllen? Nein, man will nicht. So klage man denn auch Niemand an, wenn das Entſcheidende geſchieht. Man wundere ſich nicht, wenn die Nation, gewahr werdend, wie man ihre Rechte wahrnimmt, auſſteht, ſie 121 mit gewaffneter Hand zu behaupten, oder zu raͤchen!“—— „Das ſteht ſehr zu befuͤrchten,“ prach der alte Edelmann nachdruͤcklich,„mit gewaffneter, blutiger Hand. Nach dem, was Ihr ſelbſt von dem Volke ſagt, iſt es zwiefache Pflicht, es nicht zu reizen, denn allerdings einmal unter⸗ weges, koͤnnte es weiter gehen, als man wuͤnſcht, als es ſelber geglaubt. Von der Bewahrung des Eigenthums iſt es im Sturme erregter Lei⸗ denſchaft nicht weit bis zur Beraubung des Fremden; nicht das Haupt des Verrathers allein koͤnnte fallen, in den vor Wuth geblendeten Augen iſt ein Haupt dem andern nur allzu⸗ aͤhnlich. Ihr Vaͤter des Vaterlandes, denen die Obhut des Geſetzes anvertraut iſt, handhabt es, wie ſein Geiſt es gebietet, mit Recht und mit Milde. Wohl ſtehet ihr im innern Heiligthume, wie einſt im Tempel Salomons Aarons Ge⸗ ſchlecht, es ſtehe denn, gleichen Segens theil⸗ haftig, das Volk im Vorhofe; aber daraus ver⸗ draͤngt es nicht, daraus nicht, daß das Aller⸗ heiligſte nicht entweiht werde und die Arche des Gemeinwohls zertruͤmmert!“— Er ſchwieg hier, 122 blickte ſchweigend aufwaͤrts und ſeine Hände ſchloſſen ſich wie zu ſtillem Gebet.— Wenig Eindruck machte auf den Grafen dieſe Geberde und die feurige Rede des Greiſes. Ein Freund, wie er, von Bildern, aber ſie nur als Spielwerk der Beredſamkeit und des Witzes gebrauchend, antwortete er:„Ihr ſehet das all⸗ zu duͤſter, mein ehrwuͤrdiger Herr. Eben ſo wenig, als die Israeliten, denen Ihr ſie jetzt vergleichet, ſind, nach Euren eigenen fruͤheren Worten, die Maͤnner unſers Volkes den leicht⸗ aufzureizenden Zeitgenoſſen in andern Laͤndern aͤhnlich, und ſie fuͤgen ſich eher dem ernſten Widerſtande; ein ſolches daͤucht mir, wird wirk⸗ ſamer ſeyn, als halbes Einraͤumen deſſen, was man ganz nicht einraͤumen kann.“— „Der Meinung bin ich nicht,“ fiel der Ge⸗ neral ein;„ſchon hab' ich es geſagt, und ich bin davon uͤberzeugt, unſere Soldaten fuͤhrt nicht nur der blinde Gehorſam in das Gefecht, ſon⸗ dern auch der Begriff. Den erſten kann und will der Befehlshaber nicht herabſetzen, das Zweite lobt der Mitbuͤrger. Und warum ſoll⸗ ten, die ihm gleich ſind an Erziehung und fru⸗ her Gewohnheit, dieſes Begriffs ermangeln? 123 Bei uns hat er ein beſtimmtes Ziel und eine feſte Leitung, und er hat nicht Kleines, er hat bewirkt, daß wir hier in der Hauptſtadt nicht die Kanonen des Feindes, ſtatt unſers eigenen Gezaͤnkes vernehmen. Drum wollen wir uns huͤten, mit den Uebrigen anders zu verfahren, wir wollen uns huͤten, ſeinem Begriffe eine Richtung aufzuzwaͤngen, nach welcher er meint, ſein Weg muͤſſe ihn anderswohin fuͤhren, als zum allgemeinen Ziele. Die Ariſtokratie huͤte ſich, die Demokratie zu gebaͤren. Ich bin Bei⸗ der Freund nicht, in dem jetzt angenommenen, ausgedehnten, unrichtigen Sinne, und kaͤme es zwiſchen Beiden zum Kampfe, ich wuͤrde unge⸗ wiß ſeyn, wenn ich meine armen Vaterlands⸗ buͤrger, die es ſind ohne angeſtammten Vorzug, nur durch den Vorzug, gewaͤhrt durch vollbrachte That, ohne Haus, als die Lagerhuͤtte, ohne Feld, als das Schlachtfeld, das ſie mit ihrem Blute befeuchten, gegen die Rechte fuͤhren ſollte, oder gegen das Recht. Nur allzu gewiß aber waͤre mein Schmerz, nur zu furchtbar die Fol⸗ gen, wenn wir uns abwenden muͤßten vom aͤußern Feinde, um die Streitigkeiten im Innern 124 zu ſchlichten, mit derſelben Waffe, die wir, um es zu ſchuͤtzen, erhoben.“— „Und hoffet Ihr, General, dieſer Nothwen⸗ digkeit uͤberhoben zu ſeyn?“— fragte der Abge⸗ ordnete.—„Duͤrfen wir aber hoffen, daß, ſtellte es auch unſer Vaterland gegen Angriffe von Draußen nicht bloß, dies Einſchreiten der bewaffneten Macht in die Staatsangelegenheiten nicht ein bedenkliches Mittel ſeyn koͤnnte? Be⸗ denklich fuͤr Euch, wie für uns, der Krieger iſt ein Freund der Ertreme; ſo wuͤrde es denn darauf ankommen, ob er als Baͤndiger ſeiner Mitbuͤrger auftreten wird, oder ſich zu ihnen ge⸗ ſellend, die Bande des Gehorſams abſtreifen, welche, ich geſtehe es, ein nothwendig Uebel ſind in Eurem Stande.“— „Darum,“— erwiederte der Befehlshaber verdrießlich—„darum beeilet Euch, in Ordnung zu kommen, dann werdet Ihr uns nicht noͤthig haben.“— „Das iſt auch mein Wunſch,“— beſtaͤtigte der Alte—„und der Wunſch jedes Patrio⸗ ten.“— „Der nicht in Erfullung gehen wird,“— fiel der Abgeordnete ein,—„ſo lange der Patriotis⸗ 125 mus noch mit der einſeitigen Ruͤckſicht auf eige⸗ nen Vortheil zu kaͤmpfen hat.“— „Vortheil?“ fragte der Graf mit ſtolzer Kuͤrze. „Schon habe ich geſtanden, daß ich fuͤr den mei⸗ nigen nicht gleichguͤltig bin, und Mancher wuͤrde wohlthun, es eben ſo zu geſtehen, weil ihm doch Niemand das Gegentheil glaubt. Jeder kann am meiſten wuͤrdigen, was er verloren, und den Erſatz, welcher ihm gebuͤhrt. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen; es iſt hier nicht der Augenblick, zu tadeln oder zu loben, genug, ich habe mich nicht ausgeſchloſſen von dem Streben der Nation, und manches Opfer hab' ich ihm gebracht.“— Er legte hierbei, zufaͤllig vielleicht, die Hand auf die Bruſt, wo neben einem Ordensſterne ſich zwei oder drei Stellen befanden, an denen einige jetzt muͤßige Heftſchnuren und eine etwas dunklere Farbe des Tuchs das ehemalige Daſeyn mehrer dergleichen andeuteten. Der Abgeordnete ſah es und lachte ein wenig hoͤhniſch auf; der General ward es auch gewahr, er laͤchelte aber nur, und auf dieſelbe Stelle deutend, wo bei ihm ſich noch mehr dergleichen Spuren erloſchener Nebelſterne zeigten, ſprach er:„Nun, was dies Opfer an⸗ belangt, das hab' ich auch gebracht, ich kann 126 aber nicht ſagen, daß ich es ſonderlich bedaure. Und waͤre das auch, ſo hoffe ich, die Gaben ei⸗ ner Gunſt, die ich, freiwillig ſie aufgebend, ver⸗ loren, nicht minder wuͤrdig, wiederum im Sie ſte der Republik zu gewinnen.“— „Ihr erwartet ſolche doch,“ verſetzte der Graf ſpitzig,„nicht aus der Hand des Souverains, Seiner Majeſtaͤt des Volkes?— Dieſer pflegt dergleichen Gaben nicht auszutheilen.“— Unmuthig antwortete der General:„Eure Excellenz weiß, was ich unter— ver⸗ ſtehe. ℳ Der Graf fuhr fort:„Nicht von ſolchen Klei⸗ nigkeiten will ich reden, obſchon Mancher, der ſich den Anſchein giebt, ſie zu verachten, im Stillen ganz anders denkt. Mir iſt es um Wichtigeres zu thun. Meiner Ahnen Glanz war weder eine Gnade von dem Monarchen, noch ein Geſchenk der Volksgunſt; was ich von ih⸗ nen uͤberkommen, will ich und bin ich verpflichtet, meinen Nachkommen zu uͤberliefern. Ich ge⸗ denke keinesweges, was Jene mir nicht entziehen konnten, der Laune oder Begehrlichkeit des Letz⸗ tern dahinzugeben. In der neueſten Zeit hat man ſich von verſchiedenen Seiten bemuͤht, die 127 Vorrechte des Adels zu ſchmaͤlern; die Voͤlker ha⸗ ben es gethan und auch die Fuͤrſten, je nachdem es darauf ankam, die zu ſchwaͤchen, die die Stuͤtze der Zweiten und das Bollwerk der Er⸗ ſten ſind.“—— „Ja,“— ſagte nicht ohne Feuer der Greis— „das iſt das wahre Bild unſeres Standes, das ſeine Pflicht darſtellt und ſeine Rechte. Doch entſtehen aus dem Einen die Andern, und die Vernachlaͤſſigung der Pflicht ſoll billig die Rechte vermindern.“— „Ja, wenn es ſo waͤre, moͤchte es darum ſeyn,“— ſchaltete der junge Mann ein.—„Wo es Doͤrfer giebt, muß es freilich auch Adel ge⸗ ben, er ſey dann aber ihre Stutze, nicht ein ir⸗ releitender Zauberſtab, des Volkes Bollwerk, aber nicht die Caſematte, welche ihm Luft und Licht entzieht. Ich meine indeß, man koͤnnte ſich deſſen ganz wohl entbrechen, ſolche Oblie⸗ genheit zu erfuͤllen, bedarf es nur des freien Mannes, nicht gerade des Edelmannes.“— Mit Hitze nahm der General das Wort:„Und es iſt die verfaſſungsmaͤßige Monarchie, welche ſolch wuͤrdig und heilſam Verhaͤltniß aufſtellt und bewahrt, ein Jedes an ſeinen rechten Platz 128 ſetzend, und Niemand verhindernd, daß er, ohne Andern zu ſchaden, die Stelle einnimmt, die ihm gebuͤhrt. Mit Freuden will ich einen Sol⸗ chen willkommen heißen an derſelben als meines Gleichen und Bruder, und ſein eigen Verdienſt ſoll mir gerade ſo werth ſeyn, als ſeines ſeligen Ur-Ur⸗Aeltervaters Verdienſte.“— „So trachten wir denn,“— ſprach der Greis— „zum Beſten des Vaterlandes, auf daß es ge⸗ deihe, Alle ohne Ausnahme, ſo viel wir koͤnnen, eigenes Verdienſt zu erwerben und die Verdien⸗ ſte der Ahnen wieder aufleben zu machen.“— „Das Vaterland“— ſagte der Graf—„iſt, obſchon ein recht erhabener und auch erhebender Begriff, aber doch nur ein Begriff, und mag als ſolcher nicht in der Wirklichkeit beſtehen, ohne ſich ihr in wirklichen Erſcheinungen anzuſchlie⸗ ßen.“ „Ja wohl,“— unterbrach ihn der Abgeord⸗ nete abermals,—„wohl iſt es ein nicht von Allen begriffener Begriff.“— ⁰ „Es iſt mit demſelben,“— fuhr Jener fort,— „wie mit der Religion, die, obwohl im Allge⸗ meinen vorhanden, doch nur durch ihre Wirkun⸗ 129 gen in das Leben tritt, und dieſe Wirkungen ſind Regeln unterworfen, welche uͤberall durch Ueberlieferung und langjaͤhrigen Gebrauch gehei⸗ ligt ſind.“— „Ich bewundere den Scharfſinn Eurer Defi⸗ nitionen, mein Herr,“— ſagte der Edelmann,— „aber er erfreuet mich nicht. Ungern hoͤr' ich, Vaterlandsliebe, die hier mit dem Worte Vater⸗ land gleichbedeutend ſcheint, und Religion, die heiligſten unter den allgemeinen Gegenſtaͤnden menſchlicher Natur mit dem trockenen Ausdrucke „Begriff“ bezeichnen. Auch, ich kann als ein ungelehrter Mann wohl irren, etwas Anderes ſey es um eine Idee, oder ein dem Herzen einge⸗ pflanztes und innig mit ihm verwobenes Ge⸗ fuh.“— „Langiähriger Gebruch, ſage ich,“— re⸗ dete das Mitglied des Senates weiter—„habe dieſe Regeln begruͤndet und geheiligt; ſo halten wir ihn denn werth, ſuchen wir ihn aufrecht zu erhalten in dieſen neuerungſuchtigen Zeiten, laſ⸗ ſen wir ihn aus der allgemeinen Umwaͤlzung wiederum erſtehn. Ich bin nicht Prieſter, auch nicht Theolog genug, um uͤber die Verdienſte der Heiligen unſers Kalenders aburtheilen zu III. 9 130 können, ſie ſind aber nun einmal Gegenſtaͤnde der Verehrung des Volkes, ihre Herabſetzung wuͤrde mehr Schaden und Verwirrung anrich⸗ ten, als mancher unſerer Aufklaͤrer glaubt, wel⸗ cher ſo begierig iſt, die Form zu veraͤndern, daß er nicht darauf achtet, ob die Sache ſelbſt dabei leide.“— Der junge Mann ſprach mit angenommener Ernſthaftigkeit:„Unſtreitig entſtaͤnde daraus große Verwirrung: der Bauer, welcher ſeinen Zins zu bringen hat zu Mariaͤ Lichtmeſſe und am Tage St. Bartholomaͤus, der doppelten Frohndienſt zu thun hat in der halbjaͤhrigen Friſt von einem Heiligentage zum andern, wuͤrde irre werden in ſeiner Rechnung, und den Einen gar nicht brin⸗ gen, den andern gar nicht verrichten.“— „Ich bitte Euch, meine Herren,“— ſagte der Alte eindringlich—„laſſet dieſen Gegenſtand fallen. Ich bin bejahrt und halte mich am Al⸗ ten; ich liebe es nicht, wenn man gewiſſe Dinge zur Unzeit, und wenig paſſend, beruͤhrt; noch we⸗ niger lieb ich es, wenn man uͤber dieſelben ſpottet. Sollte denn nicht Neues und Großes geſchehen konnen unter dem Einfluſſe des Glau⸗ bens, welcher ja ſolchem nicht entgegenſteht, ja 131 es beſchuͤtzt und ins Leben ruft, wie einſt bei uns, die wir ſeiner Kraft großentheils den alten Ruhm verdanken? Auch haben wir die Ehre, eine Dame unter uns zu ſehen, welche gewiß derſelben Meinung iſt. Nicht ſo, erlauchte Frau, und auch wohl Ihr, geehrter Herr?“— Beate fand fuͤr gut, mit einem der andaͤch⸗ tigen Blicke zu antworten, die ihr von fruherer Zeit her noch zuſtanden; der Hofrath aber ver⸗ beugte ſich ſchweigend.— Der Graf erwiederte:„Ich bin ganz Eurer Meinung, wenigſtens was die Nothwendigkeit betrifft, dieſe Dinge im Allgemeinen in Ehren zu halten, und ſpotte auch nicht, vielmehr bin ich von einem gewiſſen Zuſammenhange des Glaubens mit der Verfaſſung uͤberzeugt, der religiöſen Erzie⸗ hung des Volks mit ſeiner geſellſchaftlichen Bildung. Dahin geht auch mein Vergleich. Die Heiligen alſo“— fuhr er fort—„waren und ſind Ge⸗ genſtaͤnde der Verehrung des Volkes in geiſtiger Hinſicht, in weltlicher war es der Adel. Wie die Choͤre Jener den Thron goͤttlicher Macht um⸗ ringen, eine Stufenleiter bildend vom Menſchen⸗ geſchlecht bis zu ihr, umringten wir den Sitz der irdiſchen Gewalt, und nicht zu ihr unmittel⸗ 9* 132 bar gelangten an ſie die Wuͤnſche der Volker, ſondern durch uns.“— „Ich muß geſtehen,“— rief der General la⸗ chend,—„daß der Herr Graf ganz koͤſtlich iſt mit ſeinen Vergleichen; doch mag dieſer wohl ein wenig gewagt ſeyn. Ich fuͤrchte, ſo manche Bitte iſt unterſchlagen worden durch dieſe Heili⸗ gen in Fleiſch und Bein, ſo manche Gnaden⸗ gabe halb unterweges geblieben oder ganz, zu⸗ mal wenn ſie dem Intereſſe des Schutzpatrons nicht zuſagte, oder ſeiner Sinnesart nicht ge⸗ fiel.“— „Ich habe ſchon geſagt, dieſe Vergleiche ge⸗ fallen mir nicht,“— ließ der Bejahrte ſich fin⸗ ſter vernehmen.—„Wohl waͤr' es unſere Pflicht, ſo weit wir koͤnnen, zum Himmliſchen uns zu erhe⸗ ben, das iſt aber ſchwer und wir befaſſen uns wenig damit oder gar nicht, ſondern ziehen lie⸗ ber das Himmliſche zum Irdiſchen herunter.“ Das aber iſt vermeſſen und thoͤricht zugleich, denn durch ſolch Aneinanderſtellen tritt die menſch⸗ liche Unkraft und Untugend erſt recht an das Licht, wie zumal in dem Bilde, welches der Herr Graf eben zu entwerfen beliebte. Seyen wir Men⸗ ſchen, ſo lange wir hier unten wandeln, ſeyen 133 wir es ganz, mein Herr Graf, und nichts weiter.“— „Laſſen wir,“— fuhr dieſer, ohne ſich ſto⸗ ren zu laſſen, fort:—„laſſen wir denn den Heiligen ihre Altaͤre, den Neuerern nicht nach⸗ ahmend, welche ſie umzuſtuͤrzen trachten; weit entfernt, ſie zu vernichten, umgeben wir ſie viel⸗ mehr mit dem alten Glanze, mit der heili⸗ gen Scheu des Glaubens, mit Allem, was die Sinne des Menſchen anzieht und die Ge⸗ muͤther feſſelt. So geſchehe denn auch denen, mit welchen ſie meinethalben unvollkommen oder vollkommen verglichen werden koͤnnen auf Erden, oder was daſſelbe heißt, im geſellſchaftlichen Ver⸗ ein; man umwinde die hoͤhern Staͤnde wieder mit dem Nimbus, der die Blicke ehrerbietig zu Boden fallen laͤßt; ihr Wort ſey das Mittel zwiſchen Herrſcher und Volk, und die Kraft wohne ihnen bei, deren es bedarf, um die Beide ſie achten. Zu dieſer Kraft gehoͤrt unſtreitig der Reichthum. Das haben Beide wohl gewußt, welche ſie zerſtoͤren wollten, Herrſcher und Menge, und nur darin haben die Erſten der Zweiten ſonſt verabſcheutes Beginnen nachahmungswuͤr⸗ dig gefunden. Man hat ſich befliſſen, dieſe Kraft ——————— 134 des Adels zu zerſplittern, ſeine alten Inſtitutio⸗ nen aufhebend, die ſelbige unterſtuͤtzten, und ſomit ſeine Rechte. Nur Einer dieſer Inſtitutionen will ich erwähnen, der Majorate. Gefliſſentlich hat man ſie in Vergeſſenheit ſinken laſſen, weil man wohl begriff, daß das Zuſammenbleiben des Be⸗ ſitzthums auch die Kraft zuſammenhaͤlt. Aber auch ich hab' es begriffen, und beharre daher auf ihre Wiederherſtellung. Halte es ein Jeder, wie er will, ich kenne meine Pflichten gegen meinen Stand und mein eigen Geſchlecht, und will ſie erfuͤllen.“— „Hoͤr' ich recht?“— rief der Abgeordnete wie im hoͤchſten Erſtaunen.—„Von Majora⸗ ten redet Ihr und dieſer Zeit? Wo es darauf ankommt, Eurer Nation insgeſammt das verlo⸗ rene Geburtsrecht wieder zu erwerben, denkt Ihr an Euer Majorat?“—— Der Greis ſprach, den grauen Knebelbart mit einiger Heftigkeit ſtreichend:„Der Herr Graf hat bewaͤhrt, was ich eben von ſeiner Pa⸗ rabel und andern ihr aͤhnlichen ſagte, daß ſie, mit Seiner Ercellenz Erlaubniß ſey es geſagt, daß ſie nichts taugt. Jener Dienſt der Heiligen ſchadet Niemand und troͤſtet und erfreut Viele, 135 und der Altar verſammelt alle Abtheilungen der Menſchheit um ſich her zu gemeinſamem Zweck. Der Dienſt der Goͤtzen jedoch, die er auf Erden aufſtellt, erfreut nur ſie, ſchadet Vielen und theilt die Menſchheit in zwei Haͤlften. Wir ſind uns Alle gleich vor dem Throne der Gottheit, ein bischen vornehmer, ein bischen geringer, ein we⸗ nig kluͤger, oder malkluͤger vielmehr, ein wenig duͤmmer oder, beſſer zu ſagen, ungebildeter, rei⸗ cher oder aͤrmer, wir gelten Einer wie der An⸗ dere, uns Alle ſendet ſie von ihrem Throne aus, zu thun, wie Jedem obliegt, und ruft uns zu⸗ ruͤck, Rechenſchaft abzulegen von dem Pfunde, das uns anvertraut worden. Und wenn es, wie unſer Bekenntniß uns zu glauben befiehlt, hei⸗ lige Fuͤrbitter giebt, ſo gewaͤhren ſie ihren Schutz und Vermittlung dem Kleinen wie dem Großen, dem Armen nicht weniger als dem Reichen. Am breternen Geruͤſt aber, das den Thron der aller⸗ hoͤchſten Gewalt im Himmel und auf Erden darſtellen ſoll in dieſer mangelhaften Zeitlichkeit, gehet es anders zu; nicht immer herrſcht auf ihm der reine Wille des Guten, und wenn, wie es da oftmals der Fall iſt, wenn er auch dort wohne, die Umgebenden ſind nicht treue Boten, 136 gleich den Boten des Ewigen, nur ein menſch⸗ licher Blick wacht uͤber ihr Thun, nicht Gottes allſehendes Auge; ſie wollen nicht, daß der ei⸗ gene Werth gelte nur in Zuthat, und welcher mit ſolcher verſehen, ſey ſein Gewicht nur dort eines Lothes, er wiegt einen Centner auf der Wagſchale, die ſie halten. So iſt es aber, ſag' ich nochmals, wenn man laͤſterlich dem Ho⸗ hen das Niedrige vergleicht.“— „Auch ich“— ſagte der General mit gerun⸗ zelter Stirn—„kann mich der Verwunderung uͤber das, was Ihr, Herr Graf, eben vorgebracht, nicht erwehren. Es kommt mir vor, mein lie⸗ ber Herr Graf, als ſey, anſtatt darauf zu denken, wie Ihr Euer Eigenthum oder einen Theil deſ⸗ ſelben zu einem Majorate machet, zuerſt noth⸗ wendig, Sorge dafuͤr zu tragen, daß vor dem Schloſſe, das der Sitz deſſelben ſeyn ſoll, ein Stein auf dem andern bleibe, daß die Felder, Wieſen und Waͤlder, die deſſen Einkuͤnfte erzeu⸗ gen, nicht zerſtampft werden von den Roſſen der Feinde, nicht verbrannt in ſeinen Beiwachten, daß der Sieger nicht den kuͤnftigen Majorats⸗ herrn, zur Probe ſeiner Geſchicklichkeit, in die Bergwerke ſchicke oder auf den Baͤrenfang; daß „0 „. 137 endlich, wenn auch jenes aus einer oder der an⸗ dern Urſache nicht gerade zu befuͤrchten ſtuͤnde, daß Ihr die Ehre Eures Stammes nicht daran⸗ ſetzt, um ſeinen Glanz zu behaupten.“— „Herr General!“— fuhr der Graf zornig auf.— „Was beliebt, Herr Graf?“— lautete die ruhige aber ſcharfe Gegenfrage.— „Gemach, Excellenzen!“— fiel, um dem be⸗ ginnenden Streite vorzubeugen, der bejahrte Edel⸗ mann in beinahe ſcherzhaftem Tone ein.—„Ge⸗ denket doch nur der Inſchrift der hollaͤndiſchen Dukaten*), die von uns Allen, zu welcher Mei⸗ nung wir uns auch bekennen, gleichmaͤßig wohl gekannt und geſchaͤtzt ſind. Wahrlich, es waͤre ein ſehr erfreulich Schauſpiel fuͤr den Widerſa⸗ cher, wenn Zwiſtigkeit die edeln Haͤupter der Na⸗ tion trennte, und moͤchte die Ausfuͤhrung ſeiner Abſicht um Vieles beſchleunigen. Meinet Ihr nicht auch ſo, werther Herr und Freund?“— *) Concordia res parvae crescunt, discordia magnae dilabuntur. Durch Eintracht gedeiht das Geringe, das Große zerſplittert durch Zwietracht.— An vie⸗ len Orten, wo die genannte Muͤnze ſehr beliebt iſt, hat man ſich nicht beſonders auf Entzifferung der Inſchrift gelegt.—— 138 Der Freund, an den dieſe Worte gerichtet waren, der Herr Hofrath, ſprach mit beifaͤlligem Laͤcheln:„Allerdings mag dergleichen dem Wi⸗ derſacher ganz insbeſondere angenehm ſeyn, und ich glaube es aus Erfahrung zu wiſſen, wo ſich davon keine Spuren zeigten, bleibt ihm ſogar der Zugang verſchloſſen.“— „Er wird ihm verſchloſſen bleiben, wie er es bis dieſen Augenblick war!“— rief der Abge⸗ ordnete.—„Der zweideutige Wille des Einzel⸗ nen vermag nichts gegen des Ganzen vereinigt Beſtreben!“— Beatens Reiſegefaͤhrte laͤchelte ſonderbar vor ſich hin, und ſein duͤſter gluͤhendes Auge begeg⸗ nete dem erloſchenen des geſpenſtigen Haushof⸗ meiſters, der an einen Pfeilertiſch gelehnt, bald an ſeiner langſchoͤßigen Weſte, bald an ſeiner bruſſeler Halskrauſe zupfend, dem langen Ge⸗ ſpraͤche mit einer Art phlegmatiſch hoͤhniſchen In⸗ grimms zugehorcht hatte. „Widerſacher!“— rief der nach und nach erhitzte Graf.—„Weiß man doch bei meiner Ehre kaum mehr, wo man ſie zu ſuchen hat, ob vor den Linien der fremden Armee oder im In⸗ nern der Hauptſtadt. Wenn Mancher gewußt 139 haͤtte, was folgen wird, haͤtte Mancher vielleicht angeſtanden, zu thun, wie er that.“— „Es iſt nicht ſchoͤn, was der Herr Graf da ſagt,“— fiel, wahrſcheinlich um dem jungen Manne zuvorzukommen, der mit blitzenden Au⸗ gen und zuſammengebiſſenen Zaͤhnen daſtand, der General ein:„Vergebt dem Aeltern als Ihr, es iſt nicht ſchoͤn, und Eure Epcellenz hat es wohl nicht recht bedacht. Was wir wollen, iſt das Gute, das iſt nun wohl ſchwer zu erreichen und nach manchem Sturme; aber endlich gedeihet es doch, und Jeglicher findet am Ende ſeine Rech⸗ nung, ſo er nur Geduld hat und ſich beſchei⸗ det.“—— „Gutes?“ gegenfragte der Miniſter im frü⸗ hern Tone.„Wahrlich, ich ſehe viel Gutes kom⸗ men. Leidlicher noch iſt der Druck des Frem⸗ den, als der einheimiſchen Pobelherrſchaft, beſſer den Halbſcheid behalten, als in Gefahr kommen, daß man das Ganze verliere, und ehe es ſo kommt, mag es wieder werden, wie es gewe⸗ ſen.“— „Dies Wort, Herr Graf,“— rief der Ge⸗ neral ſehr heftig, aber dann maͤßigte er ſich und ſetzte gefaßter hinzu:—„Dieſes Wort verdiente eigentlich Ahndung, wie es lautet, und ich wuͤrde Euch auf der Stelle bitten, es naͤher zu erklaͤ⸗ ren, waͤre hier nicht eine Dame gegenwaͤrtig. So muß ich dies verſchieben, unterdeß aber ſeyd uͤberzeugt, daß weder ich, noch meine tapfern Waffengefaͤhrten dulden werden, daß irgend Je⸗ mand, er ſey Miniſter oder Senator, von Ver⸗ nichtung deſſen ſpreche, was wir lange und ruhmvoll vertheidigt. Wenig Dinte, Herr Graf, iſt bis jetzt in dieſer Sache gefloſſen, aber deſto mehr des edelſten Blutes; ſo ſoll auch die Dinte nicht beſchmutzen, was wir mit dieſem Blute ge⸗ heiligt.“— Der Graf mochte fuͤhlen, er ſey zu weit ge⸗ gangen, wenigſtens fuͤr die Zeit und die Umge⸗ bung, denn er begann eine mildernde Antwort, aber der Abgeordnete unterbrach ihn, mit rauher Stimme ſprechend:„Dies Wort, General, ver⸗ dient keine Ahndung, am wenigſten die eines Ehrenmannes, der leiſeſte Verſuch zur That aber wuͤrde ſie verdienen, obſchon gleichfalls nicht von dieſer Seite. Beſtrafet die Felonie in den Rei⸗ hen Eures Heeres, wo ſie, dem Himmel ſey Dank, noch wenig Eingang gefunden; den Feind, der im Innern wohnt, im Herzen der Verfaſſung, 141 zu ſtrafen, gebuͤhrt der Nation, und wahrlich, ſie ſoll dieſe Feinde erkennen.“— Da empoͤrte ſich des Grafen Stolz und er ſprach kurz und uͤbermuͤthig:„Maͤßigt Euch, jun⸗ ger Mann! Wer ſeyd Ihr, daß Ihr von Strafe redet und drohet? Bedenkt, hier iſt nicht Ehren⸗ preis.