Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. * 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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II. 1 —— 5—— 8— —— Der barauf erfolgende Rechtshandel nahm, wie aus den betreffenden Andeutungen zu ſchlie⸗ ßen, von ſeinem Beginnen einen raſchen, doch hoͤchſt eigenthuͤmlichen Gang. Es ſcheint, als ſey bald von dem Vorfalle, welcher ihn doch veranlaßt hatte, wenig Erwaͤhnung geſchehen, und als ſey er gewiſſermaßen ſpurlos unterge⸗ gangen in den ſchnell aufeinander folgenden Ent⸗ deckungen, zu welchen er gleichſam den Leitfaden darbot. Wohl war Beate Bilſen, beſtuͤrmt von der hereinbrechenden Vergeltung, eine Zeit lang unſchluͤſſig, ob ſie dem Gerichte die eigentliche Beſchaffenheit jenes Zuſpruches, des Gaſtes wah⸗ ren Urſprung nicht entdecken ſollte; ſie durfte in⸗ deß kaum hoffen, Glauben zu finden an ſolch abentheuerlichen Bericht, und noch mehr als dieſe Ueberzeugung hielt ſie der Gedanke zuruͤck, 1 X 4 man werde, ſelbſt das Wunderbare als moͤglich annehmend, auf die Frage fallen, wie es denn kaͤme, daß der frommen Wittwe Behauſung zur Herberge gewaͤhlt worden ſey von den Geiſtern der Holle, die doch gemeiniglich nur bei Sol⸗ chen einzuſprechen pflegen, zu denen eine gewiſſe Wahlverwandtſchaft ſie zieht? Dieſe Wahlver⸗ wandtſchaft aber, ſo ſehr ſie auch bei ihr ſtatt⸗ finden mochte, vor den Augen der Welt zu ver⸗ bergen, war die Beſtrebung ihres ganzen Le⸗ bens geweſen und ſie gedachte nicht, ſich deſſen abzuthun auch in dieſes Lebens bedenklichſtem Zeitraum. Eben ſo triftige Gruͤnde bewogen nach den erſten Verhandlungen das Gericht, ein Ereigniß fallen zu laſſen, deſſen Auseinanderſetzung bald ſich eben ſo unnuͤtz als wirrig erzeigte. Die Leiche des vermeinten Nathanael Schwarz, in wenig Augenblicken zur graunvollen Unform ge⸗ worden, war eilig der Erde uͤbergeben, die das ihr unbillig entzogene Eigenthum zuruͤckforderte; der Mohr, den man in leidlichem Gewahrſam hielt, zeigte ſich jetzt eben ſo gleichguͤltig und wortkarg, als er fruͤher redſelig und eifervoll ge⸗ weſen, und ſeine kurzen, verdroſſenen Berichte 5 waren eben ſo wenig genuͤgend, als die Aus⸗ ſagen der Jungfer Urſula, welche mehr von dem Zorn gegen den ungeſchlachten Liebhaber als durch Zuneigung zu ihrer Gebieterin, ſich in Vorwuͤrfen gegen den Oſtindier und ſeinen Ne⸗ gerſklaven ergoß, und in Bedauern des Un⸗ gluͤcks, das die Letztere durch jene beiden Land⸗ ſtreicher betroffen. Alles Suchen nach den frag⸗ lichen Koſtbarkeiten war fruchtlos geblieben, und genoͤthigt, wenigſtens in dieſer Hinſicht an Bea⸗ tens Unſchuld zu glauben, war man im Begriff, gegen den verdaͤchtigen Anklaͤger ſtrengere Maaß⸗ regeln zu nehmen; als man ihn aber eines Morgens in engere Haft abfuͤhren wollte, tra⸗ fen die Kerkerknechte ihn entſeelt auf ſeinem Lager. Solcher Vorfall unter ſolchen Umſtaͤnden konnte leichtlich einer Selbſtentleibung zugeſchrie⸗ ben werden, auch erweckte Urſprung und Farbe des Guineaſohnes, wie andere Wahrnehmungen, einigen nicht unbilligen Zweifel an ſeinem Chri⸗ ſtenthume; da jedoch Vermuthung nicht Gewiß⸗ heit, ſo beſchloß der unbekannten Stadt wohl⸗ weiſer Magiſtrat, die in allen zweifelhaften Fäl⸗ len zu empfehlende Mittelſtraße haltend, bie 6 ſchwarze Huͤlle des vielleicht ſelig verſtorbenen Blondins in einem entfernten Winkel des Kirch⸗ hofes bis zum Tage der Auferſtehung zu bergen. Dieſe Auferſtehung trat jedoch hier fruͤher ein, als die andern Menſchenkinder ſie erwar⸗ ten. Behagte es dem Mohren nicht an ſeinem Platze, oder wollte die geweihte Erde ihn auch an ihrer aͤußerſten Grenze nicht dulden, kurz, in der Nacht, welche der Beſtattung folgte, ver⸗ nahm des ſtillen Gartens Pfleger ein dumpfes, krachendes Geraͤuſch, und als er am Morgen nachſah, war eine Stelle der Kirchhofsmauer eingeſtuͤrzt, das Grab aber unter den hinweg⸗ geraͤumten Truͤmmern fand man aufgewuͤhlt und leer. Der regierende Buͤrgermeiſter ſchuͤttelte den Kopf, als man ihm dies Ereigniß meldete, dar⸗ auf that der zweite eben ſo, und nach und nach und endlich insgeſammt ſchuͤttelten alle Sena⸗ toren die Koͤpfe; aber bald wiederholte ſich dieſe Geberde ſtaͤrker noch, als man in Erfahrung brachte, daß der Kauf⸗ und Handelsherr Na⸗ thanael Schwarz zwar wirklich von Batavia abgegangen ſey, um nach Europa zuruͤckzukeh⸗ 7 ren, aber auf einer Inſel der Nordſee das Ziel ſeiner Reiſe und ſeines Lebens gefunden habe. Entweder iſt der Zeitraum, in welchem dieſe Ereigniſſe ſich zutrugen, von unſern Tagen nicht ſo entfernt, als wir nach andern Andeutungen muthmaßten, oder die Gerichtsperſonen jener Stadt durften ſich eines hoͤhern Grades von Aufklaͤrung erfreuen als ihre Zeitgenoſſen, denn es findet ſich keine Spur, daß man ſich beſtrebt haͤtte, ſo treffliche Gelegenheit zu einem Hexen⸗ proceſſe zu benutzen. Zwar ließ hier und da ein Diener des Wortes etwas verlauten, wie, gleich in alten Zeiten, der Satan umherſchleiche als ein brullender Loͤwe, und ſuche, wen er ver⸗ ſchlinge; zwar vernahm man ſolche Worte meiſt von den Juͤngern unter ihnen, deren Heiligkeit durch eine ſanfte Stimme, durch geſenkten Blick und geſcheiteltes Haar außer allen Zweifel geſetzt wird; zwar ſuchten ſich im Gegentheil die bejahrteren Frauen der Stadt, und an ihrer Spitze die Frau Buͤrgermeiſterin, fuͤr die Un⸗ tuſt, welche das allgemeine Lob der ſchoͤnen Wittwe ihnen vft verurſacht hatte, durch Ver⸗ breitung der ſeltſamſten Geruͤchte zu raͤchen, der Mägiſtrat abet legte wohlweislich die den Oſt⸗ 8 indier betreffenden Verhandlungen in beſonderm Hefte zu den Acten, welche mit befremdlicher Schnelle bereits bis zum Ungeheuern angeſchwol⸗ len waren, ſowohl was ihren Umfang betrifft als ihren Inhalt. Wie es ſchien, als habe eine—— den Zugang eroͤffnet in ein dunkles Labyrinth des Verbrechens, ſo war es auch, als fuhre dieſe Hand die forſchende Gerechtigkeit durch ſeine Windungen, und kaum hatte man die Spur irgend einer fruͤher nicht geahneten Unthat ent⸗ deckt, ſo enthuͤllte ein plotzlich Licht ſie in ihrer ganzen ſchauerlichen Geſtalt. Zahllos traten ſie hervor aus dem Dunkel, doch entfernt, das Ohr des Leſers durch Aufzählung wiederholter, einander ähnlicher Greuel zu ermuͤden, ſchwei⸗ gen wir über die Anklage, welche ſich gegen die Wittwe Bilſen vor dem Gericht der Men⸗ ſchen erhob, uns mit dem begnuͤgend, daß der von Anbeginn verordnete Anklaͤger der Adams⸗ kinder ſie vor dem Richterſtuhle des Bewußt⸗ ſeyns an jenem verhaͤngnißvollen Abende be⸗ zuchtigte. Immer ſicherer werdend in ihren Schritten, zog die Gerechtigkeit die Hulle des Geheimniſſes, 9 verdichtet durch die Vergeſſenheit, von manchem fruͤhern Vorgange; mancher Leichnam wurde wieder an das Tageslicht hervorgezogen von der Stelle, wo er geduldiger als jener Mohr, der Poſaune des Weltgerichtes wartete; der ſtumme Mund der Todten ergaͤnzte der Lebendigen ſchwankende und unvollkommene Ausſage, und ſo bildete ſich bald ein Ganzes, uͤberzeugend ge⸗ nug, um die Thäterin dem Blutgericht zu uͤber⸗ antworten, empoͤrend genug, um deſſen Bei⸗ ſitzer, um die Welt ungewiß zu laſſen, ob im Bereich menſchlicher Gerechtigkeit ſich eine Strafe befaͤnde, ſolchem Frevel angemeſſen. Doch fehlte noch das Entſcheidende, Beatens eigenes Ge⸗ ſtaͤndniß. Ihre Zunge, geuͤbt im Dienſte des Truges, verſagte ſich der Wahrheit, und ihr Stolz, dem ſie ſo viele Opfer gebracht, weigerte ſich, auf die Frucht derſelben zu verzichten. Fort und fort floß ihr Mund uͤber von gottſeliger Ermahnung, alſo daß man nicht eine Miſſe⸗ thaͤterin zu vernehmen glaubte, ſondern einen predigenden Daniel in der Loͤwengrube; die Magiſtratsperſonen jener Stadt aber waren min⸗ der lenkſamer Sinnesart als Darius der Meder. Oft hoͤrte man ihre ſanfte Klage uber die Uebel, 10 mit welchen der Herr ſeine Magd heimſuche, ihre zuverſichtlich frohe Behauptung, er werde, wenn es genug ſey, ſie aus dem Trubſal erlo⸗ ſen, und das Licht der Wahrheit, von ihm aus⸗ gehend, die dunkle Nacht verſcheuchen, welcher, wie ſie in geheimnißvollen Worten zu verſtehen gab, durch eine unbegreifliche Schickung, Ge⸗ walt uͤber ſie gegeben— ſey— eine ſtimmte Zeit. Wohl gelang es ihr, funne aniu Zuhoͤrer Abſcheu hin und wieder in Mitleid und zärtliche Theilnahme zu verwandeln, aber Denen, welche von Amtswegen einen tiefern Blick in dies widrige Chaos gethan, war die Ueberzeu⸗ gung geworden, daß, wenn auch die Machte der Finſterniß in das Leben der Wittwe getre⸗ ten, ſie in derſelben eine treue und bereitwillige Dienerin fanden; der Buchſtabe des Geſetzes indeß, wohl eine heilſame Schranke da, wo es auf Entſcheidung ankommt, gefaͤllt von Men⸗ ſchen, nicht erhaben uͤber den Jrrthum, verhin⸗ derte, daß die Ueberzeugung den Ausſpruch chue, welchen das Herkommen verwarf. 6 In Unzahl war vorhanden, wſn der Sprache der Rechtspflege halbe Beweiſe genannt 11 wird, doch Alle waren nicht genuͤgend, einen ganzen zu bilden; ihnen trat die gleichfalls halbe Rechtfertigung entgegen, erzeugt von der räthſelhaften Entwickelung jenes Vorganges mit dem uͤberſeeiſchen Gaſte, und ſo beſchloß denn, als ſchon Jahre ſeit demſelben verſtrichen waren, das Gericht, den Mittelweg einzuſchlagen, wel⸗ cher dem Gehorſam gegen das Geſetz genug that und der Pflicht gegen die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft. Der Gewahrſam der Wittwe war ein leidlicher; auch in der Schmach entſetzlicher Bezuͤchtigung, auch in der Furcht, an ihm ſelbſt habe die Braut gefrevelt, hatte der ehren⸗ werthe Braͤutigam ſich nicht gaͤnzlich von der Verlornen gewendet, auch jetzt erhob ſich aus der kranken Bruſt ſeine Stimme, und in ſein verſtörtes Leben trat noch einmal wehmuͤthige Freude, als der Beſcheid ſeiner Amtsgenoſſen dahin ausfiel, die nicht uͤberzeugte Verbrecherin ſolle in ſolch ertraͤglicher Haft verweilen bis zum Ende ihrer Tage, ieter—— neuer Unthat beraubt. Zwar ſollte, der billigen ouung anderer Mitglieder gemaͤß, dieſer milde Spruch ein Ge⸗ heimniß bleiben fuͤr geraume Zeit noch, insbt⸗ 12 ſondere aber fur die, welche er betraf; aber auch in den Mauern des Kerkers fand die erfreuliche Kunde den Weg zu Beatens Ohr; die Todes⸗ furcht wich zuruͤck vor der Hoffnung des Lebens, und bald verzweifelte ſie nicht mehr daran, das Wiedergewonnene auch, wie fruͤher, in— Luͤſternheit zu genießen. 6 Da erhob nach langem Schlummer jene dunkie Macht ihr Haupt zur Vollendung des Werkes, das ſie begonnen, und erſt fluͤſternd, dann lauter deuteten die Stimmen der Unter⸗ welt an, nimmer laſſe ſie ab von dem, der ih einmal verfallen. Eines Abends— der—. ehi in— ſelnden Toͤnen pfeifend und ſauſend durch die Spalten der Mauer, die den Gottesacker umgab, in deſſen Nachbarſchaft man vielleicht nicht ohne Abſicht Beaten die nicht gewählte Wohnung angewieſen— eines Abends alſo hatten die Be⸗ ſucher ſie verlaſſen, welche theils die Neugier herbeigefuͤhrt, die zu ſehen, welche entweder als eine ſeltene Ausnahme des im Ganzen recht ge⸗ woͤhnlichen Menſchen⸗ und Suͤndergeſchlechts zu betrachten war, oder als ein Opfer beiſpiellos verketteter Umſtaͤnde, theils Mitgefuͤhl, herruh⸗ 13 rend von fruͤherer Bekanntſchaft. Die Einen waren hinweggegangen, zweifelhafter noch in ihrem Urtheil, die Andern, in tiefer Bewegung, denn die Klage der Gefangenen war leidenſchafts⸗ los und mild; die Ueberzeugung, welche ſie dar⸗ auf ausſprach, der Lenker der Herzen werde auch den Sinn derjenigen lenken, die zu Ge⸗ richt ſäßen uͤber ſie, trug weniger das Gepraͤge des Triumphs, als des frommen Vertrauens, und wenn ihr großes dunkeles Auge, gleich der Oberflaͤche eines unergruͤndlichen Bergſees, nur den heitern Himmel wiederſpiegelnd, ſeinen Frie⸗ den in der Tiefe ahnen ließ, rufte die ſtille Thraͤne, die unterweilen in ihm glaͤnzte, die Theilnahme der Menſchlichkeit an ſo wuͤrdig getragenem Ungemach auf. Und wenn dies Auge, gleichſam um Troſt zu ſchoͤpfen aus der nimmer verſiegenden Quelle des Troſtes, ſich auf das heilige Buch ſenkte, das aufgeſchlagen vor ihr lag, dann glich ſie der Maria Magda⸗ lena in ſanfter Ergebenheit; und richtete es ſich wieder empor in feurigem Blicke, ſo waͤhnte man die Heilige zu ſehen, die zum Himmel in begeiſtertem Gebet aufſchaut, daß er ſie auf⸗ nehme von der Erde, die ſie verkannt. 14 Sie war allein, und ſchnell aͤnderte ſich die Scene und der Hauptperſon Geberde und Haltung; gleichguͤltig ſchob ſie den ſchwarzbe⸗ kleideten Folianten zuruͤck, den ſie ohne Zeugen nur ſelten der Aufmerkſamkeit wuͤrdigte, und auch dann nur den Beſtandtheilen deſſelben, welche gleichſam als Gegengewicht des Wortes, ihm allmaͤhlig in Jahrhunderten der irdiſche Sinn beigefuͤgt hat; ſie ſchaute mit ſpottendem Laͤcheln und mitleidigem Achſelzucken den Hin⸗ weggehenden nach und trat an das vergitterte Fenſter. Weit ſchweifte ihr Blick hinaus an den Ho⸗ rizont, uͤber deſſen Schwelle die Sonne bereits hinabgegangen war, in die dunkel- und hellge⸗ faͤrbten Wolken des herbſtlichen Himmels, in das Abendroth, deſſen gluͤhender Purpur allge⸗ mach in roͤthlich Gruͤn uͤberging, bis er ver⸗ ſchmolz in dem Grau des Oſtens; doch nicht nach dem Himmel wendete ſich das Auge der Einſamen, die nebelige Bergreihe, auf der die Wolken ruhten, zog es an, wiederum gehoͤrte ſie der Erde an, die Erde ihr, und die Einbil⸗ dungskraft der Gefangenen fuͤhrte ſie hinweg aus dem Kerker fernen Gefilden zu und lang 15⁵ vermißten Freuden. Doch zwiſchen Dort und Hier lag— der Kirchhof. Das Geſtöhne des Windes, der ihn durch⸗ ſtrich, traf ihr Ohr und dieſem folgte das Auge; es ſah die Graͤſer ſchwanken, bereits gekleidet in des Herbſtes roͤthliches Gruͤn, die Gebuͤſche beugten ſich aͤchzend im Luftzug und ſchuͤttelten, mit dem Sinnbilde der Vergaͤnglichkeit ihre Denkmaͤler bedeckend, das falbe Laub auf die Graͤber, die Todtenkraͤnze raſchelten an den Kreuzen, und manches der Graͤber und Kreuze war Der am Fenſter wohl bekannt. Immer dunkler ward der Himmel, immer mehr ver⸗ ſchmolz die Ferne in der Daͤmmerung, aber lichter war es auf dem Gottesacker, immer ſtil⸗ ler ward es druͤben, aber unter ihr ſchien es zu wogen in halb hoͤrbarem Treiben. Da trat der Mond ſtill und langſam aus einer Wolke hervor und ſchaute der Stehenden in das Geſicht. Da war es ihr, als ſaͤhe ein wohlbekanntes Leichenantlitz ſie an mit ſtummer Frage; ſie wollte nicht antworten, auch nicht mit einem Blick, und ſie wandte ſich zuruͤck in das Gemach. Aber auf der erhellten Wand⸗ flaͤche ſtand ihr Schatten, und als ſie ihn ſah, 16 daͤuchte ihr, als wehe ſie aus ihrem dunklen Nachbild zum erſtenmale das Entſetzen an, das Entſetzen vor ſich ſelbſt. Nicht ſich wollte, konnte ſie ſehen in der Einſamkeit, deren Grauen ſie allmaͤhlig beſchlich, lieber doch noch die bleiche Todtenlarve des Mondes. Auch dieſe jedoch hatte ſich von ihr abgewendet, als von einem widrigen Gegenſtande, den Wolkenſchleier wieder vor ſich ziehend, aber fort und fort ſchaute ſie auf den Kirchhof hinab, als wollte ſie ihr Licht dem wachſenden Treiben leihen, das rings auf demſelben ſich erhob, und wie feſtgebannt ſah auch Beate unverwandt auf die matt erhellte, ſeltſam unruhige Flaͤche. Tief im Winkel am aͤußerſten Ende wogte es hin und her am Boden, als ſtrebe Etwas, die Erdſchollen hinwegſtoßend, hervorzukommen an die Oberflaͤche, und bald hob es ſich empor, ſchwarz, ſchwaͤrzer noch als das alte Gemaͤuer, und es ſtand endlich aufrecht und ſchritt langſam vor zwiſchen den Huͤgeln. Es war eines Mohren Geſtalt, welche der zitternde, oft unterbrochene Mondſtrahl beleuchtete, er ſpiegelte ſich ab in ſeinem Auge, am gluͤhenden Wiederſchein und blendend an dem weißen, fletſchenden Gebiß. Und wie er ſo vorwaͤrts trat zwiſchen den Hu⸗ geln, ward es lebendig darunter, und mit lei⸗ ſem Geraͤuſch geſellten ſich dem naͤchtlichen Wanderer ihre Bewohner, und immer zahlrei⸗ cher ward der Zug, je naͤher er dem Fenſter kam, von welchem die Wittwe mit ſtierem Auge hinabſah. Und als er nun ſtand unter demſel⸗ ben, ein ſtilles Chor, angefuͤhrt von dem Schwar⸗ zen als Choraget, da erkannte Beate die Ge⸗ ſtalten, und ſie wollte zuruͤckweichen, doch ſie vermochte es nicht, denn es war ihr, als ſey ihr Schatten, an ſie herangeſchlichen, hinter ihr und halte ſie feſt und blicke ihr beifällig grin⸗ ſend uͤber die Schulter. Dann toͤnte es von unten herauf, wie leiſe vielſtimmige Begruͤßung, und noch deutlicher wurden Geſtalt und Zuͤge der Stehenden. Ein Greis und eine Greiſin waren unter ihnen, die gingen gebuͤckten Hauptes, wie unter einer ſchweren Kummerlaſt. Der Alte hielt, wie in ſchwermuͤthigem Sinnen, die Haͤnde gefaltet vor ſich hin, die ihrigen rang die Greiſin, und Beide ſchauten nach dem Fenſter, und eines einzigen Wortes hohler Schall draͤngte ſich durch die fleiſchloſen Lippen.„Tochter!“ ſo lautete II. 2 — dies Wort, aber die, an welche es gerichtet war, hatte keine Antwort auf dieſe Begruͤßung, wie vorher ſtand ſie regunglos, und kalt wie der Mondſtrahl haftete ihr Blick an den Alten. Da winkte mit hoͤhnendem Laͤcheln der Mohr, des dunkeln Zuges Marſchall und Ceremonienmeiſter, ihnen, daß ſie zurucktraͤten; und ſie thaten es, fernhin aber uͤber die Graͤber toͤnte es gleich tiefem, ſtoͤhnendem Seufßzen. Eine andere Gruppe loͤſte ſich jetzt aus den Reihen, aus Kindern beſtand ſie, keines derſel⸗ ben hatte die Jahre der erſten Entwicklung er⸗ lebt, einige ſogar nicht den Austritt an das Licht des Tages, das nur ihre geſchloſſenen Augen beſchien, und die todten Kindergeſtalten und der niemals Lebendigen unvollkommene Formen ſtreckten die Haͤndlein empor zu dem Fenſter, und„Mutter“, fluͤſterten ſie hinauf in bittendem, klagendem Tone. Da ließ ſich wie⸗ derum ein Seufzer vernehmen, aber er entrang ſich Beatens marmorner Bruſt, und ſie wen⸗ dete das Auge ab fuͤr einen Moment. Und wie betruͤbt, daß die Mutter ſie nicht anſehen wolle, noch mit ihnen ſprechen, umringten ſie einen hervortretenden Mann, gleichſam ihm ihr 19 Leid zu klagen. Der Mann aber hoͤrte nicht auf ſie, mit leiſer ſchonender Geberde entfernte er die Einen, die Andern ſtieß er zornig zuruͤck, dann trat er vor das Fenſter des Kerkers, ſtarrte hinauf mit finſterm Blicke, zog einen Ring vom Finger und warf ihn mit wuͤthender Geberde zu Boden. Beate ſeufzte nicht wieder, noch richtete ſie das Haupt abwaͤrts, mit dem Blicke des Haſſes begegnete die Lebende dem Rache fordernden Blicke des Todten. Und immer zahlreicher wurden die Geſtalten, und immer naͤher traten ſie der Mauer des Ge⸗ faͤngnißhauſes; viele waren unter ihnen in ver⸗ ſchiedener Kleidung, von jedem Alter und Ge⸗ ſchlecht, der Jungen aber mehr denn der Alten. — Einige, ruͤſtigen Anſehens und frechen Blicks, ſchwangen Kraͤnze, aus Roſen geflochten wie es ſchien, aber das Geflecht zerriß in ihrer Hand, die Bluͤthen wurden zu Todtenblumen und fielen herab, die Kraͤnze aber waren nur Dornengeſtripp und ſie ſchuͤttelten es mit dro⸗ hender Miene gegen Beaten. Andere, im Ge⸗ wande der Duͤrftigkeit, hielten den Sammel⸗ korb in den Haͤnden oder den Brodſack des Bettlers, und griffen hinein und hoben den In⸗ 2* ————— 20 halt empor in der entfleiſchten Fauſt, mit an⸗ klagender Geberde, und warfen ihn mit Abſcheu von ſich, denn was ſie gehalten, war zerfreſſen von Faͤulniß und ekle Wuͤrmer entſproſſen aus der verabſcheuten Gabe. Eine aber, ein halb⸗ wuͤchſig Maͤdchen lieblichen Angeſichtes, es hielt auch einen Korb, drohte nicht wie die Andern, es deutete nur auf das, was ſie trug, mit trau⸗ riger Geberde, dann laͤchelte ſie Beaten weh⸗ muͤthig zu, doch freundlich, aber zwiſchen den halbgeoffneten Lippen glaͤnzte nicht die Perlen⸗ ſchnur, die einſt ſie geſchmuͤckt. Da ſtieß ein plotzlich krampfhaftes Entſetzen das Gebiß der Schauenden zuſammen, und der Mohr mußte es bemerkt haben, denn er grinſte um eins ſo freundlich, als wolle er groß thun mit den weißen Zaͤhnen im breiten aufgeſchwollenen Munde. Und noch Eine kam, traurig wie das Kind, und drohete nicht, ihre Hand lag auf der linken Bruſt, als wolle ſie die Stelle an⸗ deuten, wo einſt ein treues Herz geſchlagen, und auch ſie ſchaute Beaten an, doch war es, als belebe noch der Wiederſchein alter Zunei⸗ gung das glanzloſe Auge; als ſie nun das Haupt ſo emporrichtete, fiel das Leichengewand herab von dem haarloſen Scheitel. Da ſtraͤubte ſich das graue Haar der Wittwe unter dem kuͤnſtlichen Lockengebaͤude, das es ſelbſt in der Einſamkeit des Kerkers verbarg, und ſie wandte ſich hinweg vom Kinde und Mädchen, dem Mohren zu, denn eher ertrug ſie den plumpen Hohn, der ſein Antlitz verzerrte, als der Beiden freundlich traurigen Blick. Der ſtand noch immer mit Behagen blickend auf die duͤſtern Geſtalten ringsumher, die aber nicht auf ihn ſahen, oder nur mit Widerwillen, und fern von ihm blieben in ſcheuer Furchtſam⸗ keit, und er ſchien ſie zu muſtern, als ſeyen noch nicht Alle beiſammen, und nach einer Weile ſtampfte er auf den Boden, wie damals im Gemache Beatens, und wie damals erhob ſich ein urplotzlich Gerauſch. Es ſchien von einem nahe gelegenen Monu⸗ mente herzukommen, deſſen Inſchrift in golde⸗ nen Lettern des Verſtorbenen Eigenſchaften pries, doch weniger dieſe beſtatigte, als ſeinen Reichthum und die Prunkſucht lachender Erben. Der Huͤgel am Monumente that ſich auf, und mit einer Muͤhe, die gewiſſermaßen ſein langes 22 Ausbleiben rechtfertigte, arbeitete ſich der Be⸗ wohner hervor. Seine Erſcheinung ſtand im Widerſpruch mit dem Glanze ſeiner letzten Be⸗ hauſung, der Ausdruck des entſtellten Todten⸗ antlitzes deren ruhmredigen Inſchrift. Ein ſchlech⸗ tes Roͤcklein bedeckte das klappernde Gebein, eine roͤthliche Atzel den Schaͤdel, es war derſelbe, den man einſt den Wucherer Eſaias Golden⸗ baum geheißen, den jene Lettern den Vater der Duͤrftigen nannten, vielleicht weil er ihre Zahl in der That um nicht Geringes vermehrt, ein wenig haͤßlicher nur und widerwaͤrtiger noch, als in den Tagen ſeines irdiſchen Lebens. Er ſchien einen weiten Weg gemacht zu ha⸗ ben, wer weiß durch welche Raͤume, und that, ſeines Saͤumens unerachtet, ſehr eilfertig, denn er draͤngte ſich durch die ſtille Verſammlung mit einer Haſt, welche ſeines Gleichen wohl eigen iſt auf Jahrmaͤrkten oder an der Boͤrſe, als bahne ihm, wie ſonſt, noch ein gefuͤllter Seckel den Weg. Es war indeß nicht, als ſey er den Anwe⸗ ſenden willkommen, mit Abſcheu kehrten ſich die Meiſten von ihm weg, doch eben ſo wenig als ehemals kuͤmmerte ihn die allgemeine Verach⸗ 2 tung und dreiſt trat er zu dem Mohren heran mit vertraulichem Gruß, den dieſer auch nickend vergalt. Und noch einmal nickte der Schwarze, da richtete Jener die ſtechenden Augen auf das Fenſter und hob gegen daſſelbe die duͤrre, zit⸗ ternde Fauſt. Auch Beatens ehernen Sinn hatte das Ueber⸗ maaß des Entſetzens zermalmt, ihr Muth, wel⸗ cher nicht erlegen war vor ſo manchem erſchuͤt⸗ ternden Anblick, vor ſo mancher ſtummen An⸗ klage, erlag dem Anblick des ſchon im Leben Gefuͤrchteten, der nun vor ſie trat mit dem In⸗ grimm der Unterwelt. Aufſchreiend wankte ſie einige Schritte zuruͤck, ſo in dem Maaße, als ſie ſich vom Fenſter entfernte, ſchien ſich der Boden draußen zu heben, und als ſie gefluͤch⸗ tet war in die entfernteſte Ecke, lag vor ihr die Flaͤche des Kirchhofs wie vorher, mit den dun⸗ keln, ſchwankenden Geſtalten, und es wogte ge⸗ gen die vergitterte Oeffnung, als wollte die Geiſterwelt, aus ihren Schranken tretend, hinein⸗ wogen in das enge Kerkergemach. Vorn aber, ganz vorn uͤber die Bruͤſtung des Fenſters, legte Eſaias ſich herein, weit in das Zimmer ſtreckte ſich auf langem duͤnnen 24 Halſe der beatzelte Kopf mit gewaltiger Naſe und ſpitzem Kinn, und der verzogene Mund kreiſchte in widrigen Toͤnen:„Seyd ſchoͤnſtens gegruͤßt, Frau Pothe. Warum ſcheuet Ihr Euch denn vor mir? Bin ich denn nicht immer geweſen Euer Freind? Hobt er mer nicht helfe gethon zu de Ehre, doß ech bin gekuͤmmen zu gaihn uͤf de Kerchhof von eine Lait in ſo gute Geſellſchaft? Und Er hobt mer geholfe zwaimal, dos aine Mol mit de Taaf, un's andre Mol mit de Geſchenk, dos ſe mer hot geben gethon zu maine Feſt. Mein, is mer dos nich a guͤte Pothe, dos ſe gor niſcht hot kenne warte, bis ech bin kuͤmme uͤf en chriſtliche Kerchhof.“ „Hinweg,“ ſchrie Beate mit vorgeſtreckten Armen,„hinweg, Ungethuͤm, in die Hoͤlle, der Du gehoͤrſt!—— „De Helle?“ greiflachte das Scheuſal.„Wos thu ech mit de Helle? Bin ech niſcht e guͤter Chriſt, wie de Frau Pothe is ene guͤte Chriſtin, und mag de Chriſt aach kuͤmme zu gaihn in de Helle? Nuͤ, wos thuͤt mer dos? Se werds wauhl ſelber ſehn, wenns is an de Zait, un ech werde vergelte de Guͤtigkeit, un dorten Ge⸗ vatter ſtaihn bei de Frau Pothe, wie de Frau 25 Pothe hot geſtande Gevatter bei mir. Nuͤ's werd nich lange dauern mehr, und mer werde ſeyn quitt.“— Und damit griff er in die Daͤmmerung hin⸗ ein nach Beaten mit der Habichtsklauen aͤhnli⸗ chen Kralle, dieſe aber druckte ſich bebend in ihren Winkel und fragte in der Verworrenheit des Entſetzens:„Was willſt Du von mir? Nichts hab' ich mit Dir zu ſchaffen, nichts Du unter den Lebendigen.“— „Wos ech will?“ ſcholl es wieder aus dem Munde des Todten:„Main Geld will ech; hot ſe mer wauhl gegebe mai Geld? Nuͤ, ſe hot Recht, de Frau Pothe, un ſe is ene gor kluͤge Frau. Wos hot der Taudte zu ſchoffe mit de Lebendige, wos thuͤt der Taudte mit de Geld? Sau well ech aach niſcht kee Geld, is es doch niſcht im Cours bei uns, niſcht Dekaten un Ligedor, ſo well ech denn hoben maine Zahlung in unſere Muͤnz, un mit Percenten well ech ſe hoben, mit ſchwere Percente, un Muͤnz heißt— Rache!“—— Und Rache ſcholl es in dumpfen und in gellenden Toͤnen; wohl ſaͤuſelte dazwi⸗ ſchen das Wort„Erbarmung“, doch es ward 26 durch den Racheruf uͤberſtimmt, und der Mohr lachte ſchmetternd dazwiſchen. „Mer ſeyn ſo fein beiſamme,“ ließ Eſaias ſich von Neuem vernehmen,„alle de Glaibiger von de Frau, un's werd bald kuͤmme zum Concurs. Main,'s fehlt niſcht as nur noch Ener, der is de Letzte un aach de Beſte, un er hot mer gebe de Vollmacht uͤf ſe. Se ſoll wiſſe, bei uns is e prompte Juſtiz, un mer weeß niſcht von Prolongation. Nuͤ, ſe is niſcht taudt, ſe is lebendig, as ſe ober werd ſeyn lebendig, werd ech kuͤmme zu gaihn alle Tog in die Nacht, un ech were ſe mohne, bis ſe werd ſeyn taudt un kuͤmme vor Gericht, un ſe bezohlt ihre Schuͤld.“— Dieſe Verheißung traf mit furchtbarer Ge⸗ walt Beatens Inneres, und die verzagende Suͤnderin hob die bebenden Arme auf gegen die freundlichen traurigen Geſtalten draußen, und flehte um Erbarmen bei denen, an welchen ſie gefrevelt mit kaltem Blut und eherner Stirn.— Und draußen erhoben ſich milde, troͤſtende Toͤne, aber bald unterbrach ſie grauenhafte Ver⸗ wuͤnſchung, das Lachen des Schwarzen, Eſaias grimmiges Geheul. „Erbarme?“ ſchrie es aus dem graͤulichen Leichnam:„Un weſſen hot ſe ſelber ſich gethon erbarme? Bin ech niſcht a guͤter Chriſt? Hot ſie nich Caution gethon fer mich? Nuͤ, un ech will mech erbarme gor niſcht! As ech bin ge⸗ weſen aͤ ehrlicher Mann, wie ſe is ene ehrliche Frau, werd ech niſcht ſcheue de waite Weg, un ech wer kuͤmme ene Nacht un alle Nacht, und wer ſe mahne, bis ſe kuͤmmt zu gaihn hinunter und zohlen das Kapital mit ſammt de Percent. Nuͤ, mer ſeyn emol fein Alle beiſammen, un wos hilft es, ſo Ener oder der Annere de Schuͤld quittirt, is doch das Haus faillirt auf ewige Zait. Un ſo er will ſchenke de Schuͤld, ſu geiht es niſcht, denn ſe is ufgezaichnet da oben, un die da uͤnten hobe gethan kriege de Vollmacht zu de Execution!“—— Und der Mohr winkte, und alle Geſtalten, Einige nur wie widerwillig ſeinem Willen fol⸗ gend und dem Beiſpiel des todten Wucherers, Andere wie angetrieben von eigenem Ingrimm, alle Geſtalten draͤngten ſich wimmelnd in das Fenſter; der Vater ſchaute finſter auf die Toch⸗ ter, die Mutter rang die Haͤnde, der Gemahl ballte drohend die Fauſt;„Mutter!“ winſelten —.— — 28 die Kinder, die Junglinge und Maͤnner ſchuͤttel⸗ ten hoͤhnend das dornige Geflecht, traurig neigte Johanna das kahle Leichenhaupt, der Kleinen zahnloſer Mund laͤchelte ſie wehmuͤthig an. Eſaias Goldenbaum aber beugte ſich vorwaͤrts weit hinein in das Gemach und langte nach ihr mit verlaͤngerter Kralle; Beate ſtuͤrzte ohnmaͤch⸗ tig zu Boden, und auf derſelben Stelle fand man ſie am Morgen. Vergeblich ward ſie mit Fragen beſtuͤrmt, ihr Mund, laͤngſt entwohnt, der Dolmetſcher ih⸗ rer Gefuͤhle zu ſeyn, blieb wortlos, ihre Zuͤge, in jeder Beziehung zur ſtehenden Larve geworden, verſagten ihren Gehorſam dem Innern nicht, das ihrer Dienſtbarkeit ſo lange ſchon bedurfte; doch vermißte die Frau des Schließers, die zu ihr trat mit freundlichem Zuſpruch, laͤngſt ſchon getäuſcht und gewonnen durch der Gefangenen Sanftmuth und Faſſung, zwar die erſte nicht, doch die letzte an ihr, und entfernte ſich zoͤgernd und bedauernd, als Beate, anſcheinend im Kam⸗ pfe mit einem Entſchluſſe, ſie, auf die heiligen Buͤcher zeigend, bat, man moͤge ſie allein laſſen mit dem einzig wirkſamen Troſt der Be⸗ draͤngten. 