“— Dies ſeltſame Wort machte auf die Anwe⸗ ſenden einen ganz verſchiedenen Eindruck; des Generals Mund umzog ein halbes, beinah un⸗ merkliches Laͤcheln, der Edelmann zuckte mißbil⸗ ligend die Achſeln; der Abgeordnete trat zuruͤck und fuhr mit der Hand nach dem Saͤbel, aber gewahrend, daß der Gegner unbewaffnet war, faßte er ſich und ſagte ſpoͤttiſch, aber ziemlich ru⸗ hig:„Gewiß nicht, mein Herr, ſonſt wuͤrde man Eure Excellenz hier nicht finden. Nicht Alle lieben, was ehren⸗und preiſenswerth iſt.“*)— *) Der Chroniſt erklärt das Dunkle dieſer Stelle durch den Bericht, es habe ſich in der fraglichen großen Stadt ein Erfriſchungsort befunden, deſſen Wirthin den Namen„Ehrenpreis“ führte, oder einen andern, gleichviel. Die ultra's der linken Seite jenes Zeit⸗ raumes und Landes beſuchten dieſen Ort häufig, und ſo gab man nach und nach der Partei dieſen Local⸗ namen, wie eine andere in anderer Zeit und Stadt den ihrigen von der Terraſſe der Feuillants erhielt. 142 Bei dieſer höchſt ſchnoͤden Antwort wallte in dem Miniſter das Blut ſeiner Ahnen auf; es fehlte ihm, wie meiſt ſeinen Landesgenoſſen, kei⸗ nesweges an perſoͤnlichem Muthe, und er ſchien einer Einladung, welche er beim General gern vermieden, halben Weges entgegentreten zu wol⸗ len, da trat der alte Herr zwiſchen die Er⸗ zuͤrnten. „Friede, Herren und Landsleute!“— ſagte er mit ſtarker Stimme.—„Ehre ſey Gott in der Hoͤhe und Friede auf Erden.— Koͤnnen wir ihn auch nach Außen nur ſchwer gewinnen, ſo bleibe er doch einheimiſch unter uns ſelbſt. Wol⸗ len wir uns um Worte erzuͤrnen? Das Wort nicht, die That macht den Mann, und ſie iſt nö⸗ thiger bei uns als jenes. Laſſet uns nur erſt unſer Daſeyn wieder herſtellen, das Wie? findet ſich wohl nachher. Auf! Vaͤter, Bruͤder, Soͤhne der Republik, auf! die Republik lebe!“— und damit riß er aus den Haͤnden des raͤthſelhaften Vicewirths, ohne den ſchielenden Blick deſſelben zu bemerken, zum nochmaligen Umtrunk den koͤſtlichen wappenreichen Pokal. Mit der alterthuͤmlichen Hoͤflichkeit ſeines Lan⸗ des reichte er ihn mit etwas gebogenem Knie 143 Beaten zuerſt; dieſe nippte ein wenig, dann wollte ſie, mit der heimiſchen Sitte wenig bekannt, das Geſchirr dem Reiſegenoſſen uͤbergeben, die⸗ ſer trat jedoch ablehnend zuruck, vielleicht der un⸗ tergeordneten Rolle wegen, in welcher er hier aufgetreten, vielleicht auch, weil ihm der Anfang des Trinkſpruchs nicht gefiel. Beate aber deu⸗ tete ſeine Weigerung anders, ſie richtete einen fragenden Blick auf ihn, begleitet von einer un⸗ merklichen Geberde. Blick und Geberde waren nur dem verſtaͤndlich, welcher in der erlauchten furſtlichen Frau die ehemalige Wittwe Bilſen kannte, mithin dem Herrn Hofrath allerdings, doch erwiederte er ſie mit verſtohlener aber ern⸗ ſter und befehlender Verneinung. Noch hatten Worte, wie ſie eben geſprochen worden, ihre begeiſternde Kraft nicht verloren, alle Gemuͤther oͤffneten ſich fuͤr den Augenblick wenigſtens dem bekannten Tone, und alle Stim⸗ men wiederhallten ihn, obſchon in etwas ver⸗ ſchiedener Weiſe, wie das Brauſen des Windes anders wiederklingt im Hain, im Rauchfang der Huͤtte, auf dem Gipfel des Berges und in den Mauern eingeſturzter Palaͤſte. „Es lebe die Republik!“ brachte der alte Herr 144 es aus,„und gedeihe durch Eintracht und bruͤ⸗ derliche Liebe. Und ſie werde feſter jedes kom⸗ mende Jahr durch ſtufenweiſe ſich ausbildende Kraft. Friede mit ihr, und Friede auch mit den Nachbarn; wuͤrdig und glaͤnzend ſey ihre Er⸗ ſcheinung, doch Niemand als dem Haſſer ver⸗ derblich.“— „Die Republik lebe“— ſprach der General— „und ihr kuͤnftiger Herrſcher, deſſen Scepter nicht von der Willkuͤr gefuͤhrt wird, doch auch nicht ein Staͤblein iſt, ſchwankend in tve⸗ vun verſchiedenen Kraͤfte ſich ihen zu ge⸗ meinſamem Streben und zu einer Kraft wer⸗ den, die uͤber dem Ganzen waltet, und im In⸗ nern das Gluͤck erzeugt durch weiſe Anwendung, von Außen aber die Achtung durch die Waffen eines den Herrſcher und das Vaterland lieben⸗ den ſtreitbaren Heeres!“—— Der Graf ließ ſich vernehmen:„Die Re⸗ publik lebe, die Republik unſerer Ahnen! Wie es vor Zeiten geweſen, ſey es wieder, nur frei⸗ lich mit den Abaͤnderungen, die der Zeitlauf er⸗ fordert. Um den Thron ſtehen die Edelſten der Nation, ſeine Rechte ſchirmend und beſchraͤnkend, gleich einem heiligen Hain, und unter dem Schat⸗ ten ſeiner uralten Baͤume wandle gluͤcklich und ſorgenlos das Volk in der fruchtbaren Ebene.“— „Die Republik moͤge leben, die Republik im wahren Sinne des Wortes!“— lautete der Trink⸗ ſpruch des Abgeordneten;—„der Gemeinkör⸗ per, an welchem kein Glied etwas voraus hat vor dem andern, es heiße, wie es wolle, als in⸗ ſofern es am meiſten zur Erhaltung des Ganzen beitraͤgt. Will man fur dieſen Koͤrper ein Haupt, nun ſo begnuͤge es ſich mit den Obliegenheiten eines ſolchen; nicht ſeine aͤußere Form macht es zum Fuͤhrer, es iſt der Sinn, der aber auch in dem Ganzen verbreitet iſt; der Sinn regiere das Ganze, ſo daß es immer beſteht, ſo auch das Haupt Kopſſchmerz habe oder umduͤſtert ſey vom Weihrauch des Lobes oder den Duͤnſten der Unfaͤhigkeit oder des Stolzes. Die Augen moͤgen nicht dem Ohr gebieten, ob ks hoͤren ſoll oder nicht; die Haͤnde nicht die Fuͤße in Feſ⸗ ſeln ſchlagen, oder den Raum betaſten, den ſie durchwandern ſollen. Das Gebaͤude beſtehe von kundigen Baumeiſtern aufgefuͤhrt, in welchem jeder Stein nur den Platz einnimmt, den er ſoll, gleichviel, welcher Farbe er ſey, oder wo er ge⸗ III. 10 146 brochen, wo das Capitaͤl der korinthiſchen Saͤule, im Wahne beſſer zu ſeyn, nicht uͤbermaͤßig laſtet auf den Quadern des Sockels. Edler iſt zwar die Bauart alter Heiligthuͤmer, deren winkelloſe Rundung in ſanfter und doch majeſtaͤtiſcher Nei⸗ gung ſich zur Kuppel vereinigt; doch verlangt das Zeitalter durchaus gothiſche Pfeiler und Stuͤtzen und Giebel, ſo ſey es ſeinen Bewohnern erlaubt, dieſe Stuͤtzen hinwegzuthun, wenn ſie, nicht tra⸗ gend, uͤberfluͤſſig, wenn ſie allzuſehr dem Innern das Licht rauben, verderblich ſich erzeigen; der Giebel ſelbſt, wenn er allzuſehr auf das Gebaͤude druckt, verlaſſe ſeine erhabene Stelle!“— Nach dieſer fuͤr einen Trinkſpruch ziemlich weitlaͤuftigen und, unſeres Beduͤnkens, mitunter etwas gezwungenen Allegorie ſchwieg der junge Mann und die Reihe traf nun den verkappten Gaſt. Dieſer lehnte das Anerbieten wiederum ab, den zu haͤufigen Genuß koͤſtlicher Dinge vor⸗ ſchuͤtzend. Das ward aber nicht gut aufgenom⸗ men. Wie man im Walde eine Schaar edler Hirſche ſich bekaͤmpfen ſieht mit Beharrlichkeit und mit Ingrimm ſogar, und dann, wenn ein Raubthier ſich zeigt oder irgend ein fremdarti⸗ ger Beſucher der Lichtung, ſie des Zwiſtes ver⸗ 147 geſſend, zuſammentreten, und den Eindringling bedrohen mit ihrem Gehoͤrne, ſo empfanden Alle die Weigerung ſehr uͤbel, Beſcheid zu thun auf den vaterlaͤndiſchen Trinkſpruch. Alle, den Mi⸗ niſter ſo wenig ausgenommen, als den General, den Greis, als den jungen Mann, drangen in den Pſeudo⸗Hofrath, erſt mit Bitten, dann mit Vorſtellungen; auf dieſe folgten die ſpitzigen Worte der Befremdung, der verſteckten Drohung ſogar. Da nahm der Satrap der Unterwelt den Pokal und leerte ihn auf einen Zug mit den ſeltſam betonten Worten: „So trinke ich denn auch auf das Wohl der Republik, Jedem der geehrten Anweſenden uͤber⸗ laſſend, dies Wort in ſeinem Sinne zu deuten. Von langen und weiten Wanderungen zuruͤck⸗ kehrend, und uͤberhaupt nicht geeignet, uͤber die Urtheile ſo achtbarer und hocherleuchteter Herren zu entſcheiden, begnuge ich mich mit einem Wun⸗ ſche. Mögen allerſeits Dero, obgleich etwas ver⸗ ſchiedene, doch an und fuͤr ſich hoͤchſt ſchaͤtzens⸗ werthe Meinungen durch ein guͤnſtig Zuſam⸗ mentreffen am rechten Punkte und zur rechten Zeit das erfreuliche Reſultat erzeugen, welches Euer gehorſamer Diener aufrichtig erſehnt und, 10* 148 wie zu ſeiner wahren Freude ſich zeigt, auch be⸗ rechtigt iſt, zu erwarten!“—— Es war, als ob der Geiſt des Weines, wel⸗ cher fruͤher wie Oel, auf die Flamme der Zwie⸗ tracht gegoſſen, gewirkt hatte, nun, da dieſe ge⸗ daͤmpft ward, deſſen Wirkung auf das Waſſer nachahme. Die einmal geebneten Wellen erho⸗ ben ſich nicht wieder, und nach einem kurzen, lebhaften, aber nicht feindſeligen Geſpraͤche beur⸗ laubten ſich die vier Herren bei der erlauchten Dame, die Einladung zu einem Beſuche in ih⸗ rer Behauſung annehmend und ſich mit gebuͤh⸗ render Hoͤflichkeit des baldigen Wiederſehens im Innern der Hauptſtadt erfreuend. „Es thut mir leid, gnaͤdigſter Herr und werthe Dame,“— ſprach, als das unheimliche Kleeblatt allein war, der ehemalige Kammerdie⸗ ner und Aelteſte:—„es thut mir leid, Euch in dieſem ſonſt ſo angenehmen Aufenthalt eine Geſellſchaft praͤſentirt zu haben, die wohl ſchwer⸗ lich nach Eurem Geſchmack ſeyn kann, auch habe ich es nur gethan, um den hoͤchſt eigenen Be⸗ fehl zu reſpectiren, daneben bedauernd, daß Zwei⸗ fels ohne Eure Erwartung nicht erfuͤllt worden iſt. Mir wenigſtens hat die Unterhaltung wenig 149 Mlaifir gemacht; es war mir zu Muthe, wie ei⸗ nem erwachſenen Manne, der die Vokabeln auf⸗ ſagen hoͤrt, welche er in ſeiner Kindheit lernen muͤſſen, und ſich der Muͤhe und Langenweile da⸗ bei erinnert, die ſie ihm gekoſtet, und der Fin⸗ gerkipschen, die er von dem Schulmeiſter erhal⸗ ten, da er ſie ſchlechterdings nicht begreifen konnte.“— Die Dame antwortete in hohem nachlaͤſſigen Tone:„Ich beklage mich nicht daruͤber, mein Guter. Dieſen Herren, obſchon ein wenig leb⸗ haft in ihren Aeußerungen, was ich denn uͤber⸗ haupt an Maͤnnern wohl leiden mag, fehlte es keineswegs an Bildung, und ſelbſt in der Hitze des Geſpraches ließen ſie den Anſtand nie aus den Augen, welchen der gute Ton in Gegen⸗ wart gewiſſer Perſonen zur Pflicht macht.“— Das Geſpenſt, welches vielleicht in einem gewiſſen kritiſchen Sinne, angeeignet in einer langen hoͤfiſchen Laufbahn, theils vielleicht von Dem und Jenem unterrichtet uͤber die erlauchte Frau, ſie, wie man zu ſagen pflegt, nicht fur voll anzuſehen ſchien, antwortete:„Anſtand? Guter Ton? Madame wuͤrde ganz anders daruͤber ur⸗ theilen, haͤtte ſie den bon ton und die décence 15⁰ geſehn, welche vor Alters in dieſen Salons herrſchten.“— „Ich muß,“— verſetzte die Dame bitterſuß, —„ich muß mich mit dem Gegenwaͤrtigen be⸗ gnuͤgen;— wie es vor Alters geweſen iſt, da⸗ von habe ich freilich keine Kenntniß.“— Und als ſie ſo ſprach, lächelte ſie in dem großen Pfeilerſpiegel ihrem Antlitz zu, oder vielmehr der jugendlichen Maske, die es bedeckte, und ord⸗ nete die Locken, deren Urſprung wir kennen.— „Auch ich bin zufrieden,“— ſagte der Mei⸗ ſter zu dem vornehmen Diener, welcher die ab⸗ gewendete Beate mit haͤmiſch mitleidigem Achſel⸗ zucken betrachtete—„und danke Euch vielmehr fuͤr den angenehmen und lehrreichen Abend; worauf“— ſetzte er mit einem halb gnaͤdigen, halb gebieteriſchen Entlaſſungswinke hinzu— „worauf ich Euch nicht laͤnger abhalten will von anderweitigem Geſchaͤft.“— „Es iſt wahr, ich wittere Morgenluft,“— ent⸗ gegnete der Andere,—„ſo will ich nur ſchnell die Zeitungsblaͤtter mitnehmen, um ſie bei'm Fruͤhſtuͤck meinem allergnaͤdigſten Herrn zu brin⸗ gen, der ſie gar nicht erwarten kann, abſonderlich ſeit einiger Zeit.“— — 3—— . 151 „Dann vergeſſet auch nicht,“— erinnerte der Erlauchte—„Eurem Herrn aus Eurem treuen Gedaͤchtniß zu berichten, was Euer ſcharfes Ohr von dem heutigen Geſpraͤche aufgefangen, das moͤchte ihm angenehmer und unterrichtender ſeyn, als was jene Zeitungsblaͤtter ſchreiben.“— „Meinet Ihr?“— fragte Jener mit einer Art von Zweifel, dann aber ſetzte er hinzu:— „Alles ſoll ausgerichtet werden nach Eurem gnaͤ⸗ digſten Befehl.“— Und nach einer tiefen Ver⸗ beugung verſchwand er im Schornſteine des Kamins. „Ihr bereuet alſo nicht, allerwertheſte Freun⸗ din, den heutigen Abend und einen Theil der Nacht auf dieſe Weiſe ebracht zu haben, und die Geſellſchaft, welche uns eben verließ, hat Euch gefallen?“— fragte nach einer Pauſe der Meiſter Beaten, welche ſich auf einem Sopha niedergelaſſen hatte, ſelbſtgefällig in dem Zim⸗ mer umherſchauend, dem der Gedanke, es habe es einſt ein Monarch bewohnt, in ihren Augen mehr Reiz verlieh, als ſeine etwas veraltete Pracht, und nebenbei ſich im Vergleiche ihrer jetzigen Stellung mit der fruͤhern behagte.— „Im Allgemeinen hat ſie mir wohl gefal⸗ 1⁵2 len,“— antwortete ſie zierſam,—„im Einzel⸗ nen mehr oder minder. Und Euch, mein hoch⸗ verehrter Freund?“—— „Ich bin gaͤnzlich Eurer Meinung, Theuer⸗ ſte,“— war des Freundes Antwort—„und eben dies Allgemeine gewährt mir das Vergnuͤ⸗ gen, Euch verſichern zu koͤnnen, daß wir vor der Hand unſern Aufenthalt in dieſer Stadt nehmen werden.“— Nachdem die Dame ihre Zuftiedenheit dar⸗ uͤber zu erkennen gegeben, fuhr er fort:„Aber was die Einzelnen betrifft, wuͤnſchte ich, weil doch gerade jetzt nichts Anderes zu thun iſt, Euer Urtheil zu vernehmen.“— „Der Herr Graf,“— begann ſie in der Weiſe einer guͤltigen Richterin uͤber Maͤnner⸗ werth,—„der Herr Miniſter iſt zwar nicht, was man ſchoͤn nennt, er iſt auch nicht jung mehr und ſchon ziemlich verlebt; doch hat er ein gewiſſes Etwas an ſich, das den Mann von Stande unverkennbar bezeichnet, auch hoͤrt man jedem Worte an, daß er ſehr klug und welter⸗ fahren iſt, und ich halte ihn fuͤr einen großen Staatsmann. Ein guter Geſellſchafter iſt er aber gewiß, und ich meine, ſein Umgang wird fur 153 mich eben ſo angenehm ſeyn, als es unſerm Auf⸗ treten in dieſer Stadt erſprießlich ſeyn muß, ei⸗ nen Herrn dieſer Art oft bei uns zu ſehen.“— „Das meine ich auch,“— beſtaͤtigte der Rei⸗ ſegenoſſe.—„Gewiß iſt er ſehr klug, ſehr welt⸗ erfahren und ein Staatsmann. Es wird mir auch ſehr lieb ſeyn, wenn meine Fuͤrſtin ihn oft in dem ſchoͤnen Hotel empfaͤngt, welches ſie mor⸗ genden Tages oder heute vielmehr beziehen wird, und ich hoffe, ein naͤherer Umgang, eine ge⸗ nauere Verbindungsform wird beiden Theilen, ihm und uns, von nicht geringem Vortheil ſeyn, nach beiderſeitigem Wunſch und Anſicht, welche die Zeit beſtaͤtigen kann, und zwar eine kurze Zeit.“— „Der General“— fuhr die Dame fort— „iſt einige Jahre juͤnger und an und fuͤr ſich eine einnehmendere Perſon, ja man kann ihn, obſchon nicht mehr in der erſten Jugend, eine recht wohlgebildete Mannsperſon nennen. Auch ihm fehlt es gar nicht an feinem Anſtand und Sitte der vornehmen Welt, einer gewiſſen mili⸗ taͤriſchen Ungezwungenheit ungeachtet, der aber wir Frauen gern Etwas zu Gute halten. Auch die Uniform kleidet ihn ſehr wohl, und ſie mußte 154 ſich noch beſſer ausnehmen, waͤren alle die Sterne noch darauf, die wahrſcheinlich darauf geweſen ſind, den dunkeln Flecken nach und der Heft⸗ ſchnuͤre, welche ich bemerkt habe. So etwas haͤtte ich an ſeiner Stelle niemals aufgegeben, wie er ſagt, daß er es gethan. Er denkt wohl, ſie wieder zu bekommen, aber meines Erachtens iſt„hab' ich“ beſſer, als„haͤtt' ich“. Ich be⸗ daure, daß er wahrſcheinlich in Kurzem wieder zur Armee abgehen wird. So ein Mann haͤtte gar nicht noͤthig, ſich mehr herumzuſchlagen; was will er denn noch mehr werden, als er iſt? Ich ſehe ihn auch mit Vergnuͤgen in meinem Geſellſchaftszimmer, denn er erinnert mich an jene Generale, welche in meinem zarten jugendlichen Alter“(eine etwas ſtarke Abbreviatur)„hin und wieder durch jene garſtige Stadt zogen, an die ich jetzt nur mit Widerwillen denke. Da ich uͤbrigens geſonnen bin,“ ſetzte ſie in dem aller⸗ entſchiedenſten Damentone hinzu—„hier ein ſtandesgemaͤßes Haus zu machen, ſo zaͤhlte ich gern unter ſeine erſten Beſucher neben einem Mi⸗ niſter einen General.“— „Er wird ſich ein Vergnuͤgen daraus machen und ich auch,“— antwortete der Fuͤrſt der Un⸗ terwelt ganz in der Art des Hof⸗ und Reiſe⸗ raths:—„Ich wuͤnſchte indeß, daß Eure Er⸗ laucht dann den Einfluß Ihrer Reize und Ihres trefflichen Verſtandes bei ihm in demſelben Sinne geltend machte, in welchem Sie ſich eben uͤber beſagtes Individuum ausgeſprochen. Mit Recht ſagt Ihr, warum ſoll er erſt ſich herumſchlagen, um zu bleiben, was er iſt? Warum die feh⸗ lenden Ordensſterne, die zu ſeiner Uniform ſo gut ſtehn, in ungewiſſem Spiele gewinnen wol⸗ len, da es ihm freiſteht, auf weit leichtere Art dieſelben wiederum und noch mehre dazu zu be⸗ kommen? Das, meine Erlauchteſte und Aller⸗ wertheſte, ſchaͤrfet ihm ein; denn des Kriegers Ohr iſt offen fuͤr die Stimme, die aus dem Munde der Frauen kommt. Vielleicht, aber nur vielleicht, moͤget Ihr aus ihm einen gelehrigen Schuͤler bilden, und wenn nicht—— nun, wer in der Naͤhe nichts taugt, den kann man ja entfernen. Was ſagt Ihr aber von dem jungen Mann, dem Abgeordneten, dem Stellvertreter des Volkes? Mich daͤucht, er war nach Eurer Erlaucht Geſchmack.“ Mit jungfraͤulicher Zuruͤck⸗ haltung verſetzte die Wittwe des Kleinhaͤndlers Bilſen und vieler andern ihr, obſchon nicht 156 angetrauten, doch vertrauten Maͤnner:„Der junge Mann, es iſt wahr, ſieht ſo uͤbel nicht aus, und was er ſagt, ſteht, obwohl ich nicht weiß, ob es recht iſt oder klug, ihm recht gut an. Ihn moͤchte ich am allerliebſten in meinem Sa⸗ lon ſehen, oder anderwaͤrts in meinem Hotel; ich fuͤrchte nur, daß Ihr es nicht gut heißet, hochgeehrter Beſchutzer, denn er ſchien Euren Beifall nicht zu haben.“— „Haͤtte er ihn auch noch nicht ſo ganz,“— war die etwas zoͤgernde Antwort,—„ſo muß man doch junge Leute nicht ſogleich aufgeben. Ihr meinet vielleicht, er mißfiele mir, weil ſich in ihm Manches von dem befindet, was, wie ſoll ich doch ſagen, was man gut nennt? Das mag ſeyn, aber ich verſichere Euch, Allerwertheſte, auch an der noͤthigen und erſprießlichen Zuthat mangelt es nicht. Ueberhaupt, glaubet mir, waͤre das Reich der Finſterniß uͤbel daran, wenn es aus dem Boͤſen allein Nutzen ziehen koͤnnte; auch das Gute kann ihm foͤrderlich ſeyn, ganz insbeſondere aber deſſen Uebertreibung und An⸗ wendung zu unrichtiger Zeit und Ort. Weit entfernt, den Zutritt des jungen Mannes in Eurem Hotel zu mißbilligen, empfehle ich ihn N —— 157 Eurer ganz beſondern Auszeichnung. Ihr fan⸗ det ja ſonſt großes Behagen an der Erziehung. Nun, wenn er auch nicht jung genug mehr iſt, um in Eurem Sinne erzogen zu werden, iſt er doch noch nicht zu alt, ſich in anderer Weiſe zu bilden. Verſucht es einmal mit der politiſchen Erziehung. Ich werde Euch darin nach Kraͤf⸗ ten beiſtehen. Euer Honorar werdet Ihr, wuͤr⸗ dige Dame, ſelbſt mit ihm abmachen, zu dem meinigen werde ich ſchon zu gelangen wiſſen in gelegener Zeit. Auch lege ich Euch nichts Schweres auf; ich verlange nicht, daß Ihr ihn bekehren ſollet und abwendig machen von Grund⸗ ſatzen, die vielleicht, Eurer Meinung nach, mir, als einem Großen am Hofe meines maͤchtigen Gebieters, nicht behagen koͤnnten. Im Gegen⸗ theile ſucht ihn darin zu beſtaͤrken, ſo viel Ihr vermoͤgt, fachet mit leiſem Hauch das Feuer an, das in ihm gluͤhet, damit es, wenn es noth thut, recht luſtig, recht ungeſtuͤm hervorbreche. Wenn ſolche Flammen— um gleich Eurer Frau Buͤrgermeiſterin einen Dichter zu parodiren— wenn ſolche Flammen in das Vaterland ſchla⸗ gen; ſo— ſo verbrennt das Vaterland.“— Die wuͤrdige Dame war waͤhrend dieſer Rede 158 in ein Nachſinnen gefallen, welches wohl ſchwer⸗ lich die Politik zum Gegenſtande hatte, denn es beſchaͤftigte ſie himlaͤnglich, ſie ſogar die Erwaäh⸗ nung ihrer alten Widerſacherin uͤberhoͤren zu laſſen; ploͤtzlich aber ſagte ſie mit großer Leb⸗ haftigkeit:„Ja, das will ich thun, alle moͤg⸗ liche Muͤhe will ich mir geben, und geſchaͤhe es auch nur dem Alten zum Poſſen, der ſich ge⸗ wiß daruber aͤrgert. Hat er nicht immer das Feuer des jungen Mannes zu daͤmpfen geſucht, hat er nicht unaufhoͤrlich, was dieſer mit ſo an⸗ genehmer Hitze ſprach, unterbrochen durch ſeine abgeſchmackten Sentenzen? War es nicht der einfaͤltige Trinkſpruch, den er an der Tafel aus⸗ brachte, der auf einmal die Wendung auf lang⸗ weilige Geſchichten dem Geſpraͤche gab, das vorher viel ergoͤtzlicher war und geeigneter zwi⸗ ſchen wohlgeſitteten Maͤnnern in Gegenwart einer Dame? So wie er das Wort„Vaterland“ nur herausbrachte, war es vorbei mit allen Suͤßigkeiten und mit aller Aufmerkſamkeit ge⸗ gen mich, und die alte Republik beſchaͤftigte die vorher ſo heitere Geſellſchaft ganz und gar, als waͤre ich gar nicht zugegen geweſen. Der alte Mann war mir widerwaͤrtig, und wenn ich 159 Imich auf Euren Geſchmack verſtehe, nicht min⸗ der auch Euch.“—— „Gewiß gefiel er mir unter Allen am wenig⸗ S2— war die Antwort. „Auch“— fuhr Beate immer von dem naͤm⸗ lichen Eifer beſeelt fort,—„auch galt eigentlich ihm allein die bewußte ſtillſchweigende Frage, welche ich an Euch richtete. Warum, vortreff⸗ licher Goͤnner, habt Ihr ſie verneint? Ich haͤtte es ſchon ſo einzurichten gewußt, daß nur der ſein Theil bekam, dem es beſchieden.“— „Ich zweifle keinesweges an Eurem sawoir faire, Madame,“— entgegnete der Hofrath ſehr verbindlich—„auch will ich demſelben nicht in den Weg treten bei andern Gelegenheiten, die ſich mir hoffentlich hier darbieten werden; nur bei dieſem haben gewiſſe Gruͤnde mich Euren lobenswerthen Eifer zu zuͤgeln beſtimmt.“— „Nun, in mein Haus ſollte mir der Alte nicht kommen,— in meinen Palaſt, will ich ſagen,“— ſprach Madam weiter.—„Was ſoll er auch da mit ſeinem altfraͤnkiſchen Weſen und Schulmeiſtertone? Er kann immer wegblei⸗ ben, unter ſeinen Bauern, die er ſo hoch halt, 160 mir iſt er nichts nuͤtze, und ich dächte, Euch,* mein Theuerſter, noch weniger.“— „Nuͤtze?“ fragte der Meiſter nach einigem Bedenken, dann ſetzte er fluͤchtig hinzu:„Hm, das kann man ſo eigentlich nicht wiſſen.—— Es iſt doch in jeglichem Falle eine Meinung mehr.