29 Sie fand ihn nicht, dieſen Troſt, wo ſie zum erſten Mal ihn ſuchte; jener Buchſtabe, der ihr niemals mehr geweſen war, als eben ein Buch⸗ ſtab, jene Ausſpruͤche, welche der Heuchelſinn, dem Herzen voruͤber, fort und fort dem Ge⸗ daͤchtniſſe zufuͤhrte zu beliebiger Anwendung, konnten ihr in der Stunde der Bedraͤngniß nichts mehr gewaͤhren, als was ſie immerdar von ih⸗ nen gefordert; das Mißbrauchte ward untaug⸗ lich erfunden zum Gebrauch, als es noth that um dieſen. Wie fruͤher, ſchob ſie das Buch zuruͤck, in welchem ſie, ſeit Jahren ſchon, ſelten ohne Zeu⸗ gen geleſen, und ihr Gemuͤth, dieſer Stuͤtze be⸗ raubt und jeglicher andern, trat, die eigene Kraft aufbietend, zuruck in ſich ſelbſt. Nachdem ſie mehr als einmal mit unglei⸗ chem Schritt ihre Zelle durchmeſſen, naͤherte ſie ſich zaudernd dem Fenſter und warf einen Blick hinaus auf den Schauplatz naͤchtlichen Grauens. Dort aber erinnerte nichts an daſſelbe, als die Graͤber. Die Mittagsſonne beleuchtete den Kirchhof bis in die fernſte Ecke, und wie die zweifelhaften Schatten vor ihrem Strahl wichen vor der einfachen Wirklichkeit die Gebilde der Phantaſie, ruhig blieb der Tod unter dem Ra⸗ ſen, das Leben aber bewegte ſich in mannigfa⸗ cher Form. Eiligen Ganges und mit wechſeln⸗ dem Geſpraͤch wandelten in der Sonntagsfruͤhe die Kirchgaͤnger auf den Fußſtegen ihrem Ziele zu, ſchoͤn geputzte Frauen, deren Anzug die Ein⸗ ſame nach alter Gewohnheit muſterte, anſehn⸗ liche Maͤnner und wohlgebildete Juͤnglinge, ih⸗ rer Beachtung ebenfalls nicht unwerth; ſogar gruͤßte hier und da Einer hinauf nach dem Fen⸗ ſter, hinter deſſen Gitter ſich der Gegenſtand all⸗ gemeiner Aufmerkſamkeit zeigte. Ueber die Mauer hinaus lag die Landſchaft in dem bunten Far⸗ benſchimmer des Herbſtes, das Horn des Hirten toͤnte auf der Flur, das Raſſeln der Frachtwa⸗ gen von der Kunſtſtraße, und hinter und neben ihr aus der Stadt das Geraͤuſch des Verkehrs. Das war Erquickung fuͤr die Erquickung Beduͤrftige, dieſer Balſam ſagte der Beſchaffen⸗ heit ihrer Seelenwunden zu, begierig ſchluͤrfte ihr Gemuͤth das Opiat ein, und entfloh dem, was es nur als fluͤchtige Traͤume zu erkennen meinte, zu andern Traͤumen, durch die Gewohn⸗ heit ihm zu eigen geworden. Die Welt war noch, die ſie fruͤher geweſen, noch bot ſie ihr 31 Genuͤſſe dar aus reichen Quellen, nur eine el⸗ lendicke Mauer trennte ſie von derſelben, und Kraft und Ausdauer, hoffte ſie wiederum, werde auch dieſe Mauer allmaͤhlig niederreißen; aber feſt und undurchdringlich lag die Erde uͤber den Todten, ihr ſtummer Mund widerlegte nicht die glatte fromme Rede der Lebendigen, vergeblich klopfte der Finger der irdiſchen Gerechtigkeit an ihre Behauſung, ihr ward keine Antwort. Und war eine andere Gerechtigkeit vorhanden? War ſie es, deren Ruf die Gruͤfte ſich oͤffneten in vergangener Nacht? War es ihrer Schergen einer, welcher die Zeugen aus ihrem Schlum⸗ mer erweckt, und ſie ihr gegenuͤber geſtellt von Angeſicht zu Angeſicht? Wohl peinigte ſie der Gedanke, es ſey dem wirklich ſo, wohl geſellte ſich ihm die Erinnerung an jenen unheilvollen Abend; die Maͤhrchen der Kindheit erhoben ſich ernſt und ermahnend gegen ſie, doch ihnen ge⸗ genuͤber ſtellten ſich die Wahrnehmungen der Weisheit neueſter Zeit auf, die mit der Geißel des Rationalismus das Ueberſinnliche hinwegtreibt aus dem Leben, und verwirft, was ſie nicht zu erklaͤren vermag, den gewaltigen Akkord alles Seyns abmeſſend nach der Octave einer kindi⸗ 32 ſchen Hand; maͤchtiger noch ſprach zu ihr das Beduͤrfniß, nicht zu glauben, es befinde ſich Etwas außerhalb der Schranken, an die ſie fre⸗ velnd geſtoßen, und raunte ihr zu, jegliche Er⸗ ſcheinung ſey nur des Innern Spiegelbild, durch daſſelbe allein, obſchon unwillkuͤrlich erzeugt nach der Materie Geſetzen, wie die Noth uͤberall die Mutter der Erfindung iſt, theilte ſie der Ungeuͤbten die Gabe tiefſinnigen Gruͤbelns mit, und deſſen anfaͤnglich dunkle Ergebniſſe ſchminkten ſich mit der Farbe lebendiger Wahrheit, angefriſcht vom Hauche der milden Herbſtluft, beleuchtet vom Sonnenſchein und begleitet von dem muntern Treiben der Wirklichkeit rings umher. Als ihre Verſorgerin eintrat mit dem Mit⸗ tagmahl, das der Sorgfalt Deſſen entſprach, dem ſie ganz andere Gaben zubereitet, bedeutete dieſe Beate, ihm mit gewohnter Eßluſt zuſpre⸗ chend, ſie habe einen boͤſen Traum gehabt dieſe Nacht, wie aber dergleichen oft das Gegentheil bedeute, hoffe ſie, es werde in Kurzem anders werden mit ihr, und was bisher dunkel geblie⸗ ben, durch des Himmels Fuͤgung klar werden zu ihrer Rechtfertigung und Freude. Und ihre Freudigkeit waͤhrte fort, ſo lange 33 die Sonne hoch am Himmel ſtand, als ſie aber ſich neigte, um der Nacht die Halbſcheid der Tagesdauer zu uͤberlaſſen, die derſelben zukommt im herbſtlichen Aequinoctium, und ſich verbarg in den Wolken des Niedergangs, da bedeckte ſich nach und nach auch Beatens Stirn mit Wol⸗ ken; je mehr die Helle ſchwand in der Natur, je dunkler ward es in ihr, und die laͤngern und immer laͤngern Schatten der Huͤgel und Grab⸗ ſteine zogen ſich hinab in ihr wiederum zagen⸗ des Herz. Je dumpfer und ſtiller es aber ward in demſelben, je regſamer erſchien die Außenſeite, je mehr das geborgte Licht entwich aus dem Abgrunde des Innern, je glaͤnzender wurde der Blick ihres Auges, je anmuthiger ihr Laͤcheln; je grauenvoller ferne, doch nicht unbe⸗ kannte Stimmen in ihr fluͤſterten, je wortreicher und freundlicher ſprach die ihrige zu der Schlie⸗ ßerin, die auf ihr Geſuch bei ihr geblieben; je lautloſer es ward in der Gegend umher, je lebhafter ward ihre Rede, nur ſelten unter⸗ brochen von der bereitwilligen Zuhoͤrerin bejahen⸗ dem Wort. So verging der Zeitraum, in welcher die Daͤmmerung allgemach in tiefes Dunkel uͤber⸗ II. 3 34 geht, als aber eine Stunde ſpaͤter als geſtern der Saum des Gewoͤlkes ſich ſilbern faͤrbte, ward es, als draͤnge ſich irgend Etwas feindſelig an die Seele der Wittwe, unaufhaltſam ſtroͤmte es zwar immer⸗ fort aus ihrem Munde, doch in minderer Ord⸗ nung, die gehaltvollen Ausſpruche wurden ſtufen⸗ weiſe zum ſinnleeren Geſchwatz, und jede Andere, als des Kerkermeiſters einfache Frau, haͤtte in dem ſchwankenden, bald dumpfen, bald grellen Tone der Sprechenden, an ihren keuchenden Athemzuͤgen, in der Entſtellung ihres Antlitzes eine Wirkung wahrgenommen, ausgehend von einer ſich naͤhernden geheimnißvollen Macht. Als aber der Mond nun emporſtieg uͤber dem Beinhauſe und er auf Beaten wie geſtern ſchaute, da ſtockte ihre Zunge und die gepreßte Bruſt ſtieß einen gellenden Schrei aus und ei⸗ nen zweiten, als abermals ihr Schatten vor ſie trat auf der Wandflaͤche, und als die Waͤrterin deß nicht Acht hatte und ſtumm blieb und ſich nicht bewegte, ſchrie Beate zum dritten Male auf im Tone des Entſetzens, denn im feſten Schlafe lag Jene und der bleiche Strahl ſchminkte die eingefallene Wange der Alten mit der Farbe des Todes.. Viele hatten ſo vor ihr gelegen, und was bei dieſer nur Schein, war Wirklichkeit geweſen bei Jenen, Wirklichkeit, die in der Erinnerung vor ſie trat mit ſchwerer Anklage. Mit der Entſchloſſenheit der Verzweiflung ergriff ſie der Schlummernden Arm und ruͤttelte ſie heftig, daß ſie erwache. Es war umſonſt, die Lebensthaͤ⸗ tigkeit war gehemmt, nur laute, gleichfoͤrmige Athemzuͤge antworteten ihrem angſtvollen Zu⸗ ruf, da packte das Gefuͤhl graunvoller Einſam⸗ keit ſie mit vernichtender Hand, und ahnend, was nun kommen werde, blickte ſie nach dem Fenſter mit ſtierem, weit aufgeriſſenem Auge, und horchte geſpannt dem Fluͤſtern, das drau⸗ ßen ſich leiſe vernehmen ließ und lauter ward und immer lauter. Das Fenſter blieb nicht leer. Sie kamen Alle wieder, Alle, durch das Gebot des Verhaͤng⸗ niſſes hervorgerufen aus ihrer Ruheſtaͤtte, oder durch den Ingrimm, deſſen Flamme fortlodert auch in der Kuͤhle des Grabes. Naͤher als ge⸗ ſtern draͤngte ſich die Geiſterwelt zu ihr, lauter toͤnten ihre Stimmen, hoͤhniſcher war des Moh⸗ ren Gelaͤchter, furchtbarer der Verdammten Dro⸗ 3 36 hungen, zwiefach furchtbar durch ihre erſte Er⸗ fuͤllung. Als Beate noch vor Anbruch des Tages aus ihrer Betaͤubung erwachte, war die Schließerin nicht mehr in der Zelle. Als ſie darauf zur ge⸗ wohnten Stunde hereinkam mit dem Fruͤhſtuͤck der Gefangenen, ging dieſe in dem kleinen Ge⸗ mach auf und nieder, mit ſchnellem aber un⸗ gleichem Schritte, wie man zu thun pflegt bei großer Spannung des Geiſtes und koͤrperlicher Ermattung, und ſie blieb vor ihr ſtehen und ſchaute ſie an mit ſtarren uͤbernaͤchtigen Augen, und holte tief und ungleich Athem, und bewegte die Lippen, als wolle ſie etwas ſagen, das ihr ſchwer ankomme. Wie aber die Waͤrterin ihr den Morgengruß bot im gewohnten, theilneh⸗ menden aber ruhigen Tone, ſie fragend, ob ſie die Nacht wohl geſchlafen wie bisher immer, da ſank das, was Frau Bilſen auf der Zunge trug, wieder zuruͤck in die Tiefe ihres Herzens. „Als ich,“ fuhr die Alte fort,„Euch geſtern in der Nacht verließ, weil die Glocke mich rief, da ſchlummertet Ihr ſo ſanft und ich mochte Euch nicht ſtoͤren. Hattet Ihr auch angenehme Traͤume?“—— Beate ſchauderte ein wenig zuſammen bei der Erinnerung an den Zuſtand, welchen die Andre fuͤr einen ſanften Schlaf gehalten, und an ſeine Wehen, und antwortete dann klagend: „Ach nein, zu den Pruͤfungen, die mir ſchwachem Werkzeug des Himmels auferlegt, muß ich auch ſchwere Traͤume zaͤhlen ſeit einiger Zeit; doch, wie Alles, trage ich auch dies mit ſchuldiger Unterwerfung.“ „Solche bleibt nicht unbelohnt,“ verſetzte Jene mit einiger Bedeutung, und fuhr dann mit freundlicher Geſchwaͤtzigkeit troͤſtend fort: „auch bedeuten ſchwere Traͤume oftmals Froͤh⸗ lichkeit beim Erwachen. Das mag denn wohl bei der werthen Madame der Fall ſeyn; denn— das muß aber unter uns bleiben, weil Plau⸗ dern ſich fur unſer Eins nicht ſchickt— ich habe ein Voͤgelchen pfeifen hoͤren, wir haͤtten die Frau Bilſen die laͤngſte Zeit hier gehabt. Nun, das iſt wohl ein großer Verluſt fuͤr mich, daß ich kuͤnftighin ihres erbaulichen Umganges entbeh⸗ ren muß und der gottſeligen Ermahnungen, welche mich einfaͤltiges Weib erſt recht mit un⸗ ſerm Herrgott bekannt gemacht und mit ſeinem Wort; aber in unſerer Herberge iſt der letzte Tag beſſer als der erſte, und die wir am lieb⸗ ſten haben, denen ſagen wir gern am ſchnellſten Valet.“ „So ſoll ich fort von hier und bald?“ fragte Beate haſtig— dann ſetzte ſie hinzu, ergriffen von einem Schauder, der bei dem Blick auf den Gottesacker durch ihr Gebein rieſelte:„ich ſoll fort von dieſer Stelle, der ich nun ſchon gewohnt bin ſeit mehr als zwei Jahren?“ „Fruͤher“— antwortete die Gutmuͤthige— „fruͤher waret Ihr noch Beſſeres gewohnt und werdet die kleine armſelige Zelle nicht vermiſſen da, wo Ihr hinkommt. Im Stift der Eliſa⸗ bethinerinnen“— fluͤſterte ſie ihr mit vergnuͤgter und geheimnißvoller Miene zu—„wird eine Wohnung zurecht gemacht von zwei recht or⸗ dentlichen Zimmern, wohl ein wenig verwahrt, und auch Gitter vor den Fenſtern, doch gehn dieſe nicht auf einen garſtigen Kirchhof hinaus, ſondern in einen huͤbſchen Obſtgarten, und Al⸗ les iſt da recht reinlich und ſauber, und wie ich gehoͤrt, hat der Herr Senator Werzelius Alles unter der Hand ſelbſt beſorgt, und ſchon ge⸗ ſtern iſt auch Euer Geraͤth hingeſchafft worden 39 und Eure Buͤcher, und morgen mit dem Fruͤhe⸗ ſten wird Alles bereit ſeyn zu Eurem Em⸗ pfange.“— Die Freude befluͤgelte alle Pulſe der Witt⸗ we, ihr Auge glaͤnzte im Wiederſchein der Em⸗ pfindung, die ihre Bruſt in ſchnellern Athem⸗ zuͤgen hob, doch druckte die Verſtellung Gewohnte ſie gewaltſam nieder, ſie ſprach im Tone der Unterwerfung und beinahe bedauernd:„Ich ſtehe in der Hand Gottes und unter der Sbrig⸗ keit, welcher er mich uͤberantwortet nach ſeiner heiligen Fuͤgung. Sie moͤgen demnach mit mir ſchalten nach Gutduͤnken und Befugniß; doch mag ich ihr nicht genug danken, daß ſie mir die kleine Buͤcherſammlung nicht laͤnger vorent⸗ haͤlt, wo ich ſo oft Troſt und Erbauung gefun⸗ den, gefloſſen aus der Feder frommer und er⸗ leuchteter Maͤnner. Alſo auch mein Hausge⸗ raͤth ſteht mir wieder zu Gebrauch?“— „So iſt es,“— bekraͤftigte die Frau des Gefangenwaͤrters—„Ihr werdet nun nicht mehr auf hartem Pfuhl ſchlafen, und ſchoͤn ge⸗ polſterte Stuͤhle haben, ſtatt dieſer hoͤlzernen Schemel.“— „Ich frage wenig nach der Welt Ueppigkeit,“ — verſicherte ſalbungvoll Beate—„und was Ihr da nennt, iſt wohl eine große Gewogenheit des hochloͤblichen Magiſtrats, ſo lange naͤmlich, als meine Unſchuld nicht klar iſt, wie das Licht der Sonne; aber doch mag es mich nicht troͤ⸗ ſten, daß ich dieſe Stelle verlaſſen muß, die mir ſo werth geworden. Ein Garten, ſagt Ihr, iſt dort vor meinen Fenſtern? Ach nimmer wird er mir dieſen Garten Gottes erſetzen, dies ſtille Gefilde, wo meine Lieben ſchlafen, wo manchmal naͤchtlicher Weile ihre Geſtalten der Einſamen, Verunglimpften und Betruͤbten freund⸗ lich zulaͤcheln, ſie rechtfertigend mit ſtummer Lippe, da ſie es mit lautem Worte nicht koͤn⸗ nen und im Angeſicht der irrenden, vom Scheine befangenen Welt.“—— Und wirklich vermochte ſie es, einen ſanften ſchwaͤrmeriſchen Blick uͤber die Huͤgel zu ſenden, unter welche ihre Gemordeten wieder hinabge⸗ gangen waren nach dem naͤchtlichen Act ge⸗ heimnißvoller Gerechtigkeit. Die Schließerin entgegnete mit gut gemein⸗ tem Poltern:„Ach, was da, hin iſt hin— die Todten kommen nicht wieder, man bedaure ſie noch ſo ſehr. Ihre Nachbarſchaft taugt 41 nicht fuͤr die Lebendigen, und daher, ich kenne das aus eigener Erfahrung, kommen auch wohl Eure boͤſen Traͤume.“— „Ja wohl boͤſe Traͤume,“— ſprach die Wittwe ihr nach, unwillkuͤrlich und tonlos: „und es kann ſeyn, daß ſie daher kommen. Aber hin iſt hin, ſagt Ihr, und die Todten kommen nicht wieder?“— „So wenig,“— verſicherte die Andere:„ſo wenig, als Ihr, einmal aus dieſen Mauern her⸗ aus, je wieder in dieſelben zuruͤckkehren werdet. Nun, jetzt heißt es alſo, es muß geſchieden ſeyn — und wenn die Madame auszieht in die neue Wohnung, ſo nehme ſie nur keinen Groll mit auf uns; ich haͤtte ihr gern alles Liebes und Gutes angethan, aber Unſereins darf nicht immer, wie er gern möchte.“—— „Aller meiner Dankbarkeit moͤgt Ihr Euch getroͤſten,“ antwortete leutſelig und mit Waͤr⸗ me Frau Bilſen;„Eure Zuneigung in einer Zeit, da Alles von mir abfiel, iſt deren wohl werth, und Euer Umgang, zwar einfach, doch darum beſſer, als die feine Sitte, welche nicht Stich haͤlt in den Tagen der Noth. Wollet mir denſelben auch heut noch gewaͤhren. Es iſt morgen ein wichtiger Tag fuͤr mich, der Tag, an dem der Herr ſeiner Magd wiederum ſein Angeſicht gnaͤdig zuwendet, und ich moͤchte mich auf denſelben vorbereiten mit frommem Geſpraͤch und Faſten und Beten.“— „Ein gottſelig Geſpraͤch“— meinte die gute Frau—„iſt immer zur rechten Zeit, und das Gebet zu allen Dingen nuͤtze, das Faſten aber zu gar nichts. Ich moͤchte mich gern noch ein⸗ mal recht erlaben an Euren klugen Reden und gottſeliger Weisheit; wenn ich aber nicht ein⸗ ſchlafen ſoll, wie es geſtern geſchehen, ſo erlaubt mir, einige Taſſen Kaffee zu machen. Ich habe Alles dazu im Hauſe, und die liebe Gottesgabe haͤlt die Augen wacker und ſtaͤrkt Herz und Ge⸗ daͤchtniß.“— Leicht erhielt ſie die Erlaubniß, dieſes Mittel gegen eine Schlafrigkeit anzuwenden, welche Beaten hoͤchſt unwillkommen geweſen waͤre, und darauf ging ſie ihres Weges mit dem wieder⸗ holten Verſprechen, ſich dieſen Abend einzuſtel⸗ len zur rechten Stunde. Nicht nach dem gemeinen Zeitmaaß verging der Gefangenen der Tag, manche ſeiner Minu⸗ ten flogen ihr allzuſchnell dahin, manche andere 43 wieder ſchlichen in unertraͤglicher Langſamkeit voruͤber; ſie wuͤnſchte das Ende deſſelben herbei, wenn ſie an Morgen dachte und an das, was es bringen ſollte; aber zwiſchen Heut und Mor⸗ gen lag die Nacht, und grauend vor ihr, blickte ſie angſthaft nach der Sonne, als wolle ſie ſie aufhalten in ihrem Wege nach Weſten. Doch nicht beſchleunigt, nicht verzoͤgert wan⸗ delte die Zeit ihren einzigen Gang. Viertel ſchlug auf Viertel von den Thuͤrmen, und die Glocke verkuͤndete Mal fuͤr Mal, wie ſie zur Stunde geworden, das Geſtirn des Tages ſtieg empor gegen Mittag und ſenkte ſeinen Lauf, die Schatten wurden kürzer, dann wieder laͤn⸗ ger und immer laͤnger, bis ſie endlich ver⸗ ſchwammen in die Daͤmmerung; das Raſſeln auf der Landſtraße ließ ſich ſeltner vernehmen, der Ton der Schellen verkuͤndete die Heimkehr der Heerden von der Flur, das Geraͤuſch han⸗ delſtädtiſchen Treibens ward dumpfer, und bald war nichts mehr zu vernehmen, als der Abend⸗ wind, der leiſe ſingend uͤber den Friedhof zog. Da oͤffnete ſich die Thuͤre des Gefangenen⸗ zimmers und Beatens ſchon irrem und verdun⸗ keltem Blicke zeigte ſich, eine erfreuliche Erſchei⸗ 44 nung, die Schließerin, das Geſchirr tragend mit dem hochgeſchaͤtzten Labetrank, und noch erfreu⸗ licher eine Kerze, welche die Gute heut als et⸗ was Außergewoͤhnliches, wie ſie ſagte, und auf ihre eigene Gefahr mitgebracht hatte, dem wer⸗ then Gaſte zu Ehren, die letzte Nacht ſeines Hierſeyns feſtlich zu erleuchten. Jedoch machte ſie zur Bedingung, daß das Fenſter ſorgfaͤltig verſchloſſen und verhaͤngt werde, damit ſie keinen Verdruß habe, und aus mehr als einem Grunde erfullte Frau Bilſen mit aͤngſtlicher Genauigkeit dieſes Verlangen. So ſaßen denn die Beiden in der wohlver⸗ wahrten Zelle; wie Honigſeim und Milch floß fromme Rede von den Lippen der Wittwe, und wie Gamaliel zu den Fuͤßen des Apoſtels horchte die gelehrige Schuͤlerin, nur manchmal mit den Augen den Kaffee huͤtend uͤber dem Kohlen⸗ becken, daß er nicht uͤberlaufe. Eine Weile hatte dies ſo gedauert, da gemahnte es die Lehrerin, als beginne der Schuͤlerin Auf⸗ merkſamkeit zu ermatten, und als auf eine oder zwei Fragen die Letzte nur eine zoͤgernde, abge⸗ brochene Antwort ertheilte, da beduͤnkte es Beaten, es ſey hohe Zeit, Gebrauch von dem be⸗ 45 reit ſtehenden Ermunterungsmittel zu machen, und ſie ermahnte die Schlaftrunkene dringend, es zu thun. Auch war dieſe alsbald bereitwillig und ſchon im Begriff, die braune Fluth in die Schalen zu gießen, als ſie zu ihrem nicht geringen Schrecken und eigener Mißbilligung gewahr ward, ſie habe eine nothwendige Zuthat, den Zucker, vergeſſen. Noch groͤßer war aber der Schreck der Wittwe, als Jene unter vielen Ent⸗ ſchuldigungen ſich anſchickte, den Fehler gut zu machen. Vergeblich betheuerte ſie, der Bitterkeit der Welt gewohnt, des Suͤßen nicht zu beduͤr⸗ fen, vergeblich bat ſie, beſchwor ſie die Eilende, zu bleiben, ihr angſthaftes Flehen ſcheiterte an dem hauswirthlichen Ehrgeiz der guten Frau, welche ſich ſolche Nachlaͤſſigkeit nicht vergeben noch er⸗ lauben konnte, daß eine ſo achtbare Perſon, als Madame Bilſen, wohl gar einmal ſagen mochte, die Frau Schließerin des Stadtgefaͤngniſſes laſſe es ihrem Kaffee an Zucker ermangeln. Mit taubem Ohr und haſtigem Schritte eilte die un⸗ barmherzige Gutmuͤthige aus der Thuͤr, dieſe hinter ſich ins Schloß werfend, und zwar ſo ſtark, daß im naͤmlichen Augenblick die wohl⸗ 46 befeſtigten Fenſterflugel aufſprangen und die Kerze alsbald verloſchte im hereindringenden Zug⸗ wind. Noch hoͤrte die erſtarrende Beate, wie die Hinwegeilende den Riegel vor die innere Thuͤr ſchob, dann ihre Tritte im langen ſchallenden Gange, und darauf das Droͤhnen der aͤußern zufallenden Pforte; dann hoͤrte ſie nichts mehr, denn mit Entſetzen ſah ſie, wie der Schluͤſſel der letztern auf dem Tiſche liegen geblieben. So war ſie denn allein, fuͤr den Lauf der gefuͤrchteten Nacht abgeſchnitten von der Welt, mit ſich ſelbſt allein und mit den Maͤchten des Geiſterreiches, deſſen Schranken gefallen waren zwiſchen ihnen und ihr. Und zum dritten Male uͤberſtiegen Jene dieſe Schranken, zum dritten Male thaten ſich die Graͤber auf und die Anklage traf ihr Ohr in Toͤnen hoffnungsloſer Wehmuth und hoͤlliſchen Ingrimms, zum dritten Male ſchaute ihr Auge die, welche ſie geliebt hatten oder geliebt haben wuͤrden, und denen ſie gelohnt mit dem Tode, die Widerſacher, die den Haß mitgenommen dorthin, wohin ſie ſie geſendet. Rieſengroß baͤumte ſich des Mohren Geſtalt 47 auf vom Grunde des Kirchhofes, Schlangen gleich zuckte ſein Kraushaar im Nachtwinde, der ſich heulend erhoben; heulender als dieſer war die Stimme, die aus dem breiten Rachen drang, zwiſchen dem fletſchenden glaͤnzenden Gebiß her⸗ vor, die ſtille Schaar zur Rache aufzurufen an der Verderberin, und die ſtille Schaar gehor⸗ ſamte ſeinem Ruf. Als dem zermalmten Her⸗ zen der Suͤnderin eine Bitte um Erbarmen ſich entrang, an Vater und Mutter gerichtet, da ſchaute die Mutter auf zum wolkenumzogenen Himmel und ſchuͤttelte troſtlos verneinend das Haupt, nach unten aber zeigte mit duͤſter ſtren⸗ gem Antlitz der Vater. Sie ſtreckte die Hand aus nach den Kindern, aber erſchreckt flog die duftige Schaar aus einander, als furchte ſie, von dieſen Haͤnden abermals den bittern Tod zu empfangen, und zum Wehgeheul ward das Lallen der Kleinen. Nach ihr ſchleuderte der Gatte den Trauring, und wie er ihn warf, ſchien er, zu einer Kette geworden, ſie hinabzuziehen in die Hoͤlle, und die Juͤnglinge ſchauten ſpottend und ſchadenftoh auf die Kette, und verſchlan⸗ gen in ſie die dornigen Kranze. Johannens ent⸗ fleiſchter Arm langte nach dem Haupte der Be⸗ 48 benden, als wolle ſie ihr Eigenthum an ſich rei⸗ ßen; nicht mehr laͤchelte der armen Mutter Toͤch⸗ terlein, dumpfes Geſtoͤhn drang aus den beraub⸗ ten Kiefern.— „Heiſa!“ kreiſchte Eſaias Goldenbaum, „heiſa, drauf und dran! Mein, will ſe uͤns doch gor entwiſche. Loſſe mer ſe niſcht, ſetze mer er nooch; hob mer doch den Sentenz un à Sentenz muͤß werde geerecutirt. Hot ſe gemaint, ſe will ziehe in a anner Haus mit em ſchainen Gorte. Mai, was thuͤt ſe mit nem onnern Haus, is doch kain Haus niſcht, wu ech nich kennen thuͤ Weg und Steg, wenn es is à Haus von à Schuͤldner. Un der Gorte is dach aach ene Erd, un wau mer ſayn, dos is unter der Erd druͤnter, un ſayn mer gor flinke un behen⸗ dige Maalwuͤrf, un finde mer à Loch uͤberoll. Zieh ſe fort à Maile, mer ſayn do, zieh ſe huͤn⸗ dert Maile, un mer ſayn aach do.“— „Und naͤhmeſt Du Fluͤgel der Morgenrothe“ — jammerte die Mutter,—„und floheſt an das äußerſte Meer“— fiel des Vaters dumpfe Stimme ein,—„ſo wuͤrden,“ winſelten die Kinder,„unſere Haͤnde Dich nicht laſſen“— 49 „und unſere Rechte Dich halten“— drohten die Maͤnner.— „Stell mer ſe um und um“— zeterte des Wucherers Geſpenſt—„loß mer ſe nich vor⸗ waͤrts enen Schritt un kenen Schritt ruckwaͤrts, is ſe doch unſere Gefangene uͤf Ewigkait, un wenn aach's Gericht ſe laͤßt laus, mer laſſe ſe nimmer.“—„Herbei, ihr Diener der ewigen Gerechtigkeit, thut eure Pflicht!“ donnerte der Neger.— Und es quoll herein zu dem Fenſter, und umringte in wildem Gewimmel die Ver⸗ lorne; mit Entſetzen wandte ſie ſich ab von den Geſtalten, die einſt liebend auf ſie geblickt hat⸗ ten und nun auf ſie ſchauten mit ſchmerzlichem Vorwurf; ſie wandte ſich und fuhr ſchaudernd zuruͤck vor der Wuth, die ſie anfunkelte aus der Feinde flammenden Augen, wie gluͤhende Pfeil⸗ ſpitzen trafen alle Blicke ihre Bruſt, und doch erſtarrte ihr Herz vor dem kalten Odem des Grabes, der eiſig ihr um Stirn und Wangen wehte. „Schauet ſe“— jauchzte im hoͤlliſchen Triumph der Verworfene der zitternden Verworfe⸗ nen zu—„ſchauet ſe, wie gefaͤllt er dos? Nuͤ, ſo werd es gaihn en Tog un olle Toge in de II. 4 15 5⁰ Nacht, un de Nächte, do ſe nit werd ſchlofe, werden ſayn ihr Moretorium, un de Stuͤnden, do ihr werd geſtuͤndet, ſollen ſayn Stuͤnden von de Verzwaiflung, un ihre Verzwaiflung ſoll ſayn mai Prexenetikon, bis ſe kuͤmmt zuͤ gaihn zu bezohle— heruͤnter!“— Und von grellen und ſanften Stimmen er⸗ tönte es im langen Nachhall—„herunter— herunter!“— Die zehnte Stunde des Vormittags hatte eben ausgeſchlagen auf dem Thurme des ural⸗ ten Domes in der ungenannten Stadt, als jene Magiſtratsperſon, welche wir in ihrem amt⸗ lichen Beruf damals im Hauſe der Wittwe ge⸗ ſehen, in einer verſchloſſenen Kutſche vor dem Stadtgefaͤngniſſe anlangte. Auch dieſen Weg fuͤhrte den Senator der Beruf, ihm angenehmer zu erfuͤllen, als jener. Er kam, um Frau Bil⸗ ſen in die Wohnung abzuholen, welche ihr an⸗ gewieſen war im Eliſabethſtifte, welches, wie manches andere Gebaͤude dieſer Art der Umge⸗ ſtaltung der Zeiten und des Glaubens, dem fruͤheren Endzwecke gewidmet war, naͤmlich denen zur Zuflucht oder zum Gewahrſam zu dienen, welche Alter und Krankheit oder irgend eine an⸗ 51 dere Urſache aus der Geſellſchaft freiwillig oder unfreiwillig entfernten. Seine Bereitwilligkeit war noch vermehrt worden durch einen Beſuch ſeines Freundes, des Senators Werzelius, der ihm dringend angele⸗ gen, die Frau, welche er, trotz des Argwohns, der auf ihr laſtete und den er ſtandhaft zuruͤck⸗ wies, noch immer ſeine Verlobte nannte, ohne Saͤumen in die Behauſung zu fuͤhren, die er ſelbſt mit Sorgfalt fur ſie ausgeſchmuͤckt, denn immer noch ſtand ſie vor ſeiner Erinnerung, wie ſie ihm erſchienen, leiblich und geiſtig, und wenn die Krankheit, die ſichtbar an ſeinem Le⸗ ben nagte, hin und wieder einen ſeiner Freunde zu einer Andeutung, Frau Bilſen betreffend, vermochte, ſo laͤugnete entweder ſeine Eitelkeit dies Uebelbefinden ganz, oder ſeine Gutmuͤthig⸗ keit wies mit Abſcheu eine Beſchuldigung zu⸗ ruͤck, die ihm eben ſo ungereimt als ungeheuer duͤnkte. Bei dieſer Gelegenheit macht unſer Chroniker, der ſich hier und da mit Reflexionen befaßt, die Anmerkung, wie die mildeſten Richter fremden Thuns gemeiniglich ſolche ſeyen, welche bei ſonſt loͤblicher Gemuͤthsbeſchaffenheit ſich dennoch ei⸗ 4* 5² niger Schwächen bewußt ſind, und denſelben nachgegeben zu haben im Wechſel eines groͤßern Wirkungskreiſes. Durch vielfältige Erfahrung an ſich ſelbſt und Andern belehrt, wie dieſe Schwaͤchen ſich häufig finden, ſehr ſelten aber das Laſter in ſeiner eigenen Kraft, erſcheint es ihnen als der menſchlichen Natur fremdartig, und ſo hat es denn ein leichtes Spiel mit ihnen. Ein ſchwereres jedoch hat es mit Solchen, wel⸗ che, in engerm Kreiſe eingezwängt und ſtolz auf ungepruͤfte Tugend, jene Schwaͤchen, die ſie an ſich ſelbſt nicht bemerkt, Andern zum uͤbergroßen Vorwurf machen und das boͤſe Princip uͤberall aufzufinden meinen, nur in ſich ſelbſt nicht. Zwar theilte der Beamte nicht ganz ſeines Freundes guͤnſtiges Urtheil uber die Wittwe, gern aber war er ihm dienſtlich in dem, was, dem Beſchluſſe des Gerichtes zufolge, mit ſeiner Amtspflicht nicht laͤnger im Widerſpruch ſtand. Als er aber mit einigen andern Gerichtsper⸗ ſonen in die Halle des Hauſes trat, kam ihm die Schließersfrau mit verweinten Augen entge⸗ gen, und als er ihr leutſelig kund that, er wolle ihrer Herberge einen Gaſt entfuͤhren, begann ſie it klagendem Tone:„Daß Gott erbarm!— 53 Geſtern noch haͤtte ich mich herzlich gefreut uber Ihro geſtrengen Wohlweisheit Anherokunft, aber heute nicht mehr, und ich meine ſo in meinen Gedanken, ſie iſt nun vom Ueberfluß. Der Himmel iſt mein Zeuge, ich haͤtte dem geſtren⸗ gen Herrn Senator den Gaſt, von welchem er redet, von Herzen gern verabfolgen laſſen, ob ich ſchon manchen Nutzen von ihm gehabt, ab⸗ ſonderlich durch die Guͤtigkeit des wohlweiſen Herrn Senator Werzelius, aber ich denke im⸗ mer, der Vortheil, den man ziehet aus ſeines Nebenmenſchen Schaden und Jammer, bringt keinen Segen; auch habe ich große Stuͤcken auf die Frau Bilſen gehalten und ihr das Beſte gegoͤnnt, wie ich denn einem hochverehrlichen Gerichte ſelber gedeklarirt, wenn ſich die Gele⸗ genheit traf.“— „Und nun iſt das der Fall nicht mehr?“ fragte der aufmerkſam gewordene Beamte. „Man ſoll von ſeinem Nebenmenſchen nichts Boͤſes denken noch reden,“— lautete der Be⸗ ſcheid—„aber, Gott verzeihe mir die ſchwere Suͤnde, ich denke, die droben hat mich ange⸗ fuhrt mit ihrem Frommthun und Reden, wie ſie wohl noch Andere angefuͤhrt hat, und der hoch⸗ 54 wohlweiſe und hochloͤbliche Senat mag ganz Recht gehabt haven, daß er ſie nicht gleich her⸗ ausgelaſſen, wiewohl ich in meiner Einfalt, wie noch mehrere Leute, mir eingebildet habe, die ge⸗ ſtrengen Herren verſuͤndigten ſich an einer Hei⸗ ligen.“— „und wie kommt es, gute Frau,“ war die zweite Frage:„daß Sie nun andern Sinnes worden?“ „Sehen Ihro Wohlweisheit,“ begann dieſe mit breiter Geſchwätzigkeit:—„Als ich ihr ge⸗ ſtern, ich ſollte es wohl nicht gethan haben, aber Unſereins iſt doch, ſo zu ſagen, auch ein Menſch, ihr in der Freude meines Herzens ſagte von ihrer Ueberſchaffung nach dem Stift, da nahm ſie das Gute ſo ruhig und ordentlich er⸗ geben hin, wie ſie auch das Boͤſe hingenom⸗ men, und war gar nicht ſo vergnuͤgt, wie ich glaubte, und klagte ordentlich, daß ſie den Kirch⸗ hof dort nicht in der Naͤhe haͤtte, wo ihre An⸗ gehorigen laͤgen. Und ich muß Ihro Wohlweis⸗ heit ſagen, das hat mich ganz erſtaunend ge⸗ ruͤhrt, denn ich dachte, wie lieb muß Die doch ihre Eltern gehabt haben und ihren Mann und ihre Kinder, weil ſie ſo gern in ihrer Naͤhe iſt, 55 obgleich jene im Grabe ſind und ſie im Ge⸗ faͤngniß.“ „Einige Spuren“— bemerkte der anweſende Vetter der Frau Buͤrgermeiſterin—„einige Spuren dieſer Liebe haben ſich ſchon dargethan im Laufe des Prozeſſes, und ich meine, ſie wer⸗ den ſich noch beſſer darthun, wenn man in der gebuͤhrenden Strenge perſeveriret, zu der ich im⸗ mer gerathen, und von welcher man abgelaſſen in uͤbergroßer Clemenz, oder vielleicht aus unſtatthafter Ruͤckſicht auf einen uͤbrigens hoch⸗ achtbaren Herrn Collega.“— „Es ſteht freilich zu fuͤrchten,“ erwiederte der Vorſteher—„daß ſolche Wahrnehmungen ſich ergeben koͤnnten, doch kann allzugroße Strenge eben ſowohl irre leiten, als das Uebermaaß der Milde; uͤberlaſſen wir denn, ohne mit dem eig⸗ nen Urtheil vorzugreifen, dem weitern Gange der Sache, welches von beiden in Zukunft an⸗ zuwenden ſeyn wird. Fuͤr jetzt aber hoͤren wir, wenn es Euch beliebt, ohne weitere Unterbre⸗ chung den Bericht dieſer wackern Frau.— Die Geſinnung“— fuhr er zu dieſer gewendet fort— „die Geſinnung, welche die Beſchuldigte, Eurer Angabe nach, an den Tag gelegt hat, iſt ſo 56 löblich als ſelten, ſo mag denn Euer Zweifel an ihr wohl einen andern Grund haben.“— „Ja wohl hat er einen andern Grund,“— ſeufzte die Wirthin der gern gemiedenen Her⸗ berge—„und er wird Ihro Wohlweisheiten bald genug klar werden. Nachdem Die da oben nun ſo zu mir geredet,“ fuhr ſie fort,„bat ſie mich, ich ſolle die Nacht bei ihr bleiben. Das that ich denn auch, und wir redeten eine Zeitlang hin und her von gottſeligen Dingen. Aber“— ſetzte ſie hinzu, von dem Kaffee ſchweigend und von der Kerze und von ihrer Unachtſamkeit auf den Schluͤſſel—„mir fiel ein, ich habe noch etwas in der Wirthſchaft zu thun, wie es denn zu ſeyn pflegt, wenn man viele Koſtgaͤnger hat, die denn auch verſorgt ſeyn wollen, gut oder uͤbel; ich ging denn hinunter und da fand ſich denn Eines und das Andere, daß ich die Nacht nicht wieder heraufkam. Was nun waͤhrend derſelben ihr zugeſtoßen, weiß der Himmel, aber etwas Seltſames iſt es geweſen, denn wie ich heute fruͤh mit dem Hauptſchluͤſſel aufthat, ich hatte den andern verlegt, ſo fand ich ſie nicht im Bette, wohl aber neben demſelben am Bo⸗ den, mit ganz entſtelltem Geſicht und todten⸗ 57 blaß, wie ich ſie niemals geſehen, und ſie ſah, Gott behuͤte uns, einer vom boͤſen Feinde Be⸗ ſeſſenen gleich. Und wie ich zu ihr ging und ihr zuſprach, ſie ſolle aufſtehen und guten Mu⸗ thes ſeyn, denn es ginge nun fort nach dem Stift, da ſtieß ſie mich gewaltſam zuruͤck, und glotzte mich an mit tellergroßen Augen, und doch kannte ſie mich nicht gleich, denn ſie ſchrie mir zu, was ich denn wolle, ſie habe nichts zu ſchaffen mit mir, und ſie habe kein Gift in den Kaffee gethan.“— „Nur weiter, weiter!“ ermunterte der zweite Beamte, als die Berichterſtatterin hier ein we⸗ nig inne hielt, und dieſe fuhr gehorſamlich fort: „Drauf lag ſie eine Weile ſtill, wie eine Todte, aber ploͤtzlich ſchrie ſie wieder auf mit gellender Stimme, ich ſolle die Graͤber zuthun auf dem Gottesacker, denn ſie ſtaͤnden alle offen, und dann ſchwatzte ſie Allerlei bunt durch einander von Herrn Goldenbaum und von einem Moh⸗ ren, von dem ſeligen Herrn Bilſen und von ihren Eltern, und von wer weiß wie vielen Kindern, da ſie deren, meines Wiſſens, doch nur zwei gehabt, und gar nicht ſo chriſtlich und lieblich, wie es ihr ſonſt vom Munde geht, ſon⸗ 58 dern ganz garſtig und abſcheulich, daß mir die Haare zu Berge geſtanden ſind. Und ſo liegt ſie denn noch oben und fuͤhrt immerfort ver⸗ wunderſame ſuͤndige Reden, ſo daß Ihro Wohl⸗ weisheiten am beſten thaͤten, Sie gingen nicht hinauf, denn Sie moͤchten einen Schreck da⸗ von haben. Auch kann ſie gar nicht getrans⸗ portirt werden, und ſie will auch nicht, denn ſie ruft in einem Athem, ſie moͤge nicht weg von hier, es huͤlfe ihr nichts und ſie werde doch keine Ruhe haben, bis ſie herunter ſey. Und mit recht graͤßlicher Stimme ſagt ſie dann im⸗ mer noch zweimal: herunter! herunter!“— „Und doch“— verſetzte der erſte Beamte— „und doch, gute Frau, werden wir hinaufgehn; wenn auch freilich, was Ihr da geſprochen, das Vorhaben aufhebt, mit welchem wir kamen, ſo furchte ich, iſt unſere Gegenwart dennoch noth⸗ wendig in anderer Ruͤckſicht.“— Als nun die Gerichtsperſonen eintraten in den Gewahrſam Beatens, und der Vorſteher, ſich der Milde und Freundlichkeit abthuend, die hier wohl kaum an rechter Stelle waren, mit richter⸗ lichem Ernſt zu ihr redete, da that ſich der Ab⸗ grund ihres Innern auf und gleichwie aus dem Krater eines lang verſchloſſenen Vulkans ſtroͤmte es aus, wuͤſt, gluͤhend von unterirdiſchem Feuer und abſcheulich, und außer dem Geahneten draͤngte ſich Vieles an das Licht, was man nicht geah⸗ net, als wenn eine Miſſethat auf die andere ei⸗ ferſuchtig ſey ob des Entſetzens, das ſie erregte. Die Feder zitterte in der Hand des Protocoll⸗ fuͤhrenden, die Zeugen ſtanden ſtumm und mit erblaßtem Angeſicht, das Behagen der zweiten Magiſtratsperſon, der werthen Muhme Merk⸗ wuͤrdiges berichten zu konnen, ging unter im Uebermaaß des Abſcheues, und der erſte Beamte ſchaute ſtill und mit ernſtem Blicke vor ſich nie⸗ der, erwaͤgend, zu welchem Grade der Verwor⸗ fenheit das Menſchengeſchlecht ſinken konne, zu dem auch er gehoͤrte. In dem langen Verzeichniß der Unthaten ward auch des Lohnes erwaͤhnt, den ſie dem ehrenwerthen Braͤutigam gewaͤhrt fuͤr edelmuͤthig Vertrauen und ſo uͤbel angewendete Achtung und Liebe; einen zwiefachen Schmerz empfand Jener bei dem Gedanken an die drohende Todes⸗ gefahr des Freundes und an das Wehe, das ihm bereitet werde durch ſo ſchmaͤhliche Ueber⸗ zeugung, und eiſig traf ihn die Kaͤlte mit der 60 die Furchtbare dieſes Frevels erwaͤhnte, als einer Kleinigkeit gegen das Andere, was ſie gethan. Alles lag jetzt am Tage, nur Eines nicht, das Begebniß mit dem Oſtindienfahrer, welches, die lange Reihe beſchließend, die Vorgaͤnger aus einem Dunkel gezogen, in welchem es ſelbſt ſich verbarg, aber den Fragen, die daſſelbe betrafen, ward keine genuͤgende Antwort. Es ſchien, als habe die ungeheure Spannung, in welcher der Geiſt der Suͤnderin ſich befunden, ihn uͤber⸗ waͤltigt; mit trotziger Geberde und unheimlichem Lachen rief ſie: Alles habe ſie geſtanden frei⸗ willig, wovon die weiſen Richter zum Theil nichts, zum Theil ſehr wenig gewußt, was aber ihr eigener Scharfſinn aufgeſpuͤret, das gebuͤhre ihnen nun auch auszumitteln und zu verſuchen, wie weit das Wiſſen und die Macht menſchlicher Gerechtigkeit gehe. Nicht Furcht oder Achtung vor dieſer, betheuerte ſie mit ver⸗ aͤchtlichem Tone, habe ihr das Bekenntniß ab⸗ gedrungen, und ein Leichtes waͤre es ihr gewe⸗ ſen, ſie, wie bisher, noch lange im Dunkeln tappen zu laſſen, haͤtte nicht von anderswo ein Licht die Wege erhellt, welche ohne daſſelbe der 61 hochverehrlichen Obrigkeit bloͤdes Auge wohl nimmer erkannt haͤtte. Wie man ihr nun an⸗ lag, ſich deutlicher zu erklaͤren und die Urſach kund zu thun, die ſie vermocht haͤtte, ihr Schwei⸗ gen zu brechen, da kehrte der Irrſinn wieder mit verdoppelter Gewalt und ſie kreiſchte auf: „Warum ich gethan, wozu Ihr nimmer mich vermocht haͤttet? So hoͤret denn: um einen Stein mir vom Herzen zu bringen, hab' ich es gethan; einen ſchoͤnen Marmorſtein mit glaͤn⸗ zenden Buchſtaben, den hab' ich wieder auf Den gewaͤlzt, von deſſen ſchwerem Gelde er be⸗ zahlt worden, daß er drunter liege und ſich nicht ruͤhre, und Alle, die mit ihm kommen, aufgeſchrieen von ihm aus dem Schlaf. Und wie ſie ſchlafen, werd' auch ich ſchlafen von nun an.“— „Moͤge Euch, ungluͤckliche Frau,“ ſprach der Vorſteher,„moͤge Euch, wo nicht das Be⸗ kenntniß allein, doch die Reue, die es hoffentlich begleitet, und das Vertrauen auf die Barmher⸗ zigkeit Gottes die Ruhe wiedergeben, die Ihr ſelbſt in frevelnder Thorheit vernichtet habt. Doch ſehe ich Euch leider nicht in der Verfaſ⸗ ſung, derſelben theilhaftig zu werden. Ihr habt =. nun der menſchlichen Gerechtigkeit ein Genuͤge gethan, thuet denn alſo auch der ewigen Ge⸗ rechtigkeit, und ſo Ihr vielleicht, wie hier, auch dort einen ſtrengen Ausſpruch befuͤrchtet, ſo ge⸗ denket, daß der Hoͤchſte Euch die Verzeihung gewaͤhren kann, welche der Menſch Euch ver⸗ ſagen muß. Bald iſt die Zeitlichkeit verronnen fuͤr Euch, gedenket deſſen, was auf ſie folgt.“— „Was auf ſie folgt?“ verſetzte die Wittwe in ſeltſamem Tone.„Ja wirklich, es folgt etwas, und wenn Ihr ſelbſt etwa, wie es mir und An⸗ dern wohl zu geſchehen pflegt, nicht glauben ſolltet, was Ihr ſprecht, ſo bin ich es, gerade ich, deren Zeugniß Ihr trauen duͤrfet. Der menſchlichen Gerechtigkeit, ſagt Ihr, haͤtte ich genug gethan; ich aber ſage Euch abermals, daß ich mich wenig um ſie kuͤmmere, weniger doch als um die andere, und dieſe iſt es, die ich zufrieden geſtellt habe, mehr als Ihr denkt, wohlweiſer Herr Senator. Von Gottes Gnade redet Ihr mir, auch ich habe vielfaͤltig von ihr geſprochen, und wohl in eben ſo ſchoͤnlautenden Worten; drum glaubt mir, es iſt nichts damit. In andern Haͤnden ruht die Ausuͤbung jener ewigen Gerechtigkeit, Andere ſind es, die ihre 63 Ausſpruͤche verkuͤndigen und vollfuͤhren, ohne alle Gnade; dieſe hab' ich zufrieden geſtellt, mein' ich, und ſo liegt mir nichts an dem Uebrigen.“— Nicht weiter gruͤbelnd uͤber den Sinn dieſer unheimlichen Rede, uͤberließ der Unterſuchungs⸗ richter das mißliche Geſchaͤft der Bekehrung Beatens Denen, welchen ſolches oblag, und betrieb nur das ſeinige. Der Rechtshandel, den man ſeit einiger Zeit vernachlaͤſſigt hatte, ward wiederum vorgenommen, die Geſtaͤndniſſe der Beklagten ergaͤnzten die zahlloſen Luͤcken mit ziemlicher Genauigkeit, und das Gericht ſah ſich genugſam ermaͤchtigt, ein Urtheil zu faͤllen, welches bis jetzt nicht der Mangel an morali⸗ ſcher Ueberzeugung, ſondern der Rechtsbedarf zuruͤckgehalten. Wie aber die Vergeltung, vom Himmel aus in die Fußtapfen des Suͤnders geſendet, ihn oftmals nur ſpaͤt erreicht, ſo iſt ihr Gang lang⸗ ſamer noch in den Bahnen irdiſchen Rechtes, und wiederum verfloſſen Monde, ehe dies Chaos von Vergehungen geordnet und zur allgemei⸗ nen Ueberſicht gebracht werden konnte. Nicht mehr beflugelt durch Furcht und Hoff⸗ 1 nung, mit bleiernem, gemeſſenem Schritte ging dieſe Zeit an Beaten voruͤber; die Menſchen hatten ſich abgewendet von der Feindin ihres Geſchlechts, mit Abſcheu mieden, die noch juͤngſt ſie bemitleideten oder ſelbſt ihr zugethan waren, die Hoͤhle des Ungeheuers; kein freundlich Wort, keinen Blick der Theilnahme hatte ſelbſt ihre ſonſt ſo zuthuliche Wirthin fuͤr ſie, nur mit ge⸗ ſenktem, abgewendetem Auge naͤherte ſie ſich ihr, und was ihr Beruf ihr auferlegte, verrich⸗ tete ſie mit der Scheu und dem Widerwillen des Waͤrters, welcher ihre Aſung der Hyaͤne zu⸗ wirft. Aber auch das Geiſterreich blieb ſchwei⸗ gend um ſie her, als warte es nun ruhig des nicht mehr fernen Augenblicks, da ſie eintreten werde durch ſeine wieder verſchloſſene Pforte⸗ Da wurde es denn allgemach ſtill und todt in Beaten, der Vulkan hatte ausgebrannt, die geronnene Lava breitete ihre ſtarre Decke uͤber die verſengten Bluͤthen und Fruͤchte, uͤber die zertruͤmmerten Gebaͤude der Einbildungskraft, duſter und oͤde lag das Leben um ſie her, aber auch tief unten im Krater war es ruhig, we⸗ nigſtens dumpf nur und unmerklich bereiteten ſich ſeine graunvollen Maſſen zu irgend einem neuen Ausbruch.* Eines Tages, in bereits ſpaͤter Stunde, er⸗ ſchien der Bote, der ſie vor die verſammelten Richter berief. Als ſie eintrat in den Saal, empfing ſie ein lautes, unwillkuͤhrliches Murren der zahlreichen Anweſenden; denn es war nicht mehr die ſchoͤne Beate, welche ſie vor ſich ſahen; wie die Hand der Gerechtigkeit die Huͤlle abgeſtreift hatte von ihren Thaten, ſo war ihr auch das Blendwerk entzogen, mit welchem ſie durch die Kunſt ihre koͤrperliche Ungeſtalt verdeckte; in ſcheußlicher Wirklichkeit trat ſie jetzt auf in jeglicher Hin⸗ ſicht, und der Abſcheu vor ihrem Thun ward verſtarkt durch ihres Aeußern unerwartet widri⸗ gen Eindruck. War aber auch von ihrem Geſicht die Schminke herabgefallen, die weiß und roth ſo lange die eigenthuͤmliche Farbe vertreten, ſo hielt die gekraͤnkte Eitelkeit um ſo feſter die Larve, welche, wie ſie meinte, den Beſchauer noch taͤuſchen konnte uber ihr inneres Seyn; nicht ohne Wuͤrde ſtellte ſie ſich dar, beſcheiden aber feſt war ihr Gang und eben ſo feſt der Blick II. 5 66 des immer noch glaͤnzenden ſinnigen Auges, nicht geblendet von der Fackelbeleuchtung des ſchwarzverhangenen Saales, nicht ſich ſenkend vor dem Kreiſe der Blutrichter, die verſammelt wa⸗ ren, um zu entſcheiden uͤber Leben und Tod, ja ſogar nicht vor dem bleichen Braͤutigam, der die ihm zukommende Stelle einnahm unter den Richtern. Ihr Ohr ſchien jenes Gemurmel des Widerwillens nicht zu vernehmen, nicht der Zu⸗ ſchauer wachſendes Gefluͤſter, nicht einmal den unterdruͤckten Ausruf des Armen, als er ſeine Braut und Moͤrderin vor ſich ſah in ih⸗ rer ganzen zwiefachen Abſcheulichkeit, ſo ganz verſchieden von dem, was ſie ihm geſchienen hatte in vergangenen Tagen⸗ Als darauf der Vorſteher die Wiederholung ihres Bekenntniſſes forderte, war ihre Antwort beſtimmt, doch kurz und nachläſſig, wie Eines, welcher fuͤr unnuͤtz haͤlt, was er ſpricht und ſich nicht lange verweilen will bei uͤberfluͤſſigen Wor⸗ ten. Das urtheil ward verleſen, das ihren Tod forderte, als kuͤmmerlichen Erſatz fuͤr ſo vielen Raub, den ſie an der Menſchheit begangen, das ihr entweihtes Leben zum geringen Suͤhnopfer beſtimmte fur ſo viele bluhende Leben, die ſie 67 hinabgezwaͤngt hatte in das Grab; ſie hoͤrte es ruhig mit an und mit einer Aufmerkſamkeit, die ſich kund gab in mancher eingeſtreuten Rede, ſie blieb noch aufmerkſam und ruhig, als nach dem Ausſpruche des toͤdtlichen Beſchluſſes der Verlobte ohnmaͤchtig worden und hinweggefuͤhrt wurde aus dem Gerichtsſaal, auch da noch, als ſein ruckkehrender Freund in wenig Worten er⸗ klärte, wie ſolcher Erſchuͤtterung wohl ſchwerlich ein Leben widerſtehen koͤnnte, verletzt in ſeinen Grundveſten von einer frevelnden Hand. Noch behielt ſie ihre Faſſung, als darauf die Ver⸗ ſammlung, hingeriſſen von ubermaͤchtiger Em⸗ pfindung, in einſtimmigen Weheruf ausbrach uͤber die verruchte Moͤrderin; aber waͤhrend des Getoͤſes war es, als erfaſſe ſie ploͤtzlich etwas mit feindlicher Gewalt, ihre angefangene Rede ſtockte, ihr Antlitz veranderte die nicht mehr erlogene Farbe, eine Stimme hatte widrig ihr Ohr beruͤhrt, und ihr Auge wandte ſich ſchnell und unwillkuͤhrlich nach der Stelle, von welcher dieſe Laute gekommen. Es traf auf die Buͤr⸗ germeiſterin und ihre Nichte, welche in heftigen Worten und Geberden ihren Antheil an der allgemeinen Entruͤſtung darthaten, und dies 5* 58 Auge, welches ſo viel Graͤßliches geſchaut, welches ungeſenkt geblieben war vor dem Gepraͤnge des Blutgerichtes, wandte ſich ſcheu abwaͤrts vor der Verhaßten hoͤhniſchen Mienen und verach⸗ tendem Blick, ihre Kniee verſagten den Dienſt und kraftlos ſank ſie nieder auf die Bank der Verbrecher. Doch nicht lange waͤhrte dieſer Zuſtand, und ihre Faſſung kehrte zuruͤck. Wer, ſagt hier unſer Chronikenſchreiber, wer ermißt die Tiefen des menſchlichen, zumal des weiblichen Ge⸗ muͤths? Laͤngſt uͤberſattigt von allem Entſetz⸗ lichen, das die Erde bietet, ſchwelgend ſogar in ſeines Anſchauens widernatuͤrlichem Genuß, ver⸗ traut ſeit kurzer Zeit mit den Schrecken der Geiſterwelt, war es doch Beaten, als habe das Unertraͤgliche ſie jetzt erſt betroffen. Verletzender ſelbſt als die Todeszuckungen im Antlitz derer, die ſie gemordet, daͤuchte ſie die veraͤchtliche Miene der ehemaligen Neiderinnen, ertraglicher als ihr Hohngelaͤchter das wuͤthende Gekreiſch des rachefordernden Geſpenſtes; ſie konnte den Gedanken nicht faſſen, ſo elend, ſo herabgewuͤr⸗ digt, ein Gegenſtand des allgemeinen Abſcheues dazuſtehen vor Dieſen, in ihrem Beiſeyn ver⸗ 69 theidigungslos ſich zu beugen unter den Streichen der Vergeltung. Alles verſank vor ihren Au⸗ gen, nur dieſe beiden Geſtalten nicht; unver⸗ nommen blieb ihrem Ohr die ernſte Mahnung der Richter, ſich zum Tode zu bereiten, die letz⸗ ten Verwuͤnſchungen der empoͤrten Mitbuͤrger, aber fort und fort ertonte in ihm der Feindinnen Triumph. Ihr Trotz erſtand von dem ver⸗ nichtenden Fall, und ſonderbar genug, in dem Augenblicke, da ſie, ihrer Meinung nach, das Bitterſte des Lebens gekoſtet, erſtand mit jenem zugleich die Liebe zum Leben.. Sie richtete ſich empor in feſter Haltung und begehrte mit langſamer und deutlicher Stim⸗ me das Wort, und wie das Gericht ihr ſolches zugeſtanden, erklaͤrte ſie:„obſchon ſie ſich be⸗ kannt zu Manchem, deſſen ſie beſchuldigt, ſo ſey, wie den Richtern wiſſend, ſolch Geſtaͤndniß ge⸗ ſchehen in der Stunde ſchwerer Anfechtung. Auch ſey, wie gleichfalls zu Tage liege, uͤber mehr denn Eines noch tiefes Dunkel verbreitet, welches aufzuhellen um ſo nothwendiger ſey, als dadurch ebenfalls die Wege beleuchtet werden wuͤr⸗ den, die das Verhaͤngniß ſie gefuͤhrt. Die Pflicht ſowohl, als die Geſinnung der Beiſitzer des Ge⸗ richts wuͤrden ihr die Rechtfertigung nicht ver⸗ ſagen, welche daraus ſich darthun koͤnnte, und demnach fordere ſie hiermit einen Vertheidiger und rechtlichen Beiſtand, nach Befugniß und herkoͤmmlichem Gebrauch.“— Das nicht zu Verſagende ward ihrem An⸗ ſuchen zugeſtanden, und bald darauf trat ſie ab, wie ſie gekommen war, unter den Zeichen des Abſcheus der Gegenwaͤrtigen, aber unempfind⸗ lich dagegen, in ruhiger Haltung, mit unum⸗ woͤlktem Blick und regelmaͤßigen Schritten. Es war ein Gedanke in ihr aufgeſtiegen, welchen man wunderlich nennen koͤnnte, wenn uberhaupt etwas wunderlich ſeyn koͤnnte bei ſolchen Umſtaͤnden, die unſere Chronik mit ernſt⸗ licher Betheurung als wahrhaftig aufſtellt; ſie hatte das Begehren der geheimnißvollen Maͤchte erfuͤllt, die ſich in ihr Leben gedraͤngt hatten, und obſchon ihre Wirkung bis jetzt eine feind⸗ liche geweſen, ſo nannte doch ihr Bewußtſeyn ſie ihnen befreundet, und aus dieſem rang ſich fuͤr die Hoffnungloſe eine, die letzte Hoffnung hervor, die, welche, wie der Geiſt der Finſterniß 1 ſprach, ihre Verbuͤndeten geweſen, wuͤrden ſie nicht verlaſſen, da ſie unterwuͤrfig jeglichem an— dern Schutz entſagt in der Zeit der hoͤchſten Noth. Jenſeit des Irdiſchen war jetzt ihre Stellung, und eine Art von Stolz ſtieg in ihr auf bei dem Gedanken, wie ſie ſo abgeſondert ſtehe von dem uͤbrigen Menſchengeſchlecht, wie ſie ein Gegenſtand der Aufmerkſamkeit ſey fuͤr jene Bewohner unbekannter Raͤume, und demnach doch wohl in hoͤherm Werthe ſtehe bei ihnen, als der gemeine Troß der Sterblichen, die ſie gewähren ließen, ohne ſich ſonderlich um ihr Thun zu be⸗ kuͤmmern. Worin faͤnde auch der menſchliche Stolz nicht die Nahrung, welche er fort und fort heißhungrig bedarf? Wie oft ſieht man nicht leibliche wie geiſtige Mißgeburten ſich Großes beduͤnken mit ihren Gebrechen„und jene Sage von der Inſel der Bucklichen, wo man mit Ver⸗ achtung auf den geradgewachſenen Fremdling ſieht, mag wohl ein Maͤhrchen ſeyn, doch darf man es nicht ein unſinniges ſchelten. Noch eine Anſicht bot ihr die wieder erwachte Liebe zum Leben dar: taͤuſchte ſie die Hoffnung auf die Maͤchte der Unterwelt, hätten ſie um die treue Gehuͤlfin nur nackende, dunſtige Kreiſe gezogen, der 22 Wirklichkeit durchdringlich, haͤtten ſie ſie nur um⸗ huͤpft, Irrwiſchen gleich, um ſie in das Moor zu locken, und dann zu verlaſſen, ſo war ihr Da⸗ ſeyn doch nicht ganz ſpurlos verſchwunden, der raͤthſelhafte Ausgang jener Begebenheit deutete auf ein Geheimniß, und das Schwert der ir⸗ diſchen Gerechtigkeit wandte ſich ab von dem willenloſen Werkzeug hoͤherer Gewalten, von dem Opfer hoͤlliſcher Argliſt, die laͤngſt ſchon geiſt⸗ verwirrend ihrem Thun gebot. Mit kuͤhler Beſonnenheit erwog ſie den Vor⸗ theil, der ihr aus ſolchen Umſtaͤnden erwachſe⸗ und wartete ungeduldig deſſen, der ſein wahr⸗ nehmen ſollte, ihres rechtlichen Beiſtands. Eine Woche war wiederum vergangen ſeit Beatens Erſcheinung im Gerichtsſaal, und der Sonntag herangekommen und verſtrichen zum großen Theil. Die Gefangene, ſeit geraumer Zeit Urſulens Beiſtand entbehrend und ent⸗ bloͤßt von allen Huͤlfsmitteln, welche die Kunſt ehemals ihrer Gefallſucht darbot, hatte mit lang⸗ ſamer, widerwilliger Hand das undankbare Ge⸗ ſchaͤft des Ankleidens vollendet und ein Blick in die kleine Spiegelſcherbe des Kerkergemachs troͤſtete ſie uͤber die unfreiwillige Einſamkeit, 73 welche ſeit ihrem Bekenntniß ſelten unterbrochen ward, und nur durch den Zuſpruch des wort⸗ kargen Waͤrters, dem die Gattin jetzt gern die Pflege der Verabſcheuten uͤberließ, oder zuweilen durch den Arzt, welcher kein Heilmittel hatte fuͤr die Uebel des Mißmuths, der Langenweile und gegen den Wurm des Bewußtſeyns, oder durch den Seelſorger, deſſen Verfuͤgungen ſie gleichgultig zuruͤckwies, ſeitdem die Maske der Froͤmmigkeit uͤberfluͤſſig geworden. Sie trat an das Gitterfenſter, nicht wie ſonſt auf die Straße hinabzuſchauen, ob nicht irgend ein Freund vor⸗ uͤbergehe oder kaͤme, ſie zu beſuchen, ſondern auf den Friedhof, wo ſo viele von ihnen, wie ſie im anſtoßenden Kerker, ihre bleibende Be⸗ hauſung hatten. Es war ruhig auf demſelben, wie es immer geweſen ſeit jenen drei Naͤchten voll Grauens, und ſie ſah hinab mit gleichgultigem Blick, denn ſie war des Anſchauens der Graͤber gewohnt, der Gedanke an die, welche in ihnen wohnten, beunruhigte ſie nicht, und ihres Anſchauens hatte ſie beinahe vergeſſen. Der Fruͤhling bekleidete die Huͤgel mit friſchem Gruͤn, junge Roſen ſchwankten im lauen Winde auf einigen von „ ihnen, gepflanzt von wehmuͤthig liebevoller Er⸗ innerung, aber die Graͤber der Ihrigen waren ſchmucklos, und den Grabſtein Eſaias Golden⸗ baums umwucherten hoch aufgeſchoßte Neſſeln. Vergeſſen, ſagt die Chronik, hatte Beate beinahe deſſen, was ſie vor Monden hier geſe⸗ hen, jetzt trat es vor ihre Erinnerung, jedoch in anderer Geſtalt. Leer war es um ſie her, leer in ihr ſelbſt, denn das Gefuͤhl der Abgeſchieden⸗ heit vom menſchlichen Treiben ließ beinahe eine gewiſſe Sehnſucht nach der Annaͤherung Jener entſtehen, welche den Weg, den ſie, nach des geſpenſtiſchen Wucherers Worten, gefunden zu ihr, nun doch wohl vergeſſen hatten im Schlum⸗ mer des Grabes. Wie ſie ſo ſtand, fuͤllte ſich, gleich wie an jenem Sonntagmorgen, in abendlicher Stunde des naͤmlichen Tages der Friedhof. Die Zeit des Gottesdienſtes war laͤngſt voruͤber, alle Kir⸗ chen waren geſchloſſen, ein anderer Zweck alſo mußte dieſe Wandler den Fußſteig entlang fuͤh⸗ ren zwiſchen dem huͤgeligen Raſen. Sie waren, wie damals, beiderlei Geſchlechtes und wohlge⸗ kleidet, aber nicht in bunten, von Jedem und Jeder gewaͤhlten Farben, ihre Gewaͤnder waren 75 ſchwarz und lange Trauermaͤntel verhuͤllten die Maͤnner. Auch gruͤßte keiner der Voruͤbergehen⸗ den, wie damals, die am Fenſter Stehende, ſie wendeten ſcheu die Blicke von ihr, und ſah Ei⸗ ner fluͤchtig hinauf, ſo war es mit widerwilliger Neugier, wie man irgend ein merkwuͤrdiges Un⸗ gethuͤm betrachtet. Einzeln gingen die Erſten, allmaͤhlig aber wurden die Reihen dichter, und bald vernahm man zwiſchen dem Akaziengeſtraͤuch ein Rau⸗ ſchen und ſchwerere Tritte. Sie thaten ſich auseinander, und auf den Schultern der Traͤ⸗ ger ſchwankte eine Bahre herauf mit ſchwarzem Sammet bedeckt und mit glaͤnzenden Schilden. Beate errieth den Todten, den dieſe Huͤlle ver⸗ barg, und ein unendlich widriges Gefuͤhl be⸗ ſchlich ſie, als ſie ihn errieth. Dies Gefuͤhl war die Reue nicht, wie konnte auch dieſer ein Herz ſich oöffnen, das ſo unendlich viel haͤtte bereuen muͤſ⸗ ſen, was es vollbracht nicht in der Erregung der Leidenſchaft, ſondern nach kalter Berechnung; die Mangelhaftigkeit dieſer Berechnung war es, die ſie verdroß, der Gedanke, wie es nur von ihr, die jetzt tief unter der geringſten Bettlerin ſtand, abgehan⸗ gen hatte, mit dem Lebenden das Gepraͤnge des Reichthums zu theilen, welches jetzt dem Sarge des Todten folgte. Dann fiel ihr Blick ab⸗ waͤrts auf die eigene, duͤrre, verfallene Geſtalt, ſie gedachte der Urſach, die es ihr unmoͤglich gemacht, anders glucklich zu ſeyn, als durch Anderer Elend und Tod; ſie grollte mit ſich ſelbſt, mit der Welt, mit dem Schickſal und mit dem Verſtorbenen, und ingrimmiger Hohn war die einzige Empfindung, welche dem nachfolgte, der es ſo ſchwer gebuͤßt hatte, an das Daſeyn eines Weſens gleich ihr nicht zu glauben. In dieſer Stimmung ſah ſie den Sarg hin⸗ abgleiten in die Gruft, hoͤrte ſie die Erdſchollen vroͤhnend zuſammenſturzen uͤber dem Braͤutigam, und des Geiſtlichen Parentation. Die Laute derſelben drangen wohl zu ihr hinauf durch die Stille des Abends, ſie vernahm deutlicher noch, wie er, die Stimme erhebend, der Urſach er⸗ waͤhnte, die das wohlthaͤtige Leben eines geach⸗ teten Staatsbuͤrgers geendet, ſie hoͤrte mit dum⸗ pfer Gleichguͤltigkeit die Andeutungen an, die ſie, die Thaͤterin, betrafen, und eben ſo gleich⸗ guͤltig die erwiedernden hoͤrbaren Verwuͤnſchun⸗ gen der Zuhörer und den wehmuͤthigen S⸗ * 77 gensruf, den man dem Wohlthaͤter vieler Armen nachſandte. Als nun die Begleitung allmählig ausein⸗ ander ging vom zugeſchuͤtteten Grabe, ſtand ſie noch, und ſie ſtand noch, als Alles einſam war auf dem Gottesacker und das Mondlicht nichts Anderes beſchien, als den neuen Huͤgel mit den alten. Da war es wiederum, als werde es unten lebendig, es raſchelte und fluſterte ſeltſam rings umher durch das Rauſchen des Laubes, zwiſchen den unbeweglichen Schlagſchatten der Baͤume ſchluͤpften andere bewegliche Schatten hin und wieder, und tauchten hervor, und glitten uͤber die erhellte Flaͤche dem neuen Grabe zu und umringten es. Die nebligen Geſtalten waren ihr nicht unbekannt, und ſie meinte, ſie wuͤnſchte ſogar beinahe, ſie moͤchten, Ehre widerfahren laſſend, dem Ehre gebuͤhrt, ihre Aufmerkſamkeit auf die richten, welche ihnen wiederum einen Genoſſen gegeben; aber das frevelnde Begehr ward getauſcht. Sie hatten keine Acht auf ſie, keines der Leichenhaͤupter wendete ſich gegen das Fenſter, ſie ſchauten nur unverwandt auf das — 78 Grab, als boten ſie deſſen Bewohner den ſtil⸗ len Willkommen. Es fehlte keiner der naͤchtlichen Gaͤſte, auch Eſaias Goldenbaum war unter ihnen, auch er hatte ſich hervorgemacht unter ſeinem prunkvol⸗ len Mauſoleum, aber er ſchien heut ein muͤßi⸗ ger, verdroſſener Zuſchauer, und auch der Mohr ſtand unthaͤtig und mit verdroſſener Miene von fern. Da wuchs Beatens peinlich Gefuͤhl; her⸗ ausgetreten aus der Menſchheit, der Geiſterwelt verfallen, ſah ſie ſich gemieden von Beiden; ihre Eitelkeit ertrug auch ſolche Vernachlaͤſſigung nur mit einer Art von Widerwillen, und in Laute gekleidet, entfloh ein frevelhafter Wunſch ihren Lippen. Und gleich darauf ſchritt es durch die Luͤcken der Kirchhofmauer vorwaͤrts nach dem Kerkergebaͤude, und vor dem Erſcheinenden zerſtaͤubte ein Theil der bleichen Geſtalten, ein anderer neigte ſich mit ehrerbietigem Gruße. Beate aber erkannte des Oſtindienfahrers graͤu⸗ liche Geſtalt. Im weitem Umkreiſe glitt ſie an dem Grabe des Juͤngſtverſtorbenen voruͤber, das die Geflohenen gleich einem Schutzort umgaben, und trat zu den finſtern, draͤuenden Geſpenſtern auf der andern Seite, und ſie vernahmen das leiſe Gebot, welches, wie es ſchien, er ihnen er⸗ theilte. Drauf ging er vorwaͤrts dem Gefaͤng⸗ niſſe zu, wo das Gebuͤſch eine lang verſchloſſene Pforte, zum Kirchhofe fuͤhrend, verbarg; er ver⸗ ſchwand unter demſelben, aber im naͤmlichen Augenblicke wendeten die Geiſter alle das Haupt und ſchauten aus hohlen Augen, wie in ſtiller Erwartung, unverruckt auf Beaten. Schrecklicher als das wuͤſte Getuͤmmel in jenen Naͤchten war ihr dieſe Stille, als Eſaias Toben und des Mohren Hohngelaͤchter dies ſtumme Anſtarren, als Ingrimm und wuͤthende Beſchuldigung der Todten ſeltſame Neugier; ſie fuͤhlte, es ſey ein Augenblick raͤthſelhafter Ent⸗ ſcheidung gekommen, und hielt ein Auge angſt⸗ haft auf den Kirchhof gerichtet, das andere aber auf die ſeitwaͤrts befindliche Thuͤr ihres Zimmers. Da that dieſe ſich auf, und herein trat ein junger Mann in modiſcher Tracht und kuͤndigte be⸗ grußend ſich an als den erwarteten Defenſor. Die Gefangene empfand bei dieſer Anrede eine Art von Mißmuth, denn es war nicht der Vertheidiger, deſſen Erſcheinen ſie ſich in dieſem Augenblick 80 verſah, oder wenigſtens ein Vertheidiger anderer Gattung. Als ſie aber den Eingetretenen genauer be⸗ trachtete, konnte ſie ſich der Verwunderung nicht erwehren und gewiſſermaßen der Freude, denn es war ein fruͤher Bekannter, der vor ihr ſtand, und was bei Frau Bilſen nicht wenig ſagen wollte, einer ihrer Bekannten, welcher noch den Lebenden angehoͤrte, nicht der Schaar ihrer Freunde dort unten, welche ſogleich nach Jenes Eintritt verſchwunden war im naͤchtlichen Dunkel. Der Chroniſt haͤlt es hier fuͤr nothwendig, der Erinnerung des Leſers jenen Schreibergeſel⸗ len zuruͤckzurufen, der einſt ſeiner Wohlthaͤterin beiſtand in frommer Betrachtung; er war es, nur ſo weit veraͤndert, als es eine Friſt von drei Jahren vermag, aus einem ruͤſtigen, kern⸗ haften Burſchen ein feiner bluͤhender Mann ge⸗ worden, aus einem ungeſchlachten, verzogenen Tagedieb, zu welchem ſeine Pflegerin ihn gebil⸗ det, ein gar wohlerzogener Herr von an⸗ ſtaͤndiger Sitte, aus dem ſchlenkernden, gaͤh⸗ nenden Schreibergeſellen ein Rechtsgelehrter der mit Worten gar wohl umzugehn wußte und in deſſen Haltung und Mienen ſich der 81 Werth ausſprach, den er auf ſeinen Beruf und Perſoͤnlichkeit legte. Es war der Wittwe in ihrer unfreiwilligen Abgeſchiedenheit zu Ohren gekommen, wie ihr ehemaliger Schuͤtzling, was er ſeinem fruͤhern Dienſte bei ihr verdankte, wenigſtens umſichtig angewendet hatte, wie es nicht immer zu ge⸗ ſchehen pflegt bei ſolchergeſtalt erworbenem Gut. Nicht alle Gaben, die, gleich jenem Pachtgeld vom Garten, in die Hand des fleißigen Gehuͤl⸗ fen geglitten waren, hatte, was auch bei leben⸗ digem Leibe der alte Wucherer behauptete, deſſen Geſpenſt jetzt, wie er einſt in Fleiſch und Bein, nach dem Fenſter der Schuldnerin lauertid hinauf⸗ horchte, nicht alle dieſe haͤufigen Gaben hatte der blinde Vater vertrunken, der Sohn ſie nicht alle auf dem Tanzboden mit dienſtbaren Schoͤ⸗ nen vergeudet. Als durch der Wohlthaterin Verhaftung ſein Studium der Theologie unter ihrer Leitung beendet war, ging er zu der Rechts⸗ gelehrſamkeit uͤber, und die guͤldenen Pfennige der Wittwe bahnten ihm auf der Hochſchule den Weg zur guͤldenen Praxis. Er war von dort nach ſeiner Vaterſtadt zuruͤckgekehrt, auch das hatte Beate vernommen; doch hatte ſie I. 6 82 nicht geglaubt, ein ſo kurzer Zeitraum ſey hin⸗ reichend geweſen zu des Vernachlaͤſſigten Aus⸗ bildung, auch geſellte ſich dieſem Gedanken die verwundernde Frage ihres Bewußtſeyns, wie aus dem, deſſen Erziehung ſie ſich angenommen, uͤberhaupt nur irgend etwas werden konnte. Es iſt ihr daher einige Befremdung nicht zu verargen, und die in derſelben hervorgeſtoßene Frage:„Wie, Du biſt es— Ihr ſeyd es, der mein Vertheidiger ſeyn ſoll und rechtlicher Bei⸗ ſtand?“— „So iſt es,“— antwortete der junge Mann mit ſelbſtgefaͤlligem Weſen;—„ich habe Euren Wunſch vernommen, der mich herbeirief— und bin ihm um ſo eher gefolgt, da ich mich ruͤh⸗ men darf, Euer alter Bekannter zu ſeyn.“— Das Erſcheinen eines Solchen hatte ſelbſt nach ſolchen Augenblicken, als die eben verleb⸗ ten, Beaten, die ſelten auf lange Zeit die Faſ⸗ ſung verlor, dieſelbe wiedergegeben, und mit ihr auch den Ton der Lehrerin und Vorgeſetzten, ihr ſo gelaͤufig in fruͤherer Zeit; ſie ſprach alſo bedenklich und kopfſchuͤttelnd:„Ein mehrjaͤhriger Bekannter ſeyd Ihr wohl, Herr Doktor, denn ſo nennet Ihr Euch ja, aber, daͤucht mich, ein 83 wenig zu jung doch fur die Verrichtung, zu der Ihr Euch erbietet.“— „Ich meinte nicht,“— verſetzte etwas ſpoͤt⸗ telnd der Doktor,„daß Ihr dafuͤr hieltet, die Jugend ſey eine ſo ſchlimme Empfehlung. Laſ⸗ ſet Euch jedoch ſagen, daß ſo wenig als fruͤher ſie mir im Wege ſteht bei der Abſicht, in der ich komme. Es iſt wahr,“ fuhr er in ſelbſtge⸗ nuͤgſamer Weiſe fort,„ich habe keine Runzeln und meine Augen ſind noch nicht erblindet bei der naͤchtlichen Lampe, doch nehme ich es mit Manchem auf in der Rechtswiſſenſchaft, und mehr als Ihr meinet, hab' ich Erfahrung. Ueberdem trachtet ein jugendlicher Prieſter der Themis gern nach Fuͤhrung ſchwieriger Sachen, denn ſolche bringen die meiſte Ehre; die Eure aber, werthe Frau Bilſen, gehoͤrt, meine ich, ganz abſonderlich zu dieſen.“— „Und wenn dem alſo waͤre,“— fragte zoͤ⸗ gernd die Wittwe—„kann ich Euch das Ver⸗ trauen ſchenken, welches eine ſolche Sache er⸗ fordert?“— „Schon fruͤher erfreute ich mich ja deſſelben,“ — erwiederte er in der vorigen Weiſe—„und gewiß mache ich gleichfalls jetzt darauf An⸗ 6* 84 ſpruch, und zwar unbedingt. Ihr habt uͤberdies dabei den Vortheil kuͤrzerer Auseinanderſetzung bei dem, welcher bereits mit Manchem vertraut, Euch mit halben Worten verſtehet.“— Er war, als leuchte dieſer Vortheil Beaten ein, denn ſie blickte feſter und zutraulicher in das laͤngſt bekannte, nur etwas entfremdete Antlitz, und es uberkam ſie ein Gefuhl der Behaglichkeit. Schwer waͤre es ihr geworden, vor einem Fremden den Abgrund ihres Innern aufzuthun im juriſtiſchen Beichtſtuhl, unmoͤglich beinahe, einem untadeli⸗ chen Manne gegenuͤber, oder auch einem Sol⸗ 3 chen, der es zu ſcheinen verſtand; hier aber er⸗ 1 innerte ſie ſich aus fruͤherer Zeit gewiſſer Anla⸗ gen, theils durch ſie hervorgebracht, oder doch 1 ſorglich gepflegt, und ein gewiſſes Etwas in den Zuͤgen und dem Weſen des jungen Rechtsge⸗ lehrten deutete darauf, nicht gaͤnzlich ſeyen dieſe Anlagen verloren gegangen, und es beſtehe noch eine Art geiſtiger Verwandtſchaft zwiſchen Leh⸗ rerin und Schuͤler, zwiſchen dem Advokaten und der Clientin. 1 Dieſem mußte nicht entgangen ſeyn, was Beaten jetzt beſchaͤftigte, denn er ſagte mit an⸗ genehmem Laͤcheln:„Sprechet, werthe Frau, 85 haͤttet Ihr Euren Defenſor lieber erſcheinen ſe⸗ hen als rigoriſtiſchen Alten, mit runzlichem Ge⸗ ſicht und gebieteriſchem Ton, als einen ſuͤßre⸗ denden Froͤmmler, welcher, dem Prediger die Obliegenheit abnehmend, mit welchem er ganz und gar nichts zu ſchaffen hat, Euch ſtatt tuͤch⸗ tigem Rathſchlag die Vermahnung ertheilt, Euch der Barmherzigkeit des Gerichts zu vertrauen, welche Euch entſtehen duͤrfte, oder einer andern Barmherzigkeit, die, geſetzten Falles, ſie wuͤrde Euch zu Theil, doch um ein Weniges zu ſpat kommt? Behagt Euch nicht beſſer der junge Mann, ruͤſtig von Geiſt wie von Koͤrper, ver⸗ traut mit den Anſichten der Zeit, der ſein Mog⸗ lichſtes daran ſetzen wird, Euch durchzuhelfen, gleichviel, ob Ihr Recht habt oder Unrecht? denn daran iſt wenig gelegen oder nichts.“— Solche Anſichten waren ganz nach dem Ge⸗ ſchmack der Clientin, und zwar noch nachdenk⸗ lich aber ermuthigt antwortete ſie:„Wohl, wohl, mein werther Freund, und doch— Ihr wiſſet, weß man mich beſchuldigt, Ihr habt auch wohl von einem Geſtandniß gehoͤrt, das mir ent— ſchluͤpft iſt im Augenblick ſeltſamer und uner⸗ hoͤrter Bedraͤngniß,— meinet Ihr wohl, ſolches 86 entkraͤften zu koͤnnen durch die Mittel, die Euer Scharfſinn Euch darbietet, und andere wun⸗ derlicher Gattung, welche ich Euch mittheilen kann zu klugem Gebrauch?“— „Si fecisti, nega,“— war des Doktors Be⸗ ſcheid,—„das iſt der erſte Grundſatz menſch⸗ lichen Rechts und das Thema zu dem Sermon eines jeglichen Defenſors an ſeinen Schutzbe⸗ fohlnen. Da Ihr nun aber einmal nicht negi⸗ ret, das heißt, nicht gelaͤugnet habt, ſondern ein⸗ geſtanden, und es damit nichts iſt, ſo will ich keinesweges, wie Andere pflegen, uͤber Geſche⸗ henes und Unabaͤnderliches viel ſprechen, ſondern mit der Verſicherung mich begnuͤgen, daß ich als ein tuͤchtiger Rechtsbeiſtand Euch des Weges fuͤhren werde, den Ihr, ehe Ihr mich um Rath gefragt, wohl oder uͤbel eingeſchlagen.“— „Und wohin wird dieſer Weg mich fuͤhren?“ fragte kleinlaut die Wittwe. „Hm,“— antwortete der Doktor gleichguͤltig und beinahe in dem anangenehmen Tone des fruͤ⸗ hern Schreiber eſellen, indem er mit den Fingern durch die jetzt zierlicher gekraͤuſelten Locken fuhr: „Hm— allerwertheſte Frau Bilſen, ſothaner Weg fuͤhrt, um mich der Aufrichtigkeit zu befleißigen, der 87 allererſten und vornehmſten Tugend der Advokaten, ſothaner Weg fuͤhrt freilich an einen Ort, wo ich meine geſchaͤtzte Frau Pflegmutter und Erzie⸗ herin nur ungern ſehen wuͤrde, zum Blutgeruͤſt etwa oder zum Scheiterhaufen, je nachdem der Caſus gemilderter oder ſtrenger einem preislichen Criminalgericht vorgeſtellt wird. Inculpatin kann ſich indeſſen darauf verlaſſen, daß ich Alles anwenden werde, daß ſie mit dem Erſten davon komme, mit dem Tode durch's Schwert naͤmlich.“— „Alſo das“— rief Beate in Toͤnen der Verzweiflung—„das iſt Alles, was ich von Eurer Huͤlfe zu erwarten habe? Das ſagt Ihr mir ſo gleichguͤltig? Das iſt die Dankbarkeit gegen mich, die Euch aus dem Staube ge⸗ zogen?“— „Aus dem Staube gezogen?“ wiederholte naſenruͤmpfend der Rechtsgelehrte:„Ich meine nicht, daß das Element meines Geiſtes jemals der Staub geweſen. Was die Dankbarkeit aber betrifft, ſo weiß ja wohl meine ehemalige Goͤn⸗ nerin vor Andern, was von ihr zu halten, und vornehmlich ob mir ſolche gegen ſie obliege. Doch mag ich nicht laͤugnen, daß ich einige Verbindlichkeiten gegen ſie habe, vornehmlich ſolche, von denen ſie ſelbſt nichts weiß, und um nicht unerkenntlich zu ſeyn, werde ich thun, was in meinen Kraͤften ſteht, ſolches aber iſt, ohne Ruhm zu melden, in der That nicht wenig.“— „So rettet mich denn,“— jammerte Beate —„rettet mich von dem furchtbaren Tode; ich kann nicht ſterben— im tiefſten Elend will ich ſchmachten, Alles will ich uber mich ergehen laſſen, nur ſterben kann ich nicht.“— „Was hilft es Euch, nicht ſterben zu kön⸗ nen, wenn Ihr doch muͤßt?“ antwortete Je⸗ ner mit Rauhigkeit.„Ich ſoll Euch retten, und Alles wollet Ihr uͤber Euch ergehen laſſen? Nun denn, wir werden ſehen. Doch, um fuͤr Euch etwas thun zu koͤnnen, verlange ich eine Erklaͤrung von Euch. Nicht ob Ihr gethan, weß man Euch beſchuldigt, oder nicht, es bedarf ſolcher nicht unter uns, aber was vermochte Euch zu dem Geſtaͤndniß, deſſen unvermeidliche Fol⸗ gen Ihr ſo wenig zu ertragen vermoͤgt?“— Die Spannung, in welcher das Gemuͤth der Wittwe geweſen, hatte nachgelaſſen, ein Menſch war zu ihr getreten, der Erſte ſeit langer Zeit, ſie gruͤndete einige Hoffnung, wenn guch nur 89 geringe, auf ſeine Huͤlfe, und zur nachſten wandte ſich ihr zagender Sinn; er zog ſich zuruͤck von der Geiſterwelt, deren Schranken er vermeſſen durchbrechen wollte, die Frage des Defenſors erinnerte Beaten an jene furchtbaren Naͤchte, die ihr das Bekenntniß entriſſen, ſie ge⸗ dachte ihrer, deren Wiederholung ſie vor weni⸗ gen Augenblicken in dumpfem Wahnſinne wuͤnſch⸗ te, mit Schaudern und mit ſtockender Stimme antwortete ſie: „Es iſt Manches, Vieles ganz, ganz anders, als ich gedacht. Leider hab' ich es erfahren, da ſolche Kenntniß mir keine Frucht mehr traͤgt, als die bittre Frucht der Verzweiflung.“— „Verzweiflung?“ verſetzte ſpoͤttelnd der An⸗ dere.„Sie und die Reue ziemen Euch nur ſchlecht, wertheſte Frau, und ſind uͤberhaupt zu nichts nuͤtze in der Welt. Kennet Ihr nicht die Worte des Meiſters in ſeinem vortrefflichen Ge⸗ dicht, dem beſten, was jemals uber gewiſſe Dinge aus dem Gehirn eines Menſchen gekommen: Es lebe, wer ſich tapfer hält; Du biſt ja ſonſt ſo ziemlich eingeteufelt. Nichts Abgeſchmackters kenn' ich auf der Welt, Als einen Teufel, der verzweifelt.