“—— Am andern Tage ſchon 8 die Fuͤrſtin mit ihrem Gefolge und zahlreichen Dienerſchaft eines der geraͤumigſten und anſehnlichſten Ge⸗ baͤude im vornehmſten Theile der Stadt. Wem ein ſolcher Reiſemarſchall und Hofrath zu Ge⸗ bote ſteht, iſt nicht in Verlegenheit, uͤberall ſeine Einrichtung zu treffen. Die ihrige war glaͤn⸗ zend, ſelbſt in jener Stadt ward ſie ſo genannt, eben ſo glaͤnzend waren die Verſammlungen in ihren Saͤlen und nicht minder zahlreich. Die Noth der Zeit, die Opfer, theils freiwillig, theils durch die Pflicht geboten, dem bedrohten Ge⸗ meinwohl gebracht, hatten den Lurus verbannt und die geraͤuſchvollen, geſellſchaftlichen Freuden, und die, deren Verhaͤltniſſe ihnen auch noch den gewohnten Aufwand geſtattet haͤtten, trugen Scheu, ihn an den Tag zu legen, entweder aus Vor⸗ ſicht, oder weil ihr Sinn von dem ſchimmern⸗ 161 Iden Kleinigkeiten auf ernſtere Dinge ſich gewandt hatte, oder in gerechter Bedenklichkeit, durch ſol⸗ chen Abſtand gegen die allgemeine Bedrängniß zu verletzen. Vom Portale der Großen des Lan⸗ des rollten keine prunkvollen Wagen, ſie ſtan⸗ den in ihren Behaͤltniſſen, waͤhrend die Pferde, draußen im kriegeriſchen Felde, noͤthigere Dienſte verrichteten. Zu Fuß und nicht, wie ſonſt, mit Juwelen bedeckt, welche ſie, fuͤr ihr Geſchlecht ein ſchmerzliches und preiswerthes Opfer, auf dem Altare des Vaterlandes niedergelegt hatten, 7 nur von einem alten Diener begleitet, deſſen juͤngere Genoſſen jetzt, ſtatt Arbeitsbeutel, oder Sonnenſchirm, Feuergewehr oder Lanze trugen, beſuchte eine edle Frau die andere, nicht um von Theater, Bällen und Putz zu plaudern, ſondern um im ernſten Geſpraͤche ihrer Lieben und Freunde zu gedenken, ſich ihre Befurchtungen mit⸗ zutheilen und ihre Hoffnungen. Aus den hohen Bogenfenſtern ſtrahlte ihnen nicht der Glanz un⸗ zähliger Kerzen, toͤnte ihnen nicht rauſchende Muſik entgegen, ſtill war es in den Palaͤſten, und nur der matte Schimmer der Lampe be⸗ leuchtete das vertrauliche Gemach, groß genug fuͤr die nicht zahlreiche, ernſtgeſtimmte Geſell⸗ MI. 11 162 ſchaft. Später erſchienen auf dieſelbe geraͤuſch⸗ loſe Art auch die Maͤnner, ſich von den uͤber⸗ haͤuften Berufsgeſchaͤften zu erholen; manch ſchoͤ⸗ nes Auge hing, bei ihrem Eintritt, an ihren Lippen, manches Ohr horchte begierig auf den Bericht deſſen, was ſich zugetragen in den Ver⸗ ſammlungen, oder beim Heer, und manch lieb⸗ licher Mund richtete Worte der Ermuthigung an den Unzufriedenen, des Beifalls an den Stand⸗ haften und Freudigen, an den Unſchluſſigen Ermahnung zur Beharrlichkeit. Kein uͤppiges Mahl beſchloß dieſe Zuſammenkuͤnfte, die hier einheimiſche Gaſtfreiheit bot denen, welche dar⸗ an Theil nehmen wollten, einige einfache vater⸗ laͤndiſche Gerichte, mit blechernen Loͤffeln von irdenen Schuͤſſeln verzehrt, anſtatt des ſilber⸗ nen und goldenen Geſchirrs, das unter dem Stempel der Muͤnze laͤngſt ſeine Geſtalt ver⸗ aͤndert hatte und nun durch die Haͤnde der Kriegszahlmeiſter ging, oder von den Wohlthaͤ⸗ tigkeitsvereinen ausgeſpendet, die Verwundete und Kranke erquickten. Unter dieſen Umſtaͤndenn erregte die Art, wie unſere ſogenannte Fuͤrſtin in der Hauptſtadt er⸗ ſchien, einiges Aufſehen, obſchon zu einer an⸗ 163 dern Zeit, unter vielen eben ſo glaͤnzenden Haushaltungen, die ihrige kaum bemerkt wor⸗ den waͤre. Auf den Rath oder das Gebot viel⸗ mehr ihres gebietenden Dieners, hatte Beate fleißig gethan, woran ſie ſelbſt ſchwerlich gedacht haben wuͤrde. Auch von ihr waren Juwelen zum offentlichen Verkauf geſendet worden, und koͤſtlich Geraͤth zum Einſchmelzen, baare Sum⸗ men von Bedeutung floſſen aus ihrer wohl⸗ thätigen Hand in die Kaſſen der Vereine, und Hunderte von Kranken und Armen prieſen ſie als ihre Wohlthaͤterin und Ernaͤhrerin. Da ſie nun dergeſtalt, wo nicht dem Vater⸗ lande, aber der Ruͤckſicht, welche der Augenblick erheiſchte, reichlichern Tribut gezollt hatte, als viele Andere, ſo verzieh man es ihr, daß, außer dem abgelieferten Tafelgeraͤth, noch anderes in ihrem Palaſte ſey, um davon zu ſpeiſen, und daß außer Dem, was ſie der Nothwendigkeit darge⸗* bracht, noch etwas uͤbrig geblieben ſey zum Genuß. Bald verbreitete ſich, beſchleunigt durch jene vier Herren, die Nachricht von der Ankunft einer Dame, deren Perſon jedoch der großen Welt der Haupt⸗ ſtadt eben ſo fremd, als der von ihr gemißbrauchte Name bekannt war. Doch auch dieſer erſte 1 164 umſtand, durch die daſelbſt immer zahlreicher werdenden Agenten des Meiſters benutzt, ward ihr guͤnſtig; man beeiferte ſich zwiefach, eine edle Frau kennen zu lernen, welche, waͤhrend des fruͤhern Standes der Dinge in die Ver⸗ borgenheit des Landlebens oder in das Aus⸗ land zuruͤckgezogen, nun, da die Stimme des Patriotismus alle Buͤrger und Buͤrgerinnen zur Thaͤtigkeit aufrief, erſchien, ihre Geiſteskraͤfte und ihren Reichthum dem Gemeinwohl zu wei⸗ hen, und nebenbei, durch ihren Ueberfluß an bei⸗ den, die duͤſtere Gegenwart zu erheitern. So waren denn die Saͤle, welche außer denen, die den mannichfachen Vereinen jener Dage als Berathungsorte dienten, beinahe allein durch eine weitſchimmernde Erleuchtung zum Zutritt einluden, auch haͤufig beſucht, und an manchen Tagen draͤngte ſich in ihnen eine An⸗ zahl Gaͤſte, meiſt von nicht geringer Bedeutung und Anſehen, und mit nicht geringem Anſehen und Bedeutung bewegte ſich Frau Bilſen unter denſelben. Maͤnner hohen Ranges, ein zerſtreut tiefſin⸗ niges Weſen, oder laͤchelnde Gleichguͤltigkeit, oder auch ernſte Sorge mitbringend aus der Ver⸗ 165 ſammlung der Vaͤter, aus der Sitzung der hoch⸗ ſten Verwaltungsbehoͤrde, die ſie eben verlaſſen, wurden von dem Grafen der Dame vorgeſtellt, deren uraltes Wappen und volltoͤnender Titel ihnen in ihr eine Vertheidigerin ariſtokratiſcher Grundſaͤtze, eine Theilnehmerin ihrer Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft, eine Verehrerin alter volksthuͤm⸗ licher Rechte und beſonderer Vorrechte, kurz, eine Buͤrgerin der Republik, wie ſie geweſen, und, ihrer Meinung nach, ſeyn ſollte, erwarten ließen. Wie auch immer die Erwiederung Bea⸗ tens auf ihre zierliche, gewandte, oder gewichtige Anrede ſeyn mochte, des Meiſters Zauber wal⸗ tete in dieſen Gemaͤchern, ſie fanden ſich nicht getaͤuſcht. Kriegeriſche Befehlshaber von Ruf und An⸗ ſehen, welche Geſchaͤfte ihres Amtes auf wenige Tage aus dem Feldlager in die Hauptſtadt rie⸗ fen, junge, muthige und hoffnungsvolle Strei⸗ ter fuͤr das Vaterland, die auf eine Zeitlang ihre Fahnen verlaſſen, um die Wunden zu hei⸗ len, welche ſie, dieſelben beſchutzend, erhalten, traten, vom General aufgefuͤhrt, vor die edle Frau, welche, als ihre Landesgenoſſin, ja na⸗ tͤrlich ihren ruͤhmlichen Eifer theilen mußte, 166 welche ihn ſchon bewaͤhrt hatte durch muͤtter⸗ liche Sorgfalt fuͤr die leidenden Waffengefaͤhr⸗ ten, deren ſchwarzes, vielſagendes Auge, bedeut⸗ ſam hervorblickend unter dunkeln, reichwallenden Locken, das Lächeln eines Mundes, deſſen Ro⸗ ſenfarbe gehoben ward durch den Schnee der Wangen und den Glanz der Perlenzaͤhne, die fuͤllreiche Geſtalt der reifenden Schoͤnheit den Lohn verhießen, der dem jungen Kriegesmann der wertheſte iſt nach dem Ruhm. Beaten fiel bei dem Erſten die reiche Uniform in die Au⸗ gen, eigenthuͤmlichere Vorzuge bei dem Andern, ſie war ſehr freundlich gegen Beide, und Bei⸗ der Erwartung war befriedigt. Veranlaßt durch den uns ſchon bekannten Kurtkatraͤger, erſchienen auch nicht ſelten die jungen Paladine der Freiheit, nicht ungern, der Abwechſelung wegen, mitunter die engen, ſpaͤr⸗ lich erhellten Gaſtzimmer der Jungfrau Ehren⸗ preis mit den weiten, vom Glanze der Kron⸗, Wand⸗ und Armleuchter ſtrahlenden Saͤlen einer Andern vertauſchend, der beide Namen gleich wenig gebuhrten., Beatens Gewogenheit gegen ihren Fuͤhrer ſicherte ihnen einen angenehmen Empfang, aͤhnliche Eigenſchaften, wie die, welche 167 ſie dem Erſtern erwarben, Mehreren unter ihnen eine gefällige Auszeichnung; Alle ſchworen ein⸗ muͤthig auf den reinen und feurigen Patriotis⸗ mus der Fuͤrſtin. 4 Auch einige der Alters⸗ und Meinungsge⸗ noſſen des bejahrten Edelmannes fanden ſich ein mit ihm, dem des Meiſters gewaltiger Wille mehr als die Zuſtimmung der figurirenden Wir⸗ thin hier den Zutritt geſtattet hatte. Zwar wurden ſie von der letztern mit merklicher Kaͤlte aufgenommen, aber deſto zufriedener waren ſie mit der Zuvorkommung des Hofraths und mit den Geſinnungen, die er gegen ſie mit eben der Waͤrme aͤußerte, mit der ein Hofrath ſeiner Gattung auch jede andere Geſinnung, wie es der Zeit und der Ort und die Perſonen erfor⸗ dern, zu aͤußern nicht anſteht. Sie behaupteten alſo, vom Diener auf die Gebieterin ſchließend, die ſeine ſey eine wuͤrdige Frau, und der Zuruͤckhaltung ungeachtet, die ihrem Geſchlechte und Stande wohl anſtehe und auch Sitte ge⸗ weſen ſey bei den Frauen vergangener Zeit, doch eine wahre Freundin aller Biedermänner, und vom rechten Geiſte beſeelt, vom Geiſte des Frie⸗ dens, der Ordnung und Eintracht. 168 Waͤhrend jedoch das maͤnnliche Geſchlecht die Erlauchte einſtimmig pries, durfte dieſe bei dem eigenen nicht deſſelben Beifalls ſich erfreuen. Der weibliche Scharfſinn ließ ſich nicht ſo ganz durch das Blendwerk taͤuſchen, welches die Kunſt der Unterwelt um ihren Schutzling gewoben. Die Frauen raunten bald einander zu, an ihrer gan⸗ zen Erſcheinung ſey nichts aͤcht, als leider ihre Juwelen; man fand ihr Benehmen mehr ge⸗ ziert als vornehm, ihren Verſtand ungebildet und beſchraͤnkt, ihre Zuvorkommung gegen Man⸗ ner gemein und, wenigſtens in dieſer Weiſe, unerhoͤrt unter Damen ihres Standes und ihrer Nation, ihre Aeußerungen uͤber die Begebniſſe des Tages und deren Folgen, obſchon man von ihnen auf ganz verſchiedenen Seiten viel Ruͤh⸗ mens mache, ſo ſchwankend und gehaltlos, daß ſie eben ſowohl alle die Meinungen, die man von ihr habe, rechtfertigen, oder gar keine, und die Zuruckgezogenheit, der in ſie bis jetzt gelebt, man wiſſe nicht wo? muͤſſe ganz eigener Art geweſen ſeyn. Kurz, den Damen gefiel es in deren Hauſe ſo wenig, als die Wirthin deſ⸗ ſelben, ſie erſchienen ſeltener und blieben endlich ganz weg, auch wurden ſie nicht vermißt, denn 169 Weiber einer gewiſſen Gattung gefallen ſich wenig im Kreiſe ihres Geſchlechts. Ob in Betreff der vier erſten Bekannten, welche unſern Reiſenden bei ihrem Einzuge in die Hauptſtadt geworden, des Meiſters Abſicht erfullt worden, iſt ſchwer auszumitteln, es laͤßt ſich jedoch nicht ohne Grund daran zweifeln, wenig⸗ ſtens ſcheint es nicht bei allen der Fall geweſen zu ſeyn. Bei andern aber ſchien ſie weit beſſer gelungen zu ſeyn, wenigſtens ſonderten ſich auf den großen Verſammlungen im Palaſte nach kurzer Zeit vertraute Cirkel ab, und von dieſen wieder allervertrauteſte der Auserwaͤhlten, gleich jenen in den ſchen Baͤdern. So wenig als von jenen, weiß von dieſen der Chroniſt zu be⸗ richten. Auch ſcheint es nur Muthmaßung zu ſeyn, wenn er uͤber die Wiederaufnahme des Lieblings⸗ und Separatgeſchaͤfts der Wittwe Bil⸗ ſen ſpricht, zu deſſen Treibung ihr freilich die Anweſenheit des ſchwarzen Todes in jener Haupt⸗ ſtadt vertragmaͤßig Fug und Recht verlieh; er geſteht, daß die Wogen der Begebniſſe ihre Spuren verloͤſcht haben, und meint, erſt die Folgezeit werde dieſelben enthuͤllen. Es war ein heiterer Abend der Jahreszeit, 170 welche zwar im Kalender noch den Namen Som⸗ mer fuͤhrt, in der That aber ſchon dem Herbſt angehoͤrt; das ſchoͤne Wetter lockte in die freie Luft, die Zimmer der Fuͤrſtin waren heut leer geblieben, und es ſtand zu erwarten, daß ſie ſich nicht vor dem Einbruch der Nacht fuͤllen wuͤrden. Beate hatte gerade in ihren beſondern Angelegenheiten nichts zu thun, ſie hatte vor Kurzem erſt auf allzu lange Zeit die Freuden der Einſamkeit geſchmeckt, um ſie nicht ſehr anzie⸗ hend zu finden; ſie ſchlug dem Hofrath einen Spaziergang in den Park vor, welcher vor wenig Jahren in ſeiner gegenwaͤrtigen Geſtalt angelegt, obgleich beinahe im Mittelpunkte der Stadt, doch einen ziemlich bedeutenden Raum einnimmt. Der Fuͤrſt incognito willfahrte dem Begehren der als Fuͤrſtin verkleideten Magd ſeines Wil⸗ lens, denn dieſer ſtimmte mit ihrer Aufforderung uͤberein. Die Ereigniſſe hatten ſich gedrängt in der letzten Zeit, eine entſcheidende Schlacht war, obſchon nicht geradezu verloren, doch auch nicht gewonnen worden; man ſprach davon, der Feind werde, ein bisher nicht uͤberſtiegenes Hinderniß uͤberſteigend, die Hauptſtadt nicht von derſelben Seite, wo es bisher geſchehen, ſondern auch zu⸗ 171¹ gleich von einer andern angreifen, auf welcher man ſich bisher ſicher gewähnt. Die öffentliche Stimme, welche laͤngſt laut von dem Treubruch einiger Befehlshaber geſprochen, begann leiſe das Verfahren des oberſten Feldherrn zu tadeln, die Verhaftnehmung mehrerer hart Angeklagten hatte ſcheuen Argwohn erweckt, ihre zoͤgernde Verurtheilung ihn genaͤhrt, und alles dies zu⸗ ſammengenommen, mit den täglich eintreffenden Nachrichten von der langſamen Naͤherung der Gegner und einem gewiſſen Schwanken, welches man in den Maaßregeln der hoͤchſten Staats⸗ gewalt wahrnahm, das oͤffentliche Vertrauen in die Machthaber betraͤchtlich erſchuͤttert. Das Alles war nun dem geheimen Ambassadeur extraor- dinaire der unterweltlichen Majeſtaͤt zu wichtig, um nicht den Eindruck genau bemerken zu wol⸗ len, den es nicht bei den hoͤhern Klaſſen allein, den es im Allgemeinen erzeugte. Auch ſchien uͤber der zahlreichen Verſammlung, die den Gar⸗ ten erfullte, ein Geiſt der Unruhe, ja ſogar der Beſtuͤrzung zu ſchweben; Einige ſtanden in Gruppen vertheilt und fluͤſternd, Andere ſchritten in kleinen Schaaren die Gaͤnge auf und nieder 172 mit einer Art von Haſt lebhaft ſprechend und noch lebhafter geſtikulirend. Der Fuͤrſtin ward bei ihrem Eintritt der⸗ ſelbe Empfang zu Theil, welchen ſie ſchon binnen der wenigen Tage ihres Hierſeyns ge⸗ wohnt worden und mit dem ſie auch ganz zu⸗ frieden war; die Damen gingen meiſt mit fremd⸗ thuender Begruͤßung an ihr voruͤber, die, welche nicht umhin konnten, einige gleichguͤltige Worte mit ihr zu wechſeln, verdoppelten nach denſelben ihre Schritte und vermieden eine zweite Be⸗ gegnung. Mit deſto groͤßerer Auszeichnung ka⸗ men ihr die Maͤnner entgegen und bald um⸗ ringten ſie den Seſſel, welchen die ſtandesmaͤßig ſchnell ermuͤdete Dame einnahm. Das gefiel nun Beaten recht wohl, doch ungleich minder dem Meiſter. Es war mehr ſein Wunſch, zu beobachten, als beobachtet zu werden; nach einer halben Stunde ſehr zierlichen, aber nicht ge⸗ haltreichen Geſchwaͤtzes, welches das ernſtere Geſpraͤch der nicht zu Naheſtehenden uͤbertaͤubte, wie wohl auch das Gedudel eines Leierkaſtens den dumpfen Schall des noch fernen Donners ubertaubt, erinnerte er mit gebuͤhrender Unter⸗ wuͤrfigkeit die Dame an ein Geſchaͤft, das ihre 173 Ruͤckkehr nach Hauſe nothwendig mache. Dieſer Unterwuͤrfigkeit ungeachtet, hatte die Erfahrung Beaten aus gewiſſen Merkmalen kennen gelehrt, wenn ihr Reiſegenoſſe als Diener ſpreche oder als Gebieter; mit ſauerm Geſicht und einem kleinen Seufzer erhob ſie ſich bald darauf und entzog ſich dem lauten Kreiſe, der ſich auch als⸗ bald aufloͤſte, Jeder naͤhere Kunde uͤber das ſuchend, was zu damaliger Zeit ſelbſt den ent⸗ ſchiedenſten Stutzer angelegentlicher beſchaͤftigte, als alles Hofmachen auf der Welt. Das edle Paar ſchritt dem Ausgange zu und dem wartenden Wagen, aber bei dieſem angelangt, erklaͤrte der Hofrath ſeiner allerwer⸗ theſten, etwas befremdeten Freundin, es ſey ſein Wille, zu bleiben. Darauf ergriff er mit hofli⸗ cher Geberde, aber doch mit einigem Nachdruck, den halbverweigerten Arm der Zaudernden, fuͤhrte ſie ſchnellen Schrittes durch das Haus eines Mannes, welcher vor wenig Tagen erſt großer Gefahr entronnen war, uͤber ihn gebracht durch eine ſchwere Anklage, und aus dem Hofe deſſel⸗ ben traten ſie wieder in den eben verlaſſenen Garten. Als ſie nun dieſen abermals durchgin⸗ gen, wandte keine Dame ſich ſproͤd und ver⸗ 1 ſchmaͤhend ſeitwaͤrts, kein angenehmer Mann nahte mit ehrerbietiger Begruͤßung, und ſo ge⸗ langte die immer mehr verwunderte Dame ohne Freud und ohne Leid zu einem etwas verſteckten Platze in der Naͤhe des Hauptgangs. Bemer⸗ ken konnte man hier wohl, aber nicht bemerkt werden, um ſo weniger, als der Hert Hofrath mehrer Bequemlichkeit wegen fuͤr gut gefunden hatte, ſich und ſeine Begleiterin unſichtbar zu machen, ein Taſchenſpielerſtuͤck, das, als ſie es inne ward, dieſe, ihrer heut beſonders gefall⸗ ſamen Kleidung wegen, weniger als mittelmaͤßig erfreute. Die Erſten, welche ſich dem Bereiche der Aufmerkſamen naͤherten, waren zwei Offiziere hoͤheren Ranges. Der eine war der Beaten und dem Leſer bekannte General, der andere, viel aͤltere, bekleidete, den Abzeichen nach, die er trug, den Rang eines Oberſten. Ihr Geſpraͤch war angelegentlich, und nach Miene und Geberde zu urtheilen, nicht erfreulichen Inhalts. „Ja,“ lauteten die erſten Worte des Gene⸗ rals, die den Horchern vernehmbar wurden: „Ja, das gedenke ich in ſo kurzer Zeit zu thun als moͤglich. Es gefaͤllt mir jetzt nicht beſon⸗ 175 ders in der Hauptſtadt, wenn ich auch uͤber⸗ haupt hier an meinem Platze waͤre, und ich haͤtte die ſonderbare Muße, die man mir ſeit einiger Zeit da draußen gewaͤhrt, gar nicht zu dieſer Reiſe benutzt, wollt' ich nicht ein wenig zuſehen, wie die Sachen hier ſtehen. Auch un⸗ ſerer im Felde hat ſich eine gewiſſe Unruhe waͤhrend dieſer Ruhe bemächtigt, ob ſie ſchon ſich nicht, wie es hier ſcheint, in erſchlaffender Thaͤtigkeit aͤußert, ſondern in dem dringenden Wunſche, daß einmal irgend etwas geſchehe, und der Ungeduld, daß nichts geſchieht. Ich bin darum vor wenig Augenblicken abermals herein⸗ gekommen, um den Fragern draußen einigen Beſcheid zu geben; lange genug haben wir ſel⸗ bigen erwartet und ihn nicht erhalten. Ich furchte, man wird dort nicht ſehr zufrieden mit ihm ſeyn. Meinet Ihr nicht, Herr Oberſt?“—— Dieſer entgegnete achſelzuckend:„Ich fuͤrchte es beinahe auch, und hielte fuͤr gut, im Feld⸗ lager nicht zu viel von dem zu erwaͤhnen, was hier vorgeht, und noch mehr, was nicht vor⸗ geht. Eines kann ich Euch aber verſichern, nnoch ſteht die Hoffnung des Buͤrgers auf dem Heere, und mit Recht, denn ſo lange dies noch ————— 176 von dem alten Geiſte beſeelt wird, iſt wenigſtens nicht Alles verloren.“— „Nicht Alles verloren?“ rief der General. „Ihr erſchreckt mich, mein werther Herr. Hat ſich denn ſo gar viel veraͤndert in den wenigen Ta⸗ gen meiner Abweſenheit? Es iſt wahr, ein Haupt⸗ entwurf iſt mißlungen, wir haben ſogar zuruͤck⸗ weichen muͤſſen, zum erſten Male in geſchloſſe⸗ nem Treffen waͤhrend dieſes Krieges; das iſt wohl ſehr ſchlimm, aber es iſt doch ſchon einige Zeit her, warum ſoll denn jetzt ſo plotzlich die Furcht kommen, Alles zu verlieren? Ein Ausdruck, den ich beſonders ungern im Munde eines Veteranen hoͤre, wie Ihr, mein Herr. Ein Entwurf mißgluͤckt, nun das iſt das ge⸗ meine Loos im Kriege; wir ſind gewichen— wahrlich, es iſt eben ſo zu verwundern, als ehrenvoll fuͤr uns, daß ſolches nicht ſchon mehr⸗ mals gegen die Uebermacht geſchehen, und wir ſind wahrlich nicht ſo beſtuͤrzt durch dieſen Un⸗ fall, um nicht ein ander Mal deſto feſter zu ſtehen. Warum iſt man es denn hier? Gelingt ein Entwurf nicht, nun, ſo macht man einen andern.“— „Wenn dies aber nicht geſchieht?“ fragte 177 der Oberſte nachdenklich.„Ihr wiſſet, dies in Eile aus Truͤmmern aufgefuͤhrte Gebaͤude iſt das feſteſte nicht, und Manches bedarf es noch, damit es dies werde; einem ſolchen ſchadet ein Riß ſchon viel, wenn aber die Bauleute rathlos die Haͤnde in einander ſchlagend daſtehen, ſtatt den Schaden zu verbeſſern, wenn auch nicht gruͤndlich, nur raſch, wie der Augenblick es er⸗ fordert, ſo wird der Riß immer groͤßer, Steine fangen an ſich vom Gemaͤuer loszureißen, und ſo geht es weiter, wenn man nicht dazu thut, bis endlich das Ganze zuſammenſtuͤrzt. Das Letzte verhuͤte Gott, das Erſte iſt aber lei⸗ der ſchon geſchehen und zwar auf bedenkliche Weiſe.“—— „Wie ſo? Was iſt geſchehen?“— fragte der General geſpannt.— „Wiſſet Ihr es denn nicht?“— „Nichts weiß ich— noch Niemand habe ich ge⸗ ſprochen, denn eben erſt ſteige ich vom Pferde.“— „Eben eingegangener Nachricht zu Folge,“ ſagte bedaͤchtig der Andere,„hat ein Beiſpiel, gerechtfertigt durch die Nothwendigkeit, nicht tadelnswerth, weil die Nothwendigkeit vom Un⸗ gluͤck erzeugt worden, das treue und kuͤhne III. 12 178 pflichterfuͤllung begleitete, dieſes Beiſpiel hat einen unwuͤrdigen Nachahmer gefunden, der es un⸗ wuͤrdig befolgt hat. Das Schiff, das Jener fuͤhrte gegen den Feind kreuzend, wurde, vom Sturm des Krieges zertruͤmmert, an eine fremde Kuͤſte geworfen, es mußte die Segel ſtreichen, doch geſchah es auf eine Weiſe, welche den Flor ſeiner Flagge nicht befleckte; dieſer hat ſein Ge⸗ ſchwader von der Flotte getrennt, ohne daß die hoͤchſte Noth ihn zwang, die dergleichen allein entſchuldigt; mit vollen Segeln lief er, trotz der Unterbefehlshaber Vorſtellung, nur ſeine Sicher⸗ heit bedenkend, ein in den fremden Hafen, und unterwarf ſich bereitwillig, ja in moͤglicher Eile, dem Strandrechte. Aber als er den Fuß an das Land ſetzen wollte, erfaßte ihn die Nemeſis, und die Kugel, die, freilich von unbefugter Hand ab⸗ geſendet, durch ſeine Bruſt ſchlug, hat, wo nicht einen Verrather, doch einen Feigling beſtraft.“— Die braune Wange des Generals faͤrbte ſich dunkelroth und durch die zuſammengebiſſenen Zaͤhne murmelte er mit dumpfer Stimme:„Hat ſie? Nun daran hat ſie ſehr wohl gethan. Sehr uͤbel aber der, welcher ſo Wichtiges Einem an⸗ vertraute, der immer, zwar nicht fuͤr den Erſten— 179 denn wer glaubt das von einem unſerer Mit⸗ buͤrger und Waffengenoſſen?— aber doch fuͤr den Zweiten galt, fur einen Helden wenigſtens, mehr an ſeiner Stelle im Salon, als auf dem S felde.“— „Eure Excellenz iſt zu—„ fuhr der Oberſte fort,„um die Folgen nicht zu begreifen, die ſolches nach ſich ziehen muß. Der entfern⸗ ten will ich nicht gedenken, nicht der Wirkung ſo boͤſen Beiſpiels, nicht des uͤbeln Eindrucks auf die Maſſe; die naͤhern Folgen ſind aber leider ſchon eingetreten. Abgebrochen iſt die Bruͤcke zwiſchen uns und den fernen Freunden, der Feind hingegen kann, nicht mehr im Ruͤcken bedroht, gemaͤchlich die ſeinigen ſchlagen, um mehr Schaaren hinuͤber zu fuͤhren in das In⸗ nere des Landes. In Kurzem werden auch von jener Seite ſeine Fahnen von den ſchwachen Waͤllen wehen, die dieſe Hauptſtadt vertheidi⸗ gen, welche nun bald in ihrem Umkreiſe das ganze Voterland umſchließen wird, und dieſe Hauptſtadt—— nun ich will nicht truͤbe Blicke in die Zukunft werfen, die Gegenwart iſt ſchon duͤſter genug. Noch lebt das Vaterland ja.“— „Ich begreife Alles nur zu ſehr,“ ſagte der 12* 180 General erſchuͤttert;„das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm. Doch verloren iſt darum noch nichts,“ ſetzte er mit Feuer hinzu,„ſo man nicht zau⸗ dert. Nicht alle unſere Waffengefaͤhrten ſind untreu oder feig; der Verluſt iſt groß, aber noch bleibt uns ein zahlreiches, wohlgeruͤſtetes, muthiges Heer. Jetzt, jetzt iſt es der Augen⸗ blick, Alles aufzubieten, nicht allein um den Schaden zu verbeſſern, ſondern auch damit die Nation das geſchwaͤchte Vertrauen zum Solda⸗ ten wieder gewinne, der Soldat es zu ſich ſelbſt nicht verliere. Es gilt hier, nicht zu ſaͤumen,“ ſetzte er hinzu, ſich zum Fortgehen wendend; „auf Wiederſehen, Oberſt.“— „Einen Augenblick nur,“ ſprach dieſer, ihn zuruͤckhaltend.„Sahet Ihr den Feldherrn ſchon? Er iſt ſeit geſtern hier.“— „Ich weiß,“ verſetzte der Andere eilig und zerſtreut,„ich weiß und deshalb kam ich. Ich ſtieg bei ihm ab; doch hab' ich ihn noch nicht geſehen; er ſey dringend beſchaͤftigt, hieß es, und bitte um eine Stunde Verzug.“— „Sein Beichtvater war vermuthlich bei ihm,“ ſagte der Oberſt langſam, doch ohne Jronie. „Ei was! den mag er nachher hoͤren, jetzt 181 hoͤre er die Stimme ſeiner Waffenbruͤder, der Armee.“— „Noch iſt die Stunde nicht herum, und ſo lange wird ſich Eure Excellenz wohl gedulden muͤſſen,“ entgegnete der Veteran.„Der Feld⸗ herr,“ fuhr er wie oben fort,„iſt ein wackerer und frommer Mann, und ich meine, er hat im Ganzen nicht viel Anderes als Unterlaſſungsſuͤn⸗ den zu beichten, von welchen ſein Gewiſſens⸗ rath ihn unfehlbar abſolvirt oder ſie gar nicht in Rechnung bringt, denn dem Anſcheine nach iſt ſein Beichtſohn geſonnen, in denſelben zu beharren.