“ 90 „Sprechet nicht ſo,“— ſtammelte angſthaft Beate:„nennet den Namen nicht, er iſt nicht ſo ſinnleer, als Ihr wohl glaubt. Auch ich habe ihn einſt dafuͤr gehalten, doch bin ich andern Sinnes worden. Vieles, ſage ich Euch noch⸗ mals, iſt nicht ſo, als man meint in thoͤ⸗ richter Sicherheit, und zumal in Jahren, wie die Euren.“— „Was mich betrifft,— ſprach der Doktor ploͤtzlich ernſt und in ſeltſamem Tone,„was mich betrifft, iſt Eure Ermahnung uͤberfluſſig, denn mehr als Andere weiß ich von ſolchen Dingen. Ich kenne,“ fuhr er langſam und mit tiefer Stimme fort,„das Daſeyn einer Geiſter⸗ welt, ich weiß, daß ſie oft ſichtbar oder unſicht⸗ bar in das Leben tritt, ich weiß, daß ſie ſich an den draͤngt, der ihr naͤher getreten aus dem Kreiſe ſeiner Beſtimmung, daß ſie nicht ablaͤßt von ihm, bis ſie ihn erfaßt. Was blicket Ihr ſo ſtarr um Euch und mit rollenden Augen? Solltet Ihr Euch in ſolchem Falle befinden?“— „Hoͤret auf,“ flehete Beate, von dieſer Rede ergriffen und vom Entſetzen der Erinnerung— „Ihr ſagtet ja, Ihr werdet mich mit halben Worten verſtehen, ſo erlaßt mir denn die Schil⸗ 91 derung des Graͤßlichen. Von zwei Seiten bin ich bedroht, wo ich mich hinwende, begegnet mir Haß und Ingrimm, und keinen Helfer ſeh' ich, als Euch! Helfet mir denn, ſo Ihr es vermo⸗ get, wenn nicht aus Dankbarkeit, aus welcher Urſach Ihr wollt, nur helft; denn leben kann ich nicht, und kann noch viel weniger ſterben!“— „Dies Dilemma,“ meinte der Vertheidiger, „uͤrfte etwas ſchwer zu löſen ſeyn fuͤr einen Andern als mich. Jedoch meine ich, Ihr konn. tet kaum einen beſſern Helfer erwaͤhlen auf ei⸗ ner und der andern Seite, die Ihr genannt. Ich habe Euch verſtanden, und es iſt wohl⸗ gethan, abzubrechen von dieſen Dingen und zu der Abſicht zuruͤckzukehren, in der ich kam. Meine Huͤlfe alſo begehret Ihr?“ ſetzte er un⸗ befangen fragend hinzu. „Ob ich ſie begehre?“ rief Beate—„Kei⸗ ner bedarf ihrer wohl mehr, als ich, die ich die Elendeſte bin auf der weiten Erde!“ „Und wie kann ich Euch ſolche gewaͤhren?“ erwiederte in anſcheinendem Nachſinnen der Doktor:„Eines kann ich wohl thun; ich bin genug erfahren in den Windungen deſſen, was man Recht heißt, um den Weg lang zu ma⸗ 92 chen, den Ihr vor Euch habt zu unerfreulichem Ziel. Ein Jahr oder zween kann die Reiſe wohl waͤhren, wenn Ihr mich zu Eurem Fuͤh⸗ rer erwaͤhlt.“— „Ein Jahr oder zween,“— ſeufzte die Ge⸗ fangene—„verlebt im Kerker, und an deſſen Schwelle eine dunklere Behauſung noch! Iſt das Alles, was Ihr vermoͤgt?— Alles, was ich zu hoffen habe, daß der Weg lang ſey, den ich in Feſſeln zu gehn habe zum Blut⸗ geruͤſt, verfolgt von den Schrecken der Unterwelt, zur——2“ „Zur Hoͤlle ſelbſt“— ergaͤnzte der Andere.— „Ja, da muß man wohl Rath ſchaffen auf ir⸗ gend eine Weiſe. Auch weiß ich Rath, und er liegt in einem trivialen Sprichwort; das Sprich⸗ wort aber heißt:——— In Nuͤrnberg haͤngt man Keinen, als den man hat.“ Hoch horchte Beate auf, als Jener ſo ſprach; wie jedem Gefangenen, war auch ihr mehr als ein⸗ mal der Gedanke an Flucht gekommen, aber als⸗ bald trat ihm immer die Ueberzeugung der Unmoͤg⸗ lichkeit entgegen. Der fruͤhern Nachſicht ungeachtet, die ihre Aufſeher der geachteten, unſchuldig vermein⸗ ten Frau erwieſen, hatten ſie es jedoch nicht an 93 genauer Bewachung fehlen laſſen, und dieſe noch weniger verſaͤumt, ſeitdem ſie eines Andern von ihr uͤberzeugt worden. Wohl lebte die Einge⸗ kerkerte in tiefer Einſamkeit und verſpuͤrte wenig von den Masßregeln, welche die Vorſicht der Obrigkeit in Betreff auf ſie genommen, ſelten ließ ſich ein Handlanger derſelben in ihrem Ge⸗ wahrſam ſehen; aber der lange Gang, an deſ⸗ ſen Ende dieſer ſich befand, war auf beiden Seiten von einer klafterdicken Mauer begrenzt ohne Unterbrechung bis an die eiſerne, dreifach verriegelte Pforte, welche in eine Wachtſtube fuͤhrte. Die Fenſteroͤffnung nach dem Kirchhofe hinaus lag hoch uͤber demſelben, ſie war zu klein, um das Durchſchluͤpfen Andern zu geſtatten, als koͤrperloſen Geſpenſtern, und verwahrt durch ein zwiefaches Gitter. Der an Bequemlichkeit gewoͤhnten, weichlich und im engen Kreiſe buͤr⸗ gerlichen Waltens erzogenen Frau, deren Geiſt nur gewohnt war, die Schranken des Gewoͤhn⸗ lichen zu durchbrechen, fehlte die Koͤrperkraft, die Ausdauer und Geſchicklichkeit eines Trenk und Benvenuto Cellini. Fruͤher, als ihr noch Hoff⸗ nung geblieben und Freunde, verſchmaͤhte ſie es, durch ein Wagniß den Zweck zu erreichen, den 94 ſie auf dem gebahnten Wege der Heuchelei nicht zu verfehlen gedachte; jetzt hatte ſie dieſe Hoff⸗ nung nicht mehr, denn Alle, die Theil an ihr genommen, hatte der Tod gefeſſelt auf ihr eigen Geheiß, die Lebenden aber wichen mit Entſetzen von ihr, und Keiner, ſie mußte es ſich geſtehen, wuͤrde Hand angelegt haben, das gefangene Ungethuͤm zu befreien. Und nun fand ſich doch Einer, der den Willen ausſprach, es zu verſuchen, welcher ſich das Vermoͤgen zuſchrieb, es zu vollbringen, und die Todesfeige umklammerte begierig den Zweig der Lebenshoffnung, der ſich ihr bot im Augen⸗ blicke des Verſinkens, und ſie haͤtte ihn um⸗ klammert, waͤre er mit Dornen beſetzt, waͤre es ſtatt eines Zweiges, dem Sprichworte nach, ein zweiſchneidig Meſſer geweſen. „Fliehen ſoll ich?“ fragte ſie mit Span⸗ nung—„und Ihr wollet, Ihr koͤnnet dazu thun, daß es gelinge?“— „Ich kann es vielleicht,— lautete des Doktors Beſcheid,—„doch kommt es dabei auf Mancherlei an, abſonderlich auf Euch ſelbſt.“— „Was ſoll ich,“— rief Beate—„ſprecht, 95 was ſoll ich thun, daß ich lebe? Ich will flie⸗ hen, wenn es ſeyn muß, wenn Ihr nicht anders mich retten koͤnnet. Wohl haͤtte ich gern durch Eure Geſchicklichkeit gut gemacht, was Ihr mit Recht einen unverzeihlichen Fehler nennet, da Ihr nicht in ſeiner ganzen Schrecklichkeit begrei⸗ fen koͤnnt, was mich dazu getrieben; gern hätte ich meine Feinde zu Schanden gemacht, aber wenn es zu ſpaͤt dazu iſt, ſo will ich die Hei⸗ math meiden, ſo will ich, daß ich nur nicht ſterbe, das Leben, das liebe Leben friſten mit ungewohnter Handarbeit; das Elend kann ich wohl tragen, aber nicht den Tod.“— „Es iſt allerdings zu ſpaͤt zu andern Aus⸗ kunftmitteln,“— verſicherte Jener;—„in all den tauſend Schlupfwinkeln des Rechts ſehe ich keinen, der Euch der Ahndung entzöge, in ſei⸗ nen hunderttauſend Deutungen keine, welche entkraͤftete, was ſo viele Thatſachen darthun, was Euer eigener Mund thoͤrichter Weiſe be⸗ kraͤftigt. So trage ich denn auch nicht den allermindeſten Zweifel an Eurem Willen zur Flucht. Der Tod iſt unſtreitig ein bitteres Ding, zumal unter gewiſſen Umſtaͤnden, und ſo moͤgt Ihr ihm denn ganz gern ein Leben vorziehen in Ax⸗ 96 beit zugebracht, in der Dienſtbarkeit und in Armuth. Damit aber, meine ich, wird es ſo ſchlimm nicht ſeyn. Eine Perſon von ſeltenen Gaben, wie meine werthe Frau Goͤnnerin, und die nicht verlegen iſt bei der Wahl der Mittel, findet uͤberall ſolche, durch die Welt zu kommen. Sollte Euch auch Dienſtbarkeit betreffen, ſo wird ein weiſer Gebieter ſie abmeſſen nach Eurer Faͤ⸗ higkeit und Kraft, und ſchwerlich wird unge⸗ wohnte Arbeit Euch auferlegt werden.“— „So iſt denn Einer noch, der Theil an mir nimmt, ſo hab' ich doch einen Freund noch!“ rief die Wittwe mit freudiger Verwun⸗ derung. „Das mag Euch, ſchäͤtzbare Frau, aller⸗ dings befremdlich erſcheinen,“— lautete die Antwort;„doch iſt es nicht minder wahr, was mich betrifft.“——— Das ſeltſame Laͤcheln, was dieſe Worte begleitete, nach ihrer Weiſe auslegend, fuhr ſie fort: „Aber Ihr rechnet vielleicht auf Belohnung? Ich kann Euch keine bieten. Ihr wiſſet zum Theil, wie mein fruͤherer Wohlſtand verſchwunden, und was von ihm uͤbrig, erfaßte die begehrliche Hand der Juſtiz.“— 97 „Ich weiß es,“ antwortete Jener wiederum lͤchelnd—„das kuͤmmert mich indeß nicht, bin ich Euch doch mehrfach verpflichtet, ohne daß Ihr es wiſſet, wie ich ſchon einmal erwaͤhnt. Doch waͤre es vergeblich, ſo kluger Frau glau⸗ ben zu machen, man ſey ihr gefuͤllig aus rei⸗ ner Dankbarkeit nur und ohne Eigennutz, drum will ich Euch geſtehen, es iſt Etwas von dem Letzten dabei. Ich bin aber ein junger Mann, wenigſtens hab' ich noch viele Jahre vor mir, ſo ich auch die Belohnung nicht verſchmaͤhe; kann ich ſie geduldig erwarten. Euer Verſpre⸗ chen genuͤgt mir vor der Hand; wenn Ihr dar⸗ an ſeyd, es erfullen zu koͤnnen, erinnere ich Euch wohl bei Gelegenheit einmal daran.“ Mit Verſprechungen war Beate niemals karg geweſen, als ihr der Wille ſie zu erfuͤllen, wie jetzt die Moͤglichkeit gebrach. Froh, um ſo wohl⸗ feilen Preis die Freiheit zu erkaufen und das unſchaͤtzbare Leben, richtete ſie einen freudefun⸗ kelnden Blick auf das immer noch bluͤhende Geſicht des ehemaligen Guͤnſtlings und ſprach: „Alles, Alles will ich erfullen, was Ihr begehrt, ſo es Euer Ernſt iſt, mich zu retten!“— „Es iſt mein Ernſt,“— verſetzte nachdruͤcklich der II. 7 — 98 Doktor;„denn,“ ſetzte er hinzu, als ſey es ihm un⸗ bequem, das Erfreuliche zu gewaͤhren ohne einen bittern Beigeſchmack:„man ſpricht wohl Eines und das Andere von der Weiſe, in der Ihr Eure Verpflichtungen abtragt, ich aber fuͤrchte nichts von derſelben.“— Die Wittwe fand fuͤr gut, dieſe Anmerkung zu uͤberhoͤren, und ſagte eifrig:„So laſſet uns denn zum Werke ſchreiten, das Ihr ſo großmuͤ⸗ thig unternommen. Beſehet Euch die Gelegen⸗ heit, und Ihr werdet finden, es ſey nothwendig, auf beſondere Mittel zu denken.“ „Auch denke ich auf keine andere“— erwiederte der Rechtsgelehrte und folgte ihr zum Fenſter, wo ſie ihn auf den Abſtand vom Boden aufmerk⸗ ſam machte, auf ſeinen geringen Umfang und die gewaltigen Eiſenſtaͤbe des Gitters. Er aber ſprach:„Hinlaͤnglich bin ich bekannt mit des Ortes Gelegenheit, und weiß, daß dies Fenſter der einzige Weg iſt zur Flucht. Durch dies Fenſter muͤſſet Ihr. Laſſet Euch indeß nicht bange ſeyn vor den Hinderniſſen, die Ihr mir anzeigt; wer, wie ich, aus Luſt und Liebe vor Allem ſich Criminalprozeſſen gewidmet, lernt wohl Manches durch die Ausſagen im Verhoͤr, 99 und unter andern auch, wie man Eiſenſtaͤbe durchfeilt und Mauerſteine von ihrer Stelle be⸗ wegt. Das ſind Kleinigkeiten, meine Gute, die man, wie Ihr faͤlſchlich nicht gethan, erlernen muß fuͤr den Fall einſtigen Gebrauchs.“— Noch ſprach er, aber Beate hoͤrte ihn nicht mehr, ihr Blick war zufaͤllig auf den Gottes⸗ acker gefallen, er blieb haften auf demſelben und ihr Ohr, ihm folgend, war taub fuͤr des Rechts⸗ gelehrten Geſpraͤch. Drunten ſtanden ſie Alle, hervorgetreten aus dem Dunkel, die ſtille Schaar ſtand im Kreiſe ringsumher, als wolle ſie den Weg abſchneiden, der zur Freiheit fuͤhrte; der Mohr ſah ſie grinſend an, mit untergeſchlagenen Armen, Eſaias hob drohend die Knochenfauſt, die Juͤnglinge und Männer hielten zwiſchen ſich die Dorngeflechte ausgeſpannt wie Ketten re⸗ gungslos und mit gebeugtem Haupt, aber mit dichtverſchräͤnkten Armen ſchloß ſich an ſie der Uebrigen bleiche Schaar. Und drauf begann ſie Toͤne zu vernehmen, des Mohren dumpfes Ge⸗ laͤchter, des Wucherers kreiſchende Verwuͤnſchung, das Seufzen der Mutter, des Vaters und des Gemahls tiefes Gemurmel, und dann erſcholl es in wuͤſtem Tongewirr, wehklagend und gellend: T* „Naͤhmeſt Du Fluͤgel der Morgenroͤthe—— und floͤheſt bis an's aͤußerſte Meer— ſo wuͤrde unſere Hand Dich faſſen—— und unſere Rechte Dich halten!“— Und noch ſprach der Doktor weiter, ruhig und unbefangen, als habe er nichts von dem Allen vernommen, da unterbrach ihn Beatens Angſtruf—„Wehe mir Elenden, ich kann nicht fliehen!— Wehe mir! O waͤre ich nie geboren! Nicht bleiben kann ich und nicht flie⸗ hen! nicht leben und nicht ſterben!“— „Was iſt Euch denn, Frau Bilſen?“ fragte der Andere mit gleichguͤltiger Verwunderung.— „Warum ſchreiet Ihr ſo heftig und geberdet Euch ſo unlieblich und ſeltſam?“— Da faßte Beatens eiskalte Rechte die ſeine, und mit der Linken deutete ſie hinab auf die Stelle, an der ihr ſtieres Auge noch haftete, und ſie ſprach mit tonloſer, ſtockender Stimme:— „Sehet Ihr ſie nicht? Da ſtehen ſie und wol⸗ len mich nicht laſſen, und ſie wollen mir nach⸗ kommen, ſo ich floͤhe an das aͤußerſte Meer.“— Der Defenſor ſchaute ein wenig hin und ſagte dann fluͤchtig:„Aha, ſind ſie da? Ja, ich kenne Einige von ihnen; Ihr aber, glaube 101 ich, kennet ſie beſſer und Alle. Ja, das iſt ein ſeltſames ruͤhriges Voͤlklein, und kommt ſchnell fort, uͤber und unter der Erde. Da iſt kein Fleck, geweiht oder ungeweiht, wo ſie nicht eine Pforte zu oͤffnen wiſſen; ſie reiten wohl auf dem Mondſtrahle bis dorthin, wo das Morgenroth aufgeht, und rudern auf den Wellen, bis, wie Ihr ſagt, bis zum entfernteſten Meer. Nimmer mag entrinnen, wer einmal dieſer Haͤſcherſchaar uͤberantwortet iſt, er muͤßte denn, wie das auch bei der weltlichen Juſtiz iſt und ihren Handlan⸗ gern, gute Freunde haben unter ihnen.“— „Ihr ſehet ſie,“ ſtoͤhnte Beate—„und koͤnnet ſo ruhig ſeyn? Bin ich denn nicht die Einzige, der ſolch Ungeheures begegnet?“—— „Ein Anwalt meiner Art“— verſetzte Jener— „furchtet dergleichen nicht. Wir Advokaten ſte⸗ hen uns ex officio gut mit den Trabanten der Gerechtigkeit, denn die Einen haͤtten wenig zu thun ohne die Andern.“— „Wer ſeyd Ihr?“— ſchrie die Wittwe angſthaft—„daß Ihr ſo redet? Wer ſeyd Ihr, daß ſolcher Anblick das Blut nicht 5 nen macht in den Adern?“—— „Ich bin Einer,“— ſagte mit tiefer Stim⸗ 102 me der Doktor—„der viel Geſchaͤfte hat mit Solchen, Einer, deſſen Wink ſie gehorſamen im Augenblick.“— Und er winkte, und die Geſtalten wichen zuruͤck, daß ſie nur halb ſichtbar blieben in der duftigen Daͤmmerung der Fruͤhlings⸗ nacht.— „So helft denn!“— flehte ſie.—„Wer Ihr auch ſeyd, rettet mich vor ihnen, wie vor den Menſchen, die mich bedrohen.“— „Ja,“ lachte Jener,„das iſt ein Anderes, und gar viel verlangt. Euch den Klauen der Haltunsfeſt an Fleiſch und Bein zu entziehen, ſteht einem eifrigen und getreuen Defenſor wohl gewiſſermaßen an, und er mag Euch einige Zeit Credit geben fuͤr das Honorar. Was dieſe luftigen Burſche aber anbelangt, hat es mehr zu bedeuten; ſie gehn nicht von dannen ohne Sportel und Gebuͤhr, und es iſt mein Grund⸗ ſatz, keinem Clienten ein baares Darlehn zu ge⸗ waͤhren ohne Sicherheit und vollguͤltig Pfand.“— „Was kann ich Euch geben, Entſetzlicher?“ fragte die Wittwe mit gerungenen Haͤnden.— „Fordert, und wenn ich es beſitze, iſt es das Eure. Was hilft mir die Freiheit, umringt von ſolchen Feſſeln? Was hilft es mir, der Hoͤlle zu 103 entgehen, wenn ſchon auf der Erde mich ihre Schrecken umlagern?“—— Da ſagte der Anwalt:„Ihr habt recht, und da Ihr ſo vernuͤnftig ſeyd, moͤgen die draußen noch ein Weilchen in Geduld ſtehn.— Ihr fragt, wer ich ſey? Ich habe es ſchon ge⸗ ſagt, ich bin Einer, der Euch verpflichtet iſt;z zwar nicht jener Schreibergeſell, der wohl nicht viel Urſach hat, Euch dankbar zu ſeyn fuͤr die ihm verliehenen Gaben, doch bin ich zu Euch getreten in ſeiner Geſtalt, da mich gewiſſe Gruͤnde bewogen, zu glauben, ich werde Euch angeneh⸗ mer ſeyn mit den weiß und rothen Wangen des Burſchen und ſeinem kraͤftigen Organ, als in Mißgeſtalt zu Euch ſprechend mit der kraͤchzen⸗ den Stimme des Nathanael Schwarz. Und doch bin ich derſelbe, ſo gut als ich ein An⸗ derer bin, Euer Gaſt, den Ihr ſo trefflich be⸗ wirthetet vor etwa drei Jahren.“— „Der gräuliche Oſtindienfahrer waͤret Ihr?“ ſtammelte ſie, einige Schritte mit Entſetzen zu⸗ ruͤcktretend, und doch unwillkuͤhrlich des Gegen⸗ waͤrtigen Geſtalt mit Jenem vergleichend— „der Oſtindienfahrer, der mich mit hoͤlliſcher Argliſt zu unvorſichtiger That trieb, der Natha⸗ nael, oder vielmehr——“ „Ganz recht, oder vielmehr,“ beſtaͤtigte Alberti Francisci hoͤlliſcher Proteus;„ich bin der, den Ihr damals aufgenommen und ſo koͤſtlich traktiret. Doch ſeyd deshalb nicht in Sorge. Laſſet Euch an ein Wort erinnern, das Ihr haͤufig vernehmen ließet zu allgemeiner Er⸗ bauung, Ihr, die Pflegerin der Armuth, die Mutter der Waiſen; es lautet in meinem Munde nicht ſchlechter, als in dem Euren. Wer,— pflegtet Ihr Jemand nachzuſagen, der von uns Beiden nicht viel weiß— wer dergleichen an dem Geringſten thut unter euch, der hat es mir gethan. Nun, der Nathanael gehoͤrte zu uns; alſo, ob ich ſchon nicht gemeint war, habt Ihr, was Ihr ihm thatet, an mir gethan, und ich habe deshalb keinen Groll auf Euch, ſondern weiß es Euch großen Dank.“— Der unheimliche Beſucher hatte nicht Un⸗ recht, da er meinte, daß ſein Erſcheinen von der Hauptperſon dieſer Darſtellung beſſer aufge⸗ nommen werden wuͤrde unter der Geſtalt, die er gewaͤhlt, als unter des Bataviers abſchrek⸗ kender Unform, und das Anbringen, das ihn 105 vielleicht herfuͤhrte, mindern Widerwillen erre⸗ gen moͤchte, aus dem rothlippigen Munde des ehemaligen Schreibers kommend, als aus dem keuchenden, huſtenden Sprachorgan des wan⸗ delnden Leichnams, den damals, als brauchbar fuͤr ſeinen Zweck, zu beleben ihm gefiel. Zwar lauteten jene Worte allerdings einigermaßen wunderlich und durften in Dem, an welchen ſie gerichtet waren, wohl einiges Bedenken erre⸗ gen; auch ſchaute Beate den Redner beſtuͤrzt an, waͤhrend dieſes Anſchauens aber begann es ihr, als einer Frau von Geſchmack, einzu⸗ leuchten, der vor ihr Stehende ſey wirklich um Vieles angenehmer, nicht allein als Herr Na⸗ thanael Schwarz, ſondern auch als ein gewiſſer Mann, deſſen rother Mantel und breites Schwert aus nicht allzugroßer Entfernung in die Augen ihres Geiſtes ſchimmerten. So ſprach ſie denn, ſtockend zwar, aber doch ohne entſchiedenen Abſcheu:„So ſeyd Ihr denn wirklich Der, deſſen Daſeyn ich immer bezweifelt? Nun, wenn dem ſo iſt, ſo ſtehet es freilich in Eurer Macht, mich von meinen Wi⸗ derſachern zu befreien, von den geiſtigen und von den andern in Fleiſch und Bein. Aber ——— —— 106 Ihr ſprechet von einem Lohne; ich ſage nicht, daß ſolch große Dienſtleiſtung deſſelben unwerth ſey, doch nennt Euch die Welt nicht uneigen⸗ nuͤtzig im Handel: ſtellt alſo den Preis, den Ihr fordert, damit ich wiſſe, ob es in meiner Macht ſteht, ihn zu gewähren.“— „Warum nicht?“ laͤchelte recht anmuthig der Pſeudo⸗Doktor der Rechte.„Iſt es doch auch nur ein Verſprechen, das ich von Euch begehre.“— „Und welches?“ fragte Beate im Tone Jemandes, welcher der Antwort auf eine uͤber⸗ flußige Erklaͤrung ſchon gewiß iſt, und ſolche nur der Form wegen thut und der weislichen Zuruͤckhaltung in Geſchaͤften. „Das iſt eine alte Geſchichte,“ ſprach Jener, „und bereits habe ich das Vergnuͤgen gehabt, mit Euch von der Sache zu reden; nur kommt jetzt ein kleiner Punkt hinzu, durch gewiſſe Um⸗ ſtaͤnde mir wichtig geworden. Ihr muͤſſet nicht glauben, es ſey mir um Eure Seele zu thun, die mir laͤngſt anheim gefallen iſt, wie Ihr nun unſtreitig mit loͤblicher Selbſterkenntniß einge⸗ ſtehen werdet: ich bin vielmehr Willens, ſie ſo lange als moͤglich noch zu Eurer Verfuͤgung zu laſſen, denn ſchwerlich wuͤßte ich ſie in unſerm 107 Sinne vortrefflicher zu gebrauchen, als Ihr.— Die Kleinigkeit, die noch in Rede ſteht, betrifft Euer zeitliches Daſeyn und gewiſſe Dienſte, die ich waͤhrend deſſelben von Euch erwarte. Auch denke ich nicht, wie wohl hin und wieder meine Collegen bei ihren Bundesgenoſſen gethan, dieſe Dauer abzukuͤrzen; ſie zu verlaͤngern iſt mein Wunſch und bis an das Ende der Tage, koͤnnte dies irgend geſchehen.“ „Und welche Dienſte ſind es, die Ihr von mir fordert—?“ forſchte die Wittwe, die jetzt beinahe gar nichts Anderes 5 als nur Neu⸗ gier empfand. „Solche,“— war der troſtliche Beſcheid,— „die Euch gar wohl von der Hand gehen durch lange und fleißige Uebung, und an denen Ihr uͤberdies Geſchmack findet, wie denn Einer Ge⸗ fallen hat an Dem, und an Anderm ein An⸗ derer.“— Jegliche Tugend weicht gern Schritt vor Schritt und mit Anſtand, beſonders die weib⸗ liche Tugend, ſelbſt in weitläuftigerm Sinne genommen; auch war es in der That ein ge⸗ waltiger Sprung von einer froͤmmelnden Be⸗ terin, fuͤr die Frau Bilſen ſo lange gegolten, 108 von einer Rolle, an der ſie auch jetzt noch aus Gewohnheit feſthielt, bis zum Stande einer notoriſchen Bundesgenoſſin des Satans. Frau Bilſen ſprach mancherlei von dem Ungeheuern einer ſolchen Zumuthung, von den Hoffnungen fuͤr diesſeits, welche zwar gefaͤhrdet, aber doch noch nicht gaͤnzlich vernichtet ſeyen, ja ſie wagte ſogar von Hoffnungen auf jenſeit zu ſprechen, und that dies ſo lange und wahrſcheinlich ſo unzuſammenhaͤngend, daß ihr Zuhoͤrer endlich daruͤber die Geduld verlor. Ziemlich in der ehemaligen burſchikoſen Weiſe ſeines Doppelgaͤngers lachte er hoͤhniſch auf, ſtrich abermals mit den Fingern durch die Locken, griff nach dem Hute und dem zierlichen Knuͤppel und ſprach:„Nun, werthe Frau, wenn Ihr denn ſo ſehr hoffnungsreich ſeyd, ſo habt Ihr meiner ja gar nicht noͤthig und haͤttet mich nicht abrufen ſollen aus dem Fenſter, von der reſpek⸗ tabeln Geſellſchaft, in welcher ich mich da unten befand. Euch wird es ja an einem andern Defenſor nicht fehlen, welcher Eure ſonderbar⸗ liche Unſchuld ſo herrlich demonſtriren mag, daß ſelbige gebuͤhrend anerkannt wird, am Hochge⸗ richt oder auf offenem Markte beim Schein des 109 Scheiterhaufens. Auch ein wackerer Geiſtlicher wird Euch keinesweges entſtehen, der Euch ſo lange von Vergebung fuͤr die Reuigen ſpricht, zu denen Ihr doch nicht gehoͤrt, und von dem Vertrauen auf Barmherzigkeit, bis nach ſeinem letzten„Amen“ Ihr an einen Ort fahret, wo ich Euch wiederzuſehen die Ehre haben werde und das Vergnuͤgen. Dieweil Ihr, meine Clien⸗ tin, aber meinen Beiſtand verſchmaͤhet habt, ſo werdet Ihr mir nicht uͤbel deuten, wenn ich aus einem Defenſor ein Offenſor werde in ge⸗ rechtem Zorne, wie auch manche meiner Colle— gen in Fleiſch und Blut zu thun pflegen, das heißt, aus einem Vertheidiger ein Angreifer, und begebe mich ſolchergeſtalt hinab zu meinen Leu⸗ ten, um ihnen Verfuͤgungen zu ertheilen in Be⸗ treff auf Euch. Wuͤnſche denn wohl zu leben in ihrer angenehmen Geſellſchaft, und daß wir uns bald wiederſehen moͤgen an der bewußten Stelle.“— Nachdem er dies geſagt, warf er den Hut auf den Kopf und ſchickte ſich an, zu gehen, gleich wie ſein Urbild es vor Zeiten zu thun pflegte, wenn ſein Verdienſt, ſeiner Meinung nach, nicht genugſam belohnt worden. Beate 11⁰ aber eilte ihm nach und hielt ihn, wie oͤfter ſchon beſagtes Urbild, flehend zuruͤck. „So wollet Ihr mich denn verlaſſen in der hoͤchſten Noth fur Zeit und Ewigkeit?“ rief ſie. —„So ſoll ich denn dem Ingrimm der Men⸗ ſchen und Geiſter anheimfallen, da Ihr mich retten koͤnnet vor Beiden?“— „Das ſteht, wie geſagt, bei Euch,“— lau⸗ tete die Antwort;—„was die Menſchen mit Euch beginnen werden, kuͤmmert mich nicht mehr, aber die Andern— ſchauet hinaus, und Ihr werdet ſehen, wie ſie wimmeln unter dem Schatten der Baume, und auf den Gräbern ungeduldig umhertrippeln und hierher ſchauen, um hervorzubrechen, nur meines Befehles ge⸗ waͤrtig. Ich ſage Euch, das iſt eine behende Schaar und nicht ſaͤumig in Ausuͤbung ihrer Schuldigkeit, obſchon verſchiedener Natur; denn die Einen ſind meine leibeigenen Diener, die Andern aber mir nur geliehen auf einige Zeit. Beide aber thun, was ihnen obliegt, die Erſten aus Luſt und Liebe, Dieſe aber, weil es ihnen ſo auferlegt iſt, wenn ſie auch nicht wollten⸗ Sehet nur, ſehet; ſchon kommen ſie naͤher, ſchon haftet der Jammerblick der Einen an Euch, um 111 nimmer ſich zu wenden, ſchon ſtrecken die An⸗ dern die Knochenfaͤuſte nach Euch aus, denen Ihr nimmer entrinnet; nur laut duͤrfte ich ſa⸗ gen, was ich jetzt Euch ganz leiſe zufluͤſtere, damit ſie es nicht hoͤren: Heiſa, Geſellen, drauf und dran!— ſo wuͤrde die luſtige Jagd be⸗ ginnen, die Jagd, die nicht aufhoͤren wird, bis das gehetzte Wild ſich hinunterſtuͤrzt in den Beatens ſcheuer Blick war mehrmals über den Friedhof geglitten, und es begab ſich allda, wie Jener ſprach. Solche Gruͤnde waren nun wohl geeignet, einen ohnehin nicht ernſtlich ge⸗ meinten Widerſtand zu beſiegen, und nach we⸗ nigen Gegenreden ſchloſſen Beide den Bund. Als aber nun ihre Rechten ſich vereinigten zum beſtaͤtigenden Handſchlage, da ward es leer un⸗ ten auf dem Gottesacker, nur wie aus weiter Ferne vernahm Beate des Eſaias unzufriedenes Schelten, das dumpfe Murmeln der finſtern drohenden Geiſter, die bleichen traurigen Schat⸗ ten aber verflogen im naͤchtlichen Dunkel mit dem Weheruf:„Verloren! Verloren!“— „Es iſt nun unnoͤthig, daß wir noch laͤnger verweilen an dieſem nicht beſonders anmuthigen Orte,“— begann nach einer Weile der Schuͤtzer der Bedraͤngten,„und wir koͤnnen die Reiſe antreten, die uns bevorſteht. Auch braucht Ihr Euch nicht mit Gepaͤcke zu beladen, denn was wir brauchen, finden wir uͤberall, Ihr insbe⸗ ſondere aber all Eure Reize wohleingepackt auf der erſten Station“— „Nur Eines noch,“— fluͤſterte Beate mit anſtaͤndiger Zuruͤckhaltung:„Eines habe ich von Euch zu bitten.“— „Zu befehlen hat meine werthe Freundin,“— verſicherte Jener mit halb ſtudentenhafter Ga⸗ lanterie. Da ſagte die werthe Freundin:„Es iſt ein Geringes, was mir auf dem Herzen liegt, mein werther Freund, und doch auch wieder nicht Geringes, wie man es nennen will. Die Frau des regierenden Buͤrgermeiſters allhier, ein boͤſes Weibsſtuͤck, und was noch mehr iſt, eine ſchlechte Dichterin, iſt mir nimmer ſonderlich gruͤn ge⸗ weſen; ſie hat mich beredet und verlaͤumdet,— nun verleumdet wohl nicht, aber doch uͤbel von mir geſprochen, als ich im Wohlſtande war und bei Ehren, und mich verhoͤhnt und uͤber mich triumphirt in meiner Schmach; ſo moͤchte ich ihr gern eine kleine Erinnerung hinterlaſſen, aus der ſie abnaͤhme, daß es um mich nicht ſo ſchlecht ſteht, als ſie meinte und es mir goͤnnte. Wie waͤre es mit einer kleinen Verwandlung auf einige Zeit, von der man ja wohl ſchon ehe gehoͤrt hat. Etwa ein ſtattlich Hirſchgeweih an die Stirn des Herrn Gemahls, der die ge⸗ wohnte Laſt eben nicht ſonderlich merken wird, und einen Gaͤnſekopf zwiſchen den Schultern der werthen Ehehaͤlfte, der nicht viel weniger klug ſchnattern wird, als ſie ſpricht. Wie iſt es, mein Theurer? Ihr habt ja ſonſt dem Doktor Fauſt den Gefallen erzeigt.“— Beate zweifelte keinen Augenblick an der Gewaͤhrung dieſer ſo geringfugigen, ſo ſtatt⸗ haften Bitte; Der, an den ſie gerichtet war, zog aber ein verlegenes Geſicht und ſagte zau⸗ dernd:„Ihr habt zwar allerdings zu gebieten, meine Theure, und es iſt meine, ich kann ſa— gen, verdammte Schuldigkeit, Euch zu Willen zu leben, ich werde es indeß als eine nicht ge⸗ ringe Gefaͤlligkeit betrachten, ſo Ihr davon ab⸗ ſteht. Ich habe, ich geſtehe es, eine große Vor⸗ liebe fuͤr boͤſe Weiber, und fuͤr ſchlechte Dich⸗ terinnen nicht minder, und ungern nur fuͤgte II. 8 ich Der etwas Boͤſes zu, die beide Eigenſchaf⸗ ten in ſich vereinigt. Auch waͤre, um unſerer Angelegenheiten willen, raͤthlich, dergleichen Scandalum zu vermeiden. Doch finde ich Euer Vorhaben, der Gegnerin Eure Freundſchaft dar⸗ zuthun, ganz billig und natuͤrlich, und will ich nur bitten, es Eurer Stellvertreterin aufzutra⸗ gen, die ohnehin, waͤhrend Ihr anderweit thätig ſeyd, hier Eure Geſchaͤfte verſehen wird. Da iſt ſie ſchon, und wuͤnſcht ihre Mandantin zu begruͤßen.“— Schnell wandte Beate den Blick, und er fiel auf eine weibliche Geſtalt, die vorher nicht anweſend an dem Tiſche ſaß, uͤber das Buch gebeugt, welches immer aufgeſchlagen da lag, zur Erbauung der etwa Eintretenden, und wie es ſchien, in eifrigem Leſen begriffen. Und die Geſtalt richtete das Haupt empor und ſchaute ſie an mit ihren eigenen Augen; es war ihr verblichenes faltenreiches Antlitz, ihr verdorrter, zur Mumie gewordener Koͤrper, ihr gezwungen ſanftes Laͤcheln, ihr Zug ingrimmigen Hohnes auf der gerunzelten Stirn, ihr Blick, matt wie⸗ derſtrahlend die Flamme der Tiefe. Da vergaß Beate der Buͤrgermeiſterin, ihres Haſſes und 11⁵ ihrer Sache, ſie hatte geſehen, was ihr widriger war als Jene, ſich ſelbſt, das Grauen uͤber⸗ mannte ſie, und ſie entfloh an der Hand des Begleiters. Als man am andern Tage zur gewohnten Stunde in die Zelle trat, vermißte man nichts in ihr und an ihrer Bewohnerin, nur hoͤrte man einige Tage darauf die Gattin des Ge⸗ fangenwaͤrters Jedermaͤnniglich verſichern, Frau Beate Bilſen habe ſich ſeit einiger Zeit merk⸗ lich zu ihrem Vortheil veraͤndert. In weiter Entfernung von der ungenannten Stadt, in welcher das eben Berichtete ſich zu⸗ getragen, fließt in einem Lande, deß Namen gleichfalls in unſerer Chronik nicht aufzufinden, ein breiter Strom, nicht unberuͤhmt, zumal in fruͤhern Zeiten, wie der Gewaͤhrsmann dieſer Darſtellung verſichert. Unweit von der Stelle, wo dieſer Strom noch an Umfang gewonnen durch die Vereinigung mit einem andern Ge⸗ waͤſſer, nur um Weniges geringer als er, be⸗ ginnt das rechte Ufer allmaͤhlig aufwaͤrts zu ſteigen, bis es ſich zu einer Huͤgelreihe bildet, einige Meilen lang, deren Abhang mehr oder . 8* 116 minder ſteil, bis zum Strande ſelbſt ſich herab⸗ neigt. Hier umſpielen die Wellen des Fluſſes, ſich theilend, mehre kleine dichtbewachſene In⸗ ſeln, das linke Geſtade iſt gleichfalls mit nie⸗ derer Waldung bedeckt und mit Gebuͤſch, wel⸗ ches dem Auge die Ausſicht auf eine weite Flaͤche entzieht, zum Theil wohl angebaut und reich an den Fruͤchten des Feldes, welche da⸗ mals eben in vollem gruͤnenden Wachsthum ſtanden, eine erfreuliche Ernte verheißend. Das rechte Ufer ſtellte einen andern Anblick dar mit ſeinen maͤßigen Erhoͤhungen, deren abſchuͤſſige Waͤnde theils nackt in blendendem Weiß erglaͤnz⸗ ten, theils in ihren kleinen Einſchnitten mit dem Gruͤn des friſchen Graſes prangten und mit wankenden Baumwipfeln, auch hier und da mit einem kleinen Bach, der aus dem kuͤhlen, ſchattigen Grunde dem alten Strome zueilte. Auf der Mittagsſeite, ziemlich wo dieſe Kette von Huͤgeln beginnt, zeichnet ſich einer derſel⸗ ben aus, ſein Haupt uͤber die andern erhebend, und weiter als ſie vortretend gegen den Fluß. Hinter ihm und zu beiden Seiten auf den nachbarlichen Hoͤhen ſtreckt ſich ein Städtlein dahin, welches der geheimnißreiche Chroniſt 117 gleichfalls nicht naͤher bezeichnet, ſich damit ent⸗ ſchuldigend, daß dies Staͤdtlein, einſt bedeutend und von groͤßerm Umfange, nun aber herabge⸗ kommen und klein, wollte er es auch nennen, doch den meiſten Leſern, vornehmlich in ſeiner Vaterſtadt, um deswillen eben nicht bekannter ſeyn wuͤrde. Auf dem angegebenen Huͤgel aber liegt ein chriſtlich Gotteshaus, deſſen Bauart, bereits un⸗ gewoͤhnlich worden und nur ſelten anzutreffen, ſein hohes Alter bezeugt. Die Flaͤche, welche die kleine Kirche umgiebt, iſt ein Gottesacker, nur wenig mit Leichenſteinen geſchmuͤckt, deren Laſt der unterhoͤhlte Grund nicht lange zu tra⸗ gen vermochte, aber mit vielen theils verwit⸗ terten Kreuzen, die im Winde ſchwanken, wel⸗ cher beinahe unaufhoͤrlich aus allen Richtungen die nackte Hoͤhe beſtreicht. Aber dieſe Behau⸗ ſung der Todten iſt eigentlich nur die Beda⸗ chung oder das oberſte Geſchoß eines großen, viel⸗ ſtoͤckigen Leichenpalaſtes, denn ſo zahlreich ſind ſeine langjaͤhrigen Bewohner, daß man am Ab— hange nach dem Strome zu, wo die lockere Erde gewichen oder der fallende Regen die Bekleidung hinweggeſpult hat, in unzaͤhligen Schichten hervorragende Knochen wahrnimmt; bald ein Bein, welches, in die Luft ausge⸗ ſtreckt, glauben macht, ſein Beſitzer wolle ein⸗ mal hinabſchreiten aus der langbewohnten Kam⸗ mer, bald ein Arm, der mit ausgeſpreizten Fin⸗ gern in die Leere greifend, gleichſam einen Stuͤtzpunkt ſucht, dem zu ihm gehoͤrigen Ge⸗ bein herauszuhelfen, bald ſogar das Obertheil eines Gerippes, welches ſich hinabbeugt uͤber die Tiefe, und deſſen Schaͤdel ſtumm und aus leeren Augenhoͤhlen hinunter in die Wellen ſchaut, die nun ſchon ſo manche Jahrhunderte hier vor⸗ uͤbergeglitten ſind, ſeitdem den ſtillen Beſchauer der Uferhuͤgel beherbergt. Keinem, dem dieſer ſeltſame Anblick weißlicher Todtengebeine zu Theil wird, hervordringend aus weißlichem Sande, bleibt ein Zweifel, daß Beide vereinigt den gan⸗ zen Huͤgel bilden, allmaͤhlig aufgeſchichtet um die ſteinige Grundfeſte, welche das Gotteshaus tragt und nun Beide gemeinſchaftlich verwittert durch Sonnenbrand und Regenguͤſſe, nach und nach abbroͤckelnd herunterſinken in die Tiefe. Von der Kirche ſelbſt erſchaut das Auge zur rechten Hand die Windungen des majeſtä⸗ tiſch gemachſam rinnenden Fluſſes mit ſeinen zahlreichen Eilanden, um den Bergruͤcken mit hellfarbigen Birken und dunkeln Fichten ge⸗ kroͤnt; links, ſtromabwaͤrts, gewahrt es da, wo beide Fluͤſſe ſich verbinden, eine Feſtung, von deren Waͤllen jetzt von Zeit zu Zeit der Blitz des Geſchuͤtzes leuchtete und ihr dumpfer Don⸗ ner verkuͤndete, es ſtehe vor derſelben der Feind; weiterhin wird der Blick durch Waͤlder beſchraͤnkt, hin und wieder unterbrochen durch Gartenanla⸗ gen und Landhaͤuſer, Palaͤſten gleich; an dem Flußgeſtade und nur bei ſehr heiterem Wetter und mit bewaffnetem Auge ſieht man zwiſchen dieſen theilweiſe eine dunkle Maſſe, dem Kun⸗ digen als eine große Stadt erkenntlich, an bei⸗ den Seiten des Stromes. Vor ſich uͤberſieht man die jenſeitige Flaͤche mit ihren Fluren und Staͤdtchen und Doͤrfern, wo noch der Ackerbau und das Gewerbe ſich ruͤhrte, und wenn man ſich umwendet, bietet ſich ein gleicher Anblick dar. Aber zur Zeit, von welcher der Chroniſt redet, gruͤnte dort kein Halm auf den zerſtampf⸗ ten Feldern, die Flecken und Doͤrfer ſtanden veroͤdet oder in Schutthaufen verſunken, und im Staͤdtchen ſelbſt ſchlichen nur Greiſe, Muͤt⸗ terchen und Kinder umher und weinende Frauen; die Mannſchaft war hinausgezogen, und die Zuruͤckgebliebenen zagten fuͤr das Leben der Ent⸗ fernten oder betrauerten den Tod der Nahen, bis er ſie ſelbſt dahinraffte in ſeiner Gier, denn ihm war Gewalt verliehen fur einige Zeit, und ein zwie⸗ facher Jammer ruhte auf dem Lande. Dies mag wohl einen Namen haben, denn jegliches Land beſitzt, wenn auch ſonſt nichts mehr, doch ſei⸗ nen Namen, den uns aber die Chronik ver⸗ ſchweigt. Unter dem Huͤgel von Todtengebein, nur durch ein ſchmales Wieſenſtuͤck von ihm getrennt, ſtreckt eine kleine Halbinſel ſich hinein in das Gewaͤſſer des Fluſſes, mit Erlen und Buchen bewachſen, in deren Mitte ein Haͤuslein lag oder eine Huͤtte, mit einem Obſtgarten und einer Kraut⸗ und Gemuͤſepflanzung, jetzt aber waren die Beete zertreten, die Befriedigung eingeriſſen, die Fruͤchte ſollten zur Zeit der Reife nicht ge⸗ pfluͤckt werden von ihrem Pfleger und den Sei⸗ nigen, denn er ruhte ſeit einigen Tagen ſchon auf dem Gipfel des Huͤgels und ſeine Soͤhne waren hinausgegangen in den Krieg. Auch die Mutter erſtand nicht von dem einſamen La⸗ ger, um, wie ſie ſonſt pflegte, nach dem klei⸗ 3 3 — ———— 121 nen Beſitzthum zu ſchauen, auch ſie hatte das Uebel ergriffen, dem ihr Gatte erlag, mitleidig beruͤhrte ſie der Todesengel und ging von dan⸗ nen, um in andere Thuͤren zu treten, denn viele trugen das unſichtbare, geheimnißvolle Zei⸗ chen der Vernichtung, und er ging an keiner voruͤber, die es trug. Doch war es in der Huͤtte nicht ſo ſtill und dunkel, als es in einem Leichenhauſe zu ſeyn pflegt; leiſes Geſpraͤch ließ ſich vernehmen im Gemach des Erdgeſchoſſes, ein großes Feuer loderte auf dem Heerde nicht unerquicklich, trotz der Jahreszeit in der kuhlen feuchten Nacht; es warf die Schatten dreier auf und nieder wan⸗ delnder Geſtalten an die niedern, weiß ange⸗ ſtrichenen Waͤnde, und von dem Heerde aus verbreitete ſich der wuͤrzige Geruch mehrer Spei⸗ ſen. Dieſe ſchienen nicht zu der gewoͤhnlichen Koſt in einem Haͤuschen zu gehoͤren, in wel⸗ chem der Wohlſtand niemals geherrſcht hatte, in das ſogar vor kurzem, als Begleiter der Krankheit und dienſtfertiger Reiſemarſchall des Todes, der Mangel eingekehrt war, denn die feinen Geruchsorgane eines Gaſtronomen haͤtten die aufſteigenden lieblichen Duͤnſte nichts Ge⸗ 122 ringerem zuſchreiben koͤnnen, als den Erzeug⸗ niſſen eines Very, Beauvilliers oder der drei provengaliſchen Bruͤder zu Paris, allerminde⸗ ſtens eines ihrer Schuͤler und Zunftgenoſſen in der nicht ſehr entfernten Hauptſtadt des Landes. Auch ſtammten dieſe Nahrungsmittel aus der letzten, und der weite Weg, den ſie, obſchon mit nicht gemeiner Schnelligkeit gemacht, erfor⸗ derte die nochmalige Wirkſamkeit des Feuers. „Ihr ſeyd bedient, allerwertheſte Freundin,“ — ſprach zu einer Dame Der, welcher der Vornehmſte ſchien unter ihren maͤnnlichen Be⸗ gleitern, denn außer dieſen Beiden beſtand die Geſellſchaft nur noch aus einem dienſtbaren Mohren, welcher eben damit fertig worden war, in der Schnelligkeit eine Tafel zu bereiten, deren blendender Umfang und reiches Geſchirr von Silber und Kryſtall ſehr gegen die aͤrmliche Umgebung in der Herberge abſtach, welche die vornehmen Reiſenden gewaͤhlt hatten. Der, welcher ſo ſprach, war ein noch jun⸗ ger Mann von kraͤftigem Bau und vollem bluͤhenden Antlitz und Zuͤgen, welche man, ob⸗ ſchon wohlgeformt, doch ziemlich unbedeutend nennen konnte, haͤtten dieſem Urtheil nicht zwei —————————— von denſelben widerſprochen, der eine in den Winkeln des Mundes, beſonders merklich, wenn dieſer ſich zum Laͤcheln verzog, der andere, eine Falte, die der ſonſt glatten Stirn ein Anſehen von Duͤſterheit lieh und dem Blicke des unſtaͤt rollenden Auges. Er trug einen Reiſerock von gruͤnem Sammet mit goldenen Schnuͤren, eine viereckige Muͤtze deckte den Tituskopf, und an der ſtaͤmmigen Huͤfte ſchwebte ein gekruͤmmter Saͤbel. Die Dame aber war gekleidet wie meiſt alle Damen auf der Reiſe, und von ihrem Aeußern iſt faſt nichts noͤthig zu ſagen, als daß ſie ſich recht wohl ausnahm in ihrer ſchlan⸗ ken und doch fuͤllreichen Geſtalt, mit weiß und rothen Wangen und langem, wallendem Haar, ſo dunkel, als ihr großes, deutungvolles Auge. „Ihr habt nun Eure Toilette gemacht,“— begann Jener von Neuem—„und es ſey Eüch gefaͤllig, eine kleine Mahlzeit einzunehmen, ſo gut ich ſie Euch bieten kann an dieſem entle⸗ genen Orte. Man muß ſich in die Sitte des Landes ſchicken; hier iſt es Gebrauch, daß Rei⸗ ſende hoͤherer Gattung auf Nebenwegen ſelbſt Sorge tragen fuͤr die Bekoͤſtigung, welche folche Herberge von Ungefaͤhr nicht bietet, und ich hoffe, Blondin wird, wie von ſeiner Schnelligkeit, auch von ſeinem Geſchmack einen Beweis ab⸗ gelegt haben.“— Die Dame erhob ſich langſam, wie eine Ermuͤdete thut, von dem hoͤlzernen Schemel, den ſie unweit des Heerdes eingenommen, ſchaute unzufrieden um ſich her und ſprach:„Ihr habt ein gar ſchlechtes Quartier uns gewaͤhlt, mein werther Freund, und wenig beſſer, als das ich eben verlaſſen. Warum haben wir nicht Her⸗ berge in der großen Stadt genommen, die, wie ich glaube, nur zwei Meilen oder drei von hier entfernt liegt? Ein geringer Unterſchied bei unſerer Art zu reiſen.“— „Dahin, laßt Euch dienen,“— lautete die Antwort,„in jene Stadt iſt uns fuͤr jetzt der Zugang noch nicht erlaubt. Doch nur Geduld, wir werden ſchon dahin kommen, und ſtatt in Huͤtten, in Palaͤſten wohnen, wo wir freilich mehr hingehoͤren, als in ein Bauerhaus. Auch will ich Euch ſagen, daß wir es kaum irgend⸗ wo anders getroffen haͤtten in dieſer ganzen Gegend, in welche unſer Beruf uns fuͤhrt. Ueberall wuͤrden wir ſo ziemlich denſelben Wirth finden, den Tod naͤmlich, der das Hausregi⸗ 125 ment uͤbernommen, nachdem er die Bewohner hinausgejagt, und Ihr wiſſet ja, er iſt uns be⸗ freundet, mir und Euch.“— Die Dame nahm den Arm an, welchen der gruͤne Sammetmann ihr gar hoͤflich bot, und folgte ihm zu der Tafel, welcher ſie auch alle moͤgliche Ehre erwies mit der Eßluſt, die eine ununterbrochene und weite Reiſe hervorbringt, und mit der Schnelligkeit, die eine Doppelreihe tadelloſer Zaͤhne gewaͤhrt. Als ſie aber die erſte vorlaͤufig befriedigt hatte, wandte ſie ſich an ihren Begleiter mit der Frage:„Und Ihr blei⸗ bet Zuſchauer, mein Allerwertheſter? Ihr wollet nicht einen Biſſen genießen?“— Jener ſprach drauf:„Es iſt nicht meine Gewohnheit, zu ſoupiren, treffliche Frau; ich bedarf es nicht, und es iſt ſchon ziemlich ge⸗ raume Zeit her, daß ich mich deß enthalte. Auch mache ich nur in ſeltenen Faͤllen eine Aus⸗ nahme von der Regel, zum Beiſpiel bei Mahl⸗ zeiten, wie Ihr ſie mir einſt aufzutragen die Guͤte hattet. Solche geſtehe ich, nur ungern zu entbehren, aber dergleichen Leckerbiſſen be⸗ kommt man nicht alle Tage, und keiner von ihnen befindet ſich bei dieſem frugalen Mahle.“— „Doch,“ verſetzte die Dame,„ſcheint unſer ſchwarzer Tafeldecker anderer Meinung zu ſeyn, nach den luͤſternen Blicken, mit denen er dieſe Schuͤſſeln betrachtet. Solcher Unterſchied be⸗ fremdet mich einigermaßen, denn ich glaubte, es ſey kein anderer zwiſchen Euch, als der des Herrn und des Dieners“— „Nun wohl,“— fiel der Mohr murrend ein;„wenn man nichts Anderes hat, iſt dies Zeug ſchon gut genug, ob ich ſchon lieber ſaure Stutenmilch vor mir ſaͤhe und Pferdefleiſch, gar⸗ geritten unter dem Sattel.“— Der Gebieter laͤchelte anmuthig, ſprechend: „Ihr ſeht, Ihr waͤret ſchlecht berathen geweſen, haͤtte ich mich allein auf den Geſchmack ver⸗ laſſen, der dem wackern Blondin noch geblie⸗ ben iſt aus fruͤherer, nun ſchon gar alter Zeit. Wenn Ihr aber waͤhnet,“— ſetzte er mit Stolz hinzu—„wir ſeyen eines Urſprunges, ſo ſeyd Ihr im Irrthume. Aus dem edelſten Geſchlecht des Weltalls bin ich entſproſſen, mein Adel iſt aͤlter als die Zeit, und noch bin ich ein Fuͤrſt unter den zahlreichen Bewohnern eines uner⸗ meßlichen Reiches. Zu dieſen gehoͤrt er aller⸗ dings auch, doch ſtammt er, wie man zu ſagen pflegt, von Adam, und ſo traͤgt ſeine Seele auf jeglichen Koͤrper, den ſie belebt, ihre ehe⸗ maligen Tugenden uͤber, von welcher Gefraͤßig⸗ keit eine der kleinſten zu nennen. Doch braucht Ihr Euch ſeiner, als Kammerdiener und Tafel⸗ decker, nicht zu ſchaͤmen; er war ein großer Herr zu ſeiner Zeit, ein aſiatiſcher Fuͤrſt, Einer, vor dem der Erdkreis erzitterte eine Zeit lang, und der nun vergeſſen iſt. Glaubt mir, der⸗ gleichen taugt am beſten zum Knecht.“— „Vergeſſen?“ fiel der Mohr mit Uebermuth ein.„Ich glaube doch nicht. Batu war mein Name, ich war Großchan der Mogolen und des beruͤhmten Dſchengis⸗Chan Enkel. Ich meine, in dem Lande, da wir uns befinden, denkt man wohl noch mein; zu jenem Huͤgel dort druͤben hat mein Schwert und das Schwert meiner Horden den Grundſtein gelegt, und ſo Ihr das Gerippe fragen wollet, das ſo furcht⸗ ſam neugierig heruͤberſchaut, wird es mich zwei⸗ felsohne noch kennen.“— „Schweig, werther Batu⸗Chan!“— gebot ihm der Andere,—„die Zeit des Großſpre⸗ chens iſt voruͤber. Ganz andere Dinge geſche⸗ hen jetzt, als deren Du Dich ruͤhmeſt, und laͤngſt hat man uͤber dem Neuen ſolche ver⸗ jaͤhrte Kleinigkeiten vergeſſen. Vergiß Du aber nicht, daß Du Dich nicht mehr im dreizehnten Jahrhundert befindeſt; man iſt jetzt delikater, wenn es auch ſonſt nicht viel anders geworden, und der Zeitvertreib mit Leichnamen und Gerip⸗ pen gewaͤhrt bei der Tafel nicht ſo viel Ver⸗ gnuͤgen mehr, als Dir und Deinesgleichen ehe⸗ mals, abſonderlich einer Dame nicht, die ſolche Unterhaltung auf eine gelegenere Stunde hin⸗ ausſetzt.“— Frau Beate warf einen Blick ſelbſtgefalli⸗ gen Stolzes auf den Schwarzen, welcher, noch vor kurzem der Gegenſtand ihrer Scheu, jetzt als ein ihr untergeordnetes Weſen erſchien, auf den maͤchtigen Kaiſer, welcher die Teller einer ſchlichten Buͤrgerin wechſelte in aͤrmlicher Huͤtte. Sie begann einen hohen Begriff von ſich zu faſſen; hoͤher ſtehend in der Achtung der dunkeln Macht, als der Eroberer, deſſen Arm die Geißel geſchwungen hatte uͤber unzaͤhlige Voͤlker, war ſie begierig, die gute Meinung zu rechtfertigen, und ſagte ſo gleichguͤltig, als ſey die Rede gewe⸗ ſen von den allergewoͤhnlichſten Dingen:„Ich gehoͤre nicht zu den Schwachen meines Ge⸗ 129 ſchlechtes, die zuruͤckſchaudern vor ſolchen Dingen, als deren der werthe Chan eben erwaͤhnte; es ſcheint ſogar, ich muͤſſe mich mit ihnen noch beſſer befreunden, als es bisher geſchehen, und ſo bitte ich Euch, erhabener Hert, und wenn ich ſagen darf, verehrlicher Freund, mir Unterricht in dem zu ertheilen, was mir obliegt, daiit mir eine Zufriedenheit zu Theil werde, welche, wie ich ſehe, nicht ſo ganz leicht zu erwerben. Mit Leibesnahrung bin ich hinlaͤnglich verſehen, mich verlangt nun nach Speiſe des Geiſtes. Gewaͤh⸗ ret mir ſolche und nichts wird die Vſann keit Eurer Schuͤlerin ſtören.“— 7 „Nun wohl, Ihr wünſcht es,“— antwor⸗ tete der gefaͤllige Reiſegenoß;—„auch iſt es wirklich an der Zeit, daß Ihr Euren Beruf erfah⸗ ret. Dazu gehoͤret indeß eine Einleitung von merklichem Umfang, und ich hoffe, dieſelbe wird Euch den Appetit zum Confett nicht benehmen und zum Tokayer, den Ihr doch wohl des Großchans Stutenmilch vorzieht.“— „Ihr habt“— fing er im Lehrtone an— „Ihr habt das unſchaͤtzbare Gluͤck, in einer Zeit geboren zu ſeyn, fuͤr welche Ihr Euch eignet, wie ſie fuͤr Euch; ein Zuſammentreffen, deſſen I. 9 130 Mangel mehr denn einmal auch den ausgezeich⸗ neten Genius der Vergeſſenheit anheim gegeben oder ſeinen Namen der Nachwelt als den Na⸗ men eines Narren oder Hexenmeiſters, oder der⸗ gleichen uͤberliefert hat, wie denn gerade ſeine Begriffe den Begriffen ſeiner Zeit entgegentra⸗ ten, obſchon er vielleicht keinen von dieſen Na⸗ men verdiente. Solches habt nun Ihr, werthe Frau, nicht zu befurchten, und ſollte man auch von Euch ſprechen in der Zukunft, ſo wird es immer mit richtiger Wuͤrdigung geſchehen, und wohl ſchwerlich mit Uebertreibung. Indem ich nun ſage, gegenwaͤrtiges Zeitalter ſey paſſend fuͤr Euch, ſo begreifet Ihr leichtlich, es muͤſſe ein ſeltſames ſeyn. Und das iſt es in der That. Ihr habt Euch wahrſcheinlich niemals ausneh⸗ mend um den Himmel bekuͤmmert, weder in einer Bedeutung des Wortes noch in der an⸗ dern, doch moͤgt Ihr wohl gehoͤrt haben, wie man von der Erde aus mit Fernroͤhren die Sterne beobachtet und dann Folgerungen macht, wahr und falſch durcheinander nach Eurer Weiſe, und daß man gar meint in jetziger Zeit, die Heerſtraßen auf der Mondkugel entdeckt zu ha⸗ ben und große Staͤdte. Nun wir haben beſſere 31 optiſche Werkzeuge bei uns und ſchon ſeit ſehr langer Zeit; auch beobachten wir zu unſerer Er⸗ goͤtzung gar gern den Erdball und unterſchei⸗ den nicht allein die großen Staͤdte, ſondern auch Haͤuſer und Huͤtten, ja ſelbſt das Treiben in ihnen, nicht die Heerſtraßen nur, ſondern auch die Wege, die der Menſch wandelt, offen und mit Geraͤuſch, oder auch im Dunkeln ganz ſtill, und ſich unbemerkt waͤhnend. Nun will ich Euch, als einer werthen, gleichgeſinnten Freundin, nicht verhehlen, wie ſolche Wahrneh⸗ mungen unter uns ein großes Gaudium her⸗ vorgebracht, zumal in der letzten Zeit. Es war ziemlich lange ganz ruhig bei Euch und wenig Merkwurdiges zu ſehen, etwas Mord und Todtſchlag abgerechnet, geringer Verrath, hier und da ein Krieg, mattherzig gefuͤhrt, wie Alles in jener Zeit, die man doch jetzt mitunter die gute nennen hoͤrt, und nicht mit Unrecht. Da begannen die Menſchen Langeweile zu be⸗ kommen, wie ſie ſie uns ſeit manchem Jahre gemacht, und es kamen Einige und ruͤttelten und ſchuͤttelten an der dumpfig gewordenen Maſſe des Gemeinweſens, daß ſie in Gaͤhrung gerieth, und drauf ging der Tanz los. Ein großes 9* — Wort ward einſtimmig in Niedergang geſchrieen, ſo laut, daß es ſogar in Mitternacht und Auf⸗ gang wiederhallte und wir es ſogar vernahmen; das Wort hieß Menſchenrechte.“— „Davon“— fiel Herr Blondin ein—„habe ich nimmer gehoͤrt zu meiner Zeit; da gab es nur Rechte des Großchans und der andern Chane und der Myrza's, auch Rechte des Da⸗ lai⸗Lama und der geringen Lama's, aber im⸗ mer nur in abſteigender Linie, niemals aufwaͤrts, und an meinem Throne hatte jegliches Recht Aller ein Ende. Das iſt nun ſo eins von den albernen neuen Worten, welche man erfindet, weil man nichts Beſſeres weiß und muͤßig geht.“— „Dies Wort“— ſprach nicht ohne einigen Ernſt der Andere—„mag an und fuͤr ſich wohl mehr werth ſeyn, als Dein ſtumpfer Sinn es begreift— ich glaube ſogar, es hat ſeinen Urſprung von oben, aber es hat ſich zugetragen, wie mit Jeglichem auf Eurem Planeten, es iſt ſo viel hin und her gewendet worden, man hat ſo Manches ihm beigemiſcht, daß der entſtaltete Begriff ſich, ſtatt nach oben hinaus, da nach unten lenkte, damit doch die Hoͤlle nichts ver⸗ 133 liere. Doch davon ſpaͤter. Es mangelt auch jetzt nicht an Solchen, werthe Freundin, denen, gleich unſerem treuen Diener, dem Mogolen⸗Chan, das Wort maͤchtig widerſtand, und ſie erhoben ſich gegen daſſelbe.“— „Daran haben ſie recht gethan,“— ver⸗ ſicherte der ehemalige Herrſcher—„und kluͤg⸗ licher noch haͤtten ſie ein Beiſpiel genommen an einem ſchoͤnen Denkmal unumſchraͤnkter Macht. Die Pyramide von Todtenkoͤpfen zu Samarkand meine ich; ein ſolch Gebaͤude mag recht wohl lehren, daß das Recht allein bei Dem iſt, der daſſelbe errichten kann, moͤgen die Uebrigen ſich immerhin ſtreiten, ob ihr Schaͤdel an die gehoͤrt oder auf den Grund.“— „Pfui!“— tadelte ihn der Sammetbekleidete —„das iſt hoͤchſt roh und ungeſchlacht geſpro⸗ chen und ſchmeckt gewaltig nach dem 13ten Jahrhundert. In der jetzigen Welt ſind die Großchane geſitteter und wuͤrden ſich ſchaͤmen, einem plumpen Tataren zu gleichen; auch iſt, was zu einer Zeit thunlich war, nicht immer rathſam in einer andern. Obſchon vielleicht hier und da Einer ſo daͤchte, wie Du, Freund, ſo ſind es deren doch nur Wenige, und wenn ſie es allzu ſehr verlautbart, iſt es ihnen nicht zum Beſten bekommen. Die Weiſern aber kennen ihre Zeit; ſtatt jener haͤßlichen Pyramide, mit der Du prahleſt, ſtellen ſie eine andere auf, die Pyramide des buͤrgerlichen Vereins, als ſymbo⸗ liſche Form ſeiner Dauer und voͤlkerbegluͤckenden Feſtigkeit; ſtatt Deines rohen Wortes, es ſey kein Recht, als beim Herrn, erkennen ſie das allgemeine Recht an, ſich zu ſeinem Erhalter und Bewahrer erklaͤrend, wie ſie es denn auch in der That ſeyn ſollen; ihr Schibboleth iſt das Wohl des Ganzen, und um den Purpur ſchlin⸗ gen ſie den Mantel der Religion.“— „Verzeiht mir, mein erhabener Lehrer,“— warf hier die bisher ſchweigend zuhorchende Beate ein—„aber ob ich gleich wenig von dem Allen verſtehe, ſo daͤucht mir doch, was Ihr ſagt, waͤre, was man gut nennt.“— „Allerdings iſt es das,“— beſtaͤtigte der Erhabene—„doch gehet es damit, wie ich eben auf der andern Seite geſagt, das Gute mag nicht rein beſtehen bei dem aus dem Auswurf aller Elemente zuſammengekneteten Menſchen⸗ geſchlecht. Doch weder hier noch druͤben rede ich von Denen, die es treu meinen, ſie gehoͤren -—————————————— 135 mir nicht zu— auch nicht von denen, welche der Irrthum, das Bedingniß Eurer Natur, ab⸗ weichen laͤßt vom geraden Wege zum Ziele, dies liege nun auf der einen Seite, oder auf der an⸗ dern, ſelbſt nicht von Denen, die ſolch Ziel irrig gewaͤhlt; von Denen nur ſpreche ich, die es beſſer wiſſen und nicht darnach thun, denn mit ihnen hab' ich zu ſchaffen, nach einem hoͤhern Aus⸗ ſpruch, nach dem Ausſpruche deſſen, vor Dem der Menſch nicht gilt, denn eben nur als Menſch.“— „Es freut mich, Euch ſo reden zu hoͤren,“ — ſprach die Dame Bilſen ganz ernſthaft und mit einem Gewohnheitsblick nach oben:— „fromme Worte ſind uͤberall wohl angebracht und thun eine ſchoͤne Wirkung.“— „Haͤlt mich,“ gegenfragte er,„meine theure Freundin fuͤr ſo unwiſſend, daß ich den Ton des Tages nicht kenne?“— „Wenigſtens ſehr hochtrabend haſt Du ge⸗ ſprochen, Meiſter,“ ließ ſeinerſeits der Mohr ſich hoͤren;„aber verzeihe mir, ſo neu iſt, was Du geſagt, denk' ich, eben nicht. Auch wir pflegten unſere Fahnen im Namen der Religion zu ent⸗ falten, und das Schwert fraß die Voͤlker und 136 die Flamme ihre Wohnſitze, der Lehre des Da⸗ lai⸗Lama zu Ehren, und als es meinen Nach⸗ folgern gefiel, ſich derſelben abzuthun zur Ehre des Islam.—“ „Gewiß thaten ſie ſo nach ihrer Art,“— be⸗ kraftigte der Meiſter—„und ich mag dieſelbe eben ſo wenig tadeln, als den Glauben an Mahomet und an die Wunderkraft gewiſſer Erzeugniſſe Eures Dalai⸗Lama. Das Alles ſind jedoch veraltete Dinge; heut zu Tage ſtreckt die Religion nicht das Schwert mehr aus, ſon⸗ dern die Palme, welche hier und da, in der Naͤhe beſehen, einer Leimruthe gleicht, und nicht von Mord und Brand ſprechen die Diener der Ober⸗ gewalt, ſondern der Eine in der Weiſe der My⸗ ſtik und der Andere in der des Rationalismus. Ich meines Theiles halte es mit der erſten, denn alles Dunkel behagt mir.“— „Sollte es wahr ſeyn, was ich aus Euren Reden ſchließe?“ fragte heitern Angeſichts und mit lebhafter Geſticulation die Wittwe:„So iſt es denn nichts mit dem, was wir jetzt unſere Religion nennen, eben ſo wenig, als mit dem Aberglauben des Heidenthumes und den Grillen der Muſelmaͤnner? Sprechet ja, mein theurer 137 Lehrer, und Ihr werdet mich mit Freude erful⸗ len; Ihr werdet einen ſchweren Stein mir vom Herzen waͤlzen, den einzigen, welcher es noch belaſtet, ſeitdem Ihr mich Eures Wohlwollens gewuͤrdigt.“— Die Antwort fiel indeß weder ſo raſch, noch ſo erfreulich aus, als ſie gehofft; der Gefragte be⸗ wegte ſich unruhig hin und her, ein wunderli⸗ ches Zucken entſtellte ſein Antlitz, und erſt nach einer Pauſe antwortete er ſtotternd und ganz ohne den gewohnten Uebermuth:„Maͤßigt Eure Freude, ſo es Euch gefaͤllig iſt, denn leider bin ich außer Stande, den erwaͤhnten Stein auch nur um eines Haares Breite zu bewegen, ob es mir ſchon nicht an Palliativmitteln fehlt, den Druck deſſelben auf einige Zeit unfuͤhlbar zu machen. Ich gehoͤre zwar in der That zu den Geiſtern, die verneinen, aber ſo geradezu und auf's Gewiſſen fragen, iſt unbequem und gegen die feine Sitte, drum ſeyd gebeten, Euch deß in Zukunft zu enthalten. Schon hab' ich Euch ge⸗ ſagt, daß die Wahrheit außer meinem Bereich liegt und ich mit ihr nichts zu ſchaffen habe, und Niemand, der mir zugehoͤrt, alſo auch Ihr nicht; nur vom Scheine und vom Mißbrauch 138 duͤrfen wir ſprechen und verſuchen, ſie zu unſerm Zweck zu benutzen.“— Der Darſteller dieſer ſeltſamen Begebenheit geſteht, daß dieſe letzten Worte des boͤſen Gei⸗ ſtes ihm eine merkliche Erleichterung gewaͤhrt haben, und noch mehr die feierliche Erklaͤrung des Chronikers, daß er den ſeltſamen Anſichten keinesweges beipflichte, welche mancher Leſer hier mit gerechtem Mißfallen wahrgenommen haben wird. Er bittet denſelben, zu bedenken, daß dies gegenwaͤrtige Geſpraͤch zwiſchen drei hoͤchſt an⸗ ruͤchigen Perſonen ſtatt gefunden, naͤmlich dem Teufel, einem Verdammten und Einer, die auf dem beſten Wege iſt, es zu werden, und fieut ſich, daß es gerade der Luͤgner von Anfang ſeyn mußte, der, obſchon widerwillig, der Wahrheit ihr Recht angedeihen ließ. Der Darſteller pflichtet hierin ſeinem Ge⸗ waͤhrsmanne bei und geſellt ſich ihm in der Ver⸗ ſicherung bei, daß die Grundſaͤtze welche ein ſolcher Mund ausſpricht, keinesweges die ihrigen ſeyen, daß ſie weit davon entfernt ſind, die Religion anzutaſten, welche auch, bloß in irdiſcher Hinſicht betrachtet, der ſicherſte Stuͤtzpunkt des geſell⸗ ſchaftlichen Vereins iſt; daß ſie keinesweges mit 139 dem Feinde unſeres Geſchlechtes glauben, die Geſammtmaſſe der Menſchen ſey toll, und alle Fuͤrſten Batu⸗Chans in modernem Gewande, und daß das Wort:„Menſchenrechte,“ welches Jener beſpoͤttelt, ihnen ein heiliges iſt, und eben ſo achtungswerth die Rechte der Fuͤrſten, die in der That und der Wahrheit jenen ganz und gar nicht gegenuͤber ſtehn, ſondern nur eine Ab⸗ theilung derſelben ſind fuͤr ein beſonderes Ver⸗ haͤltniß; geſtehen aber auch, daß ſie abſichtlicher Mißbrauch oder irrige Anwendung auf einer Seite oder der andern eben ſo betruͤbt, als ſie billig den Widerſacher erfreuen. Nach dieſer fuͤr nothwendig geachteten Er⸗ klaͤrung in unſerm und unſers Chronikers Na⸗ men, fahren wir fort, mit der Bitte, derſelben zu gedenken, falls, wie es wohl geſchehen duͤrfte, wiederum Bedenkliches zur Sprache kaͤme. Den allerdurchlauchtigſten Mohren hatte das doppelte Geſchaͤft des Aufraͤumens der Tafel und der Nutznießung des Abhubs nicht gaͤnzlich von dem Geſpraͤche abgezogen, er beſtrebte ſich, darzuthun, daß er nicht ſo ganz unwiſſend, und obgleich ein Tatar, nicht ſo roh ſey, als ihn der Fuͤrſt der Unterwelt beſchuldigte, und ſprach 140 alſo:„Von Rationalismus habe ich noch nicht reden hoͤren, und das muß etwas ganz Neues ſeyn, aus der Wortſchmiede gekommen, an der, wie man ſpricht, die Menſchenlungen fort und fort als Blaſebaͤlge thätig ſind, wo man aber meiſt nur altes Eiſen verarbeitet, ihm eine neue Form gebend. Aber der Name Myſtiker iſt mir nicht fremd, und ich meine, auch die Sache ſelbſt nicht, ob ſie gleich anders hieß zu meiner Zeit. Gedenkeſt Du noch, gebietender Mei⸗ ſtet, des glorreichen blutigen Tages bei Wahl⸗ ſtatt— „Wohl gedenke ich deſſen,“— antwortete dieſer,—„obgleich, was an demſelben geſchah, in ſeiner Geſtalt eben ſo wenig ſich fuͤr die jetzige Zeit eignet, als Alles, was Du vorbringſt von der Deinigen, von Deinem Leben und Thun. Ich habe,“— wandte er ſich im Erzaͤhlertone an Beaten, welche durch jene Antwort ihres Pa⸗ trons doch etwas nachdenklich geworden war— „ich habe Euch, Geſchaͤtzteſte, bereits geſagt, daß unſer Tafeldecker, trotz ſeiner Abkunft und derzeitigen Berufs, in dem, was er von ſich ſelbſt ſpricht, der Wahrheit ziemlich treu geblie⸗ ben. Auch fehlte es ihm, wie Ihr ihn da ſe⸗ het, gar nicht an Anlagen, für ſein Jahrhun⸗ dert meiner Beachtung werth. Sein Vorfahr Dſchengis⸗Chan hatte ſich Aſien unterworfen, und dem Enkel, der auf ſeinen Zuͤgen der geſegneten Laͤnder Europa's erwaͤhnen gehoͤrt und nicht zufrieden war mit dem Erbe eines halben Welt⸗ theils, geluͤſtete es nach dieſen. Ich habe dergleichen Unternehmungen niemals Beiſtand und Huͤlfe verſagt, und ich glaube, mit Recht. Aſien war die Wiege des Menſchengeſchlechtes, die erſten europaͤiſchen Anſiedelungen waren Co⸗ lonien ſeiner Bewohner; ſo iſt es billig, daß es von Zeit zu Zeit ſein Recht als Mutterland geltend mache und von Neuem ein wenig co⸗ loniſire. Das hat es denn auch gethan, und der Verſuch iſt nicht ohne Erfolg geblieben, zu⸗ mal in der Voͤlkerwanderung, welche man die große nennt, und die Annalen der Welt wer⸗ den des Alarich nie vergeſſen, des Attila und Genſerich. Spaͤter hatte es weniger Fortgang; viele der Reformatoren Europa's wurden wieder in ihre Steppen zuruͤckgedraͤngt und vertauſch⸗ ten ihre goldenen Throne im Abendland mit der altvaͤterlichen Filzhuͤtte im Orient; die Hun⸗ nen wurden bei ihrem zweiten Verſuch ſchlecht 142 empfangen, und eine Zeitlang ruhte nothgedrun⸗ gen mein Entwurf der europaiſchen Wieder⸗ geburt.“ „So war mir denn des werthen Batu⸗ Chan edler Ehrgeiz ſehr willkommen, ich unter⸗ ſtuͤtzte ſein Vorhaben, und wenn es nicht voͤllig gelang, lag die Schuld weder an mir noch an ihm. Da das nun aber einmal der Fall geweſen, galt es, auf andere Mittel zu denken. Die Os⸗ manen traten an die Stelle der Tataren, ihrer ehemaligen Herren, Conſtantinopel fiel, und gela⸗ gert an der Schwelle des gelobten Landes, war⸗ fen ſie begehrliche Blicke hinuͤber. Solyman machte den Wunſch zur That, aber die That blieb unvollkommen; hundert Jahre darauf dran⸗ gen die Schaaren Mahomets bis Wien, aber ſie ſtaͤubten auseinander vor dem Schwerte ei⸗ nes Thoren, welcher glaubte, es ſey moͤglich, den Undank zu verpflichten, eines koͤniglichen Don Quixote fuͤr Glauben und Recht.“ „Damals ergrimmte ich im Geiſt, und meine Genoſſen im Reiche der Finſterniß ergrimmten mit mir, aber die Folgezeit hat uns ſattſam ge⸗ raͤcht. Wie ihm ſelbſt kein Dank ward, ſo iſt er auch ſpaͤter den Nachkommen derer nicht ge⸗ 143 worden, die mit ihm in den Kampf gingen fuͤr die Chriſtenheit, fuͤr die dies Volk ſein Blut ver⸗ goſſen hundert und abermal hundert Jahre, deſſen Schilder ſeine Throne beſchuͤtzten und ſeine Huͤtten, das die eherne Bruſt dem Orient ent⸗ gegenwarf, damit das Abendland fein gemaͤch⸗ lich ſeine reichen Ernten und Weinleſen abhal⸗ ten koͤnne; das Wohlſtand und Gewerbe verlor, damit ſie ruhig fortbluͤhen konnten bei Jenenz in deſſen rauhem Kriegerleben die Kuͤnſte des Friedens untergingen, damit ſie in Weſten em⸗ porſchoſſen und Fruͤchte trugen, auch wohl uͤp⸗ pige Wucherſchoͤßlinge der Klugheit und Ueber⸗ klugheit; das Volk, welches ſeinen Glauben be⸗ wahrte und ſeine Verfaſſung und Rechte, dies Volk hat kein Recht gefunden bei ihnen, das den andern Nationen ihr Daſeyn erhalten und ihre Eigenthuͤmlichkeit, es iſt ausgeſtoßen aus der Reihe der Nationen, und als es die ehe⸗ mals ſchuͤtzende Hand bittend ausſtreckte in der Zeit der hoͤchſten Noth, da erhob Niemand die ſeinige, es ſey denn, um es ganz zu verderben. So iſt es Recht, und ſo geſchehe es Allen, die thoͤricht waͤhnen, ein Verdienſt, erworben um vi ſchnoͤde Menſchengeſchlecht, verleihe irgend 144 einen Anſpruch auf Dank oder gegenſeitige Huͤlfe“—— Die innerliche— die der Mann im Sammetrock empfand und der Eifer, mit dem et geſprochen hatte, waren ſo groß, vaß er ſich genoͤthiget ſah, hier einige Athemzuge fhg zu verſchnaufen, dann fuhr er fort:„Auch habe ich meine Hoffnung nicht aufgegeben, und jetzt we⸗ niger uls je. Noch giebt es manchen Stamm hoffnungsreicher Rachkommenſchaft der mogo⸗ liſchen Tataren im Drient, die begierig ſind, dem Beiſpiel ihrer Vorvordern folgend, hinuͤber zu wandern nach dem Weſten, die heimathliche Steppe oder Eiswuͤſte zu vertauſchen mit den Fluren von ftemder Hand beſaͤet, mit dem Wein⸗ gelaͤnde, deſen Etzeugniß⸗ ob ſie es gleich nicht bepflanzt, ihnen doch Janz a angenehm iſt; welche ganz gerignet ſind, den vorlaut gewordenen Be⸗ wohnern des Abendlandes zu zeigen, quid juris, und ihnen den ſtolz aufſtrebenden Nacken zu beugen oder zu brechen. Auch unter den Letztern fehlt es ja nicht an Solchen, welche die Ueber⸗ kunft wuͤnſchen der Wiederherſteller vergange⸗ ner Zeit. Denen geſchehe zu Willen; Aſien iſt, ſo wie ich geſagt, die Wiege des Menſchenge⸗ 1 ₰ 145 ſchlechts, ihm gebuͤhrt es, Praͤceptoren zu ſchik⸗ ken fur ſeine verzogenen Kinder, und weil dieſe es ſo wollen, ſo moͤge denn die Ruthe, oder wie es ſonſt heißt, ihnen behagen!— „Verzeiht,“ unterbrach der wortreich Ge⸗ wordene hier ſich ſelbſt, an die allmaͤhlig ſich langweilende Beate gerichtet—„verzeiht der Abſchweifung auf Dinge, von denen, ihrer ſelt⸗ ſamen Ergoͤtzlichkeit wegen, ich mich nur mit Muͤhe losreißen kann, und laſſet uns jetzt zum wahren Gegenſtande unſerer vertraulichen Unter⸗ haltung zuruͤckkehren, zu dem naͤmlich, was un⸗ ſern gegenwaͤrtigen Socius betrifft, den weiland großmaͤchtigen Batu, Großchan der Mogolen. Er hoͤrt heut noch gern von ſich ſprechen, wie Ihr, allervortrefflichſte Freundin bemerkt haben werdet, ſo wie er uͤberhaupt ſich Kur wenig oder gar nicht veraͤndert hat, die Farbe ausgenom⸗ men, welche, das koͤnnt Ihr am beſten beurthei⸗ len, von geringem Belang iſt. Ich mag ihm daher das Vergnügen wohl gewaͤhren. Alſo, was er von ſeinen Zuͤgen durch die Welt ange⸗ deutet, iſt wahr; eben ſo wahr iſt es, wenn er ſagt, daß jener Leichenhuͤgel dort dem reforma⸗ toriſchen Schwert ſeiner Sklaven ſeinen Urſprung . 10 146 verdankt, und jenes Geripp dort wuͤrde ſeine Bekanntſchaft nicht verlaͤugnen, waͤre es anſtaͤn⸗ dig, eine ſo widrige Perſon in die Geſellſchaft einer Dame zu bringen. Er ließ es indeß bei olcher Kleinigkeit nicht bewenden; die Sehn⸗ ſucht, welche dem Menſchen dem Laufe der Sonne zu folgen gebietet, zog ihn zum atlan⸗ tiſchen Meer, zu den Saͤulen des Herkules, ihm freilich nicht einmal dem Namen nach bekannt, doch das Ziel der alten Phoͤnizier, und nach ih⸗ nen aller ſeiner Landsleute aͤlterer und neuerer Zeit.“ „und er hatte, nicht ohne Spuren ſeines Da⸗ ſeyns, wie hier, zu hinterlaſſen, manches Land durchzogen, da traf es ſich, daß ſich ihm ein from⸗ mer Furſt entgegenſtellte, einer von denen, von welchen ich nicht viel ſprechen mag, entſproſſen aus einem uralten, Dem da droben werthen Ge⸗ ſchlecht, deſſen Spur nun von der Erde verſchwun⸗ den, und der Fuͤrſt ſammelte ein Haͤuflein ſeiner Getreuen, bauend auf den Schutz Deſſen, dem er diente, oder ſich dem Tode weihend, ſo es ſeyn muͤßte. Und es mußte ſo ſeyn. Unſers Tafel⸗ deckers weiland Majeſtät, bang vor dem nicht gewohnten Widerſtand, ſeine Horden beſtuͤrzt . Se 147 ſehend und unſchluͤſſig, flehte um meine Hulfe; es ward mir geſtattet, ſie ihm zu gewaͤhren. Als die Schlacht am heißeſten war und der Sieg ſich neigte auf die Seite der chriſtlichen Ritter, erſchien in den Wolken uͤber dem mogo⸗ liſchen Heere, in Flammen gehuͤllt und Flam⸗ men ſpeiend, ein ſcheußlich Haupt; ein paniſcher Schrecken erfaßte die Vertheidiger ihres Glau⸗ bens und Heerdes, Herzog Heinrich von Lieg⸗ nitz fiel auf dem Felde, das heut noch die Wahlſtatt genannt wird, und mit ihm ſielen ſeine Getreuen. Der Erfolg war von kurzer Dauer; was der Aberglaube des 13ten Jahr⸗ hunderts erzeugt hatte, zerſtörte er ſelbſt; der Himmel ſtellte, wie es oftmals geſchieht, den Kuͤnſten der Unterwelt ſeine einfachen Wirkun⸗ gen entgegen. Die, welche bei Liegnitz durch ein zauberiſch Blendwerk geſiegt hatten, flohen von Breslau vor den kalten, unſchädlichen Strahlen eines Nordlichts, ſie flohen zuruck in die Steppe und nimmer hat ſie Europa wieder geſehen. Du haſt nun wohl einigermaßen Recht, mein wackerer Batu⸗Blondin, jenen kleinen Scherz als zum Gebiete der Myſtik gehoͤrig zu betrach⸗ ten; aber doch verhaͤlt er ſich zu dem, was jetzt 10* 148 Noth thaͤte, den Leuten zu imponiren, wie Dein Pferdefleiſch unter dem Sattel gar gemacht und Deine ſaure Stutenmilch zu den Ragoutfins und Fricaſſces, mit welchen Du heut dieſe ver⸗ ehrte Dame bewirthet, und zu dem koͤſtlichen Deſſertwein, den, wie ich mit Vergnuͤgen ſehe, ſie nicht verſchmaͤht. Vor ſolch einem flammen⸗ ſpeienden Haupte laͤuft heut zu Tage kein altes Weib mehr davon, und ſo es ſich aufthaͤte uͤber einer Heeresordnung, wurden die Kartätſchen der feindlichen Armee es begruͤßen, waͤre es auch nur eine Armee von Rebellen. Wenn alſo jetzt oder in Zukunft Einer, wie Du warſt, mein Großchan, mich um irgend ein Blendwerk an⸗ ſpraͤche zu gleichem Zweck, muͤßte ich auf etwas Anderes ſinnen als auf eine ſolche haͤßliche Fratze. Die Welt iſt nicht ſo ſchreckhaft mehr, und et⸗ was Huͤbſches muß man ihr zeigen, daß man ſie beruͤcke.