“— „Das ſind aber die ſchlimmſten in ſolchem Zeitraum,“ rief der General, trotz ſeiner Heftig⸗ keit ein wenig laͤchelnd uͤber die Wendung, welche der alte Kriegsmann genommen,„und darum muß er auf andere Stimmen hoͤren, als auf die ſeines Seelſorgers. Gott ehre mir unſere Prieſter, ſie haben ſich als wackere Soͤhne des Vaterlands gezeigt, ober hier kommt es auf etwas Anderes an, als ſie gewaͤhren koͤnnen. Der Feldherr muß wiſſen, daß ſolche Unter⸗ laſſungsſuͤnden, wenn ſie auch Gnade finden vor dem Tribunal der Buße, doch vor andern ſtren⸗ 182 ger beurtheilt werden, zum Beiſpiel vor einem kriegeriſchen und vor dem der oͤffentlichen Mei⸗ nung, von dem, in Zeiten wie die unſern, keine Appellation ſtattfindet.“— „Und Eure Excellenz gedenkt ihm das zu hören zu geben?“— „unſtreitig, das bin ich ſehr Willens.“— „Ich weiß nicht,“ ſagte darauf der Oberſt kopfſchuͤttelnd,„ob ſolch Wort eine gute Statt finden wird. Der Feldherr iſt jetzt wenig zu⸗ gaͤnglich fuͤr Rathſchlage, uͤberhaupt ſcheint er ſich ſehr geaͤndert zu haben ſeit jener geſcheiter⸗ ten Unternehmung.“— „O gewiß,“ wiederholte unmuthig der An⸗ dere,„gewiß muß er ſich ſehr geaͤndert haben. Ich hielt ihn, wie Viele von uns, ſehr hoch, wie nicht Viele, ſah ich ohne Unmuth den als Vorgeſetzten, der mein Untergebener geweſen war, ich freute mich des Erfolgs, der Anfangs ſeine Schritte begleitete, und folgte gern ſeinen ſich ſo ruͤhmlich entfaltenden Fahnen. Nicht gleich⸗ gultig haͤtte ich zu anderer Zeit ſolche Eingriffe in das geſehen, was man Rechte nennt, wo es aber auf die Ehre des Ganzen ankommt, muß der Ehrgeiz des Einzelnen ſchweigen. 183 Es iſt jedoch in der That, als wenn ſeit dem Ereigniß, von welchem Ihr ſprechet, das Gluͤck von ihm gewichen ſey, und was noch ſchlimmer iſt, das Vertrauen zum Gluͤck. Kommt hierzu noch Abneigung, den Rath Wohlgeſinnter und Sachkundiger anzunehmen, ſo iſt es am aller⸗ ſchlimmſten. Der Rath aber, den ich mir ſelbſt geben wurde, befaͤnde ich mich in ſolchem Falle, waͤre, des Amtes mich abzuthun, in deſſen Aus⸗ uͤbung mir das Gluͤck, gleichviel ob in der Wirklichkeit oder in der Einbildung, nicht mehr zur Seite ſteht, das Gluͤck, auf dem im krie⸗ geriſchen Walten vornehmlich der Erfolg be⸗ ruht, fuͤr welchen ich mir nicht ſelbſt allein ver⸗ antwortlich bin, ſondern dem Ganzen. Die Worte, die jener Roͤmerheld an das Schiff richtete, auf dem er ſich befand, lauteten nicht:„Du fuͤhrſt den Caͤſar“, nein ſie lauteten:„Du fuͤhrſt den Caͤſar und ſein Gluͤck.“— „Ich zweifle, ob unſer Imperator geneigt ſeyn moͤchte, zu thun, wie Ihr thun wuͤrdet,“ entgegnete der Oberſt;„leicht gewoͤhnt ſich die Hand an den Commandoſtab, und ob ich gleich nicht behaupten will, er werde ihn lange fuͤh⸗ 184 ren, ſo meine ich doch kaum, daß er ihn frei⸗ willig niederlege.“— „Gezwungen waͤre hart, das hat er nicht verdient,“ ſagte der General mit edelmuthiger Waͤrme. Schimpf hat der nicht verdient, der, was er konnte, fuͤr unſere Ehre gethan. Bleibt auch Manches zu wuͤnſchen uͤbrig, wuͤnſchte ich auch ſelbſt, er thaͤte ſich einer Gewalt ab, welche zu uͤben, vielleicht ſeine Kraft nicht hinreicht, eine Abſetzung wuͤrde fuͤr uns Alle kränkend ſeyn, beſonders wenn die Staatsbehoͤrden ſie verfugten, welche indeß, glaub' ich, in ihren eigenen Geſchaͤften zu ſehr zu thun haben, um ſich viel mit der Armee zu beſchaͤftigen und mit dem Kriegsweſen. Nein, das ſteht nicht zu be⸗ fuͤrchten, es mangelt dem Feldherrn nicht an Freunden, das Haupt der Verwaltung achtet ihn und iſt zu ehrenwerth, ohne Vertheidigung ſinken zu laſſen, den es einmal geachtet.“— „Auch ſprach ich nicht von den Staatsbehoͤr⸗ den und ihrem Vorſteher,“— erwiederte der Ve⸗ teran mit Nachdruck,—„ich furchte, Ihr habt Recht, wenn Ihr ſagt, ſie haben genug zu thun mit ſich ſelbſt, und moͤgen ſehn, daß ſie ſelbſt ſehn, anſtatt Andere zu halten.“— 185 Nach einer gedankenvollen Pauſe ergriff er die Hand des Andern und fuhr fort mit noch verſtärktem Nachdruck:„Ihr redetet, Herr Ge⸗ neral, vom Tribunale der oͤffentlichen Meinung — ſagt, wie heißt die Mehrzahl ſeiner Beiſitzer? Wer ſind die Vollſtrecker ſeiner Decrete?“—— Der General antwortete betroffen:„Ich ver⸗ ſtehe Euch, Ihr meint das Volk.— Aber nein,“ — ſetzte er gefaßter hinzu,—„der Soldaten⸗ ruhm iſt der glaͤnzendſte in ſeinen Augen, un⸗ gern taſtet es denſelben an; die Feinde des The⸗ miſtokles verbannten ihn, nicht das Volk der Athenienſer. Das Volk unternimmt nichts Au⸗ ßerordentliches ohne Fuͤhrer, ohne Aufwiegler, beſ⸗ ſer geſagt.“— Der graue Krieger ſprach darauf wie vorher: „Das unſere eben ſo wenig, ſo lange dieſe ihm fehlen. Aber werden ſich ſolche nicht finden, wird nicht den irregewordenen Blicken ſich ein Mann des Volkes zeigen, oder der ihm dafuͤr zu gelten verſteht, wenn der guͤnſtige Zeitpunkt da iſt? Und welcher Zeitraum mag guͤnſtig ſeyn, als der, da das Ungluͤck Mißtrauen erzeugt, und vermeinte und wirkliche Irrthuͤmer den Argwohn zu rechtfertigen ſcheinen; welche Maaßregeln koͤn⸗ ——————— die man hier nehmen ſieht? morgen nicht falle.“— zu ſpaͤt iſt.“— 1„Seht,“— unterbrach ihn der Oberſt, mit dem Kruͤckſtock auf einen Seitengang deutend,— „da kommt der, von welchem wir ſprachen. Richte denn Eure Epcellenz dies Wort hier an ihn. Man weiß manchmal nicht, wenn es zu ſpaͤt iſt.“— nen ihn wirkſamer herbeifuͤhren, als die halben, Es iſt nun nicht anders, General,“— ſetzte er mit einem Seuf⸗ zer hinzu,—„wer heute ſteht, ſehe zu, daß er „Ihr koͤnnt recht haben, alter Freund,“— verſetzte der General, die Hand an die Stirn le⸗ gend,—„um ſo nothwendiger aber wird ein Wort der Warnung ausgeſprochen, noch ehe es Der Nahende war ein Mann mittlerer Groͤße und Alters, von ziemlich kraͤftigem Bau. Auch ſein Antlitz trug das Gepraͤge der Kraft, aber einer ermuͤdeten. Bis er den Hauptgang betre⸗ ten, trug er den Kopf etwas geſenkt und ſeine Stirn war mit Falten umzogen; als er aber dem Mittelpunkte der Verſammlung naͤher kam, richtete er ſich empor, wie Einer, der ſich ge⸗ waltſam unerfreulichem Sinnen entreißt; ein wohlwollendes Lächeln vertrieb die Wolke, die uber ſeinen Zuͤgen verbreitet war, und er erwie⸗ derte mit Heiterkeit die ehrerbietigen Begruͤßun⸗ gen der Maͤnner, und mit einfach kriegeriſchem Anſtande die deutungsvollen, beinahe enthuſia⸗ ſtiſchen Worte der Damen, an denen er voruber⸗ ging. Ein leichter Druck der behandſchuhten Finger des Meiſters auf Beatens bloßen Arm, ſchien ihre Aufmerkſamkeit fuͤr den Kommenden in Anſpruch zu nehmen, der im naͤchſten Au⸗ genblicke den Beiden begegnete, deren Geſpraͤch wir eben anhoͤrten. „Sieh da, General,“— ſagte er zu dem Ei⸗ nen,—„auch in der Hauptſtadt anweſend? Man hat mir geſagt, daß Ihr bei mir zuge⸗ ſprochen. Verzeiht— ein unaufſchiebbares Ge⸗ ſchaͤft— Was bringt uns hier zuſammen?“— „Ich komme, mein Feldherr,“— war die Antwort—„theils auf eigenen Antrieb, theils in Auftrag der in meiner Naͤhe befehligenden Generale, um die Verfuͤgungen einzuholen, wel⸗ che Eure Excellenz unſtreitig ergehen laſſen wird.“— „Verfuͤgungen?“— wiederholte der Feldherr mit einer Art von Zerſtreuung.—„Ich wuͤßte 188 nicht— nein, fuͤr den Augenblick wuͤßte ich keine, das gewoͤhnlich zu Beobachtende ausge⸗ nommen, welches Euch zu wohl bekannt iſt, als daß es meiner beſondern Verfuͤgung beduͤrfte. Eure Stellung iſt ſicher und gut, wie ich meine. Seyd Ihr beſonders in derſelben angefochten wor⸗ den vom Feinde? Ich bin uͤberzeugt, daß er nicht allzuwohl empfangen worden. Wie geht es ſonſt bei Euch? Ich war lange Zeit auf einer andern Seite zu beſchaͤftigt, um eine Abtheilung beſuchen zu koͤnnen, die ohnedem unter Eurer Anfuͤhrung gewiß ihre Pflicht gegen das Vater⸗ land zur Genuͤge erfuͤllt.— Habt Ihr den Ver⸗ luſt ſchon genauer kennen gelernt, den ſie erlit⸗ ten an jenem ruhmvollen aber nicht gluͤcklichen Tage?“— Hier verfinſterte ſich abermals ſein Geſicht.—„Ich fuͤrchte, er iſt bedeutend. Nun, was wir wollten, war das Richtige; gethan ha⸗ ben wir, was wir konnten. Der Erfolg ſteht aber nicht in der Gewalt des Menſchen, ſondern in Gottes allmaͤchtiger Hand.“— Der General hatte dieſer aus vielen Fragen und Zwiſchenreden beſtehenden Zuſprache mit der Aufmerkſamkeit eines Mannes zugehoͤrt, der ſich bewußt iſt, in ſeinem Berufe dazuſtehen vor ei⸗ 189 nem Andern, welcher den ihm gleichfalls eigenen Beruf zu wurdigen weiß, und mit der Haltung, die ſelbſterworbenes Verdienſt, den Adel der Ge⸗ burt ſchmuͤckend, gewaͤhrt. Er war vielleicht nicht zufrieden mit dem, was er gehoͤrt, doch es war der Obere, der es geſagt hatte, der zu an⸗ derer Zeit bewaͤhrte Waffenbruder, und treu und wahrhaft mit dem Einen, wie mit dem Andern zu handeln und zu ſprechen, iſt die Pflicht eines Edelmannes, wie er ſeyn ſoll, und eines Sol⸗ daten. Er bereitete ſich darauf, das Gehoͤrte Punkt fuͤr Punkt zu beantworten, und hob nicht ohne Bedeutung an:„Sicher mag unſre Stel⸗ lung ſeyn, aber gut iſt ſie, wenigſtens meiner Meinung nach, nicht, ſie iſt zu nah an der Hauptſtadt gelegen. Unſtreitig haben wir die Verſuche der Gegner, uns auch von dort zu vertreiben, vereitelt, indeß ſcheint es uns nicht genug, nicht getrieben zu werden, wir wuͤnſchen Alle, ſelbſt zu treiben. Es geht wohl bei uns;— der ſchwarze Tod, muͤde, ſeinem Genoſſen in das Handwerk zu greifen, hat un⸗ ſere Reihen verlaſſen, und die Luͤcken, die der letzte an jenem Tage in denſelben gemacht, ſind laͤngſt erſetzt durch eine wackere vaterlaͤndiſche Ju⸗ gend, die begierig iſt, dem Feinde ins Auge zu ſehen, wie ihre aͤltern Kameraden. Gewiß wuͤrde die Erſcheinung des Oberfeldherrn vor unſern zerſchoſſenen Fahnen uns erfreuen, doch noch mehr ſein Ruf, uns mit allen Andern um ihn zu verſammeln zu einer entſcheidenden glorreichen That.“— Der Feldherr erwiederte zoͤgernd:„Mein wer⸗ ther General, wen mehr als mich muß ſolch ruͤhmlicher Eifer erfreuen, doch iſt jetzt ſchwerlich der Augenblick, ihm, Entſcheidendes wagend, nach⸗ zugeben. Habt Ihr nicht vernommen, was ſich zugetragen?“— „Ich weiß,“— verſetzte der untergeordnete Befehlshaber,—„ich weiß, daß ein Feigling oder Ungeſchickter ſich der Wahl unwerth gezeigt hat, welche freilich auch unerwartet auf ihn ge⸗ fallen.“— Der Feldherr verſetzte darauf:„Ihr kennt die Gruͤnde, welche ſie veranlaßten, und es fehlte ihnen nicht an Gewicht. Einheimiſch in dem Lan⸗ de, wohin ich ihn ſandte, von einem Geſchlecht, welchem die Nachbaren noch zugethan waren und die fruͤhern Unterthanen, ob ſie gleich den Herrn gewechſelt, bekannt mit dem Oertlichen 191 und dem Geiſte ſeiner Landsleute, ſtand von ſei⸗ nem Wirken das Gegentheil von dem zu hoffen, was ſich leider erzeigte.“— „Ein ſchlechter Pfennig, mein Filhert gilt auch daheim nicht.“— „Es war ein Irrthum,“— ſprach der An⸗ fuͤhrer ernſt,—„doch iſt ſolcher das Loos der Sterblichen; bei Einem allein wohnt die untruͤg⸗ liche Wahrheit. Es iſt geſchehen,“— ſetzte er mit einem tiefen Athemzuge hinzu,—„und be⸗ ſtraft worden durch einen unerſetzlichen Verluſt.“— „Groß iſt er allerdings,“— rief der General, „aber da ſey Gott vor, daß er unerſetzlich waͤre! Der Erſatz liegt vielmehr ganz nah, er liegt in uns ſelbſt. Fuͤhret uns in's Feld in aller unſe⸗ rer Kraft, und wir werden bald den Flecken ver⸗ loͤſchen, den die Pflichtvergeſſenheit einiger Weni⸗ gen auf uns gebracht.“— „Es iſt jetzt dazu nicht Zeit, ſagte ich Euch,“ — erwiederte Jener mit einer Art geheimnißvol⸗ len Weſens.— „Nimmer kann es mehr Zeit ſeyn, als jetzt,“ — behauptete mit wachſender Lebhaftigkeit der Andere,—„nimmer war es nothwendiger, den geſunkenen Muth, das geſchwaͤchte Zutrauen der 192 fernen Freunde durch kuͤhne Thaten wiederum zu beleben, den Feind zu ernuͤchtern von ſeiner Siegesfreude, ſein Vertrauen auf den Erfolg zu ſchwaͤchen, das“— hier wurden Blick und Ton bedeutſamer—„das an und fuͤr ſich ſchon der halbe Erfolg iſt. Nimmer iſt es mehr Zeit, den Soldaten in Bewegung zu ſetzen, der ſtatt des gewohnten Angriffs ſich auf Vertheidigung be⸗ ſchraͤnkt ſieht; ſelten mag der Schwaͤchere an⸗ ders ſiegen, als durch Angriff. Zeit iſt es, un⸗ ſern wackern Jungen zu zeigen, daß die Victoria noch nicht unſere Fahnen verlaſſen; Zeit endlich, durch irgend ein bedeutend Ereigniß, durch eine frohe Nachricht, die Schwuͤle zu zerſtreuen, wel⸗ che ſo lange Windſtille bei noch drohendem Ge⸗ witter in dieſer Stadt ſelbſt verbreitet hat.“— Geheimnißvoll wie fruͤher entgegnete der Feld⸗ herr:„Manches koͤnnte ich Euch daruͤber ſagen, doch zweifle ich, ob es Eingang in Euer Ohr oder Gemuͤth finden wuͤrde; laſſet uns denn nur die weltlichen Verhaͤltniſſe erwaͤgen. So groß auch Eure Erfahrung iſt, mein werther General, ſo ſehet Ihr das doch wohl nur mit dem Auge des Soldaten an, der vom Feldlager herein⸗ kommt, wo er gewohnt iſt, Alles auf ſeinen 193 Wink ſich bewegen zu ſehen, mit freudigem Ge⸗ horſam und einem Ziele entgegen. Hier iſt es nicht ſo. Ich will, des hohen Amtes ungeach⸗ tet, welches mir das Heer und die Nation an⸗ vertraut hat, mein Urtheil nicht uͤber das Eure, uͤber Niemandes faͤllen, aber jenes Amt ſelbſt, das mich naͤher einſehen laͤßt in das Innere der Verhaͤltniſſe, hat mir in kurzer Zeit gewaͤhrt, was mir an Erfahrung in dieſer Ruckſicht fehlte, und nicht in der erfreulichſten Art. Mit Recht mißfaͤllt Euch die Stimmung, die Ihr hier herr⸗ ſchend ſeht, aber ſie iſt es gerade, welche, Be⸗ hutſamkeit erheiſchend, das Verfahren des Heeres und des Oberfeldherrn, dem daſſelbe anvertraut worden, bedingt. Das Gluͤck hat uns verlaſſen in einem entſcheidenden Augenblick, dieſer mag wiederkehren und das Gluͤck ihn begleiten, aber ſaͤumiger kehrt die Zuverſicht zuruͤck, die ſich auf fortwaͤhrenden Erfolg begruͤndet. Doch moͤchte das immerhin ſeyn, aber leider hat das Verge⸗ hen einiger unſerer Waffenbruͤder dieſe Zuverſicht mehr erſchuͤttert, als die wechſelnde Fortuna des Krieges, ſie hat den Glanz des Ruhmes ver⸗ dunkelt, welcher erheiternd auf unſere Mitbuͤrger zuruͤckſtrahlte, und dies Dunkel iſt um ſo dich⸗ III. 13 194 ter geworden durch die geheimnißvolle Unſchluͤſ⸗ ſigkeit, die in dem ganzen Verfahren ſtattfindet, welches dieſe Sache betrifft.“— „Ich bin voͤllig Eurer Excellenz Meinung,“ — verſicherte der General;—„ſo thue denn die Armee, was an ihr liegt, dies Raͤthſel zu loͤſen. Der verbrecheriſche Soldat gehoͤrt vor ein Kriegs⸗ gericht, ſtellet Jene denn vor daſſelbe in Eurem Namen, als Oberfeldherr, in dem unſern, und bald wird es klar werden, daß das Heer weder ihr Betragen beſchoͤnigt, noch es nachzuahmen geſonnen iſt.“— Der Feldherr zuckte die Achſeln, als er ver⸗ ſetzte:„Das iſt leichter geſagt, als gethan, Ge⸗ neral; allzuviele Ruͤckſichten kommen hier in das Spiel, und ob ich ſie gleich nicht theile, darf ich weniger als ein Anderer ihnen entgegentreten. In meiner Stellung wuͤrde man ſolch Beginnen dem Groll zuſchreiben gegen Widerſacher, denen meine Erhebung mißfaͤllig war, vielleicht der Rache erfahrener Unbill, und ich will nicht, daß man mich ſolcher Empfindung zeihe, die dem Chriſten uͤbel anſteht.“— Der General bedauerte im Stillen, daß dieſe Stellung einem Manne zu Theil worden, der it 195 ſeiner Meinung nach ſich nicht hinlaͤnglich fuͤr ſie eignete, alle ihre Verpflichtungen mit freudi⸗ ger Entſchloſſenheit oder wenigſtens mit der noth⸗ wendigen Feſtigkeit zu erfuͤllen.— „So ſind“— fuhr der Feldherr fort—„denn die Umſtaͤnde verwickelter, als man glaubt, mein Herr. Ich gebe zu, daß es von einer Seite nothwendig iſt, durch irgend Etwas das wankende Vertrauen zu befeſtigen; von der an⸗ dern aber— eben weil es wankt, iſt es um ſo mißlicher, es auf eine entſcheidende Probe zu ſtel⸗ len. Ein zweideutiger Erfolg wuͤrde es noch mehr erſchuttern, furcht' ich, ein mißlungener Verſuch aber es voͤllig umſtuͤrzen und mit ihm alle unſere Hoffnungen.“— „Eben darum,“— rief der Unterbefehlsha⸗ ber mit Lebhaftigkeit,—„eben darum glaub' ich, muͤſſe man den Knoten loͤſen mit Beſonnenheit und Muth, ehe er ſich noch mehr verwickelt, ſo ſehr, daß ihn nur des Feindes Schwert zu durch⸗ hauen vermag. Wir ſehen uns nach und nach umzingelt, nah und immer naͤher, immer enger wird der Raum, immer gepreßter die Luft; wol⸗ len wir warten, bis wir erſticken? Mich daͤucht, man ſpuͤrt hier ſchon etwas Aehnliches. Laſſet 13* 196 uns lieber durchbrechen; in kuͤhnem wagenden An⸗ griff erwarben unſere Vorvaͤter ihren Ruhm, nicht im langſam bedaͤchtigen Vertheidigungskriege.“— Abermals ſchuͤttelte das Haupt der Armee das ſeinige, ſagend:„Das iſt jetzt nicht rath⸗ ſam, ein Ungemach mehr wuͤrde, wie die Sa⸗ chen ſtehn, alles Vertrauen vernichten, das Miß⸗ lingen eines entſcheidenden Verſuchs aber das Ganze.“— „Mein Feldherr,“— verſetzte eindringlich der General,—„wir Alle und Ihr mit uns ver⸗ trauen der Gerechtigkeit unſerer Sache und viel iſt ſchon in dieſem Vertrauen geſchehen. Wollen wir denn nicht auch dem Gluͤck vertrauen und uns ſelbſt? Ohne Selbſtvertrauen mag man ſchwerlich das Vertrauen Anderer erhalten.“— „Der Menſch,“— ſprach der Feldherr ernſt, —„der Menſch, der ſich auf ſich ſelbſt verlaͤßt, verlaͤßt ſich auf eine gebrechliche Stuͤtze, und nicht das blinde Gluͤck regiert die Welt. Doch zweifle ich deshalb nicht ganz an dem Beiſtande Deſſen, der ſie regiert, ſobald die Zeit gekommen ſeyn wird.“— „Und wann wird ſie denn endlich kommen dieſe Zeit?“— fragte der General mit ausbre⸗ chender Ungeduld.“— „Sobald Er es will,“— war die in vori⸗ gem Tone geſprochene Antwort.—„Iſt ſie aber da, und wir haben Gnade gefunden vor ſeinen Augen, dann, glaubt mir, wuͤrde es ſelbſt der Waffen nicht beduͤrfen. Mit Ihm iſt der Sieg, und gegen wen Er ſtreitet, mag dem Verderben nicht entgehn. Moͤchte ſtatt unſerer Fahnen im⸗ mer des Kreuzes friedlich Panier vor uns her⸗ wehn, moͤchten unſere Haͤnde ſtatt des Gewehrs, der Lanze und des Saͤbels den Roſenkranz fuͤh⸗ ren und das Bild des Gotteslammes, ſtatt des Fuͤraſſes das Skapulier unſere Bruſt beſchwe⸗ ren, die Dampfwolken aus dem Weihkeſſel auf⸗ ſteigen ſtatt aus der Muͤndung der Kanone, im⸗ mer waͤre der Sieg unſer, denn fuͤr uns ſtritten die Engel des Herrn.“— Wahrhaſtes Erſchrecken malte ſich auf dem Antlitze des Generals bei dieſen Worten, die, deß vermißt ſich wenigſtens der Chroniſt, nicht erdichtet ſind und den Hoͤrer wie durch einen Zauberſchlag in das zehnte Jahrhundert zu⸗ ruͤck verſetzten, und es waͤhrte eine Weile, ehe er nicht ohne Schaͤrfe antworten konnte:„Oft hat 198 der Herr der Heerſchaaren dem Schwachen beigeſtanden, doch hab' ich noch nie vernommen, daß er dem Unentſchloſſenen und Verzag⸗ ten geholfen.“— Da richtete ſich der Anfuͤhrer hoch auf und ſagte kurz und trocken:„Ihr ſeyd gekommen, Herr General, meine Befehle zu vernehmen, em⸗ pfanget ſie denn. Ihr verfuͤgt Euch in der kuͤr⸗ zeſten Zeit zu Euerm Heereshaufen zuruͤck und verharret mit demſelbigen in der bisherigen Stel⸗ lung, bis der Oberfeldherr ſie zu veraͤndern be⸗ fiehlt.“— Dann wandte er ſich mit ſtolzer Begruͤßung von dem General, der an ſeiner Stelle beſtuͤrzt verweilte, nicht durch des Vorgeſetzten Unmuth und den erhaltenen Befehl, aber durch das fruͤ⸗ her Gehoͤrte, durch den Gedanken, wie die Seele ſelbſt eines untadelichen Mannes bedraͤngt wer⸗ den kann durch eine unangemeſſene Stellung, ſo bedraͤngt, daß ſie ſich zu Begriffen fluͤchtet, welche ſie erſt zu Wahnbildern umgeſtalten muß, damit ſie den benoͤthigten Schutz ihr ertheilen. Nur wenige Schritte hatte der Feldherr im Hauptgange des Gartens gemacht, als ihm eine Perſon entgegenkam, welche des unſichtbaren 199 Zeugen verſtaͤrkter Fingerdruck ſeiner Begleiterin zu doppelter Aufmerkſamkeit empfahl, und ſomit auch dem Leſer. Die buͤrgerliche und einfache Kleidung, die der etwa ſechzigjaͤhrige Mann trug, verbarg nicht ganz, was ſeine Haltung andeu⸗ tete, und man ſah auf den erſten Blick, er ge⸗ hoͤre dem Kriegerſtande an. Sein urſpruͤnglich blondes Haar war bereits weiß geworden und duͤnn, zumal uͤber der breiten, glatten und doch wieder auch gerunzelten Stirn, ein Widerſpruch, doch nur ein ſcheinbarer, welchen der Maler dem Darſteller mit Dinte und Feder kaum als Irr⸗ thum anrechnen duͤrfte. Die grauen Augen, das hochgefaͤrbte rundliche Geſicht mit hervorſtehenden Backenknochen und breiter Kinnlade, die gewoͤhn⸗ lich geformte, etwas kleine Naſe, zuſammenge⸗ nommen mit der die Mittelgroͤße uͤberſteigenden, ziemlich breitſchulterigen Geſtalt, ſchienen auf eine behaglich heitere Gemuͤthsart des Beſitzers zu deuten, welcher mit der anſtaͤndigen Haltung des guten Tones und der Ruͤhrigkeit, die einen nicht mehr jungen Kriegsmann ſo wohl kleidet, auf den erſten Blick einen nicht unangenehmen Eindruck hervorbrachte; der zweite indeſſen be⸗ merkte, fiel er nicht aus ganz ſtumpfen Augen, 200 auf dieſem Antlitz das Gepraͤge innerer, durch äußere Ausbildung nur ſchlecht uͤberfirnißter Roh⸗ heit, in ſeiner raſchen Geberde eine, wenn man ſo ſagen darf, eine Art muͤhſam zuruͤckgezwaͤng⸗ ter Gewaltſamkeit, die Ironie der Unzufrieden⸗ heit in dem Blicke jener grauen Augen, und am Munde— nun, wir werden ferner Gelegenheit haben, von dieſem Munde zu ſprechen. Der eben beſchriebene Mann und der Feld⸗ herr gingen an einander voruͤber, nicht ſtolz, aber ſteif ſogat; keine Hand bewegte ſich zur Begruͤ⸗ ßung des Bekannten, nur ein finſterer Blick von beiden Seiten deutete an, man erkenne den Geg⸗ ner. Des Oberbefehlshabers Auge blieb, als er voruͤber war, noch einige Zeit finſter, aus dem des Andern aber, als er ſtehen blieb, um Jenem nachzuſchauen, brach es wie ſchillerndes Hagel⸗ gewoͤlk aus den dunkeln Maſſen des Gewitter⸗ himmels, und um den erwaͤhnten Mund zeigte ſich ein Laͤcheln.— Dies Laͤcheln war gewiſſermaßen ein be⸗ ruͤhmtes. Wenig Jahre zuvor, als es erſchien bei dem ſeltſamen, urploͤtzlichen Tode, der einen ſeiner alten, innig gehaßten Waffenbruͤder in ſeiner und vieler hundert Andern Gegenwart 201 betraf, hatte es ſogar einem hohen Herrn ein wenig allzugraßlich geſchienen, obgleich derſelbe nicht gerade allzugroßer Zartheit der Empfindung be⸗ zuͤchtigt ward. Wir und der Chroniſt uͤberlaſſen dem Leſer, ſich darnach einen Begriff von die⸗ ſem Laͤcheln zu machen, genug— es ſtrahlte gleich wie auf einem treuen Spiegel auf des nicht fernen Meiſters Angeſicht wieder. Nachdem er eine ganze Weile ſo geſtanden und nachgeſchaut hatte, wendete er ſich und traf gleich hernach auf den immer noch verweilenden General, deſſen Beſtuͤrzung allmaͤhlig anfing zum Unmuth uͤberzugehen. Abſichtlich oder unab⸗ ſichtlich traf er auf ihn, vielleicht hatte er ſeine Unterredung mit dem Oberfeldherrn und die Wirkung, die ſie auf ihn gemacht hatte, be⸗ merkt, vielleicht nicht, kurz, er traf auf ihn. Seine Anrede war ziemlich der gleich, welche kurz vorher an denſelben ergangen, es war eine Frage nach ſeinem Befinden und der Urſache, die ihn nach der Hauptſtadt gefuͤhrt, in ſehr vertraulichem und kameradſchaftlichem Tone vor⸗ getragen. Auch die Erwiederung war ziemlich dieſelbe. „Ich bin hereingekommen, um Neues zu hoͤ⸗ ———— 202 ren, bei uns draußen bleibt es ziemlich bei'm Alten, nur zu ſehr bleibt es dabei.“—— „Und habt Ihr auch Neues erfahren?“— fragte der Hinzugekommene:—„Es mangelt hier in der Regel nicht daran.“— „Das merk' ich,“— gegenredete der Unmu⸗ thige:—„Ich habe mehr erfahren, als mir lieb iſt, und doch nicht genug, um mich und man⸗ chen Andern zufrieden zu ſtellen. Koͤnnt Ihr, General, mir vielleicht ſagen, was mir beſſer ge⸗ faͤllt?“—— „Ich? Daß ich nicht wuͤßte,“— war die Antwort Desjenigen, den wir nun gleichfalls als General kennen gelernt.—„Doch ja,— ich habe einige ganz leidliche Gemaͤlde aus den Nie⸗ derlanden erhalten, ſo recht nach der Natur, nach der gemeinen zwar, doch das will nichts ſagen. Haͤttet Ihr Luſt, ſie zu ſehn? Es iſt Manches darin, was wohl die Muͤhe einer Copie ver⸗ lohnte.“— „Ich bin kein Freund von Copien,“— ent⸗ gegnete unzuftieden der Erſte.“— „Und doch“— ſagte der Andere— iſt eine gute Copie nicht ſelten beſſer, als ein, ich will 203 nicht ſagen, ſchlechtes, aber nachläͤſſig Sn beitetes Original.“— „Mag ſeyn,“— war der kurze Beſcheid.— „Ich lebe nun ganz den Kuͤnſten und mei⸗ nem Familienkreiſe,“— hob nach einer Pauſe der General Nummer Zwei wieder an.—„Das iſt mit Euch, Herr und Kamerad, ein Anderes; Ihr lebt im Treiben der großen Welt und der Feldlager, Euch mag manche Scene in der Wirklichkeit vorkommen, die mich jetzt nur auf der Leinwand erfreut. Ich bin wirklich der Welt und ihren Figuren ganz abgeſtorben. Sagt mir doch, wer war es, der eben von Euch ging?“— Nummer Eins ſah ihn etwas befremdet an: „Solltet Ihr den Mann nicht kennen, mit dem Alle nicht zufrieden ſind, als er mit ſich ſelbſt es zu ſeyn ſcheint? Es war der Oberfeld⸗ herr. Doch“— ſetzte er lachend hinzu,—„ich erinnere mich, Eure beiderſeitigen Excellenzen ſte⸗ hen nicht zum Beſten mit einander, und ein gemalter Mann mag Euch daher immerhin ſo lieb ſeyn, als“—— „Ein anderer Gemalter, meint Ihr wohl?“ — ergaͤnzte der Zweite, deſſen Augen an Leb⸗ haftigkeit gewannen.—„Ich habe gegen den 204 Herrn Generaliſſimus auf der Welt nichts.— Waret Ihr geſtern im Schauſpiel? Ich beſuche es oft, da ich ſonſt nichts Anderes zu thun habe, auch nimmt ſich der Patriotismus auf der Buͤhne ſehr wohl aus, vielleicht am beſten.“— „General,“— verſetzte der Andere,—„wenn ich Euch um Neuigkeiten fragte, ſo war es nicht nach Gemaͤlden und Komoͤdien. Das iſt wohl gut zur Zeit des Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt, jetzt aber, mein' ich, liegen uns an⸗ dere Dinge naͤher.“— „Ja ſo!“— antwortete Jener gedehnt.— „Ihr wollt etwas wiſſen von Staatsneuigkeiten? Nun ſeht, damit kann ich Euch nicht dienen. Ich lebe jetzt ganz den Kuͤnſten und meiner Haͤuslichkeit, in dem, was daruͤber hinaus, bin ich ſo unwiſſend als ein Kind.“— Der General ſah ihm eine Weile mit un⸗ glaͤubigem Halblaͤcheln in's Geſicht und ſagte dann: „Es wird Euch ſchwer fallen, mich zu uͤberzeu⸗ gen, daß Ihr wirklich ſo ganz von der Welt abgeſchieden ſeyd, als Ihr vorgebt.“— „Und warum nicht?“— gegenfragte der Zweite trocken.—„In meinem Hausweſen herrſcht ziemliche Ordnung, die ich nicht uͤberall antreffe, 205 wenn ich es verlaſſe; warum ſoll ich es alſo? Warum ſoll ich nicht lieber der Komoͤdie zuſehn auf den Bretern, die doch manchmal recht er⸗ gotzlich iſt, als mitſpielen in der andern lang⸗ weiligen und des gehoͤrigen Planes ermangeln⸗ den, die auf dem großen Staatsgeruͤſte aufgefuͤhrt wird? Es iſt auch noch ein Unterſchied dabei, werther Herr Kamerad; in jener macht Niemand den bezahlten Platz mir ſtreitig, waͤhrend es in der andern ſich wohl zutraͤgt, daß man von dem⸗ ſelben verdraͤngt wird von— einem frommen Helden. Dabei faͤllt mir ein: wiſſet Ihr wohl, warum Aeneas vom Virgil immer„pius, der Fromme“ genannt wird? Ihr meint, weil er ſeinen Vater auf dem Ruͤcken davontrug? Ihr irrt; darum, weil er in allen Tempeln herum⸗ lief und die Orakel befragte, waͤhrend Troja ſchon beſtuͤrmt ward.“— Der haͤmiſche Nachdruck der letzten Worte entging dem Hoͤrenden nicht und er verſetzte: „Ich meine, General, das Waſſer des***ſchen Geſundbrunnens iſt fuͤr Euch nicht der Trank des Lethe geweſen.“— „Meint Ihr, General?“— fragte dieſer mit ſtechendem Blick und greller Stimme, dann ſetzte * 206 er, aber ruhiger, beinahe wie gutmuͤthig hinzu: „Um des Gleichguͤltigen zu vergeſſen, bedarf man des Lethe nicht.“— „Ihr wollet, ich ſoll Euch fuͤr ſo gaͤnzlich entſagend halten; nun gut, es ſey darum, weil Ihr es ſo wollt. Darum kann ich Euch aber nicht loben; der Staatsbuͤrger darf nicht gleichguͤltig ſeyn, wo es auf das Wohl der Republik an⸗ kommt, noch weniger darf er es perſoͤnlichen Ruͤckſichten nachſetzen.“— „Republik!“— ſagte der Zweite,—„o das iſt ein altes Wort, ſo alt, daß es ſchon lange vergeſſen war, und nun, da es wieder an die Tagesordnung gekommen, Niemand es mehr verſteht; ein Gericht, vor Jahrhunderten gekocht und wieder aufgewaͤrmt, ſo oft, daß es ganz zaͤh und ungenießbar geworden, wenigſtens fuͤr die Zaͤhne den jetzigen Welt hier zu Lande.“— „General!“— erwiederte der Erſte unwillig,— „Eure Vergleiche ſind mir eben ſo unergoͤtzlich, als mir der Sinn derſelben wenig gefaͤllt. Wir ſind nicht ſo entartet, als Ihr in der menſchen⸗ feindlichen Laune glaubt, die Euch beherrſcht, oder die Ihr vielleicht nur zur Schau tragt. Es ſind noch wackere Maͤnner unter uns, und nicht auf der Buͤhne allein lebt der Patriotismus.“— „Wer zweifelt daran?“— antwortete Jener im allerunbefangenſten Tone.—„Iſt das Haupt unſerer Verwaltung nicht ein wuͤrdig Haupt? Geſetzt und verſtaͤndig, ſanftmuͤthig und mild und, was das Beſte iſt, immer bereit, im Kreiſe der uͤbrigen Pagoden bejahend zu nicken. Und hattet Ihr nicht an der Spitze des Heeres einen Cincinnatus, welcher aufſtand von ſeinem Ruͤ⸗ bengericht, um den lange weggelegten Feldherrn⸗ ſtab zu fuͤhren, habt Ihr nicht jetzt einen Fabius Cunctator?— Schade nur, daß Beide ein we⸗ nig zuruͤckbleiben hinter ihren Urbildern. Vor dem Einen, dem Cincinnatus naͤmlich, ging der alte Ruf her, vor Jahren jenſeits des Meeres er⸗ worben und der Gebirge, und man erwartete große Dinge von ihm. Leider hatte man vergeſſen, daß ein ungebrauchter Stein bemooſtt, waͤre er auch zur Bildſaͤule des leibhaftigen Mars ge⸗ meißelt. Er kam, er ſagte und ſiegte— zwar nicht, ſondern baute dem fliehenden Feinde als weiſer Feldherr goldene Bruͤcken, freilich vergeſ⸗ ſend, er koͤnne wiederkommen. Unſer Fabius aber, er hat keinen Hannibal vor ſich und ein Capua giebt es auch nicht hier zu Lande. Des Erſten durchloͤcherter Feldherrnmantel ſchuͤtzte doch eine Zeit lang gegen den Sturm; des Zweiten Skapulier— nun— er weiß am beſten, wo⸗ vor es ihn ſchuͤtzen wird und Euch. Matt hat es begonnen, matt wird es enden, das iſt ſo der natuͤrliche Gang der Dinge.“—— „Ihr habt eine ſehr duͤſtre Anſicht der Dinge ſowohl als der Perſonen“— war die Antwort— „und beſonders in Betreff auf die letzteren geht Ihr zu weit. Gewiß mag man unter einer zahlreichen Verſammlung auf verſchiedene Grade der Faͤhigkeit ſtoßen, ſo wie auf verſchiedene Be⸗ griffe, doch wenige ihrer Mitglieder aͤhneln wohl jenen thoͤnernen hirnloſen Koͤpfen, mit denen Ihr ſie verglichen. Aus Euch, ſo gern Ihr es auch verbergen moͤchtet, General, aus Euch redet die Erbitterung, die ich wohl am Menſchen entſchul⸗ digen mag, deren Sprache ich aber am Buͤrger verwerfe.“— Ohne auf die verfinſterte Stirn des Zweiten Acht zu haben, fuhr er fort:„Ge⸗ rade die Eigenſchaften, welche Ihr dem Haupt der Verwaltung beilegt, machen es geeignet zu der Stelle, die es bekleidet, ſie rechtfertigen ſeine Wahl, wie ſein alter hochgeehrter Name ſie auf 209 ihn lenkte. Was ſein Bejahen betrifft: nun, es iſt wahr, er hat ein Mal Ja geſagt, wo Ihr es vielleicht nicht wuͤnſchtet, das Ja— verzeiht, General, ich bin Soldat und ſpreche offen— durch welches er in Einſtimmung mit den uͤbri⸗ gen Pagoden Euer Geſuch um Entlaſſung ge⸗ waͤhrte.“— „General!“— fuhr der Andere hitzig auf und— „Was beliebt?“— war die Antwort des Zweiten, aber Jener ſetzte ſogleich gefaßt hinzu: „Ihr beſteht nun einmal darauf, daß mich noch ſehr beſchaͤftigt, was ich wahrlich laͤngſt vergeſſen. Ich geſtehe indeß, nimmer haͤtt' ich gewaͤhnt, in Euch den Paladin der Machthaber zu finden. Haltet Ihr ſie denn fuͤr ſo viel vor⸗ zuglicher, als Ihr ſelbſt? Wahrlich,“— ſetzte er einigermaßen verbindlich hinzu,—„ich werde ſolchen Unterſchied in keiner Ruckſicht gewahr, und meine, Ihr haͤttet eben ſo viel Recht als ſie zu dem, was ſie ſich angemaßt haben. Ich,“ — ſetzte er, wieder duͤſter werdend, hinzu,— „ich ſtelle Keinen ſo hoch, daß ich mich neben ihm verachte.“— Dieſe letzten Worte, obgleich wahrſcheinlich III. 14 210 einer Dichtung entnommen, ſchienen doch ſo aus dem Innern des Redenden zu kommen, daß den General ein dunkles Gefuͤhl der Aehnlichkeit zwiſchen dem beſchlich, dem ſie entlehnt waren, und dem, welcher jetzt vor ihm ſtehend ſie wie⸗ derholte.—„Der Aemter“— ſagte er—„ſind gemeiniglich weniger, als der dazu Befugten, und ich bin zufrieden mit dem meinigen, bis etwa ein anderes leer wird. Auch verachte ich mich neben Niemand, ich achte mich vielmehr zu hoch, um Andere zu verkleinern. Das aber habt Ihr gethan mit Jenem, den Ihr ſpottend Cincinnatus benennt. Wiewohl nicht mit neuem Ruhm, doch makellos iſt er abgetreten, und nur im Stillen“— hier heftete er ſeinen Blick auf den Andern—„verunglimpft ihn noch die Ver⸗ leumdung. Wenn Ihr ihm zum Vorwurf macht, er habe nicht Alles, was er konnte, gethan, ſo vergeſſet Ihr, daß Mancher damals wohl glau⸗ ben durfte, nicht Alles, was er konnte, ſey recht und nothwendig. Die Zeiten haben ſich geaͤn⸗ dert, jetzt muͤſſen wir thun, was wir koͤnnen, und wir haben es gethan. Auch der hat es ge⸗ raume Zeit gethan, welchen Ihr Fabius den Zau⸗ derer heißet, und er mag ſelbſt ſagen, was er will, nicht ſein Skapulier war es, mit dem er mehr als ein Mal die Feinde geſchlagen. Nun aber freilich— es waͤre zu wuͤnſchen“— hier ſtockte ſeine Rede allmaͤhlig, gleich als wenn der Stoff ſich ihr verſagte. 5 Der Andere hatte die hier und da etwas ſcharfen Worte des Erſten mit einer Maͤßigung angehoͤrt, welche vom Zwange, den ſie ihm au⸗ genſcheinlich koſtete und ſeiner Gemuͤthsart nach vermuthlich von einem fremdartigen Beweggrunde herruͤhren mochte, jetzt aber ſprach er mit einer Art von Laͤcheln und einem forſchenden Blicke: „Nun, Ihr brecht ab, General, iſt Eure Lobrede auf den Feldherrn ſchon ſo bald zu Ende?“— Er ſah ihm drauf abermals eine Zeit lang in's Geſicht, dann fuhr er fort:—„Er ſprach eben mit Euch, und ſo ich nicht irre, hinterließ er Euch in großer, nicht angenehmer Bewegung. Was mag er Euch wohl geſagt haben? Ich wette, es war nicht viel und doch wieder zu viel, wie man es nimmt.“— „Ihr werdet es nicht von mir erfahren, denn Ihr ſeyd ſein Feind,“— antwortete Jener feſt, gleich darauf aber bemerkte er an dem Ausdrucke in des Andern Zuͤgen, daß dieſer kurze Beſcheid 14* 212 einer vollſtändigen Ausſage wenig nachgab, und ſetzte raſch hinzu:—„Ich bin der Feind ſol⸗ cher Feindſchaften und nicht geneigt, ihnen Nah⸗ rung zuzutragen. Ja, wenn wir einmal in Ruhe ſeyn werden und Alles vorbei, dann moͤge man ſich wieder anfeinden und verlaͤſtern, und Einer den Andern zu verdraͤngen ſuchen, auch ich werde vielleicht dabei ſeyn, denn ſo gut wie irgend Einer hab' ich meinen Ehrgeiz, und kann, wenn es ſeyn muß, auch eine Intrigue ſpielen. Zu dem Allen iſt aber jetzt nicht die Zeit, jetzt gilt es, ein Ende zu machen, und darum, ich leugne es nicht, halte ich fuͤr nothwendig, daß einige Maͤnner ſich zuſammenthaͤten, angeſehene Staats⸗ burger, wackere Soldaten, die eine Stimme ha⸗ ben bei'm Volke und bei'm Heere, daß ſie die ſtockende Maſchine ein wenig raſcher fortrollten, ehe ſie ſtecken bleibt, daß die Sache aus wäre, ehe ſie ſchaal zu werden beginnt.“— Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatte der Zweite zugehorcht, nun fiel er plotzich mit hei⸗ terer Stirn ein:„Iſt es wahr, daß wir uns ver⸗ ſtehen? Daß, obſchon einige Jahre weniger Euch eine minder duͤſtere Anſicht von den Dingen, Perſonen und allen den aͤußern Zuthaten geben, 213 wir dennoch Eins ſind, was das Weſen betrifft? Ihr habt Recht, man machte es wohl, im An⸗ fange nicht Alles zu thun, was man konnte, und dieſen Vorwurf, wenigſtens dem ehemaligen Feldherrn gemacht, nehme ich gern zuruͤck. Er war eine Art Probe, auf welche ich Euch, wer⸗ ther Herr Kamerad, ſtellte.“— „Probe?“ fragte Jener verwundert.„Was fuͤr eine Probe, und wie kommt Ihr dazu, mich auf eine ſolche zu ſtellen?“ „Verzeiht, habt Ihr ſie doch beſtanden. Man muß jetzt vorſichtig ſeyn, theurer General, nur Wenige hegen ſolche Geſinnungen, als ich mit Vergnuͤgen bei Euch wahrgenommen.“— „Meine Geſinnung?“ verſetzte der Andere noch einmal wie oben.„Ich meine, man that nicht unrecht, gleich im Anbeginn die Scheide des Schwertes nicht von ſich zu werfen im herausfordernden Angriff; nicht unrecht, ſage ich, obſchon die Folge gelehrt hat, daß es vielleicht zweckmaͤßiger geweſen, denn ich ſage mit dem Seneca:„Dem Ehrenmanne ſteht es zu, daß er das Rechtliche dem Nuͤtzlichen vorziehe.“ Noch weniger finde ich es Unrecht, daß man verſuchte, die beſtehende Gewalt mit unſerem Rechte zu 214 verſöhnen, daher man das oft mißliche, immer blutige und koſtbare Spiel eines Umwaͤlzungs⸗ krieges begann.“— „Ganz Recht und mir wie aus der Seele geſprochen,“ verſicherte der Zweite,„und ich wiederhole, es freut mich ſehr, bei Euch eine Meinung zu finden, die leider ſelten genug iſt. Ja, Maͤnner von Einſicht und Anſehen muͤſſen ſich zuſammenthun, um der Sache ein Ende zu machen, denn ſie iſt wirklich ſchon ſchaal ge⸗ worden; es iſt Zeit, die ſtockende Maſchine in Gang zu ſetzen, daß ſie dahin rolle, wohin ſie doch endlich rollen muß. Einige Wenige ſind daruͤber ſchon mit mir eins geworden, und ſo Ihr Euch uns anſchließen wollet, General, ſo will ich Euch des Weges fuͤhren, auf welchem i der Wirklichkeit Vortheil und Ehre zu er⸗ werben ſind, deren Schatten man hier nach⸗ jagt.“— „Verzeiht, General,“ erwiederte der Erſte, „dieſen Weg denke ich auch ohne Eure Fuͤhrung zu finden. Er liegt ganz offen da, er iſt ſchon begonnen, das Abweichen gefaͤhrlich, das Um⸗ kehren unmoͤglich und ſchimpflich. Ich mag nicht unterſuchen, ob, was geſchehen, weiſe war 215 oder nicht; vielleicht geſchah es zur unrechten Zeit, doch dies zu unterſuchen, iſt zu ſpat, es iſt einmal geſchehen, und was in Maͤnnerweiſe begonnen wurde, darf nicht in der Art reuiger Schulknaben enden. Wir haben, wie jene Schweizer ihr Panier, unſere Ehre unter die feindlichen Haufen geworfen, im Angeſichte der Welt, dort muͤſſen wir ſie wiederſuchen, und gaͤlte es Tod oder Leben.“— „Hm— ja ſo—“ entgegnete der Andere mit Miene und Ton eines Getaͤuſchten, dann aber, ſich ſchnell ſammelnd, ſetzte er gefaßter hinzu: „Und was iſt denn Eure Meinung, General? Welche ſie auch ſey, es iſt mir ſchaͤtzbar, ſie aus dem Munde eines ſo wackern Staatsbuͤrgers, eines ſo tapfern Heerfuͤhrers zu hoͤren.“— „Meine Meinung iſt,“ antwortete Jener kurz,„daß wir uns nicht, hin und her und im⸗ mer ein wenig ruͤckwaͤrts marſchirend, einſchlie⸗ ßen laſſen in dieſen Steinhaufen, daß man uns darin ausraͤuchere, wie den Dachs in ſeinem Bau; daß wir auch wieder einmal etwas von uns hoͤren laſſen; daß wir alle unſere Kraft, und waͤre es die letzte, aufbieten zu freudigem Angriffskampf nach der Weiſe unſerer Vorvaͤter; 216 daß wir den entfernten Freunden den Muth zuruͤckgeben, den ſie verloren, als wir ſcheu und betreten davon gingen, nach einem miß⸗ gluͤckten Verſuch; daß wir durch zoͤgerndes Schwanken die Achtung anderer Nationen nicht verlieren, die wir durch heldenmuͤthige Kuͤhnheit erworben; daß wir endlich, wenn das Loos des Schickſals unguͤnſtig fuͤr uns fiele, wenigſtens wuͤrdig untergehen, Alle, Alle, unter den Waͤllen dieſer Stadt, und die Wiege unſerer Freiheit unſer Grab werde. Das, Herr Ge⸗ neral, das iſt meine Meinung.“— Mit wohl nachgeahmter Heiterkeit und na⸗ tuͤrlich genug, aber doch in ganz veraͤndertem Tone antwortete der zweite General:„Das nenne ich geſprochen, wie es einem Manne ziemt, einem Soldaten und Vaterlandsfreund, und das iſt auch meine Geſinnung, die Ihr doch ver⸗ ſtanden? Weg mit der Halbheit, die Ihr ſo richtig tadelt, weg mit der ſchwulen Windſtille, die uns erſtickt, wie die Maus, der man unter der Glocke die Luft allmaͤhlig entzieht. Ein Gewitter breche herein, das unter Blitz und Donnerſchläͤgen und ſtroͤmendem Regenguß die Atmoſphaͤre reinigt, und Blitz und Donner 217 folge auf einander, daß der Morgen heiter und erfriſchend werde, der Morgen, der doch endlich wiederkehren muß. Stuͤrzt dann auch Man⸗ ches zuſammen, nicht wahr— der tadelfreie Mann ſieht auch Himmel und Erde zuſammen⸗ ſtuͤrzen und furchtlos ſich unter ihren Truͤm⸗ mern begraben? So wollen auch wir thun. Wie wir es begonnen, wollen wir es enden, und dieſe Stadt, die Wiege unſerer Freiheit, werde ihr Grab!“— Etwas kuͤhl war der Beifall, mit welchem der Erſte antwortete:„Sehr bin ich erfreut, in Euch, General, ſolche Geſinnung zu finden, an welcher, ich geſtehe es, einige Euerer Worte mich beinah irr gemacht haͤtten. Ich wuͤnſche dem Vaterlande aufrichtig Gluͤck, wenn mit dem Talent und der Kraft, die Euch nicht abzu⸗ ſprechen ſind, ſich auch der Wille vereinigt.“— „Denkt Ihr“— nahm Jener wiederum das Wort—„denkt Ihr aber, aufrichtiger geſpro⸗ chen, der Feldherr ſey ſo Großes, Kuͤhnes, ich laͤugne es nicht, Schwieriges auszufuͤhren ge⸗ eignet? Ihr ſchweigt? Ihr glaubt es nicht, und ich bin uͤberzeugt, Euer jetzig Geſpraͤch mit ihm hat Euch den letzten Reſt dieſes Glaubens be⸗ 218 nommen.— Nein, dazu gehoͤren andere Maͤn⸗ ner, Maͤnner wie ich und Ihr. Ihr beharret bei der Meinung, ich ſey gekraͤnkt durch meine Entlaſſung? Nun wohl, mit einem ſolchen Eh⸗ renmann will ich offen ſprechen. Ich bin ge⸗ kraͤnkt, doch nicht meinetwegen; ich bin nicht mehr jung und habe genug genoſſen von den Guͤtern dieſer Erde in jeglicher Gattung, auch iſt es nicht ein leeres Vorgeben, daß die Kunſt mir erſetzt, was die Wirklichkeit mir zu bieten vermoͤchte. Aber um des Vaterlandes willen ſchmerzt mich meine Unthaͤtigkeit; ich fuͤhle wirk⸗ lich etwas in mir von der Kraft und dem Ta⸗ lente, die Ihr mir guͤtig beilegt, und nur un⸗ gern ſehe ich das Gemeinwohl in den Haͤnden Solcher, denen, Ihr moͤgt ſagen was Ihr wollt, es an beiden gebricht. Euer richtiger Blick hat erkannt, woran es fehlt, und Ihr habt es ge⸗ ſtanden. Nun wohl, befaͤnde ich mich an der Spitze der Verwaltung oder des Heeres, es ſollte bald anders werden, und Ihr und alle die eif⸗ rigen Streiter und Freunde des Vaterlandes ſoll⸗ ten bald den Weg gehen, den Ihr Euch erwaͤhlt, den Weg der Gefahr.“— „Ich wuͤnſche Euch Gluͤck,“— verſetzte der 219 General kalt.—„Ich gehorche dem, welchen der Wille der Armee und der Nation an ihre Spitze geſtellt hat; faͤllt ſie auf einen Andern, ſo werde ich ihm gehorchen, ſo weit es meine Pflicht gegen jene Beiden erlaubt, auch Euch ſogar, wenn es ſeyn muß. Ich hoffe, Ihr wuͤr⸗ det dann Eure Obliegenheit erfuͤllen, wie ich es thun wuͤrde, wenn man mich waͤhlte.“—— Eine kurze Begruͤßung von beiden Seiten endete das Geſpraͤch. „Alſo dahinaus wollte Euer Excellenz?“ dachte der fortgehende General.— Ihr habt Euch in⸗ deß an den Unrechten gewendet. Ich weiß nicht, ob das Heil des Vaterlandes jetzt in der kraͤf⸗ tigſten Hand liegt, aber in der ſeinen, ſo kraͤf⸗ tig ſie auch ſeyn mag, hielt ich es gaͤnzlich ver⸗ loren.“— Der Stehengebliebene ſchaute ihm nach und jenes Laͤcheln trat auf ſein Geſicht.„Auch mir, wenn es ſeyn muß?“ murmelte er in ſich hin⸗ ein;„ich denke doch, es wird ſeyn muͤſſen. Ihr ſeyd ein wenig unbeugſam, mein Vaterlands⸗ held; nun, ſo knorrige Staͤmme muß man dem Sturme ausſetzen, daß er ſie ein wenig beuge. Zur freundlichen Erinnerung in rechter Zeit,“— 220 ſetzte er hinzu, indem er eine Schreibtafel her⸗ ausnahm und fluͤchtig einige Worte aufzeichnete— „und die Zeit iſt nicht fern mehr“— ſchloß er, einen unzufriedenen Blick auf den einfachen Frack werfend, deſſen Bruſttaſche gleich darauf das Denkbuch verbarg.— „Welcher dieſer drei Herren gefaͤllt Euch am beſten, Allerwertheſte?“— fragte der Meiſter Beaten.— Nach einigem, obſchon wahrſcheinlich nicht tiefem Sinnen antwortete ſie:„Der Alte ſpricht zwar ſehr geſcheut, aber in ſeinem Geſicht iſt Et⸗ was, das mir nicht gefaͤllt; der zuerſt wegging, iſt ein recht wohl ausſehender Mann, aber er hat nicht das Lebendige, das die Frauen gern moͤgen an dem Soldaten, auch ſcheint es mir, als ſchaue er verdruͤßlich drein. Unſer General ſagt zwar Manches, das Euch nicht behagen kann und mir auch nicht, aber ſein Feuer und ſeine Lebhaftigkeit kleiden ihn gut, und ſo ge⸗ fällt er mir beim Lichte beſehen doch am beſten. Auch wuͤnſchte ich ihn oft noch in meinem Pa⸗ laſte zu ſehn.“— „Ich denke, wir werden ihn aufgeben muͤſ⸗ ſen,“— war die Antwort;— auch iſt mein 22¹ Geſchmack von dem Euern verſchieden. Mir ge⸗ faͤllt der Laͤchelnde von Allen am meiſten, und ich hoffe, dies Laͤcheln ſoll Manchen weinen ma⸗ chen.“ 4e „Wenn Ihr ihm ſo zugethan ſeyd, Herr,“ — fragte wiederum die Dame,—„warum ge⸗ hoͤrt er nicht zu unſern Beſuchern?“— „Waͤre unnoͤthig,“— lautete der trockene Be⸗ ſcheid;—„der bedarf des Unterrichts nicht.— Gebt, ich bitte, ein wenig Acht auf ihn, und Ihr werdet finden, daß er ſich ſelbſt zu helfen weiß.“— Eben kam ein Trupp junger Maͤnner die Allee herauf, halblaut mit wohlklingenden Stim⸗ men ein altes Volkslied ſingend, welchem die Ereigniſſe des Tages neuen Reiz und neue Be⸗ deutung verliehen; unter ihnen war der Aelteſte der, welchen der Leſer unter der Bezeichnung des „Kurtkatraͤgers“ kennen gelernt. Nicht er, aber einer ſeiner Begleiter wendete ſich an den immer noch Daſtehenden mit den Worten:„Willkom⸗ men zur Heimkehr in's Vaterland, Herr Gene⸗ ral; es ſcheint, als habe die Badereiſe Euch wohl gethan. Das freut mich, wie auch, daß Euer Excellenz wieder hier iſt. Wir beduͤrfen 222 jetzt unſerer tapferen Anfuͤhrer und verdienten Veteranen, denn es duͤrfte nun wohl bald ziem⸗ lich ſcharf hergehn.“— „Dank,“— entgegnete der Angeredete mit heiterer und wohlwollender Miene,—„Dank fuͤr Eure Theilnahme an meinem Befinden. Wie ſollte es auch nicht gut ſeyn; denn mehr als der Genuß jener auslaͤndiſchen Waſſer erquickt einen Patrioten der Geiſt, der in der Heimat herrſcht, beſonders unter der Jugend, der hoffnungsvollen Bluͤthe, welche Fruͤchte verheißt fuͤr eine beſſere Zukunft, der wahren Kraft der Gegenwart, des Vaterlandes eigentlichſte Stuͤtze. Aber, was Ihr von ſcharf Hergehen ſagt, verſtehe ich nicht ganz. Mir ſcheint, als ſtaͤnde das Gegentheil zu er⸗ warten. Es iſt wohl wahr, der Feind breitet ſich nach Belieben aus im Innern des Landes, er kommt taͤglich naͤher und wird bald hier ſeyn⸗ Aber was thut das? Die Vaͤter des Vaterlan⸗ des werden ihn ſchon empfangen mit Manifeſten und Proclamationen, die unſer heiliges Recht und ſein himmelſchreiendes Unrecht klar darthun, und er wird Beides einſehn und ganz betreten zuruͤckgehen, woher er gekommen. Oder wenn es ſich zufaͤllig traͤfe, daß er doch hereinkaͤme, ſo 223 wuͤrde er, wenn er ſie wort⸗ und bewegungslos gewahrte auf ihren curuliſchen Seſſeln, ſie wie jene Gallier fuͤr Leichname oder Geſpenſter hal⸗ ten und davonlaufen in aller Haſt.