“— „Mach es wie Du willſt in Zukunft, Mei⸗ ſter“— entgegnete der ſtoͤrriſche Negertatar.— „Ich habe es zu meiner Zeit gemacht, wie ich dachte, daß es gut war; im Grunde iſt es aber doch wohl heut wie damals, das Beſte thut das Schwert und die Meitſche, das erſte 149 bei den Widerſpenſtigen, bei den Folgſamen die zweite.“— „Ich finde,“ belobte ihn der Meiſter:„ich finde, daß Du ganz vernuͤnftig ſprichſt, mein Batu, und ſo Du fortfaͤhrſt, weiter zu gehen mit dem Geiſte der Zeit, ein abſonderlich Erfor⸗ derniß fuͤr Deines Gleichen, ſo duͤrfteſt Du wohl auch mit der Zeit wieder aufwaͤrts ruͤcken im Range, von welchem Du degradirt worden fuͤr fuͤnf⸗ oder ſechshundert Jahr, oder auf un⸗ ſeres Monarchen Gnade.“— Der Mohr ſtand eine Weile ſteif und ſtock⸗ ſtill, wie ein Soldat unter dem Gewehr, dann neigte er ſich ſchnell, kuͤßte den Schenkel des Magnaten der Unterwelt und ſprach:„Danke fur gnaͤdige Strafe, danke auch fuͤr hohe Pro⸗ tection und erwarte in Demuth die Zukunft.“— Der vornehme Herr verſetzte ihm einen ge⸗ linden Stoß, um den Ausbruch ſo ruͤhrender Erkenntlichkeit zu hemmen, und ſprach dann mit großer Kraft:„Rechte des Menſchen und gegen⸗ ſeitige Verbindlichkeit! Ein herrlich Geſchwätz! Ich wuͤrde mich daruͤber aͤrgern, wie Batu, waͤre ich wie er und nicht Der, welcher ich bin. Aber ich will dieſen Erdball zuſammenſchmeißen, daß man die Menſchenrechte mit Beſemen dar⸗ aus hinwegkehren ſoll!“— Dies Geſpraͤch zwiſchen zween Fuͤrſten, von denen der eine ein gewaltiger Kriegsmann, der andere ein großer Politicus war, hatte die Buͤr⸗ gerin der namenloſen Stadt betraͤchtlich gelang⸗ weilt, und wirklich ſuchte ſie ein wenig Zeitver⸗ treib in dem vor ihr ſtehenden goldenen Becher; die letzten Worte aber feſſelten ihre Aufmerkſam⸗ keit, und ſie ſprach mit anſtuͤndigem Gaͤhnen: „Eher haͤtte ich, was Ihr eben ſagt, aus dem Munde Herrn Blondins erwartet, denn ſo ich, die ich nicht beleſen bin, wie unſere Frau Buͤr⸗ germeiſterin, nicht irre, ſpricht ein Mann ſeiner Farbe etwas Aehnliches in einem Schauſpiele, ich weiß nicht von welchem Verfaſſer.“— „Als,“— unterbrach ſie der Andere ſtolz, „als der Mohr des Fiesko ſo redete, hat er in poͤbelhaftem Uebermuth geprahlt; auch der unſere wuͤrde prahlen, wenn ihm dergleichen in den Sinn kaͤme. Ich aber habe die Macht und den Willen, zu thun, wie ich ſpreche; der erſten Fuͤrſten bin ich einer, am Throne des maͤchtigſten Herrſchers der Welt; ich will, ich darf es nicht dulden, daß der Begriff einwurzele 151 bei den Menſchen, und wohl gar gedeihe zu Friede, zu Segen und Freude. Bei den Flam⸗ men meiner Heimath, ſo ſie dann hinabfuͤhren in dieſelbe, kaͤm' es ihnen wohl gar in den Sinn, eine Charte einzufuͤhren und Volksver⸗ tretung und all dergleichen unnuͤtzes Zeug! Seit Aeonen iſt unſer unermeßliches Reich eine reine Monarchie, und es ſoll ſo bleiben, denn das iſt die allervollkommenſte Regierungsform, zumal fuͤr Meinesgleichen; wer auf den Haͤup⸗ tern von Tauſenden einherſchreitet, kann wohl den Druck des Einen ertragen, der uͤber ihm ſteht.“— Darauf hielt er ein, und fuͤgte nach einigem Sinnen hinzu:„Die allervollkom⸗ menſte ſagte ich! Nun ja, bis auf ein einzig Gebrechen.“— „Und welches iſt dies Gebrechen?“— fragte Beate.—„Redet deutlich zu mir, mein hoch⸗ erhabener Meiſter, daß mein bloͤder Sinn kein Troͤpflein der Weisheit verliere, die von Euren Lippen traͤuft, lieblicher und erguickender, als ſelbſt dieſer ganz vortreffliche Ungarwein, den ich in meiner Vaterſtadt nimmer ſo koͤſtlich ge⸗ trunken.“— „Daß,“— beſchied der Meiſter ſie mit fal⸗ 152 ſterblich iſt. Das Gegentheil erzeigt ſich in andern Autokratien oftmals erſprießlich, in ver⸗ ſchiedener Hinſicht, die zu beruͤhren in gegen⸗ waͤrtigem Augenblick nicht vonnoͤthen. Da dies jedoch mehr in Euer Fach gehoͤrt, wertheſte Frau, als in das meine, ſo ſprechen wir wohl hei Gelegenheit einmal des Breitern daruͤber.“— Die gelehrige Schuͤlerin nickte ihm ihren Beifall zu und ihre Erwartung kuͤnftiger Be⸗ fehle und einer Aufklaͤrung uͤber ihren eigenen Beruf, der ihr bis jetzt aus Allem, was der Meiſter wortreich geſagt, nicht klar werden wollte; er aber fuhr fort: „Da es jedoch nun einmal ſo iſt, und Alles ſchwatzt von Herſtellung und Sicherung menſch⸗ lichen Rechtes auf der einen und von der Auf⸗ rechthaltung hergebrachter Befugniſſe auf der andern Seite, ſo mag es denn darum ſeyn, und zwar nicht im Maaße, ſondern im Ueber⸗ maaß, das uns fruchtet und ohnedem ganz in der Art und Weiſe des Menſchen begruͤndet iſt und ſeiner jaͤmmerlichen Weisheit, die in gewaltigen Spruͤngen ſich abmattend, den Raum alles Endlichen zu durchfliegen waͤhnt, und doch, lender Stimme,—„daß unſer Herrſcher un⸗ wenn es vorbei iſt, beim Lichte beſehen, nichts Anderes gethan hat, als, dem blinden Muͤhl⸗ pferde gleich, ſich im engen Kreiſe herum zu drehen mit großem Kraftaufwand und uͤber⸗ fluͤßigem Laͤrm. So ſollen denn unter den Vertheidigern jener Rechte Solche aufſtehen, welche meinen, gar kein Recht ſey das aller⸗ beſte Recht. Das Fratzenbild eigenen Vortheils oder Vorurtheiles, das ſich abſpiegelt im taͤuſchen⸗ den Objectivglas der Einbildung eines Jeden, gemahne ihn als die hoͤhere Erſcheinung der Aſträa, welche wiederkehrt, das goldene Zeit⸗ alter zu bringen; ein Jeglicher waͤhne, Alles ſey an unrechter Stelle, ſo lang er ſelbſt ſich nicht an der befindet, zu welcher er ſich berufen glaubt in ſeinem Duͤnkel; Jeder der Millionen verwerfe das Feſtgeſtellte, weil er es nicht feſtgeſtellt, auf daß bei jeder Ordnung der Dinge Millionen Wuͤnſche einer dem andern widerſtrebe, und Millionenmal Millionen Ver⸗ ſuche, das Wahnbild des Einzelnen an ihre Stelle zu ſetzen, an ihr ruͤtteln und ſie um⸗ werfen Mal fuͤr Mal bis ins Unendliche, bis keiner mehr weiß, woran er iſt, noch was er darf, noch was ihm taugt, und es drauf eben 154 ſo wieder wird, als es war, und die eiſerne Nothwendigkeit ſich des Scepters bemaͤchtigt, das eine Zeitlang das Spielzeug ungezogener Kinder geweſen. Und damit die Fluth des Begehrens ſich nicht ebene durch die beſchwich⸗ tigende Kraft der Zeit, durch den Wunſch, daß die Ruhe wiederkehre und das ſie begleitende Gemeinwohl, oder durch die Abſpannung, die der Anſtrengung folgt, oder durch der Vernuͤnf⸗ tigen Einfluß, ſo ſoll dieſe Anſtrengung von Zeit zu Zeit angefeuert werden durch ſchroffen Wi⸗ derſtand auf der andern Seite; wie Jene Alles wollen, ſoll ihnen Alles verweigert werden und Jeglicher beharren bei ſeinem Satz und nicht bedenken, was recht iſt oder erſprießlich, nur darauf beſtehend, daß es werde oder bleibe, wie ihm geluſtet. Alſo ſoll es ſogar ſich ereig⸗ nen, daß uͤber alles Wollen Keiner mehr weiß, was er will, und diejenigen, welche es hier und dort klar machen moͤchten mit treuem Sinn und weiſer Maͤßigung, nicht angehoͤrt werden und wohl gar verſpottet oder verketzert! Die unter der Menge, welche, außer ihrem Rechte, auch noch ein anderes anerkennen und nicht Alles umzuſtuͤrzen begehren, was beſteht, um 155⁵ auf ſeinen Truͤmmern ganz Neues aufzufuͤhren, ſollen verſchrieen werden als falſche Bruͤder und Finſterlinge; gegenuͤber aber ſollen wiederum die, welche meinen, das Alte ſey doch nicht ausſchließlich das Gute und manche Erſchei⸗ nung fuͤhre der Zeitgeiſt herbei, durch ſein Fort⸗ ſchreiten bedingt, betrachtet ſeyn von ihren Genoſſen als Abtruͤnnige der geheiligten Schaar, als kleinmuͤthige Verraͤther am angeſtamm⸗ ten Recht. Und waͤhrend die Verwirrung ſo groß iſt und das Dunkel ſo dicht worden, daß ſelbſt der reine Sinn und der untadeliche Wille irre wird in Palaͤſten und auf dem lau⸗ ten Markt, ſo ſoll doch Jeder meinen, bei ihm ſtehe das Recht und das Licht, es ſoll die Menge ſie ihr ausſchließlich Eigenthum nennen, und die ihr entgegenſtehen, meinen, Niemand habe Verſtand als ſie ſelbſt und ihre Freunde. Wenn dann es ſo weit gekommen, daß Beide ſich fort und fort anblicken mit Argwohn, jeder feindſelig gegen einander geruͤſtet, zu ſchaͤdigen, oder Schaͤ⸗ digung zu vergelten, dann iſt das große Werk der Wiedergeburt vorbereitet; ſtatt des goldenen Zeitalters kehrt das eiſerne zuruͤck, und es wird abermals ſeyn, wie in Batu⸗Chans dreizehntem Jahrhundert. Dann iſt es an der Zeit, daß die aſiatiſchen Weltverbeſſerer heranruͤcken in ge⸗ waltigen Schaaren, dann werden ſie wohl nicht offene, doch kraftloſe Arme finden; die Fuͤrſten und die Voͤlker, gleich ermattet durch langen Zwieſpalt und noch uneins unter ſich ſelbſt, werden vertheidigungslos die Beute der Sieger werden, die Zweiten, in langer Dienſtbarkeit Wahres und Irriges, das ſie jetzt beſchaͤftigt, vergeſſen, und die Erſten, den Purpurmantel vertauſchen mit dem Gewand des Satrapen, oder mit dem Ehrenpelz, ihnen großmuͤthig ver⸗ liehen von dem oberſten Herrſcher. Dann erſt, mein wackerer Batu, werden Schwert und Peitſche wiederum an der Tagesordnung ſeyn, und einer Deiner Nachkommen mag immerhin anſtatt der Pyramide der Staatsform noch eine jener Pyramiden von Schaͤdeln errichten, als Sinnbild menſchlicher Rechte.“— „O, waͤre es doch ſchon ſo weit!“— ſprach der Mogole mit einem Seufzer der Ungeduld; „aber, da Du, hoher Meiſter, mich gnaͤdig Dei⸗ ner Zufriedenheit verſichert haſt, ſo laͤſſeſt Du wohl, wenn es dahin kommt, mich in das Le⸗ ben zuruͤckkehren, daß ich einen Haufen befeh⸗ 157 lige in dem ſiegenden, erobernden, weltver⸗ beſſernden Heere.“— Der etwas ſpoͤttiſche Beſcheid lautete alſo: „Hm, allenfalls die Hinterwacht der Armeez zum Heerfuͤhrer moͤchteſt Du wohl nicht taugen nach jetziger Kriegskunſt, und Deine Reiterei etwa auf gefrorne Teiche fuͤhren, daß ſie ein⸗ breche und erſaufe mit Mann und Roß, oder Dein Geſchuͤtz in unwegſames Gebirg, daß es allda ſtecken bleibe und verderbe. Doch, wir wollen ſehen, vielleicht waͤreſt Du doch zu ge⸗ brauchen als Hauptmann der Nachzuͤgler, und es kann wohl geſchehen, wie Du wuͤnſcheſt, wenn Du Dich ferner gut auffuͤhrſt.“— Mit abermaliger dankbarer Knieberuͤhrung empfing der Mohr das huldreiche Verſprechen; Beate aber ließ ſich vernehmen:„Vielerlei Schoͤ⸗ nes und tief Durchdachtes habt Ihr geredet, mein hochmaͤchtigſter Herr, was ich verſtanden und nicht verſtanden, nun aber beliebe es Euch, mir zu ſagen, was ich denn thun ſoll und kann bei dem Allen?“— „Eben,“ vertroͤſtete ſie der Satrap des dun⸗ keln Reiches,—„eben bin ich zu dem gelangt, was unſer Hierſeyn und Vorhaben betrifft, und 15⁸ insbeſondere das Eure; nur einen Augenblick noch habt Geduld, daß ich das Ganze vor Euren Augen entwickele, ehe ich ſie auf das Einzelne richte und Euren Theil am Ge⸗ ſhft“— „Nicht Alles, was Ihr eben von mir ge⸗ hoͤrt, preiswerthe Bundesgenoſſin, ſind Voraus⸗ ſagungen, obgleich ſelbige gleichfalls einen Werth haben moͤgen in dem Munde deſſen, der in alter und neuer Zeit manches Orakel dictirte; Vieles iſt bereits eingetroffen und Anderes auf ſo gutem Wege, daß es eben keiner pythiſchen Gabe bedarf, um ſein Eintreffen im Voraus zu beſtimmen. Schon iſt das vielgeruͤhmte Wort„menſchliche Rechte,“ tauſend und aber⸗ tauſend Male wiederholt, mehr als halb ſo oft mißverſtanden und mißbraucht worden, wie denn die Menſchen gemeiniglich mißbrauchen und mißverſtehen, was der Menſch vielleicht nicht unrichtig gedacht; dieſer Funke, ob er gleich meinethalben von einem Orte ſtammen mag, der uns Beide nicht viel angeht, ſo hat er doch manchmal zu nichts gedient, als ein Strohfeuer anzuzunden, wiewohl nicht gelaͤugnet werden mag, daß er auch hinwiederum Feuersbruͤnſte 1 erzeugte, welche neben morſchen Huͤtten auch recht anſehnliche, wohlerhaltene Gebaͤude ver⸗ zehrt haben, die nun von Einem und dem An⸗ dern gar ſehr bedauert werden, der ſich jetzt ohne Dach und Fach ſieht. Genug indeß der Bilderſprache, welche, wie ich bemerke, meiner ſchätzbaren Zuhoͤrerin nicht beſonders zuſagt. Grade heraus geſprochen, waͤhrend an manchem Orte wirklich einiger Grund ſeyn mochte, eine ganz kleine Veraͤnderung zu wuͤnſchen und ſie herbeizufuͤhren ſogar, ſo trat an andern die Einbildung an die Stelle der Wirklichkeit, ſie vergroͤßerte kleine Gebrechen zu gewaltigem Un⸗ heil, das man mit Stumpf und Stiel ausrot⸗ ten muͤſſe, da es eben ſo gut ganz gelinde be⸗ ſeitigt werden konnte. Das oft erwaͤhnte Wort war einmal ausgeſprochen. Jeder meinte, es gehe ihm eben ſo nahe an, als dem Andern, ungefaͤhr wie Nachbar Peter glaubt, was Nach⸗ bar Paul gethan, ſtehe auch ihm frei, ohne ſonderlich zu erwaͤgen, ob er Urſache und Be⸗ fugniß habe, gleich Jenem. Solche Kreuz⸗ ſpruͤnge der Nachahmungsſucht waren es, die unſer Publicum am meiſten ergoͤtzten. Nicht ganz ſo beifaͤllig ſchaute man jedoch aus den 160 Logen des Erdtheaters auf ſolches, wenigſtens dem Anſcheine noch nicht, denn man freute ſich eigentlich der Irrthuͤmer, die dem allgemeinen Widerſtande Rechtmaͤßigkeit verliehen, und ſaͤumte nicht mit der Erklaͤrung, an den Fruͤchten moͤge man das Erzeugniß des Zeitgeiſtes erken⸗ nen, und ſchloß aus dem Unrecht der Einzelnen mit großer Beſtimmtheit, ſie haͤtten Unrecht Alle miteinander, wenigſtens Die, auf deren Seite der Erfolg nicht getreten; das aber heißt mit klaren Worten, man kam uͤberein, dem Rechte des Staͤrkern nothgedrungen zu weichen, aber ſich ſchadlos zu halten an Denen, die ein anderes hatten als dies.“ „Nun iſt in dem Lande, welches ich jetzt in Eurer Geleitſchaft zu durchreiſen das Vergnuͤ⸗ gen habe, Aehnliches vorgefallen. Erlaſſet es mir, ein Urtheil daruͤber zu fällen, das nur der Erfolg beſtimmen mag, welcher ja immer⸗ dar Lob oder Tadel beſtimmt. Ein alter Dich⸗ ter ſagt, den Goͤttern habe der Sieg wohlgefal⸗ len, dem Cato aber der Beſiegte.⸗„Nun, ein Cato bin ich nicht, wohl aber gehoͤre ich zu den Goͤttern, die hier gemeint ſind. Die Geſchichte wird den Ausſpruch thun, ich aber werde dafuͤr 161 ſorgen, daß er nicht allzugunſtig falle, und ob ich gleich bis jetzt noch nicht viel thun kann, ſo ſehe ich doch ſchon aus manchen Vorzeichen, die Zeit meines Wirkens ſey nahe. Auch fuͤr Euch iſt ſie erſchienen. Als wir dort unten nun die Freude ſahen auf dem Erdplaneten, erging eine Frage von uns aus an Den, welcher frei⸗ lich das Meiſte drein zu reden hat, wie in allen Dingen, und Schweigen folgte auf die Frage. Schweigen aber iſt auch eine Antwort, wie Ihr wißt. Da ward das Arſenal unſers Rei⸗ ches aufgethan und oft gebrauchte Waffen an das Tageslicht befordert, und andere wieder, die lange ungenutzt geblieben, und auf dunkelm Grunde tauchten langſam und leiſe der Unter⸗ welt Heerſchaaren auf, und ich trat an ihre Spitze, ich, ihr Fuͤhrer in manchem Zuge. Da waͤlzte der Krieg ſich heran, und mit ihm kam der blutigrothe Tod, und der begann ſein Ge⸗ ſchaͤft, wie er pflegt, mit großem Getoͤſe; aber ganz unhoͤrbar, auf unzaͤhligen Fuͤßen der Raupe ſchlich ſein Genoſſe hinter ihm drein, der da heißt der ſchwarze Tod. Wie wird Euch, Theure, bei dieſem Namen? Schlaͤgt nicht in freudiger Ahnung das Herz Euch in der zar⸗ II. 11 8 18 1 ten Bruſt?— Nun, Beide thaten denn bis jetzt redlich das Ihre, genug fuͤr manchen An⸗ dern, doch fuͤr mich nicht genug und fuͤr den oberſten Meiſter. Der Blutigrothe ſchlaͤgt blind drein mit grobem Werkzeug, mit Schwert und Kartaͤtſchen, und ſchaut nicht ſonderlich, wohin er trifft; vielfraͤßig, aber kein Feinſchmecker, achtet er auf die Wahl der Gerichte und viel geringes Fleiſch haͤuft er auf in ſeinem Scharrn, ehe einmal der Zufall ihm eine edlere Beute zufuͤhrt, etwa ein koͤſtlich Stuͤck Hochwild. Der Andere geht zwar ſinniger zu Werke, doch hat er ſich allzugemein gemacht mit dem Poͤbel, ſo daß er an etwas Rechtes ſich kaum wagt; das iſt eine uͤble Gewohnheit und falſche Schaam, die er, hoffe ich, ablegen wird auf ſeiner wei⸗ tern Reiſe. Da es jedoch nun einmal ſo ſteht, geziemt es ſich, einen Gehuͤlfen fuͤr ihn zu wer⸗ ben, und Euch, werthe Freundin, hab' ich er⸗ kohren zum Dritten in dem trefflichen Klee⸗ blatt.“— „Sehr ſchmeichelt mich Eure Wahl, maͤchti⸗ ger Gebieter,“— antwortete Beate mit Ehr⸗ furcht;—„aber ich geſtehe, nicht zu wiſſen, wie 163 ich es anfangen ſoll, mich ſo anſehnlicher Com⸗ pagnie wuͤrdig zu machen.“— „Compagnie!“ rief der boͤſe Feind mit wil⸗ der Freude,—„Ihr habt das Wort wohl ge⸗ waͤhlt, wie es zu erwarten ſtand von der Buͤr⸗ gerin einer beruͤhmten Handelsſtadt. Krieg, Peſt und Vergiftung, das iſt wahrlich eine Compagnie, welche die Welt bankerott machen kann. Auch giebt, was ich eben als Drittes genannt, Euch einen Begriff, daß Ihr kein unnuͤtzes Mit⸗ glied derſelben ſeyn werdet. Da, wo Jener ſich nicht hingetrauet, werdet Ihr ſeine Stelle ver⸗ treten, und die Spuren Eures Thuns, denen ähnlich, welche er hinterlaͤßt, werden auf ſeine Rechnung geſchrieben. Wohlan denn an's Werk; ich meine, wir Vier ſollen ſchon ein Stuͤck Ar⸗ beit vollbringen, davon die Menſchen, welche uͤbrig bleiben, noch zu ſprechen haben werden hundert und abermal hundert Jahre. Das war meine Abſicht mit Euch, allertheuerſte Freundin; darum verfolgte ich mit aufmerkſamem Blick Eure preiswerthe Laufbahn, darum entzog ich Euch dem Gefaͤngniß und dem Blutgeruſt, und hoffe, Ihr werdet ſolche Dienſtleiſtung mit ge⸗ buͤhrendem Eifer vergelten; Ihr ſehet ja, man 11* 164 fordert nichts Schweres von Euch, noch Unge⸗ wohntes.“— Jetzt war Beatens Zweifel geloſt; ſie ſah, ſie ſtehe auf der fuͤr ſie geeigneten Stelle, ſie fuͤhlte die Kraft, ihr genug zu thun, und verſprach es, ſich in Dankſagungen ergießend. Beide contra⸗ hirenden Parteien waren hoͤchſt zufrieden mit einander, nur Batu⸗Chan murrte und zog ein verdrießlich Geſicht. Frau Bilſen konnte ſich ſeiner beſondern Zuneigung nicht ruͤhmen; der verdammte Geiſt ſah ungern die Hoffnung ver⸗ eitelt, nach gewoͤhnlichem hoͤlliſchen Brauch ſein fruͤheres Quaͤlertalent an der Mitverdammten zu uͤben, der Stolz des ehemaligen Monarchen ertrug unwillig ſolche Auszeichnung einer ge⸗ woͤhnlichen Buͤrgerin gewaͤhrt und der Morgen⸗ laͤnder begriff kaum, wie einem Weibe die Ehre zu Theil werden konnte, einzutreten in ſolch wichtig Geſchaͤft, in dem er ſelbſt nur eine untergeordnete Rolle ſpielte nach dem Willen des Meiſters. Wie⸗ wohl aber Sklavenfurcht die Ausbruͤche ſeines Mißmuths in Schranken hielt, gewahrte der Fuͤrſt doch denſelben und ſprach zu ihm in ge⸗ bietendem Tone:„Wenn Du willſt, daß man Dich fuͤr brauchbar halte in jetziger Zeit, ſo 165 lerne Dich derſelben fuͤgen; wenn auch Begriffe, wie Du ſie haſt, jetzt noch im Schwange ſind, aͤußert man ſie doch auf andere Art; der Wahl⸗ ſpruch der Gegenwart iſt: Freiheit und Gleich⸗ heit, und mehr als ein Deſpot hat ihn wieder⸗ holt, obſchon nach ſeiner Weiſe ihn deutend. Was aber die Verachtung des ſchoͤnen Ge⸗ ſchlechtes betrifft, deſſen Zierde wir jetzt vor uns ſehen, ſo thue Dich ab ſolch rohen Be⸗ griffs, denn in dieſem. heißt es: den Frauen.— Der Morgen war i Sonne ſieg majeſtaͤtiſch empor am Rande des Horizontes, die Erde ſetzte in gewohntem Schritte ihre Bahn fort waͤhrend ihre Bewohner, aus der ihrigen gewichen, muͤhſam ſtrebten, ſie wieder zu finden; ewig waͤhrt die Harmonie des Ganzen, ewig des Einzelnen Disharmonie. Der Strahl beleuchtete die Flur rings umher, doch trug ſie nicht das Gewand des hohen Sommers, aus dem Golde der Aeh⸗ ren gewoben, weithin ſah man nur das Grau zerſtampfter veroͤdeter Sandflur, Rauchwolken wirbelten auf zu den Wolken, aber nicht vom gaſtlichen Heerde, das Feuer, das erloſchen war auf dieſem, hatte die Behauſungen ergrif⸗ ——— 3 fen, und kaum gewahrte man an den Truͤmmer⸗ haufen, daß ſie einſt die Behauſung der Men⸗ ſchen waren. Die Kirchen ſtanden noch aufrecht in der Mitte der Ruinen, aber keiner Glocke Schall ließ ſich vernehmen, abgelaufen war die Thurmuhr, und in dem dunkeln Gewoͤlbe fluͤ⸗ ſterten nur wenige Beter, der Todten daheim gedenkend und derer, die draußen vielleicht ſter⸗ bend lagen auf dem Schlachtfelde; wehmuͤthig und leiſe fluͤſterten ſie und an der Erhoͤrung verzagend:„Erbarme Dich unſer, o Herr, Herr!“— Der Wind ſpielte mit den Baum⸗ kronen der Waͤlder, aber auf ſeinem Fittig rauſchte unſichtbar der ſchwarze Tod einher; das Laub gruͤnte, aber duͤſter und traurig blickten durch das Dickicht verkohlte Stämme, ange⸗ nagt vom Feuer der Feldwacht, und halb nur geborgen im zerwuͤhlten Grunde ragten die Ueber⸗ reſte derer hervor, die der ewige Schlaf uber⸗ raſcht hatte auf der Wacht, an der Hand des blutrothen Wuͤrgers oder ſeines Bruders, des Schwarzen. Auf der Straße durch den Wald toͤnte das Raſſeln der Raͤder und der Peitſche Knall, es war aber kein Erntewagen, der hin⸗ ausfuhr, die Frucht abzuholen in die Scheune, 167 er fuͤhrte nur die Ernte des Todes vom Schlacht⸗ felde heim. Die Drei ſchwebten uͤber das Blachfeld in eine dunkle Wolke gehuͤllt; der großen Stadt gegenuͤber ließ die Wolke ſich nieder und ſie traten aus derſelben ungeſehen aber ſehend. Es war ein neues Schauſpiel, das Beatens Augen ſich darſtellte, ein ſeltſames, glaͤnzendes Schauſpiel. Vor ihnen diesſeit des Stromes lag eine Veſte von weitem Umfange, ihre Waͤlle waren neu und ſchienen in der Eile nur errich— tet, mehr dem ſchleunigen Bedarf gemaͤß, als dem, was die Kunſt vermag in langſamer Aus⸗ fuͤhrung. Aber beſſer als durch ihre Werke war die Veſte durch die Maͤnner vertheidigt, die auf den Waͤllen ſtanden, obgleich beſeelt von einem Geiſte, ſehr verſchiedenen Anſehens. Die Sonne ſtrahlte wider in dem glaͤnzenden Waffenſchmuck des Einen und von der Senſe, die der Andere trug im Bauerngewande; der Dritte in gewoͤhnlicher Tracht ſchien erſt die Feder hinweggeworfen zu haben, um das Schwert zu fuͤhren mit unge⸗ wohnter, aber nicht unkraͤftiger Hand; die ſtaͤr⸗ kere Fauſt eines Vierten handhabte die Waffe ſo leicht, als wenige Wochen fruͤher die Art; Einige bewegten ſich mit der Ruhe der Gewoͤh⸗ nung in dem kriegeriſchen Getuͤmmel, und aus ihrem Munde ſcholl das feſte laute Wort des Befehls; an Andern gewahrte man den Eifer des Neulings, der lieber zu viel thut als zu wenig, bis eine kurze Zeit der Uebung den red⸗ lichen Willen der Erfahrung gleich ſtellt. Aber in Allen lebte nur ein Gedanke, Alle ſchauten in die Nacht hinaus, uͤber Feld und Wald nach den Strahlen, ausgehend von den Wachtfeuern der ſich gegenuͤberliegenden Heere. Alle horchten bei Tag auf den fernen Donner des Geſchuͤtzes, auf das Vorgehende von deſſelben Richtung ur⸗ theilend. Alle ſendeten heiße Wuͤnſche zum Him⸗ mel fuͤr den Sieg derer, auf deren Seite nach ihrer Meinung das Recht war; Alle waren ent⸗ ſchloſſen, ſo es anders kaͤme, dem Feinde die kuͤhne Bruſt als letztes Bollwerk entgegen zu ſtellen, und die wenigen Augenblicke der Muße vergingen ihnen unter Geſpraͤchen von ehemali⸗ gen Thaten und Ruhm. Jenſeits des Stromes auf der Höhe des aufſteigenden Ufers ſtreckte eine Reihe von Pa⸗ laͤſten und wohlgebauten Haͤuſern ſich hin in weiter Ausdehnung, die Halbſcheid des Geſichts⸗ kreiſes einnehmend. Von der verwaisten Koͤ⸗ nigsburg und den andern Palaͤſten zogen ſich Gaͤrten bis an die ſchmale Ebene zwiſchen dem Fluß und den Huͤgeln, jetzt aber gaͤhnten eherne Schluͤnde zwiſchen den Baͤumen hervor und dem Gebuͤſch, und der Feuerwerker ſchritt umher auf den Blumenbeeten, die der Gaͤrtner verlaſ⸗ ſen. Aus den Straßen jedoch toͤnte reges Ge⸗ wuͤhl heruͤber, lauter als das gewohnte Geraͤuſch einer Hauptſtadt, und der wenig gereiſten Beate behagten der Laͤrm und die Palaͤſte, und ſie begehrte das Innere der großen Stadt zu er⸗ blicken. Da erwiederte der Fuͤhrer bedenklich:„Ihr habt vernommen, Theuerſte, wie mir der Zu⸗ gang noch nicht verſtattet iſt; doch mag ein kurzes Anſchauen Euch genug thun, ſo will ich Euch daſſelbe gewaͤhren.“— Und ſie ſchauten von oben herab, und es war, als wuͤrden die mit Schiefer, Kupfer und Ziegeln belegten Daͤ⸗ cher, die ſteinernen Mauern auf den Wink des Fuͤrſten der Tiefe zu durchſichtigem Kryſtall, wie einſt in Madrid geſchah durch die Macht ſeines Genoſſen, des hinkenden Teufels. In einem umfangreichen Gebaͤude von prunkvoller Bauart 17⁰ ſaßen verſammelt die Väter des Volkes, und als man ſie ſah, glaubte man ſich zuruͤckverſetzt in ein fruͤheres Jahrhundert. Sie hatten die ſchim⸗ mernden gold⸗ und ſilbergeſtickten Gewaͤnder ab⸗ gelegt, die ſie wenig Wochen fruͤher getragen, die glanzenden Ordenszeichen und Sterne, Ga⸗ ben der verſcherzten Fuͤrſtengunſt; wie ihr volks⸗ thuͤmlich Kleid, war der einzige Schmuck, den ſie begehrten, ein volksthuͤmlicher Sinn, und die wertheſte Auszeichnung die Liebe der Mitbuͤrger und ihre Achtung. Ihre Rede war langſam, bald kraͤftig, bald ſinnig, meiſt aber ausgeſtattet mit Bildern der alten Geſchichte entlehnt und wiederum aufgeſtellt in beinah orientaliſcher Weiſe. Nachdenkliche Falten bedeckten die Stir⸗ nen Aller, auch truͤbe Wolken bei Einigen. Augenſcheinlich war es Wichtiges, was ſie be⸗ ſprachen, und die Meinung mitunter verſchieden, aber ein Wort, allen Menſchen theuer, erheiterte, wenn es ausgeſprochen ward, alle Zuͤge; Manche wiederholten es mit gluͤhenden Wangen und feurigen Augen, verkuͤndend, man muͤſſe Alles daran ſetzen an dies Wort. Andere ſprachen es nach in gemaͤßigtem Tone, aber feſt, wie Einer, der die Nothwendigkeit fuhlt, zu vollbrin⸗ 171 gen, was nun einmal begonnen; wieder Andere erwaͤhnten ſeiner leiſe, oder ihm irgend eine Deutung beifuͤgend, aber Keiner ſchwieg gaͤnz⸗ lich. Wohnte auch hier und da Furcht und Un⸗ entſchloſſenheit oder Selbſtſucht im innerſten Herzen, ſie wagten es nicht, auf die Lippe oder in das Auge zu treten. Lange ruhte der Blick des boͤſen Geiſtes forſchend auf dem Palaſt; mehre Male mußte Beate, des Anblicks der Greiſe bald uͤberdrußig, ihn mahnen, ehe er ihn ablenkte auf ein anderes Gebaͤude. Hier ging es geraͤuſchvoller her; hier waren Maͤnner in der Kraft ihres Alters zu ſehen. Manche in Weſen und Geberde ſich auszeich⸗ nend durch patriarchaliſch einfache Wuͤrde, Man⸗ che durch Lebhaftigkeit und Gewandtheit des Welt⸗ und Staatsmannes, Andere durch das Feuer ihrer Worte, zierlicher als ihr geſucht einfaches Gewand; Andere wieder durch einen Anflug auslaͤndiſchen Weſens, gemildert durch kriegeri⸗ ſche Unbefangenheit und auf dem gebraͤunten Antlitz und der Bruſt die Denkzeichen fruͤherer Waffenthaten tragend. Manche Rede ließ ſich hier vernehmen, wuͤrdig des roͤmiſchen Forum; 172 lauter als dort erſchallte jenes begeiſternde Wort und einſtimmiger war der Jubel, mit dem man es aufnahm. Noch forſchender als auf Jene blickte auf dieſe der Feind der Menſchen, doch war er es jetzt, der Beaten zum weitern Um⸗ ſchauen aufforderte, welche mehr Gefallen an dieſem Anblick fand, als am erſten. Eine zahlloſe Menge wogte in den Straßen auf und nieder, viele Menſchen draͤngten ſich in die geoͤffneten Kirchen, am Altar das Gebet der Prieſter zu begleiten, und traten darauf wieder heraus, der Prozeſſion folgend, welche durch die Stadt wandelte mit hochgehobenem Kreuz und flatternden Fahnen. Aber die Prozeſſion ſtand, und die Begleiter wendeten die Augen von ihr auf einen andern Zug, an deſſen Spitze gleichfalls eine Fahne wehte, auch geheiligt im Begriffe des Volks. Es war eine Schaar von Kriegern, die wieder auszogen in das Feld nach kurzer Raſt, und Andere, welche herbeigeeilt aus fernen Gegenden, es den vorangegangenen Bruͤ⸗ dern gleich thun wollten an Treue und Muth. In ihren Reihen gingen bluͤhende Juͤnglinge und erfahrene Maͤnner, der Niedere mit dem Hochgebornen, der Arme mit dem Reichen, und von Ehrgeiz waren Alle entflammt, doch nicht vom Ehrgeiz der Selbſtſucht. Geruͤhrt aber entſchloſſen nahmen ſie Abſchied von den Muͤt⸗ tern, von den Schweſtern und Braͤuten, die neben ihnen gingen bis zur Bruͤcke des Stro⸗ mes, die Einen ermuͤdet vom weiten Wege in Holzſchuhen zuruͤckgelegt, die Andern zierlichen Wagen entſtiegen, deren Roſſe jetzt, freiwillig dahingegeben, das Geſchuͤtz zogen, das hinter der Schaar raſſelnd daher fuhr. Viele der Scheidenden trugen noch im blei⸗ chen Antlitz die Spuren eben erſt uͤberſtandener Krankheit, aber ihr Arm war kraͤftig genug, das Geſchoß zu ſpannen oder das Schwert zu fuͤh⸗ ren und die Lanze, und das war ihnen genug. Anderer Wunden waren noch nicht verharſcht, und bereits zogen ſie aus, neue Wunden zu ge⸗ winnen. Gefuͤhlvoll, aber ohne entmuthigende Klagen, begruͤßten die Frauen die Scheidenden, unter Thraͤnen laͤchelnd reichten ſie ihnen die Hand, ihnen bei der ſiegreichen Wiederkehr Kraͤnze verheißend, Kraͤnze des Ruhmes und der Liebe. Da ſchmetterten die Trompeten, die Pferde wieher⸗ ten, an den Lanzenſpitzen flatterten die Faͤhnlein und vorwaͤrts ſchritt uber die ſtrohbedeckte dumpf⸗ X 174 drohnende Bruͤcke der Zug. Noch eine Weile ſtand die Menge ihm nachſchauend, dann ging ſie auseinander gruppenweis, von der Noth der Zeit unter ſich ſprechend und von kommenden beſſeren Tagen. Auch Beate ſah den ſchmucken Reitern nach und ſprach dann:„Ei Herr, das iſt eine ſchoͤne Stadt, und ihre Bewohner ſind recht ſtattlich, ſo daß ich hier ganz gern wohnen moͤchte. Schade, daß uns der Zutritt verwehrt iſt, wie Ihr geſagt.“— Der Mohr hingegen fiel unwillig ein:„Ich ſehe nichts Schoͤnes daran, und die Leute gel⸗ ten mir als Narren. Solche Froͤhlichkeit ziemt ſich allenfalls, wenn der Zug heimkommt mit Sklaven und Beute, da moͤgen auch wohl die Weiber herzukommen und ſich freuen; wozu aber der Jubel, wenn man da hinauszieht, wo nichts zu holen iſt, als Wunden und Beulen? Ueber⸗ dem ſteht es dem gemeinen Krieger nicht an, ſich frei zu gehaben, es ſey in Freud' oder Leid; grad muß er ſtehen, und grad aus gehen nach des Fuͤhrers Befehl, ohne umzuſchauen weder rechts noch links. Auch von Ruhm darf er nicht ſchwatzen; fuͤr den Herrn allein iſt der Ruhm, — — 175 fuͤr alle Andere der Gehorſam. Den aber ſcheint man hier gar nicht zu kennen, wenigſtens den blinden aͤchten nicht, noch einen Herrn, nach deſſen Wink ſich Alles bewege. Jeder hat ſein Wort fur ſich, Jung und Alt, Mann und Weib, Vornehm oder Gering, und ſpricht es aus, wie ihm geluͤſtet. Mein Meiſter, mir gefaͤllt die Stadt nicht, und meinethalben moͤchte ich ſie gar nicht betreten, wenn es hier ſo bleibt, wie es iſt.“— Da lachte der Meiſter hoͤhniſch, daß es weit⸗ hin durch die Wolken ſchrillte und ſprach: „Ein Jeglicher hat ſeinen Geſchmack; wie der Urſprung des Deinigen in der Gewohnheit liegt, ſo hat der Geſchmack unſerer werthen Begleite⸗ rin den ſeinigen in gewiſſen Eigenthuͤmlichkeiten, die ich mit wahrer Hochſchaͤtzung laͤngſt an ihr erkannt. Beide habt Ihr Recht auf Eure Weiſe in dem, was Ihr ſaget. Insbeſondere aber, mein trefflicher Großchan und Enkel des Dſchen⸗ gis, haſt Du Recht in der Meinung, dieſe Stadt, wie ſie jetzt iſt, ſey kein Aufenthalt fur einen Herrn Deiner Gattung; ich ſage Dir aber, ſie wird nicht ſo bleiben. Ihr jedoch,“ fuhr er fort zu Beaten gewendet—„wollet nicht mißmuthig ſeyn, denn die Zeit iſt nicht fern mehr, da Euer Begehren erfuͤllt wird.“— Als er ſo geſprochen, ſchwieg er eine Weile und ſchaute abermals ſtarr hinab auf die unter ihnen liegende Stadt, und wie ſein Blick die Kuppeln der Palaͤſte traf und die Daͤcher der Haͤuſer, glitt uͤber dieſelben ein falber Schein, gleich dem, der dem Hagelwetter vorangeht, und er lachte wiederum hoͤhniſch auf und rief mit gellender Stimme, daß die drunten erſchreckt auf⸗ blickten nach dem ſeltſamen Schall:„Nein, es wird nicht ſo bleiben!“— „Ihr habt,“— ſprach er nach einer neuen Pauſe zur Genoſſin des Blutigen und des Schwarzen,—„Ihr habt aus Gedichten, Zauber⸗ maͤhrchen und Hepenprozeſſen unfehlbar gelernt, wie es gewiſſe magiſche Zeichen giebt, die kraͤf⸗ tiger als eiſerne Schloͤſſer und Riegel den Be⸗ ſuchern aus dem maͤchtigen Reiche der Tiefe den Zugang verwehren. Auch in geiſtiger Weiſe genommen, giebt es ſolche Vertheidigungsmittel, muͤſſet Ihr, Theuerſte, wiſſen, ob Ihr Euch gleich derſelben nimmer ſonderlich befleißiget habt, welches indeß auch jetzt zu großem Vortheil ge⸗ reichet. Aber wir ſind gewaltiger und weiſer 177 zumal, als Ihr Adamskinder glaubet in Eurem thoͤrichten Wahn, unſer Auge, das Bollwerk er⸗ ſchauend, gewahrt auch bald die ſchwaͤchſte Stelle deſſelben und der Angriff erfolgt und die Ueber⸗ gabe in Gewalt oder Guͤte. Gleich wie der Herr der Ratten und Maͤuſe ſie aufbietet, eine Luͤcke in das Pentagramma zu nagen, das ihm die Thuͤre verſperrt und er dann triumphirend ſchreitet in das verpoͤnte Gemach, ſo ſtehen die Leidenſchaften auf, gehorſam ſeinem Befehl, und untergraben die geiſtige, den Feind der Menſchen fern haltende Schranke und ruhen nicht, bis ein Stuͤcklein darnieder liegt; ſey dann die Oeffnung eng wie ein Nadeloͤhr, ſie wird allgemach weiter und weiter, und endlich zur Breſche, durch wel⸗ che er einzieht mit ſeinen Heerſchaaren in die eroberte Stadt. Euer ſtumpfer Blick hat nur die Oberflaͤche erſchaut, nichts ſah der niedere Bewohner der Hoͤlle, als das Gute, das ihm verhaßt iſt, nur den Glanz des Ungewohnten das irdiſche Weib; ich aber ſah unter dem Gu⸗ ten das Unheil keinem und dunkele Schatten ſchluͤpfen durch den Gang;z dann ſchaute ich auf die Uhr der Zeiten und hoͤrte ſie ausheben zum Schlage der Stunde, die mein iſt. Doch ſind II. 12 1*8 noch Augenblicke uͤbrig, bis ſie erſcheint; laſſet uns denn ſolche nutzen, wie es den Dienern des maͤchtigſten Herrſchers gebuͤhrt, dem Lohnknecht wie dem Satrapen.“— Einige Zeit wanderten die Drei umher in dem zwiefach verheerten Landſtrich, in den Feld⸗ lagern der Heere, der Meiſter die Schuͤlerin be⸗ kannt machend mit dem Schauplatz ihres Wir⸗ kens, und ſie durch kleine Probeſtuͤcke zu dem Groͤßern vorbereitend. Iſt doch, wie man ſpricht, kein Meiſter vom Himmel gefallen, um ſo we⸗ niger noch aus der Hoͤlle. Auch war die Schuͤ⸗ lerin gelehrig; niemals hatte ſie ſich mit der Theorie ihrer Kunſt beſchaͤftigt, die Praris aber war ihr gelaͤufig; ſie wußte dem Beſchuͤtzer Dank, der ihr ſolche mituntet zuwies, und fuͤhlte ſich bald in ihrem gegenwaͤrtigen Treiben ganz heimiſch. Eines Nachmittages durchſtrichen ſie eine Gegend zwiſchen dreien Fluͤſſen gelegen, eine ſandige Flaͤſche zum Theil, zum Theil bedeckt mit Waldung und jenſeits des kleinſten aber reißendſten der Fluſſe von Anhoͤhen begraͤnzt. Es war in der Zeit des hohen Sommers, der Sonnenſtrahl fiel brennend auf die Ebene 179 und dichte Staubwolken flogen auf von den Windſtößen, die mitunter erfriſchend heruberka⸗ men vom Waſſer. Durch den Staubnebel blitz⸗ ten Gewehre, und als er ſich zerſtreute, lag vor den Schauenden ein großer Lagerplatz. Auch hier ſtanden bewaffnete Maͤnner, krie⸗ geriſch anzuſchauen, und gleichfalls ſprach der Muth aus den Geſichtern, deren verſchiedenes Gepraͤge auf einen Zuſammenfluß mehrer Voͤl⸗ ker aus weit entfernten Landſtrichen deutete; aber hier war der Muth nicht freudig, von der Stirn leuchtete nicht der eigne Gedanke, ſteif und regelrecht ſtand der Krieger, ſteif und regel⸗ recht ging er umher, um keines Haares Breite den Punct oder die Linie verlaſſend, die ihm angewieſen waren von dem Obern. Gleichguͤl⸗ tig ſchaute er vor ſich hin, gleichguͤltig auf die nicht entfernten Vorwachten der Gegner; nur den Hunger fuͤrchtete er, den Tod nicht, und vermied ihn auch nicht, denn er wußte, er ſey da, um zu ſterben, wenn es ſeyn muͤſſe; er ſcheute ſich, beſiegt zu werden, der Sieg aber er⸗ freute ihn wenig; fuͤr ihn gab es keinen Preis in deſſen Kampf, und den Ruhm uͤberließ er den Fuͤhrern; ein minder rauhes Wort von ih⸗ 12* 180 nen, die einzige Auszeichnung, die er kannte, galt ihm fuͤr Ruhm und fuͤr Belohnung die ausbleibende Strafe. Auch hier wuͤthete der Tod in ſeiner zwiefachen Geſtalt, und Leichname lagen umher, aber gelaſſen begrub der Ueberle⸗ bende den Waffenbruder, gleichviel, ob ihn der Blutige, ob ihn der Schwarze geſchlachtet; der Wille des Hoͤhern war ſein Verhaͤngniß, und er ſelbſt bereit, wie Jener heut, morgen ihm zu unterliegen. Den Herrn der Welten dachte er ſich mit Hermelinmantel und geſchloſſener Krone und was, der ſie trug, befahl, galt ihm als Gottes Befehl. Und die auf den hoͤhern Stufen des Ranges ſtanden, gehabten ſich eben ſo im Verhaͤltniß, doch wichen hier bereits die Gedanken ab von der Form, ſie ſchienen bloß, was die Andern waren, und je hoͤher hinauf, je ſtrenger zeigte ſich Wort und That, aber je ungezugelter war auch der Gedanke, je weiter die Ausdehnung ſtillen Vorbedachts, ererbt durch manches Begeb⸗ niß fruͤherer Tage. Kein reges Leben herrſchte im Feldlager, Alles bewegte ſich nach dem gleichfoͤrmigen Pen⸗ delſchlag der Dienſtuhr, und nur zu feſtgeſetzten Stunden erſchallte durch das Lager ein Volks⸗ geſang, nicht unlieblich anzuhoͤren, aber einfach und in wehmuͤthigen Toͤnen, wie die Klagen Eines, der ſich nach Etwas ſehnet, das er ver⸗ mißt, ohne es recht zu kennen. Unfern von dort ſtand auf einem Hugel, umgeben von den Vornehmſten des Heeres, der Feldherr. Seine Geſtalt war nicht ausgezeich⸗ net, er erſchien dem Auge nicht als ein kuͤhner, freudiger Held, aber doch ermangelte ſein Leben nicht gaͤnzlich des Ruhms, des Verdienſtes um ſeinen Herrſcher wenigſtens, hier und da dem Ruhme gleichgeſtellt, und die zahlloſen Ordens⸗ zeichen auf ſeiner Bruſt beurkundeten dieſes Ver⸗ dienſt. Auch denen, welche um ihn ſtanden, mangelte es an ſolchen nicht, doch das Ueber⸗ gewicht der groͤßern Conſtellation uͤber die klei⸗ nern anerkennend, beobachteten Alle eine unter⸗ wuͤrfige Stellung und das Schweigen des Ge⸗ horſams. Aber des Feldherrn Worte waren mehr nachdenklich als voll begeiſternden Feuers, Falten ruhten auf ſeiner Stirn und mit truͤbem Auge blickte er ringsum. Auf die Todten blickte er, dem Krieg und der Krankheit zum Opfer gefallen, und auf der noch Lebenden geringe Zahl; er uͤberſchaute die veroͤdete Flur, durch die der Hunger heranſchlich, jenen Beiden ſich zu geſellen, und ſein Auge ward noch truͤber und ſeine Rede ſtockte. Obgleich dem hoͤchſten Willen gehorſam, wie die Maſſe, deren Glied und Haupt er war, ver⸗ barg er ſich nicht, daß dieſer Wille nicht ausge⸗ fuͤhrt werden koͤnne, ohne die noͤthige Kraft. Er fuhlte, er ſey nicht genugſam ausgeruͤſtet mit derſelben, als er die Schaaren der Gegner ge⸗ wahrt hatte und den Geiſt, der ſie beſeelte; ihm bangte vor dem Verluſt des fruͤhern Anſehns, vor der Verantwortlichkeit, die ihn erwartete, vor der Schadenfreude uͤbelwollender Untergebenen, und die Worte, die er an ſie richtete, trugen das Gepraͤge ſeiner Empfindung. Als er nun geredet hatte, wandte er ſich, ohne manchen Blick der Schweigenden zu ge⸗ wahren, der verſtohlen ihn traf, und ſchritt ge⸗ ſenkten Hauptes nach ſeiner Behauſung. Der Donner des Retraitſchuſſes rollte durch die Ebene, doch nicht Alle folgten ſeinem Rufe zur Ruhe. Spaͤt am Abend traten verhuͤllte Maͤnner in die Huͤtte zu dem unbekannten Meiſter und ſprachen mancherlei mit ihm, drauf hatte Beate viel zu thun, und am andern Morgen, als die Fahnen ſich entfalteten vor dem Quartier des Feldherrn, und die Trompeten ſchmetterten zum Aufbruch, und die Fuͤhrer kamen, den Befehl zu empfangen, verbreitete ſich die Nachricht, der ſchwarze Tod habe den Ruhmgekroͤnten, Unver⸗ geßlichen hinweggerafft aus der Mitte ſeiner untroͤſtlichen, hochbetrůbten ab und Verehrer. „Ich bin mit Euch zufrieden,—— ſprach, als dies Geſchaͤft abgethan war, der Meiſter zur kunſtfertigen Schuͤlerin.„Nicht mit Unrecht ruͤhmt man den Frauen nach, daß ſie nach kurzer Uebung ſich in jegliche Lage zu fin⸗ den wiſſen. Ihr habt, wollet es mir verzeihen, Eure Wiſſenſchaft bisher zwar mit lobenswer⸗ them Eifer, aber doch in beſchraͤnktem und meiſt niederm Kreiſe geltend gemacht, und Eure mehre⸗ ſten Verſuche waren, was die Aerzte experimenta heißen in anima vili. Bettelvolk groͤßtentheils hatte das Gluͤck, der Gegenſtand Eurer Anſtren⸗ gung zu ſeyn, oder arme Dienſtboten, und nur einmal habt Ihr Euch zu einer anſtaͤndigen Perſon verſtiegen in dem Herrn Senator, Eu⸗ rem Verlobten, denn der Gemahl war, obgleich 184 was man einen recht wackern Mann nennt, doch nur ein Spießbuͤrger; eben ſo koͤnnen die wer⸗ then Eltern qualificiret werden. Der Herr Natha⸗ nael Schwarz, in deſſen Geſtalt Ihr mich, Eu⸗ ren Freund, bewirthetet, war eigentlich gar keine 1 Perſon, und Eſaias Goldenbaum, trotz ſeines Reichthums und praͤchtigen Grabmals, nur ein ganz gewoͤhnlicher Schuft. ZJetzt ſeyd Ihr nun in die gute Geſellſchaft eingefuͤhrt und wiſſet Euch unter derſelben wohl zu benehmen, und das erfreut mich, denn es koͤnnte ſich fuͤgen, 1 daß Euch fuͤr einige Zeit die Rolle einer 116 vornehmen Dame zu Theil wuͤrde. Ich wuͤnſch⸗ te, Ihr legtet von dieſer alsbald Euer Probe⸗ ſtuͤck ab.“— 1 Das lautete gar lieblich in Beatens Ohr; 1 Scheinen war ihr immer gelaͤufiger geweſen als Seyn, und nicht mit Unrecht glaubte ſie, in der damaligen Welt ſey Eines ziemlich ſo gut als das Andere; eine vornehme Dame aber zu ſchei⸗ nen, war ihr Lieblingswunſch geweſen von der 3 Zeit an, da ſie in das jungfraͤuliche Alter ge⸗ 3 treten, und oft beklagte ſie ihr beſchraͤnktes Ver⸗ haͤltniß und den Gebrauch der Vaterſtadt, wel⸗ cher den Reichthum dem Range an die Seite 185 ſetzte. Sie fragte beilaͤufig, ob ſie dann wohl ſo vornehm ſeyn wuͤrde, als die Frau Buͤrger⸗ meiſterin, und als ſie die Verſicherung erhielt, ihre Hoffnung ſolle weit uͤbertroffen werden, brach ſie aus in die Verſicherungen unbegraͤnzter Dankbarkeit, und horchte mit Begier auf die Unterweiſung, welche ihr Beſchutzer fuͤr noͤthig hielt, ihr zu ertheilen. An einem ſchoͤnen Sommerabende fuhren in einer Provinzialſtadt, der einzigen ertraglichen auf funfzehn Meilen in der Runde, vor den Gaſt⸗ hof, welchen man den beſten nannte, weil die andern nur Branntweinſchenken waren und Fuhrmannsherbergen, drei Reiſewagen mit ſechs und fuͤnf Pferden beſpannt. Der erſte, ein um⸗ fangreiches Gebaͤude, ruhte auf dumpfrollenden Raͤdern(ein deutlich Anzeichen der Wichtigkeit des Beſitzers); er war geſchmuͤckt mit Hermelin umgebenen Wappenſchildern, und aus ihm ſtieg eine verſchleierte Dame mit einem wohlgekleide⸗ ten Mann, der ſich Herr Hofrath tituliren ließ, von dem Kutſchbock aber ein goldbeblechter Mohr. Der zweite Wagen war angefuͤllt mit Dienern und Dienerinnen, im Gefolge einer Frau vom Stande unentbehrlich, im dritten jedoch befand 186 ſich ein franzoſiſcher Koch, franzöſiſche Kuchen⸗ huͤlfen, franzoͤſiſches Porcellan und Caſſerolen, und der noͤthige Mundvorrath, um eine franzo⸗ ſiſche Mahlzeit zu bereiten. Alles Erforderniſſe, ohne welche Leute einer gewiſſen Klaſſe in die⸗ ſem Lande es fuͤr unmoͤglich halten wuͤrden, zu reiſen. Das Volk zwar ſchon gewohnt an ſolchen Anblick, ſchenkte doch in einem Zeitraum, ſo reich von Begebenheiten, Allem groͤßere Aufmerkſam⸗ keit, was von der Seite herkam, wo ſelbige ſich zutrugen; die guten Bewohner des guten Stadt⸗ leins alſo verließen groͤßtentheils die Schenke, den Lieblingsaufenthalt in Mußeſtunden, und um⸗ ringten, die letzten Tropfen des köſtlichen Getraͤn⸗ kes vom offenen Munde wiſchend, die Wagen. Wohl hatten die Wappen, die Dienerſchaft und das Weſen der Gebieterin den Zuſchauern eine hohe Meinung von ihrem Range beigebracht, dieſe ward aber zur unbezweifelten Gewißheit, als ſie im Ausſteigen zwar viel und gelaͤufig ſprach, aber kein Wort in der Mundart des Landes; ihre Rede war, wie das Meiſte, was ſie umgab, franzoͤſiſch. Der Chroniker warnt ſeinen Leſer, dieſes 187 Umſtandes wegen ja nicht in Irrthum uͤber die in Frage ſtehende Perſon zu fallen. Beatens Lehrbegier hatte Wunder gethan unter der Lei⸗ tung eines Meiſters, der, wie man weiß, ein Meiſter iſt in aller Wiſſenſchaft und freien Kuͤn⸗ ſten, der, ſo lange er auch ſchon mit der Zeit geſchritten, ſie immer ruͤſtig begleitet, niemals alternd in ihr, immer neu wie ſie. Eines ſol⸗ chen Lehrers Unterricht mußte Fruͤchte tragen bei ſo empfaͤnglichem Sinn, und ſo war in kurzer Zeit eine große Veraͤnderung vorgegangen, in ihrem Innern wohl nicht, doch in ihrem Aeu⸗ ßern. Zu ſolcher war aber nicht nur die Erler⸗ nung der europaͤiſchen Gemeinſprache noͤthig, ſondern auch ſattſame Unkenntniß der andern, und wenig begierig, die Mundart des Landes ſich anzueignen, als deſſen Bewohnerin ſie fuͤr Augenblicke galt, hatte die neue Dame ſich feſt vorgeſetzt, ihre eigene zu vergeſſen. Die Neugierigſten verſuchten, Kundſchaft ein⸗ zuziehen bei den Dienern und Dienerinnen der hohen Reiſenden, aber woher dieſe auch ſtammen mochten, die Landesſprache verſtanden ſie nicht; ſie antworteten nur mit gebrochenen Sylben, mit Achſelzucken, wohl gar mit hoͤhniſchem La⸗ 188 chen nach der Weiſe derer, die ſie vorſtellten, und die Frager, laͤngſt des Uebermuths an gro⸗ ßen Dienern kleiner Herren gewohnt, zogen ſich unbefriedigt aber entſagend zuruͤck. Als jedoch die Kuͤhnſten es wagten, ſich an den Mohren zu wenden, erzeigte ſich dieſer gefaͤlliger; er ſtand ihnen Rede, obgleich ſelbige nur mit fremdarti⸗ gen und veralteten Worten erwiedernd, und bald erfuhr man, die hohe Dame habe ſich ge⸗ raume Zeit in Italien aufgehalten und dann zu Paris, von welchem ſie zuruͤckgekehrt ſey auf den Wunſch ihres erlauchten Gemahls, doch nur eben zur rechten Zeit, um ihn an einer Wunde verſcheiden zu ſehen, die er in einer Schlacht gegen die Rebellen erhalten. Nun kehre ſie zu⸗ ruͤck zur Hauptſtadt der Hauptſtaͤdte, wo, wie Herr Blondin zu verſtehen gab, ſie großen Ein⸗ fluſſes genoͤſſe und ungeduldig erwartet werde gewiſſer Aufſchluſſe wegen, die ſie mit ſich bringe von ihren deshalb unternommenen Reiſen. Nachdem die Bewohner des Staͤdtleins ſich hoͤchlich entruͤſtet hatten uͤber die Frechheit der Rebellen, einen ſo vornehmen Herrn zu verwun⸗ den und gar todt zu machen, den Gemahl einer ſo wuͤrdigen Dame, welche aus Vaterlandsliebe eine ſo weite Reiſe nicht geſcheut zu loͤblichem Zwecke, fragte Einer, ob ſie nicht gedenke, einen Beſuch auf dem Schloſſe zu machen? Die Antwort fiel kurz aus und geheimniß⸗ voll, die Politiker jedoch unter Denen, die ſie hoͤrten, wollten aus derſelben den Schluß ziehen, die Anweſenheit einer ſehr hohen Perſon moͤge wohl ihrer Stadt das Gluͤck zuwege gebracht haben, die hohe Reiſende innerhalb ihres Um⸗ fanges zu ſehen. Einige glaubten nebenbei be⸗ merkt zu haben, wie, ohngeachtet der Herr Mohr ihnen dieſe Auskunft ohne große Zuruͤckhaltung ertheile, der Inhalt derſelben gar nicht nach ſei⸗ nem Gefallen ſey; er ſchien ſehr uͤbler Laune, ſein ſchwarzes Geſicht ward noch duͤſterer durch Falten des Mißmuths und Hohnes, in die es ſich verzog, und man hoͤrte ihn ſogar vernehm⸗ lich Etwas vor ſich hinmurmeln von laͤſtiger Dienſipflicht, von unbegreiflichen Launen der Herrſchaften und von der unangenehmen Noth⸗ wendigkeit, gegen beſſer Wiſſen ſich ihnen zu fuͤgen. In dem Lande der Unterwuͤrſigkeit wa⸗ ren ſolche Ausbruͤche der Unzufriedenheit dieſes Dieners nicht Neues; die Meiſten von den Zu⸗ hoͤrern pflegten ſelbſt ſich fuͤr den Zwang der 190 Dienſtbarkeit durch den Tadel der Gebieter, frei⸗ lich nur hinter ihren Ruͤcken, ſchadlos zu halten; man kam uͤberein, die Launen der Herrſchaften ſeyen unertraͤglich, ſie ſeyen denſelben jedoch ange⸗ boren und wie ein Bedingniß auch ein untruͤglich Kennzeichen des Ranges und Reichthums. Da ward des Mohren Antlitz noch duͤſterer, er wiederholte haͤmiſch auflachend das Wort „angeboren“ und haͤtte vielleicht demſelben einen unnoͤthigen Zuſatz verliehen, waͤre nicht gerade der Herr Hofrath erſchienen, bei deſſen Anblick des Reiſedieners Uebermuth und trotziger Hohn ſich ur⸗ ploͤtzlich in die tiefſte Demuth umwandelte. Es befand ſich zur Zeit in jenem Staͤdtlein Einer, der unzufrieden mit der Welt war, mit den Menſchen, mit ſeinen Verhaͤltniſſen, und vor Allen mit ſich ſelbſt, deſſen Verſchulden den letzten die unguͤnſtigſte Wendung gegeben hatte. Berufen zu einer der hoͤchſten Stellen des Erd⸗ kreiſes, hatte er ſelbſt ſich den Weg dahin ver⸗ ſperrt; im Gegenſatze zu dieſem Beruf nur zur Nittelmaͤßigkeit geboren, aber unfaͤhig, ſich in den Schranken zu halten, welche ſie bedingen, hatte er in jeglichem Wirkungskreiſe ſattſam und gleichſam gefliſſentlich ſeine Unfaͤhigkeit zu einem 191 groͤßern dargethan; was ihm anvertraut worden, faßte er mit Ungeſchick oder verunſtaltete es in roher Willkuͤhr; die Menſchen nicht liebend, legte er auch keinen Werth auf ihre Liebe, und for⸗ derte den Haß heraus, ohne die Kraft, die Fol⸗ gen dieſes Haſſes als wahrhafter Tyrann gleich⸗ gultig zu ertragen, oder ihnen muthig die Stirn zu bieten. Man nannte ihn die Urſache jener Ereigniſſe im benachbarten Lande und er war es zum Theil, doch ward ihm auch Manches zugeſchrie⸗ ben, was er nicht gethan, ſo viel deſſen auch geweſen, und Diejenigen, welche unter dem Schirm ſeines Namens das Schlechte veruͤbt, warfen jetzt ſtill und klug zuruͤckweichend den Antheil am Tadel, der ihnen gebuͤhrte, auf dieſen. Es iſt weit leichter, ungerecht ſeyn als Un⸗ recht ertragen; das kleine Gewicht, das man zur Ungebuͤhr der Laſt ſeiner Thaten, ohnedem ſchon gewichtig genug, beifugte, erbitterte ſein finſteres Gemuͤth; gleich den Geiſtern, die ver⸗ neinen, keines Menſchen Freund und keiner Sache, ſondern Allen feind und Allem, erfreute er ſich jetzt des Widerſtandes der Verzweif⸗ lung, welche er hervorgerufen, es ergoͤtzte ihn die Demſthigung Derer, deren Sache grade er am eifrigſten und ſchonungsloſeſten gefuͤhrt, und in ſeltſamem Widerſpruch mit ſich ſelbſt, ergoß er ſich zu Zeiten in das Lob derer, welche er einſt mit Fuͤßen getreten⸗ Raſtlos trieb es ihn hin und wieder, doch uͤberall hin folgte ihm die Selbſtanklage, die unzufriedenen Blicke derer, welche ihn den Ur⸗ heber eines blutigen Krieges nannten, die mit Verwunderung ſahen, daß er zur noch hoͤchſt ſchwankenden Entſcheidung deſſelben gar nichts that, was ſeine Geburt und ſein Beruf von ihm heiſchte, waͤhrend er doch, um ihn herbei⸗ zufuͤhren, Alles gethan; ja es folgte ihm die Be⸗ fremdung, der Argwohn der Seinen, erzeugt durch ſein in ſolchen Umſtaͤnden ſo ſeltſames Reden und Thun. Des Mohren Vermuthung beſtaͤtigte ſich; die erlauchte Wittwe, die einflußreiche Dame machte dem erhabenen Herumſchweifer ihre pflicht⸗ ſchuldige Aufwartung und ward nach ſeiner Weiſe wohl genug empfangenz ſogar auf den Herrn Hofrath, welcher hier als ein Welſcher erſchien, fiel unter finſtern Augenbrauen hervor ein huld⸗ reicher Blick, und es wurden ihm einige Worte 6 193 zu Theil, welche man bei andern Perſonen herb oder wenigſtens bitterſuͤß nennt, bei ſolchen aber einen gnädigſten Scherz. Den Mohren aber nahm er in beſondere Affection. Das Hoflager des vornehmen Pilgrims— oder ſoll man Ver⸗ bannten ſagen?— war nicht zahlreich, aber die Perſonen, aus welchen es beſtand, zeigten ſich demuͤthiger noch vor ihm, als jene Andern vor dem Feldherrn; dies hinderte jedoch nicht, daß auch hier der Gedanke von der Form abwich, wie es erwaͤhnter Maßen manchmal geſchieht. Nit beifalligem Laͤcheln hoͤrten ſie den Spott, welchen der Gebieter, die gehaßten Gegner er⸗ hebend, uͤber die Seinigen ausgoß, aber als er den Ruͤcken gewendet, traten abermals Einige zu dem Meiſter, abermals hatte Beate zu thun, und es waͤhrte abermals nur wenige Stunden, bis die Nachricht durch Eilboten nach allen vier Himmelsgegenden getragen wurde, die hohe Per⸗ ſon ſey, zum Leidweſen eines großen Reiches und der ganzen Welt, durch den ſchwarzen Tod aus dieſer Zeitlichkeit in die Ewigkeit befordert worden. Mit großem Geprange fuͤhrte ein ſtattlicher Trauerzug im ſchnell verſchloſſenen Sarge den II.* 13 194 Todten der Hauptſtadt der Hauptſtaͤdte zu, wo man ihn vielleicht auf dieſe Art am liebſten ankommen ſah, und ſetzte ihn bei in der Gruft ſeiner Ahnen, neben Manchem, welcher gleich ihm dort fruͤher eingezogen war, als er meinte. Wenn auch dieſer Todesfall nicht allerdings ſo großen Schmerz erregte, als es den oͤffent⸗ lichen Blaͤttern zu verkunden beliebte, ſo fand derſelbe doch bei Einem Statt, und dieſer Eine war Batu⸗Chan oder Blondin der Mohr. Er hatte der ganzen Sache mit Widerwillen zugeſehen, nur verdroſſen that er dabei, was ihm oblag; ihm war es leid um den Verſtorbenen, und einen ganzen Tag gewahrte man in ſeinen Zuͤgen die Merkmale unverſtellter Betruͤbniß. „Empfanget,“ ſprach am dritten Tage dar⸗ auf nach glücktich vollbrachtem Geſchaͤft, als der prunkvolle und bequeme Reiſewagen die Drei in andere Gegenden trug, der Meiſter:„em⸗ pfanget, geſchaͤtzteſte und nun auch bewaͤhrte Freundin und Aſſocice, nochmals die Verſiche⸗ rung vollkommener Zufriedenheit, welche ich Euch im Namen meines oberſten Herrn ertheile und in dem meinen. Diesmal aber“— fuhr er mit hoͤchſt anmuthigem Laͤcheln fort—„wird 195 es nicht bei bloßen Worten ſein Bewenden ha⸗ ben, jeglicher Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth, und ein ſo redliches Beſtreben, als das Eure, verdient Aufmunterung. So habe ich mir denn Etwas ausgeſonnen, was Euch gewiß Vergnü⸗ gen gewaͤhrt: Ihr ſollet naͤmlich einer Hinrich⸗ tung beiwohnen, und was das Ergoͤtzlichſte bei der Sache iſt, Eurer eigenen.“— So ſpaßhaft nun auch der werthe Freund dieſen Antrag vorbrachte, ſo gefiel doch der Spaß Frau Bilſen ſehr uͤbel; ſie ſchaute dem freundlich Laͤchelnden erſchrocken in das Geſicht und machte ſogar Anſtalt, aus dem Wagenſchlage zu ſpringen. Er aber hielt ſie beim Arme feſt und aͤußerte ſich in folgender beruhigender Weiſe: „Warum ſo erſchrocken, Beſte? Koͤnnet Ihr wohl Arges denken, bei ſolch harmloſem Vor⸗ ſchlag? Ihr ſchließet doch nicht gar aus den Kleinigkeiten, die ſich begeben, es ſey mein Ge⸗ brauch, wie anderer großer Herren mitunter, mich deren gern zu entledigen, welche mir Dienſte geleiſtet? Furchtet Solches nicht fur Euch, und wiſſet, daß ich ſo allenfalls nur mit Solchen verfahre, die mir nichts mehr taugen. Damit hat es aber bei Euch noch lange Zeit, ſehr 13* — 196 lange, hoffentlich mehr denn ein Menſchenalter noch. Wovon ich ſprach, war nur eine Hinrich⸗ tung in effigie, wie man dergleichen oft genug ſiehet, nur mit dem Unterſchiede, daß das Ori⸗ ginal ſich gegenwaͤrtig befindet, und das Nach⸗ bild, ſtatt von einem elenden Maler auf ein Bret gekleckſt, regunglos wie ein Stuͤck Holz, Alles mit ſich anfangen laͤßt, was man beliebt, in dieſem Falle ſich bewegt und ſpricht und einher⸗ ſchreitet und endlich den mißlichen Sprung vom Blutgeruͤſt anders wohin mit derſelben Grazie vollbringen wird, welche Euch, dem ſchaͤtzbaren Urbilde, eigen.“ Obgleich dieſe Worte Beaten uͤber die Ab⸗ ſicht ihres Schutzherrn beruhigten, gewann ſie doch an dem Vorſchlage keinen Geſchmack. Ihr eigenes Selbſt war, wie wir wiſſen, nicht der angenehmſte Gegenſtand fuͤr ſie, auch verſprach ſie ſich keine ſonderliche Luſt von dem Anblick ihrer Doppelgaͤngerin unter ſolchen Umſtaͤnden; ſie erwiederte daher: „Verſchonet mich, mein Herr, ich ſpuͤre keine große Sehnſucht nach der Heimat; eher wuͤnſchte ich in die große Stadt einzuziehen, wo es 197 ſo bunt hergeht und doch ſo luſtig und er⸗ goͤtzlich.“— „Ich habe Euch nun ſchon zu verſchiedenen Malen angedeutet, daß hierzu der Augenblick noch nicht da ſey,“ beſchied ſie der Geiſterfurſt —„und ich meine, bis er kommt, koͤnntet Ihr ſchwerlich Euch einen beſſern Zeitvertreib machen, als umgeben von dem Prunk einer vornehmen Dame in Eurer Vaterſtadt zu erſcheinen, in ſtolzer Karoſſe die Menge zu durchſchneiden, welche waͤhnend, Eurer Hinrichtung beizuwohnen, einem Gaukelſpiel nachrennt, auf Eure Feindinnen und Freundinnen mit veraͤchtlichem Blick herabzuſehen von der Hoͤhe Eures Ranges, ſchließlich aber den Staat der Frau Buͤrgermeiſterin zu verdunkeln durch Eure Perlen und Diamanten und ihr ge⸗ ziertes Geſchwaͤtz und auswendig gelernte Flos⸗ keln durch Weſen und Sprache der hoͤhern Welt.“. Schon beim Eingange dieſer Rede hatte ſich das Antlitz der Wittwe erheitert, der Vorſtellung aber, die der Schluß enthielt, vermochte ihr zart⸗ fuͤhlend Herz nicht zu widerſtehen, und ſie ſagte geruͤhrt:„Gebietet uͤber mich, mein hocherhabe⸗ 198 ner Herr, ich bin wie immer zu Eurem Be⸗ fehl.“— Schon laͤngſt war es in dem Gebiet, wel⸗ ches der Meiſter ſeine Heimat nannte, Gebrauch, ſehr raſch zu reiſen, ehe noch auf dieſem Plane⸗ ten die Mittel erfunden waren, mit Huͤlfe wel⸗ cher man jetzt uͤber ihn dahinfliegt. Schon Milton berichtet uns, wie der Monarch des fin⸗ ſtern Reiches mit Gedankenſchnelle die weiten Raͤume des Chaos durchſchneidet, dem jungen Menſchengeſchlechte einen Beſuch abzuſtatten, lange vorher, ehe die Dampfboͤte erfunden wa⸗ ren, die des Dichters wißbegierige und wohler⸗ zogene Landsleute heut zu Tage uͤber den Ka⸗ nal tragen, und die Eilpoſten, auf welchen ſie das feſte Land durchrollen von Stadt zu Stadt, um ihre angenehme Perſoͤnlichkeit bewundern zu laſſen und endlich mit dem wichtigen Reſultat nach Hauſe zuruͤckzukehren, daß Alt-England einzig auf der Welt ſey, und man auf dem Continent nicht mehr ſo wohlfeil reiſe, als vor Zeiten und der Squire und die Miſtreß ſich eingebildet. Der Vorſchlag zu erwaͤhnter Beluſtigung erging an die Wittwe Bilſen am Vorabend des Tages, welcher zu ihrer Hinrichtung beſtimmt 199 war, und als ihr Wagen ſich dem Thore der ungenannten Stadt naͤherte, begegnete ihr der Volkshaufen, der ihrer Doppelgaͤngerin auf dem letzten Gange das Geleit gab. Schon fruͤher iſt angedeutet worden, wie dieſe ihre Rolle trefflich durchfuhrte, vielleicht zu gut, denn ſie uͤbertraf ihr Urbild bei weitem an Gefaßtheit und Entſagung, an Sanftmuth ſo⸗ gar, obgleich dieſe Tugend ein Hauptſtudium des letzteren geweſen. Seitdem ſie es war, die in den Verhoͤren erſchien, verſchwanden nach und nach alle Hinderniſſe und Zweifel, welche Liebe zum Leben, oder vielmehr Scheu vor dem Tode und des Heuchelns Gewohnheit eine zagende Suͤnderin dem Unvermeidlichen entgegen zu ſtel⸗ len vermocht hatten; ihre Ausſagen blieben ſich getreu, ja man bemerkte ſogar an ihr, daß ſie mit einer gewiſſen Ungeduld darauf warte, daß die Sache abgethan ſey. Die gutmuͤthigen Seelen in jener Stadt ſchrieben dieſe Stimmung tiefer Reue und einer lobenswerthen Sehnſucht zu, die ungeheure Schuld mit ihrem Blute abzuwaſchen, und mit dieſer Genugthuung und dieſer Reue vor den Thron des oberſten Richters zu treten; wir aber, welche wir einigermaßen das Weſen kennen, welches Beatens Huͤlle verbarg, finden ſehr natuͤrlich, daß, an ein thaͤtig Leben und ſtarke Bewegung gewohnt, die Einſperrung im Kerter es lang⸗ weilen mußte, noch mehr aber der nicht ſehr er⸗ gotzliche Umgang mit der frommen Schließers⸗ frau und der Prieſier taͤglich eifrigere Er⸗ mahnung Mit einer uns eben ſo leicht begreiflichen Gleichguͤltigkeit hatte ſie das milde Urtheil ver⸗ nommen, welches der, wenn jemals Eine es war, des Scheiterhaufens Wuͤrdigen das Schwert zuerkannte, und eben jene Gutmuͤthigen prieſen die Selbſterkenntniß der Schuldigen, welche ſolche Strafe als zu gering achtete fuͤr ſolche Verbrechen. Unſer Chroniſt findet ſolche Vorausſetzung ſehr in der Natur der Sache begruͤndet und fuͤgt eine Anmerkung hinzu, welche wir als ge⸗ treuer Abſchilderer hinweg zu laſſen uns nicht geſtatten. Er belobt gebuͤhrend die Menſchlich⸗ keit der Geſetzgeber ſeiner Zeit, die das Schwert allein zum Mittel beſtimmt haben, der Geſell⸗ ſchaft Genugthuung zu geben an Dem, welcher ihre Ordnung uͤbertreten; doch wirft er die Frage 201 auf: ob dieſer Milde, dem Einen erwieſen, nicht eine Haͤrte beiwohne gegen Andere, und zwar ſo, daß dem Schuldigſten die Milde zu Theil werde, dem minder Schuldigen aber die Haͤrte? Heißt es; erdreiſtet er ſich zu fragen;— nicht abweichen von der moraliſchen ſtufenweiſen Ordnung der Dinge, welche die Folge abmißt nach der Urſach, wenn Der, den ein augen⸗ blicklich Vergeſſen vielleicht ſogar die Verirtung irgend eines lobenswerthen Gefuͤhls hinteißt zw0 ungeſetzlicher That, die er ſchmerzlich bereut, ploͤtzlich, ohne der Tugend entſagt zu haben, ſich als Verbrecher erblickend, wenn ein Solcher, fragt der Chroniſt, das Gleiche theilt mit dem Andern, der langſam, mit kaltem Blute, durch eine Reihe von Jahren unangefochten von der Reue, die Menſchlichkeit verhoͤhnt, welche Jener nur in einem unſeligen Moment aus den Au⸗ gen verlor?— Sein uͤberhaupt etwas gruͤbeln⸗ der Sinn fuͤgt dieſer Frage noch eine zweite bei, die Frage naͤmlich, ob ſolch ebenmaͤßig Ver⸗ theilen der Strafe nicht die Unthat befoͤrdere, welche die Strafe erzeugt? Wird— faͤhrt er fort— der, welcher die Schranken des Sitten⸗ geſetzes einmal frech uͤberſprang und nun nur 202 noch vor der Menſchenſatzung erbebt, der erſten todeswuͤrdigen Miſſethat, wenn er meint, daß ſie ſein Vortheil erheiſche, nicht die zweite hin⸗ zufuͤgen, und die dritte, der geringern die groͤßere, die ungeheuere dieſer, da er doch keine Gefahr laͤuft, als die er bereits gelaufen, da das Folgende nur eingeſchobene Rubriken ſind in einer ſchon abgeſchloſſenen Rechnung, und da das Erſte einmal geſchehn, mit dieſem das Uebrige auf Eines hinaus geht?