“— „Als dies ſich zutrug,“— verſetzte der uns bekannte Abgeordnete mit Ernſt,—„war die ganze Jugend Roms ſchon im Kampfe gefal⸗ len.“— „Und das iſt doch hier nicht der Fall?“— warf der zuerſt geſprochen in luſtigem Tone ein. —„Ihr ſeht hier, General,“— ſetzte er hinzu, auf ſeine Gefaͤhrten zeigend,—„eine ſchoͤne An⸗ zahl ruͤſtiger Geſellen, die Luſt haͤtten, mit dem Feinde ein Woͤrtchen zu ſprechen, ehe er ſo weit kommt. Auch ich habe Aehnliches im Sinne.“— „Wir Alle! wir Alle!“— toͤnte es durch einander,—„uͤber unſere Leichname geht der Weg in die Hauptſtadt.“—— „Schoͤn, ſehr ſchoͤn!“— belobte der laͤchelnde General;—„wie erfreut mich ſo edles Aufbrau⸗ ſen edlerer Gemuͤther. Ich zweifle keinesweges daran, daß Ihr, meine Herren, bereit ſeyd, Euer Leben zu opfern, das man freilich nicht wuͤrdi⸗ ger verlieren kann, als fuͤr das Vaterland; aber ſo weit wird es nicht kommen, nicht uͤber Eure 224 Leichname wird der Feind hier eindringen; waͤh⸗ rend er ganz gemaͤchlich hier einzieht und die Väter des Vaterlandes ihm Salz und Brod entgegentragen auf goldenem Teller und auf ſammtenem Kiſſen die Schluͤſſel unſerer alten Hauptſtadt, werdet Ihr zwanzig Meilen entfernt ganz geſund und wohl im Feldlager ſitzen, oder hin⸗ und herziehen, Gott weiß, zu welchem Zweck, und hoͤchſtens Eure junge Tapferkeit an den Nachzuglern des Feindes uͤben, oder an ſei⸗ nen ſtreifenden Horden. Nun, die Uniform ſteht doch recht fein, und es iſt doch eine Veraͤnde⸗ rung, die Salons der Hauptſtadt einmal mit der Beiwacht zu vertauſchen.“—— „Ich weiß nicht, General,“— fiel Einer der jungen Leute beleidigt ein,—„wie Ihr auf dieſe Art von unſerer Abſicht urtheilen könnt und von unſern Begriffen. Bis jetzt glaubten wir, dem Vaterlande nuͤtzlich ſeyn zu koͤnnen, nicht in den Salons, aber in den Saͤlen der Verwaltung, wohin die Pflicht uns berief; nun iſt es freilich die Zeit, daß jeder ruͤſtige Arm die Waffe führe ſtatt der Feder, und ob dies im Kittel eines Senſenmannes geſchieht oder in einer Uniform, 1 225 ſey es auch eine Generalsuniform, Herr Ge⸗ neral, gilt uns gleichviel.“— „Ich hoffe,“— erwiederte dieſer,—„meine jungen Freunde verkennen mich nicht genug, um zu meinen, ihr Sinn hinge an dergleichen Nich⸗ tigkeiten, ich fuͤrchte nur, was freilich ihre Wahl nicht ſeyn kann, wird ihr Beruf werden, denn Ihr wiſſet, das erſte Gebot des Soldaten heißt Gehorſam, Gehorſam gegen den Befehl, er ſey zweckmaͤßig oder nicht, er gehe aus welchem Munde er wolle.“— Da ſprach der Kurtkatraͤger, welcher den Ge⸗ neral mit einer Art von Abneigung zu betrach⸗ ten ſchien:„Und warum, wenn ich fragen darf, fuͤrchtet Ihr das? Unſer Beruf iſt in der That nur, die Hauptſtadt zu vertheidigen im Falle der Noth, aber wenn uns auch ein anderer wuͤrde, ſo erkenne ich ihn in Eurer Excellenz Beſchrei⸗ bung nicht wieder. Keiner Abtheilung unſeres tapferen Heeres darf man muͤßiges Treiben vor⸗ werfen waͤhrend des ganzen Krieges; warum ſollte denn jetzt nicht geſchehen koͤnnen, was im⸗ mer geſchehen?“—— „Auch ſpreche ich von dem Koͤnnen ganz und gar nicht,“— bedeutete ihn Jener;—„das MI. 15 —— Wollen iſt's nur, woran ich zweifle, woran ich zweifeln muß nach Allem, was ich leider ſeit meiner Ruͤckkehr geſehn. Ja einſt, einſt war es anders, Schlag auf Schlag ging es vorwaͤrts, und noch war die Wunde nicht heil, die unſer Schwert geſchlagen, als es ſchon wieder herab⸗ fiel, und doch war die Sache, fur die wir kämpf⸗ ten, nicht unmittelbar die unſere, der Fuͤhrer, deſſen Fahnen wir folgten und verherrlichten, war ein Fremder.— O, geheiligter Name Vater⸗ land!“— rief er mit merkwuͤrdigem Pathos aus. —„deine uralte Ehre zu erhalten, vergoſſen wir unſer Blut in weiter Entfernung, jenſeit des Oceans ſogar, nun da es dich ſelbſt gilt, deiner Wiederherſtellung, dem Daſeyn, geht es laͤſſig zu. Wir haben dich auf ein gefährlich Spiel ge⸗ ſetzt, wo es ſich handelt um den volligen Unter⸗ gang oder eine lange ſegenreiche Zukunft, und laſſen im Augenblick der Entſcheidung die Kar⸗ ten muͤßig und ſchlaftrunken aus der Hand fal⸗ len.“— „Wir laſſen ſie nicht fallen!“— riefen die jungen Maͤnner durch einander.—„Wir wollen nicht dulden, daß man muͤßig ſey oder gar ein⸗ ſchlaäfe!“——— 227 „So geht es aber,“— fuhr der Redner in gleichguͤltigem Tone fort,—„ſeitdem man glaubt, Einer, der vielleicht eine Schwadron gut gefuͤhrt hat oder ein Bataillon, tauge auch an die Spitze einer Armee. Zu der Zeit, von der ich ſpreche, war der, welcher die Wuͤrden austheilte, der großte Menſchenkenner, nicht ſo freigebig mit ſei⸗ nem Vertrauen, als die, welche hier zu Lande und heut zu Tage die Herren ſpielen, und nur bewaͤhrte Gaben, lange Erfahrung erhoben das Verdienſt zu der Stelle, die ihm gebuͤhrt, die es zu behaupten wußte und zwiefach zu behaupten ſtrebte, um bereits erworbener Lorbeeren nicht verluſtig zu gehn.“—— „Immer hab' ich ſchon geſagt,“— aͤußerte Einer,—„Manches wuͤrde beſſer gehen, fuͤhrte ein Veteran den Commandoſtab, einer der wah⸗ ren Schuͤler des unvergeßlichen Meiſters der Kriegskunſt.“— „Es kann und ſoll beſſer gehen!“— fielen die Meiſten ein.—„Wacker fechten unſere Sol— datenbruͤder, wacker wollen auch wir fechten, braucht das Vaterland unſern Arm. Aber was hilft es, wenn der Geiſt traͤg iſt, der dieſen kraͤftigen Koͤrper beſeelt, und trag iſt er, ſonſt 15* 228 ſtänden die Sachen ganz anders, und wir in der Hauptſtadt des Feindes, ſtatt er vor der un⸗ ſern.“— „Welches iſt Euer Stand und wer ſind Eure Eltern?“— fragte der General mit leutſeligem Weſen den ihm zunaͤchſt Stehenden.— „Ein Kaufmann iſt mein Vater,“— ant⸗ wortete dieſer;—„auch ich bin dazu beſtimmt, doch braucht das Vaterland jetzt meine Feder mehr, als das Comptoir, drum hab' ich ſie ihm gewidmet, wie ich ihm auch meinen Saͤbel widmen werde, gebraucht es ihn mehr als jene.“— „Und Ihr?“— „Ein Arzt bin ich,“— verſetzte der Zweite;— „ich habe manche Wunde meiner Mitbuͤrger ge⸗ heilt, und moͤchte nun auch verſuchen, den Fein⸗ den welche zu ſchlagen.“— „Mein Vater iſt ein Rechtsgelehrter,“— be⸗ richtete der Dritte;—„auch ich ſollte mich dem Jus beſtimmen und das gedenke ich auch zu thun, aber dem Voͤlkerrecht, das doch anders verthei⸗ digt ſeyn will, als mit dem Gaͤnſekiel.“— Der Vierte verſetzte:„Ich bin ein Semina⸗ riſt und zum Prieſter fehlt mir noch die letzte Weihe. Ehe ich ſie aber nehme, will ich die er⸗ 229 langen, die das Vaterland ſeinem Vertheidiger ertheilt; iſt ſie blutig, nun wohl, ſo wird ſie mich, wenn ich vor den Allmaͤchtigen trete, nicht weniger ſchmuͤcken, als die andere; iſt ſie es nicht, ſo werde ich gern wieder den Weihrauch⸗ keſſel zur Hand nehmen beim Tedeum fuͤr den Sieg und ſeine ſegensreiche Folge, den Frie⸗ den!“—— Mehrere Andere noch gaben aͤhnliche Ant⸗ worten, die der Frager beifaͤllig anhoͤrte; dann wandte er ſich zu dem Abgeordneten und noch Einigen unter den jungen Maͤnnern. „Ihr, ich weiß es, meine Herren,“ ſagte er, gehoͤrt zu dem bevorrechteten Stande, welchen man Adel nennt, Ihr habt aber ſeine Vorur⸗ theile großherzig von Euch geworfen, und kein Titel duͤnkt Euch ſchoͤner, als der eines Buͤrgers. Wie ſehr erfreut es den bejahrten Patrioten, ſich unter Mitgliedern einer Nation zu ſehn, welche theils zur ſchoͤnſten Hoffnung berechtigen, theils ſie ſchon erfullen in einem hohen Berufe, im Beruf der Stellvertreter ihrer Bruͤder, ihre Rechte be⸗ wahrend. Moͤchte doch unſer ganzes Volk ſo eintraͤchtig zuſammenhalten als ich Euch vor mir ſehe, moͤchte die oberſte Verwaltung Manchen 230 anvertraut ſeyn, die das Gluͤck, an der Spitze einer ſolchen Nation zu ſtehn, wuͤrdigen koͤnnen. — Waͤre es mir beſchieden, dies Gluͤck, nichts wuͤrde ich ſeyn als ein Bruder meiner Bruͤder, oder, wenn dies graue Haar ſolchen Ausdruck rechtfertigt, der Vater ſo vieler herrlichen Soͤhne; gleich hoch wuͤrde ich achten, wer Achtung ver⸗ dient durch ſich ſelbſt, nicht durch zufaͤllige Ga⸗ ben des Gluͤcks; nicht denen wuͤrde ich nachah⸗ men, welche den Ehrenmann fragen, wie viele Ahnen oder Doͤrfer er zaͤhlt, und nur den her⸗ vortauchen laſſen aus der Menge, der ihnen ver⸗ wandt iſt im ſechsten oder ſiebenten Grade, der ihr Gevattersmann iſt oder ihnen den Hof macht, und einem Solchen wird kein Haar gekruͤmmt, was er thue. Die That bezeichnet fuͤr mich den Mann, nur die That im Wirkungskreiſe buͤrger⸗ licher Thaͤtigkeit wie im kriegeriſchen Treiben; in der Verwaltung wie bei'm Heere wuͤrde das Verdienſt den Platz des Mannes beſtimmen, in der erſten wuͤrde ich es der Faͤhigkeit an Raum nicht fehlen laſſen, nicht an Gelegenheit zu Tha⸗ ten dem letzten.“— „Ihr habt nicht Unrecht, General,“— ver⸗ ſicherten die Aufgeregten;—„hoͤchſt bedenklich 231 iſt dieſe Nachſicht mit den Angeklagten. Vieles geht bei uns nicht, wie es ſoll, und daß es nicht geht, kommt von“—— hier folgten, beinahe einſtimmig ausgeſprochen, die Worte: Ariſtokra⸗ tismus, Nepotismus, Egoismus und aͤhnliche mehr, die der, welcher ſie hervorgerufen, begie⸗ rig einſog. Als aber Einige riefen: er ſey der Mann, welchen das Vaterland beduͤrfe, krieg⸗ und welterfahren und freiſinnig dazu, zuckte er die Schultern und ſprach: „Nicht ich bin es, auf den die Nation ihre Augen richten muß zur Zeit der Bedraͤngniß; ich habe das Meinige gethan, thue nun ein An⸗ derer das Seine; mir iſt die Ruhe vonnoͤthen nach langer Arbeit. Auch wiſſet Ihr ja, wie mir dieſe gelohnt worden. Sie haben,“— hier lachte er bitter auf,—„ſie haben mich hin⸗ weggeſchickt, weil ich anders dachte, als ſie.“— Stuͤrmiſch noch klang die Antwort:„Wir aber rufen Euch zuruͤck, weil Ihr denket, wie wir. Die Nation bedarf Eurer, Ihr ſeyd ihr Euer Leben ſchuldig bis zum letzten Hauche. Ihr duͤrfet nicht feiern, bis das Werk vollbracht iſt, das iſt unſere Stimme und die Stimme Eurer Pflicht als Buͤrger und Kriegsmann.“— 232 Da ſprach er ploͤtzlich ernſt und mit wuͤrde⸗ vollem Anſtande:„Es iſt ein heilig Wort, das Ihr geſprochen, und wiederhallt in Eurem Her⸗ zen, wie in dem jedes Patrioten. Wenn in der Stunde der Gefahr, die in Kurzem herein⸗ brechen wird, das Vaterland mich ruft, wie jetzt Ihr, ſo werde, ſo darf ich mich ſeinem Ge⸗ bot nicht verſagen.“— Lauter Beifall belohnte dieſe Geneigtheit zu patriotiſchem Opfer, und die Schaar zog dar⸗ auf, halblaut das unterbrochene Lied fortſetzend, von dannen. „Ich moͤchte Dich fragen,“— ſprach Jener, welcher den General angeredet, ein junger Edel⸗ mann aus anſehnlichem Geſchlecht, zu ſeinem uns laͤnger bekannten Genoſſen,—„ich moͤchte Dich fragen, warum Du Dich ſo ſeltſam ge⸗ habteſt gegen den verdienten General, ſo zu⸗ ruͤckſtoßend ſogar. Er hat, obſchon beinah ein alter Mann, doch einen ſtarken und feurigen Geiſt; ganz richtig wuͤrdigt er unſere Lage, wie Du es ſelbſt nicht laͤugnen kannſt, und mir daͤucht, er iſt der, welchen das Gemeinweſen jetzt bedarf, der Mann des Volkes.“— „Im Gegentheile,“— war die Antwort— 233 „frage ich Dich, wie Du und mancher Andere ſo ploͤtzlich in ihm finden koͤnnen, wovon man keine Spur wahrgenommen in ſeinem ganzen vergangenen Leben. Dieſe ploͤtzlichen Uebergaͤnge gefallen mir nicht, und ich habe kein Vertrauen zu ihnen. Wann werden wir doch aufhoͤren, uns von Worten hinreißen zu laſſen, wenn ſie ſcheinbar mit unſerm Begriff uͤbereinſtimmen? Du haſt nur darauf Acht gehabt, was er ſagte; das lautete recht gut, wenigſtens zum Theil, ich habe aber ſeinen Mund und ſein Auge beob⸗ achtet, und die Randgloſſen, die ich da ge⸗ ſchrieben fand, behagten mir wenig; aber auch nicht Alles, was er geredet. Das wahre Ver⸗ dienſt macht ſich nicht geltend durch Herabſetzung Anderer; der wahre Patriotismus mag trauern uͤber die Gebrechen der Verwaltung, aber nicht. ihrer ſpotten, am wenigſten ziemt dies dem be⸗ jahrten Mann, Juͤnglingen gegenuͤber, und die Schmeichelei, zu welcher der Stolz ſich herab⸗ laͤßt, die Gemuͤther entzuͤndend, iſt der Neben⸗ abſicht verdaͤchtig. Die ſeine liegt, duͤnkt mich, klar am Tage; doch ich hoffe, er ſoll ſie nicht erreichem Ich habe nicht die beſte Meinung von ſeinem Willen, und wenn mit zweideutigem Willen und genugſamer Thatkraft auch noch die Macht, beide auszuuͤben, ſich vereinigt, duͤrfte man Seltſames erwarten.“— „Und was meinſt Du, koͤnnte man erwar⸗ ten von dieſem?“— fragte neugierig, aber wenig uͤberzeugt der Andere. „Zweierlei,“— verſetzte Jener mit Beſtimmt⸗ heit,—„doch nichts, was uns Heil bringen koͤnnte. Wenn ein Solcher die Hand ausſtreckt nach dem Kommandoſtab oder nach den Zuͤgeln der Verwaltung, ſo treibt ihn entweder der thoͤ⸗ richte Wahn, er koͤnne den erſten zum Sccpter geſtalten, oder, weil dieſer Wahn doch gar zu thoͤricht waͤre, eine kluͤgere Abſicht, naͤmlich, das gebaͤndigte Roß gegen ein gut Zaumgeld dem ehemaligen Herrn zuzufuͤhren.“— „Du traͤumſt,“— lachte der junge Menſch unglaͤubig;—„gar zu thoͤricht waͤre, wie Du ſelbſt geſtehſt, das Eine, gegen das Zweite aber ſpricht ſein Tadel der Nachſicht, die man gegen die Angeklagten bezeigt.“— Der Abgeordnete aber entgegnete ſtarrſinnig „Dem ſey wie ihm wolle, mag er immerhin fuͤr den Mann des Volkes gelten, mag er es ſogar ſeyn, der meinige iſt er nicht.“— 235 „Was ſagt Ihr von dieſem Schuͤler?“— fluͤſterte der Hofrath der Dame zu, auf den General zeigend.—„Meint Ihr, er ſey des Un⸗ terrichts noch beduͤrftig?“—— „Der Herr General iſt ein Mann von gro⸗ ßem Verſtunde,“— erklaͤrte Beate,—„doch gluͤckt es ihm nicht uͤberall, wie bei dem An⸗ dern zum Beiſpiel und unſerm jungen Be⸗ kannten.“— „Sorget Euch nicht,“— verſetzte der Mei⸗ ſter,—„im Allgemeinen gluͤckt es ihm doch wohl, und ſelbſt Euren Guͤnſtling, Allerwerthe⸗ ſter, geb' ich nicht auf, obſchon es ſcheint, als habe Eure Erziehung bis jetzt noch wenig Fruͤchte getragen.“— „Wie das ſingt und jubilirt,“— redete der General den Grafen an, welcher eben mit ach⸗ tungsvoller und zugleich vertraulicher Begruͤßung zu ihm trat.—„Dieſe Herren,“— fuhr er fort, auf die davongehenden jungen Maͤnner zeigend, —„dieſe Herren halten ſich zum allermindeſten fuͤr Roͤmer oder Athenienſer, weil ſie ſchoͤne Lieder wiſſen von Freiheit und Vaterland, und welche ſogar den kuͤhnen Gedanken gefaßt ha⸗ ben, ſtatt Elle, Lanzette und Federmeſſer, zum 236 Saͤbel zu greifen, unter der ſtillſchweigenden Be⸗ dingung jedoch, daß ſie ſelbigen fein wieder hin⸗ legen, wenn ſie aus Ungeſchick ſich in die Fin⸗ ger geſchnitten. Erfreuet Euch dieſer Anblick nicht, Herr Graf? Sahet Ihr je eine koͤſtlichere Pflanzſchule der Demokratie?“— „Ich habe keinen Gefallen daran,“— ent⸗ gegnete der Gefragte,—„und ich weiß, Ihr auch nicht, Herr Graf,“(gleich ihm fuͤhrte der General dieſen Titel).—„Nur zu haͤufig ver⸗ letzt ſolcher Anblick das Auge, und um ſo mehr, da man unter dieſer Pflanzſchule edle junge Staͤmme gewahr wird, welche mit aller Ge⸗ walt ſich bemuͤhen, Holzapfelbaͤume zu werden. Das nimmt ſehr uͤberhand, und es iſt, glaub' ich, hohe Zeit, ſein Beſtes zu bedenken.“— „Gewiß, iſt es hohe Zeit, Herr Miniſter, denn es koͤnnte ſich bald Etwas ereignen, wo⸗ bei fuͤr gewiſſe Perſonen zu verlieren waͤre, was wieder zu gewinnen ſchwer haͤlt, wenn es ein⸗ mal verloren.“— „Ihr furchtet doch nicht einen Aufſtand des Volkes,“— fragte der Graf unruhig,—„einen gewaltſamen Umſturz der gegenwaͤrtigen Ver⸗ waltung?“— 231 „Zu fuͤrchten iſt nicht, was man zu hindern vermag,“— war die Antwort,—„aber ich meine, man thue wohl, nicht zu ſaͤumen. Des brennbaren Stoffes iſt genug da, zuſammenge⸗ tragen von Thoren und Uebelwollenden, nur noch eines Sturmes des Ungemachs bedarf es, und die Flamme wird emporlodern. Ihr wiſſet ſelbſt, wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu gehen pflegt; Unmuth und getaͤuſchte Hoffnung be⸗ gehren Opfer, und nicht genau unterſcheidet aus⸗ brechende Wuth den Unſchuldigen von dem Schuldigen, den Weiſen von dem Unweiſen.“— „Viele, General, rechnen auf Euch in ſolch dringendem Falle,“ verſicherte das Mitglied des Senats.„Man ſagt, Ihr habet Euch eine Partei erworben unter dem Volke, unter deſſen Stellvertretern ſogar; das iſt klug und zweck⸗ maͤßig in dieſen Zeitlaͤuften, und Jeder wird es loben, dem Eure wahre Geſinnung bekannt iſt.— Zweideutig laͤchelnd antwortete der General: „Ich verweigere der Republik meine Dienſte nicht, wenn ſie ſolche verlangt, bei uns aber bezeichnet ſeit uralter Zeit der Name Repu⸗ blik ihre Proceren. Vor allen Dingen aber muß man dahin trachten, daß der Stein des 238 Anſtoßes hinweggeraͤumt werde, daß die Nation die Kraft deren gewahre, die an ihrer Spitze ſtehen, auf daß mit der Scheu auch das Ver⸗ trauen und die Achtung wiederkehre. Davon ſieht man jetzt wenig mehr, und wie kann es auch anders kommen? Wo Nachlaͤſſigkeit und Unfaͤhigkeit das Ruder handhaben, geht der Nachen zu Grunde. So ſcheide denn aus, wer nicht tauglich iſt, Maͤnner von Erfahrung und Klugheit, wie ich in Eurer Excellenz einen ſolchen hochſchaͤtze, ſeyen die Haͤupter des Staats, und kraͤftig ſey ſeine rechte Hand, ihre Ver⸗ fuͤgungen geltend zu machen.“— „Blieb ich eines dieſer Haͤupter,“ entgegnete der Graf mit verbindlicher Neigung des ſeinen, „die rechte Hand waͤre gefunden.“ „Ihr wuͤrdet ſie nicht laͤſſig finden in Ver⸗ theidigung deſſen, was ihr anvertraut worden,“ — war die auf gleiche Weiſe gegebene Erwie⸗ derung.—„Art laͤßt nicht von Art, mein ge⸗ ehrter Herr und Freund, und wenn auch der Geiſt der Neuerung im Auslande mich auf eine Zeit lang abwendig gemacht von Begriffen, die ich mit der Muttermilch eingeſogen, ſo kehret, wie das lateiniſche Sprichwort ſagt, die Natur, 239 auch mit eiſerner Hand verjagt, fort und fort wieder. Um ſo mehr iſt ſie wiedergekehrt, als die Erfahrung das Entgegengeſetzte als Chimaͤre kennen gelernt hat, voruͤbergehend uͤberall, und nirgend minder haltbar als bei uns. Das furcht⸗ barſte Uebel iſt die Anarchie, die Schwaͤche der Machthaber aber fuͤhrt unmittelbar zu ſolcher.“— „Nennet mir das Wort nicht!“— rief der Miniſter mit Abſcheu.—„Sollten wir die Sa⸗ che kennen lernen in ihrer ganzen Scheußlichkeit ſo unter uns, ſo wollte ich lieber“—— „Es waͤre beim Alten geblieben“— er⸗ gaͤnzte der Andere—„oder kaͤme doch auf daſſelbe zuruͤck. Nun, den Haͤuptern der Re⸗ publik ſteht es zu, ihr wahres Wohl zu erwaͤ⸗ gen, die Menge folgt ſchon nach, weil ſie muß, wenn man“— ſetzte er halb ſcherzhaft hinzu— „ihr auch mitunter einbildet, ſie habe einen Willen; doch, meine ich, es waͤre gut, man ſaͤhe uns nicht ſo lange beiſammen, ein ander⸗ mal ſprechen wir weiter.“— „Das koͤnnte bei der Fuͤrſtin*“ geſchehen,“ — meinte der Graf;—„dies Haus hat einige Annehmlichkeiten, beſonders fuͤr Solche, die vom 240 Beſten der Republik ſo denken wie Euer Ex⸗ cellenz und ich.“— „Jann ſeyn, daß Euer Excellenz mich dort finden.“— Und ſo ſchieden die beiden Freunde des Vaterlandes auseinander.— Beate, als ſie ihren Adoptivnamen ausſpre⸗ chen hörte, ſtand, ihrer Unſichtbarkeit ungeach⸗ tet, im Begriff, eine zierliche Einladung an den Herrn Grafen General ergehen zu laſſen, doch hielt der Hofrath ſie noch zur rechten Zeit zuruͤck, und im Augenblick darauf aͤnderte ſich die Scene.— Langſamen Schrittes kamen fuͤnf oder ſechs Maͤnner heran, meiſt ſchon uͤber die Mitteljahre des Lebens hinaus, ſehr wohl, Einige ſogar reich gekleidet, doch vermißte man bald an ih⸗ nen das nicht wohl zu beſchreibende, aber doch unverkennbare, ſchwer nachzuahmende Gepraͤge des wirklichen Gentlemans. Ihre Geſichter glaͤnz⸗ ten meiſt in der Fuͤlle eines behaglichen Lebens, uͤberſchimmert von dem Geiſt edlen Weines, welchem ſie eben in der Nachbarſchaft zugeſpro⸗ chen, aber ihre Stirnen waren gefaltet und das leiſe und angelegentliche Geſpraͤch, das ſie fuͤhr⸗ ten, ſchien nicht erheiternden Inhalts. An Ei⸗ 241 nen von ihnen wendete ſich der General, halb vornehm halb zutraulich nach ſeinem Ergehen fragend.„Schlecht geht es,“— antwortete dieſer, deſſen ruͤſtige, viereckige Geſtalt, muskel⸗ reiche Haͤnde und etwas plumpe Geberde eben ſowohl, als die nachfolgenden Worte, ſein Ge⸗ werbe kund thaten:—„Schlecht, nahrungsloſe Zeiten, wie Euer Excellenz unfehlbar bekannt iſt. Das Vieh wird ſelten, die Lieferungen fuͤr die Armee nehmen zu viel hinweg, bald wird es gar nicht mehr zu bekommen ſeyn, und das wenige, das man fuͤr ſchweres Geld noch erhal⸗ ten kann, iſt mageres Zeug, denn der Edel⸗ mann und der Bauer haben jetzt an andere Dinge zu denken, als an die Maſtung.“— Dieſe Klage ward nicht in der Mundart des Landes gefuͤhrt, ſondern in einer andern, welche Beate fuͤr die Sprache ihrer Heimat erkannte.— „Und was huͤlfe auch groͤßerer Ueberfluß,“ — fuhr der vierſchroͤtige Leidträͤger fort,—„iſt doch der Abſatz ſchlecht in der Hauptſtadt. Keihe Gaſtereien mehr, keine großen Gelage, nach Rindfleiſch fragt man blos in den groͤßten Haͤuſern und hoͤchſtens nach einem Paar Hammelripp⸗ chen. Kaldaunen aber, Kaldaunen will Alles III. 16 242 und es waͤre zu wuͤnſchen, das liebe Vieh hätte jetzt an Eingeweide mehr, was ihm an Fleiſch abgeht und an Fett.“— „Wohl iſt es ſo und kann auch nicht an⸗ ders ſeyn,“— erwiederte der General theilneh⸗ mend;—„die Noth der Zeit gebietet Ein⸗ ſchraͤnkung und wir Alle muͤſſen uns mit einem geringen Theile deſſen begnuͤgen, was wir frü⸗ her gebraucht. Das allgemeine Beſte fordert ſo viele Opfer von uns, daß Jedem fuͤr ſich ſelbſt wenig oder nichts bleibt.“— „Wiſſen wir es denn etwa nicht?“— fielen Mehrere ein.—„Wahrhaftig, man geht uns nicht vorbei, wenn es außerordentliche Beiſteuern gilt oder Sammlungen zu wohlthaͤtigem Zwecke.“ „Was da,“— unterbrach ſich der Fleiſch⸗ hauer, mit der Hand auf den anſehnlichen Bauch ſchlagend.—„Das thaͤte nichts, wofuͤr hat man es denn und iſt wohlhabend? Fuͤr Leute wie wir ziemt es ſich nicht, zuruͤck zu bleiben, wo Andere hinkoͤnnen. Aber die Einſchraͤnkung taugt nichts; wenn die Kunden ſich einſchraͤnken, geht Kunſt und Induſtrie zu Grunde. Erſt ich, und dann das Gemeinweſen, wie ſie es nennen; eſ⸗ ſen muß der Menſch und damit Baſta.“— 243 „Auch trinken muß er,“— fuͤgte ein An⸗ derer hinzu, eben ſo wohlbeleibt aber etwas we⸗ niger plump als der Erſte;—„das geſchieht aber leider Gottes auch nicht mehr. Da iſt den Aerzten, zur Strafe der Suͤnden fuͤr uns Brauer, in den Kopf gekommen, das Bier tauge nicht fuͤr die vermaledeite Krankheit, den ſchwarzen Tod, und ich koͤnnte es allein trinken oder mich darin erſaͤufen, braute ich noch ſo viel als vor der Revolution. Aber damit hat es gute Wege, faſt alle meine Brauknechte haben den Koller bekommen und ſind zur Armee gelaufen, und ſo ſtockt die Nahrung. Weiß es Gott, ich habe in dieſem ganzen Jahre meiner Frau Liebſten nur zwei äͤchte Shawls kaufen können, da ſie ſonſt kaum mit vieren ſich begnuͤgte. Ja es iſt eine ſchlechte, nahrungsloſe Zeit.