— Wir haben nicht ermangeln wollen, dem Le⸗ ſer dieſe Fragen unſeres Gewaͤhrsmannes vorzu⸗ legen, jedoch ohne uns der Beantwortung zu unterziehen, welche uͤberdem, unſers Beduͤnkens, nicht allzu leicht iſt. Wie groß auch die Folgerichtigkeit und der Werth der eben aufgeſtellten Gedankenreihe ſeyn moͤgen, ſie war es nicht, welche die hohen Rei⸗ ſenden beſchaͤftigte, die als Zuſchauer ſich bei der Schlußſcene eines Stuͤckes einfanden, in welchem ſie fruͤher mehr oder minder wichtige Rollen geſpielt. Des Mohren rußfarbenes An⸗ geſicht, ſeiner rothen goldbetreßten Jacke und weißem Turban ward die Ehre zu Theil, die Aufmerkſamkeit des ſchauluſtigen Publikums fuͤr einen Augenblick von der Hauptperſon abzulen⸗ ken, welche ihres Weges nicht, wie ihre Man⸗ dantin, in einer praͤchtigen Karoſſe, ſondern auf einem beſcheidenern Fuhrwerk, der Armeſuͤnder⸗ karrn genannt, daherzog, mit bußfertigem An⸗ ſtande, den Ermahnungen des Geiſtlichen hor⸗ chend, der mit geſenktem Blick und geſcheiteltem Haar langſam doch eifrig ſprechend neben ihr ſaß, und das Geſicht ins Schnupftuch gedruͤckt, vielleicht um ein Hohnlaͤcheln, das Stemma der teufliſchen Haͤlfte ihres Weſens, oder ein Gaͤh⸗ nen, das Bedingniß der menſchlichen Halbſcheid ihrer Natur, zu verbergen. Herr Blondin er⸗ wiederte das Hurrahgeſchrei, mit dem der na⸗ menloſen Stadt hoffnungsvolle Jugend ihn be⸗ gruͤßte, durch allerlei Geſichtsverzerrungen und Fletſchen der Zaͤhne, welches den Beifall, der ihm geworden, bis zum Ungeheuern ſteigerte und die meiſten Anweſenden fuͤr einen Moment in Zweifel ſetzte, welches die intereſſanteſte Per⸗ ſon ſey, die bleiche Todescandidatin oder der kohlſchwarze Geſell. Der Meiſter, der die halb einfache, halb an⸗ ſpruchvolle Huͤlle des Geheimſchreibers und Ver⸗ trauten einer vornehmen reiſenden Dame beibe⸗ ſchaute ſich um in der Menge, und ein ar anmuthiges Laͤcheln der Zufriedenheit be⸗ bte ſein Geſicht. Vielleicht erheiterte ihn das Behagen, welches Seinesgleichen uͤberhaupt an dergleichen Auftritten finden ſoll, vielleicht er⸗ gotzte ihn die Gattung der Empfindungen, mit welchen der groͤßte Theil die vermeinte Stam⸗ mesgenoſſin zum Richtplatz begleitete; vielleicht auch hatte ſein ſcharfer Blick unter ihrer Zahl Einen und den Andern herausgefunden, deſſen Platz eben ſo fuglich auf dem Karrn geweſen waͤre, als neben demſelben; vielleicht auch er⸗ freute ihn die andaͤchtige Haltung ſeines ver⸗ kappten hoͤlliſchen Vaſallen und des Geiſtlichen unnuͤtzer ſchweißtreibender Eifer— welcher Menſch moͤchte auch beſtimmen, was ein Teufel ſich bei eines andern Teufels Hinrichtung denkt? Beate aber, die bei der Sache am meiſten Betheiligte, laͤchelte nicht, ihr war vielmehr et⸗ was ſonderbar zu Muthe; das Ganze mochte wohl geeignet ſeyn, ernſthafte Gedanken in ihr zu erwecken. Das Anſchauen ihres Abbildes konnte ihr in dieſer Umgebung noch minder erfreulich ſeyn, als ihr je die Selbſtanſchauung geweſen; ſie wandte ſcheu die Augen ab von der beaͤng⸗ ſtigenden Erſcheinung und Medert ſi Hand. Da ward ihr plotzlich, als ſitze ſie in der Karoſſe, ſondern auf dem Suͤnderkarrn, in ihr Ohr drang das Mahnen des Prieſters, vor ihrem Auge lag das Blutgericht, das Ziel des Weges, den ſie gewandelt, erglaͤnzte des Nachrichters Schwert, bereit, ihr den Lohn zu geben fuͤr die Thaten, die ſie vollbracht. Im⸗ mer wirrer ward es in ihrem Gemuͤth, es war ihr, als ſey ihr Ich an die Stelle des unaͤchten Nachbildes getreten oder geheimnißvoll mit ihm verſchmolzen; das Grauen vor dem Tode befiel ſie, ſie riß die Haͤnde herab von dem entſtellten Antlitz, ſchaute wild um ſich her in die Wirk⸗ lichkeit, die ihr einem taͤuſchenden Poſſenſpiel gleich erſchien, und ihr Blick fiel auf die gleich⸗ gultigen, kalten, laͤchelnden Zuͤge des neben ihr Sitzenden. Sie war im Begriff, in Vorwuͤrfe gegen ihn auszubrechen, daß er ſie hierher ge⸗ fuͤhrt um ſie dem Tode zu uͤberliefern, trotz ſei⸗ ner Verheißung, trotz Allem, womit ſie das Le⸗ ben erkauft haͤtte, da rief ein ungefaͤhrer nichts⸗ bedeutender Zufall ſie zur Beſonnenheit zuruck, und an die Stelle der dumpfen Angſt, die ihr mklammert hielt, traten ganz verſchie⸗ deutlichere Gefuͤhle. Eeine ſchwerfaͤllige Karoſſe, gemeiner Stadt Eigenthum und ihrer Form nach ſchon ziemlich lange im Beſitz derſelben, raſſelte, von zwei maͤchtigen, wohlausgefuͤtterten oſtfrieſiſchen Pfer⸗ den gezogen, gegen den zierlichen Reiſewagen der fremden Fuͤrſtin heran, denn nach jener kurzen Probedarſtellung hatte die Wittwe des Schnitt⸗ haͤndlers Bilſen Geſchmack an dieſer Rolle ge⸗ wonnen, und eines ihrer Hauptbedingniſſe bei der Reiſe in die Heimat war die Fuͤhrung ei⸗ nes Titels geweſen, welcher ihren Landesgenoſ⸗ ſen, aͤcht oder unaͤcht, ſo volltonend in den Ohren klingt, obgleich dort, wo ſie zum erſten Male ihn gefuͤhrt, die Legionenzahl derer, die ihn tru⸗ gen, ihm allen Werth der Auszeichnung ge⸗ nommen. In dem Inventarienſtuͤck des kleinen Frei⸗ ſtaates befand ſich die mehrmals ſchon erwaͤhnte Frau Buͤrgermeiſterin. Sie hatte ſich die Luſt nicht verſagen koͤnnen, die einſt Angefeindete und Beneidete auf der ſchimpflichen Todesfahrt zu begleiten. Des Kutſchers Hand, die Zuͤgel ſtraff anziehend, zwang die gewaltigen Roſſe, gleichen —— 207 Schritt mit dem magern, keuchenden Thiere zu halten, das, vor den Suͤnderkarrn geſpannt, trau⸗ rig die traurige Laſt zum traurigſten aller Ziele fuͤhrte. Eben ſo wenig verließen ihre Augen, mit goldener Lorgnette bewaffnet, die Patientin, ent⸗ ſchloſſen, ſich keinen Zug des Schmerzes, keinen bangen Seufzer entſchluͤpfen zu laſſen. Ueber der wohlbeleibten Baſe breiter Schulter aber gewahrte man der Nichte hageres gelbliches Geſicht, und waͤhrend Jene die Proſa herben Spottes in hier und da zuſammengeraffte Poeſie verkleidete, erfreute die Andere ſich ganz unverhohlen uͤber deren Schmach, welche, ihrer Meinung nach, ihr den reichen angeſehenen Braͤutigam abwen⸗ dig gemacht, vornehmlich aber uͤber ihre Haͤß⸗ lichkeit, und ſogar ein klein wenig uͤber den Lohn, welcher dem ſchlechten Geſchmack des wohlſeli⸗ gen Senator Werzelius geworden. Doch ward ſo mildreichem Beginnen das Beabſichtigte nicht zu Theil, es ſchien nicht, als miſche die Gegen⸗ wart beider Damen noch einen bittern Tropfen in den Todeskelch der Leidenden; nur ſelten ſah die vermeinte Beate zu ihnen hinuͤber, und wenn es geſchah, trug ihr Blick das Gepraͤge voͤlliger Gleichguͤltigkeit, ja der Verachtung ſogar. 208 Waͤhrend dem war ſie nun der wirklichen Feindin gegenuͤber angelangt, und die nicht breite Vorſtadtſtraße, mit Menſchen angefuͤllt, erſchwerte das Ausweichen beider Wagen. Der conſulariſche Kutſcher, ſtolz auf ſein Amt und ſeinen Sitz, herrſchte dem gegenuͤber den Befehl zu, Raum zu geben der Gemahlin des Stadthaupts. Ge⸗ geben war die Weiſung, welcher in der namen⸗ loſen Stadt jeder Pferdelenker gehorchte, ihr ward indeß nicht der gewohnte Erfolg. Der knabenhafte Vorreiter des Reiſewagens, mit den kurzen Beinen muͤhſam den Ruͤcken eines lang⸗ gemaͤhnten baͤumenden Pferdes umklammernd, laͤchelte hoͤhniſch und ſtieß darauf mit ſeiner gel⸗ lenden Stimme einen unverſtaͤndlichen kurzen Schrei aus, der langbaͤrtige Roſſebaͤndiger hin⸗ ter ihm aber ſchrie mit donnernder Stimme ei⸗ nige Worte, langſamer, doch eben ſo ſchwer zu deuten. Schon hatte die Frau Buͤrgermeiſterin das flammendrothe Geſicht an dem Schlage ge⸗ zeigt und mit ſchneidender Stimme gefragt, wer der Freche ſey, der ſich ſolches gegen die Haͤlfte des Conſuls erdreiſte, ſchon machten die Freiſtaͤdter, wenig auf Fuͤrſtenhuͤte und Hermelinmaͤntel ge⸗ bend, Miene, die beleidigte Ehre ihrer Stadt⸗ 209 mutter zu rächen, die Worte des Kutſchers aber veraͤnderten die Scene im Nu. Die erzuͤrnte Dame verſtummte, ſie ſich ſogar im engen Raum ihres Fuhrwerks eine tiefe Verbeugung zu Stande zu hringen, an die Gegenuͤberſitzende gerichtet; der Trotz der Repu⸗ blikaner ward zur ſcheuen Demuth, und die Haͤnde, welche ſich erhoben hatten, den Wagen aus dem Wege zu bringen, oder ihn vielleicht umzuwerfen nach Befinden der Umſtaͤnde, hat⸗ ten jetzt nichts Eiligeres zu thun, als Muͤtzen und Huͤte von den gebeugten Koͤpfen zu reißen. So viel vermochten drei inhaltſchwere Worte, drei Worte eines Kutſchers; zwar deren Sinn wohl nicht, denn er ging den Unkundigen ver⸗ loren, auch waren ſie ziemlich ungeſchliffen an ſich und laͤſterlich; die Mundart aber brachte ſo große Wirkung hervor, eine Mundart, welche nach des Chronikers Bericht zu dieſer Zeit be⸗ gann eben ſo kraͤftig auf das Ohr der Hoͤrer zu wirken als manche Jahre fruͤher die Sprache eines weſtlichen Volks. Rechts und links draͤngte ſich das Volk aus⸗ einander, die lange Reihe der aus der Stadt kommenden Kutſchen hielt, ſogar der Hinrich⸗ II. 14 tungzug mit ſeinem Karrn bewegte ſich nicht vorwaͤrts, bis es den Reiſenden belieben wuͤrde, ihren Weg fortzuſetzen; aber dieſe ſchienen andern Sinnes; langſam und mit vornehmer Bequem⸗ lichkeit wandte ſich ihr Wagen, wobei die Naͤ⸗ herſtehenden Gefahr liefen, der Ehre einer Be⸗ ruͤhrung ſeiner Raͤder theilhaftig zu werden, auch der Peitſche ſogar, mit welcher der fremdlaͤndi⸗ ſche Automedon ziemlich achtlos auf ſeine Roſſe hieb, und mitunter daneben. Hart ſtreifte die Karoſſe im Umwenden an dem demuͤthigen Fuhr⸗ werk der Schande voruͤber und Einige unter dem Volke glaubten wahrzunehmen, der Mohr be⸗ gruße die arme Suͤnderin mit der Vertraulich⸗ keit alter Bekanntſchaft. Kopfnickend erwiederte Beate der Buͤrgermeiſterin wiederholte Vernei⸗ gung, und in der Suͤßigkeit dieſes Augenblicks ging das Grauen der unheimlichen Scene un⸗ ter, die ſie ſo nahe betraf, vergeſſen war die noch unheimlichere Doppelgaͤngerin, vergeſſen die Schrecken des Blutgeruͤſtes, dem ſie jetzt im ſau⸗ ſenden Galop zueilte.** Es iſt fuͤr die meiſten Menſchen, auch fuͤr recht wackere Leute, ein ganz vorzuglicher Genuß, in der Heimat mit allem Glanze außen erwor⸗ benen Gluͤckes zu prunken, beſonders wenn man dort fruͤher nicht von demſelben beguͤnſtigt ge⸗ weſen. Der Wittwe Bilſen ward dieſer Genuß in hohem Grade zu Theil. Die Art, wie er ihr geworden, kuͤmmerte die Vielerfahrene nicht ſehr, wie es auch mit manchen Andern in aͤhn⸗ lichem Falle geſchehn mag, nur die Maske, un⸗ ter welcher ſie ſich ſein erfreute, war ihr etwas beſchwerlich, und ſie wuͤrde ſie gern abgeworfen haben, haͤtte ein etwas uͤbelbenamtes Saͤulen⸗ dreieck, das ſich in der Naͤhe drohend erhob, ſie nicht allzudringend an die Nothwendigkeit, ſie feſtzuhalten, erinnert. Doch luͤpfte ſie ſolche, ſo⸗ viel ihr geſtattet war; hoͤhniſch laͤchelnd ſah ſie auf das Getuͤmmel derer, die gekommen waren, ſich an ihrem Elende und Tode zu weiden, und nun neugierig ſchauend, ehrerbietig gruͤßend aus⸗ einander wichen vor ihrem eilenden Geſpanne. Laut und in der ſchnellerlernten Sprache ihres Adoptivlandes redete ſie zu dem begleitenden Hofrath, denn nur in jenem, nicht aber in der Fremde, iſt es einer vornehmen Dame unan⸗ ſtändig, ſich ihrer zu bedienen; ſie nickte ihren vielen Bekannten unter der Menge herablaſſend zu, welche ſich deß ſehr erfreuten und noch lange 14* nachher die Leutſeligkeit der hohen unbekannten Reiſenden ruͤhmten. Ueber Alles aber ergoͤtzte ſie der Lriunph uͤber die alte Widerſacherin, er ward erhoͤht, als dieſe, aus ihrem Wagen geſtiegen, um das bevorſte⸗ hende Schauſpiel in groͤßter Naͤhe zu betrachten, abermals knixend an ihr voruͤberſchritt; ſie ver⸗ folgte ſie mit den Augen bis in die Naͤhe des Geruͤſtes und ſendete ihr den ſtillen Wunſch nach, die Frau Buͤrgermeiſterin ihre Stelle ver⸗ treten zu ſehen, lieber als ihr raͤthſelhaftes Nach⸗ bild, das gleichgůltig und feſten Schrittes ein⸗ herging. Sie verlautbarte von ſolchem Geluͤſte ſogar etwas gegen ihren Gebieter, der ſonſt ſo Gefallige aber hatte diesmal taube Ohren fuͤr die kleine un⸗ ſchuldige Bitte, und auf ihr ernſtliches Mahnen an ſeine Verheißung, ſie an der Feindin zu raͤ⸗ chen, ſchuͤtzte er achſelzuckend vor, ſolches koͤnne jetzt nur in geringem Maaße ſtattfinden, durch einen Schabernack etwa, ihr aber als Dame von Stande gezieme nicht, ſolchen in Perſon ausge⸗ hen zu laſſen, man muͤſſe das daher ihrem Ge⸗ genbilde anheimſtellen, einem muntern, doch et⸗ was toͤlpelhaften Geiſt, einem, ſo zu ſagen, Gaſ⸗ 213 ſenbuben des Pandaͤmoniums, was dieſem etwa in ſothanem Augenblick einfiele. Die Sache ging ihren gewoͤhnlichen Gang. Nachdem die Seelenaͤrzte ihr Moͤgliches gethan an einem, dem Worte des Meiſters nach, wahr⸗ ſcheinlich unheilbaren Kranken, verrichtete der un⸗ fehlbarſte aller Wundaͤrzte mit groͤßerem Gluͤck die letzte Operation, der Pſeudokopf flog von den Pſeudoſchultern und durch das brauſende Wehen mitleidiger Stoßſeufzer ließ ſich ein Angſtruf ver⸗ nehmen, dem ein Geſchrei der Verwunderung folgte, dann ein vielſtimmiges Gemurmel und endlich das Wirbeln der— welches dies Alles verſchlang. Die Urſache ſolches S war; obgleich ziemlich ſeltſam, bei den dem Leſer bekannten vorwaltenden Umſtaͤnden doch nur eine Klei⸗ nigkeit. Es war nämlich dem Kopfe des vermeinten Opfers der Gerechtigkeit in dem kritiſchen Au⸗ genblick, da er die Stelle verließ, welche er wi⸗ derwillig einige Monat eingenommen, nichts Witzigeres eingefallen, als den Händen des Nach⸗ richters entſchluͤpfend in einem etwas kuͤhnen Bogenſatz bis zu den Fuͤßen der Frau Buͤrger⸗ meiſterin zu ſpringen, mit welcher er in eine Beruͤhrung gerieth, die ihrer zierlichen Beklei⸗ dung nicht vortheilhaft war. Der Schrecken beim Anblick des entſtellten Angeſichts der Ge⸗ haßten, der Aerger uͤber die Verunſtaltung ihrer Gewaͤnder in Gegenwart ſo vieler Menſchen brachten natuͤrlich bei der Dame eine ſtandes⸗ gemaͤße Ohnmacht zuwege. Ehe ſie aber dahin ſank in den Staub der ſandigen Fläche, richtete ſie noch einen Blick auf den Gegenſtand ihres Entſetzens, und rief, wie immer gluͤcklich in ih⸗ ren Citationen: Spiegelfechterei der Hoͤlle, das iſt nicht jenes Weib!— Die Umſtehenden be⸗ eilten ſich, der Frau des Staatsoberhauptes bei⸗ zuſtehn, und das anſtoͤßige Object zu entfernen, doch trugen die Meiſten Bedenken, es anzugrei⸗ fen, und begnuͤgten ſich, es zu betrachten. Und die ſolches gethan, blickten einander mit Beſtuͤr⸗ zung in's Geſicht und fluͤſterten ſich leiſe einige Worte zu, die Einen von einem verfaulten Kuͤr⸗ bis, von einem hoͤlzernen Putzkopf die Andern, und der Friſeur der Dame behauptete, derſelbe gleiche ſprechend dem, auf welchem er Tag fuͤr Tag der geſtrengen Frau Haartour accommo⸗ dire. Der Criminaldeputirte des Senats, auf⸗ 215 merkſam geworden durch das Gemurmel, trat naͤher, und was er ſah, erinnerte ihn an einige raͤthſelhafte Umſtaͤnde, die im Anfang der Unter⸗ ſuchung ſich ergeben; ihm bangte vor einem Wie⸗ derbeginnen derſelben, und ſein Wink rief den Henker herbei, der alsbald die ſchnoͤden Ueber⸗ reſte vor den Augen des Publicums verbarg; darauf erging ein zweites Zeichen an den beſtuͤrz⸗ ten Stadtmajor und die Trommeln und Pfeifen der republikaniſchen Miliz daͤmmten der ſchnell wechſelnden Fragen und Antworten wachſenden Strom. Von Allen, welche ſich in oder auf dem ſechsſpaͤnnigen in einiger Ferne haltenden Reiſe⸗ wagen befanden, war es der Mohr allein, dem dieſer Spaß behagte; ſpringende Koͤpfe waren von Alters her ihm ein ergotzliches Schauſpiel, und ein Tatar⸗Chan iſt leicht zu befriedigen, wo es auf Poſſen ankommt; der Fuͤrſt der Unter⸗ welt aber ſah ſauer drein und verachtend, der vornehme Satrap am Hofe des maͤchtigſten al— ler Regenten, der Meiſter alles Witzes konnte keinen Gefallen finden an ſolchem Pobelſcherz. Auch Beate zuckte unzufrieden die Achſeln, die ganze Scene war nicht beluſtigend genug, um die widrige Umgebung vergeſſen zu machen; der Schabernack, ihrer Feindin geſpielt, ſchien ihr eine aͤrmliche Rache, ſie laͤchelte kaum, als dieſe, mit Staub bedeckt, halb ohnmaͤchtig an ihr voruͤber ihrem Wagen zugefuͤhrt ward, ſelbſt dann laͤ⸗ chelte ſie kaum, als ſie gewahrte, die Perucke, von welcher der Friſeur ſprach, ſey dem Kopf der Neiderin entfallen, die ſo laut uͤber ihre eige⸗ nen Toilettenkuͤnſte geſpottet hatte. Gaͤhnend wie nach der Darſtellung eines aus mittelmaͤßi⸗ gem Franzoͤſiſch ſchlecht uberſetzten Luſtſpiels da⸗ maliger Zeit, begehrte ſie aufzubrechen und es geſchah nach ihrem Willen. Als nun die Pferde anzogen, und die Ka⸗ roſſe eben ſo langſam den Ruͤckweg antrat, als ſie den Herweg eilig vollbracht, ſprach zu ihr nicht ohne Feierlichkeit der Meiſter:„Ich wuͤn⸗ ſche Euch Gluͤck, hochverehrteſte Freundin, denn dies iſt gleichſam der Tag Eurer Wiedergeburt. Die Wittwe Bilſen iſt ausgeſtrichen aus der Zahl der Menſchen, die Fuͤrſtin*** tritt nun auf, wahrhaftig und aller fruͤhern Verhaͤltniſſe ledig.“— Die Fuͤrſtin richtete ſich empor und erwie⸗ derte mit Anſtand:„Laſſen wir, wenn es Euch 217 beliebt, die Wittwe Bilſen. Die Perſon iſt mir ſchon ſeit geraumer Zeit fatal geweſen, und ſie iſt es mir noch mehr geworden in ihren letzten Augenblicken, da ſie ſich ſo miſerabel benahm. Iſt der Narrenſtreich, mit dem ſich jene Thoͤrin abgefunden, wohl der Rede werth als Vergel⸗ tung fuͤr ſo viele Unbill? Wahrlich! waͤr' ich an ihrer Stelle geweſen, was ich uͤbrigens gerade nicht wuͤnſchte, und ziemte es mir, mit ſolchen Bagatellen mich zu occupiren, ich haͤtte auf eine andere Weiſe dargethan, wie ein beleidigt Weib ſich raͤcht. Aber man mag ſich daruͤber nicht wundern; wie verloͤren ſich auch dahin erha⸗ bene Sentiments?“— Der Andere ſprach, die Haͤnde reibend wie innig ergoͤtzt:„Meine Fuͤrſtin hat Recht und ich zweifle keineswegs, daß ſie die Rache beſſer zu handhaben weiß als der ſchnoͤde Miethling, der, ich geſtehe es, ſich ganz ſeiner Herkunft wuͤrdig bewieſen hat. Der oder der, welcher Ihro Er⸗ laucht jetzt Wittwe Bilſen zu nennen beliebt, gehoͤrt naͤmlich allerdings zum Poͤbel, zum un⸗ terſten Poͤbel der Hoͤlle, und Freund Batu⸗Chan iſt im Vergleich zu ihm ein vornehmer Herr. Was kann man von einem Poliſſon auch anders 218 erwarten, als Poliſſonnerien? Demohngeachtet muͤſſet Ihr, Geehrteſte, mir vergeben, daß ich ihn gewiſſermaßen in Rapport mit Dero ſchaͤtzbarer Perſon gebracht. Die Rolle, welche ihm aufge⸗ tragen worden, war, wie Euch bekannt, eine un⸗ thaͤtige. Nun iſt aber in unſerer ſtreng monar⸗ chiſchen Verfaſſung Alles zum Wohle des Gan⸗ zen beſchaͤftigt, das heißt, man darf nicht feiern im Dienſt des Herrn, und ſeine Weisheit ver⸗ ſteht Jeglichen zu gebrauchen nach ſeiner Faͤhig⸗ keit und Kraft. So koͤnnen wir denn nicht, wie es der Fall ſeyn ſoll in einer republikaniſchen Monarchie dieſes Planeten, die Sinecuren den Pairs uͤbertragen, oder den Mitgliedern der Op⸗ poſition, die man bei uns nicht kennt, oder ſonſt Klugen und Thaͤtigen, damit ſie aufhoͤren, klug und thaͤtig zu ſeyn. Dergleichen kommt bei uns nur an die, welche ſonſt zu nichts taugen; aber freilich ſind auch die Einkuͤnfte danach, und ich meine, der arme Teufel, der eben zuruͤckgekehrt iſt nach Alt⸗Teufelland, hat ſich nicht zum Beſten befunden bei Gefangenenkoſt und bei ſeiner War⸗ terin erbaulichem Geſpraͤch. So wollet Euch denn nicht wundern wenn ein Solcher, wo es darauf ankam, ein bischen Witz zu zeigen, ſo weit hinter ſeinem erhabenen Vorbilde zuruͤck⸗ blieb.“— Das erhabene Vorbild laͤchelte bitterſuͤß und ſprach:„Ihr ſeyd zwar recht guͤtig, Herr Hof⸗ rath, aber doch mag, was Ihr ſagt, mich nicht gänzlich zufriedenſtellen. Einem Manne von Eurer Erfahrung iſt es nicht fremd, die Rache ſey das erſte Beduͤrfniß hoher Gemuͤther. Wer nun gewohnt iſt, alle ſeine Beduͤrfniſſe in groß⸗ artigem Maaßſtabe zu befriedigen, mag bei dem vornehmſten ſich mit Kleinlichem ſchwerlich be⸗ gnuͤgen. Ich bin nicht zufriedengeſtellt,“ wie⸗ derholte ſie beinahe im gebieteriſchen Tone ihres neuen Standes,„und was Euer Nothhelfer ſchlecht genug begann, will ich beſſer vollen⸗ den.“— „Ihr habt zu befehlen, Erlaucht“— ver⸗ ſetzte Jener ganz ehrerbietig und ernſthaft. „Ich will,“ fuhr ſie in der naͤmlichen Weiſe fort,„ich will einige Zeit in dieſer Stadt ver⸗ weilen. Schon fruͤher ſprach ich meinen Wunſch aus, welcher ja dem Fauſt gewaͤhrt worden iſt, der nichts war als ein Doctor der Philoſophie, ich will mich in allem meinen Glanz zeigen vor dieſen Kleinbuͤrgern, die fruͤher mich ver⸗ 220 kannten, als ich eine Zeitlang incognito unter ih⸗ nen wohnte, blenden will ich ihre bloͤden Augen mit den Strahlen des Ranges und Reichthums, und berſten ſoll die Frau Buͤrgermeiſterin vor Wuth bei dem Vergleich zwiſchen ihrer zuſam⸗ mengeſtoppelten Eleganz und meiner gediegenen Pracht. Kurz, ein Gaſtmahl will ich geben, wie noch keines geſehen worden in dieſer Stadt; in hundert Gaͤngen werde das Koͤſtlichſte aller fuͤnf Welttheile aufgetragen, das Beſte aber ſey der Nachtiſch. Nicht ſchnoͤde Attrapen ſoll man da⸗ ſelbſt finden, wie etwa die heutige war, deren Schaalheit mich anwidert, die hoͤchſtens gut ſeyn moͤchte fuͤr Honoratioren des 16ten Jahrhunderts; die meiner Vaterſtadt will ich beſſer bewir⸗ then.“— „Ich kenne Euren Geſchmack aus Erfahrung,“ entgegnete laͤchelnd der Andere,„und erwarte Eure Verfuͤgung.“— „Sie wird kurz ſeyn dieſe Verfuͤgung,“ ſprach ſie in herriſchem Ton:„Die letzte Zeit hat dar⸗ gethan, was ich auch ohne Eure Huͤlfe vermag, worin Ihr ſelbſt die meine beduͤrfet. Eure Sorge ſey das Mahl, der Nachtiſch die meine; es geluͤſtet mich, jene Naͤrrinnen davon koſten zu 221 laſſen, und noch Manchen meiner alten Bekann⸗ ten und Freunde. Was duͤnkt Euch dazu, mein Werther, iſt ſo gewuͤrzter Wein nicht beſſer, als der, den Euer Fauſtus und Wagner aus dem Tiſche durch Strohhalmen zapften?— Habt Ihr doch auch weniger Muͤh' dabei als Mephiſtophe⸗ les und Auerhahn.“— Mit beifaͤlligem Laͤcheln, aber bedenklich, er⸗ wiederte dieſer Beiden Genoſſe:„Allzuwohl hab' ich die Ehre Euch zu kennen, um zu glauben, Ihr koͤnntet etwas Gemeines erſinnen. Preis⸗ werther iſt das Ungemeine gewiß, auch lieb' ich es ſehr, doch iſt es nicht practicabel an jedem Ort und zu jeglicher Zeit. Ihro Erlaucht hat es beliebt, mich Dero Hofrath zu benennen, auch ſchaͤtze ich mich gluͤcklich, ſolch Amt bei Denen⸗ ſelben zu bekleiden, doch legt mir daſſelbe die Pflicht auf, es in Ausuͤbung zu bringen, indem ich ihr wirklich hier und da rathe. So meine ich denn unmaßgeblich, daß eine ſo eclatante Handlung, ſo eine Verpflichtung en gros nicht empfehlenswerth ſey; Geſchaͤftsleute unſerer Gat⸗ tung muͤſſen mit einiger Vorſicht zu Werke ge⸗ hen, beſonders da die Wirkungen unſeres Mon⸗ archen auf Erden ſeit geraumer Zeit mit weiſer 222 Zuruͤckhaltung beinahe unmerklich betrieben, bei ploͤtzlicher Oeffentlichkeit mehr Aufſehen erregen moͤchten, als in jener guten Zeit, da Beſen und Ofen⸗ gabel allnaͤchtlich die Zauberer und Unholde zum Sabbath trugen. Solches Pack iſt auf der Erde nicht mehr zu finden, wenigſtens in Europa nicht; damals war das Menſchengeſchlecht noch in ſeiner Kindheit und man mochte Kinderei mit ihm treiben, jetzt iſt es dem Matroſenkleide entwachſen und geberdet ſich gar altklug, drum muß, wer mit ihm zu thun hat, es auch mit Klugheit behandeln. So iſt denn die Anzahl unſerer Agenten ſchwaͤcher geworden, aber ihre Auswahl vorzuͤglicher, und Mancher von ihnen lebte und lebt in Ehre und Freude, hoch ſtehend im Range und in der Meinung, von welchem man weder waͤhrend ſeines Lebens noch nachher ahnen wird, welch treuer und gehorſamer Knecht des Monarchen er iſt oder geweſen.— Wollet ſolchem ruͤhmlichen Beiſpiele folgen, Ihr, eines ſeiner auserwaͤhlteſten Ruͤſtzeuge, das eigene, ob⸗ ſchon zu entſchuldigende Geluͤſten dem Wohle des Ganzen, das heißt, dem Willen des Herrn, aufopfernd. Euer Vorhaben, ausgefuͤhrt in die⸗ ſer Stadt, duͤrfte allzuſehr an die Perſon erin⸗ 223 nern, die Euch fatal iſt, und vornehmlich nach dem einfaͤltigen Spaß, den ſie jetzt eben ſich er⸗ laubt, und man duͤrfte aufmerkſamer auf unſere Spur werden, als es dem Dienſt des Gebieters zutraglich ſeyn moͤchte. Fernerhin koͤnnte ich fuͤr Privatunternehmungen Euch nicht ſeines Schuz⸗ zes verſichern, der Euch gewiß iſt bei Allem in ſeinem erhabenen Namen vollbracht. Alſo, ob ich gleich meines Theils die Geſinnungen hoͤch⸗ lich belobe, welche Ihr nicht allein gegen Eure Widerſacherin hegt, ſondern auch gegen Eure ehemaligen Freundinnen und Freunde, ſo wollte ich Euch, Erlauchte, doch gebeten haben, dies⸗ mal die Großmuth vorwalten zu laſſen. Ein ſchon laͤngſt verſtorbener Fuͤrſt ſprach: Der Koͤ⸗ nig von Frankreich gedenkt nicht der Beleidi⸗ gungen, dem Herzog von Orleans erzeigt:— Was kuͤmmert die Fuͤrſtin*** was der Witt⸗ we Bilſen einſtmals widerfahren? Ich kenne Ihro Erlaucht zu gut, um nicht zu glauben, daß Sie mit hohem Range ſich auch hohe Ge⸗ ſinnung angeeignet.“— So ſchmeichelhaft auch dieſe Worte waren, ſo ſchien doch die hohe Geſinnung der Dame nicht gegen die Beeintraͤchtigung Stand halten 224 zu wollen, die ihre beiden Haupttugenden, Ei⸗ telkeit und rachſuͤchtiger Grimm, erfuhren; ſie blickte unmuthig und ſchmollend beiſeit, und murmelte vor ſich hin von bitterm Unrecht, das ihr geſchaͤhe, indem einer Frau wie ſie eine kleine Nebenergoͤtzichkeit verſagt werde; da aͤnderte ihr Begleiter ſein Weſen, ſeine Stirne runzelte ſich, ſein Blick entglomm in der heimathlichen Flamme und er ſprach mit dem Anſtand und dem Tone ſeines wirklichen Ranges: „Obgleich, Wertheſte, ich die Stelle bei Euch bekleide, nach welcher Ihr mich benannt, wollet nicht meines Urſprungs und meiner andern Stelle vergeſſen in dem Reiche, dem Ihr, aus⸗ gewandert aus der Menſchheit, Euch zugewandt. Kraft dieſer bedeute ich Euch, daß Euer Thun beſchraͤnkt iſt durch des Herrn Gebot und Eure Verpflichtung. Beide beſtimmen Euch zu des ſchwarzen Todes Gefaͤhrtin; was Ihr vollbringt, kommt auf ſeine Rechnung, nicht auf die Eure, drum iſt Euch verpoͤnt, was daruͤber hinaus⸗ geht. Vielleicht kommt die Zeit, da der ruͤſtige Weltumwanderer auch Eure Vaterſtadt betritt, dann moͤgt Ihr ihm dahin folgen und unter ſeiner Firma thun, was Euer Herz begehrt. 225 Doch iſt es noch nicht dahin, und ſo lange wer⸗ det Ihr Euch gedulden. Füuͤr jetzt fuhrt der Weg uns in die reizendſten Fluren der noͤrdlichen Erd⸗ halbkugel, dahin, wo die Kranken Labung ſuchen am Heilquell, die Muͤßigen und Vornehmen aber Zerſtreuung. Nur mit den Letztern haben wir Geſchaͤfte, ich und Ihr. Einer Dame, wie Ihr, geziemt es, einen Theil der ſchoͤnen Jah⸗ reszeit in den Bädern zuzubringen, Euch insbe⸗ ſondere aber, die Welt kennen zu lernen und Euch zu vervollkommnen in der glaͤnzenden Rolle, die Euch geworden. Dort moͤget Ihr immer⸗ hin Euern Reichthum zur Schau tragen und Eure Reize, die, wie ich ſehe, Ihr mitzunehmen nicht vergeſſen, nebenbei aber auch Acht haben auf den Dienſt des Gebieters. Nicht zu han⸗ deln liegt Euch ob, Nichts darf vorfallen von dem, was Ihr ſo gern verrichtet; es waͤre nicht wohlgethan, die Heilquellen in uͤbeln Ruf zu bringen, von denen wir nicht geringen Nutzen ziehn, am Farotiſche oder auf andere Weiſe. Nichts ſollt Ihr thun, als Euch putzen, ausfah⸗ ren in prachtvoller Equipage, Tafeln geben und Routs, ſprechen von Dieſem und Jenem, aber vornehmlich hoͤren und ſehen. Wenn das Jahr MI. 15 226 ſich zum Herbſt neigt, kehren wir zuruͤck zu jener großen Stadt, die Euch ſo wohl gefiel, und ſchauen zu, ob nicht das Pentagramma vielleicht ſchon zernagt ſey, von dem ich Euch ſagte.“— Im Anfange behagte der Dame die plotzliche Veraͤnderung im Tone ihres Reiſegeſellſchafters wenig; man gewoͤhnt ſich ſo leicht an das, was gefallt; aber die Folge ſeiner Rede gab ihr all⸗ maͤhlig ihre gute Laune wieder. Sie ſollte ja prunken und vornehm thun koͤnnen, ſie ſollte nebenbei zu etwas beitragen, das wahrſcheinlich nicht das Allerehrlichſte war; die Ausſicht war ihr aufgethan, bald zu dem Gewerbe zuruͤckzu⸗ kehren, ihr eigenthuͤmlich durch Obliegenheit und Geſchmack, und die noch angenehmere, in wahr⸗ ſcheinlich nicht langer Friſt ihrer Vaterſtadt die Beweiſe von Anhaͤnglichkeit zu geben, welche ein hoͤheres Pflichtgebot fuͤr den Augenblick ihr ge⸗ weigert. Sie unterwarf ſich, wie immer, dem Willen, dem zu widerſtehen ſie das Recht ver⸗ loren und die Luſt, und ſtatt nach den Mauern der ungenannten Stadt flog der Wagen nach Suͤdweſten. Wenig weiß der Chroniſt von dieſer Reiſe; er ſagt blos in kurzen Worten, daß man in den 227 iſchen Baͤdern viel geſprochen habe von dem Reichthum und der Pracht der Fuͤrſtin**„, von ihren Gaſtmaͤhlern und Baͤllen und neben⸗ her von ihren Reizen, von ihrem Verſtande und vornehmen Sitten, welche letztere freilich erſt durch die erſten in ihr gehoͤriges Licht geſetzt wurden. Nicht genug aber, auch Leute aus nie⸗ dern Staͤnden hatten ſich ihrer Herablaſſung und Freigebigkeit zu erfreuen. Kaufleute, deren Firma in der Handelswelt unbekannt war, va⸗ cirende Schauſpieler, ausgeglitten auf den Bre⸗ tern Thaliens, Ritter mehrer Orden, von denen Montfaucon und ſeine Nachfolger nichts erwaͤh⸗ nen, aͤgyptiſche Sffiziere außer Dienſt, abge⸗ dankte Croupiers der Faro- und Rouge et Noir- Banken hatten, freilich im Stillen, oftmals Zu⸗ tritt bei der geprieſenen Fremden, und gingen meiſt reich beſchraͤnkt von dannen. Vielleicht wa— ren Einige von ihnen Gegenſtaͤnde derſelben Wohlthaͤtigkeit, welche Frau Beate Bilſen einſt gegen die duͤrftige Jugend maͤnnlichen Geſchlech⸗ tes ſo fleißig uͤbte; Andere aber, widriger Ge⸗ ſtalt, vorgeruckten Alters, gemeiner Sitte, kuͤm⸗ merlich unter dem Firniß des Wichtigthuns ver⸗ ſteckt, mehre Sprachen fehlerhaft ſprechend, ge⸗ 15* 228 hörten ſchweclich zu Jenen. Doch ſtand auch ihnen der Beutel der Erlauchten offen und ihr Geheimzimmer, und wenn ſie daſſelbe verließen, verweilte ihre Gonnerin mehrentheils noch lange daſelbſt mit ihrem Begleiter, der jetzt unweiger⸗ lich und eifrig die Stelle ihres Secretairs ver⸗ ſah, an ihrem Reiſejournal zu arbeiten, das all⸗ maͤhlig zu einem bedeutenden— an⸗ ſchwoll. Noch, faͤhrt der gneeb zot noch hat, Gott ſey Dank, der ſchwarze Tod mit ſei⸗ nem furchtbaren Gefolge nicht eingeſprochen in unſerer guten Stadt, wir haben uns demnach noch keines neuen Beſuches der werthen Mit⸗ buͤrgerin, vor welcher uns der Himmel bewahre! zu erfreuen gehabt. Eingezogenen Nachrichten jedoch zufolge, hat dieſelbe unter dem Schirm ihres grauenhaften Genoſſen in andern freien und Handelsſtaͤdten, wo derſelbe Einkehr gehal⸗ ten, Spuren ihrer Thaͤtigkeit hinterlaſſen, welche nur allzudeutlich prognoſticiren, was hier geſchehen wuͤrde, ſo der Wuͤrger uns heimſuchte und ſeine noch ſchlimmere Gehuͤlfin.— Die beſtimmte Zeit war herangekommen, der gluͤhende Sommer ſtand im Begriffe, ſeinem milden Nachfolger, dem Herbſt, zu weichen, wie 229 ein glaͤnzender Eroberer dem Thronerben, deſſen ſanfteres Regiment die Fruchte reifen laͤßt, un⸗ ter Sonnenbrand und Ungewitter erzeugt. Kranke und Geſunde verließen die Bäder, vornehme Leute und Abenteuerer eilten ihrer Heimat zu oder ihren weitern Geſchäften, unter ihnen auch die Hauptperſon dieſer Darſtellung, nebſt ihren Begleitern. Einige unterweges im Voruͤbergehen abzuthuende Verrichtungen hatten die Reiſegeſell⸗ ſchaft bewogen, ſtatt der fliegenden Poſt, deren Thurn und Taris der Fuͤrſt der Luft iſt, ſich irdiſcher Gelegenheit zu bedienen, und jene Reiſe⸗ karoſſe war es alſo, in welcher ſie einherrollte durch die weſtlichen Gegenden des Landes, auf welches ihr Hauptaugenmerk gerichtet war, wie damals das des geſammten Europa und eines Theils von Aſien ſogar. 8 Die Felder waren entbloͤßt von ihrer golde⸗ nen Halmendecke, nur uͤber Stoppeln rauſchte der friſchere Wind einher, aber auch von Menſchen waren die Felder leer und die Doͤrfer; wie man die Ernte zeitig eingebracht hatte, dem drohen⸗ den Mangel zu ſteuern, war die junge Mann⸗ ſchaft ausgezogen, um an die Stelle der Bruͤ⸗ der zu treten, im Oſten hinweggemaͤht von der Senſe des Todes. Noch ſtanden die Weiler un⸗ 230 verſehrt, aber die Greiſe und Weiber und Kin⸗ der hatten ſie bereits verlaſſen; hinweggeſcheucht durch die Naͤhe des Feindes, aber am Rande des Horizonts ſtieg ſchon der Rauch von bren⸗ nenden Ortſchaften auf, und in geringer Ent⸗ fernung toͤnte das Hurrahgeſchrei der Sieger, und jenſeit der Felder blinkte der Glanz ihrer Lanzen und Gewehre heruͤber, droͤhnte der Huf⸗ ſchlag hin- und hereilender Roſſe, der ſchwere polternde Gang des Geſchuͤtzes. Nur Kranke begegneten den Reiſenden, welche auf Nebenwe⸗ gen, die Städte vermeidend, der erſten unter ihnen in dieſem Lande zueilten. Sie richteten die flehenden Augen auf die glaͤnzende Karoſſe, ſie ſtreckten die abgemagerten Haͤnde flehend aus, aber Wenigen ward geſpendet. Der Mohr, über⸗ muͤthig auf dem Kutſchbock, wie einſt auf dem Throne, grinſte ſie haͤmiſch lachend an, die Ge⸗ bieter aber freuten ſich der Vorboten des Elends, das bald allgemeiner werdend, nicht die Niedrig⸗ gebornen oder Niedrigdenkenden mehr allein tref⸗ fen ſollte, ſondern die edelſten Haͤupter, des Va⸗ terlands trefflichſte Buͤrger. Nicht Denen ward Gewaͤhrung, welche flehten, Greis oder Greiſin, mit einer Gabe den zu erfreuen, deſſen Huͤtte nur einſam liege und das Feld unbeſtellt, weil die Söhne und Enkel hinausgezogen in den Kampf fuͤr das Vaterland, aber wohl dem, deſſen wuͤſtes Anſehn und muͤrriſch knechtiſches Weſen andeuteten, das eigene verſchuldete Ungluͤck habe ihn fuͤhllos gemacht fuͤr die allgemeine Truͤbſal, er wurde reichlich bedacht, reichlich die Trunkenbolde, welche mit wankenden Knieen und gluͤhendem Geſicht die muͤßigen Haͤnde gierig nach der Gabe ausſtreckten, und wenn ſie ſie empfangen, fortwankten, um in Vergeſſenheit ihrer ſelbſt und deſſen, was ſie umgab, durch die Letheſchale des Poöbels gewiegt, bis zum halben Erwachen im Koth der Landſtraße zu ſchlummern Die reiſende Dame hatte nicht uͤbel Luſt, an Einem oder dem Andern zu verſuchen, ob die Mittel ihrer tragbaren Apotheke die Kraft noch nicht verloren haͤtten, denn ſie fuͤhrte ſie eben ſowohl unablaͤßig und ſorgfaͤltig mit ſich als ihre cosmetiſchen Salben, aber ihr Begleiter, dem die Reiſe eilig zu ſeyn ſchien, und uͤberhaupt, wie alle große Herren, gern raſch von der Stelle kam, hielt ſie ab von ſolch unnoͤthigem Verwei⸗ len, meinend, es beduͤrfe fortan gar keiner Expe⸗ rimente in anima vili. Zu jener Zeit war es zwar ſchwierig zu rei⸗ ſen, und das Land, von dem unſer Gewaͤhrs⸗ 232 mann ſpricht, hatte von andern nachbarlichen Laͤndern die Maaßregeln der Vorſicht angenom⸗ men, welche ihm mehr Noth thaten als dieſen, aber aus Weſten, der Himmelsgegend, aus der unſere Reiſenden kamen, erwartete es Beiſtand und Rettung, und that ihnen, wie man ſagt, Thuͤr und Thor auf, die Huͤlfe des Niedergan⸗ ges hoffend, der ihm doch, wo Schlimmeres nicht, doch auch nicht Beſſeres ſandte, als was eben dieſe Reiſenden brachten. Auch wußte der Meiſter Beſcheid mit Cordons, Polizei und Acciſe, wie mit allen nothwendigen Uebeln auf Erden, und im Falle daß dieſe ſeine Erzeugniſſe ſich undankbar bezeigt haͤtten gegen ihren Urheber, durch allzugroße Genauigkeit hatte der fertigſte aller Geheimſchreiber die noͤthigen Paͤſſe bereit. Zwar lauteten ſie nicht auf den Namen der neuen Fuͤrſtin, in jenem Lande ſo anruͤchig, als ihr wirklicher uͤberall, doch auf einen andern, der ſich eben ſo vornehm anhoͤrte, und deſſen heimatlicher Klang fuͤr deutſche Zungen eben ſo ſchwer auszudruͤcken war, als jener. So gelangten ſie ohne Aufenthalt in die Naͤhe der Hauptſtadt. Ende des zweiten Bandes. 8 9 10 11 12 13 14 ſt 18 16 17 18