“— „Des Herrn Fleiſchhauers Kaldaunen fin⸗ den doch noch Abgang,“— ſchaltete mit fremd⸗ laͤndiſchem Accent ein Schwarzkopf ein,—„meine Truͤffelpaſteten und Conſerven aber huͤten den Laden und neulich habe ich ein Dutzend Sa⸗ lami den Hunden gegeben, denn die Menſchen verſtehen ſich nicht mehr auf Delicateſſen.“— „Man ſollte doch meinen, Brod aͤßen ſie 16* 244 noch,“— ließ ein Baͤcker ſich vernehmen;— „auch thun ſie es und es ſetzt mitunter vor meiner Thuͤr blutige Koͤpfe. Aber was hilft das, nach Commißbrod ſchreit Alles, Commiß⸗ brod muß geliefert werden fuͤr die Armee und Scheine angenommen, die vielleicht eingeloͤſt werden, wenn das Jahr mit den drei OSſtern kommt. Commißbrod will die Armuth und nimmt es wohl weg fuͤr ein Gotteslohn oder auf Credit, und ſogar die Herrſchaften wollen Commißbrod, weil es die draußen im Felde ja eſſen oder weil es ſo Mode iſt; das iſt aber eine ganz verwuͤnſchte Mode. Man will die liebe Gottesgabe groß und die Bezirks⸗ vorſteher dringen auf gut Gewicht, Niemand fragt aber, wo das Getreide herkommt, wie viel es koſtet und ob es nicht ganz ausbleiben wird, wenn der Feind die Ernte auf den Hal⸗ men verwuͤſtet und die Magazine verbrennt oder wegnimmt.“— Der Fuͤnfte, ein Branntweinbrenner, ſprach: „Ueber Nahrungsloſigkeit koͤnnte ich wohl nicht klagen, denn mein Fabricat findet Abnehmer genug, auch die Lieferungen fuͤr die Armee wollt' ich noch verſchmerzen, aber mich druckt 245 der Schuh auf ganz andere, weit empfindlichere Weiſe, als Euch alle, Ihr Herren. Vier Jun⸗ gen, die ihre Kunſt ſchon recht gut inne hatten, ruͤſtige Burſche, hat der leidige Patriotismus beſeſſen und ſie ſind mit hinaus. Jungens, ſagte ich zu ihnen, was ſficht euch an? Was eures Amtes nicht iſt, da laßt euern Vorwitz. Und was geht, der Herr General wolle guͤtigſt verzeihen, was geht euch an, was ſie hier trei⸗ ben? Ihr ſeyd wohl hier geboren und ich auch und euer Großvater auch, aber euer Vaterland iſt weit von hier. Sie aber wollten nicht hoͤ⸗ ren, wo man geboren und erzogen ſey, meinten ſie, ſey auch das Vaterland und ſie wollten zei⸗ gen, daß ſie nicht ſchlechtere Buͤrger ſeyen, wie die andern Landeskinder.“— „Das macht Euern Soͤhnen viel Ehre,“— ſagte der General,—„und obgleich Euer Va⸗ terherz darunter leidet, ſo muß ſolch Bewußt⸗ ſeyn es troſten.“— „Nun, nun,“— antwortete das geſchmei⸗ chelte Vaterherz.—„Laß die Buben machen was ſie wollen, wenn ſie blutige Naſen bekom⸗ men, gehn ſie wieder nach Hauſe. Auch habe 246 ich, fuͤr den Fall der Noth, ſchon ein paar Maaß Kampherſpiritus aufgeſetzt.“— „Im Felde hab' ich keinen,“— erwaͤhnte der Brauherr wie beilaͤufig,—„aber einen Jun⸗ gen hat der ſchwarze Tod mit ſich genommen. Nun man muß ſich in Gottes Schickung fugen; das ſagte auch meine Frau Liebſte, als ich ihr den letzten Kaſchemir⸗Shawl fuͤr 150 Dukaten ſchenkte, um ſie zu tröſten.“— „Das ginge Alles noch an,“— ſchloß der Sechſte, der einzige Magere der ganzen Geſell⸗ ſchaft, in ſchnarrendem, franzoͤſirendem Tone.— „Aber ſogar meine Wagenpferde hab' ich hergeben muͤſſen.“— „Wir auch, wir auch!“— riefen die An⸗ dern alle und der Brauer ſetzte hinzu:—„Weiß es Gott, meine Frau Liebſte geht zu Fuße, was ihr nicht begegnet iſt ſeit unſerm geſegneten Traugange in die lutheriſche Kirche.“— „Koͤnnet Ihr Euch denken, mein General,“ — lispelte der Hagere,—„was ich Ihro Ex⸗ cellenz doch auf Parole verſichere: Ich, der erſte Coſtumier der Hauptſtadt, der ſonſt in be⸗ quemer Kaleſche mit Windeseile von einer vor⸗ nehmen Pratique zur andern fuhr, um ſie zu 21 charakteriſiren, muß jetzt wie ein miſerabler Flick⸗ ſchneider durch Dick und Duͤnn laufen, und wozu? Imaginire ſich Ihro Excellenz, kein Menſch denkt mehr an Morgencapots und eng⸗ liſche Reitroͤcke, an Fracks von zehnerlei Fagon, keine Mode mehr, nichts wie Uniformen, lauter uUniformen, und damit giebt es keine Mode, und ſelbſt die jungen Herren von Familie ha⸗ ben nur eine und einen Mantel, und damit liegen ſie in den Bivouacs und marſchiren in die Bataille und zur Parade, und wenn nicht eine Kugel ein Loch darein macht und in meine Rechnung, wie das ſich entre nous auch zuwei⸗ len trifft, ſo tragen ſie ſie ab bis auf den letzten Faden. Ja, das iſt eine boͤſe nahrungs⸗ loſe Periode, wo die Kunſt nach Brode geht, und noch dazu zu Fuße, zu Fuße.“— „Freilich,“ ſagte der General, als die Jere⸗ miade des Schneiders beendigt war:—„frei⸗ lich kann ein Zeitraum wie der gegenwaͤrtige der Kunſt und Induſtrie nicht guͤnſtig ſeyn, doch muͤſſen die Gewerbtreibenden ſich darein ſchicken ſo gut wie die Andern auch. Ich wuͤnſchte Euch, lieben Herren und Freunde, nur ſagen zu kön⸗ nen, daß es bald beſſer werden wird; leider aber ſehe ich dazu keinen Anſchein.“— „So glaubt Ihre Epcellenz nicht, daß man ſich endlich arrangiren wird?“— ſeufzte der Coſtumier. „Kein Friede?“— murrten die Andern unmuthig. „Ich muß daran zweifeln,“— ſagte der verabſchiedete Befehlshaber. „Wenn der Krieg nicht alle wird, iſt es aus mit dem lieben Vieh und mit dem Fleiſcheſſen, und wenn man Kaldaunen haben will, ſo gehe man auf das Schlachtfeld und ſuche ſie bei den todten Pferden;“ ſo aͤußerte ſich des Fleiſchhauers Unzufriedenheit.— „Und aus iſt's mit dem Getreide,“ ſetzte der Bäͤcker hinzu—„und mit dem Brode, mit dem Kommißbrode ſogar, und ich werde meinen Laden nur zuſchließen.“— Der Brauer meinte:—„Wo kein Ge⸗ treide iſt, iſt auch kein Malz und man kann Waſſer trinken und meine Frau Liebſte franzoͤſi⸗ ſche Schawls tragen. Das iſt aber ſchlimm fur mich, denn da habe ich nicht nur Krieg drau⸗ ßen, ſondern auch im Hauſe.“— „Keine Salami aus Bologna,“ erklaͤrte der Delikateſſenhaͤndler,—„aus Malta keine Oran⸗ 249 gen, kein luccheſer Oel; keine bayonner Schin⸗ ken, ſtraßburger Gaͤnſeleberpaſteten und Terrine aus Nerac.“— „Wenn das Korn fehlt,“ bemerkte der Brannt⸗ weinbrenner,—„fehlt auch der Sprit.— Man kann ſich wohl eine Zeitlang mit Kartoffeln hel⸗ fen, wenn es aber ſo fortgeht, bleiben zuletzt auch die Kartoffeln aus und meine vier Jungen mit.“— „Ein Anderer,“ meinte der Kleidermacher he⸗ roiſch,—„ein Anderer mag dann fuͤr das Vaterland zu Fuße laufen und Uniformen flicken fuͤr das Vaterland. Ich danke dafuͤr, und wenn man mich zur Deſperation treibt, ſo, sur ma parole, ſo gehe ich zum Feinde uͤber mit allen Muſtern und Schnitten, die ich kuͤrzlich aus Pa⸗ ris und aus London erhalten.“— „Das waͤre freilich ein arger Hochverrath,“— ſagte feierlich ernſthaft der General:—„Andere koͤnnten vielleicht deſſelben Sinnes ſeyn, es thut aber nicht gut, davon zu ſprechen. Ihr wißt, manche Reden bekommen nicht gut, zumal wohl⸗ habenden Leuten. Ihr habt davon ganz in der Naͤhe ein Beiſpiel“— ſetzte er hinzu, auf das nicht entfernte Haus deutend, durch welches die 20 beiden Unſichtbaren in den Garten zuruͤckgekehrt waren.— Der Schneider fuhr aͤngſtlich zu⸗ ſammen, auch die fuͤllreichen Geſichter der An⸗ dern verlaͤngerten ſich merklich, nur der Fleiſch⸗ hauer fragte mit gedaͤmpfter Stimme:—„Wie meint der Herr General denn das mit den wohl⸗ habenden Leuten?— Ich bin auch wohlha⸗ bend, ich.“——— „Meine werthen Herren,“— ſagte der Ve⸗ teran,—„mancher Andere meines Herkom⸗ mens und Standes wuͤrde ſolche Frage nicht beantworten oder wenigſtens nicht aufrichtig; ich aber, ein wahrer Freund wackerer Buͤrger, welchen Glaubens und Urſprungs ſie auch ſind, mag ein Wort nicht vorenthalten, welches ihnen zur War⸗ nung dienen kann. Ihr wiſſet, der, welchen ich meine, befand ſich unter den Angeklagten. Er iſt losgeſprochen worden, und mit Recht. Ich bin voͤllig von ſeiner Unſchuld uͤberzeugt, viel⸗ leicht waren es die Machthaber auch, aber da⸗ mit ſie ſelbige anerkennten, hat es, meine ich, gewiſſer gewichtiger Beweiſe bedurft.“—— Er ſchwieg hier mit einer ſehr verſtaͤndlichen Pantomime, und einige ſeiner Zuhoͤrer nickten bedeutend, zum Zeichen, daß ſie ſelbige wirklich 251 verſtanden, nur der Branntweinbrenner ſagte: „Mit Verlaub, Herr General, ich ſtehe in Ge⸗ ſchaͤften mit dem Manne, da bringt ein Wort denn das andere, und ich habe ihn, weil man ſo etwas, wie Ihr es meint, wohl vermuthen konnte, und ich habe ihn auch danach gefragt, doch muß ich der Wahrheit die Ehre geben, zu geſtehen, daß er gerade das Gegentheil verſichert.“— „Ein ſchoͤner Beweis!“ fiel der Welſche mit ſchlauem Lachen ein:„da ſeyd Ihr weit links, gu⸗ ter Herr. Ein gebranntes Kind ſcheut das Feuer, er wird ſich wohl huͤten, aus der Schule zu ſchwatzen, damit der zweite Schade nicht aͤrger werde als der erſte.“— Dieſer Meinung traten auch die Uebrigen bei, wie denn die Menge nichts lieber glaubt als das Schlechte, abſonderlich von den Machthabern. „Die Andern ſind ja aber auch frei geſpro⸗ chen worden, zum Theil wenigſtens,“— warf der ehrliche Fabrikant gebrannter Waſſer ein. „Gewiß,“ verſetzte der Buͤrgerfreund,„doch hat es ſolcher Beweiſe bei ihnen nicht bedurft. Fuͤr den Einen genuͤgte Verwandtſchaft oder Bekanntſchaft mit irgend einem hohen Haupte, fuͤr den Andern fein Rang allein, vielleicht ſeine 252 Geburt fuͤr den Dritten, denn dieſe Herren wol⸗ len nicht, daß man glauben koͤnne, einer wie ſie koͤnnte einen Fehler begehen, geſchweige denn ein Verbrechen.“—— „Ja, ja,“— ließ Einer und der Andere ſich vernehmen,—„eine Kraͤhe hackt der andern die Augen nicht aus.“— „Sehr natuͤrlich,“— war der Beſcheid,„weil Kraͤhenaugen ein magerer Biſſen ſind. Lieber haͤlt der Raubvogel ſich an wohlgenaͤhrtes Hausgefluͤ⸗ gel als an ſeines Gleichen.“—„Freilich“— ſetzte er achſelzuckend hinzu,—„iſt das Gemein⸗ weſen in Noth, und außerordentliche Umſtaͤnde erfordern außerordentliche Mittel. Loͤblich iſt es nun freilich nicht, auf ſolche Weiſe Geld zu er⸗ preſſen; doch, wie geſagt, die Noth entſchuldigt viel, und ſo koͤnnte dergleichen noch Manchem zuſtoßen, einem Armen jedoch ſchwerlich.“— Das ſonſt ſo behagliche Gefuͤhl der Wohl⸗ habenheit fiel jetzt wie eine Centnerlaſt auf das Herz der guten Leute; ſie ſahen ſich unruhig an und ruͤckten zuſammen, der Heerde gleich, die den Wolf in der Ferne gewahrt. „Noch eins,“— fuhr der wohlmeinende Warner fort—„will ich Euch, meine Herren und 253 Freunde, nicht verhehlen.— Das Volk iſt unzu⸗ frieden mit jener Losſprechung der Beklagten, der Geiſt der Zwietracht, welcher lange ſchon um⸗ herſchlich, hat ſeit derſelben das Haupt kuͤhner erhoben; es koͤnnte kommen, daß die Maſſe Luſt bekaͤme, das Richteramt an ſich zu reißen, das ſie vernachlaͤßigt glaubt durch die Gewalthaber— ja, wenn mich gewiſſe Nachrichten und Wahr⸗ nehmungen nicht truͤgen, ſo iſt ihr dieſe Luſt ſchon gekommen, und ſie wird ſie befriedigen, ehe man es ſich verſieht. Denn wiſſet Ihr, wie es zu gehn pflegt; der Poͤbel iſt der geborne Feind des rechtlichen Buͤrgers, der Arme haßt den Rei⸗ chen, und nimmt ſolche Gelegenheit wahr, die⸗ ſen Haß geltend zu machen, wie vielmehr nicht an ſolchen, die durch auslaͤndiſche Herkunft und Sitte, durch verſchiedenen Glauben vielfach miß⸗ faͤllig ſind. Ich will Euch damit nicht bange machen, meine Freunde, vielleicht geſchieht nichts von dem oder nicht Alles, aber die Erfahrung lehrt, daß man dergleichen im Kriege nicht ſel⸗ ten geſehn, zumal in einem Revolutionskriege.“— Da loͤſte ſich die trotz der letzten Worte all⸗ gemeine Bangigkeit der Hoͤrer in einen einſtim⸗ migen Stoßſeufzer auf, aus bleichen Lippen kom⸗ 254 mend:„Ach, wenn es doch wieder Ruhe und Friede wuͤrde im Lande!“— „Das iſt der Wunſch jedes Patrioten, aber leider ſeine Erfuͤllung fern,“— ſagte der Ge⸗ neral.— „Eines ſage mir nur Euer Excellenz aus großer Guͤte,“— begann der Fleiſchhauer, ſeine grobe Stimme ſo viel als moͤglich daͤmpfend.— „Man hat doch vorher auch gegeſſen und getrun⸗ ken und ſeinem Gott gedient. Das iſt doch die Hauptſache. Was will man denn mehr und warum ſchlaͤgt man ſich denn eigentlich? So viel Redens man auch davon macht, ich habe es niemals recht begreifen koͤnnen.“— „Ich fuͤrchte,“— war die Antwort des Ach⸗ ſelzuckenden,—„ich fuͤrchte, unſere hohen Haͤupter begreifen es eben ſo wenig.“— „Aber was wird denn dabei herauskom⸗ men?“— fragte kleinlaut der Bereiter des Ger⸗ ſtentranks.„Meine Frau Liebſte fragt mich taͤg⸗ lich danach, ich kann ihr aber keinen Beſcheid geben, eine ſo erfahrene Perſon aber, als Seine graͤfliche Excellenz der Herr General, wird mich zu berichten wiſſen.“— „Was dabei herauskommen wird?— Nicht 255 eben viel,“ ſagte die Excellenz gleichguͤltig.— „Wenn man ſo fortfaͤhrt, mit kuͤhnem Worte die zu reizen, die man Feinde nennt, ohne ſie abzuhalten oder zuruͤckzuſchlagen durch kuͤhne That, ſo werden wir bald das Vergnuͤgen haben, ſie hier zu ſehen, und unſere Fleiſchwaaren und Bierfaͤſſer, unſere gebrannten Waſſer und Brod⸗ laͤden, unſere Weinkeller und Delikateſſen, vor⸗ nehmlich aber unſere Geldtruhen werden ihnen recht wohl behagen nach langer Entbehrung. Leider kann ich nicht abwenden, was ich vor⸗ ausſehe.“—— „Und warum koͤnnt Ihr denn nicht, Herr Ge⸗ neral?“— fragten Einige.—„Wie Ihr uns eben klaͤrlich auseinandergeſetzt, taugen die jetzi⸗ gen Obern nichts, die den Buͤrger gering achten, und doch begierig nach ſeinem Gelde ausſchauen und uns das Volk auf den Hals hetzen und die Feinde, damit wir um unſer ſauer erworbe⸗ nes Eigenthum kommen. Ihr ſeyd doch auch ein Herr, ſo gut wie ſie, und ſchaͤtzt uns nicht gering um unſerer fremden Herkunft willen, und redet unſere Sprache ſo gut wie wir ſelbſt, und ſeyd ein tapferer und erfahrener Offizier. 256 Euer Ercellenz ſollte an der Spitze ſtehen, ja, Ihr, Herr General.“— „Ich?“— fragte dieſer verwunderungsvoll. — Wie kommt Ihr auf mich, Ihr Herren? Ihr wiſſet ja wohl, man will mich nicht. Ja, frei⸗ lich, haͤtte ich etwas zu ſagen, ich wuͤrde es et⸗ was anders machen, als bis jetzt geſchehen. Als Haupt der Verwaltung wuͤrde ich den Po⸗ bel von Frevel abhalten, als Soldat den Feind von den Thoren der Hauptſtadt, und zugleich als guter Buͤrger nach einem ehrenvollen Frie⸗ den ſtreben, durch den allein Gewerbe und Wohlſtand fortbluͤhen. Aber, wie geſagt, man will mich nicht, man kann einen Solchen nicht brauchen, und ich bin auch recht zufrieden da⸗ mit, und befinde mich am wohlſten in der Ruhe des buͤrgerlichen Lebens.“— „Mit Vergunſt, Herr General, das iſt nichts fuͤr Euch,“ entſchied der Fleiſchhauer.„Einem Jeden das Seine; fuͤr den Gewerbsmann iſt die Ruhe zutraͤglich, aber Herren wie Ihr gehoͤ⸗ ren fuͤr das Ganze.“— „Verlaßt uns nicht,“ bat der Brauherr, „wenn es zum Schlimmſten kaͤme. Meine Frau Liebſte, der ganz erſchrecklich bang iſt vor dem 257 Poͤbel und dem Feinde, wuͤrde ſich und mir Ruhe geben, wenn ich ſagen könnte, daß ein ſolcher Patron ſich unſerer annehmen und Ge⸗ werbe und Wohlſtand uns wiedergeben will.“— „Und die beiden fehlenden Shawls,“ ergaͤnzte der Welſche mit leiſer Stimme. „Ich meine, der Herr Graf wird ſich noch eines Andern beſinnen,“ aͤußerte ſich der Brannt⸗ weinbrenner. Der Welſche beſtaͤtigte W„Das meine ich auch.“— „Wenn mein General eine neue Gala-Uni⸗ form gebraucht,“ erbot ſich der Schneider,„ſo ſtehe ich zu Dero Befehl.“— „Das iſt ein wackerer Mann,“ ſagte im Da⸗ vongehen der Baͤcker. „Und ein kluger daneben,“ ſetzte der Italie⸗ ner mit einer ſeltſamen Miene hinzu,„ein Mann, der zu Manchem den Willen hat, und auch, meine ich, nicht verlegen iſt um die Mittel.“— „Ja wohl hat er Mittel,“ bekraͤftigte mit Wichtigkeit der Fleiſcher,„er bezahlt Alles baat. „Ich muß Euch nur ſagen, meine Herren,“ ſagte der Coſtumier,„daß ich mit ihm intim III. 17 258 liirt bin. Auch den Frack hab' ich zugeſchnit⸗ ten, den er anhat, weil er die Uniform nicht mehr tragen wollte. Iſt er nicht nach der beſten Fagon? Eigentlich moͤcht' ich, alle unſere Gene⸗ raͤle bekaͤmen nach einander den Abſchied und traͤten dann wieder ein, das gaͤbe doppelte Ar⸗ beit und doppelte Rechnungen.“— „Ein ſeltenes Ereigniß, Euch in der Stadt zu ſehen, mein hochgeehrter Herr,“ redete mit achtungsvollem und zutraulichem Tone die Hauptperſon dieſer wechſelnden Szenen den be⸗ jahrten Edelmann an, der eben langſam und die Kuͤhle des einbrechenden Abends genießend, unter den Buͤſchen daherkam.„Wollet Ihr viel⸗ leicht einmal, more majorum, nachſchauen, ne respublica quid detrimenti capiat?“*)— Mit einer Heiterkeit, die indeſſen mehr von der Ruhe des ſchoͤnen Abends und von der Ruhe des Gemuͤthes herzuſtammen ſchien, als von der Freude uͤber dieſe Begegnung, antwortete der alte Herr:„Gewiß haͤnge ich noch recht ſehr an *) More majorum, nach der Weiſe der Vorväter— ne respublica quid detrimenti capiat, das Gemein⸗ weſen keinen Schaden erleide. 259 der Weiſe unſerer Vorfahren, ſo weit ſie naͤm⸗ lich zu den Forderungen der Gegenwart ſtimmt, und darf hoffen, ein treuer Freund der Repu⸗ blik zu ſeyn. Doch jetzt ſcheint es mir nicht ganz zweckmaͤßig, wenn jeder Einzelne, deſſen Beruf das nicht iſt, ſich in ihre Angelegenhei⸗ ten, oder vielmehr in die Leitung derſelben miſcht. Schon genug Perſonen, mein' ich, ſind geſchaͤftig daran, und, meines Erachtens, geht ein Wagen darum nicht raſcher von der Stelle, wenn allzu Viele daran ziehen, der Eine hier⸗ hin, der Andere dorthin, ein Jeglicher nach ſei⸗ ner Seite. Da meine ich denn ferner, die ſo thun, haben weniger ein gemeinſames Ziel vor Augen, als Jeder ein beſonderes, das ihm be⸗ hagt nach ſeinen Begriffen oder nach ſeinem Vortheil, Herr General. Ich bin aber zufrie⸗ den mit dem, was mir zugetheilt iſt, und mit meinem kleinen Wirkungskreiſe; je beſchraͤnkter dieſer, je leichter die Erfuͤllung der Pflicht, je geringer die Verſuchung, ſie zu uͤbertreten.“— Lag in den Worten ſelbſt, oder in der Art, in welcher ſie ausgeſprochen wurden, Etwas, das dem General mißfiel, kurz er blickte vor ſich nieder, und es waͤhrte eine Weile, ehe er verſetzte:„Wie 17* — beneide ich Euer Loos! Immer war das Land⸗ leben mein innigſter Wunſch. Ihr wiſſet ja, werther Herr, beatus ille, qui procul negotiis.“*) „Mit Eurer Epcellenz Verlaub,“ unterbrach ihn der Andere,„wer zu den Geſchaͤften beru⸗ fen iſt, darf ſich nicht fern von ihnen halten, noch ſich ihrer entaͤußern, wenn es nicht gerade nach ſeiner Laune geht und ſeinem Belieben, oͤffentlich manchmal, nur um im Geheimen viel— leicht deſto thaͤtiger zu ſeyn.“— Er hatte hier die Stimme erhoben, und fuhr mit ſteigendem Nachdruck fort:—„Ich bin aͤlter als Ihr, Ge⸗ neral, und ein ſchlichter Landeigenthuͤmer; ich dränge mich nicht zu den öͤffentlichen Geſchaͤf⸗ ten; beriefen mich aber meine Mitbuͤrger zu denſelben, ſo wuͤrde ich fuͤr meine Pflicht ach⸗ ten, ihrem Ruf zu gehorchen. Dann aber wuͤrd' ich, wenn auch nicht der ſcharfſinnigſte und erfahrenſte unter den Dienern des Gemein⸗ wohls ſeyn, aber doch ein treuer und ein⸗ facherz zu den Beſten wuͤrde ich mich in Einigkeit halten, uͤberall und immer zu derſelben ermah— nen, und am wenigſten wuͤrde ich abgeſonderte *) Gluͤcklich der, welcher fern von Geſchäften. 261 Geſchaͤfte treiben, welche dem Wohle des Vater⸗ landes fremd ſind, wo ſie nicht gar es ge⸗ faͤhrden.“— War etwas Abſichtliches in dem Geſagten befindlich, ſo fand der Hoͤrer fuͤr gut, es nicht bemerken zu wollen, doch war einige Verlegen⸗ heit in dem Tone hoͤrbar, mit welchem er ſagte: „Eben dieſe Einigkeit iſt auch mein Wunſch, und mein Kummer, ſie zu vermiſſen. O wenn dies Alles doch ſchon voruͤber waͤre, das leider unſere Kraͤfte in Anſpruch nimmt; waͤre das Tagewerk ſchon vollbracht, und ich hielte Feier⸗ abend in der laͤndlichen Stille, ein gluͤcklicher Vater dankbar froher Unterthanen! Hier iſt es ſchwer, gluͤcklich zu ſeyn, ſchwerer noch, Dank⸗ bare zu machen.“— „Ja, nach vollbrachtem Tagewerk“— er⸗ widerte der Alte—„iſt ſo ein Feierabend er⸗ quickend und wohl vorbereitend zur Ruhe. Blickt um Euch her,“— fuhr er ſehr ernſt fort,—„iſt ein ſolcher Abend nicht ein ſchoͤnes Bild der letz⸗ ten Stunden eines Lebens, deſſen Tagewerk treu und gewiſſenhaft vollbracht worden? Die gol⸗ denen Abendwolken glaͤnzen freundlich hernieder auf den Muͤden, die erquickenden balſamiſchen Luͤfte kuͤhlen ſeine heißen Schlaͤfe, ihre Kelche erſchließen die Blumen und ſpenden dem Schei⸗ denden ihren Duft, ausder Daͤmmerung tre⸗ ten Bilder der vergangenen Stunden hervor, und geleiten ihn treulich zu Hauſe, und wer ihn heimgehen ſieht, ſagt ihm mit theilnehmendem Blicke:„Gute Nacht!“ Nicht ſo iſt es mit dem Abende deſſen, der anders gethan. Und faͤnde er ihn auf goldenem Bett und ſammtenen Polſtern, und umringt vom Geraͤuſch eines Feſtes, ja im koöniglichen Saale ſogar, umſchimmert vom Glanze ringsum, angeſtrahlt von der Hofgunſt, um⸗ ſaͤuſelt von Schmeichelei, er ſieht hinaus in den dunkelnden Himmel und er iſt ihm fuͤrchterlich. Die Tageshelle luͤgenden Kerzen werfen nur einen bleichen Schein auf die Masken, die ihm gezwungen zulaͤcheln, die Zuͤge des Haſſes, des Spottes und der Verachtung verbergend; in den hohen Spiegeln ſieht er ſein eigenes Bild, und ſchaudernd wendet er ſich ab von demſelben, er wendet ſich ab von all dem taͤuſchenden Schim⸗ mer und ſchaut unwillkuͤrlich in die kommende Nacht. Und wenn auch das Gekoſe feiler An⸗ haͤnglichkeit um ihn her ertoͤnt und des Eigen⸗ nutzes ſchmeichelnde Stimmen, der Entzauberte 263 hoͤret ſie nicht, ſie uͤbertaͤuben nicht das Weh⸗ geſchrei der Verrathenen, nicht den Tadel der Welt aus weiter Ferne. Er iſt auch muͤde, aber ſie werden ihn nicht ſanft in den langen Schlaf wiegen, die Traͤume nicht verſcheuchen, die boͤſen Traͤume, die ihn, wenn er das Auge nun endlich geſchloſſen, erwarten.— Nun denn, Herr General— gute Nacht!“— Der Blick des Greiſes war, waͤhrend er ſo ſprach, glaͤnzend geworden, wie der eines Sehers, er fiel in des Hoͤrers Herz und ſcheu zog ſich ſein Inneres zuſammen vor dem Blick, ſcheu ſchaute er, als er allein war, um ſich her in die Nacht, die ihn umgab, wie das Symbol von jener andern, die unvermeidlich auch einſt herein⸗ brechen muß, und beinah erſchrak er, als geraͤuſch⸗ los und behend aus dem Geſtraͤuch eine Geſtalt auf ihn zutrat. Er faßte ſich jedoch alsbald, den in einen Mantel Gehuͤllten erkennend, und begann, mit ihm fortgehend, ein Geſpraͤch, aber ſo leiſe, daß ſein Inhalt, wo nicht dem Mei⸗ ſter, doch Beaten entging. „Wer iſt dieſer?“— fragte ſie.—„Mir daͤucht, er war ſchlecht gekleidet, und glich nicht einem Manne von Stande.“— 264 „Auch iſt er es nicht,“— war die Antwort, —„wenigſtens jetzt nicht, ob er ſchon manch⸗ mal ſo auſtritt. Es iſt ein guter Bekannter von mir und dem General, der in den unter⸗ ſten Klaſſen des Volks, wo dies fur ſeine Ex⸗ cellenz ſelbſt ſich nicht geziemt, Geſchaͤfte treibt, denen aͤhnlich, von welchen wir eben ein Probe⸗ ſtuͤck geſehen.“— „Der haͤßliche Alte,“— ſagte die Dame dar⸗ auf,—„was fuͤr ſeltſame Dinge er ſprach! Es iſt mir ſelbſt dabei bange geworden. Ich glaube aber nicht, daß der Herr General ſonderlich darauf Acht gegeben.“— „Sorget Euch nicht,“ war die kurze, halb⸗ lachende Antwort des Gefaͤhrten. „Der Herr ſcheint große Dinge im Sinne zu fuͤhren. Wird er ſie auch zu Stande brin⸗ gen?“— „Er wird.“— „Wird er auch dann bewerkſtelligen, was, wie ich gewahr worden, er beabſichtigt?“ „Auch das wird er.“— „Nun, da muß ihm wohl ein großer und reicher Lohn werden von denen, welche er ver⸗ pflichtet, und der Alte hatte wenigſtens Recht 265 mit einem Theile deſſen, was er ſagte und was recht wohl lautete, waͤre nur das darauf Kommende nicht.“— „Habt Ihr nie von dem Lohne des Ver⸗ raͤthers gehoͤrt?“— gegenfragte mit bitterem Laͤcheln der Meiſter.—„Falſche Waare wird billig mit falſcher Muͤnze bezahlt. Bei ſolchem Handel, im Dunkel geſchloſſen, ſieht man nicht ſo genau zu. Iſt dann das Verkaufte herbei, ſo findet ſich wohl irgend Mangel und Gruͤnde genug, den Preis zu verkuͤmmern.“— Der Chroniſt behauptet, dieſe Vorherſagung ſey unverzuͤglich in Erfuͤllung gegangen. Eine große Aufgabe war ſie indeß nicht. Wie ſollte der Satrap eines ſo maͤchtigen Monarchen als der ſeine, nicht wiſſen, daß die Großen wohl hier und da guͤnſtig auf den Verrath ſehen, doch ſelten nur auf den Verraͤther? Einige Tage vergingen nach dem Auftritte, oder dem vollſtaͤndigen Drama vielmehr, wel⸗ ches der Chroniſt dem Leſer vor Augen gelegt, und wir nur, wie es in unſerer Zeit Sitte iſt, „fuͤr die Buͤhne“ bearbeitet haben. Der Palaſt der Fuͤrſtin war regelmaͤßig mit Beſuchern an⸗ gefullt, und dem Wunſch der angenehmen Wir⸗ 266 thin gemaͤß, zeigte auch der letzterwaͤhnte Ge⸗ neral daſelbſt unterweilen ſein finſter laͤchelndes Geſicht. So lebhaft es nun auch in ihren Säaͤlen herging, je unruhig ſtiller, wenn man ſo ſagen darf, ward es in der Stadt. Immer naͤher kam der Feind, immer ſchwankender wurden die Maaßregeln, immer beruhigender die Nachrich⸗ ten von der Armee. Zwar mangelte es nicht an mancher kuͤhnen Waffenthat, an manchem Zuge heldenmuͤthiger Aufopferung, aber das Ganze gewann dadurch nichts. Nur allzudeut⸗ lich war es zu ſehen, daß man den Vortheil aus der Hand gegeben, und noch merklicher ward es durch die Fruchtloſigkeit einzelner Ver⸗ ſuche, ihn wieder zu gewinnen. Jegliche Ver⸗ bindung mit den entfernten Freunden war ab⸗ geſchnitten, und der kurzen, ſchnell vernichteten Hoffnung entſagend, hatten ſie ſich bereits un⸗ ter das Joch der Nothwendigkeit gebeugt; die bewaffnete Macht, obſchon noch beachtungswerth an Anzahl, Muth und Kriegsuͤbung, fugte ſich widerwillig darein, nur einen Vertheidigungs⸗ krieg zu fuͤhren; man fing an, an der Zulaͤng⸗ lichkeit eigener Mittel zu zweifeln, und ſchaute 267 vergeblich aus nach Huͤlfe von Außen.— Sie erſchien nicht, hoͤchſtens nur gleich ſpaͤrlichen All⸗ moſen, welche die geringe Dankbarkeit fuͤr un⸗ ermeßliche Aufopferung karg und mit Aufſehen darreichte, gleich denen, die der Anſtand dem Reichen abzwingt, in ſchoͤnen Verſprechungen fuͤr die Zukunft, ohne Nutzen fuͤr eine draͤngende Gegenwart, und die Vermittelungen, welche fruͤher haͤtten wirkſam ſeyn koͤnnen, waren jetzt eher ſchaͤdlich bei einem durch lange un⸗ erhoͤrt kuͤhne Vertheidigung erzuͤrnten Gegner, der bei dem Rechte, das er auf ſeiner Seite zu haben meinte, nun auch den Vortheil auf die⸗ ſelbe treten ſah. Der feindliche Feldherr, ge⸗ warnt durch das Beiſpiel ſeines Vorgaͤngers, vermied fruͤher begangene Fehler, unterließ nicht, die guͤnſtigern Umſtaͤnde zu benutzen, und drang vorwaͤrts, ob er auch uͤber die Leichname der Seinen, wie uͤber den gefallenen Feind dahin⸗ ſchritt. So war die Geſtalt der Dinge all⸗ maͤhlig veraͤndert; dort war an die Stelle zoͤgern⸗ der Bedachtſamkeit ein feſter, Alles daranſetzen⸗ der Wille getreten, und ſtatt der beiſpiel⸗ und ruckſichtsloſen Wagniß der kuͤrzlich vergangenen Zeit gewahrte man hier das Schwanken, wel⸗ 268 ches nicht der Mangel an Tapferkeit erzeugt, aber wohl der Mangel an Einheit, an Ueberein⸗ ſtimmung der Entwuͤrfe und eines uͤber dem Ganzen waltenden kraͤftigen Geiſtes. Die Folgen dieſes Wechſels thaten ſich in Kurzem kund; durch das ganze Land zog der Feind, nur hier und da angegriffen, aufgehal⸗ ten durch die letzten Anſtrengungen verzweifeln⸗ den Muthes, ſie ſcheiterten an dem Koloß, wel⸗ chem man Zeit gelaſſen, ſeine Glieder auszu⸗ dehnen im weiten Raume und wie fruher be⸗ fuͤrchtet worden war; die Grenzen des Vater⸗ landes umgaben bald im Umkreiſe weniger Mei⸗ len ſeine Hauptſtadt. Einſt war doſſelbe der Fall geweſen, als das altroͤmiſche Reich beſchraͤnkt war auf Conſtanti⸗ nopel; und wie man dort zur Zeit der hoͤchſten Noth um das geſaͤuerte und ungeſaͤuerte Brod des Abendmahles ſtritt, ſo ſtritt man hier um andere, eben nicht viel wichtigere Dinge; waͤh⸗ rend dort verraͤtheriſche Genueſer unter dem be⸗ ſturzten Volke umherſchlichen, das, ſtatt zu kaͤm⸗ pfen, betete und ſich kaſteyte, fluͤſterte auch hier mancher geheime Geſchaͤftstraͤger zu einer weniger verdumpften und muthloſen, aber deſto unruhi⸗ gern und argwoͤhniſchern Menge. Eines Abends war die Verſammlung unge⸗ wöhnlich zahlreich bei der Pſeudofuͤrſtin; auch der General befand ſich daſelbſt, der zuletzt er⸗ waͤhnte naͤmlich, denn der andere, welchen wir zuerſt mit dieſem Titel bezeichnet, war mit ſei⸗ nem Heerhaufen weit hinweg von der Haupt⸗ ſtadt geſendet worden, um in einem jener Ver⸗ ſuche ſein und ſeiner Krieger Blut und Tapfer⸗ keit zu vergeuden. Das Geſpraͤch, bald dumpf und einſylbig, bald geraͤuſchvoll im entſtehenden Streit, hatte die Begebniſſe des Tages zum Gegenſtand, und uͤberall hoͤrte des Meiſters geſchmeicheltes Ohr bald unterdruͤckte, bald laute Ausbruͤche des Mißmuthes und der Befuͤrchtung, uͤberall er⸗ blickte ſein ſcharfes Auge bekuͤmmerte Mienen, oder die gezwungene Heiterkeit, die ſie verber⸗ gen will, oder auch muͤhſam verhehlte Freude, an Allen aber unruhige Erwartung. Da ward dem General angeſagt, es wuͤn⸗ ſche ihn Jemand im Geheimzimmer der Frau des Hauſes zu ſprechen. Eilig, gleich Einem, der ſolche Botſchaft vorausgeſehen, folgte er der⸗ 270 ſelben, und als er nach halbſtuͤndigem Geſpraͤch, heitern Angeſichts, mit dem, welcher ihn dorthin beſchieden, das Kabinet verließ, erkannte Beate jenen ſchlecht gekleideten Mann, den ſie vor wenig Abenden im Garten bemerkte. Laͤchelnd kehrte der General zur Geſellſchaft zuruͤck, laͤchelnd nahm er noch einige Zeit Theil an der Unterhaltung, bis er fruͤher, als er ſonſt wohl gewohnt, ſich hinwegbegab. Noch in derſelben Nacht geſchah, was wir allgemach herankommen geſehen; das Volk riß die Richtergewalt an ſich, die Angeklagten fielen nicht als Opfer der heiligen Gerechtigkeit, ſie fielen von der Fauſt des Verbrechens. Feuer⸗ äugig durchrannte die Zwietracht die Straßen, ihr folgte blind wuͤthend der Mord und rieſen⸗ groß bäumte die Anarchie ſich empor, das ſter⸗ bende Vaterland zu zerfleiſchen. Da ertoͤnte allgemein die Stimme der Be⸗ draͤngniß:„Wer iſt, der uns helfe in ſolcher Noth?“— Und wer anders war es, als der weiſe Patriot, der kriegserfahrene Veteran, der Mann der Großen, der Buͤrgerfreund, der Mann des Volkes, der Univerſalmann? Auch traf des Welſchen Vorherſagung ein, er hatte ſich be⸗ 271 ſonnen, und ſehr kurz war die Weigerung, nach welcher der Freund der Kuͤnſte und Ruhe ſich die Zuͤgel der Obergewalt aufdringen ließ, um ſie bald darauf nach Gebuͤhr weiter zu geben. Als er darauf oͤffentlich erſchien, war die Uniform an die Stelle des beſcheidenen Fracks getreten; nicht zu Fuß ging er durch die Stadt, mit freundlichem Blick und gewinnend leutſeli⸗ gem Weſen, hoch ſaß er zu Roß, umgeben von einer Schaar ſchimmernder Krieger und ange⸗ ſehener Beamten, auf deren Stirnen zum Theil Beatens entſiegeltes Auge zu ihrer Freude das Zeichen der Verwerfung gewahrte. Und hinter⸗ drein zog die lobpreiſende Menge, die dankenden Buͤrger, denn bei ſeinem Erſcheinen hatte ſich wirklich die toſende Windsbraut gelegt; jene nannte ihn den Wiederherſteller der Freiheit, dieſe den Bewahrer ihres Eigenthums und der geſetzlichen Ordnung. Sein Vorgaͤnger in der Verwaltung wich mit Wuͤrde der Nothwendigkeit, und nur Ent⸗ fernung ſchuͤtzte ſein geachtetes Haupt, jetzt der Ruͤge preisgegeben und bedroht. Mancher er⸗ fuhr ein gleiches Schickſal, der in dem jetzigen Machthaber eine kraͤftige Stuͤtze zu ſehen ge⸗ 272 meint; auch an dem Grafen ging die Bitter⸗ keit entdeckter Lauſcher nicht voruͤber. Den Haͤn⸗ den des Oberfeldherrn ward der Befehlſtab ent⸗ riſſen, der fruͤhere Abgott des Volkes war dem Tadel verfallen und dem Hohn, und nach der Stirn, auf welche vielleicht uͤbertrie⸗ bene Lobpreiſung nicht genug der Lorbeerkraͤnze haͤufen konnte, zuͤckte das Beil des Moͤrders, dem er ſich fliehend entzog. Ein Vertrauter des neuen Gewaltigen trat an ſeine Stelle, aber vergeblich hoffte man, ein neuer Geiſt uͤber dem Kriege waltend, werde ihn zur fruhern Kraft beleben. Zwar beſeelte er fort und fort die mei⸗ ſten Glieder des Heerkorpers, das Ganze blieb rathlos und vereinzelt, rathloſer und verlaſſener als je. Die Vaͤter des Vaterlandes meinten, die Zeit ſey gekommen, wo weiſe Umſicht und Ei⸗ nigkeit walten muͤßten, um das bedraͤngte Ge⸗ meinweſen zu retten, aber bald wurden ſie ge⸗ wahr, daß ſie ſich einen Vormund gegeben, daß ihre Wuͤrde ein leerer Titel und ihre Gewalt eine Form ſey. Betreten und unwillig ſchauten die Stellver⸗ treter der Nation auf einander, vergeblich faßten ſie den klugen, nur etwas ſpaͤten Entſchluß, ſich den Vaͤtern naͤher anzuſchließen; vergeblich fan⸗ den ſie viele unter dieſen bereitwillig dazu, ihre Verſammlung wurde von Andern ein Conventi⸗ kel genannt, und ihren Beſchluͤſſen antwortete des Dictators gebieteriſche Stimme. Die Pa⸗ trioten ſahen traurig vor ſich nieder, die Feinde der beſtehenden Verfaſſung aber jubelten laut.— Die Ereigniſſe jener Nacht hatten die Reinheit des bisher Geſchehenen befleckt, eine Reinheit, die ihnen ſchon laͤngſt anſtoßig und hinderlich gewe⸗ ſen. Jetzt aber, jetzt hatten ſie das ehrenvolle Recht erworben, ihre Mitbruͤder zu verunglim⸗ pfen vor den Augen der Welt. So war denn eine augenblickliche Ruhe ein⸗ getreten, die Ruhe, welche waͤhrend einer Pauſe des Ungewitters dem wieder erwachenden Stur⸗ me vorangeht, und er erwachte wieder und raſte daher mit verdoppeltem Grimme, und bald ge⸗ ſellte ſich ihm der Donner der feindlichen Ka⸗ nonen vor den Waͤllen der Hauptſtadt. Da rafften die Vertheidiger des Vaterlandes ſich auf zu letzter verzweifelter Gegenwehr, in die III. 18 274 Kirchen eilten die Greiſe und Frauen, den er⸗ zuͤrnten Himmel mit Bitten zu beſtuͤrmen, Al⸗ les aber, was die Waffen tragen konnte, griff zu den Waffen und ſtuͤrzte auf den Wall. Aber es war zu ſpaͤt, fort und fort tobte das Gewit⸗ ter in der Naͤhe, immer naͤher zerſtoͤrten ſeine Blitze die Vertheidigungswerke, und von ihnen ſanken die Vertheidiger in den mit ihrem und der Feinde Blut befeuchteten Staub. Aber waͤhrend des Getuͤmmels flogen Boten ab und zu, Worte der Suͤhne tragend und harte Bedingung, und der, an den ſie gerichtet wa⸗ ren, ſah laͤchelnd in das Getuͤmmel und zaͤhlte die Donnerſchlaͤge und die Augenblicke, die noch verlaufen wuͤrden, bis ein erwuͤnſchtes Ende ſein Thun kroͤne. Manchen unter den Feinden jammerte ſolch Uebermaß von Unheil, der Tod ſo vieler wackern Maͤnner, ihn nicht. Die Worte, die aus ſeinem Munde gingen, vergroͤ⸗ ßerten ſich widerſprechend und die Verwirrung, und der, den man zum Retter auserſehn, war der Erſte, der mit kaltem Hohne erklaͤrte, es ſey Alles verloren. Er ſah um ſich in das graun⸗ volle Chaos, wie ein Schauſpieldirector auf den 275 laͤrmenden fuͤnften Akt eines Spektakelſtuͤcks, un⸗ geduldig wuͤnſchend, es moͤchte vorbei ſeyn, daß er nach Hauſe gehen koͤnne, um ſeine Caſſe zu ſtuͤrzen. Unſichtbar ſchweifte Beate und der Meiſter umher, Theil zu nehmen an dem auch ihnen ergoͤtzlichen Schauſpiel. Da gewahrten ſie auf einem hohen Platze einen Officier, einen von Jenen, die hezeichnet waren mit dem, was Men⸗ ſchenaugen nur durch ihr Thun kennbar iſt. Ein Haufe bewaffneter Maͤnner umgab ihn als ſeine Begleitung, und laut und mit Nachdruck redete er zu den Erſten. Doch war es keine Philippica, welche aus ſeinem Munde ging, Er⸗ mahnungen waren es, dringende Ermahnungen, mit Drohungen ſogar untermiſcht, an die Soͤhne des Vaterlandes, ſich doch nicht in die Angele⸗ genheiten deſſelben zu miſchen, ſondern fein ru⸗ hig auseinander und heim zu gehen, und die Fuͤhrung der Waffen denen zu uͤberlaſſen, deren Beruf das ſey. Er rieth ihnen, lieber ihres Hau⸗ ſes zu warten, damit es bereit ſey zum Empfang der Gaͤſte, die vielleicht der Morgen hereinführen werde.— 18* 276 „Was hoͤr' ich!“— rief der uns bekannte junge Mann, der mit Saͤbel und Feuergewehr bewaffnet eben dem Walle zueilen wollte,— „was thut Ihr, General?“— „Meine Schuldigkeit, wie Ihr ſehet,“— ver⸗ ſetzte dieſer trocken.—„Ich erfulle, im Fall Ihr darnach zu fragen haͤttet, die Befehle des ober⸗ ſten Machthabers und der Vaͤter Verordnung.“— „Iſt es wahr?“— ſprach der Abgeordnete heftig zu dem vorbeigehenden Grafen,—„iſt es wirklich wahr? Die Vaͤter des Vaterlandes wollen ſeinen Soͤhnen verbieten, daß ſie es ver⸗ theidigen? Sie wollen das letzte Bollwerk der Freiheit und Volksthuͤmlichkeit den Widerſachern wehrlos uͤberantworten? Sie geſtatten nicht, daß der Buͤrger dem Kriegsmanne, der fuͤr ihn blu⸗ tet, zu Huͤlfe eile? Mag es Der befohlen ha⸗ ben, der ſich jetzt das Haupt der Verwaltung nennt, eine ſchwere Verantwortung wird ihn tref⸗ fen fruͤh oder ſpaͤt; aber Ihr, Ihr, der Senat haͤtte alſo verfuͤgt, wagt Dieſer zu behaupten? Widerlegt, ich bitte Euch, wenn Ihr noch ein Buͤrger dieſes Landes und ein Mann von Ehre ſeyd, widerlegt ſo ſchmaͤhliche Verleumdung!“— 277 „Maͤßigt Eure Reden, Herr Abgeordneter, — ließ ſich der General in hohem Tone verneh⸗ men.—„Hier iſt von keiner Verleumdung die Rede, nur davon, kluͤglich zu verhindern, daß das Zudringen einer unberufenen und ungeuͤbten Maſſe die Vertheidigung, anſtatt ſie zu verſtaͤr⸗ ken, nicht hindere.“— „Mein werther Herr,“— ſagte der etwas bleich und verſtoͤrt ausſehende Exminiſter,—„ich weiß freilich nicht ſo recht, welches die Verfuͤ⸗ gungen des Senats ſeyn koͤnnen, oder vielmehr die Befehle deſſen, welchen wir jetzt als unſer Haupt betrachten muͤſſen, denn dies iſt eine Zeit, in welcher alles Recht und Herkommen fur nichts geachtet wird, und daher ſchwerlich Einer ſeinen wahren Standpunct erkennen mag. Doch ſcheint es mir weiſe gehandelt, dem Volke nicht die Waffen in die Hand zu geben, geſchweige denn es zur Fuͤhrung derſelben zu berechtigen. Ein ſchrecklich Beiſpiel hat uns noch vor Kurzem be⸗ lehrt, welchen Gebrauch es davon macht, ein Beiſpiel, welches uns ſchaͤndet vor allen Natio⸗ nen“—— „Ihr ſprecht ſehr hart, Herr Graf,“— ant⸗ 278 wortete ſich erhitzend der junge Mann,—„von einem Ereigniß, das, obſchon nicht genug zu be⸗ klagen, dennoch nicht ganz ungewoͤhnlich iſt in ſolchem Zeitraume einer Verirrung, von wel⸗ cher wohl kein ander Volk ſich gaͤnzlich rein gehalten hätte unter aͤhnlichen Umſtaͤnden. Ihr urtheilt ſtrenger uͤber Eure eigenen Mitburger ab, als ſelbſt jene Nationen, deren Ihr er⸗ waͤhnt.“— „Euch ſteht es zu,“— ſprach der Befehls⸗ haber mit Ironie,—„zu beſchoͤnigen, was Ihr und Eures Gleichen hervorgebracht.“— „Ich und meines Gleichen?“— rief der An⸗ dere zornig und ſchlug mit der Hand an den Saͤbel; doch alsbald ließ er ſie herabſinken und ſetzte gefaßter aber mit Nachdruck hinzu:— „Feierlich walze ich in meinem und meiner gleich⸗ geſinnten Bruͤder Namen jeden Antheil an ſo unheilvollem Beginnen von uns ab. Die Frei⸗ heit war unſer Zweck, nicht die Anarchie, ſo wahr ich Gott liebe und das Vaterland! Auf Die wälze ich den Vorwurf, welche zum Ver⸗ derben des Vaterlandes Vortheil gezogen aus einem Unheil, das ihre Raͤnke erzeugten.“— 279 Des Grafen Verſtand ließ vielleicht der Wahr⸗ heit des Geſagten ihr Recht widerfahren, doch glaubte er von mehr als einer Ruͤckſicht abgehal⸗ ten, dies nicht eingeſtehen zu duͤrfen, er ſagte daher:„Aber, werther Herr, wie dem auch ſey, ſo wäre die Loslaſſung jener erbitterten Haufen doch um ein Haar das Signal des Umſturzes aller Ordnung geweſen, und die Anarchie, wie Ihr richtig bemerkt, im Begriff, ihre Schrecken uͤber uns zu werfen. Hinweg mit ihnen, hin⸗ weg mit der Gefahr, ſie ſich erneuern zu ſehen, die Lage der Dinge fordert ein ſchleuniges Ende, und es iſt Pflicht, es von da herbeizufuͤhren, wo es ſich uns bietet. Einem zu gehorchen, iſt leich⸗ ter und ehrenvoller, denn Tauſenden unterthan ſeyn; Eines Forderungen laſſen ſich befriedigen, niemals die vielkoͤpfige nimmerſatte Hyaͤne, darum, ehe man dieſer als ſchmaͤhlich Opfer verfaͤllt, mag man ſich Jenem unterwerfen.“— „Es wird auch wohl nicht anders kommen,“ — ſetzte der Verbuͤndete des Gebietenden gleich⸗ guͤltig hinzu.— „Schon einmal, Herr Graf,“— ſagte der junge Mann mit verbiſſenem Ingrimm,—„ſchon 280 einmal hab' ich ein aͤhnlich Wort von Euch ge⸗ hoͤrt; damals hatte es noch keine Gefahr, und das Geſprochene war nur geſprochen, heute aber, hier in Gegenwart dieſer wackern Buͤrger, iſt es ein Anderes und das Wort wird zur That. Ich ſage nichts von dieſem hochbetrauten Strei⸗ ter fuͤr das Vaterland,“— ſetzte er mit einem verachtenden Blick auf den Officier hinzu,— „welcher hier den Friedensprediger ſpielt, ſtatt ſeiner Waffenbruͤder ehrenvolle Gefahr zu thei⸗ len, nichts Anderes laͤßt ſich von Helſershelfern eines Treuloſen erwarten. Auch ſind ſie nicht werth, ſo glorreich zu ſterben, ein langes Leben voll Schmach und getaͤuſchter Hoffnung ſey ihr Lohn. Aber was muß ich von dem Manne denken, deſſen Ahnen bei nicht minder wichtiger Veranlaſſung ihr Gut und Blut an die eigene Ehre an die Ehre des Vaterlandes ſetzten, der, den Ruhm des Geſchlechtes hinwegwerfend, nur an deſſen Titel und Beſitzthuͤmer denkt, der, nachdem er, ſeine Pflicht vernachlaͤſſigend, das Heil der Republik verwahrloſ'te, nun, da es in der hoͤchſten Gefahr ſchwebt, feig die Haͤnde ſin⸗ ken laͤßt und von Unterwerfung ſpricht, von frei⸗ 281 williger Vernichtung deß, wofuͤr ſeine Vaͤter leb⸗ ten und ſtarben. Wohlan, hinaus mit mir vor den Feind, Graf; jetzt denkt an Eure Ahnen, jetzt iſt es Zeit, daß Ihr daran denkt, ihre Gei⸗ ſter und Euer Vergehn durch einen ruͤhmlichen Tod zu verſoͤhnen.“—— Die Wange des Grafen hatte mehrmals die Farbe gewechſelt, er ſtand mit geſenktem Blick und zuſammengebiſſenen Zaͤhnen; endlich unter⸗ lag das Gefuͤhl, welches durch jene Worte rege geworden, und er ſprach mit beinah erſtickter Stimme:„Sparet Eure Worte nur und gehet allein, wenn Ihr wollt, durch einen nutzloſen Tod allen Euren Thorheiten die Krone aufzu⸗ ſetzen. Ihr ſeyd nicht der Mann, mir zu lehren, was mir obliegt, und nicht Ehrenpreis iſt hier.“— „Gebt Raum, wenn es Euch gefaͤllig iſt,“ — hoͤhnte der Ofſicier;—„hier habt Ihr nicht zu gebieten, noch zu haranguiren. Denn wie der Herr Graf ſagt: hier iſt nicht Ehrenpreis, mein Herr Stellvertreter des Volkes.“— „Nein,“— fuhr dieſer mit lautem und bit⸗ term Lachen auf:—„Hier iſt nur der Preis der 282 Schande zu gewinnen; um ihn beneid' ich Euch nicht.— Kommt,“— rief er einigen noch un⸗ ſchluſſig daſtehenden jungen Leuten zu,—„kommt, meine Bruͤder, den Ehrenpreis zu erwerben, er falle ſo oder ſo!“— Und fort ſtuͤrzte er mit ih⸗ nen, und was er ſuchte, iſt dem Todten ge⸗ worden. Wie die fruͤher abgewendete Noth zur unab⸗ wendbaren geworden, ſo ſtieg dieſe ſchnell zum hoͤchſten Grade. Fern von der Hauptſtadt hatte man den groͤßten Theil des Heeres zu entfernen gewußt, und bei ihren Haufen befanden ſich die tapfer⸗ ſten und treuſten Befehlshaber. Auch unter den Anweſenden waren Solche, doch ihre Anzahl nicht ſtark genug gegen die Andersgeſinnten. Weni⸗ ger das Wort des Befehls, ohne Uebereinſtim⸗ mung ertheilt und oſt fruchtlos gemacht durch abſichtlichen Irrthum, als die Tapferkeit des Soldaten, behaupteten die unvollkommenen Werke, ſie fielen, von der Uebermacht, von Kuͤhnheit un⸗ terſtuͤtzt, eher aber, als ſie, fielen die Treuen, die ſie vertheidigt. Die voruͤberziehende Wolke des ——— ——— 283— Waffenſtillſtandes erfriſchte auf kurze Zeit das heiße leichenvolle Gefilde. Da ſahen die Vaͤter des Vaterlandes und die Stellvertreter des Volks um ſich, und ſie er⸗ kannten, wem ſie vertraut und ſie forderten im Namen der Nation von Dem, der ſie gemiß⸗ braucht, der Gewalt ſich abzuthun, und ſtolz und trotzend zog er ſich zuruͤck, denn ſeine Be⸗ ſchuͤtzer waren ja draußen und drinnen, er wußte, man koͤnne ſeiner nun nicht mehr entbehren. Da war er nahe daran, von der Hand der Vergeltung ergriffen zu werden, aber ihn ſchuͤtzte der ihn unſichtbar begleitende Meiſter, denn nicht der Tod aus der Hand der Tapfern war ihm beſchieden, ſondern nach des nun ſchon Gefalle⸗ nen Wort, ein langes Leben voll Schmach und getaͤuſchter Erwartung. Damals aber hatte er noch ſtolze Hoffnung, auf ſeiner Stirn thronte der Uebermuth und der Hohn auf ſeiner Lippe, und als er in die Haͤnde der an ihn Abgeſendeten die gezwungene Entſa⸗ gung niederlegte, ſprach er laͤchelnd zu einem ſeiner Vertrauten:„Eile, Lieber, hinaus zum Feldherrn, den man hier den feindlichen nennt, 284 und bitte ihn, daß er nicht laͤnger ſaͤume, die⸗ ſem Steinhaufen, von Thoren bevoͤlkert, von neuem mit Bomben zuzuſprechen und mit gluͤ⸗ henden Kugeln, das iſt die einzige Arzenei, die ſie zu heilen vermag.“— Den Heerfuͤhrer vor der Stadt und die ihn umgaben, ergriff widerwilliges Staunen bei ſol⸗ chem in der Reihe der Jahrhunderte wohl nur ſelten gehoͤrten Wort, der Meiſter aber ſchlug beifallklatſchend in die Haͤnde und ſprach mit ſchmetterndem Gelaͤchter zu Beaten:„Kommt, Allerwertheſte, wir haben jetzt nichts mehr zu thun an dieſem Orte und unſer Geſchaͤft iſt be⸗ endet!“— Darauf hob er ſich mit ihr empor in die Luͤfte, Beide verſchwanden in den Dampf⸗ wolken uͤber dem Schlachtfelde, und ihre Spur ging ſeitdem dem Chroniſten verloren. Aber,— fragt vielleicht mancher umſonſt Nachſchauende:— wohin ſind ſie gekommen? Iſt gleichfalls die Verrichtung der reizenden Da⸗ me auf Erden vollbracht und der Meiſter hat ſie hinabgefuͤhrt, damit auch ſie den Lohn em⸗ pfange?— Leiſen Andeutungen nach meint der Chroniſt dieſe Frage mit„Nein“ beantworten . 285 zu können. Sie wandelt noch, glaubt er, um⸗ her im Gefolge des ſchwarzen Todes, und wir ſowohl, als er, wuͤnſchen von Herzen dem ge⸗ neigten und nachſichtigen Leſer, nie die Bekannt⸗ ſchaft Beider zu machen. Aber jenem Volke, wie erging es ihm?— Als ob das noch einer Frage beduͤrfte;— ge⸗ fallen iſt es, gefallen!— Ende des dritten und letzten Theiles. —— ſfſſiſiſ 1 12 13 14 15 1 1 6 8 9 10 1 6 5. 18 . 4 * ————— S——